Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03212.jsonl.gz/348

Heute treffe ich ihn – den Mystiker, Friedensbotschafter und Einsiedler aus dem Kanton Obwalden, der 1417 in einer wohlhabenden Obwaldner Bauernfamilie auf die Welt kam. 1445 heiratete er Dorothee Wyss und gründete in Flüeli-Ranft eine Familie. Im Alter von 47 Jahren, mittlerweile Vater von 10 Kindern, entschied er sich, sein Leben fortan als Eremit in der nahegelegenen Ranftschlucht zu verbringen.
Hier wurde er von einfachen Leuten und Pilgern von nah und fern sowie Politikern und Kirchenleuten aus dem In- und Ausland als Ratgeber aufgesucht. Niklaus vermittelte in Streitsachen, mahnte immer wieder zum Frieden und dazu, aufeinander zu hören.
Noch trennen mich 20 Minuten vor dem ersten Treffen mit Niklaus von Flüe. Ein mobiler Pavillon, der zum 600-Jahr-Gedenken gebaut wurde, gibt mir die Möglichkeit dazu. Ab dem 28. Juni steht er bis zum 25. September Neugierigen in der ganzen Schweiz offen.
Am Empfang erklärt man mir den Ablauf des «Experiment». Es gibt vier Stationen, die ich während 5 Minuten erlebe. Dabei sitze ich auf einem Hocker, schaue die Holzwand an und bin alleine mit mir. Mein Handy, meine Uhr und auch meine Schuhe gebe ich ab. Reduziert auf das Nötigste, genauso wie es Niklaus von Flüe vor 600 Jahren vorlebte, muss ich mich an die Stille und das Nichtstun gewöhnen. Keine SMS, keine Mails und auch kein Whats-up.
Die ersten 5 Minuten kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Ich höre noch Stimmen von draussen, bin kribbelig. Dann der Wechsel zur zweiten Station. Ich schaue nun in eine andere Richtung und habe plötzlich das Gefühl, als fliesse hier andere Energie. Ist das möglich? Die Stationen drei und vier geben mir weitere 10 Minuten Zeit, um mich mit mir selber auseinander zu setzen. Ich bin tief in Gedanken versunken, als es zur letzten Station geht.
Die Holztüre schwenkt nach innen auf, ich sehe eine schwarze Wand. Meine Füsse berühren den Teppichboden, es fühlt sich gut an. Dann sehe ich ihn –Niklaus von Flüe. Im dunklen Raum fällt das Licht auf den hageren Mann, der vor 600 Jahren lebte und wirkte. Auf Augenhöhe sehen wir uns an. Ich kann nicht anders und berühre ihn an den Schultern. Du bist also der Mann, der seine Familie verliess und fortan als Einsiedler lebte?
Ich weiss nicht so recht, ob ich ihn wirklich bewundern soll. Als Ratgeber und Friedensstifter gehörte er bestimmt zu den wirkungsvollsten Leitfiguren der Schweiz, aber als Ehemann und Vater? Zusammen mit seiner Frau Dorothee ist er immer noch für viele Menschen eine wichtige spirituelle und persönliche Inspiration. Seine Werte wie Toleranz, Bescheidenheit und Respekt sind auch heute noch Eckpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft. Ich verlasse den dunklen Raum und schreibe meine Gedanken für die Zeitkapsel auf. Diese wird in 100 Jahren geöffnet und vielleicht hat die eine oder andere Botschaft auch im Jahre 2117 noch ihre Gültigkeit.
Fazit: Mir hat das Experiment gefallen. Egal über was man nun genau nachdenkt, oder was man am Schluss als Botschaft in die Zeitkapsel legt: Einfach mal wieder Zeit ohne Stress zu haben, ist irgendwie ungewohnt und genau darum so inspirierend.
Infos und Tourenplan auf
www.mehr-ranft.ch