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Je besser wir verstehen, wie wir (und unser Hirn) funktionieren, desto eher können wir uns dies zunutze machen, um unsere langfristigen Ziele im Leben zu verfolgen. Dabei ist die Konsistenztheorie nach Klaus Grawe sehr hilfreich: sie wurzelt in der Prämisse, dass der Motor unserer psychischen Aktivität darauf ausgerichtet ist, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen und deren Verletzung / Bedrohung zu vermeiden. Klaus Grawe ging dabei von den vier Bedürfnissen nach 1) Selbstwerterhöhung/-schutz, 2) Bindung, 3) Lust/ Unlustvermeidung und 4) Orientierung/Kontrolle aus.
Je besser es uns gelingt, unsere Bedürfnisse zu befriedigen und vor Verletzungen zu schützen, desto zufriedener können wir sein. Wären alle unsere Bedürfnisse gleichzeitig maximal befriedigt, so wären wir maximal glücklich.
Es liegt also in der Natur unseres Geistes, Unangenehmes vermeiden zu wollen und Angenehmes zu suchen. Durch unsere Erfahrungen, die wir machen, bilden sich Gewohnheiten, die im Sinne von neuronalen Verknüpfungen repräsentiert sind. Dies führt auch dazu, dass wir uns alle möglichen Gewohnheiten aneignen, ohne dem immer bewusst zu sein. (Dies ist wohl eher eine Untertreibung in Anbetracht dessen, dass unser Hirn aus ca. 86 Billionen Neuronen mit jeweils etwa 10’000 Synapsen besteht, also hunderte von Trillionen von synaptischen Verbindungen, die ununterbrochen ein sich ständig anpassendes und verändertes Netzwerk bilden.) Unser Hirn kann z.B. die Verknüpfung machen, dass wenn ich gestresst bin (oder andere unangenehme Gefühlszustände erlebe), das Checken von Emails, das Schreiben von Nachrichten, im Internet zu surfen, zu prokrastinieren oder etwas zu essen etc. zu einer kurzfristigen (!!) Reduktion von Stress führt. Dies wird als Belohnung abgespeichert und aktiviert das Lust- und Belohnungszentrum im Hirn, was mit der Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin assoziiert wird. Wenn wir dann erneut gestresst sind, erinnert sich unser Hirn, dass dieses Verhalten beim letzten Mal geholfen hat den unangenehmen Zustand zu beenden und lässt das Bedürfnis entstehen, diese Handlung zu wiederholen. Wenn wir dies genügend oft wiederholen, entsteht eine so starke Gewohnheit, die einer Sucht ähnelt oder gleichkommt. Dabei können wir uns diverse Verhaltensweisen aneignen, auch mentale und emotionale Gewohnheiten wie Grübeln/Gedankenkreisen, sich Sorgen machen, wütend werden, Bewerten/Verurteilen, Tagträumen etc.
Was im Gegensatz dazu leider nicht automatisch abläuft, ist die Überprüfung der nachhaltigen, langfristigen Wirksamkeit dieser Gewohnheiten. Dazu brauchen wir Achtsamkeit und unsere Fähigkeit, unser Verhalten zu reflektieren. Wenn wir uns aber die zwei folgenden Fragen stellen: einerseits „WAS BRINGT ES MIR WIRKLICH“, wenn ich z.B. wütend werde, wenn etwas nicht nach meiner Vorstellung läuft, oder wenn ich esse / rauche / trinke etc., weil ich gestresst bin? Und andererseits „WIE FÜHLT SICH DIES IM KÖRPER AN?“ So können wir uns das Prinzip unseres psychischen Motors zu Nutze machen und sozusagen unser Hirn hacken. Denn wenn wir dies oft genug erleben und die Antworten so ausfallen, dass es mir langfristig nämlich gar nichts bringt, ausser noch mehr unangenehme Gefühle und negative Konsequenzen, und wir dies am eigenen Körper erfahren, so wird unser Hirn motiviert sein, dies nicht mehr als Belohnung sondern als „unangenehm“ einzustufen. Und Unangenehmes versucht unser Hirn zu vermeiden.
Natürlich brauchen gut eintrainierte Gewohnheiten ebenso gut eintrainierte neue Gewohnheiten, es ist also ein langfristiger, dafür nachhaltiger Prozess des Umlernens.
Als Schlüsselkompetenz fungiert dabei das Zulassen der Bedürfnisse und der Gefühle, ohne sofort danach handeln zu müssen. Mit Achtsamkeit kann man sich seiner Bedürfnisse bewusst werden, um eine weise Entscheidung zu fällen, was langfristig hilfreich ist.
Literatur:
Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen, Bern: Hogrefe.
Brewer, J. A. (2017) „The Craving Mind: From Cigarettes to Smartphones to Love – Why We Get Hooked and How We Can Break Bad Habits. New Haven and London: Yale University Press.
Brewer, J. A., S. Bowen, J. T. Smith, G. A. Marlatt, M. N. Potenza, (2010) “Applying Mindfulness-Based Treatments to Co-Occurring Disorders: What Can We Learn From the Brain?” Addiction 105: 1698-1706.
Brewer, J. A., Van Dam, N. T., Davis, J. H. (2013) „Mindfulness and the Addictive Process: psychological models and neurobiological mechanisms.“ in Ostafin, B. D., Robinson, M. D., Meier, B. P. (Eds), Handbook of Mindfulness and Self-Regulation. New York: Springer. pp. TBA
Lic. phil. Andrea Bender