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Die Geschichte der Kernenergie in Polen geht ins Jahr 1958 zurück. Damals nahm das Institut für Atomenergie (Instytut Energii Atomowej) in Swierk, 30 km südlich von Warschau, den Forschungsreaktor Ewa in Betrieb. Es handelte sich um einen sowjetischen Reaktor des Typs WWR-S mit einer thermischen Leistung von 10 MW. Im Jahr 1974 ging der zweite Forschungsreaktor, Maria, in Betrieb, ein 30 MW-Schwimmbadreaktor. Seit mehr als 30 Jahren werden in Swierk radioaktive Isotope hergestellt, die Anwendung in der medizinischen Therapie und Diagnose, in der Industrie sowie in der Forschung finden. Der Forschungsreaktor Ewa wurde 1995 abgeschaltet. Maria wurde nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl von 1986 gründlich renoviert und 1992 wieder in Betrieb genommen. Nach Angaben von Sicherheitsexperten darf Maria bis 2020 in Betrieb bleiben.
In den 1970er-Jahren lancierte die polnische Regierung den Bau des ersten Kernkraftwerks zur Stromerzeugung. Die Ortschaft zarnowiec in Pommern, 50 km nordwestlich von Danzig, wurde als Standort gewählt. Der Bau begann 1982. Geplant waren vier Druckwasserreaktoren des Typs WWER-440/213. Nach dem Tschernobyl-Unfall erfuhr das Projekt jedoch massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Nach einem Referendum in der Woiwodschaft Pommern im Jahr 1990 mit mehr als 80% der Stimmen gegen den Bau wurde die Fertigstellung der Anlage definitiv aufgegeben.
Die Idee der Rückkehr zur Kernenergie entstand 2005. Die damalige Regierung verabschiedete das entsprechende Dokument «Polnische Energiepolitik bis 2025». Demnach soll der Wiedereinstig in die Kernenergie einerseits die Abhängigkeit von Energieimporten senken. Anderseits soll die Kernenergie helfen, den hohen CO2-Ausstoss zu reduzieren. Derzeit wird in Polen über 90% des Stroms aus Kohle gewonnen. Ziel ist es, in den nächsten 20 Jahren die Stromerzeugung aus Kohle auf 60% zu reduzieren. Polen beabsichtigt, zwei Kernkraftwerke der dritten Generation mit einer Leistung von je rund 3000 MW zu bauen. Nach einem vorläufigen Zeitplan soll der erste Block Ende 2020 in Betrieb gehen, die nachfolgenden Einheiten jeweils zwei oder drei Jahre später.
Das polnische Wirtschaftsministerium schätzt die Kapitalkosten für diese Investition auf EUR 2500 (CHF 3070) je Kilowatt elektrisch (kWe). Im Vergleich dazu belaufen sich die Kosten für Kohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung auf etwa EUR 1800 (CHF 2210) je kWe und für Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung auf rund EUR 4000 (CHF 4900) je kWe. Die Kosten der Stromerzeugung aus Kernkraftwerken unter Berücksichtigung der Entsorgungskosten schätzt das Ministerium auf insgesamt etwa EUR 57 je MWh (rund 7 Rp./kWh).
Für die Umsetzung des Energieprogramms ernannte der Sejm – die grössere der beiden Parlamentskammern – im Januar 2007 eine spezielle Kommission für Kernenergie. Im Januar 2009 setzte die polnische Regierung Hanna Trojanowska als Beauftragte für Kernenergie ein. Sie übt ihre Tätigkeit im Rang eines Staatssekretärs des Wirtschaftsministeriums aus. Im Jahr 2012 ist die Gründung einer Agentur für Kernenergie-Entwicklung (Agencja Rozwoju Energetyki Jadrowej) vorgesehen, die unter anderem für die Informationspolitik zuständig sein wird. Einer der Hauptaspekte des Kernenergieprogramms ist die Schaffung von rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen für einen funktionsfähigen Kernenergiesektor. Zu diesem Zweck wurde zum einen das «Gesetz über die Vorbereitung und Durchführung von Investitionen in Kernenergieeinrichtungen» geschaffen. Zum anderen wurden mit Änderungen des Kernenergiegesetzes die Sicherheitsanforderungen für Bau und Betrieb kerntechnischer Anlagen definiert und Fragen der Entsorgung geregelt.
Zeitplan des polnischen Kernenergieprogramms
Das Kernenergieprogramm umfasst fünf Phasen. Im Mai 2011 hat der Sejm sowohl das «Gesetz über die Vorbereitung und Durchführung von Investitionen in Kernenergieeinrichtungen» als auch die Änderungen des Kernenergiegesetzes gutgeheissen. Mit der Unterschrift des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski im Juni 2011 war die erste Phase des polnischen Kernenergieprogramms abgeschlossen. In der zweiten Phase sollen von Juni 2011 bis Ende 2013 die Standorte bestimmt und der Vertrag für das erste Kernkraftwerk (Wahl des Lieferanten) abgeschlossen werden. Die (dritte) Phase der technischen Projektentwicklung und der gesetzlichen Vereinbarungen dauert zwei Jahre. Während der vierten Phase von Anfang 2016 bis Ende 2022 sind die Genehmigung und der Bau des ersten Blocks am ersten Standort vorgesehen sowie der Baubeginn der weiteren Einheiten an diesem Standort. In der letzten Phase bis 2030 sollen zwei oder drei weitere Blöcke am zweiten Standort gebaut werden. Die Kosten für die Schaffung der staatlichen Rahmenstrukturen in den Jahren 2010 bis 2020 werden gemäss Schätzungen des Wirtschaftsministeriums rund PLN 703 Mio. (CHF 200 Mio.) betragen.
Im Jahr 2009 wurde die staatliche Polska Grupa Energetyczna SA (PGE) – die grösste polnische Energieversorgerin – von der Regierung mit der Umsetzung des Kernenergieprogramms beauftragt. Die PGE soll dabei auch als Investorin fungieren. Die PGE hat bereits zwei Aufträge ausgeschrieben. Der erste Auftrag über PLN 1,25 Mrd. (CHF 420 Mio.) umfasst technische Beratungsleistungen im Vorfeld des Bauprojekts. Der zweite Auftrag mit einem Wert von PLN 120 Mio. (CHF 40 Mio.) umfasst die Vorbereitung der Umweltverträglichkeitsberichte einschliesslich Umwelt- und Datenanalysen sowie Bewilligungsgesuche.
Des Weiteren hat die PGE drei Absichtserklärungen mit der Electricité de France (EDF), der GE Hitachi Nuclear Energy (GEH) und der Westinghouse Electric Company LLC unterzeichnet, um die Möglichkeit einer Partnerschaft zum Bau von Kernkraftwerken in Polen zu evaluieren. Im September 2011 organisierte die PGE eine zweitägige Konferenz für Lieferanten von Nukleartechnik. Die PGE sucht einen ausländischen Partner für den Bau der beiden Kernkraftwerke mit je zwei bis drei Blöcken. Vertreter führender Unternehmen nahmen an der Konferenz teil: Westinghouse, GE-Hitachi, Mitsubishi, Korean Electric Power Corporation (Kepco), Areva, Atomic Energy of Kanada Limited (AECL) und Atmea (Joint Venture der Areva und der Mitsubishi Heavy Industries). Die polnische Seite wurde durch die PGE, die staatliche Atom-Agentur und das Wirtschaftsministerium vertreten. Die PGE evaluiert zurzeit mehrere Reaktortechnologien und will sich bis Ende 2013 für einen Reaktortyp entscheiden. Damit die geplante Inbetriebnahme der ersten Einheit im Jahr 2020 realistisch bleibt, müssen die Standortwahl, die Baubewilligung und die Wahl der Technologie-Lieferanten bis 2016 erfolgen. Laut Tomasz Zadroga, CEO der PGE, ist das Projekt auf gutem Weg und ein Baubeginn im Jahr 2016 realistisch.
Standortwahl bis Ende 2011
Der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Polens, Waldemar Pawlak, und die Generalbevollmächtigte für Kernenergie, Hanna Trojanowska, stellten an einer Konferenz am 16. März 2010 eine Liste mit 27 potenziellen Standorten für Kernkraftwerke vor.
Die 27 Standorte waren von lokalen Behörden und Energieversorgern vorgeschlagen worden. Das Ingenieurberatungsunternehmen Energoprojekt Warszawa SA bewertete die potenziellen Standorte nach 17 Kriteriengruppen, darunter Sicherheit, Seismik, Geologie, Hydrologie, Umweltverträglichkeit und Akzeptanz in der Bevölkerung. Laut Andrzej Patrycy, Verwaltungsratspräsident der Energoprojekt, stehen die Kriteriengruppen in Einklang mit Richtlinien der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO).
An erster Stelle der so erstellten Rangliste steht der Standort Zarnowiec an der Ostseeküste, wo bereits in den 1980er-Jahren ein Kernkraftwerk im Bau war (siehe Karte). Auf Platz 2 befindet sich Klempicz bei Posen in Grosspolen, gefolgt von Kopań in Westpommern an der Ostsee. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums wird die PGE an vier bis sechs Standorten detailliertere Untersuchungen durchführen, darunter Analysen zu Landverfügbarkeit, Eigentumsverhältnissen und Netzanbindung. Bis Ende 2011 soll der geeignete Standort für den Bau des ersten Kernkraftwerks des Landes ermittelt werden. Polen will seine Kernkraftwerke mit eigenem sowie ausländischem Uran betreiben. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums wird zurzeit eine Analyse der Uranressourcen auf polnischem Gebiet durchgeführt. Die Urangehalte polnischer Erzvorkommen werden auf 250–1100 ppm geschätzt. Laut Prognosen könnte das Land über Uranvorräte von bis zu 100'000 Tonnen verfügen.
Auch Entsorgung und Personalbedarf angepackt
Gemäss Kernenergieprogramm ist die dringendste Aufgabe im Bereich der Entsorgung von radioaktiven Abfällen der Bau eines Tiefenlagers. Eine alte Militäranlage in Rozan, 90 km nördlich von Warschau, dient seit 50 Jahren als Lagerstätte für schwach- und mittelaktive Abfälle aus Medizin und Forschung. Es lagern dort derzeit rund 3300 m3 Abfälle. Für die Lagerung werden alte Bunkeranlagen und oberflächennahe Betonwannen genutzt, die im tonigen Untergrund eingelassen sind. Różan wird bald geschlossen, da die Kapazitäten ausgeschöpft sind. Die Nationale Atomenergiebehörde, die Panstwowa Agencja Atomistyki, hat nach detaillierten Untersuchungen fünf potenzielle Standorte für ein Tiefenlager vorgeschlagen (siehe Karte). Im Jahr 2013 soll der optimale Standort ausgewählt werden. Der Bau des Tiefenlagers soll spätestens 2020 beendet sein.
Das Kernenergieprogramm erfordert eine grosse Zahl hoch qualifizierten Personals. Gemäss Schätzungen werden rund 1000 Mitarbeiter pro Einheit benötigt. Obwohl an den polnischen Hochschulen bereits Kerntechnik-Studiengänge angeboten werden, fehlen auf diesem Gebiet immer noch viele Spezialisten. Derzeit lancieren polnische Wissenschaftsinstitutionen neue Bildungs- und Forschungsinitiativen auf dem Gebiet der Kerntechnik. Nach der Prüfung des Personalbedarfs für die polnische Nuklearindustrie erstellt das Wirtschaftsministerium bis Ende 2011 einen Plan für die Entwicklung der Personalressourcen. Der Plan beinhaltet die Umstrukturierung und Modernisierung der bestehenden Infrastruktur in den Berufs-, Mittel- und Hochschulen.
Polnisches Kernenergieprogramm
Das Ministerium für Wirtschaft führt für den Entwurf des polnischen Kernenergieprogramms (Program Polskiej Energetyki Jadrowej) vom 5. Oktober 2011 bis 4. Januar 2012 eine grenzüberschreitende strategische Umweltprüfung (SUP) nach polnischem Umweltinformationsgesetz durch. Das Kernenergieprogramm stellt den Umfang und die Struktur der Massnahmen vor, die für den Einstieg Polens in die eigenständige Kernenergienutzung vorzunehmen sind, um einen sicheren und leistungsfähigen Betrieb der Kernkraftwerke, die Abwicklung nach dem Ende des Betriebes sowie die Sicherheit beim Umgang mit den ausgedienten Kernbrennstoffen und radioaktiven Abfällen sicherzustellen.
Quelle
Malgorzata von Werdt/M.Re. nach diversen Quellen