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Die Langhäuser der Gogodala am Aramia River in der Western Province Papua-Neuguineas zählen zu den grössten traditionellen Gebäuden des Landes und zugleich zu den grössten aus Material der natürlichen Vegetation errichteten Architekturen weltweit. Mit einer Länge von bis zu 150 Metern, einer Breite von bis zu 25 Metern und einer Höhe von bis zu 20 Metern1 sind die viergeschossigen Strukturen, was ihr Volumen und ihre Grösse betrifft, im Kontext der traditionellen ozeanischen Architektur herausragend. Topographisch auf trockenen Erhöhungen gelegen, die sich aus dem Sumpf- und Lagunen-Gebiet nördlich des Fly River erheben, vereinen die langgestreckten Gemeindehäuser genamo die Massstabsebenen des Gebäudes und der Siedlung. Jedes Langhaus bietet Wohn- und Lebensraum für eine ganze Dorfgemeinschaft und umgekehrt besteht jedes Dorf aus einem einzigen Gebäude. Die Unterscheidung zwischen Gebäude und Siedlung ist zugunsten einer die ganze Gesellschaft eines Dorfes umfassenden architektonischen Struktur aufgehoben. Die Kultur der Gogodala ist dabei von grundlegenden Oppositionen durchzogen, die ihren Niederschlag in der Architektur des Langhauses genamo finden. Soziale, religiöse und mythologische, Gegensätze werden durch das Langhaus zur konkreten räumlichen Realität. In der Architektur des genamo wird ein Spannungsfeld existentieller Polaritäten materialisiert, innerhalb dessen sich das Leben der Gogodala abspielt. Indem diese Gegensätze in einer kohärenten Struktur gefasst und aufeinander bezogen werden, bilden sie ein zusammenhängendes Ganzes. Durch die räumliche Ausformulierung fundamentaler Polaritäten und deren Integration im genamo wird zugleich auf konkrete und magisch-symbolische Weise, vermittels einer die Totalität der Gesellschaft umfassenden Architektur, eine soziale und kulturelle Einheit hergestellt.
Totale Architektur –
Opposition und Integration im Langhaus der Gogodala
Michael Hirschbichler
Die Struktur der Gesellschaft drückt sich in einer Reihe von Oppositionen aus, die die polare Konstruktion des Langhauses prägen.
SOZIALE UND MYTHOLOGISCHE ZWEITEILUNG
Wie bei vielen Kulturen Melanesiens beruht das soziale System der Gogodala auf einer Teilung in zwei Moieties, Segela und Paiya. Hiermit ist einerseits eine soziale und andererseits eine kosmische Dualität gegeben, die sich gegenseitig durchdringen. Hinsichtlich der sozialen Organisation sind die Moieties in etwa gleich stark und in jedem genamo sind Angehörige beider Hälften vertreten. Es besteht eine exogame Heiratsregel, das heisst es ist für die Segela und die Paiya tabu innerhalb der eigenen Moiety zu heiraten. Somit ist die Gemeinschaft in zwei Gruppen geteilt, die stets aufeinander bezogen sind.
Diese soziale Dualität wird genealogisch in Legenden der getrennten Entstehung von Segela und Paiya erklärt. So wird berichtet, dass die Segela von einem Ahnen abstammen, der durch die Befruchtung einer Höhlung in der Erde die Vorfahren des Segela-Clans zeugte. Diese zogen später zum Himmel und verwandelten sich dort in die Sonne und in Gestirne. Die Ahnen der Paiya-Clans hingegen, die von einer grossen Schlange abstammen, zogen sich in die Erde zurück und wurden zu Steinen.2 Hierin ist eine mythologische Stilisierung der kosmischen Polaritäten von Himmel und Erde ersichtlich. Der Mensch existiert im Spannungsfeld von Himmel und Erde und ist beiden Sphären durch die mythologische Transformation seiner Ahnen verbunden. Mit dieser Dualität der mythischen Entstehung des sozialen Systems geht auch eine Zweiteilung der mythologischen Narrationen selbst einher. Die Segela und die Paiya besitzen ihre jeweils eigene Mythensammlung, die vor der anderen Hälfte sorgsam verborgen wird.
Die Dualität der Gesellschaftsstruktur hat ihre Entsprechung im polaren Aufbau der beiden Seiten genagoba des Langhauses, die durch eine zentrale Halle komo voneinander getrennt sind. Wenngleich keine klare Zuweisung der beiden Moieties im Langhaus mehr zu beobachten ist, ist anzunehmen, dass diese früher der Fall war. So existiert eine Identifikation von Moiety und Gebäudehälfte im nahegelegenen Purari-Gebiet.3 Auch in den Mythen der Gogodala herrscht die Vorstellung, dass die beiden Moieties je eine Hälfte eines einzigen grossen urzeitlichen Steinhauses bewohnten4 , wobei die soziale Zweiteilung ihre Entsprechung in der eindeutigen Zuordnung einer räumlichen Zweiteilung fand.
GESCHLECHTERTRENNUNG
Zur sozialen Dualität der Moieties tritt eine Zweiteilung nach Geschlechtern. Es ist in erster Linie diese, die die räumliche Polarität des Langhauses prägt und seine Gliederung bestimmt. In der Gebäudemitte erstreckt sich eine bis zum Dach reichende und über die ganze Länge des Gebäudes nicht weiter unterteilte Halle.
Dieser Raum komo ist der Schlaf- und Aufenthaltsort der Männer, wobei die Schlafplätze sich überwiegend auf im Dachbereich des komo eingebauten Plattformen gawaga befinden. Zu beiden Seiten des komo, durch Wände abgetrennt, liegen die Räume der Frauen und Kinder genagoba, die sich vertikal über zwei Geschosse erstrecken. Die Räume des unteren Geschosses werden vor allem tagsüber genutzt, während die Räume des oberen Geschosses sikiri nur nachts zum Schlafen aufgesucht werden.
Die genagoba ist zusätzlich durch Wandschirme räumlich untergliedert. Es existieren kleinere Raumbereiche, in denen eine einzelne Familie lebt und grössere Raumbereiche, in denen mehrere Familien zusammen leben. Zu den Räumen der genagoba führen durch Seiteneingänge Treppen vom Bodenniveau aus nach oben. Der komo ist lediglich durch zwei an den beiden Enden des Gebäudes mittig angeordnete Treppen wakali zugänglich. Die Zugänge sind zudem als sehr kleine Öffnungen ogosa ausgebildet, durch die man sich gebückt hindurchbewegen muss, was zu einer ausgeprägten Abschottung der Männerhalle führt.
Während es üblich ist, dass die Männer sich in die Familienräume begeben, ist den Frauen und Kindern der Zutritt zum komo strengstens verboten. Dieses Tabu erstreckt sich weitestgehend auch auf das Niveau des Erdbodens unter der Hauptebene des auf Pfählen stehenden Gebäudes.
Der unter dem komo liegende, nicht weiter gekennzeichnete Raumbereich wird von Frauen nach Möglichkeit gemieden, wohingegen der Bereich unter den beiden Seiten der genagoba häufig tagsüber als Aufenthaltsort genutzt wird. Das Langhaus ist somit sowohl horizontal als auch vertikal nach Geschlechtern getrennt. Diese Opposition der Geschlechter bestimmt die Grundstruktur des Gebäudes und zugleich die räumliche Disposition des täglichen Lebens.
OPPOSITION DES PROFANEN UND DES SAKRALEN
Mit der Unterscheidung von männlichen und weiblichen Räumen geht eine Gliederung von sakralen und profanen Raumbezirken einher, wobei die männliche Sphäre mit dem Sakralen und die weibliche mit dem Profanen identifiziert wird. Der komo ist nicht nur der Aufenthaltsort der Männer, sondern auch der geheime Bereich kultischer Handlungen.
Die Wandschirme zwischen komo und genagoba geraten zu heiligen Grenzen, die eine sakrale Mitte von einer profanen Peripherie trennen. In den Zeremonien, wie etwa während des Initiationszyklus, stellt der komo den sakralen Innenraum ritueller Handlungen dar, demgegenüber sich das übrige Gebäude – und ebenso die übrige Welt – im Aussen befindet. Der Gegensatz des Sakralen zum Profanen erzeugt mithin eine rituell wirksame Opposition von Innen und Aussen. Ein unerlaubtes Vordringen in den geheimen Innenraum und somit ein Verletzen der sakralen Grenzen wird bei gewissen Zeremonien mit dem Tod geahndet.
Abgesehen von der generellen Unterscheidung des komo von den anderen Raumbereichen des Gebäudes in kultischer Hinsicht, herrschen innerhalb des komo selbst verschiedene Grade des Sakralen. Der Gegensatz von Innen und Aussen wird im komo durch eine Opposition von Vorne und Hinten überlagert. Die Langhäuser der Gogodala sind generell in Ost-West-Richtung orientiert, wodurch eine nach Osten gerichtete Vorderseite ganipala und eine nach Westen gerichtete Rückseite wanipala entstehen, die baulich nicht unterschieden werden, die jedoch bei Zeremonien eine unterschiedliche Gewichtung erhalten. Im vorderen Bereich wird ein Grossteil der wichtigen rituellen Handlungen vollzogen. Hier befinden sich auch die alten Männer während der Zeremonien. Der hintere Teil wird den Novizen zugewiesen, unter anderem wenn sie den komo nach einer mehrmonatigen Seklusion kurz vor Beginn der ersten Initiationsstufe zum ersten Mal über den Hintereingang betreten.5 Auch am Ende der zweiten Initiationsstufe ist eine klare Gliederung des komo in einen hinteren Teil, in dem eine rituelle Choreographie stattfindet, und einen vorderen Teil, in dem die alten Männer im Geheimen magische Instrumente betätigen, ersichtlich.
Neben dieser generellen Polarität zwischen einem sakralen Innen und einem profanen Aussen, sowie einer Abstufung zwischen einem gewichtigen sakralen Vorne und einem weniger gewichtigen sakralen Hinten innerhalb des sakralen Raums, ist die Sphäre des Sakralen keineswegs statisch. Es kommt vielmehr zu Verschiebungen und Fluktuationen, zu einem An- und Abschwellen der Sakralität abhängig von den jeweiligen Zeremonien, mit denen sie in Zusammenhang steht.
So wird die Gemeinschaft während der Vorbereitungszeit des Initiationszyklus sowie vor der letzten Initiationsstufe einer temporären Reorganisation unterworfen. Frauen, Kinder und Nichtinitiierte halten sich tagsüber in temporär errichteten Hütten in der Nähe der Pflanzungen auf, wohingegen nur initiierte ältere Männer im Langhaus verbleiben. Während dieser Zeit dehnt sich die Sphäre des Sakralen über das ganze Gebäude aus, werden auch die ansonsten profanen Raumbereiche sakralisiert. Zum Ende der zweiten Initiationsstufe ist es den Frauen ausnahmsweise gestattet den hinteren Teil des komo zu betreten. In diesem rituellen Ausnahmezustand ist der Tabubereich auf den vorderen Teil des komo begrenzt.
Die soziale Zweiteilung, die Geschlechtertrennung, die Opposition des Profanen und des Sakralen – und damit verbunden weitere Gegensätze wie der zwischen Innen und Aussen, zwischen den Himmelsrichtungen Osten als Bereich der Geburt und Westen als Sphäre des Todes, zwischen dem Eigenen und dem Fremden etc. – ist bei den Gogodala grundlegend. Wesentliche Unterschiede werden in Form von Gegenüberstellungen formuliert und hierdurch als differentielle Pole der kulturellen Ordnung zugrunde gelegt. In der Vorstellung, dass das gleichmässige Vorhandensein zweier komplementärer Teile die Voraussetzung einer harmonischen Totalität bildet, streben die Oppositionen auf eine Einheit zu. Indem sie aufeinander bezogen werden und sich gegenseitig durchdringen, wird die in ihnen gebundene kulturelle, soziale und religiöse Spannung aufgelöst.
INTEGRATION IN DER ORDNUNG DES RAUMS
Sowohl die Bekräftigung der Oppositionen als auch deren Integration geschieht in der Ordnung des architektonischen Raums. Die Struktur des sozialen, mythologischen, geschlechtlich differenzierten und des sakralen Raums wird mit der Struktur des architektonischen Raums zur Deckung gebracht. Indem die polaren Räume baulich in einem einzigen Gebäude zusammengeführt werden, findet auch eine inhaltliche Integration statt. Während das duale Prinzip im Kontext Papua-Neuguineas weit verbreitet ist, ist deren Vereinigung in einem einzigen Gebäude wie im genamo der Gogodala äusserst selten.6
INTEGRATION IM RITUAL
Die Grundstruktur der räumlichen Ordnung und die in ihr angelegten Verbindungen werden im Ritual stets aufs Neue bekräftigt. So kommt die Dualität der beiden Moieties in einer rituellen Choreographie der Zweiteilung während bestimmter Phasen des Initiationszyklus‘ zum Ausdruck. Da die Angehörigen der beiden Moieties die Zeremonien gemeinsam durchlaufen und darin in verschiedenen Momenten wechselseitig aufeinander bezogen sind, werden die beiden Hälften rituell zusammengeführt. Ähnliches geschieht auch hinsichtlich der geschlechtlichen Dualität. Ein zentrales Ereignis der Initiation besteht in der zeremoniellen Vereinigung der beiden Geschlechter in der gi maiyata-Stufe, die im sakralen Raum des komo stattfindet.7 Hierzu wird die Zuweisung von Geschlechtern zu Raumbereichen, ansonsten eine Grundkonstante im Leben der Gogodala, temporär im Ritual aufgehoben. Damit einher geht eine rituelle Verschiebung des Sakralen und Profanen im Ausnahmezustand der Zeremonie. Indem sich der sakrale Raum über diejenigen ausdehnt, die sonst von ihm ausgeschlossen bleiben, werden die profanen Räume ebenfalls in die Sphäre des Sakralen eingeschlossen. Dadurch wird die generell herrschende Dualität des Sakralen und des Profanen als lebendige Wirklichkeit bestätigt.
Das Langhaus der Gogodala ist über seine Funktion, einer sozialen Gemeinschaft geschützten Raum zu bieten, hinausgehend eine physische Materialisierung grundlegender sozialer und religiöser Gegensätze. In seiner polaren Struktur wird die Totalität des gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebens, das sich zwischen feststehenden Bezugspunkten entfaltet, in einen Spannungszustand versetzt. Die Vektoren des kulturellen Lebens durchdringen hierbei den architektonischen Raum oder, anders formuliert, durchspannen ausgehend von der räumlichen Struktur alle sich darin abspielenden oder mit ihm in Verbindung stehenden Lebensbereiche. Eine Architektur wie diejenige des genamo, die alle sozialen Gruppen umfasst, Raum für das tägliche Leben sowie für zeremonielle Ausnahmezustände bietet, das Profane wie das Sakrale einschliesst und die Gegenwart mit der mythologischen Vergangenheit verbindet, kann als «totale Architektur» verstanden werden.
Die Totalität entsteht dabei einerseits durch die Identifikation der Gesellschaft mit einem Gebäude, das den Lebenskosmos definiert, wodurch Siedlung und Gebäude, Gesellschaftsstruktur und Raumstruktur identisch werden. Andererseits ist eine derartige Totalität nicht per se vorhanden, sondern muss konstruiert werden, indem existentielle Differenzen und das sich zwischen diesen entwickelnde Leben in einer ganzheitlichen kulturell-räumlichen Struktur zusammengeführt werden. Die totale Architektur ist eine Konstruktion, die sich als absichtsvoll geordneter und zwischen Oppositionen errichteter sozialer, religiöser und kultureller Kosmos von der Wildnis absetzt. Als Sphäre des Statischen und Stabilen steht sie dem Fluiden und stets Veränderlichen der Natur entgegen. Insbesondere in der Lagunen- und Sumpflandschaft der Gogodala, deren ‚flüssige‘ Geographie im Laufe des Jahres, abhängig von Wasserstand und Trockenheit, stetigen Wandlungen ausgesetzt ist, bilden die auf trockenen Erhebungen errichteten Langhäuser statische Fixpunkte. In ihnen wird der Fluidität der Versuch von Stabilität und Dauer in der kulturellen Konstruktion entgegengesetzt. In den Oppositionen liegt zugleich eine Annäherung an die Natur. In der Unterscheidung der Geschlechter, der mythologischen Herausbildung einer anthropomorphen Ordnung aus der örtlichen und zeitlichen Weite des Territoriums und der Identifikation von sakralen Orten der natürlichen Umwelt liegt der Versuch einer Integration des Menschen in die natürliche Welt. In den Oppositionen vollzieht sich eine logische Verbindung der kulturellen Ordnung mit der natürlichen Ordnung. Indem die gesellschaftlich-kulturellen Polaritäten und die kosmischen Polaritäten übereingebracht und in der Struktur des architektonischen Raums zu einer Einheit geführt werden, werden Kultur und Natur aufeinander bezogen. Das Streben der totalen Architektur besteht letzten Endes darin, die Sphäre der kulturellen Konstruktion zu übersteigen und eine Einheit des Menschen mit der Welt herzustellen.
Beaver, W. N. 1914. A Description of the Girara District, Western Papua. In: The Geographical Journal (43) 4: 407-413.
Crawford, Anthony Leonard 1981. Aida. Life and ceremony of the Gogodala. Bathurst, Australia: The National Cultural Council of Papua New Guinea.
Williams, Francis Edgar 1924. The Natives of the Purari Delta. Anthropology Reports No. 5. Port Moresby: Government Printer.
Wirz, Paul 1934. Die Gemeinde der Gogodara. Nova Guinea. Résultats des expéditions scientifiques à la Nouvelle Guinée; publ. sous la dir. de L. F. de Beaufort. Bd. 16. Leiden: E. J. Brill.
Isago-Langhaus Aussenansicht und Komo: Architectural Heritage Centre of Papua New Guinea, Papua New Guinea University of Technology, Lae, Papua New Guinea
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