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Sprechen Sie Unterschicht?
Neulich las ich in der «Neuen Zürcher Zeitung» ein ziemlich schlechtes Portrait über den ziemlich schrecklichen Herrn Steinbrück. Um dessen unbeholfene Grossspurigkeit als «blendende Rhetorik» misszuverstehen, muss man jenes Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Hochdeutsch sprechenden Menschen haben, das viele meiner deutschschweizerischen Kompatrioten leider an den Tag legen. Gleichzeitig tauchte in besagtem Artikel das Wort «Zephyr» auf. Eigentlich ein hübsches Wort – kommt aber darauf an, wer es wo verwendet. In der «Neuen Zürcher Zeitung» fungierte es vor allem als sozialer Indikator: als Signal jener middle-class pretentiousness, die die «Neue Zürcher Zeitung» eben bisweilen auszeichnet. Denn für die Wahl der Worte, meine Damen und Herren, gilt das Gleiche wie für die Wahl der Garderobe: Wenn sie blendet, wie die Hand des Protzigen von Juwelen, dann wirkt sie nur aufdringlich, lästig, fast ordinär.
In den Worten von Bonaparte, der Berliner Visual-Trash-Punk-Band des Schweizers Tobias Jundt: Words are my big obsession. Ja, ich weiss, das ist ein bisschen nerdy, aber ich liebe Wörter. Natürlich nicht alle. Aber einige. Zum Beispiel das Wort «Erdungsgarnitur», was ich oben für Sie am Zürcher Bahnhof Hardbrücke fotografiert habe. «Passagierdrehtrommel» ist auch kein schlechtes Wort. Oder «Wrasenbildung». Wenn ich so ein Wort entdecke, flüstere ich es manchmal vor mich hin; ein wenig in der Art von Brick Heck aus «The Middle». Da wir beim Fernsehen sind: Miranda Hart, Schöpferin der BBC Sitcom «Miranda», hat ebenfalls eine Schwäche für Wörter: «clutch», zum Beispiel, oder «awkward». Und, da wir in England sind: Vor über 50 Jahren veröffentlichte Nancy Mitford in der britischen Zeitschrift «Encounter» ihren Artikel «The English Aristocracy». Frau Mitford, Jahrgang 1904, wusste, wovon sie schrieb, denn sie war eines der berüchtigten Mitford-Geschwister, das älteste von sieben Kindern des 2. Baron Redesdale, Mitglied des britischen Oberhauses. Und die Grundaussage von Nancy Mitfords Essay über die englische Aristokratie ist, dass man die Mitglieder eben dieser Upper Class vor allem an ihrem Wortschatz erkennt, egal, ob sie in einem Anwesen namens Stratfied Saye oder in einer Sozialwohnung leben. Zum Zwecke der Unterscheidung bedient sich Frau Mitford der Unterteilung des Vokabulars in «upper class» (U) und «non upper class» (non-U). Zum Beispiel sagt man, wenn man zur Upper Class gehört, nicht «toilet», das wäre non-U, sondern «lavatory» oder «loo». Eine Dame trägt nicht «perfume», sondern «scent». Man lebt nicht in einem «home», sondern in einem «house» (auch wenn es sich dabei um einen council estate handelt).
Bei dieser Klassensprache geht es nicht um Manierismen und Höflichkeiten. Die Damen und Herren der Upper Class sagen nicht «Pardon?», wenn sie ihr Gegenüber nicht verstanden haben, sondern: «What?» Sie sagen auch nicht «Pardon!», wenn sie beim Vorübergehen jemanden versehentlich touchieren, sondern: «Sorry!» Sie sagen auch nicht «Pardon!», nachdem sie einen Schluckauf bekamen, sondern: gar nichts. Euphemismen sind ebenfalls grundsätzlich kein Bestandteil des U-Codes. Nachdem Tante Millie das Zeitliche gesegnet hat, sagt man nicht: «she passed away», das wäre non-U, sondern schlicht: «she died». Diese von der Mittelklasse vielleicht gelegentlich als herablassend oder ruppig empfundene Ausdrucksweise ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass, wie Frau Mitford schreibt, die Upper Class gegen Scham immun ist, denn: «Scham ist ein bourgeoises Konzept.»
U und Nicht-U
Im deutschsprachigen Raum ist die Haltung bei allen Schicht- und Klassenfragen das genaue Gegenteil des angelsächsischen Pragmatismus: Wer die reine Faktizität einer gesellschaftlichen Schichtung feststellt, ohne das mit gleichmacherischen Umsturzgedanken oder wenigstens Konzepten zur ausgleichenden Gerechtigkeit zu verbinden, ist tendenziell böse. Aber wer sagt eigentlich, dass man eine sprachliche Klassengrenze nicht auch fürs Deutsche ziehen könnte? Wir versuchen das jetzt mal. Wobei wir die Unterscheidung zwischen U-Vokabeln und Nicht-U-Vokabeln übernehmen, nur dass bei uns «U» nicht für «Upper Class» steht, sondern für «Unterschicht». Das wäre also quasi genau umgekehrt wie bei Nancy Mitford, deren Intuition und Sprachscheidungskriterien wir ansonsten folgen wollen. Namentlich folgen wir einem ihrer wichtigsten Grundgedanken: Kurzformen sind häufig Unterschichten-Code, weil sich darin unnötige Hast bzw. Faulheit ausdrückt. Auf das Deutsche angewendet heisst das: «Schampus» ist U (= Unterschicht), «Champagner» ist Nicht-U; «Flieger» ist U, «Flugzeug» ist Nicht-U; «AB» ist U, «Anrufbeantworter» ist Nicht-U. Eine Geläufigkeit mit vermeintlichen Errungenschaften des modernen Lebens ist der Oberschicht mentalitätsmässig sowieso hochgradig suspekt, und deshalb ist und bleibt das schlimmste Unterschichtwort: «Handy». Hier kommt erschwerend hinzu, dass es sich auch noch um Idiotenenglisch handelt, und Idiotenenglisch liegt auch vor, wenn angelsächsische Vokabeln mit dem Geschlecht ihres vermeintlichen deutschen Pendants versehen werden, also beispielsweise: «die Mail» (oder, noch sinnloser: «die SMS»). Der sich darinnen ausdrückende Provinzialismus ist vollkommen U. Die korrespondierende Nicht-U-Variante lautet «das E-Mail» oder «das SMS» (streng genommen eigentlich: «die Textnachricht»).
Ein aktuelles Dokument eines schichtenspezifischen, geschlossenen Sprach-Codes ist das Erinnerungsbüchlein der Gattin des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten, Bettina Wulff. In diesem Büchlein, zutreffend «Jenseits des Protokolls» tituliert, zeigt sich Bettina Wulff als eine Frau, der man wenig Eigenschaften zuschreiben kann, namentlich wenig interessante. Sie scheint vor allem eins zu sein: sehr, sehr deutsch. Frau Wulff benutzt Wörter wie «aufpeppen», «Beuteschema» oder «wuppen»; sie artikuliert sich im typischen Code der deutschen Mittelklasse, die mit Air Berlin in die Ferien fliegt und «Keinohrhasen» einen lustigen Film findet und damit hausieren geht, sich für Fussball zu interessieren und eine biedere Tätowierung zu tragen, die sie, wie Frau Wulff, «Tattoo» nennt.
Man kann die soziale Schichtung aufgrund der gesprochenen Sprache einem Bildungsdünkel zuschreiben oder snobistisch nennen, aber sie rekurriert zweifellos eher auf innere Werte als die Schichtung nach dem Einkommen oder der körperlichen Attraktivität. Eine andere Frage ist freilich die der sozialen Mobilität. Sachverständige vertreten die Auffassung, dass es in England für Aussenstehende niemals vollständig zu schaffen sei, sich den Code der Upper Class anzueignen; die Ohren der Aristokratie sind so scharf, dass eine einzige falsche Vokabel, Phrase oder Betonung ausreicht, sich zu verraten. Man kann sich ein Leben lang abmühen und jagen und reiten und wohltätig sein, und dann wird man nach Althorp eingeladen und sagt dort einmal «note-paper» statt «writing-paper», und schon ist alles aus. Das ist hierlands anders. Man muss nur aufmerksam zuhören und danach trachten, aus seiner eigenen Sprache alles Klischeehafte, jede Prätention, alle Abkürzungen, sämtliche politisch korrekten Euphemismen und jede Form von Idiotenenglisch zu verbannen. Und wenn Sie dann bei Starbucks am Flughafen stehen und Ihr PR-Berater kommt auf Sie zu und sagt: «Na, alles fit im Schritt? Ich hab’ schon dreimal auf dein Handy angerufen, war aber nur der AB dran, jedenfalls hab’ ich ’ne Mail bekommen, der Flieger geht erst morgen um zwei, also alles im grünen Bereich!» – dann tun Sie einfach das, was Nancy Mitford als letzte Möglichkeit der Aristokratie bezeichnet hat und was mir persönlich auch bei Herrn Steinbrück das Liebste wäre: Schweigen.