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Jakob Leiner stellte ein paar Fragen an den österreichischen Komponisten Bernhard Lang
Bernhard Lang wurde 1957 in Linz geboren, und der 65-jährige Komponist weist aktuell ein nicht nur zahlenmäßig, sondern auch stilistisch beeindruckendes Oeuvre vor. Der mehrfach ausgezeichnete und häufig aufgeführte Komponist schreibt für den Konzertsaal, für das Musiktheater und für den Film.
Glarean Magazin: Guten Tag, Herr Lang, wie verhält sich aktuell das Wetter dort, wo Sie gerade sind?
Bernhard Lang: Überraschende Frage – der Jahreszeit entsprechend.
Als Komponist können Sie auf ein in seiner Vielfalt geradezu betörendes Gesamtwerk zurückblicken, das sich natürlich noch weiter fortsetzt. An was arbeiten Sie derzeit?
Ich arbeite derzeit an Radical Loops, einem Stück für 6 Violinen, Schlagzeug und Playback.
Sie sind im Jazz und elektronischer Musik genauso zu Hause wie in der zeitgenössischen Avantgarde. Langweilt Sie die Etikettierung von Musik oder halten Sie sie für notwendig?
Kategorisierungen muss man rational bzw. wissenschaftlich begründen: Solange es solche objektiven Begründungen gibt, sind Differenzierungen sinnvoll, wenn nicht, sind sie redundant.
Sie arbeiten häufig mit Stilmitteln der Recyclage, der „Über- und Fortschreibung“. Aus welcher musikhistorischen Haltung heraus komponieren Sie?
Die Überarbeitung/Überschreibung ist eines der ältesten Prinzipien in der Geschichte der notierten Musik und reicht bis zum Gedanken des Remixens (vgl. die Transformation eines römischen Chorals in die Tenorstimme eines Messesatzes).
Welchen Raum nimmt die Ironie samt Schattenseiten in Ihrer Arbeit ein?
Ironie ist ein romantischer Begriff und geht von der Erkenntnis eines verlorenen Ideals aus; explizit spielt das eher in den Musiktheatern eine Rolle, etwa im Reigen. Die „Schattenseite“ der Ironie müsste man vielleicht zuvorderst erst definieren.
„Playing Trump“ heißt eine Ihrer sogenannten „Cheap Operas“, deren Uraufführung begeistert aufgenommen wurde. Was liegt Ihnen näher: Vernichtungswut oder Spieltrieb?
Vernichtungswut ist mir unbekannt, Spieltrieb motorisiert mich allezeit, jedoch in Kombination mit sehr strengen strukturellen Überlegungen.
Ein weiterer Aspekt Ihrer Karriere ist die umfangreiche Lehrtätigkeit u.a. an der Kunstuniversität Graz. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Zukunftsherausforderungen für künstlerisch ausbildende Institutionen?
Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass die kommenden Generationen zunehmend den Bezug zum eigenständigen Produzieren von Musik verlieren, Singen, Spielen, Üben inbegriffen: Die notwendige Disziplin am Instrument wird jetzt vehement von Handy und vor allem von der Playstation konkurriert. Wer aber selbst keine musikalische Ausbildung hat, dem wird immer der Zugang zu komplexeren Musikformen fehlen.
Das Multidisziplinäre scheint für Sie von besonderem Reiz zu sein, insbesondere die Beschäftigung mit Tanz und Tanztheater. Was kann körperlich ausgedrückt werden, was der Musik fehlt?
Ich würde eher formulieren: Tanz kann in der Musik bereits vorhandene Momente verstärken, etwa Bewegung.
Gibt es wiederkehrende Routinen, wie Sie sich einem Stoff künstlerisch nähern?
Ja, das vorausgehende wissenschaftliche Studium der Texte, deren Analyse.
Bernhard Lang wurde 1957 in Linz/A geboren, und der 65-Jährige weist aktuell ein nicht nur nominell, sondern auch stilistisch beeindruckendes Oeuvre vor. Lang studierte Musik am Bruckner-Konservatorium in Linz sowie Philosophie und Germanistik in Graz. Dort begann auch seine Auseinandersetzung mit Elektronischer Musik und Computertechnologie. Seit 1999 lebt er freischaffend in Wien. Der mehrfach ausgezeichnete und häufig aufgeführte Komponist schreibt für den Konzertsaal, für das Musiktheater und für den Film.
Sie studierten ebenso Philosophie und Germanistik, sind also durchaus text- und schriftaffin, was sich ebenso in Ihren zahlreichen Vertonungen niederschlägt. Zuerst das Wort, dann die Musik?
Das lässt sich nicht auf alle Stücke und Genres verallgemeinern, im Falle des Musiktheaters ist es sicher der Text, der vorangeht, wenn nicht zuerst schon ein Konzept im Raum steht. Bei einem Stück für Orgel ist es dann etwa der Klang, der das Konzept formt.
Für unsere jüngere Leserschaft: Welcher Rapper / welche Rapperin wäre Ihre Herzensempfehlung?
Tricky, Snoop Dog, Cypress Hill.
Herr Lang, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?
Jakob Leiner mit Fragen an die Schweizer Konzertpianistin & Komponistin Katharina Nohl
Katharina Nohl wurde 1973 in der DDR geboren und lebt seit 2002 mit ihrer Familie in der Schweiz. Neben dem Komponieren und dem Konzertieren ist sie Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und widmet sich kulturpolitischen Fragen sowie gender-paritätischen Defiziten des Musik-Betriebes.
Glarean Magazin: Frau Nohl, Sie sind Pianistin, Komponistin, Kulturvermittlerin und Familienmensch. Was ist das integrierende Etwas in Ihrem Leben?
Die Idee, etwas für Komponistinnen zu tun, ihnen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen und zu verbinden, schwirrte schon länger in meinem Kopf herum. 2018 fing ich an, die ersten Vorbereitungen zu treffen, damit das erste „Call for Score“ im Januar 2019 veröffentlicht werden konnte.
Welche institutionellen Kulturlücken (in der Schweiz) sind Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Konzertprogramme noch immer männlich dominiert sind, auch im zeitgenössischen Bereich?
Verantwortlich sind vorrangig die Veranstalter und Künstler. Viele junge Künstler wählen renommierte Komponisten, um sich zu etablieren, denn es ist ein zusätzliches Risiko, unbekannte Musik zu spielen. Der Veranstalter benötigt, wenn er nicht fremd finanziert wird, ein ausgelastetes Haus. Demzufolge wählt man bekannte Musik von Komponisten. Hinzu kommt, dass prozentual viel weniger Musikmaterial von Komponistinnen vorhanden ist, aus dem man wählen und in dem man stöbern kann, als von Männern. Dieser Umstand liegt in unserer sozial-strukturierten Geschichte begründet, denn Frauen durften maximal etwas Nettes zum Tee spielen. Das Klavier war da das bevorzugte Instrument.
Wie könnte sich die Ausbildungssituation an den Musikhochschulen im Hinblick auf Gender-Parität im Kulturbereich verändern?
An Hochschulen und Universitäten ist es, meines Erachtens, bereits viel weniger ein Thema. Da hat man sich schon länger geöffnet. Die Schwierigkeit kommt danach, wenn man damit Geld verdienen möchte und den freien Markt erobert.
Welche Konzertinitiativen oder Förderungen existieren in der Schweiz, die sich spezifisch dem weiblichen kompositorischen Schaffen widmen?
Da gibt es einige. Einige, die sich auch gar nicht vorrangig damit betiteln, es aber gern und gut unterstützen. Bei Konzerten ist es immer wieder interessant, dem Publikum Komponistinnen auch über zusätzliches Erzählen näher zu bringen. Viele Zuhörer sind sehr interessiert, mehr über den Hintergrund, über das Leben der Komponistinnen und so über die Schweizer Frauen, über das Hier und Jetzt zu erfahren. Sie hoffen auf einen Wandel in der Musik, auf etwas Neues wieder mit Harmonie.
Wie sieht eigentlich ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Ohje, das ist eine lustige Frage, die mich zum Schmunzeln bringt! 😉 Eigentlich gibt es keinen typischen Arbeitstag für mich. Manchmal gehen die Tage einfach bis in die Nacht hinein und am Wochenende weiter. Mein privates Leben und mein Arbeitsleben sind sehr eng miteinander verbunden.
Gibt es wiederkehrende Inspirationsquellen oder –rituale?
Ja, vor allem, weil ich zu Hause arbeite, da muss man mal raus, um den Kopf zu lüften und sich Platz für neue Gedanken zu schaffen. Die Natur, das Gärtnern, Pilze sammeln und vor allem das Kochen und Konservieren sind Hobbys und Leidenschaften von mir, die ich auch an meine Töchter weitergegeben habe.
Die Musik, die sich dahinter verbirgt, kann man auf allen Streaming-Plattformen hören und herunterladen. Es ist eine Mischung von Musik, die meine Kinder besonders geliebt haben, wenn ich für Konzerte geübt habe, als sie noch klein waren. Aber meine Highlights sind die Stücke, die ich mit meinen Töchtern gespielt habe. Beispielsweise „Wintermorgen in Istanbul“, welches ich mit meiner ältesten Tochter vierhändig gespielt habe. Sie war damals zwölf Jahre alt. Und das Stück „Fantasia“, welches meine jüngste Tochter mit neun Jahren komponiert hat. Der Titel „Creating Childhood“ bedeutet, wir kreieren die Kindheit unserer Kinder! Bewusst oder unbewusst…
Sie traten im Anschluss an dieses CD-Projekts mit eigenständigen Kompositionen hervor. Was gab den Ausschlag?
Mein Freund und Kollege Fazil Say hat mich schon länger dahingehend gedrängt, ich sollte komponieren. Irgendwann nahm ich es an und die Dinge wuchsen. Auch Cyprien Katsaris war eine wichtige Person in diesem Prozess. Ausschlag sind Zuspruch und der Glaube in mein Können und Kreativität ihrerseits.
Wie viel Eigeninitiative braucht es als zeitgenössische*r Komponist*in, um verbreiteter wahrgenommen zu werden?
Ja, ich sehe mich eigentlich nicht wirklich in den Reihen der zeitgenössischen Musik. Ich hätte gern eine neue Schublade! 😉
Vielleicht bin ich nur Komponistin des Jetzt. Es braucht wie so oft viel Arbeit, Durchhaltevermögen, Unterstützung der Familie, Kreativität und das ein oder andere Bier oder einen Café mit Freunden für den Austausch! Es reicht nicht aus, einfach nur Musik zu schreiben, das war früher auch nicht so. Da kommen viele andere Gebiete noch dazu wie Präsentation, Kommunikation, Austausch und digitales Updaten. Das sind nur ein paar wenige Aspekte.
Was sind Ihre derzeitigen Projekte, an denen Sie arbeiten?
Neu im Entstehen ist ein Stück für Hackbrett/Cymbalo & Klavier. Das hat überraschend viel Interesse hervorgerufen. Die ersten Proben haben bereits stattgefunden. Die wunderbare Cymbalo-Spielerin Olga Mishula aus Zürich probt mit mir. Es macht uns beiden sehr viel Spaß, etwas Neues zu kreieren. Auf Hackbrett/Cymbalo wird vorrangig traditionelle Musik gespielt. Olga als auch ich mögen Rhythmus und Technique beim Spielen, und wir lieben es, das bestehende Repertoire mit neuer Musik zu erweitern. Weiterhin ist noch etwas für Klarinette und String Orchestra fertig zu stellen. Es sind drei Stücke, die ich für Reto Bieri schreibe. Und dann gibt es die vielen unvollendeten Sachen, die da auf ihren Schlusstakt warten…!
Sie sind in der DDR geboren, mit 16 Jahren haben Sie die Wende miterlebt. Auch angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation: Wie prägend war diese Zeit für Sie?
Ich hatte das Glück, wunderbare Jahre meiner Kindheit in der DDR zu verbringen. Sie waren für mich prägend und sind meine Heimat gewesen. Ich habe sie mit mir mitgenommen und mit anderen und neuen Lebenssituationen bereichert. Die aktuelle Situation ist sehr befremdlich für mich, da ich stets eine enge Verbindung zu Russland und den angrenzenden Staaten empfunden habe. Durch Musik, Kultur und Bildung waren wir eng verbunden.
Katharina Nohl (*1973) studierte Klavier, Performance und Musikwissenschaften in Southampton, Ferrara und London. Anschließend lebte sie einige Zeit in München und studierte dann bei Alfons Kontarsky am Mozarteum Salzburg sowie bei Werner Bärtschi.
Seit 2015 ist sie als Komponistin tätig und gibt internationale Konzerte. 2016 veröffentlichte sie ihr Debütalbum Creating Childhood. Nohl ist Mitbegründerin des Swiss Female Composers Festival und lebt mit ihrer Familie seit 2002 in der Schweiz.
Frau Nohl, wie klingt eigentlich die Musik der Zukunft?
Das ist eine wunderbare und sehr gute Frage. Es hat mit Vision und Berücksichtigung des Publikums zu tun.
Nun denn, zuerst einmal denke ich, dass wir der Musik der Zukunft Raum für einen neuen Namen geben müssen, denn die Begriffe moderne, zeitgenössische, neue etc…. Musik sind überlastete Begriffe.
Das Publikum ist von moderner Musik gesättigt und orientiert sich bevorzugt an alter und harmonischer Musik. Wenn man diesen Umstand beachtet und ebenso an das finanzielle Management von Konzertauslastungen denkt, bin ich überzeugt, dass die Musik wieder harmonischer und rhythmischer wird.
Unsere musikalische Vorstellung ist mehrheitlich von Harmonie geprägt. Ich benutze gern eine alltägliche Szene aus dem Leben: Eine Mutter oder ein Vater singt ihr/sein Kind in den Schlaf. Ich kenne niemanden, der in dieser Situation experimentelle oder „moderne“ Musik rezitiert – man behilft sich da gern mit harmonischer und traditioneller Musik… Und diese Kinder wiederum sind unsere Zukunft. ♦
Jakob Leiner im Gespräch mit dem Schweizer Komponisten Christian Henking
Der Basler Komponist Christian Henking gehört zu den fruchtbarsten zeitgenössischen Komponisten der Schweiz, sein Œuvre umfasst fast alle Sparten, Gattungen und Formen der „Klassischen Musik“. Daneben ist er vielfältig und geachtet auch als Kunstfotograf tätig. GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner fragte Henking nach seinen Intentionen, Schaffensprozessen und künstlerischen Antriebskräften.
Glarean Magazin: Herr Henking, was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?
Christian Henking: Das muss im Elternhaus gewesen sein. Bei uns lief viel knisternde klassische Musik (knisternd, weil von alten Schallplatten abgespielt). Deshalb war die klassische Musik für mich von klein auf eine Selbstverständlichkeit, währenddem ich die Jazz- und Popszene selbst entdecken musste.
Komponieren in frühester Kindheit
Welche musikalischen oder auch nichtmusikalischen Hintergründe haben Sie letztlich zum Komponieren gebracht?
Ich hatte das große Glück, dass viele meiner Verwandten professionelle Musiker*innen waren und sind – meine Eltern aber nicht. Sie waren höchst gebildet, kulturell extrem interessiert und auch künstlerisch begabt, aber eben nicht Musiker. Das gab mir eine ungeheure Freiheit – und wohl auch den Drang, Musiker zu werden, und zwar im Speziellen Komponist. Einer meiner Großonkel war Dirigent und Komponist, er war, als ich noch sehr klein war, mein erster Lehrer. Ich habe komponiert, bevor ich begann, seriös Klavierstunden zu nehmen.
Als Komponist schufen Sie bisher ein Œuvre großer Bandbreite, zahlreiche Vokal- und kammermusikalische Werke ebenso wie szenische, orchestrale oder jazzig-tonale Kompositionen. Kennen Sie künstlerischen Spieltrieb?
Die „jazzig-tonalen“ Kompositionen – was für eine merkwürdige Bezeichnung! – sind nicht Teil meines Werkes, sondern lediglich hingeworfene Späße, die halt immer noch auf meiner Werkliste herumlungern. Ich müsste dies endlich mal ändern. Vor allem liebe ich zwar Jazz, bin aber kein Jazzer. Der Jazz ist ja eine eigenständige, vielfältige, großartige Kultur. Wir „Klassiker“ sollten uns hüten zu meinen, man könne so locker-flockig auch „jazzig“ komponieren.
Aber sonst mag meine Bandbreite tatsächlich recht groß ein – das kommt daher, dass mich praktisch nichts nicht interessiert. Daraus wächst so etwas wie ein Spieltrieb. Ich bin überaus neugierig und mache gerne etwas zum allerersten Mal.
Es fällt aber auf, dass ich mich bis jetzt noch nicht tiefer mit Elektronik beschäftigt habe. Das Interesse dazu wäre natürlich da, aber ich müsste mich ein paar Jahre zurückziehen, um mich da reinzuarbeiten, und dazu fehlt mir momentan der Mut.
„Ich arbeite einfach drauflos“
Christian Henking (1961 geboren in Basel) studierte nach dem Abitur Musiktheorie bei Theo Hirsbrunner, danach folgte eine zweijährige Kapellmeisterausbildung bei Ewald Körner. Ab 1987 absolvierte er ein Kompositionsstudium bei Cristobal Halffter und Edison Denisov, in Meisterkursen bei Wolfgang Rihm und Heinz Holliger. Christian Henking wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2016 mit dem Musikpreis des Kantons Bern. Er ist Dozent an der Hochschule der Künste Bern für Komposition, theoretische Fächer und Kammermusik. Seine Werke erscheinen beim Verlag Müller & Schade.
Daneben besteht eine intensive fotografische Tätigkeit: Unterricht bei Simon Stähli an der Schule für Gestaltung Bern, sowie bei Tim Davoli, Adrian Moser und Anita Vozza. Ausstellungen u.a. an der photo 09, 12 und 16 in Zürich, im Kornhaus Bern 2011, in Schönbühl 2012, im ONO Bern 2013, in der Galerie Hofer und Hofer 2015 und im Berner Generationen Haus 2016.
Gibt es inspirative Routinen im Entstehungsprozess für ein neues Werk?
Ich bin meistens nicht inspiriert, wenn ich mit einer Komposition beginne. Ich arbeite einfach drauflos, schreibe Blödsinn oder schlechtes Zeugs und habe das Vertrauen, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen oder Monaten, die Inspiration dank der Arbeit kommen wird. Den Blödsinn und das schlechte Zeugs schmeiße ich dann weg, und die Komposition beginnt zu wachsen. Deshalb verstehe die künstlerische Arbeit als eine Art Zerstörungsprozess: Ich „erschaffe“ zwar etwas, dafür aber zerstöre ich unendlich viel.
Dieser Ablauf mag eine Art von Routine sein – inhaltlich aber weiche ich jeder Routine aus.
Wie digital komponieren Sie?
Gar nicht. Ich bin ein musikalischer Dinosaurier, der noch alles mit Bleistift auf ein Papier kritzelt. Ich kenne Finale und Sibelius nur vom Hörensagen. Zum Glück ist mein Verlag so großzügig, dass ein toller Angestellter meine Bleistift-Reinschrift auf Finale überträgt.
Komponierend in Farben denken
Viele Ihrer Werke beinhalten Textvertonungen, zu Ihrer Oper „Leonce und Lena“ nach Georg Büchners gleichnamigem Lustspiel haben Sie selbst das Libretto verfasst. „Prima le parole, dopo la musica“ also?
Das scheint nur so. Im Werk „Schnee“ sind Musik, Sprache, Bewegung und Licht gleichzeitig entstanden, es gäbe noch etliche andere Beispiele zu nennen. Bei der Oper „Leonce und Lena“ habe ich tatsächlich den Originaltext neu konzipiert, bevor die Musik entstanden ist – das ist für mich aber nicht die Regel, sondern nur eine Möglichkeit.
Welches Stück wollten Sie schon immer einmal komponieren?
Eine dritte Oper.
Sehen und hören als künstlerische Wechselbeziehung
Sie sind auch als vielseitiger Fotograf tätig. Ausgleich zum Musikkosmos oder Variation desselben künstlerischen Selbstverständnisses?
Beides. Wenn ich mit dem Auge arbeite, erholt sich mein Ohr und umgekehrt. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie ähnlich ich formal denke, wenn ich fotografiere oder komponiere. Zu erwähnen ist noch, dass ich beim Komponieren häufig eine große Sehnsucht nach vielfältigen Klangfarben verspüre. Das kommt wohl daher, dass ich farbenblind bin. Als Fotograf denke ich also nicht in Farben, als Komponist sehr wohl.
Warum abbilden?
Als Fotograf bilde ich nur scheinbar etwas ab. Eigentlich fotografiere ich mich immer selbst. Jedes Foto, mag es nun eine Gabel oder etwas Abstraktes oder was weiß ich abbilden, ist eigentlich ein Selbstportrait, weil ich ja nur zeigen kann, wie ich die Welt sehe, nicht wie sie ein anderer Mensch sieht.
Wie alltäglich sind Humor und (Selbst)Ironie in der zeitgenössischen Kunst- und Kulturszene?
In der Théâtre-Musical-Szene sind Humor und Ironie eine Selbstverständlichkeit – Gott sei Dank. Nicht zuletzt deshalb schreibe ich mit großer Leidenschaft Théâtre-Musical-Werke. Ansonsten aber haben es der Humor und die Ironie zuweilen schwer in unserer bedeutungsschwangeren Szene. Humor scheint unseriös zu sein, und Ironie sucht man bei Bach und Brahms vergebens, also kann das ja nicht gut sein. Dabei gibt es wunderbare Werke, die mit Humor und Ironie fantastisch umgehen, man denke nur an Werke von Kagel, Schnittke, Ligeti und wie sie alle heißen.
„Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik“
Wie haben Sie das vergangene kulturverarmte Corona-Jahr erlebt?
Alle Konzerte wurden abgesagt resp. verschoben. Es war schon ein Glücksfall, wenn eine Uraufführung wenigstens für das Radio aufgenommen werden konnte, als Ersatz für ein Konzert. Ein Gefühl des „Verdorrens“ schlich sich ein. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich unglaubliches Glück hatte, denn die Anstellung an der Hochschule hielt mich über Wasser. Ich war und bin also in einer Luxus-Situation und habe kein Recht, mich zu beklagen. Die Welt dreht sich auch ohne meine Musik.
Wie hört sich eigentlich die Musik der Zukunft an?
Großartige Musik hat es immer gegeben, in allen Kulturen und Zeiten, also wird es auch in Zukunft großartige Musik geben. Wie die klingen wird, hängt nicht so sehr von den Komponierenden ab, sondern von den Umständen. Still wird es auf jeden Fall nie werden, dazu ist der Mensch zu laut. ♦
Die deutsche Komponistin Kathrin Denner (*1986) ist eine profilierte Vertreterin jener jüngeren Komponistinnen-Generation, die sich für die Verbreitung und Profilierung der zeitgenössischen Kunst-Musik auch auf politischer Ebene bemüht. Denner ist Preisträgerin zahlreicher Wettbewerbe, für die Belange ihrer Berufsgruppe setzt sie sich als Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie als Delegierte der GEMA ein. Im Interview mit dem GLAREAN-Mitarbeiter Jakob Leiner äußert sie sich über einige Aspekte ihres persönlichen Schaffens und über verschiedene Problemfelder der aktuellen Kunstmusik-„Szene“.
Glarean Magazin: Was sind eigentlich Ihre frühesten Erinnerungen an Klänge oder Musik?
Kathrin Denner: Eine konkrete Erinnerung habe ich nicht. Mir ist aber sehr präsent, dass wir zuhause immer Bayern 4 Klassik gehört haben. Das ist eine wirklich schöne Erinnerung. Wir haben immer geraten, was wir da gerade hören. Damals wurden noch ganze Sinfonien gespielt und es gab wenig „easy listening“-Sendungen mit kurzen Ausschnitten. So lernte ich sehr viel klassische Musik und ihre Stilistiken kennen.
In Saarbrücken studierten Sie zuerst Trompete und Musiktheorie. Gab es einen Schlüsselmoment, der die Begeisterung für die Zeitgenössische Musik und das Komponieren weckte?
Ich muss vorwegnehmen, dass ich zeitgenössische Musik durch meinen klassisch geprägten Hintergrund immer furchtbar fand. Mein Herz ging auf bei Mahler, Bruckner und Beethoven. Die Zeitgenössische Musik habe ich nicht verstanden. Diese hatte für mich überhaupt keinen Sinn ergeben. Es war nicht nur so, dass ich sie nicht mochte, ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt.
Dann hat mir glücklicherweise ein Bekannter die Augen geöffnet, der mir das Ligeti-Requiem vorgespielt hat. In einem dunklen Raum mit Surround-Lautsprechern. Das war phänomenal. Ich habe erkannt, dass der Bruch zwischen der späten Romantik und Ligeti nicht so groß war. Innerhalb kürzester Zeit habe ich dann alles Zeitgenössische in mich aufgesogen und versucht, alles ganz schnell kennenzulernen. Ligeti ist mir bis heute wichtig, aber es gibt nun natürlich noch andere KomponistInnen, die mich inspirieren und die ich sehr mag und schätze.
Was macht für Sie den Reiz und die Faszination am Komponieren aus?
Ich mache einfach wahnsinnig gerne Musik. Und es ist doch toll, wenn man noch mehr gestaltet als das, was schon in Noten geschrieben steht: Wenn man selbst kreiert.
Gibt es eine grundsätzliche Herangehensweise für die Arbeit an einem Stück?
Meistens mache ich mir sehr lange Gedanken darüber, was ich eigentlich für das Stück möchte. Und dabei scheint es immer so, als würde ich nichts komponieren. Der Prozess geht also schon lange vorher nur im Kopf los. Ich stelle dem Stück Fragen: Obwohl es noch nicht in Noten existiert, antwortet es mir. Das habe ich von meinem Lehrer Johannes Schöllhorn gelernt.
Ich schreibe vor dem eigentlichen Notieren sehr viel auf. Meist in Worten und mit der Hand. Ich nehme mein Kompositionsbuch nicht immer, aber oft mit nach draußen, setze mich irgendwo hin und befrage mein Stück. Grundsätzliche Fragen nach Dauer, Besetzung, etc., aber auch Spezifischeres: Wie verhält sich das eine Instrument zum anderen? Wenn ich weiß, was ich will, geht der Rest verhältnismäßig schnell.
Kommen Kompositionsblockaden vor und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Ja, leider. Je älter ich werde, desto schwerer fällt es mir, zu komponieren. Früher habe ich die Stücke nur so „rausgehauen“. Jetzt muss ich immer richtig arbeiten, bis etwas entsteht. Eine wirkliche Methode, die Blockaden zu überwinden, habe ich nicht. Meistens hilft es, wenn ich einen Auftrag habe und die Zeit drängt.
Hat sich Ihr Anspruch an (eigene) Musik in den letzten Jahren verändert?
Ja, ich bin wesentlich kritischer mit mir und meiner eigenen Musik geworden. Wahrscheinlich geht das Komponieren deshalb nicht mehr so einfach von der Hand. Ob sich das positiv auf meine Stücke auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Ich hoffe es natürlich. An Musik generell ist der Anspruch vielleicht insofern gestiegen, als dass ich gute Aufnahmen und Aufführungen bevorzuge. Aber ich schätze immer die Leistungen, Begabungen und das Können anderer und kann auch über „Fehler“ hinweghören, wenn mit Freude und Leidenschaft musiziert wird.
Werke von Komponistinnen sind in den Programmheften der deutschsprachigen Kulturlandschaft noch immer unterrepräsentiert. Zufall oder System?
Leider sind Komponisten in den Programmen noch deutlich in der Mehrheit. Obwohl die Frauen auf den Podien der zeitgenössischen Musik zunehmend sichtbarer werden. Während meiner Studienzeit gab es eigentlich immer relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse. Trotzdem können wir noch nicht wirklich von einer Chancengleichheit sprechen. Aufträge bekommen leider immer noch bevorzugt die männlichen Kollegen. Die einflussreichen Stellen sind von Männern besetzt. Ich kann mir vorstellen, dass diese un- bzw. unterbewusst dann wiederum das männliche Geschlecht bevorzugen.
Noch gibt es Handlungsbedarf für mehr Gendergerechtigkeit. Glücklicherweise ist dieses Thema mittlerweile in den Köpfen angekommen, und es gibt vermehrt Festivals, Kurse und Podien, die sich intensiv mit Genderfragen auseinandersetzen.
Sie sind auch kulturpolitisch aktiv und setzen sich für die Belange Ihrer Berufsgruppe ein. Wie sieht diese Arbeit aktuell aus?
Im Moment bin ich im Vorstand des Deutschen KomponistInnenverbands (DKV) sowie als Delegierte der außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder der GEMA und im GEMA-Wertungsausschuss tätig.
Der DKV ist ein Zusammenschluss von Komponistinnen und Komponisten aller Genres und Stilrichtungen, die der solidarische Gedanke einer Interessenvertretung für alle musikalisch Kreativen eint. Wir setzen uns für die Belange der Kreativen in verschiedenen Bereichen ein – im Moment natürlich u.a. auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Wir engagieren uns auf nationaler und internationaler Ebene zum Beispiel im Aufsichtsrat und anderen Gremien bei der GEMA, dem Kulturrat, dem Deutschen Musikrat, der Künstlersozialkasse, der Initiative Urheberrecht und der ECSA mittels unserer zuständigen Delegierten.
Die GEMA – Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte – ist eine Verwertungsgesellschaft für Komponisten, Texter und Musikverleger. Zu ihren Aufgaben zählt es, die Nutzungsrechte ihrer Mitglieder zu verwalten und eine entsprechende Vergütung zu gewährleisten. Stellvertretend für den Urheber sorgt die GEMA durch das Urheberrecht für den Schutz der Werke. Seit nunmehr drei Jahren bin ich Delegierte der angeschlossenen und außerordentlichen Mitglieder.
Eigentlich glaube ich immer, die Falsche für diese Art von Job zu sein, aber irgendjemand muss es eben machen. Ich versuche, mich so gut wie möglich für meine komponierenden KollegInnen einzusetzen. Es muss engagierte Menschen geben, die die Interessen der – in meinem Fall – Musikschaffenden vertreten. Besonders in der heutigen Zeit, in der möglichst viel möglichst kostenlos sein soll. Es gibt viele andere Bereiche, in denen ich gerne noch aktiver wäre, aber die Zeit ist begrenzt, und so habe ich mir mein Feld gesucht, in dem ich mein Wissen einbringen und als kleines Zahnrädchen mitgestalten kann.
Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Menschen für das Gemeinwohl einsetzen und nicht immer nur darauf vertraut wird, dass da schon irgendwer ist, der alles regelt. Jeder Mensch hat eine Begabung, die für einen bestimmten Bereich hilfreich wäre. Es würde mich freuen, wenn diese Talente nicht ungenutzt blieben.
Das Streitwort der Kulturszene im Jahr 2020 lautete „systemrelevant“. Gibt es ein Wort, das Sie passender fänden?
Überrumpelt von der ganzen Corona-Zeit habe ich mich aus den Debatten über die Systemrelevanz tatsächlich zum größten Teil herausgehalten. Ein besseres Wort fällt mir auch nach längerem Nachdenken nicht ein. Unsere kulturelle Vielfalt ist einzigartig, aber wir haben eine schwache Position – keine starke Lobby. Vielleicht zeugt der Ausschluss der Kultur von Ignoranz, aber die Pandemie ist für alle neu und die Politik trifft die Entscheidungen sicherlich nicht leichtfertig, auch wenn sich einige Entscheidungen anschließend als falsch herausstellen werden oder schon herausgestellt haben.
Dass die Kultur keine marginale Rolle innehat, ist jetzt, nach über einem Jahr der Pandemie, denke ich, allen bewusst geworden. Ich hoffe, dass wir möglichst schnell zu einer gewissen Normalität zurückkehren können. Noch sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, aber ich vertraue auf seine Existenz.
Wie hat Ihre kompositorische Arbeit auf das zurückliegende Corona-Jahr reagiert?
Eigentlich hätte ich (viel) Zeit gehabt, viel zu arbeiten. Und meine Arbeit findet ja sowieso meist allein statt. Aber ich habe mich der Ohnmacht voll hingegeben. Im Grunde habe ich meine Zeit verschwendet mit Inhaltslosigkeit. Mit Netflix und Handygames. Ich hatte eine einzige Aufführung – statt des geplanten großen Orchesterstücks mit über 80 Aufführenden, wurde ein Stück für ein Soloinstrument gespielt. Alle anderen Konzerte wurden abgesagt. Frustration ist hier das richtige Wort.
Aber ewig kann man sich nicht hängen lassen, es muss weitergehen. Glücklicherweise haben mich ein paar Aufträge wieder motivieren können. Dabei war auch ein Auftrag des Bundesjugendchores, welcher sich thematisch im weitesten Sinne mit der Pandemie beschäftigt. Mit dem „Innen“ – also dem Innen im Geiste, aber auch dem Innen in den eigenen vier Wänden, mit diesem Bei-sich-sein. Ich beschäftigte mich mit unterschiedlichen sozialen Beziehungen (hier schwingt auch das „-Innen“ als Genderform mit), Verhältnissen und Interaktionen. Auch zwei weitere Kompositionen haben sich direkt auf die Corona-Ohnmacht bezogen.
Wie eng liegen Angst und Hoffnung beieinander?
Sehr eng. Manchmal ist die Hoffnung dominierend, manchmal beherrscht mich die Angst.
Gibt es ein spezielles Stück, das Ihnen schon längere Zeit vorschwebt?
Ich arbeite schon seit einiger Zeit an meinem Stück „Agnesma“ für Trompete und Orchester. Ich schreibe es für den wahnsinnig tollen Trompeter Simon Höfele. Aber es kommt immer wieder etwas dazwischen, und so ist der Kompositionsprozess durchlöchert. Es ist kein Auftrag, sondern intrinsisch motiviert. Ich freue mich aufs Weiterschreiben, wenn ich dann mal wieder Zeit habe.
Wie wird sich eigentlich die Musik der Zukunft anhören?
Oh, das weiß ich nicht. Aber ich wäre gerne eine Zeitreisende, die in der Zukunft vorbeischauen kann… Etwas zu erfinden, was es noch nicht gibt, ist sehr schwer. Es gibt immer Entwicklungsprozesse, die sich auf Bekanntes beziehen.
Einen oder sogar mehrere Schritte zu überspringen, dazu wären wir vielleicht gern in der Lage, aber ich glaube, das ist nicht möglich. Wir sind Kinder unserer Zeit. ♦
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN zum Thema Zeitgenössische Musik auch das Interview mit dem Schweizer Komponisten Fabian Müller: Neue Musik?
Der Schweizer Schriftsteller Beat Hüppin, geboren 1976 mit finnischen Wurzeln mütterlicherseits im schwyzerischen Wangen, studierte in Zürich lateinische und deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft und unterrichtet an der Kantonsschule Ausserschwyz Latein und Deutsch. 2016 brachte er beim Berner Zytglogge Verlag seinen ersten Roman „Talwasser“ heraus. Vor einigen Monaten gründete Hüppin nun mit drei Mitstreiterinnen den Antium Verlag, der sich vorwiegend belletristischer, auch finnischer und italienischer Literatur widmen will. Der Neuverleger über seinen frischgebackenen Antium: „Der Verlag ist grundsätzlich offen für Texte verschiedener inhaltlicher Ausrichtung, mit dem Anspruch, dass die Bücher unterhaltsam und intelligent zugleich sein sollten.“ Das Glarean Magazin fragte Beat Hüppin nach den Zielsetzungen dieses heutzutage mutigen Schrittes einer Verlagsgründung.
Glarean Magazin: Im Frühling dieses Jahres starteten Sie Ihren neuen Antium Verlag – ist alles wunschgemäss angelaufen?
Beat Hüppin: Ja, wir konnten alle vorbereitenden Arbeiten bis zur ersten Veröffentlichung termingerecht abschliessen. Es war sicherlich die richtige Entscheidung, sich zunächst auf eine einzige Buchpublikation zu konzentrieren, so dass wir alle damit zusammenhängenden Prozesse einmal kennenlernen konnten. Daneben konnten wir auch für das neue Jahr 2019 schon zahlreiche interessante Kontakte knüpfen, die es uns ermöglichen, ein reichhaltiges und spannendes Programm zu präsentieren. Unser Kickoff-Apéro zeugte von einem regen Interesse an unserem Verlag. Ob sich dies auch in genügend Buchverkäufe ummünzen lässt, ist nun natürlich die nächste spannende Frage.
GM: Wir leben in immer stärker global bestimmten Literaturmärkten; das Self-Publishing grassiert; die Book-on-Demand-Services verzeichnen hohe Wachstumsraten; Youtube und Literatur sind längst sich ergänzende Begriffe; die Social Medias sind randvoll mit „offizieller“ und „privater“ Literatur; die internationalen Buchverlage verhökern ihre Bestseller wie Tomatenverkäufer – ist da ein Regionalverlag wie der Antium Verlag nicht ein komplettes Auslaufmodell?
BH: Wir sind überzeugt, dass ein Kleinverlag, der relativ wenige, sorgfältig ausgewählte Bücher publiziert, weiterhin seine Daseinsberechtigung hat. Bei Self-Publishing und BoD fehlt eine Selektion und Qualitätskontrolle, was man – so leid es mir tut – immer wieder bemerkt. Seit ich selber als Autor unter anderem beim Zytglogge Verlag publizieren durfte, weiss ich, was ein hochstehendes Lektorat ausmacht, auch die genau auf das Buch abgestimmte Grafik und der professionelle Satz. Genau diesen Rundum-Service wollen wir unseren Autoren auch bieten. Bei den Übersetzungen können und wollen wir nicht mit „internationalen Bestsellern“ konkurrieren, sondern einfach nur Bücher bringen, die uns selber begeistern und Facetten der fremdsprachigen Kultur aufzeigen, die der Bestseller-Leser nicht mitkriegt. ausserdem ist angedacht, in Ergänzung zu den althergebrachten durchaus auch neuere Marketingwege zu beschreiten – mit Social Media, Youtube usw.
GM: Neben Übersetzungen aus dem Finnischen und Italienischen will der Antium Verlag erklärtermassen Schweizer Literatur fördern. An welche literarischen Sparten ist vor allem gedacht?
BH: Wir denken primär schon an belletristische Romane. Thematisch soll aber vieles möglich sein, auch Krimis, historische Themen und anderes. Bereiche wie Fantasy oder Science-Fiction überlassen wir anderen, aber sonst sind wir für vieles offen.
GM: Haben auch regionale Themata und/oder junge Autoren im Antium Verlag eine Chance?
BH: Auf jeden Fall. Wir würden sehr gerne junge Autoren unterstützen und aufbauen. Wir sind ja selber auch ein junges Team: Meine drei „Mitstreiterinnen“ sind alle noch in ihren Zwanzigern. Ein regionales Thema ist grundsätzlich immer möglich, solange der Text überzeugend gestaltet ist und auch eine Relevanz unter einem grösseren Blickwinkel gegeben ist.
GM: Die zwei anderen Landessprachen können nicht auch noch berücksichtigt werden, oder?
BH: Wir mussten nur schon aus personellen Gründen eine Limitierung vorsehen. Persönlich fände ich zum Beispiel rätoromanische Literatur sehr interessant, aber bei den Übersetzungen gehen wir davon aus, dass wir diese selbst machen werden. Falls wir jemals in Erwägung ziehen sollten, rätoromanische Werke zu bringen, müssten wir ein zusätzliches Teammitglied finden, das sich darauf spezialisieren würde. Das Französische würden wir zur Not noch selber hinkriegen, aber auch das ist im Moment kein Thema.
GM: Ist der Antium Verlag vielleicht bereits im Gespräch mit bekannteren Autoren, sind entspr. geplante Namen schon spruchreif?
BH: Es stehen schon diverse interessante Sachen auf der Liste, die aber noch nicht alle spruchreif sind. Eine kleinere Sensation ist, dass wir die Rechte an der deutschen Übersetzung des Romans „Ikitie“ des Finnen Antti Tuuri erwerben konnten. Er ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Autoren Finnlands und wurde schon in etliche Sprachen übersetzt, aber merkwürdigerweise findet er in deutscher Sprache praktisch nicht statt. Das möchte ich mit meiner Übersetzung gerne ändern!
GM: Ein Problem für zumal neue Verlage ist bekanntlich die angemessene Präsenz in den Buchhandlungen; die Bücher der grossen Player sind hier prominent, die Kleinverlage allenfalls im Nischenregal rechts unten vor Ort, wenn überhaupt. Wird sich der Antium Verlag auf der „klassischen“ Buchhandel-Schiene oder doch eher im Web bewegen mit seinen Titeln?
BH: Beides, da wir, wie bereits erwähnt, althergebrachte mit moderneren Marketingwegen verbinden möchten. Wir sprechen über unsere Vertriebspartner durchaus auch den herkömmlichen Buchhandel an. Ob es aber gelingt, dass die Bücher am Ende tatsächlich in vielen Buchhandlungen aufliegen, wird sich noch zeigen. Für den Anfang, mit einem einzigen lieferbaren Titel, ist das wohl unrealistisch, aber wir arbeiten daran.
GM: Was bewog den Schriftsteller und Neuverleger Beat Hüppin persönlich, sich diesem finanziellen Wagnis einer Innerschweizer Verlagsgründung auszusetzen?
BH: Der ausschlaggebende Punkt für mich war einzig und allein, dass ich zusätzlich zu meinen eigenen Romanen gerne Übersetzungen aus dem Finnischen machen wollte. Dann fügte sich eines zum anderen.
GM: Wird der Innerschweizer Antium Verlag völlig autonom arbeiten, oder strebt er finanzielle und personelle Zusammenarbeiten mit den Schriftstellerverbänden oder mit nationalen Kulturinstitutionen an?
BH: Finanzielle Kooperationen etwa mit Pro Helvetia, den kantonalen Kulturämtern etc. sind in gewissem Rahmen schlicht notwendig, um die hohen Produktionskosten (wir drucken in der Schweiz) wenigstens ein bisschen abzufedern. Hingegen bei der Programmgestaltung, also der konkreten Auswahl der einzelnen Titel, wollen wir vollkommen autonom arbeiten. Wie weitere Kooperationsmöglichkeiten etwa mit den Schriftstellerverbänden aussehen könnten, wird sich im Laufe der Zeit noch zeigen.
GM: Welchen Stellenwert heute messen Sie dem geschriebenen Wort bei gegenüber dem gesprochenen bzw. gegenüber dem Bild? Können „unterhaltsame und intelligente Bücher“ – ein Leitmotiv des Antium Verlags auf der eigenen Webseite – Einfluss nehmen auf unsere Gesellschaft, möglicherweise gar positiven?
BH: Das Buch wurde schon tausendmal totgesagt, aber wir sind überzeugt davon, dass es immer noch ein Publikum gibt, das für interessante, teilweise vielleicht etwas anspruchsvollere Bücher zu haben ist. Dass man damit kaum das ganz grosse Publikum ansprechen kann, ist uns egal. Ich kann nicht oft genug betonen, dass wir nur Bücher machen, die wir selbst auch toll finden. Insofern kann, soll der Name Antium auf dem Umschlag auch zu einem Qualitätssiegel werden. Den allgemeinen Trend zu Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit können wir mit unseren Büchern sicherlich nicht umkehren. Wir können aber mit etwas, von dem wir selbst überzeugt sind, bewusst einen Gegenpol setzen. ♦
Weg von den Tablets und Spielkonsolen, hin zum Schachspiel
von Thomas Binder
Erneut möchte ich als Schach-Rezensent des Glarean Magazins die Gelegenheit nutzen, das Augenmerk auf die Ausbildung junger und jüngster Schachspieler zu richten. Hatten wir zuletzt mehrfach klassische Lehrbücher kommentiert, geht es diesmal um ein Arbeitsheft der Schachschule München. Autor ist deren Leiter Alexander Frenkel. Da Herr Frenkel uns deutlich mehr zu sagen hat, wollen wir ihn noch selbst zu Wort kommen lassen, werfen aber zunächst einen Blick in das erste Werk, das er nun einem grösseren Leserkreis zugänglich macht.
Schach-Zielgruppe: Grundschulkinder
Das Arbeitsheft wendet sich an Kinder, die von Grund auf das Schachspiel erlernen wollen, wobei als Zielgruppe wohl ganz klar Grundschulkinder angesprochen sind. Ihnen wird der Grundkanon der Schachregeln nahe gebracht. Alles darüber hinaus bleibt den aufbauenden Lehrgängen vorbehalten.
Dabei hebt sich Frenkels Heft sehr deutlich von anderen Arbeitsheften ab. Die Regeln werden in Reimform erklärt und mit liebevollen Illustrationen versehen. Unmittelbar danach können die Kids ihr Wissen in vielfältigen und vor allem kindgerechten Aufgaben beweisen. Dem Charakter solcher Arbeitsbücher gemäss wird dabei direkt im Heft gearbeitet, es ist also für eine „Einmalverwendung“ gedacht. Einziger Kritikpunkt bleibt, dass Frenkel (wie andere Autoren auch) hin und wieder zwei oder mehr Aufgaben auf einem geteilten Brett darstellt. Dabei muss zuweilen die Trennlinie als Brettrand verstanden werden, was eine direkte Übernahme in andere Trainingsformen (z.B. am Demobrett) erschwert. ♦
Autor Alexander Frenkel ist 48 Jahre alt und stammt aus der ukrainischen Schachhochburg Charkiw. Schon sein Vater gehörte dort in jungen Jahren zur örtlichen Schachspitze. Seit 1993 lebt Alexander Frenkel in Deutschland und leitet seit 12 Jahren die Schachschule München.
Glarean Magazin: Herr Frenkel, Sie stehen für die “Schachschule München”. Können Sie uns dieses Projekt kurz erläutern?
Alexander Frenkel: Die Idee des Schach-Lehrens kam durchs Üben mit meinen Sohn Maxim, den ich schon mit 6 Jahren zu den Kinderturnieren gebracht habe. So bin ich 2005 zum Schulschachpatentkurs vom „Schulschach-Vater“ Herrn Lellinger gekommen und bin dafür sogar von München nach Leipzig gefahren. Mein erster Kurs fand direkt in Maxims Grundschule statt. Danach habe ich mich mit einer Internet-Präsenz positioniert und erhalte regelmässig Nachfragen, die ich alleine mittlerweile nicht mehr bewältigen kann. So helfen Maxim und noch einige schachspielende Studenten aus.
GM: Stellten sich bald Erfolge ein? Können Sie regelmässig Kinder über das Anfängerniveau hinaus in die Schachvereine und zu Meisterschaften führen?
AF: Sobald die Kinder die Regeln sicher anwenden können, informiere ich die Eltern über passende Kinderturniere. Einige werden dann von der Atmosphäre mitgerissen und wollen immer teilnehmen. So landen sie oft in den Vereinen. Aktuell, mit dem Chessimo-System (5 Spiele am Tag mit 60min, Aufschreiben und DWZ-Auswertung), werden die Kids noch durch die DWZ zusätzlich motiviert. Einige Kinder aus meinen ersten Kursen (und sie sind mittlerweile 18-20 Jahre alt) spielen immer noch in den Vereinen. (Anmerkung des Rezensenten: Frenkels Schüler haben zahlreiche vordere Plätze bei Meisterschaften und im Schulschach vorzuweisen).
GM: Auf welchen Prinzipien beruht das Training in Ihrer Schachschule? Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?
AF: Es gibt einige Grundsätze, die ich seit Anfang an befolge. Ich bin der Meinung, Schach sollte auf dem Anfänger-Niveau preiswert und für jeden zugänglich sein. So betreibe ich keine eigenen Räumlichkeiten und komme dorthin, wo man wirklich an einem Schachkurs interessiert ist, die Gruppe organisiert und mich dafür engagiert. So bleiben die Kosten für die Eltern sehr übersichtlich.
Des Weiteren sollte der Unterricht strukturiert sein und dafür eignen sich die Lernhefte, wie z.B. Brackeler Lehrgang, die Stufen-Methode und die seit kurzem erhältlichen Kurshefte von Roman Vidonyak, sehr gut.
Ich versuche eine gute Mischung daraus zu machen und bei den fortlaufenden Gruppen immer wieder einen Wiederholungs- bzw. Befestigungs-Kurs „einzubauen“. Ich nehme mir auch die Freiheit, nur die homogenen Kurse anzubieten, d.h. nur auf dem gleichen Niveau. So werden alle Teilnehmer gleichmässig betreut.
Im Wesentlichen ist mein Unterricht ziemlich klassisch und die Schachstunde besteht aus der Beantwortung der Fragen zu den Hausaufgaben, der Erklärung eines neuen Themas und dem Spielen. Fürs Spielen versuche ich etwa die Hälfte der Zeit anzusetzen.
Ich lasse aber auch das Demo-Brett mal weg, um mit dem Beamer die Stunden abwechslungsreich zu gestalten und ein Schach-Programm oder Schach-Video einzubringen.
Auch auf den Wunsch nach fremdsprachigen Kursen kann ich eingehen. So unterrichte ich Schach regelmässig auf Deutsch, Russisch und Englisch.
GM: Das vorliegende Trainingsmaterial trägt den Titel “Warum Schach?” Wie lautet Ihre prägnante Antwort auf diese Frage?
AF: Ich bin vom positiven Einfluss des Schachs auf die schulischen Leistungen stark überzeugt und nicht nur durch die Trierer Studie, sondern auch am Beispiel von meinem Sohn. Maxim hat sein Abi mit 1,9 ohne eine einzige Nachhilfestunde gemacht. Auf meiner Webseite entstanden mit der Zeit die sogenannten „Gründe fürs Schach“, die ich kurzer Hand „Warum Schach“ nannte. Diese wurden dann öfters quer durch den deutschen Internetraum bei Vereinen und Schulen übernommen und zitiert. Für das neue Heft habe ich sie in einer kindgerechten Form umgeschrieben und eingebaut. So können die Kinder (aber auch Eltern und Lehrer) nicht nur von Schachkenntnissen profitieren, sondern auch vieles Positive, was Schach mit sich bringt, wahrnehmen.
GM: Die Gestaltung des Materials ist sehr ansprechend, hebt sich von den sonst bekannten Arbeitsheften deutlich ab. Wie sind Sie an die Gestaltung herangegangen? Was ist Ihnen da wichtig?
AF: In meinem Unterricht habe ich immer wieder spontan, beeinflusst durch „Springer am Rande bringt Kummer und Schande“, etwas gereimt. Da ich in der ersten Anfänger-Stunde die Weizenkornlegende erzähle, um die Vielfältigkeit der Möglichkeiten auf dem Schachbrett zu betonen, suchte ich nach einem Weg für mich, als nicht Muttersprachler in Deutsch, die Geschichte einfach darzustellen. So entstand dieses Gedicht. Ich habe gemerkt, dass das gereimte Wort sich auch bei den Kindern besser einprägt.
Ich unterrichtete die meiste Zeit die Anfänger mit dem „Brackeler Lehrgang“. Die Hefte sind zwar günstig, haben aber für meinen Bedarf zu wenig Aufgaben. So gab ich zu jeder Stunde meine zusätzlichen Arbeitsblätter aus, auf denen ich sowohl eigene als auch einige, meist aus den russischen Schachbüchern gesammelte, Aufgaben habe. Die Idee für das eigene Heft war geboren: die Schachregeln werden gereimt, es kommen mehr Aufgaben rein und das Wichtigste: meine Frau Elena ist zum Glück eine diplomierte Grafik-Designerin, sie kann das Ganze illustrieren. …
Auch wenn ich mich bei vielen Motiven aus der Sicht der Schachtheorie gegen das künstlerische Element meiner Frau durchgesetzt habe, sind wir mit der Zeit zu einem guten Team zusammengewachsen. Und für manche Themen haben unsere Tochter und ich sogar kurz Modell stehen sollen, damit meine Frau ein Foto machen kann, um die entsprechende Pose oder Bewegung besser aufs Papier zu bringen. Elena will immer alles gründlich und perfekt machen. So nahm uns die Illustration für längere Zeit in Anspruch und dauerte ca. 2 Jahre. Die Bilder sind, meiner Meinung nach, auch beeindruckend geworden. (Anmerkung des Rezensenten: Volle Zustimmung!) „Schachlich“ gesehen kann man für die Anfänger wenig neues erfinden. Wir haben versucht, die Anzahl der Übungen zu erhöhen: teilweise durch das Aufteilen der Diagramme in 2 bzw. 4 Aufgaben, teilweise durch mehr Aufgaben-Seiten und einige Spass-Übungen, wie Kreuzworträtsel, Labyrinthe und „Malen nach Zahlen“. So kommen wir mit mehr als 300 Aufgaben auf das Doppelte vom „Brackeler Bauerndiplom“. Mein Vater hat hier auch massgeblich mitgearbeitet und viele Aufgaben, ähnlich denen aus dem Brackeler Heft, entwickelt. Einige wurden von meinen früheren Übungsblättern übernommen.
Die Struktur ist ähnlich geblieben, nur fangen wir nach der „Lellinger-Lehre“ mit der schwierigsten und interessantesten Figur, dem Springer an und fassen die Bauern-Themen Gangart, Umwandlung, En passant nacheinander zusammen. Wie schon beim Brackeler Lehrgang, gibt es einen Testbogen und eine Urkunde. Am Ende haben wir extra eine leere Heftseite für die Kinder, die ein Schachmotiv malen möchten, reserviert.
GM: Der vorliegende Anfängerlehrgang soll zum “Bauerndiplom” führen. Den Begriff kennt man aus der Dortmunder Schachschule. Gibt es da eine Verbindung. Wollen Sie den Namen beibehalten und das Risiko einer Verwechslung eingehen?
AF: Ich nutze selbst oft den Brackeler Lehrgang und finde den Begriff sehr ansprechend. Ich wollte bewusst nichts anderes nehmen und habe sogar versucht herauszufinden, ob der Name geschützt ist. Es sieht aber nicht so aus und es gibt durchaus weitere genau so genannte Lehrgänge, auch vom DSB.
Da es für Anfänger immer die gleichen Themen und Ziele sind, nämlich, die Grundregeln zu erlernen, sehe ich sogar einen Vorteil darin, dass die Hefte so heissen. Man erkennt schnell, wofür sie sind und jeder Schachlehrer kann problemlos sofort loslegen. Der Begriff sollte für die Schach-Kinder allgemein geltend gemacht werden, wie z. B. das Seepferdchen-Abzeichen fürs Schwimmen.
Anmerkung des Rezensenten: Eine sehr gute Idee! Dieser Gedanke sollte unbedingt weiter verfolgt werden. Damit können sich die „Figurendiplome“ als vergleichbare Leistungs-nachweise sozusagen für die Vor-DWZ-Stufe etablieren.
GF: Wie geht es nach dem Anfängerlehrgang weiter? Ich könnte mir in ähnlich ansprechender Gestaltung auch Arbeitshefte zu anderen Themen vorstellen. Die Kids brauchen das ja, um weiter voran zu kommen.
AF: Es gibt natürlich Pläne für die Fortsetzung. Vor allem möchte ich noch in dieser Form die elementaren Taktik-Motive darstellen. (Anmerkung des Rezensenten: Die Fortführung mit einem Arbeitsheft der wichtigsten Taktik-Motive ist folgerichtig. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann bitte auch ein Heft für die auf diesem Spielniveau wichtigen Endspielthemen.) Spätestens dann hoffe ich etwas gemacht zu haben, um die Interesse der Kinder von den Tablets, Spielkonsolen, Fernseher und Handys für die kurze Zeit abzuwenden und sie in unsere sonst schwarz-weisse und meist statische Schachwelt zu locken.♦
Die Bäume gehen zur Schule Lernen wie man wächst und gerade steht Lernen wie man sich biegt und wieder aufrichtet Lernen nicht wie man der Axt entkommt
(René Oberholzer in der Anthologie „…bis an die Baumgrenze“, Khorshid Verlag 2009)
„Der Mann“ ist Schweizer Schriftsteller und Performer, lebt und arbeitet seit 1987 in Wil. Geboren ist er 1963 in St. Gallen. Seit 1986 schreibt er Lyrik, seit 1991 auch Prosa. – So in etwa lauteten die an uns geschickten Zeilen, die mit drei Gedichten eintrafen. „Uns“ bzw. „Wir“ – das waren meine Herausgeberin und ich – wir hatten Anfang 2009 eine Anthologie mit dem Thema „Bäume“ ausgeschrieben. Die drei eingesandten Gedichte setzten wir sofort auf die Haben-wollen-Liste. Das Buch erschien im September 2009; inzwischen sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen. Fragen Sie nicht, warum es erst jetzt ein Interview (haben wir per Mail geführt) mit René Oberholzer gibt!
Legen Sie sich am besten zum Lesen eine gute alte LP von den Beatles auf, und geniessen Sie.
Karin Afshar: René, woran arbeitest du gerade?
René Oberholzer: Momentan arbeite ich an Texten zum Thema „Urlaub“. Diese werden dann in eine szenische Lesung mit der Autorengruppe Ohrenhöhe münden, mit der ich seit Jahren immer wieder neue Themen bearbeite und auf die Bühne bringe. Das ist mein mittelfristiges Ziel für nächstes Jahr. Längerfristig arbeite ich an einem neuen Kurzprosaband, der thematisch völlig ungebunden sein wird.
KA: Autorengruppe? Aufführen? Stimmt, ich hatte es im Hinterkopf, und auf deiner Webseite kann der Besucher auch einiges dazu sehen. Das sieht nach Proben, nach sehr viel Zeit fürs Schreiben und fürs Kreative aus? Bist du freier Schriftsteller und Künstler, oder gibt es noch einen anderen Broterwerb?
RO: Ich bin kein freier Schriftsteller und Künstler, mein hauptsächlicher Broterwerb ist das Unterrichten als Oberstufenlehrer an einer Ostschweizer Schule. Und das ist auch gut so. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur zu schreiben und vom Schreiben auch noch leben zu müssen. Das würde mich einerseits zu stark unter kreativen und ökonomischen Druck setzen, und andererseits würde es meine Freiheit, das zu schreiben, wonach ich Lust habe, zu stark einschränken. Durch meinen Brotberuf habe ich in literarischer Hinsicht Narrenfreiheit und kann ohne Rücksicht auf Verluste schreiben und stehe auch unter keinem Veröffentlichungsdruck. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, den ganzen Tag an einem Computer oder vor einem Heft zu sitzen und zu schreiben. Ich muss zuerst nach draussen gehen, das Leben leben und das Unterbewusstsein mit Bildern und Geschichten füllen, damit ich wieder literarisch etwas Neues kreieren kann nach dem Prinzip: Leben – Schreiben – Leben – Schreiben. Und dafür ist ein Brotberuf, der einen kreativ nicht unter Druck setzt, sehr nützlich. Zudem müsste ich extrem gut und extrem produktiv sein, um in der Schweiz vom Schreiben leben zu können. Sogar ganz grosse Autoren wie Kafka u.a. haben ja nicht allein vom Schreiben gelebt und sind einem „bürgerlichen Beruf“ nachgegangen.
KA: Daraus ergibt sich natürlich gleich die nächste KA: Welche Fächer unterrichtest du, welches davon ist dein Lieblingsfach?
RO: Ich unterrichte die sprachlich-historischen Fächer, d.h. Deutsch, Französisch, Englisch, Räume & Zeiten (eine Kombination von Geschichte und Geografie), Bildnerisches Gestalten und Individuum & Gemeinschaft. Lieblingsfächer habe ich gleich mehrere – Deutsch, Englisch und Geschichte (ist in Räume & Zeiten integriert).
KA: Apropos Englisch, Französisch: Wieviele Sprachen sprichst du?
RO: Ich spreche in meiner Umgebung Schweizerdeutsch, beim Unterrichten in der Schule Hochdeutsch, ansonsten in den entsprechenden Fächern Französisch und Englisch.
KA: Stichwort „mehrsprachige Schweiz“ – Ich habe vor Jahren ein Buch besprochen, in dem es dann hiess, ja – die Schweiz sei mehrsprachig, die Einwohner seien es jedoch nicht zwangsläufig (sehr verkürzt gesagt) … Sprichst du einen Dialekt?
RO: Ich spreche den St. Galler Dialekt, von dem man in der Schweiz sagt, dass er relativ neutral im Vergleich zu anderen Dialekten sei.
KA: Mich als Linguistin interessiert und fasziniert dieses Thema immer wieder. Ich frage die bilingualen und multilingualen Kinder in meiner Umgebung, wenn es sich ergibt, und erhalte erstaunliche Antworten. Wie ist es bei dir: hast du eine Gefühls- und eine Denksprache? Verschieden oder identisch?
RO: Dadurch dass ich in der Schule Hochdeutsch als Unterrichtssprache spreche, viel in Büchern, in Zeitschriften und im Internet lese, ist mir die deutsche Hochsprache sehr vertraut geworden. Ich denke in der Hochsprache. Obwohl ich mit der Schweizer Mundart aufgewachsen bin, die eigentlich meine Gefühlssprache ist, ist die deutsche Hochsprache mittlerweile zu einer gleichwertigen Muttersprache wie die Mundart geworden, nicht zuletzt auch, weil ich einige Freunde und Bekannte im benachbarten deutschsprachigen Ausland habe. Und dann ist da natürlich mein eigenes Schreiben, das mich nicht in der Mundart, sondern in der Hochsprache denken und dann später auch reflektieren lässt. Wenn ich den Fernseher anmache, schaue ich mir lieber deutsche Sendungen in der Hochsprache an, das hat dann einen eigenartig professionelleren Anstrich. Fühlen und Denken sind bei mir nicht zwei Schubladen, sondern greifen ineinander, deshalb ist die hochdeutsche Denksprache mittlerweile auch zu einer Gefühlssprache geworden.
KA: Dass Dialekte als „unprofessionell“ herüberkommen, ist ihrer Domäne geschuldet. Man muss eben wissen, wo man sich bewegt. Ich habe nie den Dialekt meiner Mutter sprechen gelernt (wiewohl ich auch kein Hochdeutsch sprach, was ich dachte, und was sich beim Umzug in den Norden dann als Irrtum herausstellte), d.h. ich habe mich nie so weit zu dieser Familienseite gehörig gefühlt, um mich mit ihr zu identifizieren. Wir waren im letzten Jahr im Dorf, besuchten Freunde meiner Mutter, und es war ein grosses „Fest“ – alle sprachen im Dialekt, denn das war die Sprache ihrer Zugehörigkeit. Irgendwann kam einer auf die Idee zu fragen, ob ich sie denn verstehe. Die Sprache ist beides: einerseits Gefühl-/Denksprache und andererseits eine Identitätsstifterin und Schafferin des sozialen Zusammenhalts. Das bringt mich zu einem sozialen Netzwerk, in dem wir auch miteinander vernetzt sind. – Da sehe ich dann immer wieder Fotos vom RO: in dieser Pose (siehe dein eigenes Foto rechts) an den verschiedensten Orten. Was hat es mit den Fotos auf sich? Gibt es eine Geschichte dahinter, was die Bewegung und ihre Richtung angeht?
RO: Es gibt keine konkrete Geschichte zu meinen „Runner“-Bildern. Ich habe vor langer Zeit gemerkt, dass es nebst dem Grinsen in die Kamera oder dem mehr oder weniger guten Posieren vor einer Kamera noch eine andere Pose geben könnte, und so habe ich die Figur des „Runners“ kreiert. Sie gibt einem statischen Bild Bewegung, suggeriert natürlich auch, dass ich ständig in Bewegung bin, manchmal mit dem Betrachter-Bildstrom von links nach rechts schwimme, manchmal gegen das Auge des Betrachters von rechts nach links anrenne. Mittlerweile sind diese „Runner“-Bilder zu einem Markenzeichen von mir geworden. Es gibt bereits vereinzelt Menschen, die mich in derselben Pose begrüssen, sie anderweitig imitieren oder mich auf sie ansprechen. Auf jeden Fall löst sie bei allen ein Schmunzeln aus.
KA: Schmunzeln – Schmunzeln muss ich oft, wenn auf meiner Startseite RO-geteilte Posts auftauchen. (So ein Netzwerk ist ein herrliches Medium zum Mitlesen, oder?) Sehe ich das richtig, dass du surreale Malerei oder überhaupt das Surreale magst?
RO: Der Surrealismus ist tatsächlich die Kunstrichtung in der Malerei, die mich am meisten interessiert und fasziniert, weil ihre geheimnisvolle Poesie mich zum Denken anregt. Es sind Bilder von René Magritte, Salvador Dali oder Wolfgang Lettl und anderen Surrealisten, die es mir angetan haben. Surrealistische Bilder sind auch nach Jahren nie langweilig, verlieren nichts von ihrem Geheimnis oder ihrem „Mysterium“, wie René Magritte den Inhalt seiner Bilder einst beschrieben hatte. Zudem spült der Surrealismus durch die Verbindung zum Unterbewussten und zu den Träumen Inhalte hervor, die das Denken normalerweise nicht hervorbringt. Der Surrealismus liefert mir eine Metaebene, die ich zu verstehen versuche. Und das macht ihn für mich interessant, weil ich vor surrealistischen Bildern verweilen kann. Das passiert mir bei realistischen oder abstrakten Bildern nicht. Aber ich mag auch Bilder von Van Gogh oder Claude Monet, auf denen ich erkennen kann, was abgebildet ist, unabhängig von der jeweiligen Kunstrichtung.
KA: Wann hat diese Faszination angefangen? Gibt es ein Schlüsselerlebnis?
RO: Ein Schlüsselerlebnis, warum ich den Surrealismus so mag, gibt es nicht wirklich, es ist vermutlich die Summe von verschiedenen Entwicklungsprozessen, die ich durchlaufen habe, und diversen Einflüssen. Da spielt meine Fantasie eine Rolle, die immer wieder nach dem sucht, was nicht alle Menschen suchen, da ist die Vorstellung, dass man etwas immer auch mit anderen Augen anschauen kann, da ist meine Liebe zur Musik der Beatles, die mich im Teenageralter zu prägen begonnen und mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Viele Songtexte der Beatles ab 1966 haben extrem surreale Züge, der Trickfilm „Yellow Submarine“ ist Surrealismus pur. Dieser Film hat mich sehr beeinflusst. Da waren aber auch die Filme von Luis Bunuel, die mich inspiriert haben, oder auch Filme, in denen Michel Piccoli, den ich für einen der grössten Schauspieler halte, eine Hauptrolle gespielt hatte. Ein persönliches Erlebnis mit einem meiner surrealistischen Vorbilder, das für mich sehr prägend war, als ich mich ästhetisch schon längst dem Surrealismus verschrieben hatte, gibt es aber trotzdem. Das war der Besuch bei Wolfgang Lettl in Augsburg. Ich war mit meiner damaligen Lebenspartnerin extra nach Augsburg gereist, um seine Bilder im Atrium-Museum mir anzusehen. Dabei kam es zu einem Treffen mit Florian Lettl, dem Sohn von Wolfgang Lettl, der den ganzen Nachlass und die Museen in Augsburg und Lindau betreut. Florian Lettl spürte, dass ich ein echtes Interesse an der Kunst seines Vaters hatte, zumal ich das halbe Museum mit Postkarten und Postern aufgekauft hatte, und lud mich deshalb zuerst zu sich nach Hause und später zu seinem Vater ein. Diese Begegnung mit einem der grössten Surrealisten des 20. Jahrhunderts war schon sehr beeindruckend. Umso trauriger war die Nachricht, dass er kurze Zeit später im Jahr 2008 verstorben war.
KA: Malst du auch selbst?
RO: Nein, ich selbst male nicht. Ich habe es vor Jahren versucht, merkte aber, dass das nicht meine Schiene ist, obwohl ich mit der Malerei sehr verbunden bin. Zum einen konnte ich mit den wenigen Bildern, die ich gemalt hatte, damals keine Geschichten erzählen, zum anderen fehlte mir auch der Platz und die Zeit, die Malsachen immer wieder hervorzunehmen. Da war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich konnte einen Schreibblock und einen Kugelschreiber überallhin mitnehmen. Und die Reproduktion meiner geschriebenen Texte war auch wesentlich einfacher, als das bei einem gemalten Bild der Fall ist. Eine Bildervernissage zu organisieren, ist wesentlich aufwändiger als eine Lesung abzuhalten. Heutzutage ist das Reproduzieren von Kunst im Internetzeitalter zwar etwas leichter geworden, doch das Originalbild ist immer noch das Originalbild. Bei einem Text kommt es nicht auf das handgeschriebene Original an, sondern nur auf die Worte, das Original hat demzufolge keine grosse Bedeutung, ausser man wird später einmal sehr berühmt.
KA: Deine Texte – und ich denke auch an drei Gedichte in „…bis an die Baumgrenze“ – leben von dem Spiel mit der Erwartung der Leser. Diese Erwartung führst du ad absurdum, führst den Leser in eine andere als die von ihm gedachte Richtung.
RO: Genau. So passieren in meinen Geschichten oft Dinge, die zwar sehr real sind, doch in der Art, wie sie passieren, nur in meinen Geschichten passieren können. Was mich beim Schreiben von Geschichten oder Gedichten aber auch mit dem Surrealismus verbindet, ist die Möglichkeit, damit Interpretationsräume für den Leser/die Leserin zu öffnen. Das fängt beim Titel an und hört bei einem offenen Schluss auf. Der Leser/die Leserin soll mitdenken und den Inhalt weiterspinnen können. Das gelingt auch nicht immer in meinen Texten, denn jeder Text kommt, wie er kommt, und manchmal sind ja auch Texte, in denen mehr oder weniger alles gesagt ist, nicht schlecht, weil sie ein schönes Bild oder ein schönes Gefühl vermitteln, das stimmig ist. Oder aber eine knallharte Realität so darstellen, wie sie nun einmal ist. Dabei ist die Poesie, wenn sie dann in Texten vorkommt, im Ansatz schon ein wenig surreal, weil ja niemand auf der Strasse so spricht, wie z.B. oft in Gedichten gesprochen wird.
KA: Wenn ich da jetzt so drüber nachdenke… Dann war und ist der Surrealismus auch eher eine Kunstrichtung, die mich mehr fasziniert als ein blosser Impressionismus. Aber es hat vieles einen Platz unter der Sonne und seine Abnehmer und Liebhaber. Zur Musik! – du hast sie bereits erwähnt – als prägend für dich (wie sie prägend für eine ganze Jugendgeneration waren) – die Beatles. Was verbindet dich mit ihnen?
RO: Mit den Beatles verbindet mich zum Ersten eine tiefe musikalische Liebe. Es gibt meiner Meinung nach keine Gruppe und keinen Sänger/keine Sängerin, die eine derart grosse Bandbreite an Melodien geschaffen haben wie die Beatles. Ihre Melodien sind zu meinen inneren Melodien geworden. Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass ich meine grundsätzliche Fröhlichkeit auch ein Stück weit den Beatles zu verdanken habe. Mit Beatles-Liedern im Herzen bist du eigentlich immer auf der Sonnenseite.
Dann gibt es natürlich auch die textliche Seite der Beatles-Lieder, die mich beeinflusst hat. Da sind z.B. Hymnen wie „All You Need Is Love“, die in ihrer Botschaft so existenziell sind, dass eigentlich alles gesagt ist. Dann ist da die lebensbejahende, inhaltliche Seite in Songs wie z.B. in „Here Comes The Sun“, die politische Seite wie z.B. in „Revolution“, in dem klar gegen Gewalt Position bezogen wird. Und dann ist da die surrealistische Seite wie z.B. in „Strawberry Fields Forever“ oder die textlich und musikalisch raffiniert montierte und sehr moderne Seite wie z.B. in „A Day In The Life“, um nur einige unterschiedliche Seiten der Beatles aufzuzählen.
KA: Die innewohnende Fröhlichkeit? – Der tiefstapelnde Humor?
RO: Ihr Witz – der spiegelt sich nicht nur in ihren Liedern wider, sondern vor allem auch in ihren Filmen wie „Help“ oder „Yellow Submarine“. Da ist viel trockener, englischer Humor drin, den ich sehr mag. Und dann mag ich auch ihre Interviews, in denen sie mit lakonischen Sätzen und surrealen Wendungen auf banale KA:n von Journalisten geistreich und schräg geantwortet haben und damit bewiesen haben, dass man sich zwar ernst, aber das Leben um sich herum nicht immer so ernst nehmen sollte.
KA: Als es sie dann nicht mehr… wem bist du mehr gefolgt? John Lennon, George Harrison, Ringo Starr oder Paul McCartney? Ich frage das, weil ich selbst zunächst mehr George Harrison hörte. 1979 kam „George Harrison“ heraus, hab ich mir als Kassette organisiert. Paul McCartney und die „Wings“ („With a little luck“) – hab ich auch rauf und runter gehört.
RO: Natürlich habe ich die Solokarrieren aller vier Beatles mitverfolgt, teilweise auch rückblickend in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Heutzutage bin ich noch immer stark mit Paul McCartney verbunden, den ich gerne einmal treffen würde. Seine Musik seit der Trennung der Beatles verfolge ich sehr genau, und seine vegetarische Lebensweise, die ich auch lebe, beeindruckt mich sehr. Zudem bewundere ich, welche Energie er in seinem Alter noch hat, und wie er laufend neue Projekte realisiert. Aber auch die Soloalben und -projekte der anderen drei Beatles, vor allem die der bereits Verstorbenen John Lennon und George Harrison, sind sehr beeindruckend und haben mein Post-Beatles-Herz höher schlagen lassen.
KA: Jetzt fallen mir doch noch etliche Fragen ein, aber ich habe mein selbstgestelltes Fragen-Limit erreicht. Eine letzte Frage aber doch noch – weg von der Musik zurück zur Literatur: Welches Buch würdest du unseren Lesern empfehlen?
RO: Da kann ich mich nur schwer auf eines fixieren. So gebe ich mal völlig unrepräsentativ aus vier literarischen Sparten je ein Buch an. Roman: „Der Prozess“ von Franz Kafka (1925) Kurzprosa: „Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter“ von Aglaja Veteranyi (2004) Drama: „Das letzte Band“ von Samuel Beckett (1958) Lyrik: „Buckower Elegien“ von Bertold Brecht (1964)
KA: Hier tauchen sie also auch wieder auf – die Dinge über die du sprachst. „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen“, schrieb André Breton, und von dir könnte man vielleicht sagen: Das Leben in seinen vielen Ausprägungen ist eine so ernste Angelegenheit, dass man gut daran tut, sie nicht zu ernst zu nehmen. Mit Ungeduld, ohne sich festhalten zu lassen und in körperlicher wie geistiger Bewegung.
René, ich wünsche dir weiter viel (Bein-)Freiheit.
Der Radwechsel
Ich sitze am Strassenrand Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel Mit Ungeduld?
Ein Interview ist ein Gespräch, bei dem der eine Gesprächsteilnehmer den anderen zu einem zuvor festgelegten Thema befragt. Ziel eines Interviews ist die Erlangung von Information, entweder persönlicher oder sachlicher Art. Der Leser, der das Interview lesen wird, weiss bestenfalls hinterher mehr über den Befragten als er vorher wusste.
Ein Interview gelingt dann besonders gut, wenn sich der Befragende hinreichend über seinen Partner vorinformiert, sich ausdrucksstarke Fragen überlegt und sie in einen mehr oder weniger geordneten Zusammenhang bringt.
Der Befragte seinerseits muss während des Interviews eigentlich nichts weiter tun, als auf die Fragen so zu antworten, dass sowohl er als auch der Befragende mit den Antworten jeweils ihre Botschaft auf den Weg bringen.
Es gibt etliche Fälle misslungener Interviews. Die meisten bekommen Leser oder Zuschauer oder Hörer nie zu sehen, aber hin und wieder macht eines in den Medien die Runde.
Ein echtes Skandal-Interview war eines mit Klaus Kinski, geführt mit einer jungen Reporterin, in einem Park (vielleicht Hamburg), im Beisein seiner Frau und einigen Fernsehleuten. Es ging um Kinskis damals gerade herausgekommenes Stück „Jesus Christus“.
Nun war Kinski als „unmöglich“, als enfant terrible bekannt, und was Interviews anging als störrisch verschrien. Ein Interview mit ihm also eine heikle Sache, die guter Vorbereitung bedurfte. Die junge Reporterin tappte gleich zu Beginn in ein erstes Fettnäpfchen, indem sie ihre Frage um das bedeutungsschwere Wort „ausgefallen“ erweiterte. Das zweite Näpfchen stellte sich ihr in den Weg, als sie Kinski als „negativen Helden“ bezeichnete, der sich nunmehr (überraschenderweise, ausgerechnet) des Neuen Testaments angenommen hätte… Kinski eskalierte sofort und liess sich auch nicht mehr beruhigen. Der Rest des Interviews ist Geschichte.
Mein Gesprächspartner ist nicht Klaus Kinski (der ist auch inzwischen etliche Jahre tot), sondern ein lebender, kürzlich Geburtstag feiernder Schweizer Schriftsteller: Dominik Riedo. Als Nicht-Schweizerin und als Nur-noch-Sporadisch-Lesende kenne ich Herrn Riedo nicht. Eine Lücke, die ich schliesse, indem ich im Netz recherchiere. Dominik Riedo studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Zürich, Berlin und Luzern, von 2004 bis 2006 war er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich, seit 1993 ist er Schriftsteller, Mitherausgeber von „Aufklärung und Kritik“ (Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie), war 2010-2012 der Präsident des Deutschschweizer PEN-Zentrums und von 2007-2009 der Kulturminister der Schweiz. Er publiziert Bücher in verschiedenen Verlagen, betreibt eine Webseite und schreibt einen Blog, in dem er Aphorismen und Auszüge aus seinen Arbeiten einstellt. Ich lasse mir drei seiner neuesten Bücher (2014 erschienen) kommen.
Geplant ist ein E-Mail-Interview; diese Form von Interviews gewinnt immer mehr an Beliebtheit, folgt aber eben eigenen journalistischen Regeln, die man auch kennen sollte. Der grösste Unterschied zu normalen Interviews ist der, dass die beiden Gesprächspartner nicht die Möglichkeit haben, eine gestellte Frage zu erweitern oder zu erörtern, sondern die Befragung und Beantwortung statischer sind und demzufolge strukturiert vorbereitet sein wollen. Zehn Fragen, so steht in den Leitlinien, die ich alsbald finde, sollten es in der Regel sein.
Ich schreibe Herrn Riedo eine erste Mail, um mich vorzustellen und um anzukündigen, dass demnächst meine Fragen kommen. Ich muss mich erst „warm laufen“.
Frage: Was lesen Sie zurzeit? (Und ist es eher ein dickes oder dünnes Buch?)
Riedo: Proust und Lovecraft und Barnes.
Anlass zur Frage ist ein Zitat: „Literatur ist auf der einen Seite wie ein dickes Buch, auf der anderen wie ein dünnes. Im dicken, das im unmöglichen Idealfall ein Weltwälzer wäre, kann man sein ganzes Leben fortlesen, ohne aus dem Traum in die Realität niedersteigen zu müssen. Beim dünnen, das bis zu einem Wort, zu einem Zeichen nurmehr, zusammenschmelzen soll, wird durch das Gelesene eine plötzliche Einsicht in die Wirklichkeit bewirkt.“ Riedo: Man kann nicht sämtliche Literatur in einem Menschenleben lesen. Darum ist es vor allem wichtig, von elementaren Werken zumindest den Nukleus – also das, was ein bestimmtes Werk im Innersten zusammenhält, was es ausmacht und determiniert – zu verstehen; man sollte (selbst als unkreatives Wesen) zumindest begreifen, warum ein Autor ein solches Buch überhaupt schreiben wollte und konnte.
In einer späteren Mail, nachgefragt, wie es Proust jetzt „ginge“: Riedo: Proust steckt fest. Der dritte Band ist zu zäh. Mal sehen, ob ich ihn durchgehe oder überwinde. Im Moment einiges andere auf dem Nachttisch.
Ich lese derweil in „Uns trägt das Angesungene“. Es ist ein rosa-/magentafarbenes A6-formatiges Taschenbuch mit Textschnipseln, mit Angedachtem, farbig im Text belassenen Korrekturanmerkungen und geschwärztem Text. Sieht interessant aus. Der Klappentext hebt an mit der Frage, ob Skizze auch Werk sein kann, so unfertig wie sie ist. Das Buch werde zur doppelten Allegorie, in dem es die (Un)Fertigkeit einer offengebliebenen Korrektur schamlos ausstelle. Ich stolpere über das erste von zwei Attributen, die man Riedos Arbeit zuweist.
Frage: Was meinen die Rezensenten und auch der Verlag mit der „schamlosen Ausstellung“ des (Un)fertigen? Sollten „wir“ – die Leser – uns für etwas schämen – und vor welchem Hintergrund sollen wir uns schämen? Lassen Sie alle Scham fallen, weil Sie nicht schreiben, wie es sich „gehört“?
Riedo: Wieso, wie „gehörte“ es sich? Oder halt dies: Ich soll mich doch wirklich nicht schämen, das Unfertige zu zeigen: Denn wann ist etwas schon nicht „unfertig‘? Das mit den Leserinnen und Lesern ist eine verzwickte Sache: Eigentlich wäre nicht (fast) alles, was man als Wort-Mensch so schreibt, für deren Augen. Aber irgendwie muss man halt leben.
Ein zweites Attribut ist „verstörend“… Bin erstaunt, bin kaum verwirrt, wegen der Korrekturen nicht (kannte ich schon aus anderen Büchern), aufgrund der Inhalte nicht, muss schmunzeln (viele Ideen! Wenn er das alles zu Erzählungen machte!), bin wiedermal bestätigt: die Welt ist verrückt, so wie sie ist. Und nicht dazu angetan, wirklich heimisch in ihr zu sein.
Frage: Ist das mehr oder weniger auch das, was Sie trägt? – Was Sie hier „ansingen“? – Eine Welt in Auflösung?
Riedo: Die Welt ist ver-rückt: Wenn es nur in den Büchern wäre, fände ich das äusserst anstrebenswert. Aber die Realität … Es ist nicht zu sagen, was heute alles „geht“. Eine Lösung wird kommen: Hoffen wir, es ist nicht eine endgültige. Auf dass man immer wieder dagegen ansingen darf. Und doch alle etwas Ungesungenes im Kopfherz tragen können.
Das mit dem Ansingen kenne ich. Dass es in Riedos Angesungenem viele Tote, Morde, Rachegedanken gibt… eben, so ist die Welt. Ver-Rückt. In meinem Alltag fallen mir just in dieser Zeit die kurzen, zusammengedampften Symphonien von Darius Milhaud zu. Der schrieb dergleichen Anfang des 20. Jahrhunderts, verkürzte mal eben eine (klassische Form) 90-minütige Symphonie in vier Sätzen auf acht Minuten. Ankündigung unserer heutigen Zeit-Not? Ein Kürzest-Werk, aber eben auch ein Werk.
Frage: „… Wie in einer musikalischen Struktur …“ – haben Sie ein bestimmtes Stück vor Ohren gehabt?
Riedo: Einige; aber vor allem meins: do re mi do ni ki … Aber es sei gegengefragt: Wenn ein fremder Text in mir plötzlich Saiten zum Klingen bringt: Sind das von Geburt her eingezogene oder doch eher literarisch vorgebildete? Die Frage besteht: Gibt es Liebe zu einem Text ohne Vorkenntnisse (mal abgesehen davon, dass man das Alphabet erlernt hat und gewisses Weltwissen) und/oder „Drauf-hinauf-gehoben-Werden“?
Frage: Welche Musik hören Sie und was ist mit der Harmonielehre oder Tonkunst?
Riedo: Wie der Patient sagen würde: Ich bin ein Liebhaber der Tonkunst: Viele tanzen nach meiner Pfeife.
Kein Nachhaken meinerseits, aber zur Gegenfrage fällt mir vieles ein. Das Thema „Musik“, über das ich gerne weiter gefragt hätte, bei dem ich dann auf Hindemith und von ihm weiter auf „das Werk“ bzw. den Werksbegriff gekommen wäre, bleibt unvollendet. Ich suche noch ein wenig in der „Unterweisung im Tonsatz“ – im Vorwort schreibt Hindemith Lehrreiches zum Werksbegriff bzw. über den Umgang der Jüngeren mit der Anwendung des ihnen zur Verfügung stehenden Musikwerkzeugs… Es hätte zu Riedos Interview mit Philippe Bischof gepasst:
Anlässlich einer Tagung des Kulturministerium.ch hatte Riedo als Kulturminister der Schweiz mit Philippe Bischof, dem Leiter des Luzerner Kulturhauses Südpol ein Gespräch geführt. Riedo hatte gefragt, ob die Schriftsteller eventuell zu elitär geworden seien und ob Theater immer mit Schriftstellern zu tun haben bzw. immer von Schriftstellern geschrieben sein müsse.
Bischof bestätigte, dass dies im Moment (immerhin schon 5 Jahre her), tatsächlich immer weniger der Fall sei. Es gebe eine starke Tendenz dahin, dass der Autor nicht mehr der Schriftsteller allein sei, sondern die Schauspieler, der Regisseur, der Dramaturg zusammen etwas wie einen Kollektivautor bildeten, der auch die Leute draussen, das Publikum und seine Befindlichkeit und persönlichen Bedürfnisse einbeziehe und als dokumentarisches Theater diese authentisch aufnehme.
Von der Bühne und den Dramatikern, von der Musik hätte ich zu den Schriftstellern und den Büchern übergeleitet… Dank (preisgünstiger) E-Book-Publikationsmöglichkeit gibt es immer mehr Autoren und auch immer mehr zielgruppenorientiertes Schreiben. Da wird der Leser miteinbezogen, der Autor schreibt, was sein Leser sich von der Geschichte wünscht, ja, sogar mehrere Autoren schreiben kollektiv an einer Geschichte (z.B. der Zwirbler-Roman, der erste Facebook-Roman).
Frage: Sind diese eigentlich noch Schriftsteller zu nennen? Was ist ein Schriftsteller heute noch?
Riedo: Man könnte es über die Gewerkschaft definieren: Beim AdS („Autorinnen und Autoren der Schweiz“) wird nur aufgenommen, wer bestimmte Minimalkriterien erfüllt. Andererseits ist „Schriftsteller“ keine geschützte Bezeichnung, war es noch nie. Und das ist vielleicht auch gut so. Stichwort: „Offen für alles Kommende“ … Der Untergang kommt früh genug …
Frage: Ist Schreiben ein Ausdruck seiner selbst, oder ist Schreiben als Erfüllung der Bedürfnisse anderer, besonders der Leser zu denken?
Riedo: Das geht durchaus Hand in Hand.
„Die Schere im Kopf“. Das Buch lässt mich nicht an sich heran, verärgert mich im Anlesen – und lässt mich „im Fenster der Nacht des Hierseins“ – zurück, mit diesem „Herunterzählen“ an Wörtern und Satzfetzen, bis hin zum letzten unverständlichen Wort. Ich bin alles andere als sicher, ob ich überhaupt verstehe, worum es geht. An manchen Stellen kann ich sogar vor Wut nicht weiterlesen.
Riedo: Auch ich war oft wütend angesichts des Textes. Aber er musste geschrieben werden. Und wäre es nur meinetwegen.
Frage: Provokation? Fishing for Widerspruch?
Riedo: Ne, nicht mehr … Das habe ich mit dem Kulturministerium hinter mir gelassen.
Fünf mal 24 Stunden hat der Erzähler in diesem Buch noch zu leben. Er liegt mit Krebs im Endstadium in einem Spitalbett und weiss, dass die Schmerzen trotz verabreichter Medikamente nicht mehr enden werden. Dennoch fürchtet er sich weniger vor dem elenden Ende, verspürt kaum Angst vor dem nahenden Tod, den er in seinem Überdruss willkommen heisst.
In aufeinanderfolgenden Bewusstseinsschüben beschreibt er nun sein abgelebtes Leben, zerreisst es rückblickend. Der Leser erfährt, dass der Erzähler früher einmal geglaubt hatte, das grosse Werk schreiben zu können, dass er zwar zwei Instrumente spielte, aber nicht ganz so musikalisch wie Mozart war. Er war Lehrer, einmal sogar Dozent an der Uni, arbeitete im Gefängnis (wo er feststellte, dass auch Verbrecher sich selbst beschwindeln) und hatte weitere Gelegenheitsjobs. Der Leser erfährt von den Frauen. 129 sollen es gewesen sein. Bei der Abrechnung überlegt der Sterbende, ob es ihm ein Trost wäre, wenn alle Menschen gleichzeitig mit ihm stürben. Fragmentarisch denkt er auch – an die Schweiz, an ihre unveränderbare Bürgerlichkeit und fasst zusammen, dass ihn auch das Reisen anwiderte, nachdem er alles bereist hatte.
Wie gesagt: das Buch widersetzt sich mir. Vielleicht wegen des Fragmentarischen, des „gestreamt“ Vexierhaften – Vexierhaftes irritiert mich. Schostakovitsch und seine 15. Symphonie fallen mir ein. Sie beginnt mit dem Zitat aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre. Das leichte, lockere Leben endet alsbald in Fragmenten und setzt sich mit dem Sterben auseinander. Es ist die letzte Symphonie des Russen, er ist schwerkrank und er komponiert unter stalinistischen Bedingungen, wandert dabei auf einem schmalen Grat zwischen ideologischer Vereinnahmung und künstlerischer Selbstverwirklichung, zwischen Leben und Tod. Ja, Schostakowitschs Musik evoziert Ähnliches wie die „Schere“.
Die Schere im Kopf lege ich zur Seite. Sie schneidet meine Energie und meinen Elan ab. Auch die Antworten, die ich auf meine erste Mail bekomme, lege ich zur Seite. Jetzt spüre ich den Hauch des Proust-Effekts. Aufschieben, sage ich mir. Aufschieben, dann wird der rechte Augenblick kommen. Habe auch zur Zeit mit der Veröffentlichung der Aphorismen eines anderen jungen Mannes zu tun, fast gleicher Jahrgang, sogar ähnliche Gedanken.
Kurz vor Weihnachten schickt mir der Verlag pro libro aus Luzern das dritte Riedo-Buch: „Mein Herz heisst „‚Dennoch‘ – Literarische Porträts“. Darin geht es um Schriftsteller und Denker, die anders als ihre Mitmenschen waren. Die Werke, die sie aus ihrer Andersartigkeit heraus geschrieben haben, werden heute bewundert. Den Erschaffenden aber machte das Anderssein zu schaffen. Sie haderten mit sich, mit der Welt, mit dem eigenen Werk. Riedo versammelt in diesem Buch literarische Porträts, die gewissermassen den Finger auf die offene Wunde legen. Die Wunde ist die der Verdrängung des Haders der „Anderseienden“ aus der heutigen Bewunderungsperspektive.
Sag ich doch! Mein Reden. Voller Vorfreude nehme ich das Buch in die Hand und vor die Augen. Riedo ist einer, der Einzelgänger zu mögen scheint. Seine Antworten zu sich selbst mögen da für ihn sprechen.
Frage: „Widerstand der Welt, den diese Denker und Schriftsteller erfuhren, aber auch Widerstand, den sie selbst der Welt entgegensetzten, der unbeirrbare Glauben der Porträtierten an das „Dennoch“ – an die Keimzelle der unsterblichen Literatur.“ Keimzelle? Unsterbliche Literatur?
Riedo: Unsterblich, denke ich, ist doch praktisch nichts. Die Keimzelle jedoch steckt in mir – und bringt ihre Triebe voran… Gegen den vorangegangenen Gegendruck …
Frage: Sind Sie ein lustig-melancholischer Mensch oder eher ein ernst-alberner? Oder ist die Frage zu persönlich?
Riedo: Beides wohl, wild durcheinander. Am ehesten ein melancholisch-heiterer.
Frage: Sie scheinen ein Faible für Einzelgänger zu haben oder sind Sie etwa selbst einer? Sehen Sie sich als einer?
Riedo: An der Party zu meinem 20. Geburtstag kamen 81 Gäste, an der zu meinem 40. Geburtstag noch 12 …
Und jetzt kommt die Kinski-Klippe, das Fettnäpfchen, in das ich treten könnte. Riedo war – wie bereits erwähnt – für zwei Jahre Schweizer Kulturminister – ein Zeitraum in seiner Biographie, den ich natürlich ansprechen muss.
Frage: Wie kam es überhaupt zu der Idee, Kulturminister werden zu wollen, sich als Kandidat zur Wahl (mittels Internet-Wahl aus 25 Kandidatinnen und Kandidaten) zu stellen?
Riedo: Weil ich, beim Sprung ins kalte Wasser, etwas lernen wollte.
Frage: Macht man das mal eben so? Haben Sie nicht genug zu tun gehabt?
Riedo: Ich mache eigentlich nichts „einfach so“.
Frage: Wie haben Sie die 2 Jahre als Kulturminister verändert? Haben sie Sie verändert?
Riedo: Oh ja!
Meine zehn Fragen sind gestellt, und ich habe kein schlüssiges, rundum befriedigendes Bild. Ich habe gar nichts und muss erkennen, dass ich die falschen Fragen gestellt habe, und mir trotz allen Hin- und Herüberlegens kein Weg eingefallen ist, sie aufzubereiten. Riedo hat mich weite und inspirierte Denkwege zurücklegen lassen. Aber das Interview… wenn ich doch eine Tasse Kaffee mit ihm trinken könnte!
Es ergibt sich keine Gelegenheit. Im Gegenteil, ich entferne mich räumlich noch weiter von der Schweiz, fahre in den Norden, sitze in einem Bahnhofsrestaurant und – spreche mit Riedo.
Was trinken wir? Kaffee? Wie trinken Sie ihn? Mit Milch und ohne Zucker? – Der Kaffee kommt. Jetzt würde ich sie stellen – die wirklich wichtigen Fragen:
01. Wann können Sie am besten schreiben?
02. Wo kommen Ihnen so richtig gute Ideen?
03. Welche Stadt würden Sie gerne in nächster Zeit besuchen?
04. Haben Sie Freunde in Deutschland?
05. Welchen Film haben Sie kürzlich gesehen?
06. Haben Sie einen Lieblingsregisseur?
07. Trinken Sie lieber Kaffee oder lieber Tee? Eine Idee, warum das so ist?
08. Essen Sie gerne Fisch?
09. Welches ist Ihre derzeitige Lieblingsfarbe (hatte ich das nicht schon gefragt???)
10. Können Sie zeichnen?
Nichts mit Literaturwissenschaftlichem zu „Werk“ und „Fragmentarismus“, oder Lebensabrissen und Bewusstseinsströmen, genug des Zweifelns an der verrückten Welt, die uns dazu bringt, gegen sie anzuschreiben. Wozu? Um uns ein Denkmal zu setzen – oder uns am Leben zu erhalten? Wer dieses neue Interview liest, soll sich wohlfühlen und einen Menschen sehen, und sich darin wiederfinden – oder auch nicht. Etwas Riedo-haftes klingt in allen von uns… und sowohl ein Klaus Kinski als auch ein Dmitri Schostakowitsch waren als Künstler und als Menschen nicht einfach, noch unumstritten. Sie waren anders. Und dennoch!
Einen herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag, Herr Riedo. ♦
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Dies sind die Antworten, die mir Dominik Riedo auf meine obigen 10 Fragen gab:
01. Wenn mich an der Welt etwas stört, aber nicht in meinem Arbeitszimmer. 02. Beim Lesen. 03. Marsala. Ich werde März oder April dort sein. 04. Ja. 05. Verfilmungen von Philip K. Dick. Ich möchte einen Essay über ihn schreiben. 06. Orson Welles. 07. Kaffee. Weil ich als Kind bereits Mocca-Glacé über alles liebte. Aber warum das? Keine Ahnung. 08. Ich bin Vegetarier. 09. Schwarz. 10. Ich konnte es mal ganz gut und habe Freundinnen damit „beschenkt“. Heute hab ich das etwas verloren.
Der junge Hamburger Bundesliga-Spieler Jonathan Carlstedt gehört seit kurzer Zeit zu den Exponenten der Deutschen Schachszene. Neben dem eigenen Spiel arbeitet er als Geschäftsführer der Schachschule Hamburg, schreibt als Journalist und Online-Autor für verschiedene Medien und hat seit 2010 bereits mehrere Bücher vorgelegt. Dabei wendet er sich an die ganze Breite des Schachpublikums. Sind die Eröffnungsbücher sicher dem Experten vorbehalten, galten die beiden Werke unter dem Obertitel „Die grosse Schachschule“ dem engagierten Turnier- und Vereinsspieler. Mit der „Kleinen Schachschule“ wird das Spektrum der Zielgruppen nun gewissermassen „nach unten“ abgerundet, verkündet doch schon die Titelseite „Perfekt für Anfänger!“
Carlstedts Werk reiht sich in die Tradition klassischer Schach-Lehrbücher für „Jedermann“, wie sie seit mehr als 100 Jahren einen Urtyp der Schachliteratur darstellen. Kann man dieses Genre noch mit neuen Ideen bereichern?
Von den Anfänger-Regeln bis zu den Endspielen
Blicken wir zunächst auf die grobe Gliederung des Werkes: Wir haben vier wesentliche Abschnitte vor uns:
– Die Grundbegriffe und Regeln des Schachspiels werden auf ca. 40 Seiten erklärt
– Es folgen knapp 70 Seiten über Eröffnungen
– Das Mittelspiel wird auf ca. 60 Seiten abgehandelt
– Mit gut 40 Seiten ist das Endspielkapitel eher knapp bemessen
– Den Abschluss des Buches bildet ein kurzer Essay „Die Welt der Schachszene“, (dem der Rezensent gerne etwas mehr Umfang und Tiefgang gewünscht hätte).
Das einführende Kapitel vermittelt das regeltechnische Rüstzeug jeder Schachpartie, leider noch nicht auf dem Stand der 2014 geänderten FIDE-Regeln (bei Stellungswiederholung und 50-Züge-Regel).
In den folgenden Hauptkapiteln hat es sich Carlstedt zur Aufgabe gemacht, dem „Anfänger“ deutlich mehr zu vermitteln, als es vergleichbare Bücher tun. Exemplarisch dafür ist das Eröffnungskapitel. Nach Vermittlung der Grundstrategien (Figurenentwicklung, Königssicherheit) führt der Autor den Leser in einige wichtige Eröffnungssysteme ein. Dabei findet Jonathan Carlstedt das für einen Spieler auf Anfänger-Niveau passende Mass zum Verständnis der vorgestellten Eröffnungen. Bei jedem Zug wird dargestellt, inwiefern er seinen Beitrag zu den Grundzielen des Eröffnungsspiels leistet. Streiten könnte man allenfalls über das Mengenverhältnis (acht Seiten Königsgambit vs. fünf Seiten Sizilianisch) und über die Auswahl der Systeme. So fehlen etwa mit der Pirc-Verteidigung oder Russisch auch Eröffnungen, die einem Anfänger sehr wahrscheinlich recht bald begegnen werden.
Als ein Juwel unter vielen möchte ich hervorheben, wie der Autor die „fried liver attack“ des Zweispringerspiels (freilich ohne sie beim Namen zu nennen) behandelt. Ich selbst habe schon viele Schach-Eleven ob der doppelten Bedrohung des Punktes f7 regelrecht verzweifeln sehen. Schade nur, dass in diesem Buch der betreffende Text im Abschnitt „Italienische Partie“ versteckt ist.
Taktische Manöver und stragegische Motive
Unter dem Oberbegriff „Mittelspiel“ führt Carlstedt in die wichtigsten taktischen Manöver und strategischen Motive ein. Der Leser lernt Fesselungen, Gabeln, Spiesse, Abzüge ebenso kennen wie grundlegendes Wissen über Bauernstrukturen und -schwächen. Auch die Eigenheiten der einzelnen Figuren und die Konsequenzen für ihren optimalen Einsatz werden besprochen. Ein (zu) kurzer Abschnitt über den Königsangriff beschliesst das Mittelspiel-Kapitel.
Bei den Endspielen widmet Carlstedt den verschiedenen Aspekten der Bauernumwandlung (Opposition, Randbauer, Quadratregel) breiten Raum. Es folgen einige wichtige Stellungen zum Endspiel „Turm&Bauer gegen Turm“. Das ist sicher eines der anspruchsvollsten Kapitel des Buches, und Jonathan Carlstedt präsentiert es so gekonnt, dass auch der „Anfänger“ jederzeit folgen kann. Überraschend: Erst danach geht er auf die elementaren Matts mit den Schwerfiguren ein. Insgesamt hätte man dem Endspiel-Kapitel sogar etwas mehr Umfang gewünscht. Da bleiben einige Themen offen, die man auch der Zielgruppe dieses Buches zumuten kann. Andererseits wäre selbst ein Anfänger-Lehrbuch der Schach-Endspiele gut und gerne so stark wie die ganze vorliegende „Kleine Schachlehre“ – so bietet sich das vielleicht für ein Nachfolgeprojekt an.
Das Buch im handlichen Taschenbuchformat ist auf hochwertigem Papier produziert und sorgfältig redigiert. Der Sprachstil des jungen Autors macht Freude, seine bereits enorme Erfahrung als Trainer ist auf jeder Seite zu verspüren.
Circa 200 Stellungsbilder unterstützen in perfekter Weise das Verständnis. Diese Diagramme wurden offenbar mit Chessbase-Software erstellt. Dabei nutzt Carlstedt die Möglichkeit der Verdeutlichung von Ideen und Plänen mit farbigen Pfeilen und Feldmarkierungen. Allerdings geht die visuelle Aussagekraft dieses Gestaltungsmittels beim Schwarz-Weiss-Druck fast völlig verloren und in einigen Fällen ist die Erkennbarkeit gerade dadurch sogar eingeschränkt.
Für Einsteiger aller Altersklassen
Bleibt die Frage, an welche Zielgruppe sich das Buch richtet. Carlstedt ist insofern konsequent, dass er keine spezielle Zielgruppe anspricht. Insbesondere fehlen jegliche spielerischen Elemente, wie man sie aus Kinder-Schach-Lehrbüchern kennt. Die Ansprache des Lesers orientiert sich am erwachsenen, allenfalls jugendlichen Schachschüler. So ist die Zielgruppe wohl nicht an Altersgruppen festzumachen, sondern am Einsteiger, der sich auf das anstrengende aber wunderbare Abenteuer einlassen will, das Schachspiel „von der Pike auf“ zu erlernen. Wer das vorliegende Buch konzentriert durcharbeitet und das Gelernte umsetzt, wird schon nach wenigen eigenen Partien die ersten Früchte der Arbeit ernten.
Carlstedt schreibt im Vorwort: „Bücher schreiben macht Spass“. Wenn der Leser diesen Spass des Autors nachempfindet, ist das Werk gelungen. Ich habe ihn nachempfunden! ♦
Jonathan Carlstedt: Die kleine Schachschule – Regeln, Strategien und Spielzüge verständlich erklärt, Humboldt Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86910-209-2
„Der Schach-Sport ist – richtig verpackt – sehr kommunikativ“
Glarean Magazin: Herr Carlstedt, stellen Sie sich zunächst unserer Leserschaft kurz vor?
Jonathan Carlstedt: Ich bin 24 Jahre alt. Nachdem ich 2010 mein Abitur in Hamburg gemacht habe, begann ich selbstständig als Schachspieler/-Trainer/-Autor/-Journalist zu arbeiten. Inzwischen bin ich Internationaler Meister, trainiere ca. 25 Schüler, schreibe für den Deutschen Schachbund, bin Geschäftsführer des Hamburger Schachklubs und der Schachschule Hamburg, Organisator des VMCG-Schachfestivals und selber als Spieler auf diversen Turnieren und in der ersten Bundesliga aktiv. Ausserdem verfasse ich regelmässig Schachbücher und -Artikel.
GM: Was läuft in Deutschland bei der öffentlichen Darstellung des Schachs als Wettkampfsport falsch? Was kann/muss man besser machen um das Image des Schachsports aufzupolieren?
JC: Vermutlich muss man hier differenzieren. Wir haben zum einen die externen Umstände, bis zu einem gewissen Punkt passt Schach nicht in unsere Zeit. Schach ist ein stiller Sport, in dem nicht derjenige recht hat, der am lautesten schreit, sondern derjenige, der die besten schachlichen Argumente hat. Meine sehr und ganz persönliche Meinung ist, dass dieser Ansatz in unser Gesellschaft, die Kraft des Arguments über der Kraft der Lautstärke, immer weniger eine Rolle spielt und Schach als dessen Vertreter geringere Chancen als andere Sportarten hat, akzeptiert zu werden.
Gerade bin ich in Dresden, hier spielen 10 der stärksten Frauen des Landes ein Turnier mit einem Preisfond von 10’000 Euro in äusserst professioneller Atmosphäre. Nun ist die Frage: Wie können wir das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit gewinnen. Anscheinend ist es möglich, das für einen Schach-WM-Kampf zu schaffen. „SPIEGEL Online“ und „Zeit online“ berichten ausführlich mit grossartiger Berichterstattung. Um eine regelmässige Darstellung wie andere „Mainstream“-Sportarten zu erreichen, müssen wir in gemeinsamer und vor allem koordinierter (etwas was gelegentlich fehlt) Anstrengung versuchen, ein Grundverständnis für unser Spiel bei der breiten Masse zu erzeugen. Dann haben wir die Chance, auch in der öffentlichen Wahrnehmung häufiger eine Rolle zu spielen.
Aber was ist das Image des Schachsport? Freaks ohne Anschluss? Sportart für Super-Intelligente? Schul-AG für Aussenseiter? Wenn dem so ist, dann müssen wir etwas tun! Das geht nicht von heute auf morgen, denn die Diskussion wurde in der Schachszene bisher nicht geführt, ob wir nicht gut daran tun, eine Randsportart zu sein. Meine Meinung dazu ist klar: Unser Sport ist interessant, richtig verpackt sehr kommunikativ, und wenn Sie sich heute die Topspieler anschauen, haben wir intelligente, durchtrainierte Leistungssportler, die sich verkaufen können. Mit hochwertiger und beständiger Öffentlichkeitsarbeit können wir ins Bewusstsein der Bevölkerung treten. Konkret und kurzfristig müssen wir freundlicher zu Einsteigern werden, denn in den Vereinen ist das Bild in der Tat teilweise schmuddelig. Auch wenn ich vermutlich einige böse Mails bekommen werde, müssen frische Klamotten, Deo, gepflegtes Auftreten und Genuss von Alkohol nur zur späten Stunde ungeschriebenes Gesetz im Verein werden.
Zusammenfassend also: Wir sind unseres Glückes Schmied, konstante Öffentlichkeitsarbeit, die bereits geleistet wird, zusammen mit einem gemeinsamen Bewusstsein für deren Wichtigkeit sind die beiden Eckpfeiler uns in der breiten Öffentlichkeit zu etablieren.
GM: Sie sind Geschäftsführer der Schachschule Hamburg. Sie haben jetzt Gelegenheit ein wenig Werbung für dieses Projekt zu machen 🙂
JC: Die Schachschule Hamburg bietet Schachinteressierten jeden Alters und jeder Spielstärke vom Anfänger bis zum Bundesligaspieler „offline“-Trainingsmöglichkeiten (wie man das glaube ich neudeutsch nennt) an. Dabei versuchen wir uns nach den Bedürfnissen und Wünschen der jeweiligen Interessenten zu richten und haben unser Trainingsangebot entsprechend breit aufgestellt. Jeder der also irgendwie an Schach interessiert ist, ist bei uns genau richtig! 🙂
GM: Professionelle Schachschulen mit kommerzieller Ausrichtung scheinen sich in Deutschland wachsender Beliebtheit zu erfreuen. Wie schätzen Sie auf lange Sicht den Markt für solche Projekte ein? Wie sehen Sie diese Schulen im Spannungsfeld der „klassischen“ Ausbildungswege junger Schachspieler wie Schulschach-AGs, Schachvereine und ggf. das Training der Verbandskader und schliesslich den vielen neuen Spiel- und Trainingsansätzen im Internet?
JC: Die Schachschule Hamburg ist aus dem Hamburger Schachklub, dem grössten Schachverein Deutschlands, entstanden und ein Teil dieses Schachklubs. Zwar verstehen wir uns als Unternehmen, müssen und wollen aber auch den Ideen eines gemeinnützigen Vereins wie dem Hamburger Schachklub genügen.
Der Markt für Schachschulen ist aus meiner Sicht sehr gross. Wir haben in Deutschland 90’000 eingetragene Schachspieler, davon alleine können Schachschulen nicht leben. Die Zahl derjenigen, die im Kindesalter oder wann auch immer die Grundregeln kennengelernt haben und grundsätzlich Interesse am Schachspiel bzw. -sport haben, ist ungleich grösser. Wenn sich die „Schachszene“ weiterhin diesen Umstand bewusst macht, ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Übrigens eine Tendenz, die ich aus meiner selbstständigen Arbeit als Trainer untermauern kann. Allein in den vergangenen zwei Monaten musste ich sieben Anfragen von Schülern ablehnen, da ich keine Zeitkapazitäten mehr habe.
Für uns ist Schachschule und Schulschach kein Spannungsfeld, sondern die Grundlage für unsere Existenz. Unheimlich viele engagierte Trainer leisten an Schulen ehrenamtliche Arbeit, die die Basis dafür ist, dass Menschen wie ich und Institutionen wie die Schachschule wirtschaftlich arbeiten können. Ohne den Unterbau der dort geschaffen wird, kann es weiter in der Spitze bzw. für die Spitze keine Zukunft geben.
Auch das Internet ist, denke ich, förderlich für den Schachsport. Auf jeden Fall müssen wir uns nicht davor fürchten. Jene die ohnehin lieber in ihren eigen vier Wänden bleiben, haben das auch schon vor dem Aufkommen des Internets getan. Der Vorteil des Internets, aus Schachspieler-Sicht, ist, dass man schneller und unkomplizierter mit dem Schachsport in Berührung kommt. Unsere Aufgabe ist es, all jenen, die über das Internet zum Schachsport gekommen sind, Angebote zu unterbreiten, in den Verein zu kommen. Denn seien wir ehrlich: Bei einem Bierchen oder für Kinder und Jugendliche einer Cola in der realen Welt eine Partie Schach zu spielen, entspricht deutlich eher den menschlichen Bedürfnissen, als im eigenen Kämmerlein gegen anonyme Gegner zu spielen. Und auch wenn es einige nicht glauben, die meisten Schachspieler sind sogar extrem in Ordnung.
GM: Sie bieten auch Anfänger-Kurse für Erwachsene und Kurse für Senioren an. Wie werden diese Angebote angenommen?
JC: Im Grundsatz sind wir mit dem Zuwachs an Interessenten zufrieden. Trotzdem muss man einen Unterschied machen zwischen Erwachsenen, die im Berufsleben stehen und Senioren. So laufen die Seniorenkurse, die wir wöchentlich beispielsweise von 10 bis 12 Uhr anbieten, hervorragend. Berufstätige nach der Arbeit noch von 19 bis 21 Uhr für ein Schachtraining zu begeistern ist, wenn auch nicht unmöglich, doch schwierig. Deshalb gehen wir hier einen zweiten Weg: Wir bieten sogenannte Kompaktkurse an, Kurse also, die an einem Samstag gehalten werden und weisen ausdrücklich darauf hin, dass diese Kurse sehr gut geeignet sind, damit man seinen Partner mitnimmt, um anschliessend gut gerüstet zu sein bei einem abendlichen Glas Rotwein auf dem Balkon eine Partie Schach zu spielen. Es ist nicht unser Ziel, jeden zu einem Grossmeister zu machen.
Dieses Angebot wollen wir ausbauen, mit Eltern/Kind-Kursen und Trainings, die nicht bei uns, sondern in den Schulen vor Ort stattfinden. Wir haben hier noch einen weiten Weg zu gehen, sind aber überzeugt, dass dies der Richtige ist.
GM: Zu Ihrem neuesten Buch, der „Kleinen Schachschule“. Zunächst war ich etwas verwirrt, nach zwei Büchern unter dem Label „Grosse Schachschule“ jetzt auf die „Kleine Schachschule“ zu treffen. Können Sie uns Ihre bisherigen Buchprojekte vorstellen und einen Blick auf die nächsten Pläne werfen?
JC: Da muss ich etwas weiter ausholen, aber da ich bisher schon ellenlang geantwortet habe, mögen mir die Leser das verzeihen 🙂
Mein erstes Buch schrieb ich im zarten Alter von 19 Jahren, zeitgleich zur Lernphase meines Abiturs. „Die Englische Eröffnung“ war der Titel und behandelt eine Schacheröffnung, die ich seit ich denken kann, spiele. Im Anschluss folgte „Die grosse Schachschule“ Damals hatte ich eine Schachschule in Lüneburg und ich habe grosse Teile des Lehrplans meiner Schachschule in dieses Buch integriert, es folgte ein weiteres Eröffnungsbuch „Die Tarrasch-Verteidigung“, ein Buch das aus meiner Sicht für die „Eingeweihten“ eine Menge interessante neue Ideen beinhaltet. Anschliessend schrieb ich „Die grosse Schachschule: Aus den Fehlern der Grossmeister lernen“. Hier habe ich 25 Partien analysiert, an vielen war ich selber beteiligt, wo eine Seite, vertreten durch einen Profispieler, einen schweren Fehler begeht. Mein Versuch war es, und ich hoffe er ist mir gelungen, diesen Fehlern auf den Grund zu gehen und „en passant“ weniger erfahrenen Schachfreunden einen Einblick in die Schachszene zu geben.
Zu guter Letzt also „Die kleine Schachschule“, auf die ich ebenfalls sehr stolz bin. Einerseits ist sie inhaltlich aus meiner Sicht gut geworden, ausserdem hat mal wieder der Verlag hervorragende Arbeit geleistet, was Layout etc. angeht.
Zukünftige Projekte… Mein Plan war eigentlich weniger zu arbeiten 🙂 Derzeit gibt es einige Angebote Bücher zu schreiben. Meine Idee ist allerdings, einfach eins zu schreiben, ohne dass jemand davon weiss und es dann einem Verlag anzudrehen. Ich habe immer noch die sehr romantische Vorstellung mich einmal in ein Haus auf einer fernen Insel einzuschliessen, dort zwei Monate an einem Buch zu schreiben, ohne von aussen gestört zu werden. Vielleicht kennen Sie ja einen Verlag mit einem Haus auf einer karibischen Insel? 😉
GM: Die „Kleine Schachschule“ ist vom Typ her sicher mit klassischen Schachlehrbüchern zu vergleichen. Schach-Einführungen für Anfänger gibt es seit mehr als 100 Jahren. Sie erklären elementar die Regeln und geben kurze Abrisse zu Taktik-Motiven, strategischen Prinzipien, zur Eröffnungstheorie und Endspiellehre. Welche neuen Ideen haben Sie für diesen Lehrbuch-Typ eingebracht?
JC: In der „Kleinen Schachschule“ geht es darum, kurz und bündig Interessenten am Schach unser Spiel näher zu bringen und ohne grosses Hin und Her die Grundlagen zu bieten, um einfach mal eine Partie Schach zu spielen.
Meine neue Idee in dem Buch ist, früher auf grundlegende Strategien in den 3 Phasen Eröffnung Mittelspiel, Endspiel einzugehen. Meine Erfahrung aus den vielen Trainings und Lehrgängen mit Anfängern ist, dass man die Leute durchaus fordern kann und das Interesse am Schach auch und vor allem in den Strategien begründet ist. ♦
Repertoirebücher nehmen im Spektrum der Eröffnungsliteratur einen breiter werdenden Raum ein. Sie haben den unbestreitbaren Vorteil einer hohen Praxistauglichkeit. Autor und Leser können sich auf die für sie wirklich relevanten Systeme beschränken und in diese vertiefen. Während bei den reinen Eröffnungs-Nachschlagewerken inzwischen wohl elektronische Medien und Datenbanken konkurrenzlos sind, ist hier dem gedruckten Buch ein Platz weiterhin sicher. Der saarländische Schachtrainer Reinhold Ripperger hat nach „Anzugsvorteil“ – einem Weissrepertoire für den e4-Spieler – nun mit „Gegenspiel“ das Pendant für den Nachziehenden vorgelegt. Ein Repertoire für Weissspieler, die den Damenbauern bevorzugen, ist in Vorbereitung.
Rippergers Schwarz-Vorschlag klingt auf den ersten Blick banal und schmalspurig: „Ziehen Sie 1… e6, egal was der Gegner eröffnet haben mag.“ Dieses Vorgehen (wahlweise auch mit c6, d6, g6 oder anderen Zügen zelebriert) ist so selten gar nicht anzutreffen. Aber nicht immer ist es von Verständnis für die entstehenden Stellungen getragen. Man muss also bei der Repertoireplanung einen Schritt weiter gehen – und das tut Reinhold Ripperger.
Erleichterte motivische Orientierung
Gegen 1. e4 landet man im Franzosen, wobei Ripperger auch in der Folge eine sinnvolle Auswahl anbietet – immer dort, wo Schwarz Gelegenheit hat, das Spiel zu bestimmen. Gegen 1. d4 fokussiert er sich streng auf den modernen Stonewall, bei dem Schwarz seine weiteren Bauern auf c6, d5 und f5 platziert, den Königsläufer aber im Gegensatz zum klassischen Stonewall auf d6. Die somit abgegrenzte Eröffnungswahl ist nicht nur von Ripperger selbst, sondern von mehreren namhaften Grossmeistern erprobt und hat sich bewährt. Insbesondere verweist der Autor darauf, dass sich in beiden Eröffnungen ähnliche Motive ergeben und dem Spieler die Orientierung erleichtern. Bei der weiteren Variantenauswahl entscheidet sich Ripperger immer für offensive Abspiele, verspricht seinem Leser ein „Spiel auf Gewinn“. Mit Schwarz wird also nicht ängstlich geklammert, sondern getreu dem Titel des Buches aktives Gegenspiel gesucht.
Erläuterung der strategischen Pläne
Angenehm fällt dabei auf, dass der Leser nicht mit ellenlangen und vielfach untergliederten Zugfolgen allein gelassen wird. In angemessenem Umfang werden der Sinn der einzelnen Züge und der dahinter stehende strategische Plan erläutert. Zwei bis drei Diagramme pro Seite lockern den Text auf und lassen es zu, die Ausführungen auch „vom Blatt“ zu verfolgen. Nun hatte der Rezensent natürlich weder das Wissen noch die Zeit, jede einzelne Variante auf ihren schachlichen Gehalt zu prüfen. Stichproben haben aber das Vertrauen in Rippergers fundierte Analysen gestärkt. Dabei ist der Autor ein unabhängiger Geist, der vor der Autorität von Grossmeistergenerationen und rechenstarken Computern nicht erschrickt, wenn es eigene Ideen zu vertreten gilt. Mit Blick auf das eigene Repertoire habe ich exemplarisch eine Variante geprüft: Nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 verfügt Weiss über die interessante Gambitfortsetzung 4. Ld2. Sie hat einen gewissen schachhistorischen Wert, stand u.a. 1950 im Kandidatenwettkampf zwischen Bronstein und Boleslawski auf der Tagesordnung. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass man damit selbst gestandene Französisch-Spieler aus dem Gleis ihrer Vorlieben werfen kann. Ripperger nun lässt seine Leser nicht im Regen stehen: Er empfiehlt sehr deutlich die Antwort 4… Sc6! Der Blick auf die Schach-Software „Fritz“ bzw. in die „Mega Database“ enthüllt dies als einen echten Geheimtipp: Die Datenbankstatistik zeigt, dass er gerade mal mit einer Häufigkeit von 4% in dieser Stellung gespielt wird und auch nach längerer Rechenzeit, weist „Fritz 13“ den Zug erst als Nr. 4 oder 5 seiner Kandidatenzüge aus. Mit solchen Empfehlungen kann Reinhold Ripperger also auch dem gestandenen Spieler noch viele neue Ideen vermitteln.
Gelungene Gestaltung und Typographie
Gelungene Gestaltung und Typographie sorgen dafür, dass man das Buch jederzeit gern zur Hand nimmt. Der auf den ersten Blick vielleicht etwas hohe Preis ist durch den enormen Arbeits- und Analyseaufwand gerechtfertigt. Hier wird eine eigene Leistung des Autors verkauft, der wohl zu jeder Aussage des Buches stehen kann – keine schnell dahin geschriebene Computeranalyse. Einziger Kritikpunkt: ca. 35 Seiten mit insgesamt 100 Testaufgaben einschliesslich Lösungen und Punktbewertung scheinen mir in einem Repertoirebuch entbehrlich. Abgefragt wird hier nicht schachliches Können, sondern „nur“ das Erinnern der vorgestellten Varianten.
Alles in allem: Basierend auf der Empfehlung „Spiele immer 1… e6“ legt Reinhold Ripperger ein praxistaugliches Schwarz-Repertoire vor. Neben einer gezielten Auswahl von Französisch-Varianten konzentriert er sich auf den Modernen Stonewall. Die Stärke des Buches liegt in der Eigenständigkeit seiner Analysen und den angemessenen Erläuterungen zum strategischen Gehalt der empfohlenen Züge. ♦
Glarean Magazin: Herr Ripperger, in den letzten 2-3 Jahren steht Ihr Name immer wieder für interessante Neuveröffentlichungen auf dem Schachbuch-Markt. Den Menschen dahinter kennen sicher nur wenige. Möchten Sie sich bitte kurz den Glarean-Lesern vorstellen?
Reinhold Ripperger: Ich bin 57 Jahre alt, verheiratet, habe eine erwachsene Tochter, bin von Beruf Sozialarbeiter und lebe im Saarland.
GM: Als sehr aktiven Turnierspieler weist Sie schon die DWZ-Datenbank des deutschen Schachverbandes aus. Ihre Bücher lassen vermuten, dass Sie auch als Trainer Erfahrungen gesammelt haben?
RR: Ich bin seit über 30 Jahren Trainer und im Besitz der B-Lizenz. Als Spieler des SC Anderssen St. Ingbert und des SC Caissa Schwarzenbach habe ich in der Oberliga Südwest und in der 2. Bundesliga gespielt.
GM: Der Blick auf Ihre Homepage offenbart, dass es neben dem Schachspieler Ripperger noch einen auf ganz andere Art interessanten Menschen gibt – den Liedermacher. Erzählen Sie doch bitte ein wenig über diese Seite.
RR: Ich liebe gute Musik und bin ein glühender Fan von Reinhard Mey. Ich schreibe selbst hin und wieder ein Lied und veranstalte Liederabende, bei denen ich Keyboard spiele und neben eigenen Liedern auch Stücke von Hannes Wader, Reinhard Mey oder den Wise Guys singe. Im übrigen bin ich der Ansicht, dass Schach und Musik eng miteinander verwandt sind.
GM: Zurück zum Schachautor: Wenn ich nichts übersehen habe, liegen aus Ihrer Feder – zum Teil mit Co-Autoren – knapp 10 Bücher vor. Das Spektrum ist breit, der Schwerpunkt liegt aber bisher im Eröffnungsbereich. Wie schreibt man eigentlich heute in der Zeit der Datenbanken ein Eröffnungsbuch, das sich vom Durchschnitt abhebt? Wie ist das Verhältnis von eigener Erfahrung zur Vorgefassten Meinung anderer Autoren bzw. der Einschätzung der Computerprogramme?
RR: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich versuche in meinen Büchern, wie auch im Training, die Denkweise meiner Leser zu verändern. Ich lege grossen Wert auf die Stellungsbeurteilung und das Schmieden eines sinnvollen Planes. Ich gehe auf die Feinheiten der Position ein und will so die strategischen und taktischen Fertigkeiten meiner Leser ausbilden. Die Computerprogramme sind wahnsinnig stark geworden, können aber einem Spieler keinen Plan erklären. Oft „sehen“ sie auch selbst keinen Plan. Selbstverständlich greife ich bei der Analyse einer Variante manchmal auch die Idee eines anderen Autors auf und versuche diese in meine Überlegungen einzubeziehen.
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Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge – Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien
In den Jahren 2008 bis 2012 veröffentlichte Walter Eigenmann im „Glarean Magazin“ nach und nach insgesamt 100 Schach-Stellungen berühmter und weniger berühmter Meister, die sich jeweils DER BRILLANTE SCHACHZUG nannten, und die aufgrund ihres ästhetischen Gehalts und ihres hohen Schwierigkeitsgrades bei weiten Kreisen der Schachwelt bis hinein in die einschlägigen Internet-Foren bekannt wurden. Denn nicht nur die meisten Schachspieler, sondern auch fast alle Schachprogramme bissen sich an diesen schwierigen Kopfnüssen regelmässig die Zähne aus. Auf vielfachen Wunsch wurde nun die damalige Reihe neu in Buchform herausgebracht.
Walter Eigenmann: 100 brillante Schachzüge – Geniale Kombinationen, verblüffende Strategien, 52 Seiten, Tredition Verlag, ISBN 978-3734502088
GM: Was muss heute ein gutes Eröffnungsbuch bieten, um einen Mehrwert gegenüber computergestützten Medien zu erreichen?
RR: Ich versuche dem Lernenden zu vermitteln, wie er sich ein vernünftiges Eröffnungsrepertoire zusammenstellt, seine ihm zur Verfügung stehende Zeit optimal nutzt. Ich versuche ihm wertvolle Ratschläge zu geben, welche psychologischen Einflüsse in einer Schachpartie zum Tragen kommen. Ein Fehler auf dem Brett entspringt einem Defizit im schachlichen Denken. Das versuche ich meinen Schülern klar zu machen.
GM: Einige Ihrer Bücher, darunter das aktuelle „Gegenspiel“ verstehen sich als Repertoire-Empfehlung. Der Markt scheint gerade in diesem Bereich zu boomen. Ist das ein Trend „weg vom allgemeinen Eröffnungslexikon“ hin zum „individuellen Rundum-Sorglos-Paket“?
RR: Wie ich schon sagte, kann ein Computer kein Eröffnungsrepertoire zusammenstellen. Ausserdem ist die Eröffnungstheorie im modernen Schach ein lebendiger Prozess, der ständig im Fluss ist und von ehrgeizigen Spielern stetig beobachtet und weiterentwickelt wird.
GM: Leben Sie eigentlich das Konzept „… im ersten Zug immer e7-e6“ auch selbst vor und wenn ja, mit welchen Erfahrungen?
RR: Ja, oft spiele ich selbst so. Das hat mir zum Beispiel in der Französischen Verteidigung eine Menge Erfahrung eingebracht. Natürlich muss ich hin und wieder von diesem meinen Gegnern bekannten Repertoire abweichen, um Vorbereitungen aus dem Weg zu gehen und mit der einen oder anderen Überraschung aufzuwarten.
GM: An „Gegenspiel“ gefällt mir besonders, dass Sie den Leser nicht mit langen Varianten allein lassen, sondern die Idee einzelner Züge in kurzen und verständlichen Erklärungen erläutern.
RR: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst sehr ungern endlos lange Varianten mit eingeschobenen Untervarianten nachspiele. Dann ist es doch selbstverständlich, dass ich das meinen Lesern ersparen möchte. Das soll aber nicht heissen, dass ich in meinen Büchern den Königsweg gefunden habe. Es gibt andere Konzepte, die bei anderen Schachspielern auf grosse Zustimmung stossen und das ist auch in Ordnung.
GM: In den Katalogen finde ich ein Buch, das – nicht nur in Ihrem bisherigen Schaffen – aus dem Rahmen fällt. „Die grosse Schachparade 1“, angekündigt als Streifzug durch die Turnierwelt vor 100 und mehr Jahren. Die Ziffer „1“ weckt in mir die Erwartung, dass wir es hier mit einem auf Fortsetzung angelegten Projekt zu tun haben. Erzählen Sie uns bitte, worauf wir uns hier freuen dürfen.
RR: Die Schachparade ist kein klassisches Lehrbuch sondern mehr ein Lesebuch zum Thema Schach in unterschiedlichen Epochen und Ländern. Wir wollen den Lesern die Menschen hinter den Schachspielern näher bringen und interessante Details über Zeitgeist, politische und gesellschaftliche Hintergründe vermitteln. Das Buch ist sehr aufwendig gestaltet mit vielen Fotos und in Hardcover produziert ein echter Hingucker. Es werden nach und nach weitere Bände folgen.
GM: Sie veröffentlichen im Eigenverlag „ChessCoach“. Was hat Sie und Ihren Partner bewogen, einen eigenen Verlag aufzubauen?
RR: Ein eigener Verlag hat natürlich den Vorteil, dass man seine Vorstellungen eins zu eins umsetzen kann. Natürlich bringt es deutlich mehr Arbeit mit sich, das Buch nicht nur zu konzipieren, sondern auch am Markt zu platzieren, ein Vertriebsnetz aufzubauen und mit dem Buchhandel Geschäftsbeziehungen zu pflegen. Dennoch stellt es auch eine interessante Erfahrung dar, auf diesem Sektor tätig zu sein. Der Verlag ChessCoach ist ständig auf der Suche nach neuen Autoren und interessanten Konzepten. Da ich auf Grund meiner Schwerbehinderung nicht mehr im Berufsleben stehe, kann ich für den Verlag mehr Zeit aufwenden und habe gleichzeitig eine interessante und sinnvolle Beschäftigung. Dennoch muss man es als Liebhaberei ansehen, da angesichts der geringen Auflage eines Schachbuchs die Kosten-Nutzen-Rechnung in den Hintergrund tritt und kaufmännischen Anforderungen nicht genügt.
GM: Welche aktuellen Projekte hat der ChessCoach-Verlag denn in der Pipeline?
RR: Im Verlag ChessCoach wird in Kürze das Buch „Anzugsvorteil II“ erscheinen, ein Weissrepertoire für d4-Spieler. Ausserdem stehen die Arbeiten an zwei schachhistorischen Werken kurz vor dem Abschluss: „Die Säulen des Schachs“ sowie „London 1851“. Zudem wird es ein Lehr- und Arbeitsbuch geben, „Die goldenen Regeln des Schachspiels“. Besonders innovativ ist ein Projekt zum Thema Entscheidungen am Schachbrett. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Unterschied zwischen Fernschach und Nahschach. Hierzu konnten wir zwei international renommierte Grossmeister gewinnen. ♦
Vor einigen Tagen veröffentlichte die deutsche Bestseller-Autorin Rebecca Gablé (Bürgerlicher Name: Ingrid Krane-Müschen) mit „Der dunkle Thron“ ihren 13. „historischen Roman“. Für das Glarean Magazin fragte Günter Nawe die erfolgreiche Schriftstellerin nach ihren literarischen Motivationen und nach den Gründen des Booms von Mittelalter und Renaissance in der modernen Literatur.
Glarean Magazin: Frau Gablé, vom berühmten Leopold Ranke stammt das Diktum, dass der Historiker aufzuzeigen habe, „wie es eigentlich gewesen“ sei. Hat sich die Mediävistin und Schriftstellerin Rebecca Gablé diesen Satz zueigen gemacht?
Rebecca Gablé: Nein, denn dieser Anspruch ist unerfüllbar und überholt. Ganz gleich, wie gründlich wir schriftliche Quellen und archäologische Funde auswerten, kann das, was wir daraus ableiten, doch immer nur eine Rekonstruktion von Vergangenheit sein. Ein educated guess, wie die Briten sagen: eine Vermutung auf Grundlage der bekannten Indizien. Wie es „eigentlich gewesen“ ist, können wir nicht erforschen und darum niemals wissen. So betrachtet, haben wir Schriftsteller es einfacher als die armen Wissenschaftler, denn wir sagen lediglich: „Ich erzähle euch, wie es gewesen sein könnte.“ Nichts anderes hat übrigens auch Leopold Rankes Urgrossneffe Robert Graves getan: Er hat mit Kaiser Claudius einen Ich-Erzähler von scheinbar grosser Zuverlässigkeit erdacht, der behauptet, er werde die Geschichte nun so erzählen, wie sie „eigentlich gewesen“ sei, um dann ein abenteuerliches Konstrukt aus Intrigen und Mord zu spinnen, das zwar möglich, aber keinesfalls nachweisbar ist. Es kommt einem vor, als habe er mit einem Augenzwinkern in Richtung seines berühmten Vorfahren geschrieben.
GM: Sie haben sich vorwiegend und äusserst erfolgreich am englischen Mittelalter „abgearbeitet“. In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Mein Herz gehört dem historischen Roman und dem englischen Mittelalter“. Warum gerade diesem?
RG: Meine Vorliebe für das englische Mittelalter geht auf mein Literaturstudium zurück. Dort bin ich zum ersten Mal der englischen Dichtung des 8. bis 14. Jahrhunderts begegnet, die mich seither fasziniert und meine Fantasie anregt, weil sie so farbenprächtig, ausdrucksstark und in vieler Hinsicht auch sonderbar ist. All diese Werke – auch wenn sie religiöse oder sagenhafte Motive behandeln – erzählen etwas über ihre Verfasser und deren Zeit. Darum erschien es mir immer naheliegend, diese Literatur als Ausgangspunkt zu nehmen und mir die Lebenswelt der Dichter und ihrer Zeitgenossen vorzustellen. Von da war der Schritt nicht mehr weit, mich an einem historischen Roman zu versuchen, der, wie sich herausstellte, eine Literaturform ist, die mir besonders liegt.
GM: Mit dem neuen Roman „Der dunkle Thron“ haben Sie allerdings das Mittelalter verlassen. Der vierte Teil der berühmten Waringham-Saga spielt bereits in der Renaissance, im 16. Jahrhundert. War das dem Interesse Ihrer Leserschaft geschuldet, die nach „Das Lächeln der Fortuna“, „Die Hüter der Rose“ und „Das Spiel der Könige“ einfach wissen wollte, wie es weitergeht mit den Waringhams?
RG: Dem Interesse meiner Leserschaft und meinem. Ich wäre nicht in der Lage, mich zwei Jahre lang einem Thema zu widmen, das nicht in allererster Linie meine eigene Neugier weckt. Ich selber wollte wissen, wie es den Waringham – diesen wertekonservativen Spinnern, die immer noch Ritter sein wollen – in einer Epoche ergehen würde, die sich in vielerlei Hinsicht radikal vom Mittelalter unterscheidet.
GM: Im Mittelpunkt der Tetralogie steht das Geschlecht derer von Waringham. Mit dem Roman „Der dunkle Thron“ haben Sie dieses Geschlecht in der mittlerweile sechsten Generation durch eine fast 200-jährige Geschichte begleitet und damit einen relativ langen Zeitraum der Geschichte abgeschritten. Wie hält das die Autorin durch, ohne den roten Faden zu verlieren?
RG: Mit Stammbäumen, sehr vielen Notizen und einem halbwegs zuverlässigen Gedächtnis.
GM: Die „Waringhams“ sind ein fiktive Grösse in Ihrem Roman. Sie erleben Abenteuer, Liebesgeschichten, Aufstieg und Fall. Dies alles eingebunden in den Fluss realer Geschichte. Wie viel in Ihren Romanen ist Fakt, wie viel Fiktion?
RG: Das ist schwierig zu bemessen, und wir sprachen ja eingangs schon über die Problematik historischer „Fakten“. Dem historisch verbrieften Personal meiner Romane (das ja meist in der Überzahl ist), dichte ich keine Taten an, die sie nicht tatsächlich vollbracht haben, aber in dem Moment, da ich sie zu Romanfiguren mache, werden sie fiktionalisiert. Ich bemühe mich, ihre Charaktere so zu beschreiben, wie sie nach meiner Deutung wahrscheinlich waren, aber dessen ungeachtet werden sie zu Geschöpfen meiner Fantasie mit einer eigenen Ausdrucksweise und Körpersprache, mit Dialogen und Emotionen. Das gilt natürlich erst recht für die erfundenen Figuren, also zum Beispiel alle Waringham, obwohl ich auch dort immer mein Augenmerk darauf richte, ihre Lebensgeschichte so zu zeichnen, wie sie sich in der jeweiligen Epoche hätte zutragen können.
GM: Mit Nicholas Waringham, dem Protagonisten des neuen Romans, haben sie eine starke, eine faszinierende Figur geschaffen. Hat es eine vergleichbare Persönlichkeit in dieser Zeit gegeben – oder anders: Hätte es diesen Nicholas Waringham geben können?
RG: Es hätte Nicholas of Waringham in dem oben beschriebenen Sinne geben können, aber er hat kein historisches Vorbild.
GM: Historische Hauptfiguren in Ihrem Roman sind König Heinrich VIII., Anne Boleyn und seine anderen Frauen. Uns ist aufgefallen, dass Sie Heinrich VIII. nicht unbedingt mögen, die Frauen – vor allem Mary, seiner Tochter und späteren Königin, dafür Ihre – sagen wir einmal so – besondere Sympathie geniessen. Haben wir richtig gelesen?
RG: Ich muss widersprechen: Die historische Hauptfigur dieses Romans ist allein die besagte Tochter, die spätere Königin Mary I. Ihr Vater Heinrich VIII. (den ich in der Tat fürchterlich finde), ihre Mutter und ihre fünf Stiefmütter sind natürlich wichtige Figuren, aber im Grunde nur in ihrer Beziehung zu Mary oder dem Protagonisten Nicholas of Waringham. Ich glaube, ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich „besondere Sympathie“ für Mary hege, dafür waren die Gräuel ihrer Regentschaft vielleicht einfach zu schrecklich. Aber es war mein Anliegen, diese in den Geschichtsbüchern so oft vernachlässigte Königin einmal zu entstauben, genauer zu betrachten und zu ergründen, warum sie wurde, wie sie war. Das ist es auch, was dieser Roman erzählt. Und je besser ich Mary kennen lernte, desto grösser wurde meine Toleranz ihr gegenüber.
GM: Das ganze Romangeschehen spielt vor dem Hintergrund der geistigen, religiösen und politischen Umbrüche im 16. Jahrhundert. Und das nicht nur in England, das neben seinen Königen auch Persönlichkeiten wie Thomas Morus aufzuweisen hatte. Wir sprechen von der Reformation, die auch England erreicht, von der Loslösung Englands von dem Papst, von Heiratspolitik mit politischen Folgen. Hat die lange und intensive Beschäftigung mit dieser Zeit auch die Sichtweise der Autorin beeinflusst?
RG: Natürlich habe ich bei meiner Recherche viel Neues gelernt und bin Personen, Gedanken und Ereignisketten begegnet, von denen ich zuvor nur nebulöse Vorstellungen hatte. Aber meine Sichtweise hat sich nicht geändert. Ich wusste vorher schon, dass Religionen und Absolutheitsansprüche in Glaubensfragen das gefährlichste Konfliktpotenzial sind, das die Menschheit je ersonnen hat.
GM: Sie haben einmal gesagt, Ihr vordringliches Ziel sei zu unterhalten. Kann das gerade der historische Roman mit seiner Mischung aus Fakten und Fiktion leisten? Und ist darin das grosse Interesse Ihrer ständig wachsenden Leserschaft begründet? Auch weil – wir kommen noch einmal auf den Satz von Leopold Ranke zurück – es Ihnen so gelingt, am besten zu zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist?
RG: Ich glaube nicht, dass der historische Roman einen höheren Unterhaltungswert hat als andere Genres. Der anhaltende Erfolg ist eher der Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung geschuldet – „Infotainment“, um mal ein besonders abscheuliches Wort zu bemühen, ist ja sehr in Mode. Viele Menschen interessieren sich für Geschichte und wollen wissen, wie die Welt früher war oder wie wir zu der Gesellschaft wurden, die wir heute sind, aber längst nicht alle haben die nötige Zeit oder Motivation, sich zur Beantwortung ihrer Fragen durch historische Fachliteratur zu quälen. Sie greifen lieber zu einem historischen Roman.
GM: Wie wir sehen, ist Ihnen das bestens gelungen zu unterhalten. „Der dunkle Thron“ ist mittlerweile Ihr 13. Roman. Sie sind Bestseller-Autorin, gelten als „Königin des historischen Romans“, sind in in Bücher-Charts prominent vertreten. Was kann jetzt noch kommen? Eine Fortsetzung der „Waringham-Saga“ – oder etwas ganz anderes?
RG: Auf jeden Fall eine Rückkehr in mein geliebtes Mittelalter. Aber mehr wird noch nicht verraten… ♦
Vom Vereinsblatt zum internationalen Schachfeuilleton
Interview mit dem KARL-Herausgeber Harry Schaack
von Thomas Binder
Mit der Schachzeitschrift KARL feiert heuer eines der profiliertesten Schach-Printmedien sein zehnjähriges Jubiläum. Ursprünglich nur für den lokalen Bereich konzipiert, mauserte sich dieses „Kulturelle Schachmagazin“ während des vergangenen Dezenniums unter der Ägide seines Gründers, Herausgebers und Chefredakteurs Harry Schaack zu einer qualitätsvollen und vielbeachteten Schach-Gazette weit über die BRD-Grenzen hinaus.
KARL will nach eigenem Bekunden „in Berichten, Analysen, Essays und Porträts einen Blick werfen auf die kulturellen, historischen und gesellschaftlichen Aspekte des Schachs“. Weniger die modernsten Eröffnungsvarianten als vielmehr die unübersehbar vielfältigen „ausserschachlichen“ Aspekte des Königlichen Spiels stehen also im Fokus der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift. „Glarean“-Mitarbeiter Thomas Binder hat dem KARL-Herausgeber einige Fragen zur Vergangenheit und Zukunft seines interessanten Magazins gestellt.
Glarean Magazin: Glückwunsch Ihnen und dem KARL-Team zum zehnjährigen Jubiläum, Herr Schaack! Wie kam es seinerzeit zur Gründung einer Schachzeitung mit einem solch klaren Profil auf „Schach und Kultur“?
Harry Schaack: KARL war ursprünglich die Vereinszeitung meines Klubs „Schachfreunde Schöneck“, die ich seit den späten Neunzigern verantwortlich betreute. 2001 entschloss ich mich zusammen mit Johannes Fischer und Stefan Löffler die Zeitschrift unter gleichem Namen mit völlig neuem Konzept bundesweit zu vertreiben, die ersten Jahre noch mit einem Vereinsteil für Mitglieder. Nun erschien KARL in hoher Qualität mit Schwerpunkt-Konzept. Gründe für die Ausrichtung unseres Heftes waren zum einen natürlich unser generelles Interesse an Kultur, zum anderen war uns schon damals klar, dass im Zeitalter des Internets ein Printprodukt, das vorrangig über Turniere berichtet, stets der Aktualität hinterher hechelt.
Die erste Ausgabe „Tempo“ erschien im Sommer 2001. Nach drei Heften schied Stefan Löffler aus, Johannes Fischer ist dagegen bis heute eng mit KARL verbunden und betreut mehrere Rubriken. Zunächst gab es einige Skepsis, ob das Schwerpunkt-Konzept dauerhaft tragen würde. Doch wir hatten schon zu Beginn eine lange Liste möglicher Themen erstellt, die nach nunmehr 41 Ausgaben noch nicht ausgereizt ist. Daher sehen wir optimistisch in die Zukunft.
GM: Können Sie sich – als der „Macher“ des KARL – unseren Lesern kurz vorstellen? Sie haben ja im Schach sicher auch ausserhalb der KARL-Redaktion Ihre Spuren hinterlassen?
HS: Ich habe Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Nach meinem Abschluss arbeitete ich einige Zeit als Grafiker in einer Werbeagentur, was mir aber offen gestanden nicht sehr zusagte. Ich suchte eher eine Tätigkeit im kulturellen Bereich. Dann ergab sich dank einer Anstossfinanzierung die Chance, KARL zu machen. Heute bin ich selbstständig und – neben der KARL-Herausgabe – als Grafiker und Journalist tätig. Zudem war ich für die Chess Classics drei Jahre lang als Pressesprecher tätig.
Schach spiele ich seit über 20 Jahren bei den bereits erwähnten „Schachfreunden Schöneck“ in der Nähe von Frankfurt, wo ich lange Zeit in der 2. Bundesliga gespielt habe. Ich bin FIDE-Meister, spiele aber in den letzten Jahren aus Zeitmangel nur noch selten (was ich bedaure).
GM: Und der Name KARL?
HS: Bundesweit gibt es unser Heft seit 2001, doch eigentlich gibt es KARL – wie bereits erwähnt – schon viel länger. Die Geburtsstunde geht auf das Jahr 1984 zurück, als mein Schach-Klub seine Mitglieder aufforderte, einen Namen für die neu gegründete Vereinszeitung zu finden. Die dritte Ausgabe trug dann den bis heute erhaltenen Namen – übrigens lange vor „Fritz“. „Karl“ verwies auf ein „typisches“ Vereinsmitglied, wollte den „Brigittes“ und „Emmas“ ein männliches Pendant an die Seite stellen und ist auch als Akronym zu verstehen, abgeleitet aus Begriffen, mit denen sich der progressive Verein identifizierte. So war anfangs noch auf dem Cover zu lesen: „Zeitschrift für Kommunikation, Ansichten/Amazonen, Realitäten und Lorbeerkränze“. Der Name ohne direkten Schachbezug sollte ein Hinweis darauf sein, dass die Redaktion kein „Durchschnittsblättchen“ machen wollte und „durchaus auch für Nichtschachspieler“ interessant sein sollte. Ein Credo, das bis heute Gültigkeit hat.
GM: Wir haben in den letzten Jahren manche Schachzeitungen kommen, aber auch gehen sehen. Vor allem jene, die sich auf die aktuelle Berichterstattung konzentrieren, konnten im Wettstreit mit den vielfältigen und tagesaktuellen Quellen im Internet nicht mithalten. Wie sehen Sie allgemein den Markt für Schachzeitungen, und wo positioniert sich Ihr Magazin?
HS: Das Internet ist der natürliche Feind aller Zeitschriften, die sich auf Aktualität konzentrieren. Wenn man eine Nachricht einen Monat später bringt als irgendeine Website, muss man dem Leser Zusatzleistungen bieten, Hintergrundinfos, Vorortberichte, aber das ist nicht immer einfach. In Deutschland gab es bis vor kurzem fast zehn regelmässig erscheinende Zeitschriften. Dass nicht alle überleben würden, ist nicht verwunderlich, weil der Markt übersättigt war.
Der Trend geht – auch wenn mir das nicht gefällt – immer mehr in Richtung digitaler Zeitung. Das hat natürlich einige Vorteile für die User. Über ein IPad (oder ein ähnliches Gerät) kann man von überall auf der Welt bequem auf sein Archiv zugreifen, ohne kiloweise Papier mitzuschleppen. Jüngere Generationen sind mit diesen neuen Medien aufgewachsen, und das physische Buch wird unweigerlich immer mehr an Boden verlieren. In diesen neuen Medien liegen grosse Chancen, und in diesem Bereich wird sich auch KARL in Zukunft positionieren müssen.
GM: Wie entwickelt sich die Auflage der Zeitschrift? Sind Sie optimistisch, die „kritische Masse“ für einen wirtschaftlich vertretbaren Betrieb des KARL halten zu können?
HS: Unsere Auflage ist seit einiger Zeit recht konstant. Die Abonnentenzahl steigt stetig leicht an, aber nicht mehr signifikant. Wirtschaftlich wichtig ist für uns der Verkauf älterer Hefte. Von Beginn an war dies ein Teil unseres Konzeptes. Da die Beiträge zu Schwerpunkten nicht der Aktualität geschuldet sind, sind sie auch noch Jahre später lesbar. Sie sind in dieser Hinsicht eher mit Fachbüchern als mit Zeitschriften vergleichbar.
Ich denke, dass unsere kulturelle Fokussierung ein Publikum anspricht, das sich dem Buch bzw. dem Papier verpflichtet fühlt. Deshalb habe ich im Moment keine Sorge und bin zuversichtlich, dass sich das Heft weiterhin „trägt“. Zum anderen stand für mich nie der finanzielle Aspekt im Vordergrund. Es ist eher meine Leidenschaft, die das Heft stützt. Denn eigentlich ist mein Honorar angesichts des betriebenen Aufwandes nicht adäquat.
GM: KARL hat zu allen Themen immer ausserordentlich kompetente Autoren aufzubieten. Sicher ist das mittlerweile ein Selbstläufer, weil man sich geehrt fühlt, für den KARL schreiben zu dürfen, oder?
HS: Das ist nicht ganz richtig. In Deutschland haben wir vielleicht einen ganz guten Ruf und können auf einen Autorenpool zurückgreifen. Doch wir arbeiten auch mit vielen nichtdeutschen Autoren zusammen. KARL erscheint in Deutsch und ist deshalb im Ausland vor allem durch meine Präsenz bekannt. Kontakte entstehen nicht selten durch meine zahlreichen Turnierbesuche im Ausland. Zudem weiss man oft nicht, wie zuverlässig ein Autor ist, wenn man das erste Mal mit ihm arbeitet. Ein Wagnis, das uns z.B. bei unserem Fischer-Heft sehr in Verlegenheit gebracht hat. Ein deutscher Autor, dessen Namen ich nicht nennen möchte, sagte uns kurz vor Redaktionsschluss einen zentralen Beitrag ab. Aber aus diesem Desaster haben wir gelernt.
GM: Auf Ihrer Homepage listen Sie ca. 160 „Mitarbeiter“ auf (darunter auch einige leider bereits verstorbene). Wie ist diese Liste zu verstehen?
HS: Die Liste ist eine Gesamtdarstellung all unserer Mitarbeiter seit unserer ersten bundesweiten Ausgabe. Die grosse Menge ist auch ein Spiegelbild unseres Heft-Konzeptes, das immer wieder nach neuen Experten verlangt.
GM: Möchten Sie einige Autoren hervorheben, mit denen Sie besonders intensiv und produktiv zusammenarbeiten?
HS: Seit 2004 arbeite ich im schachhistorischen Bereich sehr intensiv mit Dr. Michael Negele zusammen, der mich auch in dankenswerter Weise immer wieder mit seiner Sammlung unterstützt. Er ist vermutlich unser fleissigster Autor. Eng arbeite ich auch mit Prof. Dr. Ernst Strouhal und Michael Ehn zusammen, die neben ihrer KARL-Kolumne zahlreiche weitere Artikel beigesteuert haben. In letzter Zeit ist Grossmeister Mihail Marin öfter mit längeren schachspezifischen Beiträgen vertreten. Johannes Fischer ist freilich als Mann der ersten Stunde von Beginn an im Boot. Er betreut u.a. unsere Reihe „Porträts“ und hat das Bild der Zeitschrift über die Jahre erheblich mitgeprägt. Schliesslich sind natürlich unsere langjährigen Kolumnisten Prof. Dr. Christian Hesse und Wolfram Runkel zu nennen.
GM: Wie lange arbeiten Sie an einer KARL-Nummer von der Themenidee bis zu dem Tag, da es bei mir im Briefkasten liegt? Wer ausser den Autoren ist daran noch beteiligt?
HS: Das ist schwer zu sagen, weil dies stark themenabhängig ist. Die Idee entsteht meist schon viele Monate vorher. Dann frage ich frühzeitig Autoren und Interviewpartner an, doch nicht alle können oder wollen tatsächlich einen Artikel schreiben, d.h. ich muss das Themenkonzept peu à peu anpassen. Mein eigener Aufwand richtet sich danach, wie viele Artikel ich selbst schreibe, und wie viele Reisen ich dafür unternehmen muss. Bei einem Schwerpunkt wie der WM in Bonn 2008 war ich z.B. der einzige Journalist, der die gesamte Spielzeit vor Ort war. Insofern kostet teilweise alleine die Recherche enorm viel Zeit.
Die heisse Schlussphase bis zur Fertigstellung eines Heftes beträgt etwa drei bis vier Wochen. Für die graphische Umsetzung des Heftes und die Auswahl der Beiträge bin ich alleine verantwortlich, wenngleich ich mich z.B. mit Johannes Fischer oft bespreche und auch seine Ideen einfliessen. Ausserdem gibt es noch zwei, drei Korrekturleser.
GM: Ich habe immer diejenigen Ausgaben als besonders interessant empfunden, in denen Sie ein Thema umfassend und aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Stellvertretend seien Ausgaben wie „Schach und Politik“, „Rivalen“, „Zufall“, „Schach und Musik“ oder „Schönheit“ genannt. In letzter Zeit verschiebt sich Ihr Schwerpunkt etwas zu Heften über eine einzelne Region oder ein Traditionsturnier. Zufall oder bewusste Themenverschiebung?
HS: Eine Themenverschiebung kann ich nicht erkennen. Die beiden Hefte, die sich mit einer Region beschäftigten, lagen nur dadurch direkt hintereinander, weil der Schachbund NRW sein Jubiläum feierte, das Heft 4/2010 über die Niederlande aber schon über ein Jahr im Voraus geplant war. Auch in der Vergangenheit gehörten Hefte über Regionen, Städte und Turniere zu unserer Themenpalette. Wenn wir die Möglichkeit haben, uns an aktuelle Ereignisse wie Jubiläen oder Ausstellungen anzuhängen, machen wir das. So ist unser letztes Heft über die Chess Classic deshalb entstanden, weil dieses nicht nur für Deutschland wichtige Traditionsturnier plötzlich zu Ende ging und ich als ehemaliger Pressesprecher mit dem Event verbunden war. Und da muss man schon einmal kurzfristige Themenänderungen vornehmen.
GM: Wie weit in die Zukunft reicht denn Ihr aktueller Themenkatalog? Können Sie uns mit ein paar Stichworten neugierig machen?
HS: Wir planen meist vier Hefte im Voraus. Für das Heft 1/2012 habe ich z.B. bereits einiges in die Wege geleitet und auch schon Interviews geführt. Bis zum Heft 2/2012 gibt es bereits konkrete Absprachen. Titel möchte ich nicht nennen, denn es wäre ungünstig, wenn andere Zeitschriften die gleichen Themen aufgreifen würden. So war ursprünglich für das Heft 3/2011 ein Kortschnoi-Schwerpunkt vorgesehen. Doch weil ihm auch die Zeitschrift SCHACH fast ein ganzes Heft gewidmet hat, haben wir davon abgesehen und uns stattdessen für seinen Antipoden Karpow entschieden, der ebenfalls einen runden Geburtstag hat.
GM: Unter den aktuell in der Schachszene diskutierten Problemen stehen (leider) die Betrugsmöglichkeiten mit elektronischen Hilfsmitteln im Blickpunkt. Aus meiner Sicht wäre dies ein ideales Feld für KARL, das Thema mit allen Aspekten (geschichtlich, technisch, rechtlich, Folgen und Lösungsansätze usw.) auszuleuchten. Sind Sie in der Spur?
HS: Sie haben vollkommen recht, Betrug ist ein reizvolles Thema und im Moment auch leider ein aktuelles Problem. Ich hatte Gelegenheit, mich in Bonn bei der Deutschen Meisterschaft als Augenzeuge direkt vor Ort über den „Fall Natsidis“ zu informieren und mit Teilnehmern darüber zu sprechen. Der technische Fortschritt hat Möglichkeiten geschaffen, die Manipulation immer leichter machen. Gelingt es in Zukunft nicht, dies zu unterbinden, wird das Schach stark leiden.
„Betrug“ war eines der Themen, die wir zu Beginn auf unserer Ideenliste für KARL-Schwerpunkte notiert hatten – das war 2001. Natürlich habe ich in Anbetracht der aktuellen Ereignisse über dieses Thema nachgedacht. Da wir aber einige Hefte im Voraus planen, müssen sich die Leser noch ein wenig gedulden. Doch ich bin sicher, dass uns das Thema noch eine ganze Weile begleiten wird.
GM: Im Vergleich zum hochwertigen Anspruch Ihrer Zeitschrift fällt das begleitende Internet-Angebot eher nüchtern und spartanisch aus. Damit sind Sie in der Schachzeitungs-Branche allerdings keineswegs allein. Reicht die Kraft nicht für eine umfassende Online-Präsenz oder spielt da auch die Angst mit, sich quasi eine Konkurrenz im eigenen Haus zu schaffen?
HS: Unsere Internet-Seite bedarf dringend einer Überarbeitung, das ist richtig. Dieses Problem haben wir leider allzu lange hinausgeschoben. Im Moment sind wir dabei, die Seite komplett neu zu gestalten. Dies dauert allerdings noch einige Zeit, weil mittlerweile doch schon ein enormer „Content“ vorhanden ist. Wir bieten auf unserer Homepage zu jedem unserer Hefte gleich mehrere Leseproben. Mittlerweile sind in unserer „Kolumne“, wo verschiedene Autoren aktuelle Publikationen rezensieren, über hundert Beiträge zu finden.
Wir hoffen, in naher Zukunft eine ansprechende Website präsentieren zu können. Angst vor Konkurrenz im eigenen Haus haben wir dagegen nicht. Unsere dort veröffentlichten Beiträge dienen unserer Eigenwerbung. Eine tägliche Berichterstattung über aktuelle Ereignisse streben wir dagegen nicht an.
GM: Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights von zehn Jahren KARL-Geschichte? Denken Sie an ein besonders gelungenes Heft, einen sehr interessanten – vielleicht auch kontroversen – Artikel?
HS: Ein ganz besonderes Highlight ist zweifellos bis heute das Keres-Heft (KARL 2/2004). Dabei wurden wir – Johannes Fischer und ich – vom Estnischen Fremdenverkehrsamt unglaublich unterstützt. Die besorgten uns nicht nur den Flug, sondern auch eine mehrtägige Estland-Rundreise in Begleitung. Wir hatten dadurch Kontakt zu allen wichtigen Gesprächspartnern, u.a. auch mit der Familie von Keres. Das war wundervoll und ist auch dem Engagement von Johannes Fischer zu verdanken, der im Vorfeld zahlreiche Institutionen anfragte. Zudem haben alle von uns angestrebten Artikel und Interviews geklappt, darunter die mit Spasski und Smyslow.
Aufgrund dieses Heftes lud man mich 2006 anlässlich des 90. Geburtstages des estnischen Nationalhelden zur grossen Keres-Feier nach Tallinn ein. Ein unvergessliches Erlebnis, denn alle grossen Spieler der Ära Keres waren versammelt: Karpow, Kortschnoi, Spasski, Awerbach, Taimanow, Gligoric, Unzicker, Schmid, Olafsson, u.v.m. Die Einladung enthielt auch Empfänge beim Präsidenten und ein Mittagessen mit dem Premierminister. Das war grossartig. Ein anderes schönes Erlebnis war die Zusammenarbeit mit der Familie Unzicker für KARL 2/2007. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen traf ich mich mehrfach in München zu mehrstündigen Interviews, die letztlich zu einer sehr persönlichen Biographie führten.
Auch zahlreiche Atelierbesuche bei diversen Künstlern, die sich mit Schach beschäftigten, sind mir in guter Erinnerung geblieben. Unter den vielen Ausgaben sind mir schachhistorisch vor allem die Lasker- und Nimzowitsch-Ausgaben (KARL 1/2008 + 4/2006) sowie die Hefte über den DSB und über Wien (1/2002 + 2/2009) in Erinnerung geblieben. Aber ich mag auch das Musik-Heft (KARL 4/2007), wo ich u.a. mit Portisch sprechen konnte, der in seiner Karriere nur ganz selten Interviews gegeben hat. Gleich zwei kuriose Artikel gibt es im Zufalls-Heft (KARL 2/2006): Einen von Strouhal über „Schach&Religion“ und einen von Donninger über „Zufall&Computer“. Das originellste Titelbild ist vermutlich jenes des Taktik-Heftes – ein Kugelfisch, den ich einer Anregung meiner Lebensgefährtin verdanke. Schliesslich haben wir im aktuellen Heft (KARL 2/2011) mit unserem Preisrätsel, dass es meines Wissens so im Schachbereich noch nie gab, einen grossen Erfolg gelandet, denn die Rückmeldung unserer Leser ist so gross wie nie.
GM: Herr Schaack, besten Dank für Ihre Ausführungen und weiterhin viel Erfolg mit KARL! ♦
Unlängst würdigte unser Magazin die bei Hoffmann&Campe erschienene Claudius-Biographie der Kölner Germanistin Dr. Annelen KraneFuss: „Originell und unverwechselbar“ – übrigens die erste Biographie seit über siebzig Jahren, die sich dieses Mannes (der als Journalist, als Dichter, als homme de lettres und als Redakteur des „Wandsbecker Bothen“ Literaturgeschichte geschrieben hat) wieder umfassend annimmt. Günter Nawe unterhielt sich mit der Autorin über den Dichter Matthias Claudius, dessen wissenschaftliche Erforschung noch längst nicht am Ende sei.
Glarean Magazin: Frau KraneFuss, es gibt das berühmte Diktum Goethes über die Hauptaufgabe einer Biographie. War es auch für Sie Massstab ihrer Arbeit?
Annelen KraneFuss: Ja. „Den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen“ – das ist in der älteren Claudius-Biographik oft vernachlässigt worden. Damit hat man wesentliche Aspekte seines Schreibens und Lebens ausgeblendet. Die historischen Bedingungen (also auch die sozialen Besonderheiten des jeweiligen Lebensraums) waren nicht nur für sein Leben bestimmend, Claudius hat auch als Literat, als homme des lettres, wie er sich nannte, auf das Zeitgeschehen reagiert. Er hat ja als Journalist angefangen und auch nach dem Ende seiner Zeitungsarbeit in seinen Texten immer wieder auf Zeitereignisse und kulturelle Debatten reagiert, sehr oft indirekt, so dass es für die Nachwelt nicht ohne Weiteres erkennbar ist. Er hat allerdings auch als Journalist versucht, die Dimensionen von Zeit und Zeitlosigkeit in Beziehung zu setzen und seinen Lesern zu vermitteln, dass es noch etwas anderes gibt als die Tagesaktualität.
Klischeebild des frommen Idyllikers
GM: Seit der letzten grösseren Claudius-Biographie sind rund 70 Jahre vergangen. Woher das Desinteresse der Germanistik an diesem „originellen und unverwechselbaren“ Dichter?
AK: Das Desinteresse ist nicht so gross, wie es scheint: In den letzten Jahrzehnten hat sich eine Reihe von Germanisten immer wieder intensiv mit dem Werk von Matthias Claudius befasst. Zugegeben: das ist nur eine Handvoll gemessen an der Fülle von populären und oft betulichen Claudius-Darstellungen und im Vergleich zu den kaum noch zu übersehenden Forschungen über andere Autoren, etwa Goethe oder Kafka. Hier geht es Claudius nicht anders als anderen „kleineren Poeten“ der Literaturgeschichte. Es interessieren sich für ihn aber auch andere Disziplinen. Es gibt ausgezeichnete theologische Arbeiten über ihn; er hat einen Platz in der Geschichte von Theologie und Frömmigkeit – das heisst, man kann sich ihm im Grunde nur fächerübergreifend annähern. Was in der Forschung bis auf wenige Ausnahmen bisher zu kurz kam, ist ein seriöser biographischer Zugang, der über die älteren erbaulichen Schriften hinausgeht. Biographien galten in der Literaturwissenschaft ja lange als unseriös. Möglicherweise stand im Fall von Claudius auch das überlieferte Klischeebild des frommen Idyllikers und Familienvaters einem grösseren Interesse im Wege.
Meister der Sprache und der kleinen Form
GM: Was hat Sie letztlich bewogen, sich dieses Autors anzunehmen?
AK: Claudius hat mich seit meinem Studium immer wieder begleitet und beschäftigt. In seinen gelungenen Stücken (daneben gibt es durchaus auch Schwächeres) ist er einer der grossen Meister unserer Sprache und der kleinen Form. Mich hat auch der dahinter zu spürende Mensch angesprochen, das Lakonische, seine Nüchternheit, die gleichzeitige Herzlichkeit und Empathie, die Verbindung von Humor und Tiefgang, seine Mitmenschlichkeit und Weltbejahung ohne jede Verharmlosung. Er hat unsere Hilflosigkeit angesichts des Todes erfahren und dargestellt. Und es hat mich gereizt, seiner „Mischung von Schöngeisterei und Religion“, so beschreibt er die „Idiosynkrasie des Boten“, nachzugehen. Das ist nicht zu verwechseln mit der Vorstellung von der ästhetischen Autonomie des Kunstwerks, wie sie die Klassiker zur gleichen Zeit entwickelten. Claudius beharrt auf dem Vorrang der Realität vor aller Kunst, was vielleicht erst heute, nach dem Ende des Zeitalters der Kunstreligion, wieder als künstlerische Möglichkeit neu gesehen werden kann.
GM: An einer Stelle schreiben Sie, dass in der „Verflechtung mit seinem Zeitalter … Claudius’ Eigenart sichtbar“ wird. Welches war die „Eigenart“ von Matthias Claudius?
AK: Ich habe sie u.a. mit dem Begriffspaar „Eigensinn und Geselligkeit“ zu fassen gesucht. Er war weder im Leben noch im Schreiben der isolierte Aussenseiter, als den ihn die Literaturwissenschaft lange geführt hat, er hatte Freunde, war gut vernetzt, aber er hat auch – im Dialog mit den Zeitgenossen – immer eine eigene Position zu behaupten gesucht und dem Zeitgeist auch widersprochen. Das wird deutlich, wenn man die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur als Goethezeit betrachtet, sondern den jeweils lokalen Besonderheiten nachgeht.
Claudius-Texte sind nochmals genauer zu lesen
GM: Sie haben in diesem Buch einerseits mit Legenden aufgeräumt, andererseits von „Leerstellen“ in der Claudius-Biographie gesprochen. Ist die Forschung über Claudius noch nicht am Ende?
AK: Mit Sicherheit nicht. Es lässt sich bestimmt noch eine Menge entdecken. Einerseits ganz positivistisch faktenbezogen. Ich denke, dass mit der wissenschaftlichen Edition der Briefe von und an Matthias Claudius, an der unter der Leitung von Professor Jörg-Ulrich Fechner in Bochum gearbeitet wird, noch das eine oder andere ans Licht kommen dürfte, manches wird möglicherweise auch in anderem Licht erscheinen. Ich musste mich noch weitgehend mit der unzulänglichen Briefausgabe von 1938 behelfen. Andererseits geht es ohnehin nicht in erster Linie darum, Lücken in der biographischen Überlieferung zu schliessen, manche „weisse Flecken“ werden bleiben. Vielmehr sind die Claudius-Texte selbst immer noch einmal genau zu lesen, genauer zu entziffern und im Kontext der Zeit zu deuten. Das habe ich versucht, aber damit kommt man nicht so schnell ans Ende. Das Genre Biographie eignet sich auch nicht als Container für alle Forschungsfragen und -ergebnisse. Schliesslich sollte mein Buch nicht allzu dick werden. Und dann wird auch jeder Forscher, jede Epoche wieder andere Fragen an den Autor stellen und einen neuen Zugang finden.
GM: Mit der Ausgabe der „Sämtlichen Werke des Wandsbecker Bothen“ hat Matthias Claudius ein einzigartiges Werk geschrieben. Wie ist dieses Werk zu klassifizieren, wo hat es seinen Platz in der Literaturgeschichte?
AK: Ich denke, das müsste aus meinen bisherigen Antworten schon hervorgehen.
Sokrates als philosophischer Ausgangspunkt
GM: In Zusammenhang mit Claudius ist auch einmal von einem „sokratischen Schriftsteller“ die Rede. Ist das eine weitere der vielen Facetten, die diese Autor hat?
AK: Das 18. Jahrhundert ist das „sokratische Jahrhundert“ genannt worden. Die kirchliche Orthodoxie verdammte Sokrates als Heiden und sprach ihm jede Tugend ab, für die Aufklärer war er eine Symbolfigur im Kampf um Toleranz. In diesem Sinn ergreift auch Claudius Partei für Sokrates. Der Philosoph mit seinem „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ war auch für ihn ein Gewährsmann in seiner Wendung gegen Pedanterie und abstrakte Gelehrsamkeit. Seine Verehrung geht aber darüber hinaus. Der Sokrates, der in Athen vor Gericht stand und zum Tode verurteilt wurde, war ihm ein Vorbild innerer, religiös verstandener Freiheit.
GM: Was kann Matthias Claudius dem Leser von heute sagen? Kann er dem Leser von heute überhaupt noch etwas sagen?
AK: In vielem sind uns Claudius‘ politische Ansichten, seine Lebensform heute fremd, gerade in dem, was z.B. das Bürgertum des 19. Jahrhunderts an ihm schätzte. Wir können die restaurativen Tendenzen seines Spätwerks nicht mehr nachvollziehen. Er ist weder der Dichter zeitloser Wahrheiten noch lässt er sich krampfhaft aktualisieren. Das ist aber auch gar nicht nötig – es gibt viele Züge, in denen wir uns zu diesem Menschen und Schriftsteller in Beziehung setzen, uns ihm annähern können, ohne uns identifizieren zu müssen. Er spricht auf anrührende und einfache Weise von den elementaren Gegebenheiten des Menschenlebens, von den Schönheiten der Natur, von der Vergänglichkeit und den ungelösten Fragen des Daseins und kann uns ermutigen, das zu suchen, was auch ihm wichtig war: „etwas Eigenes“, das standhält.
Vermittlung der Zeit und der Person des Dichters
GM: Einige wenige Menschen kennen bestenfalls die erste Strophe des berühmten „Der Mond ist aufgegangen…“ und vielleicht noch den Schlussvers. Oder aber den Vers, von dem kaum einer weiss, dass „’s ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“ von Claudius ist. Sollte dieser Dichter nicht wieder im Deutschunterricht von heute seinen Platz finden?
AK: Ich weiss nicht, ob er wirklich so ganz aus dem Deutschunterricht verschwunden ist. Das „Kriegslied“ kommt, wie ich höre, durchaus vor. Und gerade hat mir jemand von einer Schulveranstaltung erzählt, bei der Claudius‘ Gedicht „Die Sternseherin Lise“ rezitiert wurde. Wichtig finde ich, dass die Schule beides vermittelt: die wunderbaren Texte und das Gefühl für die Zeit und die Person des Dichters. ♦
Vor zwei Wochen stellten wir hier den neuen Taktik-Band des Frankfurter Schach-Autoren Martin Weteschnik vor; mit seinem „Schachtaktik–Jahrbuch 2011“ setzt der FIDE-Meister eine Reihe erfolgreicher Schach-Publikationen aus seiner Feder fort. Nun denkt aber der bekannte Taktik-Theoretiker an die Beendigung seiner schachlichen Publikationsarbeit, um sich stattdessen „mit voller Kraft“ aufs Romane-Schreiben konzentrieren zu können. „Glarean“-Mitarbeiter Thomas Binder stellte dem rührigen Schach-Pädagogen und Roman-Autoren einige Fragen zu seiner zurückliegenden Karriere und zu seinen Zukunftsvorstellungen. –
Glarean Magazin: Als Turnierspieler ist es inzwischen recht ruhig um Sie geworden, dafür widmen Sie sich je länger desto mehr dem belletristischen Schreiben. Was waren denn so die wichtigsten Lebensstationen Ihrer (Schach-)Karriere?
Martin Weteschnik: Ich bin 1958 in Frankfurt am Main geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur begann ich Germanistik zu studieren und wollte Schriftsteller werden. Das Schreiben, so meinte ich damals, sei der einfachere Part, das „Worüber“ weitaus schwieriger. Tatsächlich hatte ich bis dahin nicht eben viel erlebt, was einem künftigen Schriftsteller nicht gerade zu einem sensationell anspruchsvollen Blickfeld verhilft. Folglich sollte und wollte ich erst einmal die Welt kennenlernen! In Japan blieb ich etwas länger. Das Land und seine Kultur haben mich tatsächlich bis heute geprägt. Seither bemühe ich mich um eine Synthese zwischen östlichem und westlichem Denken.
In Amerika schliesslich, wo ich fast fünf Jahre in San Francisco wohnte (eine verdammt schöne Stadt!), begann ich mich – nunmehr Mitte zwanzig – mit einem äusserst faszinierenden Spiel zu beschäftigen: mit Schach. Mehr als zwei Jahre verbrachte ich in Ungarn und lernte bei einem Profitrainer. Später unterrichtete ich selbst und schrieb mein erstes Schachbuch. Das „Lehrbuch der Schachtaktik“ wurde mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt und erschien zudem bei ChessBase auf CD und DVD. Am erfolgreichsten ist es auf dem englischsprachigen Markt und gilt mittlerweile als Standardwerk im Bereich Taktik. Auf diese Weise gelangte ich also wieder zum Schreiben…
Mit etwa 25 Jahren erlernte ich das Schachspiel in San Francisco im sogenannten Mechanics’ Institute. Nach einem Jahr schlug ich meinen ersten IM und den einen oder anderen ELO-Träger (damals ab 2200). Die Leute befragten mich anschliessend, weshalb ich über die ersten Züge einer Hauptvariante eine Stunde lang nachgedacht hätte (ich kannte noch keine Eröffnungstheorie), oder warum ich den gleichen Fehler beginge wie Anderssen in einer seiner Matchpartien gegen Morphy. Oh natürlich! – Ich spielte also schon damals wie Anderssen… (leider hat es, wenn überhaupt, nur bezüglich der Fehler zu Anderssens Niveau gereicht).
Nach etwas über einem Jahr wurde mir praktisches Schach langweilig. Tatsache! Die anderen schienen immer nur dasselbe zu spielen, so jedenfalls kam es mir vor (mit dieser Vermutung hatte ich auch nicht ganz unrecht, zumindest was das blinde Nachspielen von Eröffnungstheorie anbelangt) – und selbst fiel mir auch nichts Weltbewegendes ein.
GM: Wie wurde denn aus dem „gelangweilten“ Schach-Adepten ein FIDE-Meister?
MW: Aus irgendeinem Grund empfahl mir jemand, Capablancas Partien nachzuspielen (für manche nicht gerade der aufregendste Spielstil). Vielleicht lag es ja an Capablancas Bestreben, alle Figuren harmonisch einzusetzen und zusammenspielen zu lassen, jedenfalls half Capablancas Schachstil mir zu verstehen, wie Einfachheit und konsequentes Verfolgen einer Idee bei gleichzeitigem Bemühen um Harmonie (alle Kräfte wirken irgendwann zusammen) folgerichtig zu einem neuen und einzigartigen Ergebnis führen. So ein „magischer“ Moment entsteht im Strategischen ähnlich wie Steinitz es einst bei der Taktik postulierte: dass Kombinationen keine Geniestreiche aus heiterem Himmel sondern das Ergebnis konkreter Positionen sind. Nun, das klingt ziemlich theoretisch. Mag mir im Schach das höhere Handwerkszeug – und möglicherweise auch die nötige Gedächtnisleistung – gefehlt haben, so behaupte ich aus meinen Erfahrungen heraus dennoch, dass selbst grosse Kreativität für jeden erfahrbar ist. Möglicherweise verdanke ich dem „Langeweiler“ Capa den Zugang zu meinem Einfallsreichtum. Auch in anderen Bereichen (zum Beispiel beim Schreiben) werden mir die Ideen wohl nicht mehr ausgehen.
GM: Und wie ging’s dann in Europa weiter, in den angestammten Schachgefilden sozusagen?
MW: Meine „Schachkarriere“ ist schnell erzählt. Aus Amerika kehrte ich nach Europa zurück, um dort Schach besser lernen und spielen zu können. Es blieb zumeist beim Lernen. Zwei Jahre trainierte ich mit Tibor Karolyi (dessen Schüler Peter Leko seinerzeit der jüngste Grossmeister wurde). Fast ohne Vorkenntnisse war ich mit dem 70’000 Züge umfassenden, auswendig zu lernenden Eröffnungsrepertoire zumeist überfordert. Als „alter Mann“ in der Dreissigern lernt sich eben nicht mehr so leicht, was heutzutage bereits Elfjährige mit ELO 2500 (allerdings auch erst nach Jahren intensivsten Trainings) beherrschen… Mir fehlten die praktischen Erfahrungen, um den gigantischen Stoff mit etwas Konkretem verknüpfen und ihn so im Gedächtnis speichern zu können.
Meist spielte ich damals geschlossene (IM-)Turniere. In meinem zu der Zeit einzig gespielten Open in Deutschland (Bad Vilbel 1995; verflucht aber auch, was könnte ich mir heute alles leisten, wenn es damals ausgewertet worden wäre…) erreichte ich den zweiten Platz. Später nahm ich an ein paar GM-Turnieren teil, und auf meinem „schachlichen“ Höhepunkt (und letztem Turnier in Ungarn) fehlte mir nominell nur ein Titelträger, um die erste IM-Norm zu erspielen.
Ich muss dennoch zugeben, dass ich nie ein guter praktischer Spieler war. Viele recht peinliche Performances wären mir erspart geblieben, hätte ich aus gesundheitlichen o.ä. Gründen rechtzeitig aufgehört. Aber wir alle wissen ja: Der rechte Zeitpunkt, sich von jenen Dingen zu trennen, an denen wir hängen, ist nicht immer leicht abzupassen. Mein Freund und Trainer Tibor Karolyi sagte einmal zu mir, er kenne keinen (und er kennt eine Menge Leute), der das Schachspiel so sehr liebe wie ich. Sei’s drum, heute kann ich mir nichts Gewinnbringenderes, systematisch Erlernbareres und Tiefgreifenderes vorstellen als Tai Chi (Meditation in Bewegung), das ich wenig, dafür aber tagtäglich praktiziere. Schach war leider irgendwann nicht mehr mein Weg.
GM: Ihre Bücher haben nach meinem Eindruck einen grossen Praxisbezug. Da liegt die Vermutung nahe, dass Sie auch als Trainer aktiv waren bzw. sind?
MW: Ja, ich habe Schach unterrichtet, Vorträge gehalten und auch einen Verein betreut. Allen Amateuren (und da meine ich durchaus Spieler bis 2400 ELO) kann ich empfehlen, wenigstens ein Mal in ihrem Schachleben mit einem gutem Trainer oder einem Profi zu trainieren (möglichst nicht in einer grösseren Gruppe!). Durchschnittlich werden Spieler (bis etwa 1900) meiner Erfahrung nach innerhalb eines Jahres um 200 Ratingpunkte zulegen. Spieler (etwa wie die „ewigen FMs“) werden möglicherweise feststellen, dass sie zu einseitig spielen. Gute Spieler lernen vielleicht weniger an technischen Dingen dazu, doch werden sie davon profitieren, dass ihnen ein erfahrener Trainer eine andere Perspektive aufzeigt. Natürlich nicht immer, aber immer öfters: Ich habe Leute mit einer Spielstärke von 2200 erlebt, die nach nur ein paar grundlegenden Stunden mit einem guten Trainer Titelträger einfach übers Brett schoben (push him over the board, meint Tibor Karolyi treffend, wenn er von der Waffe des Raumvorteils spricht).
Auch wenn meine schriftstellerische Arbeit das Trainieren anderer heute nicht mehr zulässt, möchte ich an dieser Stelle einen Tipp loswerden (auch wenn er allzu einfach klingen mag): Systematisch lernen und regelmässig üben!
GM: Wie würden Sie die Zielgruppe Ihrer Schachbücher beschreiben?
MW: Das sind Spieler mit einer DWZ von 1200 – 2000.
GM: Wie findet man eigentlich bei der heutigen Fülle von Turnierpartien die „Rosinen im Kuchen“, also die wirklich sehenswerten Kombinationen?
MW: Auf diese „Rosinen“ im Kuchen wird man natürlich auch durch Quellen wie Internet und Zeitschriften aufmerksam. Man soll das Rad nicht immer neu erfinden; Eine brillante Kombination wird nicht schlechter, nur weil sie irgendwo mehrfach erscheint. Und ein Copyright gibt es weder auf das Finden noch (leider) auf das Kreieren von Taktik. Grundsätzlich bemühe ich mich natürlich, durch Eigenarbeit Neuem auf die Spur zu kommen. Dabei macht es die Fülle an Material eher einfacher, interessante Kombinationen aufzuspüren. In der Tat sollte man die guten Kombinationen bei den besseren Spielern suchen. Andererseits erstaunt es immer wieder, wie taktisch beschlagen auch schwächere Spieler sind. Das mag daran liegen, dass den meisten Turnierspielern im Amateurbereich viele Ideen bereits bekannt sind. Wenn einer die taktischen Motive kennt und ihren Aufbau versteht, kann jeder auch mal ganz grosse Taktik spielen… Also auf geht’s!
GM: Sind bei Ihren Taktik-Publikationen nachträglich viele interessante Partien „durch den Rost gefallen“, weil sie sich bei nachträglicher Analyse als unkorrekt erwiesen?
MW: Natürlich lässt jeder ein Analyseprogramm im Hintergrund laufen. Unfehlbar ist keiner von uns. Man sollte sich dennoch auch auf sein Gefühl verlassen. Meist werden Kombinationen eher verworfen, weil mehrere Lösungswege dem Leser das Üben erschweren.
GM: Ich habe gelesen, dass Sie sich aus dem Schachbuchgeschäft zurückziehen wollen. Es wird also keine weiteren „Schachtaktik-Jahrbücher“ mehr geben?
MW: Vermutlich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass mein Freund Heinz Brunthaler diese hübsche Reihe auch unter seinem Namen weiterführen kann.
GM: Zu Ihren Roman-Projekten: Auf welches Genre und welche inhaltlichen Schwerpunkte konzentrieren Sie sich dabei?
MW: Gerade habe ich einen Thriller mit historischer Schiene fertiggestellt und mich auf Verlagssuche begeben. Einen Verlag zu finden ist ungleich schwieriger, als ein gutes Buch zu schreiben… Da ich ein möglichst grosses Publikum erreichen möchte, stehen Handlung und Spannung im Vordergrund. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen (neben gründlicher Recherche), das Ganze auch mit etwas Gehalt zu unterlegen… Spannung mit Tiefgang soll auch meine künftigen Werke auszeichnen. Das nächste ist bereits in Planung und wird sich noch deutlicher auf das Thriller-Element konzentrieren. Während der jetzige Roman an den Schauplätzen Dresden, Genf, New Orleans und New York angesiedelt ist, spielt der nächste in Frankfurt, gleichwohl mit ein wenig internationalem Flair garniert. Irgendwann schreibe ich auch wieder ein Sachbuch (Mensch, Wissenschaft, Umwelt – sorry: keins über Schach). Mein unbescheidenes Ziel aber ist es, mit Romanen auch in Englisch verlegt zu werden und eines Tages ein Buch zu schreiben, das nicht nur inhaltlich, sondern zudem stilistisch über gute Unterhaltungsliteratur hinausgeht.
GM: Wird Ihr umfangreiches Wissen aus der Schachszene irgendwie in die Handlung einfliessen?
MW: In wie weit das Thema Schach in meinen ersten Roman („Die Wege des sechsten Tages“ / 2008) eingeflossen ist, kann man z.B. dem entspr. Medienecho entnehmen. Genauso wenig wie ich allerdings in reinem Lokalkolorit zu versinken gedenke, meide ich einseitig themenbezogenes Schreiben. Für den aktuellen Roman war zunächst kein Schachbezug vorgesehen. Allerdings drohte der historische Plot (des hauptsächlich in der Jetztzeit spielenden Thrillers) plötzlich in Paris zu versanden. In dem Roman geht es nebenbei um das Mausoleum Karl II. Zudem sollte die historische Schiene nach Amerika führen. Der Herzog von Braunschweig, Paris Mitte des 19. Jahrhunderts, Amerika… mmh… da war doch was? Richtig, die legendäre Schachpartie zwischen dem Amerikaner Paul Morphy und eben jenem Herzog (und dem Grafen dʼIsoard). Schach hilf! – Wie fantastisch sich das Ganze letztlich fügt, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten – auch nicht, was meine Recherchen zu dieser Partie und über den Grafen dʼIsoard ergeben haben… ♦
Neueste Schach-Datenbanken wie die hier kürzlich besprochene „Corr Database 2011„, aber weit mehr noch die modernen Schach-Rechenprogramme, beispielsweise die verbreiteten PC-Engines „Rybka“, „Stockfish“, „Shredder“ oder „Fritz“ u.v.a. mit ihrer mittlerweile extremen Spielstärke, die keinen internationalen Grossmeister mehr fürchtet, lassen immer wieder neu und immer heftiger die Diskussion aufflammen, ob das Fernschach nicht inzwischen tot ist. Und nicht wenige der früher glühenden Verehrer des altehrwürdigen Korrespondenzschachs (Correspondence Chess) haben sich inzwischen enttäuscht davon zurückgezogen: „Ich will nicht gegen Maschinen spielen!“ Wie präsentiert sich das Correspondence Chess aktuell in der allgemeinen Schachszene? Antworten hier in einem Interview mit Fernschach-Grossmeister Arno Nickel.
Je länger desto mehr kann im Fernschach das Phänomen beobachten werden: Man rechnet nicht mehr, man lässt rechnen. Stunden-, ja tagelang „brütet“ jetzt nicht mehr der FS-Spieler über den Partien, sondern Rybka&Co. wird mit den Stellungen gefüttert, wonach meist ein taktisch einwandfreier, ja oft sogar brillanter Zug resultiert – was aber in den Turnier-Resultaten nicht als Plagiat deklariert wird, sondern als persönlich-menschliche Eigenleistung auftaucht…
Über die Zukunft des internationalen Fernschachs, die Chancen und Gefahren der neuen Software-Generationen für das Fernschach, die spezifischen Anforderungen, die der Einbezug von Schachprogrammen für den ambitionierten FS-Spieler mit sich bringt, befragte das Glarean Magazin den internationalen Fernschach-Grossmeister Arno Nickel (aktuell die Nummer 25 der Weltrangliste).
Der auch im Nahschach erfahrene Turnierspieler Nickel ist seit Jahrzehnten eine in der internationalen Correspondence-Chess-Szene sehr aktive und bekannte Persönlichkeit. Darüber hinaus gilt der 58-jährige Berliner Schach-Journalist, -Organisator, -Autor und -Verleger als versierter Kenner auch auf dem Gebiete der neuen Schach-Software. Für seine engagierte und pointierte Stellungnahme hier zum ganzen Themenkomplex „Modernes Fernschach“ besten Dank! –
Alle Ressourcen nutzen – auch Schachprogramme
Glarean Magazin: Hand aufs Herz, nutzt der Top-25-Spieler Arno Nickel nicht auch wie viele andere Fernschach-Meister exzessiv die modernen Schach-Engines, als da sind: Rybka, Shredder, Fritz, Hiarcs u.a., oder auch die zahllosen starken Freeware-Programme wie beispielsweise Stockfish, Critter oder Houdini?
Arno Nickel: Eine nette Einstiegsfrage. Wenn nun noch definiert würde, was unter „exzessiv“ (das Mass überschreitend, ausschweifend) zu verstehen ist, dann könnte ich darauf vielleicht besser antworten, aber ich versuche es gern auch so: Fernschach ist per se exzessiv, wenn wir mal von den Zeitbedingungen und den theoretisch unbegrenzten Hilfsmitteln ausgehen – oder auch von der idealistischen Zielvorstellung, eine perfekte Schachpartie zu spielen. Wäre man da nicht ein lausiger Fernschachspieler, wenn man nicht alle seine Ressourcen nutzte, um zum Erfolg zu kommen?
Andererseits gilt: Masse macht noch keine Klasse, das rein quantitative Mass der Engine-Nutzung sagt für sich genommen nicht viel aus. Es geht um das Wie der Nutzung und um das Wozu.
Auf einmal mustergültige Partien…
GM: Inwiefern hat der verbreitete Gebrauch von Schach-Software das Durchschnittsniveau des Fernschachs verändert?
AN: Die Veränderungen auf dem Durchschnittsniveau sind natürlich dramatisch, vermutlich noch gravierender als an der Fernschachspitze. Spieler, die früher – ohne Computer – einfache taktische Zusammenhänge nicht verstanden oder anfingen merkwürdig zu spielen, wenn ihr Buchwissen erschöpft war, spielen auf einmal mustergültige Partien, die auch ein Anand über weite Strecken kaum besser behandeln könnte. Ihr Pech ist nur, dass viele solcher – ich nenne sie mal: virtuellen – Schachpartien remis ausgehen, weil der Gegner den gleichen Sekundantenstab nutzt. Das kann auf die Dauer natürlich nicht befriedigen, weshalb auch „Durchschnittsspieler“ früher oder später die Lust am Risiko wiederentdecken und eigene Wege suchen, vielleicht nicht in jeder Partie, aber doch hier und da, weil sie tief im Innern wissen, dass nur die eigene Leistung wirklich befriedigen kann.
Nivellierung des Niveaus infolge elektronischer Sekundanten
In gewisser Weise hat die Nivellierung des allgemeinen Leistungsniveaus infolge elektronischer Sekundanten, die stärker sind als ihre menschlichen Arbeitgeber, zu einer Leistungsverzerrung geführt, da die natürlichen Unterschiede zwischen den Spielern nicht mehr ungefiltert zur Geltung kommen. Der stärkere Spieler muss sich zunehmend Gedanken machen, wie er vermeiden kann, dass der schwächere entscheidend von Engine-Leistungen profitieren kann – keine leichte, sondern eine höchst delikate Aufgabe. Welche Eröffnungen, welche Strategien soll man wählen, um einen nominell oder potentiell schwächeren Schachspieler zu überspielen? Das ist insbesondere für den Schwarz-Spieler eine ziemlich heikle Sache. Man kann nicht einfach wie im Nahschach die Stellung komplizieren, den Gegner in Zeitnot bringen und dergleichen, man muss tatsächlich schon eine strategische Auseinandersetzung anpeilen und darf den Gegner auf keinen Fall unterschätzen.
In der Tat enden wohl auch viel mehr Fernschachduelle zwischen zum Beispiel 2400ern und 2600ern remis als im Nahschach. Man kann versuchen, mittels Datenbanken ein Dossier seines Gegners zu erstellen, um seine Stärken und Schwächen auszuloten, aber wird dieses auch wirklich aktuell sein und zutreffen? Der Fernschachgegner ist schon aufgrund seiner unbekannten Ressourcen an Hilfsmitteln viel mehr eine „black box“ als jeder Nahschachgegner. Das macht aber andererseits auch einen gewissen Reiz aus. Man wird gezwungen, die Messlatte höher zu legen und damit auch die Anforderungen an sich selbst zu erhöhen.
Kann man auch ohne Schach-Software noch FS-Grossmeister werden?
GM: Ist eigentlich für einen ambitionierten FS-Spieler der Gedanke noch realistisch, im internationalen CC-Wettbewerb auch ohne Software Grossmeister-Niveau erreichen zu können?
AN: Nein. Da sich das „Grossmeister-Niveau“ durch Software-Einfluss erheblich gesteigert hat, ist dies auf eine grössere Partienzahl bezogen undenkbar. Auch im Fernschach ist niemand in der Lage, ohne Engines auf einem Elo-Durchschnittsniveau von 3000 oder mehr zu spielen. Das aber wäre etwa die geschätzte Leistungssteigerung, die man erhielte, wenn man 10 Fernschach-GMs ohne Engines gegen 10 Fernschach-GMs mit Engines spielen liesse. Nahezu überflüssig, zu erwähnen, dass auch Nahschach-SuperGrossmeister ohne Engines, wenn sie es denn versuchten, im Fernschach chancenlos wären. Inzwischen werden ja sogar schon Nahschach-Profis gefragt, ob sie sich eröffnungsmässig noch ausreichend ohne Computerhilfe vorbereiten können, ob sie sich gar trauen, „Neuerungen“ aufs Brett zu bringen, die sie nicht zuvor „gefritzt“ haben… Das heisst, der Einfluss der Schach-Software nimmt auch im Nahschach spürbar zu.
Die Stärken und Schwächen der Engines
GM: Wo haben denn Rybka&Co. ihre grundsätzlichen bzw. strukturellen Schwächen? Im „strategischen„ Bereich? Im Endspiel?
AN: Wenn man in Bezug auf Computer von strukturellen Schwächen oder strategischen Defiziten spricht, muss man sich über zwei Dinge im klaren sein:
1. Schachprogramme verfolgen keine „Strategien“, sondern sie bewerten aus einer gegebenen Stellung zig Millionen von möglichen Folgestellungen, evaluieren sozusagen, wie das Spiel sich auf diese und jene Züge hin entwickeln und verzweigen könnte. Die Auswahl der am höchsten bewerteten Varianten mag als Simulation von „Strategie“ erscheinen, was aber im Grunde eine optische Täuschung ist, denn diese „best move“-Evaluationen ergeben sich rein per Ausschlussverfahren gemessen an den Stellungen, die eben schlechter bewertet werden. Nicht das Programm verfolgt eine „Strategie“, sondern der Mensch interpretiert die Programmvorschläge und ordnet sie mit seinem Schachwissen und -verständnis strategischen Kategorien zu, die mehr oder weniger zutreffend sein können.
Verzweigungen bestimmen die Fernschacharbeit
Häufig ergeben Engine-Evaluationen in fast oder scheinbar gleichstehenden Stellungen ein etwas merkwürdiges Bild. Die Engine zeigt zum Beispiel im 5-Varianten-Modus fünf ziemlich gleich bewertete Varianten an, die aber völlig unterschiedlichen „Strategien“ zu folgen scheinen (mal mit Damentausch, mal ohne, mal geschlossen, mal offen, mal agressiv, mal ruhig). Der Laie neigt in solchen Situationen zu dem ergötzlichen Kommentar: „Der weiss ja nicht, was er will!“ Und die Pointe ist – der Laie hat Recht, aber er weiss nicht warum und kann daraus keinen Nutzen für sich ziehen! Korrekt wäre als erstes eine Interpretation etwa dergestalt: Das Programm sieht in der gegebenen Rechentiefe (und unter Berücksichtigung diverser Parameter) in den nächsten Zügen keine signifikante Veränderung des Stellungsgleichgewichts. Und nun ist eigentlich erstmal der Mensch gefragt, diesen Befund unter Berücksichtigung seiner eigenen Zugkandidaten zu analysieren. Stimmt der Befund auch dann noch bzw. bleibt es dabei, wenn man tiefer in die Varianten hineingeht? Oft entsteht hier das Problem einer weitläufigen Verzweigung, und da beginnt die eigentliche Fernschacharbeit…
Entscheidungs-Engine Mensch
2. Schachprogramme sind in ihren Berechnungen aber auch ohne „Strategie“ meistens so genau, dass sie die Versuche von Menschen, strategische Ziele zu verfolgen und diese taktisch durchzusetzen, erstmal durchkreuzen bzw. deutlichen Widerspruch anmelden. Sie finden immer das berühmte „Haar in der Suppe“. Menschen stehen daher, sofern sie das selbständige Denken nicht völlig aufgeben wollen, vor einem Bündel komlizierter Fragen, die es durch gründliche Erforschung der Stellung zu beantworten gilt, zum Beispiel:
a) Ist meine „Strategie“ wirklich stellungsgemäss oder muss ich sie ändern? Muss ich sie grundlegend ändern oder nur modifizieren?
b) Treffen die Stellungsbewertungen der Engine(s) zu? Welche Aussagekraft haben sie? Sind Bewertungsunterschiede zwischen einzelnen Varianten relevant oder nicht?
c) Ist mein taktisches Vorgehen richtig?
d) Wie gut „versteht“ das Schachprogramm die Stellung – wie gut verstehe ich selbst sie?
Dialog mit dem Computer, gesteuert durch den Anwender
Das Analysieren mit Computer geschieht in Form eines Dialogverfahrens, gesteuert durch den Anwender, und die Qualität der Ergebnisse hängt sehr stark von der Qualität des Frage- und Antwortspiels ab. Der Mensch muss erkennen, welches sinnvolle und lohnenswerte Fragen sind, und dann die Antworten kritisch bewerten. Dabei ist ein hohes Mass an Objektivität gefordert. Vorurteile und Oberflächlichkeit schlagen letztlich gegen ihn selbst zurück. Die Ergebnisse werden um so besser sein, je gründlicher der Analytiker zunächst einmal versucht, die Stellung zu verstehen, anstatt sich vorschnell auf einen „besten Zug“ zu orientieren.
Geheimnisvolles Schach – trotz Computer
Um nun auf die Frage nach „strukturellen“ oder „strategischen“ Schwächen von Engines zurückzukommen – das wäre ein grosses Thema für sich. Für Programme ist es naturgemäss schwierig, die Bedeutung langfristiger Faktoren angemessen zu bewerten, also zum Beispiel die Auswirkungen einer Bauernstruktur im frühen Mittelspiel für ein Endspiel, das noch in weiter Ferne ist; ähnliches gilt für den Wert der Figuren für einen späeteren Übergang vom Mittelspiel zum Endspiel. Ein anderer Aspekt sind spezielle Stellungs- bzw. Endspieltypen. Man muss sich allerdings vor Verallgemeinerungen hüten. Wenn es auch vielleicht zutrifft, dass zum Beispiel Rybka 4 immer noch gewisse Defizite in der Einschätzung und Behandlung von Turmendspielen oder ungleichen Läuferendspielen aufweist, so heisst dies nicht, dass dies in jeder konkreten Stellung zu Buche schlägt, wie umgekehrt ein anderes Programm, nehmen wir zum Beispiel Shredder 12, das von vielen unter anderem wegen seiner Endspieltechnik geschätzt wird, in bestimmten Fällen auch mal gehörig danebenliegen kann.
In der Fernschachanalyse stösst man oft auf komplexe oder tiefliegende Zusammenhänge, die sich auch mit Engines und trotz grossen Zeitaufwandes einer klaren und eindeutigen Durchdringung entziehen – sprich: das Schachspiel bleibt auch mit grösstem Computereinsatz in vieler Hinsicht geheimnisvoll.
Die Programme als elektronische Sekundaten
GM: Worin besteht die Herausforderung an den Turnier-FS-Spieler hinsichtlich des effizienten Umgangs mit moderner Schach-Software?
AN: Bei „Schachsoftware“ muss man natürlich unterscheiden zwischen den Engines, der Benutzeroberfläche, den Datenbanken und menschlichen Kommentierungen aller Art, die in die „Software“ eingegangen sind. Auch die Hardware bestimmt das praktische Leistungspotential der Software. Generell versucht wohl jeder auf seine Weise, sein technisches Arsenal im Sinne eines Partieerfolges auszuschöpfen, was in Anbetracht der hohen Leistungsdichte eine zunehmend schwierige Aufgabe ist. Es bedarf eines vielfältigen ständigen Experimentierens, um herauszufinden, was „effizient“ ist, denn dafür gibt es keinerlei Patentrezept, und die Herausforderung stellt sich mit jeder neuen Partie im Grunde genommen immer wieder neu und immer wieder etwas anders.
Als besonders gelungen erscheinen mir geglückte Versuche, menschliche Ideen mit Hilfe oder auch gegen den zeitweiligen Widerstand von Engines zu verwirklichen. Nehmen wir an, ein Spieler hat eine Opferidee, die ihn nicht loslässt, aber das Schachprogramm zeigt ihm erstmal nur die kalte Schulter. Nach langen Versuchen und Umstellungen findet der Spieler einen Weg, das Opfer doch zu rechtfertigen und die Engine zu „überzeugen“, dass dies der einzige aussichtsreiche Gewinnversuch ist – ist das nicht ein äusserst reizvolles Szenario? Lehrreich und wertvoll sind aber auch Beispiele, wo der Mensch seine Stellungs- oder Partieeinschätzung als Ergebnis des Dialoges mit der Engine (seinem elektronischen Sekundanten!) grundlegend revidieren muss – das kann bis hin zu einer Widerlegung von Varianten bzw. Spielplänen gehen, die in der „Theorie“ bislang als gesichert galten.
Der schachlichen Wahrheit verpflichtet
Der Fernschachspieler ist im Unterschied zum Nahschachspieler in viel stärkerem Masse beim Einsatz von Software (insb. Engines) der Wahrheit verpflichtet. Ein Eröffnungsbuch-Autor, der für den Nahschachspieler schreibt, was ja der Regelfall ist, lotet seine Varianten nicht in der Tiefe aus wie ein Fernschachspieler, der dies auf begrenztem Raum sehr wohl tut, wenn er auch nur einen kleinen Ausschnitt des Grossen und Ganzen sieht, um das sich der Eröffnungsbuch-Autor kümmern muss. Was der Experte fürs Nahschach empfiehlt oder nicht, muss für den Fernschachbereich, wo bei jedem Zug in die Tiefe analysiert wird, nicht immer gelten und kann sich sogar als ziemlich fragwürdig erweisen, egal welch grosse Namen hinter den Empfehlungen stehen.
GM: Ist das moderne Fernschach zur reinen Materialschlacht verkommen, oder gibt es technisch-organisatorische Möglichkeiten, es wieder als kreativ-menschliche Leistung zu etablieren?
AN: Das Wort „Materialschlacht“ weckt Assoziationen an den Ersten Weltkrieg, wo diese Bezeichnung zum erstenmal als gängiger Begriff aufgetaucht ist. Scheinbar verschwindet der Mensch völlig hinter den von ihm geführten Maschinen bis hin zu der Extremvorstellung, dass es die Maschinen bzw. heute eben die Computer selbst sind, die die Auseinandersetzung führen und entscheiden. Bezogen auf das Schach „hinkt“ die Parallele aber in verschiedener Hinsicht: beim Schach wird abwechselnd gezogen und man kann zur Zeit immer nur einen Zug machen. Wenn der Zug erzwungen ist, spielt es keine Rolle, wie schwach oder stark die Maschinerie ist. Wenn der Spieler die Stellung nicht versteht und sich vollkommen der Maschinerie anvertraut, wird er gegen bessere Spieler regelmässig scheitern, auch wenn diese nur über eine schwächere Ausstattung verfügen. Man kann heute allerdings davon ausgehen, dass zumindest auf Meisterniveau ein einigermassen ausgeglichenes Niveau an Software- und Computerausstattung besteht, weshalb wirklich der intelligente Umgang mit beidem viel entscheidender geworden ist als die Ausstattung selbst. Die Ungleichgewichte in der Ausstattung, vor allem international gesehen, sind in den letzten Jahren immer geringer und jedenfalls unbedeutender geworden.
Nun mag es wohl Fernschachspieler geben, die ihre Rechner und ihre Software nicht effizient und vor allem nicht selbstkritisch genug einsetzen und dies so wahrnehmen, als hätten sie eine „Materialschlacht“ verloren. Doch im Grunde ist dies eine bequeme Ausrede, sie geben die Verantwortung für ihre Züge an die Engines ab, statt gründlicher zu analysieren.
Kein Erfolg allein mit Rechnern
Man muss sich über einige weitere Dinge im klaren sein:
1.) Der Einsatz von Software, insb. von Engines, bedeutet absolut gesehen nicht eine Verringerung des menschlichen Zeit- und Arbeitsaufwandes, sondern dieser ist im Vergleich zu früher eher gleich geblieben. Er ist vermutlich etwas rationeller geworden, was für beide Seiten in einer Fernschachpartie gilt. Wer statt dessen Rechner einsetzt, um schnell und mit möglichst wenig eigenem Einsatz zum Erfolg zu gelangen, wird auf die Dauer nicht allzu weit kommen.
2.) Das moderne Fernschach ist durch einen wissenschaftlich-kreativen Stil geprägt. Diese Kombination ist kennzeichnender denn je. Man mag es bedauern, dass der kühne Gambit- oder Angriffsspieler heute vielleicht weniger auf seine Kosten kommt als früher, aber die Zeit lässt sich nun mal nicht zurückdrehen, so wenig wie sich ein Schachspieler der aufgeklärten Steinitz-Ära ins romantische Zeitalter zurückbeamen konnte.
Kritisches Hinterfragen der Nahschach-Partien
3.) Um im Fernschach heutzutage zum Erfolg zu kommen, muss man Leistungen und Vorgaben („Eröffnungstheorie“) aus dem Nahschachbereich kritischer denn je analysieren. Viele Erfolgsrezepte und -konzepte aus dem Nahschach überzeugen im Fernschach nicht, weil der strenge elektronische Sekundantenstab sich zu Recht unbeeindruckt von ihnen zeigt, nicht zuletzt auch weil Nahschachspieler insgeheim immer ein wenig auf die menschlichen Schwächen ihrer Gegner spekulieren, was aber im Fernschach selten funktioniert.
Wer im Fernschach gegen gute Gegner gewinnen will, muss sich heute meines Erachtens schon in der Eröffnung mehr eigene Gedanken denn je machen, denn der Erkenntnisfortschritt in den Hauptvarianten (das können auch Modevarianten sein, die dabei sind, alte Hauptvarianten zu verdrängen) hat grundsätzlich eine starke Remistendenz. Gute Fernschachspieler folgen nicht einfach blind irgendwelchen aktuellen Eröffnungszügen von Anand, Kramnik oder Carlsen, nur weil diese gewonnen oder remis gehalten haben, sondern loten durchaus viele kritische Stellungen von Vorgängervarianten bis zu einer gewissen Tiefe aus.
Ohne Kreativität kein Fernschach-Erfolg
Kreativität ist also durchaus sehr gefragt im modernen Fernschach. Ergänzend sei darauf verwiesen, dass Fernschachspieler, die ihr Hobby ohne Engine-Einfluss geniessen wollen, also möglichst traditionell, sich in enginefreien Turnieren zusammenfinden können (und dies ja auch tun), wo man also unter Gleichgesinnten gemäss einem Ehrenkodex spielt. So etwas gibt es unter anderem beim BdF, dem Deutschen Fernschachbund; wie erfolgreich, das entzieht sich meiner Kenntnis. Eine andere Idee, ist die Popularisierung des Fischer-Schachs bzw. Chess960 im Fernschachbereich, die quasi dem „Overkill“ im Eröffnungsbereich entgegenwirkt, allerdings die Engines nicht aussen vor lässt.
Vermisst: Hochkarätige Turniere und FS-Sponsoring
GM: Gibt es bei dieser positiven Sicht des modernen Fernschachs denn überhaupt Probleme, die jetzt und in Zukunft eine gewichtige Rolle spielen bzw. spielen könnten? Wie sehen die Wachstumszahlen im Mitgliederbereich aus?
AN: Letzteres vermag ich nicht genau zu sagen, es hat schon einen gewissen Mitgliederschwund im organisierten Fernschach als Folge der „Computerisierung“ gegeben; das hat aber viel mit der Altersstruktur zu tun. Früher gab es viele Ältere im Fernschach, die einfach über mehr Zeit verfügten als Berufstätige oder Schüler/Studenten. Das geht bis hin zum Briefmarken- oder Postkartensammler, der einen ganz anderen Zugang zu seinem Fernschach-Hobby hatte als der ehrgeizige Turnierspieler. Interessanterweise gibt es heute viel mehr Fernschachspieler ausserhalb der etablierten Verbände, weil nämlich das Internet unglaublich viele und attraktive Angebote bereithält, die auch genutzt werden. Wenn man die Fernschachserver bzw. -websites, auf denen gespielt wird, mitzählt, könnte man also vielleicht feststellen, dass heute allgemein mehr Fernschach gespielt wird als früher. Es wäre eine verdienstvolle Aufgabe, dies näher statistisch zu untersuchen. Nebenbei bemerkt, gehören ja auch alle diese Freizeit-Fernschachspieler zum Markt für Schachsoftware.
Die neuen alternativen Spielangebote im Internet kommen oft moderner daher als die traditionellen Verbände, die diese Spieler, darunter sicherlich viele junge, gar nicht erst erreichen.
Im Grunde interessiert mich das aber nur am Rande. Wesentlich mehr beschäftigen mich die Probleme im Spitzenfernschach, die ich wie folgt sehe:
1.) Es gibt zu wenig hochkarätige Turniere, wozu ich Turniere ab Kategorie 15 (Eloschnitt über 2600) zähle. Insbesondere sind die Fernschachweltmeisterschaften seit einigen Jahren wegen eines unattraktiven Qualifikationsmodus, der elo-stärkere Spieler von einer Beteiligung abhält, tendenziell unterklassig. Es handelt sich durchschnittlich um Kategorie 13-Turniere (Eloschnitt 2550-2575).
2.) Es gibt zu wenig Sponsoring im Fernschach. Dies liesse sich mit einem aktiveren Erscheinungsbild, insbesondere durch mehr hochkarätige Ereignisse, vermutlich etwas verbessern. Das Fernschach müsste meiner Ansicht nach auch bereiter sein, Quereinsteigern aus dem Nahschachbereich, also zum Beispiel Nahschach-Grossmeistern, entsprechende Anreize zu bieten. Deren Bekanntheitsgrad könnte oft werbewirksam fürs Fernschach genutzt werden.
Diskrepanz der Elo-Leistungen im Nah- und Fernschach
3.) Die Normenanforderungen für Fernschach-Titel waren bis vor kurzem allgemein zu niedrig angesichts der vermehrten Angebote, Normen erreichen zu können. Das hat in den letzten 10 Jahren zu einer Titelinflation geführt. Man ist dabei, dies nun wieder etwas zurückzufahren, aber mit welchem Erfolg muss sich noch zeigen. Rückwirkend geht das natürlich überhaupt nicht. Der Fernschachbund hat leider etwas zu starke Signale mit den Titeln als „Lockmittel“ gegeben, – mit dem Ergebnis, dass er nun peinlicherweise hier und da öffentlich gefragt wird, wie es möglich ist, dass Spieler mit einem Nahschach-Niveau von deutlich unter 2000 (teilweise sogar um 1600) reihenweise internationale Titelträger werden, darunter sogar immer mehr Grossmeister.
Der moderne Fernschachmeister ist Forscher
4.) Womit das Fernschach aber tatsächlich beeindrucken kann und muss, sind Partien, also schachliche Leistungen und deren angemessene Aufbereitung in Publikationen. Wie heisst es doch so schön? „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ So wäre es beispielsweise wünschenswert, dass die besten und interessantesten Partien von Fernschachspielern, ganz gleich, ob es sich um Titelträger handelt oder nicht, in Gestalt eines Fernschach-Informators regelmässig vorgestellt würden. Frühere Versuche dieser Art sind als Printmedien nach einigen Jahren leider gescheitert. Es scheint nun an der Zeit, in diese Richtung neue – professionelle – Schritte zu unternehmen und dabei auch die Möglichkeiten des Internets bzw. der Computertechnologie zu nutzen. Ein besonderer Leckerbissen könnte in solchen Veröffentlichungen die Diskussion von konkreten Engine-Ergebnissen und -Anteilen sein, denn die Zeiten, in denen Fernschachspieler verschämt oder aus falscher Eitelkeit solche Aspekte in ihren Analysen und Kommentaren verschwiegen, sollten nun endgültig der Vergangenheit angehören. Der moderne Fernschachmeister hat mehr denn je Anteil an der Erforschung des Schachspiels – das gilt es zu erkennen, anzustreben und zu vermitteln..♦