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Die Ostasiatischen Reiseskizzen des Ehepaars Selenka führen uns auf die tropischen Inseln Borneo, Java, Sumatra, Sri Lanka und Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Das 1896 erschienene Buch basiert auf Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, die während einer zweijährigen Reise durch verschiedene Regionen Süd- und Südostasiens entstanden. Die reichhaltigen Reisebeschreibungen umfassen Begegnungen mit Einheimischen und exotischen Tieren, Geschichten von Kopfjägern, von japanischen Theatern und indischen Tempeln, Beschreibungen der Strassen Tokios oder einer fürstlichen Hochzeit im Hochland Sumatras.
Die lebendigen Schilderungen werden ergänzt durch, vom Autor selbst aufgenommene, Fotografien sowie Farbdrucke, Zeichnungen und Ölskizzen seiner Frau als lithographische Reproduktionen. Insbesondere das Kapitel über Japan ist reich bebildert mit ganzseitigen farbigen Reproduktionen japanischer Farbdrucke und kleineren Fotografien, Zeichnungen und Karikaturen.
Verfasst wurde das Werk von Emil und Lenore Selenka. Das Ziel ihrer Reise war das Studium der Entwicklungsgeschichte der Affen und Menschenaffen, unterwegs entwickelten sie aber auch ein lebhaftes Interesse für Ethnographie. Dies zeigt sich in ihrer Publikation mit dem Titel «Sonnige Welten. Ostasiatische Reise-Skizzen», die sie 1896 nach ihrer Rückkehr aus Asien veröffentlichten und wo sie ihre Reiseerlebnisse und Beobachtungen festhielten.
Emil Selenka (1842-1902) studierte Naturwissenschaften an der Universität Göttingen. Er wurde 1868 Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie an der Universität Leiden und übernahm später einen Lehrstuhl an der Universität Erlangen. Während seiner Lehrtätigkeit unternahm er zahlreiche Reisen, u.a. nach Südamerika und Nordafrika, 1889 nach Indien und Java und 1892 nach Borneo und dem damaligen Ceylon und später weiter nach China und Japan. Der Sohn des begabten Buchbinders Johannes Selenka (1801-1871) war neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch künstlerisch interessiert und nutzte in Japan seine freie Zeit, um Malunterricht bei einem dortigen Künstler zu nehmen.
Unter dem Einfluss ihres Ehemannes studierte auch Margarethe Lenore Selenka (1860-1922) Paläontologie, Anthropologie und Zoologie und wurde seine wissenschaftliche Assistentin. Sie begleitete ihn 1892 auf seiner Forschungsreise nach Sri Lanka, Japan, China und dem damaligen Niederländisch-Ostindien. Als eine schwere Malariaerkrankung Emil Selenka zur Rückkehr nach Deutschland zwang, reiste seine Frau ohne ihn nochmal nach Borneo, um weiteres Studienmaterial zu sammeln. Ein Teil ihrer früheren Sammlung war bei einem Unfall auf dem Kapuas-Fluss verloren gegangen.
Im selben Jahr in dem ihr Buch erschien, schrieb sich Lenore Selenka als eine der ersten Frauen an der Universität München für ein Sanskrit-Studium ein. Nach dem Tod ihres Mannes 1902 widmete sie sich verstärkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Anthropologin und Paläontologin. Von 1906 bis 1908 leitete sie eine Ausgrabungskampagne auf der Insel Java und auf Teneriffa war sie Mitbegründerin einer Forschungsstation. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit engagierte sich Lenore Selenka als Pazifistin und Frauenrechtlerin.
Auf ihren Reisen beobachtete sie die Stellung der Frau in den besuchten Gesellschaften, zum Beispiel bei den Dayak auf Borneo:
«Einen tiefen Eindruck auf jeden Europäer macht endlich die wahrhafte Herzensgüte, die spontan sich äussernde menschenfreundliche Gesinnung […] der Dajakmenschen. Freundlich und rücksichtsvoll behandelt der Mann seine Ehefrau, indem er sie nicht als Sklavin, sondern als Gefährtin betrachtet, deren Rat beherzigt wird. Hingebend und nachgiebig ist wiederum das Benehmen der Frau gegen den Eheherrn, und rührend die Sorgfalt der Mutter für ihre Kinder, welche sie ‘Stellvertreter meines Atems’ zu nennen liebt.» (S. 33)
Im Hochland von Sumatra beeindruckte sie das nach wie vor herrschende Matriarchat, jene «wahrscheinlich älteste und allgemeinste Urform des Familienrechts, welches sich auch bei anderen Stämmen der Erde, aber fast nur bei Naturvölkern, erhalten hat.» Wobei sie relativiert, «die Frau ist aber trotz der grossen rechtlichen Bevorzugung, die sie geniesst, dennoch auch hier nicht selbständig; sie untersteht völlig dem Regiment ihrer Brüder, Oheime u.s.w.» (S. 314-319)
Als wenig beneidenswert beschreibt sie das Los einer Frau in Indien, «denn sie ist nicht Gefährtin des Gatten, und ihr Körper gilt mehr als ihre Seele. […] Traurig zum Steinerbarmen ist aber erst das Schicksal einer Witwe, zumal diese niemals wieder heiraten darf. […] Sie wird verachtet, verspottet, misshandelt – von jedermann.» (S. 394)
Lenore Selenka studierte nicht nur die Sitten und die Stellung der Frau in den von ihr bereisten Gebieten, sie setzte sich aktiv für Frauenrechte und die Friedensbewegung im Deutschen Kaiserreich ein. Die Aktivitäten der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) in München wurden massgeblich von ihr mitgetragen und 1899 initiierte sie die erste internationale Frauen-Friedensdemonstration. 1904 reiste Lenore Selenka nach Boston, um an der internationalen Friedenskonferenz teilzunehmen und sie setzte ihr Engagement auch während des Ersten Weltkrieges fort. Unter schwierigsten Bedingungen nahm sie im April 1915 an der ersten Internationalen Frauen-Friedens-Konferenz in Den Haag teil, um für ein sofortiges Ende des Krieges zu demonstrieren. Daraufhin wurde sie in Deutschland für den Rest des Weltkrieges unter Hausarrest gestellt. Doch trotz aller Schikanen gab sie ihre pazifistische Einstellung und den Gedanken der Völkerverständigung nicht auf.
Literaturhinweise
Beer, Bettina (2007) Frauen in der deutschsprachigen Ethnologie ein Handbuch. Köln: Böhlau.
Schuchard, Brigitte (2015) Frauen. Freiheit. Frieden 100 Jahre Women’s International League for Peace and Freedom WILPF : Jubiläumsschrift unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte der deutschen Sektion. Berlin: Pro Business. S. 184.
Selenka, Emil und Lenore (1896) Sonnige Welten : Ostasiatische Reise-Skizzen. Borneo, Japan, Java, Sumatra, Vorderindien, Ceylon. Wiesbaden: C. W. Kreidel’s Verlag.