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Sie ist 27, lebt in London und gilt als das grösste Ding der Popwelt. Was ihr Monstervideo «M3LL155X» beweist. Ach ja, sie ist auch die Verlobte von Robert Pattinson. Das ist schwierig.
Im Herbst 2014 brach die Welt der FKA Twigs in zwei Hälften. Da waren ihre Fans und alle Popkritiker dieses Planeten, die sie in den Himmel lobten und liebten. Und da waren seine Fans, die sie runterzogen, die zu Hunderten twitterten, sie sein ein «Affe», eine «Negerhure». Die weissen Fans ihres weissen Freundes Robert Pattinson. Dessen «Twilight»-Filme sie selbst nie gesehen hatte. Dieselben «Twilight»-Rassisten hatten vor Jahren auch schon protestiert, als in den Filmen schwarze Schauspieler eingesetzt wurden. In den Romanvorlagen gibt es keine Schwarzen.
«Ich musste mich hinsetzten und mich mit mir selbst unterhalten», sagte FKA Twigs Anfang Jahr im «Guardian», «und mir sagen: Das ist etwas echt Entsetzliches. Nein, nicht entsetzlich, etwas unglaublich Herausforderndes. Aber dann ist die Frage: ‹Ist es dieser Mensch in meinem Leben wert?› Und er ist es, zweifellos. Im Vergleich zu meinem Glück und dazu, wie ich mich mit ihm fühle, ist er das zu hundert Prozent wert.» Die Paparazzi, den Boulevard, die Rassisten.
Als Kind in der britischen 10'000-Seelen Stadt Tewkesbury weinte FKA Twigs – die damals noch Tahliah Debrett Barnett hiess – wenn sie in den Spiegel schaute. Weil sie das einzige nichtweisse Mädchen war. Alle andern sahen irgendwie aus wie Britney Spears. Ihre Mutter ist eine spanisch-britische Tänzerin, ihr biologischer Vater ein jamaikanischer Tänzer, den sie allerdings erst kennen lernte, als sie 18 war. Die Mutter und der Stiefvater hatten kein Geld, sie selbst war eine kluge Schülerin und ergatterte Stipendien. Schliesslich ging sie nach London und absolvierte eine Ausbildung. Als Tänzerin.
In London machte sie vier Jobs gleichzeitig – Tanzlehrerin für Kinder, Nachtclub-Kellnerin, Background-Tänzerin in Videos von Kylie Minogue und Jesse J. und Hochzeitssängerin. «Es war schrecklich, Bräute sind ein Alptraum», sagt sie heute, vielleicht will sie deshalb – gerüchtehalber – auch auf keinen Fall eine weisse Hochzeit mit ihrem Verlobten, sondern bloss eine kleine Party in einem Pub.
FKA Twigs ist ein zähes, fragiles Gesamtkunstwerk. Ein Blendwerk aus einer hohen, feinen Stimme, elektronischer Musik, R'n'B und den scharfkantig gefrorenen Tränen des Triphop. Und aus Videos, die bei aller (getanzten) Erotik derart erhaben kunstsinnig und prachtvoll kostümiert, derart meta-meta sind, dass sie darüber an der letzten Art Basel Miami Beach reden musste. Denn sie ist nicht nur Sängerin und Hauptdarstellerin, sondern auch Regisseurin.
Schon einmal hatte England so ein prominentes, avantgardistisches Zweiglein, Twiggy, das Supermodel der Endsechziger. Jetzt ist es die Frau, deren Gelenke beim Aufwärmen knacken sollen wie Zweige. Daher das «Twigs». Das FKA fügte sie hinzu, nachdem sich «The Twigs» – die Band der amerikanischen Zwillingsschwestern Laura und Linda Good – beschwert hatte. Eigentlich wollte sie sich AFK Twigs nennen, «aber dann sagte jemand, das heisse ‹Away From Keyboard›.» Jetzt ist sie eben «Formerly Known As» Twigs.
FKA Twigs sei die neue Björk. Die neue Kate Bush. Der neue David Bowie. Der neue Prince. Die neue Lady Gaga. Die neue Beyoncé. Schrieb die britische und amerikanische Musikpresse in den letzten Monaten. Kurz: das neue Gross. Das neue Riesengross.
Aktuell hat die neue Riesin der Musikszene eines der längsten Videos der Musikgeschichte geliefert: «M3LL155X» – übersetzt «Mellissa». 16 Minuten Gnade für Aug und Ohr. 16 Minuten Himmel, Hölle und das Twilight dazwischen. Geburt, Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt. Frauensachen halt. Ein bisschen klingt FKA Twigs wie Tori Amos zu ihren besten Erdmutter-Göttinnen-Zeiten, wenn sie über «M3LL155X» redet. Darüber, dass das Album Mellissa heisse, weil es eine Ode an die Weiblichkeit sein solle, weil Frauen doch zu so krassen Dingen fähig seien wie eben Schwangerschaft und Geburt.
Der Look, in dem dies umgesetzt wird, hat zum Glück gar nichts mit Mutterkuchen-Mystik zu tun. Auch wenn die Kostüme – eine Mischung zwischen Kleopatra, Bourlesque-Show und Hiphop – ihr «Bekenntnis zum Heidentum» darstellen sollen, so ist doch alles sehr übercool beziehungsweise unterkühlt. Très vogue. Wie einst Madonna. Nur enorm viel spektakulärer getanzt.
Zu Beginn («Figure 8» – die Acht ist die Zahl, nach der alle Vogue-Bewegungen organisiert sind) sehen wir eine alte Frau mit Goldzähnen und dem Lichthaken eines Anglerfisches vor dem Gesicht. Es ist Michèle Lamy, die Frau und Muse des Designers Rick Owens und Ex-Protegé des Philosophen Gilles Deleuze.
Aus ihrem Mund wird eine Lichtblase mit einer zusammengeknüllten Gummipuppe fliegen. Die Puppe ist FKA Twigs, sie bläst sich auf («I'm Your Doll»), ein weisser Mann schwängert sie. Ein schwarzer sieht später zu, wie sie Regenbogenfarben gebiert («In Time»). Zuerst in flüssiger, dann in textiler Form. In einem Wald tanzen Männer mit den bunten Tüchern («Glass and Patron»), FKA Twigs regiert als silberne Queen. So ungefähr. Und so surreal.
Die EP «M3LL155X» ist noch um zweieinhalb Minuten länger als das Video in vier ineinander verschlungenen Tracks. «Mothercreep» heisst das drohende Nachversprechen («I'll be there, so-ooon», singt sie), die Nachgeburt.
Als Regisseurin hat FKA Twigs ein Gespür für das entsetzlich Beklemmende, für die latente Nähe von Monstern und Desastern, für abstrakte Formen der Apokalypse. Wahrscheinlich ist sie auch noch der neue David Lynch.
Und immer – in der Musik, in den Bewegungen, in den Bildern –, ist da ein kaum wahrnehmbares Stottern, winzige Pausen. Bloss für die Künstlerin selbst sind sie immer, immer gefüllt. Sie leidet schon seit Jahren unter einem Tinnitus. Wo wir in eine Falle aus Stille fallen, hört sie ein feines Pfeifen. Es treibt sie zurück in die Action. Und manchmal fast in den Wahnsinn.