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Anton Stastny spielte vor über 30 Jahren bloss eine Saison für Gottéron. Dennoch erreichte er fast schon Legendenstatus. Im Interview spricht er darüber, wie es dazu kam, über die Olympischen Spiele und seine Flucht in den Westen.
Es ist eine lange und erfolgreiche Karriere, auf die der heute 62-jährige Anton Stastny zurückblicken kann. Genau wie seine Brüder Peter und Marian Stastny spielte er in den 1980er-Jahren jahrelang mit den Québec Nordiques in der NHL. In 716 Spielen in der besten Liga der Welt holte Anton Stastny 688 Skorerpunkte. Mit der Tschechoslowakei nahm er sowohl an Olympischen Spielen als auch an Weltmeisterschaften teil.
1989 wechselte er von Québec zu Gottéron. Mit 55 Punkten in 39 Spielen war Anton Stastny auch in Freiburg sehr erfolgreich. Trotzdem musste er den Club nach nur einer Saison verlassen, weil Slawa Bykow und Andrei Chomutow in Freiburg unterschrieben und damals nur zwei ausländische Spieler zugelassen waren. Nach zwei Saisons beim EHC Olten und einer in Bratislava beendete Anton Stastny 1994 seine Profikarriere.
Heute lebt Stastny in Prilly im Kanton Waadt und verfolgt das Eishockey weiterhin mit Interesse. Im Video-Interview sprach er mit den FN über die Gegenwart – und natürlich auch über die Vergangenheit.
Die NHL hat entschieden, ihre Spieler nicht für die Olympischen Spiele freizugeben. Können Sie den Entscheid nachvollziehen?
Ja, ich kann es verstehen. Schon im Sommer, als man den Spielern die Freigabe erteilte, sagte die NHL, dass dieser Entscheid je nach Covid-Situation nicht definitiv ist. Und momentan gibt es tatsächlich viele Spiele nachzuholen, also wollen sie nun nicht den Spielbetrieb für drei weitere Wochen unterbrechen.
Die Eishockeywelt in Europa ist sehr enttäuscht über diesen Entscheid. Man hat das Gefühl, dass Geld wichtiger ist als eine Olympiamedaille.
(lacht) Das war immer so! Das ist einer der Hauptgründe, warum die Spieler dort spielen. Der erste Grund ist das Prestige, in der besten Liga der Welt zu spielen, aber dazu kommt natürlich auch der finanzielle Aspekt, natürlich lockt die NHL die besten Spieler mit Geld an. Aber ich verstehe auch die Enttäuschung, auch kanadische Spieler waren enttäuscht, denn viele wären gerne nach Peking gegangen; für die meisten Spieler wäre es eine einmalige Gelegenheit gewesen. Doch die NHL bleibt eine gewinnorientierte Organisation, die Besitzer schauen eben auch auf ihr Geld.
Nimmt man Sie und Ihre zwei Brüder sowie Ihre Neffen Yan und Paul zusammen, spielten die Stastnys für die Nationalmannschaften der Tschechoslowakei, der USA, Kanada und der Slowakei. Wenn Sie in Kürze Olympia schauen, wen unterstützen Sie eigentlich?
Ich bin immer für die Gewinner (lacht). Ich muss zugeben, es ist schwierig, aber aktuell bin ich für die Schweiz und die Slowakei, aber ich mag auch Kanada. Doch im Final 2010 beispielsweise war ich für die USA, weil ich mir natürlich Gold für meinen Neffen Paul wünschte. Für mich ist das Wichtigste das schöne Spiel, ich hoffe, das Turnier wird ein Erfolg, dass die Spiele attraktiv sind und es viele Leute zum Eishockey bringt – eine Sportart, die sich wunderbar weiterentwickelt hat.
Sie haben sogar für Kanada gespielt…
Ja, das waren Vorbereitungsspiele für den Canada Cup 1984. Ich habe sogar ein Tor gegen die Tschechoslowakei erzielt, den Assist gab mein Bruder Peter.
Weil Sie natürlich nicht mehr für die Tschechoslowakei spielen durften…
Genau, die Situation war damals sehr kompliziert. Nach der Flucht in den Westen wurden wir zu 24 Monaten Gefängnis verurteilt, weil wir das Land, das System, illegal verlassen hatten. Die Apparatschiks drohten und sagten uns, wenn ihr nicht das tut, was wir euch sagen, dann spielt ihr nie wieder Eishockey. Sie wollten uns unsere Freiheit nehmen, ich war 21, mein Bruder Peter 23, so wollten wir nicht mehr leben. Also haben wir uns entschieden, in den Westen zu gehen. Nach der Flucht durften wir während zehn Jahren nicht mehr in die Heimat zurück!
Sie haben neun Saisons in der NHL gespielt, an Weltmeisterschaften und Olympia (Lake Placid 1980) teilgenommen. Welche ist die beste Mannschaft, gegen die Sie gespielt haben: der ZSKA Moskau gegen Ende der 1970er-Jahre, die sowjetische Sbornaja, die Islanders zu Beginn der Achtziger oder die Edmonton Oilers der Mitt- und Endachtziger?
Da haben Sie die besten Mannschaften schön rausgepickt. Vom Hockeyniveau her würde ich sagen die Edmonton Oilers, aber die schwierigsten Spiele waren die gegen die sowjetische Sbornaja. Aber auch die Derbys gegen die Montréal Canadiens waren stets sehr anstrengend, einmal habe ich gegen Montréal in einem Spiel fünf Kilos verloren, wir wurden vor und nach dem Spiel gewogen, also kannten wir unseren Gewichtsverlust.
Und welches waren die besten Spieler, gegen die Sie jemals spielten? Kharlamov, Mikhailov, Gretzky – wer war der Beste?
Wir drei Brüder bewunderten Gilbert Perreault von den Buffalo Sabres. Gilbert war fantastisch, ein toller Schlittschuhläufer, tolle Technik, guter Schuss – und er war flink! Bei Buffalo führte er die sogenannte French-Connection-Linie an. Natürlich kann man auch Gretzky nennen. Was bei Gretzky interessant war, ist, dass er wie wir spielte, er beherrschte den Raum und das Momentum, aber er hatte noch sechs bis sieben weitere tolle Mitspieler, deswegen bleibe ich bei Gilbert Perreault, der hat mich am meisten beeindruckt.
Und der Beste, mit dem Sie gespielt haben?
Natürlich mein Bruder Peter. Es war alles so einfach. Die Leute verstehen es vielleicht nicht, aber zu Hause sprachen wir nie über Eishockey. Sobald wir jedoch Schlittschuhe anzogen, waren wir ohne Worte verbunden, wir waren voll im Flow, lasen uns gegenseitig bestens, und das genügte.
Sprechen wir über Québec. 2010 machten sie beim blauen Marsch (La Marche Bleue) mit, einer Bewegung, die als Ziel hat, die NHL wieder nach Québec zu bringen. Wie sieht die Situation aktuell aus, besteht die Chance, in Québec wieder eine NHL-Mannschaft zu haben?
Ich bin grosser Hoffnung. Québec ist eines der Mekkas der Eishockeywelt, Hockey ist dort Religion. Sie haben alle Trümpfe in der Hand, das Einzige, was momentan noch ein Problem ist, ist das Gleichgewicht zwischen der Eastern und Western Conference. Da die Seattle Kraken diese Saison in die Western Conference aufgenommen wurden, hoffen wir, dass die nächste Expansion im Osten stattfinden wird. Zudem haben wir eine wunderschöne und neue Eishalle in Québec, und die 5-Millionen-Dollar-Garantie, die Québec hinterlegt hat, schlummert immer noch in den Tresoren der NHL. Sollte in der Eastern Conference mal ein Platz frei werden, denke ich, dass Québec diesen Platz wird erben können.
Sie halten heute noch einen NHL-Rekord, nämlich die höchste Anzahl erzielter Punkte bei einem Auswärtsspiel (8 Punkte, 3 Tore und 5 Assists, ein Rekord, den er mit seinem Bruder Peter teilt, Red.). Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Abend?
Der Januar 1981 war der schwierigste Monat meiner Karriere. Im Februar aber drehte der Wind langsam. Wir waren während zwei Wochen auf einem Roadtrip und brauchten Siege, um es in die Playoffs zu schaffen. Im vorherigen Spiel hatten mein Bruder und ich je einen Hattrick erzielt und sechs Punkte gesammelt, danach mussten wir den ganzen Kontinent durchqueren, und am Sonntagabend erzielten wir beide je acht Punkte im Auswärtsspiel in Washington. Das war sehr aussergewöhnlich, in zwei Spielen an einem Wochenende sammelten wir je 14 Punkte. Der Rekord bei einem Heimspiel hat übrigens Darryl Sittler, der in einem Spiel in Toronto zu Hause 10 Punkte erzielte.
Kommen wir zu Gottéron, waren Sie erstaunt, ein Angebot aus der Schweiz zu erhalten?
Nein, nein. Ich hatte bereits entschieden, Québec zu verlassen. Ich hatte nicht mehr viel Eiszeit bei den Nordiques, es war eine schwierige Zeit für mich, man hatte mich für zehn Spiele ins Farmteam nach Halifax geschickt, das hatte ich sehr persönlich genommen und schon entschieden wegzugehen. Ich kontaktierte meinen Agenten, der sprach mit Gottéron, und im April habe ich den Vertrag mit Freiburg unterschrieben, das ging alles ganz schnell.
Besitzen Sie «die weisse Flagge von Bern» noch?
(bricht in Gelächter aus) Ah ja, das war ein Schweisstuch, ein Badetuch! Wissen Sie, wer das alles vorbereitet hat? Wir hatten einen dritten Ausländer, der in diesem Spiel nicht spielte, David Pasin, er hatte ein paar Spiele für Gottéron absolviert in der Saison 1989/90. Während des letzten Spiels stand er hinter der Bank, er spielte nicht. Es war das letzte Spiel und das letzte Drittel im Entscheidungsspiel. Wir wussten, dass wir das ganze Drittel zu viert spielen würden. Und tatsächlich, als wir schon drei Strafen erhalten hatten, sagte ich David Pasin, er solle ein Handtuch an einen Stock binden. Nach dieser dritten Strafe im Schlussdrittel kam Dan Hodgson von der Strafbank herausgerannt, und nur 20 bis 30 Sekunden später sprach der Referee schon wieder eine Strafe gegen uns aus. Ich konnte einfach nicht mehr, das war einfach unmöglich! Wir hatten alles gegeben, aber es war einfach lachhaft, Bern hatte zwar eine tolle Mannschaft, aber die Schiedsrichter waren auch ganz offenbar auf der Seite des SCB. Nach dem Schwenken der weissen Flagge gab es sogar eine Ovation von einem Teil der Zuschauer, die Leute jubelten, weil sie meine Geste nachvollziehen konnten.
Die alten Gottéron-Fans sprechen oft über diese Szene. Und da es in Québec eine Statue zu Ehren der drei Brüder gibt, sind nicht wenige der Meinung, Sie sollten allein schon wegen dieser Aktion in Freiburg ebenfalls eine Statue erhalten. Damals haben Sie nach dem Hissen der weissen Flagge, mit dem man ja seine Kapitulation signalisiert, allerdings eine Matchstrafe erhalten…
Und noch drei Spielsperren obendrauf. Ganz ehrlich, ich habe es nie bereut. Es war auch immer ein Teil meiner Lebensphilosophie, gegen Ungerechtigkeiten zu kämpfen. Und in diesem Spiel und in der Serie wurden der Sportgeist und die Gerechtigkeit mit Füssen getreten.
Nach dem Karriereende sind Sie in der Schweiz geblieben. Warum?
Als ich 17 war, absolvierte ich mit der Juniorenmannschaft von Slovan Bratislava ein Turnier in der Schweiz. Wir sind während der Nacht mit dem Bus über die Alpen gefahren und in Ascona angekommen. Als ich am nächsten Morgen das Fenster öffnete, sah ich vor mir die Palmen und den Lago Maggiore, und als ich hochblickte, sah ich Berge und Schnee auf den Gipfeln. Was für ein schönes Land, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ganz ehrlich, in diesem Moment sagte ich mir schon, da möchte ich mal leben. Nachdem ich drei Jahre in Freiburg gelebt hatte, wollte ich in der Schweiz bleiben, die europäische Kultur sagte mir ohnehin mehr zu als die amerikanische. Ich bin sehr glücklich darüber, immer noch in der Schweiz zu wohnen.