Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/2964

Der wesentliche Grundzug unserer Vorstellung von Zeichen ist, dass sie etwas repräsentieren oder bedeuten könnten, also eine Stellvertreterfunktion haben. Ein Basismodell dieser Vorstellung verdanken wir Herrn Saussure, welcher im semiotischen Dreieck das Zeichen in einen Dreierbezug setzt:
Auf die Fotografie übertragen bedeutet dies, dass ein fotografisches Zeichen den Gedanken an ein fotografiertes Objekt auslöst. Unschwer ist in diesem Zeichenmodell der Ansatz zum Standpunkt der Realisten zu erkennen, welche die Fotografie als technische und damit wahrheitsgetreue Darstellung der Realität (als technischer Abklatsch) betrachten.
Ein Zeichen steht für etwas, es ist eine übertragene Wirklichkeit und mit dieser deshalb nicht gleichzusetzen. Eine materielle Natur des Bezeichneten ist nicht vonnöten, diese kann durchaus auch rein abstrakt sein. Hingegen sind Zeichen ohne Bezeichnetes nicht denkbar und vice verso ebenfalls. Somit gibt es keine Nachricht ohne Inhalt und wir können keinen Standpunkt ausserhalb unseres Zeichensystems einnehmen.
Im Bezug auf Sprache handelt es sich bei Zeichen um Wörter, nicht um Buchstaben. Erst das einzelne Wort ist in unserem Sinn ein Zeichen. Ein Zeichen ist somit alles, was für etwas anderes steht und den folgenden Anforderungen (nach Eco) genügt:
Eine kleine Probe aufs Exempel: Enthält ein Spiegelbild Zeichen nach obiger Definition?
Das Spiegelbild enthält somit keine Zeichen, es genügt keiner der weiter oben an Zeichen gestellten Anforderungen.
Eine Nachricht übertragen kann nur, was auch als Zeichen erkannt wird. Damit Sender und Empfänger sich verstehen werden Zeichen mit einer üblichen Bedeutungszuordnung verwendet. Diese so genannte Denotation wird von mehreren Leuten geteilt und ist für eine sinnvolle Kommunikation unumgänglich.
Daraus ergibt sich der Zeichenvorrat für die Kommunikation als die Schnittmenge des Zeichenverständnisses von Sender und Empfänger. Dieser Umstand stellt eine nicht kleine Hürde für die Kommunikation über menschheitgeschichtlich grosse Zeiträume dar.
Oftmals existiert jedoch auch eine über die Denotation hinausgehende subjektive Bedeutung. Diese zusätzliche Bedeutung wird Konnotation genannt. Ein Zeichen ist dann konnotativ, wenn es ausser dem Bezeichneten auch eine oder mehrere seiner Eigenschaften bezeichnet. So teilen z.B. die Zeichen "Quacksalber", "Onkel Doktor" und "Halbgott in Weiss" alle die gemeinsame Denotation "Arzt", in der Konnotation haben sie jedoch wenig gemeinsam. Konnotation entsteht aber auch durch individuelle Erfahrung, so dass sich aus dem gleichen Zeichen verschiedene Bedeutungen ergeben. Die Denotation von "Hund" ist klar ein vom Wolf abstammendes Haustier, jedoch fallen die Konnotationen für den preisbewussten Restaurantbesitzer, den Tierfreund und den Bisswundenträger doch sehr unterschiedlich aus.
Die Beziehung vom Zeichen zum Bezeichneten gemäss Peirce kann sich unterschiedlich ergeben,
Das Ikonische Zeichen ist dem Bezeichneten ähnlich. Es entsteht, indem es einzelne Eigenschaften des Bezeichneten kopiert, das Zeichen ist also eine Abstraktion des Bezeichneten.
Die Frage die sich hier stellt: Welches sollen die gemeinsamen Eigenschaften zwischen Zeichen und Objekt sein? Alle Eigenschaften, die an einem Mann oder einer Frau für eine Frau oder einen Mann relevant sind hat das Bild dieses Mannes oder dieser Frau nicht. Eine einfache grafische Darstellung z.B. durch eine Umrisslinie hat nur die einzige Eigenschaft dieser Linie, welche das dargestellte Objekt übrigens genau nicht hat!
Für die kognitive Wahrnehmung wird die Anzahl der äusseren Reize durch die Gestaltgesetze reduziert, es sind diese verbleibenden Eigenschaften, welche sich für (grafische) ikonische Zeichen gut übernehmen lassen: Form, Umriss und Farbe. Für die Gestaltung des ikonischen Zeichen wird also gleich verfahren wie mit den von einer Sinneswahrnehmung gelieferten Daten. Ein sinnvoller Ähnlichkeitsbezug gründet in den Methoden der Wahrnehmung.
Daneben hat das Zeichen aber auch Eigenschaften, welche nicht in Beziehung zum Bezeichneten stehen und deshalb für das Zeichenverständnis selbst nicht von Bedeutung sind. Diese Eigenschaften dürfen variiert werden ohne dass das Zeichen dadurch seine Bedeutung ändert.
Die beiden mittleren ikonischen Zeichen in nebenstehendem Bild tragen ihre Bedeutung vor allem aufgrund der Übernahme der äusseren Form. Trotz unterschiedlicher Farbe werden (vermutlich) beide Zeichen identisch interpretiert. Die Farbe ist somit keine ikonische Eigenschaft dieser Zeichen.
Zeichen, welche mit einer kleinen Anzahl übertragener Eigenschaften auskommen sind robust, d.h. sie sind gegenüber Fehlern tolerant, sind jedoch in ihrer Bedeutung zumeist auch nur allgemein. Ein bekanntes solches Zeichen ist das Smiley, welches auch in unzähligen Abwandlungen noch als Smiley erkannt wird. Das Gegenteil davon sind Phantomzeichnungen zur Verbrechersuche, welche ein äusserst spezifisches Zeichen darstellen. Bereits kleine Fehler führen dazu, dass die gesuchte Person nicht erkannt wird. Man spricht von hohem Ikonizitätsgrad wenn das Zeichen grosse Übereinstimmung mit dem Bezeichneten aufweisst.
Das indexalische Zeichen ist ein Hinweis oder Verweis auf das Bezeichnete, daher existiert zwischen Zeichen und Bezeichnetem eine direkte Verbindung. Rauch ist das Zeichen für Feuer und der Schwanz deutet auf den Hund. Da das Bezeichnete selbst nicht anwesend sein muss, muss man um das Bezeichnete wissen um das Zeichen richtig zu deuten. Ohne diesen Kontext kann das Zeichen als solches zwar noch wahrgenommen werden, jedoch ist der ursprüngliche Sinn nicht mehr gegeben. Somit ist der Index zeitlich und räumlich an das Bezeichnete gebunden. Durch zeitlich und/oder räumlich bedingte neue Kontexte unterliegen indexalische Zeichen deshalb einem Bedeutungswandel. Ein Wegweiser lässt sich als solchen Index betrachten. Steht er am falschen Ort, so verändert er seinen Sinn, dass heisst, die Bedeutung dieses indexalischen Zeichens ist vom Ort abhängig.
Eines der für die Fotografie bedeutendsten indexalischen Zeichen ist das Licht.
Wenn im Bild die Schatten hart nach unten fallen so verrät dies die hoch stehende Mittagssonne, sind die Gesichter weiss, Augen rot und der Hintergrund schwarz so deutet dies auf ein Blitzgerät hin. Dazwischen gibt es natürlich alle Abstufungen bis hin zum fotogenen Widerschein des Kaminfeuers.
Ebenfalls erfolgen Milieudarstellungen zumeist anhand von Indexen, so deutet zum Beispiel die rot/weiss karierte Tischdecke auf ein gepflegtes Kleinbürgertum mit tendenziell wertkonservativer Haltung.
Im Gegensatz zum ikonischen oder indexalischen Zeichen gibt es beim Symbol keinen direkten Bezug zum Bezeichneten. Das symbolische Zeichen erhält seine Bedeutung alleine durch Konvention (Absprache) und repräsentiert somit gemeinsames Gedankengut von Sender und Empfänger.
Ähnlich wie bei den Ikonen haben aber auch Symbole einen für das Verständnis wesentlichen Anteil, es sind dies alle jene Zeicheneigenschaften, die für das Zeichen als relevant vereinbart worden sind.
Beispiel: Bei einer Ampelanlage sind die wesentlichen Zeichen die Farben rot, gelb und grün, die Anordnung hoch oder quer hingegen ist für das Verständnis unbedeutend.
Der Symbolbegriff wird durch verschiedene Tätigkeitsfelder unterschiedlich besetzt. Die hier gegebene Definition ist im Bereich des Grafikdesigns verbreitet, während Kunstkreisen eine Bedeutung nach Jean Piaget wohl näher steht. Wenn man sich gegenseitig nicht versteht braucht man sich also nicht zu wundern, da die für Symbole notwendige Konvention zwischen Sender und Empfänger nicht abgeglichen ist.
Es bleibt anzumerken, dass bei realen Zeichen die Art der Beziehung zum Bezeichneten kaum in Reinform besteht, sondern zumeist als Mischung der verschiedenen Möglichkeiten auftritt. Ausserdem kann ein Zeichen von einem Zeichentyp gleichzeitig auch als Zeichen eines anderen Typs für etwas anderes stehen. So ist zum Beispiel das Zeichen Chevrolet ein Symbol für die Firma aber auch ein Index für das Auto gleichen Namens, das Ikon "Shell" für die Muschel steht als Symbol für den Firmennamen Shell.
Schlechte Abbildungsqualität als Bestandteil
der Bildaussage.
Ein schiefer Horizont als sichtbare
Medieneigenschaft. Bild: Michael Albat
Interessant wird die Verwischung oder der Übergang zwischen Signal und Zeichen, wenn Eigenschaften des Mediums (bewusst) als Zeichen eingesetzt werden und somit zum Bestandteil der Nachricht werden.
Dies ist der Fall bei Aufnahmen mit Toykameras (z.B. Holga) oder Sofortbildkameras. Die schlechte Abbildungsqualität ist nicht einfach per se gegeben, sondern kann durch die Wahl des Kameratyps als beabsichtigt angesehen werden. Dadurch werden die technischen Abbildungsfehler als Zeichen zum Bestandteil der Aussage.
Den gleichen Aspekt gibt es nebst der technischen Ebene auch auf der gestalterischen Seite, hier sind es beispielsweise schiefe Horizonte, welche die Medium-Eigenschaft der Fotografie sichtbar werden lässt.
In jedem dieser Fälle wird das Bild selbst zum Index, indem es auf andere Bilder von gleichem kulturellem Belang verweist. Zumeist nimmt der Fotograf durch das Bild einen Positionsbezug vor, zum Beispiel als Mitglied einer Szene. In diesem Kontext spielen Digitalkameras (Handykameras), Passbildautomaten und Sofortbildaufnahmen (Polaroid) tragende Rollen.
Aber es gibt auch die Gegenbewegung dazu: In Zeiten der Vor-Farbfotografie war schwarz/weiss nicht zu umgehen und gehörte zu den natürlichen Eigenschaften des Mediums Fotografie. Heute kann auch die Wahl von Schwarz/Weiss anstelle Farbe als Zeichen gedeutet werden, als Index reiht sich ein solches Bild in die Tradition klassischer Fotografie ein. Wenn dann die besonders wertige Ausarbeitung die Information vermittelt, dass das Bild als Erzeugnis bildender Kunst zu verstehen sei, so wird nicht selten dieser Umstand bildnerischer Ernsthaftigkeit auch durch die Motivwahl unterstützt: Bilder aufgeschlagener Bücher nebst brennenden Kerzen, charaktervoll zerfurchte Gesichter oder verdrehte Akte ohne erkennbares Gesicht.