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Ausgangslage
Die Place du Vélodrome liegt an der Rue du Vélodrome im Quartier La Jonction mitten in Genf. Dort, wo Rhone und Arve zusammenfliessen, führte die Strasse einst zum Vélodrome de la Jonction, der ersten städtischen Radrennbahn. 1917 wurde die Sportanlage abgerissen. Lange wies nur der Strassenname auf deren einstige Existenz hin, ab den 1960er-Jahren auch die neue Place du Vélodrome. Sie entstand zeitgleich mit der Neubausiedlung Cité-Jonction mit 500 Wohnungen. Die zentrale Funktion des Platzes war von Beginn weg die Erschliessung der Grosssiedlung, weitere Nutzungen wurden diesem Ansinnen untergeordnet. Die Zufahrtsstrasse zur Siedlung bildete den südlichen Rand des Platzes. Gesäumt von geparkten Autos und einem schmalen Trottoir mit kleinen Läden führte ein schmales Strässchen zurück zur Rue du Vélodrome, welche den Platz nach Norden abgrenzte. Am Ostende befanden sich eine Tankstelle und weitere Parkplätze. Der Stadtplatz war mehr Verkehrsinsel als Aufenthaltsort und wirkte wenig einladend. Umgeben von geparkten Autos, oft verstellt mit Motorrädern und immer wieder verunreinigt mit deponiertem Sperrmüll, bot er kaum Aufenthaltsqualität. Immerhin sorgten mächtige Platanen für etwas Grün und Abkühlung im Sommer. Nach der Jahrtausendwende machte sich die Stadt Genf an den Ausbau und die Neuorganisation des städtischen ÖV-Netzes. Diese Gelegenheit nutzte sie auch, um dem Patz neues Leben einzuhauchen.
Kennziffern
- Einwohnerzahl Genf: 203‘113 (Ende 2018)
- Arealgrösse: 3’250 m2
- Investitionskosten: 2,495 Mio. Franken
- ÖV-Güteklasse: A – sehr gute Erschliessung
- Gemeindetyp BFS: Städtische Gemeinde einer grossen Agglomeration
Bewertung
Lage
Die Rue du Vélodrome erschliesst den Platz für den motorisierten Individualverkehr. Besser erreichbar ist er mit dem ÖV: Vom Hauptbahnhof sind es rund 1,4 Kilometer bis ins Quartier La Jonction. In weniger als 100 Metern Entfernung vom Platz liegen zwei Haltestellen. Bedient werden sie von insgesamt zehn Bus- und einer Tramlinie. Der Platz ist damit hervorragend erschlossen.
In nächster Nähe befinden sich ein Coop und eine Migros sowie zahlreiche kleinere Detailhändler und Dienstleister. Anwohnerinnen und Anwohner erreichen in wenigen Minuten die Ufer zweier Flüsse und den Zoo, Schülerinnen und Schüler ihre Primar- und Sekundarschulen. Mit der Place du Vélodrome steht nun auch ein wertvoller Quartierplatz zur Verfügung.
Dichte
Genf gehört zu den am dichtest bebauten Städten der Schweiz. Das Quartier Jonction ist da keine Ausnahme: Pro Hektar wohnen und leben bis zu 580 Personen. Umso wichtiger sind darum städtische Freiräume. Ein solcher wurde mit dem Platz geschaffen – ohne dafür Wohnraum opfern zu müssen.
Kaum ins Gewicht fällt der marginale Verlust an baulicher Dichte, der auf den Abbruch der Tankstelle zurückzuführen ist. Dadurch konnte Frei- und Begegnungsraum gewonnen werden für das Quartier, das bereits eine hohe Raumnutzerdichte aufweist. Dieser Umstand ist positiv zu werten: Sind Freiflächen erst einmal überbaut, lassen sie aus finanziellen Gründen oft nur schwer wieder von Bauten und Anlagen befreien. Vor Ort wird augenfällig: Pärchen, Einzelpersonen und Hundehalter geniessen und beleben den neu gewonnenen Freiraum.
Eigentum
Die Parzelle gehört der Stadt Genf, was die Planung und Entwicklung des Areals wesentlich vereinfachte. Coop hatte das Areal am östlichen Platzende von der Gemeinde gepachtet und darauf eine Tankstelle gebaut. Der Pachtvertrag lief erst 2015 aus, weshalb die Umgestaltung des Platzes in zwei Etappen erfolgte. Nach Ablauf der Pacht musste Coop die Tankstelle zurückbauen und die Altlasten sanieren.
Prozess
Auslöser für die Umgestaltung des Platzes war die Erweiterung des städtischen Tramnetzes. Eine neue Tramlinie sollte die Agglomerationsgemeinden Onex und Bernex im Westen der Stadt besser an Genf und seinen Hauptbahnhof Cornavin anbinden.
Im Jahr 2003 genehmigte der Gemeinderat (Conseil administratif, Exekutive) einen Kredit für einen Studienauftrag. Die Studie sollte abklären, wo und wie der öffentliche Raum entlang der Tramlinie 14 Cornavin-Onex-Bernex (TCOB) aufgewertet werden könnte. Ein besonderes Augenmerk fiel damals auf die Rue und die Place du Vélodrome.
2008 führte der Gemeinderat einen Architekturwettbewerb durch, den eine Arbeitsgemeinschaft lokaler Büros gewann. Noch im selben Jahr genehmigte die Exekutive den Baukredit für die erste Bauetappe. Nach Abschluss der Bauarbeiten, die von 2011 bis 2012 dauerten, wurde der fertiggestellte Teil des Parks eröffnet. Nachdem der Pachtvertrag mit Coop ausgelaufen war, wurde der Baukredit für die zweite Etappe 2016 gesprochen und die Arbeiten konnten weiterführt werden. Im Frühling 2017 war es so weit: Der ganze Platz wurde feierlich eingeweiht.
Gemeinde
Als Eigentümerin der Parzelle war die Stadt Genf die treibende Kraft hinter der Umgestaltung. Sie erkannte, dass die neue Tramlinie TCOB den Siedlungsdruck auf das Quartier weiter erhöhen würde. Seit 2009 zeigt der behördenverbindliche kommunale Richtplan, wo in der Stadt neue städtische Grün- und Freiräume entstehen sollen und können.
Der kommunale Richtplan führt zudem den Plan lumière (das Beleuchtungskonzept) und das Konzept für das städtische Mobiliar als Richtlinien für die Gestaltung des öffentlichen Raums auf. Dank deren Berücksichtigung wirkt der öffentliche Raum in sich stimmig, ohne dass die Gestaltungsfreiheit der Wettbewerbsteilnehmer beschnitten worden wäre.
Akzeptanz
Der umgestaltete Platz erlangte bereits nach der Eröffnung der ersten Etappe grosse Beliebtheit, obschon Parkplätze aufgehoben wurden und die Bauzeit sechs Jahre betrug. Schon früh war die Stadt mit den Ladenbesitzern wegen der Platzgestaltung und der Reduktion der Parkplätze in Kontakt getreten. Die Anlieferung – die den Geschäftsleuten Sorge bereitet hatte – wird heute durch versenkbare Poller gewährleistet.
An einer Informationssitzung schaffte die Stadt bei der Bevölkerung Verständnis für die verschiedenen, miteinander verknüpften Projekte (Place du Vélodrome, Umgestaltung eines Grünraums, Umleitung von Buslinien). Viel Unterstützung gewann das Projekt, weil es die bestehenden Qualitäten erhalten wollte – und dies auch schaffte: Die Platanen blieben bestehen und die Sitzgelegenheiten wurden modernisiert. Gleichzeitig wurde die Fläche des Quartierplatzes aber vergrössert. Die einfache Gestaltung lässt vielfältigere Nutzungen zu als vorher. Gleiches gilt für die Promenade, die den Geschäften in den Erdgeschossen neuen Spielraum an der frischen Luft verschafft.
Der Quartierverein hatte die Befürchtung, der Platz könnte unbelebt bleiben. Damit die Möglichkeit besteht, auf der Place du Vélodrome Märkte oder Veranstaltungen zu organisieren, errichtete die Stadt die nötigen Infrastrukturanschlüsse.
Qualität
In zwei Etappen wurde der Platz von einem technischen und verkehrsgeprägten Raum in einen urbanen und qualitätsvollen Stadtplatz umgestaltet. Davon zeugen der von der Zeitschrift «Hochparterre» verliehene «Silberne Hase» und die Auszeichnung «Flâneur d’Or» von Fussverkehr Schweiz, die Genf 2013 respektive 2017 für die Umgestaltung erhalten hat.
Die Zufahrtsstrasse und die Parkplätze wichen einer breiten Fussgängerpromenade. Diese bietet den Läden im Erdgeschoss Platz für die Warenauslage und erlaubt den Gastronomiebetreiberinnen, im Freien zu wirten. Am erweiterten Ostende des Platzes wurde am Standort der ehemaligen Tankstelle die Platanenreihe verlängert. Ferner wurden eine Esche gepflanzt und ein Trinkwasserspender montiert.
Der Platz folgt nun dem natürlichen Gelände und zeigt sich fast ausgeräumt. Einzig die Platanen erinnern an den einstigen Zustand. Ein Dutzend fest verschraubte Stühle tragen dem Richtkonzept für das städtische Mobiliar Rechnung. Die wohl längste Sitzbank der Stadt, nämlich eine niedrige Waschbetonmauer, grenzt den Platz nach Norden von der Rue du Vélodrome ab. Am Westende des Platzes befindet sich eine spiralförmige Rampe. Während die Velofahrer im Vélodrome ihre Runden drehten, gelangen sie heute mit den Fussgängerinnen via Rampe in das Sockelgeschoss der Cité-Jonction.
Wirtschaftlichkeit
Den Arbeiten an der Place du Vélodrome lagen keine wirtschaftlichen Überlegungen zugrunde. Ziel war es, den städtebaulichen Unort in eine attraktive Nische zu verwandeln. Dafür wendete die Stadt rund 2,5 Mio. Franken auf (ca. 770.– CHF/m2). Im Vergleich zu den Baukosten anderer städtischer Plätze war der Aufwand eher unterdurchschnittlich (bei der Place Simon-Goulart waren es rund 1’140.– CHF/m2, bei der Place de Longemalle rund 1’350.– CHF/m2).
Die Planungskosten machten mit 230’000 Franken rund 10 Prozent der Investitionen aus. Der Betrag war nicht gesamthaft fällig, sondern wurde vom Gemeinderat über 13 Jahre in drei Tranchen bewilligt. Die umliegenden Liegenschaften werden durch diesen fussgängerfreundlichen Platz aufgewertet.
Zusammenfassung
Zunehmend dicht gebaute Orte benötigen Freiräume. Gerade im städtischen Umfeld sind diese nur schwer zu schaffen. Werden bestehende Freiräume verbaut, ist es oft auf lange Zeit unmöglich, den geopferten Freiraum wieder zurückzugewinnen. Genf ist eine sehr dichte Stadt. Umso bemerkenswerter ist es, wie konsequent die Behörden in den vergangenen Jahren öffentliche Plätze aufgewertet und neue Freiräume geschaffen haben.
Die Place du Vélodrome steht stellvertretend für eine ganze Reihe von Plätzen, die für ihre Qualität ausgezeichnet wurden. Indem bestehende Qualitäten erkannt und gestärkt wurden, gelang mit der Place du Vélodrome mit einfachen Mitteln ein Stück Stadtreparatur.
Besondere Stärken
Aus Sicht von EspaceSuisse sind folgende Punkte besonders erwähnenswert:
- Die Stadt verfügt über Instrumente (kommunaler Richtplan, Plan lumière, Richtkonzept für das städtische Mobiliar), die es ihr erlauben, den öffentlichen Raum dort zu stärken und zu schaffen, wo die Siedlungsentwicklung am intensivsten ist.
- Trotz des zunehmenden Bebauungsdrucks auf unternutzte Areale gelang es der Stadt, die Place du Vélodrome zu bewahren und aufzuwerten.
- Die Qualitäten des Bestandes (Platanen, Sitzgelegenheiten) wurden erkannt, in der Neugestaltung aufgegriffen und weiterentwickelt.
- Die nutzungsoffene Gestaltung des Platzes spricht ein breites Publikum an und schafft Raum für Begegnungen und soziale Durchmischung.
Weiterführende Informationen
- 2017. Jurybericht Flâneur d’Or 2017. Fussverkehr Schweiz. Zürich.
- 2016. PR-1144 A. Rapport de la commission de l’aménagement et de l’environnement du 29 janvier 2016. Conseil municipal de Genève. Ville de Genève.
- 2013. Urbaner Wohnraum. Werk, bauen + wohnen 4|2013. Zürich.
- 2013. Die Besten 2013. Hochparterre 12/2013. Zürich.
- 2009. Plan directeur communal de la ville de Genève. Ville de Genève.
Stand der Bewertung durch EspaceSuisse: Mai 2019