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Als der junge Komponist Fabian Müller 1992 zum ersten Mal von der Sammlung erfuhr, konnte er es nicht fassen. Über 10'000 Melodien von Schweizer Volkstänzen hatte die unbekannte Lehrerin Hanny Christen hinterlassen – was allenfalls mit der Sammlung von Béla Bartók zu vergleichen ist.
Bartók hatte mit Zoltán Kodály zwischen 1905 und 1934 Tausende von Volksweisen aus Ungarn, Rumänien und der Slowakei aufgespürt. Hanny Christens Sammlung ist die umfangreichste des Alpenraums. Wer Béla Bartók ist, wissen nicht nur musikalisch Gebildete – aber kaum jemand kennt den Namen von Hanny Christen.
Eine Unbekannte mit einer Leidenschaft
Sie war weder eine berühmte Komponistin noch hatte sie einen akademischen Titel. Aber sie war eine Frau mit einer ungezähmten Leidenschaft: Zwischen 1940 und 1960 sammelte die ausgebildete Lehrerin, die auch beachtlich Cello und Klavier spielte, auf eigene Kosten alles, was ihr an Volksmusik zu Ohren kam.
Sie begann im heimischen Baselbiet, nutzte Ferienreisen in entlegene Gegenden der Schweiz und fuhr schliesslich überall hin, wo sie Musikanten alter Volkmusik vermutete. Sie interessierten just nicht die Ländler-Könige wie Jost Ribary oder Kasi Geisser, deren fetzige Klarinetten- und Handharmonika-Läufe landauf, landab aus dem Radio erklangen oder als neumodische Schallplatten verkauft wurden.
Auf der Suche nach unbekannten Melodien
Was Hanny Christen interessierte, war ein alter, beinahe verlorener Schatz: Die Volksmusik des 19. Jahrhunderts. Sie spürte sie bei alten Musikanten auf oder fand sie in vererbten und vergessenen Notenbüchern, die sie abschreiben durfte.
Was sie ausgrub, war ganz anders als die konfektionierte Ländlermusik jener Zeit. Schon die Instrumente liessen aufhorchen. Man spielte auf dem, was man zur Hand hatte. In erster Linie waren das Streichinstrumente. Erst mit der Zeit kamen Holzbläser dazu, die schliesslich die Klarinette mitbrachten. Dann auch Blech, das aus der Militärmusik oder aus Blasmusikvereinen kam. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Handorgel und das Schwyzerörgeli populär.
Ein reicher Klang, kein Einheitssound
Auch die Vielfalt der Formen ging weit über Polka (bzw. Schottisch) und Walzer (bzw. Ländler) hinaus, welche die sogenannte Ländlermusik im 20. Jahrhundert dominierte.
Auch die harmonische Bandbreite war reicher und raffinierter als der kommerzielle Einheitssound, bei dem die Dur-Lüpfigkeit regierte. Die wichtigste Überschneidung der beiden Musikformen war, dass es sich um Tanzmusik handelte. Aus dem Bedürfnis zu tanzen, war die Volksmusik überhaupt entstanden, was Hanny Christen sehr wichtig war. Der Volkstanz war ihr ein ebenso grosses Anliegen wie die Volksmusik.
Sie suchte das Authentische
Dass Hanny Christen nie über einen Kreis von Eingeweihten hinaus bekannt wurde, lag auch an ihrer Überzeugung. Seit den frühen 1950er-Jahren brachte das Radio Sendungen mit Stücken aus ihrer Sammmlung. Doch während das Radio die Energie zunehmend darauf legte, die alten Tänze aufzupolieren und zu glätten, wollte Hanny Christen das Gegenteil. Ihr lag das Originale, das Authentische, auch das Unperfekte am Herzen.
Ein Lebenswerk, das europaweit Massstäbe setzte
Die Volksmusiker selber fühlten sich von Hanny Christen ernst genommen und überliessen ihr ihr Notenmaterial, sogar im diesbezüglich als geizig geltenden Appenzell. Ueli Alder, ein berühmter Geiger aus der Alder-Dynastie, sagte: «Man hat sofort gespürt, dass sie etwas von Musik versteht und den Weizen sehr wohl von der Spreu zu trennen weiss.»
Die Veröffentlichung ihres Lebenswerks, das in Europa Massstäbe setzte, hat Hanny Christen nicht mehr erlebt. Mit gut 60 Jahren wandte sie sich enttäuscht von der Sammeltätigkeit ab. 1963 übergab sie den wohlgehüteten Schatz der Universitätsbibliothek Basel. Vor 40 Jahren, am 29. Juni 1976, ist sie gestorben.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Musikthema am Vorabend, 29.6.2016, 16:00 Uhr