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Als Margarete Susman am 16. Januar 1966 starb, hatte sie «viele Leben gelebt». So ist ihre Autobiografie1 überschrieben. Ihr Zürcher Leben war bei weitem das längste und konstanteste. Über mehr als drei Jahrzehnte bis zu ihrem Tod wohnte sie an der Krönleinstrasse 2 in Zürich-Fluntern am Zürichberg. Der mit ihr befreundete Theologe Walter Nigg bezeichnete ihre kleine Mansardenwohnung als «chassidisches Stübchen»2, er meinte damit wohl einen Ort jüdisch-gelehrten Nachdenkens und Ratsuchens wie auch heiterer Freundschaftspflege.
Margarete Susman traf in der Silvesternacht 1933/34 als einzige Passagierin eines Zuges in Zürich ein. Ihre Flucht vor dem Nationalsozialismus in Deutschland hatte jene Stadt zum Ziel, die früher bereits mehrmals ihre eigene gewesen war. In Zürich hatte sie ihr ganzes Jugendleben zwischen elf und zwanzig verbracht. Die Zürcher Volksschule sah sie im Nachhinein als augenöffnende soziale Erfahrung, das Schwimmen im Zürichsee liebte sie über alles. Zürich war der Ort, wo sie ihr jugendliches philosophisches und künstlerisches Feuer entdeckte. Allerdings wollten es ihr Lieblingslehrer und ihr Vater aber in patriarchaler Manier ersticken und verwehrten ihr ein Studium. Zürich war 1894 der Ort, an dem ihr Vater plötzlich starb und die schwerkranke Mutter mit den beiden Töchtern allein zurückliess, was zum Wegzug nach Deutschland führte.
Vor und während des Ersten Weltkriegs wohnte Susman über mehrere Jahre zusammen mit ihrem Mann, dem Maler Eduard von Bendemann, und ihrem Sohn Erwin in Rüschlikon. Doch die Schönheit des Lebens in einem Atelierhaus mit Rosengarten über dem See war gefährdet. Der nahende Erste Weltkrieg sollte im Denken und Leben Susmans zu gewaltigen Umbrüchen führen. 1917 erkrankte sie ein erstes Mal schwer und suchte Erholung im Berner Oberland. Der Philosoph Ernst Bloch – eine enge Beziehung verband ihn mit Susman – zog ihr in die Region nach. In sein jüngstes, von ihrem Denken beeinflusstes Buch Geist der Utopie schrieb er ihr als Widmung einen Vers von ihr selbst, der Dichterin: «Kehr heim mit mir, die Götter überflügelnd, In unserer Heimat namenloses Licht.»3 Das Motiv der ersehnten, erst kommenden Beheimatung sollte zum Lebenswegweiser beider werden.
Eine kurze dritte Schweizer Zeit verbrachte sie nach der Scheidung von ihrem Mann 1928 bei der in Basel lebenden Philosophin und Freundin Edith Landmann.
1934 war sie wieder zurück. War die Schweiz noch so etwas wie Heimat? Die allermeisten Menschen in Zürich kannten die früheren Lebensstationen von Margarete Susman nicht. Kaum jemand wusste, dass nun mit ihr in dieser Stadt nicht nur eine Lyrikerin zu Hause war, die auch im Nachdenken über Dichtung neue Akzente setzte, sondern ebenso eine bekannte Essayistin etwa der Frankfurter Zeitung, eine jüdische Religionsphilosophin, die mit Georg Simmel oder Martin Buber eng verbunden war, und eine revolutionäre Denkerin, die sich mit Anarchismus und Sozialismus wie mit der Frauenbewegung identifizierte. Margarete Susman erfuhr sofort, wie abgeschottet das Land war: «[…] wie ich bereits im Zug von Basel die erste Schweizer Zeitung las, auf die ich grosse Hoffnung gesetzt hatte und die nun von dem ganzen Geschehen in Deutschland nichts wusste oder wissen wollte. Kein Mensch, weder Juden noch Christen, wusste von dem, was in Deutschland geschah.»4 Susman sollte die Fremdenfeindlichkeit in der Schweiz hautnah erleiden müssen: «Das Emigrantenschicksal der dreissiger Jahre war am Anfang schwer zu überwinden. Obwohl die deutschen Emigranten so viel Wertvolles in die Schweiz brachten, liess man sie noch lange ihre Sonderstellung fühlen. […] Menschen machten, vielleicht ohne sich selbst klar darüber zu sein, einen bedeutsamen Unterschied zwischen den Schweizer Freunden und den Emigranten, die ihnen nahestanden.»5 Sie bilanzierte diese persönlichen Erfahrungen von Ab- und Ausgrenzung mit dem schweren Wort erlittener «Entpersönlichung».
Margarete Susman hatte bereits in der Zeit des Ersten Weltkriegs durch Gustav Landauer, den revolutionären Anarchisten aus Berlin, mit dem sie eng befreundet war,6 von Leonhard Ragaz, den Religiösen Sozialist*innen um ihn und Clara Ragaz-Nadig sowie der Zeitschrift Neue Wege erfahren. Der religiös-sozialistische Pfarrer und Mitarbeiter der Neuen Wege Robert Lejeune7, den sie bereits kannte, führte sie kurz nach ihrer Ankunft aus dem nationalsozialistischen Deutschland in den «sehr lebhaft wirkenden» Kreis im Zürcher Gartenhof ein. An der ersten Veranstaltung der Religiös-Sozialen Vereinigung war sie tief beeindruckt vom Referat Wenn Hitler käme des religiös-sozialistischen Pfarrers Max Gerber, weil er «ohne Beschönigung» vom Nationalsozialismus sprach. Susman erfasste sofort das Verbindende: «[A]ls ich den ersten Abend in diesem Kreis verbrachte, da geschah mir etwas, was mir in all diesen langen Jahren nie geschehen war: Ich erfuhr, dass es ein Wissen um dieses Chaos gibt, das nicht notwendig der unmittelbaren persönlichen Erfahrung, dem Erleiden dieses vollen Chaos entstammt, sondern das auch an seinem Rande – und gerade an ihm – möglich ist: im steten Messen und Vergleichen […] des gegenwärtigen geschichtlichen Chaos an den Massen der göttlichen Schöpfung. In solchem lebendigen Messen und tätigen Wissen trat mir hier zuerst der Reich-Gottes-Gedanke entgegen.»8
Dieser Kreis, so Susmans Biografin Elisa Klapheck, habe sie «mit offenen Armen» empfangen und «ihrer bisherigen Auseinandersetzung mit dem Judentum ein aufgeschlosseneres Resonanzfeld, als sie es je in Deutschland erlebt hatte», geboten.9 In dieser wenig elitären religiös-politischen Gemeinschaft fühlte sie sich blitzartig zu Hause: «Durch diesen Vortrag ist mir die Schweiz zu einer zweiten Heimat geworden.»10
Ihr Vater hatte ihr einst in Zürich anvertraut: «Dies Land musst du immer besonders achten; denn es hat von je alle politischen Flüchtlinge aufgenommen.»11 Mit ihrer Flucht in die Schweiz griff der Sinn dieser Worte plötzlich «lebendig», wie sie sagte, aber sehr ambivalent in ihr Leben ein. Sie war zwar in ihre zweite Heimat zurückgelangt, musste aber Monat für Monat ihre «Toleranzbewilligung» erneuern lassen, auf der gleich das nächste Ausreisedatum sowie die Markierung «heimatlos, geschieden» vermerkt wurden.12 Ragaz kommentierte diesen offiziellen Aufenthaltsstatus lapidar: «Das hat man von den Heiligen auch gesagt.»
Als sie in den Neuen Wegen in expliziter Sprache gegen den Faschismus anschrieb, verbot ihr die Fremdenpolizei alle «irgendwie politischen Äusserungen» und überwachte ihre Tätigkeit scharf. Für gewisse Publikationen wählte sie nun das männliche Pseudonym «Otto Reiner». Um eine Niederlassungsbewilligung zu erhalten, musste sie ihr Vermögen aufblähen, was zu horrenden Steuerausgaben führte.13 Eine Ehrengabe der Stadt Zürich erhielt sie 1942 nur unter der Bedingung der Verschwiegenheit: In Deutschland sollte niemand erfahren, dass Zürich eine jüdische Intellektuelle unterstützte.14 Sie war, mit weiteren Geflüchteten zusammen, eingebunden in das Unterstützungs- und Solidaritätsnetzwerk für jüdische Geflüchtete, das vor allem Clara Ragaz am Gartenhof koordinierte.15
Margarete Susman und Leonhard Ragaz wurden sich bald einer tragenden Seelenverwandtschaft und inspirierenden Freundschaft gewahr; sie waren einander «aufs Tiefste und Wärmste verbunden»16, wie Ragaz im Gruss eines Briefes schrieb. Ihrer Freundin Cécile Gaugler schrieb Margarete Susman, dass es keinen anderen Menschen gebe, dem sie sich geistig so nahe fühle; besonders beeindruckt war sie, «dass man von ganz verschiedener Wurzel aus zu einer gemeinsamen Überzeugung und Gesinnung gelangen kann»17. Margarete Susman besuchte regelmässig die Samstagabende im Gartenhof unter seiner Leitung, «in denen er mit fast prophetischer Kraft die politisch-religiösen Probleme der damaligen Gegenwart besprach – nicht eigentlich als Theologe, sondern als gläubiger leidenschaftlicher Christ und als Verkünder seiner Botschaft vom religiösen Sozialismus, vom Frieden und von der Gerechtigkeit, die zu einer einzigen Kritik am Bestehenden, vor allem auch an seiner eigenen Heimat führte». Durch den «seltenen Menschen» Ragaz nahm sie «den religiösen Sozialismus als meine eigene Haltung an».
An einem Ferienkurs der Religiösen Sozialist*innen – Susman beteiligte sich regelmässig an solchen Aktivitäten – kurz vor dem Tod von Leonhard Ragaz 1945 ehrte sie ihn: «Wenn ich den Versuch wage, den Grundsinn Ihres grossen und reichen Lebens in ein einziges Wort zusammenzufassen, so würde ich es einen Kampf gegen den Tod und alle Todesmächte nennen – einen einzigen grossen Kampf gegen alles Leblose und Erstarrte auf allen Gebieten des Lebens, vom einfach Menschlichen durch die ganze geschichtliche Welt, auf der einen Seite bis ins Geistigste, auf der andern bis ins Kosmische hinein. […] es ist die grosse Revolution von Gott her, die Umkehrung alles in den Tod hineintreibenden Lebens von dem her, der immer und überall gegen den Tod steht.»18 Ragaz – und davon war Susman besonders bewegt, weil sie in einem verwandten religiösen Bezugssystem zuhause war – «ging […] das Wort ‹Gott› so leicht und selbstverständlich von den Lippen, als ob nie eine Welt daran gezweifelt hätte. Und auch er versuchte von ihm aus eine Welt im Sinne dieses Namens neu zu ordnen.»19
Leonhard Ragaz sprach Margarete Susman – im Geist der Zeit per Sie – als «liebste und teuerste, grosse Freundin»20 an. Auch er sah sie zwar vorerst nicht als Einheimische, schätzte aber gerade ihre Impulse von aussen: «Mit dieser Frau, mit diesem ‹Fremdling›, die doch sehr ‹Eigene› geworden, ist etwas zu uns gekommen, was wir so ganz besonders nötig hatten, weil es unter uns so selten geworden ist: menschliche Grösse, Grösse der Seele, und diese namentlich als Grösse der Güte.»21
Das authentische, kontinuierliche jüdisch-christliche Glaubensgespräch zwischen Margarete Susman und Leonhard Ragaz und weiterer Beteiligter auf dem Boden des Religiösen Sozialismus mit seinem überkonfessionellen, interreligiösen Konzept des Reiches Gottes weist bahnbrechenden Charakter auf. Die Historikerin und Holocaust-Forscherin Susanne Hillman bezeichnet den pionierhaften Weg der beiden in Zürich «im Schatten Hitlers» als «wichtigen Vorläufer des Phänomens der interreligiösen Begegnung»22, des jüdisch-christlichen Dialogs, wie er in breiter Form erst viel zu spät, nach dem Holocaust, entstand. Susman sah sich dabei oft in einer schwierigen Position gegenüber der lokalen jüdischen Gemeinschaft, zu der Ragaz zwar seit langem vielfältige Beziehungen pflegte, aus der heraus aber manche seiner theologischen Bemühungen mit Skepsis verfolgt wurden: «Meine Mittlerrolle ist furchtbar schwer, und es ist mir dabei auch voll zum Bewusstsein gekommen, wie sehr ich selbst den hiesigen Juden fremd und wohl eine Grenzerscheinung bin.»23 Dasselbe galt für Ragaz auf seiner Seite. Indem er gegen sein Lebensende die Reich-Gottes-Vorstellung exklusiver im christlichen Glauben verwurzelte, wofür ihn auch Susman kritisierte, vereinfachte er den Dialog allerdings nicht. Unmittelbar vor dem Tod von Leonhard Ragaz – für Susman brach damit die «tragende Arbeitsgrundlage» ihres Schaffens weg –, aber nicht mehr in seinem Beisein fanden sich Christ*innen und Jüdinnen*Juden, darunter Margarete Susman, in Walzenhausen zu einer Studienwoche ein.24 Die dort verabschiedete Erklärung war gewissermassen das Gründungsdokument der späteren Christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft.
Leonhard Ragaz lud Margarete Susman von Anfang an zur Mitarbeit in den Neuen Wegen ein. Das ermöglichte ihr über die Jahre nicht zuletzt eine «bescheidene materielle Existenz»25, bot aber vor allem die Chance einer kontinuierlichen Plattform, einer verlässlichen publizistischen Heimat. Bereits ein Jahr nach ihrer Ankunft erschien der erste von insgesamt etwa siebzig Beiträgen26 in dieser Zeitschrift: In Vom Chaos unserer Zeit und seiner Überwindung gibt sie Einblick in ihr religionsphilosophisch-politisches Denken, indem sie das System des Nationalsozialismus sowie seine ideologischen und sozialökonomischen Hintergründe beleuchtet und mit dem Reich-Gottes-Gedanken eine Haltung zur Überwindung des Chaos skizziert.
Es folgten in den nächsten dreissig Jahren längere Artikel über den Anarchismus oder über Rosa Luxemburg, über Moses Mendelssohn, den Chassidismus und Martin Buber, über Friedrich Nietzsche, Leo Tolstoi oder Henri Bergson. Susman schrieb über die Friedensbotschaft des Alten Testaments oder über Ezechiel als Propheten der Umkehr, über die grossen Leitthemen Gerechtigkeit oder Gesetz.
Die jüdische Philosophin Margarete Susman übernahm auch die Aufgabe, jeweils die neu erschienenen Publikationen des christlichen Theologen Leonhard Ragaz zu rezensieren. Dazu zählten Die Botschaft vom Reich Gottes, mit der sie sich identifizierte, Die Gleichnisse Jesu, das sie in Ragaz’ Satz «Es darf keine Verlorenen geben» auf den Punkt brachte, und insbesondere sein siebenbändiges Bibelwerk, bei dem sie Die Propheten im Zentrum sah und das sie als «einzigartige Leistung»27 bezeichnete. Eigene autobiografische Aufzeichnungen, die später in das Buch Ich habe viele Leben gelebt Eingang fanden, veröffentlichte Susman ebenfalls in den Neuen Wegen. Die Grundzüge ihrer Auseinandersetzung mit Hiob in der Bibel, die 1946 als bahnbrechendes Hauptwerk Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes veröffentlicht worden ist, finden sich zuvor in Beiträgen in den Neuen Wegen.
Margarete Susman begann oft am frühen Morgen, wenn die Stadt unter ihr noch in tiefem Schlaf ruhte, mit der Arbeit am Schreibtisch. Spätabends sass sie bisweilen noch an einer Überarbeitung. Es wird in manchen historischen Dokumenten sichtbar, dass nicht wenige Menschen insbesondere wegen der Beiträge von Margarete Susman den Neuen Wegen als Abonnent*innen treu blieben. Die Zeitschrift wurde Autorin und Leser*innen zu einem Stück gemeinsamer Beheimatung.
In den Neuen Wegen veröffentlichte Margarete Susman weiterhin auch Gedichte, so 1957 Heimatlosigkeit28. Darin klingt – neben dem Blick auf Wohnungen ihrer Nachbar*innen am Zürichberg, die sich in teppichbelegten Zimmern und weichen Sesseln Heimat vorgaukeln – das konkrete Schicksal Vertriebener und Verlorener an, mit dem sie selber konfrontiert war. Heimat lässt sich aber, so Susman am Anfang des Gedichts, in dieser zerrissenen, globalisierten Welt kaum finden, allerhöchstens in Begegnung und Beziehung, wo «in einem seltnen Augenblick […] einer für den andern Heimat wird».
Eine Künstlerin der Freundschaft war Margarete Susman ein Leben lang, gerade auch in ihrem Zürcher Leben. Ein enger Vertrauter, der jüdische Philosoph Hermann Levin Goldschmidt, charakterisierte sie so: «Eine höchst zuverlässige Freundin, unermüdliche und durchaus selbstlose Helferin, stets anteilnehmende Zuhörerin und dabei herrliche Trösterin.»29 So sei sie in Beziehungen «auch der Alltagswirklichkeit gewachsen» gewesen, «die von ihr, solange es um sie selbst ging, nur zögernd und kaum jemals nachdrücklich genug, gemeistert wurde». Zum Freundeskreis zählten etwa die jüdischen Philosophen Jacob Taubes und Michael Landmann, ihr Arzt Manes Kartagener, ihre «Arbeitshilfe ganz besonderer Art» und «unersetzliche Freundin» Henriette (Rietli) Hardmeier, die Literaturwissenschaftlerin Bertha Huber-Bindschedler aus Glarus, der reformierte Theologe Walter Nigg und viele mehr. 1934, am Anfang der Zeit in ihrer Zürcher Dachwohnung, war die Beziehung zum Schriftsteller und «leidenschaftlichen Juden» Karl Wolfskehl sehr intensiv, Susman bezeichnete sie «als die glücklichste meines Lebens, und doch ist sie sicher auch die schwerste gewesen». Gegen Ende ihres Lebens pflegte sie einen verbindlichen Austausch mit dem Dichter Paul Celan. Stark verbunden war sie auch mit dem Komponisten und Musikkritiker Robert Oboussier. Er wurde 1957 ermordet, durch die Umstände des Mordes wurde seine Homosexualität an die Öffentlichkeit gezerrt. Im Gerichtsprozess wurde das Opfer zum Angeklagten gemacht. Freund*innen von Oboussier wehrten sich gegen diese Stigmatisierung eines schwulen Mannes, sehr beherzt auch Margarete Susman. Sie verfasste drei sehr persönliche Gedichte für den toten Freund, deren Publikation in der NZZ aber abgelehnt wurde (siehe Seite 46).30
Margarete Susman erlebte auch fragile Beziehungen, die nicht vollständig tragfähig waren. Das Beziehungsnetz zur lokalen jüdischen Gemeinde erfuhr sie oft als ambivalent; auf viele jüdische Zürcher*innen wirkte ihre auch geistige Nähe zu den christlichen religiös-sozialistischen Theolog*innen eher befremdlich.31 Allerdings war die Gedenkfeier, welche nach ihrem Tod von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, der Jüdischen Vereinigung Zürich und Omanut organisiert wurde, ein versöhnliches Zeichen, zumindest für die Nachwelt.
Bei den Religiösen Sozialist*innen kam es nach dem Tod von Leonhard Ragaz zu grossen Konflikten. Susman unternahm in Gesprächen, Ansprachen an Versammlungen und Beiträgen in den Neuen Wegen viel, um die drohende Spaltung der Religiös-Sozialen Vereinigung zu verhindern.32 Ein entscheidender Konfliktpunkt im Zeichen des Kalten Kriegs war die Haltung zur Sowjetunion und zur Friedensfrage, wobei Susman durchaus von «Schreckensherrschaft» sprach, aber zur «gemeinsamen Verantwortung für das Ganze», zum unermüdlichen Einsatz gegen den Atomkrieg mahnte. Sie litt unter der «Sprachverwirrung», die auch in die eigene kleine Bewegung eingedrungen sei und sie «unter dem Druck des Weltgeschehens» spalte.33 Als diese Spaltung aber Tatsache war, blieb sie jener Gruppe treu, die ihrer Wahrnehmung nach «am treuesten das Erbe von Ragaz zu verwalten schien»34. Sie arbeitete in den Vorständen der Religiös-Sozialen Vereinigung und der «Freunde der Neuen Wege», der Trägerschaft der Zeitschrift, zeitweilig aktiv mit. 1951 war sie, 78-jährig, sogar selber kurz Redaktorin der Neuen Wege.
Margarete Susman behielt immer ihre Ausrichtung auf eine Heimat, die erst kommt. In einem Artikel in der Zürcher Weltwoche über Ernst Bloch, den sie im Alter von 93 Jahren wenige Tage vor ihrem Tod fertigstellte, und der erneut wie ein Wegweiser darüber hinaus zeigt, schrieb sie: «Vergangenheit und Gegenwart liegen hier in tiefem Dunkel, alles Licht fällt auf die Zukunft. Dieses strahlende ‹Noch nicht› ist ein äusserstes Wort von Bloch.»39 Am Schluss dieses Beitrags An die Hoffnung glauben zitierte sie ihren Wegbegleiter: «Die Philosophie ist nie das Letzte, aber sie macht sensibel für das, was auf Erden nicht zu erreichen ist.» In diesem Geist trägt Margarete Susmans Grabstein auf dem jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg in Zürich die Inschrift «Margarete Susman 14.10.1872–16.1.1966 Dichterin, Denkerin, Deuterin».
Die letzten Worte von Margarete Susman einen Tag, bevor sie am 16. Januar 1966 starb, sind von Rietli Hardmeier aufgezeichnet worden. Unter anderem sagte Susman: «Jetzt bini uf em rächte Wäg … Mues Schluss mache … Wie-n-er heisst weiss ich nüd … s’isch irgend en verborgene Name […] ich wett hei laufe»40. Margarete Susman bewegte sich ihre vielen Leben lang, die sie lebte, auf dem Weg von Wahrheit und innerer Freiheit, dem verborgenen Namen und seinem Reich auf der Spur. Im Extremfall sprach sie Zürichdeutsch, ein Ausdruck tiefster Zugehörigkeit zu einer Welt, einer Stadt, von der sie nie ganz als eigene aufgenommen wurde.41●
Margarete Susman: Ich habe viele Leben gelebt. Erinnerungen. Stuttgart 1964.
Leonhard Ragaz bezeichnete die Mansardenwohnung leicht humorvoll als «Geistesheiligtum», Brief vom 29. November 1942, In: Neue Wege 12/1965, S. 361.
Margarete Susman: Leben (Fussnote 1), S. 88.
Ebd., S. 141.
Ebd, S. 133.
Vgl. Neue Wege-Gespräch mit Elisa Klapheck in dieser Nummer, S. 9. im Heft
Robert Lejeune (1891–1970) kannte sie eventuell aufgrund des geteilten Interesses am französischen Philosophen Henri Bergson. Er brachte sie in den 1920er Jahren erstmals an den Gartenhof (vgl. Ina Boesch, Ruedi Brassel, Ruedi Epple, Peter Weishaupt: Haus Gartenhof in Zürich. Raum für vernetzte Friedensarbeit. Zürich 2019, S. 112).
Margarete Susman: Vom Chaos unserer Zeit und seiner Überwindung. In: Neue Wege 1/1935, S. 19.
Elisa Klapheck: Margarete Susman und ihr jüdischer Beitrag zur politischen Philosophie. Berlin 2014, S. 314.
Alle Zitate: Susman: Leben, S. 141.
Margarete Susman: Einige Erinnerungen aus meinem Leben. In: Neue Wege 10/1954, S. 429.
Margarete Susman: Leben, S. 143.
Susanne Hillman: «A Few Human Beings Walking Hand in Hand»: Margarete Susman, Leonhard Ragaz, and the Origins of the Jewish-Christian Dialogue in Zurich. In: The Leo Baeck Institute Yearbook 59, 2014: S. 141–162, hier S. 144.
Charles Linsmayer: Margarete Susman 1872–1966. http://www.linsmayer.ch/autoren/S/SusmanMargarete.html
Ina Boesch u. a.: Haus Gartenhof (Fussnote 7), S. 78.
Leonhard Ragaz: Leonhard Ragaz in seinen Briefen. Hg. von Hans Ulrich Jäger Werth, Markus Mattmüller, Arthur Rich. Band 3, Zürich 1992. Brief Nr. 458, S. 289.
Brief vom 3. Juni 1943, zit. in Susanne Hillman: «A Few Human Beings …» (Fussnote 13), S. 1.
Margarete Susman: Ansprache an den Ferienkurs in Weesen. In: Neue Wege 7–8/1945, S. 409–413.
Margarete Susman: Leben, S. 141 f.
Brief Nr. 458 (Fussnote 16).
Leonhard Ragaz: In Neue Wege 10/1944, S. 528.
Susanne Hillman: «A Few Human Beings …» (Fussnote 13), S. 143.
Ebd., S. 154.
Ebd., S. 159.
Elisa Klapheck: Margarete Susman (Fussnote 9), S. 316.
Alle Beiträge sind abrufbar im Archiv e-periodica.ch.
Margarete Susman: Leben, S. 141.
Margarete Susman: Heimatlosigkeit. In: Neue Wege 10/1957, S. 299.
Hermann Levin Goldschmidt: Erinnerung an Margarete Susman. Zum 100. Geburtstag der Denkerin.
In: NZZ, 22. Oktober 1972 (Fernausgabe), S. 53.
Lars Fischer: «Die wohl letzten Gedichte meines Lebens» – drei unveröffentlichte Gedichte von Margarete Susman. In: Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 13/2013, S. 1–7.
Elisa Klapheck: Susman, S. 317f.
Zu den Konflikten vgl. Willy Spieler, Stefan Howald, Ruedi Brassel-Moser (Hrsg.): Für die Freiheit des Wortes. Neue Wege durch ein Jahrhundert im Spiegel der Zeitschrift des religiösen Sozialismus. Zürich 2009; Elisa Klapheck: Margarete Susman, S. 364, FN 240.
Margarete Susman: Ansprache an der Tagung der religiös-sozialen Vereinigung. In: Neue Wege 2/1951, S. 45–52. Vgl. auch Dies.: Entscheidung?. In: Neue Wege 11/49, S. 487–489.
Margarete Susman: Wo stehen wir? In: Neue Wege 11–12/1958, S. 309.
Hermann Levin Goldschmidt: Erinnerung an Margarete Susman (Fussnote 29), S. 53.
Margarete Susman: Leben, S. 166.
Ein vollendetes Leben. Abschied von Margarete Susman. In: Die Tat, 21. Januar 1966 (Abendausgabe), S. 3.
Ebd.
Margarete Susman: An die Hoffnung glauben. In: Weltwoche, 28. Januar 1966, S. 26.
Margarete Susman Collection. Other Material, 1965–1971, Box: 1, Folder: 10. Leo Baeck Institute. archives.cjh.org/repositories/
Zur Kommunikation nach ihrer Flucht nach Zürich 1934 schrieb sie später: «Man kann sich dies Entsetzen kaum denken: die Sprache, die ich selber sprach, war mir zu einem Schrecknis geworden. Das Schweizerdeutsch, in das ich mich flüchten konnte, war mir gewiss ein Stück alter Heimat, aber ich sehnte mich noch im Widerstreben nach dem wahren Deutsch, in dem ich alle Werte des Lebens empfangen hatte.» Margarete Susman: Leben, S. 140.