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In einer kürzlich publizierten Studie (Tzogiou et al. 2021) haben wir uns zusammen mit der Universität Luzern mit genau dieser Frage befasst und gezeigt, welche Faktoren und Mechanismen den Ungleichheiten in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen zwischen der Migrationsbevölkerung und Nicht-Migrationsbevölkerung in der Schweiz zugrunde liegen.
Ungleichheiten in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen zwischen der Migrationsbevölkerung und Einheimischen sind in vielen Ländern ein wichtiges Thema, mit potenziell negativen Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlergehen der Bevölkerung. Die Migrationsbevölkerung ist eine massgebliche Komponente der Schweizer Bevölkerung und der Erwerbstätigen. Sie trägt zum Wirtschaftswachstum sowie zum Gesundheitswesen des Landes bei und ist ausserordentlich vielfältig. Gleichzeitig weisen bestimmte Gruppen innerhalb der Migrationsbevölkerung höhere Mortalitäts- und Morbiditätsraten im Vergleich zu der Nicht-Migrationsbevölkerung auf.
Wie wurde diese Forschungsfrage beantwortet?
Unter Verwendung von Daten aus schweizerischen Gesundheitsbefragungen haben wir die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen der Nicht-Migrationsbevölkerung mit derjenigen der Migrationsbevölkerung verglichen. Hierfür wurde die Migrationsbevölkerung anhand zweier Kriterien in vier Gruppen aufgeteilt: 1) Migrationsbevölkerung der ersten und zweiten Generation, 2) Migrationsbevölkerung mit kulturell ähnlichem und abweichendem Hintergrund. Danach haben wir diese beobachteten Unterschiede in die beitragenden Faktoren zerlegt. Hierfür haben wir eine nicht-lineare Dekompositionsmethode angewendet und die Faktoren in demographische, sozioökonomische, Krankenversicherungs- und Gesundheitsstatus-Faktoren kategorisiert.
Welche Ungleichheiten gibt es und welche Faktoren erklären sie?
Die Nicht-Migrationsbevölkerung sucht im Vergleich zu der Migrationsbevölkerung der ersten Generation und der Migrationsbevölkerung mit kulturell abweichendem Hintergrund eher einen Arztbesuch auf. Hingegen ist der Anteil der Personen, die in eine Notaufnahme gehen, bei der Nicht-Migrationsbevölkerung tiefer. Rund 63% bzw. 55% dieser Ungleichheiten bei den Arztbesuchen können durch die beobachteten Unterschiede in den vier Faktoren erklärt werden. Die entscheidenden Faktoren hierbei sind vor allem sozioökonomische Faktoren, insbesondere der Beruf und das Einkommen. Die Ungleichheiten bei der Nutzung von Notaufnahmen sind zu einem kleineren Anteil auf die beobachteten Unterschiede in den vier Faktoren zurückzuführen. Bei Notaufnahmen sind Ungleichheiten eher assoziiert mit Faktoren wie zum Beispiel Kenntnis über das Gesundheitssystem, Präferenzen in der Gesundheitsversorgung aber auch systemische Barrieren oder Diskriminierung.
Systemische Barrieren
Unsere Studie deutet darauf hin, dass im Schweizer Gesundheitssystem Barrieren bestehen könnten, die Gruppen der Migrationsbevölkerung davon abhalten die Primärversorgung zu nutzen, was zu einer höheren Inanspruchnahme von Notfalldiensten führt. Dies wird in ähnlicher Form auch in anderen europäischen Ländern beobachtet. Solche systemischen Barrieren resultieren aus Sprachproblemen, mangelnder Kenntnis des Gesundheitssystems oder Zugangsbeschränkungen.
Sprachprobleme verursachen Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit den Leistungserbringern, beim Zugang zu und dem Verständnis von Gesundheitsinformationen und beeinträchtigen folglich den Gesundheitszustand. Bemerkenswert ist, dass ein Drittel der Migrationsbevölkerung der ersten Generation und mit abweichendem kulturellen Hintergrund zumindest in manchen Fällen nicht in der Lage war dem Arzt oder der Ärztin ihre Anliegen gut verständlich zu erklären, oder die vom Arzt oder der Ärztin erteilten Informationen vollumfänglich zu verstehen. Bei der Migrationsbevölkerung der zweiten Generation oder Migranten mit ähnlichem kulturellen Hintergrund sind diese Anteile deutlich kleiner (10% und 14%).
Mangelnde Kenntnis über das Gesundheitssystem kann auch einen Teil der ungleichen Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen erklären. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Migrationsbevölkerung ihr Krankenversicherungsmodell sowie die Höhe ihrer Franchise nicht kennt, ist im Vergleich zu der Nicht-Migrationsbevölkerung 1,75 bis 2,5 Mal höher (bspw. 41% bei der Migrationsbevölkerung mit kulturell abweichendem Hintergrund). Unsere Studie zeigt, dass die Unkenntnis der Höhe der eigenen Franchise einen erheblichen Teil des Unterschieds in der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen erklärt.
Schliesslich könnten zwei Faktoren auf Zugangsbeschränkungen hindeuten. Erstens haben die meisten Gruppen der Migrationsbevölkerung im Vergleich zur Nicht-Migrationsbevölkerung mit höherer Wahrscheinlichkeit keinen Hausarzt. Da Hausärzte als «Gatekeeper» für die Behandlung bei Spezialisten oder im Krankenhaus fungieren, tragen sie dazu bei, unnötige Besuche in der Notaufnahme zu vermeiden. Zweitens ist der Anteil der Selbstzahlungen bei Gesundheitsleistungen in der Schweiz aussergewöhnlich hoch, obwohl alle Einwohner durch die obligatorische Krankenversicherung abgedeckt sind. Gleichzeitig haben die meisten Gruppen der Migrationsbevölkerung ein niedrigeres Haushaltseinkommen, und ein höherer Anteil der Migrationsbevölkerung ist im Vergleich zur Nicht-Migrationsbevölkerung arbeitslos. Infolgedessen sind diese möglicherweise weniger bereit oder in der Lage, Geld für Gesundheitsleistungen auszugeben.
Wie weiter?
Wir arbeiten an einer weiteren Studie, welche die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen innerhalb der Migrationsbevölkerung näher beleuchtet und dabei die Faktoren identifiziert, die am stärksten damit assoziiert werden können. Wir halten Sie über diese Studie auf unserem Blog auf dem Laufenden.
Die publizierte Studie finden Sie hier.
Christina Tzogiou ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.