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Der Dadaismus und die Schweizer Asylpolitik
Die Geschichte der Schweizer Asylpolitik zeigt: Eine offene Haltung kann wesentlich zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Fortschrittliche Entscheidungen in der Asylpolitik prägen die Welt bis heute. Denn sie leisteten unter anderem der Entstehung des IKRK und der Genfer Konventionen Vorschub und boten Raum für kreative Strömungen wie für den Dadaismus.
Wer nach funktionierenden Alternativen zu einer restriktiven Asylpolitik sucht, muss nicht das Rad neuerfinden, sondern lediglich in der Geschichte der Schweizer Asylpolitik nachforschen.
Seit 1850 lassen sich im Kontext der Schweizer Asylpolitik vier Perioden ausmachen, die jeweils die Haltung der Schweiz signifikant prägten: (i) die Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges, in der die Schweiz, bewegt von humanitärem Gedankengut, Schutzsuchenden schnell und unkompliziert Asyl gewährte; (ii) die Periode nach dem Ersten und während des Zweiten Weltkrieges, in der jüdische Flüchtlinge als eine politische Gefahr wahrgenommen wurden; (iii) zu Zeiten des Kalten Krieges, in denen vor allem politischen Flüchtlingen aus kommunistischen Ländern Asyl gewährt wurde, und (iv) der Zeitraum seit dem Fall des Eisernen Vorhangs bis heute, der insbesondere von globalisierten Migrationsströmen und einer zunehmend restriktiven Asylpolitik geprägt ist.
Besonders während der ersten Periode hat die Schweiz mit ihrer Haltung (Recht auf Asyl) den Grundstein für ihre Neutralität gelegt. Diese wiederum ermöglichte erst die Gründung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) 1863 – mit dem Ziel, Sicherheit und Hilfe für Opfer bewaffneter Konflikte zu gewährleisten. Ein Jahr später wurde die erste Genfer Konvention erarbeitet, die heute mit drei weiteren Konventionen und Zusatzprotokollen den Kern des humanitären Völkerrechts bildet und von der Mehrheit der Weltgemeinschaft unterzeichnet wurde.
Die Attraktivität dieser Neutralität führte damals dazu, dass allein die Schweiz über 700‘000 Schutzsuchenden provisorisches Asyl gewährte. Unter ihnen waren zahlreiche Intellektuelle wie Hermann Hesse (Nobelpreisträger für Literatur 1946), Romain Rolland (Nobelpreisträger für Literatur 1915) oder James Joyce (irischer Poet). Die Willkommenspolitik der Schweiz führte dadurch zu einem neuen interkulturellen Zentrum in Zürich, von dem aus der oft als schräg empfundene Dadaismus seine weltweite Verbreitung begann.
Während dieser so wichtigen Phase für die humanitäre Wertebildung verfolgte die Schweiz neben ihrem Mitgefühl für die Opfer des Krieges zusätzlich eine politisch-ökonomische Strategie. Zum einen wollte die Schweiz mit dem verfestigten Status eines neutralen Staates ihren Frieden sichern, wodurch humanitäres Handeln zu einem Werkzeug der Schweizer Aussenpolitik wurde. Zum anderen hatte der Erste Weltkrieg einen erheblichen Einbruch der Schweizer Tourismusbranche zur Folge, weshalb viele Hotels und Ferienorte vor dem Bankrott standen. Wohltätigkeit wurde damit zeitweilig zu einem die Neutralität sichernden Wirtschaftsmodell.
Schliesslich war die dritte Periode (zu Zeiten des Kalten Krieges) ein weiterer Meilenstein einer liberalen Schweizer Asylpolitik. Die sogenannten «erwünschten Flüchtlinge» aus Ungarn von 1956 oder aus der damaligen Tschechoslowakei von 1968 waren anti-kommunistische Asylbewerber, die mit Hilfe des IKRK in die Schweiz gebracht wurden. Dabei wurden unter anderem Familien, die bei der Reise unfreiwillig getrennt wurden, in der Schweiz wieder vereint.
Obgleich wir in der Schweizer Geschichte auch stark restriktive Haltungen gegenüber dem Thema Asyl vorfinden (wie etwa nach dem Ersten und zur Zeit des Zweiten Weltkriegs), haben die erwähnten, fortschrittlichen Entscheidungen bis heute die Welt entscheidend geprägt. Dazu zählen die Entstehung des IKRK, wie auch die Genfer Konventionen oder etwa die Herausbildung einer der einflussreichsten und schrägsten Kunstbewegungen der Menschheit, dem Dadaismus. Eine offene Asylpolitik muss also nicht von der Angst von Überfremdung begleitet werden, sondern kann unerwartet neue Formen der menschlichen Entwicklung hervorbringen.
Sascha Finger, Postdoc, Geographisches Institut Universität Bern