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Herr Voth, Sie haben gemeinsam mit Nico Voigtlander von der Anderson School of Management in Los Angeles untersucht, wie antisemitisch die Deutschen heutzutage eingestellt sind. Was haben sie herausgefunden?
Das zentrale Ergebnis ist, dass Deutsche, die in den 1920er- und 1930er-Jahren geboren wurden und damit der Indoktrination der Nazis ausgesetzt waren, bis heute viel antisemitischer eingestellt sind als die Jahrgänge davor und danach. Das heisst: Wenn man die Köpfe erst mal verändert hat, dann bleibt diese Veränderung permanent.
Hat sie das überrascht? Immerhin haben diese Personen fast 70 Jahre Demokratie erlebt und die Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs, inklusive Holocaust.
Die Deutlichkeit hat uns überrascht. Nehmen wir die Zahl der richtig harten Antisemiten. Fast zehn Prozent der 75- bis 95-Jährigen sind extrem antisemitisch eingestellt. Das sind zwei bis drei Mal mehr als unter den älteren und jüngeren Deutschen.
Antisemitismus und Rassenkunde waren sowohl in der Schule als auch in der Hitlerjugend Thema. Wo haben die Nazis ihre Ideologie am stärksten in die Kinderköpfe gebracht?
Das können wir nicht auseinanderbröseln. Wir haben quasi ein Agglomerat aus Schule und Hitlerjugend, Link öffnet in einem neuen Fenster.
Und wie viel Einfluss hatte die Nazi-Propaganda, die über Kinofilme wie «Hitlerjunge Quex» oder «Jud Süss» verbreitet werden sollte?
Wir wissen, dass unter Goebels ganz viele Propaganda-Filme produziert wurden, die die Leute auf indirekte Weise beeinflussen sollten. Wir haben uns angeschaut, wo es damals Kinos gab und ob an diesen Orten der Antisemitismus stärker verbreitet ist. Dafür finden wir aber keine Hinweise. Wir haben uns auch angeschaut, wo überall Radio-Empfänger aufgestellt waren. Auch da gibt es keinen Hinweis, dass die Propaganda aus Berlin besonders gut gewirkt hätte.
Gibt es denn regionale Unterschiede?
Ja, es gibt grosse regionale Unterschiede. Zum Beispiel in Hamburg ist Antisemitismus überhaupt kein Problem. Dagegen gibt es ländliche Regionen, etwa in Bayern, Hessen oder in der Pfalz, da sieht das völlig anders aus.
Weshalb hat die Indoktrination an einigen Orten besser funktioniert als an anderen?
Offensichtlich hat sie in Gegenden, wo Arbeiter-Parteien vor 1933 hohe Stimmanteile hatten, viel weniger gut gewirkt als dort, wo bürgerliche Parteien stark vertreten waren. Das familiäre Umfeld hat die Kinder offenbar vor der Stimmungsmache zumindest ein bisschen beschützen können.
Und wo hat die Indoktrination besonders gut funktioniert?
Dort, wo antisemitische Parteien schon vor 1900 unterstützt worden sind. Es gab dort offenbar eine Art Synergie zwischen dem, was die Eltern und Grosseltern schon immer dachten, und dem, was in der Schule und in der Hitlerjugend vermittelt wurde.
Das Elternhaus hat demnach einen grossen Einfluss. Hat die Generation, die unter den Nazis gross geworden ist, denn auch ihre Kinder beeinflusst?
Der Nachhall ist bis heute gross. Da, wo die Nazis in den 1920er- und 1930er-Jahren das Nachdenken der Leute besonders stark verändert haben, da ist auch die nachgeborene Generation einen ganzen Tick antisemitischer eingestellt als anderswo.
Zur Person
Hans-Joachim Voth, 47, ist seit anderthalb Jahren Professor für Ökonomie am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich. Das Kerngebiet des studierten Historikers ist Wirtschaftsgeschichte. Er beschäftigt sich aber auch immer wieder mit den allgemeinen Auswirkungen des Dritten Reichs.
Zur Studie
Hans-Joachim Voth von der Uni Zürich und Nico Voigtlänger (USA) werteten eine Umfrage aus, die in Deutschland alle 2 Jahre durchgeführt wird. Sie konzentrierten sich auf Daten aus 1996 und 2006 mit 5300 Befragten. Schwerpunkte waren Fragen wie: «Haben Juden zu grossen Einfluss in der Welt?» oder «Was wäre, wenn ihre Tochter einen Juden heiratet?»