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«You bring the corsets, We'll bring the cinches. No one wants a waist over nine inches», trällern verzerrte Stimmen. «Ihr bringt die Korsette, wir bringen die Schnüre. Keine will eine Taille über neun Zoll.»
Der Text stammt aus einem Musical und ist ironisch gemeint. Doch junge Frauen filmen sich zu diesen Zeilen auf Tiktok und schnüren sich dazu in enge Korsetts.
Nine Inches: Das sind keine 23 Zentimeter. Die Fast-Fashion-Ladenketten befeuern aktuell diesen Trend, indem sie Korsette jeglicher Couleur anbieten.
Es begann in Spanien
«Das Korsett ist wohl das umstrittenste Kleidungsstück in der gesamten Geschichte der westlichen Mode», sagt Valerie Steele, Modehistorikerin und Museumsdirektorin des New Yorker Fashion Institute of Technology in einem Vortrag, Link öffnet in einem neuen Fenster im Jahr 2015.
Seine Geschichte beginnt vor gut 400 Jahren – im 16. Jahrhundert in Spanien. Von dort gelangt das Korsett nach Italien und Frankreich.
Mit Walfischknochen zur besseren Haltung
«Zunächst waren Korsette Teil einer neuen Entwicklung in der Tracht», erzählt Valerie Steele. «Fliessende Kleider wurden zweigeteilt in einen Reifrock und ein versteiftes Mieder.»
Korsette seien ursprünglich nichts anderes gewesen, als ein steifes Mieder, mit dem man besser aufrecht stehen konnte. Mit der Zeit habe man sie dann mit Holzstäbchen und Walfischknochen verstärkt.
Nymphomanie und andere Mythen
Vor allem im 19. Jahrhundert begannen die Mythen rund ums Korsett. Die Organe und Rippen würden gesundheitsschädigend verschoben und eingedrückt.
Dabei, so Modehistorikerin Valerie Steele, hätte man diese Korsetts gar nicht so eng schnüren können. Der zarte Stoff der handgenähten Ösen wäre gerissen.
«Es gab sogar Quacksalber, die sagten, dass ein Korsett das Blut zum Kochen bringt, das kochende Blut ins Gehirn steige und dort ein Organ entzünde. Das führe dazu, dass Frauen Nymphomaninnen wurden.»
Das Korsett als «Nackt-Ideal»
Seinen ultimativ sexuellen Touch bekam das Korsett durch den französischen Maler Édouard Manet mit seiner «Nana» von 1877. Er malte die Geliebte des niederländischen Prinzen in einem blauen Korsett und blauen Strümpfen.
«Manet sagte selbst, das Korsett aus Satin sei das Nackt-Ideal seiner Zeit», erzählt Valerie Steele. Mehr als ganz nackt. Da er das sonst weisse Korsett blau zeigte, galten seither farbige Exemplare als besonders verführerisch.
Dann kam Madonna
Anfang des 20. Jahrhunderts ist das unpraktische Korsett aus der Mode verschwunden. Kurz darauf taucht es in Sado-Maso-Kreisen wieder auf. In den 1970er-Jahren gelangt es mit der Modeschöpferin Vivienne Westwood in den Punk.
1990 verhilft ihm der französische Modeschöpfer Jean Paul Gaultier zu seinem wohl stärksten Moment, als er für Madonna das ikonische Outfit schuf: ein goldenes Korsett mit konischen Körbchen.
Für die breite Masse sichtbar wurde es jüngst im Netflix-Streaming-Erfolg «Bridgerton», in dem sich eine junge Frau für den Heiratsmarkt in ein Korsett zwängen muss.
Modehistorisch ist das völlig unkorrekt, da die Kleider in der Regency Epoche, in der die Serie spielt, unter der Brust lose herunterhingen.
Was nützt da eine Wespentaille, die man nicht sieht? Nichts. Aber offenbar ist das Bild von einer Frau, die sich in ein Korsett zwängt, um begehrlicher zu wirken, als Chiffre auch im 21. Jahrhundert unschlagbar.