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© Tomi Muukkonen
Standpunkt der Schweizerischen Vogelwarte Sempach
Prädation ist das Töten einer Beute durch einen Beutegreifer zwecks Nahrungserwerb. Prädation ist Grundlage aller Nahrungsketten und gehört damit zu den wichtigen Faktoren, die die räumliche und zeitliche Dynamik von Populationen (Räuber und Beute) beeinflussen. Natürliche Räuber-Beute-Systeme bedürfen keines «Managements».
Konflikte um Auswirkungen von Prädation können in zwei Bereichen entstehen:
Aufgrund der in diesem Standpunkt erörterten Argumente stellt sich die Schweizerische Vogelwarte wie folgt zu Eingriffen in Räuber-Beute-Beziehungen:
«Fressen und gefressen werden» sind natürliche Vorgänge. Prädation (= Töten einer Beute durch einen Beutegreifer zwecks Nahrungserwerb) ist die Grundlage für Nahrungsketten im ökologischen Gefüge. Alle Wildtiere sind in Nahrungsketten eingebunden. Der Fortpflanzungserfolg, die Sterblichkeit und die Zu- oder Abwanderung bestimmen, ob ihr Bestand zu- oder abnimmt. Diese Vorgänge werden durch die Lebensraumqualität und -grösse, durch Klima und Wetter sowie durch Krankheiten und Parasiten beeinflusst. Ein weiterer Einflussfaktor ist die Prädation.
In den letzten Jahren entstanden in der Schweiz regelmässig Konfliktsituationen mit Prädatoren. Immer wieder wurden Eingriffe in Prädatorenpopulationen als mögliche Lösung der Konflikte vorgeschlagen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Prädation von Schafen durch Luchs und Wolf. Oft rücken aber auch Vogelarten entweder als Prädatoren oder als Beutetiere in den Brennpunkt der Diskussion. Konfliktsituationen werden je nach Blickwinkel unterschiedlich beurteilt und verschiedene Lösungen bevorzugt. Die theoretischen Grundlagen der Prädation sind relativ gut bekannt, so dass Lösungsansätze auf eine sachliche Grundlage gestellt werden könnten. Dieser Standpunkt soll in Konfliktsituationen als Hilfe für kohärente Entscheidungen in Bezug auf allfällige Eingriffe in Prädatorenpopulationen dienen und berücksichtigt die Resultate wissenschaftlicher Untersuchungen und
bisherige Erfahrungen mit Eingriffen. Gesellschaftliche und politische Faktoren werden hier nicht berücksichtigt, können für Entscheidungsträger aber wichtig sein.
Konflikte rund um die Prädation können in zwei Bereichen entstehen:
Prädation ist ein natürlicher Mechanismus
Die Prädation ist einer von vielen Faktoren, die den Bestand einer Beutetierart beeinflussen. Die Beziehungen zwischen Prädatoren und Beutetieren hängen von den Umweltbedingungen in den jeweiligen Lebensräumen ab und sind oft komplex: Einerseits nutzen viele Prädatoren ein breites Nahrungsspektrum verschiedener Beutetiere, andererseits werden Beutetierarten von unterschiedlichen Prädatoren gefressen. Die meisten Prädatoren optimieren ihre Nahrungssuche und konzentrieren sich in der Regel auf die am leichtesten erreichbare oder ergiebigste Beute. Im konkreten Fall ist die Wirkung eines Prädators auf eine Beutetierart meist schwierig zu verstehen.
Das Beziehungsgefüge zwischen Prädator und Beute ist nicht stabil
Wenn sich Umweltbedingungen ändern, kann sich die Beziehung zwischen Prädator und Beutetierart verändern. Änderungen in den Lebensbedingungen einer Art können aber auch zu gewichtigen Veränderungen in den Nahrungsketten ganzer Ökosysteme führen. Bestandsveränderungen von Prädator- oder Beutetierarten wirken sich dabei ebenfalls auf andere ökologische Beziehungen und Arten aus. In vielen Fällen spielt der Mensch eine wichtige Rolle bei diesen Veränderungen, indem er den Lebensraum und damit das Nahrungsangebot und/oder die Lebensbedingungen für Prädator und Beute beeinflusst. Ausserdem werden die Bestände von Prädatoren und Beutetieren durch Jagd und Fischerei sowie durch Bewirtschaftung, Verkehr und weitere menschliche Aktivitäten beeinflusst. So kann beispielsweise die Eliminierung von Spitzenprädatoren die Bestände kleinerer Prädatoren begünstigen, was negative Auswirkungen auf deren Beutetiere haben kann («mesopredator release»; z.B. Crooks & Soulé 1999). Auch Krankheiten wie Tollwut oder Räude können die Bestände von Prädatoren dezimieren und damit die Beziehung zwischen Prädator und Beute verändern. Wenn der Mensch ungewollt leicht erreichbare Nahrung zur Verfügung stellt, kann dies Auswirkungen auf das Verhalten und die Bestände von Prädatoren und Beutetieren haben. Beispiele sind Besatzmassnahmen aus fischereilichen Gründen und die ungeschützte Freilandhaltung von Geflügel. Setzt der Mensch gebietsfremde Prädatoren (z.B. Hauskatzen) in Ökosystemen frei, werden die natürlichen Nahrungsnetze ebenfalls beeinflusst.
Räuber-Beute-Beziehungen sind oft auch ohne Umweltveränderungen nicht stabil (d.h. intrinsisch instabil), was in den berühmten Räuber-Beute-Zyklen zum Ausdruck kommt.
Kleine, isolierte Beutetierbestände sind besonders stark betroffen
Die Bestände von Prädatoren und Beutetieren können aus verschiedenen Gründen schwanken, was zu starken Veränderungen in den Populationen einer spezifischen Beutetierart führen kann. Kritische Entwicklungen können sich ergeben, wenn kleine, isolierte Beutetierpopulationen von einer starken Zunahme der Prädation betroffen sind. Wenn gleichzeitig auch die Lebensbedingungen suboptimal sind, kann dies das Überleben eines Bestands gefährden. Die Beutetierart muss dabei nicht unbedingt eine anteilsmässig hohe Bedeutung im Beutespektrum des Prädators haben. Bereits der Verlust weniger Individuen kann für die Beutetierpopulation kritisch sein. Die Prädation ist in diesem Fall nicht der unmittelbare Grund für die Gefährdung einer Beutetierart. Einerseits ist allein die Anwesenheit eines Prädators und die Tatsache, dass eine Tierart vom Prädator gefressen wird, nicht zwingend die Ursache der Gefährdung dieser Art. Andererseits kann der Prädator eine Beutetierart im sogenannten «predator pit» halten: Mit steigender Beutetierdichte (von tiefer zu mittlerer Dichte) nimmt der Effekt des Prädators auf die Beuteart zu (zunehmende Sterblichkeit), wodurch die Bestandsgrösse wieder auf ein tiefes Niveau zurück geht (Messier 1994). Bei kleinem Beutetierbestand können Prädatoren diesen langfristig tief halten und sogar zum Aussterben bringen, während eine grosse Beutetierpopulation eine weit stärkere Prädation problemlos verkraftet.
Neozoen als Prädatoren
Besonders gravierende Folgen kann die Einführung oder Einwanderung gebietsfremder Prädatoren haben, weil die einheimischen Beutetiere nicht an die neuartige Bedrohung angepasst sind. Durch die Einführung von räuberischen Säugetieren in Australien, Neuseeland und auf kleinen Meeresinseln wurden zahlreiche dort heimische Arten bedroht oder gar ausgerottet. In naher Zukunft könnte in der Schweiz auch die Einwanderung von Neozoen wie beispielsweise des Waschbärs oder des Marderhundes ernsthafte, neue Probleme für ohnehin gefährdete Beutetierarten schaffen.
Hingegen sind natürlich einwandernde, europäische Prädatoren (autochthone Arten, z.B. Bär, Wolf) gleich zu behandeln wie seit langem ansässige Prädatoren, weil sie zur europäischen Fauna in einem dynamischen System gehören.
Die Prädatorenkontrolle beabsichtigt eine gezielte Bestandsreduktion des Prädators zur Minderung der Sterblichkeit der Beutetierart. Sie kann als kurzfristige, lokale Artenschutzmassnahme eine positive Wirkung auf den Fortpflanzungserfolg von gefährdeten Arten haben (Gibbons et al. 2007). In einigen Fällen wurden auch Bestandszunahmen von Beutetierarten dokumentiert (Smith et al. 2010). Eine langfristige Wirkung auf die Bestandsentwicklung wurde aber selten nachgewiesen (Côté & Sutherland 1997; Fletcher et al. 2010). Im Zusammenhang mit der Entscheidung über allfällige Eingriffe gegen Prädatoren weist die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu Prädator/Beute-Beziehungen auf folgende Punkte hin:
Eine Prädatorenkontrolle umfasst die gezielte Durchführung von Massnahmen zur Reduktion oder Einschränkung von Prädatoren, um Beutetiere zu schützen. Eingriffe gegen Prädatoren sollen immer Teil eines durchdachten Massnahmenpakets zugunsten gefährdeter Arten sein und mit einer Erfolgskontrolle zur Überprüfung der zeitlich beschränkten Eingriffe ergänzt werden. Nicht-tödliche Massnahmen, wie beispielsweise Einzäunung, Vergrämung, akustische Abschreckung, etc. sind vorrangig durchzuführen; erst wenn sich diese als unwirksam erweisen, soll die Elimination von Prädatoren ins Auge gefasst werden. Die ordentliche Jagd kann in Konfliktsituationen mit Prädatoren deren Dichte in der Regel grossflächig nicht wesentlich reduzieren. Bei Entscheiden für oder gegen Prädatorenkontrolle sollen die beiden Bereiche «Konflikte im Zusammenhang mit Artenschutz» und «Konflikte mit menschlichen Nutzungsinteressen» gesondert behandelt werden:
Konflikte mit menschlichen Interessen: keine Prädatorenkontrolle
Eine Prädatorenkontrolle zum Schutz ungefährdeter, verbreiteter und häufiger Beutetierarten ist nach Auffassung der Schweizerischen Vogelwarte Sempach nicht zu rechtfertigen. Dies gilt insbesondere, wenn als einziger Grund für eine solche Massnahme die Konkurrenz des Prädators mit menschlichen Interessen ins Feld geführt wird. Zum Schutz von Nutztieren befürwortet die Schweizerische Vogelwarte Sempach wo immer möglich nicht-tödliche Massnahmen, wie beispielsweise sichere Einzäunungen, Vergrämung und akustische Abschreckung.
Konflikte im Zusammenhang mit Artenschutz: Prädatorenkontrolle bestenfalls nach eingehender Prüfung
Zur Förderung gefährdeter Arten müssen in erster Linie die Lebensräume qualitativ verbessert und vergrössert sowie weitere Gefährdungen durch den Menschen beseitigt werden. Im Rahmen von Artenförderungsprogrammen
zugunsten gefährdeter Arten kann es aber sinnvoll sein, zusätzlich Massnahmen gegen eine starke Prädation zu prüfen. Dabei sind folgende Punkte zu beachten: