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Wenn der Public Health Experte Eyal Shahar Recht hat, dann war die vierte Covid-mRNA-Impfung bei hochbetagten Menschen ein Fehler. «Die vierte Impfdosis war im besten Fall sinnlos und möglicherweise schädlich für diese vulnerable Bevölkerungsgruppe», schreibt Shahar in einem offenen Brief auf der Website des «Brownstone Institute».
Damit widerspricht er Behörden und Fachleuten, wie der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Diese hatten den Seniorinnen und Senioren die vierte Impfdosis empfohlen: «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine weitere Auffrischimpfung den Schutz gegen schwere Verläufe inklusive Hospitalisation bei der vulnerablen Population erhöht», schrieb das Bundesamt für Gesundheit im Herbst 2022, als es den Senioren zur vierten Impfdosis riet.
Relative Wirksamkeit von bis zu 71 Prozent …
Eyal Shahar trägt seit Monaten Puzzlesteinchen zur Covid-mRNA-Impfung zusammen, die Fragen aufwerfen (Infosperber berichtete). Er ist emeritierter Professor für Public Health an der Universität von Arizona und hat sich als Fachmann für Epidemiologie und Biostatistik intensiv damit beschäftigt, wie unbekannte Faktoren Studienergebnisse beeinflussen können.
Das Grundproblem: Die Gruppen der Geimpften und der Nicht-Geimpften, die in den Beobachtungsstudien miteinander verglichen wurden, waren unterschiedlich gesund. Verglich man also Geimpfte mit Nicht-Geimpften oder Geboosterte mit Nicht-Geboosterten in Beobachtungsstudien, wurden «Äpfel mit Birnen» verglichen. Denn diejenigen, die geimpft oder geboostert wurden, waren zum Zeitpunkt der Impfung gesünder als die nicht-geimpften beziehungsweise nicht-geboosterten Vergleichspersonen. Das haben inzwischen mehrere Studien gezeigt (siehe Box unten).
Shahars jüngstes Beispiel ist eine Studie aus Schweden, veröffentlicht in «The Lancet Regional Health – Europe». Dort wurde im Winter/Frühling 2022 verglichen, wie viele drei- beziehungsweise viermal geimpfte alte Menschen (die teilweise in Heimen lebten) in den vier Monaten nach der Impfung verstarben.
Die schwedische Studie bescheinigte dieser vierten Impfdosis bei den Seniorinnen und Senioren eine (relative) Schutzwirkung vor dem Tod von 71 bis 27 Prozent, je nachdem wie lange die Impfung zurücklag.
… oder sogar schädlich?
Eyal Shahar dagegen kommt aufgrund derselben Daten zu einem ganz anderen Schluss. Seiner Ansicht nach kostete die vierte Covid-mRNA-Impfung im Frühling/Winter 2022 vermutlich mehr alte Menschen das Leben, als dass sie bei ihnen Leben rettete.
Sein Ergebnis: Nach dem Booster starben mehr viermal geimpfte alte Menschen als nur dreimal geimpfte. Konkret: Auf 10 dreimal gegen Covid geimpfte Senioren, die im Zeitraum von etwa neun Wochen nach dem Booster verstarben, kamen 12 bis 24 viermal geimpfte Senioren, die starben.
Damit konfrontiert erklärte Peter Nordström, einer der Autoren der schwedischen Studie, er halte dies für unmöglich. Doch Nordström lieferte keine Gegenbeweise.
Das Bundesamt beantwortet die Frage nicht
Wer hat nun Recht: Eyal Shahar, ein Fachmann auf seinem Gebiet, der eine lange Liste von Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften aufweist, oder die Experten, welche die vierte Impfdosis empfahlen?
Infosperber bat die Eidgenössische Kommission für Impffragen EKIF um eine Stellungnahme zu Shahars Resultat. Anstelle der EKIF antwortete das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Doch das BAG ging auf Shahars Auswertungen nicht ein, sondern antwortete lediglich in drei allgemein gehaltenen Sätzen: «Die Wirksamkeit und Sicherheit von weiteren Auffrischimpfungen wurden in mehreren Studien untersucht und durch Daten aus Beobachtungsstudien bestätigt. Diese sind in der Impfempfehlung beschrieben und eingeordnet. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt den Nutzen der Impfung in den Zielgruppen.» Demnach wurde «je nach Studie ein um 30 bis 80 Prozent erhöhter Schutz vor schweren Covid-19-Verläufen beobachtet, im Vergleich zu Personen, welche keine weitere Impfdosis erhalten haben».
Nur: Die vom BAG zitierten Studien sind Beobachtungsstudien. Diese sind fehleranfällig. Das ist allen Fachleuten klar. Selbst ein Impfstoff mit null Wirkung kann in Beobachtungsstudien eine scheinbare Wirksamkeit von 50 oder sogar 67 Prozent erzielen (Infosperber berichtete).
Wollte man Shahars Darstellung überprüfen, gäbe es zwei Möglichkeiten:
- Die Rohdaten der wichtigen Impfstudien würden offengelegt und sowohl Covid-Todesfälle als auch Nicht-Covid-Todesfälle angegeben. So könnten unabhängige Fachleute nachrechnen und die Studienresultate überprüfen. Es gibt auch bei Beobachtungsstudien – allerdings aufwändige und anspruchsvolle – Möglichkeiten, die statistischen Analysen zu verbessern. So kommt man zu einem Ergebnis, das der Wahrheit näherkommt als die bisherigen, rasch publizierten Studienresultate. Doch bisher steht es mit dem Offenlegen der Daten «erbärmlich», wie drei Wissenschaftler feststellten. Und dies gelte sogar bei Studien, die enorme Auswirkungen auf die Gesundheitspolitik hatten.
- Es würde mindestens eine ausreichend grosse, randomisierte kontrollierte Studie durchgeführt. Dabei werden die Versuchspersonen per Los in zwei Gruppen eingeteilt und dann geimpft oder nicht geimpft. Diese Versuchsanordnung führt dazu, dass beide Gruppen wirklich vergleichbar sind, so dass es zu verlässlicheren Ergebnissen kommt als mit den bisherigen Beobachtungsstudien. Diese randomisierte(n) Studie(n) müssten so angelegt sein, dass sie etwaige Unterschiede in der Sterblichkeit zwischen Personen mit und ohne Booster erkennen könnte(n). Dann würde sich zeigen, ob die Boosterimpfung tatsächlich nichts bringt, wie Shahar darlegt.
Keine randomisierte Studie für die Personengruppe, die am meisten von Covid betroffen ist
Shahar, Nordström und weitere von Infosperber befragte Wissenschaftler sind sich einig, dass es solche randomisierten Studien brauchte, um sicherzugehen, wie nützlich oder womöglich schädlich weitere mRNA-Impfdosen für betagte Menschen sind.
Nach solchen Studien sucht man in der grossen, über 469’000 Studien umfassenden US-Datenbank, in der Studienvorhaben registriert werden, vergeblich. Und auch unter den schon veröffentlichten Studien sind keine zu finden: Die Datenbank Pubmed listet zwar rund 9300 Studien zu den Begriffen mRNA-Impfung und Covid auf – aber keine davon hat randomisiert untersucht, wie gut die Impfung bei den alten Menschen wirkte. Dabei sind sie es, die am meisten von Covid betroffen waren und sind.
Stattdessen werden nun ständig weitere mRNA-Impfbooster zugelassen und empfohlen, immer auf der Basis von verzerrungsanfälligen Beobachtungsstudien.
«Die Impfungen wurden bei kranken Menschen hinausgeschoben»
Unterschiede im Gesundheitszustand zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften wurden auch in mehreren anderen Studien beobachtet (Infosperber berichtete). So berichtete beispielsweise im Juni 2021 ein Wissenschaftler-Team vom dänischen «Statens Serum Institut», das für das dortige Gesundheitsministerium forscht, dass die mRNA-Impfung mit «signifikant» weniger Spitaleinweisungen und Todesfällen aus allen möglichen Gründen einherging. Dies bereits kurz nach der Impfung, als noch gar keine Schutzwirkung gegen Covid zu erwarten war: Von den hilfsbedürftigen über 65-Jährigen, die geimpft wurden, kamen in den ersten 14 Tagen nach der allerersten Impfdosis rund 35 Prozent weniger ins Spital als von den Ungeimpften. Bei den Todesfällen aus allen möglichen Gründen suggerierte die Studie einen «Schutz» von etwa 60 Prozent durch die Covid-Impfung. Das lag aber weniger an der Impfung als daran, dass die Geimpften von Haus aus gesünder waren als die Nicht-Geimpften. Denn die Covid-Impfung schützt nicht gegen alle möglichen Todesursachen und schon gar nicht in den ersten Tagen, wenn sie noch nicht wirkt.
Die Forscher vermuten, dass die Impfung bei sehr kranken Menschen hinausgeschoben wurde. Diese waren somit kränker als die geimpfte Vergleichsgruppe. Das könne die Wirksamkeit der Impfung «künstlich erhöhen». Weder die Pressestelle des Statens Serum Institut noch die Forscher, die ihre Ergebnisse nur als «Pre-Print» veröffentlichten, beantworteten Anfragen von Infosperber.
Auch US-Daten zeigten, dass von den Covid-geimpften Senioren 2,4- bis 3,7-mal weniger an Nicht-Covid-Todesursachen starben, als die nicht gegen Covid-geimpften Senioren. Das lege nahe, dass die Covid-Geimpften per se gesünder seien als die Nicht-Geimpften oder dass sie weniger riskant leben würden, folgerten die US-Forscher im «Morbidity and Mortality Weekly Report».
Dasselbe beim zweiten Booster: Offizielle britische Daten, die Shahar in seinem Blog auf «Medium» analysierte, zeigten, dass zweimal gegen Covid geboosterte 70- bis 79-Jährige rund 2,7-mal weniger an Nicht-Covid-Todesursachen starben als nur einmal geboosterte Gleichaltrige. Der Gesundheitszustand der zweimal Geboosterten war also wahrscheinlich zum Zeitpunkt der Impfung besser als derjenige der nur einmal Geboosterten. Anhand dieser Daten errechnete Shahar eine «Wirksamkeit von nahezu Null» der zweiten Booster-Impfung.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.