Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03378.jsonl.gz/3363

Das Kunstmuseum in Bischkek (Kirgistan) zeigt eine Ausstellung mit Fotos der Genfer Reiseschriftstellerin Ella Maillart aus den 1930er-Jahren. Die Fotos sind eine Ausweitung ihres Buches "Turkestan Solo – eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse".
Zwischen den Alpen und dem Pamir-Gebirge in Zentralasien gibt es eine besondere Brücke – eine in der Entwicklungszusammenarbeit aktive Freiburger Vereinigung, die treffenderweise Pamir's Bridges heisst. Und das Wort Entwicklung hat in diesem speziellen Fall auch eine kulturelle Bedeutung.
Die Mission von Pamir's Bridges besteht zwar vor allem in der Wiederinstandstellung von Brücken in den Gebirgsregionen Zentralasiens, doch der Verein versteht sich auch als Bindeglied zwischen Kulturen und Zivilisationen im Pamir und jenen in den Alpen. Die "Brücke" als Symbol für Verbindung, Verständnis und Kommunikation.
Die Fotoausstellung, die seit dem 14. April und noch bis zum 6. Mai im Kunstmuseum von Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, zu sehen ist, wurde denn auch in einem Geist der Offenheit konzipiert. Bei den Fotos handelt es sich um Werke von Ella Maillart.
Die grosse Genfer Erforscherin, Reporterin und Autorin hatte die Bilder in den 1930er-Jahren gemacht, als sie durch Zentralasien reiste. Sie durchquerte damals Kirgistan zu Pferd bis hin zum Tien-Shan-Massiv entlang der chinesischen Grenze.
Erfahrungen aus dieser langen Reise hat sie in einem 1934 unter dem Titel "Des Monts Célestes aux Sables Rouges" ("Turkestan Solo" in der ersten deutschen Übersetzung von 1938) veröffentlichten Buch festgehalten. Im letzten Jahr wurde auf Initiative von Pamir's Bridges eine Übersetzung in kirgisischer Sprache veröffentlicht. Sie stiess auf grosses Echo.
Zwei gebirgige Länder
"Dreitausend Exemplare wurden dort kostenlos verteilt, in dieser Region am Fuss des Pamir-Gebirges, die teilweise bewaldet ist wie unsere Alpen, mit weiten Ebenen und Gipfeln, die bis in den Himmel ragen", erklärt Bernard Repond, Präsident des Freiburger Vereins.
Der Enthusiasmus, auf den das Buch in den Bibliotheken, Schulen und Universitäten Kirgistans stiess, löste bei dem Verein die Idee aus, die Fotoausstellung zu organisieren, die unter anderem mit finanzieller Unterstützung des Schweizer Konsulats in Bischkek und des Musée de l’Elysée in Lausanne zu Stande kam.
"Wir haben rasch einmal verstanden, dass Ella Maillarts Fotos eine unverzichtbare Ergänzung zu ihrem Buch darstellen", sagt Repond weiter.
Mit 109 Fotos, von denen ein grosser Teil noch nie veröffentlicht worden war, biete die Ausstellung einen bedeutenden visuellen Einblick in eine Kultur: "Sie öffnet ein Fenster zur sowjetischen Vergangenheit eines Landes, über die man bisher kaum etwas weiss", erklärt seinerseits Daniel Girardin, Konservator am Musée de l’Elysée.
Poltisches Interesse
"Wie in vielen Ländern im Osten, die einst unter sowjetischer Führung standen, gibt es im heutigen Staat Kirgistan ein grosses Verlangen danach, sich die eigene Geschichte wieder anzueignen."
Daher kommt zum Beispiel das politische Interesse, das gewisse Fotos der Ausstellung wecken, wie etwa jene über sowjetische Prozesse gegen kirgisische Nationalisten 1932. "Diese Prozesse wurden bisher nie mit Bildern dokumentiert", unterstreicht Girardin.
Das zeigt auch, dass Ella Maillart, die ohne Bewilligung in Kirgistan unterwegs war (unter Stalin durften Leute aus dem Westen nicht in das Land reisen), einen waghalsigen Mut an den Tag gelegt hatte.
Indem sie andere Sitten und Gebräuche zeigte, versuchte Maillart auch, Denkweisen und Mentalitäten in einem engstirnigen Europa zu öffnen, das vom Anstieg des Nationalsozialismus überschattet wurde.
Jurten, Märkte und Nomaden
Während einige der Bilder einen politischen Charakter haben, reflektieren andere die Lebensweise eines Landes, das zu 90% aus Bergen besteht. Dort säumen Jurten die Felsen wie lauter Chalets. Dieser Vergleich soll nicht zynisch sein, sondern einfach eine Art und Weise, die Schweiz und Kirgistan Seite an Seite zu stellen, zwei Binnenstaaten, einander so ähnlich geographisch und doch so weit entfernt voneinander, betrachtet man ihre Kulturen.
"In der Zeit von Ella Maillart waren die Jurten ganz einfach. Heute sind sie ausgestattet mit Sonnenkollektoren. Sie sind moderner geworden, wie auch ihre Bewohner, die Hirten, die heute Handys mit sich herumtragen", erzählt Bernard Repond.
Die Fotos ermöglichen es, die Entwicklung eines Landes zu entdecken, das an der mythischen Seidenstrasse liegt. Der Handel hat eine wichtige Rolle gespielt, aber auch die Wanderungsbewegung der Menschen.
Was auch Ella Maillart in ihren Bildern festgehalten hat. "Sie hat oft Märkte fotografiert, die Zeugen des wirtschaftlichen Lebens der damaligen Zeit. Viele ihrer Bilder zeigen überdies ihre Neugier für die Nomaden, welche die Grenzen überqueren, von China durch Kirgistan nach Usbekistan ziehen", kommentiert Girardin.
Unter dem Titel "Des Monts Célestes aux Sables Rouges" (wörtlich übersetzt: Von den Himmlischen Bergen zum Roten Sand) verleiht die Ausstellung dem gleichnamigen Buch der Genfer Autorin eine ethnografische, politische und wirtschaftliche Dimension.
"Ihre Fotos haben alle Aussicht, die kirgisischen Besucher zu begeistern", sagt Repond. Vor allem ältere Besucher?, wird er gefragt.
"Ja, aber auch die Jungen", antwortet er.
Und fügt hinzu: "Es stimmt, die heute 20 Jahre alten Kirgisen haben weder die sowjetische Epoche noch die Genfer Fotografin gekannt. Was sie aber wissen, ist, dass heute viele Menschen aus der Schweiz ihr Land zu Pferd oder mit dem Fahrrad durchqueren. Und das ist doch erstaunlich genug, damit auch Ella Maillart zu einem Anziehungspunkt werden kann, oder?"
Ella Maillart
Schweizer Reisende, Reporterin, Autorin und Fotografin, geboren 1903 in Genf.
Nach einem ersten Aufenthalt in Moskau und nachdem sie den Kaukasus durchquert hat, reist Ella Maillart 1932 durch das damalige sowjetische Zentralasien.
1934 reist sie im Auftrag des Petit Parisien nach Mandschukuo in der Mandschurei.
Dort trifft sie Peter Fleming, einen renommierten Reporter der Zeitung The Times. Zusammen mit Fleming macht sie sich 1935 auf eine Reise von rund 6000 Kilometern – von Peking nach Srinagar (Kaschmir). Aus diesen Erfahrungen geht ihr Buch "Verbotene Reise – Von Peking nach Kaschmir" (Titel der ersten deutschen Übersetzung) hervor; Titel der Originalausgabe "Oasis interdites – De Pékin au Cachemire".
Für Reportagen reist sie 1937 durch Indien, Afghanistan, Iran (damals Persien) und die Türkei.
1939/40 folgt eine weitere Reise nach Iran und Afghanistan, zusammen mit der depressiven, morphiumsüchtigen Annemarie Schwarzenbach, wie Maillart Autorin und Reisejournalistin.
Von 1940 bis 1945 lebt Maillart im Süden Indiens, wo sie sich mit den religiösen Bräuchen des Landes auseinandersetzt.
Zurück in der Schweiz entdeckt sie dank dem Maler Edmond Bille das Dorf Chandolin, das zu einer Raststelle in ihrem nomadischen Leben wird.
Zeit ihres Lebens eine grosse Sportlerin, fährt sie bis zum Alter von 80 Jahren auch weiter Rad und geht segeln.
1997 stirbt Ella Maillart in Chandolin.Infobox Ende
Werkauswahl
Des Monts céléstes aux sables rouges, 1932 (Turkestan Solo, erste deutsche Ausgabe 1938)
Gypsy Afloat 1942 (Vagabundin des Meeres – Die Segel-Abenteuer einer Frau, erste deutsche Ausgabe, 1948)
Cruises and Caravans 1942 (Leben ohne Rast – Eine Frau fährt durch die Welt, 1952)
The Cruel Way, 1947 (Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan, erste deutsche Ausgabe, 1948)
Ti-Puss, 1951 (Ti-Puss – Drei Jahre in Südindien mit einer Katze als Kamerad, erste deutsche Ausgabe 1954)Infobox Ende
(Übertragen aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch