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23 Feb. 2021
Jeder einzelne Stern ist historisch und Lichtjahre von der Erde entfernt. Astronom*innen haben bei ihren Forschungen zum Planetensystem entdeckt, dass es Sternkonstellationen gibt. Durch die Vergabe von Namen und die Arbeit an Sternkarten haben sie sie näher an die Erde herangeholt. Es lässt sich nachlesen, was ihre individuelle Motivation für die Beschäftigung mit Himmelsphänomenen gewesen ist. Oftmals ist sie an ein menschliches Bedürfnis gekoppelt, das Paul Chan 2005 ausgesprochen hat: «Who has not looked up at the sky, in desperation, for a sign, for something.»
Bücher, in denen Sternkarten abgedruckt, sind hat Chan genutzt, als er von Ralph Rugoff zusammen mit rund 70 Künstler*innen aus vierzig Nationen eingeladen wurde, auf das Thema «Monuments for the USA» mit einem Vorschlag zu reagieren, bei der die Frage berücksichtigt wird, welche Art von Monument die «people of the United States» zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte brauchen oder verdienen: Kurz nach der Wiederwahl von George W. Bush Jr. zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Auslöser für Rugoff war die Beobachtung einer seit rund zwei Jahrzehnten andauernden Manie der Vereinigten Staaten, Monumente zu errichten- eine Obsession, die er als Warnsignal und als schlechtes Omen für den Zustand der amerikanischen Demokratie auffasste. Die damit einhergehende, materiallastige Externalisierung kulturellen Gedächtnisses, die mit der Errichtung des «National World War II Memorial» in Washington D.C. als architektonischer Themenpark im Mai 2004 einen banalisierenden Höhepunkt erreichte, verstand er als Symptom eines fatalen Mechanismus, den inneren Kollaps mit einer Flucht in vergangene Grösse verbergen zu wollen und sich dabei immer weiter von der eigenen Gegenwart zu entfernen: Mit der Tendenz, zu vergessen und zu verlernen, wie durch Debatten, Prozesse und Rituale Grundlagen eines gemeinsamen Werteverständnisses auszuhandeln sind.
Mit dem vektorbasierten Grafik- und Zeichenprogramm Freehand hat Chan am Computer die «Constellation Series», eine Serie von zehn Karten entworfen, betitelt, als Inkjet-Prints ausgedruckt und ein Statement verfasst.
Chans Karten sind im Kontrast zur etablierten Konvention nicht rund, ihre Form ist nicht auf den Kreis und das Ideal einer Sphäre bezogen. Ihre Konturen sind unregelmässig verzogen, greifen die Kartierung des Himmels durch die International Astronomic Union (IAU) auf und erinnern rudimentär an die Form, die für die Fläche von Nordamerika als Kontinent gemessen wurde. Sie sind einheitlich schwarz oder in Rot, Blau, Braun und Orangetönen eingefärbt, die mit der Farbpalette eines Zeichenprogramms bestimmt sind, das es so nicht mehr gibt. Statt Geraden verbinden vektorielle, tänzerisch anmutende Linien mit Kurvenverlauf die Notationen der einzelnen Sterne auf einer Fläche. Sie sind auf den virtuellen Raum und eine modellhafte Dreidimensionalität bezogen. Bei den Gebilden handelt es sich um Vorschläge für Sternbilder, die an die Stelle von zehn klassischen Konstellationen mit Reichweiten bis in die Mythologie wie Kentaur und Grosser Bär treten sollen. Die Genealogie der neuen Sternbilder ist im Titel durch die Ergänzung von «former» enthalten. Sie sind demokratischen Grundsätzen wie Redefreiheit und Pressefreiheit gewidmet und gelten für ein «America to come». Die Argumente für diesen Ansatz hat Chan in seinem Statement formuliert: “Amerika wird als demokratisches Experiment nicht überleben, weil der Planet Erde nicht länger als 2050 überleben wird. Aber heisst das, dass Amerika auf der Erde sterben muss? Das öffentliche Gedächtnis an die Traditionen und Ideen, die Amerika geformt haben, müssen nicht an die Sprache irdischer Monumentalität gebunden bleiben, geschweige denn an die Schwerkraft.»
Der erste Adressat der «Constellation Series» sind von der Ausschreibung her, auf die Paul Chan 2004 reagierte, die «people of America». Das sind - neben der Bevölkerung des «white America» - sehr viele Menschen, die zu einer Population gehören, die aufgrund von postkolonialen Zusammenhängen, Diversität und Migration in der Gesamtheit der Menschen, die in den Vereinigten Staaten leben, den Mikrokosmos einer globalen Gesellschaft bilden. Ihr Anteil und derjenige ihrer Vorfahren spricht hindurch in der offiziellen Repräsentation der USA durch Bauten und Monumente bis hin zu «Black Lives Matter» und jüngst der Wahl von Kamala Harris und Joe Biden nur bedingt in der Geschichte Amerikas mit. An diese «people» richtete Chan, der 1973 in Hongkong geboren wurde, in New York lebt und arbeitet, 2005 einen Aufruf:
“Let us rename the stars and constellations to remember the things we have lost and the things we have yet to gain. We Americans will not survive beyond this mortal coil; this much is true. But America should live on, as a myth, and a promise, to be fulfilled at a later date, on another planet perhaps.”
Rugoff hat das Spektrum an kritischen, subversiven bis zu humorvollen Vorschlägen in einer Publikation als eine Art «Mail Order Katalog» für Regierungsbehörden, kommunale Organisationen und Kunstinstitutionen zusammengefasst. Seitdem hat Paul Chan agiert und gehandelt: Als Verleger von Badlands Unlimited hat er Dokumente, Texte und Reflexionen veröffentlicht, Gespräche geführt und Projekte wie eine Inszenierung von «Warten auf Godot» in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina aufgegleist. Rund zwei Jahre hat er an der ersten grossen monografischen Ausstellung im Schaulager 2014 gearbeitet, zu der parallel das «NEW NEW TESTAMENT» erschienen ist. Im Kunstmuseum Basel Gegenwart wird die 10-teilige Arbeit «The Constellation Series» erstmals vollständig gezeigt. Jedes einzelne Blatt ist eine freundliche Aufforderung, sich bei realer Nacht oder dem besonderen Bewusstseinszustand die Frage zu stellen, was der eigene Ort und das eigene Verhalten im Verhältnis zu den Grundsätzen einer Demokratie sind und sein können.
Wie fundamental die Kraft, sich aus Faszination, Willen und Ausdauer für das Kommende einzusetzen sein kann, zeigt sich immer wieder. Es ist und bleibt ein Wagnis, ein Experiment, bei dem es anstelle von Winners and Losers, Participants and Non-Participants gibt.
Autorin: Stefanie Manthey, Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin und freie Autorin
Paul Chan
Untitled (for an America to come)
America will not survive as a democratic experiment because Earth will not survive as a planet beyond the year 2050. But does this mean America must die on Earth? Public memory of the traditions and ideas that shaped America need not to be bound by the language of terrestrial monumentality, or even gravity.
Freedom of speech is more magical than Orion´s belt. The myth of distributive justice holds more wonder than Ursa Major. Let´s memoralize those things that have come to pass or will never be - not here, but up there. And there.
Let us rename the stars and constellations to remember the things we have lost and the things we have yet to gain. We Americans will not survive beyond this mortal coil; this much is true. But America should live on, as a myth, and a promise, to be fulfilled at a later date, on another planet perhaps.
NASA, the National Aeronautic and Space Administration, can lead the charge in renaming the order of our stars and galaxies.
Can you image, beyond our sad and pale horizon, looking up one night and recognizing within a cluster of starts the shape of a dancing jellyfish holding a spoon, and knowing that this is what democracy looks like.
Who has not looked up at the sky, in desperation, for a sign, for something.
Quelle: Monuments for the USA, hrsg. von Ralph Rugoff, Ausst. Kat. Monuments for the USA, CCA Wattis Institute at the Logan Galleries of the CCA San Francisco Campus, 7. April – 14. Mai 2005, San Francisco: California College of the Arts, 2005, S. 38-41.