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Röthlisberger, Petra
Der Tessenowschüler Franz Scheibler ist ein Architekt der feinen und leisen Töne. Sein umfangreiches Werk entstand abseits der grossen Architekturschauplätze mehrheitlich in Winterthur und ist heute kaum bekannt. Es stellt jedoch auf mehreren Ebenen einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Architektur des 20. Jahrhunderts dar. In den Bereichen sozialer Wohnungsbau und Holzbau, beides zentrale Themen der Zwischenkriegszeit, leistete Scheibler Herausragendes. Dazu gehören u. a. auch die «Selbsthilfekolonie» (1924–1928), eine Reihenhaussiedlung, für deren Bau die künftigen Bewohner nicht nur Geld, sondern auch Arbeit investiert hatten, und die Holzhaussiedlung an der Weststrasse (1933–1934), die erste moderne Holzhaussiedlung der Schweiz. Mit den Pavillons für die vierte Schweizerische Landesausstellung, der legendären «Landi 1939» in Zürich, und den Bauten der folgenden Jahre, erwähnt sei hier die Landwirtschaftliche Schule «Unterland» in Bülach (1942–1943), war Scheibler an der Herausbildung einer spezifisch Schweizerischen Architektur beteiligt, die nach dem 2. Weltkrieg internationale Beachtung fand. Der wirtschaftliche Aufschwung der fünfziger Jahre ermöglichte Scheibler eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schulhausbau und anderen grösseren Bauaufgaben sowie die Erprobung technisch aufwändigerer Konstruktionen.
Scheiblers Werk, über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten entstanden, stellt einen repräsentativen Querschnitt durch die Schweizer Baukultur der Zwischen- und Nachkriegszeit dar und zeugt von dem hohen Qualitätsstandard der Schweizer Architektur, den es auch jenseits bekannter Werke und Architekten zu entdecken gilt. Es zeichnet sich, insbesondere im Bezug auf den Wohnhausbau, durch eine Ernsthaftigkeit und Kontinuität aus, die nur wenige vergleichbare Beispiele findet, und nimmt auch durch die konsequente Umsetzung von Tessenows Lehren eine Sonderstellung innerhalb der Schweizer Architektur ein.
Die Studie hat nicht nur eine systematische Untersuchung und architekturhistorische Einordnung der Werke Scheiblers zum Ziel. Sie möchte dazu beitragen, eine umfassende Perspektive auf die Schweizer Architektur des 20. Jahrhunderts zu gewinnen. Der nicht-avantgardistische, «moderate» Beitrag zur Entwicklung der Moderne soll neu gewichtet und das Verständnis für das nachhaltige Potential einer auf den ersten Blick unspektakulären Architektur gefördert werden.
Laufzeit: 2006–2009