Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03629.jsonl.gz/1077

Nachdem seit Ende Dezember 2020 der Corona-Impfstoff Comirnaty® (BNT162b2) zugelassen ist, möchte der Wissenschaftliche Beirat der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft die wesentlichen Punkte zum Thema Corona-Impfung und MS zusammenfassen, um einheitliche Empfehlungen zu gewährleisten.
1. MS-Patienten sollten gegen Sars-COV2 geimpft werden. MS-Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen schwereren Verlauf einer Covid-19 Erkrankung sollten rascher geimpft werden. Die Entscheidung sollte gemeinsam mit der behandelnden Neurologin, dem behandelnden Neurologen getroffen werden.
Der in der Schweiz zugelassene mRNA-Impfstoff Comirnaty® (BNT162b2) hat in einer Phase-III Studie mit mehr als 44'000 Personen im Vergleich zu Plazebo das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, um 94% reduziert. Der Impfstoff zeigte insgesamt ein gutes Sicherheitsprofil (typische Nebenwirkungen: Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen), einzig die Rate von allergischen Reaktionen liegt mit 1:100‘000 über der Rate von 1:1‘000‘000 bei anderen Impfungen. Bisher sind keine tödlichen Fälle allergischer Reaktionen bekannt, Hinweise auf mittel- bis längerfristige Nebenwirkungen des Impfstoffs haben sich bisher nicht ergeben (1. Impfung: April 2020). Auch nachdem in der Zwischenzeit mehr als 2 Millionen Personen in den USA geimpft worden sind, haben sich keine Hinweise auf zusätzliche Nebenwirkungen ergeben. Zusammenfassend überwiegt vor dem Hintergrund der aktuellen Covid-19-Fallzahlen nach Meinung des Wissenschaftlichen Beirats der Nutzen der Impfung klar das Risiko auch bei Patienten mit einer Multiplen Sklerose. Die Empfehlung zur Impfung gilt auch für Personen mit durchgemachter Covid-19 Erkrankung, da das Ausmass protektiver (schützender) Immunität stark variiert.
Neben dem Alter stellen das Vorliegen verschiedener Vorerkrankungen oder das Vorliegen einer Immundefizienz (Schwäche des Immunsystems) die wichtigsten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer Covid-19 Erkrankung dar. Gemäss der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) gehören unter anderem Personen mit einer durch Therapie erworbenen Immundefizienz zu den «Besonders gefährdeten Personen (BGP)» und somit in Bezug auf die Impfempfehlung zur «Priorität Gruppe 1: High Risk BGP», die ab Verfügbarkeit des Impfstoffs geimpft werden können.
>> PDF Impfempfehlung (17.12.20)
Patienten nach autologer Stammzelltransplantation zählen nach unserer Auffassung zu dieser Gruppe. Demgegenüber zählen Patienten, die mit Interferon-beta Präparaten (Avonex®, Betaferon®, Rebif®, Plegridy®) sowie Glatirameracetat (Copaxone®, Glatiramyl®) behandelt werden, aufgrund der Therapie alleinig nicht zu dieser Risikogruppe.
Eine Vielzahl weiterer zur Therapie der Multiplen Sklerose eingesetzten Medikamente entfalten ihre Wirkung durch eine Hemmung des Immunsystems unterschiedlichen Ausmasses. Allerdings belegen die bisherigen Erfahrungen nicht das Auftreten schwerer Covid-19-Verläufe oder eine erhöhte Infektanfälligkeit. Dennoch erfüllen sie aus Sicht des Wissenschaftlichen Beirats aber das Kriterium des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für eine Impfpriorisierung. Trotz der generellen Empfehlung für eine Impfung gerade auch bei MS-Patienten sollte aber angesichts der derzeitig stark beschränkten Verfügbarkeit des Impfstoffes die individuelle Situation mit dem behandelnden Neurologen, der behandelnden Neurologin besprochen werden und die Priorisierung zur Impfung in erster Linie aufgrund der bekannten Risikofaktoren Alter, Begleiterkrankungen und Grad der neurologischen Behinderung getroffen werden.
Nachdem ein höherer Behinderungsgrad (z.B. eine signifikante Geheinschränkung, eingeschränkte Lungenfunktion bei Rollstuhlpflichtigkeit, u.a.) sowie chronische Verläufe bei Personen mit MS ein erhöhtes Risiko für schwerere Verläufe von Covid-19 darstellen, gilt für diese Personen die Empfehlung zu einer möglichst raschen Impfung, auch wenn sie nicht immunsuppressiv behandelt werden.
2. Im Allgemeinen sollte die bestehende Immuntherapie der MS fortgeführt werden. In besonderen Fällen sollte Rücksprache mit einem in der Behandlung der MS erfahrenen Zentrum gehalten werden.
Generell ist keine Unterbrechung der verlaufsmodifizierenden Immuntherapie vorgesehen. Die Wirksamkeit des Impfstoffs bei Personen mit MS und unter Immuntherapien wurde bislang nicht systematisch untersucht und ist Gegenstand laufender Studien. Vor dem Hintergrund, dass sich unter Immuntherapien bei den meisten geimpften Personen generell Impfantworten nachweisen lassen – auch wenn diese reduziert sein können – wird die Corona-Impfung allen mit oben genannten Medikamenten behandelten Personen mit MS empfohlen. Bei bestimmten Therapien (z.B. immundepletierende Medikamente wie Alemtuzumab, Rituximab, Ocrelizumab) sollte mit der behandelnden Neurologin, dem behandelnden Neurologen der Zeitpunkt der Therapie besprochen werden.
3. Die allgemeinen Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen sollten unabhängig von der Impfung fortgeführt werden
Aktuell sind bisher nur wenige Personen in der Schweiz geimpft. Die Corona-Impfung bietet bei Personen ohne Vorerkrankungen einen grossen, aber keinen absoluten Schutz, an Covid-19 zu erkranken. Allerdings tritt der Schutz erst verzögert ein. Unklar ist bisher auch, ob Personen mit Impfschutz trotzdem andere Personen anstecken können. Hohe Sicherheit besteht dahingehend, dass die Impfung schwere Verläufe der Infektion verhindert, sollte es trotz Impfung zu einer Covid-19 Infektion kommen. Vor diesem Hintergrund ergibt sich durch eine Impfung aktuell keine Änderung der Empfehlungen des Verhaltens wie zum Beispiel das Einhalten von Distanzregeln, regelmässige Händedesinfektion und das Tragen von Masken im öffentlichen Verkehr und in Geschäften sowie das Arbeiten im Homeoffice.
Disclaimer: Diese Stellungnahme basiert auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie auf dem medizinischen Konsens des Wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft am Tag der Publikation. Sie enthält keine verbindliche Handlungsanweisung seitens des Wissenschaftlichen Beirats oder der MS Gesellschaft. Die Stellungnahme wird regelmässig der Entwicklung angepasst, z.B. bei Zulassung neuer Impfstoffe oder Vorliegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, und gilt längstens bis zur Publikation einer nächsten Version. Bei Unsicherheiten sollten Sie sich von Ihrem behandelnden Neurologen, Ihrer behandelnden Neurologin weiterführend beraten lassen.