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Alles über Jazz
Michael Guggenheimer
„Alligator Crawl“ hat Louis Armstrong mit seinen „Hot Five“ vor 90 Jahren gespielt. Aufgenommen wurde es von der Schallplattenfirma Parlophone. Schöner alter Jazz, den ich während der Niederschrift dieser Zeilen höre. Musik beim Schreiben als Ausnahme und als Reverenz an den im Jahr 2004 verstorbenen Hans-Georg „Johnny“ Simmen. Simmen hatte im Alter von 11 Jahren zufällig „Alligator Crawl“ gehört, um von dann an dem Jazz verfallen zu sein. Eine riesige Sammlung von Schellack- und Vinylplatten, von Kassetten und CD’s, Rezensionen und Jazzbüchern hat der Jazzbegeisterte im Laufe seines Lebens angelegt. Der Swissairangestellte produzierte während sieben Jahren alle zwei Monate ein neues kommentiertes Jazzprogramm für die Passagiere der Luftfahrtgesellschaft. Simmens riesige Sammlung mitsamt den Tonbändern, die er für die Airline zusammengestellt hat, vermachten seine Erben der swissjazzorama, Jazz-Bibliothek und Jazz-Archiv der Schweiz mit Sitz in Uster.
Die Geschichte des Archivs begann 1989 in Rheinfelden, wo ein Verein „Pro Jazz Schweiz“ gegründet wurde. Einst waren die Bestände in einer Villa in Arlesheim untergebracht, später bei der Jazzschule in Basel. Weil sie dort kaum konsultiert und bearbeitet wurden und zudem in Vergessenheit zu geraten drohten, hatten Mitglieder des Jazzclubs Uster angeboten, die Sammlung zu übernehmen. Usters Gemeindebehörden stellten im Jahr 2000 Räume zur Verfügung, die sich mit der Zeit als zu klein erwiesen, weil die Bestände – im Kern Sammlungen aus Schenkungen, Erbnachlässen, Liquidationen –, enorm gewachsen sind. An sieben verschiedenen Orten in Uster lagerten die so gewachsenen Bestände, was für Mitarbeiter und Besucher höchst lästig war.
Seit Juli 2016 ist swissjazzorama in hohen, grosszügigen Industrieräumen untergebracht. Dreissig Freiwillige, mehrheitlich pensionierte Jazzbegeisterte, teilen sich in Arbeitsgruppen Aufgaben und Arbeitsplätze, sie kommen je nach Möglichkeit mehrmals in der Woche oder auch weniger häufig vorbei, um die Archivierungsarbeiten auszuführen. „Alle zwei Wochen, manchmal sogar jede Woche, melden sich bei uns Sammler oder deren Nachfahren, um uns Platten, Noten, Fotografien und Bücher abzugeben“, sagt Geschäftsleiter Hans Peter Künzler, bis vor kurzem Leiter der Jazzabteilung der Zürcher Hochschule der Künste und selber in seiner Freizeit Jazz-Bassist. „Wenn nur auch die angehenden Jazzmusiker, die Studierenden an den Jazzschulen, noch mehr die Schätze der swissjazzorama nutzen würden“. Hans Peter Künzler wünscht sich das und weiss aber, dass die jungen Musiker alle die Informationen, die sie für ihre Studienarbeiten benötigen, im Netz zusammensuchen.
Dabei bietet Uster eine einzigartige Möglichkeit, sich in die Geschichte des Jazz in der Schweiz zu vertiefen. Auch Bruno Spoerri, Saxophonist und Vater der Computermusik in der Schweiz, hat für die Recherchen für sein grundlegendes Werk über den Jazz in der Schweiz, nicht nur sein eigenes Privatarchiv benutzt, auch er habe Dokumente bei swissjazzorama gefunden. Die Bestände von Archiv und Bibliothek werden nicht ausgeliehen, können aber alle im Haus benutzt werden. Biografien, Lexika, Bücher zur Geschichte des Jazz, Konzertplakate, Scrapbooks, Diskografien, Romane aus der Welt des Jazz sind hier vorhanden. An keinem anderen Ort der Schweiz sind so viele Bücher zum Thema Jazz zu finden. „Jazzme“, „Horn of Plenty“, „Shining Trumpets“, „Jazz-Kochbuch“, „Young Man with a Horn“ lauten Titel von Büchern rund um den Jazz. Kommen die reichen Archivbestände hinzu, mit denen sich noch neue Bücher schreiben liessen. So vieles ist hier zu finden: Internationale Jazzgeschichte, die Geschichte von Schweizer Jazzclubs und Jazzformationen, Lebensläufe von Jazzmusikern aus der Schweiz, Jazzzeitschriften, Jazzkritiken, Notenmaterial, Texte zu Jazzsongs und Fotos zur Geschichte des Jazz in der Schweiz. Besondere Trouvaillen sind die Handgeschriebenen Clubbücher aus den 30er Jahren, in denen Mitglieder von Jazzclubs Konzertabende und Musiker beschreiben. Das ganze Archiv des Jazzlokals Gambrinus in St.Gallen wartet hier auf seine Auswertung ebenso wie Geschichte des Birds Eye in Basel, des Jazz Festivals Schaffhausen oder des Jazzfestivals Zürich. „Wer zu einem Jazzthema forschen will, ist hier immer willkommen“, sagt Künzler und weist auf die Compactusanlage voller Dokumente zum Jazz in der Schweiz.
Finanziert wird swissjazzorama von der Stadt Uster, vom Kanton Zürich sowie aus den Beiträgen der 320 Mitglieder des Trägervereins. Von 2018 an soll auch der Bund Beiträge sprechen, bis dann soll eine Stiftung die Trägerschaft übernehmen. Massgeblich dafür gesorgt, dass das Schweizer Jazzarchiv in Uster eine Bleibe gefunden hat, hat Fernand Schlumpf, Vize-Präsident des Trägervereins, dessen Leiter bis April 2011, Gründungsmitglied Jazzclub Uster und früherer Leiter der Musikschule Uster. Uster ist eindeutig ein guter Jazzort. Das Faltblatt „Jazz in Uster“ mit den Konzertangaben kann es an Quantität und Qualität der Angebote mit weitaus grösseren Orten in der Schweiz aufnehmen. Der Musikcontainer Uster ist der Ort, an dem die Konzerte stattfinden. Zudem wohnen namhafte Figuren der Schweizer Jazzszene in Uster wie die beiden Schlagzeuger Pierre Favre und Lucas Niggli sowie Jazzkritiker Frank von Niedernhäusern. Zwei- bis dreimal jährlich veröffentlicht swissjazzorama ein Jazzletter, in dem Jazzmusiker aus der Schweiz und aus dem Ausland sowie Jazzlocations vorgestellt werden. Wie schön der Hinweis auf der Homepage von swissjazzorama auf Radio Swiss Jazz. Ich habe die App am Handy runtergeladen und höre beim Schreiben dieser letzten Zeilen „Makin Whopee“ mit dem Saxophonisten Rahsaan Roland Kirk.
swissjazzorama
Ackerstrasse 45
8610 Uster
T: 044 940 19 82
www.swissjazzorama.ch
Jazz nur Jazz
Heinz Egger
50‘000 Schallplatten, 12‘000 CDs, unzählige Tonbänder, Videos, Schelllackplatten, Zeitschriften, Plakate, Konzertprogramme und etwa 3000 Bücher. Das ist kurz umrissen der Bestand des swissjazzoramas. Und endlich sind all diese Bestände in Räumen, die es einfach machen zu finden, was man sucht.
Allerdings braucht es Hilfe dabei, denn erst ein Teil der Schätze ist elektronisch erfasst und katalogisiert. Bei den Schallplatten sind es noch etwa 10‘000, die in die Datenbank aufgenommen werden müssen. Und der Bestand wächst durch Schenkungen, Nachlässe und Liquidationen stetig. Da bleibt viel Arbeit zu tun. Diese wird vorwiegend von pensionierten Jazz-Afficionados erledigt. Dank der Zusammenarbeit mit Sozialämtern können hier auch ausgesteuerte Stellenlose zwischen drei und sechs Monaten arbeiten. Man habe immer Glück gehabt, sagt der Ustermer Fernand Schlumpf, der seit den Anfängen mit dem Archiv zu tun hat. Es war immer Geld da und genügend Hände freiwilliger Helfer.
Seit 27 Jahren gibt es das Archiv. Ursprünglich stand die Sammlung von Bild- und Tonmaterial in Rheinfelden, dann in Arlesheim, wo Ehrenamtliche auch ein kleines Museum betrieben haben. Nachdem der Vertrag für die Arlesheimer Räume 1996 ausgelaufen war, zog das Archiv „Pro Jazz Schweiz“, wie es damals hiess, kurz nach Basel und dann nach Uster. Dort wurde das Sammelgut neu strukturiert und mit Informatikmitteln der Zugang erleichtert. Die Institution gab sich auch einen neuen Namen: swissjazzorama.ch und erhielt im Musikcontainer Uster ein Sekretariat, die Möglichkeit, im Container Wechselausstellungen zu organisieren und einen Record Shop zu betreiben, in dem Doubletten von Schallplatten, CDs und Büchern verkauft wurden. Allerdings fanden nicht alle Medien Platz in den neuen Räumen. Auf sieben Standorte war der Bestand verteilt.
Durch den Umzug an die Ackerstrasse 45 konnten alle Archivalien zusammengeführt werden. Die Schallplatten lagern nun in Rollgestellen, die Zeitschriften und Boxen mit den Unterlagen zu Jazz-Events und -Bands in Lagergestellen, die Notensammlung in Archivschränken, die Plakate in riesigen Schubladenstöcken und die Bibliothek hat einen eigenen Raum mit grossem Arbeitstisch. Schellackplatten in braunen Schutzhüllen füllen meterlange Gestellle. Diese sollen alle digitalisiert in der Schweizerischen Nationalphonothek in Lugano zur Verfügung gestellt werden. Bedeutende Sammlungen besitzt das swissjazzorama. Eine ist jene von Johnny Simmen. Das umfangreiche Privatarchiv hat einen eigenen Platz in den Räumen und soll integral erhalten bleiben. In der Datenbank erhält die Sammlung eine eigene Signatur.
Dass die Datenbanken mit verwertbaren und konsistenten Einträgen gefüllt werden, sorgt Bruno Gut, pensionierter Dokumentalist. Sein Reich ist die Sammlung von etwa 3000 Büchern. Dazu gehören wenig Belletristik, zahlreiche Biographien, Lexika und Discographien. Und es liegen da einige Raritäten, etwa die Scrapbooks – Bücher mit Fotos und tagebuchartigen Notizen von Bands, die meist nur in einem Exemplar existieren. Als Beispiel zeigt er jenes des Metronome-Quintetts, das 1953 als Quartett gegründet wurde und heute noch aktiv ist. Fast träumerisch blättert Bruno Gut in den „Tagebüchern“ von Jazzclubs. Diese haben in ihren Anfängen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts handschriftlich Notizen der Musikveranstaltungen gemacht. Ein Schatz, den es eigentlich aufzuarbeiten gälte.
Aber dafür brauchte es Forscher. Diese sind im swissjazzorama ausdrücklich willkommen. Auch ein Arbeitsplatz steht zur Verfügung, an dem sogar auf die Schweizerische Nationalphonothek fürs Abhören von Tonbeispielen zugegriffen werden kann. – Laut Hans Peter Künzle, dem neu gewählten Geschäftsführer des swissjazzorama und ehemaligen Leiter der Jazz-Studiengänge an der Zürcher Hochschule der Künste, kommen nur selten Studenten von den Hochschulen, um Materialien für ihre Arbeiten zu suchen. Was sie brauchten, so sagt er, das finden sie heute im Internet. Für eine vertiefte Recherche bleibe ihnen zu wenig Zeit und auch die Arbeiten verlangten nicht diese Tiefe und Breite.
Der Buchbestand wächst, auch wenn kein Budget für Neuanschaffungen besteht. Fast wöchentlich erhält das swissjazzorama Material von Leuten, die ihre Privatarchive räumen. Leider, so meint Bruno Gut, vergessen dabei viele, dass nicht nur Tonträger, sondern auch Bücher und Zeitschriften von grossem Interesse seien.
Zu Paketen verschnürt lagern eingegangene Zeitschriften im grossen Archivraum. Wie diese zugänglich gemacht und systematisiert werden sollen, ist noch offen. Scannen und in einer Datenbank ablegen wäre das Einfachste, aber dazu fehlt Geld und Manpower.
Das swissjazzorama ist als Verein organisiert. Seine Gelder bestehen aus den Beiträgen der etwa 320 Mitglieder, Spenden und der Unterstützung durch die Stadt Uster und den Kanton Zürich. Das Ziel sei, erst die Institution in eine Stiftung zu verwandeln, indem dazu eine halbe Million Franken Kapital gesammelt werde, sagt Fernand Schlumpf, der Vize des Vereins. Schliesslich hofft man bis 2018 ein eidgenössisches Archiv zu werden, um auch an Bundesgelder zu kommen.