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Aufgewachsen ist er in Dänemark, wo er Theologie studierte und 1960 in der Evangelisch-lutherischen Kirche zum Pfarrer ordiniert wurde. Nach Pfarrdiensten in Dänemark und in drei schweizerischen Kirchgemeinden, sowie dem Einsatz in einer dänischen Heimvolkshochschule war er 1974 bis 1980 Leiter des „Dänischen Instituts“ in Zürich, zur Förderung der Beziehungen zwischen seiner Heimat und der Schweiz. Nach fünf Dienstjahren in Altdorf UR wurde Peter Stokholm 1988 nach Beggingen SH gewählt. Auch hier hat er sofort sehr guten Kontakt gefunden in der Gemeindearbeit, bei der ihn seine Gattin Birgit kräftig unterstützte. Neben dieser Arbeit war er nebenamtlich tätig als Radiokorrespondent für das dänische Radio für die Schweiz, Oesterreich und für osteuropäische Länder. Während zwei Jahren gehörte er zudem dem Schaffhauser Kirchenrat an. Im Ruhestand lebte das Ehepaar Stokholm ab 1997 in Winterthur, seit 2012 in der Nähe der Familie ihrer Tochter in Bubikon ZH.
Nachruf:
„Ich bin ein Europäer“, verkündete Peter vor dreissig Jahren an einem Anlass der Kirchgemeinde Altdorf, wo er als Pfarrer arbeitete. Damit brachte er die eine Seite seines Wesens auf den Punkt: Peter war als sogenannter „Berufsnomade“ über seine Pensionierung hinaus ständig unterwegs. Immer neue berufliche Herausforderungen brachten es mit sich, dass er mit seiner grossen Familie fast jährlich die Zelte abbrach und in Dänemark und der Schweiz von einem Ort an den anderen zügelte, mit zwei Abstechern nach Italien und Grönland. Und ausgerechnet die Konstante in seinem Berufsleben, seine Tätigkeit als Journalist, die er während 37 Jahren ausübte, brachte unzählige Reisen hauptsächlich in den östlichen Teil Europas und nach Afrika mit sich.
Peter war ein wacher Zeitgenosse mit einem ausgezeichneten Gedächtnis. Er sog die Eindrücke auf seinen Reisen in sich auf, war enorm belesen in vielen Gebieten und konnte so aus dem Stegreif druckreife Referate zu vielen Themen aus der Politik, Wirtschaft, Philosophie und Theologie halten. Weil Peter keine Berührungsängste kannte, machte er sich vertraut mit den unterschiedlichsten Positionen und entwickelte auf dieser Grundlage eine eigene, differenzierte Sicht. Mir selbst bleibt eine Reise nach Dänemark mit den Schaffhauser Pfarrerinnen und Pfarrern unvergesslich. Peter war der Organisator und packte die Woche voll mit Besichtigungen und Begegnungen. Und wenn wir im Car sassen, der uns an den nächsten interessanten Ort oder Treffpunkt brachte, nahm Peter das Mikrofon in die Hand und vermittelte uns umfassendes Hintergrundwissen. An Ruhe oder gemächliches Sightseeing war nicht zu denken. Das ist aber nur meine eine Erinnerung an diese Reise. Die andere ist kulinarisch: Wir genossen ein bis zweimal täglich das dänische Nationalgericht, Schweinebraten mit brauner Sauce und Kartoffelstock, was ebenfalls Peter organisiert hatte.
Er war eben nicht nur ein intellektueller Europäer. Er blieb seiner Herkunft als Sohn von Kleinbauern in Jütland ein Leben lang treu.
So hätte er auch mit Überzeugung sagen können: „Ich bin ein Begginger“. Wir von der Familie schüttelten den Kopf, als Peter uns 1988 eröffnete, er verlasse Altdorf und trete die Pfarrstelle in Beggingen an, einem kleinen Nest zuhinterst im Kanton Schaffhausen. Doch wir täuschten uns. Peter und Birgit fanden rasch Anschluss bei Jung und Alt im Dorf. Und so wurde Beggingen der Ort, wo Peter am längsten blieb, neun Jahre lang bis zu seiner Pensionierung.
Aber natürlich pflegte er auch hier nebst seinem Teilzeitpfarramt den Journalismus und andere Nebentätigkeiten im Bereich von Ökumene und Entwicklungszusammenarbeit mit Freude und Leidenschaft. Unvergesslich bleibt mir, wie er jeweils, zurück von einem Kongress in Wien, im Büro des Begginger Pfarrhauses sass. Umgeben von grünen Wiesen und muhenden Kühen sprach er seinen Radiobeitrag aufs Band und schloss ab mit: „Peter Stokholm, Wien.“
Peter Stokholm: Ein Europäer – ein Begginger, ein brillanter Intellektueller – ein liebevoller Ehemann, Vater, Schwiegervater und Grossvater.
Peter war es von Kind auf gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Dieses Stichwort zieht sich durch sein ganzes Leben. Er predigte nicht nur über unsere Verantwortung als Christen. Er lebte sie auch: Peter war zuverlässig, pflichtbewusst und diszipliniert bei allem, was er anpackte. Und er hatte in weiches Herz für alle Benachteiligten. Das wussten die Bettler, welche Altdorf als Transitort passierten. Entsprechend häufig klopften sie an der Tür des Pfarrhauses an. Keiner ging mit leeren Händen weg.
Trotz seiner vielen beruflichen Verpflichtungen war Peter stets für die Familie da. Mit seiner Gutmütigkeit und Gelassenheit war er der ruhende Pol der Familie. Unsere Kinder sahen ihn nur ein einziges Mal wütend: Als sie ihn einmal einen halben Tag lang pausenlos provozierten, sagte er in ungewohnt barschem Ton: Hold op med det pjat! – Hört auf mit diesem Quatsch! Das ist seither ein geflügeltes Wort bei uns, mit dem wir kritische Situationen auflockern.
Peter war ein Europäer und blieb doch immer bodenständig und bescheiden. So begegnete er den Menschen wertschätzend und mit Interesse für ihre je eigene Welt. Er konnte gut zu seinen Grenzen stehen und hielt nicht zurück mit Bewunderung für Leute, die gewisse Dinge besser konnten als er. Weil er von handwerklichen Dingen zum Beispiel keine Ahnung hatte, avancierte ich als Schwiegersohn zum Experten für Haustechnik und erntete viele Komplimente für das Ersetzen von Glühbirnen und Aufhängen von Bildern – obwohl auch ich da gar kein Meister bin.
Die letzten Jahre waren hart für Peter und für alle, die ihm nah standen.
Ausgerechnet er tauchte durch seine Demenz Schritt für Schritt ab in eine Welt, wo wir ihn mit Worten nicht mehr erreichten. In einem aber blieb er sich bis zum letzten Moment treu: Er nahm seine Verantwortung wahr, als Ehemann seiner geliebten Birgit. Als sie vor gut drei Wochen unerwartet vor ihm starb, sah er keinen Grund mehr zum Weiterleben. Er hörte auf zu essen und zu trinken und folgte ihr vor einer Woche in den Tod. Er konnte schliesslich loslassen, wie er gelebt hatte: In Frieden und Gelassenheit. Wir sind gewiss, dass er nun zusammen mit Birgit in der Liebe Gottes geborgen ist und die Fülle findet.
Thomas Muggli-Stokholm, Abdankung 21.12.2017, Bubikon ZH