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Hatte Hamburg früher einen Walfängerhafen? Nein, das ist ein Gedankengespinst, das beim Lesen entsteht. In einem Roman, den Ramon Guillermo auf Tagalog geschrieben hat, steht nämlich «dambuhalang pantalan» – und «dambuhala» heisst auch Walfisch. Aber als Adjektiv hat sich das Wort abgeschliffen, das Monströse und Tierische klingt darin nur noch so dezent an wie himmelstürmende griechische Riesen im deutschen Wort «gigantisch». Vielleicht werden Leser:innen auch auf Deutsch einmal lesen können, wie sich Guillermo vorgestellt hat, dass drei junge asiatische Reisende (aus den Philippinen, aus Indonesien und Japan) in den 1880er Jahren in Hamburg beim Spielen einen Computercode erfinden. Die Geschichte beginnt mit dem Satz: «Im gigantischen Hafen von Hamburg fliesst der Kaffee aus der ganzen Welt zusammen.»
Auf Resonanzen einzelner Worte müsste ich mich im Moment konzentrieren, aber im Südchinesischen Meer kreuzen sich Kriegsschiffe. Und in Frankfurt ist Buchmesse. Wenn sich Verlage aus der ganzen Welt treffen, geht es darum, endlich Verträge zu sichern, um dann ein Einkommen zu haben, das es erlaubt, in Ruhe zu übersetzen. In zwei Jahren werden die Philippinen Gastland der Buchmesse sein, der Moment ist günstig. Das zeigt auch die Zürcher Nachfrage nach einem Kochbuch zum Gericht Adobo. Mit fünfzehn Kilo Bildbänden fahre ich in die Schweiz zurück, die Posttarife würden den Preis der Bücher verdoppeln.
Vor zwei Monaten betrachtete ich im Hafen von Cebu Containerschiffe mit neuem Interesse. Mit einer Fähre fuhr ich zu einem Festival im Süden des Archipels. Gerade hatte mir eine Fachfrau erläutert: Importierte Bücher würden erst dann günstiger, wenn man sie in Containern transportieren könnte. Man müsste also Bestseller in rauen Mengen einführen. Doch da gab es einmal eine Alternative: Nach dem Sturz der Marcos-Diktatur 1986 war in Kalifornien das Interesse an Literatur aus Manila so gross, dass man Bücherkisten in Container mit Kokosmilch packen konnte. Ein freundlicher Foodimporteur machte es möglich. Könnte man den Adobo-Koch Claude Tayag mit einer Importeurin von Ube-Wurzeln, einem neuen Superfood, vernetzen?
Tayag ist ein Botschafter unverhoffter Verbindungen. Den Ehrgeiz seiner Regierung, endlich ein Standardrezept für Adobo festzulegen, kontert er mit einer Theorie der Vielfalt. Adobo sei eine Art, Fisch (oder Fleisch oder Gemüse) in Essig zu kochen, aber jede:r passe das Rezept an. Auf jeder Insel und an jedem Ort der Emigration. Weil mich diese Idee, ohne Standard auszukommen, fasziniert, schleppt mein freundlicher Begleiter Bücher im Rucksack nach Zürich. Zugesagt hatte ich den Transport in einem euphorischen Moment, als Kleinverleger:innen aus Manila am Apéro der unabhängigen deutschen Verlage Wein tranken. Vielleicht ist es ja tatsächlich möglich, gegen uniformierende KI-Monster und Bestsellerzwänge die vielfältigen, dezentralen Verbindungen zu stärken. Beim Rotwein wurde ein Kollege aus Manila zum ersten Mal emotional. Er sagte: «Wer weiss, was 2025 ist. Was für Kriege bis dahin ausbrechen werden.» Dann folgte ein hoffnungsvoller Satz, der mit Büchern zu tun hatte, mit intelligenten Leser:innen, mit Sorgfalt. Diesen Satz bringe ich jetzt nicht mehr zusammen, weil mich die Liste der anstehenden Aufgaben erschlägt. Um in Ruhe übersetzen zu können, muss noch einiges koordiniert werden.
Annette Hug ist Autorin und übersetzt philippinische Gegenwartsliteratur ins Deutsche. Während sie an diesem Text schrieb, kam die Nachricht von einem neuen Zwischenfall im Südchinesischen beziehungsweise ostphilippinischen Meer herein.