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Sie setzte ihre Wut in Kreativität um, tötete in der Literatur, um selbst zu überleben, und trank ihre Angst mit Alkohol weg: Zum Tod der Aktivistin und Autorin Mariella Mehr.
WoZ Wochenzeitung / Marianne Pletscher
Mariella Mehr war der emotionalste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Ihre Leidenschaftlichkeit, ihre grenzenlose Fähigkeit zu Wut und Ekstase faszinierten mich ab dem ersten Tag unserer Freundschaft. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass sie nur deshalb überlebte. Sie vereinte in ihrem Wesen den Kontrast zwischen der Gewalt in ihren Romanen und der Zärtlichkeit in ihren Gedichten.
Mariella und ich lernten uns 1983 in der Malatesta-Bar in Zürich kennen. Sie erzählte mir von einer Bernerin, die Torera lernte, von Mondgöttinnen und heiligen Stieren, und sie wollte wissen, wieso Frauen Stiere töten konnten. Kurz darauf sassen wir gemeinsam in einer Arena in Spanien – als Vorrecherche zu einem Film – und sahen den ersten Stierkampf unseres Lebens. Ich werde Mariellas Heulen, Schreien, Beschimpfen des Publikums nie vergessen. Wir mussten flüchten, auf der Wegfahrt flogen uns Steine nach. Mariella hat die Begegnung mit den «mujeres toreras» im Buch «Das Licht der Frau» verarbeitet, der geplante Dokumentarfilm kam nie zustande.
Die auf dieser Reise entstandene Freundschaft führte drei Jahre später zum Film «Jenseits der Landstrasse», der auf dem Theaterstück «Akte M. Xenos» basiert, in dem Mariella Mehr ihre schwierige Jugend verarbeitete. Zur Recherche vertiefte ich mich in ihre Pro- Juventute-Akten, die ihr kurz zuvor zugespielt worden waren und die sie bei mir zu Hause versteckt hielt. Beim Lesen erlebte ich albtraumartig mit, wie sie als «diebische, haltlose Psychopathin» qualifiziert wurde. Jetzt konnte ich ihre Wut begreifen, sie erfasste mich selbst.
Die Dreharbeiten waren so intensiv, dass ich immer wieder fürchtete, sie würde zusammenbrechen. Eine Szene aus dem Film, unvergesslich: Mariella schaut der jungen Schauspielerin zu, die ihr Alter Ego spielt, während die Sozialarbeiterin dieser ihr Kind wegnimmt. Sie weint, wendet sich direkt an mich, schreit: «Einmal nur im Leben möchte ich es vergessen, nicht mehr daran denken.» Um durchzuhalten, beschloss sie, bei mir zu wohnen. Nächtelang zogen wir gemeinsam durch die Berner Beizen, die ihr Heimat waren – die Tage begannen immer mit einem Glas Champagner. Ich habe die Funktion des Alkohols damals unterschätzt. Die Angst wegzutrinken, gehörte zu ihrer Begegnung mit sich selbst im Stück.
Den Bundesrat angebrüllt
Den Schmerz über ihre schwierige Jugend setzte sie auch als Aktivistin um. Legendär ist ihr öffentliches Anbrüllen von Altbundesrat Rudolf Friedrich, damals Stiftungsratsvorsitzender der Pro Juventute: «Entschuldigen Sie sich, tun Sie das endlich!» Die Sprengung jener Pressekonferenz durch eine Gruppe Jenischer im Jahr 1986 hat Geschichte gemacht, unser Film brachte grosse mediale Aufmerksamkeit, und die jahrzehntelange Verfolgung der Fahrenden sowie Mariella als ihre Sprecherin kamen endgültig in die Schlagzeilen.
Später wurde Mariella im bündnerischen Tomils in einem grossbürgerlichen Haus sesshaft. Die gediegene Umgebung kontrastierte mit dem Leiden und Morden in ihren Romanen, die hier entstanden. Während des Drehens eines Kurzfilms schmiss sie uns raus, holte uns im letzten Moment wieder zurück, erklärte: «Wenn ich als junge Mariella nicht geschrieben hätte, hätte ich mich umgebracht.» Und las einen Satz ihrer Protagonistin Rosa Zwiebelbuch vor, Kindsmörderin und Psychiatriepatientin im Buch «Zeus oder der Zwillingston»: «Das Töten hat die Funktion der Befreiung von dem Schmerz.» Beim Lesen vor laufender Kamera brach sie in schallendes Gelächter aus. Rosa ist ihr liebstes Alter Ego geblieben. Und «Zeus» dasjenige ihrer Bücher, das Gewalt am stärksten mit Humor kombiniert und deshalb auch am leichtesten zu lesen ist. Tragik und Witz sind gleichwertig, Lust und Sinnlichkeit immer präsent.
Nach traumatischen Überfällen wollte Mariella von der Schweiz nichts mehr wissen und zog 1997 mit ihrem Lebenspartner Ueli in die Toscana. Auf dem wunderschönen Landgut Casa Rossa verbrachte sie ihre besten Jahre. Farben, Gerüche und die Musik der italienischen Sprache inspirierten sie, sie pflegte ihre Blumen und Kräuter; Hühner, Pfauen und Hund Tschuggel gehörten zu ihrem Kosmos, Freund:innen bewirtete sie an bacchantischen Festen. Wir alle feierten mit ihr bei «Da Totó» ihre Geburtstage und ihre Hochzeit mit Ueli. Ihre Romanfiguren erlitten weiterhin Höllenqualen, und gleichzeitig entstanden die wunderbarsten Gedichte. Ueli trug sie auf Händen, war Sekretär, Tröster, Liebender. Das ging lange gut, doch dann verschlechterte sich die Beziehung. Im Film «LiteraTour de Suisse» sagte sie mir fast prophetisch: «Ich schreibe heute mehr als früher über Gewalt, die aus Beziehungen entsteht, die falsch laufen. Oft verwechseln wir Bedürfnisse mit Liebe.»
2007, im Jahr ihres 60. Geburtstags, reiste ich für einen neuen Dokumentarfilm in die Toscana. Das gedrehte Material habe ich nicht verwendet, Mariella ging es zu schlecht. Als Ersatz interviewte ich Freund:innen, die die Kraft ihrer Sprache schilderten, und montierte dazu altes Filmmaterial neu. Damals packte mich endgültig die Verzweiflung, als ich zuschauen musste, wie der Alkohol mehr und mehr ihre Kreativität zu zerstören begann.
2013 erreichten mich immer wieder Anrufe: «Wenn du nicht kommst, bringe ich mich um.» Als ich ankam, herrschte in der einst so idyllischen Casa Rossa zwischen Ueli und ihr eine Stimmung von Aggressivität und Verzweiflung, die mir Angst machte. Mit zwei Freundinnen organisierte ich einen Rotkreuz-Transport zum Entzug in die Schweiz. Mariella erholte sich schnell und plante noch von der Forel-Klinik aus ihre Scheidung.
Unsere Freundschaft bekam Risse, als ich mich weigerte, den Kontakt zu Ueli abzubrechen. So radikal, wie sie für Gerechtigkeit und gegen Rassismus kämpfte, so radikal war sie in ihren Beziehungen. Es gab nur mit ihr oder gegen sie, mit vielen verkrachte sie sich für immer. Ich half ihr noch, eine Wohnung zu finden, reduzierte aber unsere Kontakte. Ueli starb kurz darauf in der Toscana.
Versöhnung mit dem Sohn
Schliesslich kam Mariella in ein Pflegeheim, wo sie liebevoll umsorgt wurde. Dort habe ich sie nur einmal besucht, aber durch den engen Kontakt mit ihrem Sohn Christian habe ich den Verlust ihrer Kräfte intensiv miterlebt. Im letzten Jahr konnten sich die beiden nach lebenslangen Konflikten versöhnen. Dass sie das schaffte, war vielleicht Mariellas wichtigste Leistung. Aus Wut Kreativität entstehen zu lassen: Dieses positive Erbe von Mariella führt Christian fort, indem er sich mit seiner Punkband den Zorn aus dem Leib singt und als Aktivist Rassismus bekämpft. Er hat seine Mutter in den Tod begleiten können und dafür gesorgt, dass sie in ihrer geliebten Lederjacke aufgebahrt wurde.
Mariella hat mich ein paar Wochen vor ihrem Tod angerufen. «Ich möchte mich entschuldigen!» Gefragt, für was denn, meinte sie: «Einfach für alles.» Für einen Besuch reichte es nicht mehr, aber ich glaube, dieses Versöhnungsangebot gilt für alle, die ihr nahestanden.
Zur Journalistin:
Marianne Pletscher ist Dokumentarfilmemacherin, Journalistin und Autorin. Im Laufe von vier Jahrzehnten hat sie mehrere Filme mit und über Mariella Mehr realisiert, die auf www.playsuisse.ch oder auf www.mariannepletscher.ch zu finden sind.