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Semiten.
Mit diesem biblischen Namen (s. Sem) werden in neuern Werken über Völkerkunde diejenigen Völker des Altertums und der Neuzeit bezeichnet, bei welchen die nahe untereinander verwandten semitischen Sprachen heimisch sind. Dieser wichtige Sprachstamm [* 2] läßt sich in eine nord- und südsemitische Abteilung zerlegen. Zu der fast erloschenen nördlichen Abteilung gehören die erst kürzlich durch die Entdeckung und Entzifferung der Keilinschriften ans Licht [* 3] gezogenen Schwesterdialekte von Assyrien und Babylonien, das Hebräische nebst dem Samaritanischen und Moabitischen und das Phönikische nebst dem Punischen der Karthager, ebenfalls sehr nahe untereinander verwandte Sprachen, endlich das Aramäische, ursprünglich die Sprache [* 4] der semitischen Bergvölker, die sich als Handelssprache früh beinahe über ganz Vorderasien verbreitete und etwa vom 8. Jahrh. v. Chr. ab nach und nach alle vorgenannten Sprachen verdrängte.
Zuerst in Assyrien in den Keilinschriften beigefügten Übersetzungen auftretend, findet sich das Aramäische als Chaldäisch bei den Hebräern in der Zeit nach der babylonischen Gefangenschaft und als Schriftsprache bis ins 10. Jahrh. n. Chr. herab, als Syrisch (zuerst auf den Inschriften von Palmyra) bei den christlichen Syrern und als Mandäisch bei der Sekte der Mandäer. Von allen nordsemitischen Sprachen sind heutzutage nur noch einige verderbte syrische Volksdialekte der Nestorianer und Jakobiten und das Neuhebräische übrig, eine modernisierte Form des Hebräischen, die von den Juden teilweise als Schriftsprache gebraucht wird.
Das Terrain der nordsemitischen Sprachen wird jetzt größtenteils durch das Arabische eingenommen, die wichtigste Sprache der südlichen Abteilung, in seiner jetzigen Form Vulgärarabisch genannt, das in die vier nahe untereinander verwandten Mundarten von Arabien, Syrien, Ägypten [* 5] und der Berberei zerfällt, wozu man noch die auf der Insel Malta herrschende Mischsprache rechnen kann, außerdem das ausgestorbene Mozarabisch der spanischen Araber. Nach Süden hin macht das Arabische noch immer Fortschritte und ist mit dem Islam weit bis nach Zentralafrika vorgedrungen. Auch die andre Hauptgruppe der südsemitischen Sprachen war in Arabien heimisch, jedoch im Süden der Halbinsel, wo die zum Teil sehr alten himjaritischen (sabäischen) Inschriften gefunden worden sind; von dem Himjaritischen scheint das jetzige Ekhili in Südarabien abzustammen. Schon früh ¶
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müssen semitische Stämme Südarabiens über das Rote Meer gesetzt sein und Abessinien eingenommen haben; dort findet sich als Sprache der alten christlichen Litteratur dieses Landes das nahe mit dem Himjaritischen verwandte Äthiopische, von dem die lebenden Sprachen Abessiniens, Amharisch, Tigre nebst Tigrine und Harari, abstammen. Sämtlichen semitischen Sprachen gemeinsam ist außer einer großen Anzahl von Wörtern und Wurzeln die Regel, daß jede Wurzel [* 7] aus drei Konsonanten bestehen muß, welche stets unverändert bleiben, während die dazwischen stehenden Vokale wechseln, um wechselnde grammatische oder andre Beziehungen auszudrücken. So hieß in der aus der Vergleichung der semitischen Sprachen zu erschließenden semitischen Ursprache kadhala »er tötete«, kadhila »er wurde getötet«, kadhl " Mörder«, kidhl »Feind« etc. Schon hierdurch allein unterscheiden sich die semitischen Sprachen total von den indogermanischen, in welchen grammatische Endungen und Zusammensetzungen die nämliche Rolle spielen wie in den semitischen Sprachen der Vokalwechsel, und alle Versuche, beide Sprachstämme [* 8] miteinander zu vermitteln, haben bisher mit einem rein negativen Resultat geendigt.
Dagegen besteht zwischen den semitischen Sprachen und den hamitischen Nordafrikas (s. Hamiten) eine wenn auch entfernte, doch unbestreitbare Verwandtschaft, die namentlich in der Bezeichnung des weiblichen Geschlechts und bei den persönlichen Fürwörtern hervortritt. Als die Hamiten sich von den S. trennten, kann der grammatische Bau ihrer Sprachen noch nicht vollendet gewesen sein, die semitischen Sprachen stehen dagegen einander sehr nahe, weit näher als z. B. die einzelnen Familien des indogermanischen Sprachstammes; doch muß die Kultur der noch ungetrennten S. niedriger gestanden haben als die der ältesten Indogermanen (s. d.), da ihnen z. B. ein Wort für »Stadt« fehlte und das älteste semitische Wort für Stadt (im Assyrischen) eigentlich »Zelt« bedeutet.
Eine berühmt gewordene allgemeine Charakteristik der S. hat Renan versucht; doch ist sein sehr ungünstiges Urteil von Parteilichkeit keineswegs freisprechen, indem er den semitischen Völkern unter andern alle politischen und kriegerischen Fähigkeiten abspricht und in ihrer Litteratur und Kunst das Drama, die Epopöe, die Philosophie und überhaupt alle Wissenschaften, die Mythologie und die plastische Kunst völlig vermißt.
Vgl. Renan, Histoire générale et système comparé des langues sémitiques (4. Aufl., Par. 1864);
Fr. Delitzsch, [* 9] Studien über indogermanisch-semitische Wurzelverwandtschaft (2. Ausg., Leipz. 1884);
Sayce, Introduction to the science of language (2. Aufl., Lond. 1883, 2 Bde.);
Chwolson, Die semitischen Völker (Berl. 1872);
Hommel, Die semitischen Völker und Sprachen (Leipz. 1881-82, Bd. 1);
Nöldeke, Die semitischen Sprachen, eine Skizze (das. 1887).
Ein großes Inschriftenwerk: »Corpus inscriptionum semiticarum«, wird seit 1881 von der Akademie der Wissenschaften in Paris [* 10] herausgegeben.