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Einleitung
Im Rahmen des kooperativen Forschungsprojekts «Welcoming Neighborhoods (WelCIT)», lokalisiert an der Universität Genf und den Hochschulen für Soziale Arbeit Genf (HES-SO), Tessin (SUPSI) und Luzern (HSLU), befassen sich die beteiligten Hochschulen in Kooperation mit Universitäten in West-, Ost- und Nordafrika mit der Frage der Innovation von Migrantinnen und Migranten in einem urbanen Kontext. Das Projekt wird von Swissuniversities finanziell unterstützt. Die Hochschule Luzern Soziale Arbeit (HSLU) und die Universität in Addis Abeba widmen sich konkret der ökonomischen Innovation von Flüchtlingen in Addis Abeba. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie haben die Hochschule Luzern und die Universität in Addis Abeba in einer Studie nach den Auswirkungen auf die Existenzsicherung und den Lebensalltag von Flüchtlingen gefragt. Welche Möglichkeiten haben die Flüchtlinge, um sich zu schützen und ihre Existenz zu sichern? Welchen Veränderungen und Herausforderungen sehen sie sich gegenüber?
Ein Ziel der Studie ist, dass aus den Erkenntnissen letztlich entsprechende Unterstützungsmassnahmen für die Flüchtlinge abgeleitet werden können. Ausreichende Kenntnis der Lage der vulnerablen Bevölkerung ist für die nationale sowie internationale Entwicklungspolitik notwendig; ebenso ist die Perspektive der Betroffenen in der Wissenschaft und in der Praxis unverzichtbar.
Die Situation in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba
Äthiopien hat eine lange Geschichte der Aufnahme von Flüchtlingen. Das Land pflegt traditionell eine Politik der offenen Tür und versucht denjenigen, die auf seinem Territorium Asyl suchen, humanitäre Hilfe und Schutz zu gewähren. Fast eine Million, d.h. 860.000 Flüchtlinge leben in Äthiopien (UNHCR, 2021). In Addis Abeba halten sich schätzungsweise 31.000 Flüchtlinge auf, davon etwa 20.000 registrierte und 11.000 nicht registrierte. Addis Abeba ist das politische, administrative, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes.
Gegenwärtig leidet Äthiopien, wie viele andere Länder auch, unter einem dreifachen Schock: unter den direkten Auswirkungen der Pandemie, den wirtschaftlichen Folgen der Abriegelung und den negativen Folgen der weltweiten Rezession. Laut UN-Bericht fallen weltweit wegen der Pandemie «Abermillionen Menschen […] in extreme Armut und Hunger zurück» (UN, 2020, S. 2). Das bedeutet: Die Zahl der Menschen, die weltweit von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben, steigt erstmals seit 1998 an (ebd., S. 24), und zwar möglicherweise auf mehr als eine Milliarde (vgl. Sumner et al. 2020).
Die Pandemie bedroht Fortschritte bei der Armutsbekämpfung und verschärft die soziale Ungleichheit. Die Ernährungssituation hat sich in ganz Subsahara-Afrika deutlich verschlechtert. 13 bis 14 Millionen Menschen sind in Äthiopien davon betroffen und auf Nahrungsmittelhilfen von aussen angewiesen. Unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie leiden besonders die Flüchtlinge. Der unzureichende Zugang zu sanitären Einrichtungen, zum Gesundheitssystem, zu sauberem Wasser sowie zum Arbeitsmarkt und zur Bildung erschweren den Lebensalltag der Menschen. In einer afrikanischen Grossstadt wie Addis Abeba kulminieren diese Probleme.
Herangehensweise
Das Ziel, Betroffene direkt zu befragen und direkte Kenntnis von ihrer Lage zu erhalten, lässt sich methodisch mit qualitativen Interviews erreichen. Daher wurden im Zeitrahmen vom Mai bis August 2020 in Addis Abeba zwanzig Einzelinterviews mit Flüchtlingen aus der Demokratischen Republik Kongo, aus Somalia und Eritrea durchgeführt. Der Zugang zur Studienpopulation war bereits durch das WelCIT-Projekt gegeben und konnte schnell reaktiviert werden. Die Datenerhebung erfolgte mithilfe halbstandardisierter Interviews, die grossteils online über WhatsApp, Zoom und Messenger stattfanden. Sämtliche Interviews wurden auf Tonträger aufgezeichnet und in englischer Sprache transkribiert. Bei der Auswertung fand sowohl ein deduktiver als auch ein induktiver Prozess der Kategoriendefinition statt. Aus den ausgewählten Interviews wurden acht Fallstudien erarbeitet, aus denen Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Existenzsicherung und den Lebensalltag von Flüchtlingen abgeleitet werden können. Im Folgenden werden einige dieser Erkenntnisse skizziert.
Existenzsicherung und der Lebensalltag der Flüchtlinge: einige Beispiele
Eine geflüchtete Frau aus der Demokratischen Republik Kongo hat drei Kinder. Vor der Corona-Krise sicherte sie die Existenz ihrer Familie damit, dass sie Uniformen der Flugbegleiter*innen der äthiopischen Fluggesellschaft Ethiopian Air gewaschen hat. Nun ist weltweit der Flugverkehr massiv eingeschränkt; es sind kaum mehr Uniformen zu waschen. Die geflüchtete Frau hat von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen verloren. Dies ist ein Beispiel, wie die Corona-bedingte globale Krise direkt auf die wirtschaftliche Lage eines einzelnen Individuums durchschlägt.
Eine Familie mit zwei Kindern wohnte zunächst in einem Flüchtlingslager. Ihr gelang es, das Lager zu verlassen, eine prekäre Einkommensquelle zu finden und in Addis Abeba Fuss zu fassen. Nachdem sie ihr bereits zuvor prekäres Einkommen in der Pandemie verloren hat, stellt sich die Frage, ob sie wieder zurück ins Flüchtlingscamp gehen soll. In der Stadt kann sie sich die Grundnahrungsmittel nicht leisten und im Lager hätten die Kinder wenigstens Zugang zu Wasser und Nahrung. Das ist kein Einzelfall: Einige der Familien, die wir befragt haben, möchten aufgrund der Krise wieder zurück ins Flüchtlingslager. Im Camp erhalten die Kinder zumindest Mahlzeiten.
Ein Flüchtling aus dem Kongo gab vor der Corona-Krise als Privatlehrer Französischunterricht. Damit kam er über die Runden. Jetzt kann er keinen Unterricht mehr anbieten, da die Personen, die Privatunterricht nehmen, sich vor Ansteckung schützen wollen. Eine junge Frau aus Eritrea wiederum arbeitete in einem Kosmetiksalon. Auch sie hat durch die Pandemie ihre Arbeit verloren.
Prekäre Arbeitsverhältnisse
Die Beschäftigungssituation für Flüchtlinge ist prekär, auch weil viele im informellen Sektor oder als Tagelöhner arbeiten und diese Aktivitäten während der Pandemie eingestellt werden. Flüchtlinge sind den Folgen von Covid-19 von daher besonders ausgesetzt. In Äthiopien haben Flüchtlinge einen erschwerten Zugang zum formellen Arbeitsmarkt, obwohl seit 2019 eine neue Flüchtlingsstrategie der Regierung besteht, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Ein UN-Bericht stuft als besonders armutsgefährdet informell und prekär Beschäftigte ein. Der Anteil der informell Beschäftigten lag laut dem UN Bericht 2016 weltweit bei «alarmierend hohen 61 Prozent», in Afrika noch höher (UN, 2020, S. 41). Viele nationale Hilfsprogramme berücksichtigen diese Menschen gar nicht oder die Hilfsleistungen reichen nicht aus.
Überleben in der Pandemie
In Krisenzeiten lässt sich oft das Phänomen beobachten, dass die Preise steigen – und dies, während es schwieriger wird, Geld zu verdienen. Durch die Corona-Krise sind die Preise für Grundnahrungsmittel in Äthiopien um bis zu 100 % gestiegen. Reis, Zucker, Mais sind für viele unbezahlbar geworden.
Eine der grössten Herausforderungen scheint schlicht die Aufgabe zu sein, jeden Tag genügend Lebensmittel zu bekommen, um die ganze Familie zu ernähren. Viele Flüchtlinge haben ihre Einkommensquellen verloren, was sich direkt auf das verfügbare Geld für Lebensmittel auswirkt. Die Flüchtlinge, die in der Stadt leben, beschreiben, wie sie jeden zweiten Tag damit zu kämpfen haben. Sie haben ihre Essensportionen reduziert und versuchen die Situation mit den vorhandenen Ressourcen zu bewältigen. Die Hygieneregeln können viele Menschen gar nicht befolgen, nicht einmal Minimalstandards sind für sie einzuhalten, weil sie sich Seife oder Schutzmasken nicht leisten können.
Rückgang der Remittances
Viele Äthiopier*innen und auch viele der Flüchtlinge, die wir befragt haben, hatten vor der Corona-Krise von ihren Angehörigen, die in Europa, den USA, Kanada oder im Mittleren Osten arbeiten, Geldüberweisungen erhalten. Die befragten Flüchtlinge konnten mit diesen Remittances die Miete, Gesundheitskosten sowie die Bildung ihrer Kinder finanzieren. Durch die Corona-Krise sind die Rücküberweisungen global zurückgegangen. Gemäss den Daten der Weltbank überweisen 270 Millionen Migrant*innen weltweit mehr als 620 Milliarden Dollar in ihre Herkunftsländer (Moroz et al., 2020, S. 1). Die Weltbank vermutet, dass die Höhe der Rücküberweisungen dieses Jahr im Vergleich mit dem Vorjahr um 7.2 % auf 508 Milliarden Dollar sinken wird. Infolge der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung in wichtigen Einwanderungsländern wie den USA, einigen europäischen Ländern und den Golfstaaten werden die Rücküberweisungen weiter sinken (Möller, 2020, S. 21).
Fazit
Die Pandemie erweist sich vor allem insofern als eine besondere Herausforderung für die Flüchtlinge, als sie beim Versuch, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, noch grössere Schwierigkeiten haben als zuvor. Insgesamt lässt sich aus den Fallstudien ableiten, dass die Bewältigung der Krise den Flüchtlingen aufgrund ihres geringen ökonomischen Kapitals erschwert ist. Zudem fehlt ihnen im Vergleich zur lokalen Bevölkerung der Zugang zu staatlichen Dienstleistungen.
Sie sind in den Städten im Hinblick auf ihre Existenzsicherung ganz auf sich gestellt. Zwar sichert die internationale Hilfe Millionen von Menschen das nackte Überleben, doch ist sie auf Flüchtlinge in Lagern beschränkt. Ausserhalb der Lager gibt es für die Wenigsten eine Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft.
Ein weiteres von einigen Flüchtlingen genanntes Problem ist die Diskriminierung und Ausgrenzung. Auf der Strasse wagen sie es nicht mehr, Englisch und Französisch sprechen, da sie als Fremde wahrgenommen werden und für die Pandemie verantwortlich gemacht werden. Gerade in Krisenzeiten gewinnt die «Sündenbockstrategie» an Bedeutung.
Hinzu kommt, dass die Flüchtlinge regelrecht festsitzen, denn wegen der Grenzschliessungen und Reisebeschränkungen können sie nicht weiterreisen und befinden sich für unbestimmte Dauer in einem Transitraum.
Bibliographie
Möller, V. (2020): Migranten schicken weniger Geld nach Hause. In: NZZ v. 30. November 2020.
Moroz, H., Shrestha, M., & Testaverde, M. (2020): Potential Responses to the COVID-19 Outbreak in Support of Migrant Workers. https://doi.org/10.1596/33625 [10.12.2020].
Sumner, A., Ortiz-Juarez, E. & Hoy, C. (2020) Precarity and the pandemic: COVID-19 and poverty incidence, intensity, and severity in developing countries. WIDER Working Paper 2020/77. Helsinki: UNU-WIDER. https://www.wider.unu.edu/publication/precarity-and-pandemic [10.12.2020]
UN – United Nations (2020): Ziele für nachhaltige Entwicklung – Bericht 2020. https://www.un.org/Depts/german/pdf/SDG%20Bericht%20aktuell.pdf [10.12.2020].
UNHCR – The UN Refugee Agency (2021): Ethiopia 2019-2020 Country refugee response Plan. https://reporting.unhcr.org/node/21971 [11.01.2021]
Authors
Gülcan Akkaya, Dr. rer. pol., ist Dozentin/ Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Korrespondenz: guelcan.akkaya (at) hslu.ch
Tirsit Sahledingil, Dozentin am Institut für Äthiopische Studien und Doktorandin an der Abteilung für Sozialanthropologie der Universität Addis Abeba. Korrespondenz: tirsit.sahledingil (at) aau.edu.et
Samuel Tefera, Dr. Assistant Professor am Zentrum für für Afrikanische und Orientalische Studien, College of Social Sciences (CSS), Addis Abeba Universität. Korrespondenz: samuel.tefera (at) aau.edu.et
Recommended citation
Gülcan Akkaya, Tirsit Sahledingil, Samuel Tefera (2020). Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Existenzsicherung der Flüchtlinge in Addis Abeba, Äthiopien. Einblick in ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema Migration und Innovation im urbanen Kontext. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziale Arbeit. Soziale Arbeit in Zeiten der Covid-19 Pandemie. S. 10-13.
URL: https://szsa.ch/covid19_10-13/