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Die Bankenrettung stürzte viele Volkswirtschaften in eine Krise, unter der jetzt auch Industriekooperativen im Baskenland und in der italienischen Provinz Reggio Emilia leiden. Doch in diesen Genossenschaftshochburgen sind längst nicht alle Kooperativen bedroht.
Eigentlich hätte nichts schiefgehen dürfen. Das Unternehmen hatte eine grosse Erfahrung, es mangelte lange Zeit nicht an grossen Aufträgen, und ökonomisch stand der Betrieb mit seinen rund 500 EigentümerInnen auf soliden Beinen. Doch dann kam die Finanzmarktkrise 2008, danach die Wirtschaftskrise und schliesslich die Staatsschuldenkrise. Seither kracht es, auch bei Genossenschaften: Coopsette, 2008 aus einem Zusammenschluss kleinerer Baukooperativen entstanden, hat Mühe, sich über Wasser zu halten – und muss sich inzwischen sogar von Gerichten ins Geschäft reden lassen.
Eine vorbildliche Genossenschaft war Coopsette gewesen – und eine der zehn grössten Baufirmen Italiens. Die GenossenschafterInnen bauten Autobahnmautstellen, Bahnanlagen, Containerdocks, Lagerhallen, Fabrikgebäude, Müllverbrennungsanlagen. Es gab vergleichsweise wenig Arbeitsunfälle, der Umsatz lag zuletzt bei rund 350 Millionen Euro, und der Gewinn erlaubte es der Kooperative, nicht nur gute Löhne zu zahlen, sondern Krankenhäuser, Theater, Festivals und archäologische Ausgrabungen zu unterstützen.
Auch der Gruppo Industriale Cooperativo CCPL stand lange Zeit gut da. 1904 gegründet, erwirtschaftete die Genossenschaft mit ihren 1220 Beschäftigten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 830 Millionen Euro. Die Kooperative, die elf anderen Genossenschaften gehört, hat sich auf Lebensmittelverpackungen, Baumaterialien, Energie, Umwelt und Immobilien spezialisiert, sitzt wie Coopsette in der norditalienischen Provinz Reggio Emilia – und kämpft nun ums Überleben.
Sollte CCPL untergehen, wären auch ihre EigentümerInnen gefährdet, etwa die 1890 gegründete Genossenschaft Tecton, die sich auf die Restauration sakraler Gebäude und den Bau von Museen spezialisiert hat. Oder die 109 Jahre alte Kooperative Unieco (Umsatz: 590 Millionen Euro), deren 1500 GenossenschafterInnen unter anderem in Umweltanlagen investiert haben.
«Niemand investiert mehr»
«Im Bausektor Italiens war die Lage noch nie so dramatisch», sagt Simona Caselli, «es ist, als wäre eine Bombe explodiert.» Vor allem die Baubranche mit ihren rund 700 000 Arbeitsplätzen sei für das Wirtschaftswachstum des Landes wichtig gewesen, erläutert die Präsidentin des lokalen Genossenschaftsverbands Legacoop in der neuen Zentrale von CCFS, einem landesweit operierenden genossenschaftlichen Finanzdienstleister.
Innerhalb der vergangenen fünf Jahre habe sich vieles geändert. Das Bruttosozialprodukt Italiens schrumpfte um sieben Prozent, die durchschnittliche Arbeitslosigkeit kletterte auf über zwölf Prozent, und die Austeritätspolitik sorgte dafür, dass die Staatsschuld weiter anstieg. Die Folge: «Niemand investiert mehr», sagt Caselli. «Die Menschen leben von der Hand in den Mund, das spüren auch die Detailhandelskooperativen Coop und Conad – zum ersten Mal wird in Italien am Essen gespart.» Noch verheerender sind die Auswirkungen auf die Bauwirtschaft. Die Banken geben keine Kredite, die Regierung hat einen Investitionsstopp verfügt und bezahlt, falls überhaupt, erbrachte Leistungen wie etwa die Fertigstellung eines Infrastrukturprojekts mit jahrelanger Verzögerung: «Derzeit schuldet der Staat den Baufirmen rund hundert Milliarden Euro.»
Diese Entwicklung, so Caselli, habe man nicht vorhersehen können. Sicher, auch Genossenschaften hätten Fehler gemacht und sich zu sehr darauf verlassen, dass alles so weitergehe wie in den vergangenen Jahrzehnten. «Aber auf so massive makroökonomische Umbrüche wie die im Gefolge der Finanzmarktkrise haben wir keinen Einfluss.»
Nun ist die Unruhe beträchtlich. Dass einst erfolgreiche Kooperativen wie Coopsette und CCPL ins Wanken geraten, hat viele verunsichert: die Mitglieder der kriselnden Genossenschaften, die – wie in Italien oft üblich – nicht nur ihren Pflichtanteil zahlen, sondern auch ihr Erspartes der Kooperative zu Verfügung stellen. Die GenossenschafterInnen anderer Kooperativen, die jetzt ebenfalls um Jobs und Einlagen bangen. Und die RepräsentantInnen der Genossenschaftsbewegung, die um den Ruf ihres solidarischen Wirtschaftsmodells fürchten.
Entsetzen im Baskenland
Selber Auskunft erteilen wollen die Verantwortlichen der zwei grossen Kooperativen von Reggio Emilia lieber nicht; sie befinden sich in heiklen Verhandlungen mit ihren GläubigerInnen. Ähnlich reagieren derzeit die SprecherInnen von Mondragón, dem weltweit grössten industriellen Genossenschaftsverband mit rund 85 000 Mitgliedern. Denn auch im Baskenland explodierte eine wirtschaftliche Bombe: Vor rund zwei Wochen, am 15. Oktober, meldete dort die Kooperative Fagor Insolvenz an – und sie hat nur noch vier Monate Zeit, einen Sanierungsplan auszuarbeiten und neues Kapital aufzutreiben.
Für viele BaskInnen war die Nachricht unfassbar. Nie hätten sie eine solche Katastrophe für möglich gehalten. Denn Fagor war die Urzelle des Mondragón-Gedankens gewesen – der Idee, dass gemeinschaftliches Arbeiten nicht nur bessere, sondern auch sichere Jobs garantiert und mehr Selbstbestimmung ermöglicht, mehr Planungssicherheit und eine Zukunft für die Kinder. Fagor war ein Mythos gewesen. Als Haushaltsgerätekooperative in den fünfziger Jahren gegründet, galt die Genossenschaft als Symbol eines Wirtschaftens jenseits der Profitmaximierungszwänge des Kapitalismus und als Pionierin einer solidarischen Ökonomie. Ihr Erfolg inspirierte andere Mondragón-Kooperativen – und jetzt musste ausgerechnet dieses Vorbild seine dreizehn Produktionsstätten in Spanien, Frankreich und Polen vorübergehend stilllegen.
Kein Rückhalt in der Politik
Der Schock sitzt tief. Am 18. und 19. Oktober demonstrierten viele Beschäftigte an den Mondragón-Produktionsstandorten im Baskenland für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und für das Genossenschaftsmodell. Der Protest richtete sich auch gegen die spanische Regierung, die mit einer guten Portion Schadenfreude Fagors Probleme auf das baskische Streben nach Selbstständigkeit reduziert. Gegen Medien wie «El País», die jetzt sogar ein Scheitern des Selbstverwaltungsmodells prognostizieren (als wären nicht auch privatkapitalistische Konzerne Konkurs gegangen). Und gegen die Exekutive des konservativ-nationalistisch regierten Baskenlands, die zwar grundsätzlich das Genossenschaftsmodell befürwortet, jetzt aber einen «flexiblen und glaubwürdigen Sanierungsplan» verlangt und sich hinter vorgehaltener Hand für eine Umwandlung von Fagor in eine Aktiengesellschaft starkmacht.
Wie konnte es so weit kommen? Warum schlittert Fagor Electrodomésticos, Spaniens grösster Hersteller für Haushaltsgeräte (Kochherde, Waschmaschinen, Kühlschränke, Espressomaschinen) schier unaufhaltsam Richtung Bankrott? An Versuchen, den Niedergang zu stoppen, fehlte es nicht: In den vergangenen zwei Jahren war der Mondragón-Verbund mit etwa 180 Millionen Euro eingesprungen; die Fagor-GenossenschafterInnen verzichteten auf Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld und auf durchschnittlich zwanzig Prozent ihres Lohns; auch Massnahmen wie die einer Frühverrentung oder der zeitweiligen Versetzung in andere Genossenschaften – bisher bewährte Massnahmen in Krisenzeiten – hatte die Fagor-Belegschaft zugestimmt. Doch es half alles nichts. In den nächsten Monaten muss Fagor 120 Millionen Euro auftreiben.
Wie geht es weiter?
Fagors Hauptproblem ist der Konsumrückgang – kein Wunder in einem Land mit einer Arbeitslosigkeit von 28 und einer Jugendarbeitslosigkeit von 56 Prozent. Innerhalb weniger Jahre brach der Markt um die Hälfte ein. Denn welche von den jährlich 400 000 zwangsgeräumten Familien kauft sich schon einen neuen Kühlschrank? Und auch in Frankreich, wo Fagor durch die Übernahme der maroden Thompson-Brandt-Gruppe zum Marktführer aufgestiegen war, sank der Umsatz um ein Drittel.
An neuen Ideen mangelte es nicht. Die Kooperative (sie hält rund 500 Patente) entwickelte Aufzugssysteme und Elektromotoren (beide Sparten sind von der Krise nicht betroffen), investierte in Tiefkühlgeräte, die das Gefriergut automatisch vakuumverpacken, und in den Solarsektor. Doch die neuen platz- und stromsparenden Gefrierschränke brachten wegen der Krise nicht den erhofften Umsatz, und die von der früheren sozialdemokratischen Regierung versprochene Förderung der Solarenergie wurde von der konservativen Regierung des Partido Popular nie umgesetzt. Wie dem traditionell roten Reggio Emilia fehlt den Genossenschaften im rebellischen Baskenland der Rückhalt in den politischen Zentren.
Wie geht es weiter? Natürlich müssen eine ernsthafte Analyse und Selbstkritik geleistet werden, heisst es (zu offiziellen Stellungnahmen ist wegen der laufenden Verhandlungen bei Mondragón niemand bereit). War die Expansion nach Frankreich und der Zukauf des polnischen Herstellers Mastercook ein Fehler? Ja, sagen manche. Andere hingegen argumentieren, dass die Kapitallogik keine Alternative zuliess. Man sei von der allgemeinen Einschätzung ausgegangen, dass in Europa in den nächsten Jahren nur drei oder vier Haushaltselektrogerätehersteller überleben werden, sagt einer von Mondragóns Hauptstrategen, der seit zwei Jahren in Rente ist. Hätte man da untätig bleiben und sich auf den spanischen Markt beschränken sollen?
Jetzt rächt sich das stürmische Wachstum. Die Anteile am polnischen Zweig, so heisst es, könnten eventuell einem chinesischen Unternehmen überlassen werden. Aber was passiert, wenn Fagors französische Produktionsstätten abgewickelt werden? Was werden die Gerichte in Frankreich als Insolvenzmasse bestimmen? Müssen die GenossenschafterInnen dann mit ihren Einlagen haften?
Absehbar ist jedenfalls, dass sich Fagors Produktpalette erheblich verkleinern und auf Produkte mit hohem Wertschöpfungsanteil konzentrieren wird. Keine guten Aussichten für die insgesamt 6000 Beschäftigten, von denen rund die Hälfte Genossenschaftsmitglieder sind (vor Beginn der Krise waren es noch etwa 10 000 gewesen). Und keine gute Perspektive für die Kooperative, deren Einlagekapital durch den Mitgliederschwund zurückgegangen ist. Denn dieses Defizit darf aufgrund der spanischen Gesetzgebung nicht von der genossenschaftseigenen Bank Caja Laboral wettgemacht werden.
Ade, klassische Marktlogik
Bleibt die Frage, ob das Genossenschaftsmodell an sich gefährdet ist. Nein, sagen alle – da ist man sich in der Zentrale von Mondragón einig. Natürlich falle es Kooperativen schwerer, schnelle Entscheidungen zu treffen, besonders wenn sie so gross sind wie Fagor. Aber am Genossenschaftsprinzip werde nicht gerüttelt, und auch die Autonomie der Einzelkooperativen müsse erhalten bleiben. Denn immerhin stehe das Baskenland mit seinen dreizehn Prozent Arbeitslosen nicht zuletzt wegen seiner Genossenschaften vergleichsweise gut da, und ausserdem hätten die übrigen Mondragón-Kooperativen (mit Ausnahme der Detailhandelskette Eroski) die Krise bisher gut gemeistert. Trotzdem müsse man sich zum Teil neu erfinden.
Auch in Reggio Emilia spricht Simona Caselli vom Umdenken. Die klassische Marktlogik – Wachstum um des Wachstums willen –, das gehe nicht mehr. Die Coop-Supermarktkette habe inzwischen an Schulen und Hochschulen Bildungsprogramme für soziales und ökologisches Konsumieren lanciert. Im Immobiliensektor würden die Kooperativen verstärkt auf den Bau erschwinglicher und energiesparender Wohnungen setzen. Und der genossenschaftseigene Finanzdienstleister CCFS (Einlagevolumen: rund eine Milliarde Euro) habe zahlreiche Instrumente entwickelt, die eine nachhaltige Entwicklung fördern.
So gelang es mithilfe der Industriefinanzierungsgenossenschaft CFI vor kurzem, die Arbeitsplätze von vier privatwirtschaftlichen Betrieben zu retten. Sie waren in Konkurs gegangen, wurden von der Belegschaft übernommen und florieren nun als Kooperativen. Cooperfactor, eine andere CCFS-Gründung, bietet jenen Kooperativen Überbrückungskredite an, denen der Staat Geld schuldet. Der CCFS-Fonds SIIQ-SINQ finanziert sozialen Wohnungsbau, Coopfond, der sich aus Rücklagen der Genossenschaften speist, stellt Investitionskredite zur Verfügung.
Trotz allem Optimismus
Davon hat auch die Grossgenossenschaft Coopservice profitiert, die jetzt in Reggio ein modernes Arzneimittellager aufbaute, um durch den zentralen Einkauf und Vertrieb von Medikamenten die Kosten für das regionale Gesundheitswesen zu senken. «Zehn Jahre lang wird Coopservice die Einrichtung betreiben», sagt Luca Baracchi, der Leiter des Zentrums. «Das sichert uns Hunderte von gut bezahlten Arbeitsplätzen.»
Überhaupt blicken er und Caselli recht optimistisch in die Zukunft: Von den angeschlagenen Industriegenossenschaften abgesehen, erzielten die rund 200 Reggio-Kooperativen ein Umsatzplus von zuletzt 4,6 Prozent.
Die aktuelle Lage der norditalienischen Genossenschaften war unter anderem Thema der WOZ-Reise nach Reggio Emilia im Oktober.
Von Tonio Martin und Pit Wuhrer sind in der WOZ-Serie «Wirtschaft zum Glück» Beiträge zu Mondragón und Reggio Emilia erschienen. Siehe dazu auch das Buch «Wirtschaft zum Glück», erhältlich im WOZ-Shop.