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Meinen Oscar habe ich auf sicher. Meine Tochter hat ihn mir verliehen, als sie von einem USA-Aufenthalt nach Hause zurückkehrte. Den Oscar habe ich bekommen als „WORLD’S GREATEST FATHER“ (Bild). Wenn in Los Angeles heute Nacht die Academy Awards verliehen werden, verfolgen rund eine Milliarde Zuschauer weltweit die glamouröse Show vor dem Fernseher. Der Oscar steht für den legendären American Dream (den amerikanischen Traum), der besagt, dass jeder Mensch durch harte Arbeit sich grosse Verdienste erwerben kann. Aus dieser Perspektive betrachtet, hat wohl jede Mutter und jeder Vater einen Oscar redlich verdient, spätestens dann, wenn die Kinder die Volljährigkeit erreichen.
Der Oscar ist die weltweit ehrlichste Auszeichnung. In seinem Buch „All About Oscar“ definiert der Historiker Emanuel Levy den Oscar als eine Auszeichnung, die nur jenen Erfolgreichen zusteht, die dank Talent und Fleiss erfolgreich waren. Dies hat wohl vor allem damit zu tun, dass die Geschichte der Oscar-Verleihung in ihren Anfängen von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa geschrieben wurde. Sie waren die Gründerväter der Hollywood-Studios in Los Angeles. Bis heute ist deren Ethos von „hard work“ eines der wichtigsten Kriterien für die Verleihung eines Oscars. Nicht weniger als 8300 Mitglieder zählt die Oscar-Academy, darunter auch viele Frauen, Schwarze und Latinos. Sie küren den besten Film nach einem Präferenzensystem, das keinen Raum offen lässt für Schummeleien und für Vetternwirtschaft. Was zählt, ist nicht das Geld, sondern die Qualität. Oscar-Awards stehen für Werte wie Gleichheit, Wettbewerb und Demokratie.
Die Oscar-Verleihung folgt dem Motto „Talent is King“. Dafür sorgen Juroren wie der Schweizer Filmregisseur und Drehbuchautor Markus Imhoof, der ebenfalls Mitglied der Oscar-Academy ist. Mit seinen gesellschaftskritischen Filmen „Das Boot ist voll“, „Die Reise“ oder „More than Honey“ hatte er wohl auch Hollywood auf sich aufmerksam gemacht. Er ist nicht der einzige Emporkömmling, der es in die Oscar-Academy geschafft hat. Wohl kaum ein anderer hat den American Dream so eindrücklich gelebt wie der Italo-Amerikaner Sylvester Stallone. Mittellos und in armen Verhältnissen war er in einem New Yorker Quartier aufgewachsen. Sein selbstgeschriebenes Drehbuch „Rocky“ gewann trotz potenter Konkurrenz den Oscar als bester Film.
Auf dem Tableau der „besten Filme“ figurieren deshalb eher alternative Geschichten. So hat es sogar dem Erstling der erst 34-jährigen Greta Gerwig zur Nominierung gereicht. Ihr Coming-Age-Drama „Lady Bird“ ist für nicht weniger als fünf Oscars nominiert. Auch die Nominierung des schwulen Liebesfilms „Call Me by Your Name“ des Italieners Luca Guadagnino zeugt davon, dass die Oscar-Academy keine Tabus kennt. Und der satirische Horrorfilm „Get Out“ über den Rassismus von weissen Liberalen ist trotz des politisch heiklen Themas für vier Oscars nominiert. Das Rennen machen wird wohl „The Shape of Water“ von Guillermo del Toro. Falls der Fantasystreifen (deutsch: Das Flüstern des Wassers) tatsächlich der Abräumer als bester Film mit der besten Regie sein sollte, dürften wir ein Comeback des Fantasy-Genres feiern. Eine stumme Reinigungskraft in einem Labor verliebt sich in eine dort gefangen gehaltene amphibische Kreatur. Wer denkt da nicht an E.T., den Extra Terrestrial, den Ausserirdischen, der Anfang der Achtzigerjahre das Kinopublikum verzauberte?
Auch die 90. Oscar-Verleihung wird eine Demonstration sein, und zwar dafür, dass jede und jeder durch Talent, Fleiss und harte Arbeit zu Erfolg kommen kann. Wer heutzutage im Sport eine überdurchschnittliche Leistung erbringt, der wird von den Medien und von grossen Teilen der Gesellschaft hofiert und honoriert. Für Kulturschaffende bleiben oftmals nur die Brosamen übrig, die vom reich gedeckten Tisch der Sport-Stars fallen. Auch aus diesem Grund sollte man sich über Ehrungen und Auszeichnungen im Kulturbereich freuen.
Die Oscar-Verleihung ist in diesem Sinne eine Ausnahmeerscheinung. Eine breite Öffentlichkeit interessiert sich für die Oscar-Zeremonie und für die Menschen und Geschichten dahinter. Eine Milliarde Zuschauer verfolgen die Oscar-Verleihung am Fernseher. Zum Vergleich: Nur gerade 300 Millionen wollten die Eröffnung der medial aufwändig inszenierten Olympischen Winterspiele sehen.
Text und Foto: Kurt Schnidrig