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Ihr Sohn gibt ihr Kraft
Der Krieg tobte seit drei Wochen, als eine Rakete ihr Nachbarhaus traf in der Stadt Nischyn im Gebiet Tschernihiw. «Jetzt ist Schluss», sagte sich Iryna Roshchyna, die in dieser Nacht bei ihren Eltern übernachtet hatte. Zwei Stunden später war sie, mit einigen Kleidern im Gepäck, zusammen mit ihrem noch nicht einmal zweijährigen Sohn David bereit für die Flucht, die sie zuvor nie in Erwägung gezogen hatte.
Tags arbeiten, nachts lernen
Bereits zu jenem Zeitpunkt hatte Iryna Roshchyna eine schwierige Zeit hinter sich, war seit einem Jahr Witwe. Fünf Tage war sie auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit nach Kiew. Nur bis nach Kiew – in Friedenszeiten ein Reiseweg von einer Stunde – benötigte sie sechs Stunden. Die Flucht war anstrengend und lange. Iryna Roshchyna kam erst nach Lausanne, dann nach Mörschwil. Dies als eine von 76 727 Personen, die in der Schweiz bis Ende Januar 2023 den Status S für «Schutzbedürftige» beantragt haben. Bereits nach zwei Wochen unternahm die Ukrainerin die ersten Bemühungen, eine Arbeitsstelle zu finden. «Du bist verrückt», sagte ihre damalige Deutschlehrerin dazu.
Bald schon wurde Iryna Roshchyna nach St. Margrethen umplatziert. Sie arbeitete bei einem Putzinstitut, während ihre Schwägerin die Kinderbetreuung übernahm. In der Nacht, wenn David schlief, lernte die Ukrainerin Deutsch. Auch wenn sie dankbar für ihre Stelle war – ihre Arbeit als Köchin, die sie in der Ukraine während 18 Jahren ausgeübt hatte, fehlte ihr. 137 Bewerbungen habe sie zwischen März und Juni geschrieben – ohne Erfolg. Doch aufgeben war keine Option.
Am Wochenende macht sie Rösti
Über Facebook erfuhr sie, dass das Restaurant From Heaven in Bad Ragaz eine Köchin suchte. Zwei Monate pendelte sie per Zug von St. Margrethen nach Bad Ragaz. Sie bereitet Tapas zu – und am Wochenende für den Brunch auch Rösti. Sie strahlt, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, und ist dankbar für das Team, das ihr den Rücken stärkt: «Auch wenn ich manchmal dreimal nachfragen muss, weil ich etwas nicht verstehe.» Sie ist sich wohl bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie arbeiten kann. Die grösste Hürde ist die Sprache: Die Erwerbsquote betrug bei den ukrainischen Geflüchteten Ende Januar nur knapp 15 Prozent.
Mitte Januar konnte Iryna Roshchyna in ihre neue Wohnung nach Bad Ragaz einziehen, die sie dank der Unterstützung ihres Chefs und der Gemeinde fand. David besucht seit einigen Wochen die Krippe. Zwischenzeitlich wurde Iryna von ihrer Mutter Ludmilla unterstützt, die mittlerweile aber wieder in die Ukraine zurückgekehrt ist.
Ein wenig plagt das Heimweh
Iryna Roshchyna besucht an vier Vormittagen einen Deutschkurs. Am Nachmittag und Abend arbeitet sie. «Ich bin müde, aber glücklich», seufzt sie. An einem freien Tag geht sie in die Natur: «In die Berge oder in den Wald. David hat viel Energie und liebt das Spazieren.» Auch schwimmen waren sie schon. Manchmal lädt sie ihre Schweizer Freundinnen und Freunde zum Essen ein: ihre Wegbegleiterinnen aus St. Gallen, St. Margrethen und ihren Chef und seine Familie aus Bad Ragaz.
Woher nimmt Iryna Roshchyna die Kraft, allen Schicksalsschlägen zum Trotz nicht aufzugeben? «David gibt mir Kraft», erzählt die Ukrainerin. «Ich mache diesen Neuanfang für ihn.» Ihre Schwägerin ist in die Ukraine zurückgekehrt. Iryna schüttelt den Kopf. Noch immer kann sie es nicht glauben. Für sie komme das nicht infrage: «Ich schaue vorwärts, sehe meine Zukunft in der Schweiz.» Doch ein wenig plage sie das Heimweh schon. Sie hofft, dass die Lage im Mai und Juni stabil ist und sie für zwei Wochen in ihre Heimat reisen kann: «Endlich meine Schwester, meinen Bruder und meinen Vater wieder in die Arme schliessen zu können. Das wäre schön.»