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In einem Wohnzimmer voller Bücher irgendwo in Tokio hängt ein grosses Bild. Es zeigt eine anmutig ins Profil gesetzte junge Frau mit Haarknoten und einen Papagei. Sujet: Das Mädchen lehre den Papagei sprechen, sagt der freundliche Professor, dessen schlohweisser Altherrenschnauz das Verwegenste an ihm ist. Gerade umgekehrt, meint des Professors sehr junge nächtliche Besucherin, sie hätte gedacht, der Papagei lehre die Frau sprechen. Wer lehrt hier nun also wen sprechen – und was?
Die Frage berührt als Small Talk das Zentrum von Abbas Kiarostamis neuem Film. Was ist das Sujet – oder handfester nach der Wirklichkeit gefragt: Was ist Sache? Wer verkörpert was für wen, und was ist (An-)Schein, was Sein? Typische Fragen für den aus der namhaften iranischen Schule der neunziger Jahre stammenden Regisseur. In Le goût de la cerise etwa hatte die gezeigte Filmarbeit selber die “dokumentarisch” behauptete Wirklichkeit der Fiktion aufgerissen: Die Realität und ihr filmisches Abbild irrlichtern ineinander und entblössen Fragilität und Persönlichkeit des künstlerischen Prozesses. In seinem jüngeren Werk des Exils spielt Kiarostami inzwischen auf einer mehr psychologischen Ebene mit Wahrnehmung und Ambivalenz des Bildes. So in der rätselhaften toskanischen Paargeschichte zwischen Juliette Binoche und William Shimell in Copie conforme, und nun, in Japan, In Like Someone in Love. Bereits die Filmtitel sprechen für sich.
Die Eingangssequenz von Like Someone in Love: eine nächtliche Barszene in Tokio mit einer nicht zu ortenden Stimme ausserhalb des Bildraums. Gerade dadurch aber schärft sie unsere Aufmerksamkeit. Eine junge Frau spricht offensichtlich am Telefon mit ihrem misstrauischen Freund. Akiko hat ein Treffen mit ihrer Grossmutter aus der Provinz vereinbart, anderntags eine Prüfung vor sich und wird von einem älteren Herrn (einem früheren Kunden?) freundlich, aber unerbittlich zu einem Escort genötigt, der sie vor ihrem Freund zum Lügen zwingt. Noch herrscht jene Unübersichtlichkeit vor, die sich danach als Vieldeutigkeit etabliert.
Visuell entsprechen ihr die Kameraarbeit von Katsumi Yanagijima und der Schnitt von Kiarostamis Sohn Bahman auch in ihrer Musikalität hypnotisch schön. Im nächtlichen Tokio kriechen die langsamen Lichtspuren und -spiegelungen der Boulevards und Fassaden ständig über die Gesichter hinter reflektierenden Autoscheiben. Und in den kulissenhaften Interieurs (Bar, Wohnung, Werkstätte) gehen die Figuren fast verloren und sind gleichzeitig in äusserster Konzentration exponiert und gebannt: Menschen, auf nichts als sich selber reduziert.
Der alte Professor Takashi hat die Studentin eine Nacht lang herbestellt. Mag er auch zwei Tischkerzen entzündet und ihr eine Suppe aus ihrer Heimat zubereitet haben, bevor es unter die Decke an die Wärme geht: Sache ist ein Geschäft, zwischen einem Alten, der viel Geld, und einer Jungen, die keines hat, deshalb ihren Körper verkauft und, bildhübsch wie sie ist, offenbar für die ganze Welt ausser ihren Freund eine Projektionsfläche für Sehnsucht darstellt. So weit, so normal – heisst eben: geschäftlich. Wunderbar zeigt Kiarostami, wie durch kleine Irritationen dieser Geschäftsbeziehung durch das private Umfeld von Akiko und Takashi bei einigen dummen Zufällen ausgerechnet jene Intimität sich wirklich einschleicht, welche die Escort-Situation cool umgeht und als Erotik zugleich so trügerisch simuliert. «Bump into things like someone in love» singt die betörende Ella Fitzgerald im titelgebenden Song.
So lernen wir, dass Takashi ein lebenskluger und lebenserfahrener alter Mann von diskretem Herzen ist, Akiko ein etwas verlorenes Grossstadtgeschöpf aus der Provinz und Noriaki ein etwas armer reiner Tor, der sich und seine Verlobte in die vermeintlich sicheren sozialen Verbindlichkeiten der Ehe zu retten versucht, um der Auflösung aller Verbindlichkeiten zu entgehen. Das ist mit Ernsthaftigkeit und Einfühlung erzählt, nie auf Kosten des jungen Mannes, und teilt einiges mit über die Risse im sozialen Gefüge starrer Moralvorstellungen und die beherzten, aber untauglichen Versuche, sie mit verengtem Blick zurück zu kitten. Die Geschichte kommt japanisch daher und ist doch universell.
Abbas Kiarostami ist in diesem meisterlich feinen Film so wenig auf Moral aus, wie ihn das sexuelle Lüsternheitspotential Alter-Mann-und-junge-Studentin nicht interessiert. Darin ist er Isabel Coixets und ihrer zarten Philip-Roth-Verfilmung Elegy vergleichbar. Als sich der Professor gewissermassen enttarnt sieht, rettet er sich und Akiko in kleine Notlügen und spielt verklausuliert einen Grossvater, der er in einem philosophischeren Sinne für die beiden Jungen auch ist. Die schöne Alltagsweisheit des Alters lässt ihn der zweiundsiebzigjährige Regisseur freilich schon markieren – schmunzelnd nachsichtig gegenüber der Studentin (seines Fachs), die Darwin mit Durkheim verwechselt, leise insistierend gegenüber den auf Sand gegründeten Absichten des jungen Mannes, Akiko zu heiraten, nur um sie so an sich zu binden. Letztlich aber geht auch seine Weisheit nicht ganz über jene von Doris Day hinaus: «Que sera sera, what ever will be, will be …» versucht er die Kleine im Auto einmal zu trösten, und die schaut ihn an wie von einem andern Stern.
Und Noriaki? Er rastet aus, das Mädchen findet beim Alten vergeblich Unterschlupf. Als hätte sich Abbas Kiarostami von der Sympathie für seine Figuren gewaltsam losreissen müssen, lässt er seinen stillen Film schockierend jäh enden. Am Festival von Cannes hat das einen Teil der Kritik verstört: Jetzt würde die Geschichte zwischen den drei Menschen doch erst anfangen, wurde moniert. Für auf den Plot fixierte Menschen ist das richtig. Aber gesagt ist in diesem Film, zwischen den Zeilen, längst alles.