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20 Schritte in die Krise.
Lassen wir mal kurz Revue passieren, was uns in die aktuelle Situation gebracht hat:
1. Als 2001 die Dot-com und Aktienblase platzte, befürchtete Alan Greenspan, die USA könnten in eine Rezession stürzen. Als Reaktion senkte er Schrittweise die Zinsen von 4.5% auf 1% und beliess sie auf diesem Niveau bis zum Jahr 2004. Danach hob er sie Schrittweise wieder an:
2. Bei den niedrigen Zinsen flossen enorme Gelder in Immobilien.
3. Die Amerikaner hatten sich nach dem Platzen der Aktienblase schon auf eine Rezession vorbereitet. Allerdings lernten sie schnell, dass die Preissteigerung ihrer Häuser die Verluste der Börse mehr als nur wettmachte. Also konsumierten sie weiter.
4. Mit der Konsumwut stiegen die Schulden. Nicht nur in den USA. Auch die Kreditgeber fühlten sich dank ihrer steigenden US-Vermögen reicher und starteten ihre eigenen Blasen.
5. Erste Probleme begannen 2006 als jene, die sich eigentlich kein Haus leisten konnten (sog. Sub-Prime Schuldner) ihre Häuser nicht mehr halten konnten.
6. Die erste Warnung kam im Februar 2006 von der HSBC. Die hatten 2002 den Subprime Händler "Household International" gekauft und mussten nun 15 Milliarden abschreiben, da sich die Zahlungsausfälle häuften und neue Hypothekenprovisionen kaum noch zu holen waren. Die FED-Rate war auf 5.25% gestiegen.
7. Als im Juni 2007 zwei Hedge-Fonds von Bears Stearns über den Jordan gingen machte sich erstmals die Befürchtung breit, die Subprime-Risiken könnten von den Banken unterschätzt worden sein.
8. Im August 2007 fror die BNP Paribas Rückzüge in drei Investment Fonds ein. Nun machte sich Panik breit. Wenn eine Bank, die nicht direkt im US Immobilienmarkt involviert ist soviel Schwierigkeiten hat könnte es doch sein, dass es noch andere Banken gibt, die betroffen sind aber bisher ihre Subprimes verschwiegen hatten. Dies war der offizielle Start der Kreditkrise. Das Ergebnis war ein Vertrauensverlust in international operierende Banken. Auch untereinander.
9. Im September 2007 war die Liquidität im Interbanken Handel bereits so schlecht, dass man um das Überleben von Banken fürchtete, die sich auf den Hypothekenmarkt spezialisiert hatten. Eine davon war Northern Rock. Die Britische Bevölkerung geriet in Panik. Lange Schlangen vor der Bank von Leuten, die ihr Geld abheben wollten, erinnerten erstmals an die grosse Depression von 1930. Die Bank of England war gezwungen einzugreifen und Northern Rock zu verstaatlichen.
10. In der Zwischenzeit fielen die Immobilienpreise weiter. Das Ergebnis waren massiver Verluste in der Buchstabensuppe von Immobilien-Derivaten, die von vielen global operierenden Banken gehalten wurden. Die erste Welle der Zerstörung traf RMBS (Residential Morgage Backed Securities), CDOs (Collaterized Debt Obligations) und SIVs (Structured Investment Vehicles). Merrill Lynch war die erste Bank, die am 5. Oktober 2007 einen Verlust von $5.5 Mrd. bekannt gab. Am 24. Oktober korrigierten sie den Verlust schon auf $8 Mrd. Für alle Banken zusammen rechnete man mit Verlusten in Höhe von $500 Mrd.
11. Andere Banken - wie unsere UBS - folgten Merrill. Viele Banken mussten Kapitalerhöhungen durchführen. Insgesamt $350 Mrd. bis August 2008.
12. Anfang 2008 schien sich die Lage zu beruhigen. Aber der Fall von Peloton und Carlyle Capital im März 2008 rückte die Krise wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Der zweiten Panikwelle fiel unter anderem Bear Stearns, Amerikas 5. Grösste Bank, zum Opfer. Die FED organisierte die Übernahme durch JP Morgan und die Aktionäre von Bear Stearns verloren 90%.
13. Dann verschwand die Krise wieder aus dem Blickfeld und wird wurden von der Erkenntnis eingelullt, dass das Schlimmste nun vorbei sei. Trotzdem gingen Abschreibungen und Kapitalerhöhungen munter weiter. Die Krise trat am 9. Juni 2008 wieder ins Bewusstsein, als Lehman Brothers $3 Mrd Verlust verkünden musste.
14. Diesmal blieb die Stimmung gespannt und die Märkte unter Druck. Die Ereignisse überschlugen sich dann sehr schnell als IndyMac (ein aggressiver Hypotheken Broker, die US-Version von Northern Rock) von der FDIC (Federal Deposit Insurance Corp., einer staatliche Auffanggesellschaft) übernommen werden musste. Panik, Runde drei.
15. In dieser Situation wurde zunehmend auch die Sicherheit der beiden grössten Hypotheken-Händler, Freddy Mac und Fanny Mae, in Frage gestellt. Schliesslich mussten Mitte Juli beide unter die Schirmherrschaft der US Regierung gestellt werden.
16. Danach kamen durchs Band weg alle Finanztitel unter die Räder. In dieser Situation konnte Lehman Brothers weder neues Privatkapital noch eine Partnerbank für eine Fusion finden und ging - ohne jegliche Staatshilfe - am 15. September in Konkurs.
17. Am selben Wochenende musste Merrill Lynch von der Bank of America übernommen werden, die damit die Citigroup als Nummer 1 ablöste.
18. Mit dem Konkurs von Lehman rochen die Banken Blut. Offenbar war eben doch niemand "too big to fail". Die Verkaufsorgie von Finanztitel ging deshalb munter weiter und AIG, die weltweit grösste Versicherung, brach unter dem Druck zusammen. Sie musste von der US-Regierung mit $112.5 Mrd. gerettet werden.
19. Nun war das ganze Bankensystem bereits in freiem Fall. Die FED konnte die Situation nicht mehr in den Griff kriegen, denn auch die Mittel der FED waren mittlerweile auf nur noch $400 Mrd. geschmolzen.
20. Am 15. November 2008 schliesslich haben sich die 20 führenden Pappnasen der Welt in Washington getroffen und beschlossen, das ganze Desaster - das mittlerweile in die Billionen geht - auf den Steuerzahler abzuwälzen.
Alles in allem geht die Financial Times Deutschland alleine für die USA von 8.5 Billionen aus:
Einige interessante Zahlen hierzu habe ich von Azrael geklaut: http://classic.cash.ch/node/2645#comment-245019
Wenn wir diese Timeline nun mal kurz gedanklich Revue passieren lassen und die Ereignisse mit den Aktienmärkten vergleichen, stellen wir einige Gemeinsamkeiten fest:
1. Nach jeder Rettungsaktion beruhigt sich die Lage. Man meint, nun sei das schlimmste vorbei und die Kurse steigen wieder.
2. Jede Rettungsaktion kostet mehr Geld als die vorangegangene.
3. Die Rallyes nach jeder Rettungsaktion werden kürzer und schwächer.
4. Mit jeder Rettung wachsen die Schulden und verringert sich die Munition, die die Zentralbanken und Regierungen haben, um künftige Krisen zu bekämpfen.
Mit jeder Rettungsaktion wird Geld vernichtet, das man in der folgenden Rezession gut gebrauchen könnte.
Wir blicken bis jetzt auf eines der schlechtesten Börsenjahre zurück:
Systemfehler, Inflation, Deflation und Reflation
Der Fluch besteht nunmal darin, dass jegliches Geld=Schuld ist und Schulden verzinst und verzinseszinst werden müssen. Entsprechend fliesst mehr Geld an die Reichen und weniger in die Taschen der Armen. Die Zinseszins-Kurve ist bekanntlich eine Exponentialfunktion und entsprechend muss das System irgendwann kollabieren. Wir erleben das ja von Jahr zu Jahr: Die Zinszahlungen werden immer höher irgendwann übersteigen sie das BSP, was dann dazu führt, dass - zumindest theoretisch - die Menschen nur noch für ihre Schulden arbeiten und sich neben der Zinszahlung nichts mehr zu Essen kaufen können. Das System kollabiert natürlich schon vorher und sozialer Zündstoff ist reichlich vorhanden.
Es gibt nicht viele Varianten, wie man so eine Zinskurve bekämpfen kann.
Eine besteht darin, Vermögen zu vernichten und somit die Zinsen aus dem Kapitaleinkommen möglichst weit nach unten zu drücken. Eine Deflation der Geldmenge also bei möglichst niedrigen Zinsen. Leider werden dabei auch Altersvorsorgen vernichtet und somit trägt nicht nur der Reiche sondern auch der Arme die Last der Rezession.
Die zweite - radikalere Variante - wäre die Vernichtung des Währungssystems und ein Neubeginn mit einem neuen System. Damit wären so ziemlich sämtliche Sparkapitalen vernichtet. Aber natürlich auch alle Schulden.
Die dritte Variante wird derzeit praktiziert. Man pumpt einfach frisch gedruckte Blüten in die Märkte. Das kann sogar funktionieren, solange dieses Geld nicht in den Waren- und Dienstleistungskreislauf kommt.
Vernichtung von Vermögen und Geld ist Deflation. Ausweitung der Geldmenge ist Inflation. Wenn man eine drohende Deflation mit Inflation bekämpfen will, wie es derzeit geschieht, dann nennt man das Reflation.
Sollte die Reflation scheitern und wir in eine Deflation abdriften, dann erwartet uns eine Depression und Weltwirtschaftskrise. Die wird anders ablaufen als in den 1930er Jahren aber sie wird ebenso zu hoher Arbeitslosigkeit und Firmenkonkursen führen.
Wenn die Reflation Erfolg hat - wovon ich überzeugt bin - dann werden wir wieder steigende Preise sehen, wenn die Währungen an Kaufkraft verlieren. Auch hier wird zwar indirekt - über die Teuerung - Sparkapital vernichtet aber bei weitem nicht so dramatisch wie in einer Depression.
Was in der Palette der staatlichen Massnahmen noch fehlt ist die Geldpumpe von unten. Derzeit fliessen die staatlichen Unterstützungen von oben in den Geldmarkt. Also zu Banken und Grossunternehmen. Das ist aber der falsche Weg. Man müsste das Geld von unten einspeisen. Also über Lohnerhöhungen, Steuersenkungen, Arbeitsplatzsicherung. Auf diese Weise käme das Geld wirkungsvoller zum Einsatz und würde sich organischer verteilen. Ich hoffe stark, dass die Staaten darauf zurückgreifen, wenn die Arbeitslosigkeit ausser Kontrolle zu steigen droht.
Ausblick Dezember, Januar
Trotz dieser düsteren langfristigen Aussichten, rechne ich auf Sicht des Dezembers mit weiterhin steigenden Kursen. Mit einer Jahresendrally, auch wenn das Weihnachtsgeschäft flauer ausfallen dürfte als in den Jahren zuvor.
Ich gehe sogar noch weiter und sehe eine Fortführung der Rally bis Ende Januar.
Warum? Einfach deshalb, weil im Moment wieder die Wir sind gerettet, alles wird gut -Karte gespielt wird. Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen lesen dürfen, dass die Deflation erfolgreich bekämpft wird, dass die Hypothekar- und Libor-Zinsen sinken, dass das Vertrauen und der Alltag bei den Banken wieder einkehrt und es schlussendlich nur die böse Presse war, die dank unverantwortlichem Revolver-Journalismus eine Vertrauenskrise herbeigeredet hat, die es eigentlich gar nicht gibt (oder zumindest nicht in dem Ausmass).
Die Regierungen werden uns nun vor Augen führen, dass sie kein wichtiges Unternehmen mehr fallen lassen werden. Das wird mit GM, Ford, Chrysler, Opel beginnen.
Die Banken werden weiterhin locker spekulieren und diesmal sogar ohne Risiko, denn sie haben ja jetzt die carte-blanche, dass bei Schwierigkeiten immer sofort Papa Staat als Retter in der Not bereit steht.
Kurz: Die Stimmung wird sich aufhellen und die Trader nach und nach wieder einsteigen. Am besten werden die Finanztitel performen, die ja in den letzten Monaten auch am meisten gelitten haben.
Wie lange diese Champagnerlaune anhält lässt sich natürlich nicht genau vorhersagen aber als statistisches Mittel und unter Berücksichtigung der Saisonalität müsste sie bis Mitte/Ende Januar reichen. Im Januar fliessen nämlich zusätzliche Milliarden in die Märkte, die aus PK-Zahlungen und 13. Monatslöhnen bestehen. Deshalb sind die ersten zwei Januarwochen in aller Regel sehr gute Wochen.
Nach und nach wird dann wieder die ernüchternde Erkenntnis einsetzen, dass die Schulden und Fehlpositionen weiterhin bestehen, ja sogar stark ausgeweitet wurden, dass die Geschwindigkeit, in der Arbeitsplätze verloren gehen zunimmt und die Menschen immer weniger konsumieren.
Dass die Rezession noch gar nicht richtig zugeschlagen hat und noch keine einzige Krise bewältigt wurde. Entsprechend Gewinnmitnahmen und danach fallende Kurse. …
Aber das besprechen wir dann kurz bevor es so weit ist.
Stellvertretend zum SMI, betrachten wir unsere Lieblingsbank
UBS
Posting des Monats zum Thema UBS war das Statement von Embe vom 21. November, das ich hier im Originalton wiedergebe:
Ich bestreite einfach, dass der UBS-Aktienkurs eigentlich nur von Psychologie und Panik bestimmt ist.
1. Die UBS hat über 50 Milliarden Franken abgeschrieben obwohl beim ersten Abschreiber über 3 Milliarden erklärt wurde "damit sei das schlimmste hinter der Bank".
2. Die Bank hat massive (!) Kapitalerhöhungen hinter sich, obwohl die Bank bereits nach der ersten Kapitalerhöhung versicherte, dass keine weitere Kapitalerhöhung notwendig sei.
3. Mit Ziffer 1 und 2 geht auch ein Vertrauensverlust einher bezüglich Vorhersehbarkeit und die Frage nach der Kompetenz.
4. Der Risikomanager wurde zum Firmenchef
5. Kurer steht für einen Neuanfang, obwohl er im Verwaltungsrat der Bank sass und mitverantwortlich ist für die Strategie der Bank - womit wir wieder beim Thema vertrauen sind.
6. Das hochgelobte neue "Finanzgenie" im VR der Bank hat gerade seine UBS-Aktien verkauft. Alle seine Fonds bis auf einen liegen unter (!) dem Schnitt der Rendite vergleichbarer Fonds.
7. Kurer wird vom eigenen VR hinterfragt.
8. Die Boni sind Ausdruck der Firmenethik. Der Kleinkunde, der gleichzeitig für jeden Bankauszug 80Rp. bezahlt, hinterfragt dies.
9. Goldene Fallschirme duzende von Millionen lassen wieder auf die Ethik der Bank schliessen.
10. Noch vor kurzer Zeit wurde von der UBS die Frage aufgeworfen, ob man überhaupt noch neue Kleinkunden will, da man im Geld schwimme.
11. Die Bank ist nun auch in ausländischem Mitbesitz.
12. Massivste juristische Probleme kommen auf die Bank zu.
13. Das Investmentbanking schreibt auch jetzt noch Quartal für Quartal Milliardenverluste.
14. Das Bankgeheimnis und damit eine stärke des Finanzplatzes Schweiz und der UBS ist gefährdet.
15. Das Offshore- Geschäft der UBS in Amerika gibt es nicht mehr
16. Massiver Kapitalabzug belastet die Bank (5% des ganzen Vermögens alleine in 3 Wochen).
17. Die Ertragskraft der Bank sinkt massivst!
18. Die Bank ist per se auch teuer, was die Kundenprodukte anbelangt. In Zeiten, wo es der Bank gut geht, wird der Kunde dies nicht gross bemerken. Wenn er aber um sien Geld fürchtet und beginnt zu verglichen, wird auch dies zu einem Geldabfluss führen (Beispiel: Wertschriftenkauf in der Höhe von 10'000.- bei UBS kostet rund 200.-, bei der Saxobank 18.-. Zudem kennt letztere im Gegensatz zur UBS keine Depotgebühren oder Positionsgebühren).
19. Der Kleinstgewinn des letzten Quartals basiert auf Steuerrückvergütungen und Bilanzierungsänderungen.
Die Auflistung könnte noch weiter geführt werden. Wie man auch zur UBS steht. Einfach nur als Überreaktion kann man die Kurse nicht sehen.
In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten