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Seit zehn Jahren publiziert der französisch-schweizerische Autor Frédéric Pajak Band um Band seiner Reihe «Ungewisses Manifest». Auf neun Bücher ist sie angelegt. In der deutschen Übersetzung ist nun der vierte Band dieses einzigartigen Unternehmens erschienen.
«Ungewisses Manifest» entfaltet eine Parallelaktion im doppelten Sinn. Frédéric Pajak erinnert sich an die Jahre seiner Kindheit und Jugend und baut diese Erinnerung zu einer essayistischen Erzählung aus. Darin rücken intellektuelle Querdenker und Aussenseiter in sein Blickfeld.
Pajak hat sich dafür ein eigenes Genre erschaffen, das Text und Bild gleichwertig behandelt. Eindrückliche Tuschezeichnungen, die jeweils zwei Drittel einer Seite einnehmen, werden begleitet von einer Textspur, die den Bildern vertiefte Konturen verleiht. Hin und wieder weitet sich der Text auf die ganze Seite aus.
Kontrapunkte
Die beiden Ebenen stehen oft in einem kontrapunktischen Verhältnis zueinander. Pajak verdoppelt nicht, sondern kontrastiert, beispielsweise wenn er einen Schiffskapitän in schicker Livree beschreibt und ihm das Porträt eines Pinguins beigibt. Oder wenn er den revolutionären Unruhen in Paris ein Waldidyll gegenüberstellt. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch inhaltlich. Frédéric Pajak hegt eine leidenschaftliche Faszination für philosophische Wahrheitssucher wie Walter Benjamin (immer wieder er), Friedrich Nietzsche, Ezra Pound oder in diesem vierten Band den Diplomaten und Schriftsteller Arthur de Gobineau. «Sie theoretisieren, philosophieren. Und doch packt sie die Literatur» – im Wissen darum, dass die reine Wahrheit nicht zu erlangen ist. Es gibt sie nur als geistreiche Erzählung und Metapher.
Arthur de Gobineau
Der vierte Band setzt mit einer furiosen Kritik an der Kochkunst zwischen manierierter Show-Gastronomie und fettig-fadem Junkfood ein. Das Essen sei sein Massstab, schreibt Pajak. Ein währschaftes Gericht, dazu ein einfacher Wein: «Dies braucht es fürs Leben. Der Rest ist Irrtum.»
Arthur de Gobineau lernt er auf einer Kreuzfahrt kennen. Gelangweilt von den bourgeoisen Eitelkeiten beginnt er den berüchtigten «Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen» (1853–55) zu lesen, der Gobineau einen zweifelhaften Ruf eintrug. Damit gilt dieser als ein Begründer der Rassenlehre und somit der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Frédéric Pajak ist diese Ableitung zu einfach.
Er sucht lieber nach Widersprüchen. Arthur de Gobineau bietet dafür reichlich Material. Die «gewöhnlichen Rassisten» brauchen ihn gar nicht zu lesen, notiert Pajak, denn sein «Fazit ist verzweifelt». Diese existenzielle Verzweiflung interessiert ihn. Sie will er ausloten und mit Erinnerungen an die eigene Schulzeit verknüpfen.
«Als Kind lachte ich nicht gerne», begann Band drei des «Ungewissen Manifests». Er war kein nettes Kind, deutet Pajak an. Nebst Langeweile und Wut kommt im vierten Band eine boshafte «Lust, das Leben jenseits unserer erbärmlichen Gewissheiten gegen den Strich zu bürsten», hinzu.
Anregende Lektüre
«Ungewisses Manifest» ist weit entfernt von einer Graphic Novel. Die Doppelspur von expressiven Schwarz-Weiss-Zeichnungen, oft Nahaufnahmen, und meist kurzen, präzisen Texten formen sich zu einem Bild-Essay, der die Differenz betont. Im Falle von Gobineau fördert Frédéric Pajak einen faszinierend widersprüchlichen Misanthropen zutage.
Präzise Übersetzung
Ein Netz von Verweisen und Zitaten sowie eine äusserst rigide Form stellen besondere Anforderungen an die Übersetzung. Ruth Gantert hat die Aufgabe präzise gemeistert. Sie trägt das Ihre dazu bei, dass «Ungewisses Manifest» auch auf Deutsch zu einer literarisch wie visuell höchst anregenden Lektüre einlädt.