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Kunst, das heisst, wie ein Kind auf dem Fussboden zu hocken, lallend und selbstvergessen mit den Bauklötzen zu spielen. Das ist der Moment, bevor die gesamte Verwandtschaft vorbeischaut und anfängt, wie die Preisrichter den Turm nach allen möglichen Kriterien zu bewerten und eine Note zu verteilen. Das ist der Moment, in dem Verunsicherung herrscht, der Turm beständig in sich zusammenzustürzen scheint und jeder Moment fragil ist. Kunst, das ist, diese fragilen Momente zu geniessen. Kunst, das ist, den eigenen Händen beim Bauklotz-Stapeln zuzusehen, wie "es" stapelt, statt es selbst tun zu wollen, Kunst ist ein Sturz vom Bauklötzeturm in das Willkürliche, um hinterher zu bemerken, wie sich alles nahtlos zusammenfügt. Kunst, das ist ein Drahtseilakt, während der Kritiker mit dem Megaphon einem in die Ohren dröhnt, und sich stur auf das Seil zu konzentrieren. Kunst, das ist der Moment, in dem man auf dem Seil zwischen Bauklotzturm 1 und Bauklotzturm 2 balanciert, der Kritiker sich heiser geschrien hat und nun Kamillentee trinkt, es ist der Moment, in dem vollkommene Stille herrscht, der Fuss auf dem Seil nicht mehr kippelt, sondern steht, der Wind sanft die heisse Haut kühlt, in der Ferne ein Schwalbenschwarm vorbeizieht, während der eigene Atem das Wichtigste in diesem Moment ist und man für ein paar Sekunden nirgendwo anders sein möchte ausser hier, jetzt, in diesem Moment, das Seil vergessen hat, das Balancieren so natürlich wird wie atmen. Das ist der Moment, bevor man vom Seil stürzt. Und dann tausende weitere Male stürzt, um genau diesen Zustand wieder zu erreichen, bis man irgendwann verdrossen aufgibt... und einem ein solcher Moment wieder zufliegt, als wäre er nie weggewesen. Kunst, das ist, lustvoll den Bauklotzturm umzuschmeissen, weil man weiss: dieser Moment kehrt wieder, sobald man aufhört, von ihm wegzurennen.
Nachtrag: das Perfide ist, dass wenn man sich erstmal angewöhnt hat, das ungewaschene Geschirr stehen zu lassen, die Rechnungen unbezahlt liegen zu lassen, das massiven Einfluss auf unser gestalterisches Leben hat. Das Ausweichmanöver (wenn auch manchmal dringend nötig) wird zur Gewohnheit, die auch auf die Kunst abfärbt.
Nachtrag II: um dem Ausweichmanöver Raum zu geben, kann es hilfreich sein, zwei oder mehrere Projekte gleichzeitig zu verfolgen und zwischen ihnen hin und her zu pendeln. So kann Widerstand sich gar nicht aufbauen, weil das aktuelle Kunstwerk nicht lebensentscheidend, sondern eines unter vielen ist.