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|1, 2007|
|Wunderkammer|
Jürgen von Ungern-Sternberg
Ein Schabernack zweier Poeten
Vor mir liegt ein kleiner Band in ziegelrotem Leinen. Auf seinem goldglänzenden Rücken steht: Robert Neumann, Unter falscher Flagge. Das Titelblatt fügt den Untertitel hinzu: Ein Lesebuch der deutschen Sprache für Fortgeschrittene und die Verlagsangabe: Paul Zsolnay Verlag, Berlin - Wien - Leipzig, 1932. Es handelt sich um die Erstausgabe einiger der mit Recht berühmten Literaturparodien Neumanns. Sie erschienen vier Jahre nach dem ersten Band: Mit fremden Federn (Stuttgart, 1928) und sind später mit diesen auch in einem Band Die Parodien (Wien, 1962) zusammengefasst worden.
«Statt eines Vorwortes» wird Unter falscher Flagge durch den «apokryphen Dialog Xymmachos nach Plato» eingeleitet, der in heiterer Weise das parodistische Vorhaben rechtfertigt. Es folgen Exempla im Stil von auch heute noch berühmten und von vergessenen Autoren, von Brecht, Döblin bis Freud und von Beumelburg bis Grimm und Axel Munthe. Abschliessend findet sich unter dem Titel Bumerang auch eine Parodie von Neumann selbst aus der Feder seines Freundes Friedrich Torberg, der später noch manche Probe seiner grossen parodistischen Kunst gegeben hat.
Auf dem Vorsatzblatt des hier vorliegenden Exemplars aber steht in klaren tintenblauen Buchstaben geschrieben: «Kurt Tucholsky zur Erinnerung an die erste Vorlesung aus diesem Buche herzlich Neumann Nov. 32». Zwei grosse Namen der deutschen Literatur finden sich hier vereint in Erinnerung an einen gewiss fröhlichen Abend und das mit einem Datum, das nachdenklich stimmt. Kurze Zeit darauf gab es für sie nichts mehr zu lachen.
Der Historiker und langjährige Bewunderer der Neumannschen Parodien freute sich des unerwarteten antiquarischen Fundes - und war, berechtigt oder unberechtigt, auch nicht wenig stolz darauf. So erzählte er auch eines Abends am Kaminfeuer einem Gast von diesem Buch und ging dann zu Bett mit dem leisen Gefühl, etwas zu ruhmredig gewesen zu sein. Um Drei Uhr nachts wachte er plötzlich, ganz gegen seine Gewohnheit, auf. Und da hörte er, wie aus dem Regal neben seinem Bett ein Buch mit lautem Gepolter hinunterfiel. Er machte Licht - und sah Robert Neumanns Unter falscher Flagge auf dem Boden liegen.
Etwas unheimlich war das schon. Aber auch Anlass zur Heiterkeit. Wie die beiden grossen Spötter zu Lebzeiten falsche Ansprüche gegeisselt hatten, so wiesen sie auch jetzt einen nur auf den Besitz gegründeten Anspruch in geisterhafter Form zu der dafür passenden Zeit zurück. Allein dem Meister kommt es zu, sich mit «fremden Federn» zu schmücken und unter «falscher Flagge» zu segeln.
J. U.-S.