Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03190.jsonl.gz/975

Der jüngste Angriff eines Eisbären auf zwei Menschen in der kleinen Inupiat-Gemeinde Wales in Alaska, der äußerst tragischendete, erregte weltweit Aufmerksamkeit und wurde von zahlreichen, auch regionalen News-Plattformen aufgegriffen. Es war die erste tödliche Attacke in Alaska seit 30 Jahren. In Zukunft könnte es aufgrund der sich verschlechternden Lebensbedingungen für Eisbären häufiger zu Konflikten zwischen Eisbären und Menschen kommen, so die Vorhersage in einer aktuellen Studie.
Die Könige der Arktis wagen sich an Land normalerweise nicht so weit nach Süden vor. Aber normalerweise finden sie auf dem arktischen Meereis auch genügend Nahrung. Die Welt ist jedoch nicht mehr normal, schon gar nicht für Eisbären. Ihr Lebensraum, das Meereis, schwindet in rasantem Tempo, ihre Beutetiere werden zunehmend unerreichbar. Daher kommt es immer häufiger vor, dass die Bären an Land nach Nahrung suchen. Was sie dort finden — Vögel, Vogeleier, Seesaiblinge, Beeren und anderes — ist allerdings bei Weitem nicht so energiereich wie die fetten Robben. In menschlichen Siedlungen finden sie gelegentlich etwas Nahrhafteres, was aber große Risiken für beide Seiten birgt.
Bei dem jüngsten Vorfall in Wales, dem westlichsten Punkt des nordamerikanischen Kontinents — nur 80 Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Beringstraße, liegt Russland —, hatten die beiden Opfer keine Chance. Die Mutter und ihr einjähriger Sohn waren nur eine kurze Strecke zu Fuß in einem Schneesturm unterwegs, als der Bär wie aus dem Nichts vor ihnen auftauchte. Versuche von anderen Dorfbewohnern, den Bär mit Schaufeln zu vertreiben, blieben erfolglos. Als einer der Einwohner den Bären schließlich erschoss, gab es keine Rettung mehr für die beiden.
Die globale Erwärmung und der damit einhergehende Rückgang des Meereises führt dazu, dass mehr Eisbären über längere Zeiträume an Land überwintern, nicht nur die trächtigen Weibchen. Aber auch während des Sommers verbringen sie mehr Zeit an Land. Unweigerlich kommen sie so auch dem Menschen näher. Die aktuelle Studie, die in der Fachzeitschrift Global Ecology and Conservation veröffentlicht wurde, untersuchte in der südlichen Beaufortsee und der Tschuktschensee über einen Zeitraum von 30 Jahren inwieweit der Aufenthalt der Eisbären an Land mit der Meereisausdehnung zusammenhängt und macht anhand der Beobachtungen Vorhersagen, wie viele Eisbären bis 2040 die Sommer möglicherweise an Land verbringen werden.
Das Autorenteam prognostiziert, dass das Risiko von Konflikten zwischen Bären und Menschen wahrscheinlich steigen wird, da sich die Wandergebiete der Eisbären zunehmend mit Gebieten überschneiden, die vom Menschen genutzt werden. In einer früheren Studie wurde festgestellt, dass der extreme Hunger der Eisbären einer der Hauptfaktoren ist, der entscheidet, ob ein Bär eine Bedrohung für den Menschen darstellt oder nicht. Die Ausweitung kommerzieller Aktivitäten wie die Öl- und Gasexploration und -förderung verschärft die Situation zusätzlich.
In der aktuellen Studie stellten die Forschenden fest, dass der Rückgang der Meereisausdehnung im Sommer mit einem größeren Prozentsatz an Eisbären zusammenhängt, die sowohl den Sommer an Land verbringen als auch längere Zeit an Land bleiben. Sie schätzen, dass bis 2040 potentiell die Hälfte der Bären in der südlichen Beaufortsee und in der Tschuktschensee im Sommer 100 Tage oder mehr an Land verbringen wird. Die Einwohner der Gemeinden müssen sich also darauf einstellen, mehr für die Sicherheit beider Seiten zu tun.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Karyn D. Rode et al., Observed and forecasted changes in land use by polar bears in the Beaufort and Chukchi Seas, 1985–2040, Global Ecology and Conservation, Volume 40, 2022. https://doi.org/10.1016/j.gecco.2022.e02319