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Am 28. Juni vor 207 Jahren wurde in Genf der Philosoph, Schriftsteller, Pädagoge, Naturforscher und Komponist Jean-Jacques Rousseau, einer der bedeutendsten Vertreter der Aufklärung, geboren. Berühmt wurde Rousseau 1750 mit dem philosophischen Traktat «Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste». Das sechzigseitige Pamphlet war die Antwort des Genfer Philosophen auf die von der Akademie von Dijon ausgeschriebene Preisfrage «ob der Fortschritt der Wissenschaften und der Künste dazu beigetragen hat, die Sitten zu läutern.» Rousseau beantwortete die Frage vehement mit «Nein» und entwarf eine scharfe Kritik an der Zivilisation, die sich dem Naturzustand, in dem der Mensch das absolute Glück erfahre, entgegenstellt. Der wissenschaftliche Fortschritt habe der Menschheit also keine Vorteile gebracht. Diese These widersprach klar der in der Aufklärung vorherrschenden Auffassung zur unabdingbaren Rolle, die der Fortschritt in den Wissenschaften und der Kultur für die Besserung des Menschen spielte und ihn dazu brachte, sich von falschen Überzeugungen und vom Aberglauben zu befreien.
Mit seiner Schrift erlangte Rousseau den Preis der Akademie von Dijon und grosse Berühmtheit. Die Frage aus dem Jahr 1750 nach der Verfeinerung der Sitten liegt uns heute wahrscheinlich nicht mehr sehr nahe. Wir können sie jedoch abändern und fragen, ob der Fortschritt der Geschichtswissenschaften einen Beitrag zur Läuterung des Patriotismus leisten kann. Rousseau war seiner Zeit voraus, als er behauptete, «dass der patriotische ein ausschliessender Geist ist, der uns alle als Feinde erscheinen lässt, die nicht unsere Mitbürger sind.» Tatsächlich steht die Geschichtsschreibung in engem Zusammenhang mit der Konstruktion der Nation: Im 19. Jahrhundert entdeckten Historiker das inzwischen berühmte Dokument von 1291 neu und konstruierten auf dessen Grundlage einen «ewigen Bundespakt», der sich am 1. August 1891 zum 600. Mal jähren sollte. Es war das erste Mal, dass er in der ganzen Schweiz gefeiert wurde. Der konservative französische Historiker Ernest Renan hatte bereits 1882 mit grosser Hellsichtigkeit erkannt, dass in der Beziehung zwischen der Geschichtswissenschaft und der Nation eine grosse Sprengkraft liegen konnte: «Das Vergessen – ich möchte fast sagen: der historische Irrtum – spielt bei der Erschaffung einer Nation eine wesentliche Rolle, und daher ist der Fortschritt der historischen Studien oft eine Gefahr für die Nation», schrieb er in seiner Rede «Was ist eine Nation?». Stellt also nun die Entwicklung der historischen Forschung für die Nation meist eine Gefahr dar?
Die heftige Kontroverse zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die in den 1990er Jahren das Land erschüttert und erschreckende Reaktionen gegen Historiker und Intellektuelle ausgelöst hatte, scheint Renan und letztlich auch Rousseau zunächst recht zu geben. Es irrten jedoch beide: Der Fortschritt der historischen Forschung ist für die Nation und den Patriotismus klar von grossem Nutzen, leider manifestiert sich dies aber nicht überall in einem aufklärerischen Sinn.
[Datum der Erstausstrahlung: Radiotelevisione Svizzera RSI, Rete Due, 4. Juni 2013, 07:05 Uhr]