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US-Präsident Bush ernannte einen Amerika-Afghanen zu seinem Sonderbotschafter für Afghanistan. Wessen Interessen hat er wohl im Kopf?
«Warum reichen wir den Taliban nicht einen Ölzweig?», fragte der Amerika-Afghane Zalmay Khalilzad noch vor einem Jahr in der Politzeitschrift «The Washington Quarterly». Kurz darauf half er seinem Freund, dem US-Vizepräsidenten Robert Cheney, dabei, den Übergang des US-Verteidigungsministeriums von der Clinton- zur Bush-Ära reibungslos zu gestalten. Im Mai 2001 ernannte US-Präsident George W. Bush ihn zu seinem Sonderassistenten für den Persischen Golf und Südwestasien im Nationalen Sicherheitsrat der USA und dann, am 31. Dezember 2001, zu seinem «Sondergesandten für Afghanistan».
Während seines ersten Besuchs in Kabul in seiner neuen Funktion rechtfertigte Khalilzad Anfang dieses Jahres die weiter andauernde Bombardierung des Landes damit, dass das Auftauchen eines «Bin Laden junior» verhindert werden müsse. Die zivilen Opfer des Kriegs seien zwar «bedauerlich», aber jenen anzulasten, die den Konflikt begonnen hätten. Und überhaupt, gab er mit einem denkwürdigen Spruch zu verstehen, ist «Krieg ein unvollkommenes Geschäft».
Hat sich Khalilzad vom Friedensapostel zur Kriegsgurgel gemausert? Es scheinen vielmehr zwei Seelen, ach, in seiner Brust zu wohnen. Zalmay Khalilzad wurde 1951 in Masar-i Scharif geboren. Sein Vater hat für König Saher Schah gearbeitet, und Zalmay besuchte eine englischsprachige Schule in Kabul. Im Rahmen des Studentenaustauschprogramms AFS besuchte er die USA zum ersten Mal. Dank einem Stipendium studierte «Zal» in den siebziger Jahren an der Amerikanischen Universität in Beirut und schloss sein Studium der politischen Wissenschaften schliesslich an der Universität von Chicago mit dem Doktorat ab – im Jahr 1979, als die Sowjetunion Afghanistan besetzte.
Kurz darauf wurde er US-Bürger und versucht seither unentwegt, afghanische und amerikanische Interessen unter einen Hut zu bringen. Dabei waren ihm seit je alle Mittel, friedliche wie kriegerische, recht. Er wurde Berater im Aussenministerium während der Reagan-Regierung, als diese mit Waffen, Geld und Beratern die Mudschaheddin in deren Kampf gegen die Sowjetunion tatkräftigst unterstützte. Khalilzad erklärte das Ziel dieser Politik ohne Umschweife: Die Besatzungskosten für Moskau sollten möglichst hochgeschraubt werden. Mit Erfolg: Der Rückzug der Roten Armee im Jahr 1989 überraschte alle Beteiligten. Unter Präsident Bush dem Älteren wurde Khalilzad Berater im Verteidigungsministerium. Er warnte weitsichtig, aber vergeblich davor, frühzeitig einen Sieg zu feiern und Afghanistan sich selbst zu überlassen, da er dessen Potenzial für einen Bürgerkrieg erkannte.
Mit dem Wahlsieg von Bill Clinton verlor Khalilzad seine politischen Jobs und kehrte zurück zur Rand Corporation, einem traditionsreichen Thinktank, der als private Non-profit-Organisation alles erforscht, was das Gemeinwohl und die Sicherheit der USA fördern soll – im Auftrag von Privatfirmen und von Regierungs- und Armeeinstitutionen. Schon in seiner früheren Tätigkeit für Rand hatte er sich mit Verteidigungsfragen befasst, nun wurde er Direktor im «Projekt Air Force».
Daneben publizierte Khalilzad in dieser Zeit zahlreiche Artikel und gut ein Dutzend Bücher zu Afghanistan, in denen er zunehmend eine differenziertere Afghanistan-Politik forderte. Nach der Machtergreifung durch die Taliban im Jahre 1996 wurden seine Warnungen immer eindringlicher, das Land nicht sich selbst und dem mörderischen Bürgerkrieg zu überlassen. Von einer nuancierteren US-Politik gegenüber dem Taliban-Regime versprach er sich bessere Resultate zur Verteidigung amerikanischer Interessen gegenüber einem Staat, der als Hort für Terroristen, wichtiger Drogenlieferant und Schmuggeldrehscheibe sowie als eine Quelle der Instabilität in der ganzen, strategisch wichtigen Region galt. «Wir sollten Anerkennung und humanitäre Hilfe anbieten und den wirtschaftlichen Wiederaufbau mit internationaler Beteiligung fördern», war sein Credo, wobei er die humanitäre Hilfe gezielt zur Schwächung der Taliban einsetzen wollte.
Von 1996 bis 1998 stellte Khalilzad sein Wissen einem weiteren Arbeitgeber zur Verfügung, der sich für die Region interessierte. Der US-Ölmulti Unocal sicherte sich seine Dienste für das Projekt einer zentralasiatischen Erdgas-Pipeline, die die reichen Erdgasquellen der neuerdings unabhängigen Staaten um das Kaspische Meer in pakistanische Häfen und damit auf den Weltmarkt bringen sollte. In dieser Gegend sollen vierzig Prozent der Welterdgasreserven liegen; regionale Entspannung wäre Unocal für den Pipeline-Bau mehr als willkommen gewesen. Doch nach den Bombenattentaten auf amerikanische Botschaften in Kenia und Tansania im Jahr 1998, von Bill Clinton mit Bombenangriffen auf angebliche Stützpunkte von Usama Bin Laden in Afghanistan beantwortet, liess Unocal ihre Beteiligung am Pipeline-Projekt fallen. Khalilzads Forderung nach mehr US-Engagement in Afghanistan wollte danach niemand mehr hören.
Mit Präsident Bush dem Jüngeren ist Zalmay Khalilzad zurück in den Korridoren der Macht und näher am Drücker denn je. Als Sonderbeauftragter ist er «Aug und Ohr» des Präsidenten vor Ort und dessen Sprecher in Sachen Afghanistan. Umgeben ist er von alten Freunden wie dem Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, einem Kumpan aus Reagan-Zeiten, und auch Kollegen aus der Ölbranche sind prominent vertreten: Die Verbindungen zum Ölgeschäft von Präsident Bush und Vizepräsident Cheney sind bekannt, doch auch Khalilzads Vorgesetzte im Nationalen Sicherheitsrat, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, ist eine erfahrene Frau im Business: Sie war in der Zeit zwischen den beiden Bush-Regierungen als Direktorin des Ölkonzerns Chevron dessen Spezialistin für Kasachstan. Bald wird sich weisen, ob Khalilzad bei seinem «Ölzweig» für die Taliban vor allem an Öl dachte.