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Das Schlossgebäude
Der älteste Teil von Schloss Herdern, der Schlossturm, stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist bis heute das Wahrzeichen der Gemeinde Herdern. Er diente den Lehensherren von Toggenburg als Wehrturm und war umgeben von Mauer, Wall und Graben. In den Jahren 1286 und 1311 wurde Jakob der Bettler als Inhaber erwähnt. Die Festung blieb bis 1403 im Besitz des Geschlechts der Bettler. Über mehrere Verkäufe und Erbgänge gelangte die Burg schliesslich 1580 an die Familie Breitenlandenberg, die ihr den Namen Barbenstein gab. Unter Ulrich von Breitenlandenberg wurde das Schloss 1601 bis 1610 auf die heutigen Grundrisse erweitert. Nach dem dreissigjährigen Krieg verarmte das Geschlecht der Breitenlandenbergs. So gelangte das Schloss in den Besitz des Luzerner Klosters St. Urban, dem es bis 1798 als Sitz des Statthalters diente und es zum Barockschloss ausbaute. Nach Aufhebung des Klosters St. Urban übernahm der Kanton Luzern das Schloss Herdern inklusive der Ländereien. Dieser verkaufte schliesslich den gesamten Besitz an die Herren Burckhardt-Preiswerk aus Basel, die als Landjunker zwischen 1848 und 1860 neben der Landwirtschaft erfolgreich eine Sprit- und Branntweinbrennerei, eine Leimsiederei und eine Ochsenzucht mit Verkäufen bis nach Paris betrieben. Später zog eine internationale Lehr- und Erziehungsanstalt mit Gymnasium, Handels- und Realschule ein, bis der Verein Arbeiter-Kolonie Herdern im Jahre 1895 das Schlossgut als Männerheim für Wohnsitzlose übernahm.
Die soziale Institution
Unter dem Vorsitz von Professor Kesselring wurde 1892 in Zürich der Verein für die Arbeiter-Kolonie Herdern gegründet. Mit dem Motto «Arbeit statt Almosen» sollten die «Tippelbrüder» oder «Brüder der Landstrasse» zu regelmässiger und nützlicher Arbeit erzogen werden. Zu diesem Zweck wurde das Schloss Herdern 1895 erworben. Nach einer Umbauphase nahm am 1. November die Arbeiter-Kolonie ihren Betrieb auf. 108 Männer fanden damals Platz in der Kolonie Herdern.
«Die Kolonie ist seinerzeit mit Sorgen, aber auch in Hoffnung auf den Segen Gottes und die teilnehmende Hilfe unseres Volkes eröffnet worden. An Sorgen hat es nicht gefehlt bis zum heutigen Tage. Doch haben gerade die letzten Jahre die Sorgen erleichtert und die Freude gesegneten Gedeihens gemehrt.»
1971 gelangte man an einen Punkt, wo die Konzepte und die Wohnbedingungen den Anforderungen der modernen Gesellschaft nicht mehr genügen konnten. Der massive infrastrukturelle Erneuerungsbedarf führte aus finanziellen Gründen fast zur Schliessung von Schloss Herdern. Mehrere Deutschschweizer Kantone - und massgeblich auch der Bund - sicherten letztlich durch ihre finanzielle Unterstützung nicht nur den Erhalt von Schloss Herdern, sondern sogar dessen Erweiterung.
Heute, gute 125 Jahre später, finden bei uns rund 80 erwachsene Menschen aller Altersgruppen, die wegen psychischen, sozialen oder alkoholbedingten Problemen kein selbständiges Leben mehr führen können, ein Heim und Geborgenheit. Wir bieten 100 geschützte Arbeitsplätze, 80 für intern und 20 für extern Wohnende. Seit 2017 bieten wir ein Programm zur Arbeitsintegration an. Insbesondere Menschen nach einem traumatischen Ereignis suchen über diese Angebote den Wiedereinstieg in den 1. Arbeitsmarkt.
THEOLOGIEPROFESSOR DR. HEINRICH KESSELRING
GRÜNDUNGSMITGLIED VEREIN SCHLOSS HERDERN
UND ERSTER PRÄSIDENT ZENTRALKOMMISSION
Lebenslauf: Geboren 15.7.1832 in Frauenfeld, gestorben 22.12.1919 in Zürich, reformiert, von Weinfelden, ab 1902 Ehrenbürger von Zürich. Sohn des Heinrich, Oberrichters sowie Erziehungsrats, und der Anna Elisabeth geb. Reiffer. Heirat 1866 mit Elise geb. K., eine Cousine, von Bachtobel.
Werdegang: Kantonsschule Zürich. 1850-55 Student der Theologie und Philologie in Zürich, 1855-56 in Tübingen, Berlin und Paris, 1858 Habilitation. 1856 Vikariat in Horgen, 1858-64 Pfarrer in Wipkingen, 1864-74 Religionslehrer am Gymnasium Zürich. 1858-64 Dozent, 1864-74 ao. Prof., 1874-1904 o. Prof. für neutestamentl. und prakt. Theologie an der Uni Zürich (1892-94 Rektor).
Engagement in Missionsvereinen: Als Sozialreformer und Vorkämpfer der Abstinenzbewegung war er u.a. Mitbegründer der Trinkerheilstätte Ellikon an der Thur (1888), der Arbeiterkolonie Herdern (1895) sowie der Anstalt für krüppelhafte Kinder Balgrist, Zürich (Komiteegründung 1906, Klinikbau 1911-12). 1884 Dr. h.c. Uni Bern. (Autor: Robert Barth)
«Am 2. April 1910 starb Friedrich von Bodelschwingh. Er war der Begründer der Arbeiterkolonien in Deutschland. Sein Wollen und seine Erfahrungen stehen auch hinter der Gründung unserer Anstalt.» (Zitat aus Jahresbericht 1959)