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In den 1920er-Jahren genoss der Schweizer Schriftsteller die Gunst zweier gewichtiger, aber gegensätzlicher sowjetischer Leser: Victor Serge und Joseph Stalin.
Von Fabien Dubosson
Enthielt der 1925 veröffentlichte Roman Gold, der in der Folge eines der berühmtesten Werke von Blaise Cendrars werden sollte, all das, was es brauchte, um dem jungen sowjetischen Regime zu gefallen? Diese Frage stellt sich, zumal schon 1926 zwei russische Übersetzungen dieses Werks in der UdSSR erscheinen, diejenige im Staatlichen Verlag sogar mit einem Vorwort von Victor Serge. Der mit richtigem Namen als Victor Lwowitsch Kibaltschitsch in Brüssel geborene und von russischen Eltern abstammende Victor Serge ist ein berühmter Revolutionär. Als Anarchist steht er der Bonnot-Bande nahe, im Bürgerkrieg von 1919 schiesst er als bolschewistischer Soldat von den Dächern Petrograds und schliesslich ist er an der Seite von Grigorij Sinowjew Anführer der Kommunistischen Internationalen. Er hätte selbst eine Figur Cendrars‘ sein können, einer jener vom Autor so geliebten «Hitzköpfe».
Die beiden Männer schätzten sich gegenseitig, und es war wohl ein Zeichen der Sympathie, dass Victor Serge Cendrars 1931 eine gewidmete Ausgabe der Übersetzung schickte, die ohne Wissen des Autors entstanden war. Dieses Exemplar befindet sich nun in seinem Nachlass im SLA. Serges Vorwort zu Cendrars‘ Roman ist eigentlich sehr ideologisch und äussert sich nicht zum literarischen Wert des Textes: Gold soll in erster Linie eine geschickte Illustration marxistischer Thesen sein. Durch die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Generals Johann August Suter soll die durch das gelbe Metall verursachte Entfremdung, dieses «schädliche Abbild» des Kapitalismus, angeprangert werden. Das literarische Werk soll in Anbetracht der ewigen Habgier der Menschen die «profunden sozialen Gesetze, die man kennen muss, um die Welt zu verändern», offenlegen. Serge beendet sein Vorwort mit einem Zitat Lenins, der sich eine zukünftige Gesellschaft wünschte, in der Gold ausschliesslich bei der Herstellung von Latrinen eingesetzt würde.
Victor Serge teilte seine Bewunderung für Gold mit einem anderen Revolutionär und Abenteurer, der Staatsmann wurde und Serge bald ins Gefängnis werfen sollte: Joseph Stalin höchstpersönlich. Dessen Interesse an Cendrars‘ Roman, den er zweifellos in der von Serge eingeleiteten Ausgabe las, hatte jedoch eine völlig andere Motivation. Wenn man den beiden sich darauf beziehenden Zeugnissen glauben soll – dem des in sowjetischen Diensten stehenden US-Ingenieurs John D. Littlepage sowie demjenigen des berühmten sowjetischen Dissidenten der 1950er-Jahre, Viktor Krawtschenko –, soll Stalin darin eine der exemplarischen Geschichten über den Goldrausch gesehen haben, der das Kalifornien des 19. Jahrhunderts so wohlhabend werden liess. Wie in anderen Werken über das gleiche Thema (so bei Jack London) soll er darin einen Grund mehr gefunden haben, um ab 1927 die Ausbeutung von russischen Goldminen wiederaufzunehmen.
Als Cendrars nach dem Krieg Wind von dieser Anekdote bekam, begnügte er sich mit folgender Behauptung: «Es ist bekannt, dass Stalin ein grosser Romanleser ist, genau wie Churchill malt, vermutlich, um sich von den Staatsgeschäften zu erholen.» Aber das war zweifellos ein Versuch, dem Tragischen der Angelegenheit auszuweichen. Durch den Ruin Suters und seines Gebiets übte das «verfluchte Gold» in den Händen Stalins, des «Väterchens der Völker», seine unheilvolle Rolle weiter aus, diesmal in einem bis dahin noch unerreichten Ausmass: durch die Ausbeutung von Millionen von «Zeks», den sowjetischen Zwangsarbeitern, in den eiskalten und tödlichen Minen des Kolyma-Gebiets.
Weitere Informationen
Blaise Cendrars (1887–1961): Geboren in La Chaux-de-Fonds. Mit La Prose du Transsibérien (1913) bekannt geworden, pflegte er kontinuierlich Beziehungen mit Russland, wo er sich als junger Mann zweimal aufgehalten hatte. Die Erinnerungen daran prägen seine grossen Werke, wie die Cendrars-Präsentation zeigt, welche die aktuelle Ausstellung «Rilke und Russland» in der Schweizerischen Nationalbibliothek ergänzt.
«Gold» – ein sowjetischer Roman? (PDF, 208 kB, 29.11.2017)Der kleine Bund, Donnerstag, 15. November 2017
Letzte Änderung 04.04.2018