Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03411.jsonl.gz/661

mehr
Ebene von Chiavenna. Der Doppelname Albigna-Disgraziagruppe deutet die beiden Hauptteile dieses Gebirges an. Die Albignagruppe speziell ist der auf der schweizerisch-italienischen Grenze verlaufende Gebirgszug auf der Südseite des Bergell. Eine Linie von Forbicina im Malencothal südwestlich über den Passo di San Martino ins Val Mello und nach San Martino im Val Masino schneidet davon die Disgraziagruppe ab, die im Uebrigen vom Val Malenco, vom Veltlin und vom Val Masino begrenzt wird. Da dieselbe aber ganz ausserhalb der Schweiz liegt, so fällt sie hier nicht weiter in Betracht, obwohl der Monte della Disgrazia das höchste Interesse des Alpinisten erregt. Auch von der Albignakette lassen wir das Stück westlich vom Passo di Teggiola (2498 m) bis zum Piz Prata (2727 m) und deren Ausläufer gegen den Comersee als ausserschweizerisch weg.
Die Albignagruppe im engeren Sinn besteht zunächst aus einer hohen Haupt- oder Stammkette, die in einer Länge von etwa 14 km vom Monte Sissone (3334 m) bis zur Bochetta della Teggiola (2498 m) mit geringen Abweichungen nach Westen streicht. Von dieser Stammkette gehen nach Norden längere Querkämme, nach Süden eine Anzahl kurzer Rippen aus, so dass die Gliederung des Ganzen als eine typisch fiederförmige erscheint. Die Stammkette ist auf der Nordseite fast überall vergletschert.
Auch da, wo sie in mächtigen Felswänden abbricht, sind ihre Schluchten und Rinnen von Eis erfüllt. Aber steiler und tiefer fallen die Felsmassen nach Süden ab, und hier finden wir nur kleinere Hängegletscher, die die Hochnischen in den sonst kahlen Mauern auskleiden. Die Südrippen sind zu kurz, als dass sich dazwischen längere Thäler ausbilden könnten. Es finden sich da nur kurze Tobel, die steil zu den obern Verzweigungen des Val Masino abfallen. In der Hauptkette sind die Gipfel zu stolzen Pyramiden und hoch aufschiessenden Zähnen und Nadeln ausgebildet, von so kühnen und schroffen Formen, wie sie nur selten in den Schweizer Alpen gefunden werden.
Darunter ragen als Knotenpunkte hervor: der Monte Sissone (3334 m), die Cima di Castello (3400 m), die Cima della Bondasca (3293 m) und der Piz Badile (3311 m). Dazu kommen die Pizzi Torrone (3333 m, 3194 m, 3270 m), die Punta Rasica (3300 m), der Monte di Zocca (3178 und 3198 m), die Pizzi Gemelli (3259 m) und der Cengalo (3374 m). Von eigentlichen Pässen über diese Kette kann man nicht reden. Was man etwa so nennt, sind hohe, vereiste Scharten, deren Zugang von Norden über stundenlange Gletscher führt und die nur von Touristen ab und zu benutzt werden, wie die Forcella di San Martino und der Passo di Bondo.
Von der Stammkette zweigen fünf Seitenkämme nach Norden ab, von denen die drei grössern an Wildheit, Formenreichtum, Kühnheit der Gipfel und auch an Vergletscherung dem Hauptkamm nur wenig nachstehen. Zwischen sich schliessen sie drei grössere Thäler ein: das Forno-, das Albigna- und das Bondascathal. Das erstere ist ähnlich wie das Morteratschthal fast in seiner ganzen Länge von dem etwa 8 km langen Ghiacciajo del Forno, das mittlere mehr als zur Hälfte vom Ghiacciajo dell' Albigna (5 km) und das dritte nur noch in seinem Hintergrund von dem kürzern, aber mehrteiligen Ghiacciajo della Bondasca erfüllt.
Der östlichste Seitenkamm streicht in einer Länge von 8-9 km vom Monte Sissone genau nach Norden bis zur Alp Piancanino, wo das Fornothal sich mit dem Murettothal vereinigt. Seine Hauptspitzen sind die Cima di Rosso (3371 m), die Cima di Vazzeda (3308 m), der Monte Rosso (3087 m), der Monte del Forno (3219 m) und der Pizzo dei Rossi (2981 m), deren allzu ähnliche Namen oft verwechselt werden. Der mittlere Seitenkamm ist auch der längste. Ihm entragen der Piz Casnile (3172 m), die mehrtürmige, arg zerklüftete Cima del Largo (3188 m), der schön gestaltete und öfter besuchte Piz Bacone (3249 m), dann die Cima di Cantone (3360 m), nur 1 km nördlich von der Cima di Castello und mit dieser durch eine hohe Firnschneide verbunden.
Der dritte Seitenkamm ist der des Pizzo Cacciabella, dem weiter südlich auch die wilden Pizzi di Sciora (3235 m) angehören. Er entsendet einen weiteren Arm nach Westen, der als bewaldete Bergnase bei Promontogno endigt und die hohe Scheidewand zwischen dem Val della Bondasca und dem Bergell bildet. Der Piz Cacciabella selber (2973 m) ist der günstigste und dabei ein leicht zu erreichender Uehersichtspunkt über die Albigna Gruppe. In seinem Gebiet hat die Vergletscherung gegenüber den zwei östlichen Seitenketten schon stark abgenommen.
Dafür nehmen Wälder und Alpenweiden einen breitern Raum ein, jene auf der Bregaglia-, diese auf der Bondascaseite. Das Val Bondasca ist von den drei Thälern der Albignagruppe das tiefsteingeschnittene und darum auch nicht mehr ein blosses Gletscherthal, sondern ein eigentliches Alpthal mit Weiden und vereinzelten Waldpartien. Wie seine zwei Geschwisterthäler mündet es durch eine enge Schlucht mit schäumenden Cascaden ins Bergell aus. Am leichtesten zugänglich ist das Val Muretto-Forno, in das man vom Malojapass fast ebenen Weges am hübschen Cavloccio-See vorbei eindringen kann. Hier findet sich auch die Fornohütte des S. A. C. am rechten Ufer des grossen und herrlichen Gletschers als Ausgangspunkt für ein weites und wunderbar schönes Exkursionsgebiet. Auf der italienischen Seite erleichtert die Cabanna Badile (2523 m) die Bereisung dieses Gebietes. Unterkunft kann man aber auch in den Alphütten der Bondasca finden.