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»Hier«, sagte mein Vater, und übergab mir eine kleine, beinerne Flöte, »nimm das und vergiss deinen alten Vater nicht, wenn du in fernen Ländern die Leute mit deinem Spiel erfreust. Es ist jetzt hohe Zeit, dass du die Welt siehst und etwas lernst«.
Dies hielt schon Hermann Hesse anno 1912 während seines Aufenthaltes im Belvedere fest.
Grossvaters Traum wurde wahr, und wir dürfen diesen heute leben!
Mein Grossvater Johann lebte damals als armer Bauernsohn im Berner Seeland und verdiente sein tägliches Brot als Saisonnier im Tourismus; im Winter in Ägypten und im Sommer in Interlaken. Da er sesshaft werden wollte, war er vor die Wahl gestellt nach Ägypten zu gehen oder in der Schweiz zu bleiben.
Bevor er wieder nach Kairo zurückkehrte, machte er eine Alpenüberquerung mit Freunden vom Tessin nach Grindelwald. Als er auf First ankam, schrieb er im dort aufliegenden Hüttenbuch von seiner bevorstehenden Entscheidung. Und wie er so von First auf Grindelwald schaute und diese atemberaubende Kulisse auf sich wirken liess, wusste er es: »Hier gehöre ich hin!«
Die Entscheidung
So kam es, dass er sich in einem noch unerschlossenen Grindelwaldtal für den einzigartigen und sonnenverwöhnten Aussichtspunkt entschied. Denn von hier aus überschaut man das gesamte Tal und ist zudem noch am Tor zum Dorfkern. Mein Grossvater gab seinem Hotel den Namen Belvedere, was «schöne Aussicht» bedeutet. Damit war der Grundstein für unsere Familientradition «Hoteliers seit 1904» gelegt.
Weil seine vier Schwestern und sein Bruder im Hotel mitarbeiteten, gelang ein erfolgreicher Start ins Geschäft. In dieser Zeit wohnten die Gäste den ganzen Sommer über im Hotel. Vergesst nicht, das Reisen damals war um einiges beschwerlicher als heute.
Die Krise der Weltkriege
Die beiden Weltkriege stellten unsere Familie jedoch sehr bald auf eine sehr harte und langwierige Probe. Gäste blieben aus und meine Grosseltern wurden gezwungen, das Hotel in ein Militärspital umzufunktionieren. Nach Ende des zweiten Weltkriegs brachte die Hotelkredit-Kommission die Schreckensbotschaft, indem sie nach Beurteilung des Hauses den wirtschaftlichen Totalschaden erklärte. »So darf das Erbe meines Vaters nicht enden!«, sagte sich mein Vater Fritz, der seit vielen Jahren in London lebte, und kehrte nach Grindelwald zurück.
Und nur dank dem starken Zusammenhalt und unermüdlichen Einsatz aller Familienmitglieder und Mitarbeiter war es möglich, das Hotel wieder zu eröffnen und den Ursprungsgedanken des Grossvaters wieder aufleben zu lassen. So durfte mein Vater zusammen mit meiner Mutter Elsi und meinen 3 Tanten Rosi, Elsie und Cécile den Hotelbetrieb von seinen Eltern übernehmen.
Es geht weiter
Dank der natürlichen Herzlichkeit vor allem durch meine Mutter gewannen wir viele Gäste aus Europa und Amerika. Diese waren natürlich auch von der Naturkulisse begeistert und wurden zu treuen Stammgästen und Freunden der Familie.
Heute 110 Jahre später lebe ich in dritter Generation zusammen mit meiner Frau Sylvia, meinen Kindern Philip und Carole und meiner Schwester Susanne den Traum, die Werte und Traditionen meines Grossvaters weiter. Seit damals hat sich viel verändert, eines ist aber geblieben: Wir begrüssen nach wie vor naturliebende Menschen aus aller Welt.
Und eines ist mir klar: »Diese wunderbare Natur muss auch für die nächsten Generationen erhalten bleiben.«
Urs-B. Hauser