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Schwerpunkt
Schrieb ein «Ungläubiger» die grossartigste Requiem-Vertonung der Musikgeschichte?
von Silvia Rietz
Giuseppe Verdi – war er nun ein Atheist oder ein Gläubiger? Eine alte und schwierige Frage. Zitate aus Briefen bieten sowohl Pro- als auch Contra-Argumente. Hingegen lässt seine Musik, vor allem die «Messa da Requiem», den Schluss zu, dass Verdi von Gottes Gnaden und Segen getragen war. Eine Spurensuche.
Giuseppe Verdi (1813–1901) war bereits zu seinen Lebzeiten einer der berühmtesten Italiener und daran hat sich bis heute nichts geändert. Hinter dem grossen Komponisten blieb der Privatmann der breiten Öffentlichkeit jedoch weitgehend fremd. Bekannt ist, dass er als junger Ehemann und Vater innert kurzer Zeit die beiden Kinder und seine Frau Margherita verliert. 1859 legitimierte er das Zusammenleben mit der Sängerin Giuseppina Strepponi mit einer kirchlichen Heirat. Sich mit Verdi auseinanderzusetzen heisst, Gegensätze seines Wesens zu entdecken, die faszinieren. Irgendwann stellt sich die Frage, ob Verdi wirklich Atheist oder doch ein Gläubiger war. Seine Gefährtin Giuseppina beschrieb seine Haltung so: «Ich würde nicht sagen er sei ‹Atheist›, aber er ist sicher kein überzeugter Gläubiger.» Seine Musik und sein soziales Handeln vermitteln etwas anderes: Verdi war wohl nicht antireligiös, aber antiklerikal.
Sozial, liberal, antiklerikal
Zweifellos war Giuseppe Verdi hochpolitisch, glaubte an die Ideale der Französischen Revolution und an die Menschenrechte. Ein grosser Humanist, ein Mensch mit vielen Tugenden, aber auch ein Mann, der für die Kirche nicht viel übrig hatte. Und doch, hört man seine «Messa da Requiem», die «Quattro prezzi sacri» und die «Preghiere» (Opern-Gebete), so ist eine tiefe Spiritualität, eine Art «Himmelsnähe» zu spüren. Trotzdem gestaltet sich das Thema «Verdi und die Religion» als schwieriges Kapitel. Von Verdi selbst ist die Aussage überliefert: «Vielleicht bin ich ein gläubiger Mensch, jedoch nicht im konfessionellen Sinne. Ich glaube an eine positive Kraft. An etwas, das grösser ist als wir und uns durchs Leben trägt.»
Praktizierte Nächstenliebe
Für sein Begräbnis hatte er sich die Teilnahme von Geistlichen verbeten. Im Gegenzug praktizierte Verdi das, was wir Christen Nächstenliebe nennen. Als grosszügiger Wohltäter löste er die sozialen Missstände seiner Heimat auf sehr persönliche Weise: Er unterstützte karitative Einrichtungen, gründete ein Spital und setzte Stipendien aus. So half er notleidenden Arbeitern und Bauern, finanzierte Kindern aus einkommensschwachen Familien eine Ausbildung. Zudem stiftete er das Altersheim «Casa di Riposo», in dem noch heute Sängerinnen und Musiker ihren Lebensabend verbringen und wo sich auch seine Grabstätte befindet. Zu Verdis Lebzeiten bezweifelten viele, das Tugend und Unglaube vereinbar seien. In einem Brief an den Verleger Ricordi schrieb Giuseppina Strepponi: «Ist es nicht so, Giulio, dass in Verdi der Mensch den Künstler noch überragt? Seit vielen Jahren habe ich das Glück, neben ihm leben zu dürfen und es gibt Augenblicke, in denen ich nicht weiss, was grösser ist: Meine Liebe zu ihm oder meine Verehrung für ihn, für seinen Charakter.»
Verdi und die Kirche
Giuseppina wusste, dass zwischen Verdis persönlichem Glauben und seiner Haltung der Kirche gegenüber ein Unterschied klaffte. Wie weit Verdi im Sinne der katholischen Religion gläubig war, ist schwer einzuschätzen, da der zurückhaltende Maestro grossen Wert auf Privatsphäre legte. Sein Librettist Arrigo Boito schrieb: «Im idealen, moralischen und sozialen Sinn war er ein grosser Christ. Aber man muss sich wohl hüten, ihn in politischer und im strengen Wortsinn theologischer Hinsicht als Katholik hinzustellen. Nichts stünde in grösserem Widerspruch zur Wahrheit.» Unbestreitbar jedoch ist, dass Verdi sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzte. Im hohen Alter besuchte er den Gottesdienst. Sowohl für das von ihm gestiftete Spital als auch für das Altersheim und auch auf seinem Gut Sant’ Agata liess er Kapellen bauen. Priester hatten nach seinem Verständnis rein seelsorgerische Funktionen und diese «wahren Priester» achtete und respektierte er durchaus. Nicht jedoch den offiziellen Zustand der Kirche im Italien seiner Zeit, als der Klerus politische Macht ausübte, das Bildungswesen und die Zensur kontrollierte. Er schrieb an Vincenzo Luccardi: «Eure Priester sind ganz gewiss Priester, aber keine Christen.» Für Verdi zählte die innere Religiosität. Der kreative Mann fand in der Bibel Trost und Inspiration. Denken wir an die Oper «Nabucco», in dem er das Schicksal der gefangenen Hebräer vertonte. Andererseits thematisierte er seinen Antiklerikalismus in vielen Briefen und einigen Opern, am deutlichsten wohl im «Don Carlo».
Kontroversen ausgelöst
Claudio Abbado (1933–2014) formulierte 2001 zu Verdis 100. Todestag: «Ich bin sicher, während er das Requiem schrieb, hat Verdi auch einen Akt der Gläubigkeit vollbracht. So wie jeder Dirigent einen Akt der Gläubigkeit vollbringt, der dieses Meisterwerk dirigiert.» Das Requiem ist das einzige Werk, welches Verdi in der Pause zwischen «Aida» 1871 und «Otello» 1887 komponierte. Dabei durfte das einst bei Rossinis Tod 1968 geschriebene «Libera me» aus der Schreibtischschublade heraus und an den Schluss der Komposition. Erstmals erklang die «Messa da Requiem» anlässlich Alessandro Manzonis erstem Todestag 1874 in der Kirche San Marco in Mailand. Die Aufführung der Totenmesse löste enorme Kontroversen aus. Dem Klerus und der Bourgeoisie missfiel der pathetische Grundtenor, der so gar nichts Geistlich-Kontemplatives hat. Wohl der Tradition der katholischen Liturgie verpflichtet, schuf Verdi eine Messe, in der auch immer wieder der Opernkomponist aufblitzt. Johannes Brahms, der Komponist, der sechs Jahre vor Verdis katholischem und lateinischem Requiem ein protestantisches und deutsches Requiem geschrieben hat, erkannte als einer der Ersten die Grösse und Genialität von Verdis Schöpfung. Musik, die niemanden unberührt lässt.
Inniges Bitten und Flehen
So ist denn Verdis Requiem alles andere als eine trostlose Trauermusik, sondern sein glühendstes und inspiriertestes Werk. Er komponierte eine Messe über den Tod, über die Angst und die Hoffnung. Wie im Dämmerlicht einer Kathedrale beginnt das Requiem leise psalmodierend, bevor sich die Solisten mit betörenden Belcanto-Melodien vorstellen. Mit elementarer Wucht donnert das «Dies Irae», beschwört das «Jüngste Gericht» mit suggestiver Kraft. Mitreissend auch das «Lacrimosa» und «Sanctus», während das «Domine, Jesu Christe» mit sanfter Milde über allem Irdischen schwebt. Im «Rex tremendae» folgt inniges Bitten: «Salva me, fons pietatis» (Rette mich, Quelle der Barmherzigkeit) und «Voca me cum benedictis» (Ruf mich mit den Gesegneten) – wer dieses Flehen hört, wird kaum mehr zweifeln, dass Giuseppe Verdi ein tiefgläubiger Mensch war.
Silvia Rietz ist Journalistin, Konzertveranstalterin, engagierte Christin und Redaktionsleiterin des Antoniusheftes. Sie gehört zum Redaktionsteam des «Kirchenblatts».