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Martin Senn, Konzernchef der Zurich: Auf der obersten Karrieresprosse
Eigentlich wollte Martin Senn (54) Militärpilot werden, fiel aber bei der fliegerischen Vorschule durch. Nachdem er seinen Traum von der Aviatik aufgegeben hatte, absolvierte er als 18-Jähriger dank eines Handelsschulabschlusses eine verkürzte KV-Lehre beim damaligen Bankverein in Basel. «Neben der Fliegerei war ich fasziniert von den Handelsräumen der Börse und dem globalen Umfeld. Mit dieser Ausbildung hatte ich früh die Chance, im Ausland Karriere zu machen.» Tatsächlich: Als 23-Jähriger ging er für den Bankverein ein Jahr nach New York, drei Jahre später war er im gleichen Unternehmen Chef von 150 Mitarbeitern in Hongkong.
«Das hätte ich nach einem Studium in diesem Alter nie erreicht.» Er habe immer den Weg gewählt, der ihm Spass bereitete, und sich kaum mit der Frage beschäftigt, ob er ein Studium in Angriff nehmen solle. Nur am Anfang seiner Karriere dachte er daran, diese zu unterbrechen, um ein MBA nachzuholen. Er kam aber davon ab, weil er stets befördert wurde.
Am 1. Januar 2010 erreichte der Basler die oberste Sprosse seiner Karriereleiter: Der Vater einer 23-jährigen Tochter und eines 20-jährigen Sohns ist heute Konzernchef bei Zurich Financial Services. Zum «weltweit globalsten Versicherungsunternehmen mit Kunden in 170 Ländern» ist Senn vor fünf Jahren via New York, Hongkong, Singapur und Tokio respektive Credit Suisse und Swiss Life gestossen. Er verbringt 50 Prozent seiner Arbeitszeit im Ausland — manchmal in Begleitung seiner koreanischen Frau. Die frühere Meistergeigerin lernte er auf einer Dschunke anlässlich einer 1.-August-Feier im Südchinesischen Meer kennen. Senn tritt sehr selten in den Medien auf, was ihm den Titel «Martin who?» in der «Bilanz» eintrug.
«Ich weiss, was es bedeutet, wenn ein Kunde am Schalter ist»
Von der KV-Ausbildung profitiert er noch heute: Der Zurich-Chef beherrscht das Zehnfingersystem blind. Ausserdem hat er das Geschäft von der Pike auf gelernt und versteht deshalb die meisten Prozesse und Zusammenhänge. «Ich weiss, was es bedeutet, wenn ein Kunde am Schalter ist», sagt Martin Senn, und das ist keine Floskel. Mehr noch: Als Stift musste er für die Chefs Znünibrötli holen. Das hat den Führungsstil des 54-Jährigen geprägt. «Ich versuche, immer auf dem Boden zu bleiben, und will, dass meine Mitarbeiter offen sind und Hierarchien nicht als Schwellen verstehen. Hätte ich studiert, dann würde ich darüber vielleicht anders denken.» Vielleicht würde er seine privaten Auslagen von der Buchhaltungsabteilung berechnen lassen. Doch Martin Senn machts auch hier wie jeder andere. Er sammelt die Belege und erledigt die Abrechnung zu Hause.
Der Zurich-CEO ist ein Verfechter des dualen Bildungssystems, das die Lernenden parallel in Betrieb und Berufsschule ausbildet. Und er geht mit gutem Beispiel voran: Die Zurich bildet schweizweit über 240 Lernende aus. «Das Schweizer System hat einen grossen Wert. Wirtschaft und Politik müssen es schützen und so den Jungen eine Chance bieten.» Martin Senn räumt aber ein, dass es heutzutage schwieriger geworden sei, mit einem KV-Abschluss eine Karriere wie die seine zu machen. «Aber unser Bildungssystem schliesst das nicht aus.» Der ehemalige KV-Stift empfiehlt, zuerst eine Lehre und danach ein Studium zu absolvieren und nicht umgekehrt. Hochschulabsolventen mit praktisch orientierter Ausbildung seien oft besser einsetzbar. Das erlebe er während seiner 70-Stunden-Wochen immer wieder.
Natalie Rickli, Medienfachfrau und SVP-Nationalrätin: «Ich war keine gute Schülerin»
Am KV Winterthur entdeckte Natalie Rickli (35) ihr Interesse an der Politik. «1992 trat mein damaliger Staatskundelehrer im Unterricht für eine Schweizer EWR-Mitgliedschaft ein», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin. «Er war ein linker Lehrer. Die Diskussionen über den EWR weckte mein Interesse für die Politik. So gesehen kann ich mich beim Lehrer bedanken.» Sie sei unpolitisch aufgewachsen und habe damals nicht recht gewusst, was links oder rechts bedeutet. 1996 trat sie als 19-jährige Frau der Jungen SVP bei.
Heute ist ihr sehr wohl klar, was links oder rechts heisst. Sie wurde mit dem besten Resultat aller Zürcher SVP-Politiker in den Nationalrat gewählt. Rickli entschied sich fürs KV, «weil es eine gute Grundausbildung bietet, die einem für die Karriere verschiedene Optionen eröffnet. Meine Stärken lagen immer auf der praktischen und weniger auf der theoretischen Seite.» Oder anders ausgedrückt: Die in Winterthur wohnhafte Politikerin, die dort als zukünftige Stadträtin gehandelt wird, zog das praktische Arbeiten im Agrolehrbetrieb Fenaco der Theorie vor. Sie sagt von sich, sie sei «keine besonders gute Schülerin gewesen». Rickli kritisiert, dass die Schweizer Politik im Unterricht zu langweilig vermittelt werde. Später wurde ihr bewusst, wie wichtig eine gute Schulbildung ist, und «das gebe ich den Jungen heute gerne weiter».
Philippe Gaydoul, Unternehmer und VR-Präsident Denner: «Das KV wird stark unterschätzt»
Philippe Gaydoul (39) ist ein vielbeschäftigter Mann: Er ist unter anderem Eigentümer und Verwaltungsratspräsident der Gaydoul Group (Navyboot-Schuhe und Accessoires, Fogal-Strumpf- und Strickwaren, Jet-Set-Sportbekleidung und Hanhart-Uhren) und Denner-Verwaltungsratspräsident. Wie wird man das alles? «Meine Ausbildung ist die Discount-Version des KV», sagt Gaydoul. Sein Ausbildungspfad ist angesichts seines beruflichen Erfolgs bescheiden: Er absolvierte bei der Privatschule Minerva eine zweijährige Handelsschule, danach ein Jahr Praktikum mit Handelsdiplom beim Discounter Denner, der von seinem Grossvater Karl Schweri gegründet wurde, und Managementseminare an der Universität St. Gallen (HSG).
Vorher versuchte er sich am Wirtschaftsgymnasium in Zürich, hatte aber «wenig Verständnis, weshalb ich dort für Fächer wie Physik und Chemie lernen musste». Philippe Gaydoul arbeitete sich vom Praktikanten über den Filialarbeiter zum Verkaufsleiter hoch, bis ihn sein Grossvater als CEO einsetzte. Der damals 26-jährige Gaydoul bedankte sich bei ihm, indem er den Denner-Umsatz innerhalb von neun Jahren auf drei Milliarden Franken verdreifachte.
Der Vater eines siebenjährigen Sohnes und Chef von über 500 Gaydoul-Group-Mitarbeitern ist ein Verfechter der kaufmännischen Lehre. «Die Bedeutung des KV wird heute stark unterschätzt. Gerade Eltern haben das Gefühl, ohne Gymnasium sei man nichts wert. Das ist ein Trugschluss», sagt Gaydoul. Sein beruflicher Werdegang habe ihm geholfen, Aufgabenstellungen immer praktisch anzugehen. Erhält Gaydoul Bewerbungen, schaut er auf die praktischen Erfahrungen der Kandidaten. Viel wichtiger als Diplome sind für den Unternehmer Angestellte mit absoluter Loyalität, klarer Meinung und unternehmerischem Denken — kleine Gaydouls sozusagen.
Bilder: Reto Schlatter