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Berggorilla
Gorilla gorilla beringei
© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Dass sich der Mensch aus den Reihen der Herrentiere (Ordnung Primates) entwickelt hat, kann heute niemand mehr ernstlich bestreiten. Vergleichende Untersuchungen des Körperbaus, des Chromosomenbestands, der Blutzusammensetzung und der Verhaltensmerkmale von Mensch und Gorilla lassen keinen Zweifel daran, dass beide Wesen sogar zur selben systematischen Familie gehören. Ganz so eindeutig möchte sich der Mensch aber doch nicht zu den «Affen» zählen: Auch heute noch ordnet er sich seiner eigenen Familie der Menschen (Hominidae) zu, während er Gorilla, Schimpanse, Zwergschimpanse und Orang-Utan in die Familie der Menschenaffen (Pongidae) stellt.
Aus der nahen Verwandtschaft von Mensch und Menschenaffen darf jedoch nicht gefolgert werden, die heutigen Menschenaffen seien die Vorfahren des Menschen. Mensch und Menschenaffen sind sozusagen «Vettern»: Sie haben sich vor vielen Millionen Jahren von einer gemeinsamen Stammform ausgehend in verschiedene Richtungen weiterentwickelt. Wie diese Stammform ausgesehen hat, und wann genau der Zeitpunkt der Abspaltung war - darüber gehen die Meinungen der Wissenschaftler stark auseinander. Die Vorgeschichte der Menschenartigen (Hominoidea) ist erst lückenhaft bekannt.
Im Herzen Afrikas zu Hause
Der Gorilla (Gorilla gorilla)
wird in drei verschiedene Rassen unterteilt, welche alle im tropischen Äquatorialafrika beheimatet sind:
Der Westliche Flachlandgorilla (Gorilla gorilla gorilla)
bewohnt den Küstenregenwald am Golf von Guinea zwischen den beiden Flüssen Niger und Kongo. Der Bestand dieser Unterart dürfte neueren Schätzungen zufolge rund 45 000 Tiere betragen. Etwa 35 000 davon leben in Gabun, die restlichen sind über Kongo-Brazzaville, Äquatorial-Guinea, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik verteilt. Fast alle der rund 500 Gorillas, welche weltweit in Zoologischen Gärten gehalten werden, gehören dieser westlichen Unterart an.
Der Östliche Flachlandgorilla (Gorilla gorilla graueri)
lebt rund 1000 Kilometer von der westlichen Rasse entfernt am östlichen Rand des Kongobeckens in Zaire. Der Bestand dieser Unterart wird auf ungefähr 5000 Tiere geschätzt. In Gefangenschaft leben etwa 20 östliche Flachlandgorillas.
Ebenfalls mitten im Herzen Afrikas, jedoch nicht im Tiefland, sondern in den nebelfeuchten Bergwäldern auf 2000 bis 4000 Metern Höhe lebt der Berggorilla (Gorilla gorilla beringei)
. Von dieser Unterart gibt es nur noch etwa 400 Tiere. Etwa 250 Berggorillas leben an den Hängen der Virunga-Vulkane in der Grenzregion zwischen Zaire, Uganda und Ruanda. Die restlichen bewohnen die Bwindi-Berge in Uganda und einige benachbarte Waldstücke in Zaire. In Gefangenschaft werden keine Berggorillas gehalten.
Die drei Gorillarassen unterscheiden sich in Körperbau und Verhalten nur wenig voneinander. Alle Tiere haben eine schwarze Haut und ein schwärzliches Haarkleid. Das Fell des Berggorillas ist jedoch langhaariger und erscheint dadurch «schwärzer». Der Berggorilla ist auch etwas grösser als seine Verwandten im Tiefland und hat vergleichsweise kürzere Arme.
Sanfte Riesen
Der Gorilla ist der grösste und gewichtigste Menschenaffe und damit das mächtigste Herrentier überhaupt. Ausgewachsene Männchen werden bis zu 1,8 Meter gross und 200 Kilogramm schwer.
Wegen seiner Grösse, seinem finsteren Aussehen, seiner offensichtlichen Stärke und seinem beeindruckenden Brusttrommeln galt der Gorilla lange Zeit als ausgesprochen wildes und blutgieriges Ungeheuer. Dank der eingehenden Studien von George Schaller und Dian Fossey, welche beide das Leben der Gorillas aus nächster Nähe beobachtet haben, weiss man es heute besser. Bei all seiner Kraft ist der Gorilla ein friedfertiger und sanftmütiger Pflanzenfresser, der - wie viele andere Tiere auch - nur gefährlich wird, wenn er sich bedroht fühlt. Dann allerdings weiss er sich sehr energisch zur Wehr zu setzen.
Für die Verträglichkeit des Gorillas spricht unter anderem die Tatsache, dass heute in Ruanda jedes Jahr viele hundert Touristen von unbewaffneten Führern auf wenige Meter an freilebende Berggorilla-Gruppen herangeführt werden, ohne dass es je zu Zwischenfällen gekommen wäre.
Gorillas leben in festgefügten, familienähnlichen Sippen von fünf bis zwanzig Mitgliedern. Diese Gorillafamilien setzen sich im allgemeinen aus einem vollständig ausgewachsenen Männchen, etwa vier fortpflanzungsfähigen Weibchen und ungefähr ebenso vielen Jungtieren in verschiedenen Altersstufen zu sammen. Als Verständigungsmittel dient den Tieren eine «Sprache», die sich aus über 15 verschiedenen Heul-, Brüll-, Hust- und Knurrlauten zusammensetzt. Das erwachsene Männchen ist als Sippenführer für das Wohlergehen seiner Gruppe verantwortlich und bestimmt Zeitpunkt, Richtung und Dauer der Fresswanderungen im Wohngebiet. Es ist doppelt so gross und schwer wie die ausgewachsenen Weibchen und an seinem silbergrauen Schulter- und Rückenfell gut erkennbar. Die ausgewachsenen Gorillamännchen werden darum auch «Silberrückenmännchen» genannt.
Die Gorillaweibchen bringen mit etwa zehn Jahren ihr erstes Junges zur Welt. Die Schwangerschaft dauert ungefähr 8,5 Monate. Wie ein menschliches Kleinkind ist das Gorillajunge während der ersten Lebensmonate völlig hilflos und wird von seiner Mutter dauernd überallhin mitgetragen. Mit sechs Monaten ernährt es sich bereits zur Hauptsache von Pflanzen, hält sich aber auch weiterhin ständig in der Nähe seiner Mutter auf. Erst im Alter von vier Jahren, wenn die Mutter ihr nächstes Kind zur Welt bringt, löst sich das Jungtier von ihr. Es wird mit etwa neun Jahren ausgewachsen sein und kann ein Höchstalter von ungefähr 40 Jahren erreichen.
Wohngebiete ohne feste Grenzen
Gorillas sind Bodenbewohner. Nur selten halten sie sich in Bäumen auf, denn ihr grosses Gewicht und ihr massiger Körperbau sind beim Klettern hinderlich. Sie ernähren sich von einer vielfältigen Pflanzenkost. Besonders gern verzehren sie das Mark von wildem Sellerie und jungem Bambus. Aber auch Schösslinge, Blätter, Stengel, Wurzeln, Mark und Rinde vieler anderer Pflanzen gehören zu ihrer abwechslungsreichen Nahrung.
Als Lebensraum bevorzugen Gorillas offenen Wald, wie er entlang von Flussläufen, auf verlassenen Pflanzungen und an Berghängen wächst. In solchem Wald spriesst ein vielfältiges Pflanzengewirr am Boden - reiches Nahrungsangebot für die grossen Menschenaffen. So finden die Tiere an den Hängen der Virunga-Vulkane und der Bwindi-Berge ideale Lebensbedingungen vor. Hier leben sie inmitten einer überquellenden Pflanzenwelt und können es sich leisten, ein geruhsames Leben zu führen: Während rund der Hälfte des Tages nehmen die Berggorillas Nahrung zu sich. Den Rest des Tages ruhen sie.
Derart reichlich ist das Nahrungsangebot im Bergregenwald, dass die Gorillagruppen auf ihren gemächlichen Fresswanderungen täglich nur etwa 500 bis 1000 Meter zurücklegen. Und das Wohngebiet, in welchem sie sich das ganze Jahr über aufhalten, misst nur etwa fünf bis zehn Quadratkilometer.
Während es bei anderen Tierarten in weniger üppigen Lebensräumen vorteilhaft ist, wenn jede Gruppe ein bestimmtes Gebiet für sich allein beansprucht, so würde dies bei der Nahrungsfülle im Lebensraum der Berggorillas nur unnötigen Energieaufwand bedeuten. Die Wohngebiete der verschiedenen Familiengruppen haben daher keine festen Grenzen, sondern überlappen gegenseitig, und es kommt gelegentlich sogar zu Begegnungen zwischen benachbarten Gruppen.
Konkurrenz um Weibchen
Die Begegnungen zwischen benachbarten Gorillagruppen verlaufen im allgemeinen ausgesprochen friedlich. Die erwachsenen Tiere fressen dicht beieinander und beachten sich gegenseitig kaum. Die Jungtiere hingegen laufen durcheinander und spielen mit den Gleichaltrigen der Nachbargruppe.
Eine gewisse Spannung ist bei solchen Begegnungen aber stets vorhanden und äussert sich vor allem in ritualisierten Gebärden und Lauten der Silberrückenmännchen. Die beiden Sippenführer werden aber nicht handgreiflich, sondern ziehen schliesslich - von den übrigen Gruppenmitgliedern gefolgt - wieder ihres Wegs.
Zweifellos sind Begegnungen zwischen Nachbargruppen nicht ohne Bedeutung für den gesellschaftlichen Fluss innerhalb der Gorillapopulation. Gorillas bleiben nur sehr selten ihr Leben lang in ihrer Geburtsgruppe. So verlassen die frisch erwachsenen Männchen gelegentlich ihre Stammgruppe und wandern allein umher, bis es ihnen gelingt, Weibchen einer anderen Gruppe dazu zu bewegen, ihnen zu folgen. Und auch die jüngeren Weibchen verlassen zu gegebener Zeit ihre Gruppe, um sich allein herumziehenden Männchen anzuschliessen oder zu einer benachbarten Gruppe überzuwechseln.
So ist es auch verständlich, dass Begegnungen von Familiengruppen mit einzeln lebenden Männchen nicht immer so friedlich verlaufen wie diejenigen mit Nachbargruppen. Einzelgängerische Männchen können nur Weibchen gewinnen, jedoch keine verlieren, und bilden daher für die Sippenführer eine besondere Gefahr. Solche Begegnungen können sich durchaus zu ernsthaften Kämpfen entwickeln.
Projekt Berggorilla
Berggorillas haben nur einen Feind: den Menschen. In einigen Gebieten werden die friedfertigen Riesen ihres Fleischs wegen bejagt. In anderen werden sie unter der Begründung abgeschossen, sie würden die Felder plündern. Viele Gorillas müssen ferner ihr Leben lassen, weil ihre Schädel als Trophäen sehr begehrt sind. Darüberhinaus verenden viele der schwarzen Menschenaffen in Fangschlingen, die für andere Tiere ausgelegt wurden. Trotz alledem ist aber die Bejagung durch den Menschen nicht die schlimmste Bedrohung für die Gorillas. Folgenschwerer noch wirkt sich die fortlaufende Zerstörung ihres Lebensraums, des Regenwalds, aus.
Wie in vielen tropischen Regionen der Erde wächst auch in Zentralafrika die menschliche Bevölkerung schnell und beansprucht immer neuen Lebensraum. Sie rodet die natürliche Pflanzendecke, wandelt den Boden in Kulturland um und drängt die Wildtiere in immer begrenztere Gebiete zurück. In Ruanda, einem der dichtest besiedelten Länder Afrikas, ist diese Entwicklung besonders weit fortgeschritten. Der Bergwald der Virunga-Vulkane ist heute bald das letzte Stück unberührte Natur, und der Druck der landhungrigen Bevölkerung auf diesen Überrest von Wald ist ausserordentlich stark.
Weniger als 5000 Gorillas - das sind keine zehn Prozent des Gesamtbestands - leben heute in Schutzgebieten. Für das langfristige Überleben der Art dürfte das wohl kaum ausreichend sein, da die Tiere auch innerhalb der Reservate zum Teil vor Wilderern nicht sicher sind.
Zu den bestgeschützten Populationen zählen zweifellos die Berggorillas, welche im Volcanoes-Nationalpark auf der ruandischen Seite der Virunga-Vulkane leben. Der wirkungsvolle Schutz dieser Tiere ist in erster Linie auf das von WWF und anderen Umweltschutzorganisationen getragene, seit vielen Jahren laufende «Projekt Berggorilla» zurückzuführen.
Dieses Projekt umfasst eine ganze Palette gezielter Schutzmassnahmen. So wurde als erstes das Bewachungssystem des Nationalparks wesentlich verbessert und ausgebaut. Anti-Wilderer-Einheiten wurden geschult und ausgerüstet. Die unzähligen verwilderten Rinder und Ziegen, welche den Gorillas die Nahrung streitig machten, wurden ausgerottet. Ein massvoller Tourismus wurde gefördert. Er hat dem Nationalpark zu ökonomischer Unabhängigkeit verholfen und gleichzeitig etwelche Verdienstmöglichkeiten für die ansässige Bevölkerung geschaffen. Und nicht zuletzt wurde die Bevölkerung Ruandas in Filmvorträgen über die Bedeutung der Bergwälder für den regionalen Wasserhaushalt aufgeklärt. Als Folge jeder weiteren Waldzerstörung würde nämlich während der Trockenzeit unweigerlich ein Wassermangel in den Landwirtschaftszonen eintreten. Die resultierenden Ernteeinbussen hätten für die Landbevölkerung verheerende Folgen.
Der Kampf ums Überleben der letzten Berggorillas scheint vorderhand gewonnen. In den folgenden Jahren soll nun auch der Schutz der Flachlandgorillas entscheidend verbessert werden. Es gilt, die Erhaltung des grössten aller Herrentiere und eines der nächsten Verwandten von uns Menschen auf lange Sicht zu gewährleisten.
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