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Glaube, Hoffnung und Liebe
Die Überschrift ist natürlich aus dem 1. Korinther, Vers 13 ff., wie wir Bürger*innen eines überwiegend christlich-orientierten Landes natürlich wissen: immerhin sind gut 55% von uns reformiert oder römisch-katholisch, wobei die Dunkelziffer noch höher sein kann: allein in Graubünden ist die Zahl der Einwohner*innen ohne Religionsangabe gut 23%, da ruhen Abgründe.
Aber ich glaube, das ist gar nicht so schlimm. Achja, Glaube. Meine Standardquelle für solides Oberflächenwissen ist wie je Wikipedia und dort findet man die Unterscheidung zwischen Religiosität und Glauben, das erstere ist definiert als das Empfinden einer transzendenten Wirklichkeit und das zweite normalerweise als das Überzeugtsein von der Lehre einer konkreten Religion oder einer Philosophie. Hm. Das klingt, als spräche das erste das Gefühl an und das zweite den Verstand. Interessanterweise scheint die «Überzeugung» einerseits die Haltung einer Idee oder einem Konzept gegenüber zu sein, andererseits aber auch die Idee und das Konzept selbst. Und wenn ich dem Gebrauch von Überzeugung nachspüre, verschmilzt meine Haltung zu etwas mit dem Gegenstand selbst, ich werde also zu dem, von dem ich überzeugt bin. «Überzeugtsein» heisst für mich «Überzeugt-Worden-Sein», also im Glauben werde ich von Fakten überzeugt, ich habe Sachverhalte nachgeprüft und/oder aus meinen eigenen Erfahrungen Schlussfolgerungen gezogen. Oder ich habe einen starken Glauben, habe keinen Schimmer, aber bin genauso überzeugt, einfach anders. Wobei das mit den «Fakten» ja im Prinzip genauso verläuft. Ich bin immer überrascht, wie-viel Autorität Menschen Fakten zugestehen, dabei kommt das Nomen doch vom Lateinischen «facere», das soviel heisst wie «machen», also ist ein Faktum etwas von Menschen Gemachtes, nichts Absolutes, Objektives, Einfach-Gegebenes, das jedes Argument einfach umhaut: das wäre ein «Datum», von «dare». Aber wem sag ich das?
Ich glaube, ich glaube an etwas, ich glaube Dir, ich bin gläubig, leichtgläubig, ungläubig, metaphysisch-affin.
Ich glaube zum Beispiel an die Liebe. Wie viele andere auch, wie eigentlich alle und jede*r, denn wenn es die Liebe als Legitimation für Vermehrungswünsche nicht gäbe, wo wären wir dann? Richtig, nirgendwo, uns gäb’s nicht, jedenfalls nicht in dieser Form. Und die Liebe gäb’s nicht in dieser Form, aber es gibt ja auch noch andere Formen. Bei einem Besuch in der St. Galler Stiftskirche lohnt sich allein aus diesem Grund ein Blick nach oben in die Kuppel: Liebe ohne Ende, als Mutterliebe, Nächsten-, Feindes- und Gottesliebe, also Agape eben. Die Symbolisierung der körperlichen Liebe fehlt, aber die Kirche war ja auch die Stifts-kirche eines Klosters, bevor sie zur Kathedrale wurde, daher gab es lange auch kein Taufbecken: wozu auch, Mönche waren schon getauft und die Nachkommen von Mönchen hatten andere Probleme.
Ausserhalb des klerikalen Kontextes gibt es Sehnsucht, Zuneigung, Hingabe, Verehrung, Leidenschaft, Wollust, Verlangen, Ekstase, Wertschätzung, Verbundenheit, Freude, Erfüllung und noch mindestens 100 andere Monde, die um den Planeten der Liebe kreisen, meinetwegen um die Venus.
Wir können uns also, chacun à son goût, - wie in der Fledermaus - die Liebe aussuchen, die uns gerade passt – und die uns nützt. Ist für mich die Liebe ein «Faktum» oder ein «Datum», hat sie mich, ohne mein Zutun, umgehauen, hat es gezischt, dass die Funken nur so flogen, war es ein Entbrennen, oder habe ich mich dort verliebt, wo es passt: Sozial verträglich, das heisst «upwardly mobile», mein Liebesziel in meiner sozialen Peergroup oder höher, eine gute Partie? Oder eher Romeo, der Pilger, und Julia in all ihren Inkarnationen von Shuhaddaa el gharam auf Ägyptisch, über Bernsteins West Side Story bis zu Romeo Must Die mit einem fantastischen Jet Li? Oder sitze ich auf meinem Kissen und lasse meine Liebe frei flottieren? Ich liebe einfach, ohne Ziel, ohne Sinn, ohne Absicht, ohne Empfänger. Ich lasse frei und wie bei Paulo Coelho in den Elf Minuten kommt dann der Vogel wieder – oder auch nicht, dann war er nie mein.
Freilassen bedeutet dann Hoffen: auf Wiederkehr, Bestätigung, Erfüllung. Sie stirbt zwar zuletzt, Plattitüde, genauso wie dieses Sprichwort (wohl von Cicero: «Dum spiro spero», Solange ich atme, hoffe ich), aber entspricht unserem Leben. Wir leben von Minute zu Minute, eigentlich eher in der Zukunft statt in der Gegenwart, und dann ist die Hoffnung die Göttin, die Gabe von Pandora, die uns dafür einen Sinn gibt. Anderseits drückt Hoffnung einen Mangel im Gegenwärtigen aus, ein Unzufrieden-Sein mit der Gegenwart und das Herbeisehnen der Möglichkeit einer Verbesserung in der Zukunft: im Corona-Jahr 2020 müssten eigentlich die Vornamen Quarantina, Epidemia, Vaccina bei den Mädchen und Iso, Testo, Viro und Not die am häufigsten gewählten Vornamen für Neugeborene sein: quasi als Leuchttürme der Hoffnung. Übrigens sind die Prognosen für die mittelbare Geburtenrate überraschend: Quarantäne und Lockdown scheinen sich eher negativ auf die menschliche Reproduktionsneigung ausgewirkt zu haben. Warum nur? Waren wir uns zu dicht? Aber auch da gibt es ja Hoffnung, dass die dräuende Impfung dem abhelfen wird.
Also, Glaube, Hoffnung, Liebe, nicht unbedingt in der Reihenfolge, sind die Pole, um die ein Grossteil unseres Lebens kreist. Und zu Weihnachten scheint sich das Kreisen zu beschleunigen, manchmal bis ins Taumeln hinein und da tut es vielleicht gut, sich hinzusetzen, zu atmen und zu warten, was emporsteigen mag. Ein solches Besinnen erdet, und dann, glaube ich, besteht noch Hoffnung, meine Liebe.