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Der Nachmittag Mitte September letzten Jahres war sonnig und angenehm warm. Patrick Blau befand sich auf dem Weg zu einer Schule beim Bahnhof Wankdorf, wo er ein Studium in Projektmanagement absolviert. Die Gedanken des technologischen Anlagenmanagers, der für den Bereich Netzdesign, Anlagen und Technologie in der Division Infrastruktur tätig ist, waren bereits bei der ersten Lektion, als ihm plötzlich eine Frau ins Auge stach. Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Rand des Perrons, die Füsse nahe den sechs weissen Sicherheitslinien, den Kopf auf die Brust gesenkt.
Worte voller Zuspruch, Verständnis und Herz
Ohne gross zu überlegen stellte Patrick Blau seine Aktentasche ab und trat seitlich neben die Frau hin, deren Alter er auf 25 bis 30 Jahre schätzte. «Gehen Sie nicht vor den Zug, das ist es nicht wert», hörte er sich auf einmal sagen. Um sie nicht zu verängstigen, wagte er nicht, näher an die Unbekannte heranzugehen. Drei Armlängen trennten die beiden, doch Patrick Blau kam es vor, als stünden sie himmelweit auseinander.
Er redete vorsichtig auf die Frau ein, mit Worten voll von Zuspruch, Verständnis und Herz. In seiner Erinnerung dauerte der Monolog mehr als zehn Minuten. Die Unbekannte bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle, und sie gab nicht eine einzige Silbe von sich. Ab und an hob sie wie in Zeitlupe den Kopf und blickte Patrick Blau kurz an. Ein hoffnungsvolles Zeichen, das ihn ermunterte, nicht aufzugeben.
Bauarbeiter als einziger Mithelfer
Während er unentwegt zu der Frau sprach, gingen die Menschen reihenweise an den beiden vorüber. Niemand nahm Anteil an der schicksalshaften Begegnung von Patrick Blau und der unbekannten Frau. Ein Bauarbeiter, der sie beobachtet hatte, bot ihm schliesslich seine Hilfe an. Zu zweit redeten sie der Frau weiter zu. Und hatten Erfolg. Auf einmal begann sie sich zu bewegen und wich in winzigen Schritten langsam von den Geleisen zurück. Nach wie vor sprach sie kein Wort und wendete den Blick von den Männern ab.
Patrick Blau eilte zur Bushaltestelle und bat einen Chauffeur, die Polizei aufzubieten. Der Bauarbeiter erklärte sich bereit, bei der Frau zu warten, bis die Ordnungshüter eintrafen. In diesem Wissen konnte Patrick Blau erleichterten Herzens zur Schule gehen, wo sein Unterricht inzwischen begonnen hatte. Dass er eben ein Menschenleben gerettet hatte, drang nicht sogleich in sein Bewusstsein vor.
Brutal persönlich geworden
Doch kaum im Klassenzimmer angekommen, holten ihn der Schock und die Emotionen ein. In der ersten Stunde konnte er nicht einen Fetzen des Stoffes aufnehmen. «Ich sah immer wieder die Leere in den Augen der Frau vor mir. Es war, als würde ich in die Hölle schauen.» Er hält inne, lässt die eigenen Worte nachwirken. «Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich davon erzähle.» Er habe sich an jenem strahlenden Herbsttag das erste Mal in seinem Leben mit Lebensüberdruss konfrontiert gesehen, fährt Patrick Blau fort. Es war eine tiefgreifende Erfahrung. «Wenn du plötzlich ein Gesicht vor dir hast, erhält ein Thema eine andere Dimension. Dann wird es brutal persönlich.»
Patrick Blau hat die Frau nie wiedergesehen. Auch weiss er nicht, ob sie noch lebt und wie es ihr heute geht. In der ersten Zeit bedauerte er, nicht erfahren zu haben, was aus der Frau geworden ist. Heute sieht der SBB Mitarbeiter die Sache differenzierter. «Wichtig ist, dass ich getan habe, was mir in diesem Moment möglich war.» Als Held mag er nicht bezeichnet werden. «Ich finde es selbstverständlich, dass man so etwas macht.»
Patrick Blau überlegt kurz, dann schiebt er einen Satz nach, der wie ein Schlaglicht erscheint, das auf sein Wertesystem fällt. «Mit fortschreitendem Alter nehmen Demut und die Bereitschaft zu, Menschen zu unterstützen, die dringend Hilfe brauchen.»
Patrick Blaus Erlebnis mit der suizidgefährdeten Frau hat sich im Bereich des Bahnhofs Wankdorf zugetragen. Um Nachahmungstaten nicht zu fördern, sind einige Details verfremdet dargestellt.
Die SBB engagiert sich seit längerem in der Suizidprävention und hat einen Massnahmenplan umgesetzt mit dem Ziel, die Anzahl der Selbsttötungen auf ihrem Schienennetz zu reduzieren. Seit Jahren sensibilisiert sie ihre Mitarbeitenden, die durch ihre Tätigkeit mit suizidgefährdeten Menschen in Kontakt kommen können, für das Thema. Die Mitarbeitenden erfahren, wie sie eine suizidale Person erkennen, ob und wie sie diese ansprechen und wo sie Unterstützung anfordern können.