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Rudolf Gwalther
Werke
- Spottgedicht auf die Mönche von Einsiedeln
- Epigramme und vermischte Gedichte
- Gedichte über die Zürcher Reformatoren
- Gedicht über die Zürcher Freiheit
- Nabal
- Brief an Thomas Platter über verschiedene Themen (u. a. Pest)
- Inhaltsangaben (Argumenta) zu biblischen Texten
- Ilias
- De Helvetiae origine: die Schändung von Zwinglis Leichnam
- De Helvetiae origine: Wilhelm Tell
- Monomachie
Autor(en): David Amherdt (deutsche Übersetzung: Clemens Schlip). Version: 03.07.2023.
Gwalthers Leben
Rudolf Gwalther wurde 1519 in Zürich in eine protestantische Familie hinein geboren (sein Vater war Schuster). Er wurde Schüler (1528) und später, als Waise, Mündel (1532) von Heinrich Bullinger, dem ersten Nachfolger des Reformators Ulrich Zwingli. 1537 unternahm er in Bullingers Auftrag eine Reise nach England. Von 1538 bis 1541 studierte er in Basel, Strassburg, Lausanne und Marburg, wo er dem deutschen Dichter Eobanus Hessus begegnete. 1541 nahm er zusammen mit den hessischen Theologen am Reichstag von Regensburg teil. Bei seiner Rückkehr nach Zürich heiratete er 1541 Regula Zwingli, eine Tochter Ulrichs. Er lehrte an der Schule des Grossmünsters Latein und wirkte in Schwamendingen als Pastor. 1542 folgte er Leo Jud als Pastor der Pfarrei St. Peter in Zürich. 1546 wurde er Dekan des Zürichseekapitels. Nach dem Tode seiner ersten Frau heiratete er 1566 Anna, die Tochter des Konstanzer Bürgermeisters Thomas Blarer. Schliesslich stand er von 1575 bis 1585 als Nachfolger Heinrich Bullingers als Hauptpastor (Antistes) des Grossmünsters an der Spitze der Kirche von Zürich; schon 1584 nötigte ihn ein Hirnschlag zur Niederlegung der Amtsgeschäfte. Er verstarb 1586 in Zürich. Seine christozentrische Theologie ist beeinflusst vom Denken Zwinglis, Bullingers, Biblianders und des Petrus Martyr Vermigli.
Das lateinische Werk Gwalthers
Gwalther ist vor allem für sein im weiteren Sinne theologisches Werk bekannt (besonders Predigten, Bibelübersetzungen, Übersetzungen von Werken Zwinglis, woneben er auch dessen deutschsprachige Werke herausgab), für das er sich gleichermassen des Deutschen wie des Lateinischen bediente. Aber sein überreiches, auf Lateinisch verfasstes poetisches Werk, das im Wesentlichen vor 1551 entstand (wobei er jedoch bis in die 1580er dichterisch tätig blieb), verdient ebenfalls, dass man sich ihm beschäftigt.
Das poetische und dramatische Werk Gwalthers
Das dichterische Werk Gwalther ist vor allem ein Jugendwerk und wurde in den 1540ern verfasst. Gwalther selbst hat zu verschiedenen Zeitpunkten einen Teil seiner Gedichte veröffentlicht (s. unten); andere erschienen nach seinem Tod; unserer Ansicht nach blieb etwa die Hälfte von ihnen Manuskript.
Das dichterische Werk Gwalthers umfasst eine sehr grosse Anzahl von Gelegenheitsgedichten (Trauergedichte, Elogen auf Personen oder literarische Werke etc.), Gedichte mit historischem Inhalt, Epigramme und Gedichte mit historischem oder religiösem Inhalt.
Von Gwalther selbst veröffentlichte poetische Werke
Anfang 1539, noch als Student, begann Gwalther sich intensiv mit dem Verfassen von Gedichten zu beschäftigen, von denen einige veröffentlicht wurden. So veröffentlichte er 1541 ein kurzes religiöses Epos mit dem Titel Monomachia Davidis et Goliae, in dem er den Zweikampf zwischen David und Goliath schildert, einen Zweikampf zwischen pietas und impietas, eine Allegorie für den Kampf der Protestanten gegen die Katholiken, den Kampf Gottes gegen Satan. Als Anhang veröffentlichte Gwalther epicedia und andere Trauergedichte in elegischen Distichen, besonders auf Heinrich Lavater (zwei Gedichte), Eobanus Hessus (sechs Gedichte), den Engländer Nicholas Partridge (ein Gedicht) und Friedrich, den Sohn des Reformators Johannes Pistorius (ein Gedicht). Drei auf Griechisch verfasste elegische Distichen beschliessen die Sammlung.
1541 veröffentlichte Gwalther einen Einblattdruck mit einem 178 Verse umfassenden Gedicht mit dem Titel Apotheosis zu Ehren seines Basler Lehrers Simon Grynaeus, der am 1. August dieses Jahres an der Pest verstorben war, als er gerade Rektor der Universität dieser am Rhein gelegenen Stadt war.
1543 erschienen die Argumenta capitum, in denen Gwalther jedes Kapitel der Bibel (mit Ausnahme des Buchs der Sprüche) in elegischen Distichen (meist zwei, gelegentlich aber auch nur einer, maximal aber vier) zusammenfasst; sein Ziel war es dabei, die Bibelkenntnis seiner Leser zu verbessern und ihre Frömmigkeit zu stärken.
Gwalther verfasste ausserdem von der biblischen Nabalgeschichte (1 Sam 25) ausgehend die gleichnamige comoedia sacra, die 1549 in Zürich bei Froschauer erschien. Es handelt sich um ein Schuldrama, das dem Lateinunterricht sowie der moralischen Erbauung diente und die aktiv als Schauspieler beteiligten Jugendlichen daran gewöhnen sollte, ohne Schüchternheit öffentlich aufzutreten.
Verschiedene Gedichte Gwalthers, besonders Trauergedichte, erschienen in den 1570ern. So veröffentlichte er 1575 zwei Gedichte auf Bullingers Tod. 1576 erschien ein Gedicht über den Tod des John Parkhurst (1511-1575), des Bischofs von Norwich, mit dem Gwalther in den 1550ern in Zürich Bekanntschaft geschlossen hatte.
Von Gwalther nicht veröffentlichte Gedichte
Die christlichen Heroiden. Gwalther hat diese christlichen Heroiden 1540-1541 zur gleichen Zeit wie die Monomachia verfasst. Anders als dieses Werk wurden die Heroiden jedoch nicht veröffentlicht, obwohl der Widmungsbrief für diese Sammlung schon geschrieben war. Ihr Stoff ist ganz dem Alten Testament entnommen. Die Sammlung besteht aus zehn fiktiven Briefen in elegischen Distichen, die von Frauen verfasst sind, von denen zwei auch eine Antwort enthalten. Es handelt sich um folgende Briefe: von Sarah an Abraham; von Rebekka an Jakob; von Sephira, der Gemahlin des Potiphar, an Joseph; von Joseph an Sephira; von Zippora (einer der zukünftigen Gattinnen des Moses) an Moses; von Moses an Zippora; von Maria (d. h. Miriam, der Schwester des Moses) an Moses; von Delila an Samson; von Michal (der Tochter des Saul, der ersten Gattin des David) an David; von Batseba an David. Gwalther stellt sich in die von Ovid begründete Traditionslinie, aber er ist auch beeinflusst von den Heroiden des Eobanus Hessus, den er während seines Studiums in Marburg kennengelernt hatte. Seine Sammlung gehört zur Gattung der Heroides Sacrae (die ihre Sujets der Bibel oder den Heiligengeschichten entnehmen). Das Ziel der Heroiden Gwalthers – eines, wie man betonen muss, schulmässigen Werks, das ihm erlaubte, sich im Schreiben zu üben und seinen Lehrer Eobanus Hessus nachahmen – besteht darin, ein Beispiel zu liefern für eine moralische und sakrale Dichtung, die frei ist von den Frivolitäten der weltlichen Dichtung, und darin, dem Leser eine Art Predigt in Versen zu halten. In seinem Vorwort bemüht sich Gwalther, die Auswahl von unmoralischen Geschichten für seine Heroiden zu rechtfertigen: Man dürfe seine Augen nicht verschliessen vor der Immoralität bestimmter biblischer Episoden, deren Ziel darin liegt, den Leser vor Verhaltensweisen zu warnen, die seiner spirituellen Gesundheit schaden könnten.
Unter den Jugendgedichten Gwalthers befindet sich ein langes Gedicht in elegischen Distichen, das sich an Ulrich Zwingli richtet und den Titel Libertas Tigurina trägt; es ist eine Art von Zürcher Geschichte von ihren Anfängen bis zur Befreiung Zürichs durch die Revolution des Rudolf Brun (1336), die nebenbei auch die Heldentat Wilhelm Tells behandelt.
Abschliessend kann man noch, neben einer Fülle von Gelegenheitsgedichten und Epigrammen aller Art (darunter ein satirisches Gedicht auf die Mönche von Einsiedeln), die Gedichte erwähnen, die Gwalther als Aufschriften für Gemälde der Reformatoren Zwingli, Ökolampad, Pellikan, Bullinger, Bibliander und seiner eigenen Person verfasste; ausserdem ein in Hexametern abgefasstes Minitheaterstück in vier kurzen Akten über das erste Buch der Ilias. Zuletzt sei festgehalten, dass Gwalther etwa zwanzig griechische Epigramme ins Lateinische übersetzt hat.
Die lateinischen Prosawerke
Ausser dem oben schon erwähnten Reisetagebuch sollte man auch ein Manuskript gebliebenes Geschichtswerk erwähnen: De Helvetiae origine. Dieses drei Bücher umfassende Werk erzählt die Geschichte der Schweiz von ihren Anfängen bis zur Zeit des Autors. Folgende Themen finden darin besondere Berücksichtigung: die Ursprünge der Schweiz, die Heldentat Wilhelm Tells, die Schlachten der Eidgenossen, die Reformation in Zürich und Bern und Zwingli (nicht zuletzt sein Tod in der Schlacht von Kappel). Es handelt sich um ein Werk mit moralischer Wirkabsicht, das die Tugend der Vorfahren in helles Licht setzen und somit auch zur geschichtlichen Bildung beitragen soll; Gwalther bietet darin zugleich eine Apologie der Reformation, indem er deren Licht mit den finsteren Zeiten des Katholizismus kontrastiert.
1542 erschien ein für den Schulgebrauch bestimmtes Einführungswerk, De syllabarum et carminum ratione. Gwalther liess sich hier von den De re metrica libri tres des Jakob Micyllus (1539) inspirieren; er behandelt darin vor allem Silben, Diphthonge, Metrik, Versfüsse, Quantitäten und verschiedene Versarten.
Gwalther verfasste auch zahlreiche theologische bzw. religiöse Werk, auf die wir hier nicht detailliert eingehen. Er verfasste vor allem ungefähr 1580 lateinische Predigten zu verschiedenen Büchern der Bibel: zu den Evangelien, zur Apostelgeschichte, zu mehreren Paulusbriefen und zu den zwölf kleinen Propheten. Seine Predigten wurden bis ins 18. Jahrhundert hinein häufig nachgeahmt und benutzt, ebenso wie seine posthum erschienenen Archetypi homiliarum (1587-1612), eine Art von Musterbuch auf Basis seiner eigenen Predigten. Seine 1546 erschienenen Predigten über den Antichristen, in denen er das Papsttum heftig angreift, trugen zu seinem Ruhm bei, erregten aber auf der Tagsatzung auch die Kritik der katholischen Kantone. Gwalther hielt auch zahlreiche Predigten auf Deutsch. Abschliessend sei festgehalten, dass Gwalther auch eine Apologia für Zwingli verfasste.
Die Korrespondenz
Gwalther unterhielt eine weitgespannte in- und ausländische Korrespondenz. Er korrespondierte besonders mit Rudolf Ambühl, Théodore de Bèze, Heinrich Bullinger, Johannes Calvin, Conrad Gessner, Simon Grynaeus, Abraham Musculus, Oswald Myconius, Nicholas Partridge, Johannes Oporin, Johann Pistorius, Thomas Platter…
Es handelt sich wie bei den anderen auf diesem Portal präsentierten Humanisten um eine humanistische Korrespondenz. In ihrem Mittelpunkt stehen theologische Fragen, Familiengelegenheiten, das Alltagsleben, Freundschaft etc.
Gwalther als Übersetzer
Gwalther übersetzte mehrere griechische Prosawerke ins Lateinische. 1541 veröffentlichte er eine Übersetzung des Onomasticon des Rhetors Julius Pollux (2. Jh. n. Chr.). 1543 veröffentlichte er die Übersetzung der Rede gegen Mohammed des byzantinischen Kaisers Johannes VI. Kantakuzenos (14. Jh.). 1546 publizierte er eine Übersetzung von zehn Predigten über die göttliche Vorsehung von Theodoret von Kyrrhos (5. Jh.). Zuletzt sei erwähnt, dass Gwalther die Ilias Homers und die Homer-Vita Herodots übersetzt hat; diese auf das Jahr 1536 zurückgehenden Arbeiten erschienen nie im Druck.
Gwalther überarbeitete für die Biblia sacrosancta (Zürich, 1543) die lateinische Übersetzung des Neuen Testaments von Erasmus (und übersetzte aus dem Hebräischen die Genesis und die Psalmen ins Deutsche).
1548 kam in Zürich bei Froschauer eine Ausgabe der Werke und Tage des Hesiod heraus, gefolgt von Scholien des Jakob Ceporin und des Johannes Fries. Auf sie folgen in dem gleichen Band Epigrammata selectorum e Graecis scriptoribus Epigrammatum centuriae duae. Der Sammlung ist ein Widmungsbrief Gwalthers vorangestellt, in dem der Humanist erklärt, dass er diese Gedichte auf den Rat von Fries hin zusammengestellt und ihnen eine von verschiedenen Autoren (darunter auch ihm selbst) erstellte lateinische Übersetzung beigegeben habe. 200 Gedichte werden auf diese Weise gesammelt; ungefähr 30 Übersetzer waren tätig, wobei etwas weniger als zwanzig Gedichte von Gwalther selbst übersetzt wurden. Unter den Übersetzern findet man Ausonius, Marullus, Crinito, Ursinus Velius, Thomas Morus, Andreas Alciatus, Cornarius, Johannes Sleidanus, Erasmus und eine Reihe anderer Persönlichkeiten, vor allem Humanisten.
Gwalther übersetzte auch die deutschen Werke Zwinglis ins Lateinische (1544-1545).
Bibliographie
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Rüetschi, K. J., «Gwalther, Rudolf», Historisches Lexikon der Schweiz, Onlineversion vom 19.03.2007, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/028298/2007-03-19/.
Rüetschi, K. J., Verzeichnisse zu Rudolf Gwalther. Einleitung, Briefwechsel-Verzeichnis (2 Bde.: 1, 1: Einleitung, Briefwechselverzeichnis; 1, 2: Register RGB), Baden-Baden, Valentin Koerner, 2019.
Rüetschi, K. J., «Gwalther, Rudolf d. Ä.», Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserlexikon 3 (2015), 136-146.
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Schlarb, E., «Gwalther [Johann] Rudolf d. Ä.», Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 45 (2023), 517-529.
Wyss, G. von, «Gwalther, Rudolf», Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), p. 239-240, Onlineversion, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11854392X.html#adbcontent.
Eine Gesamtbibliographie der Werke Gwalther findet sich in Rüetschi (2015), Sp. 139-143.
In V. 11 bekräftigt die als Sprecherin fungierende Freiheit, dass Rudolf Brun sie gezeugt hat: Me genuit Brunus quondam.
De re metrica libri tres, Frankfurt a. M., Egenolff, 1539. Micyllus veröffentlichte im gleichen Jahr eine Ratio examinandorum versuum ad usus et exercitationem puerorum, Augsburg, Ulhard, 1539; Frankfurt a. M., Egenolff, 1539.
Iulii Pollucis Onomasticon, hoc est instructissimum rerum et synonymorum dictionarium, nunc primum Latinitate donatum, Rodolopho Gualthero Tigurino interprete, Basel, Robert Winter, 1541.