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In der monatlich am Neumarkt stattfindenden Gesprächsreihe lädt Charles Linsmayer (im Bild, © Corinne Stoll) wechselnde Gäste ins Neumarkt ein, um über grosse Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts zu sprechen. Diese dritte Spielzeit-Durchführung steht unter dem Motto «Tot, aber lebendiger denn je …».
Kommende Veranstaltungen:
Charles Linsmayer im Gespräch mit Charles Lewinsky über Jeremias Gotthelf (26.11.2019)
«Gotterbarm» sollte er heissen, der Aussenseiter, den Albert Bitzius im «Bauernspiegel» erzählen liess, wie er Verdingbub, Söldner und Siechenhäusler war, ehe er eine Art Erwachsenenbildner wurde. Auf Anraten von Freunden schwächte Bitzius «Gotterbarm» zu «Gotthelf» ab, und dieser Name schlug dann dermassen ein, dass er nie mehr davon loskam und selbst die Spätwerke, die in zorniger Aufwallung den Fortschritt und den modernen Zeitgeist verdammten, noch unter dem Pseudonym des revolutionären Erstlings von 1837 erscheinen liess. Für die Thunerseespiele 2011 hat Charles Lewinsky «Die Käserei in der Vehfreude» als Musical adaptiert und dabei die Turbulenzen um die Käsegemeinde mit der Liebesgeschichte von Felix und Änneli verwoben. Dass Lewinsky diesen Roman für «eines der besten Bücher der Schweizer Literatur», und einen anderen, «Anne Bäbi Jowäger», für «einen der tollsten psychologischen Romane überhaupt» hält, wundert nicht, stellt der Verfasser von meisterlichen Romanen wie «Melnitz» oder «Gerron» Jeremias Gotthelf doch ohne Abstrich auf eine Ebene mit Balzac und Dickens.
Charles Linsmayer im Gespräch mit Peter Bichsel über Jörg Steiner (28.1.2020)
1967 lasen an der Schweizer Buchausstellung in Stockholm Peter Bichsel und Jörg Steiner aus ihren Werken. 2012 begeisterten sie, wie eine Zeitung berichtete, «das Publikum mit ihrem frischen Auftritt im Schloss Schwarzenburg». Am 28. Januar 2013, acht Tage nach dem Tod des 83-Jährigen, verriet Bichsel in seiner Kolumne, wie er 30 Jahre lang jeden Donnerstag zu Steiner nach Biel gefahren war: «Wir tranken Rotwein und freuten uns, zusammenzusein.» Seit er 1962 mit «Strafarbeit» in den Kreis um Otto F. Walter und Peter Bichsel getreten war und mit diesen und anderen zusammen die «zweite Schweizer Moderne» nach Frisch und Dürrenmatt begründet hatte, zeichnete Jörg Steiner sich in Büchern wie «Das Netz zerreissen», «Der Kollege» oder «Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch» dadurch aus, dass er das Abgründige, ja Anarchische unaufdringlich in Geschichten zu verbergen wusste, die bei aller Fiktionalität und aller lakonischen Reduktion einer eigentlichen, unbedingten Wahrheit verpflichtet sind.
Charles Linsmayer im Gespräch mit Adolf Muschg über Fritz Zorn (25.2.2020)
«Ich bin jung und reich und gebildet, und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.» So begann «Mars», der Bestseller, den der Kindler-Verlag 1977, kurz nach dem Tod des Verfassers, publizierte. Zorn war ein Pseudonym, der Autor hiess Fritz Angst, war 1944 in Meilen geboren und hatte als Mittelschullehrer in Zürich gelebt. Er sah im Krebs, an dem er starb, eine von Umwelt und Erziehung verschuldete psychosomatische Krankheit und in seinem Text eine Abrechnung mit der Goldküstengesellschaft, der er entstammte. Als das Manuskript Adolf Muschg, damals Literaturprofessor an der ETH, zu Gesicht kam, befürwortete er, ohne den Autor zu kennen, die Publikation. Zorn führe sich, so schrieb Muschg im Vorwort, «nicht allein als Person, sondern als Muster» vor und analysiere seine Kindheit «als Fallstudie eines sozialen Milieus». «Mars» avancierte zum Kultbuch der Jugendbewegung von 1980 und – im gleichen Jahr wie Susan Sontags «Krankheit als Metapher» erschienen – zu einem nach wie vor virulenten Referenztext für den Zusammenhang von Politik, Gesellschaft und Krankheit.
Charles Linsmayer im Gespräch mit Bernhard Echte über Robert Walser (24.3.2020)
1876 in Biel geboren, 1956 nach Jahren in der psychiatrischen Klinik in Herisau gestorben, publizierte Robert Walser zu Lebzeiten nebst Aufsätzen und Feuilletons in vielen Zeitungen die Romane «Fritz Kochers Aufsätze», «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob Gunten». In der Meinung, die Menschen seien zu weit von ihm entfernt, um ihn noch verstehen zu können, schrieb er seit den 1920er-Jahren den Grossteil seiner Texte und Gedichte in einer winzigen Schrift mit Bleistift auf unzählige Zettel. Diese sogenannten Mikrogramme entzifferten von 1985 bis 2000 Bernhard Echte und Werner Morlang und edierten sie in sechs Bänden. Bernhard Echte, 1958 in Ludwigshafen geboren, bis 2006 Geschäftsführer des Robert-Walser-Archivs und heute Leiter des Nimbus-Verlags in Wädenswil, hat sich auch unabhängig von der Arbeit an den Mikrogrammen um Walser verdient gemacht. Unter anderem legte er 2008 eine epochale Walser-Biografie in Bildern vor und war 2018 Mitherausgeber von Walsers Briefen in der zur Zeit entstehenden «Berner Werkausgabe».
Vergangene Veranstaltungen:
Charles Linsmayer im Gespräch mit Peter Stamm und Hannes Binder über die Heidi-Schöpferin Johanna Spyri (24.9.2019)
In «Heidi» liess die Zürcher Stadtschreiber-Gattin Johanna Spyri 1880 ihre Sehnsucht nach einer heilen Welt spürbar werden. Und wer sich die vor nichts zurückschreckenden Bemühungen vor Augen führt, Heidi als Touristenattraktion zu vermarkten, wird mit Erleichterung das Buch zur Hand nehmen, in dem der Schriftsteller Peter Stamm und der Künstler Hannes Binder 2008 die Heidi-Geschichte neu erzählt haben. Sie haben jene Geschichte auf zwanzig nüchtern-ungekünstelte Textseiten und eine Bilderfolge in Binders unvergleichlicher, für einmal farbig kolorierter Schabkarton-Technik reduziert, die alles Kitschige und Sentimentale vermeidet. Im Gespräch mit den beiden wird es spannend sein zu erfahren, wie sie zu Johanna Spyri stehen, wie weit sie sich deren Anliegen noch verpflichtet fühlten und was sie ihrer Kinderbuchfigur zwischen Heidi-Musical, Heidi-Dörfchen und Heidi-Käse noch an Authentischem, Vorbildhaften oder vielleicht sogar Aktuell-Zeitgemässem zutrauen.
Charles Linsmayer im Gespräch mit Thomas Hürlimann über Gottfried Keller (25.10.2019)
Zürich feiert 2019 den 200. Geburtstag von Gottfried Keller, der vierzehn Jahre lang erster Staatsschreiber des Kantons Zürich war und ein monumentales literarisches Werk hinterliess. Thomas Hürlimann, seit der Erzählung «Die Tessinerin» von 1981 nicht nur als Dramatiker, sondern auch als Erzähler eine der wesentlichen Stimmen seiner Generation, ist immer wieder auf Keller zu sprechen gekommen, am schönsten vielleicht 2009 in «Dämmerschoppen», der Erzählung über die Feier von Kellers 70. Geburtstag auf dem Bürgenstock. 2019 hat er zusammen mit Adolf Muschg den Gottfried-Keller-Preis erhalten und verantwortet ein Keller-Lesebuch, mit dem er brillant belegt, dass der Verfasser des «Grünen Heinrich» ebenso wenig aus Berlin nach Hause gekommen ist wie der Protagonist seines eigenen, 2018 erschienenen Romans «Heimkehr».