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Freier Handel geht dem weltgrössten Nahrungsmittelkonzern eigentlich über alles. Doch auf dem Kaffeemarkt wird bestimmt, und Milchsubventionen kassiert man halt.
Vor zwanzig Jahren, als noch niemand das Wort Globalisierung in den Mund nahm, besass Nestlé bereits Zweigniederlassungen in 68 Ländern auf fünf Kontinenten, 282 Fabriken und 702 Büro- und Verkaufsstellen. Mit nur drei Prozent des erzeugten Umsatzes im Herkunftsland Schweiz, galt Nestlé als das transnationale Unternehmen schlechthin. Schon damals generierte der Konzern ein Drittel seines Umsatzes in Lateinamerika, Asien, Afrika und Ozenanien.
In der Zwischenzeit hat Nestlé nochmals einen Quantensprung geschafft. Der Umsatz hat sich fast verdreifacht und ist auf über 89 Milliarden Franken (2002) gestiegen. Das ist ein Betrag, der zehn Milliarden über dem Bruttosozialprodukt von Pakistan liegt, einem Land mit 141 Millionen EinwohnerInnen. Nestlé besitzt heute über 500 Fabriken in 86 Ländern der Welt. Und Nestlé-Produkte gibt es fast überall zu kaufen.
Auch solche Zahlenspielereien drücken nicht wirklich aus, wie viele Menschen weltweit von Nestlé abhängen. Die allergrössten Konzerne der Welt stammen aus den Branchen Banken, Autohersteller, Mineralölgesellschaften oder Medien. Hunderttausende Lohnabhängige sind jeweils direkt oder indirekt von ihnen abhängig.
Nestlé zählt über 250000 direkt Beschäftigte. Dazu kommt, wie in anderen Unternehmen auch, eine Vielzahl von ArbeiterInnen und Angestellten, die in Zulieferbetrieben arbeiten oder in ausgelagerten Firmen, welche voll vom Konzern abhängig sind.
Nach eigenen Angaben sind von Nestlé jedoch auch noch weltweit 300000 Bauernbetriebe abhängig, von denen das Unternehmen direkt oder indirekt Produkte bezieht. Nestlé gehört zu den Weltmarktführern in den landwirtschaftlich arbeitsintensiven Bereichen Kaffee, Kakao und Milch. Bereiche, in denen in vielen Ländern kleinbäuerliche Strukturen vorherrschen. Bäuerinnen und Bauern können sich im Gegensatz zu den Lohnabhängigen nicht einfach einen neuen Arbeitsplatz suchen oder umziehen.
Auf den Philippinen produzierten 30000 KaffeefarmerInnen, davon 95 Prozent in Kleinbetrieben, im Jahr 2000 insgesamt 34000 Tonnen Kaffee. Nestlé kaufte davon 27000 Tonnen. In Thailand verkauften im Jahr 2002 gemäss Nestlé-Angaben 16000 Bauernbetriebe ihren Kaffee direkt via sechs Aufkaufstationen an Nestlé. Das Saatgut für den Kaffee stellt Nestlé gratis zur Verfügung.
Nestlé ist der weltgrösste Kaffeeröster und marktführend beim löslichen Kaffee. Im Jahr 2002 hat Nestlé fast 800000 Tonnen Kaffee verarbeitet. 110000 Tonnen davon wurden direkt ein-gekauft, das heisst ohne Mittelsmänner. Das ist Macht. Die Firma kann sowohl Druck auf die Regierungen der Kaffee produzierenden Staaten ausüben, als auch auf die einzelnen Bäuerinnen und Bauern selbst.
Der Weltmarktpreis für Kaffee ist in den letzten Jahren konstant gesunken. Noch Ende 1997 war er dreimal so hoch wie heute. Inzwischen ist er auf dem tiefsten Stand seit hundert Jahren. Die britische entwicklungspolitische Organisation Oxfam wirft den vier grossen Kaffeeröstern (neben Nestlé die Firmen Sara Lee, Kraft und Procter & Gamble) vor, sie würden kaum etwas gegen die «gigantische Kaffeekrise» unternehmen: «Sie machen ihre Profite weiter, während Millionen von Menschen in den 45 Kaffeeländern ihrem ökonomischen Ruin entgegensehen.»
Oxfam anerkennt zwar, dass gerade Nestlé einige Anstregungen unternehme, den Kaffee direkt bei den Produzent-Innen einzukaufen. Das bedeute, dass diese mehr Geld bekämen und die abschöpfenden Mittelsmänner ausgeschaltet würden. Aber die Organisation kritisiert Nestlé, weil diese sich weigere, Kaffee von Kooperativen zu beziehen, die unter dem Fair-Trade-Signet geführt werden. Nestlé dagegen hält den «fairen Handel» nicht für ein geeignetes Mittel, die Kaffeekrise zu überwinden. Das sei zwar, heisst es in einer teuren Broschüre vom November 2003, «ein brauchbarer Weg, um das Bewusstsein über die Kaffeezusammenhänge zu erhöhen». Auch erlaube Fair Trade «den Konsumenten ihre Solidarität mit einer Gruppe von Kaffeefarmern in den Entwicklungsländern auszudrücken». Aber weitergedacht, führe der Umstand, dass Kaffeebauern höhere Fair-Trade-Preise erhalten, nur dazu, dass sie ermutigt würden, ihre Produktion zu erhöhen. Das wiederum erhöhe das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage und setze die Preise weiter unter Druck. Nestlé fordert dagegen die Bauern und Bäuerinnen auf, qualitativ besseren Kaffee zu produzieren. Wenn sie dazu nicht in der Lage seien, müssten sie eben auf andere Produkte umsatteln. Die Zollbarrieren, welche den Export von solchen anderen landwirtschaftlichen Gütern nach den USA und der EU behinderten, hätten zu verschwinden. Dafür will sich Nestlé einsetzen.
Wie widersprüchlich allerdings Nestlés Argumentation ist, zeigt die Firma ausgerechnet in ihrem Urgeschäft, dort wo das Unternehmen vor 138 Jahren angefangen hat: bei der Milch. Auch in diesem Bereich gehört Nestlé zu den weltweit Grössten. Der Weltmarktanteil beim Milchpulver soll über fünfzig Prozent betragen – eine Zahl, die das Unternehmen aus prinzipiellen Gründen nicht kommentieren will. Weltweit verarbeitet Nestlé rund zehn Milliarden Liter Milch pro Jahr. In der EU alleine sind es 2,8 Milliarden Liter. Weil die EU zu viel Milch produziert und die Milchlobby grosses politisches Gewicht hat, subventionieren die EU-Staaten den Export von Milchprodukten jährlich mit über zwei Milliarden Franken. Gemäss Oxfam fliesst ein Teil davon auch in die Taschen von Nestlé. Hans-Jörg Renk, Mediensprecher von Nestlé, bestätigt diesen Sachverhalt, weisst aber darauf hin, dass «Nestlé grundsätzlich gegen solche Exportsubventionen ist».
Oxfam kritisiert, dass das künstlich verbilligte EU-Milchpulver die Erzeugnisse der Milchbetriebe in den Entwick-lungsländern konkurrenziere. Jamaika musste zum Beispiel auf Drängen der Weltbank 1992 die Zölle für Milchpulver reduzieren sowie die Subventionen für heimische Milchbauern abschaffen. Dadurch ist der Anteil der heimischen Milchproduktion kontinuierlich gesunken. Denn der Preis für Frischmilch orientiert sich am billig importierten Milchpulver. Nestlé kauft ein Viertel der ganzen jamaikanischen Milchproduktion auf. In den vergangenen Jahren hat der Konzern jedoch die Abnahmemenge stark reduziert, wie Hans-Jörg Renk bestätigt.
Nestlé spielt also einerseits auf der neoliberalen Geige und behandelt die Bauern und Bäuerinnen als ganz normale MarktteilnehmerInnen, nützt jedoch andererseits auch die Spielräume im regulierten Landwirtschaftsmarkt schonungslos aus. Dabei weiss sich Nestlé wegen seiner Grösse der politischen Einflussmöglichkeiten sicher. Am Wef gehört Nestlé-Boss Peter Brabeck zu den Stars. Beim letztjährigen «Open Forum», der öffentlichen Veranstaltungsreihe des Wef, fiel Brabeck an einem Podium durch sein schon fast selbstherrliches Auftreten auf. «Nachhaltigkeit», so seine Anwort auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum, «das ist, wenn auch noch unsere Enkel und Urenkel Nestlé-Produkte konsumieren.»
Nestlé schaffte es normalerweise ausgezeichnet, sich PR-mässig ins günstigste Licht zu rücken. Am letztjährigen Wef unterzeichnete Brabeck einen Vertrag mit Brasiliens neuem Staats-präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Nestlé wolle das Land in seinem Kampf gegen den Hunger unterstützen. Inzwischen wird diese Zusammenarbeit jedoch vom brasilianischen Hungerbeauftragten Flavio Valente heftig kritisiert. Nestlé vergrössere damit nur seinen Einfluss und sichere sich gegen Angriffe ab, etwa wegen seiner Wasserpolitik in Brasilien oder seiner umstrittenen Vermarktungspolitik im Bereich Babynahrung.
Brabecks Vorgänger Helmut Maucher rühmte sich, dass es kaum einen Politiker auf der Welt gebe, mit dem er, wenn er dessen Land bereise, nicht einen Termin ausmachen könne. Wie schnell PolitikerInnen bereit sind, sich für ein Unternehmen wie Nestlé einzusetzen – etwa wenn Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen – zeigt auch ein aktuelles Beispiel aus den USA: Im Bundesstaat Michigan pumpt Nestlé in der Gegend von Big Rapids Grund- und Quellwasser aus dem Boden und betreibt eine Abfüllanlange, in der sie 120 Personen beschäftigt. Das abgefüllte Wasser wird als «Ice Mountain Water» in acht Bundesstaaten verkauft. Verschiedenen Umweltorganisationen ist Nestlés Wasserabpumperei ein Dorn im Auge (siehe WOZ Nr. 28/03). Sie sind der Meinung, dass Wasser ein öffentliches Gut sei, das allen gehöre. Sie stören sich auch daran, dass der weltweit grösste Flaschenwasserverkäufer gratis das Wasser abpumpen darf und für den Zeit-raum von zehn Jahren gar noch 9,5 Millionen Dollar Steuerreduktion erhält. Ausserdem befürchten sie die ökologischen Folgen des Wasserabzapfens, ein Absinken des Grundwasserspiegels und das Austrocknen von Flüssen. Deshalb strengten sie einen Prozess gegen Nestlé an, den sie zu aller Überraschung am 25. November 2003 gewannen. Richter Lawrence Root verfügte, Nestlé müsse mit dem Abpumpen des Quellwassers sofort aufhören. Doch Nestlé liess nicht locker, legte Berufung ein und sicherte sich die Unterstützung der Gouverneurin von Michigan, Jennifer Granholm. Diese schrieb einen Brief an das Berufungsgericht und forderte bis zum Berufungsprozess, der sich noch Jahre hinauszögern könnte, Nestlé weiterhin abpumpen zu lassen. Am 16. Dezember wurde dem Begehren stattgegeben.
Am Pranger
Wassergeschäft: Nestlé betreibt eine aggressive Expansionsstrategie. Dass sich der multinationale Konzern weltweit Wasserquellen sichert und Grundwasser abpumpt, stiess etwa in den USA, Brasilien und der Schweiz auf Widerstand.
Kaffee, Kakao: Während die Weltmarktpreise ins Bodenlose sinken und die betroffene Bevölkerung in den Produktionsländern verarmt, realisiert Nestlé weiterhin hohe Profite.
Milchpulver: Nestlé kassiert in Europa Exportsubventionen und konkurrenziert so die Milchproduktion in den Entwicklungsländern.
abynahrung: Das internationale Netzwerk Babynahrung (IBFAN) wirft Nestlé vor, der Konzern halte sich nicht in allen Punkten an den Kodex der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Vermarktung von Muttermilchersatz. Seit über zwanzig Jahren läuft deswegen eine Boykottkampagne gegen Nestlé.
Gentechnologie: In Ländern, in denen entsprechende Gesetze fehlen oder die Sensibilisierung der Bevölkerung nicht vorhanden ist, verwendet Nestlé gentechnisch veränderte Substanzen für ihre Produkte und verzichtet auch auf die Deklaration.
Arbeitskonflikte: Letztes Jahr etwa sah sich Nestlé in Südkorea mit einem sechs Monate langen Streik von 430 Beschäftigten kon-frontiert. Diese wehrten sich für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag und gegen die Beschäftigung von Temporärangestellten.