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| Basilius von Cäsarea († 379) - Ausgewählte Briefe

LXXIV. (Mauriner-Ausgabe Nr. 236)
2.
Übrigens dürfte es Sache Deines Fleißes sein, die Stellen des Evangeliums zu erklären und deren Wortlaut bei Matthäus und Markus miteinander zu vergleichen. Denn diese (beiden) scheinen allein an dieser Stelle miteinander zu harmonieren. Bei Matthäus lautet sie: „Jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel des Himmels, nur der Vater allein1.” Die Lesart bei Markus aber ist folgende: „Jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel im Himmel noch der Sohn, nur der Vater allein2.” Was ist denn nun hier bemerkenswert? Das, daß Matthäus nichts von der Unwissenheit des Sohnes sagt, aber doch dem Sinne nach mit Markus übereinzustimmen scheint, wenn er beifügt: „nur der Vater allein.” Wir aber glauben, das ‚allein‛ ist lediglich im Gegensatz zu den Engeln gesagt, und der Sohn ist in der Aussage von der Unwissenheit nicht mit seinen Dienern zusammengenommen. Denn derjenige lügt nicht, der sagt: „Alles, was der Vater hat, ist mein3.” Eines aber von dem, was er hat, ist auch die Kenntnis jenes Tages und der Stunde. Daher verschweigt der Herr in der Stelle bei Matthäus seine eigene Person als selbstverständliche Ausnahme und sagt nur, daß die Engel nicht wissen, der Vater allein [S. 291] wisse, wobei er die Kenntnis des Vaters stillschweigend auch die seinige nennt, hat er ja doch schon in anderem Zusammenhange gesagt: „Wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne4.” Wenn aber der Vater den Sohn ganz so, wie er ist, kennt, so daß er auch alle in ihm verborgene Weisheit durchschaut, so wird er auch in demselben Maße von dem Sohne erkannt werden, d. h. mit aller Weisheit, die in ihm wohnt, und mit der Voraussicht der künftigen Dinge. Diese beruhigende Auslegung läßt die Stelle bei Matthäus „nur der Vater allein” zu. Die Stelle bei Markus dagegen, die anscheinend den Sohn von der Kenntnis auszuschließen scheint, verstehen wir also: Niemand weiß, auch die Engel Gottes nicht, ja nicht einmal der Sohn weiß (Tag und Stunde), sondern der Vater, d. h. die Ursache für das Wissen des Sohnes liegt beim Vater. Diese Auslegung dürfte dem, der sie wohlmeinend anhört, nicht gezwungen vorkommen, weil hier nicht, wie bei Matthäus, das Wörtchen ,allein’ beigefügt ist. Der Sinn der Stelle bei Markus ist also folgender: Jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel Gottes; ja nicht einmal der Sohn weiß (sie), sondern der Vater; denn vom Vater ist ihm die Kenntnis gegeben worden. Das kann man aber vom Sohne sehr wohl und in einer seiner Gottheit würdigen Weise sagen, daß er von dem, dem er wesensgleich ist, auch das Erkennen habe, sowie daß er in aller Weisheit und der seiner Gottheit gebührenden Herrlichkeit geschaut werde.
1: Matth. 24, 36.
2: Mark. 13, 32.
3: Joh. 16, 15.
4: Joh. 10, 15.