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Obwohl die Anteilnahme an mediumistischen Vorgängen schon einige Jahre vor dem Krieg in allen europäischen Ländern sich erheblich gesteigert hatte, um schliesslich im Krieg eine gewaltige Hochflut zu werden, ist die überaus seltsame Tatsache zu verzeichnen, dass in dieser Zeit des Millionensterbens in ganz Europa kein Medium grossen Stiles neu aufgekommen ist.
Während in den mehr als 300 (! - red.) namhafteren mediumistischen Zeitschriften, welche in Europa erscheinen und den etwa 60, welche in den Vereinigten Staaten herauskommen, ein geradezu unübersehbares Material von Beobachtungen aus allen Grenzgebieten zum Übersinnlichen veröffentlicht wurde, das aus den Kriegserfahrungen sich gestaltete, ist nicht nur kein neues Medium aufgetreten, sondern auch noch in EUSAPIA PALADINO (Fussnote 1) die letzte grosse Mittlerpersönlichkeit des abgelaufenen Menschenalters durchs purpurne Tor hinübergegangen.
Einst hiess es, wenn nur erst das öffentliche Vorurteil geschwunden ist, die hasserfüllten Artikel in den Zeitschriften verschwunden und die auf Missverständnis beruhenden polizeilichen Schikanen vorüber sind, dann werden wir eine neue Generation weltbedeutender Mittlerschaften heraufsteigen sehen. Heute sind viele der genannten Hemmungen verschwunden und die Zahl derjenigen, die echte Erscheinungen kennen lernen wollen, aber keine Gelegenheit dazu haben, zählt nicht mehr nach Hunderttausenden, sondern nach Millionen.
Was mag daran schuld sein? Bereiten sich andere, grössere Dinge vor? Wird die transzendentale Gärung, die durch die Gemüter der Menschheit geht, sich zur Sehnsucht nach neuer Offenbarung, nach einem neuen religiösen Ideal gestalten? Wer vermöchte das zu sagen! Nicht minder auffallend ist die Tatsache, dass gleichzeitig mit der von MADAME BISSON herangebildeten und von DR. FREIHERRN VON SCHRENCK-NOTZING untersuchten "EVA C." (Fussnote 2) am Rande der Ökumene, im geysirglitzernden, meist aber von schauerlichen Felseinöden erfüllten Island, ein universales Medium aufgetreten ist, dessen Hauptwirksamkeit in die Jahre 1908 bis 1912 fällt.
Sein Name ist INDRIDI INDRIDASON. Man wird diesen in der deutschen Literatur bisher unbekannt gebliebenen Namen sich merken müssen.
Auf Island hatte sich nach kontinentalen und englischen Vorbildern eine Gesellschaft für psychische Forschung gebildet, die zunächst nur mit wenig bemerkenswerten Mittlern experimentierte. Sobald aber im Jahre 1908 die Sitzungen mit INDRIDASON begonnen wurden, zeigte sich sofort, dass in ihm eine Kraft von ganz ausserordentlicher Bedeutung sich offenbarte.
Sobald INDRIDASON nur den Tisch berührte, begann dieser sich heftig zu bewegen und starke Klopftöne wurden beobachtet. Er erschrak, als er bemerkte, welchen Einfluss seine körperliche Nähe auf den Tisch hatte.
Er wurde nicht hypnotisiert, auch fand keine magnetische Behandlung statt. Schon bald verfiel er von selbst in einen tiefen Trancezustand, in dem seine Atmung sich verlangsamte, aber vertiefte.
Die ersten physikalischen Vorgänge, die sich bei ihm zeigten, waren Levitationen, wie sie bei SLADE und einer ganzen Reihe von Medien vorkommen. Er wurde mit seinem Stuhl langsam bis zur Decke erhoben und allen Zirkelteilnehmern deutlich sichtbar langsam wieder gesenkt. Später legte man ihn auf ein Sofa, das sich erhob und mit dem darauf in Trance liegenden Medium emporschwebte. Auch beschrieb es in der Luft förmliche Kurven.
Bald stellten sich auch Lichterscheinungen ein, zunächst in Form von Lichtkugeln und blitzartigen Lichtraketen. Als der Sitzungsraum wegen Vergrösserung des Teilnehmerkreises grösser gewählt werden musste, zeigten sich am neuen Orte sofort Lichtzungen von verschiedensten Farben, die auf und ab lohten und alles einhüllten. Der Mittler sass während dieser Erscheinungen mitten im Teilnehmerkreis.
Eines Abends fuhr durch das Zimmer, dessen Fenster und Türen fest geschlossen waren, ein brausender Wind und unmittelbar darauf erstrahlte die Wand hinter dem Medium in einem blendenden Meer von Licht, während der übrige Raum ganz mit Lichtzungen angefüllt war. Den Beobachter erinnerte es dabei an die bekannte Darstellung aus dem 2. Kapitel der Apostelgeschichte, in der ebenfalls von einem Windbrausen berichtet wird, welches das ganze Haus erfüllte, und die "Zungen" erschienen zerteilt, wie von Feuer, von denen sich auf jeden Apostel eine setzte. Damit begann das "Zungenreden" (Fussnote 3), das der Ausgiessung des heiligen Geistes folgte.
Hier blieb es bei dem physikalischen Phänomen, es folgten keine Trancereden, auch keine sprachliche Gebarung jenseitiger Persönlichkeiten. (Fussnote 4)
Den Höhepunkt der Erscheinungen bildeten die als Dematerialisationen bekannten Entleiblichungen, die in drei Sitzungen beobachtet wurden. Jedesmal wurde der linke Arm des Mediums dematerialisiert, ganz so wie bei jener denkwürdigen Sitzung in Helsingfors, wo in Gegenwart glaubwürdiger Zeugen die Beine des Mediums D'ESPERANCE (Fussnote 5) dematerialisiert wurden. Wenn ich mich recht entsinne, wohnte dieser Sitzung PROF. MAX SEILING bei, der in München lebt.
"Der Arm INDRIDASONS verschwand nach dem Bericht vollständig unseren Blicken und war nicht zu finden, obwohl", berichtet der Beobachter, "wir das Licht einschalteten und die Schulterstelle genau besichtigten und abtasteten. Es schien, als sei eine längst verharschte Narbe vorhanden."
Zur dritten Materialisationssitzung waren 7 hervorragende Personen geladen, diese verfassten über den Vorgang ein ausführliches Protokoll, das von allen unterzeichnet wurde. Einer der Zeugen berichtet darüber:
"Bei der Untersuchung stand das Medium, seines linken Armes beraubt, in vollem Lichte da, allen Anwesenden sichtbar. Man hatte INDRIDASONsRock und Weste entfernt und das Hemd über die Schulter hinaufgeschoben. Erst nach einer halben Stunde wurde der Arm wieder sichtbar und ich half INDRIDASON, sich wieder anzukleiden. Der Arm war wie 'eingeschlafen'. Keine Worte können ausdrücken, was ich bei diesem Anblick empfunden hatte." Leider fehlen alle Angaben, ob gleichzeitig Phantome sichtbar wurden.
Unter den Zeugen befand sich der Bischof, der Polizeirichter und der englische Konsul. Der Polizeirichter hatte es übernommen, alle Umstände genau zu überwachen, so dass kein Betrug möglich sei.
Auf Wunsch des Bischofs wurden die Sitzungen in den Bibliotheksraum seiner Wohnung verlegt, in dem während dreier Jahre zahlreiche höchst erfolgreiche Sitzungen abgehalten werden. Die Sitzungen wurden stets mit Psalmengesang und Gebet eröffnet.
Leider fehlen über diese Sitzungen chronologische Niederschriften. Als bemerkenswerteste Erscheinung wird bezeichnet, dass INDRIDASON durch die Wand durch in einen dunklen verschlossenen Raum gebracht wurde. Öfter wird von magischen Dufterscheinungen berichtet, die in Wogen über die Zirkelteilnehmer dahinflossen. Sie hatten keinerlei Ähnlichkeit mit Erzeugnissen der Parfümindustrie.
INDRIDASONs Lebensbahn war nur eine sehr kurze. 1909, als seine Mittlerkraft den Höhepunkt erreicht hatte, befiel ihn ein Typhus, der ihn aufs schwerste mitnahm. Sein geschwächter Körper verfiel einer Lungenschwindsucht, der er 1912 im 24. Lebensjahre erlag. [ Er wurde also ca. 1888 geboren. ]
Die Isländer Gesellschaft für psychische Forschung hatte ihm, ohne Rücksicht auf die Ergebnisse seiner Sitzungen, ein festes auskömmliches Jahresgehalt, sowie freie Wohnung, Beheizung und Beleuchtung gewährleistet. Gegen Honorar hat INDRIDASON niemals Sitzungen abgehalten.
Soweit aus den Berichten ersichtlich, wurde leider die Veranlagung INDRIDASONs nicht methodisch wissenschaftlich entwickelt, man beschränkte sich darauf, die spontan eintretenden Erscheinungen zu registrieren. Leider sind aber diese Berichte, soweit sie der Öffentlichkeit zugänglich wurden, sehr lückenhaft. Ein experimentell erfahrener und mit der mediumistischen Literatur vertrauter Forscher hätte mit der Mittlerkraft INDRIDASONs eine wertvolle Bereicherung unseres Wissens erzielen können.
Man wird geneigt sein, INDRIDASONs Mittlerschaft als einseitig physikalische zu bezeichnen, da Berichte über Geisterkundgebungen völlig fehlen. Dieser Mangel ist aber meines Erachtens nicht in der Veranlagung des Mediums als vielmehr in den Wirkungen und Auffassungen der protestantisch-nationalistischen Mitsitzerumgebung zu suchen. Aus INDRIDASONs Jugend wird ausdrücklich berichtet, dass er visionsartige Gespräche mit Unsichtbaren hatte. Darum ist es gerechtfertigt, ihn als universales Medium zu bezeichnen.
Dr. Falk Schupp, 1920
Nachtrag (1998)
Im Jahre 1989 erschien unter dem Titel The Icelandic Physical Medium Indridi Indridason Teil 214 der Proceedings of the Society for Psychical Research (Vol. 57). Autoren sind die Isländer LOFTUR GISSURARSON und ERLENDUR HARALDSSON; letzterer gilt weltweit als parapsychologische Autorität und verfasste zusammen mit dem kürzlich verstorbenen KARLIS OSIS ein Standardwerk der modernen Nah-Todesforschung (Der Tod - ein neuer Anfang, Freiburg 1978).
Aus dieser Schrift geht hervor, dass die Protokolle über die Sitzungen mit INDRIDASON der isländischen Gesellschaft für psychische Forschung, zu deren Gründungsmitgliedern der berühmte isländische Theologe HARALDUR NIELSSON (1868-1928) gehörte, nach 1942 verlorengingen.
NIELSSON berichtet über ein Apportexperiment mit INDRIDASON: (Egne Oplevelser paa det Psykiske Omraade, 1922, engl. Übersetzung in ProcSPR 1989, S. 86): [ Die nächsten 2 Artikel sind kursiv geschrieben im Original. ]
"Nachdem das Medium in Trance ging und bewusstlos war, wählten wir zuerst das Haus, aus dem der Gegenstand gebracht werden sollte, um die Erklärung auszuschliessen, INDRIDASON hätte den Gegenstand selbst mitgebracht. Wir erlaubten den Kontrollen (red. - den Trancepersönlichkeiten), zwischen dem Haus eines bekannten Arztes und dem des Bischofs zu wählen. Die Kontrollen wählten das Haus des Arztes, da das Medium oft des Bischofs Heim besucht hatte. Unverzüglich danach hörten wir einen eigenartigen Klopfton, wie ich ihn noch nie vorher und auch später nicht mehr hörte. Es folgte eine kurze Pause, während welcher die Kontrollen uns informierten, dass sie nun den Gegenstand durch das Dach des Arzthauses bekommen hätten.
Nach einer Pause wurde der Klopfton zum zweiten Mal vernommen, und kurz danach landete eine grosse Flasche mit in Spiritus konservierten Vogelteilen auf unserem Tisch. Der Arzt wurde sofort angerufen und gefragt, ob dies sein Eigentum sei; doch er antwortete mit Nein. Das Medium, aus dem Trancezustand erwacht, fiel wiederum in Trance und eine der Kontrollen behauptete, dass es doch stimmte. Er (die Kontrolle) hätte die Flasche selbst von einer gelben Kleiderkommode genommen, die in einem Zimmer des Arzthauses stand, in dem ein alter Mann im Gespräch mit zwei anderen Herren vertieft war. Dem Arzt wurde diese Information übermittelt, und bei näherer Betrachtung erwies sich, dass die Beschreibung tatsächlich korrekt war. Der Schwiegervater des Doktors hatte in diesem Zimmer gesessen, in dem die Kleiderkommode war, im Gespräch mit zwei Fremden. Die Flasche gehörte einem Verwandten des Arztes und fehlte nun auf der Kommode."
Um den Beitrag DR. SCHUPPS weiter abzurunden, seien hier sämtliche Phänomene zusammengefasst, die s. Zt. protokolliert wurden und im Teil 214 ProcSPR durch GISSURASON & HARALDSSON Erwähnung finden: [ Die folgende Liste ist kursiv geschrieben im Original. ]
WB-Redaktion
Fussnote 1: red. - Berühmtes physikalisches Medium (1854-1918), das wohl von so vielen Forschern untersucht wurde, wie kein anderes Medium.
Fussnote 2: red. - Pseudonym für MARTHE BÉRAUD (geb. 1887), wurde neben SCHRENCK-NOTZING vor allem von CHARLES RICHET, Nobelpreisträger für Physiologie 1913, untersucht.
Fussnote 3: red. - D. h. das Sprechen in fremden Sprachen.
Fussnote 4: red. - Was sich noch als unzutreffend erweisen wird; s. Nachtrag 5
Fussnote 5: red. - ELIZABETH D'ESPERANCE (1855-1919).
Letzte Änderung am 11. Februar 2005