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Geschichte
Herkunft und Bedeutung des Namens
Der Name Thierachern kommt in verschiedenen Varianten vor: Tieraqua, Tieracher, Tiracher, Tirascher. Dieser letzten Namensform begegnen wir noch in einer Urkunde des Bistums Lausanne vom Jahr 1228, während in deutschen Urkunden der Ort immer Thierachern hiess. Die jahrhundertelange Einflussnahme der Römer könnte das lateinische Wort „aqua“ zusammengeschrumpft auf „ach“ oder „acher“ (wie Salzach oder Breisach) hinterlassen haben. Möglich ist aber auch – zwar etwas weniger ästhetisch – die buchstäbliche Deutung: „bei den Tier-äckern“, also die Flur, wo man verendete Tiere verscharrte. Ganz sicher ist auch, dass am Flussufer der Kander viel Rotwild (Rehe, Hirsche) weideten, weshalb sich im Wappen von Thierachern auch ein stolzer Hirsch präsentiert.
Gemeindewappen
In Gold auf einem grünen Dreiberg ein steigender roter Hirsch. Redendes Wappen, bereits auf einer Fahne von 1680 überliefert. In der heutigen Form seit etwa 1930 verwendet.
Aus der Geschichte von Thierachern
Zirka 3000 Jahre vor Christus
Prähistorische Funde im Schmittmoos (Steinbeil, Bronzeringe, Bronzedolch) belegen die Besiedlung des Gebietes Wahlen – Egg.
Römerzeit
Verschiedene Gräber und auch ein Tonkrug voller Münzen zeugen von einer vermutlich recht intensiven Bewirtschaftung unserer Gegend in helvetisch-römischer Zeit.
1228: Die Kirche Thierachern erscheint erstmals in einer Urkunde des Bistums Lausanne, welches sich damals über die ganze Westschweiz bis in unsere Gegend erstreckte, und durch die Aare vom Bistum Konstanz abgegrenzt war. Es wird berichtet, dass Rudolf der II, König von Burgund, zu dessen Hoheitsgebiet auch unsere Gegend gehörte, durch einen Traum veranlasst wurde, rund um den Thunersee 12 Kirchen zu bauen. Die Chronik zählt diese Kirchen der Reihe nach auf, nennt u.a. Einigen, Spiez, Wimmis, Amsoldingen, Leissigen und Thierachern und gibt als deren Gründungsjahr 933 an. Ursprünglich bildete Thierachern einen Bestandteil der Herrschaft Strättligen.
1363: Thierachern kommt an das Haus Burgistein und gelangt auf dem Weg einer Erbschaft an den Wolf Münch von Münchenstein. Von diesem kam es durch Kauf an die „Bubenbergs“.
1499: Erneuter Wechsel in den Besitz des reichen Geldwechslers „Bartlome von May“.
1533: Ein Enkel von Bartlome von May verkauft die seit 1531 ihm gehörige Herrschaft einem Konsortium von wohl „reicheren“ Landleuten aus der Gemeinde. Seit dem 14. Jahrhundert ist in Thierachern die Familie Rennen nachgewiesen, die während drei Jahrhunderten durch ihren Wohlstand und ihre Tüchtigkeit eine bedeutende Stellung einnahm. An „die Rennen“ erinnert noch heute das uralte Riegelhaus (heute Zimmermann-Haus) in der Nähe der Kirche, das nebst einem romanischen Kellergewölbe noch Spuren alter Bemalung aufweist.
1590: Auf dem Platz des alten Hauses erbaut Rudolf Rennen ein neues Riegelhaus mit schönen Renaissance-Täfern in den Stuben. Das Kreuzgewölbe, von zwei Säulen getragen, rührt noch vom alten Haus her. Rudolf Rennen besass auch die schon um 1411 genannte Mühle, die durch einen von der Kander abgeleiteten Bach betrieben wurde.
1607: Im Sommer erbaut Rudolf Rennen die Mühle von Grund auf neu und erstellt einen neuen Wasserzulauf. Um ca. 1700 erwarb Friedrich von Graffenried die Mühle und behielt sie bis 1730. Danach wechselte die Mühle mehrmals den Besitzer.
1685: Das Egg-Gut findet einen Käufer in Friedrich von Graffenried, dem damaligen Schultheissen von Thun, der am 11. April die Wirtschaft und Taverne samt allen Dependenzen, Ländereien, Bergrechten und den Alpen Walalp und Mächlistahl um 22'000 Pfund erwarb. Zunächst baut er an das damalige Wirtshaus nach Süden einen Nebenflügel an, der noch heute besteht und ihm und seiner Familie als Wohnung diente. Friedrich von Graffenried hat durch Landkäufe seine Besitzung vergrössert, und man darf ihn wohl den Gründer des heutigen Egg-Gutes nennen.
1698: Thierachern gehört zu den Orten, die von den gnädigen Herren in Bern dringend Massnahmen gegen die häufigen und schweren Überschwemmungen der Kander fordern.
1714: Die Kander, die vorher quer über die Allmend ihr breites Flussbett ständig wechselte, fliesst von nun an durch den Einschnitt im Strättlighügel in den Thunersee. Die Allmend kann als Weide- und Kulturland genutzt werden. Die regelmässigen Verwüstungen durch Wasser und Schutt im unteren Dorfteil hören auf.
1715: Da nach Ableitung der Kander der „Mühlebach“ versiegte, wurde nach einem Ratsbeschluss vom 30. Januar 1715 der Glütschbach durch das ehemalige Kanderbett geleitet und so der Mühle die entzogene Wasserkraft wieder zurückgegeben.
1762: Die Egg-Gutbesitzung geht von den von Graffenrieds an die Brüder Jakob und Samuel Studer über, die um die Kultivierung des Landes sehr bemüht waren. Samuel war auch Naturforscher. Das bedeutenste Werk der Studer’schen Bautätigkeit ist das Wirtshaus zum Löwen, das sich seit 1765 an bester Lage präsentiert und noch heute zu den gefälligsten Bauten dieser Gattung gehört.
1771: Die Mühle geht am 11. November an Hans Hubacher von Urtenen über.
1780: Die Burgergemeinde gewinnt einen jahrelangen, teuren Rechtsstreit um ein paar Quadratmeter Föhrenwald im ehemaligen Kanderlauf gegen die mächtige Familie von May.
Napoleon
Mit keinem Wort wird die Fremdherrschaft der Franzosen in der seit 1627 heute noch lückenlos vorhandenen Sammlung der Gemeinderechnungen erwähnt: Stolz oder Gleichgültigkeit des Säckelmeisters?
1841: Die Eidgenossenschaft erwirbt von Thierachern die ganze Allmend, dadurch werden rund 140 ha Land und 4 ha Wald entzogen. Zirka ein Drittel des Gemeindegebietes ging an die Eidgenossenschaft über. Dazu kamen mindestens ein Dutzend Wohnhäuser, die 1876 der Erweiterung des Waffenplatzes zum Opfer fielen. Das bedeutete für den Gemeindehaushalt eine folgenschwere Amputation. Kein anderes Gebiet in der Schweiz ist von den eidgenössischen Truppen so strapaziert worden wie Thierachern und das Westamt.
1843: Das Herrenhaus und das Wirtshaus, die während 80 Jahren zusammengehört hatten, gehen wieder an verschiedene Besitzer. Das Egg-Gut ging 1848 weiter an den Notar Samuel Lörtscher. Heute gehört das schöne Herrenhaus der Familie Wohlfender, welche um Erhalt und Renovierung sehr bemüht ist.
1847: Ein schweres Gewitter zerstört praktisch die ganzen Rebkulturen am Rebberg und auf Wahlen. Seither werden die zwei dorfeigenen Weinpressen nicht mehr unterhalten und gehen leider verloren.
1867: Der Gemeinderat beschliesst die Eröffnung einer dritten Schulklasse mit der Begründung, 180 Kinder in zwei Klassen seien dem Lerneifer nicht eben förderlich.
1868: Das Wirtshaus zum Löwen kommt an Christian Wenger von Thierachern, 1910 an dessen Sohn Robert Wenger-Küenzi, 1935 an dessen Sohn Robert Wenger-Brüderli und 1974 wiederum an dessen Sohn Robert Wenger-Eggen. Im letzten Jahrhundert war die „Egg“ längere Zeit ein Luftkurort. Der Gasthof beherbergte zeitweise illustre Gäste. Einer der ersten, die sich in Thierachern längere Zeit aufhielten, war der deutsche Komponist und Geigenvirtuose Ludwig Spohr mit seiner Familie.
1895: Das erste Sekundarschulhaus im Thuner-Westamt wird in Wahlen durch einen privaten Trägerverein finanziert. Es steht heute unter Denkmalschutz.
1938: Der Mühlbetrieb wird eingestellt, aber das grosse Wasserrad von 4,5 m Durchmesser wurde gelegentlich noch bis ins Jahr 1965 gebraucht.
1949: Eines Abends kreist eine Fliegerstaffel zu Übungszwecken über Thierachern. Einer der Flieger entledigte sich seiner Munition. Vermutlich war der Mühlematthang das Ziel, doch es traf die Käserei auf der Egg (Steghaltenstrasse), die von Mensch und Tier bewohnt war. Man zählte über zwei Dutzend Einschläge, aber glücklicherweise keine Opfer.
1950: Am 6. April wurde Fritz Indermühle (1876-1967), eine markante Führerpersönlichkeit im Berner Oberland, der sich in grossartiger Weise für unser Dorf engagierte, zum Ehrenbürger ernannt. Er wirkte als Lehrer an der Oberstufenschule und diente während 31 Jahren als Gemeindeschreiber, 50 Jahre lang war er Organist der Kirchgemeinde und 40 Jahre währte seine Tätigkeit als Dirigent der hiesigen Musikgesellschaft.
1959: Spatenstich zum Bau des neuen Sekundarschulhauses auf der Egg.
1969: Die Gemeinde erwirbt das Wohnhaus mit Konsummagazin von der Coop-Genossenschaft Thun an der Dorfstrasse 1. Anschliessend Umbau zum Gemeindehaus mit Einzug der Gemeindeverwaltung.
1976: Bau eines neuen und grösseren Primarschulhauses mit Turnhalle in der Kandermatte.
1991: Einweihung der neuen Mehrzweckhalle im Schulhaus Kandermatte. Fortan haben die Vereine, die Gemeinde und andere Veranstalter einen grossen und zweckmässigen Raum für verschiedene Anlässe.
2002: Im Juli wird die 2000. Einwohnerin registriert.
2013: Die Gemeinde begeht das 300-Jahre-Jubiläum des Kanderdurchstichs mit verschiedenen Aktivitäten. So findet beispielsweise am Wochenende vom 23. bis 25. August 2013 ein dreitägiges Dorffest statt. Das Jugendbuch "Benz" von Hans Schmitter, das zu Zeiten des Kanderdurchstichs spielt wird neu aufgelegt und die Schülerinnen und Schüler bringen die Geschichte des "Benz" im Rahmen eines Theaters zur Ur-Aufführung.