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Tabea wird von ihrem Ehemann betrogen und will ihn an sich binden mittels eines Hemdes, das Zauberkräfte besitzen soll. Getragen hat es zuletzt jener Mann – oder war es ein Kentaur? –, der Tabea als junge Frau brutal vergewaltigt hat. Albert trauert um seine Frau und empfindet gleichzeitig Schuldgefühle, wenn er an ihre letzten Lebensmonate denkt. Im italienischen Tiefland sucht er Trost im Gesang der Sirenen. Uta schliesslich hat ihr Leben der Hilfe für andere verschrieben. Als sie sich zu einem rätselhaften jungen Mann hingezogen fühlt, ist es mit ihrer selbstlosen Hingabe vorbei. Sie flüchtet in den Wald und verschmilzt am Ende mit ihm. Geschickt verwebt Susanne Röckel in drei Erzählungen realistische Geschichten mit antiken Mythen und wirft damit beunruhigende Fragen auf: Wie trennscharf sind die Grenzen zwischen Realität und Phantasie? Welche Abgründe lauern in und um uns – in der Natur, in unseren Beziehungen, in unseren Sehnsüchten?
Susanne Röckel wurde 1953 geboren und arbeitet als Schriftstellerin und literarische Übersetzerin in München. Ihr Roman Der Vogelgott stand 2018 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Gibt es ein leichtes Sprechen, das nicht leichtfertig ist? Ein Sprechen, das Eifer und Zorn hinter sich lässt, ohne deshalb bequem zu werden? Ein Sprechen, das zu dem Überall von Information und Meinung ruhigere Seitenstücke bildet, Worte findet, mit denen Lebensfragen zu formulieren sind? Ein Wanderer nimmt in Uwe Kolbes neuen Gedichten die Natur und den Himmel in sein Lied herein. Wie schon in seinen erfolgreichen Psalmen sind vor allem die gefiederten Begleiter allgegenwärtig: die Krähen und ihr Krakeel, die Amsel, ihr klagender Ton, der Bussard in seiner Höhe. Literarische Konvention verbindet sich dabei mit dem Wissen um das fragile Gleichgewicht des Planeten.
Uwe Kolbe, 1957 in Ostberlin geboren, übersiedelte 1988 nach Hamburg und lebt heute in Dresden. Für seine Arbeit wurde er u.a. mit dem Stipendium der Villa Massimo, dem Preis der Literaturhäuser, dem Heinrich-Mann-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman Die Lüge (2014), der Essay Brecht. Rollenmodell eines Dichters (2016) sowie die Gedichtbände Lietzenlieder (2012), Gegenreden (2015) und Psalmen (2017).
Eine Aussteiger-Kommune auf dem Land, 1980: Die Behörden entdecken vier Kinder, die versteckt vor der Welt aufgewachsen sind. Ihre Schicksale werden auf Schlagzeilen reduziert, doch Frida, Ringo, Leander und Linus sind vor allem Menschen mit eigenen Geschichten. Aus der Isolation in die Wirklichkeit geworfen, blicken sie staunend um sich. Und leben die unterschiedlichsten Leben an zahllosen Orten: In Pflegefamilien und Internaten, auf Inseln und Bergen, als Hassende und Liebende. Wie finden sich Verlorene in der Welt zurecht? In seinem ganz eigenen zärtlich-lakonischen Ton erzählt Rolf Lappert, wie man sich von seiner Kindheit entfernt, ohne sie jemals hinter sich zu lassen.
Rolf Lappert wurde 1958 in Zürich geboren und lebt in der Schweiz. Er absolvierte eine Ausbildung zum Grafiker, war später Mitbegründer eines Jazz-Clubs und arbeitete zwischen 1996 und 2004 als Drehbuchautor. Zuletzt war Lappert mit dem Roman Über den Winter in der Literarischen.
Neuer Austragungsort: Alte Kaserne (s. links)
Das Schreiben Franz Hohlers ist immer auch ein Reisen. Nicht selten entsteht es unterwegs, an Bahnhöfen oder Flughäfen, im Gehen oder Warten. Fahrplanmäßiger Aufenthalt versammelt die neueste Kurzprosa dieses grossen Meisters der kleinen Form. Die Erzählungen führen in die Ferne, nach Sarajevo, Kenia, Odessa oder auf den Maidan nach Kiew. Sie führen aber auch in einen Wartesaal am Bahnhof Schwäbisch Hall oder zur Birke vor dem eigenen Haus. Brillant beiläufig und pointiert öffnen sie die Fenster in die Wirklichkeit, die fremde wie die eigene, und gleiten unversehens ins Phantastische. Sie erzählen davon, was sich in unserer immer kleiner werdenden Welt entdecken lässt, wenn man nur genau hinsieht.
Franz Hohler, geboren 1943 in Biel, aufgewachsen in Olten. Er studierte einige Semester Germanistik und Romanistik, danach widmete er sich ganz der Kunst. Sein Werk umfasst unter anderem Kabarettprogramme, Theaterstücke, Film- und Fernsehproduktionen, Kinderbücher, Kurzgeschichten, Romane und Gedichte.
Alma hat einen Grossvater, der über seine Vergangenheit in Krieg und Gefangenschaft schweigt, und eine Grossmutter, die die Toten in Geschichten auferstehen lässt. Sie bekommt mit ihrem Partner einen Sohn, Emil, der keinen Schmerz empfinden kann und damit «gegen die grundlegendste aller Regeln, gegen das Gesetz, dass die Geschichte des Menschen eine Geschichte des Schmerzes ist», verstösst. Valerie Fritsch bringt im Familienroman Herzklappen von Johnson & Johnson das Schweigen über vergangene Schuld und das Empfinden von Schmerz zusammen. Wie im Buch die liebevollen Eltern ihrem Kind mit Vergleichen den Schmerz vorstellbar machen wollen, lässt Valerie Fritsch Leser und Leserin mit ihrer poetisch genauen und bildhaften Sprache die Figuren und Orte dieser Familie miterleben.
Valerie Fritsch, 1989 in Graz geboren, wuchs in Graz und Kärnten auf. Nach ihrer Reifeprüfung 2007 absolvierte sie ein Studium an der Akademie für angewandte Fotografie und arbeitet seither als Fotokünstlerin. Sie ist Mitglied des Grazer Autorenkollektivs plattform. Publikationen in Literaturmagazinen und Anthologien sowie im Rundfunk. 2015 erschien Winters Garten im Suhrkamp Verlag. Sie lebt in Graz und Wien.
Auf fast 600 Seiten liest sich Sturz als Geschichte (s)einer Schriftstellerwerdung, angelegt als Epos, das vielerlei Rhythmen, Tempi und Tonarten birgt und beim Selbstlesen ins Extreme führt. Also lassen wir uns dieses vorlesen! Der Autor ist ein Sprachberauschter, Verrückter, Magier, dessen Sätze sich dank waghalsiger Länge und Helvetismen wie «Gespräche beim Kiffen« (NZZ, 26.4.20) jedem Formwillen entziehen. In ihrer Strahlkraft entführen sie in einen selbstvergessenen Sog, der betrunken macht. «Alle Kinder können fliegen, wenn ihnen die Erwachsenen nicht dazwischenfunken», meint der Erzähler und lässt den Bub vom Land in die Stadt im Tal stürzen, wo er «in die Welt hinausgeht und das Fürchten und das Staunen lernt». Vom Flugpionier Louis Blériot bis zu den Luftschlachten des Ersten Weltkriegs erweist der Autor dem Fliegen eine virtuose Referenz.
Reto Hänny, geboren 1947 in Graubünden, debütierte mit Ruch (1979) und erregte mit Zürich, Anfang September, eine Reportage über die Zürcher Jugendunruhen, 1980 Aufsehen. Neben seinem intensiven Interesse an Musik und bildender Kunst schuf er ein dichtes literarisches Werk: Blooms Schatten (2014) – der Ulysses in einem Satz – und zuletzt Sturz (2020). Er lebt in Zollikon, Berlin und Graubünden.
Wer sich von der Sprache packen lässt, schwingt sich mit Sascha Garzettis Gedichten zu einer Reise auf. Da sind Gedichte aus den Parks der Grossstädte Europas: Paris, Istanbul, Stockholm, Oslo. Man flaniert, lässt den Blick schweifen und hört Gesänge. Am Grab von Gertrude Stein dreht sich das lyrische Ich und umkreist den Schlaf «wie Wörter am Zeilenfaden». Der Dichter beobachtet präzise und kommentiert scharfsinnig, geht Spuren nach und legt selbst Fährten. Umtriebig wird zu einer Sprache, was ungeübten Beobachtern entschwände. Präsent ist auch immer das Sinnieren über die Wirklichkeit: «Was sie verliert, verwildert / in die Sprache hinein».
Sascha Garzetti, geboren 1986 in Zürich, lebt und arbeitet in Baden. Studium der Germanistik, Geschichte und Nordistik. Gedichtbände: Vom Heranwachsen der Sterne (2010), Und die Häuser fallen nicht um (2015), Mund und Amselfloh (2018).