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Amartya Sen ist ein Forscher, der zwei sehr unterschiedliche Disziplinen vereint: die Wirtschaftswissenschaften und die Philosophie. Sein Weg führte von Indien nach Harvard – und zum Nobelpreiskomitee in Stockholm.
Wären die griechischen Götter Wissenschaftler gewesen, sie hätten nicht auf dem Olymp, sondern auf dem Campus der Harvard University gelebt. Hier lehrte und lehrt der Ökonom und Sozialphilosoph Amartya Sen. Auf dem Olymp der Wissenschaft ist Sen 1998 angekommen, als ihm die schwedische Akademie in Stockholm den Wirtschaftsnobelpreis verlieh. Unter den Göttern hätte Sen wohl ein einsames Dasein gefristet, denn anders als diese interessiert er sich nicht für die Niedertracht des Menschen, sondern vielmehr für dessen Armut – und für die Wege, die aus ihr herausführen.
Der Inder Amartya Sen stammt aus Westbengalen. 1933 in einem wohlhabenden Elternhaus geboren, wurde der achtjährige Sen in Dhaka von einem einschneidenden Erlebnis geprägt: Auf offener Strasse wurde der muslimische Tagelöhner Kader Mia von einem extremistischen Hindu niedergestochen. Schwer verletzt und stark blutend schleppte sich Mia zum Haus der Familie Sen. Auf dem Weg ins nächstgelegene Spital flüsterte der Sterbende, dass seine Frau ihn genau davor gewarnt habe: in einem Land sozialer Unrast Arbeit zu suchen. Allein, seine Familie habe nichts zu essen, und so sei ihm nichts anderes übrig geblieben. «Der Tod dieses Mannes», schreibt Sen in einem biografischen Essay, «war ein Schock für mich. Er hat mir klargemacht, dass ökonomische Unfreiheit, in der Form extremer Armut, einen Menschen zum hilflosen Opfer macht.»
Und so begann Amartya Sen, die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Freiheit, sozialen Chancen und politischer Freiheit zu untersuchen. Bei seinen empirischen Studien über das Problem des Hungers fiel ihm auf, dass die Wissenschaft dem Phänomen der Armut bisher ziemlich hilflos gegenüberstand. Nicht einfach die Verteilung von Gütern und Geld bestimme, ob jemand arm sei, stellte Sen bereits 1980 fest: Entscheidend sei vielmehr, wie viele Chancen auf Verwirklichung seiner Ziele ein Mensch habe, ob er sein eigenes Leben aktiv und erfolgreich gestalten könne. Diese capabilities (‹Möglichkeiten›) seien es, die seinen Grad an ökonomischer Freiheit bestimmten.
Die Pflicht zur Differenzierung ist ein Kernanliegen von Amartya Sen. In seinen jüngsten Schriften wehrt er sich vehement gegen die Tendenz, Menschen auf eine einzige Eigenschaft – eine religiöse oder kulturelle – zu reduzieren. Menschen, sagt Sen, besässen eine ganze Reihe von Identitäten. Besonders fatal sei, dass sich dieser Hang zur Eindimensionalität nicht nur bei Fanatikern finde, sondern auch bei Anhängern des Multikulturalismus und liberalen Fürsprechern eines ‹Dialogs der Zivilisationen›.
Trotz des Elends, das Amartya Sen erforscht, hat er sich seinen Schalk bewahrt: «Ich habe in meinem Leben an der Universität von Delhi, der London School of Economics und der Oxford University gelehrt», steht in einem seiner Aufsätze zu lesen. «Als Gastdozent war ich am MIT, in Stanford, Berkeley und Cornell. Einen anständigen Job hatte ich nie.»
Sollten Sie den Nobelpreisträger persönlich treffen wollen: Cambridge, Massachusetts, 1805 Cambridge Street, Littauer Center 205. Eine Voranmeldung, so schreibt Amartya Sen auf der Universitäts-Website, sei nicht nötig.