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Im Konzertsaal, kurz nach 20 Uhr. Auf der Bühne hat ein bekanntes Orchester Platz genommen. Als die Lichter abgedunkelt werden, ist die Spannung im Publikum fast mit Händen zu greifen. Anton Bruckners dritte Sinfonie steht auf dem Programm. Auf den Plakaten für das Konzert war zu lesen, dass die zweite Version dieses Werks erklingen soll. Das Orchester hat gestimmt, die Dirigentin tritt auf die Bühne, hebt den Taktstock, und es ertönen die ersten Klänge der Symphonie.
So oder so ähnlich beginnt heute die Aufführung einer klassischen Komposition. In Programmheften und Konzerteinführungen kann man sich schon vorher gut über die Musikstücke informieren, die gespielt werden. Man lernt dort etwa, wann sie geschaffen wurden und unter welchen Umständen ihre Uraufführung stattfand. Eine grundsätzliche Frage wird dort aber fast nie beantwortet: Was ist eigentlich das Musikstück, das in Rede steht, also etwa Bruckners dritte Sinfonie? Weiter fragt sich: Wie verhält sich die Komposition zu ihren Aufführungen? Um solche Fragen dreht sich das Forschungsprojekt „Ontology of Musical Works and Analysis of Musical Practices“. Es läuft seit 2014 am Institut für Philosophie der Universität Bern und wurde zunächst von Dale Jacquette geleitet. Seit 2016 arbeiten unter der Leitung von Claus Beisbart der Postdoktorand Marcello Ruta und die Doktorandin Annabel Colas im Projekt. Enger Kooperationspartner ist Thomas Gartmann von der Hochschule der Künste Bern. Um das Forschungsprojekt vorzustellen, wird im Folgenden zunächst seine Hauptfragestellung erklärt. Im Anschluss daran werden die Ideen erläutert, auf deren Basis die Forschungsfrage im Projekt beantwortet wird.
Was ist also z. B. Bruckners Dritte? Offenbar handelt es sich um eine bestimmte Sinfonie, eben die dritte in der gängigen Zählung von Bruckners Werken. Sie ist zu einer bestimmten Zeit entstanden und lässt sich an charakteristischen Melodien und Klangfarben erkennen. Was ist aber eine Sinfonie oder, allgemeiner, ein musikalisches Werk? Naheliegenderweise können wir von einer Klangfolge sprechen: Bestimmte Klänge, die sich durch das Zusammenspiel der beteiligten Instrumente ergeben, lösen einander ab.
Allerdings kann eine Komposition nicht mit der Folge der konkreten Klänge identifiziert werden, die bei einer bestimmten Aufführung ertönen. Denn ein Musikstück kann ja öfters aufgeführt werden. Es liegt daher nahe zu behaupten, dass es neben konkreten Klängen oder Klangfolgen Typen von Klängen oder Klangfolgen gibt. Diese werden immer wieder zum Klingen gebracht. In diesem Sinne sprechen wir etwa von einem A-Dur-Septakkord als einem Typ von Klang, der in vielen Musikstücken vorkommt. Ein Musikstück wäre dann ein Typ einer Klangfolge. Die Noten, aus denen die Musikerinnen und Musiker spielen, würden den Typ der Klangfolge genau festlegen.
Eine solche Position wird oft mit Platon in Verbindung gebracht. Denn für diesen gibt es etwa nicht nur einzelne Stühle, wie wir sie sehen und ertasten können; vielmehr liege diesen ein gemeinsames Vorbild zugrunde. Platon nennt dieses Idee oder Form des Stuhls. Heute können wir vom Begriff oder Typ des Stuhls reden. Platon zufolge existieren einzelne Stühle nur als Stühle, weil sie an der Form des Stuhls teilhaben. Ebenso würden konkrete Klangfolgen nur darum Aufführungen einer bestimmten Komposition sein, weil sie einen entsprechenden Typen als Vorbild hätten, und dieser Typ wäre das Musikstück im eigentlichen Sinne. So gesehen wären Aufführungen von Musikstücken in guter Gesellschaft mit Stühlen und natürlich mit vielen anderen Dingen.
Aber eine Platonische Position zu Musikstücken hat auch mit Problemen zu kämpfen: Sie scheint nicht mit der Art und Weise zusammenzupassen, wie wir über Musikstücke denken und sprechen. So sagen wir etwa, wir hätten ein Musikstück gehört. Aber als Typen oder Ideen können wir Musikstücke nicht hören. Denn Ideen sind nichts, was in Raum und Zeit lokalisiert wäre und sich hören liesse. Platon betonte, dass wir die Ideen nicht wahrnehmen können, sondern denken müssen. Weiter sagen wir, dass musikalische Werke erschaffen wurden, zum Beispiel von Bruckner. Aber Typen oder Ideen lassen sich nicht so herstellen, wie wir etwa eine Skulptur anfertigen können. Platon betont, dass die Ideen unvergänglich und unveränderlich sind. Das würde bedeuten, dass nach der Platonischen Position Bruckners Dritte schon existierte, bevor sie der Komponist schuf!
Eine weitere Schwierigkeit betrifft nicht so sehr die Einordnung von Sinfonien in Typen oder Ähnliches. Es ist vielmehr auch schwer anzugeben, was ein spezifisches musikalisches Werk ausmacht und was es von anderen unterscheidet. In den Noten von Bruckners Dritter finden wir eine spezifische Instrumentierung: Der Komponist hat damit bestimmt, wie die Stimmen auf die Instrumente aufgeteilt werden. Aber es gibt vom gleichen Musikstück auch Klavierbearbeitungen. Diese klingen natürlich anders als die Orchesterfassung, aber die Ähnlichkeiten zur Orchesterfassung sind deutlich. Ist eine Klavierbearbeitung dann ein anderes Werk? Und wie verhält es sich mit den diversen Fassungen von Bruckners Dritter – bilden sie gemeinsam ein Werk, oder handelt es sich um mehrere Werke?
Das Forschungsprojekt soll diese kniffligen Fragen beantworten. Sie gehören der Ontologie der Musik an, also derjenigen Disziplin, die untersucht, in welcher Weise musikalische Werke existieren. Was das Vorgehen und die Methode angeht, so lautet eine wesentliche Idee, dass wir uns nicht allzu sehr an der üblichen Sprechweise über Musikstücke orientieren sollten. Natürlich sagen wir im Alltag, dass wir eine Sinfonie von Bruckner gehört haben. Aber könnte das nicht eine verkürzte Sprechweise dafür sein, dass wir eine Aufführung der Sinfonie gehört haben? Statt der alltagssprachlichen Rede soll die musikalische Aufführungspraxis im Mittelpunkt stehen: Was muss implizit von Musikerinnen und Musikern als Werk aufgefasst werden, damit es sich aufführungen lässt? Und welche Anhaltspunkte liefert der heutige Musikbetrieb für die Unterscheidung von Musikwerken?
Inhaltlich verfolgt das Projekt die Idee, Probleme der Platonischen Position zu vermeiden, indem eine besondere Auffassung von Typen angenommen wird. Diese Auffassung lässt sich auf Platons Schüler Aristoteles zurückführen. Vereinfacht gesagt bemängelte dieser, dass Platon seine Ideen zu sehr von der Welt entfernt habe. Aristoteles zufolge haben Einzeldinge eine Form, aber diese ist sozusagen in ihnen und lässt sich nicht von ihnen trennen. Auf Musikstücke übertragen würde das bedeuten, dass sich diese nicht vollständig von ihren Aufführungen isolieren liessen. Vielmehr würden sie mehreren Aufführungen eine gemeinsame Form geben. Diese Form könnten wir dann genauso hören, wie wir die Form einer Skulptur wahrnehmen, wenn wir eine Skulptur sehen. Und ein Komponist könnte gewissermassen mehreren Aufführungen eine Form geben, genau so wie eine Bildhauerin einer Skulptur eine Form verleiht. Ein mögliches Problem für diese Auffassung ist jedoch, dass uns in Archiven durch Noten Musikstücke überliefert sind, die bisher wohl noch nie aufgeführt worden sind. Das spricht dafür, dass sich Musikstücke doch ein Stück weit von ihrer Aufführung trennen lassen.
Die Projektarbeiten fussen schliesslich auf der Forderung, nicht nur die klassische Musik und ihre Aufführungspraxis zu untersuchen. Natürlich eignet sich die klassische Musik des 19. Jahrhunderts besonders gut für eine Analyse der Frage, was musikalische Werke sind. Denn in dieser Zeit hatte das Werk einen besonderen Status: Ein Komponist, eine Komponistin war gehalten, Werke zu komponieren, die oft aufgeführt werden, und so ist die Entstehung der Werke oft gut dokumentiert. Nun gibt es aber auch andere Stilrichtungen und Musikepochen, und ihn ihnen spielt das Werk meist eine weniger zentrale Rolle. So wird im Jazz in der Regel ohne Noten improvisiert. Bestimmte elektronische Musik wird einmal aufgenommen und dann immer wieder abgespielt. Können wir in solchen Beispielen noch von einem Werk reden? Wenn ja, was ist das Werk? Kann es weiter als Typ angesehen werden? Oder als Form, die in jedem Abspielen vorhanden ist? Das Projekt untersucht auch solche Fragen. Dabei lautet die Hoffnung, dass sich wesentliche Ideen, die sich in Auseinandersetzung mit klassischer Musik aus dem 19. Jahrhundert bewähren, auch auf andere Musikrichtungen und –epochen beziehen lassen. Denn schliesslich haben wir es in allen Richtungen und Epochen mit Musik zu tun. Mit Musik, welche mit Spannung erwartet wird und welche die Menschen bewegt – wie im Konzertsaal, wenn die ersten Klänge durch die Luft schwirren.