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Fritz Gerber
Der Marsch als eigentliche Urform der Blasmusik verlor in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zusehends an Bedeutung. Das Aufführen von Originalkompositionen für Blasmusik und Arrangements von leichter Unterhaltungsmusik lösten nebst den Bearbeitungen von Orchesterwerken auch das Spielen von Märschen ab. Mit der Neuinstrumentierung der Militärspiele in den sechziger Jahren (in der Winter-Rekrutenschule 1961 wurde das erste Rekrutenspiel versuchsweise mit Querflöte , Holzklarinette, Saxophon, Waldhorn und Sousaphon besetzt), wurden auch an Konzerten der Militärspiele immer weniger Märsche aufgeführt. Der Marsch verlor zusehends an Bedeutung.
Dem Blasinstrumentmacher Karl Burri gefiel diese Entwicklung des Blasmusikwesens nicht. Der einzige Träger des Titels „Instrumentenmacher des Konservatoriums Bern“, 1985 mit dem „Kulturpreis des Kanton Bern“, 1988 mit dem „Stephan Jäggi Preis“ ausgezeichneten und mit der Blasinstrumentensammlung Zimmerwald weit über die Landesgrenze hinaus bekannten Kenner des Blasmusikwesens, gründete 1979 eine Musik, die sich ausschliesslich dem Spielen von Märschen widmet. Mit Armin Walther, einem Marschmusik Kenner mit einer Sammlung von Marschliteratur mit über dreitausend Titeln, war auch der musikalische Leiter bereits gefunden. Bläser fanden sich aus dem grossen Bekanntenkreis von Karl Burri ebenfalls ziemlich schnell. Es waren Kameraden aus dem Armeespiel, Blasmusikdirigenten denen die Zeit fehlte regelmässig in einem Verein mitzuspielen, Musikanten die in Formationen anderer Stilrichtung spielten, kurz: Bläser die sich freuten, die scheinbar zu Ende gehende Marschmusik-Kultur weiter zu pflegen. So fanden sich im November 1979 um fünfzig Bläser, davon an die 20 Blasmusikdirigenten zur ersten Probe in Zimmerwald zusammen. Wenn hier nur von Bläsern die Rede ist, sind selbstverständlich auch die Bläserinnen mit eingeschlossen. Von Anfang an spielten und spielen ebenfalls Frauen mit.
Über Strukturen und Statuten, Vorstand, Musikkommission und was ein Verein zum existieren in der Regel benötigt, wurde nicht gesprochen. Karl Burri war der Kopf und die Seele dieser zusammengewürfelten Bläserschaft, Armin Walther der musikalische Leiter und Administrator. Zu den Proben wurde per Postkarte eingeladen. Wer kommen konnte kam, wer anderweitig, zum Beispiel im eigenen Verein beschäftigt war, kam eben nicht. Es war von Anfang an die Devise: Es wird keine andere Musikformation konkurrenziert
Im Frühjahr 1980, nach nur sechs Proben, nun nicht mehr in Zimmerwald, sondern in der damaligen Kantine der Firma WANDER in Bern, trat die neu gegründete Blasmusikformation unter dem Namen „Bärner Marsch-Musig“, mit wenig bekannten Märschen des Komponisten Kenneth J. Alford, erstmals an die Öffentlichkeit. Das Interesse und der Erfolg des ersten Konzertes bestätigte die Meinung Karl Burris, dass der Marsch keineswegs der Vergangenheit angehört. So wurde wie selbstverständlich zur nächsten Probe für ein neues Konzert eingeladen.
Am 7. September 1980 wurde bereits das zweite Konzert, wiederum im Kornhauskeller, durchgeführt. Gespielt wurden Märsche, die Bundesräten gewidmet sind. Das dritte Konzert, diesmal Märsche aus der Zeit der deutschen Kaiser aus dem Stamm der Hohenzollern, fand am 29. März 1981, zufällig am Tag der wieder eingeführten Sommerzeit, statt. Bei Publikum und Mitwirkenden war die kaum zwei Jahre alte Bärner Marsch-Musig kaum mehr wegzudenken. Im Gegenteil. Das Aufführen von Märschen fand bei vielen Blasmusik Freunden grossen Anklang. Bei Spielern und Hörern gleichermassen.
Ausser dem Spielplan, der sich mit monatlich einer Probe und zwei Konzerten jeweils Frühling und Herbst im Kornhauskeller eingependelt hatte, kamen weitere Auftritte, auch über Bern hinaus und Konzertreisen dazu. Die erste Konzertreise ging 1982, auf Einladung der Dorfmusikgesellschaft Faflernalp, nach Blatten (Lötschental, Wallis). Der nächste Ausflug führte die Bärner Marsch-Musig 1984 in die Lenk. 1986 folgte eine Reise mit 2 Konzerten nach Schörzingen (Schwarzwald, Deutschland) und 1988 nach Hestrud (Belgien), ebenfalls mit 2 Konzerten. Nebst den mehrtägigen Reisen konzertierte die Bärner Marsch-Musig im Bundeshaus, in der Bahnhofhalle Bern, an der Bea Pferd 86 und 88, auf dem Thunersee, in Biel/Bözingen, Ittigen, La Sarraz, Lohn SO, Neuenegg, Reutigen, Spiez, um nur einige zu nennen.
Ein Wirtewechsel im Kornhauskeller, wo über dreissig Konzerte durchgeführt wurden, bescherte der Bärner Marsch-Musig Auflagen, vor allen finanzielle, welche eine weitere Durchführung der Konzerte dort verunmöglichten. Nach einigen „Wanderjahren“ mit Konzerten im National Bern, Rüttihubelbad und Brauereiwirtschaft Wabern spielt Bärner Marsch-Musig seit Herbst 2000 bis heute in den umgebauten, ehemaligen Stallungen der Kaserne Bern.
Armin Walther, der musikalische Leiter und Mitbegründer wurde immer mehr von gesundheitlichen Sorgen geplagt und sah sich 1999, nach zwanzig Jahren Bärner Marsch-Musig, nicht mehr in der Lage, die Leitung weiter inne zu halten. Mit Richard Urech wurde glücklicherweise eine Persönlichkeit gefunden, die sowohl in menschlicher als auch in musikalischer Hinsicht über die Fähigkeit verfügt, eine Formation zu leiten, die aus Mitspielenden von unterschiedlichsten Musikrichtungen und dem ganzen Kanton Bern und Angrenzenden kommen, um Märsche zu spielen. Richard Urech leitet die Bärner Marsch-Musig ehrenamtlich.
Die Kantine der Firma WANDER, das langjährige, kostenlos zur Verfügung gestellte Probelokal wurde in ein öffentliches, privat geführtes Restaurant umgewandelt. Zusätzlich weiter steigende Kosten hatten zur Folge, dass die Mitspielenden gebeten wurden, einen jährlichen Beitrag zur Deckung der Unkosten beizutragen. Bis anhin war das mitspielen nicht nur freiwillig, sondern auch kostenlos. Seit 2003 stellte das Wirteehepaar Michel und Esther Tahar vom Bistrot Morillon in Bern, aus reiner Freundlichkeit zur Bärner Marsch-Musig, ihr Restaurant als Probelokal kostenlos zur Verfügung.
Der schwerste Schlag traf die Bärner Marsch-Musig mit dem unerwarteten Tod von Karl Burri. Am Samstag 8. März 2003, am Tag vor einer Probe verstarb Karl Burri. Gründer, Kopf und Seele der Bärner Marsch-Musig. Bärner Marsch-Musig war Karl Burri. Eine unbeschreibliche Betroffenheit und Trauer verbreitete sich. Die Zukunft der Bärner Marsch-Musig schien in Frage gestellt. Doch der Geist Karl Burris bestärkte die Mitspielenden im Willen, weiter zu machen. Das vorbereitete Konzert wurde durchgeführt. Viele der regelmässigen Besucher der Konzerte waren Freunde, Musikkameraden, Bekannte von Karl Burri. Sie hielten der Bärner Marsch-Musig die Treue, was wiederum den Mitspielenden Mut gab, nicht aufzuhören.
Nach 5 Jahren ausgezeichneter Leitung musste Richard Urech aus gesundheitlichen Gründen eine Pause einlegen. In dieser Zeit übernahmen die langjährigen Mitspielenden Edith Sahli und Willi Jost die musikalische Leitung. Glücklicherweise hat sich Richard Urech wieder erholt, wünschte aber aus Rücksicht auf die wieder erlangte Gesundheit, die Leitung der Bärner Marsch-Musig nicht wieder aufzunehmen. Wir danken Richard für 5 Jahre gemeinsames, schönes musizieren und wünschen ihm alles Gute.
Seit Anfang 2005 spielt Bärner Marsch-Musig unter der Leitung von Fredy Lemp. In Fredy Lemp wurde wiederum ein musikalischer Leiter gefunden, der nebst den hervorragenden musikalischen Fähigkeiten auf Anhieb den „richtigen Ton“ bei der Probengestaltung getroffen hat. Es ist eine Freude, mit ihm zu musizieren.
Anfang 2008 war es aus betriebsstrukturellen Veränderungen nicht mehr möglich, im Birtrot Morillon zu Proben. D’Bärner Marsch-Musig dankt dem Wirte Ehepaar Esther und Michel Tahar herzlich für die Gastfreundschaft, die sie während fünf Jahren beanspruchen durfte. Wir waren im Bistrot Morillon ausserordentlich gut aufgehoben.
Auf der Suche nach einem neuen Probelokal bot Christof E. Meierhofer, Geschäftsführer vom Seminarhotel Linde Stettlen, den Theatersaal in der Linde als Probelokal an. So ist Bärner Marsch-Musig ein weiteres mal umgezogen und darf ihre Konzerte nun in der Linde Stettlen einstudieren.
Weil die Kaserne Bern wegen der Fussballeuropameisterschaft EURO 08 als Konzertlokal bis im Juli 2008 nicht zur Verfügung stand, konnte auch das Frühlingskonzert 2008 im Seminarhotel Linde Stettlen durchgeführt werden.