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| Vinzenz v. Lerin († vor 450) - Commonitorium

27. Die Heilige Schrift ist nach der Tradition der katholischen Kirche zu erklären.
[38] Aber da sagt jemand: Wenn sich der göttlichen Kundgebungen, Aussprüche und Verheißungen auch der Teufel und seine Jünger bedienen, von denen die einen falsche Apostel, die andern falsche Propheten und Lehrer, alle aber in jeder Hinsicht Irrlehrer sind, was werden da die Katholiken und die Kinder der Mutterkirche tun? Auf welche Weise werden sie in den Heiligen Schriften das Wahre vom Falschen unterscheiden? Sie werden es sich besonders angelegen sein lassen, das zu tun, was, wie wir im Anfange dieses Merkbuches [c. 2 und 3] geschrieben haben, die heiligen und gelehrten Männer uns überliefert haben, daß sie nämlich die göttlichen Schriften nach den Überlieferungen der allgemeinen Kirche und nach der Richtschnur der katholischen Glaubenslehre erklären; ferner müssen sie innerhalb der katholischen und apostolischen Kirche der Allgemeinheit, dem Altertum und der Übereinstimmung folgen, und wenn einmal ein Teil gegen die Allgemeinheit, eine Neuerung gegen das Altertum, die Abweichung eines oder weniger Irrenden mit der Übereinstimmung aller oder wenigstens der meisten Katholiken in Widerspruch steht, sollen sie der Verderbtheit eines Teiles die Unversehrtheit der Allgemeinheit vorziehen; in dieser Allgemeinheit aber sollen sie der Ruchlosigkeit einer Neuerung den frommen Sinn des Altertums und ebenso im Altertum selbst der Vermessenheit eines oder weniger an erster Stelle die allgemeinen Beschlüsse aller auf einem Gesamtkonzil, wenn solche vorhanden sind, vorziehen; wenn das nicht möglich ist, mögen sie dem folgen, was das Nächste ist, nämlich den übereinstimmenden Lehranschauungen vieler großen Lehrer. Wird das mit Hilfe des Herrn treu, besonnen und sorgsam beachtet, werden wir ohne große Schwierigkeit alle schädlichen Irrtümer der auftauchenden Häresien aufzudecken wissen.