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Himalaja-Moschushirsch
Moschus chrysogaster
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die in Asien heimischen Moschushirsche sind ziemlich urtümliche Mitglieder der Huftiersippe. Ihr charakteristisches - und namengebendes - Merkmal ist die im männlichen Geschlecht vorhandene Moschusdrüse. Diese sondert ein nicht nur für die Hirschweibchen, sondern auch für den Menschen attraktiv riechendes Sekret, den Moschus, ab. Seit Jahrtausenden ist diese Substanz für die Parfum- und Heilmittelerzeugung sehr begehrt, und entsprechend massiv wurde und wird den scheuen Gebirgstieren vom Menschen nachgestellt. Erfreulicherweise verfügen die Moschushirsche über eine bemerkenswerte Widerstandskraft: Der jahrtausendelangen Verfolgung zum Trotz kommen sie noch immer in weiten Bereichen ihrer ursprünglichen Verbreitungsgebiete vor, wenn auch meistenorts in stark ausgedünnten Beständen.
Früher eine, heute vier Arten
Von den «normalen» Hirschen unterscheiden sich die Moschushirsche - abgesehen von der Moschusdrüse - durch verschiedene körperbauliche Merkmale. Zu nennen sind beispielsweise das Vorhandensein einer Gallenblase, das Fehlen eines Geweihs, der Besitz von nur einem (nicht zwei) Paar Zitzen bei den Weibchen und von hauerartigen oberen Eckzähnen bei den Männchen. Aufgrund dieser Eigenheiten wird den Moschushirschen von alters her eine Sonderstellung innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) eingeräumt. Während sie aber früher als eine eigene Unterfamilie innerhalb der Familie der Hirsche eingestuft wurden, werden sie heute in eine separate Familie namens Moschushirsche (Moschidae) gestellt.
Ebenso wie die Stellung der Moschushirsche innerhalb der Ordnung der Paarhufer wurde vor ein paar Jahren auch ihre Artenzahl revidiert. Lange Zeit gingen die Zoologen davon aus, dass es nur eine - weit verbreitete und äusserlich recht variable - Art gibt namens Moschushirsch (Moschus moschiferus)
. Heute werden vier Arten unterschieden: 1. der Wald-Moschushirsch (Moschus berezovskii)
in Südost- und Zentralchina sowie im Norden Vietnams; 2. der Schwarze Moschushirsch (Moschus fuscus)
im östlichen Himalaja (Ostnepal, Bhutan, Nordostindien (inkl. Assam und Sikkim), Myanmar, Südwestchina); 3. der Sibirische Moschushirsch (Moschus moschiferus)
im nördlichen China, auf der Korea-Halbinsel, in der Mongolei und im Südosten Russland; 4. der Himalaja-Moschushirsch (Moschus chrysogaster)
im südwestlichen Himalaja von Nordafghanistan im Westen über Nordpakistan, Nordindien und Westnepal bis Tibet im Osten.
In seiner Gestalt erinnern die Moschushirsche an riesige Hasen, weil sie hinten sehr stark überbaut sind und grosse, runde Ohren haben. Ihr weicher Gang unterstreicht diesen Eindruck noch zusätzlich. Im südwestlichen Himalaja weisen die erwachsenen Tiere eine Schulterhöhe um 60 Zentimeter und ein Gewicht von gewöhnlich 9 bis 11 Kilogramm auf.
Ein Hochgebirgstier
Der Himalaja-Moschushirsch ist ein echtes Hochgebirgstier. In seinem Verbreitungsgebiet besiedelt er zur Hauptsache felsige, von Bäumen und/oder Sträuchern bewachsene Hänge in grösserer Höhe: Selten ist er tiefer als etwa 2100 Meter ü.M. anzutreffen, hingegen streift er oftmals oberhalb der Waldgrenze umher, welche in dieser Region bei ungefähr 4400 Metern ü.M. liegt.
An das Leben im steilen und die meiste Zeit des Jahres verschneiten Gelände ist der Himalaja-Moschushirsch hervorragend angepasst. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang beispielsweise seine kräftigen, sprungstarken Hinterbeine, welche um fast ein Drittel länger sind als die Vorderbeine. Mit ihnen springt der ziegengrosse Hirsch weit, leicht und federnd. Überhaupt zeigt er eine grosse Wendigkeit in seinen Bewegungen, während die normalen Hirsche ja eher den «geradlinigen» Trabertyp darstellen.
Auch die Fussbildung ist bemerkenswert: Zum einen sind die beiden Hauptzehen (3. und 4. Zeh) weit spreizbar, zum anderen sind die beiden Afterzehen (2. und 5. Zeh) sehr gross und berühren beim Auftreten den Boden. Beides zusammen verleiht den Tieren eine hervorragende Standfestigkeit auf steilen, felsigen Abhängen. Ausserdem wird hierdurch das Körpergewicht auf eine grosse Standfläche verteilt, was die Fortbewegung auf Schnee wesentlich erleichtert.
Nennenswert ist ferner die enorme Isolierfähigkeit des Moschushirschfells, welche unter anderem auf wabenförmige Lufteinschlüsse im Innern der dicken, gewellten Haare zurückzuführen ist. Tatsächlich können Moschushirsche stundenlang auf Schnee liegen, ohne dass derselbe unter ihnen schmilzt.
Ausserhalb der Fortpflanzungszeit -(und natürlich von Müttern mit Jungtieren abgesehen) führen die Moschushirsche ein einzelgängerisches, standorttreues Leben. Im Himalaja bewegen sie sich das ganze Jahr über in Wohngebieten mit einer Fläche von gewöhnlich 15 bis 30 Hektaren umher und benützen darin immer wieder dieselben Pfade, Liegeplätze und Kotstellen. Sie sind im Übrigen sehr vorsichtige und scheue Tiere. Auf der Futtersuche verbringen sie fast die Hälfte der Zeit mit Lauschen und Beobachten der Umgebung. Selbst bei Ortswechseln bleiben sie nach jeweils wenigen Schritten oder Sprüngen stehen, um zu horchen.
Den grössten Teil der hellen Tageszeit ruhen die Moschushirsche zwischen Fallholz oder in dichtem Unterholz in einem selbst gescharrten Lager. Am aktivsten sind sie typischerweise während der Morgen- und der Abenddämmerung. Vor allem im Winter sind sie aber vielfach auch während der Nacht unterwegs, denn zum einen ist dann die Schneedecke am härtesten und entsprechend tragfähig, was die Fortbewegung erleichtert, und zum anderen benötigen sie diese zusätzlichen Stunden, um während der nahrungsarmen Jahreszeit satt zu werden.
Moschushirsche sind Browser
Den Begriff «Browser» kennt heute jedes Kind. Was aber die wenigsten wissen: Er stammt ursprünglich aus der Wildtierbiologie, wo er für die Unterscheidung der Huftiere in die beiden Grundtypen «Grazer» und «Browser» verwendet wird. Während sich die «Grazer» auf die rasenmäherartige Beweidung offener Grasflächen spezialisiert haben, ernähren sich die «Browser» naschhaft von vielen verschiedenen Pflanzenstoffen, denen sie anlässlich ihrer Streifzüge durchs Unterholz begegnen. Die Moschushirsche - welche wie alle Hirsche über einen wohl ausgebildeten vierkammerigen Wiederkäuermagen verfügen - sind typische Browser. Auf ihren Fresswanderungen stellen sie sich jeweils selektiv eine möglichst abwechslungsreiche Kost aus zarten und nahrhaften Stoffen zusammen. Bei einer Studie im nördlichen Indien wurde festgestellt, dass die dortigen Moschushirsche Blätter, Triebe, Knospen, Beeren und diverse andere Teile von mehr als 140 verschiedenen Pflanzen regelmässig zu sich nahmen, während Gräser einen verschwindend kleinen Teil ihrer Kost ausmachten.
In den Sommermonaten steht den Himalaja-Moschushirschen ein reiches Nahrungsangebot zur Verfügung; im Winter ist dasselbe hingegen stark beschränkt. Zeit- und gebietsweise sind dann praktisch nur noch Flechten und Moose zugänglich, welche auf Felsen, Baumstämmen und Ästen wachsen. Aus diesem Grund verfügen die Moschushirsche im Unterkiefer über spatelförmige Schneidezähne, welche sich für das Abschaben von Flechten besonders gut eignen.
Die Paarungs- oder Brunftzeit fällt bei den meisten Moschushirschbeständen in die Monate November und Dezember. In dieser aufregenden Phase des Jahres rivalisieren die erwachsenen Männchen um das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen, wobei Kämpfe allerdings selten stattfinden. In der Regel bleibt es nämlich beim «Säbelrasseln», genauer beim Blecken der eindrucksvollen Hauer. Die Männchen heben dabei die Oberlippe, um ihre sechs bis acht, manchmal sogar bis zehn Zentimeter langen «Waffen» zur Schau zu stellen. Diese blosse Drohgeste genügt in der Regel, um die schwächeren Männchen zum Rückzug zu bewegen. Kommt es ausnahmsweise zum Kampf, so versuchen die Rivalen zunächst, einander mit den Hälsen zu umschlingen und schiebend, zerrend und drückend den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Erst wenn auch dieser «Ringkampf» zu keinem Ergebnis führt, setzen sie ihre Hauer ein. Tatsächlich tragen die meisten erwachsenen Böcke Narben von solchen Kämpfen.
Nach einer verhältnismässig langen Tragzeit von 180 bis 200 Tagen bringen die Moschushirsch-Weibchen zwischen Ende April und Ende Juni ein bis drei Junge zur Welt. Beim Himalaja-Moschushirsch umfassen die Würfe meistens ein einzelnes Junges und selten Zwillinge oder gar Drillinge, während beim Wald-Moschushirsch und beim Sibirischen Moschushirsch Zwillinge häufiger sind als Einzelkinder.
Die Jungtiere kommen weit entwickelt zur Welt. Innerhalb von einer Viertelstunde vermögen sie bereits auf ihren Beinen zu stehen und ihre ersten Schritte zu unternehmen. Sie werden sechs bis acht Wochen lang von ihrer Mutter gesäugt. In dieser Lebensphase halten sie sich ständig an einem sicheren Ort, zumeist im Pflanzendickicht, versteckt. Dort werden sie hin und wieder von ihrer Mutter zum Säugen besucht. Sie wachsen schnell heran und weisen zum Zeitpunkt der Entwöhnung schon beinahe Erwachsenengrösse auf. Im Unterschied zu den Jungtieren der meisten anderen Huftiere begleiten die jungen Moschushirsche in der Folge ihre Mutter nicht auf deren Streifzügen, sondern sie lösen sich gleich nach der Entwöhnung von ihrer Mutter und von etwaigen Geschwistern und machen sich selbstständig.
Die jungen Weibchen pflanzen sich im Alter von etwa anderthalb Jahren erstmals selbst fort, die Männchen im Alter von zwei bis drei Jahren. In Menschenobhut erreichen die Moschushirsche ein recht hohes Alter von teils mehr als zwanzig Jahren. In der freien Wildbahn dürften aber nur wenige Individuen so alt werden, denn der natürlichen Feinde sind viele. Zu nennen sind vor allem die Raubtiere Leopard (Panthera pardus)
, Schneeleopard (Panthera uncia)
, Nebelparder (Neofelis nebulosa)
, Eurasischer Luchs (Lynx lynx)
, Wolf (Canis lupus)
, Rothund (Cuon alpinus)
, Rotfuchs (Vulpes vulpes)
und Buntmarder (Martes flavigula)
.
Moschus - ein legendäres Elixier
Obschon die Moschushirsche über ein weites Areal verbreitet sind und viele schwer zugängliche Regionen besiedeln, sind die Bestände aller vier Arten massiv ausgedünnt. Ein Teil dieses Schwunds ist auf die Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume zurückzuführen. Der Grossteil ist aber dem immensen Bedarf des Menschen an Moschus, einem der wertvollsten Naturprodukte der Welt, zuzuschreiben.
Als besondere Bildung besitzen die männlichen Moschushirsche am Bauch, zwischen dem Nabel und den Geschlechtsorganen, einen walnussgrossen Hautbeutel. Ab dem Alter von zwölf bis achtzehn Monaten sondern in diesem Beutel Drüsen eine milchig-gelbe Flüssigkeit ab, die sich hernach zu einer stark riechenden, breiigen, rotbraunen Masse wandelt. Dieser «Moschus» ist von alters her als Duftstoff und als Heilmittel sehr begehrt. Nachweislich reicht die Verwendung von Moschus durch den Menschen in China und Indien mehr als 5000 Jahre zurück. Nach Europa fand der Moschus zu Beginn unserer Zeitrechnung. Die erste Erwähnung findet sich in den Aufzeichnungen des Heiligen Hieronymus ungefähr im Jahr 390 n.Chr., und als Heilmittel wird das Drüsensekret erstmals vom griechischen Arzt Aetius von Amida im Jahr 520 erwähnt.
Von alters her besteht somit eine immense Nachfrage nach dem wohl riechenden und hilfreichen Moschus. Jeder männliche Moschushirsch erzeugt jedoch nur eine beschränkte Menge des Stoffs im Jahr: Das durchschnittliche Gewicht einer Moschusdrüse beträgt ungefähr 50 Gramm, wovon rund die Hälfte auf die darin befindliche Moschussubstanz entfällt. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die europäische Parfumindustrie der weltweit grösste Moschuskonsument. Man schätzt, dass damals jährlich mindestens 200 000 männliche Moschushirsche ihr Leben lassen mussten, um die Nachfrage zu decken. Zum Glück wurden alsbald künstliche Ersatzstoffe entwickelt, worauf der europäische Handel mit natürlichem Moschus schnell zurückging.
Heute wird natürlicher Moschus hauptsächlich noch in der traditionellen ostasiatischen Medizin eingesetzt. Mehr als 400 chinesische und koreanische Medikamente enthalten Moschus. Das Spektrum der Anwendungen reicht von Herzkreislaufbeschwerden bis hin zu Nervenkrankheiten. Aber auch in den ganzheitlichen indischen Naturheilverfahren Ajurveda und Unani nimmt der Moschus als Wirkstoff bis heute einen festen Platz ein. Da die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, ist reiner Moschus gegenwärtig drei bis fünf Mal teurer als Gold.
Ein grosser Teil des Moschus stammt inzwischen aus (vornehmlich chinesischen) Moschushirschfarmen, wo die Männchen bis drei Mal jährlich «gemolken» werden. Weiterhin werden aber auch die frei lebenden Moschushirsche bejagt, um deren Moschus zu gewinnen. Zwar ist die Jagd nur noch in Russland - unter Einhaltung strenger Jagdquoten - gesetzlich erlaubt. Der hohen Gewinnspannen wegen gehen aber ausserhalb wie innerhalb Russlands viele das Risiko ein, unter Umständen beim Wildern oder Schmuggeln erwischt zu werden. Leider werden oftmals unbesehen alle Moschushirsche getötet, die sich zeigen, darunter auch Weibchen und jungerwachsene Männchen.
Erfreulicherweise kommt der Himalaja-Moschushirsch innerhalb seines Verbreitungsgebiets in einer ganzen Anzahl von Naturschutzgebieten vor, von denen mehrere gut überwacht und entsprechend sicher sind. Der Handel mit Moschus unterliegt ferner der Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten (CITES, auch «Washingtoner Abkommen»), so dass eine ständige Überwachung der gehandelten Mengen gewährleistet ist und gegebenenfalls internationale Handelsbeschränkungen angeordnet werden können.
Legenden
Der Himalaja-Moschushirsch (Moschus chrysogaster)
erinnert in seiner Gestalt an einen grossen Hasen, weil er hinten stark überbaut ist und grosse, runde Ohren hat. Die erwachsenen Individuen weisen eine Schulterhöhe um 60 Zentimeter und ein Gewicht von gewöhnlich 9 bis 11 Kilogramm auf.
Ein hirschtypisches Geweih fehlt den Himalaja-Moschushirschen. Dafür wachsen bei den Männchen hauerartige Eckzähne aus dem Oberkiefer hervor, welche sechs bis acht, mitunter sogar bis zehn Zentimeter lang sind.
Der Himalaja-Moschushirsch ist ein Hochgebirgstier. In seinem Verbreitungsgebiet, das von Nordafghanistan im Westen bis nach Tibet im Osten reicht, besiedelt er zur Hauptsache felsige, von Bäumen und Sträuchern bewachsene Berghänge in Höhen von mehr als 2100 Metern ü.M. Dort führt er ein einzelgängerisches und standorttreues Leben.
Auf den Streifzügen durch sein gewöhnlich 15 bis 30 Hektaren grosses Wohngebiet stellt sich der Himalaja-Moschushirsch eine sehr abwechslungsreiche Kost aus allerlei zarten und nahrhaften Pflanzenteilen zusammen (links). Am aktivsten ist der ziegengrosse Hirsch während der Morgen- und der Abenddämmerung; die hellen Tagesstunden verbringt er ruhend an einem sicheren Ort (unten).
Die jungen Himalaja-Moschushirsche werden von ihrer Mutter sechs bis acht Wochen lang mit Muttermilch versorgt. In dieser Lebensphase halten sie sich ständig an einem sicheren Ort versteckt. Dort werden sie regelmässig von ihrer Mutter zum Säugen besucht. Das Moschushirschkalb auf dem Bild ist zwei Tage alt.
Das Fell der Moschushirsche ist ausgesprochen «brüchig». Die Haare sind ziemlich lose in der Haut verankert und gehen deshalb leicht aus. Wahrscheinlich dient diese Eigenschaft der Feindvermeidung: Angreifer erwischen wohl oftmals bloss einen Mund oder eine Pfote voll Haaren, während der Moschushirsch zu entkommen vermag. Das Bild zeigt einen Sibirischen Moschushirsch im Zoo Leipzig.
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