Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/1316

Inn,
romanisch Oen (Kt. Graubünden,
Bez. Maloja
und
Inn). Der Inn ist der Fluss des
Engadin, reicht aber als einer der
grössten Alpenflüsse weit über dasselbe hinaus. Seine gesamte Länge bis zur Mündung in die Donau bei Passau (Baiern)
beträgt rund 500 km, sein gesamtes Stromgebiet 57188 km2. Davon kommen auf die
Schweiz vom
Maloja bis zur
Schlucht von Finstermünz
rund 90 km Länge und 1717 km2 Stromgebiet. Er ist einer der längsten und stattlichsten Flüsse des
Alpengebietes und wasserreicher als die Donau oberhalb Passau.
Die Länge seines Thales vom Maloja bis Passau (1800-290 m), ohne Einrechnung der kleinen Flussserpentinen, beträgt etwa 450 km, wovon 1/5 auf Graubünden, 2/5 auf Tirol und ebenfalls 2/5 auf Baiern fallen. Er bildet im Unterlauf die Grenze zwischen Baiern und Oesterreich. Diese drei Teile, der bündnerische, der tirolische und der baierisch-österreichische, sind auch orographisch gut von einander geschieden, einerseits durch die enge Schlucht von Finstermünz (1000 m) an der schweizerischen Landesgrenze, andererseits durch das Querthal von Kufstein.
Statt Finstermünz kann man übrigens auch Landeck als Teilpunkt annehmen und erhält dann die Thalstrecken
Maloja-Landeck mit etwa 120 km, Landeck-Kufstein mit 150 km und Kufstein-Passau mit 180 km Länge, die sich also verhalten
wie 4: 5: 6. Der bündnerische und tirolische Anteil oder die ersten 3/5 der Flusslänge verlaufen
innerhalb der
Alpen, die
letzten 2/5 oder der baierisch-österreichische Anteil im vorherrschend quartären Alpenvorland. Im alpinen
Teil ist der
Inn vom
Maloja bis Landeck in die Zentralalpen eingeschnitten, die freilich hier nicht überall aus zentralmassivischen
Gesteinen bestehen, da diese stellenweise schon im
Ober Engadin, dann aber in grösserer Ausdehnung im Unter
Engadin und weiter
abwärts bis in die Gegend von Prutz von Sedimenten, besonders der Trias- und Juraperiode, unterbrochen
sind.
Von Landeck bis Schwaz bildet der
Inn die Grenze zwischen den Zentralalpen und den nördlichen
Kalkalpen, dann schneidet er
schräg in diese ein, um sie endlich unterhalb Kufstein in einem Querthal senkrecht zu durchbrechen. Die
morphologisch verschiedenen Abschnitte des
Innthals zeigen sich aber nicht an diesen Gesteinswechsel gebunden. Als Ganzes
ist es vom
Maloja bis Kufstein ein typisches Längsthal. Querthal wird es je nur auf kurze Strecken: von
Zernez bis
Süs, von
Prutz bis Landeck und unterhalb Kufstein, wovon die zwei erstern in krystalline Gesteine, die letztere
in Triaskalke eingeschnitten sind. Von den Längsthalabschnitten zeigt das
Ober Engadin durchweg eine breite Thalsohle ohne
Rücksicht auf den
Wechsel von massigen Gesteinen (Granit etc.), krystallinen Schiefern und Sedimenten. Das Unter
Engadin ist
eng gefurcht, sowohl im noch vorherrschend krystallinen Gebiet oberhalb
Zernez als im Sedimentgebiet unterhalb
Lavin,
und in der engen Kluft von Finstermünz
¶
forlaufend
finden wir dieselben Gesteine wie oberhalb und unterhalb derselben. Das Tiroler
Innthal endlich ist breitsohlig sowohl längs
der Formationsgrenze von Landeck bis Schwaz als
innerhalb der Kalkalpenzone von Schwaz bis Kufstein. Aber wenn auch das
Innthal
innerhalb den Alpen im ganzen als Längsthal erscheint und in dieser Beziehung mit den obern Teilen des
Rhone-, Rhein-, Salzach- und Ennsthales zusammengestellt werden kann und mit diesen auch die rechtwinklige Umbiegung beim Durchbruch
durch die nördlichen Kalkalpen gemein hat, so unterscheidet es sich doch auch wieder in manchen Punkten von den übrigen
Längsthälern, am meisten aber durch seine ganz ungewöhnliche Länge und seine etwas veränderte Richtung.
Während das Längsthal bei der Rhone etwa 125, beim Rhein 70-75, bei der Salzach 80 und bei der Enns 110 km misst, sind es
beim
Inn 270 km, und während die Richtung jener vier Thäler genau mit derjenigen des Alpenzuges von WSW.-ONO. übereinstimmt,
zieht das
Innthal von SW.-NO., so dass es den Alpenwall schräg durchschneidet und einen Uebergang vom
N.-Fuss desselben zum S.-Fuss ohne Ueberschreitung eines Bergkammes möglich macht. Denn auch am Maloja ist kein solcher vorhanden.
Das
Innthal hat hier kein Hintergehänge. Plötzlich bricht die flachwellige Hochfläche des Maloja ins Bergell ab. Wo ist
aber die Quelle des
Inn? Nach der jetzt gewöhnlichen Annahme oben im Lunghino See in einer kleinen Felsnische
zwischen Piz Lunghino und Piz Gravasalvas nw. vom Maloja und 680 m über dem Silsersee. In muntern Sprüngen schäumt der von dort
kommende Bach den steilen Hang herunter, um gleich beim Kursaal Maloja im Silser See sich zu verlieren.
Aber der Bach ist so klein und seine Richtung so abweichend von derjenigen des übrigen
Inn, dass er nicht als der normale
Quellbach des letztern erscheint.
Alb. Heim sucht diesen darum (vergl. die Art. Engadin und Graubünden) jenseits des Maloja im Val Marozzo, dem jetzigen obersten Teil des Bergell, dessen Richtung und Höhenlage mit dem Ober Engadin gut übereinstimmen. Das Engadin wäre dann einst länger, das Bergell entsprechend kürzer gewesen, und ein Querkamm, vielleicht in der Gegend des jetzigen Vicosoprano, hätte die beiden Thäler von einander getrennt. Die Maira des Bergells hätte aber, infolge stärkeren Gefälls und vielleicht auch grösserer Wassermenge, eine grössere Erosionskraft gehabt als der Inn und darum den genannten Querkamm allmählig durchschnitten. Durch die gelegte Bresche war der oberste Teil des Inn samt seinen ersten Zuflüssen aus dem Albigna- und Murettothal in eine neue Bahn gezwungen er wurde zum Oberlauf der Maira. Der Inn aber war damit seines eigentlichen Quellstückes beraubt, und es ist nur Sache der Konvenienz, wenn nun der kleine Lunghinobach als Quellbach angenommen wird. Nun vermochte der Inn die ihm aus den Seitenthälern (Fedoz, Fex, Julier, Suvretta etc.) zugeführten Geschiebe nicht mehr weiter zu verfrachten, sie lagerten sich im Hauptthal ab und stauten die Seen.
Vielleicht waren es ursprünglich drei Seen, ein grösserer vom Maloja bis Campfèr, ein kleinerer bei St. Moritz und wieder ein grösserer von Celerina bis weit unter Samaden, vielleicht bis Scanfs. Der dritte See wurde allmählich wieder vollständig zugeschüttet, während der St. Moritzersee, da ihm nur wenige und kleine Bäche zufliessen, nur etwas verkleinert, der obere See aber durch die Deltabildungen des Fex- und des Julierbaches zerstückelt wurden, so dass er jetzt in den Silser-, Silvaplaner- und Campfèrer See zerfällt.
Ein weiteres Delta hat sich an der Mündung des Fedozthals weit in den Silsersee hinaus gebaut und wird einst auch diesen noch zerlegen. Das Ende aber wird die vollständige Zuschüttung auch aller dieser Seen sein, gleich demjenigen von Celerina-Samaden. Eine von den übrigen Seen etwas abweichende Geschichte scheint der St. Moritzersee gehabt zu haben. Vor allem hing er wohl nie mit den andern Seen so zusammen, dass sie alle einen einzigen langgestreckten See vom Maloja bis vielleicht weit unter Samaden gebildet hätten, denn das Becken des St. Moritzersees ist ¶
forlaufend
gegen die übrigen Thalstufen gut abgeschlossen: nach oben durch den Felsriegel bei Campfèr, den der Inn in dem engen Thälchen Sela durchschneidet, nach unten durch den grössern Querberg, der von der romantischen Schlucht Charnaduna in die Hügel Ruinatsch und Fulun geteilt wird. Auch ist der Inn wohl nicht immer durch diese Schlucht abgeflossen. Vielmehr scheint er längere Zeit seinen Weg weiter östlich über den jetzigen Statzersee und den Palud (= Sumpf) Choma genommen zu haben.
Die Gletscher der Eiszeit mögen ihn von dieser Bahn abgedrängt haben. Einige Zeit mag er vielleicht sogar durch das kleine Thälchen westlich vom Ruinatsch, durch welches jetzt der Fussweg von St. Moritz nach Cresta-Celerina geht, geflossen sein. Freilich muss dann der Seespiegel bedeutend höher gelegen haben als jetzt. Er musste sich aber in demselben Mass erniedrigen, als die Charnadunaschlucht tiefer eingeschnitten wurde. Und so wird überhaupt der St. Moritzersee nicht wie die andern Engadiner Seen durch Zuschüttung verschwinden, sondern durch allmähliges Ausfliessen infolge noch tiefern Einschneidens der Ausflussrinne.
Diese Austiefung erfolgt offenbar ziemlich rasch, denn der Inn hat hier ein starkes Gefälle. Auch ein hübscher Wasserfall ist vorhanden, der, im Laufe der Zeiten von unten nach oben zurück weichend, bereits das obere Ende der Schlucht erreicht hat. An deren unterem Ende betritt der Inn seine zweite Thalstufe, auf deren ebenem Wiesengrund er bis unterhalb Scanfs in ruhigerem Lauf und stellenweise mehrarmig geteilt sich dahin schlängelt. Früher trat er da nicht selten über seine Ufer, verlegte auch wohl gelegentlich sein Bett und liess da und dort Kies- und Sandbänke liegen.
Jetzt ist der Fluss von der Einmündung des Flatzbachs oberhalb Samaden bis Zuoz korrigiert, aber noch erinnern sumpfige Flächen und tote Wasser an den frühern Zustand. Von Zuoz an ist er wieder mehr sich selber überlassen, und Serpentinen und Sandbänke sind darum häufiger. Doch ist sein Bett hier meist tief genug, um grössere Ueberschwemmungen zu verhindern. Noch weiter abwärts erreicht der Inn seine dritte Thalstufe und damit das Unter Engadin, das im Gegensatz zum Ober Engadin im ganzen eine enge Thalrinne bildet und nur da und dort auf kurze Strecken sich etwas weitet, so namentlich bei Zernez.
Das Gefälle ist im Unter Engadin beträchtlich stärker, und der Fluss hat darum hier weit mehr den Charakter eines Wildbachs als im Ober Engadin. Aber da er meist zwischen hohen und steilen Bergwänden dahin fliesst, so kann er Ueberschwemmungen nicht verursachen. Besonders ist es die rechte Thalseite, die als ein fast durchgängig bewaldeter Steilhang hoch empor steigt und mit einer stolzen Reihe kühner Felshörner gipfelt, während die linke Seite im ganzen sanftere Formen zeigt und auf weite Strecken in sonnige Matten und Weiden gekleidet, ja auf den untern Stufen mit zahlreichen kleinen Kornfeldern geschmückt ist.
Auch die vielen Dörfer sind fast ausschliesslich auf diese Seite beschränkt. Einzig Tarasp bildet eine nennenswerte Ausnahme. Durch die grossartige Schlucht von Finstermünz verlässt der Inn endlich die Schweiz und wächst dann durch den Zuzug zahlreicher Gletscherbäche, namentlich aus der Oetzthaler-, Zillerthaler- und Hohe Tauerngruppe, immer mehr zu einem stattlichen Strome an. Kein anderer grösserer Fluss ist so ganz von der Quelle bis zur Mündung ein Sohn der Alpen wie der Inn, der nicht nur selber diesem Gebirge entstammt, sondern auch alle seine Zuflüsse, auch diejenigen die ihm erst nahe seiner Mündung im Alpenvorland zukommen, aus denselben erhält.
Als reiner Alpenfluss hat er auch seinen höchsten Wasserstand im Sommer zur Zeit der grössten Schnee- und Eisschmelze. Ende April oder Anfangs Mai fängt er jeweilen an zu steigen, erreicht gewöhnlich im Juni seinen höchsten Stand und behält denselben annähernd bis gegen Ende August, erreicht seinen Tiefstand im November und verharrt in ihm bis Ende März oder in den April hinein. Plötzliche Anschwellungen, wie sie sonst bei vielen Alpenflüssen durch heftige Gewitterregen oder langandauernde Landregen entstehen, sind beim Inn, wenigstens im Engadin, verhältnismässig selten, obwohl die Seen der obern Thalstufe nur wenig regulierend wirken können. Der Winter schlägt den Fluss oft auf grosse Strecken und für längere Zeit in die Fesseln des Eises. Im Winter 1900-1901 z. B. dauerte die Eisdecke bei seinem Ausfluss aus dem St. Moritzersee von Mitte Dezember bis Ende April, in Scanfs und Zernez vom 1. Dezember bis in die 2. Woche April, in Martinsbruck vom 24. Januar bis 18. März, also immer noch 54 Tage.
Wir werfen noch einen Blick auf die Zuflüsse des Inn. Der Berninagruppe entstammen der Fedozbach, der Fexbach und der Flatz- oder Berninabach mit den Abflüssen des Morteratsch- und des Roseggletschers. Aus der Ofenpassgruppe sind zu nennen die Bäche aus dem Val Chamuera und dem Val Casana, dann besonders der bei Zernez mündete Spöl aus dem Val Livigno mit dem Ofenbach (Ova del Fuorn). Darauf folgen einige kleinere Bäche aus den Gebirgsstöcken des Piz Nuna und Piz Plafna: die Bäche aus dem Val Zeznina, Val Nuna, Val Sampuoir und Val Plafna.
Grösser sind wieder die Clemgia aus dem Scarlthal und der Bach aus dem Val d'Uina. Aus der Albulagruppe mögen genannt werden der Beverin bei Bevers, der Hauptabfluss der Errgruppe, der Sulsannabach vom Scalettapass und vom Porchabellagletscher (Piz Kesch), die Susasca bei Süs vom Flüelapass und Grialetschgletscher. Unbedeutender sind die Bäche vom Julier- und Albulapass. Aus der Silvrettagruppe (inkl. Samnaun) kommen zunächst die Bäche aus dem Val Saglains, Val Lavinuoz und Val Tuoi, die zwar nur klein, aber den Touristen doch wohl bekannt sind, weil ihre Thalwege hinauf führen in die Regionen des Piz Linard und Piz Buin. Grösser sind die Bäche des Val Tasna, des Val Sinestra und des Samnaunthals, deren Thäler sich nach oben mehrfach verzweigen.
Die ausserschweizerischen Zuflüsse können wir hier nicht namhaft machen. Ein vergleichender Blick auf alle Zuflüsse des Inn, schweizerische und ausser-schweizerische, ergibt, dass dieselben auf der rechten Seite weit zahlreicher und meist auch länger und wasserreicher sind als auf der linken. Noch auffallender ist der Reichtum der Zuflüsse aus allen Teilen der krystallinen Zentralalpen gegenüber den wenigen aus den nördlichen Kalkalpen, und zwar auch da, wo der Inn diesen entlang fliesst oder sie durchschneidet. Wo auch links vom Inn krystalline Gebirgsmassen vorherrschen, da sind die Zuflüsse auch auf dieser Seite zahlreich (vom Maloja bis Landeck: Albula- und Silvrettagruppe, inkl. Samnaun- und Ferwallgebirge).
Ein weiterer auffallender Zug des Inngebietes ist seine verhältnismässig geringe Breite. Auch die grössern Zuflüsse vermögen es nirgends sehr zu verbreitern, weil sie oft in ihren obern Teilen und auf längere Strecken mit dem Inn annähernd parallel laufen, so der Spöl und die Salzach auf der rechten, die Trisanna und Rosanna auf der linken Seite. Dabei ist die rechte Seite durchweg breiter als die linke. Es hängt dies mit dem Umstand zusammen, dass, wie die Alpen überhaupt, so auch die einzelnen Ketten und Gruppen derselben auf der Nord- und Nordwestseite weit weniger steil abfallen als auf der Süd- und Südostseite, auf jener Seite also mehr Raum zur Entwicklung längerer Flüsse vorhanden ist. Wo der Inn auf die N.-Seite der Kalkalpen tritt, da erhält er auch gleich einige grössere Zuflüsse aus diesen.
Schiffbar ist der Inn von Hall (unterhalb Innsbruck) an, doch hat die Schiffahrt seit der Erbauung der Eisenbahnen alle Bedeutung verloren. Dampfschiffe verkehren nur noch auf der untersten Strecke von Braunau bis Passau (65 km), während von Hall aus blos noch Lastschiffe mit Zement und Holz flussabwärts gehen. Oberhalb Hall dient der Inn zum Flössen von Holz. Der Fischreichtum des Inn ist nicht besonders gross. Im Engadin fängt man die Flussforelle (Salmo fario) und Seeforelle (Salmo lacustris), von denen jene auch in allen Seitenflüssen sich findet und bis weit über 2000 m aufsteigt (so z. B. bis in die Bernina Seen 2330 m, und den Lei Sgrischus im Val Fex 2640 m, obwohl dieser letztere während 9 Monaten im Jahr zugefroren ist). Die Engadiner Forelle zeichnet sich durch eine ausserordentlich dunkle, beinahe schwarze Färbung aus. Im Taraspersee findet man noch den Hecht (Esox lucius) und die Schleihe (Tinca vulgaris).