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Zunehmend wird auch in den Mainstreammedien über Veganismus debattiert. Das heisst die vegane Lebensweise verlässt auch in der öffentlichen Wahrnehmung ihr Nischendasein. Produkte werden immer häufiger als vegan deklariert, vegane Volxsküchen und Brunche sind aus Szenekreisen hinausgetreten. Der Begriff vegan etabliert sich und die Zahl der Veganer_innen wächst, die der Vegetarier_innen sowieso. Veganismus ist eine Lebenswiese; oder vielleicht doch nur eine Ernährungsform oder gar eine Essstörung? Was hat Veganismus mit dem Klimawandel, der Umweltzerstörung, Hunger, Menschenrechten und unserer Gesundheit zu tun? Und warum lehnen Menschen den Konsum jeglicher tierlicher Produkte ab?
Doch bevor es um Klima, Menschen und Tiere geht wollen wir erstmal klären was der Begriff Veganismus genau bedeutet und worin die Unterschiede zum Vegetarismus liegen.
In Anlehnung an Donald Watson, dem Mitbegründer der Vegansociety, wird zunächst kurz auf den Vegetarismus eingegangen, weil „Veganismus mit Vegetarismus beginnt und ihn zu seinem logischen Ende führt“. Der Begriff vegetarisch leitet sich aus zwei verschiedenen Definitionen ab, die auch die verschiedenen Denkrichtungen in der vegetarischen Bewegung aufzeigen. Zum einen leiten Menschen Vegetarismus aus dem lateinischen „vegetus“ ab, was soviel bedeutet wie lebendig, frisch und kraftvoll. Zum anderen wird der Begriff aber auch vom englischen „vegetable“ abgeleitet und somit von Pflanzen ausgehend interpretiert. So war die ursprünglich vegetarische Ernährung daher auch eine rein pflanzliche.
Besonders in den 1940er Jahren kam es in der Vegetariansociety vermehrt zu Auseinandersetzungen, welche der beiden Definitionen die vegetarische Praxis prägen sollten. Da viele Vegetarier_innen neben Pflanzen auch Ei- und Milchprodukte konsumierten führte dies zum Bruch der vegetarischen Bewegung. Die Strömung die weiterhin die rein pflanzliche Kost als Kern ihrer Lebensgewohnheiten sahen wählten zunächst dafür die Bezeichnung total vegetarian, was soviel bedeutet wie konsequent vegetarisch. 1944 wurde dann die Vegansociety gegründet und damit die Wortneuschöpfung vegan etabliert. Der Begriff vegan setzt sich aus den Anfangs- und Endbuchstaben des Wortes vegetarian zusammen. Der Begriff vegan ist heute in fast allen Wörterbüchern zu finden und hat sich weltweit als feststehende Bezeichnung für eine bestimmte Lebensweise durchgesetzt. In Frankreich wird manchmal noch der Begriff vegetalien verwendet wobei sich auch hier die Bezeichnung vegan zunehmend durchsetzt.
Vegetarier_innen konsumieren wie bereits erwähnt keine toten Tiere und keine Produkte die aus toten Tieren hergestellt wurden, wie zum Beispiele Gelatine oder Kälberlab. Entgegen immer wieder auftauchender Behauptungen Vegetarier_innen würden Fische oder Hühner essen, kann nur festgestellt werden, dass Personen die Fische und anderer Tiere essen keine Vegetarier_innen sind. Die Hauptverbreitete Strömung im Vegetarismus ist vermutlich der Ovo-Lakto-Vegetarismus. Das heisst es werden neben pflanzlicher Kost auch Ei- und Milchprodukte konsumiert. In Deutschland ernähren sich etwa 10% der Bevölkerung vegetarisch, das sind etwa 8 Millionen Menschen mit steigender Tendenz. Weltweit gibt es die meisten Vegetarier_innen in Indien. Dort ernähren sich etwa 40% vegetarisch, das sind etwa 500 Millionen Menschen. In Europa liegt die Vegetarier_innenquote in Deutschland, England und Schweden am höchsten mit etwa 10%. In Polen und Frankreich gibt es nur etwa 1% Vegetarier_innen.
Im Gegensatz zu Vegetarier_innen konsumieren und nutzen Veganer_innen keinerlei tierliche Produkte. Im Veganismus wird der Konsum von tierlichem Fleisch, Milch, Eiern, Gelatine und anderen tierlichen Lebensmitteln wie Honig vermieden. Veganer_innen achten auch bei ihrer Kleidung auf die Vermeidung von Leder, Pelz, Wolle und Seide. Bei anderen Gegenständen des Alltags, wie beispielsweise bei Kosmetika und Medikamenten wird ebenfalls auf Tierproduktefreiheit, sowie Tierversuchsfreiheit geachtet so zum Beispiel bei Waschmittel, Putzmittel, Kleinbildfilmen, Kleber und Farben. Aufgrund mangelnder Studien ist es schwierig genaue Angaben über die Anzahl der Veganer_innen weltweit zu machen. Ihre Zahl wird in Deutschland auf etwa 400.000 geschätzt.
Da alleine schon die begriffliche Fixierung des Begriffs vegan zeigt, welche Schwierigkeiten sich für Veganer_innen in einer nichtveganen Mehrheitsgesellschaft ergeben stellt sich natürlich die Frage, weshalb sich Menschen dafür entscheiden vegan zu leben.
Nicht selten wird ein Supermarktbesuch einem Gang in die Bibliothek ähneln, da in viele Produkte tierliche Erzeugnisse gemischt werden. Selbst bei Dingen die mensch nicht für möglich hält, wie zum Beispiel Fischpulver in Chips, Milchpulver in Nussnugat, Eipulver in Kartoffelgerichten und so weiter. Bei veganen Schuhen oder Kosmetika ohne Tierversuche gestaltet sich die Suche oft noch schwieriger. Einerseits könnte mensch dies jetzt als eine Art der Selbstkasteiung betrachten. Andererseits kann die vegane Lebensweise auch als politisches Mittel betrachtet werden die eben genau die genannten Produkte, Traditionen und Verhaltensweisen unserer, auf Tierausbeutung basierenden Gesellschaft ablehnt. Dass es sich bei Veganismus um eine politische Entscheidung handelt und nicht um Selbstkasteiung oder gar um eine Essstörung soll nachfolgend kurz verdeutlicht werden. Schliesslich würde auch niemand ernsthaft einen politischen Hungerstreik als Essstörung bezeichnen.
Da es für die vegane Lebensweise viele Gründe gibt, werden folgend nur einige herausgegriffen um die politische Dimension dieser Lebensweise zu verdeutlichen.
Viele Veganer_innen stellen ihre Lebensweise in direkte Opposition zur Ernährung die auf tierlichen Produkten basiert. Die Tatsache, dass ohne den Konsum tierlicher Produkte auch die Lieferanten dieser Produkte, nämlich die Tiere von diesem Planeten verschwinden würde kann an deren Zahl gemessen werden. So gibt es zur Zeit etwa 1,5 Milliarden Rinder auf der Welt. Ihre Gesamtmasse übersteigt die aller Menschen. Weltweit werden zudem ca. eine Milliarde Schweine gehalten und Deutschland ist nach China und den USA der drittgrösste Produzent von Schweinefleisch weltweit. Mit 28.403.000 Litern Milch ist Deutschland der fünftgrösste „Produzent“ von Kuhmilch weltweit. Nur in China, Indien, USA und Russland wird noch mehr Milch produziert. Diese Zahlen sind umso erstaunlicher, wenn mensch die genannten Länder miteinander vergleicht, was deren Fläche und Einwohner_innenzahl angeht. Von ca. 140 Millionen Tonnen Fisch die jährlich gefangen werden sind dies in Deutschland zwar nur einen Million Tonnen, umgerechnet sind aber trotzdem über 200 Millionen Fische. Für Geflügelfleisch werden weltweit ca.175.169.660.000 Hühner ermordet und die Zahl der Legehennen in Deutschland liegt bei etwa 44 Millionen. Diese müssen 12,2 Milliarden Eier für den menschlichen Verzehr produzieren. Alleine in Deutschland werden jedes Jahr 500 Millionen Tiere geschlachtet, das sind jede Sekunde 14.
Doch was sollen all diese Zahlen die ohnehin nur schwer zu merken und angesichts ihrer Dimension noch schwer vorstellbar sind? Die genannten Zahlen sollen das Ausmass der Produktion tierlicher Produkte in Deutschland und weltweit verdeutlichen. Dass diese unvorstellbar grosse Zahl an Nutztieren weltweit Auswirkungen auf das Ökosystem dieses Planeten hat liegt auf der Hand. Laut den neusten Untersuchungen des World Watch Institute ist die weltweite Tierindustrie für mindestens 51% der produzierten Treibhausgase verantwortlich. Neben CO2, sind besonders der Methan und Lachgasausstoss durch Mist, Gülle und Wiederkäuerverdauung für den Klimawandel verantwortlich. Somit trägt die Produktion tierlicher Produkte mehr zum Klimawandel bei als der gesamte globale Transport – also mehr als die Summe aller Abgase von Autos, Lastwagen, Flugzeugen, etc. Zudem stellen die Exkremente eine enorme Verschmutzung von Luft und Grundwasser dar und für Futtermittel und Weideflächen werden riesige Regenwaldgebiete abgeholzt.
Neben den Klimaschädlichen Abgasen ist die Tierindustrie auch für die enorme Verschwendung von Pflanzen, Boden, Wasser und Energie wie Öl, Gas und Strom verantwortlich. So werden für die Produktion von einem Kilo Kartoffeln etwa 900 Liter Wasser verbraucht und für ein Kilo Rindfleisch bis zu 16.000 Liter. Bei der Verschwendung von Pflanzenkalorien und Landflächen sind die Dimensionen ähnlich. So werden etwa 16 Quadratmeter Fläche benötigt um ein Kilo Brot herzustellen aber 323 Quadratmeter für ein Kilo Rindfleisch.
Die Futtermittel für die Tierindustrie werden auf Flächen in Südamerika, Afrika und Asien angebaut; auf Ackerflächen, die die Menschen dort für ihre eigene Lebensmittelversorgung benötigen. Enteignung, Vertreibung und Hunger weltweit sind der Preis für das Fleisch und den Joghurt in unseren Supermärkten. Zudem stellt der Konsum von Tierprodukten eine enorme Verschwendung von Lebensmitteln dar, während zugleich täglich tausende Menschen verhungern. Denn Tiere verbrauchen etwa 90 % der Pflanzennahrung, die sie gefüttert bekommen für ihren eigenen Stoffwechsel. D.h. wenn Menschen Pflanzen an Tiere verfüttern anstatt diese direkt zu essen werden ganz konkret Pflanzen, Boden und Wasser verschwendet. Pflanzen, die Menschen als Nahrung dienen könnten, Boden als Ackerfläche und Trinkwasser, an dem es weltweit mangelt.
Eine unfassbare Zahl verdeutlicht die politische Dimension die hinter dem Konsum tierlicher Produkte steckt. So sterben etwa 43.000 Menschen täglich an den Folgen von Hunger. Eine Milliarde Menschen hungern weltweit, während 50% der Getreideernte und 90% der Sojaernte an die sogenannten „Nutztiere“ der Fleisch- und Milchindustrie verfüttert werden. Die Tierindustrie und der Konsum tierlicher Produkte lässt somit weltweit Menschen hungern. Eine gerechtere Verteilung und die Abschaffung des Kapitalismus würde zwar einige der Ursachen von Hunger beheben, der enormen Verschwendung von Ressourcen und der Ruinierung des Klimas und der Umwelt kann jedoch der Veganismus in viel grösserem Ausmasse politisch begegnen. Alleine die ausgewählten Fakten zeigen die politische Dimension des Veganismus und dessen Verknüpfung mit Forderungen nach Humanität, sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und Umweltschutz.
Diejenigen die die Folgen der Tierindustrie am unmittelbarsten zu spüren bekommen sind die Tiere. Sie werden als Ware in allen gesellschaftlichen Bereichen benutzt. Als Rohstofflieferanten für die Lebensmittel- und Bekleidungsindustrie, als Forschungsobjekte, zur Unterhaltung in TV, Zirkus, Zoo und Haus. Alleine in Deutschland werden jede Sekunde 14 Tiere geschlachtet, alle 6 Sekunden wird ein Tier bei der Jagd getötet und alle 15 Sekunden ein Tier im Labor verbraucht. Die Ausbeutung und Ermordung ist leider ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Tiere werden vielmehr als Lebensmittel gesehen denn als Lebewesen.
Durch die Produktion von Fleisch und anderen Tierprodukten werden Tiere gefangen gehalten und als Ware betrachtet. Besonders in der Intensivtierhaltung existieren sie unter schrecklichen Bedingungen. Hühnern werden die Schnäbel verbrannt und sie werden entweder in kleinen Käfigen oder mit tausenden Anderen in engen, dunklen Hallen gehalten, in denen sie oft nicht einmal ihre Flügel ausstrecken können. Die männlichen Kücken werden vergast oder lebendig zerschreddert, weil sie der Industrie nichts nützen. Schweine werden kastriert und ihnen werden die Zähne gezogen – meist ohne Betäubung. Sie werden in viel zu kleine Gitterboxen gesperrt, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können und liegen auf Spaltböden in ihren eigenen Exkrementen. Kühe stehen meist ihr gesamtes Leben in Metallnischen auf Betonböden, ohne Tageslicht und frische Luft. Ihnen werden ihre Kälbchen weggenommen und sie verlassen ihr Gefängnis, wie alle anderen Tiere, erst dann, wenn sie zum Schlachthof transportiert werden.
Fischen und anderen Meerestieren ergeht es nicht viel besser. Meist schwimmen sie zu hunderttausenden in Zuchtbecken in Antibiotika und ihren eigenen Exkrementen. Beim Hochziehen aus dem Meer platzen ihnen teilweise durch Druckverlust Augen und innere Organe. Ein qualvoller Tod durch Ersticken beendet ihr Leben. Hummer und andere „Delikatessen“ werden meist bei lebendigem Leibe in kochendes Wasser geworfen bis sie nach minutenlangem Todeskampf sterben. Die Massentierhaltung fügt Tieren unvorstellbare Qualen zu. In den engen Ställen fressen sie sich z. T. gegenseitig auf oder brechen unter ihrem angezüchteten Gewicht zusammen. Während der Transporte zum Schlachthof sterben viele aus Erschöpfung. Die Anderen werden unter Angst und Stress fliessbandartig zu hunderttausenden getötet.
Tiere sind sensibel und versuchen wie Menschen Schmerzen, Angst und Stress zu entkommen. Jede Tierhaltung widerspricht deshalb den natürlichen Bedürfnissen von Tieren, z.B. der Bewegungsfreiheit, dem Leben in Gemeinschaften oder der Pflege ihrer Babys.
Vieles was bisher gesagt wurde, liesse sich natürlich auch auf die vegetarische Ernährungsweise beziehen, doch warum dann vegan? Allein für die Produktion von Milchprodukten und Eiern wird massenhaft geschlachtet. Männliche Kälbchen und Kücken nützen der Tierindustrie nichts, da sie weder Milch geben noch Eier legen können. Zudem ist das Leben von Hühnern in Legebatterien oder Milchkühen in Ställen ebenso katastrophal wie das von Tieren, die für die Fleischproduktion gehalten werden. Auch sie werden geschlachtet, sobald sie nicht mehr „produktiv“ sind. Eine vegane Lebensweise geht über die vegetarische hinaus und funktioniert völlig ohne tierische Produkte wie Fleisch, Milch oder Eier und andere Arten der Tierausbeutung.
Jede Tierhaltung wird somit überflüssig und tierliches wie menschliches Leid reduziert. Denn alleine der Begriff Tierhaltung beinhaltet bereits, dass wir anderen Lebewesen unseren Willen aufzwingen, nur weil wir dazu in der Lage sind. Veganismus widersetzt sich dieser Verwertungslogik von Lebewesen und lehnt sich umfangreich gegen Herrschaftsstrukturen auf, die die Ausbeutung und Ermordung von Tieren, Menschen und der Umwelt legitimieren. Veganer_innen setzen sich in ihrer Lebensweise deshalb nicht nur für Tiere ein, sondern auch für Menschen und Umwelt.
Ergänzung:Dass Veganismus darüber hinaus auch der menschlichen Gesundheit sehr zuträglich ist, wird von vielen Veganer_innen die ihre Lebensform aus politischen Gründen gewählt haben als positiven Nebeneffekt gerne in Kauf genommen.
Da die Verwendung von Hormonen und Antibiotika heute in der Tierhaltung üblich ist, schadet dies nicht nur Tieren, sondern über den Konsum auch Menschen. Zudem gehen viele Krankheiten auch auf den Konsum tierlicher Produkte und dabei besonders auf tierliches Eiweiss zurück. Zum Beispiel Diabetes, Bluthochdruck, diverse Krebsarten, Herzkreislauferkrankungen, Schlaganfall, Impotenz, Osteoporose, Arthritis, Fettleibigkeit und Lebensmittelvergiftungen. Eine ausgewogene vegane Ernährung gilt als völlig ausreichend und wird heute nicht nur als Prävention gegen einige der genannten Krankheiten empfohlen, sondern zunehmend auch als Therapie.