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2014 feierte man in Russland und in der Schweiz die 200-jährigen diplomatischen Beziehungen – 1814 hatte Zar Alexander I. mit Capo d’Istria den ersten Abgesandten bei der Eidgenössischen Tagsatzung ernannt.
Auch dieses Jahr gibt es ein Jubiläum – 70 Jahre seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland 1946. Ein weniger schönes Jubiläum, denn es weist auf die Lücke im ersteren hin – eine Lücke von 23 Jahren, zwischen 1923 und 1946 als die Schweiz und die Sowjetunion nicht mehr miteinander redeten.
Man spricht nicht gerne über den Grund des Konflikts, besonders jetzt nicht, wo die Freundschaft und Friede wichtiger denn je sind. Dennoch lohnt es sich, nebst den Lobeshymnen über die Freundschaftsbande, die durch Suworow, Euler und La Harpe geknüpft wurden, einen Seitenblick auf ein russisch-schweizerisches Schicksal zu werfen, das die ganze Zerrissenheit und Grausamkeit jener Zeit spiegelt.
Der Mann, der das «Loch» in das 200-jährige Jubiläum schoss, hiess Moritz Conradi und stammte aus der Familie von Bündner Schokoladenfabrikanten, die im 19. Jahrhundert nach St. Petersburg gekommen waren. Er war in Petersburg aufgewachsen, studierte am Polytechnikum und zog 1914 mit der russischen Armee in den Weltkrieg, wofür er als Schweizer eine Erlaubnis von Zar Nikolaus II erhielt.
Nach der Revolution 1917 kämpfte er als hochdekorierter Offizier auf der Seite der Weissen Garde gegen die Bolschewisten, und zwar bis am Schluss, als sich Wrangels Truppen 1920 von der Krim evakuiert wurden. Sein Vater sowie mehrere Verwandte wurden durch die kommunistische Geheimpolizei «Tscheka» ermordet, doch ihm gelang es über die Türkei in die Schweiz zu fliehen.
Hier wurde aus dem Patrioten ein Mörder. Verbittert und voller Rachegefühle erschoss er am 10. Mai 1923 im Lausanner Hotel «Cécil» den sowjetischen Diplomaten Wazlaw Worowski, der zur Meerengen-Konferenz angereist war, aber keine offizielle Akkreditierung besass. Deshalb behandelte die Justiz den Fall als normale Strafsache, und im Zug der starken antikommunistischen Stimmung sprach das Geschworenengericht den Rachemörder Conradi frei. Die Sowjetunion begrub den «Märtyrer» Worowski an der Kremlmauer und verhängte gegenüber der Schweiz einen Boykott, der bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte.
Conradi kam mit seinem Unglück nicht zurecht und diente noch einige Jahre in der Fremdenlegion, bis ihn die Geschichte «verschluckte» – sein Tod ist legendenumwoben – weder Ort, noch Datum und Ursache sind klar belegt.
Kürzlich erfuhr ich, dass sich die Fabrik der Familie Conradi nicht weit von meiner Wohnung befunden hatte, und ich unternahm einen Spaziergang in die Gegend des «Abwasserkanals», der im 19. Jahrhundert für die wachsende Industrie errichtet worden war.
Meine Spurensuche endete abrupt vor dem Schlagbaum, der mir den Zugang zu einer der vielen Fabrikbauten aus rotem Ziegelstein versperrte. Keine Anzeichen der Vergangenheit, Stille, Alltag. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe und betrachtete noch eine Weile diese beschauliche Kulisse, vor der sich einst ein russisch-schweizerisches Drama abspielte.
Eugen von Arb,
15.2.2016, 115. Jahrgang, Nr. 46.
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