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access_time veröffentlicht 09.12.2016
Die Illusion des Rationalen in violentem Verhalten: Realität ist nicht messbar!
Emanuel Escard, Unité interdisciplinaire de médecine et prévention de la violence, Hôpitaux universitaires de Genève, Genf
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Die Illusion des Rationalen in violentem Verhalten: Realität ist nicht messbar!
09.12.2016
«Je mehr die Vernunft die Überhand gewinnt, desto mehr geht die Realität verloren» Leo Schestow. Die Gesellschaft verlangt von der Psychiatrie in zunehmendem Masse Abhilfe für persönliches Leid auf der einen und Lösungen für zivilisatorische Missstände auf der anderen Seite.
Die heute in der Psychiatrie vorherrschende Logik ist in einer Art «übergeordneten Sprache» mit angeblich universell geltender Kategorisierung formuliert, in einem von der Statistik zerlegten Gesundheitswesen, das es mit Blick auf bevölkerungsspezifische, finanzielle und sicherheitstechnische Interessen des Individuums vom Kollektiv zu verwalten gilt.
Neueste Empfehlungen verweisen daher darauf, dass die klinische Untersuchung allein (auch wenn sie vertieft wurde) nicht ausreicht, um violentes Verhalten, dessen Gefährlichkeit und eine Rückfallgefahr einschätzen zu können. Der Arzt ist aufgerufen, eine ganze Reihe von Tests anzuwenden, um das Verhalten seiner Patienten einschätzen und – ausgehend von relativ häufigen Risikofaktoren – ein kriminologisches Täterprofil erstellen zu können. Sobald die Tests wissenschaftlich bestätigt wurden, sagen sie die Wahrheit, auf die sich die Justiz stützen kann...
«Wissenschaftliche Rationalität konfrontiert mit erkenntnistheoretischen Hindernissen»
Die Mehrzahl der im komplexen Spitalalltag agierenden Ärzte weiss sehr wohl, dass die Bezifferung von Symptomen, Verhaltensweisen und Risikofaktoren sehr begrenzt ist und nicht ausreicht, um ihre Patienten und deren Verhalten zu beurteilen. Die Illusion liegt nicht in der rationalen Wahrnehmung, die nur sich selbst dient, sondern im Urteil, das aus ihr erwächst. Die wissenschaftliche Rationalität ist konfrontiert mit externen und internen erkenntnistheoretischen Hindernissen.
Auf der Subjektebene betrachten wir uns als freie, verantwortliche Wesen, die von sich und von der Aussenwelt Zeugnis abzulegen vermögen. Dieses Vermögen wird in Frage gestellt, denn das Subjekt ist zahlreichen Bestimmungen und Systemen unterworfen, über die es keine Kontrolle hat. Der Zugang zur Bewusstheit des Subjekts erfolgt über die Sprache, die Singuläres nur banalisieren kann. Ausserdem wird das Subjekt zu grossen Teilen von seiner Vorgeschichte bestimmt, von seiner Beziehung zu anderen, seine Verbindung zum Bewusstsein und zur Gesellschaft des Menschen, zu einem ethisch geprägten Leben voller Sensibilität und Affektivität. Subjektives Handeln steht als Dialektik zwischen Zukunft und Vergangenheit, wobei letztere sich unaufhörlich anhand laufender Projekte neu ausrichtet.
Das grundlegende Paradigma dieser Bewertungsansätze basiert auf dem allzu häufig in Vergessenheit geratenen Postulat vom «hypothetisch rationalen Menschen», einem Menschen, der frei ist in der Wahl seiner auf Renditemaximierung und Glück ausgerichteten Handlungen. Dieser Mensch wird fälschlicherweise charakterisiert anhand eines von Widersprüchen befreiten Wissens, anhand von Erklärungsmodellen, die nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip funktionieren und wahrgenommene Problemursachen negieren, anhand einer klaren Kenntnis der Konsequenzen seines Handelns für die Gesundheit etc… Es versteht sich von selbst, dass wir uns kaum in dieser Hypothese wiederfinden. Sie wird der deutlich komplexeren klinischen Realität nicht gerecht.
Selbst die neuropsychologischen Experten erkennen an, dass unsere Entscheide – darunter insbesondere Gruppenentscheide – weitgehend von der Irrationalität bestimmt werden. Bestimmte irrationale Entscheide lassen sich durch die zur Welt der Emotionen bestehende Interferenz erklären. Dies gilt auch, wenn wir müde sind, Hunger haben oder unter Schlafentzug leiden...
Edgard Morin fasste diese Problematik treffend zusammen, d. h. die Notwendigkeit, ständig interdisziplinär von komplexen Problemen Kenntnis haben zu müssen, Unwägbarkeiten begegnen zu können und das Unerwartete in die Welt unserer Erfahrungen aufzunehmen.
Die Meinung der Gastrautorinnen und -autoren muss nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.