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Der Zürcher Schriftsteller Gottfried Keller (1819-90) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts. Mit seinem Gesamtwerk, hauptsächlich bestehend aus Romanen, Novellen und Gedichten, steht er als Exponent des bürgerlichen Realismus. Im Alter von 15 Jahren von der Schule weggewiesen, wollte er Kunstmaler werden, wandte sich der Dichtung zu und wurde politisch aktiv. Trotz extravagantem Werdegang wurde er Staatsschreiber des Kantons Zürich (1861-76) und setzte dann sein Werk als Schriftsteller fort. Noch heute wird sein autobiographischer Roman «Der Grüne Heinrich», den er 1855 erstmals veröffentlichte, zur Lektüre empfohlen. Hauptfigur ist Heinrich Lee, der in Ich-Form erzählt und sagt, dass er in seiner Jugend einen «feurigen und lebhaften Freund» hatte, ohne ihn aber bei einem Namen zu nennen. Mit ihm konnte er seine Gedanken stärker austauschen als mit allen anderen damaligen Bekannten. Weil Kellers Erzählungen sehr realistisch eingeschätzt wurden, suchten vor allem Germanisten die Personen im wirklichen Leben des Dichters. Nach anfänglichen Vermutungen stellte sich 1890 schliesslich heraus, dass es sich bei diesem Jugendfreund um Johann Ulrich Müller (1819-88) aus Frauenfeld handelte.
Aus Müller sei nichts Rechtes geworden
Unbestritten ist, dass der Jugendfreund für Kellers Werdegang vom Maler zum Dichter von grosser Bedeutung war. In den Kommentaren von Historikern und Literaturwissenschaftern war er aber in ein schiefes Licht geraten. Er sei ein Hochstapler, Lügner und Abenteurer mit unstetem Charakter gewesen, über den sich weitere Worte kaum lohnen würden. Solche Zeichen «des Verfallenden» wurden sogar eher noch benutzt, um Kellers Reifung zu kontrastieren. Wer aber war dieser Johann Ulrich Müller im wirklichen Leben? Die Kunsthistorikerin und Germanistin Monica Seidler-Hux ist dieser Frage in schweizerischen und US-amerikanischen Quellen akribisch nachgegangen. Sie zeigt Müllers Werdegang, der ähnlich wie bei Keller vom Zeichner zum anerkannten Kartographen führte. So hat sie erreicht, dass Müller rehabilitiert ist und «fortan als der fantasiebegabte Wegbegleiter» und «anteilnehmende Jugendfreund» Kellers gewürdigt werden kann (Seidler-Hux 2020). Mit dieser Arbeit gibt sie ausserdem einen wertvollen Einblick in das frühe Ingenieurwesen des Kantons Thurgau, denn Müller war der Sohn von Kantonsbaumeister David Müller (1788-1840). Es geht um polytechnisches Handeln in Militär, Kartographie, Bautechnik und Industrie.
Des Jugendfreunds tatsächliches Leben und Werk
Nach dem Besuch der Elementar- und Oberschule in Frauenfeld bestand Johann Ulrich Müller 1834 die Vorprüfungen zur Aufnahme in die obere Industrieschule in Zürich mit dem Ziel einer späteren technischen Ausbildung. Bereits nach drei Semestern wurde er wegen Fernbleiben weggewiesen. Vermutlich begann er in Zürich eine Lehre als Steinmetz und musste 18jährig zurück nach Frauenfeld zur Mitarbeit im Geschäft des Vaters. Ein Jahr später verschwand er von dort, tauchte aber im Herbst 1838 in München auf. Wie einige andere Schweizer absolvierte er den Winterkurs an der königlichen Baugewerkschule und erzielte eine Preisauszeichnung. Im Oktober 1839 immatrikulierte er sich als Architekturstudent an Münchens Akademie der bildenden Künste. Als im Februar 1840 sein Vater erst 52jährig starb, kehrte er nach Frauenfeld zurück und übernahm im Juni dessen Nachfolge im Baugeschäft.
Mit seinen Arbeiten als Baumeister blieb Müller erfolglos. Obwohl er in Frauenfeld vernetzt und von der Erbschaft gut ausgestattet war, konnte er sich gegen die Konkurrenz nicht durchsetzen. Zudem schwebte ihm das selbständige Entwerfen als Architekt vor. Nach drei Jahren entschloss er sich zur Liquidation, liess seinen Betrieb versteigern und zog nach Basel. 1844 zeichnete er dort als verantwortlicher Architekt für die Bauten zum eidg. Freischiessen. Ein Jahr später war er bei Ludwig Förster in Wien Redaktor der Allgemeinen Bauzeitung und hielt sich nachher in Rumänien auf. Ohne Vermögen und von Schulden geplagt, kehrte er 1848 nach Frauenfeld zurück. In dieser prekären Lage entschloss er sich zur Auswanderung nach Amerika. Zwei seiner Schwestern hatten ihm das Reisegeld verschafft.
Müller gehörte zu den zahlreichen Auswanderungswilligen jener Jahre. Von seiner Überfahrt ist nichts weiter bekannt, als dass er eine Familie Stark aus Kublitz kennenlernte, deren Tochter Adeline er 1850 in Sandusky (Ohio) heiratete. Jene Gegend mit ihren Siedlungen am Erie-See verzeichnete ein starkes Wachstum. Im Unterschied zum «Frontierland» waren hier Männer mit Fähigkeiten gefragt, wie Müller sie mitbrachte. In den ersten Jahren lebte die junge Familie in Cleveland, wo Müller als Architekt Bauten entwarf sowie Veduten und Karten zeichnete. Er signierte in den USA fortan mit «John U. Mueller». Veduten waren gefragte Abbildungen vor allem von Ortsbildern, um sie bekannt zu machen und ihre attraktive Lage anzupreisen.
1854 trat Mueller als Zeichner und Ingenieurassistent in den Dienst des US Lake Survey. Diese Organisation war 1841 als “Survey of the Northern and Northwestern Lakes” gegründet worden und gehörte zum “Corps of Topographical Engineers”. Sie hatte zur Aufgabe, die Grossen Seen zwischen Kanada und den USA zu vermessen und zu kartographieren. Hauptzweck war die Herstellung von Seekarten mit den Verbindungsflüssen als Navigationshilfe für eine sichere Schifffahrt. Die Arbeiten erfolgten in Etappen und dauerten offiziell bis 1882. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) wurden sie mit reduziertem Kader als einzige der topographischen Aufnahmen weitergeführt.
Mueller lebte mit seiner Familie in Detroit, dem Sitz des US Lake Survey. Seine Hauptaufgabe bestand in der massstabsgerechten Zeichnung der Feldaufnahmen als Vorbereitung für die Kupferstecher. So war er in den Jahren 1855 bis 1880 an 24 Karten beteiligt. Als Urheber sind auf diesen Werken jeweils die leitenden Vorgesetzten genannt, während der Beitrag der Zeichner angemerkt ist, beispielsweise mit «assisted by J. Mueller» oder auch «Compiled and reduced for engraving by J.U. Mueller». Doch hohes Lob fand Mueller ausdrücklich im Jahresbericht von 1866 zur Seekarte «North End of Lake Michigan». Dort heisst es: «Diese Karte umfasste die Reduktion von 110 Detailaufnahmen und gibt – während sie die wichtigsten Merkmale des erfassten Bezirks innerhalb seiner Grenzen aufzeigt – keine Vorstellung vom Arbeitsaufwand, der zur Herstellung geleistet wurde. […] Die Ausführung der erwähnten Karte gereicht Mr. Mueller zu hoher Anerkennung.» (Seidler-Hux 2020, 294-298).
Nebenher reichte Mueller Vorschläge beim Patentamt ein. Für den Uferschutz hatte er einen Wellenbrecher entwickelt, «Jetty-Shutter» genannt. Für Feueröfen und Dampfkessel hatte er einen Griff aus Holz verbessert, der nicht verkohlte. Und das «American Puzzle» sowie der «Intarsien-Würfel» entsprang seiner Lust an erfinderischem Spiel. Muellers Familie hatte drei Töchter aufgezogen, die in den USA blieben und heirateten. Der Sohn war bereits mit zwei Jahren verstorben.
Im Alter von 62 Jahren wechselte Mueller in den Dienst des General Land Office in Washington D.C., wo er noch als Zeichner in der Abteilung für Bodenschätze ein bescheidenes Einkommen verdienen konnte. Mit seinen Zeichnungen nahm er allerdings weiterhin an Kunstausstellungen teil. Und wenn ihn ein Schweizer um Hilfe bat, hatte er ein offenes Ohr. Er verstarb 1888. Bestattet wurde er in Detroit, ohne dass er Frauenfeld und seine Geschwister wieder gesehen hatte.
Zum Briefwechsel mit Gottfried Keller
Weshalb war Johann Ulrich Müller in den Ruf eines Hochstaplers und Lügners geraten? Müller hatte Keller an der Industrieschule in Zürich kennengelernt. Nach ihrer Wegweisung von der Schule waren beide in Zürich geblieben und scheinen Kontakt gehabt zu haben. Der Zürcher, der von seiner Mutter eher knappgehalten war, habe wohl den ausschweifenden, lebenslustigen Frauenfelder beneidet. Ihr Briefwechsel begann 1837, als Müller nach Frauenfeld zurückkehrte. Bei ihrer Gemeinsamkeit im Zeichnen und Malen forderten sie sich mit Briefeschreiben gegenseitig heraus, wobei «nicht die beste Zeichnung gewann, sondern der bessere Gedanke» (Seidler-Hux 2020, 46). So liessen sie ihrer Phantasie den freien Lauf. Schwärmerischer Übermut des einen sollte die Antwort des andern beflügeln. In ihrer Berufung steigerten sie sich neckisch als «Kunstanstreicher» und «Dreckaufhencker».
Im Roman dann erzählt Heinrich Lee von seinem namenlosen Freund, der ihm immer mit überlegeneren und reiferen Gedanken geantwortet habe, bis der so Beschämte merkt, dass der Freund seine feinen Formulierungen von Klassikern abgeschrieben hat. Ihre Freundschaft zerbricht. Obwohl diese Beziehung im Roman nur wenige Seiten beansprucht, ist sie für den Werdegang von Heinrich Lee wegweisend. In der Keller-Forschung gab dies genügend Stoff, um den namenlosen Freund zu charakterisieren und auf das wirkliche Leben von Johann Ulrich Müller zu übertragen. Dessen letzter erhaltener Brief erreichte Keller anfangs 1848 aus Frauenfeld. Müller entschloss sich zur Auswanderung, während Keller im Oktober zur Weiterbildung nach Heidelberg aufbrach. Was geschah dann? – «An diesem Punkt froren die meisten Keller-Biografen das Bild Müllers ein und zogen ihre negative Bilanz» (Seidler-Hux 2020, 135).
Als Frauenfeld Kantonshauptstadt wurde
Frauenfeld hat eine mittelalterliche Altstadt mit wenigen, gestreckten Häuserzeilen. Sie liegt an der rechten Seite der Murg auf einem Felssporn. Geprägt von Schloss mit Brücke über die Murg, zwei Stadtkirchen und einem Stadtgraben hatte sie drei Haupttore, allerdings ohne noch erkennbare Stadtmauern. Nach zwei Stadtbränden im 18. Jahrhundert wurden die Lücken zeitgemäss wieder aufgebaut. Im Umfeld befanden sich Gewerbekanäle mit Mühlen und Bleichen. Die Bewohner lebten hauptsächlich von Handwerk, Handel und etwas Landwirtschaft. Als die Tore in den Jahren 1808-40 abgebrochen wurden, entstand der Eindruck einer Siedlung aus Mischung von Stadt und Land. Mit den Vorstädten zusammen zählte sie im Jahr 1850 etwa 3’500 Einwohner.
Die Mediationsakte von 1803 erklärte Frauenfeld zur Hauptstadt des neuen Kantons Thurgau. Im Gespräch waren auch Winterthur und das mit dem Thurgau auf dem Landweg verbundene Konstanz, was aber politisch keine Chancen hatte (HLS 4, 700). Eine Besonderheit des Thurgaus war die Einteilung in Bezirke, Munizipal-, und Ortsgemeinden mit unterschiedlichen Zuständigkeiten sowie Gebietsausscheidungen. In Frauenfeld wurde das politische Leben noch von der Bürgergemeinde bestimmt. Dies änderte sich allerdings ab 1830 Jahren mit dem Wachstum der zuziehenden Bevölkerung. Der Anreiz zur selbständigen Betreibung eines Geschäfts nahm zu. Angesiedelt hatten sich zudem neue Kantonsbeamte, wodurch «die intellektuelle Kraft der Einwohnerschaft vermehrte wurde» (INSA 4, 83). Prägende Neubauten entstanden später mit der Kantonsschule (1848), der städtischen Sekundarschule (1863), dem Konvikt der Kantonsschule (1866) und dem kantonalen Regierungsgebäude (1868).
In dieser Entwicklung war David Müller von Matzingen zugezogen und 1833 in Frauenfeld eingebürgert worden. Er hatte 1819 als Maurermeister begonnen und ab 1820 als Kantonsbaumeister verschiedene Pfarrhäuser, Kirchen und kantonale Anstalten gebaut oder renoviert. Als Gewerbetreibender trat er der Constaffel-Gesellschaft bei und traf einflussreiche Bürger im Gesangsverein Frohsinn (Seidler-Hux 2020, 20). Eine seiner letzten Arbeiten war die Bauleitung beim Umbau des Gästehauses des Klosters Münsterlingen für die kantonale Krankenanstalt (Kdm TG IX 2018, 331). Sein Sohn Johann Ulrich musste dort die offenen Rechnungen erledigen.
Der neue Kanton verfügte nun über ein geschlossenes Territorium. Gegen aussen war er unabhängig und gegen innen festigte er seine Strukturen. Wichtige Aufgaben waren die Gemeindepolitik zur Regelung der Rechte an alten Herrschaften und Gütern, der Aufbau einer Finanzierung sowie die Integration mittels Strassenbaus und Militär. Trotz anfänglich restaurativen Kräften setzten sich die liberalen Ideen allmählich durch. In der neuen Verfassung von 1831 wurden nicht nur Gewaltenteilung, Presse-, Handels- und Gewerbefreiheit, sondern auch Menschen- und Bürgerrechte festgeschrieben. Weil diese Bewegung in Weinfelden, das sich ebenfalls als Kantonshauptort beworben hatte, angestossen wurde, tagte das Parlament fortan abwechslungsweise an diesen beiden Orten. 1850 zählte der Kanton etwa 89’000 Einwohner.
Erste Ingenieure im neuen Kanton Thurgau
Als treibende Kraft zur Integration des neuen Kantons wirkte Johann Conrad Freyenmuth (1775-1843). Ausgebildet als Chirurg und tätig als Arzt, aber in der Haltung eines Universalgelehrten, war er Regierungsrat von 1804 bis 1833 und danach Staatskassier. Er setzte sich besonders ein für die Staatsfinanzierung, das Strassennetz, die Gebäudeversicherung und das Medizinalwesen (HLS 4, 816). Die Ausführung der Strassen war Aufgabe der Gemeinden. Die Regierung behielt die Oberaufsicht und beauftragte einen Strasseninspektor im Nebenamt. So ist es verständlich, dass Bäckermeister Johannes Sulzberger (1762-1841) dieses Amt zugleich als Zeughausinspektor ausübte und 1820 auch das neue Zeughaus entworfen hatte (Kdm TG I, 1950, 116). Seine Familie hatte 12 Kinder. Zwei ihrer Söhne gingen in fremde Dienste: Gabriel (1791-1812) starb als Offizier im Russlandfeldzug und Johannes (1800-1879) wurde nach seiner Rückkehr Berufsoffizier, zuletzt als eidg. Oberst in Liestal (HBLS 6, 603. Guisolan 1995, 285). Das zehnte Kind war Johann Jakob Sulzberger (1802-55), später zur Unterscheidung meist «Ingenieur Sulzberger» oder oft «Jakob Sulzberger» genannt.
Das Leben von Ingenieur Sulzberger führt zu einem aufschlussreichen Netz von Beziehungen im damaligen Ingenieurwesen. Dank Begabung besuchte Sulzberger nach der Frauenfelder Lateinschule die Industrieschule in Zürich. Infolge Geldmangels des Vaters musste er sie abbrechen und war 1820 «élève» von Johannes Fehr (1763-23) in dessen «eigenen» Sternwarte in Zürich (Seidler-Hux 2020, 100. Glaus 1988). Dann holte er sich eine Grundausbildung an der Militärschule in Thun (1821-22). Er wurde Offizier im eidg. Feldingenieurkorps und als Hauptmann 1828 dem Stab des Oberstquartiermeisters zugeteilt. Ab 1826 war er während sechs Jahren Thurgauer Strasseninspektor, im Nebenamt wie sein Vater. In diesen Jahren machte er verschiedene Vermessungen als Grundlage für Kartographierungen und für die erste Kantonskarte. Dieses Werk erschien 1839 bei Füssli (Frömelt und Guisolan 1998). Bisher hatte man die mehrfach kopierte Karte von Johannes Nötzli (1680-1753) benutzt (Lei 1977). Seine weiteren Arbeiten in Stichworten (ausführlich in Hux 2018): Direktor der Walzmühle Frauenfeld mit Verbesserungen der Pläne von Josef Anton Müller (1832-48); Projekt zur Tieferlegung des Lungernsees (1832) und Fertigstellung (1836); Leitung der Abtragungen bei der 1833 begonnenen Schleifung der Zürcher Stadtbefestigung (1837-40); Einsitz in der Zürcher Eisenbahnkommission (1837); Bericht über die Schlacht bei Frauenfeld von 1799 (1838); Eisenbahnprojekte mit Vermessungen der Linie Zürich-Bodensee (Islikon-Romanshorn); Projekt für den Eisenbahntunnel bei Baden (1846); Förderer eines schweizerischen Eisenbahnnetzes mit einer Schifffahrtsstrasse von Zürich nach Ragaz; Gutachten zur Regulierung des Vierwaldstättersees zusammen mit Richard La Nicca; Präsident des Handwerkervereins Bezirk Frauenfeld (1848) und des Kantonalen Handwerkervereins (ab 1849).
Das Amt eines thurgauischen Strasseninspektors war nicht immer besetzt. Zuständig in den Jahren 1837-51 war Johannes Oppikofer (1782-1864). Als Geometer aus dem Thurgau hatte er sich um 1806 im bernischen Roggwyl niedergelassen und später im Dienst der Regierung Triangulationen und hydrographische Vermessungen für die Juragewässerkorrektion durchgeführt. Bekannt wurde er als Erfinder eines leistungsfähigen Planimeters (1826), das 1836 in Bern an der Industrieausstellung prämiert wurde (Wolf 1859, 413-5). Damals hätte der Kanton Thurgau Johannes Wild (1814-94) als Strasseninspektor bevorzugt (Seidler-Hux 2020, 105). Wild war bei Zürichs Entfestigungen und den damit verbundenen Planungen Adjunkt von Johann Jakob Sulzberger. Er zögerte aber seinen Amtsantritt hinaus, machte weitere Vermessungen und wurde 1855 Professor für Geodäsie am Eidg. Polytechnikum. Trotz seiner Lehrverpflichtung übte er von 1857 bis 1869 auch das Amt als Zürcher Strassen- und Wasserbauinspektor aus.
Ein Beispiel zeigt, wie der Strassenbau damals organisiert war: Unter Johannes Oppikofer erhielt Johann Ulrich Müller 1842 den Auftrag zur Bauleitung des Abschnitts Obere Allmend-Frauenfeld. Als «Aufseher» hatte er die Arbeiten gemäss Werkverträgen zu kontrollieren und dem Strasseninspektor zu berichten (Seidler-Hux 2020, 103). Jahre zuvor waren die Arbeiten von den Gemeinden als Frondienst zu leisten, was ab 1840 langsam durch fachkundige Ausführung ersetzt wurde. Im Wasserbau hingegen lag die Wuhrpflicht nur bei den Anstössern, was je nach Gemeinde unterschiedlich geregelt war (Rosenkranz 1969). Die Korrektion der Thur wurde erst ab 1870 unter anderem von Emil Züblin (1844-1903) vorbereitet (SBZ 4.4.1903, 158). Sie gilt heute als die erste, nachdem das Hochwasser 100 Jahre später eine zweite ausgelöst hatte.
Die herkömmlichen Brücken waren von Baumeistern und Zimmerleuten erstellt worden. Als sich aber bei Frauenfeld der Zugang über die neue Holzbrücke von 1828 über die Murg bald zu eng erwies, wurde sie 1839 durch eine Steinbrücke ersetzt. Den Plan dazu erstellte Ingenieur Alois Negrelli (1799-1858) und man versetzte die Holzbrücke zur Aumühle, wo die Murg bisher mit einer Furt überquert wurde (Kdm TG I, 58 und Abb. 121). Für die Bauabnahme der Negrelli-Brücke zog Strasseninspektor Oppikofer dann Johann Ulrich Müller bei (Seidler-Hux 2020, 93).
Ingenieur genannt wurde ferner Wilhelm Fehr (1802-61). Er hatte in Frauenfeld an der von Sulzberger verbesserten Walzmühle mitgearbeitet und die erste Filiale in Melegnano bei Mailand geleitet. Diese «Frauenfelder» Mahltechnik fand Verbreitung im weiteren Ausland, so ab 1839 in Ungarn. Fehr wirkte später in Pest als Direktor der Walzmühle Ofen (HLS 4, 449).
Auf der Suche nach Gottfried Kellers Jugendfreund gab es anfänglich eine Verwechslung mit Ingenieur Louis Müller (1827-94), die erst 1890 geklärt wurde. Mit Taufnahmen Peter Ludwig war er ein Sohn von Regierungsrat Johann Ludwig Müller (1785-1864). Nach Aufenthalten in Wien und Pest lebte er ab 1873 in Bern als Ingenieur der staatlichen Eisenbahnen und zuletzt in Biel (Seidler-Hux 2020, 132 und 287).
Zu den ersten Ingenieuren im Kanton Thurgau sei schliesslich Friedrich von Martini (1833-1897) erwähnt, der ab 1863 in Frauenfeld eine Maschinenfabrik betrieb. Nur wenige sind es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Etwas mehr sind Feldmesser und Geometer zu finden, und zwar bei der Festlegung von Grenzen und Aufnahme von lokalen Güterplänen (Frömelt 1984, 25-39).
Professionalisierung der zivilen Ingenieur- und Bauberufe
Als Nachfolger seines Vaters hatte Johann Ulrich Müller einen schwierigen Einstieg in das Geschäftsleben. In der Kleinstadt Frauenfeld sahen die «eingebildeteren» Bürger «auch nicht gerne Maurer in ihrer Gesellschaft», wie er an Keller schrieb. Auf der praktischen Seite fehlte ihm die Ausbildung an einer Bauhandwerkerschule. Theoretisch hatte er zu wenig «Schulfleiss und Ehrgeiz» gezeigt, um als entwerfender Architekt leben zu können (Seidler-Hux 2020, 103-4). Dennoch ist das Fehlen einer in der Nähe gelegenen Schule nicht die einzige Begründung für Müllers Misserfolg als Baumeister. Andere Fachleute konnten ihre Chancen offenbar einfacher nutzen und ihre Talente umsetzen.
In Zürich war man sich der Lage im Bauwesen bewusst. Wegen Fehlens einer Polytechnischen Schule, wie sie in der Schweiz während der Mediationszeit und im Ausland bereits bestanden, wurde das Technische Institut von der Oberen Industrieschule abgelöst. Es sollte eine hochschulartige Vorbereitung für industrielle Berufe sein. Unter den Professoren für angewandte Mathematik wirkte Carl Ferdinand von Ehrenberg (1806-41) seit 1831. Nach nur drei Jahren wurde er von Ferdinand Redtenbacher (1809-63) abgelöst, der heute als Begründer des wissenschaftlichen Maschinenbaus gilt. Von Ehrenberg hatte 1828 in Berlin das Examen als königlich-preussischer Baukondukteur abgeschlossen und war gleichzeitig als Architekt mit einem Büro in Zürich tätig. Als in Zürich 1833 die Universität gegründet wurde, hielt er Vorlesungen als Privatdozent zu allen Fächern des Bauwesens wie Architektur und Ästhetik, Strassen-, Brücken- und Wasserbaukunst sowie Stadt- und Landbaukunst. Ab 1836 nahm er in seiner «Zeitschrift über das gesammte Bauwesen» Stellung zu Missbräuchen im Bauwesen, machte Vorschläge zur Reorganisation von kantonalen Baudepartementen und betonte das geometrische Zeichnen, die «Géométrie descriptive». Am Beispiel seines eigenen Büros trat er dezidiert ein für die Trennung der Tätigkeiten als Architekt gegenüber den Handwerkern bzw. Baumeistern. Er beschrieb sein Geschäft in Band 1, Heft 6 seiner Zeitschrift und gliederte es in vier Punkte: «Anfertigung der vollständigen Pläne; genaue, specificierte Kostenberechnung; Accord-Abschliessung mit den einzelnen Bauhandwerkern; Leitung des Baues». Er pries dies an als Entlastung für den Bauherrn wie auch als Unterstützung der Handwerker. Das Honorar setzte er an «auf 3 bis 5 Procent der gesammten Baukosten» in der Meinung, dass sich dies für den Bauherrn in jeder Beziehung lohnen werde. Mit seinem neuen Geschäftsmodell richtete er sich an das gesamte Bauwesen, also selbstredend auch an die Ingenieure.
In diesen Bestrebungen zur Hebung des beruflichen Ansehens fand er Zuspruch und berief auf den 24. Januar 1837 zahlreiche Gleichgesinnte ein nach Aarau zur Gründung einer «Gesellschaft schweizerischer Architekten und Ingenieure», des heutigen SIA. Als Präsident gewählt wurde Heinrich Pestalozzi (1790-1857), «Ingenieur-Oberst, Strassen- und Wasserbauinspektor, Zürich». Von Ehrenberg übernahm das Sekretariat. Zweck der Gesellschaft war der Erfahrungsaustauch zur Förderung von Kenntnissen. Mittel dazu waren Abhandlungen, eingereicht an den Präsidenten zur Veröffentlichung, sei es als Vortrag oder gedruckt. Von den 57 Gründungsmitgliedern waren u.a. anwesend «Negrelli, Ober-Ingenieur, Zürich» und «Sulzberger, Ober-Ingenieur, Frauenfeld». Die Versammlungen sollten jährlich stattfinden, das nächste Mal in Luzern. Die Statuten der «Gesellschaft schweizerischer Ingenieure und Architekten» präzisierten in der Fussnote zum Titel ausdrücklich «Unter Ingenieurs sind auch Maschinenbauer, Mechaniker, verstanden». Das Wirken von Jakob Sulzberger zeigt das damalige Verständnis sehr eindrücklich.
Monica Seidler-Hux versteht ihre Arbeit als Hommage an die Schätze, die in Bibliotheken und Archiven schlummern. Sie hat damit nicht nur eine falsch beurteilte Person rehabilitiert, sondern indirekt auch auf Entwicklungen des Ingenieurberufs hingewiesen. Ähnlich wie bei den «Turicensia in der ETH-Bibliothek», worin Beat Glaus den Nachlass von Johannes Fehr erläutert (Glaus 1988), erscheinen Fachleute aus der Technikgeschichte, die den Übergang der Bedeutung des Worts Ingenieur von seiner rein militärischen zur zivilen Ausrichtung kennzeichnen und ihre Stellung in der Gesellschaft illustrieren. Was man damals als Ingenieur verstand, wurde später als Bauingenieur bezeichnet und ausgeweitet.
1.10. 2022 / B.M.