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Für Mauthner ist die Geschichte des Atheismus eine Sammlung von Geschichten atheistischer Persönlichkeiten; und er hat so seine Lieblinge und seine Bêtes noires. Ersteres wie letzteres teilt er mit praktisch allen Philosophiegeschichten seiner Zeit. Mauthner ist allerdings ein Amateur und zelebriert seine Parteilichkeit nachgerade. (Wenn er übrigens den professionellen Philosophiegeschichtsschreibern vorwirft, dass da einer vom andern abgeschrieben habe, lässt sich das vom Amateur Mauthner mutatis mutandis auch sagen, zumindes orientiert auch er sich an bestehenden Philosophiegeschichten, vor allem, wenn es um Autoren oder Epochen geht, die er selber weniger gut kennt. Wenn er Glück hat, verwendet er Hochkaräter, wie bei der Darstellung der antik-griechischen Philosophie, die er zwar nicht zu behandeln vorgibt, die er aber doch auf ein paar Dutzend Seiten präsentiert, und wo er sich u.a. auf Zeller und Gomperz stützt. Worauf er sich im Speziellen im vorliegenden Band gestützt hat, kann ich nicht sagen. Mauthner verschleiert solche Spuren auch, indem er immer wieder unbekannte Personen in aller Ausführlichkeit vorstellt. Ein Trick, seine Belesenheit unter Beweis zu stellen, den ich sehr gut kenne, verwende ich ihn in kleinerem Masse doch auch selber.)
Bei seiner Darstellung der Aufklärung in Frankreich und Deutschland setzt er voraus, dass Descartes für die Franzosen, Hume und Locke für die Deutschen die Denker sind, mit denen diese sich auch am Ende des 18. Jahrhunderts noch immer auseinandersetzen. (Woran ja nichts Schlechtes ist – wenn nicht Descartes zu Mauthners Bêtes noires gehören würde.) Nachdem er zuerst ein paar mindere Geister vorgestellt hat, beginnt er mit Montesquieu, nicht dem Verfasser des Esprit des lois, sondern dem der Lettres Persanes. Kritik an der Obrigkeit ist in Mauthners Augen nämlich zumindest eine Vorstufe zum atheistischen Denken. (Was in einer Epoche, wo jedwede Obrigkeit als eine „von Gottes Gnaden“ galt, sogar einleuchtet.) Der nächste ist dann Voltaire, der immer so zu lavieren wusste, dass ihm praktisch nichts geschehen konnte, er aber doch als grosser Gegner des Ancien Régime und des Glaubens an einen christlichen Gott durchging. Im Grunde genommen, meint Mauthner, sei er eher dem Deismus als dem eigentlichen Atheismus zuzurechnen. Sein Hass galt weniger Gott als solchem, sondern der katholischen Kirche. Voltaire hat auch einen der ganz frühen explizit atheistischen Texte der Weltliteratur herausgegeben: das Testament des Priesters Jean Meliers. Dass er ihn dabei so purgierte, dass Meslier eher als Deist denn als Atheist dastand, stört Mauthner kaum. Meliers aber gehört eindeutig zu Mauthners Lieblingen, dass aus heutiger Sicht Meliers‘ Atheismus krude, banal und ohne philosophische Untermauerung ist, stört ihn nicht.
Den Enzyklopädisten widmet Mauthner ein eigenes, das dritte Kapitel, und da vor allem den beiden Herausgebern, d’Alembert und Diderot, einigen Artikeln der beiden und der Erscheinungsgeschichte der Encyclopédie, die ja eine reine Buchhändler-/Verlegerspekulation war und des öftern ihren Erscheinungsort wechselte. Zusammen mit dem ‚Vorbild‘ Bayles gehören sie zum interessanten Phänomen, dass Wörterbücher – die eigentlich nur den Sprachgebrauch beschreiben, wenn auch manchmal vorzuschreiben suchen – eine Revolution nicht nur im Denken sondern auch im Staatswesen vorbereiten halfen. Mauthner, so sehr er auch immer wieder (seine) Sprachkritik als philosophisches Allerheilmittel anpreist (und der selber auch ein Wörterbuch verfasst hat!), geht an diesem Phänomen schweigend vorüber. Dafür kommen die Pariser Salons und ein paar weitere mindere Salonlöwen zum Handkuss einer recht ausführlichen Präsentation. Danach aber, ein einem neuen, dem vierten, Kapitel folgt ein weiterer Liebling Mauthners: Jean-Jacques Rousseau. Rousseau arbeitete zwar zeitweise an der Encyclopédie mit, stritt sich auch (mehr als nur zeitweise) mit Voltaire, aber für Mauthner ist interessant, was er dessen gottlose Mystik nennt; diese die Aufklärung überwindende Mystik hebt [… Rousseau …] über das 18. Jahrhundert hinaus und führt […] zu dem historisch und psychologisch besser begründeten mystischen Atheismus oder zu der gottlosen Mystik unserer Zeit herüber. (S. 113)
Den materialistischen Atheismus jener, die in Mauthners Augen Schüler Gassendis waren (also im Grunde genommen Atomisten aus Epikurs Stall), mag er bedeutend weniger. La Mettrie (den Mauthner Lamettrie schreibt) habe zu oft von “seinem Mute zu irren“ Gebrauch gemacht. (Mauthner vergleicht la Mettries naturwissenschaftlichen Kenntnisse mit denen des ausgehenden 19. Jahrhunderts – nicht bemerkend, dass er selber ein paar Dezennien hinter der aktuellen Entwicklung nachhinkt, weil er in einer irrationalen Abwehr die Erkenntnisse von Einstein & Co. völlig ablehnt.) Holbach mit seinem Système de la nature ist für Mauthner de facto nur der Popularisierer von la Mettries L’homme machine. Dennoch stellt er es über mehrere Seiten vor.
Wir sind nun in Frankreich am Vorabend der Revolution und Mauthner wechselt hinüber nach Deutschland. Gleichzeitig geht er in der Chronologie noch einmal weit zurück, in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Da in Deutschland der Atheismus nirgends so offen propagiert wurde, wie in Frankreich, muss Mauthner einmal mehr auf Religiöse zurückgreifen, auf Ketzer und Mystiker (andere Lieblinge von ihm), die zwar die Obrigkeit (vor allem die kirchliche) attackieren, dies aber nicht im Namen einer gottlosen (oder auch nur deistischen) Weltanschauung, sondern im Namen ihres eigenen Begriffes von einem christlichen Gott. Nur so ergibt es einen Sinn, dass die Pietisten in einem Buch über Atheismus vorkommen können. Die zweite Quelle quasi-atheistischen Denkens ist Spinoza. Mit Spinoza taucht an allen Ecken und Enden der Name Lessings auf, eines weiteren Lieblings von Mauthner. Das geht so weit, dass er die Indiskretion Jacobis, der Lessings „Spinozismus“ (und das hiess im damaligen – wie in Mauthners – Sprachgebrauch: Atheismus!) öffentlich machte, durchaus gut heisst und Mendelssohns pikierte Reaktion überhaupt nicht versteht. (Wie Mauthner überhaupt Mendelssohn nicht versteht, nicht verstehen will, den er nicht als eigenständigen Denker betrachtet. Später wird er Kants – zugegeben weit berühmtere – Antwort Was ist Aufklärung? lobend erwähnen, Mendelssohns frühere Antwort auf die gleiche Frage in der gleichen Zeitschrift aber gar nicht erwähnen. Ein weiteres Bête noire also.) Dass gemäss seiner Darstellung nicht nur Goethe, sondern auch Herder sich zum „Spinozismus“ bekannt haben – letzterer immerhin leitender Funktionär einer protestantischen Landeskirche! – hätte Mauthner stutzig machen sollen in seiner Gleichsetzung von Spinozismus und Atheismus. Statt dessen bietet er Angelus Silesius (und am Rande Meister Eckhart) mit seinen mystischen Schriften Raum.
Kapitel 7, zur Deutschen Schulphilosophie, präsentiert als erstes ein weiteres von Mauthners Bêtes noires: Leibniz. Ohne tief auf seine Schriften einzugehen, sieht er ihn vor allem aus dem Blickwinkel Voltaires und dessen Candide, mit dem der Franzose Leibniz‘ beste aller möglichen Welten persifliert hatte. Und wenn er Voltaire (wie Hobbes, Locke und Hume) das vorsichtige Lavieren ohne öffentliches Bekenntnis zum Atheismus als schlaue Vorsicht anrechnet, ist dasselbe bei Leibniz (der eine Stellung zu verlieren hatte!) einfach Feigheit. Selbst Wolff kommt bei Mauthner besser weg. Kapitel 8 ist den wahren deutschen Aufklärern gewidmet – lauter Männern, die man schon zu Mauthners Zeit nicht mehr kannte. Einmal mehr ist eine Bibelübersetzung (die Wertheimer Bibel vom ansonsten unbekannten Lorenz Schmidt) eine Sternstunde der deutschen Aufklärung, des deutschen Atheismus. Von dieser Bibel führt uns Mauthner zu Reimarus, dem Hamburger Gymnasiallehrer und Bibelkritiker, dessen Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes zuerst in Auszügen von Lessing veröffentlicht wurde. Hamburg und Reimarus bringen Mauthner nebenbei zu Brockes. Dessen Physikotheologie (die für Mauthner eine weitere Form des Gottesbeweises ist) behagt ihm allerdings gar nicht; seine Verse findet er ledern. Für einen, der sich „Sprachkritiker“ nennt, besitzt Mauthner erstaunlich wenig (literarisches) Sprachgefühl.
Breiteren Raum nimmt dann ein weiterer Liebling Mauthners ein: Christian Ludwig Liscov (den Mauthner Liscow schreibt). Liscovs Personalsatiren (die im Grunde genommen weniger atheistisch sind, sondern einfach nur aufrührerisch) gefallen Mauthner. Ich gebe zu, dass ich Liscov auch für den besten deutschsprachigen Satiriker vor Lichtenberg halte, aber … nun ja: ein weiterer Unbekannter, den Mauthner ausgraben konnte. Dafür geht es dann weiter mit einer sehr bekannten Persönlichkeit: Friedrich dem Grossen. Die ‚Berliner Aufklärung‘ – einiges davon bereits vorgestellte Franzosen, daneben vor allem Nicolai (einmal mehr einer, der besser ist, als ihn Mauthner haben will) – kommt allerdings nicht sehr gut weg. Schon Besseres weiss er über die Freimaurer zu schreiben. Die Illuminaten finden ebenfalls recht positive Erwähnung, werden aber von Mauthner in ihrer Bedeutung (und Verbreitung) überschätzt. Weishaupt bezeichnet er als deren ideologisches Oberhaupt, Knigge als deren organisatorisches. Ein Ausflug in die damalige deutsche Reformpädagogik (Basedow und Campe) folgt, wobei er über Basedow wenig mehr zu sagen weiss, als dass er im Suff verkam, und über Campe, dass er (Mauthner) Defoes Original-Robinson dessen Bearbeitung vorziehe.
Danach kehren wir nach Frankreich zurück, wo am Vorabend der Revolution noch Mercier und Grimm erscheinen, im Grunde mehr durch ungeschminkte Berichterstattung über die Pariser Zustände erwähnenswert als durch ihren Atheismus (auch wenn sich in Merciers L’An Deux Mille Quatre Cent Quarante [Im Jahre 2440] Passagen finden, die beweisen, dass Mercier sich nur eine Zukunft ohne christliche Religion vorstellen konnte). Es folgt eine Darstellung dessen, wie vor allem Robespierre den französischen Staat für eine kurze Zeit zum ersten atheistischen Staatsgebilde auf europäischem Boden seit mindestens 2’000 Jahren machte, bevor Frankreich dann wieder – lange vor Napoléon – zum Katholizismus konvertierte. Als Nebenschauplatz sozusagen wird Gibbons Geschichtswerk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire erwähnt, wo die christliche Religion zum (von Gibbon bedauerten) Untergang des Römischen Reichs führte. Das 11. Kapitel endet dann mit Mesmer – warum auch immer.