Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/1875

Man muss die Kühe melken, solange sie lebendig sind: Schon wieder kommt eine Sherlock-Adaption in die Kinos. Und: Sie ist sonderbar und wunderbar.
Er war Gandalf in allen Tolkien-Verfilmungen. Er war Magneto in den «X-Men». War Macbeth, Hamlet, Richard III. Und jetzt ist er endlich Sherlock Holmes. Der smarte Protobrite, der im Fernsehen (als Benedict Cumberbatch) und im Kino (als Robert Downey Jr.) genauso erfolgreich ist wie jeder paranormale amerikanische Superheld.
Sir Ian McKellen ist 76 und der Beweis, dass wir alle vor dem Alter keine Angst haben müssen. Dass so ein Gesicht tatsächlich zu einer Lebenslandschaft werden kann, in der sich lesen lässt wie in einem grossen Roman. Und mit dem sich erzählen lässt, als beherrschte einer alle Sprachen aller Zeiten.
Sein Sherlock Holmes ist 93, er lebt nicht mehr in London, sondern auf dem Land, am Meer, dort, wo die Wiesen grün, der Himmel blau und die Felsen schneeweiss sind. Erste Anflüge von Alzheimer versucht er mit dem modischen japanischen Zauberkraut Szetschuanpfeffer zu bekämpfen. Seinen letzten Fall, der viele Jahre zurückliegt, hat er verbockt, eine neurotische Gattin, die er beobachten musste, warf sich vor einen Zug anstatt in die Normalität zurückzukehren.
Vor seinem Tod würde er gern noch den eigenen Mythos loswerden. Denn schuld an all den Erzählungen ist nicht Holmes, schuld ist dieser Dr. Watson. Der während ihrer gemeinsamen Jahre gewissermassen als etwas allzu einfallsreiches Newsportal des Unternehmens Holmes&Watson funktionierte. Und der die Romane von Holmes, wie wir sie kennen, in Eigenregie schrieb, verfremdete und ergänzte. Bis Holmes ein Held war. Und eine populäre Fiktion. Jetzt, am Ende, wo Holmes nichts mehr hat als einen gebrechlichen Rest seiner selbst, entpuppt sich sein einst grösster Freund als lästiger Feind.
«Mr. Holmes» bringt ein paar Leute zusammen, die sich schon lange mögen. Etwa den amerikanischen Regisseur Bill Condon, der mit McKellen 1998 das ergreifende Schwulendrama «Gods and Monsters» drehte (und 2006 mit dem Monsterkitsch «Dreamgirls» zwei Oscars einheimste ... und die beiden finalen Episoden von «Twilight» verantwortet ...). Oder Laura Linney («John Adam», «The Big C»), die 2004 mit Condon das Biopic «Kinsey» über den Sexualforscher Alfred Kinsey drehte und mit McKellen 1993 in «Armistead Maupin's Tales of the City» arbeitete.
In «Mr. Holmes» spielt Laura Linney Sherlocks skeptische Haushälterin, deren kleiner Sohn selbstverständlich alle Fähigkeiten zum Nachwuchsdetektiv hat. McKellen und Linney bringen zusammen diese souveräne Vertrautheit auf die Leinwand, die Geschichten dicht und Zuschauer glücklich macht. Diese Entspanntheit, die Spannung erzeugt. Weil da zwei wagen, mehr preiszugeben als sonst.
Und so ist «Mr. Holmes» denn trotz ein paar überkonstruierter Überspanntheiten zum gewiss sonderbarsten und vielleicht sogar wunderbarsten Sherlock-Film der letzten Jahre geworden. Die tiefe Melancholie des moribunden Meisters, das hat man so nie gesehen. Obwohl es natürlich absehbar war. Aber bis jetzt musste Holmes immer vorher sterben. Woran nur Watson Schuld war, wie wir nun wissen.
«Mr. Holmes»: Ab 2. Juli im Zürcher Lunchkino, ab 9. Juli im Kino.