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Paul Engelhards erster Motorflug der Schweiz in St. Moritz 1910. (Bild: ETH-Bildarchiv)
Für fast keine Erfindung war ein derart enormer Aufwand notwendig, wie für die Entwicklung erster Flugkörper. Der Traum vom Fliegen war denn auch seit jeher ein menschlicher und wurde schon früh literarisch festgehalten. 1948 schrieb Walter Dollfuss erstmals ein Buch, wie Menschen diese Flugfantasien auslebten. Diese reichten von der Antike bis zu Leonardo da Vincis genialen Flugmaschinen und weiter zu den ersten Ballon- und Gleitflügen der Moderne. Zahlreiche Publikationen haben seither versucht, die Geschichte der Fliegerei zu dokumentieren. Ein Standardwerk stammt von Erich Tilgenkamp und wurde bereits 1942 publiziert.
Fliegen als Ausdruck und als Lebensgefühl der Freiheit und zum Nutzen der Menschheit war schon immer ein Ideal der Erfinder und Tüftler gewesen. Im Grunde bestand schon seit dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright 1903 – oder ihres Vorbilds R. Whitehead 1901 – dieser friedliche Traum vom Abheben, der dann einerseits durch die militärische Nutzung der Aviatik während der beiden Weltkriege verpuffte, anderseits jedoch gerade wegen des technischen Fortschritts eine Vielzahl neuer Flugapparate hervorbrachte.
Die Schweiz blieb anfänglich bis ungefähr 1920 eine Nebenbühne dieser technischen Entwicklungen. In der Zwischenkriegszeit holte sie dann technologisch auf und erfuhr ab 1945 einen Entwicklungsschub. In der frühen Schweizer Aviatik-Historie gibt es viele bündnerische Fakten, Taten oder Wagnisse einzelner Piloten, die wir hier schildern.
Erste Mittelholzer-Flugaufnahme des Piz Roseg 1919. (Bild: ETH-Bildarchiv)
Als im September 1906 der erste Gasballon Cognac des Aero-Clubs Schweiz auf Einladung von H. L. v. Gugelberg das Schloss Salenegg bei Maienfeld überflog, war die militärische Bestimmung der Luftfahrt durch die einige Jahre zuvor gegründete Schweizerische Ballonkompagnie schon vorbestimmt. Der Ballonführer Victor de Beauclaire (1874–1929) war einer Einladung seines Bündner Freundes gefolgt. Beauclaire hatte schon 1896, also in jungen Jahren, mit einer waghalsigen Skitour als erster Alpinist den Oberalpstock erklommen. Mit seinem Freund, dem ETH-Ingenieur Gugelberg, stieg er dann selbst oft in die Lüfte. So fuhren sie unter anderem 1909 zusammen mit Erich Messmer im Ballon «Helvetia» von St. Moritz bis nach Böhmen. Flugzeuge waren zu dieser Zeit nicht in der Lage, solche Strecken zu fliegen.
Abraham Boner verunglückte 1927 in Dübendorf. (Bild: G. Capol/Fam. Boner)
Die Technologie der Schweizer Aviatik kam in der Frühzeit jeweils von Zürich oder aus dem Ausland. Vorteilhaft waren dabei die ersten Gasballone, deren Hüllen man mit einer Gummilösung dicht verklebt hatte, um in grössere Höhen fahren zu können. Ballonfahrten waren jedoch immer risikohaft. Erste kürzere Ballonfahrten in den Kurorten Arosa, Davos und St.Moritz hatten trotzdem auch mutige, weibliche Begleitung an Bord. Ab 1925 und auch bei den ersten touristischen Rundflügen z. B. des bekannten Flugpioniers Walter Mittelholzer waren ebenfalls häufig Frauen an Bord. Beim ersten längeren Motorflug der Schweiz des deutschen Paul Engelhard (1868 – 1911) auf dem gefrorenen St. Moritzersee am 25. Februar 1910 war die zivile Fliegerei zudem noch zu gefährlich für regelmässige Rundflüge. Der Pionier wollte u. a bei den Kurgästen des Oberengadins Werbung für eine eigene Flugschule machen. Tragischerweise verunglückte dabei der Flugschüler Dr. Amsin tödlich. Kurze Zeit nach dem ersten Bündner und Schweizer Motorflug stürzte Engelhard in Berlin ebenfalls zu Tode. Eine Bündner Flugschule war damit hinfällig geworden. Erst Jahre später wurde dann mit Segelflügen und Militärflügen ein regelmässiger Flugbetrieb im Engadin eingerichtet und 1937 in Samedan ein fester Flugplatz eingeweiht.
Grosses Erstaunen gab es im Juni 1919, als ein Doppeldecker mit dem bekannten Piloten Oskar Bider (1891–1919) in Plarenga bei Ems landete. Im Juli flogen dann Walter Mittelholzer und Alfred Comte (es war sein 7000. Flug gewesen) erneut über Bündner Gebiet. Das Fliegen war seitdem etwas Alltägliches geworden, brachte jedoch immer wieder viele Bündner zum Staunen.
Privates Sponsoring war damals schon wichtig. In den Goldenen Zwanzigerjahren bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 gab es genug Kapitalgeber für neue Flugunternehmungen und Flugrekorde – hohe Preisgelder winkten den Piloten. Auch das Militär flog Rekorde. So kam es zum ersten Gletscherflug aufs Jungfraujoch. Dann flog der Bündner Pilot Hans Luzi Bärtsch aus Furna als erster mit einem Comte-Eindecker über 10 000 Höhenmeter hinaus. Fast gleichzeitig war der erste deutsche Zeppelin nach Amerika unterwegs. Einige Churer vermeinten am 28. September 1929, einen solchen hoch über ihrer Stadt gesichtet zu haben und winkten ihm begeistert zu. Die Flugbegeisterung war derart gross, dass man dann auch in Chur 1929 Schauflüge auf dem Rossboden veranstaltete. Zur Freude des Publikums landeten nach der Churer Flugschau drei Fliegerkompagnien in Domat/Ems auf den ungemähten Wiesen. Das Risiko war einschätzbar geworden, das Fliegen populär.
Walter Mittelholzer und eine Gruppe Fluggäste mit einer Fokker-Maschine in St. Moritz ca. 1935. (Bild: ETH-Archiv)
Bereits 1918 waren im Engadin erste Flugpläne für eine private Fluggesellschaft geschmiedet worden. Ziel der Initianten Mittelholzer, Bider und Comte war es, reiche Kurgäste direkt ins Engadin zu befördern. Dies scheiterte jedoch anfänglich an mangelndem Interesse. Geplant waren dabei auch Zwischenlandungen in Davos oder anderswo. Stärkere Dieselmotoren mit mehr Schub hatten es bereits möglich gemacht, innert einer Stunde von Zürich nach Samedan zu fliegen. Landungen gab es aber auch in Chur, Domat/Ems, Davos, Arosa, Lenzerheide und im August 1919 notfallmässig im Bündner Oberland bei Surrein. Fliegen war pures Risiko!
Beliebt waren Alpenrundflüge, die den Gästen im Oberengadin angeboten wurden. Nachdem 1927 Charles Lindberg als erster Mensch mit seiner Spirit of St. Louis den Atlantik überquert hatte, wurde europaweit die Aviatik vermehrt beachtet. Kurvereine und selbst Städte wie Chur und Maienfeld planten feste Start- und Landeplätze. Der erstmals 1909 mit dem Ballonbrevet ausgezeichnete Oberst von Gugelberg wurde 1928 vom Schweizer Aero-Club erneut geehrt für seine Verdienste bei der Entwicklung der Luftfahrt. Derweilen war Walter Mittelholzer bereits weltweit unterwegs und bildete in Dübendorf u. a. auch erste Bündner Piloten aus. Er hielt zudem fleissig Vorträge und propagierte den Bau weiterer Bündner Flugplätze, so auch auf der Matte in Davos 1933. Arosa stellte im Winter 1934 ein eigenes Flugzeug in den Dienst des Fremdenverkehrs. In St. Moritz landete 1933 der bekannte deutsche Sportflieger Ernst Udet nahe der Diavolezzahütte bei Aufnahmen für den Film «SOS Eisberg». Zivile Alpenflüge wurden spätestens ab diesem Zeitpunkt auch medial vermarktet.
H. L. von Gugelberg-von Moos (1874–1946) war Ingenieur und Flugpionier der ersten Stunde. (Bild: Familienarchiv Salenegg)
Die Kunst des Fliegens forderte aber auch viele Opfer. Zu diesen tragischen Helden zählt J. Hansemann aus St. Moritz, der 1919 im Thurgau auf ein Gasthaus abstürzte. Viele Pioniere verunglückten jedoch während der militärischen Ausbildung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten dann erfahrene, zivile Bündner Piloten wie der St. Moritzer Hotelier Fredy Wyssel die Alpenfliegerei populär gemacht. Zu den Bündner Pionieren des Segelflugs gehörte der Churer Gottlieb Siegrist, der von Anfang an immer dabei war, so auch bei Rettungsaktionen. Er förderte in Graubünden die zivile Fliegerei und veranstaltete Flugkurse am Churer Joch. Als Aufklärer war er während des Zweiten Weltkriegs bei Lufteinsätzen im Grenzgebiet dabei – später dann bei Rettungsaktionen aktiv, da der Ruf nach einer alpinen Luftrettung immer lauter wurde. Ab 1940, nachdem der Sikorsky-Flugschrauber auch in den Alpen abhob, kam es dann auch in den Bündner Bergen zu ersten Rettungen mit Flugzeugen, Gleitskiern und Helikoptern. Die Kunst des Fliegens stand damit in der Gunst der Geretteten.