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Familienergänzende Kinderbetreuung und Erwerbsverhalten von Müttern mit Kindern
In den letzten Jahren hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein gesellschaftliches und nicht nur ein rein privates Problem darstellt. Ein Beitrag zu dessen Lösung ist die Verstärkung des Angebots an familienergänzenden Betreuungseinrichtungen. Im folgenden Artikel wird der Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Betreuungseinrichtungen und dem Erwerbsverhalten von Müttern untersucht. Im Zentrum des Interesses steht die Frage, in welchem Ausmass Mütter in ihrem Erwerbsverhalten durch die fehlenden Betreuungseinrichtungen eingeschränkt sind und wie sich eine Verbesserung der Betreuungsangebote auf ihr Arbeitsangebot auswirken könnte.
Fehlende Studien für die Schweiz
Zahlreiche vorwiegend internationale Studien haben den Zusammenhang zwischen Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Erwerbsverhalten untersucht. Die Ergebnisse dieser Studien zeigen eindeutig, dass das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen einen Einfluss auf das Erwerbsverhalten der Mütter ausübt und dass ihre Nutzungsintensität durch die Familien von den Eigenschaften der Betreuungseinrichtungen – allen voran den Preisen – abhängig ist. Weniger eindeutig ist das Ausmass des positiven Effekts von Betreuungsmöglichkeiten auf das Erwerbsverhalten. Einzelne Studien zeigen eine grosse Wirkung der familienergänzenden Kinderbetreuung auf das Erwerbsverhalten der Mütter. Gemäss anderen Studien ist der Einfluss jedoch weniger markant. Aus der Literatur geht zudem hervor, dass der Erwerbsentscheid nicht nur von der Präsenz von Kinderbetreuungseinrichtungen, sondern massgeblich auch von den Arbeitsmarktbedingungen – insbesondere vom erwarteten Lohn – abhängig ist. Für die Schweiz fehlen Studien weit gehend, welche den Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen und der Erwerbstätigkeit der Mütter analysieren.
Datenquellen und Fragestellungen
Um diese Lücke zu schliessen, wurden in einer kürzlich abgeschlossenen Untersuchung Vgl. Mecop, Infras (2007). zwei verfügbare Datenquellen ausgewertet: – zum einen Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) des Bundesamtes für Statistik (BFS) für das Jahr 2005; – zum andern Primärdaten, welche im Rahmen einer Nationalfondsstudie zum Bedarf an Kinderbetreuungseinrichtungen in der Schweiz Vgl. Stern et al. (2005). erhoben worden sind und für das Jahr 2003 detaillierte Informationen zu den tatsächlich benutzten Kinderbetreuungseinrichtungen und ihren Eigenschaften enthalten. Im Zentrum der Datenanalysen stand folgende Fragestellung: Inwiefern beeinflusst das Angebot an Kinderbetreuungsmöglichkeiten – wie Kinderkrippen, Tagesfamilien oder Horte – das Arbeitsangebot von Familien mit Kindern und somit indirekt auch die Wachstumsperspektiven der schweizerischen Volkswirtschaft? Die Frage, ob der Arbeitsmarkt die Erwerb suchenden Frauen auch tatsächlich aufnehmen kann, war nicht Gegenstand der Untersuchung. Im Weiteren wurde untersucht, ob und in welchem Ausmass das Fehlen von familienergänzenden Kinderbetreuungsangeboten das Erwerbsverhalten der Frauen beeinflusst und in welchen Bereichen die Eltern die wichtigsten Mängel des heutigen familienergänzenden Kinderbetreuungssystems identifizieren.
Zwei Drittel der Mütter von Kindern unter 15 Jahren sind erwerbstätig
Die Auswertung der Sake-Daten für das Jahr 2005 zeigt, dass nur etwa ein Drittel (32,6%) der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren nicht erwerbstätig ist. Rund zwei Drittel der Frauen (67,4%) sind dagegen erwerbstätig. Wird der Zusammenhang zwischen Erwerbsverhalten und Nachfrage nach Kinderbetreuungseinrichtungen betrachtet, zeigt sich, dass die ausschliesslich private Betreuung – d.h. durch die Eltern, Verwandte, Bekannte, Kinderfrauen etc. – vorwiegend bei den Familien Verwendung findet, in denen die Mutter nicht erwerbstätig ist (siehe Grafik 1). Allerdings lassen auch erwerbstätige Frauen ihre Kinder mehrheitlich privat betreuen. Bei den bis zu 50% erwerbstätigen Frauen sind dies fast 90% der Familien. Ist die Mutter dagegen zwischen 50% und 100% erwerbstätig, sinkt der Anteil der Haushalte mit privater Betreuung auf 79,5%. Die Nachfrage der erwerbstätigen Mütter richtet sich insbesondere an Tagesfamilien und Kinderkrippen bzw. Tagesschulen. Ein Mittagstisch bzw. eine Nachschulbetreuung wird nur von einem verschwindend kleinen Teil der Mütter als Betreuungsform gewählt. Möglicherweise ist dies mit fehlenden oder ungenügenden Angeboten zu erklären. Von den rund 243000 Müttern, die zum Zeitpunkt der Sake-Befragung nicht erwerbstätig waren, wünschten sich rund 31%, auf dem Arbeitsmarkt tätig zu sein. Das am häufigsten gewünschte Arbeitsvolumen (mit einem Anteil von 39,6%) beträgt bis zu 24 Stunden pro Woche, gefolgt von einem Pensum von bis zu 16 Stunden pro Woche (26,3%). 12,4% könnten sich dagegen vorstellen, bis zu 40 oder mehr Stunden pro Woche erwerbstätig zu sein. Eine regionale Auswertung dieser Informationen gemäss den Sprachregionen zeigt, dass in der deutschen Schweiz deutlich mehr nicht erwerbstätige Mütter eine Erwerbsbeteiligung im Umfang von 8 oder 16 Stunden in der Woche wünschen als in der lateinischen Schweiz (siehe Grafik 2). In den lateinischen Kantonen wird eine höhere Erwerbsbeteiligung dagegen vorgezogen. Trotz dieser Unterschiede beträgt die am häufigsten gewünschte wöchentliche Arbeitszeit in beiden Landesteilen zwischen 17 und 24 Stunden, d.h. zwischen zwei und drei Tagen pro Woche.
Fehlende Betreuungseinrichtungen schränken das Erwerbsverhalten der Mütter ein
Rund 189000 Mütter haben den Wunsch geäussert, ihr Erwerbsverhalten anders zu organisieren. Davon geben insgesamt 44,4% an, dass die fehlende Kinderbetreuung der Grund für ihren Verzicht auf eine Erwerbstätigkeit bzw. für den Verzicht auf eine Ausdehnung der Erwerbstätigkeit ist. Die detaillierten Gründe sind in Tabelle 1 aufgelistet. An erster Stelle machen die Mütter geltend, dass die Kinderbetreuung zu teuer sei (39%). Am zweithäufigsten wird das gänzliche Fehlen von Betreuungseinrichtungen genannt: Etwa 30% der Mütter geben an, dass sie keinen Zugang zu familienergänzenden Betreuungseinrichtungen haben. Weitere Einschränkungen entstehen wegen der Betreuungszeiten (10,1%) und der als ungenügend eingeschätzten Qualität der Betreuungseinrichtungen (8,4%). Andere, nicht näher spezifizierte Gründe werden von 13% der Mütter angegeben. Die am häufigsten vermissten Angebote sind Mittagstische, Tagesschulen und Blockzeiten (36,1% der Befragten). Fast 30% der Befragten geben an, dass es an Kinderkrippen und Horten fehlt. Eine stärkere private Betreuung durch den Vater des Kindes bzw. durch Verwandte und Bekannte wird von fast 20% der Befragten gewünscht. Ein mangelndes Angebot an Kindermädchen, Tagesmüttern und Au-Pairs wird von 9% der befragten Mütter angegeben; 6% gaben andere fehlende Betreuungsarten an.
Beträchtliches Potenzial zur Steigerung der Erwerbstätigkeit von Müttern
Die Hochrechnungen der ausgewerteten Sake-Daten für die Schweiz zeigen, dass zum Zeitpunkt der Erhebung und unter den gegebenen institutionellen Rahmenbedingungen rund 21000 Frauen allein wegen der mangelnden Kinderbetreuung nicht erwerbstätig sind, es aber gerne wären. Hinzu kommen rund 54000 Mütter, die erwerbstätig sind, aber gerne mehr arbeiten würden. Auf der Grundlage der Sake-Daten können Annahmen zum gewünschten Erwerbsvolumen der nicht erwerbstätigen bzw. teilzeitbeschäftigten Mütter getroffen werden. Dies erlaubt die Schätzung einer Grössenordnung des potenziellen Erwerbsvolumens, das dem Arbeitsmarkt allein wegen fehlender Kinderbetreuung zurzeit nicht zur Verfügung steht. Die Grössenordnung beträgt rund 44,7 Mio. Stunden jährlich. Dies entspricht einem Arbeitsvolumen von gut 20000 Vollzeitstellen. Da die zur Verfügung stehende Stichprobe an Müttern eher bescheiden und die Hochrechnungen auf Annahmen beruhen, sind die Ergebnisse mit der gebotenen Vorsicht als Grössenordnung der potenziellen Erhöhung der Erwerbstätigkeit zu interpretieren, die man mit einer Verbesserung der Kinderbetreuungsangebote erreichen könnte.
Gleichzeitige Wahl der Kinderbetreuung und Arbeitsentscheid
Die zweite Datengrundlage, jene der Nationalfondsstudie, Vgl. Stern et al. (2005). fokussiert auf Eltern mit Kindern im Vorschulalter. Die Auswertung dieser Daten zeigt, dass – unter den gegebenen Bedingungen – eine Mehrheit der Eltern, die heute ihre Kinder ausschliesslich privat betreuen, ein Angebot an familienergänzender Betreuung in Anspruch nehmen würde, wenn ein solches vorhanden wäre. Der Anteil Eltern, welcher seine Kinder heute ausschliesslich privat betreut, würde um knapp die Hälfte von 87% auf 45% sinken, wenn eine Kinderkrippe oder Tagesfamilie mit einkommensabhängigen Tarifen in der Nähe des Wohnortes zur Verfügung stehen würde. Ein Teil der befragten Eltern äussert die Absicht, bei einem Wechsel von der privaten zur institutionellen Kinderbetreuung ihr Erwerbsvolumen zu erhöhen (16%); andere geben dagegen an, sie würden in diesem Fall ihr Erwerbsverhalten unverändert lassen (23%). Mit diesen Substitutionseffekten würde eine Kostenverlagerung von einer privaten zu einer öffentlichen (Teil-)Finanzierung der Kinderbetreuung einhergehen, sofern den Eltern Krippenplätze mit einkommensabhängigen, nicht voll kostendeckenden Tarifen zur Verfügung gestellt würden. Welche Kosten aufgrund der heute zum Teil ungenügenden privaten Betreuung (z.B. soziale Folgekosten, Familienarmut) der Öffentlichkeit anfallen, ist nicht erhoben. Werden der Erwerbsentscheid und die Wahl der Kinderbetreuung statistisch-mathematisch modelliert, zeigt sich, dass die beiden Entscheide unter den heute bestehenden Rahmenbedingungen eine hohe Simultaneität aufweisen. Die Nachfrage nach familienergänzenden Kinderbetreuungseinrichtungen und der Erwerbsentscheid hängen also eng zusammen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau erwerbstätig ist und eine institutionelle Betreuungsform wählt, erhöht sich, wenn der Preis oder die Entfernung der Betreuungseinrichtung abnimmt.
Übereinstimmung mit Resultaten internationaler Studien
Die Auswertungen für die Schweiz decken sich weit gehend mit den Ergebnissen einer Vielzahl von ausländischen Untersuchungen zum Thema Kinderbetreuung und Erwerbsverhalten. Diese weisen mehrheitlich darauf hin, dass die Erwerbstätigkeit mit wachsendem Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen steigt, wobei vor allem die Teilzeitbeschäftigung zunimmt. Höhere Preise der Betreuungseinrichtungen wirken sich negativ auf das Erwerbsverhalten aus. Die Tatsache, dass ein Teil der Frauen in der Schweiz nicht oder weniger als gewünscht erwerbstätig ist, kann volkswirtschaftlich unerwünschte Folgen in Form eines tieferen Erwerbsvolumens und Sozialprodukts haben. Die Grössenordnung der volkswirtschaftlichen Auswirkungen hängt davon ab, inwieweit die Ausbildungs- und Erfahrungsprofile der auf den Arbeitsmarkt hinzukommenden Frauen den Qualifikationserfordernissen der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt entsprechen. Positive Wachstumsimpulse sind vor allem dann zu erwarten, wenn das ermittelte Arbeitspotenzial von Müttern produktiv eingesetzt werden kann. Entsprechende Qualifikationen vorausgesetzt, könnten dann offene, ausgeschriebene Stellen (wieder) besetzt oder sogar zusätzliche Stellen geschaffen werden. Dies erhöht einmalig die produktive Kapazität einer Volkswirtschaft und führt auf einen langfristig höheren Wachstumspfad.
Fazit
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein vielfältiges, preislich moderates Angebot an familienergänzenden Betreuungseinrichtungen einen Beitrag für eine erhöhte Partizipation von Müttern auf dem Arbeitsmarkt leisten kann. Dies ist einerseits für gut ausgebildete Frauen von Bedeutung, die dadurch eher in der Lage sind, ihr Humankapital zu erhalten. Andererseits hilft ein erleichterter Zugang zu Betreuungsplätzen auch einkommensschwachen Familien, die Abhängigkeit von sozialen Unterstützungsleistungen zu verringern. Je nach Wirtschaftslage und insbesondere Arbeitsmarktsituation können damit wichtige volkswirtschaftliche Impulse gesetzt werden. Die mitteloder langfristigen Wirkungen dieser Impulse können ex ante natürlich nur ansatzweise geschätzt werden. Die vorliegende Studie bietet jedoch zum ersten Mal einen Hinweis darauf, in welcher Grössenordnung sich die Effekte bewegen dürften. Es scheint uns wertvoll, die hier vorgestellten Ergebnisse durch gezielte empirische Erhebungen zu ergänzen und damit die Grundlagen für die Hochrechnung der Wirkungen eines zusätzlichen Angebots der familienergänzenden Betreuung auf den Arbeitsmarkt zu verbessern. Darauf aufbauend wäre aus unserer Sicht als nächster Schritt eine Analyse der volkswirtschaftlichen Auswirkungen – insbesondere auf das mittel- und längerfristige Wirtschaftswachstum der Schweiz – von Interesse. Damit könnte das diesbezügliche Potenzial eines Ausbaus der familienergänzenden Betreuung zuverlässiger abgeschätzt werden.
Grafik 1 «Wahl der Kinderbetreuungsform und Erwerbsverhalten der Mütter von Kindern unter 15 Jahren»
Grafik 2 «Gewünschtes Arbeitsvolumen nicht erwerbstätiger Mütter, die gerne erwerbstätig wären – Vergleich deutsche und lateinische Schweiz»
Tabelle 1 «Gründe, die von den Müttern für die ungenügende Kinderbetreuung angegeben wurden Kinder unter 15 Jahren (N = 83 000), gerundete Werte»
Kasten 1: Referenzen – Mecop-Infras (2007), Familienergänzende Kinderbetreuung und Erwerbsverhalten von Haushalten mit Kindern, Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO). – Stern, S., Banfi, S., Tassinari, S. (Hrsg.) (2006), Krippen und Tagesfamilien in der Schweiz – Aktuelle und zukünftige Nachfragepotenziale, Haupt, Bern.
Zitiervorschlag: Diego Medici, Silvia Banfi, Rolf Iten, (2007). Familienergänzende Kinderbetreuung und Erwerbsverhalten von Müttern mit Kindern. Die Volkswirtschaft, 01. Mai.