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Hafens, teils auch wegen des berühmten Heiligtums. So geht Aschines von Athen [* 2] über Delos nach Rhodos, Cicero von Athen über Syra und Delos nach Samos und Ephesos. [* 3] Im Mithridatischen Kriege blieben die Delier den Römern treu, ernteten aber übeln Lohn; denn die Insel wurde 88 v. Chr. durch die Feldherren des Mithridates völlig verwüstet. Sulla eroberte sie zwar 87 wieder und versuchte die alte Blüte [* 4] wiederherzustellen, jedoch ward Delos durch die während der Bürgerkriege stark gewordenen Piraten Vielfach geplündert; 69 wurden durch Athenodoros ihre Heiligtümer zerstört, ihre Einwohner in die Sklaverei geführt.
Seitdem war es mit Delos, welches in sich keinerlei Hilfsquellen hatte, vorbei. Von da an teilt Delos das Geschick aller griechischen Ruinenstätten im Mittelalter: seine Bauten bildeten einen unerschöpflichen Steinbruch für die bevölkerten Nachbarinseln, seine Statuen wurden verschleppt oder zu Kalk verbrannt, soweit sie nicht allmählich die schützende Decke [* 5] des Trümmerschutts verdeckte und dadurch erhielt. Die Wiederaufdeckung der Reste des Altertums ist das Verdienst der Franzosen, welche hier unter Leitung des französischen archäologischen Instituts zu Athen von 1873 bis 1889 fortgesetzt gegraben und über die Resultate in ihrer Zeitschrift »Bulletin de correspondance hellénique« berichtet haben. Die Ausbeute war groß:
ca. 60 Gebäude, eine große Anzahl von Statuen von den ältesten Zeiten der griechischen Kunst an bis zu den spätesten, eine ganz besonders große Anzahl (über 2000) von Inschriften, darunter mit die größten, welche existieren (Schatzverzeichnisse von Tempeln). Endlich gelang es auch, den Situationsplan des ganzen Heiligtums zu rekonstruieren und ein Bild voll fast verwirrender Mannigfaltigkeit der Tempel, [* 6] Säulenhallen, Altäre, Vorratshäuser (Thesauren), Fußgestelle von Weihgeschenken etc. zu gewinnen (s. Plan).
Unter den Statuen steht in erster Linie eine ganze Reihe altertümlicher Skulpturen; voran die Marmorstatue der Naxierin Nikandra. Sie sieht aus wie ein runder, noch dazu abgedrehter Baumstamm, in den die Falten des Gewandes als senkrechte, Linien eingraviert sind (7. oder 6. Jahrh.). Solcher säulenartiger Gestalten wurden mehrere entdeckt. Ihnen zur Seite stehen die brettartigen Figuren, wie aus einer dicken, vierkantigen Bohle herausgearbeitet, aber so, daß der Eindruck des flachen Brettes bleibt. Das hervorragendste Denkmal dieser ältesten Kunst ist die Nike [* 7] des Archermos, mit der ältesten bekannten griechischen Künstlerinschrift. Wer dabei an die herrlichen Siegesgöttinnen von der Nikebalustrade von Athen denkt, wird sich arg enttäuscht finden. Die [* 1] Figur des Archermos soll eine
[* 1] ^[Abb.: Plan der Ausgrabungen auf Delos, nach H. P. Nénot (im »Guide Joanne«).] ¶
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fliegende Göttin darstellen, doch reicht das technische Können noch nicht aus. Wir sehen eine langbekleidete weibliche Gestalt mit Flügeln auf dem Rücken und an den Schultern, die auf den ersten Anblick auf dem linken Knie zu ruhen scheint; doch ist damit nur die energische Bewegung eines eilenden Laufes gemeint. Das Antlitz zeigt das grinsende Lächeln, mit welchem die älteste griechische Kunst die Gesichter zu beleben suchte. Diese Nike wird ins Ende des 7. oder in den Anfang des 6. vorchristlichen Jahrhunderts gehören. Endlich ist eine ganze Reihe von lebensgroßen, stehenden weiblichen Figuren der entwickeltern archaischen Kunst vorhanden, wahrscheinlich alte Priesterinnen, in lang herabhängenden Gewändern und auf der rechten Schulter gehefteten, unter der linken Achsel durchgezogenen Mänteln mit zierlich gefälteltem Überschlag; die Linke hebt das Gewand etwas empor, die Rechte ist vorgestreckt. Zwei altertümliche, streng stilisierte Reiterfiguren reihen sich an. Das Bedeutendste von alter Kunst sind die beiden großen, am Boden liegenden Trümmer des marmornen Apollonkolosses, welchen laut der noch erhaltenen Inschrift aus dem 6. Jahrh. die Naxier geweiht hatten. Die noch an Ort nnd Stelle befindliche Basis ist 5,18 m lang und 3,50 m breit. Die schönste der in Delos gefundenen Statuen gehört etwa der Zeit der pergamenischen Kunst an und erinnert an die Gallierstatuen, [* 9] deren berühmteste, der sterbende Gallier, jetzt im kapitolinischen Museum zu Rom [* 10] steht. Auch die delische Statue, leider nicht ganz erhalten (Kopf und linker Arm fehlen), stellte einen zusammengesunkenen Krieger dar; er stützt sich auf das rechte Knie, der erhobene linke Arm hielt den Schild [* 11] empor, um sich gegen einen nicht dargestellten Gegner zu decken (jetzt in Athen). Ebenfalls zu Athen aufgestellt sind zwei plastische, gewaltsam bewegte Gruppen, welche auf der Spitze der Giebeldreiecke eines Tempels als Bekrönungen angebracht waren und, einander entsprechend, den Raub der Oreithyia durch Boreas und den Raub des Kephalos durch Eos [* 12] darstellen. Es sind jedesmal vier Figuren, der Räuber in der Mitte hält die Geraubte hoch in die Höhe (der Krönung des Giebels entsprechend), nach beiden Seiten fliehen je eine Begleiterin. Die Gruppen sind außerordentlich kühn komponiert und ausgeführt und erinnern dadurch an die herabschwebende Nike des Paionios aus Olympia. Die delischen Gruppen gehören wahrscheinlich an das Ende des 5. Jahrh. v. Chr.
Die Bauten lagen innerhalb eines rings von einer Mauer umschlossenen heiligen Bezirks (s. den Plan auf S. 175), ähnlich der Altis von Olympia, in unmittelbarer Nähe des Meeresufers, so daß man von dem langen, wohlgemauerten Hafenkai sofort in den geweihten Bezirk eintrat. Lange Hallen umgaben auch hier das Innere des weiten Hofes, säulengeschmückte Thorbauten führten hinein. Das vornehmste Gebäude war der Tempel des Hauptgottes, des Apollon. [* 13] Es war ein dorischer Peripteros, dessen Dimensionen etwa denen des Theseions von Athen nahekommen; er stand des unebenen Terrains wegen auf einer gemauerten Terrasse. Der dreistufige Unterbau ist 29,50 m lang und 13,55 m breit, die Stufen sind aus parischem Marmor. Er trägt eine ringsumlaufende dorische Säulenhalle von je 6 Säulen [* 14] in der Fronte, je 13 an den Seiten. Ihre Höhe betrug 5,20 m, bei einem Basisdurchmesser von 0,95 m. Die Kannelierung [* 15] der Säulen ist nur angefangen. Die Cella war innen 11,50 m lang und 5,60 m breit; vorn und hinten war je eine zweisäulige Vorhalle vorgelegt. Die Details
sind sorgfältig ausgeführt. Der Bau fällt wahrscheinlich in den Anfang des 4. Jahrh. Außerdem verzeichnet der französische Plan der Ausgrabungen an Tempeln noch einen des Dionysos, [* 16] einen alten und einen neuen der Artemis [* 17] und mehrere bei dem Mangel der schriftlichen Überlieferung für uns namenlose. Beide Artemisheiligtümer liegen an der Westseite des heiligen Bezirks, innerhalb eines besondern, von Mauer u. Säulenhallen umgebenen großen Hofes, ganz nahe am Meere.
Unter den großen Hallen, welche zu Festversammlungen dienten, ist besonders die sogen. Stierhalle an der Ostseite, der Landseite, zu bemerken. Sie ist 67,20 m lang und 8,86 m breit. Außerdem ist noch eine große Anzahl andrer bis jetzt noch nicht genau bestimmbarer Bauwerke gefunden worden. Zwischen all den Bauwerken stehen zahlreiche Postamente, wohl auch Altäre. Die Statuen, die sich früher darauf befanden, sind zum allergrößten Teile geraubt. Eine zusammenfassende Publikation über Delos in topographischer, baugeschichtlicher und künstlerischen Beziehung existiert noch nicht. Über die Statuenfunde hat Furtwängler in der »Archäologischen Zeitung« von 1882 berichtet, über die politischen und sakralen Verhältnisse vgl. V. v. Schöffer, De Deli insulae rebus (Berl. 1889).