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«Mein antediluvianisches Alter»: Humboldts Selbsthistorisierung und Selbstgeologisierung
Alexander von Humboldt verweist in späten Briefen der 1840/50er Jahre regelmässig auf sein ‹antediluvianisches› Alter, um seine unleserliche Handschrift zu entschuldigen. Oberflächlich handelt es sich dabei um die selbstironische Demutsgeste eines berühmten Greises. Nimmt man die Formulierung ‹antediluvianisch› aber ernst und berücksichtigt Humboldts Spätwerk, lässt sich seine Beobachtung des eigenen Alterns nachvollziehen. Wie bei den physiologischen Selbstversuchen in seiner Jugend dient ihm auch gegen Ende seines Lebens der eigene Körper, nicht zuletzt die unzuverlässige Schreibhand, als naturkundlicher Untersuchungsgegenstand. Humboldts Interesse an Alterungsprozessen kommt auch in dem Aufsatz ‹Vom hohen Alter der Bäume› (1849) zum Ausdruck, der die Langlebigkeit von Pflanzen und aquatischen Lebewesen behandelt. Wenn er sich scherzhaft dem ‹vorsintflutlichen› Erdzeitalter zuordnet, lässt sich dies als eine Übertragung seiner geologischen Forschung auf die Selbstbeobachtung verstehen: Humboldt beschäftigt sich ab den 1830er Jahren nicht nur zunehmend mit erdgeschichtlichen Fragen (Fossilien, Paläontologie, Erdalter und Tiefenzeit), sondern wird sich selbst historisch. Er nimmt sich, ausgelöst durch Symptome des eigenen Alterns, als geschichtlichen Gegenstand wahr. Diese Tendenz zur Selbsthistorisierung, Selbstgeologisierung und Selbstgerontologisierung lässt sich in breitere wissenschaftsgeschichtliche Entwicklungen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts einordnen: Überschwemmungen (wie das mythische ‹diluvium›, die Sintflut) waren ein wichtiges Element im geologischen Modell des ‹Katastrophismus›, wie es u. a. Georges Cuvier und Louis Agassiz vertraten. Und das Interesse an geschichtlichen Vorgängen in der Natur, die Verzeitlichung der Naturgeschichte, mündete u. a. in Charles Darwins Evolutionstheorie, deren Gründungstext ‹On the Origin of Species› 1859 wenige Monate nach Humboldts Tod erschien.