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Paris, um 1800, Stil Directoire
H: 51.5 cm x B: 38 cm x T: 13 cm
Uhrmacher: Terriens à Paris
Pariser Werk, Gangdauer von acht Tagen, Stunden und
½-Stundenschlag auf Glocke, Ankerhemmung, Pendel an einem Seidenfaden.
Das prächtige Gehäuse dieser sehr feinen Directoire (ca.1795-1799) Pendule ist feuervergoldet und hat einen rechteckigen, patinierten Bronzesockel. Er hat konkave Oberseiten und auf ihm steht ein Wagen, dessen Räder mit ausgeschnitten Speichen und Innenrosetten versehen sind. Auf dem Wagen sitzt die Figur eines amerikanischen Jägers mit weissen Emailaugen, einem gefiederten Kopfschmuck und einen dazu passenden Federrock. Seine Ohren sind geschmückt mit roten Ohrringen und er trägt vergoldete Armbänder. Er sitzt mit gegrätschten Beinen auf einem mit einer Löwenmaske versehenen Sockel, blickt nach links und hat einen toten Adler zu seinem linken Fuss und bei seinem rechten Fuss sitzt ein geflügeltes Fabeltier mit dem Kopf und den Klauen eines Löwens, einem gegabelten Schlangenschwanz und Flügeln, während er die Zügel des Wagens in seinem Maul hält. Das Tier erinnert stark an einen Drachen.
Der patinierte Bronzesockel ist reich verziert. Die vergoldeten Bronzebeschläge zeigen verschiedene Szenerien: Einmal die Jagd mit Pfeil und Bogen auf Vögel, das Bestellen und Ernten der Felder und das Fischen mit einer Angel. Auch die Landschaft ist geprägt von Palmen, Wasserfällen und einem kleinen steinernen Häuschen mitsamt Wachhund. Die dargestellten kleineren Personen erinnern an Putti in Federröcken.
Der Sockel selbst steht auf einem weiteren rechteckigen Sockel mit vier gedrehten Füssen. Es soll den Alltag der indigenen Ureinwohner darstellen.
Wenn man sich mit Antiquitäten befasst, ist es unabdingbar sich in ihre Entstehungszeit zu versetzen: Welche Literatur wurde in dieser Zeit gelesen? Wie war der Modetrend? Was für eine Regierung herrschte? Wie war die Gesellschaft aufgestellt? Was bewegte die Menschen? Was passierte davor?
Im 18 Jahrhundert, in welchem die Idee für eine solche Pendule reifte, stehen die Aufklärung und die Bewunderung für das Exotische im Vordergrund. Romane und Bücher wie Jonathan Swifts «Gullivers Reisen» (1726), Daniel Defoes «Robinson Crusoe» (1719), der Roman «Paul und Virginie» von Bernardin de Saint-Pierre (1787) und die Novelle «Atala» von François René Vicomte de Chateaubriand (1801) waren weltbekannte Bestseller und sehr beliebt.
Doch erst die Schriften von Rousseau, wie «Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen» (1754) beflügelten die Gedanken und Fantasien von Philosophen, Forschern, Künstlern, aber auch von Weltreisenden, Königshäusern und Daheimgebliebenen. Rousseau schildert darin das Idealbild eines «homme naturel»: Es zeichnet ihn aus, dass er kein Gut oder Böse kennt, eine selbstgenügsame Existenz führt, freie Sexualität lebt und eine ursprüngliche Freiheit geniesst. Dieses Konzept des «Edlen Wilden» beruht aber nicht auf Beobachtungen oder gar Wissenschaft, sondern auf einer europäischen Sehnsucht: Frei sein von Sitten und Normen, die durch Religion und Gesellschaft hervorgebracht wurden. Dem gegenüber stand das Zivilisationsgeschöpf, dass sich durch den Fortschritt veränderte und Sklave seiner stets steigenden Bedürfnissen wurde.
Doch die Idee des Edlen Wilden hat eine längere Tradition. Schon der französische Dominikaner und Botaniker Jean-Baptiste Du Tertre (1610-1687) beschrieb die Einwohner der Antillen mit den Attributen: «Wohlgestalt, natürliche Unschuld, Besitz- und Bedürfnislosigkeit, sowie Sorglosigkeit.» Sie verkörperten für ihn das faszinierende Idealbild des unberührt lebenden Naturmenschen.
Doch die Imagination wurde vor allem durch den Briten James Cook (1728-1779) und den Franzosen Louis-Antoine de Bougainville (1729-1811) befeuert: Von ihren Entdeckungsfahrten nach Tahiti und der Weltumsegelung, brachten sie zwei Südseeinsulaner, Aotourous und Omai, nach Europa. Beide sorgten in London wie als auch in Paris für Aufsehen und wurden der Aristokratie vorgeführt. Das Volk las über sie in der Zeitung und konnte sie bestaunen. Die Gelehrten nahmen sich ihrer an und begutachteten sie. Omai ging in seiner Rolle als Edler Wilde so gut auf, dass er sogar mit König Georg III (1738-1820) speisen durfte und John Montagu, der vierte Earl of Sandwich (1718-1792), zu einem seiner Gönner wurde.
Für die Europäer bliebt er aber immer der Wilde, egal wie sehr er sich anstrengte. Sie agierten immer in ihrem eigenen Werthorizont. Ihre Zivilisation gab ihnen ihre Wahrnehmung, Urteile, Verhalten, Sitten und Normen vor. Omai wurde rumgereicht, um einen Eindruck über das verklärte Leben eines Südseeinsulaners zu vermitteln. Sie waren nicht daran interessiert, etwas anderes in ihm zu sehen.
Beide Insulaner wurden nach einer gewissen Zeit in ihre Heimat zurückgebracht, da sie ihren Gönnern zu teuer wurden. Diese mussten für alles aufkommen, was sie benötigten: Kleidung, Essen, Unterkunft und auch Reisen. Omai wusste schnell, wie er sich in der Aristokratie zu bewegen hatte und wurde immer anspruchsvoller. Er begann seine Reise als Besitzloser, wurde zum Darling des Königs und kehrte nach zwei Jahren mit vielen Geschenken, aber als Fremder nach Huahine, eine Insel in Französisch-Polynesien, zurück.
Das dieses Konstrukt des Edlen Wilden auch in den Künsten seinen Niederschlag fand, ist nicht verwunderlich. Der Wilde war gut und unschuldig, ein solches Geschöpf konnte in der europäischen Geistesgeschichte nur schön sein. Die Darstellung eines Edlen Wilden unterschied sich lediglich am gekrausten Haar, den eventuell volleren Lippen, der dunklen Haut und der hellen weissen Augen, vom Aussehen eines Europäers. Diese Darstellung wiederum folgte ganz dem Ideal der antiken Skulptur.
Schon einzelne Attribute wie Federkronen, Perlenketten, Ohrringe, Armreifen oder Sandalen reichen aus, um die Figur als exotisch zu klassifizieren. Dazu wurden sie nach den Regeln der antiken Bildhauerkunst – Kontrapost, leichte Schrittstellung, harmonische Proportionen – dargestellt und so lassen sich die Schönheit ihrer muskulösen Körper und ihrer eleganten Haltung besonders klar hervorheben.
Es wurde damit begonnen die vier Kontinenten Amerika, Afrika, Asien und Europa zu personifizieren: Die afrikanische Jägerin zeigt Schildkröte und Panther, die von altersher den afrikanischen Erdteil symbolisieren. Die amerikanische Jägerin erhält hingegen den Alligator als Attribut, das für Südamerika steht. Die Darstellungen dieser erschienen zunächst als Kupferstiche oder Gemälde, inspirierten aber im Laufe der Zeit auch andere Zweige des Kunsthandwerks, wie etwa Porzellan, Silber und eben Uhrengehäuse.
Unsere Pendule stellt Amerika durch einen gutaussehenden einheimischen Jäger dar. Dieser hat gerade einen Adler erlegt und ist Herr über ein mystisches Wesen, das seinen Wagen zieht. Auf dem Sockel wird eine idealisierte Landschaft gezeigt, in der es sich wunderbar leben, jagen und fischen lässt. Eine allegorische Darstellung der Entdeckung einer Neuen Welt, eines verlorenen Paradieses: Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts verlangte so sehr nach ihr. Die Pendulen «Au Bon Sauvage» manifestieren die Sehnsucht einer bis anhin europazentrierten Gesellschaft, die nun Zugang bekommen hat zu fernen und fremden Welten, die so anders zu sein scheinen, als was sie bis anhin kannten. Die Suche nach dem verlorenen Paradies lies sie über ihren gewohnten Horizont blicken. Ihre Welt war im Umbruch begriffen und die geschichtlichen Ereignisse des 18 Jahrhunderts sprechen Bände davon.