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Die Mongolei ist einseitig auf die Rohstoffindustrie ausgerichtet. Das Binnenland zwischen Russland und China will dies aber ändern und nimmt sich die Schweiz zum Vorbild.
Die Mongolei ist rund 38-mal grösser als die Schweiz, doch ausgerechnet das kleinere Land soll nun als Musterbeispiel herhalten.
Von weltweit 44 Binnenländern sind 32 Entwicklungsländer. Die Schweiz als Binnenland sei aber ein Vorbild für die Mongolei, sagte Odbayar Erdenetsogt, aussenpolitischer Berater des mongolischen Präsidenten Khurelsukh Ukhnaa, im Gespräch mit dem Wirtschaftsnews-Portal muula.ch.
Denn in der Schweiz sei man sich gar nicht bewusst, in einem Binnenland zu leben, weil das Land so stark vernetzt sei.
Hohe Wachstumsraten
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Mongolei mit der Hauptstadt Ulaanbaatar, in der rund die Hälfte der 3,5 Millionen Einwohner lebt, ist vergleichsweise gering.
Nach Angaben der Weltbank nahm es 2022 um 4,8 Prozent auf 16,8 Milliarden Dollar zu und soll 2023 um rund 5,2 Prozent wachsen.
Die Schweiz kommt mit ihren rund 9 Millionen Einwohnern aber auf ein BIP von über 800 Milliarden Dollar, das sind rund 47-mal mehr als bei der Mongolei.
Gold für die Schweiz
Die Wirtschaft des rohstoffreichen Landes ist noch sehr auf Exporte von Bergbauprodukten fokussiert, doch die Mongolei will dies ändern.
Es gibt vor allem Kohle und Kupfer sowie Gold, Uran und bald werden auch seltene Erden abgebaut, die etwa für erneuerbare Energien wie Windkraftanlagen benötigt werden.
Die Rohstoffindustrie macht rund 20 Prozent des BIP aus, wobei fast 90 Prozent der entsprechenden Ausfuhren nach China gehen.
Weit hinter China ist die Schweiz das zweitwichtigste Exportland: Hierher verkauft die Mongolei jährlich Gold im Wert von rund einer Milliarde Franken.
Vielfältige Diplomatie
Neben bilateralen Kontakten mit verschiedenen Ländern, darunter Gespräche mit den Präsidenten der Ukraine und Russlands, Wolodimir Selenski und Wladimir Putin, sowie etwa der Besuch des an Uran interessierten französischen Staatschefs Emmanuel Macron, setzte die Mongolei auch ihre multilaterale Diplomatie fort.
So organisierte das Land im vergangenen Jahr verschiedene internationale Konferenzen, etwa zur Rolle von Frauen bei den Friedensmissionen der Uno.
Kürzlich fand auch das Weltforum für Exportförderung (WEDF) in Ulaanbaatar statt, die Leitveranstaltung des Genfer Handelszentrums ITC.
Das Zentrum ist ein gemeinsames Organ der Welthandelsorganisation WTO und der Uno und unterstützt KMU in Entwicklungsländern dabei, auf Weltmärkten wettbewerbsfähiger zu werden.
In diesem Rahmen erarbeitet das ITC derzeit mit der Mongolei eine nationale Exportstrategie.
Standardisierung von Export-Daten
Die Mongolei plant etwa Wasseraufbereitungsanlagen mit den USA. Die erste Ölraffinerie wird mit Indiens Unterstützung gebaut, um das Land unabhängiger von russischem Erdöl und Erdgas zu machen.
Gleichzeitig ist die Mongolei in Verhandlungen über eine Gaspipeline von Russland nach China involviert.
«Wir halten nicht nur die physische Infrastruktur, wie den Bau von Strassen, für wichtig, sondern auch immaterielle Infrastrukturen wie die Single Window», sagte die ITC-Direktorin Pamela Coke-Hamilton gegenüber muula.ch zu den Mongolei-Aktivitäten.
Damit könnten am Handel und Transport beteiligte Parteien standardisierte Informationen und Dokumente bei einer einzigen Anlaufstelle einreichen, um alle einfuhr-, ausfuhr- und transitbezogenen Vorschriften zu erfüllen.
Stosszeiten vermeiden
Wichtig ist laut Coke-Hamilton, dass die Unterlagen dazu elektronisch ausgefüllt werden können. Digitale Dienstleistungen hätten allgemein den Vorteil, dass ein Land wie die Mongolei Hardware-Infrastruktur, wie die Telecoms, überspringen könne.
Um die Lastwagen an der Grenze zu staffeln, arbeitet das ITC zusammen mit der Mongolei zudem am elektronischen Qualitätsmanagement.
Weiter unterstützt das ITC die mongolische Regierung und Kasachstan dabei, Transporte ausserhalb der Stosszeiten zu fördern, etwa an Wochenenden und dann zu geringeren Zollgebühren.
Für die regionale Entwicklung ist es gemäss Coke-Hamilton insbesondere für Binnenländer wichtig, die Zollabfertigung über die Grenzen hinweg zu harmonisieren. Da sprechen sicher Erfahrungen mit einer reibungslosen Abwicklung der Im- und Exporte aus der Schweiz mit.
Erweiterte Wertschöpfungsketten
Mehrere potenzielle Produkte wurden laut Coke-Hamilton für die nationale Exportstrategie identifiziert: Leder, Fleisch, Kaschmirwolle und -kleidung sowie biologische Landwirtschaft. Weiter soll ein nachhaltiger Tourismus gefördert werden, der mit der Geschichte der Mongolei und Aspekten der Biodiversität verknüpft ist.
Ausserdem will die Mongolei statt Rohstoffe vermehrt verarbeitete Zwischenprodukte exportieren, um die Wertschöpfungskette im Land zu halten, das BIP sowie die Job-Möglichkeiten für die Bevölkerung zu erhöhen und mehr zu Einkommen zu generieren.
Dies ist von Bedeutung, da die Jugendarbeitslosigkeit mit 19 Prozent hoch ist.
Chancen mit Kaschmir-Textilien
Nach Kohle, Kupfer, Gold und Eisenerz ist Kaschmirwolle das wichtigste Exportprodukt. Die Mongolei produziert etwa 10.000 Tonnen an Kaschmirwolle pro Jahr, was knapp die Hälfte des Rohkaschmirs auf dem Weltmarkt ist. Den Grossteil davon kauft China.
Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums verarbeitet die Mongolei heute nur etwa 10 Prozent der Kaschmirwolle zu Textilien. Der Weltmarkt für Kaschmir-Kleidung ist gemäss Schätzungen jährlich 2,5 Milliarden Dollar wert.
Mehr Einnahmen durch verarbeitete Kaschmirwolle würde es der Mongolei ermöglichen, weniger Kaschmirziegen zu halten und damit einen Beitrag für die Umwelt zu leisten. Denn die Ziegen können – im Gegensatz zu Kühen – eine Weide völlig abgrasen, was in der Mongolei zur Wüstenbildung beiträgt.
Beobachter halten es aber auch für wichtig, dass die Verbraucher in westlichen Ländern auch entsprechende Preise für Kaschmir-Kleidung aus der Mongolei bezahlten.
Die Arbeitsbedingungen sind dort laut Experten nämlich besser als etwa jene in Bangladesch oder Indien.
Die Positionierung der Waren spielt also genau wie bei Schweizer Premiumschokolade oder Luxusuhren eine grosse Rolle.
Hilfe für KMU
Mit andern Binnenentwicklungsländern teilt die Mongolei das Problem, dass mangels Kunden keine grossen internationalen Banken in dem Land tätig sind. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBRD, die in der Mongolei mehrere Milliarden Euro investiert, schafft daher dort die Voraussetzungen, damit insbesondere lokale KMU auch Handel treiben können.
«Ein grosses Problem für diese Unternehmen sowie lokale Banken ist die Bonitätsprüfung», sagte etwa Claudio Viezzoli, der geschäftsführende EBRD-Direktor für KMU, gegenüber muula.ch.
Daher garantiere die EBRD-Bankbürgschaften lokaler Geldinstitute zugunsten internationaler Banken. «Dies ermöglicht den Handel.»
Und der Finanzsektor ist für die 38-mal kleinere Schweiz eben auch einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige des Binnenlandes.
Genau dabei schaut der mongolische Präsidentenberater Erdenetsogt fast neidisch auf die Schweiz.
17.08.2023/mat.