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Hat Jesus dem reichen jungen Mann gegenüber angedeutet, dass er GOTT ist?
(Did Jesus Indicate He Was God to the Rich Young Man?) Von Servetus the Evangelical
Viele Menschen wissen, dass Jesus zu einem jungen reichen Mann gesagt hat: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Öhr der Nadel geht, als dass ein Reicher in das Reich GOTTES hineinkommt“ (Mark 10, 25). Der reiche Mann hatte diese Bemerkung herausgefordert, weil er Jesus mit „Guter Lehrer“ angesprochen hat (V. 17). Jesus antwortete darauf: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, GOTT“ (V. 18).
In der Vergangenheit haben zahlreiche Kirchenväter und viele nachfolgende trinitarische Christen fest darauf bestanden, dass Jesus hier angedeutet habe, dass er GOTT ist, weil sie ganz offensichtlich so geschlussfolgert haben: Jesus ist gut. Niemand ist gut außer GOTT. Deshalb muss Jesus GOTT sein. Bevor wir diese falsche Schlussfolgerung näher unter die Lupe nehmen, wollen wir noch kurz über den entsprechenden Bericht von Matthäus nachdenken.
Alle drei Synoptiker berichten über dieses Gespräch zwischen Jesus und dem reichen Mann. Aber nach dem Bericht von Matthäus hatte die Antwort Jesu einen etwas anderen Wortlaut: „Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute“ (Matth 19, 17).
Diese offensichtliche Diskrepanz in diesen Berichten ist vermutlich der Verwendung der ipsissma verba (des genauen Wortlauts Jesu) zuzuschreiben, wie er in Markus 10, 18 und in Lukas 18, 19 vorzufinden ist, wohingegen Matthäus, wie es typisch für ihn ist, seine eigene Meinung über die Aussage Jesu wiedergegeben hat, um von vornherein ein mögliches Missverständnis über die Sündlosigkeit Jesu zu vermeiden.
Wie dem auch sei, - wir wollen uns hier etwas genauer mit den christologischen Konsequenzen dieser Bemerkung Jesu befassen. Es ist wichtig, dass wir uns fragen, was Jesus mit seiner Antwort auf die Frage des Mannes beabsichtigt hat. Es kann Jesus keinesfalls darum gegangen sein, sich als GOTT zu identifizieren. Denn das hätte überhaupt nichts mit der Frage des Mannes zu tun gehabt. Neb Stonehouse stellt absolut richtig fest: „Jesus hat sich hier nicht mit Fragen der Christologie befasst.“ Auch Johannes Calvin, der nie eine Gelegenheit ausgelassen hat, um die angebliche Gottheit Jesu zu verteidigen, hat zugegeben, dass Jesus „damit nicht das Wesen seiner Gottheit bestätigt.“ Von Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Princeton Professor B.B. Warfield einer der führenden, stramm konservativen, trinitarischen Theologen Amerikas gewesen. Er hat geschrieben, was für viele konservative christliche Theologen die klassische Auslegung der an den reichen jungen Mann gerichteten Bemerkung Jesu nach den Berichten in Mark 10, 18 und Luk 18, 19 gewesen ist. Er bestätigt: „Die Frage, welche Beziehung Jesus zu diesem GOTT hat, taucht hier garnicht auf; ebenso gibt es keine Verneinung, dass er GOTT ist und keine Bestätigung, dass er GOTT ist.“
Warfield zitiert fünf andere Bibelkundler aus seiner Zeit, die der gleichen Meinung sind. Einer von diesen ist der Presbyterianer J.A. Alexander gewesen, dessen Vater das theologische Seminar in Princeton gegründet hat. Alexander hat über diesen Abschnitt gesagt: „Die Güte unseres Herrn und seine Gottheit steht mithin keinesfalls in Frage und konsequenterweise wird sie weder bestätigt noch verneint.“ Um das Ganze verstehen zu können, muss die Antwort Jesu im Zusammenhang mit der religiösen Kultur, in der er gelebt hat, verstanden werden. Wer anders vorgeht, interpretiert diese Stelle weitab von ihrem Kontext.
Also, - was hat Jesus diesen Mann in Bezug auf ihre gemeinsame religiöse Kultur lehren wollen?
Im Alten Testament, im Judentum und speziell im hellenistischen Theismus ist nur GOTT als „gut“ in einem absoluten Sinne anerkannt worden. Menschen sind nur in einem abgeleiteten Sinne „gut“ genannt worden, mit dem Wissen, dass GOTT die Quelle ihres Gut-seins ist. GOTT als vollkommen gut zu charakterisieren, hieß nach dem damaligen Glauben, IHM Ehre entgegenzubringen. Von daher hat es nichts mit der Unterscheidung des moralischen Verhaltens zwischen Menschen zu tun, wenn Jesus das Wort „gut“ gebraucht. Im Neuen Testament wird Jesus oft als „heilig“ beschrieben. Und doch werden die Menschen, die den Antichrist überwunden haben, einmal ein Lied singen, in dem es in Bezug auf GOTT, den Vater, heißt: „HERR, GOTT, Allmächtiger ... DU allein bist heilig“ (Off 15, 3-4). Offensichtlich meinen sie das in einem absoluten Sinne, da die Heiligkeit Jesu von seinem GOTT und Vater abgeleitet ist.
In Wirklichkeit hat Jesus die Defizite des reichen Mannes im Bereich des Gut-seins dem absoluten, vollkommenen Gut-seins GOTTES gegenübergestellt. Dieser Mann hatte geglaubt, dass er gut ist; allerdings hatte er erkannt, dass Jesus auch gut gewesen ist. Jesus hat ihn auf den Punkt hingewiesen, an dem er blind gewesen ist, als er sagte: „Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Erlös den Armen! ... Und komm, folge mir nach!“ (Matth 19, 21). Erst wenn er das getan haben würde, würde er das Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, erfüllt haben (3. Mo 19, 18). Matthäus hat hinzugefügt, dass Jesus das „gut“ mit der Aufzählung von einigen der Zehn Gebote erklärt hat und dann mit dieser hier nicht zu findenden Anweisung geendet hat.
Mit der Aussage, dass GOTT „allein“ gut ist, hat Jesus seine eigene Sündlosigkeit oder Gerechtigkeit nicht verneint. Aber er hat durchblicken lassen, dass seine Gerechtigkeit in mancher Hinsicht geringer war als die seines GOTTES und Vaters. Warfield hat H.R. Mackintosh zustimmend zitiert, der sehr gut erklärt hat: „Jesus lehnt vielmehr ab, dass er das vollkommene Gut-sein GOTTES hat. Niemand außer GOTT ist gut, - ER ist unveränderlich und ewig gut; ... im Gegensatz zu IHM hat Jesus Gehorsam gelernt, durch das, was er erlitten hat; er ist in allem versucht worden wie auch wir (Hebr 5, 8; 4, 15). ... die Heiligkeit Jesu, wie sie sich in den Berichten über sein Leben widerspiegelt, ist nicht die automatische Folge eines übernatürlichen Wesens, sondern in seiner vollendeten Form die Frucht einer andauernden moralischen Willensentscheidung, erfüllt und unterstützt durch den Geist.“
Jesus hat in der Tat einen Reifeprozess durchlaufen müssen, um dieses Gut-sein zu erreichen (Luk 2, 40, 52). Im Gegensatz dazu wird vorausgesetzt, dass GOTT immer schon vollkommen gut gewesen ist.
Abschließend können wir sagen, dass Jesus sich hier nicht als GOTT identifiziert hat. Viel eher bestätigt diese Geschichte, dass nur der Vater GOTT ist und dass ER allein unerreichbar und vollkommen gut ist. Der Trinitarier Raymond E. Brown erklärt zu dieser Begegnung: „Eine häufig gehörte patristische Interpretation sagt, dass Jesus versucht, den Mann zu der Wahrnehmung seiner [Jesu] Gottheit zu führen, ... Man kann leicht erkennen, dass ein derartige Auslegung ein apologetisches Interesse zur Grundlage hat, das die Lehre von der Gottheit Jesu schützen will. Andere Ausleger betonen, dass Jesus versucht, die Aufmerksamkeit von sich weg auf den Vater zu lenken. Das ist zweifellos richtig, aber man sollte die Tatsache nicht unter den Tisch fallen lassen, dass dieser Text stark zwischen Jesus und GOTT unterscheidet und dass die Zuschreibung, die Jesus zurückweist, für GOTT zutreffend ist. Man sollte aus diesem Text heraus nicht vermuten, dass der Evangelist geglaubt hat, dass Jesus GOTT ist.“ Das Gleiche muss man auch von Jesus und all den Juden sagen, die zugehört haben, was er dem reichen jungen Mann auf dessen Frage geantwortet hat.
Dieser Artikel stammt von Kermit Zarley (Servetus the Evangelical). Auf seiner Webseite – servetustheevangelical.com – kann man 50 solcher Artikel in englischer Sprache lesen. Sie sind eine Zusammenfassung seines sorgfältig recherchierten, biblisch in die Tiefe gehenden, 600-seitigen Buches mit dem Titel: The Restitution of Jesus Christ (2008)