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Alle würden sich immer nur für die vorzeitig verstorbenen und ermordeten Ehefrauen des notorischen Gattinnen-Entledigers Henry VIII interessieren, niemand für die Frau, die den englischen Reformations-König erfolgreich überlebt habe, sagt die schwedische Schauspielerin Alicia Vikander.
Darum habe sie das Drehbuch des algerisch-brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz sofort angesprochen. Es brauche wohl den Aussenblick auf nationale Monumente, hat Vikander auch erklärt. Gegenüber der schwedischen Geschichte hätte sie wahrscheinlich einen voreingenommenen Blick.
Vikander ist eine überzeugende Catherine Parr. Dafür sorgt nur schon die Kostümabteilung dieses grosszügig ausgestatteten Historiengemäldes. Aber auch die Sprache der Killing Eve-Drehbuchautorinnen Henrietta und Jessica Ashworth, die auf jegliche historisierende Sentenzen verzichtet.
Der Film rekonstruiert Schlösser und Landschaft, höfische Gewänder, Schmuck, Wald und Wiesen und den allgemeinen Auftritt der historischen Figuren getreu den zeitgenössischen Gemälden des 16. Jahrhunderts. Gedankengänge, Vokabular und Redegestus der Figuren aber sind modern, bis in die Psychologie hinein.
Das macht diesen Film unter anderem zu einem pompös grauslichen Stück über die ultimative häusliche Gewalt. Jude Law als Henry VIII bezeichnet sich selbst als Stellvertreter Gottes und er benimmt sich auch so.
An seinem Hof ist niemand seines Lebens sicher, schon gar nicht seine Frauen.
Seine Launen, seine Paranoia, aber auch seine Einsamkeit und sein seit Jahren von schwärenden Wunden geplagtes Bein machen Henry zu einem unberechenbaren Monster in shakespearschen Dimensionen.
Und zum Prototypen des «domestic abusers», dem niemand in seiner Umgebung Paroli bietet.
Ausser Catherine, seine letzte Frau. Sie ist überzeugt, dass es ihre Bestimmung sei, diese Ehe zu erleiden, um einen positiven Einfluss auf den König auszuüben und religiöse Reformen im Land voranzutreiben.
Während viele Shakespeare-Inszenierungen und -Verfilmungen der letzten Jahrzehnte ähnlich gearbeitet haben, mit sprachlicher Modernisierung, moderner Psychologie oder gar einem Transfer der Konstellationen in zeitgenössische Verhältnisse, nimmt sich dieser Film die Freiheit, die Prächtigkeit seiner Ausstattung und den Horror der Machtausübung zu einem einzigen, grossen, jederzeit zum Bersten gespannten Bogen zu verflechten.
Ob Catherine Parr tatsächlich der Wildfang war, der Firebrand des Titels, die loyale Reformatorin mit dem unbeugsamen Willen, die Dinge zu ändern und Henrys Kindern eine richtige Mutter zu sein, das ist Interpretationssache.
Historische Verdienste um Reformen, Modernisierungen und Korrekturen in der willkürlichen Thronfolge hat die reale Katherine Parre belegterweise.
Was Alicia Vikander hier aber spielt, ist zeitenweise näher bei der unabhängigen Kämpferin Lara Croft, die sie auch schon verkörpert hat. Eine Superfrau, die für ihre Ziele und Ideale zu leiden weiss.
Das macht Firebrand zu einem Bastard von einem Film, zu einem zwiespältigen Vergnügen mit Gesangsnummern, Horrormomenten, einem monströs guten Jude Law und genügend historischen Verweisen, um nach dem Kinobesuch eine ganze Reihe von Wikipedia-Abrufen zu initialisieren.