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Tapie, Marseille, Genf
In den Transfer-Fall Tuzzio ist auch der Servette FC involviert

Olympique Marseille hält die Justiz auf Trab. Am 11. Mai wird das Strafgericht in Marseille das Urteil bekanntgeben in der undurchsichtigen Affäre des argentinischen Fussballers Eduardo Tuzzio, der im Juli 2001 unter dubiosen Umständen via Servette FC zu Olympique Marseille transferiert worden war. Während dreier Tage wurde der Fall verhandelt, sieben Personen sind u. a. wegen Hehlerei und Veruntreuung angeklagt, darunter der frühere Servette-Präsident Christian Hervé und der frühere Servette-Manager Patrick Trotignon. Der Staatsanwalt fordert für beide 18 Monate Gefängnis bedingt, je 50 000 Euro Busse und ein fünfjähriges Berufsverbot als Sportfunktionär. Härter trifft es den Spielervermittler Gilbert Sau, für den 18 Monate unbedingt und 375 000 Euro Busse gefordert werden. Angeklagt ist auch der frühere Fussballer Frank Lebœuf.
Robert Louis Dreyfus, der langjährige OM- Chef, und Bernard Tapie haben sich der Strafverfolgung im Fall Tuzzio wundersam entzogen. Dies, obschon Tapie 2001 in der OM-Führung sass. Tapie, der immer wieder ins Fadenkreuz der Justiz gerät, hat wahrscheinlich führend mit der Affäre Tuzzio zu tun. Denn Tapie wurde damals von Dreyfus während sechs Monaten an der OM- Spitze reinstalliert. Mit Tapie multiplizierten sich die Transfer-Bewegungen. In dieser Zeit wurde Tuzzio OM für 2,3 Millionen Euro angeboten. Doch Tuzzio wurde zuerst vom Servette FC übernommen. Die Genfer gaben Tuzzio wenig später für 6,4 Millionen Euro an Marseille weiter. Innert weniger Tage hatte sich Tuzzios Preis verdreifacht. Frühere Servette-Angestellte erzählen, Tuzzio sei zwar tatsächlich in Genf gelandet, habe den Flughafen Cointrin aber nicht verlassen.
Die französische Justiz vermutet, dass die damaligen OM- und Servette-Chefs damit Geld aus der OM-Kasse abzweigten. Laut Untersuchung flossen 457 000 Euro in Raten auf eine luxemburgische Bank und nachher - als verdeckte Salärzahlungen - an Frank Lebœuf weiter, der 2001 von Chelsea zu OM transferiert worden war. Der Genfer Anwalt François Canonica, der seit dem 2005 erfolgten Servette-Konkurs frühere Servette-Spieler vertritt, ortet Tapie als Drahtzieher: «Doch für die Arbeit ganz unten brauchte Tapie Gilbert Sau.» Dieser in der Schweiz beheimatete französische Spieleragent wickelte 2001 praktisch alle OM-Transfers ab. Sau ist ein Schlüssel der Affäre - doch er sagt nicht, wo das Geld hinging. Teilweise sei es im Servette-Konkurs verschwunden, glaubt Canonica.
Der Anwalt mutmasst, dass der schwerreiche Michel Coencas als Servette-Präsident 2001 (und Nachfolger der von Canal Plus abgesandten Hervé und Trotignon) Tapie den «treuhänderischen Weg» auftat, um die Finger auch in den Servette FC zu halten. Bleibt zurück, dass Tapie wohl weder im Fall Tuzzio noch im Fall des Servette- Konkurses belangt wird. So ist anzunehmen, dass eine der explosivsten Affären des französischen Fussballs und eine der betrüblichsten des Schweizer Fussballs nicht so untersucht und beurteilt wird, wie dies eigentlich sein müsste.
Jean-Michel Verne (Marseille) /bö
PS: Am Sonntag um 16 Uhr spielt auf der La Praille Servette FC gegen den FC Chiasso!