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Das Wirtschaftswachstum radikal in Frage stellen
Die Gesellschaft ist schwer krank. Sie muss aufhören, ihr Heil im Wachstum zu suchen.
Red. Marc Chesney ist Professor der Finanzwissenschaften an der Universität Zürich. Er ist Autor des Buches «Vom Grossen Krieg zur permanenten Krise», Versus-Verlag 2014.
Konfrontiert mit Krisen finanzieller, ökonomischer, sozialer oder ökologischer Natur, kennen Regierungen, Zentralbanken und internationale Finanzinstitutionen im Allgemeinen nur ein Heilmittel: Wachstum, dieser deus ex machina, der uns von allen Übeln befreien soll. Das ist es, was ihre Vertreter bis zum Überdruss wiederholen, und das ist es, was sie gelernt haben, sei es in den Hörsälen der Universität oder in ihrer Weiterbildung. Um Arbeitslosigkeit und Deflation zu bekämpfen: Wachstum! Um Schulden abzubauen: Wachstum! Um wiedergewählt zu werden: Wachstum versprechen! Dieses Dogma regiert ohne Widerspruch, und es scheint deplatziert zu sein, es in Frage zu stellen.
Wagen wir es trotzdem und beginnen mit einer allgemeinen Diagnose. Die Gesellschaft ist schwer krank, von einem Krebsgeschwür befallen. Wenn ein Patient, der an einer solchen Krankheit leidet, von seinem Onkologen gemessen wird, um zu überprüfen, ob er gewachsen sei, wird er sich nach anfänglicher Überraschung fragen, ob er es wirklich mit einem Arzt zu tun hat!
Wenn der Körper oder die Gesellschaft vom Krebs befallen ist, dann bedeutet Wachstum die Vermehrung der Krebszellen. Es ginge also um eine Therapie dagegen und das wiederum erfordert eine Analyse der Situation. Die aktuelle Ökonomie basiert auf einem Dualismus: Schulden-Wachstum. Die erste Komponente wäre in diesem Sinne nützlich, um die zweite zu fördern, und das Wachstum wäre nötig, um einen Teil der Schulden zurückzuzahlen. Nun ist es aber so, dass das westliche Wachstum, insbesondere das europäische, sehr schwach ist und die Verschuldung explodiert. Weltweit machen die totalen Schulden ungefähr 250 Prozent des BIP aus, und es wächst schneller als dieses. Das Wachstum erfordert nicht nur einen unhaltbaren Anstieg der Schulden, es stützt sich auch auf einen zweiten Faktor: die geplante Obsoleszenz der Waren, die so konzipiert sind, dass sie nur eine gewisse Zeit halten, was den Konsum anheizen soll.
Das Wachstum hängt am Tropf dieser zwei Faktoren, die beide im Widerspruch zu einer nachhaltigen und menschenwürdigen Entwicklung stehen.
Jedoch verband sich im 19. Jahrhundert ein zuvor nie da gewesenes Wachstum mit erstrebenswerten Fortschritten in den Bereichen des Gesundheitswesens, der Bildung, der Wissenschaft und der Produktionsweise. Heute aber sind gesellschaftliche Entwicklung und Wirtschaftswachstum oft entkoppelt. Das Wirtschaftswachstum geht einher mit einer steigenden Umweltverschmutzung, mit neuen Schulden und der Ausweitung des Finanz-Casinos. Trotzdem ist die Abwesenheit von Wachstum nicht wünschenswert.
Zwei Länder veranschaulichen dieses Paradox: China, das noch ein robustes Wachstum hat, und Griechenland, mit häufig negativem Wachstum. Die soziale und wirtschaftliche Lage Griechenlands ist katastrophal. China, das in einer ersten Phase gegenüber dem Westen aufgeholt hat, sieht sich mit denselben – wenn nicht schlimmeren – Übeln wie der Westen konfrontiert. Die Schäden, welche die Industrialisierung der Landwirtschaft verursacht hat, sind offensichtlich. Insbesondere hat das Bienensterben zu einem Versuch der Bestäubung von Menschenhand geführt, ein Versuch, der sich auf der ganzen Welt zu verbreiten droht. Wenn der Mensch die Biene ersetzt, würden wohl einige behaupten, dass dies die Arbeitslosigkeit verringere und das Wachstum fördere. In der Realität, wenn man versucht, stellvertretend für eine Insektenpopulation eine Arbeit zu tun, die diese gratis verrichtet, eine Arbeit, die unser Überleben sichert, dann ist das nicht nur unrealistisch, sondern zeugt auch von der Entkoppelung der Wirtschaft von der Umwelt und der Gesellschaft sowie von der Absurdität des aktuellen Funktionierens der Wirtschaft. Ein Wirtschaftswachstum, das auf der Zerstörung der Natur gründet, kann nur zu einem ökologischen und sozialen Desaster führen.
Erneuerbare Energie und saubere Technologie sind zwar wesentlich, aber sie werden nicht ausreichen. Ein radikaler Wandel unserer Lebensweise wäre vonnöten. Statt Konsumenten, die von einem aggressiven Marketing infantilisiert sind, und daher Ramschware und geisttötende Unterhaltung konsumieren, braucht unsere Gesellschaft aktive Bürgerinnen und Bürger, die fähig sind, Antworten auf die aktuellen Herausforderungen zu finden.
Die Grenzen des Wachstums, vor allem im Hinblick auf die Umwelt, müssen erkannt und anerkannt werden. Die Frage des Wachstums ist mehrdimensional. Sie betrifft gleichermassen die Ökonomie wie auch die Ökologie, die Biologie, die Geschichte und die Philosophie. Kein Lebewesen, keine Gesellschaft kann unendlich wachsen. Das wäre auch nicht wünschenswert. Die Norm ist das Aufeinanderfolgen von Phasen des Wachstums, der Stabilisierung und der Degeneration. Bei Letzterer brauchen wir einen Paradigmenwechsel, der das Ziel unseres Handelns sein sollte.
Das «Immer mehr», das Ausdruck jener Bulimie ist, die das gegenwärtige Krebsgeschwür nährt, dieses «Immer mehr» sollte ersetzt werden durch das «Genügende» und «Notwendige», das man braucht, um ein von Vernunft geleitetes, anständiges und menschenwürdiges Leben zu führen. Letzten Endes sollte die Entfaltung der menschlichen Möglichkeiten – also ein qualitativer Wert – das Ziel sein, und nicht ein reduktionistisches, quantitatives Kriterium wie das Wirtschaftswachstum.
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Diese Fassung erschien am 13. Februar auf Tages-Anzeiger online.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Marc Chesney ist Professor der Finanzwissenschaften an der Universität Zürich.
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Umstrukturierung der Wirtschaft ist auch bei Nullwachstum des BIP möglich. Entscheidend für die finanzielle Situation der Mittel- und Unterschicht ist nicht das BIP, sondern ihr verfügbares Einkommen pro Kopf. Wichtiger als BIP und Einkommen ist zudem die Lebensqualität der Leute. Sie kann über Finanz- und Wirtschaftsdaten nur ungenügend abgebildet werden.
Hohe Zuwanderung bringt zwar mehr BIP, aber nicht mehr Lebensqualität für die Ansässigen. Wer zahlt die AHV für die neuen Zuwanderer? Noch mehr Zuwanderer! Wer zahlt die steigenden Infrastrukturkosten wegen der übermässigen Zuwanderung? Vor allem die bereits Ansässigen!
Leider schreckt diese Vorstellung viele Leute offenbar zu sehr. Stattdessen stemmt man sich der Tatsache entgegen, dass es nunmal immer weniger menschliche Arbeit braucht. Man erzeugt immer neue Pseudobedürfnisse, die man mit pseudosinnvoller Erwerbsarbeit erfüllt. Und man nimmt in Kauf, das Menschen, die im Hamsterrad nicht bestehen können, an den Rand gedrängt werden.
Der einzige Sinn dieser Wirtschaftsform ist: Einigen Wenigen möglichst viel Macht und Reichtum zu ermöglichen, und den Rest durch Brot, Spiele und Hamsterrad am Nachdenken zu hindern.
Ich hoffe sehr, dass wir demnächst bereit sein werden für echt progressive Steuern, wobei wir natürlich auch über eine Vermögensbegrenzung von Privatpersonen reden müssten. Die Ausrechnung auf 100% wäre kein Problem, weil der Souverän die Pauschalbesteuerung beschlossen hat. Unternehmen, sowie der Staat, Kantone, Gemeinden usw. müssten eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen, in welcher sie ihren Beitrag/Schaden am Gemeinwohl transparent aufzeigen. Die Steuerkonkurrenz unter den Kantonen müsste eingedämmt werden und der Bundesrat müsste sich für eine geringere Steuerkonkurrenz unter den Staaten einsetzen. Insbesondere im Gesundheitswesen müssten solche Bilanzen her, denn das Konkurrenz- und Wachstumsdenken in diesem Bereich ist eine Schande. Infos unter: www.ecogood.org
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