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Seit Mittwoch-Abend feiern die Juden in der Schweiz eine Woche lang Pessach. Sie erinnern sich der Sklaverei und des Auszugs aus Ägypten.
Wegen der religiösen, kulturellen und politischen Dimension berührt Pessach sämtliche Juden, gläubig oder nicht, und auch viele Christen – wie in Genf.
"Ein protestantischer Pastor hat mir vorgeschlagen, diese Woche ein 'Seder', also für Ostern ein Mahl des jüdischen Frühlingsfestes zu organisieren", freut sich François Garaï.
Der Rabbiner der liberalen israelitischen Gemeinschaft von Genf fährt fort: "Ein Mahl inklusive der dazugehörenden Riten. Und zwar in einem Kirchgemeinde-Zentrum, zusammen mit Protestanten und Katholiken."
Ältestes und eines der wichtigsten jüdischen Feste
Doch Pessach, das älteste und eines der wichtigsten Feste im jüdischen Kalender, gilt auch als zentraler Punkt im Leben von Yeshua ben Yosef, dem Jesus der Christen.
Das heilige Abendmahl, das letzte Mahl von Christus bevor er starb, stellt im Grund nichts anderes dar als das Mahl, das die Juden am Vorabend der Pessach-Feste feiern.
Indem sie die letzten Tage Christi zur gleichen Zeit wie das Pessach-Fest ansetzten, übernahmen die Architekten des christlichen Dogmas die Thematik der Versklavung der Israeliten in Ägypten und ihre Befreiung, was während dem "Seder" dargestellt wird. Sie platzierten darin die wichtigsten christlichen Glaubenssätze: Jesus erlöst die Menschen von ihren Sünden, indem er stirbt.
Nomaden-Riten zum Frühling
Der Theologe Enrico Norelli erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die in den ersten Frühlingstagen begangene Auferstehung an den frühen Ursprung des Osterfestes erinnern soll, das auf einen Nomadenritus zurückgeht, der die Wiederkehr des Lebens nach dem Winter feiert.
"Schon damals wurde das Opferschlachten des Lamms begangen, wobei die Wohnhäuser mit dem Opferblut bepinselt wurden, um böse Geister abzuwenden. Dieser Ritus wurde von den Hebräern übernommen und adaptiert", sagt der Professor der Uni Genf.
Dem Osterfest liegen somit mehrere religiös bedingte Ursprünge zu Grunde. "Viele nichtpraktizierende Juden feiern Pessach ebenfalls, wegen seiner politischen und humanistischen Bezüge", so François Garaï.
Dies tut auch Ur Shlonsky, israelisch-schweizerischer Sprachwissenschaftler. Für ihn ist Pessach "das einzige jüdische Fest, das universalistisch interpretiert werden kann".
Moses – ein grosser Führer, aber mit Distanz
Pessach, so Garaï, schneide nicht nur das Thema der Emanzipation eines Volkes an, sondern auch der Rolle des charismatischen Führers – um sich von ihm zu distanzieren.
"In der jüdischen Schrift-Sammlung Haggada wird Moses nur ein einziges Mal erwähnt", sagt Rabbi Garaï. "Diese Passage wird an Pessach gelesen und kommentiert." Ausserdem stirbt Moses, der die Juden aus Ägypten führt, noch vor den Toren Kanaans, dem versprochenen Land.
Shlonsky sieht dahinter einen ausgereifte politischen Gedanken: "Die Befreier eines autoritären Regimes oder einer Besetzermacht sollten die Macht weitergeben, wenn ihre Aufgabe erfüllt ist." Denn zahlreiche Befreiungs-Bewegungen hätten sich ja ihrerseits wieder zu Diktaturen entwickelt.
Pessach – auf deutsch Passage
Auch Iris Mizrahi ist offen für diese politische Leseart eines religiösen Mythos. Doch unterstreicht sie auch das kulturelle Gewicht von Pessach, das auf hebräisch "Passage" im Sinn von Durchmarsch bedeutet.
"Pessach ist in erster Linie ein Familienfest. Und obwohl ich meine Religion nicht praktiziere, möchte ich meinen Kindern ein gewisses Brauchtum weitergeben, so zu sagen als Grundelement meiner jüdischen Kultur", erklärt die junge Fotografin und Publizistin.
Der Pessach-Ritus gefällt ihr besonders, weil er Lektüre, Diskussion, Lied und Schlemmereien kombiniert. "Der am schönsten gedeckte Tisch des ganzen Jahres", wie die Genferin betont.
Sogar die Speise hat ihre Symbolik
Am meisten liebt sie dabei die Kraft der Symbolik dieses Festes – ganz im Gegensatz zum heute vorherrschenden Konsumismus. "Ich schätze sinnvolle Feste. Und beim Pessach-Fest haben sogar die einzelnen Speisen eine symbolische Bedeutung."
So sollen die bitteren Kräuter an die Härte der Sklaverei erinnern, die Matze - das nicht gesäuerte Brot - den Stress der Flucht aus Ägypten andeuten und die vier Gläser Wein, die man links angelehnt trinkt, sollen zeigen, dass man "wie freie Leute" trinkt.
swissinfo, Frédéric Burnand, Genf
(Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle)
In Kürze
In der Schweiz leben rund 18'000 Personen jüdischen Glaubens.
Die meisten wohnen in Zürich, Genf, Basel und Lausanne.
Organisiert sind sie in 18 Gemeinden des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG).
Eine Ausnahme bilden die liberalen Gemeinden, die von der SIG nicht anerkannt sind.
Die Schweizer Juden zählten innerhalb Europas zu den letzten, die die politische Gleichberechtigung erhielten.
Dies geschah 1866, auf Grund von Druck aus dem Ausland.