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Burkhardt-Jundt AG: Zwei gekaufte Buchstaben
Isabel Koellreuter
In Basel kannten ihn viele, den umtriebigen Karl Burkhardt-Jundt Senior. Ursprünglich schrieb er sich «Burkart». Die beiden Buchstaben «h» und «d» kaufte er sich dazu, erzählen seine beiden Enkelsöhne Carlo und Sergio Figini im Gespräch. Carlo hat das vom Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt unterzeichnete Dokument für die zwei zusätzlichen Buchstaben gesehen. Für das «c» reichte das Geld vermutlich nicht mehr, denn Karl Burkhardt Senior «mischte überall ein bisschen mit, aber er lebte auch immer etwas über seine Verhältnisse», ergänzt Sergio Figini das Bild des Grossvaters.
Karl Burkhardt 22.10.1895–24.8.1956
Aufgewachsen im St. Johann, absolvierte Burkhardt eine Lehre als Bäcker und übernahm später den väterlichen Betrieb. Nach bewegten Jahren in Frenkendorf und Waldenburg, wo sein Haus einem Brand und anschliessend einem Hochwasser zum Opfer fiel, sah er sich gezwungen, nach Basel zurückzukehren, den Bäckereibetrieb aufzugeben und sich zu Beginn der 1930er-Jahre beruflich neu zu orientieren. Karl Burkhardt gründete ein Transportunternehmen.
Dass die neue Firma in den Gründungsjahren nicht florierte, erklärt sich aus der Zeit: 1938, als er das Transportunternehmen Burkhardt-Jundt ins Handelsregister eintragen liess, sah es noch nach einer leichten Erholung der Konjunktur nach der Grossen Depression aus. Aber der Kriegsausbruch im September 1939 bedeutete gerade für den Transportsektor weitgehend Stillstand: Warentransporte von und ins Ausland gingen zurück, Treibstoffe wurden für militärische Zwecke requiriert, Benzin und Diesel gab es nur noch gegen Abgabe von Rationierungscoupons. Violette Figini-Burkhardt, die Mutter von Carlo und Sergio, erzählte, dass ihr Vater in den Kriegsjahren mit einem Fahrrad samt Anhänger – seinem «Z’Nüni-Kurier» – quer durch zwei, drei Quartiere fuhr und Brot und Weggli an Firmen auslieferte.
Blumenzwiebeln für die Region
Nach dem Krieg erhöhte Karl Burkhardt das Kapital seiner Aktiengesellschaft. Anstatt Geld bei einer Bank aufzunehmen, verkaufte er seine Aktien, sodass ihm zeitweise rund ein Drittel der Firma nicht gehörte. Welche Rolle die drei im Handelsregister vermerkten Herren spielten – Verwaltungsratspräsident Georges Schlichtholz-Schaub und die beiden Geschäftsführer Jacques Steffen und German Pfammatter –, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Das Unternehmen, das laut Handelsregistereintrag von 1938 «der Ausführung und Vermittlung von Transporten diente», befand sich in den ersten Jahren an der Reinacherstrasse 106, wo die Familie auch wohnte. Seine Spezialität war die Stadt-Camionnage: Carlo Figini erinnert sich, als Kind dabei gewesen zu sein, wenn Lastwagen aus Holland in den Hinterhof fuhren, um Blumenzwiebeln abzuladen, die anschliessend von den Burkhardt-Jundt-Lastwagen an Gärtnereien in der Region verteilt wurden. Karl Burkhardt übernahm zeitweise auch Goldtransporte für den Bankverein. Die Firma expandierte und erwarb 1953 – in der Zwischenzeit waren auch der Sohn Karl Burkhardt Junior und der Schwiegersohn Battista Figini eingetreten – an der Voltastrasse 88 ein grösseres Lagerhaus als neues Domizil. Trotz der zusätzlichen Fläche bezeichnen Carlo und Sergio Figini den neuen Geschäftssitz als nach wie vor bescheiden. Das Highlight für die beiden Buben in den neuen Räumlichkeiten war eine kleine Bahn auf Schienen zum Verschieben der Waren. Als wichtiges Geschäftsfeld entwickelten sich zu dieser Zeit Transport und Lagerung von Waschmittel, im Auftrag von Colgate-Palmolive Zürich: «Das war Lagerware auf Abruf, da Waschmittel nicht verderblich war», erläutert Sergio Figini. Wenn etwa in einer Migros-Filiale das Waschmittel ausging, sorgte Burkhardt-Jundt für raschen Nachschub. Ab und zu kam eine Tante der beiden Brüder mit Freundinnen an die Voltastrasse. Für einen kleinen Zusatzverdienst versahen die Frauen die Waschmittelpackungen mit kleinen Werbegeschenken, Jojos aus Holz zum Beispiel. Auch ein Pflichtlager an Zucker für Coop wurde im oberen Stock der Voltastrasse 88 geführt.
Der zweite Geschäftssitz von Burkhardt-Jundt an der Voltastrasse 88: Zum Lager gehörte eine kleine Anlage auf Schienen für den Transport von Stückgut. Zentral für die Spedition war die Telefonanlage.
Die zweite Generation zieht auf den Dreispitz
Da Sohn und Schwiegersohn bereits seit 1950 dem Verwaltungsrat angehörten, blieb die Firma nach dem frühen Tod von Karl Burkhardt Senior im Jahr 1956 in der Familie. Battista Figini war 1944, während des Krieges, als 24-Jähriger aus der italienischen Armee desertiert und in die Schweiz geflohen und hatte während seiner Internierung auf einem Bauernhof in Gelterkinden die junge Coiffeuse Violette Burkhardt kennengelernt. Die beiden heirateten 1947 und gründeten eine Familie: 1947 kam Carlo, 1951 Sergio und 1955 Manuela zur Welt. Nach der Heirat trat Battista Figini in die Firma des Schwiegervaters ein. In den prosperierenden Nachkriegsjahren und auch dank seinem Geschick wuchs das Auftragsvolumen, man brauchte mehr Platz. 1956 erteilten die beiden Besitzer dem Architekten Adriano Riva den Auftrag, ein auf ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Lagerhaus zu bauen. In den folgenden zwei Jahren entstand auf dem Dreispitz ein Gebäudeensemble, das aus zwei verschiedenen Teilen besteht: einem dreigeschossigen Geschäfts- und Lagerhaus und einem flacheren Hallenanbau, der parallel zum Gleis verläuft. Hier konnten die Lastwagen der Firma ungehindert zum Be- und Entladen zufahren. Der neue Firmensitz ist als Holzskelettkonstruktion mit Gussbetondecken ausgeführt, die Fassaden sind mit weissen Ziegeln ausgefacht.
Nach der Fertigstellung des Rohbaus wird die Baustelle besichtigt und fotografisch dokumentiert: Karl Burkhardt Junior (o.r.), Battista Figini (u.r.), Violette Figini mit den drei Kindern auf der Baustelle in Sonntagsstaat.
Postkarte des fertiggestellten Gebäudes mit Lastwagen
Seitenansicht des Gebäudes
Anbau
Im Erdgeschoss und im ersten Stock befanden sich zur Strasse hin die Räumlichkeiten für die Administration: Im Parterre war ein Büro für die Disposition untergebracht. Kam ein Lastwagen an, konnte der Chauffeur sich über ein kleines Fenster gleich bei der Rampe im Büro anmelden. Im ersten Stock lagen drei weitere Büroräume für Geschäftsleitung, Buchhaltung und Rechnungswesen. Eine Besonderheit ist das kleine Fenster im hintersten Büro: Von hier hätte Battista Figini direkt mit den Angestellten in der grossen Lagerhalle sprechen können – was er aber nie tat.
Im Untergeschoss befanden sich eine Dusche und eine Garderobe. Hier wärmten sich die Chauffeure und Magaziner auf, hier war auch eine kleine Essecke untergebracht, die aber nicht viel genutzt wurde: «Der letzte Chauffeur, der bei uns war, Jean-Claude, der brachte manchmal seine Elsässer Spezialitäten mit und wärmte sie auf. Das roch man dann im ganzen Haus», erinnern sich die Brüder. Der grösste Teil des Baus war für Lagerung und Spedition reserviert. In der grossen Halle im Erdgeschoss stand ein Fünf-Tonnen-Kran für den Umschlag der schweren Kisten mit Drehbänken der Firma Tschudin aus Grenchen und für Stahl. Die leichteren Waren wurden oben gelagert.
Für das Speditions- und Lagerunternehmen war vor allem der Bahnanschluss ideal. Die Eisenbahn habe das Dreispitzareal einzigartig gemacht, erzählt Sergio Figini: «Jeder Betrieb hatte einen Eisenbahnanschluss. Man hat viel mit der Bahn gemacht. Es gab zwei oder drei Rangierlokomotiven, die jeden Tag Sachen abholten und brachten.»
Im Fotoalbum, das die beiden Brüder zum Gespräch mitbringen, sieht man eine Dampflokomotive. «Die mussten am Morgen um 4 Uhr jeweils eine Stunde vorheizen», erinnert sich Carlo Figini. Dann mussten sie schnell die Fenster schliessen, da das Gleis direkt bei ihnen durchführte und im Büro sonst alles voller Rauch war.
Veränderungen im Transportgeschäft
Carlo und Sergio Figini wachsen mit der Firma auf: Sie sind noch Kinder, als der neue Firmensitz im Bau ist. Man sieht sie auf den Bildern, in den noch leeren Hallen, mit der Mutter, mit der Schwester, den grösseren Carlo auch mal allein mitten im noch offenen, langgestreckten Zufahrtsgebäude.
Unter diesen Umständen ist der Berufsweg der Brüder vorbestimmt: Carlo macht eine kaufmännische Lehre, arbeitet zwei Jahre bei einer Bank und steigt mit 22 Jahren in den Familienbetrieb ein. Sergio kommt gleich nach seiner Lehre als Spediteur in die Firma. Die beiden arbeiten ein Leben lang zusammen. Zuerst mit dem Vater und dem Onkel, und als Battista Figini und Karl Burkhardt Junior 1993 und 1994 aussteigen, führen sie den Betrieb in der dritten Generation weiter. Im Laufe des rund zweistündigen Gesprächs füllen sich vor unseren Augen die Räume mit den Waren, die hier gelagert wurden: Die Brüder erzählen von türkischen Haselnüssen und Mandeln, 120 Kilogramm schweren Kandelabern für Bahnhöfe, von Bierkisten, Waschmittel und Containern aus China mit 700 bis 800 Kisten voller Weihnachtskugeln in verschiedenen Farben, von Osterdekorationen, schweren Maschinen, Kunststoffgranulat und Biscuitverpackungen, sogenanntes Stückgut. Darunter versteht man alles, was sich am Stück transportieren lässt: Gebinde, Kisten, beladene Paletten, Maschinen oder auch Fässer.
Das Geschäftsfeld war zweigeteilt: Für das Speditionsgeschäft transportierten die Lastwagen von Burkhardt-Jundt im Auftrag von Kunden Waren beispielsweise von Zürich nach Rotterdam. Das Lagergeschäft hingegen bestand darin, dass die Firma Waren auf Lager hielt, die dann auf Abruf geliefert werden konnten. Die beiden Tätigkeitsbereiche ergänzten sich: Bevor ein Lastwagen Richtung Rotterdam aufbrach, wurde die Ladung mit Stückgut aus dem Lager auf dem Dreispitz komplettiert, sodass der Transportplatz optimal ausgenutzt werden konnte. Zu einer guten Routenplanung gehörte, dass der Lastwagen ebenso beladen wieder von Rotterdam nach Basel zurückkehrte. Die Burkhardt-Jundt-Chauffeure fuhren Destinationen in Frankreich und Belgien an, fuhren nach Hamburg und ab und zu auch nach Italien. Doch die meisten Transporte fanden innerhalb der Schweiz statt, häufig ins Tessin.
Zu den ersten Fahrzeugen der Firma gehörten Lastwagen der Marken Studebaker und der Firma FBW, eines Schweizer Unternehmens mit Sitz in Wetzikon. Die Abkürzung stand für Franz Brozincevic & Cie., Wetzikon. Im Fotoalbum der Firma wurden auch Unfälle dokumentiert, etwa als ein Chauffeur mit einem Mäuerchen kollidierte, und es dem Wagen das Vorderrad wegriss. Battista Figini kaufte einige Fahrzeuge von Fiat. «Das war halt ein Patriot», kommentiert Sergio Figini lachend die Wahl seines Vaters.
In den 1970er- und 1980er-Jahren waren zwischen sieben und acht Chauffeure und ein Magaziner fest angestellt. Einige weitere Vertragsfahrer, also Fahrer mit eigenem Lastwagen, arbeiteten regelmässig auf Provisionsbasis für die Spedition. Zu den besten Zeiten beschäftigten die Brüder rund 20 Lastwagen. Der Chauffeur Vito Covino arbeitete rund 30 Jahre lang bei Burkhardt-Jundt. Ganz zu Beginn seiner Anstellung gab es noch keine Autobahnen: Fuhr er über den Hauenstein, stellte er das Handgas ein, stieg aus dem kleinen FBW mit seiner Stoffblachenabdeckung aus und lief neben dem Lastwagen den Berg hoch, erzählt Carlo Figini schmunzelnd. Was sich in ihrem Geschäft grundlegend verändert habe, sei das Tempo: In den 1970er-Jahren dauerte es bei einer Lieferung ins Tessin rund eine Woche, bis der Chauffeur nach Basel zurückkehrte. Er fuhr am Montag um 4 Uhr früh los Richtung Gotthard. Auf der Passhöhe angekommen, übernachtete er in einer Routierbeiz, denn die Lastwagen waren nicht mit Schlafkabinen ausgestattet. Am zweiten Tag fuhr er weiter ins Tessin. Am dritten und vierten Tag wurde ab- und aufgeladen. Und dann ging es wieder retour. Als Carlo und Sergio Figini nach der Jahrtausendwende zuletzt vor allem zu zweit arbeiten, müssen für dieselbe Tour zwei Tage genügen. Carlo Figini fährt die Strecke nun selber, und der Termindruck wächst ständig: Es gibt Tage, da erhalten sie einen Container aus China zu spät, müssen ihrerseits aber die abgemachten Liefertermine auf die Viertelstunde genau einhalten. Dann kann es sein, dass sie von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr abends Container ausladen, die Produkte sortieren und Paletten füllen, denn die Migros muss am nächsten Tag um 7 Uhr früh die bestellten Weihnachtskugeln erhalten. Wobei auch Konventionalstrafen für den Importeur ausgesprochen werden, wenn die Ware nicht rechtzeitig eintrifft.
Die beiden Brüder erledigen nun alles selber: die Arbeit im Magazin, in der Disposition und die Transporte. Dann verkaufen sie 2018 die Firma samt Gebäude an die Basler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Diese verkaufen das Transportgeschäft weiter und behalten das Gebäude auf dem Dreispitz.
Carlo und Sergio Figini haben 60 Jahre auf dem Dreispitz gearbeitet, eine lange Zeit. Zum Abschluss des Gesprächs fragen wir, was die offensichtlichsten Veränderungen sind. Die sichtbarste Veränderung orten die Brüder bei den Gebäuden. «Zuvor waren das alles Holzbaracken und Holzgebäude», erklärt uns Carlo Figini. Die Holzkonstruktionen der Vergangenheit sind mehrheitlich massiven Gebäuden aus Beton gewichen. Die Bebauung ist nicht dichter geworden, denn die Strassen sind gleich breit geblieben, aber es wurde deutlich höher gebaut. Und das allmähliche Verschwinden der Eisenbahn verstehen die beiden als Folge des ständig zunehmenden Zeitdrucks. Liess sich Battista Figini noch gerne ab und zu Ware via Schiene liefern, konnten sich das seine Söhne zeitlich schlicht nicht mehr leisten: Allein die Organisation eines Eisenbahnwagens dauert zwei bis drei Tage.
Auch die Lastwagen und Umschlagsgeräte haben sich verändert, wurden bequemer und einfacher zu handhaben. Und nicht zuletzt sind seit der Öffnung des Areals viel mehr unterschiedliche Leute unterwegs, Studentinnen und Studenten, nächtliche Gestalten, die nach dem Besuch eines Clubs, einer Veranstaltung oder auch einer Bar über das Areal spazieren. Manche lassen Spuren zurück, Abfall oder auch Sprayereien. Und vermehrt wird das Areal von Kulturschaffenden entdeckt.
Büroregal der Burkhardt-Jundt AG (Foto: Daniel Spehr)
Carlo und Sergio Figini (Foto: Daniel Spehr)
Carlo Figini, *1947, stieg 1969 im Alter von 22 Jahren nach dem Abschluss einer kaufmännischen Lehre und einigen Jahren Arbeitserfahrung in einer Bank in den Familienbetrieb ein.
Sergio Figini, *1951, kam gleich nach seinem Lehrabschluss als Spediteur in den Betrieb. Die beiden Brüder arbeiteten zuerst noch unter der Geschäftsführung des Vaters und des Onkels. 1993 übernahmen sie die Firma und arbeiteten in allen Bereichen mit: als Chauffeure, Magaziner, in der Disposition.
Mit dem Verkauf der Firma 2018 erlosch diese nach rund 80 Jahren.
Das Gespräch fand am 15. Mai 2020 im Büro der Firma Schürch & Koellreuter statt. Das Gespräch führten Isabel Koellreuter und Lina Schmid.