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176 500 Jahre alte Landart
Über den Neandertaler weiss man nicht viel. Ausser Knochen und ein paar Werkzeugen ist wenig erhalten, was Aufschlüsse über seine Lebensweise zulässt. Wegen seiner – verglichen zum Homo Sapiens – gröberen Physignomie wird er gemeinhin für plump und nicht sehr kreativ gehalten. Ein sensationeller Fund in der Bruniquel-Höhle im Aveyron-Tal belehrt uns nun eines Besseren und macht den Neandertaler gar zum ersten bekannten «Architekten» oder Landart-Künstler in der Gattung der Hominiden.
Text: Jørg Himmelreich – 13.8.2017
(Wieder-)Entdeckung der Bruniquel-Höhle
Im Februar 1990 legte der 15-jährige Bruno Kowalsczewski im idyllischen Aveyron-Tal den Eingang zur Bruniquel-Höhle frei. Verschlossen durch einen Erdrutsch hatte sie wahrscheinlich über 10 000 Jahre kein Mensch mehr betreten. Der Vater des Jungen hatte einen Luftzug im Geröll gespürt. Bruno räumte drei Jahre lang die losen Steine zur Seite, bis er eine 30 Meter lange Passage fand. Ein Mitglied des örtlichen Höhlenclubs schlüpfte durch den Spalt und gelangte in einen langen, geräumigen Korridor. Auf dem Boden fand er Knochen und Pfützen, die Wände waren hingegen übersäht mit Tropfsteinen.
Ein Ring aus Stalaktiten
336 Meter tief in der Höle dann die Sensation: In einer Kammer lagen mehr als 400 Stalaktiten und Stalagmiten. Sie waren offensichtlich abgebrochen und in zwei unregelmässigen Ringen angeordnet, die einen Durchmesser von vier bis sieben und zwei Metern aufwiesen. Zudem fand man vier Stapel aus Tropfsteinen, Spuren von Feuer und diverse verbrannte Knochen. Sofort wurde klar, dass es sich dabei um das Werk von Menschen handelt. Der Archäologe François Rouzaud datierte mittels Radiocarbonmethode einen verbrannten Bärenknochen auf 47 600 Jahre. Dies bedeutet, dass die Ringe älter als alle bekannten Höhlenmalerein wären und von Neandertalern stammen würden – sie waren damals die einzigen Menschen in Südfrankreich. Diese These veränderte das Bild des Neandertalers schlagartig. Offensichtlich konnten sie Feuer machen, suchten tiefe Hölen auf und legten die Steine in der beschriebenen komplexen Form aus. Weil nichts darauf hindeutete, dass sie dort auch lebten, interpretierte man die Höhle als rituellen Ort. Rouzaud starb 1999 an einem Herzinfarkt und der Fund geriet in Vergessenheit.
Eine zweite atemberaubende Datierung
Das änderte sich, als die Stalagmiten-Forscherin Sophie Verheyden in der Gegend Urlaub machte. Sie entdeckte zufällig eine Hinweistafel beim nahe gelegenen Schloss. Sofort packte sie die Idee, die abgebrochenen Tropfsteine zu untersuchen. Im Rahmen ihrer Forschung am Königlich Belgischen Institut für Naturwissenschaft hatte sie sich auf die Datierung von Stalagmiten spezialisiert, indem sie anhand der Ablagerungen die verschiedenen Klimata vergangener Jahrmillionen rekonstruiert. Sie zweifelte an Rouzauds Datierung, weil die Radiocarbonmethode für organisches Material nur eine verlässliche Schätzung zulässt, die jünger als 50 000 Jahre ist. Im Jahr 2013 untersuchte sie die Höhle zusammen mit dem Archäologen Jacques Jaubert und dem Stalagmitenexperten Dominique Genty erneut. Sie bohrten in die abgebrochenen Tropfsteine und entdeckten klare Trennungen zwischen zwei Schichten: Die eine wurde gebildet, bevor die Steine abgebrochen und ausgelegt worden waren, die andere danach. Durch die Messung von Uranwerten bestimmte das Team diesen Zeitpunkt auf vor 176 500 Jahren – plus minus ein paar Jahrtausenden. Eine Sensation! Der Fund avancierte zur ältesten von Menschen gstalteten «Architektur» überhaupt.
Rätsel
Aber warum schichteten die Neandertaler die Steine zu Ringen und Haufen auf? Offensichtlich waren es keine Fundamente für Bauwerke, denn in der Höhle wurden keine Steine, Werkeuge, menschlichen Knochen oder andere Anzeichen einer Besiedelung gefunden. Paola Villa, Mitarbeiterin des Museums der Universität Colorado, ist überzeugt, dass sie eine rituelle oder soziale Funktion hatten. Verheyden glaubt, dass es nicht ein einzelner «Künstler» war, der die Steine schlug und anordnete. Mehr als 120 der Fragmente haben rote und schwarze Streifen – sie wurden wohl von der Hitze erzeugt, die stark genug war, um den Stein zu spalten.
Neue Sicht auf den Neandertaler
Seit Langem fragen sich Wissenschaftler, warum der Neandertaler ausstarb, der Homo Sapiens hingegen überlebte. Die einfachste Schlussfolgerung war bisher, dass der Neanderthaler auf verschiedenen Ebenen dem Homo Sapiens unterlegen war. Doch längst ist bekannt, dass Neandertaler Werkzeuge erstellten, Feuer machen konnten, Kunst anfertigten, ihre Toten bestatteten und eventuell gar eine Sprache hatten. Der Fund in der Bruniquel-Höhle zeigt nun, dass sie auch «bauen» konnten oder zumindest so etwas wie Landart herstellen. Als nächstes will Verheyden den Höhlenboden untersuchen, um mehr über den Zweck und die Verwendung des Ortes – und damit auch über den Neandertaler und seine Kultur – herauszufinden.
> Am 1. Dezember 2018 erscheint ein archithese-Heft über Landart und Erdarchitektur. Die Redaktion spannt einen erdigen Bogen auf zwischen Landart, Landschaftsarchitektur und ausgewählten Objekten, die eingegraben oder patiniert sind, aber auch geologische Formationen imitieren.