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Grosse Einzelpräsentation des in Basel tätigen Künstlers Renatus Zürcher.
Der Schriftsteller und Künstler Gilbert Clavel (1883—1927), der aus der bekannten Seidenfärberfamilie Clavel-Merian stammt, kann zweifelsohne als eine Persönlichkeit bezeichnet werden, die es vermag, in den Bann zu ziehen. Aufgewachsen in Basel, litt Clavel infolge einer Tuberkuloseerkrankung und eines Unfalls in der Kindheit an einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung. Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Ägyptologie unternahm er lange Reisen in den Süden Europas und nach Nordafrika.
Während dem Ersten Weltkrieg begegnete er u.a. dem futuristischen Maler Fortunato Depero, mit dem ihn kurzzeitlich eine intensive Freundschaft verband. Gilbert Clavel sah sich im Verbund der Futuristen als Ideengeber und Teil einer gesellschaftserneuernden Bewegung. Er verfasste kunsttheoretische Aufsätze und 1918 erschien sein Roman Un Istituto per Suicidi (Ein Institut für Selbstmorde), in welchem der Ich-Erzähler verschiedene Arten der Selbsttötung beschreibt: Neben dem Rauschtrunk und der Wolllust ist das Opium-Präparat Pantopon als probates Mittel angeführt. Die Vereinigung aller drei Todesarten gilt als eine vierte Möglichkeit des Selbstmordes. Ab 1918 widmete er sich ausschliesslich dem Umbau eines ehemaligen Wachturmes an der amalfischen Küste in Positano. Der Turm, den Clavel bereits viele Jahre davor erwarb, war lange Zeit eine Ruine und erst direkte Eingriffe am Felsen ermöglichten ein Aus- und Weiterbauen. Clavel ging mit Wünschelrute und Kompass vor, um unterirdische Korridore und eine Grotte anzulegen. Der Fels wurde zum skulpturalen Grundkörper, dem er sich mit Sprengungen bemächtigte. Clavels theoretische, literarische und bauliche Leistungen können als gesamtkunstwerkliche Ideenbasis betrachtet werden, deren Auswirkung bis heute nachhallt.
Es ist nicht verwunderlich, dass der Künstler Renatus Zürcher (geb. 1957 in Baar, lebt und arbeitet in Basel) das Leben und Werk von Gilbert Clavel aufgreift und mit seinen eigenen künstlerischen Mitteln ein Bild zeichnet ausgehend von der Gegenwart hin zur Vergangenheit gerichtet. Zürcher, dessen Arbeitsweise meist den Menschen in den Mittelpunkt stellt, wählt für seine Projekte häufig aussergewöhnliche Einzelpersönlichkeiten und ihr Wirken und Werken aus. Eines seiner letzten Grossprojekte widmete er beispielsweise dem Schweizer Ethnologen Paul Wirz, dessen Arbeitsweise und theoretische Betrachtungen Renatus Zürcher in Form eines dokumentarischen Filmes und eines Buchprojektes festhielt. Für das Projekt Boulevard von 1995 hingegen, mit dem Renatus Zürcher bekannt geworden ist, bezog der Künstler gleich alle Bewohner der Mülhauserstrasse in Basel ein, in der er auch selbst temporär wohnte. Nachdem er in einem leerstehenden Bürotrakt den Bewohnern der Strasse die grundsätzliche Idee einer Überschreitung von privatem und öffentlichem Raum vermittelte, wurde für eine kurze Zeit die Mülhauserstrasse zu einer öffentlichen Fernseh- und Videostrasse. Renatus Zürcher, der vor seiner künstlerischen Ausbildung an der Schule für Gestaltung in Basel auch im ergotherapeutischen Bereich tätig war, greift in seiner Auseinandersetzung mit Gilbert Clavel neuerlich auf seine multidisziplinären Erfahrungen zurück.
Für die Ausstellung im Kunsthaus Baselland entstand eine filmische Installation Ein Institut für Selbstmord (2012), die direkt auf die gleichnamige Clavel Novelle zurückgreift und die Rauminstallation 3 Vievvs (2012). Ergänzt wird die Präsentation von älteren Arbeiten wie der Rauminstallation Tour:16/221 (2004) und Positano Peak (2007). Nebst direkten Clavel Bezügen in den einzelnen Arbeiten, ist die Ausstellung generell durch eine atmosphärische Gegenüberstellung mit Clavels Gedankenwelt charakterisiert, die sich über einzelne Raum- und Seherfahrungen manifestiert. Bereits der Abgang zur Ausstellung im Untergeschoss des Kunsthaus Baselland erinnert an den Abstieg in die Gänge, Korridore und an die Grotte im Torre Clavel, wie der Turm in Positano u.a. genannt wird. Empfangen wird der Besucher von einem Foto, welches die Bucht von Positano mit dem Turm zeigt, bei welchem «die Wellen und die Luft — im Clavelschen Sinne — zum Stillstand gebracht wurden» (R. Zürcher). Der Film Ein Institut für Selbstmord mit seinen 4 x ca. achtminütigen Kapiteln kann mit einer visuell umgesetzten Traumnovelle verglichen werden. Wie im Eingangszitat geschildert, läuft diese rückwärts und erinnert dabei an einen rückwärts abgespulten Film, der wiederum bestimmte Zustände bzw. Geschehnisse widerspiegelt. Jedes der einzelnen Filmkapitel widmet sich einer der drei von Clavel beschriebenen Selbstmordarten, die vierte wiederum vereint alle drei in einer. Für Gilbert Clavel ist der Tod nicht der Abbruch des Lebens, sondern vielmehr eine Passage, die in eine metamorphotische Umwandlung mündet. Sinnbild dieser Transformation ist der davon fliegende Vogel. Die Grotte im Film ist am Ende leer. Der Erzähler, Darsteller, der Mensch (Clavel?) ist weg, übergegangen in eine nächste metamorphotische Existenz?
Die Installation 3 Vievvs wiederum bezieht sich auf drei Lebensarten, die den Todesarten gegenübergestellt werden. Zum Ausdruck gebracht werden diese durch Videoarbeiten, die unterschiedliche Bewegungsmodelle aufgreifen — Fahren, Gehen und Sitzen. Auch in Tour 16/221 steht das Thema Bewegung im Fokus der Arbeit. Die tonlose Videoarbeit zeigt einen Radfahrer, dessen perfekte Runde die 16. war. Diese 221 mal hintereinander geschnittene, perfekte Runde visualisiert nach längerer Betrachtung so etwas wie einen entkörperlichten Zustand, der in seiner Trancehaftigkeit an die Traumnovellenschilderung Clavels erinnert. Der vermeintlich unendliche Loop könnte als Sinnbild des unendlichen Metamorphosierens gelesen werden: ein perfekter körperlicher Zustand nach dem anderen, gepaart mit Verwandlungen auf einer geistigen Ebene? Auch Positano Peak kann als eine Art Sinnbild für das Abdriften gelesen werden. Die auf den Kopf gestellten Bilder schildern eine touristische Momentaufnahme Positanos, wo riesige Autobusse Touristen fassen und wieder ausspucken. Im verkehrt herum gezeigten Zustand wird ein realer Moment zu einem abstrakten, dem nur noch in einer Grundemotionalität nachgespürt werden kann. Auch hier tut sich ein Clavelscher Moment auf, der in einem seiner zentralen Sätze — «Leben ist Traum im Kreise der Zeit» — manifest werden könnte.<
Text von Sabine Schaschl