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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Unter der Blogadresse, die Sie hiermit aufgerufen haben, habe ich schon viel geschrieben, über Glaube, Gehirn, Verhalten, Denken und anderes, was meine Erfahrungen, meine Lektüre und meine Gedankenwelt mir eingegeben haben. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften wie der Philosophie, Psychologie, den Naturwissenschaften, der Theologie haben in Verbindung mit den im vorherigen Satz erwähnten individuellen Erkenntnissen zu einem Weltbild geführt. Dieses Weltbild ist nicht starr, denn ich bin immer offen für neue Inhalte. So bin ich vor einigen Tagen auf ein Buch mit einem, ich muss zugeben, mir zuerst unverständlichen Titel gestossen:
„Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“, geschrieben von Julian Jaynes.
Über den Autor wird im Buch berichtet, dass er 1923 als Sohn eines unitarischen Geistlichen im Staat Massachusetts geboren wurde, Psychologie studiert hat und Autor vieler wissenschaftlicher Publikationen ist.
Der Titel führt einige Begriffe auf, die natürlich im Buch definiert werden. Der Autor beschreibt die Eigenschaften des Bewusstseins mit den Begriffen „Spatalisierung“, „Exzerpierung“, „Das Ich (qua Analogon)“, „Das Ich (qua Metapher)“, „Narrativierung“ und „Kompatiblisierung“:
„Wir haben festgestellt, dass das Bewusstsein ein Operator ist, kein Ding, kein Speicher oder Trägergerät und keine Funktion. (...) Möglicher Operant für das Bewusstsein ist nur das objektiv Beobachtbare.“
Das Bewusstsein exzerpiert (also pflückt sich die relevanten Aspekte heraus), schafft einen Zusammenhang zwischen diesen Aspekten, die es sich kompatibel zu den vorherigen Erfahrungen macht und erkennt dadurch die Bedeutungszusammenhänge.
Beispielsweise erzählt jemand von einem Unfall. Vor unserem „geistigen Auge“ entsteht das Bild einer Kreuzung (also eine Räumlichkeit, „eine Spatalisierung“), auf dem 2 Autos zusammenstossen, das Bewusstsein versetzt sich in die Situation des Erzählers, „fühlt“ und „hört“ den Zusammenstoss und den Schrecken.
Das Bewusstsein ist nichts anderes als eine Analogwelt auf sprachlicher Basis. Wir könnten uns das gar nicht vorstellen, hätten wir nicht vorher schon so etwas selbst erlebt oder gesehen oder darüber gelesen. Es ist vergleichbar mit einer mathematischen Funktion als Parallele zum quantitativen Aspekt der Dingwelt, denn die Theorien der Mathematiker werden durch die Anwendung in der Praxis bestätigt.
Schon im Titel des Buches wird also gefragt, woher denn dieses Bewusstsein komme, und damit auch, welche Entwicklung es evolutionär „durchgemacht“ hat. Der Autor geht von einem „Zusammenbruch“ der „Psyche“ aus, die bis zu dieser Zeit „bikameral“ gewesen sei.
Der Autor bezieht sich bei der Entwicklung seiner Hypothese auf die frühesten Dichtungen und Schriften der Menschheit. Er erkennt, dass die Übersetzung und Interpretation für den heutigen Menschen Probleme aufwirft, da sie „möglicherweise Ausdruck einer von der unseren völlig verschiedenen Geistesverfassung sind“.
Es geht um Schriften, die in Hieroglyphen, hieratischer Schrift und Keilschrift abgefasst sind und etwa ab 3000 v. u. Z. erstmals auftauchen. Konkret bezieht sich der Autor auf die „Ilias“, entstanden in dem Zeitraum von etwa 1200 bis 900/850 v. u. Z., aber in ihren Darstellungen viele Jahrhunderte zurückreichend. Er stellt fest, dass die „Ilias“ im allgemeinen nichts von einem Bewusstsein, wie es oben definiert ist, „weiss“, es gibt auch keine Begriffe oder Beschreibungen dafür. „Psyche“ steht in der Erzählung für Blut und Atem, „thymos“ später als die Seele und der Sitz der Gefühle bezeichnet, bedeutet hier einfach die Bewegung, die mit dem Tod des Menschen endet, aber auch das Bedürfnis, zu essen, zu trinken oder zu kämpfen.
Die Menschen in diesem Epos kennen keinen eigenen Willen und keine Vorstellung von Willensfreiheit, ebenso wenig von „soma“, dem im heutigen Verständnis Gegensatz von „psyche“. Die Menschen, so beschliesst der Autor dieses Kapitels, hatten damals kein subjektives Bewusstsein. „Handlungen werden nicht von bewussten Planungen, Überlegungen oder Motiven in Gang gebracht, sondern durch das Handeln und Reden der Götter initiiert“. Die Helden der „Ilias“ hörten Stimmen, die sie zum Handeln aufforderten, vergleichbar mit denen, die manche Epileptiker, Schizophrene oder die heilige Johanna von Orléans gehört haben.
Diese Sätze liessen mich aufmerken, hatte ich doch vor einigen Wochen einen Text geschrieben, der von „Temporallappenepilepsie“ handelte, und in dem ich beschrieb, dass eine Verletzung des rechten Schläfenlappens folgende, von Dr. David Eagleman erläuterte Auswirkungen auslösen kann:
„In diesem Fall stellen sich so etwas wie kognitive Krämpfe ein, die sich in Persönlichkeitsveränderungen, religiösem Eifer und Hypergrafie (besessenes Schreiben über ein Thema, in der Regel Religion) äussern. Oft haben die Patienten das falsche Gefühl, dass irgendjemand oder irgendetwas präsent ist, und sie hören Stimmen, die sie einem Gott zuschreiben. Einige der Propheten, Märtyrer und religiösen Führer der Menschheitsgeschichte scheinen unter Temporallappenepilepsie gelitten zu haben.“
In dem Buch von Jualian Jaynes wird aber keine durch äussere Einflüsse entstandene Persönlichkeitsveränderung beschrieben, sondern eine andere Geistesverfassung, die er „vereinfacht“ als „Zwei-Kammer-Psyche“ bezeichnet, denn „Wollen, Planung und Handlungsanstoss kommen ohne irgendwelches Bewusstsein zustande und werden sodann dem Individuum fix und fertig in seiner vertrauten Sprache ‚mitgeteilt’. (...) Das Individuum gehorcht diesen Stimmen, weil es nicht ‚sieht’, was es von sich aus tun könnte.“ Jaynes erwähnt noch, dass die „Ilias“ keine Literatur sei, sondern ein Stück Geschichte und Geschichtsschreibung der mykenisch-ägäischen Periode „und daher von Rechts wegen ein Fall für den Psychohistoriker“.
Der Autor beschreibt in einem Kapitel ausführlich das menschliche Gehirn mit den beiden Gehirnhälften (Hemisphären), dem Wernicke-Zentrum, und dass „in der rechten Hemisphäre die gottähnliche Funktion noch rudimentär vorhanden“ sei. Er führt dann einige medizinische Fälle an, unter anderem auch mit den Auswirkungen, die Patienten zeigen, denen der rechte Schläfenlappen vollständig entfernt wurde, von Schizophrenen und Versuchspersonen.
Dann führt der Autor zur Beweisführung wissenschaftliche archäologische Erkenntnisse auf, bespricht Tontafeln aus der Zeit Hammurabis und anderes. In den Schriften der Antike sieht er eine Entwicklung, die er in 4 Phasen einteilt, von der eben erwähnten in der „Ilias“, die er „objektiv“ nennt, dann die „interne“, in der bereits Empfindungen ausgedrückt werden, anschliessend die „subjektive“, in der Ausdrücke auftauchen, die wir als ‚mental’ bezeichnen bis zur „synthetischen“, die zur Einheit des bewussten Selbst mit Introspektion führt. Im 7. Jahrhundert v. u. Z. habe sich die 4. Phase entwickelt, die „synthetische Einheit des Bewusstseins“.
Der Autor sieht also eine schrittweise Entwicklung innerhalb von ein paar Tausend Jahren von einem nicht vorhandenen individuellen Bewusstsein zum „Ich“.
Die Theorie entspricht den Erkenntnissen, die durch die Interpretation der Inschriften beispielsweise des Ishtar-Tores, wie ich sie in einem meiner letzten Blogs beschrieben habe, gewonnen worden sind.
Fritz Mauthner, ein Gelehrter, der 1910 ein „Wörterbuch der Philosophie“ verfasst hat, bemerkt unter dem Stichwort „Bewusstsein“:
„Wie wir uns nämlich auch drehen und wenden mögen, wir finden keinen Standpunkt, von dem aus das Ich zu erblicken wäre. Natürlich nicht, weil das Ich die Kontinuation des Gedächtnisses ist und niemals mit der Stecknadelspitze des gegenwärtigen Moments aufzuspiessen. Das Ich ist immer nur die Anknüpfung der individuellen Vergangenheit an die augenblickliche Gegenwart, ist also immer Phantasieprodukt; man sagt darum mit Recht: wir haben keine Distanz zu uns selber.“
Diese Definition ist deshalb interessant, weil wir in unserem aufgeklärten Bewusstsein die Götterwelt der Antike bis hin zu den Göttern der heutigen Religionen (etwa durch die Atheisten) zu genau diesen Phantasieprodukten machen! War es wirklich ein Zusammenbruch der bikameralen Psyche oder nur ein Verrücken?
Seit Urzeiten haben die Menschen den Göttern menschliche Eigenschaften zugesprochen. Noch heute sind im Hinduismus die Götter sterblich. Sie sind und waren immer verletzlich, haben sich gestritten und gegeneinander gekämpft, haben gelitten und geliebt. Die Entwicklung der Denkweise des Menschen hat sich individualisiert. Nicht mehr die personifizierten, vermenschlichten Götter sind diejenigen, die angerufen werden müssen, wenn Entscheidungen anstehen, wenn sich Schicksale ergeben, die Unglücke abwenden und Trost spenden sollen, das können die Menschen auch ohne sie. Nur manchmal, in einer psychischen Krankheit, wie etwa der Schizophrenie, in der Hypnose, im Traum, im Trancezustand und anderen Entrückungen zeigt sich, dass die eine der zwei Kammern immer noch vorhanden ist und Einfluss ausübt. Wahrscheinlich tut sie das unentwegt, nur vornehmlich im Unbewussten.
Quellen
Jaynes, Julian: „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der Bikameralen Psyche“, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988.
Mauthner, Fritz: „Wörterbuch der Philosophie, Bd. A-Intuition“, Diogenes, Zürich, 1980, S. 108.
Eagleman, David: „Dr. Inkognito – Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns“, Campus Verlag, Frankfurt/New York, 2012.
Hinweis auf die im Text erwähnten Blogs
Hinweis auf ein Blog zur Psychologie
13.01.2013 Graphologie: Ein verdorrter Zweig der Psychologie