Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03181.jsonl.gz/2869

Hermeneutik,
(griech., von hermeneuein, »auslegen, dolmetschen«),
im allgemeinen
Theorie der Auslegekunst, d. h. die wissenschaftliche
Darstellung und Begründung der die Auffindung
und Reproduzierung des
Inhalts einer
Schrift,
Rede u. dgl. vermittelnden
Technik.
Biblische
Hermeneutik ist die
Theorie der Bibelauslegung,
also die spezielle Anwendung der allgemeinen
Hermeneutik auf die
Schriften des Alten und
Neuen
Testaments. Während
die
katholische Kirche von dem
Grundsatz ausgeht, daß die
Bibel,
[* 2] weil vom
Heiligen
Geist eingegeben, auch nur durch die vom
Heiligen
Geist regierten
Organe der
Kirche, d. h. in alter Zeit durch die
Kirchenväter, zu jeder Zeit aber durch die
Konzile und die in
Übereinstimmung damit lehrenden, rechtgläubigen
Lehrer unter oberster
Autorität des
Papstes, also »nach
der
Analogie des katholischen
Lehrbegriffs«, auszulegen sei, stellt der
Protestantismus den
Lehrsatz auf, die
Schrift sei fähig,
sich selbst auszulegen (semet ipsam interpretandi facultas), d. h. es ergebe sich aus ihren
klarsten
Stellen ein unverkennbarer und unfehlbarer
Maßstab
[* 3] für die
Auslegung auch der dunklern; s.
Analogie
(des
Glaubens).
Da man nun der Überzeugung lebte, jenen Typus in den Bekenntnisschriften zum Ausdruck gebracht zu haben, so lief dieser Auslegungskanon in der Praxis auf die Monopolisierung einer gänzlich in den Dienst der Rechtgläubigkeit getretenen Auslegungskunst hinaus. Das beste bei der Sache war noch, daß der Protestantismus der seit den Anfängen der kirchlichen Exegese üblich gewesenen Allegorik, woraus die mittelalterliche Scholastik sogar einen vierfachen Schriftsinn gemacht hatte, entgegengetreten und mit aller Bestimmtheit auf den Wortsinn (sensus literalis) als den einzigen Gegenstand der exegetischen Operation zurückgegangen war.
Hierdurch waren auch in den Jahrhunderten der dogmatisch befangenen Auslegung wenigstens die linguistischen, lexikalischen, grammatischen Studien innerhalb der Theologie lebendig geblieben, und es konnte, als mit der Zeit auch der historische Sinn wieder erwacht war, schon von J. A. Ernesti (»Institutio interpretis Novi Testamenti«, 1761) der alle großen Fortschritte der neuern Exegese bedingende Grundsatz der »grammatisch- (besser: philologisch-) historischen Auslegung« ausgesprochen und mit Klarheit durchgeführt werden. Es war zwar bezeichnend für die Zeit der theologischen Romantik und der sie beherrschenden Gemütsbedürfnisse, wenn später vielfach eine sogen. theologische Auslegung, als für die Bibel speziell in Betracht kommend, der philologisch-historischen Methode an die Seite gestellt oder übergeordnet werden sollte.
Aber neuerdings ist man von solchen der Pektoraltheologie gemachten Zugeständnissen schon vielfach wieder zurückgekommen, indem man als ihr berechtigtes Moment den psychologischen Faktor mit in die Aufgabe der historischen Auslegung aufnahm und anerkannte, daß es, wenn die grammatisch-historische Auslegung ihr Werk gethan hat, darauf ankomme, ihr Resultat in lebendige Beziehung zum religiösen Geistesleben der Gegenwart zu setzen, welches Geschäft alsdann der sogen. praktischen Auslegung anheimfällt.
Vgl.
Immer,
Hermeneutik des
Neuen
Testaments (Wittenb. 1873).
Dagegen gehen von der bezeichneten falschen Voraussetzung aus:
Lange,
Grundriß der biblischen
Hermeneutik (Heidelb. 1878), u.
Hofmann,
Biblische
Hermeneutik.
(Nördl. 1880).