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Einwohner setzen sich dafür ein, dass eine Mutter und ihre drei Kinder nicht nach Pakistan abgeschoben werden. Zurzeit ist eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht hängig.
Eigentlich: Denn nicht zuletzt dank der Unterstützung zahlreicher Ennetbadener hat die Familie gegen den Entscheid des Staatssekretariats für Migration beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde eingereicht. Das gibt der Familie wieder etwas Zeit und vor allem Hoffnung.
Die lange Reise ins Ungewisse begann für die Familie Mehar Ende 2014, als die Mutter mit ihren drei Kindern die Flucht aus Pakistan ergriff. Anfang 2015 – nach einer beschwerlichen Reise über den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien – kam die Familie in der Schweiz an.
Als Fluchtgrund gab die Mutter die Sorge um das Leben ihrer Kinder an. Den Befragungsprotokollen der Migrationsbehörden ist zusammengefasst folgende Geschichte zu entnehmen: Der Mann von Nazia Mehar verschwand vor ein paar Jahren.
In der Folge wohnte sie zusammen mit der Erstfrau ihres Mannes in der gleichen Wohnung. Immer wieder sei es zu Übergriffen dieser Frau, aber auch durch deren Sohn gekommen. Er habe Nazia gedroht, ihre Kinder umzubringen. Als Auslöser für die Konflikte vermutet Nazia das Erbe ihres Mannes, welches die Zweitfrau nicht mit ihrer Familie teilen wollte.
Trauriger Höhepunkt sei dann ein Angriff auf den Schulbus ihrer Kinder gewesen, der beschossen wurde. Nach diesem Ereignis stand für Nazia Mehar fest, Pakistan zu verlassen. Die Polizei zu Hilfe zu holen, kam für sie nicht infrage, da diese äusserst korrupt sei und zudem der Sohn ihres verschwundenen Ehemannes sehr einflussreich ist.
Seit fast einem Jahr lebt die Familie Mehar nun in Ennetbaden. In nur einem Schuljahr haben sich die drei Kinder bestens integriert. Mohammed, der nach den Sommerferien in die erste Sek-Klasse kommt, figuriert während des Gesprächs gar als Dolmetscher. Auch seine jüngeren Geschwister verstehen Deutsch und können sich mit ihren Freunden in der Schule verständigen.
So halten verschiedene Lehrpersonen denn auch fest, dass die drei Kinder von ihren Mitschülern geschätzt werden, sehr beliebt seien und viele Freundschaften geschlossen hätten. «Für die Schule Ennetbaden wäre es deshalb ein herber Verlust, wenn diese Familie aus der Schweiz ausgewiesen würde.»
Auch Nazia Mehar bestätigt: «Meine Kinder mussten vor unserer Flucht sehr schwierige Zeiten durchmachen. Seit wir hier in der Schweiz sind, haben sie grosse Fortschritte gemacht.» Doch nicht nur in der Schule tun die drei Kinder fleissig mit. So sangen sie beim Weihnachtskonzert mit, Mohammed spielt Fussball beim FC Baden und seine jüngeren Geschwister spielen Handball.
Umso grösser sei der Schock gewesen, als sie vor rund einem Monat den negativen Asylentscheid erhalten hätten. Begründet wird er damit, «dass die erste Ehefrau und deren Sohn die Familie und die Kinder nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe töten wollen und deshalb keine asylrechtlich relevante Verfolgungssituation vorliegt».
Übergriffe durch Dritte oder Befürchtungen, solchen ausgesetzt zu sein, seien nur dann asylrelevant, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme oder nicht in der Lage sei, Schutz zu gewähren.
«Pakistan verfügt über eine funktionierende Infrastruktur zur Ahndung von Verfolgungshandlungen und es ist grundsätzlich von einer Schutzfähigkeit und dem Schutzwillen der Behörden auszugehen.»
Nazia Mehar erinnert sich genau an diesen Moment vor einem Monat: Sie hätten ein paar Tage fast nichts mehr gegessen und sehr schlecht geschlafen. Und die Tochter ergänzt: «Ich musste viel weinen in diesen Tagen.»
Für die Mutter kommt eine Rückkehr nach Pakistan nicht infrage. «Wir sind bereits stark in der Schweiz verwurzelt. Meine Kinder fühlen sich hier zu Hause und können sich nicht vorstellen, nach Pakistan zurückkehren zu müssen.»
Und Mohammed bestätigt: «Wir haben überhaupt kein Heimweh nach Pakistan. Unsere neue Heimat ist die Schweiz.» Aus diesen Gründen sei die Wegweisung aus der Schweiz unter keinen Umständen zumutbar. «Auch wenn es mir möglich wäre, bei meinen Familienangehörigen in Pakistan unterzukommen, würde ich mich weiterhin in Gefahr befinden.»
Die Ennetbadenerinnen Cathryn Lehmann und Valerie Wedekind setzen sich für das Schicksal der Familie ein. «Die Familie – unser Sohn geht mit Malika in die gleiche Klasse – ist mir ans Herz gewachsen», sagt Lehmann. Alle seien sehr bemüht, sich in Ennetbaden zu integrieren. So hätten sie die Bevölkerung zum pakistanischen Mittagessen eingeladen, was sehr gut angekommen sei.
Lehmann kritisiert den Asylentscheid mit klaren Worten: «Die pakistanische Polizei und Behörden seien für den Schutz der Familie zuständig. Doch genau hier liegt die Krux: Zwar gibt es Gesetze, doch diese werden nicht eingehalten.»
Pakistan sei gerade für Frauen ein sehr gefährliches Land, wenn sie etwa an die vielen Säureattacken und Ehrenmorde denke. Die Chancen, dass das Bundesverwaltungsgericht den Entscheid kippen wird, seien zwar nicht allzu gross. «Trotzdem vertraue ich darauf, dass unsere Behörden und Gerichte nicht nur stur nach Paragrafen entscheiden.»
Valerie Wedekind ergänzt: «Ich bin nicht naiv. Natürlich gibt es klare gesetzliche Grundlagen, die erfüllt sein müssen, damit man in der Schweiz Asyl erhält.»
Doch sie bekunde grosse Mühe mit dem System. «Es kann doch nicht sein, dass vor allem junge, männliche Asylsuchende irgendwie durchs System schlüpfen, während eine Mutter zusammen mit ihren Kindern das Land verlassen muss; das ist schwierig zu akzeptieren.»
Auch störe sie, dass die Asylverfahren so lange dauern. «Die Familie jetzt nach eineinhalb Jahren wieder nach Pakistan zu schicken, ist schlicht unmenschlich.»
Wedekind ist überzeugt: «Die Kinder haben sich bereits super integriert. Wenn sie ausgewiesen werden, verlieren auch unsere Kinder gute Freunde. Wenn sie aber hierbleiben können, werden sie eine gute Bildung geniessen und so der Gesellschaft auch wieder etwas zurückgeben können.»
Für Cathryn Lehmann ist klar: «Als eine Frau, die in Pakistan kaum einmal allein das Haus verlassen durfte, hat sie sich ganz allein auf diese gefährliche Reise gemacht. Der Leidensdruck muss ungemein hoch gewesen sein.»
Was, wenn auch das Bundesverwaltungsgericht den Asylantrag ablehnt, was schon in einem Monat der Fall sein könnte? «Wir haben uns natürlich Gedanken über einen Plan B gemacht», sagt Lehmann.
Zwei Optionen stehen dabei im Raum. Allenfalls ein Weiterzug an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Oder aber möglichst viele Mittel zu sammeln, um die Familie so gut als möglich bei einer allfälligen Rückkehr zu unterstützen.
Wedekind: «Wir werden uns ganz genau überlegen, wie wir die Mittel am besten einsetzen werden.»
Für Nazia Mehar ist der Fall klar: «Es ist natürlich nett, wenn man unsere Familie finanziell unterstützen will. Doch bei einer Rückkehr nach Pakistan würde das nicht viel bringen, da wir dort über keinerlei Rückhalt oder Netzwerk mehr verfügen. Schon vor unserer Flucht nicht und jetzt noch viel weniger.»