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Roger Federer gewinnt in Miami nicht nur seinen 101. Titel, sondern auch Gewissheit für Monate der Ungewissheit.
Roger Federer traf auf dem Weg zum vierten Titel in Miami nach 2005, 2006 und 2017 auf keinen seiner grössten Rivalen: Nicht auf Novak Djokovic, der in den Achtelfinals scheiterte. Und auch nicht auf Rafael Nadal, der am Sonntag in seiner Heimat Mallorca erstmals auf Sand trainierte. Gegner in Miami war der Amerikaner John Isner, immerhin der Titelverteidiger, der Herr der Asse. Doch gegen Federer war auch dessen schärfste Waffe stumpf. Mit einem 6:1, 6:4 sicherte sich Federer den 101. Titel, den 28. bei einem MastersTurnier, den ersten seit Schanghai 2017.
In Indian Wells hatte Federer zwar den Final erreicht, aber keinen Spieler aus den Top 20 bezwungen. Es war Wasser auf die Mühlen jener, die monierten, Federer sei seit Monaten den Nachweis schuldig geblieben, bei den grössten Turnieren noch der Grösste zu sein. Seit Wimbledon 2017 war es ihm (abgesehen von den ATP Finals) bei keinem Turnier mehr gelungen, mehr als einen Spieler aus den Top Ten zu bezwingen. Nun besiegte er in Miami zwar nicht Nadal und Djokovic, dafür aber mit Anderson und Isner zwei Spieler aus dem elitären Zirkel. Dazu die aufstrebenden Medwedew und Shapovalov.
Federer selber sagte, er habe schon in Australien, wo er in den Achtelfinals an Stefanos Tsitsipas gescheitert war, ein gutes Gefühl gehabt. «Aber ich wusste, dass ich eine Reaktion zeigen muss.» Es ist ihm eindrücklich gelungen: In Dubai gewann er seinen 100. Titel, in Indian Wells erreichte er den Final und nun triumphierte er in Miami. «Es freut mich, dass ich recht behalten habe. Dass ich mit meinem Gefühl richtig gelegen bin.» Er habe wenige Fragen an sein Spiel. «Es kommt wie von alleine.»
In der Weltrangliste verbessert sich Federer auf Platz 4, in der Jahreswertung übernimmt er sogar die Führung. Es sind Zahlen und Siege, die ihm keine Garantien geben. Aber sie geben ihm Gewissheit für die kommenden Monate der Ungewissheit. Denn Anfang Mail will Federer in Madrid erstmals seit drei Jahren wieder auf Sand antreten. Immerhin 11 seiner 101 Titel hat er auf der Unterlage gewonnen, auf der er gross geworden ist. Auf der er 2009 in Roland Garros seinen Karriere-Grand-Slam komplettiert hatte, wo er vier weitere Mal im Final stand, aber jeweils am elffachen Sieger Nadal gescheitert war.
Die Erinnerungen an die letzten Auftritte sind indes weniger schön. Drei Monate nach einem Meniskusriss im linken Knie spielte Federer 2016 in Monte Carlo und Rom. «Es fühlte sich schrecklich an.» Und «das wacklige Knie» so, als sei es nicht seines. Um Sandplätze machte er in der Folge einen grossen Bogen. Zu gross war die Angst vor Verletzungen. Zu gross die Belastung für die Gelenke.
Doch der Gedanke an eine Rückkehr liess ihn nie ganz los. Sand erinnere ihn an die Kindheit. Seine ersten Gehversuche im TC Ciba-Geigy in Allschwil, auf Plätzen, die es längst nicht mehr gibt. An den TC Old Boys Basel, am St. Galler-Ring 225, wo er Freundschaften fürs Leben schloss. Mit Marco Chiudinelli und Danny Schnyder. Und wo er auf seinen ersten Trainer, Peter Carter, traf. Er sagt: «Ob Sommer oder Winter, ich spielte immer auf Sand.»
Wer ihn heute über das Spiel auf Sand reden hört, könnte glauben, er entziehe dem grünen Rasen seine Liebe und verschenke sie an die rote Erde. Er schwärmt vom Winkelspiel. Davon, dass Sand an heissen Tagen so schnell sei wie ein Hartplatz. Von den tausend Möglichkeiten, einen Punkt zu gestalten. «Das macht es ungemein aufregend.» Im Vorjahr war die Rückkehr Koketterie, nun ist sie Gewissheit. Alleine dieser Umstand ist eine der Geschichten des Frühlings. Federer blickt ihm gelassen entgegen: Er hat nun die Gewissheit, dass er auch bei den grössten Turnieren noch der Grösste sein kann.