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Als Europa obenauf war
Zeit, sich an das für Europa entscheidende 19. Jahrhundert zu erinnern: Das neue Buch des englischen Historikers Richard J. Evans hilft auch, die aktuelle Krise auf dem Kontinent zu verstehen.
1815 ist nichts, wie es einmal war. Noch um 1700 – so fasst der englische Historiker Richard J. Evans die Analysen der Kollegen Christopher Bayly (gest. 2015) und John Darwin zusammen – lagen eine «ganze Reihe von Kulturen auf dem Globus in nahezu jeder Hinsicht, vom Lebensstandard bis hin zu kulturellen Errungenschaften, gleichauf». Um nur einige in Evans’ voluminösem Buch «Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914» zitierte zu nennen: das Mogulreich in Indien, das Qing-Imperium in China, das Osmanische Reich und andere Staaten seien Europa ebenbürtig gewesen. Auch das Königreich Dahomey und seine Nachbarn in Afrika. Aber eben: 1815 war alles anders.
Wegen konkreter historischer Umstände hatte sich Europa abzusetzen vermocht, und erst mit und nach den beiden Weltkriegen war seine Vormachtstellung zunächst ins Wanken geraten und schliesslich ganz dahin gewesen.
Doch eben jene vorübergehende globale Hegemonie rechtfertige es entscheidend, die Jahre von 1815 bis 1914 als «eigenständigen, bedeutsamen Abschnitt der europäischen Geschichte anzusehen», wie Evans betont. Jener Historiker, der überhaupt ein Jahrhundert und damit eben auch jenes 19. rein chronologisch etikettieren würde – etwa von 1801 bis 1900 – muss freilich erst noch geboren werden.
«Innovativ» (Evans) hat die Berühmtheit Eric Habsbawm jene Epoche, die seine Trilogie behandelt, als «das lange 19. Jahrhundert» bezeichnet – auf Band 1 prangt schliesslich: 1789. Daran, dass das 19. Jahrhundert «janusköpfig» sei, erinnert wiederum Evans, die Revolutionen von 1848 spalte es in zwei ungleiche Hälften. Und die Industrialisierung schreite in grösseren Schritten erst ab 1850 voran, wie Evans feststellt: 1815 tauche die Eisenbahn schemenhaft am Horizont auf, die Telegraphie, und 1911 finde etwa der erste dokumentierte Luftangriff auf eine feindliche Stellung während der italienischen Invasion in Libyen statt – Weltenunterschiede.
Europas unverkennbares Gsicht
Evans will dem Leser in seiner Darstellung nun einerseits aufzeigen, «was Europa als Ganzes verband.» Europa sei eben auch damals – hört, hört – schon nicht nur eine Ansammlung von sich weiterentwickelnden Einzelstaaten gewesen, es habe auch als Ganzes ein unverkennbares Gesicht gehabt, sei «eine Region von Grossbritannien und Irland im Westen bis nach Russland und zum Balkan im Osten» gewesen, wie es der 71-Jährige formuliert.
Andererseits hat das Modell der Nationalstaaten, das im 20. Jahrhundert in alle Welt exportiert werden sollte, im 19. Jahrhundert seine Wurzeln – und wurde es von den Historikern für lange in den Mittelpunkt der Untersuchungen und ins positivere Licht gerückt, so wurde dieses düsterer mit dem «gigantischen Flächenbrand des Zweiten Weltkriegs», auch die Balkankriege der 1990er Jahre verdunkelten es.
Nicht im Land-für Land-Ansatz sucht Evans sein Heil, sondern darin, «wahrhaft europäische Geschichte schreiben» zu wollen, eine transnationale, wobei dies für Evans überhaupt erst durch den Fall des Kommunismus, der Erweiterung der Europäischen Union um weite Teile Osteuropas und der Globalisierung möglich geworden ist. Und könne eine solche Geschichte keinesfalls nur auf eine Geschichte der nationalen Politik und der internationalen Beziehungen reduziert sein – erst recht seit den 1970er Jahren habe sich die historische Forschung so erweitert, dass «nahezu jeder Aspekt menschlicher Aktivität in der Vergangenheit eingeschlossen» würde.
Grösseres Spektrum
So lobt Evans den deutschen Globalhistoriker Jürgen Osterhammel, der sich in «Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts» (2009) mit einer erstaunlichen Vielfalt von Themen wie «Gedächtnis und Selbstbeobachtung, Zeit, Raum, Mobilität, Lebensstandards, Städte, Macht, Revolutionen, Energie, Arbeit, Netze, Hierarchien» befasse. Und längst habe die Geschichtswissenschaft ihren Horizont ja auf die Landschafts- und Umweltgeschichte ausgedehnt, so Evans.
In diesem Zusammenhang, doch an anderer Stelle als im Vorwort von «Das europäische Jahrhundert» hat Evans dann auch kritisiert, dass historische Überblicksdarstellungen häufig zu viel Zeit damit verbrächten, die allgemeinen Interpretationslinien darzulegen, anstatt zu versuchen, sie aus dem Leben und den Erfahrungen von Zeitgenossen herauszupräparieren. Bewusst hat Evans deshalb jedem der acht Kapitel die Erzählung der Geschichte des Lebens einer einzelnen Persönlichkeit vorangestellt – vier Frauen, vier Männer, aus acht Ländern. Einzelne Kapitel handeln sodann von den «Widersprüchen der Freiheit», der «sozialen Revolution», der «Eroberung der Natur» und dem «Zeitalter der Gefühle».
Jahrhundert der Emanzipation
Auch will er in seinem 1023-Seiten-Werk Rechnung tragen, «dass 85 Prozent der Europäer im 19. Jahrhundert auf dem Land gewohnt» hätten, doch hier möchte Evans den düsteren Ausblick Tim Blannings, einem wie Evans weiteren früheren Cambridge-Professor, nicht teilen, wonach die Anfänge der Industrialisierung und das rasante Bevölkerungswachstum auch eine neue Form der Armut mit sich gebracht hätten und einen «permanenten Zustand der Mangelernährung und Unterbeschäftigung». Ja, pflichtet Evans Blanning bei, es habe weiterhin Seuchen (Choleraepidemien) und Hungersnöte gegeben, jedoch seien diese nicht so verheerend gewesen wie in manch vorangegangener Epoche. Aber vor allem – und das möge bitteschön nicht untergehen – sei das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der Emanzipation gewesen, eben für die Landbevölkerung in wichtigen Aspekten, doch auch für Frauen und religiöse Minderheiten – sicher sei sie durchweg bedingt und unvollständig ausgefallen.
Doch viel mehr Denker und Akteure gab es seit der Französischen Revolution, die sich darüber Gedanken machten, wie Ungleichheiten aus der Welt zu schaffen seien, und viel wirkmächtiger als noch vor 1789 war die für jene Zeit von Blanning herausgearbeitete «Hegemonie durch den Staat und die Entstehung einer neuen Form von kulturellem Raum: der öffentlichen Sphäre».
Letztere war freilich immer noch fast ausschliesslich der kleinen Schicht der Gebildeten vorbehalten, überhaupt lässt sich sagen, dass «die Macht des Staates und seine Einmischung in das Leben der Menschen vergleichsweise begrenzt» und trotz «des plastischen Vorbilds der Französischen Revolution sich die politische Partizipation des Volkes nach wie vor auf ein Minimum» beschränkte. Die offene Diskussion im Kaffeehaus oder ein von allen Schichten besuchter Lesezirkel? So weit war es noch nicht. Und ja, es lässt sich wohl nicht schönreden, dass etwa die Leibeigenschaft auf dem Land von einer neuen Form der Ungleichheit abgelöst wurde: etwa der Lohnarbeit in der Fabrik. Fortschritte und ihre damit einhergehenden Einschränkungen – erst recht fürs 19. Jahrhundert kommt der Historiker um solche Beschreibungen nicht herum.
«Das Streben nach Macht»
Ist die deutsche Ausgabe des hier besprochenen Buchs geradezu harmlos als «Das europäische Jahrhundert» betitelt, so heisst die englische: «The Persuit of Power». Tatsächlich, so Evans, zieht sich «Das Streben nach Macht» im 19. Jahrhundert durch die ganze Gesellschaft. «Staaten griffen nach der Weltmacht, Regierungen trachteten nach imperialer Macht, (…), politische Parteien führten Wahlkämpfe, um an die Macht zu kommen, Banker und Industrielle strebten nach wirtschaftlicher Macht, Leibeigene und Teilbauern wurden nach und nach von der willkürlichen Macht des landbesitzenden Adels befreit.»
Und, und auch das ist Macht, die Gesellschaften bauten im 19. Jahrhundert ihre Verfügungsgewalt über die Natur aus. «Staaten erlangten die Macht, die Auswirkungen von Hunger und Naturkatastrophen wie Bränden und Fluten abzumildern. (…) Um die Macht der Menschheit über die Natur zu vergrössern (…), bauten die Menschen Städte Metropolen, Eisenbahnen und Kanalsysteme, Schiffe und Brücken.»
Je weiter das Jahrhundert fortgeschritten sei, desto mehr hätten die «Menschen der Macht eine höhere Priorität eingeräumt als dem Ruhm, der Ehre und vergleichbaren Werten (…), schreibt Evans, und mit der europäischen Hegemonie «wurde Macht vermehrt auch in rassistischen Begriffen gefasst».
Das findet sich dann im achten Kapitel dieses für jede und jeden von vorn bis hinten lesenswerten Buchs, in dessen ersten Kapitel noch Napoleon herumspukt, jener Mann, dem Ruhm und Ehre alles gewesen sind. Dass das nationale Identitätsgefühl hierzulande «durch den Widerstand gegen die Beschneidung der Unabhängigkeit durch Napoleon und die Zwangsrekrutierung junger Schweizer für dessen Armeen» zementiert wurde, das lässt Evans nicht unerwähnt, wenn er die Schweiz streift, hier und da.
Richard J. Evans. «Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815 – 1914». Aus dem Englischen von Richard Barth. Originaltitel: The Pursuit of Power. Originalverlag: Penguin Books Ltd., Hardcover mit Schutzumschlag, 1'024 Seiten, 15,0 x 22,7 cm mit farbigen Bildteilen und Karten, ISBN: 978-3-421-04733-5.