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Damasio entführt Spinoza in seinem Buch «Der Spinoza-Effekt» in die neusten Erkenntnisse der Neurobiologie. Und Goethe hat gar ein Liebesgedicht an Spinoza verfasst. Wer ist also dieser viel bewunderte Denker? Und was hat er mit dem Menschen am Hut?
Mit 23 Jahren wird der 1632 in Amsterdam geborene Philosoph Spinoza von der jüdischen Gemeinde verstossen. Mit den Worten «Ich weiß nicht, wie ich Philosophie lehren soll, ohne Störer hergebrachter Religion zu werden» lehnt er später einen Lehrstuhl an der Universität Heidelberg ab. Von 500 Gulgen, die ihm sein Freund vererbt, will Spinoza nur 300 annehmen. Diese Summe sei mehr als genug, soll er dem Bruder seines toten Freundes gesagt haben. Diese Bescheidenheit Spinozas lässt sich nicht treffender als mit Damasios Worten «es ist ein hübscher Ort, (…), aber immer noch zu bescheiden für jemanden, der das ganze Universum im Blick hatte» ausdrücken.
In der Tat ist in Spinozas Hauptwerk Ethik nicht weniger als das ganze Universum zu finden. Ausgehend von einer einzigen «Substanz» konzipiert er eine mathematisch niedergeschriebene Metaphysik. Spinozas Theorie des Menschen scheint sich zunächst von oben nach unten zu entwickeln. Zuoberst die Substanz (=Gott=Natur), die als zwei von unendlich vielen Attributen (man könnte auch sagen «Ausprägungen») «Denken» oder «Ausgedehnt sein» hat. In diese zwei Attribute könnten wir nach Spinoza alles einteilen. Und allein durch diese zwei Attribute verstehen wir die Welt, verstehen wir Gott. Aus den Attributen entspringen wiederum unendlich viele Modi. Ein bestimmter Haufen dieser Modi, das bin ich, bist Du. (Die Natur ist bei Spinoza aus sich selbst bedingt zu verstehen, Modi hingegen sind alles, was durch etwas Anderes bedingt und eine Modifikation eines Attributs ist.)
Eine ernüchternde Erkenntnis, zumal sich der Mensch gerne als Krönung der Schöpfung sehen will. Doch es kommt noch schlimmer. Spinoza verneint den freien Willen und tut das viel diskutierte Leib-Seele-Problem mit der Begründung, Körper und Geist seien Attribute derselben Substanz, ganz einfach ab. Auch seine Ethik ist ein nüchternes Buch: Definitionen, gefolgt von Lehrsätzen, gefolgt von Beweisen und Erläuterungen – keine Emotionen und kaum Persönlichkeit. Eine Achterbahnfahrt der Erkenntnis stellt man sich anders vor. Und das Allerschlimmste kommt, als er den Menschen als Knecht seiner eigenen Emotionen betrachtet.
Worin aber besteht der Zauber seiner Ideen?Wie kommt es, dass Goethe sich als Spinozas «entschiedensten Verehrer» sieht?
Die Antwort findet sich in jeder Zeile von Spinozas Ethik. Zwar stempelt Spinoza den Menschen als einen Haufen Modi ab, doch widmet er sich in mindestens ganzen zwei von fünf Kapiteln ebendiesem Haufen. Wenn Spinoza davon spricht, dass Affekte immer passiv sind, Emotionen uns also immer passieren, uns ergreifen, dann tut er die Lust oder die Gefühle des Menschen nicht einfach als Laster ab, sondern betrachtet auch sie als notwendig.
Und wenn er von der «menschlichen Knechtschaft oder der Macht der Affekte» spricht, so liefert er im letzten Kapitel eine fast schon einfühlsame Lösung für das Problem: «Die Vernunft kann die Leidenschaften überwinden, indem sie selbst zur Leidenschaft wird.»
Eine Willensfreiheit kann es in Spinozas Determinismus (die Ansicht, dass alle Ereignisse im Voraus bestimmt sind) nicht geben. Und doch lässt er Raum für menschliche Freiheit, wenn er meint, der Mensch sei insofern frei, als dass er nicht um den wahren Grund seiner Entscheidung wisse.
Auch die Seele könne nach ihm nicht ohne Körper weiterleben, und doch könne sie als eine Idee des Geistes ausserhalb von Raum und Zeit in Unendlichkeit, also in Gott bestehen. Und was ist schon unendlicher als «ausserhalb von Raum und Zeit»?
Er ermuntert Menschen dazu, ihre Gefühle zu verstehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Noch vor seinem Tod 1677 hat er damit die Grundlage der Psychotherapie geschaffen. Beschäftigen sich Physiker mit neuen Dimensionen, so ist das ganz im Sinne Spinozas. Wenn Damasio als Neurobiologe «somatische Marker» untersucht, so sucht er auch nach Schaltstellen zwischen Geist und Seele. Und wenn wir von Schicksal sprechen, so sprechen wir auch von Spinoza. Sogar das Sterben wird leichter mit Spinoza, denn der Körper gehe nicht «verloren». Sterben sei zwar der Verfall der eigenen Individualität, jedoch sei es ein natürlicher Prozess. Wir lösen uns in der Natur auf, unsere Individualität verfällt dabei, den Geist gibt es nur noch als (adäquate) Idee in Gott und auch Wert des Individuums verschwindet. Gleichzeitig bedeutet das aber auch die Einbindung des Menschen in eine göttliche Natur. Unser Körper zerfällt in winzige Teile, diese aber leben weiter.
Auch ist Spinoza alles andere als ein Hypokrit. Die seiner Auffassung nach höchste Tugend, die Aktivität der Vernunft, lebt er mit der beschriebenen Nüchternheit in seiner Ethik vor. Einer durchaus fesselnden Nüchternheit, wie Damasio feststellt, wenn er schreibt: «Ich war verwirrt und sogar erbost. Meist jedoch befand ich mich in angenehmem Einklang mit den Ideen, ein wenig wie der Held in Bernard Malamuds Der Fixer, der nach ein paar Seiten Spinoza weiterliest, als würde er von einem Hurrikan getrieben: ‹(…) Ich habe nicht jedes Wort verstanden, aber wenn man sich mit solchen Gedanken beschäftigt, hat man das Gefühl, eine Hexenjagt mitzumachen.›»
Mit dem Gottesbild Spinozas wird auch klar, dass seine Metaphysik eben doch nicht so hierarchisch ist, wie sie daherkommt. Wenn Gott, Substanz oder die Natur ein und das selbe sind, so sind Menschen eine göttliche Ausprägung dieser Natur. Für einen Philosophen, der noch heute als ketzerisch gilt, verwendet Spinoza den Begriff „Gott“ ironischerweise geradezu im Übermass. Zu Spinozas Gott kann man aber nicht beten. Spinozas Gott urteilt nicht, er kennt weder gut noch böse. Spinozas Gott ist nicht jüdisch und nicht christlich. Spinozas Gott ist eine aus sich selbst entstehende Kraft, die nur durch sich selbst begriffen werden kann. Der Mensch existiert darin als eine göttliche Idee. «Spinozas Sinn ist, den Menschen in unendlicher Distanz von Gott und zugleich in nächster Nähe zu ihm zu wissen», schreibt Karl Jaspers und genau dies gelingt ihm.
Spinoza schafft Vertrauen auf nüchternen Zeilen und vereint scheinbare Wiedersprüche durch eine, um Goethe zu zitieren, «ausgleichende Ruhe». Wir haben zwar keinen freien Willen, aber das Gefühl, als hätten wir einen, was dem freien Willen ziemlich nahekommt. Wir sterben zwar, leben aber dennoch auf eine bestimmte Art weiter. Kurz: Wir sind zwar ein Haufen Modi, aber ein göttlicher Haufen Modi!