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Herr der Gletscher
Vor 200 Jahren wurde Louis Agassiz geboren, ein bahnbrechender Geologe und vehementer Gegner Darwins. Berge und Gletscher sind diesseits und jenseits des Atlantiks nach ihm benannt. Louis Agassiz hat der Idee der Eiszeit zum Durchbruch verholfen, er hat aber auch anfechtbare, ja erschütternde Ansichten vertreten.
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Angekündigt ist ein Vortrag über sein Spezialgebiet, die fossilen Fische. Doch als Louis Agassiz im heimatlichen Neuenburg an diesem 24. Juli 1837 die Jahrestagung der Schweizer Gesellschaft für Naturwissenschaften eröffnet, kommt er, für alle überraschend, auf etwas ganz anderes zu sprechen: die Gletscher.
Von Eis zugedeckt
Seine Theorie: Jene Findlinge, die man überall gefunden habe, seien nicht von der Sintflut herangeschwemmt worden, sondern von Gletschern transportiert. Denn einstens sei ein Grossteil Europas und Nordamerikas von einer dicken Eisschicht bedeckt gewesen. Die Zuhörer fühlen sich unwohl, sie reagieren mit Empörung und Gelächter. Agassiz hat in ein Wespennest gestochen, was er zeitlebens nicht ungern tut. Vor allem aber verfolgt er seine Anliegen mit enormer Zähigkeit, seine Kinder nennen ihn eine «Dampflok», der die Energie nie ausgehe. Geboren am 28. Mai 1807 in Môtier, einem Dorf im Kanton Freiburg, interessiert sich Louis Agassiz früh für die Natur, studiert aber mit Blick auf die Berufsaussichten auch Medizin. 1829 promoviert er in Zoologie (über Amazonasfische), 1830 in Medizin. Unter dem Vorwand, sich mit der dortigen Choleraepidemie befassen zu wollen, geht Agassiz nach Paris und macht enormen Eindruck auf den führenden Fossilienforscher Georges Cuvier und den Naturforscher Alexander von Humboldt. Als Cuvier überraschend stirbt, setzt Alexander von Humboldt sich mit seinem Bruder in Verbindung, praktischerweise Preussens Bildungsminister. Und da Neuenburg zum preussischen Herrschaftsbereich zählt, bekommt Agassiz dort 1832 eine Professur am Collège.
Rastlos in Neuenburg
Gleich nach der Ankunft ruft er mit sechs Amateurmitgliedern die Neuenburger Gesellschaft für Naturwissenschaften ins Leben. Er wird Mitbegründer des «Muséum d'histoire naturelle», das Agassiz und der Eiszeit-Theorie eine Ausstellung* widmet. Natürlich will der ehrgeizige Naturforscher nicht in der Provinz versauern. Mit Feuereifer arbeitet er an einer mehrbändigen, reich illustrierten Untersuchung fossiler Fische. Im Sommer 1836 besucht Louis Agassiz den Geologen Jean de Charpentier in Bex, um seine Frau Cécile ein wenig aufzuheitern. Wie Charpentiers Frau ist sie Deutsche, und sie fühlt sich in Neuenburgs Kleinstadtbürgertum nicht wohl.
Ein folgenreicher Besuch
Charpentier zeigt Agassiz die Landschaft, und er erzählt ihm von der Idee des Bauern Jean-Pierre Perraudin und des Ingenieurs Ignaz Venetz, Gletscher hätten früher das ganze Vallée de Bagnes bedeckt. Noch neigt Agassiz der gängigen Meinung zu, eine Sintflut habe die Landschaft geprägt. Aber er beginnt doch, Gletscher systematisch zu untersuchen und jene Spuren zu beachten, die sie in der Landschaft hinterlassen haben. So wird Louis Agassiz zum wichtigsten Verfechter der Eiszeittheorie, die aber noch Jahrzehnte braucht, bis sie anerkannt ist. Mit Unterstützung des preussischen Königs unternimmt er 1846 eine Studienreise in die USA. Dort beeindruckt er die Menschen so sehr, dass die Universität Harvard ihm einen Lehrstuhl für Zoologie und Geologie einrichtet. Die junge Nation fühlt sich geschmeichelt, einen so angesehenen Forscher gewonnen zu haben. Agassiz arbeitet rastlos, richtet ein Museum ein, reist viel und unterrichtet leidenschaftlich gern. Und er beteiligt sich auch an allerlei Kontroversen dieser Zeit.
Agassiz und die Sklaven
In den USA begegnet er zum ersten Mal einem Schwarzen. Seiner zweiten Frau Elizabeth teilt er in einem Brief mit, er habe Mitleid empfunden «beim Anblick dieser verderbten und entarteten Rasse». Er könne «das Gefühl nicht unterdrücken, dass sie nicht vom selben Blut sind wie wir». Wie Hans Fässler in seinem Buch über die Schweiz und die Sklaverei** schildert, macht Agassiz aus diesem Eindruck heraus eine wissenschaftliche Kehrtwendung.
Vertrat er bisher die Ansicht, alle Menschen hätten den selben Ursprung, so glaubt er nun, unterschiedliche Rassen seien zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten entstanden. Wobei sie deswegen nicht etwa gleichwertig seien, im Gegenteil. Es bestehe die «philosophische Pflicht», eine wissenschaftliche Rangfolge dieser Rassen festzulegen. In seiner Beschreibung sind Indianer denn auch mutig und stolz, Mongolen feige und hinterhältig und Neger unterwürfig. Noch in einer anderen Frage setzt Louis Agassiz aufs falsche Pferd. Als Charles Darwin seine Evolutionstheorie publiziert, hält Agassiz an jener Auffassung fest, die Cuvier entwickelt hatte dass die Erde immer wieder von Katastrophen wie der Eiszeit heimgesucht und dass dabei seine Bewohner ausgelöscht worden seien. Anschliessend habe die Schöpfung gewissermassen von vorne begonnen.
Gott und die Schöpfung
Das zähe Festhalten an dieser Theorie bis zu seinem Tod 1873 erklärt sich aus Louis Agassiz' Herkunft. Als Sohn eines Pastors glaubt er hingebungsvoll an einen Schöpfergott und will in der Naturgeschichte einen göttlichen Heilsplan sichtbar machen. Den religiösen Kreisen in den USA kommt diese Haltung sehr gelegen bis heute, wenn wir an die Auseinandersetzungen zwischen etablierter Wissenschaft und den Gegnern von Darwins Lehre denken.
* Aglala . . . l'âge de glace, Muséum d'histoire naturelle Neuchâtel, bis 21. Oktober.
** Hans Fässler: Reise in Schwarz- Weiss, Rotpunktverlag Zürich.
Die Entstehung der Eiszeittheorie wird nachgezeichnet von Edmund Blair Bolles in «Eiszeit» (Argon-Verlag 2000).