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Mit Kritische Theorie im 21. Jahrhundert hat Darrow Schecter ein scharfsinniges und engagiertes Buch geschrieben, das insbesondere politische Philosophen mit starkem empirischem Bezug und Sozialwissenschaftlerinnen mit normativem Anspruch interessieren dürfte. Das Buch strebt an, die Kritische Theorie der Gegenwart mit den Leitsätzen der Gründer des Instituts für Sozialforschung neu zu beleben, um über alternative Arten und Weisen nachzudenken, unsere Gesellschaft[1] angesichts der aktuellen sozialen Beziehungen und Produktionsverhältnisse zu organisieren. Die unkonventionelle Kombination von Idealismus, Marxismus, klassischer Soziologie, Systemtheorie, negativer Dialektik und weiteren Ansätzen vermag spannende – und teils kontroverse – Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen zu eröffnen. Dabei hütet Schecter sich davor, sich in esoterischen Theoriedebatten zu verlieren, und konzentriert sich stattdessen auf sein Anliegen, multidisziplinäre, kritische Forschung anzuregen. Er macht Orte ausfindig, wo Forschungsbedarf besteht, und reflektiert gleichzeitig die Rolle der Kritischen Theorie in dieser Forschung.
Schecters Analyse und Argumentation setzt bei der Beobachtung an, dass vermittelte Einheit sowohl theoretisch wie auch realhistorisch ihren Zenit überschritten hat.[2] Daraus ergibt sich für ihn die Aufgabe, einen Weg zu finden, wie die für die heutige Zeit charakteristische Zerstreuung von Wissen, Macht und Autorität neu gekoppelt werden und dabei rigoros konzipierten Legitimitätskriterien genügen kann (S. 56). Nach einer kurzen Kontextualisierung des Werks im nächsten Abschnitt soll im darauf folgenden Schecters Argumentation in groben Zügen nachgezeichnet werden. Es kann bereits vorausgeschickt werden, dass der Weg zu einer vernünftigeren und gerechteren Gesellschaft gemäss Schecter qualitative Veränderungen von Entscheidungsprozessen und im Umgang mit Ressourcen erfordert, die dezentralisiert organisiert werden müssen. Plumpe, rein quantitative staatliche Einmischung in die spontane Produktion von Waren und Dienstleistungen wie Deregulierung, Privatisierung, Sparpolitik und technokratisches Management (S. 56, 57, 223) à la westliche liberale Demokratien reichen für ihn nicht aus. Genauso wenig tut dies die Politik konventioneller Parteien und Gewerkschaften oder ein dogmatischer Materialismus à la Lenins Staat und Revolution (S. 127).
Erkenntniskritik als Gesellschaftskritik via Stärkung der Gesellschaftstheorie
Erstmals erschien das Buch unter dem Titel Critical Theory in the Twenty-First Century 2013 im Bloomsbury Verlag. Seit diesem Jahr ist die deutsche Übersetzung im Nomos Verlag als Teil der Schriftenreihe „Studien zur Politischen Soziologie“ verfügbar. Wie die anderen Publikationen dieser Reihe befasst sich Kritische Theorie im 21. Jahrhundert mit aktuellen politischen Problemen und geht diese mittels gesellschafts-, politik- und rechtstheoretischer Analysen an.[3] Schecter kann dabei an sein langjähriges, facettenreiches intellektuelles Engagement anknüpfen, das von der (Theorie-)Geschichte der Linken über die Beschäftigung mit instrumenteller Legitimität bis hin zur Auseinandersetzung mit Dialektik und negativer Dialektik reicht. Der Autor selbst betrachtet das Buch als dezidiert sozialwissenschaftlich ausgerichtete Intervention in zeitgenössische Debatten der Kritischen Theorie, die, seit der von Jürgen Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns markierten linguistischen Wende überwiegend von ästhetischen Herangehensweisen geprägt, stark literaturwissenschaftlich orientiert sind und denen eine ernsthafte Beschäftigung mit Politischer Ökonomie fehlt (S. 13, 69).[4] Das bedeutet jedoch nicht, dass die Gesellschaftstheorie gegenüber den Angriffen der ästhetischen Theorie geschützt werden muss. Vielmehr soll das Versprechen der Frankfurter Schule eingelöst werden, Erkenntniskritik als Gesellschaftskritik (und umgekehrt) zu betreiben (S. 83). Dabei sei ästhetische Theorie weiterhin wichtig, insbesondere bei Fragen des Verhältnisses von begrifflicher und nichtbegrifflicher Erkenntnis. Schecter argumentiert, dass Georg Simmels Arbeit zum Geld eine Schlüsselrolle beim Entwurf einer zeitgemässen Kritischen Theorie einnehmen könnte, indem er jenen als kritischen Theoretiker avant la lettre behandelt, der den meisten marxistischen Sozialwissenschaftlern voraus hat, dass er gesellschaftliche Vermittlungen jenseits einer abgeschlossenen Dialektik theoretisiert. Aufbauend darauf muss gemäss Schecter eine innovative Methodologie für Sozialforschung entwickelt werden, die eine modifizierte Form des Idealismus mit einer asymmetrischen Dialektik von Wechselwirkungen verbindet (S. 128). Dabei dienen ihm neben Simmels Werk Charles Baudelaires und Walter Benjamins Beiträge zum konstellativen Denken sowie Niklas Luhmanns Systemtheorie als Referenzpunkte, wenn es darum geht, auf eine offene Dialektik ohne Mittelpunkt, stabile Synthese und ursprüngliche Einheit hinzuarbeiten (S. 107-118).
Von der Kritik der vermittelten Einheit zur erneuerten Theorie der Nichtidentität
Hegel und anderen Denkern zufolge gibt es oder soll es vielmehr eine vermittelte Einheit zwischen Bürgern, Recht und Staat geben. Einzelne Bürger sind in eine territorial abgegrenzte nationale Gemeinschaft eingebunden, innerhalb derer sie Rechte und Pflichten haben. Der Begriff beinhaltet, dass es eine gewisse Einheit zwischen Bürgern und Staat gibt, diese jedoch nicht identisch sind. Wenn es gar keine Einheit gäbe, wäre politische Repräsentation unmöglich. Wenn sie voll und ganz identisch wären, wäre Repräsentation überflüssig und koordinierte Spontaneität würde walten, die jegliche Vermittlung zwischen Theorie und Praxis obsolet machte (S. 63, 64). Historisch betrachtet löst der Idealzustand der vermittelten Einheit bei Hegel (Staat als objektivierter Geist) die vermittelte Uneinigkeit (bürgerliche Gesellschaft) ab, die ihrerseits die unmittelbare Einheit (undifferenzierte Einheit der Familie) ablöst (S. 141). Anstatt den Fokus auf den Bruch zu legen, der zwischen Hegel und Marx stattfand (Übergang vom Idealismus zum Materialismus) legt ihn Schecter auf die Kontinuität. Dieselbe Struktur von Periodisierung wie bei Hegel lässt sich nämlich bei Marx feststellen. Unmittelbare Einheit ist bei Marx rudimentäre Klassenlosigkeit, vermittelte Uneinigkeit ist die Kastengesellschaft beziehungsweise Gesellschaft mit komplexeren Stratifikationen. Das Äquivalent zum hegelschen Staat ist eine komplexe, klassenlose Gesellschaft. Beide sind sich darin einig, dass Uneinigkeit in einer höheren, vollkommeneren Form von authentischer Einheit aufgehoben werden soll.
Schecter teilt die Ansicht von Hegel, Marx und anderen, dass vermittelte Uneinigkeit mit ernsten sozialen Problemen verbunden ist. Er ist jedoch pessimistischer, was die Möglichkeiten vermittelter Einheit zur Lösung jener Probleme angeht. Vermittelte Uneinigkeit ist seiner Ansicht nach nicht einfach eine Pathologie, die durch authentische vermittelte Einheit geheilt werden kann, sondern der Ausdruck grundlegenderer Defizite von Einheit. Schecter erteilt deshalb nicht nur Hegels Staat als vollkommener Form von authentischer Einheit eine Absage, sondern auch Marx’ Proletariat als revolutionärem Subjekt, das diese Einheit durch eine finale Versöhnung zwischen Mensch und Natur herbeiführen und der Entfremdung von seiner eigenen Natur ein Ende setzen soll. Schecter sieht die Ursache der drängendsten sozialen Probleme nämlich darin, dass heutige Staaten der Idee nach einheitlich vermittelnde Instanzen sind, diesem Anspruch aber empirisch nicht gerecht werden. Stattdessen enthalten sie Überreste von vermittelter Uneinigkeit und Elemente von vermittelter Nichtidentität,[5] was sie dysfunktional macht. Sie sind überlastet, produzieren und reproduzieren Ungleichheit zwischen Gesellschaftsangehörigen, sind anfällig für soziale und ökonomische Krisen und mitverantwortlich für eine gigantische Verschwendung von Ressourcen. Auch haben Staaten in der Geschichte immer wieder dazu tendiert, anstatt zu vermitteln zu diktieren, zwingen, marginalisieren und gewaltsam zu integrieren (S. 197).[6] Schecter findet keine guten Gründe anzunehmen, dass sich dies angesichts des bestehenden Repertoires an Praktiken zum Guten ändern wird. Den gewichtigsten Grund dafür, dass Staaten immer mehr an ihre Grenzen geraten, sieht er in ihrer zunehmenden systemischen Differenzierung, in Anbetracht derer der Staat nicht (mehr) zu einer ausreichenden Vermittlung in der Lage ist. Gleichzeitig ist die Differenzierung aber nicht weit genug fortgeschritten, da sie von verhärteten liberaldemokratischen Institutionen blockiert wird. Wir befinden uns also gemäss Schecter an einem historischen Wendepunkt, an dem der Staat beseitigt werden muss, um das befreiende Potential weiterer Ausdifferenzierung zu entfesseln. Damit dies gelingen kann, müssen jedoch geeignete Vermittlungs- und Kommunikationsformen gefunden werden, mittels derer Systeme interagieren können.[7]
Schecter leugnet nicht, dass, wie der Marxismus nahelegt, moderne Gesellschaften stratifiziert sind. Er ist aber der Ansicht, dass deren systemischer Differenzierung (Durkheim) ebensoviel soziologische Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte (S. 41). Besonders sticht für Schecter das Auseinanderdriften von Politik und Recht ins Auge, die sich jeweils zu nahezu autonomen Systemen mit eigenen Logiken herausgebildet haben (S. 272). Eine politisch relevante Konsequenz der systemischen Differenzierung ist, dass es nicht nur eine gewichtige soziale Konfliktquelle, sondern mehrere gibt. Das ist der Punkt, an dem der westliche Marxismus und der Marxismus-Leninismus mit dem Fokus auf den fundamentalen Konflikt zwischen Kapital und Arbeit und der daraus folgenden monolithischen Darstellung kollektiven Handelns gemäss Schecter ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst haben (S. 150-151). Ähnlich verhält es sich beim Liberalismus und seinen Verfechterinnen. Der Staat als monolithisches Gebilde mit seiner abstrakten Form der Legalität hat vor allem die Funktion der ideologischen Vereinheitlichung und verschleiert dadurch fehlende sozioökonomische und politische Einheit sowie die Abwesenheit substantieller Legitimität und Gerechtigkeit.
Darüber hinaus ist beim Liberalismus laut Schecter eine Tautologie am Werk: Der Staat ist ein fiktives Zentrum, das etwas repräsentieren und wiedervereinigen soll, was ursprünglich eine einheitliche Präsenz war, nämlich das souveräne Volk als Grundlage für jenen Staat (S. 161). Da aber dieses Volk real stratifiziert und differenziert ist und der Staat kein fähiger und glaubwürdiger Vermittler (mehr) ist, muss nach Alternativen geforscht werden, wie Gesellschaften zukünftig aussehen können und sollen. Man könnte sich mit Blick auf aktuelle politische Geschehnisse sowohl rezentralisierende wie auch dezentralisierende Prozesse als plausible Szenarien vorstellen (S. 162). Schecter argumentiert auf der Grundlage des bisher Erläuterten für die Wahrscheinlichkeit und auch Wünschbarkeit des Letzteren und formuliert im Einklang damit eine der Kernfragen zukünftiger Kritischer Theorie wie folgt: „Was könnten die Möglichkeiten für die Verwirklichung eines dezentrierten, pluralen Netzwerks von Vermittlungen anstelle einer einheitlichen vermittelnden Instanz sein (S. 67)?“
Diese Möglichkeiten hängen gemäss Schecter hauptsächlich davon ab, ob und wie es gelingt, verschiedene Systeme wie Ökonomie, Politik, Recht, Wissenschaft etc. durch Wiederkopplung zu reformieren und die Kommunikation zwischen diesen Systemen zu organisieren. Hierzu müssen die Systeme zum einen weiter voneinander getrennt werden, um sie aus ihrer Überlastung zu befreien. Die Wirtschaft darf beispielsweise nicht mehr von der Erwartung überfordert werden, als Hauptquelle politischer Stabilität zu dienen, und das politische Gemeinwesen muss von wirtschaftlichen Funktionen befreit werden (S. 250). Zum anderen braucht es systemübergreifende, partizipatorische Operationen, die die Wirtschaft an die Anforderungen anderer Systeme anpasst und umgekehrt. Um diese Operationen denken und umsetzen zu können, müssen die Beschaffenheit und die Dynamiken dieser Systeme erfasst werden. Dabei kann – so Schecters Argumentation – eine Theorie der Nichtidentität hilfreich sein, die, anders als traditionelle Theorien (hier Marx und Hegel), Differenz (zwischen den Systemen) nicht auf einer zugrundeliegenden Einheit basiert und die auf einen Diskurs der Wiederaneignung verzichtet (S. 122, 263).
Diese Theorie nimmt sich einerseits die pluralistischen Prämissen der Systemtheorie und andererseits Simmels Ideen über Wechselwirkungen und das Auseinandertreten von subjektiver und objektiver Kultur zum Vorbild (S. 122). Diese zeigen gemäss Schecter nämlich besonders deutlich, dass sich die Dialektik nicht in ihrer konventionellen Subjekt-Objekt-Form erschöpft. Simmels These zufolge gibt es in modernen Gesellschaften eine objektive soziale Form, aber keinen erkennbaren kollektiven, formgebenden Grund und kein Zentrum, das Gesetze und Formen hervorbringt (S. 122). Die postfeudale Gesellschaft erscheint als Serie von dezentrierten und sich konstant überlappenden sozialen Formen wie Märkten, Konkurrenz, Geld usw. Diese Formen haben eigene Lebensflüsse, deren Lebenskraft ausserhalb von Natur und Mensch besteht, und bilden somit ein drittes, für keinen vorhersehbares Element (S. 124). Eine solche Auffassung der Beschaffenheit von Gesellschaften hat Konsequenzen für die Möglichkeit von Erkenntnis und, damit verbunden, die Möglichkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen bewusst zu beeinflussen. Hier kommen Baudelaire, Benjamin und Adorno ins Spiel, die in Schecters Auffassung in ihrer jeweiligen Weise Parallelprojekte zu Simmel verfolgten, indem sie Erkenntnisphänomene keinem allumfassenden Oberbegriff unterordneten (S. 115). Ihre methodologische Innovation besteht in der Feststellung, dass als Folge von Urbanisierung und funktionaler Differenzierung neue Vermittlungsmodi entstehen und mit ihnen die Möglichkeit einer flexiblen Dialektik, die nicht auf vereinigenden Grundlagen oder vorgeformten Synthesen beruht.
Schecter zieht daraus die Konsequenz, dass es sowohl in begrifflicher wie auch in institutioneller Hinsicht nichtidentische Formen gibt, in Abgrenzung zu vorgefertigten, allumfassenden und dogmatischen (S. 267). Diese nichtidentischen Formen eröffnen die Möglichkeit, individuell angepasste Kriterien zu formulieren und so Legitimitätsdefizite anzugehen.Von besonderer Bedeutung hierfür ist für Schecter Benjamins Anliegen, ausgehend von Baudelaires correspondences (S. 113) ein soziologisches Verständnis von der Interaktion zwischen mikroästhetischen und makropolitischen Erscheinungen zu gewinnen (S. 117). In der von Baudelaire angedeuteten poetischen Forschungsmethode hängt die Möglichkeit von Erkenntnis von der Konstruktion einer nicht verbalen Sprache aus wirklichen und metaphorischen Ruinen, Träumen, Erinnerungen und anderen Erfahrungsfragmenten ab, die sich einer linearen Interpretation und einer hierarchischen Anordnung nach Wichtigkeitskriterien widersetzen (S. 117). In anderen Worten geht es bei dieser Methode darum, Entsprechungen zwischen sinnlicher und begrifflicher Erkenntnis nachzuzeichnen oder Erscheinungen lesbar zu machen, die nie geschrieben wurden. Hier knüpft Benjamins Projekt an, das verpasste Übergänge sowie unvermutete politische Möglichkeiten sichtbar macht, auch wenn sie keine Wahrnehmungsgegenstände im üblichen Sinne sind. Gelingt es, dieses Projekt mit Simmels Ideen zu verbinden, könnte daraus eine systematische Theorie der Konstellationen entwickelt werden. Diese Kritische Theorie würde dann versuchen, „Kriterien zu entwickeln, um zu beurteilen, was willkürlich und veränderbar ist, im Verhältnis zu dem, was sich als historische Objektivität und als Tatsache darstellt“ (S. 121).
Herausforderungen
Kritische Theorie im 21. Jahrhundert ist voraussetzungsreich und nicht gerade leicht zugänglich. Es zeichnet sich durch eine hohe Dichte an verschiedenen Theorien bei gleichzeitiger grosser Tiefe des politischen Anliegens aus, was zu einer beträchtlichen Komplexität und Intensität führt. Ebenfalls fällt der introvertierte, nüchterne Stil Schecters auf, der den Inhalt zu keiner Zeit mit plakativen Thesen aufdrängt. Die Gewichtung muss fast vollständig von der Leserin vorgenommen werden.
Obwohl viele von Schecters Thesen in ihrer Einzelheit bescheiden daherkommen, dürften einige Themenkomplexe kontrovers sein, wie zum Beispiel die folgenden:
1) Schecters Geschichtsverständnis: Der Rezensentin ist unklar geblieben, was die gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse vorantreibt. Agency und Subjektivität mussten etwas kürzer treten. Welchen Einfluss hatten/haben beispielsweise Arbeitskämpfe auf Prozesse der Differenzierung? Bis zu einem gewissen Grad könnte dies jedoch ein notwendiges Opfer gewesen sein, da Schecter bewusst die objektive Dimension der Kritischen Theorie stärken will, um Defizite von Theorien auszugleichen, die die subjektive Dimension überbetonen (z. B. aus den Bereichen der Psychoanalyse, der Performanz).
2) Stratifikation versus Differenzierung der Gesellschaft: Hier muss sich Schecters Theorie gegenüber anderen, ebenfalls plausiblen behaupten, die für die andauernde Relevanz des Klassenkampfes argumentieren. Ein Vorteil Schecters kann hier darin gesehen werden, dass er nicht auf problembehaftete Konzepte wie „falsches Bewusstsein“, „reaktionäres Handeln“, „Manipulation der Massen“ etc. zurückgreifen muss, um die weitgehende Abwesenheit eines Klassenbewusstseins zu erklären.
3) Gesellschaftliche Lernprozesse/unvollendetes Projekt der Moderne: Schecters Vision einer zukünftigen Gesellschaft, in der Systeme in egalitärer, nichtidentischer, effizienter, ökologisch verträglicher und aufgeklärter Weise miteinander kommunizieren, steht und fällt mit der These, dass Gesellschaften in einer Art und Weise lernen, die jenen Zielen zuträglich ist. Das ist eine These, die in ähnlichen Versionen zwar prominente Verfechter hat (z. B. Jürgen Habermas), empirisch aber weiter fundiert werden müsste, um noch glaubwürdiger zu sein. Für Schecter spricht hier, dass er weder übertriebenem Pessimismus noch Zynismus und Fatalismus verfällt, sondern ihn dieser Optimismus dazu veranlasst, ernsthaft und kreativ nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Kritische Theorie im 21. Jahrhundert trägt darüber hinaus „zu einer wahrscheinlich heilsamen Verwirrung darüber bei, was politisch links und rechts ist und was die Kategorien konservativ, liberal und demokratisch bedeuten“ (S. 262) – um Schecters Einschätzung einiger der Theorien, auf die er sich bezieht, auf ihn selbst anzuwenden.
[1] Damit meint er posttraditionelle, nachknappe Gesellschaften, insbesondere in Europa und Nordamerika.
[2] Ob die Form des Staates als Manifestierung vermittelter Einheit jemals der Komplexität moderner Gesellschaft angemessen war, lässt Schecter offen.
[4] Schecter erkennt dennoch an, dass diese Wende Früchte getragen hat, und nennt dabei Werke von Alex Thomson, Jacques Derrida und Frederic Jameson.
[5] Schecter sieht die wünschenswerte Zukunft von Gesellschaften, die schon in ihrem jetzigen Zustand angelegt ist, in der vermittelten Nichtidentität, wie weiter unten genauer erläutert werden wird.
[6] Hier nennt Schecter beispielsweise verschiedene Ausprägungen des Totalitarismus, wo die Bürger nahezu mit dem Staat verschmelzen (von der Einheit zur Identität). Aber auch in liberalen Demokratien kann es dazu kommen, zum Beispiel im Falle aufgezwungener Sparpolitik.
[7] Was passiert, wenn dies nicht gelingt, kann man am traurigen Beispiel von sogenannten failed states sehen.
Darrow Schecter: Kritische Theorie im 21. Jahrhundert (Studien zur Politischen Soziologie / Studies on Political Sociology, Band 28). Nomos, Baden-Baden 2016.