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Lebensphasen
„Es ist am Morgen vierfüssig, am Mittag zweifüssig, am Abend dreifüssig. Von allen Geschöpfen wechselt es als einziges die Zahl seiner Füsse; aber wenn es die meisten Füsse bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder am geringsten.“ (Rätsel der Sphinx für die Thebaner)
Der Lebensweg, von der Befruchtung der Eizelle bis zum Tod, ist ein kontinuierlicher Prozess der Veränderung. Dieser Prozess kann in Abschnitte unterteilt werden. Jede dieser Phasen bringt unterschiedliche Veränderungen in unserer Entwicklung mit sich und hält verschiedene Herausforderungen für uns bereit. Können diese nicht gemeistert werden, behindert dies die Entwicklung, wir erfahren eine Krise oder auch eine Krankheit.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird das Leben eines Menschen in sieben- (bei Frauen), bzw. in acht-Jahresschritte (bei Männern) unterteilt[1].
In der westlichen Medizin wird auch Rücksicht darauf genommen, in welcher Lebensphase ein Mensch steckt; so haben sich beispielsweise Kinder- und JugendmedizinerInnen auf Probleme und Krankheiten von Kindern spezialisiert, und die Geriatrie behandelt spezifisch ältere Menschen. In der Psychologie breit angewendet und auch für die Shiatsu-Praxis sehr hilfreich ist das Stufenmodell des Psychoanalytiker-Paars Erik H. Erikson und Joan M. Erikson, welche die menschliche Entwicklung in acht Stadien einteilen.
Während jedes dieser Stadien nach Erikson erlebt eine Person eine Krise, die sich positiv oder negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann. Diese Krisen sind psychosozialer Natur, weil sie die psychologischen Bedürfnisse des Individuums in Konflikt mit den Bedürfnissen der Gesellschaft (sozio-) bringen. Jede Stufe muss mittels Anpassungsleistungen neu gemeistert werden. Der erfolgreiche Abschluss jeder Stufe führt zu einer gesunden Persönlichkeit und dem Erwerb von Grundtugenden, welche das Ich nutzen kann, um nachfolgende Krisen zu bewältigen.
Wird eine Stufe nicht erfolgreich abgeschlossen, kann dies zu einer verminderten Fähigkeit führen, weitere Stufen zu absolvieren und damit zu einer eher fragileren Konstitution und einem eingeschränkten Selbstgefühl. Unvollständig gemeisterte Phasen können jedoch auch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgreich aufgelöst werden.
Stufenmodell nach Erikson:
Als sie selbst ein sehr hohes Alter erreicht hatten, schlugen die Eriksons eine Ergänzung des Modells mit einer neunten Phase vor, in der Menschen nochmals alle vorhergehenden Phasen durchlaufen, um sie schliesslich im Tod zu transzendieren.
Ganz offensichtlich ist es wenig sinnvoll, diese zwei unterschiedlichen Modelle der Einteilung eines Lebens einander gegenüberzustellen. Für Shiatsu-TherapeutInnen kann es aber hilfreich sein, sich an diese Modelle zu erinnern, wenn sie ihre KlientInnen begleiten. Symptome können so in einen Bezug zu der jeweiligen psychosozialen (nach Erikson) oder energetischen Lebensphase (nach TCM) gesetzt und die KlientInnen zielgerichteter in ihrem Prozess unterstützt werden.
Für uns alle mag es hilfreich sein zu wissen, dass der Zyklus des Lebens nicht beschleunigt oder verlangsamt werden kann. Auch wenn einige Phasen mehr Freude zu machen scheinen als andere, haben alle Aspekte ihre Gaben und ihr Gold. Indem wir still werden und mit dem Mitgefühl und der Fürsorge, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden, beobachten, was für uns wirklich gegenwärtig ist, bringen wir unsere Präsenz sanft in unser Inneres. Wenn wir mit dem sein können, was ist, ohne zu urteilen, kann dies den natürlichen Entwicklungsprozessen des Lebens erlauben zu geschehen. Paradox ist, dass die Spannung, die entsteht, wenn wir die Dinge anders haben wollen, genau die Veränderungen verhindern kann, die wir uns wünschen.
In kommenden Blogbeiträgen werden wir die einzelnen Lebensphasen, und wie wir ihnen im Shiatsu begegnen, detaillierter beleuchten.
[1] Huangdi Nei Jing Su Wen, Kapitel 1
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