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Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz nahmen Pilgerfahrten im Christentum im 4. Jahrhundert ihren Anfang. Ab dem 6. Jahrhundert verliessen irische Pilger ihre Heimat, um in asketischer Heimatlosigkeit als «ewiger Pilger» umherzuziehen. Bekanntlich geht die Gründung des Klosters St. Gallen im 8. Jahrhundert auf einen irischen Wandermönch zurück.
Wiler in Santiago
Es wird gemäss dem Historischen Lexikon zwischen Nah- und Fernwallfahrten unterschieden. Letztere führen seit Jahrhunderten nach Jerusalem, nach Rom und nach Santiago de Compostela.
Diese Reisen nahmen früher vor allem Adlige und Patrizier auf sich. Sie dienten laut Lexikoneintrag dem Prestigegewinn, aber auch der Frömmigkeit, der Erfüllung von Gelübden, der Abenteuerlust sowie dem vorübergehenden Ausstieg aus gesellschaftlichen Zwängen.
1581 nahmen gemäss dem Chronisten Karl J. Ehrat einige Wiler die Herausforderung einer beschwerlichen Pilgerreise nach Santiago auf sich
Zurück zu Weib und Kindern
1649 besuchten zwei Wiler als Pilger Rom. Sie erhielte aus der Stadtkasse ein Reisegeld von 12 Gulden. Der damals amtierende Seckelmeister notierte gemäss Ehrat: «Gott gebe ihnen Glück und alle Wohlfahrt, und dass sie mit viel Freuden wiederum zu Weib und Kindern zuhause kommen.»
Im Jahr 1700 brachten sechs Wiler von ihrer Wallfahrt nach Rom Reliquien in kleinen Pyraminen aus Rom in ihre Heimatstadt.
Schutz vor Seuchen
Zu den Nahwallfahrten zählten zum einen die alljährlichen Prozessionen der Wiler Gläubigen zur Kapelle Gärtensberg, wo sie um Schutz vor Pestepidemien beteten. Zum anderen zog das Rickenbacher Kirchenvolk regelmässig nach Wil, um bei der Stadtpatronin St. Agatha Schutz vor Feuerbrünsten zu erbitten.
Weil die Einwohner Überlingens die Belagerung durch die Schweden unbeschadet überstanden hatten, pilgerten sie zum Dank 1634 nach Einsiedeln. 1716 zogen sie ein weiteres Mal an den selben Ort. Beide Male wurden sie in Wil freundlich beherbergt und verköstigt, wie Chronist Ehrat schreibt.
Wallfahrt nach Einsiedeln
1744 brach an Weihnachten in der heutige Kirchgasse ein Grossfeuer aus. Weil die Stadt vor noch grösserem Unheil verschont geblieben blieb, pilgerten im folgenden Frühjahr 223 Personen aus Wil und Umgebung nach Einsiedeln.
Ab 1672 machten die Gebeine des römischen Katakombenheiligen Pakratius Wil zu einem Wallfahrtsort. Papst Clemens X. schenkte 30 «heilige Leiber» der Fürstabtei St. Gallen. Der damalige Fürstabt Gallus II. liess dabei die Gebeine des heiligen Pankratius nach Wil verbringen, wo er mit einer siebenstündigen Feier empfangen wurde.
Soldat Gottes
Die Gebeine stehen heute in einer Nische im rechten Seitenschiff der St. Nikolauskirche, gefasst in eine wertvolle Goldschmiedearbeit im Rokokostil. Sie wurden zur Hundertjahrfeier der Ankunft in Wil von einem Augsburger Goldschmied ausgeführt. Die Gebeine sind in eine Rüstung eines römischen Soldaten eingefasst. sie soll veranschaulichen, dass Pankratius als Soldat Gottes für seinen Glauben kämpfte und starb.
Bis ins 19. Jahrhundert pflegte man in Wil laut dem gedruckten Altstadtführer von Benno Ruckstuhl den Brauch des Pankratius Weins. Seine Segnung erhielt er durch das Eintauchen eines Zahns Reliquie des Heiligen. Er und dieser besondere Wein sorgten dafür, dass Linderung erhoffende Pilger aus Süddeutschland und anderswo nach Wil zogen.