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Titel
Blüte
[* 2]
(Flos), nach gewöhnlichem Sprachgebrauch alle diejenigen auch äußerlich auffallend von den übrigen abweichenden
Teile einer
Pflanze, welche zur Erzeugung der
Samen
[* 3] oder diesen analoger
Reproduktionsorgane bestimmt sind.
Während dieser Sprachgebrauch einen strengen Unterschied zwischen
den der geschlechtlichen
Zeugung dienenden
Organen bei den
Phanerogamen und denjenigen bei den
Kryptogamen nicht gestattet, spricht
man in der
Botanik von einer
Blüte nur bei den
Phanerogamen
und gelangt, weil
Ort und
Ausbildung der
Blüten hier im wesentlichen die gleichen sind, zu einer ebenso
kurzen wie allgemein zutreffenden
Definition der
Blüte. Man versteht darunter einen einfachen
Sproß oder ein Sproßende, an dessen
Blättern die
Geschlechtsorgane ausgebildet sind.
Die Fähigkeit der
Pflanze, gewisse ihrer
Sprosse in der angegebenen
Weise zu metamorphosiert, ist allein den
Phanerogamen eigen
und beruht auf der allgemeinern, eben nur
hier vorkommenden
Erscheinung der sogen.
Metamorphose des
Blattes; die
Blüte ist ein
Teil der Hochblattregion des
Stengels (vgl.
Blatt,
[* 4] S. 1017). Die beiden
Geschlechtsorgane, welche hiernach die wesentlichen
Teile der
Blüte ausmachen, sind das
Staubgefäß oder Staubblatt (stamen) als männliches und die
Samenknospe
oder das
Eichen (ovulum) als weibliches.
Beide
Organe zeigen in der ganzen Gewächsreihe die auffallendsten Übereinstimmungen in allen wesentlichen
Punkten, sie sind
die am wenigsten variabeln Teile der und nur durch die
Zahlen und Anordnungsverhältnisse derselben und vornehmlich durch
die Ausbildungsweise gewisser andrer zur
Blüte gehöriger, aber keine
Geschlechtsorgane erzeugender
Blätter
werden die so mannigfaltigen
Formen der
Blüte hervorgebracht. Wir finden nämlich in den meisten
Fällen außer den mit den
Geschlechtsorganen
versehenen noch andre
Blätter an der
Zusammensetzung der
Blüte beteiligt, die am wenigsten von der gewöhnlichen blattförmigen
Ausbildung abweichen und als
Blütendecken bezeichnet werden.
Die Stengelglieder, an welchen die zur
Blüte gehörigen Blattorgane aufeinander folgend angeordnet
sind, sind fast überall äußerst verkürzt, dergestalt, daß sämtliche
Blütenblätter dicht zusammengedrängt stehen.
Die Gesamtheit dieser Stengelglieder bildet den
Blütenboden oder die Blütenachse (receptaculum florale). Es ist nun eine
allgemeine
Regel, daß die gleichartig ausgebildeten Blattorgane der
Blüte rings um die Blütenachse
gleichmäßig und in gleichen
Abständen verteilt sind, indem sie bald wirkliche
Quirle, bald niedergedrückt
Spiralen bilden,
und daß diese sogen. Blattkreise an der Blütenachse hintereinander oder wegen der starken
Verkürzung der letztern umeinander geordnet erscheinen.
[* 1]
Fig. 1 zeigt eine ideale
Darstellung einer vollständigen an welcher der Deutlichkeit halber die einzelnen
Blattkreise in widernatürlicher
Weise weit auseinander gerückt sind. Der oder die untersten, resp. äußersten Blattkreise
der Blüte stellen die Blütendecke dar, welche häufig aus zwei Blattkreisen von verschiedener
Beschaffenheit gebildet wird,
einem äußern, dem
Kelch (calyx), und einem innern, der
Blume oder
Krone (
corolla). Die
Blätter des erstern, die
Kelchblätter (sepala), sind meist grün, am
Grund breit, nach dem Ende hin zugespitzt und häufig von längerer Dauer; die
der letztern dagegen, die
Blumenblätter (petala), sind durch meist farbige, zarte
Beschaffenheit, durch eine aus schmaler
Basis gegen das Ende breiter werdende Gestalt und durch rasche Vergänglichkeit charakterisiert. Wo sämtliche
Blätter
der Blütendecke einander gleichartig, bald mehr kelch-, bald mehr blumenartig gebildet sind, wo also
Kelch und
Krone nicht
unterschieden werden können, spricht man von einer Blütenhülle (perigonium s. perianthium).
Der oder die nächstfolgenden Blattkreise bestehen aus den Staubgefäßen oder Staubblättern, die aus einem fadenförmigen untern Teil und einem beutelförmigen obern Teil, dem Behälter des Blütenstaubes, bestehen. Da diese Blattgebilde die männlichen Organe sind, so nennt man die betreffenden Blattkreise der Blüte das Andröceum. Das Ende der Blütenachse, also die Mitte der Blüte, nehmen ein oder mehrere letzte Blattkreise ein, die entweder selbst an gewissen Stellen die Samenknospen
[* 1] ^[Abb.: Fig. 1. Ideale Darstellung einer Blüte.] ¶
mehr
tragen, oder nur um das mit den letztgenannten Organen besetzte Ende der Blütenachse ein Gehäuse bilden, außerdem aber auch für die Aufnahme des befruchtenden Blütenstaubes eingerichtet sind. Da sie den weiblichen Teil der Blüte ausmachen, so nennt man sie in ihrer Gesamtheit das Gynäceum, die Blätter selbst aber Fruchtblätter oder Karpiden (carpella, carpidia).
Zahlen- und Stellungsverhältnisse der Blütenteile.
Blütendiagramme.
Von größter Wichtigkeit im Bau der Blüte sind die Zahlenverhältnisse der Glieder [* 6] der einzelnen Blattkreise, und da dieselben bei jeder Gattung und Art oft sich konstant erweisen, so werden sie zu den wichtigsten Momenten für die botanische Systematik. Bisweilen drückt man die Zahlenverhältnisse einer Blüte durch eine Blütenformel, z. B. K5C5A5+5G5 ^[K5C5A5+G5G5], aus, in welcher K den Kelch, C die Blumenkrone, A das Andröceum und G das Gynäceum, die Ziffern die Anzahl der zugehörigen Glieder bedeuten.
Aus welcher Anzahl von Gliedern auch ein Blattkreis der Blüte bestehen mag, wir finden immer die letztern in gleichen Abständen voneinander um die Blütenachse angeordnet, und wenn zwei Blattkreise mit gleicher Gliederzahl aufeinander folgen, so alternieren sie, d. h. die Glieder des einen fallen über die Mitte der Zwischenräume zwischen denen des vorhergehenden. Wo von diesen Regeln eine Abweichung besteht, da sind Glieder eines Blattkreises, eventuell ein ganzer Kreis [* 7] normal unterdrückt, nämlich über die ersten Spuren ihrer Anlage hinaus nicht weiter entwickelt worden und fehlen mithin in der fertigen Blüte. Es gibt Pflanzen, deren sämtliche Blattkreise der Blüte gleichzählig sind.
So ist in diesem Sinn z. B. bei den meisten Monokotyledonen die Dreizahl herrschend: wir finden hier 2 Kreise [* 8] von Perigonblättern, jeden zu 3 Blättern, desgleichen 2 Kreise von Staubgefäßen, jeden gleichfalls dreigliederig, während der Fruchtblattkreis nur ein einziger, aber wiederum dreigliederiger Kreis ist. Die hat also 6 Perigonblätter, 6 Staubgefäße [* 9] und 3 Griffel. In ähnlicher Weise herrscht bei den Dikotyledonen die Fünfzahl; die hat dann 5 Kelch-, 5 Blumenblätter, 5 oder 10 Staubgefäße und bisweilen, wenn sich die Fünfgliederigkeit bis dorthin fortsetzt, auch 5 Fruchtblätter.
Solche fünfgliederige Blattkreise sind nicht eigentliche Quirle, sondern spiralige Stellungen mit 2/5-Divergenz (vgl. Blatt, S. 1013), in denen man die Aufeinanderfolge der Blätter meist leicht aus der Reihenfolge ermitteln kann, in der diese sich von außen nach innen decken. Die Zahlen- und Stellungsverhältnisse der Blütenteile pflegt man durch eine schematische Zeichnung wiederzugeben, welche den projektivischen Grundriß der Blüte darstellt, das sogen. Diagramm der Blüte. Die bestehenden Figuren 2 und 3 stellen den Grundriß einer Blüte mit lauter dreizähligen und den einer andern mit fünfgliederigen Blattkreisen dar.
Wenngleich die Dreizahl unter den Monokotyledonen und die Fünfzahl unter den Dikotyledonen, wenigstens in den Blütendecken, weit verbreitet ist, so gibt es doch in beiden Abteilungen auch zahlreiche Gewächse mit andern Zahlenverhältnissen. In einigen Fällen treten auch die Blütenhüllblätter in viel größerer Anzahl auf, z. B. bei Calycanthus, Cactus, Nymphaea; dann pflegen sie in einer fortlaufenden, freilich sehr seicht aufsteigenden Spirale angeordnet zu sein. In der Blüte von Calycanthus sind sogar sämtliche Blätter in eine fortlaufende Spirale gestellt, so daß die verschiedenartigen Blätter keine abgesonderten Kreise bilden. Eine derartige Blüte heißt acyklisch, eine aus Quirlen zusammengesetzte dagegen cyklisch, und eine aus Spiralen und Quirlen gemischte hemicyklisch.
Da in dem Diagramm die wesentlichen Beziehungen der Blütenteile zu einander auf übersichtliche Weise ausgedrückt werden, so benutzt man es in der systematischen Botanik zur vergleichenden Charakteristik der Pflanzenfamilien. Häufig treten in den Diagrammen verschiedener Pflanzengruppen [* 10] Verwandtschaftsanalogien auf, welche eine morphologische Erklärung gestatten. Vergleicht man z. B. das Diagramm einer Orchisblüte mit dem einer Liliacee, so findet man bei jener von den sechs in zwei dreigliederigen Kreisen [* 5] (Fig. 3) stehenden Staubgefäßen der typischen Monokotylenblüte nur ein einziges, nämlich das vordere des äußern Kreises, ausgebildet, während an der Stelle zweier nach vorn liegender Staubgefäße des innern Kreises zwei Staubgefäßrudimente (staminodia) sich vorfinden und alle übrigen Staubgefäße fehlschlagen. Ein auf derartige Verhältnisse Bezug nehmendes Diagramm nennt man ein theoretisches, während man durch das empirische Diagramm nur das thatsächlich Beobachtete wiedergibt. Sehr wichtig werden die Diagramme [* 11] auch dadurch, daß sie die Stellung der Blütenteile zu den ihnen vorausgehenden Deck- und Vorblättern, den sogen. Einsatz der Blüte, auszudrücken gestatten.
Vgl. Eichler, Blütendiagramme (Leipz. 1875-78, 2 Tle.).
Die einzelnen Teile der Blüte.
Bemerkenswerte Eigentümlichkeiten im Bau der Blüte werden auch durch die verschiedene Form der Blütenachse hervorgebracht. Entweder ist dieselbe ungefähr cylindrisch, wenn auch sehr kurz, und dann befinden sich die Ansatzstellen der einzelnen Blattkreise gerade übereinander, Kelch-, Blumenblätter und Staubgefäße entspringen unterhalb des von den Fruchtblättern ge-
[* 5] ^[Abb.: Fig. 2.
Fig. 3. Diagramme von Blüten.]
[* 5] ^[Abb.: Fig. 4.
Fig. 5.
Fig. 6. Hypogyne, perigyne, epigyne Stellung der Kelch-, Blumenblätter und Staubgefäße.] ¶
mehr
bildeten Pistills (s. unten) und werden in Bezug hierauf hypogyn genannt [* 12] (Fig. 4, S. 65). Oder die Blütenachse ist unterhalb der Ansatzstelle der Fruchtblätter ringsum zu einer flachen bis becher- oder krugförmigen Verbreiterung ausgewachsen, auf deren Rande dann erst die Kelch-, Blumenblätter und Staubgefäße entspringen, daher man diese Stellung perigyn nennt [* 12] (Fig. 5, S. 65). Endlich kann die ganze Blütenachse becherförmige Gestalt annehmen, so daß auch die Fruchtblätter am Rande derselben entspringen. In diesem Fall schließen sich die letztern oberhalb des von der becherförmigen Achse gebildeten Raums zusammen, und der letztere ist dann die sonst von den Fruchtblättern allein gebildete Höhlung, welche die Samenknospen birgt und Fruchtknoten genannt wird [* 12] (Fig. 6, S. 65). Da hier also der Fruchtknoten unterhalb des Punktes liegt, an welchem die Blütenblätter entspringen, so nennt man diese Stellung epigyn.
Die Blütenhülle (perigonium s. perianthium) besitzt in ihrer vollkommensten Form blumenartige Beschaffenheit, wie bei der Tulpe, Lilie etc. In diesem Fall sind die Blätter beider Kreise einander gleichgestaltet oder verschieden, wie z. B. bei der Schwertlilie. Kelchartige Beschaffenheit hat die Blütenhülle z. B. bei den Juncus- und Luzula-Arten, bei Brennesseln, bei der Ulme u. a. Nur als kleine, wenig gefärbte Schüppchen erscheint sie bei der Erle, Eiche, Rotbuche etc. und in ähnlicher unvollkommene Form bei den Gräsern.
Die Blüten der letztern sind zwischen zwei Hochblättern, den sogen. Blütenspelzen, eingeschlossen [* 12] (Fig. 7 b und b'); die Blütenhülle wird erst in Gestalt zweier sehr kleiner Schüppchen sichtbar, wenn man die vordere Blütenspelze entfernt hat [* 12] (Fig. 8, e e). Noch unvollkommener stellt sich die Blütenhülle dar bei den Arten der Gattung Scirpus, wo sie in Gestalt kleiner, gezähnelter Borsten austritt [* 12] (Fig. 9). Bisweilen sind die Blätter des Perigons untereinander in ein Ganzes verwachsen, so daß nur ein mehr oder weniger großes Stück ihres obern Teils frei bleibt. Solche Blütenhüllen, wie sie z. B. bei der Hyazinthe, bei Daphne, bei der Ulme [* 12] (Fig. 10) vorkommen, heißen verwachsenblätterig, in der ältern Botanik auch einblätterig (perigonium gamophyllum s. monophyllum).
Der Kelch (calyx) ist grün oder anders gefärbt, wie bei vielen Ranunkulaceen, wo die Blumenblätter fehlen oder eine andre Ausbildung erhalten, und bei Fuchsia. Die Kelchblätter sind bald von ansehnlicher Größe, meist ganz, seltener fiederförmg geteilt, bald treten sie in ihrer Ausbildung sehr zurück, stellen sehr kleine Zähnchen dar oder fehlen ganz, wie bei den Umbelliferen [* 13] und den Kompositen, [* 14] in welch letzterer Familie gewöhnlich ein andres Gebilde an ihrer Stelle steht, die sogen. Haarkrone oder der Pappus (s. d.), der erst an der reisenden Frucht seine völlige Ausbildung erreicht und als metamorphosierter Kelch erscheint.
Auch die Kelchblätter sind häufig miteinander verwachsen und bilden einen verwachsenblätterigen Kelch (calyx monophyllus s. gamophyllus), der dann je nach der Länge der freien Enden der Blätter und nach der Zahl derselben zwei- bis vielzähnig, -spaltig, -teilig (calyx bi-, multidentatus, -fidus, -partitus) genannt wird. Beispiele für diese Formen des Kelchs bieten die Nelken und verwandten Gattungen, die Lippenblütler, die Schmetterlingsblütler. Eine eigentümliche Bildung ist der Außen- oder Hüllkelch (epicalyx, s. d.), d. h. ein unmittelbar unter dem Kelch stehender zweiter Kreis kelchartiger Blättchen. In der Regel hat der Kelch eine längere Dauer als die Blume, er ist sogar oft an der Frucht noch vorhanden, ja bisweilen an derselben größer geworden; auch das Perigon zeigt vielfach ein ähnliches Verhalten (vgl. Frucht). Dagegen fällt der Kelch gleichzeitig mit den Blumenblättern nach dem Verblühen ab bei den Kreuzblütlern und schon beim Aufblühen, also vor dem Abfallen der Blumenblätter, beim Mohn.
Die Blume oder Krone (
corolla) ist meist vom Kelch durch ansehnlichere Größe, lebhafte Färbung, zarthäutige Beschaffenheit
und raschere Vergänglichkeit unterschieden. Wenn die Blumenblätter nicht verwachsen sind, so unterscheidet man ihren untern
mehr oder weniger langen, schmalen Teil als den Nagel (unguis) von dem obern brettern, der Platte (lamina,
[* 12]
Fig. 11). Die Platte tritt wieder in verschiedenen Formen auf, und ihr Rand ist entweder ganz, oder gezahnt, oder sogar mehr
oder weniger tief zerschlitzt, wie bei vielen nelkenartigen Gewächsen
[* 12]
(Fig. 11), oder auch tief zweiteilig, wie bei Stellaria.
Zwischen Nagel und Platte steht bisweilen aus der Oberseite des Blumenblattes ein schuppenartiges, häutiges
Anhängsel, die sogen. Ligula, z. B. bei Arten der Gattungen Silene
[* 15] und Lychnis. Seltener haben die Blumenblätter eine unvollkommene
Ausbildung, z. B. als schwach oder nur grünlich gefärbte, an Größe hinter den Kelchblätter zurückstehende, schuppenartige
Blättchen bei Arten der Gattungen Ribes und Rhamnus. Sehr häufig sind die Blumenblätter untereinander verwachsen,
und es entsteht so die verwachsenblätterige Blume (
corolla gamopetala s. monopetala) oder Blumenkrone, die für die ganze
Abteilung der Gamopetalen charakteristisch ist. Das untere, aus den verwachsenen Teilen der Blumenblätter bestehende Stück
derselben wird die Röhre (tubus), das obere, mehr oder minder ausgebreitete, aus den freien Teilen bestehende
Stück der Saum (limbus), die Übergangsstelle zwischen beiden Schlund (faux) genannt. Je nach der Form, den diese beiden Teile
haben, heißt die Blumenkrone trichterförmig
¶