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Alwina Gossauer, Fotografin und Geschäftsfrau
Das Neujahrsblatt 159 (2019), herausgegeben vom Historischen Verein des Kantons St. Gallen, Redaktion Peter Müller, befasst sich mit der St. Galler Fotogeschichte. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte von Alwina Gossauer (1841-1926), Fotografin und Geschäftsfrau, verfasst von Mark Wüst, Historiker, Direktor des Stadtmuseums Rapperswil.
Alwina Gossauer gilt als eine der ersten professionellen Fotografinnen der Schweiz. Nach einer Trennung von ihrem Mann im Jahr 1868 übernahm sie dessen Atelier in Rapperswil. In einem technisch orientierten und von Männern dominierten Berufsfeld konnte sie sich erfolgreich durchsetzen. Neben der Erwerbsarbeit versorgte und erzog sie ihre fünf Kinder. Kaum eine andere Frau führte über so viele Jahrzehnte ein eigenes Fotogeschäft. Erst im hohen Alter von 79 Jahren gab sie ihr Atelier in jüngere Hände.
Als Tochter eines Buchdruckers und einer Obsthändlerin wuchs Alwina Gossauer in Riesbach, Kanton Zürich, auf. Mit 18 Jahren heirate sie 1859 den Sattler Johannes Kölla. Das Paar zog 1860 nach Zürich. Dort arbeitete Kölla vorerst als Tapezierer, wandte sich aber dann der Fotografie zu. Ob er sich die fotografische Technik autodidaktisch oder bei einem Lehrmeister angeeignet hat, ist nicht bekannt. Das neue Bildmedium hatte sich seit 1840 langsam in der Schweiz verbreitet und erlebte in den 1860er Jahren grossen Aufschwung. Überall entstanden Ateliers, zuerst in den Städten, dann auch in kleineren Orten. Und Johannes Kölla war dabei. Er kaufte ein Haus im Zürcher Niederdorf und richtete sich im Dachgeschoss ein Fotoatelier ein. Damit gehörte er zu den ersten Atelierfotografen in Zürich.
Im Laufe der Zeit erregte Kölla öffentliches Ärgernis und kam so mit dem Gesetz in Konflikt. Er hatte «nackte Weibsbilder in möglichst obszönen Stellungen» fotografiert und die Bilder verkauft. Das Vergehen brachte ihn eine einmonatige Gefängnisstrafe und eine empfindliche Geldbusse ein. Das war wohl mit der Grund, warum die Familie Zürich verliess.
Die Familie liess sich in Rapperswil nieder, wo Kölla das erste Rapperswiler Fotoatelier einrichtete. Wahrscheinlich hatte sich Alwina schon in Zürich von ihrem Mann in die Fotografie einweihen lassen. Denn in Rapperswil arbeiteten die Eheleute gemeinsam im Geschäft. Meisten besorgte Alwina das Kopieren der Fotografien, gelegentlich fotografierte sie auch. Die Köllas machten auch die frühesten Fotografien von Rapperswil. Im Jahre 1868 beging Johannes Kölla eine weitere Straftat. Das Kantonsgericht St. Gallen verurteilte ihn zu 18 Monaten Haft und zu zehn Jahren Kantonsverweis.
Das war der Anfang von Alwina Köllas Karriere als selbständige Fotografin und Geschäftsfrau. Diesen Beruf sollte sie dann über 50 Jahre erfolgreich ausüben. In einem Inserat kündigte sie an, dass sie das Fotoatelier ihres Mannes weiterführen werde. Sie mietete an der Schifflände eine Wohnung und liess im Dachstock ein Atelier einbauen. Weit sichtbar an der Hausfront war zu lesen «Photographie v. Gossauer». Im September 1871 reichte Alwina Kölla gegen ihren Mann die Scheidungsklage ein. Sie warf ihm vor, nicht zum Unterhalt der Kinder beizutragen, die Familienpflichten zu vernachlässigen und sich mit anderen Frauen zu vergnügen. Die Ehe wurde geschieden und das Gericht sprach die fünf Kinder, im Alter zwischen einem und elf Jahren, der Mutter zu. Der Vater wurde zur Unterhaltszahlung verpflichtet, der er aber nie nachkam. Alwina erlebte schwere Zeiten.
Als alleinstehende Frau hatte Alwina Gossauer einen gesetzlichen Beistand erhalten. Dieser verwaltete ihre Finanzen, und ohne sein Einverständnis konnte sie keine rechtskräftigen Geschäfte abschliessen. Aus seinem Bericht geht hervor, dass Alwina. Gossauer zunächst von der Hand in den Mund lebte. Neben einigem Mobiliar und der Fotoausrüstung verfügte sie über keinerlei Vermögen. Ihre Einkünfte benötigte sie vollumfänglich für den Unterhalt der Familie. 1881 wurde das Gesetz über die «Geschlechtsbeistandschaft» aufgehoben, das ermöglichte Alwina Gossauer nun, selbständig ihrer Geschäftstätigkeit nachzugehen.
«Wie sie ihr Leben als Mutter von fünf Kindern und als Berufsfotografin meisterte, ist heute kaum vorstellbar. Ganz ohne Unterstützung liess sich diese herkulische Doppelbelastung allerdings nicht stemmen. Zu Seite stand ihr von 1872 bis 1921, also ganze 49 Jahre, das Dienstmädchen Elise, über das nichts Näheres bekannt ist. Diese Frau, die sicherlich bei der Familie wohnte und den Haushalt für einen geringen Lohn führte, wurde gemeinsam mit ihrer Arbeitgeberin alt. Alwina Gossauer sei eine Kämpferin mit grossem Durchhaltewillen gewesen, hielt der Pfarrer 1926 an ihrem Grab fest. Ohne diese Eigenschaften hätte sie die vielen Herausforderungen ihres Lebens wohl kaum so erfolgreich gemeistert», schreibt Mark Wüst.
Mit der Zeit verbesserte sich Alwina Gossauers finanzielle Lage. Die Kinder wurden erwachsen und zogen aus dem Haus. Die älteste Tochter, die ebenfalls Alwina hiess, blieb bei ihrer Mutter und unterstützte sie im Haushalt und im Geschäft. Das dreistöckige, Wohn-und Geschäftshaus, das Alwina Gossauer in den Jahren 1892/93 im Stil des Historismus bauen liess, steht heute noch. Im Erdgeschoss befand sich der Laden, im ersten Stock wohnten Mutter und Tochter und im obersten Geschoss richtete sich die Fotografin ein grosses, modernes Atelier ein.
Alwina Gossauer war in erster Linie Porträtfotografin. Sie lichtet ihre Kundschaft im Atelier ab, vor Kulissen posierend und umgeben von Requisiten, wie es damals in der sogenannten Salonfotografie üblich war. Jahrzehntelang war sie in Rapperswil praktisch konkurrenzlos tätig. Aber sie machte auch Aussenaufnahmen. Die meisten Ortsansichten von Rapperswil aus dem 19. Jahrhundert dürften von ihr stammen.
1896 trat Alwina Gossauer dem noch jungen Schweizerischen Photographenverein bei. Unter den 120 Mitgliedern befanden sich bei Alwinas Eintritt gerade mal sechs Frauen. 15 Jahre später war sie gar die einzige Frau unter 182 Mitgliedern. Ihr fotografisches Wissen und Können gab Alwina Gossauer an ihre Nachkommen weiter. Vier der fünf Kinder blieben der Fotografie eng verbunden.
Fragen an Marcel Wüst, Direktor des Stadtmuseums Rapperswil
Ob wohl Alwina Gossauer am diesjährigen Frauenstreik mitgemacht hätte?
Alwina Gossauer hätte sicher am Frauenstreik teilgenommen, jedenfalls als jüngere Frau.
Welches ist Ihr Lieblinsbild?
Das Bild vom nackten Baby (Tielbild).
Was kann uns der Lebenslauf von Alwina Gossauer heute noch sagen?
Sie ist ein Beispiel für eine Frau, die sich mit einem besonders starken Selbstbewusstsein gegen widrige Umstände durchgesetzt hat. Sie war mutig und hat sich nicht alles gefallen lassen, sie hat sich für Ihre Interessen gewehrt.