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Die 1960er Jahre waren nicht nur für die ganze Welt ein unvergleichliches und prägendes Jahrzehnt, sondern auch für Jean Tinguely. Als Künstler, aber auch privat läuft alles rund bei ihm: Vom Erfolg zeugen seine erste museale Einzelausstellung im Haus Lange, der Durchbruch in der Schweiz mit seiner für die Expo geschaffenen Skulptur Heureka –
eine als Signalturm konzipierte und schwarz bemalte, riesige Maschine – und seine Beiträge an die Weltausstellung in Montreal. Wie nebenbei wird er auch noch Vater eines Sohnes. So viel Aufwind muss richtig gefeiert werden. Und so kauft Tinguely 1968 einen haselnussfarbenen Ferrari Lusso, was als logische Folge aus Tinguelys Faszination fürs Automobil, welche sich unübersehbar in seiner Kunst manifestiert, gesehen werden kann. Beispielhafte Werke sind unter anderen der aus zwei Rennwagen-Chassis umgestaltete Flügelaltar, der an die Vergänglichkeit der westlichen Konsumkultur erinnern soll, oder der zu einer Memorialassemblage für den oft tödlichen Rennzirkus der Formel 1 arrangierte Lotus-Rennwagen. Und auch die Ausstellung «Fetisch Auto», die 2011 im Tinguely Museum zu sehen war und das weite Panorama von automobilinspirierter Kunst von 80 verschiedenen Künstlern zeigte, bestätigt Tinguelys Affinität für Fahrzeuge wie auch die enge Beziehung von Maschine, Automobil und Kunst.
Den 1968 erworbenen Ferrari Lusso lässt Tinguely rot wie die Liebe umlackieren. Die Gefühle schwinden aber schon bald: Er verkauft das Fahrzeug nur zwei Jahre später an Paul Blancpain, den Manager und Partner des Rennfahrers und Autohändlers Jo Siffert. Letzterer gehörte genauso zu Tinguelys Freunden wie auch Joakim Bonnier und Niki Lauda. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass Tinguely kaum ein Formel-1-Rennen verpasste. Von dort stibitzte er auch gerne einzelne Autoteile, die bei einem Crash durch die Luft geschleudert wurden, um sie für seine Kunst zu nutzen. Und als Autofahrer stand er den waghalsigen Rennpiloten in nichts nach: Für seine Autounfälle war Tinguely berüchtigt. Vielleicht auch nur eine bewusste Vorarbeit für seine automobilen Kunstwerke? Man könnte es fast meinen.
1971 kauft sich Tinguely doch wieder einen Lusso – von Jo Siffert, kurz vor dessen tödlichem Unfall – und behält ihn für den Rest seines Lebens. Tinguelys Witwe, Niki de Saint Phalle, verkauft das Fahrzeug im Mai 1997 an Heinrich Kämpfer in Othmarsingen. Heute befindet sich der nach wie vor original dunkelblaue Lusso bei Andrew Totten in Arizona, USA.
Der Artikel konnte mit Unterstützung von Ferrari-Historiker Marcel Massini verwirklicht werden.