Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03525.jsonl.gz/3177

Adalbert de Medell ist Spross einer vornehmen Tavetscher Familie. Er wird im Jahr 1628 als Sohn von Joachim de Medell und der Cornelia von Castelberg geboren. Er besucht die Klosterschule in Disentis und tritt ins Kloster ein. Nach der Profess studiert er in Einsiedeln Philosophie. 1650 bekommt er einen Freiplatz am Jesuitenkolleg Propaganda Fide in Rom. Von hier kehrt er 1655 als Doktor der Theologie nach Disentis zurück, wo die Abtswahl des Nachfolgers von Abt Adalbert I. Bridler bis zur Rückkehr des jungen «Doctor Theologiae» aufgeschoben wird. Das Gebirgskloster, in den Bündnerwirren im Zuge des Dreissigjährigen Krieges arg geschwächt, zählt noch sieben Mönche. Zusammen mit den Äbten von Einsiedeln, Rheinau und Muri und im Beisein des Auditors der Apostolischen Nuntiatur wählen sie Adalbert de Medell am 30. Juli 1655 zu ihrem neuen Abt. Auseinandersetzungen mit den Weltgeistlichen des Oberlandes, die eine neue Feudalherrschaft der Abtei befürchten, prägen das erste Jahr der Regierung des jungen Abtes. Er erreicht dann mit Verhandlungen die Exemtion, das heisst die Unabhängigkeit vom Bistum Chur.
Abt Adalbert II. gibt der Abtei in seiner 41-jährigen Regierungstätigkeit neue, barocke Grösse. Neueintritte vergrössern die Gemeinschaft, die auf 30 Mitglieder anwächst. Nur zwei Patres und der Abt sind einheimische Rätoromanen, aus der einheimischen Bevölkerung kommen aber die meisten der acht Laienbrüder. Der Abt bemüht sich mit Reliquienerhebungen, Bruderschaftsgründungen, aber auch durch Pflege der rätoromanischen Sprache um neue Volksnähe. Ein romanisches Liederbuch des Klosters erobert 1690 die Herzen des Volkes. Im Gegensatz dazu ist das düstere Kapitel der Hexenverfolgungen kein Ruhmesblatt für den einheimischen Disentiser Abt. Er ist zwischen 1672 und 1678 für den Tod von über 30 der Hexerei angeklagten Personen verantwortlich. Noch siegt Aberglauben über Vernunft.
Abt Adalbert II. leitet auch die barocke Bauzeit in Disentis ein. Schon im Jahr seiner Wahl entsteht die neue Plaziduskirche am Dorfeingang. Es ist das erste bekannte Werk des Misoxer Baumeisters Domenico Barbieri, der später mit seinem Bruder Giulio die Klosterkirche von Isny baut. Die Kirche wird 1658 geweiht. In Truns lässt der Abt 1674−1679 den herrschaftlichen Klosterhof bauen. Im eigenen Kloster, dessen Gebäude noch mittelalterlich sind und dessen drei Kirchen schon seit einem halben Jahrtausend stehen, ist der Platz inzwischen eng. Schon 1675 ist der Baumeister des Abtes von St. Gallen, Daniel Glattburger, in Disentis. Dieser legt Pläne für einen Kirchen- und Klosterneubau vor. Sie werden nicht weiterverfolgt. 1683 ist Br. Caspar Moosbrugger, der Baumeister aus Einsiedeln, zum ersten Mal in Disentis. Er legt «etliche Riss» für den Konventneubau vor. Es dürfte sich um das Projekt handeln, welches 1698 auf der Schweizerkarte von H. L. Muoss dargestellt ist. Mit dem Niederlegen der alten Klostergebäude wird sofort begonnen, obwohl die Finanzen nicht gesichert sind. 1685 bis 1694 entstehen der Südtrakt, ein Quertrakt und der Südwest-Pavillon. Er kostet 20 000 Gulden. Die Schweizerische Benediktinerkongregation verfügt jetzt einen Baustopp. Der Südtrakt, als Torso der Gesamtanlage, dominiert bis heute die Tallandschaft. In seinem Rücken verbleiben die Marienkirche, eine Dreiapsidenkirche aus dem 10. Jahrhundert, und ein Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert. Für die schon abgebrochene Martinskirche plant Abt Adalbert II. mit Br. Caspar Moosbrugger 1695 eine Wandpfeilerkirche in einer kompakten Aussenhülle mit einer Doppelturmfassade. Der erste Disentiser Barockabt erlebt die Grundsteinlegung dieses Bauwerkes nicht mehr. Er stirbt am 11. Februar 1696 und wird in der Marienkirche begraben. Ein Porträt des Prälaten ist nicht vorhanden. Sein Wappen, in Allianz mit dem Disentiser Andreaskreuz, findet über dem Südausgang, links des Wappens von Nuntius Caracciolo.
Pius Bieri 2009
Müller, P. Iso: Disentis, in: Helvetia Sacra, Abteilung II, Band 1, Erster Teil, Bern 1986.
Müller, P. Iso: Geschichte der Abtei Disentis, Einsiedeln 1971.
|Abt OSB Adalbert II. de Medell (1628−1696) von Disentis|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|um 1628||Tujetsch Graubünden CH||Grauer Bund von Graubünden|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Abt OSB der Benediktinerabtei Disentis||1655–1696|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|11. Februar 1696||Disentis Graubünden CH||Grauer Bund von Graubünden|
|Kurzbiografie|

Abt Adalbert II. de Medell studiert in Einsiedeln und Rom. Nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges, der den Freistaat der Drei Bünde in seinen Strudel reisst, wird er zum Abt des politisch und wirtschaftlich geschwächten Bergklosters gewählt. Er kann während seiner Regierungszeit die Zahl der Konventualen mit 22 Neueintritten vervierfachen. Die ehemals mächtige und gefürstete Abtei bleibt aber seit dem Verlust der meisten Hoheitsrechte im 16. und 17. Jahrhundert auf Hilfe der reichen Abteien der Kongregation angewiesen. Abt Adalbert II. kann deshalb den längst notwendigen Kloster und Kirchenneubau wagen, allerdings nicht im geplanten Umfang. Ein düsteres Kapitel seiner Regierung bilden die Hexenprozesse der 1670er Jahre.
|PDF (nur Text)||Bildlegende|