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Dass hierzulande Schulthemen heisse Eisen sind, hat Tradition: Der Sonderbundskrieg von 1847, der zur Gründung der modernen Schweiz führte, entstand aus einem Schulkonflikt heraus.
Entkoppelung von Kirche und Schule
Ab dem 5. Jahrhundert war die Kirche hauptsächliche Bildungsträgerin. In den Klosterschulen setzten sich im 12. Jahrhundert die sieben freien Künste durch: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Musik, Astronomie. Mit dem Erstarken der Städte entstanden Stadtschulen (Freiburg: 1181, Bern: 1240). So begann die Entkoppelung von Kirche und Schule. Bildung, so die modernere Vorstellung, sollte es dem Menschen ermöglichen, zu sich selbst zu gelangen. Der Renaissance-Humanist Erasmus von Rotterdam (ca. 1466 – 1536) formulierte es so: «Nichts ist naturgemässer als Tugend und Bildung – ohne sie hört der Mensch auf, Mensch zu sein.»
Der aus dem heutigen Tschechien stammende Johann Amos Comenius (1592 – 1670) forderte in der Didactica magna gewaltfreien, muttersprachlichen Unterricht für Knaben und Mädchen, der dazu befähigen sollte, sich und die Welt zu verbessern, verbunden mit Lust: «Die Schule sei keine Tretmühle, sondern ein heiterer Tummelplatz des Geistes.»
In Preussen verhalf Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) der Volksschule zum Durchbruch. Bildung sollte zur Vervollkommnung der Persönlichkeit und einer gerechteren Gesellschaft führen, in der Menschen verantwortlich handeln.
Nachdem sich bis Mitte des 18. Jahrhunderts in der Schweiz jahrgangsdurchmischte Schülerinnen und Schüler gegenseitig unterrichtet hatten und daneben einzeln angeleitet worden waren (eine Frühform von SOL, selbstorganisiertem Lernen), begann sich der Frontalunterricht durchzusetzen. Bildung wurde nun auch als Mittel verstanden, um die breite Masse besserzustellen, wofür der Satz von Heinrich Zschokke (1771 – 1848) steht: «Volksbildung ist Volksbefreiung.» Mit der totalrevidierten Bundesverfassung von 1874 wurde der unentgeltliche Primarschulunterricht durchgesetzt.
Von den Zünften zum dualen System
Eigene Wege ging die Berufsbildung. Ab dem 15. Jahrhundert waren die Zünfte dafür zuständig. Nachdem sie im 19. Jahrhundert abgeschafft worden waren, brauchte es eine neue Basis. Das Fabrikgesetz von 1877 mit der Kausalhaftung der Unternehmer führte zu verbesserter Ausbildung mit Unfallprävention. 1884 beschloss der Bund, berufliche Bildungsanstalten zu subventionieren. So entstand das duale System. Auch der 1873 gegründete Schweizerische Kaufmännische Verband begann, Schulen aufzubauen, die ab 1891 ebenfalls vom Bund subventioniert wurden.
Paradigmenwechsel um das Jahr 2000
1999 unterzeichneten 29 europäische Bildungsminister in Bologna eine Erklärung mit dem Ziel, die akademische Ausbildung zu vereinheitlichen sowie Mobilität und Arbeitsmarktfähigkeit zu fördern. Zudem sollten die Hochschulen Drittmittel generieren. Das Dreistufensystem mit Bachelor, Master und Doctor wurde installiert und mit dem Leistungspunktesystem ECTS verknüpft. Aus der Kindergärtnerin wurde die Bachelor of Arts in Pre-Primary-Education. Bologna führte zu einer Bürokratisierung mit Outputorientierung und Verwertbarkeitsdenken. Mario Andreotti beschreibt es so: «Echte Bildung, die sich nicht nur an ökonomischen Interessen orientiert, sondern die geistigen Fundamente unserer Kultur vermittelt, sieht anders aus.»
Ein Universitätsabschluss gewisser europäischer Staaten entspricht niveaumässig manchmal nicht einmal einem Berufslehre-Abschluss in der Schweiz. Rudolf H. Strahm
Im Jahr 2000 begann die OECD mit den dreijährlichen PISA-Studien bei den Fünfzehnjährigen. Finnland schloss 2000 und 2003 im Leseverständnis am besten ab, was dazu führte, dass sein Gesamtschulsystem mit extrem hohem Maturitätsanteil von rund 90% als vorbildlich angesehen wurde. Rudolf H. Strahm zeigt in der Akademisierungsfalle auf, dass die Schweiz dank ihrem Berufsbildungssystem eine sehr tiefe Arbeitslosenquote hat, im Unterschied zu Finnland, und meint: «Ein Universitätsabschluss gewisser europäischer Staaten entspricht niveaumässig manchmal nicht einmal einem Berufslehre-Abschluss in der Schweiz.»
Die deutsche Politologin Tonia Bieber zeichnete nach, wie mit Bologna und PISA Druck auf das Schweizer Bildungssystem ausgeübt wurde, obschon es als vorbildlich galt, so dass ein «extremer Kurswechsel» stattfand. So kam 2006 die Verpflichtung zu einer Harmonisierung der obligatorischen Bildung in die Bundesverfassung, was zum HarmoS-Konkordat von 2007 führte. Daraus entstand der Lehrplan 21 mit seiner Kompetenzorientierung.
Kompetenzorientierung
Im Lehrplan 21 gibt es 363 Kompetenzen und 2304 Kompetenzstufen. Die Schülerinnen und Schüler sollen häufig selbstorganisiert allein oder in Gruppen arbeiten, wie zur Zeit vor 1750 also. Aus dem Lehrer wurde eine Lehrbegleiterin, ein Lernpartner. Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl meint: «Selbstorganisiertes Lernen setzt eine Vorstellung von Autonomie voraus, die es bei Kindern gar noch nicht gibt.» Roland Reichenbach, Erziehungswissenschaftler, schreibt: «Jede pädagogisch gebildete Lehrperson weiss, dass es unsinnig ist, Bildung allein als Kompetenzerwerb zu konzipieren.» Ein scharfer Kritiker der Kompetenzorientierung ist der österreichische Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann: «So verschwindet ein essentielles Moment europäischer Bildung: der Hunger nach Erkenntnis, der Wille zur Welt, die Konzentration auf eine Sache, die Neugier auf alles Mögliche und nicht nur auf das, was heute oder morgen nützen kann.» Das könne «nur im Interesse jener sein, die kein Interesse an gebildeten Menschen haben, da die Dummheit zu den Fundamenten ihres Geschäftsmodells zählt.»
KV-Reform
Matthias Wirth, damaliger Präsident der SKKAB (Schweizerische Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen), beauftragte 2017 die Leiterin der privaten Zürcher Firma Ectaveo, Petra Hämmerle, mit dem Projekt KV 2022, wofür üppig Bundesgelder flossen. Pikant: Seit 2018 arbeitet er bei Ectaveo. Statt Fächern werden gemäss Konzept fünf Handlungskompetenzen unterrichtet: Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen, Interagieren in einem vernetzten Arbeitsumfeld, Koordinieren von unternehmerischen Arbeitsprozessen, Gestalten von Kunden- oder Lieferantenbeziehungen, Einsetzen von Technologien der digitalen Arbeitswelt. Dass die K-Stufen 1 (Wissen) und 6 (Beurteilen) nicht vorkommen, ist folgerichtig: Wer nichts weiss, kann nichts beurteilen. Der nächste Schritt wäre es, die Schülerinnen und Schüler der am meisten gewählten Lehre der Schweiz im selbstorganisierten Homeschooling zu belassen.
Nun stellt sich die Frage, warum man ein Fach studiert haben muss, wenn keines unterrichtet wird.
Auffallend ist die schul- und bildungsfeindliche Sprache von Petra Hämmerle. Wenn sie sagt: «Ich lerne nicht kochen, indem ich ein Kochbuch lese, sondern indem ich mich an den Herd stelle», spielt sie Praxis gegen Theorie aus und verkennt, dass gute Köchinnen sehr wohl Kochbücher lesen. Wenn sie behauptet: «Erfahrung ist zentral für den Kompetenzerwerb – und kann nicht auf der Schulbank stattfinden», spielt sie Betrieb gegen Schule aus. Wenn sie fordert: «Das erworbene Wissen muss für die Arbeitssituation von Nutzen sein», delegitimiert sie die Allgemeinbildung.
Wer bis anhin z.B. Wirtschaft/Gesellschaft unterrichtete, muss nun seine Lektionen in eine Handlungskompetenz ummünzen. Im Normalfall unterrichtet man, weil man sein Fach liebt und gerne mit jungen Menschen arbeitet. Nun stellt sich die Frage, warum man ein Fach studiert haben muss, wenn keines unterrichtet wird. Ein Deutschstudium zu absolvieren, um nachher in der Handlungskompetenz Handeln in agilen Arbeits- und Organisationsformen tätig zu werden: Kann das ein Berufsziel sein?
Bei der Reformumsetzung helfen soll ein Heer von Dozentinnen und Dozenten von pädagogischen Hochschulen und des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung, die dazu ein Konsortium gebildet haben. Für sie, die wegen Bologna drittmittelabhängig sind, ist das Projekt ein gefundenes Fressen.
Weil das Projekt kostenneutral sein soll, besteht die Gefahr, dass Gelder, die dem Unterricht zugutekamen, zu Ectaveo abfliessen. Jede Lehrkraft soll jährlich für 140 Franken bei der Firma Konvink, die Ectaveo gehört, eine Lizenz lösen. Esther Schönberger, Präsidentin der Schweizerischen Konferenz kaufmännischer Berufsschulen, sagt: «Mit SOL haben wir die Möglichkeit, in gewissen Bereichen (z.B. im Üben und Vertiefen) die Lernenden selbstständig arbeiten zu lassen: Sobald die Lehrmittel und Lernmedien da sind, können die Lernenden nach Einführung unbegleitet arbeiten.»
Bei der Reformumsetzung helfen soll ein Heer von Dozentinnen und Dozenten von pädagogischen Hochschulen und des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung, die dazu ein Konsortium gebildet haben. Für sie, die wegen Bologna drittmittelabhängig sind, ist das Projekt ein gefundenes Fressen.
Kritik an und Verschiebung der Reform
Kritisch äusserte sich der Zürcher Bankenverband am 17.5.2021: «Die Vorlage weist schwerwiegende Mängel auf, welche die Zukunft der Banklehre ernsthaft gefährden.» Am 2.6.2021 forderte der ZLB (Zürcher Verband der Lehrkräfte in der Berufsbildung) die Sistierung der Reform. Zwei Tage später verordnete das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation die Verschiebung um ein Jahr. Am 16.8.2021 genehmigte es die Bildungsverordnungen und -pläne.
In einer beruflichen Ausbildung sind die Bedürfnisse der Betriebe zentral. Wer eine Lehre absolviert, ist aber ohnehin hauptsächlich im Lehrgeschäft engagiert. Warum die Schule nur noch betriebliche Prozesse nachspielen soll, ist nicht einzusehen. Die Schweiz basiert darauf, dass sich die Menschen in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs einbringen. Dafür braucht es ein Rüstzeug. «Die menschliche Bestimmung», so Friedrich Dürrenmatt in der Justiz (1985), «liegt im Denken, nicht im Handeln. Handeln kann jeder Ochse.»
Die KV-Reform will folgsame Arbeitnehmerinnen und angepasste Konsumenten produzieren, statt räsonnierende Menschen zu gewinnen.
Vorwärts hinter die Aufklärung
Immanuel Kant (1724 – 1804) stellte in seiner wegweisenden Schrift Was ist Aufklärung? (1784) fest, dass die herrschenden Schichten kein Interesse an ihr haben: «Der Offizier sagt: räsonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonniert nicht, sondern glaubt!» Die KV-Reform will folgsame Arbeitnehmerinnen und angepasste Konsumenten produzieren, statt räsonnierende Menschen zu gewinnen.
Es ist gut, dass gelehrt wird, wie man eine Steuererklärung ausfüllt. Aber es ist nicht einzusehen, warum nicht auch die Vor- und Nachteile des Schweizer Steuerwettbewerbs thematisiert werden sollen. Erst das Nachdenken und Diskutieren ermöglicht es, eine eigene Position zu finden, diese zu vertreten und immer wieder auch neu zu justieren. Wer der Schule den Raum für das Denken und den Diskurs nimmt, beraubt sie ihrer edelsten Aufgabe und damit ihres Kerns.
Konrad Kuoni
Quellen unter anderen:
– Historisches Lexikon der Schweiz
– www.condorcet.ch
– Mario Andreotti, Eine Kultur schafft sich ab, Schwellbrunn 2019
– Tonia Bieber, Die PISA Studie und der Bologna Prozess in der Schweiz, Berlin 2010
– Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde, Wien 2014
– Roland Reichenbach, Bildungsferne, Zürich 2020
– Rudolf H. Strahm, Die Akademisierungsfalle, Bern 2014