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Kann Amazon Game Studios' New World frischen Wind in das MMO-Genre bringen?
Ein Review von Bénédict Sandoz
New World ist ein Massively Multiplayer Online Role Playing Game (MMORPG) entwickelt von Amazon Game Studios. Es soll im Frühjahr 2021 erscheinen (nach mehreren durch die Pandemie verschuldeten Verzögerungen) und stellt Amazons erstes Vordringen in den MMO-Markt dar.
Die Handlung des Spiels findet in einer fiktiven Version des Kolonialzeitalters statt. Als Schiffbrüchige stranden die Spieler auf einer mysteriösen Insel im Atlantischen Ozean namens Aeternum. Sie müssen um ihr Überleben gegen Monster kämpfen und Rohstoffe sammeln, um Waffen und Rüstungen zu schmieden und verbessern. Drei Fraktionen kämpfen um die Vormacht auf dieser Insel, denen man sich als Spieler anschliessen kann. Die Spielwelt ist in unterteilt in verschiedene Regionen, um welche die Fraktionen sich streiten.
Amazon Game Studios - Einstieg des IT-Giganten in die Gaming-Branche
Amazon gründete die Amazon Game Studios im Jahr 2012 mit dem Ziel, Games im Bereich zwischen grossen AAA-Titeln und einfachen Mobile-Games zu produzieren. Zu diesem Zweck stellte das Unternehmen im Jahr 2014 mehrere bekannte Namen in der Game-Industrie ein, darunter Clint Hocking (Far Cry 2) und Kim Swift (Portal). Mike Frazzini, der VP von Amazon Game Studios erklärte damals, dass das Studio viel experimentieren will mit verschiedenen Genres und den Fokus auf «Fun» legen will. Zu Beginn veröffentlichte AGS primär Mobile Games. Doch schon ein Jahr später verliessen mehrere dieser erfahrenen Game Designer das Unternehmen wieder, die Gründe dafür sind unbekannt. Gleichzeitig wechselte das Unternehmen seinen Fokus von Mobile Games auf grössere ehrgeizige Projekte im Bereich PC-Games.
Ein Einblick in das Firmengebäude von AGS in Orange County, Kalifornien. (Quelle: Amazon Game Studios)
Im Jahr 2016 wurde dann New World erstmals angekündigt, zu diesem Zeitpunkt noch als «Massively Multiplayer, open-ended sandbox game». Gemeinsam mit New World wurden noch zwei andere Titel angekündigt: Breakaway, ein teambasiertes Multiplayer-Game, das Aspekte von typischen MOBAs wie League of Legends mit American Football kombiniert und Crucible, ein Third-Person-Shooter. Doch keiner der beiden Titel war erfolgreich. Breakaway wurde noch während der Entwicklung wieder eingestampft. Im Juni 2019 kam es dann zu Entlassungen bei Amazon Game Studios. Wieviele Mitarbeiter betroffen waren, ist unbekannt, doch gleichzeitig wurden mehrere unangekündigte Projekte gecancelt. Crucible erschien schliesslich im Mai 2020 und wurde bereits im Oktober wieder eingestellt, da das Entwicklerstudio keine Zukunft für das Spiel sah. Damit ist New World der einzige Titel, der in der nahen Zukunft erscheinen wird. Man kann wohl davon ausgehen, dass der Erfolg des MMORPGs nach all diesen Rückschlägen nun umso wichtiger für Amazon Game Studios ist.
Ein Screenshot des eingestellten Shooters Crucible.
Die zweite Welle für das MMORPG-Genre?
Doch wieso entschloss sich Amazon Game Studios dazu, gerade jetzt ein MMORPG zu entwickeln? Der Markt für MMORPGs ist in den vergangenen Jahren eher stagniert und die Entwicklung eines solchen Spiels ist enorm aufwändig und teuer. In den späten 90er Jahren waren MMOs noch ein Nischenmarkt. Titel wie Ultima Online (1997) und EverQuest (1999) gewannen erstmals grössere Popularität im westlichen Markt, während Lineage (1996) in Südkorea und Taiwan grosse Beliebtheit erlangte und Millionen von Spielern erreichte. Unternehmen wurden auf das Potenzial dieses Genres aufmerksam und in den frühen 2000er Jahren erschienen viele neue MMORPGs auf dem Markt. Am 23. November 2004 wurde schliesslich Blizzard Entertainments World of Warcraft veröffentlicht, was das MMORPG-Genre endgültig in den Massenmarkt katapultierte. Bis heute hat World of Warcraft mehrere Millionen aktive Spieler.
Ein World of Warcraft Launch-Event im Jahr 2004. Spieler treffen die Entwickler von Blizzard Entertainment für eine Autogramm-Session. (Quelle: engadget.com)
Der Erfolg von World of Warcraft führte zu einem regelrechten Hype in den folgenden Jahren. Dutzende, wenn nicht hunderte neue MMORPGs wurden veröffentlicht, viele davon waren Free-To-Play (kostenlos spielbar mit Microtransactions, Spieler können mit Echtgeld Gegenstände und Boosts für ihren Account kaufen). Gegen Mitte der 2010er Jahre liess die Popularität von MMOs dann langsam nach. Viele neue Titel schafften es nicht, mit den etablierten Grössen zu konkurrenzieren und wurden schon nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Auch die Marktführer wie World of Warcraft begannen, Spieler zu verlieren.
Was waren die Gründe dafür? Zum einen begannen neue Game-Genres wie Multiplayer Online Battle Arenas (MOBA, siehe League of Legends oder DOTA 2) und Battle Royales wie Fortnite beliebter zu werden. Ausserdem war die Faszination von MMORPGs nicht mehr so existent. Als der Hype begann, war es für die meisten Spieler eine komplett neue Erfahrung, mit tausenden anderen Spielern eine persistente Spielwelt zu erkunden. Der soziale Aspekt hat einen grossen Anteil an der Popularität von MMORPGS ausgemacht. Heutzutage ist dies keine Besonderheit mehr, soziale Medien sind allgegenwärtig.
Doch neuen Trends und Prognosen zufolge wird der Markt für MMOs in den nächsten Jahren wieder wachsen. Weltweit haben immer mehr Menschen Smartphones und Computer mit Internetzugriff, damit steigt auch die Nachfrage nach Online-Games. Besonders in Asien soll das Wachstum des MMO-Markts in den nächsten fünf Jahren rasant ansteigen. Nicht zuletzt hat auch die COVID-19 Pandemie zur grösseren Beliebtheit von MMOs beigetragen. Es wurde schwieriger, im echten Leben soziale Kontakte zu knüpfen, was Online-Games mit einer sozialen Komponente beliebter machte.
Grafik des erwarteten Wachstums des MMORPG-Markt nach Region in den Jahren 2020-2025. (Quelle: Mordor Intelligence)
Gute Bedingungen also für den Launch von New World, besonders mit dem Kapital und den Ressourcen, die ein Unternehmen wie Amazon zur Verfügung hat. Doch die Konkurrenz ist noch immer mächtig. World of Warcraft hat bis heute einen Marktanteil von über 50%, und auch andere Titel wie Square Enix’s Final Fantasy XIV erfreuen sich grosser Beliebtheit. Kann New World sich da behaupten?
Der erste Eindruck
Ich konnte das Spiel im Rahmen eines Preview Events diesen August selbst antesten. Ich wollte wissen, ob das Potenzial dafür da ist, dass New World ein Hit wird.
Was beim Spielen sofort auffällt ist die allgemein hohe Qualität, die man von einem Entwicklerstudio mit dem Budget und dem Knowhow von Amazon Game Studios auch erwarten kann. Grafisch und optisch ist die Insel von Aeternum ansprechend gestaltet und es macht Spass, diese zu erkunden.
Die Benutzerfreundlichkeit ist ebenfalls gegeben, das User-Interface ist einfach und intuitiv zu bedienen. Ich hatte nie Probleme damit, eine bestimmte Funktion oder Option zu finden. Dies macht es einfacher für neue Spieler, sich zurechtzufinden. Schliesslich möchte niemand in seinen ersten paar Spielstunden viel Zeit damit verbringen, sich mit unübersichtlichen Menüs herumzuschlagen.
Wenn es ums Gameplay geht, kombiniert New World Aspekte von verschiedenen beliebten Genres und Titeln. Das Kampfsystem ist an Action-RPGs wie Dark Souls oder God of War angelehnt, so kann man gegnerische Attacken beispielsweise mit gut getimten Blocks und Ausweichmanövern vermeiden. Allerdings fühlt sich das Ganze im Vergleich mit ähnlichen Games nicht ganz so flüssig und reibungslos an, wie ich es mir wünschen würde. Oft hatte ich das Gefühl, dass meine Attacken leicht verzögert ausgeführt werden oder mein Charakter von Schlägen getroffen wurde, die ich eigentlich geblockt hatte.
Das Crafting-System, mit dem Spieler Rohstoffe in der Welt sammeln und daraus Gegenstände wie neue Waffen und Rüstungen herstellen können, ist ebenfalls an sich nichts Neues, ähnliche Systeme existieren schon seit Jahren in einer Vielzahl von Games. Interessant ist hier allerdings, dass es keine NPC-Händler gibt. Das heisst, dass man ausschliesslich mit anderen Spielern Handel treiben kann.
Als Spieler hat man die Möglichkeit, sich einer von drei Fraktionen («Marauders», «Syndicate» oder «Covenant») anzuschliessen und um die Vorherrschaft über die mysteriöse Insel zu kämpfen, auf der New World spielt. Siedlungen, Dörfer und Regionen können erobert werden. Das verspricht eine gewisse Langzeitmotivation und dürfte zu interessanten Rivalitäten zwischen den Spielern führen. Der Erfolg dieses Features hängt davon ab, ob diese Kämpfe tatsächlich Spass machen, wofür ein gut designtes, ausbalanciertes Kampfsystem zentral ist. Im Stand der Preview hatte ich daran noch Zweifel. Gewisse Waffentypen schienen klar stärker zu sein als andere, ausserdem fehlte es noch an Tiefgang bei der Charakteranpassung. Es gab nur wenige verschiedene Waffentypen und Fähigkeiten.
Marauder, Syndicate und Covenant. (Quelle: newworld.com)
Die Story des Spiels hat mich bislang nicht gepackt. Sie erschien mir sehr generisch, ich kann mich kaum an Namen von Charakteren oder Orten erinnern, so austauschbar und uninteressant waren diese. Man muss hier natürlich einwenden, dass es sich bei New World nicht um ein storybasiertes Spiel handelt, wichtig sind vielmehr die Aktionen der Spieler und die daraus entstehenden Interaktionen und Geschichten. Dennoch macht dieses Fehlen von «Charakter» es schwierig, sich in die Spielwelt hineinzuversetzen.
Schliesslich droht das Spiel auch, schnell repetitiv zu werden. Missionen und Quests begannen sich schon in der kurzen Spielzeit der Preview zu wiederholen. Bis zu einem gewissen Grad ist Repetition ein Teil des MMORPG-Genres, das «Grinding», also wiederholtes Töten von Monstern mit dem Zweck, stärker zu werden ist tief im Genre verwurzelt. Wenn dies aber einen Grossteil des Spiels ausmacht, werden viele Spieler schnell das Interesse verlieren.
Viele Fragezeichen
Zusammenfassend zweifle ich nach meiner Erfahrung mit der Preview-Version noch daran, ob New World ein Hit werden und eine zweite Hype-Welle für das MMORPG-Genre auslösen kann. Das Spiel hat durchaus gute Ideen und ein gewisses Potenzial, aber es scheint noch etwas unausgereift. Der Tiefgang, den MMO-Fans erwarten und der die Investition von hunderten Spielstunden zu einem unterhaltsamen Erlebnis macht, ist noch nicht vorhanden. Zwar hat Amazon Game Studios über den Entwicklungszeitraum oft auf Feedback der Tester gehört und auch grössere Anpassungen vorgenommen, doch die Zeit wird knapp. Ursprünglich sollte New World bereits im Mai 2020 erscheinen, aber die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass dieses Datum auf das Frühjahr 2021 verschoben werden musste. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass gerade die ersten Tage, Wochen und Monate nach dem Launch besonders wichtig für den Erfolg eines MMORPGs sind, da diese im Gegensatz zu Einzelspieler-Games auf eine aktive Userbase angewiesen sind. Der Erfolg von New World und mit ihm der Erfolg von Amazon Game Studios steht noch in den Sternen.