Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03141.jsonl.gz/2325

Am Nordufer des Neuenburgersees, beim Ausfluss der Zihl gelegener Fundort in der polit. Gem. La T. NE, nach dem die jüngere Eisenzeit in Europa (Latènezeit, Kelten) benannt ist. La T. wurde im Nov. 1857 vom Fischer Hans Kopp gefunden, als dieser im Auftrag von Friedrich Schwab nach prähist. Gegenständen suchte. Schwab hatte sich nach der Entdeckung der Pfahlbauer 1854 von der Begeisterung für die Jagd nach Altertümern anstecken lassen. Zur internat. Berühmtheit von La T. trugen die Ende der 1850er und in den 60er Jahren veröffentlichten Artikel von Edouard Desor bei, aber auch die internat. Kongresse für Anthropologie und prähist. Archäologie 1866 in Neuenburg, 1871 in Bologna und 1874 in Stockholm sowie die Annahme der Terminologievorschläge des Schweden Hans Hildebrand 1874.
Nach der ersten Juragewässerkorrektion (1868-91) wurden unter der Leitung von Emile Vouga Ausgrabungen lediglich zum Einsammeln von Gegenständen durchgeführt. Vouga publizierte danach in Neuenburg die Synthese "Les Helvètes à La T." (1885), auf die in Paris das Werk "La T., un oppidum helvète" von Victor Gross (1886) folgte. Die offiziellen Untersuchungen der Ausgrabungskommission (1907-17) unter der Leitung von William Wavre und ab 1909 von Paul Vouga wurden mit der 1923 in Leipzig erschienenen Publikation "La T.: monographie de la station" abgeschlossen. Seither beruhen die Deutungen, sowohl was die Chronologie als auch die Funktion von La T. betrifft, auf dem reichen archäolog. Fundmaterial und den vorab von Paul Vouga veröffentlichten Daten.
Die meisten Objekte wurden in einem alten Arm der Zihl gehoben, zwischen den kelt. Brücken Pont Vouga und Pont Desor, 115 m flussabwärts. Der vermutlich etwa 4 m breite und mindestens 90 m lange Pont Vouga mit 13 Pfeilern - fünf davon wurden von Paul Vouga freigelegt, acht von seinem Vater erfasst - überspannte einen Arm der Zihl. Obwohl die Brücke nicht dendrochronologisch datiert ist, wird sie mit der Mehrheit der Funde ins 3. Jh. v.Chr. eingeordnet. 2003 brachte eine Rettungsgrabung von beschränktem Umfang neue Erkenntnisse: Der Pont Desor, der lange der Römerzeit zugeschrieben worden ist, ist in Tat und Wahrheit älter als der Pont Vouga. Er wurde dendrochronologisch auf 658 v.Chr. datiert.
Die Funde von La T. erlangten früh eine europa- und sogar weltweite Bedeutung: 1923 zählte Paul Vouga 2'479 bis 1917 gefundene Objekte in den Museen von Neuenburg, Biel, Zürich, Genf, Bern, Berlin und Paris; José Maria De Navarro führte in seiner 1972 in Oxford publizierten Studie mehr als 3'046 Objekte auf, die sich in nicht weniger als 16 Museen, u.a. in Wien, Berlin, London, Saint-Germain-en-Laye, New York, Harvard und Princeton, befanden. 2011 wurden mehr als 4'500 Objekte in rund dreissig Museen ermittelt. Zudem können viele Gegenstände, die im 19. Jh. durch Verkauf oder Tausch an Privatpersonen gelangten, nicht mehr aufgespürt werden. Die häufigsten, mehrheitlich aus Eisen gefertigten Objekte sind Waffen wie Schwerter und Schwertscheiden, Lanzenspitzen und Schilde, sodann Schmuckgegenstände und Bekleidungszubehör wie Fibeln und Gürtelhaken, weiter Messer, Rasiermesser, Zangen, Sicheln, Sensen, mit Eisen eingefasste Kessel aus Bronze, Äxte und zahlreiche Spezialgeräte wie Stichel, Feilen und Zwingen sowie Trensen, Phaleren und Eisenbarren.
Der ausserordentlich gute Zustand einiger Funde, so der reich verzierten eisernen Schwertscheiden, ist auf das feuchte Milieu zurückzuführen, in dem sich auch - was bei Fundorten an Land äusserst selten vorkommt - die organ. Materialien erhalten haben (Holz, Textilien oder Flechtwerk). Ein Eichenbrett, das von einem Schild mit einem Schildbuckel aus Eisen stammt - ein typ. Element für den Beginn der mittleren Latènezeit -, wurde dendrochronologisch auf 225 v.Chr. datiert. Diese entscheidende Datierung diente Ende der 1970er Jahre als Ausgangspunkt für die chronolog. Einordnung von La T. im kelt. Europa. Unter den Ausnahmefunden figurieren Joche, ein Packsattel, Lanzenschäfte, Waffen- und Werkzeugschäfte bzw. -holme und -griffe aus Holz, ein Wagenrad mit zehn Speichen, ein Seil sowie ein geflochtener Sack. Unter Dutzenden von Münzen wurden mindestens neun Statere und sechs Viertelstatere aus Gold gefunden sowie eine Menge Potinmünzen (gegossene Münzen aus einer Kupferlegierung) aus späterer Zeit. Seltene Keramik und einige Gefässe aus gedrechseltem Holz vervollständigen diesen einzigartigen Fundbestand, zu dem noch Tierknochen, insbesondere von Pferden, aber auch von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Hunden, vermischt mit Überresten von menschl. Skeletten (u.a. zwanzig erhaltenen Schädeln), hinzukommen.
Die ältesten, nicht sehr zahlreichen Funde stammen aus dem Neolithikum und der Bronzezeit, andere, ebenso spärliche vom Ende der älteren Eisenzeit (späte Hallstattzeit, 7. bis Anfang des 5. Jh. v.Chr.). Eine Kulturschicht, die 2003 zu Tage gefördert wurde, wird zeitlich mit dem Pont Desor in Zusammenhang gebracht (Mitte des 7. Jh. v.Chr.). Die Frühlatènezeit (Ende des 5. Jh. bis Anfang des 3. Jh. v.Chr.) ist mit einigen Fibeln und Schwertern vertreten. Die grosse Mehrheit der Funde, mehr als 90%, stammt aus der Mittellatènezeit, d.h. aus der 2. Hälfte des 3. Jh. und dem Beginn des 2. Jh. v.Chr. Während die Goldmünzen dieser Periode zugeordnet werden, wird das gegossene Kleingeld in die Spätlatènezeit datiert (2. Hälfte des 2. und 1. Jh. v.Chr.). Eine am Nordufer des Pont Desor freigelegte Bodenplatte wurde dendrochronologisch auf 35 v.Chr. datiert (Ende Spätlatène). Hinzu kommen einige galloröm. und ma. Funde.
Seit seiner Entdeckung wurde heftig diskutiert, welche Funktion der mittellatènezeitl. Fundort erfüllte: Handelt es sich um ein Pfahlbauerdorf, ein Oppidum der Helvetier, einen Zufluchtsort, einen Grenzposten, eine Zollstation, einen Militärposten, ein Waffenlager, einen Warenumschlagplatz, einen Hafen oder ein Heiligtum? Der letztgenannten Hypothese stimmen heute die meisten Fachleute zu. Der Fundort La T. gilt als Kult-, Weihe- und Opfer- sowie Ausstellungsplatz von Gegenständen, Tieren und Menschen. Die zahlreichen Waffen - einige tragen Spuren von Schlägen und willentl. Zerstörung, andere wurden absichtlich verbogen - verbunden mit den menschl. und tier. Gebeinen weisen auf rituelle Praktiken hin, die aus zahlreichen Heiligtümern im Norden Frankreichs bekannt sind: Nach der Weihung der Objekte, die einen Trophäencharakter oder Reliquienwert bekommen hatten, wurden diese auf der Brücke oder wahrscheinlicher am Ufer ausgestellt, bevor sie ins Flussbett gelangten. Solche Opferpraktiken in Feuchtgebieten wurden in versch. Regionen Europas sowohl für die Bronze- als auch die Eisenzeit häufig festgestellt. Vertreter anderer Theorien gehen davon aus, dass La T. eher ein Wirtschafts- oder Handwerksplatz war, und nehmen an, dass der Ort durch eine katastrophale Überschwemmung zerstört wurde. Diese Hypothese wurde nach der Ausgrabung der Brücke bei Cornaux-Les Sauges aufgestellt. Die meisten Forscher sehen jedoch auch in diesem Fundort wie jenem von Port eher eine Kultstätte.
Die zahllosen Funde von La T. werden in Museen auf der ganzen Welt aufbewahrt, wobei sich die bedeutendsten Sammlungen zusammen mit der Grabungsdokumentation in Biel (Museum Schwab, 1870) und Hauterive (Laténium, Park und archäolog. Museum, 2001) befinden. Zu Lebensweise, Bewaffnung, Schmuck, Handwerk, Landbau sowie rituellen und kult. Praktiken der Kelten im Schweizer Mittelland um 200 v.Chr. liefern sie eine Unmenge an Informationen, deren Auswertung 2007 im Rahmen eines Forschungsprojekts des Schweiz. Nationalfonds wieder aufgenommen wurde.
Literatur
– J.M. De Navarro, The Finds from the Site of La T., 1972
– La T.: la recherche - les questions - les réponses, Ausstellungskat. Biel, 2007
– G. Reginelli Servais, La T., un site, un mythe 1, 2007
– Le site de La T.: bilan des connaissances - état de la question, hg. von M. Honegger et al., 2009
– G. Kaenel, G. Reginelli Servais, «La reprise des études du site de La T.: bilan intermédiaire», in JbAS 94, 2011, 215-221
Autorin/Autor: Gilbert Kaenel / AHB