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Topographien der "Reinheit": Bakteriologie, Raum und Grenze im Ersten Weltkrieg
Die Bakteriologie war Ende des 19. Jhs. zur medizinischen Leitwissenschaft aufgestiegen und erlebte im Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt an Autorität. Aufgrund der in Kriegszeiten besonders grossen Bedrohung der Armeen durch Seuchen wurde sie in Deutschland in den Rang einer existentiellen Kriegswissenschaft erhoben. Ein zentraler Bestandteil des bakteriologischen Abwehrdispositivs war die Einrichtung von Entlausungs- und Desinfektionsanstalten im Feld. Diese schufen mit ihrer spezifischen Architektur eine Struktur, die infiziert und gesund, verlaust und unverlaust, verschmutzt und sauber strikt voneinander trennte, um Zonen infektiöser Indifferenz und Vermischung, die immer auch als Zonen der Unordnung und mangelnden Kontrolle galten, zu vermeiden. Menschen passierten die Anstalten – einem "Filter" gleich – in einem streng reglementierten Gang von der als "unrein" markierten Seite auf die "reine" Seite. An der Ostgrenze des Reiches installierte man im Verlauf des Krieges ein Bollwerk aus riesigen Sanierungsanstalten. In diesem "Sanierungswall" wurden die territorialen Grenzen vom bakteriologisch informierten Phantasma der totalen Reinheit besetzt und überlagert. Die Grenzen der Reinheit schrieben sich nicht nur in die Anstalten selbst ein, sie verliefen nun auch entlang der Staatsgrenzen. Etabliert wurde damit eine dichotomisch konzipierte Topographie: hier die "reine" Heimat mit dem "reinen" Staatskörper, dort die "unreine", infizierte, gefährliche und letztlich unkontrollierbare Besatzungszone. Gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, die "Ostjuden", reichte der Sanierungswall als "Filter" allerdings nicht mehr aus. Verfemt als unauslöschbar Unreine wurde die deutsche Grenze für sie zur hermetisch abgeriegelten, rassistischen Sperre.