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Zwar lassen sich die Spuren der Schweizer Auswanderung nach Argentinien bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen, als eine Handvoll Schweizer Geistlicher und Söldner erstmals argentinischen Boden betrat. Die eigentliche Massenauswanderung begann jedoch in den 1850er Jahren und dauerte bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an.
Während dieser Periode lebten viele Schweizerinnen und Schweizer in prekären Verhältnissen. Tatsächlich zählte die Eidgenossenschaft noch bis ins 20. Jahrhundert zu den ärmsten und unterentwickeltsten Ländern Europas. Der durch die heranrollende Industrialisierung und Internationalisierung initiierte Strukturwandel traf das Alpenland stark, wobei insbesondere die abgelegeneren Bergregionen unter Armut und Hunger litten. So sahen Tausende Schweizerinnen und Schweizer keinen anderen Ausweg, als ihre vertraute Heimat zu verlassen und ihr Glück in der Ferne zu suchen – viele davon in Argentinien.
Von der harten Realität eingeholt
Dass das Leben im argentinischen Niemandsland sich jedoch nicht unbedingt einfacher gestalten würde, mussten die Schweizer schon bald erfahren. Viele der Bauernfamilien, die Pioniere der Schweizer Auswanderung, waren eigentlich generationenlang als Viehzüchter tätig. In Argentinien hingegen sollten sie sich vorrangig dem Ackerbau widmen – eine Umstellung, die vielen aufgrund fehlenden Fachwissens schwerfiel.
So scheiterten denn auch zahlreiche Familien und zogen weiter nach Brasilien, Chile oder in die Vereinigten Staaten. Einige traten gar die Rückwanderung an. Die Bewirtschaftung des Urwaldbodens von Misiones oder von Santa Fé sowie der Steppe von Córdoba, drei der Provinzen, in denen sich viele Schweizer ansiedelten, stellte sich einfach als zu herausfordernd heraus. Das schweisstreibende, feuchtnasse Klima vielerorts erschwerte eine rasche Eingewöhnung zusätzlich. Hinzu kamen schwere Krankheiten, Gewalt und mangelnde Infrastruktur.
Eine Win-Win-Situation für Argentinien und die Schweiz (?)
Doch so beschwerlich die Situation für viele Auswandernde auch war, sowohl Argentinien als auch die Schweiz profitierten von dieser Migrationsbewegung. Die Eidgenossenschaft konnte sich auf diesem Wege ihrer Fürsorgefälle entledigen, ihre Finanzen schonen sowie die sozialen Spannungen mindern. Argentinien seinerseits verfolgte eine aktive Entwicklungspolitik: es dürstete das noch junge Land nach tatkräftigen Arbeitskräften, die die dünnbesiedelten Landstriche urbar machten und die Landwirtschaft zur Blüte trieben. Da die argentinische Regierung diese Gebiete gleichzeitig «zivilisieren» wollte, rekrutierte sie dafür gezielt Europäer – darunter eben auch Schweizer – indem sie ihnen zu äusserst günstigen Konditionen grosszügige landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung stellte.
Nach den anfänglichen Schwierigkeiten der Schweizer Siedelnden stellten sich schliesslich doch die ersten wirtschaftlichen Erfolge ein. Einige von ihnen stiegen später zudem auf die Vieh- und Milchwirtschaft um und wurden bald schon zu gefragten Produzenten – das von Schweizern gegründete San Jeronimo Norte beispielsweise ist auch heute noch ein bedeutender Standort der argentinischen Milchproduktion. In Línea Cuchilla (heute: Ruiz de Montoya) in der Provinz Misiones, in der sich viele Schweizer Auswandernde erfolglos im Ackerbau versuchten, befindet sich noch immer das Instituto Línea Cuchilla, eine angesehene landwirtschaftlich-technische Berufsschule.
Und so nahm die Auswanderung ihren Lauf. Zwischen 1850 und 1939 zog es rund 40’000 Schweizerinnen und Schweizer in die argentinische Pampa, wodurch sich Argentinien zum zweitwichtigsten Auswanderungsland dieser Periode aufschwang – noch vor Kanada und Brasilien.
Diplomatische Turbulenzen
Diese wachsende Schweizer Gemeinschaft hatte zusehends Auswirkungen auf der zwischenstaatlichen Ebene, die das argentinisch-schweizerische Verhältnis bis heute noch prägen – im Guten wie im Schlechten. So vertieften sich die bilateralen Beziehungen zunächst: bereits 1831 öffnete das erste Schweizer Konsulat in Buenos Aires seine Pforten, 1891 folgte die erste diplomatische Vertretung der Eidgenossenschaft auf dem südamerikanischen Kontinent.
Doch bereits wenige Jahre danach erwog der Bundesrat im Schatten des Bürgerkrieges von Santa Fé 1893, die diplomatischen Beziehungen wieder abzubrechen. Dies, weil Schweizer Einwanderer aktiv an der Seite der Rebellen gegen die Provinzregierung gekämpft hatten – sie wollten sich so gegen neue Steuern und für mehr Mitbestimmungsrechte einsetzen. Diese Beteiligung trübte die zwischenstaatlichen Beziehungen dermassen, dass erst ab 1896 wieder von einer zaghaften Normalisierung die Rede sein konnte.
Trotz dieses Zwischentiefs entwickelten sich die Beziehungen im 20. Jahrhundert wiederum prächtig. Ausdruck dieser ausgezeichneten Beziehung sind beispielsweise die Schutzmandate, die die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges für Argentinien in Deutschland, Japan und Vichy-Frankreich übernahm. Auch später vertrat die Schweiz Argentiniens Interessen, z.B. in Kuba. Während des Falklandkrieges übernahm sie diese Funktion sogar für Grossbritannien in Argentinien – ein beachtlicher Vertrauensbeweis.
Das Ende einer Ära
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1939 kam die Auswanderung schliesslich zum Erliegen und hat sich seither auch nicht mehr erholt: Die Vereinigten Staaten, Kanada oder Australien haben Argentinien als beliebteste aussereuropäische Auswanderungsdestinationen unlängst den Rang abgelaufen. Viele Schweizer und Schweizerinnen sind zudem über die Jahre weiter- oder gar rückgewandert, zuletzt vor allem wegen der schweren Wirtschaftskrise und der sozialen Unruhen um die Jahrtausendwende. Dennoch leben heute noch rund 15’000 Schweizerinnen und Schweizer in Argentinien, wodurch sie nach wie vor die grösste Schweizer Kolonie Lateinamerikas bilden. Zahlreiche Eidgenossen wurden zudem auch weiterhin beruflich nach Argentinien entsandt und pflegen bis heute noch enge Beziehungen mit dem südamerikanischen Land – teilweise wohnen gar noch ihre Kinder dort.
Die Spuren der Auswanderer sind heute noch leicht zu erkennen: die von Schweizer Siedelnden gegründeten Ortschaften existieren noch immer und sind teilweise gar zu richtiggehenden Städtchen herangewachsen. Betritt man eine solche Colonia Suiza, so trifft man nicht nur auf Menschen mit typischen Schweizer Namen wie Flückiger, Minder, Schär. In gewissen Ortschaften wie San Jerónimo Norte, das 1858 von Oberwallisern gegründet wurde, hört man sogar noch immer original Walliserdeutsch. Tatsächlich trotzten viele Argentinienschweizer und –schweizerinnen den Hispanisierungsversuchen des letzten Jahrhunderts und bewahrten ihr Schweizer Erbe. Dies äussert sich auch durch die vielen aktiven Schweizer Clubs, den zahlreichen folkloristischen Festivitäten sowie die Präsenz Chalet-ähnlicher Bauten, Rösti und gar Alphörnern. Das Verbundenheitsgefühl zum Heimatland ist vielerorts bemerkenswert stark.
Auch die schweizerisch-argentinischen Beziehungen sind eng und wohlwollend. Argentinien ist heute von allen südamerikanischen Staaten der viertwichtigste Handelspartner sowie der zweitwichtigste Exportmarkt. Auch auf politischer Ebene findet ein reger Austausch statt: alleine 2018 besuchten mehrere Bundesräte das Land. Zurzeit laufen überdies intensive Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Mercosur, dem südamerikanischen Wirtschaftsraum, dem auch Argentinien angehört. Die schweizerisch-argentinische Freundschaft dürfte sich somit auch künftig weiter verfestigen und vertiefen.
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