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Geschichte von Reiden
Reiden umfasst den Weiler Reidermoos und fusionierte 2006 mit Langnau bei Reiden und Richenthal zur neuen Gemeinde Reiden.
Die älteste Namensform, die uns bekannt ist, heisst Reidin. Sie kommt schon im Urkundenbuch des Klosters Engelberg vor um das Jahr 1210.
Um das Jahr 700 n.Chr. waren die Täler und Hügel bis an den Fluss Wigger mit Wald bedeckt. Durch die breite Ebene schlängelte sich in vielen Windungen die Wigger. Diese Tatsache genügte als Voraussetzung für die Entstehung des Ortsnamens Reiden. Auf Mittelhochdeutsch bedeutet Reide Drehung, Wendung, Krümmung, Knie. Demnach ist Reiden als Ort oder Siedlung bei den Flusswindungen zu deuten. Der volle Ortsname wäre bei den oder an den Reiden. Das breite Tal der Wigger war schon immer dem Verkehr Nord-Süd und umgekehrt offen. Dieser wurde mir der Eröffnung des Gotthardpfades besonders bedeutend und zwar nicht bloss schweizerisch, sondern international (Rheingebiet/Italien). Auf der Wasserstrasse der Aare gelangten Güter aus dem Westen, insbesondere Salz aus dem Burgund, nach dem Umschlagplatz Aarburg, um anschliessend auf dem Landweg Richtung Luzern/Innerschweiz weiterbefördert zu werden.
Auf der Stumpenhöhe machte man Funde einfachster Steinwerkzeuge aus der Jungsteinzeit. Münzfunde aus dem Gebiet Höchfluh belegen, dass schon zur Römerzeit Menschen in unserer Gegend sesshaft waren. Im Chli Sertel sind noch Konturen eines Erdwerks zu erkennen. Es dürfte sich um eine Holz-Erdburganlage aus der Zeit um 1000 nach Christus handeln. Eine Alte Römerstrasse zweiten Ranges soll von Langenthal über Brittnau, Reiden-Ebnet nach Winikon und Sursee geführt haben. Reste einer Holz- und Erdburg bei Sertel und einer im 13.-14. Jahrhundert belegten Ausbausiedlung mit eigenem Twing im Äbnet.
Mit Walter von Reiden, einem lokalen Adeligen, wird 1168 der Ort erstmals erwähnt. Er unterstand damals den Grafen von Lenzburg und fiel nach deren Aussterben 1273 an die Habsburger. Jetzt erlangte er, wohl dank seiner Lage am alten Gotthardweg, erste Bedeutung. Wegen der wichtigen Verkehrsachse, an der Reiden lag, entstand hier ohne Zweifel um 1284 die Jonnaniterkommende, deren Vorläuferin eine Burg war, die den Herren von Reiden gehörte.
Durch den Verkauf der Grafschaft Willisau 1407 kam Reiden an Luzern und entwickelte sich für die neuen Herren zu einer ergiebigen Zollstätte. Die Abgaben müssen hoch gewesen sein, beklagte man sich doch häufig über diesen Zoll zu Reiden. Das Zoll Büro befand sich in den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden "zum Löwen" im Unterdorf. Seit dem Anschluss an Luzern verwalteten Vögte auf Schloss Wikon das Dorf bis 1796.
Die Wigger machte ursprünglich eine ganze Menge Windungen durch das Wiggertal hinab. Sie floss am Dorfe Reiden, sowie dicht am Schlossberg bei Wikon und in Zofingen an der Stadtmauer vorbei. Im Jahre 1498 erhielt die Wigger einen geraden Lauf durch den Talboden hinunter und berührte Reiden nicht mehr.
Zur Zeit der Französischen Revolution erlebte das Dorf schwere Zeiten. Einheimische und später fremde Truppen nahmen wiederholt Quartier. Die Gesamtzahl der einquartierten und durchgereisten Truppen bis 1802 gibt der Chronist mit 24'500 Mann an. Das Dorf zählte damals 1100 Seelen.
1803-1913 war Reiden Sitz des Bezirksgerichts.
Ein Wirtshaus wird schon in einer Urkunde vom Jahre 1391, am 8. Juni, erwähnt. Es soll sich mitten im Dorfe befunden haben. Nach dem Twingrecht von 1641 hatte der Komtur das Gasthaus zu vermieten. Es führte den Namen «Löwen», nach dem Wappen im Schilde des Komturs. Später wurde die Wirtschaft aufgehoben und das Ausschankrecht verkauft. An das Haus wurde ein Salzmagazin angebaut. Ferner befand sich das Zollbüro in diesem Gebäude. Im Jahre 1856, nachdem die Eisenbahn eröffnet war und auf der Bahnstation ein Salzmagazin gebaut wurde, wurden die alten Gebäulichkeiten verkauft. Heute kennen wir den alten Gasthof «Löwen» unter dem Namen «Zollhaus».
Wirtsrechte um 1800 in Reiden. Mohren Urban Arnold Gastwirtschaft, Löwen Baltz Wismer Gastwirtschaft, Sonne Anton Schaler Gastwirtschaft, Annamaria Hunkeler Weinschankrecht.
1843 2 Tavernen Mohren und Sonne, 2 Pinten Unterdorf und Reidermoos.
Alters- und Pflegeheim
Seit dem Spätmittelalter gab es zwischen Reiden Mehlsecken ein Siechenhaus. „Hus der armen siechen am veld by Reiden“. Hier wurden Leute mit ansteckenden Krankheiten, insbesondere Aussatz, untergebracht. Im Unterdorf im Boterhaus, war der Platz für die Siechen (Aussätzigen). Siechenpfleger war um 1590 Hans Gut. Daraus wurde nach 1603 ein Armenhaus, welches die umliegenden Gemeinden Reiden, Wikon und Mehlsecken bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gemeinsam führten. Streitigkeiten über die Nutzungsberechtigungen führten zum Ausstieg Reidens. 1816 kaufte Reiden dieses Gebäude und 1826 verkaufte man es und erstand dafür das Haus Galizi im Reidermoos, wo man eine moderne Armenanstalt samt Webkeller einrichtete. 1985 wurden die Gemeindeverbände Regionales Pflegeheim unteres Wiggertal (14 Gemeinden) und Regionales Altersheim Reiden (4 Gemeinden) gegründet, welches am 17. April 1990 eröffnet wurde.
Schule und Bildung
1636 wird ein Schulmeister genannt und seit 1798 bestehen zwei Schulgemeinden. Obwohl die älteste Schule ins 17. Jahrhundert zurückreicht, kam es erst 1803 auf Druck der helvetischen Regierung zum Bau des ersten Schulhauses, später bekannt als Fiechter-Haus. Vier Jahre später stand auch jenes im Moss bezugsbereit. 1870-1874 wurde das Dorfschulhaus renoviert. Darin wurde 1897 der spätere Kardinal und Ehrenbürger Dr. Benno Walter Gut geboren. Das neue Schulhaus im Moos konnte 1907 bezogen werden. 1910 konnte das neu erbaute Pestalozzischulhaus mit zehn Schulzimmern, einem Gemeindesaal und zwei Wohnungen bezogen werden. 1958 konnten die neuen Schulhäuser Johanniter 1 + 2 mit acht Schulzimmern, sowie die doppelstöckige Turnhalle und einer Hauswart Wohnung eingeweiht werden. 1967 Bau des Schulhaus Johanniter 3 mit neun Schulzimmern. 1979 konnte das Schulhaus Johanniter 4 mit sechs Klassenzimmer, vier Werkräumen, zwei Räume für Physik und Chemie, sowie einer Aula bezogen werden. 1996 erfolgte der Bezug des Schulhauses Walke. 2007 konnte die neu erbaute Dreifachturnhalle bezogen werden.
Religiöse Gemeinschaften
Die erste Kirche soll auf dem Ebnet gewesen, noch bevor die Herren von Büttikon den Twing Ebnet besassen. Die Pfarrei Reiden wurde 1271 erstmals erwähnt. Die 1173 erweiterte Pfarrkirche St. Bartholomäus, auch untere Kirche genannt, wurde 1644-62 umgebaut. Auch wenn im Dorf immer eine Kirche stand (St. Bartholomäus Kirche), so war doch die obere im Hof der Kommende die eigentliche Pfarrkirche. 1793-96 wurde die baufällige St. Bartholomäus Kirche durch die heutige Pfarrkirche ersetzt. Die Leitung wurde dem Baumeister Niklaus Purtschert aus Pfaffnau übertragen. 6. September 1796 wurde die dem Kirchenpatron Johannes dem Täufer geweihte Kirche, Pfarrkirche von Reiden. Nördlich der Kirche stand die Beinhauskapelle St. Anna, welche 1661 erbaut wurde und nach der Fertigstellung der neuen Kirche 1794 abgebrochen wurde. Im Jahre 1813 ist die obere Kirche abgebrochen worden. Zur Pfarrei gehörten neben Reiden und Wikon bis 1972 auch Mehlsecken und ein Teil von Langnau.
Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde wurde 1918 gegründet und umfasst die Einwohner von Reiden, Wikon, Langnau, Richenthal, Roggliswil, Pfaffnau und St. Urban. 1928 nahm man den Kirchen- und Pfarrhausbau in Angriff. Am 6.11.1938 konnte die Kirche eingeweiht werden.
Seit 1986 bis 2011 hatte auch die neuapostolisch Glaubensgemeinschaft eine eignen Kirche an der Pfaffnauerstrasse.
Gewerbe und Industrie
Im 13. Jh. wird eine Mühle erwähnt, Eine Schmiede soll sich, nach alten Aufzeichnungen, schon Jahre 1233 im Unterdorf befunden haben. Alexander Elmiger erbaute 1638 sein steinernes Haus in der Unterwassermühle. Es handelt sich übrigens um den noch heute existierenden Stein-Riegelbau, der Wohnhaus und Müllerei umfasste. Bis um 1650 ist die Mühle mit sechs Wasserrädern zu drei Mahlgängen sowie zu Stampf- und Reibmühle ausgerüstet. Um 1700 ist die Mühle Unterwasser die wohlhabendste Luzerns. 1860 erwarb Theodor Lang in Reiden die Unterwassermühle. Auf dem Land des Mühlehofes errichtete er einen der ersten Industriebetriebe im Wiggertal, eine mechanische Baumwollspinnerei. 1865 erhielten die Gebrüder Lang aus Oftringen die Bewilligung der Regierung des Kantons Luzern, die Wasserkraft der seit zirka 1500 bestehenden Mühle auszubauen und neu das volle Wigger Wasser zum Betrieb einer mechanischen Baumwollspinnerei zu nutzen.
Mühsam kam etwas Heimindustrie, die Weberei, ins Dorf. Eingeführt wurde sie durch die Familien Oetterli und Bossart. Später entstand an einem Wasserrad die Walke (Gewebeveredelung), die ebenfalls einige Personen beschäftigte. Aus der «Oele» (Oelmühle) entstand eine Kundenmühle, die den Bauern der Umgebung das Getreide mahlte. Dann kam die Rotfärberei, die noch heute die «Rotfarb» geblieben ist, trotzdem in allen Farben gefärbt wurde. Schon längere Zeit ist dieser Betrieb still gelegt und in jüngster Zeit wurde das Gebäude abgebrochen.
1856 erfolgte der Anschluss an die Schweiz. Centralbahn, 1981 an die Autobahn A2.
Das heutige Aussehen ist hauptsächlich durch das 19. und 20. Jahrhundert geprägt. Vor 100 Jahren war Reiden noch ein bäuerlich dominiertes Dorf. Industriequartier war das Unterwasser, wo ein Kanal das Wasser der Wigger zu den Turbinen und Wasserrädern führte und so die nötige Antriebsenergie für kleiner Betriebe, wie eine Walke (Gewebeveredelung), eine Öle (Zerkleinern von Ölfrüchten) eine Rotfarb (Färberei) und einer Kundenmühle lieferte. Als eigentlicher Industriebetrieb konnte man die Baumwoll-Spinnerei Lang bezeichnen, die rund 60 Personen Arbeit gab. Sie wurde als ältester Reider Industriebetrieb 1867 gegründet.
Noch vor der Jahrhundertwende führte Ludwig Meyer die Heimindustrie für die Hemdenfabrikation ein. Zugleich trieb er regen Handel mit Wohnbedarfsartikel und Konfektionsbekleidung für Damen und Herren. Aus dem einen Handel Schwergewicht entwickelte sich die Möbelfabrik. Im gleichen Zeitraum wurde mit der Bau AG die erste Baufirma gegründet und 1904 eröffnete Hermann Bossart die Maschinenfabrik MFR (heute Reiden Technik AG), in welcher anfänglich Wasserturbinen und Transmissionen hergestellt wurden. Die folgenden Jahrzehnte mit Krieg und Zwischenkriegszeiten können als Übergangszeiten bezeichnet werden. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte der Unternehmergeist mit Neugründungen zurück und setzte sich bis in die heutige Zeit fort. Das Angebot an Arbeitsmöglichkeiten erfuhr eine grosse Ausweitung: Schuhfabrikation, Metallbau, Metallverarbeitung, Holzverarbeitung, Verpackungsindustrie, Gartenbau, chemische Produkte etc. Die wachsende Dorfbevölkerung benötigte weiterhin Arbeitsplätze, darum ist man bestrebt im Industriegebiet neue Firmen anzusiedeln.
Am 1. Januar 2006 wurden die Gemeinden Langnau bei Reiden, Richenthal und Reiden zu einer Gemeinde fusioniert.