Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/1308

Er hätte viel darum gegeben, wenn er nun an Samenas Seite hätte liegen können. Manchmal hatte sie ihn gekämmt mit ihrer feuchten, rauen Zunge. Er vermisste sie sehr und wünschte sich, sie wäre nun bei ihm. Stattdessen war er unsagbar allein.
Erst jetzt realisierte er, dass kein Hund mehr zu sehen war. Ein Grenzwächter war auf einem nächtlichen Rundgang mit seinem Tier. Als dieses sich in die Büsche absetzte, rief er nach ihm. Jeder hier wusste, dass es in dieser Gegend wilde Hasen gab. Sicher hatte der Hund eine Fährte aufgenommen. Emsys Glück war, dass es sich bei diesem Schäferhund um einen dressierten Zollhund handelte, der den Befehlen des Herrchens ohne Widerrede Folge leistete. Als er dazu aufgefordert wurde, liess er von Emsys Spur ab. Die Gefahr war vorerst vorüber.
Es war dunkle Nacht und die Geräusche wurden ruhiger. Die Fahrer des Paketdienstes hatten Feierabend. Die Pforten des Lagers wurden geschlossen. Noch immer hatte Emsy grauenhafte Schmerzen, doch er wusste genau, dass ihm nur seine Freunde helfen konnten. Mit seiner Zunge massierte er unentwegt sein offenes Bein und hielt sämtlichen Schmutz von ihm fern. Manchmal spürte er eine Ameise, die an ihm hochkletterte oder eine Fliege, die sich auf ihm niederlassen wollte. Er scheuchte alle anderen Tiere weg.
Von weit weg hörte er eine Stimme, die seinen Namen rief. Es war Tina, die ihn suchte. Sie war mit dem Fahrrad gekommen, hatte bereits die ganze Schnellstrasse abgesucht. Sie hatte Meter um Meter durchforscht und jeden Busch untersucht. Nirgendwo war eine Spur von Emsy. Hinter dem Gebäude rief sie immer wieder seinen Namen. Sie traf auf ihrer Suche drei Reiter. Sie sprach lange mit ihnen und bat sie, ihre Augen offenzuhalten und sie anzurufen, falls sie Emsy entdeckten. Diese Reiter kannten Emsy, hatten ihn schon oft bei der Spedition auf der anderen Seite der Schnellstrasse gesehen.
Als sie zum Paketdienst zurückkam, wollte sie das Bord noch ein zweites Mal absuchen. Es war jedoch mit Dornengestrüpp überwachsen und Tina wollte das Bord nur mit den Augen absuchen. Sie schaute von unten zur Schnellstrasse hoch, rief dazu immer Emsys Name. Als sie auf der Höhe war, wo Emsy unter einem Busch lag, hupte ein LKW. Tina war ihm mit ihrem Fahrrad im Weg. Der Fahrer schien genervt. Er schüttelte den Kopf, als er die Frau sah, die am späten Abend das Bord absuchte. Was die wohl da suchte? Man konnte ja kaum mehr was erkennen bei dieser Dunkelheit. Emsy erkannte ihre Stimme und wollte rufen. Aus seiner Kehle kam nur ein klägliches Krächzen. Er wollte schreien, Tina musste ihn doch hören. Doch sein Rufen drang nicht bis zu ihr, denn der LKW-Fahrer hupte erneut. Tina musste aufgeben und den Weg für den gereizten Fahrer freigeben. Sie setzte ihre Suche zehn Meter weiter vorne fort, zu weit weg für Emsy, dessen Stimme mittlerweile verstummt war. Seine Chance war vorbei, Tina war weg. Und schon wieder stand der Mond am Himmel. Und noch immer waren Emsys Schmerzen kaum auszuhalten.
Nach einer kurzen Ruhepause, nahm Emsy alle Kräfte zusammen und schleppte sich erneut einen Meter weiter. Die ganze Nacht hindurch schaffte er auf diese Weise. Bereits sah er das Strässchen, das zum Büro des Paketdienstes führte. Es war also nicht mehr so weit. Seit seinem Unfall waren nun unzählige Stunden vergangen, die schlimmsten seines Lebens. Wenn nicht bald Hilfe kam, würde er elend sterben, abseits von den Menschen, die er doch so liebte.
Und diese Liebe gab ihm immer wieder Kraft. Wenn er an seine Freundinnen im Paketdienst und an seine Katzenfamilie zuhause dachte, entwickelte er unsagbare Kräfte, die ihn am Leben erhielten. Er schleppte sich auf seinen Vorderpfoten voran und versuchte die Schmerzen zu vergessen, die seinen ganzen Körper peinigten. Als die Sonne aufging, war Emsy schon fast auf der Strasse zum Paketdienst.
Ein neuer Tag war erwacht. Seit dem Unfall waren nun fast 40 Stunden vergangen und Emsy war noch nicht entdeckt worden. Er hatte unheimlich Durst. Heute nun wollte er die Böschung herunterklettern. Seine Vorderbeine waren so weit in Ordnung. Dort waren seine Freundinnen und die würden ihm dann helfen. Er konnte nicht aufstehen, doch mit seinen Vorderbeinen zog er sich Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Die Hinterbeine schleppte er hinter sich her. Es war ein äusserst anstrengendes Unterfangen und Emsy kam pro Stunde nur gerade einen bis zwei Meter vorwärts. In seinem Pelz verfingen sich Nadeln und Blätter. Wenn immer möglich versuchte er dem Müll auszuweichen. Er wollte nicht von einer rostigen Büchse noch mehr verletzt werden. Es war ein langer Weg, doch Emsy wusste, dass dies seine einzige Chance war. Er würde es schaffen, das stand für ihn fest. Er wollte leben. Er war erst dreieinhalb Jahre alt. Es war noch zu früh für den Katzenhimmel.
Nach jedem Meter musste Emsy eine Pause einlegen. Er war so erschöpft, dass er ständig wieder einschlief. In den Wachphasen zog er sich mit den Vorderbeinen vorwärts, dem Bürovorplatz entgegen. Hier war es schattig, denn die Sonne schien unerbitterlich heiss. Es war schwül. Bald würde es regnen, ein Gewitter war angesagt. Dann fliesst das ganze Wasser von der Strasse den Hang hinunter. Blätter und Müll würden zu ihm hinuntergespült. Emsy wollte weg, bevor es so weit war. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen und schleppte sich weiter.
Er verbrachte den ganzen Tag damit, sich vorwärtszukämpfen. Als es Abend wurde, war er schon fast am Ziel. Auf dem Vorplatz unten hörte er die LKWs und Kastenwagen, die zum Lager fuhren. Man arbeitete hier bis Mitternacht. Im Paketdienst der Firma DPD wurden die Fahrzeuge am Abend beladen, damit sie am Morgen sofort auf Tour gehen konnten. Abends ging es hier hektisch zu. Autos kamen und fuhren wieder weg, Anhänger wurden am Rande der Strasse parkiert und Aufleger auf hohen Beinen abgestellt. Manche Fahrer übernachteten in ihren Autos. Sie hatten mindestens ein bequemes Bett, dachte Emsy, und ganz sicher etwas zu trinken.
Doch wie sollte er diese Strasse überqueren? Er hatte Angst davor, sich über die Strasse zu schleppen, denn bei einem herannahenden Auto hätte er weder schreien noch davonlaufen können. Seine Chance bestand lediglich darin, auf sich aufmerksam zu machen. Doch wie sollte er das bewerkstelligen? Seine Freundinnen waren ja im Büro, er auf der gegenüberliegenden Strassenseite.
Wenn er sich nur zur Türe schleppen könnte! Wenn er doch nur schreien könnte! Doch seine Kehle war trocken und schmerzte, als loderte ein Feuer darin. Erneut legte er sich erschöpft nieder und fiel in tiefen Schlaf.
In seinen Träumen sah er Tina vor sich, wie sie neben ihm sass und ihn liebevoll streichelte. Sie redete mit ihm, wie sie dies stets getan hatte. Manchmal schämte er sich, dass er sie so im Stich gelassen hatte. Sie war so gut zu ihm, doch er zog ihr die Freundinnen im Paketdienst vor. Er erinnerte sich daran, wie sie ihm Geschichten erzählte. Oftmals legte er sich zu ihr aufs Sofa, dicht an ihre Beine. Während ihre Hände durch sein dichtes Fell glitten, erzählte sie ihm von sich uns ihren Katzenerlebnissen. Er erinnerte sich genau an die Geschichte von Mimi und ihrer Familie.