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Man kann die Polarität auch ins Gesamtwerk projizieren: das surrealistisch-vitalistische Frühwerk, der radikal den persönlichen Verstrickungen folgende Roman «Abschied von den Eltern» (1961) und das aufwühlende Theaterstück «Marat/Sade» (1964) einerseits, hierauf und dagegen die späteren Politdramen wie der «Viet Nam Diskurs» (1968), «Trotzki im Exil» (1970) und die abschliessende «Ästhetik des Widerstands» (1975–1981). Dabei hat Peter Weiss selbst die Notwendigkeit vielfältiger literarischer und politischer Ausdrucksformen betont und gefordert, die beiden Bereiche oder Aspekte zusammenzuführen – Vitalität und Vernunft, Emotion und Konstruktion, Wachsein und Traum. Im Stück «Trotzki im Exil» imaginiert er, dass der 1916 real an der Zürcher Spiegelgasse wohnende Lenin mit den 1916 real in der Spiegelgasse wirkenden Dadaisten zusammengetroffen sei, denn es gehe um «die doppelte, die wache und die geträumte Revolution».
Eine frühe LesebewegungNachdem die «Ästhetik des Widerstands» sukzessive in drei Bänden erschienen war und nach dem frühen Tod von Peter Weiss 1982 entstand in den Achtzigerjahren eine begeisterte Rezeptionsbewegung: Peter-Weiss-Lesegruppen ergänzten in linken Kreisen die Marx-Lesegruppen oder lösten sie womöglich ab. Im Berliner Argument-Verlag erschienen mehrere Bände zu Peter Weiss.
1989 wurde die Internationale Peter-Weiss-Gesellschaft gegründet, die sich mit «Peter-Weiss-Notizblättern» zu Wort meldete. Schon bald gab die Gesellschaft zudem das «Peter Weiss Jahrbuch» heraus, das jetzt im 25. Jahrgang steht und sich zu einem Jahrbuch für «Literatur, Kunst und Politik des 20. und 21. Jahrhunderts» erweitert hat. Bereits 1990 organisierten ein paar Literaturengagierte in Zürich eine Internationale Peter-Weiss-Tagung, bei der der Vortrag des deutschen Schriftstellers Christian Geissler (1928–2008) einige Debatten auslöste. Seit dem gleichen Jahr verleiht die Stadt Bochum alle zwei Jahre einen Peter-Weiss-Preis.
Peter Weiss wird eifrig von der Literaturwissenschaft bearbeitet, wohl über hundert Studien zu den verschiedensten Aspekten seines Werks sind bislang publiziert worden. Die Peter-Weiss-Gesellschaft bleibt unermüdlich. Die «Notizblätter», neben der elektronischen Newsletter-Form weiterhin geradezu nostalgisch auch auf Papier im A4-Format gedruckt, listen alles auf, was so stattfindet, an Theateraufführungen, an Lesungen, Ausstellungen und Tagungen. Vom 11. bis 13. November wurden zum Beispiel in Rostock in einer Staffettenlesung die tausendzweihundert Seiten der «Ästhetik des Widerstands» integral vorgetragen. Und in Zürich fand Ende Oktober eine Peter-Weiss-Konferenz statt, die leider nicht über das Germanistische Institut hinaus ausstrahlte.
Kurzum, es steht merkwürdig um Peter Weiss. Einerseits ist er als Klassiker und als akademisches Studienobjekt respektvoll eingesargt, andererseits wird er mehr oder weniger überzeugt in der aktuellen Diskussion gehalten. Selbst ein Kritiker wie Raul Zelik, der sich in der WOZ kürzlich kritisch zur «Ästhetik des Widerstands» geäussert hat, nimmt ihn weiterhin als Referenzpunkt für politisch engagierte Literatur; und Rolf Bossart hat ihm auf der Website theoriekritik.ch eine weit reichende Reflexion über die «fehlende Erwartung der Linken im 21. Jahrhundert» gewidmet.
Auswirkungen der SchuldPeter Weiss geht es mit seiner Literatur ums historische Lernen, und das mag didaktisch anmuten. Aber dieses Lernen ist ein höchst differenziertes. Das lässt sich an seinem – neben dem «Marat/Sade» – erfolgreichsten Stück «Die Ermittlung» von 1965 zeigen.
Darin wird der so genannte Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 auf die Bühne gebracht, bei dem 22 höhere SS-Funktionäre des faschistischen Vernichtungslagers zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Nun ist das Theater öfters in einem Bezug zur Justiz gestanden. An seinem Ursprung im antiken Athen waren Gerichtsverhandlung und Theaterinszenierung zuweilen das Gleiche, oder waren die Grenzen zumindest fliessend. In der Folge hat das Theater immer wieder als moralische Instanz gedient. Periodisch sind dabei konkrete Gerichtsverhandlungen auf die Bühne gebracht worden. Gegenwärtig herrscht ein kleiner Boom, verkörpert durch die Stücke von Milo Rau und durch «Terror» von Ferdinand von Schirach. Das wird jetzt «interaktiv» aufgemotzt, indem wir zum Schluss der inszenierten Verhandlung sogar abstimmen, uns also kurzfristig als Laienrichterinnen und -richter betätigen dürfen.
«Die Ermittlung» von Peter Weiss war damals der Höhepunkt einer Reihe von dokumentarischen Stücken, etwa von Rolf Hochhuth («Der Stellvertreter») und Heinar Kipphardt («In der Sache J. Robert Oppenheimer»). Doch «Die Ermittlung» ist keine blosse Nachbildung, obwohl sie minutiös aus Dokumenten destilliert worden ist. Auschwitz kann ja nicht «dokumentarisch» nachgestellt werden. Vielmehr wird im Stück um die Erinnerung gekämpft, die bei Opfern und Tätern unterschiedlich sein mag. Und es handelt von den Auswirkungen auf die einzelnen Menschen. Trotz der Form als Gerichtsverfahren geht es nicht so sehr um den Schuldspruch – denn die Schuld steht in diesem Fall ausser Zweifel –, sondern um die Auswirkungen dieser Schuld und um deren Nachwirken in der Gegenwart.
Dieser SogIn der «Ästhetik des Widerstands» ist die Vergegenwärtigung der Geschichte noch weiter nach vorne gerückt. Als Diskurserzählung wird sie zuweilen gehandelt, und das ist nicht unrichtig, denn hier wird viel gesprochen und gedacht. Aber drehen wir die Sache doch einmal um. Geben wir uns dem ästhetischen Genuss hin, den diese Prosa bereitet. Ihre Sätze sind gemeisselt, grob und feingliedrig zugleich. Sie sind gleichzeitig üppig und streng. Parataktisch häufen sie auf, in immer neuen Anläufen, und verdichten dann wieder hart und knapp. Das entwickelt einen Sog, der die Lesenden in seinen ästhetischen und gedanklichen Strudel hineinzieht, ohne sie und die verhandelten Gegenstände zu überwältigen.
Die «Ästhetik des Widerstands» greift auf eine zweitausendjährige Geschichte von Klassenkämpfen zurück, sie ist eine Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, die in den 1930er-Jahren in die Niederlage gegenüber dem Faschismus mündet. Die meisten Figuren haben historische Vorbilder, bewegen sich aber in einer fiktiv ausgebauten Welt. Der organisierende Ich-Erzähler ermöglicht durch ein reiches, ihm «persönlich» bekanntes Figurenensemble, dass politische und theoretische Positionen auf engem Raum und in zahllosen Diskussionen zur Sprache kommen.
Dialogisch werden Themen umkreist: einerseits, andererseits. Doch was hier verhandelt wird, steht immer in praktischen Zusammenhängen. Jede geäusserte Meinung hat Anschrift und Absender. Wer spricht? In welcher Situation? Wie? Mit welchen Konsequenzen? Zum einen werden die Meinungen in den Lebensumständen der Sprechenden verankert, zum anderen werden sie in der Romanwirklichkeit auf ihre Schlüssigkeit hin «erprobt». Sprechen ist Probehandeln in der Praxis des Romans. So wird der Essayismus mit genuin ästhetischen Mitteln erweitert.
Die verhandelte Geschichte mag in ihren konkreten Formen abgetan sein, etwa in der allein selig machenden Partei oder der einzigen, globalen, zentralisierten Widerstandsbewegung als dem auserwählten revolutionären Subjekt. Die ist mittlerweile durch vielfältige soziale Bewegungen, die Multitude oder andere mehr oder minder zutreffende Konstruktionen abgelöst worden. Aber die Fragen dieser geschichtlichen Bewegung sind selbstverständlich nicht abgetan. Und die psychosozialen Mechanismen, in denen sich ihre Mitglieder bewegen, sind ebenfalls nicht abgetan. Hier bleibt das Werk von Peter Weiss bewegend und anschaulich, eindrücklich und lehrreich. Er zeigt Politik in ihren Rückwirkungen auf ihre Exponentinnen und Exponenten.
Die Hingabe an eine Sache: wie sie zu stärken, aber auch zu verhärten vermag. Die Verführungen der Macht: aktuell von Tony Blair bis Daniel Ortega. Die Frage: Wie sich überhaupt eine politische Identität aufbaut? Offensichtlich nicht nur durch politische Parolen, sondern durch den gelebten Alltag einer sozialen Bewegung. Beiläufig ist das auch ein Beitrag zur aktuellen Frage, wie politische Zugehörigkeit kippen kann, von der linken Arbeiteridentität in Sunderland oder Michigan zur rechten Xenophobie.
Ohne HeraklesDas ist Wieder-Erinnerung für eine geschichtslose Zeit. Und Vergegenwärtigung durch Ästhetik. Dabei stehen die Funktion der Kunst und die Rolle von SchriftstellerInnen im doppelten Sinn zur Debatte. Immer wieder werden Gemälde und Romane diskutiert im Hinblick darauf, wie sie Identität formen und stärken helfen. Das Buch selbst ist ein Versuch, dabei behilflich zu sein. Zum Schluss kehrt die «Ästhetik des Widerstands» an jenen Ort zurück, an dem sie eingesetzt hat, vor dem Pergamon-Altar in Berlin. Dort hatten sich 1937 unter dem Faschismus junge antifaschistische Widerstandskämpfer im Pergamon-Museum versammelt, um dem im Altarfries abgebildeten Kampf der erdgebundenen Giganten gegen die scheinbar allmächtigen olympischen Götter Mut abzugewinnen.
Doch Herakles, der den Giganten zugeneigte Halbgott, ist mit seiner Löwenpranke – so erkennt der Ich-Erzähler nach den apokalyptischen Schrecken des Faschismus und des Kolonialismus – verschwunden, denn die Menschen «müssten selber mächtig werden dieses einzigen Griffs, dieser weit ausholenden und schwingenden Bewegung, mit der sie den furchtbaren Druck, der auf ihnen lastete, endlich hinwegfegen könnten». So wird Hoffnung in ein mythologisches Bild gefasst, das diese Mythologie gerade auflöst.