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«mirror///error» – kinnect kollektiv
kinnect kollektiv ist ein Projekt, mit aktuell Studierenden und Alumni von zone expérimentale und sonic space basel der Hochschule für Musik FHNW. Die Zusammenarbeit von Komponist*innen und Interpret*innen steht im Vordergrund, mit dem Ziel langfristige Verbindungen aufzubauen. Die Komponist*innen wurden gebeten, sich mit dem Thema der Spiegelung und Verzerrung auseinanderzusetzen. Ein Spiegel wird oft als Metapher für Wahrheit wahrgenommen, während er in Wirklichkeit nur das reflektieren kann, was ihm vorgelegt wird. Andererseits kann der Spiegel das Unsichtbare präsentieren – ‹jemandem den Spiegel vorhalten›. Das Auge, das die Realität nur so sieht, wie sie ist, oder nur eine Spielerei, eine leere Leinwand, um unsere subjektiven Vorurteile zu projizieren. Die ‹exakte› Reflexion ist die umgekehrte Realität: «mirror///error».
Mit: kinnect kollektiv: María Muñoz López (Violine), Phoebe Bognár (Flöten), Cris Arcos Cano (Saxofon), Francesco Palmieri (Gitarren), Alice Belugou (Harfe), Mikołaj Rytowski (Schlagzeug), Robin Michel (Elektronik), Samuel Cook, Giordano Bruno do Nascimento, Gitbi Kwon, Chanhee Lim, Anna Sowa, Dakota Wayne (Komposition), Friederike Scheunchen (Leitung)
Programm: Samuel Cook (*1995): Reflections (2021, UA); Giordano Bruno do Nascimento (*1981): Expression versus Meaning II (2021, UA); Dakota Wayne (*1992): sad at dinner lol (2021, UA); Gitbi Kwon (*1992): white night (2021, UA); Chanhee Lim (*1985): I xxxx you because you xxxx me; entangled (2021, UA); Anna Sowa (*1987): Le registre symbolique (2021, UA)
Werktexte
Samuel Cook (*1995): Reflections (2021, UA)
Jeder weiß, ein Spiegel bildet die Realität 1:1 ab. Aber können wir dem, was wir im Spiegel sehen, vertrauen? Wenn wir unser eigenes Spiegelbild betrachten, so beobachten wir uns selbst immer aus subjektiver Perspektive. Wir alle besitzen unsere eigene Wahrheit und verzerren die objektive Realität durch unsere Wahrnehmung. Dieses Stück beschäftigt sich mit der parallelen Existenz verschiedener Perspektiven und überträgt diese Gedanken auf den musikalischen Inhalt. Im Zentrum stehen die Interviews von drei Leuten: wie im Format eines Hörbuches erzählen sie von einer surrealen Erfahrung aus ihrer Vergangenheit. Diese Aufnahmen werden instrumentalen und elektronischen Klängen gegenübergestellt. Dabei gehen Musik und Gesprochenes eine kontrapunktische Beziehung ein. Diese Interaktion verläuft sowohl durch die Semantik des Textes als auch durch die ihm innewohnende musikalische Qualität, wobei sich die surrealen Verhältnisse der Interviews ebenfalls in der Musik widerspiegeln.
Giordano Bruno do Nascimento ( *1981): Expression versus Meaning II (2021, UA)
Was ist die menschliche Stimme in Wahrheit? Träger dessen, was durch den reinen Signifikanten nicht ausgedrückt werden kann? Oder gar Mittel des ‹Ausdrucks der Gemütsbewegungen›, wie laut C. Darwin? Ausdruck versus Bedeutung, Ausdruck jenseits von Bedeutung, Ausdruck, der mehr ist als Bedeutung, aber ein Ausdruck, der nur im Spannungsverhältnis zur Bedeutung funktioniert, da er den Signifikanten als Grenze benötigt, um sein Jenseitiges zu überschreiten und zu enthüllen. Das «error» der Theorie der Gemütsbewegungen von Darwin, welche in Verruf geraten ist, wird hier durch die stimmliche Spiegelung (bearbeitete Aufnahmen der Stimmen jedes Musikers und jeder Musikerin/mirror) von jedem der Akteur*innen zum Ausdruck gebracht.
Dakota Wayne (*1992): sad at dinner lol (2021, UA)
«Die immanente Brutalität der digitalen un-Realität zerstört alle Notwendigkeit einer Einbindung des Menschen im künstlerischen Prozess. Ohne Anstrengung der Affirmation der Aura der Präsenz, wird die Welt ständig von der penetranten Reichweite des technologischen Extraktionsprozesses einverleibt, was mittlerweile alle menschlichen Aktivitäten als sinnlos wiedergibt zu einem automatischen Scheitern der Sprache führt. Dabei verliert der Mensch seine einzige Macht: die Selbstbestimmung.» Außerdem mag ich es, mein Leben ganz spontan im Moment zu leben, Schönheit zu erschaffen, die Liebe auszubreiten… ich kreiere eine Kunst, welche der bestrafenden Natur der Realität begegnet, damit ich im persönlichen Leben glücklich sein kann. So etwas kann als ein Streben nach Freiheit betrachtet werden. Ich interessiere mich nicht mehr für Herkunftsgeschichten.
Gitbi Kwon (*1992): white night (2021, UA)
Wer ins Wasser schaut sieht sein eigenes Bild. Ich betrachte Wasser als Symbol des Unbewussten. Damit frage ich mich, wie der Boden des Unbewussten ist. Er wird instabil, nicht starr, unkontrolliert, unerwartet und unentwickelt sein. Außerdem stelle ich mir verschiedene unbekannte Grenzen vor und habe ebenso über das Nebeneinander von Statik und Dynamik reflektiert. Ich habe verschiedene Geräusche analysiert und als Mikrointervalle verwendet. Durch den Widerstand werden verschiedene komplexe Klänge erzeugt, nicht nur durch die verschiedenen Mechanismen der Instrumente und sondern auch durch das Wasser. Jeder Klang will für sich selbst lebendig sein und organisch verschmelzen.
Chanhee Lim (*1985): I xxxx you because you xxxx me; entangled (2021, UA)
Ich xxxx dich, weil du mich xxxx; Du xxxx mich, weil ich dich xxxx; Ich xxxx dich nicht, weil du mich nicht xxxx; Du xxxx mich nicht, weil ich dich nicht xxxx; Ich bin du, weil du ich bist; A xxxx B weil B xxxx A; Ich bin klein, wenn du denkst, ich bin klein; Ich bin gross, wenn du denkst, ich bin gross; Ich bin xxxx, wenn du denkst, ich bin xxxx; du bist xxxx, wenn ich denke, du bist xxxx; Es geht um Beziehung und Dynamik; Es geht nicht um einfache Logik, sondern um Lebenslust. Wenn ich sterbe, verliere ich alles. Deshalb möchte ich mit mehr Verlangen sein, obwohl ich weiß, dass alles weg ist, wenn ich sterbe. Ich lebe nicht mit dem Gedanken zu sterben. Ich denke, es ist wie eine Geschichte von jemand anderem. Nach dem Sterben bin ich für mich ein Fremder. Es geht um eine Beziehung, die existiert und doch nicht existiert. Dinge, bei denen wir uns normalerweise leicht täuschen. Dinge, von denen wir denken, dass die Ernsthaftigkeit aufrichtiger sein kann. So geht es um die Dynamik, welche bei diesen Beziehungen erzeugt wird. Ich kann selbst meine seichten Gefühle nicht kontrollieren. Was kann ein sehr schwacher Mensch, der an Erinnerungen an seine Kindheit gebunden ist, wirklich kontrollieren? Wie ich an dich denke wirkt sich auf dich aus, dass du dich meiner Vorstellung entsprechend veränderst, und umgekehrt geschieht dies ebenfalls. Wenn Wesen, die sehr weit voneinander entfernt sind, ohne Grund etwas gleichzeitig passiert, ist das ein Ereignis, welches ausserhalb ihres Willens liegt, sei es materiell oder geistig, existentiell oder nicht-existentiell. Es passiert einfach ungeachtet ihres Willens. Musik ‹nicht Musik› und Musik ohne Musik ist Musik in der Gegenwart. Ich ‹nicht ich›, und ich ‹ohne mich› bin ich in der Gegenwart. In unserer Zeit und in unserem Raum werde ich verneint und ich wehre mich dagegen. Ich xxxx dich, weil du mich xxxx. Du xxxx mich, weil ich dich xxxx.
Anna Sowa ( *1987): Le registre symbolique (2021, UA)
für 7 Performer*innen, Spiegel, Elektronik und Video
Der Text verwendet Auszüge aus dem Vortrag ‹Study of the Mirror›, den Jaques Lacan 1949 auf dem XVI. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Zürich gehalten hat.
Alle Termine
Mo 29.11.21 20:00
ca. 75 Minuten
inkl. Pause
Ermässigungen Abendkasse
0.– Refugees