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Wozu dienen die Briefkastenfirmen, warum brauchen sie Schweizer Konten, und welche Rolle spielt der Musiker Roldugin in alldem?
Die Antwort zu Roldugins Rolle führt in den Mai des Jahres 2007 zurück und zum Hauptsitz der Bank Rossija am Rastrelli-Platz nahe des Newa-Flusses in St. Petersburg. Hier, in einem gelben Gebäude im Sowjetstil, arbeitet Wladislaw K., Spitzname «Wlad».
Wozu dienen die Briefkastenfirmen, warum brauchen sie Schweizer Konten, und welche Rolle spielt der Musiker Roldugin in alldem?
Wlad ist im Stress. Er verschickt Dutzende E-Mails nach Panama an die Anwaltsfirma Mossack Fonseca, kurz MF, die spezialisiert ist auf die Errichtung von Briefkastenfirmen. Er hat zuvor eine Offshore-Firma für sich selber eröffnet, und zwar unter dem Namen «Sonnette Overseas». Nun möchte er seine eigene Firma einem gewissen Sergei Roldugin übergeben, doch offenbar hat er diese Entscheidung nicht selber getroffen. Zur Erklärung schreibt er: «Sonnette wurde Herrn Roldugin zugewiesen.» Wer das veranlasst hat, verrät er nicht.
Später gründet derselbe Wlad K. auch die Firma IMO im Namen des Musikers. In den folgenden Jahren lassen Wlad K. und sein Nachfolger bei der Bank Rossija zahlreiche erklärungsbedürftige Transaktionen über die beiden Firmen von Roldugin laufen. Die beiden verschicken Hunderte Dokumente von der Bank Rossija aus. Gemäss den Verträgen in den Panama-Papieren werden dabei Millionenvermögen verschoben – doch Roldugin, zu dessen Gunsten das angeblich alles passiert, tritt praktisch nie in Erscheinung, ja die Rossija-Banker können ihn oft gar nicht kontaktieren.
«Es ist manchmal schwierig, den Besitzer zu erreichen», schreibt Wlad einmal in einer E-Mail, als er eine Unterschrift von Roldugin brauchte.
Ein Hinweis darauf, was die Bank Rossija mit der «zugewiesenen» Firma Sonette bezweckte, erhält man erst ein Jahr später: 2008, als Putin nach zwei Amtszeiten als Präsident zurücktreten muss.
In den Panama Papers findet man auch eine Kopie von Sergei Roldugins Pass.
Im August dieses Jahres dringt die russische Armee mit massiven Luft- und Landstreitkräften nach Georgien vor. An einer Unabhängigkeitsfrage hat sich ein weiterer Krieg im Kaukasus entzündet. Blogger melden am 16. August, wie ein Konvoi gepanzerter Armeetrucks der russischen Streitkräfte in die Hafenstadt Poti einzieht. Sie notierten sogar den Hersteller der Trucks: Kamaz.
Der LKW- und Rüstungsbetrieb gehört zu den «Perlen» der russischen Industrie. Putins Finanzministerium versorgte Kamaz mit millionenschweren Darlehen. Der Betrieb profitierte von grossen Rüstungsaufträgen. Putin besuchte das Werk persönlich und liess sich in einem Lastwagen fotografieren.
In diesem Sommer, als ihre Trucks über Georgiens Strassen ratterten, stand die Firma im Zenit. Im Vorjahr machte sie 3,5 Milliarden Dollar Umsatz. Zahlreiche Firmen aus dem Westen buhlten darum, bei Kamaz einsteigen zu können. Der Wert des Betriebs wurde auf bis zu 5 Milliarden Dollar geschätzt.
Der umworbene Hauptaktionär von Kamaz mit fast 40 Prozent war damals die Investmentbank Troika Dialog: ein Vorzeigebetrieb nach westlichem Stil, Gründungsmitglied des Davoser Weltwirtschaftsforums, kontrolliert von Privatinvestoren.
Doch gemäss bisher geheimen Dokumenten aus den Panama-Daten hatte Troika mit ihren Aktien damals offenbar nicht viel zu sagen bei Kamaz. Troika hatte einen Grossteil ihrer Aktien- und Stimmrechte am Milliardenbetrieb mittels Geheimverträgen an fünf Offshore-Firmen abgetreten. Die fünf Besitzer gewannen insgeheim grossen Einfluss auf den Rüstungsbetrieb. Einer dieser fünf ist ein Cello-Spieler: Sergei Roldugin.
In den Jahresberichten der damaligen Zeit von Kamaz wird tatsächlich darauf verwiesen, dass es Aktien gebe, die «gewissen Restriktionen über die Stimmabgabe und den Weiterverkauf unterworfen sind».
In Tat und Wahrheit konnten Roldugin und seine vier Partner dank diesen Verträgen Personalentscheide im Verwaltungsrat beeinflussen, ja sie durften offenbar jederzeit das grosse Paket von Kamaz-Aktien von Troika aufkaufen und es wieder verkaufen, an wen sie wollten.
Eine Reihe Experten hat diese Geheimverträge aus den Panama-Papieren geprüft. Fazit: Die Papiere geben Anlass zur Vermutung, dass die Kontrolle von Roldugin und Co. über die Kamaz-Anteile «ungewöhnlich stark» gewesen sei. Und die fünf wollten sogar noch mehr.
Am 15. Februar 2012 hielt Wladimir Putin, damals Russlands Ministerpräsident, eine Rede in der Kamaz-Fabrik in Nabereschnyje Tschelny (Tatarstan). Es wurde die Produktion des Lasters Nummer 2 000 000 gefeiert.
Kurz vor dem Georgienkrieg, im März 2008, vereinbarte Roldugins Sonnette mit den vier anderen Briefkastenfirmen vertraglich ein gemeinsames Ziel.
Es sollte «alles Mögliche» unternommen werden, damit die Bank Troika bald in Besitz der Mehrheit aller Kamaz-Aktien komme. Roldugins Aufgabe ist im Vertrag schriftlich festgehalten. Er soll sicherstellen, dass dieses Vorhaben «eine absolut bevorzugte Behandlung» erhalte.
Von wem der Musiker diese Vorzugsbehandlung für Troika einfordern soll, wird nicht erwähnt. Doch zehn Tage nach der Unterschrift unter diesen Vertrag verkündet der damalige CEO von Troika, Ruben Wardanjan, der Zeitung «Kommersant», die Russische Republik Tatarstan habe ihre 12 Prozent an Kamaz an seine Troika-Bank verkauft, die nun dank ihrer Aktienmehrheit die Milliardenfirma kontrolliere. Die Kartellbehörde habe dem rasch zugestimmt, berichteten die Medien. Und sie schrieben auch, Tatarstan habe ihre Aktien unter dem Marktwert verkauft.
Die Kamaz-Werke liegen in Tatarstan, und die Republik besass die wertvollen Anteile seit längerem. Wer hat die Führer der russischen Teilrepublik also überzeugt zu verkaufen? Cello-Solist Roldugin, so wie es im Panama-Vertrag steht? Und was für ein Interesse hat ein Musiker, dass die private Troika-Bank die Mehrheit an einem Rüstungsbetrieb erhält?
Die Antwort steht im Geheimvertrag: Sobald Troika Kamaz beherrsche, würden die fünf Offshores massiv Einfluss nehmen auf den Rüstungsriesen, steht da. Roldugin habe in diesem Fall ein Vetorecht über den Businessplan, sogar über das Budget des Milliardenunternehmens. Dem Cellisten, der zu der Zeit in den Konzerthallen von Deutschland bis Japan auftrat, wurde vertraglich sogar das Recht zugesichert, jederzeit das Diesel-Werk in der tatarischen Taiga zu inspizieren.
Roldugin spielt nicht nur Cello, sondern dirigiert auch.