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Sie ist die Trennwand zwischen Alt- und Neustadt, die Leitplanke für den Durchgangsverkehr und wäre beinahe zur Zentralstrasse geworden, hätte man sich nicht ihres Ursprungs besonnen: die beiden Kanalarme der Schüss, die einst zur Abwehr feindlicher Angriffe unterhalb der Altstadt entstanden. Folge 1 meiner Webserie «Strassen, Plätze, Gassen und Wege in Biel».
Text/Foto: Jana Tálos
Man könnte meinen, sie sei schon immer da gewesen, die Kanalgasse. Eingezwängt zwischen Alt- und Neustadt, umgeben von dicht gedrängten Häusern, permanent befahren vom städtischen Durchgangsverkehr.
Fakt ist aber: Während die Neustadt mit Markt- und Nidaugasse bereits im 14. Jahrhundert Gestalt annahm, wurde die Kanalgasse erst viel später, nämlich um 1840 erschlossen. Davor fristete sie ein ruhiges Dasein als Insel, die sich, bestückt mit ein paar kleinen Scheunen, zwischen den Hinterhäusern der Gebäude an der Markt- und der Schmiedengasse entlang zog, umrahmt von zwei kanalisierten Schüssarmen, die einst die Stadtmauer vor feindlichen Angriffen schützten.
Der Durchgangsverkehr war der Grund, weshalb die Strasse überhaupt gebaut wurde.
Von den Kanälen ist heute nichts mehr zu sehen. Ebenso wenig die Schienen des Rösslitrams, das früher durch die Bieler Innenstadt führte. Den Durchgangsverkehr, der heute den Alltag an der Kanalgasse prägt, gabs aber auch schon 1840. Oder anders gesagt: er war der Grund, weshalb die Gasse überhaupt gebaut wurde.
Zwischen 1835 und 1838 wurde am linken Seeufer nämlich die Seestrasse erstellt. Der Fuhrwerkverkehr, der bisher von Neuenburg über Ins, Walperswil und Aarberg nach Bern und Solothurn geführt wurde, verlagerte sich daher auf diesen Weg. Eine Fortführung der Strasse durch die Bieler Innenstadt in Richtung Solothurn war die logische Konsequenz.
Die Hinterhäuser der Schmiedengasse waren lange nur über Stege erreichbar.
Die Scheunen auf der Insel wurden abgerissen, der südliche Schüssarm auf eine Breite von 2,4 Metern zugeschüttet. Später wurde dieser Kanal ganz überwölbt, während der andere Arm entlang der Hinterhäuser der Schmiedengasse offen weiter plätscherte. Die Häuser waren demnach nur über Stege erreichbar.
Durch den regen Betrieb, den der Verkehr in die Gasse brachte, wurde die Lage auch für die Hausbesitzer an der Markt- und Schmiedengasse interessant. Sie ersetzten ihre Hinterhäuser durch edle Neubauten, oder erhöhten die Stockwerkzahl. Allen voran der Eigentümer des Gasthauses Krone (Hotel de la Couronne), der sich vom Verkehr viel Kundschaft versprach.
Um 1890 stand der Vorschlag im Raum, die Gasse als «Zentralstrasse» zu bezeichnen.
Mit der steigenden Popularität der neuen Strasse, stieg der Druck auf den Gemeinderat, ihr auch einen Namen zu geben. Anfangs begnügte man sich noch mit der Bezeichnung «Schüssgasse». Um 1890 sah man sich jedoch dazu gedrängt, der Strasse offiziell einen Namen zu geben. So wurde vorgeschlagen, sie als «Zentralstrasse» zu bezeichnen. Der Gemeinderat entschied sich dagegen und beschloss stattdessen auf den Namen zu setzen, der sich im Volksmund längst eingebürgert: die Kanalgasse.
Übrigens: Würde der offizielle Westast verhindert und stattdessen der Alternativvorschlag «Westast so besser» des Komitees «Westast so nicht» gebaut, dann könnte die Kanalgasse in ein paar Jahrzehnten wieder zu ihrem Ursprung zurückfinden. Das lässt sich zumindest so aus dem aktuellen Plan ableiten. Durch die Offenlegung der Schüss soll der Durchgangsverkehr aus der Kanalgasse verbannt werden. Die Schüss würde dann mitten durch die Strasse verlaufen.
Quelle: Bourquin Werner (1956), Das Gesicht der Stadt Biel, eines Marktes, einer Gasse und eines Hauses im Wandel der Zeiten und Gegebenheiten, W. Gassman-Verlag Biel.