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Sakerfalke (oder Würgfalke)
Falco cherrug
© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die zur vielgestaltigen Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) gehörende Familie der Falken (Falconidae) umfasst weltweit 67 Arten. 39 von ihnen, also fast sechzig Prozent, sind einander körperbaulich dermassen ähnlich, dass sie in einer einzigen Gattung, derjenigen der Eigentlichen Falken (Falco), zusammengefasst werden. Sie sind allesamt hervorragend an die Verfolgung lebender Beutetiere im freien Luftraum und/oder in der offenen Landschaft angepasst. Bezüglich der Körpergrösse reicht das Spektrum vom zierlichen Buntfalken (Falco sparverinus), der nur ungefähr 100 Gramm auf die Waage bringt, bis hin zum Gerfalken (Falco rusticolus), welcher um 1,5 Kilogramm wiegt.
Hinsichtlich ihrer bevorzugten Jagdweise werden die Eigentlichen Falken in zwei Gruppen gegliedert: Die «Edelfalken», zu denen man die Jagdfalken, Wanderfalken, Baumfalken, Eleonorenfalken und Merline rechnet, sind spektakuläre Luftraumjäger und übertreffen in der Schnelligkeit ihres Flugs und vor allem in der ausserordentlichen Geschwindigkeit ihres Sturzflugs wohl alle anderen Vogelarten. Die «Rüttelfalken» dagegen, zu denen die Turmfalkenverwandten, die Graufalken und die Rotfussfalken gehören, erjagen ihre Beutetiere vorwiegend am Erdboden, indem sie nach spähendem Rütteln oder von einem Ansitz aus steil herunterstossen und zupacken. Der Sakerfalke oder Würgfalke (Falco cherrug), von dem hier berichtet werden soll, ist zwar ein Edelfalke, bejagt aber als «Generalist» sowohl Beute in der Luft als auch solche am Boden.
Kein Würger
Lange Zeit wurde der Sakerfalke im deutschen Sprachraum «Würgfalke» genannt. Sein ursprünglicher Name ist jedoch Saker. Unter dieser Bezeichnung ist er insbesondere schon im berühmten, um 1245 verfassten «Falkenbuch» des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. (1194-1250) zu finden. Der Begriff leitet sich vom arabischen Caqr ab, was Edel- oder Jagdfalke bedeutet. Der Name Würgfalke bürgerte sich erst im 19. Jahrhundert aufgrund der damals geltenden wissenschaftlichen Bezeichnung Falco lanarius ein, denn das lateinische Wort lanarius bedeutet «zerfleischend, würgend». Da der Sakerfalke aber kein Grifftöter ist, also kein «Würger», sondern wie alle Falken ein Bisstöter, und da überdies Sakerfalke der ältere der beiden Namen ist, geben wir ihm hier den Vorzug.
Innerhalb der Gattung der Eigentlichen Falken steht der osteuropäisch-zentralasiatische Sakerfalke dem im hohen Norden heimischen Gerfalken (Falco rusticolus), dem afrikanischen Lannerfalken (Falco biarmicus) und dem indisch-afghanischen Laggarfalken (Falco jugger) verwandtschaftlich sehr nahe. Die vier sind einander hinsichtlich ihres Körperbaus, ihres Gefieders und ihrer Lebensweise überaus ähnlich und werden darum in einer separaten Untergattung namens Jagdfalken (Hierofalco) zusammengefasst.
Neueren molekularbiologischen Untersuchungen zufolge sind die vier Vettern in der Tat genetisch kaum voneinander abgrenzbar, weil offensichtlich ihre Aufsplitterung in separate Arten erdgeschichtlich sehr jungen Datums ist. Als Ursprungsart der vier Falken gilt der Lannerfalke, der in weiten Teilen Afrikas heimisch ist. Jedenfalls ist der älteste uns bekannte Fossilfund eines als Jagdfalke identifizierbaren Vogels ein Lannerfalke. Er stammt aus Korsika und ist etwa 34 000 Jahre alt. Der älteste Fossilfund eines Sakerfalken stammt aus Israel und ist ungefähr 19 000 Jahre alt.
Innerhalb seiner Sippe gehört der Sakerfalke mit einer Länge von 46 bis 58 Zentimetern und einer Flügelspannweite von 104 bis 129 Zentimetern zu den grösseren Arten. Wie bei vielen Greifvogelarten sind die weiblichen Individuen deutlich grösser als die männlichen: Sie wiegen zwischen 950 und 1300 Gramm und haben eine Flügellänge von etwa 40 Zentimetern (38-41,5 cm), während die Männchen ein Gewicht von 700 bis 1150 Gramm und eine Flügellänge von etwa 36 Zentimetern (33,5-37,5 cm) aufweisen.
Interessanterweise sind die Individuen im Westen des Artverbreitungsgebiets durchschnittlich etwas kleiner als die im Osten. Ferner sind sie oberseits gewöhnlich einheitlich dunkelbraun gefärbt, während diejenigen im Osten heller braun sind und eine graue Querbänderung aufweisen. Aufgrund dieser geografischen Variation werden manchmal zwei Unterarten unterschieden: Die kleineren, dunkleren Bestände im Westen werden als Westlicher Sakerfalke oder «Steppensaker» (Falco cherrug cherrug) bezeichnet, die grösseren, helleren im Osten als Östlicher Sakerfalke oder «Bergsaker» (Falco cherrug milvipes). Da die Variabilität innerhalb der westlichen wie der östlichen Bestände erheblich ist, ist diese Gliederung in zwei Unterarten allerdings fragwürdig und wird nicht allgemein anerkannt.
Teils Zug-, teils Strich-, teils Standvogel
Der Sakerfalke ist über weite Bereiche Osteuropas und Zentralasiens verbreitet. Brutbestände finden sich in mehr als zwanzig Ländern, von Österreich und Ungarn im Westen durch Usbekistan, Kasachstan und Kirgisistan bis zur Mongolei und nach China im Osten. Überwinternde Bestände finden sich in zahlreichen weiteren Ländern südlich des genannten Brutareals, darunter in Indien, Pakistan, Iran, Ägypten, Sudan und Kenia.
Die Sakerfalken, welche im nördlichen Bereich des Brutareals (beispielsweise im nördlichen Kasachstan) zur Brut schreiten, sind im Allgemeinen Zugvögel, während diejenigen, welche im südlichen Brutareal (beispielsweise in Turkmenistan) brüten, mehrheitlich Standvögel sind. Allerdings kann es in ein und demselben Bestand sowohl Zug- als auch Standvögel geben. Offensichtlich spielt nicht allein das schwindende Nahrungsangebot im Winterhalbjahr eine Rolle für das Zugverhalten, sondern noch weitere Faktoren. Beispielsweise scheinen revierbesitzende Altvögel weniger zum Ziehen geneigt zu sein als besitzlose Jungvögel. Ausserdem passen verschiedene Bestände ihr Zugverhalten der aktuellen Situation an: Die ungarischen Sakerfalken beispielsweise bleiben bei günstigen Nahrungsverhältnissen jeweils im Brutgebiet; anderenfalls streichen sie in den östlichen Mittelmeerraum ab oder ziehen gar weiter nach Süden bis Ostafrika.
Der Sakerfalke ist wie die anderen Jagdfalken zur Hauptsache ein Vogel der offenen Landschaften. Er bewohnt vorzugsweise offene Steppen, teils aber auch Halbwüsten, felsige Hochebenen, Waldsteppen und manchmal sogar extensiv genutzte Landwirtschaftsflächen - und zwar in Lagen von 0 bis ungefähr 1000 Meter ü.M. Wie die anderen Jagdfalken ist der Sakerfalke ferner ein äusserst schneller und wendiger Jäger. Im Vergleich zum Wanderfalken (Falco peregrinus), welcher körperbaulich perfekt an die Langstreckenflugjagd angepasst ist, besitzt er etwas breitere, weniger spitze Schwingen und einen deutlich längeren Schwanz. Er ist darum nicht ganz so schnell unterwegs wie jener, kann jedoch engere Kurven fliegen, also besser manövrieren - und ist darum in der Lage, Beutetiere sowohl in der Luft als auch am Boden zu schlagen.
Meistens jagt der Sakerfalke nicht von hoch oben im Luftraum aus, sondern bewegt sich in unmittelbarer Bodennähe umher. In den osteuropäischen und zentralasiatischen Steppen bilden im Sommer Ziesel (Spermophilus spp.) und weitere kleinere bis mittelgrosse Säugetiere, darunter Hasen, Wiesel und Pfeifhasen, seine Hauptbeutetiere. Im Winter hingegen erlegt er - als Standvogel im Brutgebiet ebenso wie als Zugvogel im Winterquartier - vor allem Vögel bis zur Grösse von Enten, wobei Tauben eine besonders wichtige Rolle spielen.
Sie erobern Adlerhorste
Die erwachsenen Sakerfalken leben ausserhalb der Fortpflanzungszeit einzelgängerisch. Jeweils zu Beginn der Brutsaison finden sie sich zu Paaren zusammen und besetzen grossflächige Brutreviere, in denen sie keine Artgenossen dulden. In Steppengebieten horsten sie gewöhnlich auf Bäumen, und zwar stets auf alten Nestern anderer Vogelarten, darunter Bussarden, Saatkrähen oder Graureihern. Sogar einen Seeadler- oder Kaiseradlerhorst kann ein Sakerfalkenpaar durch heftige Flugstösse erobern. Seltener brüten sie in den Steppen an Felsen oder Steilhängen, was hingegen in den Hochländern Zentralasiens häufig der Fall ist. Manchmal befinden sich Sakerfalkennester auch auf Strommasten, selten auf dem Boden.
Das Weibchen legt gewöhnlich im April 3 bis 4 Eier in zweitägigem Intervall. Es beginnt mit dem Bebrüten des Geleges erst, wenn dieses vollzählig ist. Zwar beteiligt sich auch das Männchen am Brüten, doch übernimmt das Weibchen stets deutlich längere Schichten. Nachdem die Jungvögel nach einer Brutdauer von 32 bis 35 Tagen gestaffelt aus den Eiern geschlüpft sind, wird die Aufgabenteilung strikter: Das wendigere Männchen geht unermüdlich auf die Jagd und versorgt die ganze Familie mit Futter, während das kräftigere Weibchen rund um die Uhr die Jungen betreut und bewacht. Erst nach ungefähr zwei Wochen beginnt auch das Weibchen, sich an der Nahrungsbeschaffung für die nimmersatten Jungen zu beteiligen. Im Alter von etwa sieben Wochen sind die Jungvögel flugfähig und verlassen dann das Nest. Sie sind jedoch weitere fünf bis sechs Wochen auf die Zufütterung durch ihre Eltern angewiesen. Und auch hernach, wenn sie sich selbstständig mit Beute zu versorgen vermögen, bleiben sie noch geraume Zeit im elterlichen Jagdgebiet.
Wie praktisch alle Wildtiere unterliegen die jungen Sakerfalken einer hohen Sterblichkeit während ihres ersten Lebensjahrs. Sie liegt bei rund 75 Prozent. Die überlebenden Weibchen pflanzen sich gewöhnlich in ihrem zweiten oder dritten Lebensjahr erstmals selbst fort. Die Männchen erreichen die Geschlechtsreife zwar ebenfalls im Alter von etwa zwei Jahren, doch gelingt es ihnen gewöhnlich erst in ihrem vierten oder fünften Lebensjahr, ein Revier zu erobern und zur Fortpflanzung zu schreiten.
Ein begehrter Beizvogel
Die Weltnaturschutzunion (IUCN), die sich auf die Daten von BirdLife International abstützt, schätzte die Population des Sakerfalken bereits im Jahr 1990 auf insgesamt nur noch 8500 bis 12 000 Paare, im Jahr 2003 dann sogar auf nur noch 3600 bis 4400 Paare. Am schlimmsten waren die Rückgänge in Kasachstan und Usbekistan mit etwa 90 Prozent; in Russland und Kirgisistan lagen sie bei etwa 70, in der Mongolei bei ungefähr 60 Prozent. Aufgrund des besorgniserregenden Populationsschwunds von insgesamt 50 bis 70 Prozent innerhalb von kaum mehr als einem Jahrzehnt wurde die Art im Jahr 2004 auf der Roten Liste von «Verletzlich» zu «Bedroht» hochgestuft.
Der starke Rückgang des Sakerfalken im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückzuführen: erstens auf die Umwandlung weiter Steppengebiete in landwirtschaftliche Nutzflächen, das heisst Lebensraumverlust oder zumindest -beeinträchtigung; zweitens auf den Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln, wodurch einerseits die Klein- bzw. Beutetierbestände schwinden und andererseits die Gesundheit von Falken und anderen Nahrungsketten-Endgliedern leiden; drittens - und in jüngerer Zeit hauptsächlich - auf den Fang vor allem junger, gut abrichtbarer Individuen für die Falknerei.
Der ausserordentlich schnelle und zugleich wendige Sakerfalke ist bei den zahlreichen wohlhabenden Falknern in den Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien als Beizvogel sehr geschätzt, denn er versteht die Luft- wie die Bodenjagd, und er vermag selbst grössere Beutetiere wie Enten und Hasen zu schlagen. Zwar ist er weniger gut für die spektakuläre Flugjagd geeignet als der Wanderfalke, doch ist er besser als dieser an das Klima in Wüstenrandbereichen angepasst und entsprechend leichter zu halten. Ausserdem ist er für die Jagd auf Kragentrappen (Chlamydotis undulata) gut geeignet, welche eine traditionelle Lieblingsbeute der arabischen Falkner darstellen (und darum heute ihrerseits im Fortbestand gefährdet sind).
Sakerfalken werden vor allem in ihren Brutgebieten, teils aber auch entlang der Zugrouten und in den Winterquartieren gefangen. Da die Art in vielen Ländern unter gesetzlichen Schutz steht und ihr Handel im Rahmen der Konvention über den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) überwacht wird, erfolgt ein Grossteil des Fangs und des Handels illegal. Verlässliche Zahlen sind daher so gut wie keine zu erhalten. Zwar besteht dieses Geschäft mit Beizvögeln seit Generationen. Durch den heutigen, grossen Reichtum der Falkner auf der Arabischen Halbinsel ist es jedoch mächtig angekurbelt worden.
Immerhin gibt es nicht nur schlechte Nachrichten für den Sakerfalken. Während die zentralasiatischen Bestände in jüngerer Zeit stark schwinden, scheinen sich die osteuropäischen Bestände leicht zu erholen und zeigen sogar eine leichte Arealausweitung. Trotzdem gibt es in Europa wohl kaum mehr als 700 Brutpaare, das bedeutet im Vergleich zum 19. Jahrhundert einen Rückgang um über 90 Prozent. Gute und teilweise expandierende Vorkommen sind besonders in Ungarn mit etwa 120 Paaren und in der Ukraine mit rund 100 Paaren zu verzeichnen. Im Osten Österreichs und in Ungarn nahmen die örtlichen Bestände vor allem dank aufwendiger Schutzmassnahmen (Kunstnester, Horstbewachung) zu. Aber auch der Sakerfalke hat einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung seines Bestands geleistet, indem er nach dem weitgehenden Verschwinden des Ziesels in den Steppen Osteuropas erfolgreich auf die Haustaube als Ersatznahrung umgestellt hat.
Legenden
Der Sakerfalke oder Würgfalke (Falco cherrug) gehört mit einer Länge von 46 bis 58 Zentimetern, einer Flügelspannweite von 104 bis 129 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 700 bis 1300 Gramm zu den grössten der 39 Mitglieder der Gattung Falco. Die Weibchen sind im Durchschnitt deutlich grösser als die Männchen, unterscheiden sich ansonsten aber äusserlich nicht von ihnen. Gut unterscheiden lassen sich hingegen die Jungvögel (rechts) von den Erwachsenen (links): Bei ihnen sind die Wachshaut an der Schnabelbasis, die Augenlider und die Füsse graublau, bei den Erwachsenen gelb.
Das Brutgebiet des Sakerfalken erstreckt sich über die offenen Steppen, Halbwüsten und felsigen Hochebenen Osteuropas und Zentralasiens - von Österreich und Ungarn im Westen durch Usbekistan, Kasachstan und Kirgisistan bis zur Mongolei und nach China im Osten, und von Meereshöhe bis in Lagen von ungefähr 1000 Metern ü.M.
Der Sakerfalke ist ein äusserst schneller und wendiger Jäger. Meistens geht er in unmittelbarer Bodennähe auf Beutefang und erlegt sowohl fliegende als auch am Boden sich aufhaltende Tiere. Mittelgrosse Säugetiere wie Ziesel bilden am Boden, mittelgrosse Vögel wie Tauben in der Luft seine häufigsten Opfer. (Damit er beim Freiflug nicht verloren geht, ist dieser junge, zahme Sakerfalke mit einem Peilsender ausgestattet.)
Die jungen Sakerfalken schlüpfen nach einer Brutdauer von 32 bis 35 Tagen aus den Eiern. Während ihren ersten beiden Lebenswochen werden sie rund um die Uhr vom grösseren, kräftigeren Weibchen betreut und bewacht, während das kleinere, wendigere Männchen unermüdlich auf die Jagd geht und die ganze Familie mit Nahrung versorgt. Mit etwa sieben Wochen sind sie flügge und verlassen dann unter Führung ihrer Eltern das Nest.
Die Beizjagd - die als Sport betriebene Jagd auf kleines Haar- und Federwild mit Hilfe von abgerichteten Greifvögeln - hat auf der Arabischen Halbinsel eine jahrtausendelange Tradition. Jagdfalken bilden dementsprechend ein wichtiges Statussymbol. Am begehrtesten sind der Gerfalke (Falco rusticolus) und der Sakerfake (Bild; in Katar). Für sie werden heute unglaubliche Preise bezahlt. Der Fangdruck auf die wild lebenden Bestände ist darum immens.
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