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Erinnerungen aus einem Jahrhundert
Vor 100 Jahren, am 16. Juli 1921, wurde Ernst Beyeler, der Stifter der Fondation Beyeler, geboren. Als einer der führenden Galeristen seiner Zeit legte er gemeinsam mit seiner Frau Hildy eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst an, die seit 1997 in der vom italienischen Architekten Renzo Piano entworfenen Fondation Beyeler beheimatet ist. Als Mitbegründer der Art Basel trug Ernst Beyeler massgeblich zum internationalen Renommee der Kulturstadt Basel bei.
Wäre es ein Märchen, müsste es so beginnen: Es war einmal ein Basler Antiquariat. «Librairie du Château d’Art» hiess es, und es gehörte Oskar Schloss. Ernst Beyeler arbeitete als Praktikant bei Oskar Schloss. Als dieser 1945 plötzlich starb, übernahm der mittlerweile 24-Jährige die Räumlichkeiten an der Bäumleingasse 9. Bald hatte Ernst Beyeler die Idee, auch Kunst zu verkaufen. 1947 hängte er Stoff vor die Büchergestelle und zeigte seine erste Ausstellung mit japanischen Holzschnitten. 1950 verschwanden die Bücher ganz aus dem Antiquariat, es war nun nur noch eine Galerie – die zu Beginn Werke von Picasso, Bonnard, Degas, Renoir und Matisse zeigte. Was folgte, war tatsächlich märchenhaft: Ernst Beyelers Galerie wurde weltbekannt, er selbst einer der erfolgreichsten Kunsthändler seiner Zeit. Es folgten die Gründung einer Stiftung und schliesslich der Bau der Fondation Beyeler, um die Kunst einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
|1921||Ernst Beyeler wird am 16. Juli in Basel als Sohn eines Bahnbeamten und jüngstes von fünf Kindern geboren.|
|1938||Kaufmännische Ausbildung und Studien der Ökonomie und Kunstgeschichte an der Universität Basel. Gleichzeitig Aushilfe im Antiquariat «La Librairie du Château d’Art» von Oskar Schloss an der Bäumleingasse 9, Basel.|
|1945||Übernahme des Antiquariats von Oskar Schloss.|
|1948||Heirat mit Hilda «Hildy» Beyeler-Kunz (* 14. Juli 1922 in Basel), die ihren Mann beim Aufbau der Galerie massgeblich unterstützt.|
|1951||Ab diesem Jahr ununterbrochene Ausstellungstätigkeit mit Schwerpunkt auf klassische Moderne. Insgesamt hat Ernst Beyeler in seinem Leben rund 300 Ausstellungen organisiert.|
|1970||Mitbegründer der internationalen Kunstmesse Art Basel, deren erfolgreiche Entwicklung er 25 Jahre lang mitprägt.|
|1980||Initiator und Organisator der Ausstellung «Skulptur im 20. Jahrhundert» im Wenkenpark, Riehen.|
|1982||Überführung der von Ernst und Hildy Beyeler aufgebauten Kunstsammlung in die Beyeler-Stiftung.|
|1985 & |
1987
|Ernennung zum «Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres» durch das französische Kulturministerium und zum Dr.h.c.phil.I der Universität Basel.|
|1989||Erste Präsentation der Sammlung Beyeler im Centro de Arte Reina Sofía, Madrid; in den folgenden Jahren weitere Präsentationen in der Neuen Nationalgalerie, Berlin, und in der Art Gallery of New South Wales, Sydney.|
|1997||Einweihung der Fondation Beyeler in Riehen/Basel, deren Präsident und Direktor Ernst Beyeler wird. Das von Renzo Piano errichtete Gebäude wird von Ernst und Hildy Beyeler gestiftet.|
|2001||Gründung der Stiftung «Kunst für den Tropenwald».|
|2010||Ernst Beyeler stirbt am 25. Februar im Alter von 88 Jahren. Zwei Jahre zuvor stirbt seine Frau Hildy im Alter von 86 Jahren.|
Zum Geburtstag möchten wir Ihnen die Person Ernst Beyeler näher vorstellen:
Geburtstage im Hause Beyeler
Hildy Beyeler hatte am 14. Juli Geburtstag, Ernst Beyeler am 16. Das war praktisch, denn so konnten sie gemeinsam feiern. Und zwar jedes Jahr gleich:
Am 15. Juli wurde jeweils das Galerie-Team zum Mittagessen eingeladen. Man hat den Garten begutachtet, Boccia gespielt, ein dreigängiges Menü gegessen.
Danach folgte der Blick auf die Uhr, der signalisierte: Zurück an die Arbeit.
Am 16. Juli gab es dann zu Hause ein Gartenfest für enge Freunde. Es wurde gegrillt und ausgiebig gefeiert.
Dieses Jahr wäre Ernst Beyeler 100 Jahre alt geworden. Traditionsgemäss wird es keine grosse Party geben. Freuen Sie sich jedoch auf das kommende Jahr, wenn das Museum sein 25-jähriges Bestehen feiert.
Die besondere Bedeutung von Bäumen
Der Schauspieler und Oscar-Preisträger Peter Ustinov hat Ernst Beyeler im Jahr 2000 einen Mammutbaum geschenkt. Das passte: Denn Bäume haben in Beyelers Leben oft eine Rolle gespielt.
1938, als 17-Jähriger, protestierte Ernst Beyeler gegen die Fällung einer alten Linde in der Basler Bäumleingasse. Dabei lernte er die 16-jährige Hildy Kunz (später: Beyeler) kennen.
Als das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude 1998 die Laubbäume im Park der Fondation Beyeler in hellgrauen Stoff einpacken, sorgte das für weltweites Aufsehen.
Ernst Beyeler hat auch selber Bäume gepflanzt – illegal: Er wollte damit zwei Häuser verdecken, die seine Aussicht auf den Tüllinger Hügel störten.
Und er hat Bäume geschützt, nicht nur in der Bäumleingasse. Sondern auch mit der 2002 gegründeten Stiftung Kunst für den Tropenwald.
Zu seinem 100. Geburtstag wird nun ein weiterer Baum im Berower Park gepflanzt: Ein Ginko-Baum ganz in der Nähe der Skulptur The Tree von Alexander Calder.
Ungewöhnliche Velofahrten
Ernst Beyeler fuhr gerne Velo – auch an unerwarteten Orten.
Ein Foto zeigt ihn bei der Fahrt durch die Art Basel. Kleine Räder, hoher Sattel, kariertes Hemd: Kein Zweifel, er war nicht zu übersehen.
Ein zweites Velo-Foto zeigt ihn 1993 in Berlin, wo seine Sammlung in der Nationalgalerie präsentiert wurde. Diesmal sitzt er auf einem Damenrad, mit Körbchen auf dem Gepäckträger.
Auch in den fasnächtlichen Schnitzelbank-Versen seiner Freunde ist von Velos die Rede, von hohem Tempo – und von überfahrenen Rotlichtern.
Später fuhr Ernst Beyeler oft am Nachmittag von zu Hause mit dem Velo in die Fondation Beyeler. Noch immer ist die Lage in unmittelbarer Nähe zur Natur ein Paradies für Veloausflüge.
Kleine und grosse Häuser
1945 übernahm der 24-jährige Ernst Beyeler das Basler Antiquariat «Librairie du Château d’Art» an der Bäumleingasse 9 – und verwandelte es in eine Galerie.
Die Galerie war eng – das machte ihren Charme aus. Zum Glück konnte man das Treppengeländer abmontieren, wenn etwa ein grossformatiges Rothko-Gemälde hochzubringen war.
Der Grossteil der Werke wurde im Lager am Luftgässlein gestapelt, nur ein paar Schritte von der Galerie entfernt. Für Kunstfreunde war das allerdings mehr als ein Lager: ein Paradies.
Gelebt haben die Beyelers in Riehen, in einem kleinen denkmalgeschützten Haus. Der Garten allerdings, der war riesig.
Mehrmals pro Jahr reisten die Beyelers auf die griechische Insel Ios, wo sie ein einfaches Haus besassen – das im Rahmen eines Kunstdeals einfach dazugeschlagen worden war.
Das Dach, der Stein der Fassade, die Säulen und Pfeiler: Beyeler vertiefte sich beim Bau des Museums so sehr in die Details, dass man ihn fast als Co-Architekten von Renzo Piano bezeichnen müsste.
Bald nach der Eröffnung des Museums 1997 wurde es aufgrund seiner Beliebtheit bereits wieder erweitert. Inzwischen haben fast acht Millionen Besuchende das Gebäude betreten.
In guter Gesellschaft
Ernst Beyeler hat das Werk Alberto Giacomettis sehr geschätzt. Giacomettis Femme de Venise diente als Türstopper seines Büros in der Galerie.
«Ich offeriere Ihnen, was noch nie jemand tun durfte», sagte Picasso zu seinem Besucher in Mougins: «Ich lasse sie selber auswählen.» Ernst Beyeler wählte 45 Bilder. 26 hat er tatsächlich bekommen.
1960 kam der amerikanische Maler Mark Tobey nach Basel – und verliebte sich in die Stadt. Beyeler vermittelte ihm ein Haus in der St. Alban-Vorstadt. Und Tobey blieb bis zu seinem Tod 1976.
Über seine Besuche in New York wiederum berichtete Ernst Beyeler einst: «Ich musste Newman in Kneipen begleiten, wo wir auch mit de Kooning und anderen Freunden zusammentrafen; das feine und unvergessene Fischrestaurant Sweets in Downtown Manhattan gehörte ebenso dazu wie der Besuch eines Boxkampfes.»
Was Sie schon immer über Ernst Beyeler wissen wollten...
«Wie wird »Beyeler» ausgesprochen?»
Tatsächlicn ist diese Frage eine sehr beliebte Suchanfrage im Internet. Der Name kommt aus dem Berndeutschen und bedeutet so viel wie Bienenzüchter. Ausgesprochen: [Bī(j)eler]
«Hat Ernst Beyeler nicht auch gemalt?»
Ja, aquarelliert. Er hat sich aber nie als Künstler verstanden. Unter dem Pseudonym «Ernst Paul» (sein zweiter Vorname) gab es auf Drängen seiner Mitarbeiter zu seinem 80. Geburtstag eine kleine Ausstellung.
«Ist bei Ernst Beyeler auch mal etwas schief gegangen?»
Internationale Aufmerksamkeit erregte 1980 eine Skulpturenausstellung, mit 148 Werken von Auguste Rodin bis Richard Serra im Wenkenpark in Riehen, die Ernst Beyeler unter dem Titel «Skulptur im 20. Jahrhundert» präsentierte. Leider hatte er das Budget der hochgelobten Ausstellung so sehr überzogen, dass er im Anschluss aus der Riehener Kunstkommission geworfen wurde.
«Wer waren die spannendsten Kund*innen?»
Eine besonders interessante Kundin Ernst Beyelers war eine einfache Frau aus Winterthur, die ein kleines Vermögen geerbt hatte und sich nun Gemälde leisten wollte. Sie kaufte je ein Werk von Cézanne und Gauguin sowie die Improvisation 10 von Kandinsky. Nur wenige Jahre später kehrte sie zurück, hochverschuldet, und bat Beyeler die Gemälde zurückzunehmen. Er kaufte alle drei Bilder zum doppelten Preis zurück, danach beschloss er die Werke nicht mehr zum Verkauf anzubieten und hängte die Improvisation 10 bei sich zu Hause auf.
Zitate von Ernst Beyeler
Ich hatte den Vorteil, in Basel zu leben – weit weg von den Pariser oder New Yorker Gerüchten, die manchmal aus einer Emotion heraus oder aus heiterem Himmel einen bestimmten Ruf begründen oder ruinieren können, und weit weg von Künstlern selbst oder deren FamilienIch hatte den Vorteil, in Basel zu leben – weit weg von den Pariser oder New Yorker Gerüchten, die manchmal aus einer Emotion heraus oder aus heiterem Himmel einen bestimmten Ruf begründen oder ruinieren können, und weit weg von Künstlern selbst oder deren Familien
Handel und Geldverdienen: schön und recht, aber eigentlich nur, um mit dem Geld etwas anderes und Besseres kaufen und eine neue Ausstellungsidee verfolgen zu können.
Das Aufregendste für mich ist das Hängen der Bilder: verschiedenartige Bilder so platzieren, dass sie für eine bestimmte Zeit, für die Zeit der Ausstellung, eine Art Gesamtkunstwerk darstellen.
Ich wünschte mir ein Museum in nicht zu grosser Nähe zur Stadt, weil ich es in die Landschaft integrieren wollte. Meine Liebe zur Natur war zufriedengestellt.
Fotos u.a. Kurt Wyss, Basel
Mehr über Ernst Beyeler
«Ernst Beyeler, Leidenschaftlich für die Kunst»
Ein Leben mit und für Kunst
Im Zeitraum von November 2002 bis Februar 2003 führte Christophe Mory regelmässig Gespräche mit Ernst Beyeler und zeichnete diese auf. Entstanden ist dabei ein hochinteressantes Zeitdokument, das es einer breiten Öffentlichkeit erlaubt, die schillernde Figur Ernst Beyeler näher kennenzulernen.
«Highlights»
Kataloge aus Zeiten der Galerie Beyeler
Zu jeder Ausstellung in der Galerie Beyeler erschien ein sorgfältig gestalteter und qualitativ hochwertiger Katalog, der auch dem hohen Anspruch der Beyelers an die Kunst gerecht wurde. Einige dieser alten Kataloge sind in kleinen Mengen erhalten und können erworben werden.
«Renzo Piano. Fondation Beyeler»
Eine spannende Entstehungsgeschichte
Der sehr persönliche Text von Renzo Piano lässt durchblicken, wie eng die Zusammenarbeit bei der Planung mit Ernst Beyeler war. Sie können darin den Bau des Museums mitverfolgen; von den ersten Gedankenspielen über die Herausforderung der Realisierung bis zur Eröffnung.