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Von Julia Northfleet
Dialogisches Lesen zur Sprachförderung von Kindern
Vorlesen ist ein wichtiger Teil des Spracherwerbs. Dieser kann mit dem richtigen Vorgehen noch gefördert werden. Die Sprachfördermethode des Dialogischen Lesens führt dazu, dass Jung und Alt in einen Dialog treten und eine Freude am Sprechen entwickeln.
Ein Erwachsener liest einem Kind ein Buch von Anfang bis Ende vor. So sieht für gewöhnlich das traditionelle Vorlesen aus. Dabei werden Kommentare und Fragen des Kindes eher als Störfaktoren gesehen, da es dem Erwachsenen in erster Linie darum geht, die Geschichte zu vermitteln.
Beim Dialogischen Lesen sieht es aber ganz anders aus. Der Vorlesende achtet darauf, dass der Dialog zwischen Klein und Gross im Zentrum steht. Keinesfalls geht es nur darum, die Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen. Der Erzählrhythmus wird dem Kind angepasst. Und dieses entscheidet auch, wann umgeblättert wird.
Der Erwachsene versucht bewusst, das Kind vermehrt zum Reden zu bringen. Dies macht er, indem er dem Kind viele offene Fragen (Wieso, Weshalb, Warum) über das Geschehen im Bilderbuch stellt. Ziel ist es, dass das Kind sogar mehr ins Erzählen kommt als der Erwachsene selbst.
Eine weitere Aufgabe des Erwachsenen ist es, Anmerkungen des Kindes indirekt zu korrigieren. Dies bedeutet, dass der Erwachsene, zum Beispiel ein unkorrektes Wort des Kindes, nochmals richtig ausspricht. Dies könnte folgendermassen aussehen:
Kind: „Sehne putzen da?“ Darauf antwortet der Erwachsene: „Ja genau, die Tiere putzen gerade ihre Zähne.“
Es ist wichtig, das Kind niemals direkt auf seinen Fehler aufmerksam zu machen oder es sogar dafür zu kritisieren. Dies kann einem Kind schnell den Mut zum Reden nehmen, da es Angst haben könnte, einen weiteren “Fehler“ zu begehen.
Das Konzept des Dialogischen Lesens wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern um Grover J. Whitehurst im Jahr 1988 entwickelt. Whitehurst zeigte auf, dass Kinder sprachlich mehr profitieren, wenn sie sich aktiv am gemeinsamen Bilderbuch-Lesen beteiligen. Die Grundlage des dialogischen Vorlesens ist die Erkenntnis, dass Kinder vom regelmässigen Sprechen mit Erwachsenen profitieren und ihre sprachlichen Fähigkeiten positiv beeinflusst werden.
Sprachanregende Strategien des Dialogischen Lesens
Im Folgenden werden verschiedene sprachanregende Strategien aufgeführt, um Ihr Kleines zum Reden zu bringen. Es geht darum, auf die Interessen des Kindes einzugehen und es zum Selbstsprechen zu animieren.
- Der Erwachsene passt seine Aufmerksamkeit dem Kind an. Dabei registriert er in welche Richtung das Kind schaut und spricht dann das Objekt der Aufmerksamkeit an. (Strategie des gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus)
- Erinnerungsfragen fordern das Kind dazu auf, über den Inhalt des Bilderbuches nochmal nachzudenken. Beispielsweise kann der Erwachsene das Kind fragen, wie denn nochmal die Hauptfigur des Bilderbuches heisst.
- Der Erwachsene verbindet das Geschehen aus dem Bilderbuch mit Erlebnissen des Kindes. Wenn im Bilderbuch sich beispielsweise ein Kind am Kopf anstösst, kann der Erwachsene das Kind fragen, ob dieses sich nicht auch schon mal am Kopf verletzt hat und wie es sich damals gefühlt hat. (Strategie der Verknüpfung)
Tipps und Tricks für das Dialogische Lesen mit Ihrem Kind
Wenn Sie sich gemeinsam ein Bilderbuch mit Ihrem Kind anschauen, beachten Sie folgendes:
- Halten sie Ihre Hände frei, damit können Sie besser mit Händen, Gestik und Mimik kommunizieren.
- Das Verwenden von unterstützenden Materialien ist äusserst empfehlenswert. Zusätzliche Materialien und Gegenstände sprechen alle Sinne des Kindes an und stellen den Inhalt plastisch dar. Lassen Sie mal einen Teddybären mitlesen, wenn es in der Geschichte um einen Bären geht.
- Achten Sie bei der Auswahl des Ortes, dass Sie und Ihr Kind nicht von Lärm gestört werden. Sorgen Sie für eine gemütliche Atmosphäre mit Hilfe von Kissen oder Decken, damit sich Ihr Kind geborgen und sicher fühlt.
- Reden Sie klar und deutlich in einem angemessenen Tempo, damit Ihr Kind Ihre Worte gut auffassen und verstehen kann.
Die Auswahl des Bilderbuches spielt ebenfalls eine sehr grosse Rolle. Sie können Ihrem Kind nicht einfach ein Piratenbuch holen, wenn es klar und deutlich von Ninjas fasziniert ist. Vor dem Kauf eines neuen Bilderbuches stellen Sie sich folgende Fragen:
- Ist die Geschichte für das Kind bedeutsam, weckt sie sein Interesse?
- Hat das Bilderbuch etwas mit der äusseren oder inneren Welt des Kindes zu tun?
- Lädt das Bilderbuch das Kind zum Erzählen ein?
Je nach Alter eignen sich unterschiedliche Bücher für das Dialogische Lesen. Kurze und einfache Geschichten eignen sich besonders gut für zweijährige Kinder. Zweijährige können kleine Szenen und Episoden nachvollziehen und selbst erzählen. In dieser Zeit sind Bilderbücher besonders wichtig für den Wortschatzerwerb.
Im Alter von drei Jahren können Kinder schon komplexere Satzkonstruktionen verstehen und produzieren. Sie haben bereits einen grösseren Wortschatz, welcher rasant angestiegen ist. Bilderbücher sind nun besonders wichtig für die Entwicklung der Grammatik.
Kinder im Alter von vier sind in der Lage, Geschehnisse aus dem Bilderbuch mit Erlebnissen aus dem eigenen Leben zu vergleichen. Bilderbücher können in der Zeit besonders bei der Verarbeitung von Emotionen helfen. Wählen Sie doch für Ihr Vierjähriges ein Bilderbuch aus, in welchen verschiedenen Emotionen angesprochen werden.
Im Alter von fünf und sechs tauschen sich Kinder über die Geschichten in Bilderbüchern aus und spielen diese in Rollenspielen nach. Zu dieser Zeit wären Helden-Geschichten sehr angebracht.
Legen Sie gleich los!
Nun hatten Sie einen kleinen Einblick in die Welt des Dialogischen Lesens und sind sicher schon ganz fasziniert.
Also worauf warten Sie noch? Springen Sie auf und lesen Sie einem Kind ein Bilderbuch dialogisch vor! Zeigen Sie dem Kind die wunderbare Welt der Bilderbücher und unterstützen Sie es dabei, einen grossen Wortschatz zu bilden.
Literatur zum Thema
Jochen Hering; Kinder brauchen Bilderbücher; Klett/Kallmeyer; 2016
Ein Buch rund um Bilderbücher und deren Wichtigkeit für Kinder. Ein Kapitel ist auch dem Dialogischen Lesen gewidmet und es wird eine interessante Studie dazu erwähnt.
Winfried Kain, Die positive Kraft der Bilderbücher; Cornelsen-Scriptor GmbH; 2011.
In diesem Buch gibt es unglaublich viele Bilderbuchvorschläge für verschiedene Alterstufen von Kindern.
Timm Albers; Das Bilderbuch-Buch; Beltz GmbH; 2015
Hier findet man ebenfalls Bilderbuchempfehlungen und auch wird nochmals erklärt wie Bilderbücher die Sprache des Kindes fördern.
Im Netz
Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien
Dies ist eine äusserst spannende Seite auf der ein Leitfaden zum Dialogischen Lesen zu finden ist. Des Weiteren gibt es spannende Videos zur Demonstration vom Dialogischen Lesen in der Praxis.
Das Kita-Handbuch
Auf dieser Seite gibt es nochmals eine detaillierte Beschreibung was Dialogisches Lesen ist und genaue Angaben welche Strategien man anwenden kann und wie.