Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/1261

In den siebziger Jahren setzt im beobachteten Zeitraum erstmals eine Abnahme des Gemeindebestands ein. Diese betrifft praktisch ausschliesslich die Schulgemeinden. Die meisten der aufgelösten Schulgemeinden gingen in die politische Gemeinde ein, daneben gab es auch Zusammenschlüsse von Primar- und Oberstufenschulgemeinden. Ein häufiger Grund war die Aufhebung von konfessionell getrennten Schulgemeinden, die es im Kanton St.Gallen bis in die achtziger Jahre hinein gab.
Eine zweite Abnahmewelle setzt Anfang des neuen Jahrtausends ein. Die grösste Abnahme fällt wiederum auf die Schulgemeinden, deren Aufgaben von politischen Gemeinden übernommen werden. Es handelte sich dabei um eine erste Welle der Bildung von Einheitsgemeinden, die sich dann mit der Invollzugsetzung des Gemeindevereinigungsgesetzes Mitte 2007 (sGS 151.3) nochmals verstärkte. Einheitsgemeinden bezeichnen jene politischen Gemeinden, die die Aufgaben der Schulgemeinden übernommen haben. Waren Ende 2006 lediglich 18 von 89 politischen Gemeinden sogenannte Einheitsgemeinden, sind es aktuell (Stand 2019) 55 der 77 politischen Gemeinden.
Mit dem Gemeindevereinigungsgesetz aus dem Jahr 2007 werden Gemeindezusammenschlüsse mit vier Beitragsarten gefördert. Ziel ist es dabei insbesondere, sogenannte «Heiratshindernisse» (bspw. stark differierende Verschuldung) zu beseitigen und die Effizienz der politischen Gemeinden durch Zusammenschlüsse zu verbessern. Seither schlossen sich im Linthgebiet und im Toggenburg 23 politische Gemeinden zu zehn grösseren Gemeinden zusammen.
Auch die Ortsgemeinden, die ortsbürgerlichen Kooperationen und die örtlichen Kooperationen verzeichnen im 21. Jahrhundert einen Rückgangstrend. Bei den Ortsgemeinden wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts über 20 dieser Gemeinwesen aus wirtschaftlichen Gründen durch den Kanton aufgehoben. Seit das Gemeindevereinigungsgesetz in Vollzug trat, kamen bei den Ortsgemeinden bisher keine Zusammenschlüsse zustande. Demgegenüber nahm die Zahl der örtlichen Korporationen deutlich ab, um rund 30. Hauptmotiv war das Bestreben, die Haupttätigkeit – Wasser- und Elektrizitätsversorgung – in grösseren Gemeinwesen wirtschaftlicher und in besserer Qualität bereitzustellen. Ebenfalls deutlich ging der Bestand der ortsbürgerlichen Korporationen zurück, wobei dies vor allem mit der schwierigen Suche nach neuen Verantwortlichen in den entsprechenden Gremien der Korporationen zu tun hat. Gemäss Art. 15b des Gemeindegesetzes von 2009 (sGS 151.2) dürfen keine neuen ortsbürgerlichen Korporationen mehr gegründet werden.
Die Zahl der politischen und Spezialgemeinden widerspiegelt die Art und Weise wie die Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben intrakantonal institutionalisiert ist. Ihre Entwicklung im Zeitverlauf zeigt die Veränderungen im föderalistischen Staatsaufbau. Zudem gibt er Hinweise darauf, welche Bedeutung die Orientierung an funktionalen Räumen einnimmt. Im Folgenden werden die Aufgabenbereiche der verschiedenen Gemeindearten, die Gründe ihrer Herausbildung sowie ihr heutiger Stellenwert kurz umrissen:
- Politische Gemeinden: Die politischen Gemeinden decken das Kantonsgebiet vollständig ab. Sie übernahmen im Laufe der Zeit seit 1803 alle gesetzlichen Aufgaben von den Ortsgemeinden und sind heute zuständig für die ihnen nach Verfassung und Gesetz übertragenen Aufgaben. Dazu gehören die Einwohnerkontrolle, die Vergabe des Bürgerrechts, die Erhebung von Steuern, der Betrieb von Bildungseinrichtungen, der Bau und Unterhalt von Strassen, Plätzen, Häfen usw., die Betreuung von Sozialfällen, die Bereitstellung von Elektrizität und Wasser, die Entsorgung von Abfall, die Bereitstellung von betreuten Alters- und Pflegeplätzen und vieles mehr.
- Ortsgemeinden: Mit der Gründung des Kantons St.Gallen im Jahr 1803 teilten sich die politischen Gemeinden und die Ortsgemeinden den Aufgabenbereich auf. Der Rat der politischen Gemeinden war unter anderem zuständig für den Unterhalt von öffentlichen Strassen und Plätzen, die Polizei, Kontrolle der Märkte, des Gastgewerbes und der Seuchenprävention sowie für die Führung der Bürger-, Geburts-, Ehe- und Sterbebücher. Der Verwaltungsrat der Ortsgemeinden behielt die Aufsicht über die Finanzen, die Infrastruktur, den Wald sowie Kirchen-, Schul- und Armengüter. Im Laufe der Zeit sind die meisten Aufgaben an die politischen Gemeinden übergegangen. Seit der Verfassungsrevision zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Ortsgemeinden keine gesetzlichen Aufgaben mehr zu erfüllen. Sie betätigen sich aber weiterhin im Dienst der Öffentlichkeit, indem sie öffentliche Anlässe unterstützen, Stipendien an Studierende ausrichten, Museen betreiben, kulturelle Anlässe und Vereine unterstützen, sich in der Kranken- und Behindertenpflege engagieren, Strassen, Wege und Brücken unterhalten, Wälder und Alpen pflegen und weitere Aufgaben im öffentlichen Interesse wahrnehmen.
- Schulgemeinden: Die Schulgemeinden sind nach Volksschulgesetz für die Bereitstellung der Schulanlagen sowie für die Beschulung der Kinder und Jugendlichen verantwortlich. Schulgemeinden verfügen über ein eigenständiges Gebiet, welches deckungsgleich mit einer oder mehreren politischen Gemeinden sein kann, aber nicht sein muss. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Schulgemeinden laufend zugunsten der Bildung von Einheitsgemeinden ab. Einheitsgemeinden bezeichnen jene politischen Gemeinden, die die Aufgaben der Schulgemeinden übernommen haben und auf deren Gebiet keine eigenständigen Schulgemeinden mehr existieren.
- Örtliche Kooperationen: Die politischen Gemeinden können Aufgaben, wie typischerweise die Bereitstellung von Wasser oder Elektrizität an andere Spezialgemeinden übertragen. Örtliche Korporationen sind in der Regel solche Spezialgemeinden mit einem klar abgegrenzten Aufgabengebiet, das sie im Auftrag einer politischen Gemeinde wahrnehmen. Erhöhte Anforderungen an die Qualität, zum Beispiel in der Wasserversorgung, bringen vor allem kleine Korporationen häufig an den Rand ihrer Möglichkeiten, weshalb seit dem Jahr 2007 rund ein Drittel ihre Existenz aufgegeben und die Aufgaben an die politische Gemeinden oder an andere Korporationen übertragen haben. Umgekehrt übernehmen örtliche Korporationen neue Aufgaben, die aufgrund sich ändernder technischer Möglichkeiten entstehen, beispielsweise den Betrieb von Kabelnetzen für Fernsehen und Internet.
- Ortsbürgerliche Kooperationen: Der Kanton St.Gallen verfügt mit Stand Mitte 2017 noch über 14 ortsbürgerliche Korporationen. Dabei handelt es sich im Rheintal um acht Rhoden, die über ein eigenständiges Gebiet verfügen, sowie um zwei konfessionelle Waisenguts- und Fondsgemeinden. In anderen Gebieten des Kantons existieren noch je eine Burgerkorporation, eine Kreisalpenkorporation, eine Fondverwaltung sowie eine ökonomische Gemeinde, die für die Wasserbereitstellung verantwortlich ist. Da gemäss Gemeindegesetz keine ortsbürgerlichen Korporationen mehr gegründet werden dürfen, verliert diese Art von Spezialgemeinden nach und nach weiter an Bedeutung.
Das Amt für Gemeinden dokumentiert die Zahl der Gemeinden und deren Veränderung. Jährlich gibt es dazu aktualisierte Verzeichnisse heraus.
Nächste Aktualisierung bis spätestens: 30.04.2020
Die Infografik sowie die Zahlen, die ihr zugrunde liegen,...
Noch offene Fragen?
Fachstelle für Statistik Kanton St.Gallen
Davidstrasse 35
9001 St.Gallen