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Trakoto-Effekt
(Weitergeleitet von Spontane Selbstauflösung)
Der Trakoto-Effekt (auch Tram-Kochtopf-Effekt, englisch tram pot effect) ist die Bezeichnung für einen modernen Mythos, nach dem sich menschliche Körper unter bestimmten Voraussetzungen instant und spontan ins Nichts auflösen. Trotz fehlender Belege, dass solche Selbstauflösungen möglich sind, besitzt der Trakoto-Effekt grosse Popularität und wurde zur Grundlage verschiedener Verschwörungslegenden, psychopathologischer Forschungen und neureligiöser Bewegungen.
Grundlegende Annahmen
Der Trakoto-Effekt beschreibt vermeintliche Gefahren, welche durch die Mitnahme von Kochtöpfen bei Tramfahrten entstehen. Dazu zählen ausschliesslich Phänomene, die zu einer Selbstdekonstruktion, zu einer Selbstauflösung oder allgemeiner zum spontanen Verschwinden einer Person beigetragen haben sollen. Von einem Trakoto-Effekt wird nur dann gesprochen, wenn drei Faktoren zutreffen: Der Ort des Geschehens ist eine Strassenbahn, ein Kochtopf wird mitgeführt, und als Ergebnis liegt die Auflösung eines Individuums vor. Ausnahmen bilden lediglich solche Varianten, bei denen die Faktoren der Mobilität in einer behutsam variierten Form auftreten, etwa bei Selbstauflösungen im Schienenersatzverkehr oder in Oberleitungsbussen. Schäden, die lediglich durch unzureichende Sicherung von Kochgeschirr in Strassenbahnen entstehen, werden nicht dem Trakoto-Effekt zugerechnet.
Vorkommnisse
Auch wenn der Begriff Trakoto-Effekt erst seit 1972 verwendet wird, gilt das Verschwinden des spätromantischen Komponisten Dietmar Sünd als erster Fall eines Tram-Kochtopf-Effekts. Sünd hatte am 28. Februar 1896 das Tram in Zürich mit einem Topf Buckelsuppe betreten. Sünds Haushälterin gab an, dass er die Suppe zur Generalprobe des 3. Streichquartetts in gis-Moll (Auferstehungs-Musik) unter den Musizierenden verteilen wollte. Wenige Sekunden vor dem Erreichen des Kreuzplatzes verschwand Sünd spurlos. In zeitgenössischen Berichten wurde der Fall zunächst nicht mit dem Kochtopf, wohl aber mit dem Tram in Verbindung gebracht.
Im Verlauf des Jahrs 1896 verschwanden in Zürich vier weitere Personen bei Fahrten mit der Strassenbahn, darunter die Primaballerina Minchen Schwück. Erstmals wurde in der Tagespresse ein Zusammenhang zwischen der Tramfahrt und dem Transport von Kochtöpfen hergestellt.
Nach den Fällen in Zürich folgten in der Zeit des Fin de Siècle weitere Vorkommnisse in Bern, Hamburg und Plauen. Bis 1927 sind Spekulationen über zweihundert Tram-Kochtopf-Effekte aktenkundig belegt.
Nach einer mehrere Jahrzehnte währenden Pause, in der nicht von vergleichbaren Ereignissen berichtet wurde, begann ab 1972 die eigentliche Hochphase der Legende. Mit etwa eintausend Zuschreibungen innerhalb von zehn Jahren erreichte der Trakoto-Effekt den Status einer Massenpsychose. Alle Fälle beschränkten sich auf das europäische Festland und Teile des Vereinigten Königreichs.
Erklärungsversuche
Das Hauptproblem bei der Verbreitung der Verschwörungslegende des Trakoto-Effekts ist, dass aus einer Vielzahl von unterschiedlich zu bewertenden Ereignissen zufällige Gemeinsamkeiten herausgefiltert und diese dann als ursächlich begriffen wurden. Anstatt die Rahmenbedingungen (Tram, Kochtopf, Verschwinden) zu generalisieren, musste jede der insgesamt etwa 1200 Begebenheiten individuell geprüft werden. Hierzu bemerkte die Philosophin Sybille M. Kussin in ihrem 1982 erschienenen erkenntnistheoretischen Aufsatz Zwischen Bin und Ist: «Die Rückführung von Selbstaufgelöstsein in ein Individuelles ist die Entlarvung und schliesslich die Lösung des Trakoto-Rätsels».
Beispielhaft ist etwa der Fall des ersten Trakoto-Vermissten Dietmar Sünd. Inzwischen geht die Sünd-Forschung davon aus, dass der Komponist sich nicht entmaterialisiert hatte, sondern unter einem neuen Namen eine zweite Karriere in Argentinien begann. Dort debütierte der bis 1900 völlig unbekannte argentinische Komponist Pecado Diaclasa mit seinem Cuarteto de Cuerda N.° 4, das ganz in der musikalischen Tradition Sünds steht und das als logische Fortsetzung von dessen 3. Streichquartett verstanden werden kann.
Auch das Verschwinden von Minchen Schwück wird inzwischen neu bewertet. Noch am Tag ihrer vermeintlichen Selbstauflösung hatte sich eine Frau am Opernhaus Zürich gemeldet, die angab, Minchen Schwück zu sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte es sich jedoch bereits umfassend in der Stadt herumgesprochen, dass die Primaballerina verschwunden wäre. Die Frau vor dem Opernhaus wurde abgewiesen, da man ihr keinen Glauben schenkte. Höchstwahrscheinlich wurde Minchen Schwücks Existenz in ihrem letzten Lebensjahrzehnt konsequent von der Stadtgesellschaft ignoriert.
Von den etwa 1200 Trakoto-Selbstauflösungen lassen sich inzwischen etwa sechshundert gesichert widerlegen. Vierhundert Fälle wurden zumindest weitgehend aufgeklärt. Zweihundert Überlieferungen stehen in keinem Bezug zu realen Vermisstenfällen und werden als komplett erfunden eingestuft.
Die Vermutung, dass vorrangig Fortschrittsfeindlichkeit und Mobilitätsskepsis zur Herausbildung der Legende beigetragen haben, ist nicht wissenschaftlich bestätigt. Das Genfer Institut für Tram-Historie vermutete, dass auslösende Momente für die Entstehung der Verschwörungstheorie die Elektrifizierung des Tramwesens und dessen Überführung in kommunale Trägerschaft gewesen sein könnten.
Wiederholt wurde in parawissenschaftlichen Publikationen auf angebliche beim Trakoto-Effekt auftretende physikalische Wechselwirkungen verwiesen. Dabei ging es vorwiegend um den Sand, der zum Reinigen von Kochgeschirr benutzt wurde. Dieser entsprach in seiner Zusammensetzung jenem Material, das auch zum Bremsen von Strassenbahnen verwendet wurde. Auch die Tatsache, dass Kochtöpfe oftmals aus denselben Metallen gefertigt waren wie Schienenstränge und Tramfahrzeuge, sorgte für Spekulationen.
Laut dem Pascal-Newton-Zentrum für Druckkunde lasse sich das konsequente Ende der Trakoto-Fälle ab 1927 mit der Erfindung des Schnellkochtopfs erklären. Durch den abweichenden Druck zwischen Topfinnerem und der äusseren Umgebung schien der Übergang des Menschseins in seine Auflösung gebannt.
Auf diese Problematik spielte die britische Art-Band The Invisible Papins in ihrem Lied Flex Sil an. Das Stück galt im Jahr seines Erscheinens 1972 als erste konsequent postmoderne Textcollage, die im Vereinigten Königreich die Spitzenposition der Single-Charts erreichte. The Invisible Papins verwendeten dabei erstmals den Begriff Tram-Kochtopf-Effekt in deutscher Sprache. Zudem wurde auf das Überfahren einer Weiche verwiesen, die zu einem Ort namens «Innerpot» führe. Dieses Topfinnere wurde von Sybille M. Kussin in ihrer weltweit beachteten Rede Innernander als «Locus amoenus einer konsequent aus Protosamples aufgebauten Spätmoderne» bezeichnet. Fraglos war Flex Sil der Grund für die zweite Welle vermeintlicher Trakoto-Phänomene ab 1972, deren Ende mit der breiten Verfügbarkeit von Mikrowellenherden zusammenfiel.
Rezeption
Der Trakoto-Effekt wurde vielfach rezipiert. Zu den bekanntesten popkulturellen Referenzen zählen neben dem Lied Flex Sil von The Invisible Papins der Disco-Hit Tonight I Make You Innerpot von Catcat and the Noses und das Elektropop-Stück Weiche/Leiche von der Düsseldorfer Formation Bilch. Die Operette Im Kessel des Zeremonienmeisters von Erik Olm verlagert einen fiktionalisierten Trakoto-Fall nach Rüdesheim am Rhein, wo es keine Strassenbahn gibt.
Mehrere Romane suchen eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Die bedeutendsten sind Die Sache mit Minchen von Colt Baker und Spurkranz von V. L. Mundhuld, hier vor allem das Kapitel Schwellen.
In den späten 1970er-Jahren war in der D-A-CH-Region die Psychosekte Überfahrt aktiv, deren religiöse Lehre auf dem Tram-Kochtopf-Effekt aufbaute. Die Mitglieder versuchten bewusst, einen solchen Effekt auszulösen. Angebliche Erlebnisberichte im Überfahrt-Zentralorgan Die Induktion, in denen vom Besuch einer Parallelwelt die Rede ist, waren allesamt von der Redaktion erfunden. Nach einem Unfall des Sektengründers Raik F. in einer Wendeschleife der Strassenbahn von Karlsruhe löste sich die Gemeinschaft auf.
Krankheitsbild
Der Trakoto-Effekt kann auch Symptom einer wahnhaften Erkrankung sein. Bei den Varianten Trakoto à deux bzw. Mass Trakoto erweitern sich die Wahnvorstellungen auf weitere Personen.
Der ungeklärte Fall
Das Verschwinden einer unbekannten Person am 20. Januar 1980 in Halle (Saale) ist der einzige Fall, der für einen tatsächlichen Tratoko-Effekt spricht. Die einen Suppentopf mit sich führende Person löste sich direkt nach dem Einstieg in eine Bahn vor etwa zwanzig Augenzeugen auf. Die Selbstauflösung wurde in unabhängigen Befragungen von allen Anwesenden glaubhaft, allerdings unterschiedlich beschrieben. So berichteten einige von einem physischen Zerfall. Andere gaben zu Protokoll, dass der verschwundene Mensch lediglich alle individuellen Eigenschaften verloren habe und in dem vollbesetzten Strassenbahnwagen untergetaucht sei. Ebenfalls gab es Angaben, dass die Person in dem Topf versunken wäre. Sie galt nie offiziell als vermisst.
Sonstiges
Traditionell gibt es in den Allgemeinen Beförderungsbedingungen der meisten Strassenbahngesellschaften ein ausdrückliches Verbot, Kochgeschirr mitzuführen.