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Die Rationalität der Sphinx
Irvin D. Yalom: „Das Spinoza-Problem“ (Roman)
Wie vertragen sich Philosophie und Psychoanalyse? Indem wir unseren Gedanken auf den Grund gehen, können wir beides betreiben. Genau das macht uns Yalom in seinem Roman zwischen Naziparolen und portugiesischer Inquisition vor.
Von Noemi Jenni
Alfred Rosenberg, früh angesteckt durch Rassenideologien von Chamberlain, wird in seiner Schulzeit mit der Philosophie Spinozas in Berührung gebracht und sie lässt ihn nicht mehr los. Zuerst versteht er nichts von den Texten, ist aber der Meinung, dass, da Spinoza Goethes grosses Vorbild war, er auch sein Idol sein sollte. Alfred ist ein arroganter Besserwisser, ein notorischer Einzelgänger, aber auch sehr unsicher und ängstlich. Durch Zufall trifft er auf Friedrich Pfister, einen früheren Freud der Familie, der nun Psychiater ist und mit der Methode der Psychoanalyse arbeitet. Friedrich beginnt, Alfreds Persönlichkeit zu entlarven. Albert steigt auf zum führenden Naziideologen, Herausgeber des Völkischen Beobachters und engem Bekannten Hiltlers. Friedrich bleibt sein einziger wirklicher Vertrauter und obwohl er Alfred als Person verabscheut, behandelt er ihn bis zu einem gewissen Zeitpunkt weiter. Auch Spinozas Bücher nimmt Alfred immer wieder in die Hand steht, aber im Konflikt mit dem Philosophen, weil dieser ursprünglich Jude war. Sein grosser psychischer Komplex ist das ungleiche Verhältnis zu Hitler, den er vergöttert, von dem er aber starke Ablehnung spürt.
Baruch de (Bento) Spinoza 300 Jahre früher, kämpft mit den Gegensätzen zwischen Glauben und Rationalität und entscheidet sich für letztere. Aus diesem Grund wird er aus seiner jüdischen Gemeinde ausgestossen und muss sich ein neues Leben und eine neue Identität suchen. Diese fehlende Zugehörigkeit begleitet ihn immer. Auch wenn er versucht, die Leidenschaft und Heimat in der Rationalität zu finden. Auch er hat einen Vertrauten, der ihn in Gesprächen analysiert, seine Gedanken hinterfragt und neu beleuchtet, den Portugiesen Franco Benitez.
Fakt oder Fiktion
„Ich versuchte einen Roman darüber zu schreiben, wie es sich hätte abspielen können“. Um Zugang zur Psyche der Protagonisten zu erhalten, die reale historische Figuren waren, erfand der Autor die Charaktere von Franco Benitez und Friedrich Pfister. Yalom stützt sich auf seinen beruflichen Hintergrund, um das Innenleben der Protagonisten darzustellen. Auch sind alle Passagen fiktiv, die Spinoza mit Rosenberg in Verbindung bringen und die beiden Biografien verweben.
Historische Belege für die beschriebenen Stationen in Rosenbergs Leben nahm Yalom aus dessen Memoiren. Der Autor beschreibt sein Vorgehen in einem ausführlichen Vor- und Nachwort. Woher er die Informationen hat, weshalb ihn die Thematik beschäftigt und auf welche Probleme er bei der Recherche gestossen ist. So wirkt das Buch gut recherchiert, aber auch sehr konstruiert und diese Konstruktionen sind während der Lektüre immer wieder klar ersichtlich. Die Übergänge zu den beschriebenen psychoanalytischen Sitzungen wirken oft abrupt und eingepflanzt.
„Friedrichs Ansätze zu einer Psychotherapie mit Alfred Rosenberg basieren darauf, wie ich persönlich die Aufgabe in Angriff genommen hätte, mit einem Mann wie Rosenberg zu arbeiten,“ schreibt der Autor und das wird bei der Lektüre auch spürbar.
Yalom ist ein einflussreicher Psychoanalytiker in den USA, schrieb einige Fachbücher und daneben immer wieder Bestseller. In diesem Buch vereint er seine grossen Leidenschaften – die Psychoanalyse und die Philosophie.
Die Figuren werden durch die psychoanalytischen Passagen bis in jede Haarspitze hinein analysiert, was ihnen auch jedes Geheimnis entreisst.
Wer lange, detailreiche philosophische Passagen mag, wird hier voll auf seine Rechnung kommen.
Titel: Das Spinoza-Problem
Autor: Irvin D. Yalom
Übersetzerin: Liselotte Prugger
Verlag btb
Seiten 480
Richtpreis: CHF 32.90