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Bezüglich des Artikels von Martin Rhonheimer «Armut: Business ist die Lösung» in der NZZ vom 5. 4. 2016 liess die SKZ 22/2016, S. 285–288 zwei kritische Stimmen zu Wort kommen: Francesco Papagni, der Rhonheimers Position für unvereinbar mit der katholischen Soziallehre hält; und Franz-Xaver Kaufmann, der meinte, seine Ausführungen zeugten von «Unkenntnis oder ideologischer Voreingenommenheit». Im Folgenden veröffentlichen wir eine Antwort von Martin Rhonheimer.
Francesco Papagni wirft mir vor, ich hätte übersehen, dass «das Privateigentum auch in der Pflicht gegenüber den Angestellten und der Gesellschaft steht». Mit seiner Kritik vertritt er genau die Position, die ich als «ökonomisch unaufgeklärten Moralismus» kritisierte.
Im Kapitalismus schafft Reichtum Wohlstand
Thema und Argumentation meines Artikels waren ja: Unternehmer bzw. Kapitalisten verwenden ihr Eigentum auf eminent soziale Weise – sozialer als der grosszügigste Almosenspender. Denn ohne unternehmerische Leistung und den dadurch ermöglichten Prozess der kapitalistischen Wirtschaft wären Angestellte keine Angestellten, hätten sie keinen Lohn und würde ihre Produktivität bestenfalls zum knappen Überleben reichen. Sie würden – wie dies während Jahrhunderten war, und wie es dort, wo Kapitalismus und freies Unternehmertum sich nicht entfalten können, immer noch ist – auf dem Niveau blosser Subsistenzwirtschaft dahindarben. In einer kapitalistischen Wirtschaft erhält deshalb produktiv investierter privater Reichtum systembedingt eine soziale Funktion. Und das ist auch ethisch relevant.
Dualismus Arbeit-Kapital – eine falsche Prämisse
Auch Franz-Xaver Kaufmann scheint mir in seiner Kritik am Thema vorbeizugehen, denn er argumentiert aufgrund einer Prämisse – dem angeblichen Interessensantagonismus von Arbeit und Kapital –, für deren Unhaltbarkeit mein Artikel Argumente vorbringt, auf die Kaufmann aber nicht eingeht. Stattdessen wiederholt er die falsche Prämisse und ergeht sich in gelehrten Ausführungen über Kardinal Joseph Höffner und Oswald von Nell-Breuning als Leitfiguren einer – im Falle Höffners – eher unternehmerorientierten und – im Falle Nell-Breunings – gewerkschaftlich orientierten Richtung der katholischen Soziallehre.
Interessanterweise schrieb der 1987 verstorbene Höffner in seiner «Christlichen Gesellschaftslehre», dass «der marxistische Klassenkampf beim Dualismus zwischen Kapital und Arbeit ansetzte und die Unternehmerfunktion ausklammerte» und dass dieselbe Vernachlässigung der Funktion des Unternehmers auch in der klassischen Nationalökonomie zu finden sei. «Kein Wunder», so Höffner, «dass auch die katholische Soziallehre sich verhältnismässig selten mit dem typisch Unternehmerischen befasste», ja diesem vielmehr «mit einem unverhohlenen Misstrauen» begegnete.1
In seinem zeitgenössischen Kommentar zur Enzyklika Quadragesimo anno Pius’ XI. (1931) kam der ökonomisch geschulte Nell-Breuning einer adäquaten Einschätzung der Arbeit des Unternehmers und damit der Überwindung der Dichotomie von Arbeit und Kapital erstaunlich nahe.2 Doch ist Nell- Breuning vor allem für seine spätere Wende zu einer Position bekannt, gemäss der die «produktionsmittelentblössten Arbeiter» angeblich Opfer eines «Klassenmonopols» sind.3 Der 1974 verstorbene katholische Ökonom und Sozialethiker Götz Briefs warf deshalb in einem 1958 postum veröffentlichten Brief Nell-Breuning vor, auf der Basis marxistischer Prämissen zu argumentieren. In Wirklichkeit, so Götz Briefs, sei der Arbeitnehmer der eigentliche Nutzniesser der «kapitalistischen Produktionsmittel», denn diese «unterstützen und vervielfältigen (...) seine Leistung».4 Das genau war der Kernpunkt meiner Argumentation: Es ist die Arbeit des Unternehmers, die den entscheidenden Mehrwert und damit Wohlstand schafft; die Arbeit des Arbeitnehmers bliebe ohne unternehmerische Leistung und das Kapital des Kapitalisten unproduktiv und deshalb für ihn auch nicht wohlstandsfördernd. Der Vorwurf Kaufmanns, ich würde die «Spannung zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen» unterschlagen, läuft deshalb im vorliegenden Zusammenhang ins Leere.
Marx und Schumpeter
Dafür, dass Marx das Wesen des Kapitalismus und die ihm angeblich innewohnende Tendenz zur zunehmenden Konzentration am besten erfasst habe, beruft sich Kaufmann zu Unrecht auf Schumpeters «Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung»5. Wenn schon hätte er sich auf das spätere Werk «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie» des österreichischen Ökonomen beziehen sollen, wo dieser aber über Marx’ Konzentrationstheorie meint, das wenige, das an ihr richtig genannt werden könne, sei «weder sehr tief noch sehr bewunderungswürdig»6. Allerdings sei es «in Anbetracht der Verhältnisse zu Marxens Zeit eine Leistung an sich» gewesen, «das Aufkommen der grossen Unternehmungen vorherzusagen».7
Doch gerade in den grossen Unternehmungen sah Schumpeter den Erfolg des innovativen und Wohlstand schaffenden Kapitalismus. In keiner Weise vertrat Schumpeter, wie Kaufmann das offenbar immer noch tut, die neoklassische Wettbewerbstheorie, gemäss der Monopole schädlich sind und «vollkommener Wettbewerb» das Ideal ist.8 Seine Meinung hingegen, der Kapitalismus neige zur Selbstzerstörung (und bereite damit dem Sozialismus den Weg) gründete weder auf marxistischen noch auf neoklassisch-ordoliberalen Argumenten, sondern vornehmlich auf dem von ihm behaupteten «Veralten» der Unternehmerfunktion, der zunehmenden Entkoppelung des Zusammenhangs zwischen Privateigentum und unternehmerischer Verantwortung, der Zerstörung der schützenden Schichten der feudalen Welt sowie der Auflösung der bürgerlichen Familie als Motivationsbasis unternehmerisch-gewinnorientierten Handelns.9
«Produktiver Kompromiss» mit Hilfe des Staates?
Kurios scheint mir, dass Kaufmann ausgerechnet in Lorenz von Stein – dem Reformtheoretiker der preussischen Monarchie und Mitschöpfer der bis 1947 in Kraft stehenden «Verfassung des Kaiserreichs Gross-Japan» – das Paradigma für das Zusammenwirken von Kapital und Arbeit erblickt. Diese könnten «nicht ohne Hilfe des Staates zu einem produktiven Kompromiss» finden. Das halte ich schon deshalb für fragwürdig, weil die grossen wirtschaftlichen Verwerfungen der Geschichte sämtlich nicht vom freien Markt, sondern von Staat und Politik verursacht wurden. Dafür gibt es unzählige Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte; insbesondere gilt es für die US-Subprimekrise von 2007 und die nachfolgende globale Finanzkrise: Sie wurden durch Politik, Gesetzgebung und falsche regulatorische Anreize verursacht. Ein freier, nichtregulierter und von der Politik nicht mit falschen Anreizen in die Irre geführter Markt hätte nie eine solche Krise produziert. Soziologische Kategorien helfen da nicht weiter; nur die Einsicht in die relevanten politischen und ökonomischen Zusammenhänge vermag hier Erkenntnisgewinn zu bringen.
Dasselbe gilt für die von Politik und Gesetzgebung mit rechtlichen Privilegien ausgestatteten Gewerkschaften: Sie haben im Laufe der Geschichte enorme Wohlfahrtseinbussen und – in den USA etwa in der Periode des New Deal – die Verstetigung von Arbeitslosigkeit, aber keinen neuen Wohlstand geschaffen und sind weiterhin ein Bremsklotz für Reformen, die gerade den auf dem Arbeitsmarkt Benachteiligten – Jugendlichen, Geringqualifizierten und Immigranten – zugutekämen. Auch das sind ethisch relevante ökonomische Zusammenhänge, die leider immer wieder ignoriert werden.
Der Sozialstaat als Armutsfalle
Schliesslich zum letzten Punkt: Der moderne Kapitalismus bringe «eine systemimmanente sekundäre Armut der Nicht-Beschäftigungsfähigen hervor», die sich «nur durch Hilfe und Umverteilung bekämpfen lässt». Dass es ein soziales Netz für diejenigen braucht, die sich nicht selbst helfen können, ist unbestritten. Die heute real existierende «soziale Marktwirtschaft» ist jedoch zu einem System verkommen, das verkennt, dass eine kapitalistische Wirtschaft auch für die Ärmsten viel mehr zu leisten vermag als mit Steuern und öffentlicher Verschuldung finanzierte Umverteilung. Der von Kaufmann erwähnte Ludwig Erhard schrieb deshalb 1957: «Die Blindheit und intellektuelle Fahrlässigkeit, mit der wir dem Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat zusteuern, kann nur zu unserem Unheil ausschlagen.»10 Umverteilung schwächt die wohlstandsschaffende Dynamik des freien Marktes und bürdet zudem den nachfolgenden Generationen das Problem einer zunehmenden öffentlichen Schuldenlast auf – wahrlich keine soziale Perspektive!
Soziale Sicherung durch staatliche Leistungen ist nicht nur ökonomisch ineffizient, sondern auch ethisch fragwürdig, weil sie den Einzelnen und die Familie vom Staat abhängig macht und damit Selbstverantwortung untergräbt, und gerade das oft zu einer Armutsfalle werden oder Armut perpetuieren kann.11 Sekundäre Armut – nicht in jedem Einzelfall, aber als verbreitetes gesellschaftliches Phänomen – erweist sich damit als Folge falscher Anreize durch die Gesetzgebung und einer interventionistischen, Freiheit und Selbstverantwortung unterminierenden Politik, die das schöpferische Potenzial der Zivilgesellschaft lähmt und diese entmündigt.