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Dem Kapitel ist ein verhältnismässig ausführliches Quellenverzeichnis vorangestellt, auf das im Tabellenteil nur zum Teil Bezug genommen wird. Neben den amtlichen Schriften und den retrospektiv vorgenommenen Schätzungen, auf die sich unsere historische Darstellung der Einnahmen-, Ausgaben- und Verbrauchsstruktur der privaten Haushalte ausschliesslich abstützt, sind in der Bibliographie auch verschiedene Publikationen aufgeführt, die über die Lebenshaltungskosten einzelner Familien und Individuen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert orientieren, als die amtliche Haushaltungs- und Verbrauchsstatistik noch in den Kinderschuhen steckte. Wir verweisen auf diese Schriften in der Absicht, an Fallbeispielen interessierten Benutzern des Bandes den Zugriff auf vorhandenes Datenmaterial zu erleichtern. Hauptgegenstand dieses Kapitels sind die Haushaltungsrechnungen Unselbständigerwerbender zwischen 1912 und 1989, wobei das Schwergewicht der Darstellung auf dem Konsumverhalten der Arbeiter- und Angestelltenfamilien im Zeitraum 1912–1974 liegt. Über die Hälfte der Tabellen behandeln die kurz-, mittel- und langfristigen Verschiebungen, die sich bei den Promilleanteilen der wichtigsten Einnahmequellen und einer grösseren Zahl von Ausgabenposten beobachten lassen. Anschliessend präsentieren wir amtliche Schätzungen zum Alkoholkonsum, Angaben zur Produktion und zum Verkauf von gebrannten Wassern und detaillierte Zahlen zum mengenmässigen Verbrauch der von den Arbeiter- und Angestelltenfamilien konsumierten Nahrungsmittel. Den Abschluss des Kapitels markiert eine Doppelseite, auf der die monatlichen Lebensmittelrationen festgehalten sind, die in den Jahren 1939–1948 über sog. Normal-, Kinder- und Zusatzkarten bezogen werden konnten.
Haushaltungsrechnungen von Arbeiter- und Angestelltenfamilien im Zeitraum 1890–1921
Im Rahmen des an der Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich durchgeführten Nationalfondsprojektes «Reallöhne schweizerischer Industriearbeiter von 1890 bis 1921» hat Ruedi Homberger den Versuch unternommen, die Ausgabenstruktur von Arbeiterhaushalten in den Jahren 1890, 1900, 1910 und 1920 zu rekonstruieren. Bei den von Homberger ausgewerteten Rechnungen handelt es sich durchgängig um publizierte Statistiken. Die erfassten Familien gehörten fast alle der Industriearbeiterschaft an und waren ausnahmslos in Zürich, Basel, Bern, Biel oder Winterthur, d. h. in einem der urbanen Zentren des deutschschweizerischen Mittellands ansässig. Bei der Auswahl der Rechnungen achtete Homberger darauf, dass die Aufzeichnungen tatsächlich aus der Budgetperiode stammten, im Minimum zwölf Monate überspannten, Vergleiche zwischen der Einnahmen- und der Ausgabenseite erlaubten und Aufschluss über die Grösse und den Wohnort der Familie sowie den Beruf des Haushaltsvorstandes gaben. Um die offensichtliche Übervertretung der besser gestellten Arbeiterfamilien bei den von ihm herangezogenen Haushaltungsdaten etwas abzuschwächen, verzichtete Homberger darauf, Rechnungen in das Sample aufzunehmen, die von Buchführern mit einem Jahreseinkommen von über 2000 Franken stammten.
Ausgabenposten, die weniger als dreimal in einer Quelle erwähnt waren, wurden nicht berücksichtigt. Generell ausgeklammert blieben die Ausgaben für direkte Steuern und Versicherungen.
Die von Homberger gewählte Vorgehensweise ist von einem der besten Kenner der sozialen und ökonomischen Verhältnisse, in denen die schweizerische Industriearbeiterschaft um die Jahrhundertwende lebte, scharf angegriffen worden: Im ersten Band seines Werks «Arbeiterschaft und Wirtschaft in der Schweiz 1880–1914» beanstandet Erich Gruner unter anderem, dass Hombergers Schätzungen trotz des Verzichts auf Berücksichtigung der höheren Einkommen der Lage der ärmeren Familien zu wenig Rechnung trügen, die Ausgaben für Steuern und Versicherungen von Homberger nicht hätten ausser Acht gelassen werden dürfen und eine umfassendere Auswertung der vorhandenen Quellen möglich gewesen wäre. Bei nüchterner Betrachtung der von Homberger geleisteten Arbeit wird man Gruners Kritik eine gewisse sachliche Berechtigung nicht absprechen können. Zieht man freilich in Betracht, dass jede aus grösserer zeitlicher Distanz vorgenommene Schätzung mit Mängeln behaftet ist und vergegenwärtigt man sich die äusserst schwierige Aufgabe, die Homberger unter Zeitdruck zu lösen hatte, dann erscheinen die ihm unterlaufenen Fehler und Versäumnisse in einem milderen Licht. Dass zusätzliche Quellen hätten herangezogen werden können, die Ausgaben für Steuern und Versicherungen bei der Ermittlung der Verbrauchsstruktur zu Unrecht vernachlässigt worden sind und die Schätzungen für die Jahre 1890 und 1900 einer besseren Absicherung bedürfen, wird von uns nicht bestritten. Soweit es den Zeitraum 1905–1921 betrifft, halten wir die Ergebnisse der Untersuchung Hombergers jedoch für durchaus zuverlässig; unglaubwürdig nimmt sich einzig der auffallend hohe Anteil der Ausgaben für Fette und Öle aus.
Haushaltungsrechnungen von Arbeiter- und Angestelltenfamilien aus den Jahren 1912–1990
Gruner stützt sich in seinem Abriss über die Lebenskosten der Industriearbeiter zu Beginn dieses Jahrhunderts vor allem auf eine 1922 veröffentlichte umfangreiche Broschüre des Schweizerischen Arbeitersekretariates ab, in der die Resultate einer Enquete aus dem Jahr 1912 vorgestellt und besprochen werden. Den vom Arbeitersekretariat publizierten Tabellen liegen die Angaben von insgesamt 542 Haushalten zugrunde, denen allerdings nur bedingte Repräsentativität zugesprochen werden kann. Störend wirken insbesondere die krasse Untervertretung der West- und der Südschweiz und die verhältnismässig kleine Zahl von Rechnungen ungelernter Arbeiter, die in die Gesamtschätzung eingeflossen sind. Diese Mängel werden jedoch durch die Reichhaltigkeit des Zahlenmaterials und dessen ausserordentlich sachkundige Kommentierung mehr als wettgemacht. Die Publikation stellt den mit Abstand wichtigsten zeitgenössischen Beitrag zu einer Statistik der Ausgabenstruktur und des Nahrungsmittelverbrauchs schweizerischer Privathaushalte vor dem Ersten Weltkrieg dar.
Vier weitere Erhebungen, die unter massgeblicher Mitwirkung kantonaler und kommunaler statistischer Ämter zustande kamen und deren auch die Einnahmenseite berücksichtigenden Ergebnisse in den «Schweizerischen Statistischen Mitteilungen» und in der Vorläuferin der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft», den «Sozialstatistischen Mitteilungen», abgedruckt wurden, datieren aus den Jahren 1919–1922. Für die nachfolgenden anderthalb Jahrzehnte ist kein amtliches Zahlenmaterial überliefert. Erst auf dem Höhepunkt der Grossen Depression veranlasste die Sozialstatistische Kommission des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements die Fortsetzung der 1923 abgebrochenen Statistik. Diesmal konnten insgesamt 1454 Rechnungen ausgewertet werden, was der vom 1. Oktober 1936 bis zum 26. September 1937 dauernden Enquete den Charakter einer Grosserhebung verlieh. Neben den kantonalen und kommunalen statistischen Ämtern beteiligte sich auch das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) an der Beschaffung und Auswertung der Daten. Über das Auswahlverfahren und die angewandten Schätzmethoden orientiert ausführlich die Einleitung zum Sonderheft Nr. 42 der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft», in dem die Resultate der Erhebung abgedruckt und überdies Vergleiche mit den kleineren Erhebungen der Jahre 1919–1922 und 1937/38 angestellt werden.
In den Jahren 1939–1942 sind amtlicherseits keine Erhebungen durchgeführt worden. Von 1943 an liegt dann wieder eine Statistik vor, die in veränderter Form bis 1989 fortgesetzt worden ist. Die vom BIGA in Zusammenarbeit mit kantonalen und kommunalen statistischen Ämtern erstellten und alljährlich in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» publizierten Übersichten enthalten Angaben zur Einnahmen- und Ausgabenstruktur und zum mengenmässigen Nahrungsmittelverbrauch privater Haushalte. Wie in den Erhebungen von 1936/37 und 1937/38 und teilweise auch schon in denjenigen von 1912 und 1919–1922 wurde eine Untergliederung nicht nur nach Arbeiter- und Angestelltenfamilien, sondern auch nach verschiedenen Einkommensklassen und Familiengrössen vorgenommen. In den Jahren 1953 und 1963 brachte das BIGA leichte Änderungen an den Erhebungsmodi an; zu einer grundlegenden Revision der Statistik kam es aber erst in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Die beiden entscheidenden Neuerungen bestanden darin, dass die bis 1974 strikt aufrechterhaltene Trennung zwischen den Haushalten von Arbeitern und Angestellten bzw. Beamten fallengelassen wurde und neben den Haushaltungsrechnungen von Familien nun neu auch solche von Einzelpersonen Berücksichtigung fanden. Dies bedeutet, dass sich die Ergebnisse der Erhebungen von 1975 bis 1989 nur unter Vorbehalt mit denjenigen der früheren Jahre vergleichen lassen, was bei einer Interpretation unseres einen Zeitraum von 80 Jahren abdekkenden Gesamtüberblicks über die Einnahmen- und Ausgabenstruktur der privaten Haushalte im Auge behalten werden sollte.
Von der Neukonzipierung der Haushaltungsstatistik in den Jahren 1973–1975 war natürlich auch die Verbrauchsstatistik betroffen. Dass die von uns zusammengestellte Übersicht über die in den Haushalten Unselbständig Erwerbender verbrauchten Nahrungsmittelmengen in den frühen 1970er Jahren abbricht, hat seinen Grund darin, dass sich die Angaben für die zweite Hälfte der 1970er und die 1980er Jahre in keiner Weise mit den Zahlen vergleichen lassen, die im Zeitraum 1912–1973 erhoben worden sind.
1990 ist die Haushaltungsstatistik vom Bundesamt für Statistik ein weiteres Mal von Grund auf umgestaltet worden. An die Stelle der Hochrechnungsmethode, die man auf der Basis einiger 100 Haushaltungsrechnungen gut ein halbes Jahrhundert lang praktiziert hatte, trat eine umfassende Erhebung in der Grössenordnung der Enquete von 1936/ 37. Zusätzlich zu den sich auf 12 Monate erstrekkenden Angaben von nahezu 2000 Haushalten konnten bei durchschnittlich 850 Haushalten Stichproben vorgenommen werden, die sich jeweils auf einen Monat bezogen. Weil mit der erstmaligen Erprobung dieser Erhebungsmethode auch eine Umdefinierung einzelner Ausgabengruppen verbunden wurde, ist die Vergleichbarkeit mit den Resultaten der früheren Erhebungen leider nicht gegeben. Wir verzichten daher auf den Abdruck der Zahlen für das Jahr 1990.
Skalierung der Konsumeinheiten
Bei den in unseren Tabellen angegebenen Konsumeinheiten handelt es sich um statistische Artefakte, die mit Hilfe einer noch in der Vorweltkriegszeit von Walter Schiff konstruierten Skala berechnet wurden. Die Skala von Schiff ordnet Kindern von 0–3 Jahren den Wert von 0,1 zu. Bei den 7–9jährigen beträgt der zugeordnete Wert 0,2, bei den 10–12jährigen 0,3 und bei den 13–14jährigen 0,5. Bei über 14 Jahre alten Personen wird nach dem Geschlecht unterschieden: Männliche Jugendliche im Alter von 15–16 Jahren erhalten den Wert von 0,7, Jugendliche im Alter von 17–18 Jahren den Wert von 0,9 und Männer zwischen 19 und 99 Jahren den Wert von 1,0 zugewiesen. Bei den Mädchen und Frauen belaufen sich die entsprechenden Werte für die drei Altersklassen auf 0,6, 0,7 und 0,8. In den von uns konsultierten Quellen sind bis 1986 auch Konsumeinheiten ausgewiesen, die mittels einer von Ernst Engel entwickelten Skalierungsmethode, bei der mit sog. «Quets» operiert wird, gewonnen wurden. Wir hielten es indessen für vertretbar, in der vorliegenden Publikation nur die Werte abzudrucken, die unter Beachtung der Skala von Schiff ermittelt wurden.
QUELLE: «Private Haushalte» in Ritzmann/Siegenthaler, Historische Statistik der Schweiz, Zürich: Chronos, 1996, 921-925