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Die Idee mit dem Double hatte ihn nicht losgelassen. Ersatzperson für den Darsteller, hiess es im Lexikon. Das war es, was er suchte. Bei ihm, dem Verhaltensforscher Justus Stephanus, der mit der Filmbranche absolut nichts zu tun hatte, ging es nicht um Lebensgefahr, nicht um die Ausschaltung des Risikos, sich die Knochen oder schlimmstenfalls das Genick zu brechen. Er wollte das Double, um mehr Zeit für sich zu haben.
Zum Beispiel als Stellvertreter auf routinemässigen Fachtagungen und langwierigen Konferenzen, wo manchmal nicht mehr erforderlich war als der Namenszug auf der Teilnehmerliste. Stephanus, ein begeisterter Golfspieler, sah hier eine Möglichkeit, sich auf diese Weise seinem geliebten Sport intensiver widmen zu können.
Das Double, ein beschäftigungsloser Schauspieler, hiess Edgar Schneider. Er hatte mit Justus Stephanus eine frappante Ähnlichkeit. Figur und Körpergrösse stimmten überein, vor allem aber die Gesichtszüge der beiden waren nur schwer voneinander zu unterscheiden. Gewiss, ein Maskenbildner hatte letzte Hand angelegt. Mit einer Spezialperücke und dem gestutzten Kinnbart war eine Ähnlichkeit erreicht worden, die verblüffte.
Stephanus hatte Schneider über eine Künstleragentur vermittelt bekommen. Er zeigte sich mit der Wahl äusserst zufrieden, zumal das Double ein hervorragender Stimmenimitator war und in kürzester Frist die Sprechweise und den Tonfall des Forschers glänzend nachzuahmen verstand.
Edgar Schneider erwies sich in allen Belangen als erstaunlich lernfähig. In der Materie der anstehenden Sachfragen kannte er sich nach wenigen Wochen der Einarbeitung sehr gut aus. Er reiste mit dem Pass seines Auftraggebers, erweckte nirgends Misstrauen und bezog ein Gehalt, von dem er als Schauspieler in der Provinz nur hatte träumen können.
Während Edgar Schneider auf Tagungen und Kongressen weilte, konnte es sich Stephanus leisten, an ausgedehnten Golfturnieren teilzunehmen. Ein Vergnügen, für das er zuvor nie genügend Zeit gehabt hatte. Auch war es ihm nunmehr möglich, öfter bei seiner Frau Miriam zu sein, die sich über seine häufige Abwesenheit immer wieder beklagt hatte.
Dass ihn sein Double, Edgar Schneider, in Erscheinung und Stimme perfekt zu imitieren verstand, gehörte zu dessen Aufgaben. Dafür wurde er bezahlt. Hinzu kam, dass Schneider das Talent besass, die Unterschrift von Stephanus täuschend ähnlich aufs Papier zu bringen, ohne einen Verdacht zu erwecken. Die Art und Weise, wie er das bewältigte, zeigte, dass Schneider in seiner neuen Rolle keine Gelegenheit ausliess, sich in den Vordergrund zu spielen.
Eines Tages war Stephanus bei seiner Ankunft in einem Düsseldorfer Hotel sichtlich verwirrt, als ihn der Portier an der Rezeption mit den Worten begrüsste: «Schön, Herr Professor, dass Sie uns nach zwei Wochen schon wieder beehren.»
Seit einem halben Jahr war Stephanus nicht mehr in Düsseldorf gewesen. Das wusste er genau. Schneider jedoch, sein Double, hatte ihn kürzlich hier vertreten. Daran erinnerte er sich. Wie zum Beweis zog der Portier eine Porträtkarte hervor, wie sie von Schauspielern oftmals verwendet werden, und sagte: «Auf Ihr Autogramm bin ich besonders stolz, Herr Professor!» Stephanus sah das Foto mit seiner Unterschrift und nickte dem Portier flüchtig zu. Offenbar war Schneider in seinem Übereifer drauf und dran, über das gesteckte Ziel hinauszuschiessen.
Die Tagung in Düsseldorf begann für Justus Stephanus in jeder Hinsicht erfolgreich. Sein Referat erregte Aufsehen, wurde lebhaft diskutiert und zum Abdruck in der Fachzeitschrift vorgesehen. Dem Thema «Individuum und Identität» wurde höchste Aktualität bescheinigt.
Am frühen Abend des folgenden Tages rief er bei sich zu Hause in München an. Nach einer Weile meldete sich Miriam. «Hallo, Schatz!», sagte Stephanus. «Bevor ich zum Essen gehe, wollte ich dir rasch sagen, dass hier alles bestens...» - «Lassen Sie bitte diese Unverschämtheit», unterbrach ihn Miriam. «Mein Mann ist schon seit über einer Stunde zu Hause.» - «Dein Mann?», brachte Stephanus fassungslos heraus. «Jawohl», sagte Miriam, «und damit Sie es ganz genau wissen, wir gehen gleich ins Konzert.» - «Aber Miriam», stammelte Stephanus, «sag, was ist passiert?»
Ohne dass sie ihm eine Antwort gegeben hatte, hörte er Miriam rufen: «Justus, es ist unerhört! Hier erlaubt sich jemand einen üblen Scherz.» Stephanus glitt das Handy aus der Hand. Unfähig, sich zu rühren, rang er nach Luft. Schweissperlen standen auf seiner Stirn. Als er den ersten Schock überwunden hatte, rief er die Taxizentrale an. «Wohin, bitte?», fragte der Fahrer. «Zur nächsten Polizeiwache», sagte Stephanus, in dessen Stimme die Erregung unüberhörbar war. Der Taxifahrer öffnete den Mund zu einer Frage. Gleich darauf schien er es sich anders überlegt zu haben. Wortlos gab er Gas und fuhr an.
Auf der Wache erklärte Stephanus, er sei gekommen, um Anzeige zu erstatten. Der Polizist verlangte den Ausweis. Stephanus klappte seine Brieftasche auf und reichte ihm den Personalausweis. Der Beamte warf einen prüfenden Blick auf die Eintragungen, rückte den PC zurecht und sagte in wohlwollendem Tonfall: «Und worum geht es, Herr Schneider?»