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Dissertationsprojekte
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Marginales Werk. Thomas Manns Lesespuren
Dissertationsprojekt von Manuel Bamert
Ausgangspunkt dieses Dissertationsprojekts ist die Beobachtung eines eigentümlichen Phänomens, das gewissermassen zwischen dem Lesen und dem Schreiben zu verorten ist: Zahlreiche der in Thomas Manns Bibliothek enthaltenen Einheiten tragen schriftliche Lesespuren. Diese Lesespuren finden sich heute in Thomas Manns Nachlass, zu dem eben nicht nur Geschriebenes, sondern auch Gelesenes gehört. So wird im Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich neben Manuskripten unter anderem auch seine Privatbibliothek aufbewahrt, ein Konvolut von 4279 Büchern und weiteren Textdokumenten, die Thomas Mann einmal sein Eigen nannte.
Im skizzierten Dissertationsprojekt wird der Frage nachgegangen, wie diese Lesespuren mit Thomas Manns Bibliothek einerseits und seinem schriftlichen Werk andererseits verbunden sind. Denn obschon Lesespuren in Autorenbibliotheken bereits seit Längerem Interesse auf sich ziehen und es in jüngerer Zeit auch eine zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen gibt, hat sich bisher - trotz mancher Ansätze - noch kein Konsens über das konkrete literaturwissenschaftliche Erkenntnispotential solcher Lesespuren gebildet. Die geplante Dissertation will dieses Potential nun am Beispiel Thomas Manns ausbilden und nutzen, womit ein Beitrag zur theoretischen und methodologischen Grundlegung einer literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Lesespuren geleistet werden soll.
Den Anfang der Dissertation machen eine Einführung in die Geschichte der Bibliothek Thomas Manns und eine Übersicht über die in ihr enthaltenen Gebrauchs- und Lesespuren. Das Herzstück der Arbeit bilden dann fünf kasuistische Studien, in denen auf markante Verbindungspunkte zwischen den drei Korpora - Lesespuren, Bibliothek, schriftliches Gesamtwerk - hingewiesen wird. Mit einer Analyse der (epistemologischen) Funktionalität der Schreibwerkzeuge von und bei Thomas Mann wird zuerst die technische Bedingung des Annotierens und Schreibens beleuchtet. Sodann wird untersucht, bei welchen seiner Lektüren diese Schreibwerkzeuge überhaupt zum Einsatz kamen, wie es sich also mit der Un/Sichtbarkeit der Lektüreprozesse verhält. Daran schliesst sich die Frage an, worin sich - in materieller und in literarischer Hinsicht - Selbst- von Fremdlektüren unterscheiden. In einer spezifisch poetologischen Untersuchung werden daraufhin ausgehend von konkreten Lesespuren die textuellen Übergangsprozesse zwischen Rezeption und Produktion fokussiert, bevor der Hauptteil mit einer Analyse zur Frage beschlossen wird, ob sich in den Lesespuren Thomas Manns eine eigene Nachlasspoetik finden lässt.
Der Homunculus Oeconomicus bei der Arbeit. Produktivität und Männlichkeit in den frühen Erzähltexten Thomas Manns
Dissertationsprojekt von Ariane Totzke
Der Begriff des Homo oeconomicus hat eine vielschichtige historische, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Entwicklung durchlaufen. Während einschlägige Autoren um 1900 den ‚Wirtschaftsmenschen’ als Idealtypus des nutzenmaximierenden Subjekts imaginieren, beschreibt das Modell in den neueren Wirtschaftswissenschaften weniger eine Metapher menschlichen Individualverhaltens als vielmehr ein heuristisches Erklärungskonzept für makroökonomische Phänomene. In dem literarischen Pendant eines ‚Wirtschaftsmenschen’ – als idealtypischer Terminus Technicus – scheinen sich die Semantiken des Produktivitätsdiskurses um 1900 zu verdichten. Der Homo oeconomicus soll in diesem Sinne als Analysefolie für die Mannschen Erzähltexte dienen: Wie reagiert die Literatur auf diesen Diskurs? Werden die Kontexte durch die Erzählstruktur, die Konzeption literarischer Räume oder durch die Figurenbeschreibungen ironisch gebrochen? Hans Castorp, Christian Buddenbrook, Felix Krull und Siegmund Aarenhold sind Beispiele aus Thomas Manns Figurenarsenal, die an den zeitgenössischen Produktivitätsdiskursen scheitern. Jene ‚Faulpelze‘, ‚Tunichtgute‘ und ‚Betrüger‘ geben sich einem demonstrativen Müßiggang hin, anstatt produktive Arbeit im Sinne der Wirtschaft zu leisten. Gleichermaßen widersprechen sie zeitgenössischen Genderzuschreibungen, was auf eine diskursive Verschränkung von Arbeit und Männlichkeit hindeutet.
Wissenschaft als Kulturbildung. Planung, Praxis und Popularisierung von zionistischen Forschungsreisen in Palästina als Grundlage einer neuen jüdischen Kultur
Disserationsprojekt von Alexander Alon
Die jüdische Bewegung des Zionismus, deren Anfänge in den 1890er Jahren liegen, bezweckte eine grundsätzliche Veränderung des jüdischen kulturellen Selbstverständnisses. Als politische Bewegung forderte sie für die als 'jüdische Nation' verstandene Gruppierung der Juden ein Staatswesen und ein völkerrechtlich abgesichertes Territorium. Damit setzte sie sich zugleich von jüdischen Positionen ab, welche die Assimilation der Juden an die Kulturen ihrer Heimatländer forderten und das Judentum als blosse Zugehörigkeit zu einer Religion verstanden. Diese neue kulturelle Orientierung des Judentums setzte einen grundsätzlich neuen Umgang mit Wissen und Wissenschaft voraus. Wurde einerseits die Nutzung moderner Wissenschaften als Basis der Verwirklichung der politischen Ziele angesehen, so wurden andererseits Disziplinen und Wissensbestände, die bis anhin die kulturelle Identität des Judentums definiert hatten, als unnütz oder gar als bedrohlich wahrgenommen, indem sie vermeintlich den Blick auf die erforderlichen Tatsachen verstellten. Im Horizont des zionistisch-politischen Entwurfs erfährt demnach die Vielschichtigkeit dieses Spannungsverhältnisses zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten kulturellen Selbstverständnisses gerade in den Aushandlungsprozessen von Wissenspraxis und Wissensbegriffen ihre charakteristische Ausprägung.
Die Dissertation unternimmt es, dieses politisch unterlegte Verhältnis von Kultur und Wissen anhand wissenschaftlicher Expeditionen zu studieren, die im Rahmen der Zionismus zur Erforschung von Palästina durchgeführt wurden. Diesen Forschungsreisen liegt ein neuer jüdischer Umgang mit dem Raum Palästina zugrunde: War „Eretz Israel“ vor dem Aufkommen des Zionismus in der jüdischen Kultur des 19. Jahrhunderts noch überwiegend als lediglich spirituelles Konzept relevant gewesen, rückte der Zionismus gerade den konkreten Raum Palästina ins Zentrum jüdischer Identitätskonstruktionen. Dieser Paradigmenwechsel führte die zionistische Bewegung zu einer grundsätzlichen epistemischen Problematik: Während der Raum Palästina bereits seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts im Zuge der "Wiederentdeckung Palästinas" (Yehoshua Ben Arieh) Ziel wissenschaftlicher Expeditionen gewesen war, so hatten die beteiligten Institutionen ein grundsätzlich anderes Verständnis des Raumes Palästinas, welches jeweils in die Forschung einfloss. Namentlich wussten der britische „Palestine Exploration Fund“ und der „Deutsche Verein zur Erforschung Palästinas“ christlich geprägte Interessen (etwa zur christlichen Topographie Palästinas) mit kolonialen Ansprüchen ihrer Mutterländer zu verbinden und so den wissenschaftlichen Diskurs der sog. "Palästinakunde" kulturell zu prägen. Die zionistische Bewegung hingegen konnte einerseits, was jüdisch kulturalisiertes Wissen anging, kaum auf Wissen zurückgreifen, das den eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt hätte und sah sich demnach prinzipiell in einem Zustand des Nichtwissens – obwohl die jüdische Literatur den Raum Palästina seit Jahrhunderten thematisiert hatte. Zugleich verbot der eigene Anspruch der Wissenschaftlichkeit selbst in Fällen, wo jüdisch kulturalisiertes Wissen bereits vorlag, einen ausschliesslichen Fokus auf ebendiese Bestände, sondern setzte vielmehr eine Auseinandersetzung mit jenen wissenschaftlichen Wissensbeständen fremder kultureller Prägung voraus.
Vor diesem Hintergrund fragt das Dissertationsprojekt, inwieweit die konkrete Wissensproduktion im Rahmen zionistischer Forschungsreisen nach Palästina zugleich eine neue Verhandlung jüdischer kultureller Identität darstellt. Die Fragestellung nimmt drei Situationen der Wissensproduktion im Rahmen zionistischer Expeditionen in den Blick, namentlich deren Planung, Praxis und Popularisierung, zumal davon ausgegangen wird, dass – angesichts der kulturellen Implikationen dieser Situationen – sich gerade hier die Expeditionen als Orte transkultureller Verhandlung erweisen. Untersuchungsgegenstand sind die Expeditionen der Forschernetzwerke um Otto Warburg, Samuel Klein und Fritz S. Bodenheimer, die in unterschiedlichen epistemischen Kontexten verortet sind und die Zeitspanne zwischen den 1890er Jahren bis zu den 1940er Jahren abdecken. Dabei erfordert das Erkenntnisinterese, Prozesse der Kulturalisierung zu erörtern, die Kopplung einer wissenshistorischen Perspektive mit einem dezidiert literatur- und kulturhistorischen Fokus.
»Kierkegaard ist ein Jude!«
Jüdische Lektüren Sören Kierkegaards im 20. Jahrhundert in Philosophie, Theologie und Literatur [Arbeitstitel]
Disserationsprojekt von Joanna Nowotny
Es mag überraschen, dass etwa ab 1900 unter jüdischen Dichtern und Denkern eine intensive und bewusste Auseinandersetzung mit der Person und dem Werk des ›christlichen Schriftstellers‹ Sören Kierkegaard nachweisbar ist. Im deutschsprachigen Raum gipfelt sie schon relativ früh in euphorisch-identifikatorischen Äusserungen, die Kierkegaard gleichsam für das Judentum oder das »jüdische[] Weltgefühl[]« reklamieren: »[N]irgends« sei der »Kern des jüdischen Weltgefühls […] so klar, so erlebt formuliert« wie in Kierkegaards »Furcht und Zittern«, bemerkt Max Brod in Heidentum ‒ Christentum ‒ Judentum (1921), seinem »Bekenntnisbuch«. »Kierkegaard ist ein Jude!«, exklamiert der siebzehnjährige Gershom Scholem begeistert in einem Tagebucheintrag. Eine derartige – hier freilich zugespitzte – Deutung Kierkegaards durch jüdische Intellektuelle ist bemerkenswert. Sie wirft die Frage auf, inwiefern Kierkegaards Werk, das nach 1900 im deutschsprachigen Europa ohnehin zum ersten Mal Hochkonjunktur hatte, insbesondere für eine jüdische Rezeption Interpretations- und Aneignungsmöglichkeiten bereithielt. Wie wird Kierkegaards Denken in diesem Kontext theologisch, politisch und literarisch fruchtbar gemacht, wie wird es im Rahmen jüdischer Identitätsdiskurse mobilisiert oder sogar instrumentalisiert? Welche Aspekte seines Werks spielen eine besondere Rolle? Welcher Gestus liegt den verschiedenen Kierkegaard-Aneignungen zugrunde und welche Funktion erfüllen sie? Diese Fragen, die in der Forschung bis anhin kaum gestellt wurden, werden im Dissertationsprojekt angegangen.
Die Dissertation gliedert sich in zwei Teile. Das erste Großkapitel widmet sich der theoretisch-philosophischen Rezeption; Martin Buber, Franz Rosenzweig, Hugo Bergmann, Lev Shestov und Scholem sind zentral. Es ist insofern dialogisch strukturiert, dass die jeweilige Kierkegaard-Rezeption der einzelnen Denker über Diskussionen, Korrespondenzen – wie den Dialog zwischen Rosenzweig und Eugen Rosenstock – und akademische Repliken erschloßen wird. Dieser dialogische Zugriff auf das Material trägt der Tatsache Rechnung, dass Kierkegaard in einem intellektuellen Netzwerk interessant wurde und sich eine ›jüdische‹ Rezeption so erst über ihre diskursive Aushandlung konstituierte. Die einzelnen Kierkegaard-Deutungen stehen im Spannungsfeld von Identitätsdiskursen: Kierkegaard war für Juden aus dem engeren und weiteren Umfeld der jüdischen Erneuerungsbestrebungen im deutschsprachigen Mitteleuropa einerseits anschlussfähig, andererseits als Christ aber auch problematisch.
Ein Unterkapitel widmet sich der implizit-produktiven Rezeption Kierkegaards in den dialogischen Philosophien Bubers und Rosenzweigs; Kierkegaard wird dort vor allem als Denker einer Selbstwerdung auf Basis des Gottesverhältnisses relevant. Von da ausgehend nimmt sich der zweite Großteil der Dissertation der bisher wenig erforschten literarischen Rezeption Kierkegaards an, die ebenfalls meist implizit verfährt und das Gelesene (oder Gehörte) produktiv umformt. Im Zentrum stehen drei sehr unterschiedliche Schriftsteller des sogenannten ›Prager Kreises‹, die wiederum in Korrespondenzen Kierkegaard diskutierten und mit dem Diskursfeld interagierten, das im Teil zur theoretischen Rezeption aufgearbeitet wurde: Max Brod, der Kierkegaard zu etwa gleichen Teilen in theoretischen Abhandlungen und literarischen Texten verarbeitete, Franz Kafka und Franz Werfel. Die literaturwissenschaftlichen Analysen einzelner Texte verdeutlichen die vielfältigen Anknüpfungspunkte, die Kierkegaard seiner Leserschaft in der jüdischen Moderne bieten konnte.