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Die Bündner Regierung hat sich am Mittwoch an einem Gedenkanlass in Chur bei den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen entschuldigt. Die Worte des Bedauerns über Geschehenes sprach Regierungsrat Jon Domenic Parolini.
Die Bündner Regierung anerkenne, dass den Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen Unrecht geschehen sei, sagte Regierungsrat Jon Domenic Parolini und fuhr fort: Im Namen der Regierung bitte er um Entschuldigung für das Leid, das Betroffene erfahren hätten.
Tränen in den Augen
Etwa 100 Personen beteiligten sich am stimmigen und musikalisch begleiteten Anlass oberhalb von Chur. Einige Betroffene hatten Tränen in den Augen.
Der Kanton Graubünden nahm bei den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die bis in die 1980er-Jahre andauerten, eine Pionierrolle ein. Als einer der ersten Kantone verfügte er mit «Realta» in Cazis über eine Anstalt für «arbeitsscheue» oder «liederliche Personen».
Zudem war Graubünden das Land der Kinderheime, die kaum von den Behörden beaufsichtigt wurden. Bei den Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen schneide Graubünden im Vergleich mit anderen Kantonen weder besonders gut noch besonders schlecht ab, sagte Tanja Rietmann von der Universität Bern. Sie ist Hauptautorin der wissenschaftlichen Aufarbeitung über die Geschehnisse in Graubünden.
Wie viele Personen Opfer der Zwangsmassnahmen in Graubünden wurden, konnte nicht klar eruiert werden. Schätzungen gehen von mehreren Tausend Fällen aus.
«Schattenkinder» melden sich
Am Gedenkanlass zu Wort kamen auch Betroffene, stellvertretend für die «Schattenkinder», wie es hiess. Dankesworte für die Entschuldigung wurden ausgesprochen. «Spät, aber nicht zu spät kommt die Entschuldigung», sagte ein Redner, der anfügte, dass auch Vertreter des Bauernstandes zugegen sein müssten: «Die Bauern zogen den grössten Nutzen aus den billigen Arbeitskräften.»
Beklemmend anzuhören waren die Ausführungen einer Betroffenen, die bis zu ihrem 14. Lebensjahr insgesamt 35 Mal umplatziert worden war. Als mahnendes Zeichen für das geschehene Unrecht wurde ein Nussbaum am Rande des Churer Fürstenwaldes gepflanzt. Er soll, zusammen mit einer Sitzbank und einem Brunnen, an das Geschehene erinnern.
Vor Graubünden hatten sich andere Kantone für das unrühmliche Kapitel in der jüngeren Schweizer Geschichte entschuldigt. Den Anfang machte Bundesrätin Simonetta Sommaruga im April 2013 an einem Gedenkanlass in Bern. Die Justizministerin entschuldigte sich namens der Landesregierung.
Die ehemalige Bundesrätin Eveline Wider-Schlumpf entschuldigte sich 2010. Damals ging es in erster Linie um Personen, die ohne Gerichtsurteil sogenannt «administrativ versorgt» wurden.