Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/2118

Das Märchen
Die Spinne und die Weisheit, afrikanisches Volksmärchen¹
Das Spinnenmännchen Kwaku Ananse beschloss, alle Weisheit zu sammeln und für sich und seine Nachkommen aufzubewahren. Zu diesem Zweck reiste es lange umher und stellte Mensch und Tier die schwierigsten Fragen. Erhielt Kwaku Ananse eine kluge Antwort, flüsterte er sie zum Staunen seiner Zuhörer in einen Tonkrug. Als er glaubte, alle Weisheit dieser Welt gesammelt zu haben, machte er sich auf den Weg in seine Heimat.
Da er fürchtete, jemand könnte ihm kostbaren Schatz stehlen, beschloss er, diesen im Wald in den obersten Ästen eines hohen Baumes zu verstecken.
Er ergriff seinen Krug, band ihn sich mit Schlingpflanzen vor den Bauch und versuchte, an dem dicken Stamm hochzuklettern. Weil aber der Krug einen zu grossen Umfang hatte, konnte er mit seinen Armen und Beinen die Rinde des Baumes nicht erreichen. Drei Tage lang bemühte er sich vergeblich. Schon unzählige Male war er auf den Rücken gefallen und hatte sich seine Haut aufgerissen. Trotzdem kämpfte er verbissen weiter und vergass dabei völlig, dass er für sein Gefäss wohl noch andere sichere Stellen im Wald hätte finden können. Während er wieder einmal auf dem Rücken lag und hilflos mit den Beinen in der Luft strampelte, kam ein Hase vorbei und beobachtete das Treiben.
Der Hase beschloss, dem sich abmühenden Freund zu helfen. «Was hast du denn in deinem Krug?» fragte er ihn. «Das kann ich dir nicht verraten», erwiderte Kwaku Ananse. «Wenn ich dir die Wahrheit sage, müssen wir beide auf der Stelle sterben.» «Nun, dann will ich dieses Geheimnis nicht wissen. Ich habe dir eine Zeit lang zugesehen, wie du dich vergeblich abgemüht hast, deinen bauchigen Krug auf den Baum zu bringen. Wäre es nicht einfacher, wenn du dir das Gefäss auf deinen Rücken bändest?» «Was sagst du da?», schrie Kwaku Ananse. «Ich dachte, ich hätte alle Weisheit dieser Welt in meinem Krug eingefangen, und jetzt sehe ich, dass es immer noch klügere Leute als mich gibt.» Bei diesen Worten riss er sich den Krug vom Bauch und schleuderte ihn mit solcher Gewalt an den Baum, dass er in tausend Scherben zersprang.
Streben nach Weisheit
Kwaku Ananse möchte sich weiterbilden, seinen Horizont erweitern und die Weisheit in der ganzen Welt suchen. Das ist positiv. Leider begibt er sich auf seinem Weg zur allumfassenden Weisheit auf einige Irrwege. Er reflektiert weder, was die gewonnenen Weisheiten für sein Leben bedeuten, noch gelingt es ihm, das Wissen auf sein eigenes Problemlösen anzuwenden.
Die psychologische Forschung zur Reife und Weisheit zeigt, dass Wissen allein Menschen nicht klüger macht, sondern erst die Überlegungen, welche Bedeutung die Erkenntnisse für das eigene Leben haben². Weisheit bedeutet also nicht, nur etwas zu kennen und Wissen zu haben – man muss das Wissen auch umsetzen und anwenden können.
Experten- und Informationsmacht
Kwaku Ananse zeigt sich im Märchen grössenwahnsinnig und narzisstisch. Er denkt, er könne die Weisheit der ganzen Welt in wenigen Jahren erlangen und möchte sie auf keinen Fall mit irgendjemandem teilen. Auch in den Führungsebenen spielen sich häufig ähnliche Szenen ab. Konkurrenzkampf zwischen den Führungskräften steht an der Tagesordnung und alle wollen sich mit jeglichen Mitteln beweisen und durchsetzen. Dafür geben die ein oder anderen auch gerne einmal vor, die Weisheit der ganzen Welt zu besitzen. Diese vorgetäuschte Überlegenheit wird mit Macht in Verbindung gesetzt.
Formen der Macht John French und Bertram Raven unterschieden bereits 1959 verschiedene Machtbasen³:
- Die Belohnungsmacht beschreibt die Möglichkeit, dass eine Person oder Gruppe in der Lage ist, andere für ihre Folgeleistungen zu belohnen.
- Das Gegenteil davon stellt die Bestrafungsmacht dar. Zielvorstellungen werden durch Zwang oder Strafen umgesetzt.
- Über Legitimationsmacht verfügt man meist strukturbedingt aufgrund von Positionen in der Organisationshierarchie.
- Wenn man infolge von erstrebenswerten Charaktereigenschaften oder Ressourcen einer Person folgt und sich mit ihr identifiziert, um wie das Vorbild zu sein, spricht man von Referenzmacht.
- Die letzte Machtbasis ist die Expertenmacht, um die es auch vorwiegend in diesem Märchen geht. Der Einfluss lässt sich dabei auf Fachwissen und Spezialkenntnisse zurückfuhren.
Später haben Raven und Kruglanski⁴ eine weitere Machtbasis hinzugefügt: die Informationsmacht. Die Informationsmacht beschreibt das Verfügen über wesentliche Informationen als auch über überzeugende Argumente. Auch diese Machtbasis spiegelt sich im Märchen wider. Ananse denkt, er besitzt durch die exklusive Sammlung an Weisheiten viel Macht. Deswegen lügt er sogar den Hasen an. So versucht er sicherzustellen, keine Informationen herausgeben zu müssen.
Informationsmacht spielt auch im Berufsalltag eine wichtige Rolle. Bei Führungskräften oder Mitarbeitern tritt oft das Phänomen auf, dass man Wissen für sich behält und nicht weitergibt, ganz nach der Devise: «Wissen ist Macht.» Mitarbeiter wissen etwas und wollen dieses Wissen nicht mit Kollegen teilen, da sie das Gefühl haben, sich durch exklusive Informationen einen Vorteil gegenüber anderen geschaffen zu haben. Ein anderes Beispiel sind Führungskräfte, die Informationen nur an ihre einzelne, die ihnen nahestehen, weitergeben und nicht an die gesamte Abteilung, die die Information genauso gut benötigen könnte. Dieses Verhalten ist eine typische Methode, dem eigenen Team einen Vorteil zu verschaffen. Die Informationsmacht führt unter anderem dazu, dass Informationen geheim gehalten werden, weil man selbst immer mehr anhäufen will und anderen immer weniger gönnt. Dies hat im Märchen zur Folge, dass das Spinnenmännchen am Ende alles verliert. Es zerstört seinen Krug und verliert damit sinnbildlich die Weisheit.
Auch im Arbeitsalltag kann sich dieses Verhalten nachteilig auswirken und ein schlechtes Bild bei höheren Führungsebenen hervorrufen, die das Wohl des gesamten Unternehmens im Blick behalten.
Wissen zugänglich machen
Die Geheimhaltung von Informationen steht im Zusammenhang mit dem Thema Wissensmanagement⁵. Dabei handelt es sich um den idealen Umgang mit Wissen, indem strategische beziehungsweise operative Tätigkeiten und Managementaufgaben optimal darauf ausgerichtet werden. Zentral ist es demnach, Wissen für alle zugänglich zu machen und bestmöglich zu archivieren. Die Spinne versagt in diesen beiden Punkten deutlich erkennbar. Auch wir stehen uns bei der Abspeicherung und Weitergabe von Informationen in der Arbeitswelt oft selbst im Weg. Wichtige Informationen sind oft schwer zugänglich oder nur eine Person verfügt darüber. Ist diese zum Beispiel im Urlaub oder fällt krankheitsbedingt aus, stehen ganze Systeme still.
Der Wert von Feedback
Kwaku Ananse handelt irrational. Er denkt etwa, man könne die Weisheit durch das Flüstern in einen Tonkrug archivieren oder möchte den Tonkrug am Bauch gebunden den Baum hochtragen. Auf das Feedback des Hasen hört er nicht – er will alles alleine schaffen, ohne im Austausch mit anderen zu stehen.
Auch im Beruf sind wir manchmal so versessen auf eine Sache, dass wir losgelöst von jeglicher Rationalität handeln und viele andere Facetten und Blickwinkel ausser Acht lassen. Und auch im Beruf kann Feedback, vor allem für Führungskräfte, ein heikles Thema sein. Wer will schon seinem Chef eine ehrliche und kritische Meinung ins Gesicht sagen? Die meisten rechnen – manchmal nicht ohne Grund – mit negativen Konsequenzen. Aber ohne Feedback ist es schwierig, sich stetig zu verbessern, sich Fehlern bewusst zu werden und dann ans Ziel zu gelangen. Die psychologische Forschung zeigt, dass Diversität im Team, unterschiedliche Meinungen und ehrliche Ratschläge und Rückmeldungen nötig sind, um gesteckte Ziele erreichen zu können⁶. Auch die Reaktionen auf das Feedback sind wichtig. Die Spinne wirft den Krug einfach gegen den Baum, reagiert trotzig und beleidigt, aber auch enttäuscht. Genau das ist im Berufsalltag häufig unsere Angst: mit ehrlichem Feedback jemanden verletzen, verärgern oder enttäuschen zu können.
Und die Moral ...
1. Seien Sie wissbegierig!
Es ist positiv, neugierig und wissbegierig zu sein. Man kommt im Beruf sowie im Leben nicht weiter, wenn man immer nur auf derselben Stelle stehen bleibt. Machen Sie einen Schritt nach vorne! Versuchen Sie Ihren Horizont zu erweitern, indem Sie beispielsweise neue Perspektiven einnehmen, verschiedene Meinungen anhören, lesen, sich weiterbilden und vieles mehr. Wir können von jeder Kultur, von jedem Menschen etwas für uns lernen und Erfahrungen sammeln, die unseren weiteren Weg bahnen.
2. Reflektieren Sie Wissen!
Wichtig ist, dass Weisheit keineswegs darin besteht, Wissen einfach anzuhäufen. Ausschlaggebend ist es, Wissen zu reflektieren und auf seine eigenen Strukturen anzuwenden. Ein Beispiel dafür sind Weiterbildungsmassnahmen, die wohl jeder von uns kennt. Dort wird sehr viel neues Wissen in kurzer Zeit angehäuft – doch was nehmen Sie am Ende mit in die Praxis? Meist fehlt der Transfer. Achten Sie darauf, neues Wissen sofort auf Ihre konkreten Problemlagen oder Ihren Alltag zu transferieren.
3. Führen Sie ethikorientiert!
Anstatt sich als Führungsperson narzisstisch und grössenwahnsinnig zu verhalten, ist eine ethikorientierte Führung zu empfehlen⁷. Ethikorientierte Führung beinhaltet ein respektvolles und würdevolles Miteinander. Dabei ist nicht zu vergessen, dass man neben den Mitarbeitern, Kollegen und somit dem Team auch sich selbst und den Chef führt. Sie tragen Verantwortung für Ihr Team und auch für die Teamleistung.
Nachweislich wirkt sich das Arbeitsklima auf die Fluktuation und die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus. Zufriedene und glückliche Mitarbeiter, die sich wohl und fair behandelt fühlen, können eine bessere Leistung erbringen⁸.
4. Seien Sie sich der Relevanz des Wissensmanagements bewusst!
Zwar kann sich ein gewisses Mass an Konkurrenz in manchen Branchen vorteilhaft auswirken, jedoch sollte man es nicht übertreiben. Leben Sie ein offenes und erfolgreiches Wissensmanagement vor und fordern Sie dies auch von Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten ein. Versuchen Sie also, Wissen und Information nicht exklusiv zu behandeln, sondern an alle weiterzugeben und somit das Unternehmen als grosses Ganzes zu betrachten.
Im Arbeitskontext brauchen wir sowohl Einzel- als auch Teamleistungen. Beides ist enorm wichtig für eine gut laufende Abteilung oder das gesamte Unternehmen. In einer Firma darf es nicht gang und gäbe sein, dass nur eine Person über wichtiges Wissen verfügt. Führen Sie beispielsweise Übersichten im Intranet ein oder haben Sie zumindest eine oder zwei weitere Personen, die als Vertretung aushelfen können. Somit können Sie verhindern, dass ein kompletter Ablauf ins Stocken gerät.
5. Denken Sie auch kreativ und verrückt!
Trauen Sie sich, von Ihrem geplanten Weg abzuweichen, wenn Sie merken, dass es nicht weitergeht. Manchmal stehen wir uns selbst im Weg, weil wir denken, man müsse der Gewohnheit folgen und alles so weitermachen, wie es schon seit vielen Jahren abläuft. Aber warum? Hinterfragen Sie alte Abläufe, wenn Sie denken, dass es einen besseren Weg gibt. Seien Sie mutig und probieren Sie Alternativen aus.
6. Legen Sie Wert auf offenes und ehrliches Feedback!
Um Abläufe hinterfragen zu können und dadurch den Weg für Verbesserungen zu bahnen, ist es essenziell, sich ehrliches Feedback einzuholen. Gutes Feedback findet persönlich, unter vier Augen und mit Augenkontakt zum richtigen Zeitpunkt und Ort statt. Gehen Sie mit einer positiven Grundhaltung in das Gespräch und vermitteln Sie als Führungsperson, dass Sie auch kritisches Feedback als etwas Positives ansehen, da nur so dysfunktionale Prozesse verändert werden können.
Es war einmal ...
Quellen:
- ¹Hekaya.de. (2016). Die Spinne und die Weisheit. http://www.hekaya.de/maerchen/die-spinne-und-die-weisheit--afrika_115.html. Zugegriffen: 06. November 2016.
- ²z.B. Staudinger, U. M., & Baltes, P. B. (1996). Weisheit als Gegenstand psychologischer Forschung. Psychologische Rundschau 47, 1–21.
- ³French, J., & Raven, B. (1959). The bases of social power. In: D. Cartwright (Ed.), Studies in social power (pp. 150–167). Ann Arbor, MI: Institute for Social Research.
- ⁴Raven, B. H., & Kruglanski, A. W. (1970). Conflict and power. In: P. Swingle (Ed.), The structure of conflict (pp. 69–109). New York, London: Academic Press.
- ⁵Dalkir, K. (2013). Knowledge management in theory and practice. London: Routledge.
- ⁶z.B. Horwitz, S. K., & Horwitz, I. B. (2007). The effects of team diversity on team outcomes: A meta-analytic review of team demography. Journal of Management 33, 987–1015.; Schulz-Hardt, S., Brodbeck, F. C., Mojzisch, A., Kerschreiter, R., & Frey, D. (2006). Group decision making in hidden profile situations: dissent as a facilitator for decision quality. Journal of Personality and Social Psychology 91, 1080–1093.
- ⁷Frey, D. (2015). Ethische Grundlagen guter Führung: Warum gute Führung einfach und schwierig zugleich ist. München: Roman-Herzog-Institut.; Frey, D., Osswald, S., Peus, C., & Fischer, P. (2011). Positives Management, Ethikorientierte Führung und Center of Excellence – Wie Unternehmenserfolg und Entfaltung der Mitarbeiter durch neue Unternehmens-und Führungskulturen gefördert werden können. In: M. Ringlstetter, S. Kaiser, G. Müller-Seitz (Hrsg.), Positives Management: Zentrale Konzepte und Ideen des Positive Organizational Scholarship (S. 237–268). Wiesbaden: Gabler.
- ⁸Judge, T. A., Thoresen, C. J., Bono, J. E., & Patton, G. K. (2001). The job satisfaction–job performance relationship: A qualitative and quantitative review. Psychological Bulletin 127, 376–407.
Buchtipp
Dieter Frey (Hrsg.): Psychologie der Märchen. 41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus ihnen lernen können.