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Die Organisierte Kriminalität in Afghanistan und ihre Geldwäscherei 05.01.2007 20:12

politonline: Die Aufnahme zeigt Kabul im November 2006. Man stelle nun die in dem folgenden Artikel angeführten Milliardenerlöse aus dem Drogenhandel der grauenerregenden Armut und Zerstörung dieses Landes gegenüber. Man kommt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass es den Nutzniessern des Opiumhandels vollkommen gleichgültig sein muss, wie die Bevölkerung zugrunde geht. Für deren Wohl ist selbstverständlich die UNO resp. die von dieser gewissermassen tributpflichtig gemachte Internationale Gemeinschaft zuständig.
Bekannt ist, dass über 85% der weltweiten Opiumproduktion aus Afghanistan stammt. Wenig bekannt ist, dass heute diese Produktion, ihr Verkauf, die Verarbeitung zu Heroin und der Transport nach Europa durch eine Organisierte Kriminalität kontrolliert wird, die in Afghanistan selbst beheimatet ist. Wie ist es zur Bildung dieser OK gekommen? Gemäss einem neuen Bericht der UNO (Office on Drugs and Crime) und der Weltbank über die Drogenindustrie in Afghanistan (Afghanistan’s Drug Industry, edited by Doris Buddenberg and William A. Byrd) begann die Zunahme der Opiumproduktion während der sowjetischen Besatzung. Gleichzeitig richteten dadurch immer mehr Drogenhändler ihre Stützpunkte an der afghanischen Grenze ein und kauften diese Produktion auf. Die lokalen Kriegsherren kontrollierten diesen Handel durch die Besteuerung des Handels. Nach dem Fall der kommunistischen Regierung 1992 wurde die finanzielle Unterstützung der Kriegsherren und Kommandanten durch das Ausland (CIA, usw.) gestoppt. Für die Finanzierung ihrer Aktivitäten verblieb den Kriegsherren nur die Besteuerung der Opiumhändler. Als Folge dieser Entwicklung wurde die Produktion noch einmal gesteigert. Der Markt selbst war aber relativ offen und jeder interessierte Händler konnte sich daran beteiligen.
Unter der Taliban-Herrschaft (1994-2001) blieb der Markt relativ offen und frei zugänglich. Auch die Taliban erhoben bei den Händlern für die Finanzierung ihrer eigenen Geschäfte Steuern. 2001 verboten sie die Produktion, aber nicht den Handel. Der Preis für das Opium eskalierte buchstäblich. Jene Händler, die über grosse Opiumlager verfügten, wurden enorm reich. Nach dem Fall der Taliban, Ende 2001, übernahmen die Kriegsherren wieder die Kontrolle über den Handel. Die Händler selbst verfügten nun über beträchtliche finanzielle Mittel um den Anbau zu fördern und den notwendigen Schutz für ihre Tätigkeiten zu finanzieren. Als Folge des internationalen Druckes wurden demokratische Strukturen eingeführt und der politische Prozess im Land verändert. Zwei Faktoren veränderten die Kontrolle über den Drogenhandel. Erstens mussten sich aufgrund des internationalen Druckes politische Entscheidungsträger und Kriegsherren offiziell vom Drogenhandel distanzieren. Zweitens setzte mit Hilfe der internationalen Ressourcen die Kontrolle über die kriminellen Aktivitäten durch die Zentralregierung ein. Vor allem das Innenministerium mit der Polizei übernahm dabei eine zentrale Funktion ein, wobei gerade dieses Ministerium sich als nicht reformierbar erwies.
Seit Ende 2005 ist eine Konsolidierung der Kontrolle des Drogenhandels durch Schlüsselkreise (key traffickers) erfolgt. Die Mehrheit dieser Schlüsselpersonen wirkt aus dem Süden. Diese Unterwelt ist durch die Zahlungen mit wichtigen persönlichen Persönlichkeiten verknüpft, die ihnen den notwendigen Schutz angedeihen lassen. Im Gegensatz zu früher verfügt Afghanistan über eine hierarchisch strukturierte organisierte Kriminalität. An der Spitze der Pyramide der afghanischen OK stehen 25-30 Individuen mit ihrer Händlerorganisation. 15 davon operieren aus den Südprovinzen. Sie entstammen nicht dem Kreis der früheren Kriegsherren, sondern sind entweder frühere Politiker oder religiöse Führer oder sogar frühere Vertreter von NGO-Organisationen. Vom Süden aus - dazu
gehören die Provinzen Zabul, Kandahar, Uruzgan, Helmand, Nimruz - betreiben sie auch einen Handel mit den Nordprovinzen Balkh, Sari Pul und Samangan. Die nächste tiefere Ebene umfasst in ganz Afghanistan 200 bis 250 Grosshändler, die sich wiederum auf einen Mittelstand von 500-600 Händlern stützen, die bei 10-15'000 lokalen Händlern einkaufen. Die Opiumproduktion wird durch 350'000 Familien betrieben. Parallel zu dieser OK-Pyramide wirkt die Schutzorganisation, die dem Innenministerium obliegt. Es gehören dazu die lokale Polizei, die Polizeichefs der Distrikte und die Polizeichefs der Provinzen. Dank der Zahlungen sind die Hauptverantwortlichen der OK gut geschützt. Die Drogen selbst werden über den Iran und die Türkei verschoben. Für die Zahlungen und das Schmieren des Systems stützt sich die OK in Afghanistan auf das Hawala-System ab. Hawala ist ein arabisches Wort und bedeutet Transfer. Das System ermöglicht den Transfer von Geld und Werten von einem Ort zum anderen, ohne dass dabei immer Geld oder Güter verschoben werden müssen. Diese Dienstleistungen obliegen den Hawaladars. Ohne dieses System würde die afghanische Wirtschaft nicht funktionieren. Das Hawala ist eng mit den Finanzzentren von Karachi, Dubai, London, Mumbai, New York und Shanghai verknüpft. Insofern ist es nicht überraschend, dass die OK in Afghanistan auch für ihre Finanztransaktionen das Hawala-System benützt. Von 2004-2005 betrug der Geldfluss durch das Hawala-System in Afghanistan 5.6 - 6.1 Milliarden Dollar. Der Opiumhandel war für 1.7 Milliarden Dollar verantwortlich. Zwischen dem Hawala-System und dem Drogenhandel in Afghanistan besteht eine enge Symbiose. Fachleute sprechen von einem Nexus. Während es früher immer wieder Überfälle auf Geldkuriere der Hawaladars gab, hat sich deren Sicherheit dank der Stationierung der ISAF deutlich verbessert. Das System ist nicht nur für Geldverschiebungen des Drogenhandels - Kauf und Verkauf - verantwortlich, sondern auch für den Kauf von Gütern mit diesem Geld und damit auch für das Geldwaschen. Während das Geld für den Einkauf von Drogen vor allem aus Pakistan (Rupien) stammt und sogar auf Grossbritannien (London) und die USA (New York) zurückgeführt werden kann, stammen die Güter, die die Geldwäscherei ermöglichen, aus Dubai (UAE), China, Japan und Deutschland. Offensichtlich kontrollieren Afghanen Teile des Hawala-Marktes in Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) und Saudi-Arabien. So stehen die Drogen-Hawaladars in Kandahar und Helmand mit dem Finanzmarkt von London in engem Kontakt. Das Drogengeld selbst wird in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dubai) und Pakistan (Peshawar) investiert und gewaschen. Das afghanische Hawala-Geschäft stützt sich neben Dubai auf das pakistanische Netzwerk, das wiederum mit London verknüpft ist. Neben der Geldwäscherei werden durch verschiedene Kreise in Dubai auch andere Geschäfte getätigt. Dazu gehört der Waffen- und Menschenhandel. Des weiteren wird die Finanzierung und Refinanzierung von Entführungen über Dubai abgewickelt. Grundsätzlich kann man diesen Kreisen den Griff zu diesen lukrativen Geschäften nicht absprechen, störend wirkt es nur, wenn auch die Schweiz sich mit dem Verkauf von schweren Waffen auf diesen Ort zubewegt.
Literaturhinweis:
Afghanistan’s Drug Industry, Structure, Functioning, Dynamics, and Implications for Counter-Narcotics Policy, Edited by Doris Buddenberg and William A. Byrd, United Nations Office on Drugs and Crime, and The World Bank, 2006.
Obige Veröffentlichung erfolgte am 2. 12. 06 durch das Institut für Strategische Studien von
Prof. Dr. Albert A. Stahel in Wädenswil: www.strategische-studien.com. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf den auf politonline erschienenen Artikel Blick auf Afghanistan und den dortigen Drogenhandel.