Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03569.jsonl.gz/2239

Ein in der aktuellen Schweizer Architektur nachhaltend wirkender Begriff entstammt der norditalienischen Architektur um 1970, entstanden in einem Kreis junger Mailänder Architekten: die Tendenza. Im Heft Import-Export erklärt die an der ETH Zürich forschende Architektin Irina Davidovici die Wechselwirkungen zwischen lokalen und internationalen Einflüssen auf die Architektur und wie mancherorts seitdem eine «neue Tendenz» ausgerufen wurde.
Hier als Zugabe Davidovicis Erklärung der Geburtsstunde und Karriere des Begriffs:
«Gelegentlich treffen Kritiker mit einem Begriff die Tonalität, welche die Besonderheit eines Bauschaffens beschreibt. Tendenza, ein Begriff von Massimo Scolari aus dem Jahr 1973, fasste kurz und klangvoll die komplexen Ideen einer Gruppe italienischer Nachkriegsarchitekten mit engen Verbindungen zu Casabella in Mailand und zur IUAV in Venedig sowie deren Hauptakteure Aldo Rossi, Carlo Aymonino und Giorgio Grassi zusammen. Dadurch entriss Scolari das Wort seiner allgemeinsprachlichen Verwendung. Tendenza war voller Inspiration, aber trotzdem auch als Instrument aufgeladen mit kultureller und historischer Besonderheit – als wären Tendenzen anderer Art plötzlich nicht mehr möglich. Gewisse Exklusivitätsansprüche waren sicherlich impliziert.
In den darauffolgenden Jahren, als der Begriff Tendenza übersetzt oder im Original übernommen wurde, um ähnliche Ansätze in der Architektur im Tessin, in Frankreich oder Spanien zu beschreiben, beklagte Francesco Dal Co öffentlich dessen «überstrapazierte Nutzung». Martin Steinmann verwendete Tendenzen 1975 in recht ambivalenter Weise, um damals die jüngsten Arbeiten einer (meist, aber nicht exklusiv) an der ETH ausgebildeten Gruppe von Architekten im Tessin zu beschreiben und erkannte damit den theoretischen Einfluss der italienischen Tendenza sowie durch die Pluralform auch die Heterogenität dieser Arbeiten an. (Der Unterschied war allerdings so fein und fast unmerklich, und so ist auch heute noch die Rede von einer Tessiner Tendenza.) Andere Kollektivbezeichnungen, wie Framptons «Tessiner Schule», erwiesen sich als noch verwirrender, da er implizierte, dass die Architekten in der Region, die dem Ansatz, den er herausgearbeitet hatte, alle am selben Institut ausgebildet worden waren.»
Mehr dazu im Heft Import–Export