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In der Schweiz ist ein Schwangerschaftsabbruch auch nach der 12. Schwangerschaftswoche erlaubt, wenn damit die «Gefahr einer schweren seelischen Notlage abgewendet werden kann» (Schweizerisches Strafgesetzbuch, Art. 119 Abs. 1).
«Um Frauen vor negativen psychischen Folgen bei einer ungewollten Schwangerschaft zu bewahren, gilt nach dem gängigen Narrativ, das in zahlreichen Gesetzgebungen Niederschlag gefunden hat, eine Abtreibung als probates Mittel», erklärt Ethikerin und Co-Autorin Susanne Kummer. Allerdings sei die wissenschaftliche Datenlage keineswegs so eindeutig, so die Direktorin des Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) in Wien weiter. Mit der Studie «Schwangerschaftsabbruch und psychische Folgen: Eine qualitative Studienanalyse» will man zur «Versachlichung des Diskurses in diesem hochsensiblen Thema des Schwangerschaftsabbruchs beitragen».
Unterschiedliche Ergebnisse aufgrund mangelhafter Studien
Für die Studie untersuchte ein interdisziplinäres Forscherteam 14 relevante Übersichtsarbeiten und Einzelstudien zu Schwangerschaftsabbruch und psychischen Gesundheitsfolgen; diese stammen aus dem Zeitraum 2008 bis 2018.
Die gängige These lautet, dass der Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft für die Psyche der Frau besser oder zumindest neutral sei im Vergleich zu einem Austragen des Kindes bis zur Geburt. «In der Wissenschaft ist allerdings umstritten, ob ein solcher Effekt hypothetisch ist oder tatsächlich existiert und inwiefern er überhaupt wissenschaftlich nachweisbar ist», sagt Co-Autor Johannes Bonelli. «Bei genauerer Analyse zeigt sich, dass die unterschiedlichen Ergebnisse auf methodische Mängel und eine intransparente Auswahl von Daten zurückgeht.»
Als Beispiel für eine mangelhafte Studie werden die oft zitierten «Turnaway-Studien» (2008–2010) angeführt. Deren Kernaussage lautet, dass ein Schwangerschaftsabbruch der psychischen Gesundheit der Frauen «nicht schade», die Verweigerung einer Abtreibung hingegen «mit einem erhöhten Mass an Angst, Stress und geringerem Selbstwertgefühl unmittelbar nach Abweisung sowie mit psychischen und sozialen Problemen verbunden» ist (S. 59).
Die Autoren der IMABE-Studie legen ausführlich dar, dass diese US-Studie schwere methodische Mängel und eine intransparente Auswahl von Daten aufweist. Die «Grenze zwischen wissenschaftlicher Objektivität und ideologischem Aktivismus» sei hier überschritten worden. Ein Ergebnis der «Turnaway-Studie», das normalerweise in der Presse nicht angegeben wird: 96 Prozent der Frauen, die von den Kliniken abgewiesen wurden («turnaway»), weil die erlaubte Frist überschritten war, waren nach fünf Jahre froh darüber und bedauerten nicht, dass ihr Kind lebt und nicht abgetrieben wurde.
Keine sicheren Ergebnisse, aber hohe Übereinstimmung
Ein erheblicher Teil der methodisch gut gemachten internationalen Studien stimmt darüber ein, dass die Beendigung einer unerwünschten Schwangerschaft durch Abtreibung das Risiko für psychische Probleme nicht reduziert, sondern erhöht oder bereits bestehende psychische Probleme verstärkt. Uneinig ist man sich in der Frage der Begründung, warum dies so ist. So ist eine Abtreibung statistisch gesehen mit einem erhöhten Risiko für Alkohol- und Drogenmissbrauch, Suizide und Suizidversuche, Sucht, Depression und Angstzustände verbunden. Mehrfach-Abtreibungen und bereits bestehende psychische Vorerkrankungen erhöhen die Risiken statistisch signifikant.
Einigkeit besteht darüber, dass es keine wissenschaftlich valide Methode gibt, um einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen einer Abtreibung und späteren psychischen Folgen sicher nachzuweisen oder auszuschliessen. «Wir haben da ein methodisches Problem: Man müsste eine Gruppe von Frauen mit völlig gleichen Voraussetzungen und nach dem Zufallsprinzip entweder einer ‹Abtreibungsgruppe› oder einer ‹Geburtsgruppe› nach ungeplanter/ungewollter Schwangerschaft zuweisen, ohne dass die Frau oder der Arzt wissen, wer welcher Gruppe zugeordnet wurde. Das Design dieser randomisiert kontrollierten Doppelblindstudie ist in diesem Fall völlig unbrauchbar und auch aus ethischen Gründen abzulehnen», erklärt Susanne Kummer.
Schlussfolgerungen
Die Autoren der IMABE-Studien kommen zum Ergebnis, dass Frauen ein Recht auf Aufklärung über mögliche psychische Folgen, einen sicheren Zugang zu Alternativen und eine psychologische Nachbetreuung hätten. Aus Public-Health-Perspektive sollten sich die Bemühungen darauf konzentrieren, die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren. Zudem sollten politische Entscheidungsträgerinnen und -träger den Rechtfertigungsgrund «Schwangerschaftsabbruch zum Schutz der psychischen Gesundheit der Frau» überdenken, da er sich auf keine wissenschaftliche Evidenz stützen kann.
In ihren «Ethischen Schlussfolgerungen» (S. 80) legen die Autoren den Finger auf einen wunden Punkt: Im Hinblick auf die Moralität der Abtreibung zähle nur noch, ob eine Abtreibung die psychische Gesundheit von Frauen fördert oder ob sie ihr schadet. «Die prinzipielle Debatte wird damit durch konsequenzialistische und utilitaristische Überlegungen ersetzt. Die Moralität der Tötung von Ungeborenen lässt sich jedoch nicht über die negativen, neutralen oder positiven Folgen für die Beteiligten bewerten.»
Susanne Kummer / Johannes Bonelli / Walter Rella, Schwangerschaftsabbruch und Psyche. Eine qualitative Studienanalyse. Studienreihe IMABE, 2023. https://www.imabe.org/publikationen/studienreihe-imabe/schwangerschaftsabbruch-und-psyche-eine-qualitative-studiennalyse)