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Unter B. wird in der Regel die Tätigkeit verstanden, die ein Mensch aufgrund einer Ausbildung oder besonderer Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen als seine Aufgabe im Rahmen der Volkswirtschaft erfüllt und die ihm die Grundlage zu seiner Existenz schafft. Im Gegensatz zur Gelegenheitsarbeit bezeichnet B. die langfristige Aufgabe. Im Zuge der Industrialisierung ist der B. zur vorherrschenden Organisationsform der Arbeit geworden. Er prägt in der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft die Sozialisation, öffnet den Zugang zu einem bestimmten sozialen Status, verbunden mit charakterist. Formen der Lebensführung, und fügt die Individuen in das System sozialer Ungleichheit und die Geschlechterordnung ein.
Die ursprüngl. Bedeutung von B. war "Berufung" (lat. vocatio) zu einem Stand: Vom 11. Jh. an war die frühma. Gliederung in Freie und Unfreie dem Modell der Ständischen Gesellschaft gewichen, dem gemäss die Menschen in die drei Funktionsgruppen der Beter (Klerus), Krieger (Adel) und Arbeiter (Bauern und andere körperl. Arbeitende) eingeteilt waren. Nicht Leistung oder persönl. Neigung, sondern die Geburt bestimmte die Zugehörigkeit zum Stand. Bis ins Zeitalter der bürgerl. Revolutionen -- und in abgewandelter Form sogar noch im 20. Jh. -- diente die Ständelehre zur Rechtfertigung herrschaftl. Privilegien und sozialer Ungleichheit. Ab Ende des SpätMA erhielt B. die Bedeutung von "Berufung zu einem Amt": die "innere Berufung" zu einem religiösen Amt (Priester-, Ordensberuf) mit Profess oder zu einem weltl. Amt mit göttl. Auftrag (Berufung der Obrigkeit zum Regiment, 17.-18. Jh.) oder als Eignung zu einem Amt (B. des Lehrers) -- und die "äussere Berufung" als Verpflichtung, Aufforderung oder Aufgebot zu einem Amt durch eine Behörde, z.B. an eine Pfarrerstelle (Zürcher Kirchenordnung 1628).
Bereits im 13.-14. Jh. war Berufsbewusstsein in der professionellen Ausübung von Tätigkeiten an Bildung und Kenntnisse gebunden, u.a. des Buch führenden, schreibgewandten Fernkaufmanns, des gebildeten Kirchenmusikers. Aber erst im 15. Jh. erhielt der Begriff B. die bis ins 20. Jh. fortwirkende Bedeutung der manuellen und/oder intellektuellen Lebenstätigkeit, die von einer Ausbildung und Qualifikation abhing, begrifflich verfestigt im Gelehrtenberuf (Professor, Professur), der durch das Studium führte, und -- mit breiter Wirkung -- im Handwerk, das die geregelte Ausbildung zur Regel machte. Schon im 16. Jh. waren Handwerk und "B." (Profession) gleichbedeutend (sein erlerntes Handwerk ausüben = auf dem B. arbeiten). V.a. in der östl. Schweiz verbreitete sich im 18. Jh. der dem Französischen entlehnte Begriff "Profession" -- der Handwerker war der Professionist (heute ungebräuchlich).
Anstelle der innerbetriebl. Arbeitsteilung war im Handwerk Berufsteilung üblich, d.h. durch Abgrenzung (Einengung) des einzelnen Handwerks erzielte man eine Vermehrung von z.T. wenig unterschiedlichen B.en. Die Form der Berufsausübung wurde von den übergeordneten sozialen Verbänden (Zünfte, Meisterschaften) bestimmt, die auch die Berufsordnung schufen. Das Handwerk war Berufsstand, dessen einzelne B.e ihre Standeszugehörigkeit in der Öffentlichkeit durch Berufskleidung (Hut, Mantel, Degen) und Berufssymbol (spezif. Werkzeug) zur Schau trugen. In den Berufsstand gelangte man meist ohne freie Berufswahl durch Geburt und war lebenslang an diesen gebunden. Streng war der Berufskodex im Handwerk, da er Unehrliche Berufe (u.a. Scharfrichter, Totengräber) ausschloss, deren Mitglieder und Nachkommen damit verfemt und in soziale Randgruppen abgedrängt wurden.
Das zünftige Handwerk war die einzige Berufsgattung, die Frauen vom 16.-17. Jh. an kategorisch vom B. ausschloss. Ehefrauen kam im Familienbetrieb höchstens die Stellung als Hilfskraft und beim Tod des Meisters eine Statthalterrolle für den in Ausbildung stehenden Sohn zu. Dagegen konnten Frauen in der Landwirtschaft, im Handel und beim Verlagssystem stets in eigenständige Positionen aufsteigen. Trotzdem blieben aber Berufsfrauen etwa vom Zuschnitt der Genfer Goldlamé-Verlegerin Elisabeth Baulacre (1613-93) die seltene Ausnahme.
Obschon Zünfte dafür stritten, dass der B. den Meister und die Seinen ernähren sollte, reichte im Ancien Régime der obrigkeitlich tarifierte Lohn in den überfüllten Handwerken (u.a. Schneider, Schuhmacher) zum Lebensunterhalt nicht mehr aus, was ländl. Berufsleute zu Taglöhnerei (Taglöhner), zu Stümper- (nicht ordnungsgemässe Berufsarbeit), Störarbeit und Heimarbeit, städt. Erwerbstätige aber zu unselbstständiger Lohn- oder Stückwerksarbeit (Akkordarbeit) zwang. Dies verstiess gegen das Berufsethos des Handwerks und diffamierte (Bauernschneider, Stümper). Damit aber bahnte sich im Handwerk vom 17. Jh. an berufl. Flexibilität zwecks Bedürfnisbefriedigung an, wie sie bei Bauern, Kaufleuten und Unternehmern seit je vorhanden war.
Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler
Die Entfaltung der kapitalist. Verkehrswirtschaft wurde seit dem 19. Jh. zur zentralen Triebkraft veränderter Organisation der Arbeit. Die Verberuflichung war ein wichtiges Element dieses Wandels. In Gestalt der Professionalisierung entwickelten sich manche B.e zu systemat.-wissenschaftl. Qualifikation, hoher Spezialisierung und berufl. Selbstorganisation. Besonders deutlich ist dieser Prozess bei den sog. freien B.en (z.B. Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure) zu erkennen. Systemat. Untersuchungen zur Geschichte der B.e in der Schweiz sind selten. Die Berufssoziologie ist kaum über Ansätze hinaus gelangt, doch bieten soziolog. Studien zu sozialer Ungleichheit und Mobilität Material. Häufiger waren und sind Untersuchungen zu jenen Teilaspekten (Berufsbildung, Berufsberatung), die zu Objekten der Sozialpolitik wurden. Auch fanden die hochqualifizierten Dienstleistungsberufe verstärktes Interesse. Ertragreich sind ferner Studien zur Frauenerwerbsarbeit.
Die schweiz. Gesellschaft zeichnet sich im Vergleich zu anderen Industriegesellschaften durch eine starke Verberuflichung der Arbeitswelt aus. Wesentlich dazu beigetragen hat die Etablierung der Berufslehre (Lehre) im ausgehenden 19. Jh. Seit 1884 erbringt der Bund Beiträge an die Berufsbildung, eine sich stetig erweiternde Subventionspolitik, die ab 1891 auf die kaufmänn. B.e, ab 1895 auf die Frauenberufe ausgedehnt wurde. Auf Bundesebene wurde die kombinierte Ausbildung mit den beiden Lernorten Betrieb und Schule (das "duale System") erst mit dem Berufsbildungsgesetz von 1930 verankert. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) anerkannte am Ende der 1990er Jahre ca. 250 Lehrberufe. Die Zahl der tatsächlich ausgeübten B.e ist viel grösser: Die Berufsdatenbank des Bundesamts für Statistik umfasste 2000 ca. 18'000 Berufsbezeichnungen.
Die Verberuflichung knüpfte an aufklärerisch-liberale Ideale an, die dem Tüchtigen Aufstieg und soziale Integration versprachen. Indem die Vorstellung einer der freien, persönl. Eignung und Neigung folgenden Berufswahl das Leitbild der berufsständ. Vererbung ablöste, stärkten sich (trotz aller Bindungen der sozialen Realität) die individuellen Aufstiegshoffnungen. Während im bürgerl. Milieu bildungsidealist. Anschauungen vorherrschten, beschränkte sich das berufl. Denken bei der Mehrheit freilich lange Zeit auf Pflichterfüllung und soziale Selbstbehauptung.
Von grösster Bedeutung sind die Bezüge der berufl. Struktur zu den Geschlechterrollen. B.e haben ein "Geschlecht", wobei die männl. oder weibl. Zuordnung keineswegs unveränderbar ist. Im späten 19. Jh. begann eine Debatte, ob auch Frauen einen B. erlernen sollten. Der ab den 1880er Jahren entstehenden Frauenberufsbildung flossen von 1895 an Bundessubventionen zu. Der emanzipative Impuls wurde indes aufgefangen durch die beschränkten Wahlchancen für Mädchen, die auch Anfang des 21. Jh. mehrheitlich einer sehr kleinen Zahl von B.en verhaftet blieben. Die gegen-emanzipative, mit den ersten Institutionen der weibl. Berufsbildung aufkommende Redeweise vom "eigentl. B. der Frau", womit Ehe und Mutterschaft gemeint waren, nahm dem Berufsbegriff den aufklärerisch-liberalen Gehalt, indem anstelle von Wahlfreiheit und persönl. Neigung wiederum das überindividuelle Sozialschicksal in Form der biolog. Bestimmung trat. Die defensive Redeweise, deren begriffsgeschichtl. und diskursive Laufbahn ungeklärt ist, dürfte in den 1930er und 40er Jahren die stärkste Ausprägung erreicht haben.
Die Verberuflichung der Arbeit war trotz des langfristigen Trends kein Einbahnprozess: So dominant und prägend dieser war, begleiteten ihn stets auch Gegenbewegungen des Verlusts berufl. Organisation. Selbst die säkulare Umlagerung häuslich-familiärer Arbeit (Hausarbeit) zu Erwerb und B. konnte sich umkehren. Während im späten 19. Jh. die Auslagerung der Wäscherei aus städt. Haushalten zur Entstehung eigener Gewerbe und B.e führte, ermöglichte der Waschautomat nach dem 2. Weltkrieg die Rückkehr des Waschens in den Haushalt und damit eine Entberuflichung.
Prozesse der Spezialisierung bringen stets neue B.e hervor, doch sorgt Rationalisierung dafür, dass manche wieder verschwinden oder gänzlich umstrukturiert werden. Das Grafische Gewerbe ist ein markantes Beispiel für Letzteres; die gegen Ende des 20. Jh. von Computern abgelösten Setzmaschinen hatten im späten 19. Jh. den B. ihrerseits umgewälzt. In solchen Umbruchphasen steht oftmals die geschlechtl. Zuordnung zur Disposition. Erscheint der Status eines B.s gefährdet, so kann es infolge Rückzugs der Männer zu einer "Verweiblichung" kommen (z.B. in Teilbereichen der Büroarbeit).
Neben dem technolog.-organisator. Wandel trug die Verlagerung der Arbeit von der Landwirtschaft zur Industrie sowie im 20. Jh. zum Dienstleistungssektor zur Veränderung berufl. Strukturen bei. Zudem förderte die Konzentration der Arbeit in grösseren Unternehmen und in Städten die Entstehung berufl. Zusammenschlüsse (Vereine, Verbände, Gewerkschaften). Die berufl. Organisation der Arbeit wurde im Übrigen seit dem späten 19. Jh. zu einer wichtigen Kategorie der Beschreibung des gesellschaftl. Gefüges. Die Statistiker der eidg. Volkszählungen verstärkten seit 1870 ihre Bemühungen zu deren präziser Erfassung. Hinzu trat seit 1888/1900 die Kategorie der "Stellung im B.", d.h. die hierarch. Gliederung in Selbstständige, Angestellte und Arbeiter. Seit 1941 unterscheidet die Volkszählung zudem den "gelernten" vom "ausgeübten B.", was Eindrücke vom berufl. Wechsel vermittelt.
Bilder einer beruflich organisierten Gesellschaft fanden seit dem späten 19. Jh. Eingang in soziale Ordnungsideen. Die kath. Soziallehre prägte den Begriff der berufsständ. Ordnung, ein zwischen den Weltkriegen populäres Schlagwort konservativ-autoritärer Neuerung (Korporativismus). Die Wiederbelebung liberaler Orientierungen nach 1945 machte derartige Leitbilder obsolet. Eine Ernüchterung des Denkens und der sozialpolit. Behandlung berufl. Fragen setzte ein. Die vor 1945 beliebte Rede vom Niedergang der B.e lebt jedoch in jüngeren Debatten über die Frage auf, ob nicht Erwerb und berufl. Engagement in der "Freizeitgesellschaft" (Freizeit) ihre zentrale Stellung einbüssten. Dem ist zu entgegnen, dass die Erlernung eines B.s ein Kernelement der Lebensbewältigung bleibt. Die Zahl der beruflich Qualifizierten stieg in den jüngsten Jahrzehnten (für die halbwegs zuverlässige Daten vorliegen) gegenüber den An- oder Ungelernten. Der B. bleibt ein zentraler Baustein persönl. Orientierung, sozialer Beziehung und gesellschaftl. Integration, wenn auch unter dem gewachsenen Druck zu Weiterbildung, Umschulung oder Berufswechsel die alte Vorstellung des "Lebensberufs" verblasst.
Autorin/Autor: Mario König