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Unter dem Namen Tenharim sind drei indigene Gruppen bekannt, die heute in der Region des mittleren Rio Madeira leben, im Süden des Bundesstaates Amazonas – sie alle gehören einer grösseren Bevölkerungsgruppe an, die sich selbst als “Kagwahiva“ bezeichnen. Ausser der gleichen Selbstbezeichnung sprechen die Kagwahiva auch eine gemeinsame Sprache, die zum linguistischen Stamm Tupi-Guarani gehört, und sie unterstehen einer gemeinsamen gesellschaftlichen Ordnung, unterteilt in eheliche Hälften mit Vogelnamen. Was die drei Tenharim-Gruppen betrifft, so stammt die heute am Rio Sepoti lebende Gruppe von jener am Rio Marmelos ab, jedoch die am Igarapé Preto besitzt keine gemeinsame Herkunft mit den andern, sondern ist eine antike Alliierte.
Tenharim

Andere Namen: Kagwahiva

Sprachfamilie: Tupi-Guarani
Population: 703 (2010)
Region: Bundesstaat Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS

Die Tenharim innerhalb der Kagwahiva-Gemeinschaft
Die Tenharim vom Rio Marmelos
Die Tenharim am Igarapé Preto
Die Tenharim vom Rio Sepoti
Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Gesellschaftliche Organisation
Wirtschaftliche Aktivitäten
Das symbolische Universum
Neben den Tenharim existieren andere Gruppen mit ähnlicher gesellschaftlicher Organisation – alle nehmen für sich die Selbstbezeichnung “Kagwahiva“ in Anspruch. Das Wort “Kagwahiva“ bedeutet, so die Tenharim, “wir“, “wir Leute“. So wurden diese Gruppen in den historischen Dokumenten registriert, jedoch wegen der unterschiedlichen Schreibweise entbrannten viele Diskussionen bezüglich des Namens und seiner Ausbreitung: Cavahiba, Cabaiba, Cabahiba, Kawahib, Kagwahív, unter anderen.
Es existieren heute nur noch wenige Überlebende die Kagwahiva-Gruppen: die Tenharim vom Rio Marmelos, die Tenharim vom Igarapé Preto und die Tenharim vom Rio Sepoti, die Parintintin und die Jiahui. Sie alle leben noch heute in der Südregion des Bundesstaates Amazonas. Ausser den genannten Gruppen rechnet man auch die Uru-eu-wau-wau zu den Kagwahiva, die Amondawa, die Karipuna und die Juma. Die drei ersten im Gebiet des Oberen Madeira, im Bundesstaat Rondônia, und die letzten im Gebiet des Rio Purus, im Bundesstaat Amazonas.
Die Tenharim-Gruppen leben in der Region, die von der Anthropologie als “Madeira-Tapajós“ definiert worden ist, jede von ihnen in einem anderen Gebiet und geografisch als: Rio Marmelos, Rio Sepoti und Igarapá Preto identifiziert. Die Gruppe vom Rio Marmelos unterhält mit der vom Igarapé Preto eine Allianz, die auf die Zeit vor dem Kontakt mit den Weissen zurückgeht – etwa in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Gruppe vom Sepoti wurde erst in den 1940er Jahren bekannt, als zwei Frauen vom Rio Marmelos sich mit regionalen Einwanderern verheirateten und sich weiter unten, an einem Nebenfluss des Marmelos, eine neue Heimstatt schufen. Obwohl die Tenharim nach einem patrilinearen System leben, und die Individuen vom Rio Sepoti väterlicherseits von zwei Einwanderern abstammen, die schon gestorben sind, haben sie die Identität der Tenharim angenommen.
Die Tenharim vom Rio Marmelos, Igarapé preto und Rio Sepoti sind alle zweisprachig. Obgleich sich am Igarapé Preto und am Rio Sepoti die indigene Sprache fast verloren hat – sie wird gegenwärtig wiederbelebt. Unter den Tenharim vom Rio Marmelos benutzt man die eingeborene Sprache innerhalb der Gruppe und Portugiesisch im Umgang mit der Aussenwelt.
Man findet sie heute am Ufer des Rio Marmelos, einem der Nebenflüsse des Rio Madeira. Ihr Dorf wird von der BR-230, dem Transamazônica-Highway geteilt – diese Piste hat sich für die Tenharim zum bedeutendsten Umschlagplatz für einige ihrer Produkte, wie der Paranüsse, des Copaíba-Öls und des Maniokmehls, entwickelt, aber auch für den Tausch gegen Industrieprodukte, wie Salz, Öl und Waschpulver.
Vor ihrem Umzug an den Pistenrand lebten sie in einem Dorf am Oberlauf des Rio Marmelos. In jenem Gebiet, zusammen mit den Tenharim, lebte ein Geschäftsmann, der zwischen den Indios und der regionalen Bevölkerung in den 1950er Jahren als Vermittler diente – er war auch einer der Verantwortlichen für den Umzug der Gruppe ins Umfeld der Transamazônica.
Obwohl die Tenharim-Bevölkerung heute von ihnen selbst als “dicht“ beschrieben wird, war sie es zu Beginn der 1970er Jahre noch nicht, als eine ernste Entvölkerung stattfand aufgrund der Verlegung zur besagten Transamazônica. Die Informanten sagen, dass viele Individuen in jener Zeit starben, Opfer verschiedener Krankheiten, wie Grippe und Malaria. 1994 bestand ihre Bevölkerung nur noch aus 301 Personen – von diesem Gesamt waren 58% weniger als fünfzehn Jahre alt.
Sie leben heute in einem Dorf am besagten kleinen Flüsschen, in einem Übergangsgebiet zwischen bewaldetem Hügelland und Cerrado-Savanne. 1997 waren es 43 Personen. Sie leben von Jagd und Fischfang, sowie dem Sammeln von Paranüssen und der Maniokmehl-Produktion zur Kommerzialisierung. Deutlich kann man unter ihnen Anstrengungen einer wachsenden Selbstbestätigung beobachten und die Wiederaufnahme traditioneller Organisationsformen, welche infolge des Kontakts mit Invasoren, besonders den Mineralienausbeutern, vernachlässigt worden waren.
Ab der 1940er Jahre, während einer längeren Periode, lebten die Tenharim vom Igarapé Preto weit verstreut in ihrem Gebiet als Latex-Sammler. Sie waren in jenes menschenverachtende Abhängigkeits-System der Gummibarone eingespannt worden und erlebten verschiedene Herren, denen sie dienen mussten. Danach, in den 1960er Jahren, wurde ihr Gebiet von Schürfern heimgesucht, die auf der Suche nach Cassiterit waren, ein Mineral, welches um 1953 im Bundesstaat Rondônia und dem Süden des Bundesstaates Amazonas entdeckt worden war. Neue Fundorte und die einfache Anfahrt – durch die Eröffnung der BR-364 (Cuiabá-Porto Velho) und der BR-230 (Transamazônica) gegen Ende der 1960er Jahre und Anfang 1970 – führten zu einer kompletten Besetzung der Region durch die Cassiterit-Sucher, die ihre Schürfarbeit manuell betrieben. Wie die Tenharim berichten, war es ihnen nicht mehr möglich, der Jagd oder dem Fischfang nachzugehen, denn an jedem Ort, den sie dafür auswählten, gab es eine Gruppe dieser Invasoren. Schliesslich installierten sich auch noch die Grossunternehmen “Empresa de Mineração Paranapanema“ und die “Mineração Brasileira Estanho“ im selben Gebiet. Als dann die Cassiterit-Vorkommen abflauten, verschwanden diese Unternehmen wieder und hinterliessen eine breite Spur der Zerstörung sowie eine verlassene Stadt.
Das gegenwärtige indigene Dorf liegt nahe des linken Ufers des Igarapé Preto, einen Kilometer vom ehemaligen Sitz der Mineraliengesellschaft, die es als Teil der Verhandlungen um die Ausbeutung des Bodens innerhalb des Indioterritoriums für sie bauen liess.
1998 bestand diese Gruppe am Rio Sepoti aus 65 Personen, unter ihnen ein grosser Teil jüngerer Leute zwischen 0 und 19 Jahren. Das von dieser Gruppe beanspruchte Gebiet befindet sich im Prozess der Identifizierung und ist unterteilt in zwei Parzellen: die Parzelle “Estirão Grande“, wo sich das gegenwärtige Dorf befindet, und die Parzelle Sepoti, wo die Gruppe ihren produktiven Aktivitäten nachgeht und neuerdings auch ein neues Dorf anlegt.
Die Tenharim vom Rio Sepoti unterscheiden sich nicht von den Gruppen Marmelos und Igarapé Preto. In wirtschaftlicher Hinsicht haben sie sich einem regionalen Kommerz-System angeschlossen, mit ambulanten Händlern, die auf dem Rio Marmelos verkehren und Naturprodukte gegen solche aus industrieller Fertigung eintauschen. Die Tenharim begehen zwar ihre traditionellen Feste nicht mehr am Sepoti, sind aber der Kagwahiva-Tradition eng verbunden, indem sie sich dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Dorfgemeinschaft am Rio Marmelos anschliessen und auch Eheschliessungen zwischen beiden Gruppen vornehmen.
Die Tenharim bestanden 1999 aus einer Gesamtbevölkerung von 409 Personen und im Jahr 2006 waren es 699 Personen (nach einer Zählung der FUNASA), verteilt auf verschiedene Indio-Territorien (ITs). Obwohl sie sich als autonome Gruppen betrachten, pflegen sie feste Beziehungen untereinander, was durch Eheschliessungen zu einem regen Verkehr von Männern und Frauen zwischen den von ihnen besetzten Arealen führt.
Die ersten Referenzen bezüglich der Kagwahiva-Gruppen führen uns zurück bis zirka 1750, zuerst einmal ins Gebiet des Oberlaufs vom Rio Juruena, in Nachbarschaft der “Apiaká“. Eine Region, die den Expansionsfronten praktisch unbekannt war – später wurde sie von der Front der Mineraliensucher durchkämmt, die auf der Suche nach neuen Goldvorkommen von Cuiabá aus gen Norden vorrückte. Diese Tatsache und der Krieg gegen die Munduruku werden als Gründe für die Abwanderung der Kagwahiva zu den Ufern des Rio Madeira angegeben.
An diesem Fluss werden die Kagwahiva 1817 zum ersten Mal unter der Bezeichnung “Parintintin” registriert – ein Name, den ihnen ihre Feinde, die Munduruku, wahrscheinlich gegeben haben. 1850 werden “Kagwahiva“ und “Parintintin“ gleichzeitig registriert, und danach verschwindet das Ethnonym “Kagwahiva“, und diese Gruppen werden fortan als “Parintintin“ bezeichnet. Nach ihrer “Befriedung“, die von Curt Nimuendajú 1922 erreicht wurde, stellte man fest, dass “Kagwahiva“ die Selbstbezeichnung der “Parintintin“ darstellte, und dass die letztere Bezeichnung nur auf eine ihrer Gruppen zutraf.
Im Gebiet des Rio Madeira fand die Annäherung zwischen den Kagwahiva-Gruppen und der brasilianischen Gesellschaft nach einem intensiven Krieg statt, der sich über zirka siebzig Jahre hinzog – von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre des folgenden – er wurde erst durch das Eingreifen des Indioschutzes (SPI) und der definitiven Installation von Latex-Sammellagern in der Region beendet. Der deutsche Curt Nimuendajú war der erste Agent dieser Annäherung: Unter Vertrag beim SPI, organisierte er Expeditionen und installierte sich im Innern des Indioterritoriums, aber wegen fehlender finanzieller Unterstützung des SPI verliess er sein Projekt nach nur fünf Monaten, zurück blieben verschiedene seiner Helfer.
Wie es scheint, war bis dato die Vielfalt der Kagwahiva-Gruppen in dieser Region unbekannt – alle wurden als “Parintintin“ angesehen. Dagegen ist das Ethnonym “Kagwahiva“ wesentlich älter, und seine Referenzen an vielen verschiedenen Orten scheinen eine Wanderung innerhalb der enormen Weite zwischen den Flüssen Madeira und Tapajós zu demonstrieren.
Die nach 1817 unter der Bezeichnung “Parintintin“ bekannten Kagwahiva waren auf kleinere lokale Gruppen in einem bestimmten Territorium verteilt und hatten eine grosse Region zwischen den Flüssen Madeira und Tapajós besetzt. Sie lebten zwischen Beziehung und Konflikt, verstanden sich jedoch als eine einzige Gesellschaft. Jede dieser lokalen Gruppen organisierte sich rund um eine Kernfamilie und nannte sich nach ihrem Anführer oder nach ihrem Wohnort (zum Beispiel nach Flüssen, Erhebungen etc.). Der Faktionalismus ist eine Charakteristik jener Völker und folglich waren ihre Vereinigungen instabil, und immer wieder bildeten sich daher auch neue Gruppen.
Mündliche Überlieferungen stärken die Bodenständigkeit, erzählen von der regionalen Verteilung in der Person von Nhaparundi, einem Vorfahren der Tenharim – ausserdem konnte man beobachten, dass in Momenten vor dem Erstkontakt sich alle Gruppen vereinten, um so das Zusammentreffen mit den Nicht-Indios zu vermeiden. Es ist jedoch unmöglich, die Konstitution der Kagwahiva-Gruppen in der Region präzise zu rekonstruieren, aber die Berichte demonstrieren und die Aufzeichnungen bestätigen, dass sie alle die Region zwischen den Flüssen Madeira und Tapajós bewohnten.
Die Berichte der Tenharim vom Igarapé Preto weisen darauf hin, dass sie die Bergregion, in der sie gegenwärtig leben, schon seit antiker Zeit bewohnten. Auf ihren langen Wanderungen haben sie sich stets an den Gebirgszügen und dem “Cerrado“ orientiert, die den Igarapé Preto einrahmen. Die Gebirge sind auch Bestandteile des kosmologischen Universums der Kagwahiva. Mbahira, ihr mythologischer Held, ist ein Bewohner dieser Gebirge, und er besitzt eine Reihe von Haustieren und Gegenständen, die in Bezug zu den Felsen stehen. Alle Gebirgszüge (Serras) im Gebiet des Igarapé Preto werden als Wohnung von Mbahira angesehen, und auf diesen Anhöhen kann man zahlreiche Dinge entdecken, die ihrem Helden gehören (Blumen, Tiere, Pflanzen, etc.)
Alle Kagwahiva erzählen von ihren Taten der Vergangenheit in Form von Gesängen. Alle Gesänge enden mit einem Satz, der die jeweilige Gruppe charakterisiert, welche das besungene Ereignis erlebt hat. Unter den Tenharim vom Igarapé Preto lautet der abschliessende Satz eines Gesangs, zum Beispiel: “Lu, lu, Tenondehu, wobei das letzte Wort “Yvytyruhu“ die Gebirgsregion bezeichnet, in der die Gruppe lebt. Die Gesänge der Tenharim vom Rio Marmelos dagegen, beziehen sich auf diesen Fluss und enden mit “Ytyngyhu“.
Die Tenharim vom Rio Sepoti sind Nachkommen einiger Tenharim-Individuen, die in den 1940er Jahren ein Dorf verliessen, welches sich am Mittellauf des Rio Marmelos befand. Diese Personen, zwei nicht-indigene Männer und zwei Tenharim-Frauen, entschlossen sich, am Rio Sepoti in einem Sammel-Camp mitzuarbeiten – sie sammelten Paranüsse, Baumsäfte und Latex.
Inzwischen haben sie für Zuwachs gesorgt, ihre Nachkommen haben in die Originalgruppe eingeheiratet, sich aber stets wieder in die Sepoti-Region zurückgezogen. Die Stammväter aus den 1940er Jahren sind bereits tot, nur ihre Frauen mit ihren Söhnen, Töchtern und Enkeln haben überlebt.
Die Gesellschaft der Tenharim, so wie die der anderen Kagwahiva-Stämme, zeichnet sich durch eine Besonderheit gegenüber den anderen Tupi-Guarani-Völkern aus: Das ist ihr komplexes System exogamischer Hälften, die Vogelnamen tragen, in diesem Fall “Mutum-Nanguera“ und “Kwandu-Tarave“.
Jede Person gehört zur Hälfte ihres Vaters, denn das System ist patrilinear – und exogam, das heisst, jede Person kann nur mit jemanden aus der anderen Hälfte die Ehe eingehen. Dadurch wird die Gesellschaft in zwei Hälften geteilt – zwei grosse Gruppen, die untereinander heiraten dürfen. Mit einer Ausnahme: Innerhalb derselben Hälfte darf geheiratet werden, wenn der Ehepartner weit weg wohnt. In diesem Fall behandelt man die geografische Entfernung so als ob sie einer genealogischen Entfernung gleichkäme – die verbotene Heirat wird in eine mögliche Vereinigung verwandelt.
Die Regel in Bezug auf die Wohnung nach der Heirat wird bei den Tenharim patrilocal gehandhabt, das heisst, der Ehemann muss als Schwiegersohn seinem Schwiegervater eine Zeit lang zu Diensten sein – man nennt es auch den “Braut-Service“. Diese Arbeitsperiode für den Schwiegervater ist unterschiedlich lang, je nach dem Prestige desselben. Mächtige Schwiegerväter stehen an der Spitze von so genannten “Haushaltsgruppen“, die ein Leben lang zusammen arbeiten – jedoch für den Fall, dass ein Schwiegervater keinen politischen Einfluss hat, können die Schwiegersöhne nach zirka fünf Jahren zu ihrer eigenen Familie zurückkehren.
Der Beginn der Trockenperiode – im Süden des Amazonas etwa im Juni – ist geprägt von der Rodung des Waldes und der anschliessenden Aussaat und Bepflanzung der angelegten Felder. An der Transamazônica, wo heute die Tenharim vom Rio Marmelos leben, verlassen zahlreiche Familien in dieser Zeit das Dorf, um vorübergehend in ihren “Sítios“ zu wohnen – eine Ansammlung provisorischer Hütten in der Umgegend ihrer Pflanzungen, wo sie sich um die Felder kümmern, gemeinsam Unkraut jäten, die jungen Pflänzchen mit Wasser besprengen und die Zeit nutzen, um die gegenseitigen Beziehungen zu vertiefen. Einige von ihnen haben sich auch dazu entschlossen, ganz in ihre Sítios umzuziehen und unterhalten im Dorf ein Haus für vorübergehende Besuche. Auf den Sítios kann man auch die Einführung neuer Pflanzen beobachten, wie zum Beispiel die der Wassermelonen, und in einigen Fällen gibt es sogar Versuche mit Viehzucht. Trotz der niedrigen Marktpreise steht das Maniokmehl immer noch an der Spitze ihrer Produktion.
Auf der Transamazônica und am Igarapé Preto wird der Überschuss an Maniokmehl gegen Industrieprodukte im Dorf selbst eingetauscht. Dieser Tauschhandel wird mit Händlern durchgeführt, die aus der Stadt bereits die angeforderten Güter für die Dorfbewohner mitbringen. In der Regel überbewerten diese Individuen die Industrieprodukte und unterbewerten jene der Tenharim. Ausser dem Maniokmehl interessieren sie sich auch für Paranüsse und Copaíba-Öl. Zum Transport der Produkte bedienen sie sich eines LKWs, der den Tenharim gehört, oder einem andern von der Präfektur, die wöchentlich einmal die Trasamazônica-Piste befahren und auch die Bevölkerung transportieren, die entlang der Transamazônica lebt. Am Rio Sepoti wickelt man den Kommerz mit den “Regatões“ ab, jenen mit Motorbooten auf dem Fluss zirkulierenden Händlern, die beladen mit Industrieprodukten die Dörfer anfahren.
Ausser ihrer Feldproduktion leben die Tenharim auch von der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln von Waldfrüchten. Seitens einiger Haushaltsgruppen existiert auch eine intensive Produktion von Kunsthandwerk, bestehend aus Bogen, Pfeilen, Kopfschmuck, Halsketten, Armbändern und Ringen, Dinge die in Porto Velho und auf eventuellen Reisen angeboten werden.
Das Dorf am Rio Marmelos ist Referenz für alle Tenharim-Gruppen. Dort finden die traditionellen Feste statt, zu denen der grösste Teil aller Kagwahiva-Gruppen sich einfindet. Nur die Kagwahiva aus dem Gebiet des oberen Rio Machado (die Amondawa, Uru-eu-wau-wau, Juma und Karipuna) nehmen daran nicht teil. Allerdings erst vor kurzem, durch die Einberufung einer regionalen indigenen Bewegung, kann man beobachten, das die Tendenz jener festlichen Rituale dahin geht, sämtliche Kagwahiva-Gruppen zu vereinen.
Das bedeutendste dieser Feste ist das “Mboatava“ – es fällt auf die Zeit zwischen Juli und August und stellt eine direkte Beziehung zu den Haushaltsgruppen her. Unter ihnen übernimmt ein Mann mit besonderem Prestige die Organisation des Festes. Er versammelt die besten Jäger und Fischer um sich zu einer Expedition. Während sie abwesend sind, wird eine Menge Maniokmehl von den Angehörigen des Organisators produziert. Der Chef erlaubt den Helfern, dass sie grüne Bananenrispen von seinen Feldern abschneiden, und er verteilt viele Industriegüter der FUNAI, die sich in seinem Lagerraum befinden. Ausser den Bananen, die bis zum Fest gereift sind, und dem Maniokmehl, führen die Tenharim auch Sammelausflüge durch, die vor allem den Paranüssen gelten, um mit ihnen das Festessen “Tapirfleisch in der Paranuss-Milch gegart“ zuzubereiten.
Die Gruppen der Jäger, unter Leitung des Schirmherrn des Festes, schwärmen aus in verschiedenen Richtungen – normalerweise in Kanus – um gleichzeitig zu jagen und zu fischen. Fleisch und Fisch werden sofort gemahlen und geröstet (und so konserviert), dann trifft man sich nach Verabredung einige Tage später mit der gesamten Ausbeute, um schliesslich fleischbeladen und im Triumphzug gemeinsam ins Dorf einzuziehen. Wenn sich die Jäger von ferne zeigen, sind die im Dorf verbliebenen Männer bereits frisch bemalt, sie brüllen und schiessen ihre Flinten ab gegen den Himmel, um sie zu begrüssen. Der Organisator des Festes beginnt zu singen und auf einer Flöte zu spielen – dabei umkreist er die einzelnen Häuser. Das Wildpret wird gekocht, und ein Teil wird von ihm an die Dorfbewohner verteilt, zusammen mit Maniokmehl. Die Paranüsse werden zerstampft, dann zusammen mit dem Tapirfleisch gekocht, um anschliessend, zusammen mit Maniokmehl, in Form eines Breis serviert zu werden.
Parallel beginnen die Männer im Terrain der Haushaltsgruppe des Schirmherrn zu tanzen. Alle sind sie passend bemalt und geschmückt mit Kopfputz und Baströcken, sie präsentieren ihre “Yreru“ – lange Bambusflöten – vor ihrer Brust, spielen auf ihnen und stampfen den Rhythmus mit ihren nackten Füssen – jetzt bilden sie einen grossen Kreis, die Flöten zum Zentrum ausgerichtet. Nun kommen auch die Frauen hinzu – sie legen ihren rechten Arm auf die Schulter ihres jeweiligen Ehemannes und schliessen sich in schönem Diskant der Musik und ihrem Rhythmus an . . .
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther