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Das Centre Pasquart in Biel zeigt in einer ersten grossen Retrospektive Werke von Daniel Pommereulle, der in den 1960er Jahren Furore machte. Dem beigefügt wird eine Installation des Manor-Preisträgers Mathis Altmann.
«Die Achtundsechziger» – das ist ein Begriff, von dem alle zu wissen meinen, was er bedeutet. Dabei schwingt heute mit, dass die 68er schon ein paar Jahre Senioren und Seniorinnen geworden sind. Doch an die Künste und das neue Verständnis, was Kunst soll, erinnern wir uns, wenn auch einiges inzwischen vergessen ging. Die Filme und Regisseure, vor allem die französischen der Nouvelle Vague, kennen wir immer noch: François Truffaut, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard neben anderen.
Daniel Pommereulle (1937 – 2003) war ein 68er par excellence, seine Werke sind stets in sozialem und politischem Kontext zu sehen. Er war ein Aktivist (den Begriff benutzte man damals nicht im gleichen Masse wie heute), beteiligte sich an den Pariser Demonstrationen, spielte in Filmen der genannten Regisseure mit, drehte selbst Filme und scheute sich nicht vor Provokationen. Er war einer der ersten, der im schicken Pariser Quartier St. Germain des Prés lange Haare trug wie die Beatles in England.
Daniel Pommereulle: Ohne Titel, 1985. Glas, Leim, Silicon, Plexiglas, Bronze. 70 x 110 x 27 cm. Galerie Christophe Gaillard, Paris. Foto Rebecca Fanuele © ADAGP 2023
Als Maler hatte Pommereulle begonnen, später schuf er Skulpturen, Objekte und Installationen aller Art, er zeigte Performances und schrieb Gedichte. 1965 wurde er in die Gruppe der Objecteurs aufgenommen, zu der auch Daniel Spoerri oder Tetsumi Kudo zählten. Einmal verursachte er einen kleinen Skandal, als er zur Ausstellung in einem Pariser Salon statt eines neuen Kunstwerks einen jungen Baum mitbrachte.
Auch wenn sein Name und sein umfangreiches Werk heutzutage nicht mehr präsent scheint, seine Werke und seine Reflexionen wurden von vielen Künstlern zitiert. Pommereulle hat über Kunst und über sein Schaffen nachgedacht: Sein Text L’abolition de l’art erschien 1968. Er erklärt dort, dass ein Werk im Kopf beginne, die Zeichnung sich als Grundlage der Imagination viel wirkungsvoller erweise und so gefährlicher sei als das fertige Kunstwerk.
Gefährlich sind die Werke von Pommereulle durchaus. Er stellt aus alten Farbeimern und Blei Objekte her, die besteckt sind mit Messern, Rasierklingen, Nägeln, Skalpellen: die Objets de prémonition. Da taucht vor dem inneren Auge auf, was prémonition bedeutet: Vorahnung oder genauer: das beunruhigende Vorgefühl, dass ein Unglück geschehen wird. Seine Arbeiten wurden von vielen als verstörend, schneidend scharf und aggressiv bezeichnet, erklärt Kuratorin Armance Léger. – Ein angry young man war er also, wiederum nicht ungewöhnlich für junge Menschen nach dem Ende des 2. Weltkriegs, die ihre Zeitgenossen mit wachem Sinn beobachteten. Daniel Pommereulle musste während des Algerienkrieges seinen Militärdienst leisten, das habe ihn traumatisiert, ergänzt Armance Léger.
Daniel Pommereulle, Objet de prémonition, 1974-1975. Farbtopf, Räder, Stahlklingen, Bleiblätter und Farbe. 70 x 70 x 38 cm Collection particulière, France Courtesy Galerie Christophe Gaillard, Paris. Foto Rebecca Fanuele © ADAGP 2023
Er war ein neugieriger Mensch, stets auf der Suche nach neuen Formen der Wahrnehmung und nach Möglichkeiten der Bewusstseinserweiterung. Er schuf ein kleines Fernrohr, in das er eine Messerspitze einbaute. Die Spitze zeigt genau auf das Auge der schauenden Person, wodurch das Auge gespalten wird und – welche Ironie – befähigt ist, das innere Geschehen zu erblicken. Das Messer als Hilfe zu visionärem Sehen.
Im gleichen Raum sehen wir eine ganze Reihe von Tuschezeichnungen, die Pommereulle im Haschischrausch geschaffen hat. Es sind Wirbel, harmonisch rund, aber flüchtig. Das Flüchtige, das Nicht-Fassbare interessiert den Künstler, weshalb auch die Ausstellung den Untertitel «Flüchtig» erhielt. Pommereulle schreibt dazu: «Je veux simplement révèler par des flashes, des absorptions d’une réalité immédiate, des instants de la vie qui s’enfuit.» Der Moment ist ihm wichtig, die Geschwindigkeit des Vergehens interessiert ihn ebenso wie die Unendlichkeit des Universums.
Ausstellungsansicht Galerie 3. Foto: Lia Wagner
Das Licht erhält in seinen Glasskulpturen besondere Aufmerksamkeit. Diese sind im Museum so platziert, dass die Sonne durchscheinen kann. Der Künstler arbeitet mit Bleiglas. Das Blei stellt einen Bezug zu seinen Kriegserfahrungen her, Munition besteht bekanntlich seit jeher aus Blei. Auch die Alchemie kommt ins Spiel: Aus Blei versuchten die Alchimisten Gold zu machen. Pommereulle geht es um das Licht, seine Energie einzufangen, die Lichtstrahlen durch das Glas gebrochen in den Raum zu werfen.
Vor vierzig Jahren starb Daniel Pommereulle. Gerade in den aktuellen mörderischen Zeiten wirkt sein Werk ungemütlich lebendig. Ob er Bilder malte, subversive Objekte schuf oder Zeichnungen anfertigte, in denen sich Harmonie und scharfe Ironie die Waage halten, er empfand seine Werke als «Momente», nicht als etwas Abschliessendes.
Fünfzig Jahre später
Mathis Altmann (1987 in München geboren), 2022 Manor-Preisträger des Kantons Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Hier unterrichtet er auch an der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Installation «Individuality» ergänzt die umfangreiche Pommereulle-Schau auf überraschende Weise.
Mathis Altmann, Devine Powerstyles, 2023. Apothekenkreuz LED, Acrylfarbe auf Aluminium. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht «La Salle de bains», Lyon. Foto: Jesús Alberto Benitez
Die Präsentation im Centre Pasquart ist die Fortsetzung einer Ausstellung in Lyon in einem Museum mit dem Namen «La salle de bains» – einer früheren Badeanstalt mit beengten Platzverhältnissen. Der Titel Individuality, den Altmann nach eigener Aussage auf einem Punk-Abzeichen zusammen mit dem Anarchiesymbol entdeckt hatte, steht für die Befindlichkeit vieler – besonders junger – Menschen: Zwar suchen sie Gemeinschaft und finden sich doch in der Vereinzelung.
In Biel erhält Altmanns Arbeit den grössten Raum, die Salle Poma. Er nutzt die Höhe und Weite mit Licht- und Toneffekten. Die kleinteilige Installation besteht aus sieben Modellbauten, im Zentrum dreht sich ein Kreuz mit hypnotischen Klängen und reklameartigen Schriften. Altmann interessiert sich für Grossstädte wie Berlin oder Los Angeles – und im Kontrast dazu Zürich.
Mathis Altmann, untitled 1, 2023. Plastik, Holz, Glas, Karton, LED, 62x70x91cm. Courtesy the artist. Ausstellungsansicht «La Salle de bains», Lyon. Foto: Jesús Alberto Benitez
Der junge Künstler nimmt die Kontraste zwischen diesen Zentren als Anstoss für seine Arbeit. Während in Berlin ein ständiger Kampf um mehr Wohnraum und Freiraum stattfindet, ist Zürich durch Gentrifizierung fixiert und bietet doch im Toni-Areal Raum für spontane Gestaltung. Bei näherer Betrachtung findet die Besucherin in Altmanns Arbeit eine Menge Ironie und spielerische Gestaltungselemente.
Daniel Pommereulle: Flüchtig und
Mathis Altmann: Individuality
im Centre d’art Pasquart Biel bis 18. Juni 2023. Zahlreiche Führungen und Veranstaltungen werden auf der Webseite angeboten.
Titelbild: Ausstellungsansicht: Daniel Pommereulle, Galerie 3: ICI MÊME L’ON RESPIRE. © Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2023, Fotos: Lia Wagner