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von Dr. Christina Röcke
Auch wenn viele Paare allgemein glücklich mit ihrer Partnerschaft und ihren jeweiligen Partnern sind, erleben doch die meisten Beziehungen Höhen und Tiefen. Stellen Sie Sich vor, Sie ärgern sich beim gemeinsamen Abendessen über ihren Partner. Welche Auswirkungen hat dieser Ärger darauf, wie zufrieden Sie ganz allgemein mit Ihrer Beziehung sind? Stellen Sie die Beziehung insgesamt in Frage, oder beeinflusst der momentane Ärger Ihre allgemeine Beziehungszufriedenheit weniger oder sogar gar nicht?
Das Forscherduo Lisa A. Neff (University of Texas at Austin) und Benjamin R. Karney (University of California, Los Angeles) ist diesen Fragen in zwei längsschnittlichen Studien nachgegangen. Genauer gesagt haben sie untersucht, wie negative Beziehungserlebnisse mit globaleren Bewertungen der Beziehung zusammenhängen, und durch welche Faktoren dieser Zusammenhang möglicherweise verändert wird. Ein zentrales Augenmerk legten die beiden Forschenden hierbei auf zwei Arten von möglichen Einflussfaktoren: (1) alltägliches Stresserleben, das nichts mit der Beziehung zu tun hat (z.B. Ärger bei der Arbeit) und (2) stabile Persönlichkeitsmerkmale (z.B. Das Selbstwertgefühl).
Warum wurden diese beiden Arten von Faktoren ausgewählt? Frühere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass beispielsweise ein geringeres Selbstbewusstsein dazu führen kann, dass jedes noch so kleine Ereignis im Rahmen der Beziehung gründlich beachtet und in die allgemeine Beurteilung der Beziehungszufriedenheit direkt mit einbezogen wird. Kaum Beachtung hat bislang jedoch die Rolle des täglichen Kontexts einer Beziehung gefunden. Alltagsstress mindert jedoch das allgemeine Lebensgefühl, in das auch eine Beziehung eingebettet ist. Hat einer der beiden Partner viel Stress im Beruf, kann dies auch zu häufigeren negativen Ereignissen innerhalb der Beziehung führen, beispielsweise weil diese Person zu Hause viel gereizter ist oder sich weniger um Haushaltsdinge kümmern kann. Zudem kann es passieren, dass man unter Stress weniger dazu neigt, kleinere Missverständnisse und Ärgernisse in der Beziehung als unwichtig abzutun oder anzunehmen, dass es der Partner gut meint.
In der ersten von Neff und Karney berichteten Studie beantworteten 146 Paare innerhalb der ersten sechs Monate ihrer Ehe Fragen zu psychologischen Variablen wie dem Selbstwertgefühl und wurden danach getrennt zu ihren stressigen Lebensumständen befragt. Im Anschluss wurden die Studienteilnehmer gebeten, an sieben aufeinander folgenden Abenden ihre allgemeine tägliche Ehezufriedenheit („Wie zufrieden waren Sie heute mit ihrem Partner/mit ihrer Ehe?“) sowie spezifische Aspekte der Beziehung am jeweiligen Tag zu beurteilen („Wie zufrieden waren Sie heute damit, wie zärtlich ihr Partner war/wie Sie beide mit Meinungsverschiedenheiten umgegangen sind / wie verlässlich Ihr Partner war / etc.?“).
Die Ergebnisse dieser ersten Studie zeigen, dass Personenmerkmale wie Selbstwertgefühl bei Frauen aber nicht Männern Einfluss auf den Zusammenhang zwischen der allgemeinen täglichen Ehezufriedenheit („Wie zufrieden waren Sie heute mit ihrem Partner/mit ihrer Ehe?“) und der täglichen Zufriedenheit mit einzelnen bestimmten Aspekten der Ehe („Wie zufrieden waren Sie heute damit, wie zärtlich ihr Partner war?“) hatten. Wie bereits in früheren Studien neigten Frauen mit geringerem Selbstwertgefühl stärker dazu, die Zufriedenheit mit einzelnen Aspekten der Beziehung mit der allgemeinen Ehezufriedenheit zu koppeln nach dem Motto „Mein Mann ist heute überhaupt nicht zärtlich genug gewesen, darum bin ich heute mit unserer Ehe allgemein eher nicht so zufrieden.“ Ausserdem hatte der Alltagsstress sowohl für Männer als auch Frauen einen Einfluss auf die Beziehungszufriedenheit. Je mehr Stress die Ehepartner berichteten, desto stärker machten sie von Tag zu Tag die allgemeine Ehequalität von den ganz spezifischen alltäglichen Beziehungsereignissen abhängig. Frauen taten dies wiederum stärker als Männer. Diese Befunde bestätigten sich im Grossen und Ganzen auch in der zweiten Studie, die über einen längeren Zeitraum von vier Jahren angelegt war.
Ein stressiger Alltag scheint also Gift für die Ehezufriedenheit zu sein und sich auch auf die Beziehungsqualität niederzuschlagen.
Quelle: Neff, L.A., & Karney, B. R. (2009). Stress and reactivity to daily relationship experiences: How stress hinders adaptive processes in marriage. Journal of Personality and Social Psychology, 97, 435–450.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.