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Kooperation und Organisation: der Vertrag von Les Verrières
In einer akzentuierten Szene des Bourbaki Panoramas schlagen sich zwei Herren hoch zu Ross in die Hände. Es handelt sich um zwei Generäle. Offenkundig besiegeln sie die Abmachung zum Grenzübertritt der Bourbaki-Armee – in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze befinden sich fast 90000 Mann, bewaffnet. Über ihren angeblich ausgemergelten Zustand munkelt man nur. Die symbolische Darstellung ist zwar schön inszeniert, der Vertragsschluss nichtsdestotrotz sehr bedeutsam.
Inszeniert
Bei den beiden Herren handelt es sich um den französischen Divisionär Justin Clinchant und den Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, Hans Herzog. In Tat und Wahrheit wurden nicht Hände geschüttelt: Hans Herzog verfasste handschriftlich ein einseitiges Vertragsdokument in französischer Sprache und sandte es per Bote in der bitteren Kälte des frühen 1. Februars 1871 prompt an den jenseits der Grenze auf französischem Terrain harrenden Justin Clinchant. Nur kurz zuvor hatte er die Schweiz um Asyl für die Ost-Armee angefragt.[1]
Neutral
Ein Original des Vertrags liegt heute im Bundesarchiv in Bern (siehe Bild). Die Abgabe sämtlicher Kriegsgegenstände stellt die erste und wichtigste Vereinbarung: Sie sollte die Neutralität der Schweiz sichern. Mit Blick in die Zukunft wird anschliessend festgehalten: Frankreich soll sein Kriegsmaterial nach Friedensschluss und nach Begleichung der entstandenen Kosten zurückerhalten. 12 Millionen werden es letztlich sein. Das Geld fliesst rasch.
Geordnet
Nach dem Übertritt sind kantonale Inspektoren für die Internierten zuständig. Zur Orientierung erlässt das Militärdepartement Weisungen. Bewachung, Unterkunft, Verpflegung und Besoldung werden durch die kantonalen Kriegskommissariate geregelt.[2]Um acht Uhr abends gilt es in der Unterkunft zu sein, ansonsten sollten sich die Internierten tunlichst mit Arbeiten beschäftigen. Auch zur Gratis-Korrespondenz mit den Angehörigen per Korrespondenzkarte wird motiviert. Die sonntägliche Arztvisite durch Schweizer Ärzte war weiter Pflicht.
Gütig
Der Vertrag stellte zwar die wesentliche Voraussetzung zur Betreuung der Ankommenden, zur konkreten Umsetzung war die Mithilfe von unzähligen Zivilpersonen mehr als notwendig. In den Gemeinden versammelten sich Personen mit wohltätigen Absichten zur Organisation von Liebesgaben. In Muri (AG) ermutigt ein Aufruf zu einem Beitrag: es fehlten gemäss Angabe noch «ca. 1’000 Hemden und ebensoviel Strümpfe oder Sokken». Auch um Schuhe, Stiefel und Handtücher wird gebeten. Immerhin kamen 105 Hemden, 20 Paar Strümpfe, 70 Paar Socken, 23 Paar Schuhe und Stiefel sowie 68 Handtücher zusammen. Weiter versammelten sich in Muri die Mädchen aller Schulklassen «mehrere Tage und halbe Nächte in ihren Schulzimmern (...), um eine schöne Anzahl ganz neuer Strümpfe und Socken als Liebesgaben liefern zu können». Für Muri sind auch die Gemeinden des Bezirks notiert: Sie reichen von 3 Franken (Althäusern) bis zu 247.80 Franken (Muri).
[1] Justin Clinchant war Nachfolger des kriegserprobten und erfolgreichen Heerführers Charles-Denis Bourbaki, nachdem dieser angesichts der drohenden Niederlage versucht hatte, sein Leben zu been-den. Bourbakis Vorfahren stammten aus Griechenland.
[2] So wurden pro Internierten täglich 5/8 Pfund Fleisch (312,5 Gramm), 1 ½ Pfund (1250 Gramm) Brot und Gemüse berechnet. Für Unteroffiziere und Soldaten gab es einen Sold von 25 Rappen.