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Der weise weisse Mann in Alis Corner
Rod Ackermann, New York · «Ich frage meine Ecke kaum je um Rat und richte mich nur selten nach dem, was ich von dort zu hören bekomme», bekannte Muhammad Ali in seiner Autobiografie «The Greatest», erschienen 1975. Umso wertvoller erscheint somit die Hochachtung, die der begabteste aller Faustfechter gegenüber Angelo Dundee hegte. Ali hielt dem «cornerman» während fast seiner gesamten Karriere die Treue - als einzigem Weissen in der umfangreichen Entourage von Helfern und Schmarotzern, die sich um Boxweltmeister zu scharen pflegt. In Alis buntscheckigem Umfeld war Dundee eine Stimme der Vernunft und nicht selten die einzige.
Prediger der «Sweet Science»
Geboren am 30. August 1920 in Philadelphia als Angelo Merena und gemeinsam mit seinem Bruder Chris jahrzehntelang Betreiber des 5th Street Gym in Miami, gehört Dundee neben verstorbenen Berufskollegen wie Ray Arcel oder Eddie Futch zu den legendären Lehrern des Preisboxens. Den Hohepriestern eines brutalen Sports, der sich euphemistisch als «Sweet Science» versteht. Den jungen Cassius Clay bekam der Trainer nach dessen Olympiasieg in Rom 1960 unter die Fittiche. Dundee formte ihn zum Champion ohnegleichen und blieb zwanzig Jahre an seiner Seite, unbeirrt durch Triumphe wie Tragödien, ein Profi durch und durch.
Das Handwerk abgeschaut hatte der junge Dundee den Trainern im Stillmans Gym in New York - Eigenreklame: Zentrale des Box-Universums. Das zu einer Zeit, als die Szene durch Gestalten aus der Halbwelt manipuliert wurde. Der erste von ihm betreute Weltmeister war Carmen Basilio, es folgten mehr als ein Dutzend weitere, doch keiner von ihnen liess sich mit Muhammad Ali vergleichen. Nicht einmal Sugar Ray Leonard, den Dundee «eine kleinere Ausgabe von Ali» nannte. Bis in die neunziger Jahre hinein an der Arbeit, verabschiedete sich der Lehrer schliesslich in den Ruhestand. Angebote als Fernsehkommentator schlug er aus, ein «boxing guy» wie aus dem Bilderbuch. Mit ihm ging eine Ära zu Ende und, wie wir inzwischen wissen, auch das Licht über einer Epoche im Boxsport.
Aus dem Schatten des «Grössten» ist Dundee in all den Jahren nur einmal herausgetreten und selbst da nur widerwillig. Es war nach dem Titelkampf gegen den für unschlagbar gehaltenen George Foreman im Oktober 1974 in Kinshasa, dem «rumble in the jungle», wo Ali die sogenannte «Rope-a-dope»-Taktik anwandte. Das In-den-Seilen-Hängen aber war, wie der Trainer jahrelang abstreiten musste, keine von ihm erdachte List gewesen. Sondern der von Erfolg gekrönte Versuch Alis, sich von den unheimlichen Schlägen seines Gegners zu erholen. Ermattet sank Foreman in der 8. Runde dann selber auf den Teppich - eine der grössten Sensationen des Boxsports.
Endspiel in Las Vegas
Das Ende der Zusammenarbeit kam in einer Herbstnacht 1980 in Las Vegas. Ali, inzwischen fast 39 Jahre alt und körperlich ausgehöhlt, hatte es noch einmal wissen wollen - gegen Larry Holmes, den damaligen Weltmeister im Schwergewicht. Zehn Runden lang hielt The Greatest den Angriffen des über sechs Jahre jüngeren Champions stand, erhofften seine Entourage und das Publikum ein Wunder, ehe Dundee dem Ringrichter in der Pause zum elften Umgang die Aufgabe seines Schützlings signalisierte. Der weise weisse Mann hatte erkannt, was die anderen in Alis Ecke, allen voran der clowneske Fanatiker Drew Bundini Brown, um jeden Preis ignorieren wollten: dass es aus war und endgültig vorbei mit der Herrlichkeit. Während Alis Gefolge auseinanderstob wie Flugsand, besass Dundee als Einziger die Geistesgegenwart, den Abtransport zu organisieren für das Häufchen der verbliebenen Getreuen - mit einer Limousine für die kurze Fahrt zurück zum Caesars PalaceCasino.
Überlassen wir das Schlusswort einem Rivalen Dundees, Eddie Futch: «Als Manager muss man seinen Boxer lieben wie den eigenen Sohn, sonst wird die Sache gefährlich.»
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