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Das können sie alle, die alten Frauen und Männer, die noch in den Häusern wohnen, die von der Regierung und von internationalen Organisationen während und nach den Konflikten mit Azerbaijan gebaut wurden. Auch wenn der Fernseher überall die ganze Zeit läuft gibt es viel zu erfahren. Rosa (87) zeigt ihr Arbeitsbuch aus Sowjetzeiten, ihr einziges Dokument, welches ihr eine schmale Rente sichert. Die Mutter und der Bruder sind bei den Riots 1988 in Baku umgekommen.
Sinaita, die mit ihrem 22jährigen Sohn zusammen in einer winzigen, vom UNHCR zu Verfügung gestellten Wohnung lebt, will ihr verweintes Gesicht nicht auf einem Foto sehen, lässt aber zu, das Bild ihrer Tochter, die zusammen mit Sinaitas Eltern beim Erdbeben in Spitak (1988) umgekommen ist, und die Weltkarte mit allen Sehnsuchtsorten, aufgenommen werden. Sie selbst, die mit der ganzen Familie ebenfalls 1988 aus Baku kam, hat beim Erdbeben zwei Tage unter Ruinen verschüttet überlebt. In der kältesten Jahreszeit in einer der kältesten Städte Armeniens. Seitdem scheint die Zeit stiil zu stehen.
Der 95jährige Varashak erzählt die erstaunlichsten Geschichten aus dem 2. Weltkrieg, seinem Besuch in Weimar nach der
Einnahme von Berlin, an der er ebenso beteiligt war wie an der Befreiung verschiedener Konzentrationslager, den "armenischen" Vorfahren Goethes, denen zu Ehren er ein langes Gedicht verfasst hat.
All das steht in seinen Büchern, die er nach langem Kramen aus dem einzigen Schrank in seiner Wohnung hervor holt. Nachdem vor vier Jahren seine Tochter gestorben ist will er, der inzwischen auf
einem Auge blind ist, wie er uns zeigt, nur noch in seine Heimat Karabakh, die symbolisch als Gemälde des Klosters Gandsazar, gemalt von seinem Bruder, die Wand schmückt. Beim Abschied fängt er
auf einmal an, deutsch mit mir zu reden, als wäre die Erinnerung daran, dass er als Kind die Sprache einmal gelernt hat, in eben diesem Augenblick zurück gekehrt. Er hat keinen Sohn gezeugt, aber
er hat mehrere Bücher geschrieben und er hat vor dem Flüchtlingshaus 30 Bäume gepflanzt. Wenn jeder Mensch in Yerevan wenigsstens einen pflanzen würde, so sein Traum, wäre es die grünste Stadt
der Welt.
Im "Korea-Valley", so genannt nach den hier wohnenden Nordkoreanern, denen die damalige UdSSR im Koreakrieg Anfang der 60er Jahre eine Bleibe bot, erzählt Laura, 73 und mit Ihrer Tochter und Enkelin in einer Einzimmerwohnung wohnend, von den Hoffnungen, doch noch ein eigenes Heim zu bekommen. Die Tochter will nur weg aus dem Land, wie sie erzählt, während die Enkelin sich hausfein macht und die Schularbeiten erledigt.
Geschichten erzählen auch die Wände ...