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Das Wesen des Geldes
Eine Einführung in die Funktionsweise von Geld beginnt i.d.R. mit der Tauschmittelfunktion. In einer reinen Tauschwirtschaft würden Waren gegen Waren getauscht werden. So kann ich als Dozent der Volkswirtschaftslehre meinem Bäcker einen Vortrag über die Funktionsweise des Geldsystems anbieten, wenn er mir im Gegenzug dafür Brötchen für den Rest des Monats liefert. Ist der Bäcker einverstanden, so kann der Tausch von statten gehen. Geld wird hierzu offensichtlich nicht benötigt.
Geld braucht es erst dann, wenn ein Tausch nicht abgeschlossen werden kann, weil die Beteiligten sich nicht auf einen Tausch von Waren einigen können. Dies wird offensichtlich eher die Regel als die Ausnahme sein. Für einen reinen Tausch bräuchte man nämlich eine Koinzidenz der Bedürfnisse („Coincidence of Wants“): Wenn 2 Personen miteinander tauschen, müsste die eine ein Gut verlangen, welches die andere im Überfluss besitzt, während diese wiederum etwas begehrt, was der ersten Person im Überfluss zur Verfügung steht. Diese Koinzidenz müsste zudem räumlich wie auch zeitlich gelten. Stellt eine Person Waren her, die nur im Sommer gefertigt werden, und eine andere Waren, die nur im Winter gefertigt werden, dann kann allein die zeitliche Differenz dazu führen, dass beide Personen keinen Tausch von Waren vollziehen können. Händler haben sich daher schon immer gegenseitig einen Zahlungsaufschub gewährt. Wird dieser Zahlungsaufschub in Form eines Schuldscheins notiert, kann unter gewissen Umständen (die wir weiter unten diskutieren) dieser Schuldschein zu einem allgemein akzeptierten Zahlungsmittel werden. Geld ist also ein Schuldverhältnis. Früher wurden solche Schuldscheine zum Markt gebracht, um sie dort gegenseitig aufzurechnen.
Vermutlich wird der Bäcker im vorangegangenen Beispiel gar kein Interesse daran haben, einen Vortrag von mir zu hören. Er würde wohl eher dazu bereit sein, mir Brötchen zu liefern, wenn er mir dann nur nicht mehr zuhören müsste. Daher zahle ich seine Brötchen in Geldeinheiten, mit denen der Bäcker einer dritten Person Waren abkaufen kann, usw. In diesem Beispiel ist Geld also ein allgemein akzeptierter Schuldschein, den ich dem Bäcker überreiche und den dieser an Dritte weitergeben kann. Letztlich kann man alles als Geld verwenden, solange es als allgemeines Zahlungsmittel akzeptiert wird. Unter diesen Umständen kann der Bäcker mit meinem Schuldschein nämlich andere Schuldverhältnisse auflösen, also seine Rechnungen gegenüber Dritten begleichen. Die Voraussetzungen, die für diese Funktion erfüllt sein müssen, werden wir noch kennen lernen.
Es ist unbestreitbar, dass eine zeitliche und räumliche Koinzidenz i.d.R. nicht der Fall ist und eine Marktwirtschaft ohne Geld nicht funktionieren würde. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es eine reine Tauschwirtschaft nie gegeben hat. Nehmen wir an, es gäbe noch kein Geld, aber ich möchte trotzdem bei dem Bäcker einkaufen. Wenn der Bäcker mich kennt und mir vertraut, würde er mir vermutlich – vergleichbar mit den oben erwähnten Händlern – einen Zahlungsaufschub gewähren. Ich würde die Brötchen anschreiben können. Der Bäcker notiert also in Geldeinheiten, dass ich ihm etwas schuldig bin, das ich zu einem späteren Zeitpunkt liefere. Der Bäcker gibt mir in diesem Moment also einen Kredit. Auf diese Art und Weise haben Händler schon lange vor Einführung des heutigen Papier- und Buchgeldes Waren getauscht.
Zum Beispiel fungierten sogenannte Kerbhölzer bereits im 11. Jahrhundert als frühe Form der buchhalterischen Erfassung von Schuldverhältnissen. Kerbhölzer waren längliche Brettchen, auf denen man Symbole oder Kerben quer über das Stück einritzte. Das Stück wurde dann der Länge nach zerteilt und jede Partei erhielt eine Hälfte, damit niemand den eingeritzten Wert fälschen konnte. Der Schuldner erhielt i.d.R. das längere Stück, den sogenannten „Foil“, während der Gläubiger das kürzere Ende, den „Stock“ erhielt. Aus jener Zeit stammt das Sprichwort „etwas auf dem Kerbholz haben“ sowie auch der Begriff der „Stock-Exchange“. Die englische Regierung nutzte im 18. Jahrhundert sogenannte „tally sticks“, um sich Gold und Silber von ihren Bürgern zu leihen. Da man mit diesen Kerbhölzern seine Steuern bezahlen konnte, wurden die tallies fortan als allgemeines Zahlungsmittel akzeptiert und repräsentierten eine Form von Geld.
Es lässt sich also vermuten, dass Märkte und Frühformen von (Buch-)Geld gleichzeitig entstanden, da ein Markt ohne Geld nicht vorstellbar ist. Eine reine Tauschwirtschaft hat es also vermutlich nie gegeben. Es liegt zudem die Vermutung nahe, dass es schon einfache Verrechnungssyteme gabe, bevor Edelmetalle, wie Gold und Silber, als Zahlungsmittel dienten. Die folgende Abbildung zeigt wie die damaligen Kerbölzer ausgesehen haben.
Dieser Artikel wurde von Dr. Michae Paetz verfasst und zuerst auf auf der Seite www.was-ist-geld.de veröffentlicht.
Bild: Schweizer Alprechtshölzer – Doppeltessel der Alp Blümatt (Turtmann VS), 1893; Kollektion des Alpinen Museums der Schweiz; Photo by Sandstein.