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Sie weisen sehbehinderten und blinden Menschen beispielsweise den Weg auf die Perrons, markieren eine Abzweigung oder signalisieren Ende oder Anfang des Leitsystems. Viele Sehende lassen die Linien nicht frei «Leitlinien sind eine gute Sache, sie geben uns ein Stück Mobilität zurück», sagt Kurt Stöckli. Allerdings wären sie noch nützlicher, wenn sie von den Sehenden als freie Fläche respektiert würden, was oft nicht der Fall ist. «Dahinter steckt aber kein böser Wille», erklärt Stöckli, «viele Leute wissen einfach noch nicht, was die weissen Linien bedeuten.» So erlebt Stöckli, der viel unterwegs und auf die Leitlinien angewiesen ist, dass sehende Reisende die Linien zweckentfremdet nutzen: «Sie stellen sich selber auf die Linie, wenn sie warten oder deponieren dort ihr Gepäck; andere balancieren auf den Linien, nutzen sie als Treffpunkt oder stellen sich drauf, weil das den Füssen guttut.» Manche Reisende ärgern sich auch über die weissen Linien, weil sie das sanfte Rollen der Rollkoffer stören können. Kurt Stöckli war bis 2009 Börsenhändler in Zürich. «Damals arbeitete ich zeitweise an sechs Bildschirmen gleichzeitig. Doch weil die Sehkraft stetig nachliess, wurde die Arbeit immer belastender. Bis ich endlich realisierte, dass es nun definitiv Zeit war, aufzuhören», erinnert er sich.
Sehr seltene Augenkrankheit Kurt Stöckli leidet an Chorioideremie, einer seltenen, erblich bedingten Augenkrankheit. In der Schweiz sind davon rund 100 Personen betroffen. Bei den Erkrankten schwindet die Aderhaut des Auges stetig. In der Regel erblinden Betroffene im Laufe der zweiten Lebenshälfte vollständig. Bei Stöckli wurde die Krankheit bereits in der Jugend festgestellt, als er wegen seiner Nachtblindheit den Augenarzt aufsuchte. «Die Diagnose beeindruckte mich damals noch wenig», sagt Stöckli, «ich war jung und das, was in 30 oder 40 Jahren einmal sein sollte, war weit weg.» Stöckli musste zwar aufs Autofahren verzichten; sonst aber liess er sich nicht einschränken, machte Karriere als Börsenhändler, gründete eine Familie. Dass er immer weniger sah, konnte er lange verdrängen und mit grossem Willen und geschicktem Verhalten kompensieren. «Auf der Zielgeraden» Bis er eines Tages erkennt, dass ihn die Belastung krank macht. Er stellt sich der Situation, hängt den Job schweren Herzens an den Nagel, bereitet sich in Basel bei der Sehbehindertenhilfe auf sein künftiges Leben als Blinder vor.
Er lernt, wie man am PC mit Sprachausgabe arbeitet, beschäftig sich mit der Blindenschrift Braille, macht Bekanntschaft mit dem Weissen Stock. «Den Stock im Alltag einzusetzen kostete mich grosse Überwindung», sagt er, «ich hatte das Gefühl: Jetzt starren dich alle an. Jedes Mal, wenn ich den Stock brauchte, stieg mein Puls auf etwa 160.» Heute gehört der Stock für Stöckli zum Alltag. «Natürlich ist ein Blindenstock nicht sexy, aber er ist enorm hilfreich. Und er zeigt: Hier kommt einer, der nicht gut sieht.» Kurt Stöckli nutzt die Zeit und bildet sich weiter: Er ist nun auch Masseur und Sprachlehrer und Erwachsenenbilder; Tätigkeiten, die ihm auch künftig ein vielfältiges und aktives Leben ermöglichen sollen. Zudem engagiert er sich in der Sektion Aargau/Solothurn des Schweizerische Blindenverbandes. Inzwischen ist Stöckli auf dem rechten Auge völlig blind, auf dem linken Auge ist das Gesichtsfeld auf einen engen Tunnelblick von einem Quadratzentimeter reduziert. «Ja, ich bin auf der Zielgeraden», sagt Stöckli mit trockenem Humor. «In ein, zwei Jahren sehe ich gar nichts mehr.» Tag des Weissen Stocks Übermorgen Montag trifft man Kurt Stöckli von 10 bis 12 Uhr im Bahnhof Aarau an. Denn der 15. Oktober ist der internationale Tag des Weissen Stocks. Zusammen mit rund 20 anderen sehbehinderten und blinden Menschen wird er versuchen, mit Passanten ins Gespräch zu kommen und sie für die Bedeutung der weissen Leitlinien zu sensibilisieren. Es handelt sich um eine Aktion der Sektion Aargau/Solothurn des Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Dass die Aktion sinnvoll ist, zeigt die Probe aufs Exempel, die wir mit Kurt Stöckli im Bahnhof Aarau machen: Vom Busbahnhof her tastet er sich mit dem Stock zwischen den Leitlinien ins Bahnhofgebäude; für Irritation sorgt der von rechts wegfahrende Bus, der die Leitlinie kreuzt. Vor dem Bahnhof stehen Schüler auf den Streifen, die den Weg aber sofort freigeben. Nächste Schwierigkeit: Die automatische Schiebetüre beim Eingang zum Bahnhof – ist sie offen oder nicht? Auf einmal endet die Linie Im Innern weist die Abzweigung zur Treppe in die Unterführung, am Treppengeländer ist in der Braille-Schrift notiert, zu welchen Perrons die Treppe führt. In der Unterführung hat sich der «Surprise»-Verkäufer mitten auf einer Leitlinie eingerichtet; er entschuldigt sich und wechselt den Standort. Dann enden die Leitlinien plötzlich. «Wer sich nicht auskennt, ist jetzt aufgeschmissen», sagt Stöckli. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich mühsam mit dem Stock der Wand entlang zu tasten und darauf zu vertrauen, dass er den richtigen Aufgang auf den Perron findet. Warum sind die Leitlinien nicht durchgehend? Stöckli zuckt mit den Schultern. «Wahrscheinlich ist das Geld für die Markierungen ausgegangen.» Ein weiteres Indiz dafür, dass es sinnvoll und nötig ist, der Bevölkerung die Bedeutung der weissen Leitlinien näher zu bringen.
Erstellt: Thomas Biedermann 13.10.2018, 13:30 Uhr