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Das 19. Jahrhundert und die Romantik
Was ist der Töne Licht? Jedenfalls kein Phänomen, das sich mit der Vernunft begreifen liesse, und doch, ja vielleicht gerade deswegen, ein zutiefst romantischer Topos. Die Dichter der ersten romantischen Generation versuchten, die überkommenen Grenzen zwischen Mensch und Natur, Geist und Seele, Vernunft und Phantasie zu sprengen. Friedrich Schlegel schrieb: «Die erste Regung der Sittlichkeit ist Opposizion gegen die positive Gesetzlichkeit und konvenzionelle Rechtlichkeit, und eine gränzenlose Reizbarkeit des Gemüths.» Ein Blick auf wesentliche Charakteristika des 19. Jahrhunderts hilft, die Gedichte und ihre Vertonungen vor dem damaligen gesellschaftlichen und historischen Hintergrund zu sehen.
Nach den Erschütterungen der napoleonischen Feldzüge wurde 1814/15 am Wiener Kongress unter der Stabführung Metternichs die Neuordnung Europas in konservativem und restaurativem Sinne geschaffen. In den Ländern des Deutschen Bundes war die damit eingeleitete Epoche geprägt durch Zensur und Verfolgung von Andersdenkenden, gepaart mit Fortschrittsgläubigkeit und Nützlichkeitsdenken. Revolutionen überwanden den Absolutismus, und die Manufaktur wurde von der Massenproduktion durch Kapitalbesitzer und Lohnarbeiter verdrängt. Die neue Klasse des Bürgertums entstand. Nationalbewusstsein und Bürokratisierung förderten imperialistische Expansion und Kolonialismus. Alle diese Umwälzungen veränderten das materielle, soziale und geistige Leben von Grund auf. Der Einzelne fügte sich willig dem Diktat der Obrigkeit, oder er ging, der oben zitierten Aufforderung Friedrich Schlegels folgend, in Opposition. Angesichts der politischen Unterdrückung aller freiheitlichen Regungen in den Ländern des Deutschen Bundes war dies kaum anders möglich als durch die Flucht ins Exil oder durch Hinwendung zur Innerlichkeit mittels einer «gränzenlosen Reizbarkeit des Gemüths». Daraus entstand die geistige und künstlerische Bewegung der Romantik, in der Literatur an vordester Stelle durch Ludwig Uhland, Joseph Freiherr von Eichendorff, Nikolaus Lenau, Friedrich Rückert, Eduard Mörike, Clemens Brentano, Wilhelm Müller um nur diejenigen zu nennen, von denen im Konzert Gedichtvertonungen vorgetragen werden. Die wichtigsten Topoi ihrer Dichtung sind Abenteuer, Wunder, Schauer, Geheimnis, Nacht, ferne Zeiten und Räume wie Mittelalter und Orient, Märchen, Empfindung, Traum, Gemüt, Sinnlichkeit sowie Irrationalität, Unkonventionalität, Antibürgerlichkeit.
Hervorragende Repräsentanten der Epoche, die in der Musikgeschichte als Romantik bezeichnet wird, sind Fanny Hensel Mendelssohn, Felix Mendelssohn Bartholdy, Clara Schumann-Wieck, Robert Schumann und Johannes Brahms. Die vielfältigen Verbindungen und der lebhafte Briefwechsel dieser Persönlichkeiten gaben den Aus-schlag für die Zusammenstellung des Programms unseres Konzertes. Um die Atmosphäre jener Epoche lebendig werden zu lassen, werden den Kompositionen von Fanny Hensel, Felix Mendelssohn, Robert und Clara Schumann sowie Johannes Brahms Auszüge aus Briefen und aus Robert Schumanns «Neuer Zeitschrift für Musik» gegenübergestellt. Im Vordergrund steht dabei die Musik, doch auch die sozialen und freundschaftlichen Aspekte des Alltags werden beleuchtet.
Unter biographischem Gesichtspunkt repräsentieren diese fünf Musikerinnen und Musiker nahezu ein ganzes Jahrhundert. Fanny Hensel wurde die 1805 geboren; Johannes Brahms starb im Jahre 1897. Am Beispiel einiger ausgewählter Werke des Programms soll veranschaulicht werden, wie ihre Musik mit den spezifisch romantischen Mitteln der Komposition eine dichte Wechselwirkung von Ton und Wort erreicht.
Schon das erste Gedicht, «Seid gegrüsst» von Ludwig Uhland, mit dessen Vertonung durch Fanny Hensel das Konzert eröffnet wird, zeigt beispielhaft das unvermittelte Nebeneinander von zwei gegensätzlichen Welten. Die erste der zwei vierzeiligen Strophen spricht von Frühlingswonne und vom Schallen der frohen Saiten. Die zweite aber schlägt jäh in Unsicherheit um («Ahnest du, o Seele») und endet in der Erkenntnis: «Ach, es waren holde Träume!» Diesem Stimmungsumschwung trägt die Komponistin Rechnung, indem sie der zweiten Strophe bis gegen Ende keinen festen tonartlichen Boden gibt und mit verschieden en Vorhaltbildungen und Dissonanzen ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt. Erst die Schlusszeile wendet sich wieder zur gefestigten Tonart des Beginns zurück.
Johannes Brahms' Vertonung des Gedichts «Abend-ständchen» von Clemens Brentano schwebt Dur und Moll und veranschaulicht die Offenheit und Ambivalenz des Textes durch leere Oktav-Quint-Akkorde am Ende mehrerer Zeilen. Die beiden letzten Zeilen des Gedichts heissen «Durch die Nacht, die mich umfangen, blickt zu mir der Töne Licht». Sie können übrigens durchaus als Metapher für die politische Unterdrückung und die Hoffnung auf eine lichtere Zukunft gelesen werden. Bezeichnend sind die kompositorischen Mittel, die Brahms hier verwendet. In d-Moll beginnend und über einen leeren Akkord auf a erreicht die Musik für den rätselhaften, verheissungsvollen romantischen Topos «der Töne Licht» das leuchtende Dur und gelangt über viele Vorhaltbildungen in sehr langen, mit Triolen schwebend gehaltenen Akkorden zum Ende.
Das Gedicht «Schön-Rohtraut» von Eduard Mörike beleuchtet das utopische Potenzial der Romantik und dessen harte Konfrontation mit der Wirklichkeit. Die schöne Königstochter Rohtraut mag nicht spinnen und nähen, sondern möchte fischen und jagen. Für die damalige Zeit eine unerhörte Vorstellung, war doch die strikte Trennung von häuslicher Innenwelt als Domäne der Frau und Aussenwelt des Broterwerbs als männlichem Bereich erst gerade durch das Bürgertum ‹erfunden› worden! Nun gibt es auf dem Königsschloss einen Knaben, der mit Rohtraut jagen geht. Unter einer Eiche fordert sie ihn zum Kusse auf. Der Knabe zögert zuerst, doch dann wagt er es und freut sich darüber: «Und würdst du heute Kaiserin, mich sollt‘s nicht kränken: Ihr tausend Blätter im Walde wisst, ich hab‘ Schön-Rohtrauts Mund geküsst.» In der letzten Zeile jeder der vier Strophen jedoch entpuppt sich die Geschichte als Traum- und Wunschgebilde, das an der Wirklichkeit scheitern muss: «Schweig stille, mein Herz, schweig still!» In Robert Schumanns subtiler Vertonung sind Melodie, Harmonien, Dynamik und Stimmverteilung mit äusserster Präzision dem Text angepasst, und dadurch wird Mörikes vielschichtiges und aussagestarkes Gedicht im Lied zu einem musikalisch-poetischen Kleinod.
Ebenfalls typisch romantisch ist der Griff zum Volkslied und zum Märchenhaften in zwei Liedern von Johannes Brahms («Da unten im Tale» und «Bei nächtlicher Weil»). Um das volkstümliche Element zu unter-streichen, vertont Brahms die Texte rein strophisch, weitgehend homophon und mit verhältnismässig schlichten harmonischen Mitteln. Trotzdem oder gerade deswegen entsteht die denkbar innigste Verbindung von Text und Musik.
Es ist keineswegs Zufall, dass Felix Mendelssohn in diesem Programm durch Vertonungen biblischer und kirchlicher Texte vertreten ist. Der Enkel des Philosophen Moses Mendelssohn war auf der einen Seite zutiefst im romantischen Zeitgeist verwurzelt, blieb auf der andern Seite dem Denken der Aufklärung verbunden und setzte sich intensiv mit der Musik vergangener Epochen auseinander. Robert Schumann schrieb in seinen «Aufzeichnungen über Mendelssohn»: «Von Bach, Gluck, Händel, Mozart, Haydn u. Beethoven sprach er stets mit der tiefsten Verehrung.» Insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs fanden seine Beachtung. In den Psalmvertonungen und Sprüchen, die in unserem Konzert zur Aufführung gelangen, sind kontrapunktische Stimmführung und choralhafte Monophonie innigst mit den spezifisch romantischen Mitteln der Komposition verbunden.
Über die musikalische Romantik im Allgemeinen schreibt Hans Heinrich Eggebrecht, sie sei «weit mehr als eine Epochenerscheinung, ein Vorübergegangenes, für uns Gewesenes. Sie bezeichnet ein Sich-Befinden in der ‹Welt›, aus dem heraus die Kunst und an erster Stelle die Musik eine bestimmte Rolle, eine Lebensfunktion übernahm, deren romantisches Prinzip in immer neuen Ausprägungen und unter ver-schiedenen Namen durch das Jahrhundert hindurch beständig sich erneuerte und - zusammen mit der Erfahrung der ‹miserablen› Wirklichkeit - als romantische Funktion der Musik bis heute währt». Wir hoffen, mit der Musik und den ausgewählten Texten dieses Konzertes «der Töne Licht» spürbar werden zu lassen.
Richard Grand