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Liebe auf dem Postweg
Erschienen
26.11.2021
Sandra Hermann (48) und Rodney Joppich (58) haben sich vor 30 Jahren in Australien verliebt. Sie war Austauschschülerin, er Schafscherer. Dank vielen langen Briefen ist aus einer Romanze Liebe geworden.
Rodney Joppich (28) trägt ein schwarzes Tanktop und lehnt an die Holztür einer Schafbox, als wäre sie ein Saloon. Lässig hält er eine Zigarette in der Hand. «Marlboro Man!» schiesst es Sandra Hermann durch den Kopf. Und ihr wird flatterig im Bauch. Knapp 18 Jahre alt ist sie, als sie während eines Austauschjahrs die Strathalbyn Highschool in Australien besucht. Ein Schulkollege hat sie eingeladen, sich anzusehen, wie man Schafe schert. Sie ist fasziniert – vom Business und noch mehr vom attraktiven Kerl, der die Schafe schert, als würde er eine Orange schälen.
Als ihr die Fragen rund um Schafe und Wolle ausgehen, verlässt sie mit ihrem Schulkollegen die Farm mit den 2000 Schafen. Rodney und Sandra winken sich Goodbye. Beide denken dasselbe – wir müssen uns wiedersehen! – und gelangen über Umwege an die Nummer des anderen.
Er trinkt sich Mut an, sie erfindet einen Grund, sich zu treffen: einen Aufsatz übers Schafescheren! Bevor sie sich schliesslich durchringt, den Hörer in die Hand zu nehmen, klingelt das Telefon bei ihrer Gastfamilie. Rodney lädt sie zu einer Geburtstagsparty ein. Im Pub von Langhorne Creek, einem 400-Seelen-Dorf im Südosten von Adelaide, haben die beiden ihr erstes Date, inmitten seiner Freunde. Sie denkt: Eine Ferienromanze mit einem richtigen Mann. Er denkt: Sie ist die Frau meines Lebens.
Rund 30 Jahre später sitzen sie im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in Volketswil ZH bei einer Tasse Kaffee. Er hat den Stall skizziert, in dem sie sich zum ersten Mal gesehen haben. Die Schafbox, in der er stand, umkreist er mit Bleistift. Und ihre Position ebenfalls. Sie schaut sich sein Gekritzel an – und lacht herzhaft. Ihre beiden Söhne Julian (18) und Jamie (15) schlafen noch, ein Stock höher, sie haben gerade Ferien. Der Weg vom australischen Schafstall ins gemeinsame Zuhause sollte noch lange und steinig sein.
«Du hast mich unterschätzt, Darling»
Nach dem ersten Date verbrachten sie jede freie Minute zusammen. Bald schon hiess es aber Abschied nehmen. Sie versprachen, sich zu schreiben. Es folgten fünf lange Jahre Fernbeziehung. Er schickte ihr jede Woche einen mehrseitigen Brief, in dem er ihr von seinem Alltag im Outback erzählte, die Natur um sich ganz genau beschrieb – und ihr immer wieder von Neuen sagte, wie sie ihm fehlte. Sie nahm eigene Songs und ihre Lieblingslieder auf für ihn, zeichnete und schrieb auch ihm alles, was sie erlebte und bewegte.
Zwei bis drei Wochen dauerte es jeweils, bis die Post auf der anderen Seite der Welt ankam. Selbst der Dorfpöstler fieberte mit. Las er auf dem Couvert den Absender «Swalk», klingelte er und rief: «Swalk hat geschrieben!» Hinter dem Wort «Swalk» steht die Botschaft «Sealed with a loving kiss», versiegelt mit einem liebevollen Kuss.
Telefonieren kostete damals teure zwei Dollar pro Minute, und so tauschten sich die beiden nur über den Postweg aus. Bei ihrer Rückkehr in die Schweiz hatte Sandra noch nicht geglaubt, dass Rodney ihr wirklich schreiben würde. Und vor allem hatte sie nicht erwartet, dass seine Briefe so viel Tiefe transportieren würden. Er lächelt und sagt: «Du hast mich unterschätzt, Darling.» Über die Briefe lernten sie sich von einer ganz neuen Seite kennen.
Zweimal im Jahr sahen sie sich. Um sich das Flugticket leisten zu können, arbeitete Sandra Hermann neben ihrer Übersetzerausbildung an der Migros-Kasse und verpackte für die Jowa Spitzbuben.
Gern erinnert sie sich an ihre Wiedersehen nach langen Durststrecken. Die Aufregung bei der Landung. Der prüfende Blick in den Spiegel in der letzten Toilette vor dem Ausgang. Der erste Kuss. Die Fahrt zum Hof, wo er in einem Wohnwagen lebte.
Ein Zeitungsartikel weist ihnen den Weg
Auch wenn ihre Mutter jeweils kritisch kommentierte: «Das gibt nur Heulen und Zähneklappern!», glaubten die beiden fest an eine gemeinsame Zukunft. Da Rodney sich gewohnt war, im Nirgendwo fernab von Familie und Freunden zu leben, waren sie sich einig, dass er in die Schweiz kommen sollte.
Eines Tages las Sandra Hermann im «Tages-Anzeiger» von einem neuseeländischen Schafscherer, der in der Schweiz arbeitete, und machte ihn ausfindig. Als Rodney wieder in der Schweiz war, besuchten sie den Neuseeländer mit einer Flasche Chianti und erfuhren, dass er in seine Heimat zurückkehren wollte. «Das war meine Chance!», erzählt Rodney.
Sende Weihnachtspost, schenke ein Lächeln
Über die Festtage ist Alleinsein besonders belastend. Um betroffenen Menschen beizustehen, bietet Migros-Engagement die Möglichkeit, online eine Weihnachtskarte mit guten Wünschen zu gestalten.
Im Anschluss wird die Karte ausgedruckt und von der Spitex Schweiz an Personen verteilt, die sich alleine fühlen.
Da sie nicht wegen einer Arbeitsbewilligung heiraten wollten, waren die bürokratischen Hürden jedoch gross. Schliesslich setzte sich der Bündner Schafzuchtverband für Rodney Joppich ein. Sein grosses Know-how über Schafe war damals in der Schweiz selten zu finden und entsprechend gefragt.
Der lange erträumte gemeinsame Alltag war aber weniger idyllisch, als sie sich das ausgemalt hatten. Ständig war Rodney unterwegs, 250 Schafe galt es täglich zu scheren: in der ganzen Schweiz, aber auch im Südtirol, in Holland, in Belgien.
Mit Schalk in den Augen erzählt Rodney, wie schlecht er anfangs die Dialekte der Schweizer Bauern verstand, obwohl er intensiv Deutsch gelernt hatte. Auch sein australisches Englisch war in ihren Ohren eine gänzlich unbekannte Sprache.
Wenn der Alltag nagt, lesen sie die Briefe
Sieben Jahre nach Rodneys Ankunft in der Schweiz kam ihr erster Sohn, Julian, zur Welt. Beide reduzierten ihre Pensen, und endlich war sie da, die langersehnte Familienzeit. Im Frühling und Herbst scherte Rodney weiterhin Schafe, in der Zwischensaison arbeitete er auf dem Bau oder als Zimmermann. Aber er nahm nicht mehr jeden Job an. Bis heute bleibt seine unregelmässige Arbeit auch ein Konfliktpunkt. «Wärst du glücklich geworden mit einem Bürogummi?», sagt er und lächelt sie an.
Über eine Million Schafe hat Rodney mittlerweile geschert, jedem hat er ungefähr zwei Minuten Zeit gewidmet. Auf die Frage, worin eigentlich seine Faszination für Schafe gründet, hat Rodney eine einfache Antwort: «Ich mochte Kühe nicht.»
Nagt der Alltag zu sehr an ihrem Glück, holt das Paar immer wieder die zwei Kisten mit den gesammelten Briefen aus dem Keller. Auch wenn sich die erste Verliebtheit gar kitschig lese, versinken sie gerne hie und da darin. «Nichts kann eine Bindung ersetzen, die man über 30 Jahre lang aufgebaut hat und für die man so kämpfen musste», sagt Sandra.
Rodney ist auch nach all den gemeinsamen Jahren von Sandras Lächeln verzaubert, mit dem sie einen ganzen Raum zum Leuchten bringe. Er liebt ihre fürsorgliche Art und ihr Interesse an allem, was neu und anders ist. Sandra liebt seinen trockenen Humor und seine charmante Seite. Beide finden sich auch heute noch faszinierend in ihrer Andersartigkeit.
Bevor ihre Söhne gegen Mittag aus ihren Zimmern schlurfen, möchten sie ihre Briefe aber wieder gut versteckt wissen. Sie sind sich einig: «Sie würden uns auslachen.»
Fotos: Désirée Good
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