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«Un euro pour une petite tour Eiffel!! Un euro pour une petite tour Eiffel!!», rief Theo in die Menge von Menschen. Das rief er tagein, tagaus. Gestresste und verständnislose Rufe verschluckten die seinen. Er stand unter einem Fuss des Eiffelturms und warb mit Mini- Eiffeltürmen, die man sich an den Schlüsselbund hängen konnte. Aufgestylte Touristen - darunter viele verliebte Pärchen und Familien, die Mitbringsel für ihre Familie kauften - waren seine besten Kunden. Kunden war jedoch ein grosses Wort für die vorbeihetzende Menge, von der Einzelne, wenn er Glück hatte, etwas kauften.
Theo war obdachlos und lebte, seit er sich erinnern konnte, in Paris. Er schlief in einem Obdachlosenheim. Dort hatte er Freunde, und ab und zu besuchte ihn auch die beige Strassenkatze, die er Dante genannt hatte.
Theo schaute in die Menge, um mögliche Käufer zu erspähen. Er sah hie und da einen Menschen, der eventuell etwas gekauft hätte, aber alle bewegten sich in andere Richtungen. «Un euro pour une petite tour Eiffel!», rief er erneut.
Vor einem Ticketschalter sah er einen wild gestikulierenden Mann, der die Arme verwarf und laut redete. Eine ganze Weile sah er ihm zu. Irgendwann schien der Preis zu stimmen, der Mann bezahlte, bekam das Ticket und machte sich vom Acker.
„Can you take a picture of me?», fragte ihn eine Chinesin oder Japanerin und streckte ihm ein Smartphone entgegen. Theo nickte, denn obwohl er nicht gut Englisch sprach, kannte er diesen Satz gut.
Die Frau stellte die Kamera ein und brachte sich in Position. Dafür lief sie in das Gewusel von Menschen. Theo folgte ohne Fragen.
Als das Foto gemacht war, sah sich Theo in der Menge um. Der Mann, der vorher so wild gestikuliert hatte, nieste gerade ausgiebig. Mit einer Hand unter der Nase und der anderen in seiner Hosentasche wühlend suchte er nach einem Taschentuch. Er hatte es an einem Zipfel gefasst und zog daran. Er nieste nochmals und hörte deshalb nicht, wie ihm das Portemonnaie aus der Tasche fiel. Aber Theo sah es. Der Mann hastete weiter zum Lift und putzte sich im Gehen die Nase.
Da lag es. Das schwarze Portemonnaie, zwischen all den vorbeihastenden und wartenden Schuhen. Theo hob es auf und sah sich nach dem Mann um. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Kein Wunder, bei den vielen Menschen.
Weil der Mann vorher zum Lift geeilt war, stellte Theo sich vor den Eingang und wartete. Er öffnete das Portemonnaie und schaute hinein: mehrere hundert Euro! Das wäre ein dicker Fang, aber er wollte nicht stehlen, nein, er wartete, auch wenn es lang gehen könnte.
Theo sah toll gekleidete Menschen mit grossen Taschen und allem möglichem Kram, den man seiner Meinung nach eigentlich gar nicht braucht. Er selber trug eine aufgerissene Hose, ein abgetragenes T- Shirt und abgelaufene Turnschuhe. Irgendwie fühlte er sich fehl am Platz, wie er hier so mit seinen Schlüsselanhängern stand und wartete.
Die grosse Uhr am Ticketschalter sagte ihm, dass er nun schon eine Viertelstunde hier stand. Er rief noch ein paar Mal seinen Spruch und verkaufte sogar einen Mini- Eiffelturm.
Nach einer halben Stunde kam der Mann zurück. Theo hatte schon vermutet, er hätte ihn verpasst. „Entschuldigen Sie, Sie haben Ihr Portemonnaie vorher verloren“, sagte Theo zu dem Herrn. „Oh danke, ich habe es gerade bemerkt und bin sofort heruntergeeilt. Vielen, vielen Dank!“, antwortete der Herr auf Französisch. „Bist du obdachlos?“ „Ja“, antwortete Theo, „Warum?“ „Was würdest du davon halten, wenn ich dir als Dank einen ordentlichen Haarschnitt, anständige Kleider und Schuhe und eine Woche in einem B&B spendieren würde?“, fragte der Franzose. „Sehr viel!“, gab Theo zurück.
Also gingen die beiden los - als Erstes in einen Kleiderladen. Schnell fanden sich eine bequeme Jeans, ein tolles T- Shirt und eine Trainerjacke. Nur etwa drei Häuserecken weiter war ein Schuhladen. Die Schuhe, für die Theo sich entschied, waren Turnschuhe in den Farben gelb und schwarz. Bis sie einen Coiffeur fanden, der sofort Zeit hatte, dauerte es etwa zehn Minuten, aber das war nicht schlimm, denn Theo hatte ja keinerlei andere Pläne.
Als Theo dann in den Stuhl sass und die Haare gewaschen bekam, fühlte er sich irgendwie komisch. Er konnte es nicht beschreiben, aber dieses Gefühl kannte er nicht. Irgendwann sagte die Coiffeuse: „Voilà, vous pouvez retourner vous asseoir dans la chaise.“ Theo stand auf und setze sich auf den zugewiesenen Stuhl.
Die Coiffeuse schnippelte und föhnte an seinen Haaren herum, und endlich konnte er aufstehen. Der Franzose, der sich unterdessen als François vorgestellt hatte, bezahlte und verliess mit Theo den Salon.
Das komische, unbeschreiblich nagende Gefühl, das vor etwa einer Dreiviertelstunde eingesetzt hatte, liess nicht wie gehofft ab, sondern nahm sogar noch zu.
Nach etwa zwanzig Minuten Fussmarsch durch Paris standen François und Theo vor einem kleinen Haus. „Das ist ein B&B. Hier kannst du für eine Woche wohnen. Ich kenne den Besitzer, deshalb wird es auch keine Probleme mit dem Buchen oder Bleiben geben. Also, gehen wir rein“, sagte François.
Im Inneren waren einige altmodische Sofas und Sessel. Ein Kronleuchter verströmte warmes gelb-orangenes Licht, und an einer Rezeption stand ein etwas rundlicher Mann in Kittel und Krawatte. „Du kannst dich auf die Sofas setzen und warten. Ich regle das hier“, sagte François.
Theo setzte sich und schaute sich genauer um. An der Wand hingen einige Bilder von dem Eiffelturm und Pariser Kirchen. Die Wand hatte ein altmodisches Muster und war tapeziert. Links von der Rezeption war ein Lift, und es gab ein hinein gezimmertes Häuschen mit Bar. An der Dachkante des Häuschens hing eine rot-orangene Lichterkette. Rechts von dem Häuschen führte eine Wendeltreppe in die oberen Stockwerke.
François hatte anscheinend alles erledigt, denn er winkte Theo zu, ihm und dem Besitzer zu folgen. Im zweiten Stockwerk vor Zimmer 207 machten sie Halt, der Mann schloss auf und drückte Theo einen Schlüssel in die Hand.
Das Zimmer war schlicht eingerichtet mit Einzelbett, Pult, Stuhl, Schrank und einem kleinen Bad. An der Decke hing ebenfalls ein Kronleuchter, lediglich einige Nummern kleiner als der in der Eingangshalle, aber die Wände hatten dieselbe altmodisch gemusterte Tapete.
Theo verabschiedete sich von François und dankte ihm vielmals. Als die Tür ins Schloss viel und Theo endlich alleine aufs Bett sank, erkannte er, wie müde er eigentlich war.
Theo schlug die Augen auf. Wo war er? Durch das Fenster sah er die Sonne aufgehen, und als sein Blick vom Fenster hinüber auf die Tapete schweifte, fiel es ihm siedend heiss wieder ein – er war im B&B! Er drehte sich nochmals um und versuchte weiterzuschlafen, aber es gelang ihm nicht. Das nagende Gefühl vom Vorabend war wieder da, und jetzt war noch ein weiteres Gefühl dabei. Er fühlte sich fehl am Platz – wie ein Fisch in der Wüste oder ein Papagei am Nordpol, wie bestellt und nicht abgeholt. Theo vermisste Dante und seine Kollegen vom Obdachlosenheim, das Kartenspielen am Abend und den etwas rauen Umgang untereinander. Auch wenn es nur ein Tag und eine Nacht gewesen waren, er vermisste alles. Dieses Leben war eindeutig zu ordentlich! „Ich gehe zurück auf die Strasse, noch heute!“, traf Theo seinen Entschluss.
Er stand auf, wuschelte sich durch die neu geschnnittenen, sich fremd anfühlenden Haare, schnappte den Schlüssel und verliess das Zimmer.
„Es tut mir leid, es ist so gut gemeint von François, aber ich möchte nicht länger bleiben“, sagte Theo zu dem Mann hinter der Rezeption, „ich vermisse die Strasse und meine Kollegen. Sie können das Geld für die Beherbergung behalten oder es François zurückgeben. Hier ist der Schlüssel. Danke für alles.“ Der Mann war etwas überrumpelt und meinte nur: „Ok, wenn du es so willst, dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag. Ich werde François das Geld zurückgeben.“ „Vielen Dank“, sagte Theo und verliess das B&B.
Selbst zehn Jahre später erinnerte sich Theo noch genau, was er an diesem Tag getan hatte. Zuerst hatte er das Gelände der Sacré-Coeur aufgesucht, denn dort verkaufte sein bester Freund am häufigsten Kleinigkeiten. Doch er fand dort weder seinen Freund noch sonst jemanden, den er kannte. Den nächsten Ort, den er aufsuchte, war der Montmartre. Dort war zwar nicht wie erhofft sein Freund, aber dafür Dante. Das machte ihn fast noch glücklicher. Er nahm Dante hoch und streichelte ihn. Nach einem Weilchen setzte er ihn sich auf seine Schulter. Es wurde langsam dunkel, und mit seinem ständig schnurrendem Begleiter auf der Schulter machte er sich auf den Weg zum Obdachlosenheim. Das war Leben, so wie er es wollte.
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