Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03525.jsonl.gz/407

«Ein Fremder weint in Lens zweimal – wenn er ankommt und wenn er wieder wegfährt», äussert sich Stéphane Besle mit einem bekannten Sprichwort, das die schicksalshafte Beziehung zwischen ihm und dem ehemals florierenden Abbaugebiet von Steinkohle im Norden von Frankreich perfekt beschreibt.
Aufgewachsen in der kleinen Gemeinde Drusenheim im Elsass, wo er das runde Leder für sich entdeckte, machte Besle schon frühzeitig Bekanntschaft mit den Höhen und Tiefen des Fussballs. In Schiltigheim, seiner nächsten Station, wollte er bereits aufhören, «weil ich nur auf der Bank sass». Ein Jahr später war er zur tragenden Säule einer Truppe geworden, die die regionale Meisterschaft gewann und lief für die Nachwuchsauswahlen der «Equipe Tricolore» auf. Im Centre de Formation von Racing Strasbourg wurde Besle schulisch und sportlich gleichermassen gefördert, ehe er selbst für eine neue Wendung sorgte.
«In dieser Zeit habe ich viele Dummheiten gemacht», so der Innenverteidiger. Dazu zählte auch, in seinem jugendlichen Übermut bei den Vereinsverantwortlichen einen Profi-Vertrag einzufordern – oder den Club ansonsten zu verlassen. Strasbourg lehnte ab, Besle stand auf der Strasse und musste fortan wieder auf eine gewöhnliche Schule gehen.
«Es war eine riesige Umstellung in Lens.»
Dort erreichte ihn ein Anruf von Lens. «Ich habe mitten im Unterricht abgenommen, weil ich sowieso machte, was ich wollte», schaut Besle mit einem Lachen zurück. Kurze Zeit später sass er – vom Vater überzeugt – im Zug Richtung Norden und machte seine ersten Erfahrungen in einer anderen Welt. «Es war eine riesige Umstellung. Ich war alleine und habe viel geweint», so Besle. Der Kulturschock in der mausarmen, von hoher Arbeitslosigkeit gezeichneten Region war nur schwer zu verarbeiten. Es war ein grauer Alltag im darbenden Bergbaugebiet, erst recht für den gebürtigen Elsässer.
Debüt gegen Didier Drogba
Aber Besle kämpfte sich durch. Er fand neue Freunde und empfahl sich für einen mehrjährigen Vertrag, woraufhin ihm der Sprung in die erste Mannschaft von Racing Lens gelang. Am 18. Januar 2004 bestritt er sein einziges Pflichtspiel bei den Profis – 2:3 gegen Olympique Marseille, mit Fabien Barthez und Didier Drogba in der Startformation. «Das war riesig, einfach nur krass», schwärmt Besle, dessen Vertrag in Lens, wo er auch die Schule mit dem Baccalauréat (Matura) abschloss, jedoch nicht mehr verlängert wurde. Auch auf dem Rückweg nach Strasbourg habe er nur geweint. Zurück bei seinen Eltern musste er sich auf dem Arbeitsamt melden, als sich ihm plötzlich eine neue Karrierechance in der Schweiz eröffnete.
Empfohlen von Matar Coly, der den Innenverteidiger aus gemeinsamen Tagen in Lens kannte, kam Besle zu einem Probetraining bei Neuchâtel Xamax. Daraus wurden sieben Jahre am Neuenburgersee, welche «schön und nicht so schön» waren, wie es der 32-Jährige selbst ausdrückt. Da waren ein Aufstieg in die Super League und ein Cupfinal gegen Sion (0:2), aber auch das unrühmliche Ende mit dem Konkurs unter Bulat Tschagajew.
Als Captain hatte sich Besle beim tschetschenischen Machthaber über die ausstehenden Gehaltszahlungen beschwert, was ihm eine fristlose Kündigung einbrachte. «Ich dachte, dass ich meine Karriere bei Xamax beenden würde. Und plötzlich war meine Zukunft kaputt», resümiert Besle. Viel Geld habe er dadurch verloren, aber auch wertvolle Erfahrungen gesammelt, welche seinen Charakter stärkten.
Mehr Ruhe, weniger Verwarnungen
Nach einem halben Jahr in Metz, wo er auf seinen früheren Förderer aus Lens (Joël Muller) traf, wechselte Besle zum FC St. Gallen. In der Ostschweiz avancierte der zweikampfstarke Innenverteidiger erneut zum Captain, zementierte aber auch seinen unrühmlichen Ruf, viele gelbe Karten zu kassieren. Einmal waren es 16 Verwarnungen in einer Spielzeit bei den Espen. «Manchmal war ich etwas zu aggressiv. Aber das ist nun mal meine Spielweise. Inzwischen bin ich ruhiger geworden», so Besle.
Eine tolle Zeit sei es gewesen in St. Gallen. Nicht nur sportlich lief es rund in der Gallusstadt. Der Franzose lernte seine Lebensgefährtin Romina Hungerbühler in einem Restaurant kennen, als er mit seinem damaligen Teamkollegen Sébastien Wüthrich unterwegs war. Als Besle im letzten Sommer nach Lens zurückging, «war für mich klar, dass ich mitgehen werde», so Hungerbühler. Dafür gab sie ihren Job auf der Gemeindeverwaltung in Herisau auf.
Aber auch der zweite Anlauf in der Region Nord-Pas-de-Calais, die durch die parodistische Filmkomödie «Bienvenue chez les Ch’tis» einst internationale Berühmtheit erlangt hatte, war nicht von Erfolg gekrönt. Zwar zählte Besle anfänglich zu den Stammkräften beim ambitionierten, inzwischen in die Zweitklassigkeit abgestiegenen Verein, doch die Gesamtsituation war nicht zufriedenstellend. «Manchmal hat man einfach ein Gefühl, dass man nicht am richtigen Ort ist», erklärt Besle, seit Ende November nur noch sporadisch bei Lens zum Einsatz kommend.
Er habe mit mentalen Problemen gekämpft, sei depressiv gewesen und wollte zurück in die Schweiz. Auch weil er seinen vierjährigen Sohn Kelian während mehreren Monaten nicht mehr gesehen hatte. Dieser lebt bei Besles Ex-Frau in Neuchâtel und war vor zwei Wochen zum ersten Mal im Brügglifeld dabei, als «Papa» im Heimspiel gegen Le Mont prompt zum 1:0-Siegestreffer einköpfte. Zuvor hatte Besle mit seinem Weggang aus Lens auf vieles verzichtet: Einen attraktiven Dreijahresvertrag, ein modernes EM-Stadion und ein fanatisches Publikum – rund 25’000 Zuschauer sind im Schnitt bei den Heimspielen von Racing Lens, aktueller Tabellensechster der Ligue 2, anwesend.
«Die Gästekabine im Brügglifeld ist schöner.»
«Die Menschen leben nur für den Fussball», erzählt Besle, in den Katakomben des altehrwürdigen Brügglifelds sitzend. Natürlich sei es ein Wechsel «wie schwarz und weiss» gewesen, auch wenn er die Gegebenheiten schon von diversen Gastspielen kannte – sowohl für Xamax als auch für St. Gallen traf Besle in Aarau. Nur etwas sorgte beim erfahrenen Abwehrspieler für Verwunderung: «Die Gästekabine ist schöner als diejenige des Heimteams», stellt Besle belustigt fest – und es ist schön zu sehen, dass er sein Lachen wiedergefunden hat.
Beim FC Aarau steht Besle bis Juni 2017 unter Vertrag. In seiner langen Karriere war der Franzose noch nie ernsthaft verletzt, plagt sich aber seit einigen Jahren mit einer chronischen Entzündung am Knie herum. Im letzten Heimspiel waren die Beschwerden nach einem Zusammenprall wieder aufgetreten, weswegen er einige Tage pausieren musste. Er ist auch Realist genug, um zu wissen, dass «der Körper entscheiden wird, wie lange ich noch Fussball spielen kann».
Zuvor hat er aber noch einiges vor: «Ein Aufstieg mit dem FCA wäre schön», sagt Besle, der die Aarauer Defensive in den ersten fünf Rückrundenspielen mit seiner Ruhe und seiner Präsenz merklich stabilisiert hat. Es war ein verheissungsvoller Auftakt zweier Leidensgenossen – gemeinsam wollen Spieler und Verein nach schwierigen Monaten endlich wieder jubeln können.
Matchzeitung Nr. 14 (2015/16) lesen
Dieser Artikel ist am 12. März 2016 in der Ausgabe Nr. 14 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Wohlen erschienen.