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Jeden Abend, wenn wir unsere Töchter ins Bett bringen, darf die grössere (3 Jahre alt) sich ein Lied wünschen, das wir dann gemeinsam singen. Da kommt auch immer wieder selbst Erfundenes zum Zug. In den letzten zwei Wochen hat sich ein Hit klar in den Vordergrund gedrängt, und auch der ist aus einer Improvisation entstanden. Es gibt da allerdings ein Problem: Das Lied hat keinen Titel. Unsere Tochter weiss sich aber zu helfen: Um dieses Lied zu wünschen, das sie nicht mit einem Titel bezeichnen kann, singt sie uns einfach den Text vor. Den ganzen. Dieses spezielle Lied wird also immer zweimal gesungen, einmal von unserer Tochter (Mitsingen für die Eltern streng verboten) als Benennung ihres Liederwunsches und dann von der ganzen Familie in der eigentlichen Ausführung. Aber wie soll es auch anders geschehen, wenn doch der Titel fehlt? Titel, die über Texten stehen, erfüllen wichtige Funktionen, und die Erfahrungen mit unserem unbetitelten Gutenachtlied haben mein Nachdenken darüber angeregt.
- Zunächst einmal ermöglicht es der Titel, mit wenig Aufwand über den Text zu sprechen, über dem er steht. Hätten wir den Titel nicht, wären wir gezwungen, den Text entweder ganz aufzusagen (wie es meine Tochter mit ihrem Lied macht) oder uns eine eigene Umschreibung einfallen zu lassen, die dann natürlich auch für andere nachvollziehbar sein müsste. Beide Varianten sind sehr aufwändig – und werden vor allem dann problematisch, wenn wir mit jemandem über einen Text sprechen, den er nicht kennt. Ich frage: “Hast du Winnetou gelesen?” Er antwortet: “Nein.” Das geht ohne Problem und klappt auch mit weniger bekannten Titeln. Wenn ich hingegen fragen muss: “Hast du diesen Wildwestroman gelesen, in dem ein Indianerhäuptling und ein Weisser mit Fransenoutfit Freunde werden und viele Abenteuer bestehen, bis einer der beiden erschossen wird?”, so ist nur dann eine Verständigung möglich, wenn mein Gesprächspartner das Buch kennt. Wenn nicht, kann er höchstens vermuten, wovon ich spreche. Sicherheit gibt es in einem solchen Fall nicht.
- Der Titel kann kreativer und vollwertiger Bestandteil eines Werkes sein. Der amerikanisch Autor Paul Auster hat mich inspiriert, indem er einige seiner Romane mit Titeln versehen hat, deren Beziehung zum Inhalt nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist; zum Beispiel Das Buch der Illusionen, in dem es kein bisschen um Bücher, sondern vielmehr um Filme geht. Auf diesem Weg fügt der Titel dem Gesamtwerk Nuancen zu und wird selbst zu einem Element des Werkes. Der Titel wird selbst Inhalt. Zugegeben, das ist nicht bei allen literarischen Texten der Fall. Romeo und Julia oder Die Schatzinsel sind als Titel etwa so kreativ wie die Nährstofftabelle auf der Müslischachtel. Aber möglich ist es. Einen Titel zu setzen kann sehr kreativ (und anspruchsvoll) sein.
Beim Reden ohne Titel geht es uns wie mir, als ich dem Kühlschranktechniker am Telefon erkläre, welches Teil ich beim Abmontieren des Türgriffs zerbrochen hatte und er mir nun bitte per Post schicken solle. Der richtige “Titel” hätte es mir erlaubt, innerhalb einer Sekunde klar zu machen, was ich brauchte. Da ich jedoch selbst nicht wusste, wovon ich sprach, blieb mir nur der Weg der Umschreibung. Ich erzählte ihm von der “armbrustförmigen Plastikfeder” und beschrieb, wo sich das Ding meines Erachtens befunden hatte, bevor es nach einem unangenehmen Knacken zerbrochen auf den Boden gefallen war. Sie schickten mir dann gleich einen ganzen Türgriff.
Hierin sind Titel wie Wörter. Sie bezeichnen etwas, von dem wir sonst nur mit Umschreibungen und daher unter grossem Aufwand sprechen könnten. Immerhin schön zu sehen, dass unsere Tochter sich auch dann nicht davon abhalten lässt, ihre Wünsche zu äussern. Unmissverständlich.