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Die Domhütte Ein Ort für Pioniertaten
Sie steht felsenfest – und ist doch in ständiger Bewegung: die Domhütte. Der neue Anbau ist Anlass genug für einen Rückblick auf eine über hundertjährige Geschichte.
Es begann im Winter 1883. Damals schrieb Josef Imboden , Pfarrer zu Randa, einen Brief an den Präsidenten der SAC-Sektion Monte Rosa: «Die Dombesteigung bedarf unbedingt einer Klubhütte, mögen die verschiedenen Sektionen des schweizerischen Alpenclubs sich gegenseitig die Hände reichen, um das kleine, nötige Werk zu erstellen …» Imboden hatte auch eine Planskizze gezeichnet und sogar einen Kostenvoranschlag unterbreitet. Der Vorstoss des bergbegeisterten Pfarrers fand aber erst sieben Jahre später ein Echo, als die Zürcher SAC-Sektion Uto den Bau einer kleinen, bescheidenen Hütte in Angriff nahm, die ebenjener Pfarrer Imboden am 27. Juli 1890 einsegnen konnte. Die Kosten beliefen sich auf damalige 4015 Franken und 60 Rappen. 1918/19 folgte eine Erneuerung der Hütte, 1956/57 dann der Neubau, der in die Geschichte der alpinen Architektur eingehen sollte.
Eine visionäre Hüttenkonzeption
Es lohnt sich, einen Blick in den Bericht über den «Neubau der Domhütte» zu werfen, verfasst vom Architekten Jakob Eschenmoser. Demgemäss lagen dem Vorstand der Sektion Uto im Februar 1956 Projekte in zwei Varianten vor, «wovon die eine als ‹Normal-Lösung› einen der Täsch-Hütte ähnlichen Bau vorsah, während der andern eine neue Konzeption mit unregelmässig polygonalem Grundriss zu Grunde lag». Die zweite Variante erhielt am 20. April die Zustimmung der Sektionsversammlung. Was so selbstverständlich tönt, war im Kern ein architektonisch revolutionärer Entwurf, dem die SAC-Mitglieder zugestimmt hatten. Eschenmoser ging nämlich mit seinem vieleckigen Grundriss davon aus, dass sich dadurch auf kleinem Raum viel mehr Schlafplätze unterbringen lassen.
Die Zeitschrift «Werk» fasste diese radikale Konzeption 1960 folgendermassen zusammen: «Eine brauchbare Synthese aus innerer Organisation und der funktionalen Aussenform ergab sich aus dem Verzicht auf den rechteckigen Schlafplatz. Die radial angeordneten, trapezförmig zugeschnittenen Schlafplätze sind physiologisch begründet. Die Füsse brauchen am wenigsten Platz, die Breitenmessung geschieht in Schulterhöhe, und in Kopfhöhe wird der vergrösserte Abstand vom schnarchenden Nachbarn als doppelt angenehm empfunden.» Platzökonomie also führte dazu, dass Eschenmoser einen Haustypus erfand, der äusserlich mit den vielen Mauerkanten die Form von Felsen oder Kristallen erhielt und von Ferne an die utopischen Visionen des deutschen Architekten Bruno Taut erinnert.
Maultier oder Helikopter?
Ein geologisches Gutachten des Basler Spezialisten Beath bestimmte den Bauplatz, der etwa 100 Meter von der alten Hütte entfernt war – allerdings war dort eine Schuttauflage vorhanden, die bereits beim Fundamentaushub zu Mehrkosten führte. Grosse Diskussionen löste die Transportfrage aus, wie Eschenmosers Bericht zu entnehmen ist: «Für Flugtransporte wären, mangels eines geeigneten Landeplatzes in Hüttennähe, nur Helikopter in Frage gekommen. Von den zwei eingeholten Offerten für Transporte mit Helikopter lautete die eine auf Fr. 1.10, die andere auf Fr. 70.– pro Kilo. Die Transporte per Maultier und Bauseilbahn hingegen wurden zu Fr. 50.– pro Kilo offeriert.» Logischerweise wählte man die zweite Variante.
Noch aber stellten sich wirtschaftlich bestimmte Schwierigkeiten in den Weg: Die Hochkonjunktur im Baugewerbe habe, so heisst es, auch im Wallis mit den grossen Kraftwerkbauten einen Mangel an Arbeitskräften geschaffen. Zudem verzögerten Wetterunbill und notwendige Improvisationen die Bauarbeiten immer wieder. Schliesslich feierte man am 25. August 1957 die Aufrichte.
Das Baumaterial wurde, so betont Eschenmoser, «selbstverständlich in nächster Nähe gewonnen. Es bestand keine andere Wahl, als den in der ganzen Gegend ausschliesslich vorkommenden Gneis zu verwenden, der zwar eine ziemlich wilde und bunte Struktur aufweist, aber als Baustein brauchbar ist.» Wiederum hatten pragmatische Überlegungen also zu Lösungen geführt, die man heute als ökologisch bezeichnen würde – und die architektonisch dazu beitrugen, dass die neue Domhütte sich nicht nur formal, sondern auch materiell wie selbstverständlich in die Landschaft einfügte. Die Baukosten betrugen bei einer Kostenüberschreitung von rund 15 000 Franken insgesamt 132 367 Franken und 80 Rappen, 40 Prozent übernahm das Central-Comitée.
Der Massentourismus kommt
Eschenmoser war weiterhin sehr aktiv als Hüttenarchitekt. Er formulierte auch grundsätzliche Überlegungen, so etwa in der ersten Ausgabe der Zeitschrift «Die Alpen» von 1963. Er geht davon aus, dass eine weitere touristische Erschliessung der Berge durch Hütten nicht mehr notwendig sei – weil es keine abgelegenen, unbekannten Gebiete mehr gebe. Aber: «Die heutigen Probleme beruhen im Gegenteil und paradoxerweise auf einer Über-Erschliessung unseres Alpenraumes, und die gebräuchlichsten Begriffe, als welche sie an uns herankommen, sind die Notwendigkeit der Vergrösserung bestehender und die Erneuerung veralteter Hütten.» Gründe dafür sah der erfahrene Hüttenarchitekt in der zunehmenden Erschliessung durch Strassen und Seilbahnen, in der Konsumkraft der Alpinisten, in der Breitenentwicklung des Skisports, in der «Tendenz zum Massen- und Sozial-Tourismus» und schliesslich in den höheren Ansprüchen an Komfort und Hygiene – alles Gedanken, die auch heute formuliert werden könnten.
Für die Domhütte plante Eschenmoser Mitte der 1970er-Jahre einen Um- und Erweiterungsbau, der 1978 realisiert war und 23 zusätzliche Schlafplätze bot. Bereits 1982 wurde eine Solargenerator-Beleuchtungsanlage installiert, nachdem die für die Raumfahrt entwickelte Fotovoltaik erst ab 1980 auch auf unbemannten Bohrinseln Verwendung gefunden hatte. Die Domhütte, so kann gesagt werden, ist in der Tat seit 130 Jahren ein Ort, an dem Pioniertaten vollbracht wurden.