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Während die Neuseeländer an Silvester (engl. New Years Eve, NYE) in Auckland jeweils als erste das Feuerwerk abbrennen, und auch Melbourne viel Geld in den Himmel feuert, so stiehlt das Feuerwerk in Sydney doch allen die Show. Kaum ein TV-Sender auf der Welt, der nicht über das Spektakel an der weltbekannten Harbour Bridge berichtet. Das mussten wir uns natürlich ansehen! Auf der einen Seite ist es zwar etwas verrückt, Sydney genau dann zu besuchen, wenn die Stadt so voll ist wie sonst nie im Jahr. Auf der anderen Seite passte das sehr gut in unseren allgemeinen Reiseplan, weil wir ohnehin in der Gegend waren, und weil wir wegen der Sommerferien auf den Campingplätzen im Umkreis von ein paar hundert Kilometern von Sydney auch täglich um einen guten Platz buhlen müssen.
Dank AirBnB fanden wir eine gute Woche vor dem grossen Event sogar noch ein gut gelegenes Zimmer zu einem vernünftigen Preis, doch Jeannine fand bald heraus, dass es damit nicht getan war: man kann nicht einfach, wie am Züri-Fäscht, ans Seeufer gehen und das Feuerwerk geniessen. Alle halbwegs guten Gelände (vantage points) — das Opernhaus, der Botanic Garden, die Circular Quay Promenade, der McMahons Point, etc.— werden von der Stadtverwaltung “Security Managed”.
Mit Erstaunen stellten wir am Montag und Dienstag fest, welch riesige Anstrengungen unternommen werden, um die erwarteten Menschenmassen zu lenken und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Vor fünf Jahren hatte ich in Blog-Einträgen berichtet, welch herkulische Aufgabe die Vorbereitung des Formel-1-Autorennens in Melbourne ist. Nun, SYDNYE steht dem in nichts nach. Es ist der grosse Anlass im Jahreskalender der grössten australischen Stadt. Das beginnt mit dem Marketing und dem coolen Wortspiel um “Sydney” und “NYE” und hört nicht auf mit den “Inspire”-Flaggen, die überall in der Stadt wehen. Am Circular Key gibt es einen Info-Container nur zum Feuerwerk. Eine mehrseitige Infobroschüre wird gedruckt und verteilt.
Für das Smartphone steht eine Gratis-App zur Verfügung, die im Detail über die vantage points informiert (am Silvester sogar live, u.a. damit man seinen Mitternachts-Countdown synchronisieren kann). Buslinien werden umgeleitet, Hunderte zusätzliche Abfallkübel und Leuchtdisplays aufgestellt, Freiwillige rekrutiert, Polizei und Feuerwehr aufgeboten. Aber vor allem werden die Zuschauergelände rigoros abgesperrt und gesichert: innerhalb der Gelände wird jede Statue, jeder Grube und jeder Abhang mit Gittern umzäunt, damit sich nicht jemand den Fuss verrenke; von Generatoren versorgte Leuchten werden installiert, damit nicht ein Kind seine Eltern oder jemand seine Flip-Flops verliere. Verpflegungsstände werden eingerichtet; lange Zeilen an Festival-Toiletten aufgebaut, etc. — Notabene für einen Event von gut 10 Minuten Dauer.
Für den Silvesterabend gibt es ein veritables Programm (Auszug):
- 18 Uhr: Air Display (Flugshow)
- 19 Uhr: Löschboote demonstrieren im Hafen ihre Spritzen
- 20 Uhr: Air Display
- 21 Uhr: Kinderfeuerwerk von zwei Pontons im Hafen. Dauer: 6 Min.
- 22:40 Uhr: kurzes Vorfeuerwerk. Dauer: 1 Min.
- 24:00 Uhr: Das Grosse Feuerwerk von der Harbour Bridge und von mehreren Pontons im Hafen
Dass der Sydney Harbour nicht einfach ein Becken ist sondern ein vielgestaltiges Gebilde aus Wasserwegen und Buchten, vereinfacht die Angelegenheit nicht. Die Auswahl des eigenen Standorts wird zu einer komplexen Entscheidungsfindung. Zuerst muss man wissen, dass sich ein Teil des grossen Feuerwerks lediglich am östlichen Bogen der Harbour Bridge abspielt. Damit sind alle Aussichtspunkte westliche der Brücke schon mal etwas im Nachteil. Dann geht man, wie bereits angedeutet, nicht einfach in den, sagen wir, Botanic Garden, um sich das Feuerwerk anzuschauen, obwohl dieser riesig gross und der Eintritt auch am NYE gratis ist. Denn dort wurde ein offizielles NYE-Gelände designiert und mit Gittern abgeriegelt. Es fasst 16’000 Leute und wird an Silvester um 10:00 Uhr (morgens) geöffnet. Die besten Plätze sind rasch genommen, denn — und das hat ein botanischer Garten so an sich — Bäume behindern vielerorts die freie Sicht auf Opernhaus und Harbour Bridge. Mit dem Tropfenzähler werden die Eintritte registriert, und bei Erreichen der Kapazität wird die Pforte geschlossen. Wann ist dieser Zeitpunkt gekommen? — Man weiss es nicht im voraus, und die Smartphone App sagt bloss, “Will close soon”. Man steht also vor der Wahl, früh dort zu sein, den Tag als ein sehr langes Picknick zu organisieren und einen guten Punkt zu besetzen. Oder spät zu gehen, eine verdeckte Aussicht oder gar einen verweigerten Zutritt zu riskieren.
So hat sich ein neuer Geschäftszweig entwickelt: ausgewählte Orte (privat oder öffentlich) garantieren kostenpflichtig freie Sicht: die nördliche Landnase vor dem Opernhaus, die Fort-Denison-Insel, Ausflugsschiffe und Fähren, der Taronga-Zoo, etc. Was man für sein Geld kriegt, ist meist bescheiden, die Preise variieren von $25 bis $500, evt. mit einem Glas Champagner zum Anstossen, meist aber ohne Bankett oder dergleichen.
Natürlich muss man die günstigen oder die wirkliche guten Angebote Wochen im voraus buchen, was wir aber nicht getan hatten, weil wir eben keine Feinplanung für unsere Reiseroute machen (wollen). Sollten wir $60 für einen Aussicht vom Taronga-Zoo, der über 2 km östlich der Bridge liegt, zahlen? Sollten wir ab 9 Uhr vor der Pforte zum Macquarie Point auf deren Öffnung um 10 Uhr warten und dann den Rest des Tages — vielleicht sogar in der Sonne —ausharren? Sind Klappstühle (im Woolworths-Supermarkt für $10 erhältich) erlaubt? Lohnt sich der ganze Aufwand für ein bisschen Feuerwerk? — Niemand konnte uns die Entscheidung abnehmen. Inspire!
(Weiter zum Teil 2).