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Werk, Bauen + Wohnen 01-02/2007
Dichte Packung
Zwei Studienaufträge zum Stadtraum HB Zürich sind entschieden
Knapp einen Monat nachdem die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Stadt Zürich den Gestaltungsplan für das Entwicklungsgebiet «Stadtraum HB» angenommen hatten, stellten die SBB, die Post und die Stadt Zürich die Resultate zweier Studienaufträge vor. Aus einem zweistufigen Verfahren, das aus terminlichen Gründen schon vor der Abstimmung lanciert wurde, gingen konkrete, auf dem Gestaltungsplan basierende Projekte hervor: «Projektentwicklung Sihlpost» ist der Name des Architekturwettbewerbs, dessen Perimeter die beiden Gebäude der Sihlpost sowie die ersten zwei Baufelder umfasst. «Öffentlicher Raum» ist Titel und Thema der zweiten Studie, die sich mit der Gestaltung der Strassen- und Platzräume, die im Gestaltungsplan festgeschrieben sind, befasste.
Vom HB Südwest zum Stadtraum HB Zürich
Die nun unter dem Namen Stadtraum HB Zürich zusammengefassten Areale befinden sich auf beiden Seiten des Gleisfelds und erstrecken sich vom Ende des Bahnhofs bis zur Langstrassenunterführung. Sie werden als besterschlossene Grundstücke der Schweiz bezeichnet. Bis heute werden sie von den SBB (Schweizerische Bundesbahnen) und der Post für werksinterne Nutzungen gebraucht, ursprünglich waren diese Flächen Reststücke «hinter den sieben Gleisen». Die politische Gemeinde Zürich hatte das Gelände bei Inbetriebnahme des vergrösserten Bahnhofs vor etwas über 100 Jahren den SBB gratis überlassen.1 Während der Bahnhof immer wieder vergrössert wurde, blieb das Gebiet entlang des Gleisfeldes lange ausserhalb des öffentlichen Interesses. Erst in den 1970er Jahren wurde das wirtschaftliche Potential des Grundstückes mit dem Wettbewerb für eine Gleisüberbauung offensichtlich. Kern des später unter dem Namen HB Südwest bekannten Projekts war die verwegene Idee, den «nutzlosen» Gleisraum fast bis zur Langstrasse mit einer technisch aufwändigen, teuren Plattform zu überbauen und damit stadtintern Land zu gewinnen. Nach fast 20 Jahren Planung starteten die Investoren 1996 ein Nachfolgeprojekt mit dem zukunftsfrohen Namen «Eurogate», welches 2001 durch eine Beschwerde zur definitiven Implosion gebracht wurde. Die spätmoderne Idee des Megaprojekts hatte sich endgültig überlebt.
Ab 2003 brachten die Stadt und die Grundbesitzer den Planungsprozess erneut ins Rollen, und zwar in der Form einer Konsensplanung, wie sie zum Beispiel in Zürich West schon erprobt worden war. Die Parameter waren nun klar, man wollte die unternutzten Flächen entlang der Gleise bebauen und das Gleisfeld nur noch mit einer oder zwei Passerellen überbrücken. Unterdessen wurde eine weitere Strukturbereinigung beschlossen: Ab 2008 wird die gesamte Brief- und Paketpost am Rande von Zürich verarbeitet, wodurch in der Alten (1933, Gebrüder Bräm) und in der Neuen Sihlpost (1992, Fischer Architekten mit Stücheli Architekten) zusätzlich mehrere tausend Quadratmeter Bruttogeschossflächen für neue Nutzungen und Mieter frei werden. Das gemeinsame Ziel der Stadt Zürich, der SBB als Grundbesitzerin und der Post als Gebäudebesitzerin ist die Schaffung eines durchmischten, innerstädtischen Ortes. Benedikt Loderer drückte es in einem Text zu diesem Thema folgendermassen aus: «Offensichtlich ist das Vorbild der traditionellen europäischen Stadt unterdessen unbestritten.»2
Drei Planerteams wurden 2003 zu einer Studie eingeladen, die in offenen Workshops zum Vorprojekt eines Gestaltungsplans führte. Der wohl flexibelste Vorschlag von Kees Christiaanse wurde zur Weiterbearbeitung empfohlen. Er setzte am direktesten und pragmatischsten die zeitlichen Einschränkungen der SBB-Bahnhofsplanung – die verschiedenen Abschnitte des Grundstückes werden in Fünfjahresschritten frei – in einen Plan um; die Realisierung scheint möglich. Christiaanse nennt in einem Text3 Cerdas Stadterweiterungsplan für Barcelona als ein Vorbild für diese Planung: Primär wird der öffentliche Raum definiert. In den Baufeldern gelten Höhenbeschränkungen und Set-Back-Regeln, und die Erdgeschosse müssen kommerzielle oder öffentliche Nutzungen beherbergen. Die mögliche Bebauungsdichte ist – für Arealüberbauungen in der Zürcher Bau- und Zonenordnung (BZO) festgelegt – sehr hoch. Räumlich getragen wird der Abschnitt, der zum Stadtkreis 4 gehört, von einem diagonalen Platz-Strassen-Hybriden, der sich zwischen dem Neuen Bahnhofplatz beim Ausgang Sihlpost und dem Lagerplatz an der Kreuzung Lagerstrasse/Kanonengasse aufspannt. Neben der neuen Verbindung zum Langstrassenquartier kann er auch als Fortsetzung der Platzfolge Central-Bahnhofplatz gelesen werden. Spannend an dieser Ausgangslage ist das Konzept, keine Objekte, sondern den öffentlichen Raum so genau wie möglich zu definieren.
Öffentlicher Raum
Zurück zu den beiden Studienaufträgen: Was auf der Grundlage des Gestaltungsplanes alles möglich ist oder wäre, wird nun in den versammelten Projekten sichtbar. Beim Wettbewerb zum öffentlichen Raum, bei dem zwölf Teams mitgemacht haben, wurde der Vorschlag von Rotzler Krebs Partner aus Winterthur prämiert. Sie haben eine Lösung gefunden, mittels Baumreihen die geknickten, hybriden Räume zu verbinden. Ausserdem haben sie einen glaubhaften und grosszügigen Neuen Bahnhofplatz geschaffen, der mittels Stufen bis zur Sihl hinunterführt. Dieses Konzept setzt – passend zum Gestaltungsplan – auf die Integrationskraft klassischer Stadträume. Das mag vielleicht nicht so neu klingen, löst aber die Fragestellungen im Vergleich zu den andern Projekten am überzeugendsten.
Projektentwicklung Sihlpost
Bei der «Projektentwicklung Sihlpost» haben in der ersten Stufe zwanzig Teams teilgenommen. Sechs davon konnten ihren Vorschlag überarbeiten, gewonnen hat das Team von Max Dudler. Auf den ersten Blick fällt bei allen Projekten die hohe Dichte auf. Doch anlässlich der Pressekonferenz relativierte Franz Eberhard, Direktor des Amtes für Städtebau, dass die Stadt, SBB und Post sich einig seien, man müsse die Ausnützung noch etwas verringern. Die Wettbewerbsjury soll das Projekt weiterhin begleiten und damit diese kritische Frage im Auge behalten. Eine weitere Vorgabe war es, den grössten Teil des Erdgeschosses der Neuen Sihlpost zu einer Mall der Fachmärkte zu machen. Die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH), zukünftige Mieterin in der umzubauenden Neuen Sihlpost, wird in den Obergeschossen untergebracht. Somit sind für dieses Baufeld die Karten schon gemischt. Das daran anschliessende und ebenfalls in der Studie bearbeitete Baufeld soll vorwiegend mit Dienstleistungsarbeitsplätzen gefüllt werden.
Dudler versucht mit der Anlehnung an die traditionelle europäische Stadt einen bekannten Massstab zu setzen, die geforderte Dichte strapaziert diesen allerdings arg. Zwischen den meist acht- bis neungeschossigen Gebäuden sind minimalste Zwischenräume vorgesehen. Christiaanses Fortsetzungen der Eisgasse und der Freischützgasse quer zur Lagerstrasse sind im Gestaltungsplan sehr schmal, um die Diagonale nicht zu konkurrenzieren. Dudlers Plan übernimmt diese Maschenweite und setzt sie auch für weitere Einschnitte in die Baufelder ein. Die beiden Baufelder sind mit windmühlenförmigen Gassen- und Platzfolgen in jeweils vier Körper geteilt. Da beim Baufeld Neue Sihlpost das Erdgeschoss durchgehend als Mall genutzt werden soll, dient der darüber liegende, mit Treppen von den Strassen her erschlossene Hofraum der Pädagogischen Hochschule. Die Aufteilung in vier Einzelvolumen, die aus einer Basis emporwachsen, erscheint im Zusammenhang mit dem benachbarten Baufeld nicht ganz glaubhaft. Denn dort setzt Dudler dieselbe Platzkonfiguration auf der Erdgeschossebene ein. Macht diese als beruhigte Campusmitte vielleicht Sinn, so hat sie auf Strassenniveau den Effekt, dass die Gassen nie durchgehend sind und der Zwischenraum somit sehr privat wirkt, aber nicht als wirklicher Stadtraum tauglich zu sein scheint. Es entsteht so etwas wie ein kleinteiliges Gewirr von engen Gassen und hohen Häusern mit tiefen Grundrissen, bei denen unklar bleibt, für welche Mieter diese so attraktiv sein sollen. Der Hauptzugang der PHZH befindet sich an der Lagerstrasse, was mit den vielen Schulen an dieser Strasse durchaus Sinn macht, aber auch eine pragmatische Antwort darstellt auf die Forderung, zum Bahnhof hin die Shoppingmall ins Zentrum zu setzen. Nur ein Beitrag in der zweiten Wettbewerbsstufe (Team P.arch: GWJ Architekten, Itten + Brechbühl und Ernst Basler Partner) weist einen gut sichtbaren, zurückgesetzten Eingang der PHZH auf der Bahnhofsseite auf.
Angst vor Diskussionen?
Die Bedingungen des Wettbewerbs (mehr noch als diejenigen des Gestaltungsplans, so scheint es) sind so einschränkend, dass die einzelnen Vorschläge nach der Überarbeitung mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede aufweisen. Bei allen fällt die grosse Dichte auf, keines der weiterbearbeiteten Projekte bricht den Koloss der Neuen Sihlpost ab oder baut in die Höhe. Dudler geht abgeklärt mit diesen Vorgaben um, was eine gewisse Selbstverständlichkeit erzeugt – es ist nicht das erste grössere Stadtprojekt, das er plant. Er hat keine Angst vor diesem Massstab, gibt sich aber in den Perspektiven auch keine grosse Mühe, abgesehen von der Darstellung der Volumetrien, eine Vorstellung der Wirkung der geplanten Bauten im städtischen Raum zu erzeugen und zu vermitteln. Mit grauem Stein verkleidete, regelmässige und ausgedünnte Lochfassaden und mit grossformatigen Steinplatten belegte Strassen sind sein Angebot.
Die grosse Frage bleibt, was man an diesem Ort eigentlich will. Ein städtebaulicher Wettbewerb hätte mehr Möglichkeiten geboten, sich hierzu aufgrund des Gestaltungsplanes Grundsätzliches zu überlegen, während das Projekt PHZH in der Neuen Sihlpost nachher separat hätte behandelt werden können. Leider bekommt man jetzt den Eindruck, dass in der ersten Stufe des Studienauftrags Projekte, in denen eine etwas zugespitztere Haltung zum Tragen kommt, den Auslobern als zu wenig konsensfähig erschienen und wohl auch deshalb ausgeschieden wurden.
So wird im Jurybericht ein Vorschlag mit durchgehenden Arkaden entlang der Hauptachsen (Bearth & Deplazes und Burkhard, Meyer.) zwar als ein «spannendes Element zur Auszeichnung der Urbanität und zur Aufwertung der neuen Flanier- und Geschäftszone»4 bezeichnet. Sie erzeugten aber «zu starre Fassaden und Strassenräume, die keine Abweichung von dieser Rigorosität erlauben». Dominique Perrault baut vier Hochhäuser, schenkt aber «dem baulich-räumlichen Kontext wenig Beachtung». Bétrix & Consolascio erproben mit einem Riesen-Bazar-Gebäude eine neue Form von labyrinthischer Stadterweiterung und verzichten deshalb auf eine Seitengasse, worin ein «technischer, aber auch konzeptioneller Verstoss» geortet wird. Und beim Vorschlag von weberbrunner und EM2N, welche den Koloss der Neuen Sihlpost abbrechen und so eine feinmaschigere Struktur erzeugen, überzeugt zwar der «an sich spannende Ansatz der Clusterbildung», der eine «gute Adressbildung» bringt und «als Grundfigur im Massstab des Stadtgefüges» überzeugt. Aber «die aus dem Abbruch der Neuen Sihlpost resultierenden Vorteile werden nicht ersichtlich». Und Peter Märkli gewichtet, indem er zwei hohe, U-förmige Gebäude hinter die Sihlpost stellt und Richtung Kanonengasse kleine, massstäblich austarierte Stadtblocks plant, die er mit einem Hochhaus abschliesst. Diese Struktur wird als «städtebaulich interessant gewürdigt. Die U-förmigen, massigen Bauten (…)lassen jedoch die notwendige städtebauliche Qualität in dem Umfeld vermissen.»
Abgesehen von der unterschiedlichen Qualität der erwähnten Arbeiten, liessen sich damit unterschiedliche Ansätze zumindest diskutieren. Natürlich müssen die Bilanzen von Projektentwicklern und Investoren stimmen. Aber das reicht nicht aus für eine Idee, wie man dieses Filetstück unter den SBB-Grundstücken der Stadt einverleiben soll. Und: Es ist nicht nur für die SBB, sondern auch für die Bewohnerinnen und Bewohner Zürichs zu wichtig, um in Mittelmässigkeit abzusinken. Wer möchte an diesem Ort was erreichen, wer soll mieten, kaufen, flanieren – oder auch wohnen? Glücklicherweise hat sich schon die PHZH gefunden, deren 2000 Studierende hoffentlich diesen Stadtraum beleben werden. Fachmärkte sind auch schon vorgesehen, ihre Belegung grosser Teile der Erdgeschossfläche an der prominenten Stelle im ersten Baufeld scheint aber zwiespältig. Und die Alte Sihlpost mit ihrer wirklich exklusiven Lage, Sicht und Orientierung scheint angesichts der mutmasslichen Nutzung – abgesehen vom Erdgeschoss, ist die Schulverwaltung der PHZH vorgesehen – unterschätzt worden zu sein. Ob der Stadtraum HB Zürich exklusiv werden soll wie die Bahnhofstrasse oder als Verbindung zum Langstrassenquartier eher ihre schäbige kleine Schwester, ist noch nicht so klar ersichtlich. Denn die Flexibilität dem Markt gegenüber bedeutet manchmal eben auch, dass zu wenig Festlegungen gemacht werden – ein Gebäude soll alles können und nichts Bestimmtes aussagen. Ob es damit gelingen wird, diesem neuen Stadtteil Identität einzuhauchen, bleibt abzuwarten. Hoffnung besteht: Das Wort «Identität» führen jedenfalls alle, die dieses Projekt promoten wollen, im Munde.
1 Siehe www.nein-stadtraumhb.ch
2 Benedikt Loderer, «In Zürich wird die Schweiz umgebaut», in: Stadtraum HB: Ein neues Quartier für Zürich, Beilage zu Hochparterre 4-2005.
3 Kees Christianse, «Der Weg zur lebendigen Stadt», ebenda.
4 Dieses und die folgenden Zitate stammen aus dem Bericht des Beurteilungsgremiums zum Stadtraum HB Zürich
Text © Barbara Wiskemann