Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03144.jsonl.gz/2918

Etrit Hasler über willkürliche Kriterien in St. Margrethen und Tokyo
In diesen Zeiten, in denen es an jeder Stelle plötzlich wieder um Nationalitäten zu gehen scheint, lohnt es sich manchmal, ein bisschen genauer hinzuschauen. Das gilt natürlich für Donald Trumps überstürzten «Muslim Ban», der die US-Gerichte in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigen wird, oder aber auch, wenn die Jung-SVP des Kantons St. Gallen mit einer Kellogg’s-Frosties-Packung wirbt, die stolz verkündet, dass es dazu gleich auch noch den Schweizerpass gratis geschenkt gibt (was zumindest Kellogg’s nicht zu stören scheint).
Eine andere Nachricht im Kontext erreichte uns letzte Woche aus Japan. Dort wurde zum ersten Mal seit neunzehn Jahren mit Kisenosato Yutaka ein Japaner zum Yokozuna befördert, also zum höchsten Rang, den es im Nationalsport Sumo gibt. Diese Beförderung ist Balsam auf die gebeutelten Seelen der japanischen Nationalisten, von denen es gerade in diesem Sport nur so wimmelt, auch wenn die Meldung so nicht ganz stimmt.
Tatsächlich wurde im Mai 1998 mit Wakanohana der letzte Yokozuna befördert, der in Japan geboren war. Hanada Masaru, wie er mit richtigem Namen hiess, entstammte einer echten Sumodynastie: Sein Onkel war ebenfalls unter dem Kampfnamen Wakanohana einer der erfolgreichsten Sumoringer der fünfziger Jahre. Und Masarus kleiner Bruder, besser bekannt als Takanohana, war zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren Yokozuna und galt als das grösste japanische Talent aller Zeiten.
Dazu muss ich erwähnen, dass es «eigentlich» fixe Kriterien gibt für diese Beförderung: Ein Kämpfer «sollte» zwei Turniere hintereinander gewinnen, und er «muss die Werte des Sports in ausserordentlicher Weise verkörpern». Das erste Kriterium klingt noch halbwegs objektiv, das zweite aber ähnlich vage wie die Anforderungen an eine Einbürgerung in Emmen oder St. Margrethen. So wird zum Beispiel darauf geachtet, ob ein Kandidat fliessend Japanisch spricht und wie inbrünstig er die japanische Nationalhymne bei einem Turniersieg singt (und nein, eine andere Hymne wird nicht gespielt, egal woher der Sieger stammt). Kein Wunder also, wurde die Beförderung des zweiten Ausländers, des Hawaiianers Musashimaru, so lange hinausgezögert, bis er sich 1999 in Japan eingebürgert hatte – und somit übrigens zum «echten» letzten Japaner wurde, der diesen Rang erreichte, aber das ist ein Detail.
Wakanohanas Beförderung verkam zum Rohrkrepierer. Zu mehr als einem Störfaktor in den Duellen zwischen seinem Bruder und den zwei hawaiianischen Giganten reichte es nie – er kam auf keinen einzigen Turniersieg mehr und verliess die Liga nach zwei Jahren. Was folgte, war der Aufstieg der Mongolen und die erwähnte neunzehnjährige Durststrecke der Japaner: Das skandalumwobene Kraftpaket Asashoryu und nach ihm der technische Dominator Hakuho Sho liessen kaum Platz neben sich für Konkurrenz. Hakuhos Dominanz in den letzten Jahren führte dazu, dass der Yokozuna Promotion Council, also jene Instanz, die die oben erwähnte Charakterprüfung durchführt, seine Kriterien aufweichen musste, weil es befürchtete, dass Hakuho noch weitere zehn Jahre alleine auf seinem Thron ruhen könnte.
Resultat dieser Aufweichung ist der eingangs erwähnte Kisenosato Yutaka. Der «Riese mit dem bösen Blick» war zwar in den letzten Jahren tatsächlich der Einzige, der regelmässig gegen Hakuho zu bestehen vermochte, und er beendete auch dessen unerreichte Rekordserie von 63 Siegen am Stück – für Turniersiege scheint er bisher allerdings zu inkonsistent gewesen zu sein. Diesen Januar war es zwar endlich so weit – in einem Turnier, bei dem allerdings vier der besten zwölf Kämpfer ausfielen. Dem Council war das egal: Letzten Freitag feierte Kisenosato als der 72. Yokozuna in der Geschichte des Sports seinen neuen Rang mit einer Zeremonie, die traditionellerweise am Schrein des grössten Nationalisten in der Geschichte des Landes gefeiert wird – Kaiser Meiji.
Etrit Hasler wurde auch schon mal eingebürgert. Und einmal ausgebürgert auf seinen eigenen Wunsch – Letzteres in St. Margrethen.