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Asiatischer Löwe
Panthera leo persica
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Falte am Bauch, Haare an den Ellbogen
Für die meisten von uns ist der Löwe (Panthera leo) ein Charaktertier der afrikanischen Savanne. Das stimmt zwar, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Wildlebende Löwen gibt es nämlich auch rund 2500 Kilometer von Afrika entfernt in Indien: Im Gir-Wald auf der Kathiawar-Halbinsel, nördlich von Bombay an Indiens Westküste gelegen, lebt die letzte kleine Population des Asiatischen Löwen (Panthera leo persica), welcher einst über weite Bereiche des südlichen Asiens verbreitet gewesen war.
Der Asiatische Löwe sieht den in Afrika heimischen Löwen (welche gewöhnlich in sieben bis neun Unterarten gegliedert werden) überaus ähnlich, und er ist in der Tat recht nah mit diesen verwandt. Molekularbiologische Untersuchungen des Erbguts (DNS) der beiden Löwenformen weisen darauf hin, dass sich die asiatischen Löwen erst vor 50 000 bis 100 000 Jahren von den afrikanischen Löwen getrennt und in separater Richtung weiterentwickelt haben. Die genetischen Unterschiede sind somit nicht grösser als zwischen verschiedenen Menschenrassen. Deshalb lassen sich Löwen aus Asien in Menschenobhut auch problemlos mit Löwen aus Afrika kreuzen.
Anhand von ein paar Körpermerkmalen lassen sich die Asiatischen Löwen im allgemeinen aber doch von ihren afrikanischen Vettern unterscheiden: Am auffälligsten ist wohl die Hautfalte, die sich bei allen Asiatischen Löwen der Bauchmitte entlang zieht, während sie bei den Afrikanern nur in seltenen Fällen auftritt. Bei den Asiaten sind ferner die Ellbogen stärker behaart als bei den Afrikanern, hingegen haben die asiatischen Männchen nicht so volle Kopfmähnen wie die afrikanischen, so dass die Ohren stets sichtbar sind, während sie bei den Afrikanern oft vollständig verdeckt sind. Im übrigen sind die Asiatischen Löwen im Durchschnitt etwas kleiner als ihre afrikanischen Verwandten: Erwachsene Männchen wiegen 160 bis 190 Kilogramm, erwachsene Weibchen 110 bis 120 Kilogramm - gegenüber maximal 250 bzw. 180 Kilogramm bei den Afrikanern. Die Rekordlänge, welche jemals gemessen wurde, beträgt bei den Asiatischen Löwen 292 Zentimeter, bei den afrikanischen hingegen 351 Zentimeter.
Gir-Forest: das allerletzte Rückzugsgebiet
Früher war der Asiatische Löwe von Südosteuropa über den gesamten Nahen und Mittleren Osten bis nach Indien verbreitet gewesen. Auf der Balkanhalbinsel verschwand die Grosskatze bereits im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Östlich des Bosporus überlebte sie hingegen gebietsweise bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.
Dann jedoch liess die immer umfassendere Landnahme durch die anwachsende menschliche Bevölkerung nebst der allgemeinen Verfügbarkeit weitreichender Schusswaffen die Löwenbestände rasch zusammenschrumpfen. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass der Löwe von alters her eine starke Ausstrahlung auf den Menschen hatte und darum in dessen Kultur und Mythologie als Symbol von Stärke eine grosse Rolle spielte. In der Türkei wurde der letzte Löwe 1870 abgeschossen, in Syrien um 1895, im Irak 1918. In Pakistan scheint die Art bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerottet worden zu sein. Nur in Indien vermochte sie sich in unsere Zeit hinüberzuretten.
Ursprünglich - und noch bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts - war der Asiatischer Loewe über weite Teile der nördlichen Hälfte Indiens verbreitet gewesen, ostwärts bis zu den Gliedstaaten Bihar und Orissa, südwärts mindestens bis zum Fluss Narmada. Auch hier war er schon früh zum Sinnbild für Macht und Würde geworden. Aus diesem Grund trägt Indien noch heute drei Löwen in seinem Wappen. Trotzdem wurde auch auf dem indischen Subkontinent im letzten Jahrhundert gnadenlos Jagd auf die imposanten Katzen gemacht. Neben den indischen Herrschern taten sich dabei die fremden Kolonialherren unrühmlich hervor: Ein einziger britischer Offizier soll um 1857 mehr als dreihundert Löwen getötet haben. Kein Wunder stand der Asiatische Löwe letztlich, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auch in Indien kurz vor der endgültigen Ausrottung.
Eine einzige kleine Population überlebte glücklicherweise das Massaker, nämlich jene im Gir-Wald im nordwestlichen Bundesstaat Gujarat. Das hatte damit zu tun, dass einer der dortigen Fürsten, der Nawab von Junagadh, in weiser Voraussicht die letzten Löwen in seinem Königreich zu seinem persönlichen Eigentum erklärt hatte. Nur er und seine Jagdgäste durften sie schiessen. Es ist nicht ganz klar, wie gross der Bestand im privaten Jagdrevier des Fürsten um die Jahrhundertwende war. Er selbst sprach von weniger als zwanzig Tieren. Es scheint jedoch, dass er absichtlich «tiefstapelte», um etwaige Trophäenjäger unter den britischen Kolonialherren von Anfang an zu entmutigen. Die wirkliche Bestandsgrösse dürfte seinerzeit bei rund einhundert Tieren gelegen haben.
Um die Jahrhundertwende hatte sich der Gir-Urwald noch über eine Fläche von rund 2600 Quadratkilometern erstreckt. Inzwischen ist er zwar durch Abholzung auf etwa die Hälfte hiervon geschrumpft, doch bildet er noch immer das weitaus grösste Stücke natürlicher oder zumindest naturnaher Vegetation in diesem Bereich Indiens. 259 Quadratkilometer umfasst der Gir-Nationalpark im Zentrum dieses Waldgebiets. Umgeben wird er vom 1153 Quadratkilometer messenden, also fast fünfmal so grossen Gir-Wildreservat als Pufferzone. Hügeliges Gelände mit offenem Buschland sowie trockenen Teak- und Akazienwäldern bestimmen das Landschaftsbild. Und obschon die regenbringenden Monsunwinde in manchen Jahren am Gir-Wald vorbeiziehen, führen einige Flüsse immer Wasser. Sie sind die Lebensgrundlage für einen recht vielgestaltigen Tierbestand mit 30 Grosssäuger- und rund 300 Brutvogelarten - nebst heute 280 bis 300 Löwen.
Töchter bleiben, Söhne wandern ab
Die Lebensweise der Asiatischen Löwen im Gir-Wald ist derjenigen der afrikanischen Löwen recht ähnlich, zeigt aber ein paar interessante Unterschiede. Wie ihre Vettern in Afrika leben die Gir-Löwen in Rudeln. Diese sind jedoch in der Regel kleiner und bestehen vielfach aus lediglich zwei oder drei erwachsenen Weibchen und deren Jungen, während man in den afrikanischen Schutzgebieten gewöhnlich Rudel aus vier bis sechs Weibchen mit ihrem Nachwuchs antrifft. Wie in Afrika tun sich die männlichen Gir-Löwen häufig zu zweit, dritt oder viert in «Banden» zusammen, um gemeinsam ein Territorium zu besetzen, in welchem sich eine oder mehrere Weibchengruppen umherbewegen und aus dem sie jedes fremde Männchen unnachgiebig verjagen. Diese Männchenbanden schliessen sich jedoch den Weibchengruppen nicht ständig an, wie dies in Afrika der Fall ist, sondern tun dies im allgemeinen nur hie und da zum Zweck der Fortpflanzung.
Die Gir-Löwen pflanzen sich zu jeder Jahreszeit fort. Die Tragzeit dauert rund dreieinhalb Monate, und je Wurf bringt das Löwenweibchen zumeist zwei bis vier Junge zur Welt. Sie werden während sechs bis sieben Monaten gesäugt, doch begleiten sie das Rudel schon mit drei Monaten als «Beutegreifer-Lehrlinge» auf der Jagd. Erst im Alter von zwei Jahren - später als jede andere Katze - sind sie vollwertige Jäger. Geschlechtsreif werden sie im vierten Altersjahr, voll ausgewachsen sind sie mit etwa sechs Jahren. Das Höchstalter liegt für die Weibchen im allgemeinen bei 17 bis 18 Jahren, für die Männchen bei 15 bis 16.
Wie in Afrika bleiben die jungen Löwinnen in aller Regel im Rudel, in dem sie geboren sind, während die Söhne des Rudels ihre Heimat stets verlassen müssen. Im Alter von dreieinhalb Jahren, wenn ihre Mähne zu spriessen beginnt, werden sie von den erwachsenen Löwenmännern verjagt. Sie schliessen sich dann mit anderen Leidensgenossen zu Banden zusammen und streifen weit umher. Im Alter von fünf bis sechs Jahren beginnen diese Junggesellen, sesshafte Männchenbanden anzugreifen - und übernehmen schliesslich, nach manchem erfolglosen Anlauf, ein eigenes Territorium mit den darin lebenden Weibchengruppen.
Wie sein afrikanischer Vetter ist der Asiatische Löwe zur Hauptsache ein Grosswildjäger. Darüberhinaus zeigt er kaum besondere Vorlieben, sondern richtet sich nach der «Verfügbarkeit» der lokalen Wildtiere. So ist heute der Axishirsch (Axis axis)
, das weitaus häufigste Grosswild im Gir-Wald, auch die häufigste Beute der Gir-Löwen: In nahezu der Hälfte der Tötungen sind Axishirsche die Opfer. Daneben erlegen die Gir-Löwen vor allem Indische Sambarhirsche (Cervus unicolor)
, Wildschweine (Sus scrofa)
, Nilgauantilopen (Boselaphus tragocamelus)
, Indische Gazellen (Gazella bennettii)
, Vierhornantilopen (Tetracerus quadricornis)
- und hin und wieder ein Rind oder ein anderes Haustier.
Maldharis respektieren Löwen
Noch vor wenigen Jahrzehnten bildeten die Haustiere der ansässigen Bevölkerung, allen voran Zeburinder und Wasserbüffel, die Hauptbeute der Gir-Löwen. Dies ging auf eine Entscheidung des Fürsten von Junagadh zurück: Er gestattete um 1860 einem nomadischen Hirtenvolk, den Maldharis, seine Haustierherden im Gir-Wald weiden zu lassen. Worauf der Wald alsbald von 20 000 Stück Vieh, während der Trockenzeit sogar von der doppelten bis dreifachen Menge, überschwemmt war. Die Tiere überweideten das Gebiet hoffnungslos, liessen für die natürlichen Beutetiere der Löwen kaum mehr Nahrung übrig, so dass die Wildbestände stark zurückgingen. Zwangsläufig mussten die Löwen auf Haustiere umstellen, die - wie Kotuntersuchungen ergaben - bis zu 75 Prozent der Löwenbeute ausmachten.
Die Forstbehörde von Gujarat liess schliesslich, zu Beginn der siebziger Jahre, um den ganzen Nationalpark eine Mauer bauen, um die Zeburinder und Wasserbüffel daraus fernzuhalten. Gleichzeitig wurde etwa die Hälfte der Maldharis ausgesiedelt und anderenorts sesshaft gemacht. Dadurch sollten zum einen die Vegetation und zum anderen die Wildtierbestände Gelegenheit erhalten, sich wieder zu erholen. Tatsächlich hat sich der Bestand der Axishirsche inzwischen mehr als vervierfacht und zählt heute rund 38 000 Individuen.
Bemerkenswerterweise nahmen es die Maldharis den Löwen nie übel, wenn diese eines ihrer Rinder oder einen ihrer Büffel schlugen. «Wenn wir unsere Tiere schon im Revier der Löwen weiden lassen dürfen, müssen wir ihnen auch unseren Tribut zahlen», war und ist ihre löbliche Ansicht. Inzwischen ist der Verlust für die Menschen auch nicht mehr so gross wie früher. Für die drei bis fünf Rinder, die jede Familie im Jahr durchschnittlich verliert, zahlt der Staat mittlerweile eine Entschädigung.
Leider gab und gibt es im Gir-Wald mitunter auch Übergriffe von Löwen auf Menschen, insbesondere wenn Hirten trotz der ihnen zustehenden Entschädigung versuchen, die Löwen von ihrer Beute zu verjagen, um Fell und Fleisch an sich zu nehmen. Meistens geht das zwar gut, aber gelegentlich werden bei solchen Gelegenheiten auch Menschen verletzt oder sogar getötet. Selbst dies tragen die Maldharis jedoch mit Gelassenheit.
Es sind also fast paradiesische Zustände, die heute für die Löwen im Gir-Wald herrschen. Nicht nur haben sie kaum etwas von der ansässigen Bevölkerung zu befürchten; auch die Regierung kümmert sich vorbildlich um die grossen Katzen. Der Nationalparkverwaltung stehen genug Geld und Ausrüstung sowie rund fünfhundert Mann Personal zur Verfügung. Ein Informationszentrum erläutert im übrigen den vorwiegend indischen Besuchern - häufig auch Schulklassen und Studentengruppen - in Wort und Bild die Bedeutung des Nationalparks.
Riskantes Inseldasein
Dennoch ist der längerfristige Fortbestand der Asiatischen Löwen keineswegs gesichert. Die grösste Gefahr für die letzten Überlebenden der Rasse bildet heute ihr inselartiges Vorkommen im Gir-Wald. Eine einzige Krankheit könnte den ganzen Bestand innerhalb kurzer Zeit dahinraffen. Dass die Gefahr der Einschleppung einer Krankheit nicht unterschätzt werden darf, geht daraus hervor, dass sich ständig eine grosse Zahl von Menschen im Gir-Wald aufhält. Neben den rund 7500 Maldharis, die innerhalb des Schutzgebiets leben, handelt es sich um Reisende, die sich auf den fünf den Gir-Wald durchquerenden Hauptstrassen fortbewegen, ferner Pilger, welche die vier grossen Tempel im Reservat besuchen, und nicht zuletzt um Leute, die in der Nachbarschaft des Reservats leben und sich im Randbereich desselben Feuerholz und andere Waldgüter beschaffen.
Da das Waldgebiet rundherum von Kulturland umgeben ist, haben die Löwen keine Möglichkeit mehr, sich auszubreiten. Und da alle Reviere im Wald besetzt sind, vermögen sie auch ihren Bestand nicht weiter anzuheben. Es ist die verfügbare Fläche, welche heute den Bestand der letzten Asiatischen Löwen begrenzt, nicht etwa der jagende Mensch oder ein mangelhaftes Beutetierangebot.
Leider schlug ein Versuch fehl, Asiatische Löwen aus Zoobeständen in einem Schutzgebiet des indischen Bundesstaats Uttar Pranesh in Nordindien anzusiedeln. Zwar vermehrten sich die Grosskatzen zunächst. Doch weil sie auch dort gelegentlich Haustiere rissen, wurden sie nach und nach von den ansässigen Dorfbewohnern vergiftet. Die Grosszügigkeit der Maldharis ist leider nicht allen Indern eigen.
Geplant ist nun die Wiederansiedlung Asiatischer Löwen in Gebieten zweier anderer Bundesstaaten. Bislang fehlt allerdings noch die Genehmigung von der indischen Zentralregierung in Delhi. Weiterhin müssen deshalb die letzten Asiatischen Löwen in ihrem beschränkten Rückzugsgebiet im Gir-Wald gemäss der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «vom Aussterben bedroht» betrachtet werden.
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