Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/16

Haben Hirsche Hörner? Im engeren Sinn eben nicht. Hirsche haben ein Geweih. Hörner haben Rinder, Ziegen, Schafe, Antilopen und im Unterschied zum Geweih nennt man das Gehörn. Die genannten Tiere gehören zur Familie der Bovidae, der Hornträger = Rinderartigen. Ein Geweih haben zum Beispiel die Vertreter der Familie der Cervidae, der Hirsche. Die nächsthöhere Stufe einer Familie ist die Ordnung, die in Unterordnungen unterteilt sein kann. Die Familien der Hirsche (Cervidae) und der Bovidae gehören zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantiae) und diese wiederum zur Ordnung der Paarhufer.
Beim Geweih handelt es sich um Knochen. Im ausgewachsenen Stadium ist dieser tot und nicht mehr durchblutet und er trägt keine Haut mehr. Das Gehörn ist ein hohler Überzug über einen durchbluteten und also lebenden Knochenzapfen. Hornsubstanz entsteht in der Haut und besteht aus Keratinen und weiteren Proteinen, somit aus vielen Aminosäuren und weiteren (Vor-)stufen von Proteinen, zum Beispiel Peptiden (kleine Proteine, die aus kurzen Ketten von Aminosäuren bestehen). Die chinesische Materia medica zählt 16 Aminosäuren auf, die in Hörnern von Wasserbüffeln vorkommen. Unter diesen 16 treffen wir 7 der 10 essentiellen Aminosäuren, also solche, die der Körper nicht aus andern Bestandteilen selbst synthetisieren kann, sondern die ihm von aussen zugeführt werden müssen, damit er sich gesund entwickeln und erhalten kann.
Keratine, die auch aus Proteinen, also letztlich Aminosäuren hergestellt sind, gibt es circa 20 verschiedene und sie kommen bei den Säugetieren vor allem in den Haaren vor, aber eben auch in den Hörnern, in den Klauen, Krallen, Nägeln, in den Schuppen (des Schuppentieres, aber nicht der Fischschuppen), in Reptilienschuppen, in Schildkrötenpanzern und in Walbarten vor. Und natürlich werden auch die Stacheln von Igeln und Stachelschweinen mit diesem Material gebaut. Des Weiteren kommt Keratin bzw. Horn auch bei einigen Tieren im Körperinnern vor, so etwa im Hühnermagen, bei der Katze auf der Zunge und im Spulwurm.
Keratin wird vielleicht spontan nicht eine grosse Bedeutung in der Evolution zugeschrieben, aber man könnte sich da ziemlich täuschen, denn auf die Eigenschaften dieses Materials mussten sich, sofern sie überleben wollten, damals die meisten auf der Erde lebenden grösseren Tiere verlassen können, so etwas die Dinosaurier mit ihren Abwehrpanzern und –schildern und ihren horn- und stachelförmigen Waffen. Hart werden solche Hörner aufgrund der Eigenschaften der verschiedenen Keratine und deren Vernetzung oder Verbindungen (Disulfidbrücken).
Im Biogarten und –landbau wird Hornmaterial, das aus geschrotetem, gemahlenem oder geraspelten Horn als Hornmehl oder Hornspäne verfügbar ist, wegen seines hohen Stickstoffanteils als Dünger verwendet. Eine EU-Kommission stuft die Verwendung von solchem Dünger bezüglich BSE als unbedenklich ein, denn er besteht aus totem Material.
Wasserbüffelhorn wurde in der TCM bereits vor 1500 Jahren beschrieben. Damals sammelten Tao Hongjing / Tao Tongming die Beschreibungen berühmter Ärzte in einem klassischen Werk der TCM.
Der Wasserbüffel liegt oder steht oder geht viel im Wasser und kühlt so seinen Körper. Das ist in der heissen und feuchten Region, in der er lebt, nötig. Nicht von ungefähr kommt es daher, dass Wasserbüffelhorn ein Mittel zur Kühlung des Blutes ist. Hitze im Blut kann sich in der TCM unter anderem bei hohem, bzw. gefährlich hohem, also lebensbedrohlichen Fieber zeigen. Auch Blut, das sich infolge der Hitze chaotisch bewegt und sich beispielsweise in Form von Nasenbluten zeigt, kann mit Wasserbüffelhorn gekühlt und beruhigt werden.
Wasserbüffelhorn ist heute der Ersatz für das Horn des Nashornes, dem die gleichen Eigenschaften zugeordnet werden. Das Horn des Nashornes besteht aus dem gleichen Material wie das Horn eines Wasserbüffels. Es sind zusammengeklebte Borsten, die den gleichen Aufbau haben wie Haare, Stacheln, Nägel… Dem Nashorn kann man sein Horn absägen, ohne dass es dabei Schmerz empfindet. Die Idee, Nashornhornmehl sei ein Potenzmittel, entspringt purem Aberglauben und findet in der Theorie und Praxis der TCM keine Entsprechung. Nashornhornpulver wurde in der Vergangenheit in der TCM nur zur Kühlung von lebensbedrohlichen Fieberzuständen verwendet. Nashornhornpulver dürfte also bei impotenten Männern eher das Gegenteil des erwarteten Effektes haben: Statt das Blut in Wallung zu bringen, kühlt es dieses ab. Anderslautende Berichte beruhen rein auf dem Placeboeffekt.
Wasserbüffelhorn steht zur magistralen Verwendung bei Complemedis AG zur Verfügung, nachdem eine zuverlässige Bezugsquelle ausgemacht und sorgfältige Abklärungen bezüglich BSE-Risiko gemacht wurden. Getestet werden die von Complemedis AG gehandelten Produkte von der schweizerischen Firma Phytax GmbH. Diese arbeitet Tür an Tür neben einer Firma, die sich auf den Nachweis von Prionen (der Erreger von BSE gehört zu den Prionen) spezialisiert hat. Phytax steht mit dieser Firma in gutem Kontakt und liess Produkte der Complemedis AG dort auf BSE testen.
Der Umsatz von Wasserbüffelhorn ist nicht gewaltig, denn das Einsatzgebiet für dieses Produkt ist gering. Es zu wagen, hierzulande eine beginnende oder floride Meningitis oder bakterielle Sepsis, mit denen wohl die TCM-Beschreibung der entsprechenden Zustände gemeinhin gemeint sind, rein mit Wasserbüffelhornpulver zu behandeln, dürfte wohl niemandem in den Sinn kommen.Hingegen kann der Begriff des chaotisch vagabundierenden Blutes, das für gewisse Formen von häufigem Nasenbluten verantwortlich sein kann, eine Indikation darstellen. Der Autor fragt sich, ob neben der peroralen Einnahme des Pulvers auch das Schnupfen desselben Sinn machen könnte. Ausprobieren liesse sich das vermutlich ohne grosses Risiko.
Severin Bühlmann im Frühling 2010