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Ungleichheit macht krank, und zwar nicht nur das Individuum, sondern am Ende die gesamte Gesellschaft. Und Wirtschaftswachstum bietet keine Lösung – denn es macht nicht glücklicher.
Die Erkenntnis klingt erst mal altbacken und banal: Gleichheit ist gut für eine Gesellschaft. Der Wirtschaftshistoriker Richard Wilkinson und die Epidemiologin Kate Pickett haben dieser Erkenntnis in der empirischen Studie «Gleichheit ist Glück» jedoch ein (wissenschaftliches) Fundament verliehen, das viele Ansatzpunkte und Anregungen für die laufende Debatte um die zunehmend auseinanderklaffende Einkommensschere liefert.
Die beiden britischen ForscherInnen stützen sich in dem Buch auf umfangreiches Datenmaterial aus insgesamt 21 Industrieländern (darunter auch aus der Schweiz), das sie in übersichtlichen Diagrammen zusammenfassen, welche Zusammenhänge zwischen der Einkommensungleichheit und verschiedenen sozialen und gesundheitlichen Problemfeldern aufzeigen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Ob es um die seelische Gesundheit, die Lebenserwartung, den Drogenkonsum, die Fettleibigkeit, die schulischen Leistungen, die Mordrate oder Schwangerschaften im Kindesalter geht, die «ungleichen Staaten», in denen die soziale Kluft ausgeprägt ist, stehen wesentlich schlechter da. Konkret heisst das: Länder wie die USA und Britannien, aber auch Portugal, weisen weit grössere soziale Probleme auf als Japan oder die skandinavischen Staaten. Die Schweiz belegt wie auch Deutschland einen Platz in der Mitte.
Die Diagramme liefern mitunter erstaunliche Erkenntnisse. So recyceln etwa Gesellschaften mit grösserer Ungleichheit einen geringeren Anteil ihres Abfalls. Auf der anderen Seite leisten Länder mit höherer Gleichheit weit höhere Entwicklungshilfe. Die von der Uno geforderten 0,7 Prozent des nationalen Bruttoeinkommens erbringen jedenfalls nur Norwegen, Schweden, Dänemark und die Niederlande.
Mehr Stress – auch für Reiche
Eine wichtige Erkenntnis der Studie von Wilkinson und Picket ist, dass uns Einkommensunterschiede innerhalb der eigenen Gesellschaft weit stärker betreffen als unterschiedliche Durchschnittseinkommen im internationalen Vergleich. Für die Gesundheit, das Glücklichsein und andere Aspekte des Wohlergehens ist die Höhe des Durchschnittseinkommens weit weniger entscheidend als die Ungleichheit. Dieser Aspekt unterscheidet die reichen Industrienationen von ärmeren Ländern, wo die wirtschaftliche Prosperität nach wie vor ein sehr wichtiger Faktor für die Befindlichkeit der Menschen ist.
Fast noch wichtiger ist die Feststellung, dass nicht nur die arme Bevölkerung von der Ungleichheit und den daraus resultierenden Problemen betroffen ist, sondern auch die Mittelschicht und selbst die Reichen. «Auf lange Sicht wird es einem durchschnittlichen Mittelklassekind in Skandinavien oder Japan in jedem Fall besser gehen als in den USA und in Grossbritannien. Dieses Kind wird eher nicht drogenabhängig, es wird eher nicht Opfer eines Verbrechens, und es hat auch viel bessere Chancen, in der Schule besser abzuschneiden», hat Wilkinson in einem Interview mit der «Zeit» erklärt. Weshalb aber sollten auch die Reichen an einer ungleichen Gesellschaft leiden? Die beiden ForscherInnen erklären, dass in einer ungleichen Gesellschaft die soziale Hierarchie stärker ausgeprägt sei. Die soziale Distanz zwischen den Menschen sei grösser, folglich ist der Aufstieg mühsamer und das Obenbleiben anstrengender. Der Stress, den das verursache, sei entsprechend grösser. Umgekehrt misst man sich in einer Gesellschaft, in der die sozialen Differenzen und Statusunterschiede kleiner sind, weniger.
Im «Zeit»-Interview nimmt Wilkinson übrigens auch Stellung zum aktuell kontrovers diskutierten Thema der Zuwanderung. Er sagt: «Schweden und die USA haben in etwa einen gleich grossen Anteil von Bürgern, die im Ausland geboren sind. Zahllose Studien haben festgestellt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem ethnischen Mix einer Gesellschaft und dem Grad der Ungleichheit gibt.»
Gefordert ist die Politik
Die Erkenntnis aus der Lektüre von «Gleichheit ist Glück» ist nicht zuletzt eine Absage an den Wachstumswahn der politischen und wirtschaftlichen Eliten in den Industrienationen. «Wirtschaftliches Wachstum (wird) in naher Zukunft kaum noch Vorteile bringen», schreiben Wilkinson und Picket – jedenfalls nicht für die Gesundheit, das Glücklichsein, das Wohlergehen, und schon gar nicht für das soziale Gefüge der Gesellschaft.
Die beiden AutorInnen begreifen Gleichheit als langfristiges und vor allem politisches Projekt. Sie plädieren für eine Umverteilung – über Steuern und die Lohnpolitik, vor allem aber fordern sie mehr wirtschaftliche Demokratie. Im letzten Teil des Buches zählen sie eine ganze Reihe von alternativen, genossenschaftlichen Unternehmensformen auf, die Erfolg haben, ohne dem Wachstumswahn zu verfallen: kommunale Kraftwerke in den USA, britische Bau- und Kreditvereine, die weltgrösste Genossenschaft Mondragón siehe WOZ Nr. 12/09 aus dem Baskenland.
Vielleicht liegt es am leisen, nüchternen und nie fordernden Tonfall, mit dem Wilkinson und Picket ihre Erkenntnisse und Analysen zusammentragen, dass ihre Studie – gerade in der Schweiz – keine hohen Wellen geschlagen hat. Vielleicht liegt es auch am Begriff selbst: Gleichheit. Beide – Studie und Begriff – hätten auf jeden Fall mehr Beachtung verdient.