Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/2153

Am 7. Dezember 1972 blickte Harrison Schmitt durch den Sucher seiner 70-Millimeter-Hasselblad-Kamera und drückte ab. Vor seiner Linse befand sich unser Heimatplanet, der in 29.000 Kilometern Entfernung als blaue Murmel im tiefschwarzen Nichts des Weltraums schwebte. Schmitt war zum Zeitpunkt dieser Momentaufnahme mit den Gedanken wahrscheinlich längst woanders. Er befand sich mit Apollo 17 auf dem Weg zum Mond, den er vier Tage später als bislang letzter Mensch betreten würde. Bislang, denn aktuell arbeitet die NASA mit dem Artemis-Programm an einer Rückkehr zum Mond. Spätestens 2028 soll es soweit sein, wenn die Technik und das Budget mitspielen. Mit seinem Schnappschuss aber traf Astronaut Schmitt den Zeitgeist. Kurz nach der Veröffentlichung wurde die als „Blue Marble“ berühmt gewordene Fotografie von der aufkeimenden Umweltbewegung aufgegriffen und ging als Symbol für die Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit des Planeten Erde um die Welt.
Bereits seit 1966 hatte der Umweltaktivist Steward Brand die NASA zur Veröffentlichung eines solchen Fotos gedrängt. An Universitäten verteilte er Buttons mit der Aufschrift „Why Haven’t We Seen A Photograph of the Whole Earth” um für seine Forderung zu werben. Gefragt, was diese Bilder ändern würden, antworte Brand, dass diese Fotos uns wie ein Spiegel zeigen würden, wo wir stehen und wer wir sind.
Blue Marble war nicht die erste Ansicht der Erde aus dem Weltraum. Bereits am Heiligen Abend 1968 war NASA-Astronaut William Anders ein ähnlich atemberaubender Schnappschuss gelungen. Dieser fasste den blauen Planeten im Kontrast zur unwirtlichen Kraterlandschaft des Monds ins Bild. „Earthrise“ landete dann auch auf dem Cover des von Brand herausgegebenen Whole Earth Catalog, jener Bibel der US-amerikanischen Gegenkultur, die von Steve Jobs als „Google im Paperback-Format“ gehuldigt wurde.
Die vielfältigen Effekte von „Earthrise“ und „Blue Marble“ auf unser Umweltbewusstsein wurden öfters hervorgehoben. Bereits 1970 bemerkte der Philosoph Günther Anders, dass „das entscheidende Ereignis der Raumflüge nicht in der Erreichung der fernen Regionen des Weltalls oder des fernen Mondgeländes besteht, sondern darin, daß die Erde zum ersten Mal die Chance hat, sich selbst zu sehen, sich selbst so zu begegnen, wie sich bisher nur der im Spiegel sich reflektierende Mensch hatte begegnen können“. Eine Beobachtung, die auch der Historiker Robert Poole teilt. 2008 diagnostizierte er in seinem Buch Earthrise: How Man First Saw Earth einen Wendepunkt, der unseren Fokus vom Sehnsuchtsort Weltraum zurück auf die Erde verschob und unsere Aufmerksamkeit auf die Herausforderungen vor unserer eigenen Haustür lenkte. Herausforderungen, die heute drängender sind als jemals zuvor.
Um Aussicht kämpfen
Weniger bekannt ist allerdings, dass es um ein Haar fast nicht zu diesen Fotografien gekommen wäre. Nicht weil die Astronauten zu langsam am Drücker waren, sondern weil die NASA-Ingenieure ursprünglich kein Fenster in die Raumkapseln einbauen wollten. Eine Entscheidung, die einen handfesten Konflikt mit den ersten Astronauten entfachte, die unbedingt nach einer Aussicht verlangten. In dieser Kontroverse spiegelt sich ein Wandel in der Beziehung zwischen Mensch und Maschine in der Raumkapsel, der aus Piloten zunächst Astronauten und schließlich Fotografen machte.
Als die 1958 in Leben gerufene National Aeronautics and Space Administration (kurz: NASA) das bemannte Raumfahrtprogramm „Mercury“ lancierte, war den Ingenieuren eines klar: Fliegen würde die Raumkapsel ein Autopilot und kein Astronaut. Mehr als zehn Jahre Forschung hatten ergeben, dass Menschen zu langsam und zu unzuverlässig waren, um mit den enormen Geschwindigkeiten und komplexen Kursberechnungen eines Raketenflugs mithalten zu können. Aus ihrer Sicht waren Astronauten lediglich Passagiere, die es sicher in den Weltraum und wieder zurück zur Erde zu bringen galt.
Die Integration eines Sichtfensters, wie in Überschall-Jets, war daher nicht nur überflüssig, sondern stellte auch ein zusätzliches Risiko für die Stabilität dieser ohnehin schon extrem gewagten Unternehmung dar. Um die Raumkapsel gegen die enormen Druck- und Hitzewirkungen während des Starts und Wiedereintritts in die Atmosphäre zu schützen, wollten sie jede zusätzliche Schwachstelle vermeiden. Eine gut gemeinte Absicht, die bei den auserkorenen Testpiloten allerdings auf erbitterten Widerstand stieß.
Nichtstun
Der Moment, als die designierten Mercury-Astronauten zum ersten Mal auf die fensterlose Raumkapsel trafen, wurde 1983 in dem Oskar-prämierten Film The Right Stuff reinszeniert. Die Szene zeigt das Unverständnis von Militärpiloten, die plötzlich ihrer Handlungsmacht als aktive Lenker ihres Schicksals beraubt wurden. Sie fürchteten von der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht länger als todesmutige Meister der Technik, sondern als Versuchskaninchen wahrgenommen zu werden. Um die Techniker unter Druck zu setzten, warfen sie ihr ganzes Gewicht als Medienlieblinge und Posterboys des American Dream in die Waagschale.
Wie Tom Wolfe in der gleichnamigen Romanvorlage des Hollywood-Epos darstellte, war die NASA gar nicht auf der Suche nach Draufgängern. „Was man brauchte“, so ein von Wolfe paraphrasierter Psychologe aus Princeton, „wäre ein Mann, dessen Hauptbegabung das Nichtstun unter Stress“ war. Denn für die Wissenschaftler und Ingenieure war die Raumkapsel ein vollautomatisiertes System, in dem „der Astronaut keinen Finger zu rühren brauchte“ – beziehungsweise durfte. Eine Aussage, die in den Ohren der auserkorenen Mercury-Kadetten einem Affront gleichkam.
Piloten, keine Dinosaurier
Bereits 1959 kam es zu lautstarkem Protest. Beim Jahrestreffen der ehrwürdigen Society of Experimental Test Pilots in Los Angeles schäumte der gerade erst in den Kreis der „Mercury Seven“ aufgenommene Donald „Deke“ Slayton vor Wut. „Ich kann es nicht ausstehen“, so der Air Force-Testpilot mit Kampferfahrung, „wenn jemand behauptet, dass die Piloten von heute keinen Platz im Zeitalter der Raumfahrt haben […], wenn das wahr wäre, könnte der Flugzeugführer von heute sich in wenigen Jahren zu den Dinosauriern zählen“.
Am Ende siegte der Bordcomputer. Mit ihrem vehementen Kampf um ein Sichtfenster waren die Astronauten allerdings erfolgreich. Ein symbolisches Zugeständnis, das ihnen half zumindest in der Medienöffentlichkeit das Gesicht als aktive Piloten zu wahren. Beim ersten sechzehnminütigen Suborbitalflug an der Grenze zum Weltraum am 5. Mai 1961 verfügte Alan Shepard in „Freedom 7“ noch über kein zentrales Sichtfenster. Aber als Vigil I. „Gus“ Grissom wenige Wochen später am 21. Juli des gleichen Jahres von der Erde abhob, hatten die Ingenieure seine „Liberty Bell 7“ endlich mit einem Fenster – und damit mit einem Ausblick – ausgestattet. Seitdem sind Fenster ein zentraler Bestandteil des Designs von Raumkapseln und Raumstationen, durch die Astronauten unsere Erde in den Blick nehmen können.
1,5 Millionen Fotos später
Für die Piloten boten die Fenster nicht nur Aussicht. Sie halfen ihnen maßgeblich, ihre neue Rolle als Astronauten zu finden. Um ihre Identität als Kampfpiloten beraubt und zum Nichtstun verdammt, mussten sie sich neu erfinden. Wie der Harvard-Historiker Matthew Hersch 2012 in seinem Buch Inventing the American Astronaut darstellt, verwandelten sie sich allmählich in Wissenschaftler im Weltraum. Sie führten Experimente durch, sammelten Daten und beobachteten. Und sie wurden begeisterte Fotografen.
Allein während der Mercury- und Gemini-Missionen produzierten sie mehr als 2.500 Aufnahmen von der Erde. Die Besatzungen von Apollo kehrten mit 11.000 Erd-Ansichten zurück. Und im Rahmen des Space-Shuttle-Programms entstanden 287.000 Ansichten von unserer Heimat. Insgesamt haben Astronauten bis heute etwa 1,5 Millionen Fotos von der Erde gemacht.
Ein Großteil davon entstand aus persönlicher Faszination und war nicht Teil der offiziellen „Crew Earth Observations“ (CEO) – einem Langzeitprojekt, das die Veränderungen der Erdoberfläche durch menschliche Einwirkung wie beispielsweise Urbanisierung oder natürliche Phänomene wie Hurricanes, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche dokumentiert und untersucht. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle, dass die Unterteilung der NASA in „anthropogene“ und „natürliche“ Veränderungen angesichts der weitreichenden Auswirkungen menschlicher Einflussnahme im Anthropozän etwas naiv erscheint.
Aber warum entwickelten die Astronauten dies fotografische Obsession von der Erde? Warum richten sie ihre Objektive nicht auf andere Himmelskörper und in die Weiten des Weltalls? Aktuelle Studien der NASA zum Verhalten und Wohlbefinden der ISS-Besatzungen legen nahe, dass die Raumfahrer das Fotografieren dazu nutzten, um mit der Heimat in Kontakt zu bleiben und Momente der gefühlten Einsamkeit zu meistern. Sie sind ebenso sehr Dokumente einer Selbsttherapie wie Zeugen der dramatischen Veränderungen auf der Erde.
Ausblick
Durch die Fenster von Raumschiffen wurden in den vergangenen sechzig Jahren ganz verschiedene Blicke geworfen. Sie zeigen einen Wandel des Typus Astronaut, der sich vom militärischen Kampfpiloten in einen beobachtenden Wissenschaftler verändert hat. Gegenwärtig entsteht ein neuer Typus: der des superreichen „Space Tourist“, der mit Hilfe der privaten Raumfahrtprogramme von Elon Musk (SpaceX), Jeff Bezos (Blue Origin) und Richard Branson (Virgin Galactic) zum Leben erweckt wurde.
Mit diesem neuen Typus verbinden sich auch ein neuer Blick und eine neue Form des Fotografierens im Orbit. Sie fügen das Weltraumerlebnis ein in die digitale Selbstinszenierung von Instagram und Co, für die schon lange exklusive Erlebnisse als ultimatives Statussymbol inszeniert und beeindruckende Natur als Kulisse persönlicher Eitelkeit ausgebeutet wird. Der Weltraumtourismus treibt diese Entwicklung nun auf die Spitze: „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und auch niemals so sehen wirst wie ich –, ist die Botschaft, die von den aktuellen Fotos aus dem Weltraum ausgeht.
Blue Origin wirbt damit, dass jeder „Passagier seinen eigenen Fensterplatz für einen nie dagewesenen Blick auf die Erde bekommt“, wobei die Fenster mehr als ein Drittel der Kapsel ausmachen. Virgin Galactic hat seine Passagierkabine mit siebzehn Fenstern und sechzehn festinstallierten Kameras ausgestattet, die pausenlos hochauflösende Bilder der Raumschiffbesatzung mit der Erde im Hintergrund erzeugen. So versorgen sie die Space Tourists mit ausreichend Material, das „von den ersten Instagram-Posts bis hin zu einem schön geschnittenen und historisch bedeutsamen persönlichen Film“ alles abdeckt. Ein großer Spiegel bietet den Gästen außerdem die Möglichkeit sich selbst im Glanz der „natürlichen Leuchtkraft der Erde“ zu beobachten.
Das Zeitalter des Weltraumtourismus ist gerade erst angebrochen. Es steht jedoch zu befürchten, dass diese neuen Möglichkeiten sich dramatisch auf unseren Blick und unser Verständnis von der Erde auswirken werden, auch wenn nur wenige an solchen Reisen teilnehmen können. Während im 20. Jahrhundert die Fotografien von US-amerikanischen Piloten und später von Forschern im Weltraum unsere Fantasie anregten, sind es heute die Ausblicke von superreichen Touristen, die unsere Imagination davon bebildern, wo wir stehen und wer wird sind.
Der Artikel spricht eine neue Realität an. Von wem wird in Zukunft der gesellschaftliche Diskurs bestimmt? Von Menschen, die die Welt nur noch über Medien und ihre Bilder wahrnehmen? Gegen über Menschen, die ihre Welterfahrung – Ausbeutung, Armut, Unterdrückung mit Widerstandsaktionen manifestieren? Wie weit gelingt denen noch ein Einfluss auf die herrschende Medien-Bilder-Welt? – Oder haben sie eine Chance, die Medien-Bilder-Welt mit ihren Aktionen/Bildern zu beeinflussen?