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|Unterwegs zum Highway 61: Grosse Seen - Milwaukee - Minneapolis.|
Highway 61
USA
Da stehe ich nun, an der Biker-Skulptur vor dem Harley-Museum, und rücke mein Gepäck zurecht. Das Wetter sieht heute gut aus. Vor mir liegt eine spannende Tour hinauf in den Norden entlang der Küsten der Grossen Seen. Warum Milwaukee als Ausgangspunkt für diese Reise? Bis um 1890 war die Bevölkerungsmehrheit Milwaukees deutschsprachig. Die Besichtigung der Miller-Brauerei und die Einkehr bei Maders oder Karl Ratzschs, den vielleicht besten deutschen Restaurants Nordamerikas, können den Milwaukee-Aufenthalt wunderbar abrunden.
Nun aber Spass beiseite: Natürlich weil Milwaukee die Stadt der Motorräder ist, hier werden die Harley-Davidson-Bikes produziert, und hier findet sich auch das riesige, moderne Harley-Museum: Das, was da mit dem bezeichnenden Namen "Time Machine" fünf Kilometer südöstlich des Headquarters auf ein 81 000 Quadratmeter grosses Industrieareal am Menomonee River gestellt wurde, ist allein schon diese Reise wert. Rund 8000 Exponate – darunter allein 170 historische Bikes – gibt es in der chronologisch aufgebauten Ausstellung zu bewundern. Darunter die "Serial Number 1", die älteste erhaltene Harley aus dem Jahr 1903. Zu sehen sind ebenso die ersten Motorrad-Gespanne wie auch die berüchtigten Chopper aus den 1970ern.
Dieser See ist grösser als die Schweiz
Nach der musealen Besichtigungstour geht es los, das Bike ist ordentlich gepackt und der Motor blubbert im Standgas vor sich hin. Die Reise entlang der "dritten Küste Amerikas" steht unter dem Motto: Wasser, Wälder und Wolkenkratzer. Meine erste Etappe ist allerdings ziemlich kurz: nur hinunter zur Anlegestelle der Fähre nach Muskegon, auf der anderen Seite des Michigansees. Der Lake Michigan ist einer der fünf grossen Seen Nordamerikas. Seine Uferlinie grenzt an vier US-Staaten: Michigan, Illinois, Indiana und Wisconsin – er ist damit der Einzige der grossen Seen, der sich komplett innerhalb der Vereinigten Staaten befindet. Übrigens: Mit 58 000 km² Fläche ist dieses Gewässer grösser als die Schweiz! Die Überfahrt dauert deshalb auch zweieinhalb Stunden. Aber man kann sich ja auf Deck den Wind um die Nase wehen lassen und genüsslich die Sonne anbeten.
Wieder an Land, führt meine Route entlang der Küste in den Norden Michigans, erste Station ist Traverse City, eine überschaubare Stadt mit 15 000 Einwohnern. Bunter Strandrummel bestimmt jetzt im Sommer das Bild der Ferienstadt. Hier treffe ich mich mit Larry Bowden, der 60-Jährige fährt eine Harley Roadking, und er ist ein echter Selfmademan. Ihm gehört ein Golfresort im nahen Städtchen Gaylord, das ganz auf Schweizer Retroarchitektur setzt.
Amerikanischer Gewürztraminer
Die Töffausflüge in der Umgebung führen uns denn auch zu Mark Johnson, dem "Winemaker" vom Chateau Chantal, einem Weingut an der "Weinstrasse" von Traverse City. Hier wird seit 21 Jahren Wein angebaut, zum Beispiel Pinot Grigio oder Gewürztraminer.
Doch nicht nur Weinfans sind verzückt: Vor 25 Jahren hat hier der Farmer Bob Sunderland eine "Kirschen-Republik" ausgerufen, und seitdem gibt es in dem Örtchen Glen Arbor eine ganze Fülle von Produkten, die irgendwas mit Kirschen zu tun haben: Vom Kirschwein über Kirschbonbons bis hin zum Kirschsenf.
Ein landschaftlich empfehlenswertes Motorradziel ist en passant der gut 30 Kilometer westlich von Traverse City gelegene Naturpark Sleeping Bear Dunes – 30 Meter hohe Sanddünen am Ufer des Michigansees. Sie stehen unter Naturschutz, doch eine Strasse führt zu tollen Aussichtspunkten und endlosen Stränden, an denen man gut baden kann.
Marquette: Nordische Stadt
Über uns kreisen Adler, und ich fühle mich ein wenig wie im Western. Ich verabschiede mich von Larry und mache mich auf den Weg zu der Upper Peninsula, also der nördlichen Halbinsel von Michigan. Um dahin zu kommen, muss man über die Mackinac-Mautbrücke, ein wahrhaft gigantisches Bauwerk, das 1958 fertiggestellt wurde. Die Gesamtlänge der Brücke von Ufer zu Ufer beträgt stolze 8038 Meter. Nach ihrer Verkehrsfreigabe war die Mackinac Straits Bridge mit Gesamtkosten von 99 800 000 US-Dollar die bis dahin teuerste Brücke der Welt! Aber als ich die Brücke passiere, herrscht natürlich dichter Nebel, man sieht kaum die Hand vor den Augen.
Meine Enttäuschung darüber endet in Marquette, einer kleinen Hafenstadt. Grosse Kaianlagen für die Erzfrachter bestimmen auch heute noch das Bild der Stadt. Die Region ist eine alte Bergbaugegend. Zwei der Minen arbeiten noch, und auch eines der Verladedocks ist noch in Betrieb. Als ich mich dort rumtreibe, wird gerade ein riesiger Frachter beladen. Der Reiz der nordischen Stadt ist trotz der Industrie nicht verlorengegangen. Besonders die Bucht und vor allem die historische Innenstadt machen Marquette zu einem lohnenden Ziel.
Die Fahrt geht weiter durch die Wälder entlang des Ufers der Lake Superiors, auch er gehört zu den Grossen Seen an der Grenze zu Kanada. Scheinbar endlos ziehen sich die Meilen hin, nur selten kommt ein Auto entgegen. Die Gegend ist dünn besiedelt, hier leben Bären, Elche und Adler. Man fühlt sich alleine auf der Strasse, ab und zu grüssen ein paar Biker.
Nach der monotonen Fahrt durch die Einsamkeit kommt mir das Nest Ironwood mit seinen 5000 Einwohnern richtig mondän vor. Um die Lebensgeister wieder in Schwung zu bringen, gönne ich mir – ganz amerikanisch – ein dickes Steak und ein kühles Bier. Warum auch nicht? Die einzige Attraktion hier ist der Cooper Hill, eine 60 Meter hohe Sprungschanze aus den 1970ern, die 20 Jahre lang unbenutzt war und nun als Ausblick über die weiten Wälder dient. Per Sessellift geht es auf den Hügel und von da per Lift ganz nach oben. Wandern kann man hier entlang des Black Rivers, es gibt schöne Wasserfälle und Schluchten zu sehen, aber auch viele Moskitos.
Zur Geburtsstadt Bob Dylans
Weiter geht’s, hinüber in den Bundesstaat Minnesota, genauer nach Duluth, schon wieder eine Hafenstadt, aber mit 80 000 Einwohnern. Obwohl ich mich schon an die grossen Entfernungen gewöhnt habe, bin ich erstaunt, dass man sich doch immer wieder verschätzt. In Duluth führen Suzanne und Dennis Pawson einen Harley-Shop, den zu besuchen sich lohnt. Dennis’ Vater hat ihn in den 1950ern aufgebaut. Jede Menge interessante Schwarzweissfotos zieren die Wände.
Nur wenige wissen, dass der Musiker Bob Dylan in Duluth geboren wurde. Dylan lebte bis zu seinem sechsten Lebensjahr in der East Street Nr. 519, heute ein gelb gestrichenes Holzhaus. Der Besitzer hat auch das Wohnhaus der Dylans im 75 Meilen entfernten Hibbing gekauft, dorthin ist die Familie von Duluth aus hingezogen. Nicht weit entfernt ist auch der "Highway 61", den Bob Dylan in einem seiner Songs beschrieb. Von Duluth bis zur kanadischen Grenze erstreckt sich die fast 250 Kilometer lange State Route 61 am Westufer des Lake Superior entlang. Da diese Strecke eine Attraktion für sich ist, erhielt sie den nationalen Status einer "All American Road".
In einer Kaserne der Nationalgarde in Duluth gab Buddy Holly am 31. Januar 1959 ein Konzert, und Dylan stand nur einen Meter von der Bühne entfernt. Ein bleibendes Erlebnis für Dylan, er schrieb später darüber. Denn ein paar Tage später starb Holly bei einem Flugzeugabsturz. Die Kaserne soll nun restauriert werden, und mit dabei ist der junge Architekt Mark Poirier. Er zeigt mir Fotos vom Auftritt Buddy Hollies in der alten Halle. Duluth selbst ist ein Hafen mit Industriecharme, in dem Eisen, Kohle und Korn verschifft wird.
Die «Twin-Cities» von Minnesota
Nach all der Wildnis und Einsamkeit des Nordens bin ich gespannt auf meine letzte Station dieser Motorradreise: Minneapolis. Bruce Roy, 44, ist der Manager des grossen Hotels "The Western Inn" in Minneapolis und fährt gerne mit seiner Yamaha zur Arbeit. Ich folge ihm auf meiner Harley auf dem Scenic Byway im Stadtgebiet, zu sehen gibt es den Skulpturgarten, eine Seenlandschaft und noble Villen. Minneapolis bildet zusammen mit St. Paul die Zwillingsstädte von Minnesota. Interessant sind die sogenannte Skywalks über der Strasse, das sind Querverbindungen zwischen den Gebäuden, was besonders im Winter sehr praktisch ist. Ansonsten rühmt sich die Stadt ihrer Museen und Theater, Geld wurde hier durch Handel mit Getreide verdient. Nahe Minneapolis steht auch die grösste "Mall" der USA. Das riesige Einkaufszentrum hat 42 Millionen Besucher pro Jahr und weist 520 Geschäfte mit 10 000 Angestellten auf. Selbst für Einkaufsmuffel sollte die Mall of America auf dem Tagesprogramm stehen. Die Gesamtfläche dieses gigantischen Konsumtempels beträgt das Fünffache des Roten Platzes in Moskau – das kann man sich nicht vorstellen, man muss es erlebt haben!
Und die nahe Schwesterstadt St. Paul? Die ist die Heimat des Erfinders der Comicfigur Snoopie, die im Zentrum in Bronze zu bewundern ist. Und da wird in Kneipen literweise Selbstgebrautes ausgeschenkt, zum Beispiel ein Bier mit dem Namen "Rote Karte Vienna". St. Paul ist übrigens älter als Minneapolis und Sitz der Landesregierung und der Staatsverwaltung. Beide Städte sind erst seit 2014 durch eine Metro miteinander verbunden.
Meine Abschiedsetappe führt mich wieder zurück nach Milwaukee. Wenn man hier seinen Miettöff wieder abgegeben hat, kann man sich im örtlichen Hofbräuhaus ein paar Helle hinter die Binde giessen. Milwaukee hatte ja, wie schon erwähnt, viele deutsche Einwanderer. Übrig geblieben ist davon neben der Miller Brauerei auch die Wurstfabrik Usinger. Zum Bier gibt es also sogar noch eine typisch deutsche Bratwurst – und das nach mehr als 1000 Kilometern quer durch die uramerikanische Gegend der Grossen Seen. Die USA sind schon ganz schön verrückt.
|Reiseinfos Grosse Seen USA

Allgemeines:
Zu den Grossen Seen gehören fünf zusammenhängende Süsswasserseen auf dem nordamerikanischen Kontinent: Lake Erie, Lake Huron, Lake Michigan, Lake Superior und Lake Ontario. Ein Grossteil der Great Lakes gehört zu US-amerikanischem und kanadischem Staatsgebiet. Die Great Lakes sind die wichtigste Quelle der Wasserversorgung für Nordamerika.
Klima:
Während der Golfstrom warme und trockene Luft zu den Grossen Seen bringt, fegt auch kalter Wind aus dem Norden über die US-Bundesstaaten an den Great Lakes. Genau aus diesem Grund gibt es keine perfekte Reisezeit. Vielmehr hat jede Jahreszeit an den Grossen Seen ihren ganz besonderen Reiz.
Sehenswert:
Milwaukee, Harley-Davidson-Museum mit Hunderten von Motorrädern. www.harley-davidson.com/content/h-d/en_US/home/museum.html
Katamaran-Fähre:
Milwaukee – Muskegon www.lake-express.com
Unterkunft:
Grand Traverse Resort, 100 Grand Traverse Village, Boulevard Acme, Michigan 49610 (Dinner in "The Filling Station", einem umgebauten alten Zugdepot von Traverse City. www.traversecity.com).
Marsh Ridge Golf Resort, 4815 Old US 27S Gaylord, MI 49735.
Landmark Inn, 230 N Front St. Marquette, Michigan 49885 (historisches Hotel mit schönem Ausblick von der obersten Etage).
Indianhead Motel, 823 East Cloverland Drive, Ironwood, Mi 49938 (praktisches Motel an der Strasse, das von Bikern angefahren wird).
Fitger’s Inn, 600 E Superior St., Duluth, MN 55802 (das Fitger’s ist eine ehemalige Brauerei, die nun zu einem Hotel, Restaurant und einem kleinen Einkaufszentrum mit Läden umgebaut wurde. Im Restaurant gibt es bodenständige Gerichte. Das Eisenbahn-Museum ist eine Besichtigung wert, auch der Ausflug zum Split Rock Lighthouse weiter nordwärts am Lake Superior).
The Westin Minneapolis 88 S, 6th Street Minneapolis MN 55402 (gut frühstücken lässt sich im nahen Restaurant "Hell’s Kitchen").
Motorrad fahren:
Die Strassen sind in sehr gutem Zustand. Autofahrer verhalten sich rücksichtsvoll. Wilde Tiere können überall und zu jeder Zeit die Strasse überqueren. Benzin ist im Vergleich zu Europa günstig. Die Tankanzeige sollte man im Auge haben, denn die Entfernungen sind gross.
Motorradvermietung:
www.am-tours.com; www.eaglerider.com