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Die Corona-Pandemie wütet ungebrochen in Indien. Der Premierminister will dennoch ein Millionenprojekt umsetzen. Dafür und an seinem Umgang mit dem Virus wird er scharf kritisiert.
Während Krankenhäuser um lebensrettenden Sauerstoff bitten und Corona-Infizierte zu Tausenden sterben, treibt Indiens Premierminister Narendra Modi eine 1.8 Milliarden Dollar teure Renovierung des Parlaments voran – einschliesslich eines neuen Hauses für ihn selbst. Das berichtet CNN.
Die Entscheidung, mit dem Projekt in der Hauptstadt Neu-Delhi fortzufahren, kritisieren Oppositionspolitiker und die Öffentlichkeit. Vor allem der Widerspruch, dass Millionen in ein Bauprojekt gesteckt werden, während das Land mit der schlimmsten Krise der öffentlichen Gesundheit kämpft, stösst auf scharfe Kritik.
Die teure Renovierung, die als «Central Vista Redevelopment Project» bekannt ist, wurde als «essentielle Dienstleistung» eingestuft. Das bedeutet, dass der Bau fortgesetzt werden darf, auch wenn die meisten anderen Bauprojekte gestoppt wurden.
Zwei Inder, darunter ein selbst mit dem Coronavirus Infizierter, reichten am Mittwoch beim Obersten Gerichtshof in Delhi eine Klage ein, um den Bau zu stoppen. Sie argumentieren, dass die Parlamentsgebäude keine essentiellen Dienste darstellen und die Bauarbeiten sogar zu einem Covid-Superspreaderevent werden könnten, heisst es in der Petition des Anwalts Nitin Saluja.
Die Befürworter des 35 Hektar grossen Areals erklärten hingegen, dass die Sanierung notwendig sei, da die 100 Jahre alten Gebäude nicht mehr zweckmässig seien.
«Der Baubeginn des Parlamentsgebäudes von Indien ist einer der wichtigsten Meilensteine unserer demokratischen Traditionen», sagte Modi im Dezember bei der Grundsteinlegung des Gebäudes. «Wir, das indische Volk, werden dieses neue Parlamentsgebäude gemeinsam errichten.»
Politiker kritisieren den indischen Premierminister scharf. «Menschen sterben an Covid, aber (Premierminister Modis) Priorität ist das Central Vista Projekt», twitterte Yashwant Sinha, der ehemalige Finanz- und Aussenminister. «Sollten wir nicht stattdessen Krankenhäuser bauen? Wie viel Preis muss die Nation noch dafür zahlen, dass sie einen Grössenwahnsinnigen gewählt hat?» Anfang der Woche sagte der Oppositionsabgeordnete Rahul Gandhi : «Das Ego (des Premierministers) ist grösser als das Leben der Menschen.»
Das Projekt ist nur der jüngste Vorwurf gegen Modi, der für seinen Umgang mit der zweiten Welle kritisiert wird. Selbst als die Fälle in die Höhe schossen, sagten Kritiker, er habe das Risiko unterschätzt und weiterhin politische Massenkundgebungen vor den Landtagswahlen abgehalten.
Oppositionsführer Rahul Gandhi forderte Modi zudem am Freitag auf, für die Impfung der gesamten Bevölkerung zu sorgen und die Verbreitung des Virus wissenschaftlich untersuchen zu lassen, um die zweite Corona-Welle zu brechen.
«Ihrer Regierung fehlt eine klare und stimmige Covid- und Impfstrategie», schrieb Gandhi in einem Brief an Modi. Er warf der Regierung Überheblichkeit vor, weil sie vorzeitig den Sieg über das Virus erklärt habe, während sich dieses exponentiell ausbreite. Das habe Indien in eine äusserst gefährliche Lage gebracht. In nur einer Woche ist die Zahl der nachgewiesenen Ansteckungsfälle um 1.57 Millionen gestiegen.
Auch am Freitag verzeichnete das Gesundheitsministerium mit 414'188 Neuinfektionen binnen 24 Stunden einen Höchstwert. Insgesamt sind fast 21.5 Millionen Fälle bekannt – weltweit ist das der zweithöchste Wert nach den USA. Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem Coronavirus stieg um 3'915 auf 234'083. Experten sind jedoch überzeugt, dass die Dunkelziffer bei den Ansteckungen fünf- bis zehnmal so hoch ist wie die offiziellen Daten.
Das Virus breitet sich derzeit rasch von den Städten auf das Land aus, wo rund 70 Prozent der mehr als 1.3 Milliarden Menschen leben. Während die meisten Fälle im Norden und Westen des Staates bekannt sind, scheint sich nun Südindien zu einem neuen Epizentrum zu entwickeln. In den fünf Bundesstaaten im Süden wurden in den ersten Tagen des Monats Mai 28 bis 33 Prozent der täglichen landesweiten Neuinfektionen registriert.
Für die rasche Ausbreitung des Virus und mehrerer Varianten machen Experten auch die religiösen Feste verantwortlich, die die Regierung inmitten der Epidemie zugelassen hatte. Zehntausende Menschen hatten sich in den vergangene Wochen auch auf politischen Kundgebungen versammelt, die damit wie auch die Feste zu sogenannten Super-Spreader-Ereignissen wurden – zu Veranstaltungen, bei denen sich das Virus ausserordentlich rasch und weit verbreitet.
Nun ist das Gesundheitswesen überlastet. In Krankenhäusern mangelt es an Intensivpflegebetten und medizinischem Sauerstoff. Es fehlt zudem an Pflegekräften. Und in dem Land, das sich gern als «Apotheke der Welt» tituliert, ist der Impfstoff knapp. Nachdem eine Rate von rund vier Millionen Impfungen an einem Tag erreicht worden sei, falle diese jetzt auf 2.5 Millionen, beklagte Amartya Lahiri, Wirtschaftsprofessorin an der University of British Columbia.
Das Ziel von fünf Millionen pro Tag sei die Untergrenze dessen, was angestrebt werden müssen. Und selbst dann dauere es ein Jahr, bis alle Einwohner Indiens zwei Dosen erhalten hätten. «Die Lage ist leider sehr düster.» (joh/rtr)