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Die heilige Apollonia, Patronin der Zahnmedizin
J. Thomas Lambrecht
Sie wurde als Schutzpatronin aller an Zahnweh Leidenden über Jahrhunderte hinweg angebetet: die heilige Apollonia, eine christliche Märtyrerin aus Alexandria. Später wurde sie zur Patronin der Zahnheilkunde überhaupt.
Die Christin und Jungfrau Apollonia wurde, so schätzt man, Ende des 2. oder zu Beginn des 3. Jahrhunderts in Alexandria, im heutigen Nordägypten, geboren und starb 249 n. Chr. während der Regentschaft des Kaisers Philippus Arabs. Es sind kaum Einzelheiten über ihr Leben bekannt. Der Bischof und Historiker Eusebius von Cäsarea (um 260–340 n. Chr.) berichtet in seiner berühmten zehnbändigen Kirchengeschichte, der «Historia ecclesiastica» (Buch 6, Kapitel 41) von einem Brief des Bischofs Dionysius von Alexandria an den Bischof Fabius von Antiochia. Darin schreibt Dionysius über die Christenverfolgung in Alexandria: «Damals stand die an Jahren vorgerückte Jungfrau Apollonia in hohem Rufe. Auch diese ergriffen sie und brachen ihr durch Schläge auf Kinnbacken alle Zähne heraus. Hierauf errichteten ihre Verfolger vor der Stadt einen Scheiterhaufen und drohten ihr, sie lebendig zu verbrennen, wenn sie nicht mit ihnen die gottlosen Worte aussprechen würde. Sie aber sprang, auf ihre Bitten etwas losgelassen, von selbst eiligst ins Feuer und verbrannte.»
Grausames Schicksal
Der Brief des Dionysius stellt die einzige überlieferte zeitgenössische Quelle dar. Zu bemerken ist, dass Apollonia in dieser ursprünglichen Version die Zähne durch Schläge auf die Kiefer ausgeschlagen wurden. Dies wurde in späteren Berichten abgeändert, gemäss denen ihr die Zähne mit einer Zange herausgerissen wurden. Es gibt weitere Lesarten über das grausame Schicksal der heiligen Apollonia, die sich in einigen Punkten voneinander unterscheiden. Die christliche Hagiografie erfand im Lauf der Zeit immer mehr Gräuelgeschichten hinzu und schmückte so die ursprüngliche Version weiter aus. Ursprünglich galt das Patronat der heiligen Apollonia lediglich den Zahnkranken und den Zahnleidenden. Erst viele Jahrhunderte später ging dieses Patronat allmählich in jenes der Zahnärzte über. Im Utrechter Brevier von 1508 wurde das Patronat für die Patienten erstmals erwähnt. Demnach soll Apollonia nach ihrem Martyrium im Kerker gebetet haben, dass alle an Zahnweh Leidenden Erlösung finden sollten, wenn sie sich beim Beten an sie wenden würden. Nachdem Apollonias Bitte erhört wurde, sprach eine Stimme vom Himmel zu ihr: «O Braut Christi, du hast bei Gott erlangt, was du erbeten hast.» Eine ähnliche Version beschreibt, dass sie bei ihrem Martertod noch vom Scheiterhaufen aus dem Volk zugerufen haben soll, dass alle, die von Zahnschmerzen geplagt seien und zu ihr beteten, Heilung finden würden.
Zahnbrecher, Schmiede, Scharlatane
Die Gründe für Apollonias Patronat der Zahnkranken liegen auf der Hand. Man muss sich nur in die Vergangenheit zurückversetzen und sich die damalige «Zahnmedizin» vor Augen halten. Früher gab es keine Zahnärzte im heutigen Sinn, vielmehr waren es Zahnbrecher, Schmiede und Scharlatane, die von Dorf zu Dorf zogen und auf Jahrmärkten den Leidenden die Zähne aus den Kiefern herausbrachen. Schon der Anblick der damaligen Instrumente ist haarsträubend. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die gesamte Behandlung ohne irgendwelche Art von Betäubung stattfand. Die damalige Furcht vor dem Zahnreisser war aus diesen Gründen mehr als berechtigt und erklärt, weshalb die Leute lieber den Himmel um Hilfe anflehten, als sich solchen Qualen zu unterwerfen. Die von Zahnweh Geplagten baten um den Beistand des- oder derjenigen Heiligen, der die gleichen Qualen erlitten hatte. Und das war für das Volk eindeutig die Märtyrerin Apollonia. Im 13. Jahrhundert findet sich ein erster Hinweis auf ihr Patronat dank einer mailändischen Bleimünze. Diese ist leider nur noch als Nachzeichnung in der Münzsammlung des Castello Sforzesco in Mailand erhalten geblieben. Auch der Arzt Petrus Hispanus, der spätere Papst Johannes XXI. (Pontifikat 1266–1277), erwähnt in seinem «Thesaurus pauperum» (Schatz der Armen), einer Art Gesundheitslexikon, ihr Patronat und empfiehlt, bei Zahnschmerzen ein Gebet an die heilige Apollonia zu richten: «Derjenige, der zum Gedächtnis der heiligen Märtyrerin und Jungfrau Apollonia betet, wird an jenem Tag nicht vom Zahnschmerz befallen.» Im Jahr 1634 wurde Apollonia gemeinsam mit all jenen, welche vor dem 10. Jahrhundert verehrt wurden, von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Seither gilt sie als Schutzpatronin der Zahnkranken.
In der Schweiz verehrt
Seit dem 14. Jahrhundert wurde die heilige Apollonia auch in der Schweiz verehrt. Darstellungen von ihr lassen sich in vielen Kantonen ausfindig machen. Neben Aargau, Neuenburg, St. Gallen, Thurgau, Uri, Zug, Graubünden, Basel, Schwyz, Obwalden, Waadt, Freiburg, Schaffhausen, Solothurn und dem Wallis waren vor allem Luzern und das Tessin grosse Apollonia-Kultstätten. Das Belegmaterial ist trotz der geringen geografischen Distanzen in der Schweiz zahlreich und weit verstreut. Coldrerio, ein kleines Dorf mit knapp 3000 Einwohnern, ganz im Süden des Tessins im Mendrisiotto gelegen, lässt durch seine geografische Nähe zu Italien Rückschlüsse darauf zu, wie der Apollonia-Kult vor Hunderten von Jahren in der Schweiz seinen Einzug fand. Hier trägt auch der Weg, der zu dem der Heiligen geweihten Kirchlein, dem Oratorio Sant’Apollonia, hinaufführt, ihren Namen: Via Sant’Apollonia. Die Kirche, die gleich neben einem Friedhof gelegen und deren Aufgang von Kreuzwegkapellen gesäumt ist, bleibt das Jahr hindurch geschlossen und öffnet nur zu speziellen Anlässen wie dem Fest der heiligen Apollonia, das heute noch gefeiert wird. Obschon der Kult der Heiligen im ganzen Mendrisiotto stark verbreitet ist und viele der Kirchen und Kapellen mit Darstellungen der Heiligen ausgestattet sind, ist das Oratorium in Coldrerio die einzige Kirche, die ihr allein gewidmet ist. In der Universitätsbibliothek Basel befindet sich ein farbiger Holzschnitt aus einem lateinischen Gebetbuch, das Bruder Johann Gipsmüller 1473 im Kleinbasler Kartäuserkloster verfasste. In diesem Szenario ihres Martyriums rücken die Henkersknechte der heiligen Apollonia mit Hammer und Meissel zu Leibe und schlagen ihr die Zähne in Stücken heraus. Die Sonne im oberen Bildrand gibt möglicherweise einen Hinweis auf die Herkunft des Namens Apollonia, sie deutet auf den griechischen Licht- und Sonnengott «Apollon» hin. Im Historischen Museum Basel befinden sich drei Exponate mit Darstellungen der Heiligen Jungfrau Apollonia: ein Reliquienschrein aus dem Benediktinerkloster Rheinau (1444), der sich seit 1905 im Besitz des Museums befindet. Der sargförmige Schrein besteht in seinem Kern aus Nussbaumholz und ist vollständig mit gravierten und vergoldeten Kupferplatten verkleidet, auf denen zahlreiche Abbildungen zu finden sind. Weiter finden wir die heilige Apollonia auf einem Flügelaltar aus dem Calancatal abgebildet. Der spätgotische Hochaltar von 1512, aus Lindenholz geschnitzt sowie gefasst und vergoldet, wurde im Jahr 1887 für die mittelalterliche Sammlung Basel erworben und konnte so vor einem Abtransport ins Ausland bewahrt werden. Er steht seit 1894 im Historischen Museum Basel und gilt als Zeugnis einer für die Nordwestschweiz und Graubünden prägenden schwäbischen Bildschnitzerschule, deren späte Phase Yvo Strigel vertreten hat. Schliesslich finden wir im Chor der Barfüsserkirche in Basel rechts vor dem grossen Calanca-Altar den Peter-Rot- Altar mit einer weiteren Darstellung der heiligen Apollonia. Dieser spätgotische Flügelaltar ist nach seinem Stifter, einem Basler Bürgermeister, benannt und stammt aus der Zeit um 1476/84. Die Flügelinnenseiten zeigen insgesamt 30 Heilige, darunter die heilige Apollonia. Zu erkennen ist sie auf dem linken Flügel in der mittleren Gruppe von Heiligen links aussen, in ihrer rechten Hand hält sie eine feine Zange mit einem Zahn.
Hochblüte in Spätmittelalter und Barock
Die meisten Darstellungen der heiligen Apollonia in der Schweiz stammen aus dem späten Mittelalter sowie aus dem 18. Jahrhundert und stellen zugleich die Hochblüte der Verehrung dar. Den ersten Höhepunkt erlangte sie mit der Entwicklung der Sonderpatronate im Spätmittelalter, die allerdings durch die Reformation schnell wieder ein Ende fanden. Unter dem Einfluss der Gegenreformation verhalf die katholische Kirche dem Apollonia-Kult im Zeitalter des Barock zu einer erneuten Blüte. Nach dieser Zeit kommt es zu einem deutlichen Rückgang. Mit fortschreitender Entwicklung der Zahnheilkunde und der Etablierung eines neuen Berufsbilds, dem des Zahnarzts, verlor ihr Patrozinium mehr und mehr an Bedeutung, bis es schliesslich im 19. und 20. Jahrhundert nur noch in ländlich geprägten Gegenden eine Rolle spielte. Heute gilt die heilige Apollonia als Schutzpatronin der Zahnärzte und aller Berufe, die sich im und um den zahnmedizinischen Bereich entwickelt haben. Und im Sitzungszimmer der Universitätskliniken für Zahnmedizin in Basel wacht sie über alle Entscheidungen zum Wohl unserer Patienten …