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Wellen aus harmonischen Klängen wiegten ihn sanft in den Schlaf. Zärtlich und beruhigend führten sie ihn in die Tiefen seines Unterbewusstseins. Leere Dunkelheit wich Farben. Nicht erkennbare
Bilder wechselten sich ab, ohne dass ihr Sinn klar wurde. Sie wandelten sich, lösten sich auf. Neue entstanden. Begleitet von Gefühlen und Erinnerungen. Der Sog wurde intensiver, wuchs und
umhüllte ihn mit trügerischer Sicherheit. Ein bekanntes Geräusch kitzelte an seinem Ohr. Nur sanft, kaum eine Störung. Der Laut nahm an Stärke zu, drang in ihn hinein und begann die Idylle zu
zerstören. Noch schaffte er es, den Eindringling zu ignorieren, wandte sich ab und ließ es geschehen. Das Geräusch schwoll an und seine Beharrlichkeit konnte nicht mehr unbeachtet bleiben. Worte,
die nicht ausgesprochen wurden, eine Stimme, die nicht von außen kam, machte auf sich aufmerksam. Es war keine Bitte, es war eine Warnung. Und die ließ ihn hochschrecken.
Cassians Puls jagte in die Höhe, winzige Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Sein Sessel passte sich der jetzt aufgerichteten Sitzposition an und die Lichter im Cockpit wurden zwei Stufen
heller. Das warnende Geräusch verschwand. Hinter ihm öffnete sich die Schleuse und seine Partnerin schwebte hinein. Langsam flog sie durch den Raum zu ihm, ausgelöst von einem leichten Rückstoß
ihrer Hand an der Tür und einer sanften Berührung der Decke. Bei ihm angekommen, hielt sie sich an der Lehne des Sessels neben ihm fest und neigte sich zu ihm. Eine einzelne Strähne ihres zu
einem Knoten zusammengebundenen dunklen Haares befreite sich und kitzelte ihn am Hals. Ein kurzes Lächeln huschte über sein strenges Gesicht.
»Warum der Alarm?«, fragte Ava ihn, manövrierte sich geschickt in ihren Sessel und aktivierte die Sicherheitsgurte. Die Haarsträhne versuchte noch immer vergebens, zu entfliehen. Sie ließ sich dadurch nicht stören.
»Ich bin kurz eingenickt«, gab Cassian zu. »K.E.I. hat zum Glück rechtzeitig den Tarnmodus aktiviert und einen Kurs für die Umlaufbahn berechnet. Deshalb der Alarm.« Er zeigte mit ausgestrecktem
Arm auf den linken oberen Ausschnitt des Cockpitfensters.
»Was?« Ava reckte ihren schlanken Hals, um mehr sehen zu können. »Klär mich auf. Was hab ich verpasst?«
»Definitiv eine Spur von intelligenten Lebewesen. Dies ist der einzige Planet in diesem Sonnensystem, der Leben trägt. Die etlichen Monde der gasförmigen Planeten zeigen keinen Hinweis auf Leben. Die Bedingungen sind auch nicht optimal. Unsere Berechnungen waren also richtig, der drittnächste Planet zur Sonne hat die perfekten Voraussetzungen. Sein Trabant ist nicht bewohnt, ich konnte aber Anzeichen ausmachen, die darauf hinweisen, dass es Raumfahrt gibt. Es sieht jedoch nicht so aus, als wären sie weiter als bis dort gekommen.«
Ava runzelte die Stirn und blickte zu ihrem Partner. »Der Planet ist also von intelligenten Lebewesen bevölkert, die technisch immerhin so hoch entwickelt sind, dass sie es bis zu ihrem Trabanten geschafft haben. Du weißt, was das heißt?«
Cassian nickte und kratzte sich am Kinn. »Ja, zum Glück hat K.E.I. das richtig erkannt. Stell dir vor, wir wären ohne Tarnung so nah herangeflogen. Was mich irritiert ist jedoch das da.« Er wies
mit einer leichten Kopfbewegung erneut zum Cockpitfenster. »Das, was du dort siehst. Ein Satellit.«
»Richtig«, meinte Ava. »Konntest du etwas empfangen?«
»Nein und das ist das Seltsame. Ihr Orbit ist voll damit und keiner sendet oder empfängt. Alles still. Und … sieh mal hier.« Er vergrößerte einen Ausschnitt.
Ava riss die Augen auf. »Was ist da passiert? Da fliegen ja lauter Einzelteile herum.«
»Die reinste Müllhalde«, kommentierte Cassian den Anblick.
»Herrscht dort Krieg?«, fragte Ava besorgt und ein Schatten huschte über ihr harmonisches Gesicht.
»Um das zu beurteilen, müssten wir näher ran«, meinte er. »Ich schlage vor, wir beobachten den Planeten aus einem sicheren Orbit. K.E.I. soll einen Kurs berechnen, bei dem wir von keinem dieser Metallteile getroffen werden.«
»Soll ich schon mal das Hauptschiff kontaktieren und informieren?«
»Nein, warte noch kurz. Womöglich wissen wir schon bald mehr. Sollte dort unten ein Krieg im Gange sein, hat sich eine Landung erledigt. Und wenn er vorbei ist, müssen wir zuerst die Gefahren einer Verseuchung abklären.«
Ava nickte und blieb sitzen. Sie spürte innere Anspannung aufsteigen.
Der Raumgleiter näherte sich dem Planeten und bot den beiden Bilder, die sie zum Staunen brachten.
»Dieser Planet ist unfassbar schön«, schwärmte Ava. »Riesige Ozeane, grüne Landflächen. Ohne es näher untersucht zu haben, kann man wohl sagen, dies ist seit einer Ewigkeit, das Beste, was wir zu Gesicht bekommen haben. Doch sieh nur mal, es hat den Anschein, als wären viele Küsten überflutet worden. Ich kann nirgends in Meeresnähe Städte ausmachen. Außerdem gibt es ganze Kontinente, die unbewohnt aussehen.«
Avas silberblaue Augen blitzen auf. Sie warf ihrem Partner einen flüchtigen Blick zu und betrachtete dann wieder fasziniert die blau leuchtende Kugel.
Cassian ließ sich ebenfalls in den Bann des Planeten ziehen. »Ich muss mir das aus einem tieferen Orbit anschauen. Lass uns in die Nachtzone fliegen, dann sehen wir, ob es dort energetische
Aktivitäten gibt.«
Bevor seine Partnerin ihm zustimmen oder ablehnen konnte, übernahm er die manuelle Steuerung, und der Raumgleiter flog näher an den Planeten heran und tauchte in dessen Nacht ein.
»Und ob da was lebt«, rief Ava staunend. »Auf diesem Kontinent sind mehrere große Städte zu sehen. Die Abgrenzung der Lichter zum dunklen Gebiet ist erstaunlich scharf. Es macht den Eindruck, als hätten sie ihr bewohnbares Land abgegrenzt. Ob außerhalb jemand lebt, können wir so nicht sehen. Falls ja, können es nur winzige Siedlungen sein, womöglich ohne elektrischen Strom. Denkst du, dass es hier zu einer Katastrophe gekommen ist? Krieg, Naturkatastrophen, klimatische Veränderungen? Die Bewohner sind vermutlich aus Sicherheitsgründen so nahe zusammengerückt. Die Lichter in der Stadt sind beeindruckend, die müssen dort unten trotz allem über eine ausgeklügelte Energieversorgung verfügen.«
Cassian flog etwas tiefer. Seine Kiefermuskeln zuckten und seine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. »Ich würde das zu gerne herausfinden. Bist du einverstanden, wenn wir das Hauptschiff
kontaktieren und sie über …«
In diesem Moment erschütterte ein heftiges Ruckeln den Raumgleiter. Alarmtöne erklangen und füllten den Raum.
Die beiden Piloten starrten besorgt auf die Monitore. »Was ist da passiert, Ava?« Cassians Augen weiteten sich, als er flüchtig zu seiner Partnerin hinüberblickte.
»K.E.I. meldet einen Triebwerkschaden. Der Auslöser war möglicherweise die Kollision mit einem Bruchstück eines dieser Satelliten. Sie empfiehlt die schnellstmögliche Notlandung«, rief Ava hektisch, und ihre Finger krallten sich in die Armlehnen.
»In Ordnung«, meinte Cassian und sog scharf die Luft ein. »Ich suche nach einer geeigneten Stelle. Zum Glück befinden wir uns in der Nachtzone. Sollte uns der Tarnmodus im Stich lassen, sind wir wenigstens nicht allzu gut erkennbar. Ich schlage vor, wir landen etwas außerhalb dieser Stadt da vorne.
Ich kann in der angrenzenden Ebene keine Lichter ausmachen. Und nicht unweit davon ist ein hohes Gebirge. Wenn wir Glück haben, gibt es dort einen Fluss. Dann hoffen wir mal, dass uns die
Atmosphäre gut gesonnen ist, denn ich befürchte, wir kommen nicht so schnell wieder hier weg. K.E.I. soll das Hauptschiff informieren.« Ein erneutes Ruckeln schüttelte sie durch. Ava blickte
ihren Partner mit vor Angst geweiteten Augen an.
Mit einer zitternden Hand fuhr sie über ihren Bauch.
Prolog DER KREATOR
@ 2022 Y. M. Aküzüm