Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/2117

Kaum sind die automatischen Türen geschlossen und die ersten Beschleunigungsschübe geschafft, werden hinter den Vordersitzen Tische runtergeklappt. Die meisten Gäste nehmen eine am Bahnhof gekaufte Essensbox aus einer Plastictüte. Sie stellen die Bento auf den Klapptisch und legen Stäbchen daneben. Dazu Bier, Tee oder Fruchtsaft aus der Dose.
Auf den Gesichtern der Fahrgäste ist Erleichterung abzulesen. Ob sie gerade den wuseligen Alltag in Tokyo oder das manchmal eintönige Leben in den kleineren Orten verlassen, scheint zweitrangig. Die weiträumigen Waggons mit ihren schlichten, aber bequemen Sitzen sind einer der beliebtesten Rückzugsorte der Nation.
Zwischen Tokyo und Osaka, die 400 Kilometer auseinanderliegen, fliegt täglich nur eine Boeing 777 mit knapp 400 Passagieren. Warum soll man auch fliegen, wenn man mit dem Shinkansen fahren kann? Er verlässt die grössten Bahnhöfe in derart kurzen Intervallen, dass eine weitere Erhöhung der Frequenz nicht mehr möglich ist.
Weltweit ist fast kein anderer so schnell, keiner so sicher und keiner so pünktlich. An die 450 Kilometer pro Stunde legt der Shinkansen zurück, nur Frankreichs TGV und der in Deutschland gebaute, aber in China fahrende Transrapid sind schneller.
Fast immer kommt er auf die Sekunde genau. Einschliesslich unwetterbedingter Verzögerungen beträgt die durchschnittliche Verspätung pro Jahr 0,9 Minuten. Rund zehn Milliarden Passagiere wurden seit der Jungfernfahrt vor einem halben Jahrhundert befördert.
In seinem Heimatland ist der Shinkansen mehr als ein Zug. Für die älteren Japaner, die sich noch an die Olympischen Spiele von 1964 erinnern, symbolisiert er zugleich Fortschritt und Wohlstand. Als Japans Hauptstadt knapp 20 Jahre nach der verheerenden Zerstörung des Zweiten Weltkriegs das grösste Sportereignis des Planeten veranstaltete, enthüllte der damals noch staatliche Bahnbetrieb Japan Rail dieses Stück Futurismus. Seine lange Nase mutete wie ein Raumschiff an, die Bullaugen sahen nach einem Kreuzfahrtschiff aus. Vor einigen Jahren wählten die Japaner den Shinkansen zur wichtigsten Innovation des 20. Jahrhunderts – noch vor den Instantnudeln des Herstellers Nissin Food oder dem Walkman von Sony.
Bis heute ist das Bahnfahren mit diesem Superschnellzug etwas Edles geblieben. Eine einfache Fahrt kostet knapp 14000 Yen (rund 125 Franken) und ist damit für ärmere Leute nur für den Urlaub eine Option. Schnurgerade Reihen wartender Passagiere, die sich brav an den gelben Linien am Boden orientieren, geben schon vor dem Einsteigen eine Vorahnung: Im Shinkansen ist alles geregelt, ob offiziell oder durch Gewohnheit. Die Schaffner sind von Schuh über Handschuh bis Kappe uniformiert, verbeugen sich bei jedem Schritt aus dem Abteil. Der Geräuschpegel ist niedrig, holprige Gleise sind nie zu spüren.
Und rollt ein Zug in den Endbahnhof ein, ist er binnen weniger Minuten wieder abfahrtbereit. Das Personal dreht die Sitzbänke schnell in die entgegengesetzte Richtung, wischt mit einem Lappen die Sitze sauber, leert die Abfallbehälter.
Angenehmer kann Reisen nicht sein. Doch bald ist dieser Superlativ wohl hinfällig. In Japan wird gerade an einem noch schnelleren Zug gebaut, der nicht mehr über Gleise rollt, sondern per Magnetkraft schwebt. Zum Glück dauert es bis dahin noch mehrere Jahre.
Felix Lill ist freier Journalist; er lebt in Tokyo, Japan.