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In ihrer Romanbiografie «Die Baronin im Tresor» beschreibt die Berner Journalistin und Autorin Franziska Streun das Leben der aus dem Pariser Zweig der Rothschild-Dynastie stammenden Betty Lambert, geschiedene von Bonstetten, geschiedene von Goldschmidt-Rothschild. Das Buch ist ein faszinierendes Zeitdokument mit neuen, bisher unbekannten Fakten.
Romanbiografien von starken Frauenfiguren liegen im Trend. Therese Bichsel, Karoline Arn, Eveline Hasler haben solche publiziert. Die Thuner Journalistin Franziska Streun hat recherchiert und über eine bislang unbekannte Adelige geschrieben. Das Leben der aus dem Pariser Zweig der Rothschild-Dynastie stammenden Baronin Betty Lambert, geschiedene von Bonstetten, geschiedene von Goldschmidt-Rothschild, spiegelt die Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder.
Betty (weisser Hut) in Frankfurt im Auto mit den von Goldschmidt-Rothschilds (1912).
Betty wurde 1894 als eines von vier Kindern in eine jüdische Bankiersfamilie in Brüssel geboren. Ihr Vater Léon Lambert war Oberhaupt der jüdischen Gemeinde in Belgien und Brüssel und ein Financier von König Leopold II., der durch seine ausbeuterische Kongopolitik berühmt wurde. Ihre Mutter war Zoé Lucie Betty de Rothschild aus Paris. Betty genoss eine strenge Erziehung und musste schon bald lernen, dass in ihrem adeligen Umfeld Männer mehr galten als Frauen. Ihr Bruder genoss Privilegien, durfte um die Welt reisen, erhielt die beste Ausbildung und führte das Bankiergeschäft des Vaters weiter.
Betty dagegen wurde 1911, erst 17jährig, mit einem Cousin dritten Grades und wie sie 5. Generation der Rothschild-Dynastie, einem von Goldschmidt-Rothschild-Bankier, zwangsverheiratet. Der dreizehn Jahre ältere Rudolf lebte in Frankfurt. Den Umständen entsprechend fühlte sich die junge Frau von Beginn weg unterdrückt, unverstanden und war entsprechend unglücklich. Kein Wunder, dass die arrangierte Ehe schon nach kurzer Zeit geschieden wurde. Der Entzug der beiden Söhne, das zunehmend antisemitische Klima in Deutschland und der Kampf um ihr Brüsseler Erbe führten dazu, dass die rebellische Betty in die Schweiz floh und dort den Bernburger Jean-Jacques de Bonstetten heiratete.
Die Westfassade des Bonstettenguts, 1935.
Doch auch der zweiten Ehe war kein Glück beschieden. Der Patrizier liebte das Glücksspiel und war seiner jüdischen Frau untreu. 1933 wurde die zweite Scheidung eingeleitet. Immerhin blieb diesmal die inzwischen geborene Tochter Ynes bei Betty. Die beiden Frauen lebten im Bonstettengut in Gwatt bei Thun. Die Baronin hatte das Anwesen 1922 vom Vater ihres damaligen Gatten gekauft. Mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland nahm der Judenhass zu. Die geschiedene Jüdin, die sich dank ihrer Schweizer Staatsbürgerschaft in Sicherheit wiegte, musste erleben, wie Mitglieder ihrer Familie vor dem Nationalsozialismus flohen oder Freunde in Konzentrationslagern verschwanden.
Getrieben von dieser bitteren Erfahrung, widmete sich Betty Lambert von Gwatt aus im Stillen dem antifaschistischen Kampf. Im Bonstettengut half sie Verfolgten auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus, fungierte als informelle nachrichtendienstliche Anlaufstelle und wurde ihrerseits vom Schweizer Geheimdienst kritisch beobachtet. Auf ihrem Anwesen empfing sie Widerstandskämpfer, Agenten, Diplomaten, Politiker, Fürsten, Könige, Kulturschaffende und Wirtschaftsführer.
Betty mit Marc Chagall im Gwatt, 1956.
Bettys Gästebuch für die Jahre 1937 bis 1961 enthält rund 1200 Signaturen von Menschen, die selbst in ihrer Zeit bedeutsame Geschichte auf der Weltbühne schrieben. Zu ihnen gehören der Künstler Marc Chagall, der Schriftsteller Carl Zuckmayer, die Schauspielerin Greta Garbo, der Violinist Nikita Magaloff, der Fluchthelfer Eduardo Propper de Callejón, der spätere CIA-Chef Allen Welsh Dulles, Alexander von Stauffenberg, ein Bruder des letzten Hitler-Attentäters, Fürst Rainier und Grace Kelly.
Zwischen den Treffen organisierte sie kulturelle Anlässe, unternahm Reisen, residierte in Hotels, erzog ihre Tochter und hielt Kontakt zur Familie und zu ihren Freunden. 1960, im Alter von 64 Jahren, entschied sie sich, nach Genthod bei Genf zu ziehen, um näher bei ihrer Tochter zu sein. 1961 verkaufte sie das Bonstettengut an die Stadt Thun und den Kanton Bern, verpflichtete aber die Käufer zu strengen Auflagen, was mit dem Anwesen zu geschehen habe. Nach einem reichen Leben starb Betty Lambert 1969 in Genthod.
Mit Freunden am Strand in Südfrankreich. Rechts Charlie Chaplin.
Die Romanbiografie ist ein faszinierendes Werk über eine ebenso grosszügige wie herrische Frau, die tragische Geschichte eines jüdischen Mädchens, das mit viel Geld, aber ohne Liebe aufwuchs und sich ihren Platz in der Gesellschaft selbst erkämpfen musste. Streuns Buch über die Baronin lichtet zudem den Schleier über bisher verborgene Geheimnisse des Thuner Bonstettenguts.
«Aus meiner Sicht hat Betty als Frau in einer männerdominierten Welt genauso oder teilweise weitaus mehr Geschichte geschrieben als viele gefeierte Helden ihrer Zeit», schreibt die Autorin in einem Begleittext. «Ihr Schicksal ist auch eines, das ungezählte Frauen mit ihr teilen: Gerade weil sie eine Frau war, hatte sie in jüngeren Jahren kein Recht auf Selbstbestimmung. Sie hatte zu gehorchen. In späteren Jahren musste und wollte sie im Stillen wirken – gerade weil sie eine Frau und erst noch eine Jüdin war und auch wegen ihrer Herkunftsfamilien Lambert und Rothschild.»
Abschied von Gästen im Ehrenhof der Villa.
Schliesslich sieht die Autorin im Leben der Baronin auch Bezüge zur Gegenwart: «Vertrauensvoller Umgang mit geheimen Daten und Informationen: 1. Mit ihrem internationalen Netzwerk waren Betty Namen und Geschichten von Personen bekannt, die sie verantwortungsvoll hütete und im Dienst der Sache miteinander verlinkte. 2. Der Zweite Weltkrieg löste Flüchtlingsbewegungen aus: Betty solidarisierte sich mit Notleidenden und half ihnen dank internationalen Kontakten auf diplomatischer Ebene bei der Flucht ins Exil.»
Betty unterhält sich am Seeufer im Gwatt mit Hund «Corgi». 1955.
Mit ihrem Engagement für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit ist die Baronin uns alle ein Vorbild.
Franziska Streun: «Die Baronin im Tresor» Romanbiografie. Zytglogge-Verlag, 2020. 360 Seiten, 59 Abbildungen. ISBN 978-3-7296-5041-1
Vertiefende Erläuterungen, Zusatztexte und Stammbäume können von der Homepage der Autorin www.franziskastreun.ch heruntergeladen werden.
Titelbild: Studiofoto von Betty Lambert in den 20er Jahren. Alle © Fotos Privatarchiv / zvg