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Mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an den Südafrikaner John Maxwell Coetzee hat die schwedische Akademie unwissentlich einen Autor gewürdigt, dessen Werk die Literatur schlechthin in Frage stellt. Mehr denn jeder andere Schriftsteller ist Coetzee ein Meister jener Dichtung, die gegen die Vorstellung geschrieben wird, Literatur sei Nachahmung von Realität und der Autor, Aristoteles zufolge, Schöpfer der Nachahmungen. Jene Art von Dichtung, die eines Namens noch bedarf, verlagert sich vom Erzählen von Geschichten zum Nacherzählen bestehender Dichtung – als sei diese Teil der Realität – aus veränderter Sicht oder mit anderer Stimme.
Tom Stoppard stellt Shakespeares Hamlet nach als «Rosencrantz and Guildenstern are Dead», und Heiner Müller lässt ihn als Hamlet-Maschine neu erstehen. Michel Tournier schreibt Defoes «Robinson Crusoe» als Geschichte von Freitag in zwei Neufassungen um, einmal als «Vendredi ou les limbes du Pacifique», einmal – für jüngere Leser – als «Vendredi ou la vie sauvage». Obschon nicht als erster, hat auch Coetzee Defoes Roman neu verfasst, und den Autor zu «Foe» umbenannt. In dieser Neufassung – «Mister Cruso, Mrs. Barton und Mister Foe»1 («Foe», 1986) – erfindet er eine Erzählerin, Susan Barton, die den alternden Cruso in ihr Bett und in ihre höhnische Betrachtung seiner Abenteuer zieht. Der (post)moderne Text verwertet den früheren und lebt darin wie ein Parasit.
Parasitäre Dichtung, wie ich sie nennen würde, beherrscht Coetzees Schreiben von Beginn weg. Sein strenger Roman «Warten auf die Barbaren»2 («Waiting for the Barbarians», 1980) ist eine radikale Wiedergabe von Cavafys gleichnamigem Gedicht. Im Gedicht wird angedeutet, was Coetzee zur These umformt: Zivilisation, hier als «Empire», entstehe durch die Unterscheidung von den Barbaren, die die äussere Grenze umreissen, zerfalle jedoch durch ihre Definition über den zu bekämpfenden Barbarismus. Sein eigenes Schreiben, das eine Obsession zur Übersetzung oder Umschrift anderer Darstellungen oder Geschichten erkennen lässt, wie in «Dusklands» (1974)3 oder «Im Herzen des Landes»4 («In the Heart of the Country», 1987), reflektiert Literatur bis hin zur Parodie und zum Bauchreden.
Indirektes Schreiben gegen die Apartheid
Coetzee, ein Linguist und Komparatist, gehört mit Samuel Beckett, der Thema seiner Dissertation war, zu den klügsten und theoretisch am versiertesten modernen Schriftstellern der englischen Sprache. Wie Beckett ist auch ihm völlig bewusst, was er tut – wenngleich er durchaus nicht gewillt ist zu erklären, was seine Strategien sind. Geformt wurden seine Schreibweisen durch die Obszönitäten der Apartheid in seiner Heimat Südafrika. Anders als Nadine Gordimer, die gegen die Apartheid im Stil des Realismus anschrieb, hatte Coetzee weniger direkte Strategien im Sinn. Zum Thema der Folter in der südafrikanischen Literatur von 1986 schrieb er: «There is something tawdry about following the state…making its mysteries the occasion of fantasy. For the writer, the deeper problem is not to allow himself to be impaled on the dilemma proposed by the state, namely, either to ignore its obscenities or else to produce representations of them. The true challenge is how not to play by the rules of the state, but how to establish one’s own authority, how to imagine torture and death on one’s own terms.» Dies mag zugleich als Kriegserklärung an den Staat und als Rat an die eigene Imagination gelesen werden. Die Imagination, wie sie in seinem jüngsten Buch «Elizabeth Costello» zum Ausdruck kommt, erschafft parasitäre Fiktionen, die den Staat und die Gewalt der Macht verzehren, während sie Geschichten erzählt, die über Literatur und Konvention hinausgehen.
Diese doppelte Strategie in Coetzees Schreiben wird mitunter auch in ihrer Ablehnung seitens der Leser ersichtlich. Die Art wie Gewalt in seinem Roman «Schande»5 («Disgrace», 1999) erzählt wird, Gewalt von Schwarzen gegen Weisse, stiess die neue Regierung und offizielle Kultur Südafrikas derart vor…