Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/283

Beitragsseiten
zweiter Fall: Die dunklen Seiten der Heuschrecken
Montag, 17. Dezember 2007
Eliane konnte es kaum fassen: Irgendwann mussten dem Giftzwerg die Pfeile doch ausgehen. Seine provozierenden Statements liessen ihr Blut in den Adern kochen. Die Handflächen auf der Tischplatte, den Körper in den Stuhl zurückgelehnt, hob er den Kopf oder besser die Nase, fixierte sie mit durchdringendem Blick. Eliane stellte sich vor, dass als Nächstes eine gespaltene Zunge aus den schlangenhaften, zu einem dünnen Strich zusammengepressten Lippen schoss. So konsequent sie dagegenhielt, ihre Argumente prallten am gepanzerten Stockfisch ab. Er war nicht willens, auch nur ein einziges ihrer Argumente in seine Überlegungen einzubeziehen.
Die erste Vorbesprechung, die Oberrichter Bräm im Fall Prisma AG gegen Cantinieri Investment AG mit Handelsrichter Dr. Wildhaber und Eliane als Gerichtsschreiberin angesetzt hatte, verkam zur Farce. Bräm sah sich durch Replik und Duplik bestärkt in seiner Beurteilung, wich keinen Millimeter von seiner Meinung ab. Dr. Wildhaber klebte, als betreffe ihn das Ganze nicht, stumm auf seinem Stuhl, verfolgte das Schauspiel zwischen Eliane und Dr. Bräm aus risikoloser Distanz. Zwischendurch – meist nur mit zögerlichen Handbewegungen – versuchte er für die eine oder andere Partei Stellung zu beziehen. Meist blieb es bei der Handbewegung. Zwei Ansätze zu einer Wortmeldung verkamen zu einem zaghaften Räuspern, das von Bräm nicht als Absicht, mit einer eigenen Meinung zum Disput der beiden beizutragen, beurteilt wurde. Wildhaber, gute zehn Jahre jünger als Bräm, ein attraktiver Mann, wie Eliane schon bei der ersten Begegnung konstatiert hatte, erinnerte sie an Dr. Grünenfelder, ihren ehemaligen Chef am Bezirksgericht. Ähnlich markante Gesichtszüge, volles dunkles Haar, dazu der perfekt sitzende Anzug, kombiniert mit einer dezenten Krawatte, die dem langweiligen Grau etwas Lebhaftes verlieh. Bestimmt eine Empfehlung seiner Frau. Damit erschöpften sich die Gemeinsamkeit der beiden bereits. Nichts von Energie, von Kampfbereitschaft, von Unterstützung. Er beobachtete den verbalen Schlagabtausch, als sässe er mit geschenkten Eintrittskarten in der Vorstellung eines lokalen Laientheaters. Dabei gehörte er doch zu den Schauspielern, vorgesehen eine eigene Rolle zu spielen.
Sie wagte noch einen Versuch. «Herr Dr. Bräm, erlauben Sie mir, meine Argumentation zur Beurteilung des Sachverhalts noch aus einer andern Sicht darzulegen.»
«Wie oft gedenken Sie nochmals von vorne zu beginnen, Frau Rausch? Wir sitzen jetzt bald eine Stunde zusammen. Sehen Sie doch einfach ein, dass Sie sich mit ihrer Analyse des Sachverhalts verrannt haben.» Bräm griff nach einem Dokument, das er lässig über den Tisch schob. Mehrmals tippte er mit dem Finger darauf. «Ich empfehle Ihnen, diesmal hier», er tippte nochmals auf eine bestimmte Zeile im Dokument, «mit dem Kleingedruckten im Mandats- und Beratungsvertrag zu beginnen. Frau Rausch, Vertragsvereinbarungen sind gleichermassen gültig, ob sie in Schriftgrösse 18 oder 6 daherkommen, ob sie fett oder kursiv gedruckt sind, ob unterstrichen oder markiert. Verstehen Sie, was ich meine? Ein Vertrag gilt, sobald er unterzeichnet ist. Das ist Ihnen ja hinlänglich bekannt. Und der Mandatsvertrag ist unterzeichnet, und jede einzelne Seite von jedem Unterzeichner paraphiert. Wenn gestresste Manager vergessen oder leichtsinnig versäumen, Verträge anzupassen, ist es nicht unsere Aufgabe ihre Versäumnisse auszumerzen oder die betriebswirtschaftlichen Geschehnisse zu interpretieren.» Bräms Schlangengesicht blieb aalglatt. Keine Falte zeigte sich auf seiner Stirn. Sichtlich entspannt genoss er die Situation, die Macht, die ihm sein Status einräumte. Die einzige Faxe in Richtung Eliane, ein aufgesetzer Hundeblick, unterstrich die Banalität seines Vergleichs, den sie in dieser Form schon im dritten Studiensemester als beleidigende Verbalinjurie empfunden hätte.
«Herr Bräm, ich danke Ihnen für die Belehrung. Da stimme ich Ihnen hundertprozentig zu.» Beide bemühten sich seit Beginn der Besprechung mit gewählter Sprache ihre Gemütsverfassung zu verdecken, sich möglichst keine Blössen zu geben.
Bräm schwang im Spielstand deutlich oben aus. Er schloss sekundenlang seine Augen, atmete theatralisch auf. Eindrücklicher hätte er nicht zum Ausdruck bringen können, was er von ihrem erneuten Ansetzen hielt.
Eliane fuhr fort, merklich gereizt: «Trotzdem möchte ich einwenden, dass ...»
«Nein, Frau Rausch», unterbrach er barsch. «Für heute sind wir durch, die Besprechung ist beendet. Eine zweite Besprechung in diesem Gremium terminiere ich nach Weihnachten. Bis dahin bitte ich Sie, ihre Beurteilung zu überarbeiten.» Bräm raffte seine Unterlagen zusammen, erhob sich vom Stuhl am Kopfende des Sitzungstisches. «Danke, Roland.» Mit gekünsteltem Lächeln hielt er Dr. Wildhaber die Hand entgegen und verabschiedete sich. Ein kurzes Nicken, begleitet von «Frau Rausch», genügte ihm als Verabschiedung von Eliane.
Eliane blieb mit halboffenem Mund hinter dem Sitzungstisch stehen. Ihr Blick brannte auf seinem Rücken, der im Dunkeln des Ganges verschwand.
Auch Wildhaber blieb wie angewurzelt stehen, fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Eine Verlegenheitsgeste. Seine Augen trafen Eliane, die ihn gleich mit vorwurfsvoller Mimik bestrafte. Für einen Augenblick herrschte eine beklemmende Stille.
Eliane fühlte sich wie ein ausgezählter Boxer im Ring. Trotzdem regte sie sich als Erste und liess sich zurück in den Sessel fallen, schüttelte wortlos den Kopf. Zu ihrer Überraschung zog auch Wildhaber seinen Stuhl unter dem Sitzungstisch hervor und setzte sich nochmals an den Tisch. Die Türe zum Gang stand offen.
«Frau Rausch, weshalb ereifern Sie sich dermassen?» Wildhaber stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch auf, faltete seine Hände wie zum Gebet und neigte sich Eliane zu. «Bleiben Sie besonnen, hören Sie zu, analysieren Sie die Meinung der Kollegen. Und vor allem, halten Sie Ihr Ego im Zaum. In einem Machtkampf gegen Oberrichter Bräm ziehen Sie immer den Kürzeren.»
Eliane schaute ihm regungslos in die Augen. Sie realisierte selbst, wie aggressiv sie in den letzten Monaten war. Wie ihre persönliche Unzufriedenheit an ihrem Nervenkostüm zerrte, wie dünnhäutig sie reagierte. Der frühmorgendliche Rutsch in den Hydranten, ein deutliches Zeichen, der Punkt auf dem i. Wenn’s mal beginnt, schiefzulaufen, dann aber richtig.
«So kommen wir nicht weiter, Frau Rausch», setzte Wildhaber seine Predigt fort. «Ich kenne Oberrichter Bräm seit sicher sechs Jahren. Mehrmals haben wir in unterschiedlichen Gremien zusammengearbeitet. Sicher ist er nicht der Einfachste, zumindest nicht im Umgang mit jüngeren Mitarbeitenden. Aber ihn als unfair oder gar uneinsichtig zu betiteln, entspricht nicht meinen Erfahrungen mit ihm. Stacheln Sie ihn nicht weiter auf. Bleiben Sie sachlich und bestimmt, aber nicht stur und verbissen. Er hört Ihnen sehr wohl zu. Ich bin sogar überzeugt, er wägt Ihre Thesen nochmals von Grund auf ab.»
«Aber warum geht er nicht darauf ein?» Das Adrenalin pochte wild durch ihre Adern. «Warum diskutiert er nicht mit mir? Lässt mich auflaufen mit meinen Argumenten, als hätte ich keinen Schimmer von dem, was ich hier mache?»
«Nochmals, Frau Rausch, Sie sind es, die ihn aufstacheln. Er fordert Sie nur heraus, lotet Ihre Standfestigkeit aus. Er ist ein hervorragender Richter. Stellen Sie sich auf ihn ein.»
Eliane musterte Wildhaber. Sein Gesicht zeigte ein Lächeln, das seine kantigen Gesichtszüge deutlich weicher, jünger, wirken liessen. Langsam entkrampfe sie sich, löste die Hände von den Armstützen. «Was ist denn Ihre Position in dem Fall? Sie haben sich in der Diskussion merklich zurückgehalten.» Elianes schnippische Frage interpretierte Wildhaber als kaschierten Vorwurf, ihre Thesen nicht unterstützt zu haben.
«Frau Rausch, schon zu Beginn der Besprechung zeichnete sich ab, dass die Entwicklung des Gesprächs in einem Hahnenkampf enden werde. Mit ungleichlangen Schnäbeln, wenn Sie mir den Vergleich erlauben, jedoch mit einem vorherbestimmten Sieger. Mit jeder Stellungnahme hätte ich nur Öl ins Feuer gegossen. Das schien mir absolut unnötig. Und, allein Oberrichter Bräm die Schuld an der Gesprächsentwicklung zuzuweisen, könnte ich nicht vertreten.»
«Wie meinen Sie das?» Eliane fühlte sich erneut attackiert und kritisiert. «Ich muss doch meine ...»
Wildhaber unterbrach sie mit einer Handbewegung begleitet von: «Frau Rausch», das er betont in die Länge zog. «Sie interpretieren die Vertragssituation anders als Herr Bräm. Bräm beharrt auf der strikten Vertragsauslegung des Mandatsvertrages, der unter Punkt 4.3 definiert, dass sämtliche Aktiven, die vom Käufer übernommen wurden, zum Kaufpreis dazu zu zählen sind. Auch die Zurechnung der Betriebsimmobilie liegt im Interpretationsbereich des Gerichts. Artikel 4.3 ii des Mandatsvertrags lässt zu, dass jegliche Erhöhung des Kaufpreises, der nach Vertragsabschluss fällig werden könnte, zum Transaktionspreis dazugezählt wird. Bräms Standpunkt ist absolut vertretbar.»
«Das anerkenne ich ja auch, dagegen wehre ich mich nicht. Das kann Ihnen in meiner Argumentation sicher nicht entgangen sein. Der Unterschied in unserer Auslegung liegt einfach in der Beurteilung des gegenseitigen Verständnisses beider Vertragsparteien vor der Vertragsunterzeichnung. Kläger und Beklagte erhofften sich vor Mandatsvertragsunterzeichnung, einen Kaufpreis von rund sieben Millionen Euro zu erzielen. Die Beklagte akzeptierte zum Verhandlungsschluss einen Kaufpreis von einem Euro, gewährte dem Unternehmen zudem drei Millionen Euro Darlehen und erhielt Aktien der übernehmenden Gesellschaft im Wert von rund einer Million Euro.
Bei minimal sieben Millionen Euro definierten die Parteien den Verkaufspreis, der zu erreichen vereinbart wurde, um eine Prämie zu rechtfertigen. Ausser den Aktien erhielt der Verkäufer ja nur einen Euro. Die Erwartungen der Beklagten waren also bei Weitem nicht erfüllte. Der Deal war für die Cantinieri Investment AG ein klares Minusgeschäft. Wenn jetzt die Klägerin behauptet, der Transaktionswert betrage neunzehn Millionen Euro, indem sie willkürlich einzelne Posten der Bilanz zum Kaufpreis addiert, steht das doch in keinem Verhältnis zum tatsächlich erreichten Verkaufspreis. Für dieses Minusresultat verlangen sie eine Erfolgsprämie von über einer Million. Sie können doch nicht die Gesellschaft zu einem Preis X verkaufen und im Nachhinein noch einzelne Positionen der Bilanz dazurechnen. Das sind doch offensichtliche Doppelzählungen, die die Klägerin ja nicht einmal bestreitet.»
Eliane breitete ihre Arme aus wie ein Prediger auf der Kanzel. Ihre Geste unterstrich sie mit einem Blick, als erscheine gleich der Allmächtige, um ihren Argumenten Nachdruck zu verleihen. So verharrte sie in der Hoffnung, Wildhaber stimme ihr endlich zu. Entgegen ihrer Erwartung streckte er relaxed die Beine unter dem Tisch, lehnte in den Stuhl zurück, verschränkte entspannt die Finger hinter dem Kopf. Er rührte sich nicht, bis ihre Hände wieder auf dem Sitzungstisch ruhten und ihre aufgerissenen, nach einer Bestätigung haschenden Augen sich in enttäuschte Glubscher wandelten.
Überdenkt Wildhaber mein Statement, fragte sich Eliane, als er sich endlich reckte und in eine aufrechte Sitzhaltung wechselte.
«Frau Rausch, befassen Sie sich bitte nochmals mit Oberrichter Bräms Argumentation. Die nächste Sitzung ist auf den Januar angesetzt. Ich wäre nicht erstaunt, wenn die nächste Diskussion anders verläuft, falls Sie zumindest versuchen würden, seine Argumentation nicht mehr in Frage zu stellen.» Wildhaber erhob sich und streckte Eliane die rechte Hand entgegen. Kein Ton zu ihrer Position, keine eigene Beurteilung. Er liess sie quasi im Regen stehen. Oder doch nicht?
«Übrigens, Gratulation zu ihrem Exposé. Eines der besten, die ich bisher zu lesen bekam. Und ... ich bin mir fast sicher, Bräm denkt ebenso. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten, falls wir uns bis dahin nicht mehr sehen. Auf Wiedersehen, Frau Rausch.»