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Standardwerk für Spezialisten
Die digitale Musikproduktion ist ein weitverzweigtes, komplexes Gebiet. Martin Neukom nähert sich den Phänomenen mit einer mathematischen Betrachtungsweise.
Die Ursprünge liegen im Jahr 1957: Auf einem IBM-709-Computer komponierte der amerikanische Komponist Max Mathews das erste digitale Werk der Musikgeschichte. 17 Sekunden ist es lang und klingt heute ähnlich befremdlich wie die analogen Ringmodulatoren, die Karlheinz Stockhausen, Karel Goeyvaerts und Gottfried Michael Koenig in Köln benutzten. Unmittelbar nach 1957 Jahren passierte wenig. Erst in den Siebzigerjahren kam die Sache ins Laufen: 1974 gibt es die erste Konferenz für Computermusik. Ab 1977 erscheint das Computer Music Journal, das bis heute Entwicklungen reflektiert, die mit Instrumentenkunde und Harmonielehre nur noch sehr bedingt in Einklang zu bringen sind.
Dies gilt auch für das nun erstmals auf Englisch erschienene Signals, Systems and Sound Synthesis. Gerald Bennett, Gründer des ehemaligen Zürcher Instituts für Computermusik und Klangtechnologie, hat sich die Mühe gemacht, das 2003 von Martin Neukom publizierte Buch inklusive mancher Überarbeitungen und Ergänzungen zu übersetzen. Herausgekommen ist ein Standardwerk, allerdings eines für Spezialisten. Zum einen liegt das an der Flut neuerer Kompositionsprogramme und der Diversifikation digitaler Musikproduktion, die so heterogene Bereiche umfasst wie Fast Fourier Transformation, Granularsynthese oder die Arbeit mit Max-Patches. Zum anderen liegt die Komplexität in der Methodologie begründet. Neukom argumentiert streng mathematisch. Selbst verhältnismässig einfache akustische Grundlagen wie Ausbreitung von Schallwellen oder die Unterscheidung von Klangstärke und Klangintensität weiten sich so schnell zu komplexen Problemfeldern, die der gewiefte Akustiker durchschauen mag, sich aber dem Verständnis des weniger zahlenaffinen Musikhistorikers entziehen.
Dem mehr als 600-seitigen Wälzer fügten Neukom und Bennett eine CD bei, die neben dem kompletten Buchinhalt auch Klangbeispiele bietet. Da die meisten Dateien in ungewöhnlichen Programmiersprachen wie Mathematica Notebooks, Csound oder C/C++ geschrieben sind, ist der Download spezieller Anwendungen wie etwa eines Wolfram CDF Players vonnöten. Wer jedoch nicht im Besitz eines aktuellen Betriebssystems ist, wird sich auf die zum Glück traditionell bedruckten Seiten beschränken müssen.
Martin Neukom Signals, Systems and Sound Synthesis, ins Englische übersetzt von Gerald Bennett, 619 S., Fr. 110.00, mit CD, Peter Lang Verlag, Bern 2013, ISBN 978-3-0343-1428-2