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Herr Model, ein Kollege hat mir eine Mail zukommen lassen, in der Sie eine Staatsgründung propagieren. Wie ernst ist es Ihnen damit?
Es ist wahnsinnig einfach, einen eigenen Staat zu gründen. Im wesentlichen handelt es sich um einen performativen Akt. In dem Moment, in dem Sie ihn ausrufen, existiert er. Und genau das habe ich vor gut einem Jahr getan – seither existiert «Avalon», so heisst mein Staat.
Bleiben wir vorerst auf einer theoretischen Ebene – was ist die Botschaft Ihrer Aktion?
Ist es möglich, einen Staat zu gründen, bedeutet dies, dass ein Individuum mehr ist als ein blosses Individuum – es ist selbst schon ein Staat. Mir ist nun einerlei, ob sich Leute angesprochen fühlen, Bürger von «Avalon» zu werden, oder ob sie selbst einen Staat ausrufen. Hauptsache, sie entdecken, welche Kraft in ihnen steckt. Das ist die Botschaft.
Jeder Staat braucht ein Territorium.
Nicht unbedingt – das hängt davon ab, ob der ausgerufene Staat modern oder traditionell sein soll. Die modernen Lebensformen in der globalisierten Welt zeigen doch, dass die Territorialität mehr eine Fessel als einen Entfaltungsraum darstellt. Die Nationalstaatlichkeit wird aufgeweicht, die Staaten schliessen sich weltweit zu grösseren Verbünden und Unionen zusammen. Dann entstehen die Kooperationsprobleme, die auf globalen Konferenzen mehr behandelt als gelöst werden – es herrscht sozusagen das globale Palaver und der grosse Stillstand. Deshalb scheint mir ein Staat ohne Territorium zukunftsträchtiger zu sein.
Dann ist es kein Staat, sondern eine Staatsidee.
Also gut. Ich werde mir überlegen, ob ich «Avalon» nicht doch mit einem Territorium ausstatte, in einem mehr symbolischen Sinne wohlverstanden. Denn es gibt im Bodensee unbestimmtes Territorium, das keinem angrenzenden Nationalstaat, also niemandem – und ergo allen – gehört. Eine solche nationalstaatliche Lücke wäre der geeignete Ort für «Avalon». Ich werde ein Floss an der entsprechenden Stelle verankern und eine Flagge hissen.
Ihr Staat wäre – in den Worten Michel Foucaults – eine «Heterotopie». Ich zitiere aus dem gleichnamigen Text: «Es gibt also Länder ohne Ort und Geschichten ohne Chronologie. Es gibt Städte, Planeten, Kontinente, Universen, die man auf keiner Karte und auch nirgendwo am Himmel finden könnte, und zwar einfach deshalb, weil sie keinem Raum angehören. Diese Städte, Kontinente und Planeten sind natürlich, wie man so sagt, im Kopf der Menschen entstanden oder eigentlich im Zwischenraum zwischen ihren Worten, in den Tiefenschichten ihrer Erzählungen oder auch am ortlosen Ort ihrer Träume, in der Leere ihrer Herzen, kurz gesagt, in den angenehmen Gefilden der Utopien. Dennoch glaube ich, dass es – in allen Gesellschaften – Utopien gibt, die einen genau bestimmbaren, realen, auf der Karte zu findenden Ort besitzen und auch eine genau bestimmbare Zeit.»
In diesen Worten erkenne ich mich absolut wieder, wobei ich mit solchen Initiativen nicht allein bin. Künstler auf der ganzen Welt haben Teilbereiche von Staaten zu ihrem Nationalterritorium erklärt – das können Ateliers, brachliegende Industriequartiere oder Friedhöfe sein. Solche Ideen reichen bis hinein in die Popkultur. Björk singt gegenwärtig: «Start your own currency! Raise your own flag!» In Zukunft werden sich diese Heterotopien vielleicht zusammenschliessen, nicht zu einer Superheterotopie, sondern zu einer lose organisierten Gegenheterotopie.
Jeder Staat – auch der verrückteste – braucht eine Regierung. Wer regiert «Avalon»?
Ich bin kein Anarchist. Deshalb habe ich keine Mühe damit, mich als Staatsoberhaupt einzusetzen.
Das klingt nach diktatorischen Allüren.
Nein, nein. Zuerst einmal bin ich ja Staatsgründer, Staatsoberhaupt und Bürger in Personalunion. In diesem Sinne bedeutet die Ausübung des Amtes des Staatsoberhaupts in erster Linie den Versuch, Herr über sich selbst zu werden. Sigmund Freud sagte, das Ich sei nicht Herr im eigenen Hause – als Staatsgründer habe ich die Aufgabe, Herr im eigenen Hause zu werden. Wo Es war, soll Ich werden.
Jetzt sind wir ins Psychologische abgedriftet. Kommen wir zurück zum Staatstheoretischen…
…ich bin nicht einverstanden. Wenn ich einen neuen Staat ausrufe, dann ist das auch ein Akt des Ungehorsams, dann übe ich den Aufstand als Individuum. Warum? Weil meine Gestaltungsmöglichkeiten im herrschenden Staat beschnitten werden. Ich fühle mich ohnmächtig und möchte zur Gestaltungskraft zurückfinden. «Avalon» soll ein Staat sein, den diejenigen Menschen, die sich zu einer Mitgliedschaft entschliessen, selber gestalten und schaffen können.
Sie lehnen den herrschenden Staat ab und gründen selbst einen Staat – wie wollen Sie vermeiden, dass Ihr Staat nach 200 Jahren genau so funktioniert wie der herrschende?
Klar – das ganze Projekt hat einen Greenfield-Charakter. Da habe ich als Unternehmer Erfahrungen sammeln können. Wenn die alten Gebäulichkeiten nicht mehr taugen und sich eine Renovation nicht mehr lohnt, dann wird alles abgerissen, und man beginnt von vorne. Das hat etwas Befreiendes. Und weil man das Scheitern des alten Projekts eingesehen hat, kann man versuchen, dessen Fehler zu vermeiden – die Macht des Staates muss radikal begrenzt werden. Das Feindbild ist der heute im Westen dominierende Bevormundungsstaat, der die Menschen unter dem Vorwand, ihnen zu helfen, zu armen Wesen macht. Er raubt ihnen die Energie, den Willen, die Schaffenskraft.
Einspruch – der moderne Staat, der sich von den Monarchien emanzipierte, fusste ebenfalls auf dem Prinzip der Begrenzung der Staatsmacht und der Garantie der Bürgerfreiheiten. Dennoch wurde dieses Prinzip später ausgehöhlt.
Solchen Entwicklungen muss vorgebeugt werden. Ich habe natürlich kein Universalrezept für den perfekten Staat. Den Glauben an solche Rezepte halte ich im übrigen für sehr gefährlich. Mein Staat ist vor allem ein Experiment; er soll einer spontanen Ordnung entspringen. Die Menschen, die sich ihm anschliessen, teilen das Leiden am aktuellen Bevormundungsstaat – und werden Lebens- und Rechtsformen entwickeln, die ihnen hoffentlich erlauben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Bildung ist deshalb eminent wichtig – Bildung im humanistischen Sinne als geistige Bildung der Person, nicht als reine Wissensvermittlung. Mir schwebt eine Akademie im Platonischen Sinne vor, die den Menschen ihren Traditionsraum erschliesst, ihre Neugierde weckt und ihren Freiheitsdrang bildet.
Und weiter?
In meinem Staat muss Kindergeschrei ertönen. Ich denke an einen Park, in dem die Kinder wild herumtollen. Sie sollen anders als im herrschenden Staat nicht zu Lernzwecken kaserniert werden, sondern sich frei bewegen können.
Antiautoritäre Erziehung?
Nein, es geht eher um Freiräume. Die Kinder sollen sich einerseits im bereits beschriebenen Sinne bilden, und andererseits sollen sie ihre Neugierde ausleben können, ohne dass sie von irgendwelchen Vorgesetzten normalisiert werden.
Weiter?
Die Künstler spielen in meinem Staat eine wichtige Rolle. Überall sollen Ateliers zu sehen sein, in denen die Menschen ihre Ideen ausbrüten, ihre Projekte verfolgen, ihre Träume verwirklichen.
Kann jedermann Bürger Ihres Staates werden – oder entscheiden Sie das?
Sie wollen mir wiederum diktatorische Allüren unterstellen. Das wäre ein Missverständnis. Ich habe ja gesagt: Verschiedene Menschen können verschiedene Staaten gründen, wobei die Mitgliedschaft absolut freiwillig ist. Mein Staat soll eine Meritokratie sein – die Nationalstaatlichkeit hat keine Bedeutung, doch muss, wer Mitglied werden will, eine Aufnahmeprüfung bestehen.
Einen Intelligenztest?
Eher einen Bildungstest.
Konkreter, bitte.
Wer Bürger von «Avalon» werden will, muss an die spontane Ordnung glauben, er muss vertrauen können, er muss neugierig sein, er muss Phantasie haben, und er muss gute Absichten hegen.
Dann ist der Eignungstest ein Gesinnungstest?
Nein – wie der Staat konkret auszusehen hat, wird ja erst aus den Aktionen der Menschen hervorgehen. Mir geht es eher darum festzustellen, ob jemand bereit ist, sich auf ein solches Experiment einzulassen.
Dennoch braucht auch Ihr Staat a priori ein Minimalset an Regeln.
In der Tat. Es ist ein Minimalstaat, der bloss die innere Sicherheit und die Einhaltung der Gesetze garantiert. Soziale Vorsorge, Bildung und Infrastruktur sind keine staatlichen Aufgaben, sondern Sache der Individuen, die Initiative entfalten und sich untereinander organisieren. Es gibt auch keine Zwangsabgaben – genannt Steuern –, sondern bloss Gebühren. Staatsmonopole sind verpönt – auf allen Gebieten herrscht Wettbewerb.
Wie wollen Sie das Wuchern des Staates verhindern?
Durch Verfassungsgrundsätze. Der Staat hat sich auf die Kernkompetenz der Rechtssicherheit zu beschränken, und die Bürgerfreiheiten sind absolut zu schützen. Diese Prinzipien können durch keinen demokratischen Mehrheitsbeschluss geändert werden – wer sie nicht teilt, soll auch nicht Bürger von «Avalon» werden. Er kann sich einem anderen Staat anschliessen, der seinen Präferenzen eher entspricht.
Wie viele Bürger hat «Avalon» bereits?
Einige wenige. Wir treffen uns ab und zu und tauschen uns aus. Aber die Zahl ist nicht entscheidend. Ich sehe «Avalon» vorerst als Gedankenexperiment, sozusagen als «Staat 2.0», wobei schon viel gewonnen wäre, wenn sich Machtträger des herrschenden Staates von unseren Ideen inspirieren liessen. Das geschieht natürlich nicht einfach so. Ich bin überzeugt, dass die modernen Staaten vor der grössten Krise ihrer noch jungen Geschichte stehen – die Nationalstaatlichkeit ist bereits aufgeweicht, die Territorialität wird aufgrund der zunehmenden Virtualisierung der Lebenswelt zunehmend aufgeweicht, und die Sozialstaatlichkeit wird bald aufgeweicht werden. In solchen Krisen sind auch die Resistentesten offen für Neues – wenn wir die Rolle einer gesellschaftlichen Avantgarde spielen können, die in einem solchen schwierigen Moment zum Zuge kommt, wäre ich schon sehr zufrieden.
Sie zeichnen ein düsteres Bild der Zukunft. Wie kommen Sie dazu?
Ich habe Ihnen nichts Neues mitzuteilen – wer sehen will, der sieht. Die Menschen-, Waren- und Geldströme halten sich längst nicht mehr an staatliche Grenzen; der technische Fortschritt ist unaufhaltsam, die Virtualisierung nimmt zu, neue Vernetzungsformen entstehen; die Staatsschulden wachsen, die Menschen werden immer älter, wobei sie von immer weniger Jungen finanziert werden, sie fühlen sich überfordert und finden sich in der flexiblen Arbeitswelt nicht mehr zurecht, kurz, der Sozialstaat kollabiert früher oder später. Natürlich gibt es zugleich eine aus Politikern, Behörden und Umverteilungsnutzniessern bestehende Industrie, die uns glauben machen will, dass dem Anschein zum Trotz alles gut komme – wer es glaubt, wird selig. Die Kurve des Frustrationsquantums in der Bevölkerung zeigt nach oben – viele ahnen, dass die soziale Sicherheit, die als Vorwand diente, um sie zu schröpfen, nurmehr eine Illusion ist. Die nächste oder übernächste Generation wird den Preis bezahlen.
Sie halten den Staat für nicht mehr reformierbar?
Der Anteil derer, die vom Sozialstaat profitieren, ist zu gross geworden. Sie werden an der Illusion der sozialen Sicherheit bis zuletzt festhalten – bis sie nicht mehr umhin können, in den Abgrund zu blicken. Eine tiefgreifende Krise ist unvermeidlich und vielleicht, psychohygienisch gesehen, auch unerlässlich. Natürlich können Sie mich nun einen Nihilisten nennen – das ist aber nicht der Punkt. Ob unser Staat gänzlich kollabieren oder nur Schaden nehmen wird, ist letztlich eine metaphysische Frage, die zum jetzigen Zeitpunkt niemand mit absoluter Gewissheit beantworten kann. Meine unternehmerischen Instinkte sagen mir aber, dass wir mit dem Schlimmsten rechnen müssen.