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26.08.2015 - Verqualmte Luft, durch Fäkalien verunreinigtes Wasser und mit Schlacke durchsetzte Böden machen krank. Die Industrialisierung bot reiches Anschauungsmaterial für die Wechselwirkungen zwischen belasteter Umwelt und gesundheitlicher Gefährdung. Argumente für den Schutz von Gesundheit und Natur lieferten Wissenschaft und Medizin – und die Erfahrungen ästhetisch sensibler Zeitgenossen.
Text: Lucienne Rey
«Hie und da bekomme ich leichte, oberflächliche Übelkeiten, wenn ich (...) diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. (...) Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht.» Schamhafte Personen taten sich schwer mit den in den Naturheilanstalten des frühen 20. Jahrhunderts propagierten Behandlungsmethoden. Zumindest legt ein Eintrag aus dem Tagebuch des berühmtesten Tuberkulosepatienten der Literaturgeschichte diesen Schluss nahe: Franz Kafka (1883-1924) hielt sich im Juli 1912 in der Kuranstalt Jungborn im Harz auf. Sie war 1895 vom ehemaligen Buchhändler Adolf Just (1859-1936) gegründet worden, der auf Lehmbehandlungen, Rohkost und viel Bewegung setzte, um die Gesundheit seiner Gäste zu stärken. Die gymnastischen Übungen hatten nackt zu erfolgen, denn auch Licht- und Luftbäder gehörten zum Konzept des Hauses; dieser Kleiderordnung freilich entzog sich Franz Kafka («Alles, bis auf mich, ohne Schwimmhosen»).
Schweizer Pionier der Naturheilkunde
Die Ehre des alternativmedizinischen Pioniers gebührt allerdings nicht Adolf Just, sondern dem Schweizer Arnold Rikli (1823-1906). In Wangen an der Aare (BE) als Sohn eines Färbereibesitzers geboren, sah er nach dem Eintritt in den elterlichen Betrieb seine Berufung zunehmend darin, kranke Arbeiter zu beraten. Schliesslich gründete er 1854 im ungarischen Veldes (heute Bled in Slowenien) eine Heilanstalt.
Arnold Rikli baute auf der Wassertherapie auf, wie sie seit den 1830er-Jahren etwa vom heilkundigen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) praktiziert wurde. Rikli erweiterte aber den hydrotherapeutischen Ansatz zu einer «atmosphärischen Cur», indem er kalte Aufgüsse und Dampfbäder mit Abhärtung, Training, einer vegetarischen Diät und intensiven Sonnenbädern verband. Dank diesen «atmosphärischen Wechselreizen» sollten die Patienten genesen. Die etablierte Medizin, die sich an den Theorien des autodidaktischen «Sonnendoktors» rieb, begann erst Ende der 1860er-Jahre, Lungenkranke mit Liegekuren im sonnigen Höhenklima zu behandeln. Die sogenannte Lebensreformbewegung dagegen wurde schon früh von Rikli inspiriert.
Der Begriff der Lebensreform kam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und schloss die Erneuerung sämtlicher Bereiche der Lebensführung ein. Genügsam, friedlich, frei von sozialen Zwängen und mit offenen Sinnen für das ungekünstelt Schöne sollten die Menschen leben. «Die damalige Vision einer ‹gesunden Gesellschaft› war umfassend», erklärt Matthias Stremlow von der Sektion Ländlicher Raum beim BAFU. «Dabei wurden beispielsweise Vorstellungen einer identitätsstiftenden heimatlichen Landschaft mit der gesundheitsfördernden Bewegung in der Natur und der Freiheit verknüpft. Kurz: Es ging um ein rundum gutes Leben.»
Zivilisation als Krankheit
Als Wegbereiter für die neue Wertschätzung der Natur gilt Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). In seinem 1761 erschienenen Werk «Julie ou la nouvelle Héloïse» prangerte er die Zivilisation an, die «industrie humaine», die jedes Verlangen des kultivierten Menschen («l’homme civilisé») erfülle, nur um ihn in einen «Abgrund neuer Bedürfnisse zu stürzen». Dagegen lobte der Dichter und Philosoph die stärkenden Kräfte der Natur: Im Gebirge falle das Atmen leichter, Erschütterungen des Gemüts fielen von einem ab, und überhaupt erstaune es, dass «Bäder in der gesunden und wohltuenden Luft der Berge nicht eines der grossen Heilmittel der Medizin und Moral» seien.
Auch die Schulmedizin begann, vor den negativen Seiten der zivilisatorischen Entwicklung zu warnen. Klar, dass es Ärzte der Britischen Inseln waren, wo die Industrialisierung ihren Anfang genommen hatte, die mit Nachdruck auf ungesunde Zeiterscheinungen hinwiesen. Auf dem europäischen Festland wurde der Ausdruck «Englische Krankheit» geläufig: Der Volksmund bezeichnete damit die Rachitis, eine Knochenerkrankung, die auf eine Unterversorgung mit Vitamin D zurückzuführen ist. Sie war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den grösseren Industriestädten weit verbreitet. Schuld daran war der Smog, der fatale Mix aus Nebel, Rauch und Russpartikeln, der die UV-Strahlen der Sonne abblockt. Diese aber braucht es, damit die Haut Vitamin D bilden kann.
Ungesunde Dichte
An den Missständen in den Städten entzündete sich die Fortschrittskritik der Lebensreformbewegung. In den Ballungsräumen traten die Folgen mangelhafter hygienischer Verhältnisse besonders deutlich zutage, weil der Ausbau der sanitären Anlagen mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt hielt: So verdoppelte sich zwischen 1830 und 1870 Basels Einwohnerzahl von etwas über 20‘000 auf über 44‘000 Personen, während das Abwasser aus den Fäkaliengruben bis Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts immer noch einfach versickerte.
Seuchen folgten auf dem Fuss. Nördlich der Schweizer Alpen trat im September 1854 in Zürich ein erster Infektionsherd der Cholera auf. «Die meisten Erkrankungsfälle betrafen das Niederdorf, das Quartier mit den ungesundesten Wohnungen und der grössten Bevölkerungsdichte», hielt ein Zeitgenosse fest. Der eigentliche Ausbruch der Epidemie folgte im August 1855, und sie suchte auch Basel und Genf heim. Typhus war ebenfalls gefürchtet und flammte in den grösseren Schweizer Städten bis zur Wende ins 20. Jahrhundert immer wieder auf. Eine schwere Typhusepidemie in den Jahren 1865 und 1866 veranlasste schliesslich die grösseren Schweizer Städte, den Bau geschlossener Kanalisationssysteme voranzutreiben.
Die Ambivalenz des Unsichtbaren
Dem Arzt und Mikrobiologen Robert Koch (1843-1910) gelang es, im Jahr 1883 den Erreger der Cholera zu isolieren und seine Verbreitung über verschmutztes Wasser nachzuweisen. Ein Jahr zuvor hatte der Mediziner wissenschaftlichen Ruhm mit einer Arbeit über die Entstehung der Tuberkulose erlangt. Auch diese «Volksseuche» grassierte vornehmlich in beengten städtischen Verhältnissen. Für die Schweiz spricht das Bundesamt für Statistik von einer bedrückenden Bilanz und hält fest: «Um 1905 kommen in unserem Land auf 100‘000 Menschen noch immer über 250 Tuberkulosetote.» In den grösseren Siedlungen lagen die Zahlen naturgemäss weit höher als der Landesdurchschnitt.
Das wachsende mikrobiologische und biochemische Wissen half aber nicht nur, Krankheiten zu bekämpfen; auch gesundheitsstärkende Wirkungszusammenhänge wurden enträtselt. So begann der polnische Forscher Casimir Funk (1884-1967) um 1912 seine Forschungsarbeit über Ursachen der Mangelerkrankung Beri-Beri. Er experimentierte mit verschiedenen Diäten und kam zum Schluss, dass bestimmte Speisen vitale Inhaltsstoffe enthielten; für diese prägte er den Ausdruck Vitamine.
Die Reformhäuser - Läden, in denen sich ab 1900 die Anhänger der Lebensreformbewegung mit vollwertiger Nahrung versorgten - beriefen sich alsbald gerne auf die Vitalkraft ihrer Lebensmittel. Eine Reformbäckerei aus dem deutschen Bad Kreuznach machte zwar für ihren Zwieback «Vitanova» nicht explizit Werbung mit dem hohen Vitamingehalt, dafür aber mit dem «Zusatz der radiumhaltigen Kreuznacher Heilquellen». Auch der Naturheiler Adolf Just führte die Wirkung der von ihm therapeutisch eingesetzten «Heilerde» auf ihren Gehalt an Radium zurück. In ihrer Faszination für die unsichtbaren Kräfte der Natur waren sich Lebensreformbewegung und Schulmedizin einig - auch wenn sich die beiden Lager sonst oft skeptisch gegenüberstanden.
Umbruch auf allen Feldern
Die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts widerspiegelt die sozialen Umwälzungen und den wissenschaftlichen Aufbruch dieser Zeit: In den Werken «Tod in Venedig» (1911) oder «Der Zauberberg» (1924) befasst sich etwa der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann (1875-1955) mit Cholera und Tuberkulose. Bildende Kunst, Handwerk und Architektur befruchteten sich gegenseitig; Letztere entwarf mit ihren Gartenstädten eine Alternative zu den beengten Wohnverhältnissen der Städte und zielte zugleich nach dem Leitprinzip der Lebensreform auf eine Einheit von Wohnen, Arbeit, Kultur und Bildung ab. 1906 entstand die erste Gartenstadtsiedlung Deutschlands in Hellerau nahe Dresden. In der Schweiz folgten ab 1911 die Siedlung Schoren (SG) oder das vom Bauhaus-Architekten Hannes Meyer (1889-1954) errichtete Freidorf in Muttenz (BL).
Weit über die Schweizer Grenze hinaus bekannt wurde die im Jahr 1900 gegründete «Naturistenkolonie» auf dem Monte Verità bei Ascona (TI). In diesem Ableger der Lebensreformbewegung spielte zwar die gesunde Lebensführung mit vegetarischer Ernährung und Licht-Luft-Bädern eine wichtige Rolle.
Doch es dürfte letztlich der umfassende gesellschaftliche und musische Anspruch gewesen sein, der viele Intellektuelle und Kunstschaffende auf den «Wahrheitsberg» lockte, welcher darüber hinaus zu einer Keimzelle des modernen Ausdruckstanzes wurde. Ästhetische Argumente waren es auch, die zunächst ins Feld geführt wurden, um die Landschaft vor ausufernden Städten und anderen Beeinträchtigungen zu schützen. 1905 regte die Malerin und Dichterin Marguerite Burnat-Provins (1872-1952) die Gründung einer «Liga für die Schönheit» an - ein erster Schritt zum Heimatschutz. Es sollte freilich noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis 1966 das Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG) in Kraft treten konnte, um den Schutz von Biodiversität und Landschaft auf Bundesebene zu verankern. «Wahrnehmung und Ästhetik spielen in der Landschaftspolitik nach wie vor eine grosse Rolle», hält Matthias Stremlow fest. «Schöne und vielfältige Landschaften bewirken eine natürliche Gesundheitsförderung und dienen damit dem Wohlbefinden und der Wohlfahrt. Diese gesellschaftliche Bedeutung bedingt einen bewussten Umgang mit den Landschaftsqualitäten.» Im NHG wirkt somit der künstlerische Geist weiter, der den Aufbruch ins 20. Jahrhundert durchwehte.
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Diese Ausgabe als Download (PDF, 5 MB, 26.08.2015)3/2015 Gesundheit ein kostbares Gut
Letzte Änderung 26.08.2015