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Die erste Besteigung des Titlis vom Wendengletscher aus
Im Jahrbuch XXXVIII, pag. 391, habe ich aufmerksam gemacht auf einen Artikel von dem bekannten deutschen Turnlehrer August Baven-stein, der, nach Ausweis von Jahrbuch S.A.C. V, im Mai und Juni 1867 unter dem Titel: „ Wanderlust, Turn- und Alpfahrten ", in der „ Deutschen Turnzeitung " erschienen sein und u.a. eine Besteigimg des Titlis vom Gadmental aus enthalten sollte. Ich ersuchte, da mir diese Zeitschrift in Bern nicht zugänglich war, einen sie besitzenden Leser dieser Notiz um nähere Auskunft. Erst nach Erscheinen von Band XXXIX im Juni 1904 übersandte mir unser Clubgenosse Dr. R. Heukeshoven, jetzt Apotheker in Dresden, den gewünschten Auszug, den ich im folgenden zur Kenntnis bringe als Beitrag zur Besteigungsgeschichte des Titlis vom Wendengletscher aus. Danach wäre also die erste Besteigung auf diesem Wege ausgeführt worden von den Herren L. v. Mosse und v. Dagrell aus Schlesien, im Jahre 18tì5, die meite von den Herren August Baoenstein und B. M., Student aus Bern, im Jahre 1866, die dritte von den Herren Ernst Müller und Dr. H. Dübi im September 1871. Die Schilderung Ravensteins ist recht anschaulich und entspricht dem Terrain genau. Der Gemsjäger Melchior Moor aus Gadmen war bei allen drei Expeditionen einziger Führer. In der nachfolgenden Schilderung, deren Abschrift ich der Güte des Herrn Dr. Heukeshoven verdanke, ist nur Unwesentliches weggelassen worden. Sie lautet in diesem Auszug, zu dem ich nur die nötigsten Anmerkungen beifüge, wie folgt:
- Gadmen war als Nachtquartier gewählt worden, um von da aus, den Sustenpaß überschreitend, des andern Tags nach Wasen ins Reußthal hinab zu gehen. Als einzelner Mann und nur leicht gestiefelt, durfte ich um so weniger ernstlich an eine Besteigung des Titlis von hier aus denken, als die bekannten Reisehandbücher dergleichen von Gadmen ausgehend nirgends erwähnen. Ein Blick auf die Dufoursche Karte ließ zudem deutlich erkennen, daß nicht von hier, sondern vom Jochpaß und Laubersgrat aus der ungefährlichere Zugang zu suchen sei. Dennoch konnte ich mein Gelüst nach einer strengeren Berg- und Kletter- fahrt nicht unterdrücken, und hatte die Freude, von dem Hauswirte zu vernehmen, daß schon mehrere Tage ein Student aus Bern, B. M., zur Befriedigung gleichen Wunsches nur auf einen Gefährten warte. So war denn der zweite Mann glücklich gefunden. Melchior Moor, der Jäger von Gadmen genannt, ein kühner, doch vorsichtiger Bergkletterer, brannte vor Begierde, auf dem bislang nur ihm bekannten Zugange „ von Gadmen aus " mit Touristen zu zweiten Male ( erstmals hatte er es im Jahre 1865 mit zwei Edelleuten aus Schlesien, L. von Bosse und von Dagrell, unternommen ) den Titlis zu besteigen. Dieser wurde als Führer gewonnen, und so war denn ein Kleeblatt von drei Mann beisammen, der verschiedensten Qualität zwar, aber alle gleich erfüllt von dem Verlangen nach einer jener etwas gewagten Alpenturnfahrten, welche für gewisse Charaktere unwiderstehlichen Reiz haben.
Nun wurde noch die Ausrüstung der zwei Passagiere von Moor gemustert etc
In mondheller Nacht früh 3xj2 Uhr marschierten wir ab. Bald nahm uns dunkle Waldung auf, wo die Laterne auf dem wirren Pfade Dienste tun mußte. Nach einer guten halben Stunde waren wir auf der Wendenalp, deren Senner sich durch unser Juchzen im Schlafe nicht stören ließ. Damit hatten wir bereits das Gadmenthal verlassen und waren in das Rinnsal des Wendenwassers eingetreten, Meereshöhe von Gadmen 3007 F., Wendenalp 4974 F. Von hier aus giebt es keine Hütten mehr. Es fängt an zu tagen, der große Wendengletscher wird sichtbar. Über Trümmergestein, wo auf spärlichen Weideplätzen die letzten Ziegen ihr Futter suchen, gelangen wir zur Wand des Wendenstockes. Schroffe Felsen, die mit Hilfe des Seiles erklettert werden, bieten hier die erste Schwierigkeit. Nun bald auf den kleinen Wendengletscherhinüber und über den Firn desselben zum Backofen 2 ). So wird ein Felsenkessel genannt, dessen steile Felsenwände, beleckt von einer Firnkruste, dem weiteren Vordringen unüberwindliche Hindernisse entgegen zu setzen scheinen. Von Gadmen aus bis hierher drei Stunden angestrengtesten Marsches; daher eine Viertelstunde Rast, in welcher Moor zur Erbeutung etlicher Stücke Kalkspaths aus der nahen Gemsenkapelle ( einer Felsenhöhle ), der Berichterstatter aber zur Skizzierung des Orts die Gelegenheit benutzte. Moor hatte uns an eine Stelle gebracht, wo ein Spalt der Felswand Stütze und Anhaltspunkte zum Erklimmen bietet; den Spalt fanden wir mit Schnee gefüllt, der nicht betreten werden durfte; das feste Gestein war teilweise mit Eis verglast. Dies war der Zugang zum Firn, welcher unter dem Namen des Nollen den nördlichen Abhang des Titlis bedeckt. Moor hatte denselben auf seinen Streifzügen in die Reviere der Gemsen und Schneehühner ausfindig gemacht und tat sich hierauf etwas zu gute. Bei einem Haare wäre jedoch aus der Kletterpartie nichts geworden; denn als das Seil zurecht gemacht wurde, entKlein Gletscherli " des Blattes Wassen.
2 ) Felsmasse, auf der Karte ohne Namen eingezeichnet.
Dr. H. Dübi ( Sektion Bern ).