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Georeferenzierung von Landkarten und Kommentieren von Fotos im Archiv der Basler Mission
Ein Beitrag von Lambert Kansy und Verena Rothenbühler
Das Archiv der Basler Mission dokumentiert die rund 200-jährige Geschichte der 1815 gegründeten Basler Missionsgesellschaft. Das Privatarchiv in Basel umfasst 2000 Laufmeter Akten, 50‘000 historische Fotografien von 1850 bis ca. 1945 sowie über 7000 Landkarten, Pläne und Skizzen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Die einzigartigen Archivbestände zeugen vom internationalen Einsatz der Mission, die vor allem in Ghana, Kamerun, Südindien, Südchina und Kalimantan (Indonesien) tätig war.
2012 lancierte das Archiv die Website www.bmarchives.org und machte seine attraktiven Bestände, rund 30‘000 Fotografien und knapp 7000 Karten und Pläne online zugänglich. Gleichzeitig startete das Archiv mit diesem Material auch zwei Crowdsourcing-Projekte: Die historischen Fotografien können von der Crowd kommentiert werden und bei rund 3‘000 einzelnen Kartenwerken kann das interessierte Publikum mit Hilfe eines Georeference Tool Koordinaten zuordnen. Vor allem das Georeferenzierungs-Projekt stiess in Fachkreisen auf grosse Resonanz und brachte dem Archiv mediale Aufmerksamkeit und Publicity.
Im Februar 2019 treffen wir Andrea Rhyn und Patrick Moser, die das Archiv der Basler Mission seit 2016/17 leiten, zu einem Gespräch.
Pionierin bei der Digitalisierung
Paul Jenkins, der damalige Leiter des Archivs, begann bereits in den 1990er-Jahren mit der Erschliessung, Sicherung und Digitalisierung der Fotobestände. Dabei profitierte das Archiv vom grossangelegten und von der Getty Foundation massgeblich finanziertem Projekt «International Mission Photography Archives» (IMPA) der University of Southern California (USC), das die historischen Fotosammlungen von katholischen und protestantischen Missionsgesellschaften in Europa und den USA digitalisierte und online zugänglich machte.
Damit verfügte die Basler Mission im Vergleich zu anderen Institutionen schon früh über digitalisierte Bestände. Im Nachhinein erweist sich diese Pionierinnenrolle jedoch nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch. Das Dateiformat (.jpg, ursprünglich .pcd), die Dateigrösse von unter 1 MB und die nach dem damaligen technischen Standard mögliche Auflösung von 200dpi ist für heutige Ansprüche oftmals zu niedrig und setzt der Nutzung der Digitalisate durch Verlage und Museen Grenzen.
Im Jahr 2000 wurden zudem gut 6800 Karten und Pläne digitalisiert. In diesem Zusammenhang entstand dann die Idee, die Landkarten und Fotografien auch interaktiv nutzen zu lassen.
Der Georeferencer erlaubt es Benutzerinnen und Benutzern, die sich mit einem Google-, Twitter- oder Facebook-Account, wahlweise auch einem eigenen Account des Georeferencers registriert haben, Punkte auf einer digitalisierten Karte aus dem Archiv als identisch mit entsprechenden Punkten auf modernen Karten zu bezeichnen.
Werden mindestens fünf Referenzpunkte auf beiden Karten markiert, kann die digitalisierte Karte anschliessend als ganzes georeferenziert werden und als solche anschliessend mit der aktuellen Karte überlagert dargestellt werden.
Anschliessend werden die georeferenzierten Karten auf im Georeferencer eingebundenen Google Maps als Points of Interest dargestellt und können im Georeferencer Tool oder im Archivkatalog bmarchives.org aufgerufen werden.
Die Daten werden nicht auf der Seite von bmarchives.org, sondern im georeferencer.com gespeichert. Im Juni 2019 waren mit 1024 Karten rund 37 Prozent der im Georeferencer verfügbaren digitalisierten Karten georeferenziert (vgl. http://www.bmarchives.org/georeferencer/).
Demgegenüber werden die Kommentare, die zu Fotografien erfasst werden können, auf der Website von bmarchives.org gespeichert. Auf bmarchives.org registrierte Benutzerinnen und Benutzer können einzelne Verzeichniseinheiten kommentieren.
Beide Crowdsourcing-Angebote sind permanente Angebote, die keinen definierten Start- und Endpunkt haben.
Der Aufbau der Website www.bmarchives.org und die Implementierung des Georeferencers, die zwei Jahre Vorbereitung in Anspruch nahmen, wurden ebenfalls weitgehend von Stiftungen finanziert. Das Georeference Tool als Teil der Website wurde von der Firma Klokan Technologies GmbH entwickelt; damals noch eine kleine innovative Firma, die heute eine der führenden in diesem Bereich ist.
Andrea Rhyn und Patrick Moser beurteilen dieses Setting mit externer Finanzierung und Abhängigkeit von einem Technologiepartner im Nachhinein als zwiespältig. Fakt ist, dass sie die Crowdsourcing-Aktivitäten nicht in ihrer Hand haben. Auch wenn die Zahlen positiv sind. Die Website www.bmarchives.org hatte im Jahr 2018 gut 48‘000 Besuche, davon stammt rund die Hälfte aus den USA. Die Crowdsourcing-Projekte verzeichnen seit dem Start rund 50 Kommentatoren und Kommentatorinnen. Im Georeference Tool ist vor allem eine Person aktiv, die bis heute beinahe 70 Prozent aller Karten (rund 1100) bearbeitet hat. Die Karten stossen vor allem in Übersee auf Interesse. Die Fotografien sind ausser für die Forschung, Verlage und Museen, vor allem für Menschen interessant, die in den einstigen Missionsgebieten leben sowie für Nachkommen von ehemaligen Missionaren. Diese posten ab und zu Kommentare zu einem Bild oder fragen nach hochaufgelösten Digitalisaten.
Nice to have …
Auf die Frage, welchen konkreten Nutzen das Archiv aus den Crowdsourcing-Projekten zieht, kommen Andrea Rhyn und Patrick Moser alles in allem zu einer ambivalenten Beurteilung. Die Kommentare zu den Bildern liefern immer wieder wertvolle Hinweise und können in den Archivkatalog übernommen werden. Bei der Georeferenzierung ist das Hauptproblem, dass das neue Wissen nicht in den Archivkatalog integriert werden kann. Es fehlt eine technische Schnittstelle, und so kann das Archiv die von der Crowd generierten Daten nicht weiterverwenden und als neue Metadaten ins Missionsarchiv integrieren. Bei beiden Projekten ist kein direkter Kontakt mit der Crowd möglich, da die E-Mailadressen der Teilnehmenden nicht übermittelt werden. Wieso dies seinerzeit so gemacht wurde, können Andrea Rhyn und Patrick Moser nicht nachvollziehen, ergeben sich doch durch die Nachfrage oft zusätzliche wertvolle Informationen und die Möglichkeit, sich für den Beitrag zu bedanken.
Für Andrea Rhyn und Patrick Moser ist die Georeferenzierung zwar „nice to have“, da sie Publicity bringt, am Ende ist sie aber eine durchaus aufwändige technische Spielerei, die wenig Mehrwert für das Archiv generiert und ein einseitiges Bild des Archivbestands vermittelt, weil sie den Fokus auf eine bestimmte Kategorie von Unterlagen lenkt. Dass das Archiv vor allem aus schriftlichen Dokumenten besteht, geht dabei fast unter. Die Erfahrung hat Andrea Rhyn und Patrick Moser gelehrt, dass die Ziele jedes noch so kleinen Crowdsourcing-Projektes genau definiert sein müssen. Zudem müssen die längerfristigen Kosten (v. a. für wiederkehrende Relaunches und Datenübernahmen von einem Release auf den nächsten) genau erwogen werden. Wenn immer möglich sollte keine Abhängigkeit von einem technischen Anbieter in Kauf genommen werden. Die Überlegung im Vorfeld, wie die von der Crowd generierten Daten ins Archiv gelangen und wozu sie weiter benutzt werden können, ist für sie zwingend. Zudem muss gewährleistet sein, dass mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Crowdsourcing-Projekts Kontakt aufgenommen werden kann.