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"Seid mutig!"
Das Leben fordert uns heraus: Was studieren? Wie mit Rückschlägen umgehen? Wie auf Sexismus reagieren? ETH-Rektorin Sarah Springman rät: Seid mutig, setzt auf Humor und übernehmt Verantwortung.
24.10.2018
Anna Sutter. Bild: Wissenschafts-Olympiade
Als ich von der Olympiade hörte, dachte ich mir: Das ist eine schöne Gelegenheit, einen Text zu schreiben. Die Sprache und die Frage, wie man die eigenen Gedanken ausdrücken kann, sind ja sehr eng mit der Philosophie verbunden. Der Wettkampfgedanke ist für mich bis zum Schluss zwiespältig geblieben. Weil die Beurteilung des Essays, das man beim Wettbewerb schreibt, immer etwas Subjektives hat, auch wenn es Beurteilungskriterien gibt.
Ich argumentierte damals, dass Toleranz toxisch sein kann in gewissen Machtkonstellationen. Nämlich dann, wenn die Unterdrückten den Unterdrückern gegenüber tolerant sind. Denn Toleranz bedeutet ja eigentlich Duldsamkeit, ein Ertragen eines Zustands, den man nicht gutheisst. Das Zitat vom Neomarxist Herbert Marcuse spielt darauf an, dass das Konzept, wie es heute verstanden wird, im Westen so viel Verbreitung fand, weil es eine effiziente Methode darstellt, bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Schichten ruhig zu stellen.
Ja, genau, diesen Aspekt würde ich meinem Essay heute vertiefter behandeln. Man könnte sich zum Beispiel fragen, ob Toleranz alleine reicht. Oder ob wir eher einen Zustand anstreben müssten, wo wir die "Anderen" nicht nur ertragen. Sondern, wo wir auf sie zugehen, Gespräche führen, streiten und Konflikte konkret und friedlich austragen. Ich glaube, dass die Idee der Toleranz zu einer segregierten Gesellschaft führen kann, zu einem Leben, in dem man isoliert ist mit sich und seinesgleichen.
Ja, tatsächlich. Einer meiner heute engsten Freunde habe ich damals kennengelernt. Er lebt in der Türkei, wir haben seither viel diskutiert und diesen Sommer habe ich ihn am Ende meiner Reise durch Bosnien, Montenegro, Albanien und Griechenland in Instanbul besucht.
An der Philosophie-Olympiade treffen sich Gleichgesinnte aus 45 Ländern. Bild: Internationale Philosophie-Olympiade 2017
Beide Aspekte haben mein Interesse an der Studienrichtung vertieft, der Entscheid kam aber schon vorher. Ich dachte mir, es könnte spannend sein, anstelle eines Zwischenjahrs mit einem Studienfach zu beginnen, das ich vorher nicht wirklich in Betracht gezogen hatte. Ich habe ein im weitesten Sinn politisches Interesse daran, mehr über den Islam zu lernen, zudem fasziniert mich die mit der Religion verbundene Kulturgeschichte. So habe ich aus dem Bauch heraus entschieden, ohne langwierigen Überlegungen.
Ich tendiere immer mehr zu einem Ja. Ich bin eigentlich ein Kopfmensch, mache mir sehr ausführlich Gedanken zu Entscheidungen, versuche alle Faktoren in Betracht zu ziehen, wäge alles gegeneinander ab. Ich bin zum Schluss gekommen, dass dies nicht sehr hilfreich ist. Ein zu detailliertes Bild von allen potenziell negativen und positiven Seiten, die ja jedes Studienfach hat, macht es sehr schwierig, rational etwas zu wählen. Als Ausweg aus dieser Lage bleibt einem nur der Bauchentscheid. Ich denke, es ist ein falsches Bild, dass man Erfahrungen, bevor man sie tatsächlich macht, quantifizieren kann. Ich glaube, man muss sich zuerst ganz auf die Erfahrung einlassen, um sich ein Bild davon zu machen, ob dieses oder jenes Studium nun passt oder nicht.
Wie entscheide ich mich für ein Studium? Anna Sutter gibt im Video vier Empfehlungen. Video: Wissenschafts-Olympiade
Ich habe mich sehr gefreut. Und ich bin dankbar, denn das Stipendium von CHF 2000.- werde ich im ersten Bachelorjahr sehr gut nutzen können. Andererseits denke ich mir, dass es viele andere Studierende gibt, die talentiert sind und ihr Studium mit viel Elan aufnehmen, aber kein Anrecht auf den Preis haben, weil sie nicht bei einer Olympiade mitgemacht haben.
Ich habe die Hoffnung oder die Illusion, einmal vom literarischen Schreiben leben zu können, und über mein Studium vielleicht in den Journalismus zu finden, als zweites Standbein sozusagen − obwohl das wohl eine zu optimistische Formulierung ist (lacht). Ich habe mich ziemlich bewusst dafür entschieden, dass ich nicht genau weiss, wohin mein Weg führt. Deshalb versuche ich, mich mit grossem Fokus mit dem zu beschäftigen, was mich heute umgibt.
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