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Die Schriftstellerin Doris Lessing wuchs in Rhodesien auf. Sie schrieb über das Politische im Privaten und vor allem über starke Frauenfiguren.
Früher, erklärte Doris Lessing anlässlich eines Auftritts auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, habe es noch Grossmütter gegeben, die über Generationen hinweg tradierte Geschichten erzählten. Das sei eine Form der Erziehung gewesen, die niemals durch eine Maschine zu ersetzen sei. Grossmütterlich hatte die grosse Autorin damals auch gewirkt mit ihrem grauen, streng gescheitelten und zu einer Gretchenfrisur zusammengesteckten Haar und dem dunklen langen Rock. Und sie erzählte Geschichten über agile Grossmütter und Zukunftsmenschen, die, weil ihnen jede Überlieferung fehlt, mühselig die Chiffren des 20. Jahrhunderts werden enträtseln müssen.
Auch Doris Lessing wollte nie etwas anderes als Geschichten erzählen. Zunächst waren es Geschichten, die in ihrer ehemaligen Heimat Rhodesien spielten und die, wie in «Afrikanische Tragödie» (1949), davon handelten, dass der dort herrschende Rassismus das Leben erschwerte und die Liebe verwehrte. Später verlegte sie sich auf andere Themen, auf die atomare Gefahr und das Überleben der Menschen («Memoiren einer Überlebenden») und auf Terrorismus oder den Widerstandskampf in Afghanistan. Was sich aber durch all ihre Bücher zieht, sind starke Frauenfiguren wie Martha Quest aus dem Romanzyklus «Kinder der Gewalt» (1952–1969) und Anna Wulf aus dem «Goldenen Notizbuch» (1962), das Lessing bald in der ganzen Welt bekannt machen sollte.
Raus aus der Kommunistischen Partei
Es liegt vor mir, dieses zerlesene, zerfledderte Buch mit dem goldenen Einband, das irgendwann in den hinteren Reihen des Bücherregals verschwand. Vor Jahrzehnten, als es sechzehn Jahre nach der englischen Ausgabe endlich auch auf Deutsch erschien, war es für uns zwar keine «Bibel», wie in den Nachrufen nun allenthalben zu lesen ist, aber es war immens wichtig. Erstens, weil die darin formulierte Kritik an kommunistischen Parteistrukturen – Lessing hatte der englischen KP nach dem Ungarnaufstand von 1956 den Rücken gekehrt – die Erfahrungen von einigen unter uns vorwegnahm; und vor allem, weil das, was Anna Wulf in ihrem komplex angelegten Tagebuch berichtet, genau das betraf, worüber wir damals in unseren Frauengruppen sprachen: Sexualität, Beziehungen, Emanzipation vom Mann, die Verantwortung für Kinder, kurz das, was ein Frauenleben bewegt. Dass diese Anna Wulf nicht nur eine leidende, sondern auch eine gescheite und kämpfende Frau war, machte sie uns zum Vorbild.
Vom bewegten Leben der Doris Lessing wussten wir, soweit ich mich erinnere, nicht allzu viel. Dabei hätte uns die 1919 im Iran geborene unangepasste und abenteuerlustige Frau begeistert, die aus der Klosterschule von Salisbury (Rhodesien, heute Harare, Simbabwe) ausriss, den glücklos als Farmer lebenden Eltern den Rücken kehrte, blutjung in zwei Ehen stolperte, sich mit einfachen Jobs durchbrachte, bis sie schliesslich, dreissigjährig, nach England auswanderte. Dass sie nur den Sohn aus der zweiten Ehe mit dem deutschen Emigranten Gottfried Lessing mitnahm und die beiden Kinder aus erster Ehe zurückliess, hätte uns vielleicht irritiert, aber wir hätten verstanden, dass das nicht anders ging für eine Frau ihrer Generation, die autodidaktisch nach Bildung strebte und sich als Schriftstellerin durchsetzen wollte.
Nobelpreis sarkastisch kommentiert
Dabei hatte Doris Lessing mit Feminismus nicht wirklich etwas am Hut. Diese Art der Vereinnahmung störte sie, weil sie in gar keine Schablone gepresst werden wollte. Die Literaturaffinen unter uns nahmen später auch ein bisschen Abstand, denn manche ihrer Bücher schienen zu einfach gestrickt und hatten nicht die ästhetischen Ambitionen wie das «Goldene Notizbuch». Vielleicht rührte die Reserve auch daher, dass die in London lebende Lessing die zahlreichen «gender turns» der letzten Jahrzehnte völlig ignorierte und ihr Werk von einem unzeitgemäss wirkenden Humanismus geprägt war und von einer Schreibart, die dem Realismus des 19. Jahrhunderts verpflichtet blieb. Ihre Literatur war nicht theoretisch grundiert, sondern entsprang, wo sie gut war, einzig ihrer Erfahrung.
Dass sie 88 Jahre alt werden musste, bis ihr endlich der Nobelpreis zugesprochen wurde, hat sie sarkastisch kommentiert; schliesslich hätte sie, wenn man in Schweden noch eine Weile gewartet hätte, zwischendurch das Zeitliche segnen können. Ob sie die vielen gönnerhaften und kleinlichen Kommentare anlässlich der Entscheidung der Schwedischen Akademie 2007 kränkten? So wie man sie kennt, stand sie wohl eher über solchen Dingen.
Doris Lessing konnte auf eine für uns kaum mehr vorstellbare lange Zeitstrecke zurückblicken und schöpfte aus einem Archiv, das ihr Leben war. «Als junge Frau», erzählte Lessing auf dem Berliner Festival, «dachte ich, dass alte Menschen Musse und Weisheit haben. Jetzt bin ich alt und merke, dass nichts davon stimmt.» Ihr erster Ehemann hiess übrigens Wisdom.