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Adoption ohne Ehepflicht
Angelina Jolie hats getan, Madonna auch, Sharon Stone ebenfalls: Blättert man durch Klatschmagazine, könnte man meinen, ein Kind zu adoptieren sei die einfachste, normalste Sache der Welt. Die Realität sieht ganz anders aus, besonders in der Schweiz. Wir besitzen eines der strengsten Adoptionsgesetze überhaupt, welches es vielen, nach gesundem Menschenverstand bestens geeigneten Paaren verunmöglicht, ein Kind zu adoptieren. Dies soll sich nun ändern.
Will ein Schweizer Paar heute ein Kind adoptieren, muss es entweder seit mindestens fünf Jahren verheiratet sein, oder beide Eheleute müssen den 35. Geburtstag bereits hinter sich haben. Leben Mann und Frau im Konkubinat, dürfen sie nicht adoptieren; Einzelpersonen über 35 hingegen schon, wobei diese nur selten berücksichtigt werden. Zudem darf der Altersunterschied zwischen Kind und Eltern nach Ansicht vieler Vermittlungsstellen maximal vierzig Jahre betragen. Da in der Schweiz in der Regel nur Babys bis zum Alter von zwölf Monaten vermittelt werden, bedeutet das, dass adoptionswillige Paare mit vierzig Jahren bereits wieder aus dem Rennen ausscheiden.
Das Zeitfenster, in welchem ein Paar sich um eine Adoption bemühen kann, ist also sehr klein. Und es minimiert sich zusätzlich, je grösser der Altersunterschied zwischen Mann und Frau ist: Wird Frau Meier 35 Jahre alt, während ihr Gatte bereits den 39. Geburtstag feiert, bleibt den beiden gerade noch ein Jahr Zeit, bevor er schon wieder zu alt ist für eine Adoption. Denn jeweils beide Partner müssen die Altersvorgaben erfüllen. Angesichts der Tatsache, dass sich ein Adoptionsverfahren schnell einmal über zwei, drei Jahre hinziehen kann, braucht sich das Ehepaar Meier also gar nicht erst in den Papierkrieg zu stürzen.
Bliebe als Alternative die Adoption eines Kindes aus dem Ausland. Da bei internationalen Adoptionen auch ältere Kinder vermittelt werden, könnte das Paar noch einige Jahre Zeit gewinnen. Allerdings kennen wiederum viele Länder eine Alterslimite für Adoptiveltern, die unter vierzig Jahren liegt. Zudem besagt das Haager Adoptionsübereinkommen, dass ein Kind erst dann zur internationalen Adoption freigegeben werden darf, wenn absolut keine Möglichkeit besteht, es im eigenen Land zu platzieren. Seit jedoch auch in den typischen Herkunftsländern wie Thailand und Indien immer mehr Menschen aus der Mittelschicht Kinder adoptieren, sinkt die Zahl der Adoptivkinder, die ins Ausland vermittelt werden, stetig.
Doch nun dürfen Adoptionswillige neue Hoffnung schöpfen: Mitte März hat der Ständerat eine Motion überwiesen, die eine Senkung der Alterslimite auf dreissig Jahre verlangt. Zudem soll neu auch Konkubinatspaaren, die in einer stabilen Partnerschaft leben, die Adoption erlaubt werden; die erforderliche Mindestdauer der Partnerschaft würde gleichzeitig von fünf auf drei Jahre verkürzt.
Die Anpassungen mögen auf den ersten Blick grosszügig wirken, tatsächlich hätte die Schweiz damit immer noch eines der restriktivsten Adoptionsgesetze der Welt. In England etwa liegt das Mindestalter für Adoptiveltern bei 21 Jahren, in Deutschland und Spanien bei 25 Jahren. Französische Ehepaare müssen nur zwei Jahre verheiratet sein, um vor Erreichen des Mindestalters (28 Jahre) ein Kind adoptieren zu dürfen. Und in England können nicht nur unverheiratete, sondern auch gleichgeschlechtliche Paare ein Adoptivkind bei sich aufnehmen.
Die Motion soll unser Gesetz also dezent dem europäischen Recht, vor allem aber der Realität anpassen. Die aktuelle Regelung, adoptionswillige Paare zur Ehe zu zwingen, ist überholt. Kein Kind wird heute mehr schief angeschaut, weil seine Eltern nicht vermählt sind. Zudem bietet der Trauschein keinerlei Garantie für eine glückliche Partnerschaft bis ans Lebensende. Auch die Senkung des Mindestalters und der Mindestdauer der Partnerschaft sind positiv zu werten. Wer mit dreissig Jahren heiratet und sich ein Kind wünscht, jedoch kein eigenes bekommen kann, soll nicht noch fünf Jahre auf das Adoptionsverfahren warten müssen. Und Beispiele wie die Meiers, die einige Jahre auseinanderliegen, bekommen so endlich eine reelle Chance auf eine erfolgreiche Adoption.
So weit, so gut. Doch wie sieht es mit der Faustregel «nicht mehr als vierzig Jahre Altersunterschied» aus? Ist diese noch zeitgemäss, oder müsste man sie zum Beispiel auf 45 Jahre erhöhen? Immer mehr Frauen werden erst nach vierzig schwanger. Wieso also soll eine Adoptivmutter ihr Baby nicht auch erst mit 42 bekommen? Natürlich steht bei einer Adoption das Wohl des Kindes, nicht der Kinderwunsch der potenziellen Eltern im Vordergrund. Das Kind soll vitale, belastbare Eltern bekommen. Ob diese Attribute auf ein Paar zutreffen, klären die Behörden jedoch im Einzelfall sowieso ab.
Das Resultat wäre freilich noch grössere Konkurrenz unter den vielen Adoptionsbewerbern um die wenigen Kinder. Andersherum würde die weitere Auswahl an fähigen Adoptionseltern die Chance erhöhen, für jedes Kind das ideal passende Elternpaar zu finden. Grund genug, darüber nachzudenken. Oder was meinen Sie?