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China und der Aufstieg des Westens
Die Wirtschaftsgeschichte hat in letzter Zeit einen grossen Aufschwung erlebt – nicht nur wegen der Finanzkrise, sondern auch wegen eines bahnbrechenden Buches mit dem Titel «The Great Divergence: China, Europe, and the Making of the Modern World Economy», das vor zehn Jahren erschienen ist. Der Autor Kenneth Pomeranz behauptete darin, dass sich das chinesische Jangtse-Delta und England im 18. Jahrhundert etwa auf demselben ökonomischen Niveau befanden und dass England in der Folge nur deswegen eine industrielle Revolution erlebte, weil es über leicht zugängliche Kohlevorkommen und ein Kolonialreich verfügte. Anders gesagt: Der Westen hat China nur wegen eines ökologischen Zufalls und seiner aggressiven überseeischen Expansion abgehängt.
Die These stellte alle bisherigen Erklärungen in Frage und hat darum grossen Widerspruch hervorgerufen – was ganz neue Forschungen ermöglicht hat. Bis zum Buch von Pomeranz war man davon ausgegangen, dass die industrielle Revolution nur durch europäische Besonderheiten erklärt werden könne, d. h. durch Reformation und Aufklärung, wissenschaftliche Durchbrüche und die Entstehung des modernen Nationalstaats, der Eigentumsrechte garantierte. Mit Pomeranz wurde diese Sicht auf einen Schlag fragwürdig. Wenn im 18. Jahrhundert das Jangtse-Delta genau so entwickelt war wie England und wenn die industrielle Revolution mehr zufällig erfolgte, ist es schwer, nur mit europäischen Vorzügen zu argumentieren.
Neue Forschungen haben ergeben, dass Pomeranz mindestens in einem Punkt falsch liegt. So scheint der englische Lebensstandard im 18. Jahrhundert deutlich höher gewesen zu sein als im Jangtse-Delta, was auf eine ökonomische Überlegenheit bereits vor der industriellen Revolution hinweist. Vor allem Robert Allen in Oxford hat diesbezüglich Pionierarbeit geleistet. Ich kann seine Tawney Lecture, in der er seine These in 66 Minuten klar auf den Punkt bringt, nur wärmstens empfehlen.
Die Debatte ist allerdings noch längst nicht entschieden. Die Tatsache, dass China in den letzten Jahrzehnten so schnell gewachsen ist, deutet darauf hin, dass das Land traditionell über grosse Stärken verfügt. Die europäische Sicht auf die Wirtschaftsgeschichte ist im Begriff, sich fundamental zu ändern, daran besteht kein Zweifel.