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Die Hochschulreform und ihre schreckliche Wirklichkeit „Die Idee der Universität“ – Ein Wort an die Ignoranten unter ihren Verächtern: So lautet der Titel eines Artikels welchen Prof. Dr. Ulrich Herrmann (erimitierter Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik) am 3. Juli 2009 im Bildungsklick zur Veröffentlich frei gegeben hat.
Worum geht es?
Einleitend hält Herrmann fest, dass Jürgen Habermas bei einem Festakt ein paar Sätze sagte, die das Publikum bewegten:
In jedem Seminar kann ein neues Gesicht auftauchen, ein Student resp. eine Studentin, der/die einen unerwarteten Stein ins Wasser wirft. Das ist das Ausserordentliche des universitären Lebens uns Lernens. Denn er (Habermas) glaube, dass es im Seminar nur so lange mit rechten Dingen zugeht, wie auch der Professor/die Professorin von seinen/ihren Studierenden etwas lernen kann.
Herrmann schliesst aus diesen Sätzen, dass dies – im Jahre 10 von Bologna – Humboldt pur sei und begründet dies in seinem kurzen und klar geschrieben Artikel fogendermassen:
Vor genau 200 Jahren verfasste Wilhelm von Humboldt zwei Schreiben im Zusammenhang mit der Errichtung einer neuen Universität in Berlin. Die Frage war, ob es eine „höhere Lehranstalt“ nach dem Muster der herkömmlichen Universitäten mit ihren Berufsfakultäten sein sollte oder eine Ausbildungsstätte nach Art eine Fachhochschule wie der École polytechnique in Paris. Beides war nicht Humboldts Absicht, er behielt jedoch die Bezeichnung „Universität“ bei, jedoch sollte nicht die Ausbildung zukünftiger Staatsdiener bzw. Akademiker das sie organisierende Prinzip sein, sondern die Entwicklung von Wissenschaft und durch sie die Verbreitung von echter wissenschaftlicher Bildung. Und diese „Idee der Universität“ – die „Idee des Wissens“ kann man sich nach Herrmann folgendermassen vorstellen.
-  „Wissenschaft“ versteht Humboldt nicht als das Insgesamt von Wissensbeständen, sonder als die Form des Wissens: als Methode wissenschaftlichen Denkens, als kritische Erörterung. „Schule hat es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun und lernt“, die neue Universität soll kein Ort des Lernens, sondern des Forschens und (Denkens) sein. Wissenschaft sollte nicht verstanden werden als Korpus geordneten Lehrbuchwissens wie in der alten Universität vor 1800 und nach Herrmann jetzt allerneuesten nach „Bologna“, sondern als lebendiger Prozess der Hervorbringung neuen Wissens. Die neue Universität soll „die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und dabei immer im Forschen bleiben“. Grundlage ist nicht Überlieferung und Tradition, sondern Forschung und Innovation.
- Für Humboldt ist ein Universitätslehrer nicht als Lehrender für Lernende da; denn Lehre soll Anleitung zum Selbststudium sein und nicht Vermittlung von Wissen (was nach Herrmann ohnehin bekanntlich besser durch eigenes Lesen geschieht), sondern eine Vorlesung solle „Wissenschaft als solche vortragen“: Fragestellungen und Methoden, Entdeckungen und Kontroversen, Zusammenhänge von Theorie und Praxis, kurz die Theoretik, Logik, Systematik und Pragmatik eines Faches. So schreibt Herrmann weiter, dass diese „neue“ akademische Lehre nach Humboldt das Medium sein soll, um eine bedeutende Zahl selbst mitdenkender Köpfe anzufeuern, so dass sich die Wissenschaft entwickeln kann. «Der Vortrag von Wissenschaft, vom Professor selbsttätig angeeignet und nicht von einem „Hochschullehrer“ aus Lehrbüchern zusammengestoppelt, führt nach Humboldts Überzeugung unvermeidlich zu neuen wissenschaftlichen Fragestellungen und Einsichten – bei beiden, Professor und Student, durch gegenseitige Anregungen, und dies ist der Sinn der Formel der Einheit (Verbindung) von Forschung und Lehre: sie meint eine Verbindung von Personen, erst sekundär die Institution» (vgl. Herrmann, S. 2, Hervorhebung im Original).
- Der Sinn der Formel von Einsamkeit und Freiheit ist die Hervorbringung von neuer Wissenschaft und der Selbstbildung durch sie. Und dies ist nach Humboldt auch der Grund, weshalb sich Wissenschaft und Forschung nicht an die unmittelbaren herrschenden gesellschaftlichen Bedürfnisse anschliessen und sich von deren Interessen vereinnahmen lassen dürfe. Weil sie dann ihr Ziel verfehlen würde, alternative Theorien  und Praxen zu denken und zu begründen.
- Die letzte Formel welche Herrmann beschreibt, die der „Bildung durch Wissenschaft“, meint dass es darum geht, unablässig die Wissenschaft als solche zu suchen. Sobald man aufhört oder sich einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des Geistes heraus geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden, so ist Alles unwiederbringlich und auf ewig verloren…
Bezogen auf diese Ausführungen führt Herrmann aus, dass Humboldts „Idee der Universität“ damals wie heute lediglich Realität in jenen Bereichen bzw. Nischen des forschenden Lernens und lernenden Forschens ist, die damals wie heute „im Kern gesund“ dastehen: in den Arbeitsgemeinschaften der Lehrenden/Forschenden und Studierenden. Klar ist nach Herrmann, dass eine Universität, welche vor 150 Jahren gerade einmal so viele Studierende hatte wie heute ein mittleres Fach und heute in Tausendern insgesamt 20 oder gar 40 mal so viele Studierende umfasst, umvermeidlich auch andere Wege in Forschung, Lehre und Studium einschlagen muss! Und dennoch: «Das Studieren als befreiende und freie Geistestätigkeit – was auch zu Humboldts Zeiten längt nicht für alle Studierenden in allen Fächern und Fachrichtungen galt – durch das Absitzen von Modulen und Ausspucken von Lernleistungen für Leistungsnachweise zu ersetzen, ignoriert und beleidigt den mitdenkenden, „feurigen“, rüstigen, jugendlichen Kopf und zwingt ihne erab zum abstumpfenden Anhäufen für ihn toten Wissens. Die Behauptung, dass da auch im Bachelor-Master-System vermieden werden könne, ist ohne das nötige Personal, ohne die erforderliche materielle Ausstattung und ohne die Vollfinanzierung des Studiums schlicht Lug und Trug» (Hermann, S. 3).
Dieser Artikel von Herrmann verdeutlicht meiner Ansicht nach schön, wie Humboldt zum Teil heute gedacht wird und zeigt auch auf, was früher damit gemeint war.
Gerade passend zum Thema wurde in der Zeit vom 25. Juni 2009 ein Artikel von Evelyn Finger veröffentlicht mit dem Titel „Hegel, hilf!“ in welchem sie schreibt, dass die Reformer, die das europäische Hochschulwesen vereinheitlichen wollen, nicht Genie fördern, sondern Effizienz propagieren. Ihr Mantra heisse Wettbewerb, ihr Motto Mobilität und ihr Ziel Marktfähigkeit. Seit dies jedoch so ist, sei das Studieren in Deutschland ineffizienter denn je. Die Seminare seien überfüllt und die Professoren verschwenden immer mehr Zeit auf die Verwaltung (vgl. dazu auch ein Blogbeitrag von Prof. Dr. G. Reimann). Frau Finger bemerkt lakonisch, dass die Lage auch dadurch nicht besser wird, dass früher vieles schlechter war – wie die Verteidiger von Bologna meinen.
Am 2. Juli 2009 konnte man dann wiederum in der Zeit eine Replik auf Fingers Artikel lesen: „Hegel hilft nicht“ von Thomas Kerstan. Er schreibt, dass Finger ahistorisch und elitär argumentiere. Ahistorisch, weil sie die deutsche Bildungsgeschichte ausblende und elitär, weil das von ihr propagierte Universitätsideal [das Humboldtsche, Anmerkung K.F.]  grossen Teilen der Bevölkerung den Zugang zu höheren Bildung versperre. Kerstan bezieht sich auf den Soziologen Ralf Dahrensdorf, welcher es als die Aufgabe des Staates sah, möglichst vielen jungen Menschen möglichst viel Bildung und Ausbildung angedeihen zu lassen, weswegen Dahrensdorf eine Gliederung der Hochschulen vorschlug, um das Massenstudium zu bewältigen. «Die Einheit von Forschung und Lehre als Generalsprinzip stellte er [Dahrensdorf, Anmerkung K.F.] in Frage, weil nur ein kleiner Teil der Studierenden in die Forschung gingen. Die meisten Studierenden brauchten eine wissenschaftsnahe Ausbildung, dafür müsse die Lehre gestärkt werden» (Kerstan, S. 1).
Die Bolognareform steht nach Kerstan in dieser Tradition, denn erstmals müssten sich Professoren Gedanken machen, was Studierende eigentlich lernen sollten. Weiter argumentiert Kerstan, dass sich nicht wenige Professorinnen und Professoren auf das Humboldtsche Bildungsideal (auf die Freiheit von Forschung und Lehre) berufen, weil sie sich lieber um ihre wissenschaftlichen Hobbys kümmern würden.
Und nun? Welches ist der richtige Weg? Gibt es überhaupt einen solchen? Welches sollen Stossrichtungen einer universitären Didaktik sein, die sich einerseits an der Einheit von Forschung und Lehre orientiert, so wie es auch das Leitbild der Universität Zürich vorschreibt: «Wissenschaftliche Bildung bedarf der universitären Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden. Sie beruht auf selbständiger Forschung und kann nur durch Personen vermittelt werden, die selbst Forschung betreiben», die sich aber auch bewusst ist, dass die Realität in vielen Fächern eine andere ist und dies wahrscheinlich auch mit gutem Grund.