Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/143

Anders als die Verschmutzung mit Plastik oder Abgasen ist die Kontamination der Umwelt mit Chemikalien weniger im öffentlichen Bewusstsein. Eine neue Studie aus Alaska trägt nun dazu bei, die besorgniserregend hohen Schadstoffkonzentrationen mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Das Team aus Forschenden und einheimischen Yup’ik von der St. Lawrence Insel im Beringmeer haben im Gewebe verschiedener Robbenarten, Grönlandwalen und Rentieren — Tiere, von denen sich die Yup’ik ernähren — teils extrem hohe Konzentrationen von persistenten organischen Verbindungen (POPs) nachgewiesen, die Tausende Kilometer entfernt ausgestoßen wurden.
Die St. Lawrence Insel liegt weitab von dicht besiedelten Industrieregionen westlich von Alaska und südlich der Beringstraße. Und doch sind die Meeressäuger und Rentiere, die von den Yup’ik gejagt werden, in der Region teils hochgradig mit Schadstoffen belastet, wie die neue Studie des Middlebury College, Vermont, und der Initiative «Alaska Community Action on Toxics» ergab.
Einheimische Jäger spendeten Proben für die Studie, die in der Fachzeitschrift Environmental Science and Pollution Research veröffentlicht wurde. Die Forschenden, zu denen auch Inselbewohner selbst gehörten, fanden in Robben, Grönlandwalen und Rentieren unterschiedlich hohe Konzentrationen von Polybromierten Diphenylethern (PBDE) und Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS).
PBDEs werden in unzähligen Produkten als Flammschutzmittel verwendet. Der Einsatzbereich der PFAS-Verbindungen ist noch größer: Sie sind beispielsweise in wasserdichter und atmungsaktiver Kleidung, in Antihaft-Beschichtungen oder in wasserfester, langanhaltender Kosmetik zu finden. PFAS werden Gesundheitsschäden wie Schilddrüsenerkrankungen, Störungen der Fötus-Entwicklung, neurologische Entwicklungsstörungen sowie Krebs zugeschrieben. Bei PBDEs ist nicht sicher nachgewiesen, dass sie krebserregend sind. Sie können aber ebenfalls Hormonstörungen auslösen sowie die physische und mentale Entwicklung von Kleinkindern beeinträchtigen.
Mittlerweile ist der Einsatz vieler Verbindungen verboten (je nach Staat unterschiedlich). Da sich jedoch Stoffe beider Chemikalienklassen in der Umwelt nicht abbauen, sind auch diejenigen, die bereits vor Jahrzehnten verboten wurden, noch immer in Gewässern, Böden und auch in Tieren nachweisbar. Sie werden daher auch als «ewige Chemikalien» bezeichnet.
Die aktuelle Untersuchung auf der St. Lawrence Insel verdeutlicht, wie die Schadstoffe über Jahrzehnte hinweg bestehen, in die entlegensten Regionen transportiert werden und dort die regionale Bevölkerung belasten.
«Wir werden gegen unseren Willen kontaminiert», sagt Vi Waghiyi gegenüber Alaska Public Media, die aus dem Insel-Dorf Savoonga stammt und Co-Autorin der Studie ist. Trotzdem sollten die Menschen ihre traditionelle Ernährung fortsetzen, sagt Waghiyi weiter, die Programmdirektorin für Umweltgesundheit und -gerechtigkeit bei der Organisation Alaska Community Action on Toxics (ACAT) ist. «Unser Volk ist immer noch der Meinung, dass die Vorteile die Risiken überwiegen. Das ist unsere Identität. Wir sind eng mit unserem Land, den Gewässern und der Tierwelt verbunden, die unser Volk seit jeher ernährt haben.»
Während ein Teil der Studienergebnisse denen früherer Untersuchungen in der Arktis ähneln, machte das Team auch neue Entdeckungen. Offenbar konnten sie erstmals PFAS-Verbindungen im Speck und in den Muskeln von Grönlandwalen nachweisen. Zudem stellten sie fest, Robben von allen untersuchten Arten die höchsten PBDE-Konzentrationen aufwiesen.
Die aktuelle Studie ist die jüngste in einem Forschungsprogramm, das ACAT mit seinen Partnern durchführt. Das Forschungsprogramm zeichne sich dadurch aus, dass es sich auf die Gemeinschaft konzentriere und sich auf die lokale Führung und das lokale Wissen stütze, so Waghiyi, die im vergangenen Jahr in einen Beirat des Weißen Hauses für Umweltgerechtigkeit berufen wurde. «Es ist eines der wenigen, bei dem wir nicht nur Forschungsobjekte sind», sagt sie.
Die Quellen der Schadstoffe auf der St. Lawrence Insel sind laut Sam Byrne, Assistenzprofessor für biologische und globale Gesundheit am Middlebury College, Vermont, und Hauptautor der Studie, sowohl weit entfernt als auch lokal zu finden. Es sei sogar möglich zwischen beiden zu unterscheiden.
Längst geschlossene Militäranlagen und Mülldeponien auf der Insel tragen demnach ebenfalls zur Schadstoffbelastung bei, wie beispielsweise PCBs (Polychlorierte Biphenyle), die nahe dem Northeast Cape gefunden wurden und normalerweise nicht weit transportiert werden. Die Kontamination durch lokale Quellen wird ebenfalls im Rahmen des Forschungsprogramms untersucht, war jedoch nicht Teil dieser Studie.
ACAT sieht allerdings noch weitere Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt: Schmelzendes Meer- und Gletschereis, Auftauen von Permafrostböden und die Verbreitung von Mikroplastik, das zuvor im Eis eingeschlossen war, wie die Waghiyi und Pam Miller, Geschäftsführerin von ACAT und ebenfalls Co-Autorin der Studie, sagen.
«Die Konvergenz von Klima, Chemikalien und Kunststoffen wurde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder den Klimagerechtigkeitsaktivisten noch nicht vollständig erkannt», so Miller.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Byrne, S., Seguinot-Medina, S., Waghiyi, V. et al. PFAS and PBDEs in traditional subsistence foods from Sivuqaq, Alaska. Environ Sci Pollut Res (2022). https://doi.org/10.1007/s11356-022-20757-2