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aus dem Buch "The Big Five for Life"
von John Strelecky
Ich ging auf ihn zu und streckte ihm meine Hand entgegen.
"Guten Morgen, ich heisse Joe."
Er gab mir die Hand. "Guten Morgen, Joe. Mein Name ist Thomas."
"Es klingt vielleicht etwas seltsam, Thomas, aber letzte Woche, um genau zu sein, am letzten Montag, haben Sie mich da etwas für ein Museum gefragt?"
Er schmunzelte. "Das stimmt. Ich habe Sie gefragt, ob es ein guter Museumstag sei."
Ich nickte. "Ich muss zugeben, dass ich nach wie vor keine Ahnung habe, wie Sie das meinten. Aber trotzdem ist mir Ihre Frage die letzten sieben Tage ständig im Kopf herumgegangen. Na ja, zumindest an fünf von den sieben Tagen. Die letzten zwei Tage kreisten eher ein paar Martinis in meinem Kopf herum. Was meinten Sie denn nun mit dem Museumstag?"
Thomas lächelte wieder. "Die Geschichte ist etwas ungewöhnlich, Joe. Sind Sie sicher, dass sie Sie interessiert?"
"Ganz sicher", antwortete ich, als unser Zug auf dem Gleis infuhr und die Türen sich öffneten.
Ich sah Sonja an. "Aus irgendeinem Grund war ich wirklich sehr neugierig. Es war äusserst seltsam. Jeden Tag begegnete ich bei meiner Arbeit und privat einer Menge Leute, und meistens waren die Gespräche nicht sehr spannend. Häufig tat ich nur so, als würde mich etwas interessieren, aber dieses Mal war es wirklcih so.
Ich fuhr an diesem Tag mit einem früheren Zug zur Arbeit, weil er weniger voll war als die späteren Züge. Wenn man sich 30 Minuten lang mit lauter fremden Menschen in einen kleinen Container hineinzwängen muss, fängt der Tag schon verkehrt an.
An diesem Morgen waren etwas weniger Menschen in dem Zug als sonst, sodass Thomas und ich uns sogar nebeneinander setzen konnten. Er begann unser Gespräch mit einer Frage.
"Joe, wissen Sie, wie lange die meisten Menschen leben?"
Ich zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung, vielleicht 70 Jahre oder 80", antwortete ich.
"Sie sind nah dran", sagte er. "Im Durchschnitt leben die Menschen in den USA ungefähr 28 200 Tage beziehungsweise rund 77 Jahre. Manchmal sind es mehr und manchmal sind es weniger, aber statistisch gesehen sind es circa 28 200 Tage."
Seine Antwort überraschte mich. "Ich habe noch nie über die Anzahl der Tage nachgedacht", sagte ich. "Aus irgendeinem Grund kommt es mir so kürzer vor, als wenn man an die Jahre denkt."
"Ja, so ist es", sagte Thomas. "Es wirkt realer."
"Gut", sagte ich, "ein Leben dauert also im Durchschnitt 28 200 Tage. Was hat das mit einem Museumstag zu tun?"
"Waren Sie schon einmal in einem Museum, Joe? Sind Sie je durch die Säle geschlendert und haben sich alte Fotos angesehen? Aufnahmen von Menschen bei der Arbeit oder in einer Militäruniform, vielleicht einige Familienfotos oder witzige Schnappschüsse mit Freunden?"
Ich nickte. "Natürlich."
"Als ich einmal eine Konferenz in Orlando in Florida besuchte, fuhr ich ein bisschen herum und entdeckte ein kleines hisotrisches Museum in einem Ort namens Winter Garden. Das ganze Museum hatte wahrscheinlich nicht mehr als 100 Quadratmeter, aber es war voller Bilder von Leuten, die etwas mit der Stadt zu tun hatten. Ausserdem konnte man zahlreiche Geschichten über diese Menschen nachlesen und die Ereignisse, die sich in den letzten 150 Jahren in der Stadt zugetragen hatten. Als ich durch das Museum schlenderte, schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf. Was wäre, wenn jeder Tag unseres Lebens katalogisiert würde? Unsere Gefühle, die Menschen, mit denen wir zu tun haben, die Dinge, mit denen wir unsere Zeit verbringen? Und wenn am Ende unseres Lebens ein Museum errichtet würde, in dem genau zu sehen wäre, wie wir unser Leben verbracht haben?"
Ich sah Thomas fragend an.
"Stellen Sie sich einmal Folgendes vor, Joe: Wenn wir 80 Prozent unserer Zeit mit einem Job verbrächten, der uns nicht gefällt, dann wären auch 80 Prozent des Museums genau damit gefüllt. Man würde Bilder und Zitate sowie kurze Videofilme sehen, die Szenen verschiedener unglücklicher Momente zeigen. Wenn wir zu 90 Prozent der Menschen, mit denen wir zu tun haben, freundlich wären, würde man genau das in dem Museum zeigen. Aber wenn wir ständig wütend und ungehalten wären oder 90 Prozent der Menschen in unserem Umfeld anschreien würden, könnte man auch das sehen. Alles wäre mit Fotos, kurzen Videoclips und Hörbeiträgen dokumentiert.
Wenn wir gerne in der Natur unterwegs wären, am liebsten viel Zeit mit unseren Kindern oder Freunden verbrächten, wenn wir das Leben gerne mit unserem Partner geniessen würden, aber alldem nur zwei Porzent unseres Lebens widmen würden, dann wären auch nur zwei Prozent unseres Museums damit gefüllt - so sehr wir uns auch etwas anderes wünschen würden. Wahrscheinlich gäbe es dazu nur ein paar eingerahmte Bilder am Ende eines langen Flurs zu sehen.
Stelle Sie sich vor, wie es wäre, am Ende unseres Lebens durch das Museum zu gehen. Die Videos zu sehen, die Tondokumente zu hören und die Bilder zu betrachten. Wie würden wir uns dabei fühlen? Wie würden wir uns fühlen, wenn wir wüssten, dass uns das Museum für immer und ewig so zeigen würde, wie man sich an uns erinnert? Alle Besucher würden uns genau so kennenlernen, wie wir tatsächlich waren. Die Erinnerung an uns würde nicht auf dem Leben basieren, das wir uns eigentlich erträumt hatten, sondern darauf, wie wir tatsächlich gelebt haben.
Stellen Sie sich vor, der Himmel oder das Jenseits oder wie auch immer wir uns das Leben nach dem Tod vorstellen, sähe so aus, dass wir auf ewig als Führer in unserem eigenen Museum unterwegs wären." Thomas machte eine kurze Pause. "Daher habe ich Sie letzten Montag gefragt, ob es sich um einen guten Museumstag handelte."