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Bordeaux: Das Rollercoaster-Jahr 2016
Das bezaubernde Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande hat einen Top-Wein im Keller.
© <email-pii>
Ein qualitativ erfolgreicher Rotweinjahrgang hängt von fünf Bedingungen ab, lehren die Professoren der Universität Bordeaux: Erstens sollte die Blüte relativ schnell verlaufen und für einen gleichmässigen Traubenansatz sollte zweitens das Wetter ausreichend warm und trocken sein. Drittens sollte ein trockener, heisser Juli die Reben unter Wasserstress bringen, um das Wachstum des Rebstockes zu verlangsamen und spätestens bis zur Véraison – dem Verfärben der Trauben – zum Stillstand veranlassen. Im August und September sollten dann die Trauben der verschiedenen Rebsorten unter trockenen und warmen Bedingungen voll ausreifen können und fünftens sollte man, bei relativ trockenen und angenehm warmen Bedingungen, die Trauben ohne Hast Parzelle für Parzelle ernten. Wenn diese fünf Faktoren passen, so die Lehrkräfte, dann kann man sich auf tolle Weine freuen.
In Bordeaux herrschten all diese Bedingungen 2016 vor – dank dem einen oder anderen unerwarteten Wetterphänomen.
Das Jahr 2015 verabschiedete sich zunächst trocken und sonnig. Es folgten drei Monate mit überdurchschnittlich kräftigen Niederschlägen von satten 500 Millimetern – der Langzeitschnitt beträgt 230 Millimeter. Zugleich wurden die wärmsten Temperaturen von Jänner bis März gemessen, seit es Aufzeichnungen gibt. Einerseits konnten die Böden ihre Wasserreserven wieder füllen, andererseits führten kühlere Temperaturen im März zu einem um eine Woche verspäteten Austrieb. Wechselhaftes Wetter mit wiederkehrenden kühlen Phasen bis in den späten Mai führte zu einem verlangsamten Wachstum im Weingarten. In den letzten drei Aprilnächten kam es in ungünstigeren Lagen vereinzelt zu Frostschäden. Ende Mai war das Wachstum in den Anlagen mit jenem im Jahr 2014 vergleichbar. Durch die anhaltende Feuchtigkeit war der Druck von Rebkrankheiten (Oidium, Peronospora) erheblich angewachsen, speziell die Bioweinbauern kamen kaum mit der Arbeit nach. Die Rebblüte setzte Ende Mai bei regnerischem Wetter ein.
Schliesslich setzte Wunder Nummer Eins ein: Die Wettergöttin öffnete von dritten bis elften Juni ein Fenster mit warmen und trockenen Bedingungen, die Befruchtung verlief sehr positiv, nur vereinzelt konnte Verrieseln festgestellt werden. Acht Tage danach konnten hochzufriedene Winzer einen ausgezeichneten Traubenansatz mit einer höheren Beerenzahl als üblicherweise feststellen. Mitte Juni folgten noch drei Regentage, dann setzte Schönwetter ein. Die Natur des Jahrgangs änderte sich schlagartig. Die letzten zehn Tage des Juni liessen die Beeren schnell wachsen, am Monatsende waren sie erbsengross.
Hatte man zuvor auf die grosse Feuchtigkeit damit reagiert, dass man die Laubwand so hoch wie möglich gestaltete, damit die Rebe viel Flüssigkeit verdampfen konnte, galt es nun, sich für Hitze und Trockenheit zu wappnen. Einige heisse Tage Mitte Juni hatten zwar die vegetalen Aromen in den Beeren abgebaut, es war aber genug Wasser in den Böden, sodass bis Ende Juli das vegetative Wachstum noch nicht zum Stoppen kam. Erst in der ersten Augustwoche konnte verbreitet das Verfärben der Trauben beobachtet werden und langsam wurde durch den fehlenden Regen der Wasserstress verstärkt. Es war eine ähnliche Situation wie 2010: Unter diesen Bedingungen entwickeln die Zellwände der Beeren eine gute Struktur und die phenolischen Komponenten werden verstärkt, die Umfärbung beschleunigt. Damit war auch die dritte Grundbedingung für ein grosses Jahr eingetreten: der Stopp des vegetativen Wachstums zum Zeitpunkt der Mid-Véraison. Nun konnte der wirkliche Reifeprozess der Trauben beginnen.
Und Wunder zwei geschah: Tatsächlich setzte prächtiges Sommerwetter ein, der August brachte eine um fünf Grad höhere Temperatur als sonst, die Zahl der Sonnenstunden übertraf den Normalwert gleich um dreissig Prozent. Und dazu gesellt sich ein weiteres besonderes Phänomen dieses Jahres: Trotz der Hitze bei Tag stiegen die Temperaturen in der Nacht nicht über die Normalwerte. Diese grossen Unterschiede zwischen kühler Nacht und heissem Tag garantierte die Ausbildung hoher Anthocyane (dunkelblaue Pfanzenfarbstoffe), die später für die enorm tiefe Farbe der Rotweine sorgen, aber auch dafür, dass sowohl die fruchtigen Aromen wie die frischen Säuren erhalten blieben.
Und trotzdem begann für die Winzer nun wieder das Bangen: Das Ausbleiben jedweder Niederschläge sorgten in vielen Gebieten bereits für ausserordentlichen Wasserstress. Überall dort, wo junge Rebanlagen stehen, die Erträge zu hoch und die Böden zu seicht waren, wurde es jetzt ernst. Dort, wo man zuviele Blätter ausgedünnt hatte, bestand nun die Gefahr des Sonnenbrandes für Trauben, aber auch der Reifehemmung. Anfang September setzte eine Hitzewelle ein, die ersten dreizehn Tage waren die heissesten seit 1950.
Und wieder kam die rettende Wende, und sie kam keinen Tag zu früh. Am Nachmittag des 13. September setzte ein Sturm ein, der in den folgenden Tagen die rettenden vierzig Millimeter Niederschlag brachte und die Temperaturen normalisierte. Am 20. September kehrte die Sonne zurück und blieb: Das schöne Wetter dauerte bis zum Ende der Weinlese an. Die kurze Regenperiode gab der Reife einen neuen Anstoss. Der Cabernet Sauvignon und die später reifenden Merlot-Weingärten profitierten besonders. Als Draufgabe kam ein sonniger, trockener Oktober mit kühlen Nächten, die Winzer konnten stressbefreit ihre Lese beenden und sich über perfekt ausgereifte Cabernets Sauvignons freuen. Auch Cabernet Franc und Petit Verdot zeigen sich von ihrer besten Seite. Lediglich bei manchen Merlots findet man gekochte und überreife Nuancen mit Dörrfruchtcharakter.
Wir haken im Geist Bedingung fünf ab. Die umfangreichen Verkostungen der Fassproben im April 2017 zeigen, die Rotweine 2016 sind von herausragender Qualität. Sie zeigen eine tolle, tiefe Farbe. Sie haben einen schönen Fruchtschmelz, keinerlei blättrige Noten und sie verbinden enorme, perfekt ausgereifte Tannine mit einer seidigen Textur. Eine relativ hohe Säure bringt den Weinen zusätzlich eine tolle Frische und verleiht ihnen die Balance, die einen grossen Jahrgang auszeichnet. 2016 ist ein unvergleichlicher Jahrgang, zeigt noch bessere klassische Anlagen wie 2009 und zuletzt 2015 und verfügt über sehr grosses Reifepotenzial.
Auch trockene Weissweine und Süssweine fallen in der Region gut aus. Die Weisswein-lese begann in Graves und Pessac-Leognan Anfang September, also eine Woche später als im Jahr davor. Speziell beim Sauvignon Blanc wurden sehr gute Mengen geerntet, qualitativ ist der Sémillon besser weggekommen. Die Weine von gut wasserhaltigen kalkreicheren Terroirs sind im Vorteil, weil sie bessere Säurewerte aufweisen. Man kann insgesamt von einem guten Weissweinjahrgang sprechen. Das gilt auch für die Süssweine, die reintönig, kraftvoll und üppig ausfallen.
Die besten Weine vom Linken sowie vom Rechten Ufer finden Sie unter «MEHR ENTDECKEN»
Aus Falstaff Magazin Nr. 04/2017
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