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Eine kritische Erfahrung und ihre Überwindung
Jeder, der sich viele Jahre ernsthaft mit Anthroposophie beschäftigt, wird früher oder später eine Erfahrung machen, die wie folgt umschrieben werden könnte: Er wird das Bedürfnis empfinden, in sein Verhältnis zur Anthroposophie etwas Neues einzufügen. Es handelt sich für diese Empfindung nicht darum, einfach wieder einmal einen neuen Vortragszyklus zu studieren, sondern darum, eine neue Qualität, einen neuen Grad des Ernstes der Anthroposophie gegenüber zu entwickeln. Das führt bei manchen Menschen zu einer Krise; sie fühlen sich wie an einer finsteren Wand, halten sie vielleicht für undurchdringlich und geben das weitere Studium der Geisteswissenschaft auf.
Diese Wand gibt es tatsächlich. Es ist die Schwelle der geistigen Welt. Sie ist nur zu überschreiten, wenn der Weg der Übung beschritten wird; am Punkt, wo die genannte Erfahrung auftritt, vielleicht zum ersten Mal; oder aber mit dem neuen Entschluss, diesen Weg mit neuer Kraft und neuem Mut weiter zu beschreiten.
Die meisten Leser kennen die sechs Eigenschaften, die auch als «sechs Nebenübungen» bezeichnet werden; das heißt Übungen neben eigentlichen Meditationen, wie sie von Steiner verschiedentlich angegeben wurden. Sie bestehen in: Gedankenkontrolle, Kontrolle der Handlungen, Ertragsamkeit (Toleranz), Unbefangenheit, Vertrauen in die Umwelt (auch als Positivität bezeichnet) und in innerem Gleichgewicht. Das sind die Bezeichnungen, die Rudolf Steiner u.a. in den Schriften Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10) und Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12) verwendet. Diese Eigenschaften konsequent und wiederholt auszubilden, ist bereits ein ziemlich sicheres Mittel zur Überwindung der genannten kritischen Erfahrung. Sie sind auch jedem förderlich, der daneben nicht auch noch eigentliche Meditationen durchführt.
Wird die erwähnte Krise nicht gemeistert, dann droht das anthroposophische «Wissen» intellektualistisch zu verflachen. Geisteswissenschaft oder Anthroposophie ist ein Lebewesen. Deshalb muss mit ihr gelebt werden. Das kann die Seele nicht, solange sie sie nur dem kalten Intellekt zum «Fraß» vorwirft. (Näheres dazu findet sich in den Beiträgen auf S. 29 ff.).
Positivität und Lebenswert
Eine besondere Bedeutung kommt angesichts der katastrophalen, ungezähltes Leid erzeugenden Weltlage der Übung der Positivität zu. Diese Übung ist eine ich-stärkende Übung.* Das denkende Ich des Menschen ist der Beurteiler des Lebenswertes, welcher heute so vielfach herabgedrückt, wenn nicht gar annulliert erscheint. Doch wie bestimmt das Ich den Wert des Lebens? Durch eine Division. Der unter dem Strich stehende Nenner mag unzählige negative Erlebnisse enthalten. Solange im Zähler auch nur ein einziger positiver Lebenswert steht – stündlich, täglich, jährlich usw. –, kann der Lebenswert niemals Null werden. In keiner Stunde, an keinem Tag, in keinem Jahr, in keinem Leben.**
Die In-dividualität dividiert. Werden wir wirkliche Individualitäten, so erscheint das Leben unter allen Umständen als lebenswert.
Thomas Meyer
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* So Rudolf Steiner in einem Leipziger Vortrag vom 2. Januar 1914 (GA 266c)
** Dies ist, kurz gefasst, die Art, wie Steiner im dreizehnten Kapitel der Philosophie der Freiheit den Wert des Lebens bestimmt.