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Obwohl fast alles auf diesem Album von einem einzigen Musiker gemacht wurde, ist es nur konsequent, diese verstrahlten Soundschichten auf ein ganzes Ensemble zu verteilen. Die zehnköpfige Band aus bekannten Namen der hiesigen Popszene hat sich an diesem Abend im Zürcher «Moods» um Domi Chansorn geschart, um dessen lang ersehntes und nun endlich erschienenes Album «hoppalulu bum» aufzuführen: den grenzwahnsinnigen Groove von «ALSO boogie», die schwankenden Halluzinationen von «akasha», den flauschigen Fiebertraum von «greetingz from shambhala». Ein faszinierendes und tief psychedelisches Popwerk ist das, aber Domi Chansorn an diesem Abend auf der Bühne zu sehen, rührt einen besonders, wenn man die Geschichte kennt, die ihn hierher geführt hat.
Ganze vier Jahre lag dieses Album, das bereits fertig produziert war, unangetastet herum. Nicht dass Chansorn diese Songs, die ihm so viel bedeuten und ihn schon den grössten Teil seines Erwachsenenlebens beschäftigen, vergessen hätte. Aber es gab in der düstersten Zeit seines Lebens andere Dinge, um die er sich kümmern musste. Doch dann, er war gerade dabei, sich aufzurappeln, kam dieser Anruf. «Letzten Sommer machte ich einen dreimonatigen Entzug in einer Klinik. Nach einer Woche rief der Betreiber von Second Thoughts Records aus Zürich an und fragte, ob ich eigentlich dieses Album noch hätte. Wir hatten vor Jahren einmal darüber gesprochen, aber er hatte keine Ahnung, was in meinem Leben passiert war.» Sie beschlossen, es rauszubringen.
Kreative Rumpelkammer
Jetzt sitzt Domi Chansorn auf einem Sofa in dem Raum, wo er vor zehn Jahren die Arbeit an «hoppalulu bum» begann. Es ist der Dachstock eines der heruntergekommenen Häuser an der Zürcher Geroldstrasse; vollgestellt mit alten Instrumenten und Studiogeräten, wirkt er wie eine Mischung aus Rumpelkammer und Instrumentenmuseum. Draussen vor dem Fenster rattern die Züge übers Wipkinger-Viadukt*, im Stock darunter bewohnt Chansorn ein Zimmer, als Notlösung, bis er eine Wohnung gefunden hat. Vor zehn Jahren bezog er das Studio mit dem Bassisten Flo Götte, mit dem er als Schlagzeuger auch einige Jahre mit Evelinn Trouble unterwegs war. «Wir kauften Equipment und löteten einen ganzen Winter lang Kabel und schauten dazu ‹Star Wars›-Filme.» Er grinst bübisch.
In diesem Dachstock nimmt er als Produzent jedes Jahr einige Alben auf, neben seinen Auftritten als Musiker verdient er so seinen Lebensunterhalt. Aber man findet das Studio nicht im Netz, keine Adresse, wo man sich melden könnte. Wer hier aufnimmt, kennt ihn und schätzt seine intuitive Arbeitsweise. Zuletzt kamen etwa Kush K, Sophie Hunger und Bonaparte oder Long Tall Jefferson. Domi Chansorn ist eine enigmatische Figur, öffentliche Spuren hinterlässt er nur wenige, aber in der Szene kennen ihn alle. Unter Musiker:innen geniesst er einen Ruf als einfühlsamer Produzent und brillanter Musiker, vor allem am Schlagzeug, sei es in der Jazz- oder in der Popszene.
Als Chansorn, aufgewachsen im Emmental, mit Anfang zwanzig nach Zürich kam, gab es zunächst etwas Aufregung um ihn. Er gewann die «Demotape Clinic» am M4Music-Festival, spielte Konzerte mit einer stattlichen Band und ging mit dieser zwei Wochen in ein renommiertes Studio. «Wir planten, ein fettes Progrockalbum aufzunehmen, aber ich fand schnell heraus, dass das nicht das war, was ich wollte.» Er beschloss, sich Zeit zu nehmen mit dem Album – und von nun an alles selber zu machen: alle Instrumente einspielen, aufnehmen, mischen. «Erst vier Jahre später habe ich kapiert: Ich musste Zugang zu einer inneren Quelle finden, egal in welcher Form, meine Intuition möglichst direkt und ungefiltert anzapfen.»
Chansorn beschreibt den Prozess, der ihn zur Musik von «hoppalulu bum» führte, als eine Serie von Eingebungen aus einem inneren Jenseits, aus dem die Ideen für die acht Songs in derselben Reihenfolge wie auf dem Album über ihn kamen. «Es hat sich angefühlt wie Pikettdienst, ich war viel hier im Studio und habe Sachen probiert, aber es ging nur weiter, wenn einer dieser Momente kam, in denen ich dieses innere Ding anzapfen und klar sehen konnte, was ich tun musste. Dann ging alles ganz schnell, für den ersten Song brauchte ich zwei Tage.» Er schildert das als eine Verbindung aus Improvisation und Versteckspiel. Nach vier Songs sei ihm die Gesamtidee des Albums immer deutlicher erschienen, wie bei einem dieser Rätsel, bei denen man ein Motiv erraten muss, während das Bild langsam schärfer wird.
Was da alles fiepst und schallt!
Wie er arbeitet, wie er denkt, wie er spricht, alles an Domi Chansorn zeugt von seinem psychedelischen Charme. Und dann fragt man sich plötzlich, wie das möglich ist: eine derart klare Vision von einer Musik zu haben, die so unglaublich flüchtig, zerstreut und vernebelt klingt?
Manche Songs auf dem Album werden massgeblich von fein geschriebenen Melodien getragen. Etwa «the zitizenz parade», ein aufbrausender Folksong, den Chansorn mit seinem emotionalen Gesang leitet, bis der Chorus in «Lalala» überschäumt. Doch auch hier gibt es nicht den einen Gesang, sondern unzählige, und was darunter noch alles rumpelt, fiepst und schallt, ist kaum auseinanderzudröseln. Was dieses Album ausmacht, ist sein Sound, voller vibrierender Details, die ständig irgendwo auslaufen oder entgleiten. Es gibt in dieser Welt keine sicheren Fundamente, aber umso mehr Freude und Zuversicht.
In ihrem Zentrum steht Chansorns Gesang, auch wenn er in jedem Moment völlig entrückt klingt. Diese Stimme wirkt nicht abwesend, eher als würde sie immer wieder aus einer anderen Welt zu einem durchdringen. Herrlich windet und quetscht er die Stimme in «thee beginning», wo er sich mit seinem typischen Schlagzeugspiel begleitet, leicht zurückgelehnt und staubtrocken, aber doch total heavy. Auch in «kwazickryztalz» verspricht das Schlagzeug zuerst ein wenig Fokus, doch gleich beginnen die Stimmen ihr schizophrenes Spiel. Im Songtext ist ein Gespräch auszumachen, morgens um sieben beim Runterkommen, aber wer spricht hier und wie viele? Die Stimmen heulen, stöhnen, zerfransen, werden als fratzenhafte Echos ins Irgendwo des Raums geschleudert. Das klingt furchteinflössend, aber auch seltsam tröstlich.
Musik und Leben sind eins
Die Vernebelung der Sinne, die diese Musik zelebriert, findet sich auch in dem Leben wieder, das Chansorn während der drei Jahre führte, in denen das Album entstand. Er war damals Schlagzeuger bei Fai Baba, die beiden spielten riesige Tours und schweiften heftig aus. «Ich konsumierte exzessiv Drogen – Koks, THC und Alkohol mussten immer dabei sein, aber eigentlich alles, was es so gab. Mein Konsum wurde immer regelmässiger und zu einer alltäglichen Sucht, die allmählich das Steuer übernahm. Ich war unzurechnungsfähig, habe Leute verletzt. Es ging mir ganz, ganz schlecht.»
Dann kam diese seltsame Verdichtung der Umstände: Die Arbeit am Album war fertig, Fai Baba löste seine Band auf, Chansorns Tochter wurde geboren. «Mit meiner Freundin und meiner Tochter ging ich kurz darauf nach Thailand, wir lebten drei Monate auf einer Insel. Dort brach alles auseinander, was ich meinte, gewesen zu sein.» Chansorn fiel in eine schwere Depression, drei Jahre lang wurde sie immer schlimmer – bis zum Klinikaufenthalt im vergangenen Sommer.
Für Chansorn ist die intensive Konfrontation mit sich selber, die er während der Arbeit am Album durchmachte, mit ein Grund für seinen Absturz. «Musik und Leben, das ist bei mir alles eins, es gibt keine Grenzen. Was ich erlebt habe, die mystischen Sphären, die ich gesehen habe, okkulte Erscheinungen, all das floss in dieses Album. Es war verrückt, eine Magical Mystery Tour.»
* Korrigendum vom 21. April 2022: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion steht fälschlicherweise, es handle sich um das «Letten-Viadukt». Das Letten-Viadukt ist das kleinere, stillgelegte, wo heute nur noch Fussgänger:innen und Velos verkehren. Züge fahren noch auf dem grösseren, parallel dazu verlaufenden Wipkinger-Viadukt.
Domi Chansorn (Musiker und Produzent): hoppalulu bum. Second Thoughts Records. 2022