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Von Armut betroffene Kinder in der Schweiz
Relativ versteckt und ignoriert, ist Armut doch für eine grosse Anzahl von Kindern in der Schweiz eine Realität. Die Armut untergräbt bei Kindern die Chancengleichheit und kann von einer Generation an die nächste weitergegeben werden. Präventive Massnahmen wie Familien-EL existieren erst in wenigen Kantonen. Andere innovative Pilotprojekte beginnen sich zu bewähren.
1997 hat die Schweiz das Übereinkommen über die Rechte des Kindes ratifiziert. Die Konvention zielt darauf ab, Kindern ein sicheres und würdiges Leben zu ermöglichen, indem sie ihnen das Recht zusichert, gesund und sicher aufzuwachsen, angehört und gleiche Rechte zu haben. Es ist offensichtlich, dass das Leben und Aufwachsen in einer prekären Situation einige dieser Ziele gefährden kann. In der Schweiz sind heute 134 000 Kinder von Armut betroffen. Im Durchschnitt gibt es in jeder Schulklasse ein Kind aus einer in Armut lebenden Familie. Diese Realität wird oft ignoriert, obwohl fast ein Drittel der von der Sozialhilfe unterstützten Personen Kinder sind. 2022 war die Altersgruppe mit der höchsten Sozialhilfequote die der Minderjährigen mit 4,8 Prozent; in der Gesamtbevölkerung lag sie bei 2,9 Prozent.
Doch gibt es grosse Unterschiede zwischen den Kantonen. Der Kanton Neuenburg weist mit einem Durchschnitt von 9,6 Prozent die höchste Sozialhilfequote für Kinder auf. Einige Altersgruppen erreichen sogar noch höhere Quoten, beispielsweise 12 Prozent bei achtjährigen Kindern. Zwei weitere Kantone weisen ebenfalls hohe Sozialhilfequoten bei Kindern auf: Genf (8,9 Prozent) und Basel-Stadt (8,3 Prozent). Im Gegensatz dazu sind im Kanton Thurgau nur 1,8 Prozent der Kinder Sozialhilfeempfänger. Die Zahlen korrelieren mit der allgemeinen Höhe der Sozialhilfequoten in den jeweiligen Kantonen. In absoluten Zahlen lebt die Hälfte der von der Sozialhilfe unterstützten Kinder in den Kantonen Zürich, Bern, Waadt und Genf.
Diese Zahlen sind in jedem Fall Durchschnittswerte und lassen keine Rückschlüsse auf die Risikofaktoren zu, die dazu führen, dass Kinder in prekären Verhältnissen leben. Bei den Eltern sind individuelle Faktoren, die das Einkommen beeinflussen, relevant. Vor allem die Ausbildung und der Beschäftigungsgrad.
Natürlich erhöhen bestimmte Familiensituationen das Armutsrisiko, wie zum Beispiel Einelternfamilien, die nur 4,7 Prozent der Haushalte in der Schweiz ausmachen. In 26,2 Prozent der Fälle bestand für eine Einelternfamilie im Jahr 2022 das Risiko, in prekären Verhältnissen zu leben. In 20,6 Prozent der Fälle hatten kinderreiche Familien mit drei oder mehr Kindern ebenfalls ein erhöhtes Risiko, in prekären Verhältnissen zu leben.
Das Alter der Kinder ist ebenfalls ein entscheidender Faktor. Vor allem Familien mit noch minderjährigen Kindern weisen ein hohes Armutsrisiko auf, insbesondere Familien mit Kleinkindern im Alter von null bis drei Jahren (19,9 Prozent). Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern haben mit 34,5 Prozent das höchste Risiko, in Armut zu leben. Das Alter der Eltern spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, wobei die Wahrscheinlichkeit, Sozialhilfe zu beziehen, höher ist, wenn die Eltern jünger sind.
Welche konkreten Auswirkungen die Armut auf den Alltag der Kinder hat, beleuchtet die jüngste SILC-Studie des BFS. Im Jahr 2021 waren 5,5 Prozent der Kinder aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht in der Lage, regelmässig an kostenpflichtigen Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Dies beeinträchtigt die Chancen auf soziale Integration erheblich. 6,1 Prozent der Kinder konnten keine Ferien ausserhalb ihres Zuhauses verbringen. Dennoch ist anzumerken, dass die Quote der spezifischen Entbehrungen (3 Entbehrungen aus den 17 bewerteten spezifischen Bereichen wie ein paar neue Kleider oder altersgerechte Bücher zu haben) in der Schweiz 6,4 Prozent beträgt, was unter dem europäischen Durchschnitt von 13 Prozent liegt.
In der Schweiz wie auch anderswo hat die soziale Herkunft einen sehr grossen Einfluss auf die Bildungslaufbahn von Kindern. In Armut aufzuwachsen, wirkt sich negativ auf die Chancen von Kindern und Jugendlichen auf eine höhere Bildung aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass Armut über Generationen weitergegeben wird, ist daher hoch. Laut einer 2018 veröffentlichten OECD-Studie braucht es in der Schweiz durchschnittlich fünf Generationen, bis die Nachkommen des ärmsten Dezils der Bevölkerung in die Mittelschicht aufsteigen. Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es ist, Familien und Kinder in prekären Verhältnissen zu unterstützen, um zu verhindern, dass diese Situation über Generationen hinweg anhält.
Um dies zu erreichen, müssen politische Massnahmen eingeführt werden, die auf mehr Inklusion und Gerechtigkeit für Kinder aus Familien, die in prekären Verhältnissen leben, abzielen. Die Eidgenössische Kommission für Familienfragen (EKFF) erinnert im Übrigen daran, dass sich Investitionen in individuelle Fördermassnahmen für Familien in prekären Verhältnissen sogar finanziell lohnen, wenn man diese Ausgaben in Relation zu den Kosten einer permanenten und langfristigen finanziellen Unterstützung setzt. So engagiert sich beispielsweise der gemeinnützige Verein a:primo in mehreren Schweizer Regionen und Städten täglich mit Angeboten zur Frühförderung von Kleinkindern.
Mit seinem systematisierten Ansatz gehört das Projekt Gustaf (Guter Start ins Familienleben) zu den Pionierprojekten in der Schweiz. Das vom Kanton Nidwalden und seinem Sozialdienst eingeführte Modell unterstützt Familien mit multiplen Problemen durch eine stark verbesserte interprofessionelle Zusammenarbeit.
Laut der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) ist die Entwicklung von Ergänzungsleistungen (EL) ein wichtiges Instrument, um die Familienarmut und den Rückgriff auf die Sozialhilfe zu bekämpfen. Vier Kantone haben Familien-EL eingeführt (Genf, Solothurn, Tessin und Waadt). Die Wirksamkeit der Familien-EL ist deutlich und führt zu einem Rückgang der Familienarmut und der Verbesserung der Situation von Familien.
Es existieren also erprobte Mittel und Instrumente auf kantonaler Ebene, um Familien und Kinder in prekären Situationen zu unterstützen. Es ist daher Zeit, dass Kinderarmut umfassender und entschieden bekämpft wird, um den nächsten Generationen eine Zukunft ohne prekäre Lebensumstände zu sichern.