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Eine Situation, die für viele Menschen in der Schweiz unvorstellbar erscheint: Obdachlos zu sein. Es ist schwer erdenklich, welche zahlreichen Herausforderungen im Alltag einer obdachlosen Person zu bewältigen sind. Kommt eine psychische Erkrankung hinzu, verschärft sich die Situation nochmals erheblich.
G enau in dieser Lage befinden sich 96 Prozent (!) der obdachlosen Menschen in Zürich (Stadt Zürich, 2021). Die WOPP-Studie der Stadt Zürich fand bei Menschen ohne festes Obdach dabei grösstenteils eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit und/oder eine affektive Störung. Selbst wenn Abhängigkeitserkrankungen nicht miteinbezogen werden, haben dennoch 72 Prozent der obdachlosen Menschen in Zürich mindestens eine psychische Krankheit. Bei 56 Prozent der untersuchten Personen liegt sogar eine Ko- oder Multimorbidität von zwei oder mehreren psychischen Erkrankungen vor (Stadt Zürich, 2021).
In München wurde bei allen obdachlosen Frauen mindestens eine psychische Krankheit festgestellt (Meller et al., 2000).
Zusammenhang von Obdachlosigkeit und psychischen Krankheiten
Nicht nur in Zürich lässt sich eine Verknüpfung finden, sondern auch in den USA und in Grossbritannien weisen mindestens 30 Prozent der obdachlosen Menschen eine psychiatrische Diagnose auf (Gesundheitsdirektion Kanton Zürich, 1999). In Deutschland ist die Befundlage vergleichbar mit jener in Zürich. Eine Studie, die in München durchgeführt wurde, zeigt bei Frauen eine Korrelation von 1.0, bei Männern eine Korrelation von .95 zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen. Auch in dieser Untersuchung sind Alkoholabhängigkeit und affektive Störungen am häufigsten vertreten, gefolgt von Angststörungen (Meller et al., 2000).
Somit stellt sich die Frage, weshalb die Korrelation zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen so extrem hoch ist. Zur Annäherung an die Beantwortung dieser Frage werden zwei verschiedene Modelle herbeigezogen.
Unbefriedigte Bedürfnisse
Deci und Ryan (2000) beschreiben in ihrer Theorie der Basisbedürfnisse drei Grundbedürfnisse, die bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt sind: Das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis nach Kompetenz und das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. Deren Befriedigung führt zu Leistungsbereitschaft, Wohlbefinden und Gesundheit. Eine mangelnde Bedürfnisbefriedigung wiederum ist mit negativen Konsequenzen verbunden (Deci & Ryan, 2000).
Das Modell von Obrecht (2005) beschreibt 17 Grundbedürfnisse von Menschen, aufgeteilt in biologische, biopsychische und biopsychosoziale Bedürfnisse. Menschen streben danach, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Im Falle einer Nicht-Befriedigung von Bedürfnissen ist das Risiko von schwerwiegenden psychischen sowie biologischen Folgen, bis hin zum Tod, deutlich erhöht (Leideritz, 2016). Um einige Beispiele zu nennen, ist es unter Obdachlosigkeit erschwert, das Bedürfnis nach physischer Integrität (d.h. Vermeidung von Verschmutzung oder physikalischen Beeinträchtigungen wie Kälte), das Bedürfnis nach effektiven Fertigkeiten der das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung zu befriedigen.
Daraus lässt sich ableiten, dass unbefriedigte Bedürfnisse einer der Gründe sind, warum obdachlose Menschen vermehrt unter psychischen Erkrankungen leiden.
«Und man hat auch seine psychischen Probleme. Je länger sie auf der Straße sind, umso mehr haben sie auch innere tiefliegende Probleme, derer sie versuchen, durch das Umherziehen sich auch freizumachen. Deswegen auch dieser Begriff der Freiheit. Freiheit ist auf der Straße für viele Obdachlose, die umherziehen, Nichtsesshafte, einfach das Wegrennen vor den eigenen Problemen»
Vulnerabilitäts-Stress-Modell
Die hohe Korrelation zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen lässt sich auch anhand des Vulnerabilitäts-Stress-Modells erklären (Wittchen & Hoyer, 2011). Demnach besteht die Basis einer Person aus ihren intraindividuellen Vulnerabilitäten (z. B. Alter, Geschlecht, Persönlichkeit, genetische Eigenschaften etc.) sowie ihrer sozialen Umwelt. Expositionen wie beispielsweise kritische Lebensereignisse können somit, abhängig von der vorhandenen Basis, unterschiedliche Folgen nach sich ziehen. Zusätzlich entscheidend sind psychologische Faktoren, wie beispielsweise Resilienz oder Copingstrategien und entwicklungsbezogene Faktoren (z. B. der Bindungsstil). Je unvorteilhafter die Basis, desto niedriger ist die Schwelle, eine psychische Krankheit zu erleiden. Aber auch akute und Langzeitfolgen werden dadurch beeinflusst (Wittchen & Hoyer, 2011).
Wird das Vulnerabilitäts-Stress-Modell auf eine obdachlose Person angewendet, wird der Zusammenhang zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen ersichtlich. Obdachlose Menschen, die unter einer psychischen Krankheit leiden, zählen zu den am stärksten Benachteiligten der Gesellschaft (Salize et al., 2002). In einer Befragung von obdachlosen Menschen aus den acht grössten Städten der Schweiz geben 26 Prozent an, keinen Kontakt zu Freund*innen zu haben, 35 Prozent sind ohne Kontakt zu ihrer Familie und 70 Prozent befinden sich nicht in einer Partnerschaft (Dittmann et al., 2022). Somit ist die soziale Umwelt als Basis sehr ungünstig. Zudem erlebten zahlreiche obdachlose Männer kritische Lebensereignisse wie zum Beispiel eine Krankheit, Gefängnisaufenthalte, oder den Tod der Ehepartnerin (Trabert, 2002). Dies impliziert eine erhöhte Vulnerabilität, was schneller zu psychischen Störungen führen kann als bei Menschen mit einer besser «gepufferten» Basis. Des Weiteren wird der Störungsverlauf durch beispielsweise Arbeitslosigkeit – die in Zürich 74.5 Prozent der obdachlosen Menschen betrifft (Stadt Zürich, 2021) – manifestiert.
Es lässt sich somit schlussfolgern, dass obdachlose Menschen mit einer psychischen Krankheit sehr vulnerabel und auf externe Hilfe angewiesen sind. Glücklicherweise gibt es dazu in der Stadt Zürich ein breites Angebot.
In Zürich stehen verschiedene niedrigschwellige Hilfsangebote für obdachlose Menschen zur Verfügung. Diese sind jedoch oft an spezifische Kriterien gebunden, wodurch einige Personen durch das Netzwerk der Unterstützung fallen können.
Hilfsangebote
Die städtische Organisation «sip züri» betreibt aufsuchende Sozialarbeit, um obdachlose Menschen in diversen Situationen zu beraten und zu unterstützen. Gemäss der Infobroschüre von sip züri existieren in Zürich eine Reihe an Hilfsangeboten, welche auf Menschen ohne Obdach – mit oder ohne psychische Erkrankung – ausgerichtet sind (Stadt Zürich, 2022): Übernachtungsmöglichkeiten lassen sich für obdachlose Zürcher*innen in der Notschlafstelle Rosengarten sowie über die Wintermonate zusätzlich für Personen aus der ganzen Schweiz im Pfuusbus und für Personen aus dem Ausland im Iglu (beides Institutionen von Pfarrer Sieber) finden. Medizinische Hilfe erhalten obdachlose Menschen im Ambulatorium Kanonengasse, auch ohne eine Krankenversicherung. Der Fakt, dass bei der WOPP-Studie 64 Prozent der befragten Personen Psychopharmaka einnahmen, deutet darauf hin, dass dieses und auch weitere niederschwellige medizinische Einrichtungen rege genutzt werden (Stadt Zürich, 2021). Zudem laden zahlreiche Treffpunkte tagsüber zum Verweilen ein. Menschen mit einer Drogenabhängigkeit können das Angebot der Kontakt- und Anlaufstellen in Anspruch nehmen, in der sie unter anderem ihre Suchtmittel unter hygienischen Bedingungen konsumieren können.
Konklusion
Die sehr starken Korrelationen zwischen Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen zeigen die Notwendigkeit einer umfassenden Unterstützung der Betroffenen auf. Dies erfordert kombinierte medizinische, psychologische und sozialarbeiterische Tätigkeit, um das Leben von obdachlosen Menschen mit einer psychischen Krankheit nachhaltig zu verbessern.