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Von Michel Schultheiss
«Ich finde dieses Eisenplattensammelsurium-Kunstwerk für die Essiganlage fehl am Platz.» Mit diesen Worten machte ein Leserbriefschreiber namens Peperone im August 1975 in der Riehener Zeitung seinem Ärger Luft. «Wären die Platten nur ein bisschen näher an der Aeusseren Baselstrasse, so hätte man annehmen können, sie wären einem Lastauto vom Wagen gerutscht», meinte er weiter. Mit dieser Ansicht stand Peperone nicht allein: Am «Spiel mit zwei Quadraten», einer Plastik des Künstlers Theo Lauritzen (1911–1978), schieden sich damals in Riehen die Geister. Ein anderer Leser namens Bebbi sprach scherzhaft auch von einem «Schlupfwinkel für duckmäuserische Riehener».
Wie kam es aber dazu, dass die Skulptur, welche damals von manchen Leuten scherzhaft auch als «abgestürztes Flugzeug» bezeichnet wurde, ihren Weg in die Riehener Essiganlage fand? Im Januar 1974 schrieb der Gemeinderat einen Wettbewerb für eine Plastik in der Anlage bei der Essig- und Kilchgrundstrasse aus. Fünf Künstler machten mit. Im Juni 1975 fiel schliesslich die Wahl der Kommission für Bildende Kunst auf den Entwurf von Theo Lauritzen. Bereits im gleichen Monat konnte sein «Spiel mit zwei Quadraten» dort aufgestellt werden.
Mit einem Spielgerät verwechselt
Lauritzen war kein unbeschriebenes Blatt, doch die Art und Beschaffenheit seiner Plastik liess aufhorchen: Wie Marie-Louise Hieronymus-Schaller in ihrem Buch über den Künstler festhält, waren Eisenplattenwerke nicht typisch für ihn. Eigentlich war der Künstler für ganz andere Werke bekannt – so etwa «Ma muse», eine Gipsfigur mit weiblichen Zügen, oder der Trinkbrunnen im Gotthelf-Quartier namens «Mann mit Fisch». Die Skulptur «Wasserstelze» von 1967 im gleichnamigen Riehener Schulhaus stammt ebenfalls von Theo Lauritzen. Mit den gefalteten Quadraten schlug er hingegen einen abstrakten Weg ein, welcher die Fantasie des Betrachters herausfordern sollte. Laut Hieronymus- Schaller ist es ein Werk, das eben gerade nicht definierbar bleiben sollte – so sei es möglich, darin etwa flatternde Vögel, Schmetterlinge oder sonstige Figuren zu erkennen.
Dabei wurde nicht nur aus ästhetischen Gründen gestritten: «Für uns war das einfach nur eine Spielverhinderungsskulptur», erinnert sich etwa ein Riehener. Es war damals für ihn und auch andere Kinder nicht mehr so gut möglich, sich auf der Matte auszutoben – zu sperrig waren die Quadrate. Manche Parkbesucher hielten die Plastik wiederum für ein begehbares Spielgerät – schon vor der Einweihung wurde sie von Kindern beklettert. Sogar die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung klopfte an: Sie bemängelte, dass die harten Metallkanten zu riskant für die Kleinen seien. Der Gemeinderat musste schliesslich erklären, dass die Skulptur und der Sandkasten gleich nebenan nicht in Zusammenhang gebracht werden sollen. Zudem entkräftete er die Bedenken und hielt fest, dass die Verletzungsgefahr hier nicht viel grösser sei als bei Reckstangen von Spielplätzen. Trotzdem wurde Theo Lauritzen angefragt, die Kanten seiner gefalteten Quadrate etwas zu «entschärfen», was aber nicht fruchtete. Wie Marie-Louise Hieronymus-Schaller festhält, musste damals der «Unterschied zwischen funktionellem und künstlerischem Gebrauch» erst noch gelernt werden.
Lauritzen, der 1978 nach schwerer Krankheit starb, vermachte somit Riehen ein Kunstwerk, das trotz Nebengeräuschen bis heute an seinem angestammten Platz steht und längst zur Dorfkulisse gehört. Dies wird sich nach rund 40 Jahren ändern: Die Plastik muss bis Ende Jahr einem Kindergarten-Provisorium weichen. Sie wird dann in der Wettsteinanlage aufgestellt. Laut Angaben der Gemeindeverwaltung soll sie auf einer Grünfläche in der Nähe des Lüscherhauses platziert werden; also ein wenig abseits vom Kinderspielplatz, um nicht nochmals das gleiche Missverständnis einer Spielskulptur zu provozieren.
Schlachtrufe gegen die nostalgische Kuh
Es gibt noch ein anderes Kunstwerk in Riehen, welches vor 40 Jahren ebenfalls für Debatten sorgte: Die Plastik «Nostalgie», eine abgemagerte Kuh aus Bronze. Es mag erstaunen, dass die aus heutiger Sicht relativ unauffällige Plastik derartigen Zorn auf sich zog, an mehreren Ausstellungen sogar beschädigt wurde und daher auch weltweit für Aufsehen sorgte.
Der Bündner Künstler Giuliano Pedretti (1924–2012) schickte die Skulptur eigentlich in den Wettbewerb um die Essiganlage. Als zweitplatziertes Werk erhielt sie 1975 immerhin einen Trostplatz am Eisenbahnweg. Sie erinnert ein wenig an die spindeldürren Rinder der sieben mageren Jahre im Traum des biblischen Josef. Pedretti wollte jedoch damit ein «Sinnbild für die Wehrlosigkeit der Kreatur gegenüber verheerenden Machenschaften des Menschen» schaffen.
Wie bei der Lauritzen-Skulptur flogen auch hier in den Leserbriefspalten die Fetzen: «Jammerkuh», «bronzener Kadaver», «erbärmliches Untier» und «skandalöser Pfusch» wurde sie genannt. Das «von Gotteshand geschaffene natürliche Lebewesen» werde «durch diese hässliche Nachbildung arg verunglimpft», meinte ein Leser. Dies werde bei den Kindern bestimmt für Angst und Schrecken sorgen. In der Tat erinnert sich ein weiterer Riehener, dass ihm die «Zombie-Kuh», wie er sie genannt hat, nie ganz geheuer war.
«Rostalgie» an der Fasnacht
Anscheinend wurde die Kuh auch in Riehen beschädigt. Giuliano Pedretti setzte ihr daher 1976 stabilere Stahlwimpern ein. Einmal stellte ihr auch ein Witzbold einen Korb mit Heu hin, damit das arme Tier wieder zu Kräften kommt. Sogar an der Fasnacht war die Plastik ein Thema: Auf einem «Zeedel» wurde sie als «Roschtalgie» bezeichnet. Dabei bekam die Kunstkommission ihr Fett ab: «Wellem Ox gfallt nid e Kueh?» Es gab aber auch positive Stimmen zur «Nostalgie»: So bemerkte der Leser Emil Gottlieb Sauter in der Riehener Zeitung, dass die Kuh von den Kindern akzeptiert sei und schon eifrig betastet und beklettert werde. Dabei war der Schöpfer des Bronzetiers kein Unbekannter: Pedretti stammte aus einer Bündner Künstlerfamilie und arbeitete eng mit dem berühmten Alberto Giacometti zusammen, dessen Einfluss auch in seinen Werken sichtbar ist. Er schuf viele Tiermotive und gestaltete zudem eine Skulptur von Friedrich Nietzsche vor dem Haus des Philosophen in Sils-Maria.
Anno 2012 starb Pedretti an den Folgen eines Verkehrsunfalls im Engadin. Mittlerweile scheint sich die Riehener Bevölkerung sowohl mit ihm wie auch mit Lauritzen versöhnt zu haben. Was damals noch provozierte, hat längst seinen angestammten Platz im öffentlichen Raum. Während die Kuh nach wie vor seelenruhig am Eisenbahnweg vor sich hin hungert, wird sich bald zeigen, wie sich die etwas in die Jahre gekommenen Eisenquadrate vor der Kulisse der Wettsteinanlage machen werden.
Dieser Text basiert auf einem Artikel des gleichen Autors in der «Riehener Zeitung» vom 4. September 2015 (Nr. 36, S.1)
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