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Lieder für die Ewigkeit
Vor 50 Jahren wurden die Rolling Stones gegründet, und die Beatles veröffentlichten ihre erste offizielle Single «Love Me Do». Die beiden Bands schrieben Geschichte und prägten den Musikgeschmack von Generationen. Sechs Schweizer Prominente haben dem Migros-Magazin verraten, welches ihr erster Lieblingssong war und was ihnen die Beatles und Rolling Stones bedeuten.
Mahara McKay
<Poison> von Bell Biv DeVoe
Der erste Lieblingssong von Mahara McKay (31) heisst «Poison» von der amerikanischen R&B-Gruppe Bell Biv DeVoe. Ihr Musikgeschmack wurde damals stark beeinflusst von ihrer älteren Schwester. «Als kleines Mädchen schaute ich zu ihr hoch. Sie war sehr beliebt, und deshalb fand ich automatisch cool, was sie cool fand», erzählt die Miss Schweiz des Jahres 2000/2001. Mit 20, zwölf Jahre, nachdem sie den Song zum ersten Mal hörte, besuchte Mahara McKay den Zürcher Club Kaufleuten und hörte plötzlich «Poison» wieder. «Ich rannte zum DJ und fragte nach, von wem der Song sei, weil ich den Namen vergessen hatte. Schon am nächsten Tag kaufte ich mir die Platte.» Die Tochter einer Schweizerin und eines Vaters mit Maoriwurzeln mag an diesem Black-Music-Song vor allem die funkigen Beats und die Kindheitserinnerungen. «Wenn ich das Stück höre, gehe ich heute noch voll ab. Zum Tanzen ist es einfach cool.» Mit den Rolling Stones befasste sich die heutige Profi-DJane erstmals 2005 tiefgründiger, ihr Lieblingssong von den Stones ist «Paint It Black». Die Beatles hingegen habe sie schon mit zwölf «von unten nach oben gehört». «The Blue Album» sei ihr Lieblingswerk der Beatles. «Sie haben einen interessanten Wandel durchgemacht von der absolut cleanen Band zur wilden Popgruppe.» Am beeindruckendsten findet Mahara McKay, wie John Lennon seine Berühmtheit dafür nutzte, sich für den Weltfrieden einzusetzen.
Gerold Bührer
Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven
Bis Ende September 2012 war Gerold Bührer (64) Präsident des Dachverbands der Schweizer Wirtschaft Economiesuisse. «Nun werde ich mehr Zeit für meine Firmenmandate und mein privates Umfeld haben», sagt der einstige Schaffhauser FDP-Nationalrat. Und für mehr Musik: «Ich mag verschiedene Arten. Am Morgen zum Wachwerden ziehe ich leichte und moderne Lieder bis hin zur Volksmusik vor, und abends Klavierkonzerte von Chopin über Debussy und Mozart bis zu Beethoven.» Speziell angetan ist Bührer von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1. «Es strömt für mich eine grosse Klangharmonie aus. Nach einem hektischen Tag suche ich die Geborgenheit dieses Konzerts mit seinen ruhigen, langen Sätzen. Das fasziniert mich beim deutschen Komponisten.» Diese Passion begleite ihn schon seit seiner Studienzeit. Nach dem Studium vor rund 40 Jahren lebte er ein Jahr lang in London und hatte an einem Beethovenkonzert in der Royal Festival Hall eine Begegnung der Sonderklasse: Er traf den noch jungen Dirigenten Daniel Barenboim, heute ein Superstar. Die Rolling Stones bewegten ihn zur Mittelschulzeit − und er mag sie auch heute noch.
Anna Rossinelli
<I’ve Never Loved a Man> von Aretha Franklin
Sängerin Anna Rossinelli (25) kommt in Fahrt, wenn sie über Aretha Franklin spricht: «Ich bin ein Megafan von ihr und finde viele ihrer Lieder gut. Wahnsinnig schön ist <I’ve Never Loved a Man>. Es ist ein Titel, den ich immer wieder hören kann.» Der Song lief in ihrer Kindheit oft, weil schon Rossinellis Mutter begeistert war von Franklins Stimme. «Ich habe mit meinem Fantasie-Englisch dazu mitgesungen. Das würde ich heute nicht mehr wagen», sagt die Basler Sängerin und Songwriterin. Die raue Stimme der US-Soulsängerin habe etwas Klagendes. «Sie ist sehr dreckig, schmerzvoll und unverkennbar. Ich werde Aretha Franklins Musik mein Leben lang toll finden. Leider habe ich sie noch nie live gehört», bedauert Rossinelli, welche die Schweiz 2011 beim Eurovision Song Contest vertreten hat. In ihrer Kindheit hätten die Beatles oder die Stones keine grosse Rolle gespielt. Aber als Künstlerin hat sich Rossinelli mit den Beatles auseinandergesetzt und auch einige Lieder von ihnen gesungen.
Chris von Rohr
Verschiedene Künstler
Gleich für ein paar Wochen ist Chris von Rohr (61) Ende August nach London gereist, wo er im legendären Abbey-Road-Studio das neue Krokus-Album «Dirty Dynamite» produzierte. Auf die Frage, was seine erste Lieblingssingle sei, meint der ewig junge Rockmusiker aus Solothurn: «Für mich ist es unmöglich, einen einzelnen Song zu nennen. Das ist ein Joke.» Er sagt aber auch: «Die Songs aus den Sixties waren unsere Zeitung, unsere Lebenshilfe. Damals hörte diese nur eine verschworene Gemeinschaft von Leuten.» Die Titel seien nur abends zwischen 20 und 21 Uhr am Radio gespielt worden. Sie hätten erstmals gegen die Macht der Eltern und Lehrer aufgerufen und damit das Generationenproblem thematisiert. «Die Songs haben der Jugend eine Botschaft gegeben, etwa gegen den Vietnamkrieg anzukämpfen.» Von Rohr nennt Titel wie «Satisfaction» von den Rolling Stones, «Wild Thing», «My Generation» oder «Hey Jude», die Teil seines Lebens waren und sind. Letzterer Beatles-Titel ist für ihn «im Balladenbereich kompositorisch der helle Wahnsinn». Mit diesen Songs hat der Musikproduzent seine eigene Jukebox gefüttert. «Da sind rund 200 Titel drin, von Hendrix, The Who, The Animals und Santana über die Stones bis zu den Kinks. Ein junger Songwriter wird herausfinden, dass die genialsten Songs in den Sixties und Anfang Seventies entstanden sind.» Titel wie «Like a Rolling Stone» hätten den Test der Zeit überlebt.
Evelyne Binsack
<Mexiko> Les Humphries Singers
Der erste Lieblingssong der 45-jährigen Abenteurerin und Bergführerin Evelyne Binsack ist mit Kindheitserinnerungen verknüpft. «Ich war vielleicht gut drei Jahre alt. Mein Vater legte eine Kassette mit dem Titel ‹Mexiko› von den Les Humphries Singers ins Autoradio. Und zum Ärger meiner Eltern konnte ich davon nicht genug kriegen.» Als Evelyne Binsack Anfang 2000 in Spanien als Helikopterpilotin arbeitete, hörte sie erstmals den Song «El Talisman» der spanischen Sängerin Rosana. «Das ist heute mein Lieblingslied. Den Refrain kenne ich auswendig. Die Worte und die unglaubliche Poesie sprechen mich an.» Zwischendurch höre sie sich die Ballade im Internet an. Die Musik der Beatles gefällt ihr ebenso, deren damalige Haartracht hingegen weniger. Die Rolling Stones sind der Nidwaldnerin zu rockig. Für sie ist das «Männermusik».
Maggie Tapert
<Rock Around the Clock> Bill Haley
Die in Zürich wohnhafte Sex-Expertin Maggie Tapert (65) wuchs in Detroit in einer musikalischen Familie auf. An ihre erste Lieblingssingle erinnert sie sich, als ob es gestern gewesen wäre. Sie war damals erst zehn: «Ein Junge aus der Nachbarschaft lud mich ins Kino ein. Er nahm mich auf seinem Velo mit. Es war total romantisch.» Tapert weiss noch heute, dass sie eine glänzende, pinkige Satin-Bluse trug, die «ich wahrscheinlich aus dem Kleiderschrank meiner Mutter geklaut hatte». Im Kino lief Bill Haleys «Rock Around the Clock». Als der Song zum gleichnamigen Film erklang, seien die Zuschauer aufgestanden und hätten mitgetanzt. «Das war der Anfang von Rock ’n’ Roll», erinnert sich Tapert. «Ich dachte von einem Tag auf den anderen, dass ich kein Kind mehr bin und fortan meinen eigenen Geschmack habe.»
Den hat die Autorin des Bestsellers «Pleasure − Bekenntnisse einer sexuellen Frau» auch heute noch. Nur stapeln sich bei ihr zu Hause weder Singles noch CDs. Ihre Musiksammlung mit 1407 Songs hört sie auf dem iPhone − am liebsten Titel von Leonard Cohen oder Katie Melua. Über die Beatles sagt die Sexpertin: «Als die in den USA auftraten, war das ein Ereignis. Ich habe erstmals schreiende junge Frauen gesehen.»
50 Jahre Beatles und Rolling Stones
Im Jahr 1962 veröffentlichten die Beatles ihre erste Single, und die Rolling Stones spielten ihr erstes Konzert. Die zwei Bands spalteten die Welt in neue Lager: Statt zwischen Rassen und Klassen verliefen die Grenzen fortan zwischen Alt und Jung.
Die vielleicht plausibelste Erklärung dafür, was das Auftauchen der Beatles einst ausgelöst hat, stammt vom amerikanischen Rockkritiker Greil Marcus. «Das Ereignis war eine Popexplosion», schrieb er über den ersten grossen Auftritt der Pilzköpfe aus Liverpool in den USA. Eine «Popexplosion», so erklärte Marcus, sei eine «unwiderstehliche kulturelle Explosion, die Klassen- und Rassenschranken überwindet und letztendlich die Gesellschaft selbst nach ihrem Alter teilt.» Wer jung war, war begeistert, ältere Menschen waren befremdet.
Beim Ereignis, das Marcus beschrieb, handelte es sich um den Auftritt der Beatles Anfang 1964 in der Fernsehsendung «Ed Sullivan Show». Er brachte jene Massenhysterie, die im Jahr zuvor in England ausgebrochen war, über den Atlantik: die Beatlemania. Bald aber teilte sich die Gesellschaft der Jungen selbst: in jene, welche die «sauberen», poppigen Beatles liebten – und jene, welche die «dreckigen», rockigen Rolling Stones vorzogen.
Dabei waren die beiden englischen Bands nahe Verwandte. 1962 war für beide das Jahr des Aufbruchs: Die Stones gaben im Juli in London ihr erstes Konzert. Die etwas älteren Beatles, die schon ein paar Jahre Liveerfahrung als Rock-’n’-Roll-Band hinter sich hatten, veröffentlichten im Oktober desselben Jahres ihre erste Single «Love Me Do».
Beide Bands erwiesen sich rasch als Meister des Imagebuildings: Angeleitet von ihrem Manager Brian Epstein legten sich die Beatles die stilbildenden Pilzkopffrisuren zu. Rolling-Stones-Manager Andrew Loog Oldham steckte die Stones zunächst in adrette, uniforme Anzüge, wie sie die Beatles trugen; als die Musiker protestierten und darauf bestanden, Jeans- und Lederjacken zu tragen, war das komplementäre Image der «dreckigen» Stones geboren. Musikalisch zehrten beide Bands von denselben Einflüssen, in erster Linie vom Blues. «Der Blues ist ein Stuhl, der erste Stuhl. Man sitzt auf dieser Musik», sagte Beatle John Lennon. Und Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards schrieb in seiner Autobiografie «Life» 2010: «Alles, was wir wollten, war die beste Bluesband in ganz London werden.» Als eines der ersten Stücke nahmen die Rolling Stones «I Wanna Be Your Man» von den Beatles auf, ehe sie deren Prinzip übernahmen und ihre Songs selbst zu komponieren begannen – was bis dahin die wenigsten Popmusiker getan hatten.