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Wie viele Studien ergeben haben, bringt „positives Verstärken“ wie Lob mehr als „negatives Verstärken“ wie Schimpfen. Bloss wie soll diese Einsicht auf den Schulunterricht angewandt werden?
Ein häufig vorkommendes disziplinarisches Problem ist das Schwatzen während des Unterrichts, dem meist dadurch begegnet wird, dass der „Schwätzer“ ermahnt und im Wiederholungsfall womöglich bestraft wird. Die Handlungsweise wird also negativ verstärkt. Wie würde aber eine positive Verstärkung aussehen? Nun, statt das nicht erwünschte Verhalten negativ zu verstärken (zu schimpfen), müsste das erwünschte Verhalten positiv verstärkt werden. Dies könnte beispielsweise durch ein Lob geschehen, wenn der Schüler gerade mal nicht schwatzt. Gleiches gälte auch für den notrischen Schwänzer – statt seine häufigen Abwesenheiten zu bestrafen sollte gemäss dieser Ideologie seine Anwesenheit positiv verstärkt werden: Schön, dass du heute wieder einmal da bist.
Dahingestellt sei, ob ein solches Lob in einer solche Situation wirklich zu einer Verhaltensänderung führt. Nicht zuletzt, da ein solches Lob leicht zynisch verstanden werden kann. Doch in einem sozialen Kontext kann solches positives Verstärken fatale Folgen zeitigen. Denn auch das positive Verstärken hat Nebenwirkungen (wie jedes wirksame Mittel).
Wird der „säumige“ Schüler für selbstverständliches, regelkonformes Verhalten gelobt, führt dies leicht dazu, dass seine Mitschüler negativ verstärkt werden: denn obwohl sie sich ständig an die Regeln halten, kriegen sie dafür kein Lob. Dies wird nicht nur als ungerecht erlebt, sondern kann auch dazu führen, dass sich die korrekt verhaltenden Schüler unkorrekt verhalten, da es zum einen keine Strafe gibt und zum anderen werden sie dann womöglich auch gelobt für das Einhalten der Regeln.
Gerade weil positives Verstärken ein sehr mächtiges, wirkungsvolles Mittel ist, führt das Fehlen einer positiven Verstärkung leicht zu negativen Gefühlen und Spannungen. Wird einfach niemand positiv verstärkt, fehlt also beispielsweise die Anerkennung, kann das leicht zum Erlöschen der Motivation führen. Wird jemand anders positiv verstärkt, obwohl man selbst der Ansicht ist, ebenfalls oder ausschliesslich ein Anrecht auf Lob zu haben, führt dies schnell zu Misstimmung und Spannungen – und ebenfalls zu einem Sinken der Motivation.
Wird das positive Verstärken allerdings sparsam und sehr bewusst eingesetzt, kann es ein wirkungsvolles Mittel im Unterricht sein. Allerdings kann es negatives Verstärken und andere Formen der Disziplinerung nur ergänzen. Es lohnt sich, eine Klasse, die Freitagnachmittags konzentriert arbeitet positiv zu verstärken (was man den Parallelklassen ja nicht unter die Nase binden muss). Es lohnt sich einen Schüler für eine wirklich sehr gute Antwort zu loben. Wichtig ist, dass es für andere in der Klasse ebenfalls nachvollziehbar, warum der Schüler gelobt wird.
Positives Verstärken ist ein mächtiges und wichtiges Mittel, das aber leider sehr oft falsch angewendet wird und damit auch fatale Folgen haben kann. Es ist durchchaus möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass viele Lehrerinnen und Lehrer zu selten positiv verstärken und es sich lohnt, sie zum positiven Verstärken zu animieren. Geschieht das positive Verstärken aber unreflektiert, sind die Schäden oftmals grösser als der Nutzen.