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Schwerpunkt
Getauft und Gesandt
von Urban Fink-Wagner
Als Kind bestaunte ich noch das «Nicknegerlein» im Pfarrhaus, das seinen Kopf senkte, wenn man Münzen zugunsten der Mission in Afrika hineinwarf. Und vor 50 Jahren gab es noch viele Schweizer Missionare in Afrika, die dieses Geld gut gebrauchen konnten. Heute leben wir in einer völlig veränderten Situation, mit afrikanischen Priestern bei uns in Europa. Der «Nickneger» ist verschwunden, weil ein solches Objekt heute politisch nicht mehr korrekt wäre und die afrikanischen Ortskirchen weitgehend auf eigenen Beinen stehen. Der von Papst Franziskus ausgerufene Ausserordentliche Missionsmonat im Oktober 2019 ist ein Anstoss, sich intensiver mit dem Stichwort Mission zu beschäftigen.
100 Jahre nach dem ersten Missionsschreiben
Vor hundert Jahren, am 30. November 1919, veröffentlichte Benedikt XV. das Apostolische Schreiben «Maximum illud», das ein neues, in die Zukunft weisendes Programm der katholischen Mission formulierte. Papst Benedikt XV. forderte darin nicht nur eine bessere Vorbereitung der Missionare und ein Eingehen auf kulturelle und nationale Eigenheiten der Völker sowie die Ausbildung eines einheimischen Klerus, sondern postulierte auch die Abkehr vom selbstgerechten europäischen Allmachtsanspruch und forderte die Öffnung für den Eigenwert fremder Mentalitäten und Kulturen. Wenn die Kirche wahrhaft katholisch sein wolle, dürfe sie «keinem Volk und keiner Nation eine Fremde» sein. Zum Positiven wenden kann sich der Zustand der Gesellschaft erst, wenn es zu einer Glaubenserneuerung komme. Da sich das Missionswesen bis zum Ersten Weltkrieg im Schatten des Kolonialismus abspielte, mussten hier über das allgemeine Missionsanliegen hinaus neue Wege gesucht werden, losgelöst von den Kolonialmächten. So pochte der in diesem Punkt moderne, leider aber heute vergessene Papst in «Maximum illud» auf eine Unabhängigkeit der Missionen von politischen Interessen. Er förderte so die Loslösung der katholischen Missionen vom Kolonialismus und die Entwicklung der Missionsgebiete in Richtung selbstständiger Ortskirchen. Aber die Überzeugung der wirtschaftlichen, technischen und geistigen Überlegenheit Europas und Amerikas gegenüber den klassischen Missionsländern wirkte weiter, was sich bis in die 1970er-Jahre eben auch im «Nickneger»-Sammeltopf kundtat. Mission war eben auch europäische Expansion. Erst in den letzten Jahren merken wir, dass auch die Schweiz zu einer Missionsgegend geworden ist. Und nun wirken afrikanische Priester bei uns.
Mission nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) sah sich die römisch-katholische Kirche als die alleinseligmachende an, mit einem Allmachtsanspruch und einer Vorrangstellung gegenüber anderen Kirchen. Hier setzte das Konzil, das eine positive Neubestimmung der Kirche auch gegenüber der modernen Welt ermöglichte, mit der Anerkennung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte eine enorme Zäsur. Auf dieser Grundlage regelte das Konzil auch das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen neu, deren Mitglieder nun nicht mehr religiös als Heiden, kulturell als Barbaren und moralisch als Sünder diskriminiert wurden. Damit wurde die Mission nicht überflüssig, erschien aber in einem neuen Licht. Die Kirche wirkt nicht nur in Missionsgebieten missionarisch, sondern versteht sich als ganze als missionarisch, denn die Frohbotschaft Christi soll allen Menschen verkündet werden. Da das Konzil den Wert der einzelnen Ortskirchen hervorhob, wird umso deutlicher, dass heute jede Ortskirche – also auch die Bistümer in der Schweiz – missionarischer sein und die Frohbotschaft Christi allen Menschen anbieten sollen. Und heute sind die europäischen Ortskirchen, die früher Missionare entsandt haben, selbst ein Stück weit Missionsland geworden, wo auch nichteuropäische Priester wirken. Angesichts tiefgreifender Änderungen in Kirche und Gesellschaft ist die Sendung aller Christen für die Zukunft unserer Kirchen und der ganzen Gesellschaft überlebenswichtig.
Mission für Dich und Mission für mich
Mission in der weiteren Bedeutung als Sendung aller Christen ist also gerade in der Schweiz besonders wichtig, umso mehr, als heute die Zugehörigkeit zu einer der öffentlich-rechtlich anerkannten Grosskirchen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Unter dem Leitwort «Getauft und gesandt. Die Kirche Christi in der Mission in der Welt» ist jede und jeder Getaufte als einzelne Person und innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft eingeladen, sich dem eigenen Missionsauftrag von Neuem bewusst zu werden. Papst Franziskus wählte dieses Motto 100 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Missionsschreibens für den diesjährigen Ausserordentlichen Missionsmonat Oktober aus. Er will damit bewusst machen, dass jeder Getaufte auch ein Gesandter sein soll. «Heute wie damals ist die Kirche von Christus gesandt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen; sie ist sich bewusst, dass noch eine ungeheure missionarische Aufgabe vor ihr liegt», betont Franziskus im Aufruf. Und weiter: «Haben wir mit Gottvertrauen und viel Mut keine Furcht vor einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des «Aufbruchs» versetzt und so die positive Haltung all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet.»
Der Ausserordentliche Missionsmonat
Der Ausserordentliche Monat der Weltmission wird gesamtschweizerisch mit einer Feier am 1. Oktober in Riva San Vitale im Tessin eröffnet. Das Johannes dem Täufer gewidmete Baptisterium ist das älteste noch erhaltene christliche Bauwerk der Schweiz. Mit der Feier an diesem historisch bedeutsamen Ort werden alle Gläubigen eingeladen, sich ihrer Taufe und Sendung neu bewusst zu werden. Am Samstag, 19. Oktober 2019, bietet das Bistum Basel für den Kanton Solothurn in der Martinskirche in Olten um 17 Uhr einen Gottesdienst zu diesem Ausserordentlichen Missionsmonat an, dem Bischofsvikar Georges Schwickerath und die Regionalverantwortliche Edith Rey vorstehen.
Der Sonntag der Weltmission am 20. Oktober steht wie der ganze Monat unter dem Motto «Getauft und gesandt». An diesem Sonntag wird besonders die Sendung der Christen in die Welt hinein unterstrichen, was eine Woche später durch eine Aussendungsfeier in möglichst vielen Seelsorgeräumen und Pfarreien verstärkt werden soll. Solche Feiern sollen uns ermutigen, dass die Sendung der Kirche nicht abgeschlossen ist, sondern über den Missionsmonat hinaus mit Freude und Dankbarkeit gelebt werden soll.
Was ist meine Mission?
Diese Frage delegiert die Stichworte «Getauft und gesandt» nicht mehr an Missionare und an Institutionen, sondern fordert uns alle persönlich auf, mutig zu antworten, sei es für den privaten Bereich, in unserem Beruf, für das Leben am Wohnort und in der Pfarrei sowie auch auf weiteren Lebensebenen. In einem Land, wo das Leben und die Menschen immer individueller, egoistischer und einsamer werden, ist diese Ausrichtung von uns Christinnen und Christen über uns selbst hinaus in die Kirche und in die Welt hinein immer wichtiger. Stellen wir uns der Herausforderung, die Frohbotschaft Christi in uns wirken und von uns hinaustragen zu lassen!
Getauft und gesandt
Bistumsgottesdienst zum Monat der Weltmission
Samstag, 19. Oktober 2019, 17.00 Uhr
Kirche St. Martin, Olten
Regionalverantwortliche Edith Rey gemeinsam mit Bischofsvikar Georges Schwickerath und einer Vorbereitungsgruppe aus den Pastoralräumen Olten und Gösgen.