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Die Gegenwart bietet der brasilianischen Literatur in der Regel genügend Stoff, um auf historische Rückblicke verzichten zu können. Bücher, die sich der Vergangenheit und deren Einfluss auf die Jetztzeit widmen, sind Ausnahmen. Der Roman «Die vielen Talente der Schwestern Gusmão» von Martha Batalha gehört dazu. 2016 erschienen, zeichnet er die Chronik einer aus Portugal eingewanderten Familie aus dem Mittelschicht Rio de Janeiros nach.
Karim Aïnouz’ Adaption von Batalhas Werk ist allerdings weniger der verästelten Handlung der Vorlage als der Konstanz sozialer Gesetzmässigkeiten verpflichtet. Die Biografien und Empfindungen der Figuren sind zugunsten ihrer Lesbarkeit geglättet, Lichtsetzung und Cadrage filtern den Bildausschnitt, um den Blick auf die grösseren Zusammenhänge zu lenken. Der feuchte Tropenwald rings um Rios Wohnquartiere, die Bäche, die durch die Vegetation und schliesslich ins Meer fliessen: Gleich die ersten Einstellungen geben den fatalistischen Grundton vor, der die stumme Rebellion der beiden Protagonistinnen bis zum (offenen) Ende begleiten wird.
«Unsichtbar» ist das Leben Eurídice Gusmãos in zweifacher Hinsicht. Ihre künstlerische Ambition wird die junge Brasilianerin den familiären Konventionen opfern, vor allem jedoch verliert sie ihre Schwester Guida aus den Augen, die sich, kaum achtzehnjährig, mit einem griechischen Matrosen aus dem Staub macht und vom Vater trotz einer reuevollen Rückkehr acht Monate später hochschwanger aus dem Haus geworfen wird. Da die Eltern jede Wiederbegegnung der Schwestern verhindern, werden deren Existenzen in der Folge in parallelen Bahnen verlaufen: Während Guida nach der Geburt ihres Kindes zwischen Gelegenheitsprostitution und Fabrikarbeit mäandert, muss Eurídice ihren Traum von einem musikalischen Leben im aufreibenden Kleinkrieg mit der Familie täglich aufs Neue verteidigen.
Die uferlose Sehnsucht, die die beiden Schwestern füreinander empfinden, liefert den emotionalen Treibstoff der Handlung, wobei das Wunschdenken mit den jeweiligen Realitäten kontrastiert: Guida ist zeit ihres Lebens überzeugt, dass Eurídice eine Karriere als Konzertpianistin auf den europäischen Bühnen absolviert, wohingegen diese sich ihre Schwester nicht anders als glücklich am Arm ihres griechischen Matrosen vorstellen kann. Sozusagen als Gegenschuss zu den deprimierenden Lebenslagen der jungen Frauen fungiert das Patriarchat, verkörpert vom Vater, der den Existenzraum seiner beiden Töchter bis in die intimsten Winkel zu dominieren versucht.
Im Gegensatz zu Karim Aïnouz’ älteren Filmen, die im Nordosten Brasiliens entstanden sind und auf die expressive Monotonie des öden Hinterlands bauen – O ceú de Suely etwa oder Viajo porque preciso, volto porque te amo (in Koregie mit Marcelo Gomes) —, resultiert die Bildsprache von The Invisible Life of Eurídice Gusmão aus einer formalen Reduktion. Die Kamera kreist stets um dieselben Orte, die Einstellungen sind in klar umrissene Bildfelder unterteilt, Vorder- und Hintergrund des szenischen Raums entsprechen unterschiedlichen Bedeutungsebenen.
Die konzentrierte Bildsprache mag dem zeitlichen Rahmen der Handlung geschuldet sein (die Erzählung ist in den Fünfzigerjahren situiert); interessant ist die Wahl der visuellen Mittel jedoch auch, weil sie Aïnouz erlaubt, sein Drama in einen Dialog mit dem Filmschaffen der Nachkriegszeit treten zu lassen: Die Blickwinkel erinnern an den interpretativen Gestus des amerikanischen Melodramas, die Mise en Scène greift dort kommentierend ein, wo das individuelle Schicksal der Figuren mit den atavistischen Gesetzen der Gesellschaft in Resonanz treten kann.
Sprechend in dieser Hinsicht ist die weihevolle Erscheinung des schwarzen Detektivs, der, von Eurídice angestellt, um ihre Schwester zu finden, diskret an die Tragik der Hausangestellten in Douglas Sirks Imitation of Life erinnert. Das am Radio übertragene Fussballspiel lässt sich unschwer als ein Bekenntnis zur melodramatischen Tradition von Fassbinders späten Frauenporträts – namentlich Die Ehe der Maria Braun – verstehen. Die flammenden Briefe wiederum, die Guida an ihre unerreichbare Schwester adressiert, lassen Parallelen zum dramatischen Aufbau von Max Ophüls’ Letter from an Unknown Woman erkennen.
Verbaut sich die Regie hiermit jeden Zugang zur Wirklichkeit? Umso optimistischer gibt sich die Coda: Eine Ellipse, vom Rotorenlärm eines Helikopters eingeleitet, überführt die Handlung in die Gegenwart. Erstmals tritt die zeitgenössische Stadt ins Bild, Eurídice, die eben ihren Mann zu Grabe getragen hat, empfängt ihre Enkel und sortiert die Hinterlassenschaft. Momente geistiger Verwirrung lassen erst den Verlust des Gedächtnisses befürchten, darauf folgt jedoch eine unverhoffte Begegnung mit einer jungen Frau, die der Szene eine radikal utopische Wende verleiht: Erst die Abwesenheit der Männer, so scheint es, ermöglicht die Suche nach der verlorenen Zeit.
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