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Urbanisierung ist ein globales Phänomen, doch Entwicklungsländer sind besonders davon betroffen: 2030 wird es voraussichtlich 43 Grossstädte mit mehr als 10 Millionen Einwohner geben – die meisten davon in Entwicklungsländern. Und bis 2050 werden zusätzlich 2.5 Milliarden Menschen in Städten leben, wobei 90 Prozent dieses Anstiegs auf Asien und Afrika entfallen.
Politische Krise, Bevölkerungswachstum und Klimawandel
Die neuste Ausgabe von «Eine Welt» befasst sich deshalb vertieft mit Urbanisierung (komplettes Dossier). Dies unter anderem in einer grossen Reportage aus Malis Hauptstadt Bamako sowie den nahe gelegenen Sekundärstädten Bougouni, Sikasso, Koutiala und Ségou. Bamako gehört heute zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt. Sie ist gefangen in einer Negativspirale, die durch Bevölkerungswachstum, Land-Stadt-Migration und einer politischen Krise angeheizt wird. Die Stadt dehnt sich immer weiter ins Umland aus, besetzt Agrarland und vertreibt Bauern.
2 Millionen Einwohner leben in Bamako, zehnmal soviel wie noch 1960. Die Bevölkerung verdoppelt sich aktuell etwa alle 15 Jahre. Das Bevölkerungswachstum ist mit drei Prozent und durchschnittlich sechs Kindern pro Frau auch im afrikanischen Durchschnitt hoch. Hinzu kommt die hohe Land-Stadt-Migration, die durch Konflikte im Norden und in der Mitte des Landes sowie durch zunehmende Dürren und Überflutungen im Zuge des Klimawandels stark zugenommen hat.
Zié Coulibali, Spezialist für Infrastrukturprojekte bei der Weltbank, ist besorgt: «Was wir in Mali beobachten, ist eine Entkopplung von Urbanisierung und Wirtschaftswachstum.» Früher sei man immer davon ausgegangen, dass Urbanisierung automatisch zur Armutsreduktion beiträgt. «Doch in Mali steigt die Armut trotz Urbanisierung.» Samba Dembele, Geographieprofessor und Urbanisierungsexperte am «Institut d`Economie rurale» sieht einen Hauptgrund für das aktuelle Chaos in Bamako im planerischen Blindflug: «Uns fehlen die Grundlagen für eine nachhaltige Stadtplanung.» Es gebe heute weder einen Kataster für Bamako, noch eine klare Stadtentwicklungsstrategie. Zudem: «Die Sekundärstädte müssen unbedingt neu belebt werden, um den Druck auf Bamako zu senken.»
Investitionen in Infrastruktur und Entscheidungsprozesse
Nach jahrzehntelanger Konzentration auf die Hauptstädte, anerkennen mittlerweile auch die UN und viele Entwicklungsorganisationen die tragende Rolle von Sekundärstädten für «inklusive, sichere und nachhaltige Städte sowie Siedlungen», wie es im elften Ziel der «Sustainable Development Goals» (SDGs) heisst. Mit dem «Programme d`appui aux communes urbaines du Mali» (PACUM) hat die Weltbank eine Investitionsinitiative über 65 Millionen Franken gestartet, um die Entwicklung malischer Sekundärstädte voranzutreiben. Die Schweiz ist der wichtigste bilaterale Partner und beteiligt sich mit 18.2 Millionen Franken am Programm.
Bei Besuchen der Sekundärstädte Bougouni, Sikasso, Koutiala und Ségou konnte sich «Eine Welt» ein Bild der positiven Veränderungen sowie der verbleibenden Herausforderungen machen. In Sikasso brachten die PACUM-Investitionen neue Markthallen und Strassen, Kanäle, um das Wasser während der Regenzeit abzuführen, zusätzliche Schulgebäude und Gesundheitszentren. In vielen Bereichen ist die Stadt heute bereits einen Schritt weiter als Bamako. In Koutiala zeigt sich, wie die lokale Bevölkerung in eine nachhaltige Stadtentwicklung miteinbezogen werden kann. Über viele Jahre hat die DEZA dort gemeinsam mit einer lokalen NGO die «Comittés du Development du Quartier» (CDQ) aufgebaut. Seither wird an Sitzungen von Vertreterinnen und Vertretern aus den unterschiedlichen Stadtquartieren per Konsens über Infrastrukturinvestitionen mit PACUM-Geldern entschieden.
Dieser Text wurde von Journalist und Redaktor Samuel Schlaefli für Eda-Interactive verfasst.
Mariam Sissoko (2.v.l.) ist Programmverantwortliche im DEZA-Kooperationsbüro in Bamako. Bei Projektbesuchen in Sekundarstädten, die durch das Infrastrukturprogramm «PACUM» unterstützt werden, trifft sie sich mit lokalen Behörden.
Verantwortliche präsentieren das Klärbecken der Abfalldeponie in Sikasso. Es ist die einzige mit einer Aufbereitung der Deponieabflüsse und damit ein Vorbild fürs gesamte Land.
Ein Beispiel für partizipative Stadtentwicklung: Vertreterinnen und Vertreter von Quartiervereinen bringen die Bedürfnisse ihrer Quartiere in Treffen mit der Stadtverwaltung ein. Der Aufbau dieser «Comités de Development du Quartier» wurde durch die Schweiz über viele Jahre gefördert.
Blick über Malis Hauptstadt Bamako. Die Stadt wächst nicht in die Höhe, sondern frisst sich kontinuierlich ins Umland. Die Leidtragenden sind die Bauern, die fruchtbares Land verlieren.
Der zentrale Busbahnhof Bamakos ist informell gewachsen. Der Betrieb übersteigt schon lange seine Kapazitäten.
Wassermangel mitten in der Hauptstadt: In Bamakos Viertel Niamakoro füllen Frauen ihre Plastikkanister an einer zentralen Wasserstelle.
In Bamako fehlt eine formelle, durch die Stadtverwaltung organisierte Abfallverwertung weitgehend. Für viele arme Stadtbewohner und -bewohnerinnen sind die wilden Mülldeponien eine Verdienstquelle: Sie suchen nach wiederverwertbaren Materialien und verkaufen diese an lokale Unternehmen.
© Samuel Schlaefli