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KARATE
Karate (japanisch 空手, dt. „leere Hand“) ist eine Kampfkunst, deren Geschichte sich sicher bis ins Okinawa des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, wo einheimische okinawanische Traditionen (okinawa Ti, 手) mit chinesischen Einflüssen (jap. Shorin Kempō / Kenpō; chin. Shàolín Quánfǎ) zum historischen Tode (okin. Tōdi, 唐手) verschmolzen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand dieses seinen Weg nach Japan und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von dort als Karate über die ganze Welt verbreitet.
Okinawate (jap.: 沖縄手) in der einheimischen Sprache Uchinadi bedeutet übersetzt „Hand / Technik von Okinawa“. Das System entwickelte sich in Reihenfolge aus seinen rein kämpferischen Vorgängerversionen, tegumi (手組), te (手) und tōde (唐手). Okinawate entstand aus der Kombination dieser Methoden mit den Inhalten chinesischer Kampfkünste wie dem quánfǎ “Methode der Faust”, auch Kenpo/Kempo genannt. Das okinawanische System begann sich früh in shōrin ryū (shurite und tomarite) und in shōrei ryū (nahate) zu teilen. Zu demselben Zeitpunkt änderte sich die Bezeichnung von tōde in okinawate. Im 19. Jahrhundert wurde das Konzept in karate (唐手) umbenannt.
Geschichte Okinawa, Geschichte Okinawa-Te, Geschichte Karate
Mitte 15. Jh.wurden in Okinawa drei grosse politische Einflusssphären vereinigt und wurden zum Königreich Ryukyu, der ersten vereinigten Herrschaft in Okinawa. Das Königreich betrieb Handel mit China, Thailand und den Philippinen, sowie mit weiteren Ländern. Im Jahr 1591 begann die Invasion durch Satsuma (heute Kagoshima), die 1606 das Königreich Ryukyu unter die Herrschaft Satsumas brachte. In dieser Zeit entstand auf der Insel Okinawa das Kobudo. Zur Zeit der japanischen Besatzung hatten die Bewohner von Okinawa hohe Steuern zu bezahlen. Das Tragen von Schwertern und anderen Waffen war ihnen von der Besatzungsmacht verboten worden. Um sich gegen die besetzenden Samurais verteidigen zu können, entwickelten die Bauern und Fischer auf Okinawa Waffensysteme, bei denen sie landwirtschaftliche Geräte, Alltagsgegenstände und Werkzeuge zu Waffen umfunktionierten: Da diese nicht den Charakter von Waffen darstellten, war das Tragen dieser erlaubt. Besonders unter König Shō Tei (1669 – 1709) konnte die Situation wesentlich entspannt wwerden. Er setzte durch, dass höhere Stellungen im Staat wieder für Okinawaner zugänglich wurden und dass Okinawaner wieder nach China reisen durften. Außerdem hatten viele der Satsuma-Samurai okinawanische Frauen geheiratet, was zu einer Annäherung der Japaner und Okinawaner führte. Zunehmend mehr chinesische Delegationen reisten nach Okinawa, viele Militärs, Sicherheitsexperten und Kampfkunstmeister befanden sich unter ihnen. In diesem Zeitraum begannen chinesische Quánfǎ-Meister okinawanische Tōde-Experten als Schüler anzunehmen und unterrichteten sie in den Praktiken des quánfǎ.
Das okinawanische tōde sollte sich durch den Einfluss der Quánfǎ-Lehrer radikal verändern. Bezeichnend für die Veränderung des tōde zum okinawate steht folgende Geschichte: „Als Sakugawa eines Tages spazieren ging, sah er einen Chinesen, der am Flussufer meditierte. Er wollte ihm einen Streich spielen und von hinten ins Wasser stoßen. Doch der Chinese reagierte und überwältigte Sakugawa mit wenigen Handgriffen. Nachdem er ihn zur Rede stellte und erfuhr, dass Sakugawa ein Tōde-Meister war sagte er zu ihm: „Besuche mich in Kumemura und ich bringe dir nicht nur das WIE, sondern auch das WARUM der Kampfkünste bei“. Durch die Weiterbildung der Okinawaner entwickelte sich aus einer reinen Kriegsmethode eine Kampfkunst mit ethischen Werten.
Kumemura, das bereits seit 1392 das bedeutendste chinesische Zentrum für Bildung, Handel und Kulturaustausch auf Okinawa war, sollte mit Beginn des 18. Jahrhunderts eine neue Rolle in der Entwicklung der okinawanischen Kampfsysteme spielen. Während die Chinesen ihre okinawanischen Schüler in Kumemura unterrichteten, ermutigten sie diese gleichzeitig nach China zu reisen, um dort ihr Wissen und Können in den chinesischen Künsten zu vertiefen. Auf ihren Handelsreisen und Tributmissionen nahmen sie oft ihre besten okinawanischen Schüler als Austauschstudenten nach China mit. Auf diese Weise gelangten Okinawaner nach Běijīng, Nánjīng, Shànghǎi und vor allem nach Fúzhōu, von wo aus die wichtigsten Beeinflussungen der okinawanischen Kampfsysteme durch das chinesische quánfǎ stattfanden.
Die okinawanischen Siedlung Ryūkyūkan, in der Nähe der Hauptstadt Fúzhōu in der chinesischen Provinz Fújiàn, entstand Anfang des 18. Jahrhunderts, im Zeichen des Kulturaustausches und der guten Handelsbeziehungen zwischen China und Okinawa. Sie war Anlaufstelle für die Okinawaner, die dem Rat ihrer Lehrer folgten, in China Kampfkunst, Medizin und Philosophie zu studieren. Zurück auf Okinawa unterrichteten die okinawanischen Studenten ihre Mitbürger in den chinesischen Künsten. Ihnen allen lag ihr heimisches tōde zugrunde, doch sie füllten es mit den aus China neu gewonnenen Erkenntnissen. Dadurch veränderte sich die okinawanische Kriegskunst (tōde) allmählich zur Kampfkunst (okinawate).
Bezeichnend für diese Veränderung waren auch die Kopien des chinesischen Dokuments bubishi (chin. wǔbèizhì), die von Fújiàn aus nach Okinawa gelangten. Es enthält Texte und Zeichnungen zur Philosophie, Etikette und Techniken der Kampfkünste, zur chinesischen Medizin und Kräuterheilkunde sowie zur Vitalpunktlehre (kyūsho). Es behandelt vor allem Prinzipien der Kampfkunst báihèquán (Faust des weißen Kranich) aus dem Dorf Yǒngchūn, aber auch Feinheiten des lúohànquán (Faust der Lúohàn). In mehreren Fällen gelangten okinawanische Studenten an unterschiedliche Abschriften des bubishi. Es lag an ihren künstlerischen Fähigkeiten, diese Dokumente in Handzeichnungen zu kopieren und diesen die korrekten Übersetzungen zuzuweisen. Auf diese Weise wurden mehrere Bubishi-Abschriften mit unterschiedlichen zum Teil fehlerhaften oder unvollständigen Übersetzungen vielfältig auf Okinawa verbreitet. Die Geschichtsforscher betrachten dieses über lange Zeit geheim gehaltene Dokumen. Das Zentrum jeder Übung waren die Kata, in denen ein Selbststudium enthalten war.
Auch wenn die Okinawaner die Kata am Anfang nur als „Formablauf“ (kata 型) verstanden, veränderte sich ihr Bewusstsein und begann nach Sinn und Inhalt zu suchen. Später bezeichnete man sie mit dem Begriff „Form mit Inhalt“ (katachi 形). Im Jahre 1905 führte Itosu Yasutsune die okinawanische kata in den öffentlichen Schulen Okinawas als Gesundheitsübung ein. Itosu isolierte die kämpferischen Aspekte aus seinen Kata-Kreationen und gründete spezielle Formen (pinan später heian), die speziell zur Gesunderhaltung des Körpers gedacht waren. Diese Methoden sind bis heute die Grundlage zum japanischen Karate.
Aus dem quánfǎ wurden hauptsächlich die Shǎolín-Systeme des hèquán (Kranichstil), besonders báihèquán (weißer Kranich), mínghèquán (singender / schreiender Kranich) und zōnghèquán (schüttelnder / springender Kranich) von Bedeutung. Aus diesem System gelangten viele Prinzipien und maßgebliche kata nach Okinawa. Gleichermaßen bedeutend für die okinawanischen Systeme war der Tigerstil (hūquán) und der Drachenstil (lóngquán). Daneben gibt es weitere Einflüsse aus anderen Stilrichtungen. Je nach den Beeinflussungen der Tōde-Meister durch ihre chinesischen Lehrer, begannen sich allmählich Unterschiede in den okinawanischen Konzepten herauszubilden. Man machte sie stets am Namen der okinawanischen Lehrer fest und benannte ihre Auffassungen nach dem Ort, in dem sie ansässig waren. Jedoch beeinflussten sich alle Systeme gegenseitig.
Gichin Funakoshi (1868 – 1957)
Der Begriff Karate 空手 – „leere Hand“ (kara – leer; te – Hand) wurde erstmals 1905 von Hanashiro Chōmo verwendet, und wurde durch Funakoshi Gichin in Japan verbreitet. Gichin Funakoshi ist damit gleichzeitig Begründer des Shōtōkan Karate und der „Vater des modernen Karatedo“ in Japan. Spätere Schüler benannten das von Funakoshi entwickelte Karate nach dem damaligen Trainingsort Shōtōkan (Shōtō – 松濤 – „Pinienrauschen“, Funakoshis Pseudonym für seine Gedichte und Kalligrafien, Kan bedeutet “Haus”).
Funakoshi wurde geboren in Okinawa. Obwohl Funakoshi nach eigenen Aussagen in der Kindheit eher klein und kränklich war, fing er im Jugendalter an, Okinawa-Karate zu erlernen. Beruflich war er als Hauptschullehrer tätig, und um die Verbreitung des Karate stets sehr bemüht. Ihm gelang es, Karate an der Schule in den Sportunterricht zu integrieren, wie es Vorgänger wie bereits um die vorletzte Jahrhundertwende angeregt hatten. 1922 reiste Funakoshi als Leiter einer Delegation aus Okinawa nach Tokio und stellte dort Karate erstmals der japanischen Öffentlichkeit vor. Aufgrund des großen Interesses blieb er in der japanischen Hauptstadt, um weiter zu unterrichten. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er in Tokio als Hausmeister, Gärtner und Reinigungskraft. Erst nachdem es ihm gelungen war, Karate in Japan bekannter zu machen, konnte er sich auch von seiner Tätigkeit als Karatelehrer leben – mittels verschiedene Universitätskurse und durch seine Schüler, die sich in der Vereinigung Shōtōkai organisierten.
Dabei hielt Funakoshi mit seinen Karate-Kollegen aus Okinawa weiterhin Kontakt und fand Unterstützung bei seinen Kollegen Mabuni Kenwa, Gründer des Shito-Ryu, in Osaka und Miyagi Chōjun, Gründer des Gōjū-Ryū, in Kyōto ab Mitte der 1920er Jahre.
Die von ihm vertretene Stilrichtung des Karate wurde von seinem Künstlernamen Shōtō („Pinienrauschen“), unter dem er Gedichte schrieb, und seinem ersten richtigen Dōjō Shōtōkan („Haus des Shōtō“) abgeleitet. Funakoshi selbst lehnte es ab, sein Karate als eigenen Stil oder gar Shōtōkan-Karate zu bezeichnen. Für ihn gab es nur „ein“ Karate. Es waren seine Schüler, die das Karate ihres Lehrers von dem Karate anderer Schulen abgrenzen wollten. Durch den japanischen Nationalismus Anfang des 20. Jahrhunderts war Funakoshi gezwungen, Schreibweisen und Namen der Formen und Techniken zu „japanisieren“. So benannte er diverse Kata um (z. B. 内歩進 ryūkyū Naifanchi – 鉄騎 jap. Tekki) und vereinfachte Schrittformen oder stellte Reihenfolgen aus didaktischen Gründen um (平安, ryūkyū Pinan – jap. Heian). Auch führte er wohl auf Drängen seiner japanischen Schüler zunehmend Partnerübungen ein (Kumite) wie sie es aus dem Schwertkampf Kendo gewohnt waren. So wurden auch japanische Begriffe (Shu-Ha-Ri – 守破離) und Strategien (Sen-no-Sen – 先の先) eingeführt, die im okinawanischen Karate nicht üblich waren.
Zeit seines Lebens folgte Funakoshi einem strengen Ehrenkodex. So lehnte er es zum Beispiel ab, „schmutzige“ Worte wie Socke oder Toilettenpapier zu benutzen. Auch war Funakoshi ein sehr friedfertiger Mann, der versuchte, den Kampf wann immer möglich zu vermeiden. So gab er zum Beispiel einmal Dieben den Kuchen, den er als Opfergabe für seine Ahnen vorgesehen hatte, nur um den Konflikt mit den beiden ihm unterlegenen Männern zu vermeiden. Auch Funakoshi-Senseis Familienangehörige sind oder waren exzellente Karateka.
Die Shōtō-Nijû-KunA (松濤館二十訓), oder Karatedô-Nijû-Jô (空手道二十条), bei uns als “Karate Etikette” bekannt, sind zwanzig von Funakoshi Sensei aufgestellte Verhaltensregeln und vermitteln das Grundprinzip des Karatedō („Weg der leeren Hand“, 空手道). Sie sollen der Charaktervervollkommnung dienen.
- Karatedo wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto wo wasuruna.
空手は礼に初まり礼に終わることを忘るな。
Vergiss nie: Karate beginnt mit rei und endet mit rei. (rei bedeutet: Respekt, Höflichkeit)
- Karate ni sente nashi.
空手に先手無し。
Im Karate gibt es kein Zuvorkommen. (Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.)
- Karate wa gi no tasuke.
空手は義の補け。
Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.
- Mazu jiko wo shire, shikashite ta wo shire.
先づ自己を知れ而して他を知れ。
Erkenne dich selbst zuerst, dann den Anderen.
- Gijutsu yori shinjutsu.
技術より心術。
Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.
- Kokoro wa hanatan koto wo yosu.
心は放たん事を要す。
Lerne, deinen Geist zu kontrollieren, und befreie ihn dann von Unnützem.
- Wazawai wa ketai ni shozu.
禍は懈怠に生ず。
Unheil entsteht durch Nachlässigkeit.
- Dojo nomi no karate to omou na.
道場のみの空手と思うな。
Karate ist nicht nur im Dojo.
- Karate no shugyo wa issho de aru.
空手の修行は一生である。
Die Ausbildung im Karate umfasst Dein ganzes Leben.
- Arayuru mono wo karate-ka seyo, soko ni myomi ari.
凡ゆるものを空手化せ其処に妙味あり。
Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, das ist der Zauber der Kunst.
- Karate wa yu no gotoshi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru.
空手は湯の如く絶えず熱を与えざれば元の水に返る。
Wahres Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig wärmst.
- Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo.
勝つ考えは持つな、負けぬ考えは必要。
Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie du nicht verlierst.
- Teki ni yotte tenka seyo.
敵に因って転化せよ。
Wandle dich, abhängig von deinem Gegner.
- Tatakai wa kyojitsu no soju ikan ni ari.
戦は虚実の操縦如何にあり。
Der Kampf hängt von der Handhabung deiner Treffsicherheit ab.
- Hito no te ashi wo ken to omoe.
人の手足を劔と思え。
Stelle dir deine Hand und deinen Fuß als Schwert vor.
- Danshi mon wo izureba hyakuman no teki ari.
男子門を出づれば百万の敵あり。
Wenn man das Tor der Jugend verlässt, hat man viele Gegner.
- Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai.
構えは初心者に、あとは自然体。
Das Einnehmen einer Haltung gibt es beim Einsteiger, später gibt es den natürlichen Zustand.
- Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono.
型は正しく、実戦は別もの。
Übe die Kata korrekt, der echte Kampf ist eine andere Angelegenheit.
- Chikara no kyojaku, karada no shinshuku, waza no kankyu wo wasuruna.
力の強弱、体の伸縮、技の緩急を忘るな。
Vergiss nicht, dass man die Kraft stark und schwach einsetzen, den Körper strecken und zusammenziehen und die Technik schnell und langsam ausführen kann.[6]
(Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.)
- Tsune ni shinen kufu seyo.
常に思念工夫せよ。
Denke immer nach und versuche dich ständig am Neuen.
Nakayama Masatoshi (1913 – 1987)
Nakayama Sensei wurde in der Yamaguchi-Präfektur geboren und trat 1932 in die Takushoku-Universität ein, wo er unter Funakoshi Gichin und dessen Sohn Funakoshi Yoshitaka erstmals Karate kennenlernte. Zur Vertiefung seines Karate-Studiums wanderte er später nach China aus, von wo er 1946 wieder nach Japan zurückkehrte. 1949 war Funakoshi Sensei Mitbegründer der Japan Karate Association (JKA). Erster Chefinstruktor der JKA war Funakoshi Gichin, nach wessen Tod Nakayama Sensei sein Nachfolger war. Nakayama strukturierte das Karate-Training nach den Erkenntnissen der europäischen Sportwissenschaften um. Er standardisierte Techniken und Übungsformen und führte Kata sowie Kumite als Wettkampfdisziplinen ein. Schüler der großen JKA-Dōjōs erzielten in den 1950er und 1960er Jahren bei japanischen und internationalen Wettkämpfen eine bis dahin beispiellose Folge von Erfolgen. Unter Nakayama Sensei wurde das JKA Instuktoren Training im Hauptdojo von Tokio durchgeführt, in welchem unter härtesten Bedingungen hinter verschlossenen Türen trainiert wurden.
Instruktorentraining JKA:
In diesem Training traf Bruno Koller Sensei zum ersten Mal auf Tetsuhiko Asai Sensei. Bruno Koller wurde von seinem Lehrer Yuji Sato nach einem Test im Sendai‐Budokan (ich musste gegen jeden kämpfen und verlor keinen einzigen Kampf) ins Instruktorentraining nach Tokio geschickt. Eine Woche sollte er im Honbu‐Dojo Tokyo mit den höchsten Instruktoren Japans (Nakayama, Asai, Shoji, Mori,…) unter härtesten Herausforderungen hinter verschlossenen Türen durchhalten. Hier erlebte Bruno Koller die wahre Realität des Karate. Karate auf der höchsten Stufe, in welchem er nach eigenen Aussagen jeden Tag aufs Neue “vermöbelt” wurde und trotzdem jeden Morgen wieder hinging. Nach dieser äusserst harten Trainingswoche kehrte er erleichtert zu Familie und Freunden nach Sendai zurück.
Tetsuhiko Asai (1935 – 2006) und Bruno Koller (1949 – 2018)
Als Nakayama Sensei 1987 unerwartet starb, versank die JKA ins Chaos da ein Nachfolger fehlte. Ab Nakayama Senseis Tod war Bruno Koller zwei Jahre ohne Verbandszugehörigkeit. Die Einladung von Asai Sensei 1989 kam für ihn in dieser Zeit der Führungslosigkeit wie eine Erlösung. Dies war der Moment für Bruno Koller weiterzugehen, um sein Karate zu optimieren. Dieser Entscheid war auch ein polischer und hat ihm Tür und Tor geöffnet. Von Asai Sensei bekam er alles. Unabhängig von Status, Herkunft und Hautfarbe hat Asai Sensei Karate gelehrt und weitergegeben. Daraus entstand eine äusserst starke und fruchtbare Karatebeziehung. Bruno Koller reiste zusammen mit Asai Sensei uns mit Kato Sensei in verschiedenste Länder der Welt, um Karate zu unterrichten, und zusammen zu trainieren. Bruno Koller wurde zu Asai Senseis “Student No.1”, wie Asai Sensei zu sagen pflegte. 1990 gründeten Asai Sensei, Bruno Sensei und Kato Sensei den Karate Verband IJKA
Tetsuhiko Asai entwickelte auf der Basis des Shotokan Karate sein Karate weiter durch das Integrieren von Techniken aus dem Chinesischen White Crane Kung Fu. Er trainierte dazu oft in Taiwan im Dojo seines Schwagers Chen Hungtsung Shihan (1925 – 2020), Meister in White Crane Kungfu und hoher Karate-Lehrer, um sein Karate zu vervollkommnen. Damit tritt Asai Sensei wieder ein Stückweit zurück zu den Wurzeln des Karate, um weiterzukommen. Er erreichte eine sehr tiefes Verständnis des Karatedo und entwickelte eine fließende, elegante und ausgereifte Kampfkunst mit mehr Gewicht auf interne Aspekte im Gegensatz zu seinem in frühreren Jahren praktiziertem Karate. Asai Sensei wurde bewundert als Entwickler von außergeöhnlichen, nie dagewesenen Techniken. Seine Erscheinung war “wie ein fliegender Drache am Himmel, wie ein Tiger”. Tetsuhiko Asai vollbrachte herausragende Leistungen und erreichte den 10. Dan Grad, die höchste Graduierung die ein Karateka erreichen kann.
Mit jedem Japan-Aufenthalt und je mehr sich Koller ins Asai-Karate vertieft, desto weniger kann er sich mit dem im Schweizer Karateverband praktizierten Karate identifizieren. Er kritisiert das Ausbildungs- und Wettkampfwesen und liegt bald mit den anderen Verbandsmitgliedern im Clinch. Koller tritt aus und
gründete 1990 in der Schweiz einen neuen Verband, die IJKA Switzerland (IJKAS), als Teil des Weltverbandes IJKA. In den IJKA / IJKAS Dojos wird traditionelles Shotokan Karate gelehrt und trainiert mit den Erweiterungen durch Asai Sensei, genannt Asai-ryu.
Quellen: Wikipedia, Budopedia.de, Gedächtnisprotokoll und Biografie Bruno Koller, Interview Luzerner Zeitung mit Bruno Koller, ijka.jp
Inhaltlich wird Karate vor allem durch Schlag-, Stoß-, Tritt- und Blocktechniken sowie Fußfegetechniken als Kern des Trainings charakterisiert. Einige wenige Hebel und Würfe werden (nach ausreichender Beherrschung der Grundtechniken) ebenfalls gelehrt. Das moderne Karate-Training ist häufig leider nur noch sportlich orientiert. Das heißt, dass dem Wettkampf eine übergroße Bedeutung zukommt. Alles weitere was Karate zu bieten hat, die Vermittlung effektiver Selbstverteidigungstechniken und allem voran die geistige und charakterliche Ausbildung des Menschen, gehen mit der Versportlichung des Karate weitgehend verloren. Im Karate wird hoher Wert gelegt auf die Ausbildung der körperlichen Kondition, insbesondere Beweglichkeit, Gleichgewicht, Schnellkraft und Ausdauer. Das Shotokan Karate ist ohne Kontakt (Kinder) oder mit Semi-Kontakt (“touchieren”, Erwachsene), und verlangt damit die Ausbildung der absoluten und präzisen Körperkontrolle. Das Karate unserer Schule ist stark japanisch traditionell geprägt. Neben der körperlichen Ausbildung erhält die geistige und charakterliche Ausbildung des Menschen in unserem Dojo ein ebenso hoher oder gar höherer Stellenwert. Wir Leben Werte wie Respekt, Anstand, Bescheidenheit, Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft, Zuvorkommend sein und Teamgeist tagtäglich. Dabei ist die Selbstreflexion im Training wie im Alltag ein Zentrales Element. Das Wettkampfgeschehen gehört zwar auch bei uns zum Sammeln an Erfahrungen sowie zur eigenen Weiterentwicklung dazu, es steht jedoch beim Karate unserer Schule nicht im Vordergrund.
Die im Karate bekannte Abhärtung der Gliedmaßen mit dem Ziel des Bruchtests (jap. Tameshiwari, 試し割り), also des Zerschlagens von Brettern/Ziegeln/Steinen/u.ä., ist heute weniger populär, wird aber von einzelnen Stilen (Beispielsweise: Okinawan Goju Ryu) immer noch betrieben. In unserer Schule werden KEINE Bruchtests gelehrt und durchgeführt. Bruno Koller Sensei selber hatte selten jedoch Bruchtests für Demonstrationen spontan verwendet, ohne diese explizit zu trainieren. In Gams hatte er an einer Demonstration seinen Schülern einst gesagt, sie sollen ihm Steine vom Bach bringen. Diese grossen Bachsteine, die seine Schüler ihm brachten, vermochte Bruno Koller mit einem Handschlag zu entzweien.
Unsere Schule trainiert und lehrt traditionelles Shotokan Karate mit Erweiterungen des legendären Karatepioniers Tetsuhiko Asai Shihan.
Asai Sensei erstrebte einen aktuelleres Karate indem er nicht an Althergebrachtem festhielt. Er entwickelte seine Art des Karate durch Einbinden von Fertigkeiten aus anderen Kampfkünsten in das traditionelle Shotokan. Viele runde Techniken, die Asai Sensei in sein Karate integrierte, stammen aus dem gemeinsamen Training mit Chen Hung-Tsung Shihan (Master in White Crane Kung Fu, Asai Senseis Schwager). Die runden, fliessenden Techniken ohne Einsatz von Muskelkraft schonen unsere Gelenke und den Bewegungsapparat, und optimieren den gesamten Energie-Fluss. Diese Fähigkeiten erreichte er durch tägliches Training an seinem eigene Körper und die vielen Optimierungen der verschiedenen Karate Techniken. Sie machen Asai Senseis Karate zu etwas Besonderem, das sich vom „normalen“ Shotokan Karate vollkommen unterscheidet, sie sind das Markenzeichen von Asai Senseis Karate. Asai Sensei setzte alles daran, die Karatetechniken so zu studieren und weiterzuentwickeln, um zum wahren Verständnis des Karate zu kommen. Karate ist ein lebenslanger Prozess. Gemäss Asai Sensei ist ein Leben grundsätzlich zu kurz und nicht ausreichend dafür. Asai Senseis wichtigste Aussage, die uns Tag für Tag begleitet ist: “I’m no master, I’m every day student“ (Dies bedeutet, jeden Tag nach Verbesserungen des Ichs zu streben)