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Autor: Richard G. Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Erst mit 17 Jahren stellte sich bei ihm der Stimmbruch ein. Das schien genetisch bedingt zu sein. Seiner Schwester wuchsen die Brüste auch erst ab dem 16. Lebensjahr. Er litt darunter, wurde er doch wegen seiner hellen Stimme immer wieder gehänselt und am Telefon mit dem damalig üblichen „Fräulein“ angesprochen, dem er täglich im Büro widersprechen musste. Alle seine Kameraden hatten bereits eine dunkle Stimme. Es war schmerzlich für ihn. Da aber medizinisch nichts Auffälliges diagnostiziert worden war, sollte er einfach abwarten. Bei manchen Menschen setzte die Pubertät erst spät ein.
Dann wurde der Bereich unter der linken Brustwarze dick. Der Bereich schmerzte nicht stark, aber zog unangenehm. Nach einiger Zeit zeigte er ihn seinen Eltern. Sie waren beunruhigt. Natürlich dachten sie, ungläubig zwar, an Brustkrebs. Ihr Junge war eindeutig männlich, kein Zwitter, wenn auch die helle Stimme etwas anderes vermuten konnte.
Damals gab es noch kein Internet, in dem man sich informieren konnte. Der Arzt wurde noch als „die Kompetenz“ in Gesundheitsfragen angesehen.
Brustkrebs war damals wie heute nicht ungewöhnlich, und es starben viele Frauen daran. Über Brustamputationen wurde nicht gesprochen. Der weibliche Körper und ihre Funktionen waren tabu, so wie es alle Fragen der Zeugung und Empfängnis auch waren.
Es gab zwar so etwas wie „Aufklärungsunterricht“ in der Schule; aber in Wirklichkeit war es eher „Verschleierungsunterricht“, in dem über die Fortpflanzung von Bienen gesprochen wurde. Den Lehrern war das Thema peinlich. Darüber sprach man, wenn überhaupt, nur ungern.
Eine der wenigen Möglichkeiten für Jugendliche, etwas mehr darüber zu erfahren, war die Zeitschrift „Bravo“, die ganz sachlich Fragen dieser Art in der Zeitschrift oder auch schriftlich, abseits der Öffentlichkeit, beantwortete.
Heutzutage hat sich das alles geändert. Der menschliche Körper, seine Funktionen und seine Krankheiten werden offen beschrieben und diskutiert. Im Internet kann man vieles erfahren, und alles wird nicht nur von einer Seite, sondern von allen Seiten aus beleuchtet.
Der junge Mann konnte also nicht mit seinen Kameraden darüber sprechen. Er wäre ausgelacht worden, man hätte auf ihn mit Fingern gezeigt und ihn „weibisch“ genannt.
Der Hausarzt wusste keinen Rat und schickte den Jungen und seine Mutter zu einem Spezialisten. Der tastete den Brustbereich ab, nahm eine Blutprobe und untersuchte sie.
Der Facharzt wusste, dass das Phänomen nicht ungewöhnlich war – aber bei einem 17-Jährigen?
Er wusste über mögliche Ursachen für Schmerzen im Bereich der Brustwarzen beim Mann:
1. Textile Ursachen für Brustwarzenschmerzen.
2. Hormonelle Ursachen für Brustwarzenschmerzen.
3. Hormonschwankungen in der Pubertät / Gynäkomastie.
4. Hormonschwankungen nach Einnahme von Medikamenten.
5. Hormonschwankungen bedingt durch Erkrankungen.
6. Brustkrebs beim Mann.
Aber der Arzt wusste auch, dass Brustkrebs beim Mann sehr selten vorkommt. Die Vermutung ging in Richtung Gynäkomastie. In der Pubertät kommt es häufig vor, dass junge Männer empfindliche Brustwarzen haben, die bei Berührung zu schmerzen beginnen. Gynäkomastie und hormonelle Schwankungen sind gerade bei pubertierenden Jugendlichen nichts Aussergewöhnliches, weshalb die Gründe für Brustwarzenschmerzen bei heranwachsenden Männern sehr oft in einer Veränderung des Hormonspiegels zu finden sind. Die Pubertätsgynäkomastie und vergrösserte Brüste bei Jugendlichen sind in der Regel temporär. Das bedeutet, dass sich die vergrösserten Brüste im Normalfall von allein wieder zurückbilden.
Die Vermutung war richtig. Als der Stimmbruch eintrat, bildete sich auch die Verdickung zurück.
Einige Jahrzehnte danach erinnerte sich der Mann wieder an die Zeit. Angelina Jolie informierte die Medienwelt über ihre prophylaktische Amputation beider Brüste. Und auch der Brustkrebs bei Männern wurde erwähnt. Die FASZ schreibt: „Die Ursachen männlichen Brustkrebses sind noch rätselhaft. Je nach ethnischer Zugehörigkeit spielen in 4 bis 40 % der Fälle Gene eine Rolle, vor allem das Brustkrebsgen BRCA-2: Zeigt ein Gentest, dass es defekt ist, klettert das Risiko einer Erkrankung von weniger als 0,1 % auf gut 7 %. Genug, um Angst zu machen ...“
Woher diese Zahlen stammen, schreibt die Zeitung nicht, nur, dass über prophylaktische Operationen bisher nichts bekannt sei.
Überhaupt, die Zahlen der Gefährdung erscheinen mir wenig gesichert. Die Medienpräsenz von Angelina Jolie wird viele Frauen, möglicherweise auch Männer, in die Arztpraxen treiben, Ängste erzeugen und sie vor schwere Entscheidungen stellen.
In dem Artikel der FASZ „Meine Gene, meine Zukunft“ in derselben Ausgabe wird festgestellt, dass die Gendiagnostik mittlerweile auf der ganzen Welt ein grosses Geschäft sei und gefragt: „Aber wie viel wollen wir wirklich über unsere Zukunft wissen?“ und der Psychologe Gerd Gigerenzer behauptet, für Entscheidungen „brauchen Patienten wie Ärzte ein hohes Mass an Kompetenz im Umgang mit Unsicherheit … Das müssen wir alle noch lernen.“
Als ob das ganze Leben nicht „ein Umgang mit Unsicherheit“ wäre!
Quelle
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19. Mai 2013, S. 21 und S. 63.
Hinweis auf ein weiteres Blog zur Brustamputation
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