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| Hieronymus († 420) - Briefe

VII. Briefe an Augustinus von Hippo
102. An Augustinus
1.
Dem wahrhaft heiligen Herrn und ehrwürdigen Bischof Augustinus entbietet Hieronymus Heil im Herrn.
Als mein heiliger Sohn, der Subdiakon Asterius, unmittelbar vor seiner Abreise stand, traf bei mir der Brief Deiner Heiligkeit ein. Aus ihm geht zur Genüge hervor, daß Du keine gegen meine Wenigkeit gerichtete Schrift nach Rom gesandt hast. Es war mir zwar nicht erzählt worden, daß dies geschehen sei. Aber es gelangte nach hier durch unseren Bruder, den Diakon Sisinnius, irgendein scheinbar an mich gerichteter Brief. In diesem Briefe forderst Du mich zum Widerruf 1 auf bezüglich einer Stelle beim Apostel Paulus, so daß ich gleichsam ein zweiter Stesichorus werden sollte, der nicht wußte, ob er Helena zu tadeln oder zu loben hätte, und schließlich durch sein Lob das Gesicht [S. 424] wiedererlangte, welches er durch seinen Tadel eingebüßt hatte. 2 Ich gestehe Deiner Heiligkeit offen, daß ich den Abschriften dieses Briefes nicht voreilig Glauben schenken wollte, wenn auch der Stil und die ganze Art zu schreiben auf Dich als den Verfasser hinwiesen. Du hättest sonst, durch meine Antwort verletzt, mit Recht von mir fordern können, vor einer Erwiderung die Echtheit des Schreibens zu prüfen. Zur Verzögerung trug dann noch die Erkrankung der heiligen und ehrwürdigen Paula bei. Während die Pflege der Kranken viel Zeit in Anspruch nahm, habe ich beinahe Deinen Brief oder den Brief dessen, der unter Mißbrauch Deines Namens geschrieben hatte, vergessen gemäß dem Spruche: „Eine Erzählung zur Unzeit ist wie Musik in einem Trauerhause.“ 3 Ist der Brief von Dir, so teile es mir offen mit oder sende mir authentische Abschriften! Dann können wir ohne Verstimmung unsere biblische Disputation fortsetzen. Ich werde dann von meinem Irrtum abstehen können oder feststellen, daß ich von der Gegenseite mit Unrecht getadelt worden bin.
1: παλινῳδία
2: Stesichorus, ein griechischer Lyriker aus Himera (Sizilien), lebte im 6. Jahrhundert v. Chr. Er wurde der Sage nach durch die von ihm gelästerte Helena geblendet, erhielt aber nach feierlicher Zurücknahme (Palinodie) das Augenlicht wieder.
3: Eccli. 22, 6.