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Nathan der Weise wieder zu lesen, bedeutet für mich so etwas, wie nach einer langen Reise wieder nach Hause zu kommen. Alles ist vertraut und doch immer ein bisschen anders, als man es noch in Erinnerung hatte. Ich gebe zu: Das ist natürlich das Merkmal jeden guten Texts – die Vertrautheit des Nathan aber rührt in vielem von der Sprache her, die Lessing verwendet. Mit Ausnahme vielleicht des gleichermaßen begabten Wieland gibt es keinen deutschen Autor, der im Stande ist, Verse (im vorliegenden Fall: Blankverse) so leichtfüßig zu setzen, dass sie völlig natürlich klingen, und absolut locker daherkommen. Nicht wegen, sondern trotz des Umstands, dass sie völlig korrekt gesetzt sind. (Man möge sich durch diese scheinbare Leichtfüßigkeit nicht täuschen lassen: Ich habe so manchen ungeschulten Sprecher gehört, sich an der Ringparabel versuchen – so etwas endete fast immer in einem Desaster.)
Zu meiner Zeit gehörte das Stück nicht nur zum Standardrepertoire einer jeden Bühne, die auf sich hielt – es gehörte auch zum Kanon jeden gymnasialen Deutschunterrichts. Schon dort lernte man, dass der Kern des Stücks in jenem Teil liege, den man die Ringparabel nennt, mittels derer Nathan der Weise (er spricht von ihr als von einem Märchen) dem Sultan Saladin beibringt, dass im Grunde genommen die drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam Ausfluss derselben väterlichen Liebe sind, und es nicht am Menschen sei, zu entscheiden, welches die allein selig machende sei. Spätestens wer Germanistik studierte, würde im Grundstudium erfahren haben, dass die Vorlage der Ringparabel in einer Novelle des Decamerone zu finden ist (die, erfährt man vielleicht sogar, wiederum in einer noch älteren, ebenfalls italienischen Novelle ihr Vorbild hat). Man erfährt wohl auch die Vorgeschichte des Stücks an sich, den so genannten Fragmentenstreit, in dessen Verlauf Lessing an den Hamburger Hauptpastor Goeze geriet – derart geriet, dass ihm sein Landesherr partielles Veröffentlichungsverbot auferlegte, um seine Ruhe zu haben. Worauf Lessing bekanntlich auf seine alte Kanzel zurück kehrte, die Bühne. Man erfährt vielleicht auch, dass der Protagonist des Stücks, eben jener Nathan der Weise, ein reicher jüdischer Händler im Jerusalem zu Zeit des Dritten Kreuzzugs (1189-1192), in seiner intellektuellen und ethischen Überlegenheit von Lessing am Modell seines Berliner Freundes Moses Mendelssohn gebildet wurde. Und, wer ganz tief in die Materie eingedrungen ist, würde erfahren haben, dass Lessing Diderots Theatertheorie des bürgerlichen Trauerspiels auch im Nathan angewendet sehen wollte. Heute, fürchte ich, ist Nathan der Weise im Germanistik-Studium ebenso tot wie auf der Bühne.
Doch, dass neben all diesem auch alten Dialoge zur religiösen Toleranz von Abaelard und Llull ebenfalls Pate standen, erfährt man kaum. Dabei weisen schon deren Titel auf eine Verwandtschaft hin: Bei Abaelard ist es der Philosoph, der mit einem Juden und einem Christen über die Religionen diskutiert – ein Philosoph, der nach aller Wahrscheinlichkeit seinerseits Muslim ist. Und was ist ein Philosoph – schon dem Begriffe nach – anderes, als ein Weiser, ein Weisheitsliebender? Bei Llull sind es gleich drei Weise, ein Jude, ein Christ und ein Muslim, die ihrerseits einen Heiden von der Richtigkeit jeweils ihrer Religion zu überzeugen versuchen. Beiden Dialogen ist es eigen, dass sie zu keinem Resultat führen. Das mag im Falle Abaelards daran liegen, dass er kein Ende gefunden hat (kein Ende finden konnte?), bevor ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Im Falle Llulls allerdings war es Absicht des Autors. Lessing nahm zusätzlich Boccaccios alte Fabel zu Hilfe und polierte sie auf – aber in allen drei Fällen, bei Abaelard, bei Llull und bei Lessing, wird die Frage nach der allein richtigen Religion nicht beantwortet.
Bei alledem ist Lessing kein Theologe (obwohl er dieses Fach sogar einmal studiert hatte). Scholastische Finessen liegen ihm fern. Er charakterisiert die drei großen monotheistischen Religionen über die Charaktere von deren Vertretern. Da ist der Jude: intelligent, überlegt, aber offen und ehrlich. Der Christ: aufbrausend und etwas dünkelhaft (der junge Tempelherr), borniert und nach Blut lechzend (der Patriarch). Der Muslim: großzügig, wenn auch (zumindest in finanzieller Hinsicht) unüberlegt. Dazu kommen noch zwei wichtige sekundäre Charaktere. Zunächst ist zu nennen Daja, die Christin: Schwärmerin und Plappermaul. Auch sie, wie die anderen Christen im Stück, davon überzeugt, dass letztlich ihre Religion die einzig richtige ist. Auch sie, wie die anderen Christen im Stück, bereit, die Gefühle, ja das Leben, von Nicht-Christen zu opfern, wenn nur ihrem Glauben genüge getan wird. (Die Christen kommen in diesem Stück Lessings wahrlich schlecht weg.)
Und da ist Al-Hafi, der Derwisch. Lessing hatte sich lange Zeit vorgestellt, noch einen zweiten Teil oder eine Nachschrift zum Nathan zu schreiben, mit dem Titel Derwisch, und wohl auch mit Al-Hafi im Zentrum. Al-Hafi nämlich fällt aus dem Raster des Stücks, auch aus dem Raster der üblichen Interpretation als eines Stücks, das zur Toleranz zwischen den drei großen monotheistischen Religionen aufruft. Nicht nur ist er der einzige, der kein Geld hat, und der offenbar aus niederem Stand ist. Wir treffen ihn, wie er gerade Schatzmeister des Sultans Saladin geworden ist. Eigentlich nahm er das Amt an, um Gutes an den Armen und Bettlern der Stadt tun zu können. Aber es stellt sich heraus, dass er das gar nicht kann, weil die Kassen Saladins – leer sind. Plötzlich muss er, der nie für sich gebettelt hat, für den Sultan betteln gehen. Plötzlich muss er seine Freunde, darunter Nathan, um Darlehen für seinen Herrn angehen. Weil er sein Amt nicht so ausüben kann, wie er sich das vorgestellt hat, weil er sich plötzlich verstellen und verbiegen muss, wirft er im wahrsten Sinne des Wortes in der Mitte des Stücks den Bettel hin und verschwindet nach Indien. Er ist im Grunde genommen der einzige Bedürfnislose und konsequent Aufrichtige im ganzen Stück. Auch in Beziehung auf die Religion ist er einzigartig: Er ist der einzige, der in keinem Moment an die Überlegenheit seiner Religion glaubt – ja: nicht einmal denkt. Er ist Parse.