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Nicht nur die Schweizer am linken und die Deutschen am rechten Ufer freuen sich über «ihren» Hochrhein. Auch die Italiener tun es – völlig zu Recht. Denn sie haben als Einzige sogar ihr ganz eigenes Gewässer dieses Namens.
Der «Haut-Rhin» der Franzosen fliesst durchs Elsass und ist natürlich nichts anderes als «unser» Hochrhein nach dem Grenzübertritt. Der italienische «Alto Reno» hingegen ist ein eigener Fluss, und er entspringt nicht etwa in «unseren» Alpen, sondern in der Nähe der Apuanischen Alpen zwischen den Provinzen Emiglia-Romagna und Toskana.
Die Apuanischen Alpen sind ein malerisch-schroffer Teil des Appenins, also des 1550 Kilometer langen Gebirges, das sich über die ganze Länge des italienischen Stiefels zieht. Der Alto Reno entspringt etwas mehr im Landesinnern, in den äusserst waldreichen, wilden Bergen nördlich von Pistoia. Auf seinem Abstieg zum Meer heisst er dann einfach nur noch «Reno».
Den Fluss «Fluss» getauft
Wie kommt es, dass zwei Flüsse in so weit entfernten Kultur- und Sprachräumen den gleichen Namen tragen? Warum nannten schon die Römer diese beiden Flüsse «Rhenus»? Ein lautlicher Zufall ist es sicherlich nicht – der Name bedeutet an sich schon «Fluss».
Als Erklärungsansatz geht die Sprachforschung von einer vorhistorischen, indoeuropäischen Wortwurzel aus, die «fliessen» bedeutete und bis in die heutigen Sprachen überdauert – etwa in Wörtern wie «rinnen», «Riviera», «river», «rio» und eben auch im Flussnamen «Rhenus» beziehungsweise «Rhein». Keine Einigkeit herrscht darüber, ob schon die lokalen Urvölker beidseits der Alpen ihre Gewässer so bezeichneten und die Kelten und die Römer den Namen bloss übernahmen.
Der Reno Alto gleicht der Thur
Abgesehen vom Namen hat der Reno allerdings weit mehr Ähnlichkeiten mit der Thur als mit dem Rhein. Angefangen bei der Länge (Reno: 211 km – Thur: 134 km – Rhein: 1230 km), fortgesetzt beim Einzugsgebiet (Reno: 540 km2 – Thur: 1750 km2 – Rhein: 185'000 km2).
Der Reno fliesst von West nach Ost durch die Stadt Bologna und mündet etwas weiter südlich von Venedig als der Po in die Adria. Die Thur fliesst mehrheitlich in die umgekehrte Richtung und mündet in den Rhein.
Beiden gemeinsam ist ihre unberechenbare Dynamik: Wie die Thur kann auch der Reno innert Stunden vom Rinnsal zum reissenden Strom werden, der Zerstörung hinterlässt. Von dieser Gefahr zeugen schon in den Ortschaften des Oberlaufs die breiten und massiv befestigten Flussbetten. Aus diesem Grund ist der heutige Flusslauf ab Bologna, wo der Reno in die norditalienische Ebene eintritt, das Resultat jahrhundertelanger wasserbaulicher Anstrengungen.
Noch im Hochmittelalter floss der Reno zunächst ein Stück weiter nach Norden in den Po oder einen seiner Zuflüsse. Mit seinen Laufwechseln und plötzlichen Hochwassern brachte er abwechselnd die Städte Ferrara und Bologna zur Verzweiflung – mal hatte die eine Überschwemmungen, mal die andere. Schon 1604 wurde der Reno vom Po getrennt, was den Zusammenfluss und die Überschwemmungen von Ferrareser Gebieten verunmöglichte.
1807 konnten auch die Bologneser aufatmen – Napoleon liess auf ihren Wunsch hin einen 18 Kilometer langen Kanal bauen, der das Wasser des Reno bei Überschwemmungsgefahr in den fassungskräftigen Po leitete.
Ihr Herbstferienprojekt?
Auch vom Unterlauf des Reno gäbe es viel zu berichten, etwa über den Damm, der den Rückfluss von Salzwasser bei Flut verhindert. Machen Sie doch einfach selbst einen Ausflug. Das könnte Ihre persönliche Herbstserie werden: Von der Quelle des Reno bis zur Adria. Auf diesen 200 Kilometern erwartet sie alles – Schlaglochpisten und Einsamkeit in entvölkerten Bergdörfern, Dolce Vita in gemütlichen Provinzstädtchen, die pulsierende und kulinarisch begeisternde Universitätsstadt Bologna, dann endlose Felder. Und am Ziel leuchtet das Meer.