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Buchrezensionen
Von autobiografischen Notizen italienischer Partisanen über literarische Arbeiten zur Arbeiterbewegung bis hin zu Gedichten aus dem Klassenkampf: In der Reihe "Klassiker und solche, die es werden sollten" werden in unregelmässigen Abständen Bücher vorgestellt, die in keiner Bibliothek fehlen sollten - aber auch solche, die bereits in vielen stehen und besser anderen Platz machen sollten.
Das besondere dieses autobiografischen Bändchens ist die zeitliche Nähe zu seiner Gefangenschaft in dem Vernichtungslager, in der Primo Levi es verfasst hat. Noch in Auschwitz selbst beginnt er seine Erlebnisse festzuhalten, als er in einem Chemie Labor arbeitend Zugang zu Schreibzeug hat: „Dann nehme ich Bleistift und Heft und schreibe, was ich niemandem zu sagen vermöchte“. Sofort nachdem er nach Italien zurückgekehrt war schrieb er das vorliegende Buch binnen weniger Monate.
Das kurze Buch zählt ohne Frage zu den Klassikern, und das auch zu Recht: Mit seinen Schilderungen des Lagerlebens gewinnt man einen Eindruck der Ökonomie im Lager, wo Brot Währung ist und jedes Arbeitsmaterial, dass man entwenden kann zum Tauschobjekt wird. Man erhält einen Eindruck von der Lagerhierarchie, den Verhältnissen zwischen Juden, politischen Gefangenen und Kriminellen, zwischen Blockinsasse und Blockältesten, zwischen Häftlingen und SS. Enttäuscht wird, wer von dem Buch erwartet, mehr über den Faschismus zu lernen – hier allerdings ist mit anderen Büchern abzuhelfen.
Die Frage, die den Titel des Buches bildet: „ist das ein Mensch?“ kokettiert mit der Phrase, wer etwas wie Auschwitz ins Werk setzt, könne kein Mensch sein. Primo Levi beantwortet die Frage auf seine ganz eigene Weise. Die SS, welche das Lager leitet, die über Leben und Sterben entscheiden, sind für ihn ohne Frage Menschen. „Kein Mensch hingegen ist, wer darauf wartet, dass sein Nachbar endlich stirbt, damit er ihm ein viertel Brot abnehmen kann, kein Mensch ist jener, der noch im Todeskampf beständig sein «Jawohl» murmelt“. Für Primo Levi sind es die Gefangenen von Auschwitz, die um das gebracht werden, was Mensch sein ausmacht.
Die deutsche Übersetzung von Heinz Riedt liest sich gut, wer allerdings des italienischen Mächtig ist, wird an Kapiteln wie der Gesang des Odysseus im Original mehr Spass haben: Hier schildert Primo Levi wie er einem Mitgefangenen anhand Dantes Göttlicher Komödie italienisch beibringt, samt grammatikalischen Eigenheiten. Die Lösung mit deutschen und italischen Sätzen ist elegant, aber hilft nicht, wenn der Leser kein italienisch spricht. Die Entscheidung des Autors viele französische Sätze nicht zu übersetzten, lässt einen das „babylonische“ des Lagers erahnen, von dem Primo Levi spricht – für Menschen ohne Französischkenntnisse allerdings macht es manche Stellen schwieriger verständlich.
Die aktuellen Ausgaben seiner Romane sind solide gemacht und verhältnismässig billig. Ebenfalls zu diesen Klassikern zählt auch Primo Levis „Die Atempause“, das direkt nach der Befreiung von Auschwitz ansetzt und seine neunmonatige Odyssee zurück nach Turin beschreibt. Auch Das Mass der Schönheit und der Freund des Menschen, Wann, wenn nicht jetzt und Das periodische System von Primo Levi sind inzwischen in dieser Reihe erhältlich.
Primo Levi: Ist das ein Mensch? Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2015. 169 Seiten, SFr 11.90, ISBN 978-3-423-12395-2
Primo Levi: Die Atempause. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2015. 256 Seiten, SFr 14.00, ISBN 978-3-423-11779-1