Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03620.jsonl.gz/1327

|Bachkantaten in der Predigerkirche

Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz
Alfred Dürr, der große Kenner und Kommentator des Bachschen Kantatenschaffens, schien angesichts der Kantate "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz" (BWV 136) einigermaßen ratlos zu sein. Zwar wurde schon viel über dieses Werk geschrieben (vor allem zur ausgefeilten theologischen Konzeption der zugrundegelegten Texte), Probleme bereitete aber die sehr wahrscheinliche Vermutung, daß Bach für diese Kantate auf eine bereits früher entstandene weltliche Komposition zurückgriff. Die Notwendigkeit eines solchen 'Kunstgriffs' wäre gerade in Bachs erstem Jahr in Leipzig - "Erforsche mich, Gott, ..." ist nur sieben Wochen nach seinem ersten Leipziger Kantatensonntag aufgeführt worden - verständlich: der neu bestallte "Cantor u. Collegii Musici Director" hatte einerseits seine besondere musikalische Kunstfertigkeit unter Beweis zu stellen, andererseits war er sicher durch den Wechsel aus Köthen sehr beschäftigt. Sollte es sich bei dieser Kantate aber um eine zumindest teilweise Parodie handeln, so würden sich weitergehende Text-Musik-Interpretationen eigentlich erübrigen, da der Spielraum des Komponisten bei einer Bearbeitung hier ja stark begrenzt war. Dem wäre allerdings entgegen zu halten, daß Bach am Beginn seiner Leipziger Zeit kaum ein "minderwertiges" Werk zur Aufführung hätte kommen lassen, also auch eine Bearbeitung höchsten Ansprüchen genügen mußte. (Nur in Klammern sei angemerkt, daß Bach die Musik später nochmals für einen Satz in seiner A-Dur Messe [BWV 234] "plünderte".)
Thematisch reagiert die Kantate auf das Evangelium für den 8. Sonntag nach Trinitatis (aus der Bergpredigt, Matthäus 7,15-23), in dem vor den falschem Propheten gewarnt wird. Sie beginnt mit einem Psalmzitat, "Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erfahre, wie ichs meine" (Ps. 139,23), der rechtgläubige Mensch stellt sich also tapfer der göttlichen Prüfung. Wie der keineswegs verzagte musikalische Charakter des Satzes zeigt, scheint von dieser Prüfung keine Bedrohung auszugehen. In der Art einer Gigue - "etwa wie der glattfortschiessende Strom-Pfeil eines Bachs" lautet die poetische Charakterisierung bei Johann Mattheson 1739 - wird der Psalmtext in einer Chorfuge vorgetragen. Das Thema dazu stellt zu Beginn das Corno vor, das auch im Folgenden virtuose Aufgaben übernimmt - wohl eine Referenz an den herausragenden Leipziger Bläser Gottfried Reiche, wie auch die insgesamt drei vorhandenen Continuo-Stimmen auf die reichen Leipziger Besetzungsmöglichkeiten hinweisen.
Die Zweifel der Gläubigen allerdings werden im anschließenden Rezitativ geweckt. In äußerst dissonanzenreichen Klängen - passend zum Text, in dem von "Fluch", gemeint ist der Sündenfall, die Rede ist - wird die letztlich für den Menschen hoffnungslose Situation geschildert, der sich allein aus dieser Verstrickung nicht lösen kann. Ein abschließendes "Doch" erinnert an den kommenden Tag des Jüngsten Gerichts, an dem die nun direkt angesprochenen Zuhörer ("ihr Heuchler") zur Rechenschaft gezogen werden. Dies ist auch das Thema der Alt-Arie "Es kömmt ein Tag ...", kombiniert in einem Dialog mit der für Bach noch neuen Oboe d'amore (die eine Terz tiefer als die normale Oboe steht und einen dunkleren, weichen Klang aufweist). Hier nun ist alles 'lieblicher', aber etwa die dreimalige Wiederholung des Anfangsmotivs auf jeweils höherer Stufe stellt einen intensivierenden, ja fast drohenden Hinweis auf diesen kommenden Jüngsten Tag dar. Ein abrupter Presto-Einschub läßt ahnen, was der dabei genannte göttliche Grimm anrichten wird; musikalisch ergibt sich hier eine Reminiszenz zur Eingangsfuge.
Das Baß-Rezitativ "Die Himmel selber sind nicht rein ..." bringt den entscheidenden Hinweis auf den einzigen möglichen Erlösungsweg, nämlich die Hinwendung zu Jesu. Wie Helene Werthemann in einer Analyse gezeigt hat, spielt hier wie auch in der übrigen Kantate, der Partikel "Doch" eine entscheidende Rolle: " doch wer durch Jesu Blut gereinigt" und "er hat in Christo doch / Gerechtigkeit und Stärke". Beide Male ist dieses 'doch' auch musikalisch abgesetzt (Harmoniewechsel, Pausen), wie auch der abschließende Hinweis auf seine "Gerechtigkeit und Stärke" herausgehoben, nämlich arios vertont ist. Merkwürdigerweise schließt das Rezitativ mit einem musikalischen 'Trugschluß' ab - es handelt sich eben doch um einen Glauben, nicht um absolute Gewißheit.
Als eine Art tröstende Antwort darauf könnte das Duett "Uns treffen zwar Sünden Flecken ..." verstanden werden, wird hier doch der Opfertod Jesu als erlösendes Moment thematisiert und mit einem markanten "allein", das auch musikalisch isoliert steht, eingeleitet.
Auf diesen Opfertod Jesu bezieht sich auch der Schlußchoral "Dein Blut, der edle Saft ...", einem Lied von 1630 entnommen. Bach fügt dem schlichten Choralsatz eine fast frei agierende, in Achteln geführte Solo-Violine hinzu, was diesem Schluß ein gewisses Gepränge verleiht.
Herr, gehe nicht ins Gericht
Nur eine Woche später als die Kantate "Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz" (BWV 136) gelangte "Herr, gehe nicht ins Gericht" (BWV 105) zur Aufführung. Hier nun stellen sich keine Fragen nach der ursprünglichen Zusammengehörigkeit von Text und Musik - zu dicht und prägnant sind die rhetorisch-musikalischen Bezüge in dieser Komposition, die auch mit ihren textlichen Anspielungen auf das "sacrum commercium", den 'himmlischen Handel' sehr passend für die reiche Handelsstadt Leipzig scheint.
Wiederum bildet das Evangelium (für den 9. Sonntag nach Trinitatis) den inhaltlichen und textlichen Bezugsrahmen, allerdings eher indirekt. Dort geht es um das Gleichnis vom ungerechten Haushalter (Lukas 16), woraus der unbekannte Textdichter einige Bezüge aus dem Wirtschaftsleben aufgreift (vor allem im Baß-Rezitativ und der darauffolgenden Tenor-Arie, hier auch mit einer direkten Reaktion auf den Bibelvers "Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon"). Zentrales Thema ist die Sünde als Schuld und die Schwierigkeit des Schuldenerlassens. Der Librettist stellt im Eingangschor den Psalmvers "Herr, gehe nicht ins Gericht ..." (Ps. 143,2) voran, also das Eingeständnis des schuldbeladenen Menschen und seine Bitte um göttliche Errettung. Die erste Arie "Wie zittern und wanken ..." schildert die Unruhe des "geängstigt Gewissen", also die Qualen des Sünders, erst das Rezitativ spricht dann von der Möglichkeit der Vergebung der Sünden, nämlich den Opfertod Jesu ("Wohl aber dem, der seinen Bürgen weiß ..."). In der passenden Formulierung von Hans-Joachim Schulze zieht der folgende Arientext gleichsam den Schlußstrich unter alle kaufmännischen Überlegungen: "Kann ich nur Jesum mir zum Freunde machen ...". Der Schlußchoral ("Nun, ich weiß, du wirst mir stillen ...") bestätigt das Ende aller Gewissensnot, allerdings mit der entscheidenden Einschränkung "wenn er nur ist Glaubens voll".
Bach gestaltet im Eingangssatz eine fast beklemmende Atmosphäre: lange gedehnte Vorhalte, viel Chromatik, Seufzerfiguren der Oberstimmen über einer unerbittlich pochenden Begleitung, worauf dann der Chor mit der verzweifelten Anrufung "Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht" einsetzt. Diese Stimmung verdichtet sich immer mehr bis zu einem 'Einfrieren' über einem nur von den Instrumenten bestrittenen Orgelpunkt. An diesem emotionalen Tiefpunkt wendet sich plötzlich der Charakter, entsteht daraus doch eine rasche und bestimmte Chorfuge "Denn vor dir wird kein Lebendiger gerecht" - ein auch musikalisch unbezweifelbares Diktum.
Die Brücke zur Sopran-Arie bietet ein Alt-Rezitativ, in dem die Annahme dieses Diktum explizit gemacht wird, wobei der Komponist im Detail einen bemerkenswerten Aufwand in der musikalisch-rhetorischen Textdeklamation getrieben hat. Auf einer ähnlichen, aber sicher "ohrenfälligeren" Ebene gilt dies auch in der Arie: So setzen ein Streichervibrato sowie große, gestische Intervallsprünge der Solo-Oboe und -Stimme das textliche "Zittern" und "Wanken" um. Auch kommt der ganze Satz ohne Basso continuo aus, die tiefste Stimme wird von der Bratsche übernommen, die angesprochenen Sünder agieren also ohne jeden richtigen Halt. Oder es lassen sich das Melisma wie die Kanonfiguren zwischen den beiden Solostimmen zum Textwort "verklagen" als eine Umsetzung in ein musikalisches Bild verstehen. Hier läßt sich noch eine Fülle von solchen Figuren entdecken, was u.a. dieser Kantate ihren besonderen Ruf als "Werk, das man wohl zu den großartigsten Seelenschilderungen barocker und christlicher Kunst zählen darf" (Alfred Dürr), eintrug.
Auch die folgenden Sätze zeugen davon. Die ariose Streicherbegleitung des Baß-Rezitativs "Wohl aber dem ..." deutet atmosphärisch die Wendung an, da hier der Opfertod Jesu als erlösendes Element angesprochen wird. Der deutliche Textvortrag steht im Vordergrund, wird aber selbst bei dieser "eigendynamischen" Begleitung noch besonders ausgedeutet. So kann die deutlich hörbare Reduktion der Streicher zur Textzeile "So mag man deinen Leib, den man zum Grabe trägt, mit Sand und Staub beschütten", als ein wörtliches 'Zudecken', oder das lange Melisma zu "ewig" als einen Hinweis auf die Erlösung für die Ewigkeit verstanden werden. In der Tenor-Arie "Kann ich Jesum ..." deuten die rasenden Figuren der ersten Violine den 'Mammon', den irdischen Reichtum und das weltliche Vergnügen an, während etwa der davon unberührte Halteton für die Festigkeit des Glaubensstarken steht.
Der wohl bemerkenswerteste Satz in dieser sehr abwechslungsreich gestalteten Kantate aber ist der abschließende Choral: "Nun, ich weiß, du wirst mir stillen ...", die der letztlich zuversichtlichen Hoffnung der Gläubigen Ausdruck verleiht. Aufregend ist zum einen das Streichervibrato (in Sechzehnteln), zum anderen die chromatischen Linien, die dem Choralsatz eine besondere Spannung verleihen. Die auffällige Streicherbegleitung verlangsamt sich aber von Choralzeile zu Choralzeile, bis es schließlich in einem dreistimmigen Satz mit chromatischer Abwärtslinie endet und damit sowohl das textliche "stillen" als auch die Glaubenssicherheit in ein starkes musikalisches Bild umsetzt - alles kommt zur Ruhe, alles wird gut.
Martin Kirnbauer