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«Es ist ein grosses Chaos und eine grosse Unzufriedenheit mit allem und jedem», schreibt der Schweizer Schriftsteller Friedrich Glauser 1929 in einem Brief an seinen Psychiater Max Müller. Am Anfang desselben Jahres hatte Glauser erfolglos versucht, seine Vormundschaft anzufechten, der er seit Jahren unterstellt war, und war erneut dem Opium verfallen.
Wer Christa Baumbergers Neuauflage von Glausers Briefen durchliest, wird ZeugIn eines holprigen Lebensverlaufs eines Mannes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Herausgeberin hat Glausers Korrespondenz chronologisch angeordnet und in einzelne Kapitel unterteilt, vor denen jeweils Einleitungen angebracht sind. Ansonsten stehen die Briefe für sich. Gerade deshalb lassen sie sich auf ganz unterschiedliche Weise lesen. Einerseits sind sie schlicht unterhaltsam. An seine Freundin Berthe Bendel schreibt Glauser zum Beispiel übers Mannsein: «Also, du findest, ich solle ein Mann sein … Schön, sei ein Mann und rauche Stumpen … Ich werde mir diesen Slogan über mein Bett hängen und Gott bitten, er möge es nicht wahr werden lassen.»
Andererseits kann man die Briefe historisch einbetten. Gleich mehrere unschöne Themen der Zeitgeschichte kommen darin vor – dies vor allem, weil der Autor selbst unmittelbar Teil davon war. Beispielhaft dafür sind Glausers Briefe aus seiner Zeit bei der Fremdenlegion, wo er in Marokko stationiert war. Hinzu kommt sein Verhältnis zur Psychiatrie. Zehn Jahre seines Lebens verbrachte Glauser in psychiatrischen Anstalten. Die Eindrücke dieser Zwangsaufenthalte konnte er zwar in Werken wie «Matto regiert» verarbeiten. Doch zeigen gerade die unzähligen Briefe, die er in jener Zeit schrieb, dass er sich stark nach einem Leben in Freiheit sehnte, sowohl für künstlerische Inspiration als auch, weil ihm der zwischenmenschliche Kontakt fehlte.
«Hauptsache ist, dass die Gedanken nicht stehenbleiben», schrieb Glauser. Und die Briefe waren oft die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern.