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von Fabian Lienhard, MSc, und Dr. Maida Mustafic
Man stelle sich eine Gruppe von jüngeren und älteren Personen vor, die zusammen eine Wanderung machen. Im flachen Gelände wird sich zunächst ein Gespräch entwickeln, bei einer zunehmend anspruchsvolleren Route wird dieses jedoch vermutlich mehr und mehr versiegen. Werden sich nun die älteren Personen, denen das Gelände mehr Probleme macht, früher aus dem Gespräch zurückziehen um sich ganz auf das Gehen fokussieren?
Eine Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin stellte sich die Frage, welche Tätigkeiten ältere im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen vorziehen und warum. Um diese Frage zu überprüfen, liessen sie Studienteilnehmer einen schmalen Weg entlang gehen und gleichzeitig eine Liste mit Wörtern auswendig lernen.
Erwartetet wurde dabei, dass ältere Personen beim Ausführen dieser beiden Tätigkeiten einen anderen Schwerpunkt legen als jüngere. Da für ältere Personen die Konsequenzen eines Sturzes gesundheitlich gravierender sind als bei jungen Personen sollte das Beibehalten des Gleichgewichts für Ältere relevanter sein als das Auswendiglernen der Wörter.
In ihrer Untersuchung fanden sie, dass bei der Bearbeitung der zwei Aufgaben (Erinnern und Gehen) bei jungen und älteren Personen die Laufgeschwindigkeit gleichermassen sank – die Erinnerungsleistung hingegen ging allerdings nur bei den älteren Personen zurück. Dies bestätigt die Annahme, dass ältere Personen dem Laufen mehr Aufmerksamkeit und Kontrolle beimessen mussten, die ihnen dann beim Erinnern von Wörtern nicht mehr zur Verfügung stand. Ausserdem deuteten die Forscher das Ergebnis als Hinweis dafür, dass Individuen mit zunehmendem Alter abnehmende Fähigkeiten kompensieren, indem sie relevanten Dingen eine höhere Priorität zuweisen und so ihren Einsatz gezielt ausrichten.
In Übereinstimmung mit diesem Befund fanden die Forscher zudem, dass sich die beiden Altersgruppen auch in der Benutzung von Hilfsmitteln unterscheiden: In einer Situation in der das Gehen wie auch das Wörter lernen für beide Altersgruppen schwierig war, nahmen junge Personen eher eine Erinnerungshilfe in Anspruch, ältere Personen hingegen eher eine Gehhilfe. Auch dieses Ergebnis spiegelt die unterschiedliche Gewichtung der jeweiligen Funktionsbereiche für die beiden Altersgruppen wieder. Da für ältere Erwachsene der physische Bereich lebenserhaltend ist, kompensieren sie eher im physischen Bereich, als ihre Erinnerungsleistung zu verbessern. Im Gegensatz dazu können sich jüngere Erwachsene eher auf ihre physische Leistungsfähigkeit verlassen und investieren daher bevorzugt in einem Bereich, von dem sie sich zusätzlichen Nutzen erhoffen, wie zum Beispiel ihren Gedächtnisfähigkeiten.
Diese Feststellung bringt auch Implikationen für die Praxis mit sich. Bei der Bereitstellung von Hilfestellungen für ältere Personen ist beispielsweise nicht nur darauf zu achten, ob diese auch tatsächlich hilfreich sind; ebenfalls ist darauf zu achten, ob diese von den angesprochenen Personen auch für den jeweiligen Lebensbereich als hilfreich wahrgenommen werden.
Quelle: Li, K. Z., Lindenberger, U., Freund, A. M. und Baltes, P. B. (2001). Walking while memorizing: age-related differences in compensatory behavior. Psychological Science, 12, 230-237.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.