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Liebe Frau Freitag. Ich - gestandene 27 Jährchen - habe heute von meinem Arbeitgeber eine Einladung erhalten, die mit der archaischen Anrede "Sehr geehrtes Fräulein Gschwend" begann. Darf ich mich betupft fühlen, ohne gleich als Emanze zu gelten (auch wenn ich Emanzipation gut finde)? Monia Gschwend, 27
Liebe FRAU Geschwend
Aber natürlich dürfen Sie betupft sein, das ist Ihr gutes Recht. Ich bin jeweils auch betupft, wenn ich im Coop eine Flasche Vodka kaufe und die Kassiererin meinen Ausweis nicht sehen will. Ich zeige ihn dann jeweils trotzdem, untermalt von einem geistreichen Kalauer selbstverständlich, und bin danach immer doppelt betupft, weil sie noch nicht mal über diesen lachen will.
Kurzum gesagt, ich habe wenig übrig fürs ständige Betupft sein und auch nicht viel für Menschen, die es ständig sind. Es langweilt mich, weil es zeigt, wie wichtig man sich selber nimmt. Nämlich ZU wichtig und das ist selten entspannt.
Darum rate ich Ihnen zur Grossmut und die ist, wie die Emanzipation an sich, ein Begriff mit weiblichem Artikel. Nehmen sie das "Fräulein" sportlich und besser noch, als Kompliment! Früher nannte man jugendliche, ungebundene Frauen so und ich kann mich erinnern, dass mir der Übergang zur "Frau" nicht ganz leicht fiel. Er traf mich, lange bevor ich verheiratet war und ich weiss noch, dass ich mich um ein paar Jahre ungestüme Blütezeit betrogen fühlte, als man mich, wie über Nacht, nicht mehr mit "Fräulein" anredete.
Heute ist es schon so weit, dass man sich bevorzugt in ein Lokal mit Selbstbedienung setzt und seinen Kaffee selber an der Theke holt, weil man der Peinlichkeit entgehen will, im bedienten Restaurant nach der Serviertochter, also dem Fräulein, zu rufen...
In diesem Sinne: herzlichen Gruss! Ihr Fräulein Kafi.