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die methodische Anwendung des kalten Wassers zu Heilzwecken. Der Gebrauch des kalten
Wassers als Heilmittel ist alt, die Stellung der Ärzte zu diesem Heilmittel aber war zu verschiedenen Zeiten eine sehr verschiedene.
Vielfach bestanden bei Ärzten wie Laien hartnäckige Vorurteile gegen die Anwendung des kalten Wassers in Krankheiten, während
es auch an vereinzelten Lobrednern der Kaltwasserkuren, meist mit Beziehung auf ganz bestimmte
Krankheitszustände, so wenig gefehlt hat wie an Enthusiasten, welche in den ein Universalmittel gegen alle Krankheiten erblickten.
Selbst die Behandlung fieberhafter Krankheiten durch kaltes Wasser, welche, obschon für den Unbefangenen so naheliegend, doch
sehr lange mit allerhand unbegründeten Bedenken zu kämpfen hatte, ist nichts Neues. Bereits im J. 1777 zeigte
Wright, welcher an Bord eines Schiffs vom Typhus ergriffen wurde, an sich selbst den Nutzen der kalten Begießungen, welche er
später in der ärztlichen Praxis zu allgemeiner Anwendung brachte. James Currie (gest. 1805) wandte das gleiche Verfahren auch
bei Scharlachfieber und andern Krankheiten mit bestem Erfolg an. In Deutschland
[* 3] wurde die neue Heilmethode vorzugsweise durch
die Übersetzung der Schrift von Currie (1801) bekannt und fand bald zahlreiche Anhänger. Den größten Ruf auf dem Gebiet
der Kaltwasserkuren erwarb sich VinzenzPrießnitz zu Gräfenberg bei Freiwaldau in Schlesien,
[* 4] der die verschiedensten
Krankheitszustände durch das kalte Wasser heilte und so glänzende Erfolge hatte, daß aus allen
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forlaufend
Weltgegenden ihm Hilfe suchende Kranke zuströmten. Er wandte das kalte Wasser in allen erdenklichen Formen, innerlich wie äußerlich,
gegen akute wie chronische Krankheiten, vorzugsweise jedoch gegen die letztern, an. Von ihm datierten auch größtenteils
die Versuche einer wissenschaftlichen Begründung der Kaltwasserkuren. Die Übertreibungen, welche sich Prießnitz wie viele seiner Schüler
zu schulden kommen ließen, brachten später die Kaltwasserkuren wieder in Mißkredit und hatten eine Beschränkung
ihrer Anwendung in der Praxis zur Folge.
Gegenwärtig finden die Kaltwasserkuren Anwendung bei zahlreichen chronischen Krankheiten, namentlich denjenigen, welche sich als allgemeine
Ernährungsstörungen darstellen, so z. B. bei Quecksilbersiechtum, bei Syphilis, bei gewissen Formen der Gicht,
namentlich der unregelmäßigen Gicht. Aber auch bei chronischem Magendarmkatarrh, bei chronischem Bronchialkatarrh, bei den
schleichenden Formen des Rheumatismus, bei hypochondrischen und hysterischen Zuständen, bei gewissen Formen der Neuralgie und
Lähmung etc. haben sich die Kaltwasserkuren eben wegen ihrer kräftig umstimmenden,
die Ernährungsvorgänge anregenden Wirkung glänzend bewährt.
Bei manchen Nervenleiden sind ebenfalls Kaltwasserkuren von guter Heilwirkung (s.
Hypochondrie). Ein Universalmittel freilich sind sie nicht; ja, sie können, an falschen Orten angewandt, selbst zerrüttend
auf den kranken und schwächlichen Körper einwirken. Deshalb sind sie besonders bei allen eigentlichen Abzehrungskrankheiten
(Schwindsucht, Krebskrankheit, Zuckerharnruhr etc.) entschieden zu verwerfen. Bei vielen Personen ruft die andauernde
äußere Anwendung des kalten Wassers einen bläschenartigen Hautausschlag hervor, welchen die enragierten Wasserdoktoren
als kritischen, die Genesung verbürgenden Ausschlag bezeichnen.
Diese Ausschläge sind indes ohne besondere Bedeutung und heilen leicht ab, wenn die Kur ausgesetzt wird, oder wenn sich der
Organismus daran gewöhnt hat. Die Verwendung des kalten Wassers bei fieberhaften Krankheiten, welche in der
Neuzeit so sehr in Aufnahme gekommen ist, bezweckt eine Herabminderung der Bluttemperatur und Beseitigung der Gefahren, die
mit einer andauernden, wenn auch relativ nur mäßigen Temperaturerhöhung für den Organismus verbunden sind.
Man bedient sich zu diesem Zweck des lauwarmen, kühlen und kalten Bades oder kalter Umschläge mit großen
Tüchern. Eine Zeitlang wurde die Methode beim Typhus mit großer Begeisterung aufgenommen, allein die Statistik spricht eher
gegen als für den Erfolg, so daß die Kaltwasserkuren nur bedingungsweise und in einzelnen Fällen am Platz sind.
Vgl. Schreber, Die Kaltwasserheilmethode
(Leipz. 1842);