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Die meisten kennen mittlerweile deine Geschichte viele wissen wohl aber nicht, dass du bereits 2002 mit den Daptone-Leuten gearbeitet hast. Wieso dauerte es noch weitere neun Jahre bis schliesslich das erste Album erschien?
Tom Brenneck lud mich nach Staten Island ein, da eine Band namens The Bullets einen Soulsänger suchte. Mir gefiel was sie spielten, ich nahm das Mikrofon und begann zu singen. Tom gefiel was er hörte woraufhin er mir sagte, er wolle mit mir aufnehmen. Daraufhin entstanden zwei Single mit The Bullets. Während dieser Zeit trat ich regelmässig als James Brown-Imitator auf. Ich meldete mich auch immer wieder bei Tom um mehr Arbeit zu bekommen. Ich war am Strugglen und versuchte irgendwie mit dem Singen Geld zu verdienen. Tom sagte mir zwar er wolle mit mir aufnehmen, es dauerte aber fünf Jahre bis es soweit war. Ein Jahr zuvor war mein Bruder ermordet worden und ich war völlig am Boden und lief wie ein Zombie durch die Stadt. Tom zog dann nach Brooklyn und rief mich an. Ich brauchte zu dieser Zeit jemanden zum Reden und erzählte ihm die Geschichte mit meinem Bruder. Er begann dieses Gespräch aufzunehmen, was mich erst störte. Tom kommt aus einer netten Mittelschichtfamilie während ich ein sehr raues Leben hatte. Wenn er mir aus seinem Leben erzählte war ich ein wenig neidisch, denn ich wollte auch so ein Leben. Irgendwann wurde mir aber klar, dass er damit nicht angeben will, sondern einfach die Wahrheit erzählt. Aus diesen Gesprächen über meinen Bruder entstand schliesslich der Song „Heartaches & Pain“. Wir nahmen die Vocals auf und sie vervollständigten später die Musik. Als sie fertig waren riefen sie mich an, ich ging vorbei und hörte mir den fertigen Song an. Ich musste das Studio jedoch verlassen, ich hielt es nicht aus den Song zu hören. Daraufhin sagten sie mir, dass sie ein komplettes Album mit mir machen wollen und die Dinge nahmen ihren Lauf.
Als ich letztes Jahr mit Neal Sugarman (Gründer von Daptone Records) sprach sagte er, du hättest du Beginn zu sehr wie James Brown geklungen und daher sei es noch zu früh für ein Album gewesen. Musstest du zuerst von einem grossartigen Sänger zu einem individuellen Künstler wachsen?
Der Grund wieso ich mir James Brown aussuchte war schlicht weil er zu meiner Zeit der heisseste Act war. Ich habe mir also den schwierigsten Künstler ausgesucht, um mich selbst herauszufordern und mir zu beweisen, dass ich mir dieselben Qualitäten aneignen kann. Ein anderer Grund war, dass James Brown ein sehr schweres Leben hatte. Deshalb konnte ich mich so gut mit ihm identifizieren, da ich ähnliche Dinge durchmachte. Tom sagte mir dann er wolle nicht James Brown, sondern Charles Bradley sehen. Er zeigte mir jeweils Songs und wenn mir etwas gefiel bugsierte er mich direkt ins Studio damit ich etwas dazu singe. Wenn mir die Musik gefällt sprudeln die Texte wie von alleine aus mir heraus und ich kann ja auf genügend Erlebnisse zurückblicken. Wir arbeiteten einfach immer auf diese Weise weiter bis wir ein Album beisammen hatten.
Ein einschneidendes Erlebnis war es für dich als du mit 14 Jahren James Brown im Apollo in Harlem sahst. Vor wenigen Monaten hast du nun selbst dort gespielt. Wie war das für dich?
Das war verrückt! Ich lud den einstigen Bassisten von James Brown, Fred Thomas, zu der Show ein. Zwei Tage nach der Show rief er mich an und sagt: „Charles, ich habe 35 Jahre mit James Brown gespielt. Jedes Mal im Apollo drehten die Leute völlig durch. Ich muss dir nun aber etwas erzählen, dass James Brown nie geschafft hat“. Ich fragte natürlich was er damit meinte und er sagte, als ich auf die Bühne kam seien die Leute aufgestanden und bis zum Schluss hätten sie sich nie mehr hingesetzt. Ich hätte den grössten Applaus bekommen, denn er je im Apollo Theater gehört habe. Dies von ihm zu hören ist eine Riesenehre.
Mit dem Geld deines ersten Albums hast du dir einen Van gekauft damit du mit diesem Handlanger-Jobs erledigen kannst sollte es mit der Musik nicht so weitergehen. Bist du dir so unsicher?
Woher weisst du das? Ja das stimmt absolut. Mein ganzes Leben lang taten sich Möglichkeiten auf, die dann wieder zunichte gemacht wurden. Deshalb behielt ich irgendwann meine Meinung für mich egal ob ich richtig oder falsch lag, denn ich verlor zu oft meinen Job. Ich musste immer dafür kämpfen zumindest meine Miete bezahlen zu können und für die nächste Woche etwas zu essen zu haben. Nun bin ich Teil dieser Musikwelt, das ist bittersüss aber auch beängstigend. Denn ich will, dass es nie mehr aufhört. Schau an wie lange ich auf diese Chancen warten musste, auf die ich mein ganzes Leben gehofft hatte. Wieso dauerte es so lange? Weil ich ehrlich war, fair und niemanden betrogen habe. Ich frage mich oft was die Guten tun müssen um eine wirkliche Chance zu bekommen. Wenn man lügt und betrügt bekommt man mehr Chancen. Aber ich habe meine Ehre.
In der Dokumentation „Soul Of America“ sieht man wie du vor der Veröffentlichung deines Debüts gelebt hast. Deine Lebensumstände haben sich unterdessen aber hoffentlich verbessert?
Ich bin vor eineinhalb Monaten aus meiner Wohnung in den Projects ausgezogen. Meine Mutter hat ein Haus und als sie dieses kaufte war es die Idee, dass ich im Keller wohne und sie sich die Dreizimmerwohnung oben mit meiner Schwester teilt. Es war ein neues Haus aber jedes Mal wenn es regnete begann es im Keller zu schimmeln. Davon wurde ich krank und deshalb konnte ich meine Wohnung in den Projects nicht aufgeben. Als ich begann Geld mit meinen Shows zu verdienen holte ich einen befreundeten Architekten, der das reparieren konnte. Zwei Wochen bevor ich auf diese Tour ging zog ich dort ein. Als ich bereits auf Tour war erhielt ich einen Anruf und es wurde mir mitgeteilt, dass bei mir eingebrochen wurde und der Fernseher und noch einige andere Sachen gestohlen wurden. Ich bin doch erst gerade eingezogen! Das Leben gönnt mir einfach keine Pausen. Ich werde wohl erst sehen was alles fehlt wenn ich wieder zurück bin von der Tour. Aber ich danke Gott für die Möglichkeit die ich habe, denn so werde ich die Sachen wohl ersetzen können.
Bis vor wenigen Wochen hast du also in der genau gleichen Wohnung gelebt die man in dem Film sehen kann während du gleichzeitig Tausende von Fans rund um die Welt mit deiner Musik begeisterst?
Das ist das Geld das ich kriege und welches ich ausgeben kann. Das Haus zu flicken hat Geld gekostet. Ja ich reise um die Welt aber finanziell hat dies noch nicht sehr viel verändert.
Lass uns über das neue Album sprechen. Auf „No Time For Dreaming“ ging es vor allem um deinen Struggle und deine Erlebnisse. War es schwierig eine neue Richtung das zweite Album zu finden?
Ich war schon immer ein Suchender. Ich reiste quer durch die USA in der Hoffnung meine Träume verwirklichen zu können. Ich ging in die Hölle und wieder zurück auf der Suche nach meinen Träumen. Ich lebte in U-Bahn-Stationen und kam bei Freunden unter immer auf der Suche nach meinen Träumen doch ich habe es geschafft und das mit Ehrlichkeit. Ich musst niemals jemanden verletzen oder betrügen, ich wusste, dass Gott mir den Weg zeigen wird. Die Optionen wären sich da gewesen hätte ich mich anders verhalten doch das hätte ich nicht mit meinen Herzen vereinbaren können. So habe ich meine Herz und meinen Verstand rein gehalten und einfach weitergemacht.
Musikalisch unterscheidet sich „Victim Of Love“ ebenfalls leicht vom Vorgänger. Gab es bestimmte Bands oder Platten die euch speziell beeinflussten?
Beim ersten Album hatte Tom die Musik schon zusammen und wenn mir etwas gefällt kommen die Texte wie von alleine. Wenn mir die Musik nicht gefällt ist es für mich hingegen völlig unmöglich darauf zu singen, das passt einfach nicht. Als sie mich fragten ob ich den Neal Young Song „Heart Of Gold“ singen würde wollten sie, dass ich wie Neal Young singe. Doch das funktionierte für mich nicht. Ich mochte den Text, da sie einen Teil meines Lebens reflektieren aber ich musste es auf die Art und Weise singen, wie ich es fühle.
Funktioniert es bei euch immer so, dass sie die Musik bringen und du dann darauf deine Texte schreibst oder entsteht dies manchmal auch gemeinsam?
Es ist immer ein wenig unterschiedlich. Tom und ich sitzen immer zuerst im Studio zusammen, unterhalten uns und schreiben. Manchmal geschieht es auch auf Tour bei einem Soundcheck. Die Band spielt etwas das mir gefällt, ich singe dazu und sie nehmen es auf. Wenn wir dann wieder zurück sind von der Tour sitzen wir ins Studio und hören uns die Aufnahmen an und entscheiden woraus ein Song entstehen könnte. Tom gibt mir dann jeweils noch einige textliche Inputs. So arbeiten wir eigentlich die ganze Zeit.
Einer der wichtigsten Künstler des letzten Jahrzehnts hat kürzlich ein Sample von dir verwendet nämlich Jay-Z auf dem Song „Open Letter“. Was bedeutet dir das?
Das wusste ich gar nicht. Es zeigt mir, dass meine Begabung immer vorhanden war und nun, wo ich mir dessen bewusst bin, habe ich so viel zu geben. Ich bin nun über 60 Jahre alt aber ich werde nie vergessen, was ich alles durchlebt habe. Es heisst was du nicht willst was man dir tut das füg auch keinem anderen zu. Danach lebe ich. Ich glaube daran, dass ich der Welt etwas zu geben habe. Wenn ich auf der Bühne stehe und die Liebe des Publikums zurückkommt bin ich komplett in meinem Element. Das trifft mein Herz und das gebe ich wieder.
Man spürt stets, dass deine Musik von Herzen kommt du sagtest jedoch, dass dies bei vielen Künstlern nicht der Fall sei. Sie hätten zwar schöne Stimmen aber sie würden nicht mit dem Herzen singen.
Alles was ich den jungen Künstlern mitgeben kann ist, dass sie von ihrem Herzen singen sollen. Es ist einfach rauszugehen, einen Reim zu finden, Musik dazuzutun und zu singen. Aber da steckt kein Leben drin. Manchmal singe ich eine Note und lege alle meine Schmerzen rein. Vielleicht treffe ich den Ton gar nicht genau, doch durch die Emotionen werden es die Zuschauer trotzdem spüren. Viele Künstler von heute haben schöne Songs und gute Stimmen aber es kommt nicht von Herzen.
Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht so viel durchlebt haben wie du?
Man kann gute Texte haben und die beste Band im Rücken, das Publikum wird es trotzdem nicht fühlen, wenn du ihnen nicht deinen Spirit gibst. Die Hörer erkennen, wer echt ist und wer nicht die Wahrheit erzählt. Es ist wie wenn dich jemand umarmt und du sofort merkst, ob es diese Person ehrlich meint oder nicht.
Interview: Fabian Merlo
Fotos: Lukas Mäder (lukasmaeder.ch)