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EROS – Rodin und Picasso
06.08. – 07.10.2006 | Fondation Beyeler
Die Fondation Beyeler zeigt von August 2006 bis Februar 2007 eine aussergewöhnliche Ausstellung in zwei Teilen, in deren Mittelpunkt der Begriff EROS steht. Der erste Teil dauert bis zum 07.10.2006 und präsentiert eine Begegnung von Werken zweier grosser «Erotiker» der Kunst des späten 19. und des 20. Jahrhunderts: Auguste Rodin und Pablo Picasso. Der zweite Teil präsentiert ab 08.10.2006 im Überblick zentrale Aspekte der Thematik für den ganzen Zeitraum der Moderne.
Von Philippe Büttner*
Eros … mit Sicherheit ein Urthema der Kunst! Und seit der Antike eines, das eng mit dem Bereich des Mythologischen verbunden war. Dies gilt in starkem Masse auch noch für Auguste Rodin und Pablo Picasso. Doch zuvor hatten drei grosse Maler das Erotische erstmal aus der allzu wortreichen klassischen Verbindung mit dem Mythologischen lösen müssen: Um 1800 malte Goya seine berühmte «Maja Desnuda», keine Venus, sondern eine schöne, nackte, junge Frau, der freilich – zwecks Tarnung für den Besitzer – manchmal die bekleidete, wenn auch noch immer sehr erotische «Maja Vestida» vorgeblendet werden musste. Anders als in Renaissance und Barock bedurfte es nun in der Tat keines Mythos mehr, um das Erotische zum Thema monumentaler Kunst zu machen. Vollends unterminiert werden die alten Ideale einer mythologisch gestützten Erotik 1863, als Manet in seiner Olympia eine gelangweilte Prostituierte in die hehre Position der liegenden Venus schlüpfen liess. Und dann kam drei Jahre später noch ein weiterer Revolutionär, Courbet, und malte jenes ominöse Bild, das der Direktor des Musée d’Orsay in Paris, will er keine Scherereien, noch heute nicht an allzu prominenter Stelle seines Museums hängen darf. Gemeint ist «L’origine du monde» (Der Ursprung der Welt) von 1866, ein kleines Gemälde, in dem der Maler unseren Blick zwischen die geöffneten Schenkel einer liegenden nackten Frau zoomt, die auf die Teile ihres Körpers zwischen Knie und Brüsten fragmentiert ist. Courbet stellt das Erotische hier also mit Mitteln dar, die aus dem Bild der liegenden Frau eine Art Unterleibsporträt machen – und somit mittels einer Reduktion, die einer rein pornografischen Instrumentalisierung gefährlich nahe kommt. Wenn letztlich aber auch dieses extreme Bild als erotisches Kunstwerk durchgehen mag – und nicht als blosse pornografische Darstellung – so deshalb, weil darin noch immer das Interesse des Künstlers an dem spürbar bleibt, was ein Kunstwerk vermag.
Wie auch immer, so sieht jedenfalls die Bühne aus, die Rodin betritt. Die Ausstellung «EROS – Rodin und Picasso» zeigt von ihm, neben plastischen Werken, eine bedeutende Gruppe jener für die damalige Zeit provokativ erotischen Aquarelle, die noch heute eine einzigartige Wirkung entfalten. Vom kruden Courbet aus gesehen wirken Rodins Erotika freilich beinahe pantheistisch. Ein flutender Reigen von Körpern, Schössen, hingehauchten Liebesbegegnungen, verführerischen Posen, gewiss, aber zugleich bis oben gefüllt mit der wunderbaren Utopie der Beseeltheit des Körpers. Oder anders gesagt: Bei Rodin gibt es gar keine Erotika. Es gibt allein – und man könnte dies in gewisser Weise auch von Picasso sagen – seinen grundsätzlich erotischen Zugang zur Darstellung des Menschen. Rodin war ein Prometheus. Er begriff den menschlichen Körper als ein Stück Urmasse, das er in einer Art frühmodernem Schöpfungsfuror auf der einen Seite nach Belieben fragmentierte, auf der anderen aber in erotischer Weise aus der plastischen Masse heraus neu konfigurierte und lesbar machte. Wobei gerade im Hinblick auf das Fragmentieren bei Rodin zu sagen ist, dass dies in keinster Weise mit dem pornografisch anmutenden Herauszoomen des Geschlechts bei Courbet zu tun hat. Rodin fragmentiert nicht, weil er zynisch nur den Teil zeigt, der eben gerade besonders interessiert, sondern weil er im Teil das Ganze besser zu zeigen vermag.
Das ist das grossartige Drama, das sich in «Iris», einem erotischen Hauptwerk der Fondation Beyeler, ausdrückt. Ursprünglich einem geplanten Monument für Victor Hugo zugedacht, wurde die Figur von Rodin konzeptuell aus ihrem Kontext gelöst und wird nun – ohne Kopf, mit nur einem Arm – in fragmentierter Ganzheit vor uns aufgeklappt. Die Götterbotin! Die sich in einer Art ekstatischen Turnerei gerade loszuschnellen scheint, eine Botschaft zu übermitteln. – Was im Übrigen aber nicht heisst, dass wir uns hier wieder im Banne einer mythologischen Inhaltlichkeit der Zeit vor Goya und Manet befänden. Rodins erotische Mythologie meint etwas zuvor noch nicht Dargestelltes: jenen Urmoment der Schöpfung – tatsächlich «l’origine du monde» –, in dem Kreatur und Kunstwerk eins werden können. Im Unterschied zum Bild von Courbet ist dabei das Erotische – in diesem Fall die sexuelle Ausstrahlung des Körpers, des zur Schau gestellten Geschlechts von «Iris» – nicht aggressives Ziel der Darstellung, sondern ihr ganz selbstverständliches Zentrum.
Was Rodins erotische Aquarelle anbelangt, so entstanden sie vornehmlich ab 1890, also in den späteren Jahren seines Lebens. Zu Hunderten und Aberhunderten fertigte der Künstler diese Blätter an. Oft hatte er mehrere Modelle gleichzeitig anwesend, die er sich möglichst natürlich bewegen liess, und versuchte, in blitzartigem Strich besondere Positionen der Körper festzuhalten, die schon Rilke faszinierten. Der Dichter entdeckte darin «… alle Unmittelbarkeit, Wucht und Wärme eines geradezu animalischen Lebens», womit er natürlich nicht zuletzt die besondere erotische Dimension dieser Arbeiten meinte. In der Tat nehmen die dargestellten Modelle nicht selten – ob mit weit gespreizten Beinen oder dem Künstler demonstrativ entgegen gestreckten Geschlecht – äusserst explizite Körperhaltungen ein. Mit dieser Direktheit der Blätter Schritt halten kann nur ihre enorme künstlerische Dichte. Die hingeworfenen Lineamente, die eine Figur eher zu schaffen scheinen als sie abzubilden, sind von einzigartiger Qualität. Ebenso beeindruckend ist das unverwechselbare Zusammenspiel zwischen den hart gezeichneten Umrissen und der fliessenden Membran der aquarellierten Farbhaut, die sich oft nicht gänzlich dem Diktat der Linien unterwirft.
Rodin selber machte um das Extreme, provokativ Wirkende solcher Werke kein Aufhebens. Allenfalls sagte er, wie Anne-Marie Bonnet zitiert: «… in der Kunst kann es Unsittliches nicht geben, die Kunst ist immer heilig.» Im Übrigen betonte er die besondere Qualität der Lebendigkeit, die diesen schnell entstandenen Blättern eignet und wies auf die besondere Bedeutung der Schönheit hin, die er im weiblichen Körper fand. Was der Künstler in diesen Blättern suchte, ist also jedenfalls nicht einfach nur der erotische Effekt an sich. Vielmehr strebt Rodin hier danach, parallel zu der extremen Zuspitzung des Erotischen zu einer äusseren Formulierung der Möglichkeiten seiner Kunst zu gelangen – um sich so selber immer wieder von Neuem in jenen erotischen Zustand des «Ursprungs der Welt» zu versetzen.
* Philippe Büttner ist Kurator der Fondation Beyeler