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Yannick Sterke zeigt auf Bunker und Geschützstellungen und erzählt die Geschichte von den Soldaten aus Bedford im US-Bundesstaat Virginia: 22 von ihnen sind bei den Kämpfen in der Normandie umgekommen. Es ist eine Geschichte für ein amerikanisches Publikum.
Er schätze, dass etwa 95 Prozent seiner Gäste Amerikaner sind, sagt Sterke, der Gruppen zu den Sehenswürdigkeiten des D-Day führt. «Die meisten sind 60 oder älter und haben einen Vater, einen Grossvater oder einen Onkel, der im Zweiten Weltkrieg diente. Für viele ist die Tour deshalb sehr speziell, sehr emotional.»
Und tatsächlich erzählt ein älterer Mann aus Sterkes Gruppe, er stamme aus Minneapolis und reise mit seinem besten Freund, einem Vietnam-Veteranen, auf jener Route durch Frankreich, die sein Vater genommen habe, als er im Zweiten Weltkrieg kämpfte.
«Mein Vater kam als veränderter Mann aus dem Krieg zurück und er konnte nie wirklich darüber reden», erzählt der Mann unter Tränen und sagt, diese Reise sei für ihn eine Möglichkeit, um besser mit dem Tod des Vaters zurechtzukommen. Er befinde sich auf einer Art Pilgerreise.
Hollywood als Tourismus-Förderer
Andere kennen den D-Day aus dem Fernsehen. Natürlich führt Yannick Sterke seine Gruppe auch an den berühmt-berüchtigten «Omaha-Beach», an den Landungsstrand, an dem die US-Truppen am D-Day schreckliche Verluste erlitten, und zum US-Soldatenfriedhof mit seinen strahlend weissen Grabkreuzen und Davidsternen.
Beide Orte sind wichtige Schauplätze in Steven Spielbergs Kriegsfilm «Der Soldat James Ryan» von 1998. «Man kann sich nicht vorstellen, welche Wirkung dieser Film für die Normandie hatte», sagt Sterke. Er habe zusammen mit der Fernsehserie «Band of Brothers» enorm dazu beigetragen, dass die Besucherzahlen stetig angestiegen seien.
Die Faszination des D-Day ist nach 75 Jahren ungebrochen und sie erreicht in einem Jubiläumsjahr jeweils einen Höhepunkt. Längst sei der Touranbieter «Overlordtour» für den Juni ausgebucht, sagt Tourguide Sterke.
Eine Region im Zeichen der Invasion
Der Schauplatz der Invasion umfasst die fünf ehemaligen Landungsstrände der Briten, Amerikaner und Kanadier. Hier hat die Befreiung Westeuropas von den Nazis begonnen. Die wunderschönen Strände sind heute nur noch unter ihren militärischen Codenamen bekannt: Sword, Gold, Juno, Utah und Omaha. Entlang dieses etwa 100 Kilometer langen Küstenabschnitts findet sich heute eine Vielzahl von alten Bunkern, schweren Waffen, Monumenten und Museen.
Mancherorts zeugen noch Bomben- und Granattrichter vom massiven Beschuss und vor der Küste bei Arromanches-les-Bains sind noch Teile eines künstlichen Hafens zu sehen, den die Alliierten über den Ärmelkanal transportiert haben. Und auch die Soldatenfriedhöfe zählen zum touristischen Programm: Zigtausende Gräber von jungen Männern erinnern eindringlich an die brutalen Kämpfe vom Sommer 1944. Das Küstengebiet ist zu einer Art gigantischem Freilichtmuseum geworden. Und die Normandie, wo während der Kämpfe auch zehntausende Zivilisten umkamen, verdient heute viel Geld damit.
Gemäss «Normandie Tourismus» verzeichnen die D-Day-Sehenswürdigkeiten alles in allem etwa fünf Millionen Besucher pro Jahr - ein Jubiläumsjahr wie dieses bringe eine zusätzliche Million. Auf der Internetseite der Tourismusorganisation wird für den Sommer ein «reiches und nie dagewesenes» D-Day-Programm angekündigt. Der D-Day und seine Erinnerungsorte sind damit zur wichtigsten Touristenattraktion der Region geworden. Dass zum grossen Jubiläum auch hohe Politprominenz, wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump erwartet wird, hilft natürlich.
Vom Erinnerungstourismus zum Geschichtstourismus
Dieses 75. Jubiläum dürfte aber das letzte grosse sein mit einer namhaften Zahl von Veteranen. Jene, die den D-Day miterlebt haben, sterben aus, ihre Kinder sind in die Jahre gekommen. Das wirkt sich auch auf den Tourismus aus: Aus dem «Erinnerungstourismus» werde allmählich ein «Geschichtstourismus», sagt Dominique Saussey von «Normandie Tourismus».
Es gelte nun, das Interesse auch bei einer jungen Generation wachzuhalten. Und die Normandie wolle ein neues Publikum zu den Landungsstränden locken. Heute sind es vor allem Gäste aus Amerika und aus Europa, die sehen wollen, wo die Alliierten vor 75 Jahren an Land gingen.
Man hat neu die Asiaten im Auge
Der Versuch, die Landungsstrände zum UNESCO-Weltkulturerbe zu machen, soll das Spektrum erweitern: «Das Label würde uns automatisch ein neues Publikum eröffnen», sagt Touristikerin Saussey, denn «es würde auch Menschen zu den Stränden bringen, die bisher nicht kommen, weil der D-Day nicht zu ihrer Geschichte gehört. Ich denke etwa an asiatische Gäste, von denen man weiss, dass sie ganz spezifisch zu den UNESCO-Stätten reisen.»
Ausserdem will sich die Normandie zunehmend auch als Ort verstanden wissen, der die Schrecken des Krieges erlebt hat und deshalb für Werte wie Friede und Freiheit steht. Im Juni findet zum zweiten Mal in der Stadt Caen ein Friedensforum statt, an dem fünf Friedensnobelpreisträger teilnehmen. Und vielleicht kommen irgendwann auch die Deutschen in grosser Zahl, wie sich das die Touristiker in der Normandie wünschen.
Saussey erklärt, viele der Museen in der Normandie widmeten sich bislang den Befreiern. Die Deutschen, die ehemaligen Besatzer, fühlten sich wohl teils immer noch deplatziert. Dazu kommt, dass sich in der Normandie nur wenige Angebote für Deutschsprachige finden.
Jean Lenoir, ein Franzose, der in Deutschland lebte, ist auf weiter Flur der einzige, der deutschsprachige Führungen anbietet. Ein Schuldgefühl der Deutschen spiele immer noch eine Rolle, erklärt er, aber mittlerweile würden die Deutschen in der Normandie freundlich empfangen. Dass es an deutschsprachigen Angeboten fehle, liege vor allem an der Sprache: «Auf den Tourismusbüros spricht kaum jemand Deutsch.»
Rollenspiele und Hakenkreuze
Der D-Day-Tourismus hat auch fragwürdige Formen angenommen. Zum Jubiläum kommen wieder die vielen «Reenactors»: Jene, die sich in historische Uniformen werfen und den Zweiten Weltkrieg nachempfinden. Jean Lenoir, der in der Normandie aufgewachsen ist und Armeeoffizier war, wird deutlich: «Erwachsene, die sich als Soldaten verkleiden, spielen Krieg. Das ist wirklich extrem geworden und das stört mich.»
Wenn Du wirklich nacherleben willst, was diese Männer erlebt haben, dann [...] kämpf dich mit einem Rucksack den Hügel hoch und lass dich mit Steinen bewerfen.
Ähnlich geht es Scott Desjardins, der als Superintendent für den US-Soldatenfriedhof in Colleville-sur-Mere verantwortlich ist. Er musste schon einen Reenactor rauswerfen, der mit Kunstblut im Gesicht auf dem Friedhof auftauchte. Er sei kein Fan von Reenactors: «Wenn Du wirklich nacherleben willst, was diese Männer erlebt haben, dann steig da unten am Strand bei stürmischer See und Flut aus einem Kajak, kämpf dich mit einem Rucksack den Hügel hoch und lass dich mit Steinen bewerfen.»
Richtig erstaunt ist aber, wer in Arromanches-les-Bains ein privat geführtes Museum besucht: Dort werden deutsche Kriegsorden verkauft, alte Ausgaben von «Mein Kampf» oder – die Lieblingsstücke des Eigentümers – drei «Ehrenkreuze der deutschen Mutter».
Das Hakenkreuz ist allgegenwärtig. «Wir wollen keinen ‹dark tourism›, keinen Tourismus des Schreckens in der Normandie», sagt Dominique Saussey, wenn sie darauf angesprochen wird. Ihre Organisation achte sehr auf einen historisch korrekten Erinnerungstourismus und auf keinen Fall wolle man Raum bieten für eine Verklärung des Nationalsozialismus.
Der Preis der Freiheit
Auch Stéphane Grimaldi weiss um die Auswüchse. Grimaldi ist Direktor des «Mémorial de Caen», des grössten und meistbesuchten Museums in der Normandie. Hier werden der D-Day und der Zweite Weltkriegs auch jenseits von alten Panzern und Geschützen erklärt. Wer verstehen will, kommt hierher.
Grimaldi sagt: «In der Normandie ist es unsere Aufgabe, zu erklären, was zu diesem Krieg geführt hat und welche Konsequenzen er gehabt hat.» Und dann bringt er auf den Punkt, weshalb es sich lohnt die Schlachtfelder zu besuchen: «Jean-Marie Giraud, der dieses Museum gegründet hat, pflegte zu sagen: ‹Ich kenne den Preis der Freiheit›. Wenn die Leute wüssten, dass Freiheit einen Preis hat, und sich daran erinnerten, dass sie frei sind, weil andere dafür gekämpft haben, dann glaube ich, hätten wir etwas gewonnen.»