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Nur vier der acht Viertelfinalisten des Schweizer Cups kommen in der Saison 2021/22 aus der höchsten Liga. Man reibt sich verwundert die Augen – und stellt fest, dass dies bereits in den vergangenen zwei Jahren so war.
Seit der Jahrtausendwende war es schon zehn Mal der Fall, dass die Unterklassigen drei oder sogar vier Teams in die Viertelfinals brachten:
Höchst bemerkenswert war die Saison 2005/06, die mit dem Cupsieg des Challenge-League-Klubs FC Sion endete (im Final im Penaltyschiessen gegen YB). Nebst den Wallisern standen mit Winterthur und Lugano zwei weitere zweitklassige Klubs im Viertelfinal, dazu gesellten sich Servette und Locarno, die drittklassig in der 1. Liga spielten. Mit Aarau, Zürich und den Young Boys standen nur drei Vertreter der Super League in den Viertelfinals.
Das andere Extrem finden wir in der Saison 2017/18, wo die Super League ab den Viertelfinals im Cup unter sich war. Im Schnitt schafften es seit der Jahrtausendwende jedes Jahr zwei bis drei Unterklassige in die Runde der letzten Acht.
In den allermeisten Fällen haben sich die Super-League-Vertreter ihr Scheitern gegen einen Unterklassigen selber zuzuschreiben. Zwar betonen sie alle, dass es längst keine Kleinen mehr gebe, dass der Cup seine eigenen Gesetze habe und dass, solange der Ball rund ist, alles möglich sei.
Doch in der Realität setzen die Trainer dann häufig eine B-Auswahl ein. Die besteht zwar so wie beim FC Basel in Carouge aus höchst talentierten Fussballern. Die aber in dieser Formation nicht eingespielt sind, denen oft Spielpraxis fehlt und die vielleicht trotz aller Warnungen mit einer leichten Überheblichkeit beim Unterklassigen antreten. Das geht dank der individuellen Klasse meistens trotzdem auf, aber eben halt nicht immer.
So können Spiele bei Promotion-League-Teams zu einer Gratwanderung werden. Schliesslich spielen dort keine Feierabendfussballer, sondern häufig bei Profiklubs ausgebildete Talente, denen der letzte Schritt nach ganz oben versagt blieb. Carouges Siegtorschütze Romain Kursner etwa war Nachwuchs-Nationalspieler, wurde bei Servette ausgebildet, absolvierte für die «Grenats» 18 Spiele in der Challenge League. Mit 21 Jahren sah Kursner ein, dass es für weiter oben wohl nicht reichen würde, und wechselte zu Etoile Carouge.
Die Unterklassigen gehen auch mit einer ganz anderen Ein- und Aufstellung auf den Rasen, wenn es im Cup gegen einen «Grossen» geht. Die Coaches bringen ihre beste Elf und die Spieler sind hoch motiviert. Für sie ist es die rare Möglichkeit, ihr Können auf nationaler Bühne zu beweisen. Es ist die Gelegenheit, Klubgeschichte zu schreiben. In der überschaubaren Fan-Gemeinde von Etoile Carouge wird man wohl noch Jahrzehnte vom legendären Mittwochabend schwärmen, als Goalie Damien Chappot in der 94. Minute einen Fallrückzieher von FCB-Goalgetter Arthur Cabral abwehrte und den sensationellen 1:0-Sieg sicherstellte.
Als fatal erweist sich zudem bisweilen die in den letzten Jahren aufgekommene Entscheidung vieler Teams, im Cup den Ersatzgoalie aufzustellen. Zwar war Carouges Treffer kein Goaliefehler. Aber vielleicht hätte Heinz Lindner den Ball vor Kursners Tor anders abgewehrt als der 19-jährige Felix Gebhardt, für den es in dieser Saison erst der dritte Einsatz war.
Es ist ein Zeichen der Arroganz, das Super-League-Klubs signalisieren, wenn sie dem Gegner den Eindruck vermitteln, dass es auch mit dem zweiten Goalie reicht. St.Gallens Nummer 2, Lukas Watkowiak, faustete gegen Chiasso einen Eckball ins eigene Tor, worauf die Ostschweizer in die Verlängerung mussten.
Es entspricht einer gewissen Logik, dass mit Titelverteidiger Luzern, St.Gallen, Lugano und Lausanne vier Super-League-Teams noch im Cup dabei sind, die in der Liga nicht zu den Spitzenteams gehören. Bei ihnen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der K.o.-Wettbewerb für sie derzeit die einzige Möglichkeit ist, einen Titel zu gewinnen. Entsprechend besitzt der Cup einen höheren Stellenwert als bei YB oder dem FC Basel, wo die Meisterschaft Priorität geniesst und wo Europacup-Spiele die Highlights sind.
Man mag es als Fan der Grossklubs bedauern, dass die Verantwortlichen offensichtlich nicht mit aller Macht nach dem Cupsieg streben. Als Anhänger eines der anderen Klubs und aus neutraler Sicht hingegen ist es schön, dass der Cup wieder mehr lebt als auch schon.
Keine Seriensieger wie in der Meisterschaft, wo erst Basel acht Titel hintereinander hamsterte und YB aktuell bei vier Titeln in Folge steht. Sondern auch einmal die Gelegenheit für andere Klubs, die Vitrine mit einem glänzenden Pokal zu schmücken. Und wenn es auf dem Weg zu einem Cupfinal zwischen zwei Aussenseitern die eine oder andere Sensation durch einen Unterklassigen gibt, ist das umso schöner.
Sechs verschiedene Klubs holten sich die letzten zehn Cup-Titel. In einer Zeit von Serienmeistern in der Liga und oft damit einhergehender Langeweile gilt erst recht, was Königin Christina von Schweden schon im 17. Jahrhundert feststellte: Abwechslung ist eine gute Medizin für die meisten Leiden. Das Herz des noch vor wenigen Jahren totgesagten Schweizer Cups pocht gerade wieder laut.