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Norbert
Gstrein
Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein (*1961) sorgte mit der Veröffentlichung seines fünften Romans Die ganze Wahrheit für eines der grossen literarischen Ereignisse des vergangenen Jahres. Als “Skandal mit Ansage” (FAZ) wurde der Roman über einen Wiener Kleinverlag und dessen esoterisch veranlagte Verlegerwitwe in den Feuilletons angekündigt, da die augenfälligen Parallelen zu Suhrkamp und Ulla Unseld-Berkéwicz zum vorschnellen Schluss verleiteten, es handle sich schlicht um einen entlarvenden Schlüsselroman. Doch entspräche eine solche eindeutige Genrezuweisung freilich nicht der ganzen Wahrheit. Gstreins virtuos und mitunter sehr (selbst-)ironisch vorgetragenes Wechsel- und Versteckspiel entlang von Fakten und Fiktionen bildet vielmehr ein grundlegendes erzählerisches Charakteristikum des Autors, womit dieser bereits in früheren Werken wie Die englischen Jahre in gekonnter Manier die Fragwürdigkeit jedweder “Authentizität” und “Wahrheit” blosslegte. Die souveräne Verflechtung mehrstimmiger Erzählperspektiven im Hinblick auf die Deutungshoheit über eine jederzeit manipulierbare Biographie legt nicht nur die verschiedenen “Wahrheiten” eines Menschenlebens, sondern ausserdem Gstreins sprachlich ohnehin beeindruckende Erzählkunst offen, wie sie im gegenwärtigen Literaturbetrieb eine Seltenheit darstellt.