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Das chinesische Visum gilt für das ganze Land – mit einer Ausnahme: Tibet. Wer in die Himalaya-Region reisen will, braucht eine Sonderbewilligung. Nun ist diese nicht mal so schwer zu bekommen, und mit etwas Bürokratie können viele Touristen ja auch leben. Mir macht sie zuweilen sogar Spass. Die Sache hat aber einen zweiten Haken: Man muss geführt in einer Gruppe reisen. Und bei Gruppenreisen hört für viele der Spass auf, auch für mich.
Wie kann man diese Bestimmung also umgehen? Die einfachste Lösung ist ein bisschen Geografie- und Geschichtsunterricht. Das bewilligungspflichtige Autonome Gebiet Tibet (Xizang Ziziqu auf Chinesisch) umfasst nämlich nur einen Teil jenes Gebiets, in dem die Tibeter leben. Einst war Tibet sehr viel grösser und umfasste die drei Regionen Ü-Tsang, Amdo und Kham. Die Grenze zum chinesischen Kaiserreich änderte sich im Lauf der Zeit immer wieder, ebenso wie das Ausmass der Kontrolle Chinas über Tibet.
In der Landkarte eingezeichnet ist meine Reiseroute durch die Randgebiete im Nordosten Tibets. Eine detailliertere Landkarte findet sich auf Wikipedia.
Entscheidend für die heutigen Grenzen war aber die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. China hatte damals die Qing-Kaiserdynastie abgeworfen und suchte auf chaotische Art nach einer neuen Staatsordnung. Diese Gelegenheit nutzten zwei Völker, sich aus dem chinesischen Herrschaftsbereich zu verabschieden: die Mongolen und die Tibeter. Dies gelang ihnen zwar, sie bezahlten dafür aber einen hohen Preis. Beide jungen Staaten mussten etwa die Hälfte ihres Territoriums unter chinesischer Herrschaft lassen. Aus diesen Gebieten wurden die „Innere Mongolei“ und das „Innere Tibet“, wobei das Prädikat „Innere“ aus der Optik Pekings zu verstehen ist.
Die Innere Mongolei gibt es auch heute noch, das Innere Tibet hingegen nicht mehr. Vielleicht liegt dies daran, dass auch das Äussere Tibet seit 1951 wieder unter chinesischer Kontrolle ist, die (Äussere) Mongolei hingegen ein unabhängiger Staat. Jedenfalls war das Innere Tibet schon längst aufgeteilt auf vier verschiedene chinesische Provinzen: Qinghai, Gansu, Sichuan und Yunnan. Es besteht dort aber fort in tibetischen autonomen Bezirken innerhalb dieser Provinzen. Der tibetische Bevölkerungsanteil dieser Gebiete ist teils sogar höher ist als im Autonomen Gebiet Tibet selbst.
Labrang in der Provinz Gansu: Die Altstadt besteht aus einem riesigen tibetischen Kloster.
Was aber für den Touristen entscheidend ist: Diese Gebiete haben sich ihren tibetischen Charakter bewahrt, zumindest ungefähr in jenem Masse wie in der Autonomen Provinz Tibet. Es gibt hier grosse und traditionsreiche Klöster, hohe Gebirge, Hochmoore mit Nomadenzelten und Yak-Herden und an jeder Ecke Stupas und bunte Gebetsfahnen. Ich war beispielsweise in Labrang, einer in vier Viertel geteilten Stadt: In einem leben die Tibeter, in einem die Hui-Muslime und in einem die Han-Chinesen. Das grösste Viertel aber ist die Altstadt, die ausschliesslich aus einer der grössten tibetischen Klosteranlagen besteht.
Von Labrang aus, das zur Provinz Gansu gehört, kann man über hohe Pässe und durch tibetische Gegenden nach Sichuan reisen. Dabei kommt man durch Langmusi (Tibetisch: Takhtsang Lhamo), einem bemerkenswerten Dorf. Auch hier gibt es zwei riesige, uralte Klosteranlagen und dazwischen ein neuerer Ortskern, leider mit Massen chinesischer Touristen. Langmusi liegt exakt auf der Grenze zwischen Gansu und Sichuan, ein Bächlein in der Ortsmitte bildet die Grenze.
Uraltes tibetisches Dorf: Langmusi aka Takhtsang Lhamo
Was ist aber mit den Grenzen Tibets? Davon habe ich nicht viel gespürt, die Ränder des tibetischen Siedlungsgebiets sind nicht bewacht. Das Auffälligste auf der Fahrt vom mehrheitlich chinesischen Xining nach Rebkong war ein riesiges Betonsilo mitten im Gebirge, das mit tibetischen Schriftzeichen bemalt war und aussah wie eine überdimensionierte Gebetsmühle. Und danach folgten die farbigen Gebetsfahnen und Wandmalereien mit buddhistischen Motiven: Ganz offensichtlich war man in Tibet angekommen.
Plötzlich Tibet: Überdimensionierte Beton-Gebetsmühle
Eine echte Grenzkontrolle findet aber nur bei der Einreise in die Autonome Provinz Tibet statt – durch chinesische Polizisten. Sie schauen, ob man die Sonderbewilligung hat. Und weil ich geführte Gruppenreisen nicht mag und stattdessen lieber individuell andere tibetische Gebiete besuchte, habe ich auf diese Grenzerfahrung verzichtet.