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Die amerikanischen Vorwahlen entpuppen sich als Achterbahnfahrt. Noch vor einer Woche hielt man die Kampagne des ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden für tot und den Durchmarsch von Bernie Sanders beinahe als unvermeidlich. Nach dem sogenannten Super Tuesday sieht es wieder ganz anders aus. Nach dem schlechten Abschneiden von Biden in Iowa, New Hampshire und Nevada hat sich dieser wieder aufgefangen und in South Carolina einen grossen Sieg erzielt. Seine Unterstützung holt er insbesondere bei älteren und bei schwarzen WählerInnen. Bidens klarer Sieg brachte drei Mitbewerber dazu, sich zurückzuziehen. Pete Buttigieg und Amy Klobuchar haben sich zudem für Biden ausgesprochen. Das hatte offensichtlich Folgen. Auch wenn Bidens Kampagne mit Geld- und Organisationsproblemen zu kämpfen hatte, gewann er in neun Staaten. Voraussichtlich kommt noch ein zehnter dazu. In etlichen davon war er gar nie präsent gewesen, weder mit Werbung noch mit Auftritten. Offenbar kann eine gute Medienberichterstattung, von der Biden nach South Carolina profitieren konnte, sowohl Geld wie auch Campaigning schlagen. Bernie Sanders gewann nur in vier Staaten, allerdings holte er mit Kalifornien den grössten Preis.
Es zeigt sich überall ein wenig ein ähnliches Bild: Sanders holt die Stimmen der Jungen mit überwältigender Mehrheit und ist auch derjenige, der bei Latinos am besten abschneidet. Ab 40 Jahren verändert sich aber das Bild. Bei schwarzen WählerInnen sogar schon teilweise ab 30 Jahren. Zudem zeigt sich das Problem, dass Bernie Sanders von Beginn an begleitet hat (Ausnahme Nevada): Er schafft es nicht, die Jungen so zu mobilisieren, dass er seine Nachteile bei anderen Wählergruppen wettmachen kann. Eine rekordhohe Wahlbeteiligung hatten vor allem Staaten, in denen Biden gewann, wie Virginia oder South Carolina. Statt den Jungen waren die VorortsbewohnerInnen mobilisiert. Selbst in Vermont, Sanders Heimat, ging die Mehrheit jener WählerInnen, die sich in letzter Sekunde entschieden hat, an Biden.
Was passiert jetzt? Verschiedene Bernie-Anhänger glauben, wenn Elisabeth Warren sich zurückgezogen hätte, dass dann Bernie besser abgeschnitten hätte. Das ist sehr wahrscheinlich so, aber ist aus zwei Gründen nicht ausreichend: Zum einen gilt das genauso für Bloomberg, der eher Biden Stimmen gekostet hat. Und zum anderen sind die WählerInnenströme nicht ganz so einfach. Nicht alle Warren-WählerInnen wählen automatisch Bernie und umgekehrt. Bloomberg ist mittlerweile aus dem Rennen ausgestiegen, er unterstützt neu Biden, was die Lage für Bernie Sanders noch ungemütlicher macht. Die Warren-Kampagne liess ausrichten, dass sie sich Gedanken über die Zukunft der Kampagne machen, was darauf hindeutet, dass auch sie bald aus dem Rennen aussteigen wird. Warren war bekannt dafür, für jedes Problem einen detaillierten Plan zu haben. Eine Spezialität ihrer Kampagne war auch, dass sich Warren sehr viel Zeit für Selfies mit ihren Fans, insbesondere mit kleinen Mädchen nahm. Die kleinen Mädchen werden einmal mehr enttäuscht werden, denn auch dieses Mal wird keine Frau Präsidentin werden.
Bernies Problem, das jetzt sicher auch Stoff für verschiedene Verschwörungstheorien bietet: Das demokratische Establishment hat sich doch noch zusammengerauft und sich für einen Kandidaten entschieden. Nur ist das nicht Verschwörung, sondern einfach normale Politik. Dass einer, der das demokratische Establishment gerne kritisiert, nicht der Liebling des demokratischen Establishments wird, ist nun mal logisch. Sanders Kampagne selber hat durch die Unterstützung von Alexandra Occasio-Cortez, Ilhan Omar und Rashida Tlaib in einem kritischen Moment kurz nach seinem Herzinfarkt im letzten Herbst neuen Schub erhalten. Sanders muss sich jetzt aktiv um Unterstützung bemühen, wenn er weitere Stimmen gewinnen will. Die Sanders-Kampagne muss nach Wegen suchen, wie Sanders seine Basis besser ausweiten und mobilisieren kann.
Das Rennen ist noch nicht entschieden. Rund sechzig Prozent der WählerInnen haben noch nicht gewählt. In den Staaten, die in den nächsten Wochen wählen, hat allerdings die Mehrheit vor vier Jahren Clinton und nicht Sanders gewählt. Da sich in diesen Vorwahlen jede Woche die Ausgangslage fundamental ändern kann, sollte Biden den Champagner noch nicht kühl stellen. In praktisch allen Umfragen sagen die WählerInnen, am wichtigsten sei ihnen jemand, der Trump schlagen kann. Und sowohl Biden wie Sanders sagen, dass sie diese Kandidaten seien und begründen dies mit weiteren Umfragen, in denen entweder Biden oder Sanders am besten abschneidet gegen Trump.
Ironischerweise hat dieser enge Fokus auf Wählbarkeit dazu geführt, dass jetzt zwei Kandidaten an der Spitze stehen, die entscheidende Risiken mitbringen. Sowohl Biden wie auch Sanders sind Ende Siebzig. Biden scheint zudem immer wieder altersbedingte Aussetzer zu haben, Sanders hatte – wie bereits erwähnt – vor einigen Monaten einen Herzinfarkt. Biden wird zudem garantiert von den Republikanern unter Beschuss kommen wegen Burisma, der ukrainischen Erdgasfirma, wo Bidens Sohn Hunter ein lukratives Verwaltungsratsmandat hatte. Seine Kernbotschaft, dass man zurückkehren soll zu den guten alten Zeiten vor Trump ist auch keine, die junge Wählerinnen und Wähler mobilisieren kann. Aber auch Bernie Sanders bringt einige Handicaps mit. In seiner Vergangenheit gibt es genug Momente, die von den Republikanern so ausgeschlachtet werden könnten, als sei Bernie Sanders ein Vollblutkommunist. Es scheint als leiden weite Teile der demokratischen WählerInnen an einer Art posttraumatischem Stresssyndrom. Weil Hillary Clinton gegen Donald Trump verloren hat, glauben viele, dass eine Frau nicht gegen Trump gewinnen kann.
Es gibt auch gute Neuigkeiten. Sowohl der schon ausgeschiedene Steyer wie auch die durchzogenen Resultate von Bloomberg zeigen: Man kann sich eine Nomination nicht einfach kaufen. Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg glaubte, mit seinem Milliardenvermögen den konventionellen Wahlkampf auslassen und rein auf Werbung setzen zu können. Er pries sich als einziger an, der Trump schlagen könne. Nachdem er in seinem ersten Debattenauftritt von Elisabeth Warren auseinandergenommen wurde, glaubte es kaum einer mehr. Selbst wenn sich hierzulande viele vor allem für Bernie Sanders begeistern, dürfte es immerhin beruhigend sein, dass die demokratischen WählerInnen eine klare Absage an die Oligarchie erteilt haben.