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ARBEITSMARKT
Arbeit und Migration
Ausländische statt weibliche Arbeitskräfte
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die Schweiz, anders als zum Beispiel Schweden, auf Einwanderer statt auf weibliche Arbeitskräfte. Welche Gründe und Folgen hatte diese Entscheidung?
Von Alexandre Afonso, Assistenzprofessor für Politikanalyse an der Universität Leiden (Niederlande)
In den vergangenen 60 Jahren hat die Schweiz zahlreiche ausländische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer rekrutiert, um den Arbeitskräftebedarf zu decken. Im Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Anstellung von Gastarbeitern, insbesondere von Saison-niers, als wirksamster Weg zur Vergrösserung des Arbeitsvolumens. Andere, vor allem skandinavische Länder entschieden sich vor dem gleichen Hintergrund für eine völlig andere Lösung: Sie förderten die Erwerbstätigkeit der Frauen durch Ausbau der Kinderbetreuung, eine familienfreundliche Politik und die Einführung von Elternschaftsurlaub. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Wirtschaft bis Mitte der 1970er-Jahre in bis dahin unbekanntem Ausmass. Um dem zunehmenden Bedarf an Gütern und Dienstleistungen gerecht zu werden, setzten viele europäische Länder, darunter die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich und die Niederlande, auf ausländische Arbeitskräfte aus Mittelmeerländern wie Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien, der Türkei, Marokko und Algerien. Diese Migrationsströme wurden von den Arbeitgeberländern weitgehend selbst organisiert und über bilaterale Verträge mit den Herkunftsländern geregelt. Der Schweizer Bauernverband beispielsweise charterte Sonderzüge, um spanische und portugiesische Saisonniers auf Schweizer Bauernhöfe zu holen.
Vier mögliche Strategien Der Hauptgrund für die Rekrutierung von ausländischen Arbeitern war der Mangel an Arbeitskräften in den Gastländern – und zwar vor allem an männlichen Arbeitskräften. In der Schweiz beispielsweise lag die Erwerbsquote von Frauen nämlich 1941 bei höchstens 35 Prozent und stieg bis in die 1970er-Jahre nur sehr langsam an. 1971 erreichte sie gerade einmal 42 Prozent. Man kann sich also fragen, warum Schweizer Arbeitgeber und Behörden es in dieser Situation vorzogen, nicht etwa die Erwerbstätigkeit von Frauen, sondern die Einwanderung zu erleichtern. Zwar waren die Erwerbsfelder von Frauen und Gastarbeitern in der Nachkriegszeit nicht unbedingt deckungsgleich, bedenkt man, dass Letztere vor allem im Bauwesen und in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Doch die Entscheidung für das eine und gegen das andere hatte auch politische Gründe. Man kann in dieser Zeit vier Strategien zur Erhöhung des Arbeitskräftevolumens unterscheiden. Die erste Strategie bestand in der Rationalisierung und Mechanisierung der Produktion, um mehr Güter und Dienstleistungen mit weniger Arbeitskräften zu produzieren. In einigen Bereichen, etwa in der Landwirtschaft, konnte das zum Verschwinden vieler kleiner Betriebe führen. Zudem erforderte dieser Weg viel Kapital, das selten vorhanden war. Die zweite Strategie bestand in der Erhöhung der Arbeitszeit der bestehenden Arbeitskräfte. Diese Strategie lief jedoch der in der Nachkriegszeit herrschenden Dynamik zuwider, die eher in Richtung weniger Arbeitszeit ging. Der dritte Weg bestand in der Erhöhung der Erwerbsquote von Bevölkerungsgruppen, die bisher nicht oder nur geringfügig am Arbeitsmarkt teilgenommen hatten. Die wichtigste dieser Gruppen waren sicher die Frauen, insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter. Interessanterweise sank die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen in der Schweiz zwischen 1910 und 1941 von 47 auf 35 Prozent. Während dieser Zeit setzte sich das bürgerliche Modell von einem (männlichen) Ernährer pro Familie durch, und eine Berufstätigkeit der Frau galt sowohl im bürgerlichen Milieu als auch in Gewerkschaftskreisen als unerwünscht. Doch die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit hätte nicht nur im Widerspruch zum vorherrschenden konservativen Familienmodell gestanden, sie hätte auch Kosten verursacht. Um Müttern eine Berufstätigkeit zu ermöglichen, hätte man ein Krippensystem oder eine Mutterschaftsversicherung einrichten müssen – eine Errungenschaft, die, wie wir wissen, erst über 60 Jahre später eingeführt wurde. Diese drei Strategien hätten allesamt einen Ausbau des Staates bedeutet, und die bürgerlichen Kreise waren nicht bereit, die damit verbundenen höheren Steuern und Abgaben zu leisten.
Einwanderung zur Aufrechterhaltung des Gesellschaftsmodells Die Schweiz wählte deshalb die vierte Strategie zur Erweiterung des Arbeitsmarktes: die Einwanderung. Dieser Weg hatte den Vorteil, dass er im Vergleich zur Erwerbstätigkeit der Frauen keine zusätzlichen Sozialkosten verursachte. Die Saisonnier-Bewilligungen beinhalteten zum Beispiel kein Recht auf Familiennachzug, was die Kosten für den Staat begrenzte. Zudem galt Einwanderung nicht als inflationsfördernd, da man erwartete, dass die Gastarbeiter ihren Lohn sparen und in ihr Herkunftsland mitnehmen würden, statt Güter und Dienstleistungen in der Schweiz zu konsumieren. Zudem sollte der «Import» ausländischer Männer anstelle einer höheren Erwerbsquote von Schweizer Frauen das traditionelle Familienmodell mit Hausfrau aufrechterhalten. In den 1950er- und 1960er-Jahren galt die Anstellung von ausländischen Arbeitskräften als Massnahme, die keine weitreichenden Folgen für die Schweizer Gesellschaft hatte, da die ausgestellten Arbeitsbewilligungen einen ständigen Wechsel der Arbeitnehmer begünstigten. Damit wollte man verhindern, dass ausländische Arbeitnehmer sich langfristig in der Schweiz niederliessen. Die eingeschränkten Rechte dieser Arbeiter brachten den Arbeitgebern zudem grosse Vorteile, was in gewissen Branchen zu einer massiven Nachfrage führte. Von den 1950er- bis in die 1990er-Jahre nahm die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer signifikant und in viel grösserem Masse als in anderen europäischen Ländern zu. Die Erwerbsquote der Frauen stieg hingegen bis in die 1990er-Jahre nur langsam an.
Schwedens anderer Weg Es ist interessant, die Situation in der Schweiz mit derjenigen in Schweden zu vergleichen, wo man einen anderen Weg ging. Schweden investierte ab den 1960er-Jahren massiv in die Berufstätigkeit von Frauen. Zwar wurden auch hier Arbeitskräfte aus dem Ausland, insbesondere aus Jugoslawien, rekrutiert, diese Massnahmen waren aber in den 1950er- und 1960er-Jahren viel weniger umfangreich als in der Schweiz und wurden Anfang der 1970er-Jahre ganz eingestellt. Dass Schweden eine andere Strategie wählte, kann einerseits daran liegen, dass dem konservativen Familienmodell hier weniger Bedeutung zukam. Andererseits waren hier auch die politischen Kräfteverhältnisse günstiger für eine solche Lösung. Im Schweden der Nachkriegszeit hatte die sozialdemokratische Partei entscheidenden politischen Einfluss. Sie bildete jahrzehntelang allein die Regierung und genoss die Unterstützung der mächtigen Gewerkschaften, während die Sozialdemokraten im Schweizer Bundesrat und Parlament in der Minderheit waren. Die Vorherrschaft der sozialdemokratischen Partei schuf in Schweden ein Umfeld, das dem Ausbau des Sozialstaates, der für die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt nötig war, viel positiver gegenüberstand. Bis in die 2000er-Jahre gab Schweden dreimal mehr Staatsgelder im Zusammenhang mit der Elternschaft aus als die Schweiz (siehe Grafik). Ab Ende der 1960er-Jahre wurden zahlreiche familienpolitische Massnahmen ergriffen. Während eine Mutterschaftsversicherung in der Schweiz erst 2005 in Kraft trat, setzte Schweden ab 1974 einen Elternschaftsurlaub um, den sich Vater und Mutter aufteilen konnten. Ausserdem wurde aktiv für die Berufstätigkeit der Frauen geworben, beispielsweise in Radiosendungen. Die Erwerbsquote der Schwedinnen stieg denn auch deutlich schneller an als in anderen Ländern. 1991, als in der Schweiz erst 68 Prozent der Frauen am Arbeitsmarkt teilnahmen, waren es in Schweden bereits 81 Prozent. Ein weiterer Faktor, der die Rekrutierung von ausländischen Arbeitskräften in Schweden bremste, war die Tatsache, dass ihre Anstellung den Arbeitgebern weniger Vorteile brachte. So etwas wie eine auf einen Arbeitgeber oder eine Branche beschränkte Saisonnier-Bewilligung gab es in Schweden nicht. Die Gewerkschaften wirkten zudem entscheidend bei der Kontrolle der Arbeitsbedingungen von ausländischem Personal mit. In den ersten schwedischen Arbeitsverträgen mit ausländischen Arbeitnehmern wurden diese verpflichtet, direkt nach ihrer Ankunft Mitglied in einer Gewerkschaft zu werden. Aufgrund sehr weitgehender Gesamtarbeitsverträge konnten die Arbeitgeber auch nicht von tieferen Löhnen profitieren. Gerade in einer Zeit wie heute, wo in der Schweiz kontroverse politische Debatten zur Migration geführt werden, lohnt es, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Migrationsströme, von denen die Schweiz heute betroffen ist, das Ergebnis von früheren politischen Entscheidungen sind. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen alternative Möglichkeiten und Wege auf, die auch die Schweiz hätte einschlagen können.
Links und Literaturhinweise
Afonso, A. (2016): Foreign Workers or Women? Immigration and Welfare Expansion as Alternative Labour Supply Strategies in Post-War Europe. Universität Leiden.