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Aufgrund des Corona-Virus gilt in Peru bis am 26. April eine absolute Ausgangssperre. Zwar verspricht der Staat Hilfsmassnahmen, diese kommen bei den Ärmsten aber nicht an. Margot und Nelson Paco Chipana, zwei in Juliaca aufgewachsene Studenten, schildern die dramatische Situation im Land.
Der erste COVID-19-Fall in Peru trat am 6. März auf, worauf die Regierung am 16. März eine strikte Quarantäne von 15 Tagen ausgesprochen sowie alle nationalen und internationalen Grenzen geschlossen hat. Während dieser Quarantäne hat der Präsident unseres Landes, Matín Vizcarra Cornejo, darüber informiert, dass alle Familien mit niedrigen Einkommen, selbständig Erwerbende und ältere Menschen 380 Soles (knapp 130 Franken) erhalten. Unglaublicherweise kam dieses Geld nie komplett zu allen Personen, die es benötigen, denn genau diese Leute wissen nicht, dass sie Anrecht darauf haben. Nach diesen 15 Tagen hat die Regierung die Quarantäne bis am 12. April verlängert. Da die Corona-Fälle weiterhin steigend waren, hat unser Präsident das System geändert: Ab 20 Uhr bis 5 Uhr wurde eine strikte Ausgangssperre verhängt, niemand durfte mehr sein Haus verlassen. Auch diese Massnahme half nicht, die Kurve der Erkrankten abzuflachen, und so wurden die Massnahmen noch einmal verschärft: Aktuell lebt ganz Peru in einer Quarantäne bis am 26. April, was konkret bedeutet: Die Männer dürfen die Häuser nur am Montag, Mittwoch und Freitag verlassen, die Frauen am Dienstag, Donnerstag und Samstag – beide lediglich für Einkäufe. Am Sonntag müssen alle zu Hause bleiben.
Margot: Gestrandet in Mexico
Mein Name ist Margot, im vergangenen Jahr habe ich vom peruanischen Staat ein Stipendium erhalten, um vom 1. Januar bis 30. April 2020 an der Universität Guadalajará in Mexico zu studieren. Mein Rückflug am 30. April wurde gestrichen, weil die Grenzen in Peru geschlossen sind. Deshalb habe ich einen Rückflug auf den 2. April gebucht. Dieser wurde aufgrund der Quarantäne aber erneut gestrichen. Über das peruanische Konsulat wird im Ausland gestrandeten Peruanern Unterkunft, Essen und wenn nötig Medikamente zur Verfügung stellt. Leider ist die Zahl der Peruaner in Mexiko sehr hoch und nicht alle schaffen es, diese Unterstützung zu erhalten. Mir haben sie nur Geld gegeben, um Essen für 15 Tage einzukaufen. Um diese Unterstützung zu erhalten, musste ich diverse Telefonate führen und Anfragen schreiben. Die Quarantäne in Peru ist aktuell bis am 26. April verlängert und viele Peruaner in Peru wissen nicht mehr, was sie essen und wo sie wohnen sollen. Das Konsulat sagt uns, dass wir auf Hilfsflüge warten müssen, um zurück nach Peru zu gelangen, aber diese Flüge sind primär für ältere, kranke und schutzbedürftige Personen. So konnte ich bis jetzt noch keinen dieser Flüge besteigen.
Auf dem Land: Telefon und Internet fehlen, um Hilfe zu beantragen
Die positiven Coronafälle sind seit dem 8. April exponentiell angestiegen, weil Leute, die Geld brauchen, zur Arbeit gehen. Die selbständig Erwerbenden haben kein Geld, um sich Essen zu kaufen. Wenn ich es mit meiner Situation vergleiche, so macht es mir vor allem Sorgen, dass in den ländlichen Gegenden von Peru keine Internetanschlüsse und Telefonverbindungen bestehen, so dass die Menschen um Hilfe bitten können. Meine Eltern sind in Juliaca in Peru. Mein Vater hat keine Arbeit und meine Mutter arbeitet in einer Schule. Ende März hat sie zum letzten Mal ihren Lohn erhalten, mit diesem Geld müssen sie den ganzen Monat April auskommen. Dieser Lohn bedeutet auch, dass sie nicht auf die Hilfe des Staates zurückgreifen können. Sie haben mir erzählt, dass es alleinerziehende Mütter mit drei Kindern gibt, Waisenkinder und viele Familien, die bereits jetzt nichts mehr zu essen haben, weil das wenige Geld, das sie gespart haben, nirgends ausreicht.
Nelson: Sorgen weil das Gesundheitssystem schlecht ist
Ich heisse Nelson und aktuell bin ich in Quarantäne in Arequipa, wo ich lebe und studiere. Als hier die obligatorische soziale Isolation begonnen hat, haben viele Leute geglaubt, es sei ein Scherz. Andere sagen, sie hätten ein sehr starkes Immunsystem, und halten sich deshalb nicht strikt an die Regeln. Das Gesundheitssystem in unserem Land ist nicht gut. Meine Schwester und ich sind aktuell nicht krankenversichert (das ist besorgniserregend). Meine Mama arbeitet für den Staat. Ihr Gehalt ist nicht so gut, aber es reicht zum Leben und sie hat eine Versicherung. Ich habe aber schon oft erlebt, wie sie erst nach einem Monat einen Arzttermin erhalten hat, das ist zu viel Zeit! In Juliaca pflegen sich viele Leute mit natürlicher Medizin (Kräutern). Die Mehrheit hat kein Vertrauen in Versicherungen und das Gesundheitssystem, weil die Betreuung schlecht ist.
In Arequipa haben viele Ärzte über die Medien kommuniziert, dass sie nicht das nötige Material haben, um die Pandemie zu bekämpfen. So stand kürzlich auch in einer Zeitung, dass das Goyeneche-Spital (eines der wichtigsten in Arequipa) nicht über die Installationen verfügt, um die Pandemie zu bekämpfen. Die Regierung hat sich sehr bemüht, diese Probleme zu beheben und hat Geld zur Verfügung gestellt, um die Infrastruktur der Spitäler zu verbessern.
Leben vom Ersparten
Ein anderes, sehr beunruhigendes Thema ist die aktuelle Ausgangssperre. Rausgehen dürfen nur jene Leute, die in aktuell wichtigen Berufen arbeiten. Das bedeutet, dass seit dem 16. März alle, die nicht in diesem Sektor beschäftigt sind, nicht arbeiten. Einige können von zu Hause aus arbeiten, aber in Peru arbeiten die meisten Menschen im Verkauf. Viele dieser Leute leben aktuell in Armut, denn sie verdienen seit 28 Tagen kein Geld und haben kein Erspartes. Die Regierung verteilt Lebensmittel und Geld an die Bedürftigsten, wobei wegen Korruption vieles nicht am richtigen Ort ankommt. Die Gemeinden erstellen Listen mit den Menschen, die Hilfe brauchen – was es auch ermöglicht, das Geld genau jenen zu geben, die es nicht am nötigsten haben (wieder Korruption). Die Quarantäne wurde bis am 26. April verlängert und die Leute leiden mehr darunter, kein Essen zu haben, als am Virus. Mir geht es relativ gut, denn ich hatte geplant, einen 3D-Drucker zu kaufen und habe deshalb gespart. Dieses Geld kann ich nun nutzen, um mir Essen zu kaufen. Ich arbeite aktuell freiwillig an der Universität, werde aber sowohl diesen wie auch nächsten Monat wohl kein Einkommen haben. Leider kann ich weder meiner Schwester in Mexiko noch meinen Eltern helfen, denn das Reisen ist absolut verboten.
Sterben mehr an Hunger als an Corona?
Das Virus befällt aktuell vor allem die Hauptstadt Lima, wo es schon mehr als 1000 Fälle gibt. In Peru gibt es gemäss Auskunft des Präsidenten 500 Beatmungsgeräte, und die Prognosen sagen voraus, dass wir am 26. April 1500 Erkrankte haben werden, die Intensivpflege benötigen. Diese Aussicht ist wirklich beunruhigend. Viele Leute engagieren sich, um dem Land zu helfen: Einige verteilen Essen an Bedürftige, Hotelbesitzer nehmen Leute zur Quarantäne auf, die aus dem Ausland zurückgeholt werden. Andere versuchen, Beatmungsgeräte herzustellen. Ich arbeite zurzeit an meiner Universität freiwillig an der Konstruktion eines Beatmungsgerätes.
Ich hoffe wirklich, dass Gott Mitleid mit uns hat und uns erlaubt, als Land vorwärts zu kommen. Ich hoffe, dass die Regierung Massnahmen ergreift, um den Bankrott zu verhindern. Denn wenn wir so weitermachen, wird zwar die Zahl der Infizierten sinken, aber die Leute werden an Hunger sterben – vor allem jene, mit tiefen Einkommen.