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Béatrice Stössel, 27.11.2020
Der finnische Weihnachtsmann, genannt Joulupukki hatte gerade seinen Rundgang durch die Werkstatt beendet. Alles lief wie am Schnürchen. Sein Projektleiter Rudolph, der mit der roten Nase, kümmerte sich um alles. „Wirklich, großartig, wie er sich ins Zeug legt“, stellte Joulupukki fest, setzte sich vor seine Hütte und blätterte die Zeitung durch. Gönnen Sie sich eine Auszeit, bevor der Rummel losgeht! Die Malediven erwarten Sie, stand in großen Lettern auf Seite eins. Das wäre doch was, überlegte er und strich sich über den Bart. Die Vorstellung in diesen trüben Tagen am Strand zu liegen, das Cocktailglas in der rechten und eine Zigarre in der linken Hand zu halten, liess ihn schmunzeln. Er eilte ins Büro, bestellte ein Flugticket und buchte im 5-Sterne Ressort eine Suite. Minuten später spuckte der Drucker seine Dokumente aus. Er eilte an Rudolph vorbei, der ihn gerade stoppen wollte. „Nicht jetzt“, raunzte er kurz angebunden und verschwand in seinem Zimmer. Der Koffer war schnell gepackt: Leinenhose, Hawaihemden, Sonnenbrille und etwas Unterwäsche reichte. Er legte eine Notiz auf den Tisch mit der Info: Ich bin dann mal weg!
Er spurtete durch den Wald, sprang im letzten Moment in den Zug zum Airport und stieg kurze Zeit später in den Flieger. Genüsslich liess er sich in den bequemen Sessel fallen und mit Delikatessen und einem schweren Bordeaux Grand Cru Classé verwöhnen. „Das Leben kann so schön sein“, grinste er vergnügt. Der Rotwein zeigte Wirkung. Schon bald schlief er tief und fest, während der Jet in Richtung Süden flog.
Der Aufsetzer der Maschine war heftig. Er riss die Augen auf. Wo war er? „Liebe Fluggäste, wir sind soeben auf den Malediven gelandet“, schallte es aus dem Lautsprecher. Die Türen wurden aufgerissen und die Touristen drängelten aus der Kabine. Er wartete ab, nahm als letzter Passagier seinen Handkoffer aus der Ablage und schritt kurz darauf an allen vorbei, die auf ihr Gepäck warteten. Er pfiff nach einem Taxi und fuhr los.
Das Hotel – ein Traum. Der Sandstrand, weisser als jeder Zuckerguss auf dem Weihnachtsgebäck. Er schmiss sich in den Liegestuhl mit dem Schild: Reserviert für Mr. Joulupukki, schnippte mit den Fingern und orderte beim heraneilenden Boy einen Caipirinha und eine Davidoff. Strandnixen patrouillierten vorbei und musterten ihn freundlich, wie er mit grosser Genugtuung feststellte. Oder grinsten sie? Er strich sich über den Bart, den er plötzlich unpassend fand.
Kurzentschlossen eilte er ins Beautycenter. „Alles ab “, befahl er und unterstrich mit Gesten, dass der Bart und alle Haare auf dem Kopf weg mussten. Der Friseur prüfte seine Scheren und begann mit der Rasur. Wie befreiend, freute sich der Nikolaus, und fuhr mit der Hand über den glattrasierten Schädel. „Very good“, versicherte er dem Kahlschläger. Der staunte ob der schneeweißen Haarpracht, die rund um den Stuhl am Boden lag. Zurück am Strand blinzelte er nun wesentlich kecker nach den Schönen in ihren knappen Bikinis. Und nach dem dritten Drink war er völlig losgelöst von allen Alltagssorgen. Genuss pur, so kurz vor der Hochsaison. Er gratulierte sich zu seinem Entschluss.
In der Weihnachtswerkstatt hatte Projektleiter Rudolph alle Hufe voll zu tun. Die Vorbereitungen erreichten ihren Höhepunkt. Die letzten Geschenke wurden bereitgestellt. Petrus schickte den Wetterbericht und teilte mit, wo überall Schnee lag und so den Zauber der Weihnachtsstimmung erhöhte. „Wo zum Kuckuck steckt nur der Joulupukki? Der sollte sich endlich um sein Gewand kümmern und vor allem die Fahrrouten studieren“, wieherte Rudolph. Mit GPS war der gute alte Schlitten nach wie vor nicht ausgerüstet!
„Wahrscheinlich macht er ein Nickerchen“, dachte er, „aber jetzt hat es sich ausgenickerlet.“ In dem Moment piepste sein Handy. Rudolph traute seinen Augen nicht! Der Joulupukki, kahlgeschoren ohne ein einziges Haar auf dem Kopf, flankiert von zwei Damen, in der rechten ein Glas mit dreifarbigem Drink und in der linken eine dicke Havanna. Darunter: Beste Grüsse von den Malediven! Zum Glück stand Rudolph auf vier Beinen sonst wäre er umgekippt. Als er aufschaute fiel sein Blick auf den Kalender: 6. Dezember!
Rudolph drückte den NOTFALL Knopf – Alarm im Weihnachtswichtel-Camp. Alle liessen die Arbeit fallen und versammelten sich in Windeseile vor der Werkstatt. Rudolph’s Befehle für diesen Krisenfall waren äußerst präzise: Der Schlitten wurde mit den Geschenken beladen. Der Nikolaussack auf den Fahrersitz gebunden, die Rentiere eingespanntund Rudolph höchst persönlich übernahm die Spitze. In Windeseile sausten sie durch die Lüfte, den Malediven entgegen.
Der Joulupukki tupfte sich gerade den Mund sauber. Das Abendessen mit der Quasselstrippe an seinem Tisch ermüdete ihn kolossal. Er suchte nach einer Möglichkeit ihr zu entkommen, als sein Blick am Kalender hängen blieb: 6. Dezember, las er. Der Weihnachtsmann wurde kreidebleich und die Dame schrie: „Schnell ein Arzt, dem Herrn geht es nicht gut.“ Nikolaustag und er war auf den Malediven! Er strich sich verwirrt über den kahlgeschorenen Schädel, sprang auf und wollte in die Hotellobby eilen, als er plötzlich den ach so vertrauten Klang der Glöckchen hörte.
Und als er zum Himmel schaute erkannte er ein rotes Licht das geradewegs auf ihn zusteuerte. Noch rechtzeitig sprang er zur Seite, als Rudolph mit dem Schlitten neben ihm im Puderzuckersand landete. „Jetzt aber dalli dalli“, rief Rudolph ihm zu. Der Weihnachtsmann schlüpfte in Windeseile in seinen Mantel, streifte die Kapuze über die Ohren und bestieg den Schlitten. Seine Tischdame stand staunend daneben, als der Joulupukki in die Leinen griff und mit einem: „Hey, los geht’s Jungs an die Arbeit“, davon fuhr. Und er gestand sich ein, dass der Advent für ihn nicht Rummel bedeutete, denn gab es etwas Schöneres als leuchtende Kinderaugen bei der Bescherung? Kein Sandstrand der Welt konnte dieses Glücksgefühl aufwiegen.