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« Schlachtkühe die nächsten Wochen zurückhalten, die Preise sind sehr tief... », so oder ähnlich hat die SMS gelautet, die zahlreiche Bauern im August erhalten haben. Auch Uniterre hat sie weitergeleitet. Für Charles-Bernard Bolay, Präsident von Uniterre, hätte der massive Preissturz vermieden oder gemildert werden können - nämlich mit einem gestaffelten Verkauf des Schlachtviehs über den ganzen Sommer und einer besseren Sömmerungsverwaltung. Interview.
Auf dem Fleischmarkt kam es zu einem massiven Preissturz, welches sind die Gründe dafür ?
Das ist nichts Neues, der Preis von Schlachtvieh fluktuiert mit den Jahreszeiten. Im Frühling gehen die Kühe auf die Alp und die Preise für Schlachtkühe steigen, weil das Angebot sinkt, während die Nachfrage steigt. Am Ende des Sommers kommen die Kühe wieder hinunter und viele Produzenten wollen die Schlachtkühe verkaufen. Folglich steigt das Angebot, während die Nachfrage sinkt. Diesen Sommer war die Nachfrage besonders hoch und die Schweizer Bauern konnten nicht genug liefern. Das hat McDonald‘s ausgenützt, um Fleisch aus Österreich zu importieren. Ich mag McDonald›s und die Philosophie des schnellen Essens nicht, aber so ein Unternehmen muss auch mit gewissen Zwängen zurechtkommen, namentlich mit der Verwaltung grosser Fleischmengen. Eine Versorgungsunterbrechung können sie sich nicht leisten. Ein Bauer, der entschieden hat, seine Tiere in einen solchen Kanal zu verkaufen, muss sich dessen bewusst sein und sich entsprechend organisieren... oder aber einen anderen Verkaufskanal suchen.
Was verstehen Sie unter « entsprechend organisieren » ?
Es ist nicht unbedingt notwendig, mit der ganzen Herde auf die Alp zu ziehen. Wenn man bereits entschieden hat, welche Kühe im Verlauf der Saison geschlachtet werden, kann man sie auch im Tal behalten und im Frühling oder Frühsommer zu hohen Preisen verkaufen. Da muss man nicht lange rechnen: ein hoher Schlachtpreis im Frühling ist einträglicher als ein tiefer Schlachtpreis Ende Sommer und der Mehrwert, den man aus der Milch gewinnt, kann den Verlust des Fleischpreises bei Weitem nicht kompensieren. Eine geschlachtete Kuh trägt auch nicht zum Milchüberschuss im Herbst bei und erzeugt während der Sömmerung keine Kosten. Ausserdem ist es technisch auch möglich, die gesömmerte Herde optimal zu verwalten, damit man keine Sömmerungsbeiträge verliert.
Was bedeutet ?
Jede Alp erhält einen Sömmerungsbeitrag ausgehend vom festgelegten Normalbesatz. Dieser Normalbesatz wird in Normalstössen angegeben; ein Normalstoss (NST) entspricht der Sömmerung einer Grossvieheinheit (GVE) während 100 Tagen. Die Alp, wo ich meine Tiere sömmere, hat 89 NST. Um den vollen Sömmerungsbeitrag zu erhalten, muss der Besatz der Alp Ende Sommer zwischen 70 und 110 % der Anzahl Normalstösse betragen. Um das zu erreichen, kann ich mit der Anzahl Tiere und der Anzahl Tage jonglieren. Wenn ich weniger GVE habe, lasse ich sie länger auf der Alp und umgekehrt. Der Besatz einer Alp wird direkt anhand der Tierverkehr-Datenbank (TVD) ausgerechnet. Jedes gesömmerte Tier wird in der TVD angegeben, also kann man den Besatz auf der Webseite jederzeit ausrechnen. Folglich kann man die Anzahl Tage und die Anzahl GVE beliebig anpassen, um die festgelegte Anzahl Normalstösse zu erreichen. Mit ein wenig Planung und Marktbeobachtung kann man die Tiere unter der Saison zu einem guten Preis verkaufen. Alpen, wo die Kühe gemolken und die Milch verkäst wird, haben auch eine festgelegte Anzahl NST und das System funktioniert ähnlich. Es ist also sehr gut möglich, die Herde entsprechend zu verwalten und die Schlachtkühe gestaffelt zu verkaufen.
Sie sagen, dass wir es besser machen können ?
Ja, das denke ich. Man muss den Markt im Auge behalten und im richtigen Moment handeln. Um zu überleben, müssen wir mehr können, als produzieren - nämlich auch verkaufen. Aus diesem Grund mache ich schon seit vielen Jahren Direktverkauf.
Die Preisfluktuationen beim Schweinefleisch sind noch viel komplexer, für mich geradezu unverständlich. Ich denke, das ist gewollt und von den grossen Akteuren der Branche gesteuert. Anders ist das gar nicht möglich. Die kennen die Produktionsspitzen, das Konsumverhalten und die vermarkteten Mengen schon lange. Zudem scheint mir, ist die ganze Produktionskette dermassen integriert, dass die wichtigen Zahlen schon lange bekannt sind (Anzahl Besamungen und Besamungszeitraum, Anzahl lebende Schweine, Tageszunahmen usw.). So sollte es doch möglich sein, den Markt anders zu organisieren und die Preise stabil zu halten - aber getan wird nichts dergleichen. Hinter den unsicheren Preisen steckt bestimmt Absicht! Das wäre ja auch keine neue Strategie, um die Preise zu drücken. Es wird aber problematisch, wenn diese grossen Akteure in der Hand von landwirtschaftlichen Genossenschaften sind. Auf der Webseite von Anicom (Fenaco Gruppe) steht zu lesen : « Anicom ist die Vermarktungsorganisation der Schweizer Bauern » und bezüglich der Schweine : « Die Anicom realisiert zusammen mit den Produzenten Produktionsprogramme und eine Mengenplanung, die den Anforderungen gerecht wird. » Da findet sich weder ein Zielpreis noch ein Mehrwert noch eine Erklärung, um welche Anforderungen es eigentlich geht. Für mich ist aber klar : diese Anforderungen wurden nicht von den Produzenten festgelegt. Für eine landwirtschaftliche Genossenschaft, die im Verkauf arbeitet, ist so eine Haltung wirklich das Hinterletzte!
Ausgehend von dieser düsteren Situationsanalyse, wie handeln ?
Selber verkaufen! So erhält man eine Ahnung der Preise und der Margen pro Kilo Fleisch. Wer wann immer möglich Direktverkauf macht, öffnet die Augen für die Realität.
Ich finde zudem, wir sollten unbedingt die Funktionsweise unserer landwirtschaftlichen Genossenschaften hinterfragen. Es geht ja nicht darum, sie abzuschaffen, aber wir müssen aktiver mitmachen und höhere Forderungen stellen. Die Vorstände müssen unsere Ziele kennen, die der Bauern. Das heisst, unsere Bauernvertreter in den Verwaltungsräten müssen den Druck von unten spüren. Sie wurden von Bauern gewählt, dafür sind sie ihnen Rechenschaft schuldig. Das ist das Mindeste.
Artikel 5 der Initiative für Ernährungssouveränität ist auch sehr wichtig. Er verbessert die Verhandlungsposition der Bauernfamilien und gibt ihren Forderungen mehr Gewicht. Für die Zukunft der Landwirtschaft ist er von zentraler Bedeutung. Es ist deshalb sehr wichtig, die Initiative zu unterstützen, damit sie vom Volk angenommen wird.
das Gespräch führte Nicolas Bezençon
Übersetzung : Stefanie Schenk
Foto : Kurt Graf
veröffentlicht in Uniterre Zeitschrift - September 2016
Artikel 5 der Inititative «Für Ernährungssouveränität. Landwirtschaft betrifft uns alle.»
5. Er [der Bund] nimmt namentlich folgende Aufgaben wahr:
a. Er unterstützt die Schaffung bäuerlicher Organisationen, die darauf ausgerichtet sind sicherzustellen, dass das Angebot von Seiten der Bäuerinnen und Bauern und die Bedürfnisse der Bevölkerung aufeinander abgestimmt sind.
b. Er gewährleistet die Transparenz auf dem Markt und wirkt darauf hin, dass in allen Produktionszweigen und -ketten gerechte Preise festgelegt werden.
c. Er stärkt den direkten Handel zwischen den Bäuerinnen und Bauern und den Konsumentinnen und Konsumenten sowie die regionalen Verarbeitungs-, Lagerungs- und Vermarktungsstrukturen.