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Cerrejón als 100%-Tochter von Glencore: Kaum Fortschritte in der Guajira
Auf meiner Dienstreise im November 2022 besuchte ich mehrere Organisationsprozesse und Gemeinschaften in der Guajira. Unter anderen begleitete ich einen ersten Verhandlungstisch von Gemeinschaften mit dem Unternehmen Carbones del Cerrejón (Cerrejón), die die Anerkennung, das ihre Gemeinschaft auch zum Einflussgebiet der Mine gehören, beantragen. Weiter traf ich mich mit Führungspersonen der umgesiedelten Gemeinschaften und begleitete einen Verhandlungstisch der Gemeinschaft Tabaco mit Cerrejón. Leider war es nicht möglich, Provincial und die Gemeinschaften am Arroyo Bruno zu besuchen, da Proteste in Cuestecitas ein Durchkommen verhinderten.
Der Verhandlungstisch mit den „neuen“ Gemeinschaften“ und die Wideraufnahme der Verhandlungen über die Umsiedlungen sind ein Erfolg des Streiks vom September 2022, den die ask! von der Schweiz aus begleitet hat. Die Gemeinschaften streikten, um Verhandlungen mit Cerrejón und Lösungen für drängende Probleme zu fordern. Grundsätzlich war der Besuch in der Guajira aber recht frustrierend, gibt es doch kaum Fortschritte und Lösungen und Cerrejón zeigt weiterhin ein gleichgültiges, ja fast schon verächtliches Verhalten gegenüber den Gemeinschaften. Der Streik vom September 2022 hat zur Folge, dass viele soziale Führungspersonen erneut Drohungen erhalten haben. Weiterhin gibt es eine starke Präsenz illegaler bewaffneter Akteure und des Drogenhandels. Diese betreiben zum Teil auch den sich rasch ausdehnenden illegalen Bergbau. In kleinen handwerklich betriebenen Minen wird unter anderem Baryt und Kupfer abgebaut. Verschiedene soziale Führungspersonen der Region haben diesen illegalen Bergbau und die daraus resultierenden Umweltschäden denunziert, was zu zahlreichen Todesdrohungen geführt hat. Anwohner berichten auch darüber, dass es in unmittelbarer Nähe der Cerrejón-Mine Drogenlabors gebe. Es sei kaum denkbar, dass Cerrejón davon nichts wisse. Einmal mehr stellt sich die Frage, was die Rolle von Cerrejón als Akteur in einer konfliktreichen Region ist. Die simple Beteuerung, man habe mit all dem nichts zu tun und handle mit der notwendigen Sorgfaltspflicht, genügt nicht.
Neue Gemeinschaften kommen in den Einflussbereich von Cerrejón und spüren die negativen Auswirkungen
Da sich die Mine El Cerrejón immer weiter ausdehnt, gelangen mit der Zeit neue Gemeinschaften in den Einflussbereich der Mine und spüren die negativen Auswirkungen. Einige dieser Gemeinschaften wie beispielsweise Manantialito hatten schon Kontakte mit Cerrejón, andere wurden vom Unternehmen bisher überhaupt nicht beachtet. Während dem Streik von September 2022 beteiligten sich auch die Gemeinschaften Manantialito, Cruzetal, Cerrito, Sabana del Medio, Sierra Azul, Los Estados, Sitio Nuevo, Carretalito und San Pedro an den Blockaden. Im Abkommen zur Aufhebung des Streiks wurde vereinbart, dass Cerrejón mit diesen Gemeinschaften einen Verhandlungstisch eröffnet. Die zu diskutierenden Forderungen aus Gemeinschaftssicht sind: offizielle Aufnahme in das Einflussgebiet der Mine, Anwendung des Urteils T-704 des Verfassungsgerichtes[1] über vorgängige Konsultation auf diese Gemeinschaften, eine epidemiologische Studie über die Gesundheit der Bevölkerung sowie eine umfassende Studie über die Umweltbelastung, die Bodenfruchtbarkeit und die Luft- und Wasserqualität. Mehrere dieser Gemeinschaften sind nicht als ethnische oder afrokolumbianische Gemeinschaften anerkannt und wurden bis jetzt nie konsultiert. Eine Anerkennung, dass sie nun im Einflussgebiet der Mine sind, wäre insofern wichtig, als dass Cerrejón dann Umweltmassnahmen ergreifen und soziale Investitionen tätigen muss.
Am 16. November 2022 fand das erste Treffen zwischen Cerrejón und den erwähnten Gemeinschaften statt. Ebenfalls mit am Tisch sassen Vertreter des Bürgermeisteramtes, der Umweltlizenzbehörde ANLA, des Bergbauministeriums und des Büros des Ombudsmannes für Menschenrechte. Zuerst trugen die Gemeinschaften ihre Anliegen vor und beschrieben die Auswirkungen, die der sich ausdehnende Bergbau auf ihr Leben hat. Es sind dieselben Klagen wie ich sie schon vor bald 20 Jahren in Gemeinschaften hörte, die dann später umgesiedelt wurden. Und es sind Auswirkungen, die von Cerrejón immer noch abgestritten werden. Die erste Reaktion von Cerrejón auf die Klagen der Gemeinschaften war: Bei diesen geltend Auswirkungen handelt es sich lediglich um Empfindungen der Bevölkerung, die nicht belegt sind, und um solche Probleme zu behandeln, gibt es den firmeneigenen Beschwerdemechanismus. Doch der Reihe nach.
Die Vertreterin von Sierra Azul schildert, wie der Kohlestaub die Produktion von Avocado beeinträchtige, wie die Fruchtbäume krank würden und sie kaum mehr Zitrusfrüchte ernten könnten. Viele Tiere hätten Tumore und Missbildungen. Von Produzenten seien sie zu reinen Konsumenten geworden. Die Vertreterin von Sabana del Medio erzählte, wie sie 3 km vom ehemaligen Patilla entfernt wohnen. Im Gegensatz zu den Bewohner von Patilla seien sie aber nicht umgesiedelt noch sonst wie berücksichtigt worden. Heute sei die Abbaufront nur 600 m von der Gemeinschaft entfernt. Auch seien sie nicht als ethnische Gemeinschaft anerkannt worden. Die Landwirtschaft und die Viehzucht würden heute einen geringen Ertrag abwerfen. Seit der Bach Cerrejón ausgetrocknet sei, gebe es Probleme mit der Wasserversorgung. Es gebe unkontrollierte Einleitungen von Schmutzwasser in die Bäche, Sprengungen würden zu unterschiedlichen Zeiten gemacht und die Anwohner hätten deshalb Probleme mit dem Gehör. Der Sprühnebel der Nebelkanonen, mit denen die Staubbelastung reduziert werden soll, beeinträchtige die Augen. Es sei aber sehr schwierig, bei Cerrejón Gehör zu finden. Sie liebe ihren Flecken Erde, daher leiste sie weiter Widerstand, schliesst sie ihre Intervention.
Auch Manantialito und Cruzetal waren Nachbarn einer umgesiedelten Gemeinschaft, Las Casitas, und leben an den Flüssen Palomino und Mapurito. Die Gemeinschaft existiere seit 200 Jahren, viel länger als Cerrejón, und sie erachten sich als afrokolumbianische Kleinbauern (Afrocampesinos). Heute seien sie 500 m von der Abraumhalde Oreganal entfernt, nahe bei der Abbaufront. Sie hätten Verluste in der Landwirtschaft und Viehzucht und litten unter der Verschmutzung. Die sozialen Umbrüche und Schäden, die die Mine verursacht habe, seien schwierig wieder gutzumachen. Als Las Casitas umgesiedelt wurde, habe es grosse Veränderungen gegeben: der Tauschhandel sei zum Erliegen gekommen, die Schule sei geschlossen worden und heute müssten die Kinder bis nach Barrancas zur Schule gehen. Es gebe permanent Lärm sowie die ganze Nacht Licht von den Scheinwerfern der Mine. Weil sie auf Minengebiet leben, würden den afrokolumbianischen Gemeinschaftsräten keine kollektiven Landtitel ausgestellt. Historisch lebten die Gemeinschaften in diesem Territorium, ohne sich um Landtitel zu kümmern.
Die Gemeinschaft Cerrito verlangt, dass anerkannt wird, dass sie in der Einflusszone von Cerrejón seien. Die Biodiversität – Fauna wie Flora – habe abgenommen. Die Haustiere seien krank, die Ziegen hätten Husten und Organe wie die Leber seien schwarz. Die Bewohner fühlen sich kulturell entwurzelt und die sozialen Beziehungen seien ob all der Probleme kaputt gegangen. Es gebe Beeinträchtigungen wegen dem Lärm und Risse in den Häusern wegen den Sprengungen. Wenn sie Heilpflanzen benutzen beispielsweise um The zu machen, sehe man den Kohlestaub in der Tasse. Cerrejón zeige sich nicht und stehe für die Probleme nicht gerade.
Los Estados erachtet sich ebenfalls als Teil der Einflusszone und als Betroffene. Wie alle würden sie an denselben Problemen der Verschmutzung leiden. Die Temperaturen würden sich verändern, Boden, Wasser und Luft seien verschmutzt. Es mangle an Arbeit und Einkommen, weshalb Cerrejón sich um diese Probleme kümmern müsse. Auch San Pedro ist eine Afro-Gemeinschaft, obwohl sie nicht offiziell durch das Innenministerium anerkannt ist. Dieses Ministerium war zudem am Treffen nicht anwesend. Ihr Gebräuche (Usos y costumbres) seien klar erkennbar und ihre Eigenschaft als Gemeinschaft sei kleinbäuerlich. Sie hätten keine Dokumente für das Land und bekämen deshalb keine Kredite, auch weil sie im Einflussbereich von Cerrejón liegen. Das Trinkwasser sei verschmutzt. Es gebe viele von Cerrejón auferlegte Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit oder beispielsweise beim Zugang zum Fluss, was die Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinschaft behindere. Wegen des fehlenden Zugangs zum Fluss Rancheria könnten sie nicht mehr fischen. Auch in Carretalito würden die Zitrusfrüchte kaum mehr Ertrag geben, sie müssten heute Zitronen à 500 Pesos/Stück kaufen. Der Vertreter von Sitio Nuevo beklagt sich, dass verschiedene Gemeinschaften wegen der Mine verschwinden. Dagegen würden sie ankämpfen. Ihre Pflanzungen und der tropische Trockenwald seien von der Verschmutzung betroffen. Er verlangt, dass Cerrejón und die Behörden sie besuchen und unterstützen, sie hätten bis jetzt keine Hilfe erhalten. Es sei nötig gewesen, einen Streik zu organisieren, um angehört zu werden. Sie fordern eine epidemiologische Studie und eine Studie über die Bodenfruchtbarkeit, bezahlt vom Unternehmen. Aber Cerrejón dürfe sich in die Studien und in die Wahl der Experten nicht einmischen. Als Verursacher der Probleme soll das Unternehmen einfach bezahlen.
Als die Gemeinschaften ihre Punkte dargelegt hatten, war Cerrejón an der Reihe. Es gehe nicht darum, sich gegenseitig zu beschuldigen und sich zu verteidigen, so die Sprecherin von Cerrejón. Die erwähnten Auswirkungen seien lediglich gefühlt oder empfunden und könnten verschiedene Ursachen haben. Immerhin gestand Cerrejón ein, man könnte beispielsweise phytosanitäre Studien machen. Zudem sei der firmeneigene Beschwerdemechanismus dafür da, um solchen Beschwerden über negative Auswirkungen nachzugehen. Cerrejón fragt, ob seitens der Gemeinschaften mal formelle Eingaben gemacht worden seien. Die Vertreterin von Manantialito antwortete, dass sie die Informationen an Cerrejón geschickt hätten und auch Auskunftsbegehren an das Unternehmen gerichtet hätten, aber ohne eine Antwort zu bekommen. Cerrejón kenne daher die Problematik, habe aber während langer Zeit nichts gemacht. Cerrejón beharrt darauf, dass solche Beschwerden und Anfragen vom Beschwerdebüro (Oficina de quejas) bearbeitet werden müssten.
Viele der Gemeinschaften am Tisch sind bisher nicht Teil der Einflusszone. Aus diesem Grund war ein Punkt auf der Agenda des Verhandlungstisches die Aufnahme dieser Gemeinschaften. Die ANLA ist die Behörde, die die Einflusszone der Mine definiert. Der Vertreter der ANLA sagte am Treffen, dass die Einflusszone bis dorthin gehe, wo es spürbare Auswirkungen gebe. Ethnische Gemeinschaften, die Auswirkungen erleiden, hätten ein Recht auf vorgängige Konsultation. Die Gemeinschaften sollen beantragen, beim nächsten Kontrollbesuch der ANLA besucht zu werden und bei dieser Gelegenheit die Ausdehnung der Einflusszone verlangen. Auf den Wunsch nach einem früheren und separaten technischen Besuch des ANLA geht er nicht direkt ein. Aus den Diskussionen wurde ersichtlich, dass gar nicht klar ist, bis wohin die Einflusszone heute schon reicht. Einer offiziellen Antwort der ANLA auf ein Informationsersuchen der Gemeinschaft Manantialito wurde eine Karte beigelegt, gemäss der z.B. Manantialito schon heute als Teil der Einflusszone anerkannt wäre. Der Vertreter der ANLA sagte weiter, es sei wichtig, dass die Gemeinschaften die Auswirkungen genau und technisch-wissenschaftlich dokumentieren. Dies führte zu Protest im Saal, man würde die Verantwortung einfach auf die Gemeinschaften abschieben. Der ANLA Vertreter relativiert dann seine Aussage und sagt, sie sollen nur möglichst genau erfassen seit wann, wo (ev. GPS Daten des Handys), wie, wieviel etwas passiere oder sich verändert hat.
Cerrejón geht während diesen Gesprächen auf die an sie gerichteten Anliegen nicht wirklich ein. Am Verhandlungstisch hätte das weitere Vorgehen zu den vier Hauptforderungen definiert werden sollen. Das Unternehmen sagt aber lediglich, die Gemeinschaften sollen schriftliche Petitionen einreichen, man würde dann diese anschauen. Cerrejón machte am Verhandlungstisch nicht die geringste Zusage und der Tisch löste sich ohne konkrete Resultate auf. Da stellt sich die Frage, wozu dann dieser Tisch diente wenn nichts vereinbart wird. Eine Schwierigkeit war auch, dass einige Personen und Gemeinschaften an das Treffen kamen, die neu sind, die man noch nicht gut kannte oder die nicht gut vorbereitet und geschult sind. Die Rolle der (internationalen) Garanten wie der ask! ist es deshalb, die Forderungen weiterhin zu unterstützen, ein Follow-up zu machen und weitere Treffen zu begleiten.
Gescheiterte Umsiedlungen: auch nach 10 Jahren nicht selbsttragend und lebenswert
Im März 2022 hat die ask! dazu beigetragen, dass es zu einem Treffen zwischen den VertreterInnen umgesiedelter Gemeinschaften und Glencore aus der Schweiz kommt. An jenem Treffen wurde beschlossen, an einer Mesa de lideres verschiedene Themen der Umsiedlungen erneut zu diskutieren. Doch innert des gesetzten Zeitrahmens wurden keine zufriedenstellende Resultate erzielt. Die umgesiedelten Gemeinschaften beklagten, dass Cerrejón nie Personal mit Entscheidungsbefugnis in die Verhandlungen schicke und so alles verzögere. Deshalb nahmen die umgesiedelten Gemeinschaften auch am Streik im September 2022 teil. Tamaquito mit ihrem Anführer Jairo Fuentes gehörte zu den entschlossensten Streikenden. Im Anschluss an dem Streik wurde auch die Mesa de lideres wieder aufgenommen. Auch die in dieser Mesa verhandelten Themen sind nicht neu. Viele wurden schon vor dem Umzugstermin diskutiert, andere seit Beginn des Lebens am neuen Ort. Es geht beispielsweise um die Trinkwasserversorgung, um einkommensgenerierende Projekte oder Zugang zu Land, aber auch um Themen wie Entwurzelung und psychosoziale Probleme. Auch hier ist es tragisch zu sehen, wie über zehn, fünfzehn Jahre keine wirklichen, nachhaltigen und definitiven Lösungen gefunden werden konnten. In all diesen Jahren der Verhandlungen blieben viele „verbrannte“ Führungspersonen auf der Strecke und die Gemeinschaften wurden manchmal sogar in mehrere Gruppen gespalten. Manche Führungspersonen, nach Jahren erfolglosen Verhandelns beispielsweise über eine kollektive ländliche Umsiedlung, haben in der Verzweiflung einen Anwalt zu Hilfe genommen und dann v.a. um finanzielle Abfindungen verhandelt. Andere Führungspersonen haben sich im Streit über die beste Lösung eines Problems entzweit. Es scheint für Cerrejón viel einfacher und vermutlich auch billiger zu sein, hohe Geldsummen auszubezahlen, statt genügend Land für eine ganze Gemeinschaft zu suchen. Auch hat Cerrejón nie aufgehört, Rivalitäten oder Meinungsverschiedenheiten und die materielle Not auszunutzen, um Gemeinschaften zu spalten oder Teile davon an sich zu binden. Auch hier zeigten sich wieder alle Probleme solcher Verhandlungen: das gegenseitige Misstrauen; die Kooptation von Verhandlungsführern und die Spaltung der Führungspersonen und der Gemeinschaften; komplexe Probleme wo an zu vieles gedacht werden muss und die Konsequenzen nicht immer klar absehbar sind; die Schwierigkeit dieselbe Sprache zu sprechen und unter dem Gesagten dasselbe zu verstehen sowie die Vereinbarung korrekt festzuhalten und die Folgen/Resultate der Übereinkommen abschätzen zu können. Bewohner der Umsiedlungen müssen Entscheidungen von grosser Tragweite treffen, die direkt ihre Existenz betreffen und deren Folgen sie nicht immer abschätzen können. Sie müssen ein geeignetes Landstück auswählen, entscheiden wie das Haus gebaut werden soll oder was für ein einkommensgenerierendes Projekt am erfolgversprechendsten ist. Vor allem werden Kleinbauern aus einfachen Gemeinschaften mit Tauschhandel und z.T. ohne Strom- und Gasanschluss innert kurzer Zeit zwangsurbanisiert und müssen lernen, sich in einem für sie unbekannten Umfeld zurechtzufinden. So waren die ersten Strom- und Gasrechnungen für viele ein Schock. Wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass sich eine Entscheidung nachteilig aiswirkt, wirft Cerrejón ihnen das vor. So passierte es z.B. mit einer teuren und komplexen Wasseraufbereitungsanlage in Tamaquito, die in Kolumbien nicht gewartet werden konnte. Der Gemeinschaft war es wichtig, eine gute Versorgung mit einwandfreiem Trinkwasser zu haben, weshalb sie die vermeintlich beste Anlage auswählten, deren Unterhalt aber eben nicht gewährleistet war und die Wasserversorgung dann eine Zeitlang überhaupt nicht funktionierte.
Am Treffen im November 2022 waren VertreterInnen der Reservate San Francisco und Tamaquito und der afrokolumbianischen Umsiedlungen Las Casitas, Patilla und Roche anwesend. Als erster schildert der Gouverneur von San Francisco die Probleme dieser Wayuu-Gemeinschaft, die nur 300 – 500 Meter von den Abraumhalden und der Abbaufront entfernt liegt. Ihr Territorium wird durch eine Strasse zweigeteilt. Viele Gemeinschaftsmitglieder würden an Krankheiten leiden. Die Flora und Fauna nehme ab und die Umweltverschmutzung behindere die landwirtschaftliche Produktion. Ertrag aus Jagd und Fischfang würden ebenfalls zurückgehen, da sie keinen Zugang zu Waldgebieten und zum Fluss hätten und das Wasser verschmutzt sei. So wurden sie zu reinen Konsumenten degradiert, erhalten aber auch keine Arbeit oder Unterstützung. Die Bewohner des Reservates leiden an Hunger und Mangelernährung, mehrere Gemeinschaftsmitglieder seien sogar wegen der Verschmutzung gestorben. Die Gemeinschaft fühlt sich von der Regierung und dem Unternehmen im Stich gelassen, weshalb sie den Streik unterstützt haben. So forderten sie auch die Aufnahme in die Umsetzungsmassnahmen des Urteils T-704 zur vorgängigen Konsultation. Cerrejón habe sich lange dagegen gesträubt und deshalb Streit und Spaltung gefördert. Nun werde die vorgängige Konsultation aber endlich beginnen. Wenn das Unternehmen die Auflagen im Umweltbereich nicht erfülle, brauche es schärfere Sanktionen bis hin zur Schliessung von einzelnen Gruben. San Francisco verlangt zudem von Cerrejón Entschädigung für soziale und kulturelle Schäden.
Las Casitas wurde vor sieben Jahren umgesiedelt und seither – so berichtete die Vertreterin von Las Casitas am Treffen mit der ask! – gebe es keine Verbesserungen. Las Casitas möchte eine Kooperative aufbauen und dafür Landwirtschaftsland kaufen. Aber zu diesem Punkt gab es noch keine Einigung mit Cerrejón. Bezüglich Arbeitsmöglichkeiten in der Mine und allgemein in der Region seien die Perspektiven unsicher und die einkommensgenerierenden Projekte seien über die Zeit nicht nachhaltig gewesen. Auf den Parzellen der umgesiedelten BewohnerInnen gab es keinen Strom, weshalb sie illegal Leitungen zu den Parzellen ziehen mussten. Nun hat die Energiefirma den Strom abgestellt, respektive die illegalen Leitungen abgebaut. Dies hat zu Problemen für die Fischzucht und mit den Masthühnern geführt. Für junge Familien gebe es wenige wirtschaftliche Möglichkeiten in der Umsiedlung. Sie verfügten über ausgebildete Berufsleute in den Gemeinschaften, aber Cerrejón habe kein Interesse, Leute aus den Gemeinschaften anzustellen. Nach dem Streik habe Cerrejón zugesichert, zehn Personen pro Jahr für den Minenbetrieb anzustellen, was sehr wenig sei.
Die Vertreterin von Roche erzählt, wie der Verhandlungstisch der Umsiedlungen (mesa de líderes) zu ein paar Verbesserungen in der Lebensqualität und bei den Arbeitsplätzen geführt habe. Seit der Umsiedlung vor über zehn Jahren habe nur eine Person aus Roche eine Direktanstellung bei Cerrejón erhalten. Für die vielen älteren Erwachsenen brauche es einkommensgenerierende Projekte und Arbeitsmöglichkeiten. Die Häuser in Roche würden wegen dem instabilen Untergrund weiterhin Schäden aufweisen und müssten laufend repariert werden. Cerrejón und die Quartierkommission JAC hätten sich aber nicht auf den Preis der Reparaturen einigen können. Die Familien mit beschädigten Häusern erhalten monatlich eine Summe, um ausserhalb von Roche leben zu können. Diese Familien begnügen sich damit und haben wenig Interesse an langfristigen Lösungen für die Häuser. Die Bildungsmöglichkeiten konnten dank den Verhandlungen etwas verbessert werden. Die wirtschaftliche Nachhaltigkeit habe sich dagegen wenig verbessert. Cerrejón habe sich nun aber bereit erklärt, ein Gemeinschaftsprojekt zu unterstützen. Das jahrelange Problem mit der Trinkwasserversorgung soll nun durch den Anschluss an die Trinkwasserversorgung der Gemeinde Fonseca gelöst werden.
Die Vertreterin von Patilla betont, wie die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen und die zukünftige ökonomische Tragfähigkeit der umgesiedelten Gemeinschaften wichtige Themen sind. Die Gemeinschaften seien nach wie vor noch nicht selbsttragend. Wenn sie in Zukunft z.B. die Dienstleistungen (Wasser, Gas, Strom etc.) alle selbst bezahlen müssten, könnten sie das ohne Arbeitsplätze und Einkommen nicht tragen. Nach all den Jahren hätten die Familien immer noch keine stabilen Einkommen, um Dienstleistungen und Essen zu bezahlen, obwohl Patilla mehr Personen hat, die im Minenbetrieb beschäftigt sind als andere Gemeinschaften. Viele Bewohner von Patilla seien nicht vorbereitet gewesen auf die Veränderungen und den Bruch der sozialen Netzwerke und Strukturen, die mit der Umsiedlung einhergingen. Sowohl vor als auch nach der Umsiedlung habe es keine umfassenden Studien über die mentale und körperliche Gesundheit der Bewohner gegeben. Einige Monate nach dem Umzug an den neuen Ort seien viele betagte Bewohner gestorben. Die Sozialprogramme für Senioren hätten sich verschlechtert und seien nicht integral. Es werde etwas gegeben und dafür anderes gestrichen. Es gebe ältere Personen, die nicht in der Umsiedlung leben, weil sie dort den Lebensunterhalt nicht bestreiten könnten. Die mit der Umsiedlung zugeteilte Hektare Land nütze Personen, die viele Tiere besitzen, nichts, weshalb sie mit den Tieren an anderen Orten leben. Dadurch verlieren sie aber die Berechtigung auf die Sozialprogramme. Ab 2018 habe die Stiftung FUNDES einkommensgenerierende Projekte unterstützt. 20 Mio. Pesos sei pro Projekt ausbezahlt worden, und nach einem Jahr seien alle Projekte vollständig gescheitert. Es habe sogar Projekte gegeben, die keine Bewilligung hatten und es wurde die schlechte Mittelverwendung durch FUNDES beklagt. Es gebe somit bis heute kein einkommensgenerierendes Projekt das funktioniere.
In Tamaquito ist die Wasseraufbereitungsanlage weiterhin ein Thema. Die Gemeinschaft möchte ebenfalls an die Trinkwasserversorgung der Gemeinde Fonseca angeschlossen werden, aber es herrscht keine Klarheit darüber, ob dann genügend Wasser in guter Qualität komme. Cerrejón habe zugesagt, für die Wasseraufbereitungsanlage von Tamaquito weitere 5 Jahre zu bezahlen. Als die Gemeinschaft umgesiedelt wurde, bestand sie aus 31 Familien, heute sind es 71. Das Wachstum der Gemeinschaften ist ein „Problem“, das diese kommen sahen und früh darauf hinwiesen, dass es Platz für neu gegründete Familien brauche. Trotzdem fehlten in den Umsiedlungen Parzellen und Land für die neu gegründeten Familien. Wegen den neuen Familien steige in Tamaquito der Wasserverbrauch. Sie bräuchten auch mehr Land. Dieses reiche für die Tierzucht und Anbau nicht mehr aus. Tamaquito ist nicht Teil der Umsetzung des Urteils T-704. Gestützt auf das Urteil T-704 konsultiert zu werden ist aber eine wesentliche Forderung. Es wird in den Gemeinschaften herumerzählt, dass Cerrejón bestimme, auf welche Gemeinschaften das Urteil T-704 Anwendung finde. Soziale und Nachhaltigkeitsthemen sind eine grosse Sorge. Sie haben zwar den landwirtschaftlichen Produktionsbetrieb, aber die Produktion sei nicht sehr gross und reiche nicht, um Produkte regelmässig vermarkten und damit genügend Einkommen generieren zu können. Tamaquito wollte bisher keine Arbeitsplätze in der Mine haben, aber angesichts der sozialen Notlage haben sie ihre Meinung ändern müssen. Die Gemeinschaft möchte Solarpanels installieren, um mit der Energieversorgung autonomer zu werden und sucht Unterstützung dafür. Es gibt viele unbefriedigte Bedürfnisse bei den Jugendlichen, eine gute Bildung ist zum Beispiel weiterhin eine Herausforderung. Gemäss den Aussagen von Jairo Fuentes, Gemeinschaftsvertreter von Tamaquito, zeigt Cerrejón nicht viel guten Willen und hält seine Versprechen nicht ein. Vertreter von Glencore hätten Tamaquito besucht und versprochen, den Umgang mit den Gemeinschaften zu verbessern, aber dieses Versprechen wurde nicht eingehalten. Tamaquito kämpfe für eine nachhaltige und selbsttragende Entwicklung in der Zukunft, wozu sie Unterstützung für deutlich grössere Projekte brauchen. Cerrejón habe erst vor kurzem begonnen, auf solche Projektideen einzusteigen. Da es nach dem Streik vom September zu Drohungen kam, wollen die Gemeinschaften nicht leichtfertig einen neuen Streik durchführen. Sie wollen aber auch keine Almosen oder kurzfristige Lösungen, sondern nachhaltige, dauerhafte Lösungen zu den sozioökonomischen und den Umweltproblemen. Das Ziel von Tamaquito sei es, von Cerrejón unabhängig zu werden, ohne Cerrejón leben können. Die Haltung von Tamaquito ist klar: Wenn dieser Verhandlungstisch erneut scheitert, schreiten sie wieder zu direkten Aktionen, aber stärker als zuvor, mit nationaler und internationaler Unterstützung, und werden trotz der Risiken, die das bedeutet, die ganze Mine blockieren und zum Stillstand zwingen.