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Es war am 17. September 2022, als der FCL in der 2. Runde des Schweizer Cups in Bellinzona anzutreten hatte. Die Luzerner Zeitung konstatierte am Tag danach nüchtern: «Der FC Luzern gewinnt mit viel Mühe gegen die AC Bellinzona ein körperbetontes Cupspiel mit 1:0 nach Verlängerung.» Es war fussballerisch wahrlich kein Leckerbissen, sodass man die Aufmerksamkeit locker auf das Geschehen neben dem Spielfeld lenken konnte. Dort fiel ein Transparent der mitgereisten Fans sofort auf, da es zum ersten Mal gehisst wurde: «PETRALITO: PERSONA NON GRATA» stand da in kapitalen Lettern geschrieben.[1] Doch wer ist dieser «Petralito», was hat er mit dem FCL zu tun und warum ist er ʹnicht so beliebtʹ? Wir rollen auf.
Vom Metzger zum Manager
Gioacchino Petralito, der sich lieber Giacomo nennt, wuchs die ersten gut 13 Lebensjahre in Sizilien auf, bis sein Vater in den 1960er-Jahren eine Stelle als Schweiz-Korrespondent einer italienischen Sportzeitung annahm. Petralito junior machte in der Schweiz eine Lehre als Metzger, wurde Weinhändler und rutschte ins Spielerberater-Business. Wie das geschah, erzählte er in einem Video-Interview einer Schweizer Zeitung. Sein Vater habe die Resultate der Schweizer Fussballspiele an die «Gazzetta dello Sport» weitergeleitet und dadurch auch die Journalisten gekannt. Diese hätten ihnen (den Petralitos) ermöglicht, dass sie in Morschach das Trainingslager von Sampdoria Genua organisieren konnten. Der damalige Sampdoria-Spieler Mancini habe Giacomo Petralito dann (scheinbar aus dem Nichts) gefragt, ob er organisieren könne, dass Mancini nach seiner Karriere in Italien bei GC einen Vertrag bekäme.
Petralito rief in der Folge den damaligen GC-Sportchef Erich Vogel an, gab sich als Manager von Mancini aus und bot diesen GC an.[2] Der aktuelle italienische Nationaltrainer Mancini, Sieger der EURO 2020, hat selbstredend nie für GC gespielt und ob die Geschichte wirklich zu 100 % wahr ist, lässt sich kaum mehr nachverfolgen. Wie bei jeder Geschichte, in der Gioacchino, ähm sorry, Giacomo Petralito involviert ist. Und solche Geschichten gibt es viele. Nicht selten scheinen sie beim Richter zu enden …
«Im Fussball schnupfen doch viele.»
Eine der ersten Storys mit Luzern-Bezug, in die Giacomo Petralito involviert war, ist zugleich eine der tragischsten, die sich im Schweizer Fussball in den letzten Jahrzehnten ereignet hat. Es geht um die Geschichte von Edin Gazic, seinerzeit ein riesiges Talent im Schweizer Fussball. Als 18-Jähriger war Gazic Stammspieler beim damaligen NLA-Leader Neuchâtel Xamax und gemäss einem Bericht der Weltwoche «prophezeiten ihm die Experten eine Berufung ins Nationalteam».[3] Von Xamax folgte der Wechsel zu GC, wo dem 19-Jährigen im Sommer 1999 fristlos gekündigt wurde. Drogenprobleme. Kokain. Da kam Petralito ins Spiel. Er nahm Gazic unter Vertrag, den Kokain-Vorfall kommentierte er mit den Worten: «Edin hat ein bisschen geschnupft, aber er war kein Drogenfall.» Die Weltwoche konstatierte, dass Gazic für Petralito ein geringes Risiko darstelle: «Fängt sich Gazic wieder auf, würde man mit ihm fette Transfergewinne erzielen können.»[4] Petralito wollte sich dennoch absichern. Wie man dem Weltwoche-Bericht weiter entnehmen kann, hatte Petralito dem in FCL-Kreisen nicht unbekannten Luzerner Millionär Peter Blum für die stolze Summe von 125’000 Franken die Hälfte der Transferrechte an Gazic verkauft. Dessen Drogenprobleme liess er gänzlich unerwähnt. Als Blum davon erfuhr, klagte er Petralito ein. Petralito habe sich dann mit folgendem Satz verteidigt: «Wieso hätte ich das erwähnen sollen? Im Fussball schnupfen doch viele.»[5] Als Petralito merkte, dass er mit Gazic nicht mehr das grosse Geld machen konnte, kündigte er das Mandat. In Petralitos Wortlaut klingt das so: „Als er dann ein Job in einer „Jugo-Bar“ annahm, habe ich ihm gekündigt.“
Im März 2001 fand man Gazic tot auf – die wahrscheinlichste Todesursache: Überdosis Kokain.[6]
Deutliche Worte
«Das grosse Geld» – daran erinnert sich auch Davide Chiumiento, ein weiterer Petralito-Schützling mit FCL-Vergangenheit. Chiumiento hatte sich bereits in sehr jungem Alter (wie das abläuft, ist im Türchen 10 zu lesen) die Dienste von Petralito gesichert – oder sagen wir besser: Petralito hatte sich früh die Rechte an Chiumiento gesichert. Schon mit 15 Jahren wechselte Davide zu Juventus Turin – ein Schritt, der von Petralito miteingefädelt wurde, sich aber später als zu gross herausstellen sollte. Ganze 30 Minuten spielte das Riesentalent in seiner Karriere für Juventus Turin in der Serie A. Später sollte Chiumiento sagen: «Wir waren naiv und wussten ja nicht, wie falsch Leute in diesem Business sein können.» Und weiter, dass sein Entscheid für Petralito nicht der beste gewesen sei, weil «Petralito nur das Geld zählen wollte».[7] Deutliche Worte von einem, der es wissen muss.
Seltsame Verbindungen
Aber nicht nur im Appenzell, wo Chiumiento herkam, sondern auch in Basel schien man Anfang der 2000er-Jahre ganz und gar nicht glücklich mit Petralito, der an so vielen Transfers beteiligt war oder beteiligt sein wollte. Geradezu komisch mutete seine Verbandelung mit Murat Yakin an, der damals als Spieler beim FC Basel unter Vertrag war. Yakin war nämlich gleichzeitig Berater bei der von Petralito mitgeführten «4sports ag».[8] Dieses Unternehmen hatte z. B. ein Mandat für den Transfer des damaligen Top-Spielers Christian Gimenez in eine grössere Liga.[9] Man stelle sich dies einmal vor: Petralito und der beim FC Basel spielende Yakin versuchen den besten Spieler des FC Basel wegzutransferieren. Kein Wunder, fand man in Basel insbesondere in Fankreisen keinen Gefallen an Petralito.
Das war’s für heute – morgen geht’s mit noch schrägeren Petralito-Storys weiter.
[1] https://www.luzernerzeitung.ch/sport/fcluzern/fc-luzern-berater-krach-um-jashari-fcl-fans-demonstrieren-gegen-petralito-ungeheuerliche-vorwuerfe-eines-newsportals-gegen-sportchef-meyer-ld.2345484
[2] https://www.blick.ch/sport/fussball/blick-kick/blick-kick-der-fussball-talk-spielerberater-giacomo-petralito-packt-aus-id16862375.html, Min. 15:26–16:41
[3] «Rausgeworfen, fallengelassen, totgeschwiegen», Artikel in der Weltwoche vom 2. August 2001.
[4] «Rausgeworfen, fallengelassen, totgeschwiegen», Artikel in der Weltwoche vom 2. August 2001.
[5] «Rausgeworfen, fallengelassen, totgeschwiegen», Artikel in der Weltwoche vom 2. August 2001.
[6] «Rausgeworfen, fallengelassen, totgeschwiegen», Artikel in der Weltwoche vom 2. August 2001.
[7] https://www.watson.ch/sport/fussball/678313024-davide-chiumiento-war-das-groesste-schweizer-fussballtalent-und-heute
[8] http://www.4sportsag.ch/de/D_team.html, abgerufen am 31.08.2005 –> Einsicht auf die Seite Stand 25.05.2005 aus dem Webarchive https://web.archive.org/web/20050525122238/http://www.4sportsag.ch/de/D_team.html
[9] «Leben zwischen Ball und Berater», Artikel in der Basler Zeitung vom 26. August 2005