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Die besprochenen Bücher des letzten Literaturclubs haben wir für euch versammelt. Dazu eine Auswahl der zusätzlich erwähnten Titel.BESTELLEN
Jörg Kreienbrock: Sich im Weltall orientieren. – Philosophieren im Kosmos 1950 – 1970.
Losgelöst von der Erde….
Die Erde erscheint in Mahlers Lied [Lied der Erde] nur im Rückblick. Winzig-Ephemer ist sie dem Menschen ferngerückt, zeigt sie sich verrückt als Sinnbild des Exzentrischen. Der Mensch wird in dieser Lage, wie es Friedrich Nietzsche in der Genealogie der Moral mit Verweis auf Kopernikus notiert, «zufälliger, eckensteherischer, entbehrlicher in der sichtbaren Ordnung der Dinge.» In einem nachgelassenen Fragment heisst es: «Seit Kopernikus rollt der Mensch aus dem Centrum ins X.» Er wird zum leeren Statthalter, zum blossen X, einem Kreuz bzw. einer Kreuzung ohne Substanz. Während die kopernikanische Wende für Nietzsche die Gefahr der nihilistischen Selbstverkleinerung des Menschen emblematisiert, erscheint für Adorno im Verrückten, Ex-zentrischen die Schönheit des Ephemeren im Bild der ferngerückten Erde. Die substanzlose Schönheit von Mahlers Lied der Erde liegt in einer Sprache, die sich von dieser Erde verabschiedet hat. In der «sichtbaren Ordnung der Dinge» kann ihr kein bestimmter Ort zugewiesen werden, sie klingt entfernt. In einem «Wörter aus der Fremde» betitelten Aufsatz aus den Noten zur Literatur imaginiert Adorno in diesem Sinne eine Utopie der Sprache, die «ohne Erde, ohne Gebundenheit an den Bann des geschichtlich Daseienden» zu denken sei, oder, wie es im Mahler-Essay heisst, einer «Erde ohne Erde.»
(Seite 8-9)
‹Todesalgorithmus› meint jene Künstliche Intelligenz (KI), die selbstbestimmend entscheidet, ob ein automatisiertes Auto, das in eine Unfallsituation verwickelt wird, eher die unbeteiligten Insassen oder den alkoholisierten Fahrer auf der Gegenfahrbahn, den vorschnellen Velofahrer oder aber die in Gedanken versunkene Passantin opfern soll. Die ursprüngliche Programmierung – etwa «der schwächere Verkehrsteilnehmer muss geschont werden» – bestimmt jeweils die fortlaufende Selbstbestimmung der KI.
Im globalen Massstab bestimmt ein vermessen gewordener Mensch, bestimmen in ihrer Macht entgrenzte Menschen über das Schicksal des Planeten. Geht die „Fahrt“ in derselben Weise weiter wie bisher, werden alle Menschen Opfer des Klimakollapses. Warum also nicht die Regierung an eine KI übergeben, die jetzt schon und immer besser imstande ist, die für ein Überleben aller Menschen notwendigen Bedingungen vorzugeben und rettende Massnahmen durchzusetzen? Allerdings setzt die Herrschaft der KI Sicherheit und Gehorsam gegen Freiheit und Entscheidung, nachdem in der Entscheidungsfreiheit die Verantwortung verspielt worden ist für mehr Profit, mehr Unterhaltung, mehr Macht.
Roberto Simanowski gelingt auf beängstigende wie herausfordernde Weise eine Analyse unserer allgemeinen aktuellen Klimakrise. Er geht dabei von der Extremsituation aus, in der wir uns jetzt befinden, und setzt ihr das andere Extrem entgegen: eine totalitäre KI-Herrschaft (die in China bereits im Gange ist …). Unausweichlich und ohnmächtig ordnen sich die Menschen unter. Das neue proklamierte Gute (die Rettung der Erde) ist das Ziel, und unser gehorsamer Gang ist der Prozess hin zu einer besseren Welt. – Kehrt der Mensch so in einen quasi paradiesischen Zustand zurück, vor seine Erkenntnisnahme?
Simanowski versteht es, aktuelle politische Szenarien und Situationen mit beinahe science-fiktionalen Konstruktionen zu verflechten. Gekonnt spinnt er uns ein in seine vielfältigen Spekulationen zur Moral der KI. Dabei dienen Theoriestücke aus der Philosophie und Religionsgeschichte dazu, dem neuen Reich der KI recht gute Grundmauern zu schaffen. Simanowskis Buch entlässt seine Leser nicht, sondern spannt sie ein im Sinne einer «List der Vernunft» (Hegel).
Matthias Staub
Rotpunktverlag, Zürich 2020
Die romantische Sehnsucht nach der selbstbestimmten Stadt
Am 23. April 2020 wurde nach zwei Tagen Diskussionen im Grossen Rat von Basel-Stadt eine verwässerte Umsetzung der Wohnschutzinitiative vom Juni 2018 angenommen. Die Sozialdemokratische Partei, das Grüne Bündnis und der Mieter*innenverband Basel kündigten unmittelbar darauf ein Referendum an, da die Umsetzung ihrer Meinung nach nicht den Forderungen der von 61.9 Prozent der Stimmbevölkerung angenommenen Initiative entspricht. Die Annahme selbst war bereits eine willkommene Überraschung und zeigt, dass die Wohnungsnot mittlerweile in grossen Teilen der städtischen Bevölkerung angekommen ist. Oder zumindest auch jene, die sich bis anhin vor Mieterhöhungen und Massenkündigungen geschützt sahen, erkennen, dass die Wohnungskrise nicht vor dem sogenannten Mittelstand halt macht.
Eine etwas progressivere Ausprägung desselben Wandels zeigt sich in Berlin, seit Jahren ein Brennpunkt von Immobilienspekulation und Wohnungskrise. Die Enteignung, das ehemalige Schreckgespenst der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, ist mit der Bewegung „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch hier ist der Berliner Senat nicht so bewegungsfähig wie die Bevölkerung: einen Monat nach dem Basler Grossratsentscheid, am 18. Mai, reichte die Enteignungs-Initiative Klage gegen den Berliner Senat ein, weil die Prüfung des mit 77’000 Unterschriften eingereichten Volksbegehrens nunmehr bereits fast ein Jahr dauert.
Dass in Deutschland offen über Enteignung diskutiert und in der Schweiz per Initiative das „Recht auf Wohnen“ in der Kantonsverfassung Basels verankert wird, zeigt: die Wohnungsfrage hat eine neue Dringlichkeit erreicht. Doch das Problem ist keineswegs neu und so sind auch die Lösungen, die heute vorgeschlagen werden, bereits vielfach diskutiert worden. 1872/73 veröffentlichte Friedrich Engels seine Analyse der damals grassierenden Wohnungsnot als eine Replik auf eine Reihe von Artikeln in der Zeitung Volksstaat. Er kritisiert die Vorstellung, die Wohnungsfrage isoliert von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen lösen zu können, da das Wohnen untrennbar mit unserer Vorstellung von Gesellschaft und mit den bestehenden Eigentums-, Produktions- und Arbeitsverhältnissen verbunden ist. „Erst durch die Lösung der sozialen Frage“, schreibt Engels (2015: 77), „wird zugleich die Lösung der Wohnungsfrage möglich gemacht. […] Zunächst wird aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müssen, wie sie sie findet.“
In diesem Sinne ist auch das Buch des Architekten und Städteplaner Ernst Hubeli, Die neue Krise der Städte, geschrieben, welches sich bereits im Untertitel als eine Aktualisierung von Engels’ Text zu erkennen gibt. Hubeli versucht, die Dinge, wie er sie findet, auszuloten und betrachtet dabei nicht nur die aktuellen Eigentumsverhältnisse am Wohnungsmarkt, sondern zunächst ganz allgemein die Vorstellung vom Wohnen in unserer Gesellschaft. Und die damit einhergehenden Träume vom Eigenheim, die in krassem Gegensatz nicht nur zur Realität einer Bevölkerung stehen, die zum überwiegenden Grossteil aus Mieter*innen besteht, sondern auch zur ökonomischen Realität. Denn in dieser geht mit dem Besitz des Eigenheims nicht Selbstbestimmung einher, sondern ein „Schuldenberg, der zum eigenen Gefängnis wird“ (S. 32). Das über Hypotheken finanzierte Eigenheim der Mittelklasse gliedert diese ins eigentumsideologische Geschäftsmodell ein, in die Armee aller Eigentümer*innen, die die Interessen der grossen Eigentümer*innen verteidigen soll. Die Subprime-Krise, die 2008 zur Weltwirtschaftskrise führte, machte freilich klar, dass die „Gemeinschaft der Eigentümer“ eine eingebildete war, deren Interessen letztlich vor allem institutionellen Grossanlegern dienten.
Hubeli erkennt darin ein Auseinanderdriften der Begriffe Wohnen und Gesellschaft, welches sich auch in den Wohnungen selbst offenbart, in der „Diskrepanz zwischen heterogenen Lebensformen und homogenen Wohnformen“ (S. 37–38). Im Segment der leistbaren Wohnungen führt das chronische Unterangebot zum Bau immer derselben, anachronistischen Raumkombinationen – „Wo Knappheit herrscht, ist alles begehrt.“ (S. 43) Und die Knappheit wird nicht weniger werden – seit Jahrzehnten ist die Zuwanderung zu den Städten konstant und aus der Gesamtoptik gibt es heute weltweit keine Alternative zu den Städten. Wie also ist die Stadt zu gestalten?
Zunächst ist diese Frage im Grunde nicht trennbar von der Wohnungsfrage. Allgemein kann gesagt werden: wichtig ist ein gesundes Stadtgefüge, das Richtungen festlegt aber weich genug ist, um sich seinen Bewohner*innen anzupassen. Hier gibt Hubeli einige interessante städtebauliche Betrachtungen und legt beispielsweise dar, wie mit Mikroverdichtungen in Baukostenmiete eine weitaus geeignetere Form der Wohnungsbeschaffung zur Verfügung steht als bei Wohnbauförderprogrammen für grosse Neubauprojekte in der Agglomeration.
Es folgt ein Abschnitt des Buches zur Frage der Enteignung, um neuen, leistbaren Wohnraum zu schaffen oder zu erhalten. Am Beispiel Berlins zeichnet Hubeli die diskurshistorische Wende nach, die letztlich dazu geführt hat, dass in Berlin die Enteignung von grossen Immobilienfirmen mehrheitsfähig geworden ist. Daran schliesst sich die Frage an, in welche Hände die so dem Markt entzogenen Wohnungen überführt werden sollen. Ein solidarisches Wohnungswesen kann nicht einfach jenen gehören, die die Immobilien zufällig bewohnen, denn „ohne rechtlich bindende Gemeinwohlorientierung gibt es keine Pflicht zum sozialen Vermieten“ (S. 107). Ein Blickwinkel, unter welchem es sich lohnen würde, auch das hiesige Wohngenossenschaftswesen mit seiner Gemeinnützigkeit einmal näher zu betrachten. Die Enteignungsbestrebungen in Berlin haben den weiteren Vorteil, dass sie privaten Boden rekommunalisieren und daher der Spekulation entziehen würden. Das ist vor allem in innerstädtischen Lagen relevant, wo die Bodenpreissteigerung ein Vielfaches mehr an Rendite verspricht als die Mieteinnahmen, was zu unbewohnten Luxuswohnungen in Stadtzentren führt, die lichterlos auf ihre Wertsteigerung warten. Neben einem mittlerweile in Berlin eingeführten Mietendeckel, der den Markt automatisch entlastet, spricht sich Hubeli hier auch für eine hohe Besteuerung von Bodeneigentum aus, dessen Wertzuwachs Eigentümer*innen heute leistungsfrei abschöpfen.
Der letzte Abschnitt des Buches trägt den Titel „Aneignung,“ und versucht das Wesen des Wohnens zu ergründen, das als Grundlage für eine geistige Rückeroberung der Städte dienen soll. Der Abschnitt enthält eine Fülle an Verweisen, von Lukács „transzendentaler Obdachlosigkeit“ zu Netflix’ Reality-TV-Show „Aufräumen mit Marie Kondo“ und ist etwas schwerer zu fassen als die Kapitel, die sich konkreteren Beispielen widmen. Dennoch macht es eine der grossen Stärken des Buches deutlich: Hubeli ist als Autor nie nur Architekt oder nur Städteplaner; er ist in seinen Ausführungen immer auch Soziologe und Philosoph. Das macht sein Buch auch dann interessant, wenn es bereits Bekanntes zusammenfasst und verleiht dem Text eine Spannung, die grundsätzlich anhält, wenngleich sie in den verschiedenen Abschnitten unterschiedlich ausgeprägt ist. Durch diese Art zu schreiben und zu denken wird Hubelis Buch mehr zu einer Streitschrift als zu einer Analyse. Und es gibt den Leser*innen Denkanstösse, die sich nicht im Bereich der Realisierungschancen, im gesetzlich oder ökonomisch Machbaren aufhalten, sondern die die Stadt und das Wohnen in einem offeneren, poetischen Rahmen denken lassen. Oder in Hubelis Worten: „Die romantische Sehnsucht erhellt die Grenzen der Vernunft. Sie stellt den ungebrochenen Glauben an das Machbare und Beherrschbare infrage; das Vernünftige wird gewissermassen verunreinigt, kommt zu sich selbst und kann sich verweltlichen.“ (S. 127)
Jürgen Buchinger
Rowohlt, Berlin 2020
Helmut Lethen ist vor allem bekannt geworden mit seinen «Verhaltenslehren der Kälte». Diese sind eine Untersuchung zu Verhaltensstrategien zwischen den Weltkriegen, im politischen Spannungsfeld einer aufsteigenden ungeheuren totalitären Macht, in dem der Einzelne nichts zählt und der Mensch nur insofern er der Macht dient. Der Mensch muss lernen, vom Menschlichen abzusehen und mit einer glaubhaften politischen Maske zu agieren, die sein Überleben – vielleicht – ermöglicht.
In Lektüren von Brecht, Benjamin und Carl Schmitt stösst H.L. auf Baltasar Graciàns Handorakel, das, zwar vor mehr als 300 Jahren geschrieben, zu einem aktuellen «Ratgeber für das Verhalten auf vermintem Gelände [wird], auf dem man keinen Schritt tun darf, ohne vorher zu prüfen, wo man den Fuss hinsetzt. Moral dient in solchen Situationen nicht als innerer Kompass. In einem Milieu, in dem jeder bedroht ist, empfiehlt es sich, von Moral abzusehen und taktische Regeln zu beachten.»(251) In seinen weiteren Bezugnahmen von einer Anthropologie der Neuen Sachlichkeit bis zu Plessners «Grenzen der Gemeinschaft» wird das Buch mehr und mehr zu einer Abhandlung über Geist und Politik im 20. Jahrhundert.
In solchem Sinn sind auch die soeben erschienen «Erinnerungen» von Lethen zu lesen, die seine zum Teil vaterlose Kindheit im Zweiten Weltkrieg, seine Jahre als studentischer Unruhestifter in Berlin (Lethen erhielt deswegen in Deutschland nicht nur Berufsverbot, er wurde auch aus der KPD/AO ausgeschlossen), seine ‘Exiljahre’ in Holland, seine Dozentur in Utrecht beleuchten und beschreiben. Dieses Buch macht aber auch deutlich, wie sehr er von seinem eigenen Werk geprägt ist, das für die Pluralität seiner Subjektivität gleichsam ein Kontinuum bildet. Dabei verdankt sich dieses Werk einer radikalen Kritik eines bestimmenden, herrschaftlichen Kontinuums. (156-169) In Nicht-Zugehörigkeiten zu sich, zu Nation, zu Parteien, zu Heimat etc. entwickelt sich H.L. auch als ein ‘étranger’ des 20. Jahrhunderts, der in solcher Stimmung indes Handke liest und dessen beinah quietistischen Satz aus «Das Gewicht der Welt» zu seiner Maxime macht, die alle Taktiken und Strategien durchdringt: «In die blaue Luft vor sich schauen nach einem Halt.» (192)
Übersetzt aus dem Französischen von Yves Raeber.
verlag die brotsuppe 2018
Man nennt ihn einen Sonderling, den Gärtner auf dem Friedhof. Vielleicht ist er aber ein ganz besonderer Mensch.
In späten Berufsjahren wurde er von den öffentlichen Stadtgärten auf einen Friedhof versetzt. Er hatte sich nie gewünscht, dort arbeiten zu müssen, schon gar nicht bei den Kindergräbern.
Er widmet sich jedoch zunehmend den Gräbern der Kinder. Denen der jüngst verstorbenen, aber auch den verlassenen Gräbern ohne Namen, Grabkreuz, Blumenschmuck. Er gibt den Kindern Namen von Blumen, Primel, Forsythia, Hyazinth, Pfingstrose, Anemone, Lavendel, Iris, Aster, Begonie, Chrysantheme. Er hat seine eigenen, oft beängstigenden Vorstellungen, wie die Kinder gestorben sein könnten.
Er züchtet Pflanzen, um die Gräber der Kinder damit zu schmücken. Aber er pflegt nicht nur die Blumen, sondern auch die Reliquien, die auf den noch besuchten Gräbern liegen. Wenn etwas kaputt ist, nimmt er sie mit in seine kleine Wohnung in einem grossen Haus und repariert sie, mit Leim und Wattestäbchen, und bringt sie auf die Gräber der Kinder zurück.
Auch kauft er Geschenke für die Kinder, für ihn sind sie nicht tot, sie sind da und er lebt mit ihnen. Die toten Kinder sind lebendig und bald schon seine Welt geworden. Aber er quält sich auch immer wieder mit schrecklichen Bildern, wie die Kinder zu Tode gekommen sein könnten, hat wiederkehrende schlimme Albträume.
Er geht in ein Spielwarengeschäft und kauft ein Dinky Toy-Auto, lässt es als Geschenk verpacken und legt es auf Forsythias verlassenes Grab. Er packt das Spielauto aus und erfreut sich am Jubel der Kinder. Dinky Toy-Autos waren das Lieblings-Spielzeug seines kleinen verstorbenen Bruders.
Die Kinder bereiten ihm viel Freude, sie sind lebendig, quirlig, wach und haben Spass miteinander. Schon längst sind sie für ihn Realität er begibt sich immer mehr in ihre Welt. Sie sind seine Familie, sein Lebensmittelpunkt.
Aber er erlebt immer wieder schreckliche Momente, draussen, ausserhalb seiner eigenen Welt. Auch der Tod seines kleinen Bruders quält ihn.
Die Verschmutzung des Grundwassers durch die Verwesung der Verstorbenen ist zu einem aktuellen Thema geworden, Bagger fahren auf, der Park wird umgegraben, ausgemergelt, zerstört. Er nimmt seine Kinder mit in sein neues Zuhause, einem Häuschen mit Garten.
„Und ruht ein Kind auch sanft, es bleibt Dir anvertraut“. Mit diesen Worten beschliesst der Autor das Buch.
Der Gärtner, der Sonderling, der ganz besondere Mensch, hat den Kindern das gegeben, wozu ihre Eltern irgendwann nicht mehr in der Lage waren. Sie wurden ihm anvertraut, er hat die Verantwortung für sie übernommen, sie beschützt, behütet, mit ihnen gespielt und glücklich gemacht.
„Ruhe sanft“ ist ein Buch über einen ganz besonderen Menschen, der den Tod überwunden hat. Voller Emotionen, bewegender, bedingungsloser Liebe, aufwühlend und auch tröstlich zugleich.
Esther Stich, Hofstetten, Oktober 2020
‘Anekdote’ meint wörtlich das ‘Nicht-Herausgegebene’, das bewusst Zurückgehaltene. Sie ist also nicht eine öffentliche, sondern eher eine private und intime Mitteilung, nicht eine allgemeine Aussage, sondern ein geheimes Bekenntnis, nicht eine Norm-, sondern eine Gegendarstellung. In diesem Sinne gehört die Anekdote eher zur Biografik als zu einer Geschichtsdarstellung.
Mit Biografischem befasst sich die Künstleranekdote im 18. Jahrhundert – Thema und Inhalt des neuen Werks von Werner Busch (u.a. «Das sentimentalische Bild»). Die Anekdote beschreibt «den geglückten unmittelbaren Naturzugriff des Künstlers» (8), ganz in der Tradition von Plinius. Zugleich jedoch steht sie im Wandel einer Geschichtsauffassung, die sich im 18. Jahrhundert ablöst vom ‘Exemplum’, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von einem Studium der Quellen ausgeht. Darstellung und Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen sind in der Folge konstruierbar, der Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis ist relativiert. (8)
Die Anekdote ist also ein kleines Stück Dichtung und Wahrheit, das sich historischer Daten bedient, nur um etwas Richtiges und Wahres über die Person in ihrer Zeit auszusagen. (23)
In einer langsam voranschreitenden Erzählung schildert Melitta Breznik die letzten Tage ihrer Mutter: Vom Zerfall des Körpers, den inneren Kämpfen von Mutter und Tochter, aber auch vom immer wieder aufblitzenden Schalk der Sterbenden sowie vom gemeinsamen Erinnern an ein gutes als auch schlechtes Früher. Stimmungsvoll fängt Breznik die Szenerie ein und wird dem Thema mehr als gerecht. Die Lektüre vermittelt sachte die zunehmende Langsamkeit und Schwäche des Körpers, die sich bemerkbar machen. Genauso wie dem physischen wird auch dem psychischen Aspekt gedacht. Ängste, Gewissensbisse und Stress, die nur allzu gut nachvollziehbar sind, werden eindrucksvoll geschildert. Und dennoch kippt das Ganze nie in etwas Effekthascherisches. Die Wirkung ist auch so gegeben. Die vermittelte ruhige Art und Weise ist es schliesslich, die am Ende der Lektüre dazu führen kann, dass trotz des schweren Themas etwas Gutes bleibt: Trost.
Melitta Breznik: Mutter. Chronik eines Abschieds. Luchterhand 2020.
Hanser, München, 2020
Diese sehr persönlich geprägte Geschichte des Aals versammelt vier verschiedene Umgangsweisen mit ‚Naturgeschichte‘.
(1) Eine autobiografische: Die Beziehung des Autors zum Vater erschliesst ihm die Beziehung zum Aal und der Natur, der Natur am Ort seines Vaters. Und umgekehrt bestimmt dann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Aals die Beziehung zum Vater.
(2) Eine historische: Alle Quellen einer wissenschaftlichen und literarischen Beschäftigung mit dem Aal, von Aristoteles über Freud und Günter Grass zu Boris Vian, sind erwähnt und ausführlich beschrieben; sie tragen wesentlich zur Geschichte des Aals bei.
(3) Eine philosophische: Der Philosoph Thomas Nagel verneint ein identifizierendes Bewusstsein zweier verschiedener Wesen. Ich kann mir erklären, wie ein anderes Wesen wahrnimmt, aber unmöglich vorstellen wie das ist und sich anfühlt. Insofern kann der Aal für den Menschen auch immer etwas Geheimnisvolles bewahren.
(4) Eine anthropomorphische: Im Gegensatz zu Thomas Nagel versuchte die Wissenschaftlerin Rachel Carson eine Methode, die eher der Fabel und dem Märchen eignen, eine Art Verpersönlichung des anderen Wesens. Nicht der analytische Verstand, sondern eine vermenschlichende Einbildungskraft ermöglicht, IN den Aal hineinzudenken und dann aus ihm die Welt wahrzunehmen – ihm näher zu kommen.
Die Erfahrungen und Erlebnisse des Aalbiografen Patrik Svensson gingen hingegen stets ins Gegenteilige. Je näher er dem Aal gekommen zu sein glaubte, desto mehr hat sich der Aal entzogen, solange, bis der Autor selbst ihn schliesslich ins Unerforschliche ziehen liess.
Aktuell er- und verhärtet sich diese Tendenz zur Tatsache. Der Aal stirbt aus und entschwindet (uns).
Der Titel des Buchs indes weist auf eine noch andere Geschichte – gleichsam auf eine geheime und mögliche Wiederkunft des Aals. Und es sind der Ton und der Stil dieser anderen Geschichte, in denen uns Patrik Svensson mit dem Aal vertrauter macht.
Der Roman handelt von einem mittelmässigen Autor autobiografischer Romane: Ich resp. mein Leben kommen in all meinen Büchern vor, aber natürlich bin Ich NICHT der Protagonist. Die Beschreibungen und Charakterisierungen werden von allen als Verrat empfunden. Ein betroffener Jugendfreund beschuldigt ihn gar des «emotionalen Vampirismus». Doch umgekehrt ermöglicht gerade dieser das Aufbrechen und Eindringen in tiefere Schichten einer Familiengeschichte, die symptomatisch steht für die Mentalität einer amerikanischen Generation, die im Rassenhass und -wahn gross geworden ist.
Der Roman besteht aus Stimmen, aus tagebuchartigen Kundgebungen, die vor allem im ersten Teil sehr genau und authentisch aus der jeweiligen persönlichen und zeitlichen Perspektive wiedergegeben sind. Im zweiten Teil bleiben die Stimmen zwar persönlich, werden jedoch zeitlich ausgreifender, werden reflexiv und erinnernd.
Nach dem Selbstmordversuch der Mutter [1997] sind die beiden Töchter aus dem Süden zu ihrem Vater nach New York gekommen. Die Mutter befindet sich in einer Nervenheilklinik. Der Vater hat die Familie vor Jahren verlassen [1985], was die ältere Tochter, jetzt 16jährig, ihm nicht verziehen hat. Obwohl der Vater nun alles für das Wohl seiner Töchter tut, kann er nicht verhindern, dass die ältere zurückgeht.
Im ersten Teil sind die Konturen der Figuren noch gewahrt, obgleich mit dem Selbstmordversuch der Mutter schon ihre Auflösung in Gang gesetzt worden ist. Und je weiter diese fortschreitet, desto klarer wird, dass diese Entgrenzung des Ich, der Identität, die conditio der Personen ist. Verursacht wird diese mit der Fiktionalisierung durch die autobiografischen Romane des Vaters. Die Übergriffe des Vaters erfolgten stets mit dem Schreibstift.
Mit dem zweiten und den folgenden Teilen entsteht der neue Roman des Protagonisten-Autors und mit ihm eine gesteigerte Vereinnahmung der jüngeren Tochter. Immer mehr übernimmt sie die Rolle ihrer Mutter. Sie kann ihre Identität beinah beliebig mit derjenigen ihrer Mutter auswechseln, um in dieser Rolle weiterhin die Muse für den Vater-Autor und seinen Roman sein zu können. Doch wie sie behauptet, ihre Identität wechseln zu können, bleibt unklar, ob ihre Vorstellungen nicht bereits Wahnvorstellungen sind.
Diese Zone der Entgrenzung des Ich ist und bleibt sehr komplex. Und nicht messbar ist beim autobiografischen Roman auch die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität messbar. Ihre Klammer besteht aus den beiden Positionen: (i) Die Andern erkennen sich wieder in den Romanen, (ii) die Romane entstehen nur dank der innigen Beziehung des Autors zu seiner Frau. Doch für den Autor gibt es in dieser Beziehung eine Quelle, die etwas Anderes ist als autobiografischer Stoff. Sie ermöglicht sein Schreiben – und schliesslich: sie konsumiert sein Schreiben. Der Roman ist dann nur das positive Produkt aus dieser Konsumation.
Der Schreibprozess hat den Autor in seiner Macht (‘er muss schreiben’) und in der Folge zieht er alle mitbetroffenen Leben in den Prozess hinein – und in die fiktive Welt. Sie werden für ihre Fiktionalisierung vereinnahmt. Sie dienen dem gelingenden Schreiben des Autors, dem gelingenden Entstehen des Buchs.
Damit legt die Fiktionalisierung die Grundlage zur Psychose, zur Selbstentfremdung und Selbstzerstörung. Doch umgekehrt gilt auch: die Selbstzerstörung ist der Ausweg aus der selbstentfremdenden Psychose.
Am Grunde dieses psychotischen Schreibprozesses stehen die Zeit und das Erleben des Rassenhasses und -wahns. Wie ist Mentalitätsbildung aufgrund solcher Erlebnisse möglich? Und wie sind Werte wie ‘Familie’, ‘Ehrfurcht’, ‘Treue’, ‘Verantwortung’ etc. möglich? – Sie sind möglich, das beweist das Leben des Jugendfreundes des Protagonisten-Autors. – Angesichts dieser Wahrheit wird der Verrat, den die Fiktionalisierung begeht, zu einem Verrat an sich selbst, also an der Literatur, und in eigener Sache.