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Bei Amerikas längster, teuerster und bedeutendster Studie über die Wirksamkeit von Unterrichtsmethoden an öffentlichen Schulen gab es einen überragenden Sieger, den gemeinsamen Klassenunterricht in der Form der «Direkten Instruktion».
Die «Direkte Instruktion» ist eine lehrerzentrierte Unterrichtsmethode zum Erlernen von Fakten- und Grundlagenwissen und zur Ausbildung kognitiver Fähigkeiten. Die Lehrperson steuert und strukturiert den Lernprozess aktiv. Die «Direkte Instruktion» betont die Grundfertigkeiten und zerlegt sie in kleine Lernschritte. Kinder lernen beispielsweise lesen, indem sie die Aussprache der Buchstaben vor den Buchstabennamen lernen. Sie müssen jede Fertigkeit beherrschen, bevor sie zur nächsten übergehen. Die Lehrer verfolgen den Fortschritt jedes einzelnen Schülers täglich. Sie achten auf sein Verhalten und ermutigen gutes Verhalten. Schlechtes Verhalten ignorieren sie weitgehend, wenn sie es als Ausdruck eines entmutigten Schülers wahrnehmen. Sie gehen davon aus, dass sich schlechtes Verhalten von selbst erledigt, wenn der Schüler Erfolgserlebnisse im Lernen macht.
Homophone Wörter unterscheiden lernen
Die Kinder werden in erster Linie nach ihrem Leistungsniveau und nicht nach ihrem Alter oder anderen Kriterien eingeteilt. Sie können am meisten profitieren, wenn sie eine möglichst homogene Klasse bilden, in der alle in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Deshalb geht der Unterricht in der Klasse erst weiter, wenn alle den Stoff verstanden haben.
Die Langzeit-Studie «Project Follow Through» (FT) begann 1967 und endete nach fast 30 Jahren 1995. Mit über 100 000 teilnehmenden Schülern in 180 Schulgemeinden und Kosten von rund einer Milliarde Dollar ist sie bis heute das weltweit grösste pädagogisch-wissenschaftliche Experiment. Das Ziel war, die wirkungsvollsten Methoden zum Unterrichten von unterprivilegierten Kindern zu finden. Dabei sollten die benachteiligten Schüler, die bisher nur das 20. Perzentil (entspricht der Note 1,2 bei einer Notenskala mit 6 als Bestnote) erreichten, von dieser Ausgangsgrösse auf das amerikanische Durchschnittsniveau (50. Perzentil, entspricht der Note 3) gebracht werden.
Das US-Department of Education (DOE) finanzierte 22 sehr unterschiedliche Bildungsprogramme in 51 Schulbezirken mit einer überproportionalen Anzahl armer Kinder. Standardisierte Testergebnisse wurden von fast 10 000 Follow-Through-Kindern sowie von Kindern, die nicht am Follow-Through-Programm teilnahmen, gesammelt. Die vom DOE zugelassenen Modelle wurden von Erziehungswissenschaftlern renommierter amerikanischer Universitäten entwickelt. Die einzige Ausnahme war das Modell «Direkte Instruktion» des Preschool-Lehrers Siegfried Engelmann aus Illinois. Die Erziehungswissenschaftler stützten sich auf die pädagogischen Theorien von John Dewey und Jean Piaget, während Engelmann sein Modell in Zusammenarbeit mit Lehrerkollegen entwickelte und auf Erfahrungen aus dem Schulalltag aufbaute.
Die Auswertung der Follow-Through-Daten dauerte neun Jahre. Die Evaluation kostete 30 Millionen Dollar und erfolgte durch zwei unabhängige Institute. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Bei der schulischen Leistung überragten die Kinder, die an der Methode der «Direkten Instruktion» teilnahmen, ihre Altersgenossen aus den wissenschaftlichen Vergleichsgruppen. Die «Direkte Instruktion» erreichte als einzige der Methoden das Ziel, die Leistungen der schwächeren Schüler in allen Fächern (Lesen, Rechnen, Rechtschreibung, Sprache sowie Grundfertigkeiten, kognitive Fähigkeiten und Selbstwertgefühl) sehr nahe an das amerikanische Durchschnittsniveau zu bringen. Spätere Auswertungen von 1000 Absolventen der «Direkten Instruktion» zeigten deren Nachhaltigkeit. Sie lagen in der Abschlussklasse der Senior High School (12. Klasse, 17jährige) immer noch vor ihren Vergleichskohorten.
Trotz dieses grossartigen Erfolges beendete das amerikanische Bundesaufsichts-panel für «Follow Through» das «Direkte Instruktions»-Programm und kürzte dessen Budget, während es andere Methoden fortsetzte, die aber zu spektakulären Flops führten. Die Schulpolitiker haben die «Direkte Instruktion» nie akzeptiert, weil ihnen die Resultate der wissenschaftlichen Evaluation nicht genehm waren.
Pädagogen, die voller Begeisterung eine der «modernen» Methoden der Erziehungswissenschaftler (offene Unterrichtsformen, selbstgesteuertes Lernen, Kompetenzorientierung, Konstruktivismus usw.) für ihren Unterricht gewählt haben, weigerten sich, diese aufzugeben, auch wenn sie wenig wirksam waren. Sie versuchten, den Kindern beizubringen, wie man alleine lernt, und wollten so bei ihren Schülern das Selbstwertgefühl erhöhen. Das Resultat war, dass die Schüler in diesen Modellen noch niedrigere Lese- und Mathematikwerte erreichten als die Kontrollgruppen, die nicht im Follow-Through-Programm waren.
Trotzdem verbreiteten sich die gescheiterten Methoden in Amerika «wie das Feuer im Maisstroh». Das «moderne» Strohfeuer griff zuerst auf die angelsächsischen Länder über und dann, gefördert von der OECD, auch auf die OECD-Staaten. Ironischerweise lieferte die OECD mit Pisa auch noch das Messinstrument, an dem man ablesen kann, wie es mit den Schulleistungen in den kompetenz-orientierten OECD-Staaten bergab geht.
Das Projekt «Follow Through» zeigte, dass die wissenschaftliche Wirkungsforschung, die in neuerer Zeit mit der Meta-Meta-Studie von Hattie eindrücklich bestätigt wurde, und die «moderne» Praxis im Klassenzimmer einander noch fremd waren. Die Vereinigten Staaten haben damit eine einmalige Chance vertan. Bis beide am gleichen Strick ziehen, werden amerikanische Schulkinder weiterhin eine Ausbildung zweiter Klasse erhalten.
Mangelhafte Bildung lässt nicht nur bildungsferne Bevölkerungsschichten verarmen, sondern auch ganze Länder. Es ist wohl kein Zufall, dass es den asiatischen Pisa-Siegern mit ihrem bewährten Bildungssystem und ihren traditionellen Methoden gelungen ist, in den letzten vier Jahrzehnten über 700 Millionen Menschen aus der Armut zu befreien.
Für die Schweiz müsste das Debakel mit den kompetenzorientierten, wirkungsarmen «Passepartout»-Lehrmitteln ein deutliches Warnsignal sein. •
Quellen:
Tashman, Billy. «Direkte Instruktion»: Unser Versagen bei der Umsetzung. New York Newsday vom 15. November 1994
Grossen, Bonnie. University of Oregon: The Story Behind Project Follow Through
Engelmann, Siegfried. War Against the Schools' Academic Child Abuse. Halcyon House, Portland 1992
Adams, Gary L.; Engelmann, Siegfried. Research on Direct Instruction: 25 Years Beyond DISTAR. Verlag Educational Achievement System, Seattle WA 1996
Engelmann, Siegfried. Teaching needy kids in our backward system: 42 years of trying. Association for Direct Instruction ADI Press, Eugene (Oregon) 2007
Die untersuchten Unterrichtsmodelle wurden in drei weitgefasste Gruppen unterteilt:
Die «affective skills models» (auch «self esteem») fokussierten auf die Förderung eines positiven Selbstwertgefühls um Lernen und Entwicklung benachteiligter Schüler zu fördern. Erfahrungen, welche das Selbstwertgefühl stärkten, würden, so die Annahme, zum Katalysator für Lernen auf allen Ebenen («Bank Street», «Responsive Education» und «Open Education»).
Eine weitere Kategorie («problem solving» oder «cognitive skills models» genannt) konzentrierte sich auf die Förderung des Denkens und der Problemlösefähigkeiten. Das Bewältigen komplexer Probleme sollte automatisch zu einer Aneignung von Grundfertigkeiten und Selbstwertgefühl führen («Parent Education», «TEEM», «Cognitive Curriculum»).
Die Kategorie «basic skills models» oder «academic» stellte darauf ab, dass Lernen gleichsam von unten nach oben erfolgen muss. Das heisst, dass die Kinder aufbauend auf dem Lernen und Bewältigen grundlegender Sprach- und Rechenfähigkeiten komplexeres Denken und Problemlösefähigkeiten sowie Selbstwertgefühl entwickeln können («Direct Instruction», «Behavior Analysis» und «Southwest Labs»).
Resultate, die über der Nullinie liegen, weisen auf eine positive Veränderung im jeweiligen Bereich, solche unter der Nullinie auf eine Verschlechterung im entsprechenden Bereich hin.
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