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Auf dem einen Betonpfeiler der Dreirosenbrücke – etwa vier Meter entfernt von der Fussgängerpassage – liegt ein Einkaufswagen auf dem Einkaufswagenbauch. Also, auf der Seite, wie in der Bewusstlosenlagerung. Wenn man das so sagen kann. Ich sehe ihn jedes Mal, wenn ich die Grenze passiere zwischen Coiffeursalons mit halbkreativen Namen wie „Lockeria“ zu der Postleitzahlzone, in der dir Coiffeur Bülent (Himself?), unabhängig von deinen Detailwünschen, für 20 Franken dieselbe 15mm-Frisur macht, die er selbst hat. Diese Effiliergrade und Schnittführungslinien grenzen die beiden Postleitzahlen voneinander ab. Sobald ich die Grenze nach 40sibenefuuscht überschreite, verlier ich mich, bin zu kaum einer produktiven Handlung fähig. (Da ich keine Imaginationskraft habe, schreibe ich auf der Dreirosenbrücke. Ein Biker in Thermoskleidern schwäbelt schon im Anhalten: „Eine Frog: Hesch du mir en Zigi?“ „Ja eh.“ „Kiffsch du?“ „Grad jetz nid, aber mengmol scho.“ „Wötsch e chli Peace ha?“ „Sägi au nid nei.“ „Weisch wenn me öppis nimmt, söll me au öppis gäh.“)
In 4057 besuche ich nur Erinnerungsschwangerschaften, meine Kraftorte. Oder ich versuche die Weiche runterzudrücken, um die Güterbahnzüge zu stoppen. Ruhe im Quartier. Ich fühle mich, wie ich mich jedes Mal fühle, wenn ich ein Kandelaber sehe und das Licht einen Kristallkegel formt. Ich fühle mich, als wäre ich das erste Mal auf LSD und ich bin froh, dass es damals wie jetzt nicht geklappt hat, die Weiche umzustellen. Ich trinke Ginger Beer in der Konzeptbeiz mit Blick auf die Parzelle, auf die sich „Uferlos“ früher ausgedehnt hat. Ich denke daran, wie ich noch Sitzung hatte, nach Basel zurückgefahren war, in einer Demo das Zersplittern von Scheiben passiv unterstützt hatte, ich jemandem eine Flasche Wein versprochen, einen Mittrinker organisiert hatte und - nach versprochenem Alkohol und der Trockenheit hinterher - morgens um halb Drei über Fotos von guten Freunden brütete, die von Demopolizisten kopfüber gehalten werden. Über Bilder von Feuer und Kabelbindern. Und von den Bärten, die in sieben Tagen Squatting im Solidaritätscamp gewachsen waren. Mein Bart wird auch gestutzt, aber nur selten und ich schwelge nicht, stolpere nicht über Stoppeln, sondern gehe weiter. Passiere den Büroblock mit dem prägnantesten Slogan des Landes - „Hier lebt ihr Unternehmen!“ - denke kaum an Flussuferstellen, die ich früher Mal mit dem Fischer Price-Remake von Polaroidkameras festgehalten hatte. Fotos von Gefühlen, die weitergedacht hatten als bis zum nächsten Sinneseindruck. Und ich denke gerne an diese Erinnerung, lasse sie gerinnen, friere mich ein an diesem Ort. Bleibe im Freeze, in dem ich trotz Lamidstaub und Pharmahorizontlinien und den amerikanischen Touris vom Viking Cruise-Schiff leben will wie sonst nur in einem Bob Dylan-Lied („One too many mornings“ auf dem Album „The Times they are a-changin'“).
Ich tappe, tapse, laufe, tschalpe, biege wieder wo ein, wo viele Menschen wohnen: in die Kleinhüningerstrasse. Gehe auf einen Nachtkaffee in die Capri – dem Gegenteil von ästhetischer Erfahrung der Lebenswelt. Gebe dem alten Mann ein Bier aus, dessen Wildwuchs mich an den Troll aus einem Hallooween-Film erinnert, den ich als Kind bei meiner Grossmutter geschaut hatte. Ich habe lange von diesem Film geträumt und tue das vielleicht immer noch, aber schlafe zu wenig, um mich daran zu erinnern. Und dann trink ich doch noch ein Bier, denn ich beschliesse zu bleiben, denn ich ordne mein Leben um diese Strasse, diese Strasse und die nächste. Ich frage, ob der pinke Pudel über der Bar ein echter Jeff Koons ist, weil ich das jedes Mal frage. Ein glatzköpfiger Typ kommt rein. Er redet sehr gerne. Und ist anscheinend Animator auf einem Kreuzfahrtschiff von Viking Cruise. Und der Mann ist erfüllt von der Absurdität seiner Tätigkeit. Aber er ist das sehr bewusst, das zeigt schon die nervöse Gefallsucht, in der er seine Stehaufmännchen-Witze erzählt. Seine Absurditätspointe ist, dass viele seiner amerikanischen Viking Cruise-Gäste Viking Cruise-Gäste wegen einem Werbefilm, der Budapest zeigt, sind. Sie fragen ihn angeblich dauernd: „When will we see the part of the advertisement?“ Eigentlich hat das Stehaufmännchen nur zwei Biere über die Gasse gewollt, aber es hat sich am Tresen festgelabert. Nach seinem dritten Bier helfe ich ihm raus, laufe mit ihm die lange Gerade in die Richtung des Bachs namens Wiese. Erzähle ihm von den Mopskarawanen in der Langen Erle (Jeden 1. Samstag im Monat treffen sich da die Mopsbesitzer!). Die sind übermütig und passieren die öffentliche Dusche, die in den ersten anderthalb Jahren Basel, der Zeit ohne eigene Dusche, sowas wie meine Lieblings-Sanitäre Einrichtung war. Erzähle ihm von der Passerelle de Trois Pays. Vom Blick auf Basel von dort und davon, dass sich auf der Brücke angeblich Mädchen prostituieren. Vom Louisiana-Sumpf in der Petite Camargue und dass er dahin den True Detective-Soundtrack mitnehmen müsse, wenn er denn dahingehen wolle (was er müsse!). Ich verabschiede mich zu den Güterzug-Gleisen unter dem Schatten vom Hafensilo. Unter dem Schatten von diesem Saruman-Turm, der so ist, wie der Saruman-Turm wäre, wenn Saruman Saruman der Weisse geblieben wäre. Ich denke, dass hier jemand „Grima Schlangenzunge muss sterben!“ hinsprayen sollte, aber ich denke, dass das wohl niemand tut. Nur schon weil das Gebäude denkmalgeschützt ist.