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THE FILM MUSIC OF MIKLOS ROZSA Chandos Movies CHAN 10806 80:07 Min. / 24 Tracks THE MAN IN HALF MOON STREET Miklós Rózsa Intrada Records MAF 7132 47:41 Min. / 11 Tracks
Auch wenn Neuaufnahmen von Golden-Age-Filmmusik wegen zu geringer Nachfrage allerorten praktisch eingestellt worden sind, so gibt es mit Miklós Rózsa doch wenigstens einen Komponisten, der diesem traurigen Trend bislang noch trotzt; mit schöner Regelmässigkeit werden CDs mit frischen Einspielungen bekannter und weniger bekannter Kinoarbeiten des ungarischen Maestros veröffentlicht. In diesem Frühjahr erschienen kurz nacheinander sogar gleich deren zwei.
The Man in Half Moon Street versteht sich als inoffizielles Vol. 4 der drei Polydor-Alben, auf denen Rózsa in den 1970er-Jahren zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra sein Filmschaffen in Form von Suiten und Themen Revue passieren liess. Diese bislang zumindest offiziell noch nie auf CD wiederveröffentlichten LPs geniessen mittlerweile einen legendären Ruf und gehören noch immer zum Allerfeinsten, was in Sachen Neuaufnahmen klassischer Filmmusik je produziert wurde.
Durch das von Intrada übernommene Konzept dieser Alben erklärt sich auch die Tatsache, dass die CD ‒ was von einigen Sammlern kritisiert wurde ‒ eine Laufzeit von «nur» 48 Minuten hat. Da die Aufnahmen zur gleichen Zeit entstanden wie The Red House, ist hier wie dort mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Allan Wilson das gleiche Personal im Einsatz.
Die Overture zu Valley of the Kings (1954) ist ein attraktiver Opener, der mit aufregenden orientalischen Verzierungen und schwärmerischen Streichern die beruflichen und amourösen Abenteuer eines Archäologen (Robert Taylor) kurz und prägnant abhandelt. Eigentlich eine vom Komponisten erstellte Suite mit einer eigens dafür geschriebenen Coda, entstand dieses Stück hinsichtlich eines weiteren Polydor-Albums, das jedoch nie Tatsache wurde.
Obwohl der Horror-Triller The Man in Half Moon Street (1945) um einen Wissenschaftler, der sich regelmässig Organe junger Studenten implantieren lässt und damit sein Leben verlängert, in Rózsas Augen kaum bemerkenswert war, gab der Komponist auch hier alles und schuf einen niveauvollen Score, der in der rund 20-minütigen Suite sehr gut repräsentiert wird. Film-Noir-Klänge und Sequenzen, die an seine Fantasy-Filme erinnern, ein üppiges Liebesthema (auch von Mike Lang am Klavier zu hören) und ein memorabler Walzer fügen sich zu einem impressiven Ganzen zusammen, das es mehr als wert war, der Vergessenheit entrissen zu werden.
Von zwei Männern, die am Amazonas Tiere für Zoos fangen, erzählt der Dokumentarfilm Jacaré (1942). Im selben Jahr wie Rudyard Kipling’s Jungle Book entstanden, sind musikalische Verwandtschaften angesichts der Thematik der Filme nicht verwunderlich. Das hier präsentierte Prelude setzt sich aus exotischen Rhythmen, Fanfaren, Lyrik und ein wenig Grossstadt-Klängen zusammen. Die rund elfminütige Suite zu The Strange Love of Martha Ivers(1946) kümmert sich weniger um das film-noirische dieses Scores, sondern konzentriert sich vor allem auf das herrliche Hauptthema und die damit verbundene, zum Teil tragische Romantik, die auch durch gefühlvolle Violin-Soli heraufbeschworen wird.
Sahara (1943), ein Propaganda-Streifen mit Humphrey Bogart als Kommandant einer amerikanischen Panzer-Einheit, ist durch eine von Christopher Palmer arrangierte und deshalb ursprünglich wohl ebenfalls für eine Polydor-LP gedachte Suite vertreten. Sie enthält den Film-Vorspann (das von wuchtigen Bläser-Fanfaren dominierte Hauptthema und ein feierlicher Marsch, der auch im artverwandten, kurz zuvor entstandenen Five Graves to Cairo zu hören ist), leicht exotische Naturbeschreibungen (u. a. mit impressionistischen Flöten), Dramatik in Form eines Fugatos und ein hymnisches Finale.
Diese Sahara-Suite ist auch auf dem Chandos-Sampler enthalten. Nachdem Rumon Gamba mit der BBC Philharmonic bereits ein paar CDs mit Konzertwerken von Rózsa für das Label aufnahm, hat er nun auch ein Album für die Chandos-Movies-Reihe eingespielt und ist mit der Stückauswahl auf Nummer sicher gegangen, da die Titel ‒ mit Ausnahme eben von Sahara ‒ mit zu den populärsten Filmmusiken Rózsas gehören.
Eröffnet wird die CD mit der vom Komponisten erstellten Suite aus The Thief of Bagdad (1940), allerdings mit kleinen Änderungen: es fehlt die kurze King’s Fanfare, neu hinzugekommen ist hingegen The Sultan’s Toys. Die Suite enthält die «konzerttauglichsten» Stücke des Scores; dazu gehören lebhafte, morgenländische Klänge in Overture und The Market at Basra, das betörende Liebesthema in The Love of the Princess und liebevoll porträtierte Spielzeuge des Sultans ‒ man beachte etwa die Drehgeräusche eines Aufziehmechanismus in The Flying Horse Gallop ‒, aber auch der ebenso verführerische wie fatale Silvermaid’s Dance.
Die rund halbstündige Suite aus Rudyard Kipling’s Jungle Book (1942) dürfte Rózsa-Fans wohlvertraut sein; im Gegensatz zu früheren Aufnahmen, die die Suite am Stück präsentierten, wird sie hier begrüssenswerterweise in zehn Tracks aufgeteilt. Sehr illustrativ beschreibt der Komponist den Dschungel und mit kurzen, treffend orchestrierten Motiven die tierischen Freunde und Feinde Mowglis. Dieser erhält ein volksmusikhaftes Englischhorn-Thema, und seine Erlebnisse werden durch friedliche Momente (Lullaby), freudvolle Augenblicke (The Ways of Man), warnende Signale (Cries of the Animals) und Dramatik (The Chase) musikalisch aufbereitet.
Den Abschluss macht eine sechsteilige Suite aus Ben-Hur (1959) mit den wichtigsten Themen und Höhepunkten des monumentalen Werkes. Dies wäre sicherlich ein Anlass zur Diskussion, ob diese bereits in zig Versionen verfügbare Musik nochmals eine Aufnahme gebraucht hätte. Dem Argument, dass sie als Zugpferd Leute, die normalerweise keine Filmmusik konsumieren, zum Kauf der CD verlocke, kann ich im Download-Zeitalter nicht unbedingt zustimmen, und sie passt wegen ihrer Entstehungszeit und auch sonst nicht wirklich zu den anderen drei Filmen. Diese haben nämlich alle einen Bezug zu den Korda-Brüdern (Produzent Alexander, der Rózsa nach Hollywood gebracht hatte, und/oder Regisseur Zoltan). Da hätte sich etwa The Four Feathers (1939) ‒ auch rein thematisch gesehen ‒ geradezu angeboten.
Dies soll jedoch keine Kritik an der Suite als solche sein, denn Gamba überzeugt mit seiner Interpretation in allen Bereichen, und vor allem die bewährten Schlachtrösser The Rowing of the Galley Slaves und Parade of the Charioteershaben den notwendigen Punch und Drive, um so richtig mitzureissen.
Klanglich sind beide Scheiben in Ordnung, wobei die Chandos wie üblich recht viel Hall aufweist. Wer das nicht mag, sollte vielleicht die Finger davon lassen. Der Gelegenheits-Rózsa-Hörer ist damit aber ansonsten sehr gut bedient. Rózsa-Fans werden sich die Intrada ‒ auch wenn sie nicht ganz an die Klasse der Polydor-Alben heranreicht ‒ wegen der Raritäten nicht entgehen lassen. Es spricht aber natürlich absolut nichts dagegen, sich beide CDs zuzulegen.
Andi, 31.5.2014