Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/592

Die Welt reagiert mit Nationalstaaten
In den 1990er-Jahren, als sich die EU formierte und die Nordamerikanische Freihandelszone (Nafta) beschlossen wurde, gab es manche, die den Nationalstaat als Auslaufmodell ansahen. Nur grössere Einheiten seien in der Lage, die globalen Probleme zu lösen.
Interessanterweise ist genau das Gegenteil passiert. Die Zahl der Nationalstaaten hat stark zugenommen, was auf eine grosse Beliebtheit hindeutet. Gemäss UNO sind es heute fast zweihundert. Und kein Ende ist abzusehen. Schottland wäre fast aus dem Vereinigten Königreich ausgetreten, in Katalonien wird die Unabhängigkeitsbewegung immer stärker.
Geht man noch etwas weiter zurück, so ist der Trend in Europa noch klarer. 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, waren grosse Teile Osteuropas unter drei Monarchien aufgeteilt: Deutsches Kaiserreich, Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie und Russisches Zarenreich. Heute sind dort mehr als zehn neue Länder.
Die Zunahme der Nationalstaaten hat aber keineswegs die weltwirtschaftliche Verflechtung aufgehalten. Im Gegenteil haben zum Beispiel Volumen und Wert der Exporte stark zugenommen – von rund 5000 Milliarden USD im Jahr 1990 auf etwa 20’000 Milliarden USD im Jahr 2015. Die Liberalisierung der Finanzmärkte ist schnell vorangeschritten. Zwischen 1990 und 2000 war die Zunahme der Kapitalmobilität besonders stark, wie die folgende Grafik zeigt (Quelle). Die Kapitalmobilität ist durch die rote Linie ausgedrückt (linke Skala: je höher, desto mehr Mobilität).
Warum hat sich die Prognose der 1990er-Jahre als falsch herausgestellt? Ich sehe zwei Gründe.
Erstens hat man das Instrument der internationalen Abkommen unterschätzt. Das Wort Globalisierung suggeriert, es gebe einen anonymen Prozess, dem sich alle unterwerfen müssten. Das stimmt nicht. Alle wesentlichen Liberalisierungsschritte beruhen auf zwischenstaatlichen bilateralen oder multilateralen Vereinbarungen. Hier ist das Potenzial nach wie vor unerschöpflich.
Zweitens gibt es bereits die grossen Einheiten, welche die internationale Wirtschaftspolitik dominieren, schon längst. Das Welt-BIP beträgt rund 75’000 Milliarden USD. Die vier grössten Länder haben knapp ein Drittel des Welt-BIP: USA, China, Japan und Deutschland.
Quelle: de.statista.com
Die Zukunft gehört also weiterhin der Internationalisierung, nicht der Globalisierung. Selbst die EU scheint sich immer mehr zu einer internationalen Organisation zurückzubilden, in der die supranationalen Elemente immer schwächer werden. Nur die EZB steht noch als Mahnmal der 1990er-Jahre über den Nationen da.