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22.04.2019 - Maja Petzold
22.04.2019
Maja Petzold
Der Maler und seine Tiere
Dem Maler Antonio Ligabue, in Italien schon zu seinen Lebzeiten als Vertreter von art brut bekannt, widmet das Museum im Lagerhaus Sankt Gallen erstmals eine grosse Ausstellung.
Mehrere verhängnisvolle Schicksalsfäden verknüpfen sich im Leben von Antonio Ligabue. 1899 wird er als Kind einer ledigen Mutter in Zürich geboren und erhält den Namen Anton Costa. Noch als Baby wird er seiner Mutter weggenommen und lebt von nun an in einer Pflegefamilie am Bodensee. Später heiratet seine Mutter Bonfiglio Laccabue aus Gualtieri, Provinz Reggio Emilia. Antonio wird adoptiert und heisst nun Antonio Laccabue – obwohl er weiterhin in der Pflegefamilie in äusserst ärmlichen Verhältnissen lebt.
Autoritratto con mosche (Selbstbildnis mit Fliegen); undatiert (1956–57); Öl auf Holzfaserplatte 32,5 x 25,7cm; © Privatsammlung
In der Schule fällt er auf. Kann er nicht lernen oder verhält er sich nur widerborstig? Seine Schulzeit muss ihm eine ewige Qual gewesen sein. Zeitweise wird er in Heime geschickt, in die „Anstalt für schwachsinnige Kinder“ in Marbach und in einem Heim in Pfäfers. Dort entdeckt man das grosse Zeichentalent des Jungen. Es ist der Einsprache des Heimleiters in Pfäfers zu verdanken, dass Antonio nicht schon als Minderjähriger ausgeschafft wird. Aber eine feste Arbeit, einen Platz, an dem er es aushält, findet er nicht. Schliesslich ist es seine Pflegemutter, die sich in der Gemeinde über ihn beschwert. So wird er im Mai 1919 ausgewiesen nach Italien, in den Heimatort seines Stiefvaters, den er nie wirklich kennengelernt hatte. Seine Mutter und seine Stiefgeschwister waren schon 1913 in der Schweiz an einer Lebensmittelvergiftung gestorben.
Antonio fühlt sich jedoch mit der Heimat seiner Kindheit verbunden, er hat noch Briefkontakt mit seiner Pflegemutter, die offensichtlich ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm hatte. Er versucht illegal in die Schweiz zu gelangen, stellt 1924 einen Einreiseantrag, später bricht der Kontakt zur Pflegemutter ab. In seinen Bildern kann man, wenn man genau hinsieht, Erinnerungen an die Schweiz erkennen.
Ritorno dal lavoro con buoi (Rückkehr vom Feld mit Ochsen); undatiert (1955-56); Öl auf Hartfaserplatte 58x87cm; © Privatsammlung Courtesy Galleria Centro Steccata, Parma
Ein Einzelgänger ist Antonio Ligabue – so nennt er sich von nun an in Italien – ganz gewiss, eigenwillig wohl auch, aber lernfähig, wenn es ihn interessiert. Ganz schnell lernt er viel später bei einem italienischen Maler, dessen Atelier er im Winter gebrauchen darf, mit Farben umzugehen. Das Zeichnen hatte er sich als Kind wohl selbst beigebracht.
„Er liebte die Tiere fast mehr als die Menschen“
Tierzeichnungen sind seine Leidenschaft. Er sammelt Liebig Tierbilder. – Kleine Tierbilder waren wohl damals so beliebt wie Fussballbildchen heute. Auch Tierbücher wie Brehms Tierleben kannte er und die Tierpräparate in den Städtischen Museen von Reggio Emilia. Da liess er sich für seine Tierdarstellungen inspirieren. Der italienische Künstler Arnaldo Bartoli erinnert sich 1976: „Seine ersten Werke erzählten vom Leben eines Zirkus, für den er vielleicht in früheren Zeiten gearbeitet hatte.“
Volpa in fuga (Fliehender Fuchs); undatiert (1948); Öl auf Holzfaserplatte; © Privatsammlung
Auch in Italien führt Ligabue ein unstetes Leben. Er lebt im Wald, am Ufer des Po, leidet Hunger und Kälte, arbeitet als Tagelöhner. Aber er hört nicht auf zu zeichnen und zu malen, er modelliert auch Tiere aus Tonerde. Später kommt er in Kontakt mit der Künstlerszene und findet dort weitere Unterstützung. Aber seine psychische Instabilität verfolgt ihn weiter. Mehrmals wird er für eine Zeitlang in psychiatrische Kliniken eingeliefert, vor allem auch, weil er sich selbst verletzt: Wie in einer Art Ritual schlägt er sich auf die Nase und auf die rechte Schläfe, wo die „schlechten Gedanken“ sitzen. Während des Krieges übersetzt Ligabue manchmal für die deutschen Truppen.
Antonio Ligabue – der italienische Van Gogh
In den 1950er-Jahren befindet sich Ligabue auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Er konzentriert sich auf das Malen grosser Gemälde, die er auch verkaufen kann. 1955 ist ihm eine erste Einzelausstellung gewidmet, die Ausstellung 1961 in der Galleria La Barcaccia in Rom bringt ihm den endgültigen Durchbruch und Anerkennung als Künstler.
Autoritratto con moto, cavalletto e paesaggio (Selbstbildnis mit Motorrad und Staffelei in der Landschaft); undatiert (1953–1954); Öl auf Holzfaserplatte 63,9 x 104cm; Guastalla (Reggio Emilia), © Privatsammlung
Nun entkommt Ligabue dem Leben in Armut – für einen kurzen Moment. Er sammelt leidenschaftlich Motorräder, kauft Autos oder tauscht sie gegen Gemälde. Im November 1962 jedoch erleidet er einen Schlaganfall, und von der Klinik wird er ins Armenhaus in Gualtieri verlegt, wo Antonio Ligabue am 27. Mai 1965 stirbt.
Antonio Ligabue – der Schweizer Van Gogh
In Anlehnung an den Übernamen, den Ligabue in Italien zu Lebzeiten erhielt, betitelt das Museum im Lagerhaus ihn als den Schweizer Van Gogh, um auf die Bildelemente hinzuweisen, die an Ligabues Jugendheimat erinnern, seien es Berge im Hintergrund, Kühe oder Kirchen, die nicht so ganz in eine italienische Landschaft passen wollen. Das Museum stellt auch eine Verbindung zu anderen naiven Künstlern der Ostschweiz her: Zu dem zwanzig Jahre älteren Adolf Dietrich, dem Maler am Bodensee, der wie Ligabue gern Szenen mit Tieren darstellte, zu dem jüngeren Hans Krüsi oder der Künstlerin Hedi Zuber, in deren Biografien Parallelen zu Ligabues Leben zu finden sind.
Giaguaro con gazzella e serpente (Jaguar mit Gazelle und Schlange); undatiert (1948); Öl auf Sperrholz 45 x 71cm; © Privatsammlung
Neben den dramatischen Tierszenen sind Ligabues Selbstportraits besonders ausdrucksstark. Er malt sich in grellen Farben, oft sieht man, dass er sich selbst verletzt hat. Und seine grossen dunklen Augen lassen die Betrachterin nicht los. Wer sich auf diese Portraits einlässt, spürt, welche Härten der Maler durchlebt haben muss.
Die Ausstellung „Antonio Ligabue – der Schweizer Van Gogh“ ist Auftakt einer internationalen Ausstellungstrilogie des Museums, die sich dem „Anderen“ in der Kunst widmet. Die Akzeptanz des „Fremden“ stellt sich angesichts von Ligabues Biografie als ebenso aktuelle wie brisante Frage.
Bis 8. September 2019.
Ligabue an der Staffelei im Hof des Hauses von Andrea Mozzali, Guastalla 1950; Fotografie von William Valli
Zur Ausstellung erscheint bei Skira eine Publikation in Deutsch-Englisch sowie in einer Übersetzung in italienischer Sprache.