Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03441.jsonl.gz/852

Im Rahmen der Internationalen St. Moritzer Automobilwoche fand auf dem Flugplatz Samedan die Auftaktveranstaltung, das Kilomètre Lancé, nach historischem Vorbild statt. 2021 wurde dieser Event erstmals durchgeführt. Die erste Durchführung gab es aber bereits in den Jahren 1929 und 1930, damals fanden die wirklich ersten Internationalen St. Moritzer Automobilwochen statt. Das müssen sicher aufregende Tage gewesen sein damals, denn bis 1925 war der private Autoverkehr im Kanton Graubünden verboten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Graubünden grosse Widerstände gegen die Einführung des Automobils. Am 17. August 1900 verbot die Kantonsregierung das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden. Das Verbot wurde erst 25 Jahre später in einer Volksabstimmung wieder aufgehoben. Das hat man dann offenbar mit einer ganzen Woche Automobilsport gefeiert.
Im Bündnerland finden seit vielen Jahren in den Sommermonaten Events mit klassischen Fahrzeugen statt. 2015 kam ein neuer Event im Engadin dazu, der Bernina Gran Turismo. 36 Fahrzeuge waren damals am Start, wir haben darüber berichtet. 2018 dann wurde die Idee, die Internationale St. Moritzer Automobilwoche wieder aufleben zu lassen konkreter. Es gab Filmvorführungen und andere noch eher kleinere Events. Dieses Jahr nun gab es ein Programm mit diversen Veranstaltungen, die man auf der Webseite des Veranstalters sehen kann. Start war wie erwähnt das Kilomètre Lancé auf dem Flugplatz Samedan, über das wir hier berichten. Am Freitag, 02. September, trafen die Teilnehmer ein und bezogen das Fahrerlager. 65 Automobile und Motorräder, mehrheitlich aus Deutschland, nahmen an diesem Event teil.
Der Event startete dann am Samstagmorgen. Die Piste wurde für den Flugbetrieb gesperrt und um 08.30 Uhr hätten die Motorräder starten sollen. Leider regnete es und das Programm musste umgestellt werden. Es gab keine vorgeschriebene Reihenfolge mehr, jeder konnte starten, wie er wollte. Der Ablauf ist simpel. Man stellt sich mit seinem Fahrzeug an den Start und wenn die Flagge des Startergirls gesenkt wird, kann man Vollgas geben und den Kilometer so schnell wie möglich zurücklegen.
Als erstes Fahrzeug rollte der imposante STREAMLINER C-16 zum Start. Ein Fahrzeug, das in der Tat an ein Flugzeug erinnert. Bei dem 6.2 Meter langen Stromlinienwagen handelt es sich um ein Fantasiefahrzeug, inspiriert durch den Mercedes-Benz W 154 aus der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Gebaut wurde der Wagen ab 2011 unter der Regie des Schweden Glenn Billqvist. Als Antrieb dienen zwei 8 Zylinder-Reihenmotoren von Buick. Als Transportfahrzeug dient ein 1970er Scania, der in einen Renntransporter umgebaut wurde. Nun rollte das Monster also auf die Piste und stellte sich an den Start. Die Flagge wurde geschwenkt und dann – passierte nicht viel. Der 2.2 Tonnen schwere Stromliniengigant setzte sich gemächlich in Bewegung und verschwand allmählich in der Gischtwolke. Man vernahm noch ein paar Fehlzündungen und dann war es ruhig. Der Streamliner kehrte auf der Strasse neben der Piste zum Start zurück, um nochmals einen Versuch zu wagen. Diesmal ohne Fehlzündungen, aber dennoch nicht wesentlich schneller. Gedacht ist das Kilomètre Lancé als Beschleunigungsrennen, der Kilometer soll mit stehendem Start möglichst schnell zurückgelegt werden. Dafür ist der Streamliner C-16 aber nicht gebaut, im Gegenteil. Das Ding braucht Anlauf, um auf die Höchstgeschwindigkeit zu kommen. Das wäre wohl so kurz vor Pistenende der Fall gewesen. Spielt aber keine Rolle, eindrücklich war die Vorstellung allemal.
Nach einem zaghaften Beginn wagten sich aber bald die ersten Motorradfahrer auf die Piste und versuchten, eine erste Zeit auf den nassen Asphalt zu brennen. Nach und nach kamen weitere Teilnehmer und gegen Mittag klarte auch das Wetter auf, so dass nach der Mittagspause bei besseren Verhältnissen gefahren werden konnte. Gefahren werden kann am Kilomètre Lancé mit allem, was Räder und einen Motor hat. Ältestes Fahrzeug war ein Benz Motor Patent-Wagen aus dem Jahr 1894, den Hermann Layher, Besitzer der Technikmuseen Speyer und Sinsheim, nach Samedan brachte. Das noch stark an eine Kutsche erinnernde Fossil der Automobilgeschichte war das langsamste Gefährt, aber gleichzeitig eines der lustigsten. Hermann Layher brachte auch einen Blitzen-Benz von 1909 und einen Mercedes Simplex 60hp an die Veranstaltung und verpasste sowohl dem Blitzen-Benz, als auch dem Mercedes Simplex Stromlinienkarosserien – die Bestzeiten der Zwanziger Jahre von Null auf 1000 Meter im Visier. Beim Mercedes Simplex kann innert kürzester Zeit eine aerodynamische Spitze vor den Kühler gesetzt werden. Beim Blitzen-Benz dauert der Umbau von der normalen Karosserie auf den Stromlinienaufbau gute 2 Tage. Am Bernina Gran Turismo wird man den Blitzen-Benz dann mit der normalen Karosserie sehen. Herrlich waren auch die 6 American La France, die als besondere Attraktion gegeneinander fuhren, also immer paarweise.
Auch die Motorräder sorgten für Begeisterung. Marco Niggli auf seiner BMW S 1000 RR beantwortete eine der zentralen Fragen, ob Motorräder oder Autos schneller sind: Das Mitglied vom Motorradclub Samedan preschte in nur 18,06 Sekunden und damit in Bestzeit aller Teilnehmer zur 1000 Meter entfernten Lichtschranke und konnte damit sogar den neuen Ferrari 296 GTB auf die Plätze verweisen. Mit Startnummer 1 zog die legendäre Brough Superior von Kurt Engelhorn seine Bahnen und Udo Dobzansky demonstrierte mit der originalen Rennmaschine Indian „Daytona“ State of the Art Anfang der zwanziger Jahre.
Das zweite Kilomètre Lancé war trotz der anfänglich ungünstigen Witterungsverhältnisse ein Erfolg. Der neu geschaffene Design-Award „Driven by Design“ begeisterte Zuschauer, Teilnehmer und Jury gleichermaßen. Letztendlich hat der Streamliner mit dem 16 Zylinder-Triebwerk überzeugt, vor dem Rekord-Jaguar XK 120 aus dem Jahr 1954 und dem „fahrenden Chassis“ Delahaye 107 von 1924, mit dem Riccardo Beccarelli startete. Bei den Motorrädern faszinierte die sechsköpfige Jury am meisten die Triumph, welche der Zürcher Nick Heer normalerweise auf dem Salzsee in Utah auf Höchstgeschwindigkeit trimmt. Ein origineller und sehr gut gemachter Anlass, den es so bisher noch nicht gab. Alle weiteren Infos zum Event und der Internationalen St. Moritzer Automobilwoche gibt es auf der Webseite des Veranstalters.
Fredi Vollenweider, Ela Lehmann, 07.09.2022
Diese Bilder und viele weitere gibt es auch in unserem Shop. Oben auf das rote Logo klicken.