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Das Projekt
Das Projekt Zwischen Sachpolitik und Internationalismus: Die trotzkistische Bewegung der Schweiz 1945-1969 widmet sich der trotzkistischen Bewegung in der Schweiz mit Fokus auf die 1950er und 1960er Jahre und möchte als zentrale Aspekte deren transnationale Dimensionen und ihren Einfluss auf soziale Bewegungen untersuchen. In der Erforschung des Trotzkismus in der Schweiz klafft für diese Periode nämlich eine erhebliche Lücke; die Jahre zwischen 1949 und 1969 sind erst in sehr groben Umrissen skizziert worden. Der Einfluss der trotzkistischen Bewegung auf die Schweizer Politik und die Arbeiterbewegung ist aber gerade auch in diesem Zeitraum nicht zu unterschätzen. So haben Trotzkisten immer wieder auf die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften eingewirkt und auch innerhalb der politischen Institutionen für ihre Ziele gekämpft. Trotzkisten waren zum Beispiel an der ersten Initiative gegen die atomare Bewaffnung der Schweiz von 1962 wesentlich beteiligt. Diese durchaus radikal formulierte Initiative wurde abgelehnt und 1963 von der SP in abgeschwächter Form erneut zur Abstimmung gebracht. Damit bewiesen die Trotzkisten zum wiederholten Male, dass sie in der Lage waren, politisch weitgehend unbeachtete Themen auf die Agenda zu setzen und Kritik dort anzubringen, wo es niemand sonst tat. So übten sie in Zeiten der allgemein akzeptierten politischen Konkordanz und des auf alle Branchen ausgeweiteten Arbeitsfriedens an beiden Übereinkommen Kritik und griffen damit den politischen und sozialen Konsens an.
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Damit ist auch bereits angedeutet, dass die Untersuchung des Trotzkismus der 1950er und 1960er Jahre nicht bloss signifikant ist zum Verständnis des Linksradikalismus aus transnationaler Perspektive. Das daraus resultierende verbesserte Verständnis der radikalen Linken vor 1968 wird wichtige Anstösse zur Geschichte der Schweiz im Kalten Krieg und der Entwicklung der Schweizer Politiklandschaft, hier insbesondere der Sozialdemokratie, liefern können. Darüber hinaus hilft die Erforschung der politischen Vorläufer der sozialen Bewegungen ab 1968 dem Verständnis derselben. Möglicherweise kann sogar gesagt werden, dass die eklatante Lücke in der Erforschung ebendieser Vorläufer bis heute den Mythos 68 überhaupt erst ermöglicht hat und dass ein verbesserter Einblick in die Zusammenhänge und politischen Organisationen der Zeit vor 1968 den paradigmatisch gewordenen Bruch relativieren kann.
Mit einer sozial-, geschlechter- und wissenshistorisch fundierten quellenkritischen Untersuchung von Archivbeständen im Schweizerischen Sozialarchiv und neuer Übernahmen von wichtigen Nachlässen im Archiv für Zeitgeschichte zum einen, mit Zeitzeugeninterviews mit Schweizer Trotzkisten in fortgeschrittenem Alter zum anderen soll das hier skizzierte Problemfeld methodisch erschlossen werden. Das verwirrende Personen- und Organisationsgeflecht, das von der bisherigen Literatur zumeist nur auf Basis der öffentlichen Druckquellen erschlossen werden konnte, soll kritisch erweitert und sozial-, geschlechter- und alltagshistorisch reflektiert werden und in die transnationalen Bezüge eingebettet werden. Damit wird gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zur Erschliessung und Sicherung von schriftlichen und mündlichen Quellenbeständen zur Geschichte des Trotzkismus und der sozialen Bewegungen in der Schweiz geleistet. Zudem ermöglicht die Anlage dieses Forschungsprojekts, sich im sehr dynamischen Feld der Verflechtungsgeschichte der Schweiz zu profilieren und der Arbeiterbewegungsgeschichte neue Impulse zu verleihen. Die komplexen Subjektivierungs- und Sinnstiftungsprozesse zwischen dem Privaten und dem Politischen werden dabei besondere Aufmerksamkeit erfahren.
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Zur Person
Lucas Federer ist in Arbon (TG) aufgewachsen und hat ab 2009 in Zürich Geschichte, Soziologie und Gymnasialpädagogik studiert. Seit dem Sommer 2016 schreibt er im Rahmen des hier vorgestellten Projekts an seiner Dissertation im Fach Geschichte bei Prof. Dr. Monika Dommann.
Durch eine Angliederung von Lucas Federer an das Doktoratsprogramm des Zentrums Geschichte des Wissens der ETH und der UZH sollen nicht nur auf sozial- und politikgeschichtliche Ansätze, sondern auch auf wissenshistorische Überlegungen in das Projekt einfliessen. Vereint mit seinem seit lange währenden Interesse für die politischen Dimensionen von sozialen Bewegungen und die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung sind damit vielfältige Voraussetzungen vorhanden, die Geschichte des Schweizer Trotzkismus vor 1968 neu und teilweise erstmalig zu beleuchten.
Trotzkismus in der Schweiz bis 1969
Der Trotzkismus ist eine bemerkenswerte Erscheinung in der Geschichte kommunistischer Strömungen des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz etwa zum (post)stalinistischen Sowjetkommunismus oder den Kommunismen maoistischer Prägung konnte er nie aus der Position einer Staatsmacht heraus agieren, spielte jedoch als Strömung der radikalen Linken in vielen Ländern eine zentrale Rolle. Sein Namensgeber, der russische Revolutionär und bolschewikische Staatsmann Leo Trotzki, überwarf sich nach dem Tod Lenins mit Stalin, wobei die Einschätzung der Weltlage zu den zentralen Differenzen gehörte: während Letzterer an die Möglichkeit des Sozialismus in der Sowjetunion unabhängig von der revolutionären Entwicklung im Ausland glaubte, sah Trotzki das Schicksal des Landes eng verknüpft mit der internationalen Revolution. Die trotzkistische Bewegung in der Sowjetunion wurde rasch ins Abseits gedrängt, ihre Anhänger im Großen Terror vernichtet – im Ausland jedoch konnte der 1929 exilierte Trotzki bis zu seiner Ermordung 1940 eine rege politische Tätigkeit entfalten und inter- nationale Anhänger mobilisieren, mit denen er 1938 die Vierte Internationale gründete. Trotzkistische Gruppen spielten nicht nur im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle, sondern entwickelten sich auch in vielen Gesellschaften der Nachkriegszeit, etwa in Grossbritannien oder in Frankreich, zu einer wichtigen Kraft innerhalb der äußeren Linken und übernahmen darin zeitweise die Führungsrolle. 1
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Damit ist auch das wissenschaftliche Interesse am Trotzkismus bereits angedeutet. Für die Politik-Landschaft der Schweiz spielten die Trotzkisten in ihrer eigenständigen Organisierung immer nur eine marginale Rolle. In ihrem Einfluss auf die Sozialdemokratie, ihrer Opposition gegenüber den offiziellen kommunistischen Parteien und ihrer teilweise massgeblichen Betei- ligung an den sozialen Bewegungen ab 1968 müssen sie hingegen Eingang finden in politik- historische Betrachtungen der letzten Jahrzehnte. Zudem brachten die Schweizer Trotzkisten in der Nachkriegszeit wiederholt sozialpolitische Abstimmungsinitiativen, etwa zum Mindestlohn, auf den Weg, die zwar letztendlich nie von Erfolg gekrönt waren, jedoch regional beachtliche Stimmerfolge verbuchen konnten.
Die Schweizer Trotzkisten machten jedoch nicht an den Grenzen der Innenpolitik halt. Der Trotzkismus war eine inhärent transnationale Bewegung. Hervorgegangen aus dem „Urkonflikt“ zwischen Trotzki („Weltrevolution“) und Stalin („Sozialismus in einem Land“), gehörte die Wahrnehmung des politischen Kampfes als notwendigerweise weltumspannend zu seinen Grundprämissen. Der Trotzkismus bezog innerhalb der radikalen Linken seine Hauptlegitimation daraus, dass er zuallererst „internationalistisch“ dachte – aber sich auch entsprechend organisierte und handelte. Die Konfliktlinien des internationalen Trotzkismus und seiner nati- onalen Strömungen verliefen zumeist entlang weltpolitischer Angelegenheiten – sei es um die „richtige“ Einschätzung der (post-)stalinistischen Sowjetunion, sei es um die Befürwortung oder Ablehnung von Titos Alleingang in Jugoslawien.2 Doch auch die Bewegungen und Konflikte im globalen Süden spielten für Nachkriegstrotzkisten eine entscheidende Rolle, wobei die trotzkistische Bewegung der „3.-Welt-Solidarität“ der Neuen Linken in vielfacher Weise vorgriff.3 So übten europäische Trotzkisten praktische Solidarität bereits im Indochina-Krieg, im Algerienkrieg und in den lateinamerika- nischen Befreiungsbewegungen (Lanuque 1995/2002, Bensaïd 2013). Exponenten des Schweizer Trotzkismus taten sich als politische Aktivisten jenseits der europäischen Rahmen hervor – etwa durch öffentlichkeitswirksame Solidaritätsaktionen für die algerische Befreiungsbewegung oder, im Falle Heinrich Buchbinders, als federführender Teilnehmer der antiatomaren „Accra Assembly“ in Ghana 1962. Schweizer Trotzkisten brachten durch ihren Aktivismus oftmals globalpolitische Anliegen, die von anderen politischen Kräften ignoriert wurden, in den schweizerischen politischen Diskurs. Folglich ist ihre Erforschung auch ein Beitrag zur globalen Verflechtungsgeschichte der Schweiz durch das Prisma von linkem Aktivismus (Schweizerische Gesellschaft für Geschichte 2014).
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- Bartsch, Günter: Trotzkismus als eigentlicher Sowjetkommunismus? Die IV. Internationale und ihre Konkurrenzverbände, Bd. 98, Berlin 1977 (Internationale Bibliothek); Kellner, Manuel: Trotzkismus. Eine Einführung in seine Grundlagen – Fragen nach seiner Zukunft, Stuttgart 2013 (Theorie.org). ↵
- Kellner, Manuel: Trotzkismus. Eine Einführung in seine Grundlagen – Fragen nach seiner Zukunft, Stuttgart 2013 (Theorie.org). ↵
- Kalt, Monika: Tiersmondismus in der Schweiz der 1960er und 1970er Jahre. Von der Barmherzigkeit zur Solidarität, Bern 2010. ↵