Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/956

Eben zog ein heftiges Gewitter über Berns Norden hinweg. Die Himbeerstauden hängen schief in den dünnen Seilen und sehen kränklich aus. Vor dem Pfefferminzstrauch steht Valerio, vier Jahre alt, verrotzte Nase, luftige Locken, und denkt nach. Warum wächst die Minze in die Höhe statt in die Tiefe? «Dafür gibt es keinen Grund», sagt er schliesslich. So ganz befriedigend findet er die Antwort selbst nicht. Ungeduldig rammt er seine roten Gummistiefel in den Matsch.
Der Schrebergarten der Familie Ferraro wirkt neben den andern im Berner Rossfeldquartier wie ein bunter, abgenutzter Kuschelteppich mitten unter edlen Persern. Rüebli in Reih und Glied, gepflegte Beete, gestutzte Sträucher bei den Nachbarn, Gemütlichkeit und Chaos bei Ferraros. «Im Sommer gehen wir mindestens zweimal pro Woche zusammen in den Garten», sagt Sara, die Mutter. Der Garten lehre Zusammenhänge. «Emilio, mach doch mal eine kurze Führung.» Emilio, sechs und Schnellredner, schreitet die Beete ab wie ein General seine Truppe. Statt «Gewehr bei Fuss!» schreit er «Salbei!» oder «Patisson!» oder «Zucchetti!». Und dieses Loch? «Da möchte ich einen Teich machen.» Er schielt zur Mutter und flüstert: «Mami behauptet, das geht nicht, weil die Fische und Frösche von den Krähen gefressen werden.» Das stimme überhaupt nicht. Er trägt eine Theorie vor, die absolut einleuchtet: Krähen können nicht tauchen.
Emilio gehört zu den Menschen, die zu jedem Problem sofort die passende Theorie haben. «Die Pflanzen wachsen in den Himmel, weil sie das Sonnenlicht brauchen.» In die Erde können sie ja nicht. «Weil die Erde hart ist.» Mehr Möglichkeiten haben sie nicht. «Weil Pflanzen zwar Lebewesen sind, sich aber nicht bewegen können.» Emilio will Ingenieur werden. «Dann baue ich eine Rakete und entdecke das Weltall.» Bevor man andere Planeten erforsche, müsse man jedoch den eigenen sehr gut kennen.
Valerio kommt angerannt. «Es gibt eben Sachen, die brauchen keinen Grund.» Jetzt befriedigt ihn die Antwort, er läuft mit glücklichem Gesicht und krähenflügelweit ausgebreiteten Armen davon.