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In Holland verlief die Reformation anders als bei uns
Vor kurzem verbrachte unsere Kirchgemeinde den gemeinsamen Urlaub in Holland. Pfarrerin Esther Marchlewitz war es ein grosses Anliegen, den Mitgliedern die Kirche ihrer Heimat vorzustellen und näher zu bringen, denn sie wuchs nur wenige Kilometer von der holländischen Grenze auf.
* Text von Werner Nef *
Zur Zeit der Reformation waren die Holländer sogar beim einfachen Volk im Allgemeinen sehr gut gebildet. Trotzdem befassten sie sich erst viel später mit dem neuen Glauben als die Deutschen. Als Luther seine Thesen anschlug, war man in den Niederlanden eher den Täufern zugetan, als dem deutschen Poltermönch. Die Täuferbewegung wurde von Weggefährten Zwinglis in Zürich gegründet. Schnell breitete sich die radikale Glaubensauffassung über Süddeutschland gegen die Niederlande aus, wo sie auf fruchtbaren Boden zu fallen schien. Als der Widerstand gegen die Täufer in Europa immer grösserem Druck bis zum Verbot unterlag, gewann die Lehre Calvins an Bedeutung. Die Täuferbewegung breitete sich aber in Amerika unter den Amischen und Hutterer weiter aus und ist heute wieder auf der ganzen Welt in relativ kleinen Gemeinschaften anzutreffen.
Die verfolgten Täufer machten in Holland etwa 20 Prozent der Bevölkerung aus. Viele mussten an den Niederrhein, die Pfalz oder nach England fliehen. 1568 versucht man durch die Weseler Konvents den Flüchtlingen eine einheitliche Struktur zu geben und sich gegenseitig zu vernetzen. Nachdem 1571 in Emden die Gesamtsynode die Beschlüsse von Wesel bestätigte, kehrten viele Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurück. 1578 konnte dann in Dordrecht die reformierte Kirche der Niederlande gegründet werden.
Im 17. Und 18. Jahrhundert legte man in Holland sehr grossen Wert auf die biblische Botschaft. Familie, Gesellschaft aber auch Busse und Reue waren sehr wichtige Eckpfeiler der damaligen Kirche. Von 1834 bis 1886 spalteten sich mehrere Gruppen von der Landeskirche ab, was den Einfluss der Kirche schwächte. Erst 1962 schlossen sich die zwei grössten Gruppen zur „Protestantischen Kirche der Niederlande“ wieder zusammen. Ein Ziel im holländischen Protestantismus war immer eine schlanke Hierarchie, im Gegensatz zum Katholizismus.
Die Kirche hatte einen sehr grossen Einfluss auf die Architektur und das Leben der Niederländer. Eines der auffälligsten Beispiele, nebst den vielen heute leider leerstehenden Kirchen, sind die grossen, vorhanglosen Fenster der Wohnungen. Sie sind Ausdruck einer streng protestantischen Alltagsethik, wo ein gottgefälliges und moralisches Leben gerne der Allgemeinheit gezeigt wird.
Holland trug durch die Kolonisation wesentlich dazu bei, dass der Protestantismus auf der ganzen Welt Verbreitung fand. So wurde bereits 1628 in New Amsterdam die erste amerikanische Protestantische Kirche gegründet. 1642 folgte in Ceylon die erste reformierte Kirche durch die Holländer auf asiatischem Boden. Bis die Holländer auch in Südafrika ihren Glauben verbreiten konnten, dauerte es bis 1857.
Heute ist leider die Kirche in Holland wesentlich ärmer dran als unsere. Nur noch knapp die Hälfte der Holländer gehören einer Religionsgemeinschaft an. 23 Prozent sind römischkatholisch, 15 Prozent sind protestantisch und 10 Prozent gehören einer anderen Weltreligionen an. Trotzdem sind die Holländer stolz darauf, dass sie sich als echte Christen fühlen. Ein ganz spezielles und leuchtendes Merkmal ist noch heute, dass die holländische Kirche sehr offen ist und einen angenehmen und freundlichen Umgang untereinander pflegt.