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Die private Radiolandschaft in der lateinischen Schweiz ist einer hohen Programmdynamik unterworfen. Sowohl die Musikformate als auch die Informationen sind davon betroffen. Wie schon im Vorjahr gewichten die meisten Radios der lateinischen Schweiz die Regionalinformation höher als die Deutschschweizer Privatradios. Die Radios der Romandie haben die regionale Information seit 2012 sogar noch ausgebaut. Das im Vorjahr konstatierte Leistungsgefälle zwischen Radios, die Gebühren erhalten und solchen, die vollständig werbefinanziert sind, hat sich teilweise reduziert.
Die Programmanalyse der privaten Veranstalter 2013 (lateinische Schweiz) berücksichtigte 14 Programme.
Italienische Schweiz: Werbung verdrängt Information
Die private Radiolandschaft der lateinischen Schweiz deckt ein breites Feld an Programmkonzeptionen ab. Diese sind strukturell vor allem durch das Verhältnis zwischen Wort bzw. Information und Musik charakterisiert. Einige Gebührenradios der Romandie (Radiofr f, RTN, Chablais) räumen der Information in ihren Programmen einen auch im gesamtschweizerischen Vergleich sehr hohen Stellenwert ein und widmen ihr mehr als ein Viertel der Programmzeit in der Prime Time. Dass Gebührenzuschüsse aber nicht automatisch zu einem hohen Informationsoutput führen, zeigt das Beispiel von Fiume Ticino, das mit einem Informationsanteil von fünf Prozent das andere Ende der Skala anführt. Die italienische Schweiz erweist sich auch bezüglich der Werbeanteile als speziell: Die Besonderheiten der lokalen Werbemärkte haben zur Folge, dass in beiden, mit Gebühren unterstützten Privatradioprogrammen Werbung ein Hauptbestandteil des Programms ist und in der Prime Time deutlich mehr Programmzeit in Anspruch nimmt als Informationen.
Gegensätzliche Programmstrategien im Genferseebogen
In Gebieten mit mehreren privaten (in- und ausländischen) Anbietern zeichnet sich eine programmliche Differenzierung ab. Diese erfolgt primär durch unterschiedliche Musikformate, geografische Fokussierungen und thematische Akzentuierungen und strebt eine Hörermarktsegmentierung nach soziodemografischen Kriterien an. Exemplarisch zeigt sich dies im Genferseebogen, wo ein – auch durch französische Stationen bedingter – starker Wettbewerb herrscht. Je zwei Stationen (LFM und Yes FM) konzentrieren sich auf ältere Zielgruppen, die beiden anderen (Rouge FM und One FM) auf jüngere. Dazu kommt, dass Yes FM und One FM ihren geografischen Informationsschwerpunkt in Genf haben, LFM und (etwas weniger) Rouge FM konzentrieren sich auf Lausanne. Auf diese Weise teilen sich die vier Stationen den Markt und sorgen gleichzeitig für eine gewisse programmliche Komplementarität. Der Vorjahresvergleich lässt dennoch eine bemerkenswerte Dynamik erkennen: LFM und One FM haben ihren Informationsanteil innert Jahresfrist deutlich ausgebaut und gleichzeitig ihr Musikformat überarbeitet und differenziert. Umgekehrt versuchen die Konkurrenten Rouge FM und Yes FM mit einem reduzierten Informationsangebot zum Erfolg zu kommen.
Im Jurabogen bieten die drei Gebührenradios der BNJ-Gruppe relativ viel (regionale) Information, die auf ihre Kerngebiete Jura, Neuchâtel und Berner Jura konzentriert ist. Allerdings wurde die Informationsproduktion im Vergleich zu 2012 zu Gunsten eines höheren Musikanteils reduziert. Ein völlig anderes Programmkonzept praktiziert GRRIF, das erst seit März 2012 sendet und wohl noch auf der Suche nach einem erfolgversprechenden Programmprofil ist. Sein Musikanteil ist viel höher, die Informationsproduktion wurde seit 2012 zwar ausgebaut, ist aber weit geringer als der Informationsanteil der anderen Jura-Radios und von Auslandberichterstattung dominiert. Besonders eigenständig und vielfältig ist das Musikformat von GRRIF.
Obwohl die Situation in der italienischen Schweiz ebenfalls eine programmliche Differenzierung nahelegen würde, erfolgt diese vornehmlich durch die Musik, wobei nicht das Alter der gespielten Titel, sondern der Stilmix differiert. Eine deutlich komplementäre Zielgruppenstrategie ist aufgrund der Musikformate dennoch nicht zu erkennen, zumal sich Fiume Ticino seinem regionalen Konkurrenten seit 2012 musikalisch angenähert hat. Die Veränderung der Tessiner Programmlandschaft im Vergleich zum Vorjahr drückt sich zudem in der Halbierung des Informationsanteils bei Fiume Ticino aus. Die Situation im Tessin muss indessen vor dem Hintergrund der starken Stellung der SRG interpretiert werden, die mit drei werbefreien Vollprogrammen den Markt dominiert und den Privaten kaum Raum für inhaltliche Akzentuierungen und Profilierungen lässt.
Privatradios konzentrieren sich stärker auf das Regionale als in der Deutschschweiz
Die meisten Privatradios in der lateinischen Schweiz verstehen sich klar als Regionalradios, d.h. der Schwerpunkt ihrer Information liegt auf dem eigenen Konzessionsgebiet. Nur GRRIF widmet den Auslandthemen deutlich mehr Raum und grenzt sich damit deutlich von den anderen Radios der Romandie und insbesondere des Jurabogens ab. Das auch in anderen Regionen der Schweiz zu beobachtende Phänomen, dass sich auch innerhalb des eigenen Konzessionsgebietes geografische Schwerpunkte, meist um den eigenen Standort, bilden, ist insbesondere im Arc Lémanique und im Jurabogen zu beobachten.
Die im Vergleich zur Deutschschweiz stärkere Ausrichtung der lateinischen Privatradios auf das Regionale dient nicht zuletzt auch der Abgrenzung gegenüber der SRG, die – anders als in der Deutschschweiz – weder in der Romandie noch im Tessin (sub)regionale Programme ausstrahlt. Dadurch ergibt sich eine aus medienpolitischer Sicht erwünschte Komplementarität zwischen dem öffentlichen Anbieter, der sich auf internationale, nationale und sprachregionale Themen konzentriert und den Privaten, die das Regionale stärker bearbeiten.
Die konzessionierten Privatradios sind über den Leistungsauftrag zu Informationsleistungen in der Prime Time verpflichtet. Solche erbringen die Radios der lateinischen Schweiz in äusserst unterschiedlichem Umfang. In der Romandie strahlen die Radios, die Gebühren erhalten, wesentlich mehr Informationen aus als die Radios, die auf Gebührengelder verzichten müssen. Im Schnitt beträgt der Informationsoutput der Gebührenradios rund das Doppelte dessen, was die Radios ohne Gebührenanteile an Informationen produzieren. Auch wenn nur die Regionalinformation betrachtet wird, bestätigt sich das Bild weitgehend: Die Gebührenradios der Romandie produzieren in der Regel deutlich mehr regionale Informationen als die Nicht-Gebührenradios und die Tessiner Privatstationen.
Im Vergleich zum Vorjahr sind die Informationsanteile der Privatradios in der lateinischen Schweiz insgesamt kaum verändert, jedoch berichten die Radios in der Romandie durchschnittlich zwei Minuten länger pro Tag über regionale Ereignisse. Vier Minuten weniger sind es im Tessin, weil Fiume Ticino die Regionalinformation innert Jahresfrist halbiert hat. Diese substanziell ausgebaut haben GRRIF, Chablais, Rhône und 3 i.
Uneinheitliche Entwicklung der qualitativen Aspekte der Information
Die formale Aufbereitung der Informationen beschränkt sich bei vielen Stationen weitgehend auf kurze Meldungen und Statements von Auskunftspersonen. Ein vielfältigeres Formenspektrum leisten sich die beiden Privatradios des Arc Lémanique, LFM und One FM, sowie Radiofr (f) und Radio 3 i. Im Vergleich zum Vorjahr sind diesbezüglich keine allgemeinen Veränderungen zu beobachten. Einzelne Radios, wie z.B. LFM und One FM haben ihre Formenvielfalt deutlich gesteigert, andere, wie Fiume Ticino oder die BNJ-Radios bereiten ihre Informationen weniger vielfältig auf als noch 2012. Die Orientierungsleistungen haben seit dem Vorjahr bei vielen Stationen zugenommen, d.h. es wird 2013 in einem gegebenen thematischen Kontext verhältnismässig häufiger auf andere Meinungen und/oder Perspektiven verwiesen.
Die von der Konzession explizit geforderte thematische Vielfalt erbringen auch die Privatradios der lateinischen Schweiz, indem sie einen Themenmix präsentieren, in dem Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Sport in der Regel – mit jeweils unterschiedlichen Akzenten – substanziellen Raum einnehmen. Die Boulevardthemen Bad News/Human Interest haben oft auch ein grösseres Gewicht, bilden aber nur in Einzelfällen einen thematischen Schwerpunkt.
Der im Bericht des Vorjahres gezogene Schluss, wonach in der Romandie die Programmleistungen der Radios, die Gebühren erhalten, eher den medienpolitischen Intentionen entsprechen, bestätigt sich in Bezug auf den Umfang der Information und deren Regionalität, nicht aber hinsichtlich der qualitativen Aspekte. Dass die Radios, die keine Gebühren erhalten, in qualitativer Hinsicht gleichgezogen haben, ist u.a. den beiden Stationen LFM und One FM zu danken, die ihre Informationsleistungen auch qualitativ ausgebaut haben.
Methodische Eckdaten
2013 wurden in der lateinischen Schweiz die folgenden Regionalprogramme berücksichtigt: Romandie: GRRIF, RFJ, RJB, RTN, Canal 3 (f), Radio Chablais, Radiofr (f), Rhône, LFM, One FM, Rouge FM, Yes FM. Italienische Schweiz: Radio 3i, Fiume Ticino
Stichprobe: Künstliche Woche (Werktage) im Zeitraum von Februar bis November 2013
Stichtage: Mo, 25. Februar, Di, 30. April, Mi, 26. Juni, Do, 29. August, Fr, 8. November
Untersuchte Lokalradio-Programme in der lateinischen Schweiz mit Konzession:
Radio GRRIF, Radio RFJ, Radio RJB, Radio RTN, Radio Canal 3 français, Radio Chablais, Radiofr français, Radio Rhône, Radio LFM, Radio One FM, Radio Rouge FM, Radio Yes FM, Radio 3iii, Radio Fiume Ticino
Die wichtigsten Befunde:
1. Italienischsprachige Schweiz: Werbung verdrängt Information 2. Gegensätzliche Programmstrategien im Genferseebogen 3. Privatradios konzentrieren sich stärker auf das Regionale als in der Deutschschweiz 4. Uneinheitliche Entwicklung der qualitativen Aspekte der Information