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Was kann Präsident Obama erreichen für das Klima?
Robert F. Kennedy jr.: Viel, denn er versteht, dass Energie und Umwelt unsere beiden wichtigsten Herausforderungen sind, und dass diese Fragen eng mit unserer nationalen Sicherheit und der Bewahrung unseres Wohlstands zusammenhängen. Der grösste Hemmschuh für den US-amerikanischen Kapitalismus ist die tödliche Abhängigkeit von fremdem Öl. Wir leihen uns heute jeden Tag 1 Mrd Dollar von Nationen, die unsere Werte nicht teilen. Für dieses Geld importieren wir dann Öl aus Nationen, die ebenfalls wenig von uns halten. Das ist ein jährlicher ökonomischer Blutverlust von 700 Mrd Dollar. Dieser Vermögensexport hat eine Nation zur Bettlerin gemacht, die in meiner Jugend noch die Hälfte des Reichtums der gesamten Welt besass. Heute ärgern sich die Menschen darüber, dass wir Hunderte Milliarden Dollar aufwerfen müssen, um Wall Street zu retten. Und sie sagen, es werde Generationen dauern, dieses Geld zurückzubezahlen. Aber das stimmt nicht. Es wird nur ein oder zwei Jahre ohne die Abhängigkeit von fremdem Öl benötigen, um dieses Geld zurückzubezahlen.
Aber wie kann sich das Land der grossen Autos und undichten Häuser von der Ölabhängigkeit befreien?
Kennedy: Der Schlüssel ist der Bau eines Stromnetzes, eines sogenannten Smart Grid. Die lokale Energieproduktion aus erneuerbaren Energien kämpft in den USA derzeit mit mehreren Hindernissen. Neben dem fehlenden Netz sind da auch die enormen Subventionen für die Ölindustrie, die jährlich Millarden Dollar erhält. Weitere Milliarden gehen an die Kohle- und an die Nuklearindustrie. Das macht es den effizienteren Energieformen schwierig, den Markt zu erobern.
Wo soll die neue Energie herkommen?
Kennedy: Wir haben im wüstenartigen Südwesten unseres Landes genug potenzielle Solarenergie, um den Strombedarf der ganzen USA abzudecken - selbst wenn jeder Amerikaner ein Elektroauto fahren würde. Und in den Great Plains - dem Saudi-Arabien des Windes - gibt es genug Wind, um den Energiebedarf der USA gleich noch einmal zu decken. Das Problem ist: Uns fehlt ein Leitungssystem. Zudem ist das bestehende Netz falsch ausgerichtet. Der Besitzer einer Windenergie-Farm in Texas etwa hat keinen Anschluss ans Netz. Doch selbst wenn er einen hätte: Das Netz ist so antiquiert und ineffizient, dass ein grosser Teil der Energie auf dem Weg in die Städte verloren ginge.
Und darum ist ein neues Netz so wichtig?
Kennedy: Ja. Ein Smart Grid kann auf intelligente Weise Solar- und Windenergie speichern und verteilen. Es erreicht aber noch anderes. Die sinnloseste Energieverschwendung passiert heute dann, wenn wir die Spitzenbelastung erreichen und zusätzlich Kraftwerke anwerfen müssen, die vor allem Gas, aber auch Öl und Kohle verbrennen. Das ist eine furchtbare Verschwendung von wertvollen Ressourcen, etwa so, als würde man Geschirr in teurem Parfüm waschen. Mit einem Smart Grid wird das aber unnötig.
Hat die Finanzkrise nicht das für dieses neue Netz nötige Geld vernichtet?
Kennedy: Die Regierung plant zwar das Netz, aber erstellt werden könnte es von privaten Firmen. Investoren wie Warren Buffett und T. Boone Pickens haben einmal gesagt, dass sie es bauen würden, wenn sie die Bewilligungen und die Wegrechte erhielten. Sie würden ihr Geld wieder hereinbekommen, indem sie Abgaben für den Transport der Energie kassieren würden. Ich glaube aber, dass in den meisten Fällen die Bundesregierung das Netz bauen muss, und das schnell. So schaffen wir einen funktionierenden Marktplatz, der Effizienz belohnt und Ineffizienz bestraft. Wenn ich dann Solarzellen auf dem Dach habe, kann ich den Überschuss zu Marktpreisen ins Netz einspeisen. So wird jeder Amerikaner zum Energieunternehmer, jedes Heim zum Kraftwerk.
Gibt es konkrete Beispiele für einen solchen Wandel?
Kennedy: 1979 bauten wir in den USA ein Leitungssystem für das Internet. Ein Jahr später gab es in unserem Land noch immer weniger als 500 PC. IBM sagte damals, das Internet sei eine todgeweihte Technologie. Doch jetzt hat jeder einen PC, und die Kosten für Informationen sind massiv gefallen. Dasselbe wird bei der Energie passieren, wenn wir ein Energienetz bauen, das mehr Produzenten den Marktzugang ermöglicht. Es wird 150 Mrd Dollar kosten, das Netz zu bauen. Weitere 650 Mrd Dollar kommen von privaten Unternehmen, die mit neuen Kraftwerken Energie einspeisen. Wenn diese Infrastruktur einmal gebaut sein wird, ist die Energie für immer und ewig praktisch gratis.
Aber gibt es Beispiele in der heutigen Zeit?
Kennedy: Eine meiner Firmen baut gerade eine solarthermische Anlage in Kalifornien. Es ist eine Farm mit lauter Spiegeln in der Wüste. Die Anlage ist billiger als ein Kohle- oder Gaskraftwerk. Und ist sie einmal fertig, dann ist die Energie gratis, weil die Sonne ja gratis scheint. Wir müssen nicht mehr nach Saudi-Arabien gehen und Löcher in die Erde bohren, das Öl mit Militäreskorten über das Meer verschiffen und periodisch Kriege führen, um die Pipelines zu sichern. Mit Investitionen von vielleicht 1000 Mrd Dollar können wir Gratisenergie für immer bekommen.
Wird es also keine Nuklearenergie oder Gaskraftwerke mehr geben?
Kennedy: Es wird die Energiequellen geben, die auf dem Markt bestehen können. Nuklearenergie ist meiner Meinung nach wohl zu teuer. Und sie ist nicht sicher. Das sage nicht ich, sondern das sagt die amerikanische Versicherungsindustrie: Sie weigert sich, Atomkraftwerke zu versichern.
Sie scheinen begeistert zu sein - aber was sagt das amerikanische Volk?
Kennedy: Unsere Bürger werden überzeugt sein von neuen Energieformen, sobald sie anfangen, damit Geld zu verdienen und reicher zu werden. Wir brauchen nicht einmal zehn Jahre, um vom fremden Öl wegzukommen.
Das kann ich nicht glauben.
Kennedy: Ein Beispiel: Ich bin VenturePartner in einer Firma namens Better Place. Wir sind derzeit daran, Israel innert drei Jahren von der Ölabhängigkeit zu befreien. Dazu platzieren wir eine Steckdose neben jedem Parkplatz, und jede Tankstelle erhält eine Wechselstation. Diese sieht aus wie eine Waschanlage. Man fährt mit dem Auto hinein, das Auto wird hochgehoben, die alte Batterie entfernt und die neue eingeschoben, und man kann 180 km fahren. Die Aktion dauert weniger als 30 Sekunden, das ist kürzer, als man zum Tanken braucht. Autofahrer können die Batterie aber auch zu Hause laden.
Haben Sie Projektpartner gefunden?
Kennedy: Die Autos werden von Nissan und Renault gebaut. Es wird acht verschiedene Modelle geben, der Konsument kann alles von einem Mini-Van bis zu einem Sportwagen haben. Die Autos sind praktisch unzerstörbar, weil es keine beweglichen Teile gibt ausser der Achse und den Rädern. Die Produktion der Autos kostet weniger als 10000 Dollar und wir verschenken sie jedem israelischen Autofahrer, der sie will. Die Batterien allerdings bleiben in unserem Besitz. Wir verdienen unser Geld mit einem Aufschlag auf den Strom, den wir den Autofahrern verkaufen.
Und wenn die Kunden Ihr Auto nicht geschenkt wollen?
Kennedy: Die Kosten für die Nutzer sind rund zehnmal tiefer als die Kosten für ein Benzinauto. Vor allem aber: Sobald wir unser Netz aufgebaut haben, wird die israelische Regierung - sie ist ebenfalls Partnerin - eine Steuer auf Autos mit Verbrennungsmotoren erheben. Diese wird so lange erhöht, bis Benzinautos aus dem Markt gedrängt sind.
Und was machen Sie mit all Ihren Batterien, wenn diese nicht im Auto stecken?
Kennedy: Die 750 000 Batterien dienen der Energielagerung. In der Negevwüste bauen wir Solaranlagen und Windfarmen. Deren Energie speichern wir in den Batterien.
Die Verminderung der Abhängigkeit von Öl ist eine Frage der nationalen Sicherheit für Israel.
Kennedy: Ja, denn heute erhält das Land sein Öl von Ägypten. Israel vollzieht den Ausstieg in drei Jahren - wir können das in den USA auch schaffen.
Ist die amerikanische Wirtschaft bereit für die Umstellung? Die Autos Ihrer Firma beispielsweise werden ja nicht von US-Unternehmen hergestellt.
Kennedy: Man muss die Ökonomie so umstellen, dass die Anreize mit den nationalen Interessen deckungsgleich sind. Während des Zweiten Weltkriegs sagte Präsident Roosevelt, die USA würden 50000 Flugzeuge und 25000 Panzer pro Jahr und ein Schiff pro Tag bauen. Die Menschen lachten nur. Dann befahl Roosevelt Detroit, den Bau von Autos einzustellen. Innert neun Wochen wurde die Fertigung komplett umgestellt. Das können wir mit elektrischen Autos ebenfalls erreichen. Der Präsident muss der Autoindustrie nur garantieren, dass sie jedes elektrische Auto verkaufen kann, das sie produziert. Zu diesem Zweck schafft man ein steuerliches Anreizsystem, ähnlich wie in Israel.
Der Wandel, von dem alles spricht: Der passiert also schon hier und heute?
Kennedy: Ja. Barack Obama sagte mir einst, er habe einen Artikel von mir über die Notwendigkeit eines nationalen Stromnetzes zweimal gelesen. Wenn man in Washington mit irgendeinem Senator spricht, ist das erste Wort aus dessen Mund «nationales Stromnetz».
Sie sind also kein Pessimist, was die Zukunft der USA angeht?
Kennedy: Nein. Das Wichtigste ist, unsere moralische Autorität wiederherzustellen. Die Schliessung von Guantanamo war hier der Anfang. Und jetzt haben wir einen zehnjährigen Kampf vor uns, um unsere Wirtschaft wieder aufzubauen. Ich persönlich glaube, dass wir das noch sehr viel schneller tun können. Wenn man in einer Rezession oder in einer Depression steckt, braucht man eine neue Industrie, die einem da wieder rauszieht. Die neue Grüne Technologie ist diese Industrie.