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TILO RICHTER
Das Schällemätteli im St. Johann-Quartier ist ein Ort des Wandels.
165 Jahre ist es her: Man schrieb den 11. Dezember 1845, als die Schweizerische Eidgenossenschaft die Eröffnung ihres ersten Bahnhofs feierte. Von Strasbourg über Mulhouse kamen die ersten Eisenbahnen bis nach Basel und fuhren auf kuriose Weise in die Stadt ein. Die Vogesenstrasse markiert bis heute den Verlauf der alten Bahnlinie. Noch bevor der eigentliche Bahnhof erreicht wurde, durchquerte man die äussere Stadtmauer von 1398, in die für das neue Transportmittel ein eigenes Tor gebrochen worden war. Damen im Reifrock und Heerscharen von Kindern pilgerten dorthin, um die dampfenden Ungetüme aus dem Elsass zu sehen. Des Nachts wurde das Tor mit einem Gitter verschlossen, um die Stadt zu schützen. Das Bahnhofsgebäude selbst muss den Reisenden bekannt vorgekommen sein, denn es war das gleiche wie jenes in Mulhouse, erbaut nach Plänen von Jean-Baptiste Schacre.
Dieser erste Bahnhof Basels und der ganzen Schweiz, zugleich die erste internationale Eisenbahnstation Europas, befand sich auf dem Areal des heutigen Campus Schällemätteli und schrieb als Novum Geschichte. Dennoch begannen schon 1859 die Bauarbeiten für einen Bahnhof der Schweizerischen Centralbahn-Gesellschaft beim Elisabethen-Bollwerk, an den auch die französische Linie angebunden werden sollte. 15 Jahre nach dem ersten Zug fuhr der letzte in den Pionierbahnhof im St. Johann, und seither kommen alle Züge aus Frankreich auf dem Gelände des heutigen Bahnhof SBB/SNCF an.
Auf dem Weg zum Biozentrum. Die Pläne für das alte Bahnhofsareal im Basler Norden wurden bald schon konkret. Man riss die alte Station kurzerhand ab und baute an gleicher Stelle die Strafanstalt Schällemätteli. Seinen Namen erhielt das Gefängnis, weil den Inhaftierten während der Arbeit auf den Feldern Glocken (Schellen) um den Hals hingen, um eine Flucht anzuzeigen. Entworfen hat das mehrstöckige Gefängnis in drei Flügeln mit den markanten Stufengiebeln und der wehrhaften Ummauerung Robert Moser. Die Bauten dienten 140 Jahre fast ununterbrochen ihrem ursprünglichen Zweck, erst 2004 wurden sie endgültig geschlossen. 2009 und 2010 trug man diese historischen Bauwerke ab, weil hier der Neubau des Biozentrums entstehen wird und das Gefängnis nicht unter Denkmalschutz stand. Zumindest ein Bühnendenkmal erhielt das düstere Areal: Unter der Regie von Daniel Wahl nahm das Theater Basel 2005 ‹Schällemätteli› ins Programm.
Das jüngste Kapitel dieses Ortes beginnt mit einem Wettbewerb, den die Stadt Basel für den Neubau des Biozentrums 2009 ausschrieb. Von den 28 vorgeschlagenen Arbeiten empfahl die Jury das Projekt ‹Chroma› der Zürcher Architekten Andreas Ilg und Marcel Santer zur Ausführung. Stadträumlich ist das Schällemätteli kein einfacher Bauplatz. Die Ausschreibung erwähnte bereits ‹beengte Verhältnisse›, folgerichtig entwarfen die Architekten ein Hochhaus. Das Life-Sciences-Gebäude von Ilg und Sauter soll 70 Meter über den Boden ragen und neben den Hörsälen hoch spezialisierte Labors und Büros, ein Rechenzentrum sowie eine Caféteria aufnehmen. 2015 sollen sich die Türen für mehr als 1000 Menschen öffnen, die dort arbeiten werden.
Als Nachbar kann sich bis dahin das in diesen Tagen zu übergebende Universitäts-Kinderspital der Basler Architekten Stump & Schibli etablieren. Nur vier Geschosse breit gelagert und von mehrfarbig schillernden Brüstungsbändern umschlossen, wird das Kinderspital im Hochhaus einen städtebaulichen Gegenpol erhalten. Damit setzt sich die Neuformulierung des vorderen St. Johann und zugleich die Expansion der Universität in den Stadtraum fort: Das Klinikum 1 des Unispitals, erbaut 1946, gilt international als Meilenstein der Spitalarchitektur. Daran schliesst sich der OP-Erweiterungsbau von Gmür und Vacchini von 2003 an. Gegenüber besticht seit 1998 die grün verglaste Spitalapotheke von Herzog & de Meuron.
Architekturperle und Uni-Flagschiff. Die beiden Basler Kantone spannen erstmals für ein Uni-Neubauvorhaben zusammen – was bezüglich der Vergabe von Bauaufträgen an hiesige Firmen bereits für politische Nebengeräusche gesorgt hat. Zur Umsetzung werden rund 300 Millionen Franken benötigt, über die Baukreditvorlagen befinden die beiden Parlamente im kommenden Jahr. Einig ist man sich bezüglich der beabsichtigten Wirkung: Der Turmbau soll einerseits ein architektonisches Schmuckstück der Stadt werden; räumliche Geschlossenheit der Unibauten geht hier einher mit neuer Sichtbarkeit der Universität im Stadtraum. Andererseits soll die Forschungsstätte das Filetstück der zunehmend auf Life Sciences fokussierten Universität werden. Die Ansprüche sind hoch, will man doch in der Riege der weltweit wichtigsten Forschungsstandorte ganz vorn mitmischen.
Wer das rohe Baufeld erkunden will, benutzt am besten die ‹Abkürzung›: Der 1971 geborene Künstler Mathis Vass gewann mit der Idee eines Laufstegs über der Baugrube einen Wettbewerb des Kunstkredits Basel-Stadt. Der diagonale Erkundungsweg in bis zu acht Metern Höhe bleibt für zwei Jahre installiert, dann beginnen die Bauarbeiten.
(Heft Januar 2011, S. 24)