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Vermutlich unterschätzt man in der Schweiz bis heute, wie radikal sich das Land in den siebziger Jahren auch durch die Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention (1974) verändert hat. Von den Zwangsadoptionen und dem Verdingkinderwesen über die administrative Zwangsversorgung Erwachsener bis zur eugenischen Repression durch Zwangssterilisierung und Zwangskastration wurden die Instrumentarien der Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen innert weniger Jahre wenn nicht abgeschafft, so doch stark redimensioniert. Gleichzeitig führten Kritik und Reformen zu einer tendenziellen Humanisierung des Betriebs in den Institutionen – von den Kinderheimen bis zu den Gefängnissen und den psychiatrischen Kliniken.
Mich hat die Auseinandersetzung mit Aspekten dieser Zeitgeschichte stets interessiert, weil in ihr die Antwort verborgen liegen musste auf meine Frage: Warum funktionierten in dieser heilen Geranienschweiz, in der ich aufgewachsen bin (und die heute noch keine ganz andere ist), die Menschen derart wohlerzogen, ordentlich und wie Marionetten zuverlässig?
Die Antwort in einem Halbsatz: Weil sie eben zu Marionetten zugerichtet worden sind. Meine zeitgeschichtlichen Sondierbohrungen in diesem Feld haben mich gelehrt, dass sich hinter diesem Halbsatz eine ganze Welt auftut.
• Anfang Juni 2017 erschienen: Flückiger / Krethlow / Tobler [Hrsg.]: Bern 70 (Edition Atelier) 2017. Darin: Literatur aus der Enge. Zur Berner Literaturszene der 1970er Jahre.