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Von der Dorfschaft zur Burgergemeinde Belp
Manuel Kehrli
In den Quellen erscheint der zähringische Vasall Odalricus de Pelpa (Ulrich von Belp) als Zeuge einer Schenkung im Jahr 1107 als erster Träger des adeligen Namens «von Belp». Diese Erwähnung ist gleichzeitig das früheste Zeugnis des Ortsnamens Belp. Über die dynastische Herkunft Ulrichs ist nichts Näheres bekannt, jedoch ist überliefert, dass Ulrich mit seinem Sohn Rudolf 1111 zum Begräbnis des Herzogs Berchtold II. von Zähringen nach St. Peter im Schwarzwald reiste. Während der Blütezeit der Zähringer als Rektoren Burgunds gelang es den Herren von Belp, ihren Machtbereich in der Region auszudehnen. Sie kamen auch in den Besitz der Freiherrschaft Montenach (Montagny FR). Von nun an werden sie in den Quellen als «von Montenach» oder als «von Belp» genannt. Erst später teilte sich das Geschlecht in zwei Zweige.
Die einstige Feste Belp (später Hohburg genannt) lag am Belpberg auf einem Bergvorsprung. Ulrichs Urenkel Aymo von Montenach I und dessen gleichnamiger Sohn wählten allerdings die bequemere Burg zu Montenach (FR) als ihren ständigen Wohnsitz. Die junge, aufstrebende Stadt Bern wurde immer mehr zur Bedrohung für den geschwächten Landadel. Aymo von Montenach II musste 1254 dem Grafen Peter von Savoyen, dem neuen Schirmherrn der Stadt Bern, huldigen. Die Freiherrschaften Belp und Montenach wurden den Herren von Montenach abgenommen, jedoch als Lehen zurückgegeben. 1298 belagerten die Berner die Belper Burg, da Ulrich von Belp II Parteigänger der Stadt Freiburg war. Ulrich von Belp II musste sich nach wenigen Tagen geschlagen geben und die Burg wurde gebrandschatzt. Die Herrschaft Belp ging sodann an Bern über, doch Ulrich erhielt sie von der Stadt als Lehen zurück. Als zusätzliche Strafe wurde Ulrich 1306 das Berner Burgerrecht für mindestens zehn Jahre aufgezwungen, zudem durfte er sich eine neue Burg nur auf einem genau abgemessenen Grundriss und lediglich aus Holz erbauen (heute Areal alte Schmiede, vis a vis Schloss Belp). Um mehr Platz zu erhalten, liess Ulrich das erste und zweite Stockwerk stufenweise vorkragend erstellen. Zudem wurde ein auf Pfeilern stehender Laufgang über die Gürbe gebaut, dem auch standesgemässe Zinnen (aus Holz!) nicht fehlten. Damit überlistete er die Berner und ihre Bauvorschriften! Das hölzige Schloss wurde 1783 leider abgebrochen.
Als letzte Namensträgerin verkaufte die mit Pierre d’Estavayer verheiratete Katharina von Belp (1313-1385) die Herrschaft Belp 1383 an den Berner Petermann von Waberen. 1405 ging die Herrschaft Montenach endgültig in savoyischen Besitz über und das alte Dynastengeschlecht erlosch wenig später. Nachkommen einer Seitenlinie nennen sich ebenfalls de Montenach und leben noch heute im Kanton Genf.
Mitte des 14. Jahrhunderts finden sich bereits Familien- oder Beinamen von Dorfbewohnern, die heute noch so oder ähnlich existieren: «Wegli» und in den «Gassen».
Die Anbindung Belps an Bern wurde immer stärker, besonders auch da Bern Ausburger (auch «Falschbürger» genannt) annahm. Die Ausburger wohnten nicht in Bern, bezahlten jedoch Steuern in der Stadt, standen damit unter deren Schutz und entkamen dadurch der Leibeigenschaft. 1395 wurden im Berner Udelbuch 51 in Belp wohnhafte Ausburger verzeichnet. Nachdem Bern zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Landgrafenrechte in der Region erworben hatte wurde das Landgericht Seftigen geschaffen, welches dem Venner der Berner Gesellschaft zu Pfistern (Bäcker) unterstand und durch Freiweibel in den Ortschaften verwaltet wurde. Die Freiherrschaft Belp behielt allerdings die hohe Gerichtsbarkeit. Die Dorfschaft bestimmte vorbehältlich der Zustimmung des Freiherrn jährlich den Ammann (Vorsteher), den Bannwart, die Dorfvierer (Aufsicht über Wege und Wasser), sowie die Gerichtsässen (Gerichtsbeisitzer).
Anteile der Freiherrschaft Belp befanden sich vom 15. Bis 17. Jahrhundert im Besitz der Berner Familien Gruber, vom Stein, von Scharnachthal, von Luternau und Moratel. Johann Rudolf Stürler (1597-1665) wurde durch Heirat mit Ursula Moratel schliesslich alleiniger Freiherr zu Belp. Er erweiterte das neue Schloss mit Türmen und imposanten Turmhelmen. An die Kirche liess er als private Kapelle das «Chappeli» anbauen.
Die im Bistum Lausanne liegende Belper Pfarrei wird erstmals 1228 erwähnt. Diese war mit den Herren von Belp eng verbunden, denn der Kirchensatz befand sich damals noch in deren Besitz. Die romanische Anlage der Kirche, die Erweiterungen und Umbauten in späterer Zeit sind heute am Bau direkt ablesbar.
Der Söldnerführer Jakob vom Stein (1490-1526) kam durch Erbgang in den Besitz von drei Vierteln der Herrschaft Belp. Er räumte dem Dorfammann im Urbar von 1520 weitgehende Aufsichtsrechte ein. Jakob vom Stein erkaufte sich bei dem päpstlichen Ablasshändler Bernhardin Samson gegen einen grauen Hengst Ablass für sich, seine Familie, seine Ahnen, seine Soldaten und für die Dorfbewohner Belps einen Ablassbrief. Alles in allem für rund 1000 Seelen. Ablass bedeutete Milderung oder Befreiung vom Fegefeuer. Samson hatte im Bernbiet sehr grossen Erfolg!
«Ablasskrämerei», geradezu ins Unermessliche gesteigerte Seelgerätstiftungen und Reliquienhandel liessen die kirchlichen Institutionen regelrecht zu Geldinstituten werden. Die Kirche brachte durch fromme Stiftungen immer mehr Grundbesitz in ihr Eigentum. Das Geld «arbeitete» für das Wohlergehen der Menschen im Jenseits! Dies führte auch in Bern zu Religionsgesprächen, die in die Lossagung von der Messe und vom Papst mündeten. Auch der Belper Kirchherr Bartlome Schmid nahm an den Gesprächen teil und stimmte wie viele andere Kirchherren des Gürbetals der Reformation zu. Heiligenbilder, Weihrauch und Kerzen wurden aus der Kirche verbannt. Von nun an hatte der Glaube allein auf dem Wort des Herrn zu fussen. Die Pfarrer wurden zum verlängerten Arm der bernischen Obrigkeit, welche mit der Reformation auch die Chorgerichte (Aufsicht über die Sitten) einführte. Völlerei, Spiel, unsittliche Kleidung, Sexualdelikte und «liederlicher Kirchgang» wurden durch das Chorgericht geahndet.
Im 17. Jahrhundert versuchte die bernische Obrigkeit mit Bettelordnungen den «Bettel» einzudämmen. Besondere Bedeutung kam der Bestimmung von 1676 zu, in welcher die Gemeinden angehalten wurden, über die Dorfbewohner Rodel zu führen und den Gemeindeangehörigen bei Wegzug einen Heimatschein auszustellen. Ebenfalls wurde die Armenfürsorge näher geregelt. Die nun eindeutig zuständigen Heimatgemeinden mussten für ihre armengenössigen Angehörigen aufkommen. Persönliche Mobilität wurde dadurch beinahe verunmöglicht. Bereits Jahrzehnte vorher wurden in den Gemeinden das Burgerrecht mehr und mehr abgeschlossen. Daraus resultierte die rechtliche Abstufung von Burgern und Hintersässen (Geduldeten) innerhalb der Dorfgemeinschaft. Mit der Schaffung des Heimatrechts wurde der Grundstein gelegt für die späteren Burgergemeinden.
Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Verwaltung der Belper Dorfgemeinde dichter. 1743 setzen die Dorfrechnungen und 1751 die Verhandlungenbücher (Protokolle) als lange archivalische Serien ein (heute im Burgerarchiv Belp).
Der spätere bernische Schultheiss Karl Emanuel von Wattenwyl (1684-1754) erwarb 1720 von Hans Georg von Muralt die Herrschaft Belp. Dessen Enkel Salomon Albert Karl von Wattenwyl verkaufte 1810 das Schloss samt Herrschaft an den Bernischen Staat. Seither war das Schloss bernischer Amtssitz. Alexander Ludwig von Wattenwyl liess 1740 das Neue Schloss Belp (auch Zeerlederstock genannt, an der Rubigenstrasse) bauen. 1811 kam der Banquier und bernische Gesandte am Wiener Kongress, Ludwig Zeerleder (1772-1840), in Besitz dieser herrlichen Campagne.
Der bernische Postherr Victor Fischer /1709-1750) liess 1735 im Oberried eine Campagne errichten, die durch Rudolf von Tavels Roman «Jä gäll so geit’s!» grosse Bekanntheit erlangt hat. Victors Sohn Gottlieb Fischer ist die weithin sichtbare Gloriette (Gartentempel) mit ihren Nonumentalvasen oberhalb der Campagne zu verdanken, welche gartenbaugeschichtlich schweizweit grösstes Ansehen geniesst.
Das erste Drittel des 19. Jahrhunderts war geprägt durch die Helvetik (Franzosenzeit), die Mediationszeit, Restauration (nach dem Wiener Kongress 1815) und die Demokratisierungsbewegung. 1831 dankte das bernische Patriziat endgültig ab. Auch in Belp versammelte sich 1832 erstmals die Gemeinde, Burger und Einwohner, und wählten die Gemeindebehörden. Die Ausscheidung der Gemeindegüter (in Burger- und Einwohnergemeinde) erfolgte in einem ersten Schritt. Abgeschlossen wurde die Ausscheidung im Jahr 1869. Die Burgerschaft erhielt die Gemeindewaldungen und das Allmendland. Letzteres wurde später unter die Burger verteilt. Die Forsten stellen bis heute die hauptsächliche Einnahmequellen ländlicher Burgergemeinden dar.
Der Sonderbundskrieg brachte die Schweiz zur Zerreissprobe, bevor 1848 die Schweizerische Eidgenossenschaft gegründet werden konnte. Gesellschaftlich vollzog sich allmählich ein Wandel von der agrarischen zur industriellen Gesellschaft.
Hungersnöte führten zu grosser Armut. Wie in der ganzen Schweiz, finanzierte auch die Burgergemeinde Belp ihren Ausreisewilligen oder Armgenössigen die Überfahrt von Le Havre in die neue Welt. Die Verköstigung der Burger während der Überfahrt musste durch die Schiffahrtsgesellschaft gewährleistet werden. Dutzende von Burgern fanden so eine neue Lebensgrundlage in den Vereinigten Staaten.
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert sprach man in Bern über Flusskorrekturen. 1847 trat die Aare über die Ufer und verursachte grosse Schäden. Die Burgergemeinde stellte den Geschädigten einen Betrag von 5‘000 Gulden zur Verfügung. 1854 beschloss der Grosse Rat, die Gürbekorrektur umzusetzen, was die Gewinnung von neuem Kulturland in der Gemeinde Belp zur Folge hatte. Die erste Etappe wurde 1860 fertig gestellt, doch gab es auch danach immer wieder Überschwemmungen. 1911 waren die Vorkehrungen grösstenteils abgeschlossen, doch ist Belp bis heute nicht vor Überschwemmungen völlig geschützt.
Eine neue Lebensader brachte 1901 die Eröffnung der Gürbetalbahn. Die Anbindung an die Hauptstadt brachte wirtschaftliches Wachstum mit sich, zu erwähnen ist dabei in erster Linie die «Chindermähli» (Galactina). 1929 kam Belp mit der Eröffnung des Flugplatzes, an welchem sich die Einwohnergemeinde beteiligte, überregionale Bedeutung zu. Auf die entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegsjahre folgte auch in Belp wirtschaftlicher Aufschwung in den 1950er und 60er Jahren. Das Dorf wuchs und änderte sein Gesicht. Altehrwürdige Häuser verschwanden und neue wurden gebaut. 1973 bewilligte die Einwohnergemeindeversammlung den Bau des weithin sichtbaren Hochhauses. Es entstanden dezentrale Wirtschaftszonen, etwa in der Viehweid und im Hühnerhubel.
Belp zählte per 1.1.2012, nach der erfolgten Fusion mit Belpberg die Einwohnerzahl von 11‘097 darunter ungefähr 373 Burgerinnen und Burger. Zwei Drittel der gesamten Einwohner sind Pendler. Weit mehr als die Hälfte der Gesamtfläche von 2‘330 Hektaren ist landwirtschaftliche Nutzfläche geblieben, doch die Anzahl Landwirtsbetriebe ist sinkend. Im Kanton Bern zählt Belp zu den Gemeinden mit sehr hohem Wirtschaftswachstum.
Quellen und Literatur:
Archiv der Burgergemeinde Belp; Lehmann, Wolfgang, Belp und das Gürbetal. Geschichte und Geschichten, Belp 1983; Lehmann, Wolfgang, Belper Chronik 1900-1985, Belp 1987; Maync, Wolf, Bernische Wohnschlösser. Ihre Besitzergeschichte, Bern 1979; Maync, Wolf, Bernische Campagnen. Ihre Besitzergeschichte, Bern 1981; http//www.belp.ch (4. Juli 2007).
Autor, Manuel Kehrli, lic.phil.hist.