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Harun Farocki : Winzige Figuren in einem universellen Videospiel
Die Arbeiten des 66-jährigen Filmemachers und Bilderforschers sind seit einigen Jahren vermehrt im Kunstkontext anzutreffen. Die Ausstellung «Weiche Montagen» im Kunsthaus Bregenz führt ihre hohe politische Aktualität vor Augen.
«Müssen wir weitermachen?» – «Wie lange dauert das noch?» – «Ich glaube, ich muss mich übergeben.» Den Soldaten kostet es offenbar grosse Überwindung, von seinen traumatischen Erlebnissen während des Irakkriegs zu erzählen. Immer wieder versucht der Protagonist, ausgestattet mit einer Virtual-Reality-Brille samt Kopfhörer, seine Berichterstattung abzubrechen. Doch die Therapeutin bleibt hart, fordert ihn unerbittlich auf, fortzufahren, macht ihm gar Komplimente: «You are doing a great job!» (Du machst das ausgezeichnet!)
So erfahren wir, dass der Soldat sich auf einem Patrouillengang durch Bagdad von seinem Kollegen trennte, obwohl ein solches Vorgehen eigentlich gegen die Vorschrift verstösst. Gemeinsam hatten sie den Auftrag, die Strassen zu säubern, Propagandaplakate von den Mauern zu entfernen. Plötzlich hört der Soldat eine Explosion, und als er nachsieht, was passiert ist, erblickt er den zerfetzten Gefährten. «Als ich ankam, sah ich ..., dass oberhalb seines Knies nichts mehr war.» Erst als der Film zu Ende ist, lesen wir im Nachspann, dass es sich um eine gespielte Szene handelt – um einen Workshop, in dem angehende Armeetherapeuten auf die Behandlung traumatisierter Soldaten vorbereitet werden.
«Ernste Spiele» (2010) heisst die fünfteilige Videoinstallation, die Harun Farocki in seiner Ausstellung «Weiche Montagen» im Kunsthaus Bregenz präsentiert. Die Installation entpuppt sich als eigentlicher Krieg in und mit Bildern. Entstanden ist die neue Arbeit in verschiedenen Militäreinrichtungen der USA, in denen Soldaten auf ihren Kriegseinsatz vorbereitet oder (wie im geschilderten Teil «Immersion») nach ihrer Rückkehr behandelt werden.
Kamera und Bombe werden eins
Harun Farocki wurde 1944 als Kind eines indischen Arztes und einer Deutschen in Novy Jicin geboren, einem damals von Deutschland besetzten Teil der Tschechoslowakei. 1966 bis 1968 studierte er an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin. Wegen seines Radikalismus wurde er vor dem Diplomabschluss von der Schule verwiesen. 1974 bis 1984 arbeitete er als Redaktor der deutschen Zeitschrift «Filmkritik».
Als einer der wichtigsten Filmemacher der 68er-Generation hat er sich immer wieder mit dem Thema Krieg beschäftigt. In «Zwischen zwei Kriegen» (1978) geht es um wirtschaftliche und technische Entwicklungen, die zum Nationalsozialismus und schliesslich zum Zweiten Weltkrieg geführt haben. In «Bilder der Welt und Inschrift des Krieges» (1988) gruppierte er Bilder aus Algerien, aus einer Kunstakademie und einer Maschinenfabrik um ein Luftbild, das US-Aufklärer am 4. April 1944 von Auschwitz gemacht hatten – ohne zu erkennen, was wirklich darauf zu sehen ist. Das Identischwerden von Kamera und Bombe, verbunden mit einer physischen wie psychischen Distanzierung vom tatsächlichen Kriegsgeschehen, wie es im Golfkrieg von 1991 erstmals zu beobachten war, ist Thema von «Erkennen und Verfolgen» (2003).
Ein tiefes Misstrauen gegenüber der Abbildfunktion und damit der «Wahrheit» der Bilder ist eine Konstante in Farockis Werk. Dabei kommt ihm entgegen, dass er seit 1995 vermehrt im Kunstbereich ausstellt. Zwar hat sich dieser Wechsel vom Programmkino und vom Fernsehen hin zur Kunst eher zufällig ergeben, wie der Filmemacher erzählt – doch eigentlich hatte er gar keine andere Wahl. Denn die Bedingungen für die Produktion und Distribution experimenteller Filme haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verschlechtert, und auch im Fernsehen gibt es kaum mehr entsprechende Gefässe. Gleichzeitig ist Farocki fasziniert von den Möglichkeiten, die ihm der Kunstraum bietet. Hier kann er seine Filme in räumlichen Inszenierungen und Doppelprojektionen präsentieren, die die mehrheitlich lineare Erzählweise des Kinofilms aufbrechen und unterschiedliche Bildanordnungen ermöglichen. Der Ausstellungstitel «Weiche Montagen» verweist darüber hinaus auf die aktive Beteiligung der ZuschauerInnen in der Bedeutungsproduktion.
Farocki geht jedoch noch einen Schritt weiter: In jüngeren Arbeiten fokussiert er auf «mechanische Bilder», in denen das menschliche Auge durch den Computer ersetzt wird und er so die dahinter liegenden wirtschaftlichen oder politischen Interessen offenlegt. Besonders deutlich wird das in der parallel zu «Ernste Spiele» gezeigten Serie «Auge/Maschine» (2001–03), die operative Bilder aus dem militärischen und dem zivilen Sektor versammelt, die mit Hilfe von «intelligenten», mit Kommandosystemen ausgestatteten Maschinen entstanden sind.
Die totale Überwachung
Die Beschäftigung mit Überwachungssystemen, eng mit der Kriegsthematik verwandt, bildet einen weiteren Schwerpunkt in Farockis Arbeit. In «Gegen-Musik», entstanden im Rahmen des Programms zur Europäischen Kulturhauptstadt Lille 2004, präsentiert er in einer Doppelprojektion bereits existierendes Material – so etwa Aufnahmen aus Schlaflabors sowie von Überwachungskameras in den Strassen oder im Kanalsystem der Stadt. Auch hier kommen operative Programme zum Einsatz, die Auffälligkeiten registrieren. So etwa zoomt die Kamera Personen heran, die zu schnell oder zu langsam gehen und sich allein durch diese Abweichung vom Durchschnitt verdächtig machen.
Oft sind es solch unspektakuläre Momente, in denen sich Farockis kritischer Zugriff auf die zeitgenössische Bildproduktion und die politische Dimension seiner Arbeiten manifestieren. Geradezu eine Offenbarung ist in dieser Hinsicht «Deep Play» (2007), Farockis wohl bekannteste Videoinstallation, die er 2007 erstmals an der Documenta 12 in Kassel zeigte und nun in Bregenz in einer ansprechenden Präsentation vorstellt: Auf zwölf Monitoren, gruppiert um ein grünes Kunstrasenfeld, sind unterschiedlichste Versionen des Fussball-WM-Endspiels 2006 in Deutschland zu sehen. Nur eine davon wurde von den TV-Stationen ausgestrahlt. Die anderen zeigen Projektionen des Spiels aus unterschiedlichen Perspektiven, wobei vor allem die digitale, zweckoptimierte Auswertung des Spiels im Zentrum steht. So können wir auf einer Einspielung verfolgen, wie viele Laufmeter ein Spieler in dieser Endrunde absolviert, was gemäss Programmierung als zentrales Qualifikationsmerkmal gilt. Auf anderen Monitoren sind mathematische Spielflussdiagramme und andere Analyseraster zu sehen, wie sie den Spielern zur Verbesserung ihrer Leistung vorgeführt werden. Aufnahmen von Überwachungskameras, die Eingänge und strategische Durchgangszonen des Stadions kontrollieren, vervollständigen das totale Überwachungsszenario.
«Als wäre die Schlacht verloren»
In Farockis präzis choreografierter Ausstellung wird einem glasklar vor Augen geführt, dass zwischen Krieg, Fussball und der Totalerfassung des öffentlichen Raums nur ein gradueller Unterschied besteht. Eine erschreckende Erkenntnis: Im Grunde sind wir längst nur eine winzige Figur in einem universellen Videospiel. «Es kommt mir vor, als wäre die Schlacht ohnehin längst verloren. Wer sich gegen das Überwachtwerden wehrt, wird als Modernisierungsverlierer eingestuft», liess Farocki kürzlich in einem Interview resigniert verlauten.
Im Zentrum der Ausstellung, als Echoraum für die anderen Arbeiten sozusagen, weitet der Film «Vergleich über ein Drittes» (2007) die Perspektive geografisch wie auch historisch aus. Auf einer grossformatigen, frei im Raum hängenden Doppelprojektion zeigt der Film die Herstellung von Ziegeln an Orten mit unterschiedlichen Industrialisierungsstufen – Burkina Faso, Indien, Frankreich und Deutschland. Während links etwa indische Frauen schwere Backsteine auf dem Kopf tragen, ist rechts ein vollständig automatisierter, von einem Controller überwachter Fertigungsprozess in einer deutschen Fabrik zu sehen. In ruhigen, fast malerisch wirkenden Bildern, die ohne Kommentar auskommen, breitet Farocki ein assoziatives Panorama aus, aus dem jede Zuschauerin ihr eigenes «Drittes», das der Filmtitel suggeriert, entwickeln kann.
Über hundert Filme hat Harun Farocki seit Mitte der sechziger Jahre realisiert. Eine Auswahl von 25 Titeln wird in der Ausstellung in einer Art Filmbibliothek präsentiert. Ein Eintauchen in diese Bilderwelt – so auch in ganz andere soziale Gefilde wie etwa in die Welt des Konsums – lohnt sich gewiss. Entsprechend viel Zeit sollte man für einen Besuch im Kunsthaus Bregenz einplanen.
Harun Farocki: «Weiche Montagen». Kunsthaus Bregenz, bis 9. Januar 2011. Eine Begleitpublikation erscheint im Dezember.