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"L'homme, la femme, l'Italie", heißt es in dem französischen Originaltrailer dieses unvergesslichen Meisterwerk Godards, das dieses Jahr sein 60. Jubiläum feiert und wohl nicht nur deswegen in 4K restauriert wurde. "Le Mepris" - so der französische Originaltitel nach einer Geschichte des italienischen Romanciers Alberto Moravia ist nicht nur großes Kino, sondern auch eine Reflexion über die Bedingungen, unter denen eine solches gemacht wird. Aber ganz besonders natürlich ein Film über die Liebe in epischer Tragweite.
"Früher dachte ich immer, wenn Camille mich verlassen würde, wäre dies die größte Katastrophe. Jetzt ist diese Katastrophe eingetreten.", resümiert Paul seine Situation. Der Drehbuchautor Paul Javal (Michel Piccoli) und die Schauspielerin Camille (Brigitte Bardot) sind ein Ehepaar, die in Italien leben und dort versuchen, einen amerikanischen Drehbuchautor (Jack Palance als Jeremy Prokosch) für eine Neuverfilmung der Odyssee an Land zu ziehen. Das heißt, eigentlich ist es Paul, der alles dafür tun würde, seine Interpretation des antiken Stoffes zu realisieren. Sogar seine Frau verhökern, wenn es denn darauf ankäme? Als Regisseur haben sie Fritz Lang engagiert, der sich quasi selbst spielt. Als ersten Drehort hat sich Jean-Luc Godard die Produzentenvilla in Rom ausgesucht. Ein längerer Dialog zwischen dem Ehepaar spielt dann in deren unfertigem Apartment, eine dritte Szene in einem Kino in dem "Viaggio in Italia" prämiert, der vierte und letzte Akt dann auf Capri in der atemberaubenden Villa Curzio Malapartes. "Ich fahre nicht nach Capri" wiederholt Camille achtmal während des Dialoges im Apartment, sie mit dunkler Perücke, er in Toga und Stetson mit Zigarre im Mundwinkel. "Kitzel mich, ich lach mich tot", sagt sie, um ihn zu provozieren und erklärt ihm ganz beiläufig, dass sie ihn, Paul, nicht mehr liebe. Außerdem verabscheue sie Prokosch und wolle keinen Film mit ihm machen. Aber im selben Moment schien sie zu begreifen, dass eine kleine Lüge wieder alles eingerenkt hätte. Doch Paul hatte sie am Vortag im knallroten Sportwagen Prokoschs, einem Zweisitzer, mitfahren lassen und kam dann selbst eine halbe Stunde zu spät zum Treffpunkt. Was in dieser halben Stunde zwischen ihr und dem Produzenten geschah, bleibt offen. Aber sie trägt es Paul nach, was zum Verhängnis für beide wird.
"Deshalb liebe ich dich nicht mehr, ich empfinde nur mehr Verachtung", wird sie ihm später auf den Stufen der "casa come me" (so hatte Malaparte seine Kreation einst genannt: "triste, dura, severa") eröffnen und als Grund dafür angeben: Du. Der Grund bist du. "Rühr mich nicht an, ich liebe dich nicht mehr. Und wich werde dich auch nie wieder lieben", beschwört Camille Paul auf dieser Treppe, die direkt zum Meer und so gesehen auch in den Himmel führt. Denn Malaparte hatte bei seinem Haus an alles gedacht, nicht nur an sich. Während sich Lang/Piccoli bei einem Spaziergang in einem Dialog über die Odyssee auf das Haus zubewegen, ermöglicht die Kamera einen ersten Blick auf das fantastische Gebäude, dessen Architektur sich einzigartig in die sie umgebende Landschaft einbettet. Dort wartet auch Penelope aka Camille auf dem Dach und winkt. Wenig später, als Paul auf dem Dach steht, küsst sie den zuvor noch verabscheuten Produzenten im Wohnzimmer wenige Meter darunter. "Oh Paul, you can always be frank with me", heuchelt Prokosch. Und so durchweht Paul eine Welle des Mutes und er eröffnet Prokosch, dass er das Drehbuch nicht umschreiben werde und ihm den Scheck zurückgeben würde. Jetzt erst hat er den Mut entwickelt, plötzlich nein zum Geld zu sagen. Er hat den Mut gefasst, weil er die Liebe von Penelepe verloren hat. Aber auch weil er sich der Macht des Geldes widersetzen will, "das selbst in der Beziehung zu den Menschen, die wir lieben", so eine große Macht habe. Um Filme zu machen genügten Träume eben nicht, fügt Francesca, die Sekretärin von Prokosch lapidar hinzu. Aber der Bann ist unwiderbringlich gebrochen. "Je te méprise parce que tu ne peux plus éveiller cet amour en moi ("Ich verachte dich, weil du diese Liebe nicht mehr in mir erwecken kannst."), hatte sie ihm auf der Treppe entgegengeworfen, war nackt ins Meer gesprungen und hatte ihn alleine mit seinen Gedanken zurückgelassen.
Abgesehen von den Drehorten, den Farben (gelb, blau und rot) und den treffenden Dialogen glänzt "Le Mepris" aber auch durch einen unbestechlichen Soundtrack, dessen Reprise immer dann wiederkehrt, wenn sich Unheil und Zweifel an der Liebe zwischen Paul und Camille breit macht. Denn "Le Mepris" ist vor allem ein Film über die Liebe, der Abnützung, deren Schönheit, aber auch deren Zufälligkeit. Die Odyssee, "eine Geschichte eines chronischen Rumtreibenden" wird so auch zur Geschichte von Paul. Denn was er in Penelope und Odysseus hineininterpretierte, nämlich dass dieser wegen ihr in den Trojanischen Krieg gezogen war und anschließend gar nicht mehr zu ihr zurückwollte, wird nun zu seinem eigenen Schicksal. Seine Penelope, Camille, schreibt ihm einen Abschiedsbrief und fährt mit Prokosch nach Rom, um sich dort eine Wohnung zu nehmen und als Stenotypistin zu arbeiten. Auf dem Weg dorthin haben die beiden einen Autounfall und sind auf der Stelle tot. Lang dreht derweil seinen Film fertig. Paul bleibt alleine zurück. Ohne Camille und ohne die Liebe. Vor allem aber ohne die Hoffnung, dass sie jemals wiederkehren könnte.