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Mit dem Millennium-Preis ist Linus Torvalds stellvertretend für Linux und Open-Source-Software in einer breiten Bevölkerungsschicht wertgeschätzt. Linux und Open Source ist heute als eine Technologie wie das Internet anerkannt, die das Leben der Menschen verbessert.
Über 20 Jahre nachdem ein Student für seinen Spieltrieb mit Computer-Hardware erste Gleichgesinnte fand, nutzen wir Linux im Alltag ohne es zu merken. Den Grundstein des Erfolgs legte am 27. September 1983 Richard Stallman mit dem GNU-Projekt, das als GNU/Linux die Welt eroberte. Wir nutzen Linux heute, ohne es zu merken, zum Beispiel mit der Google-Suche, in Android-Smartphones und mit einem Grossteil der Cloud wie Software-as-a-Service (Saas). Sogar Microsoft, dessen CEO Steve Balmer Linux als seinem schlimmsten Alptraum bezeichnete, nutzt Linux für Skype und die Cloud-Plattform Azure.
Linux-Erfinder Linus Torvalds hat seine Verdienste am 13. Juni den Millennium-Preis der Technologie-Akademie von Finnland (TAF) entgegen genommen. Die finnische Variante eines Nobelpreises ist mit 1,2 Millionen Euro dotiert. Sie wird von einer TAF-Stiftung für technologische Leistungen vergeben, die das Leben der Menschen verbessern. Torvalds teilt die Auszeichung mit dem japanischen Stammzellen-Forscher Shinya Yamanaka.
«Software ist heute zu wichtig, um sie anders als auf offene Weise zu entwickeln.» Linus Torvalds
Die TAF ist eine unabhängige Stiftung der finnischen Industrie und des Staates. Bisherige Preisträger waren: Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web; Shuji Nakamura, Erfinder von hellen blauen, grünen und weissen LED sowie eines blauen Lasers; Robert Langer, der unter anderem künstliche Gewebe gezüchtet hatte; Michael Grätzel für die Entwicklung einer Solarzelle auf Farbstoff-Basis.
«Shinya Yamanakas Arbeit in der Stammzellenforschung und Linus Torvalds´ Arbeit in der Entwicklung von Open-Source-Software haben ihre betreffenden Fachgebiete nachhaltig verändert», sagte der TAF-Präsident Ainomaija Haarla.
Linux-Kernel befeuert GNU-Betriebssystem
Torvalds ist Initiator und Pionier von Linux, dem Betriebssystem-Kern (techn. Kernel) des Open-Source-Betriebssystems GNU/Linux. Seine Arbeit habe wesentlichen Einfluss auf kooperative Software-Entwicklung bewiesen, und die Vernetzung und Offenheit des heutigen Internets mitgeprägt, heisst es in der Erklärung der Jury. Das Linux-Betriebssystem laufe auf Millionen von Computern, Smartphones und digitalen Unterhaltungsgeräten. Torvalds selbst sagte: «Software ist heute zu wichtig, um sie anders als auf offene Weise zu entwickeln.» Die wesentliche Wirkung von Linux sei die Erlaubnis, dass Benutzer und Firmen ihre eigenen Dinge daraus bauen dürfen.
«Open Source wurde nicht zum Fördern der Freiheit entworfen, die Nutzer verdienen» Richard Stallman
Torvalds’ Linux hat 1992 den fehlenden Teil des Kernels zum GNU-Projekt beigetragen. Die 1974 gestarteten Entwicklung des freien Betriebssystems GNU, einem Nachbau von Unix, war mit Linux komplett. Richard Stallman ist als Initiator und Botschafter des GNU-Projekts der führende Mann der Bewegung für freie Software. Sie ist in der Free Software Foundation organisiert. Die Linux Foundation betreut die Entwicklung des Linux-Kernels. Sie bezahlt auch das Gehalt der «Linux Foundation Fellows» wie Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman, zwei der Hauptentwickler des Linux-Kernels.
Politik um Open Source und freie Software
Mit dem steigenden wirtschaftlichen Erfolg im Umfeld von GNU/Linux entstand 1998 der Begriff Open Source. Open-Source-Software bezeichnet technisch gesehen nichts anderes als freie Software unter anderem Namen, um die Quellenoffenheit hervorzuheben. Es entstanden dadurch Open-Source-Vorstellungen, die nicht mehr zwingend allen vier Freiheitsdefinitionen der Free Software Foundation und der daraus abgeleiteten General Public Licence (GPL) entsprachen. Diese vier Freiheitsdefinitionen für Software sind: Jeder darf das Programm ausführen, auf den Quellcode zugreifen, das Programm an alle weiterverbreiten und das Programm verbessern. Stallman kritisiert, dass bei Open Source die ethischen Prinzipien für den freien Zugang ausgeblendet werden. «Obwohl freie Software den Nutzern unter einem anderen Namen dieselbe Freiheit geben würde, macht es einen grossen Unterschied, welchen Namen wir verwenden: Unterschiedliche Wörter vermitteln unterschiedliche Vorstellungen», schrieb Stallman in Freie Software für Freiheit.
Geschäftliche Dienstleistungen sind von Software-Freiheit selbstverständlich nicht betroffen. Im Kern geht es ja um liberale Ideen, die Informatik wie Mathematik als naturwissenschaftliche Disziplin zu fördern und sie mit gleichzeitig möglichst vielen Menschen als Werkzeug ihres eigenen Erfolgs zu teilen. Unternehmen wie IBM verdienen heute schon den Grossteil ihrer Einnahmen mit Dienstleistungen zu Software-Produkten, die vielfach freie Software sind. Viele Programme wurden erst frei durch Einsicht des Herstellers, dass Software-Freiheit der bessere Weg ist. Dass diese Entwicklung hin zu freier Software von IBM mitangeführt wird, ist bezeichnend für eine Firma, die in den 1970er-Jahren erstmals Patente auf Software verlangte, um sie gemeinsam mit Hardware rigoros vermarkten zu können. IBM verrannte sich aber in den 1990er-Jahren so sehr damit, dass das Unternehmen nah am Bankrott stand. Sam Palmisano baute den IT-Konzern erfolgreich um mit Fokus auf Software und Services. IBM ist heute eines der Unternehmen, die viel zu Linux beitragen.
«Open Source funktioniert wirklich nur, wenn alle aus ihren eigenen, selbstsüchtigen Gründen beitragen.»
Die drei am meisten mitwirkenden Unternehmen sind Red Hat (10,7 Prozent), Intel (7,2) und Attachmate, die Novell (3,3) übernahmen. Oracle ist seit der Übernahme von Sun Microsystems ebenfalls weit vorne. Microsoft schaffte dieses Jahr erstmals den Sprung in die Top 20 der Unternehmen, die am meisten zu Linux beitragen. Die Mehrheit der Linux-Entwickler (rund 75 Prozent) werden für ihre Arbeit bezahlt. Diese und weitere Daten hat die Linux Foundation in ihrem Jahresbericht veröffentlicht.
Egoismus treibt die Idee
Open Source hat ein wirtschaftliches Wachstum von Software eingeleitet, die sich an freiheitlichen Prinzipien orientierte. Gleichwohl entstanden durch Open Source immer wieder Missverständnisse, die Software-Unternehmen zum Hervorrufen von positiven Assoziationen missbrauchten. «Open Source wurde nicht zum Fördern der Freiheit entworfen, die Nutzer verdienen», schrieb Stallman weiter. Torvalds bestreitet das auch nicht, wie er in einem kürzlich erschienenen Interview mit der BBC sagte: «Die wirkliche Idee von Open Source ist allen den Eigennutz bis zu einer gewissen Stufe zu erlauben, und nicht zu versuchen, dass alle für das Wohl der Gemeinschaft beitragen. In anderen Worten, ich sehe Open Source nicht als ein grosses goody-goody ‘lasst uns alle Kumbaya singen, um das Lagerfeuer tanzen und die Welt verbessern’. Nein, Open Source funktioniert wirklich nur wenn alle aus ihren eigenen, selbstsüchtigen Gründen beitragen.»
Diese selbstsüchtigen Gründe müssen laut Torvalds überhaupt nicht finanzielle Belohnungen bedeuten. «Mein früher Eigennutz, als ich mit Linux startete, war einfach um herum zu spielen. Programmieren war mein Hobby, meine Passion – mein eigennütziges Ziel war zu erlernen, die Hardware zu kontrollieren», so Torvalds. Wie sich später herausstellte, war er damit nicht alleine. Grosse Universitäten mit Informatik-Departementen hatten Leute, die an denselben Dingen interessiert waren. Sie spielten mit dem System herum, machten Vorschläge für Verbesserungen und schlussendlich machten sie diese Verbesserungen selbst und sendeten sie an Torvalds zurück.
7’800 Entwickler aus 80 Staaten haben 2011 zu Linux beigetragen. Red Hat erreichte einen Jahresumsatz von 1,13 Milliarden Dollar.
«Open Source hätte nie funktioniert, wenn diese Leute das Gefühl gehabt hätten, dass ihre Beiträge von jemandem anderweitig zu seinem Vorteil verwenden würden», sagte Torvalds. Das Urheberrecht schütze sie vor diesen Bedenken. «Die fundamentale Eigenschaft der GPLv2 ist ein simples ‚Wie Du mir, so ich Dir‘: ich gebe die meine Verbesserungen, wenn du versprichst, deine Verbesserungen zurück zu geben. Das ist fundamental gerecht», so Torvalds.
«Zur Überraschung vieler Leute skaliert diese Idee von Fairness sehr gut. Sie skaliert auf allen Ebenen», erklärt Torvalds. «Nachdem wir die Idee von freier Software in Open Source umbenannten und damit klar machten, dass es keine anti-kommerzielle Entdeckung war, hat sie sich explosionsartig verbreitet.»
GNU/Linux ist überall
7’800 Entwickler in 80 Staaten hatten 2011 insgesamt zum Linux-Kernels beigetragen. Die Linux-Kernel-Version 3.2 von Januar beschäftigte 1300 Entwickler in 226 Unternehmen. Linux 3.2 erhielt in 72 Tagen Entwicklungszeit knapp 12’000 Änderungen. Das entspricht rund 7 Änderungen pro Stunde. Insgesamt wurden dazu 37’000 Dateien und 15 Millionen Code-Linien verändert. Die Daten stammen aus dem Jahresbericht der Linux Foundation.
Android-Smartphones laufen mit einer Google-Adaption von Linux. GNU/Linux ist das dominierende Betriebssystem auf Supercomputern und Servern in Rechenzentren. In der Juni-Rangliste wurden 92,4 Prozent der 500 schnellsten Supercomputer mit Linux betrieben. Google-Suchmaschinen laufen auf Linux-Servern. Linux wird laut Wikipedia in elektronischen Steuerungen und Geräten der Mess- und Regelungstechnik und im Bereich der Mikrocontroller eingesetzt. Weitere Beispiele sind Fernseher wie die Smart-TV-Modelle von LG, Set-Top-Boxen von Dream oder Google TV und Flugzeug-Unterhaltungssysteme wie bei Virgin America.
Desktop-Computer mit GNU/Linux sind rund um den Globus im Einsatz bei vielen Schulen, öffentlichen Verwaltungen und Grossunternehmen. Beispiele sind die Schulen Russlands, die Stadt München, das amerikanische Verteidigungsministerium, der Staat Kuba, das französische Parlament und die grösste Bank Chinas, die Industrial and Commercial Bank of China. Weitere Grossunternehmen mit verbreiteter Desktop-Adoption sind IBM und Google. Dies erschloss einen Milliardenmarkt für Dienstleistungen. Allein Red Hat hat im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 1,13 Milliarden Dollar erreicht. Das Open-Source-Unternehmen wuchs in 12 Monaten um 25 Prozent.
Alle diese Desktop-Beispiele haben mit GNU/Linux ihre eigenen Betriebssystem-Distributionen entworfen, anstatt sich beispielsweise mit Service-Verträgen auf Suse, Ubuntu, Red Hat Enterprise Linux oder Oracle Linux zu verlassen. Das funktioniert dank der Freiheit und Modularität wie bei einem Baukasten, aus dem man für die benötigten Funktionen die Module auswählt. Je aktiver man in der Entwicklung von Open Source involviert ist, desto besser versteht man den Code. Dadurch steigt die Sicherheit und die Effizienz. Geheimdienste verändern den Kernel für maximal mögliche Sicherheit. Ein Open-Source-Betriebssystem, wie dies heute auch die ursprüngliche Unix-Variante aus Berkley (Free BSD) darstellt, kann für jede Anwendung auf das absolut nötigste reduziert werden, um das Maximum an Leistung oder Effizienz herauszuholen.
(Marco Rohner)
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