Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03640.jsonl.gz/1637

Kaserne.
Als Begründer des
Kasernenbaues ist
Vauban zu betrachten, der 1680 ein bis in die neueste
Zeit gültiges
System entwarf. Zu beiden Seiten einer
Treppe
[* 3] lagen in jedem
Stockwerk je zwei Wohnräume, einer nach vorn, einer
nach hinten, voneinander getrennt durch eine parallel zu den Seitenwänden verlaufende Scheidewand.
Später ließ man letztere
fallen und erreichte dadurch bessere Lüftung der
Zimmer. Nach dem
System Belmas verlief in der Mitte der
Kaserne anstatt der Scheidewand ein
Korridor, der dunkel, gar nicht zu ventilieren war und die aus den einzelnen
Stuben stammende
schlechte
Luft den andern mitteilte.
Dies System wurde 1874 in Frankreich eingeführt, wo bis dahin das Vaubansche geherrscht hatte. Beim spanischen System, bis vor kurzem in Preußen [* 4] und Österreich [* 5] gebräuchlich, lief ein Gang [* 6] an der Hofseite der Gebäude in jedem Stockwerk rings um den Hof, [* 7] und an diesem Gange lagen sämtliche Zimmer. In Preußen reduzierte man die Zimmertiefe und machte den Gang breit und durch zahlreiche Fenster ventilierbar. 1874 aber nahm man den linearen Typus an, der eine wesentliche Verbesserung repräsentiert.
Ein geradliniges Gebäude darf senkrecht gestellte Flügel erhalten, die aber den dritten Teil der Länge des Hauptgebäudes nicht überschreiten sollen; anderweitige Anbauten sind zu vermeiden, müssen jedenfalls so kurz und niedrig bemessen sein, daß sie sich nicht gegenseitig Luft und Licht [* 8] wegnehmen. Dies System gewahrt allseitigen freien Luftzutritt, gestattet die Orientierung nach der entsprechenden Himmelsrichtung, die Anlage von Ställen und Latrinen nach der herrschenden Windrichtung.
Kommen hierzu noch zweckmäßige Disposition der innern Räume, Trennung von Wohn- und Schlafräumen (bisher nur in den sächsischen und nordamerikanischen Kasernen, früher in den alten hannöverschen), besondere Waschräume, Eßsäle, Putzräume, so lassen sich nach diesem System vortreffliche Kasernen erbauen, welche z. B. bei Dresden [* 9] eine ganz bedeutende Herabminderung der Sterblichkeit herbeigeführt haben. Immerhin haften auch diesen Kasernen die Nachteile des Zentralisationssystems an, welches keine weitere Befürwortung verdient. In Frankreich hat man noch in neuester Zeit Kasernen für 2-3000, selbst für 5000 Mann gebaut, in Deutschland [* 10] sind seit 1874 nur drei Stockwerke zulässig, und in einem Gebäude sind nicht mehr als die Mannschaften eines Bataillons unterzubringen.
Der Luftkubus für einen Mann beträgt 15-16
cbm bei einer
Grundfläche von 4,59 m, doch ist dies kein
Ersatz für die nicht ausreichend herzustellende
Ventilation. Indem die
Mannschaften in demselben
Raum wohnen, essen, schlafen,
putzen, findet eine starke Verunreinigung statt, welche sich in dem bekannten
Kasernengeruch zu erkennen gibt. Die Erkrankungs-
und Sterblichkeitsstatistik führt eine beredte
Sprache
[* 11] und hat deutlich gezeigt, wie wertvoll die eingeführten
Verbesserungen sind, aber auch, daß dieselben noch nicht ausreichen.
Die schlechten Gesundheitszustände in der englischen
Armee veranlaßten die Einsetzung einer
Kommission, welche 1861 das
Dezentralisations-
oder Blocksystem vorschlug. Nach diesem bilden mehrere kleine Gebäude,
Blöcke oder
Pavillons das
Kasernement eines Truppenteils.
Die einzelnen Gebäude sollen mindestens um den Betrag ihrer
Hose voneinander entfernt stehen, sie bestehen
nur aus einem einzigen
Raume ohne
Gänge und mit
Fenstern an beiden Langseiten.
Anfänglich einstöckig, hat man diese Kasernen später zweistöckig gebaut. Der Einfluß dieser durchgreifenden Reform spricht sich deutlich in der Verminderung der Sterblichkeit aus. Dieselbe betrug 1826-46 durchschnittlich 17,8, jetzt nur 8,43 pro Mille. Die Sterblichkeit an Schwindsucht ist von 7,8 auf 2,5 pro Mille gesunken. In Frankreich stellte Tollet 1875 ein ähnliches System auf. Jeder Block, im Durchschnitt spitzbogig behufs vollster Ausnutzung des Raumes bei kleinstem Materialaufwand, soll nur erdgeschossig und für höchstens 70 Mann berechnet sein.
Die Blöcke sind untermauert und bestehen aus einem Gerippe von Eisen; [* 12] die Felder werden durch Hohl- oder Vollziegel in Zementmörtel ausgefüllt. Das Material soll unverbrennlich und so beschaffen sein, daß es sowohl durch Waschen als durch flammendes Feuer gereinigt werden kann. Ferner fordert Tollet Bau der Kasernen außerhalb der Städte, Zerstreuung der Wohngebäude auf eine Fläche von mindestens 50 qm auf den Kopf, vollständige Trennung von Ställen, Küchen, Krankenstuben etc., 3,5 qm Grundfläche und 22 cbm Luftraum für den Infanteristen, bez. 4,2 qm und 25 cbm für den Kavalleristen, besondere Wasch- und Baderäume, eine innere Einrichtung, welche gründlichste Reinigung gestattet, etc. Das Tolletsche System läßt sich jedem Klima [* 13] anpassen und auch zu Improvisationen verwenden. Die Ventilation soll durch zweckmäßig verteilte Öffnungen herbeigeführt, Porosität der Wände dagegen vermieden werden, um Einlagerung organischer Substanzen zu vermeiden. Die innere Oberfläche der Wand ist daher völlig glatt und ganz undurchdringlich für Luft. Jeder Pavillon besitzt in der Mitte einen Vorraum ¶
mehr
mit Vorrichtungen zum Waschen, rechts und links je ein Mannschaftszimmer, 20 m lang und 6,8 m breit, an beiden
Enden des Pavillons je 2 Zimmer für Unteroffiziere mit eignen Eingängen an der Giebelseite von 3,66 und 2,60
m. Die Mannschaftszimmer haben 8 große Fenster, dazu noch Giebelrosetten und Dachklappen. Über ein Artillerieregiment,
welches 1874-75 in einer
Kaserne alten Stiles, seit 1875 in einer Tolletschen
Kaserne untergebracht ist, liegen folgende Angaben vor:
|1874-75||1875-76||1876-77|
|ins Spital abgegeben||32.45 Proz.||16.54 Proz.||7.65 Proz.|
|in die Krankenstube||45.63 -||33.50 -||18.49 -|
|im Zimmer behandelt||189.80 -||98.66 -||72.07 -|
Es unterliegt keinem Zweifel, daß dem Tolletschen System die Zukunft gehört. Einstweilen benutzt man noch Übergänge; im speziellen sind in Deutschland durch den Kasernierungsplan des Reichsheeres von 1885 (vgl. Garnisonsgebäudeordnung vom sehr wichtige und weitgehende Konzessionen an das Dezentralisationssystem gemacht worden: kleinere, höchstens dreigeschossige Wohngebäude für 1-2 Kompanien, außerdem je ein Ökonomiegebäude mit Küche, Speiselokal, Bädern, Waschküche etc., ferner ein Montierungsgebäude, ein Wachtgebäude, ein Wohngebäude für Verheiratete, unter Umständen ein Gebäude für Handwerker und die Offizierspeiseanstalt. Die Einrichtung besonderer Wohn- und Schlafräume ist gestattet, bedarf aber der jedesmaligen Genehmigung des Kriegsministeriums. Jede Kompanie erhält einen besondern Raum zum Putzen, Reinigen der Kleidung etc. Auch sind Revierkrankenstuben mit 20 cbm Luftraum für den Kopf vorgesehen. Für Wasserversorgung, Entwässerung etc. wird die Berücksichtigung hygienischer Anforderungen stets in erster Linie betont.