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"THEATER DES ÜBERLEBENS. MARTIN DISLER - DIE SPÄTEN JAHRE"
04.07.2021 Ausstellung im Kirchner Museum Davos, bis am 7. November 2021
Bild: Martin Disler (1949-1996), Theater des Überlebens, 1995, Acryl auf Leinwand, 190x210 cm, Privatsammlung
Martin Disler, 1949 in Seewen/CH geboren, war Zeichner, Maler, Bildhauer, Dichter, Autodidakt. Er lebte als ruheloser Reisender in Zürich, Amsterdam, Lugano, Samedan, Mailand und zuletzt in Les Planchettes im Schweizer Jura. Im Alter von nur 47 Jahren ist Martin Disler an den Folgen eines Hirnschlags gestorben.
Erste internationale Aufmerksamkeit erreichte Disler mit seiner Ausstellung "Invasion durch eine falsche Sprache" in der Kunsthalle Basel 1980. Die folgenden Jahre beschieden ihm eine rasant wachsende Anerkennung mit Einzelausstellungen unter anderem in der oben genannten Institution sowie im ARC Paris und dem Museu de Arte Moderna Sao Paolo. Im Jahr 2007 wurde die Einzelausstellung "Von der Liebe und anderen Dämonen. Martin Disler: Werke 1979–1996" im Aargauer Kunsthaus Aarau gezeigt, und im selben Jahr erschien die grosse Monografie "Martin Disler 1949–1996", herausgegeben von Franz Müller.
Die frühe Malerei Dislers besteht aus grossformatigen Leinwänden mit zügig aufgetragener Acrylfarbe und klar erkennbaren Motiven, die in ihrer freien Kombination überraschen. Kräftige Farben und ausgedehnte Flächen dominieren in dieser Zeit Dislers Bilder. Die Gemälde bestechen durch eine kraftvolle Unmittelbarkeit, die durch die Lapidarität der Motive und Malweise noch gesteigert wird.
Die späteren Bilder Dislers werden malerisch anspruchsvoller und lassen dabei immer weniger figurative Motive erkennen, auch wenn Disler die Figuration nie ganz aufgeben wird. Ihre ausserordentliche Dynamik und Wucht verdanken sie, neben ihrer Grösse, auch dem Malprozess Dislers, der die Farbe mit Pinsel, Händen und Fingern auftrug, um sie dann mit dem Messer wieder abzunehmen, vergleichbar der Arbeit an einer Plastik. Disler ertastete und formte seine Bilder ganz körperlich, in einem Prozess kontinuierlicher Verdichtung.
Anfang der 1980er-Jahre wandte sich Disler auch der Druckgrafik zu, bei der er ebenfalls mit extrem grossen Formaten arbeitete. Er beschäftigte sich intensiv mit den verschiedenen Techniken und den Herausforderungen des druckgrafischen Prozesses. Seit Mitte der 1980er-Jahre entstand zusätzlich zu Malerei und Grafik ein umfangreiches dreidimensionales Werk. Die Skulpturen bedeuteten für Disler eine konsequente Fortführung seiner Mal-, Zeichen- und Druckprozesse.
Die Terrakotta-Skulpturen zeigen eine Reihe von flachen Hängemasken oder Totenschädeln neben vollplastischen Objekten mit mehreren Köpfen. Sie erinnern sowohl an menschliche wie an tierische Köpfe, die ineinander verschlungen aus demselben Grund wachsen. Starke Aushöhlungen lassen an Blumenkübel denken.
Das Schreiben ist für Martin Disler von grosser Bedeutung, mehrere Romane und Erzählungen bleiben unveröffentlicht, weil sie seiner eigenen Kritik nicht standhalten. Schreiben wird in den letzten fünf Jahren seines Lebens zu einer zentralen Beschäftigung. Über ein Dutzend Künstlerbücher versieht er mit Texten. Im Roman "Bilder vom Maler" wird seine ausserordentliche Sprachkraft deutlich, die von nun an das bildnerische Schaffen regelmässig und mit einer schmerzenden Eindringlichkeit begleitet. Darin schildert Martin Disler die künstlerische Existenz in einer Sprache, die Verausgabung und Exzess spiegelt.
Die Ausstellung im Kirchner Museum zeigt die letzten zehn Schaffensjahre von Martin Disler in einem spannenden Dialog mit Werken und Schriften von Ernst Ludwig Kirchner aus der Sammlung des Kirchner Museum Davos sowie aus schweizerischen privaten und öffentlichen Sammlungen.
Zusammenhänge in den verschiedenen Ausdrucksmitteln und Gattungen werden sowohl bei Martin Disler als auch bei Ernst Ludwig Kirchner vertieft. Die Bedeutung des Körpers und seine Rolle im kreativen Akt, Körpersprache, Tanz, Bewegung, Gestik, Ausdruck, Abstraktion und Figuration werden interpretiert und thematisiert.
Neben Malerei, Druckgraphik und Zeichnung nimmt die Skulptur einen zentralen Stellenwert ein. Skulpturen von Ernst Ludwig Kirchner verschiedener stilistischer Epochen bringen mit einer Auswahl von menschengrossen Bronzeskulpturen Martin Dislers der Werkgruppe "Häutung und Tanz", die in einem intensiven Schaffensprozess in den Jahren 1990-91 realisiert wurde (und in der Whitechapel Art Gallery in London, in der Kunsthalle Basel, im Kunstforum der Städtischen Galerie im Lehmbachhaus München, im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, 1994 in Castel Grande in Bellinzona und 2019 im Skulpturenpark Waldfrieden präsentiert wurde) das Thema menschliche Figur szenographisch und klassisch zur Schau.
Die Skulpturen Dislers sind Materialisationen eines Körperdenkens. Sie verbildlichen den Menschen in seiner Zerrissenheit und Verwundbarkeit, eine Darstellung der menschlichen Seele, die man in den Holzfiguren und Malereien Ernst Ludwig Kirchners nachvollziehen und als zeitloses "Theaters des Überlebens" verstehen kann.
kmd
Kontakt:
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Bild: Martin Disler (1949-1996), Ohne Titel, 1995, Acryl auf Leinwand, 190x210 cm, Nachlass Martin Disler
Hinweis:
Bis am 12. September 2021 ist im Kirchner Park Davos Not Vitals Keramikplastik "HEAD" zu sehen.
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