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Funktionen des Turms
Vom Wohnturm zum Telldenkmal
Das Türmli hatte im Laufe der Jahrhunderte die unterschiedlichsten Funktionen. Gebaut wurde es um die Mitte des 13. Jahrhunderts als Wohnturm. Angesichts der geringen Mauerstärke kann ausgeschlossen werden, dass der zweigeschossige Turm Teil einer Wehranlage war. Wer den Turm erbaut hat, ist unbekannt.
Sitz der Freiherren von Attinghausen
Statussymbole waren im Mittelalter sehr wichtig. Zusammen mit anderen Attributen wie Schwert, Sporen, Wappen oder Federhut galt die Burg oder ein Turm aus Stein als Zeichen besseren Standes. Dass der Wohnkomfort im Turm oft zu wünschen übrig liess, spielte keine Rolle. Wichtig war, dass man sich von der übrigen Bevölkerung deutlich abhob.
Im ausgehenden 13. Jahrhundert war der Turm einer der Wohnsitze von Landammann und Freiherr Werner von Attinghausen. Die Attinghausen waren im 13. Jahrhundert aus dem Emmental nach Uri gezogen. Ihre Herrschaft in Uri umfasste neben der Burg Attinghausen noch weitere verstreut gelegene Güter. Werner von Attinghausen gehört gemäss Friedrich Schiller zu jenen Adligen, welche die Eidgenossen im Befreiungskampf unterstützt hatten. 1357 brechen die urkundlichen Nachrichten über die Freiherren von Atitnghausen in Uri jäh ab. Das Türmli ging nun in den Besitz der Familie von Rudenz über, die als Verwandte der Attinghausen deren Haupterben waren.
1374 verkaufte Johann von Rudenz den Turm an Anton zer Porten. Ein Nachkomme von ihm, Walter Hofer, veräusserte 1517 «Hus und Turm» dem Land Uri für 450 Gulden. Das zugehörige Haus wurde abgebrochen, sodass nur noch der Turm übrig blieb. Nun wurde es zum staatlichen Hoheitssymbol und Wachtturm umfunktioniert.
Rathausturm und Wachtturm
In unmittelbarer Nähe zum Türmli befindet sich das Urner Rathaus. 1508 wird es erstmals am heutigen Standort belegt. 1517 erwarb das Land Uri das angrenzende Anwesen mit dem Turm. In der hier Richtung Norden abzweigenden Tellsgasse fand der Gassenmarkt statt. Rathaus, Markt und Türmli gaben dem Flecken Altdorf ein repräsentatives Zentrum und ein städtisches Ambiente.
Im frühen 16. Jahrhundert erhielt das Türmli ein viertes Obergeschoss und wurde mit einer Uhr ausgestattet. Jetzt hatte auch Altdorf – wie Luzern oder Bern – einen hoheitlichen Zeitglockenturm. Wie das Türmli ausgesehen hat, zeigt die Chronik des Johannes Stumpf von 1548.
Es war die Aufgabe des Kirchensigrists, die Uhr aufzuziehen und zu richten und die Turmglocke zu läuten. Die ersten zwei Glocken wurden 1799 beim Dorfbrand zerstört. 1816 schenkte die Basler Regierung Uri zwei neue Glocken. Ihre ursprüngliche Funktion haben sie inzwischen verloren. Früher machte die grosse Glocke auf drohende Gefahren aufmerksam. Die kleinere begleitete die zum Tode Verurteilten auf ihrem letzten Gang.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war in Föhnnächten auf der obersten Plattform des Türmli eine Föhnwacht stationiert. Um einen erneuten Dorfbrand zu verhindern, beobachteten die Wächter scharf, ob nirgends ein offenes Feuer brannte. Selbst wer auf der Strasse eine Zigarette rauchte, wurde unverzüglich verwarnt.
Zeitglockenturm
Seine erste Uhr erhielt das Türmli im frühen 16. Jahrhundert. Sie wurde beim Dorfbrand 1693 zerstört, bereits 1694 jedoch wieder ersetzt. Das Uhrwerk befindet sich noch heute im Eingang des Türmli. Wer es angefertigt hat, ist nicht bekannt.
Der Turm besass einst zwei Zifferblätter. Bei der Errichtung des Telldenkmals 1895 wurde die Uhr auf der Nordseite als störend empfunden und entfernt. Heute ist nur noch das Zifferblatt auf der Seite der Schmiedgasse erhalten: Ein Triumphbogen bildet die Plattform für das Uhrengeschoss und das Zifferblatt wird umrahmt von zwei Frauengestalten. Bei der Figur links dürfte es sich um die Personifikation des Überflusses (Abundantia), bei jener rechts um diejenige der Mässigkeit (Temperantia) handeln. Über dem Zifferblatt befindet sich eine heute kaum mehr beachtete Mondphasenuhr.
Im Sommer 1808 bot Altdorf dem Land Uri die Kirchenuhr des Unteren Heiligen Kreuzes zum Kauf an, da beim Dorfbrand 1799 die Türmli-Uhr zerstört worden war. 1817 installierte der bekannte Urner Uhrmacher Andreas Infanger dieses Uhrwerk im Türmli. Er benötigte dazu 94 ½ Tage. Dennoch kam die Türmliuhr nie richtig zum Laufen. Bereits 1867 erwog die Regierung gar, eine elektrische Uhr anzuschaffen, die vom nahe gelegenen Telegrafenbüro aus hätte betrieben werden können. Doch die veranschlagten Kosten von 1300 Franken waren damals viel zu hoch. Erst bei der umfassenden Türmli-Restaurierung 1968/69 wurde schliesslich ein neues elektrisches Uhrwerk eingebaut. Gleichzeitig wurden die 1933 ausgewechselten alten Zeiger wieder am Zifferblatt angebracht.
Pranger und Lasterbank
1517 kam das Türmli in den Besitz des Landes Uri. Nun besass auch Uri – ähnlich wie viele Städte in Italien – ein Rathaus mit einem frei stehenden Campanile (Glockenturm). Der neu geschaffene Platz diente bald auch als Versammlungsort für Landammann und Räte. Kein schöner Aufenthaltsort war der Platz für jene, die vom Gericht an den Pranger beim Türmli gestellt wurden. 1608 ist erstmals von diesem die Rede. Machte sich jemand eines Vergehens schuldig, wurde er an den Lasterstein gekettet und öffentlich zur Schau gestellt. 1698 wird im Zusammenhang mit dem Türmli eine «Trülle» erwähnt. Man sperrte die Verurteilten dabei in einen drehbaren Käfigkorb ein, wo sie die Kommentare des Volks über sich ergehen lassen mussten.
Als das Telldenkmal 1885 vor dem Türmli errichtet wurde, hatten der Lasterstein und die Lasterbank ausgedient. Dort, wo man während Jahrhunderten Straftäter dem Volk präsentiert hatte, erhielt der Schweizer Freiheitsheld einen Ehrenplatz. Lasterstein und Lasterbank wurden abgebrochen und dem Historischen Museum Uri vermacht.
Podest für das Telldenkmal
Das Telldenkmal von Richard Kissling zählt zu den bekanntesten Denkmälern der Schweiz. Nicht wenige meinen, das Türmli sei zusammen mit dem Denkmal errichtet worden. Dabei hat das Türmli eine viel längere Geschichte. Gerade deswegen wurde es am Ende des 19. Jahrhunderts auch als idealer Standort für das Telldenkmal ausgewählt. Heute bilden Türmli und Telldenkmal eine harmonische Einheit – und das eine ist ohne das andere nicht denkbar.
Informationen
- Datum
- 28. Dezember 2018