Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03129.jsonl.gz/1674

Das musst du wissen
- Ein Bericht des Weltbiodiversitätsrats zeigt, dass Tiere und Pflanzen in rasantem Tempo aussterben.
- Der bekannte Klimaforscher Robert Watson warnt im Interview: Das Artensterben und die Naturzerstörung werden teuer.
- Würden Bienen aussterben, verlöre die US-Landwirtschaft etwa 600 Milliarden Dollar pro Jahr, sagt Watson.
Sir Robert Watson, Sie tragen eine recht ungewöhnliche, farbenfrohe Krawatte.
Das ist eine Azteken-Krawatte. Ich trage gern Krawatten, die etwas mit Kulturen, Artenvielfalt oder Klimawandel zu tun haben.
Wieso ist Ihnen das wichtig?
Es macht mir einfach Spass. Und ich nutze Krawatten, um ein bisschen Humor in sehr ernsthafte Verhandlungen zu bringen. Zum Beispiel im Weltbiodiversitätsrat. Da geht es darum, dass sich über 130 Nationen auf mögliche Massnahmen einigen müssen, um die Artenvielfalt zu retten und natürliche Ressourcen zu erhalten. Wenn die Verhandlung gut läuft, dann trage ich eine Krawatte mit glücklichen Hühnern. Die sind glücklich, weil sie noch nicht zu Hühnerbraten geworden sind. Wenn die Verhandlung schlecht läuft, trage ich eine Krawatte mit Dodos, den ausgestorbenen Vögeln.
Sir Robert Watson
Der Umweltforscher Sir Robert Watson trat 2017 den Vorsitz des Weltbiodiversitätsrats an und hatte diesen bis Mai diesen Jahres inne. Der Weltbiodiversitätsrat – korrekt die «Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services» IPBES – ist ein unabhängiges zwischenstaatliches Gremium, das 2012 gegründet wurde. In seiner Amtszeit hatte Watson die Aufsicht über die Erstellung des «Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services», welcher unter anderem vor dem massiven Artensterben und Verlust der biologischen Vielfalt warnt.
Der 71-jährige Brite ist Chemiker, Klima- und Umweltforscher und Professor für Umweltwissenschaften an der University of East Anglia.
Von 1997 bis 2002 stand Watson dem Weltklimarat IPCC vor. Er erklärte damals, dass die Erderwärmung real sei. Daraufhin setzte sich der Ölkonzern ExxonMobil bei der damaligen US-Regierung unter Präsident Bush dafür ein, Watson nicht für eine zweite Amtszeit zu nominieren. Damals wurde Watson zwar nicht wiedergewählt, macht aber seitdem immer wieder öffentlich auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam.
Gegenüber higgs sagte er: «Wir werden das Pariser Klimaziel, die Erderwärmung auf 1.5 oder zwei Grad zu beschränken, nicht erreichen.» Selbst, wenn alle Regierungen, alle ihre derzeitigen Zusicherungen zu Klimazielen einhalten würden, so Watson, würde die Erde 3 bis 3.5 Grad wärmer werden. «Um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen, müssten Regierungen ihre Zusicherungen zum Kohlenstoffausstoss nochmals signifikant erhöhen. Und um ehrlich zu sein, schaffen sie nicht mal das, was sie derzeit zugesichert haben.»
Zuletzt ging es ums Artensterben. Eine Million von 8.1 Million Arten weltweit sind vom Aussterben bedroht, wie ihr Bericht zeigt. Weshalb?
Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass wir fast alle natürlichen Ökosysteme und Lebensräume in landwirtschaftliche Anbauflächen und Wald umgewandelt haben, meist mit Monokulturen. Zweitens beuten wir sowohl das Land als auch die Meere zu stark aus. Der dritte Grund ist der Klimawandel, der vierte die Umweltverschmutzung und der fünfte Grund sind invasive Arten.
Warum genau sind diese Veränderungen ein Problem?
Weil die Natur und die Biodiversität, also die biologische Vielfalt, für unser Wohlergehen wichtig sind. Die Natur liefert uns Nahrung, sauberes Wasser, Energie, Medizin. Das sind Dienstleistungen oder materielle Beiträge der Natur an uns. Ausserdem hilft die Natur, das Klima, die Verschmutzung, die Bestäubung durch Insekten, Überflutungen, Dürren, Schädlinge und Krankheiten unter Kontrolle zu halten. Und sie hat einen spirituellen Wert. Menschen lieben es, sich in der Natur aufzuhalten. Doch wir zerstören sie durch die Art und Weise, wie wir Lebensmittel, Holz, Textilien und Energie produzieren. Aber: Das Klima und die Natur zu zerstören, kostet Geld.
Wieviel Geld? Können Sie Zahlen nennen?
Wir haben es für die Bestäubung durch Insekten in den USA ausgerechnet: Würden Bienen und Schmetterlinge fehlen, um Nutzpflanzen zu bestäuben, dann würden die Landwirtschaftlichen Erträge um etwa 600 Milliarden US-Dollar pro Jahr weniger abwerfen. Es ist sehr schwer, die Kosten von Klimawandel, Verschmutzung, Überflutungen und Stürmen zu beziffern. Aber wenn wir zum Beispiel Mangrovenhaine an den Meeresküsten zerstören, dann zerstören Sturmfluten plötzlich die Dörfer vor Ort. Wir zahlen einen hohen Preis – auch wirtschaftlich.
Gut, das ist wohl für jeden nachvollziehbar. Trotzdem: Hier in der Schweiz spüren wir aber nichts davon.
Die Schweiz gehört wahrscheinlich zu denjenigen Ländern, denen es in dieser Hinsicht besser geht. Und es stimmt, wenn man in den Schweizer Bergen wandern geht, sieht man die grünen Hügel, die Kühe mit ihren Glocken, es sieht in der Tat gut aus. Aber in der Realität muss man sich nur mal die Wasserqualität anschauen. In den meisten europäischen Ländern sind die Flüsse und Gewässer verschmutzt. Zwar gibt es weniger Chemikalien aus Abwässern und Düngung als noch vor Jahrzehnten, aber die biologische Wasserqualität, also die Vielfalt der Organismen in den Gewässern, ist immer noch schlecht.
Warum wir laut Robert Watson das 1,5-Grad-Ziel verfehlen werden:
Können Tiere und Pflanzen sich nicht einfach an die veränderten Umweltbedingungen anpassen?
Ja, Arten können sich generell anpassen. Aber Tatsache ist, dass es die meisten Arten derzeit nicht schaffen, sich an den Klimawandel anzupassen. Dass wir diese eine Million Arten verlieren, ist nicht unvermeidbar – aber sie sind ganz klar bedroht.
Was muss passieren, um das zu verhindern?
Zum Beispiel müssen wir die perversen Subventionen in den Bereichen Landwirtschaft, Energie und Transport abschaffen. Denn diese sind verantwortlich sowohl für den Klimawandel als auch für den Verlust der Biodiversität.
Wir verschwenden 30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel.Sir Robert Watson
Ein Grund ist, wie sie sagen, die industrielle Landwirtschaft. Allerdings hat diese im Zuge der grünen Revolution Millionen von Menschen vor dem Hungertod bewahrt. Wenn wir die Landwirtschaft jetzt, bei steigendem Nahrungsbedarf, zurückfahren – werden die Menschen dann nicht hungern?
Wir könnten die Welt ohne weitere Extensivierung der Landwirtschaft ernähren. Wir verschwenden 30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel. In Entwicklungsländern gelangen Lebensmittel oft nicht mal auf den Markt, weil es keine guten Transport- oder Lagermöglichkeiten gibt. In Europa und Nordamerika servieren Restaurants zu viel Essen und schmeissen es dann weg. Viele von uns kaufen zu viel Essen und schmeissen es dann eine Woche später ebenfalls weg. Viele Bauern in Afrika produzieren nur eine Tonne Nahrung pro Hektar, obwohl sie mit ein bisschen mehr Wissen und Chemie leicht 3 bis 4 Tonnen herstellen könnten. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Nahrungsmittel, die wir brauchen, herstellen können, ohne die Umwelt zu beeinträchtigen.
Robert Watson über traditionelles Wissen und Gentechnologie:
Sind Sie für eine Art Natur-Abgabe ähnlich einer CO2-Steuer?
Nicht unbedingt. Wir könnten es auch umgekehrt machen und statt Steuern Anreize setzen, um nachhaltig zu leben. Und wir brauchen eine andere Führungsstruktur. Themen wie Klimawandel oder Biodiversität werden normalerweise durch Umweltministerien geregelt. Aber das sind eigentlich auch Probleme für die Energieministerien, die Abwasserämter, die Landwirtschaftsministerien, die Tourismusindustrie, die Finanzministerien und auch die Regierungschefs.
Kann der Einzelne überhaupt etwas tun?
Ja, Menschen können ihre Regierung in die Pflicht nehmen und sie zum Handeln auffordern. Sie können auch die Privatwirtschaft beeinflussen, indem sie nachhaltige und recyclebare Produkte fordern und kaufen. Und Einzelne sollten aufhören, Ressourcen zu verschwenden. Verschwendet kein Essen, kein Wasser, keine Energie, sondern nutzt es effizient! Jeder muss darüber nachdenken, was Lebensqualität bedeutet. Ist meine Lebensqualität besser, weil ich ein grösseres Haus habe, ein grösseres Auto fahre, mehr Ferien mache?
Für viele Menschen ist das so.
Ja. Aber viele Gewohnheiten sind auch schlecht für uns selber. Unsere Ernährungsgewohnheiten mit viel Fleisch zum Beispiel sind nicht unbedingt gut für uns. Ich sage nicht, dass jeder Veganer oder Vegetarier sein muss. Eine ausgewogenere Ernährung ist aber sowohl gut für die eigene Gesundheit als auch für die Umwelt.
Wer die Welt retten will, sollte also Diät halten?
Ja, das könnte man sagen. In der Tat gibt es Leute, die aus einer moralischen Überzeugung heraus Veganer oder Vegetarier werden. Nicht nur wegen der Tiere, die gegessen werden, sondern auch, weil es schlecht für die Umwelt ist.
Und was tun Sie ganz persönlich gegen den Klimawandel und für die biologische Vielfalt?
Ich kann sicherlich mehr tun. Ich könnte in einem kleineren Haus leben, obwohl mein jetziges schon kleiner ist als mein früheres. Ich könnte ein effizienteres Auto fahren. Aber ich habe meinen Fleischverzehr eingeschränkt, ich habe eine ausgewogenere Ernährung. Und ich passe sehr darauf auf, dass der Fisch, den ich esse, nachhaltig gefangen wurde und ich keine bedrohten Arten esse. In Europa versuche ich den Zug, statt das Flugzeug zu nutzen. Von London nehme ich oft den Eurostar. Ich drehe den Wasserhahn ab und dusche nur kurz. Das könnten alle tun, statt ein Vollbad zu nehmen.
Aber ein Vollbad ist sehr angenehm, es macht das Leben schöner.
Ja und einige Menschen lieben es. Und die Person, die es liebt, tut dann vielleicht etwas anderes, um die Umwelt zu bewahren. Denkt darüber nach, was ihr tut. Über die kleinen Dinge. Denn viele kleine Schritte ergeben ein grosses Ganzes.