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Zwanzig Augenpaare richteten sich neugierig auf Lena. Sie spürte es ganz genau, doch sie liess sich nicht beirren. Sorgfältig hängte sie die mitgebrachten Plakate an die Wandtafel. Ein Passagierflugzeug, das durch die Lüfte gleitet. Eine Lokomotive auf dem Weg durch die Berge und das Bild eines Schokoladenturms aus dem Showroom einer Fabrik. «Guten Morgen, mein Name ist Lena Kronenberg, ich bin Redakteurin bei der Zeitschrift ‹alive›. Wisst ihr, was das bedeutet?» «Sie schreiben Geschichten», meinte eine blond gelockte kleine Lady aus der zweiten Reihe. Lena sah auf den Klassenspiegel, den Luzius Gessler ihr hingelegt hatte. «Richtig, Nathalie, ich schreibe Geschichten. Und im Moment bin ich gerade wieder auf der Suche nach einer.» «Wo suchen Sie die denn?» «Eigentlich überall, aber das macht viel Arbeit und darum wollte ich euch mal fragen, ob ihr mir helfen würdet?» Die Kinder sahen sie fragend an. «Ich versuch mal zu erklären, was ich genau suche.» Eifriges Nicken im ganzen Klassenzimmer. «Als ich in eurem Alter war, habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe: von der ‹Unendlichen Geschichte› bis ‹Hanni und Nanni›, von ‹Jim Knopf› bis ‹Räuber Hotzenplotz›. Und ich dachte: Eines Tages werde ich auch Bücher schreiben. Ich habe mir vorgestellt, dass ich dann nichts anderes mehr tun würde. Ich stehe am Morgen auf, mache mir einen Kaffee und setze mich in ein wunderschönes Büro, wo ich durch grosse Fenster in einen riesigen Garten sehen kann. Ich habe eine Schreibmaschine und dort sitze ich dann und tippe meine Geschichten. Mein Mann oder eine gute Freundin bringen mir mein Mittagessen, damit ich nicht abgelenkt bin. Ich habe schon ein halbes Buch geschrieben, bis sie kommen, aber ich bin gar nicht müde, weil ich gern schreibe. Dann habe ich mir überlegt, wie meine Bücher aussehen müssten und dass ich ganz viele im Haus haben müsste, damit ich jedem Gast eines mitgeben könnte. Das habe ich geträumt, aber jetzt möchte ich gerne wissen, was andere Menschen träumen.» «Und wir sollen diese Leute suchen?», fragte Nathalie. «Nein, ihr sollt mir erzählen, was ihr träumt, was ihr euch wünscht, was ihr schon immer mal machen wolltet. Wir werden jemanden suchen, der das als Beruf hat, damit ihr es ausprobieren könnt und denjenigen interviewt.» «Was heisst interviewen?», fragte ein Junge aus der hintersten Reihe. «Das heisst, man stellt jemandem ganz viele Fragen. Wenn du beispielsweise Pilot werden möchtest, dann besuchen wir zusammen einen. Du kannst ihn fragen, was er alles wissen muss, wie er das gelernt hat, wie das Fliegen ist und alles, was dir wichtig ist. Ich mache Notizen und schreibe dann die Geschichte.» «Und das geht nur mit Sachen, die wir werden wollen?» «Nein, das kann auch etwas sein, was ihr unbedingt ausprobieren wollt.» «Wie von einem Hochhaus springen?» «Warum willst du denn von einem Hochhaus springen?» Lena wäre sich am liebsten selbst über den Mund gefahren für ihre spontane Rückmeldung. Aber das Mädchen liess sich nicht aus dem Konzept bringen. «Das habe ich in einem Film gesehen. Und mein Vater hat gesagt, das sind spezielle Leute, die haben Techniken entwickelt, damit sie gefährliche Sachen machen können, ohne sich zu verletzen.» «Du möchtest einen Stuntman besuchen?» Nathalie nickte begeistert. «Das muss doch cool sein, durch die Luft zu fliegen, und alle haben Angst, nur du nicht, weil du weisst, wie die Technik funktioniert.» «Ich verstehe, was du meinst», Lena nickte. Ihr Stift flog über den Block, denn sie hatte längst angefangen, sich Notizen zu machen. «Genau solche Geschichten meine ich. Erzählt mir, was euch interessiert, was ihr unbedingt machen wollt, und gemeinsam werden wir sehen, wie wir das umsetzen könnten.»
Lena hatte den Satz kaum beendet, da schnellten die Hände in die Höhe. «Ich möchte in einem Leuchtturm leben.» «Spinnst du, jeden Tag die ganzen Treppen hochsteigen.» «Dafür kann ich aufs Meer sehen und bin ganz nah am Himmel.» «Ich möchte mit einem Helikopter durch die Berge fliegen.» «Warum mit einem Helikopter?» «Ich will landen können, wo ich will.» Manchmal stellte Lena Zwischenfragen, doch meist übernahmen das gleich die Klassenkameraden untereinander. «Ich möchte eine Woche bei ‹GZSZ› mitspielen.» «Warum nur eine Woche?» «Ich habe gehört, dass die ganz viel arbeiten, damit jeden Tag eine Folge fertig wird. Da bin ich nach einer Woche bestimmt mega müde.» «Ich möchte in der Schulküche kochen.» «Ein spannender Wunsch, was denkst du, wäre denn gut daran.» «Hast du schon mal gesehen, wie gross die Töpfe da sind? Da kann man rühren, ohne dass was rausfällt. Ausserdem gibt es dann nur zu essen, was ich gern hab.» Die Schulglocke beendete die angeregte Diskussion. «Ich danke euch für eure Hilfe. Ich nehme jetzt meine Notizen und recherchiere, wie wir die Ideen umsetzen können. Nächste Woche komme ich wieder und wir bereiten die Interviews vor.» Lena wollte ihren Block wegpacken, da fiel ihr Blick auf mehrere Hände. Gerührt verabschiedete sie sich von jedem einzelnen Kind. Luzius Gessler sah ihr lächelnd dabei zu. «Manchmal sind sie schon eine Rasselbande, aber das gehört bei Kindern einfach dazu», meinte er zu Lena. «Ja, das denke ich auch, ausserdem haben sie sich heute sehr aktiv beteiligt.» Das liegt daran, dass Sie gut vermittelt haben. Waren Sie mal Lehrerin?» «Nein, das wollte ich den Schülern immer ersparen. Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Geduld für den Job nicht reichen würde.» «Den Eindruck hatte ich ganz und gar nicht. Wenn der Journalismus Ihnen zu viel wird, können Sie ja immer noch umsatteln. Oder ich lade Sie jedes Jahr wieder ein, um über Ihren Beruf zu reden und den Kindern den Umgang mit Medien beizubringen.» «Klingt gut, dann bin ich Journalistin und Lehrerin. So, jetzt wird es Zeit für die Rückkehr an den Computer. Schliesslich erwarten die Kinder in der nächsten Woche erste Ergebnisse. Herr Gessler, ich danke für die gute Zusammenarbeit und wünsche eine gute Zeit bis nächste Woche.» «Bis nächste Woche.»
Bis Lena im Büro angekommen war, hatte sie sich im Kopf schon so eine Art Rangliste der Wünsche zurechtgelegt. Sie würde mit Carlos’ Idee anfangen. Einen Schulkoch zu finden, der sich einen Morgen oder zwei für den Jungen Zeit nahm, dürfte nicht allzu schwer sein. Dann würde sie sich um die Stuntman-Sache kümmern. Auch hier vermutete sie, müssten die Ansprechpartner leicht zu finden sein. Etwas komplizierter würde es wohl mit dem Leuchtturm. Dunkel erinnerte sie sich, dass in einer Fernsehdokumentation über Schottland eine Jugendherberge vorgekommen war, die in einem Leuchtturm untergebracht war. Da fehlte dann zwar der ritterliche Aspekt, von wegen man rettet die Schiffe der Sieben Weltmeere, aber man würde sehen.
«Na, waren Sie erfolgreich?» Lena brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wem die Stimme gehörte. Sie lächelte. «Ja, sogar sehr. Kinder sind einfach eine Inspiration.» «Und die Racker haben zugehört?» «So gut, dass der Lehrer mich gleich zur Entlastung dabehalten wollte.» «Das klingt vielversprechend. Haben Sie zu Mittag gegessen?» «Nein, und dazu wird es wohl heute auch nicht kommen.» «So viel Arbeit?» Jetzt drehte sich Lena um und sah ihm in die Augen: «Wenn ich jetzt Ja sage, lassen Sie mich dann weiterarbeiten?» «Nicht sofort, ich würde fragen, was Sie in Ihrem Sandwich wollen?» Oliver war die leichte Gereiztheit in Lenas Stimme nicht entgangen. Doch er liess sich nicht aus dem Konzept bringen. «Salami, Schinken oder Poulet. Kein Speck oder Fleischkäse.» Lena hatte ohne zu überlegen geantwortet. Sie spürte, wie genau Oliver sie betrachtete, und das machte sie verlegen. Ich kann hier keine Männergeschichten brauchen, dachte sie. Und wenn er sie nicht in Ruhe liess, würde sie ihm das leider erklären müssen. «Okay, dann bin ich mal weg», unterbrach Oliver Lenas Gedanken. «Einen schönen Tag wünsche ich», murmelte sie, bevor sie sich dem Bildschirm zuwandte.
Lena starrte auf ihr Pult. Sie kam gerade von der Besprechung mit Marcel Brugger zurück. Sie hatte ihn auf den neuesten Stand bringen wollen, was ihr Thema betraf, und nun lag es da: ein Salami-Sandwich. Jetzt hat der mich tatsächlich mit einem Mittagessen versorgt, obwohl ich total unfreundlich war, dachte sie beschämt. Ihr Magenknurren machte dem Nachdenken ein Ende. Als sie die Serviette in den Papierkorb warf, überlegte sie. Hoffentlich kommt er heute noch einmal vorbei, ich möchte ihm Danke sagen. Doch Oliver kam und kam nicht. Es ging gegen 17 Uhr, Lena wollte eigentlich Feierabend machen, doch sie wollte nicht gehen, bevor die Situation geklärt war. Sie wandte sich an Clara Schüppbach: «Frau Schüppbach, wo finde ich unseren Techniker Oliver?» «Warum? Hat Ihr PC den Geist aufgegeben? Oder haben Sie unerlaubte Software runtergeladen?» «Weder noch, er hat hier etwas vergessen.» «Oh, das wird er dann frühestens morgen kriegen, er hatte heute Nachmittag frei.» «Mist», fluchte Lena leise. «Wie bitte?» «Ich wollte sagen, herzlichen Dank für die Auskunft.» Lena legte den Hörer auf. Was sollte sie jetzt tun? Sie griff zu Papier und Stift. «Danke für das Sandwich. Einen schönen Tag wünscht Lena», malte sie auf das Papier und legte es auf die Tastatur. Das wird er sehen.