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Citizen Science wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften, den Naturwissenschaften sowie den technischen und medizinischen Wissenschaften angewandt. Menschen aus der interessierten Bevölkerung und Wissenschaftler:innen bearbeiten mit grossem Engagement so unterschiedliche Fragen wie
- Wie verändern sich Dialekte im Laufe der Zeit?
- Wie schnell setzen Böden CO2 frei?
- Welche Schäden verursachen Überschwemmungen?
- Wie sprechen wir über Sexualität?
- Wie hängt der individuelle Blutzuckerspiegel mit der Ernährung zusammen?
Das kann in Kooperation mit wissenschaftlich-öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten, Museen oder anderen Institutionen geschehen, aber auch durch private Initiativen von Personen und Organisationen. Neugier und Faszination für bestimmte Themen und Forschungsprozesse führen zur Schaffung gemeinsamen Wissens.
Es gibt einige andere partizipative Ansätze in den Wissenschaften, die man nicht immer klar von Citizen Science abgrenzen kann, zum Beispiel die Transdisziplinarität. Viele davon werden in der Nachhaltigkeitsforschung im Sinne der UNO Sustainable Development Goals (SDGs) angewendet.
Lange Tradition
Forschung existiert schon viel länger als Universitäten, wie wir sie heute kennen. Als im Mittelalter in Europa die ersten Universitäten gegründet wurden, gab es bereits Forscher:innen, die ohne die Unterstützung von Hochschulen auf Expeditionen gingen. Citizen Science ist eine Urform der heutigen Forschung.
In der Schweiz wurde 1815 die Helvetische Naturwissenschaftliche Gesellschaft gegründet, eine Vereinigung von Schweizer Amateurforschenden, die den Weg für die heutige Akademie der Naturwissenschaften Schweiz ebnete. Parallel dazu begann sich die Wissenschaft ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu professionalisieren. Dies brachte zahlreiche Universitätsgründungen mit sich und die Forschung veränderte sich so, dass Mitarbeit von ausserhalb sehr schwierig wurde.
Im Zuge der aufkommenden Gegenkulturen in den späten 1960er Jahren gab es erste Stimmen, welche die Wissenschaften für ihre mangelnde Offenheit und Transparenz sowie ihre lebensfremde Themensetzung kritisierten. In den folgenden Jahrzehnten forschten Betroffene zu sozialen Themen wie Umweltverschmutzung oder Frauengesundheit und zeigten, dass relevante Daten von wissenschaftlicher Seite übersehen wurden. Dies förderte die öffentliche Partizipation in den Wissenschaften und kann auch als Vorläufer von Citizen Science verstanden werden. Mitte der 1990er führten Alan Irwin und Richard Bonney den Begriff Citizen Science ins Feld. Ersterer zielte darauf ab, Wissenschaftspolitik demokratischer zu gestalten. Zweiterer verstand darunter die Mitarbeit von Freiwilligen aus der breiten Bevölkerung in Forschungsprojekten und ebenso ein Werkzeug, um deren Wissenschaftsverständnis zu verbessern.
Breites Spektrum
Neben der inhaltlichen Bandbreite der ganzen Wissenschaften, von der Sammlung von Wetterdaten für die Klimatologie bis zur Erkennung von musikalischen Ohrwürmern in der Hirnforschung, gibt es in der Citizen Science auch einen riesigen Methodenspielraum. Auf unserer Seite für aktuelle Projekte kann das konkret entdeckt werden. Die Digitalisierung hat noch einmal neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit eröffnet. Die Arten von Citizen-Science-Projekten sind vielfältig und der Einbezug von Freiwilligen unterschiedlich intensiv. Die vielleicht gängigste Einteilung unterscheidet zwischen drei Partizipationsgraden. In kontributiven Projekten sammeln und liefern Citizen Scientists primär Daten. In kollaborativen Projekten werten sie diese mit aus, arbeiten am Forschungsdesign mit oder sie bringen die Erkenntnisse unter die Leute. In ko-kreierten Projekten sind sie im gesamten Forschungsprozess mit involviert. Grundsätzlich können Citizen Scientists in jeder Stufe des Forschungsprozesses mitmachen (siehe untenstehende Abbildung).
Eigene Darstellung nach Vorbild Partizipative Wissenschaftsakademie (Universität Zürich), 2020
Potential
Citizen-Science-Projekte generieren nicht nur neues Wissen, sondern fördern auch gegenseitiges Lernen zwischen allen Beteiligten. Sie ermöglichen Dialog und sozialen Austausch sowie die Entwicklung von organisatorischen Instrumenten. Teilnehmende erlangen also ebenso neue Kompetenzen wie sie sinnstiftende und gesellschaftlich relevante Arbeit leisten. So können sie sowohl zur Lösung von lokalen Problemen beitragen, als auch zur Erreichung der SDGs.