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Ein Nuntius "bei den Helvetiern"
Wer sich in Rom einmal auf die lapidaren Ciceroni eingelassen hat, die da über die Jahrhunderte hinweg Auskunft aus erster Hand verheissen, entwickelt über kurz oder lang die Déformation professionelle eines Jägers und Sammlers: Da gleitet der Blick im Vorübergehen unwillkürlich über die Inschriftentafeln hinweg und bleibt hier an einem Namen oder einem Wort, dort an einer Jahreszahl hängen.
Während einer kurzen Wartezeit vor der Zeno-Kapelle in S. Prassede auf dem Esquilin fielen da kürzlich die beiden Worte "apud Helvetios" ins Auge; von den Helvetiern ist unter Roms sprechenden Steinen ausser im Quartier der Schweizergarde sonst wenig die Rede. Hier folgt gleich noch ein "nuntio"; die Inschrift von gut einem Dutzend Zeilen an dem Pfeiler gegenüber der Kapelle gilt einem päpstlichen Nuntius "bei den Helvetiern". Der Name des Papstes Sixtus' V. ein paar Zeilen weiter oben verweist auf das Jahrfünft 1585-1590, und die Jahreszahl MDLXXXXII in der vorletzten Zeile noch zwei Jahre über den Tod des Papstes hinaus:
Wort für Wort übersetzt:
Hier sind drei Fussnoten fällig. Die erste betrifft die Ortsnamen: das Städtchen Tricarico liegt in Süditalien inmitten der Basilicata, etwa da, wo im Stiefel der Knöchel zu suchen wäre; Policastro Bussentino liegt nicht weit davon an der tyrrhenischen Küste, am Golfo di Policastro. Die zweite betrifft das Todesjahr, den "annus bissextilis": Der von Caesar nach dem 23. Februar eingeschobene Schalttag, nach unserer die Fuge übertünchenden Zählung der 24., hiess nach römischer Zählung der "bissextus dies", der "zweite sechste Tag" vor dem 1. März; daher die Bezeichnung annus bissextilis für das Schaltjahr, wie noch im Italienischen bisestile, im Französischen bissextile. Die dritte Fussnote betrifft das Lebensjahr: Die "klimakterischen Jahre", die Vielfachen der Sieben auf der climax, der "Leiter" des Lebens, galten seit alters als Krisenjahre, so zumal die höheren wie das 63., das Todesjahr des Nuntius.
Giovanni Battista Santonio ist der erste ständige Nuntius des heiligen Stuhls bei den sieben katholischen Kantonen der Zeit gewesen. Papst Sixtus V. hatte ihn auf Ersuchen der Tagsatzung der fünf Innern Kantone vom 26. Februar 1586 in die Schweiz entsandt - wer weiss, ob er ihn damit auszeichnete oder in die Kälte schickte. Der neu ernannte Nuntius hat es unter dem Pilatus jedenfalls nicht lange ausgehalten. Anfang September 1586 - in dem Jahr wurde der Obelisk vor der Peterskirche aufgerichtet - ist Santonio in der Schweiz eingetroffen, bereits Anfang Oktober 1587 - in dem Jahr folgte der Obelisk hinter S. Maria Maggiore - ist er nach Streitigkeiten mit den Luzerner Behörden wieder nach Rom zurückgekehrt; dort ist er an dem nur alle vier Jahre gezählten 29. Februar 1592 gestorben. Wer mehr über das kurze kirchliche Wirken dieses ersten päpstlichen Nuntius "bei den Helvetiern" wissen möchte, lese bei Urban Fink, Die Luzerner Nuntiatur 1586-1873, Luzern 1997, Seite 43ff., das Einzelne nach. Und wer über das Papierene hinaus noch Sinn fürs Lapidare hat, werfe doch nächstens in S. Prassede auf dem Esquilin noch einen Blick auf diesen Stein, der dort oben gerade über 103 Schaltjahre hinweg zu uns spricht.
Klaus Bartels

Update: 26.4.2004
© webmaster
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