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Zu Debussys Préludes
Sie werden nicht nur im Konzertsaal gespielt, sondern auch tagtäglich von vielen Menschen auf der ganzen Welt studiert, unterrichtet und arrangiert: Debussys Préludes.
1. Was sind eigentlich Préludes?
Ursprünglich waren Präludien dazu da, ein Stück einzuleiten. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verloren sie jedoch diese Bedeutung und entwickelten sich zu eigenständigen Werken. Die Komponisten schrieben meist 12 oder 24 kurze Stücke, weil sie alle Dur- und Moll-Tonarten ausschöpfen wollten. Bei Debussy erinnert nur noch die Anzahl seiner Préludes – zwei Bücher mit jeweils 12 Stücken – an die Tradition, eine tonale Ordnung war ihm nicht mehr wichtig.
2. Wann hat Debussy sie geschrieben?
Debussys Klavierstücke entstanden zwischen 1909 und 1913. Die 12 Préludes des ersten Buchs erschienen am 14. April 1910 beim Musikverleger Jacques Durand, das zweite Buch drei Jahre später.
3. Wofür komponierte Debussy seine Préludes?
Als Debussy seine Werke komponierte, hatte er nicht im Sinn, dass diese alle gemeinsam in einem Konzert aufgeführt werden würden. Seine englische Biografin Louisa Liebich erinnerte sich in ihren «Memories of Debussy», dass der Komponist gesagt habe, «dass viele seiner Préludes nur unter vier Augen gespielt werden sollten».
4. Was inspirierte ihn?
In den Préludes spiegeln sich Debussys vielfältige Interessen: Er liess sich von Literatur und Kunst genauso inspirieren wie von Orten, alten Gebäuden, archäologischen Objekten, Sagen und dem Alltag. Es ist also unmöglich, nur eine Inspirationsquelle zu bestimmen. Überraschend ist, dass 15 Préludes ganz oder teilweise auf nicht-französische Anregungen zurückgehen.
5. Woher wissen wir, was ihn inspirierte?
Debussy schrieb am Ende jedes seiner Préludes in Klammern einen Titel. So wollte er erreichen, dass die Pianisten nicht direkt ein bestimmtes Bild vor Augen haben, sondern seine Musik ganz individuell interpretieren.
6. Wissen wir bei jedem Werk, wovon es beeinflusst ist?
Bei vielen der Stücke ist nicht exakt nachvollziehbar, wovon sie beeinflusst sind. War es ein Bild? Oder doch ein Gedicht? Ein Werk fällt jedoch ein wenig aus der Reihe: das 11. Prélude aus dem zweiten Buch. Hier bot Debussy eine Beschreibung der Kompositionsidee: «Abwechselnde Terzen».
7. Welches Instrument spielte Debussy, als er seine Préludes verfasste?
Debussy hatte ein Bechstein-Klavier in seinem Arbeitszimmer und einen Blüthner-Flügel im Salon. Er meinte jedoch, dass seine Musik «am besten und vollkommensten auf einem Bechstein-Flügel» klänge. In der Tonhalle Zürich werden sie auf einem Steinway dargeboten.
8. Wer führte die Préludes erstmals auf?
Debussy brachte einzelne der Préludes selbst zur Uraufführung. Was für ein guter Pianist er war, zeigt sich in der Schilderung des italienischen Komponisten Alfredo Casella: «Worte reichen nicht aus, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie er einige seiner eigenen Préludes interpretierte. Nicht, dass er sich durch eine besondere Virtuosität auszeichnete, aber die Sensibilität seines Anschlags war unvergleichlich; man hatte den Eindruck, als spielte er direkt auf den Saiten des Instruments – ohne jeglichen Übertragungsmechanismus. Das Ergebnis war ein poetisches Wunder. Er benutzte das Pedal auf ganz eigenwillige Weise. Mit einem Wort: Er spielte wie kein zweiter zeitgenössischer Komponist oder Pianist.»
9. Wieso ist Debussys Musik «impressionistisch»?
Debussy gilt als Begründer des musikalischen Impressionismus. Wie mit getupften und zarten Farben auf der Leinwand spielte er mit den Klangfarben: Er komponierte Motive und Themen als kurze Gebilde, die in wechselnden Beleuchtungen nur für Augenblicke auftauchen und kurz danach wieder verschwinden. Debussy war aber kein Freund dieser Einordnung seiner Musik, er meinte: «Ich versuche, etwas anderes zu machen als das, was die Schwachköpfe ‹Impressionismus› nennen, ein Begriff, der so schlecht wie möglich verwendet wird, besonders von den Kritikern.»
10. Was hielten Debussys Zeitgenossen von seinen Préludes?
Auch wenn Debussys Stücke zu seinen Lebzeiten nur einzeln und manche gar nicht aufgeführt wurden, erfreuten sie sich grosser Beliebtheit. Als Debussy im März 1918 starb, war Band I fünfmal und Band II zweimal nachgedruckt worden; damit waren 8360 Exemplare vom ersten Band und 4000 vom zweiten im Handel.
11. Was fasziniert Jean-Yves Thibaudet, der die Préludes in der Tonhalle Zürich spielen wird, besonders an Debussys Musik?
Jean-Yves Thibaudet gehört zu den versiertesten Debussy-Interpreten unserer Zeit. Besonders fasziniert ist er von den Préludes, denn er ist der Meinung: «Es gibt eine Menge verschiedener Debussys. Die ‹Suite bergamasque› zum Beispiel ist sehr neoklassisch; sie ist nicht der impressionistische Debussy, den jeder kennt. Aber dann gibt es den Impressionismus der ‹Estampes› und auch einen orientalischen Einfluss. Und dann gibt es den modernen Debussy, der seiner Zeit voraus ist. Die Musik der ‹Préludes› – vor allem das zweite Buch – ist fast esoterisch, und man muss sich schon anstrengen, um in ihre Welt einzutauchen. Das ist der Debussy, der mich am meisten fasziniert: Der Debussy, der eine neue Sprache erfunden hat.»
12. Wann wurden die Préludes in der Tonhalle Zürich erstmals vollständig gespielt?
Meistens werden nur einzelne der Préludes dargeboten. So wurden sie in der Regel auch bei den Konzerten der Tonhalle- Gesellschaft Zürich aufgeführt. Alle 24 Préludes aus beiden Heften kamen bisher nur einmal zur Aufführung: am 23. Oktober 1987 bei einem Rezital von Maurizio Pollini. Jean-Yves Thibaudet ist also der zweite Pianist in der Geschichte der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, der sich an eine Gesamtaufführung heranwagt.