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Trotz der vielen Umfragen, die auf einen Sieg für Barack Obama schliessen lassen, kann John McCain das Rennen noch gewinnen. Die grosse Unbekannte bleibt die Frage, ob die Amerikaner wirklich bereit sind für einen schwarzen Präsidenten.
Kurz vor den Präsidentenwahlen liegt der Demokrat Barack Obama weiterhin an der Spitze der Umfragen. Aber sein Vorsprung auf den Republikaner John McCain schwankt je nach Meinungsumfrage bei Werten zwischen 12 und einem Prozentpunkt.
"Der Sieg von Barack Obama ist sicher", erklärt Alfred Defago, der ehemalige Schweizer Botschafter in Washington und Doppelbürger, gegenüber swissinfo. "Ich denke, dass Obama wahrscheinlich mit einem etwas kleineren Vorsprung siegen wird, als die Umfragen erwarten lassen, aber er wird gewinnen", sagt Defago, der heute an der Florida Atlantik Universität und an der Universität von Wisconsin internationale Beziehungen lehrt.
Im Bereich der Fehlerquoten
Nicht so vorschnell, meint seinerseits Jim Scherrer. Er ist Unternehmer und Präsident eines schweizerisch-amerikanischen Vereins in Philadelphia (Pennsylvanien), einem der umstrittenen Bundesstaaten, der für den Ausgang der Wahlen entscheidend sein könnte.
"Der Ausgang der Wahl liegt im Bereich der Fehlerquoten der Umfragen", unterstreicht Scherrer, der John McCain unterstützt und an dessen Sieg glaubt. "Es wird auf Messers Schneide stehen, aber die Republikaner werden nicht nur in Pennsylvanien, sondern auch landesweit gewinnen", erklärt er.
Auch John McCain selber stellt die Umfrageresultate in Frage, die einen komfortablen Vorsprung für Barack Obama voraussagen. "Wir haben den Abstand verringert", sagte der Republikaner jüngst. Und er werde am "4. November gewinnen", zeigte er sich siegessicher.
Für einen Politiker, der mitten in einer Wahlkampagne steht, ist es nicht aussergewöhnlich, Umfrage-Resultate herunterzuspielen und sich siegessicher zu geben. Und eine der letzten Umfragen, die das Institut Zogby für die Nachrichtenagentur Reuters durchführte, hatte effektiv einen Abstand von nur 5 Prozentpunkten für McCain ergeben.
Hat McCain also doch noch Chancen auf einen Sieg? "Die Wahrscheinlichkeit ist klein", sagt Defago, der seine Stimme für Barack Obama in Boynton Beach in Florida bereits abgegeben hat. Aber die Wahrscheinlichkeit bleibe bestehen.
Unvorhersehbares Ereignis
"Dafür müsste aber noch etwas völlig Unvorhersehbares geschehen", erklärt Defago. So könnte eine grosse internationale Krise allenfalls dazu führen, dass McCain als der sicherere, weil der erfahrenere Kandidat erscheinen könnte. Auch ein Skandal im Obama-Lager in letzter Minute könnte das Blatt noch wenden, oder ein – im Gegensatz zu den jüngst aufgedeckten Komplott-Plänen in Colorado und Tennessee – nicht vereitelter Anschlag auf den schwarzen Senator.
Andere Aspekte, die zu einem Sieg von McCain beitragen könnten: Wenn die Unentschiedenen, rund 5 bis 10% der Wählerschaft, für McCain stimmen würden. Oder wenn viel weniger der Neuwähler, die für Obama stimmen wollen, auch wirklich an der Urne erscheinen. Dies widerfuhr 2004 dem damaligen Kandidaten der Demokraten, John Kerry.
Da die Präsidentenwahlen keine direkten Wahlen sind, sondern eine Serie von 50 Wahlen in den einzelnen Bundesstaaten, bei denen Wahlmänner-Stimmen zu holen sind, ist auch das Szenario nicht auszuschliessen, dass McCain die meisten Wahlmänner-Stimmen erhält, wenn er eine Reihe von Schlüsselstaaten gewinnt, die eine grosse Zahl von Wahlmänner-Stimmen haben wie Florida, Ohio oder Pennsylvania.
Faktor Rassenvorurteile
Zudem, unterstreicht der Unternehmer Jim Scherrer, "ist es möglich, dass die Umfragen nicht stimmen, weil die Leute politisch korrekt erscheinen wollen, wenn sie um ihre Meinung befragt werden und daher nicht offen sagen, dass sie nicht für einen Schwarzen stimmen werden."
Eine grosse Unbekannte dieser Präsidentschaftswahlen bleibt bis zum Wahltag effektiv das Verhalten der Wählerschaft mit Blick auf die historische Perspektive eines schwarzen Präsidenten. "Der latente Rassimus in der amerikanischen Wählerschaft könnte dazu führen, dass gewisse Weisse gegen ihre eigenen wirtschaftichen Interessen stimmen und sich für McCain entscheiden werden. Das haben wir bei früheren Wahlen auch schon gesehen", erklärt Alan Berger, Mitglied des Leitartikel-Komitees des Tageszeitung Boston Globe.
Wenige Tage vor den Wahlen liegt der Anteil der befragten Wähler, die dazu stehen, keinen Schwarzen als Präsidenten zu wollen, bei etwa 5 Prozentpunkten Vor einigen Monaten waren es noch 10 bis 13% gewesen. Eine Grosszahl der Demoskopen, auch der weitherum respektierte Andrew Kohut, Direktor des Pew Center, denken, dass der Anteil in Tat und Wahrheit – auch wenn man von 13% ausgehe – unterschätzt werde.
"Bradley-Effekt"
Schon mehrmals gab es bei Wahlen in den USA für verschiedene Ämter schwarze Kandidaten, die im Wahlkampf laut Umfragen an der Spitze lagen, ihren Vorsprung aber am Wahltag nicht verteidigen konnten. Politologen sprechen in dem Zusammenhang vom "Bradley-Effekt": Der schwarze Bürgermeister von Los Angeles, Tom Bradley, hatte 1982 die Gouverneurswahlen in Kalifornien verloren, obschon er in allen Umfragen weit vor seinem weissen Gegenspieler gelegen hatte.
Wie stark der "Bradley-Effekt" heute noch eine Rolle spielt, ist jedoch unklar. Dennoch machen sich Obama-Symphatisanten Sorgen und befürchten, dass viele Wähler erst in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine ihrem Rassismus freien Lauf lassen werden. Was bei einem grossen Unterschied zwischen den bei Umfragen geäusserten Meinungen und der Stimmabgabe schliesslich doch noch zu einem Sieg von McCain führen könnte.
swissinfo, Marie-Christine Bonzom, Washington
(Übersetzung und Adaptation aus dem Französischen: Rita Emch)
Fakten
Die Zahl der Amerika-Schweizer wird auf rund 1,2 Millionen geschätzt.
Die grösste Dichte von Amerikanern mit Schweizer Wurzeln findet sich in Kalifornien, New York, Ohio, Wisconsin und Pennsylvania.
73'978 Schweizer Staatsangehörige waren Ende 2007 in den USA registriert.
52'415 darunter sind Doppelbürgerinnen und Doppelbürger.
In Kürze
Wahltag ist der 4. November. Der Präsident wird nicht direkt, sondern über ein Wahlkollegium mit 538 Mitgliedern gewählt.
Für die Wahl des Präsidenten ist das jeweilige Resultat in den einzelnen Bundesstaaten ausschlaggebend. Der Kandidat mit den meisten Stimmen erhält in praktisch allen Bundesstaat die Stimmen aller Wahlmänner.
Die Zahl der Wahlmänner in den 50 Bundesstaaten hängt von der Bevölkerungszahl des Staates ab. Wer eine Mehrheit von 270 der insgesamt 538 Elektoren-Stimmen hat, hat die Wahl gewonnen.
Das bedeutet: Der Kandidat mit den meisten Volksstimmen wird nicht unbedingt der nächste Präsident.
Wie 2000, als Al Gore gegen George W. Bush verlor: Bush hatte landesweit weniger Stimmen erhalten, aber 271 der Wahlmänner auf seiner Seite, Gore nur deren 266, bei einer Enthaltung.