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Historisches Archiv der Region Biel, Seeland und Berner Jura
Die GenossenschaftsstadtStadt Biel - Arbeiterbewegung - Ein- und Auswanderung - Familie - Innenräume und Interieur - Lokalpolitik - Soziale Institutionen - Uhrenindustrie - Wohnhäuser
Die Anfänge. Schon 1142 wird die Ortschaft am Jurasüdfuss, unweit vom östlichen Ende des Bielersees, erstmals urkundlich erwähnt. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist Biel jedoch ein beschauliches befestigtes Städtchen mit wenigen tausend Einwohnern. Dies soll sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gründlich ändern: Die Uhrenindustrie siedelt sich in Biel an. Zwischen 1850 und 1900 steigt die Einwohnerzahl um das Sechsfache auf 30 000. Verschiedene Ereignisse ebnen den Weg: Der Bau des Schüsskanals macht das Überschwemmungsgebiet bebaubar, der Abbruch der alten Stadtbefestigungen öffnet Tür und Tor für die Stadterweiterung, und die neuen Eisenbahnlinien verbinden Biel in alle Himmelsrichtungen. All dies bringt dem aufstrebenden Werkplatz schon 1853 den Namen "Zukunftsstadt" ein.
Die Uhrmacher kommen. Baulich hatte diese Entwicklung zunächst wenig Auswirkungen, war die Uhrmacherei am Anfang doch ein Kleingewerbe, das in Hinterhöfen, Dachgeschossen oder Kellern ausgeübt wurde. Bald schon entstand jedoch wegen des Zuzugs von Arbeitskräften aus dem Südjura eine Wohnungsnot. 1857 baute man die ersten Mietshäuser, ab 1868 Arbeitersiedlungen mit kostengünstigen Wohnungen. Dahinter standen vermögende Kaufleute und Fabrikanten, denen es darum ging, Unterkünfte für ihre Angestellten bereitzustellen. Später formierten sich Baugesellschaften, die ebenfalls Wohnungen im günstigen Bereich erstellten. Auch sie hatten jedoch noch keinen gemeinnützigen Charakter. Ein erstes Aufflackern des nicht gewinnorientierten Bauens ist 1889 zu verzeichnen, als die Baugenossenschaft "Klein, aber mein" zwei Wohnhäuser erstellt. Diese Zeugen frühsten genossenschaftlichen Wohnungsbaus sind bis heute erhalten.
Der Aufschwung der Fabriken. Um die Jahrhundertwende erlebt die Uhrmacherei den Übergang zur fabrikmässigen Produktion - Biel wird zur Industriestadt. Neue Fabrik- und Wohnquartiere schiessen aus dem Boden. Der Startschuss für den gemeinnützigen Wohnungsbau fällt: 1910 gründen die Eisenbahner eine Genossenschaft und beginnen schon im Jahr darauf mit dem Bau der ersten Siedlung. Wegen der übersetzten Landpreise entsteht diese allerdings nicht auf Stadtboden, sondern in der Nachbargemeinde Nidau. 1914 befürworten die Bieler Stimmbürger eine Initiative der Arbeiterunion für den Bau billiger Wohnungen durch die Gemeinde. An der Wasenstrasse entsteht die erste und bis heute einzige kommunale Siedlung. Der Erste Weltkrieg bremst zwar die Entwicklung der Stadt, mit verschiedenen Eingemeindungen stellt man jedoch zur gleichen Zeit die Weichen für das künftige Wachstum - man denke an die späteren Genossenschafts-Hochburgen in Mett.
Das Rote Biel setzt auf Genossenschaften. In den frühen 1920er-Jahren erlangen die Sozialdemokraten die Mehrheit im Gemeinde- und Stadtrat: Das "rote Biel" ist geboren. Unter dem charismatischen Stadtpräsidenten Guido Müller packt man den Wandel zur modernen Industriestadt an. Sowohl das entschlossene planerische Vorgehen als auch der architektonische Stil, der dem Neuen Bauen verpflichtet ist, bricht mit dem Hergebrachten. Standardisierung und Rationalisierung der Produktion, die Unterordnung der Form unter die Funktion, Ablehnung von jeglichen Schnörkeln, die Einführung des ungewohnten Flachdachs sind einige Merkmale. Eine Fülle bemerkenswerter Bauwerke entsteht. Dazu gehört besonders das in den 1920er-Jahren geplante und bis 1945 ausgeführte neue Bahnhofsquartier mit dem Volkshaus als Wahrzeichen der Arbeiterstadt. 2004 gewinnt die Stadt Biel den Wakker-Preis für die Bewahrung dieses kultur- und bauhistorisch wertvollen Erbes.
Eine Politik, deren erklärtes Ziel es ist, die Lebensverhältnisse der Bevölkerung zu verbessern, wird sich des Wohnungsbaus ganz besonders annehmen. Dies umso mehr, wenn, wie nach dem Ersten Weltkrieg, eine schwere Wohnungsnot und desolate Verhältnisse in den Arbeiterhäusern herrschen. Die Wohnungsfrage figurierte denn auch an vorderster Stelle im Aktionsprogramm der Bieler Sozialdemokraten. Anstatt in eigener Regie Wohnungen zu bauen, was angesichts der angespannten Finanzsituation kaum ratsam gewesen wäre, vergrösserte die Stadt nun ihren Grundbesitz. Dies erlaubte ihr, Wohnbaugenossenschaften zu günstigen Bedingungen Land zur Verfügung zu stellen.
Eduard Lanz - der Genossenschaftsarchitekt. Die Idee vom Genossenschafter als Miteigentümer, der sich auch an der Verwaltung seiner Genossenschaft beteiligt, überzeugte den Stadtpräsidenten, der als Mitgründer der Eisenbahner-Baugenossenschaft das gemeinnützige Bauen und Wohnen bestens kannte. Mit einem strengen Reglement kontrollierten die Behörden die Mieten, die möglichst tief zu halten waren, und verhinderten damit jegliche Spekulation. Für dieses Miteinander von Gemeinde und Gemeinnützigen in Biel kam bald der Begriff "Gemeindesozialismus" auf.
Zwischen 1911 und 1945 entstehen denn auch zahlreiche Genossenschaftssiedlungen. Der Grossteil, nämlich 275 Wohnungen, stammt vom Architekten Eduard Lanz, einem der Väter des modernen Biel, der auch das Volkshaus geplant hat. Ein starkes soziales und politisches Bewusstsein leitet Lanz. In seinen Wanderjahren in Deutschland lernt er den städtischen Wohnungsbau in Berlin kennen. Das Neue Bauen und die Siedlungen des deutschen Werkbunds begeistern ihn, und zwar ebenso wegen ihrer architektonischen Prinzipien wie der gesellschaftsverändernden Ideen, zu denen das Prinzip der Gleichheit aller Menschen zählt. Baulich sind die von Eduard Lanz entworfenen schlichten Siedlungen noch stärker von der Idee der Gartenstadt bestimmt. Sie verfügen über grosszügige gemeinsame Grünräume, zu jeder Wohnung gehört ein Stück Land, auf dem man Gemüse anbauen kann. Gleichzeitig setzte Lanz jedoch auf eine rationelle Bauweise und Standardisierung, um der Arbeiterschaft günstige Behausungen mit hoher Lebensqualität zu beschaffen. So besass jede Wohnung ein eigenes Badezimmer, was damals noch keineswegs die Regel war.
Die Boomjahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt in Biel ein wahrer Boom des genossenschaftlichen Bauens ein. Wohnungsnot und rasante Stadtentwicklung veranlassen die Gemeinde, den sozialen Wohnungsbau in bisher unbekanntem Masse zu fördern. Eine Reihe neuer Genossenschaften wird gegründet - sieben der der acht grössten Bieler Baugenossenschaften entstehen noch während der letzten Kriegsjahre oder unmittelbar nach dem Krieg. Unter den Initianten finden sich nicht selten städtische Beamte und Politiker; die Beziehung zwischen der Gemeinde und den gemeinnützigen Wohnbauträgern ist nach wie vor eng. Am Stadtrand, in Madretsch, Mett und Bözingen, wachsen eigentliche Genossenschaftsquartiere heran. Die Produktion der Gemeinnützigen ist beeindruckend: Sie erstellen zwischen 1945 und 1960 rund 2750 Wohnungen, das sind 45 Prozent aller damals gebauten Einheiten.
Die Typologie des genossenschaftlichen Wohnungsbaus verändert sich: Einfamilien- und Reihenhaus verlieren die führende Stellung, an ihre Stelle tritt die Blockrandbebauung und insbesondere das typische Nachkriegsmehrfamilienhaus der Aussenquartiere. 1957 wagt sich eine Genossenschaft an den Bau des ersten Hochhauses. In den 1960er-Jahren, wo die Bieler Genossenschaften immer noch rund zwanzig Prozent aller Wohnungen erstellen, wachsen die Bauten weiter in die Höhe und in die Breite, und es setzt auch in Biel die für die Hochkonjunktur typische Zersiedelung in der Agglomeration ein.
Mit bewährtem Rezept aus der Krise. In den 1970er- und 1980er-Jahren erleidet die einseitig auf Industrie ausgerichtete Stadt Biel eine schwere Wirtschaftskrise, die mit einem massiven Abbau an Arbeitsplätzen einhergeht. Die Einwohnerzahl fällt kontinuierlich von 64 000 im Jahr 1970 unter die 50 000er-Marke in den 1990er-Jahren. Der Wohnungsbau stagniert - und kommt bei den Genossenschaften, zumindest in den 1980er-Jahren, praktisch zum Erliegen.
In den 1990er-Jahren fasst Biel wieder Tritt, die Uhrenindustrie hat sich modernisiert, neue Firmen werden angesiedelt, bald sorgt auch die Expo 02 für neuen Schwung. Der Abwärtstrend bei der Einwohnerentwicklung wird endlich gebrochen. Plötzlich herrscht auch im Wohnungsbau Nachholbedarf. Die Stadt besinnt sich auf die frühere Tradition und erwirbt Industriebrachen, die man interessierten Investoren zu günstigen Bedingungen im Baurecht oder - seltener - im Eigentum abgibt. Alte Bausubstanz wird umgenutzt, eine rege Bautätigkeit setzt ein. Bekanntestes Beispiel ist das Renferareal, wo auf dem Gelände einer ehemaligen Holzverarbeitungsfabrik ein neues Vorzeige-Wohnquartier entstanden ist.
Stagnation bei den Gemeinnützigen. Die traditionellen Mitgliedergenossenschaften waren an dieser Entwicklung kaum beteiligt. Sie erstellten in den letzten zwei Jahrzehnten nur noch wenige Bauten, von der attraktiven Landvergabe der Stadt profitierten sie nur in Einzelfällen. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen zielt die städtische Wohnbaupolitik nicht auf ihr Segment ab. Sie orientiert sich vielmehr an einer 1999 erstellten Studie, die ein gefährliches Defizit an grossen Wohnungen und an Wohneigentum ortet. Zum andern sind die Strukturen der Bieler Baugenossenschaften heute kaum noch auf Expansion ausgerichtet. Das beginnt damit, dass der Grossteil der rund dreissig Genossenschaften weniger als 200 Wohnungen besitzt; nur bei vier übersteigt der Bestand die 300er-Marke. Die Verwaltung, die in den meisten Fällen ehrenamtlich oder in Teilzeitpensen geschieht, nimmt die kleinen Genossenschaften stark in Anspruch. Manchenorts fehlt es auch an Nachwuchs für die vielfältigen Aufgaben, so dass einige die Verwaltung an externe Treuhänder delegieren. Zu erwähnen ist auch die Zweisprachigkeit, die einen nicht zu unterschätzenden Zusatzaufwand verursacht. Ein beträchtlicher Teil der Kräfte floss in den letzten Jahren zudem in die Erneuerung des riesigen Bestands an Altwohnungen. Zumindest die grösseren Genossenschaften haben diese Aufgabe längst angepackt oder gar schon vollendet.
Neues Zielpublikum. Daneben spielen auch die Mitglieder eine wichtige Rolle. Der schwindende "Genossenschaftsgeist" ist auch in Biel ein Thema. Zwar leben in vielen Wohnungen und Häuschen noch langjährige Genossenschaftsmitglieder, doch auch ihnen geht es in erster Liniem darum, ihre günstige Behausung zu erhalten. Die Begeisterung für einen finanziell nicht ganz risikofreien Neubau hält sich da in engen Grenzen. Auch umfassenden Sanierungen mit Verdichtungsmassnahmen stehen die Mitglieder bisweilen kritisch gegenüber. Nicht immer zu Unrecht, denn in Biel lässt sich nicht jede Wohnung mühelos vermieten. Das Angebot ist beeindruckend, in keiner anderen grösseren Schweizer Stadt sind die Mietzinse so tief, und zwar bei den gewinnorientierten Anbietern wie auch bei den Gemeinnützigen. Dies hat Auswirkungen auf die Sanierungstätigkeit: Die hohen Kosten umfassender Erneuerungen können nicht vollständig auf die Mietzinse überwälzt werden, da die Wohnungen sonst nicht mehr konkurrenzfähig wären.
Es ist jedoch durchaus nicht so, dass Genossenschaftswohnungen reihenweise leer stünden - im Gegenteil. Obwohl sie nicht mehr den heutigen Ansprüchen an die Wohnfläche entsprechen, sind die 50er- und 60er-Jahr-Wohnungen der Gemeinnützigen beliebt. Während der Durchschnittspreis aller Dreizimmer-Mietwohnungen bei knapp 1000 Franken monatlich liegt, beträgt der Mietzins bei den Genossenschaften nämlich nur 600 bis 800 Franken. Kommt hinzu, dass ihre Wohnungen in der Regel überdurchschnittlich gut unterhalten sind. Das Zielpublikum ist allerdings oft nicht mehr die traditionelle Familie, die früheren Belegungsvorschriften sind nicht mehr haltbar. Viele Menschen mit tiefem Einkommen, besonders Ältere und Alleinerziehende, sind jedoch froh um das genossenschaftliche Angebot. Da derzeit in Biel vor allem grosse und eher teure Wohnungen erstellt werden, dürfte sich daran in nächster Zeit kaum etwas ändern.
Gemeinnützige willkommen. Mit gut 4500 von insgesamt rund 23 000 Wohnungen - einem Anteil von stolzen 19,5 Prozent - nehmen die Baugenossenschaften in Biel nach wie vor eine starke Stellung ein. Verschiedene Bieler Genossenschaften besitzen ein modernes Selbstverständnis, sind gut organisiert und finanziell gesund. Sie wären eingeladen, sich am weiteren Wachstum zu beteiligen. Denn: die Stadt Biel ist noch nicht gebaut. Die Landreserven sind nach wie vor beträchtlich, die Konditionen der Vergabe durch die Stadt attraktiv. Allerdings verfolgt Biel, anders als etwa Zürich, keine aktive Politik, um den genossenschaftlichen Neubau zu fördern. Trotzdem sind die Gemeinnützigen willkommen. So bekräftigt Stadtpräsident Hans Stöckli in Bezug auf die künftigen städtischen Entwicklungsgebiete: "Es würde mich freuen, wenn sich die Wohnbaugenossenschaften vermehrt für diese Standorte interessieren würden."
Quelle: Zeitschrift "wohnen" 7-8, 2006
Autor: Richard Liechti / Quelle: 2006