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«Dieser Spielplatz soll verschwinden»
28. Juni 2017 von Martin Bürlimann
Online seit
28. Juni 2017
Printausgabe vom
29. Juni 2017
Im Bau-Boom nach der Jahrhundertwende wäre der Landenbergpark beinahe zugebaut worden. Schreinermeister Jakob Ott und GGW-Präsident Eugen Bolleter verhinderten dies.
Wo sich heute die Habsburg- und Leutholdstrasse kreuzen, stand einst der stolze Hof von Philipp Knoch. «Neuhaus» hiess sein Gehöft beim heutigen Landenbergpark. Der Hof bestand aus Wohngebäude, Scheune, Waschhaus und einer Trotte, in der man den Wein der eigenen Reben presste und kelterte. Zum Neuhaus-Gut gehörte ursprünglich auch der Breitenacker. Dieser lag bei der heutigen Hönggerstrasse, wo ab 1824 das Schulhaus stand. Hof und Name selbst stammen aus dem Jahr 1750. Bauer Knoch, aus Deutschland eingewandert, kaufte den Hof 1860. Er war ein feuriger Vertreter der neuen Verfassung und des liberalen Geistes. Auf seinen Hof lud er Freigeister und Immigranten ein, die in der Schweiz eine Heimat gefunden hatten. Kurz vor der Eingemeindung, 1892, verkauften seine Erben Land und Hof. Die Parzellen wechselten häufig den Besitzer. Ein Käufer war Johann Caspar Schmid, Eigentümer der «Schmidenhäuser» an der Burgstrasse 24-28. Die Stadtplaner parzellierten die ehemaligen Äcker und Rebenfelder und legten die Baulinien fest. Die Röschibachstrasse erhielt ihren Namen bei der Eingemeindung 1893, die anderen Strassen im Geviert, die Habsburg-, Landenberg-, Zeuner-, Kiburg (damals mit «i» geschrieben) und die Leutholdstrasse wurden 1898 festgelegt und getauft.
«Boom» und «Crash»
«Boom» war eines der ersten amerikanischen Lehnwörter, welches die Leute vor der Jahrhundertwende verwendeten. Wipkingen war – wie ganz Zürich – eine «Boomtown»: Es wurde gebaut wie verrückt. Die Wipkingerbrücke von 1872 war der eigentliche Auslöser, als die Industriellen der dort ansässigen Firmen Mietkasernen für die Arbeiter bauten. Dafür boten sich die freien Flächen «ennet» der Limmat an. 1898, fünf Jahre nach der Eingemeindung, waren die Quartierpläne fertig. Kurz darauf folgte 1900 der Kater mit einer gewaltigen Finanzkrise und brachen Bauruinen. Die Pleitiers verramschten Grundstücke und halbfertige Häuser, von denen kaum mehr als die mächtige Brandschutzmauer stand. Nicht wenige verzogen sich nach Amerika und hinterliessen Baugruben und Finanzlöcher. Wenig verwunderlich, dass man in alten Protokollen einige Zeit nach dem «Boom» auch das neuere amerikanische Lehnwort «Crash» findet. In einem Schulatlas von Zürich um 1910 ist das Gebiet bei der Landenbergstrasse bereits als überbaut eingezeichnet, obwohl dort gar nie ein Haus stand. Es war dem Kartenzeichner wohl klar, dass hier nichts anderes als ein Mietshaus zu stehen kommen sollte. Was sonst sollte man mit Bauland an solcher Lage anfangen?
Schreinermeister Jakob Ott
Schreinermeister Jakob Ott (1854-1949) sah weit voraus. Ott ist einer jener Wipkinger, die das heutige Quartier geprägt haben. In Basel lernte er Möbelschreiner; 1880 ging Jakob Ott für drei Jahre als Geselle nach Paris. Als er 1883 zurückkam, meldete er sich auf eine Annonce aus Wipkingen, wo eine Schreinerwerkstatt zu vermieten war. «Aller Anfang ist schwer», schrieb er dazu in seinen Memoiren. Ott gab nicht auf, und mit dem Fleiss kam der Erfolg. 1889 baute er ein Wohnhaus mit Werkstatt an der Burgstrasse 22.
Seine Tätigkeit für Wipkingen war breit und intensiv: In der Baukommission des Schulhauses Nordstrasse war er tatkräftiges Mit-glied, ebenso in der Baukommission der neuen reformierten Kirche. Wesentlich trug er zur Bahnstation bei. Der 1932 eröffnete Bahnhof Wipkingen ist zu einem schönen Teil Otts Weitblick zu verdanken. Besonders Wert legte er auf eine gedeihliche Entwicklung Wipkingens. Die wilde Bauerei behagte ihm nicht. Er sorgte sich um sein Dorf, in dem es bald nirgends mehr Platz zum Flanieren und Verweilen gäbe. Ott trat der Gemeinnützigen Gesellschaft Wipkingen (GGW) bei und blieb dort 36 Jahre lang Mitglied.
Als Vertreter der Freisinnigen Partei war er 24 Jahre lang gewähltes Mitglied im Grossen Stadtrat, dem heutigen Gemeinderat. Dort zeigte er grossen Sinn fürs Machbare. Einer seiner Erfolge war der Landenbergpark. Eine grüne Anlage inmitten der wachsenden Häuser müsse frei bleiben, drängte er hartnäckig im Grossen Stadtrat.
Landenberganlage
Inmitten der neuen Häuser lag ein letzter freier «Blätz». Kleinparzellen waren als Familiengärten verpachtet. Kurz vor dem ersten Weltkrieg mussten die Leute schauen, wo sie ihre Kartoffeln herbekamen. Die Krise war vorüber, Kaufwillige stellten Baugesuche. Die GGW schritt ein. Präsident Eugen Bolleter und Kassier Ott schrieben 1916 dem Stadtrat einen Brief und forderten ihn auf, die Blockrandbebauung zu verhindern. Der junge Vorsteher des Bauamt I hiess Emil Klöti. Der spätere Stadtpräsident hatte ein offenes Ohr für das Anliegen. Er forderte die GGW auf, einen Drittel des Kaufpreises für das Land selber aufzubringen. Eugen Bolleter gelang das Unmögliche, und im Dezember bestätigte er Klöti den Betrag von 28’000 Franken, und der Bauamtsvorsteher reservierte das Land für einen öffentlichen Park. Daran war allerdings nicht zu denken, der Kartoffelacker war wichtiger als alles andere. Auch hatte die Stadt im zweiten Kriegsjahr keinen Rappen für solche Vorhaben. Immerhin, die Parzelle war gesichert. Es dauerte noch etwas, aber am 16. Juni 1923 sangen Männer- und Töchterchor zur Einweihung der neuen Landenberganlage. Der Turnverein zeigte Barrenübungen und Pyramiden, die Damenriege lebende Bilder, und Lehrer Ziegler hielt eine Ansprache.
Vom Quartierärgernis…
Dafür war der neue Park umgehend ein Quartierärgernis erster Güte. Man müsse die Kinder vom Park fernhalten, sagte unter anderen auch der GGW-Vorstand, weil die Schädigungen des Parkes durch spielende Kinder untragbar seien. «Dieser Spielplatz soll und muss verschwinden», hiess es im Jahresbericht 1938. Anstelle des Spielplatzes verlangte die GGW nun einen Musikpavillon für Platzkonzerte, der aber nicht zustande kam. Als Grund gaben GGW-Präsident Pfarrer Heinrich Habicht und Vorstandsmitglied Lehrer Jakob Frei die neu erstellte Spielwiese bei der Turnhalle Letten an. Zudem – und dies ist mehr als eine Anekdote – verwies Habicht auf eine geplante Luftschutzanlage unter der Landenberganlage. Der Park war in einem schlechten Zustand. «Es kommt vorläufig keine Instandstellung in Frage, da unter der Anlage voraussichtlich ein grosser Luftschutzkeller erstellt wird», heisst es im Jahresbericht 1938. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges waren die Verteidigungsanlagen bereits geplant und zu grossen Teilen im Bau. Die GGW plante auch einen breiten Promenadenweg der Limmat entlang. Der Kredit war bereits bewilligt, musste aber «durch die gewaltigen Ansprüche für Luftschutzbauten zurückgestellt werden», hiess es weiter. Der riesige Brunnen wurde beim Bau der Zivilschutzanlage 1939 abgebrochen. Im Zweiten Weltkrieg war der Landenbergpark gemäss dem «Plan Wahlen» ein Kartoffelacker.
… zum Quartierpark
Die prächtige Linde mitten im Park pflanzte Lehrer Frei 1956 mit seinen Schülern als Ersatz des gefällten Baums «beim Lindenbänkli» vor dem alten Schulhaus an der Hönggerstrasse. Heute ist der Landenbergpark nicht mehr wegzudenken. Ein Ort der Kontemplation, ein Fleck Natur inmitten der Häuser, fröhliche Kinder auf dem Spielplatz und, bereits zur Tradition gehörend, das alljährliche Landenbergfest im Juni. Schreinermeister Ott hätte seine Freude daran.
Quellen:
Ursina Jakob, Daniel Kurz: Wipkingen – Lebensräume – Verkehrsräume, Quartierverein Wipkingen (Hrsg.), 1993.
Martin Bürlimann, Kurt Gammeter: Wipkingen – Vom Dorf zum Quartier, Wibichinga Verlag, 2006.