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Veränderungen

An der Stadthausgasse, die quer zum unteren Teil des Basler Marktplatzes führt, befindet sich seit eh und je ein Geschäft, das Handschuhe verkauft. Ich habe seit Jahrzehnten keine Handschuhe mehr gekauft und auch keine mehr getragen, ausgenommen die aus Wolle gestrickten, wenn es einmal in den Bergen bitterkalt wird. Aber wie ich wieder einmal am Schaufenster dieses Handschuhladens vorbeiging, fiel es mir ein:
Als ich kurz nach Kriegsende die Rekrutenschule machte, trugen der Herr Hauptmann und die Herren Leutnants alle noch Handschuhe. Sogar wir Studenten leisteten uns gelegentlich Handschuhe; es waren die Situationen, in denen man etwas Wichtiges oder Würdevolles darzustellen gedachte. Mitte der fünfziger Jahre vermittelte ich ein Gespräch zwischen Edgar Salin, dem Basler Professor für Nationalökonomie und Soziologie, und Carl Koechlin, dem Präsidenten der Firma Geigy. Und ich sehe noch heute die rötlich-gelben Handschuhe aus Peccari-Leder, die Salin trug, als er das Verwaltungsgebäude betrat. Die Geste, mit der ein Mann seine Handschuhe anzog, mit der er sie wieder auszog oder dann beide gefalteten Handschuhe in die blosse Hand nahm, hatte fast immer, ob man das wollte oder nicht, einen symbolischen Charakter.
Und heute? Männliche Wesen tragen Handschuhe eigentlich fast nur noch, um sich gegen Kälte oder Schmutz zu schützen, aber mit Handschuhen irgend etwas symbolisieren zu wollen, macht wenig Sinn. Etwas hat sich verändert, aber was ist es genau, das sich verändert hat? Der Lebensstil, die Mode, die Selbstinszenierung, die Ordnung der Zugehörigkeit?
Mein Jahrgang ist 1925. Lucius Burckhardt, der engste Freund aus den Studienzeiten, hat den gleichen Jahrgang. Im Gespräch nannten wir uns gelegentlich „Generation 1/4“. Dieser Ausdruck gab uns ein gutes Gefühl: dass wir damals, Anfang der fünfziger Jahre, das zweite Viertel des Jahrhunderts schon hinter uns hatten und im besseren Fall noch zwei weitere Viertel würden durchleben können. 25 war auch insofern eine schöne Marke, als wir das erste Viertel des Jahrhunderts von unseren Eltern hatten erfahren können (meine Mutter vom Jahrgang 1888 hatte noch die Zeit der drei Kaiser von Österreich, Deutschland und Russland erlebt), und am Ende des zweiten Viertels im 20. Jahrhundert waren wir genau 25 Jahre alt. Sollten wir das vierte Viertel des Jahrhunderts mit dem Jahr 2000 auch noch abschliessen können, wäre das eine saubere Sache. Der Jahrgang 1925 schien eine gewisse Ordnung zu garantieren, eine Übersichtlichkeit durchschaubarer Art.
1950 lag die Lebenserwartung für Männer erheblich unter 70 Jahren. Heute lese ich in der Zeitung, dass sie unterdessen 76,4 Jahre beträgt. Auch diese Marke habe ich übersprungen, oder es hat mir meine Frau Gisela geholfen, dass ich über sie hinweggetragen wurde. Heute habe ich gelesen, dass der älteste Schweizer im Alter von über 108 Jahren soeben gestorben sei; im Lokalteil der Zeitung ist jeden Monat von den Blumensträussen zu lesen, die der Regierungspräsident einer Hundertjährigen überreicht. Es könnte sein, dass man demnächst die Marke für Regierungsbesuche in der Begleitung eines Weibels von 100 auf 105 Jahre anheben muss. Solche Marken sind eben nicht für ewig gesetzt.
Die Jahrhunderte selber sind ebenfalls dehnbar. Das 19. begann in Frankreich mit der Revolution von 1789, in der Schweiz mit der Helvetischen Republik von 1798. Es dauerte bis 1914, dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das 20. Jahrhundert hingegen war ein verkürztes; es reichte in Europa nur von 1914 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion um 1990, symbolisiert durch den Fall der Mauer zwischen Westeuropa und dem kommunistischen Herrschaftsbereich. Dieses 20. Jahrhundert gebar zwei Weltkriege und den Kalten Krieg bis zum Amtsantritt von Gorbatschow, es roch nach Blut, Rauch und Trümmerstaub, lag im Schatten der Diktaturen. Seine Schmach war der gewollte Völkermord. Die grösste Veränderung wissenschaftlicher, technischer und moralischer Natur brachte die Kernenergie mit der Möglichkeit zur Atombombe. Nach was das 21. Jahrhundert dereinst riechen wird, weiss ich nicht.
Wir haben den Eindruck, dass geschichtlich die Zeit ungleich schnell läuft. Vielleicht ist es historische Blindheit oder einfach fehlendes Wissen, wenn wir uns zum Beispiel die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts als relativ ruhige Epoche vorstellen. Es kannte viele Kriege (der französischen Krone), Krankheiten, Naturkatastrophen (wie das Erdbeben von Lissabon, aber sie kommen uns heute wie Einwirkungen von aussen vor, Schicksalsschläge sozusagen. Heftig bewegt dagegen von Innen scheint uns der Übergang des 15. zum 16. Jahrhundert mit der Kirchenreformation; aufgeregt ist das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts mit der Ausbildung des Kapitalismus, der industriellen Gründerzeit, der Elektrizität, Chemie, den Fortschritten im wissenschaftlichen und medizinischen Bereich. War das der Anfang der Moderne? Eine Moderne, die dann das Telefon, das Auto, das Flugzeug, das Radio gebären sollte? Seither, so scheint es, gehören Nachrichten über wissenschaftliche Errungenschaften in der Biologie, Energie, Genetik, Physik, Informatik, Medizin etc. zu den Tagesneuigkeiten. Fortschritt ist ein Sammelbegriff für Veränderungen, zu denen die meisten Leute nichts und nur ein paar wenige ein bisschen beitragen können.
Das ist im grossen Ablauf der Geschichte neu. Ein Mensch des 15. Jahrhunderts (Herbst des Mittelalters) oder des 17. (Barockzeit) konnte sich das Lebensgefühl, das uns Heutige aus dem Hintergrund bestimmt, nicht vorstellen: dass wir eigentlich nicht wissen, was dank der wissenschaftlichen Forschung und dem Ausbau der Technik auf uns zukommt. Aber dass es kommt, ist schon selbstverständlich geworden.
Was ändert sich eigentlich? Plötzlich stelle ich mir selber die Frage: Was hat sich in deinem, die 75 Jahre überschreitenden Leben geändert? Oder wo hast du – und wann – die Veränderungen in nächster Nachbarschaft erlebt?
Hier tritt wieder das Ferienhaus im Toggenburg auf die Bühne, in das ich im Alter von vier oder fünf Jahren zum ersten Mal kam und das dann Jahr für Jahr von der ganzen Familie aufgesucht wurde, bald einmal auch im Winter. Somit erlebte ich als Kind die jährlich arrangierten Verbesserungen, die eben auch Veränderungen waren. Dass wir von einer Saison auf die nächste Strom im Haus hatten, war die wichtigste. Die alten Petrollampen wurden abgehängt, die Kerzen in den Schlafstuben verschwanden, neben den Holzherd in der Küche trat ein elektrischer Herd, ein Boiler wurde an der Küchenwand montiert. Mit der Elektrizitätsversorgung kam auch das Telefon, bei dem man noch für ein paar Jahre energisch eine Kurbel zu drehen hatte, um die Verbindung mit der Zentrale Wattwil zu erlangen.
Auch Renovationen am Haus erlebte ich als Veränderungen, letztlich positive. Die Laube an der Ostseite des Hauses war in einem sehr lotterigen Zustand, jetzt kamen die Zimmerleute aus dem Dorf und erweiterten sie. Der Holzschopf am westlichen Ende des Hauses hatte einen ersten Stock, bei dessen Betreten man durch die Spalten zwischen den wackeligen Brettern sah. Meine Eltern legten einen neuen Boden und richteten ein Lager mit Strohsäcken für Kinder ein, in dem fünf oder sechs Personen ohne Probleme Unterschlupf fanden. Ursprünglich hatte das Haus seine eigene Quelle, war also noch nicht an die Wasserversorgung der Gemeinde angeschlossen. Wenn Gewitter heftige Platzregen brachten, was in den Sommermonaten fast jedes Jahr der Fall war, kam aus dem einzigen Wasserhahnen im Schopf eine braune Brühe, der Regen hatte die Quelle ersäuft. Unten an der Strasse, etwa 100 Meter vom Haus entfernt, liessen meine Eltern einen einfachen Schopf errichten, der so gebaut war, dass er im Extremfall auch ein Auto aufnehmen konnte. Aber noch dachte niemand an ein solches.
Neben diesem Schopf stand das Haus unseres wichtigsten Nachbarn, das Haus der Familie Näf. Frau Näf und später ihre Tochter oder Schwiegertochter, die jüngere Frau Näf, führten einen Spezereiladen. Sie verkauften die einfachen Dinge, Salz und Zucker, Mehl und Haferflocken, Bouillonwürfel, Schokolade, gelbe Erbsen, die Suppenwürste von Knorr, Gewürze wie Pfeffer, Hilfsmittel wie Maizena. Wenn ich von einem Sommer zum nächsten in den dreissiger Jahren bei Frau Näf in den Laden trat, gab es immer Neues zu entdecken – heute würde ich sagen: Innovationen im Detailhandel setzten sich durch. Es gab neue Produkte, neue Verpackungen, neue Namen und Etiketten. Die unverpackte Ware – Beispiel die gelben Erbsen oder das offene Mehl in der Schublade – verringerte sich zu Gunsten der fertig verpackten Produkte. Gewisse Lebensmittel veränderten sogar ihre Konsistenz, lagen in Frau Näfs Regalen plötzlich als Konserven oder Tuben mit farbigen Etiketten.
Auch Kinder von heute erleben, wie Sortimente sich ändern. Aber das hat mehr mit Moden und Trendverlagerungen zu tun. Was ich erlebte, war der Übergang von der Stapelware zum Markenprodukt. Das Faszinierende für mich schon damals bestand darin, dass meine eigene Entwicklung parallel lief zu den Wandlungen in der Warenversorgung – die Migros wurde im gleichen Jahr gegründet, in dem ich auf die Welt kam.
Zur Zeit meiner Primarschuljahre wohnten wir in Bruggen, einem Vorstadtdorf von St. Gallen. Zum kleineren Teil war es noch ein Bauerndorf, zum grösseren ein Fabrikarbeiterdorf. Wenn ich zurückdenke, fällt mir jetzt die deutlich fühlbare Gliederung, ja geradezu Schichtung dieser dörflichen Gemeinschaft auf. Bauernfamilien auf der einen Seite, Arbeiterhaushalte auf der anderen, der Mittelstand sonderte sich ab, an reiche Fabrikanten in Villen oder sonstige grossbürgerliche Pracht kann ich mich nicht erinnern. Eine andere Schichtung war die Trennung in Protestanten und Katholiken, die spürbar ganz verschiedene Lebensbereiche gegeneinander aussonderte und die Leute gegeneinander abgegrenzte Zeitungen lesen lies. Es gab das freisinnig-bürgerliche „St. Galler Tagblatt“, die katholisch-konservative „Ostschweiz“ und die sozialdemokratische „Volkstimme“, eine kuriose Pressevielfalt für ein eher ärmliches Vorstadtdorf.
Eine Schichtung schuf der Arbeitsort: Bauer, Detaillist, Velomechaniker, Fabrikarbeiter und Primarlehrer blieben mit dem Pfarrer und dem Arzt im Dorf; der Gymnasiallehrer, Staatsbeamte, Strassenbahn- oder Lokomotivführer, der Buchhalter und Verkäufer fuhren zur Arbeit in die Stadt und benutzten dazu auf dem Talboden die Trambahn oder am Hang des Hügels eine der beiden Eisenbahnlinien, die von Wil und Gosau (SBB) oder von Wattwil und Herisau (Bodensee-Toggenburg-Bahn) kamen. Nur der Arzt, glaube ich, besass ein Automobil. Die letzte Schichtung oder Gliederung betraf das, was man die Hierarchie der Eliten nennen könnte: Arzt, Pfarrer, Staats- oder Gemeindebeamte und Lehrer bildeten die Spitze, standen im Genuss eines sorgfältig dosierten Ansehens, waren Respektspersonen. Ihnen hörbar oder unverblümt zu widersprechen, brauchte Kraft und war riskant.
Schichtüberlagerungen wurden spannend. Unser Primarlehrer mit dem Namen Spirig war katholisch, eher gefürchtet wegen seiner Neigung zu Ohrfeigen und sogenannten Tatzen, also Schlägen mit dem Lineal auf die offene Hand. Daneben schrieb er kleine Berichte für die „Ostschweiz“, hatte also auch politisch seine Position markiert. Herrn Spirig nach der Schulstunde zu fragen, über welche Dorfgeschichte er seiner Zeitung berichten würde, war ein wenig abenteuerlich, denn die „Ostschweiz“ gab’s bei mir zu Hause nicht zu lesen, nur das „St. Galler Tagblatt“ und die „Volksstimme“. Aber ich spürte deutlich, dass Lehrer Spirig mit dem reformierten Pfarrerssohn nicht zuletzt auch darum gerne sprach, weil damit die etablierten Schichtungen und Aufteilungen an einem gegebenen Punkt gestört wurden.
Veränderungen? Ohrfeigen und Tatzen kennt die heutige Primarschule nicht mehr. Der Unterschied zwischen ortsgebundener Arbeit und dem mit dem Wohnort nicht identischen Arbeitsort ist unerheblich geworden, heute pendeln fast alle. Und sie sind fast alle motorisiert. Der konfessionelle Gegensatz, der die schweizerische Gesellschaft seit dem Sonderbundskrieg von 1847 noch einmal zu prägen verstand, ist heute nur noch ein flüchtiger Schatten. Eine Elite aus Arzt, Pfarrer, Lehrer und Staatsbeamten ist nicht mehr sichtbar. Dafür werden Generationen deutlicher unterschieden. In meiner Jugend – so mein Eindruck – wollten die Jüngeren möglichst bald einmal erwachsen sein und das dann so lange bleiben, bis sie eben alte Leute geworden waren. (Ich bekam sie anlässlich der Konfirmation.) Heute sind die Jüngeren eine grosse Generation bis gegen 40 Jahre, erst nachher werden aus den Herangewachsenen bestandene Leute, manchmal mit erheblichen Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite sind sportlich durchtrainierte Senioren, die es mit den Jüngeren aufnehmen könnten, immer häufiger sichtbar. Und sie joggen.
Aber was heisst sichtbar: Plötzlich merke ich im Rückblick, dass es nicht nur um Strukturen und Gewohnheiten geht, sondern dass andere Grössen die Veränderungen bestimmen. Ich will sie einmal Weltgefüge nennen. Es sind das Konstellationen, in denen sich geschichtliche Überlieferungen, Wert- und Normengefüge mit Einzelschicksalen treffen und den Menschen, die in sie involviert sind, ein bestimmtes Verständnis der Welt und ein Verhältnis zu ihr vermitteln oder sogar befehlen.
Ein solches Weltgefüge war für mich das Pfarrhaus mit seinem theologischen, geistigen und gesellschaftlichen Unterbau. In der väterlichen Linie waren Vater und Grossvater Pfarrherren, der Grossvater Hermann mit Lydia Rohner verheiratet, die wiederum aus einer Pfarrfamilie kam. In der mütterlichen Linie stammte Grossmuter Julie Erni abermals aus einem Pfarrhaus in Kyburg. Aus meiner Kinderzeit tauchen Onkel Gottfried und Tante Ürsi auf, der Pfarrer Gottfried Ludwig und seine Frau Ursula, wiederum eine geborene Rohner. Er war Pfarrer in Biel und beeindruckte uns Kinder durch die fast bedrohliche Verwachsenheit seines schwer hinkenden Körpers, die auch auf seine massige Ehefrau übergegangen schien. Die Frauen mit dem Namen Rohner kamen alle aus einer Institution, die sich „Victoria“ nannte. Heute würde man von einer christlichen Mädchenerziehungsanstalt sprechen, die ihren Zöglingen ein ehrbares und dienstbeflissenes Wesen beibringen sollte. Als ich vor kurzem erstmals den Roman „Johannes“ von Jakob Schaffner aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts las, wurde mir plötzlich klar, was dieses pfarrherrliche und pädagogisch ausgelegte Weltgefüge auch bedeutete: einen in sich selber ruhenden und abgerundeten, geradezu theokratischen Herrschaftsbereich mit festen Ritualen, moralischen Ansprüchen und sozialen Disziplinierungen. Da gehörte alles zusammen: Tischgebet, Andacht, Unterweisung, Lebensprogramm, gemeinsames Singen und ein untergründiger Verhaltenskodex, an dem es nichts zu rütteln gab.
Wenn ich das so niederschreibe, liest es sich ziemlich streng, war es aber nicht. Ich selber musste mich nie unterdrückt oder bevormundet fühlen. Vielleicht erlebte ich das Elternhaus als ein Pfarrhaus schon etwas im Auflösestadium; Onkel Gottfried und Tante Ürsi begannen komisch zu wirken. Dass einer eine christliche Mädchenerziehungsanstalt leiten konnte oder geleitet hatte, galt spürbar immer weniger als Leistungsausweis. Die Arbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise und die europäischen Faschismen setzten andere Akzente.
Die Pfarrhauswelt hatte den Vorteil, Ordnung zu schaffen und bot eine Hierarchie der Werte an. Sie war von geselligem Charakter. Dass Leute von aussen zum Mittag- oder Abendessen erschienen, dass jederzeit verschiedene Besuche auftauchten, dass ein Vikar oder ein Student sich regelmässig an den Mittagstisch setzte, war fast selbstverständlich. Der Essenstisch wurde damit immer auch zur Diskussionsrunde, es wurden Meinungen vertreten und ausführlich begutachtet, gelegentlich auch heftig bestritten. Ein eigenes Ritual hiess „Schwarzer Kaffee“, das war der engere Kreis, an dem ein gegebenes Thema unter den Studierten weiter abgehandelt wurde. Wir Kinder sassen dann nicht mehr dabei, häufig auch die Mutter nicht. In den Kaffeeduft mischte sich der Stumpenrauch.
In einem übergeordneten Sinn gesellig war das Pfarrhaus auch insofern, als es eine Station darstellte, an der Bücher auftauchten und gewissermassen zur Rede gestellt werden mussten. Wer hat was geschrieben und warum, was ist damit gemeint und wie sollen wir das verstehen? Es ging nicht nur um theologische Geschäfte, es ging auch um Soziales, Politisches, Moralisches, weniger um Literarisches. Die Gespräche dienten dazu, den eigenen Standort zu klären, zu befestigen oder zu sichern. Der Pfarrer führte die Auseinandersetzung mit der Welt oft eher seufzend denn als Sachwalter Gottes. In den schwierigen Jahren der Weltwirtschaftskrise, dann in den lärmigen Jahren des heraufkommenden Nationalsozialismus und der Judenverfolgung, in den Weltkriegsjahren mit den täglichen Frontnachrichten und gegen Kriegsende dem fernen Brummen von Bombenflugzeugen über der deutschen Nachbarschaft, fehlte es nicht an drängenden, fast traumatischen Themen für das tägliche Gespräch. Das Pfarrhaus in seinem besten Sinn war dann so etwas wie eine Schnittstelle zwischen dem Geistigen und der sozialen Alltäglichkeit. Sie funktionierte leidlich, weil sie noch nicht konkurrenziert war durch Fernsehgespräche, Befragungen am Radio, langen Interviews in Sonntagszeitungen. Das Pfarrhaus war in meiner Kinderzeit noch so etwas wie ein Medium.
Verändert hat sich wahrscheinlich weniger das Pfarrhaus, auch wenn es seine in früheren Jahrhunderten geformte Rolle weitgehend verloren hat. Verändert haben sich die Schwerpunkte des Diskurses, die sichtbar auseinanderstreben. Was ist heute für unser Standhalten, Überleben, Weiterkommen wichtig? Die Möglichkeiten der totalen Überwachung, die Fortschritte in der Gentechnik, neue Energieformen, die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, eine die Landesgrenzen und Kontinente übergreifende Solidarität, die europäische Integration? Das Zentrum, aus dem heraus all diese und noch unzählige weitere Debatten verknüpft werden könnten, ist nicht mehr sichtbar. Und sicher ist es nicht mehr das Pfarrhaus.
Wenn ich auf ganz präzise und benennbare Veränderungen in meiner Lebenszeit zurückkommen will, liesse sich leicht ein langer Katalog von Entdeckungen und Errungenschaften, eine Liste der Fortschritte in Wissenschaft und Technik, aufstellen. Aber meine Frage lautet nicht: Was hat sich in der Welt und in den grossen Industrienationen alles verändert, sondern heisst ganz einfach: Was davon habe ich selber erlebt?
Meine Dissertation schrieb ich am Anfang der fünfziger Jahre noch auf einer von Hand betriebenen Schreibmaschine im Zweifingersystem. Wenn ich sie für Briefe benutzte, von denen eine Kopie bei mir bleiben sollte, klemmte ich zwischen die weissen Seiten ein Kohlepapier hinter die Walze. Als ich in die Firma Geigy eintrat, stand eine Sekretärin zu meinen Diensten, die schon über eine elektrische Schreibmaschine verfügte, mit der sie sogar, dank dem durch Strom verstärkten Anschlag, mehrere Kopien gleichzeitig herstellen konnte. Ohne eine gewisse Fingerfertigkeit war das Management der Kohlenpapiere freilich nicht zu bewältigen, mich erfüllte eine ernste Bewunderung. Wenn ich nachträglich einen Text korrigierte, kürzte, umstellte oder verlängerte, musste ich immer abwägen, welche Folgen im Hinblick auf die Kopien meine Korrektur nach sich ziehen würde. Ein einzelner Tippfehler liess sich auf allen Kopien mit Radiergummi und später Tippex bereinigen, aber wenn ich zusätzliche Zeilen erfand, musste die Seite und manchmal das ganze Manuskript neu geschrieben werden.
Als wir die eigene Werbeagentur gründeten, war die erste und kostspieligste Anschaffung eine elektrische Schreibmaschine. Während wir in den sechziger Jahren für IBM-Produkte Werbekampagnen entwarfen, entstand der neue Ausdruck „Textverarbeitung“, parallel zur „Datenverarbeitung“. Bald gab es Schreibmaschinen, die die Zwischenräume zwischen den einzelnen Buchstaben optisch ausgleichen konnten, dann lernten sie geschriebene Texte speichern. Die zuletzt bestaunte Errungenschaft war die Schreibmaschine, die keine Typenhebel mehr besass, sondern einen Kugelkopf, der ratterte und schneller schrieb, als es eine Maschine mit Typenhebeln je schaffte. Neben der Maschine mit Kugelkopf gab es Schreibmaschinen mit einem Typenrad, dank dem sich verschiedene Schrifttypen verwenden liessen. Das letzte dieser Modelle entsorgte meine Sekretärin erst vor kurzem.
Denn unterdessen war mit den achtziger Jahren der Personal Computer (PC) ins Büro eingezogen, der erst zur erfüllen begann, was der Begriff der Textverarbeitung vorher schon versprochen hatte. Schreiben, speichern, korrigieren, umplatzieren, vergrössern, verkleinern, ändern im Schriftbild, ausdrucken, kopieren, übermitteln – es sind Vorgänge von einer Komplexität entstanden, die noch bei Anbruch des letzten Viertels im 20. Jahrhundert unvorstellbar waren. (Was aber nicht hindert, dass ich diesen Text zuerst von Hand mit dem Filzstift auf einen Block aus zweitklassigem Papier niederschreibe, ihn dann später auf das Diktiergerät spreche, von dem Viola Ratti ihn abschreibt.) Das Internet ist dazugekommen, immer mehr Nachschlagewerke stehen in elektronischer Form zur Verfügung. Der e-mail hat sich ungefähr zur gleichen Zeit wie die Mobiltelefone ausgebreitet, und nun dürfen wir als vor oder um 1960 geborene Zeitgenossen sagen, dass wir den grössten Umbruch im kommunikativen Verhalten seit der Erfindung Gutenbergs mit eigenen Augen als erwachsene Menschen erlebt haben.
War er wichtiger als die Erfindung des Telegrafen, des Telefons, des Radios, des Fernsehens? Er war vor allem von einer anderen Qualität. Die genannten Erfindungen stellten immer so etwas wie zusätzliche Systeme dar, deren man sich auch noch bedienen konnte, wobei die bisherigen funktionell bestehen blieben. Nun aber schmelzen gewissermassen das Telefon, das Internet, die e-mail-Möglichkeit, das Radio und das Fernsehen mit dem Computer zusammen in ein allgemeines, aber nach allen Seiten offenes System, das in seinen verschiedenen Dimensionen gar nicht mehr vernünftig definierbar, sondern nur unter den Möglichkeiten im Markt ausprobierbar ist. Der Vorgang scheint der eines gigantischen Ausreizens zu sein, jeder und jede versucht Terrain zu besetzen oder Nischen zu füllen. Das Verwirrende besteht darin, dass bisher getreulich etablierte Grundsätze plötzlich nicht mehr gelten und dass Kommunikation, die früher als die Magd des Handelns galt, das Handeln an sich gerissen zu haben scheint und dafür die höchste Rangstufe in Anspruch nimmt. Wieder wissen wir nicht, wohin uns diese Veränderung bringt.
Ich muss mich auf die ganz persönlichen und eigenen Erfahrungen besinnen. Bei der Gründung der Werbeagentur besorgte am Anfang ein Herr Enz unsere Buchhaltung; er war ein pensionierter, kaufmännisch ausgebildeter Herr, der es sinnvoll fand, jungen Leuten bei der Firmengründung mit seiner Erfahrung beizustehen. Er hatte eine klare und schöne Schrift, mit der er seine Durchschreibe-Buchhaltung führte. Als die Agentur grösser wurde, war er zu unserem Bedauern bald einmal überfordert, wir brauchten einen eigenen Chef für das Finanz- und Rechnungswesen. Es war der 1956 aus Ungarn geflohene Laszlo Alföldi. Da wir für IBM Werbeaufträge auszuführen hatten, war es naheliegend, dass wir uns bei dieser Firma nicht nur um elektrische Schreibmaschinen, sondern auch um Buchhaltungsmaschinen bemühten. Es dauerte nicht lange, so zählten wir zu den ersten Betrieben in Basel, die mit Lochkarten arbeiteten, und bald einmal sassen eigentliche Datentypistinnen unter uns, die Belege auf Lochkarten übertrugen. Noch gab es keine Personal Computer. Zuerst kamen die zentralen Computersysteme, mit denen in der Agentur nur speziell ausgebildete Leute umzugehen wussten; das Aufkommen der PC’s habe ich in der Agentur nicht mehr erlebt, sondern erst im Nachfolgebüro, wo wir die ersten Gehversuche im sogenannten Desktop Publishing machten.
Und nun das Merkwürdige: Gehe ich heute auf das Staatsarchiv, so kann ich mir von Hand geschriebene Geschäftsakten und Buchhaltungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert vornehmen und, falls ich die Schriften zu lesen weiss, auch in ihrer ökonomischen Tragweite zu begreifen versuchen. Was aber mache ich mit den Buchhaltungsdaten aus der Zeit vor 35 Jahren? Nicht nur sind die Lochkarten schon seit langem entsorgt, sondern es gibt die Sortier- und Lesegeräte, mit denen sie ausgewertet werden könnten, längstens nicht mehr. Auch die zentralen IBM-Rechenanlagen mit ihren Magnetbändern sind verschwunden. Der PC als Arbeitsinstrument hat einen riesigen Gerätepark obsolet gemacht; das zentrale und wichtigste Objekt, nämlich der Datenträger selber, ist in seiner Urform unlesbar geworden. Der Fortschritt hat den Fortschritt verschlungen. Das halbe Jahrtausend nach der Erfindung Gutenbergs im mitteleuropäischen Raum zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Buchdruck dank der wachsenden Zahl von Bastlern von einer „Aventure“ zu einer raffinierten handwerklichen Kunst entwickelte; dagegen liegt die Bedeutung der Kommunikationstechniken aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts darin, dass jede technische oder programmliche Entwicklung die vorausgehenden ausser Kurs setzt. Dieser Umbruch im Kommunikationswesen hat die Arbeitsteilung zwischen Bild, gesprochenem und geschriebenem Wort radikal verändert. Aber auch das Texten und das Schreiben selber sind anders geworden. Dank Druckern und Kopiergeräten ist das Korrigieren, Ergänzen, Kürzen, Auszeichnen und Vervielfältigen alltäglich, fast banal geworden. Früher war die endgültige Version eines Textes von einer gewissen Feierlichkeit umgeben, die ist heute weg. Noch eine Minute vor Sitzungsbeginn lässt sich eine Traktandenliste ändern, oder es kann der Fraktionspräsident in einem Parlament noch während der Sitzung den Resolutionstext umschreiben, der Parlamentsdiener wird ihn fünf Minuten später auf allen Plätzen verteilen.
Zugleich ist das Texten selber zielgerichteter geworden. Natürlich haben die Leute schon immer im Hinblick auf einen Verwendungszweck geschrieben, eine Postkarte ist etwas anderes als ein Romanentwurf, ein Testament oder eine Beschwerde beim Amt. Aber dank der vermehrten Beweglichkeit in der Textverarbeitung prägt sich ein verwendungsspezifisches Schreiben spürbar deutlicher aus. Ein Dialog auf e-mail läuft anders als ein Briefwechsel, hat eine andere Gewichtigkeit, lockt einen anderen Stil heraus. In der Wahrnehmung und der Anmutung sind ein Blatt Papier und der Bildschirm extrem verschiedene Objekte. Sie sind es nicht nur im jeweiligen Erscheinungsbild eines Textes, sondern beginnen sich auch in der Textstruktur und im Sprachmaterial zu unterscheiden. Eine gut geschriebene Homepage im Internet unterscheidet sich nicht nur im Aufbau von einem Warenprospekt, sondern verwendet, wenn sie klug konzipiert ist, auch eine andere Art von Sprache.
In einer Zeitung muss es sich der Journalist genau überlegen, wenn er den Leser oder die Leserin direkt in der Sie-Form anreden will. Die direkte Anrede in der Zeitung ist die Ausnahme und überlebt am ehesten in der Ratgeberecke. Im Internet ist die direkte Anrede ein ganz und gar gebräuchliches Mittel und wechselt in Publikumsforen oder Chatrooms problemlos sogar vom Sie zum Du. Wenn ich von einem Berufskollegen, einer Respektsperson oder einem Unbekannten einen Brief erhalte, darf ich in der Regel annehmen, dass er fehlerfrei geschrieben ist, eventuelle Fehler sind Missgeschicke. Wenn die gleiche Person mir einen e-mail schickt, komme ich gar nicht dazu, auf Fehler zu achten. Denn das e-mail wird möglicherweise gar nicht ausgedruckt, nur auf dem Bildschirm rasch überflogen, es verweht sozusagen. Auch wenn oder eben weil es einen starken emotionalen Inhalt zum Ausdruck bringt. Und in die Aktenablage kommt es nur ausnahmsweise oder bei juristisch relevanten Themen.
Im Nachlass meiner Eltern fand ich ganze Pakete von verschnürten Briefen ihrer Eltern und aus der Korrespondenz mit Freunden und Verwandten. E-mails sammelt so getreulich wahrscheinlich niemand mehr, ein wachsender Anteil von e-mails wird gar nicht mehr ausgedruckt. Ich denke daran, was für eine grosse Mühe man sich mit der Bearbeitung und Herausgabe der Korrespondenz eines Karl Viktor von Bonstetten, Peter Ochs oder Heinrich Zschokke macht, wie entschieden das historische und literarische Verständnis für solche Personen von ihren und den an sie gerichteten Briefen lebt. Ich vergesse nicht, wie sich in den Briefen Jacob Burckhardts das Wesen dieses im geselligen Verkehr wahrscheinlich eher verschlossenen Menschen plötzlich öffnet und wundersame Blüten entwickelt; ich erinnere mich an meinen italienischen Glaubensflüchtling Celio Secondo Curione, dessen Alltag ich anhand seiner Briefe manchmal fast lückenlos über ganze Folgen von Tagen rekonstruieren konnte. Wird das später einmal auch noch für die Menschen des 21. Jahrhunderts gelten? Oder sorgen die neuen und ganz anderen Kommunikationstechniken dafür, dass abgelegte Briefe nur noch von einer Welt von gestern künden?
Dann gibt es die Veränderungen im Alltag, die sehr banalen aber nützlichen, weil plötzlich etwas möglich geworden ist, das vorher unmöglich war. Das sind zum Beispiel Fotos mit der Polaroid-Kamera, Instant-Fotos, Sofortbilder. Eine Erinnerung an den geselligen Anlass, das Dokument einer Arbeitsstufe, das Beweismittel im Versicherungsfall. Ich habe das Aufkommen der dreipoligen elektrischen Stecker erlebt, die Verwandlungen des Grammophons zum CD-Player verfolgt mit den Platten, die zuerst 78, später 33 und dann 45 Umdrehungen leisteten. Im Büro gab es plötzlich farbige und durchsichtige Mäppchen aus Kunststoff, im Supermarkt tauchten zuletzt die Pet-Flaschen aus durchsichtigem Plastik auf. Brillengestelle, ob aus Kunststoff oder Metall, waren über eine lange Zeit problematisch, weil sie gern zerbrachen und es darin den Brillengläsern gleich taten. Wie unglaublich leicht und dauerhaft und kaum mehr zerbrechlich sind Brillen unterdessen geworden!
Oder noch viel banaler: Auf dem WC fand sich in den dreissiger Jahren Papier für das grössere Geschäft, meistens in Form von zerschnittenen Zeitungen; das Örtchen, in dem bogenweis verschränktes Toilettenpapier in einem speziellen Kästchen zu finden war, gehörte bereits zu den vornehmeren, es gab auch schon Rollen mit einzeln abreissbaren Stücken. Aber diese Papiere waren hart und glatt, knisterten bestenfalls. In der Regel waren sie von einer leicht gelblich-braunen Färbung. Weiche Papiere hingegen, die nicht mehr knisterten, tauchten erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf – vielleicht weil die Amerikaner das so wollten? Später bekamen wir in der Küche die ungefähr 30 Zentimeter langen Papierrollen aus weichem Wegwerfpapier auf einer Kartonröhre, für die Küchengeräte-Hersteller endlich sogar spezielle Auffangmulden entwarfen. Sie sind geradezu menschenfreundlich praktisch, weil sie als einmaliger Putzlappen, als Serviettenersatz, als Abtrocktüchlein oder sogar als Nastuch tauglich sind. Keine Erfindung, keine Entdeckung, kein Durchbruch – aber würde es sie morgen nicht mehr geben, müssten wir sie bitter vermissen.
Einer meiner Vettern, Ulrich Binder, war Ingenieur und arbeitete bei einer Aluminium-Firma in der Ostschweiz. Eines Tages, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, kam er vorbei und zeigte ein denkbar flach und dünn gewalztes Stück Aluminium, das auf einer Kartonröhre aufgerollt war. Das gibt, sagte er, eine Folie aus Aluminium, die man dann für alles mögliche im Bereich der Küche, des Haushalts, der Körperpflege etc. verwenden kann. Es tönte so vielversprechend – und war es auch. Heute sind Alu-Folien banaler Alltag. Im eigenen Eisschrank konkurrieren sie mit durchsichtigen Kunststoff-Folien, die sich sehr praktisch über kleine Schalen oder Suppenteller spannen lassen. Sie alle gab es vor der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht. Gelegentlich habe ich den Eindruck, in der zweiten Lebenshälfte sei ich in ein eigentliches Folien-Zeitalter geraten: Folien an den Wänden, an den Decken, gegen die Feuchtigkeit, in der Erde, im Büro, auf Verpackungen, anstelle von Briefkuverts, zum Abdecken und Isolieren. Ich weiss noch, wie ich in den fünfziger Jahren zum ersten Mal einen laminierten Buchumschlag sah und beeindruckt war.
Überhaupt die Kunststoffe! Der Veteran hiess Bakelit und war möglicherweise älter als ich selber, war uns bekannt in der Form zum Beispiel der Zitronenpresse. Bakelit war hart, gut formbar, aber nicht sehr bruchresistent. Es war der wichtigste, in meiner Erinnerung sogar einzige Kunststoff aus der Vorkriegszeit. Unterdessen ist da eine Welt für sich entstanden und aufgeblüht, eine zweite synthetische Natur, deren Umfang und Differenziertheit keiner mehr überblickt. Sichtbar in Erscheinung trat sie nach dem Krieg mit den Nylon-Strümpfen, später mit den reflektierenden Oberflächen, zum Beispiel auf Verkehrszeichen oder Schutzanzügen. Als ich noch bei Geigy arbeitete, lernte ich die optischen Aufheller der Marke Tinopal kennen – weniger ein Kunststoff als ein Zusatz, der Textilien im ultravioletten Licht eine Künstlichkeit gab, die sich nicht mehr übersehen liess. Welcher Anteil an Kunstfasern heute in einem textilen Erzeugnis steckt, lässt sich mit feinen Fingerspitzen kaum mehr erfühlen, auch erfahrene Leute schauen lieber auf dem Etikett nach.
Aus meiner Lebenszeit stammt auch die Erfindung der Spraydose. Parfum-Verstäuber gab es gewiss schon früher, sicher bereits im 19. Jahrhundert. Die hatten kleine, mit einem kordelartigen Gewebe umgebene Gummibälle, die man drücken musste, damit die Parfumwolke austrat. Die Spraydose hatte keinen Druckkörper mehr; sie war für alles nützlich und verwendbar: Desinfektionsmittel, Medikament, zur Schädlingsbekämpfung, zum Einfärben, zum Grundieren, zum Lackieren, zum Isolieren. Sie ist in der Hand von Graffiti-Künstlern und Protestbewegungen zu einem politischen Instrument geworden, mit dem die Industriegesellschaft sich selber zu bestrafen scheint: An die Mauern um die Forschungs- und Produktionsstätten, in denen Pigmente entwickelt und die Ventil- und Gasdrucktechniken von Spraydosen ausprobiert werden, sprayen die jungen Leute, die sich ausgeschlossen fühlen, ihre Protestparolen genau mit den Instrumenten, an deren Perfektionierung die Instanzen hinter der Mauer arbeiten. Sie ersetzen aus moralischen Gründen nur das verpönte FCW-Gas durch andere Treibstoffe und freuen sich an einem solide etablierten Markt.
Ich sollte auch davon reden, wie sich während meiner Lebenszeit die Speisen im Restaurant verändert haben und wie in den Haushalten selber eine andere Art zu kochen entstand. Was war der Grund für diese Veränderungen? Zum einen die Gerätetechnik, zum andern Marktöffnungen und Angebotsverschiebungen dank Immigranten, dann die sich ablösenden Ernährungstheorien, wenn nicht wechselnde Ernährungsmoden, zu denen zum Beispiel die Pizza gehört. Eine (späte) Mode waren ebenso die Fast-Food-Restaurants der Marke Wienerwald und McDonald. Ueli Prager, der Gründer der Firma Mövenpick, war in der Schweiz wohl die Person, die für die Veränderungen im Gastro-Bereich die feinste Nase hatte. Er war darin mit Gottlieb Duttweiler zu vergleichen, der ein Meister darin war, amerikanischen Errungenschaften eine schweizerische Prägung aufzudrücken.
Die Küchenausstattung meiner Mutter im Zweiten Weltkrieg bestand aus Pfannen und Töpfen, Messern, Raffeln und Stösseln, Kellen, Schöpfern und Walholz, Sieben und Schwingbesen, dazu einem Krauthobel und einer Zitronenpresse, viel mehr war es nicht. Kein Schüttelbecher, kein Mixgerät, keine Teflon-Bratpfanne, kein Gerät, das Teig knetet, kein Dampfkochtopf, keine elektrische Kaffeemühle und kein Römertopf. Ein Eisschrank kam erst nach dem Krieg in die Küche, und eine Geschirrspülmaschine sowie ein Schrank für tiefgekühlte Lebensmittel waren pure Wunschträume. Noch gar nicht vorstellbar waren Geräte, dank denen sich Mayonnaise schlagen, Gemüseteile in der Suppe zerkleinern oder Zwiebeln und Kräuter unterschiedlich fein zerhacken liessen. Ein elektrischer Herd, der sich exakt auf 60 oder 200 Grad einstellen liess, in dem die heisse Luft heftig zirkulierte oder die Käseschnitte von oben grilliert werden konnte, musste erst erfunden werden.
In Mutters Küche wurde mit Butter oder ausgelassener Butter gekocht, heute geschieht das mit Öl. Dass man am offenen Markt mehr als zehn verschiedene Sorten Oliven kaufen könnte, war nicht vorstellbar. Als Gewürze und Kräuter galten Zwiebeln, Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, Schnittlauch und Petersilie; Safran, Koriander, Curry, Cardamon oder gar Ingwer waren unbekannt. Rosmarin und Thymian sowie Basilikum galten bereits als Exoten. Wenn ich heute den Küchenschrank öffne, finde ich nur ausnahmsweise oder gar nicht mehr Haferflocken und gelbe Erbsen, Linsen sind selten oder nur in der Form von grünen oder den kleinen rötlichen sichtbar, dafür sehe ich drei verschiedene Reissorten und kleine Flaschen mit Soja-Saucen oder Balsamico-Essig. Ich esse, genau betrachtet, fast völlig anders als vor 50 Jahren. Wenn man ist, was man isst, sind wir ziemlich andere Menschen geworden. Neuerdings braucht Gisela die asiatische Wok-Pfanne für die Zubereitung von Gemüsen, das schmeckt sehr gut.
Heute ist die Pizza, um 12.30 Uhr noch ofenwarm durch einen Kurier im Büro abgeliefert, eine Selbstverständlichkeit. Sie tauchte als ein Folgeprodukt der italienischen Einwanderung zuerst in Restaurants auf, die sich bald einmal Pizzeria nannten. Dann spezialisierten sich kleine Betriebe darauf, das verhältnismässig einfache Produkt zu den einzelnen Abnehmern zu verteilen. Es war die gleiche Zeit, da in den Städten die Velo-Kuriere Verteilfunktionen übernahmen. Diese haben unterdessen entdeckt, wie sich ihre Abrufbarkeit mit Mobiltelefonen verbessern lässt. Neue Medien als Geburtshelfer einer neuen Mobilität – da fällt mir auch ein, wie in den Taxis über Funk plötzlich die Stimme der zentralen Einsatzleitung zu vernehmen war. Das muss Anfang der sechziger Jahre gewesen sein. Heute sind diese Stimmen verstummt; ein kleines Display sagt dem Chauffeur die nächste Andress, die er ansteuern soll.
Arbeit, will mir scheinen, hat in meiner Lebenszeit einen anderen Geschmack, eine andere Qualität und Tragweite bekommen. Dass Arbeit darin bestehen könnte, Pizzas über die Mittagsstunde kreuz und quer durch eine Stadt zu verteilen oder am Funkgerät herumfahrende Taxis zu den Kunden zu dirigieren oder mit der Hilfe von Velofahrern Dokumente und sonstige Objekte von einer Hausnummer zur anderen zu transportieren, wäre in der Zwischenkriegszeit kein Thema unter dem Stichwort „Arbeit“ gewesen. Man hätte es sich auch nicht vorstellen können. Arbeit war noch Pflichterfüllung, Auftragstreue in einem vorgesehenen Zeitrahmen, angesichts der Wirtschaftskrise oft eine armselige Plackerei. Der grosse Luxus war der vorverlegte Arbeitsschluss am Samstagnachmittag. Dass die Arbeitswoche nur noch fünf Tage umfassen könnte, hörte sich 1938 geradezu exotisch an.
Drei Dinge haben die Arbeitswelt nach meiner Beobachtung verändert: die fünf-Tage-Woche, die Betriebskantinen (in den grösseren Firmen oder Institutionen) und die gleitende Arbeitszeit. Die fünf-Tage-Woche bekam nach dem Zweiten Weltkrieg die Bezeichnung einer „englischen“ Arbeitszeit, war also ein Teil jener Modernität, die man dem Sieger in einem Krieg zubilligt. Der Verweis auf England hatte den Vorteil, dass die fünf-Tage-Woche keine gewerkschaftliche Forderung darstellte, sondern eher auf die Einsicht der Fabrikherren und ihrer Manager zurückging, die am freien Samstag auch lieber Rebhühner jagen wollten. Als ich bei Geigy zu arbeiten begann, gab es noch kein Personalrestaurant; als ich die Firme wieder verliess, waren die entsprechenden Planungen schon angelaufen. Unvermeidlich war, dass die zeitlich kürzere Verpflegung im Personalrestaurant auch die Dauer der Mittagspause verkürzte, somit rückte der Zeitpunkt des Arbeitsschlusses nach vorn. Also durfte man sich zu überlegen beginnen, ob eine auf die Bedürfnisse des Mitarbeiters und der Mitarbeiterin angepasste Arbeitszeit nicht überhaupt sinnvoller wäre; der Begriff der „gleitenden“ Arbeitszeit gab darauf eine Antwort.
Der nächste grosse Schritt, den wir noch nicht richtig hinter uns gebracht haben, ist die dank Computer, Internet und e-mail dezentralisierte Arbeit zu selbst gewählten Zeiten. Über Fernmeldenetze entsteht eine mit sich selber online kommunizierende Arbeitsgemeinschaft, deren Zusammenhalt nur noch durch die Aufgabenstellung und die Renumerationsansätze gegeben ist. Sozusagen im Nebeneffekt wird Teilzeitarbeit möglich, mit ihr das Job-Sharing, bei dem sich zwei oder mehr Personen in eine Arbeit teilen. Hätte 1950 jemand gesagt, dass zwei volle Arbeitsplätze durch fünf Personen zu 60, 50, 40 und zweimal 25 Prozent erfüllt werden, man hätte ihn für übergeschnappt betrachtet. Heute hat eine normale kantonale Verwaltung erheblich mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als volle Arbeitsplätze.
Wo die Kräfte zu suchen sind, die solche Veränderungen bewirkt haben, ist nicht einfach zu sagen. Hat sich die Art der Arbeit in den Büros und dann sogar in den Fabrikationsräumen selber verändert? Was haben gewerkschaftliche Forderungen bewirkt, welche Art von Übereinstimmung gesellschaftlicher Natur ergibt sich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, was ist einfach nur Mode oder Trend? Inwiefern sind die alten Hierarchien zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern dahingeschmolzen, welche Zwänge üben die motorisierte Mobilität und zyklisch auftretende Mitarbeitermängel aus? Alle denkbaren Kausalitäten sind, eine jede für sich, schon erstaunlich komplex, und ihr Zusammenspiel ist kaum mehr definierbar. Sicher ist nur: Die Arbeitswelt nach 2000 ist eine fast völlig andere als die aus dem Jahr 1950.
Und wie war das mit den Kleidern? Ich klettere in meiner Erinnerung möglichst weit zurück und finde eine von Hand gestrickte Unterhose, die an der richtigen Stelle ein kleines rundes Loch hatte, aus dem das Knäblein sein Wasser lösen konnte. Ich finde eine Art Schürze, die ich für den Kindergarten anziehen sollte, aber lieber im Erdgeschoss-Korridor des elterlichen Pfarrhauses an den Nagel hängte. Ich finde ein nur bis zur Taille reichendes kurzes Hemd, das etwa sechs Knöpfe am unteren Saum aufwies, dank denen sich die mit sechs Knopflöchern versehene kurze Hose anknöpfen liess. Auf dem Weihnachtstisch lag einmal ein kurzärmliges Hemd, eine Art von Hirten- oder Älplerbluse aus solidem hellbeigen Stoff, um dessen Knopfleiste, die auf halber Brusthöhe aufhörte, ein Herz aus verschiedenfarbigen Fäden gestickt war, mein Monogramm stand prunkend in der Mitte. Es machte mich unheimlich stolz: ein richtiges Hirtenhemd, das man sogar für einen Alpaufzug hätte anziehen können!
Ich trug kurze Cordhosen von blauer Farbe, Pfadfinderhosen eben. Und gelegentlich, aber nicht zu häufig, Knickerbocker aus braun-weiss gesprenkeltem Stoff. Die überfallende Hose konnte ich unter dem Knie mit einer kleinen Schnalle oberhalb der Wade festzurren, aber ich wollte mir in dieser Aufmachung nicht recht gefallen. Dass die Knopfleisten der Hemden spätestens auf Bauchnabelhöhe abgeschlossen waren, weiss ich darum so genau, weil mir das erste Hemd, das von oben bis unten aufknöpfbar war, modern und geradezu avantgardistisch vorkommen wollte. War das die amerikanische Art, Hemden zu schneidern? Den Hosenschlitz schloss man gewöhnlich mit vier oder fünf Knöpfen – plötzlich ging das nun viel praktischer mit Reissverschlüssen. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg – vielleicht wieder amerikanischer Einfluss? Lange Hosen bekamen die jungen Leute in der Regel erst mit der Konfirmation, sie hatten unten einen etwa zwei Zentimeter breiten Aufschlag, der dazu führte, dass viel Strassenstaub oder Erdreste in der untersten Falte steckenblieben. Wiederum nach dem grossen Krieg kamen die langen Hosen ohne jeden Um- oder Aufschlag auf den Markt; solche Hosen trugen die amerikanischen GI’s, die in der Schweiz Urlaub machten. Es muss in den fünfziger Jahren gewesen sein, anlässlich einer Ferienwoche im Toggenburg, dass der eingeladene amerikanische Komponist Earle Brown sich Skier im Dorf mietete und dann in Blue Jeans die Abfahrt vom Gamserruck hinter sich brachte. Skihosen waren in meiner Vorstellung aus solidem Wollstoff oder einer starken Gabardine, aber doch nicht Baumwoll-Jeans! Nur dass diese Amerikaner eben alles anders machten.
Überlege ich mir diese Veränderungen, so stehe ich plötzlich unter dem Eindruck, dass sich die innere Orientierung des Kleidertragens mehr verändert hat als das äussere Erscheinungsbild. Bis zum Zweiten Weltkrieg versuchten die jungen Leute, in ihrer Bekleidung erwachsener auszusehen, als sie es waren. Mit dem Beginn der fünfziger Jahre begann sich das zu kehren; nun wurde es interessant, seine Generationen-Zugehörigkeit nach unten auszurichten. Als bestandener Mann mit Jacke und Veste, steifem Kragen und ernster Kravatte aufzutreten, war für einen Zwanzigjährigen nicht mehr attraktiv; erstrebenswert erschien es für einen Mitfünfziger, sportlich und locker zu wirken und unter der Freizeitjacke ein offenes Hemd mit unterlegtem Halstuch zu zeigen.
Das grosse Rollenspiel der Männermode aus dem 19. Jahrhundert, das darin bestand, durch die Kleidung Stand, Rang und Funktion zu signalisieren, hat sich totgelaufen. Heute bringen wir in der Art unserer Bekleidung eher persönliche Launen und Zugehörigkeiten kultureller Natur zum Ausdruck, somit hat sich auch das, was als gesellschaftliche Etikette einst befolgt werden wollte, weitgehend aufgelöst.
Dann das Auto.
Es war schon erfunden, als ich auf die Welt kam. Aber es dominierte den Verkehr noch nicht, auf dem Land waren in meiner Kinderzeit Automobile nur gelegentliche Begegnungen.
Eine Erinnerung meiner Mutter: Ihr Vater und mein Grossvater Emil Scheller sagte leichthin, die Autofahrer seien alle verrückt. (Das war zur Zeit des Ersten Weltkrieges.) Es hinderte ihn nicht, am Kreuzplatz in Zürich eine der frühsten Tankstellen einzurichten und als Inhaber einer Handelsfirma den Verkauf von Benzin für Automobilisten zu übernehmen und damit Geld zu verdienen. Wahrscheinlich schon Ende der zwanziger Jahre war er selber Automobilbesitzer geworden. Er schaffte sich nicht nur einen Wagen der Marke Cadillac an, sondern engagierte auch einen Fahrer mit dem Namen Ernst Lüthi, der sich mir, dem noch nicht zehnjährigen, gegenüber feierlich als Sozialdemokrat bekannte und zwischen den Fahrten in die Stadt den Garten besorgte. Herr Lüthi, wie er von allen gerufen wurde, trug bei der Ausfahrt eine graue Uniform mit kleinen Glasperlen am Rand des steifen Kragens. Wenn er am Morgen an den Frühstückstisch trat, an dem Grossmutter häufig allein sass, nachdem ihr Mann Richtung Büro verschwunden war, hatte Herr Lüthi die steife Mütze unter den linken Arm geklemmt und fragte nach den ordres für den angebrochenen Tag.
Von Grossvaters Auto sind mir ein paar Details geblieben. Das Abteil des Fahrers war vom Raum für die Passagiere durch ein verschiebbares Glas getrennt. Der Passagierraum selber war für vier Personen gedacht, da zwischen der rückwärtigen Bank und dem Abteil für den Fahrer noch zwei Klappsitze angebracht waren. Neben ihnen hingen an der Seitenwand prächtig dicke Kordeln, an denen die Passagiere auf den Behelfssitzen sich festhalten konnten. Eine elektrische Scheibenwaschanlage besass das Auto noch nicht; wenn es regnete, wurden Ausfahrten problematisch, oder es musste Herr Lüthi immer wieder anhalten, um die Scheibe im Handbetrieb abzuwischen. Ich sehe auch noch die gerillten Trittbretter, über die wir in den hohen Wagen kletterten.
Ein anderes Auto – ich glaube, es war ein Fiat – brachte der Bruder meines Vaters, der Apotheker und Ameisenforscher Heinrich Kutter, in den dreissiger Jahren in unsere familiäre Nähe. Es war kein Luxus- oder Prestigeobjekt, sondern eine berufliche Notwendigkeit, weil Onkel Heini als Fachmann für Insektenbekämpfung ein Automobil brauchte, um die Erbsenplantagen im Rheintal und Thurgau zu besuchen. Gelegentlich nahm er uns Kinder auf eine solche Ausfahrt mit. Wie schnell fährt dein Auto? Kommst du auf über 100 km/h? Wir bettelten solange um einen Geschwindigkeitsrausch, bis er auf einer geraden Strasse in der Rheinebene die Tachonadel endlich zitternd auf die Marke 100 hochtrieb.
Im Krieg 1939-45 begann so etwas wie das Autosterben. Im Frühjahr 1940 – wir waren schon nach Basel übersiedelt – waren Autos für die plötzliche Evakuierung vor der deutschen Bedrohung Richtung Vierwaldstättersee oder Emmental unverzichtbar und entsprechend Gegenstand des Neides, aber dann setzten bald Vorschriften und die Benzinrationierung jeglichem Automobiltourismus ein Ende. Von Automobilen gesäumte Strassenseiten, wie wir sie seit Jahrzehnten hinzunehmen gewohnt sind, waren nicht einmal denkbar. Der Vater meines Schulbanknachbars Peter Max, ein Herr Dr. Richard Suter, war der entscheidende Mann im grössten Garagenbetrieb Basels, der Garage Schlotterbeck. Er sagte mir nach dem Ende des Krieges, als wir uns einmal über die Schwierigkeiten des Autohandels während der Kriegsjahre unterhielten, vor welcher Alternative er damals gestanden wäre: Entweder gewinnt Hitler den Krieg, dann sind wir mit einer Grossgarage und der Vertretung der Marke Citroën sowieso so aufgeschmissen, dass ich mir etwas anderes einfallen lassen muss. Oder Hitler verliert, und dann wird schon wenige Tage nach der Kapitulation die Nachfrage nach Automobilen ins Unermessliche steigen. Darum kaufte ich ab dem zweiten Kriegsjahr jeden Wagen, den ich auftreiben konnte, und wenn mir der Preis zu hoch erschien, brauchte ich nur zu warten. Solange nämlich dieser Krieg dauerte, wurde jedes nicht mehr gefahrene Auto fast täglich billiger.
Vater Suter füllte den stattlichen Rundbau der Garage – heute steht sie nicht mehr – bis auf den letzten Quadratmeter mit meistens zu Spottpreisen aufgekauften Occasionswagen. In den sonst unterbeschäftigten Werkstätten liess er sie revidieren. Und als Hitler ihm die Freude gemacht hatte, den Krieg zu verlieren, konnte er so gut wie alle gehorteten Wagen verkaufen, da es nach dem Mai 1945 noch länger dauerte, bis aus Frankreich, England oder Amerika wieder Automobile geliefert werden konnten, von Italien und Deutschland ganz zu schweigen.
Meinen ersten eigenen Wagen kaufte ich, nachdem ich meine Stelle bei Geigy angetreten hatte. Es war auch eine Occasion aus der Grossgarage, ein kleines englisches Fahrzeug der Marke, Triumph die es schon lange nicht mehr gibt. Insgesamt habe ich bis zum Tag, da ich der Augen wegen meinen Führerschein zurückgab, mindestens sieben Automobile hintereinander besessen, vom dritten Wagen an immer der Marke Citroën, deren innovatorische Laune mich entzückte.
Das Auto als Instrument der Bewältigung von Distanzen: Vom Vorstadtdorf in die Stadt fuhr ich als Schüler mit der Trambahn, der Eisenbahn oder mit dem Fahrrad. Auf dem letzteren schaffte man in einer Stunde zwischen 20 und 25 km, also in einem halben Tag um die 100 km oder etwas darüber. Ferien erlebte ich immer mit der Eisenbahn und – im Toggenburg – mit dem Postauto, das die Landschaft anders vermittelte als der Bahnwagen auf seinen Geleisen. Für die Übersiedlung von St. Gallen nach Basel nahm ich das Fahrrad, ich wollte diese mein Leben verändernde Distanz in eine andere und grössere Stadt selber schaffen. Es war das erste Kriegsjahr, die grossen Strassen von St. Gallen Richtung Zürich und dann von Winterthur zum Rhein hinunter waren so gut wie autofrei. In der Gegend von Wil, wo die Strasse über längere Distanz sanft absinkt, war ich ganz allein, das gab ein merkwürdiges Gefühl, in die Welt hinausgeweht zu werden. Als ich dann während der Kriegszeit in Basel zur Schule ging, war das praktisch eine Fahrrad-Stadt; es schien fast mehr Lastwagen als Personenwagen zu geben. Langsam kamen die Automobile mit angebauten Holzvergasern im Heck auf, groteske Fortbewegungsmaschinerien, die einer ständigen Wartung bedurften. Um 1950 unternahm ich erstmals eine Ferienreise im Auto mit einem Kollegen und zwei Kolleginnen nach Frankreich. Selber hatte ich noch keinen Führerschein, wurde also gefahren, was insofern attraktiv war, als wir zu viert in einem amerikanischen Cabriolet herumkutschierten. Wir hatten uns die Loire-Gegend ausgesucht, fuhren von einem Schloss zum anderen. Ich erlebte zum ersten Mal, wie das Auto Örtlichkeiten und Dinge, die zu erreichen sonst sehr mühsam war, plötzlich heranholte und Distanzen reduzierte. Es machte Landschaften und ganze Gegenden sozusagen unerheblich, sie waren nur noch Strassen mit etwas Kulisse auf beiden Seiten. Im Besitz eines eigenen Wagens musste ich das weiter ausprobieren; die auf dem Fahrrad tagelange und -breite Schweiz schnurrte plötzlich auf eine Stundengrösse zurück.
Noch (und noch für längere Zeit) gab es keine Autobahnen; vor dem Krieg hatte man keine gebaut, wollte es auch nicht so machen wie Hitler in Deutschland, und die für den Strassenbau zuständigen Kantone konnten sich für ein die ganze Schweiz umfassendes Vorhaben nicht einigen. Für Autobahnen schien das Land einfach zu klein. Fuhr einer geschickt und mit der notwendigen Rasse, liess sich Basel-Zürich noch immer in einer Stunde schaffen. Allerdings galt das gerade noch Anfang der fünfziger Jahre, gegen Ende dieses Dezenniums musste schon mit gegen anderthalb Stunden gerechnet werden, und das Leben in den Strassendörfern vor und hinter dem Bözberg war nicht mehr lustig.
Typisch schweizerisch kam es mir vor, dass es in der amtlichen Sprache keine Autobahnen, sondern nur „Nationalstrassen“ gab, nachdem zuerst in einem längeren Prozess die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden mussten. Die ersten Autobahnstücke entstanden in der Umgebung von Bern. Die Landesausstellung Expo 64 in Lausanne machte es dann allen Leuten bewusst, dass die Schweiz begonnen hatte, ein Land der Autobahnen zu werden, nachdem auf diesen Anlass hin das grosse Teilstück Genf-Lausanne (und eines der schönsten!) fertiggestellt worden war. Das am äussersten Rand der Schweiz gelegene Basel musste wieder einmal warten, bis die Geschäfte im Mittelland erledigt waren. Aber der Ausbau der deutschen Autobahn von Karlsruhe her, über den in den Basler Zeitungen immer wieder berichtet wurde, schuf eine Art von Erwartungshaltung bei den Leuten, die jetzt jedes Jahr neu zu den Automobilisten stiessen.
Das (immer schnellere, sichtbar bessere, zunehmend billigere) Automobil samt den Autobahnen, Autostrassen, der Tankstellen-Infrastruktur und den unlösbaren Parkierproblemen hat nicht nur die Schweiz, sondern ganz Europa in weniger als 50 Jahren verändert. Was waren, nach dem Ende des Krieges, eine Eisenbahnfahrt die Nacht hindurch Richtung Paris oder die Einfahrt in ausgebombte deutsche Bahnhöfe! Welchen Kontrast boten 30 Jahre später eine Autofahrt durchs Ruhrgebiet, von Mailand an Bologna vorbei Richtung Florenz oder die Umfahrung von Paris auf dem Autobahnring! Länder, Gegenden und Landschaften wurden „erfahrbar“, die grossen Achsen zogen sich zusammen wie Gummizüge. Die Nachbarschaftsbereiche ohne Autobahnen wie die Vogesen, einzelne Juratäler oder die Schwarzwaldhöhen, die einst nur zu Fuss oder zu Pferd erschliessbar waren, wurden dank neuen Autostrassen (übrigens auch gastronomisch) konsumierbar. Ihr Abenteuerwert sank, ihr Unterhaltungswert stieg. Doch der Wert ihrer Einzigartigkeit schwand, weil das Auto das Versprechen enthielt, sie jederzeit aufsuchen zu können, wenn es einen gelüstete. Örtlichkeiten waren verfügbar geworden, und zwar individuell, was den Unterschied zur Eisenbahn schuf.
Das Flugzeug hat diese Asymmetrie in der Erreichbarkeit von Örtlichkeiten nochmals übersteigert, nach Frankfurt, Mailand, Wien oder Paris sind es kaum mehr Stunden. Auf meiner ersten Atlantiküberquerung war das Meer noch fünf Tage breit, heute ist New York im Flugzeug soweit weg wie Florenz im Automobil. Es war Ende der dreissiger Jahre, dass Kinder am Rand von Zürich einen Rundflug von vielleicht einer halben Stunde buchen konnten. Ich brannte darauf, mein etwas jüngerer Vetter Thomas Freysz nicht weniger. Aber die uns ausführende Schwester meiner Mutter, Tante Hedi, war kategorisch: Thomas dürfe auf keinen Fall mit einem Flugzeug fliegen; sein Vater würde das nie und nimmer gestatten, fliegen sei viel zu gefährlich. Für mich galt das nicht, da meine Eltern gar nicht auf die Idee gekommen wären, dass ich anlässlich von Ferien in Zürich ein Flugzeug besteigen würde. Es war mein erster und letzter Kurzflug für viele Jahre, bis dann, in den sechziger Jahren, die Herumfliegerei auf Kosten der eigenen Firma begann.
Ist es möglich, dass das Aufkommen der Eisenbahn in den Briefen, Erinnerungen und der Literatur mehr Spuren hinterlassen hat als das Auto, vielleicht sogar das Flugzeug? Das Letztere wahrscheinlich nicht, aber die Banalisierung dieser Beförderungsart ist schneller vorangeschritten als jene der Eisenbahn. Howard Gossage hat folgenden Miniaturdialog in einem Flughafen überliefert: „Was für ein Wochentag ist heute? – Donnerstag. – Dann muss es San Francisco sein!“ Die Unterschiedlichkeit der Städte ist der Auswechselbarkeit der Flughäfen gewichen. Und noch etwas: Der erste Anblick eines Jumbo Jets mit Platz für viele hundert Passagiere schuf bei mir kein Gefühl, als wäre einmal mehr so etwas wie ein Durchbruch geschaffen. Der Anblick war eher beelendend und untergründig beängstigend: so viele Leute, und alle einer Technik ausgeliefert, die sie selber nicht beherrschen.
Ich habe nachgeschaut: In meinem Geburtsjahr 1925 wurde in Basel die Balair gegründet, die 1931 mit der 1919 in Zürich gegründeten Ad Astra zur Swissair fusionierte, deren Nachfolgegesellschaft heute, da ich das schreibe, mit dem Namen Swiss herumfliegt. Die Anfänge von Automobil und Flugzeug liegen eine Generation weiter zurück, aber das Heranwachsen, die Ausbreitung und die Unentbehrlichkeit beider Transportmittel hat sich zu meinen Lebzeiten ergeben. Ich hörte aber auch in den letzten Kriegsjahren das nächtliche Grollen der alliierten Bomber über Basel hinweg im Anflug auf deutsche Städte wie Freiburg oder Dresden. Der Fortschritt trägt einen Januskopf.
Endlich gibt es Veränderungen, von denen wenig die Rede ist, weil sie nicht sichtbar im Raum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, sondern nur persönlich und höchst privat erlebt werden. Was für ein Schrecken war durch die ganze Kindheit, besonders im ersten Schulalter, die Zahnärztin mit ihrem Folterstuhl und der Bohrmaschine, die über ein System von Lederschnüren funktionierte und schon ihr sägendes Geräusch hören liess, bevor der gerillte Kopf den kranken Zahn abzuschleifen begann! Erst viel später war davon die Rede, dass es auch Spritzen gäbe, mit denen man die Schmerzen nicht mehr spüre. Die erste dieser Spritzen machte mir noch ein krummes Gesicht für einen ganzen Tag. Aber die letzten Zahnarztbesuche, die aus Gründen meines Alters in der Sache ja nicht problemloser werden, sind von den Schmerzen und der Pein her eigentlich so harmlos geworden, dass sie sich mit den kindlichen Erfahrungen überhaupt nicht mehr vergleichen lassen. In den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann sind es mehrere Figuren, deren Leben fast teuflisch mit Zahnleiden verknüpft ist. Geschrieben wurde der Roman zu Beginn des 20. Jahrhunderts; wer 100 Jahre später (also heute) eine ähnliche Geschichte schreiben möchte, dem müsste man raten, seinen Zahnarzt zu wechseln.
Das gilt ja nicht nur für die Medizin der Zähne, es gilt noch viel mehr für den ganzen Leib. Ich wurde an einer Diskushernie operiert, habe links eine künstliche Hüfte, die abnehmende Sehkraft beider Augen machte eine Graue Star-Operation nötig. Solche Eingriffe sind kaum mehr interessant, weil man ständig Leute kennenlernt, denen es nicht anders ging. Aber bei meiner Mutter war die gleiche Augenoperation noch nicht möglich, und wenn man alte Familienfotos genauer anschaut, entdeckt man fast immer schmerzgebeugte Hüftpatienten, gekrümmte Rücken und den verzweifelten Griff zum Stock. Auch darum werden wir heute älter: weil die Akzeptanz körperlicher Leiden nach dem 60. Altersjahr dank den Entwicklungen der Medizin ihre Schicksalshaftigkeit verloren hat. Also ist auch die depressive Resignation zurückgegangen, die den Tod herbeizurufen pflegt. Noch ohne den Blick auf die genetische Medizin, die Organtransplantation, die Herzschrittmacher etc. habe ich im Bereich des Gesundheitswesens (das meistens ein Krankenwesen ist) Veränderungen erlebt, die den Gesellschaftskörper umgeschichtet und seine Spielregeln verändert haben.
Aber sie taten es nur in dem Teil der Menschheit, den wir als die entwickelte Welt der Industrienationen bezeichnen. In Afrika, in China und Indien, in vielen Ländern Südamerikas herrschen andere Bedingungen. Wir haben entdeckt, dass wir – Abendländer, Europäer, Schweizer – die unvorstellbar Privilegierten sind. Das ist auch eine Veränderung: Als ich in die Primarschule ging, besassen die meisten europäischen Nationen noch Kolonien, das britische Empire war rund um den Globus auf den Landkarten rosarot eingefärbt. Der Blick auf die Welt erfolgte durch ein europäisches Schlüsselloch. Das ist vorbei, Globalisierung ist eines der meistgebrauchten Wörter geworden, meint aber vor allem die ökonomische Austauschbarkeit der Waren, Kapitalien und Menschen. Es gibt jedoch die Globalisierung auch als Bewusstseinslage: dass wir tatsächlich eine Welt geworden sind, ökologisch zum Beispiel. Verändert haben sich der Ansatzpunkt, die Sichtweise, die Kategorien.
Ich bin, das ist mir jetzt klar geworden, ein Kind des 20. Jahrhunderts, Generation ¼ mit privilegiertem Standort. Die Veränderungen in diesem Säkulum mit den Veränderungen in früheren Jahrhunderten vergleichen zu wollen, ist nicht sinnvoll. Die „Fortschrittlichkeit“ des 20. Jahrhunderts ist von einer völlig anderen Qualität als diejenige des 19. oder 18. Jahrhunderts. Erstaunlich sind auch die Modifikationen, die das politische Bewusstsein erfahren hat. Ein einheitliches Europa unter den Regeln eines gestalterisch ehrgeizigen Herrschaftssystems war eine napoleonische Idee und schien, wenigstens für die wenigen Jahre zwischen 1804 und 1813, Wirklichkeit werden zu wollen. Die Europäische Union als ein Erbe Napoleons? Vielleicht, aber dann nach demokratischen Spielregeln, sicher ohne gekrönte Familienhäupter. Meine Verwunderung, dass die Schweiz sich aus diesem Prozess bisher heraushalten konnte oder musste, dauert an. Aber ich rechne damit, dass er uns jederzeit wieder ein-, über- oder zurückholen wird. Es könnte so schmerzhaft wie erlösend werden.
Was die Nationen Europas an politischen Veränderungen erlebt haben, ist auf dem Hintergrund ihrer staatlichen Heranbildung im 19. Jahrhundert geradezu unglaublich. Umso merkwürdiger mutet es an, dass die Schweiz selber bei aller Veränderungslust politisch noch immer wie ein Gebilde aus dem 19. Jahrhundert dasteht. Sie funktioniert nach den alten Gesetzen eines tief verankerten Föderalismus und den eingeübten Erfahrungsregeln der direkten Demokratie, die bisweilen sogar eine neue Zukunft versprechen.
Eine Liste weiterer Stichworte zu den erlebten Veränderungen liegt auf dem Tisch. Wie hat das Fernsehen den Tagesrhythmus verändert? Wie bezahle ich meine Rechnungen und benutze Kreditkarten? Wieso zeigten nach dem Zweiten Weltkrieg die Strassen- und Bahnhofbeschriftungen plötzlich andere Farben, welche Verwandlungen haben die Uniformen erlebt? Trug nicht der Postbote einst eine den Offiziersmützen vergleichbare Kopfbedeckung, und heute kommt er in Turnschuhen mit einer Baseball-Mütze vorbei? In der Typografie und der grafischen Gestaltung gab es die Entwicklung vom Handsatz zum Film- und Fotosatz, und jetzt spuckt der Computer alles aus! Die Zwei-Komponenten-Kleber wie Araldit haben dem Heimwerker völlig andere Möglichkeiten geschenkt. Aus den offenen Fenstern der Schulhäuser hörte ich in jungen Jahren unzählige vertraute Melodien wie „Traute Heimat meiner Lieben“, „Luegid vo Bärge und Tal“ oder „Das Wandern ist des Müllers Lust“ – alle vergessen? In meiner Bibliothek steht ein Liederbuch des 19. Jahrhunderts ohne jegliche Noten; unter den Titeln für die einzelnen Lieder steht bloss vermerkt: nach der Melodie „Freut euch des Lebens“. Das heisst, dass der im Publikum abrufbare Vorrat an Melodien riesig war. Heute sind das nur noch Bruchstücke.
Am frühen Nachmittag steige ich die Treppe bei der Basler Pfalz zum Rhein hinunter, im Kopf noch mit „Veränderungen“ beschäftigt. Über Mittag traf ich Heinz Hossdorf, einen Jahrgänger von mir und bekannt durch seine Ingenieur-Künste; er berichtete mir von Rolf Gutmann, nicht einmal ein Jahr jünger als wir beide, wie er sich krebskrank auf den Tod vorbereitete und jetzt auch gestorben ist. Veränderungen? Der Rhein ist an diesem Oktober-Nachmittag grünlich-braun, im Westen ist der Himmel aufgerissen hinter dem Novartis-Hochaus und dem dicken Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage. Es mag demnächst wieder zu regnen beginnen, die Sicht über das Wasser und bis in die ersten Höhen des Schwarzwaldes dagegen ist fast pedantisch klar. Noch brauche ich für den Heimweg keinen Mantel. Veränderungen?
Dass wir sterblich sind, wissen wir seit dem Ende der Kindheit, aber vorerst nur im Kopf. Der Leib lernt es allmählich, zu sehr verschiedenen Zeiten, aus den unterschiedlichsten Anlässen. Ein geplatzter Blinddarm, den ein nicht sehr begabter Hausarzt völlig übersehen hatte, brauchte mich in den fünfziger Jahren an den Rand des Todes. Das Erlebnis eines lichterfüllten Ausgangs, an dem mich eine menschenähnliche Figur zu empfangen schien, war von einer grossartigen Klarheit und Einfachheit. Im Werkareal der Firma Geigy überquerte ich ein anderes Mal die Fabrikstrasse und hörte plötzlich den schreckensvollen Ruf: Obacht! Ich schaute auf und sah die Puffer einer Rangierlok auf mich zufahren, rettete mich im allerletzten Augenblick mit einem Sprung. Es ging um Sekundenbruchteile.
Aber Veränderungen? Diese kommen – in meinem Fall, auf leisen Füssen. Samtpfötchen sozusagen. Plötzlich ein Schub der Unlust, eine Art Trägheit, die mit einer Siesta nicht zu beheben ist, aber sie geht vorbei. Durch viele Jahre hindurch schien das Energiepotential, aus dem ich zehren konnte, unerschöpflich; jetzt kann es geschehen, dass es mir vorkommt wie eine alte Batterie. Oder es will mir das Spektrum der gedanklichen Vorstellungen und der mit ihnen korrelierten Stimmungen mit einem Mal unerwartet eingeschränkt vorkommen, eingleisig sozusagen, ohne die bunte Vielfalt nach allen Seiten, und in diese Eingleisigkeit zieht dann ein isoliertes Gefühl ein, eine Sorge, eine Frage ohne Antwort. Die Unzufriedenheit mit mir selber hockt sich neben mich. Altert man so?
Es sind Veränderungen, die die mir gewohnte Sicht auf die Dinge verschieben und einengen. Ich rätsle ihnen mehr nach als den rein körperlichen Anzeichen zunehmenden Alters. Denn wie selbstverständlich ging ich immer von einer Autonomie der Person aus, die letztlich zwar von ihrem charakterlichen Vorgehen bestimmt sein könnte, aber fähig sein sollte, sich über sie hinwegzusetzen. Jetzt merke ich, dass diese Autonomie viel kleiner ist, als ich dachte. Ich entdecke nicht nur meine Bedingtheit, sondern weiss auch, dass sie zunimmt.
Ja, ich verändere mich, aber es ist kein schmerzlicher Vorgang. Er hat sogar seine glücklichen Seiten.
|© 2004 Markus Kutter|