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Literatur
Ein Mann zwischen zwei Frauen
"Doktor Schiwago", den Roman des Russen Boris Pasternak (1890-1960), kann man guten Gewissens einen Klassiker nennen. Vielen dürfte er nur wegen der Verfilmung mit Omar Sharif und Julie Christie (1965, fünf Oscars) ein Begriff sein, dabei bekam Pasternak dank ihm 1958 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, wenn auch der Schriftsteller diesen aus politischen Gründen nicht annehmen durfte. Erschienen war "Doktor Schiwago" 1957, und dies erst noch im Ausland, erst in Italien, dann in 18 anderen Sprachen. In der Sowjetunion konnte er erst viel später, 1987 und unter Gorbatschow, veröffentlicht werden.
Nur weil ein Buch ein Klassiker ist, muss es nicht nach jedermanns Gusto sein. Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" gilt nämlich nicht gerade als ein leicht leserliches Buch. Viele Charaktere, mehrere Handlungsstränge und philosophische Einschübe verhindern eine flotte Lektüre - und doch machen sie Sinn. Pasternaks Roman bezieht sich in seiner Form auf den Kommunismus. So wie die Figur des Arztes Schiwago sich einer Umerziehung durch die Kommunisten verweigert, so verweigert sich auch das "Flickwerk aus Erzählfragmenten, Gedichten, Tagebucheinträgen sowie Reflexionen zu Philosophie und Geschichte" (so schreibt Julia Kursell in der Beilage) den Zwängen des ästhetischen Diktats des sozialistischen Realismus. Schiwago entzieht sich einer planvollen Lebensführung, so wie sich auch der Roman einer herkömmlichen Gattungsbestimmung verschliesst.
Auch die Hörspielbearbeitung von Ernst Schnabel - unter der Regie von Otto Kurth - macht es dem Hörer nicht einfach, wenn auch nur in den ersten beiden CDs. Es erfordert zu Beginn doch einiges an Konzentration, bei den verschiedenen Handlungssträngen, Namen und Beziehungen die Übersicht zu behalten. Es empfiehlt sich, sich schon vor dem Hören wenigstens einen Teil der Handlung zu Gemüte zu führen und sich auch schon an die russischen und damit gezwungenermassen mehr oder weniger fremd klingenden Namen zu gewöhnen. So mindert man die Gefahr, sich im russischen Namenwald zu verirren und später nicht alle Bezüge zu verstehen.
Im Zentrum des Hörspiels steht jener Mann, der schon im Titel genannt wird: Doktor Schiwago. Die Handlung setzt Anfang des 20. Jahrhunderts ein. Im Laufe der Jahre wird aus dem zaristischen Russland ein kommunistischer Staat. Schiwagos Leben verläuft chaotisch - nicht zuletzt wegen der revolutionären Wirren in Russland -, es lässt sich nicht planen. Gerade das spiegelt sich auch im Liebesleben des Anti-Helden Schiwago. Er steht zwischen zwei Frauen, zwischen Tonja, die von klein auf kennt und später heiratet, und Lara, in die er sich leidenschaftlich verliebt und mit der er glückliche Tage im Ural verlebt. Dieser Konflikt ist der zentrale. Sobald sich die Handlung ab der dritten CD vermehrt auf ihn konzentriert, erhöht sich augenblicklich das Spannungsmass - und man wird bestens unterhalten.