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Es sind wohl die älteren Semester wie meiner Einer, die sich an die Vorkommnisse vor den olympischen Spielen in Lillehammer erinnern, als der Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan während ihres Trainings in den Gängen einer Eishalle von einem Angreifer bei einer brutalen Attacke mit einem Schlagstock das Knie verletzt wird. Die Medienwelt stürzte sich auf diesen Vorfall und nach und nach sickerte durch, dass der Mann ihrer Konkurrentin, Tonya Harding, scheinbar in diesen Angriff verwickelt sein soll. Nancy Kerrigan schliesslich schaffte es dennoch an die olympischen Spiele und gewann dort die Silbermedaille während sich Mitfavoritin Harding mit einem Diplomrang begnügen musste. Soweit die Geschehnisse rund um Lillehammer ’94. Doch Craig (MILLION DOLLAR ARM) Gillespies Film beginnt viel früher, nämlich als die rüde Mrs. Harding mit ihrer 3 jährige Tochter auf dem Eisfeld steht um sie in den Unterricht zu bringen, an dem allerdings nur schon etwas ältere Eisprinzessinnen teilnehmen dürfen. Ab hier etabliert Gillespie in Rückblicken, erzählt in gefilmten Interviews mit den Darstellern und mit bissigem Humor, die Lebensgeschichte einer jungen Frau (und deren Mutter), die nur ein Ziel hatte: Eine erfolgreiche Eiskunstläuferin zu werden. Doch die Umstände sind immer wieder gegen Tonya. Sie wird von den Kampfrichtern schlechter benotet obwohl sie die das schwierigere Programm erfolgreich läuft. Von ihrem gewalttätigen Freund und späteren Ehemann wird sie immer wieder geschlagen – und schlägt zurück. Den Kontakt mit ihrer eiskalten Mutter hat sie abgebrochen und nach der grossen Enttäuschung an den Spielen in Albertville 1992 (ab dann wechselte der 4-Jahreszyklus der Winterspiele um ab 1994 nicht mehr im selben Jahr wie die Sommerspiele stattzufinden), wo sie Vierte wurde, muss sie als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdienen.
Doch als sich die Chance für die Olympiade zwei Jahre später ergibt, scheint das Tonyas letzte und ganz grosse Möglichkeit zu sein. Wäre da nicht ihr inzwischen geschiedener Mann und Manager sowie dessen zwielichtiger Freund, der sich als Leibwächter Hardings ausgibt, nachdem sie Todesdrohungen erhalten hatte.
I, TONYA ist ein wunderbarer, bissiger und richtig böser Spass. Gillesipie und Drehbuchautor Steven Rogers haben die unheilvolle Lebensgeschichte genau richtig angepackt und anstatt ein grosses Drama daraus zu machen einen ironischen, trefflich aufgebauten Streifen gefertigt. Margot Robbie (SUICIDE SQUAD) spielt umwerfend und ihre mit dem Oscar ausgezeichnete Kollegin Allison Janney ist brillant als fiese, dauerrauchende und -fluchende Eislaufmutter, blendend unterstützt von Sebastian Stan (CAPTAIN AMERICA: THE WINTER SOLDIER) und Paul Walter Hauser in der Rolle des selbsternannten Antiterrorexperten, Dauer(fr)esser und Leibwächter Shawn.
Gillespie macht es geschickt. So lässt er die Protagonisten in den unmöglichsten Momenten plötzlich direkt in die Kamera sprechen, während sie das genaue Gegenteil tun: „Auf meinen Mann soll ich geschossen haben? Niemals!“ Paffpaff. Einige dieser Szenen sind ungemein frech umgesetzt, es macht höllisch Spass und hebt die Story von dem einer üblichen Sportlerbiographie ab. Auch sind die nicht allzu häufigen, aber wichtigen Eiskunstlaufszenen (an den eigentlichen Sequenzen des jeweiligen Sports scheitert so mancher Genrefilm) derart toll gemacht und vereint mit der Bissigkeit und der Schwarzhumorigkeit dieser unglaublichen Geschichte kommt dabei schlussendlich ein Film wie I, TONYA raus und damit eine der ganz grossen Überraschungen dieses Jahres, egal ob man ein Faible für Eiskunstlaufen hat oder nicht (eher nicht…). Empfehlung: unbedingt ansehen!
Musikalisch hat es Komponist Peter Nashel nicht nur im Film sondern auch auf der Milan CD gehörig schwer. Zu Gute halten darf man den Songs, dass sie im Film sehr prominent platziert wurden, wenn auch nicht immer ganz in die Ära passend. So sind unter anderem Supertramp mit „Goodbye Stranger“, Dire Straits mit „Romeo and Juliet“ oder Laura Branigan mit „Gloria“ zu hören. Das wenige was für Nashel übrig geblieben ist, klingt erstaunlich nach Carter Burwell und Jeff Russo. Übrigens hatte Tonya Harding scheinbar ein Faible für Filmmusik, sie lief unter anderem zu JURASSIC PARK und Danny Elfmans BATMAN, allerdings wurden diese in I, TONYA, wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen, nicht verwendet.
Phil, 27.8.2018
I, TONYA R: Craig Gillespie D: Margot Robbie, Sebastian, Stan, Julianne Nicholson, Allison Janney u.a. Musik: Peter Nashel Verleih: Ascot Elite Veröffentlichungsdatum: 27.8.2018