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F3. Chronologie "Mimik", 18. und 19. Jahrhundert
Carl Huter schreibt in "Welt- und Menschenkenntnis",
V. Lehrbrief, 4. Lektion
Überblick: Engel, Darwin, Piderit
"Zwischen beiden Richtungen nun, zwischen Lessing-Lavater, den Hauptpfadfindern der wissenschaftlichen Physiognomik, und Gall-Spurzheim, den Hauptbegründern der Phrenologie, tauchte nun eine dritte selbständige Wissenschaft, die Mimik, auf. Diese fand in dem Schriftsteller und Erzieher Johann Jakob Engel (1741-1802), zeitweilig Oberdirektor des Berliner Theaters, durch die Herausgabe eines Werkes "Ideen zu einer Mimik" (1785 und 1786) den ersten bedeutenden neueren Vertreter; siehe Tafel 9.
1787-1789 ist das Werk in fünf Bänden in französischer Sprache bei Jansen & Kluthofer zu Strassburg, Paris und Den Haag erschienen und 1790 in zwei Bänden auch ins Holländische übersetzt worden. Die zweite deutsche Ausgabe erschien 1804 in der Myliusschen Buchhandlung in Berlin in zwei Bänden.
Diese Arbeit ist in Form von Briefen abgefasst, zu denen wenige kleine Illustrationen beigegeben sind. Da sie wertvolle Winke für die Schauspielkunst, also die Mimik, die Gesten- und Gebärdensprache, enthält, und zwar zusammengesucht aus allen Erfahrungen, welche Geschichte, bildende, dichtende und darstellende Kunst sowie das praktische Leben dem Verfasser boten, so ist sie bis auf den heutigen Tag vielen Schauspielern und sonst darstellenden Künstlern ein guter Wegweiser gewesen.
Im engeren Sinne beschäftigt sich die Mimik mit den beweglichen Teilen des Gesichts, dem Ausdruck der Augen, des Mundes und der Gesichtszüge, im weiteren mit den Bewegungen des Kopfes, des Halses, des Rumpfes und aller Glieder des Körpers.
Diese grösseren erweiterten Bewegungen des Körpers und der Glieder werden auch Pantomimen genannt. Dass schon die Alten eine solche Zeichensprache kannten, darüber berichtet der Kirchenvater Augustin (354-430), auch als Lehrer der Beredsamkeit tätig, dass in dem Theater zu Karthago ein eigener Dolmetscher die Zeichen der Pantomimen den Zuschauern habe erklären müssen.
Meiner Ansicht nach gehört auch die Lautsprache, der Gesang, die Musik, das Seufzen, das Lispeln, der Kuss, die Umarmung, selbst die Schrift, also auch die Graphologie, mit in das Bereich der Mimik, d. h. zu den Ausdrucksbewegungen der menschlichen Seele.
Fraglos hat nun Engel ein Gebiet, das Lavater und Gall nur streiften, ganz besonders zu bearbeiten versucht. Die Mimik und Pantomimik, beides zusammengefasst unter dem Namen Pantognomik, lässt sich in der Tat ebenso wie die Physiognomik und Phrenologie als eine selbständige Wissenschaft behandeln.
Diesen Versuch hat Engel glücklich begonnen, und Piderit und Darwin haben ihn später weitergeführt. Darwins "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren" ist, aus dem Englischen von J. Victor Garns in deutsche Sprache übersetzt, in dem Schweizerbartschen Verlag, Stuttgart 1884, erschienen. Aber schon weit früher, 1859, hat Dr. Piderit, ein Deutscher, eine beachtenswerte Arbeit veröffentlicht.
Hat sich Engel nur auf die Mienen und Pantomimen des Menschen beschränkt, so sucht Darwin als Zoologe den Nachweis zu erbringen, dass auch in der Tierwelt Ausdrucksbewegungen existieren, die mit denen der Menschen vielfach ähnlich und übereinstimmend sind, insbesondere hat er dieses bei den höheren Säugetieren beobachtet. Darwin sucht nun nach den allgemeinen Gesetzen der Ausdrucksbewegungen und kommt hierbei auf recht interessante entwicklungsgeschichtliche Grundfragen der Anatomie und Physiologie; die rein psychologischen Gesetze hat Darwin hierbei weniger gefunden. Das Werk hat daher mehr ein physiologisches Interesse. Nach dieser Seite hin ist es aber auch ausserordentlich wertvoll.
Darwin sucht die von ihm bei Menschen und Tieren allgemein gefundenen Prinzipien des Ausdrucks darzulegen."
Darwin
"Darwin erklärt die Mittel des Ausdrucks bei Tieren, dann spezielle Ausdrucksformen der Tiere und geht endlich zu den speziellen Ausdrucksweisen des Menschen über, Lachen, Weinen, Freude, Ausgelassenheit, Liebe, zärtliche Gefühle, fromme Ergebung und Andacht, Überlegung, Nachdenken, üble Laune, Schmollen, Entschlossenheit, Hass, Zorn, Geringschätzung. — Verachtung, Abscheu, Schuld, Stolz, Hilflosigkeit, Geduld, Bejahung und Verneinung sind in den weiteren Kapiteln behandelt, desgleichen Überraschung, Erstaunen, Furcht, Entsetzen, Selbstaufmerksamkeit, Scham, Schüchternheit, Bescheidenheit, Erröten.
Darwins Verdienst ist es, mit einer naturwissenschaftlichen Gründlichkeit vorgegangen zu sein, die alle Nachahmung verdient. Trotzdem ist er nicht von Fehlern frei. Er scheint die Phrenologie gar nicht zu kennen, oder wenn er sie kennt, mit dem bekannten ungerechten Modus des Verschweigens zu behandeln. Man kann kaum annehmen, dass er, der sich so fleissig in allen Fächern der Lebenskunde umgesehen hat, nichts von der Phrenologie erfahren haben soll. Gerade in seiner Heimat, in England, wurde doch diese Lehre wie in keinem anderen Land allgemein verbreitet und wissenschaftlich anerkannt. Warum, frage ich, übergeht Darwin den Zusammenhang der Ausdrucksbewegungen mit dem Gehirn? Wie ist es möglich, dass auch dieser Forscher sich solcher Schwäche hingeben konnte, in die törichte Einfalt zu verfallen, die so vielen Ignoranten eigen war, in der Annahme, man könnte den eigenen Ruhm verderben, wenn man Galls Lehre berühre. Nun liegt ja Darwin jene taktlose Kampfesweise fern, die sich verschiedene deutsche Gelehrte und Ungelehrte gegen ihren grossen Landsmann und seine Lehre zuschulden kommen liessen, aber desto stärker ist seine negative Schwäche, das Verschweigen der Gallschen Arbeiten. Hätte Darwin sich die Mühe gegeben, die Ausdrucksbewegungen in den natürlichen Zusammenhang mit der Quelle, dem Gehirn, zubringen, so hätten seine Arbeiten einen zehnfach höheren Wert erhalten als sie so haben. Denn gerade hinter den Ausdrucksbewegungen steht meistens das Bewusstsein, der Wille, folglich stehen gerade sie im engsten Zusammenhange mit dem Gehirn.
Wohl hat Darwin in den drei ersten Kapiteln seines Werkes das Prinzip der direkten Wirkung des erregten Nervensystems mit und ohne Bewusstsein und Willen behandelt, aber es fällt ihm auch nicht mit einer Silbe ein, auf die Quellpunkte, auf die Gehirnzentren und lokalen Organe, im Sinne Galls einzugehen. Interessant ist nur das eine, er hat fest und bestimmt eine ausstrahlende Nervenkraft angenommen, die bei allen Ausdrucksbewegungen mitwirkt, aber er ist sich nicht bewusst, ob dieses Magnetismus, Od, Elektrizität oder sonst etwas ist, etwa eine noch ganz besondere Kraft, deren Wesen bis dato noch nicht bekannt war. Immerhin macht es mir Freude, Darwin als Zeugen einer ausstrahlenden Nervenkraft überhaupt zitieren zu können.
Er sagt in seinem vorhin erwähnten Werke in deutscher Ausgabe, Seite 64, wörtlich: 'Wir sehen hieraus, dass die nicht besonders geleitete Ausstrahlung von Nervenkraft von den zuerst affiziert gewesenen Nervenzellen — die lang fortgesetzte Gewohnheit, in heftigem Kampfe den Versuch zu machen, der Ursache des Leidens zu entfliehen - und das Bewusstsein, dass willkürliche Anstrengung der Muskeln den Schmerz erleichtert, dass alles dies wahrscheinlich sich vereinigt hat, die Neigung zu den heftigsten, beinahe konvulsivischen Bewegungen im Zustande äussersten Leidens herbeizuführen; und derartige Bewegungen mit Einschluss derer der Stimmorgane werden ganz allgemein als im hohen Grade ausdrucksvoll für diesen Zustand anerkannt. Da die blosse Berührung eines Empfindungsnervens in einer direkten Weise auf das Herz zurückwirkt, so wird offenbar auch heftiger Schmerz in gleicher Weise, aber noch weit energischer auf dasselbe zurückwirken."
Piderit, Bell, Bain, Gratiolet, Mantegazza
Der V. Lehrbrief, 4. Lektion enthält einen längeren Text von Carl Huter über das Werk von Piderit sowie kürzere Texte zu den anderen Forschern, die in der Überschrift dieses Abschnitts genannt sind. Diese Forscher und ihre Werke sind heute nur noch wenigen Menschen bekannt. Auf eine Wiedergabe des Textes von Carl Huter wird verzichtet.