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Charlotte Masons Gedanken über Lesen, Vorlesen und Nacherzählen.
Lesen für ältere Kinder*
Im Leseunterricht, so wie auch in anderen Bereichen, ist es der erste Schritt, der am anstrengendsten ist. Das Kind, dem das Lesen mit Sorgfalt und Bedacht beigebracht wurde, bis es die Wörter eines begrenzten Vokabulars beherrscht, erledigt den Rest in der Regel selbst. Die Aufmerksamkeit seiner Lehrer sollte auf zwei Punkte gerichtet sein, nämlich dass es sich das Lesen angewöhnt und nicht in schludrige Lesegewohnheiten verfällt.
Die Gewohnheit des Lesens. Der häufigste und ungeheuerlichste Mangel in der heutigen Erziehung besteht darin, dass Kinder sich das Lesen nicht angewöhnen. Das Wissen wird ihnen durch Unterricht und Gespräche vermittelt, aber die bewusste Gewohnheit, Bücher als Mittel des Interesses und der Freude zu benutzen, wird nicht erworben. Mit dieser Gewohnheit sollte man früh beginnen. Sobald das Kind überhaupt lesen kann, sollte es für sich selbst Geschichten, Legenden, Märchen und andere geeignete Dinge lesen. Es sollte von Anfang an darauf geachtet werden, dass eine einzige Lektüre einer beliebigen Lektion ausreicht, um das Gelesene nachzuerzählen. So wird es die Gewohnheit des langsamen, sorgfältigen und intelligenten Lesens erlangen. Und auch wenn es still liest, wird es mit dem Blick auf den vollen Sinn jedes Satzes lesen.
Vorlesen. Das Kind sollte ebenfalls Übung im Vorlesen haben, vor allem in den Büchern, die es für die Schule benutzt. Diese sollten viel Poesie enthalten, um es an die feine Wiedergabe von Bedeutungsschattierungen zu gewöhnen und ihm vor allem bewusst zu machen, dass Worte an sich schön sind, dass sie eine Quelle der Freude und unserer Ehre würdig sind. Ein schönes Wort verdient es, schön gesagt zu werden, mit einer gewissen Rundheit des Tons und sprachlicher Präzision. Ziemlich kleine Kinder sind offen für diese Art von Unterricht, der nicht in einer Stunde, sondern ab und zu durch ein Wort vermittelt wird.
Beschränkung. In diesem Zusammenhang sollte der Lehrer darauf achten, den Kindern nicht einfach nur ein Beispiel des Vorlesens zu geben, das sie nachahmen können. Sie imitieren bereitwillig genug, wobei sie auf amüsante Weise die Kunst der Betonung und der Gestik einfangen, aber das sind nur Tricks, ein Nachahmen von Können. Das Kind muss das ausdrücken können, was es als die Empfindungen des Autors versteht, diese Art von Intelligenz kommt nur aus der Gewohnheit, mit Verständnis zu lesen. Vorlesen für Kinder. Es ist eine Freude für ältere Menschen, Kindern vorzulesen, aber dies sollte nur ein gelegentliches Vergnügen und eine Verwöhnung sein, die z.B. vor dem Schlafengehen erlaubt ist. Wir müssen uns an die natürliche Trägheit des Geistes eines Kindes erinnern, gewöhnt es daran, vorgelesen zu bekommen, und es wird sich ständig der Arbeit des Lesens für sich selbst entziehen. In der Tat mögen wir es alle gerne, wenn wir mit geistiger Nahrung gefüttert werden, aber wir sollten mehr selber lesen und denken und weniger eifrig sein, nach Vorlesungen zu laufen. Fragen zum Thema. Wenn ein Kind liest, sollte es nicht mit Fragen nach der Bedeutung dessen, was es gelesen hat, nach der Bedeutung dieses oder jenes Wortes geplagt werden. Was für ältere Menschen ärgerlich ist, ist für Kinder ebenso ärgerlich. Ausserdem ist es nicht wichtig, dass sie die Bedeutung jedes gelesenen Wortes kennen. Das Kennen von Bedeutungen, d.h. ein umfangreicher und korrekter Wortschatz wird nur auf eine Weise erreicht, nämlich durch die Gewohnheit des Lesens. Ein Kind erfasst unbewusst die Bedeutung eines neuen Wortes aus dem Kontext, wenn nicht beim ersten Mal, dann beim zweiten oder dritten Mal. Es ist auf der Suche und wird den Sinn jedes Ausdrucks, den es nicht versteht, selbst herausfinden. Direkte Fragen zum Gegenstand dessen, was ein Kind gelesen hat, sind immer ein Fehler. Lasst es das Gelesene oder einen Teil davon erzählen. Es geniesst diese Art von aufeinanderfolgender Wiedergabe, aber es verabscheut jede Frage in der Art eines Rätsels. Wenn es Rätsel geben muss, dann ist es seine Aufgabe, sie zu stellen, und die des Lehrers, ihm die Antwort zu geben. Fragen wie: „Was hättest du an seiner Stelle getan?“, die zu einem Nebenproblem oder zu einer persönlichen Sichtweise führen, sind zulässig, weil Kinder daran interessiert sind. Lehrbücher. Ein Kind hat seine Ausbildung erst dann begonnen, wenn es die Gewohnheit erworben hat, Bücher, die seiner Intelligenz entsprechen, für sich selbst mit Interesse und Freude zu lesen. Ich spreche jetzt von seinen Lehrbüchern, Bücher, die nur allzu gut geeignet sind, um in einem unerträglichen Geschwätz geschrieben zu werden, wahrscheinlich weil sie von Personen geschrieben wurden, die noch nie ein Kind kennen gelernt haben. Alle, die Kinder kennen, wissen, dass sie leeres Geschwätz nicht mögen, sondern das bevorzugen, was ihr Verständnis anspricht. Ihre Lehrbücher sollten ihnen Stoff zum Lesen bieten, sei es laut oder für sie selbst, deshalb sollten sie mit literarischer Kraft geschrieben sein. Was diese Bücher betrifft, so sollten wir uns daran erinnern, dass Kinder Ideen und Prinzipien, seien sie nun moralischer oder technischer Art, genauso schnell und klar aufnehmen können wie wir selbst (vielleicht sogar noch mehr), aber detaillierte Prozesse, Listen und Zusammenfassungen stumpfen den empfindlichen Verstand eines Kindes ab. Daher ist die Auswahl der ersten Lehrbücher eine wichtige Angelegenheit, denn es liegt an ihnen, den Kindern die Vorstellung zu vermitteln, dass Wissen überaus attraktiv und Lesen reizvoll ist. Wenn ein Kind einmal die Gewohnheit hat, sein Lehrbuch mit Freude zu lesen, ist seine Ausbildung nicht abgeschlossen, sondern gesichert. Es wird trotz der Hindernisse, die ihm die Schule allzu oft in den Weg legt, für sich selbst weitermachen. Schlampige Gewohnheiten; Unaufmerksamkeit. Ich habe bereits darüber gesprochen, wie wichtig es ist, einen Text nur einmal zu lesen. Wenn ein Kind nicht in der Lage ist, nachzuerzählen, was es einmal gelesen hat, soll es nicht auf die Idee kommen, dass es den Text vielleicht noch einmal lesen darf oder muss. Ein Blick des leichten Bedauerns über die Wissenslücke wird es überführen. Die Fähigkeit, mit perfekter Aufmerksamkeit zu lesen, wird nicht von dem Kind erworben, das seine Lektionen nach Herzenslust mehrmals lesen darf. Aus diesem Grund müssen die Leselektionen kurz sein. Zehn Minuten oder eine Viertelstunde fester Aufmerksamkeit reichen für Kinder in dem Alter, das wir im Auge haben. Eine Lektion dieser Länge wird es einem Kind ermöglichen, zwei oder drei Seiten seines Buches abzudecken. Die gleiche Regel bezüglich der Länge einer Unterrichtsstunde gilt für Kinder, denen die Lektionen vorgelesen werden, weil sie noch nicht in der Lage sind, selbst zu lesen. Unachtsame Aussprache. Es ist wichtig, dass die Kinder beim Vorlesen die Stimmorgane gebührend nutzen. Aus diesem Grund sollte eine Leselektion durch zwei oder drei einfache Atemübungen eingeleitet werden, wie z.B. ein langes Einatmen mit geschlossenen Lippen und eine langsame Ausatmung mit offenem Mund. Wenn ein Kind durch die Nase liest, sollte man einen Arzt aufzusuchen, eine Operation der Polypen könnte notwendig sein. Diese ist selten belastend und sollte schon in jungen Jahren durchgeführt werden. Undeutliches oder schlampiges Sprechen muss vermieden werden. Das Üben reiner Vokallaute und der Respekt für Wörter, die es nicht zulassen, dass man eilig darüber hinweggeht, sollten diese Mängel heilen. Übrigens artikulieren recht kleine Kinder im Allgemeinen schon sehr schön, denn ein grosses Wort ist für sie eine neue Errungenschaft, an der sie Freude haben und die sie sich zunutze machen. Unsere Bemühungen sollten darauf ausgerichtet sein, dass ältere Kinder Wörter in gleicher Weise schätzen.
Die Kunst des Nacherzählens
Kinder erzählen natürlicherweise nach. Das Nacherzählen ist eine Kunst wie das Dichten oder das Malen. Es ist in jedem kindlichen Gehirn vorhanden und wartet darauf, entdeckt zu werden, denn es ist nicht das Ergebnis einer strengen Erziehung. Ein kreativer Prozess löst die Nacherzählung aus. «Lass das Kind nacherzählen!», und es erzählt flüssig, ausgiebig und in geordneter Abfolge nach. Sobald dem Kind das Sprechen leichtfällt, erzählt es mit passenden und anschaulichen Details, mit angemessener Wortwahl, ohne Wiederholungen, und ohne langatmig zu werden, nach. Diese erstaunliche Gabe, mit der normale Kinder geboren werden, wird in deren Ausbildung leider selten genutzt. Robert wird nach Hause kommen mit einer heroischen Erzählung eines Kampfes zwischen «Duke» und einem Hund in der Strasse, den er gesehen hat. Es ist wunderbar. Er hat alles genau beobachtet und erzählt nun alles mit grossartiger Inbrunst und auf eine wahrhaft epische Art. Doch unsere Unachtsamkeit oder Geringachtung für Kinder ist so tief verwurzelt, dass wir in diesem Erzählen nur Roberts törichtes und kindliches Gehabe sehen. Hier jedoch, wenn wir Augen haben, um zu erkennen, und Gnade, daraus etwas zu machen, liegt das Grundkonzept für die Erziehung und Bildung eines Kindes.
Bis er sechs Jahre alt ist, lass Robert nur das nacherzählen, was er möchte und zu seinem Zeitpunkt. Er sollte nicht aufgefordert werden, etwas zu erzählen. Ist das vielleicht das Geheimnis der seltsamen langen Gespräche, die wir mit Vergnügen zwischen Zwei-, Drei- oder sogar Fünfjährigen beobachten? Ist es möglich, dass sie erzählen, obwohl sie noch nicht deutlich sprechen können, und dass das andere Kleinkind, das selber noch nicht besser spricht, alles aufnimmt? Sie erzählen es uns lieben armen Erwachsenen und wir antworten auf das Plappern, dessen Bedeutung wir nicht verstehen, mit «..ja, wirklich!» oder «Denkst du das?». Wie dem auch sei, wir werden dessen nicht gewahr, was in der «unzugänglichen» Region des Geistes eines Kindes unter zwei Jahren passiert. Aber warte bis der kleine Kerl Worte hat! Dann wird er ohne Ende erzählen, und zwar jedem, der seiner Geschichte zuhört, jedoch mit Vorliebe seinen kleinen Kameraden.
Diese Fähigkeit sollte in ihrer Erziehung angewendet werden. Lass uns die Fertigkeiten nutzen, die Gott uns bereitgestellt hat. Wenn das Kind sechs Jahre alt ist, nicht früher, lass es das Märchen nacherzählen, das ihm vorgelesen wurde, Episode für Episode, nach einmaligem Hören. Lass es die Bibelgeschichte nacherzählen, die ihm in den Worten der Bibel vorgelesen wurde, oder die gut geschriebene Tiergeschichte oder alles über andere Länder aus einem Buch wie «The World at Home (1)». Der siebenjährige Junge wird bald begonnen haben, für sich selbst zu lesen. Dennoch sollte er den grössten Teil seiner intellektuellen Nahrung über das Gehör erhalten, was bedeutet, dass ihm aus Büchern vorgelesen werden sollte. Geographie, Sagen aus der Antike, Robinson Crusoe, Die Pilgerreise (2), Tanglewood Tales (3), Heroes of Asgard (4), und ähnliches mehr wird ihn beschäftigen, bis er achtjährig ist. Wir sollten berücksichtigen, dass er kein Buch haben sollte, das nicht ein Kinderklassiker ist, und dass die Lektüre des richtigen Buchs nicht mit Erklärungen oder Belehrungen verdünnt oder durch Fragen unterbrochen werden sollte. Wir geben es dem Jungen in passenden Portionen als förderliche Nahrung für seinen Geist, in vollem Vertrauen darauf, dass des Kindes Geist fähig ist, mit dieser Nahrung umzugehen.
Das achtjährige oder neunjährige Kind ist in der Lage, seriöseren Wissensstoff zu bewältigen. Unsere Aufgabe im Moment ist es aber zu definieren, womit Kinder unter neun Jahren nacherzählen können.
Unterrichtsmethode. Auf jeden Fall sollte die Lesung aus einem gut ausgewählten Buch erfolgen. Bevor der Lehrer mit dem Vorlesen beginnt, sollte er über die letzte Stunde sprechen (und die Kinder dazu bringen, darüber zu sprechen). Es können ein paar Worte über das, was gelesen werden wird, gesagt werden, damit die Kinder voll freudiger Erwartung sind. Die Lehrperson sollte sich aber vor Erklärungen und vor allem vor Vorwegnahmen der Geschichte hüten. Dann kann sie zwei oder drei Seiten lesen, genug, damit eine Episode darin enthalten ist.
Danach soll sie die Kinder auffordern nachzuerzählen. Wenn es mehrere Kinder sind, sollen sie abwechselnd nacherzählen. Sie erzählen nicht nur mit Begeisterung und Genauigkeit, sie schaffen es, den Stil des Autors zu erfassen. Es ist nicht ratsam, sie mit Korrekturen zu ärgern. Sie beginnen vielleicht mit einer endlosen Reihe von «unds», aber schon kurz danach lassen sie diese weg und der Stil und der Aufbau ihrer Nacherzählungen wird gut genug, um sie in einem Buch veröffentlichen könnte. Diese Lektion der Nacherzählung sollte nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen als eine Viertelstunde.
Das Buch muss immer zutiefst interessant sein. Wenn die Nacherzählung beendet ist, sollte eine kleine Diskussion angeleitet werden, in der auch moralische Punkte angesprochen, veranschaulichende Bilder gezeigt oder Diagramme auf der Tafel gezeichnet werden. Sobald die Kinder fähig sind, mit Leichtigkeit und Geläufigkeit zu lesen, können sie ihre eigene Lektion lesen, entweder laut oder leise, aber immer mit der Absicht, sie danach zu erzählen. Wo es nötig ist, schwierigere Textpassagen auszuwählen, wie zum Beispiel im Alten Testament oder in «Plutarch’s Lives»(5), ist es besser, wenn die Lehrperson vorliest, was nacherzählt werden muss.
* Charlotte Mason bezieht sich hier auf 8 – 9jährige Kinder.
(1) The World at home, or pictures and scenes from far off lands, Mary Kirby Gregg, 1869 https://archive.org/details/worldathomeorpi00greggoog/page/n8
(2) John Bunyan, The Pilgrim’s Progress, 1678
(3) Nathaniel Hawthorne, Tanglewood Tales, 1853, erschien auf Deutsch 1870 mit dem Titel „Ein Wunderbuch für Knaben und Mädchen: Heroensagen des griechischen Altertums in modernem Gewande“
(4) Annie Keary, The heroes of Asgard : tales from Scandinavian mythology , 1871
(5) Plutarch (45-125) war ein antiker, griechischer Schriftsteller. Er verfasste zahlreiche biographische und philosophische Schriften. Sein bekanntestes Werk, die Parallelbiographien, stellt jeweils die Lebensbeschreibung eines Griechen und eines Römers vergleichend einander gegenüber.