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Die Zahl der Infektionskrankheiten wie SARS, MERS oder COVID-19, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurden, ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen. Es gibt heute nicht nur mehr Krankheitstypen, auch die Häufigkeit ihres Auftretens ist gestiegen: Die Zahl jährlicher Ausbrüche hat sich seit 1980 verdreifacht.
Es ist mittlerweile bekannt, dass hinter dieser alarmierenden Entwicklung unter anderem die wachsende Nähe von Menschen und Tieren sowie unsere immer grössere Mobilität steht sowie dass SARS-COVID-19 wahrscheinlich auf einem Wildtiermarkt von einer Fledermaus auf ein chinesisches Schuppentier und von dort auf den Menschen übergesprungen ist. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass viele der Merkmale der heutigen Landwirtschaft ebenso Teil dieses Problems sind: ein fast ausschliesslicher Fokus auf Produktivität, die Ignorierung von Abläufen in Ökosystemen sowie eine nicht artgerechte Haltung von Tieren.
Zerstörung natürlicher Lebensräume
Die Hälfte der bewohnbaren Fläche der Erde wird landwirtschaftlich genutzt. Riesige Gebiete werden für die Produktion von Treibstoffen und die Viehhaltung verwendet, was eine ernsthafte Gefahr für die Umwelt und die Biodiversität darstellt. In vielen Regionen der Erde werden traditionelle Methoden des Landbaus durch intensive Produktionsmethoden ersetzt. Der zunehmende Verlust natürlicher Lebensräume führt dazu, dass Wildtiere immer mehr mit Menschen in Kontakt kommen – dies ist die Hauptquelle der Entstehung vieler viraler Krankheiten.
Es gibt Hinweise darauf, dass der Verlust von Biodiversität diesen Effekt verstärkt. Eine geringere Vielfalt an potenziellen Virusträgern unter Tieren erhöht das Risiko, dass ein Krankheitserreger auf den Menschen überspringt. Forschungsergebnisse weisen aber auch darauf hin, dass eine hohe Artenvielfalt in bewohnten Gebieten zu häufigen Krankheitsausbrüchen führt. So teilen sich in den Pastoralisten-Gebieten in Ostafrika Menschen, Vieh und Wildtiere dieselben Lebensräume. Dies setzt die Menschen dort einem höheren Krankheitsrisiko aus. In diesen Gegenden ist es wichtig, dass Frühwarnsysteme eingesetzt werden, welche die Verbreitung neuer Krankheiten eindämmen können.
Risikofaktor Massentierhaltung
Mit dem weltweiten Trend der Urbanisierung und dem wachsenden Wohlstand steigt die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten. Dies hat weltweit zu einem rasanten Anstieg intensiver Viehhaltung geführt. Tiere, die auf engem Raum und unter unhygienischen Bedingungen gehalten werden, sind oft gestresst und in einem schlechten Gesundheitszustand. Damit bilden sie ideale Brutstätten für neue Krankheitserreger.
Dazu macht die breitflächige und intensive Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung Krankheitserreger resistent gegenüber Medikamenten, die auch in der Humanmedizin verwendet werden. Expertinnen und Experten prophezeien, dass die Entstehung von resistenten Bakterien und anderen Mikroben bis 2050 zum Tod von Millionen Menschen weltweit führen könnte. Eine tiergerechte Haltung und Ernährung von Vieh ist deshalb nicht nur für das Wohlergehen und die Produktivität der Tiere zentral, sondern auch für die Erhaltung der menschlichen Gesundheit.
Lösungen sind da
Die gute Nachricht: Wir können etwas tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Als Konsumentinnen und Konsumenten, welche die Wahl haben, was auf den Teller kommt, können wir hier eine wichtige Rolle einnehmen, indem wir nachhaltig produzierte Nahrungsmittel kaufen, weniger Fleischprodukte konsumieren und Food Waste reduzieren. Finden solche Verhaltensänderungen in grossem Stil statt, haben sie das Potenzial, den wachsenden Bedarf nach immer mehr Land zu bremsen und zur Errichtung eines Ernährungssystems beizutragen, das nicht nur dem Erhalt der Umwelt, sondern auch der menschlichen Gesundheit dient.
Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Kostenwahrheit: Der Einbezug von Umwelt und Gesundheitsschäden in die Produktepreise könnte zu einem Wandel hin zu ganzheitlichen Produktionsansätzen wie der Agrarökologie führen. Dies würde den Konflikt zwischen Landnutzung, Nahrungsproduktion und dem Erhalt von Lebensräumen entschärfen.
Rund um den Erdball gibt es viele Beispiele solcher Ansätze und Strategien, die erfolgreich eingesetzt werden, um resilientere und gesündere Ernährungssysteme aufzubauen, wie unter anderem der von Biovision mitpublizierte Bericht «Beacons of Hope» gezeigt hat. Die Lösungen sind da – die Herausforderung besteht darin, ihnen baldmöglichst zum Durchbruch zu verhelfen.
Kommentar Dr. Frank Eyhorn, Geschäftsführer Biovision
Die Covid-19-Pandemie führt uns einmal mehr vor Augen: Unser Ernährungssystem macht krank. Es begünstigt das Auftreten von Epidemien und befördert eine unausgewogene Ernährung, die das Immunsystem schwächt und uns anfälliger macht für Krankheiten.
Der neuste Welternährungsbericht der UNO zeigt eindrücklich, dass Mangel- und Fehlernährung heute die weltweit stärksten Treiber für Gesundheitsprobleme sind und dass sie zu Millionen von Todesfällen jedes Jahr führen, in reichen wie in armen Ländern: Während einer von neun Menschen unter Mangelernährung leidet, ist einer von drei übergewichtig.
Der Bericht verortet eine wichtige Ursache im industriellen Landwirtschaftssystem, welches auf die Produktion leerer Kalorien ausgerichtet ist, anstatt eine breite Palette an gesunden Nahrungsmitteln zur Verfügung zu stellen. Der Konsum von hochverarbeiteten, ungesunden Lebensmitteln steigt auch in ärmeren Ländern stetig an – mit gewaltigen Kosten für die Gesellschaft!
Dringender denn je braucht es deshalb eine agrarökologische Transformation unserer Ernährungssysteme, sodass gesunde Nahrung in einer gesunden Umwelt die Norm und für alle erschwinglich wird. Dass die Nachfrage nach lokalem Biogemüse in Zeiten der Pandemie stark angestiegen ist, stimmt hoffnungsvoll.
Prävention von Zoonosen in Biovision-Projekten
In den pastoralen Gebieten Ostafrikas zirkulieren einige Krankheitserreger, von denen laut Weltgesundheitsorganisation WHO eine grosse Pandemiegefahr ausgeht, darunter das Rifttalfieber-Virus und das MERS-Coronavirus. Biovision unterstützt in den Projekten «Kamele für Dürregebiete» und «Informationssystem zu Krankheiten und Dürre» den Aufbau von Krankheitsüberwachungs-Systemen. Zentral ist dabei die enge Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizin auf allen Ebenen, vom abgelegenen Dorf bis ins modern ausgerüstete Labor. So können gefährliche Ausbrüche früh erkannt – und vielleicht eine nächste globale Pandemie verhindert werden.