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P. Mauritius Honegger am Fest der Heiligen Familie 2023
Liebe Mitchristen,
in der Toskana gibt es ein idyllisches Renaissance-Städtchen, das Pienza heisst. Es hiess aber nicht immer so, sondern in der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde es umbenannt nach seinem berühmtesten Bewohner. Pienza wird nämlich von Pius abgeleitet und der berühmte Bewohner dieser Stadt ist niemand anderer als Papst Pius II.
Pius II. wiederum hat seinen Namen nicht etwa aus einer besonderen Verehrung für seinen Vorgänger Pius den I. gewählt. Dieser lebte in der Mitte des 2. Jahrhunderts und ist historisch kaum fassbar. Offenbar war der Name Pius bei den Bischöfen von Rom dann lange Zeit unpopulär, dauerte es doch ganze 1300 Jahre, bis wieder einmal ein Papst diesen kurzen und prägnanten Namen wählte.
Im 19. und 20. Jahrhundert gelten die Träger dieses Namens auf dem Stuhl Petri als eher konservativ, wenn wir etwa an Pius IX. denken, der das Unfehlbarkeitsdogma durchgeboxt hat, oder an Pius XII., die aristokratische Kontrastfigur zu seinem volkstümlichen Nachfolger Johannes XXIII., der das 2. Vatikanische Konzil einberufen hat.
Wer im Wörterbuch nachschaut, was das Wörtchen «pius» bedeutet, wird dort als Übersetzungsvorschläge «fromm» und «pflichtbewusst» finden. Mag sein, dass einige Päpste bei der Wahl ihres Namens tatsächlich an diese Bedeutung gedacht haben. Aber bei Pius II. aus Pienza in der Toskana war es anders.
Pius II. war nämlich ein hochgebildeter Humanist und kannte die antike lateinische Literatur sehr genau. Sein bürgerlicher Name war Aeneas Silvius Piccolomini und als Papst wählte er den Namen Pius, um auf seinen Vornamen Aeneas anzuspielen. Denn von seinen literarischen Studien wusste er, dass der erste Aeneas auch schon den Beinamen Pius hatte. Gemeint ist der trojanische Held Aeneas, über den der römische Schriftsteller Vergil ein monumentales Werk geschrieben hat.
Darin steht, wie die Feinde Trojas zehn Jahre lang die Stadt belagern, bis es ihnen schliesslich mit einer List gelingt, sie zu erobern. Dann setzen sie alles in Brand und viele Trojaner sterben in den Flammen oder werden von den Feinden getötet. Der Untergang Trojas ist besiegelt. Die einst so mächtige Stadt ist verloren. Doch aus dieser hoffnungslosen Lage gelingt einer kleinen Schar die Flucht, unter der Leitung des trojanischen Prinzen Aeneas – so erzählt es der wortgewaltige Dichter Vergil.
Bei der Flucht aus der brennenden Stadt trägt Aeneas seinen alten Vater Anchises auf den Schultern und rettet ihm so das Leben, weil er es alleine nicht geschafft hätte. Aufgrund dieser Heldentat, weil Aeneas seinen Vater in der Not nicht im Stich liess, hat ihm Vergil den Ehrentitel «pius» verliehen. Aufgrund dieser Heldentat ist der «pius Aeneas» für die Römer zum Vorbild der Vaterliebe geworden.
Zusammen mit Tapferkeit, Treue und Menschlichkeit gehört die «pietas», die Vaterliebe oder – wie man auch sagen könnte – das Pflichtgefühl gegenüber den Eltern, zu den zentralen moralischen Werten der alten Römer. Und eine Person, die ihren Eltern «pietas» erweist, wurde im alten Rom eben «pius» genannt.
Der moralische Wert der Elternliebe ist aber kein Spezifikum der Römer, sondern scheint in allen Kulturen eine Konstante zu sein. Ein Beispiel dafür aus einem ganz anderen Kulturkreis ist die heutige Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Wie das ganze Alte Testament stammt auch das Sirachbuch aus der jüdischen Tradition. Aber seinen Aussagen hätte wahrscheinlich so mancher Römer vorbehaltlos zugestimmt:
«Wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze. Wer den Vater ehrt, wird lange leben. Die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen.»
Die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen – dasselbe hat mit etwas anderen Worten auch Vergil gesagt, indem er die Liebestat des Aeneas mit dem Prädikat «pius» bewertete.
Das heutige Fest der Heiligen Familie möchte uns an den wichtigen moralischen Wert der Elternliebe erinnern, der nicht nur in der altrömisch-humanistischen Kultur sein Fundament hat, sondern auch in der jüdisch-christlichen Tradition fest verankert ist. Denken wir etwa auch an seine prominente Stellung in den Zehn Geboten: Nach den drei ersten Geboten, die Gott betreffen, folgt sofort an vierter Stelle: «Ehre deinen Vater und deine Mutter».
Bei der Einführung dieses Festes in den liturgischen Kalender zeigt sich das pastorale Gespür der Kirche. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind eine besondere Familienzeit. Diese Tage verbringen viele Familien miteinander, auch wenn sie sonst während des Jahres weit auseinander wohnen.
Die Notwendigkeit, an das Gebot der Elternliebe zu erinnern, ist heute vielleicht aktueller denn je, angesichts der zunehmenden Individualisierung und Institutionalisierung der Gesellschaft. Heute können wir einen Grossteil unserer «pietas», unserer Verpflichtungen gegenüber den Eltern, an den Staat delegieren: Der Staat bezahlt die AHV, der Staat betreibt Alters- und Pflegeheime, die KESB kümmert sich um den Rest.
Auch wenn alle diese staatlichen Institutionen wichtig und hilfreich sind, sie entbinden uns niemals vom vierten Gebot und von der moralischen Verpflichtung zur «pietas». Das Ziel müsste es also sein, dass wir alle einmal «pius» oder «pia» genannt werden können, weil wir uns gut um unsere Eltern gekümmert haben.
In der Frage der Elternliebe gibt es offensichtlich einen grossen Konsens zwischen den verschiedenen Religionen und Kulturen. Es handelt sich um einen moralischen Grundwert, der nicht spezifisch christlich, sondern allgemein menschlich ist. Aber trotzdem gibt es da einen, der quer in der Landschaft steht:
«Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.»
«Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Vater und Mutter, Brüder und Schwestern verlassen hat, wird das Hundertfache dafür erhalten und das ewige Leben gewinnen».
Jesus Christus nimmt eine Neubewertung vor: Elternliebe ist wichtig, wichtiger aber ist die Liebe zum Sohn Gottes. Amen.