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Yves Mühlematter
Schule als Ort der „höheren Erkenntnis“. Theosophie zwischen Philologie, Hinduismus und sozialem Engagement
Die Relativierung der scheinbar allgemeingültigen Wissensbestände durch die sich etablierende empirische Wissenschaft und die Philologie, die in der Anwendung auf die Bibel deren Historizität erforschte (Historismus) und durch die Erschliessung aussereuropäischer Schriften eine Relativierung der christlichen Positionen mit sich brachte, führte zu einer Unsicherheit in der Gesellschaft. Katalysiert durch die „Beschleunigung“ und Veränderungen in der althergebrachten Hierarchisierung der Gesellschaft wurde diese Unsicherheit in Teilen der Gesellschaft zur Suche nach neuen Wissensbeständen transformiert. Diese „neuen Religionen“ (Okkultismus, Esoterik etc.), die sich in ihrem Selbstverständnis auf Jahrtausende altes universelles Wissen (Philosophia perennis) stützen und gleichzeitig die Wissenschaftlichkeit ihrer Methoden betonten, suchten unter anderem in Indien nach den philologischen Beweisen der universellen Wahrheit. Eine zentrale Gruppierung in diesem Milieu war die Theosophische Gesellschaft, die 1875 von Helena Blavatsky, Henry Olcott und anderen in New York gegründet wurde. Wenig später verlegten sie ihr Hauptquartier nach Adyar, Indien, wo es noch heute steht und legten eine umfangreiche Bibliothek mit Sanskritmanuskripen an. In der Folgezeit gründeten die Theosophen zahlreiche Schulen auf Ceylon, heute Sri Lanka, in Indien und anderswo. Namentlich Annie Besant, die zur zweiten Generation der Theosophen gehörte und 1907 nach Olcotts Tod die Leitung der Theosophischen Gesellschaft übernahm, gründete Schulen in ganz Indien, die zum Teil bis heute bestehen. Das Central Hindu College in Vārānasi ist herauszuheben, da dieses zu den ersten Schulgründungen Besants gehört und später zum Nukleus der Benares Hindu University (BHU) wurde. Das Board of Trustees, zu dem auch Besant gehörte, veröffentlichte drei Schulbücher, die Sanātana Dharma Textbücher, die für die religiöse Erziehung im Central Hindu College eingesetzt werden sollten. Diese Bücher wurden in verschiedene indische Sprachen übersetzt und in den Anfängen der BHU auch dort als Schulbücher eingesetzt. Unter Einbezug historischer und philologischer Methoden, gestützt auf translationswissenschaftliche und komparationswissenschaftliche Theoriemodelle untersucht Yves Mühlematter die gegenseitigen Einfluss- und Transformationsprozesse zwischen „Hinduismus“ und „Theosophie,“ wie sie sich in den Sanātana Dharma Textbüchern niederschlugen.
Keywords: Hinduismus, Translation, Esoterik, Komparatistik