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Mit dem Erwachsenwerden hört ADHS oft nicht auf. Eine Therapie hilft aber den meisten Betroffenen.
ZAHLEN UND FAKTEN
Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen, Jungen dreimal häufiger als Mädchen.
Ursprünglich wurde ADHS als eine ausschliesslich im Kindesalter auftretende Störung eingeordnet, inzwischen gilt sie als lebenslange Störung: Bei 60 Prozent der erkrankten Kinder setzt sich die psychische Störung bis ins Erwachsenenalter fort; heute sind drei Prozent der Erwachsenen betroffen.
Derzeit gibt es keine Behandlungsmassnahmen zur Heilung der Störung. Durch Medikamente lassen sich die Symptome und deren Auswirkungen aber wirksam reduzieren.
ADHS tritt meist nicht allein auf: Vier von fünf Patienten leiden auch an anderen psychischen Erkrankungen, Erwachsene etwa an Depression oder Süchten.
Die Begriffe Hyperkinetische Störung (HKS) und Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) werden häufig als Synonym für ADHS verwendet.
URSACHEN/RISIKEN
Viele verschiedene Risikofaktoren, deren Zusammentreffen das Leiden auslösen kann. Der genaue Mechanismus ist noch ungeklärt. Einflussreiche genetische Komponente vorhanden: Zwillingsstudien zufolge liegt die Erblichkeit bei 75 Prozent.
Risikofaktoren, deren begünstigende Wirkung bei der Entstehung erwiesen ist: Frühgeburtlichkeit, Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft. Als weitere mögliche Faktoren, deren Bedeutung allerdings noch nicht gesichert ist, werden zum Beispiel mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft, vermehrter Kontakt zu bleihaltigen Stoffen sowie Nahrungsmittelunverträglichkeiten diskutiert.
SYMPTOME
Die Auffälligkeiten treten in drei Bereichen auf:
1. Aufmerksamkeitsstörung: eingeschränkte Konzentrationsfähigkeit, eingeschränkte dauerhafte Aufmerksamkeit, erhöhte Ablenkbarkeit
2. Hyperaktivität: allgemeine körperliche Unruhe
3. Impulsivität: mangelnde emotionale und intellektuelle Selbstkontrolle
Typische Symptome
Desorganisiertheit im Alltag, fehlende Effizienz bei der Erledigung von Aufgaben, Schwierigkeiten, Pläne geordnet umzusetzen und Routinen im Alltag zu etablieren. Ausserdem: mangelndes Zeitmanagement und Unpünktlichkeit, Vergessen von Terminen und Zusagen, Zerstreutheit, erhöhte Ablenkbarkeit und die mangelnde Fähigkeit, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren.
Kinder sind häufig überfordert von den Anforderungen in der Schule, Erwachsene von denen im Beruf. In der Folge häufig Beeinträchtigung sozialer Beziehungen, mehr Konflikte in Familie und Partnerschaft, höhere Scheidungsrate, erhöhte Unfallgefahr, Minderung des Selbstwertgefühls.
Bei Kindern und Jugendlichen ist es schwierig, zwischen normaler Entwicklung und ADHS zu unterscheiden. Viele Symptome treten auch im Zuge der Pubertät auf und müssen kein Zeichen für ADHS sein.
Anhaltspunkte, die erfüllt sein sollten, um die Diagnose ADHS bei Kindern zu stellen
Die Auffälligkeiten gehen über das hinaus, was durch Alter und Entwicklungsstand des Betroffenen erklärbar wäre; es liegt eine bedeutsame Beeinträchtigung in mehr als einem Lebensbereich (zum Beispiel Familie oder Schule) vor; das Verhalten trat schon im Vorschulalter auf und es besteht länger als sechs Monate.
Die Diagnose stützt sich in erster Linie auf die sorgfältige Erhebung der Entwicklung der Symptomatik, Verhaltensbeobachtungen, testpsychologische Untersuchungen zur Überprüfung des Entwicklungsstandes oder der Intelligenz und körperliche Untersuchungen, um andere Ursachen ausschliessen zu können
Begleiterkrankungen bei Kindern mit ADHS (und ihre Häufigkeit)
Störungen des Sozialverhaltens (56 Prozent), Angststörungen (30 Prozent, dreimal mehr als bei gesunden Kindern), depressive Störungen (30 Prozent, fünffach erhöht im Vergleich zu gesunden Kindern). Bei einem Viertel der Kinder mit einer autistischen Störung wird auch ADHS diagnostiziert.
Begleiterkrankungen bei Erwachsenen (und ihre Häufigkeit)
depressive Störungen (etwa 60 Prozent), Suchterkrankungen (30 Prozent), Essstörungen (10 Prozent)
THERAPIE
Nachgewiesene Wirkung sowohl für spezifische Verhaltenstherapie als auch medikamentöse Behandlung. Verbreitetes Vorgehen ist eine Kombination aus beiden Ansätzen: Die Medikamente verbessern rasch Konzentrationsfähigkeit und Impulsivität, die Verhaltenstherapie wirkt sich langfristig auf die Selbsteffizienz aus und baut Vermeidungsverhalten ab.
Die Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen ist speziell auf ihre Probleme ausgerichtet und dient zur Verminderung von hyperaktivem, impulsivem und unaufmerksamem sowie oppositionellem und aggressivem Verhalten.
Medikament erster Wahl ist Methylphenidat (MPH; Handelsnamen zum Beispiel Ritalin, Concerta, Medikinet). Bei etwa 70 Prozent der Patienten können damit die Symptome deutlich reduziert werden. In Deutschland bezahlen die Krankenkassen MPH bisher nur für die Behandlung von Kindern. Zeigt MPH keinen Erfolg, lassen sich alternativ auch Amphetaminsalze und Atomoxetin verwenden.
HEILUNGSCHANCEN
Derzeit gibt es keine Behandlungsmassnahmen zur Heilung der Störung. Durch Medikamente lassen sich die Symptome und deren negative Auswirkungen aber wirksam reduzieren. Verhaltenstherapie allein ist meist nicht ausreichend, sie ist bei nur einem Drittel der Patienten erfolgreich.
Am vielversprechendsten ist eine Kombination aus Verhaltenstherapie und der Gabe von Medikamenten: Bei mehr als zwei Drittel der Betroffenen können auf diese Weise zumindest die Symptome vollständig beseitigt werden.
Autor: Christian Heinrich; Experten: Dr. Ester Sobanski / Prof. Tobias Banaschweski