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Verborgen hinter ganzjährigen Blizzards und einer monatelangen Polarnacht liegt Wrangel Island im äussersten Nordosten Russlands, rund 2.000 Kilometer vom Nordpol entfernt, und nur wenige Seemeilen vor der arktischen Packeisgrenze. Es ist das letzte unberührte Naturparadies nordwestlich der Beringstrasse. Bei Wintertemperaturen bis unter 40 Grad Celsius leben mehr als 1.000 Polarbären, Moschusochsen und Rentiere neben Walrosskolonien, Robbenfamilien, Polarfüchsen, Wölfen und unzähligen kleineren endemischen Tier- und Pflanzenarten auf einer 7.608 Quadratkilometer grossen „Arche Noah“ der letzten Eiszeit.
„Wir wissen mehr über die dunkle Seite des Mondes als über die Eiswüsten der Arktis“: Selten hat das Bonmot der Polarforscher mehr Gültigkeit als auf der „Ostrova Wrangel“.
Zahlreiche Fossilienfunde belegen, dass auf der Wrangel Insel noch bis vor knapp 3.500 Jahren das Mammut in der arktischen Tundra graste und in der Abgeschiedenheit der Tschuktschensee 6.000 Jahre länger überlebte als im restlichen Eurasien. Das Eiland war bis zum Ende der letzten Eiszeit Teil der eurasischen Landbrücke „Beringia“, die noch bis vor 12.000 Jahren Asien mit dem amerikanischen Kontinent verband. Als die schmelzenden Gletschermassen der ausgehenden Eiszeit diese Brücke fluteten, verschwand das Eiland für Jahrtausende im Packeis des Polarmeeres.
Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts geriet der in Vergessenheit geratene Archipel wieder ins Blickfeld, als der baltische Polarforscher und Navigator Ferdinand Petrovitsch Baron von Wrangel im Auftrag von Alexander I. das östliche Ende des Zarenreiches kartographieren sollte. An Hinweisen von einheimischen Tschuktschen fehlte es nicht, allein die Insel blieb in den Eisstürmen der Ostsibirischen See verschollen. Erst 60 Jahre nach Wrangels vergeblicher Suche erreichte der Walfänger Thomas Long die abgelegene Insel, benannte sie nach dem baltischen Adligen und setzte sie unter amerikanische Flagge. Territoriale Streitigkeiten waren die Folge. Russen, Briten, Kanadier und Amerikaner besetzten abwechselnd das nordpolare Eiland.
Immer wieder wurden Menschen auf der Insel angesiedelt. Sie waren oft jahrelang von der Aussenwelt abgeschnitten, wenn das Meer auch im August zugefroren blieb. 1926 errichtete die Sowjetunion die Siedlung Ushakovskoye und richtete in den 1960er Jahren einen Militärflugplatz und eine Radarstation ein. Ende der 1970er Jahre hatte Ushakovskoye etwa 180 Einwohner, eine Schule, einen Laden, ein Postamt und eine Krankenstation. WWF und Russische Naturschützer initiierten bereits 1976 das Naturschutzprojekt „Ostrova Wrangel Zapovednik“, um das Eiland und die benachbarte Herald-Insel vor den Begehrlichkeiten internationaler Ölmultis zu schützen, die unter den Gewässern um das Reservat gigantische Vorkommen fossiler Brennstoffe vermuteten. 1992 wurde die Radarstation geschlossen, und 1997 wurden die letzten Bewohner ausgesiedelt. Zurück blieben Gebäuderuinen, leere Benzinfässer und sonstiger Schrott.
Heute dient die Insel als Stützpunkt für eine Handvoll Wildhüter des „Wrangel Biosphären Reservates“. Sie ist immer noch schwer erreichbar. Expeditionsschiffe sind die einzige Verbindung zum sibirischen Festland. Der Besuch der Insel ist nur unter strenger Kontrolle möglich. Vereinzelt dürfen Polarforscher, Biologen und Zoologen in russischer Begleitung das nahezu unberührte Paradies betreten. Die wenigen Ranger achten auf das Verhalten der Menschen und darauf, Umweltschäden gering zu halten.
2004 erklärt die UNESCO das Gebiet um die Wrangel-Insel schliesslich zum nördlichsten Weltnaturerbe. Heute gilt das Eiland als letztes völlig unberührtes Biotop für Polarbären, dort bekommen sie ihre Jungen und haben keine natürlichen Feinde. Doch die Zeiten, in denen der Polarbär lediglich mit den Herausforderungen seines Ökosystems konfrontiert war, sind längst vorüber. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Packeisgrenze in den Sommermonaten um über 100 Kilometer nach Norden verschoben, das Eis kehrt jedes Jahr später zurück. Hauptnahrungsquelle der Polarbären sind Robben, die sie beim Luftholen am Eisloch reissen. Fehlt das Eis, ist die Nahrungskette unterbrochen und zwingt die Bären auf der Suche nach Beute immer weitere Strecken übers offene Meer zu schwimmen oder sich mit dem zu begnügen, was sie an der Küste Nordostsibiriens oder in den Felsbuchten der Insel finden. Je länger die eisfreie Zeit die Tiere zum Fasten zwingt, desto hagerer sind die Weibchen. Ihre Reproduktionsrate und die Überlebenschance der Jungen sinken dramatisch. Der mächtigste Räuber des Nordens hat den Kampf um Lebensraum – und damit womöglich um seine Existenz – schon längst verloren. Prognostiziert man den Rückgang des arktischen Meereises wie bisher, ist zu erwarten, dass bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zwei Drittel der heutigen Polarbärenpopulation verloren geht. Verschwindet das Meereis komplett, ist es unwahrscheinlich, dass „ursus maritimus“ als Art überlebt.
Die Klimaerwärmung entzieht so dem „König der Arktis“ die Nahrungsplattform. Das Eis schmilzt den Bären buchstäblich unter den Tatzen weg. (Text: 3sat)
Seit einigen Jahren häufen sich Meldungen aus der kanadischen Beaufort Sea über ertrunkene Eisbären, deren ausgezehrte Körper an der Küste der Hudson Bay anlanden. Den Polarbären in der Tschuktschensee um das Wrangel Reservat wird es nicht anders ergehen.
Quellen (stellenweise Textauszüge und Bilder):Sendung „Wrangel Island – Im Treibhaus der Arktis“, © SWR 2012, ausgestrahlt auf 3sat - Artikel von Daniela Hindemith auf www.planet-schule.de/wissenspool/leben-in-kalten-zonen/inhalt/hintergrund/wrangel-island.html