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«Wie nennt man Jungs, die Schlampen sind?» – «Dafür hat man noch kein Wort gefunden. Aber es wird fieberhaft danach gesucht!» Das Zitat stammt aus «Definitely, Maybe», die Frage hat Filmtochter Abigail Breslin ihrem Filmvater Ryan Reynolds gestellt, und als ich die Szene neulich sah, musste ich schmunzeln, denn dieselbe Frage hat sich mir als Kind ebenfalls aufgedrängt. Ich wollte damals unbedingt wissen, wie man Nutten-Buben nennt.
Also bin ich nach Hause gerannt, und da ich in einem Mehrgenerationenhaus aufgewachsen bin und meine Eltern noch am Arbeiten waren, stürmte ich in die Küche meiner Grosseltern, wo das Mueti sass, und schrie: «Wie sagt man zu Nutten-Buben? Nutten-Männer gehen auch! Wie sagt man zu Nutten-Männern?» Und meine Grossmutter kräuselte amüsiert den Mund, um den Satz zu sagen, der in meiner Familie fortan für grosse Erheiterung sorgte: «Das, liebes Kind, musst du deinen Grossvater fragen.»
Die magischen drei Worte
Denn mein Grossvater, ein eleganter Mann, einst Direktor bei Mercedes-Benz Schweiz, der seine Lebensfreude, ja seine Religion in Mercedes-Benz fand und dessen Lebensenttäuschung unter anderem darin bestand, dass niemand in seiner Familie Mercedes-Benz fahren wollte, dieser Mann zog jeden Samstag einen noch eleganteren Anzug als werktags an, band sich seine Feiertagskrawatte, stieg in seinen, richtig, Mercedes-Benz und fuhr nach Zürich, wo er «Kommissionen» hatte.
Nie haben wir herausgefunden, was mein Grossvater jeden Samstag machte. Wohin er fuhr. Mit wem er Zeit verbrachte. Ob er denn überhaupt in Zürich war. Wenn man ihn fragte, und es fragte immer mal wieder jemand, allen voran meine Grossmutter, verriet er weder Beschäftigung, Personen noch Orte, sondern sagte immer nur die magischen drei Worte: «Ich habe Kommissionen.»
Der Allzweck-Spitzenabgang
Das ist ein veritabler Allzweck-Spitzenabgang, welcher schnell ins Standardrepertoire meiner Familie fand, es ist jedoch ein Allzweck-Spitzenabgang, der nur funktioniert, wenn jegliche weitere Ausführung persistent verweigert wird. Probieren Sie’s mal. Denn ob das neue Leben mit der Svetlana in der Ukraine, die frühe Verabschiedung im Büro, die zweite Familie im Dorf nebenan, oder wie mein Vater stets sagte, wenn er die Zeitung nahm und zur Toilette ging: «Ich habe Kommissionen», ist eine aparte Einsparung von Informationen.
Mein Grossvater war von der Nutten-Männer-Frage natürlich nicht angetan. Ich hätte es wissen müssen, denn das letzte Mal, als die Grossmutter derart amüsiert den Mund gekräuselt hatte, war, als ich ihr eine äusserst lebhafte Blindschleiche brachte und das Mueti sagte: «Die musst du deinem Grossvater zeigen! Da hat er schampar Freude!»
Richtig, so sehr mein Grossvater Mercedes-Benz liebte, so sehr verabscheute er Schlangen, er hatte panische Angst, eine solide Ophidiophobie, und ich vergesse nie, wie der Herr Direktor hysterisch in der Stube herumhüpfte und abwechslungsweise die Blindschleiche und mich anschrie.
Auf die Nutten-Männer-Frage habe ich nie eine Antwort erhalten, im Gegenteil, es taten sich noch mehr Fragen auf, denn meine Mutter lachte: «Aber ich habe dir doch erzählt, dass meine Eltern zwischen den Schlüsselbeinen und den Kniekehlen nicht existieren!» Das kam mir komisch vor, schliesslich waren sie in der Körpermitte ja nicht durchsichtig oder so, weshalb ich sofort ins Stöckli rannte und von meinen Grosseltern verlangte, aufzudecken, was da im Bereich zwischen ihren Schlüsselbeinen und Kniekehlen vor sich ging! Danach führten die Erwachsenen ein sehr langes Gespräch über Erziehung.
Sie haben Fragen zum Leben im Mehrgenerationenhaus? Nur zu, Sie sehen, ich kenn’ mich bestens aus.
Bedauerlicherweise haben wir noch immer nicht geklärt, wie man Nutten-Männer nennt. Vorschläge? Also ich schlage vor, Sie suchen schon mal fieberhaft danach, denn leider muss ich persönlich nun meine Energie einteilen und meine Kräfte schonen, denn, genau:
«Ich habe Kommissionen.»
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