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THE HAUNTING wurde zum teuren Effektspektakel, dessen Gruselfaktor sich eher gegen „Naja“ denn „Hui“ bewegt. Keine grosse Stunde, weder für die Filmemacher (Jan De Bont, der SPEED Regisseur), noch für die Darsteller (Liam Neeson, Catherine Zeta-Jones, Owen Wilson, Lily Taylor und das Haus…). Produziert wurde der Film von Dreamworks und eine Zeit lang war THE HAUNTING als Stephen King/Steven Spielberg Film angekündigt, doch King entschied sich irgendwann nach der x-ten Revision seiner Story dazu, das Projekt zu verlassen. Michael Kahn übrigens, Spielbergs Haus- und Hofcutter, besorgte den Schnitt.
Wer Goldsmiths Karriere ein bisschen verfolgt hat, weiss, dass der Komponist bei mittelmässigen Filmen zur Höchstform auflaufen kann. Doch selbst Goldsmith schien hier merkwürdig gehemmt, dabei war die Voraussetzung durchaus gegeben: Grusel, paranormale Aktivitäten in einem verwunschenen Anwesen und ein Filmkomponist, der sich in diesem Genre besonders ausgezeichnet hat. Kommt hinu, das Jahr 1999 war so ein schlechtes auch nicht für Goldsmith, in dem noch THE MUMMY und THE 13TH WARRIOR entstanden. Aber vielleicht sorgte der Wunsch der Macher, nicht voll auf Horroreffekte zu gehen plus das nicht so sonderlich starke Script für das musikalische Endergebnis, das hier nun in einer (kompletten?) Deluxe Version vorliegt.
Der Dreh war turbulent. Riesige Bauten in einem Flugzeughangar, massenhaft Spezialeffekte aus dem Computer, ein Kameramann (Caleb Deschanel) der mit Ex-Kameramann DeBont nicht konnte und Kosten, die mit 80 Millionen zu jener Zeit durchaus an der oberen Grenze anstiessen. Nein, zum Riesenerfolg wurde der Film nicht, Kritiken und Mundzumund der Kinobesucher waren ebenfalls nicht sonderlich gut, doch THE HAUNTING spielte sein Budget doppelt wieder ein. Für den richtigen Thrill übrigens sei das Original von Robert Wise aus dem Jahr 1963, das meisterhaft auf Suggestion statt auf Spezialeffekte setzt.
Von Seiten Goldsmith ist ein gross dimensionierter, orchestraler Score plus Elektronik zu hören. Oft verwendet wird ein absteigendes 8-Noten Grusel-Hauptthema, das deutlich an BASIC INSTINCT erinnert (DeBont war Kameramann bei Verhoevens knisterndem Thriller). Das zweite Hauptthema, das lieblich süsse „Theme from Haunting“ (Harfe, Celesta, Flöte, Oboe, Streicher) ist Lily Taylor zugeschrieben und nimmt im Score als auch im Film, dem Charakter geschuldet, eine wichtige Stellung ein.
Insbesondere den zweiten Teil des Scores hat Goldsmith mit massig synthetischen Klängen versehen, wie man sie von ihm bestens kennt („What am I Doing“, „Out of Bed“), u.a. mit einem öfters verwendeten Echo-Effekt (auch dieser hat in der hier verwendeten Anordnung und seinem dunklen Klang etwas von BASIC INSTINCT). Natürlich, was wäre ein Goldsmith denn ohne diese, ist auch der ein oder andere fetzige Actionmoment zu hören, pièce de résistance ist das 9 Minuten dauernde „Finally Home“, das etwas POLTERGEIST erahnen lässt (Dies Irae, gut hinhören). Nebst den Schlüsselthemen, die immer wieder bedient werden, bietet Goldsmith ein „Karussellstück“ an, sinnigerweise heisst es… „The Carousel“, befindet sich doch im Anwesen ein lebensgrosses, echtes . Ringelspiel – wir werden es nochmals zu hören bekommen. Wenn Goldsmith die Hörner und Posaunen erklingen lässt, wie zu Beginn von „Home Safe“ oder im Eröffnungsstück werden abermals Erinnerungen an POLTERGEIST wach, eine durchaus brachiale Stimmung wie sie in THE HAUNTING sonst nicht zu hören ist. Dieses und der etwas weiter oben erwähnte Einschub sind aber die einzigen Verbindungen mit dem Meisterwerk von 1982.
Was Varèse dazu bewegte abschliessend die 6 Minuten Albumversion von „The Haunting“ anzuhängen, entgeht meiner Vorstellung – es sei denn um die Laufzeit der CD voll verlängern.
THE HAUNTING hat durchaus seine Momente, aber es ist sicherlich nicht mehr als ein Durchschnitts-Goldsmith. Wer Deftigeres, Kompromissloseres und Komplexeres wünscht, sollte sich an POLTERGEIST oder die THE OMEN Serie, an MEPHISTO WALTZ oder gar, mit etwas Mut, an THE REINCARNATION OF PETER PROUD halten. Wem die Mischung aus Mystik und Romantik zusagt und einen „grossen“ Goldsmithsound mag, der wird mit THE HAUNTING gut bedient.
Nun bleibt noch die Frage, ob sich die 67 Minuten Laufzeit (minus dem Albumtrack also) gegenüber der 35 Minuten Version, die damals zum Film ebenfalls bei Varèse erschien, denn lohnen? Der Goldsmith-Fan findet hier sicher den ein oder anderen Moment, der ihm zusagen wird und die 35 Minuten von 1999 waren schon unverschämt kurz. So ergibt sich ein doch besseres und ausgewogeneres Bild der Musik. Man kann aber problemlos damit leben diese Langversion nicht gekauft zu haben, auch ohne sich nicht zum absoluten Goldsmith-Liebhaber zu bekennen. Und somit schliessen wir ein weiteres Expanded/Deluxe Kapitel aus dem immer noch dicken Goldsmith Buch mit dem Gedanken, dass da wohl noch so einiges auf uns zu kommen wird.