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Wie ein Quartett die Pandemie erlebt
Trotz der Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Pandemiezeit haben sich die Mitglieder des Galatea Quartetts sowohl eine realistische Einstellung als auch eine insgesamt positive Haltung bewahren können.
Die Karriere des 2005 gegründeten Galatea Quartetts (Yuka Tsuboi und Sarah Kilchenmann, Violinen; Hugo Bollschweiler, Viola; Julien Kilchenmann, Violoncello) entwickelte sich schnell und war von Erfolgen gesäumt: zahlreiche wichtige Preise, Konzerte an prestigeträchtigen Orten und an bedeutenden Festivals sowie CD-Einspielungen für Sony. Neben dem gängigen klassisch-romantischen Repertoire war es den vier Musiker*innen stets ein Anliegen, ihren Horizont zu erweitern und neue Werke zu entdecken
Wie habt Ihr diese fast zwei Jahre der Pandemie erlebt?
Julien: Einerseits gut, andererseits sehr schlecht. Ich konnte viel Zeit mit der Familie verbringen und genoss sympathische Momente mit den Nachbarn, aber auf der anderen Seite war es sehr demotivierend: Am Anfang sagte man sich, dass das nicht lange dauern würde. Die Konzerte vom Frühling 2020 wurden auf den Herbst verschoben, aber schliesslich wurden sie auf den Frühling des kommenden Jahres verlegt. Das wirkt sich sehr schlecht auf die Motivation aus. Da es zuhause immer irgendetwas zu tun gibt, ist es schwierig, sich zu zwingen, sein Instrument zu üben und Proben zu organisieren, wenn Konzerte mehrfach verschoben wurden und man kein festes Projekt in Aussicht hat. Nach einigen Monaten musste ich richtig an meiner Technik arbeiten. Überdies erinnere ich mich noch sehr gut an die erste Absage, die im letzten Moment erfolgte, als der erste Lockdown verhängt wurde: Ich habe um 16 Uhr einen Anruf erhalten, dass die Vorstellung, die am gleichen Abend im Rigiblick angesetzt war, nicht stattfinden würde, wie auch alle an den folgenden Tagen.
Yuka: Aus meiner individuellen Optik hatte ich mehr Zeit für mich. Was aber wirklich sehr gelitten hat, waren die Selbstverständlichkeit und die Reaktionsfähigkeit im Zusammenspiel.
Hugo: Ich liess meine Bratsche ruhen und nutzte die Gelegenheit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht direkt mit dem Instrument zu tun hatten: ich habe unter anderem Programme für die Zukunft vorbereitet und das Archiv meines Grossvaters, der Komponist war, gesichtet. Die Reflexe, die in der Kammermusik so wichtig sind, haben durch die fehlenden regelmässigen Proben gelitten – die Gewohnheiten verlieren sich tatsächlich sehr schnell. Ohne Zukunftsperspektiven ist es schwierig, sich zum Arbeiten zu motivieren und emotional unbefriedigend. Aber wir haben diese Zeit auch genutzt, um neue Werke ohne den Druck baldiger Aufführungen auszuprobieren. Wir haben ein Programm mit dem Titel New voices erarbeitet, in dem Quartette von Joseph Bologne de St-George, einem aus der Karibik stammenden Komponisten der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, und von Daniel Bernard Roumain, einem amerikanisch-haitianischen Zeitgenossen, gespielt werden sollen.
Sarah: Ich für meinen Teil konnte zunächst davon profitieren, meinen Mutterschaftsurlaub zu verlängern, bevor ich versuchen wollte, im Herbst wieder mit der Arbeit zu beginnen, als die Organisatoren lokalen Musikern eine Auftrittsplattform boten. Aber der neuerliche Lockdown und die Tatsache, dass man nur alle zwei bis drei Monate ein Konzert geben konnte, waren wirklich nicht angenehm. Der Herbst 2021 war dann plötzlich sehr intensiv, weil abgesagte Konzerte nachgeholt werden mussten. In diesem Moment begannen die Reflexe und die Selbstverständlichkeiten sich wieder einzustellen.
Was die Konzerte betrifft, welche Veränderungen habt Ihr da festgestellt?
Alle: Während wir im Moment die Konzerte nachholen, die während der letzten 18 Monate verschoben wurden, bleibt die Agenda für die Saison 2022/23 quasi leer. Die Konzertorganisatoren glaubten, dass die Musikliebhaber nichts sehnlicher erwarteten, als in die Konzertsäle zurückzukehren, um die Musik wieder "live" zu erleben. Aber das Publikum bleibt oft aus und zögert noch, wiederzukommen. Als Folge davon planen die Organisatoren die zukünftigen Saisons noch nicht, weil sie nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Es macht keinen Spass, aufwendige administrative Pflichten zu erledigen, ohne zu wissen, ob sie etwas bringen, und man fragt sich, ob man sich noch gedulden sollte, ehe man die Energie für den Wiederbeginn investiert. Obendrein gibt es einen finanziellen Druck, nämlich die Reduktion der Gagen, hauptsächlich aufgrund des im Moment ausbleibenden Publikums. In Bonn mussten wir beispielsweise zwei Konzerte für das Honorar von einem geben. Leider ist es einfacher, zu akzeptieren, dass die Gagen gekürzt werden, als zu erreichen, sie später wieder auf das vorherige Niveau zu erhöhen, wenn die Situation sich wieder normalisiert hat. Eine Diskussion mit den Organisatoren ist fast nicht möglich: entweder man akzeptiert ihre Bedingungen, oder sie engagieren uns nicht, weil auch sie finanzielle Zwänge spüren, die dann wiederum an uns weitergegeben werden. Einige haben in der Tat enorm viele Abonnenten verloren und können nicht mehr die gleichen Gagen wie zuvor garantieren.
Julien: Ich habe gehört, dass es im Minimum vier Jahre dauern soll, bis sich die Lage im Kultursektor wieder normalisiert hat. Es wird also viel Geduld und Zeit brauchen, bis die Leute wieder Spass daran haben, ein Konzert zu besuchen und es wagen, sich mit anderen Menschen zu treffen. Im Moment limitieren viele ihre sozialen Kontakte.
Hugo: Ich war übrigens sehr erstaunt darüber, wie wenig Wert der Kultur von vielen beigemessen wird. Die Diskussionen drehen sich die meiste Zeit eher darum, ob die Restaurants geöffnet oder geschlossen sind als um den Zugang zu Konzertsälen. Das gibt zu denken, wenn man wahrnimmt, dass für viele Leute das, was wir für zentral halten, so wenig Bedeutung hat.
Julien: Anders als in den vorangegangenen Jahren war es nicht möglich, Tourneen ins Ausland in Betracht zu ziehen; nicht nur, weil dort die finanziellen Probleme die gleichen sind wie hier, sondern weil es ausserdem zu viele Unwägbarkeiten im Zusammenhang mit den Reisemöglichkeiten gab. Ich selbst bin seit zwanzig Jahren selbstständig und kenne die damit verbundenen Ups und Downs sowie die Unsicherheit, die sich daraus ergibt. Ich habe mich letztendlich daran gewöhnt und kann diese Situation akzeptieren.
Hugo: Als freischaffende Musiker müssen wir unternehmerisch denken und nicht in der Routine bleiben. Vielmehr müssen wir fähig sein, zu überlegen, was wir in der Zukunft realisieren wollen und wie wir diese Ziele erreichen können.
Julien: Wir hatten gute und schlechte Überraschungen: Der Rigiblick war nach dem Unterbruch unseres Projekts extrem grosszügig, da er einerseits einen Fonds geäufnet hat, damit Spender die Künstler unterstützen können, die dann jeden Monat einen kleinen Betrag bekommen; andererseits, weil wir für den Rest des Projekts von der Kurzarbeit profitieren konnten. Ein vorbildlicher Umgang mit der Krise war auch, dass der Rigiblick Freiluftaufführungen organisiert hat, als die Theater geschlossen waren. Ein anderes gutes Beispiel: Wir haben in einem Spital gespielt, das uns absolut korrekt bezahlt hat.
Andere Institutionen haben uns allerdings weit weniger gut behandelt: Ein Beispiel dafür ist ein Theater, in dem wir zwanzig Vorstellungen einer Tanzaufführung begleiten sollten. Wir haben dafür einen Vertrag mit einer Pauschale bekommen, die die ganze mit dem Projekt verbundene Arbeit abgelten sollte. Da ein Teil der Vorstellungen wegen des Lockdowns wegfiel, haben wir auch nur einen Teil der Honorare erhalten. Dieses Theater hat - zu seinen Gunsten – nur die Vorstellungen als Berechnungsgrundlage genommen, nicht aber die Proben oder die vorgängige Vorbereitung, und wollte darüber überhaupt nicht diskutieren. Dieser unterschiedliche Ansatz zeigt sehr gut, dass Pauschalverträge keine gute Lösung sind. Es ist viel besser, den SMV-Tarif als Grundlage zu nehmen, umso mehr als die Pandemie die Tür zu zumindest diskutablen Praktiken geöffnet hat.
- Die Gewerkschaftssekretärin des SMV, Jessica Frossard, die bei unserem Gespräch dabei ist, fügt hinzu, dass man im Fall eines mündlichen Vertrags anschliessend unbedingt eine Bestätigung per E-Mail verlangen soll.
Wie wichtig ist die finanzielle Unterstützung?
Sarah: Das Quartett hat das Glück gehabt, Gelder von der Erwerbsausfallversicherung und von Stadt und Kanton Zürich zu erhalten. In vielen anderen Ländern existieren diese Unterstützungsmassnahmen für Musiker nicht. Erfreulicherweise haben wir sehr schnell, nach einigen Tagen, die Nothilfe vom Kanton Zürich bekommen und auch Geld von der SMV-Stiftung, was sehr wertvoll war am Anfang, weil man nicht wissen konnte, wie lange die Dauer der staatlichen Unterstützung sein würde. Das hat uns erlaubt, etwas Zuversicht zu fassen.
Jessica: Diese Unterstützungen variieren von Kanton zu Kanton und hängen auch von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem von der individuellen finanziellen Situation der Künstler. Viele Personen haben sich darüber beklagt, dass es schwierig sei, eine Unterstützung zu bekommen. Man muss tatsächlich wissen, was man unternehmen muss, um diese Gelder als Freischaffender zu erhalten, also zum Beispiel, wo man Hilfe bekommen kann, und man muss die verlorenen Beträge nachweisen können. Das erfordert in der Tat administrativen Aufwand. Jede Institution funktioniert nach ihrer Logik, ihren Reglementen und nach ihrem eigenen System, was auch zum Beispiel die zukünftigen Steuererklärungen komplizierter machen kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, alle Dokumente aufzubewahren.
Wie seht Ihr den Beitrag des SMV in dieser Situation?
Julien: Der " Leitfaden für Musiker*innen zu den verschiedenen Unterstützungsmassnahmen im Zusammenhang mit Covid-19" auf der SMV-Website hat mit seinen klaren Informationen wesentlich dazu beigetragen, sich zurechtzufinden und die Situation abschätzen zu können. Auch das Engagement des SMV für die schweizerischen Musiker hat sich als sehr wichtig erwiesen.
Hugo: Was dieses Thema betrifft, war ich überrascht festzustellen, wie viele Musiker den SMV noch nicht kennen. Seine finanzielle Unterstützung hat unserem Quartett geholfen, aber das ist nicht der Hauptgrund, warum ich finde, dass es sich lohnt, gewerkschaftlich organisiert zu sein: Man muss die Künstler weiterhin dafür sensibilisieren zu verstehen, dass es für das Lobbying entscheidend ist, dass man einer Gewerkschaft angehört. Es ist eine Frage der Solidarität: Je mehr Mitglieder eine Gewerkschaft hat, umso mehr Druck kann sie ausüben, was zum Beispiel dem SMV erlaubt, den Musikern wirkungsvoll zu helfen, ihre soziale Situation zu verbessern.