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Wissen
History Points auf dem Areal
Text: Dr. Michael van Orsouw
Wer heute auf dem Theilerplatz steht, wähnt sich auf einem Parkplatz. Hier steht kein Denkmal, keine Statue, keine Informationstafel. Und doch ist der Ort dem Namen nach ein geschichtsträchtiger Ort, denn die Benennung Theilerplatz erinnert an Richard Theiler, den findigen Unternehmer. Er war der Gründer des späteren Weltkonzerns Landis & Gyr.
Hier erzählen wir die Geschichte eines unangepassten, frechen Kerls. Es ist die Story von Richard Theiler. 1841 kommt er in Einsiedeln zur Welt, wo er zuerst die Primarschule, dann die Klosterschule besucht. Aus dieser Zeit ist überliefert, dass er ein ausgezeichneter Sänger war. Er liebäugelt mit einer Laufbahn als Musiker oder Apotheker.
Doch es kommt anders: Als 16-jähriger Teenager wandert er nach England aus und wird in London Lehrling bei der Electric Telegraph Company. Damals ist er Teil eines Streichquartetts für Hauskonzerte: Richard bespielt das Cello, während ein junger Physiker die Saiten der Geige streicht. Er heisst übrigens Albert Einstein, erfindet später die Relativitätstheorie und wird damit weltberühmt.
Aus heutiger Sicht klingt «Electric Telegraph» ein wenig banal. Doch für das Jahr 1857 ist das atemberaubend modern. Die Telegrafie ist das Internet des 19. Jahrhunderts! Und Richard Theiler kann daran teilhaben. Denn sein Vater Meinrad, Uhrmacher und Mechaniker, hat schon zuvor einen Schreibtelegrafen gebaut. Weil er in der Schweiz damit zu wenig Gehör findet, wandert er mit seiner sechsköpfigen Familie aus – darunter ist eben unser Richard, den er als Lehrling anstellt. Zehn Jahre später gründet Richard Theiler an der Canonbury Road Nummer 64 im Norden London seine eigene Firma zur Herstellung von Telefonapparaten, zusammen mit zwei Männern gleichen Namens, mit seinem Vater Meinrad Theiler und seinem Bruder Meinrad Theiler. Sein Bezug zu Zug ist noch weit weg, zeitlich und geografisch.
Theiler ist nicht der Typ, der sich mit dem Verkaufserlös zur Ruhe setzen will. Er richtet zuhause ein Laboratorium ein, um weiter zu tüfteln.
1873 stirbt Vater Meinrad. Richard und sein Bruder bleiben dran und in London. Der Markt boomt, die Theilers erfinden und entwickeln ihre Telefonapparate weiter. Aber die Rastlosigkeit und die Reiserei setzen Richard Theiler zu; deshalb verkauft er seinen Betrieb an den Erfinder Keith Elphinstone und kehrt zurück in die Schweiz. Zuerst wohnt er in Schwyz, dann in Luzern. Doch Theiler ist nicht der Typ, der sich mit dem Verkaufserlös zur Ruhe setzen will. Er richtet zuhause ein Laboratorium ein, um weiter zu tüfteln. Und er sieht, wohin die Energieversorgung steuert.
Damals liefern Petrol und Gas das Licht, gekocht wird mit Gas und Holz, geheizt mit Holz und Kohle. Elektrischer Strom ist viel zu teuer, eine Art Luxusprodukt. Die Kilowattstunde kostet mehr als einen Franken; dafür muss ein Mechaniker vier Stunden arbeiten und kann seine Frau ein Pfund Butter kaufen.
Theiler setzt genau auf diese luxuriöse Elektrizität. Er übernimmt die Vertretung der amerikanischen Firma Shallenberger, die Elektrizitätszähler in der Schweiz verkaufen will. Damals sind solche Gleichstrom-Zähler teuer und ungenau, zudem wird der Wechselstrom immer beliebter. Theiler nimmt den Zähler von Shallenberger und begeht quasi Ideenraub. Oder Wirtschaftsspionage, wie man das heute wohl nennen würde. Theiler baut den US-Zähler um, verbessert ihn, entwickelt ihn weiter – und lässt ihn am 13. Juni 1896 unter seinem Namen als präzisen Wechselstromzähler patentieren.
Theiler hat wieder Grosses im Sinn. Bereits zwei Wochen nach der Patentierung gründet er mit Adelrich Gyr, einem Schulfreund aus Einsiedler Zeiten, das «Electrotechnische Institut Theiler & Co.» mit Sitz in Zug. Sie siedeln es nicht beim Bahnhof oder beim heutigen Theilerplatz an, sondern an der Hofstrasse mitten in einem Villenquartier. Theiler will mit günstigen Arbeitskräften die Produktion betreiben und gründet daher keine Fabrik, sondern eine Lehrlingswerkstätte – das Gebäude trägt noch Theilers Namen, es heisst Theilerhaus. Theiler platziert seine Produktionsstätte direkt gegenüber der Privatschule Minerva, damit für Arbeitskräftenachschub gesorgt sein dürfte.
Aber Theilers Firma kommt vorerst nicht recht in Fahrt. Sein Zähler misst die verbrauchten Ampère-Stunden, was auf dem Markt nicht ankommt. Deshalb entwickelt er in aller Eile einen Wattzähler. Am 3. November 1897 kann er diesen der Versammlung des Schweizerischen Elektrotechnischen Vereins vorstellen. Damit beginnt die Erfolgsstory mit den Elektrizitätszählern «Made in Zug», die nach und nach in der Schweiz, dann in Europa und schliesslich auf der ganzen Welt Verbreitung finden. Theiler produziert zudem auch Telefoninduktoren und moderne Grammofonwalzen, um Tondokumente aufzunehmen und abzuspielen.
Er traut den Geistlichen nicht ganz, denn er nimmt stets einen Lederband von William Shakespeare mit, der wie ein Gebetbuch aussieht. So hält er jede Predigt durch.
Doch die Produktionsmängel halten an. Das geht so weit, dass Richard Theiler und sein Teilhaber Adelrich Gyr vom 1. Juli 1896 bis zum 31. Dezember 1898 kein Salär beziehen. Dann, ab 1899, laufen die Geschäfte besser. Aber Theiler ist bald 60 Jahre alt und will seine Zwillingssöhne in die Firma holen. Doch die haben kein Interesse; der eine wird Chemiker, der andere Apotheker. Deshalb sieht sich Theiler nach einem Käufer um. Theiler und sein Partner Adelrich Gyr verkaufen 1903 ihre Anteile an Heinrich Landis-Fierz. Dieser nimmt zwei Jahre später Karl Heinz Gyr ins Boot; Landis und Gyr nennen ihre Firma dann «Landis & Gyr». Richard Theiler geht nun doch noch in Pension und widmet sich den schönen Künsten. Er macht wieder Hausmusik und spielt Cello, jetzt allerdings ohne Albert Einstein.
Öfters begleitet er seine Frau in die Kirche. Doch traut er den Geistlichen nicht ganz, denn er nimmt stets einen Lederband von William Shakespeare mit, der wie ein Gebetbuch aussieht. So hält er jede Predigt durch. 1923 stirbt Theiler im Alter von 82 Jahren in Luzern.
Was hat das Ganze mit dem Theilerplatz zu tun? Wir können davon ausgehen, dass Richard Theiler nie dort unten war. Als er 1896 seine Firma gründete, lag der Zuger Bahnhof noch auf der Bundesstrasse, im Bereich der heutigen Reformierten Kirche. Als er die Firma verkaufte, lag der Bahnhof an seinem heutigen Standort, aber das Gebiet westlich der Geleise war ödes Brachland. Dort hatte er nichts verloren. Es waren seine Nachfolger in der Firma, welche die Landis & Gyr 1929 hierher zügelten – der Platz auf dem Fabrikareal erinnert an seinen einstigen Erfinder und Firmengründer.