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Die Gesellschaft verändert sich, und mit ihr ändern sich Regeln und Sitten. Beim Umgang mit Alkohol wurde dies schon immer gut sichtbar. Wer darf trinken, wer nicht – und wo?
Schon Edmund Wilhelm Milliet, der erste Direktor der 1887 gegründeten Eidgenössischen Alkoholverwaltung, beschäftigte sich intensiv mit diesen Fragen. Alkoholismus erscheint uns anders, wenn wir ihn bei Reichen oder Armen ins Auge fassen, sagte er. Es gebe einen Unterschied zwischen Alkoholkonsum in der Stadt oder auf dem Land, ob zur Erholung getrunken werde, oder aus körperlicher und geistiger Misere.
Die „Kartoffelschnapspest“ ist ein historisches Beispiel dafür. Ende des 19. Jahrhunderts tranken vor allem die ländliche Unterschicht und die Fabrikarbeiter Kartoffelschnaps. Zunehmend wurde dieser Konsum der einfacheren Menschen als krankhaft und süchtig dargestellt – es werde aus Elend getrunken, Massnahmen müssten ergriffen werden.
Dies führte soweit, dass im Mittelland Kochkurse und Ausstellungen rund um Kartoffeln und Früchte durchgeführt und Feldobstbäume gefällt wurden, um das Schnaps brennen zu unterbinden. Gleichzeitig nahm der gesellschaftlich akzeptierte Konsum von importieren Edelschnäpsen wie Whisky, Rum oder Likör zu.
Edmund Wilhelm Milliets zog ein poetisches Fazit:
„Der Alkoholismus erscheint in jeweiligen anderer Betrachtung (…) je nachdem die Branntweinflasche von der Sonne des Tages oder von der trüben Mitternachtslampe einer verrufenen Kneipe beschienen wird.“
Quelle: Rausch & Ordnung, eine illustrierte Geschichte der Alkoholfrage, der schweizerischen Alkoholpolitik und der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (1887-2015), hier kostenlos ausleihbar