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Vor 45 Jahren, am 2. Juli 1961, schoss sich Ernest Hemingway in Ketchum, Idaho, eine Kugel in den Kopf. Vorausgegangen waren diesem Selbstmord zwei kurz hintereinander erfolgte Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik von Ketchum, wo sich der Schriftsteller wegen Depressionen und Verfolgungswahn behandeln liess. Seine Depressionen waren real, und auch sein Verfolgungsgefühl hatte wenig mit Wahn zu tun: Hemingway geriet in den fünfziger Jahren wegen seiner Sympathien für die kubanische Revolution ins Visier der US-amerikanischen Bundespolizei FBI und wurde von ihr beschattet, auch auf Kuba.
Auf diesem historischen Hintergrund baut «Adiós Hemingway», der neueste Roman des 1955 geborenen Kubaners Leonardo Padura, auf. Er spielt teils im Jahr 1958 und blickt immer wieder vorwärts in die Zeit nach dem 24. Juli 1960, als Hemingway Kuba verliess, um sich in den USA behandeln zu lassen. Padura interessiert sich dabei für einen Hemingway, der am Ende seines Lebens nichts mehr mit dem von ihm selbst geschaffenen Mythos zu tun hatte. Über die insgesamt 25 Elektroschocks, mit denen der Literat bei seinen Klinikaufenthalten malträtiert wurde, lässt Padura den Ermittler Mario Conde sagen: «Sie haben ihm das Hirn geröstet und ... aus ihm eine lebende Leiche gemacht. Hemingway konnte nie wieder schreiben, weil man ihm zusammen mit dem Verfolgungswahn auch einen Teil des Gedächtnisses ausgebrannt hatte.»
Conde wird im Jahr 2001 - der andern Zeitebene des Romans - von der Kriminalpolizei Havannas beauftragt, die Hintergründe eines mysteriösen Leichenfundes am vierzigsten Todestag des Schriftstellers auf dessen Landhaus Finca Vigía bei Havanna aufzuklären. Dort hatte Hemingway von 1938 bis 1960 die meiste Zeit gelebt. Hier sind seine wichtigsten Werke entstanden, an diesem zum Museum umfunktionierten Ort mit traumhaftem Blick über die Hügel, auf die Stadt und auf das Meer.
Im Film «Memorias del subdesarrollo» von Tomás Gutiérrez Alea, einem Schlüsselwerk des kubanischen Kinos, gibt es eine Szene mit einer Touristengruppe in der Finca Vigía. Der Protagonist des Films, der Intellektuelle Sergio, denkt über den Schriftsteller nach und sagt: «Hemingway muss ein zwielichtiger Typ gewesen sein. Kuba hat ihn nie wirklich interessiert, er zog sich nur hierher zurück, empfing seine Freunde, schrieb auf Englisch und fischte im Golfstrom.» Das war mutig, kühn und blasphemisch - nur ein offiziell so anerkannter Künstler wie Alea konnte es 1968 wagen, eine derartige Wahrheit so offen auszusprechen. Hemingway war nämlich vom Revolutionssieg an von Fidel Castro als einer der Seinen vereinnahmt worden, dabei hatte nur gerade eine einzige, kurze Begegnung Castro-Hemingway (1960) stattgefunden. Die Art, wie Leonardo Padura sich dem «Bronzegott nordamerikanischer Literatur» (Padura im Nachwort über den Schriftsteller, mit dem ihn eine Hassliebe verbindet) in «Adiós Hemingway» annähert, ist das Äusserste, was ein Kulturtäter in Kuba offen aussprechen kann, ohne in Schwierigkeiten zu geraten.
Leonardo Padura hat die Figur des Mario Conde für seine vier Kriminalromane des «Havanna-Quartetts» (deutsch im Unionsverlag) als sein Alter Ego geschaffen. Er benutzt die kriminalistische Rahmenhandlung um den etwas sentimentalen Moralisten Conde dazu, um über die Realität Kubas zu schreiben. Eigentlich hat Padura, der als derzeit wohl erfolgreichster Autor Kubas sowohl innerhalb wie ausserhalb der Insel publizieren kann, den Kommissar in Frühpension geschickt. Nach der letzten Folge des «Havanna-Quartetts» hat Conde den Polizeidienst angewidert quittiert und wollte sich als Antiquar und Literat versuchen. «Adiós Hemingway» löst diese Absicht raffiniert ein und ist eine ungewöhnliche Hommage an ein Monument der Weltliteratur.
Leonardo Padura: Adiós Hemingway. Unionsverlag. Zürich 2006. 192 Seiten. Fr. 31.70