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Wäre vielleicht keine schlechte Idee gewesen für die Zeit der Pandemie, da Theaterbesuche kaum oder gar nicht mehr möglich waren: die Bühne kurzerhand ins eigene Heim zu transferieren. Ins eigene Wohnzimmer, in den Salon, in die gute Stube. Home-Performance, sozusagen. Nun ist es zwar wesentlich einfacher, einen Pianisten, ein Duo concertant oder ein stillvergnügtes Streichquartett in den eigenen vier Wänden auftreten zu lassen. Doch ein ganzes Opernhaus, eine Theaterbühne? – schon eher schwierig. Aber die Geschichte zeigt, auch das ist machbar, zugegeben, nicht eins zu eins, dafür mit viel Fantasie., Liebe zum Detail und im eigentlichen Wortsinn: niederschwellig! Das Theater wurde bürgerlich. Und – was auch heute attraktiv wäre – zu sehr erschwinglichen Eintrittspreisen!
Guckkasten zur «Zauberflöte» – Ausstellung von Bruno Rauch
Doch damit es klar ist: Wir sprechen hier nicht vom Kasperlitheater, sondern von ausgewachsenen Miniatur-Theatern, ganz nach dem Vorbild der echten Theater. Solche entstanden um 1810 etwa zeitgleich in Deutschland und in England, später auch in Dänemark, und erfreuten sich während des 19. Jahrhunderts in gehobenen Kreisen großer Beliebtheit. In den Salons zwischen Zimmerpalme und Vertiko wurden sie zum Massenmedium des Bildungsbürgertums, und sie waren, zumindest bis gegen Ende des Jahrhunderts, keineswegs nur für Kinder gedacht, vergleichbar mit der Modelleisenbahn fürs Kind im Manne.
En famille, aber auch im Kreise von Verwandten, Nachbarn und Freunden kam das gängige Repertoire zur Aufführung. Gespielt wurden Klassiker wie Schiller, Shakespeare und Raimund, aber auch Märchen sowie deutsche und antike Heldensagen. Selbst Opernaufführungen oder zumindest Highlights und Schlüsselszenen daraus wurden gezeigt, sofern die entsprechende Hausmusik dazu verfügbar war: Die klingende Untermalung lieferten Opernparaphrasen für Klavier zu zwei oder vier Händen, ein geigender Onkel, eine flötende Tante, später wohl auch der Phonograf. Zugstücke waren Webers «Freischütz» und «Oberon», Mozarts «Zauberflöte», Beethovens «Fidelio», Lortzings «Zar und Zimmermann», «Der Waffenschmied» und «Der Wildschütz», Meyerbeers «Robert le Diable», Donizettis «Fille du Régiment» oder Boieldieus «Dame Blanche» – kurz: Bühnenwerke, die mit effektvoller Theatralik aufwarten und neben der Unterhaltung auch der Erbauung, der Moral und der Belehrung dienten.
Figurinen zu Schillers «Räubern»
Entstanden waren die Papiertheaterchen im Umfeld der Entwicklung des lithografischen Druckverfahrens, das eine große Anzahl von gedruckten Exemplaren aufs Mal erlaubte. Erfunden hatte die epochale Technik – eine hübsche Koinzidenz! – der Theaterschriftsteller, Sohn von Schauspieler-Eltern, Alois Senefelder (1771–1834). Auf diese Weise beabsichtigte er, seine Stücke künftig selbst drucken zu können. Die neue Druckmethode, kostengünstiger als der herkömmliche Kupferstich, setzte sich weltweit rasch durch, beispielsweise auch im Notendruck, so erschienen u. a. Mozarts Klavierkonzerte ab 1800 als erster lithografischer Notendruck. Später, als man sogar mehrfarbig drucken konnte, kam das neue Verfahren auch im Bereich von Affiche und Werbung zur Anwendung.
Zweidimensional, aber naturalistisch
Entscheidend für das Papiertheater waren jedoch die lithografierten Ausschneidebögen mit Abbildungen des prachtvoll gestalteten Proszeniums, der einzelnen Prospekte mit möglichst realistischen Darstellungen von Landschaften und Innenräumen und schliesslich das agierende Personal selbst: Helden und Schurken, Edelmütige und Rachsüchtige, Geliebte, Verführte und Betrogene... Es entstanden Verlage, die sich auf die Herstellung dieser Theaterbilderbogen zum Ausschneiden und Bauen solcher Kleinst-Theater mit bedeutungsvollen Namen wie Thalia oder Urania.spezialisierten. Mit Akribie und deutscher Gründlichkeit profilierte sich der Darmstäter Lehrer Walter Röhler (1911–1974) als Sammler und Forscher im Bereich der Papiertheater, die er wie folgt definierte: «Kleine Bühne aus Papier, auf der sich die technische Vielfalt einer Menschenbühne in modellmäßiger Form nachahmen oder erproben lässt.» Ein Nebengeleise sind die Bühnenmaquetten, die bis heute oft zur Entwicklung und Veranschaulichung eines Bühnenbilds erstellt werden.
Bühnenbildmaquette von Bruno Rauch für seine Inszenierung
von Pietro Raimondis Opera buffa «Il ventaglio» (nach Goldoni), 2019
Nachdem die (Kunst-)Gattung im frühen 20. Jahrhundert allmählich zugunsten anderer Unterhaltungsmöglichkeiten wie Schallplatte, Grammophon, Rundfunk verschwand, erfreut sie sich seit den 1960er-Jahren wieder einer gewissen Renaissance. Heute gibt es vor allem in Deutschland eine ganze Szene, die sich mit dieser speziellen Kunstform en miniature befasst; verschiedene Bühnen und Vereine pflegen die Tradition mit Fachtagungen, Ausstellungen, Museen und vor allem Aufführungen weiter. In Schleswig-Holstein und mittlerweile auch anderswo gibt es regelmäßige Papiertheater-Festivals (cf. papiertheater.info). 2021 wurde diese kulturelle Ausdrucksform gar als immaterielles UNESCO-Kulturerbe Deutschlands eingestuft.
Papiertheater aus der Sammlung von Paul Hindemith, Blonay
Das Marionettentheater der Brüder Georg und Justus Tobler
Anlass zu dieser kleinen Kulturgeschichte ist ebenfalls eine Ausstellung im Haus Appenzell an der St. Peter-Straße in Zürich.* Ein Blickfang in der kleinen, feinen Schau ist «Toblers Marionettentheater», so geheissen nach ihren Directores-Impresarios-Actores, den Brüdern Georg (1883–1946) und Justus Tobler (1878–1956). Ursprünglich stammte die Familie aus Trogen (AR); der Vater, Johann Victor Tobler, ein Genre- und Historienmaler, studierte und wirkte jedoch zeitlebens in München, wo die Familie auch lebte. Für seine Söhne baute er um 1897 die besagte Bühne, die samt dem reichhaltigen Inventar aus dem Fundus des Museums Appenzell stammt. Es handelt sich dabei nicht im eigentlichen Sinne um eine Papierbühne, sondern um eine handfeste Holzkonstruktion von ansehnlicher Dimension (180x100x120 cm); allein die Spielfläche misst rund 40 mal 60 Zentimeter. Hinzukommt die raffinierte technische Ausstattung wie die batteriegespiesene elektrische Beleuchtung, der ziehbare Vorhang, der Mini-Schnürboden, die naturalistischen Kulissen und Requisiten zu diversen Stücken und Schauplätzen und ein umfangreiches «Bühnenensemble», ferner akribisch geführte Regiebücher sowie liebevoll gestaltete Plakätchen und Programme über eine Spielzeit von rund drei Jahren, also bis 1900. Interessant wäre zu erfahren, was die jugendlichen Intendanten wohl für einen Berufsweg eingeschlagen haben?
Szenenbilder zu «Bettelstudent», «Aida», «Zauberflöte» von Bernhard Vogelsanger
Eine skurril-exotische Blüte im Bereich des Papiertheaters stellt der Nachlass des Zürcher Originals und Opern-Aficionados Bernhard Vogelsanger (1920-1995) dar. In seiner winzigen Genossenschaftswohnung in Zürich-Schwamendingen hat der gelernte Dekorateur für sich und einen ausgewählten Zirkel von Bekannten und Freunden jeweils an Samstagen Opern, Operetten und Musicals zur Aufführung gebracht – begleitet vom Soundtrack aus seiner umfangreichen Plattensammlung, von passionierten Einführungen und Erläuterungen sowie dem obligaten Schluck Schaumwein. Mit seinen naturalistischen Bühnenbildern und seinen Inszenierungen – ein bisschen Schinkel und ein bisschen Ponnelle, auf jeden Fall fern vom drögen Reduktionalismus und modernistischen Regietheater – hat er Violetta sterben, Lucia wahnsinnig werden, Konstanze entführen oder Don Giovanni zur Hölle fahren lassen... Alles in seiner kleinen Opernwelt war selbstgemacht, selbst inszeniert, selbst erfühlt. Nur das Dirigieren und Singen hat er anderen überlassen: damaligen Opernstars von Freni bis Ghiaurov, von Böhm bis Karajan.
Schließlich sind in der sehenswerten Ausstellung auch historische Papiertheater und ganze Figurenbogen zu sehen. Und es ist absolut erstaunlich, welch magischer Zauber, welch nostalgischer Charme von diesen Guckkastenwelten ausgeht: Große Gefühle auf kleinstem Raum!
*Die Ausstellung dauert noch bis zum 29. April 2023; www.hausappenzell.ch
Bilder: © Haus Appenzell und Bruno Rauch
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