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Warum John Mbiti, der Theologe und ehemalige Pfarrer von Burgdorf «Vater der afrikanischen Theologie» genannt wird. Und warum die Bibel eigene kulturelle Übersetzungen braucht.
WOZ: Herr Mbiti, Sie haben das Neue Testament in Ihre Muttersprache Kiikamba übersetzt. Warum?
John Mbiti: Englische und amerikanische Missionare haben 1956 bereits eine Übersetzung publiziert. Doch Kiikamba war nicht ihre Muttersprache. Entsprechend viele orthografische und syntaktische Fehler machten sie. Zudem haben sie als Vorlage die sogenannte King-James-Bibel von 1661 genommen. Ich habe sie direkt aus dem Griechischen übersetzt.
Warum war das für Sie so wichtig?
Viele Bibeln, die noch immer in Afrika kursieren, sind eurozentrisch. Es ist mir wichtig, dass sich die Menschen in ihrer Muttersprache mit der Bibel auseinandersetzen und beten können – und nicht mit Worthülsen, die nur für die Missionare einen Sinn ergeben. Kiikamba wird immerhin von rund fünf Millionen Menschen gesprochen in einem Gebiet, das grösser ist als die Schweiz und sich über Kenia nach Uganda und Tansania erstreckt.
Hat das Übersetzen Ihren Glauben verändert?
Ja, eindeutig. Ich habe Jesus vom ersten Vers des Matthäus bis zum letzten Teil der Offenbarung begleitet. Durch die Übersetzung ist er für mich noch lebendiger geworden.
Sie selber sind als Bauernsohn neunzig Kilometer östlich von Nairobi aufgewachsen. Wie kam es dazu, dass Sie Theologie studierten?
An Gott als lebendes und schöpfendes Wesen habe ich schon immer geglaubt. Aber ich hatte 1952 eine Erscheinung: Ich studierte damals in Uganda Englisch und Geografie. Während der Semesterferien bei meinen Eltern in Kenia drang aus dem Küchenhaus ein grelles Licht, obschon wir keine Elektrizität hatten. Als ich nachsehen wollte, erlosch das Licht, und ich hörte eine Stimme, die mir sagte, ich solle Theologie studieren. Ob die Stimme von innen oder aussen kam, weiss ich nicht. Das spielt auch keine Rolle. Aber ich glaube, dass Jesus zu mir gesprochen hat. Ich schloss mein Studium in Kampala ab und reiste mit einem Stipendium der US-amerikanischen Regierung in die USA, um Theologie zu studieren.
Sie werden «Vater der afrikanischen Theologie» genannt. Warum?
Ich war der erste Theologe, der von «afrikanischer Theologie» gesprochen hat, und zwar in meiner 1963 in Cambridge erschienenen Dissertation. Anschliessend habe ich an der Makerere-Universität in Kampala in Uganda Afrikanische Theologie gelehrt und zahlreiche Artikel und Bücher darüber geschrieben. Andere Theologen haben den Ausdruck übernommen.
Was bedeutet «Afrikanische Theologie»?
Biblische Geschichten und religiöse Vorstellungen müssen kulturell übersetzt werden, damit sie verständlich sind. Die europäische Perspektive ist manchmal sehr weit weg von der afrikanischen Realität. Jede Sprache hat eigene Ausdrücke, jede Kultur eine andere Perspektive auf die Welt. Inzwischen sprechen wir auch von europäischer, asiatischer, indischer oder gendergerechter Theologie.
Sie haben verschiedene Bücher über traditionelle afrikanische Vorstellungen von Gott publiziert und über afrikanische Gebete geschrieben. An wen richten sich diese Gebete?
An Gott. Alle afrikanischen Völker glauben an Gott. Ich habe Hunderte von Berichten von Einheimischen, Missionaren und Ethnologen gesammelt, aber auch selbst in verschiedenen Kulturen geforscht. Es gibt keinen Zweifel, dass die afrikanische Religiosität auf einem monotheistischen Gott begründet ist.
Woran glauben Sie?
Ich bin Christ. Ich glaube an Gott als den Schöpfer aller Dinge und an Jesus Christus.
Glauben Sie alles, was in der Bibel steht? Auch an die Auferstehung?
Wer bin ich schon, um zu sagen, dass die Menschen, die die Auferstehung bezeugt haben, lügen? Die Wahrheit ist nicht immer so klar. Kann eine Erscheinung nicht auch real sein? Die Auferstehung war für die Menschen, die sie erlebt haben, real. Ob sie eine Erscheinung war oder nicht, spielt keine Rolle. Was Realität ist, kann relativ sein.
Braucht Religion eigentlich eine Kirche?
Ich kann nicht sagen, dass die Schweiz die Kirche braucht. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Aber ich bin sicher, das ist nur eine Phase, die sich wieder ändern wird. In Russland oder China, wo die Kirche verboten war, wird die Religion immer wichtiger. Und es sind die Kirchen, die das Christentum tragen.
Braucht Afrika die Kirche?
Religion ist in Afrika überall tief verwurzelt. Die Christen lesen die Bibel regelmässig, kennen sie gut und zitieren sie im täglichen Gebrauch. Die Kirchen sind aus den Gesellschaften nicht mehr wegzudenken; sie tun sehr viel. Ich meine nicht nur diakonische Angebote wie Gefangenenbesuche oder Pflege von Alten. Ich meine auch die Predigt von christlichen Geboten. Die Kirchen predigen Frieden, Versöhnung und Vergebung im Zeichen der Nächstenliebe. Und sie wollen die Schöpfung bewahren. Deshalb ist auch beispielsweise Umweltschutz ein christliches Anliegen.
John Mbiti (84) ist auf einem Bauernhof in Kenia aufgewachsen und hat in Uganda, in den USA und in Britannien studiert. Seit vierzig Jahren lebt er in der Schweiz. Mehrere seiner Bücher gelten als Standardwerke zur afrikanischen Religion, so etwa «Afrikanische Religion und Weltanschauung» (1974).