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Die Bewohner von Leuk waren als fromme Menschen bekannt. Dies völlig zu Recht, denn jeden Sonntag und an jedem Feiertag war die Kirche voll. Keiner, so schien es dem Pfarrer, verweigerte sich der Messe. Doch dann erfuhr der Pfarrer von einem Bauern, dass es Bewohner einer Alp gäbe, die partout nicht in die Kirche kämen, noch nicht einmal an Weihnachten.
Der Senn hätte ihm, dem Bauern, einmal sogar offen ins Gesicht gesagt, er brauche den Pfarrer aus Leuk nicht, denn er würde jeden Tag seine eigene Messe feiern.
Das konnte der Pfarrer dem widerspenstigen Senn nicht durchgehen lassen. Er beauftragte den Bauern, dem Senn auszurichten, dass er ihn am kommenden Sonntag pünktlich und demütig in der Kirche erwarte. Der Sonntag kam, der Senn nicht. Da platzte dem Pfarrer der Kragen. Eigentlich war er für ausgedehnte Wanderungen nicht zu haben, doch der Mann in den Bergen der sich seinem Einfluss entzog, war für ihn Grund genug, seinen schweren Leib auf die Alp zu verfrachten. Schwitzend kam er oben an und betrat keuchend die Stube.
Unterwegs hatte er sich die Worte, die er an den Senn richten wollte, genau zurechtgelegt. Doch im Haus fand er nur die Kinder, die ihm ausrichteten, die Eltern seien bei der Messe. “Wie, bei der Messe?”, sprudelte es aus dem Pfarrer, “das hätte ich ja wohl gemerkt. Schliesslich bin ich der Pfarrer.” - “Nicht bei der Messe in der Stadt, sondern bei der im Wald”, antworteten die Kinder.
Diese Waldmesse wollte sich der Pfarrer nicht entgehen lassen und liess sich von den Kindern beschreiben, wo er den Senn und eine Frau finden konnte. Dort angekommen, wollte er seine Stimme erheben und endlich den Sermon loswerden, den er sich lang und breit ausgedacht hatte. Der Senn legte jedoch den Finger auf den Mund, nahm den Pfarrer an der Hand, führte ihn zu einer Lichtung, kniete nieder und bat den Pfarrer, über seine rechte Schulter zu schauen. Das tat der Pfarrer. Was er sah, liess seinen Atem stocken. Er schaute direkt in den Himmel. Dann sagte ihm der Senn, er solle einmal über seine linke Schulter blicken.
Dort sah der Pfarrer in die tiefe der Hölle. Seine Strafpredigt hatte er auf einmal völlig vergessen. Überhaupt hatte ihn das Erlebnis sprachlos gemacht. Andächtig folgte er dem Senn zu seinem Haus, setzte sich, wie ihm geheissen, an den Tisch und ass mit der Familie. Die Speisen waren die allereinfachsten, dem Pfarrer, der gewohnt war, Braten zu essen und Wein zu trinken, schien es aber, als hätte er noch nie in seinem Leben etwas so Köstliches gegessen. Obwohl die Frau des Senns nur wenige Schüsseln, die nicht einmal bis zur Hälfte gefüllt waren, auf den Tisch stellte, wurden alle satt und es blieb noch ein grosser Rest übrig.
Der höfliche Senn begleitete den Pfarrer nach dem Mahl zurück nach Leuk und besuchte dort die Abendmesse. Der Pfarrer war ganz stolz darauf, dass der Senn an seiner Messe teilnahm und beobachtete ihn genau. Ihm fiel auf, dass der Senn, wie alle anderen, betete und sang, dass er aber einmal kurz weinte und ein anderes Mal ein Lächeln im Gesicht hatte.
Im Anschluss an die Messe bat der Pfarrer den Senn, in die Sakristei zu kommen und fragte ihn, warum er denn geweint und gelacht habe. Ihm selbst sei weder etwas besonders Trauriges noch allzu Spasshaftes aufgefallen. Der Senn nahm ehrfürchtig die Mütze vom Kopf, als er die Sakristei betrat und suchte nach einem Haken, wo er sie hätte hinhängen können.
Da er keinen fand, hängte er seine Kopfbedeckung an einen Sonnenstrahl, der durchs Fenster drang. Dem Pfarrer wurde ganz wunderlich. Dann sagte der Senn: “Ich musste weinen, weil ich in der Kirche den Teufel gesehen habe. “Den Teufel, in meiner Kirche?”, fragte der Pfarrer bang, “was hat er denn da gemacht?” - “Der Teufel hat alle sündigen Gedanken, die den Leuten während der Messe durch den Kopf spukten auf eine Kuhhaut geschrieben. Das waren so viele schlechte Dinge, dass es mir die Tränen in die Augen getrieben hat.” - ” Und warum hast du kurz danach gelacht?», wollte der Pfarrer wissen. «Lachen musste ich, weil der Teufel, nachdem er die Kuhhaut hinten und vorne voll geschrieben hatte, keinen Platz mehr fand, um die vielen weiteren Sünden aufzuschreiben. Deswegen zerrte er an der Haut, um noch mehr Platz zu schaffen, aber viel zu fest, sodass die Haut riss.”
Der Pfarrer blickte ins Leere, ausserstande noch ein einziges Wort zu sagen. Als der Senn ihn fragte, ob er denn noch immer darauf bestünde, dass er mit seiner Familie am Sonntag den beschwerlichen Weg zur Messe nehmen sollte, schüttelte der Pfarrer nur den Kopf.