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Von Michael Sennhauser | 17. Mai 2015 - 14:06
Als Patricia Highsmith ihren autobiographisch unterfütterten Roman «Carol» 1952 zum ersten Mal veröffentlichte, hiess er noch «The Price of Salt» und Highsmith publizierte ihn unter dem Pseudonym Claire Morgan.
Nun spielt Cate Blanchett für Todd Haynes die Carol, die schöne, in einer standesgemässen Ehe gefangene Frau, in die sich Hals über Kopf die junge Departement-Store-Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) verliebt.
Es ist der erste Film im diesjährigen Wettbewerb von Cannes, der im Kino eine Art kollektives «Swooning» ausgelöst hat, jenes unbeschreibliche Gefühl von nicht ganz unschuldiger Begeisterung. Das hat vor allem mit den Sensibilitäten und Fähigkeiten von Regisseur Todd Haynes zu tun. Aber auch mit dem bis ins letzte Detail ausgemalten Fünfziger Jahre Dekor. New York und die Autos, die Inneneinrichtungen, das Licht und die Farben: Schon rein visuell ist der Film ein Traum.
Actually Haynes‘ Carol is basically Mad Women, with Cate Blanchett as Don Draper but set back in 1953.
— Kate Muir (@muirkate) May 16, 2015
Die britische Kollegin Kate Muir hat getwittert, Carol sei Mad Women, also die Fernsehserie Mad Men zehn Jahre früher und mit Cate Blanchett als Don Draper. Das trifft zu, wie allerdings auch noch jede Menge anderer Referenzen. Von Douglas Sirk und seinen Filmen bis zu Todd Haynes‘ eigenem unvergessenen Meisterwerk Far from Heaven (2002) mit Julianne Moore sind viele Vorbilder in diese Superproduktion eingeflossen. Und wie bei Mad Men ist es die heutige Zeit, die sich in der damaligen spiegelt.
Das Drama einer lesbischen Frau, deren Mann sie mit der gemeinsamen Tochter und der Drohung mit einem richterlichen «morality clause»» an sich bindet, verwebt schon der Roman geschickt mit der Situation der jüngeren Frau, die mehr will, als bloss als Verkäuferin zu exisitieren – aber auch weiss, dass dies in ihrer Situation besser über berufliche Qualifikationen als über den kuschenden gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen sein dürfte.
So spielt der Film zwar ganz klar in den fünfziger Jahren, erzählt aber im heutigen Bewusstsein. Das heisst, Todd Haynes muss mehr Sorgfalt aufwenden, um Thereses Wünsche und Skrupel erkennbar zu machen, und viel weniger darauf, um metaphorisch um den heissen Brei herum zu filmen als gerade sein Vorbild Douglas Sirk es mit seinen verklausuliert schmachtenden Heldinnen und Helden tun musste.
Das bedeutet unter anderem, dass sich Therese und Carol für eine Weile gar in Thelma and Louise verwandeln können. Ein guter Teil des Films spielt «on the road» von Motel zu Motel, mit den zwei Frauen im schicken Auto und schliesslich gar im gemeinsamen Bett. Und wie in Thelma and Louise wird ihnen dann auch ein unschuldig wirkender junger Mann zum Verhängnis.
Cate Blanchett spielt grossartig wie immer eine Mischung aus schöner Raubkatze und domestizierter Intelligenz, eine Frau, die alles hat, ausser der Freiheit – so lange sie sich an die gesellschaftlichen Spielregeln hält.
Rooney Mara dagegen gibt ihre Therese als Mischung aus Audrey Hepburn und der modernen jungen Frau, die sie selber ist, sorgfältig darauf bedacht, die Autonomie nicht zu verlieren und die Unschuld der Figur nicht in Frage zu stellen.
Carol ist ein Fest von einem Film und einer der ersten starken Palmenanwärter in diesem Jahr. Vor allem ist das einer jener Instant-Klassiker, welche sich selber definieren und fortan zur Referenz werden.
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