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In diesen Tagen ist die Box The Complete Wilhelm Furtwängler on Record erschienen. Sie versammelt Furtwänglers sämtliche Studioaufnahmen und erhält auch Neuauflagen zweier berühmter Einspielungen von den Internationalen Musikfestwochen Luzern, wie Lucerne Festival damals hiess. Aber ist das nicht ein Widerspruch in sich? Denn ein Festival zeichnet sich ja durch Live-Konzerte aus, nicht durch professionelle Produktionen für den Plattenmarkt.
Und doch gab es sie, und zwar am Rande der Festspiele. Initiator war der Schallplattenproduzent Walter Legge, der 1946 durch Nachkriegseuropa reist, um zahlreiche berühmte Künstler*innen für den EMI-Konzern anzuwerben. Auch Wilhelm Furtwängler, der damals (und bis zu seinem Tod im Jahr 1954) in der Schweiz lebt und wegen seiner Rolle im Dritten Reich mit einem Berufsverbot belegt ist, kann er zur Zusammenarbeit bewegen – die Vertragsunterzeichnung soll im Luzerner Bahnhofsbuffet stattgefunden haben.
Legge setzt auf Furtwänglers rasche Rehabilitation und plant gleich für den September Aufnahmesessions mit dem Schweizerischen Festspielorchester, dem allsommerlichen Ad-hoc-Ensemble des Festivals. (Der damalige Klangkörper ist nicht zu verwechseln mit dem heutigen Lucerne Festival Orchestra, das erst 2003 von Claudio Abbado und Festival-Intendant Michael Haefliger ins Leben gerufen wurde – auch wenn er auf damaligen Plattencovern und in der aktuellen Furtwängler-Box so bezeichnet wird.) Doch das Ende von Furtwänglers Entnazifizierungsprozess verzögert sich, und so springt Paul Kletzki ein. Technik und Orchester stehen ja bereit und wollen genutzt werden!
Die Aufnahmen mit Ersatzmann Kletzki, seit 1943 jährlich in Luzern zu Gast, finden direkt nach Abschluss der Festspiele statt, vom 4. bis 7. September 1946 im alten Kunsthaus. Und sie werden von zahlreichen Berichten in den Schweizer Tageszeitungen begleitet. Ausführlich informieren sie ihre Leser*innen über die «Türme von Apparaturen, Kisten und Kabeln», wie es in den Luzerner Neuesten Nachrichten heisst: «Geräte im Gewicht von zirka 300 und Wachsplatten in einem solchen von zirka 2500 Kilogramm!» Kein Wunder, handelt es sich doch um die erste Produktion eines Schweizer Orchesters für den internationalen Plattenmarkt.
Kletzkis damalige EMI-Aufnahme von Brahms’ Vierter Sinfonie ist momentan leider nur schwer greifbar. Dafür ist in unserer Reihe «Historic Performances» der Mitschnitt eines Wohltätigkeitskonzerts herausgekommen, das am Abend des letzten Aufnahmetags stattfand – mit ebendiesem Werk, ergänzt um Schuberts Unvollendete und Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre. Kletzkis mitreissende Interpretationen zeigen, wie hervorragend das Festspielorchester nach den intensiven Studiosessions eingespielt ist. «Nur schade, dass dieser Klangkörper nicht das ganze Jahr beisammen ist», bedauert Legge.
1947 ist es dann endlich so weit: Gemeinsam mit Yehudi Menuhin, der im Sommer zuvor in Luzern debutiert hatte, nimmt Furtwängler am 28. und 29. August Beethovens Violinkonzert auf. Es ist Menuhins erste Studioproduktion dieses Werks (1953 sollten er und Furtwängler für eine Neueinspielung zusammenkommen, diesmal mit dem Philharmonia Orchestra) und eine bis heute gerühmte Interpretation. Und wieder folgt auf die Aufnahmesitzungen, am 30. August, ein Wohltätigkeitskonzert: Neben dem Beethoven-Konzert stehen Wagners Lohengrin-Vorspiel und Brahms’ Erste Sinfonie auf dem Programm. Vermutlich deshalb wurde die Plattenproduktion der Vortage später vielerorts fälschlich mit dem Label «live» versehen.
Zwei Jahre später findet das Projekt eine Fortsetzung: Wiederum im Gespann mit Menuhin widmet sich Furtwängler vom 29. bis 31. August dem Brahms-Konzert, wiederum unter Studiobedingungen. Ja, es kommt sogar eine neue Technik zum Einsatz: Der British Tape Recorder No. 1 (BTR1), ein von EMI entwickeltes, besonders leistungsstarkes Tonbandgerät. Ausserdem bannt Furtwängler Wagners Lohengrin-Vorspiel auf Tonträger, das er eigentlich schon 1947 eingespielt hatte. Doch diese frühe Aufnahme scheint verschollen.
Alle drei Luzerner EMI-Aufnahmen präsentiert die aktuelle Furtwängler-Box in neuem Remastering.
Furtwänglers erhaltene Live-Mitschnitte von den Festspielen wiederum sind in unserer Reihe «Historic Performances» greifbar: Beethovens Eroica und seine Neunte Sinfonie (übrigens Furtwänglers letzte Aufführung dieses heissgeliebten Werks) sowie Schumanns Vierte Sinfonie und die Manfred-Ouvertüre. Furtwänglers «Luzerner Jahre» lassen sich also gut 70 Jahre später intensiv nacherleben.
Malte Lohmann | Redaktion