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Vor langer Zeit im Königreich Popo. Prinz Leonce beschäftigt sich mit Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit, so berichtet er: “Ich habe alle Hände voll zu tun. Ich weiss mir vor Arbeit nicht zu helfen. Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzig Mal hintereinander zu spucken.” Leonces Vater hat allerdings andere Pläne für seinen Sohn. Er soll Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi heiraten und mit ihr zusammen fortan das Land regieren.
Zusammen mit seinem Diener Valerio flieht der Prinz vor der arrangierten Ehe. Auf der Reise begegnet er einer Unbekannten und verliebt sich auf der Stelle in sie. Während der Leserschaft längst klar ist, dass es sich um Lena handelt, schmiedet Valerio einen Plan, wie die Verliebten heiraten könnten. Erst als der Plan aufgeht, erkennen Prinz und Prinzessin ihr wahres Gegenüber.
Erst 22 und schon Staatsfeind
Allein als romantische Komödie wäre “Leonce und Lena” wohl nicht zu einem Klassiker im Deutschunterricht geworden. Der deutsche Dichter Georg Büchner hat das perfekte Maturabuch geschrieben, weil man es auf mehreren Ebenen lesen kann. Aus dem Stück spricht in erster Linie ein sehr kritischer Beobachter seiner Zeit.
Die erste Fassung von “Leonce und Lena” brachte Büchner im Sommer 1836 im Strassburger Exil zu Papier. Es eilte, denn er schrieb den Text für einen Wettbewerb. Allerdings verpasste Büchner den Einsendeschluss. Dabei hätte er das Preisgeld gut gebrauchen können. Der mittellose Medizin-Doktorand war mit 22 Jahren bereits ein veritabler Staatsfeind. Inspiriert von der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1787, der Französischen Revolution von 1789, und in der Folge weiteren revolutionären Bewegungen in europäischen Ländern in den 1830er Jahren, hatte Büchner auf Flugblättern zum Sturz der spätabsolutistischen Herrscher aufgerufen. Zudem war er Co-Gründer der oppositionellen “Gesellschaft der Menschenrechte”. Nach der Veröffentlichung seines regierungskritischen Dramas “Dantons Tod” 1835 floh er vor den Behörden nach Strassburg.
Der kleinkarierte König
Deutschland setzte sich zu Georg Büchners Zeit aus zahlreichen Kleinstaaten zusammen. Die deutschen Fürsten, die sich an ihre Macht klammerten und über ihre Länder wachten, werden in “Leonce und Lena” karikiert. Weil König Peter zum Beispiel ständig sein Volk vergisst, macht er zur Erinnerung einen Knoten in sein Taschentuch.
Auch in der letzten Szene wirkt die Situation geradezu absurd. Am Hof wartet man ungeduldig auf das verschwundene Brautpaar. Der König will nicht gelten lassen, dass das Hochzeitsfest ohne Leonce und Lena nicht stattfinden kann. “Aber mein Wort, mein königliches Wort!”, protestiert er. Als der König schliesslich nachgibt und allgemeines Mitgefühl mit ihm selbst anordnet, tauchen überraschend vier als Maschinen verkleidete Personen auf.
Innerhalb von Sekunden gelangen Leonce, Lena und ihre zwei Bediensteten (denn sie sind natürlich die vier Besucher) von der Landesgrenze zum Schloss. In dieser scheinbar simplen Handlung verbirgt sich ein Seitenhieb auf die deutsche Kleinstaaterei. Ohne Sprechpause kommentiert der Diener: “Sie kommen näher. Sie gehen auf das Schloss zu. Da sind sie.”
Langeweile als Motor
Paradoxerweise wird die Handlung in “Leonce und Lena” durch die Langeweile der Protagonisten vorangetrieben. So sucht zum Beispiel der gelangweilte Leonce Zerstreuung in der Flucht. Am Schluss landet er jedoch wieder am selben Ort wie am Anfang: im Königreich Popo. “Nun Lena”, fragt er, “siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen, wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen?” Dieser Satz entlarvt das vermeintliche Happy End als einen Trugschluss. Leonce kann seiner Langeweile nicht entkommen.
Selbst die Liebe entsteht in dieser Komödie durch Langeweile. Die Liebe zu Lena bietet eine Abwechslung; ermöglicht es Leonce, der Einöde kurz zu entkommen. Dementsprechend wird in “Leonce und Lena” nicht das Ideal der romantischen Liebe zelebriert, sondern die Liebe als Mittel zum Zweck dargestellt.
Von Menschen und Maschinen
Ein weiteres Indiz für diese Behauptung taucht am Schluss des Stücks auf. Valerio, Leonce und Lena kehren als Automaten verkleidet an den Hof zurück. Als Maschinen ohne Gefühle können sie unmöglich Liebe empfinden. Das Automaten-Motiv verweist auf eine Frage, über die Schriftsteller und Philosophen seit dem Aufblühen der Naturwissenschaften intensiv debattierten. Wenn Menschen und Tiere so ähnlich funktionieren, ist dann auch die menschliche Geschichte durch Naturgesetze vorbestimmt?
Büchner schauderte ab der Vorstellung, ein “Automate zu sein”. In seinen Werken lässt er immer wieder Figuren an ihrem Ich und ihrer Willensfreiheit zweifeln. “Wer seid Ihr?”, fragt König Peter in der Schlussszene von “Leonce und Lena”. “Weiss ich’s?”, fragt Valerio zurück. Während er langsam hintereinander mehrere Masken abnimmt, sagt er: “Bin ich das? oder das? oder das? Wahrhaftig ich bekomme Angst, ich könnte mich so ganz auseinanderschälen und blättern.”
“Derb, unkeusch und politisch”
Literaturkritiker werteten “Leonce und Lena” lange ab und betrachteten es als literarischen Fehltritt. Ein Grund dafür könnte die Bezeichnung “Lustspiel” sein, die Büchner dem Stück voranstellt. Das Lustspiel hatte ursprünglich reinen Unterhaltungscharakter, ohne literarischen Anspruch.
Weiter warf der erste Herausgeber, Karl Gutzkow, dem Stück “derbe, unkeusche und politische Anspielungen” vor, weshalb er die Geschichte zensierte, bevor er sie drucken liess. Zudem bezeichnete der renommierte Literaturkritiker Julian Schmidt (1818 – 1886) “Leonce und Lena” und “Dantons Tod” als “Ausgeburten eines an Langeweile und Blasi[e]rtheit leidenden Jünglings”.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der literarischen Epoche des Expressionismus, kam “Leonce und Lena” zu Ehren. Entstanden aus einer Jugendbewegung, beschäftigten sich die Expressionisten mit dem Ausdruck des eigenen Innenlebens. Wie auch Büchners Lustspiel thematisieren sie in ihren Werken häufig Vater-Sohn-Konflikte. Zudem teilen Expressionisten, wie zum Beispiel Robert Musil, ihren Hang zur experimentierfreudigen Sprache mit dem jungen Dichter.
Genau diese aussergewöhnlichen Wortspielereien Büchners ermöglichen es Leserinnen und Lesern, in die unterschiedlichen Ebenen von “Leonce und Lena” vorzudringen. Ein Buch zum Austoben für die Gedanken. Bis heute wurde das Stück in tausenden Klassenzimmern besprochen, auf tausenden Bühnen gespielt, in tausenden Aufsätzen interpretiert. Dennoch geht dem perfekten Maturabuch der Diskussionsstoff noch lange nicht aus.