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Reginald in Russia / The Chronicles of Clovis / Beasts and Super-Beasts / The Toys of Peace / The Square Egg.
Das sind einige der bekannteren Kurzgeschichten-Sammlungen von Hector Hugh Munro, der sich als Schriftsteller “Saki” nannte. “Saki” soll aus einem Gedicht eines alten indo-persischen Autors stammen, eine dort vorkommende Figur sein. So jedenfalls will es die Mehrheit der Forscher, so wollte es auch seine Schwester. Aber seine Schwester hat nach Munros Tod auch praktisch alle Briefe und Dokumente vernichtet. Ich gehöre jedenfalls zu jener Minderheit, die “Saki” als jenen südamerikanischen Affen indentifiziert, der auch in The Remoulding of Groby Lington eine Rolle spielt: Ein verspielter, aber durchaus bösartiger Vertreter der Primatengattung.
Nachdem Munro mit einer an The History of the Decline and Fall of the Roman Empire angelehnten Geschichte des Russischen Reichs keinen Erfolg hatte, ging er dazu über, unter dem Pseudonym “Saki” seine Kurzgeschichten zu veröffentlichen. Er verarbeitet darin seine Erfahrungen, die er als Kind unter der Erziehungsgewalt strenger, puritanischer Grossmütter und Tanten gemacht hat. (Auch er, wie Kipling, ein in den Kolonien Geborener, dem der Lebensstil im Mutterland so gar nicht zusagte.) So hält er in seinen Kurzgeschichten seiner edwardianischen Zeit einen Spiegel vor – keinen schmeichelhaften.
Man sagt ihm nach, von Oscar Wilde, Lewis Carroll und Rudyard Kipling beeinflusst zu sein und selber u.a. A. A. Milne und P. G. Wodehouse beeinflusst zu haben. Das mag in grösserem oder kleinerem Massstab seine Richtigkeit haben. Aber Lewis Caroll wie Milne oder Wodehouse sind, im Vergleich zu Saki, viel zu lieb und viel zu nett. Sakis Protagonisten sind grösstenteils Kinder oder Kind gebliebene Erwachsene, die den nicht Kind gebliebenen Erwachsenen Streiche spielen. Nur eben keine netten Streiche, sondern bösartige. Da stirbt auch schon mal jemand. Kipling ist, was die beiden gemeinsame Härte und Grausamkeit ihrer Welt betrifft, am ehesten als Einfluss geltend zu machen. Aber Kipling ist nicht so komisch. Die wiederkehrenden Charaktere Clovis und Reginald, zwei junge und reiche Nichtstuer, lassen zwar tatsächlich an Wilde denken. Ihnen ist, wie vielen Gestalten Wildes, einiges an Zynismus eigen. Aber Wildes Figuren sind Salon-Zyniker – Zyniker zur Erheiterung ihrer Umwelt. Sakis Zyniker sind wahrhaft menschenverachtend und sie amüsieren nur sich, dies aber auf Kosten ihrer Umwelt. (Jedenfalls innerhalb der Geschichten; natürlich amüsiert sich der Leser mit.) So bleibt als einziger Vergleichspunkt zwischen Wilde und Munro die ihnen gemeinsame Homosexualität – die Munro allerdings in einem England, wo das strafbar war, besser zu verstecken wusste. Denn Munro war so wenig naiv, wie die Kinder, die er darstellte.
Viele von Sakis Geschichten gehen auch in blanken Horror über. Werwölfe scheinen ein bisschen seine Obsession gewesen zu sein, jedenfalls kommen ein paar davon vor. Diese Vermischung von Humor und Horror habe ich nur ein einem andern Autor gefunden: dem 30 Jahre älteren, aber nur 2 Jahre vor Munro gestorbenen US-Amerikaner Ambrose Bierce. Ob die beiden von einander wussten?
Jedenfalls Pflichtlektüre für jeden, der schwarzen Humor und Zynismus in den Charakteren liebt. Beide.