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Vielleicht kennen Sie das noch: Die grossen, alten Geographiebücher, in denen jeweils auf einer Doppelseite jedes Land der Erde beschrieben wird. Beschrieben heisst: Ein Abriss der Geschichte in zwei Sätzen, Name der Hauptstadt, Amtssprache, Einwohnerzahl und manchmal noch die Fläche des Landes.
Wie dem auch sei: Der Wirt meiner Stammbeiz hat ein solches Buch in seiner Beiz gebunkert. Es ist wohl um die vierzig Jahre alt und hat schon für manchen Lacher gesorgt. Denn das Spiel, welches wir zu später Stunde manchmal spielen, geht so: Eine Person entscheidet sich blind für eine Seite und muss einige Eigenschaften des betreffenden Landes nennen, ohne zu wissen, um welches Land es sich handelt.
Das lustige Spiel hat aber auch einen interessanten Nebeneffekt: Fast wie in der Schule kann man sich so nämlich sehr viele unnütze Informationen über wenig bekannte Länder merken. Ich kenne zum Beispiel die Hauptstadt von Turkmenistan (A¸sgabat), die Einwohnerzahl von Benin (heute etwa 11 Millionen) und das Regierungssystem von Nauru (parlamentsgebundene Exekutivgewalt) nur wegen diesen lustigen Abenden (fragen Sie mich nicht, warum ich mir genau das merken konnte).
Der Haken dabei: Weil das Buch so alt ist, sind viele Informationen nicht mehr aktuell. Das habe ich vor einigen Jahren bemerkt, als ich genau dieses Spiel einem Aussenstehenden erzählte. Stolz habe ich erwähnt, dass die Hauptstadt von Obervolta Ouagadougou sei und ich sogar wisse, wie man das schreibt. Die Person hat mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass es zwar Ouagadougou noch gebe, Obervolta aber schon seit den 1980ern Burkina Faso heisse. Der Grund: Die Einwohner wollten sich vom kolonialen Erbe distanzieren. Obervolta war während Jahrzehnten eine französische Kolonie. Und wie in fast allen Kolonien in der Geschichte Afrikas war diese Zeit mit sehr viel Leid und Gewalt für die lokale Bevölkerung verbunden. Natürlich: Obervolta konnte sich im Vergleich mit der legendären Grausamkeit von Belgisch-Kongo glücklich schätzen. Aber es bleibt das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins an «fremde Leute».
Sie ahnen vielleicht, worauf das hinausläuft: Black Lives Matter. Die Bewegung hat sich in den USA mit dem Mord an einem Schwarzen durch die Polizei entzündet und ist rasch nach Europa übergeschwappt. In der Schweiz hat die Diskussion dann allerdings bizarre Züge angenommen, weil hierzulande plötzlich über Mohrenköpfe und Schokoküsse diskutiert wurde.
Das hilft meiner Meinung nach nicht, die Ernsthaftigkeit des Rassismusproblems auf dieser Welt zu beweisen. Denn eigentlich sollte es keine Rassismusdebatten geben: Entweder man ist ein Rassist, und dann ist das schlecht. Oder man ist kein Rassist, und dann ist das in Ordnung. Sobald man darüber diskutieren muss, was Rassismus ist, geht es nicht mehr um die wesentlichen Dinge.
Um zurück nach Obervolta, oder wie es jetzt heisst, Burkina Faso zu kommen: Ich bin mir sicher, dass dort nicht um Mohrenköpfe gestritten wird (obwohl ich es zugegebenermassen nicht weiss). Es geht wohl viel mehr darum, dass der Alltagsrassismus zwar ein grosses Problem ist, aber global nicht das wirkliche Problem.
Unser System ist darauf ausgelegt, dass reiche Länder zu ihren Konditionen mit armen Ländern handeln können. Wir halten Länder wie Burkina Faso aus reinem Eigeninteresse wirtschaftlich am Boden, damit unsere Länder prosperieren können. Es ist immer noch Kolonialismus, einfach auf eine subtilere Art und Weise. Ich würde mir wünschen, dass wir auch in der Schweiz nicht über Mohrenköpfe diskutieren, sondern darüber, warum wir seit Jahrzehnten brav Geld für Afrika überweisen, aber nie versuchen, die wirtschaftliche Lage so zu verbessern, damit wir global auf Augenhöhe miteinander leben können.
Vielleicht würde ich dann in Zukunft eher erfahren, dass Obervolta schon lange Burkina Faso ist.
SEBASTIAN DÜRST
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