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Juliane Kästner: Du spieltest kürzlich eine Hauptrolle in dem Theaterstück „Hate“, einer „Quer-Core Love-Story“, in der es darum ging, sich gegen den „Imperialismus einer hetero-normativen Gesellschaft“ zu erheben. Was bedeutete es dir, in diesem Stück die „Ice Queen“ darzustellen?
Milky Diamond: Seit ich ein kleiner Junge war, bewunderte ich starke Frauen. Frauen, die unabhängig aber auch rachsüchtig sind, wie Cruella de Vil oder die Figur von Madison Lee in Charlie’s Angels. Als mich der Regisseur Dominik Locher für das Stück anfragte, erzählte ich ihm von meiner Fantasie. Davon, dass ich eine starke weibliche Person darstellen möchte, die aufgrund ihrer persönlichen Lebensgeschichte zu einem hartherzigen Menschen wurde. Für mich war es die Erfüllung eines Kindertraums, diese Rolle spielen zu dürfen.
Welche Reaktionen wolltet Ihr beim Publikum auslösen?
Wir wollten uns als Community sichtbar machen. Gleichzeitig wollten wir darstellen, wie eine Minderheit innerhalb einer Minderheit herabgesetzt wird. Wir wollten vor allem aber auch ein Stück machen, von dem die Menschen denken: „Das habe ich geliebt.“ oder „Das habe ich gehasst.“ Und dies aus den verschiedensten Gründen. Ein Stück, mit dem sie sich emotional auseinandersetzen und in welchem sie sich mit einer Figur oder einer Situation identifizieren können.
Du bist nicht nur Theaterdarsteller, sondern auch Drag Queen, eine Persönlichkeit des Zürcher Nachtlebens. Wie sah dein Weg zu dir als Drag Queen aus?
Ich war ein kleiner, dicker Junge auf dem Land. Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich unbedingt berühmt werden. Ich wollte ein Star sein. Ich habe gesehen, wie Lady Gaga von „Zero to Hero“ berühmt wurde, von einem Look, den erst alle ignorierten hin zu etwas Speziellem, etwas Kreativem. Ich zeichnete, wie ich aussehen würde, wenn ich berühmt wäre. Und dann fing ich an, mein Haar schwarz-blond zu färben, Make-Up zu tragen und mich in einem glamourösen und gleichzeitig „trashy“ Look zu kleiden. Ich gab mir den Namen „Milky Diamond“.
Wie hat dein Umfeld darauf reagiert?
In meinem Job als Coiffure fanden es alle Frauen um mich herum einfach toll. Zu denjenigen unter meinen Freunden und in meiner Familie, die es nicht toll fanden, sagte ich einfach: „I don’t need you. You are not welcome in my world.“ Und so handhabe ich das heute noch, wenn Personen gegen mich oder gegen den Weg, den ich gehe, sind. „I just cut the bitch off.“ Ich lief wie ein Mädchen herum, nicht weil ich Transgender bin, sondern weil ich es einfach so wollte und alle anderen als langweilig empfand.
Als ich 20 Jahre alt wurde, habe ich aufgehört, so im Alltag aufzutreten und habe es auf das Nachtleben verschoben. Ich liess meine Lippen für meinen femininen Look aufspritzen und begann, in Klubs als Host und als Drag Queen zu arbeiten. Ich habe „straight-line“ das verfolgt, was ich mir vor zehn Jahren vorgenommen hatte. Ich wollte meinen Lebensunterhalt damit verdienen, „being famous and the toast of the town“. Und ich glaube, dass ich das in meinem kleinen Universum geschafft habe.
Wie ist es für dich, Drag Queen zu sein? Was stellt dies für dich in deinem Leben dar?
Als Drag werde ich zur besten, liebenswertesten und schönsten Version, die ich als Mensch sein kann. Ich fühle mich dann unglaublich „empowered“, schön und selbstbewusst. Ich fühle mich auch sonst selbstbewusst, aber dann einfach noch stärker. Ich stelle etwas dar, von dem andere denken: „Das könnte auch ich sein. Ich könnte auch so stark und selbstbewusst auf dieser Bühne stehen.“ Ich habe in den Klubs oft erlebt, dass junge Männer auf mich zukamen und mir von ihren „coming-out“-Problemen erzählten. Ich hätte vorher nie gedacht, dass ich anderen Menschen durch meine Auftritte Kraft geben kann, aus sich herauszukommen und ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Das macht mich unglaublich glücklich.
Ist es dir eigentlich lieber, in der weiblichen Form angesprochen zu werden?
Das ist mir egal. Ich habe viele Freunde, die in der männlichen Form mit mir sprechen, auch, wenn ich gerade als Drag gekleidet bin. Ich sage, dass die Form richtig ist, die du automatisch wählst. Wenn du mich als Drag siehst, mich als Mann kennst und mich als „er“ ansprichst: „Go for it“. Wenn du findest, dass die Illusion toll ist, dann nenn mich „sie“.
Ich spreche andere Drag Queens immer als „sie“ und mit ihrem Drag-Namen an, auch wenn sie mit mir als Männer unterwegs sind. Andere Drags wiederum möchten das getrennt behandeln.
Was geht in dir vor, während du zu einer Drag Queen wirst, während du dich schminkst und ankleidest?
Für viele Drag Queens, mit denen ich zusammenarbeite, ist es wirklich ein Ritual, eine Transformation. Ihre Persönlichkeit verändert sich. Sie sprechen mit einer höheren Stimme, schlagen ihre Beine elegant übereinander und ändern ihre Attitüde.
Bei mir ist es nicht so, denn meine Wertvorstellungen, Hoffnungen und Träume ändern sich ja nicht durch das Tragen einer Perücke. Wenn ich mich vorbereite, ist es meist so, dass ich zu Beginn erst einmal ein Glas Wein trinke. Nach einer halben Stunde, wenn ich die Foundation habe, rauche ich eine Zigarette. Dann fange ich mit dem Augen-Make-Up an und rauche wieder eine Zigarette. Wo ist mein Martini? Das ist mein Ritual.
Deswegen dauert es auch vier Stunden…
(lacht lauthals) … ja. Es geht mir nichts Spezielles durch den Kopf. Ich weiss einfach: „I’m gonna look pretty.“
Geniesst du den Prozess?
Ich versuche, ihn so angenehm wie möglich für mich zu gestalten. Wenn ich die Foundation mache, sie nicht so aussieht, wie ich es mir vorstelle, versuche ich es weiter mit dem Eye-Liner. Und wenn der Effekt dann immer noch nicht wie gewünscht ist, denke ich: „Why?“. „Nein, ich lasse mir jetzt einige Minuten Zeit und versuche es dann noch einmal.“ Ich bin nicht gern gehetzt, habe gern meine Ruhe und bin dabei auch gern allein.
Ich war schon immer sehr beeindruckt davon, wie perfekt sich Drag Queens schminken. Wie hast du diese Fähigkeit erlernt?
Gelernt habe ich das, indem ich selbst viel probiert und geübt habe. In den letzten drei Jahren habe ich angefangen, Tutorials von anderen Drag Queens auf Youtube zu schauen. Ich schminke mich jedoch nicht in dieser übertriebenen Art, in der du zum Beispiel die Augenbrauen abdeckst. Das mag ich nicht, das bin nicht ich. Ich mag „natural beauty“, den Stil eines Mädchens, das sich für eine Gala schminkt. Elegant, mit den „Features“, die man bereits hat … (lacht) … oder hat machen lassen.
Und wie ist es mit den Kleidern, die du trägst? Wovon lässt du dich inspirieren?
Eine meiner grössten Inspirationen ist die Rapperin Brooke Candy. Sie hat meinen Drag-Stil stark beeinflusst durch ihren Kleidungsstil, ihren Schmuck, ihre Frisur. Mein Look ist „Trash Glam“, eine Mischung zwischen einer eleganten Dame und einem jungen Mann auf dem Strassenstrich.
Was ist der Anspruch an dich selbst, an deine Performance?
Dass ich jedes Mal besser bin als das vorhergehende Mal. Das ich mich immer steigere, in der Choreografie, der Musik, dem Make-Up oder dem Outfit. Ich habe so viele Shows gemacht, einfach, weil ich musste. Und jede Woche war wieder eine neue Show gefragt. Irgendwann bist du ausgebrannt und unkreativ und machst einfach irgendwie weiter. Und das ist nicht gut. Deshalb habe ich aufgehört, für Gay-Klubs zu arbeiten.
Singst du in deinen Shows eigentlich selbst?
Nein, ich mache alles lieber als selbst zu singen.
Warum?
Ich habe keine Singstimme. Dominik Locher wollte, dass ich in „Hate“ live singe. Ich sagte ihm: „Schätzli, wenn ich singe, rennen die Besucher mitten im Stück panisch aus dem Saal.“ Nein, das war keine Option. (lacht) Ich bediene mich gern anderer Elemente wie beispielsweise Intro- oder Background-Videos, die auf die Show abgestimmt sind, auf die Lyrics, auf die Outfits.
Du engagierst dich sehr für die LGBT-Community und warst einer der Moderatoren für das Forum „Let’s talk about Sex and Drugs – Zürich“. Was ist dir dabei wichtig und was möchtest du erreichen?
Während ich den Abend mit meiner Freundin, der Drag Queen „Vicky Goldfinger“, moderierte, spürte ich, dass dieser Event einer der wenigen der letzten fünf Jahre war, der mich unglaublich glücklich machte. Denn es geht um die Community, darum, dass Menschen frei von der Leber erzählen können, was sie bedrückt und was sie erlebt haben. Und alle die dort sind, verstehen das. Es gibt keine Vorurteile, ob das jetzt gegen Chemsex ist oder gegen Drogenkonsum. Wir haben uns einfach nur gegenseitig zugehört und uns Tipps gegeben. Ich bin sehr froh, dass wir ein solches Forum in Zürich anbieten können, das die Community wieder zusammenführt.
Hast du ein Schlusswort? Etwas, dass dir wichtig ist, noch zu sagen?
Das Thema „Ehe für alle“ liegt mir sehr am Herzen. Ich finde es wichtig, dass die Menschen der LGBTIQ+ Community wahrgenommen werden, als das, was sie sind: Menschen. Und dass wir die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen. Wir wollen keine Sonderrechte und haben auch keine Sonderwünsche. Es geht uns nur darum, dass wir gleich behandelt werden, wie jeder andere auch, der nicht zu dieser Community gehört. „We are all humans.“