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Applaus für den tapferen Verlierer Dominique Aegerter. Aber nach dem GP von England ist es Zeit, das Theater zu beenden und zur Tagesordnung zurückzukehren.
Wenn die Nummer 77 vorbei brauste, erhoben sich die Fans am Rande eines ganz bestimmten Streckenabschnittes jedes Mal und applaudierten. Die Briten haben ein Gespür für Helden. Hier, an dieser Stelle war Dominique Aegerter schon in der ersten Runde nach einem tollkühnen Angriffsmanöver gestürzt und aus dem Sattel gepurzelt.
Die Streckenposten halfen Aegerter, die Maschine aus dem Kiesbett zu ziehen. Er schwang sich wieder in den Sattel und beendete das Rennen schliesslich auf dem 21. Rang. Diesen Kampfgeist belohnten die Briten jede Runde mit einer standing ovation.
Dominique Aegerter beim GP von England also in der Rolle des tragischen Helden. Seit dem Sieg auf dem Sachsenring geht es stetig bergab: 3. in Indianapolis, 5. in Brünn und jetzt, als vorläufiger Tiefpunkt, 21. in Silverstone.
Eine halbe Stunde nach dem Rennen hat sich der tragische Held beruhigt. Er sucht gar nicht nach Ausreden. «Der Start war gut, aber dann habe ich zu früh zu viel riskiert und Viñales touchiert. Ich stürzte und verlor viel Zeit, weil ich die Maschine nicht alleine aus dem Kiesbett schieben konnte und die Hilfe der Streckenposten brauchte. Es war mein Fehler.»
Aegerter sagte, er entschuldige sich bei seinem Team, seinen Sponsoren und seinen Fans, dass er die Erwartungen nicht erfüllt habe. «Ich bin das Rennen trotz aussichtsloser Position zu Ende gefahren. Auch um meinen Technikern Informationen liefern zu können.»
Maverick Viñales fuhr als Dritter aufs Podest. Hätte Dominique Aegerter keinen Fehler gemacht, wäre er beim Champagner-Verspritzen dabei gewesen. «Ich mag keine Diskussionen darüber, was hätte sein können. Es ist, wie es ist, ich habe einen Fehler gemacht.»
«Es ist aber richtig, dass wir nach dem Abschlusstraining eine bessere Einstellung gefunden haben. Ich war mit der demolierten Maschine ohne Windschutz und kaputter Verschalung im Rennen schneller als mit einem intakten Töff im Abschlusstraining.» Diese Behauptung lässt sich statistisch untermauern: 2:08,037 Min. im Rennen (achtschnellste Zeit!) und 2:08,516 Min. im Training.
Beinahe wäre es zu einem absurden Ende gekommen. Dominique Aegerter hatte seinen Teamkollegen Robin Mulhauser beinahe aus dem Sattel geholt. Dem freundlich-fröhlichen Hinterherfahrer fiel in der Schlussphase fast das Herz in die Hose, als er von dem an letzter Stelle ins Rennen zurückgekehrten Dominique Aegerter wie von einem Schnellzug überholt wurde. «Ich dachte, er führe das Rennen an und er habe mich überrundet. Ich bin ganz schon erschrocken, ging sofort vom Gas, um Platz zu machen. Dann erst realisierte ich, dass da keiner mehr folgte …»
So weit, so tapfer, so gut. Aber die Situation ist unhaltbar geworden. Das Theater der letzten zwei Wochen hat Dominique Aegerter vom Kurs abgebracht. Er ist erst 23 Jahre alt und von ihm wird eine so schwerwiegende Entscheidung wie die Wahl der Marke (Suter oder Kalex) verlangt und darüber hinaus beunruhigen die Gerüchte um die Zusammenlegung des Teams mit jenem von Erzrivale Tom Lüthi das gesamte Umfeld.
Die Struktur des neuen Teams steht inzwischen. Es geht auf höchster Ebene zwischen den zwei Teambesitzern Daniel M. Epp und Olivier Métraux nur noch um Details. Juristisch bleiben die zwei Teams eigenständig und werden ihre eigene Box bekommen. In allen übrigen Bereichen kommt es zu einem Zusammenschluss. Praktisch haben wir also nächste Saison ein «Töff-Dream-Team» mit Dominique Aegerter, Tom Lüthi und Robin Mulhauser.
Es ist nun an der Zeit, mit dem Theater aufzuhören, Aegerter und seinem Team reinen Wein einzuschenken und die Markenwahl zu treffen. Damit sich alle wieder auf ihre Arbeit konzentrieren können.
Dominique Aegerter hat in den letzten zwei Wochen nicht den Mut und den Kampfgeist und die Leidenschaft verloren. Aber, und das gibt er im kleinen Kreis zu, ob dem ganzen Theater und den vielen guten Ratschlägen die Konzentration. In einem Sport, in dem eine Konzentrationslücke von einer Hundertstelsekunde verhängnisvolle Folgen hat, ein unhaltbarer Zustand.
Kein Wunder, kommt Tom Lüthi mit der Situation besser klar. Nach Rang 4 in Brünn (vor Aegerter) nun ein 5. Platz in Silverstone. Er ist über alle Verhandlungen, die sein Manager Daniel M. Epp und seine Freundin Fabienne Kropf führen, bis ins Detail informiert. Solche Situationen hat er in seiner Karriere schon mehrmals erlebt. «Ja, es kann sein, dass ihm die Erfahrung noch fehlt», sagt er süffisant auf die Frage, ob sein künftiger Teamkollege Aegerter wegen dem ganzen Rummel etwas von der Rolle sei.
Das Dressurpferd von Lüthis Freundin heisst «Allegro ma non troppo.» Genau so lässt sich inzwischen Fahrstil des einstigen 125-ccm-Weltmeisters charakterisieren: Beschwingt, aber nicht zu sehr. Stilistisch Weltklasse, schnell, aber nicht zu sehr. So reicht es nicht mehr zu Spitzenklassierungen. Den Anschluss an Maverick Vinales und die Spitzengruppe verlor er schon in der dritten Runde nach einem zu brüsken Ausbremsmanöver. Es fehle eine solide technische Basis um wieder ganz nach vorne zu kommen, klagt Lüthi. «Vor jedem Rennen beginnen wir wieder von vorne. Es müsste so sein, dass es genügt, von Rennen zu Rennen ein paar Details anzupassen.»
Technische Probleme also. Wie bei Dominique Aegerter zeichnet sich auch bei Tom Lüthi ein Markenwechsel ab. Im Schweizer Töff-Dream Team werden nächste Saison in der Moto2-WM beide Piloten die gleiche Maschine einsetzen. Eine Kalex.