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© Thunder Road Pictures
© Thunder Road Pictures
2014 war ein filmisches Jahr voller Action. Der Hobbit brachte seine Reise endlich zu Ende, zum vierten Mal kloppten sich die Transformers bis zur visuellen Besinnungslosigkeit und die Altstars der Expendables-Reihe ließen es wieder ordentlich krachen. Es war aber auch das Jahr des John Wick, dessen Budget, Werbekampagne und Spektakel-Faktor zwar nicht annähernd an die eben genannten Genre-Vertreter heranreichte, jedoch Action-Fans hoch erfreute, da es sich weder um den x-ten Aufguss einer Franchise handelte, noch um ein Remake oder eine Comic-Verfilmung. Nein, John Wick kam allein und überzeugte mit Stil, Atmosphäre und guten Ideen.
In der Drehbuchpraxis gibt es den Ausdruck des Catalyst (dt. Katalysator). Jener ist das Ereignis in der Story, welches den kompletten Ablauf eines Films erst einmal ins Rollen bringt. Peter Parker wird von der Spinne gebissen, Rocky bekommt die Chance auf den Kampf seines Lebens, Frodo findet den Ring. Was ist der Auslöser für den blutigen Feldzug des John Wick? Die Ermordung seines Hundes! Was auf den ersten Blick absurd scheint, bietet auf der emotionalen Ebene des Films wesentlich mehr. Es war nicht irgendein Hund, es war der Hund, den Wick von seiner erkrankten Frau kurz nach ihrem Tod bekommen hatte, samt herzzerreißender Notiz. Für einen Mann, der sich von seinem Gewerbe, dem professionellen Töten, abgewendet hat, war dies der Anker, der, wie er später selbst sagt, ihn noch einmal hat Hoffnung spüren lassen. Jetzt ist der Hund tot. Zu Tode getreten von einem arroganten Sohn eines mächtigen Gangsterbosses. Dieser muss seinen Sohn nun vor Wicks Rache beschützen. Er weiß nur allzu gut: John Wick ist nicht der schwarze Mann, er ist der den man ruft, um den schwarzen Mann kalt zu machen.
Man stelle sich vor: Wäre diese Story in den 80ern oder 90ern entstanden, wäre diese Handlung wohl ein Aufhänger für einen 08/15-Film dieser Zeit geworden. Mit wenig Tiefgang hätten Leute wie Stallone oder Schwarzenegger dumme One-Liner gezogen und der Streifen hätte eine coole Trailer-Stimme sagen lassen: „Sie haben seinen Hund getötet, nun will er Rache“. Nein, John Wick ist definitiv mehr als dieser Kram, den der Action-Fan zu häufig vorgesetzt bekommt. Die eben erwähnte emotionale Komponente funktioniert trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Einfachheit hervorragend.
Noch dazu wird dieser Film durch etwas anderes ausgezeichnet: Keanu Reeves. Über Reeves wurde schon viel gesagt: Er sei ein Mimikminimalist, er spiele oft zu resigniert oder sei einfach nur langweilig. Diese negativen Beschreibungen vergessen jedoch häufig etwas Wichtiges: Reeves bringt immer eine gewisse Schwere in seine Charaktere. Genau das funktioniert in diesem Film besonders gut. Seine Melancholie, seine spezielle Art, lassen John Wick nicht nur wie einen schießwütigen Killer wirken, sondern wie einen Mann, der gelitten hat, der noch immer leidet und der eigentlich nicht mehr zu dem zurückkehren wollte, was er einst war. In einem Satz zu Beginn des Films sagt Wick nach der Beerdigung seiner Frau, er hatte ein besseres Leben als er verdient hätte. Für solche Aspekte bringt Reeves Minimalismus genau die richtige Stimmung. Er ist einfach nicht der typische „Haudrauf“ Action-Star, das macht ihn besonders.
Aber auch die restliche Besetzung hebt den Film einfach über den Durchschnitt. Willem Dafoe glänzt in einer Nebenrolle als etwas ambivalenter „Kollege“ von Wick. Oberbösewicht ist Mikael Nyqvist aus der schwedischen Millenium-Trilogie. Ian McShane taucht zwar nur sporadisch auf, dominiert aber jede Minute seiner Auftritte. Alfie Allen aus Game of Thrones zieht als arroganter Gangster-Sohn seinen persönlichen Prinz Geoffrey ab. Zwischendurch zeigen sich noch Gesichter wie John Leguizamo und Adrianna Palecki. Ebenfalls großartig ist Lance Reddick als der Manager eines edlen Hotels für Berufskiller.
Das besagte Hotel ist eine der vielen Ideen, die dem Film eine weitere besondere Note verleihen. In der Welt von John Wick gibt es nicht nur Elite-Berufskiller, sondern eine ganze Untergrund-Gemeinschaft mit eigenem Kodex, eine kleine Welt für sich, die von Regisseur Chad Stahelski stilsicher und atmosphärisch inszeniert wird. Das Universum um John Wick zeigt er nicht als raues Umfeld, wo jeder Killer versucht härter als der andere zu sein, er setzt viel mehr auf das Image des eleganten Killers, dessen äußerer Eindruck nicht unbedingt plakativ Kampf- und Tötungsmaschine aussagt. Ein Händchen für gute Action-Szenen beweist Stahelski durchgehend. Keanu Reeves trägt mal wieder seine antrainierten Martial-Arts-Fertigkeiten zur Schau, die diesmal nicht so übertrieben inszeniert werden wie in der Matrix-Trilogie. Bevorzugt wird hier allerdings geschossen. John Wick besitzt einen wahnsinnig hohen Faktor an Ballerei, aber im Gegensatz zu vielen seiner Genre-Kollegen wird hier selten ein ermüdender Punkt erreicht.
Aber es kommt noch besser, wenn Stahelski auf die ein oder andere Idee kommt, die in dem sehr ernsten Szenario sogar einen Gag hergibt. Bestes Beispiel: Die Sequenz, in der Wick gerade schwer verletzt in seinem Hotelzimmer einen Kampf austragen muss, während der Hotelmanager versucht ihn telefonisch zu erreichen. Der Stimmungswechsel zwischen den hastigen Bildern von Wick im Kampf und der ruhigen Atmosphäre vom Manager am Telefon ist einfach so grotesk komisch, dass sich ein Schmunzeln trotz der Spannung nicht verkneifen lässt.
Nach all dem Lob kann der Tadel jedoch nicht ausbleiben. Der dritte Akt des Films gestaltet sich, trotz vieler guter Momente, ein wenig langatmig. Ein wenig Übertreibung darf an dieser Stelle ruhig unterstellt werden. Als Kampfmaschine Wick seinen letzten Kampf bestreitet, wird sich der kritische Zuschauer über seinen ebenbürtigen Gegner vielleicht wundern. Und natürlich kommt so ein Finale nicht ohne Regen aus.
Abgesehen davon bietet sich in jeder Hinsicht einer der besten Actionfilme der letzten Jahre. Definitiv eine Empfehlung für jeden Genre-Fan. Es bleibt abzuwarten, ob der zweite Teil (John Wick – Chapter 2, Kinostart 16.02.2017) die Formel wiederholt, es schlechter oder besser macht. Wer bis dahin mal genug hat von Superhelden, Robotern oder sonstigem Einheitsbrei, dem wird dieser John Wick wärmstens empfohlen.