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Statt einer zukunftsweisenden Energiestrategie hat sich die Schweiz mit dem Verbot neuer Kernkraftwerke bei gleichzeitigem Netto-Null Ziel für CO2-Emissionen eine solide Sackgasse gebaut. Zu verdanken haben wir den energiepolitischen Irrweg schwärmerischen links-grünen Fantasien, die nur auf Wünschen aber nicht auf physikalischen und ökonomischen Grundregeln aufbauen. Möglich ist das in einer Wohlstandgesellschaft die immer weniger bereit ist, Risiken einzugehen. Man fürchtet mehr verlieren zu können als zu gewinnen. Das drückt sich in einer zunehmenden Technologiefeindlichkeit aus, nicht nur im Energiebereich, sondern auch bei anderen Entwicklungen, wie der Gentechnik oder der Digitalisierung (z.B. 5G).
Sämtliche Fortschritte der Zivilisation basieren allerdings auf der Bereitschaft Risiken einzugehen, nicht diese zu vermeiden. Dazu ein kurzer Rückblick in die Menschheitsgeschichte.
Meilensteine der Evolution
Eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Mensch und Tier ist der Gebrauch des Feuers. Der Urmensch, der in unbestimmter Vorzeit seine Furcht überwand und bei einem Waldbrand einen brennenden Ast in die Hand nahm, vollzog einen gewaltigen evolutionären Schritt. Er erkannte den Nutzen einer Flamme und stufte das höher ein als seine Furcht davor. Über Hundertausende von Jahren diente das Feuer den Frühmenschen in erster Linie als Wärmequelle und zur Zubereitung von Speisen. Weitere evolutionäre Schritte folgten mit dem Brennen von Ton. Die Keramik, das Herstellen von dauerhaften, feuerfesten Gefässen war geboren. Weitere evolutionäre Schritte waren die Verhüttung von Erzen zu Bronze und Eisen, das Schmieden und schliesslich die Erfindung des Schiesspulvers, welches Feuer zu einer gefährlichen Waffe machte. Sämtliche dieser Anwendungen sind heute noch im Gebrauch und aus der Zivilisation kaum wegzudenken. Der Schritt welcher das industrielle Zeitalter einläutete, begann mit der Erfindung der Dampfmaschine. Es war die erste Anwendung, mit der die Kraft des Feuers in mechanische Energie umgewandelt wurde und damit nicht nur menschliche und tierische Muskelkraft ersetzte, sondern auch die weniger effizienten Wind- und Wassermühlen ablöste. Die Dampfmaschine ist Geschichte, sie wurde längst ersetzt durch Verbrennungsmotoren und -turbinen aller Art. Wie erfolgreich das ist, zeigt die Bevölkerungsentwicklung.
Nach Jahrtausenden einer Population weit unter der Milliardengrenze, schnellte sie innerhalb von zwei Jahrhunderten von einer Milliarde auf sieben Milliarden hoch, wobei die jüngsten 5 Milliarden erst in den letzten hundert Jahren dazu kamen. Dieses beispiellose Wachstum findet in allen Weltregionen statt, bloss zeitverzögert zu Europa und Nordamerika und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.
Die Energieversorgung der Weltgemeinschaft in heutiger Grösse und wachsendem Wohlstand basiert praktisch ausschliesslich auf Verbrennung. Der fundamentale Prozess, die Oxidation, also die Reaktion von Kohlenstoff mit Sauerstoff, zu Kohlendioxid und Wasserdampf, ist immer derselbe, ob es sich beim Energieträger um Kohle, Erdöl oder Erdgas handelt. Neben der Mechanisierung bedingen auch andere Verfahren, wie bereits erwähnt die Metallurgie und die Keramik aber auch die Herstellung von Kunstdünger oder Zement einen Verbrennungsprozess.
Allen die sich mit Energie beschäftigen ist seit Jahrzehnten klar, dass mehr zu verbrennen als nachwachsen kann nicht nachhaltig ist. Es war die Motivation in den 70er und den 80er Jahren die Kernenergie aufzubauen. Die weltweit erfolgreiche Erschliessung immer neuer Öl- und Gasvorkommen, basierend auf immer raffinierteren Produktionstechniken, wie zum Beispiel dem Fracking, haben die Reichweite fossiler Ressourcen jedoch in immer fernere Zukunft gerückt. Als limitierender Faktor gilt aktuell nicht mehr die Verfügbarkeit von Fossilen, sondern das Übermass an Emissionen.
Wege aus dem Dilemma
Auf zivilisatorische Errungenschaften zu verzichten, um CO2 zu reduzieren, ist illusorisch. Als politisch korrekte Primärenergiequellen stehen zurzeit nur Hydro-, Solar- , Wind- und geothermische Energie zur Auswahl. Keine dieser Energiequellen bietet eine nur annähernd so hohe Energiedichte wie fossile Brennstoffe. Ein Umstieg auf diese politisch gewünschten Energieträger, bei gleichbleibendem Energiebedarf, hat aber unweigerlich einen massiven Ressourcenverschleiss in Form von Landbedarf und Materialverbrauch zur Folge. Eingriffe in Natur- und Umwelt nähmen um ein Vielfaches zu, nur um weniger CO2-Emissionen zu erzeugen. Das ist weder ein machbares noch ein erstrebenswertes Ziel.
Will man die Umwelt wirksam schonen, und dazu gehört nicht nur die Atmosphäre, geht das nur mit einer Energieressource die noch effizienter ist als die Verbrennung. Und es geht nur mit einer Energieressource, welche nicht bereits von der Natur in Anspruch genommen wird.
Eine höhere Energieeffizienz als die Oxidation weisen physikalisch nur die Kernspaltung und die Kernfusion auf. Das war bereits den Waffenbauern und den Entwicklern der Kernenergie in der Mitte des letzten Jahrhunderts klar. Die Energiedichte von einem Kilogramm Uran oder Thorium ist um Grössenordnungen höher als von einem Kilogramm Kohle oder Erdöl. Aus physikalischer Sicht gibt es kein Mangel an radioaktiven Brennstoffen, sie können selbst aus Kernprozessen heraus erzeugt werden.
Furcht vor Risiken
Die Abneigung Kernkraftanlagen zu bauen ist vielschichtig. Das dominierende Hemmnis ist Furcht. Die Furcht vor Radioaktivität ist nachvollziehbar. Radioaktivität ist ein Phänomen, für welches wir kein Sinnesorgan haben. Man kann sie weder hören noch fühlen noch riechen. Sie kann tödlichen Schaden anrichten bevor wir es merken. Radioaktivität ist gefährlich und wird immer gefährlich bleiben. Und hier knüpft die Geschichte an diejenige des Feuers an. Feuer war vom ersten Tag an furchterregend gefährlich und ist es bis heute. Nur haben wir gelernt damit umzugehen, allerding immer noch unzulänglich. Jährlich sterben weltweit über 100’000 Menschen direkt durch Feuer[1]. Nicht mitgerechnet sind dabei die Arbeitsunfälle im Umgang mit Verbrennungsmaschinen. Hier besteht in der Risikowahrnehmung eine eklatante Diskrepanz gegenüber der Furcht vor Radioaktivität. Im Zusammenhang mit Unfällen bei Kernenergieanlagen, also der friedlichen Nutzung, starben seit 1945 weniger als 300 Menschen nachgewiesenermassen an den Folgen radioaktiver Strahlung[2].
Die tiefverwurzelte Furcht vor der Kernenergie gründet natürlich auf den beiden Atombombenabwürfen, die 1945 den Städten Hiroshima und Nagasaki die Apokalypse brachte. Dort starben innert wenigen Sekunden über zweihunderttausend Menschen in Folge der zerstörerischen Druckwellen. Die Abschreckung war so gross, dass allein das weitere Aufrüsten mit Atomwaffen paradoxerweise zur Vermeidung grosser konventioneller Kriege diente. Trotz weltweiten Abrüstungsvereinbarungen bleibt die nukleare Bedrohung bis heute bestehen. Keines der Länder mit Atomwaffen gedenkt auf diese zu verzichten.
Gegenüber diesen apokalyptischen Ereignissen lassen sich die technischen Desaster in den Kernkraftwerken Three Miles Island, Tschernobyl und Fukushima in keiner Weise vergleichen. In diesen Anlagen kam es zum Schmelzen der Reaktoren, dem grössten anzunehmenden Unfall, einem GAU. In allen drei Fällen ging es schlussendlich um menschliches Versagen. Beim letzten Ereignis, demjenigen von Fukushima bedurfte es allerdings eines extrem aussergewöhnlichen Naturereignisses, um den Unfall auszulösen. Bemerkenswert bei all den Unfällen an Kernkraftanlagen ist, dass die Anzahl der Todesfälle um Grössenordnungen kleiner ist als bei allen konventionellen Energieträgern.[3]
Safety First
Die Diskussion über Risiken und Nutzen der Kernenergie wird emotional geführt. Tatsächlich bedarf es grossen technischen Wissens, um die Risiken richtig einzuschätzen. Das erschwert eine sachliche Diskussion ungemein. In einer pluralistischen Gesellschaft bedarf es deshalb unvoreingenommener Aufklärung durch kompetente und nicht interessengebundene Fachleute. In autokratischen Ländern ist es wesentlich einfacher Kernenergie durchzusetzen. Doch das geht dann leicht auch auf Kosten angemessener Sicherheit. Die Forderung höchster Sicherheitsstandards ist aber nicht nur gerechtfertigt, sie ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung. Das Beispiel dazu liefert die Luftfahrtindustrie. Safety first ist das Leitmotiv der Fliegerei. Ohne laufende Verbesserung der Sicherheit, hätte sich die Luftfahrt nie als Massentransportsystem durchsetzen können.
Die Diskussion, ob wir den Nutzen der Kernenergie höher einordnen als deren Gefahren, muss in jedem Land einzeln geführt werden. Dieser Prozess wird Zeit benötigen, beschleunigt wird er höchstens durch die Einsicht, dass unser Wohlstand, auf den kaum jemand verzichten will, mit erneuerbaren Energieträgern allein nicht erbracht werden kann. Mit dem Wissen, dass unabhängig von unserem Verhalten, der weltweite Energiebedarf laufend zunimmt, sollte uns die Entscheidung leicht fallen, die Energieversorgung möglichst eigenständig sichern zu wollen.
Energie ist keine Mangelware
Es ist kein neues Phänomen, dass nicht der Mangel einer Ressource Grenzen setzt, sondern deren Umweltbelastung. In der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Luftverschmutzung in London durch das Heizen mit Kohle unerträglich. Der sprichwörtliche Smog lichtete sich erst mit dem Ersatz der Kohle- durch Gasheizungen, obwohl es nie ein Mangel an Kohle gab. Nun setzen die CO2-Emissionen dem Gebrauch aller fossilen Energieträger eine Grenze. Wasserkraft ist in der Schweiz nur aufgrund eines berechtigten Landschaftsschutzes limitiert, nicht wegen des hydraulischen Potentials der Fliessgewässer. Sonne und Wind sind grenzenlos verfügbar, allerdings intermittierend, die limitierenden Faktoren sind auch hier nicht die Ressource selbst, sondern der Landverschleiss und fehlende saisonale Speicher.
Kernenergie hat kein Ressourcenproblem. Uran und Thorium sind weltweit ohne erkennbare Grenze verfügbar. Mittelfristig werden sogar Reaktoren zur Verfügung stehen, die mit dem heute anfallenden radioaktiven «Abfall» Energie erzeugen werden. Kernenergie bedient sich einer Ressource, die von der Natur nicht beansprucht wird. Das entlastet die Umwelt, und zwar nicht nur durch wegfallende Treibhausgas-Emissionen. Es wäre allerdings naiv die Kernenergie als die Lösung schlechthin hinzustellen. Natürlich wird es auch dabei Probleme, Rückschläge und Pannen geben. Das liegt in der Natur menschlichen Handelns. Die Herausforderung ist es diese Risiken rational und nicht emotional abzuschätzen.
Der nächste Meilenstein
Es gilt also Ängste zu überwinden. Und das bringt uns – vielleicht etwas pathetisch – an den Anfang unserer Geschichte: Wie der Urmensch seine Furcht vor dem brennenden Ast überwinden musste, müssen wir ein Risiko eingehen. Unser Vorgänger ging dieses Risiko ein und hat damit Fähigkeiten gewonnen, die ihm damals unmöglich bewusst sein konnten. Energie bleibt im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich, aber der Mensch besitzt die Fähigkeit diese Gefahr zu bändigen und zu seinen Diensten zu nutzen. Das risikofreie Leben wird es nie geben.
[1] https://ourworldindata.org/causes-of-death#fire
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_nuclear_and_radiation_accidents_by_death_toll
[3] https://ourworldindata.org/grapher/death-rates-from-energy-production-per-twh