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Die Liebe, das Begehren und der Tod. Dazu die Erinner-ung als treibende Kraft. Alain Claude Sulzer verhandelt in seinem neuen Roman «Ein perfekter Kellner» die grossen menschlichen Themen auf unspektakuläre und zugleich ergreifende Weise neu. Auf den ersten Blick scheint er dafür ähnliche Parameter verwendet zu haben wie bei dem Vorgängerbuch «Annas Maske» (2001).Wiederum finden wir uns zurückversetzt in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, diesmal in die Dreissigerjahre. Wieder steht ein unerhörtes Ereignis im Mittelpunkt der Geschichte: ein Liebesverrat. Genauer betrachtet aber, ist «Ein perfekter Kellner» des 1953 geborenen Schweizer Schriftstellers ein ganz anderes Buch. Und: der nun vorliegende Roman dürfte nicht nur Sulzers bisher bester sein, «Ein perfekter Kellner» gehört fraglos zu den interessantesten deutschsprachigen Neuerscheinungen in diesem Jahr.
Erzählt wird die Geschichte von Erneste, einem Kellner in gutem Haus. Im Herbst 1966 erhält er einen Brief von Jakob, den er jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat. Ein Hilferuf eines fast vergessenen, über die Jahre verdrängten Geliebten. Die Erinnerung zwingt Erneste zurück in die Vergangenheit; die Zeit mit Jakob bricht wieder auf, beginnend mit dem Tag, als dieser im Herbst 1935 in jenem Grand-Hotel die Arbeit aufnahm, wo auch Erneste beschäftigt war. Erneste, der Jakob in die Aufgaben eines Kellners einführte, war nicht nur sein Lehrer, sondern kurz darauf auch sein Liebhaber. Die beiden teilten ein Zimmer miteinander. Tagsüber arbeiteten sie, nachts liebten sie sich. Doch Ernestes Pläne, aus Jakob einen perfekten Kellner zu machen, scheiterten. Bereits ein knappes Jahr nach seiner Ankunft verliess Jakob seinen Lehrmeister und folgte einem berühmten Schriftsteller in die USA. «Als Erneste sich die Tragweite dieser Veränderung vor Augen führte, glaubte er, den Verstand zu verlieren. Doch dieser Zustand würde nicht lange andauern. Er verlor den Verstand nicht. Er arbeitete, als wäre nichts geschehen.» Noch davor hatte Erneste die beiden in flagranti beim Liebesspiel erwischt. Der perfekte Kellner, der Pragmatiker, ist in Tat und Wahrheit Erneste selbst – bis die einstmals entfachte Leidenschaft dreissig Jahre später mit ungeahnter Macht wiederaufbricht.
Alain Claude Sulzer agiert raffiniert auf zwei Zeitebenen. Nach und nach wird die Geschichte der beiden jungen Kellner von damals erzählt, eingeschoben sind immer wieder Passagen vom Zeitpunkt, an dem die Erinnerung bei Erneste wiedereinsetzt. Erzähltechnisch nimmt Sulzer die grösstmögliche Distanz ein. Der Autor hat beide «Ereignisse», die Beziehung der beiden jungen Kellner und das Eintreffen des Briefes, in die Vergangenheit gelegt. Ein klassisches Erinnerungsbuch also, das sich zugleich des zeitlosen Motivs der Sehnsucht bedient. Sehnsucht stellt sich nur aus der Ferne ein, sei es eine räumliche Trennung oder eben eine zeitliche Distanz.
Wenige Wochen nach dem ersten Brief erreicht Erneste ein zweiter. «Jetzt war es seine Aufgabe, die Erinnerung eines alten Mannes aufzufrischen und Geld aus ihm herauszuholen. Seine Aufgabe war es, bei Klinger, den er kaum kannte, für Jakob zu werben, bei dem berühmten Klinger, der sich an ihn natürlich nicht erinnern würde, denn der grosse Schriftsteller hatte damals nur Augen für Jakob gehabt, genau wie Erneste.» Und Erneste, noch immer Liebender, Sehnender, erweist seinem Jakob auch diesen Dienst, setzt sich letztlich mit dem Schriftsteller, dem berühmten (Thomas?) Mann, in Verbindung, der, nach seiner Flucht in die USA, nach dem Kriegsende wieder in die Schweiz zurückgekehrt war.
Damit ist der Hauptstrang des Romans erzählt, wenn auch ohne den Schluss. Nebst einer seltenen Präzision in Sprache und Diktion und einem ausserordentlichen Gespür für die Emotionen seiner Figuren schafft Sulzer einen Roman, der aufzeigt, welche Macht die Vergangenheit auf die Gegenwart ausüben kann. Ernestes Seele, durch jahrelange Pflichterfüllung notdürftig wiederhergestellt, diese Seele des in die Jahre gekommenen Mannes wird zerrissen. Was ihn nicht nur unachtsam und deswegen zum Opfer heftigster Prügel, sondern auch zum gemeinen Erpresser von Klinger werden lässt.
«Ein perfekter Kellner» ist ein überaus dichter und feinsinniger Roman, der nicht zuletzt dem Glauben an die grosse Liebe nachspürt, diesen Glauben in Frage stellt und gar mit Füssen tritt. Sulzer inszeniert ein doppeltes Gespräch über die «Ausschliesslichkeit der Liebe», das immer wieder um die Schuldfrage kreist, bis sich zeigt, dass es diese Frage nicht gibt. Konkret findet das Gespräch zwischen Erneste und Klinger in den letzten Szenen des Romans statt, dazu stellt sich aber auch ein Dialog zum selben Thema zwischen Roman und Leser ein. Dass Alain Claude Sulzer diese grössten Belange und Begehrlichkeiten menschlichen Seins, die ansonsten kaum ohne Pathos und Patina zur Sprache gebracht werden, derart nüchtern und präzise auf den Punkt bringt, ist eine literarische Leistung für sich.
Alain Claude Sulzer, «Ein perfekter Kellner». Roman. Zürich: Edition Epoca, 2004.