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Diese Frage habe ich einigen Baslerinnen und Baslern gestellt.
(Nebenbei: Ich denke, man sollte den Willen der Einheimischen respektieren und ‹Basler›, ‹Zürcher› und ‹Münchner› sagen, und nicht ‹Baseler›, ‹Züricher› und ‹Münchener›, auch wenn Duden die Formen akzeptiert!)
Nun aber zu den Antworten auf meine Frage — rein gefühlsmäßig nach ihrer Häufigkeit geordnet; gezählt habe ich sie nicht:
- Sieht ja saublöd aus ohne H!
- Vom Lateinischen Rhenus.
- Mensch, hast du wieder ein Problem!
- War doch immer schon so, oder?
- Damit man’s von ‹rein› im Sinn von ‹sauber› unterscheiden kann.
Meine nicht abgegebenen Kommentare zu den Antworten:
- Blöd sieht es bloß aus, weil man die Schreibung gewohnt ist und wenn man alles irritierend findet, was Gewohnheiten in Frage stellt!
- Von allen ist diese Antwort die klügste. Doch: erstens stimmt sie leider nicht, denn auf Lateinisch gibt es die ältere Form ‹Renus› und die spätere ‹Rhenus›; zweitens bleibt die Frage nicht beantwortet: ‹Warum hat Rhenus nach dem R ein H?›
- Nein. Ich habe es nicht, ich sehe es bloß. Den einen macht es Spaß, es zu lösen, die andern ignorieren es lieber. Beides scheint mir legitim.
- Das stimmt nicht; und wenn es stimmen würde, wäre es keine gute Begründung.
- Origineller Gedanke! Aber ‹Oder›, ‹Wiese›, ‹Riss› und ‹Po› werden auch nicht orthografisch verändert, um sie nicht mit Homonymen zu verwechseln.
Nun, das H im Rhein ist schlicht ein harmloser Denkfehler. Ein Fehler, den man nicht unbedingt korrigieren muss. Schlichte und harmlose Denkfehler haben jedoch manchmal nicht ganz eifache Erklärungen, und da man sie ja nicht unbedingt korrigieren muss, soll nur weiterlesen, wer am Klären mehr Spaß hat als am Ignorieren:
Die protoindoeuropäische Wurzel ‹*erei-› (fließen) führt über Germanisch ‹*reinos› (Fluss, Strom) zum Gallisch-Keltischen ‹Renos›; großgeschrieben, weil die Gallier, wie bereits Cäsar in den ‹Commentarii de bello Gallico› berichtet, mit ‹Renos› nicht irgendeinen Fluss bezeichneten, sondern den mächtigen und bestimmt schon damals zauberhaften Strom, der von den Rätischen Alpen bis zur Nordsee durch Europa nordwärts fließt. Cäsar schreibt ‹Renus› ohne H, auch wenn einige Schulausgaben sich berufen fühlen — um nicht zu sagen: erfrechen —, den Kaiser zu «korrigieren».
Übrigens: Manchmal liest man statt ‹Rätische Alpen› auch ‹Rhätische Alpen›. Das ist dieselbe Fehlerstruktur. Doch darüber vielleicht zu einer anderen Gelegenheit.
An dieser Stelle muss ich kurz ausschweifen, verspreche aber, so schnell wie möglich wieder zurück zu schweifen. — Die Römer und allgemein die lateinische Kultur, auch während des Mittelalters, fühlten sich allen und allem überlegen; politisch, moralisch, kulturell, wirtschaftlich, militärisch sowieso. Im christlichen Abendland war man sogar bis zur Aufklärung davon überzeugt, dass Gott selbst Latein spricht. Einer einzigen Kultur gegenüber hatte die lateinische Welt diese Überheblichkeit nicht: gegenüber der griechischen. Nur wenige Gelehrte konnten zwar Griechisch. Das änderte sich erst durch die Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453, als griechische Philosophen, Gelehrte, Künstler, Wissenschaftler in großer Zahl vor den Osmanen nach Italien flohen (was in Kunstgeschichte und Philosophie mit dem Beginn der Renaissance gleichgesetzt wird). Aber schon seit jeher gab es diese große Ehrfurcht vor dem Hellenischen.
Den Buchstaben des griechischen Alphabets lässt sich nicht immer genau ein Buchstabe des lateinischen Alphabets zuordnen. So gibt es für den lateinischen Buchstaben T, t im griechischen Alphabet zwei Buchstaben mit ungefähr demselben Lautwert: Τ, τ (tau) und Θ, ϑ (theta). Um diese beiden Buchstaben auch im Lateinischen unterscheiden zu können, wurde das Tau mit T und das Theta mit Th transkribiert. Daher schreibt man Wörter wie ‹Theater, Theologie, Thales› mit Th und ‹Titan, Tetraeder, Telemach› mit einfachem T. Dem Buchstaben und Lautwert R, r hingegen ist im griechischen Alphabet nur ein einziger Buchstabe und Lautwert zuzuordnen, nämlich Ρ, ρ ‹ῥω› (ro). Warum man da das Bedürfnis hatte, ein H einzuflechten ist nicht eindeutig klar. Es gibt darüber eine Menge Erklärungen, die allerdings nicht alle Zweifel zu zerstreuen vermögen. ‹Ρόδος› wird also als ‹Rhódos› transkribiert. Andere Beispiele für griechischstämmige lateinische Wörter mit R: Rhythmus, Rhetorik, Rheuma, Rhombus, Rhododendron, Rhinozeros, Rhesus, Myrrhe, Diarrhö, Katarrh…
Zurück zum Rhein. Da man das Wort ‹Renus› als fremd, aber auch als wichtig, bedeutend, erhaben empfand, dachte man, es müsse griechischer Herkunft sein, also ‹Rhenus› geschrieben werden. Das nennt man in der Linguistik einen Hyperkorrektismus (siehe dazu auch ‹Amuse-Bouche› 21, s. 64 ff.)
Nun findet ja bekanntlich selbst ein blindes Huhn ein Korn. Eine Verbindung zwischen dem gallisch-keltischen und dem griechischen Fließen gibt es tatsächlich (auch wenn sie den Hyperkorrektismus nicht rechtfertigt) — schließlich sind beides indoeuropäische Sprachen. Die eingangs erwähnte protoindoeuropäische Wurzel ‹*erei-› (fließen) generiert auch das griechische Verb ‹ῥέω› [rheo] (ich fließe). Daraus bilden sich die Wörter ‹Diarrhö› (Durchfall), ‹Gonorrhö› (Tripper), ‹Logorrhö› (zwangsneurotisch unkontrolliertes Dauerschwatzen), Menorrhö (Monatsblutung), Katarrh (Nasenfließen) und einige mehr.