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Das Bildprogramm der Chorausmalung erschliesst sich zwar nicht unmittelbar, doch schlagen einen die besonders bei Sonnenschein warm leuchtenden Fresken sogleich in ihren Bann.
Die Gemälde bedecken die gesamte Wand- und Gewölbefläche des Chors; je weiter entfernt vom Boden und der aufsteigenden Feuchtigkeit, desto besser sind die Malereien erhalten. Die knapp bis zum Gewölbeansatz reichende Sockelzone zeigt in gleichmässigem Wechsel eine rotweisse Quaderung mit weissen Fugen. Ihren oberen Abschluss bildet ein umlaufendes gelbes Wellenband auf weissem Grund, das sechs gemalte Apostelkreuze zieren. Ein Mäanderband teilt die Wandzone darüber in zwei horizontale Bildstreifen. Das übrige Begleit- und Rahmenwerk basiert auf karminroten Bordüren. Mit weissen Rosetten besetzt, umschliessen sie die Fenster; mit gelben Ranken, weissen Krabben oder Kreuzblumen kombiniert, begleiten sie die Schildbögen und die Gewölberippen. In dieses Rahmengerüst eingespannt sind die nach einem einheitlichen Plan geschaffenen figürlichen Malereien.
Die reich abgestuften Rottöne, die mit Ocker und Brauntönen zu einem intensiven Farbakkord kombiniert sind, werden von Grün und Blau kontrastiert; bei den schwarzen Stellen handelt es sich um einen ursprünglich rötlichen Farbton, der im Laufe der Zeit schwarz oxydiert ist. Die Malerei wurde in drei Schichten als Fresko-, Kalk- und Secco-Malerei aufgetragen. («Al fresco» bezeichnet das Malen in den nassen, noch nicht abgebundenen Verputz, während bei der «al secco»-Technik die Farbe auf den trockenen Untergrund aufgebracht wird).
Bildprogramm
Ostwand: An der Stirnwand ist der untere Bildstreifen zwei szenischen Darstellungen vorbehalten. Die linke zeigt eine Episode aus dem Leben des hl. Fridolin, dem Gründer des Klosters Säckingen (Bad Säckingen D). Nach der Legende vermachte Urso, ein vornehmer Mann, dem Kloster beträchtlichen Landbesitz im Glarnerland. Die Schenkung wurde nach dem Tod Ursos von dessen Bruder Landolf angefochten. In unserem Bild erscheint Abt Fridolin vor dem königlichen Richter, zur Überraschung aller Anwesenden begleitet vom auferweckten Urso, der die strittige Landschenkung vor Gericht bestätigt. Abt Fridolin weist mit seiner Linken auf den soeben aus dem Grab gestiegenen, als Skelett wiedergegebenen Zeugen hinter sich, während der König seine rechte Hand vors Gesicht hält, als ob er seinen Augen nicht traute. Auch das königliche Gefolge lässt sich zu lebhaften Gebärden hinreissen, die das Ausserordentliche des Geschehens verdeutlichen.
Chorausmalung, Detail der Ostwand. Abt Fridolin mit seinem dem Grab entstiegenen Zeugen vor dem Richter
Foto Franz Jaeck 2000
Im Bild rechts des Fensters ist der Kirchenpatron Martin hoch zu Pferd zu sehen. Er teilt seinen Mantel mit einem missgestalteten Bettler, der eine seiner Krücken fallen lässt. Welch ein Gegensatz zwischen dem entstellten Gesicht des Bettlers und dem geradezu hübschen Köpfchen des Pferdes!
Dargestellt ist eine wichtige Begebenheit aus dem Leben des hl. Martin, des späteren Bischofs von Tours und Patrons des Fränkischen Reiches. Martin diente vor seiner Bekehrung zum christlichen Glauben als römischer Soldat und begegnete vor den Toren von Amiens einem frierenden Bettler, dem er die Hälfte seines Reitermantels schenkte.
Von den beiden weiblichen Heiligengestalten im oberen Bildstreifen ist die linke an ihren Attributen Doppelkamm und Krüglein als hl. Verena erkennbar. In der rechten Frauengestalt wurde schon die hl. Agatha vermutet. Über dem Fensterscheitel erscheint in einem Medaillon das Lamm Gottes mit der Kreuzesfahne als Sinnbild für Leiden, Tod und Auferstehung Christi. In der linken Fensterleibung ist eine gekrönte Heiligengestalt mit Zepter zu sehen; das schlecht erhaltene Pendant auf der rechten Seite trägt einen Judenhut. Die Wappenschilde über den Figuren sind bedauerlicherweise unkenntlich.
Nord- und Südwand: Ein Apostelfries nimmt jeweils den unteren Bildstreifen der Nord- und der Südwand ein. Die schlanken Einzelgestalten sind von kleeblattbogigen Säulenarkaden eingefasst. An ihren Attributen erkennen wir drei der vier an der Nordwand dargestellten Apostel: links aussen Jakobus den Älteren in seinem von Jakobsmuscheln besetzten Pilgermantel, rechts neben dem Fensterausbruch (ihm fielen zwei Apostelgestalten zum Opfer) Paulus mit dem Schwert in der Rechten und den als Jüngling dargestellten Johannes Evangelista. An der Südwand lässt sich der Apostel Bartholomäus anhand seines Marterwerkzeugs, eines Messers, identifizieren. Die zu seinen Füssen kniende, kindhaft kleine Gestalt dürfen wir wohl als Stifter oder Stifterin der Chorausmalung ansehen. An der Leibung des Spitzbogenfensters hat sich eine bärtige Heiligengestalt erhalten – vermutlich ein weiterer Apostel, der in der gegenüberliegenden Leibung ein Pendant gehabt haben dürfte. Vom Apostelfries der Südwand sind sonst nur noch zwei Fusspaare auszumachen.
Im oberen Bereich der Südwand erkennen wir links noch zwei Figuren. Die grössere sitzt mit übergeschlagenem Bein auf einer Bank und trägt in der rechten Hand eine Kerze(?). Hinter dem Rücken dieser gekrönten Männergestalt versteckt sich eine kleinere Figur in einem karierten Gewand. Die Szene konnte bisher nicht gedeutet werden.
An der Nordwand sehen wir über dem Apostelfries links des Fensters den in einen roten Mantel gehüllten Erzengel Michael als Seelenwäger. An der rechten Waagschale zerren zwei gelbe Teufel, darüber schwebt ein Engel mit einer kleinen Menschenseele in seinen verhüllten Händen. Zu Füssen Michaels sind eine gekrönte Männergestalt und der Kopf einer weiteren Figur sichtbar, die einer Gruft zu entsteigen scheinen. Dem Erzengel gegenüber schmoren vier Verdammte in einem Kessel, unter dem die Flammen des Höllenfeuers züngeln. Ein langnasiger Teufel auf dem Kessel angelt sich bereits sein nächstes Opfer.
Chorausmalung, Detail der Nordwand. Verdammte schmoren in einem Kessel über dem Höllenfeuer
Foto Franz Jaeck 2000
Die Chorbogenleibung trägt eine Folge von insgesamt vierzehn Rundmedaillons, von denen sechs noch kronen- und kappengeschmückte Köpfe erkennen lassen. Vielleicht handelt es sich um alttestamentliche Vorläufer und Wegbereiter Christi.
Gewölbezwickel: Im vom Kirchenschiff aus zuerst einsehbaren östlichen Gewölbezwickel ist die Majestas Domini (Herrlichkeit Gottes) dargestellt. Streng frontal thront Christus, mit einem Kreuznimbus ausgezeichnet, auf dem Regenbogen. Die rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben, die linke hält das geöffnete Buch des Lebens. Zwei kniende Engel mit Prozessionsfahnen ehren den Herrn. Über seinem Haupt schwebt der Adler als Symbol des Evangelisten Johannes. Die übrigen, vor roten Wolkengründen wiedergegebenen Evangelistensymbole – sie gehören streng genommen als fester Bestandteil zum Bildtypus der Majestas Domini – sind den restlichen drei Gewölbekappen zugeordnet.
Das westliche Gewölbesegment direkt hinter dem Chorbogen zeigt Christus als Weltenrichter. Aus seinem Mund fahren die zwei Schwerter der himmlischen und irdischen Gewalt, welche die Menschheit scheiden. Die Wundmale am Körper Christi und die von zwei Engeln dargebrachten Marterwerkzeuge (links die Lanze und die in einem Kelch bewahren Nägel, rechts das Kreuz und die Dornenkrone) weisen den Weltenrichter als den Gekreuzigten aus. Den Zwickel besetzt das Symbol des Evangelisten Matthäus, der Engel.
Detail der Chorgewölbeausmalung: Christus als Weltenrichter
Foto EH 2014
Im südlichen Gewölbesegment findet sich die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit in Gestalt des sogenannten Gnadenstuhls: Der auf einer breiten Bank thronende Gottvater hält im Schoss seinen ans Kreuz genagelten Sohn, während die Geisttaube auf dessen Haupt niederfährt. Zu beiden Seiten huldigen Engel mit Weihrauchgefässen. Der Stier steht als Symbol für den Evangelisten Lukas.
Im nördlichen Gewölbefeld erkennen wir die vom Markuslöwen überhöhte Marienkrönung, welcher kerzentragende Engel beiwohnen. Christus, der in der Linken die Weltkugel und das Kreuzzepter mit Fahne hält, krönt mit seiner Rechten die ihm zugewendete Maria zur Himmelskönigin.
Die Besonderheit der Unterkulmer Chorausmalung liegt in der Konzentration auf die endzeitliche Erscheinung Christi in den Throndarstellungen des Gewölbes. Die vier Szenen spielen mehr oder weniger direkt auf die Wiederkunft des Herrn an. Sie handeln von den letzten Dingen (Tod, Gericht, Himmel, Hölle bzw. Fegefeuer), von denen die christliche Vorstellung vom Weltende durchdrungen ist.
Am Ende der Zeit wird Christus in seiner Herrlichkeit wieder erscheinen und seine Herrschaft erneut aufrichten. Er wird alle Menschen vor sich versammeln und als Richter die Gerechten von den Verdammten trennen. Christus erscheint in der westlichen Gewölbekappe aber nicht nur als Weltenrichter am Jüngsten Tag, sondern die Wundmale und die Leidenswerkzeuge sollen zeigen, dass Christus als Richter und als Erlöser ein zweites Mal kommen wird. Auch im Bild des Gnadenstuhls für die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist ist der Opfertod Christi stark präsent. Und es dürfte kein Zufall sein, dass der Lukas-Stier, in dem unweigerlich auch das Bild des «Opfer»-Stiers mitschwingt, gerade dieser Darstellung zugeordnet ist. Auf den Zustand nach der Erlösung, also nach der Vollendung des Werks Christi im Jüngsten Gericht, spielt die Marienkrönung an. In der himmlischen Vermählung von Christus mit seiner Kirche, die von Maria verkörpert wird, zeigt sich gleichsam der Triumph der Kirche.
Die Ausmalung des Kirchenchors von Unterkulm gipfelt in den Gewölbekappen in vier visionären Erscheinungen Christi. Für diese aussergewöhnliche Bildfindung ist keine exakte Parallele bekannt. Sehr ähnlich präsentiert sich aber die schlecht erhaltene Gewölbeausmalung der St.-Anna-Kapelle in Kloster Fahr, die um 1280/1290 anzusetzen ist. Das Programm umfasst die Majestas Domini, Christus als Weltenrichter, den thronenden Christus mit dem Buch der Sieben Siegel, das von Lamm geöffnet wird, und die Marienkrönung.
Kunstgeschichtliche Einordnung
Die Unterkulmer Chorausmalung präsentiert sich nach den jüngsten Konservierungsmassnahmen wieder in eindrücklicher Geschlossenheit. Im Vergleich zu den mehrheitlich stark abgeriebenen Wandbildern sind die Deckenfresken recht gut erhalten. Wo nebst den rotbraunen Vorzeichnungen und der untersten Farbschichten noch die modellierende Malschicht vorhanden ist – etwa beim Lukas-Stier, beim rechten Engel im südlichen Gewölbezwickel oder bei der Blattranke in der Leibung des Südfensters – offenbart sich die hervorragende künstlerische Qualität der Wandmalereien. Sie gehören weit über die Kantonsgrenzen hinaus zu den Spitzenleistungen der mittelalterlichen Wandmalerei.
Detail der Chorgewölbeausmalung. Die hier als Symbol des Evangelisten Lukas erscheinende Stier zeigt die ausgezeichnete Qualität der Fresken
Foto Franz Jaeck 2000
Stilistisch gehören die Fresken der Mannessezeit an, benannt nach der berühmten gleichnamigen Liederhandschrift (Codex Manesse), die 1304/05 in Zürich begonnen wurde. Die Ausmalung des Chors der Kirche Unterkulm dürfte um 1320 durch einen Künstler bzw. eine Werkstatt aus dem zürcherisch-konstanzischen Raum erfolgt sein. An Konstanzer und Reichenauer Wandmalereien lassen etwa die gotischen Laubwerkfriese am Gewölbe denken. Im stilgeschichtlichen Vergleich ist die Unterkulmer Chorausmalung etwas jünger als die gleichfalls diesem Kunstkreis zugeordneten Fresken der Leonhardskapelle in Landschlacht TG und der Martins-Kirche in Kirchbühl LU (um 1300/1310) und wenig älter als die Ausmalung der Kirchen in Oberstammheim und Oberwinterthur sowie in der Sebastianskapelle in Buch TG (um 1320/1230). Im profanen Bereich sei erinnert an die Malereien im Haus Zum langen Keller in Zürich aus dem frühen 14. Jahrhundert.
Die Unterkulmer Chorfresken offenbaren eine grosse Variationsbreite in der Ausdrucksform: Von der altertümlich wirkenden Majestas Domini, in der die feierlich-erhabene Gebärdensprache die unnahbare Erscheinung der streng frontalen Christusgestalt noch steigert, bis hin zur Marienkrönung, einer anmutigen, beinahe intimen Zweifigurenkomposition, die den höfischen Geist der Manessezeit unmittelbar widerspiegelt. Insgesamt ist der Figurenstil der Unterkulmer Chorausmalung von einer gefestigten Körperlichkeit geprägt. Die Gestalten stehen sozusagen mit beiden Beinen fest auf dem Boden (zuweilen in kühnen Überscheidungen mit dem Rahmenwerk); in ihnen ist gotische Lebensnähe zu spüren – fast möchte man von einer «volkstümlichen» Ausdrucksweise sprechen.
Zur Stifterfrage
Stifter oder Stifterin des Unterkulmer Freskenzyklus sind im Umkreis des Grafengeschlechts von Tierstein-Pfeffingen zu suchen, das bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts im Besitz des Patronatsrechts der Kirche Kulm war. Durch die Tiersteiner, die ihren Stammsitz unweit von Säckingen hatten, dürfte auch der Fridolinskult nach Unterkulm gelangt sein. Der hervorragende Platz, den der hl. Fridolin an der Chorstirnwand neben dem hl. Martin einnimmt, lässt den Schluss zu, dass Fridolin die Rolle als zweiter Kirchenpatron zugedacht war. – Die Gerichtsdarstellung ist eine der ältesten szenischen Darstellungen aus dem Leben des hl. Fridolin, des Gründerabts des Klosters Säckingen. In der ohnehin nur spärlich überlieferten Gattung der Monumentalmalerei ist bisher nur eine noch ältere szenische Fridolinsdarstellung bekannt: Ein Wandmalereifragment in der Kapelle St. Margareta in Rheinsulz (Gde. Laufenburg) zeigt den hl. Fridolin mit zwei Knechten vor einem Ochsengespann, das einen umgesägten Laubbaum zieht. Damit trieb der Heilige, wie in seiner Vita überliefert, die Korrektur des Flusslaufs bei der Rheininsel zu Säckingen voran.
Dieser Absatz entspricht weitgehend dem identisch übertitelten Textabschnitt des Kunstführers «Die Kirche Unterkulm und ihre Chorausmalung», welcher von der Verfasserin 2001 in der Reihe der Schweizerischen Kunstführer GSK vorgelegt wurde.