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Am 2. Februar 1938 warteten auf dem Stockhof Hüswil Urgrossmutter, Grosseltern, Onkel und Tanten gespannt darauf, was wohl das 2. Kind von Walter Heiniger und Frieda Glauser sein wird: gibt es ein Mädchen oder wieder ein Bübchen? Alle freuten sich, dass schliesslich ein gesundes Mädchen das Licht der Welt erblickte. Es wurde in der Kirche Hüswil auf den Namen Dorly getauft.
Dorly entwickelte sich prächtig zu einem hübschen Mädchen mit schönen schwarzen Haaren. Es wurde immer und zu jener Zeit sehr modisch eingekleidet. Sein Lieblingsonkel Gottfried nannte es immer und überall mit Stolz: das ist unser Töchterchen. Dorly war lebendig und unternehmungslustig und sorgte oft für Überraschungen, so z.B. wenn es die zum Verkauf bereitgestellten Eier aufschlug oder wenn es nach einer Metzgeten Bratwürste ausdrückte und deren Inhalt ass. Wie oft musste es sich hinter dem breiten Rücken seines Onkels verstecken, wenn von irgendwoher eine verdiente Strafe im Anzug war: Dort war es sicher, ihm konnte hier ganz sicher nichts passieren! Die zwei älteren Kinder blieben natürlich nicht allein. In den nächsten 14 Jahren kamen noch 2 Brüder und 3 Schwestern dazu. Die sieben Geschwister erlebten eine schöne, glückliche und unbeschwerte Jugendzeit. Sie wurden von allen Seiten (!) behütet und bewacht, so dass ja nichts passieren konnte.
Dorly besuchte die Schule in Zell. Nach der Sekundarschule bis zur Konfirmation im Jahre 1954 blieb sie zu Hause um der vielbeschäftigten Mutter beizustehen und den Kinderhütedienst für die drei jüngsten Geschwister zu übernehmen. Anschliessend besuchte sie die Frei's Handelsschule in Luzern. Nach Abschluss derselben hiess es Abschied nehmen von daheim. Der Vater führte Dorly zum Sprachaufenthalt nach La Chaux-de-Fonds zu einer Industriellen-Familie in einer wunderschönen Villa. Dorly blieb 13 Monate und lernte dort nicht nur die Sprache, sondern auch die Umgangsformen und wie man Gäste korrekt begrüsst und bedient. Nach diesem Sprachaufenthalt besorgte sie ein Jahr lang den grossen Geschäftshaushalt vom damaligen Modehaus Müller in Sumiswald. Wieder zu Hause, arbeitete sie für kurze Zeit im Kurhaus in Menzberg. Dank der Beziehung des Vaters mit Direktor Burkhart von der Bank in Langenthal wurde Dorly 1962 eine Stelle angeboten, zuerst in der Abteilung Reisebüro und nachher in der Abteilung Sparkassen.
Leider begannen damals die ersten gesundheitlichen Probleme. Der Arzt empfahl ihr dringend eine Luftveränderung und eine Arbeit mit mehr Bewegung. Das war für sie eine sehr harte Prognose. Sie musste die Bank verlassen, jedoch mit der Zusicherung von Herrn Burkhart, dass sie jederzeit wieder zurückkommen könne. Im Jahre 1965 ging Dorly zur Kur und Arbeit in ein Hotel in Sigriswil. Es gefiel ihr dort sehr gut und sie erholte sich rasch. Seither blieb sie dem Restaurant- und Hotelbetrieb treu.
Dank den vielfältigen Beziehungen des Vaters bekam Dorly immer Adressen von guten und für sie passenden Restaurants und Hotels, so u.a. Rest. Spreuerbrücke Luzern und Hotel Burgunderhalle Grenchen. Es folgten viele weitere Betriebe in Blumenstein, Kandergrund, Madiswil, Huttwil, Ufhusen und Dagmersellen. Wegen eines Rückenleidens musste sie ein halbes Jahr aussetzen und arbeitete in dieser Zeit wieder zu Hause im Haushalt und Büro. Auf ein Inserat hin landete Dorly 1971 im Rest. Emmenhof Burgdorf.
Dort lernte sie ihren späteren Lebenspartner Simon Capelli kennen. Simon war ein begnadeter Jodler und Dirigent von 3 Jodlerklubs. Er merkte schon früh, dass Dorly Talent zum Singen und Jodeln in sich trägt. Es wurde übrigens zu Hause in der Familie Heiniger viel gesungen. Simon bildete Dorly zur Jodlerin aus, sie sang später in 3 Klubs, so u. a. in Mötschwil, Burgdorf und Melchnau. Seither ist jodeln, singen und volkstümliche Unterhaltung für Dorly das Leben.
Dorly und Simon zogen 1973 nach Langenthal. Dorly arbeitete bis zur Pensionierung wieder auf der Bank, die sie 1965 wegen Krankheit verlassen musste.
Dorly blieb auch vor schweren Schicksalsschlägen nicht verschont. So verstarb am 3. März 2001 ihr Lebenspartner Simon an Herzversagen. Sie musste darauf wegen Depression behandelt werden. Dorly war seither sehr ängstlich. Wegen weiteren gesundheitlichen Problemen erfolgten in den Jahren darauf verschiedene Spital- und Klinikaufenthalte, immer erholte sie sich sehr rasch. Im November 2008 erlitt sie einen Herzinfarkt mit anschliessendem Herzstillstand, konnte aber erfolgreich reanimiert werden und sofort mit der Rega ins Inselspital zur Weiterbehandlung geflogen werden. Die Ärzte sagten, ihr sei gerade ein zweites Leben geschenkt worden!
Dorly war nach diesem Bescheid ausserordentlich dankbar. Es dankte aber auch dem, dem wir alle alles zu verdanken haben. Dorly war überhaupt ein liebenswürdiger Mensch. Auch der Familie gegenüber. Jedes Husten eines Familienmitgliedes verursachte ihr Sorgen. Sie kannte alle Geburtstage von Geschwistern, Nichten, Neffen und Bekannten, ein Geburtsgruss fehlte nie. Auch die Gräber ihrer drei verstorbenen Geschwistern und Simon wurden von ihr nie vergessen.
Dorly wusste sich sehr gut alleine zu beschäftigen. Sie strickte unzählige Schals, Deckeli und Socken und hörte dazu Ländlermusik, Jodellieder und Schlager. Sie las Zeitungen und Heftli. Interessante Artikel sowie Fotos und Karten von Verwandten und Freunden wurden exakt in schön verzierten Ordnern gesammelt. Zur Abwechslung spielte sie auf ihrer Zyther. Sie hatte auch viele Schreib- und Telefoniermomente: So schrieb sie spontan ihren Bekannten oder rief sie an und erkundigte sich um ihr Befinden.
Dorly liebte es, sich schön zu bekleiden. Alles, auch Halskette, Halstuch und Fingerring mussten farblich abgestimmt passen.
Dorly war auch gerne unter Leuten, sie war die sogenannte Zuhöhrerin. Sie freute sich jeweils auf die regelmässigen Zusammenkünfte mit ihren ehemaligen Arbeitskolleg:innen.
Sie war gerne mit ihrem Auto unterwegs, machte irgendeinen Ausflug oder besuchte Verwandte und Bekannte und machte Krankenbesuche in Spital und Heimen. Sie war an unzähligen Jodlerkonzerten, Theatern und Schwyzerörgelianlässen anzutreffen. Beim Männerchor Zell liess sie all die Jahre vermutlich kein Konzert aus!
Praktisch aus dem Nichts erlitt sie im Februar 2019 einen schweren Zusammenbruch, der zu einer Schulterfraktur führte. Sie wurde zur Pflege in den Murhof gebracht, wo sie uns Geschwistern nach kurzer Zeit mitteilte, dass sie nicht mehr in ihre Wohnung in Langenthal zurückgehe, denn sie werde hier gut gepflegt und sie sei nicht mehr alleine, es gefalle ihr hier sehr gut!
Dorly verbrachte im Murhof noch 3 schöne Jahre. Jeden Freitagmorgen sang sie mit uns Schwestern altbekannte Lieder.
Nach all ihren gesundheitlichen Problemen hat sich Dorly für alle überraschend immer wieder sehr gut erholt. Doch der letzte völlig unerwartete Zusammenbruch vom 28. Oktober 2022 hat sie leider nicht überstanden. Dorly ist nach 4 Wochen Spitalaufenthalt, ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen, friedlich eingeschlafen.
Liebes Dorly, wir gönnen dir die Ruhe und den Frieden, du bleibst in unseren Herzen!
Deine Geschwister