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Kapitän Giorgio P. Sulser
Hommage an den Tessiner Giorgio Sulser, Schweizer Seemann, Offizier und Kapitän, ehemaliger Chef von Acomarit, und Erzählung über die Karriere des Wallisers Jacques Bille.
Im August 1958 beendete die jugoslawische Werft Brodogradiliste Split den Bau eines neuen Frachtschiffes für die Reederei Suisse-Atlantique SA in Lausanne, die CORVIGLIA, die in Basel registriert war und unter Schweizer Flagge fuhr. Am 25. August 1958 traf die Besatzung, bestehend aus 13 Schweizern, 20 Italienern und einem Niederländer, mit einem Dampfzug aus Zagreb in Split ein. Am Bahnhof erwartete uns ein Bus, der uns zur Werft brachte, wo wir von einem italienischen Offizier in unsere Kabinen eingewiesen wurden.
Einige Tage später verließen wir Split in Ballast mit Kurs auf die Ostküste der USA. Im Anhang die Crew-Liste der damaligen Besatzung. Von der Schweizer Besatzung waren die beiden Jüngsten Giorgio Sulser, Decksjunge, 20 Jahre, aus dem Tessin, und Jacques Bille, Messboy, 16 Jahre, aus dem Wallis. Für uns beide war es das erste Mal, dass wir auf einem Handelsschiff anmusterten. Giorgio Sulser und mir wurde die Matrosenkabine vorne auf der Backbordseite des Aufbaues zugewiesen, und dort traf ich ihn zum ersten Mal. Es gab eine Diskussion darüber, wer die obere oder wer die untere Koje belegten sollte, aber am Ende bekam ich die obere. Für die Mannschaft gab es nur Gemeinschaftsduschen und -toiletten. Die Aufgabe des Decksjungen bestand darin, bei der Instandhaltung des Schiffes zu helfen, die Laderäume auf Anweisung des italienischen Bootsmanns zu fegen und zu streichen, und die Pflichten des Messboys bestanden darin, den Tisch zu decken und den Matrosen und Maschinenleuten die Mahlzeiten zu servieren, die Kojen und Kabinen der Offiziere herzurichten und das Geschirr von Hand zu waschen usw.
Giorgio sprach Französisch und wir lebten sechs Monate lang zusammen in dieser kleinen Kabine. Dann ging Giorgio von Bord, um eine Marineakademie in Camogli bei Genua zu besuchen. Dies ermöglichte es mir, für die nächsten 6 Monate in den Rang eines "Mousse" oder Decksjungen befördert zu werden. Während unserer gemeinsamen Zeit fiel mir auf, dass Giorgio sich sonntags mit dem Bundesgesetz über die Schifffahrt unter Schweizer Flagge vertraut machte. Dies hatte auch der damalige Kapitän Jacques Voirol, bemerkt. Das Schiff verkehrte regelmäßig zwischen Newport News in den USA und lud Kohle für Bremen oder Brake in Deutschland. Nach dem Löschen und Waschen der fünf Laderäume wurden in Le Havre Autos von Peugeot und Citroen für Boston und New York geladen. Die Nordatlantiküberquerungen im Winter, von Ost nach West, mit Autos in den Laderäumen und Zwischendecks, waren schwierig und stürmisch, die manchmal sogar zu strukturellen Schäden am Schiff führten.
Gemäss meinem Wissen fuhr Giorgio Sulser in den darauffolgenden Jahren auf mehreren Schiffen der Suisse-Atlantique, unter anderem lange Zeit als Zweiter Offizier und Erster Offizier auf dem Frachtschiff CELERINA. Er verließ das Unternehmen im Oktober 1965 und ging zurück ins Bankgeschäft nach Lugano. Ich selbst verließ meinen Posten als 2. Offizier auf der ROMANDIE im Mai 1966, um Erfahrungen an Bord von Öltankern zu sammeln, über die die Schweizer Handelsmarine damals nicht verfügte. Schließlich diente ich von 1966 bis 1974 an Bord von Tankern, die von einer amerikanischen Gesellschaft betrieben wurden, und stieg vom dritten Deckoffizier zum Kapitän eines 100'000-TDW-Tankers auf. Ich hatte Giorgio Sulser und die Schweizer Handelsmarine aus den Augen verloren. 1974, während eines Urlaubs in der Schweiz, erhielt ich einen Brief von einer mir unbekannten Firma, ACOMARIT Services Maritimes, die Offiziere für ihre Öltanker unter ihrer Verwaltung suchte. Ich beschloss, das Büro am Jeu de l'Arc in Genf zu besuchen, und nach einem Vorstellungsgespräch sollte ich dem Direktor vorgestellt werden. Ich folgte ihm und zu meiner Überraschung saß hinter einem großen Schreibtisch - Giorgio Sulser. Einige Wochen später wurde ich von Acomarit als Kapitän eingestellt und ging auf ein von Acomarit bereedertes Massengutschiff. Bis 1978 arbeitete ich als Kapitän auf mehreren von Acomarit betriebenen Schiffen, darunter ein Tanker mit 215'000 TDW.
In dieser Zeit stand ich oft in Kontakt mit Giorgio, der mich auch mit kommerziellen Informationen versorgte. In den Ferien besuchte ich jeweils sein Büro. Vielleicht lag es an unserem harmonischen Zusammenleben 16 Jahre zuvor, dass Giorgio und ich ein großes gegenseitiges Vertrauen hatten, das nie ins Wanken geraten ist. Später erfuhr ich, dass die Bank, bei der er angestellt war, seine Erfahrung auf dem Gebiet der Schifffahrt bemerkt hatte und ihn gebeten hatte, bestimmte technische Probleme an Bord der Schiffe zu lösen, die von der Bank finanziert wurden, einschließlich einer mehrmonatigen Tätigkeit als Kapitän eines Liberty-Schiffs. 1967 bat ihn die Bank, in der Schweiz ein Büro für Schiffsmanagement zu eröffnen, entweder in Basel oder in Genf. Dies tat er, und er begann in Genf mit der Verwaltung von Schiffen verschiedener Flaggen, an denen die Bank beteiligt war. Im Jahr 1974, als ich das Unternehmen zum ersten Mal besuchte, verwaltete Acomarit Services Maritimes SA sechs Schiffe - darunter vier Öltanker - und beschäftigte in seinem Genfer Büro etwa zehn Personen. Angesichts der raschen Expansion des Schiffsmanagements schlug Giorgio 1978 vor, dass ich in den Genfer Büros die Stelle als Verantwortlicher für die Besatzungen antreten sollte. Dies habe ich 15 Jahre lang nach bestem Wissen und Gewissen getan. Danach habe ich den Operations Manager und in den letzten Jahren den General Manager abgelöst, immer unter der Leitung von Giorgio Sulser. Ende 2004, im Alter von 63 Jahren, zog ich mich aus der Schifffahrt zurück.
Während dieser 26 Jahre wuchs Acomarit und hatte mehr als 50 Schiffe aller Art unter der Verwaltung des Genfer Büros: Massengutfrachter mit und ohne Kräne, Ro-Ro’s, Tanker, Chemikalientanker und sogar drei der größten Tanker auf See, die ULCC's RED SEAGULL, MARINE ATLANTIC, MARINE PACIFIC, jeder mit 404'000 TDW und angetrieben von Dampfturbinen. Giorgio hatte auch Niederlassungen eröffnet, Acomarit (UK) Ltd, Acomarit (Cyprus) Ltd, Acomarit (HongKong) Ltd, um nur drei zu nennen, sowie eine Reihe von Büros für die Anwerbung und Ausbildung von Besatzungen. Der Erfolg des Genfer Büros war nicht nur dem Management zu verdanken, sondern auch einem hoch motivierten und professionellen internationalen Team. Die meisten der Mitarbeiter waren ehemalige Kapitäne oder Chefingenieure, die lange zur See gefahren waren. Jeden Morgen gab es ein "daily meeting“ (tägliche Besprechung), bei der jedes Problem auf den Schiffen diskutiert und eine Lösung gefunden wurde. Giorgio nahm jeden Tag an dieser Sitzung teil und half uns, Entscheidungen zu treffen. Er war sich der technischen Probleme sehr bewusst und ließ sich von ihnen nicht beirren. Er war auch ein harter Arbeiter, dessen Leidenschaft das Schiffsmanagement war; er widmete seine ganze Zeit diesem Bereich, und unsere Gespräche drehten sich immer um Schiffe. Er war ein ziemlich strenger Chef, aber immer positiv eingestellt. Mit seinen Mitarbeitern sprach er aber nie über sein Privatleben.
Im Januar 2001 beschlossen die Aktionäre von Acomarit, das Unternehmen an den damals größten Schiffsmanager, V.Ships mit Sitz in Monaco, zu verkaufen. Das Genfer Büro wurde in V.Ships Switzerland SA umbenannt, aber das Unternehmen und die verwalteten Schiffe blieben in denselben Büros und mit denselben Mitarbeitern. Nach etwa fünf Jahren beschloss V.Ships Monaco, das Genfer Büro zu schließen, um die Schiffe von ihrem Hauptsitz in Monaco aus zu verwalten. Die meisten Genfer Mitarbeiter wurden eingeladen, ihre Tätigkeit in Monaco fortzusetzen. Viele nahmen das Angebot an und zogen nach Monaco. 1980 gründete Giorgio Sulser die MASSOEL SA, eine Schweizer Schifffahrtsgesellschaft mit Sitz in Fribourg. Mit dem Kauf des ersten Schweizer Schiffes, der SARINE, übertrug das Unternehmen das technische und operative Management seiner Schiffe an Acomarit Genf. Das erste Schiff hatte eine Tragfähigkeit von 3'500 Tonnen, die nachfolgenden Schiffe wurden immer größer, das letzte hatte eine Tragfähigkeit von 50'000 Tonnen. In dem Jahr, in dem ich in den Ruhestand ging, verfügte Massoel über acht Massengutfrachter mit Kränen und einer Gesamttragfähigkeit von 240'500 Tonnen. Diese Schiffe wurden alle unter Schweizer Flagge betrieben. Nach der Fusion von Acomarit mit V.Ships beschloss Giorgio, in Genf ein eigenes Massoel-Büro zu eröffnen, das mit einigen Mitarbeitern die Schweizer Flotte verwaltete. Wenn ich in Genf war, ging ich immer hin, um Hallo zu sagen, und es war im Sommer 2022, als ich das letzte Mal das Vergnügen hatte, mit Giorgio und einem gemeinsamen Freund zu Abend zu essen. Trotz seines Alters ging er jeden Tag in das Büro von Massoel, auch an den Wochenenden. Dann erfuhr ich, dass er schwächer wurde und an einer nicht näher bezeichneten Krankheit litt. Mit großer Rührung verfolgte ich die Zeremonie am 3. April 2023, die ihn auf seinem letzten Weg begleitete. Ich denke, dass der Weg vom Decksjungen zum Reeder ein langer und schwieriger Weg gewesen ist, Giorgio hatte große Qualitäten und ich habe in seiner Gesellschaft viel über das Leben im Allgemeinen gelernt. Und ich werde ihm immer für sein Vertrauen dankbar sein.
Jacques Bille, Mai 2023
Lebenslauf von Kapitän Urs O. Honegger
Urs Otto Honegger kam am 24. Juni 1942 in Chur als erster Sohn von Sarah Ruth und Otto Honegger-Castelberg zur Welt. Sein Bruder Thomas folgte später. Im Alter von 11 Jahren verlor er seinen Vater; der Churer Bürgerratsschreiber war.
Anfang März 1959 hat Urs als 16-Jähriger in der Seemannsschule Hamburg-Bremervörde seine Ausbildung als Seemann begonnen. Es ist seiner früh verwitweten Mutter hoch anzurechnen, dass sie ihn ziehen liess.
Seine ganze nautische Karriere machte er auf ausländischen Schiffen, er fuhr nie auf Schweizer Schiffen. Nach Abschluss des drei-monatigen Matrosen-Lehrgangs musterte er als Decksjunge im Juni des gleichen Jahres auf dem Frachter ERNST SCHRÖDER auf Grosser Fahrt an, die bis in den August 1960 dauerte. Dann fuhr er auf der südafrikanischen TABLE BAY von South African Lines, eine Firma die mit der Globus Reederei in Bremen liiert war. Es folgten weitere deutsche Schiffe, zuerst der Tanker ELSA ESSBERGER von John T. Essberger, Hamburg, dann noch neun weitere deutsche Frachter in der grossen Fahrt, aber auch Kümos in der Nord-Ostseefahrt (siehe auch die beigefügte Schiffsliste von Urs Honegger). Sein letztes deutsches Schiff war die BREMERSAND, fuhr aber auch über Unimar Hamburg (eine damals bekannte Personalvermittlung) auf der liberianischen IVORY TELLUS, die der Kühne & Nagel Gruppe gehörte (seit 1969 in Schindellegi, Kanton Schwyz). Ende der 60er Jahre fuhr er als 2. und 1. Offizier auf den Dampfschiffen LILAS und BIDAS (Liberia Flagge) von Owen Dempsey Lines Ltd. London in der Westafrika-Fahrt. An der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven hat er seine Ausbildung fortgesetzt und 1971 das Kapitänspatent erlangt. In 1970 wechselte Urs Honegger auf die Anchor Handling & Supply Schiffe der US-amerikanischen Offshore-Flotte, die unter US und unter Panama Flagge in verschiedenen Gebieten tätig waren, wie im Arabisch / Persischen Golf, Westafrika (Nigeria und Angola), Indien, Singapore.
Zu jener Zeit konnten ausländische Kapitäne auch auf US-Flagge Schiffen fahren, solange sie in einem Überseegebiet im Einsatz standen. Teilweise wurden diese Jobs auch von Seetrans Hamburg vermittelt. Sein letztes Schiff war die iranische YOUSEF aus Bushehr die in Kharg Island, ein iranischer Ölexporthafen, stationiert war und wiederum durch Seetrans Hamburg vermittelt wurde. Urs Honegger war Kapitän von Juli bis Ende November 1984, als der erste Golfkrieg, auch Tankerkrieg genannt, wütete. Hier rettete er die Überlebenden und barg die Toten vom iranischen Rohöltanker SIVAND der von irakischen Flugzeugen angegriffen und in Brand geschossen wurde. Aus gesundheitlichen Gründen hoffte Urs, einen Job an Land zu bekommen, idealerweise in Hamburg, als Lotse oder in der Administration einer Reederei. Mitte der 1980er Jahre waren solche Stellen rar, ausserdem hätte er als Ausländer während einigen Jahren Wohnsitz in Deutschland gehabt haben müssen. Deshalb beschloss er, sich in der Schweiz niederzulassen; in Volketswil baute er ein Einmann-Transportunternehmen auf und führte Kleintransporte durch, u.a. für die IBM und für eine Grossbäckerei.
Nach seiner Pensionierung pflegte Urs mit grosser Intensität sein Interesse an Schiffen und ihren Besonderheiten, indem er eine umfangreiche Sammlung an Schiffsmodellen anlegte und mit seiner Kamera als ship spotter vor allem in Hamburg und Umgebung, aber auch am Rhein in Basel unzählige eindrückliche Fotografien machte. Letztere stellte er in über 50 grossformatigen Fotobüchern zusammen. Überdies betätigte er sich ab und zu als train spotter in der Schweiz und fotografierte historische Lokomotiven und Zugskompositionen in Aktion. Seine Sammlung wird von neuen Besitzern sehr geschätzt.
Schon früh, ungefähr vor 20 Jahren, durch Vermittlung des verstorbenen Hans R. Bachmann lernte Urs Honegger auch Markus Berger von Swiss-Ships kennen und es entwickelte sich ein reger Austausch von Schiffsfotos und Informationen, somit eine wertvolle und tolle Unterstützung für unsere Webseite www.swiss-ships.ch. Urs war ein freundlicher Mensch; er blieb ledig. Obwohl er bescheiden und zurückgezogen lebte, hat er sein Leben auf stille Art genossen. Am 12. Dezember 2022 ist Kapt. Urs Honegger nach schwerer Krankheit in seinem 81. Lebensjahr verstorben.
Wir danken Frau Rosmarie Honegger-Lehmann, Schwägerin von Urs Honegger für den uns zur Verfügung gestellten Lebenslauf, den wir an Hand der Schiffsliste den maritimen Gegebenheiten angepasst haben.
April 2023