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Dass die Fibromyalgie mit einer Schwächung und Störung der Mitochondrien zusammenhänge oder darauf zurückzuführen sei, ist keine ganz neue Vermutung. Aber erst letzthin ist es einer Gruppe spanischer Forscher gelungen, in Hautproben von Fibromyalgie-Betroffenen eine Mitochondrienstörung nachzuweisen.1
Die 2015 veröffentlichte Studie wurde in der wissenschaftlichen Rheumatologie allgemein zur Kenntnis genommen.2 Sollten weitere Forschungen sie bekräftigen, wird man die Fibromyalgie wahrscheinlich in die Liste der mitochondrialen Erkrankungen aufnehmen müssen. Gegenwärtig zählen weder Wikipedia noch der Pschyrembel das Fibromyalgie-Syndrom zur Gruppe der Mitochondropathien.3
Schon einige Schritte weiter gehen manche Komplementärmediziner. Sie nehmen die mitochondriale Wurzel der Fibromyalgie sehr ernst und empfehlen zu ihrer Behandlung eine gründliche Mitochondrien-Therapie. Diese verzichtet auf die üblichen Medikamente, weil man Anzeichen dafür sieht, dass Schmerzmittel und Antidepressiva die Aktivität der Mitochondrien schwächen und ihnen Schaden zufügen.4
Exemplarisch und im Sinne einer Information sei im Folgenden ein Überblick über die Fibromyalgie-Therapie nach Dr. med. Wolfram Kersten gegeben. Kersten hat darüber gut lesbare Beiträge geschrieben. Er führt seit 2008 in Bamberg eine Privatpraxis für Innere Medizin, spezialisiert auf die Prävention und die Therapie chronischer Erkrankungen. Seine Fibromyalgie-Therapie beruht auf mehreren Säulen, wovon die ersten beiden die fundamentalen seien.5
Anpassung der körperlich-geistigen Belastung
Fibromyalgie-Betroffene haben geringe Energiereserven. Dr. med. Wolfram Kersten legt ihnen ans Herz, alle Belastungen – körperliche wie geistige – an die verfügbare mitochondriale Leistung anzupassen («Pacing»). Jede Belastung, die mit einer Erschöpfung ende, schade den Mitochondrien. Herkömmliches Fitness-Training aktiviere in den Muskeln die Milchsäureproduktion, was die limitierten Energiereserven weiter verringere und den Schaden an den Mitochondrien vertiefe. Zu einem «sehr vorsichtigen», gering intensiven muskulären Training rät Kersten erst dann, wenn vorher der Säurebasenhaushalt und die Mitochondrienfunktion therapiert seien. Er vertritt damit eine von den EULAR-Experten abweichende Auffassung. Diese empfehlen Fibromyalgie-Betroffenen generell und ohne Einschränkung einen Muskelaufbau durch Krafttraining.
Ernährungsumstellung
Zweitens hänge der Erfolg der Fibromyalgie-Therapie von einer konsequenten Umstellung der Ernährung ab. Als Begründung verweist Kersten darauf, dass die Stoffwechselprobleme im Zusammenhang mit einer Fibromyalgie die Verwertung von Kohlenhydraten stören. Seine Therapie empfiehlt Fibromyalgie-Betroffenen eine streng kohlenhydratarme, an gesunden Fetten und Proteinen (Eiweiss) reiche Ernährung, auch bekannt als LOGI-Diät (von englisch LOw Glycemic and Insulinemic Diet). Dabei gelten die folgenden Ernährungsregeln:
- Kohlenhydrate max. 20%
- Völliger Verzicht auf jederlei Süssigkeiten
- Fett 50-60%
- Protein 20-30%
Die LOGI-Diät zwingt den Körper, die Energieversorgung überwiegend auf eine Fettverbrennung umzustellen. Das soll die Störung der Kohlenhydratverwertung stark reduzieren oder ganz beseitigen.
Mikronährstoffe
Eine vertiefte Labordiagnostik vermag bei Fibromyalgie-Betroffenen regelmässig beträchtliche Mängel zutage zu fördern. Sie betreffen verschiedene B-Vitamine (vor allem Vitamin B12), Spurenelemente und Mineralien wie Magnesium, Selen, Zink, Kupfer, Carnitin, Coenzym Q10, antioxidantive Schutzenzyme, Glutathion und mehr.
Zum Ausgleich dieses erheblichen Mikronährstoffmangels reicht nach komplementärmedizinscher Auffassung eine ausgewogene Ernährung bei weitem nicht aus. Die fehlenden Stoffe seien den Betroffenen in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zuzuführen. Zentral ist nach Kersten eine hochdosierte Therapie mit Vitamin B12, um den zerstörerischen Stoffwechsel in den geschädigten Mitochondrien umzustellen.
Reduktion von oxidativem und nitrosativem Stress
Um den krankmachenden Stoffwechsel in den Mitochondrien von Sauerstoff- und Stickstoffradikalen zu befreien, empfiehlt die komplementärmedizinische Fibromyalgie-Therapie verschiedene Antioxidantien und Pflanzenstoffe. Zu ihnen zählen Vitamin C, Vitamin E, die Alpha-Liponsäure, Vitamin B3, NADH, Carnitin und das Coenzym Q10. Ausserdem alle Co-Faktoren, die in der Atmungskette und im Zitronensäurezyklus innerhalb der Mitochondrien für eine optimale ATP-Produktion sorgen.
Normalisierung des Säurebasenhaushalts
Eine weitere wesentliche Säule der komplementärmedizinischen Fibromyalgie-Therapie sind Massnahmen gegen die Übersäuerung. Bei einer Störung der Mitochondrienfunktion bilde sich infolge der unzureichenden Kohlenhydratverwertung übermässig viel Milchsäure. Die Komplementärmedizin glaubt, in der Übersäuerung die hauptsächliche Ursache für die Muskelschmerzen zu kennen. Sie empfiehlt, Fibromyalgie-Betroffene grosszügig mit basischen Puffersubstanzen zu versorgen. Zusätzlich zur Zufuhr basischer Salze werden häufige Basenvollbäder und in schweren Fällen Baseninfusionen empfohlen.
Entspannung
Analog zu den EULAR-Empfehlungen rät Kersten Fibromyalgie-Betroffenen, sich Techniken zur Entspannung anzueignen. Er erwähnt die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, atemtherapeutische Techniken und Meditation. Übungen aus dem Qi Gong und Tai Chi zur Steigerung der Energie sind ihm zufolge nur im Frühstadium der Erkrankung von erkennbarem Nutzen.
Physikalische Therapie
Auch Anwendungen mit Wärme (heisse Wickel, Fangopackungen) oder Kälte zählen zu den empfohlenen Behandlungsmassnahmen. Bei lange anhaltender Erkrankung empfiehlt Kersten zwei spezielle physikalische Verfahren zur Regeneration der Mitochondrienfunktion, zum einen die Intermittierende Hypoxie-Therapie (IHT), zum andern die Biophotonentherapie mittels Flächenlaser.
Die Intermittierende Hypoxie-Therapie (IHT), auch bekannt als Intervall-Hypoxie-Hyperoxie-Therapie (IHHT), simuliert durch den rhythmischen Wechsel von dünner Höhenluft und normaler Umgebungsluft eine Art Höhentraining. Diese in den 80er Jahren für Kosmonauten, Kampfflieger und Spitzensportler entwickeltes Verfahren soll den zellulären Energiestoffwechsel ankurbeln und defekte Mitochondrien regenerieren.
Ebenfalls ein effektives Verfahren zur Steigerung der Mitochondrienfuktion sei die Biophotonentherapie mittels Flächenlaser. Dabei erlaube ein Grossflächenlaser eine Ganzkörperbestrahlung in Kombination mit Infrarotanwendungen.
Ausleitung toxischer Belastungen
Ganzheitliche Mediziner sehen Zusammenhänge zwischen Mitochondrienstörungen und den weit verbreiteten Belastungen durch Umweltgifte und Schwermetalle. Sie auszuleiten, ist eine Aufgabe, die in erfahrene Therapeutenhände gehört. Denn intensive Entgiftungsbehandlungen können die Symptome verstärken. Liegt eine vererbte reduzierte Aktivität der Entgiftungsenzyme vor, ist eine Entgiftungskur sogar ausgeschlossen. Von diesem genetischen Enzympolymorphismus der Entzündungsenzyme sind immerhin 40% der Bevölkerung betroffen.
Herdsanierung
Zur ganzheitlichen Diagnostik und Therapie chronischer Erkrankungen gehört im Prinzip immer die Suche nach verborgenden Entzündungsherden in den Zähnen, im Kiefer, in den Mandeln, den Nebenhöhlen, den Urogenitalorganen usw. Solche Herde können alle übrigen therapeutischen Massnahmen blockieren und müssen daher entfernt resp. saniert werden.
«Austherapiert!?»
Viele Fibromyalgie-Betroffene machen früher oder später die Erfahrung, dass ihnen die Schulmedizin kaum helfen kann. Dies dokumentieren sogar die offiziellen Empfehlungen der Europäischen Rheumaliga. Die EULAR-Experten geben keinem einzigen Medikament im Einsatz bei Fibromyalgie-Betroffenen eine wirklich gute Note. Und sie ziehen auch bei den nicht-medikamentösen Behandlungsformen eine durchzogene Bilanz.
Verständlicherweise strecken Fibromyalgie-Betroffene ihre Fühler nach alternativen Erklärungen und komplementärmedizinischen Behandlungen aus. Die Rheumaliga Schweiz verweist allerdings auf den geringen Evidenzgrad der sog. Mitochondrien-Medizin. Für ihre Wirkung (und Unschädlichkeit) sprechen lediglich Fallberichte, keine klinischen Studien.
Grundsätzlich empfehlen wir Fibromyalgie-Betroffenen, alle komplementären Behandlungsversuche vorgängig mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin abzusprechen und bei der Krankenversicherung bezüglich einer möglichen Kostenübernahme nachzufragen.
Anmerkungen
- Sánchez-Domínguez, Benito & Bullon, Pedro & Román-Malo, Lourdes & Marín-Aguilar, Fabiola & Alcocer-Gómez, Elísabet & Carrion, Angel & Sánchez-Alcázar, Jose & Cordero, Mario. (2015). Oxidative stress, mitochondrial dysfunction and, inflammation common events in skin of patients with Fibromyalgia. Mitochondrion. 21.10.1016/j.mito. 2015.01.010.
- Aeschlimann, A., Acker, J., Sandor, P.S.: «Fibromyalgie Syndrom – Update 2016», in: Fachzeitschrift Rheuma Schweiz Nr. 1/2017, S. 42-50.
- Pschyrembel Online, «Mitochondriopathien», eingesehen am 08.01.2018. Wikipedia, «Mitochondriopathie», eingesehen am 08.01.2018.
- Alan Baklayan: «Fibromyalgie und Mitochondrien-Aktivität» (2017). Abrufbar unter: http://healingfrequency.com/fi...
- Dr. med. Wolfram Kersten: «Fibromyalgie-Syndrom. Endlich wieder schmerzfrei!», in: raum&zeit 175/2012, S. 16-21. PDF abrufbar unter: http://dr-kersten.com/downloads/rz-Fibromyalgiesyndrom-16.11.2011.pdf – Ders.: «Differentialdiagnose und Therapie bei CFS und Fibromyalgie. Die Bedeutung Chronischer Stressbelastungen», in: CFS/ME-Forum, Heft 33/2013, S. 36-49. PDF aus Quelle: www.dr-kersten.com
Review: Dr. med. Simon Feldhaus, Baar ZG
Nationale Patientenorganisation
Weitere Informationen zur Fibromyalgie sowie Kontaktdaten zu Selbsthilfegruppen finden Sie auf der Website der Schweizerischen Fibromyalgie-Vereinigung.
Broschüre «Fibromyalgie»
Die 48-seitige Publikation der Rheumaliga Schweiz gibt einen guten Überblick über die Erkrankung und die verschiedenen Therapiemöglichkeiten. Auch Betroffene kommen darin zu Wort. Bestellen Sie die Broschüre bequem und einfach im Shop der Rheumaliga Schweiz.
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