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Die beiden Dichter trafen sich erstmals vor zehn Jahren in Durban, Südafrika, bei einem Dichterfestival. Sie waren sofort voneinander beeindruckt. Beide trugen nicht einfach Gedichte vor, sie machten daraus eine Performance. Davon abgesehen, sind sie sehr verschieden – zumindest was Alter und Herkunft betrifft. Die Rede ist von Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, und Shuntaro Tanikawa, 1931 in Tokio geboren. Auf die erste Begegnung folgten weitere, unter anderem besuchte Halter Tanikawa 2006 in Tokio. Dabei merkten sie, dass beide gerne mit Musik und anderen Medien arbeiten. Einig waren sie sich auch über den gesellschaftlichen Ort des Gedichts. Halter: «Wir haben herausgefunden, dass Gedichte im Alltag vorkommen müssen; dass Poesie Teil unseres Alltags ist.»
Auf Initiative des in Bern lebenden Kunsthistorikers Osamu Okuda begannen die beiden Dichter, ein Kettengedicht zu schreiben. Die moderne, ziemlich freie Form dieser Gedichtart, «Renshi» genannt, kam in Japan wie im Westen um 1970 herum auf. Halter und Tanikawa legten nur zwei Regeln fest: Jeder Beitrag besteht aus maximal fünf Zeilen. Und es darf jeweils nur auf den vorangegangenen Beitrag reagiert werden. Der Austausch erfolgte per E-Mail und mit Hilfe der beiden Übersetzer, des Japanologen Eduard Klopfenstein und von Fuminari Niimoto, Professor für deutsche Sprache und Literatur in Tokio.
Es ist weniger ein Wettstreit als ein sich gegenseitig befruchtendes Oszillieren zweier verwandter Spielernaturen, das sich hier ereignet. Wie auf einer Brücke über das Nichts erscheinen Zeilen voller Anmut, wie die folgenden von Tanikawa: «Auf die schüchterne Anrede des Manns antwortet die Frau mit Schweigen / der Regen lässt nach, irgendwann wird das Tropfen spärlicher / durch eine Wolkenspalte stiehlt sich die Sonne / die schweigende Frau ist mit dieser Stille der Welt verschmolzen.»
Manchmal sind die Anschlussstellen zwischen den Strophen kaum zu entdecken, manchmal kommt es aber auch zu wörtlichen Übernahmen. Hier spielt sicher die Übersetzung eine entscheidende Rolle – sie ist in diesem Experiment die grosse Unbekannte, jedenfalls für Leser, die des Japanischen unkundig sind. In der Mehrzahl der Fälle findet ein fliegender Wechsel statt, in dem scheinbar Festgefügtes zu schweben beginnt. So wie hier:
Tanikawa: «All die vielen ans Traumgestade gespülten Erinnerungen – von den Wellen geläutert / und selbst Verrat, den man so gerne vergessen möchte, / verbreitet milde einen blass-bläulichen Schimmer.»
Halter: «Selbst dem Verrat, den man so gerne vergessen möchte, / wachsen Flügel – ich gehe weiter den Strand entlang, / die Möwe, die blass-rötlich über meinem Kopf kreist, / ihr mag ich nicht trauen, beglückend allein ist es, sie anzuschauen.»
Halter begann im Jahr 2007; die letzten fünf Zeilen von Tanikawa trafen im Sommer 2011 ein. Das Buch «Sprechendes Wasser» enthält nun das – bibliophil gestaltete – Ergebnis dieses Dialogs. Und Tanikawa liegt richtig, wenn er die Vorteile dieser Art des gemeinschaftlichen Dichtens abschliessend benennt: Man gewinnt Ideen und Einfälle, auf die man alleine nicht gekommen wäre; der Dialog befreit für eine gewisse Zeit vom Ego. Man darf ergänzen: Diese Art des unbeschwerten Dialogs wirkt auch auf den Leser sehr befreiend.