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= Komödien I. Lateinisch und Deutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Peter Rau. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2011 (in der Reihe Edition Antike).
Wie es sich für Band 1 einer Reihe gehört, stehen zu allererst Bemerkungen des Herausgebers und Übersetzers – von Vorbild und Nachbildung der „Neuen Komödie“ über Realien der Theateraufführung in Rom, dem Leben, der Sprache und speziell der Metrik des Plautus bis hin zur Textüberlieferung und der Rezeption der Stücke. Plautus lebte von 254 bis 184 v.u.Z., gehörte sprachlich noch dem alten Latein an. Da er auch vor Derbheiten nicht zurückschreckte, wurde ihm schon von Horaz der ‚feinere‘ und etwas modernere Terenz vorgezogen. Horaz‘ Urteil wäre beinahe das Todesurteil für Plautus‘ Stücke gewesen: Während Terenz nun als Muster mündlicher Latinität galt und rezipiert wurde, gingen Plautus‘ Stücke vergessen. Erst die Humanisten entrissen sie der Vergessenheit. Bis heute sind aber nur zwei Überlieferungsstränge bekannt – die wahrscheinlich noch aus einer gemeinsamen Quelle schöpfen. Nach den Humanisten waren es im deutschen Sprachraum vor allem Lessing und Lenz, die sich mit Plautus beschäftigten – letzterer brachte 1774 sogar eine Auswahl deutscher Übersetzungen auf den Markt, Fünf Lustspiele nach dem Plautus fürs deutsche Theater, durchgesehen von keinem Geringeren als Goethe persönlich. Raus eigene Übersetzungen orientieren sich bewusst am originalen Versmass des Plautus und bilden es nach – Rau ist zu sehr Philologe, um eine Ausgabe gestalten zu wollen, z.B. einen auf dem heutigen Theater spielbaren Plautus herausgeben zu wollen, wie dies für seine Zeit J. M. R. Lenz tat. Das Versmass ist Rau wichtig genug, ihm ein eigenes Kapitel seiner Einleitung zu gönnen. Immerhin muss man sich vor Augen halten, dass vieles in den Stücken des Plautus bei der Aufführung gesungen wurde – die Stücke des Plautus waren nach heutigen Verständnis mehr Operette oder Musical als Sprechdrama.
An die allgemeine Einleitung schliessen Raus Einführungen zu den Komödien dieses Bandes an. Sie fliessen zum Teil in meine eigenen, nun folgenden Kurzvorstellungen der drei Komödien des ersten Bands ein.
Amphitruo
Sicher eine der bekanntesten Komödien des Plautus – und sei es nur auf Grund des Umstands, dass sich sowohl Molière, wie Heinrich von Kleist bei Plautus bedient haben. Plautus selber führt seine Stücke immer mit einer Art Prolog ein, in dem einer der Schauspieler dem Publikum kurz vorstellt, was es nun erwartet. Es fällt auf, dass er dabei keine Hemmungen hat, praktisch den ganzen Inhalt des Stücks zu verraten – Angst vor Spoilern wie die heutige Blogger-Szene kannte er nicht. Ihm ging es eindeutig weniger um den Inhalt seiner Stücke, als um die Art und Weise, wie er diesen Inhalt entwickelte.
Der Prolog des Amphitruo wird vom Schauspieler des Mercur gesprochen. Es fällt auf, wie Plautus von der Ebene des Stücks auf eine Metaebene und wieder zurück springt, z.B., wenn Mercur nicht nur erklärt, wie das Publikum ihn vom (im Prinzip ja identisch aussehenden) Sosia unterscheiden könne (nämlich an einem goldenen Band am Hut, das nur dem Zuschauer sichtbar sei), sondern auch von der Angst des Juppiter spricht, und dabei die Angst des Darstellers des Juppiter meint. Zu Plautus‘ Zeiten waren die Akteure in Rom allesamt Sklaven: Schlechte Vorstellungen wurden durchaus schon mal mit der Rute bestraft. Auch andere meta-textliche Überlegungen stellt dieser Mercur an: Ist das Folgende nun eine Komödie (müsste es, denn es kommen Sklaven in Hauptrollen vor, dürfte es aber eigentlich nicht, denn es kommen Götter und Könige vor) oder eine Tragödie (umgekehrtes Raisonnement von vorher)? Er schliesst einen Kompromiss: Eine Tragikomödie sei es.
Tatsächlich weist Amphitruo tragische Aspekte auf: Die Verdoppelung seiner selbst ist für den Feldherrn Amphitruo eine Bedrohung seiner ganzen Existenz. Während der Sklave Sosia im Grunde genommen nur eine bestenfalls halbe Existenz zu nennen wäre, weil er ja keine Rechtspersönlichkeit aufweist und auch harten und nach heutigen Begriffen menschenverachtenden Strafen ausgesetzt ist (worauf in Nebensätzen hinzuweisen er nicht müde wird), ist der vollgültige Mensch Amphitruo durch seine Verdoppelung der kompletten Vernichtung anheim gegeben. Sosia kann seine plötzliche Nicht-Existenz mit Galgenhumor wegstecken, mit demselben Galgenhumor, mit er seine ein ganzes Leben lang erfahrende Nicht-Existenz wegsteckt – sein Meister wird im ursprünglichen Sinn des Wortes dabei ver-rückt. Jedenfalls beinahe.
Die Schlussrede, die Juppiter als wahrer Deus ex machina von Dach des Hauses hält, macht – zumindest nach heutigen Begriffen – die Sache nicht besser. Amphitruo und Alcmena, so meint er, ziemlich von sich selbst und seiner Rolle als oberster Gott eingenommen, sollten froh sein darum, vom Göttervater übers Ohr gehauen worden zu sein und sich geehrt fühlen durch die Entehrung. Ich weiss nicht, ob Plautus die Rede so subversiv andachte, wie sie sich heute anfühlt.
Asinaria
Offenbar nach einem griechischen Vorbild gestaltet. Der unter der Fuchtel seiner reichen Frau stehende alte Athener Demaenetus versucht, sich mit allen Mitteln beim eigenen Sohn Argyrippus einzuschleimen, indem er ihm das Geld besorgen will, mit dem dieser seine geliebte Philaenium für ein ganzes Jahr von deren Mutter kaufen / mieten kann – denn die Mutter benutzt die Tochter als Einnahmequelle. Die Komik entsteht aus dem Verhalten der Sklaven, die ihren Herrschaften einen Streich um den andern spielen. Anders als Amphitruo hatte dieses Stück wenig Resonanz bei der Nachwelt; allerdings hat es Lenz in seine Ausgabe aufgenommen.
Aulularia
wiederum ist bekannter. Ein vom Grossvater des aktuellen Pater familias versteckter Topf mit Gold wird gefunden und ist für den alten Euclio nun eine ständige Quelle der Sorgen geworden, will er doch seinen Fund niemand entdecken und hat doch ständig Angst davor, dass der Topf selber entdeckt wird. Eine Liebesgeschichte seiner Tochter spielt mit hinein, und natürlich tun die Sklaven Euclios ihr Bestes, um das Tohuwabohu noch zu vergrössern. Ebenfalls in Lenz‘ Auswahlausgabe aufgenommen, ebenfalls von Molière zu seinem Geizigen herangezogen, diente es auch so unterschiedlichen Grössen wie Fielding oder Labiche als Anregung.