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Kommentar zur Sendung „Reset – Zurück ins Leben“
„Reset – Zurück ins Leben“, RTL 25. Mai 2014, 19.05 Uhr
Ich habe mir einige Gedanken notiert, die mir nach der Ausstrahlung der ersten Folge dieser Dokumentation durch den Kopf gegangen sind und würde mich über eure Äusserungen, pro oder kontra, zu dieser Thematik freuen. Mit dieser Doku-Serie werden meiner Meinung nach falsche Hoffnungen geweckt und alle, die im Rollstuhl sitzen nicht mehr ernst genommen, sie könnten ja laufen, wenn sie nur wollten.
Ich muss einräumen, der Wille und der Mut des gezeigten Patienten (Dennis Zittlau) ist auf jeden Fall ausserordentlich, sonst hätte er es nicht so weit gebracht. Ich vermute aber, er wird von verschiedenen externen Faktoren beeinflusst und gesteuert, welche zu wenig von der Materie verstehen und es kann schlecht abgeschätzt werden, was dem Patienten angetan wird.
Das Verhalten des Operateurs ist für mich zweifelhaft, da er nur Halbwahrheiten herausrückt und nicht umfassend über die Wirkung und Risiken seiner Methode informiert. Ein korrektes Arzt-Patienten Gespräch läuft anders.
Für einen medizinischen Versuch mit einer wissenschaftlich fragwürdigen und bisher kaum erprobten Methode CHF 65'000.– SFr. zu verlangen macht mich sprachlos
Im Film erfährt man, auf welchem Niveau die Lähmungshöhe des Patienten liegt (Bauchnabel). Diese Höhe entspricht etwa Th 10. In Drittweltländern lernen alle Patienten unterhalb Th 10 mit Schienen zu gehen, da es ihnen sonst überhaupt nicht möglich ist, aus dem Haus zu kommen. Th 10 ist aber das höchste Niveau, bei dem man dies probieren kann.
Hier wird dem Publikum etwas verkauft, was Unmögliches möglich machen soll, weil der nicht querschnittgelähmte Zuschauer sich mit der Materie nicht auskennt.
Das Rumpf-, Sitz- und Stehtraining, welches im Film gezeigt wird, erhalten alle Patienten während der Rehabilitation, allerdings nicht mit dem Ziel des Stehens und ev. Gehens, sondern mit dem Ziel der verbesserten Rumpf- und Sitzkontrolle im Rollstuhl. Gehen mit Schienen wird von vielen Patienten nach kurzer Zeit wieder verlassen, da sie mit dem Rollstuhl schneller und eleganter unterwegs sind und unsere Umwelt weitestgehend für Rollstuhlfahrer eingerichtet ist.
Was die Patienten wirklich behindert und im Alltag einschränkt, sind die Störungen der Blasen- Darm- und Sexualfunktion, wie verschiedene Umfragen und Studien gezeigt haben.
Dass inkomplett querschnittgelähmte (wie der Mentaltrainer Markus Holubek) wieder Gehen lernen können, haben wir schon oft gesehen. Dass bei einem komplett Querschnittgelähmten mit einen "Herzschrittmacher" (im Film so bezeichnet) später ein physiologisches Gangbild stimuliert werden kann, ist für mich schwer vorstellbar.
Es ist ein grosser Unterschied, ob man mit Elektrostimulation (mit nur vier Elektroden) an vier Nerven Muskelzuckungen und Bewegungen der Extremitäten auslösen kann, oder ob damit ein koordinierter Bewegungsablauf stimuliert werden kann, was wegen der fehlenden Tiefensensibilität unterhalb der Läsion kaum möglich ist. Dem Zuschauer wird dies aber so verkauft.
Im Übrigen kann man diese Elektrostimulation auch viel billiger mit Elektroden über die Haut erreichen (ca. CHF 4`000.–) was heute in der Physiotherapie zum Standard gehört.
Die Lähmung im Kopf ist sicher in gewissen Fällen vorhanden und kann Ursache einer Querschnittlähmung sein, speziell, wenn man keinerlei organischen Schaden nachweisen kann (funktionelle Lähmungen). Hier gelingt es einigen Patienten unter professioneller Therapie, die Hemmung zu überwinden (z. B. mit Psychotherapie, Hypnose etc.) und dann können sie nachher wieder laufen.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier ein Patient von den Medien instrumentalisiert wird und sich zu einem Experiment hinreissen lässt, das möglicherweise nicht gelingt bzw. die Erwartungen des Patienten nicht erfüllen kann. Werden dadurch nicht auch ähnliche Erwartungen bei anderen Patienten in der gleichen Situation geweckt?
Ist sich der Patient überhaupt bewusst, welches Risiko er eingeht und mit welchen Langzeitfolgen er zu rechnen hat? Ich denke da nur an die Interfaceprobleme, die wir schon mit Zwerchfellstimulatoren hatten, wenn sich um die Elektroden Narbengewebe bildet. All diese Probleme werden im Film (bewusst?) ausgeblendet.
Darf man mit solchen Ideen (Phantasien einiger portraitierter Personen) einen Menschen gefährden? Ist ein solcher Versuch für den medizinischen Fortschritt notwendig oder dient er nur der Kasse des Operateurs? Darf sich ein Patient selbst als zahlendes Versuchskaninchen zur Verfügung stellen?
Viele Fragen bleiben für mich unbeantwortet:
Wer hilft dem Patienten, die Enttäuschung zu verarbeiten und zu verkraften, wenn dieser doch sehr eingreifende Versuch fehlschlägt bzw. nicht das vom Patienten erwartete Resultat bringt (Gehen)?
Was passiert, wenn die Nerven durch die Elektroden permanent geschädigt werden?
Was passiert mit anderen Patienten, die das Geld für einen solchen Versuch nicht aufbringen können?
Für mich ist dieses Experiment höchst fragwürdig und es würde mich interessieren, ob dafür die Zustimmung eines ethischen Komitees vorliegt.
Ich appelliere auch an die journalistische Ethik von RTL. Sie zeigen ein falsches Bild von rehabilitierten Menschen im Rollstuhl. In der Folge wird auch die Partizipation und Inklusion von Rollstuhlfahrern falsch dargestellt. Das Stigma des „nicht mehr laufen Könnens“ wird mit Behinderung gleichgesetzt. Für einen gut rehabilitierten Querschnittgelähmten stellt aber die fehlende Gehfähigkeit keine wesentliche Behinderung mehr dar sondern die unzureichende gesellschaftliche Teilhabe, Chancengleichheit und Integration in die Gesellschaft wiegen meist schwerer.
Hoffen wir, dass sich das Blatt für den Patienten in der zweiten Folge zum Guten wendet.
Dr._Hans, 27.5.2014