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Der Filmanbieter Netflix sorgt mit Serien wie «Crown» über das britische Königshaus oder «Gambit» über eine Schachgrossmeisterin für internationales Aufsehen. Das länderspezifische Filmschaffen von Netflix belebt die Branche und begeistert die Zuschauer. Was vor 22 Jahren klein begonnen hat, ist heute ein Welterfolg – mit einigen Geheimnissen.
von Florian Fink
Reed Hastings war ein Bostoner Ingenieur, als er beschloss, etwas Neues zu schaffen. Er erfand die Streaming-Plattform Netflix, die die Art und Weise, wie heute Fernsehen geschaut wird, verändert hat. Die Idee entstand aus einer Frustration. Denn er hatte vergessen, die ausgeliehene DVD des Films Apollo 13 in die Videothek zurückzubringen, was ihn damals 40 Dollar kostete.
Reed Hastings, der vor seinem Abschluss in Stanford Mathematik in Swasiland unterrichtet hatte, gründete 1997 den ersten Online-DVD-Verleih der Welt. Heute hat das Unternehmen 193 Millionen Abonnenten und jeden Monat werden es mehr. Denn Netflix hat vier Revolutionen in der Branche überlebt: vom Versand von DVD zum Streaming; von fremden zu eigenen Inhalten, von globalen zu lokalen Inhalten, vom US-Unternehmen zum Weltunternehmen. Für Mr. Netflix gab es auf diesem Weg nur eine Regel: die Regel, dass es keine Regeln gibt. Aber Netflix ist ein Team, keine Familie. Die Spieler werden ausgewechselt, wenn bessere gefunden werden. Denn das ganze Modell basiert auf einer Talentdichte. Manager werden ermutigt, jeden Mitarbeiter regelmässig zu evaluieren, um sicherzustellen, dass sie für jede Aufgabe die beste Person haben. Wenn ein Teammitglied kündigt, gilt es eine Frage zu beantworten: ziehen lassen oder umstimmen?
Der Unternehmer
Reed Hastings ist 1960 in Boston geboren, arbeitete von 1983 bis 1985 im Friedenscorps, absolvierte danach ein Masterstudium in Computer Science an der Universität Stanford und gründete 1991 sein erstes Unternehmen Pure Software. Nach einer Fusion verkaufte er das Unternehmen 1997 und gründete die Online-Videothek Netflix mit Sitz in Los Gatos in Kalifornien. 2007 wurde er in den Verwaltungsrat von Microsoft gewählt, 2001 in den Verwaltungsrat von Facebook. Laut der Forbes-Liste beträgt sein Vermögen 5,7 Milliarden Dollar.
Neues Denken
Seit 300 Jahren, so Reed Hastings, hätten Fabriken die Wirtschaft angekurbelt. Es gelte eine pyramidenförmige Hierarchie, wie in der Kirche oder im Militär. Das sei aber nicht das beste System für ein flexibles und kreatives Unternehmen. Nachzulesen ist das in seinem Buch «Keine Regeln», das im September in deutscher Sprache erschienen ist. Mitautorin ist Erin Meyer, Professorin an der INSEAD in Paris, eine der renommiertesten privaten Managementuniversitäten weltweit. Sie beschreibt, warum Netflix eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt geworden ist und für seine Innovationskraft, Flexibilität, Geschwindigkeit und Mut als Vorbild gilt. Es liegt sicher nicht allein daran, dass bei Netflix jeder Mitarbeiter so viele Urlaubstage nehmen kann, wie er möchte. Aber führt das nicht zu einer Angst als Angestellter, Urlaub zu nehmen? Reed Hastings wehrt ab: «Die Angestellten sind grossartig darin, Ferien zu nehmen, denn aus den Ferien kommen die besten Ideen. Sie haben mehr Anregung, sie lesen mehr. Aber das ist nicht für jeden etwas. Für diejenigen, die Sicherheit über kontinuierliche Spitzenleistungen stellen, sind wir nicht der richtige Ort.» Die Netflix-Welt war allerdings nicht immer so heil.
2001 musste Reed Hastings ein Drittel des Personals entlassen, was er als schwierigen Entscheid zwischen dem Herzen und Kopf in Erinnerung hat. Im Jahr 2011 machte Netflix den Fehler, die DVD-Miete vom Streaming zu trennen, was bei den Abonnenten zu massiven Mehrkosten führte. Sie rebellierten, die Aktien stürzten ab. Das war ein Scheitern an mangelnder Aufrichtigkeit. «Wir werden dazu erzogen, freundlich, respektvoll, aber nicht aufrichtig zu sein. Die Überwindung der Angst vor Aufrichtigkeit hat mir bei der Arbeit und zu Hause geholfen», sagte Reed Hastings dazu in einem Zeitungsinterview. Aber bezüglich Transparenz gibt es bei Netflix klare Grenzen. Gehälter werden nicht offengelegt und der Erfolg der einzelnen Netflix-Produktionen bleibt unter Verschluss.
«Die 8.000 Mitarbeiter können sehen, wie sich die einzelnen Titel in den einzelnen Ländern entwickeln. Aber natürlich wollen wir aus Wettbewerbsgründen nicht, dass Rivalen Geschäftsgeheimnisse oder andere Daten erfahren», sagt Hastings dazu. Sein CEO Ted Sarandos hat die Wandlung von Netflix zu einem Produktionsgiganten von Inhalten geleitet. Ausgehend vom Welterfolg «House of Cards» folgten weitere Serien, die so erfolgreich waren, dass sie von den Medien lang und breit thematisiert wurden. Heute werden Inhalte auf der ganzen Welt produziert, wovon das jeweilige einheimische Filmschaffen profitiert. Das hat es noch nie gegeben. Ob es nun die Serien «Casa de Papel», «Orange ist das neue Schwarz» sind oder der hervorragende Film «Die zwei Päpste» mit Anthony Hopkins – Netflix hat sich auf verschiedenen Niveaus und somit auch Märkten etabliert. Netflix ist heute fast in jedem Land zu sehen – ausser in China. Dennoch ist YouTube immer noch siebenmal grösser als Netflix. Und die Konkurrenz für Netflix wächst. Doch der Unterschied zur Konkurrenz ist, dass andere Anbieter wie Disney oder Apple ihre Produkte aus Kalifornien in die Welt exportieren, während Netflix auf der ganzen Welt produziert. Das ist eine Art antiglobale Strategie in einem globalen Unternehmen.