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Die G. ist seit einigen Jahrzehnten Gegenstand von Untersuchungen in den Bereichen der hist. Demografie (Natalität), der Geschichte der Familie und der Frauen (Geschlechterrollen, Geschlechtergeschichte, Mutterschaft). Als biolog. Erscheinung gilt die G. in allen Zivilisationen als Übergangsritus, mit dem das Neugeborene in die Gesellschaft aufgenommen wird. In der Schweiz sind hist. Studien zu Schwangerschaft und G. noch dünn gesät und meist vorwiegend auf die medizin. Aspekte ausgerichtet.
In der Schweiz wie in ganz Westeuropa beruhten die Kenntnisse über das vorgeburtl. Leben während Jahrhunderten auf medizin. Volkswissen, das von mag. Vorstellungen durchdrungen war. Die Entwicklung der Leibesfrucht wurde an der auftretenden Übelkeit, der Bauchform der Schwangeren und der Wahrnehmung der Bewegungen in der Gebärmutter gemessen. Die Tatsache, dass das Geschlecht und die Zahl der ungeborenen Kinder unbekannt waren, gab zu zahlreichen Spekulationen Anlass, die durch die Volkstradition überliefert wurden. Die Schwangerschaft war eine Periode der Hoffnung und der Freude (die Schwangere war "guter Hoffnung" und sah dem "freudigen Ereignis" entgegen), aber auch der Beklemmung (Angst, dass die Gebärende sterben oder das Kind Missbildungen aufweisen könnte). Im einfachen Volk wurde die Ankunft eines weiteren zu ernährenden Kindes oft als Fluch empfunden, so dass zu den Mitteln der Abtreibung oder häufiger noch des Kindesmords gegriffen wurde. Erst seit der Zwischenkriegszeit wird die Schwangerschaft im städt. Gebiet - durch die hohe Sicherheit, welche die Entbindung in einer Klinik bietet - als Ankündigung eines freudigen Ereignisses überwiegend positiv gewertet.
In den sog. Hebammenbüchern - die ältesten stammen aus dem Zürich des 16. Jh. - finden sich zahlreiche Ratschläge und Verbote, etwa über die Ernährung und das Sexualleben. Diese Abhandlungen über G. und Wochenbett dienten der Unterweisung der Hebammen. In der Westschweiz veröffentlichten Jean-André Venel (1778) und Mathias Mayor (1828) populärwissenschaftl. Werke zu einer Zeit, als die Mediziner die traditionelle Geburtshelferin durch eine ausgebildete Hebamme zu ersetzen suchten. So wies etwa Mayor den Volksglauben zurück, wonach die Geburtsmale auf unbefriedigte Lüste zurückzuführen seien. Er stellte die Schwangerschaft zwar nicht als Krankheit dar, untersagte den Frauen jedoch zur Vermeidung von Fehlgeburten anstrengende Arbeiten, das Tragen schwerer Lasten, Tanzen, Reiten und die ehel. Freuden in den ersten Schwangerschaftsmonaten. So gut wie alle Verfasser empfahlen den Schwangeren das Tragen weiter Kleider, um die gute Entwicklung des werdenden Kindes zu gewährleisten. Ausserdem sollten die Schwangeren die Wohnräume lüften, in den letzten Wochen vor der Schwangerschaft heftige Gemütsbewegungen vermeiden und das Baden unterlassen. Die empfohlenen Speisen und Getränke (Wein bzw. Bier) variierten je nach der landwirtschaftl. Produktion in den versch. Regionen der Schweiz. Die Hebammen gaben diese Ratschläge an ihre Patientinnen weiter. 1956 wandte sich die Französin Laurence Pernoud in ihrem Buch "J'attends un enfant" ("Ich freue mich auf mein Kind", dt. 1963) direkt an die werdenden Mütter, die sich zu dieser Zeit fast ausnahmslos von einem Gynäkologen betreuen liessen. Schwangerschaftsmode, Babykurse (an denen auch die Väter teilnahmen) und Schwangerschaftsgymnastik bürgerten sich allmählich ein.
In der 2. Hälfte des 20. Jh. begann mit der allg. Verbreitung der medizin. Betreuung schwangerer Frauen eine neue Ära. Die vorgeburtl. Konsultationen fanden nun in der Arztpraxis statt und umfassten Blutdruckmessung sowie Urin- und Blutuntersuchung bei der Schwangeren und das Abhorchen der Herztöne des Kindes. Untersuchungen, die ursprünglich für patholog. Fälle vorgesehen waren (Ultraschall, Gentest), wurden nun bei den meisten Schwangeren durchgeführt, wodurch sich das Verhältnis zwischen Mutter und Kind grundlegend veränderte. Diese Medikalisierung, die zu einer beträchtl. Senkung der perinatalen Sterblichkeit führte, wird allerdings z.T. von den Gebärenden selbst in Frage gestellt.
Autorin/Autor: Marie-France Vouilloz Burnier / GL
Vom MA bis zu Beginn des 20. Jh. fanden die meisten G.en zu Hause statt. In selteneren Fällen, wenn die Wehen die Schwangere überraschten, wurde diese an Ort und Stelle entbunden. Spitäler verfügten manchmal über spezielle Gebärsäle; erwähnt werden solche im 14. Jh. in Lausanne, 1419 in Mont-Joux, im 16. Jh. in Genf und im 17. Jh. in Sitten. In Bern und Zürich dienten Krankenhäuser vom 18. Jh. an als Pflegestätten für Gebärende. In der 2. Hälfte des 19. Jh. kamen die ersten Geburtskliniken auf, die v.a. mittellose und unverheiratete Frauen aufnahmen. Mit den neuen Desinfektionsmöglichkeiten wurde die Spitalentbindung sicher, so dass sie nach dem 1. Weltkrieg von den Stadtbewohnerinnen der gehobenen Schichten bevorzugt wurde. Bald begannen sich Privatkliniken auf diesen Bereich zu spezialisieren. Auf dem Lande nahmen sich Hebammen der werdenden Mütter an. In den 1960er Jahren entwickelte sich die Hospitalisierung der Gebärenden zur Regel, da die Krankenversicherung allen Frauen den Zugang zur Geburtsklinik ermöglichte. Seit 1970 ist allerdings eine Rückkehr zur Hausgeburt zu beobachten, obwohl diese von Ärzten als riskant erachtet wird. Sog. Geburtshäuser, das erste 1984 in Lenzburg, öffneten ihre Tore. Ihre Vereinigung zählte 2008 insgesamt 20 Mitglieder, wobei das Tessin solche Einrichtungen nicht kennt.
Die Gebärenden wurden herkömmlicherweise von den Frauen ihrer Umgebung begleitet, Unterstützung bot eine Geburtshelferin. Die Männer waren vom Geburtsvorgang meistens ausgeschlossen, ebenso die Kinder. Sie liess man im Glauben, dass Babys in Kürbissen oder Kohlköpfen (Westschweiz und Tessin) wüchsen, vom Storch (Deutschschweiz und Tessin) oder vom Einsiedler (Wallis) gebracht würden oder aus den Nebelschwaden der Rhone kämen. Ausgebildete Hebammen (z.B. vom 18. Jh. an in der Stadt Bern) übernahmen nach und nach die Funktion der Geburtshelferinnen. Noch im 19. Jh. wurde der Arzt v.a. in ländl. Gegenden nur bei sehr grossen Schwierigkeiten beigezogen, da die Beteiligung männl. Personen noch längst nicht akzeptiert und die Arztkosten erheblich waren. Ab Anfang des 20. Jh. verminderte die Medikalisierung der Geburt den Einfluss der Hebamme zu Gunsten des Gynäkologen. Die systematische techn. Kontrolle des Geburtsvorgangs führte zur Vernachlässigung der psycholog. Unterstützung Gebärender. Seit den 1960er Jahren dürfen auch die Väter bei der Geburt anwesend sein.
Frauen haben lange Zeit kniend, in Hockstellung, stehend (Lötschental, Kt. Glarus) oder auf Gebärstühlen sitzend geboren. Letztere wurden laut den Schilderungen des Zürcher Chirurgen Jacob Rueff von 1554 v.a. im deutschsprachigen Raum verwendet. Die Hebamme kauerte vor der Gebärenden, was sich in der Bedeutung des lat. Wortes obstetrix manifestiert, während das dt. Wort Hebamme, das ital. levatrice sowie die alten franz. Ausdrücke leveuse und levandière daran erinnern, dass das Neugeborene emporgehalten werden muss. Die G. selbst fand in manchen Fällen auf einem strohbedeckten Boden statt, weshalb das Gebären in den schweizerdt. Dialekten des Berner Oberlands, des Wallis und Graubündens auch als "ins Stroh fallen" bezeichnet wurde. Aus Aberglauben - man fürchtete, weisse Wäsche würde Blutungen begünstigen - verwendete man weder für die G. noch für das Wochenbett saubere Tücher. Die Austreibung des Kindes aus dem Geburtskanal erfolgte in der von der Mutter gewählten Position. Mit der Beteiligung von Ärzten bei der G. kam der Gebrauch eines speziell konstruierten Bettes (sog. lit de misère) auf, das den Ärzten erlaubte, in aufrechter Haltung tätig zu sein, während die Frau auf dem Rücken lag. Häufig verwendete man auch ein gewöhnl. Bett. Mit der Erweiterung der medizin. Kenntnisse entwickelten sich neue Entbindungstechniken. Zu Beginn des 20. Jh. kam das 1853 bei der engl. Königin Victoria angewendete Chloroform in der Schweiz in Gebrauch. In den 1950er Jahren eingeführte Verfahren für eine schmerzlose G. wurden im Lauf der 1960er Jahre wieder aufgegeben. Erst 1980 hielt die nach dem 2. Weltkrieg praktizierte Methode der Periduralanästhesie in sämtl. Geburtskliniken Einzug. In diversen Spitälern wird die sog. G. ohne Gewalt oder Wassergeburt durchgeführt. Seit den 1990er Jahren wird es grundsätzlich der werdenden Mutter überlassen, für welche Entbindungsmethode sie sich entscheidet. Der Kaiserschnitt, früher ausschliesslich Notfällen vorbehalten, entwickelt sich allmählich zur Wahloperation. 1581 berichtete Caspar Bauhin, dass der Thurgauer Jakob Nufer, Schweinekastrierer von Beruf, im Jahr 1500 seine Ehefrau erfolgreich mittels Kaiserschnitt entbunden hatte. Dies ist wohl der erste historisch belegte Fall einer solchen Operation. In den 1960er Jahren entwickelte sich die Neonatologie und gelangte im Bereich der Pflege von Frühgeburten und Neugeborenen zu völlig neuen Erkenntnissen.
Nach der G. sollte die Wöchnerin eine spezielle Kost zu sich nehmen, um den Milchfluss zu unterstützen. Ausserdem wurden ihr einige Ruhetage empfohlen, die sie jedoch nicht immer beziehen konnte. In kath. Gebieten diente der erste Kirchgang der Wöchnerin - praktiziert in Anlehnung an ein jüd. Gesetz, das zu Beginn des 20. Jh. in Vergessenheit geriet - der Reinigung ihres Körpers. Danach durfte sie mit ihrem Gatten erneut intimen Umgang pflegen. Das Neugeborene brachte man so rasch wie möglich zur Taufe, seiner zweiten Geburt.
Autorin/Autor: Marie-France Vouilloz Burnier / GL