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Als die aus Charles-Ferdinand Ramuz, Gustave Roud, Edmond Jaloux und Paul Budry bestehende Jury des Romanwettbewerbs der Lausanner «Guilde du livre» 1944 von einer gewissen Catherine Colomb einen Roman mit dem Titel «Chemins de mémoire» zugeschickt erhielt, identifizierte Paul Budry das Typoskript sofort als Werk jener Catherine Tissot, die 1932 mit «Trop de mémoire» den Wettbewerb der Zeitschrift «Patrie Suisse» gewonnen hatte. Jenes erste Buch, das von zwei Frauen handelte, die sich trotz der Erkenntnis «Im Grund ist für Leute mit Erinnerungen kein Platz auf dieser Welt» auf imaginative Weise in ihre Kindheit zurückversetzten, war 1934 unter dem Allerweltstitel «Pile ou face» (1987 in deutscher Übersetzung als «Kopf oder Zahl») bei Attinger in Neuenburg herausgekommen. Auch «Chemins de Mémoire» trug – aus Gründen der möglichen Verwechslung mit einem anderen Wettbewerbsbeitrag – wieder einen ganz anderen Titel, als die «Guilde du livre» den preisgekrönten Roman 1945 herausbrachte. Mit Blick auf die Genfer Seeschlösschen, in denen die Autorin (und ihre Figuren!) die Kindheit verbrachten, taufte man das Buch «Châteaux en enfance» («Das Spiel der Erinnerung», 1987), was erst möglich wurde, nachdem die Autorin ihre wahre Identität bekannt gegeben hatte. Sie hiess in Wirklichkeit Marie-Louise Reymond, war die Gattin eines Lausanner Rechtsanwalts und die Mutter zweier Kinder. Catherine Colomb war ihr Mädchenname, unter dem sie am 18. August 1892 in Saint-Prex zur Welt gekommen war. 1916 hatte sie ihr Phil.-I-Studium in Lausanne abgeschlossen und war dann als Doktorandin in England mit der Nostalgie der alten Adelsgeschlechter in Berührung gekommen, hatte Virginia Woolf für sich entdeckt und 1921, nach Heirat und Verzicht auf die Promotion, heimlich zu schreiben begonnen. Erst beim dritten Buch, das MarieLouise Reymond 1953, wiederum unter dem Pseudonym Catherine Colomb, publizierte und das erneut mit starken Bildern und fast ohne linear erzählte Geschichte um eine verlorene, erst im Tod wiederzufindende Kindheit trauert, setzten die Éditions Rencontre den von der Autorin vorgesehenen Titel «Les Esprits de la terre» («Tagundnachtgleiche», 1978) auf den Umschlag. Von da an ging es noch ganze neun Jahre, bis Catherine Colomb mit «Le Temps des anges» («Zeit der Engel», 1989) bei Gallimard in Paris der endgültige literarische Durchbruch gelang – ziemlich genau 36 Monate, bevor sie am 13. November 1965 mit 73 Jahren starb. «Die Engel, das gleichmässige Rauschen ihrer mächtigen Flügel, sie hörte Joseph beim Erwachen», beginnt «Zeit der Engel», und das Rauschen der Wellen des Lac Léman bleibt das ganze Buch hindurch hörbar und taucht das schreckliche, von Hass, Betrug und Mordgier bestimmte Geschehen in eine sanfte, gedämpfte Melodie. Und nicht nur für diesen Roman gilt: Wer sich einmal auf das faszinierende Erinnerungsspiel eingelassen hat, mit dem Catherine Colomb in eine überraschende Verwandtschaft zu Autoren wie Gerhard Meier oder Gertrud Leutenegger tritt, kommt trotz dunklen, bitteren Motiven und Inhalten nicht mehr von der abseits aller Linearität frei und unverkrampft assoziierenden Sprach- und Bilderflut los.