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Am Tag von Gottfried Kellers 102. Geburtstag, dem 19. Juli 1921, gründete der erst 22jährige Martin Bodmer auf Anregung seines Mentors Eduard Korrodi die «Martin Bodmer-Stiftung für einen Gottfried Keller-Preis» mit dem Ziel, «schweizerische Dichter und Schriftsteller für Schöpfungen zu ehren, die sich durch künstlerische Form und geistigen Inhalt auszeichnen und die Ausdruck eines neuen zielsuchenden Willens sind. Auch Dichter und Schriftsteller anderer Nationen können bedacht werden, wenn sich in ihren Werken eine schöpferische Gemeinschaft mit dem schweizerischen Geistesleben erkennen lässt.» Dieser sehr frei interpretierbare Stiftungszweck ermöglicht es bis heute, überregional, sprachunabhängig und nur der literarischen Qualität verpflichtet auszuzeichnen und zu fördern.
Mit Pietro De Marchi, 1958 in Mailand geboren, ehrt die Stiftung einen in der Schweiz lebenden und arbeitenden Literaturwissenschafter und Dichter, dessen Werk in die Tiefen der jahrhundertealten italienischen Poesie greift und dabei weltläufig in der Gegenwart angesiedelt ist. Der Preis gilt insbesondere seinem neusten Werk «La carta delle arance», das in diesem Monat bei Casagrande in Bellinzona erscheint.
Eine Anerkennung erfährt der gemeinschaftlich verfasste Roman «Vivre près des tilleuls» des Autorenkollektivs AJAR, ein Roman, der in diesem Jahr bei Flammarion in Paris erschien. Ein überaus gelungenes Experiment: als Bericht einer trauernden Mutter mit vermeintlich realer Biografie angelegt, handelt es sich um ein rein fiktionales literarisches Kunstprodukt aus 18 verschiedenen Federn. Künstlerische Form, geistiger Inhalt, neuer zielsuchender Wille: diese Vorgaben des Stifters erfüllen die Werke von De Marchi und AJAR in exemplarischer Weise.
Sie reihen sich ein in die prominente Liste der Autorinnen und Autoren, die im Laufe der Jahrzehnte von der Stiftung ausgezeichnet wurden: dazu zählten Jacob Bosshard (1922), Charles Ferdinand Ramuz (1929), Hermann Hesse (1936), Meinrad Inglin (1965), Golo Mann (1969), Ignazio Silone (1973), Elias Canetti (1977), Philippe Jaccottet (1981), Erika Burkart (1992), Gerhard Meier (1994), Peter Bichsel (1999), Agota Kristof (2001), Klaus Merz (2004), Fabio Pusterla (2007), Gerold Späth (2010) und das Autorenkollektiv «Bern ist überall» (2013).
Diese erstaunliche Kontinuität an hochrangigen Literaten steht im Gegensatz zu einem dramatischen Wandel, den die Wirkung des Preises in der Öffentlichkeit durchlief: Für die Initiatoren des Preises stand die finanzielle Unterstützung der Künstler im Vordergrund, während sie die Aufmerksamkeit in der Presse als eher nebensächlich betrachteten. In der Tat hatte die finanzielle Förderung in einer Zeit ohne jede staatliche Subvention eine grössere Dringlichkeit. Mit zunehmender Dichte privater, kantonaler und staatlicher Preisvergaben verlor die finanzielle Unterstützung an Bedeutung, während die Preisvergabe in der Presse deutlicher zum Ausdruck gebracht wurde. Auch diese Zeiten sind vorbei: Die literarische Landschaft unserer Zeit ist heterogener, unübersichtlicher, widersprüchlicher als je zuvor. Deshalb ist eine Preisvergabe an einen Autor oder eine Dichterin heute in der Regel höchstens eine kurze Meldung wert.
Mit dieser Ausgabe des «Literarischen Monats» möchten wir unsere Preisträger feiern und so einer interessierten Leserschaft näherbringen. Dazu ergänzend vergeben wir nun bereits zum zweiten Mal unsere Preise im Rahmen einer öffentlichen Feier, die im Oktober 2016 in Zürich stattfindet. Der Gottfried Keller-Preis gehört dank seiner Tradition, seiner einmaligen Geschichte und vor allem dank der Autorinnen und Autoren, die mit ihm ausgezeichnet wurden, zu den herausragenden Fördereinrichtungen der Schweiz. So wie wir Pietro De Marchi und AJAR ein Stück weit unterstützen können, sind sie ihrerseits Garanten dafür, dass der Gottfried Keller-Preis lebt – dafür möchten wir uns herzlich bedanken.
Thomas Bodmer
Präsident des Stiftungsrates
Die Stiftung dankt:
Evelyn Braun und Ursina Schneider-Bodmer (Kuratorium), Vanni Bianconi und Isabelle Rüf (Jury), Thomas Hauser & Team, HdK, Zollikon (Design und Grafik), dem Team des «Literarischen Monats» und Nani Khakshouri (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)