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Denkmäler und Kopfnoten
Mort à Madrid. Im Februar 1869 meldete die Pariser Zeitung Le Gaulois den Tod des »célèbre historien Allemand Bergenroths [sic!]«. William Cornwallis Cartwright, ein Freund und Bewunderer des Verstorbenen, der »Gustave Bergenroth« ein Jahr später eine Memorial Sketch, eine Erinnerungsskizze, widmete, urteilte, was dessen Ruhm anging, nüchterner. Wahrscheinlich werde unter hundert, die auf dem Titelblatt Bergenroths Namen läsen, nicht einer sein, der ihn schon einmal gehört habe. »Der großen Öffentlichkeit war er unbekannt.« Was Bergenroth in den achteinhalb Jahren seit der Ankunft in Simancas vor allem aus dessen Beständen, aber auch aus anderen europäischen Archiven unter schwierigen Umständen, in mühevoller Arbeit und gegen große Widerstände von Archivaren und Beamten ans Licht gebracht hatte, war nicht von der Art, die den normalen Leser vom Hocker reißt: Zwei Bände mit Regesten (Zusammenfassungen) von Quellen zu den englisch-spanischen Beziehungen in der frühen Neuzeit, außerdem einen Supplementband mit Ergänzungen. Seine Einleitungen, die alte Geschichten neu und anders als gewohnt erzählten, erregten vor allem in der Fachwelt Aufsehen. Die sonstige gedruckte Hinterlassenschaft bestand aus einigen Aufsätzen und Rezensionen zu verschiedenen Fachgebieten, die verstreut in deutschen und englischen Zeitschriften erschienen, also dem Vergessen anheimgegeben waren. Das große, eigenständige Werk, eine Monographie über Karl V., das er nach jahrelangen Recherchen kurz vor seinem Tod begonnen hatte, blieb ungeschrieben. Es hätte ihn zweifellos berühmt gemacht, meint Cartwright. So aber
In welchem Mißverhältnis Ruhm und Bedeutung einer Person stehen können, dafür war und ist Bergenroth ein so schlagendes Beispiel, daß sein Biograph darüber ins Schwärmen geriet (und Pegasus mit ihm durchging). »Er war nicht nur ein bemerkenswerter Mann, er war ein ganz außergewöhnlicher Mann, der eine Fülle der verschiedensten, merkwürdigsten, scheinbar nicht zu vereinbarenden Fähigkeiten und Eigenschaften in sich vereinigte«, beginnt er seine Erinnerungsskizze.
Cartwright, geboren 1825 als ältester Sohn eines englischen Diplomaten und einer bayrischen Grafentochter, war zweisprachig und in zwei Kulturen aufgewachsen. So konnte er mit den deutschen Freunden und Verwandten Bergenroths korrespondieren und sie um biographische Informationen bitten. Die Familie in Thorn dort lebte Bergenroths Bruder Julius, ein Gymnasiallehrer, mit der 82jährigen Mutter und der Schwester Louise half mit Briefen, am wertvollsten aber war für Cartwright ein Lebenslauf Bergenroths, den ihm dessen ehemaliger Freund Paul Friedmann zuschickte, ehemalig deshalb, weil sich Friedmann und Bergenroth ein paar Monate vor dessen Tod zerstritten hatten. Er bildet gleichsam das Skelett der Biographie, die Cartwright mit dem Fleisch von Briefen und Texten Bergenroths umkleidete und mit seiner bewundernden Zuneigung erwärmte. Das Ergebnis ist ein so lebendiges, anschauliches Portrait, daß man als Leser erst einmal nichts vermißt, obwohl es bei näherem Hinsehen große Lücken aufweist.
»Es ist nicht mehr als eine Skizze, weil alle Materialien für eine reichhaltigere und vollständigere Biographie unzugänglich sind«, bemerkte der Rezensent der Londoner Times. »Aber es ist die Skizze eines höchst bemerkenswerten, interessanten Charakters, und selbst diejenigen, die zu seinen Lebzeiten nie von Bergenroth gehört haben, werden sicher gern der Laufbahn eines Mannes von unbezweifelbarem Genie folgen, dessen Wesen von ganz außergewöhnlichem Zuschnitt war.« Normalerweise unterscheide man zwischen Männern des Geistes und Männern der Tat, Bergenroth aber sei eine verblüffende Ausnahme von dieser Regel gewesen, ebenso fähig, mit einem Grizzly zu kämpfen wie mit einem unverständlichen Manuskript in einem spanischen Kastell. »Er war so etwas wie ein moderner Cerberus, drei verschiedene Männer zu einem verbunden, gebildet aus so gegensätzlichen Charakteren wie Falkenauge aus dem Lederstrumpf, Camille Desmoulins, dem Jakobiner-Literaten von 1789, und einem Gelehrten wie Professor Porson oder Sir Francis Palgrave.«
Ein ähnliches Bild vermittelt der etwa dreißig Seiten umfassende Nekrolog auf Bergenroth, der, ebenfalls 1870, in der Altpreußischen Monatsschrift erschien. Hinter dem anonymen Verfasser verbirgt sich sein Bruder Julius.
Abb. 3: Julius Bergenroth, Bergenroths Bruder und Biograph
Bis heute sind das meines Wissens die beiden einzigen größeren Veröffentlichungen zum Leben Bergenroths geblieben. Für den in England lebenden Deutschen fühlten sich weder sein Vaterland noch seine Wahlheimat zuständig, das übliche Schicksal von Emigranten. Die Verfasser von Handbuch- und Lexikonartikeln über Bergenroth haben daraus geschöpft, allerdings ohne sich die Wertschätzung seiner ersten Biographen zu eigen zu machen. Daß er Autodidakt war, sein historisches Handwerk also nicht an Universitäten gelernt hatte, spielte dabei sicher eine nicht unerhebliche Rolle, ebenso wie seine linksliberale Gesinnung und sein ungewöhnlicher Lebenslauf, über den wilde Gerüchte kursierten. Vor allem aber war es Bergenroths ganz eigene, unkonventionelle Sicht der Geschichte, die seine Kollegen um so mehr schockierte und verunsicherte, als sie seinen Scharfsinn und sein Wissen anerkennen mußten. Der Historiker Reinhold Pauli nutzte seinen Beitrag in der Allgemeinen Deutschen Biographie (1875), um mit dem »stattliche[n], herrlich begabte[n], jedoch von starken unklaren Trieben beseelte[n] Menschen« abzurechnen, der zwar Großartiges geleistet, aber auch die Frechheit gehabt hatte, in »maßloser Ueberhebung« eine Autorität wie den gefeierten Ranke zu kritisieren und effekthascherisch und sensationslüstern historische Berühmtheiten und Ereignisse in ungewohnter Düsternis erscheinen zu lassen. Also in etwa so, wie die politische Kaste uns heute in der Fernsehserie House of Cards vorgeführt wird.
Ein Urteil, das von den Nachgeborenen oft ungeprüft übernommen worden ist. »Als wenig ausgeglichener Charakter fand er daran Gefallen, die führenden Historiker Ranke, Mignet u. Gachard zu schulmeistern; in der Einleitung seiner recht verdienstvollen Quellenwerke ergötzte er sich an der ausgebreiteten Schilderung sittlicher Verkommenheit«, rügt der Kirchenhistoriker Victor Conzemius. Johannes Hönig, der Biograph des Rom-Historikers Ferdinand Gregorovius, spricht wegwerfend vom »abenteuernden Geschichtsschreiber Bergenroth«. Noch der Eintrag im Oxford Dictionary of National Biography von 2004 (!) bescheinigt Bergenroth zwar immensen Fleiß und stellt fest, er habe mit seinen Forschungen Geschichte geschrieben, aber auch, es habe ihm »an Augenmaß« gefehlt!
Es versteht sich von selbst, daß Bergenroth kein Heiliger war, aber die ignorante, oberlehrerhafte Art, mit der er bis in unsere Tage abgekanzelt wird, ist ärgerlich und fordert Widerspruch heraus. Gut 150 Jahre nach seinem Tod und Cartwrights Memorial Sketch scheint es mir dringend an der Zeit, diesen »modernen Cerberus« von »unbezweifelhaftem Genie« in das ihm gebührende Licht zu rücken. Ich erzähle von einem deutschen Kosmopoliten mit einem außergewöhnlichen und damit zugleich auch exemplarischen Lebenslauf, denn außergewöhnliche Biographien waren im 19. Jahrhundert fast so etwas wie Normalität. Die politischen Verfolgungen der Metternich-Ära und die Revolutionen von 1848/49 haben nicht nur in deutschen Landen viele engagierte Demokraten ins Exil getrieben und ihre Biographien geprägt. Wir hören von Elend und Verzweiflung, harten Überlebenskämpfen, Neuanfängen und märchenhaft anmutenden Karrieren. Nehmen wir nur Carl Schurz, der es nach seiner Flucht in den USA bis zum amerikanischen Innenminister gebracht hat. Bergenroths Weg vom preußischen Gerichtsassessor aus Masuren zum...