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Als Anna-Mengia Aerne-Caliezi 2006 dem damals fünfjährigen Hengst Raffaelo va bene das erste Mal begegnete, wusste sie sofort: Das ist er. Genau gleich war es ihrer Trainerin Silvia Iklé ergangen, nachdem sie 1997 die ersten paar Minuten im Sattel des dreieinhalbjährigen Salieri CH erlebt hatte. 2006 war das Paar Iklé-Salieri an der WM in Aachen dabei. Diesen Monat wird das Team Aerne-Caliezi-Raffaelo va bene an der EM in Aachen antreten – betreut von Silvia Iklé.
Eigentlich wollte die Berufsreiterin und Ausbilderin Anna-Mengia Aerne-Caliezi an jenem denkwürdigen Tag des Jahres 2006 gar kein Pferd kaufen, als sie mit einer interessierten Kundin den Schimmel-Hengst Raffaelo va bene besichtigte. «Warum bin ich diesem Pferd nicht vorher begegnet?», habe sie sich dann sofort gefragt und innerlich gejubelt, nachdem aus dem Handel mit der Kundin nichts geworden sei. «Wenig später gehörte er dank meines Mannes mir.»
Keineswegs auf Pferdesuche war 1997 die Berufsreiterin und Ausbilderin Silvia Iklé, als sie als Fremdreiterin an der «Swiss Sales Selection» (Vorgängerveranstaltung der «Swiss Breed Classic») mit Sunny Boy CH (später Salieri CH) in Kontakt kam. Am späten Abend gehörte der dunkelbraune Wallach ihr. «Für mich war dieser Dunkelbraune das beste Pferd des Tages», hält sie in ihrer Ende März dieses Jahres im Appenzeller Verlag erschienenen Biografie mit dem Titel «Alles Pferde, oder was?» fest und erinnert sich: «Ich hatte ab sofort ein absolut gutes Gefühl.»
Auf das richtige Pferd gesetzt
Beide haben spontan richtig entschieden, buchstäblich auf das richtige Pferd gesetzt. Und beiden ist gemeinsam, dass sie unerschütterlich an ihren Entscheiden festhielten, sich auch durch grosse Schwierigkeiten nicht von ihrem ersten Gefühl abbringen liessen: «Das ist er.»
Für Silvia Iklé, die bereits 1977 mit ihrem ersten Pferd Sinew an der EM in ihrer Heimatstadt St. Gallen teilgenommen, mit Spada 1990 an der WM in Stockholm zur Bronze-Medaille der Schweizer Mannschaft beigetragen und mit anderen Pferden wie beispielsweise Dolan, Florian XII und Romario immense Erfahrung im grossen Spitzensport gesammelt hatte, bevor sie 2008, auf dem Zenit ihrer Karriere, mit Salieri CH-Weltranglisten-Dritte war. Für sie, die sich 2012 in Stuttgart aus dem Spitzensport verabschiedete, war Salieri CH das beste Pferd ihres Lebens, für die Schweiz nach der Ära Stückelberger das bis heute einzige wirklich grosse Aushängeschild im Dressursport.
Auch für die 15 Jahre jüngere Anna-Mengia Aerne-Caliezi ist Raffaelo va bene bis heute das beste Pferd ihres Lebens. Ihr Glaube daran wurde allerdings durch verschiedene Umstände noch wesentlich härter auf die Probe gestellt bzw. die Bestätigung bezüglich sportlicher Karriere blieb lange aus. Zwar entwickelte sich der Hengst absolut den Hoffnungen entsprechend, doch führten eben diese Umstände letztlich dazu, dass er von 2006 bis 2010 lediglich ca. 15 Mal an Turnieren zum Einsatz kam und auch seine Besitzerin sich bezüglich eigener sportlicher Ambitionen stark zurücknehmen musste.
Quintessenz: Als sich im April 2014 Anna-Mengia Aerne-Caliezi mit Raffaelo va bene das erste Mal bei Silvia Iklé zur «Sichtung» einfand, war er zwar im St. Georg bereits vorgestellt worden, hatte jedoch noch keine Grand-Prix-Erfahrung und beherrschte auch die Einerwechsel noch nicht. Silvia Iklé habe bereits nach der ersten Stunde festgehalten, dieses Pferd passe ausgezeichnet zu ihr. «Nach der zweiten Reitstunde sagte sie zu mir: ‹Dieses Pferd ist für Höheres bestimmt›», erinnert sich Anna-Mengia Aerne-Caliezi. Und in der dritten Stunde habe sie einen GP ohne Einerwechsel reiten müssen.
Ein Traum wird wahr
Dann sei die gemeinsame Arbeit richtig losgegangen. «Wir waren voll motiviert, und Silvia war mein Antrieb. Ihre umfassende Erfahrung, ihre Art der Unterweisung und Förderung sowie natürlich die sich rasch einstellenden Fortschritte und Erfolgserlebnisse beflügelten uns förmlich.» Im Frühherbst des gleichen Jahres konnte sich das Paar Aerne-Caliezi und Raffaelo va bene in Humlikon als neue Schweizer Meister feiern lassen. «Die Freude war riesig. Doch niemals hätte ich mir damals träumen lassen, dass ich im August 2015 als Mitglied der Schweizer Equipe an der Europameisterschaft in Aachen würde teilnehmen können», hält Anna-Mengia Aerne-Caliezi fest, für die der Start an einem derartigen Titelkampf eine Premiere in ihrer bisherigen Laufbahn darstellt.
Über ihre weiteren Pläne kann sie nichts sagen. «Ich hatte schon keinen konkreten Plan, als ich zum ersten Training bei Silvia antrat. Ich wollte einfach das Potenzial dieses wunderbaren Pferdes nutzen, die Freude und den Genuss, mit ihm zu arbeiten, noch intensiver erleben können. Dann nahm ich eins nach dem anderen dankbar an und werde dies wohl auch künftig so tun. Raffaelo gibt mir alles, wenn ich gewillt und in der Lage bin, seinen Bedürfnissen optimal Rechnung zu tragen.»
«Ich war glücklich, hatte ich doch erkannt, wie viel er begeistert zu geben bereit war, wenn er nehmen konnte, was er brauchte: Zuwendung, Einfühlungsvermögen, Forderung in seinem Sinn, Belohnung nach seiner Vorstellung.» So schildert Silvie Iklé in ihrer Biografie ihr Gefühl nach dem erfolgreichen ersten Auftritt mit dem damals neunjährigen Salieri CH im CDI am Weltklasse-Turnier in Aachen im Jahr 2003. Ein Jahr später vertrat das Paar bereits die Schweizer Farben an den Olympischen Spielen in Athen.
Die richtige Einstellung
Wenngleich Anna-Mengia Aerne-Caliezi beileibe nicht die erste Reiterin ist, die vom Training mit Silvia Iklé enorm profitierte (auch die Leaderin der diesjährigen EM-Teams, Marcela Krinke Susmelj, gehörte beispielsweise bis vor vier Jahren dazu), und obwohl Silvia Iklé zu Recht keineswegs den Anspruch erhebt, allein auf weiter Flur ihr Wissen und Können, ihre grosse Erfahrung als Ausbilderin erfolgreich weiterzugeben, ist dieses Beispiel doch hochinteressant und schliesst kurzsichtige und entsprechend oberflächliche Betrachtungsweise oder gar Beurteilung der Schweizer Dressurszene und ihrer Zukunft völlig aus.
Anna-Mengia Aerne-Caliezi war sich dessen bewusst, als sie mit Raffaelo im April letzten Jahres bei Silvia Iklé anklopfte, hatte sie doch als 16-Jährige bereits die Lizenzvorbereitung bei ihr erlebt und später mit Wicento CH die Erkenntnis gewonnen, dass auch das Akzeptieren von Grenzen dazugehört, welche Ursache auch immer sie haben. Waren es bei Wicento CH Grenzen des Potenzials des Pferdes und auch des Zusammenspiels, waren es bei Raffaelo nebst verletzungsbedingten auch persönlich bedingte, die während Jahren der kontinuierlichen Weiterentwicklung Einhalt geboten.
Beide, Silvia Iklé mit Salieri CH und Anna-Mengia Aerne-Caliezi mit Raffaelo, haben diese Grenzen akzeptiert. Silvia Iklé, indem sie aus Rücksicht auf das Pferd auf einzigartige Chancen verzichtete (Olympiade in Hongkong, Teilnahme an Weltcup-Finals in Las Vegas und an der WM in Kentucky), Anna-Mengia Aerne-Caliezi, indem sie trotz aller Widrigkeiten zu ihrer «Entdeckung des Lebens» hielt, auch im Interesse des Pferdes. Zwei mit der richtigen und wohl einzig nachhaltigen Einstellung dem Sport mit Pferden gegenüber haben sich wieder gefunden. Zusammen mit Raffaelo va bene im Hinblick auf die EM in Aachen, insbesondere aber in der Gesamtbetrachtung ein gutes Team, das zusammenpasst.
Heinrich Schaufelberger