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Wer das Glück hat, diesem gepanzerten Vertreter der Urzeit – das Riesengürteltier – in freier Wildbahn zu begegnen – zum Beispiel in der Abenddämmerung oder noch vor Sonnenaufgang am frühen Morgen – der wird, falls es eine Erstbegegnung ist, sich vielleicht ein bisschen unbehaglich fühlen – aber keine Angst, dieser Nachkomme jener bereits vor Millionen von Jahren ausgestorbenen Gliptodonten, ist vorzugsweise ein Insektenfresser – wahrscheinlich wird er sich schnellstens entfernen, wenn er die Witterung von Ihnen in seine empfindliche Nase bekommt, denn er ist selbst ein bisschen ängstlich.
Der Priodontes maximus ist die größte noch lebende Art der Ordnung Xenarthra (aus dem Tertiär – vor 60 Millionen Jahren). Er präsentiert einen Panzer mit 11 bis 13 flexiblen Scharnierbändern, die seinen Körper schützen, mit drei oder vier weiteren am Hals. Der Körper hat eine dunkelbraune Färbung, außer an Kopf und Schwanz und am Rand des Panzers, der einen hellen Streifen aufweist. Der lange, spitz zulaufende Schwanz ist mit kleinen, fünfeckigen Schuppen bedeckt. Das Tier hat etwa 80 bis 100 Zähne, mehr als jedes andere Landsäugetier.
Zum Graben seiner Höhlen und zur Nahrungsbeschaffung hat es extrem lange Vorderklauen, darunter eine dritte, sichelförmige Klaue, die bis zu 22 Zentimeter lang ist – die proportional größten Klauen aller lebenden Säugetiere. Der Schwanz ist mit kleinen, abgerundeten Schuppen bedeckt. Das Tier ist fast völlig unbehaart, nur einige beigefarbene Haare ragen aus dem Schuppenpanzer hervor. Riesengürteltiere haben einen schwach entwickelten Hör -und Sehsinn, aber einen hoch entwickelten Geruchssinn speziell für die Nahrungssuche.
Riesengürteltiere sind einzelgängerisch und nachtaktiv, und sie verbringen den Tag in Höhlen, die sie auch graben, um Raubtieren zu entkommen, da sie nicht in der Lage sind, sich vollständig zu einer schützenden Kugel zusammenzurollen, wie kleinere Gürteltiere das können. Im Vergleich zu diesen sind ihre Höhlen allerdings auch ungewöhnlich groß, mit Eingängen, die im Durchschnitt 43 cm breit sind und sich normalerweise nach Westen hin öffnen.
Sie benutzen ihre großen Vorderklauen, um nach Beute zu graben und Termitenhügel zu öffnen. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Termiten, aber auch Ameisen, Würmer, Spinnen und andere wirbellose Tiere werden gern verzehrt. Über die Fortpflanzungsbiologie dieser Art ist derzeit wenig bekannt, und es wurden noch nie Jungtiere im Freiland entdeckt. Die durchschnittliche Schlafdauer eines Riesengürteltiers in Gefangenschaft liegt bei 18 Stunden.
Riesengürteltiere wurden in freier Wildbahn noch nicht ausgiebig erforscht, so dass nur wenig über ihre natürliche Ökologie und ihr Verhalten bekannt ist. In der einzigen Langzeitstudie über diese Art, die 2003 im peruanischen Amazonasgebiet begann, wurden Dutzende von anderen Säugetier-, Reptilien- und Vogelarten gefunden, die am gleichen Tag die Höhlen der Riesengürteltiere nutzten, darunter auch der seltene Kurzohr-Buschhund (Atelocynus microtis). Aus diesem Grund gilt die Art als “Habitat-Ingenieur“, und ihr lokales Aussterben könnte durch die Verknappung des fossilen Lebensraums kaskadenartige Auswirkungen auf die Säugetiergemeinschaft haben. Darüber hinaus war das Riesengürteltier einst der Schlüssel zur Kontrolle von Blattschneider-Populationen, die Ernten zerstören können – es kann aber auch selbst die Ernten schädigen, indem es den Boden umgräbt.
Vorläufige Beobachtungen
Riesengürteltiere sind Einzelgänger und treffen nur zur Paarungszeit auf andere ihrer Art. Wissenschaftler stufen sie als “halbfossil“ ein und widersprechen damit teilweise anderen Beobachtern, die sie als “fossil“ (aus Urzeiten stammend) einstufen – die mehrere Tage lang in ihrem Bau bleiben können und nur selten gesehen werden. Man stellte mittels Kamerafallen eine Aktivitätsspitze zwischen 02:00 und 04:00 Uhr im “Emas National Park“ im Bundesstaat Goias in Brasilien fest.
Die einzigen beiden Sichtungen aktiver Exemplare während des Tages, in dieser Studie, waren die eines Exemplars, das im April 2007, um 10:15 Uhr, auf einer Straße spazieren ging, und die eines anderen, das im Juni 2007, um 12:30 Uhr, eine Höhle grub. Für den Atlantischen Regenwald haben Wissenschaftler diese Art mit Kamerafallen zwischen 22:00 und 03:30 Uhr im “Rio Doce Staatspark“, in Minas Gerais, erfassen können.
Das Riesengürteltier ernährt sich hauptsächlich von Termiten und Ameisen, gelegentlich aber auch von anderen Insekten, Spinnen, Würmern, Larven, Schlangen und Aas. Die Höhlen des Gürteltiers werden häufig dazu verwendet, die Existenz von Populationen in der Natur und die Präferenz ihres Lebensraumes zu bestimmen. Im Gegensatz zu anderen Gürteltieren zerstört diese Art oft die Termitenhügel, wenn sie sich ernährt. Daher spielt das Riesengürteltier wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Populationen dieser Insekten. Bis auf den Boden zerstörte und über eine große kreisförmige Fläche verteilte Termitenhügel sind ein deutlicher Beweis für das Vorkommen von Riesengürteltieren in dem entsprechenden Gebiet.
Leider fehlen bei diesem ausschließlich nachtaktiven Tier noch sehr viele wissenschaftlich verbürgte Einzelheiten. So kennt man zum Beispiel von in Gefangenschaft lebenden Exemplaren die durchschnittliche Trächtigkeitsdauer (etwa vier Monate) – die Anzahl der Jungen pro Wurf (in der Regel nur ein Jungtier – obwohl das Weibchen zwei Brüste besitzt) – inzwischen hat man auch die Geburt von zwei Jungtieren beobachtet. Die Geschlechtsreife eines Weibchens liegt zwischen 9 – 12 Monaten. Dagegen gibt es noch keine wissenschaftlichen Auskünfte z.B. über das Geschlechterverhältnis, die Reproduktionssaisonalität, die Geburtsintervalle, die Aufzucht der Jungen, und besonders die speziellen Eigenschaften männlicher Exemplare – denn die bereits vorhandenen Daten stammen alle von weiblichen Tieren – auch die Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren.
Krankheiten und Parasiten
Im Norden des Pantanals von Mato Grosso wurden fünf Exemplare von Amblyomma cajennense auf zwei erwachsenen Individuen von Priodontes maximus gesammelt, man identifizierte den Floh Tunga terasma (Siphonaptera), der ein in Anápolis Bundesstaat Goiás gefangenes Riesengürteltier befallen hatte. Toxoplasmose ist eine weit verbreitete Zoonose, die Wildtiere und Menschen befällt und durch das Protozoon Toxoplasma gondii verursacht wird. Die Untersuchungen verzeichneten positive Tests auf Toxoplasmose für Prodontes maximus im Bundesstaat São Paulo. Die Ansteckung des Menschen durch den Verzehr von nicht durchgegartem Fleisch ist eine Möglichkeit der Ansteckung – das sollten Wilderer bedenken, die immer noch Gürteltiere “ihres köstlichen Fleisches wegen“ jagen!
Geografische Verbreitung
Die geografische Verbreitung des Riesengürteltiers erstreckt sich über einen Großteil Südamerikas, östlich der Anden, nordwestlich von Venezuela und südlich der Guyanas, Kolumbiens, Ecuadors, Perus und Boliviens bis zum Nordwesten Argentiniens, Paraguays und Südostbrasiliens, einschließlich eines Nachweises in Rio Grande do Sul. Die Nachweise dieser Art konzentrieren sich derzeit auf Amazonien, das Pantanal und den Cerrado. Im Atlantischen Regenwald sind sie sehr selten, und in jüngster Zeit wurden einige Nachweise nur für Waldreste in Minas Gerais und Espírito Santo erbracht.
Das Riesengürteltier wurde in den Bundesstaaten Acre, Rondônia, Amazonas, Roraima, Pará, Amapá, Maranhão, Piauí, Tocantins, Goiás, Regierungsdistrikt Brasila, Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Minas Gerais, Espírito Santo und im westlichen Bahia nachgewiesen.
Es gibt Gebiete, in denen das Tier vermutlich vorkommt oder in denen weitere Probenahmen und Untersuchungen erforderlich sind. Bei umfangreichen Erhebungen der Säugetierfauna in den Überresten des Atlantischen Regenwaldes konnte diese Art nicht nachgewiesen werden, obwohl das Riesengürteltier auffällige Spuren (Höhlen und Fußabdrücke) in der Umgebung hinterließ.
Die spärlichen historischen und aktuellen Nachweise von Priodontes maximus im Atlantischen Regenwald deuten darauf hin, dass diese Art in diesem Biotop nie häufig vorkam, was nicht ausschließt, dass Untersuchungen in noch nicht untersuchten Restbeständen erforderlich sind, die möglicherweise Populationen dieser Art beherbergen könnten.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Art erstreckte sich über fast ganz Brasilien, mit Ausnahme einiger Bundesstaaten im Nordosten, wie Ceará, Rio Grande do Norte, Paraíba, Pernambuco und Sergipe, wo sie anscheinend nie nachgewiesen wurde. In weiten Teilen ihres südlichen Verbreitungsgebiets ist das Riesengürteltier verschwunden – derzeit ist die Art im Bundesstaat Paraná ausgestorben und auf einige wenige Orte im Südosten Brasiliens beschränkt. Im Bundesstaat São Paulo ist sie wahrscheinlich ebenfalls ausgestorben und im Bundesstaat Espírito Santo vom Aussterben bedroht.
Population
Das Riesengürteltier ist von Natur aus selten. Eine durchschnittliche Mindestdichte von 3,36 Tieren/100 km² wurde mit Hilfe von Kamerafallen im Emas-Nationalpark (Staat Goias) geschätzt, andere Forscher, ebenfalls mit Hilfe von Kamerafallen, schätzten Dichten zwischen 5,77 und 6,28 Individuen pro 100 km² in Santa Cruz, Bolivien.
In den Cerrado-Gebieten und den Überresten des Atlantischen Regenwaldes ist die Tendenz zur Fragmentierung der Populationen besonders hoch. Laut Untersuchungen sind die Populationen im Südosten Brasiliens stark reduziert und fragmentiert.
In Anbetracht der gezielten Bejagung, des kontinuierlichen Verlusts des Cerrado (49,1 % in den letzten 50 Jahren), der fortschreitenden Entwaldung des Amazonas-Bioms und des Verlusts von 88 % des Atlantischen Regenwald-Bioms, kann davon ausgegangen werden, dass in den letzten 24 Jahren mindestens 30 % der Population verloren gegangen sind.
Es wird vermutet, dass es einen Zustrom von Individuen von außerhalb Brasiliens gibt, aber es gibt keine Informationen über den relativen Beitrag ausländischer Populationen zur Erhaltung der nationalen Populationen. Es gibt jedoch Anzeichen für ein erhöhtes Bedrohungsniveau außerhalb Brasiliens. Das Centro de „Datos de Conservación“ in Paraguay stuft diese Art als unmittelbar vom Aussterben bedroht ein . Auch in Venezuela gilt das Riesengürteltier als bedrohte Art.
Lebensraum
Das Riesengürteltier ist in Cerrado-Gebieten und tropischen Wäldern heimisch. Laut letzten Untersuchungen bewohnt es tropische und subtropische Wälder, Cerrado-Savannen, xerophile (trockene) Umgebungen und Überschwemmungsgebiete. In Zentralbrasilien bewohnt diese Art bevorzugt den Cerrado, während andere Lebensräume, wie Wälder und Feuchtgebiete, in geringerem Maße genutzt werden, hauptsächlich für die Nahrungsaufnahme.
Forscher fanden die Art im Cerrado, aber nicht in den von Babaçu-Palmen ( Orbignia martiniana) dominierten Auwäldern in Mato Grosso, Brasilien. Die beobachteten Exemplare zeigten eine starke Präferenz für offene Lebensräume wie Felder, offenen Cerrado, Weiden und die Ränder von Überschwemmungsgebieten. Im südlichen Amazonasgebiet wurde diese Art im Tabocas (Bambus)-Wald gefunden.
Aber das Tier ist nicht auf primäre Lebensräume beschränkt. Im “Parque National das Emas“ (Goias) war diese Art in der Lage, auch Gebiete in der Umgebung des Parks zu nutzen, die von landwirtschaftlichen Kulturen wie Baumwolle, Mais und Zuckerrohr eingenommen werden.
Die Wahl seines Lebensraums wird offenbar nicht durch Feuer beeinflusst, denn in einer Studie im Cerrado von Mato Grosso, Brasilien, beobachteten Forscher, dass Priodontes maximus verbrannte Gebiete genauso häufig zur Nahrungssuche nutzte wie unverbrannte Gebiete. Die Tatsache, dass kein signifikanter Unterschied in der Nutzung der Flächen festgestellt wurde, lässt darauf schließen, dass das Feuer die Hauptbeute dieser Art, die Termiten, nicht direkt beeinflusst oder verändert.
Der kleinste erfasste Lebensraum eines Riesengürteltiers beträgt 726,5 ha. Bei den Gürteltieren, die im Emas-Nationalpark (Goias) beobachtet wurden, betrug der durchschnittliche Lebensraum 1000 ha. Der höchste bisher geschätzte Wert für das Verbreitungsgebiet des Riesengürteltiers wurde im bolivianischen Chaco mit 1500 ha angegeben.
Bedrohungen
Als Hauptbedrohungen für das Riesengürteltier wurden ermittelt: Feuer, Landwirtschaft, Abholzung, Zunahme des Straßennetzes und die Wilderei. Die Art ist von Natur aus selten, wie gesagt, wird aber durch die Veränderung und Zerstörung ihres Lebensraums immer seltener. Das Riesengürteltier ist eine der am stärksten durch menschliche Aktivitäten bedrohten Arten. In ihrem Verbreitungsgebiet wird sie als Nahrungsmittel geschätzt und illegal bejagt.
Weitere Faktoren, die zur Seltenheit der Populationen dieser Art auf dem gesamten Staatsgebiet beitragen, sind Brände und Kollisionen mit dem Straßenverkehr. Der Verlust von Lebensräumen scheint bei den Populationen im Cerrado und im Atlantikwald deutlicher zu sein. In der Region Alter do Chão (Bundesstaat Paraná) verschwand die Art aufgrund der Wilderei.
Schutzmaßnahmen
Es ist notwendig, die von der Art genutzten Lebensräume durch die Einrichtung neuer Schutzgebiete zu schützen, insbesondere in Gebieten, in denen bekannt ist, dass das Gürteltier in günstigen Dichten vorkommt, um eine überlebensfähige Mindestpopulation zu gewährleisten, und Strategien zu entwickeln, welche die Verbindung bestehender und künftiger Schutzgebiete durch ökologische Korridore ermöglichen.
Aufgrund der Verfolgung dieser Tiere zur Ernährung der Anwohner sind Inspektion und Kontrolle der Bejagung und des Fallenstellens notwendig, insbesondere in Schutzgebieten. In Gebieten, in denen das Riesengürteltier noch immer durch Subsistenzjagd als Nahrungsmittel genutzt wird (Amazonas), ist es wichtig, Studien durchzuführen, die sowohl die Auswirkungen dieser Tätigkeit auf die Gürteltierpopulationen quantifizieren, als auch wirtschaftliche Alternativen für die lokale Bevölkerung zu analysieren und vorzuschlagen.
Wissenschaftler schlagen vor, in Gebieten, in denen die Jagd und die Tötung von Tieren auf der Straße stark verbreitet sind, Umweltbildungsprogramme zum Schutz von Gürteltieren durchzuführen. Es ist auch möglich, eine Aufklärungskampagne zu veranstalten, die sich an Landbesitzer und ländliche Gemeinden richtet, die diese Tiere schätzen, und sie über die Bedeutung des Riesengürteltiers bei der Bekämpfung von Ameisen und Termiten zu informieren.
Ergänzende Forschung
Wissenschaftliche Untersuchungen zur Lebensgeschichte, Demografie und Genetik des Riesengürteltiers sind nach wie vor erforderlich, um seine ökologischen Bedürfnisse besser zu klären und die Bewirtschaftung und Erhaltung der Art zu unterstützen. Demografische Studien sind auch in Waldgebieten durchzuführen. Obwohl Riesengürteltiere im Amazonas-Regenwald weit verbreitet sind, ist praktisch noch nichts über die Ökologie dieser Arten in diesem Biotop bekannt.