Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03348.jsonl.gz/2230

Neue Horizonte für Kambundji und Del Ponte
Der Vorlauf bildet auch für die besten Sprinterinnen mehr als nur eine Pflichtübung. Für Mujinga Kambundji und Ajla Del Ponte eröffnen sich nach dem Auftakt ungeahnte Horizonte.
Mujinga Kambundji: 10,95 Sekunden, Schweizer Rekord egalisiert, fünftbeste Zeit. Ajla Del Ponte: 10,91 Sekunden, Schweizer Rekord unterboten, viertbeste Zeit. Dieser Auftakt der Sprinterinnen in den 100-m-Vorläufen übertrifft alle Erwartungen und weckt zugleich Hoffnungen, dass sich der Coup von Mujinga Kambundji mit WM-Bronze 2019 in Doha (über 200 m) an den Olympischen Spielen in Tokio wiederholen könnte - sei es über 100 m, die halbe Bahnrunde oder mit der Staffel.
Noch ist es allerdings ein weiter Weg zum ersten olympischen Podestplatz seit dem Bronzestoss von Werner Günthör 1988 in Seoul. Bereits ein Vorstoss in den Final wäre historisch. Im TV-Zeitalter gab es dies noch nie - weder bei den Frauen noch bei den Männern. Weltweit strömen die Massen jeweils vor den Fernseher, wenn in der olympischem Kernsportart Nummer 1 die Showdowns über 100 m anstehen. Und nun winkt die Chance, dass das Schweizer Kreuz nicht nur einmal, sondern gleich zweimal eingeblendet wird.
Nach den Vorläufen mit einer Medaille zu spekulieren, scheint aber verfrüht. Da stehen nach wie vor andere in der Favoritenrolle: Shelly-Ann Fraser-Pryce und Elaine Thompson-Herah aus Jamaika, die Britin Dina Asher-Smith oder Marie-Josée Ta Lou von der Elfenbeinküste, die bei leichtem Gegenwind in 10,78 Sekunden sogar Afrika-Rekord lief, müssen zuerst ausgeschaltet werden. Aber die Schweizer Frauen treten nun so selbstbewusst auf wie noch nie. Sie haben Lunte gerochen. Sie schnuppern an der Sensation, zumal die USA nicht bestmöglich vertreten sind. Die vor den Spielen meistgenannte Favoritin Sha'Carri Richardson fehlt wegen eines Cannabis-Vergehens.
Die Hierarchie im Schweizer Team dürfte noch drehen. Die Bernerin Kambundji verfügt über das grössere Potenzial als die Tessinerin Del Ponte. Hätte Kambundji am Freitagmorgen auch von 1,3 m/s Rückenwind profitiert, würde der nationale Rekord wohl noch hochkarätiger ausfallen. Die WM-Dritte über 200 m setzte sich in der Saison gegen Del Ponte in den Direktbegegnungen durch, unter anderem nach einem Stolperer am Start bei den Schweizer Meisterschaften in Langenthal.
"Ich kann mich im Halbfinal noch steigern", betont denn auch Kambundji. Sie steht bei ihrer dritten Olympia-Teilnahme im Zenit, nachdem sie vor 12 Jahren als 17-Jährige mit dem Sprint-Double an den Schweizer Meisterschaften die Bildfläche betreten hat. 2012 in London kam die Tochter eines Kongolesen und einer Schweizerin im Zeichen der fünf Ringe nur in der Staffel zum Einsatz - mit einem Ausscheiden in den Vorläufen.
In Rio 2016 über 100 und 200 m erreichte sie die Halbfinals. Erst 2018 stiess sie in eine neue Dimension vor. Sie durchbrach im Sommer vor drei Jahren die Schallmauer von 11 Sekunden, nachdem sie im Winter an der Hallen-WM über 60 m Bronze gewonnen und damit als erste Schweizer Athletin eine Medaille im Sprint bei weltweiten Elite-Titelkämpfen geholt hatte.
Del Ponte trat erst im Coronajahr 2020 aus dem Schatten von Kambundji. Die Tessinerin zog vergangenen Sommer voll durch, überzeugte mit starken Zeiten und setzte ihre Hausse diesen März mit Gold und Schweizer Rekord an der Hallen-EM über 60 m fort. Viele deuteten dies bereits als Wachablösung und stilisierten das Ganze auch zu einem persönlichen Duell zwischen den beiden Frauen empor.
Beides stimmt nicht: Die Bernerin und die Tessinerin sind Kolleginnen, verstehen sich auf und neben der Bahn gut. Dies zeigte sich am Freitag in Tokio, wo sich die Sprint-Asse erst im Athletendorf wieder begegneten und sich spontan um den Hals fielen. "Morgen nochmals!", schworen sie.