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Die Männer trugen schwarze Anzüge und sassen steif auf unbequemen Bänken, und eine Frau mit ausgefallener Frisur und pinkfarbenem Abendkleid befragte sie. Und als das Scheinwerferlicht aus und der Abend zu Ende war, dachte zumindest einer von ihnen: so eine Blamage.
Gestatten: Iouri Podladtchikov, Snowboarder und Querkopf. Wobei Snowboarder nicht ganz richtig ist, aber dazu später. Und Querkopf auch nicht, dazu gleich.
Podladtchikov also fand, etwas sei gehörig schiefgegangen. Eine Fernsehshow vor Hunderttausenden Zuschauern zur besten Sendezeit am Sonntagabend – und er, in der abgelaufenen Saison zum zweiten Mal Weltmeister geworden, eine Ikone seiner Szene, wird vom Publikum nicht einmal in die zweite Runde gewählt, kommt nicht einmal in die Nähe des Titels «Schweizer Sportler des Jahres»? Das überstieg sein Vorstellungsvermögen. Zumal er extra für die Veranstaltung das Trainingslager in den USA unterbrochen hatte, elf Flugstunden hin und elf zurück, dazu der Höhenunterschied, von 3000 Metern über Meer in Breckenridge, Colorado, auf 400 Meter über Meer in Zürich-Leutschenbach, vom Jetlag nicht zu reden.
Eben: eine Blamage, jedenfalls in seinen Augen. Dabei war er doch so sehr sich selber gewesen. Oder ist es passiert, weil er sich selber gewesen war?
In der Fragerunde vor dem Publikums-Voting hatte sich Steffi Buchli, die Moderatorin mit der Frisur und dem Abendkleid, zwischen ihn und seinen Sitznachbarn, den Langläufer Dario Cologna, gezwängt. Und ihn im fröhlichen Plauderton auf einen Testwettkampf am Tag zuvor in Breckenridge angesprochen, an dem er, wie sie glaubte, im Halbfinal ausgeschieden war. «Ich bin fast ein bisschen erschrocken, als ich im Internet die Resultate gesehen habe.» Als sorgte sie sich um seine Form in der Olympiasaison, fragte sie, und sie siezte ihn: «Das war wahrscheinlich Ihr Pokerface, richtig?» Und er sagte: «Du kannst nicht lesen.»
Iouri Podladtchikov hatte den Finaldurchgang sehr wohl erreicht, wenn auch denkbar knapp.
Die Sonntagabendsendung, in die er mehr schlecht als recht reinpasste, das Wahlergebnis, das nicht zu seinen Gunsten ausfiel, und die Reaktion auf die fehlerhafte Frage der Moderatorin – nichts könnte besser zeigen, wer Iouri Podladtchikov ist. Ein Mann der Extreme. Nicht für die Masse. Ein Sportler, der den prosaischsten Augenblick in ein Kunstwerk verwandeln kann, zu einem aber, das bisweilen nur er erfasst. Ein extrovertierter Überhöher, hin und her gerissen zwischen totaler Selbstsicherheit und totaler Verwundbarkeit. Darum das Unverständnis dafür, dass er es an den «Sports Awards» im Dezember nicht über die Auswahl der zehn Nominierten hinaus geschafft hat: weil er mit der einen Hälfte seines Herzens nach umfassender Anerkennung strebt und in solchen Momenten vergisst, dass er die andere Hälfte verleugnen müsste, wenn er vom ganzen Publikum Applaus wollte. Mit der einen Hälfte sehnt er sich nach Liebe, und mit der anderen ist er ausgesprochen wählerisch, wenn es darum geht, seine Liebe zu verteilen. Mit der einen Hälfte, der stolzen, posaunt er in die Welt hinaus, dass er Olympiasieger werden will. Und mit der anderen, der verletzlichen, die ebenso vollständigen Besitz ergreifen kann von ihm, ist er eingeschnappt, wenn ihm ein 2. Platz als Niederlage ausgelegt wird. Oder ein 16. Platz fälschlicherweise als Halbfinal-Out.
Dabei gibt es bei ihm einen direkten Zusammenhang zwischen Zuschauerhoffnungen und Erfolg. Podladtchikov prahlt mit voller Absicht. Würde er die Erwartungen nicht schüren, «wäre ich längst umgekehrt», wie er sagt. «Ich wäre längst abgekommen vom Weg, der mich ans Ziel führen soll, so beschwerlich ist er.» Er kreiert Druck, um sich und sein Tun einer externen Kontrolle zu unterwerfen.
Aber eigentlich kann er Kontrolle durch andere nicht ertragen, nur durch sich. Iouri, sagen seine Eltern Yuri Podladtchikov und Valentina Podladtchikova, ein Professor für Geophysik und eine Mathematikerin, sei ein Kontrollfreak. Einer, von dem sie hätten lernen müssen, dass er sich nicht dreinreden lasse, «jeder Hauch von Einflussnahme ist kontraproduktiv», selbst wenn es um den Kauf eines Autos geht. «Wenn aber wir ein Auto kaufen wollen», so die Mama, «ist er der Erste, der auf uns einzuwirken versucht.»
Eine Anekdote aus der Kindheit: Der Papa bestand darauf, dass es im Leben gewisse Dinge gebe, die getan werden müssten. Allen voran die Schule. Also wurden Iouri Gestaltungsfreiheiten gelassen, solange er in Mathematik nie eine schlechtere Note als die 5 heimbrachte. Doch er war Sportschüler, einer mit Privilegien, und der Vater wird den Verdacht bis heute nicht los, dass der Sohn seinen Lehrern am Sportgymnasium Davos von der elterlichen Regel erzählte und dass die, im Sinne des Trainingsplans, einfach nie eine schlechtere Note als die 5 vergaben.
Podladtchikovs Weg ist der eines Eigenwilligen, der sich derart an scheinbaren Kleinigkeiten aufreiben kann, dass man sich fragt: Wie will der erst zur Konzentration finden, wenn es wirklich um etwas geht, also am 11. Februar um 21 Uhr 30 Ortszeit, im Final des olympischen Halfpipe-Wettbewerbs in Sotschi? Die Antwort ist einfach. Er hofft, parat zu sein, gerade weil er sich selber so ernst genommen hat – bis ins letzte Detail.
Zum Beispiel im September, als er in der Online-Ausgabe von «20 Minuten» ein Bild von sich entdeckte, wie er beim Snowboarden in der Halfpipe die Zunge rausstreckt, und er den Journalisten kontaktierte. «Es gibt tausend gute Bilder von mir, und ihr bringt eines mit Zunge. Das macht man doch nicht!»
Oder ein paar Tage später, als er auf NZZ.ch sah, dass ein Bild von ihm mit einem falschen Namen legendiert war, Louri Kotsenburg, und er eine SMS schickte, «wollt ihr mich verarschen?»
Oder im Dezember, am Testwettkampf in Breckenridge, als die Moderatorin des übertragenden Fernsehsenders NBC auf ihn zuhechtete, in ihrem Gefolge der gehetzte Kameramann, sie ist seit Jahren dabei, und trotzdem rief sie: «Sag bitte deinen Namen ins Mikrofon, yeah! Ich weiss noch immer nicht, wie man ihn ausspricht, yeah!» Und er: «You should know it by now.»
Umgekehrt platzt er schier vor Freude, wenn ihm etwas Gutes gelingt, ein «Ich-Moment», wie er es nennt. Etwa der Yolo Flip, ein Trick von unglaublicher Komplexität, den er letzten Frühling als erster Halfpipe-Snowboarder der Welt gestanden hat. Das war an den X-Games Europe im französischen Tignes, einem Ableger der X-Games in Aspen, des wichtigsten Events der Freestyle-Wintersportler.
Yolo steht für «You only live once», Podladtchikov hat den Trick so genannt. Du lebst nur einmal, oder besser noch: Du fliegst nur einmal. Wie wahr. Prompt verhaute Podladtchikov den Sprung, der auf den Yolo Flip hätte folgen sollen. Aber das spielte keine Rolle mehr. Am Fuss der Pipe riss er sich den Helm vom Kopf und warf ihn samt Brille ins Publikum, und das Brett flog in die andere Richtung, und er selber legte den Kopf in den Nacken und ging in die Knie, schlang die Arme zuerst um sich und dann um die Fernsehmoderatorin, er war ganz ergriffen vor Glück, und alle sollten mitfeiern.
Er sagt: «Ich würde mich ja auch auslachen, wenn ich mir dabei zusähe, wie ich mich zelebriere.»
«Warum diese Ausgeflipptheit?»
«Es geschieht einfach.»
«Oder weil du willst, dass die Leute die Grösse des Moments kapieren?»
«Das kannst du mir gerne unterstellen. Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, feiert sich gern. Jeder, der etwas darstellt und versucht, etwas aus sich zu machen, will wissen, was er mit seinem Tun bewirkt. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Warum soll man nicht mit der Welt teilen, was man als lebensdefinierend empfindet?»
Bisweilen teilt die Welt auch etwas von ihm. Im Dezember 2011, knapp zwei Jahre nach Platz 4 an den Olympischen Spielen in Vancouver und knapp ein Jahr nach der ersten WM-Medaille, einer silbernen, publizierte der «Blick am Abend» einen Schnappschuss von ihm, wie er splitternackt an einem Tankstellenautomaten steht, den Schambereich nur von einer Kappe bedeckt: «WM-Held nackt an der Tankstelle». Sein bester Freund Ruben Cassiano, die beiden waren unterwegs ins Bündnerland gewesen, und es war ein bisschen lustig geworden im Auto, hatte das Bild auf Instagram gepostet. Cassiano hatte nicht unbedingt damit rechnen können, dass irgendwer aus den Medien seinem Profil folgt. Doch so war es, und das Bild machte via den «Blick am Abend» weitum die Runde, bis zu Podladtchikovs Eltern, die bis heute aufmerksam verfolgen, was über Iouri berichtet wird. Damals, im Dezember 2011, rief der Vater die Mutter an: «Darling, hast du heute schon die Zeitungen gelesen?»
«Steht etwas über Iouri drin?»
«Ja. Aber mach dir keine Sorgen. Es ist eigentlich ganz nett, ein nettes Bild. Du musst es dir nicht anschauen.»
Natürlich tat sie es dennoch, und sie war verstört. Nicht weil Iouri herumgeblödelt hatte. Sondern weil ein Journalist darauf aufmerksam geworden war. «Das war der Tag, an dem ich realisierte, dass er zu einer öffentlichen Person geworden ist. Ich sagte ihm, er solle fortan versuchen, gewisse Dinge privat zu halten.»
Und Iouri sagte: «Es gibt von dem Abend auch Videos. Gut, dass die niemand gesehen hat.»
Manchmal kann er nicht anders sein als das, was in den Augen vieler ein Querkopf ist. Und manchmal will er nicht, weil er mit allem, was er tut, eine Stimmung gestaltet, die ihn an die Olympischen Spiele tragen soll. In diesen Fällen ist Querkopf eine völlig unzureichende Beschreibung für ihn, besser wäre: Jäger des guten Gefühls.
Auch ein Bild, das ihn nackt an der Tankstelle zeigt, kann zum richtigen Zeitpunkt ein gutes Gefühl hervorrufen – aber wenn das gute Gefühl bedroht ist, wird Podladtchikov vom Jäger zum Gejagten. Zum angeschossenen Bären wie an den «Sports Awards». Oder zum Kaninchen, das sich in den Bau verdrückt. Wie an jenem Novemberabend 2013, als er sich von der NZZ zum Skateboarden begleiten liess, eine seiner Hauptbeschäftigungen im Hinblick auf Sotschi, und der Kameramann ihn fragte, ob er ihm ein paar Tricks vorführen könne, «es dauert nicht lange, ich habe genau im Kopf, was du machen musst». Das hätte er nicht sagen sollen. Freestyle-Sportler wollen sich nicht vorschreiben lassen, welche Tricks zu tun seien, dafür fehlt Aussenstehenden zu sehr das Verständnis dafür, unter welchen Voraussetzungen ein Trick herbeigeführt werden kann. Es kam zu einer Auseinandersetzung, in der beide, Podladtchikov und der Kameramann, Sachen sagten, die ihnen später leid taten. Podladtchikov bot noch an, man könne ja einfach die Kamera draufhalten, wenn er frei von der Leber weg ein paar Dinge tue. Und der Kameramann bot eine Entschuldigung an. Aber da war es um die Stimmung schon geschehen. In jenem Moment war Podladtchikov in den Augen des Kameramanns ein Verweigerer, und Podladtchikov hielt den Kameramann für einen Ahnungslosen.
Podladtchikov stapfte davon, und man spürte, dass er sich nicht nur über seine Begleiter ärgerte, sondern auch über sich und darüber, dass er sich hatte herunterziehen lassen. Und vielleicht empfand er sogar etwas Scham, weil er eine Seite von sich gezeigt hatte, die er nicht darstellen will.
Aber einen Tag später hatte er alles schon vergessen, und noch einmal ein paar Tage später sass er mit der NZZ so lange beim Mittagessen, dass er das Trampolin-Training verpasste, das auf dem Plan gestanden hatte. Die Laune des Trainers Marco Bruni war darob ein bisschen angekratzt. Aber Bruni riss sich zusammen. Inzwischen weiss er, dass es Augenblicke gibt, in denen es für Podladtchikov und seine Olympiavorbereitung Wichtigeres gibt als das Training. Zum Beispiel ein Gespräch über sich selber. Oder die «Sports Awards» Mitte Dezember, für die er die lange Reise auf sich genommen hat, wovon natürlich jeder Sportwissenschafter abraten würde. Und wenn der Motivationsschub dann nicht wie erwartet eintritt und Podladtchikov nicht so viel Publikumsgunst erhält wie erhofft, dann empfindet er eben als Blamage, was schlimmstenfalls eine ganz normale Niederlage ist.