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Lauriane Savoys Dissertation rollt die Geschichte der Frauenordination in den Kantonen Genf und Waadt facettenreich auf, O-Töne von Pionierinnen bis zu heutigen Pfarrerinnen inklusive. Der Zugang der Frauen zur Kanzel wird in den Kontext der kirchlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gestellt, etwa in Bezug auf den Wandel vom Pfarramt hin zum Pfarrberuf.
Das Titelbild zeigt eine zierliche Frau in einem hellen Kleid inmitten von Herren im Anzug. Es handelt sich um Lydia von Auw, die erste Pfarrerin der Eglise libre des Kantons Waadt. Sie wurde 1925 interimistisch eingestellt, bis die Eglise libre 1930 als erste reformierte Kirche in der Schweiz das volle Pfarramt für Frauen einführte. Ihre Karriere und die vieler anderer Pionierinnen stellt die Historikerin und Theologin Lauriane Savoy in ihrer im März 2023 veröffentlichten Dissertation vor. Der leicht lesbare, dicht und anschaulich geschriebene Text bietet jedoch keine einfache Sammlung von Biographien, sondern eine vielschichtige Darstellung der gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen, die im 20. Jahrhundert den Zugang von Frauen zum Pfarramt in den Kantonen Genf und Waadt ermöglichten.
Das Buch zeichnet die Geschichte der Frauenordination in den Kantonen Genf und Waadt in vier Kapiteln nach. Zunächst werden die «prémices» (1900–1960) dargelegt, angefangen bei den Rollen der Frauen in den protestantischen Kirchen seit der Reformation bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts (Stichwort Pfarrfrau). Es folgt ein Abriss der Geschichte der Frauenorganisationen und Kongresse, die begannen, für die politischen Rechte der Frauen zu kämpfen, und der Einführung des Frauenstimmrechts in den Kirchen, die in den Eglises libres von Genf und Waadt in die 1890er Jahre zurückreicht.
Auch die Öffnung der Universitäten und Gymnasien für Frauen wird behandelt sowie die Einführung der «ministères féminins» in Genf («weibliche Ämter», zu denen eine zweijährige, praktisch ausgerichtete Ausbildung am «Institut des ministères féminins» ab 1917 qualifiziert). Das Kapitel schliesst mit der Schilderung der ersten öffentlichen Predigten, die von Frauen in den Kirchen von Genf und Lausanne gehalten wurden, und den Reaktionen in der Presse, die vor allem deren Bekleidung kommentieren.
Das zweite Kapitel ist den kontroversen débats théologiques über die Frage des Frauenpfarramts gewidmet, die in Vorträgen, Publikationen in Fachzeitschriften, Monographien oder in Zeitungsartikeln geführt wurden. Zitate und Kurzbiographien der Hauptpersonen geben einen plastischen Eindruck der involvierten Persönlichkeiten. Aus deutschsprachigen Gefilden nehmen Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth Einfluss auf die Debatte. Eine wichtige Gegnerin der Frauenordination findet sich in der Waadtländer Bewegung «Eglise et Liturgie» (1930). Die Argumente pro und kontra Frauenpfarramt werden jeweils in die Kategorien «biblisch», «ekklesiologisch» und «essentialistisch» aufgeteilt, was eine vertiefte Gegenüberstellung der beiden Positionen erlaubt.
Das dritte Kapitel stellt Les pionnières et l’institution (1920–1971) vor und zeichnet die Erfahrungen der ersten (sämtlich kinderlosen) Frauen nach, die als Hilfs- oder Aushilfs-Pfarrerinnen in den kirchlichen Dienst aufgenommen wurden. Die Leserin lernt neben vielen anderen Pionierinnen Marcelle Bard kennen, die 1928 Seelsorgerin am Universitätsspital Genf wird und damit als erste (Hilfs)Pfarrerin dieses Kantons in den kirchlichen Dienst tritt. Welche Beharrlichkeit sie in der Ausübung ihres Amtes an den Tag legen musste, erzählt sie rückblickend auf ihr Leben in einer Zeitschrift: «Wenn man eine Pionierin ist, muss man etwas wagen, aber auch Geduld haben. Trotz der Schwierigkeiten war ich nicht versucht, aufzugeben. Wenn du aufgibst, sagte ich mir, verschließt du die Tür für andere. Ich war der Winkelried in dieser Geschichte. » (1984, zitiert in Savoy, 181 – DeepL trad.)
Die innerkirchlichen Debatten zur Zulassung des Pfarramts und die ersten Schritte der Frauen in ihrer beruflichen Tätigkeit werden in diesem Kapitel ebenso minutiös aufgerollt, wie die zahlreichen öffentlichen Vorträge behandelt werden, die die Theologinnen über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus für die Sache der Frauenordination hielten.
Das vierte und längste Kapitel nimmt die Mutations du ministère pastoral (1970–2020) in den Blick, führt also von der Einführung Frauenstimmrechts in der Schweiz bis in die Gegenwart. Wichtiges Thema ist hierbei in Genf das «Manifeste des 22», das 1975 dazu führt, dass die Ordination freiwillig wird und das Amt des bzw. der «diacre» (Diakon:in) auf die gleiche Lohnstufe wie das Pfarramt gestellt wird. Die reformierten Kirchen der Romandie kennen alle seit den 1960er Jahren das Amt der diacres, das auf die Vier-Ämter-Lehre Calvins zurückgeht. Sein Verhältnis zum Pfarramt und seine genaue Ausrichtung ist kantonal unterschiedlich gestaltet.
Es folgen die eindrücklich wiedergegebenen Erfahrungen von Pfarrerinnen, die in den letzten 50 Jahren ihr Amt verübt haben, gruppiert nach den Etappen auf dem Weg zum Eintritt in den kirchlichen Dienst und auch wieder zum Austritt. Savoy geht hierbei spezifisch auf die Themen der (gottesdienstlichen) Kleidung der Pfarrerin, der Gottesbilder und liturgischen Sprache ein. Diese ersten Frauen im Pfarramt mussten Entschlossenheit und Ausdauer beweisen, um Anerkennung für ihren Dienst in der Kirche zu erlangen. Sie behaupteten sich, indem sie sich in den bestehenden Rahmen einfügten und sich bemühten, in der Debatte um die Stellung der Frau in der Kirche nicht zu stark zu polarisieren. Ganz anders die Frauen der nächsten Generation. Sie traten dezidierter und mit mehr Experimentierfreude auf.
Savoy betont durch die Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklungen und der Veränderung der Verankerung der Kirche in der Gesellschaft, dass die Etablierung der Frauenordination keineswegs als alleinige Ursache für den Wandel des Pfarrberufs gelten kann, wenn sie auch als ein Faktor unter vielen gelten mag. Der dritte Teil des Kapitels befasst sich mit der «mixité» im Pfarrberuf, wobei deutlich wird, dass auch für Männer die Abkehr vom Bild des Pfarrherrn hin zum Pfarramt als Beruf, der neben Familienpflichten oftmals eine Erleichterung darstellt. Nicht zuletzt erfährt die Leserin hier, wie es zur Feminisierung des Titels «pasteur» gekommen ist – etymologisch betrachtet müssten die Pfarrerinnen nämlich «pastoresses» und nicht «pasteures» genannt werden, wie es sich durchgesetzt hat.
Savoy zeichnet die Debatten, die in den Kantonen Genf und Waadt zur Einführung der Frauenordination geführt haben, detailgetreu nach und macht die Tiefe der Auseinandersetzungen innerhalb der verschiedenen beteiligten Personen und Gremien erfahrbar. Ihre Darstellung der vergangenen und aktuellen Konflikte (etwa zwischen Pfarrpersonen und diacres) besticht durch Sachlichkeit und Ausgewogenheit.
Leserinnen und Lesern der Deutschschweiz ermöglicht diese Dissertation einen Zugang zur Geschichte und Institution der Genfer und Waadtländer Kirchen und ihren Eigenheiten, etwa den «ministères féminins», die später in das Amt des «diacres» integriert wurden. Besonders gefallen hat es mir, die Stimmen so vieler älterer und jüngerer Theologinnen hören zu können und zu erfahren, welchen Weg sie gegangen sind und welchen Herausforderungen sie sich heute stellen müssen.
Einen Überblick über Frauen in der Kirche in der Deutschschweiz bieten folgende Bücher:
Evelyne Zinsstag, Dolores Bertschinger, «Aufbruch ist eines, und Weitergehen ist etwas anderes.» Frauenräume von der Saffa 58 über das Tagungszentrum Boldern zum Frauen*Zentrum Zürich, Wettingen, eFeF Verlag 2020.
Doris Strahm und Silvia Strahm Bernet (Hg.), MÄCHTIG STOLZ. 40 Jahre Feministische Theologie und Frauen-Kirche-Bewegung in der Schweiz, Wettingen, eFeF Verlag 2022.
Evelyne Zinsstag ist Pfarrerin der Eglise française réformée de Bâle.