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Glarus den 8. März 1844.
Mein theurer Freund!
Es gereicht mir zur Beruhigung, daß dein letzter Brief, den mir Schwager Tschudi überbrachte, kein Datum hat; ich stelle nun die Präsumtion auf, es sey noch nicht lange her, daß ich denselben erhalten, u. beschwichtige dadurch mein Gewißen, das mich schon seit längerer Zeit antrieb, ihn zu beantworten. Die Nachrichten, welche ich von dir erhielt, waren für mich sehr intreßant u. erfreulich. Ich begreife, daß es dich einen harten Kampf gekostet hat, dich für oder gegen eine Reise nach England im Begleite Bethmann-Hollwegs zu entschließen; ich wüßte nicht, wofür ich mich entschieden hätte, da ich mich auch nicht so ganz in deine Lage versetzen kann. Dagegen freute es mich sehr, schon durch die Zeitungen zu vernehmen, daß du dich nun wirklich als Privatdozent habilitirt hast. Gewiß hat dieser Schritt, in Verbindung mit demjenigen Rüttimann's, Viele, die, durch Keller's u. andre Verluste entmuthigt, bereits an dem Schicksale der Hochschule verzweifelten, mit neuen Hoffnungen belebt. Auch daß du auf den Sommer bereits ein Colleg angekündigt hast, freut mich um so mehr, da das Thema deßelben so höchst intreßant u. gerade geeignet ist, den vergleichenden Standpunkt in seiner ganzen Wichtigkeit hervorzuheben. Ich glaube, du hättest es nicht zu bereuen, wenn das Colleg wirklich zu Stande käme, indem du dann an diesem speziellen u. doch so viele Seiten der Betrachtung darbietenden Gegenstande deine Kräfte üben könntest, um nachher die vergleichende Darstellung des gesammten Civilprozeßes um so ge| wandter durchzuführen. – Es wird mich sehr freuen, von dir noch etwas Näheres zu vernehmen über die Verhandlungen Eures Vereins, betreffend die Sicherung u. Hebung der Hochschule, zumal nun diese Anstalt nicht bloß durch den Austritt bedeutender Lehrer, sondern auch, wie es scheint, durch das leidenschaftliche u. unkluge Treiben einer Parthei in ihrem würdigen Fortbestande gefährdet ist. Ueberhaupt wird mir jede Nachricht über die Entwicklung Eures Vereines, an dem ich innigen Antheil nehme, sehr willkommen seyn. Ich glaube, du wolltest einmal demselben deine Ansichten vortragen über die Veränderungen, welche dir im akademischen Unterrichte, namentlich mit Bezug auf die Rechtswißenschaft, nöthig scheinen. Da ich weiß, daß du dich mit diesem Gegenstande angelegentlich beschäftigt hast, so würde es mich besonders intreßiren, dich darüber zu vernehmen.
Mir hat in den letzten Monaten die Redaktion eines Schuldentriebgesetzes, mit der ich beauftragt wurde, einen nicht unbedeutenden Theil meiner Zeit weggenommen. Ich war zwar keineswegs Redaktor in dem Sinne, daß ich das ganze Gesetz nach Innhalt u. Form aus mir selbst hätte hervorarbeiten u. dann nur der Commißion oder dem Landrathe vorlegen können; ich muß auch gestehen, daß ich, obschon ich im Allgemeinen dieses Verfahren bei gesetzgeberischen Arbeiten als das vorzüglichere betrachte, doch mich im vorliegenden Falle einer solchen Aufgabe noch nicht gewachsen gefühlt hätte, indem mir dazu nicht alle praktische Verhältniße, in welche gerade der Schuldentrieb so tief eingreift, hinlänglich bekannt gewesen wären. Unsre Commißion stellte vielmehr zuerst von sich aus alle Grundsätze auf, welche das neue Gesetz enthalten soll, u. übertrug mir dann bloß die Redaktion des Entwurfes im engern Sinne. Indeßen habe ich mich bei dieser Arbeit bemüht, demselben eine möglichst zweckgemäße, klare u. durchsichtige Form zu geben. Daß auf die Redaktion eines Gesetzes gar viel ankomme, wußte ich schon im Allgemeinen, habe mich aber zum Ueberfluß auch noch in meiner gerichtlichen Praxis davon überzeugt, indem manche unsre Gesetze, zum Theil auch neuere, an Verworrenheit leiden u. dadurch theils um so schwerer zu vollziehen sind, theils zu häufigen Prozeßen | Veranlaßung geben. Unser Entwurf soll nun gedruckt werden, u. wenn du es wünschest, kann ich dir ihn nachher mittheilen. Die Diskußion im Landrathe scheue ich durchaus nicht, weil sich hier jedem unbegründeten Angriffe begegnen läßt, die begründeten aber nur dazu dienen werden, das Werk noch mehr unsern Bedürfnißen anzupaßen. Dagegen befällt mich ein unheimlicher Schauder, wenn ich an die Landsgemeinde denke u. überlegen muß, wie viele Mißverständniße, Zufälligkeiten u. schmutzige Intereßen hier über das Schicksal eines durchdachten u. sorgfältig ausgearbeiteten Entwurfes entscheiden werden. – Unter meinen litterarischen Arbeiten beschäftigen mich jetzt vorzugsweise meine Beiträge zur Beschreibung des Cant. Glarus. Mehrere derselben, die ich übernommen hatte, u. gerade die für mich langweiligsten sind mir nun durch andre Mitarbeiter abgenommen worden; immerhin aber nehmen mir die noch bleibenden weit mehr Zeit weg, als ich vorausberechnet hatte. Ich verkenne zwar keineswegs, daß es wohl in mancher Hinsicht für mich gerathner wäre, mich mit streng wißenschaftlichen, meinen Neigungen u. Kenntnißen mehr entsprechenden Arbeiten abzugeben; doch kann ich mich nach u. nach auch mit jener übernommnen Verpflichtung beßer befreunden, um so mehr weil ich sonst befürchten müßte, daß sich in das Werk viele Irrthümer einschleichen würden, die dann für lange Zeit rezipirt wären, da ich schon sehr häufig diese Cantonsbeschreibungen, besonders die der kleinern Cantone, als Autorität angeführt gesehen habe. Das eigenthümliche eben unsrer Demokratien historisch und statistisch darzustellen, erscheint mir immer als eine würdige Aufgabe, so wenig ich ihm in praxi gewogen bin. Meinem beabsichtigten rechtsgeschichtlichen Werke, deßen Ausführung immer mein Lieblingsplan bleibt, wiedme ich dabei immer noch einzelne Stunden, wobei ich aber natürlich nicht schnell vorwärts komme. Die Aufgabe ist groß u. umfaßend, die Quellen sind zerstreut, u. für die äußre Rechtsgeschichte ist eine reiche Litteratur zu berücksichtigen.
Es wird mich freuen, von deinen Faschingsfreuden in Zug noch etwas näheres zu vernehmen.
Dem hiesigen Balle, von dem dir Tschudi sagte, konnte ich nicht beiwohnen, weil sich ein Trauerfall in der
Familie meiner l. Frau ereignete. – Von meinem Schwager in Heidelberg sind wieder sehr gute u. erfreuliche Berichte
eingelaufen. Zwicki's
Schwäger scheinen nun doch von ihren Ansprüchen auf sein Vermögen abstehen zu
wollen. – Schreibe mir doch auch, wie sich deine l. Mamma befindet. Empfehle mich bestens deinen
Eltern u. deiner Schwester u. grüße mir meine Freunde. Meine l. Frau u. die Meinigen grüßen dich bestens. Sey
herzlich [gegrüßt?] von deinem
J J Blumer.