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In den 1980er Jahren begann eine Blütezeit in der Rollstuhl- und Rollstuhlsportgeräte-Entwicklung. Man weckte Rollstühle aus dem Dornröschen- bzw. Chromstahlschlaf. Sie wurden dynamischer, kompakter und wie bei Sportgeräten für Fussgänger, begannen Tüftler und Erfinder mit anderen Materialien zu experimentieren. So kamen erste Festrahmen-Rollstühle (nicht faltbar) mit Aluminiumrahmen auf den Markt.
Einige Rollstuhlfahrer gaben sich nicht zufrieden und ein noch nie dagewesener Drang nach Sportgeräten für Behinderte setzte ein. In der Folge entwickelten Rollstuhlfahrer ihre eigenen Geräte, oder motivierten Tüftler und Erfinder ihnen Spezialgeräte zur Ausübung von Rollstuhlsport zu konstruieren. An Rennrollstühlen, Langlaufschlitten, Mono- und Wasserskies wurden herum probiert, Rollstühle adaptiert für Basketball, Tennis und Badminton.
Rückblickend könnte man das Jahr 1984 zum Geburtsjahr des modernen Handbikes erküren. Aus dem Krankenfahrstuhl wurde ein Sportgerät.
1984 / 1985
1984 baute die Firma Brike Int. Ltd. in Tualatin, Oregon ein dreirädriges, fussangetriebenes Bike mit tiefer Sitzfläche, welches gelenkt wurde in dem man mit dem Körper in die Kurve liegt „body lean steering“.
Bereits Ende 1984, Anfang 1985 ergänzte Tsam Lerwill, unter Lizenz von Brike dieses Bike mit einem Handantrieb. Das erste Performance Handbike war geboren. Es erhielt den Namen Freedom Ryder Handcycle. Der direkte Nachfolger Freedom Ryder LC1 wurde mehrmals überarbeitet und ist nach wie vor erhältlich.
Die Lösung dieser Konstruktion zeugt von grossem Erfindergeist.
Betrachtet man die Idee genau, löste das erste Performance Handbike bereits wichtige Probleme an denen sich alle nachfolgenden Handbike Hersteller die Zähne ausbeissen.
Die Sitz-, Kurbel und Antriebsradeinheit bildet eine Starre Verbindung, dadurch gibt es nie Konflikt mit den Kurbeln und den Beinen oder mit dem Antriebsrad und den Beinen, zudem haben die Beine keinen Einfluss auf die Lenkung. Jeder der mit Spastik kämpft weiss was das bedeuten kann.
Dann stellt sich die Frage, warum sich denn diese Konstruktion nicht wirklich durchgesetzt hat. Freedom Ryder löste zwar ein paar Probleme bevor sie entstanden sind, aber jede Medaille hat bekanntlich ihre Kehrseite.
Das „body leen steering“ funktioniert nur ab einer gewissen Geschwindigkeit zuverlässig, nämlich erst dann wenn der gyroskopischen Effekt (Fliehkraft des sich drehenden Rades) das Rad genügend stabilisiert.
Der Fahrer muss beim Kurbeln sehr darauf achten, dass er beide Kurbeln gleichmässig belastet, tut er das nicht, beginnt das Freedom Ryder heftig zu schlingern. Ich persönlich legte einen heftigen Überschlag mit einen Freedom Ryder hin, weil ich eben einhändig zog.
1986
Der schwäbische Braumeister, Segelflugpilot, Rollstuhlfahrer und Tüftler Hans Olpp baute 1986 eines der ersten „neuzeitlichen“ Handbikes Europas. Sein Wissen über Leichtbau durch die Segelfliegerei half ihm, sehr brauchbare Handbikes zu kreieren. Auch ihm gelang gleich im ersten Anlauf eine technische Lösung welche noch heute Anwendung findet. Er setzte den Lenkkopf sehr tief, damit das gelenkte Rad über das Bein knickt und nicht an Ort dreht, wie das bei einem klassischen Fahrrad mit dem Lenkkopf über dem Rad der Fall ist.
Hans Olpp zeigte nicht nur im Handbike seine Fähigkeit, spannende Ideen voranzutreiben. Er war auch an der Entwicklung funktionsfähiger Monoskies für Rollstuhlfahrer beteiligt.
1988
Zwei Jahre nach Hans Olpp entwickelte der gebürtige Bulgare Georgi Georgiev, auf Gabriola Island vor Vancouver, ein Arm Powered Trike. Georgi war und ist noch immer dafür bekannt interessante und vor Allem sehr schnelle Liegeräder für Fussgänger zu bauen. So hielt Sam Whittingham mit Georgi’s Meisterwerk dem Varna Tempest über Jahre diverse Weltrekorde. Unter anderem den Geschwindigkeitsrekord für 200 Meter mit fliegendem Start von sagenhaften 133 km/h.
Die Kreativität Gerogi Geroriev‘s ist bis heute einzigartig.
Als eine Bekannte von ihm nach einem Unfall querschnittgelähmt wurde, baute er kurzerhand ein Handbike. Bereits bei den Fussgänger-Fahrrädern benannte Georgi seine Geräte nach seiner Heimatstadt Varna in Bulgarien, dieses Zeugnis seiner Heimatliebe führte er auch bei den Armpowered-Vehicles weiter.
Unter dem Namen Varna I oder Varna One wurde sein erstes Handbike bekannt. Dieses interessante Gerät verfügte über ein angetriebenes Hinterrad und zwei Vorderräder. Gelenkt wurde durch Gewichtsverlagerung (controlled by leaning ), was das Varna I für Querschnittgelähmte eher unsicher und wackelig machte, während Beinamputierte damit sehr gut zurecht kamen.
Auf das Varna I folgte schnell das Varna II. Georgi drehte die Geometrie um in die noch heute mehrheitlich gewählte Variante mit einem angetriebenen Vorderrad und zwei nachlaufenden Hinterrädern. Das Lenken erfolgte nun über einen festen Lenkkopf wie er auch bei normalen Fahrrädern angewendet wird. Georgis Kreativität half uns Handbiker definitiv weiter. Wir werden auch später in dieser Arbeit von Georgi Georgiev hören, so baute er die ersten Rennhandbikes, die ersten zweirädrigen Handbikes und auch beim geländegängigen CrossCountry-Handbike mischte er mit.
1989
Der Amerikaner Carl M. May konstruierte ein Vorspann-Handbike, war allerdings nicht eingerichtet um das Bike zu produzieren und auf den Markt zu bringen. So trat er in Kontakt mit Jim Martinson.
Jim Martinson ist ein weiterer kreativer Kopf welcher den Rollstuhlsport beeinflusst hat. Jim verlor in Vietnam seine beiden Beine. Der Sportfanatiker wollte auch ohne Beine Sport treiben. Nach einer langen Durststrecke begann Jim Rollstuhl-Basketball zu spielen. Fuhr mit seinem Rollstuhl immer längere Strecken. In den 1970 fuhr er mit einem 27 Kilogramm Rollstuhl sein erstes Rennen. Im Ziel angekommen sagte er sich: „Ich hatte so viel Spass. Ich kann wieder Rennen fahren. Diese Rennrollstühle sind phänomenal.“
Jim wollte wieder siegen und er trainierte bis er seine ersten Rennen gewann. Bald merkte er, dass die veraltete Technik und das immense Gewicht seiner Rollstühle keine Verbesserung der Zeiten zuliessen.
So tat er sich mit seinem Basketball-Kollegen Jim Hernandez zusammen und die beiden bauten die ersten sechs Rennrollstühle. Sie wogen nur noch 11 kg, 16 kg leichter als die der Konkurrenz. Diese sechs Rennrollstühle waren der Start zu Jim Martinsons Firma Magic in Motion, den Rollstuhl nannten sie Shadow.
Bald baute Magic in Motion Basketball- und Tennisrollstühle etwas später auch Monoskies.
1990 startete die Produktion des von Carl M. May entwickelten Handbikes. Sie nannten es Shadow Cyclone. Das Cyclone wurde rasch weltweit vertrieben und mancher Handbiker, wurde mit diesem Gerät vom Handbike-Virus infiziert. Es war auch mein erstes Handbike. Ich schraubte es bald fix an einen alten Quickie GPV Basketball-Rollstuhl. Um mehr Gripp zu erhalten, verlegte ich die Achshalterung für die Hinterräder zurück, dazu schraubte ich eine Meyra Achse hinten an den Quickie Rahmen.
Das Shadow Cyclone verfügte über zwei Ketten und über drei Schaltsysteme. An der ersten Kette stand ein 7-Gang Kettenwechsler zur Verfügung, ungefähr in der Mitte des Rahmens, angebracht. Innen an diesem Kettenwechsler befand sich ein einzelnes Ritzel welches wiederum die zweite Kette Antrieb. Diese zweite Kette führte zu einem zweiten 7-Gang Kettenwechsler auf einer 2-Gang Nabe Montiert war. Jeder kann sich vorstellen, dass das einige Gewöhnungszeit verlangte bis man einigermassen der Reihe nach schalten konnte.
Ebenfalls 1990 brachte Magic in Motion ihre Eigenkreation Shadow Mach2 heraus. Dabei handelt es sich vom Gedanken her um dieselbe Geometrie wie Beim Rollstuhl mit Vorspann-Handbike. Der Nutzer sitzt wie im Rollstuhl. Magic in Motion bauten das Gerät an einem Stück und liessen alle Anbauteile welche zum Handbiken nicht nötig waren weg.
Das Schadow Mach2 wurde über die identische Nabe mit 7-Gang Kettenwechsler und 2-Gang Nabenschaltung wie das Cyclone geschaltet. Ebenfalls interessant war damals die Rücktrittbremse.
1991
Jim Martinson brachte in diesem Jahr die technische Weiterentwicklung vom Mach2, das Mach3. Der Rahmen wurde zwecks einfacherem Einstieg im Beinbereich stärker abgesenkt und bekam ein 3×7 Gang Kettenschaltung verpasst. Neu wurde auch über Bremshebel auf Felgenbremsen verzögert. Diese Geräte waren übrigens sehr wendig und es gelangen trotz schlechter Aerodynamik erstaunliche Fahrleistungen.
Jim Martinson verkaufte später seine Firma an Quickie seine Geräte wurden teilweise noch weiter gebaut. Neu unter dem Namen „Quickie Cycle-One“, „Quickie Mach 2“ und „Quickie Mach 3“.