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Warum Krieg? Die Frage stellen sich derzeit sehr viele Menschen. Der Ukraine-Krieg beschäftigt alle und wird uns voraussichtlich auch noch eine Weile beschäftigen. Aber wie beginnen denn Kriege und folgen sie eigentlich bestimmten Mustern?
«Man sieht gewisse Eskalationsspiralen, die sich auch ähneln können, aber es ist nicht bei allen Kriegen gleich», sagt Kai Johann Willms, Historiker mit Spezialgebiet osteuropäische Geschichte an der Universität Basel. «Manche Kriege entstehen aus einer Eigendynamik heraus, in der sich der Konflikt immer weiter hochschaukelt. Andere Kriege hingegen werden von einem einzelnen Akteur begonnen.»
Putin trägt die Verantwortung
Wenn man jetzt auf den Ukraine-Krieg schaue, dann sei dort auch keine Eskalationsspirale vorab auszumachen, bei der sich ein Konflikt mehrerer Parteien und Positionen so zuspitzt, dass es keine Alternative zum Krieg mehr gibt. «Der Krieg wurde eindeutig von einem Akteur, von Putin, angezettelt», so Willms.
Weiterhin gebe es die Möglichkeit, dass westliche Sanktionen von Putin als Treiber einer Eskalationsspirale und Anlass zu einer Ausweitung des Krieges aufgefasst würden. «Das halte ich derzeit aber eher für unwahrscheinlich», fügt der Historiker an. Putin stehe hier ganz klar in der Verantwortung.
Gab es in der Vergangenheit einen Punkt, an dem der Ukraine-Krieg vermeidbar war?
Auf diese Frage gibt es keine klare und einfache Antwort. «Der Westen hat ja durchaus versucht, mit Putin Verhandlungen zu führen, aber offenbar war Russland zuletzt an einer Einigung nicht mehr interessiert», bemerkt Wilms. Bis zuletzt bestand im Westen die Hoffnung, dass die an der ukrainischen Grenze stationierten russischen Soldaten nur ein Druckmittel seien, um den Westen an den Verhandlungstisch zu bringen. «Aus heutiger Perspektive war die erwartbare westliche Ablehnung der russischen Forderungen wohl nur ein letzter Vorwand, um eine Begründung für den Krieg zu schaffen.»
Der Historiker geht noch weiter: «Vermutlich hat Putin diesen Krieg schon lange geplant und vorbereitet.» Diese These begründet er damit, dass Russland bei Kriegsbeginn wirtschaftlich kompakt dastand und die Devisen in reichlichem Ausmass vorhanden waren. Womöglich habe Putin auch den Regierungswechsel in Deutschland abwarten wollen, um einen möglichst schwachen Westen gegenüber zu haben.
Emotionalen Aspekt unterschätzt
Der Westen ging zu lange davon aus, dass sich die Annexion der Krim und die Auseinandersetzung um die von Russland gestützten «Volksrepubliken» im Donbas zu einem weiteren «frozen conflict» entwickeln könnten, ähnlich wie in Georgien oder beim Transnistrien-Konflikt. Diese sogenannten «frozen conflicts» stünden einem Nato-Beitritt der betroffenen Staaten im Weg. «Zwischen Russland und der Ukraine gab es seit 2014 eben auch territoriale Konflikte, die einen ukrainischen Nato-Beitritt bislang unmöglich gemacht haben», wie Willms festhält. «Aber das ist offenbar nicht das einzige Ziel Putins, denn dafür wäre dieser Krieg nicht nötig gewesen.»
Putins Ziele seien gar mehr imperialistischer Natur: «Putin hat wohl eher das Ziel, dass russische Imperium wieder aufzubauen. Und das ist wohl das Überraschungsmoment gewesen.» Mit diesen Plänen habe in letzter Konsequenz wohl kaum jemand gerechnet. Daher lasse sich dieser Krieg auch nicht rein rational erklären: «Hier spielen nicht nur geopolitische oder wirtschaftliche Motive eine Rolle. So wie der Krieg momentan läuft, schadet er eher den Interessen Russlands. Daher muss dieser Krieg auch eine emotionale Komponente für Putin haben», schliesst der Historiker ab.
Und genau diese emotionale Ebene lässt den Krieg und den weiteren Verlauf schwer einschätzen. Hinzu komme, dass die emotionalen Beweggründe Putins nicht erkennbar und damit nicht fassbar sind.