Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/2461

19. Juli 1988. Ost-Berlin. Es war das grösste Konzert von Bruce Springsteen überhaupt und es fand in der DDR statt. Wahrscheinlich über 200'000 Menschen jubelten dem Rockstar auf der Radrennbahn Weissensee zu. «It’s nice to be in East Berlin», rief Springsteen der begeisterten Menge zu, bevor er wie immer sein Konzert mit dem Titel «Badlands» begann. Es war auch das grösste Konzert in der Geschichte der DDR. Und vor allem das spektakulärste.
«Born in the USA»
Man traut seinen Augen und Ohren nicht: «Born in the USA» sangen Hunderttausende und schwenkten zum Teil riesige US-Fahnen. «Ich weiss nicht, wie sie die genäht oder geschmuggelt haben. Wenn sie mit dem Ding über den Alexanderplatz gerannt wären, hätten sie normalerweise zwei Jahre Knast erhalten», sagt der berühmte Ostberliner Fotograf Harald Hauswald, der während des Auftritts von Bruce Springsteen fotografierte. «Und bei so einem Konzert konnten sie enthemmt ein solches zwei Meter grosses Ding schwenken.»
Und dann rief der US-Star in gebrochenem Deutsch in die Menge: «Es ist gut, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin hier nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um für euch Rock ’n’ Roll zu spielen, für euch Ost-Berliner, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.»
Alle wussten was gemeint war: die Mauer. Bruce Springsteen hatte sich zu dieser spontanen Rede entschlossen, nachdem er erfahren hatte, dass das Konzert ohne seine Zustimmung als Unterstützung für Nicaragua verkauft wurde. Damals tobte ein ideologischer Krieg in dem mittelamerikanischen Land, und die USA unter Präsident Ronald Reagan versuchten, die sozialistische Regierung der Sandinisten zu stürzen.
Der Musikfan Ilko-Sascha Kowalczuk war damals 21 Jahre jung. Heute ist er einer der renommiertesten deutschen Historiker für die Geschichte der DDR. Auch er war am Konzert, kann sich aber an den Satz von Springsteen nicht erinnern.
Aber das Gefühl von damals ist noch präsent: «Nach dem Konzert hatte man nur einen einzigen Wunsch: Immer und immer wieder solche Konzerte zu erleben. Und wenn die nicht zu mir kommen, muss ich eben zu denen fahren. Es war gewissermassen der Beginn, dass die Mauer bröckelt.»
Heisser Krieg der Konzerte
Mitten im Kalten Krieg 1988 gab es einen eigentlichen heissen Krieg der Konzerte in Ost- und West-Berlin. Im Westen spielten Michael Jackson und Pink Floyd, im Osten Bruce Springsteen, Joe Cocker, Bob Dylan, James Brown oder Depeche Mode. Möglich geworden waren solche Auftritte durch einen Zwischenfall ein Jahr zuvor.
Ost- und West-Berlin feierten 1987 das 750-Jahre-Jubiläum der Stadt. Als zu Pfingsten David Bowie, die Eurythmics und Genesis vor dem Reichstag im Westen der Stadt auftraten, drängten rund tausend Jugendliche aus Ost-Berlin zur Mauer, um wenigstens ein Ohr voll mitzukriegen. Die Stasi fürchtete einen Sturm auf die Mauer und die Polizei knüppelte die Fans weg.
Um solche Szenen oder gar einen befürchteten Sturm auf die Mauer zu verhindern, organisierte die DDR 1988 West-Konzerte im Osten. Das Spektakulärste war der Auftritt von Bruce Springsteen. Als ich zur Vorbereitung dieses Artikels Frank Ebert, damals 18 Jahre jung, heute Mitarbeiter im Archiv der DDR-Opposition eine SMS schrieb und ihn fragte, ob er jemanden kenne, der an diesem Konzert war, schrieb er zurück: «Ich und die halbe Jugend der DDR.»
Manche glauben, das Konzert sei ein politischer Protest gewesen. Ilko-Sascha Kowalczuk und Frank Ebert, die sich beide intensiv mit der Geschichte des Widerstands in der DDR befassen, sehen das nicht so. Die Jugendlichen damals wollten endlich einmal ihre Idole hören, so wie die Gleichaltrigen im Westen.
Als ob ein Fenster aufginge
Aber die Konzerte, die eben keine Selbstverständlichkeit waren, untergruben die Autorität der DDR, quasi wie Wasser, das das Fundament einer Mauer unterhöhlte. DER Mauer. Dass der Todesstreifen in Berlin ein gutes Jahr später Geschichte sein würde, konnte sich Ilko-Sascha Kowalczuk damals nicht vorstellen.
Er erinnert sich, mit welchem Satz er und seine Freunde sich als Zwölfjährige auf dem Schulhof zum Geburtstag gratulieren: «Noch 53 Jahre!». Gemeint war: Noch 53 Jahre bis zur Rente; als Pensionär konnte man aus der DDR in den Westen reisen.
Man kann die Stimmung des Jahres 1988 in der DDR in ein Bild fassen: Es war ein Jahr, in dem ein Rad der Geschichte auslief. Denn es war offensichtlich: So geht es nicht weiter. Es herrschte Agonie.
Stadtrundfahrt mit Bruce Springsteen
Gleichzeitig begann ein anderes Rad zu drehen. Spürbar war dies zum Beispiel durch die Konzerte von Weststars. Für Connie Günther beispielsweise war 1988 ein Jahr des Aufbruchs. Als Dolmetscherin der Künstleragentur der DDR traf sie mit Stars wie Bruce Springsteen oder Joe Cocker zusammen. Es war, als ob ein Fenster aufginge.
Ich treffe Connie Günther in der Lobby des Hotels Westin Grand in Berlin, damals das Interhotel Grand Hotel Berlin. Die Übersetzerin erinnert sich lebhaft an ihr Treffen mit Bruce Springsteen, mit dem sie vor 30 Jahren eine Stadtrundfahrt machen sollte.
Auch damals wartete sie in der Hotellobby vor der grossen Treppe, als plötzlich der Star mit seiner neuen Freundin Patti Scialfa die Treppe herunterkam. Händchenhaltend und «mächtig verliebt» sei der «Boss» gewesen, daran erinnert sich Connie Günther noch lebhaft. Denn damals waren die beiden offiziell noch kein Paar.
Auf der Stadtrundfahrt unterhielten sich Connie Günther und Bruce Springsteen ziemlich offen auch über Politik und die Verhältnisse in der DDR. Wahrscheinlich hörte die Stasi mit, aber die Angst vor dem DDR-Geheimdienst war 1988 nicht mehr so gross wie früher.
Rio Reiser als Symbol für Ost und West
Das spektakulärste Konzert war zwar der Auftritt von Bruce Springsteen am 19. Juli 1988. Das emotionalste Konzert aber gab Rio Reiser, der frühere Frontmann der Westberliner Band «Ton, Steine, Scherben».
Als Rio Reiser im Oktober 1988 in der Ostberliner Werner-Seelenbinder-Halle gegen den Willen der DDR-Offiziellen den Song «Der Traum ist aus» anstimmte, gab es kein Halten mehr, denn bei der Textzeile «dieses Land ist es nicht», sang der ganze Saal mit und alle wussten, welches Land gemeint war.
Utopie am Dreieck
Als in West-Berlin am 1. Juli das besetzte sogenannte Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz von der Polizei geräumt wurde, lief Rio Reisers Song ebenfalls. Die Besetzer spielten ihn über scheppernde Lautsprecher. Aber im Westen war es eine andere Textzeile, die für die Besetzer von besonderer Bedeutung war.
Ich hab geträumt, der Krieg wär vorbei / Du warst hier, und wir waren frei / Und die Morgensonne schien / Alle Türen waren offen, die Gefängnisse war’n leer / Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr / Es war das Paradies.
Zum Lenné-Dreieck passte Rio Reisers Song besonders gut. Denn das Dreieck war eine Brache, die zwar unmittelbar an der Westseite der Mauer lag, aber zu Ost-Berlin gehörte. Das heisst, sie durfte von der West-Berliner Polizei nicht betreten werden. Nachdem der West-Berliner Senat das Lenné-Dreieck gekauft hatte, wurde es bis zur Wirksamkeit der Übergabe am 1. Juli 1988 von Autonomen besetzt. Für einen Monat wurde es zu einer Utopie im Niemandsland zwischen Ost- und West.
Und das war auch der Traum in West-Berlin. Die Stadt lag im Schatten der Mauer, zwischen den politischen Blöcken von Ost und West, ausserhalb auch grosser politischer Verantwortung. West-Berlin und das Lenné-Dreieck waren eine Nische im Schatten der Weltpolitik.
Und während der Besetzung tagte in West-Berlin ein Schriftstellerkongress, der die Idee eines geeinten «Mitteleuropa», eines unabhängiges Kerneuropa zwischen Ost und West thematisierte. Im Osten der Stadt hatten sie genug vom Nischendasein, im Westen träumten sie vom Leben in der Nische, und in Ost und West sangen sie Rio Reiser.
Am 1. Juli 1988 wurde das Lenné-Dreieck von der Polizei geräumt. Am 9. November 1989 fiel die Mauer und West-Berlin fiel aus seinem Traum in die Realität zurück. Auch die DDR-Apparatschiks hatten ausgeträumt. Europa ist wieder vereint, die Mauer ist weg und gleichzeitig gibt es neue Mauern. Die Euro- und die Flüchtlingskrise haben Europa erneut gespalten.