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Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel McFadden über die Folgen der Ehrung - und über seine zweite Leidenschaft
NATALIE GRATWOHL, LINDAU
Daniel McFadden, Ökonomieprofessor an der Universität Berkeley, erinnert sich noch gut an die Nacht, als plötzlich das Telefon klingelte. Vor 17 Jahren erhielt er gemeinsam mit seinem Freund James Heckman den Wirtschaftsnobelpreis für die Entwicklung von Theorien und Methoden zur Analyse diskreter Entscheidungen. Sein erster Gedanke war damals, dass er besser noch sein Büro aufgeräumt hätte. Und er war auch leicht schockiert, weil er - von seinen Eltern zu Bescheidenheit erzogen - plötzlich im Rampenlicht stand.
Unvernunft in der Ökonomie
Ruhm und Ehre haben vieles verändert. Er respektiere den Nobelpreis sehr, sagt McFadden im Gespräch, doch dieser verzerre auch den Markt. Andere Wissenschafter hätten nämlich den Preis ebenso verdient. «Die Unterschiede sind nicht so gross.» Viele wollten aber mit Preisträgern sprechen, weil sie die Wahrscheinlichkeit, etwas Intelligentes zu erfahren, als hoch einschätzten. Dabei gebe es Forscher, die zu bestimmten Gebieten besser Auskunft geben könnten, aber dazu gar nicht befragt würden.
Es liege jedoch in der menschlichen Natur, nicht immer vernünftig zu handeln. «Die Menschen entscheiden alle ziemlich ähnlich, ich schliesse mich da ein», sagt er. In welchen Situationen handelt er selbst nicht rational? McFadden zögert lange. Es passiere ihm immer wieder, dass er vergesse, den Akku seines Smartphones rechtzeitig aufzuladen. Und er ersetze seinen Computer jeweils erst dann, wenn er nicht mehr funktioniere. Dann suche er unter Druck intensiv nach einem neuen Gerät. Auch der Nobelpreisträger, der das Fachgebiet erforscht und sich daher der Problematik bestens bewusst ist, trifft also als Konsument keine perfekten Entscheidungen.
McFadden spricht mit ruhiger Stimme und wirkt zufrieden. Seit 55 Jahren ist er mit Beverlee Tito Simboli, einer Fotografin, verheiratet. Zusammen haben sie drei erwachsene Kinder und Enkelkinder. Neben der Wissenschaft ist die Landwirtschaft seine zweite Leidenschaft. Zusammen mit seiner Frau besitzt er eine kleine Farm mit einem Weingut im kalifornischen Napa Valley. Bei der Arbeit in der Natur kommt er auch auf neue Ideen.
Der 80-jährige Wissenschafter ist auf einer Farm in North Carolina aufgewachsen, ohne Strom und fliessendes Wasser. Schon in jungen Jahren interessierte er sich für die Landwirtschaft, melkte Kühe und gewann einen Preis für sein Agrarprojekt. Später wollte er entweder Bauer oder Schriftsteller werden. Da er in der Schule unterfordert war, hatten ihm die Lehrer erlaubt, während des Unterrichts zu lesen. Er verschlang täglich vier bis fünf Bücher. Später wurde er von der Highschool suspendiert; ironischerweise weil er an der Schule Unterschriften gegen die Regeln zur Suspendierung sammelte.
Gefragter «Werkzeugmacher»
Mit 16 Jahren bestand er dennoch die Aufnahmeprüfung an der University of Minnesota, und im Alter von 19 Jahren hatte er den Bachelor in Physik in der Tasche. Danach studierte McFadden eine Kombination von Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Anthropologie, Politikwissenschaften, Mathematik und Statistik und erlangte 1962 an der University of Minnesota einen Doktor in Ökonomie. 1977 wechselte er an die ökonomische Fakultät des Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo zu jener Zeit die bekannten (späteren) Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson, Robert Solow und Franco Modigliani tätig waren.
McFadden plädiert dafür, dass die Ökonomie Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten wie Psychologie oder Neurowissenschaften stärker einbezieht. Selbst sieht er sich als einer, der Werkzeuge für andere Wissenschafter herstellt. Seine ökonometrischen Modelle sind in den verschiedensten Gebieten - von Energie über Gesundheit bis zu Transport - von Nutzen. In den vergangenen Jahren hat McFadden unter anderem dazu geforscht, wie ältere Menschen Entscheidungen treffen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Leute zu viel Vermögen anhäuften und zu wenig konsumierten, weil sie ihre eigene Lebenszeit zu optimistisch einschätzten, sagt er.
Geduldig und nachsichtig
An der Tagung der Wirtschaftsnobelpreisträger, die vergangene Woche in Lindau am Bodensee stattfand, referierte McFadden über die Grundlagen der Wohlfahrtsökonomie. Seine Freude an der wissenschaftlichen Arbeit ist spürbar und hält ihn offensichtlich jung. Auch an das Interesse an seiner Person hat er sich gewöhnt. Geduldig beantwortet er Fragen aller Art und geht gerne auf besondere Wünsche ein. Als ihm einige Journalisten zum Geburtstag gratulieren, weil sie ihn mit Robert Solow verwechseln, stellt er den Irrtum nicht richtig. Der brillante Wirtschaftswissenschafter scheint in Nachsicht geübt zu sein.