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Die Schweiz hat mit der sogenannten Abzocker-Initiative, der 1:12-Initiative und der Mindestlohn-Initiative in den letzten Jahren drei Abstimmungen erlebt, die sich zumindest rhetorisch auf die Idee der Lohngerechtigkeit bezogen. Dass es dabei tatsächlich um die Herstellung von Lohngerechtigkeit ging, war allerdings in allen drei Fällen umstritten. Um diesen Streit zu entscheiden, bräuchte es eine Antwort auf die Frage: Was versteht man unter einem gerechten Lohn, was sind seine Bestimmungsgründe? Obwohl die Frage seit langem – spätestens seit der Entstehung allgemeiner Arbeitsmärkte im Gefolge des modernen Kapitalismus – im Raum steht, gibt es erstaunlich wenig systematische Antworten darauf.
In der zeitgenössischen philosophischen Gerechtigkeitstheorie spielt das Problem der Lohngerechtigkeit keine Rolle. Das ist erstaunlich, wenn man die Bedeutung dieser Frage nicht nur in politischen Diskursen sondern auch in alltäglichen Arbeitskontexten bedenkt. In den genannten Abstimmungen ging es vor allem die Begrenzung der Löhne nach oben und nach unten, also um eine Vermeidung von Extremen, aber das Problem der Lohngerechtigkeit stellt sich auf allen Ebenen der Lohnskala. Dennoch wird dieses Problem von der philosophischen Gerechtigkeitstheorie weitgehend ignoriert. In der Betriebswirtschaftslehre wird das Problem in der Regel zwar erwähnt, aber als rein subjektive Angelegenheit deklariert und damit als wissenschaftlich nicht seriös behandelbar zu den Akten gelegt.
Nun besteht die Aufgabe der Betriebswirtschaftler auch nicht darin, tiefsinnige Erklärungen zu suchen, sie müssen dafür sorgen, dass der Laden läuft. Warum aber interessieren sich die Philosophen nicht für Lohngerechtigkeit? Eine mögliche Erklärung wäre die folgende: Lohngerechtigkeit wird von den meisten Gerechtigkeitstheoretikern allgemein als Einkommensgerechtigkeit verstanden und dann unter dem Stichwort der sozialen Gerechtigkeit auf der Ebene ganzer Gesellschaften diskutiert. Das Vorbild für diese Vorgehensweise ist John Rawls, der dem Problem der gerechten Löhne in seinem Hauptwerk gerade genug Raum widmete, um es als irrelevant beiseite zu schieben. Ihn interessierte lediglich die Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Grundstruktur, die Lohnbildung wollte er dagegen dem Markt überlassen. Damit kam er der Auffassung von Friedrich A. von Hayek, der meist als sein Antipode in Gerechtigkeitsfragen betrachtet wird, zumindest in dieser Frage erstaunlich nahe. Hayek hielt die Idee eines gerechten Lohns für eine Schimäre, dehnte diese Kritik dann allerdings auf die Idee der sozialen Gerechtigkeit insgesamt aus.
Nun könnte man Rawls zugute halten, dass er das Problem der Gerechtigkeit überhaupt erst als philosophisches Thema rehabilitiert hat und dass es die Aufgabe seiner Nachfolger gewesen wäre, innerhalb des von ihm abgesteckten Feldes weitere Gerechtigkeitsprobleme zu identifizieren und zu bearbeiten. Stattdessen zog es jedoch die meisten von ihnen entweder (unter den Stichworten equality of what und why equality) in die Grundlagendiskussion oder in die weite Welt (oder beides): Statt sozialer Gerechtigkeit sollte es nur noch um globale Gerechtigkeit gehen, als könnten die Probleme für die Philosophie gar nicht groß genug werden. Lohngerechtigkeit ist vielen Philosophen vielleicht auch einfach zu trivial.
So legitim aber Diskussionen über Grundlagenprobleme und globale Gerechtigkeit auch sein mögen, die einseitige Konzentration darauf führt dazu, dass der Gerechtigkeitsdiskurs sehr allgemein bleibt und zunehmend auf der Stelle tritt. Das scheint mir gerade in Bezug auf das Problem der Lohngerechtigkeit kritikwürdig, denn dieses Problem verschwindet nicht dadurch, dass es von Gerechtigkeitstheoretikern unter das Problem der sozialen oder sogar der globalen Gerechtigkeit subsumiert wird. Es handelt sich hier keineswegs um ein Spezialproblem sondern vielmehr um ein zentrales Problem der Gerechtigkeit. Es geht hier nicht zuletzt um normative Hierarchien innerhalb der Ebenen der gesellschaftlichen Einkommensverteilung. Rawls hat zwischen den Ebenen der lokalen, sozialen und globalen Gerechtigkeit unterschieden. Wenn nun die Gerechtigkeit der sozialen und der globalen Einkommensverteilung legitime und wichtige Themen sind, woran ich nicht zweifle, dann ist auch die Gerechtigkeit der lokalen Einkommensverteilung ein legitimes und wichtiges Thema. Eine normativ und empirisch überzeugende Gerechtigkeitstheorie muss zu allen Ebenen etwas sagen, doch die meisten Philosophien ignorieren die lokale Ebene.
Das liegt wohl auch daran, dass sie (oft implizit) einem top down-Ansatz folgen, dem zufolge die jeweils höhere Ebene normativen Vorrang vor der jeweils tieferen Ebene hat. Vor diesem Hintergrund ist das Desinteresse der meisten Philosophen an der Lohngerechtigkeit als einem zentralen Problem der lokalen Gerechtigkeit sogar verständlich. Sie meinen, die durch etwaige Kriterien der Lohngerechtigkeit ermittelten Ergebnisse würden durch übergeordnete Kriterien der sozialen Gerechtigkeit ohnehin wieder aufgehoben. Nehmen wir einmal an, wir definierten Lohngerechtigkeit anhand des Kriterium der individuellen Beiträge zum Erfolg des jeweiligen Unternehmens, dann ergäbe sich auf diese Weise ein gerechtes Lohneinkommen für jeden einzelnen Arbeitnehmer. Nehmen wir ferner an, soziale Gerechtigkeit werde ebenfalls anhand des Kriteriums der individuellen Beiträge definiert, nur dass es sich diesmal um die Beiträge zum Wohle der jeweiligen Gesellschaft handelte. Wenn wir dann noch annehmen, die Norm der sozialen Gerechtigkeit übertrumpfe sozusagen die Norm der Lohngerechtigkeit, dann sollten die von den jeweiligen Unternehmen bezahlten (annahmegemäss gerechten) Lohneinkommen von der Gesellschaft in einer Weise besteuert werden, dass dadurch soziale Gerechtigkeit hergestellt wird. Warum also sollte man Lohngerechtigkeit überhaupt thematisieren, wenn sie doch in sozialer Gerechtigkeit aufginge? Zwar weiß man aus der Sozialpsychologie, dass Lohngerechtigkeit im Unternehmen als wichtig empfunden wird und die Leistungsbereitschaft erheblich beeinflussen kann. Vom Standpunkt der soeben skizzierten Gerechtigkeitstheorie wäre dies jedoch nicht mehr als eine Illusion, weil wahre Gerechtigkeit erst auf der Ebene der Gesellschaft erreicht würde. Allerdings müsste man im nächsten Schritt auch die Idee der sozialen Gerechtigkeit zur Illusion erklären und für einen Vorrang der globalen Gerechtigkeit argumentieren. Davon war freilich in der Gerechtigkeitsrhetorik der oben erwähnten Abstimmungen nichts zu hören.
Meine These ist, dass der oben skizzierten Sichtweise zwei fundamentale Irrtümer zugrunde liegen: Erstens ist soziale Gerechtigkeit im Unterschied zur Lohngerechtigkeit gar nicht als Beitragsgerechtigkeit zu konzipieren, weil dies zu einer Überforderung der Gerechtigkeitsidee führt. Was die meisten Nichtphilosophen unter sozialer Gerechtigkeit verstehen, wird viel besser durch den Begriff der Solidarität erfasst: es geht vor allem um Absicherung in Situationen der Bedürftigkeit. Zweitens sollte der top down-Ansatz aus normativen Gründen einem bottom up-Ansatz weichen. Gerechtigkeit entsteht aus individuellen Austauschbeziehungen, diese sind nicht nur empirisch sondern auch normativ die Grundlage anspruchsvollerer Gerechtigkeitsforderungen. Damit würde die Frage der Lohngerechtigkeit von der Peripherie ins Zentrum der Gerechtigkeitstheorie rücken.
Weiterführende Literatur
Köllmann, Carsten (2015), „Grundzüge einer Theorie der Lohngerechtigkeit“, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie – Beihefte (ARSP–B), Band 141
Lesen Sie hier ein Interview mit Carsten Köllmann, erschienen in: Beobachter, 2010
Über den Autor
Beitrag von Dr. Carsten Köllmann, Universität Zürich
Ethik-Zentrum