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Begnadeter Lehrer und phänomenaler Interpret
Als Pädagoge schuf er am Konservatorium Luzern eine «Isle joyeuse», als Interpret setzte er in seinen Konzerten verbindliche Massstäbe: Erinnerungen an den am 12. Juni 2010 verstorbenen Hubert Harry.
Geboren und aufgewachsen in der englischen Region Cumbria, seine Mutter war Sängerin, sein Vater Organist und Chorleiter, begann Hubert Harry schon im Alter von zweieinhalb Jahren Klavier zu spielen, und bereits als Vierjähriger präsentierte er Rachmaninows berühmtes Prélude cis-moll. Als Jugendlicher wurde Hubert in seiner englischen Heimat mit diversen wichtigen musikalischen Aufgaben betraut, bis er mit nur 19 Jahren in die Schweiz kam, um beim berühmten Pianisten Edwin Fischer zu studieren. Dieser führte eine Meisterklasse am Luzerner Konservatorium, das zu dieser Zeit erst seit vier Jahren bestand (gegründet 1942, während des Krieges, u. a. vom Luzerner Juristen und Musikkenner Walter Strebi). In Luzern resp. am Vierwaldstättersee in Weggis/Hertenstein durfte Hubert Harry damals noch Rachmaninows Witwe kennenlernen, was ihm als grossem Verehrer dieses Komponisten eine besondere Ehre und Freude war.
Pädagoge
Durch Harrys Leben in Luzern und Kontakt zum dortigen Konservatorium wurde er bereits wenige Jahre später selber Lehrer an diesem Institut, dem er jahrzehntelang beispiellos die Treue halten sollte. Zahllose Klavierstudierende (zu denen auch ich selber gehörte) gingen durch Harrys Schule, die im Laufe der Zeit immer weiter über Luzern hinaus auszustrahlen begann. In seiner Klasse fühlte man sich musikalisch und menschlich so sehr aufgehoben, dass man sich beim Verlassen dieser «Isle joyeuse» erst wieder im profanen übrigen Leben eingewöhnen musste. Auch seine Frau, Heidi Harry, ebenfalls treffliche Pianistin, leistete ihren wesentlichen pädagogischen Beitrag dazu, etwa durch die Betreuung der Methodikkurse. (Sie war u. a. auch Lehrerin der pianistisch ausgebildeten Bundesrätin Sommaruga.)
Interpret
Obwohl das Hauptgewicht von Hubert Harrys musikalischer Tätigkeit in der Pädagogik lag, gab es gelegentlich grosse Konzertanlässe, vorzugsweise in der Schweiz. Diese Konzerte wurden durch ihren Seltenheitswert zu besonderen Höhepunkten, ja oftmals Sternstunden. Glücklicherweise ist vieles davon in gelungenen Aufnahmen dokumentiert und zugänglich. Harrys Programme widmeten sich zur Hauptsache der grossen internationalen Konzertliteratur. Seine Interpretationen der vielgespielten Literatur haben aber den Vergleich mit (sogenannt) weltberühmten pianistischen Grössen nie scheuen müssen – eher das Gegenteil ist der Fall ... Mit einzelnen Darbietungen gelang es Harry, verbindliche Massstäbe zu setzen, die kaum mehr erreicht, geschweige denn übertroffen wurden.
Wirkung
Das hier Gesagte mag nun überraschen, wo doch Harrys Wirken eigentlich so eingeschränkt blieb und nie die verdiente umfassende Breitenwirkung erreichte – wohl auch, weil dies für Harry kein Anliegen war in seiner echten Demut und Hingabe an die Musik. Aber wahre grosse Kunst wird sehr häufig vorerst kaum als solche erkannt und erst posthum geschätzt (womit sich Harry freilich in guter Gesellschaft befindet). Ob Harrys verdienter Weltruhm, so er ihm denn wichtig wäre, noch eintrifft, wird sich weisen. Bei den heutigen technisch-digitalen Möglichkeiten wäre es denkbar. Bis dahin bleibt der immerhin wachsende Kreis seiner Gefolgschaft eine privilegierte Gemeinde von Eingeweihten.
Am Samstag, 4. Juli, 11 bis 16 Uhr, veranstaltet die Hochschule Luzern – Musik auf Dreilinden einen Anlass zum Abschied vom dortigen Ort, bevor sie ins neue Gebäude im Südpol Luzern/Kriens umzieht. Patrizio Mazzola wird zum Gedenken an Hubert Harry und Caspar Diethelm, die beide sehr lange an der Schule wirkten, entsprechende Werke spielen und kommentieren.