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von Klaus Umbricht
Aus meinem Freundeskreis habe ich den Hinweis auf einen Artikel erhalten, der am 10. August 2013 in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschien – «Ein Stück Singapur zum Sonderpreis» von Marco Kauffmann. Er beschreibt ein gemeinsames wirtschaftliches Entwicklungsprojekt von Malaysia und Singapur, die Sonderwirtschaftszone Iskandar. Sie liegt in der Provinz Johor, an der Südgrenze von Peninsular Malaysia, gleich gegenüber von Singapur. Mit 2200 km2 ist Iskandar etwa dreimal so gross wie ganz Singapur. In dieser Zone soll in grossem Stil Industrie angesiedelt werden, die im kleinen Stadtstaat Singapur keinen Boden mehr findet. Auch die tieferen Löhne in Malaysia sollen Anziehungspunkt sein. Und auch eine neue Stadt – Nusabaya – von 3 Millionen Einwohnern ist geplant, mit aller nötigen Infrastruktur, Schulen, Universität und Annehmlichkeiten, die eine moderne Stadt benötigt. Auch die beiden sehr gewichtigen staatlichen Investment-Fonds Khazanah Nasional (Malaysia) und Temasek Holdings (Singapur) machen grosse Investitionen in das Projekt Iskandar.
Der Artikel über das Projekt Iskandar hat mich, insbesondere auch wegen der Eskalation um Syrien, zu einigen Gedanken angeregt, die ich nachfolgend beitragen möchte.
Wie in dem «NZZ»-Artikel beschrieben wird, handelt es sich bei der Sonderwirtschaftszone Iskandar um ein wirtschaftliches Entwicklungsprojekt von riesigen Dimensionen. Singapur, ein Stadtstaat, ist ausserordentlich knapp an Boden. Nachdem schon in den letzten 50 Jahren mit dem Projekt Housing Development Board HDB dieses Problem in Singapur selbst mit ausserordentlicher Klugheit gehandhabt wurde, wird nun offenbar ein neuer, sehr weitsichtiger und grosser Schritt in dieselbe Richtung getan. Und beide Länder, Malaysia und Singapur, gehen einen grossen Schritt weiter in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, die schon in den letzten Jahrzehnten mehr als beeindruckend war.
Was noch dazukommt in diesem Kontext – mit grossem Echo in den lokalen Medien, aber ohne Notiz im Westen: Im Februar 2013 unterzeichneten Malaysia und Singapur ein Abkommen zum Bau einer Hochgeschwindigkeits-Bahnlinie zwischen Kuala Lumpur und Singapur, den beiden Hauptstädten. Diese Linie wird auch die Stadt Johor Bahru, das Zentrum des Projektes Iskandar, einbinden.
Es wird zum Schluss des oben erwähnten Artikels die Frage aufgeworfen, ob dieses Megaprojekt nicht eine Spur zu gross geraten sei.
Der Autor dieser Zeilen hatte im Januar 1994 im bitterkalten Shanghai die Gelegenheit, ein Gipsmodell zu besichtigen, das die geplante Entwicklung von Pudong aufzeigte. Pudong ist ein grosser, zentraler Bezirk der chinesischen Grossstadt Shanghai, südlich des Yangtse-River gelegen. Wir alle drei (zwei Schweizer und ein malaysischer Chinese, Pang Shun Pen) staunten mit offenem Mund vor dem Modell und konnten uns einfach nicht vorstellen, dass so etwas möglich sei. Es überstieg alles Vorstellbare. «Die leiden doch an Grössenwahn», das war unsere Konklusion. Aber es brauchte keine 15 Jahre, um das Ganze zu realisieren, sogar noch grösser, als ursprünglich geplant. Wer hätte das gedacht? Sie haben uns eines Besseren belehrt!
Die Singapureaner, zu 80 % chinesisch-stämmig, sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie die Shanghai-Chinesen. Die gewaltige wirtschaftliche Entwicklung der letzten 50 Jahre ist mehr als genug Beweis dafür. Deshalb habe ich keine Zweifel, dass auch das Projekt Iskandar zu einem grossen Erfolg werden wird. Es ist einfach unglaublich, mit welcher Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit und Weitsicht diese Nationen ihre Entwicklung vorantreiben.
Und so stellt sich für uns die Frage: Was können wir im Westen daraus lernen?
Zuerst einmal beeindruckt einfach die Tatsache, dass offenbar eine rationale, weitsichtige, tatkräftige Wirtschaftspolitik möglich ist – die dann auch zum Erfolg führt.
Im Gegensatz dazu haben die USA und die EU ihre Völker in den letzten 15 Jahren in ein wirtschaftliches Desaster geführt. Beträchtliche Teile der grandiosen, bankrotten EU sind eigentlich zu Armenhäusern verkommen. Und dabei zittern immer alle Menschen in irrationaler Panik vor dem Moloch Finanzmärkte, der uns noch ganz in den Abgrund stürzen wird, wenn er auch nur leicht den Schnupfen bekommt. Dabei sind diese Finanzmärkte doch von Menschenhand geschaffen, keineswegs ein unabänderliches Phänomen wie etwa der Himalaya oder die Schwerkraft. Der Mensch müsste diese Finanzmärkte doch ändern können, wenn sie nicht zu seinem Wohle sind.
Offenbar geht es auch anders, Südostasien (dazu zähle ich auch China) zeigt es uns. Haben Sie von einer asiatischen Grossbank gehört, die in der Finanzkrise gerettet werden musste? Sicher nicht, es gibt sie nämlich nicht. In Südostasien lässt man sich nicht von diesem menschengemachten Moloch terrorisieren. Wir alle und insbesondere unsere Führung sollten von diesen Erfolgen lernen und den Westen auch wieder zu echter Prosperität führen – zum Wohle aller, nicht nur der Finanzindustrie.
Südostasien hat seine ganze gewaltige Entwicklung der letzten 50 Jahre gemacht, ohne Krieg zu führen. Auch unter schwierigsten Umständen wie 1965 beim Austritt Singapurs aus der Malaysischen Föderation wurde ein Weg zur friedlichen Lösung der Probleme gefunden.
Unter der Führung der USA hingegen führt der Westen seit Jahrzehnten immer irgendwo einen Krieg oder ist zumindest darin verwickelt. Gerade eben wird der Westen in Syrien wieder in einen Krieg hinein gelogen, wie schon in Irak und Afghanistan. Der wirtschaftliche und moralische Preis, den wir dafür bezahlen, ist gewaltig. Aber noch viel verheerender ist dieses Desaster für die Menschen in den betroffenen Ländern.
Es sollte unser wichtigstes und dringendstes Ziel sein, so wie in Südostasien die Probleme dieser Welt in Frieden zu lösen. Es ist mir bewusst, dass dies bei vielen nur ein zynisches Lächeln auslösen wird. Aber wohin kommen wir, wenn wir dieses Ziel aufgeben? Und es wäre durchaus möglich, so auch jetzt in Syrien.
Über das friedliche Zusammenleben hinaus zeigt das Projekt Iskandar, wie viel möglich ist, wenn unabhängige Nationen auch noch echt zusammenarbeiten.
Im «NZZ»-Artikel wird erwähnt, dass die Beziehungen zwischen Malaysia und Singapur seit 1965 immer wieder von hartnäckigen Tiefs begleitet waren. Meinem beschränkten Wissen nach ist dies stark übertrieben. Es war schon so, dass sich die malaysischen Bumiputra und die singaporeanischen Chinesen mit ihren grundverschiedenen Mentalitäten immer mal wieder kräftig auf die Nerven gingen. Es gab natürlich auch wirtschaftliche Divergenzen. Aber die Ebene des Dialogs wurde nie verlassen. Und es blieb immer so viel positive Kraft in der Beziehung, dass grosse gemeinsame Projekte wie Iskandar oder die Hochgeschwindigkeits-Bahnlinie Kuala Lumpur–Singapur möglich waren und sind.
Wenn wir da an das unsägliche Theater denken, das sich zwischen Deutschland und der Schweiz abspielt wegen dem Flughafen Kloten, dann müssen wir uns schämen. Das Prügeln der Schweiz ist ja ohnehin gross in (Wahlkampf-)Mode gekommen. Was gäbe es da nicht alles zu lernen von Singapur und Malaysia.
Es wird für uns im christlich-abendländischen Kulturkreis überlebenswichtig werden, dass wir uns ganz bewusst werden, dass es auch anders gehen könnte und gehen muss. Friedliches Zusammenleben der Völker ist möglich, und rationale, vernünftig geplante wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit hin zu Prosperität auch. Unsere gegenwärtige westliche Politik indes bringt vor allem grosses Leid.
Bei solch grossen wirtschaftlichen Entwicklungsprojekten stellen wir Europäer sofort und zu Recht die Frage: Und wo bleibt da die Umwelt?
Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie gut das Projekt Iskandar in Sachen Umwelt-Verträglichkeit geplant ist. Eines allerdings habe ich auf meinen vielen Reisen nach Südostasien gelernt: Die Regierungen sind sich dieses Problems sehr bewusst – viel mehr, als in den tendenziösen westlichen Medien dargestellt wird. Und sie unternehmen auch gewaltige Anstrengungen, um dieses Problem zu lösen. Insbesondere Singapur ist in dieser Hinsicht wohl ein Vorbild. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass dem Aspekt der Umwelt auch im Projekt Iskandar die nötige Sorge getragen wird.
Einen kritischen Aspekt möchte ich noch aufbringen, der indes in westlichen Medien gar nicht erwähnt wird.
Bei meinem letzten Aufenthalt in Singapur im Februar 2013 traf ich meinen lieben alten Freund Pang Shun Pen zum Nachtessen. Pang ist ein Malaie chinesischer Abstammung, aus armen Verhältnissen, der seit 2006 in Singapur lebt. Er ist in Singapur ein angesehener Mann, mit guten Kontakten zur Regierung. Vor Jahren arbeitete ich viel mit ihm zusammen.
Wir sprachen über die Entwicklung Singapurs und die daraus entstehenden Probleme. Pang wies dabei auf zwei Aspekte hin: Die überbordende Kommerzialisierung und, verknüpft damit, die «High-Performance-Society».
Diese überbordende Kommerzialisierung machte auch auf mich einen bedrückenden Eindruck: In Singapur (wie auch in Shanghai, Hongkong und den anderen Grossstädten Südostasiens) scheint das Leben nur noch aus dem Streben nach Ferrari-Sportwagen, Louis-Vuitton-Handtaschen und Armani-Kleidern zu bestehen. Konsum über alles, alles möglichst cool, alles möglichst grell, alles möglichst teuer. In diesem hektischen Trubel scheint der Mensch sich selbst zu verlieren und zu einer Puppe des Konsums und des Kommerzes zu verkommen.
Pang wies auch auf die Tendenz hin, dass in Singapur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht, eine «High-Performance-Society», wie er es nennt:
«High-Perfomers and Loosers» – diejenigen, die Hochleistung bringen, und diejenigen, die auf der Strecke bleiben. Bisher habe sich die Regierung nur um die High-Performers gekümmert, um die Entwicklung voranzutreiben. Schulen, Universitäten, einfach alles wurde auf dieses Ziel hin getrimmt. Diejenigen, die diese Kurve nicht kriegten, wurden vergessen.
Pang selbst (er ist ein reicher Unternehmer) arbeitet einen Tag pro Woche in einem wohltätigen Projekt, das sich um Verlierer kümmert. Von denen gäbe es immer mehr.
Auf meine besorgte Frage hin meinte Pang, er sei gleichwohl optimistisch. In langen Gesprächen mit hohen Regierungsbeamten habe er den Eindruck gewonnen, dass sie sich dieses Problems bewusst werden und gewillt seien, eine Kurskorrektur zu machen. Auch insgesamt steige in der Gesellschaft das Bewusstsein für dieses gravierende Problem.
Es ist sehr zu hoffen, dass Pang Shun Pen recht behält. Und auch, dass die Menschen dort lernen, dass ein Supersportwagen nicht unbedingt das Höchste aller Dinge sein muss.
Seit Jahrtausenden ist das imperialistische Machtstreben die grösste Geissel der Menschheit. Das ist auch heute so, vor allem von seiten der USA. Die schrecklichen Konsequenzen erleben wir gerade wieder.
Möge die Klugheit der südostasiatischen Führer gross genug sein, dass sie, trotz allem Erfolg, dieser schrecklichen seelischen Seuche widerstehen können. •
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