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In "professionellen" Organisationen, Erbsenzählen (also Buchhaltung, finanzielle Führung, Kostenkontrolle, etc.) ist eine der wichtigsten Aktivitäten - wichtig in Bezug auf die C-Level*-Aufmerksamkeit sie bekommt und auf ihren Einfluss auf Investitionsentscheidungen, Weiterverfolgung von Entwicklungsprojekten oder Personalentscheidungen. Die Geschichte dieser Bedeutung kann weit zurückverfolgt werden, beispielsweise bis 1511, als das Fugger Konglomerat seinen Buchhalter bat erstmals Bilanzen zu erstellen; oder bis Karl den Grossen, der im Jahre 795 einen Jahresbericht mit einer Liste der Vermögenswerte verlangte; oder sogar noch weiter zurück bis in die sumerische Zeit, in welcher um 3500 vor Christus die "Bücher" eine Bilanzierung von Brot und Bier auswiesen.
Erbsenzählen scheint weit verbreitet zu sein und trotz des manchmal negativen Rufs seit Jahrhunderten erfolgreich angewandt zu werden. Und warum? Ich denke, dieser Erfolg liegt in der Tatsache, dass solide Informationen über das heutige Wachstum der Erbsen eine notwendige Voraussetzung sind um in Zukunft mehr Erbsen wachsen zu lassen. So sind solide Informationen, und das bedeutet oftmals finanzielle Informationen, eine zwingende Voraussetzung um Entscheidungen zu treffen. Befürworter des Erbsenzählens argumentieren, dass mittels einer finanziellen Betrachtung jeder Aktivität einer Organisation ein ‚Preis’ zugewiesen werden kann und dadurch eine einheitliche, ein-dimensionale Entscheidungsgrundlage geschaffen wird. Das resultiert in einer Vereinfachung der Beurteilung von finanzieller Effizienz und Effektivität: Ziel sind mehr Gewinn und mehr Eigenkapital. Offensichtlich sind stetige Einnahmen, positive Gewinne und ausreichend Eigenkapital nicht per se negativ - ich denke dass jeder, der einmal für ein Unternehmen in finanziellen Problemen gearbeitet hat, zustimmt. Doch eine wachsende Anzahl Entscheidungsträger stimmt auch zu, dass die finanzielle Orientierung zwar die wirtschaftliche Dimension eines Sachverhaltes umfassend darstellen kann, gleichzeitig sind ein-dimensionale Ansätze nicht mehr ausreichend um die zunehmende Komplexität von Entscheidungen darzustellen. Und so fordern sie für Nachhaltigkeits-orientierte Entscheidungen, welche eine rein wirtschaftliche Dimension übersteigen, die zusätzliche Berücksichtigung von sozialer und ökologischer Dimension. Und nur wenn alle drei Dimensionen gleichzeitig in einem Entscheidungsprozess Berücksichtigung finden, können nachhaltige Organisationen, Projekte und Gesellschaften entstehen. In solch einem Verständnis kann Erbsenzählen als Beispiel dienen, wie wichtig solide Informationen sind. Aufgrund der Tragweite zukünftiger Entscheidungen müssen Entscheidungsträger aber weit über das traditionelle Erbsenzählen hinaus gehen und nebst den ökonomischen Tatsachen auch soziale und ökologische Informationen berücksichtigen.
Wenn wir uns also einigen dass mehr-dimensionale Entscheidungen notwendig und mehr als nur finanzielle Fakten berücksichtigt werden müssen: wie können wir solche Entscheidungen treffen? Wie können positive und negative soziale Aspekte gleichzeitig und ausgewogen berücksichtigt werden? Oder unterschiedlichste Umweltaspekte? Wenn allen Aspekten ein Preis zugeordnet ist, können die Aspekte relativ einfach in der wirtschaftlichen Dimension abgebildet werden, mit einer einfachen Beurteilung: mehr Gewinn und Erhöhung des Eigenkapitals ist gut, weniger Gewinn und sinkendes Eigenkapital ist schlecht. Wir wollen aber erklärtermassen diese Einfachheit hinter uns lassen und bewusst soziale und ökologische Fakten als zusätzliche Dimensionen in die Beurteilung einfliessen lassen. Dass in derartig umfassenden Fragestellungen eine einfache „mehr-ist-gut-weniger-ist-schlecht“ Beurteilung nicht mehr ausreicht zeigt ein Blick auf die aktuelle Diskussion der Energiewende.
Die Herausforderung mehr-dimensionaler Entscheidungen
Die Diskussion über die Energiewende, welche aktuell in vielen Europäischen Ländern sehr intensiv und kontrovers diskutiert wird, ist für jeden von uns wichtig. Einerseits sind wir alle Energiekonsumenten, gleichzeitig haben wir aber relativ wenige Wahlfreiheiten, die involvierten Entscheidungen haben sehr langfristige Konsequenzen für möglicherweise alle von uns, und viele Anspruchsgruppen sind betroffen, mit unklaren Einflussmöglichkeiten. Um also nachhaltige Entscheidungen zu treffen müssen vielfältige Gleichgewichte erreicht werden, insbesondere ein Ausgleich einer Vielzahl von Vorteilen und Nachteilen. Statt der Berechnung eines Preises für alle Alternativen müssen wir Aussagen treffen welche Alternativen akzeptabel und tragbar sind. Der Beginn der Energiewende war die Katastrophe in Fukushima im Frühjahr 2013: Als unmittelbare Reaktion auf die Katastrophe entschieden viele Regierungen, die Menge Atomstrom zu reduzieren, die Restlaufzeit von Nuklearkraftwerken zu kürzen, oder deren Betriebsbewilligungen einzuziehen. Und schon nach kurzer Zeit wurden die Ersatzmöglichkeiten für Atomstrom diskutiert, was umgehend die Fragen nach dem politisch vertretbaren CO2-Ausstoss, Veränderung von Landschaftsbildern durch Windfarmen, oder Subventionen für Photovoltaikanlagen anstiess. Zwischenzeitlich sehen verschiedene Länder Atomstrom wieder als akzeptable Alternative. Vom Status-Quo abzurücken und ein neues Energie-Gleichgewicht zu finden ist also alles andere als einfach. Und ich vermute auch, dass eine breitere Diskussion der Stromfrage zu noch mehr Kontroversen geführt hätte: was wenn auch Energieeffizienz oder dezentrale Energieproduktion diskutiert worden wären? Oder sogar noch unorthodoxere Ideen wie die Limitierung der Verfügbarkeit von Strom für Privathaushalte während bestimmter Stunden am Tag - was eine tägliche Realität ist für viele Menschen in Entwicklungsländern? Derartige Aspekte würden der Diskussion um ein neues Energie-Gleichgewicht viel umfangreichere Spielmöglichkeiten eröffnen. Persönlich denke ich auch, dass wir derartig radikales Denken brauchen um den zukünftigen Generationen zu erlauben, dass auch sie Ihre Bedürfnisse in ähnlicher Weise erfüllen wie wir heute Ressourcen zur Erfüllung unserer Bedürfnisse verwenden.
Anwendung in der Praxis
Was bedeutet all dies nun aber für eine Organisation oder ein Projekt? Wie kann drei-dimensionale "Nachhaltigkeit" mittels Gleichgewichten erreicht werden? Was sind die geltenden Benchmarks, Best-Practice-Ansätze und relevante Messgrössen, Bewertungen und Management-Tools um diese drei-dimensionale Nachhaltigkeit zu erreichen? Meine Forschung analysierte 250 NGOs in der Schweiz und im Ausland und hat entsprechende Frameworks für systematische nachhaltigkeitsorientierte Entscheidungen untersucht. Die Ergebnisse legen nahe, dass allem Voran eine nachhaltige Entwicklung (also die laufende kritische Auseinandersetzung und Verbesserung) statt einer Nachhaltigkeit (also eine bestimmte Balance der drei Dimensionen) angestrebt werden soll. Die zwei Hauptgründe für nachhaltige Entwicklung sind:
- Erstens, Konzepte der Nachhaltigkeit als neues Forschungsfeld bieten laufend neue Erkenntnisse bezüglich bestmöglichen Gleichgewichten, und technologische Veränderungen minimieren die Nachteile einzelner Alternativen und beeinflussen dadurch was zukünftig als das bestmögliche Gelichgewicht gesehen wird.
- Zweitens ist Nachhaltigkeit immer subjektiv. Die Gleichgewichte sind nie objektiv, da sie durch Überzeugungen und Ethik beeinflusst werden.
So ist die Entwicklung vom aktuellen Status (mit geringer Nachhaltigkeit) hin zu einer höheren Ebene von Nachhaltigkeit ein laufender Prozess mit kontinuierlichen Verbesserungszyklen; nicht ein einzelner, unmittelbarer Sprung hin zu einem Ziel was über längere Zeit stabil bleiben wird.
Und wenn eine Organisation zustimmt, dass eine nachhaltige Entwicklung ein kontinuierlicher Prozess ist, müssen die zur Anwendung kommenden Managementmethoden diesen Zyklus von „Informationen sammeln, Ergebnisse diskutieren, Feedback sammeln und Aktivitäten anpassen“ unterstützen – sodass in den folgenden Zyklen eine verbesserte Situation erreicht wird. Nebst der Berücksichtigung dieser Nachhaltigkeits-Aufgaben soll sich Nachhaltigkeitsmessung auf Aspekte konzentrieren die grosse Hebelwirkung haben, also Aspekte die mit wenig Aufwand grosse Wirkung erzielen. Bei der Analyse von NGOs der Entwicklungszusammenarbeit haben sich folgende 4 Ebenen als besonders kritisch und mit grosser Hebelwirkung herauskristallisiert:
- Projekt Initialisierung (Projektidee und Projektvorbereitungsphase),
- Projektergebnisse (erzielte Output, Ergebnis und Wirkung der Projektintervention),
- Organisation (Optimierung des Portfolios von Projekten sowie die internen Operationen),
- Fundraising (Sicherung der bestmöglichen Mittel, um alle Aktivitäten durchzuführen, wie geplant).
Da auch alle anderen Aktivitäten der NGOs potentiell relevant sind für die Nachhaltigkeit müssen auch sie im Auge behalten werden. Zum Beispiel ist die Einstellung eines Nachhaltigkeit-versierten Projektmanager wichtig, aber ihr Einfluss ist wahrscheinlich nur im Rahmen des konkreten Projektes, welches von jemandem anderen vorbereitet und entschieden wurde. Andere relevante Nachhaltigkeitsaspekte wie flankierende Massnamen welche während der Projektentwicklung diskutiert werden, oder eine Finanzierung welche die Kernwerte des Projektes mitträgt, sind ausserhalb des direkten Einflusses des Projektmanagers.
Werden nun die vier Nachhaltigkeits-Ebenen mit den drei Nachhaltigkeits-Aufgaben kombiniert ergibt sich ein zwei-Achsen-Framework welches NGOs der Entwicklungszusammenarbeit hilft, ihre Nachhaltigkeit zu planen, diskutieren und kontinuierlich zu verbessern. Die statistischen Auswertung der Untersuchung von 250 NGOs zeigt, dass dieses Framework die Nachhaltigkeit von NGOs umfassender unterstützt als ein Benchmarking mit ähnlichen Organisationen oder ähnlichen Projekte, oder als eine lineare Regressionen von Best Practices.
Bild 2: Sustainability Measurement Framework für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit
mit Zielsetzungen für jedes Matrix-Feld (Pfister S., 2014)
Während die Forschung zeigt, dass eine solche Matrix die Nachhaltigkeit der Projekte einer NGO und der Gesamtorganisation verbessern kann, wird sich der Erfolg nur einstellen wenn eine NGO die Matrix in geeigneter Art und Weise einführt. Als erstes muss die Organisation definieren und beschreiben, was sie unter Nachhaltigkeit versteht. So müssen Überzeugungen und ethische Grundhaltungen bezüglich Umwelt, sozialen Aspekten und Wirtschaftlichkeit vereinbart und kommuniziert werden. Dies kann entweder durch organisatorische Massnahmen wie Leitbild und Strategie geschehen, oder durch Teambuilding-Prozesse. Beispielsweise könnte es notwendig sein zu definieren, ob die NGO eher auf Elektromobilität setzt oder Verbrennungsfahrzeuge einsetzen will. Beide Alternativen haben ungelöste Fragen: wie wird die Elektrizität produziert? Was geschieht mit den Batterien am Ende des Lebenszyklus? Was ist die Herkunft des fossilen Treibstoffs? Wie wird der fossile Treibstoff gewonnen, was sind dortige Einflüsse auf Natur und Gesellschaft? Als nächster Schritt muss die NGO dann für jedes Feld der Matrix Messgrössen, Berichterstattung und Feedbackprozesse definieren. Das ist ein zeitintensiver, kontroverser Prozess welcher in einem zweiten Blog diskutiert wird.
Fazit
Ist Messung und Verbesserung der Nachhaltigkeit von NGOs der Entwicklungszusammenarbeit mehr eine Kunst oder eine Wissenschaft? Ich bin sicher, es ist in erster Linie eine Frage des Mutes. Mut, einen eigenen Ansatz zur nachhaltigen Entwicklung zu definieren, das heisst, ein ökologisches, soziales und wirtschaftliches Gleichgewicht zu definieren, und dadurch bestimmte Nachteile zu akzeptieren und auch auf bestimmte Vorteile anderer Alternativen zu verzichten. Und auch Mut, Ergebnisse bezüglich dieser Gleichgewichte zu messen, diese Informationen transparent zu verteilen und Feedback zu ermöglichen. Mut die Gleichgewichte neu zu diskutieren, wieder und wieder Zeit und Ressourcen zu investieren die dann für andere Aktivitäten fehlen. Dennoch glaube ich persönlich, dass solche Bemühungen sich auszahlen, und verschiedene positive Beispiele von NGOs, Unternehmen und Kommunen beweisen dies auch. Ich hoffe, Sie werden inspiriert, kontinuierlich Erbsen zu zählen, nicht wegen der Erbsen und nicht nur aus finanzieller Dimension. Vielmehr kann Erbsenzählen helfen, die notwendigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Informationen als Gleichgewicht darzustellen welches uns ermöglicht und befähigt, schwierige Entscheidungen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu treffen.
* Bezogen auf die Exekutive-Ebene: CEO, CFO, COO, usw. (Anmerkung der Redaktion)
Dr. Simon Pfister - Nach 15 Jahren Berufserfahrung in Beratung und Finanzverantwortung für internationale Beschaffung hat Pfister 2014 die Promotion an der Universität St. Gallen abgeschlossen. In seiner Dissertation untersucht er Nachhaltigkeitsmessung für Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit. Heute Unterrichtet Pfister an der Universität St. Gallen finanzielle Führung und allgemeine BWL, begleitet verschiedene Unternehmen und Organisationen und finanziellen Belangen und Nachhaltigkeit und ist Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Stiftung Green Ethiopia welche jährlich über 5 Millionen einheimischer Bäume im ländlichen Äthiopien pflanzt zurlandwirtschaftlichen Entwicklung.