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Die Ökonomin und Wirtschaftshistorikerin Claudia Goldin wurde mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Sie ist erst die dritte Ökonomin, die diese Auszeichnung erhalten hat. Und sie wurde prämiert für ihre Leistungen in einem Thema, das lange von den Wirtschaftswissenschaften stiefmütterlich behandelt wurde, nämlich der Beteiligung von Frauen im Arbeitsmarkt. Goldins Arbeit verfolgt die Erwerbsbeteiligung der Frauen über einen langen historischen Zeitraum. Diese sank mit Beginn der industriellen Revolution und stieg dann wieder an nach 1900, insbesondere weil sich ein Dienstleistungssektor entwickelte, in dem mehr Frauen beschäftigt wurden. Einen grossen Effekt auf die Beschäftigung hatten dann aber die 1960er- und 1970er-Jahre, in denen durch die Frauenbewegung eine Reihe von rechtlichen Verbesserungen erzielt wurden. Zudem wurde durch die Entwicklung der Anti-Baby-Pille die Zahl der unerwünschten Schwangerschaften reduziert, so dass Frauen später heirateten und längere Ausbildungen absolvieren konnten und damit auch länger im Arbeitsmarkt blieben. Damit sind aber die Hürden von Frauen im Arbeitsmarkt nicht gänzlich verschwunden. Auch Lohnunterschiede sind nach wie vor vorhanden, diese akzentuieren sich nach der Geburt des ersten Kindes. Goldin wies insbesondere darauf hin, dass in Tätigkeitsfeldern, in denen Arbeitszeiten sehr lange und unflexibel gestaltet sind, die geschlechtsspezifischen Unterschiede besonders ausgeprägt sind. Ihr Konzept von «gieriger Arbeit» (greedy jobs) besagt, dass der Lohn mit zusätzlichem Arbeitseinsatz in vielen Berufen nicht nur linear steigt, sondern überproportional. Das betrifft gerade hochbezahlte Branchen wie die Finanz- oder Anwaltsbranche besonders. Aufgrund der oftmals vorhandenen ungleich verteilten Hausarbeit und Kinderbetreuung sind Frauen weniger flexibel, können weniger Überstunden und Nachtschichten leisten. Wie sie in einem Interview mit der ‹Financial Times› ausführte, zeigen die Studien, dass es auch bei den gut ausgebildeten Frauen so ist, dass sie mehr Arbeit zu Hause übernehmen und dass sie jeweils die Hauptverantwortung dafür übernehmen. Wenn also ein Kind krank ist, dann sind es mehrheitlich die Frauen, die dann nach Hause gehen, um das Kind zu betreuen.
Dass diese Fragen in der Ökonomie heute breiter erforscht würden, sei der Arbeit von Claudia Goldin zu verdanken, schreibt die Ökonomin Isabel Martinez im ‹Tages-Anzeiger›: «Sie machte mit ihrer Arbeit erst sichtbar, was in der Ökonomie, insbesondere in der Theorie, lange keine Beachtung fand: Die Tatsache, dass die Wahlmöglichkeiten von Frauen häufig durch die Ehe und die Verantwortung für Haus und Familie eingeschränkt waren und sind.» Und damit habe sie auch einen Beitrag dazu geleistet, dass die Ökonomie näher ans Leben rückt und die Menschen nicht nur als geschlechtslose, modellhafte Wirtschaftsakteure behandelt: «Die Ehrung ist daher auch eine Anerkennung der vielfältigen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zu aktuellen, gesellschaftlich relevanten Themen, die für den einen oder anderen Ökonomen vielleicht nicht viel mit Ökonomie zu tun haben. Aber die Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft, sie funktioniert nicht nach physikalischen Gesetzen, sondern ist geleitet von menschlichem Handeln in all seinen Facetten. Wenn wir diese miteinbeziehen, statt Unterschiede zu ignorieren, können wir wichtige ökonomische Zusammenhänge besser erkennen und verstehen.»
Claudia Goldin habe sich mit politischen Empfehlungen immer zurückgehalten, dennoch habe ihre Arbeit «weitreichende Implikationen für Politik und Gesellschaft – auch in der Schweiz», schreibt Christin Severin in der NZZ. Da das Lohngefälle einen starken Zusammenhang mit der Mutterschaft hat, sollten die durch die Kinderbetreuung anfallenden finanziellen Einbussen eigentlich gerecht verteilt werden, sind es aber in der Realität nicht. Am Schluss des Erwerbslebens haben die Frauen oft eine kleinere Rente, weil sie aufgrund von Teilzeitarbeit oder kleineren Aufstiegschancen weniger in die Pensionskasse einzahlen konnten. Das Risiko ist besonders gross für Nichtverheiratete. Hier bestehe Handlungsbedarf, mein Christin Severin, aber nicht nur für den Staat, sondern auch für die Unternehmen: «Mütter gelten heute neben den älteren Arbeitnehmern als grösste Reserve am Arbeitsmarkt. Das ist eine Verheissung. Es heisst aber auch, dass man es sich bisher geleistet hat, viele Frauen links liegen zu lassen.» Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass fixe und lange Präsenzzeiten nicht zwingend seien, anstatt auf permanente Verfügbarkeit zu setzen, sollen Firmen besser Arbeitsabläufe besser organisieren und planbarer gestalten.
ass die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine ganz zentrale ist, darauf weist auch eine andere Nobelpreisträgerin hin. Der diesjährige Nobelpreis für Medizin geht an Katalin Karikó und Drew Weissmann für ihre Forschung über die sogenannte mRNA, kurz für Boten-Ribonukleinsäure, aufgrund derer die mRNA-Impfstoffe gegen das Corona-Virus entwickelt werden konnten. In einem Interview vom letzten Jahr mit der ‹Aargauer Zeitung› führt Karikó aus, dass zwar die Anzahl an Studentinnen an den Universitäten massiv gestiegen ist, aber dass viele, sobald sie Kinder kriegen, zurückfallen. Ihr Rezept: «Ich möchte hervorheben, wie wichtig eine qualitativ hochwertige und erschwingliche Kinderbetreuung ist.» Das sei in Ungarn gewährleistet gewesen. «Das Gefühl, dass mein Kind sicher ist, hat mir sehr geholfen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.»
Diverse Wahlumfragen sagen einen Rechtsruck voraus. Insbesondere der Ständerat dürfte (noch) konservativer werden. Die diversen Anstösse für mehr Gleichstellung wie die Kita-Vorlage des Nationalrats, die Individualbesteuerung oder die Frage einer Elternzeit werden es also noch schwerer haben. Momentan wird vielerorts eine höhere Erwerbsbeteiligung der Mütter verlangt. So beispielsweise in der bundesgerichtlichen Rechtssprechung im Unterhaltsrecht. Jetzt will der Bundesrat auch die Witwenrenten kürzen und erwartet, dass sie nach zwei Jahren, sofern sie nicht Kinder unter 25 Jahren betreuen, wieder voll für ihren eigenen Unterhalt aufkommen. Beides ohne dass die nötige Infrastruktur für eine Vereinbarkeit vorhanden ist. Wir alle wissen: Umfragen sind keine Wahlen. Das Resultat steht erst am 22. Oktober fest. In diesem Sinne: Gehen Sie wählen.