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Seine Kritik an Hegel ist vernichtend (und ich teile sie in allen Bereichen): Hegel war ein höchst mittelmäßiger Philosoph ohne eigene oder auch nur originelle Gedanken, der diese seine Mittelmäßigkeit durch sprachliche und stilistische Verschwommenheiten zu kompensieren vermochte (inwieweit dies beabsichtigt war kann ich nicht beurteilen: Allerdings scheint – wenn man einen Blick in die Philosophiegeschichte wirft – ein Zusammenhang zwischen Inhaltsleere und verworrener Terminologie zu bestehen, die Postmoderne hat in der Gegenwart ein weiteres Beispiel dafür geliefert). Popper kritisiert Hegel vor allem für seinen historizistischen Ansatz, der in der Geschichte nicht nur Gesetze zu erkennen meint (die meisten dieser Denker sehen mit ihrem eigenen Entwurf diese Geschichtsphilosophie auch schon zum Abschluss gekommen), sondern die Geschichte selbst auch zum Richter des Geschehens erhebt. Dadurch manifestiert sich der Weltgeist im jeweiligen System oder Herrscher (Napoleon als dieser Weltgeist zu Pferde, später von Hegel durch Friedrich Willhelm III. ersetzt, wobei Poppers Ansicht, dass die gesamte Hegelsche Philosophie eine Apologie des totalitären Herrschaftssystems in Preußen gewesen sei, nicht ganz von der Hand zu weisen ist). Hegels Inkonsistenzen werden durch seine Dialektik systematisiert: Für ihn sind logische Widersprüche nicht dazu da, aufgelöst zu werden, sondern sie heben sich in einer wahrscheinlich nur für Eingeweihte nachvollziehbaren Weise auf einer nächsthöheren Stufe auf. Auf diese Weise entkommt Hegel einer logisch-rationalen Auseinandersetzung mit seinen Thesen – und er kann auch immer wieder Dinge dogmatisch absolut setzen, weil er in seinem System auf jedwede Begründung verzichten kann. So wird etwa auch – und dies ist einer der Hauptkritikpunkte Poppers – der Staat absolut gesetzt („es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft“*) und damit implizit (bzw. auch explizit in vielen seiner Äußerungen) dem Totalitarismus das Wort geredet.
Von Hegels prophetischer Sichtweise der Geschichte war denn auch Marx beeindruckt, wenngleich er bemüht war, dessen System vom „Kopf auf die Füße zu stellen“ und aus dem Idealismus einen Materialismus zu machen. Die gesamte Kritik Poppers an Marx ist berechtigt (vor allem was die Geschichtskonzeption Marx‘ betrifft): Weder konnte (noch hat) er diese Geschichte vorausgesehen – und er war dadurch auch nicht in der Lage, alternative Modelle zu entwerfen: Modelle, die nicht in der Konzentration des Kapitals und im Untergang des Kapitalismus zwangsläufig enden, sondern irgendeinen Weg dazwischen nehmen (wie denn solche „Alles-oder-Nichts-Modelle“ so gut wie immer sich als falsch herausstellen, weil die Natur des Menschen vielfältiger ist als sich der Philosoph das in seinem Studienzimmer vorzustellen in der Lage ist). Von dieser fehlgegangenen Prophetie des Marxschen Denkens abgesehen hat er auch in ökonomischer Hinsicht wenig Konstruktives zu bieten: Sein Modell geht vom Zusammenbruch des Kapitalismus aus und von einer sich – irgendwie automatisch – installierenden klassenlosen Gesellschaft, von deren ökonomischen Strukturen man gar nichts erfährt. Marx ist im Grunde nur ein in alternativem religiösem Gewande auftretender Prophet: Er verlegt sein Himmelreich auf die Erde (seine politischen Anhänger mussten es ohnehin wieder auf eine in weite Ferne gerückte Endzeit verschieben) und hofft – wie Hegel – auf die „Vernunft der Geschichte“. Aber auch Marx ebnet dem totalitären Denken den Weg, indem er durch sein starres historizistisches Konzept jedwede Kompromisse mit den Unternehmern (die völlig unzulässig vereinfacht nur immer eine Kapitalvermehrung im Auge haben, während die Arbeiter in jedem Fall verelenden) ausschließt und dem revolutionären Kampf das Wort redet. – Allerdings sind viele von Popper angestellten Analysen ein wenig ermüdend: Denn die Unsinnigkeit der Marxschen Prophetien sind so offenkundig, dass die detaillierten Argumente gegen Profit- oder Zinsrate, die von Marx für seine Vision angeführt werden, auf die Dauer langweilen.
Ein letzter Teil (als auch ein Teil des Anhanges) sind schließlich der Kritik des Irrationalismus (und dem Programm des kritischen Rationalismus) gewidmet. Ich stehe hier im Grunde völlig auf der Seite Poppers, allerdings halte ich seine Annahme für falsch, dass rationale Überlegungen für Handlungsentscheidungen ausschlaggebend seien. Popper hat auch schon Hume kritisiert (und auch missverstanden), der die Vernunft zur Dienerin der Gefühle erklärt hatte: Dies ist nicht Programm, sondern das Konstatieren eines Faktums**. Vielleicht wäre eine Welt der Rationalität eine bessere Welt (ich bin mir da allerdings nicht sicher), tatsächlich aber leben wir in einer Welt, die von Emotionen regiert wird und in der die Vernunft nicht die Zwecke setzt, sondern nur die Mittel bestimmt, die zu diesen Zwecken eingesetzt werden. Möglicherweise dient der Rationalismus auch der Toleranz („man töte keinen Menschen, dessen Argumente man sich anhört“ schreibt Popper – und auch hier habe ich meine Zweifel), ebenso kann aber die Vernunft auch für Intoleranz und Machtstreben benutzt werden (denn ich kann mit „vernünftigen“ Argumenten bestreiten, dass alle Menschen gleich sind (sie sind es nicht – zum Glück) und daraus folgern, dass sie daher auch nicht die gleichen Rechte haben sollen). Die Vernunft kann tatsächlich nur dienen, sie kann die probaten Mittel anbieten, sie kann aber keine Zwecke setzen. Dieses letzte nimmt uns niemand ab, es liegt – wie Popper richtigerweise vom „Sinn“ sagt – an uns, dem Leben, der Welt Sinn zu verleihen. Selbstverständlich führt der Irrationalismus – u. a. – in eine moralische Beliebigkeit (wie auch der Relativismus) und ist deshalb eine problematische Position. Tatsächlich aber wird nirgendwo weder ein konsequenter Irrationalismus noch ein konsequenter Relativismus vertreten (außer bei Philosophen). Problematisch sind vielmehr Strömungen, die sehr genau wissen, dass der Mensch zuerst ein Gefühlswesen ist und diese Gefühle zu instrumentalisieren suchen: Aber wir sind ebenso altruistische wie auch egoistische Wesen. Diesen Altruismus anzusprechen und auf seiner Basis eine Welt zu entwerfen (zu deren Realisierung die Vernunft unabdingbar ist) schiene mir eine bessere Variante als von einem vorgestellten, weil erwünschten Primat der Vernunft auszugehen.
Insgesamt ist das zweite Buch der offenen Gesellschaft weniger überzeugend als der erste Band: Ich halte die Hegelkritik zwar für absolut berechtigt (und verstehe bis heute nicht, was man an diesem Philosophen je hat finden können), die Kritik an Marx ist – wohl auch durch die Geschichte, womit ich mich nicht nur auf 1989, sondern auf die letzten 150 Jahre beziehe – obsolet geworden. Das Plädoyer für den kritischen Rationalismus scheint mir ein wenig fragwürdig: Zum einen aus den oben geschilderten Gründen, zum anderen auch der wenig überzeugenden Polemik wegen, mit der dem Irrationalismus (dem ich keinesfalls das Wort reden will) moralisch fragwürdige Folgen unterstellt werden (wobei im Gegenzug Popper die moralische Integrität des Rationalismus auch nicht nachweisen kann). Dazu kommen noch dubiose Beurteilungen des Christentums im Abschlusskapitel: Dessen Denken Popper in einer Weise als menschlich und human betrachtet, dass es der realen Geschichte Hohn spricht. Das, was Popper hier vertritt, hat mit Christentum rein gar nichts zu tun: Denn das Christentum ist – selbstredend – auch historizistisch bis zum Exzess und mit einer offenen Gesellschaft nicht in Einklang zu bringen. Gerade aber die Kritik des Historizismus ist der Kernpunkt des Werkes: Wir sollen uns hüten vor Propheten aller Richtungen und stattdessen einer Sozialtechnologie folgen: Auf der Basis der Menschenrechte das verhinderbare Leid verhindern – aber nicht ein utopisches Glück für alle anstreben.
*) Dieses Zitat ist beispielhaft für die Argumentationsweise Hegels: Als Grund wird die „Gewalt einer sich als Wille verwirklichenden Vernunft“ angeführt (und so ganz nebenher auch der liebe Gott), einer Vernunft, die in der Geschichte selbst beschlossen ist und auf die Hitler und Stalin auch das Recht besessen hätten sich zu berufen. Der Staat als solcher wird verabsolutiert (und gemeint ist natürlich der deutsche Nationalstaat und Friedrich Wilhelm III.), nicht weil er ein gedeihliches Zusammenleben fördert oder Rechtssicherheit oder Freiheit oder Gleichheit, sondern weil er der Staat ist. Solche „Begründungen“ sind völlig inhaltsleer und können für alles und jedes herangezogen werden: Es ist kein Zufall, dass unter den Nachfolgern sich sowohl Rechts- als auch Linkshegelianer befanden.
**) Die Gehirnforschung bestätigt in ihren Untersuchungen diesen Vorrang der Gefühle, sie zeigt aber auch das empathische Potential, das im Menschen steckt.
Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II. Tübingen: Mohr/Siebeck 1992.