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Am vergangenen Mittwoch öffnete sich die Tür zum bücherraum f erstmals wieder für mehr als einen Spalt breit. Begrüssen durften wir ein paar Habitués ebenso wie einige, die den bücherraum erstmals kennenlernen wollten. Nach einer kurzen Einführung in Geschichte und Funktion unseres Kulturprojekts beim Bahnhof Oerlikon ging es doppelt zur Sache.
Soeben ist der grosse Band «Projekt Schweiz» im Unionsverlag erschienen. Er enthält 44 Porträts von Schweizer Persönlichkeiten, geschrieben von 44 Autorinnen und Autoren, auch aus der Welschschweiz und aus dem Tessin. Der Band hängt mehrfach mit dem bücherraum zusammen. Viele Bücher der darin vorgestellten Personen, politische ebenso wie belletristische, sind im bücherraum vorhanden, und einige Materialien haben als Grundlage für Artikel gedient, sowohl aus der Frauenlesbenbibliothek schema f wie aus der Politisch-philosophischen Bibliothek.
Als Auftakt des Bandes hat Ruth Schweikert einen leuchtenden Brief an Paulette Brupbacher geschrieben. In Brupbachers Leben (1880-1967) stecken, wie Schweikert schreibt, Stoff für mehrere Leben. In Russland geboren, kam sie via Berlin in die Schweiz, wo sie zwei Studien abschloss und in Genf als Ärztin arbeitete. 1924 heiratete sie den Zürcher Arzt Fritz Brupbacher (1874-1945), damals schon ein bekannter Politiker – Kommunist oder Anarchist oder libertärer Sozialist oder «60 Jahre Ketzer», wie seine Autobiografie von 1935 heisst. Er war ein profilierter Schreiber; entsprechend stehen einige Broschüren und Bücher in der Politisch-Philosophischen Bibliothek im bücherraum, etwa Originalausgaben von «Marx und Bakunin» (1922) und «Erinnerungen eines Revoluzzers» (1927). Zwanzig Jahre lang betrieben die beiden eine gemeinsame Praxis am jetzt nach ihnen benannten Brupbacherplatz. Paulette Brupbacher war vor allem in der sexualreformerischen Bewegung tätig, mit Vorträgen und einigen Artikeln in einschlägigen Zeitschriften. Erst in den 1950er-Jahren erschienen zwei Bücher von ihr: «Meine Patientinnen» (1953) macht keinen Hehl aus ihrer politischen Haltung bezüglich Verhütung und Abtreibung, besticht zugleich durch einen sehr pragmatischen, praktischen Ansatz, mit dem sie die vielfältigen Krankheiten ihrer Patientinnen zumeist aus der Arbeiterklasse behandelte. Ihr zweites Buch «Hygiene für jedermann» (1955) spielt im Titel auf Fritz Brupbachers «Seelenhygiene für gesunde Heiden» (1943) an, enthält sich aber dessen metaphysischen Spekulationen. Bei schema f findet sich zu Paulette Brupbacher auch noch eine fotokopierte Dokumentation aus den 1980er-Jahren. So ergänzen sich die beiden Flügel unseres bücherraums. Nur fehlt leider Paulette Brupbachers «Hygiene für jedermann» – eine entsprechende antiquarische Ausgabe wird gerne entgegengenommen.
Bei Aline Valagin (1889-1986) lässt sich eine ähnliche öffentliche Konstellation wie bei den Brupbachers feststellen. Wegen eines Unfalls musste sie eine Karriere als Pianistin abbrechen. Wladimir Rosenbaum (1894-1984), den sie 1917 heiratete, profilierte sich bald als politisch engagierter Rechtsanwalt in der Öffentlichkeit. Unentbehrlich blieb Valangin für den Aufbau eines kulturellen Salons im Zürcher Baumwollhof und in Comologno im Tessin, der nach 1933 zum Zufluchtsort für deutsche und italienische EmigrantInnen wurde. Peter Kamber hat das in einer, natürlich im bücherraum vorhandenen, Doppelbiografie Rosenbaum-Valangin aufgearbeitet. Caroline Arni lenkt in ihrem eleganten Beitrag im «Projekt Schweiz» das Augenmerk auf die literarische Leistung von Valangin. Nach den frühen «Tessiner Novellen» (1939) erschien 1944 deren erster Roman «Die Bargada» in der Büchergilde Gutenberg. Autobiografisch unterlegt, schildert sie die urbane, politische, auch libertine Hausgemeinschaft in der ländlichen Umgebung. Die bereits 1946 fertig gestellte Fortsetzung «Das Dorf an der Grenze» wurde wegen einer brisanten Episode – das Verhalten der offiziellen Schweiz beim Grenzübertritt italienischer PartisanInnen – erst spät, 1982 veröffentlicht. schema f im bücherraum kann allerdings mit einem besonderen Fund aufwarten: drei Büchlein von Valangin in praktisch identischen Einbänden, die offenbar in der Bibliothek selbst angefertigt worden sind. Zwei davon sind publizierte Gedichtbände, das dritte aber ist die Typoskript-Version eines offenbar nicht veröffentlichten längeren Gedichts, das im Nachlass-Inventar in Lugano als «Auf den Tod eines kleinen Katers» verzeichnet ist. Zur Provenienzforschung dieser Ausgabe müssten wir weiter in die Geschichte von schema f hinuntersteigen.
Mit Valangins Gedicht ergibt sich zwanglos ein Anschluss an Ella Maillart (1903-1997), der in «Projekt Schweiz» ebenfalls ein Beitrag gewidmet ist. Die unermüdliche Reisende nach Zentralasien, China und Indien hat nämlich ein Buch veröffentlicht, in dem eine Katze eine herausragende Bedeutung spielt: «Ti-Puss» (1951). Ella Maillart ist im bücherraum schon einmal vorgestellt worden (Maillart) Entsprechend verfügen beide Bibliotheken über etliche Ausgaben. Die Bestände sind jetzt durch ein Geschenk verdankenswerterweise weiter aufgestockt worden, und zwar durch eine deutsche Erstausgabe von «Ti-Puss», 1954 übersetzt von der unermüdlichen Ursula von Wiese für den Albert Müller Verlag in Rüschlikon.
Wie bei den meisten dieser Frauen lassen sich auch bei Berta Rahm (1910-1998) deutlich voneinander geschiedene Lebensphasen festellen. Als zweite Frau, die an der ETH Zürich als Architektin abschloss, war sie vom Bauhaus und insbesondere der skandinavischen Architektur beeinflusst. 1942 veröffentlichte sie einen Reisebericht über Skandinavien, in dem sie architektonische ebenso wie frauenrechtliche Errungenschaften schilderte. Wie Valangins Buch erschien dasjenige von Rahm in der Büchergilde Gutenberg, mit eigenen filigranen Skizzen versehen. Über die Schikanen, denen sie als Architektin in der Männergesellschaft begegnete, berichtet im «Projekt Schweiz» Elisabeth Joris. Rahms bekanntester Bau bleibt der Pavillon zur Saffa (1958), der kürzlich sichergestellt werden konnte und noch eine ständige Heimstätte sucht.
Der Schikanen überdrüssig, gründete Berta Rahm 1967 den Ala Verlag, in dem sie in der Folge Bücher zur Frauenbewegung und feministische Klassikerinnen veröffentlichte. Ihr erstes Buch war die übersetzte Biografie «Amelie Bloomer» des amerikanischen Autors Charles Neilson Gattey, über jene US-amerikanische Frauenrechtlerin also, die das Bloomer-Kostüm erfand, um den Frauen Bewegungsfreiheit auch im Alltag zu ermöglichen. Es folgten eine Biografie über die französische Frühsozialistin Flora Tristan, 1975 dann Mary Wollestonecrafts klassische Schrift «Verteidigung der Rechte der Frauen». Eine eigentümliche Trouvaille bildete später die «Geschichte der Frauen» des schottischen Arztes William Alexander aus dem Jahr 1779, der aus der Bibel und aus Mythen verschiedenster Kulturen ein emanzipatorisches Frauenbild zu destillieren versuchte. Mehr zu Berta Rahm und dem Ala-Verlag findet sich in einem kürzlich veröffentlichten Beitrag an dieser Stelle (Rahm).
Nun ist soeben der neue Verlag «sechsundzwanzig» gestartet, der die 1976 von Ruth Mayer gegründete «edition r + f» wieder aufleben lassen will. Die edition r + f wird dabei als erster Schweizer Frauenverlag vorgestellt. Dagegen liesse sich einwenden, Berta Rahms Ala-Verlag sei beinahe ein Jahrzehnt zuvor gegründet worden. Allerdings werten die Initiantinnen von «sechsundzwanzig» die edition r + f als ersten Frauenverlag, weil er ausschliesslich Bücher von Frauen veröffentlicht habe. Diesem Kriterium vermag Berta Rahm tatsächlich nicht zu genügen, da vor allem in den Anfängen auch Männer in ihrem Programm vertraten waren. Aber immerhin darf man ihr wohl den Ehrentitel erster Schweizer Einfrauenverlag zusprechen. Tatsächlich hat Berta Rahm alles selbst gemacht, historische Manuskripte aufgespürt, sie teilweise selbst abgetippt, Illustrationen gesucht, Anmerkungen und Vorworte geschrieben, das Layout entworfen, den Druck überwacht, danach Vertrieb und Werbung übernommen. Gelegentlich wurde sie persönlich bei Redaktionen vorstellig, mit einer neuen Publikation und klaren Vorstellungen, was mit dem Buch zu geschehen sei. So findet sich in einem Büchlein als Einlage der Lieferschein an die Kulturredaktion des Tages-Anzeigers, in dem vermerkt ist: «Bitte nicht von X.Y. besprechen lassen».
Nur kurz gestreift werden können andere Personen, die «Projekt Schweiz» und den bücherraum verknüpfen. Etwa Iris von Roten. Sibel Arslan stellt in «Projekt Schweiz» dar, wie sie von Iris von Roten mehrfach beeinflusst worden ist. Bei schema f ist natürlich nicht nur «Frauen im Laufgitter» in zwei Ausgaben vorhanden, sondern auch das spätere Reisebuch «Vom Bosporus zum Euphrat» (1965). Zu Theo Pinkus wiederum, den Isolde Schaad in einem scharfsinnigen Beitrag in historischer Dialektik charakterisiert, existiert ein Spezialdossier. Tatsächlich sind in der Politisch-Philosophischen Bibliothek 75 Dossiers vorhanden, zumeist thematisch geordnet, gelegentlich auch herausragenden Persönlichkeiten gewidmet – in diesen Dossiers liesse sich noch einiges aufarbeiten. Im Dossier zu Pinkus finden sich beispielsweise zwei, drei Originalmanuskripte und Briefe an die Redaktion der Zeitschrift «Widerspruch».
Ein letzter Hinweis soll Sibylle de Dietrich-Ochs (1755-1806) gelten. Sie ist eine kaum bekannte Frau aus der Schweizer Geschichte. Bekannt sein mag wohl noch ihr älterer Bruder Peter Ochs, einer der Begründer der Helvetischen Republik und damit des Aufbruchs der Schweiz aus dem Ancien Régime in die Moderne. Das Porträt über Sibylle de Dietrich-Ochs kann paradigmatisch für ein Motiv von «Projekt Schweiz» stehen: unbekannte vorwärtsweisende Traditionen zu rekonstruieren. Vergegenwärtigt wird sie von der Bildhauerin Bettina Eichin, die sich in ihren grossen Skulpturen immer wieder profund mit Geschichte und Bild der Schweiz auseinandergesetzt hat.
Sibylle Ochs, aus reicher Familie, genoss eine gute Bildung, heiratete 1772 den elsässischen Adligen und Industriellen Frédéric de Dietrich. Der wurde 1790 als gemässigter Republikaner zum ersten Bürgermeister des demokratischen Strassburg gewählt, 1792 wurde im Salon de Dietrich erstmals die Marseillaise aufgeführt. Mit der Radikalisierung der Französischen Revolution wurde de Dietrich allerdings als Konterrevolutionär denunziert und Ende 1793 hingerichtet. Sibylle ihrerseits verbrachte zweiundzwanzig Monate in Gefangenschaft und musste danach versuchen, ihre Familie zusammenzuhalten und zu ernähren. Wie sie sich als aufgeklärte Frau über ihre soziale Herkunft hinwegsetzte, der sie gelegentlich aber nicht entrinnen konnte, schildert Bettina Eichin eindrücklich. Im «Projekt Schweiz» abgedruckt sind auch bemerkenswerte Illustrationen, etwa zur Einsetzung von Frédéric de Dietrich als Bürgermeister, auf dem sich (womöglich) Sibylle als Mairesse erkennen lässt. Das Hauptporträt zeigt sie mit einem Samthalsband – aber das ist eine nachträgliche Verunstaltung und soll symbolisieren, dass ihr das Haupt vom Rumpf hätte getrennt werden müssen.
So viel Wissen steckt im «Projekt Schweiz». So viel Wissen steckt im bücherraum f.
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