Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03548.jsonl.gz/2121

Am Anfang der Erfolgsgeschichte von «Marie-Louise» stehen Turbulenzen und Zweifel. Zum ersten Mal ging es in einer Schweizer Produktion um das Schicksal von Flüchtlingen. Drehbuchautor Richard Schweizer brach ein Tabu und erzählte die Geschichte eines französischen Flüchtlingskindes, das in Kriegszeiten von den Schweizer Behörden in sein Herkunftsland zurückgeschickt wird. Die Filmcrew tat sich schwer mit der Geschichte und war am Ende unsicher, ob der Film wirklich gelungen sei. Das Urteil des Verwaltungsrates der Produktionsfirma Praesens war vernichtend.
Die Zweifel schienen sich zu bestätigen, als das Drama im Februar 1944 in den Schweizer Kinos schlecht anlief. Einer jedoch glaubte an den Film: Migros-Gründer und Praesens-Aktionär Gottlieb Duttweiler. Er startete einen Werbefeldzug für sein Herzensprojekt und schaffte es so, die nötigen Zuschauermassen in die Kinos zu bringen und einen Flop zu verhindern.
Davon handelt «Marie-Louise»
Die kleine Französin Marie-Louise (dargestellt von Josiane Hegg) kommt im Kriegsjahr 1943 für drei Monate in die Schweiz. Möglich ist dies dank einer Aktion des Roten Kreuzes: Kinder aus Kriegsgebieten sollen in der Schweiz für einige Wochen Zuflucht finden, sich hier erholen, dann aber zu ihren Eltern in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Das Mädchen wohnt im Haus der Rotkreuzhelferin Heidi Rüegg (Anne-Marie Blanc). Deren Vater ist ein schweigsamer und unnahbarer Mann (Heinrich Gretler), der aber Marie-Louise auf den ersten Blick ins Herz schliesst. Als das Mädchen auf Geheiss der Behörden nach Frankreich zurückkehren soll, wollen sich weder das Kind noch die Pflegefamilie damit abfinden.
Wo es den ganzen Film zu sehen gibt und viele weitere Infos findest du hier.
Josiane Hegg spielte das Flüchtlingskind Marie-Louise, das in der Schweiz heimisch wird und dann das Land verlassen muss.
Dutti brachte Zuschauermassen in die Kinos
Nach der Uraufführung im Februar 1944 veröffentlichte Dutti im «Brückenbauer» eine begeisterte Kritik, nannte «Marie-Louise» «ein mutiges Werk» und schrieb: «Man denkt über die aufgeworfenen Probleme und handelnden Personen nach und hat noch Tage und Wochen etwas davon, im Gegensatz zur Leere, die nach den elegantesten Spielfilmen schon anfängt, wenn man aus dem Kino herauskommt.»
Mit ungewöhnlichen Methoden sorgte Dutti dafür, dass der Film doch noch zum Hit wurde: So versprach die Migros etwa allen Hausfrauen ein Gratiskinobillett, wenn sie ihre Einkäufe ausserhalb der Stosszeiten tätigten.
Sonderaktion im Brückenbauer vom 25. Februar 1944.
Mit einem Oscar zum glanzvollen Happy End
Am Ende brachte es «MarieLouise» in der Schweiz auf über eine Million Kinoeintritte. Auch im Ausland wurde der Film zum Erfolg – besonders die amerikanischen Kritiker waren begeistert. Schliesslich erhielt Richard Schweizer 1946 sogar einen Oscar für sein Drehbuch. Es war das erste Mal, dass diese Auszeichnung in die Schweiz ging – ein glanzvolles Happy End für die Filmemacher. Marie-Louise ist eine Schweizer Filmperle, die den Weg für erfolgreiches Schweizer Filmschaffen bereitet hat.
Richard Schweizer (zweiter von rechts) erhält 1946 für das Drehbuch den Oscar. Es war das erste Mal, dass die Auszeichnung in die Schweiz ging.
filmo: Schweizer Filme neu entdecken
Ein Grossteil des Schweizer Filmerbes ist vom Zerfall bedroht oder für die Öffentlichkeit schwer zugänglich. Mit filmo wurde eine Plattform lanciert, die Schweizer Filmklassiker online zugänglich macht und ihnen damit zu mehr Sichtbarkeit verhilft. Die nationale Filmgeschichte wird auf eine neue Art erlebbar – auch für jüngere Generationen. Aktuell feiert filmo sein zweijähriges Bestehen und präsentiert aus diesem Anlass eine Jubiläumsstaffel mit elf Erfolgen des Schweizer Films: Tops of Swiss Films. Die Online-Edition des Schweizer Films zählt somit insgesamt 100 Filme, die über verschiedene Plattformen gestreamt werden können.