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Der letzte Aufsatz, den der international bekannte Neurologe und Schriftsteller Oliver Sacks („Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) im Jahre 2015 vor seinem Tod publizierte, trug den Titel: „ Sabbat“.
Darin schreibt er: „Der Sabbat (Schabbes, wie wir ihn nach litauischer Art nannten) unterschied sich grundlegend vom Rest der Woche. Eigentlich durfte man nicht arbeiten, nicht Auto fahren, nicht telefonieren und weder eine Kerze noch den Ofen anzünden. Allerdings mussten meine Eltern als Ärzte Ausnahmen machen. Sie konnten nicht einfach den Hörer neben die Gabel legen oder ganz auf Autofahren verzichten, sie mussten im Notfall erreichbar sein, damit sie Krankenbesuche machen, operieren oder Kinder zur Welt bringen konnten“.
Und Oliver Sacks beendet seine Betrachtungen mit den Worten:
“Und jetzt, schwach, kurzatmig, meine einst festen Muskeln vom Krebs aufgezehrt, stelle ich fest, dass meine Gedanken sich immer weniger mit den übernatürlichen und spirituellen Dingen beschäftigen, sondern zunehmend mit der Frage, was es heisst, ein gutes und erstrebenswertes Leben zu führen – und seinen inneren Frieden zu finden. Mir kommt der Sabbat in den Sinn, der Tag der Ruhe, der siebte Tag der Woche , vielleicht auch der siebte Tag des eigenen Lebens, der einem das Gefühl gibt, man habe seine Arbeit getan und dürfe nun guten Gewissens ruhen“.
Zwei wesentliche Punkte zum Thema Schabbat spricht Oliver Sacks hier an: Es ist erst der siebte Tag der Ruhe, der den sechs Arbeitstagen und damit dem Leben des jüdischen Menschen Sinn gibt. Und wenn es gilt Menschenleben zu retten, so treten die Vorschriften für den Schabbat in den Hintergrund. Der Erhalt des Lebens hat im jüdischen Religionsgesetz Priorität.
Unzählige jüdische Schriften haben sich des Schabbats und seiner Bedeutung angenommen. Aus einem zeitgenössischen Werk sei etwas ausführlicher zitiert. Rabbiner Abraham Joshua Heschel (1907-1972) schreibt in seinem Buch „Der Schabbat – seine Bedeutung für den heutigen Menschen“ (Neukirchener Verlag 1990) :
„Der Schabbat als ein Tag, an dem man keine Arbeit tut, ist keine Herabsetzung der Arbeit, sondern deren Bejahung; G’tt selbst hält ihre Würde hoch. Du sollst am siebten Tag keine Arbeit tun ist die Fortsetzung des Gebotes: Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun. So wie uns geboten ist den Schabbat zu halten, wird uns geboten zu arbeiten. Ein Tag der Woche ausgesondert für die Freiheit, ein Tag, an dem wir die Werkzeuge, die so leicht zu Waffen der Vernichtung geworden sind, nicht benutzen, ein Tag, an dem wir für uns selbst da sind; ein Tag ohne die banalen Alltäglichkeiten; ein Tag an dem wir nicht mehr die Götzen der technischen Zivilisation anbeten, an dem wir kein Geld benutzen; ein Waffenstillstand im wirtschaftlichen Kampf mit unseren Mitmenschen und mit den Kräften der Natur – gibt es irgendeine Einrichtung, die grössere Hoffnung für den Fortschritt der Menschheit bereithält als der Schabbat ? Die Lösung des schwierigsten Problems der Menschheit liegt nicht im Verzicht auf technische Zivilisation, sondern im Erreichen einer gewissen Unabhängigkeit von ihr. Am Schabbat leben wir sozusagen unabhängig von der technischen Zivilisation. Wir enthalten uns vor allem jeglicher Aktivität, die darauf abzielt, die Dinge des Raumes zu erneuern und zu ordnen. Das königliche Privileg des Menschen die Natur zu unterwerfen, ist am siebten Tag ausgesetzt“.
„Welche Arbeiten darf man am Schabbat nicht tun ? Nach den alten Rabbanim alles, was für den Bau und die Einrichtung des Heiligtums in der Wüste nötig war. Der Schabbat selbst ist ein Heiligtum, das wir bauen, ein Heiligtum in der Zeit. Der Unterschied zwischen dem Schabbat und allen anderen Tagen liegt nicht in der materiellen Struktur der Dinge, in ihrer räumlichen Dimension. Die Dinge verändern sich nicht an diesem Tag. Der Unterschied besteht nur in der Dimension der Zeit, in der Beziehung des Universums zu G’tt“.
Rabbiner Heschel hebt die Bedeutung des Schabbat im Umgang des Menschen mit der Zivilisation hervor. Er soll verhindern, dass wir uns zum Sklaven des technischen Fortschritts machen. Wie wohltuend ein Tag in der Woche, ohne die Töne von SMS oder Smartphone. Ein Tag, der wirklich uns gehört, und an dem wir nicht 24 Stunden für jedermann erreichbar sein müssen ( die Ausnahmen siehe oben)! Ein Tag, von dem die gesamte Menschheit lernen kann.