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20 Jahre nach dem schlimmsten Nuklearunfall der Geschichte reiste swissinfo nach Tschernobyl, um zu schauen, wie die Schweiz der Ukraine hilft.
Im April 1986 hatte eine Kombination von nachlässigen Arbeitspraktiken und schlechtem Sicherheitssystem zu einer Explosion im Reaktor Nr. 4 geführt.
Die Hitze, die durch das Schmelzen des Reaktors entstand, entzündete einen grossen Kohlehaufen, und dieses Feuer verbreitete eine Wolke ionisierender Strahlung über einen grossen Teil Europas. Es vergingen mehrere Tage, bis die sowjetischen Behörden zugaben, dass es einen Unfall gegeben hatte.
In der Innerschweizer Stadt Luzern stieg die Strahlung von den üblichen 10 auf 30 Mikroröntgen pro Stunde. Eltern wurden angewiesen, ihre Kinder im Haus zu behalten. Im Luganersee in der Südschweiz stellten Wissenschaftler bei mehreren Fischarten eine erhöhte Verstrahlung fest. Das Fischen wurde verboten.
Für Millionen von Menschen in Russland, Weissrussland und der Ukraine aber war es viel schlimmer: sie waren sehr hoher Radioaktivität ausgesetzt. Die Kinder der Region erkrankten zehnmal öfter an Schilddrüsenkrebs als anderswo, und die Gefahr einer langfristigen genetischen Schädigung künftiger Generationen ist gross.
Ein Besuch im Reaktor Nr. 4
Die Landschaft rund um Tschernobyl verwilderte. Die 30km-Sperrzone um den Reaktor mit einem 200km langen Zaun legt stilles Zeugnis ab von den andauernden Nachwirkungen der Explosion vor 20 Jahren.
Damals gab es hier 90 Dörfer, in denen 130'000 Menschen lebten. Die meisten wurden zwangsevakuiert. Einige kehrten illegal zurück, stahlen sich an unbewachten Stellen durch den Zaun, um ihr Leben in dem noch für Jahrhunderte stark verstrahlten Gebiet wieder aufzunehmen.
Wer den Reaktor besichtigen will, braucht eine Sondergenehmigung, um eine Reihe von Kontrollpunkten mit bewaffneten Wächtern passieren zu können.
Unser Führer Yuri Tatarchuk ist Informationsbeauftragter im ukrainischen Notfallministerium. Er hat einen Geigerzähler bei sich, um die Strahlung zu messen.
Noch immer hoch verstrahlt
Wir halten bei einem langsam fliessenden Fluss rund einen Kilometer vor dem riesigen einbetonierten Reaktor und den Lüftungskaminen an, die nicht mehr in Betrieb sind. Der Geigerzähler zeigt 150 Mikroröntgen an, zehn Mal so hoch wie die Grundstrahlung in diesem Gebiet vor dem Unfall.
Und es wird noch schlimmer. Während der Minibus durch einen Wald rast, wo die kahlen Äste toter Bäume in den Himmel ragen, steigt die Verstrahlung auf rund 1'800 Mikroröntgen. Nicht gerade einladend für ein Picknick!
Wir kommen beim abgestellten Reaktor mit seiner riesigen, hastig aufgebauten Betonummantelung an und sehen, wie Kräne hin und herfahren, während Schweisser in einem Wettlauf gegen die Zeit die Metallpfeiler des Baus abstützen, die jeden Moment einzustürzen drohen.
Seit kurzer Zeit sickert die Strahlung der 200 Tonnen hier gelagerten Nuklearabfalls durch Risse im Sarkophag.
Fonds für Schutzhülle
Da es zu gefährlich ist, in den Reaktor Nr. 4 zu gehen, werden wir in ein Empfangszentrum in der Nähe geführt, wo wir ein Modell des Unglücksreaktors und Pläne für eine neue Schutzhülle um den zerfallenden Reaktor sehen, welche die Menschen weitere 100 Jahre abschirmen soll.
Finanziert wird sie von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE). Der Bau soll Ende 2008 fertig werden.
Als Geberland bei der EBWE spielte die Schweiz eine Schlüsselrolle, als es darum ging, Tschernobyl wieder sicher zu machen.
Die letzten zehn Jahre leistete das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) einen Beitrag von 20 Mio. Schweizer Franken an die Stilllegung des Kernkraftwerks. Und seit 1997 zahlte das seco 15 Mio. Franken in den Fonds für die Schutzhülle.
Der Geigerzähler im Empfangsraum springt auf 1'250 Mikroröntgen. Ein ukrainischer Regierungssprecher beruhigt uns: Auch wenn wir sieben Stunden hier wären, würden wir nur einen Zehntel der Menge an Gammastrahlen aufnehmen, die ein herkömmliches Röntgengerät abgibt.
Aber für die 4'000 Arbeiter, die hier für einen durchschnittlichen Monatslohn von 320 Franken angestellt sind, dürfte das die Risiken, die sie eingehen müssen, kaum aufwiegen.
Pripyat
1970, als das Kraftwerk gebaut wurde, wurde in 3 km Entfernung für 47'000 Personen die moderne sowjetische Stadt Pripyat aus dem Boden gestampft.
"Am Tag nach dem Unfall hiess es am Radio, die Menschen sollten die Stadt innert dreier Tage verlassen und nur das Nötigste mitnehmen", sagt Tatarchuk zu swissinfo.
"Busse, vollgestopft mit Flüchtenden, verliessen die Stadt. Die Leute durften nicht zurückkehren. Die Verstrahlung ist nach wie vor sehr hoch. Man kann hier nicht sicher leben."
Die Umsiedlung war ein äusserst traumatisches Erlebnis, viele wurden arbeitslos und bekamen das Gefühl, dass sie keinen Platz mehr haben in der Gesellschaft. Die Schweiz gehört zu den Ländern, die noch heute in den Dörfern, in denen viele Evakuierte leben, humanitäre Hilfe leisten.
Die Geisterstadt
In den Wohnhäusern von Pripyat liegen Spielzeug, Schuhe und Zeitungen aus der Zeit des Unfalls herum. Es ist deutlich zu sehen, dass die Leute ihr Heim in Panik verlassen haben.
Hohes Unkraut wächst zwischen den Pflastersteinen vor dem Hotel-Restaurant im Stadtzentrum. Das einst stolze Schild mit dem Wappen der Sowjetunion über dem Kulturpalast wird mit jedem Jahr etwas rostiger.
Viele Wissenschaftler, die in die ukrainische Hauptstadt Kiew evakuiert wurden, sind inzwischen an Krankheiten gestorben, die auf die radioaktiven Strahlen zurückzuführen sind.
Diese Geisterstadt ist ihr Mausoleum, und das stillgelegte Kraftwerk bleibt das eindrücklichste Symbol des Erbes, das die Sowjetunion nach ihrem Zusammenbruch hinterliess.
swissinfo, Julie Hunt, Tschernobyl
(Übertragung aus dem Englischen: Charlotte Egger)
Fakten
800'000 Menschen wurden zwangsverpflichtet, Tschernobyl nach der Katastrophe zu säubern.
Die WHO geht davon aus, dass von ihnen und weiteren Menschen der Gegend 8'000 sterben werden.
Das grösste Krankheitsrisiko geht von Jod 131 und Caesium 137 aus.