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Peter Schulthess, nach langjähriger Arbeit ist nun die Philosophiegeschichte des 13. Jahrhundert als Teil der so genannten Ueberweg-Reihe «Grundriss der Geschichte der Philosophie» erschienen. Erleichtert?
Peter Schulthess: (lacht) In der Tat! Es war ein unglaublich umfangreiches, komplexes Projekt. Während gut 15 Jahren haben wir daran gearbeitet. Zusätzlich zu den Teilen der Herausgeber mussten die Beiträge von 36 Spezialisten, internationalen Forschern, übersetzt, redigiert, ergänzt, überarbeitet und editorisch vereinheitlicht werden. Das Buch ist ja Teil eines Standardwerks mit vielen Regeln, das auch als Nachschlagewerk oder Handbuch dienen soll.
Was war für das 13. Jahrhundert philosophisch ausschlaggebend?
Man kann sagen, das 13. Jahrhundert war das Jahrhundert der Universitäten. Die ersten Universitäten – in Paris, Bologna oder Oxford – wurden gegründet. Das war auch eine Art Gründungsmoment für die universitäre Philosophie. Dieser Umstand ist auch wissenschaftsgeschichtlich höchst relevant.
Inwiefern?
Die Philosophie – vorab die Logik und die Sprachphilosophie – wurde zur Wissenschaft der Wissenschaften, die das rationale, von Vernunft geleitete Denken verhandelt und regelt. Dort wurde die Methode für wissenschaftliches Denken, Sprechen und Lernen entwickelt. Philosophie wurde zur Basis, zur Voraussetzung für jede wissenschaftliche Tätigkeit. Zuerst musste man in der Artistenfakultät Philosophie studieren, erst dann konnte man sich in den höheren Fakultäten auf Jurisprudenz, Medizin oder Theologie spezialisieren.
Gab es da nicht Grabenkämpfe mit der Theologie?
Die Kirche gehörte zu den Gründern der Universität und wollte die Theologie als Wissenschaft in die Universität eingliedern. Aber es war natürlich eine Gratwanderung, insofern sie nicht einfach auf dem natürlichen Licht der Vernunft allein aufbaute, sondern ihre Lehre im göttlichen Licht der Offenbarung ausbildete. Zuweilen tobte ein bitterer und auch gefährlicher Kampf um das Primat der Weisheit. Die Artisten, die Philosophen, folgten dem aristotelischen Philosophiebegriff, wonach das höchste Gut die Erkenntnis ist. Für die Theologen hingegen war das höchste Gut die Betrachtung Gottes, die nur im glaubenden Streben erlangt oder «geschmeckt» werden kann. In Traktaten, Disputen und fakultären Auseinandersetzungen bis hin zu Verurteilungen wurde da heftig gestritten.
Die Sprachphilosophie, die Logik und Grammatik wurde in dieser Zeit wichtig. Weshalb?
Tatsächlich gehörte der englische Dominikaner und Philosoph Robert Kilwardby aus dem 13. Jahrhundert zu denen, die den Begriff «philosophia sermocialis» erstmals verwendeten. Die «Sprachphilosophie» würde man ja als eigene Disziplin eigentlich erst der Moderne zuordnen. Entscheidend war, dass die – rar vorhandenen – wissenschaftlichen Texte in Latein verfasst waren. Latein war die Sprache der Wissenschaft und Religion, eine Universalsprache, teilweise eine Kunstsprache, in der die Wahrheit sich ausdrückt. Sie galt es zu untersuchen, anhand ihrer wurden die Regeln der Grammatik entwickelt und diejenigen der Logik ausgedrückt. In dieser Sprache drückte sich das Regelwerk, die Methode aus, mit der überhaupt wissenschaftlich argumentiert und disputiert, also geforscht werden konnte.
Der Königsberger Philosoph Friedrich Ueberweg hatte den «Grundriss der Geschichte der Philosophie» 1862 bis 1866 initiiert und geschrieben, damals umfasste die Reihe drei Bände, das Mittelalter war ein Teil davon. Wie hat sich das Projekt unterdessen weiterentwickelt?
In der Neuauflage von 1915 umfasste der Teil über das 13.Jahrhundert rund 170 Seiten. Unsere heutige, völlig neu bearbeitete Ausgabe ist viel umfassender, breiter und detaillierter konzipiert und die Beiträge stammen von vielen unterschiedlichen Autorinnen und Autoren. Wir wollten ein unparteiisches, breites Abbild der vielseitigen philosophischen Strömungen einer Zeit zeigen, in der «Philosophie» auch einfach Wissenschaft bedeutete. Unterdessen wurde viel geforscht und entdeckt, gerade auch in der Logik und Grammatik. Wir haben den aktuellen Forschungsstand samt Rezeption und Kontroversen in den Band eingearbeitet. Neben den bekannten Grössen wie Thomas von Aquin oder Albertus Magnus kommen viele weniger bis wenig bekannte Köpfe, sogenannte «minores» vor, deren Wirken erst erforscht wird. Noch sind keineswegs alle Texte ediert, geschweige denn übersetzt und interpretiert worden. Da werden wohl noch einige Schätze gehoben werden.
Literatur: Peter Schulthess, Alexander Brungs, Vilem Mudroch (Hg.): Die Philosophie des Mittelalters, 13. Jahrhundert, Grundriss der Geschichte der Philosophie (Ueberweg), Band 4, Schwabe Verlag, Basel 2017
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