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Streifzüge zwischen den Arven und Bergföhren am Lukmanier
( Südliche Passhälfte in der Valle Santa Maria. )
Von
Dr. P. Karl Hager, Disentis ( Sektion Piz Terri ). Illustration nach Naturaufnahmen des Verfassers.
Die Lukmanieralpenstraße führt von Disentis im Bündner Oberland ( 1150 w ) durch das Medelsertal südwärts bis zur Paßhöhe ( 1917 m ), biegt dann langsam nach Osten um, fällt durch die Valle Santa Maria in vier Talstufen ins Blegnotal ab und mündet daselbst beim freundlich gelegenen Flecken Olivone ( 893 m ) ein. Letzterer besteht aus zerstreuten anmutigen Weilern, die in einem Park von stattlichen Walnußbäumen liegen. Die vier Talstufen der südlichen Paßhälfte heißen: Casaccia ( 1819 m ), Piano di Segno ( 1669 m ), Campra ( 1425 m ) und das kleine Camperio ( 1328 m ) am östlichen Ausgange des Tales. Daselbst, an den steil abfallenden Halden über Olivone, entfaltet der Haselstrauch weit abwärts ins Blegnotal die denkbar üppigste Vegetation, während an den Südhängen der mit Lärchen besetzten la Toïra bereits der Kastanienbaum in einzelnen Exemplaren verwildert auftritt.
Doch lenken wir den Blick von Camperio aus nach Nordwest hinauf in die oberen Etagen der interessanten Valle Santa Maria! Die linke Talseite besteht aus grauem Bündnerschiefer mit finstern Gipfeln: la Tara—la Costa—Pizzo Corvo und dem Scopi, der größten Erhebung der Kette ( 3200 m ), bereits an der Bündnergrenze.
Die rechte Talseite wird flankiert von den glimmerschieferreichen Punta di Larescia, Cima di Ganna rossa, Pizzo Lucomagno, welcher der gesamten Alpenstraße den Namen gegeben hatden nordwestlichen Eckpfeiler des Tales endlich bildet der terrassenartig aufsteigende Scai. In der obersten Talsohle bei Casaccia wird das Gelände quer von West nach Ost durch ein breites Band von Rauchwackendolomit mit eingelagerten Gipsnestern durchbrochen. Dieser Dolomit, dessen Kern den Kessel von Casaccia bildet, beginnt bereits westlich in der jenseits gelegenen seenreichen Valle Piora. Schreitet der einsame Wanderer vom Hotel Piora aus eines sonnenklaren Tages an den lieblichen Seen Lago Ritom ( 1829 m ) und Lago Cadagno vorbei, um die jenseits der Berge östlich gelegene Lukmanierstraße zu erreichen, hat er ferner etwas freie Muße, so lenke er seine Schritte von den Alphütten Piano dei Porci ja nicht linker Hand, um auf dem näheren breit getretenen Pfade durch die öde steinige Valle Termine hinab das gastliche kleine Hospiz Santa Maria zu gewinnen! Der Naturfreund und Liebhaber der schönen Kinder der Alpenmatten opfere l'/a Stunden, um auf dem kurzen herrlichen Umwege über Passo di Columbe nach Casaccia abzusteigen und von dort auf breiter Alpenstraße an schneeigem Gipsfels und grünen Weiden vorbei zum Gasthaus Santa Maria in einstündigem Marsche zu gelangen. Bei Piano dei Porci setze der Wanderer über den schäumenden Berg-bacli, steige langsam empor zu den ihm entgegenwinkenden bizarren Dolomitentürmen und -zinnen des Pizzo di Columbe. Nur frisch drauf los zu diesen stolzen Felsenriffen! sie zeigen uns den Weg. Weicher Alpenboden mit einem herrlichen Blumenteppich ist der sichere Pfad. Die Krummsegge, das Curvuletum, bildet ausgedehnte Rasen, dazwischen deutet das Blaugras, Sesleria ccerulea, auf den zerstreut eingelagerten, kalkigen Grund. Schneetälchen wechseln ab mit Humuspolstern; es begrüßt den Fußgänger der kleinste Baum der Welt, die krautige grüu-schimmernde Salix herbacea; das Geleite geben ihre Schwestern Salix reticulata, retusa und serpyllifolia; es winken die graulichen Pinselchen der Silberwurz und die duftende Daphne striata, das Steinrösel der Tiroler; ferner siedeln reiche Polster von Nivalpflanzen neben der spalierbildenden Loiseleuria procumbens, der niederliegenden Azalee; gegen Ende August umfängt dich ein ganzes Meer der himmelblauen Alpenaster 2 ). Doch ich darf hier dem Leser nicht zuviel verraten, wir wollen ja wieder hinüber in die Valle Santa Maria am Lukmanierpaß zu den dunkeln Nadelbäumen; dort ist unser Ziel. Hast du in einstündigem mühelosem Marsche von Piano dei Porci aus die Einsattelung ( 2375 m ü. M. ) zwischen dem dunkeln massigen Scai in den schroffen hellgelben Nadeln und Säulen des Pizzo Columbe erreicht, so überrascht dich der herrliche Ausblick auf das gewaltige, ferne, schneeige Massiv des Rheinwaldhorns im Südosten. Ein kleiner blauer See mit kristallenem Wasser bietet dir gütig an deinem Ruheplatz das erwünschte Labsal für Mund und Füße. Jetzt aber schleunigst abwärts am steilen schroffen Osthang des Pizzo Columbe nach Casaccia; von unten herauf grüßen bereits das langgezogene, weiß schimmernde Band der Lukmanierstraße und ihre Begleiterinnen: die dunkelgrünen Nadelwälder.
Der eilige Abstieg hindert nicht, uns einen Strauß zu pflücke » von Ranunculus glacialis, diesem Wunderkind der Alpen; es blüht auf wässerig-kaltem Grund, da, wo der Lawinenschnee den Sommer über zusammensickert. Unweit davon winken einige n Cousinchen " der vorigen, ebenso kokett; es sind zart violett angehauchte, etwas verspätete Kinder des Hochalpenfrühlings: Anemone vernalis, die Frühlingsanemone. Wohl sind wir abwärts gelangt bis auf 1950 m ., da begegnen uns ganze Scharen weißer zarter Gebirgskinder: Ranunculus pyrenseus, der Pyre-näenhahnenfuß, an den feuchten steilen Hängen des Alpgrundes. Die Valle Santa Maria ist ein regenreiches Gebiet und besonders ihre rechte Talseite empfängt vielen Steigungsregen. Doch bereits haben wir die Baumgrenze weit überschritten; wir stehen auf den ausgedehnten Viehweiden von Lareccio und Stabbio nuovo, vielfach bestanden mit dem aromatischen Meum Muttelina, der nährstoffreichen Muttern, einem gesuchten Leckerbissen für Rind und Ziege daselbst. Stattliche Lärchen, Bergföhren und Arven umsäumen und durchwirken in kleinen Horsten Rand und Grund der Alp. Aus dem sich kräuselnden Spiegel eines kleinen Stauteiches, gespeist von einem frischen Wässerlein, recken zahlreiche weiße Blütenköpfchen von Ranunculus trichophyllus, dem haar-blätterigen Wasserhahnenfuß, ihre Hälse empor. Wir stehen ungefähr 1870 m. über Meer. Es ist heiße Mittagszeit; ich und mein junger Begleiter machen Rast. Mich ärgerte nicht wenig die Siegfriedkarte; keine Angabe der Mulde, des Wässerleins und des Teiches ist eingezeichnet, auch der Waldbestand der gesamten Talschaft ist mangelhaft vermerkt.
Woher hat sich wohl die zierliche Wasserpflanze in diesem weltverlorenen Tümpel eingefunden? Diese Frage stellte ich. mir bei den kleinen Alpenseen und Teichen unserer Gegend schon oft. Ich kenne solche hochgelegene kleine Wasserbecken ohne Zu- und Abfluß, weitab vom menschlichen Verkehr und schwer zugänglich; dennoch ist ihr Alter, mehrstämmigtr KantäelaberbaumJungwuchs 1. Bergföhrenbestand, Pinus montana, bei Casaccia, 1850 " ü. M. ( Valle Santa Maria, Lukmanierpaß ).
Becken, sind ihre Ufer wohlbestanden mit Wasserhahnenfuß und verschiedenem Laichkraut. An eine Verbreitung des schweren Samens durch den Wind ist hier nicht zu denken, an eine solche durch das Wasser ebenfalls nicht; es sind ja hochgelegene einsame Becken. Doch hier lag meines Erachtens die Antwort gleich auf der spiegelnden Fläche. Schon bei unserer Ankunft entdeckte das scharf spähende Auge meines Begleiters eine Wildente, die an dem entgegengesetzten Ende des Teiches lustig auf dem Wasser sich tummelte. Wir schauten dem sich wiegenden und griindelnden Vogel lange zu, bis er uns bemerkend in das Geäst der benachbarten Arven abstrich. Was liegt nun näher, als daß der gründelnde Entenvogel zwischen den Querlamellen seines breiten Schnabels die kleinen zu Boden gesunkenen und aufgeschöpften Samen oder auch ein abgerissenes Zweiglein weiterträgt, jähe Abgründe und tiefe Täler hemmungslos durchquerend im nächsten Wasser, das er besucht, niederlegt und so den Herd einer neuen Pflanzenkolonie gründet? Liebt es der Vogel doch, da zu gründein, wo der Pflanzenrasen den Teichgrund bedeckt, weil gerade dort die schmackhaftesten Bissen seiner harren. Dafür scheint auch der Umstand zu sprechen, daß ich nur in solchen Alpenseebecken vulgäre Tieflandwasserpflanzen fand, wo in der nächsten Umgebung Holzbestand dem gefiederten Wasserbewohner jenen Unterschlupf bot, den er zu seiner Deckung, wo immer möglich, aufsuchen muß. Also besten Dank, lieber Vogel, für deine gütige Auskunft! hoffentlich wirst du dem tötenden Blei bei deiner Welschlandfahrt glücklich entronnen sein!
Jenseits des Wassers, unserem Lagerplatz gegenüber, stand einsam eine Arve; es war die erste, die hoch oben im Wipfel eine stattliche Anzahl der faustgroßen blauen Zapfenfrüchte uns entgegenhielt. Dankbar nahmen wir die köstliche Gabe an. Flink wie ein Eichhorn war mein junger Leonhard oben bei den Früchten, während noch behender der echte braunrote Nager, erschreckt und gestört bei seiner leckeren Mahlzeit, mit einem mächtigen Salto mortale hinuntersprang. Es fiel mir auf, daß ich während der ganzen Zeit meines oftmaligen Verweilens in diesem Hochgelände keinen Nußhäher, Nucifraga cariocatactes, zu Gesichte bekam, der bekanntlich der beste Verbreiter für den natürlichen Nachwuchs der Arve ist. Auf eine diesbezügliche Anfrage hin erhielt ich die Antwort, daß er auf dieser Seite des Passes nicht vorkomme. Ich kann dies kaum glauben; denn im benachbarten Medelsertal jenseits der Paßhöhe liegt der weißgesprenkelte Vogel seiner Arbeit recht ernsthaft ob, und die Distanz in der Luftlinie zwischen beiden offenliegenden Gebieten ist nur eine geringe ( 7—8 km. ). Nach kurzer Mittagsrast treten wir zum nahen. östlichen Waldesrand. Ein jäh zur Talsohle abfallender Waldbann, teils dicht, teils durch Holzschlag stark gelichtet, umfängt uns. Reiches Rhododendrongesträuch besiedelt den Fuß der prächtigen alten Bäume; wir stehen gerade an der scharf geschiedenen Grenzscheide zwischen dem Glimmerschiefer der benachbarten Silva secca und dem Dolomitboden nach Nordwest. Hier reichen sich Rhododendron hirsutum, die bewimperte hellrot leuchtende Alpenrose und das Rhododendron ferrugineum, die rostrot beblätterte Schwester in glühendem Purpur prangend, friedlich und schiedlich die Hand; erstere in üppigster Menge zeigt gar noch gefüllte Blumenkronen; beide aber bilden an der Grenze gemischt den Bastard Rhododendron intermedium Tausch. Drüben aber auf der linken Talseite gedeiht das Rhododendron spärlicher; das Gelände ist trockener. Trotz der kalkigen Grundlage fand ich daselbst bis jetzt nur Rhododendron ferrugineum. Auf beidseitigen Talgehängen sah ich die Alpenrose bis auf 1950 m. aufsteigen; das verwandte Vacci-netum, die Heidel-, Preisel- und Rauschbeere, ferner Empetrum nigrum, die Krähenbeere und Arctostaphylos alpina, die Alpenbärentraube siedeln noch über 2100 m. Höhe.
An den Halden links der einsamen Alpenstraße und rechts derselben im flachen, schwach versumpften Talboden, auf dem Geröll und Schutt der niedergegangenen Runsen liegen kleine geschlossene Bestände Rheinwaldhorn Arvenbestanft der hochstämmigen Bergföhre ( Pinus montana ). Selten mischen sich einige Arven oder Lärchen dazwischen; denn im Talkessel von Casaccia ( 1800 m ) ( siehe Vollbild I ) und in seiner nächsten Umgebung hat sich die Bergföhre streng konzentriert; an den Berghängen steigen ihre letzten großen Veteranen neben krüppelhaftem Busch noch bis 2000 m. empor; über ihr behaupten aber Arve und Lärche allein das Feld. Die typische Legföhrenform kommt hier nicht vor; es sind Pseudo-legföhren mit abge-schnittenem oder ab- gebrochenem oder 2. Mehrwipfelige alte Bergföhre, Pinus montana, bei Casaccia ( Valle Santa Maria ).
von den Ziegen weg- gefressenem Mittelstamm. Längs des Brennoflusses vegetieren auch „ Geißföhrelimeist aber beherrschen stattliche Hochstämme in allen Altersstufen den Weidegrund. Die spitz zulaufenden Pyramidenbäumchen in ihrem tiefdunkeln Trauerkleide ( siehe Textbild 1 ) heben sich gar ernsthaft von dem weißen Unter- und Hintergrunde ab. Keck und unverdrossen halten ältere Kameraden die Zinnen der leuchtenden ausgelaugten und zerfressenen Dolomitfelsen besetzt oder lugen zwischen grünen Matten und dem aufgerissenen schneeigen Boden der Gipsbänke hervor. Da und dort bildet der Gips mitten auf den blumigen Auen jene typischen Schlotten, die in ihren tiefen trichterförmigen Kesseln einen Karflurbestand en miniature beherbergen: den blauen und gelben Eisenhut, das Geranium silvaticum oder den Waldstorchenschnabel, ferner die freudig grüne zier- liehe Viola biflora, das nierenblätterige Veilchen, und wie sie alle heißen mögen, diese großblätterigen, Schatten und Feuchtigkeit liebenden Kräuter und Stauden. Pinus montana zeigt im Talboden die Zapfenvarietät Pu-milio in reiner Form mit allen Übergängen zur Varietät Uncinata-rotundata, welch letztere an den Hängen beider Talseiten die weitaus überwiegende Mehrheit bilden. Da dem gesamten Lukmanierpaß im Süd und Nord die Waldföhre oder Kiefer, Pinus silvestris, fehlt, gibt es bei ihr und Pinus montana auch keine Zwischenformen, wie solche im arven- und föhrenreichen Engadin zu Hause sind.
Die gemessene Baumhöhe unserer hochstämmigen alten Bergföhren schwankt zwischen 8 und 12 m. ( siehe Textbilder 1 und 2 ). Der reichliche niederliegende Bergföhrenbusch aber, der an den steilen, oft aufgerissenen Hängen der linken Talseite stockt und an den schroffen Kanten des lockeren Erdreichs ein weit überhängendes Strauchwerk bildet, bietet einen vorzüglichen Schutz gegen die hier oben furchtbar wirkenden Runsenschäden. Leider muß ich fürchten, daß die schönen dunkeln Bäume gegenüber diesen allzu mächtigen Naturgewalten im Kampfe ums Dasein langsam unterliegen werden. Ein Blick auf die Siegfriedkarte zeigt uns eine ganze Reihe dieser bösen Runsenstürze, die von der blumenreichen Ganna nera kommen. Die schrecklichste derselben ging Anfang der Achtzigerjahre auf das friedliche, sonnigwarme Gelände nieder; tief hat sie sich oben aus dem Boden losgelöst und, einem Bergsturze gleich der Talsohle zufallend, einige 80 m. ausgebreitet ( siehe Vollbild I ). Die früher grünende Alpenweide ist mit Schutt und Geschiebe weithin bedeckt. Mitten aus dem riesigen Friedhofe schauen noch zahlreiche Bergföhren heraus; sie klagen und trauern, gleich den Pinien auf den Gottesäckern des Südens, über den Tod so vieler ihrer Genossinnen. Die Wasser des Brenno, dessen reiche Quelle unweit davon am Fuße eines mächtigen Dolomitfelsens kristallhell hervorsprudelt, haben sich infolge des niedergegangenen Schuttes zu einem kleinen See gestaut; aus ihm erheben sich einige schwarze Leichen der vernichteten Bergföhren; hoch recken die toten Wracks ihre Äste aus dem Wasserspiegel hervor.
Mitten durch das Trümmerfeld zieht in langer heller Linie sanft abwärts dem Süden zu die oft verschüttete Lukmanierstraße. Am südlichen Ende der Runse, wohl geschützt durch einen vorspringenden, mit Arven und Bergföhren reich bestandenem Hügel, liegen die einsamen Sennhütten von Casaccia ( 1819 m ). Der kleine friedliche Ort blieb zwar verschont von der bösen Bergfee, dennoch hatte er wenige Jahre zuvor ( Ende der Siebzigerjahre ) auch seine Tragik. Ein Hospiz befand sich dort, wie es deren sechs gab von Disentis bis Olivone. Ein kleines Gasthaus mit Kirchlein erwartete den müden Wanderer in einsamer Reine Form, normalwüchsig Kandelaberform Ipenmsen-gebüscli 3. Arvenhain, Pinus Cembra, bei Casaccia ( rechte Talseite der Valle Santa Maria ), Höhe. Mitten im harten Winter wurde der Wirt von einem Scheusal, das um Nachtherberge bat und sie erhielt, ermordet. Mutter und Kinder, zwei schulpflichtige Mädchen, hatten sich bereits zur Ruhe gelegt, als sie den Vater vermißten und ihn im Blute in der Wirtsstube entdeckten. In schrecklicher Verwirrung floh die Mutter in finsterer Nacht südwärts zum nächsten Gasthaus Aqua caulda, die beiden Mädchen aber bei furchtbarer Kälte und meterhohem Schnee nordwärts nach dem Hospiz Santa Maria. Das jüngere Kind erreichte das schützende, eine gute Stunde entfernte Haus; das ältere aber blieb vor Ermüdung im Schnee stecken; am nächsten Morgen fand man die Leiche, bis an den Kopf eingesunken im Schnee stehend, zur marmornen Bildsäule gefroren. Das verlassene und von nun an verrufene Hospizgebäude brannte bald darauf nieder; nur die Trümmer sind noch übrig; sie passen zu der Verwüstung der umgebenden Alpenmatten. Doch verlassen wir das düstere Gemälde! Denn helles Licht und milde, reine Alpenluft, der reiche Blumenflor, die herrlichen Waldbäume auf den schimmernden Felsen und an den Hängen der schön geformten Berge bieten hier uns doch ein lieblicheres Bild!
Aber wo ist die Arve, Pinus Cembra, die Zirme oder Zirbel der Ostalpenbewohner? „ Ich sehe keine Arven ", bemerkte einmal mein Begleiter, als wir auf der Alpenstraße an Casaccia vorüberschritten. Etwas Arven und Lärchen ( im Mittel- und Hintergrund] Bergfohrenjuniwuchs Geduld! Längs des Weges, rechts und links, vegetieren freilich die spitzwipfeligen Bergföhren; erst später, wenn mehr östlich unweit Aqua caulda an Stelle der Föhren die hochragenden Fichten treten, steigen auch die Arven auf eine kurze Strecke zum neugierigen Wanderer herab. Aber schau, wie hüben und drüben an den sonnigen Halden des Tales die Arven stehen, die Haute-Noblesse der'Bäume der Alpenwelt! Bald bilden sie einen kleinen ehrwürdigen Naturpark ( siehe Textbild 3 ), still verborgen zwischen ihren dunkleren Genossinnen, der Pinus montana. Bald wieder mischen sie sich zahlreich und jugendfrisch im blaugrünen Gewände vornehm mitten unter schlanke Fichten. Blick auch hinauf zu den jähen Steilhängen! Dort halten die Arven die kühnsten Felszinnen vereint oder einsam besetzt, erzwingen sich selbst vor der freudig grünen Larix decidua, der Lärche, einer sonst gewiegten Konkurrentin, den Vortritt als wetterfeste Riesen.
Folgen wir ihnen zu ihrem luftigen Standort!
Wir verlassen bei Casaccia den gebahnten Weg, steigen der oben genannten großen Runse entlang, die aus einer Höhe von 2350 m. ( siehe Vollbild I ) von der Ganna nera stürzt; wir klettern über das helle Trümmergestein, schlüpfen alsbald unter und zwischen dem Geäst eines jugendlichen Alla Arve mil dem Usus: ertela WitdiormBii Bergföhrenbestandes aufwärts. Die Zweigenden vieler der jungen Bäume bis zu unserer Schulterhöhe sind flach zusammengedrückt, die Nadeln verklebt, sie bilden schwarze oder dunkelbraune Besen; es hat die Bäume der gefährliche schwarze Florpilz, Herpotrichia nigra, befallen, welcher Zweige und Nadeln umspinnt und tötet. Es weist dies auf die starken und schweren Schneemassen des Winters hin, welche die Äste zu Boden drücken, wo sie lange liegen bleiben und dem verderblichen Pilze verfallen. Auch ein zweiter Pilz, Lophodermium Pinastri Sehr ., war zahlreich vertreten. Er bildet kleine braune Pünktchen auf den Nadeln; letztere werden gelb und fallen ab; die junge Pflanze hat die sogenannte Schüttekrankheit. Als Dritter im Bunde wuchert Dasy-cypha rhsetica auf unserem Geäst; endlich belästigt sie der schädliche Borkenkäfer, Bostrychus Cembro, der, wie die schmarotzenden Pilze, sowohl Pinus montana wie Cembra befällt. Doch genug der kleinen bösen Schelme! der schönen Bäume harren noch weitere größere Gegner.
Wir sind dem jugendliehen Waldbann glücklich entronnen und stehen auf freundlicher Lichtung einer grasigen Weide. Einzelne melir-stämmige Veteranen von Pinus montana bestehen und schmücken das.
lichte Terrain ( siehe Textbild 1 ); wir freuen uns beim Überblick von Tal und Gelände. Aber was steigt denn an dem nördlichen, etwas höher gelegenen Rande des Hügels verdächtiger Rauch und Qualm empor? Bald sind wir oben. Dunkle Gestalten, Hirten,. große und kleine, entfachen ein mächtiges Feuer zum Zeitvertreib. Nicht zusammengetragenes Fallholz, das zahlreich genug den Plan bedeckt, bildet das brennende Material; nein, ein jugendfrischer, großer Bergföhrenbusch lodert und flammt zum Himmel empor. Der reichliche Harzgehalt der Föhren bietet dem gefräßigen Element genügende Nahrung. Die knisternden und prasselnden Zweige erheben umsonst Protest gegen den straf-baren Forstfrevel. Ungehalten wenden wir dem unschönen Schauspiel den Rücken.
Vom Hügelrand senkt sich nach Nordosten eine sanfte Mulde hinab, um bald wieder jäh zur Ganna nera aufzusteigen. Drunten und drüben findet sich ein wahres Eldorado von großen, alten Arven mit den bizarrsten Baumkronen. Das Ganze ist eine bezaubernd schöne Parklandschaft mit Wechsel- und lichtvollen Bildern. Zu unsern Füßen liegt eine Arve ( siehe Textbild 4 ), die einst der Sturm gefällt. Während das vordere Ende des halb entrindeten Stammes glatt abgeschnitten ist und wohl ebenfalls zu einem lustigen Feuerlein diente, stecken am Grundstock noch manche lange Klammerwurzeln im festen Erdreich. Der lebenszähe, triebkräftige, liegende Stamm sendet drei seiner noch gebliebenen Äste senkrecht als selbständige Bäumchen empor, denen Wurzeln und Holz des längst gestürzten Alten die nötigen gelösten Bodensalze zuführen.
. Wieder sind es stattliche Bäume, deren Gipfel längst gebrochen ist; statt seiner haben sich 3, 4 und noch mehr Seitengipfel entwickelt; sie bilden die bekannten Kandelaberformen ( siehe Textbild 3 [rechts] ). Oft noch haben die Hirtenbuben Löcher in und durch den Stamm gebrannt, die kohligen Brandmale verraten es deutlich, und die in die Brandlöcher gelegten und aufgebeigten Steine zeigen den mutwilligen Schabernack.
Dort steigt eine ganze Allee der hochragenden Kämpen längs der Talmulde abwärts ( siehe Textbild 5eine Freude ist 's, am sonnigen warmen Nachmittag durch ihren Schatten zu wandeln! Es sind Windformen; windschief stehen sie meist, das Geäst einseitig gewendet; sie beweisen den grimmigen Kampf mit den unfreundlichen Gesellen von Nord und Süd. Vielfach stehen die stärkeren unteren Äste seitlich wagrecht ab und schicken kerzengerade Stämmchen zweiter Ordnung empor; es herrscht das für die Arve typische Naturspiel: Lusus erecta vor ( siehe wieder Textbild 5; linker Hand: Baum mit Lusus erecta ).
Der Weg in unserer Arvenallee ist vielfach gesperrt durch querliegende entrindete Leichen. Solche enthält die Umgebung in großer Zahl, unverwertet, bald halb vermodert mit blutrotem Mulm gefüllt, bald wieder zähe Regen und Sonnenschein trotzend.
Unweit unseres Arvenhains hat die einzige Fichte des still verborgenen Parkes sich angesiedelt; es ist ein stattlicher Baum und hat zur Seite eine ebenso mächtige Pinus montana. Es scheint, daß Arven und Föhren den Fremdling zur Blutsbruderschaft gezwungen haben. Nicht bloß zeigt die Fichte einseitswendig den Lusus erecta, ihre Rinde hat auch den ausgeprägten Typus der Föhrenrinde; längsrissig und dick, fügt sie noch den seltenen Lusus corticata, Schröter, bei. Weder Blüten noch Früchte habe ich an dem Sonderling wahrnehmen können. An der bergständigen Rückseite hat der Stamm vertikal von der Wurzel bis weit über Mannshöhe einen vorstehenden, rindenlosen Holzwulst — nicht zu verwechseln mit einer längsgerichteten und später überwallten Wunde. Mir kam der Gedanke, ob nicht vielleicht vor mehr denn anderthalb Jahrhunderten dem aufstrebenden Fichtenbäumchen ein ebensolches „ Berg-föhreli " hartnäckig den Platz streitig machte, dann im langjährigen Ringen der hart aneinandergepreßten Stämmchen das Rindengewebe beider sich verpfropfte, endlich die lebenskräftigere, talwendige, dem Licht und Sonnenschein zugewandte Fichte ihre Gegnerin schließlich nieder-rang, das Merkmal des Kampfes aber in dem aufgepfropften Rindengewebe der Pinus montana zum Teil wenigstens mittragen mußte. Eine sorgfältige, vergleichende mikroskopische Untersuchung des Holzgewebes jenes eigentümlichen Wulstes und seiner Umgebung dürfte in Zukunft möglicherweise Klarheit bringen.
Doch nun hinauf an der Ganna nera, der Baumgrenze zu! Wir entsteigen dem Naturpark und seinen mannigfaltigen Bildern nach Norden und stoßen bald auf eine größere Alpweide, die sich der Ganna nera anlehnt. Der futterreiche, etwas trockene Alpboden scheint früher Mähwiese gewesen zu sein. Ihren südöstlichen Rand begrenzt eine große, breite, steil abfallende, reich bewachsene Rufe; Bergföhrenbusch hängt seine Zweige und Äste über die jähen Steilwände weit hinaus und schützt so das lockere Erdreich vor dem Abbröckeln. Längs des steilen, grasigen Randes siedeln kleine Gruppen von Arven; wir stehen auf 1950 m. Höhe. Die Zone der Alpenrosen beginnt uns zu verlassen und meldet die natürliche Grenze des Waldbestandes. Wohl standen über ihr in alter Zeit noch starke Horste; etwa 30 Baumstrünke zeigen die Depression durch Menschenhand ( siehe Textbild 6 ); darüber zwischen 2000 und 2080 m. schließt sich ein Verwüstungsfeld an, durch Naturgewalten in vertikaler Richtung herbeigeführt. Die auf Schulterhöhe eines Mannes geknickten Stämme bedecken den trockenen Rasen des Steilhanges im wirren Durcheinander ( siehe Textbild 7 ). Die Katastrophe dürfte auf die Wirkung einer Staublawine zurückzuführen sein. Hier oben vermag Birgfährenbestann1 > ^Arvenbestanil Brennofiuss und Lukmanierstrasss ( Depression der Baumgrenze durch Staublawinen ) in der Valle Santa Maria.
kein Sämling im ungeschützten Erdreich ohne Felsblock, Stauden und Sträucher aufzukommen.
Mit dem Horizontalglas bestimmen wir zum zweitenmal die Baumgrenze an der jenseitigen rechten Talseite; die Arve steigt daselbst auf 2010 m. Wenige Legarven, vermutlich Pseudolegarven, trafen wir dort am vergangenen Tage. Ich halte die im Gebiet vorgefundene „ Legarve " nicht für eine typische Wuchsform mit erblichem Charakter. An den Steilhängen und Abgründen, wo sie allein sich findet, mag die junge Pflanze im immer wiederkehrenden jährlichen Kampfe mit der feindlichen Ziege ihre Äste hinausgeflüchtet und gerettet haben über den unzugänglichen luftigen Absturz, während der einstige ursprüngliche Gipfeltrieb längst verschwunden und vernarbt ist, den Mittelstamm also nicht mehr zur Ansicht bringt.
Auf unserem linksseitigen Standort aber haben wir auf steilem Grunde weiter zu klettern. Da und dort leistet manch lebender Einzelnbaum Wind und Wetter Widerstand; manche auch stehen trutzig aufrecht, obschon sie längst gestorben; bald sind sie vom Blitzstrahl von oben bis unten gespalten, wanken dennoch nicht und werfen als schimmernde Leichensteine die Strahlen der Sonne grell zurück ( siehe Textbild 8 ).
Endlich erreichen wir die obersten Vorposten bei 2157 m .; mehr südöstlich über San -Pro und an der la Costa steigen sie noch höher, zu 2164 m. empor. Keine Krüppelformen, keine Legarven gehen noch weiter. Das umliegende Terrain bildet bald Strecken der nordischen Tundra: die hübsche, weißgrauliche Cladonia rangiferina, oder Renntierflechte, und die schokoladebräunliche Cetraria islandica, das isländische Moos, bringen stimmungsvolle Abwechslung; bald schauen zu den vereinsamten Riesen immer noch treue, kleine, blühende Begleiter: das mollige, wollige Edelweiß, die goldenen Potentillen und Sonnenröschen, die dunkeln purpurnen Trauben von Hedysarum obscurum, dem Süßklee; auch der weiße Feldspitzkiel, Oxytropis campestris, verankert sich mit starken Wurzeln tief im Erdreich; die tiefblauäugige Veronica saxatilis neben dem goldbraunen Trifolium badium und dem vanilleduf-tenden Männertreu, der Nigritella angustifolia mit dem braunroten Köpfchen zieren das trockene Gebiet; die Strauch-, spalier- und polsterbildenden, kalkliebenden Freunde, auch die Enzianen und Campanulen mögen es uns verzeihen; wir laden dafür den freundlichen Leser zu ihrem Besuche ein. Viel Licht herrscht da oben in luftiger Höhe, Licht unten im einsamen Hochtale mit seinen Rinderherden, lichtvoll wirken die weißen zerklüfteten Felspartien. Doch alle Poesie nimmt ein Ende, und die nüchterne Prosa ist nur allzu nahe. Der wohlverdiente Imbio weh! Die unheilvolle, schlechtverschlossene Brennspritflasche hatte Bündnerfleisch und Zwieback greulich „ parfümiert " und durchgetränkt. Also schleunigster Rückzug hinunter zu den Sennhütten von San Pro!
Die Hirten boten uns freundlich die labende Milch; es waren die gleichen großen unverständigen „ Kinder ", die oben über den Hütten von Casaccia den armen, grünen Föhrenbusch erbarmungslos niedergebrannt. Ob das böse Gewissen sie etwas drückte? Denn schmeichelhafte Worte bekamen sie dort nicht zu hören. Nach kurzer Rast durchquerten wir den jungen geschlossenen Föhrenbestand an der Alpenstraße nach Südosten. Einige Fichten traten auf, erst sporadisch, allmählich gewannen sie die Oberhand. Viele Fichten hatte ein Pilz befallen; die Nadeln waren über und über mit weißen Becherchen besetzt und letztere mit orangeroten Sporen gefüllt; es war Aecidium abietinum Alb. Die Bäume leuchteten von oben bis unten in unheimlichem Rotgelb; bei einem Schlag mit dem Bergstock auf die Zweige entstiegen den Kronen ganze Wolken der leichten Sporen, welche unsere Kleider und das umgebende Unterholz weithin überschütteten und gelb verfärbten. Letzteres bestand aus dem Rhododendron ferrugineum, der rostblätt-rigen Alpenrose. Gerade auf ihr findet der Pilz den geeigneten Zwischenwirt. Fast an ihrem ganzen Stock, besonders auf der Unterseite ihrer Blätter, bildet er den bekannten Goldschleim der Alpenrose, die Chrysomixa Rhododendri, de Bary, ohne der Wirtin selbst zu schaden. Die Lebensgemeinschaft aber zwischen der glühenden Alpen- Sergftihren- uni Arvenbestani in derîalsohls ( 1828 m.D.M .) rose und der nütz- lichen dunkelgrünen Fichte kann für letztere verhängnisvolle Folgen haben, indem die vom Pilz befallenen Nadeln des Baumes bald abfallen und ihn zur tödlichen Dürre bringen. Ich beobachtete diesen Vorgang im vergangenen Sommer auch in den bttndnerischen Tälern von Medels und Tavetsch, ohne daß der Pilz daselbst epidemisch auftrat.
Was uns hinüberzog, quer über die Alpenstraße zum seichten Bett des klaren Brenno, waren die herrlichen Lärchen. Neben Garbenarven gab es dort Zwillings- und Garbenlärchen. 2, 3 und mehr Stämme erheben sich aus gemeinschaftlichem Grundstock; bald wieder zeigen die Lärchen den Lusus erecta: ( siehe Textbild 9 ) wagrecht abstehende gewaltige Äste erheben sich unweit des moosigen Bodens aufwärts und bilden mitsamt dem zarten, schaukelnden Gezweige ein einladendes hellgrünes Blätterdach.
Schlanke junge Arven sind ihre Nachbarinnen. Welch ein Gegensatz zwischen dieser unberührten Jugend und den bizarr zerzausten Alten droben an den Hängen! Die junge, unverletzte Arve hat nicht jene abgewölbte Kuppe am Gipfel, wie die älteren Bäume meist sie zeigen; sie stellt eine dicht geschlossene Pyramide dar, als ob die Hand des Gärtners sie geschnitten. Ihr Aussehen ist voller und weicher, als jenes der sie meist begleitenden Schwester, Pinus montana ( siehe vergleichende Textbilder 1 und 9. Bei 9 rechter Hand: junge, formvollendete Arven; dito bei 1: junger Bergföhrenbestandihr längeres und reicheres Nadelwerk trägt viel dazu bei; aus gemeinschaftlichem Kurztriebe entspringen 3 bis 5 Nadeln von 4 bis 8 cm. Länge, bei Pinus montana nur 2; dies ist für den Laien das sichere unterscheidende Merkmal. Dazu ist das Nadelblatt der Arve auf der Unterseite durch einen Wachsüberzug blau bereift, was dem Baume bei günstiger Beleuchtung-einen bläulichen Schimmer verleiht.
Auch an diesem traulichen Standort war das Glück nicht voll. Ein Blick an das jenseitige schattige Ufer erschreckte uns, indem eine durch den Blitzstrahl niedergeworfene stattliche Arve, von oben bis unten geborsten, im feuchtgrünen Gebüsche lag. Sie war schwer verkohlt; verbrannt sind auch das umliegende Unterholz und Gras. Inzwischen warf die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen zwischen den Felstürmen des Pizzo Columbe hernieder; bereits fielen schwere Schlagschatten auf Fels und Wald und gemahnten uns zur langsamen Rückkehr ins benachbarte gastliche Santa Maria.
Der folgende neue Morgen, so schön wie der gestrige, lockt und führt uns geradaus der Alpenstraße entlang an Casaccia vorbei. Wir streben diesmal den Hütten von Puzetta zu, unweit von San Pro, und durchstolpern eines der vielen Schuttfelder. Verblühte, reiche, grüne Teppiche von Silène acaulis zieren den steinigen Grundein weißes Sträußchen von Arenaria ciliata, dem gewimperten Sandkraut, vereinsamt im losen Geröll, bewillkommt uns taufrisch mit „ Guten Morgenkleine Polster der reichstengeligen Hutschinsia alpina, der Alpenkresse, begleiten die vielen dünnen, sandigen Rinnsale; ganze himmelblaue Beete von Globularia cordifolia, der Kugelblume, durchwirken das helle Trümmerfeld mit seinem granatführenden Schiefergestein.
Noch zwei Blauröckchen scheinen kaum vom Schlafe erwacht zu sein: die schlanke, langgefranste Gentiana ciliata, der gewimperte Enzian; aber das lieblichste Kind der Schuttflora, allen hold, von jedem geliebt, der es einmal geschaut: die zarte Linaria alpina oder das Alpenleinkraut, bald hell, bald tiefviolett angehaucht und mit orangerotem Alte mehrwiptelige Lärche mit dem Lusus: erecta.
Junge Arven ( rechts und im Mittelgrund] Hündchen, zartblau bereift auch das zerbrechliche niederliegende Stengel-chen, schmückt und erfreut, weithin zu kleinen Gruppen vereint, den steinichten Grund. Wie gern hätte ich ihm und den übrigen, selbst der reichlich blühenden Anthyllis Vulneraria, dem gelben Wundklee, diesem „ Überall bin ich zu Haus ", ein Lichtbild zur freundlichen Erinnerung entnommen! Aber wo wären die bunten Kleidchen geblieben? Grau in Grau? lieber nicht! Lieber warten und auf ein Wiedersehen! Lumières Autochrom diapositiv wird euch die gebührende Ehre zollen.
Schon gestern hatten es mir die mächtigen Dolomitstöcke angetan, die bei Puzetta von der Ganna nera schroff abfallen. Die schimmernden Riffe schienen mir zuzurufen: „ Komm und steig auf unseren Rücken; da oben wirst du noch Schöneres sehen " ( siehe Vollbild II ). Heute leuchteten die Wälle zwischen San Pro und Puzetta in blendendem Weiß. Der Himmel am Horizont hatte eine geradezu schwarzblaue Färbung, wohl eine optische Täuschung! oder war es das Vorzeichen dessen, was abends unser wartete? Noch dunkler und finsterer erschienen uns die mächtigen Arven; gleich abgerundeten, orientalischen Domen neben schlanken Minarets — den bleichenden, hochragenden, toten Stämmen — krönten sie die Zinnen der gleißenden Felsen. Da hinauf mußte ich einen Weg finden; ich entdeckte ihn bald. An steiler Wand zog er sich hinauf; bald war ich bei denen, die so keck und übermütig hinuntersahen von ihrer schneeigen Burg.
Rund umwallt die Abstürze alter und jugendlicher Baumwuchs: meist Arven und junges Volk von Pinus montana. Randständig am Fels zeigen sie auf dem mageren flachgründigen Standort weit ausgreifende Wurzeln; es sind vielfach typische Windformen ( siehe Textbild 10 ). Das kleine Eiland aber, das wir betreten, beherbergt eine luftige Hütte, ohne Seitenwände, mit einem Bretterdache, dessen Giebel geziert ist mit dem schmucklosen Holzkreuz; das Ganze mahnt uns fast an den Hof einer zerfallenen Feste. Auf dem lichten „ Burghof " hausen einige zwanzig Wetterarven: „ Prachtskerle ", wahre KabinettstückeViele Völker sind zu ihren Füßen im Tal vorübergezogen. Karl Martell und seine spätere mächtige Sippe führten ihre Haudegen hier hinüber zum Papst und gegen die Longobarden; auch die kühnen Hohenstaufen trugen ihr'schicksalreiches Schwert durch die „ Fauces Desertindie herrliche wildromantische Medelserschlucht bei Disentis über den Lukmanier gegen die unbotmäßigen italischen Städte. Selbst noch ein Heerhaufe des jungen unglücklichen Konradin grüßte dieses stille Gelände zum letztenmal, um noch stiller den ewigen Schlaf zu halten auf den verhängnisvollen Feldern von Tagliacozzo ). Ob noch die Väter unserer ehrwürdigen Baumgreise jene hiebtüchtigen Schwaben gesehen? Etliche windgeworfene Leichen liegen schon auf dem Plan, bald wird der eine und andere Alte noch folgen. Längs auf den bleichen Stamm-skeletten laufen breitklaffende Spalten, sie sind oft zu einer vielfachen Schraubenlinie gedreht. Die Spalten und die etwa noch schwärzlich-graue Rinde sind besiedelt mit Evernia furfuracea, der graulichten Kleienflechte. Die hellgelbleuchtende prächtige, aber giftige Evernia vulpina entging meistens meinem Auge, während sie zahlreich im nahen bündnerischen Tavetsch die hehren Arvengreise ziert.
Eine der Arven des verborgenen Eilandes zeigte die „ Blitzdürre " in klassischer Art. Der starke elektrische Funken hat den Baum einseitig „ blitzdürr " gemacht; während er rechts entrindet und sparrig sein bleichendes Geäst ausstreckt, und der Stamm von oben bis unten geschält, sein totes Gerippe zeigt, grünt und sproßt der wunderbar zähe Veteran linkswendig lustig empor und bietet uns friedlichen Besuchern gar noch als Gabe seine faustgroßen Früchte an ( siehe Vollbild IIIes sind die harzduftenden Zapfen mit dem vielfachen süßen Inhalt: den nach Haselnuß schmeckenden Samen. Mein Leonhard nahm sie flink in Empfang, um sie am Feuer zu schmoren nach Art der bündnerischen Hirtenknaben, wie er sagte.
Windixponierts BergfohrtnWetlera'.e Eines bot uns der freundliche „ Burghof " nicht: — wir fühlten es schon länger, wir Armen — uns peinigte der Durst. Ob der unermüdliche Wissensdurst von gestern uns den unerwarteten leiblichen heute so früh aufbürdete?
Mein Begleiter machte sich auf die Suche nach dem begehrten kristallenen Naich wollte unterdessen da oben " Lichtbilder entwerfen. Schwierig war 's, bei so dunkeln Bäumen mit abwechselnd finsterem und grellem Vorder- und Zwischengrund, dem lichtvollen Ausblick zu den blauen Bergen und dem schneeigen Gips im Tale, endlich bei den durch eine frische Brise stark bewegten Bäumen das Richtige zu treffen. Bald erschien mein junger „ Wasserfinder " und bot mir das ersehnte Labsal — nicht in der mitgegebenen Aluminiumflasche, sondern im schweißtriefenden Filzhut, dem undefinierbaren, weil er mehr fasse, so meinte der gute Leonhard.
Wir verweilten noch lange an dem heimeligen Ort bei einem köstlich gebrauten Tee, länger vielleicht, als es uns erlaubt war; denn unten im Tal und an den fernen Hängen im Osten gab es noch viel zu sehen und zu erforschen. Wir wandern bald auf der staubigen heißen Alpenstraße.
Östlich über Puzetta hinaus verengt sich der Talboden von Casaccia infolge der vorgelagerten sogenannten Silva secca. Die Dolomitrauch- wacke hat ihr südliches Ende erreicht; links gewinnt Bündnerschiefer, rechts der Sericit wieder die Herrschaft. Der Pinus montana-Bestand längs der Alpenstraße verschwindet und wird von Fichten abgelöst, die Licht und Luft, Wasser und Standort zur Hälfte, 50 zu 50 %, mit der Arve teilen, welche auf diesem kleinen Gebiet zur höchsten Entfaltung in der Valle Santa Maria kommt. Sowohl rechts und links am Wasser des Brenno längs der Straße, wie an den vorgeschobenen Hängen der Ganna nera und der la Costa stehen Arven in reicher Menge; es sind hübsche, schlanke Exemplare, als ob Wind und Wetter ihr noch unberührtes Kleid nie zu zerzausen und zu zerreißen vermöchten. Besonders an der schattigen Nordostseite der Silva secca gedeiht fröhlicher Jungwuchs, zum Teil noch im zarten Jugendalter. Von künstlicher Aufforstung der Arve in der Valle Santa Maria konnte ich aber bis jetzt nichts erfahren. Der Arvenbaum erreicht im Tale eine durchschnittliche Höhe von 8 und 12 Metern, je nach Lage und Standort, überragt aber im Mittel jene von Pinus montana; der von mir höchst gemessene Arvenstamm beträgt 22 Meter. Auch die Lärchen erheben ihre Wipfel nur 8 bis 10 Meter über den Grund.
Die verhältnismäßig geringe Höhe unserer reichgeformten, vielgestalteten Nadelbäume dürfte in dem frühzeitigen Verlust des ersten Gipfeltriebes und in dem Ansatz vieler neuer Seitengipfel begründet sein; die Erklärung für letzteres bietet das stürm-, wind- und gewitter-reiche Gebiet, zum Teil auch der reichlich beschickte Weidgang in die schönen Alpen. Es liegen leider keine Wetterberichte über die Valle Santa Maria vor, wie solche das Val Medels auf der nördlichen Paß-liöhe seit 40 Jahren besitzt. Vergleichende Anhaltspunkte bieten etwa die Aussagen der Wirtsleute von Santa Maria, die seit 30 Jahren nahe der Paßhöhe das kleine Hospiz verwalten und nach Nord und Süd lebhaft verkehren. Die südöstliche tessinische, auffallend mildere und wärmere Valle Santa Maria habe noch reichlichere Regengüsse und Stürme, so sagen sie, als der nördliche Teil des Passes, das regenreiche, rauhere Val Medels in Bünden. Die Valle Santa Maria dürfte eben reichlichen Steigungsregen erhalten. Ihr milderes Klima, die prächtigen, saftigen Alpenweiden, die vielen grünen „ Maiensäße " mit den zahlreichen, weithin zerstreuten, aus Stein gemauerten Hütten geben diesem verborgenen, stillen Alptale ein freundliches, fast behäbiges Aussehen.
Eine kleine Erfrischung im Wirtshaus zu Aqua caulda hat uns zum weiteren Marsche ermuntert; noch bleiben wir auf der heißen Landstraße, die ganze Scharen alpiner Schmetterlinge beleben: meist der blut-getupfte große, weiße Apollo neben zahlreichen dunkeln, schillernden Erebien. Rechts der Straße steigen wenige Fichten und Arven hinab zur zweiten Talstufe Piano di Segno ( 1669 m ); die Straße aber führt weiter an den jähen Hängen entlang, die vom Hochplateau der Monti Dotro abstürzen und einem stundenlangen geschlossenen Bannwald von frischen Fichten Raum bieten; selten noch weilt eine Arve bei ihnen; ihren tiefsten Standort fand ich daselbst über Campra bei 1550 m.
Oben, aber längs des Kammes über der Grenze des ausgedehnten zusammenhängenden Fichtenbestandes grüßen Arven in langer Reihe hinunter und rufen uns zu: „ Hier weilen wir, unten ist unser Ort nicht !" Wir kehren zurück; unweit von Piano di Segno schlängelt ein annehmbarer Alppfad hinauf; bald wieder steigen wir zwischen Fichten, Arven und Lärchen empor; endlich ist die Eingangspforte oben an der Cruce Portera erreicht ( 1920 m ); eine weitere Viertelstunde bringt uns auf den höchsten Punkt des langen, nach Osten ziehenden schmalen Grates, auf 1955 m. Ein hochgelegenes freundliches Gelände öffnet sich nördlich zu unsern Füßen; es ist die Mulde von Monti Dotro. Smaragdgrüne, von Geröll und Gestein freie Alpwiesen steigen sanft zur nördlichen „ la Costa " an, während unser Längsgrat die südliche hochgelegene Wand der Mulde bildet.
Wir betrachten von hier aus auch die liebgewonnene obere Talstufe von Casaccia in umfassender Rundschau. Wie schade, daß wir „ Faulpelze " die photographische Camera drunten in Aqua caulda gelassen! und doch war es gut so! denn ein eisig kalter Wind, der im Handumdrehen uns Erhitzte an den jähen Wechsel der Dinge erinnerte, bedrohte uns zugleich mit Regen. Schleunigst wurde der Prismenfeldstecher aufs Aluminiumstativ gesteckt, um uns allseitig ruhig zu orientieren. Die benachbarte „ Cima di Ganna rossa " vis-à-vis und die „ Punta di Larescia " samt ihren Steilhängen zu unsern Füßen brachte der moderne zwölffache „ Vergrößerer " in unsere nächste Nähe; die Lärchen- und Fichtenbestände daselbst wurden auf Arvenhorste und Einzelnbäume abgesucht und geprüft; es waren deren nicht mehr viele. An den Felsenbändern des Boscowaldes stehen die äußersten Vorposten in der Valle Santa Maria. Auch unser linksseitige Standort, der lange buckelige Felsgrat, schickt die Arven in aufgelöster Reihe nach Osten gegen Camperio vor, das sie aber nicht mehr erreichen. Das Horizontalglas zeigt allseitig unsern weitüberlegenen Standort; die östlich am meisten vorgeschobenen Arven-posten dürften auf 1600 m. Höhe stehen.
Der drohende Wettersturz läßt uns kaum Zeit, die nächste Nachbarschaft allseitig zu betrachten. Auf das struppige Vaccinetum hingestreckt halten wir die Siegfriedblätter fest, die der schneidige Wind uns zu entführen droht; nach einigem Schieben und Rücken hat die Bussole uns und die Blätter richtig orientiert und der Farbstift tut seine Schuldigkeit; endlich gibt 's wieder Muße.
Unsern Felsgrat besiedeln spärlich Arven, Lärchen und Fichten. Es scheinen alle verarmte Waldkinder zu sein. Die Wipfel der Lärchen Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 4i. Jahrg.Ili und Fichten sind zerzaust, gebrochen und abgedorrt; jene der kaum €—8 m. hohen Arven aber teilen sich meist fächerartig in zahlreiche Ideine dichtgedrängte Seitengipfel; sie geben der Spitze des Baumes ein vogelnestartiges, busch- oder besenförmiges Aussehen. Die Bäume sind mit den Flechten Evernia furfuracea, hier auch mit Evernia vulpina besetzt; dazu liegen massenhaft unreife, halbwüchsige, kernlose Zapfenfrüchte rund um den Fuß der Bäume; ich kann mir den vorzeitigen Fruchtfall nicht erklären; ob zu große Trockenheit die Ursache ist? nur drei reife, zwerghafte Zapfen konnte ich finden, dazu noch durch Mäusefraß der wenigen Kerne beraubt; auch das niedere Alpenrosen-und Heidelbeergesträuch und das zufriedene bescheidene Katzenpfötchen, die weißfilzige Antennaria dioica, bezeugen die große Trockenheit des windexponierten Standortes; der oft zu Tage tretende Grund ist Blindner-schiefer.
Zu unsern Füßen in der Mulde rieselt längs des Grates ein Wässer -lein, und auf dem anstoßenden, etwas trockenen Weideland sprossen ovale und runde, von dem umgebenden Rasen scharf gesonderte wunderschöne Beete des Juniperus nana, des bläulich schimmernden Wacholders; es war, als ob der Kunstgärtner sie eigens geschaffen hätte. Der Grund liegt klar zu Tage: das Weideland dient als regelmäßige Mähwiese, während der Bodenbesitzer die hübschen Terraindiebe geduldig schont. Unweit an sonniger Halde liegt ein ganzes Dorf sauberer weißer Alphütten, oder besser Wohnhäuser, der Sommerwohnungen der Älpler. Frauen und Mädchen in grellblauen und roten Röcken, das Oberkleid zur Arbeit geschürzt, beleben das langgestreckte friedliche Gehöfte. Darüber hinaus bei Monti Oncedo sah ich einen Fichtenwald, in dem das Prismenglas mir gleichfalls einige eingestreute Arven verriet. Noch mußte ich hinaufschauen zum grauen nördlichen Horizont. Von ihm hoben sich an der westlichen Seite der la Toira eine Reihe einsamer dunkler Nadelbäume ab; ich erkannte aus der drei Kilometer weiten Entfernung deutlich die Lärchen, während ich ihre dunkeln Genossinnen weder als Fichten, noch Arven, noch Föhren zu bestimmen vermochte. Unser einheimischer Begleiter aus Camperio versicherte des bestimmtesten: da oben gebe es nur Fichten und Lärchen ( 1950 mer konnte es ja wissen. Auf den Exkursionen mußte ich öfters erfahren, daß an der Baumgrenze Arven und Fichten, gleichgültig, ob Krttppelformen oder Hochstämme, auf weitere Entfernungen hin sich nicht unterscheiden ließen und so mir viele schwere Gänge aufbürdeten. Gerne hätte ich also droben an der Einsattelung neben der la Toira neugierig selber hinüber-und hinuntergescliaut in die benachbarte Valle Campo, wo Pinus montana, die Bergföhre, noch einmal auftritt; allein der eintretende Regen mahnte zum schleunigen Abstieg ins östlich gelegene Camperio ( 1228 m ).
Die guten Leute daselbst brachten wir fast in Verwirrung, als das ungewohnte Examen über unsere Arven und Föhren bei ihnen begann. Nur Hirtenkinder sollen, so sagen die Leute, die Arvenfrüchte sich aneignen; Flurnamen von der kleinen Pino ( Pinus montana ) und der großen ( Pinus Cembra ) gebe es ebenfalls nicht; keine Alp, keine Wiese, kein Gehöfte führe einen verwandten oder ähnlichen Namen; auch in keinen Liedern, keinen Volksgebräuchen, keinen Sagen und Legenden finde „ Pino " Verwendung. Das Holz der Arve sei zwar mehr geschätzt als jenes der Fichte und werde zu Getäfel verwendet; doch würde dem Holze nicht besondere Aufmerksamkeit zugewendet, dasselbe nicht zu feinen Luxusmöbeln und Schnitzereien im Tale gebraucht. Als ich deshalb meine Verwunderung darüber aussprach und von der Wertschätzung des Arvenholzes in Bünden sprach, wies man auf die Möbel von Nußbaumholz in der Stube hin: der Nußbaum liefere das hochgeschätzte Material für die Zierde der Zimmer, und da der Baum reichlich im obern Blegnotal vorkomme, so werde sein Holz weithin versandt. Also ein stattlicher Konkurrent der Arve!
Aber woher so viel Negation, im Gegensatz zu den Bewohnern anderer arvenreichen Gebirgsgegenden? Die Erklärung dürfte einfach sein. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bewohner sind eben anders gestaltet. In den meisten Alpentälern, wo die Arve gedeiht, ist dieselbe der konkurrenzlose schönste und nützlichste Waldbaum und daher innig verknüpft mit dem Leben und Weben, Sinnen und Fühlen des einfachen poesiereichen Gebirgsvolkes. Wie ganz anders im gesegneten, wald-und florareichen Tessin mit seiner Fülle an Nutzholz! Dazu ist die Arve daselbst auf drei kleine abgelegene Gebiete beschränkt, von denen gerade die verborgene und unbewohnte Valle Santa Maria den schönsten und reichsten Arvenherd des Kantons besitzt; also auch jene, welche das weidenreiche Tal mit dem vielen Nutzvieh beschicken, wohnen nicht bei den schönen Alpenbäumen, bedürfen ihrer nicht so sehr; die Arve ist ihnen mehr interessant als befreundet.