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Medikamentenentwicklung – Aussagekraft von Tierversuchen
Bevor neu entwickelte Medikamente in klinischen Versuchen an Menschen getestet werden können, muss in geeigneten Tierversuchen gezeigt werden, dass die neuen Substanzen eine positive Wirkung entfalten und keine inakzeptablen Nebenwirkungen erwartet werden müssen. Diese Tierversuchsreihen müssen vielen Kriterien genügen, vor allem aber müssen sie zuverlässige und reproduzierbare Ergebnisse liefern. Nun zeigt sich jedoch, dass Resultate aus Tierversuchen, auch wenn reproduzierbar, in vielen Fällen trotzdem keine relevanten Vorhersagen für die Wirksamkeit von Medikamenten am Menschen erlauben. Für eine effizientere Medikamentenentwicklung wäre es von grosser Bedeutung, die Ursachen dieser Diskrepanz zu finden.
Das Projekt «Medikamentenetwicklung – Aussagekraft von Tierversuchen» widmet sich deshalb der Frage, welche Parameter und (Fehl-) Überlegungen bei der Durchführung von präklinischen Tierstudien zu dieser dürftigen Relevanz hinsichtlich der Vorhersage von Medikamentenwirkung am Menschen führen. So verlangt z. B. die gängige wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Durchführung von in-vivo-Tests einen hohen Grad an Standardisierung (resp. Homogenisierung) der Tiermodelle, um bestmögliche Reproduzierbarkeit und eine hohe Validität der Ergebnisse zu erreichen. Es gibt aber verschiedene Arbeiten, die zeigen, dass eine gezielte Heterogenisierung der Tiergruppen zu einer deutlich verbesserten Reproduzierbarkeit der Effekte führen kann. Daraus ergaben sich in den vergangenen Jahren weitere Fragen: Besteht nicht schon ein grundlegender Fehler darin, Modelltiere so strikt wie nur möglich zu homogenisieren, obwohl die Population der Patienten, bei denen ein entsprechendes Medikament am Ende wirken sollte, eher heterogen ist? Spiegeln unsere Tiermodelle wirklich Krankheiten so wider, wie sie beim Menschen auftreten, oder werden anhand einzelner Symptome oder physiologischer Vorkommnisse voreilig Schlüsse gezogen? Welche Faktoren, ausser der Modellwahl, verursachen die eher dürftige Übertragbarkeit der präklinischen Resultate auf die Situation in der Klinik? Kann die Relevanz der präklinischen Tierforschung erhöht werden und falls ja, wie könnte diese konkret umgesetzt werden? Oder schliesst die evolutionäre Verschiedenheit der Spezies die Verwendung von Labortieren als Modellorganismen für den Menschen per se aus?
Ein erstes Ziel des Projekts ist, diese Fragen durch eine umfassende Metaanalyse am Beispiel der Resultate von präklinischen Tierversuchen zur Entwicklung von Angiogenese Inhibitoren für die Tumorbekämpfung bezüglich ihrer klinischen Relevanz zu verstehen. Dies soll dadurch erreicht werden, dass in der Vergangenheit publizierte präklinische Studien mit klinischen Studien (Cochrane Library) korreliert werden. Das eigentliche Ziel des Projektes ist es, neue (ergänzte, geänderte) «Regeln der Kunst» für die Durchführung präklinischer Tierversuche zu erarbeiten, die zuverlässigere Voraussagen der Wirksamkeit von Medikamenten beim Menschen erlauben.
Das Projekt befasst sich mit der Definition der genauen kontextuellen Bedingungen, unter denen Tierversuche im Rahmen der Medikamentenentwicklung für den Menschen zu Ergebnissen mit verbindlicher Aussagekraft führen.
Publikationen
Marianne I. Martic-Kehl, Pius August Schubiger (Eds.): Animal Models for Human Cancer – Discovery and Development of Novel Therapeutics, Wiley Verlag 2016
In: PLOS ONE, DOI:10.1371/journal.pone.0137235, September 30, 2015
Quality of Animal Experiments in Anti-Angiogenic Cancer Drug Development –
A Systematic Review
Marianne Isabelle Martić-Kehl, Jannis Wernery, Gerd Folkers, Pius August Schubiger
In: European Journal of Nuclear Medicine and Molecular Imaging Research, 2012, 2:26.
Impact of inherent variability and experimental parameters on the reliability of small animal PET data
Martic-Kehl, Marianne, Ametamey, Simon M., Alf, Malte F., Schubiger, Pius A. and Honer, Michael
In: Eur J Nucl Med Mol Imaging (2012) 39:1492–1496, DOI 10.1007/s00259-012-2175-z
Can Animal Data Predict Human Outcome? Problems and Pitfalls of Translational Animal Research
Marianne I. Martic-Kehl, Roger Schibli, August Schubiger
In: Patrick Grüneberg (Hg.), Das modellierte Individuum. Biologische Modelle und ihre ethischen Implikationen. Brennpunkt Doping, Band 3, Bielefeld 2012, S. 205–212
Von der Relevanz hochstandardisierter Studien für den Menschen
Marianne I. Martic-Kehl
In: Eur J Nucl Med Mol Imaging, 2010, 37:388.
Small animal PET imaging: Is strict standardization the key to more robust data?
Kehl, M., Honer, M., Schubiger, P. A. and Ametamey, S. M.
Team
Aktivitäten
12. März 2014
«Cancer drug development – predictability of animal experiments»
Referat: Dr. Marianne Martić-Kehl
Einführung: Prof. Dr. P. August Schubiger
Ort: Collegium Helveticum
Abstract
27. September 2011
Workshop «Medikamentenentwicklung – Aussagekraft von Tierversuchen»
Ort: Collegium Helveticum
Programm
26. September 2011
«Der Fehlschluss der Standardisierung oder das Versuchtier als Störvariable»
Referat von Prof. Dr. Hanno Würbel (Professur für Tierschutz, VPH Institut, Vetsuisse Fakultät, Universität Bern)
Ort: Collegium Helveticum
Programm
Podcast