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Warum uns das Unbewusste manchmal chinesisch vorkommt
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In seiner 15. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse stellte Freud Analogien zwischen der chinesischen Sprache und dem Traum fest. So schreibt er:
«Für unsere Vergleichung ist der Umstand noch interessanter, dass es in dieser Sprache so gut wie keine Grammatik gibt. Man kann von keinem der einsilbigen Worte sagen, ob es Haupt-, Zeit-, Eigenschaftswort ist, und es fehlen alle Abänderungen der Worte, durch wel¬che man Geschlecht, Zahl, Endung, Zeit oder Modus erkennen könnte. Die Sprache besteht also sozusagen nur aus dem Rohmaterial, ähnlich wie unsere Denksprache durch die Traumarbeit in ihr Rohmaterial unter Hinweglassung des Ausdrucks der Relationen aufgelöst wird. Im Chinesischen wird in allen Fällen von Unbestimmtheit die Entscheidung dem Verständnis des Hörers überlassen, der sich dabei vom Zusammenhange leiten lässt.»
50 Jahre später wird Lacan sagen, dass er nicht Analytiker geworden wäre, wenn er nicht chinesisch studiert hätte (Sem. XVIII). Damit wird sehr deutlich auf eine Ähnlichkeit zwischen dem Unbewussten, insbesondere der Traumsprache, und der chinesischen Sprache hinge¬wiesen, die ihrem Wesen nach eine Bildersprache ist. So ist es nicht verwunderlich, dass Huo Datong, erster in Frankreich ausgebildeter Analytiker aus China, die These aufstellt «Das Unbewusste ist wie die chinesische Sprache strukturiert» und damit Lacans Wort «Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert» paraphrasiert und präzisiert. Hält diese Behauptung einer näheren Überprüfung stand? Lässt sie sich mit Freuds Konzept der Sachvorstellung gar untermauern?
Peter Widmer, Psychoanalytiker in freier Praxis in Zürich und Ennetbaden. Initiant und Mitbegründer der Zeitschrift RISS. Mitbegründer der AFP und des Lacan Seminar Zürich. Autor der Bücher «Subversion des Begehrens» (Fischer 1990, dann Turia und Kant); «Angst» (transcript 2004); «Metamorphosen des Signifikanten» (transcript 2006). Mitheraus¬geber von «Psychosen: eine Herausforderung für die Psychoanalyse» (transcript 2007). Lehraufträge an Universitäten und Hochschulen. Gastprofessor an der Universität Kyoto (2001/02 und 2004/05). Gastherausgeber von RISS 67, die «China und die Psychoanalyse» zum Thema hat (erscheint demnächst).