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Geschichte
Selbstmarketing für Fürsten
"Fürsten an der Zeitenwende zwischen Gruppenbild und Individualität" - unter diesem Titel erschien der 22. Band der von der Residenzen-Kommission in Göttingen herausgegebenen Reihe der "Residenzenforschung", in dem die Beiträge einer Tagung vom März 2008 abgedruckt sind. Mit diesem Band sollen, wie die Herausgeber es in ihrem Vorwort schreiben, die Fürsten "nun wieder einmal ins Rampenlicht geholt werden", nachdem sie in der Forschung der letzten Jahrzehnte stark hinter ihrem Hof zurückgetreten waren.
Auf den ersten Blick wirkt das Thema des Bandes verwunderlich, doch gibt es, wie Stephan Selzer einleitend bemerkt, in der Forschung seit einiger Zeit eine Renaissance der Biographie, die das Thema nicht nur zeitgemäß erscheinen lässt, sondern auch eine aktuelle Auseinandersetzung mit methodischen Ansätzen notwendig macht. Selzer lenkt den Blick auf drei Aspekte, die bei der Auseinandersetzung mit "großen Fürsten" zu beachten sind. Dies ist einmal das Problem der "zugeschriebenen Größe", zum zweiten das "Durchschnittshandeln" ausgewählter Gruppen von Fürsten und zum dritten die Frage nach dem vom Fürsten selbst "gesuchten Nachruhm".
Birgit Studt untersucht in ihrem Beitrag den Wandel der höfischen Geschichtsschreibung in der Zeit um 1500, den sie hauptsächlich dadurch gegeben sieht, dass nicht nur ein qualitativer Sprung in der Literatur festzustellen ist, sondern auch, dass die vorgefundenen Quellen zunehmend harmonisiert und Überlieferungslücken überbrückt werden, die Geschichtsschreibung also zunehmend dem Interesse der Fürsten dient, ihre Geschichte darzustellen. Reinhard Butz widmet sich in seinem Aufsatz dem "Fürstenlob und der Fürstenkritik durch die Zeitgenossen", während Oliver Auge die Wiederbelebung des antiken Herrschertitels "pater patriae" bzw. seine zunehmende Verwendung auch durch Fürsten im Spätmittelalter und in der beginnenden Neuzeit belegen kann.
Matthias Müller behandelt "Die Individualität des Fürsten als Illusion der Malerei", Harm von Seggern beleuchtet kritisch die Frage, ob gedruckte Urkunden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts als neues Propagandainstrument dienten, und Ralf-Gunnar Werlich stellt den Formenwandel reichsfürstlicher Wappen an der Wende vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit dar. Abgeschlossen wird dieser erste Teil des Bandes durch die Untersuchungen der fürstlichen Politik und der Selbstdarstellung Friedrichs des Weisen in seinen Münzen von Sina Westphal und zu Kaiser Maximilian I. und dem Rittertum von Heinz Krieg.
Der zweite Teil des Tagungsbandes wird mit einem Aufsatz von Matthias Steinbrink zu den fürstlichen Finanzen um 1500 und den Anforderungen des Hofes eröffnet. Es schließt sich ein Beitrag von Jörg Schwarz an, der im Zusammenhang mit Pfalzgraf Friedrich dem Siegreichen und dem Regensburger Christentag von 1471 die Konfrontation, die Kooperation und die Kompensation als drei Konzepte des Kurpfälzers herausarbeitet, deren genaues Mischungsverhältnis in einem noch zu leistenden Gesamtbild dieses Fürsten herausgearbeitet werden müsste. "Gruppenbild mit Markgraf" - unter diesem Titel legt Gabriel Zeilinger die zeitgenössische und historiographische Prominenz von Albrecht Achilles von Brandenburg dar, einem Fürsten, dessen Popularität als herausragender Fürst seiner Epoche umso erstaunlicher wirkt, wenn man bedenkt, dass eine ausführliche Biographie Albrechts bis heute aussteht. Es folgt ein Aufsatz von Stefan Lang zu Eberhard im Bart von Württemberg, bevor sich Andreas Rüther mit Landgraf Philipp I. dem Großmütigen von Hessen auseinandersetzt und Harriet Rudolph am Beispiel von Moritz von Sachsen Formen und Funktionen der Herrschaftsrepräsentation eines "Fürsten an der Zeitenwende" untersucht. Der letzte Beitrag, von Eva Schlotheuber, behandelt mit Elisabeth von Calenberg die einzige weibliche Protagonistin, der eine eigenständige Behandlung in diesem Buch zuteil wird, und Jan Hirschbiegel bietet sodann "Anmerkungen am Schluß" des Bandes.
Im Rahmen einer Rezension kann leider nicht auf die einzelnen Beiträge eingegangen werden, obschon viele von ihnen dies wahrlich verdient hätten, und zwar im positiven Sinne! Trotz des von den Herausgebern bedauerten Ausfalls einiger Beiträge zum Beispiel zu kirchlichen Fürsten und weiteren "Brachfeldern", bietet der vorliegende Band dennoch wichtige Einblicke und Anstöße, und zeigt deutlich auf, dass die Beschäftigung mit einzelnen, "herausragenden" Personen immer noch ein wichtiges Thema der Geschichtsforschung ist. Daher kann man den Herausgebern zur gelungenen Zusammenstellung der Beiträge und dem Band als Ganzes nur gratulieren, und es bleibt zu hoffen, dass dieser auch über die Residenzenforschung hinaus angemessen rezipiert wird.