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Bildungspolitische Herausforderungen der Kantone
Der Lehrplan legt die Ziele für den Unterricht fest. Er ist damit ein Instrument für die Lehrkräfte, mit dem sie den Unterricht planen. Der Lehrplan ist der Auftrag der Gesellschaft an die…
Mein Referat beinhaltet Ausführungen zum Lehrplan 21 sowie eine Beurteilung der allgemeinen bildungspolitischen Herausforderungen der Kantone.
Der Lehrplan legt die Ziele für den Unterricht fest. Er ist damit ein Instrument für die Lehrkräfte, mit dem sie den Unterricht planen. Der Lehrplan ist der Auftrag der Gesellschaft an die Volksschule. Bis vor kurzem war es eine Selbstverständlichkeit, dass fast jeder Kanton einen eigenen Lehrplan hatte. Zwar koordinieren die Kantone bereits vieles im Bereich der obligatorischen Schule, zwischen den Lehrplänen bestehen aber grosse Unterschiede. Diese Vielfalt schränkt die Mobilität ein und hat zur Folge, dass bei einem Kantonswechsel bei Kindern im Schulalter erhebliche Stofflücken, teure Fördermassnahmen oder das Wiederholen von Klassen erforderlich sind. Solcher Föderalismus geht zu Lasten der Kinder. Die Plenarversammlung der Erziehungsdirektorinnen und -direktoren D-EDK der deutsch- und mehrsprachigen Kantone hat darum am 18. März 2010 beschlossen, den Lehrplan 21 zu erarbeiten.
Der Entwurf des Lehrplans 21 geht von einer Kompetenzorientierung aus. Das heisst, er beschreibt, was alle Schülerinnen und Schüler am Ende der Schulstufen können müssen. Traditionelle Lehrpläne sind Stoffpläne. Sie beschreiben bloss, welche Themen im Schulunterricht zu behandeln sind. Der Lehrplan 21 umschreibt, welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Vordergrund stehen. Kompetenzorientierung heisst somit klar auch Leistungsorientierung. Der Lehrplan beschreibt auch überfachliche, nämlich personale, soziale und methodische Kompetenzen. Diese finden sich auch in den bestehenden Lehrplänen und sie entsprechen den Forderungen der Gesellschaft und der Wirtschaft an die Schule.
Der Lehrplan 21 wird unabhängig von den Schulstrukturen in den Kantonen erstellt. Die Kantone bleiben frei in der Ausgestaltung der Eingangsstufe und der Sekundarstufe I. Traditionelle und bewährte Modelle wie Kindergarten, Primarschule und die zwei- oder dreigeteilte Oberstufe mit Grund- und erweiterten Anforderungen, sind nicht in Frage gestellt.
Der Lehrplan umschreibt Fachbereiche und nicht nur einzelne Fächer. So werden z.B. die Fächer Biologie, Physik und Chemie im Fachbereich ‚Natur und Technik‘ sowie die Fächer Geographie und Geschichte im Fachbereich ‚Räume – Zeiten – Gesellschaft‘ zusammengefasst. Dies ist im Kanton St. Gallen seit dem Jahr 1997, also seit 13 Jahren, umgesetzt und hat sich bewährt. Die Aufteilung in Fachbereiche hat allgemein eine hohe Akzeptanz gefunden und schmälert aufgrund unserer Erfahrungen die Leistungen nicht. Die Inhalte dieser Fächer werden nach wie vor uneingeschränkt unterrichtet, aber vernetzt. Vernetztes Denken zu fördern, ist ebenfalls eine Forderung der Wirtschaft an die Schule.
Im aktuell gültigen Lehrplan des Kantons St. Gallen sind wesentliche Aspekte des Lehrplans 21 umgesetzt, dazu gehören unter anderem die Umschreibung von Kompetenzen und die Gliederung in Fachbereiche. Die PISA-Ergebnisse bestätigen den Jugendlichen im Kanton St. Gallen überdurchschnittliche Leistungen. Daraus lässt sich schliessen, dass die Neuausrichtung des Lehrplans im Kanton St. Gallen als Erfolgsmodell zu bezeichnen ist und keineswegs zu einem Leistungsabbau führt.
Der Lehrplan wird in gemeinsamer Arbeit durch Didaktiker sowie Praktiker, das heisst durch aktive und erfahrene Lehrpersonen der Volksschule, erarbeitet. Mit der Entwicklung des Lehrplans 21 ist dessen Einführung aber noch nicht entschieden. Denn nach dem Vorliegen des Lehrplans 21, voraussichtlich im Jahr 2014, kann jeder Kanton selbständig entscheiden, ob er diesen ganz übernimmt, oder an eigene Bedürfnisse anpasst, denn 20% können frei gestaltet werden. Er kann aber auch entscheiden, ob er schlussendlich seinen eigenen Weg gehen will.
Im neuen Bildungsartikel der Bundesverfassung sind die Kantone zur Zusammenarbeit verpflichtet. Doch es gilt zu unterscheiden, wo eine verfassungsrechtliche Verpflichtung zur Zusammenarbeit besteht und wo ein eigenständiger kantonaler Weg gegangen werden kann.
Als Vorsteher des Bildungsdepartements und vorweg aufgrund der erwähnten langjährigen guten Erfahrungen im Kanton St. Gallen unterstütze ich die Entwicklung eines weitgehend einheitlichen Deutschschweizer Lehrplans und bin überzeugt, dass ein gemeinsamer Lehrplan Sinn macht. Ich verwahre mich an dieser Stelle dagegen, dass der Lehrplan 21 dazu benutzt wird, bestimmte Wertvorstellungen zu vermitteln, um unsere Kinder durch Ideologisierung und Indoktrinierung massiv zu beeinflussen. Aber, und ich betone dies ausdrücklich, auch hier sind wir SVP-Bildungsdirektoren gefordert, den eben geschilderten Fahrplan und Inhalt zur Entwicklung des Lehrplans 21 ständig zu überwachen und zu überprüfen. Und das können wir, sind doch laufend Zwischenberichte über den Stand der Entwicklung vorzulegen. Das Motto heisst auch hier klar und deutlich: Mass halten und nicht übers Ziel hinaus schiessen!
Was die Bildungsreformen generell betrifft, so muss das Tempo verlangsamt und die eingeleiteten Massnahmen überdacht werden, weil das System Schule am Anschlag ist. Es ist heute Diener zu vieler ‚Herren‘. Die Schule ist zu einem Tummelfeld und einem Auffangbecken von Begehrlichkeiten verschiedenster Natur geworden. Ich halte mir immer wieder die grundsätzliche Sicht vor Augen: Hauptaufgabe der Schule ist die Bildung, für die Erziehung ist primär die Familie verantwortlich. Wer heute als Eltern Erziehungsarbeit leistet, wird oft schief angeguckt und belächelt. Dabei kann der Stellenwert der Familienarbeit nicht hoch genug eingeschätzt werden. Was hier im Stillen und notabene unbezahlt geleistet wird, verdient Anerkennung und Respekt. Denn nur zu oft und nur zu gerne wird diese Mühsal und diese beschwerliche Arbeit an die Schule delegiert.
Viele Ansprüche an die Schule sind nicht Teil des Bildungsauftrags und sie überlasten die Schule und mit ihr die Lehrpersonen. Doch solches ‚Wunschdenken‘ hält als Trend hartnäckig und schleichend Einzug in den Schulen und dagegen wehre ich mich. Die Schule kann und muss nicht alles bewältigen, was die Gesellschaft an Problemen hervorbringt und mit sich schleppt. Es kann und darf nicht sein, dass den Schulen und ihren Lehrern immer mehr Aufgaben aufgebürdet werden, denn darunter leidet die Kernaufgabe der Schule, also das Herzstück, und mit ihr die Qualität der Ausbildung. Gute Lehrer sind mir wichtiger als schlechte Modelle! Die Schule soll Wissen und Werte vermitteln und nicht ‚Spielball‘ von nachlässigen Eltern und selbstgefälligen Bildungsexperten werden, oder internationale Standards und Entwicklungen blind übernehmen und diesen ungeprüft nacheifern. Die Schule soll die Eigenständigkeit und die Selbstverantwortung der Kinder fördern und sie aufs Leben vorbereiten.
Der sanktgallische Kantonsrat lehnte in der letzten Session einen Antrag ab, nebst der Bildung und Erziehung einen Auftrag zur Gewaltprävention im Volksschulgesetz einzuführen. Ebenso bachab geschickt wurde eine Verpflichtung zu vermehrter Umweltprävention und Umwelterziehung. Darüber bin ich froh – dies konnte vor allem dank der grossen SVP-Fraktion verhindert werden. Nebst solchen ständigen parlamentarischen Veränderungs- und Erneuerungsbegehren ist die Schule alleine schon mit den handfesten Problemen unserer heutigen Zeit herausgefordert. Betrachten Sie nur mal, geschätzte SVP-Delegierte, folgende Beispiele aus dem Schulalltag ohne Anspruch auf Vollständigkeit:^
- Früher lernte man in der Schule, ruhig zu sitzen – heute wird der Schüler ruhig
gestellt
- Früher waren Noten Zensuren und dienten den Eltern als Leistungsbeurteilung – heute werden Noten von den Eltern zensuriert, auch wenn die Leistung nicht stimmt
- Früher vermittelte der Lehrer die Sprache – heute vermittelt der Lehrer zwischen den Sprachen
- Früher musste man selber nach einer Lösung suchen – heute kann man aus den Lösungen im Internet auswählen
Aber, seien wir uns auch dessen bewusst: Der Wandel der Gesellschaft und der grenzüberschreitende Austausch von Gütern, Kapital und Personen machen auch vor der Schule nicht halt: Alleinerziehende, Patchworkfamilien, binationale Ehen, Kinder mit Migrationshintergrund etc. sind real und eine Tatsache. Wir kapitulieren nicht vor diesen Tatsachen, wir akzeptieren diese Tatsachen, aber wir müssen ihnen ungeschminkt ins Auge blicken.
Die SVP muss, kann und soll eine Schulpolitik betreiben, die den ureigensten Interessen unseres Landes und seiner Bürger dient. Es sind dies Werte, die sich über Jahrhunderte bewährt haben und sich auch in Zukunft bewähren werden, weil die Kerninhalte dieser Traditionen, Erfahrungen und Eigenheiten zeitlos sind.
Die SVP muss dazu bei der natürlichen Neugierde und dem ungestillten Wissenshunger unserer Kinder ansetzen und diese mit unseren Werten beleben. Nochmals: wir wollen keine Ideologisierung und keine Indoktrinierung. Beide haben sich in der Praxis nicht bewährt und waren zum Scheitern verurteilt.
Das müssen wir aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen und darum in der Gegenwart anders machen. Dazu braucht es Mut und ich bin stolz, dass die SVP diesen Mut hat.
Ich danke Ihnen.