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Dieses Forschungsprojekt wird durch den Grundlagenforschungsfonds für Internationale Postdocs der Universität St.Gallen gefördert. Es wird am Institut für Wirtschaftsethik mit dem Forschungsteam von Prof. Dr. Florian Wettstein durchgeführt.
Die Forschung wird die Verantwortung für strukturelle und intersektionale Ungerechtigkeiten untersuchen, die durch digitale Technologien kanalisiert werden. Die Forschung verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und wird in zwei Phasen durchgeführt:
In Phase 1 werden die verschiedenen Formen direkter, indirekter und struktureller digitaler Gewalt, ihre Beziehungen zueinander und die Auswirkungen dieser Beziehungen auf das Regelungsumfeld eingehend untersucht. Bei direkter Gewalt stehen die Akteure, die absichtlich Schaden anrichten, in direkter Beziehung zu den Opfern, die die Verletzung erleiden. Indirekte Gewalt liegt vor, wenn die Akteure einem Opfer nicht absichtlich oder direkt Schaden zufügen. Strukturelle Gewalt ist das Ergebnis des Zusammenspiels und der Überlagerung von direkter absichtlicher Gewalt und indirekter unbeabsichtigter Gewalt, um eine intersektionale Ungleichheit zu reproduzieren. Das heißt, wenn die Nutzung und Gestaltung digitaler Technologie absichtlich und/oder unabsichtlich Schaden verursacht, ergeben sich aus dem Zusammenspiel von direkter und indirekter Gewalt sich überschneidende Ungleichheiten (z. B. in Bezug auf Geschlecht, Rasse, ethnische Zugehörigkeit, wirtschaftlichen Status). Dieses Zusammenspiel und die daraus resultierenden intersektionellen Ungleichheiten stellen ein Problem für die bestehenden Regulierungssysteme dar. Die bestehende Regulierung ist nicht auf diese Art von Komplexität ausgelegt und konzentriert sich in der Regel auf die Beseitigung direkter, vorsätzlicher Gewalt und schenkt der indirekten, strukturellen Gewalt kaum Beachtung. Die vorgeschlagene Forschungsarbeit soll zeigen, wie direkte und indirekte Gewalt ineinandergreifen, um strukturelle Gewalt zu erzeugen, die sich auf die Wahl und die Wirksamkeit von Rechtsvorschriften auswirkt. Direkte vorsätzliche Schäden können durch konventionelle Haftung, wie z. B. das Deliktsrecht, reguliert werden, aber dies geht nicht auf die ungerechte Struktur ein, die die Gewalt ausgelöst hat. Es ist unklar, welche Regulierungsalternativen zur Verfügung stehen, wenn direkte absichtliche (oder indirekte unbeabsichtigte) Gewalt durch digitale Technologie durch ungerechte Strukturen (oder sozioökonomische und politische Systeme) ausgelöst wird. Strukturelle Gewalt ist in gewissem Maße handlungsunabhängig: Sie besteht unabhängig von der Bestrafung einzelner Tatpersonen. Ein optimaler Regelungsrahmen würde daher sowohl auf die zugrunde liegende ungerechte Struktur als auch auf die Tatperson abzielen. Derzeit gibt es keine Studien, die die Auswirkungen verschiedener Formen von Gewalt auf die regulatorische Effizienz im digitalen Raum untersuchen. Das vorgeschlagene Projekt soll diese Lücke mit Hilfe einer empirischen Forschungsmethode schließen.
Phase 2 wird auf Phase 1 aufbauen, um einen umfassenden Verantwortungsrahmen einzuführen, der auf den Grundsätzen der politischen Verantwortung und dem Ansatz der Fähigkeit zur strukturellen Gewalt beruht, die durch digitale Technologien repliziert und verstärkt wird. In dieser Phase sollen drei Fragen gestellt werden: 1) Was sind die Grundlagen oder Parameter der Verantwortung? 2) Wie lassen sich diejenigen identifizieren, die Verantwortung tragen? 3) Wie sollte ein alternativer Rechtsrahmen aussehen? Zur Beantwortung dieser Fragen soll untersucht werden, inwieweit diejenigen, die ungerechte Strukturen kontrollieren und von ihnen profitieren, Veränderungen anstreben. Anhand des Modells der sozialen Beziehungen von Iris Marion Young wird untersucht, inwieweit die Akteure Kontrolle und Macht über die digitale Infrastruktur haben und somit Verantwortung tragen. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit andere Akteure als diejenigen, die die Struktur kontrollieren, zu ihrem Betrieb beitragen und somit Verantwortung tragen, um sie auf der Grundlage des Interessenparameters des Modells der sozialen Verbindungen in Frage zu stellen. Über das Modell von Young hinausgehend, wird sich der Beitrag auf die Verantwortung von Technologieunternehmen, Staaten sowie Nutzerinnen und Nutzern (einschliesslich potenzieller Opfer) konzentrieren, ungerechte digitale Infrastrukturen zu untergraben, indem er eine fähigkeitsbasierte Interpretation von Macht verwendet, um Akteure der Gerechtigkeit und der erwarteten moralischen Verantwortung zu identifizieren.