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Seit dem 19. Jahrhundert tragen zahlreiche wissenschaftliche Dokumentationsarbeiten dazu bei, Wissen über Sprachen und Sprechende auf der ganzen Welt zu gewinnen. Ob Sprachkorpora, ethnografische Berichte, Karten oder Sprachstatistiken – solch Forschungsergebnisse werden von den westlichen Staaten genutzt, um geopolitische Grenzen zu ziehen, die Konstruktion von Nationen zu legitimieren und festzulegen, welche Sprachpraktiken als «Standard» gelten. Diese Dokumentationen stützen sich auch auf Zeugnisse christlicher und militärischer Missionen der Kolonialzeit. Dabei wird nicht nur Wissen über die Sprache der Kolonialherren, sondern auch über eine Vielfalt von Sprachen, die dem Westen oft unbekannt sind, produziert, was unsere Wahrnehmung von Sprachen und Sprechenden in der Gesellschaft mitprägt. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden zudem herangezogen, um sprachpolitische Projekte zu gestalten. So sind etwa die französische Sprache und ihre Sprecherinnen und Sprecher Gegenstand unzähliger Dokumentationsarbeiten auf der ganzen Welt. Die Anzahl, die Art und die Auswirkungen solch dokumentarischer Recherchen variieren von Region zu Region erheblich, sind aber für die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF) oft von Interesse, da deren politische Bestrebungen nicht an nationalen Grenzen haltmachen.
Das vorliegende Forschungsprojekt untersucht die Beziehungen zwischen der Dokumentation von Sprachen und Sprechenden, der Produktion von Wissen und der Umsetzung von politischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Projekten. Es konzentriert sich vor allem auf die Dokumentationsarbeit der OIF und ihrer institutionellen Partner. Ziel des Projekts ist es, die Interessen und Bedingungen zu hinterfragen, die die Schaffung von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die französische Sprache und deren Vielfalt an "Frankophonen" begünstigen. Das Forschungsprojekt verfolgt einen ethnografischen und historiografischen Ansatz. Es konzentriert sich hauptsächlich auf drei miteinander verbundene Aspekte, die sich mit der französischen Sprache, den Frankophonen und der sprachlichen Vielfalt der Frankophonie in der Welt befassen:
- die Ideen, die die methodologischen, technischen und didaktischen Überlegungen zur Dokumentation leiten;
- die wissenschaftlichen und politischen Debatten, die die Produktion von Wissen, das aus der Dokumentationsarbeit generiert wird, begleiten;
- die Verbreitung und Interpretation dieses Wissens in der Öffentlichkeit zu politischen, wirtschaftlichen oder bildungsbezogenen Zwecken.
Die Untersuchung befasst sich hauptsächlich mit der Entwicklung in den letzten vierzig Jahren (1980-2021), ein Zeitraum, in dem die OIF (bzw. ihre Vorgängerorganisationen) ihre institutionelle Dokumentation und ihr internationales Expertennetzwerk ausbaut.
Das Forschungsprojekt strebt ein besseres Verständnis an zu:
- der Rolle und den tatsächlichen Auswirkungen verschiedener Arten von Dokumentationsarbeiten auf die Durchführung von politischen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Projekten, bei denen es um sprachliche Belange geht;
- internationalen und lokalen Herausforderungen, die sich aus wissenschaftlichen und politischen Debatten über sprachliche Vielfalt in einem globalisierten wirtschaftlichen Kontext ergeben;
- der Aushandlung und Entwicklung von Machtverhältnissen, die sich in die Kolonialgeschichte der Verbreitung und des Unterrichts der französischen Sprache einschreiben.