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Müssen wir im Literaturunterricht darüber sprechen können, wie eine Schülerin mit einem Dildo entjungfert wird?
Wernisch bezieht hier eindeutig Position:
Es ist notwendig, dieses Thema [Sexualität] soziologisch sowie auch gesellschaftlich, politisch und auch literarhistorisch in einen Kontext zu stellen und in seiner Entwicklung zu zeigen. (Wernisch 2012, 101)
Sexszenen in der Literatur sollen gemäss Wernisch im Literaturunterricht besprochen werden. Um diese Entjungferung einordnen zu können, schlägt Wernisch vor, dass die SuS einen Blick in frühere Werke werfen. Anhand der Frage «Wie hat sich Darstellung der Sexualität in der Literatur verändert?» sollten die SuS die besagte Szene in einen Kontext setzen und dadurch ebenfalls ein literarhistorisches Bewusstsein entwickeln (vgl. Wernisch 2012, 99-101).
Auf diese Weise lernen die SuS, Darstellungen von Sexualität zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Aus dieser Analyse können sich interessante Fragen wie «Weshalb wird die Entjungferung der Frau oft zentral gesetzt, nicht aber die des Mannes?» ergeben.
Als unerfahrene LP wäre ich jedoch überfordert, diese Szene mit einer Klasse zu besprechen. Das Wachrufen sexueller Fantasien im Schulzimmer könnte gewisse SuS unangenehm berühren oder Ekel gegenüber der Lehrperson erregen.
Um Literaturgeschichte anhand eines Themas zu betreiben, wäre es auch möglich ein anderes Thema zu wählen. Was spricht jedoch dafür, trotzdem anhand des Themas «Sexualität» sich der Literaturgeschichte zu nähern?
Ist Aufklärung mehr als Biologieunterricht?
Im Biologieunterricht findet Sexualkunde statt. Die Sexualkunde dient dazu, die SuS in biologischer Hinsicht aufzuklären, die Verhütungsmethoden zu erörtern und auf die Geschlechtskrankheiten hinzuweisen. Obwohl die sexuelle Revolution in den 60er-Jahren die gängigen Moralvorstellungen ins Wanken brachte und die Frauenbewegung in den 80er-Jahren das Thema «sexuelle Gewalt» enttabuisierte, gab es vielerorts keine Sexualkunde in der Schule. Der Aufklärungsunterricht erhielt erst im Zuge der Aids-Prävention in den 80er-Jahren seine Dringlichkeit in der Schule und floss zu dieser Zeit in die Lehrpläne ein (vgl. Bildungsdepartement St. Gallen 2006, 10-12).
Mit dem Auftreten von Aids in den 80er-Jahren änderte sich dies in kurzer Zeit. Nicht nur in den Schulen, sondern auch im öffentlichen Raum mussten Strategien entwickelt werden, um eine wirksame Prävention gegen die drohende Krankheit zu finden. Tabubereiche wie Homosexualität, Seitensprünge, Jugendsexualität oder Prostitution wurden nun auch von den Bundesräten am Rednerpult thematisiert. Kaum mehr jemand stellte die schulische Sexualpädagogik in Frage. Von der Thematik ungewollter Schwangerschaft und drohender Krankheit ausgehend, orientierte sich das sexualpädagogische Handeln schwerpunktmässig am «Problematischen» in der Sexualität. Der Beziehungs-, Lust- und Sinnlichkeitsaspekt fanden kaum Beachtung. (Bildungsdepartement St. Gallen 2006, 12.)
Die Sexualität ist mehr als nur eine technische Angelegenheit, sondern beinhaltet weitere Dimensionen. Auch wenn es wichtig ist, die SuS auf Krankheiten hinzuweisen, sollte keine Angst vor dem Geschlechtsverkehr geschürt werden.
Neben dem Aufklärungsunterricht sollten in den verschiedenen Fächern allgemeine Reflexionen stattfinden, so dass ein lockerer Umgang mit dem Thema Sexualität herrscht. Die SuS erhalten dadurch die Gelegenheit, um bewusst ihre eigenen Werte und Normen herauszubilden. Hierbei sollte das Lustvolle betont werden, ohne problematische Aspekte auszuklammern. Somit können bei den SuS Unsicherheiten abgebaut, Wissen vermittelt und das Selbstbewusstsein gestärkt werden (vgl. Bildungsdepartement St. Gallen 2006, 15-18).
Ein offener Umgang mit diesem Thema fungiert ebenfalls als eine Form der Gewaltprävention. Dass man sich in risikoreichen Situationen nicht immer zur Wehr setzt, kann unter Umständen aus einer persönlichen Überforderung heraus geschehen. Das Benennen der Körperteile hilft, Grenzüberschreitungen zu erkennen und über diese zu sprechen. Wenn sich die SuS gewohnt sind, über Sexualität zu sprechen, können sie sich besser vor unangenehmen Situationen schützen (Bsp. Das Gegenüber auf die Verhütung hinweisen.) oder über Übergriffe sprechen. Deshalb sollte dieses Thema während der gesamten Schulzeit kontinuierlich angesprochen werden. (vgl. Bildungsdepartement St. Gallen 2006, 11f., 15).
Rolle der Lehrperson
Es ist daher wichtig, einen offenen Umgang mit dem Thema «Sexualität» zu etablieren. Eine literaturgeschichtliche Betrachtung von der Darstellung der Sexualität in der Literatur ist gewinnbringend für alle Beteiligten. Mittels der Literatur können verschiedene Themen angesprochen und diskutiert werden, ohne persönliche Erlebnisse preiszugeben.
Die LP sollte sich jedoch nicht gezwungen sehen, mit der Klasse über dieses Thema zu sprechen, wenn das nötige Vertrauensverhältnis nicht besteht. Auch muss sich die LP fragen, ob sie gewisse SuS erotisch ansprechen und ob sich die LP gegenüber gewissen Jugendlichen anders verhält. Wenn die Klasse kein Vertrauensverhältnis zur LP hat, ist sie möglicherweise die falsche Person, um den Grundstein zu legen, offen über Sexualität zu sprechen. Wenn die Lehrperson selbst einen verklemmten Umgang mit dem Thema pflegt und Hemmungen hat, gewisse Begriffe vor der Klasse auszusprechen, sollten weniger explizite Stellen gewählt werden, um sich dem Thema «Sexualität in der Literatur» zu nähern.
Zum Schluss möchte ich auf die Eingangsfrage zurückkommen: Müssen wir im Literaturunterricht darüber sprechen können, wie eine Schülerin mit einem Dildo entjungfert wird? Meine Antwort ist Nein. Sowohl die LP als auch die SuS sollten lernen, auf eine selbstverständliche Weise über Sexualität zu sprechen. Eine weniger heftige Szene könnte sowohl den SuS als auch der LP helfen, einen offenen Umgang mit dem Thema Sexualität zu etablieren, ohne die Beteiligten und sich selbst zu überfordern. Das Thema «Sexualität» sollte jedoch nicht tabuisiert und aus dem Unterricht ausgeklammert werden.
Literatur:
Bildungsdepartement St. Gallen 2006, Sexualpädagogik, sicher!gsund! Vorwort von Heidi Hanselmann. https://www.zebis.ch/download/unterrichtsmaterial/sexualpaedagogik.pdf (abgerufen am 12.5.2019.
Wernisch, C. (2012). Wie Literaturgeschichte in einen kompetenzorientierten Unterricht integriert werden kann am Beispiel von Juli Zehs Spieltrieb. Informationen Zur Deutschdidaktik: Zeitschrift Für Den Deutschunterricht in Wissenschaft Und Schule, 4, 95-101.
(Flavia)