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Es geschieht ohne alle Bitterkeit, wenn der Herausgeber dieser Blätter, auf Grund eines mehr als zehnjährigen Darinnenstehens in der anthroposophischen Bewegung und des anthroposophischen Studiums zu dem Geständnis sich genötigt sieht, dass er nirgends weniger wirkliches, erkämpftes und erlebtes Verständnis angetroffen hat für das Wesen der Denkautonomie im tiefsten Sinne Rudolf Steiners und damit letztlich für die Überwindung des abendländischen Theismus und Pantheismus als unter – Anthroposophen. Das ist vielleicht deswegen so, weil es nicht anders sein kann; und wir haben die Gegebenheiten gelassen hinzunehmen.
Wer sich nicht darauf beschränken will, mitverantwortlicher Träger und Nutznießer des von Rudolf Steiner hinterlassenen ungeheuren Geisteserbes zu sein; wer in dem Wirken Dr. Rudolf Steiners eine Herausforderung des selbstverantwortlichen Denkers erkennt; und wer als Herausgeforderter nicht ruhen kann, bis er das «Ereignis Rudolf Steiner» denkend bewältigt hat, so wie er irgendein Naturereignis denkend bewältigt, – von einem solchen werden heute ganz klare und eindeutige Entscheidungen verlangt. Denn es muss doch einmal die Frage aufgeworfen werden: ist man wirklich entschlossen, angesichts der Leistungen Dr. Rudolf Steiners restlos die Konsequenzen zu ziehen, die zu ziehen sind, sofern man die von Rudolf Steiner erkenntnistheoretisch entwickelten Bedingungen der Möglichkeit einer geistigen Offenbarung als verpflichtend nimmt? Man nehme zum Beispiel eine Idee wie die folgende: «Eine Philosophie kann niemals eine allgemeingültige Wahrheit überliefern, sondern sie schildert die inneren Erlebnisse des Philosophen, durch die er die äußeren Erscheinungen deutet.» (Rudolf Steiner: Einleitung zu Goethes «Sprüchen in Prosa». – Es ist natürlich erkenntnistheoretisch ganz einerlei, ob für «Philosophie» «Geisteswissenschaft» gesetzt wird.) Ich frage: Erleben wir es nicht, dass man heute «Geisteswissenschaft» dadurch empfiehlt, dass man sich auf ihren Wissenschaftscharakter beruft? Warum entschließt man sich nicht, den Charakter und die Inhalte der Lehren Rudolf Steiners dadurch als gerechtfertigt zu verteidigen, dass man sie – im Sinne der oben erwähnten Idee Rudolf Steiners – als den Ausdruck einer Persönlichkeit behauptet. Das eben wäre vor dem Forum der Landläufigkeit unwissenschaftlich. Aber haben wir denn etwa nicht Gründe, just dieses «unwissenschaftliche» Kriterium tapfer zu dem unsern zu machen? Sind wir deswegen Zeugen eines Unerhörten, damit wir den Banalitäten des wissenschaftlichen Zeitgeistes Zugeständnisse machen? Hätten die heute geltenden offiziellen Wissenschaftskriterien wenigstens den Vorzug der Eindeutigkeit. Und wären sie wenigstens mehr als ein Konglomerat aus schiefen Auffassungen der Vergangenheit und gegenwärtiger philosophischer Impotenz! Und wäre, was die Gegenwart als Kennzeichen des Wissenschaftlichen anerkennt – Allgemeingültigkeit, Notwendigkeit –, nur nicht just das Gegenteil des Kriteriums, das Rudolf Steiner aufstellt! Nicht nur ist das Prädikat der Wissenschaftlichkeit im Gegenwartssinne keine Zierde, sondern die Zeit fordert umgekehrt vom Anthroposophen die Überwindung eines veralteten und die Inaugurierung eines neuen Wissenschafts- und Wahrheitsbegriffes.
Rudolf Steiner hat diesen neuen Wahrheitsbegriff aufgestellt. In einer Abhandlung über die Weltanschauung des «stolzen und sich selbst genügsamen Menschen» Max Stirner heißt es: «Ein unpersönliches Wissen wollten die Philosophen zu allen Zeiten. Ein Wissen, das ihnen verrät, welche Mächte die Welt im Innersten zusammenhalten. Brünstig verlangten sie nach solcher ‹Wissenschaft›. Die Welt ist da, so sagten sie. Sie ist gesetzmäßig. Uns drängt es, die Gesetze, nach denen eine objektive Macht sie geformt hat, zu erforschen. Und wenn sie dann ‹redlich› erforscht hatten, was die ‹Welt im Innersten zusammenhält›, dann fühlten sich die Philosophen so selig, wie wenn dem Bräutigam die Braut das Jawort gegeben hat … Stirner ist kein Freier, er ist ein Eroberer. Er überwindet die Wahrheit. Er verdaut sie. Und sie wird bei ihm nicht Weltanschauung, nicht Philosophie, von der er Mitteilungen macht. Sie wird Persönlichkeit. Diese an Stirner aufgezeigte Idee der Wahrheit legt Rudolf Steiner seinem eigenen Wirken zugrunde.
Das gesamte fortschrittliche Geistesleben der Neuzeit ist nichts anderes als das Ringen nach diesem neuen Kriterium der Wahrheit. Die eigentliche Aufgabe der Philosophie seit deren Emanzipation aus den Gebundenheiten des Mittelalters besteht in der Überwindung (nicht in der von Kant versuchten Rehabilitierung) der theistischen Wahrheitskriterien und in der Kreierung des neuen Wahrheitswesens und eines darauf gegründeten neuen Wissenschaftsbegriffes.
Der «deutsche Idealismus» hat diese Aufgabe verfehlt. Man stellte die Frage nach der «Wissenschaftlichkeit» des Wissens; man proklamierte die «Erhebung der Philosophie zur Wissenschaft»; aber man verstand es nicht, über die bloß logischen Merkmale des Wahrheitswesens zu einem «positiven Inhalte» der Wahrheit vorzustoßen. Der philosophische deutsche Idealismus sucht noch nicht in der Einzelpersönlichkeit den vollendetsten Ausdruck der Welttotalität. Was Goethe rhapsodisch ausspricht und darlebt, findet noch keine philosophische Begründung. Die Frage, ob in Gott oder im individuellen Einzelmenschen der Ausdruck der Weltvollendung gesucht werden soll, entscheiden die klassischen deutschen Philosophen reaktionär. Das wirkliche Ich des einzelnen ordnen sie einer Idee unter, einem «Allgemeinen». Für Rudolf Steiner ist es klar, dass die Idee eines allgemeinen Ich, eines Welt-Ich, nur der «Abklatsch» des wirklichen Einzel-Ichs sein kann, nur durch Abstraktion aus dem «realen, leibhaftigen Ich» des einzelnen und «Einzigen» gewonnen wird. In dem realen Ich des einzelnen spielt sich das Drama der Entscheidung um die neue Wahrheit ab. Diese Entscheidung scheidet den Theismus und Pantheismus von Besserem. Uns steht es heute frei, angesichts des Faktums Rudolf Steiner, die Wahrheitsfrage, die Fichte nicht stellte, neu aufzuwerfen. Von der Beantwortung dieser Frage mögen sich Kriterien der «Wissenschaft» ergeben. Denn wir sind uns jedenfalls darüber klar: wir suchen Wahrheit gar nicht primär als eine Lehre, wir suchen sie als ein Faktum.
Auszug aus Rudolf-Steiner-Blätter Nr. 1, Juli 1928. Verlag Fornasella, Besazio.