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Ethik: Metaethik
Zunächst wird eine allgemeine Einführung mit Erläuterung der Irrtumstheorie angeboten, gefolgt von einer Übersicht über die metaethischen Grundhaltungen. Danach werden deren zwei Hauptpositionen aufgezeigt (Realismus / Antirealismus), letztlich noch die relativistische Denkrichtung beschrieben.
Bild: Pixabay.com (Peggy_Marco)
Einführung
Als höchste Abstraktionsebene der Ethik befasst sich die Metaethik aus einer theoretischen Perspektive mit der moralischen Praxis entlang unterschiedlicher Dimensionen:
Sprachphilosophisch: Was tun wir, wenn wir moralische Urteile fällen wie z.B. "es ist ungerecht, die Impfpriorisierung aufzuheben"? Handelt es sich bloss um einen Ausdruck von Emotionen, d.h. emotive Aussagen und/oder sind es Aufforderungen an andere, gleich wie wir selbst zu urteilen und zu handeln, d.h. präskriptive Aussagen?
Ontologisch (Ontologie = Lehre des Seins): Die Existenz welcher Entitäten (z.B. Werte) müssen wir annehmen, wenn wir aufgrund dieser Entitäten moralische Urteile fällen? Was zeichnet solche Entitäten gegenüber anderen Dingen der Wirklichkeit aus? Wie fügen sich diese Entitäten in den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit ein?
Epistemologisch (Epistemologie = Erkenntnistheorie): Wie können wir erkennen, was moralisch gut bzw. richtig ist resp. was moralisch schlecht bzw. falsch ist?
Normativitätstheoretisch: Welcher Zusammenhang besteht zwischen moralischen Normen und Werten einerseits sowie Handlungsgründen andererseits? Gibt es immer gute Gründe, das moralische Gebotene auch wirklich zu tun und welches Gewicht haben diese Gründe?
Motivationstheoretisch: Welche Zusammenhang besteht zwischen moralischen Normen und Werten einerseits sowie Handlungsmotiven andererseits? Unter welchen Bedingungen werden moralische Urteile handlungswirksam, brauchen wir dazu Anreize oder Sanktionen?
Geltungstheoretisch: Welche Reichweite besitzen moralische Urteile - sind sie universal gültig oder etwa zeitlich und/oder kulturell o.ä. gebunden?
Wenn wir annehmen, dass zumindest einige unserer moralischen Urteile wahr sind, würde dies im Realismus münden, demzufolge es objektive Werttatsachen gibt, die unabhängig von einem subjektiven Fürwahrhalten gelten. Gegen diese Annahme und zum Beweis seiner These, wonach alle moralischen Urteile falsch sind, bringt John L. Mackie mit seiner Irrtumstheorie u.a. diese vier Argumente vor:
Erstes ontologisches Argument der Merkwürdigkeit: Wie sollen moralische Werte und Normen unser Handeln anleiten können? Dies erscheint unplausibel, wenn man moralische Eigenschaften als eigenständige, unabhängige Eigenschaften annimmt, denn diese Eigenschaften werden an ein- und demselben Objekt (z.B. einem Steuersystem) teilweise unterschiedlich zugeschrieben: Manche finden, im Beispiel, das Steuersystem gerecht, andere wiederum ungerecht.
Zweites ontologisches Argument der Merkwürdigkeit: Wieso stehen moralische Werte in einem so engen Verhältnis zu natürlichen Tatsachen, wenn sie doch vermeintlich eigenständig sind? Dies erscheint unplausibel, weil objektive Eigenschaften i.d.R. keinen normativen Charakter haben. Dass sich die Erde um die Sonne dreht, ist nicht präskriptiv. Keine Babys zu quälen (oder andere moralische Urteile) hingegen schon. Mackie hält Objektivität und Präskriptivität für unvereinbar.
Epistemologisches Argument der Merkwürdigkeit: Mit welchem Sinn sollen wir moralische Werte und Normen wahrnehmen können? Da diese Erkenntnis mit keinem der uns bekannten fünf Sinne möglich ist, muss ein spezieller moralischer Sinn wie z.B. ein Gewissen eingeführt werden, wobei es sich aber um ein ad hoc Postulat handelt, also eine nur zu Erklärungszwecken willkürlich erfundene, wissenschaftlich nicht belegbare Behauptung.
Argument der Relativität: Die Uneinigkeit über moralische Werte und Normen lässt sich besser mit unterschiedlichen Lebenshintergründen resp. subjektiven Einstellungen erklären als mit einer noch mangelnden Einsicht in moralische Tatsachen. Eine weitgehende Übereinstimmung z.B. bezüglich des Urteils "Babys foltern ist falsch" ist gemäss Mackie also nicht einer moralischen Tatsache geschuldet, sondern bloss ein Ausdruck geteilter Lebensformen.
Würde der Irrtumstheorie gefolgt, müsste entweder die moralische Urteilspraxis insgesamt aufgegeben werden, was im Nihilismus mündete, oder aber die Einsicht müsste unterdrückt werden, dass moralische Urteile nicht wahr sein können. Letztlich könnte die moralische Praxis im Lichte des Umstands, dass moralische Urteile notwendig falsch sind, einfach weitergeführt werden (Fiktionalismus).
Wenn wir nun aber dem Realismus folgen und mithin annehmen, dass es sich bei moralischen Urteilen um wahrheitsfähige Behauptungen handelt, mit denen wir feststellen, was tatsächlich bzw. objektiv der Fall ist, können wir diese Position u.a. mit diesen zwei Argumenten stützen:
Umgang mit moralischen Konflikten: Im Unterschied zu Fragestellungen ohne moralische Ladung, z.B. etwa, ob man ins Kino oder Billard spielen gehen soll, lassen sich moralische Konflikte (z.B. die Frage, ob Menschen versklavt werden dürfen) allem Anschein nach nicht per Münzwurf entscheiden, ohne in eine intuitiv erfahrbare Absurdität abzugleiten.
Explanatorische Unverzichtbarkeit moralischer Tatsachen: Moralische Fragen sind offenkundig anderer Natur als beispielsweise, ob wir lieber Espresso oder Milchkaffee trinken. In moralischen Fragen suchen wir nach Gründen und wollen das Richtige tun, uns also auf moralische Tatsachen stützen, wohingegen in Kaffeefragen bloss der Geschmack zählt.
Übersicht
...über die metaethischen Grundhaltungen und Kontroversen:
Kognitivismus: Normatives ist einer wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich, d.h. moralische Aussagen haben einen Wahrheitsanspruch (in dem wir uns aber täuschen können). Moralische Urteile können demnach wahr oder falsch sein.
Realismus (Erfolgstheorie): Objektive Werttatsachen existieren unabhängig von unserem subjektiven Fürwahrhalten. Schwacher Realismus behauptet, dass moralische Urteile zwar wahrheitsfähig sind, wir uns in diesen Urteilen aber täuschen können (d.h. fallibel sind), weil es keinen rein objektiven Massstab zur Bewertung unserer Urteile gibt. Starker Realismus behauptet dagegen auch die Existenz eines solchen objektiven, vollständig von subjektiven Leistungen unabhängigen Massstabs, sodass moralische Urteile immer objektivierbar sind.
Prozeduraler Realismus: Mit bestimmten Verfahren kann die Objektivität moralischer Aussagen resp. ihrer Bewertungen hergestellt werden, beispielsweise indem das Urteil eines unbeteiligten, neutralen Beobachters zugrunde gelegt wird.
Substantieller Realismus: Werte haben, als Entitäten besonderer Art, eine ontologische Existenz im Gewebe der Wirklichkeit. Die Existenz moralischer Werte wird mit ihrer Evidenz resp. ihrer intuitiven Einsichtigkeit begründet.
Naturalismus: Moralische Tatsachen sind Teile der Natur.
Non-Naturalismus / Intuitionismus: Moralische Tatsachen sind partiell nicht Teile der Natur, sondern etwas Eigenständiges, bloss intuitiver Erkenntnis zugängliches.
Supra-Naturalismus: Moralische Tatsachen werden mit einer übernatürlichen Instanz begründet, z.B. mit Gott.
Antirealismus (Irrtumstheorie): Ein antirealistischer Kognitivismus hält Normatives zwar für erkenntnis-, aber prinzipiell nicht für wahrheitsfähig. Gemäss dieser Grundhaltung sind alle moralischen Aussagen falsch (vgl. Argumentarium von Mackie weiter oben).
Fiktionalismus: Jede Diskussion über Moral ist fiktiv und hat in etwa den Charakter eines Märchens oder eines Gesprächs über den Weihnachtsmann.
Diskursethik: Der Wahrheitsanspruch moralischer Aussagen kann nur in einem von Zwängen freien, allein auf Argumenten beruhenden Diskurs verhandelt werden.
Nonkognitivismus: Normatives ist einer wissenschaftlichen Erkenntnis per se nicht zugänglich, d.h. die Einhaltung moralischer Regeln gründet nicht auf abstraktem Wissen, sondern einzig auf Charaktertraining (Habitus) oder nicht-wahrheitsfähigen Einstellungen, etwa Gefühlen.
Realismus: Im Nonkognitivismus ist eine realistische Position sinnlos, weil er unterstellt, dass die realistische Position, selbst wenn sie existierte, einer Erkenntnis nicht zugänglich wäre.
Antirealismus: Gemäss Antirealismus gibt es keine logische Möglichkeit, die Existenz moralischer Werte zu begründen, und gemäss Nonkognitivismus ist Normatives ohnehin keiner wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich. Folglich werden hierin u.a. vertreten:
Emotivismus: Moralische Urteile sind lediglich Ausdruck der eigenen emotionalen Einstellungen zum Zwecke der Beeinflussung der Einstellung des Gegenübers.
Präskriptivismus: Moralische Normen wie "töte niemanden" sind zugleich bindend und motivational (handlungsleitend). Diese Normen können zwar nicht auf Fakten reduziert werden (nonkognitivistische Sicht), sie sind aber trotzdem nicht per se unbegründbar, da Aussagen auch ohne empirische Basis begründet werden können.
Existenzialismus: Das Normative muss durch den Menschen selbst hervorgebracht werden, da es ohne einen "Gesetzgeber" wie Gott keine objektiven Werte geben kann.
Skeptizismus: Die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit wird in Frage gestellt oder prinzipiell ausgeschlossen.
Idealismus / Empirismus: Die Möglichkeit einer Erkenntnis von Wirklichkeit und Wahrheit ist primär oder ausschliesslich durch Sinneserfahrung möglich.
Nihilismus: Die Gültigkeit jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung wird verneint und mithin auch die Geltung jedes Sitten- bzw. Moralgesetzes.
Die Unterscheidung zwischen Universalismus und Relativismus kann in dieser Darstellungsform nicht angeboten werden, sie ist orthogonal zu verstehen, d.h. auf einer zusätzlichen Achse innerhalb des Realismus (Erfolgstheorie). Relativisten unterstellen, dass moralische Urteile ganz oder teilweise auf soziale, kulturelle, historische oder persönliche Gegebenheiten zurückzuführen sind, wohingegen Universalisten behaupten, moralische Urteile seien von solchen Gegebenheiten unabhängig.
Realismus
Ein minimaler moralischer Realismus umfasst die (epistemologische) Position des Kognitivismus - moralische Urteile sind erkennbar wahr oder falsch - und darin die (ontologische) Position der Erfolgstheorie - moralische Tatsachen existieren unabhängig von subjektiven Einstellungen. Eine solche Theorie muss v.a. zwei Kriterien genügen, um sich das Prädikat "realistisch" zu verdienen:
Angemessenheit: Was real ist, muss unabhängig von mentalen Einstellungen und Zuständen (z.B. Halluzinationen) real sein. Eine Oase ist real, wenn sie nicht bloss halluziniert ist. Oder abstrakter: Mit diesem Kriterium sollen allzu grosse Spitzfindigkeiten und/oder kontrafaktische (unnatürliche) Gedankenexperimente ausgeschlossen werden.
Sinngemässheit: Wenn ein religiöser Mensch an Gott glaubt, ist er von dessen Existenz überzeugt. Folglich muss Gott als Begriff so verstanden werden, wie man das gemeinhin tut (allmächtig usw.). Oder abstrakter: Die Beschreibung eines Objekts oder Gegenstandsbereichs darf der intuitiven Alltagsauffassung nicht grundsätzlich widersprechen.
Dem Realismus wohnt ein ontologisches Kernproblem inne. Er muss diese zentrale Frage schlüssig beantworten: "Wie passen moralische Werte in den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit?" - In der Folge werden zwei Beispiele für Beantwortungsstrategien gezeigt.
Einerseits können moralische Werte in ihrer Funktionsweise als sekundäre Qualitäten wie z.B. Farben verstanden werden, die wir als reale Phänomene betrachten, obschon es sie in der Realität nicht gibt. Farbe ist lediglich ein durch Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch die Wahrnehmung von elektromagnetischer Strahlung einer bestimmten Wellenlänge (Licht) zustande kommt und je nach visuellem System unterschiedlich ausgeprägt sein kann (ein Hund hat eine andere Farbwahrnehmung als ein Mensch).
Während also beispielsweise die Form eines Objekts (Quader) als primäre Qualität gilt, die sich empirisch vermessen lässt, verstehen wir dessen Farbe als sekundäre Qualität. Diese sekundäre Qualität spielt sich im Rahmen der Wahrnehmung des Objekts in uns ab und ruft bestimmte Reaktionen hervor (Assoziationen und Gefühle), wie das auch in moralisch geladenen Situationen der Fall ist: Sind wir bei einer Folterung anwesend, rufen unsere moralischen Werte ("Folter ist schlecht") als sekundäre Qualität Reaktionen wie Empörung, Mitgefühl oder Abscheu hervor.
Diese Analogie spricht jedoch eher für einen schwachen Realismus, weil Farbe erstens keine primäre Qualität ist und zweitens nicht gänzlich vom wahrnehmenden Subjekt unabhängig (z.B. bei Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche), folglich könnte dies auch auf moralische Werte zutreffen. Mit der Farben-Analogie sind u.a. drei Probleme verknüpft:
Zirkularität: Farbwahrnehmung hat eine robuste Phänomenologie, indem z.B. "signalrot" von allen Menschen mit intaktem visuellen System etwa gleich wahrgenommen wird. Dieser Aspekt lässt sich bei moralischen Werten nicht in ähnlichem Ausmass feststellen. Wenn nun aber behauptet wird, die Aussage "Lügen ist schlecht" sei eine objektive moralische Tatsache, weil Menschen im Allgemeinen ähnlich bis gleich auf Lügen reagieren, dann wird der Beweis der Objektivität über die Reaktion resp. unter Rekurs auf das vermeintlich Objektive geführt, also zirkulär.
Universaler Irrtum: Bei Farben besteht keine Möglichkeit, dass sich alle Menschen hinsichtlich deren Wahrnehmung täuschen, wohingegen dies bei moralischen Werten potenziell möglich ist (z.B. punkto Sklaverei).
Relativismus: Während ein Irrtum bezüglich Farben bzw. eine sie betreffende Relativierung wenig gravierende Konsequenzen hat (es spielt keine besondere Rolle, ob einige Menschen oder andere Spezies Farben unterschiedlich wahrnehmen), ist dasselbe mit Blick auf moralische Werte mitunter von entscheidender Bedeutung, z.B. bei unserer Beurteilung der Sklaverei, die äusserst weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen hat.
Diese Überlegungen können uns dazu verleiten, einen starken Realismus anzunehmen, zumal auch hierin der Subjektivität Rechnung getragen werden kann:
Subjekte und ihre Handlungen bilden ohnehin den Gegenstand moralischer Wertungen, mit anderen Worten: Keine Moral ohne Subjekte.
Subjekte und ihre Zustände (z.B. die Tugend-/Lasterhaftigkeit des Charakters) zählen zu den Entitäten, die moralische Wertungen wahr oder falsch machen.
In moralischen Wertungen eingesetzte Begriffe können anthropozentrisch sein, weil sie nur von Menschen oder ähnlichen vernunftbegabten Wesen sinnvoll verwend- und teilbar sind.
Eine weitere Strategie zur Beseitigung des ontologischen Kernproblems im moralischen Realismus resp. für die Beantwortung der Frage "Wie passen moralische Werte in den Gesamtzusammenhang der Wirklichkeit?" besteht in der Naturalisierung, d.h. indem die Moral zu einem Bestandteil der natürlichen Wirklichkeit erklärt wird. Welche Aufgaben sind dafür zu erfüllen?
Moral muss zum Zwecke der Naturalisierung adäquat charakterisiert werden. Problematisch dabei ist insbesondere das in der Natur ansonsten nicht vorkommende Normative: Kein Objekt der Natur richtet quasi aus sich heraus eine Norm an uns (Gebot, Verbot, Erlaubnis).
Worin besteht das Natürliche bzw. was macht Moral zu einer natürlichen Sache? Ein Objekt der Natur kann entweder inhaltlich (als Bestandteil von Ursache-Wirkung-Beziehungen) oder aber disziplinär bestimmt werden (als Bestandteil einer wissenschaftlichen Disziplin). Zweitgenannte Bestimmung ist jedoch unbefriedigend, weil dadurch auch das Spaghettimonster ein Objekt der Natur wäre, sofern es eine Spaghettimonster-Wissenschaft gäbe. Hier müsste demnach auf methodische Prämissen o.ä. rekurriert werden, d.h. diese Bestimmung wäre nur zulässig, wenn besagte Wissenschaft nach anerkannten wissenschaftlichen Kriterien arbeitete.
Wie ist das Verfahren geregelt, das zu einer Naturalisierung der Moral führt und wie lauten die Erfolgsbedingungen des Verfahrens? Im Verfahren können entweder Eliminationen vorgenommen werden, d.h. moralische Urteile ohne behauptende Funktion resp. ohne Wahrheitsfähigkeit werden gänzlich aussortiert (wie dies im Nonkognitivismus pauschal der Fall ist). Oder aber es werden Reduktionen auf natürliche Eigenschaften vorgenommen: Dabei werden Aussagen gesucht, die synthetisch wahr sind, d.h. die mit der Wirklichkeit übereinstimmen ("Lebewesen mit einem Herz haben auch Nieren") und nicht bloss in sich (analytisch) wahr sind ("Junggesellen sind unverheiratet"), letztere werden für die Naturalisierung eher aussortiert.
Die Grundidee des naturalistischen moralischen Realismus besteht darin, einen Bereich von Tatsachen zu postulieren, um damit Merkmale unserer Erfahrung zu erklären, beispielsweise die beobachtbare Aussenwelt als Erklärung unserer (kohärenten, stabilen und gemeinsam geteilten) Sinneserfahrung. Im Idealfall soll sich eine naturalistische Theorie des moralischen Realismus quasi nahtlos in angrenzende empirische Felder (Biologie, Anthropologie, Geisteswissenschaften) einfügen.
Einer der Verfechter des Naturalismus, Peter Railton, propagiert zunächst ein objektiviertes subjektives Interesse. Dieses besteht vereinfacht ausgedrückt darin, dass ein subjektiver Wunsch nach X im Prinzip objektiv sei, denn eine perfekte Version meiner selbst würde sich wünschen, dass ich mir X wünsche; wobei mit "perfekte Version" gemeint ist: Umfassend informiert und über unlimitierte kognitive Fähigkeiten und Vorstellungskraft verfügend.
Die perfekte Version meiner selbst wird also objektiv erkennen, was ich mir wünsche und was demnach in meinem rationalen individuellen Interesse liegt. Und eben dadurch wird auch Normatives objektiv, denn eine von der Moral an mich gestellte Forderung "ich soll X tun" fördert gleichsam mein objektives Interesse, auch dies ist von der perfekten Version meiner selbst erkennbar. Gesellschaftlich betrachtet würden die Interessen aller unserer perfekten Versionen gleichermassen berücksichtigt und das moralische Beste wäre auf dieser Ebene das aus sozialer Sicht instrumentell Vernünftigste.
Antirealismus / Nonkognitivismus
Gemäss Nonkognitivismus sind moralische Urteile keine Aussagen, da diese Urteile nicht wahr oder falsch sein können, mithin nicht wahrheitsfähig sind. In sprachphilosophischer Hinsicht wird deshalb unterstellt, bei moralischen Urteilen könne es sich sich nicht um Behauptungen handeln, sondern um Aufforderungen und/oder den Ausdruck eigener Gefühle, Wünsche usw. - In der Sprechakttheorie werden drei grundlegende illokutionäre Rollen unterschieden, die den Vollzug einer Handlung über eine sprachliche Äusserung bezeichnen:
Deskriptive Behauptung (Aussage über thematisierten Sachverhalt)
Evokative Aufforderung (Aussage zwecks Hervorrufung einer Reaktion)
Expressiver Ausdruck (Aussage über eigene Emotionen)
Nonkognitivisten resp. Antirealisten wie Alfred J. Ayer meinen daher, dass es die normative Ethik als Wissenschaft nur dann geben könne, wenn „x ist gut“ sprachlich etwa so funktionieren würde wie „Spinat ist gesund“, normativ-ethische Urteile also empirisch verifizierbar wären. Deren Kernthese ist jedoch, dass „x ist gut“ sprachlich funktioniert wie „igitt, Spinat!“, und dass es daher die normative Ethik als Wissenschaft nicht geben kann.
Drei Formen des Nonkognitivismus:
Emotivismus ("Buh/Hurra-Theorie"): Nach dieser Theorie werden moralische Urteile lediglich als Ausdruck eigener (emotionaler) Einstellungen verstanden, die in gebietender Form geäussert werden, um beim Gegenüber eine Reaktion zu evozieren. Aussagen können laut Emotivismus entweder analytisch ("Junggesellen sind unverheiratet") oder empirisch sein ("heute scheint die Sonne"), ansonsten sie keine Wahrheitsfähigkeit besitzen. "Die Ressourcen der Erde sind ungerecht verteilt" ist demnach ein sinnloser Satz, weil er weder durch Logik (analytisch) noch durch Beobachtung (empirisch) verifiziert bzw. falsifiziert werden kann. Dagegen ist einzuwenden, dass die Ressourcenverteilung allem Anschein nach nicht deshalb ungerecht ist, weil ich sie als ungerecht empfinde, sondern eher weil sie de facto ungerecht ist.
Präskriptivismus: Diese Theorie betont im Unterschied zum Emotivismus die handlungsleitende resp. auffordernde Dimension moralischer Urteile und eher weniger die emotionalen Anteile. Mit anderen Worten unterstellt der Präskriptivismus, moralische Urteile seien kein Ausdruck eines Gefühls, sondern einer persönlichen Überzeugung, die man für universalisierbar hält, d.h. die alle Menschen haben sollten. Ungeklärt bleibt jedoch, aufgrund welcher Prinzipien diese moralischen Urteile universalisierbar sein sollen bzw. ist das Prinzip "individuelle Überzeugung" nur schwierig universalisierbar, da nicht alle Individuen dieselben Überzeugungen haben.
Existenzialismus: Hier wird zunächst unterstellt, dass ohne Gott objektive Werte unmöglich sind und deswegen der Mensch keine Essenz (Sinn) habe, sich mithin selbstverantwortlich entwerfen müsse. Diesen Entwurf seiner selbst müsse der Mensch zwingend bejahen, weil er nur das Gute für sich wähle. Und was gut für den einzelnen Menschen sei, müsse zugleich für alle anderen Menschen auch gut sein, weshalb sich in der Freiheit und Verantwortung des Selbstentwurfs auch die Freiheit und Verantwortung aller Menschen widerspiegle. Ein moralischer Kanon von Werten und Normen entstünde auf diesem Wege quasi automatisch, indem der Mensch seine Existenz wähle. Dagegen wird eingewendet, diese Wahl der moralischen Identität sei beliebig und nur für die Wählenden verbindlich, was eine wechselseitige Kritik verunmögliche.
Für den Nonkognitivismus spricht u.a.
Der handlungsleitende Charakter moralischer Urteile wird einfach geklärt. Eine Äusserung "x ist verwerflich" sollte entsprechende Handlungen auslösen, ansonsten der Sprecher unaufrichtig ist. Der Sprecher muss Gründe anerkennen, x zu unterlassen, und zur Unterlassung motiviert sein.
Der Nonkognitivismus ist ontologisch und epistemologisch sparsam, weil moralischen Urteilen die Wahrheitsfähigkeit abgesprochen wird. So stellt sich die Frage nach Entitäten wie z.B. Werten, die diese Urteile wahr oder falsch machen könnten, schon gar nicht erst.
Der Eindruck, dass bei moralischen Meinungsverschiedenheiten nicht Argumente, sondern Einstellungen (Emotionen, Appelle) aufeinander treffen, ist nicht von der Hand zu weisen.
Gegen den Nonkognitivismus spricht u.a.
Ein moralischer Diskurs ist weitgehend nur dann verständlich, wenn er auch wahrheitsfunktional ist, und nicht bloss expressiv oder evokativ aufgefasst wird.
Bei moralischen Diskussion suchen wir die Wahrheit bzw. die richtige Antwort, mit der wir unsere subjektiven Einstellungen normieren können. Sofern dies aber zutrifft, können moralische Urteile nicht bloss Ausdruck subjektiver Einstellungen sein.
In phänomenologischer Hinsicht haben wir den Eindruck, eine Entdeckung gemacht zu haben, wenn wir zu einem moralischen Urteil gelangt sind, und nicht bloss, dass wir unsere persönliche Meinung formuliert haben.
Relativismus
Relativismus in der Ethik - also eine Denkrichtung, die Wahrheit als stets von etwas bedingt ansieht und absolute Wahrheit in Abrede stellt - tritt in drei Formen auf:
Deskriptiver moralischer Relativismus: Tiefgreifende, unlösbare Meinungsverschiedenheiten zwischen unterschiedlichen Entitäten (z.B. Kulturen) überwiegen die Übereinstimmungen. Der Relativismus wird mit dieser Aussage bloss festgestellt bzw. beschrieben.
Normativer moralischer Relativismus: Jede Person soll sich nach den moralischen Normen der eigenen Entität (z.B. Kultur) richten und die Normen anderer Entitäten tolerieren. Mit dieser deontischen Aussage wird der Relativismus quasi zu einem Moralprinzip erhoben.
Metaethischer moralischer Relativismus: Die Wahrheit oder Falschheit moralischer Urteile ist relativ auf eine Entität (z.B. Kultur). Mit dieser Aussage wird der Relativismus auf theoretischer, metaethischer Ebene eingeordnet.
Zur Präzisierung des moralischen Relativismus stellen sich u.a. diese Fragen:
Auf wessen Standards sind moralische Urteile relativ - auf jenen des Wertenden oder auf jenen des Bewerteten?
Auf welche Standards sind moralische Urteile relativ - auf jene des Individuums oder auf jene eines Kollektivs (z.B. Kultur) bezogen?
Für welche Arten von Urteilen wird die Relativität behauptet - für deontische ("du sollst x tun") und/oder für evaluative ("x zu tun ist gut") Urteile?
Drei Ausprägungen von moralischem Relativismus:
Vulgärrelativismus: Es gibt keine universalen moralischen Wahrheiten und jeder sollte den moralischen Wahrheiten der je eigenen Gruppe folgen. Diese Position ist inkohärent, weil sie erstens die Inexistenz universaler moralischer Wahrheiten als universale moralische Wahrheit erklärt. Zweitens verlagert sie die normative Universalität bloss in die tiefere Ebene der Gruppe.
Kulturrelativismus: Jede Kultur kennt unterschiedliche Verhaltensnormen und Moral besteht darin, diesen Normen zu folgen, sodass moralische Normen immer nur pro Kultur gültig sind. Diese Position ist inkohärent, weil der Kulturbegriff sehr unspezifisch ist (was ist Kultur überhaupt?) und sich daher kulturbezogene Verhaltensnormen nur schwer (wenn überhaupt) begründen lassen.
Komplexer Relativismus: Laut Gilbert Harman ist das moralische Sollensurteil ein inneres Urteil, das in den Einstellungen (Wünsche, Absichten usw.) des Urteilenden gründet. Der Urteilende nimmt an, dass der Beurteilte dieselben Einstellungen hat, d.h. es handelt sich um geteilte bzw. gegenseitig vereinbarte Wünsche und Absichten, die auf Basis gleicher Gründe verfolgt werden. Harman unterscheidet daher innere Urteile von äusseren Urteilen; letztere werden von Personen gefällt, die nicht dieselben Wünsche und Absichten teilen. Daraus leitet Harman ab, dass das moralische Urteil "Hitler hätte den Holocaust unterlassen sollen" als inneres Urteil falsch ist.
Die weiteren Zusammenfassungen zur Ethik und andere diesbezügliche Beiträge finden sich hier.