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Robot Enhancement ist bereits Realität. Es ist an der Zeit, ein Arbeitsgebiet zu gründen, das sich den entsprechenden Aufgaben und Möglichkeiten in systematischer Weise widmet.
Robot Enhancement, so erkläre ich es in einem Wirtschaftslexikon, ist die Erweiterung und damit einhergehende Veränderung oder Verbesserung des Roboters durch den Benutzer bzw. eine Firma, etwa in funktionaler, ästhetischer, ethischer oder ökonomischer Hinsicht. Gemeint ist eine fertige Maschine, also eine, die in einer bestimmten Form vorliegt und erworben werden kann. Das Wort habe ich in Anlehnung an 'Human Enhancement' und 'Animal Enhancement' gebildet, um damit sowohl das Arbeitsgebiet als auch den Gegenstand zu bezeichnen. Eine naheliegende Ausprägung des Robot Enhancement ist das Social Robot Enhancement, bei dem ein sozialer Roboter erweitert bzw. verändert und verbessert wird. Im Folgenden führe ich zunächst einige Fälle an, auf die ich in den letzten Jahren gestossen bin. Dann stecke ich das Arbeitsgebiet selbst ab.
Beispiele für Robot Enhancement
Ein Beispiel für Robot Enhancement (und für Social Robot Enhancement) ist die Ausstattung von Pepper, Nao und Co. mit Kleidungsstücken, Perücken, Schmuck und Accessoires. In einem Artikel in der International Business Times vom 1. Dezember 2015 – die Pepper-Mania hatte gerade erst begonnen – hiess es: "The Rierie online shop exclusively caters to robot couture and accessories for just Pepper, and there are 63 different items for fans to purchase, including a kimono, dresses, a tailcoat with bow tie and a Santa Claus suit, as well as earrings attached using suction pads, wigs, hair ties, hats and eyelashes, blusher and lip stickers to give Pepper a more expressive face."
Wie hoch die Nachfrage war, lässt sich nicht beantworten. Die Website des Anbieters war zum Zeitpunkt des Aufrufs im Mai 2021 "under construction". Im Interview mit dem Magazin hatte der Chef angegeben, das Ganze nicht des Geldes wegen zu tun. Sein Ziel sei vielmehr, die Freude an der Erfahrung der Personalisierung von humanoiden Robotern zu vermitteln. Klingt sympathisch, ist jedoch keine gute Idee, wenn man wirtschaftlich überleben will.
Ein REEM von PAL Robotics wurde in Dubai mit einer Uniform ausgestattet, samt Mütze. Das sollte ihn als Polizeiroboter kenntlich machen und als "Respektsperson" erscheinen lassen. Ähnliches ist einem Pepper bei einer schweizerischen Fluggesellschaft passiert. Für ihn (bzw. sie) wurde die Uniform der Stewardessen massgeschneidert – was diese, wie mir ein Mitarbeiter erzählte, nicht erfreulich fanden. Ihr ganzer Stolz, ein schickes Symbol, an einem Plastikkörper. Äusserlich angepasste soziale Roboter finden sich z.B. im Pflege- oder Altenheim, wobei der "Geburtsname" oft getilgt wird. Das stiftet immer wieder Verwirrung, wenn man auf einen Nao oder einen Pepper stösst, der gar nicht mehr so heisst, obwohl er vom Original kaum zu unterscheiden ist. Zuweilen ist freilich das Innenleben ein ganz anderes – darauf kommt noch die Sprache.
Ein Team des Department of Ethology der Eötvös Loránd University brachte – so das Paper von 2004 – vierundzwanzig erwachsene und sechzehn vier bis fünf Monate alte Hunde in zwei Situationen mit vier verschiedenen Partnern zusammen, einem ferngesteuerten Auto, einem Aibo-Roboter, einem Aibo mit einem nach Welpen duftenden Fellbezug und einem zwei Monate alten Welpen. In der neutralen Situation konnten die Tiere eine Minute lang in einer geschlossenen Arena in Anwesenheit ihrer Besitzer frei mit einem der genannten Partner interagieren. In der spezifischen nahmen sie Futter zu sich. Die Hunde bevorzugten in der neutralen Situation den pelzigen Aibo gegenüber dem normalen Aibo und dem Auto. Dies ist wenig verwunderlich, zumal der erweiterte soziale Roboter nicht nur tierähnlicher aussieht, sondern auch artähnlicher riecht. Hier kann man ebenfalls von Robot Enhancement sprechen. In diesem Fall wird das "Verkleiden" kombiniert mit dem "Beduften".
Die olfaktorische Wahrnehmung von Robotern könnte künftig eine gewisse Rolle spielen. In einer Umfrage, die zwei Studentinnen von mir – Ümmühan Korucu und Leonie Stocker – im Jahre 2020 im Zusammenhang mit Umarmungsrobotern und unserem Huggie-Projekt durchführten (Veröffentlichung der Ergebnisse in 'Soziale Roboter' ), äusserte eine Teilnehmerin den Wunsch, dass der Roboter nach Schokolade duftet. Gerüche kann man ganz klassisch generieren, durch das Mischen und Verbreiten von Stoffen, oder nicht ganz so klassisch durch die elektrische Stimulation des Gehirns, was angeblich vom (höchst umstrittenen) Imagineering Institute in Malaysia beherrscht wird. Man kann aber genauso den Roboter mit Schokolade oder etwas anderem einreiben – man muss freilich darauf achten, dass Lautsprecher und Mikrofone nicht zugekleistert werden und man alles wieder abbekommt (im Zweifel einfach ablecken).
Eine weitere Methode besteht darin, den humanoiden Plastik- oder Metallkopf mit Silikonhaut zu überziehen oder anderweitig zu umhüllen. Dabei muss man – wenn dies nicht standardmässig vorgesehen ist – auf eine mögliche Überhitzung und Einschränkung ebenso achten wie auf eine unbeabsichtigte Wirkung. Manche Produzenten warnen explizit davor, etwas Zusätzliches anzubringen oder überzuziehen, wobei bereits Kleidung ein Problem sein kann. Zwei andere Studentinnen von mir – Vedrana Petrovic und Thao Doan Thi Thu – haben sich in ihrer Abschlussarbeit dem Robot Enhancement verschrieben und dabei diesen Punkt hervorgehoben. Ein brennender Pepper – keine schöne Vorstellung.
Weiter können die Gliedmassen verlängert und verändert sowie die Körper mit Komponenten und Geräten ergänzt werden. Dies ist, wie wir in unserem Buch 'Maschinenliebe' betonen, bei Liebespuppen und Sexrobotern bereits üblich. Harmonys normale Vagina kann man durch eine intelligente Vagina austauschen. Diese misst die Leistung des Benutzers, damit die künstliche Liebesdienerin dann verbales Feedback (womöglich "Du toller Hengst!" oder "Schläfst du bald ein?") geben kann. Ein weiteres beliebtes "Add-on" ist ein Penis. Dadurch verändert sich Harmony fundamental in ihrem Aussehen und in ihren Möglichkeiten. Zudem kann man sie und ihre Kolleginnen und Kollegen noch in der Fabrik mit Sommersprossen, Tattoos und Piercings versehen lassen – das erinnert an die Faux-cils und das Rouge für Pepper. Bei Spot von Boston Dynamics fallen die unterschiedlichen Aufsätze im vorderen und mittleren Bereich auf. Dies können Arme mit Greifern und Waffen sein – oder Kameras, etwa für Polizeieinsätze. Bei beiden Beispielen kann man diskutieren, ob es sich um Robot Enhancement oder einfach um die Ausschöpfung des Angebots handelt.
Nicht zuletzt kann man zuweilen die Software, die Stimme oder die mit künstlicher Intelligenz zusammenhängenden Fähigkeiten substituieren und modifizieren. Dafür hat sich in Deutschland und in der Schweiz bereits eine reiche KMU-Landschaft herausgebildet. Man bringt Pepper, Nao, Cruzr und Paul neue Sätze bei und lässt sie über die Cloud hinzulernen. Sie sind ab Werk ja nicht unbedingt Leuchten. Das kann man indes leicht ändern. Der Grund dafür, dass man das will, ist oft, dass die sozialen Roboter als Serviceroboter in Einkaufszentren, auf Messen oder in Bibliotheken eingesetzt werden sollen und sie spezifisches Wissen benötigen, zur Organisation, zu Produkten und Medien und zu den Kunden. Nicht zuletzt kann man ihnen neue Körperbewegungen bzw. Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen sowie neue Aktionen beibringen. Lio, der für Pflege und Therapie gedacht ist, hat während der Corona-Pandemie – dies erwähnen wir in einem Artikel – das Desinfizieren von Klinken und Knöpfen erlernt.
Robot Enhancement als Arbeitsgebiet
Der Begriff des Robot Enhancement kann genauer definiert, das Arbeitsgebiet weiter systematisiert werden. Neben Social Robot Enhancement könnte – unter Verwendung einer anderen Einteilung – Industrial Robot Enhancement und Service Robot Enhancement treten. Industrieroboter sind meistens keine sozialen Roboter, wobei Co-Robots (Cobots) mindestens als Zwischenform gelten können. Serviceroboter wie Transportroboter werden ebenfalls oft ohne soziale Fähigkeiten konstruiert – manchmal haben sie aber solche, wie Relay mit seinen Augen und Geräuschen. Pflege- und Therapieroboter sind allemal soziale Roboter.
Wenn ein Arbeitsgebiet entstehen soll, muss darauf geachtet werden, welche verwandten Bereiche – wie die Theorie des Tunings – es bereits gibt. Von diesen kann man sich einerseits abgrenzen, man kann andererseits auf sie zugehen und sie zur Zusammenarbeit bewegen. Die genannten Methoden sind mehrheitlich nicht neu – der entscheidende Punkt ist, dass sie sich auf Roboter, insbesondere soziale Roboter, beziehen, die spezielle Anforderungen stellen. Das Arbeitsgebiet kann man der Robotik (respektive der Sozialen Robotik) zuordnen, womöglich aber auch einer anderen Disziplin, beispielsweise der Prothetik, der Informatik und der Künstlichen Intelligenz.
Im Arbeitsgebiet namens Robot Enhancement kann man weitere Ansätze identifizieren und evaluieren. Im Moment stehen im Anwendungsbereich vor allem die Ausstaffierung mit Kleidung und Accessoires, die Ergänzung mit Komponenten und die programmiertechnische Erweiterung im Fokus. Manche der Methoden kann man kombinieren, etwa wenn Pepper auf seine Mütze und seine Perücke oder Harmony auf ihren Penis aufmerksam macht. Man kann zudem in ganz neue Richtungen denken: Robot Enhancement durch Kombination oder durch Transformation von Robotern.
Robot Enhancement kann sich, wie deutlich wurde, auf Roboter beziehen, die für Menschen geschaffen und an Tieren erprobt wurden. Grundsätzlich lässt es sich nicht vermeiden, dass sich Maschinen und Tiere begegnen. Einige soziale Roboter werden zudem speziell für Unterhaltung und Ertüchtigung von Haustieren konzipiert. Auch für sie mag Robot Enhancement eine Option sein. Da sich insgesamt andere Anforderungen ergeben, gliedert sich das Arbeitsgebiet in ein Robot-for-Animals Enhancement und ein Robot-for-Humans Enhancement. Beide können sich gegenseitig befruchten.
Die Zukunft von Robot Enhancement
Damit sind nur einige Beispiele genannt (wie wäre es mit Mund-Nasen-Bedeckungen für soziale Roboter, damit sie ein Vorbild sind, oder mit fahrbaren Untersätzen für Standmodelle wie Moxie?) und erste Grundzüge eines Arbeitsbereichs umrissen worden. Es gibt noch viel mehr zu tun. Manche werden bezweifeln, dass Robot Enhancement eine Zukunft hat. Vielleicht haben sie Recht – vielleicht können sie aber auch eines Besseren belehrt werden. Andere werden einwenden, dass lediglich eine Praxis notwendig ist, keine Disziplin (die sich eines Tages etablieren mag). Das überschätzt vielleicht die Praxis, die von einer systematischen, kritischen Reflexion durchaus profitieren kann.
In dem genannten Lexikon resümiere ich wie folgt:
"Robot Enhancement spielt insbesondere bei sozialen Robotern eine Rolle, die sich weltweit verbreiten, die eine gewisse Uniformität besitzen und die man an Anwendungsfelder und Bedürfnisse anpassen und für den eigenen Gebrauch markieren will. Man kann dadurch eine Maschine menschlicher und individueller wirken lassen. Zudem kann man ein Geschlecht und ein Alter zuschreiben. Nicht immer ist die Veränderung eine Verbesserung, vor allem dann nicht, wenn das Original dafür technisch gar nicht vorgesehen ist. Es besteht die Gefahr, dass es Schaden nimmt und sein Nutzen eingeschränkt ist."
Ich bin allerdings weniger skeptisch als ich selbst. Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit Robot Enhancement beschäftigen und in den nächsten Monaten und Jahren den einen oder anderen Vorschlag unterbreiten. Und wenn das Arbeitsgebiet mit diesem Namen nicht zum Fliegen kommt, bleibt immer noch die Anwendung.
Autor Oliver Bendel lehrt und forscht als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) mit den Schwerpunkten Wissensmanagement, Wirtschaftsethik, Informationsethik und Maschinenethik. Er hat unter anderem das Buch "Pflegeroboter“ (Springer) herausgegeben. Laufend werden Beiträge des von ihm herausgegebenen "Handbuchs Maschinenethik“ (Springer) publiziert. Weitere Informationen über www.oliverbendel.net, www.informationsethik.net und www.maschinenethik.net.