Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03491.jsonl.gz/1642

Kapitel 1
Liebe auf den ersten Blick
Zu Beginn des Sommers 2018, als ich mich ins Palace de Verbier begab, ein exquisites Hotel in den Schweizer Alpen, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich meine Ferien damit zubringen würde, ein vor Jahren in diesem Haus begangenes Verbrechen aufzuklären.
Der Aufenthalt sollte mir nach zwei kleinen persönlichen Katastrophen, die mir gerade zugestoßen waren, etwas Ablenkung bieten. Doch ehe ich Ihnen erzähle, was in jenem Sommer geschah, muss ich zunächst einmal auf den Ursprung der ganzen Geschichte zurückkommen: den Tod meines Verlegers Bernard de Fallois.
Bernard de Fallois war der Mann, dem ich alles verdankte.
Mein Erfolg, meine Bekanntheit waren sein Verdienst.
Dass man michderSchriftsteller nannte, war sein Verdienst.
Dass man mich las, war sein Verdienst.
Als ich ihn kennengelernt hatte, war ich nichts als ein unveröffentlichter Autor gewesen. Er hatte aus mir jemanden gemacht, dessen Romane in der ganzen Welt gelesen wurden. Bernard, der immer wie ein vornehmer Patriarch gewirkt hatte, war eine der herausragenden Persönlichkeiten der französischen Verlagswelt gewesen. Für mich war er ein Vorbild und vor allem, trotz der sechzig Jahre Altersunterschied, ein guter Freund gewesen.
Bernard war im Januar 2018 verstorben, in seinem 92. Lebensjahr, und ich hatte auf seinen Tod reagiert, wie es jeder Schriftsteller tun würde: Ich begann, ein Buch über ihn zu schreiben. Ich widmete mich diesem Projekt mit Leib und Seele, zurückgezogen ins Arbeitszimmer meiner Wohnung in der Avenue Alfred-Bertrand Nr. 13 im Genfer Champel-Viertel.
Wie immer, wenn ich schrieb, duldete ich nur einen Menschen in meiner Nähe, meine Assistentin Denise. Sie war meine gute Fee. Stets guter Laune, organisierte sie meine Termine, sichtete und sortierte die Leserbriefe, las und korrigierte, was ich zu Papier gebracht hatte. Nebenbei füllte sie meinen Kühlschrank und versorgte mich mit Kaffee. Und dann übernahm sie noch die Funktion eines Bordarztes, indem sie in mein Arbeitszimmer platzte wie in die Kajüte eines Kapitäns auf großer Überfahrt und mir Ratschläge für meine Gesundheit angedeihen ließ.
»Gehen Sie doch mal raus!«, befahl sie freundlich. »Drehen Sie eine Runde durch den Park, um Ihren Kopf zu lüften. Seit Stunden hocken Sie hier drin!«
»Ich war heute Morgen schon joggen«, erinnerte ich sie.
»Ihr Hirn braucht in regelmäßigen Abständen frischen Sauerstoff!«, beharrte sie.
Es war beinahe schon ein tägliches Ritual. Ich fügte mich und ging auf den Balkon vor dem Büro. Dort füllte ich meine Lungen mit ein paar tiefen Zügen kühler Februarluft, um mir dann mit einem amüsierten und herausfordernden Blick eine Zigarette anzuzünden. Sie protestierte empört:
»Wissen Sie was, Joël, ich werde Ihren Aschenbecher nicht ausleeren. Dann sehen Sie wenigstens, wie viel Sie rauchen.«
Jeden Tag hielt ich mich an eine mönchische Routine, die ich mir in den Schreibphasen auferlegte. Sie bestand aus drei unausweichlichen Etappen: im Morgengrauen aufstehen, eine Runde laufen gehen und bis zum Abend schreiben. Indirekt machte ich die Bekanntschaft von Sloane also dank dieses Buches. Sie war meine neue Etagennachbarin. Sie war vor Kurzem eingezogen, und seitdem war sie das Lieblingsthema sämtlicher Hausbewohner. Ich für meinen Teil hatte sie noch nie gesehen. Bis zu jenem Morgen, an dem ich ihr, bei der Rückkehr von meiner täglichen Trainingseinheit, zum ersten Mal über den Weg lief. Auch sie kam gerade vom Joggen, und wir betraten gemeinsam das