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Sri Aurobindo war seit seiner Jugend ein leidenschaftlicher Dichter, schon auf der Schule in England verfasste er Verse sogar in griechischer und lateinischer Sprache. Auch der Titel seines wichtigsten Prosa-Werkes klingt sehr poetisch, durch die Nachstellung des Adjektivs: The Life Divine.
Etwa 1000 Seiten umfasst das Werk, der Autor selbst nannte es einmal scherzhaft im Kreis seiner Schüler „the fat elephant“. Die Grundlage des Buches wurde gelegt, als er von 1914-1919 in der Zeitschrift Arya eine Reihe von Artikeln veröffentlichte, die zur Grundlage fast all seiner Hauptwerke wurden, darunter auch Die Synthese des Yoga und die Essays über die Gita.
Gastbeitrag von Wilfried Huchzermeyer
Schreiben aus dem stillen Geist
Sri Aurobindo (1872-1950) hatte sich erst relativ spät für Yoga interessiert, im Jahr 1904 begann er mit einer täglichen mehrstündigen Pranayama-Praxis. 1908 kam es zu einer Begegnung mit dem Yogi Lele aus Maharashtra, der drei Tage lang mit ihm meditierte, woraufhin Sri Aurobindo zu einer Erfahrung der absoluten Geistesstille gelangte, die ihn nie mehr verließ. Seitdem war er nicht mehr „der Arbeiter in einer Gedankenfabrik“, wie er einmal in einem Brief schrieb, „sondern ein Empfänger von Wissen aus all den hundert Bereichen des Seins“. Er konzentrierte sich, und dann kamen in einem fortwährenden Fluss der Inspiration die Texte herab und wurden von ihm zu Papier gebracht. Allerdings war seine Ebene der Inspiration nicht immer dieselbe, deswegen hat er später viele Texte noch einmal überarbeitet, um die neue Ebene, die er in seiner Bewusstseinsarbeit erreicht hatte, zum Tragen zu bringen.
Dies galt auch für The Life Divine, das erstmals 1939-1940 als Buch veröffentlicht wurde, nachdem Sri Aurobindo einige Kapitel revidiert und weitere hinzugefügt hatte. Dieses Buch ist neben seinem mantrischen Epos Savitri sein wichtigstes Werk, das ihm zweimal eine Nominierung für den Literatur-Nobelpreis brachte, wobei insbesondere die Amerikanerin Pearl S. Buck und die Chilenin Gabriela Mistral zu den Unterstützern des Vorschlags zählten: „Wir schauen auf Aurobindo als einen, der zu der Familie der Seher und Weisen der Welt gehört“, schrieben sie in ihrer Begründung.
Die deutsche Übersetzung – Heinz Kappes
Sri Aurobindos teils sehr schwierige und umfangreiche Hauptwerke liegen fast vollständig in deutscher Übersetzung vor. Die entscheidende Triebkraft hinter dieser Arbeit war Heinz Kappes (1893-1988), ein protestantischer Pfarrer aus Karlsruhe. Er war ein mutiger Mensch, der sich als Theologe und SPD-Stadtrat so engagiert für soziale Belange einsetzte, dass er 1933 als „der rote Kappes“ von seiner Landeskirche Berufsverbot erhielt.
1935 emigrierte Kappes mit seiner Frau nach Palästina, wo er 1944 in einem Jerusalemer Antiquariat The Life Divine entdeckte, das auf irgendwelchen verschlungenen Wegen dorthin gelangt war und ihn nicht mehr los ließ. 1948 kehrte er nach Karlsruhe zurück und wurde von der Landeskirche rehabilitiert, war jedoch nie ein bequemes Mitglied seiner Gemeinde. Nach seiner Pensionierung 1959 begab sich Kappes für eineinhalb Jahre in den Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry, um sich vor Ort mit dem integralen Yoga vertraut zu machen. Ab 1973 gab er dann in Zusammenarbeit mit dem Verleger und Germanisten Rolf Hinder viele Hauptwerke heraus, darunter auch Das göttliche Leben. Er trug entscheidend zur Bekanntmachung Sri Aurobindos in Deutschland bei.
Sri Aurobindos Philosophie
Sri Aurobindos Philosophie steht in der Tradition von Veda und Vedanta, dies wird durch die zahllosen Zitate aus Rig Veda, Upanishaden und Bhagavadgita deutlich, die er seinen Kapiteln voranstellt. Hier muss allerdings klargestellt werden, dass er diesen vedischen Schriften, insbesondere dem Rig Veda, seine eigene Interpretation gab, wodurch sie seiner persönlichen Philosophie näher gerückt werden. Im Rig Veda sieht er einen zutiefst spirituellen Text, in welchem in bildhafter Sprache eine weltbejahende, ganzheitliche Yoga-Philosophie erkennbar ist, auch wenn nicht direkt von „Yoga“ die Rede ist. Seine entsprechenden Erkenntnisse hat er in dem Werk Das Geheimnis des Veda veröffentlicht. Jutta Zimmermann hat in ihrem Studie Rig-Veda (siehe Lit.) an Sri Aurobindos Interpretationen angeknüpft und anhand zahlreicher eigenständiger Deutungen die symbolträchtige Sprache der vedischen Rishis und deren tiefere, verborgene Bedeutung erläutert.
Nach Sri Aurobindos Schau ist diese Welt, das Universum mit allen leblosen Dingen und belebten Geschöpfen, eine Selbstoffenbarung des Brahman, wobei das, was sich ent-faltet (Evolution), bereits als Keim ein-gefaltet ist (Involution). Allem Seienden liegt der reine Spirit zugrunde, der sich in zunehmender Bewusstwerdung offenbart, von der Materie über Pflanze und Tier und schließlich zum Menschen, der jedoch nicht als Krone der Schöpfung gesehen wird. Weitere, höhere Stufen der Evolution werden folgen mit Wesen, die in viel vollkommenerer Form als der Mensch das Göttliche manifestieren können, auch auf der physischen Ebene. In diesem Punkt geht Sri Aurobindo über den Rahmen der indischen Tradition hinaus und entwirft eine spirituelle Evolutionsphilosophie, wie es sie in dieser Form noch nicht gegeben hat. Hier kommen unzweifelhaft westliche Einflüsse zum Tragen, so etwa Impulse von Darwin oder Nietzsche. Aber es bleiben stets Impulse, Anregungen, die er aufnimmt, um sie in veränderter Form auf die Ebene seiner eigenen Inspiration zu bringen. Nietzsches „Übermenschen“ etwa erwähnt er in zwei Zitaten in Das göttliche Leben und (noch ausführlicher) in einigen anderen Schriften. Er glaubte, dass der deutsche Philosoph im Prinzip eine geniale Eingebung hatte, aber es fehlte ihm die Klarheit des Denkens, um zwischen dem asurischen Herrenmenschen und einem spirituellen, egofreien Zukunftsmenschen unterscheiden zu können.
Darwin wird ebenfalls in zwei Textstellen angesprochen. In der ersteren führt Sri Aurobindo aus: „Im Blick auf unsere mögliche höhere Evolution sind wir eigentlich in der Lage des Affen, der nach Darwins Theorie unser Ahne ist. Für jenen Affen, der sein Instinkt-Leben auf den Urwaldbäumen führte, wäre die Vorstellung unmöglich gewesen, eines Tages würde ein Geschöpf seiner Art auf Erden eine neue, Vernunft genannte, Fähigkeit auf die Materialien seiner inneren und äußeren Existenz anwenden…“ Dieser Gedanke ist sehr signifikant und charakteristisch für Sri Aurobindos Philosophie. Während unsere Futurologen meist die vorhandene Ebene der Gegenwart linear fortdenken und uns dann typischerweise mit fantasievollen technischen Spielereien der Zukunft beglücken, wagt Sri Aurobindo den Sprung auf eine andere, noch unbekannte Ebene und stellt die Frage: Was kommt nach der Vernunft, dem mind? Seine Antwort lautet, supermind. Dieser Begriff spielt eine wichtige Rolle im Göttlichen Leben und soll daher im Folgenden erläutert werden.
Das Supramental
Das englische Wort ist eine Neuschöpfung ebenso wie das deutsche. Für Sri Aurobindo ist das Mental (mind, in der Terminologie von Kappes/Hinder) also jene Ebene der Evolution, die den Menschen ausmacht. Sie kann einen Plato, Kant oder Goethe hervorbringen, hat aber gleichwohl ihre Grenzen. Aus Sri Aurobindos Sicht ist das Mental nur zu einer fragmentarischen Sicht der Dinge fähig, es sieht immer nur Ausschnitte, nie das Große Ganze. Aber es gibt Ebenen über dem Mental, die overhead planes, die in der Lage sind, mehr Licht von der höchsten Quelle zu empfangen. Es sind, in einer aufsteigenden Ordnung das höhere, das erleuchtete und das intuitive Mental, dann schließlich das Übermental (overmind) und das Supramental. Ein Philosoph, der erleuchtete Gedanken hat, ein Physiker, der eine geniale Eingebung hat, oder ein Dichter, der hochinspirierte Verse schreibt – sie alle gehen über die Ebene des rein Mentalen hinaus und empfangen etwas von verborgenen, höheren Ebenen.
Eine entscheidende Vorstufe zum Supramental ist overmind, das Übermental. In Sri Aurobindos Terminologie ist es die höchste Ebene unterhalb des Supramentals. Er sieht es als eine untergeordnete Ebene des höchsten Lichts, welche die aktuelle menschliche Evolution aus der Unwissenheit heraus unterstützt und die Brücke zur höchsten Erkenntnis bildet. Das Übermental empfängt das Licht des Supramentals, unterteilt es jedoch in separate Aspekte und Kräfte. Es ist die Welt der Götter.
Das Supramental wurde nach Sri Aurobindos Überzeugung bereits von den vedischen Rishis zumindest teilweise realisiert (es gibt auch hier noch Abstufungen), aber nicht als neue evolutionäre Stufe auf Erden etabliert, so wie es nach seiner Schau zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Prinzip „Mental“ geschah. Aber genau dieses Ziel setzte sich Sri Aurobindo. Als Bewusstseinspionier wollte er den Weg ebnen für andere, die nach ihm kamen, und es dann leichter hätten. Für ihn ist das Supramental das dynamische Wahrheitsbewusstsein, die unendliche Weisheit und der unendliche Willen des Schöpfers. Es ist jene Ebene, durch welche das höchste Absolute, Sat-Cit-Ānanda, die Schöpfung organisiert, eine Mittlerkraft zwischen den beiden Sphären des Unendlichen und des Endlichen, die an beiden Teil hat. Er nennt es auch die „Real-Idee“, die aller kosmischen Existenz inhärent ist und die Beziehung zur Welt des Werden, der Manifestation, herstellt und diese lenkt.
Das Supramental ist ein höchstes integratives Einheitsbewusstsein, in dem auch die Antinomie von Geist (Spirit) und Materie vollständig ausgesöhnt wird: das Materielle wird als Geist-Stoff gesehen, auch der Körper wird vollständig vom Licht erfüllt und ein vollkommen plastisches Instrument sein, nicht mehr geplagt von Alter und Krankheit, wenn im Laufe einer künftigen Evolution selbst die Zellen des Körpers das höchste Licht empfangen. Das Licht des Supramentals ist wie ein Scheinwerfer, der alle Schichten des Wesens ausleuchtet, auch die tiefsten und verborgensten Keller und Grüfte. Deswegen ist der „Aufstieg“ immer auch ein „Abstieg“, verbunden mit Schmerz, weil manche Wesensteile das Licht, das herabkommt, nicht schätzen, und Widerstand leisten.
Das psychische Wesen
Eine Abhandlung über Das göttliche Leben wäre nicht vollständig, wenn wir nicht auch den Aspekt der Herzebene erwähnen. Ihn finden wir abgehandelt in einem der letzten Kapitel, mit dem Titel Die dreifache Transformation. Hier erklärt Sri Aurobindo die seelische, spirituelle und supramentale Umwandlung und kommt auf einen weiteren wichtigen Spezialbegriff seiner Terminologie zu sprechen, das psychic being, im Deutschen übersetzt mit das „psychische Wesen“ oder das „seelische Wesen“. In Sri Aurobindos System ist dies die Seele in Evolution, durch die der Kontakt zum Göttlichen hergestellt wird. Während der Ātman das immer gleiche, unsterbliche Selbst jenseits von Geburt und Tod ist, wirkt das psychische Wesen wie ein Entsandter des Ātman in der Welt des Werdens und entwickelt sich von Leben zu Leben weiter, übt einen zunehmenden Einfluss auf das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen aus, bis alles bereit ist für den Vorgang der Vereinigung mit dem Göttlichen.
Bezüge zur indischen und westlichen Philosophie
Es wurde schon erwähnt, dass Sri Aurobindo sich in zahlreichen Zitaten auf die alten vedischen Schriften beruft. Ferner besteht in einigen Aspekten eine Nähe zum Sānkhya, das mehrfach im Text angesprochen wird und u.a. auch eine Lehre von Evolution und Involution aufweist. Innerhalb des Advaita Vedānta können wir feststellen, dass er Śaṅkara und dessen Māyāvāda eher fern steht, während einige Gemeinsamkeiten mit dem Viśiṣṭādvaita des Rāmānuja bestehen. Mit Śaṅkara setzt er sich in mehreren Kapiteln ausführlich einander, lehnt seinen Illusionismus jedoch ab und glaubt, dass dieser mit dazu beigetragen hat, dass die Inder das Leben oft mit Geringschätzigkeit betrachten (was die Anhänger Śankaras zurückweisen). Rāmānuja (der nicht namentlich im Buch erwähnt wird) steht Sri Aurobindo insofern nahe, als seine Philosophie des qualifizierten Monismus von Einzelseelen ausgeht, die sich nicht – wie Tropfen im Meer – einfach im Unendlichen auflösen, sondern als Einzelwesen bestehen bleiben und ihre Erfüllung in einer Selbsthingabe an das Brahman finden. Dies ist ein Gedanke, der sich gut vereinbaren lässt mit dem Konzept eines göttlichen Lebens auf Erden.
In der westlichen Philosophie weist Sri Aurobindo eine große Nähe zu dem französischen Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin auf, den er jedoch nicht kannte. Dieser hat genau wie Sri Aurobindo eine Philosophie der progressiven Evolution entwickelt, die in einer spirituellen Vollkommenheit gipfelt; in der angelsächsischen Literatur finden sich einige bemerkenswerte vergleichende Studien zu diesem Thema. Sri Aurobindo fand wenig Interesse an der systematischen Philosophie eines Kant oder Hegel (obwohl der letztere durchaus einige affine Gedanken hatte), ihn interessierten die visionären oder intuitiven Philosophen wie der schon erwähnte Nietzsche, der Franzose Henri Bergson oder Heraklit (über den er einen langen Essay schrieb) und Platon, dessen Staat und Gastmahl er in Das göttliche Leben als literarische Meisterwerke rühmt. Der Amerikaner Ken Wilber ist ein zeitgenössischer Autor, der fraglos von Sri Aurobindos Evolutionsphilosophie beeinflusst wurde, er erwähnt ihn u.a. in Halbzeit der Evolution.
Literatur
Sri Aurobindo: Das göttliche Leben (3 Bde.), Hinder und Deelmann 1991
Wilfried Huchzermeyer: Sri Aurobindo – Leben und Werk, edition sawitri 2010
Wilfried Huchzermeyer: Der Übermensch – bei F. Nietzsche und Sri Aurobindo, Hinder und Deelmann 1986
S.K. Maitra: The Meeting of the East and the West in Sri Aurobindo’s Philosophy, Sri Aurobindo Ashram 2000
Jutta Zimmermann: Rig Veda – Impressionen aus dem Rig Veda, Raja Verlag 2008