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Bifertenstock-Akademikerweg
Eine Clubtour
Otmar Kost, Oberengstringen
« Wenn der Kerl jetzt nicht aufhört seinen Kopf zu schütteln, gehe ich baden », sagte Leo.
« Nichts baden, einfach zu Fuss gehen », sagte Hans. Er spielte wieder einmal den Gelassenen, aber wir kannten ihn gut genug, um zu wissen, dass ihm die vier Stunden bis zur Hütte schwer auf dem Magen lagen.
Wir standen in der heissen Mittagssonne zwischen grossen, gelben und roten, lärmenden Ma- Schinen auf dem Bauplatz von Tierfed und schauten hinüber zur Station der Werkseilbahn, wo Hermi seit einer Viertelstunde auf einen Mann einsprach, der einen gelben Schutzhelm aufhatte und der dauernd den Kopf schüttelte.
« Und überhaupt », sagte Leo, « ich habe gehört, es sei ein verdammter Schutthaufen und ausser dem Eiswulst sei rein nichts dran, und morgen über den Bänderweg rennen wir uns die Knochen krumm, und ich kann nicht verstehen, wie man einen solchen Scheissberg aufs Programm schreiben kann ».
Gerade da winkte uns Hermi mit beiden Händen, und wir rannten hinüber und in die Kabine, und der gelbe Schutzhelm kam auch mit.
Während wir sanft über die weite Alp schwebten und empor an den grünen Hängen, erklärte uns der Mann mit dem gelben Schutzhelm alles, was die vielen Männer mit all den Maschinen hier herum machten. Sie hatten im weiten Einzugsgebiet von Lindt und Limmern alles Wasser gefasst, das sie nur finden konnten, sie hatten lange Löcher unter den Bergen hindurchgebohrt und führten darin alles Wasser in den neuen See und von dort wieder durch Löcher hinunter in die Zentrale, wo sie Strom daraus machten. Der Mann war ordentlich stolz auf all die Löcher. Löcher machen war sein Beruf, und er liebte seinen Beruf, und er würde weiter und weiter Löcher machen, überall dort, wo man ihn hinschickte.
Er hatte den ruhigen und geraden Blick der Männer, die in den Bergen leben. Ich dachte, er sei mein Bruder, und ich wollte ihm erklären, warum ich seine Löcher nicht mochte. Aber ich tat es nicht, weil ich wusste, dass es nutzlos war.
Nach der Seilbahn ging Hans voraus, und wir folgten seinen gleichmässigen, zügigen Schritten weiter hinein ins Tal, über grüne Weiden und entlang dem Bach, wo die grossen Blöcke grau und trocken im spärlichen Wasser herumlagen. Später blieben die grünen Weiden zurück, und wir gingen über Moränenschutt und dann nach rechts hinauf über einen Steilhang in endlosen Kehren zur Hütte.
Als wir am nächsten Morgen aus der Hütte traten, stand auf der andern Seite des Tales unsere Wand wie eine schwarze Mauer unter den Sternen. Es war kalt, und ich war missmutig ob all dem Durcheinander und der Packerei der vielen Bergsteiger, die nur daran dachten, als erste loszurennen. Ich stellte meinen Sack auf die kleine Mauer und legte alles daneben, was ich brauchte: Seil, Pickel, Heim, Lampe, Handschuhe und eine Schlinge. Dann öffnete ich das Seil. Während ich darauf achtete, in der Dunkelheit keinen Salat anzurichten, sah ich draussen auf dem Gletscher die ersten schwankenden Lichter, die sich entfernten, und ich dachte an jenen Morgen vor vielen Jahren, als ich mit dem kleinen, fröhlichen Jakob dort hinausging. Ich dachte an seine glücklichen Augen, als der Grat in der strahlenden Morgensonne vor uns stand, und an die festen, warmen Griffe in den steilen Aufschwüngen und an den erschreckten Ruf in der Stille, bevor er wie ein schneller Schatten über mich hinwegflog. Ich sah wieder den alten Mann im weissen Chorhemd, der zwischen den Blumen stand und vergeblich den Leuten zu erklären versuchte, warum der kleine Jakob dort hinaufgegangen war.
Wir machten Zweierseilschaften und gingen los. Der Gletscher war voll von Geröll und Dreck, und da drüben, irgendwo im Dunkeln, stand dieser verdammte Westgrat, und ich konnte nicht verstehen, warum ich immer wieder irgendwo hinauf musste.
Als das Eis steiler wurde, setzten wir uns auf einige herumliegende Blöcke, um die Eisen anzuziehen. Die Sterne über der Wand waren jetzt blass, kaum noch zu sehen, und über das Eis des Gipfelplateaus verlief eine helle Linie.
Leo sass in meiner Nähe, und ich sah, wie er begann, wütend in seinem Sack herumzuwühlen und dann alles herauszureissen und um sich herum aufs Eis zu werfen. Dann gab es eine lange Reihe von leisen Flüchen, und als wir besser hin-hörten, verstanden wir, dass seine Steigeisen zu Hause in der Garage lagen und dass einem sol- 1 Bifertenstock und Bündner Tödi, vom Bifertenfim aus Photo Walter Burkhardt, Zürich chen Anfänger und Idioten nichts anderes übrig bleibe, als allein über den Gletscher zurückzugehen und hinunter nach Tierfed, um sich zu besaufen.
« Das macht doch nichts » sagte Hermi, « hier sind früher alle barfuss hinaufgegangen ».
Leo schaute zu Hermi hinüber, und wir wussten nicht recht, ob er ihm den Pickel in den Bauch rennen oder ob er ihn einfach erwürgen wolle, und wir waren alle etwas konsterniert. Da warf Hermi eines seiner Steigeisen zu Leo hinüber und sagte: « Wir beide sind doch so gut, dass wir mit einem Eisen überall durchkommen, wo die da mit zweien hingehen. » Leo schnallte das Eisen an seinen linken Fuss, während ich begann, in das steile Firn-Couloir hineinzusteigen, das vom Wandfuss etwa dreihundert Meter hoch bis unter die brüchige Felszone führte. Der Grund des Couloirs war hartge-schlagen und schwarzglasig von den Blöcken, die aus der brüchigen Felszone hier herunterfegten, sobald es warm wurde. Trotz der Kälte querte ich nach rechts hinaus, in die Nähe der Felsen, wo die Eisen gut griffen. Dann stieg ich, den Körper etwas seitlich gestellt, in regelmässigen Tritten gerade aufwärts. Ich fühlte mich jetzt besser, und es war eine Freude, hier so frei und sauber hinaufzusteigen, das Knirschen der Eisen zu hören und sieben Kameraden zu haben, die man mochte. Ich sah, wie hinter mir Hans und Ludwig ganz besonders sauber und vorsichtig gingen, wie sie die Seile straff hielten, damit den « Einbeinigen » nichts passieren konnte.
Gegen sechs Uhr erreichte ich das Ende der Rinne. Ich ging nach links über den Schrund und etwas hinauf auf das Band, das sich unter der Felszone hinzog.
Dann standen wir alle auf dem Band, die Köpfe im Nacken, und schauten hinauf in das, was uns bevorstand, und es gefiel keinem, was da schwarz, nass und brüchig zweihundert Meter hoch über unseren Köpfen hing.
« Ist das ein Scheissberg, oder ist das kein Scheissberg! » sagte Leo.
« Ich liebe nasse, brüchige Berge », sagte Hermi, und dann stieg er langsam und vorsichtig ein, und Hans stellte sich beim Sichern etwas seitwärts, um nicht erschlagen zu werden. Jede Seilschaft suchte sich, seitlich gestaffelt, ihren eigenen Weg durch die glitschigen, tropfenden, aufeinander getürmten Blöcke. Jeder ging langsam und mit äusserster Konzentration, und es gab keine Sprüche. Das einzige, was es gab, war das hohle Poltern, wenn ein Block losging, und der zischende Aufschlag im Firn-Couloir und etwas später im Aufwind die Spur von Schwefel, die in der Nase kitzelte.
Dies war nicht die Art von Gefahr, die ich mochte. Ich liebte die Gefahr, die man anschauen konnte, wie man einen Stein oder einen Baum anschaut, und die man überwinden oder umgehen konnte, wenn man es gelernt hatte und wenn man es ohne Furcht und richtig tat. Aber ich hasste die Gefahr, die da heimtückisch und unberechenbar wie ein schwarzes unbekanntes Tier über uns hing und die ohne unser Zutun auf uns herunterbrechen konnte, wann sie wollte.
Wir waren alle ordentlich froh, als wir unter den gelben Türmen nach links zur Firnrampe hinausquerten, die von hier, der Wand entlang-steigend, auf eine grosse Schulter führte. Es war acht Uhr, und die helle Linie über dem Gipfelplateau war jetzt eine gleissende Schlange geworden. Wir sahen die Eisblöcke, die wie riesige blaue Smaragde, halb im Firn eingegraben, in der Rampe lagen, und wir wussten, dass die Eisabbrüche des Gipfelplateaus über der ganzen Länge der Rampe hingen.
« Da müssen wir durch wie der Teufel », sagte Hermi. Wir schnallten unsere Eisen wieder an und nahmen Schlingen auf. Die Rampe war breit und eben wie eine Fahrbahn, aber steil ansteigend. Wir gingen alle zusammen los, so schnell wir konnten, links und rechts an den Eisblöcken vorbei, bei jedem Schritt die Fussspitzen in den harten Firn schlagend. Zuerst aufrecht und immer wieder ausgleitend, dann auf allen vieren, die blossen Finger im harten Schnee verkrallt, und »* »
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*4 r W Bifertenstock, Akademikerwand Swissair Photo AG, Zürich keiner dachte jetzt an die Eisabbrüche. Das war ein Rennen, und jeder wollte es den andern zeigen. Endlich, in der Mitte der Rampe, hielt Hermi an; aber niemand hatte die Kraft, an ihm vorbeizugehen. Wir standen da, die Oberkörper vornübergebeugt, die Fäuste im Schnee, mit offenen Mäulern und fliegendem Atem. Dann ging Hermi wieder los und Hans mit ihm und wir alle hinterher, und nach hundert Metern war Hans erledigt. Sie hielten an, und wir stürmten an ihnen vorbei hinauf zur Schulter. Als sie später erschöpft heraufkamen, sagte Leo: « Enthaltsamkeit ist die Grundlage jeder sportlichen Leistung. » Über der Schulter erhob sich der Eiswulst, der riesig, steil, breit und bauchig und gekrönt von einer kleinen, schneeweissen Wächte, den Berg gegen den Himmel abschloss. Wir schauten alle erschrocken hinauf, und Werner sagte: « Schau diesen Eiswulst !» Und Hermi sagte: « Welch ein Eiswulst! » Und Leo fasste unsere Gedanken zusammen und sagte: « Gottverdammich, so ein Eiswulst! » Dann stiegen wir hintereinander die steile Firnflanke hinauf bis unter den Wulst. Dort hieb ich mit dem Pickel die oberste Schicht weg und schlug einen Bombenhaken in das stahlblaue Eis. Werner nahm die Sicherung, während ich begann, nach links aufwärts eine Stufenleiter in das fast senkrechte Eis zu schlagen. Es war ein schönes Stück Arbeit, weil ich links schlagen musste und weil ich aus jeder zweiten Stufe eine Badewanne für die « Einbeinigen » machte. Aber es war eine Lust zu sehen, wie die Eissplitter bei jedem Schlag glitzernd in die Luft spritzten, und zu hören, wie sie leise über den Firnhang hinunterrieselten. Es tönte wie damals im dämmrigen Laden, wenn Vater hinter der Waage stand und aus einer eisernen Schaufel Zucker oder Reis in einen Papiersack rieseln liess. Ich sah ihn, wie er dann die Schaufel mit einem kleinen Ruck hob und die Frau vor dem Ladentisch stolz anschaute, wenn er es fertiggebracht hatte, genau beim Strich aufzuhören. Was hätte er wohl darum gegeben, einmal hier oben auf das Eis loszuhauen! Er hat zwar nie darüber gesprochen; aber wenn er mit den Händen auf dem Rücken hinter dem Schaufenster stand und zwischen den Suppenwürsten und Sei-fenpaketen hinausschaute auf die Strasse und über den Fluss und über die weite grüne Ebene, dann konnte man sehen, dass er es gemocht hätte, einmal hier oben auf das Eis loszuhauen. In der Mitte des Wulstes schlug ich wieder einen Haken, und Werner kam nach. Nach dem Wechseln ging ich nach rechts aufwärts, zuerst immer noch fast senkrecht, aber allmählich legte sich der Wulst zurück, und als ich die ersten Eissplitter in der Sonne blitzen sah, wusste ich, dass ich es bald haben würde. Unter der kleinen Wächte hieb ich einen guten Stand, griff mit beiden Händen hinauf, lag oben, das Gesicht im Schnee, die Beine baumelnd, und als ich die Augen öffnete, lag vor meiner Nase das schneebedeckte, weite, nach rechts leicht ansteigende, sonnenüberflutete, blendende und gleissende Gipfelplateau des Bifertenstockes, und es gab auf der'ganzen Welt keinen Mann, mit dem ich getauscht hätte.
Dann kamen alle herauf, einer nach dem andern. Wenn sie den Kopf über die Wächte hoben, schlössen sie geblendet die Augen, und wenn sie sie wieder öffneten, hatten sie den Blick des Mannes, vor dem aus einer Seitenstrasse heraus genau die Frau kommt, von der er seit zwanzig Jahren träumt und von der er seit zehn Jahren glaubt, dass es sie gar nicht gibt.
Als dann alle oben waren, gab es ein Händeschütteln und Schulterklopfen allergrössten Ausmasses. Dazu vollführten wir die komisch-sten Verrenkungen und Sprünge, weil jeder versuchte, gleichzeitig auch noch seine Eisen von den Füssen loszubringen. Als wir uns etwas beruhigt hatten, sagte Leo: « Habe ich nicht gesagt, es sei eine Bombentour. » Dann stapften wir durch den weichen Schnee über das weite Plateau und richteten uns auf der Ostseite auf einem trockenen Band häuslich ein. Hermi liess zwei Flaschen in die Runde gehen, und beim Trinken konnte man die Sonne durch den hellen Wein funkeln sehen, und entlang der Flasche sah man hinaus in die Bündner Berge bis zu den glänzenden Firnhängen der Bernina.
Wir waren alle glücklich, und jeder war stolz darauf, wie wir diese Sache hinter uns gebracht hatten. Wir waren gut und sicher durchgekommen, und in keinem Augenblick hatte es nach Schlamassel gerochen, und jeder hatte seinen Teil dazu beigetragen, wie es sich gehörte.
Als wir um elf Uhr nachts im Gasthaus von Tierfed um den runden Tisch sassen, spürten wir alle die neunzehn Stunden in den Knochen - aber keiner war zu müde, um dem Mädchen nachzuschauen, das auf seinen langen Beinen zwischen den Tischen herumging und mit dem Hintern wackelte, nicht zu viel und nicht zu wenig, sondern genau so, wie wir alle es für richtig hielten.