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Eine für uns noch heute ungewohnte, chromatisch reiche Tonsprache entfaltete Orlando di Lasso einst in seinen Sibyllinischen Prophezeiungen. BernVocal singt unter Fritz Krämer. Nicolas Buzzi paraphrasiert die Gesänge elektronisch.
Aus der Antike tönen die Weissagungen der Sibyllen herüber und kündigen die Menschwerdung Gottes an. Für die Komponisten der Renaissance müssen sie geheimnisvoll gewirkt haben, und so vertonten sie diese Texte in einer hochchromatischen und auf uns unerhört modern wirkenden Klangsprache – so etwa Orlando di Lasso in seinen singulären «Prophetiae Sibyllarum ». Die Harmonien folgen darin völlig unvermittelt aufeinander, d.h. sie scheinen unvermittelt, weil sie in dieser Weise dem Ohr nicht geläufig sind. Dieses Unvermittelte, immer noch Verwirrende und Schockierende möchte das Ensemble BernVocal erlebbar machen – «und zwar nicht nur um seiner selbst willen, sondern auch in Verbindung mit der textlich-inhaltlichen Ebene, die di Lasso damit ausdeutet: dem Geheimnis ekstatischer Prophezeiung».
Der in Bern geborene und heute in Zürich und Frankfurt lebende Elektronikmusiker Nicolas Buzzi hat schon mehrmals mit Ensembles für Alte Musik zusammengearbeitet und versteht sich hervorragend darauf, ferne Klangsphären zu verbinden und zu kontrastieren. Das anlässlich des Musikfestival Bern in Auftrag gegebene «Say what? – Just Paraphrasing» nutzt Metadaten des Renaissancewerks – als aussermusikalisches Referenzsystem und zum Erfragen eines Dialogs zwischen Zeiten.
Orlando di Lasso (1532–1594): «Prophetiae Sibyllarum» (1550–1560)
Nicolas Buzzi (*1987): «Say What? – Just Paraphrasing» (2022, UA)
BernVocal
Fritz Krämer, Leitung
Nicolas Buzzi, Elektronik