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Italien hat eineinhalb Millionen Brücken. Alle müssten kontrolliert werden, sagt Settimo Martinello, Direktor einer Brückeninspektionsfirma in Bozen. «Sämtliche Betonbrücken der Fünfziger- und Sechzigerjahre haben ein Altersrisiko». Es sei leicht vorherzusehen, dass sie irgendwann einmal brüchig würden.
Die Korrosion des Stahls im Beton dauere zehn bis 15 Jahre. Von aussen sehe man das nicht unbedingt. Aber der Beton werde von innen zersetzt.
Noch bis zu 20 Menschen vermisst
Drei Tage nach dem Brückeneinsturz vermuten die Behörden noch immer bis zu 20 Menschen unter den Trümmern. Rettungskräfte suchen deshalb weiterhin nach möglichen Opfern. 38 Tote wurden inzwischen geborgen. Mehr als 600 Menschen wurden aus Sicherheitsgründen aus ihren Wohnungen in Gebäuden rund um den Unglücksort ausquartiert, weil ein Einsturz weiterer Brückenteile droht.
Kein Stresstest für Römer Brücke
In Rom müsse der Ponte della Magliana, der den Tiber überquert, unverzüglich geschlossen werden, sagt Renzo Calzona, ehemaliger Professor für Baukonstruktionstechnik an der Römer Universität La Sapienza. Die nach Kriegswirren neu erbaute und 1952 eröffnete Brücke wurde nie einem Stresstest unterzogen. «Sie hätte nie für den Verkehr zugelassen werden dürfen.»
Schon in den 1970er-Jahren -befand eine Expertengruppe der Stadt Rom, der stark befahrene Ponte della Magliana müsse wegen Baufälligkeit, Korrosion der Metallteile und Verschleiss geschlossen werden. Calzona sieht ein grosses Risiko für einen Zusammenbruch. Er fordert zum wiederholten Mal, endlich zu handeln. «Es geht bloss darum, geltendes Recht anzuwenden.»
Zu wenig Geld für die Provinzen
Ähnliche Warnungen kommen aus der Lombardei, und zwar von Experten der Provinz Monza und Brianza. Die vier Strassenüberführungen der intensiv genutzten Verbindung von Mailand nach Meda seien nicht sicher. Die Provinz habe von den letzten Regierungen so wenig Geld bekommen, dass sie den Unterhalt der Strassen, die in ihre Kompetenz fallen, schlicht nicht garantieren könne.
Das ist das Problem. Beppe Grillo, der Gründer und Übervater der Fünf-Sterne-Bewegung, kann leicht fordern, sämtliche Infrastrukturbauten Italiens müssten überprüft werden. Das soll wohl heissen, es müsse ein Inventar der Risiken und Gefahren landesweit erstellt werden.
Rare Experten
Aber wo ist das Millionenbudget, das dieses Riesenvorhaben ermöglichen würde? Und wo sind die Experten, die sich gleich ans Werk machen könnten? Erstklassige Fachleute gibt es zweifellos – aber sie sind rar, gänzlich unabhängige noch rarer.