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Das SRK im Kongo
Im Juni 1960 erklärte die Republik Kongo ihre Unabhängigkeit. Knapp einen Monat danach, am 19. Juli 1960, fragte der Generalsekretär der Vereinten Nationen die Schweiz an, ob sie bereit wäre, medizinisches Personal für die Leitung des Kintambospitals zu entsenden. Diese brandneue Einrichtung in einem Quartier von Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, war den UNO-Truppen vorbehalten. Im Auftrag des Bundesrats organisierte das SRK diesen Einsatz.
Das «Schweizer Spital» in Léopoldville
Mitte August richtete sich das 20-köpfige medizinische Team aus der Schweiz in der kongolesischen Hauptstadt ein. Neben acht Ärzten, zwei Apothekern und einem Narkosearzt gehörten ihm vier Krankenpfleger, drei Laboranten, ein Verwalter und eine Sekretärin an. Die Kosten des Einsatzes wurden vollumfänglich von der Eidgenossenschaft getragen. Kurz nach seiner Ankunft im Kongo begann das Schweizer Team, die Zivilbevölkerung aus der Region zu behandeln, da die UNO-Soldaten an einen anderen Ort verlegt worden waren. Sogleich wurden seine Dienste stark in Anspruch genommen: Die Zahl der Konsultationen, Spitaltage und chirurgischen Eingriffe nahm laufend zu. Vor allem die gynäkologische Abteilung entfaltete eine intensive Tätigkeit.
Das Personal leistete verhältnismässig kurze Einsätze von drei bis sechs Monaten. Von Juli 1960 bis Dezember 1961 hatte das SRK bereits 98 Mitarbeiter vor Ort eingesetzt. Aus der Statistik des Jahres 1962 geht hervor, welch umfangreiche Arbeit im «Schweizer Spital» geleistet wurde: 14'000 behandelte Patienten, 175'000 Spitaltage, 5280 chirurgische und 3200 gynäkologische Eingriffe, 6600 Geburten und 54'000 Laboruntersuchungen. Der Einsatz in einem tropischen Land wie dem Kongo war auch in fachlicher Hinsicht interessant: Die Schweizer Ärzte konnten ihre Kenntnisse vertiefen und neue Erfahrungen bei der Behandlung von Krankheiten sammeln, die in Europa selten auftreten oder wenig bekannt sind. Die beiden Schweizer Apotheker setzten einen grossen Teil ihrer Arbeitszeit für die Herstellung von Medikamenten ein. Wegen des herrschenden Devisenmangels war es nämlich schwierig, diese in den Kongo zu importieren.
Medizinische Versorgung und Ausbildung
Das medizinische Team aus der Schweiz wurde bei seinen Hilfsmassnahmen von den lokalen Behörden und der Weltgesundheitsorganisation unterstützt. Neben der medizinischen Versorgung übernahm es auch die Aus- und Weiterbildung des kongolesischen Pflegepersonals. Diese Initiative war ganz auf eine langfristige Hilfe ausgerichtet. Das einheimische medizinische Personal besuchte Abendkurse und absolvierte eine praktische Ausbildung in den verschiedenen Abteilungen des Spitals. Anschliessend war es in der Lage, den Schweizer Ärzten zu assistieren und den Betrieb des Spitals sicherzustellen. Im Auftrag des Kongolesischen Roten Kreuzes boten drei Schweizer Krankenpfleger ab September 1961 zweimal wöchentlich Unterricht für Rettungssanitäter an. Das Engagement der Schweiz im Kongo wurde sehr geschätzt und regelmässig verlängert, wie aus dem Jahresbericht von 1963 hervorgeht:
«Nach dreieinhalb Jahren kann die Arbeit des medizinischen Teams aus der Schweiz im Kintambospital nicht mehr länger als eine improvisierte Aktion der Ersten Hilfe angesehen werden. Die Weiterführung ist dringend notwendig, weshalb denn auch die Bundesversammlung die erforderlichen finanziellen Mittel für weitere drei Jahre zur Verfügung stellte.»
Erste Schritte der technischen Zusammenarbeit
Das humanitäre Engagement der Schweiz im Kongo beruhte auf der Entsendung von Entwicklungshelfern und auf der Unterstützung bei der Ausbildung. Damit entsprach es ganz der politischen Sichtweise der damaligen Zeit. Denn seit knapp einem Jahrzehnt war die Entwicklungszusammenarbeit ein eigenständiges staatliches Handlungsfeld. Sie wurde als moralische Verpflichtung im Hinblick auf die unerlässliche Solidarität sowie als Schritt hin zu einem dauerhaften Frieden dargestellt und stiess in der Schweizer Öffentlichkeit auf breite Zustimmung. Ab Anfang der Sechzigerjahre schuf die Schweiz die Voraussetzungen, um diese neue Facette ihrer Aussenpolitik umzusetzen: Sie erhöhte die Kredite für die Entwicklungszusammenarbeit und gründete den Dienst für technische Zusammenarbeit, die heutige Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).
Das medizinische Team aus der Schweiz genoss hohe Wertschätzung und konnte auf grosszügige finanzielle Unterstützung zählen. Doch die humanitären Helfer stiessen vor Ort auch auf beträchtliche Schwierigkeiten. Denn die Angewöhnung an die afrikanische Lebensweise verlief weniger einfach als erwartet. An die Stelle der hochgesteckten Ideale trat in vielen Fällen eine schwere Ernüchterung. Während die Kredite des Bundes laufend erhöht wurden, liessen die erwarteten Ergebnisse auf sich warten. Dies führte unweigerlich zu gewissen internen Spannungen. Zu den kulturellen Schwierigkeiten und den sehr beschwerlichen Lebensbedingungen kamen die politische Instabilität des jungen Staates, ein Klima latenter Unsicherheit sowie eine massive Teuerung hinzu. Diese machte sich insbesondere bei den Material- und Medikamentenlieferungen bemerkbar.
Nach acht Jahren und acht Monaten verliess das medizinische Team des SRK das Kintambospital am 31. März 1969 endgültig. Zuvor hatte es sichergestellt, dass das kongolesische Arzt- und Pflegepersonal die administrative und medizinische Leitung des Spitals übernehmen konnte. Im Rahmen dieses Einsatzes hatten sich insgesamt 232 Freiwillige engagiert. Die Gesamtkosten von neun Millionen Franken wurden vollumfänglich von der Eidgenossenschaft getragen.