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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

10. Buch
13. Der unsichtbare Gott hat sich häufig sichtbar gezeigt, nicht seinem Wesen nach, sondern nach Maßgabe der Faßbarkeit der Schauenden.
Es darf auch nicht befremden, wenn berichtet wird, daß er, der Unsichtbare, oft den Vätern sichtbar erschienen sei. Wie nämlich die Verlautbarung eines in der lautlosen Stille des Geistes verschlossenen Gedankens nicht das ist, was der Gedanke, so war auch die Gestalt, mittels welcher der in unsichtbarer Natur existierende Gott gesehen worden ist, nicht das, was er ist. Gleichwohl ward er selbst in eben dieser körperlichen Gestalt gesehen, wie man jenen Gedanken selbst im tönenden Wort vernimmt; und die Väter wußten recht wohl, daß sie den unsichtbaren Gott in einer körperlichen Gestalt sahen, was er selbst nicht war. Moses sprach ja sogar mit ihm, der auch selbst redete, und gleichwohl bat er ihn: „Wenn ich Gnade gefunden habe vor Dir, so zeige mir Dich selbst, damit ich Dich wissentlich schaue“1 . Da also das Gesetz Gottes „auf Engel-Anordnung“2 in schreckbarer Weise gegeben werden sollte, bestimmt für eine ganze Nation und unzähliges Volk, nicht für einen einzelnen Menschen oder für einige wenige Weise, so trug sich im Angesichte eben dieses Volkes auf dem Berge, wo das Gesetz durch den Einen gegeben wurde, Großes zu, und die Menge sah das Furchtbare und Schreckliche, was sich zutrug. Denn das Volk Israel glaubte dem Moses nicht so ohne weiteres, wie die Lacedämonier ihrem Lykurgus glaubten, daß er die Gesetze, die er gab, von Jupiter oder Apollo erhalten habe. Vielmehr ward es, als das Gesetz gegeben wurde, das die Verehrung des einen Gottes befahl, durch wunderbare Zeichen und Erschütterungen der Natur offenbar — soweit dies die göttliche Vorsehung für hinreichend erachtete —, daß das Geschöpf das Werkzeug des Schöpfers sei bei der Verleihung dieses Gesetzes.
1: Exod. 33, 13.
2: Apg. 7, 53.