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Armutsbedingte Krankheiten sind mit vernachlässigten tropischen Krankheiten (Neglected Tropical Diseases gemäss Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO) weitgehend deckungsgleich. Diese nehmen deshalb bei den Projekten im Bereich «Armut und Gesundheit» einen wesentlichen Platz ein. Obwohl Tuberkulose, Malaria und HIV/Aids Armutskrankheiten sind, gehören sie nicht zu den vernachlässigten Krankheiten, da zu ihrer Bekämpfung bedeutende Mittel eingesetzt werden.
- Wo gibt es Armutskrankheiten?
Armutskrankheiten gehören zu den häufigsten Infektionen der fast 3 Milliarden Menschen, die von weniger als 2 USD pro Tag leben müssen. Man findet diese Krankheiten hauptsächlich in den armen ländlichen Gebieten und in den städtischen Slums Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Am stärksten betroffen ist Afrika südlich der Sahara. Dort wüten fast alle Armutskrankheiten gleichzeitig. Zudem existieren kaum Gesundheitsprogramme zur vorsorglichen Behandlung.
- Wie kann man Armutskrankheiten behandeln?
Für die meisten Armutskrankheiten gibt es heute wirksame Medikamente, die nicht viel kosten. Mit diesen kann man sowohl heilen als auch vorsorglich behandeln (präventive Chemo- therapie). Die Entwurmung eines Kindes oder die Behandlung einer Bilharziose kostet weniger als einen Franken. Durch so- genannte «Rapid Impact Packages» können bei einer vorsorg- lichen Behandlung gleich mehrere Krankheiten gleichzeitig bekämpft werden.
Besonders wirksam ist die Form der Massenbehandlung (Mass Drug Administration). Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird so vollständig wie möglich medikamentös behandelt, damit der Befall durch eine Vielzahl von Krankheiten stark reduziert werden kann. Sind durch die Krankheit aber vorgängig Behinderungen wie Lähmungen, Verkrüppelungen oder Blindheit entstanden, kann die Lebensqualität der Betroffenen nur noch durch aufwendige Massnahmen (Operationen, Rehabilitation) wiederhergestellt werden.
- Kann man die Armutskrankheiten ausrotten?
Theoretisch könnte man Armutskrankheiten, für die es wirksame Medikamente gibt, durch Massenbehandlungen mit kombinierten Medikamenten ausrotten (siehe Antwort auf die vorangehende Frage). In der Praxis bleiben nach solchen Behandlungen aber immer einige unbehandelte Menschen zurück und es gibt auch immer einige nicht völlig beseitigte Erreger, da die Medikamente nicht hundertprozentig wirksam sind. So kommt es nach einer bestimmten Zeit wieder zu einer Zunahme der Infektionen. Aus diesen Gründen müssen Massenbehandlungen regelmässig (ein- bis zweimal pro Jahr) und über einen langen Zeitraum durchgeführt werden, damit die Menschen gesund bleiben und die Krankheit dauerhaft zurückgedrängt wird.
Um die Krankheit auszurotten bedarf es meistens eines Impfstoffes, der die Krankheit vollständig verhindert. Die Ausrottung wird auch möglich, wenn der Übertragungsweg unterbrochen werden kann. Dies ist z.B. beim Medinawurm der Fall: Er verbreitet sich an offenen Wasserstellen. Eingefasste Brunnen oder Pumpen können den Infektionskreislauf unterbrechen. Den Erreger kann man zudem leicht aus dem Trinkwasser herausfiltern. Der beste Weg der Ausrottung aller vernachlässigten Krankheiten bleibt aber die Beseitigung der Armut, unter der die Menschen leiden und welche die Ursache für die schlechten sozialen, hygienischen und gesundheitlichen Lebensbedingungen ist.
- Was bedeutet eigentlich DALY?
DALY steht für «Disability Adjusted Life Years» (behinderungs- adjustierte Lebensjahre). Es handelt sich um ein Bemessungsverfahren, bei dem errechnet wird, wie viel gesunde Lebensjahre einem Menschen durch seine Krankheit verloren gehen. Auf diese Weise kann man die Folgen von chronischen Krankheiten und von Behinderungen messen.
Ein Beispiel: Ein gesunder und ein schwer leprabehinderter Mensch haben in einem afrikanischen Land die gleiche Lebenserwartung von 55 Jahren. Durch seine Behinderung gehen dem Lepra-Betroffenen nun 25 gesunde Lebensjahre verloren, so dass er nur 30 anstatt, wie der Gesunde, 55 hat. Die Lepra hat ihn damit 25 DALYs gekostet.
Pro Jahr rechnet man weltweit mit einem Verlust von 200 000 DALYs durch die Folgen von Lepra.
- Was sind die Millenniumsziele?
Die Millenniumsziele (Millennium Development Goals - MDGs) wurden im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedet. In 8 Oberzielen beschreiben sie Vorgaben zur Bekämpfung von Armut, Krankheit und Umweltzerstörung sowie zur weltweiten Förderung von Entwicklung bis zum Jahr 2015. Die 8 Oberziele werden durch 18 Unterziele ergänzt, welchen Messgrössen zugeordnet sind. Bezugswerte für die Messgrössen sind die Basisdaten des Jahres 1990.
Sämtliche 8 Millenniumsziele sollen durch die Weltgemeinschaft bis zum Jahre 2015 verwirklicht werden:
- Die Armut und der Hunger auf der Welt sollen halbiert werden.
- Alle Jungen und Mädchen sollen mindestens die Grund- schule absolvieren.
- Frauen sollen gleichgestellt und stärker beteiligt werden. Mädchen sollen neben den Grundschulen auch einen gleichberechtigten Zugang zu höheren Schulen erhalten
- Die Kindersterblichkeit soll um zwei Drittel gesenkt werden.
- Die Müttersterblichkeit soll um 75% reduziert werden.
- Die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle durch die Volksseuchen Malaria, Tuberkulose, HIV/AIDS sowie durch andere Massenkrankheiten soll zurückgedrängt werden.
- Die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern sollen deutlich verbessert und der Anteil der Menschen ohne saubere Wasserversorgung halbiert werden.
Hierfür soll eine weltweite Partnerschaft für Entwicklung mit speziellem Fokus auf die Situation der armen, verschuldeten und wenig entwickelten Länder und ihrer Bevölkerungen gebildet werden.
Das Jahr 2007 war die Halbzeit bei der Erreichung der Millenniumsziele. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sieht es so aus, als würden viele Länder in Südamerika und in Asien die gesteckten Ziele erreichen. Für Afrika sind die Prognosen hingegen düsterer: Nur in wenigen Ländern sind echte Verbesserungen spürbar (z.B. Ghana, Tansania). In vielen Staaten hat sich die Situation im Vergleich zu 1990 sogar deutlich verschlimmert (z.B. Simbabwe, DR Kongo).
- Was ist die Ottawa-Charta
Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung wurde im Jahre 1986 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedet. Gesundheitsförderung bedeutet nicht Früherkennung oder blosse Verhütung von Krankheiten alleine, sondern beschreibt einen Prozess, der Gesundheit aktiv fördert.
Zentrale Bedeutung bei der Gesundheitsförderung hat das Konzept «Enable, Mediate, Advocate», welches umschreibt, wie gesunde Lebenswelten geschaffen und erhalten werden sollen. Die Lebensbedingungen können Menschen sowohl gesund als auch krank machen. Gesunde Lebenswelten sind dabei gekennzeichnet durch die Befähigung des Einzelnen und der Gemeinschaft, sich gesund zu erhalten (Enable). Gesunde Lebenswelten können für die Menschen aber nur in vernetzter Zusammenarbeit aller dafür verantwortlichen staatlichen Sektoren (Bildung, Gesundheit, Arbeit, Stadtplanung, Sicherheit, etc.) und auch von Nichtregierungs-Organisationen erreicht werden (Mediate). Schliesslich soll den Menschen dabei geholfen werden, gesunde Lebenswelten für sich zu schaffen und sich durch Mitsprache in der Gesellschaft dafür auch aktiv einzusetzen (Advocate). Die Ottawa-Charta hat seit ihrer Verabschiedung viele Folge-Initiativen ausgelöst. Die Agenda 21 zur Nachhaltigkeit von Entwicklung ist nur eine davon. Auch das weltweite Netzwerk Medicus Mundi ist ein Resultat dieser Bewegung.
- Was bedeutet die Ottawa-Charta für unsere Projektarbeit?
Für unsere Projektarbeit bedeutet Gesundheitsförderung, dass wir die Lebensbedingungen der Menschen ins Zentrum setzen und mit den Menschen gemeinsam an Wegen arbeiten, wie sie ihre Gesundheit selber verbessern und erhalten können. Gemeindegesundheit (Community Based Health Care) bildet einen der Schwerpunkte unserer Projektarbeit. Wir unterstützen die Menschen auch dabei, ihre gesundheitlichen Rechte besser einfordern zu können.
Es geht nicht darum, eine einzelne Krankheit möglichst schnell durch externe Fachleute zu bekämpfen, sondern die Menschen zu befähigen, ihre Probleme selber zu definieren und eigene Wege für ein besseres und gesünderes Leben zu finden. Dieser Prozess mag zwar länger dauern als eine schnelle Intervention von aussen, hat aber eine bessere Chance, das Leben der Menschen nachhaltig zu verbessern.