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Die PR-Firma
von Cedric Weidmann
Die Denkorgie nahm ihren Lauf. Eine spitze Zunge feuchtete die Kuppen zweier Stummelfingern an, die in frisch gedruckten Kopien eines Rimbaud-Gedichts wühlten. Die Sitzungsteilnehmer kauten in arbeitssamer Dringlichkeit auf ihren Stiften, während sie ab und zu einen gedankenschweren Blick in ihre Macbooks warfen, die aufmerksamkeitsheischend vor ihnen aufgeklappt lagen. In regelmässigen Abständen entfuhr einer Frau, die das Nachdenken ganz besonders ernst nahm und deren in zehn verschiedenen Farben bemalte Fingernägel, wenn nicht, wie sie es sich wünschte, von einer natürlichen Begabung zur Kreativität, so doch wenigstens von einem grossen Schminkrepertoir zeugten, ein Seuzfer, der halb einen verpassten Geistesblitz zu bedauern und halb einen spektakulären anzukündigen schien.
Der Mann mit dem Rimbaud-Gedicht wuschelte die kleinformatigen, mit grellen Neonfarben unterzogenen Papierchen suchend durcheinander, die eigenmächtig zu seinem Markenzeichen zu erkiesen er sich nicht hatte nehmen lassen. Der Sitzungsleiter rückte seine Brille zurecht und seine wilden Augenbrauen unterstrichen die Bewegung seiner distinguierten Daumen, die mit einer intensiven Massage prophetisch auf die übermässige Genialität deutet, die aus dieser Stirn quellen konnte.
Indessen erhob sich die räsupernde Stimme des Vorbereiteten, der die richtigen Papiere in der Hand zu halten schien, und die Gesellschaft der professionellen PR-Firma streckte in wohlwollender Hörbereitschaft die aus Ideengeilheit gespitzten Ohren in die Höhe.
„Wie wärs damit? Totale auf Kohlekraftwerk, Zoom auf Maschinerie, stampfende Maschinen in tobsüchtiger, entfremdeter Mechanisierung“ – er sagte tatsächlich „entfremdet“ – „Und eine Stimme aus dem Off sagt: ‚Hab ich Gelüst, dann allein/Nach Erde und Stein./Immer leb ich von Luft, verspeise/Felsen, Kohle und Eisen. – Und verbrauche mehr CO2 als ein Kraftwerk von Cleaner Air‘.“
Der bebrillte Sitzungsleiter klatscht in seine wohlgeformten Hände und ruft lebhaft aus: „Das ist es!“
„Das ist genial!“, meinte jemand.
„Wirklich genial“, betonte die Frau ehrfurchtsvoll, hatte ihre Konzentration aber schon wieder auf die Fingernägel gewandt.
„Ich fürchte bloss, die wollen wieder nichts wagen“, fügte der Sitzungsleiter traurig hinzu und in seinem jungen Gesicht schimmerte das Alter hervor, als er einen Blick aufsetzte, in dem sein letztes von Kreativität durchzogenes Jahrzehnt wie in einer camera obscura zu erkennen war.
Alle seufzten auf in verstimmter Trägheit, die ihnen die Enttäuschung und das gleichzeitig nicht endenwollende Nachdenken aufbürdeten. Niemand hatte recht Lust in die Cafeteria zu gehen, weil sich dort die Schlange jetzt am Längsten aufstaute, das Essen wie jede Woche eine unverhältnismässige Überzahl an Karotten versprach, und vor allem die Luft von hirnlosen, unkreativen und langweiligen, unproduktiven, uninteressierten, ja nicht einmal literarisch bewanderten Vollpfosten bevölkert war. Der Rimbaudkenner machte einen Anfang, die gespannte Stimmung in neue körperliche Energie zu verwandeln, schlug seine neongrellen Papierchen in eine Künstlermappe, die er mit einer tranceartigen Selbstgefälligkeit zuschnüren musste und schloss die Sitzung mit den Worten ab: „Gut, ich kann ja noch nachsehen, was Baudelaire zu bieten hat.“
Und da niemand wusste, wer das war, nickten alle aufmunternd, aber natürlich nicht ohne Mitleid, weil sie wussten, dass sie selbst das nächste Mal die zündende Idee haben würden.