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Der Künstler Philipp Schaerer (*1972, Zürich und Steffisburg) ist ein Wandler zwischen virtuellen und materiellen Welten. Jedes seiner Werke zeigt, wie die Digitalisierung unsere Wahrnehmung prägt und die Grenzen zwischen virtueller Realität und materieller Objektwelt zusehends verwischt. Aufgewachsen in der Zeit der digitalen Revolution, interessiert ihn das Aufeinandertreffen verschiedener Produktionstechniken und die Verschiebungen, die dabei entstehen. Sein Hauptaugenmerk liegt auf Abbildungsverfahren und Bildstrategien. Er setzt ein breites Repertoire an digitalen Techniken für den Bau seiner Bilder ein. Dabei orientiert er sich an analogen visuellen Traditionen und geht spielerisch mit Fragmenten und Referenzen um.
Sein erstes Werk sieht von Weitem aus wie ein flirrender Teppich. Tausende von Miniaturen reihen sich aneinander, keines grösser als ein Daumennagel. Sie formen Linien und Absätze, einen chiffrierten Text. Die horizontalen Bänder wirken aber auch wie geologische Schichten, Ablagerungen aus digitalen Bildern. Das →«Diary» ist ein Tagebuch, das Philipp Schaerer seit 2005 kontinuierlich fortschreibt. Es erzählt von den Bildern, die der Künstler in einer eigens entwickelten Datenbank sammelt und katalogisiert. Sie sind das Arbeitsmaterial für seine Werke, in denen er das Verhältnis der digitalen zur materiellen Welt reflektiert.
Philipp Schaerer zerschneidet Architekturen und erfindet aus verschiedenen Fragmenten neue (u.a. →«Ornament & Découpage», 2019; →«Capriccio Series», 2015); er überzieht ganze Räume mit Texturen (→«Raummodelle», 2008), zoomt, bis sich das Bild in seine Pixel auflöst (→«Korn», 2013) oder erschafft mit den Werkzeugen des Computers eigene Objekte und Landschaften (u.a. →«Mines du Jardin», 2012; →«Nature morte», 2010/11).
Bekanntheit erlangte Philipp Schaerer bereits mit seiner ersten Serie →«Bildbauten» (2007–2009), die international in Ausstellungen gezeigt wurde. Sie markiert einen Bruch mit der Ästhetik von Architekturvisualisierungen, wie sie der gelernte Architekt Anfang der Nullerjahre für die Wettbewerbsbeiträge von Herzog & de Meuron geschaffen hatte. Die aus verschiedenen Flächen entworfenen «Bildbauten» meiden die Verführungskraft von Dreidimensionalität, atmosphärischen Lichtstimmungen und Menschen. Sie haben ihre eigene Existenz, sind keine Stellvertreter von geplanten oder vollendeten Gebäuden.
Und trotzdem ist man versucht zu glauben, dass sie real existieren könnten. Der Künstler spielt bewusst mit der Täuschung der fotorealistischen Ästhetik oder dekonstruiert sie. Für «Ornament & Découpage» benutzte er historische Archivaufnahmen, die uns einen dokumentarischen Anspruch suggerieren, und setzte abstrakte, fiktive Architekturen hinein. In →«Leerstellen» (2013/2016) brach er mit schwarzen Flächen die Linearperspektive. Im Werk →«Niesen» (2016) legte er das 3D-Modell offen, bevor der Computer das Bild wie einen Stoff darüber zog. Und in «Mines du Jardin» unterbrach er den Rechenprozess, sodass die Pflanzenwelt mit schwarzen Pixeln durchsetzt geblieben ist.
Diese künstlerische Auseinandersetzung erinnert an die Geschichte der Fotografie: so befreiten die Piktorialisten mit experimentellen Druckverfahren und Eingriffen in das Negativ das neue Medium von seiner rein abbildenden Funktion. An den digitalen Bildern kritisiert Philipp Schaerer die vorherrschende fotorealistische Ästhetik. Er widersetzt sich ihren ort- und körperlosen Scheinwelten, die von den Applikationen multipliziert und verbreitet werden. Und man gewinnt den Eindruck, als würde er versuchen, dem digitalen Bild als künstlerisches Werk Integrität und Bodenhaftung zu verleihen.
Damit hat Philipp Schaerer seine Vergangenheit als Architekt und die Architektur als alleiniges Bezugssystem längst verlassen und sich in das Feld der Kunst und ihrer Geschichte begeben. Exemplarisch dafür stehen seine virtuellen Ansichten des Niesens. Sie schliessen an die Werke zahlreicher Künstler an, denen der Berg aufgrund seiner auffälligen Form seit dem 16. Jahrhundert als Modell gedient hat.
In seiner jüngsten Arbeit hat Philipp Schaerer sein Spektrum noch einmal erweitert. 2020 realisierte er gemeinsam mit dem Bildhauer Reto Steiner in Thun die Installation →«The Closet – Phantoms of Reality». Hatte er in →«Eglistrasse» (2015) Raster und andere ornamentale Muster auf einen realen Raum projiziert, ist «The Closet» seine erste Installation mit dreidimensionalen Skulpturen. Mit einem 3D-Stift gezeichnete Urinale sowie ein Lavabo schaffen das Phantombild einer öffentlichen Toilette. Zwar sind die Kunststoffdrähte echt und die Perspektive der Objekte kann nicht per Mausklick gewechselt werden. Doch erinnern die dreidimensionalen Zeichnungen so stark an Wireframes aus der Computergrafik, dass man das Gefühl nicht loswird, durch einen virtuellen Raum zu wandeln.