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Aarauer Maienzugsrede Paul Riniker, 3.7.2015
I ha de Smoking, (dGrawatte, woni gar keini ha), und de Chittel deheim gloh, woni ghört ha, dasses höt wiit über 30 Grad warm wärdi. Also sorry fürs lockere Tenü, aber i chome soo scho chli zschwitze als Maiezogsredner.
Ich bi vor guet 50 Johr sletschte Mol do im Telliring gsii. Die andere paar Mol, woni no a Maiezog choo be, hetts mer immer nur bis ufd Schanz glängt, zum Bankett.
Ich hätt mer das vor 50 Johr ned lo träuime, dass ich emol do obe stoh. Zu säbere Ziit bin i glaub en zemleche Querchopf gsii – ja guet, velecht bini das jo hüt no – aber immerhin hanis jetzt doch no do hee gschafft, dur weli Zuefäll au immer. Aber i wott jetzt ned vor Stolz vergoh, sondern au no irgendöppis Gschiits säge, wemmer doch emol so viel Lüüt zuelose.
Ich ha selber vor 50 Johr ame ned so guet ufpasst, do im Telliring, wenn dr Offiziell dra gsii isch. Ich glaub, det händ mi ame d’Meitli um mi ume meh interessiert als dä da obe, und i ha mi ender gfrogt, welli von däne viele schön Zwägbüschelete ächt am Nomitag oder am Oobe mit mir würd tanze uf de Schanz.
I bi – au wenn is johrelang glügnet ha – en wöschächte Aarauer. Die erschte zäh Johr vo mim Läbe hani im Schiebeschache gwohnt, die zweite zäh im Binzehof. Im Schache bin i go Feld-Handball und Pferderönne luege und go schwimme, im Brügglifeld ad Fuessball-Mätsch und im Wenter go Schliifschueh fahre, im Zelgli bini e paar Johr id Schuel, det het au mini Grossmueter gwohnt.
Ich kenne glaub jeden Egge vo de Stadt immer no zemli guet. Aber au wenn i do richtig deheim gsii bi, i ha mit 20gi müesse flüchte, ine grösseri Stadt, uf Zöri, und det i die abgfahrne Quartier, damals isch das zerscht no s’Dörfli gsii, spöter sind’s d’Chreis IV und V gsii, und det wohni hüt no.
Aber do, z’Aarau, hani ide katholische Chile ministriert und heimlich Messwii trunke, bin i – zerscht ide Wälder um’s Rombacher Täli, spöter am Distelberg hinter dr Fredenslinde – go Indiänerle. Do, z’Aarau, bin i prägt worde, bin i das worde, woni hütbi, im Guete wie im Schlechte.
I han eigentlich s’Lebe lang immer wieder e chli grevoluzzeret, ha d’Welt welle verändere – und bi denn regelmässig enttüscht gsii, wie wenig ich ha chönne verbessere. Aber es het sich, mängisch ganz schliichend, ebe gliich öppis gänderet i all dene Jahrzehnt. S’Lebe do ide Schwiiz isch i vielem offener worde. Das chönd Ihr Junge Euich wahrschiinlech gar ned vorstelle. Früener het eine mit lange Haar, so wien ii sie treit ha, riskiert, verprüglet zwerde. Hütt luegt gar niemer meh ome, wenn eine e Zopf het, oder kahl rasiert isch. Do bruuchts höt scho chli meh, wemmer wott uffalle.
I ha zwar z’Züri uss am Aafang vil gschimpft über die tüüfi Provinz, woni z’Aarau erlebt häbi. I ha ersch spöter gmerkt, dass d’Kantonsschuel Aarau zähmol liberaler gsii isch als alli Gymi zZüri, wo’s zum Biispiel no gschlechtertrennti Klasse gha händ.
Überhaupt, wie das so isch, wemmer fort goht: Mer meint, deheim bliibi d’Ziit stoh, det bliibi alles bim Alte. So isches aber ned. Das hani under anderem dra gmerkt, dass jetz z’Aarau en SP-Frau Stadtpräsidentin isch. Das wär zu miinen Aarauer Ziite no völlig undenkbar gsii. Und dass eine wien ii die offizielli Maiezugred halted, das wär es Sakrileg gsii.
Je länger i drüber nohdenkt ha, was mi do prägt het, nebscht de Schuel, de Chile und de Wälder, umso klarer isch mer worde, dass es immer weder bestimmte Mönsche gsii sind. En Lehrer oder en Lehreri, womi so akzeptiert het, wie ni be und mi ned het welle umforme, zrechtbüge zu öppisem, woni gar ned ha chönne sii. En Fründ velecht, wo mir Muet gmacht het, zu dem zstoh, das i ned so bi wie die meisten andere. Das hani bruucht, soscht wäri verbroche.
I de Kanti hani viel Tolls erlebt. Zum Bispiel sTheater spiele, im Saalbou, nachdem mer fascht es halbs Johrlang probet gha händ. Dass ide Kanti mängs guet gsii isch, merki do dra, dass mer vo det Fründe blibe sind bis höt. I trife mi hüt no öppe all drü Mönet mit sechs Schuelkollege vo damals, und mer gönd sit öppe 15 Jahr zweimal jöhrlich zäme ufene chliini Reis in irgenden europäischi Stadt. I glaub, es sind es paar vo däne hüt extra aagreist, will ich jetz do rede.
En andere, woni höt no kenne us de Bezschuelziit, woni au glegentlich trife, het mer sogar en ganzi Siite Tipps gmailt, was i höt so allis chönnti säge.
Zwei Schwöschtere vo mir lebed immer no (oder wieder) z’Aarau. Die gsehni au öppedie. A all dem merki: Mir isch vo minere Jugend so einiges blibe. I ha mi zwar müesse distanziere vo minere Herkunft, ha wällen usbreche us dr Chliistadt, aber losworde bini si ned, mini Heimatstadt. Au wenn i jetz scho 48 Johr zZöri läbe, i bi halt gliich no en Aarauer. Do hilfts au nüt, wenn i uf mim Roller im Zürcher Stadtverchehr über d’Aargauer schimpfe, wo’s immer noni glehrt händ, dass mer chli schneller muess aafahre und bim Stoh vorem Rotlicht nöcher muess ufschlüsse als uf dr Überlandstross is Seetal oder über d’Staffelegg.
I ha bim Filmmache die letschte 40 Johr glehrt heezluege. Gnau z’sii. Ned driizrede, wenn öpper emol schwigt und muess nohdenke. Ned grad welle ztröste, wenn öpper brüelet, sondern zwarte und zuezloh. Das isch mer im Lauf vo de Johrzehnt immer wichtiger worde: Achtsam zwerde. Und das meini jetzt ned nur gegenüber de nöchste Mönsche, de Familie und de Frönde, das möchti au gegenüber de Frömde.
Ich lose au mine politische Gägner zue. Mängisch chani sogar öppis vonene anäh. Aber mängisch wird i au grauehaft verruckt. Vor allem wenn ide letschte Johr immer meh sThema Iiwanderig alles andere beherrscht.
Mir händ sones unendlichs Schwein, dass mer ide Schwiiz töfed läbe. Euis gohts jo vergliche mitem grösste Teil vode Welt wahnsinnig guet. Au wemmer au do cha liide, chan arm sii, cha d’Stell verlüre, au wenn au mer alli irgendeinisch müend sterbe: Euis gohts im Vergliich zum grösste Teil vo de Welt guet. Und do wünschti i mir, dass mer e chli meh Herz würde zeige gegenüber all däne, wo zu euis gflüchtet sind.
D’Schwiiz isch sit öppe 150 Johr es Iiwanderigsland. Vo dem hämmer mir immer weder profitiert. I euisere Kultur hetts unendlich viel Iiflüss vo den Italiener und vo ganz villne andere. D’Iiwanderig het euis ned nur finanziell, sondern au kulturell riich gmacht. Das hani jetz eifach no müesse säge. Ide Hoffnig, dass velecht dr eint oder anderi weniger is Überfrömdigslied iistimmt, wenn die Ultrarächte devo afönd.
Aber jetz wünschi Euich allne es schöns Fest. Gniessed de Maiezog, es get en nor einisch im Johr. Ässe, trinke, schwätze, tanze, und das alles inere ganz spezielle, einmalige Atmosphäre: I wünsche Euich allne en schöne Tag und danke förs Zuelose.