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3. Klasse. Mechanische Krankheiten.
Von den Störungen durch abnormen
Die Krankheiten, bedingt durch gesteigerte Cohärenz, erscheinen in verschiedenen Abstuffungen, als Verengerungen, als Verwachsungen, als völlige Verschliessungen. Zuweilen zeigt sich gänz– licher Mangel einer aussondernden oder aufsaugenden Mündung, einer Oeffnung, eines Kanales. Die durch vermehrte Cohärenz am Sehorgan er– zeugten Störungen, sprechen sich in ihren Folgen auf dreifache Weise aus. 1. Entweder setzen sie dem Einfallen des Lichtes Hinderniss, wie beim Anchyloblepharon und Symblepharon, bei Pupillensperre, bei der vordern und hintern Sy– nechie. 2. Oder sie hindern die Thränenleitung a. durch. Verschliessung, Verengerung der Thrä– nenpünktchen und Kanälchen, wie beim Dacryostagon, b. durch Verstopfung des Nasenganges, wie bei der Thränenfistel. 3. Oder endlich sie hemmen die Absonderung der Thränen und setzen den Xerophthalmus. Die Herstellung der verschlossenen oder verengerten Oeffnungen und Kanäle ist hier die Aufgabe, welche die Kunst nicht selten zu lösen im Stande ist, daran sie jedoch durch unüberwindliche Hindernisse zuweilen gehemmt wird.
Von dem Anchroblepharon und Ermblepharon.
Das Anchyloblepharon besteht in der Verwachsung der Augenliedränder unter sich; das Ä in der Verwachsung der Augenlieder mit dem Augapfel. Man unterscheidet das vollkommene Anchyloblepharon; im erstern Falle, der jedoch sehr selten ist, stehen die Augenliedränder der ganzen Länge nach unter sich in Verbindung, der Augapfel kann gar nicht entblösst werden; im letztern Falle berühren sich die Augenliedränder nur theilweise, die Verwachsung hat dann gewöhnlich den innern Augenwinkel frei gelassen, und der Kranke vermag, jedoch nur unvollkommen, die Augenliedspalte zu öffnen. Das Symblepharon ist vollkommen oder unvollkommen, je nachdem die Augenlieder mit dem gröss– ten Theile des Bulbus, oder nur mit einer beschränkten Stelle desselben in Verbindung stehen. Zuweilen besteht Anchyloblepharon und Symblepharon gleichzeitig. Die Unterscheidung in äch– tes und unächtes Anchyloblepharon ist ganz un– wesentlich, da letzteres blos das Verkleben der Augenliedränder unter sich bezeichnen soll. Wich– tig ist es zu bestimmen, ob eine unmittelbare Verbindung der Conjunctiva des Augapfels und des Augenliedes Statt findet, oder ob die Ver– wachsung nur durch balkenartige Pseudomembrane, welche vom Augenliede zum Augapfel laufen, vermittelt werde. Es geschieht selten, dass die Verwachsung der Augenliedränder als Bildungsfehler im vollkommenen Zustande auftritt; in diesem Falle beobachtet man gewöhnlich das Anchyloblepharon imperfectum. Zeigt sich das Symblepharon angeboren, so findet die Bildung desselben durch den gänzlichen Mangel der Blepharo– und Ophthalmoconjunctiva Statt, vermöge dessen eine unmittelbare Anlage der Augenlicder an die Sclerotica besteht. Häufiger zeigen sich diese Zustände in Folge der Verbrennungen "), der Entzündungen, besonders der psorischen, der variolösen Ophthalmie mit Ulceration etc. So lange die schleim– häutigen Flächen im Zustande der Integrität sich
*) Mineralsäuren, ungelöschter Kalk, siedheise Flüssigkeiten, auf diese Gebilde einwirkend, verursachen vorzüglich diese Uebel (Beer, im a. W. 2. B. S. 424). >
befinden, können sie nicht unter sich in Verbindung treten, wenn aber durch Ulceration die individuelle Bildung auf einzelnen Punkten oder auf der ganzen Fläche der Conjunctiva untergegangen ist, dann entsteht eines oder das andere der benannten Uebel in grösserer oder geringerer Vollkommenheit nach der Integritätsstörung des Gebildes. Verengerungen der Augenliedspalte kön– nen in Folge der Verbrennungen mit Substanzverlust durch difforme Narben entstehen !). Nur durch die Operation können diese Stö– rungen entfernt werden. Die Prognose richtet sich darnach, ob der Bulbus normal beschaffen ist, ob die Verwachsungen völlig gehoben werden können. Wenn der Augapfel normal beschaffein, die Hornhaut grösstentheils frei *), die Verwachsung der Augenlieder mit dem Augapfel nur theilweise und balkenartig besteht, lässt sich ein günstiger Erfolg von der Operation erwarten. Ist mit der geschlossenen Augenliedspalte gänzlicher Mangel des Bulbus, als Fehler der Bildung, oder in Folge der Vereiterung desselben vorhanden, so muss man sich hüten, die Augenliedspalte zu öffnen *). Bei der geschlossenen Augenliedspalte ist die Stelle, an welcher die Trennung seyn sollte, gewöhnlich durch zwei parallel, von einem zum andern Augenwinkel laufende Linien, auf welchen die Augenwimper sich befinden, ausgedrückt. Diese Linien sind von einander durch eine geröthete, niedergedrückte Brücke geschieden, durch die Ränder der Tarsi, welche an den Bedeckungen gefühlt
1) Delpech, im a. W. 4. B. S. 5o5.
2) Besteht eine ausgebreitete Verbindung zwischen der Hornhaut und den Augenliedern, dann lässt sich von der Operation nichts erwarten, sondern sie ist in diesem Falle nach Boyer (im a. W. 5. B. S. 285) contraindicirt.
3) Wäre der Stumpf gross genug, um ein künstliches Auge aufzunehmen, so könnte die Operation im letztern Falle gemacht werden.
werden können, gebildet. Fehlen die Cilien, so sind diese vorspringenden Linien die sichern Wegweiser. Der Augapfel ist frei, wenn er sich nach allen Richtungen unter den Augenliedern bewegt. Aus den beschränkten oder gänzlich aufgehobenen Bewegungen desselben schliesst man auf die Verwachsung und deren Verbreitung. Durch das Gefühl kann man, der Verschliessung der Augenliedspalte ungeachtet, über die Form und Zweckmässigkeit des Augapfels urtheilen; die Lichtempfindung des Patienten zeugt für die geringe Störung der durchsichtigen Theile “). Die Augen– lieder haben, bei beträchtlichen Zerstörungen des Bulbus, ihre Wölbung verloren, sie sinken gegen die Augengrube; ist gar kein Augapfel vorhanden in Folge eines Bildungsfehlers, so findet sich gewöhnlich kein Merkmahl, welches die Stelle, an der die Trennung sich befinden sollte, bezeichnet, vor. Die Operation des Anchyloblepharon imperfectum wird auf folgende Weise vollführt: Der Gehülfe ziehe das obere Augenlied in die Höhe, das untere nach abwärts, um der zu durchschneidenden Stelle den gehörigen Grad der Spannung zu geben. Durch den noch offenen Theil der Augenliedspalte führt der Operateur nach der Richtung der Verwachsungslinie eine gerinnte Sonde, deren Furche nach vorwärts gerichtet ist, ein. Ein schmales, in der Rinne der Sonde geleitetes Bistouri trennt dann die abnormen Verbindungsstellen. Weniger sicher verfährt man, wenn man ohne vorläufiges Einführen der Sonde, den geknöpften Theil eines Bistouri so in die bestehende
) Beer (im a. W. 2. B. S. 125) glaubt, dass man die Ausbreitung der Verwachsung des Augenliedes mit dem Augapfel, vorzüglich durch Sondiren, was aber nur bei einem Anchyloblepharon imperfectum möglich ist, und durch das starke Abziehen des obern Augendcckels vom Augapfel, den man bewegen lässt, erforschen kann.
Augenliederöffnung bringt, dass der Rücken nach hinten, die Schneide nach vorn der verwachsenen Augenliedspalte gegenüber steht, und diese durch das Fortschieben des Messers trennt. Besteht ein Anchyloblepharon perfectum, so fasse man mit dem Daumen und Zeigefinger jeder Hand die beiden Augenlieder auf die Weise, dass eine Längefalte, deren Mittelpunkt zwischen beide Tarsen fällt und dem äussern oder innern Augenwinkel sich nähert, gebildet wird. Der Operateur übergiebt den obern Winkel der Falte einem Gehülfen, fasst mit der rechten Hand das Bistouri und trennt die Falte, genau an die geschlossene Spalte sich haltend. Die Hohlsonde wird alsdann in die gebildete Oeffnung eingeführt, und die Operation auf die Weise, wie beim Anchyloblepharon imperfectum angegeben ist, vollendet ). Wenn das Symblepharon operirt werden soll, so muss, nach bewerkstelligter Trennung der Augenliedränder, im Falle diese verwachsen waren, der Arzt das loszuffennende Augenlied fassen, vom Augapfel ab, und nach oben, wenn es das obere, nach unten, wenn es das untere Augenlied ist, ziehen. Der Patient muss den Aug– apfel, wenn die Operation am untern Augenliede gemacht wird, nach oben, wenn sie aber am obern Augenliede verrichtet wird, nach unten rollen, um den nöthigen Grad der Spannung in den zu durchschneidenden Theilen zu bewirken. Wenn die Verbindung neu und weich ist, so suche man dieselbe mittelst des fischbeinernen Spatels zu heben *). Ist dieselbe fest, so schneide man die
1) Nach Weller (im a. W. S. 79) soll, bei einer mittelbaren Verwachsung der Augenliedränder durch eine Membran, der Schnitt ganz am Rande des obern Augenliedes durchgeführt, und die am untern Augenliede ansitzende Haut mit einer geraden Augenscheere abgeschnitten werden. Ebenso Beer (im a. W. 2. B. S. 128).
2) Zang (Lehre der blut. heilk. Operat. 2. B. S. 74).