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Im Kishacoquillas Valley in Pennsylvania ist es Winter, und es ist unbeschreiblich kalt. Seit Tagen fegt ein eisiger Wind durch das Tal und erhöht das Kältegefühl noch weiter. Wie jeden Morgen werde ich gegen fünf Uhr vom üblichen Geräusch geweckt: ein rhythmisches und schnelles Klackkla, Klackkla, Klackkla, Klackkla, Klackkla, Klackkla. Es sind die Hufe eines trabenden Pferdes, das eine Amischkutsche über den Asphalt zieht. Das Kishacoquillas Valley ist 43 Kilometer lang und 4 Kilometer breit und fernab von Touristenrouten. Es wurde nach einem Shawanee-Häuptling benannt, der im Jahre 1700 dort lebte. Das Tal wird auch häufig Big Valley oder Kish Valley genannt, aber es ist hauptsächlich als Amish Valley bekannt. Hier leben etwa 15 000 Menschen in Frieden und Harmonie: 3900 von ihnen sind Amische. Sie gehören zu den Traditionellsten in ganz Nordamerika. Sie pflegen heute noch die gleichen Traditionen und Riten wie vor dreihundert Jahren, haben dieselben Überzeugungen und Werte wie damals. In ihren Häusern gibt es keinen Anschluss ans Stromnetz und keinen direkten Wasseranschluss, sie verwenden immer noch Öllampen und Handwasserpumpen. Lassen wir die romantische und idyllische Darstellung des amischen Lebens, wie es aus Filmen übermittelt wird, beiseite und auch das Lächeln der amischen Kinder, das uns von einigen Fotografien bekannt ist: In Realität ist das tägliche Leben dieser Glaubensgemeinschaft enorm hart und besteht vor allem aus Opfern. Stellen wir uns ein Leben ohne Autos, Computer, Mobiltelefone, Internet, Radio, Fernseher vor, ein Leben ganz ohne Technologie. Undenkbar. «Alle diese Dinge könnten sich negativ auf unsere Werte auswirken. Sie stellen ein grosses Risiko für unsere Gemeinschaft und für unsere Kinder dar», erklärt Jesse Detweiler, ein alter Renno-Amischer, der sich bereit erklärt hat, mit mir zu sprechen. Die Glaubensgemeinschaft der Amischen in diesem Tal ist in drei Gruppen unterteilt, die schwer zu unterscheiden sind. Äusserlich gibt es kleinere Abweichungen beim Kleidungsstil, aber besser zu erkennen sind die Gruppen an der Farbe des Verdecks ihrer Pferdekutschen.
Die Renno werden «Black Toppers» genannt und fahren einen Buggy mit schwarzem Verdeck. Mit über 300 Familien sie sind die grösste amische Gruppe im Tal. Die Byler heissen auch «Yellow Toppers», fahren einen Buggy mit gelbem Verdeck und sind mit zirka 130 Familien die zweitgrösste amische Gruppe. Die Nebraska-Amischen oder «White Toppers» bilden mit 100 Familien die kleinste Gruppe, gelten jedoch heute als die konservativste. Die Gruppenaufteilung der Amischen ist nicht auf ihre Religion an sich zurückzuführen, sondern vielmehr auf die unterschiedlichen Regeln, die im täglichen Leben zu befolgen sind, d.h. was für die Gemeindemitglieder erlaubt ist und was nicht. Die Amischen nennen ihr Regelwerk «Ordnung» und jede amische Gruppe besitzt ihre eigene.
In der Schweiz verwurzelt
Im Deutschen Reich führte zwischen 1693 und 1697 ein Schisma in der christlich-religiösen Bewegung der Mennoniten zur Abspaltung der Amischen, einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, bekannt auch als Anabaptisten. Der Name «Amisch» bzw. «Ammisch» leitet sich vermutlich vom Namen ihres Gründers Jakob Ammann ab. Zu dessen Identität gibt es verschiedene Theorien, doch lässt es sich bis heute nicht eindeutig feststellen, wer Jakob Ammann genau gewesen ist. Es ist jedoch gesichert, dass Jakob Ammann aus dem Kanton Bern stammte und den Amischzweig der Mennoniten durch ein Schisma gründete, welches er 1693 im Kanton Bern veranlasste.
Viele der häufigsten Familiennamen der Amischen lassen sich auf Schweizer Vorfahren zurückführen. Der Familienname «Zook» beispielsweise stammt ursprünglich aus Signau im Kanton Bern. Unter den Namensvettern befanden sich Caspar Zougck, einer der Täufer, der in der Berner Debatte von 1538 gesprochen hatte, Uli Zougg, ein Prediger im Kanton Bern, der 1644 inhaftiert wurde, und Hans Zoug/Zug, dessen Enkel Christian, Moritz und Johannes Zug 1742 nach Philadelphia kamen und direkte Vorfahren der heutigen Zookfamilien sind.
Ein weiterer häufiger Familienname ist «Yoder», auch ein alter Schweizer Familienname aus dem Kanton Bern. 1531 wurde ein gewisser Heini Joder in Basel für das Verbreiten der Täuferdoktrin inhaftiert. Berner Aufzeichnungen zeigen, dass auch andere Joder im 17. Jahrhundert Täufer wurden.
Die Freikirchen der Mennoniten, und später der Amischen, können zu den ersten christlich-pazifistischen religiösen Bewegungen gezählt werden. Sie waren auch die ersten religiösen Bewegungen, welche die vollständige Trennung von Kirche und Staat verlangten. Die Amischen sind noch heute strikte Pazifisten und lehnen jede Form von Gewalt ab. Deshalb leisten sie auch keinen Militärdienst.
In einem Europa geprägt von Krieg und täglichen Kämpfen war es gerade ihre friedliche und gewaltfreie Form, in Kombination mit der Verweigerung der Wehrpflicht, die dazu führte, dass diese religiösen Bewegungen sowohl von der römisch-katholischen Kirche als auch von den verschiedenen Königen verfolgt wurden. Um den Verfolgungen zu entkommen, kehrten Mitglieder der Glaubensgruppen ihrer Heimat den Rücken und wanderten in die Fremde aus. Die erste Migration der Amischen in die Vereinigten Staaten, in den Bundesstaat Pennsylvania, lässt sich auf das Jahr 1720 zurückdatieren.
Der Staat wurde 1681 von William Penn gegründet, einem englischen Adligen, der Privilegien von der englischen Krone geerbt hatte und die Kolonie nach Pennsylvania («Waldland von Penn», von lat. silva = Wald) benannte. Der zum Quäkertum konvertierte Penn hatte selbst die Verfolgung seiner Glaubensgruppe in England erlebt und entschied, dass in seiner Kolonie die vollständige Glaubensfreiheit für alle Einwohner geschaffen werden müsse.
Gerade diese Entscheidung dürfte die Einwanderung verfolgter Glaubensgruppen aus Europa gefördert haben, insbesondere aus den deutschsprachigen Gebieten, wo die Amischen damals verschiedene Regionen der Pfalz, des heutigen Gebiets von Baden-Württemberg, einen Teil der Schweiz und des Elsass bewohnten. Es ist interessant festzustellen, dass noch heute alle Amischgemeinden in Nordamerika untereinander Altdeutsch sprechen, genauer: einen ursprünglich pfälzischen Dialekt, der Pennsylvania-Dutch (Pennsylvania-Deutsch) genannt wird. Sowohl die heiligen Schriften als auch die heiligen Liederbücher, die für die Sonntagszeremonien verwendet werden, sind in diesem Altdeutsch geschrieben.
Ein neues Wirtschaftsmodell
Es ist nur mehrerer guter Kontakte im Tal zu verdanken, dass ich mit einer Begleitung einige amische Familien besuchen und mit ihren Mitgliedern sprechen kann. Einer davon ist Jesse Detweiler. Der geschätzt 70-Jährige erwartet uns schon. Er ist ein Renno-Amischer und hat zugestimmt, mich zu treffen und mit mir zu sprechen. Unter einer Bedingung: Ich darf keine Fotos von ihm machen. Das Bilderverbot sei in der Bibel festgeschrieben, und sich fotografieren zu lassen sei sowohl gegen den Glauben als auch ein Symbol von Eitelkeit. Aus diesem Grund besitzen Amische keine Dokumente mit Bildern, d.h. keine Personalausweise und keine Reisepässe. Detweiler hat einen langen Bart wie fast alle amischen Männer. Der Bart ist ein Zeichen dafür, dass er verheiratet ist.
Detweilers Farm ist die älteste im Tal und wurde im Jahr 1793 gebaut. Er begrüsst uns in seiner kleinen Tischlerei, die sich direkt neben seinem Haus befindet. Die meisten Amischen empfangen Nichtamische für gewöhnlich nicht in ihrem Haus, und selbst Freundschaften mit Nichtamischen werden kritisch gesehen. «Ein Nichtamischer stellt immer ein grosses Risiko für unsere Gemeinschaft dar», erklärt Detweiler. Er begrüsst mich jedoch herzlich mit einem Händeschütteln und freut sich, ein paar deutsche Wörter mit mir austauschen zu können. Die Familie Detweiler lebt seit zehn Generationen in Nordamerika, genauer: seit ihr Vorfahre Melchior im Jahr 1736 ausgewandert ist. Auf ein Blatt Papier schreibt Detweiler die Namen seiner Vorfahren: Melchior, Rudolph, Christian, Jacob, Christian, Levi, Noah, Samuel, Jesse und jetzt Jesses Kinder. 10 Kinder. Amische Familien sind zumeist kinderreich, sie zählen zwischen 5 und 12 pro Familie. So verdoppelt sich die Gemeinde etwa alle 15 Jahre. «Hier werden die Bauernhöfe und die Schulden vom Vater an den Sohn weitergegeben, bis irgendwann alles ausbezahlt ist. Wir Amischen haben kein Rentensystem, unsere Kinder sind alle zusammen unsere Rentenversicherung und helfen uns im Alter», erklärt Detweiler. Nur so ist es überhaupt möglich, sich eine Farm in der Gegend leisten zu können. Da der Boden im Big Valley sehr fruchtbar sei, könne eine gute Farm über eine Million Dollar kosten.
Ich schaue mich in der Tischlerei um, alles hat hier seine Ordnung. Ich sehe, dass Detweiler gerade Holzspielzeug baut. Auf meine Frage, ob die Tischlerei sein Hauptberuf sei, erklärt er mir, dass die Landwirtschaft und Viehzucht eigentlich die beiden Haupttätigkeiten aller Amischen seien, die Tischlerei aber als zusätzliche Unterstützung einer grossen Familie diene. Zwei von Detweilers Kindern und deren Familien leben ebenfalls auf dem Bauernhof.
Wegen der Krise im Agrarsektor und dem Preisverfall bei Getreide und Milch waren die Detweilers, wie auch andere Amischfamilien im Tal, gezwungen, ihr Wirtschaftsmodell zu ändern. «Vor einigen Jahren mussten viele amische Familien das Kishacoquillas Valley verlassen, in andere amerikanische Staaten auswandern und ihre kleinen Farmen hier verkaufen», erzählt Detweiler. Die begrenzte Grösse ihrer Farmen hätte einen das Überleben sichernden landwirtschaftlichen Prozess nicht weiter garantieren können. Mit der darauffolgenden Konzentration durch die Fusion mit anderen Farmen gelang es aber, optimale Dimensionen zu erreichen, um zu überleben. «Unsere Werte sind Arbeit und Familie. Geld ist uns nicht so wichtig, wie es dir wahrscheinlich ist», meint Detweiler. Alles, was die Amischen produzierten, müsse zuerst für die eigenen Familien produziert werden – nur über den Bedarf hinausgehende Produkte würden an Dritte verkauft. «Ohne unsere Werte zu vernachlässigen oder zu verzerren, versuchen wir, von einer rein landwirtschaftlichen Wirtschaft zu einer Wirtschaft der Transformation und Verarbeitung, wie im Holzsektor, überzugehen, und dieses Business wächst!» So hätten andere Familien im Tal mit der Produktion von Back- oder Süsswaren begonnen, gefolgt von der Vermarktung auch ausserhalb des Tals. Die traditionellen landwirtschaftlichen Erzeugnisse seien zu 100 Prozent Bioprodukte von ausgezeichneter Qualität, deren Wert mehr geschätzt werden müsse.
Nach dem Gespräch mit Jesse Detweiler entsteht bei mir der Eindruck, dass die Amischen versuchen, der technologischen Entwicklung zu widerstehen. Die grosse Frage bleibt jedoch, wie lange sie diesen Widerstand noch leisten können. Einige Amische beginnen mit einer Genehmigung des Bischofs Telefone und Mobiltelefone zu benutzen, um wirtschaftliche Aktivitäten weiterführen oder weiterentwickeln zu können. «Benutzen», aber nicht «besitzen», denn Amische dürfen keine Eigentümer von Telefongeräten sein. So läuft der Handyvertrag auf eine amerikanische Familie im Tal, die die Rechnung zuerst bezahlt. Später begleichen die Amischen sie dann. Sehr oft wird das Handy absichtlich in der Garage der amerikanischen Familie deponiert. Für dieses Verhalten gibt es keine nachvollziehbare Logik, es ist einfach die «Ordnung», die es strikt zu befolgen gilt!
In Frieden miteinander leben
Jesse Detweiler weiss, dass die Regeln seiner Gemeinschaft sehr streng sind, und doch weist er mich darauf hin, dass es eben kein Zwang sei, Teil davon zu sein. So gibt es das «Rumspringa», eine begrenzte Zeit, bevor junge Amische getauft werden. «Erst mit der Taufe treten sie offiziell in die amische Gemeinde ein. Während des Rumspringas probieren sie alles aus, was normalerweise in unserer Ordnung verboten ist.» Am Ende dieser Zeit kommt es zur Entscheidung. Detweiler betont: «Einer völlig freien Entscheidung.» Entweder werden die jungen Amischen getauft oder sie müssen ihre Familien verlassen. Auch wenn sie die amische Gemeinde verlassen müssen, sei es wichtig, die Tür für sie offen zu lassen. Denn vorausgesetzt, dass die Ordnung respektiert wird, sollen sie die Möglichkeit haben, zurückkehren zu können.
«In Frieden miteinander zu leben ist unser Ziel», sagt Detweiler, «nicht nur in unserer Gemeinschaft, sondern auch mit Leuten ausserhalb und mit anderen Religionen. Wir akzeptieren den Willen Gottes. Wir führen keinen Gerichtsprozess, gegen niemanden. Im Gegenteil, wir versuchen eine friedliche Lösung zu finden.»
Die Amischen haben kein Kirchengebäude, keine Kruzifixe, verehren weder Heiligen- noch Marienbilder. Jeden zweiten Sonntag versammeln sie sich auf einem Bauernhof. «Das ist unsere Kirche und dort feiern wir zusammen die Liturgie und lesen alte Bibeln in deutscher Sprache», erzählt Detweiler. Sobald die Liturgie vorbei ist, essen die ungefähr 100 Amischen zusammen eine Mahlzeit. Wenn die Gruppe mehr als 100 Personen umfasst, teilt sie sich fast automatisch auf und eine neue Kirche wird auf einer anderen Farm gegründet.
Gemeinschaft verlassen
Rachel Swartzentruber gehört zu den wenigen Amischen, die sich entschieden hat, ihre Gemeinschaft zu verlassen. Ich treffe sie in ihrem Haus, das noch immer im Kishacoquillas Valley steht. Ihre Eltern hingegen verliessen das Valley 1963 und zogen nach Oakland, um dort eine eigene Ordnung zu gründen. Diese war weniger strikt und erlaubte den Gebrauch von Telefonen und Elektrizität. 1962 heiratete Swartzentruber ihren Mann Ernie. Gemeinsam fuhren sie als Lastwagenfahrer durch ganz Amerika. «Wir wechselten uns beim Fahren ab – so schafften wir es non-stop in 2,5 Tagen von Kalifornien nach New York.»
Es waren die strengen Regeln, die Swartzentruber 1960 dazu bewegten, als 19-Jährige der amischen Gemeinschaft den Rücken zu kehren: «An einem Sonntag, in einer extrem kalten Nacht, sass ich frierend in unserer Kutsche, und ein Auto fuhr an uns vorbei. Da dachte ich mir: Wenn ich in diesem Auto sässe, dann hätte ich warm. Das war ein wichtiger Wendepunkt für mich: Nicht mehr in Kutschen zu fahren und die Entscheidung zu treffen, meine Gemeinschaft zu verlassen.»
Swartzentruber pflegt noch heute eine innige Beziehung zu ihrer Familie und zur amischen Gemeinschaft. Einige ihrer sechs Geschwister sind noch Teil davon, andere nicht mehr. Ihr Bruder Samuel beispielsweise verliess die Gemeinschaft 1970. «Es ist nicht selbstverständlich, dass ich nach meinem Austritt noch so guten Kontakt mit meiner Familie haben kann», erklärt Rachel. Das sei nur möglich gewesen, da sie nie getauft wurde und daher nicht der amischen Kirche beigetreten sei.
Wie unsere Grossmütter
Die Familie Zook gehört zur Nebraska-amischen Gruppierung, zu den «White Toppers». Ihre Farm liegt an den Hängen eines Hügels und ist von Wald umgeben. Der Ort ist für mich einer der schönsten im Tal. Neben dem Haus befindet sich das Familienunternehmen «Zookʼs Sägewerk», in dem ungefähr 20 Leute arbeiten.
Lizzie Zook, geborene Yoder, ist sehr freundlich und gewährt uns Einlass. Da das Haus von amischen Tischlern komplett aus Holz gebaut wurde und eine aussergewöhnliche Verarbeitung hat, ist das Betreten etwas Besonderes und vielleicht Einzigartiges. Wir treten ein und befinden uns direkt in einem grossen L-förmigen Raum. Die Einrichtung ist minimalistisch. Küche und Essgelegenheit befinden sich auf der einen Seite des Raums, auf der anderen Seite befinden sich so etwas wie ein Arbeits- und ein Wohnraum. Ein paar Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster und lassen den Innenraum einladend warm erscheinen. Dennoch wirkt das Haus wegen des braunen Holzes und des fehlenden Stroms etwas dunkel. Lizzie Zook ist 44 Jahre alt und hat 7 Kinder. Bei unserem Besuch ist ihre Tochter Lizzie anwesend. Das Mädchen scheint fasziniert von meiner Kamera zu sein.
Die Rolle der amischen Frau unterscheidet sich nicht von der unserer Gross- oder Urgrossmütter. Sie muss dem Mann gehorchen, wie es die Bibel vorschreibt. Deshalb führen amische Frauen nur traditionelle Aufgaben aus: Hausfrau und Mutter sein, d.h. Kindererziehung, Kochen und Putzen. Frauen helfen, den Gemüsegarten anzubauen, den jede amische Familie in der Nähe der Farm besitzt. Zook ist zudem eine sehr gute Stickerin – eine aussergewöhnliche und langwierige Handarbeit, die nur bei gutem Tageslicht ausgeführt werden kann. Sie stickt jedoch nur auf Bestellung und nutzt einen Stickrahmen, der von ihrem Ehemann gebaut wurde. Er besteht aus Holz, ist vollständig handgefertigt und befindet sich in der Nähe des Fensters, so dass in den Wintertagen die wenigen Stunden Licht optimal genutzt werden können. Zook setzt sich und beginnt zu sticken. Ihre Tochter sitzt daneben, beobachtet sorgfältig jede ihrer Handbewegungen und versucht, etwas zu lernen. «Lizzie ist heute nicht zur Schule gegangen, weil sie Fieber hat», erklärt Zook. Das Mädchen besucht die erste Klasse einer der vier amischen Schulen in der Nähe. Mit einem Kopfnicken bestätigt Zook, dass die amischen Gruppen separierte Schulen besitzen. Seit Anfang der siebziger Jahre besässen die Amischen Schulautonomie und ein eigenes Schulsystem, ein Entscheid des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten. «Unsere Jungen und Mädchen besuchen nur Amischschulen mit Amischlehrern und wir benutzen unsere eigenen Bildungsprogramme. Wir wollen eine Schule mit Schulprogrammen, die unsere Kinder vor der Aussenwelt schützen können.» Alle Kinder von der ersten bis zur achten Klasse besuchen eine gemeinsame Klasse, einen sogenannten «One Classroom». Nach der achten Klasse gehen die Jungen zur Arbeit und die Mädchen bleiben zu Hause. «Es gibt keine anderen Möglichkeiten, und daher gehen unsere Kinder weder aufs College noch zur Universität», erklärt Zook.
Eine besondere Sozialstruktur
Die amische Glaubensgemeinschaft mit ihrer mehr als 300jährigen Existenz hat eine ganz besondere mikrosozioökonomische Struktur. Erst durch ihr Studium können wir verstehen, wie diese Gemeinschaft, die noch vor einigen Jahren fälschlicherweise als dem Untergang geweiht galt, heute trotz der Ablehnung aller Arten von Technologie wächst und gedeiht.
Eine Studie des Elizabethtown College schätzt, dass die Amischen heute konzentriert in ungefähr 585 Siedlungen leben, verteilt auf 31 Bundesstaaten in Nordamerika, 4 kanadische Provinzen und Südamerika, wie beispielsweise Argentinien und Bolivien – ausschliesslich ausserhalb Europas. Anfang der 90er Jahre wurde die Anzahl der Amischen auf ungefähr 125 000 geschätzt. Heute hingegen haben sie eine Bevölkerungszahl von ungefähr 350 000 erreicht. Davon leben 325 000 in Nordamerika. Die von mir besuchte Amischsiedlung «Mifflin County» im Kishacoquillas Valley ist heute die neuntgrösste Amischsiedlung in Nordamerika.
Es ist gerade ihre besondere Familienstruktur – die grossen Familien und der starke familiäre Zusammenhalt –, die diese Glaubensgemeinschaft von aussen so unangreifbar macht. Das sind die beiden Faktoren, die nicht nur in diesem Tal das exponentielle Bevölkerungswachstum der Amischen ermöglicht haben. Das völlige Fehlen von Scheidungen verstärkt die Stabilität noch weiter, und trotz der «Versuchungen» der Aussenwelt entscheiden sich nur wenige, die Gemeinschaft zu verlassen.
Die Konzentration auf eigene Schulen vergrössert die Distanz zur Aussenwelt, eine Distanz, welche die Gemeinschaft vor Risiken und Störungen bewahrt und beschützt. Aber gerade das ist vielleicht ihr Glaube und Wunsch: Bewahren, um zu wachsen.