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Beobachter: Mikrobiologen fanden in 14 gebrauchten Küchenschwämmen 362 Arten Bakterien. Erstaunt Sie das?
Giovanna Spielmann-Prada: Eigentlich nicht. Je mehr Dinge man mit einem Schwamm putzt, also das Schneidebrett, den Küchentisch oder Gemüse und Früchte, desto vielfältiger kann die Flora sein.
Beobachter: Können diese Bakterien krank machen?
Spielmann-Prada: Ja. Magen-Darm-Erkrankungen sind möglich, wenn es sich um Salmonellen oder Campylobacter handelt. Man muss aber darauf hinweisen: Durch blosses Berühren eines Küchenschwamms wird man nicht krank. Die Bakterien müssen auf ein Lebensmittel übertragen werden, und dieses muss vor dem Genuss unsachgemäss zubereitet worden sein, also zum Beispiel roh gegessen werden.
Beobachter: Sind 14 Küchenschwämme nicht zu wenig, um zu behaupten, das seien alles Keimschleudern?
Spielmann-Prada: Eigentlich sollte man mehr Küchenschwämme untersuchen, um wissenschaftliche und statistisch aussagekräftige Schlussfolgerungen zu ziehen. Und vor allem sollten die Voraussetzungen bei den Untersuchungen alle gleich sein. Das heisst, alle Schwämme kommen aus der gleichen Küche, alle wurden gleich lang gebraucht, alle wurden von der gleichen Person benutzt, mit allen wurden dieselben Gegenstände geputzt. Küchenschwämme werden vor allem dann zu Keimschleudern, wenn man sie bei rohen Lebensmitteln wie Geflügel einsetzt und dann nicht ersetzt. Oder wenn sie zu lang im Einsatz sind.
Beobachter: In der Mikrowelle würden die Bakterien im Schwamm abgetötet, liest man. Wie viele Minuten muss man ihn denn drinlassen?
Spielmann-Prada: Ich habe dieses Experiment noch nicht durchgeführt. Ich würde den Schwamm bei der maximalen Leistung kurz in der Mikrowelle lassen. Danach würde ich das Ergebnis im Labor verifizieren. Und noch etwas: Nur hitzeempfindliche Keime können in der Mikrowelle abgetötet werden, sporenbildende Bakterien überleben.
«Bakterien ist es egal, wie lang ein Lebensmittel auf dem Boden liegt. Sie belagern es sofort.»
Giovanna Spielmann-Prada
Beobachter: Genügt es, den Schwamm im Lavabo oder bei 60 Grad in der Maschine warm auszuwaschen?
Spielmann-Prada: Bei 60 Grad in der Waschmaschine werden die meisten krank machenden Keime abgetötet. Ob warmes Auswaschen im Lavabo genügt, hängt von der Dauer ab. Das ist aber weder praktikabel noch effizient – und vor allem auch nicht umweltschonend.
Beobachter: Aber könnte man den Schwamm oder den Lappen auch einfach im Geschirrspüler mitwaschen?
Spielmann-Prada: Bei Temperaturen ab 60 Grad, ja.
Beobachter: Hemmen Metalle wie Chromstahl das Wachstum von Bakterien?
Spielmann-Prada: Die antibakterielle Wirkung von Metallen ist bei Silber und Kupfer bewiesen. Silberkugeln wurden schon von den alten Römern eingesetzt, um Wasser zu reinigen.
Beobachter: Jeder Erwachsene hat im Darm mehrere Kilo Bakterien. Da dürften die paar auf dem Schwamm kein Problem sein.
Spielmann-Prada: Ja, wenn es sich um nicht krank machende handelt. Allerdings bauen Bakterien Lebensmittelreste im Küchenschwamm ab, das kann zu übler Geruchsentwicklung führen. Er beginnt zu stinken.
Beobachter: Wer den WC-Deckel nicht zuklappt und spült, verteilt Fäkalspuren im Bad. Stimmt das?
Spielmann-Prada: Ja. Die Stärke des Spülwassers sorgt für Aerosolbildung. Aerosole sind flüssige Schwebeteilchen in der Luft. Diese Schwebeteilchen könnten eben auch Fäkalbakterien sein. Gefährlich sind sie nicht, aber unappetitlich.
Beobachter: Dann muss man also die Zahnbürste wegsperren, wenn Gäste kommen?
Spielmann-Prada: Nicht, wenn die Gäste gute Manieren haben.
Beobachter: Müsste man für verschiedene Flächen und Räume auch verschiedene Lappen und Mittel benutzen?
Spielmann-Prada: Selbstverständlich. Die Reihenfolge beim Reinigen des Badezimmers ist immer: Lavabo, Badewanne/Dusche und erst am Schluss das WC. Die Mittel und Lappen können dieselben sein. Das beste Mittel ist immer noch Wasser und Essig, halb-halb vermischt. Das reinigt und entfernt gleichzeitig den Kalk. Und danach gehört der Lappen in die Waschmaschine.
Beobachter: Hilft Javelwasser?
Spielmann-Prada: Ja, vor allem, wenn man gezielt gegen virale Magen-Darm-Grippen vorgehen möchte. Es hat allerdings den Nachteil, dass es stark bleicht und streng riecht.
Beobachter: Was auf den Boden gefallen ist, kann man getrost in den Mund nehmen, wenn es weniger als fünf Sekunden dort lag – stimmt das?
Spielmann-Prada: Vergangene Woche habe ich gehört, es sollen nur drei Sekunden sein… Im Ernst: Von beiden Aussagen halte ich nichts, das ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Generell ist es Bakterien egal, wie lange ein Lebensmittel auf dem Boden liegt, sie belagern es sofort. Es kommt aber darauf an, welche und wie viele Bakterien sich auf dem Boden befinden und ob das Lebensmittel klebrig ist oder eher trocken. Essen, das auf den Boden gefallen ist, wird weggeworfen, ein Gegenstand hingegen wird mit Seife und warmem Wasser gewaschen.
Beobachter: Mehr Dreck: Soll man den Nuggi jedes Mal auskochen, wenn er zu Boden gefallen ist?
Spielmann-Prada: Ich denke, das ist nicht praktikabel. Aber ein Auskochen von Zeit zu Zeit – vor allem, wenn der Nuggi auf einen stark verschmutzten Boden fällt – ist sinnvoll. Dazwischen reicht Abspülen.
Beobachter: Anders gefragt: Stärkt es das Immunsystem, wenn ein Kind Dreck isst
? Oder ist auch das nur ein Mythos?
Spielmann-Prada: Das ist wohl eher nur ein Mythos. Es ist sehr schwierig zu beweisen, ob dies das Immunsystem stärkt. Generell ist es aber nötig und unausweichlich, dass wir Keimen ausgesetzt sind.
Beobachter: Gibt es andere Orte mit hoher Bakterienkonzentration? Kühlschrank? Türklinken? Computertastatur? Liftknopf? Muss man die regelmässig desinfizieren
, oder ist das übertrieben?
Spielmann-Prada: Jeder Gegenstand, den wir berühren, kann auf der Oberfläche Keime enthalten, die von den Händen kommen. Es reicht allerdings eine regelmässige, haushaltsübliche Reinigung.
Beobachter: Sollte man die erste Wäsche in einer gemeinschaftlich genutzten Maschine immer bei 95 Grad kochen?
Spielmann-Prada: Versuche haben gezeigt, dass tatsächlich Keime via Waschmaschine übertragen werden können. Deshalb kann bei gemeinschaftlich genutzten Maschinen der Start mit einer Wäsche bei 60 Grad oder höher sinnvoll sein.
Beobachter: Flüssigwaschmittel tötet weniger Bakterien ab als Waschpulver. Ist diese Aussage korrekt?
Spielmann-Prada: Flüssigwaschmittel hinterlassen auf Textilien keine sichtbaren Rückstände, sie enthalten keine Bleichmittel. So bleibt zwar die Farbkraft von bunter oder dunkler Wäsche länger erhalten. Aber ohne Bleichmittel werden Flecken von Tee, Kaffee, Rotwein, Gemüse oder Obst nicht optimal entfernt, und weisse Wäsche wird mit der Zeit grau. Flüssigwaschmittel enthalten zwar optische Aufheller, diese schaffen allerdings keine vergleichbare Qualität an Sauberkeit. Nachteilig ist zudem, dass sie zu viele Tenside und Konservierungsstoffe enthalten – damit sind sie nicht umweltfreundlich.
Beobachter: Und was ist mit Waschpulver?
Spielmann-Prada: Waschpulver dagegen braucht keine Konservierungsstoffe, das schont die Umwelt und macht es für Allergiker in der Regel verträglicher. Es ist länger haltbar, entfernt bleichbare Flecken problemlos und tötet bei Temperaturen ab 60 Grad Bakterien ab.
Beobachter: Warum wird ein Joghurt kaum schlecht?
Spielmann-Prada: Joghurt wird mit Milchsäurebakterien hergestellt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es schlecht wird – ausser der Becher wurde beschädigt. Die guten Bakterien befinden sich in der Mehrzahl und die schlechten haben kaum Chancen, im Joghurt zu wachsen.
Beobachter: Wie lange nach dem Ablaufdatum
kann man Joghurt problemlos essen?
Spielmann-Prada: Das Datum ist aufgedruckt, weil das Gesetz es verlangt. Es unterscheidet zwischen Mindesthaltbarkeit und «zu verbrauchen bis». Ersteres zeigt an, bis wann ein Produkt die gewünschte Qualität behält. Wenn es überschritten wird, kann die Qualität vermindert sein, etwa geschmacklich, aber mikrobiologisch ist das Produkt nach wie vor einwandfrei. Bei leicht verderblichen Produkten zeigt das «Zu verbrauchen bis»-Datum die mikrobiologische Qualität an.
Beobachter: Was heisst das genau?
Spielmann-Prada: Das heisst, nach Ablauf des Datums sollte man das Produkt nicht essen, weil nicht ausgeschlossen ist, dass sich krank machende Keime entwickeln. Bei Joghurt wird aktuell diskutiert, ob das Datum «zu verbrauchen bis» sinnvoll ist oder nicht.