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Wie gestaltet man seinen Alltag und lebt sich wieder ein, wenn man über 2 Jahre unterwegs auf Reisen war? Heather und Dave haben den schwierigen Einstieg zurück ins Alltagsleben unterschiedlich bewältigt.
Eines der Dinge, die Dave und ich am meisten vermissten, als wir mit Motorrädern um die Welt reisten, waren unsere Kissen. Seltsam, aber wahr.
Aber die Kissen symbolisierten mehr als nur Memory Foam. Kissen zu haben bedeutet ein Bett zu haben, was auch bedeutet, ein Zuhause zu haben. Ein Ort mit einem Kühlschrank, gefüllt mit mehr als nur ein paar stärkehaltigen Lebensmitteln und Hühnchen (nie reisen, wenn man kein Huhn mag); die Getränke wären kalt und in grosser Auswahl vorhanden.
Ein Zuhause zu haben bedeutet auch ein Badezimmer mit Dusche zu haben, wo wir die Wassertemperatur regeln könnten, wie es uns gefällt. Wir könnten eine Toilette benutzen, die kein stinkendes dunkles Loch in den Dielen unter einer Hütte in der Mongolei ist oder eine Porzellan-Hockgrube in Afrika mit einem Wassereimer und einer Toilettenbürste, um die Ausscheidungen wegzuspülen.
Diese Gedanken quälten mich, während ich durch die Namibwüste fuhr oder unbequem neben Dave in einem weiteren fremden Bett lag, das uns wie einen Taco zusammenfaltete.
Wir sollten das nicht mehr wollen. Wir sollten aufgeklärte Minimalisten sein. Aber nur weil Dave und ich auf unseren Bikes durch Elendsviertel in Afrika fuhren und zwei Jahre lang in derselben Kleidung lebten, bedeutete nicht, dass wir weniger materialistisch waren. Wir wollten immer noch unseren Kram. Sogar mehr als früher. Das Problem war, dass das meiste von dem “Zeug” weg war.
Vor unserer Abfahrt verkauften Dave und ich fast alles, was wir besassen: Daves Haus, mein Geschäft, unsere Autos, Motorräder, Ausrüstung und alles andere an Freunde und Fremde – damit wir uns das Abenteuer leisten konnten und sich keine horrenden Kreditkartenrechnungen anhäuften.
Obwohl es damals sinnvoll war, das Bankkonto aufzustocken, besassen wir jetzt kaum mehr als ein paar eingelagerte Kisten. Und wo waren wir jetzt zuhause? Dave und ich begannen im Prinzip bei null, wenn auch schuldenfrei. Bevor ich im Herbst 2015 in unser Abenteuer eintauchte, lebte ich in Vancouver, Kanada, wo ich ein Kunst- und Kulturmagazin herausgab, das ich 10 Jahre zuvor in Revelstoke gegründet hatte. Dave lebte in Bellingham, Washington, und hatte sich auf Küchen- und Badrenovationen spezialisiert. Wir waren vor unserer Abreise sehr glücklich mit unserem Leben und sahen diese Reise sicherlich nicht als Flucht vor Problemen im Alltag (ausser dem frustrierenden Pendeln über die Grenze, um uns zu sehen). Deshalb dachten wir, dass wir nach unserer Rückkehr unser Leben einfach wieder aufnehmen könnten, auch ohne Haus, Job oder Auto. Wir könnten diese Dinge wieder erwerben, wenn wir zurückkämen. Es war nur Zeug.
Die Entscheidung, eine solche Reise zu unternehmen, fiel zur idealen Zeit, da sowohl Dave als auch ich den Wechsel in eine neue Lebensphase suchten. Wir führten seit etwas mehr als einem Jahr eine Fernbeziehung, als wir mit der Planung der Reise begannen. Ich liebte es Autorin und selbständig zu sein, aber mein bescheidenes Magazin war 10 Jahre alt und brauchte die Art von Veränderung, zu der ich nicht bereit war. Ich suchte nach einer Möglichkeit, mich ehrenhaft aus etwas zurückzuziehen, das mir am Herzen lag und für das ich nicht mehr die Energie hatte.
Dave war geschieden und lebte im selben Haus, in dem er mit seiner Exfrau gewohnt hatte, die ausgezogen war und ihn alleine zurückliess. Er und sein Vater hatten im Laufe der Jahre erhebliche Stunden und Energie in den Umbau des Hauses gesteckt und Daves Vater konnte nicht verstehen, warum Dave das Haus verkaufte, da er doch zurückkäme. Es war eine schwere Entscheidung, aber zum einen wollte Dave sich nicht sorgen müssen, wenn er es für zwei Jahre vermietet hätte. Der andere Grund war, dass wenn wir gemeinsam zurückkehrten (was wir hofften, nachdem wir über 700 Tage Seite an Seite verbracht hatten) wir einen Ort wollten, der ganz allein uns gehört.
Rückkehr in Etappen
Ausserdem stürzten wir uns ins Ungewisse – warum sollten wir uns mit zusätzlichem Stress belasten?
Aber würden wir immer noch so denken, wenn wir nach Nordamerika zurückkehrten und sesshaft werden wollten? Am 26. August 2017 erreichten Dave und ich unser letztes Ziel in Magadan, Russland und mussten der Heimreise ins Auge schauen.
Dave flog einige Tage später von Moskau nach Seattle und zog in das Haus seines Vaters in Arlington, Washington, ein. Mietfrei wohnen klang zwar toll, aber Dave müsste fast zwei Stunden am Tag pendeln, um in Bellingham oder der Gegend um Seattle zu arbeiten, und bräuchte ein Fahrzeug, sobald er landete. Also wurde ein Toyota Tundra finanziert.
Ich hingegen wollte die Realität (noch) nicht wahrhaben und zögerte meine Rückkehr nach Vancouver um einen Monat hinaus, hielt im Osten Kanadas an, um eine meiner besten Freundinnen und meine Schwester zu besuchen, dann weiter nach Radium Hot Springs, British Columbia, um meine Eltern zu sehen, die während meiner Abwesenheit umgezogen waren. Obwohl es reizvoll schien, in die Komfortzone zurückzukehren und alles haben zu können was ich wollte, waren Job- und Wohnungssuche nicht das, worauf ich mich freute.
In Vancouver wurde vorübergehend die Wohnung einer Freundin frei. Ich zahlte ihre Miete, während sie sechs Wochen lang unterwegs war. Die Ironie war mir bewusst. Eine Woche später hatte ich einen Job: einen schlecht bezahlten, anstrengenden, arbeitsintensiven Job – überladene Behälter mit organischen Lebensmitteln an Haushalte und Unternehmen liefern. Ich begrüsste die körperliche Arbeit ohne Bildschirm, weil ich meine gesamte Freizeit, minus Wochenenden, am Computer verbringen würde, um ein Buch über unsere Reise zu schreiben. Die Vorteile des Lieferjobs waren draussen zu sein, ohne dass ein Chef mir den ganzen Tag über die Schulter schaute, Musik oder Podcasts zu hören und dafür bezahlt zu werden, im Stau zu sitzen. Nach drei Monaten hätte ich auch Anspruch auf erweiterte Gesundheitsleistungen, etwas, das ich in meinem Erwachsenenleben noch nie hatte.
Aber all das war nichts im Vergleich zu dem, was ich vor kurzem erreicht hatte: in 708 Tagen 93‘741 km durch 40 Länder zu reisen. Nach all der Aufregung zurück in einem Job, den ich nicht wirklich mochte, hellte meine Stimmung während des trüben Westküstenwinters nicht wirklich auf.
Vom Abenteuer zurück in den Alltag
Dave und ich begannen auch bei unseren Bankkonten wieder bei null, nachdem wir das ganze Geld, das wir gespart hatten, in Motorräder, Motorradbekleidung, Motorradmodifikationen und eine Motorradreise investiert hatten. Es war, als wäre man bankrott. Jetzt zurück in Vancouver, erhielt ich einen Dollar pro Stunde über dem Mindestlohn. Davon würde ich so schnell keine neuen Rücklagen bilden können.
Aber ich hatte gelernt, nicht aufzugeben, wenn mir etwas nicht passte: das Ergebnis von fast zwei Jahren auf einem grossen Motorrad und einem Endziel vor Augen. Und das führte ich zuhause fort. Ich behielt meinen Job, weil es vernünftig war und konzentrierte mich darauf, täglich an meinem Buch zu schreiben.
Als ich die Wohnung meiner Freundin in Vancouver verlassen musste, fand ich eine hochpreisige Souterrainwohnung in Burnaby, einer Nachbarstadt, weit weg von Strand und Freunden, aber näher am Arbeitsplatz. Ein Rückschritt: Vancouver hatte seinen Reiz für mich verloren – der Verkehr und die Menschenmassen waren anstrengend. Am meisten hasste ich den öffentlichen Nahverkehr – nach über 20 Jahren mit eigenem Auto war das gewöhnungsbedürftig.
Gerade noch konnte ich mich auf zwei Räder schwingen und die Welt bereisen; wenn ich jetzt Freunde besuchen wollte, musste ich dreimal umsteigen, eingequetscht zwischen Leuten mit Mundgeruch oder Grippe, so dass ich meinen Keller kaum verliess. Meine F800GS konnte ich auch nicht fahren, weil sie in Arlington neben Daves Maschine stand, seit sie nach sechs Wochen Reise über den Pazifik von Wladiwostok zurück nach Seattle war. Es ist sowieso ein amerikanisches Bike und ich müsste es importieren, um in Kanada fahren zu können. Ohne die Freiheit auf Rädern fühlte ich mich gefangen wie ein Einsiedler. Im Alltag gab es wenig, was mich begeisterte, von montags bis freitags freute ich mich auf Samstag und Sonntag, wie fast alle in der Arbeitswelt. Ich fühlte mich nicht wohl dabei, nur aufs Wochenende reduziert zu werden.
Im Alltag leben, vom Abenteuer träumen
Dave kehrte heim wie ein hechelnder Hund, der Schatten sucht. Wir waren beide müde von der Reise, als wir Magadan erreichten. Er liebte seinen Job, hatte Projekte in Aussicht und freute sich auf die kommende Skisaison. Er lebte sich wieder gut ein, verlor aber nicht seinen Abenteuergeist. Nachts am Telefon sprachen wir über zukünftige Reisen, die wir gemeinsam unternehmen wollten: eine mehrmonatige Autofahrt durch die ’Stans, Skitouren in Patagonien, den Elbrus besteigen. Ihm fehlte auch sein altes Haus. Dave wollte sich in den Markt zurückkaufen, aber die Immobilienpreise waren seit unserer Abreise deutlich gestiegen. Nicht nur sein altes Haus war jetzt teurer, er fand auch nichts Erschwingliches in der Gegend.
In der Zwischenzeit erlebte ich meinen schlimmsten Albtraum, zumindest zu Beginn. Das letzte Mal, dass ich meinen Job hasste, war vor über 20 Jahren, als ich mit 19 nach Banff, Alberta, zog und als Haushälterin arbeite. Alle Jobs danach liebte ich – als Assistentin des Küchenchefs in einer Heli-Skihütte (kostenloses Heli-Skifahren inklusive), persönliche Köchin für Backcountry-Skigruppen, Wildwasser-Rafting-Guide, Autorin, Verlegerin, Geschäftsinhaberin. Nun musste ich wie alle anderen arbeiten, um die Miete zu bezahlen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren in einer Stadt, die ich nicht mochte, war nicht nur Zeitverschwendung, das war auch nicht ich. Was war nur los? War das die logische Folge des Verkaufs all meiner Sachen, damit ich um die Welt reisen konnte?
Mein Leben hatte sich verändert, oder zumindest das, was ich vom Leben erwartete. Die Stadt, die ich einst wegen ihrer Nähe zu den Bergen und dem bunten Chaos geliebt hatte, war heute nur noch eine Ansammlung von Gebäuden, in denen Zombies eng aufeinander lebten und arbeiteten. Ich sah nur die negative Seite. Meine Freunde waren entweder weggezogen oder nur umständlich zu besuchen, weil ich weiter weg lebte und kein Auto hatte.
Ich sagte mir, dass all dies – das teure Souterrain, der schlecht bezahlte Job und die überfüllten Busse – vorübergehend war. Es gefiel mir nicht, aber das musste es ja auch nicht. Sich wieder in die Stadt zu verlieben, würde das, was vor mir lag, viel schwieriger machen.
Neue Hürden des Alltags
Vielleicht man sich jetzt, warum Dave und ich nicht zusammenzogen; das war schliesslich der Plan gewesen und wir hatten gerade gemeinsam viel erreicht. Wir hatten uns sogar im April 2017 auf dem Gipfel des Kilimandscharo verlobt. Vor unserer Reise sprachen wir darüber, unser Leben in Bellingham gemeinsam wieder aufzunehmen. Der Plan war zu heiraten, ein Haus zu bauen und auch wieder Sachen zu kaufen.
Aber so einfach war es nicht. Niemand kann einfach in ein anderes Land ziehen, ohne Hürden zu nehmen. Nach unserer Rückkehr liessen wir einen Einwanderungsanwalt ein K1-Visum beantragen; welch ein unromantischer Begriff für das Visum für Verlobte. Auch warteten wir nun auf meine Einreisegenehmigung in die USA, Wartezeiten zwischen sechs Monaten und einem Jahr sind üblich.
Das Warten ist echt nervig; in der Zwischenzeit behelfen Dave und ich uns mit Wochenendbesuchen und Fernkommunikation, wie zu den Zeiten unserer ersten Verabredungen. Es ist ein seltsames Gefühl, in unserer Beziehung einen Schritt zurück zu gehen und gleichzeitig gemeinsam an unserer Zukunft zu arbeiten.
Unsere Weltreise war manchmal schon stressig. Am Ende waren Dave und ich ganz verrückt danach, zu einem Gefühl von Beständigkeit zurückzukehren, nachdem wir so viel Zeit in völliger Ungewissheit verbracht hatten. Zum Glück war Beständigkeit in Nordamerika im Überfluss vorhanden. Schon wenige Monate nach meiner Heimkehr begann ich, meine Situation zu akzeptieren. Obwohl vorübergehend, war dies immer noch mein Leben. Ich lernte meinen Job mehr zu schätzen: die Vergünstigungen, zeitliche Flexibilität, den regelmässigen Gehaltsscheck alle zwei Wochen.
Nach dieser Art von Sicherheit sehnte ich mich selten. Vor der Reise, mein ganzes früheres Leben lang, floh ich vor allem Vorhersehbaren und Unveränderlichen wie vor einem Bienenschwarm. Ich spürte, wie das lange Abenteuer mich verändert hatte. Stabilität war schön. Mein Souterrain war bequem, meine Vermieter im Obergeschoss waren grossartig und ich hatte ein sauberes Badezimmer, eine funktionierende Küche und genug Platz für meine Sachen, hauptsächlich das, was Dave über die Grenze mitbrachte oder was ich in den letzten zwei Jahren auf dem Motorrad dabei hatte. Alles andere was wir besassen, war immer noch in Kisten oder unzugänglich hinter Bettgestellen und einer hässlichen Couch, die Dave unbedingt behalten wollte, verpackt.
Abenteuer im Alltag
Auch Dave freundete sich mit unserem neuen Leben an. Obwohl er es hasste, im Job so viel zu fahren, dazu fast jeden Freitagabend über die Grenze und Montagmorgen wieder zurück, konnten wir an unseren Wochenenden wieder gemeinsam Abenteuer erleben, im Hinterland Ski- oder mit Mountainbikes in die Berge fahren. Ein Pop-Up-Dach auf dem Toyota Tundra, Fahrräder oder Skier unter der Markise, Scotch aus dem Duty-Free-Shop und Kettle-Chips – so hatten wir uns das Leben nach unserer Heimkehr vorgestellt. Das Einzige was fehlte war, im selben Land zu leben.
Ob wir bedauern, alles verkauft zu haben, was wir jahrelang angehäuft hatten, nur um 24 Monate reisen zu können? Im Nachhinein hätte Dave wahrscheinlich sein Haus behalten, aber sonst, nein. Erfahrung kostet Geld. Wir sind noch jung genug, um neu zu beginnen. Unser finanzieller Notgroschen war auf Embryogrösse zusammengeschrumpft, aber kann man mit Gold aufwiegen, in Bogotá zufällig in einem grossartigen Restaurant zu landen, nachdem man sich verlaufen hat, oder eine Giraffe zu beobachten, die mit deinem Motorrad in Namibia um die Wette rennt? Oder was ist mit dem einsamen Campingplatz umsonst an der Küste von Baja an Heiligabend, oder einem Heiratsantrag auf dem Berg in Tansania?
Unser Alltag heute ist weit entfernt von dem epischen Abenteuer der letzten zwei Jahre, aber je mehr man die Rückkehr nach Hause schätzt, desto besser muss die Reise ausserhalb der Komfortzone gewesen sein.
Obwohl Dave und ich weiterhin unvorhersehbar leben, hat das nichts damit zu tun, materielle Dinge loszulassen, um zu reisen. Sondern alles damit, wohin uns das Leben nach der Reise geführt hat. Obwohl wir den tiefen Drang nach ein wenig Beständigkeit verspürten, waren wir zufrieden. Heimkehren ist immer beruhigend, auch wenn dein Zuhause nicht so ist, wie du es verlassen oder erwartet hast. Schliesslich kann man sich überall zu Hause fühlen.
Aber eines ist sicher: Jedes Mal, wenn Dave seinen Duffel-Bag packt und das Haus seines Vaters verlässt, um das Wochenende mit mir zu verbringen, wird er richtig sauer, wenn er sein Kissen vergisst.
Anm. d. Redaktion Heather ihr K1-Visum für Verlobte kürzlich erhalten und lebt nun glücklich mit Dave in Washington.