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100 Jahre Konzertverein Langenthal
Aus Kellern, aus Kisten und Schachteln, aus ungezählten Heften, Büchern, Ordnern, aus Hunderten vergilbter Protokolle erreicht die hundertjährige Geschichte des Konzertvereins (KVL) heute wiederum unser helles Tageslicht. Mit Stahlfedern säuberlich in zuweilen schwer lesbarer Kurrentschrift aufgekritzelt, später mit Hingabe und kalligrafischen Rundungen in Deutscher Laufschrift präsentiert, lange Zeit dann mit mechanischen Schreibmaschinen, Matrizendruckern, Xerox-Kopien bis zu den heutigen E-Mails wird die Vereinsgeschichte als äusserst spannende Literatur lesbar. Eingebettet in den jeweiligen Zeitgeist wächst der KVL mit den Gründungsgedanken seiner heutigen Strahlkraft entgegen.
Die Anfänge
Im Jahr 1910 erstmals aktenkundig, formiert sich der «Gesangverein Langenthal» unter der Leitung von Musikdirektor Aeschbacher. Unter diesem Namen finden sich der Frauenchor und einige des Sanges kundige Herren zu einem gemischten Chor zusammen, der leider infolge Mangels an männlichen Stimmen nicht imstande war, sich an grosse Choraufführungen wagen zu können. Dieser krankhafte Zustand befriedigte nicht. So entstand 1920 nach anfänglichem Widerstand einiger Männer der «Konzertverein Langenthal» aus dem flotten Frauenchor (gegründet 1897), alliiert mit dem Männerchor (gegründet 1841), um obige Ziele zu erreichen.
Aus Art. 2 der Statuten vom 9. Oktober 1920:
Der Konzertverein Langenthal (KVL) bezweckt
a) Durchführung grösserer Konzerte mit Orchester aus dem Gebiete des gemischten Männer- und Frauenchorgesanges sowie Opern,
b) die Veranstaltung von Solisten- und Kammermusikkonzerten ohne seine musikalische Mitwirkung,
c) die Pflege und Hebung des Musikverständnisses durch öffentliche Vorträge.
Die beiden Vereine bleiben selbstständig.
Die Finanzen
Nachdem zur Theatereröffnung 1916 das «Glöcklein des Eremiten» mit sechs Aufführungen dem Männerchor bereits einen ersten schönen Ertrag eingespielt hatte, sind dem Verein durch eine Anzahl hochherziger Bürger bedeutende Mittel zugeflossen. Sie wurden zu einem Fonds zusammengelegt, dessen Bestand nach Statuten nicht vermindert werden darf, dessen Zinserträgnis dagegen dem Verein zur Verfügung steht. Ein erster in diesem Sinn verwalteter Betrag von tausend Franken spendete am 14. Juni 1924 Samuel Lehmann-Seiler, Besitzer grosser Plantagen in Guatemala, als Anerkennung des schönen Abdankungsgesangs für seine jung verstorbene Frau; dessen Villa an der Ringstrasse ist uns übrigens noch bekannt als Stammhaus des Alterswohnheims Lindenhof. Ein Jahr später wurden für Herrn Paul Gugelmann sel. weitere tausend Franken gespendet, und andere Schenkungen wohlhabender Langenthaler Bürger machten Schule. Das nie angetastete grosse Fonds- und das stets genügende Betriebsvermögen bleiben der hochherzigen Gönnerschaft des durch Industrie und Handel reich gewordenen Ortes zu verdanken.
Frühe Konzerttätigkeiten
Erster Dirigent des Konzertvereins (KVL) war der dynamische Bündner Joseph Castelberg, der mit jährlichen Konzerten den Verein in der Kulturlandschaft festigte. Weitere inspirierende Kräfte waren die Literarisch-Dramatische Gesellschaft und der Augenarzt und Regisseur Dr. Franz Della Casa aus Burgdorf. Unter dieser kulturell sehr regsamen Führung konnten denn auch für Kammermusikkonzerte, Messen und Opern bedeutende Solisten und Orchester engagiert werden. So zum Beispiel 1925 Lisa della Casa in der Oper «Der Wildschütz» (als erster Auftritt mit dem hiesigen Orchesterverein), 1926 das Berner Streichquartett für einen Kammermusikabend im Bären oder das Berner Stadtorchester zu einer Beethovenfeier 1928. Der KVL stand nun hervorragend da, und glücklicherweise bemerkte kaum jemand die kleinliche, oft hässige Korrespondenz hinter den Kulissen von knauserigen Perruqiers, abtrünnigen Solisten, über unzutreffende Musikaliensendungen oder missratene Bühnenbilder, mit denen sich der Vereinsvorstand bis zur Verzweiflung herumzuschlagen hatte. Anfänglich unterschiedliche Auffassungen zwischen KVL und Orchesterverein konnten mit der Zeit geklärt werden, und seit dem gemeinsamen Mozart-Requiem 1930 in der Kirche Langenthal vermochten sich die beiden hiesigen Vereine in einer gewissen Kameradschaft zu nähern. Höhepunkt und Ende der Ära Castelberg war 1938 das Händel-Oratorium «Judas Maccabäus»; dazu hat sich auch der Frauen- und Töchterchor Schoren für über sechzig Jahre lang dem KVL angeschlossen.
Kriegsjahre
Mobilmachung und Grenzbesetzung mit zu vielen Abwesenheiten, fehlenden Singnoten und kalten Probelokalen hatten eher glanzlose Jahre zur Folge, die Motivation zu eigenen musikalischen Aufführungen kam zum Erliegen. Der KVL versuchte zwar seinem musikalischen Auftrag mit Kammermusikkonzerten von relativ teuer engagierten Solisten und Ensembles nachzukommen, doch das Publikum blieb aus, und für kurze Zeit erlosch die musikalische Glut.
Neubeginn
Aber dann begann die hohe Zeit der stark dotierten Chöre, wo der Männerchor über neunzig Sänger zählte. Mit dem neuen Dirigenten Jacques Zuber mit Basler Wurzeln und den Aufführungen des Verdi-Requiems und der «Walpurgisnacht» von Hermann Suter liessen sich seit 1944 jetzt wieder Mut und Erfolge ansagen und der KVL vermochte seinen statutarischen Auftrag wiederum zu erfüllen: als zyklischer Kraftspender für Frauen- und Männerchor, der in Jahren reduzierten Stoffwechsels sich selbst genügt, um dann mit mächtiger Energie alle vier Jahre Katalysator wunderbarer Musikwerke zu werden. Unter diesen alle vier Jahre erstrahlenden Aufführungen mögen Brahms «Deutsches Requiem» und Hermann Suters «Le Laudi» besondere Erwähnung finden. 1972 wurde der Orchesterverein (später Stadtorchester Langenthal) endlich richtiges Vereinsmitglied, und gleichen Jahres gelangte mit Rossinis «Stabat Mater» das erste Konzert unter dem neuen Dirigenten Urs Flück zur Aufführung.
Ära Flück
Mit dem Frauenchor, dem Frauen- und Töchterchor Schoren, dem Männerchor und dem Orchesterverein bestand der KVL somit in einer ménage à quatre und, wie das so ist, meist in freundschaftlicher Koexistenz. Urs Flück am Pult, Heidi Stalder als Konzertmeisterin und Katharina Lappert als Sopransolistin und Chorleiterin waren für Jahre die prägenden Personen in den vielen sich folgenden Aufführungen. Für ganze fünfzehn Jahre war Urs Flück Spiritus Rector und Dirigent des KVL. Ihm zu verdanken und unvergessen sind Rossinis «Stabat Mater» (1972), Gounods «Cäcilienmesse» (1976), Dvořáks «Stabat Mater» (1979), Mozarts «Krönungsmesse» (1983) und das Passionskonzert 1987 mit César Francks «Sieben letzte Worte des Erlösers am Kreuz». Auch als begnadeter Chorleiter und Orchesterdirigent wusste Urs Flück in Diktion und Gestaltung immerwährende Massstäbe zu setzen.
Aber auch düstere Wolken sollen sich 1990 über dem KVL zusammenziehen. Nicht jeder Musiker ist eben mit seinen persönlichen Idealvorstellungen im Vorbereitungsjahr zwischenmenschlich und kulturpolitisch sensibel genug. Vor dem neuen Dirigenten Bernardo Breganzoni eröffneten sich so einige Gräben. Es kündeten der Reihe nach die bereits engagierten Sopran- und Bass-Solisten, die Organistin und der Dirigent des Orchestervereins. Und dies in der laufenden Vorbereitungszeit zu «150 Jahre Männerchor» mit der von Breganzoni dirigierten C-Dur-Messe von Beethoven. Mit grossem Einsatz kam das schöne Jubiläumskonzert dennoch zu seiner strahlenden Aufführung, und Langenthal merkte nicht viel von den anfänglichen Zerwürfnissen.
Die Schöpfung
Haydns Schöpfung, die Erhabenheit der Weltschöpfung in kindlich-naiver Erzählung, sollte 1995 in der prachtvoll renovierten Klosterkirche Sankt Urban aufgeführt werden. Ein musikalischer Höhepunkt, zugleich Jubiläumskonzert zu 75 Jahren KVL. Und wiederum bedrohten unvereinbare Vorstellungen leitender Persönlichkeiten gleich die ganze Aufführung. Es demissionierten diesmal die Konzertmeisterin, der Cembalist und die Chordirigentin, nicht in der Lage, mit der schon sprachlich befremdlichen Art des ursprünglich ungarischen neuen Dirigenten Tamas Holes weiterhin mitzuarbeiten. Viel Unappetitliches wurde ausgetauscht, fand bedauerlicherweise auch den Weg in die Zeitungen und zwang zur kurzfristigen Absetzung der Gesamtleitung. Zum grossen Glück konnte sich Katharina Lappert für Gesamtleitung und gleich auch Übernahme der Männerchorproben sozusagen in letzter Minute bereit erklären. Ohne sie als rettender Engel wäre die dann herrliche Aufführung nicht zustande gekommen.
Noch nicht verklungen
An die vielen, alle vier Jahre jetzt unter der Leitung verschiedener Dirigenten zu Gehör und Gemüt gebrachten Aufführungen erinnern sich wohl heute noch die meisten von uns: Schubert, G-Dur-Messe, Dirigentin Katharina Lappert (1999), Dvořák, Stabat Mater, zu 100 Jahre Orchesterverein, Dirigentin Katharina Lappert (2003), Fanny Hensel, Hiob-Kantate, Dirigent Andreas Meier-Oulevey (2007), Suppé, Requiem, Dirigent Andreas Meier-Oulevey (2012) und mit dem Konzerttitel «Spätromantische Impressionen» das Konzert 2012 mit dem neuen Orchesterdirigenten Marcel Hirsiger und den Chordirigierenden Anita Steiner-Thaler und Andreas Meier-Oulevey. Den Langenthalern zum Geschenk gestaltete der KVL am 7. Januar 2018 schliesslich das Eröffnungskonzert im renovierten Stadttheater mit Marcel Hirsiger am Pult und Heinz Holliger als Gast.
Und zuletzt Dank
Wenn wir heute Hundert Jahre KVL feiern, geht unser Dank an all die vielen bisherigen der Musik verpflichteten Dirigenten, Vereinspräsidenten, Chor- und Orchestermitglieder, an alle Gönnerinnen und Gönner und natürlich an das stets wohlgesinnte Langenthaler Publikum. Dass das musikalische feu sacré nach wunderbaren Erfolgen auch in schwierigeren Zeiten nie erloschen ist, bleibt Zeugnis der hohen Verantwortung des Vereins zu dessen musikalischem Auftrag. Hundert Jahre haben den KVL zu einem strahlenden Kulturträger in Langenthal aufgebaut.
Einen so strahlenden Kulturträger in eigenen Reihen zu wissen, ihm hundert Jahre zur Seite gestanden zu haben, darf Langenthal mit berechtigtem eigenem Stolz erfüllen. Seine historische Verankerung und seine immer wieder familiären Begegnungen mit dem örtlichen Publikum lassen den heute jubilierenden Verein als «unseren» Konzertverein weiterleben.
Autor: Jean-Pierre Masson