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Kapitel 5.3.1 - Das arterial rule -Modell
Die Arterial rule stellt ein übergeordnetes Modell der Osteopathie dar. Da der Gründervater der Osteopathie, A.T. Still sämtliche Flüssigkeiten des Körpers mit dem Blut als zentraler Substanz sah, nannte er dieses Modell arterial rule. Alle Körperfunktionen sind von der Versorgung mit Gefässen und Nerven abhängig. Eine freie Zirkulation ist für die Zufuhr von Nährstoffen und Sauerstoff sowie den Abtransport von toxischen Substanzen unerlässlich. Endokrine Produkte wie Hormone, welche eine Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenspiel der verschiedenen Organsysteme sind, werden ebenfalls über das Blut transportiert. Neben der Blutzirkulation sind aber auch andere Körperflüssigkeiten wie Lymphe, Synovialflüssigkeit und Liquor cerebrospinalis gemeint (vgl. Meert 2006, 7ff). Auch exokrine Sekrete wie zum Beispiel Gallen- oder Verdauungssäfte der Leber und der Bauchspeicheldrüse müssen frei abfliessen können. Das ständige pulsieren des Herzens sowie der Einfluss der Atmung auf den gesamten Körper werden als physischen Antriebsmechanismus der arterial rule gesehen. Somit ist dem Herz, der Lunge, dem Zwerchfell und den Rippen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Nerven und Gefässe sollen in ihrem gesamten Verlauf keinen Druck oder sonstige Irritationen erfahren. Um dies zu gewährleisten, muss das muskuloskeletale System so optimiert werden, dass es dem Gefäss- und Nervensystem keine Hindernisse in den Weg stellt. Neben den Muskeln und Knochen können auch Faszien Druck auf nervöse und vaskuläre Strukturen ausüben. Eine Einschränkung der erwähnten Versorgungsmechanismen führt unweigerlich zu einer Veränderung der Funktion und mit der Zeit zu Veränderungen von Strukturen im Körper.
Ein weiterer Aspekt sind die Arteriolen der Organe. Die glatte Muskulatur der Arteriolen wird vom Sympathikus gesteuert. Eine erhöhte Aktivität des Sympathikus hat eine Vasokonstriktion zur Folge. Wie andere Organe stehen die Arteriolen mit den Segmenten, von welchen sie sympathisch versorgt werden, in gegenseitiger Abhängigkeit. So können sich in der Funktion beeinträchtigte Gefässe mit einer somatischen Dysfunktion (SD) auf dem entsprechenden Segment äussern. Die Beeinträchtigung der Gefässe kann durch ein mechanisches Hindernis von Muskeln, Knochen und Faszien, Druck benachbarter Organe oder durch einen venösen Rückstau geschehen. Paoletti schreibt in seinem Buch über Faszien: “Wenn aber die Faszien den (venösen) Rückstrom antreiben, können sie ihn auch behindern. Es ist leicht vorstellbar, dass eine Faszie, die selber unter zu hoher Spannung steht, das Gefässsystem in ihrem Gebiet ständig komprimiert. In dem Fall bewirkt sie eine Obstruktion, die Stauungen begünstigt“ (Paoletti 2001: 151). Umgekehrt kann ein faszilitiertes Segment (siehe Kapitel 5.4.5) eine SD hervorrufen, welche wiederum die Arterien, welche von diesem Segment innerviert werden, beeinflusst. Das Ziel einer osteopathischen Behandlung liegt nun darin, die Stase aufzuheben und somit eine Dekongestionierung zu erreichen, um so die Ernährung der Gewebe sowie die Ausscheidung der Stoffwechselprodukte zu verbessern.