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Die Kirche der Missione Cattolica di Lingua Italiana (MCLI) wird 60 Jahre alt. Im Interview erzählt deren Priester Antonio Grasso, weshalb es die Mission heute noch braucht. Er ist Co-Autor eines Buches zur Geschichte der MCLI.
Interview: Sylvia Stam
«pfarrblatt»: Die MCLI erhielt vor 60 Jahren einen eigenen Standort, als sie sich von der Berner Pfarrei Dreifaltigkeit löste. Warum trennte sie sich ab?
Antonio Grasso: Die Migrationsgeschichte in den 1960er Jahren war eine andere als heute, man denke etwa an die Saisonniers. Die interkulturelle Zusammenarbeit mit der Ortspfarrrei war noch kein Thema. Bis unsere Kirche gebaut wurde, fanden unsere Gottesdienste in der Krypta der Dreif statt. Mit der Zeit hatte die MCLI das Bedürfnis, ein eigenes Gebäude zu haben, wo sich die italienischen Migrant:innen zu Hause fühlen konnten.
Was für weitere Räume brauchte die MCLI?
Wir hatten einen italienischsprachigen Kindergarten wie auch eine Sekundarschule. Diese wurde in den 80er Jahren geschlossen; bis dahin war unser Religionsunterricht dort integriert. Alle pastoralen Tätigkeiten wie Sozialarbeit, das Übersetzen von Dokumenten, Mal- und Strickkurse sowie die Administration fanden an verschiedenen Orten statt; soziale Anlässe wie Pfarreifeste beispielsweise im Hotel National oder im Kursaal. Manche dieser Räumlichkeiten wurden zu klein für unsere Tätigkeiten. Und man hatte das Bedürfnis, diese verschiedenen Orte zusammenzuführen.
Die grossen Einwanderungswellen ausItalien sind vorbei, die Secondos und Terzassprechen längst deutsch. Braucht es die MCLI weiterhin?
Es gibt einen Unterschied zwischen der Sprache als Kommunikationsmittel und der Sprache des Glaubens. Die zweite und dritte Generation sind hier aufgewachsen, sie sprechen deutsch. Manche von ihnen kommen dennoch hierher, weil sie sich hier mehr zu Hause fühlen als in einer Ortspfarrei.
Kommen denn auch Menschen aus anderen Ländern in die MCLI?
Ja, wir sind inzwischen keine Nationalgemeinschaft mehr. Bei uns gibt es auch Gläubige aus Lateinamerika, aus Portugal, Spanien und natürlich aus dem Tessin. Es geht nicht primär um die Sprache. Wir haben auch viele bikonfessionelle und bikulturelle Ehepaare: eine Italienerin und ein Portugiese, eine Schweizerin und ein Italiener usw.
Warum fühlen sie sich mehr zu Hause in der MCLI?
Wir haben eine andere Art, uns auszudrücken. Für Leute aus mediterranen Ländern ist vieles bei uns etwas näher, spontaner. Nicht so strukturiert und organisiert wie in einer deutschsprachigen Ortspfarrei. In der Ortspfarrei erleben sie weniger Volksfrömmigkeit. Das ist bei uns ein wichtiger Punkt: Rosenkranz, Kreuzweg, die Passion, all diese Traditionen sind für uns wichtig. Auch die Verehrung Marias und der Heiligen gehört in mediterranen und lateinamerikanischen Ländern dazu.
Dann ist die Parallelität von Mission und deutschsprachiger Ortspfarrei aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Ja, wir sind anders. Es wäre schade, wenn wir alle gleich wären. Es geht um Einheit in der Vielfalt. Zum Glück werden diese verschiedenen «Farben» auch in unserem Pastoralraum geschätzt. Es geht nicht darum, was besser oder schlechter ist. Deshalb ist es gefährlich, über «Integration» zu sprechen. Für uns klingt das wie Assimilation, und damit würden wir unsere Identität verlieren.
Warum heisst die Kirche «Madonna degli Emigrati»? Maria ist ja nicht eigens Fürsprecherin der Migrant:innen.
In der Volksfrömmigkeit hat man Maria unterschiedliche Attribute verliehen. Die marianischen Litaneien sind ein Beispiel für die unterschiedliche Beziehung zwischen den Menschen und Maria. Für die Migrant:innen ist Maria ihre Beschützerin. Sie war als Migrantin mit dem Jesuskind in Ägypten. Sie hat die Erfahrung gemacht, ihr Heimatland verlassen zu müssen. Deshalb fühlen sich die Menschen mit Migrationshintergrund ihr sehr nahe.
60 Jahre Kirche «Madonna degli Emigrati»
Folgende Anlässe finden zum Jubiläum statt:
Samstag, 25. März, 18.30: Festgottesdienst mit Bischof Felix Gmür. Anschliessend Apéro riche.
Freitag, 31. März, 19.30, MCLI-Restaurant: Eröffnung der Fotoausstellung und Vernissage des Buches zur Geschichte der italienischsprachigen Mission in Bern. Grasso Antonio, Panarese Luca Nicola: «La Missione Cattolica di Lingua Italiana. Sui inizi, la sua storia, il suo presente.» Das Buch ist auf dem Sekretariat der MCLI, Bovetstrasse 1 in Bern erhältlich.