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Geschichtsdarstellung: Von Narratologie bis Karikatur
Geschichtsdarstellung
Das Thema Geschichtsdarstellung lässt sich kaum auf einen Nenner bringen. Viele Aspekte können hier berücksichtigt werden: untersuchte Quellen, Reflexion der eigenen Arbeit als Historiker, Analysemethoden und so weiter. Im vorliegenden Sammelband haben die Herausgeber Borsó und Kann verschiedene Aufsätze und Vorträge zusammen getragen, die sowohl auf das Graduiertenkolleg "Europäische Geschichtsdarstellungen" als auch auf Festvorträge der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zurückgehen. Herausgekommen ist eine heterogene Ansammlung von Texten namhafter Professoren, zu denen am Ende des Buches kurze Informationen zu finden sind. Eine Struktur erhält der Band vor allem durch die Gliederung in vier Kapitel. Zusätzlich gibt es eine ausführliche Einleitung, die alle Beiträge zusammenfasst und erläutert.
Im ersten Teil geht es um "Wege zur Geschichtsdarstellung". Otto Gerhard Oexle geht überblickartig auf die Geschichte des Umgangs mit Wissenschaft ein. Das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften wird in eine andere Perspektive gerückt, indem die jeweilige Auffassung von Forschung und der Rolle des Forschenden als Vergleich herangezogen wird. Der zweite Beitrag von Wolfgang Frühwald dagegen thematisiert die jüdische Geschichte und das kollektive Gedächtnis. Angesichts der Shoa ist der Umgang damit schwer, kann jedoch durch Erinnerung und Mythologisierung im kollektiven Gedächtnis gefestigt werden.
Der zweite Teil des Sammelbandes - "Methoden und Strategien der Geschichtsdarstellung" - befasst sich mit Geschichtsschreibung in verschiedenen Epochen. Im ersten Beitrag untersucht Antonios Rengakos die antike Geschichtsschreibung bei Herodot und Thukydides sowie die Einflüsse von Methoden der Epik. Der folgende Beitrag von Gernot R. Wieland befasst sich mit mittelalterlicher Geschichtsschreibung, genauer der "Vita Alfredi" von Asser unter besonderer Berücksichtigung der Teile, die auf eine mögliche "Kaiserbiographie" hinweisen. Um Weltgeschichtsschreibung und Methoden-Reflexion im italienischen Humanismus geht es im Beitrag von Werner Goez. Die Ablösung der Historiographie von den Traditionen des Mittelalters begann im 15. Jahrhundert, als auch der Auslöser für eine Methoden-Reflexion in Italien geschrieben wurde: ein Buch mit gefälschten antiken Quellen, das selber Kriterien für gute Geschichtsschreibung mitlieferte.
"Geschichtsdarstellung und Narration" lautet das Thema des dritten Teils, wobei der erste Beitrag von Jörg Schönert eine Einführung in die Narratologie, die Wissenschaft vom Erzählen, bietet. In den letzten Jahrzehnten fanden narratologische Ansätze auch in der Geschichtswissenschaft Eingang. In "Erinnern und Vergessen" verbindet Wolfgang Müller-Funk Theorien der Narratologie und des kollektiven Gedächtnisses, zu dem auch das Wechselspiel von Erinnern und Vergessen gehört. Auf dieser Grundlage erläutert er das Für und Wider des heutigen politischen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit und speziell der Shoa. Über Narrative des Widerstandes und des Ausgleichs schreibt Howard D. Weinbrot und erklärt so die literarische Auseinandersetzung mit dem Bösen bei Jonathan Swift und Samuel Johnson. Die abweichenden Vorgehensweisen der beiden Autoren bei gleicher Intention begründet er u.a. mit der unterschiedlichen Lebenserfahrung der Autoren.
Im vierten Kapitel, das Abbildungen und Karikaturen beinhaltet, werden Medien der Geschichtsdarstellung vorgestellt. Der Beitrag von Horst Wenzel geht der Geschichtsdarstellung im Mittelalter nach. Hier können Text und Bild durchaus zusammen gehören und der Betrachter in das Bildgeschehen mit einbezogen werden. Bebilderung bedeutet Anschaulichkeit, aber auch "Zeitlichkeit" und kann im jeweiligen Kontext des Betrachters interpretiert werden. Über Geschichte und Zeitgeschehen in der neuzeitlichen Kunst schreibt Thomas Kirchner. Im 17. Jahrhundert begann dokumentierende Malerei, die durch scheinbare Authentizität überzeugen will und doch Fiktion schafft. Im letzten Beitrag von Hermann Schäfer geht es um Museen und ihre Möglichkeiten der Geschichtsdarstellung. Auf dem heutigen Freizeitmarkt müssen Museen ihr Angebot ändern, wenn sie attraktiv sein wollen. Das Interesse der Deutschen kann durch Erlebnisorientierung geweckt werden, wie Schäfer am Beispiel des Hauses der Geschichte erläutert.
Die Beiträge des Sammelbandes sind sehr unterschiedlich konzipiert: Einführungen stehen neben tiefergehenden Analysen, leicht verständliche Texte neben solchen mit vielen Fachbegriffen und Fremdworten. Insgesamt werden hohe Anforderungen an den Leser gestellt und es bleibt die Frage, wer genau die Zielgruppe ist. Eine Einführung in das - zugegebenermaßen komplexe - Thema wird nicht geboten, für eine intensivere Auseinandersetzung mit einem der vielen Aspekte muss der Leser auf die weiterführende Literatur zurückgreifen. So stellt der Sammelband vor allem einen Blick über den Tellerrand der Historiographie dar und kann durch seine Vielfalt jedem etwas bieten.