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Und wenn man für die Gaben der Natur bezahlen würde?
Praxisbeispiele | DR. ISABELLE DAUNER GARDIOL
Gemeingüter gehören niemandem und allen. Zudem galten sie lange Zeit als «unbegrenzt». Dies hat dazu geführt, dass die Menschen sie willkürlich und ohne finanzielle Gegenleistung gebraucht und missbraucht haben. Dabei bieten uns viele Gemeingüter – etwa die Natur – frische Luft, Erholung, Pflanzen oder auch Wohlbefinden: gute Dienste, für die wir nichts bezahlen.
Aus ökonomischer Sicht sind Gemeingüter problematisch
Ökonomisch betrachtet sind Gemeingüter eine Tragik, da die Marktmechanismen auf sie nicht anwendbar sind. Einerseits besitzen diese Güter, z. B. Fische in den Ozeanen, Merkmale von privaten Gütern, weil man anderen Menschen den Zugang dazu verwehren kann, indem man sie selbst konsumiert. Andererseits haben sie aber auch Merkmale von öffentlichen Gütern, weil man andere Menschen kaum vom Konsum ausschliessen kann. Man sagt, dass Gemeingüter einen hohen Grad an Rivalität aufweisen, aber nicht exklusiv sind, was zu einer Übernutzung führt (s. Tabelle).
Zudem haben Gemeingüter «Externalitäten» oder (positive oder negative) externe Effekte, die bei den Konsum- oder Produktionsentscheidungen von Individuen und Unternehmen, die eine Maximierung des Wohlbefindens bzw. des Gewinns anstreben, nicht berücksichtigt werden. Bei negativen externen Effekten führt dies dazu, dass Gemeingüter tendenziell übernutzt und beeinträchtigt werden, weil die Folgekosten (z. B. Umweltschäden) nicht in den Marktpreis eingerechnet werden. Umgekehrt droht bei positiven externen Effekten – wenn der Nutzen eines Gutes (z. B. eines neu gepflanzten Baumes) nicht im Marktpreis enthalten ist – eine Unternutzung.
Um wirtschaftliche Verluste und einen Raubbau an Gemeingütern zu verhindern, schlagen einige Ökonominnen und Ökonomen vor, dass der Staat in diese Märkte eingreift und die Nutzung oder Ausbeutung solcher Güter reguliert, sie privatisiert oder Eigentumsrechte vergibt. Eine weniger «interventionistische» Möglichkeit zur «Wiederherstellung» der Marktmechanismen sind Steuern oder Subventionen, mit denen die negativen bzw. positiven externen Effekte in die Entscheidungen der Konsumierenden oder der Unternehmen einbezogen werden können. Aber funktioniert das?
Tabelle: ökonomische Merkmale von Gemeingütern, Probleme und Lösungen
Natürliche Ressourcen sind übernutzte Gemeingüter
Zu den «ökonomischen» Problemen von Gemeingütern kommen territoriale Fragen hinzu, wenn man von globalen oder «grossen Gemeingütern» wie Biodiversität, Ozeanen, Wasser, Ozonschicht oder Biosphäre spricht. Auf sie beziehen sich die neun planetaren Grenzen (Stephen et al. 2015), von denen die meisten bereits überschritten sind. Die aktuellen Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung, insbesondere in den Bereichen Biodiversität und Klima, und die dringend notwendige Neuausrichtung der menschlichen und finanziellen Ressourcen auf der Suche nach Lösungen – z. B. erneuerbare Energien – sind in der öffentlichen Debatte nicht mehr zu überhören (Meadows et
al. 2022).
Bei den globalen Gemeingütern lassen sich die von der Marktwirtschaft propagierten Lösungen nur schwer umsetzen. Zum einen stossen staatliche Eingriffe zur Regulierung der Märkte an ihre Grenzen: Steuern und Subventionen werfen Gerechtigkeitsfragen auf. Und zum andern kämpfen internationale Verhandlungen mit der Komplexität supranationaler Gremien und deren Unfähigkeit, verbindliche Regeln festzulegen, die allgemein akzeptiert und durchgesetzt werden.
Ansätze für «ökonomische» Lösungen zeichnen sich ab
Und wenn nun das Naturkapital in einer Unternehmensbilanz die gleiche Bedeutung wie das Finanzkapital hätte? Zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen empfehlen einige Fachpersonen eine grundlegende Überarbeitung des internationalen Rechnungslegungssystems, das auf einer kapitalistischen Wirtschaft beruht, und schlagen vor, das Natur- und Sozialkapital in gleicher Weise wie das Finanzkapital darin zu integrieren und zu bewerten. Richard (2020) hat ein Modell einer ökologischen und sozialen Rechnungslegung entwickelt (Comprehensive Accounting in Respect of Ecology / Triple Depreciation Line, CARE/TDL), das als Grundlage einer neuen Marktwirtschaft dienen soll, in der die Natur und der Mensch als genauso schützenswert gelten wie das Finanzkapital.
Aber welchen Wert soll man dem Naturkapital geben? Es gibt Ökonominnen und Ökonomen, die untersuchen, wie man den Wert von Naturkapital– etwa der Biodiversität – messen kann (Dasgupta, 2021). Da natürliche Ressourcen meist nicht greifbar sind, lässt sich ihr Wert allerdings nur schwer beziffern. Deshalb sind sie auch nicht in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen enthalten, deren Berechnungen auf Beständen und Finanzströmen basieren. Diese Probleme sollten die Wissenschaft und Politik aber nicht davon abhalten, nach Lösungen zu suchen. So ist es beispielsweise seit einigen Jahren möglich, die CO2-Bilanz oder den CO2-Fussabdruck von Ländern zu messen.

Erntefest im Schulgarten
Literatur :
Dasgupta, P. (2021). The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review. Londres, HM Treasury.
Jackson T. (2017). Wohlstand ohne Wachstum – das Update. Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft. München, oekom Verlag.
Meadows D. Meadows D., Randers J. (2023). Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update. Stuttgart, S. Hirzel Verlag.
Richard J. (2020). Révolution comptable. Pour une entreprise écologique et sociale. Ivry-sur-Seine, l’Atelier.
Steffen, W., K. Richardson, J. Rockström, S.E. Cornell, et al. 2015. Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science 347: 736, 1259855.