Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03587.jsonl.gz/3606

Was dachten die Leute damals?
Das Birseck kam 1815 zur Schweiz. Was für ein Bild der Schweiz hatten die Menschen damals?
Für die wohlhabenden und gebildeten Leute im 18. Jahrhundert waren die Schweizer tapfere, ein wenig unheimliche Krieger, die sich über Jahrhunderte in fremden Kriegsdiensten bewährt hatten. Wahrscheinlich kannten die gebildeten Leute auch das
Drama «Wilhelm Tell» von Friedrich Schiller. In diesem Stück sind die Schweizer bekanntlich ein wildes und freies Hirtenvolk, das sich tapfer gegen fremde Tyrannen wehrt. Arno Schmidt schrieb, dass die Schweizer für den europäischen Adel des 18. Jahrhunderts das waren, was für uns später die Indianer waren: die glücklichen Wilden. Natürlich entsprach dieses literarische Schweizerbild Rousseaus’ Ideal des urtümlichen und unverdorbenen Menschen.
Deshalb stand in der Arlesheimer Ermitage seit 1787 auch ein «Chalet suisse». Um dieses Chalet war eine Alpenszenerie angelegt und ein Spielplatz, auf dem sich das Bauernvolk am Sonntag vergnügte – vergnügen musste, berichten die einen, vergnügen durfte, die anderen. Einige Jahre lang war das Chalet das gesellige Zentrum der Ermitage. Die vornehmen Besucher wurden dort nach dem anstrengenden Rundgang bewirtet. Und sie verfolgten aus sicherer Distanz das fröhliche Treiben des Bauernvolks. Man kann auch lesen, dass sich im Chalet eine Lanze oder Hellebarde befand, die bei der Schlacht von Sempach dabei war ... und ein Alphorn. Soviel zum Schweizbild der vornehmen Leute.
Und die einfachen Leute? Darüber weiss man wie üblich nicht so viel. Aber es gibt Quellen, die berichten, die Bauern hätten sich nicht so gerne zur Schau gestellt auf dem Spielplatz vor dem Chalet. Und im Februar 1791 brannte es nieder. Die genauen Hintergründe wurden nie aufgeklärt, aber man nimmt an, es sei Brandstiftung gewesen und die Aktion habe einen revolutionären Hintergrund gehabt. Es gibt auch Berichte, die besagen, die Bauern hätten das Feuerspektakel offensichtlich genossen. Die revolutionären Ideen, die damals die Bauern bewegten, stammten wohl eher von der französischen Revolution und nicht von den alten Eidgenossen. Immerhin wird auch berichtet, die Brandstifter hätten die symbolträchtige Hellebarde und das Alphorn neben das Chalet gelegt, bevor sie es anzündeten. Das «Chalet suisse» wurde übrigens im Zuge der Restaurierung der Ermitage nicht wieder aufgebaut.
Eine andere Quelle, die ich in solchen Fragen gerne konsultiere, sind Sagen. Die Sammlung «Baselbieter Sagen» von Paul Suter und Eduard Strübin zum Beispiel. Dort liest man viel über die Franzosenzeit (1792 bis 1815). Napoleon erscheint dort als grosser Held. Es ist auch von Einquartierungen und von vergrabenen Schätzen die Rede. Und in Zusammenhang mit dem Russlandfeldzug (1812) geht es dann um Männer, die zum Kriegsdienst gezwungen werden und nie mehr nach Hause zurückkehren. Zu den Jahren um 1815 fand ich interessanterweise keine Sage. Über die Kantonstrennung ab 1830 gibt es dann aber wieder viel Material.
Ich bin kein Historiker, ich interessiere mich für die Geschichte der Geschichten, für das Schweizerhaus, für die Sagen. Und dann wäre da noch der Primsatz, wie das der Kabarettist Joachim Rittmeyer sagen würde. Wie lautet der Primsatz zum Thema «Birseck 1815»? – «Wurde zugeschlagen», würde ich sagen. «Das Birseck wurde dem Kanton Basel ZUGESCHLAGEN.» Was besagt das? – Zuerst einmal fällt auf, dass es passiv ist. Die Birsecker haben nicht gehandelt, sie wurden behandelt. Das tönt nicht nach heldenhaftem Freiheitskampf. «Zugeschlagen» tönt mehr nach Auktion und Versteigerung.
Ich schliesse aus diesen Beobachtungen, dass die Birsecker damals froh waren, dass die kriegerische Franzosenzeit vorbei war, dass sie zwar nicht viel dazu beitrugen, Schweizer zu werden, dass sie aber auch nichts dagegen hatten.
Text: Jürg Seiberth, Reproduktion: Martin Friedli