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Den allergrößten Teil dieser Sinnsuche verwendet Kanitscheider darauf, die unzähligen, Normativität und Allgemeinheit beanspruchenden Sinnkonzepte zu destruieren. Der Mensch erfuhr (nach Freud) mehrere elementare Kränkungen: Er musste durch Kopernikus auf den von ihm beanspruchten Mittelpunkt der Welt verzichten, wurde durch Darwin zu einem Tier unter anderen und erfuhr durch Freud, dass er auch „im eigenen Hause“ nicht die Kontrolle über sein Tun besitzt (ob letztere „Kränkung“ tatsächlich mit den anderen beiden in dieser Form verglichen werden kann sei dahingestellt). Als Kompensation für die Verbannung in die kosmische Kontingenz bemühte sich der Mensch um eine Art geistige Ewigkeit, die wenigstens für alle Zukunft das Sein unseres kohlenstoffbasierten Organismus garantieren sollte. Man entdeckte ein Art Telos, das dieser Welt inhärent sei und dessen Erreichen im Wesentlichen vom Menschsein abhängig ist (wenn es nicht schon im Menschen an sich seine endgültige Begründung erfährt). Die Bestimmung des Zieles musste allerdings immer wieder modifiziert werden, weil sich die Vorstellung von Raum und Zeit durch die wissenschaftliche Forschung fundamental geändert hatte. Das Ziel (wie auch der Gottesbegriff) verlagerten sich in ein raumzeitliches Nirgendwo, bis schließlich dieses Verfahren mit Recht immer mehr der Kritik anheim fiel, weil man darin eine für Dogmen typische Immunisierungsstrategie erkannte.
Nichts erträgt der Mensch offenbar schwerer als seine eigene, grundlegende Unwichtigkeit (die angesichts der kosmischen Unendlichkeiten eine Evidenz gewinnt, der man sich nur durch die Negierung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse entziehen kann): So bildete gerade die Wissenschaft für neue Teleologien den Anlass. John A. Wheeler sah durch die Quantenphysik die Rolle des Menschen als konstituierendes kosmisches Element gegeben: Erst die Beobachtung lässt die Teilchen manifest werden, ohne diesen (menschlichen) Beobachter würde das gesamte Universum nur in einem virtuellen Überlagerungszustand existieren. Interessanterweise ist diese Weltsicht nichts anderes als alter, idealistischer Wein in neuen Schläuchen, das Subjekt konstituiert das Objekt, eine subjektunabhängige Welt kann es gar nicht geben (man fühlt sich an Berkeley – oder schlimmer – den Deutschen Idealismus erinnert). Dies aber ist nur ein Beispiel für die verzweifelt anmutenden Versuche* des Homo sapiens, um seiner offenkundig ephemeren Existenz irgendeine Art von (ewiger) Dauer und damit Sinn zu verleihen (nachdem die theologischen Modelle immer mehr an Akzeptanz verloren haben). Eigenartigerweise glaubt der Mensch, Sinn nur über metaphysische Kategorien erreichen zu können, unter einem „sub specie aeternitatis“ pflegt er es nicht zu tun.
Doch genau hierin liegt das Problem dieser Haltung: Es ist lächerlich zu glauben, dass all unser Tun, unser Glück, unsere Freude nur durch eine so konstruierte Ewigkeit Bedeutung erlangen würde. Kanitscheider plädiert für alte Weisheiten, für das aktive, hedonistische Leben eines Aristipp von Kyrene, für die Gelassenheit eines Epikur, der allen externen Sinngebungen misstraute, das unmittelbare Erleben propagierte. Wobei die Vernunft – wie Hume (zum Leidwesen bzw. Unverständnis von Popper) betonte – dieser Sinnlichkeit dienen solle: Indem sie die für die Erreichung dieser Ziele entsprechenden Mittel bereitstellt (selbst allerdings nie zwecksetzend werden kann). Nirgendwo folgt aus dieser lebensbejahenden, die Immanenz betonenden Lebensweise ein amoralischer Nihilismus: Die Freude an Freundschaft, Liebe und Zuneigung ist von der Setzung eines transzendenten Zieles gänzlich unabhängig. Tatsächlich leben ohnehin die meisten Menschen längst ohne alle Transzendenz: Unglück wird nicht mehr durch die Angst vor dem Höllenfeuer verursacht, sondern vielmehr durch (gesellschaftlich anerkannte und bedingte) Ziele, die sich für den einzelnen schließlich als enttäuschend und leer erweisen. Und der Weg zur Enttäuschung war keiner, der Befriedigung in sich getragen hätte: Die epikursche Skepsis bezüglich der externen Sinngebungen, ihr Hinterfragen kommt meist zu spät (oder gar nicht).
Das Buch ist äußerst lesenswert – vor allem dort, wo es um die Kritik an den herkömmlichen Sinnfindungen geht. Dem Leben in einem sinnentleerten Universum widmet der Autor ohnehin nur ein Kapitel: Mit den oben erwähnten Schlussfolgerungen einer „antiken“ Lebensweise. Diesem Konzept kann man sich anschließen.
*) Ein anderes Beispiel ist das sogenannte „starke anthropische Prinzip“, das davon ausgeht, dass das Universum intelligentes Leben hervorbringen muss. Sämtliche kosmische Parameter sind daher nicht zufällig, sondern müssen dieses Prinzip unterstützen. Das schwache anthropische Prinzip ist hingegen eine Tautologie: Es besagt, dass, weil es uns gibt, die Parameter mit unserer Existenz vereinbar sein müssen. Man sagt das voraus, was man bereits weiß. – Die Tatasche, dass nur geringfügig vom status quo abweichende Bedingungen (in Bezug auf die vier Grundkräfte oder die Teilchenmassen) Leben in der bekannten Form verunmöglichen würden, lässt solche Ideen ins Kraut schießen: Es erinnert zum einen ein wenig an die Diskussion über die „Unwahrscheinlichkeit menschlichen Lebens“ (unwahrscheinlich dann, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch genau so sich hat entwickeln müssen, wodurch einzig auf eine anthropozentrische Haltung verwiesen wird), zum anderen sind keine Theorien bekannt, die etwa das Entstehen der Kräfte oder Teilchenmassen in irgendeiner Form beschreiben (oder zeigen, dass andere Verteilungen möglich wären). Hier bewegt man sich auf einer rein spekulativen Ebene, die von metaphysischen Geistern so lange frequentiert wird, wie sich keine wissenschaftlichen Erklärungen finden lassen. (Das „Wunder“ der Sonnenenergie hatte auch Gott zum Verursacher, bis sich die Atomphysik dieses Wunders annahm.)
Bernulf Kanitscheider: Auf der Suche nach dem Sinn. Frankfurt a. M.: Insel 1995.