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Sie alle münden in jene Frage, die den Wesenskern der Philosophie ausmacht: Was ist der Mensch?[1]
Kant ist der Überzeugung, dass die reine Reflexion in der Lage ist, diese Fragen zu beantworten.
Und er hat dazu drei dicke Bücher geschrieben: Die Kritik der reinen Vernunft antwortet auf die Frage, was ich wissen kann, die Kritik der praktischen Vernunft auf die Frage, was ich tun soll, und die Kritik der Urteilskraft darauf, was ich hoffen darf.
Kommt heute jemand mit einer schwerwiegenden Diagnose zum Arzt, stellt sie dieselben Fragen. Was weiss man über diese Krankheit, was können wir tun und was darf ich hoffen?
Der Arzt wird seine Patientin weder auf Kants Werk und auf die Reflexion verweisen, sondern auf prognostische Statistiken. Natürlich handeln Kants Reflexionen und die von einer Krebsdiagnose verängstigte Patientin von unterschiedlichen Fällen, von unterschiedlichen Ebenen auch, aber doch muss die Frage erlaubt sein, ob die die Prognose die Reflexion abgelöst? Schreiben mir, seit die Gesundheit die Moral als Leitplanke abgelöst hat, nicht mehr moralische Grundsätze, sondern die Zukunft mir vor, wie ich handeln soll?
Die Kant‘schen Fragen sind nicht unabhängig voneinander, sondern sie stehen in einer logischen Reihe: Mein Wissen bestimmt meine Erwartung, und meine Erwartung steuert meine Handlungen. Wenn ich weiss, dass hoher Blutdruck die Lebenserwartung senkt, werde ich Sport machen, um diesen zu senken.
- Damit diese Trias von Wissen, Zukunftserwartung und Handlung einen sinnvollen Zusammenhang ergeben, muss die Voraussetzung erfüllt sein, dass zwischen der Gegenwart und der Zukunft ein gesetzmässiger Zusammenhang besteht. In einer absolut kontingenten Welt kann ich nichts über die Zukunft wissen, ich kann keine Erwartungen haben und ich weiss nicht wie ich handeln soll. Dies hängt aber wiederum von der Vorstellung ab, wie die Einzelereignisse der Welt miteinander verknüpft sind, auf welche Weise Zukunft aus Gegenwart und Vergangenheit hervorgeht
Einen Alltagsskeptizismus kann es nicht geben: Dass die Zukunft in irgendeiner gesetzmässigen, und erwartbaren Art und Weise aus der Gegenwart und der Vergangenheit hervorgeht, ist für das Überleben notwendig. Ohne Antizipation ist keine Handlung möglich. Wenn wir von dem, was kommt, dauernd überrascht würden, wären wir aufgeschmissen.
Doch die Art und Weise wie die der Zusammenhang von Gegenwart und Zukunft konstruiert und die Trias von Wissen, Handeln und Erwartung organisiert ist, ist kulturell bestimmt.
Nach Hans Blumenberg und Niklas Luhmann ist Kultur im Wesentlichen Kontingenzbewältigung, das heisst Organisation von Erwartungen. Der Mythos, die Religion, die Literatur und heute die Statistik sind kulturelle Formen, die darüber unterrichten, was der Einzelne zu erwarten hat, damit er sich danach richten kann. Und das Gesetz organisiert Verhalten so, dass jede weiss, was sie im Normalfall zu erwarten hat. Mehr noch als das Rotlicht im Strassenverkehr, mich dazu zwingt an der Kreuzung anzuhalten, unterrichtet es mich über das zukünftige Verhalten der anderen Verkehrteilnehmer.
- Kultur als Kontingenzbewältigung
Die jüngste Hirnforschung zeigt sogar, dass ohne Antizipation nicht einmal Wahrnehmung möglich ist. (Gesicht)
Ich werde allerdings auch zu zeigen versuchen, dass der Mensch sich in einer völlig determinierten Welt auch nicht zurechtfinden würde.
Das Besondere am Menschen ist das diese antizipierte Zukunft, beziehungswiese die Verknüpfung kulturell und nicht instinktmässig konstruiert ist. Dies ermöglicht eine viel höhere Variabilität von Handlungen.
[1] Immanuel Kants "Logik", hg. von G. B. Jäsche, Einleitung III, Akad.-Ausg. IX 25