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Vom Wert, sich selbst zu lieben
Maurice liegt wach. Er kann nicht einschlafen. Der zehnjährige Junge fürchtet sich nicht vor Monstern, die unter seinem Bett lauern könnten – nein, ihn plagen Selbstzweifel. Er sorgt sich, dass er für den morgigen Test nicht genug gelernt hat. Und hat Angst, dass er beim Mannschaftsspiel am Wochenende schlecht spielen wird. «Maurice war schon als kleines Kind ängstlich und voller Selbstzweifel», erklärt seine Mutter. «Er sagt oft, er wünschte, er wäre ein beliebterer, besserer Bub.»
Ganz anders Anastasia. Die gebürtige Ukrainerin ist vor acht Jahren in die Schweiz gezogen. Sie sprach kein Wort Deutsch. Jetzt besucht die 14-Jährige das Langzeitgymnasium und engagiert sich in ihrer Freizeit für den Klimaschutz. Sie sagt über sich: «Natürlich mäkle ich manchmal an meinem Aussehen herum oder rege mich über eine schlechte Note auf. Aber eigentlich finde ich mich gut so, wie ich bin.»
Der Junge, der an sich zweifelt, das Mädchen, das an sich glaubt: Wie kommt es, dass ein Kind meint, es genüge nicht, während das andere grundsätzlich mit sich und der Welt zufrieden ist?
Die Antwort liegt in einer Kompetenz, die die Psychologie als «Selbstwert» bezeichnet. Wir Laien nennen es Selbstliebe. Gemeint ist die Balance zwischen dem «Sich-selbst-Mögen» und dem «Sich-kompetent-Fühlen» beziehungsweise «das subjektive Empfinden seines eigenen Wertes, die Wertschätzung der eigenen Persönlichkeit, die Zufriedenheit mit sich selbst», wie es der US-Psychologe Morris Rosenberg 1965 definiert hat.
Wie entsteht diese Wertschätzung für sich selbst? Ist sie angeboren oder entwickelt sie sich im Laufe der Kindheit? Welche Faktoren beeinflussen diese Entwicklung? Was passiert, wenn der Selbstwert niedrig ist?
Mit diesen Fragen setzt sich unser Dossier im Magazin 12/2019
auseinander, aus dem dieser Text stammt. Es geht ausserdem der Frage nach, was Eltern tun können, um das Selbst ihrer Kinder zu stärken. Und versucht zu eruieren, ob und in welcher Weise Noten und Schule das kindliche Selbstwertgefühl beeinflussen.
Klären wir zuerst die Begrifflichkeiten. Selbstliebe scheint das Wort der Stunde zu sein. Das Hashtag #selbstliebe fluten Instagram mit 510'000 Einträgen - Tendenz ständig steigend. Wie wird Selbstliebe dargestellt? Als lächelndes Selfie, mit einem Cappuccino in der Hand, in dessen Milchschaum ein Herz gezeichnet ist. Ein Blick in den Schweizer Bibliotheksverband offenbart ähnlich Triviales. Zu Hunderten finden sich dort Bücher mit rückhaltlos bejahenden Titeln wie: «Das Kind in dir muss Heimat finden», «Heirate dich selbst!» oder «Gesundes Ego, starkes Ich».
Das hat mehr mit Eigenliebe denn mit Selbstliebe zu tun. Eigenliebe steht für einen wenig schmeichelhaften Persönlichkeitszug: den Narzissmus. Narzissmus ist die Sucht nach sich selbst. Das Bestreben, sich selbst Liebe zukommen zu lassen. «Ich, icher, am ichsten», beschreibt der österreichische Psychiatrie-Chefarzt Reinhard Haller in seinem Buch «Die Narzissmusfalle» das narzisstische Credo. «Der Narzisst braucht den Applaus wie ein Süchtiger die Droge», erklärt Haller, «er ist durch und durch abhängig von der Bewunderung durch seine Umgebung.»
Selbstliebe hingegen ist weit entfernt davon: Wer sich selbst liebt, so sagt die Psychologie, akzeptiert seine eigene Persönlichkeit mit all ihren Facetten. Ein Mensch, der sich wirklich selbst liebt, kann sich unabhängig von äusserem Applaus annehmen, so, wie er ist – vor allem in schwierigen Zeiten. Man spürt intuitiv: Davon geht die Welt nicht unter, denn ich bin ja grundsätzlich in Ordnung.