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Seiner Feder entspringen Geschichten und Personen: Antoine Jaccoud schreibt Drehbücher für das Kino, etwa für die Regisseurin Ursula Meier, aber auch Stücke für das Theater. Allen Texten des scharfen Beobachters mit ausgeprägtem Sinn für Humor ist aber gemein, dass sie durch das Sprechen lebendig werden und Träger einen Gegen-Botschaft sind. Die Solothurner Filmtagen verleihen dem scheuen Westschweizer Dramaturgen und Drehbuchautor nun den Ehrenpreis.
Antoine Jaccoud hat einen ziemlich stechenden Blick und ein scheues Lächeln. Er wägt die Worte, Gesten und Pausen ab, er gibt Acht, dass die Gesprächspartnerin durch das Geschwätz an den Nebentischen nicht den Faden verliert. "Was möchten Sie? Ich gehe bestellen!", sagt er zu mir und begibt sich in Richtung Theke. Es scheint, dass er im Café Romand, einer alten Brasserie in der Altstadt von Lausanne, zu Hause ist. Ich treffe ihn an einem schlechten Tag: Die Grippe hat ihn erwischt, er trinkt einen Tee und ist in einen dicken Wollpullover eingehüllt.
Antoine Jaccoud steht nicht gerne im Mittelpunkt. "Im Grunde bin ich eine extrem ängstliche Person. Doch ich bin auch ein scharfer Beobachter, und ich habe einen Weg gefunden, aus diesen zwei Charakteristika eine Arbeit zu machen." Das Ganze kombiniert mit einem ausgeprägten Sinn für Humor. "Sonst wäre es schrecklich."
Sein Beruf? Mit den Wörtern spielen, ihnen eine Stimme verleihen, einen Körper, eine Musik. "Und das Mündliche ist der Leitfaden." Antoine Jaccoud ist Dramaturg, Drehbuchautor, Theaterautor, Schriftsteller und Spoken Word-Performer. Verschiedene Berufe, die alle einen bestimmten Raum im Leben des 59-Jährigen einnehmen. Ihn "nur" als Drehbuchautor der zwei Filme "Home" (2008) und "Sister" (2012, Silberner Bär von Berlin) von Ursula Meier zu bezeichnen, wäre etwa so, wie wenn man ihm ein Bein amputieren würde.
Nach einem Studienabschluss in Politikwissenschaft beginnt er als Filmjournalist für die Wochenzeitung "Hebdo" zu arbeiten. Doch eines Tages begegnet er in einem Café dem Schweizer Regisseur Michel Soutterexterner Link, der ihn als Sauhund betitelt. Die negative Kritik zu seinem Film "Signé Renard" (1985) hat er nicht verdaut. Das ist für Antoine Jaccoud der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und er beschliesst aufzuhören. Er absolviert ein Schreibseminar bei Krzysztof Kieslowski, dem polnischen Regisseur der wunderbaren "Drei-Farben-Trilogie".
Von 1995 bis 2005 arbeitet er als Dramaturg für die Lausanner Schauspieltruppe Théâtre en Flammesexterner Link. Er beobachtet die Schauspieler, wie sie sich bewegen und wie sie sprechen; er beginnt Stücke zu schreiben und erfasst allmählich die Subtilität der mündlichen Sprache. Die Tricks der Sprache, eigentlich. "Wenn ich in einem Buch schreibe 'warum, warum, warum', ist das nicht gezwungenermassen interessant, doch wenn man es in den Dienst einer Interpretation stellt, kann es die Spannung erhöhen."
Schon von klein auf imitierte Antoine Jaccoud die andern. "Mein Vater war ein genauer Beobachter, und von ihm habe ich viel gelernt. Meine Mutter dagegen hatte einen grossen Sinn fürs Dramatische."
Reisebegleiter für die Zuschauer
Parallel zum Theater macht er die ersten Kino-Erfahrungen mit einer Reihe von Kurzfilmen und zwei Dokumentarfilmen von Jean-Stéphane Bron: "Connu de nos services" (1997) und "La bonne conduite (Cinq histoire d’auto-école)" (1999). Er verfasst Drehbücher zusammen mit Denis Rabaglia zum Spielfilm "Azzurro", mit Dominique de Rivaz zu "Luftbusiness",externer Link 2008 und mit der 2013 verstorbenen Dokumentarfilmerin Jacqueline Veuve zu "Un petit coin de paradis",externer Link 2008.
Danach folgt die Begegnung mit Ursula Meier, es ist der Anfang einer Zusammenarbeit, die ihm zweimal einen "Quartz", den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch einbringt.
Dieses Jahr wird Antoine Jaccoud an den "Solothurner Filmtagen" mit dem "Prix d’honneur" ausgezeichnet, einem Preis, der Persönlichkeiten verliehen wird, die im Hintergrund, fernab vom Scheinwerferlicht arbeiten.
"Der Drehbuchautor organisiert die Reise des Zuschauers und steht gezwungenermassen hinter den Kulissen." Er entwirft die Charaktere und verleiht ihnen die nötige Persönlichkeit, die sie brauchen, um lebendig zu werden. "Das Wichtigste ist, die Personen mit einem Motor und genügend Energie einer Batterie auszurüsten. Sie sind es, die mich führen und mir sagen, was sie tun wollen. Wenn sie nicht mehr zu mir sprechen, bedeutet dies, dass ich etwas falsch gemacht habe! Das hat nichts Esoterisches an sich…."
Antoine Jaccoud versucht, seine Charaktere nicht zu früh allein zu lassen. Einen Tag vor den Dreharbeiten mit Ursula Meier wiederholt er Szenen mit den Schauspielern, manchmal ist er auf dem Set anwesend und ruft ihnen in Erinnerung, wie wütend, enttäuscht oder glücklich ihre Figur ist. Nach Monaten an ihrer Seite ist das Loslassen "immer etwas schmerzhaft". Oder wenn ich sie drei oder vier Jahre später auf der grossen Leinwand wiedersehe, kann schon "ein kurzer Moment lang ein Angstgefühl" aufkommen.
Erfahrung in den Dienst der Jungen stellen
In Solothurn wird nicht nur Antoine Jaccoud, der Drehbuchautor, ausgezeichnet, sondern auch der Lehrer. Vielleicht ist es gerade das, was ihm noch besser gefällt. Seit mehreren Jahren unterrichtet er an der Ecole Cantonale d'art de Lausanne (ECAL). Als Jurymitglied und "Script Doctor" hat Antoine Jaccoud Hunderte Drehbücher durchgelesen, korrigiert oder bewertet. Und dies nicht nur in der Schweiz. Er unterrichtet in Warschau, wird nach Paris gerufen, organisiert Workshops in Georgien, um nur einige zu erwähnen.
Vielleicht erlaubt ihm dieser 360°-Panoramablick, das Schweizer Filmschaffen etwas kritischer zu beurteilen. Ein Filmschaffen, dem es zu oft an Spannung und Konflikten fehlt.
"Ich weiss nicht, ob dies ein kulturelles Phänomen ist… Fakt ist, dass die Schweiz alles andere als perfekt ist. Wir sind ein Land mit Bankenskandalen und wir betreiben Waffenhandel, dennoch gibt es wenig Regisseure, die sich solcher Themen annehmen. Wer darüber spricht, ist kein 'blasierter oder alter Polterer', sondern jemand, der den Film liebt und das zu wenig genutzte Potential sieht. Sollten einst Archäologen die Schweizer Gesellschaft aus der Optik des zeitgenössischen Filmes betrachten, was würden sie entdecken? Wahrscheinlich wenig bis nichts. Was beschäftigt uns, was treibt uns um? Davon müssen unsere Filme handeln. Darüber müssen wir in unseren Filmen reflektieren."
Antoine Jaccoud fühlt sich auch in der deutschen Sprache wohl und ist somit einer der wenigen Schweizer Künstler, der die sprachlichen Grenzen überwindet und sich für eine bessere Verbreitung der Schweizer Filme in den verschiedenen Regionen einsetzt. "Schliesslich sind es die Steuerzahler, die sie berappen."
Die Freiheit des Unmittelbaren
Als leidenschaftlicher Autor und vielseitiger Künstler ist Antoine Jaccoud stets auf der Suche nach einem künstlerischen, intellektuellen und ökonomischen Gleichgewicht.
Bezieht er den Lohn aus einer Filmproduktion und hat "eine Familie zu ernähren", eröffnen sich ihm neue Freiheiten im Theater oder vor allem bei den Lesungen seiner Texte, wo er von einem Pianisten begleitet wird oder von andern Autorenmitgliedern der Gruppe Bern ist überallexterner Link. "Die Freiheit liegt in der Sprache selbst, wenn sie nicht an die strengen Regeln eines Drehbuchs gebunden ist, sie liegt in der Unmittelbarkeit und im Kontakt mit den Menschen und auch in der Möglichkeit, irgendwie ein philosophisches oder existenzielles Unbehagen aufzuzeigen."
"Es hat mich viel Zeit gekostet, um zu lernen, in der ersten Person zu sprechen. Doch ich bin überzeugt, dass man im öffentlichen Raum das Wort ergreifen sollte. Die Politik ist nicht tot. Ich ertrage die Leute nicht, die sich nicht um die Zukunft unseres Planeten und unseres Landes scheren."
Mit spitzer Feder macht er sich über die Ängste vor der Vogelgrippe lustig, er spricht von den Dschihadisten, die im Paradies von den Jungfrauen erwartet werden, oder von einem Mann, der sich entschuldigt, weil er für die "Masseneinwanderungsinitiative" gestimmt hat: "Ich wusste es nicht genau, ich habe mich nicht richtig darüber informiert und dachte, dass man Ja stimmten sollte wegen all den Roma, die hier betteln (…). Kann man nicht noch einmal darüber abstimmen? Mein Sohn möchte nämlich an einem Erasmusprogramm teilnehmen. (…) ich glaube, man sollte noch einmal darüber abstimmen. Ich denke, wir haben einen Blödsinn gemacht. Auch meine Frau denkt so."*
Schreiben als Gegenmacht, sagt der Soziologe in ihm. "Dieses Gefühl von Verwirrtheit, das wir empfinden, ist spannend und gleichzeitig beängstigend. Doch ich glaube, dass es nötig ist, darüber zu sprechen. Humor und Ironie sind ein gutes Mittel, eine Debatte zu fördern."
*Ausschnitt aus dem Blog von Antoine Jaccoud auf der Webseite von “ Journal B“, einem Onlinemagazin von Journalisten, Künstlern und Intellektuellen aus dem Umfeld der Stadt Bern.
(Übertragung aus dem Italienischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch