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Die Meldung verbreitete sich rasch in englischsprachigen Medien und über den TV-Sender CNN: Die höchste US-Infektions- und Präventionsbehörde in den USA änderte Mitte letzter Woche ihre Masken-Richtlinie und empfiehlt seither auch doppelt Geimpften das Tragen von Masken in öffentlichen Innenräumen mit hohem Ansteckungsrisiko («indoors in public if you are in an area of substantial or high transmission»).
Rochelle Walensky, Direktorin der Centers for Desease Control and Prevention» CDC, führte als Grund «neue Forschungsergebnisse» an. Gegenüber CNN erklärte Walensky, doppelt Geimpfte könnten mit der Delta-Variante nicht nur selber angesteckt werden, sondern anschliessend auch Drittpersonen mit Corona anstecken. Vor allem dann, wenn die doppelt Geimpften nach einer Ansteckung Krankheitssymptome aufweisen. Im letzteren Fall redet man von «Breakthrough Infection» oder Durchbruchsinfektion oder Impfdurchbruch.
Sogar wenn angesteckte Geimpfte keine Symptome spüren, könnten sich in Nase und Rachen «enorme Mengen von Viren» befinden, mit denen sie andere anstecken können. Das präzisierte Walensky gegenüber der New York Times.
«Geimpfte Leute können andere anstecken, selbst wenn sie selber keine Krankheitssymptome haben», erklärte nun auch Anthony S. Fauci, oberster Pandemiebeauftragter von US-Präsident Joe Biden, in einem Interview mit der Washington Post. Noch lägen keine klinischen Daten vor, aber man könne «davon ausgehen, dass Geimpfte das Virus genauso weitergeben können wie Ungeimpfte».
Beunruhigt sind die CDC offensichtlich aufgrund der vielen doppelt Geimpften, die sich im Barnstable County, Massachusetts, mit Corona angesteckt haben: Dort gab es nach den Festivitäten des Nationalfeiertags vom 4. Juli insgesamt 882 Corona-«Fälle». 74 Prozent der betroffenen Personen waren doppelt geimpft. Am 30. Juli veröffentlichten die CDC die Daten zu diesem Fall: Covid-19 Vaccine Breakthrough Infections. Die Ct-Werte (Virenlast) der PCR-Tests waren bei Geimpften etwa gleich wie bei Ungeimpften. Daraus kann geschlossen werden, dass die Geimpften gleich ansteckend waren wie die Ungeimpften.
➜ Sollte dies tatsächlich zutreffen, müsste man die ganze Strategie mit Zertifikaten und Tests neu angehen. Beispielsweise müssten sich auch Geimpfte negativ testen lassen, um Zugang zu Menschenansammlungen in Innenräumen zu bekommen.
Die CDC-Studie zum Fall in Massachusetts kommt diesbezüglich zum Schluss: «Die Behörden müssen ihre Präventionsstrategien wahrscheinlich ausweiten. Einschliesslich einer generellen Maskenpflicht in öffentlichen Innenräumen mit vielen Anwesenden («universal masking in indoor public settings, particularly for large public gatherings that include travelers from many areas with differing levels of SARS-CoV-2 transmission»).
Relevant sind nicht die Ansteckungen, sondern schwere Erkrankungen
Die bisherigen Angaben über Geimpfte, die sich trotz Impfung ansteckten, und über angesteckte Geimpfte, die andere angesteckt haben, beruhen noch auf wenig erhärteten Zahlen. Entscheidend sind Antworten auf folgende zwei Fragen:
- Wie viele der angesteckten Geimpften (mit oder ohne Symptome) können Drittpersonen während wie vieler Tage anstecken?
- Wie viele dieser doppelt geimpften «Infizierten» werden ernsthaft krank oder müssen sogar hospitalisiert werden?
1. Wie ansteckend können Geimpfte sein?
Zur ersten Frage sind die CDC zum Schluss gekommen, dass doppelt Geimpfte ansteckend werden können. Noch fehlen jedoch Angaben darüber, ob es sich dabei – im Vergleich zu ungeimpften Personen – um seltene Fälle handelt, die keine Massnahmen rechtfertigen. Oder ob doppelt Geimpfte nach einer Ansteckung andere häufig anstecken. Dann müssten beispielsweise negative Tests für Veranstaltungen in geschlossenen Räumen nicht nur für Ungeimpfte, sondern auch für Geimpfte vorgeschrieben werden.
Wäre das Risiko sehr gering oder lediglich «nicht auszuschliessen», dann wären Einschränkungen der Bewegungsfreiheit – sowohl für Geimpfte als auch für Ungeimpfte – unverhältnismässig. Ohne die Wahrscheinlichkeit der Risiken anzugeben, sind die Aussagen der CDC wenig hilfreich.
Laut einer internen CDC-Präsentation, welche der Washingten Post vorliegt, wird die Zahl der symptomatischen Infektionen von Geimpften in den USA auf wöchentlich 35’000 geschätzt (etwa 0,09 Prozent der Geimpften in einem Monat) – bei insgesamt 162 Millionen geimpften Amerikanern.
Von Ansteckungen (positives Testergebnis) sei «nur ein kleiner Teil» aller Geimpften betroffen, schreiben die CDC auf ihrer Webseite. Und wie viele dieses «kleinen Teils» sind für Dritte ansteckend? Die Angaben der CDC sind zu ungenau und können die Geimpften verunsichern.
Leider geht aus den Zahlen nicht hervor, ob es unter den Geimpften in erster Linie Ältere mit Vorerkrankungen (und geschwächtem Immunsystem) sind, welche bei einer Ansteckung Symptome Krankheitssymptome zeigen, und die andere anstecken können.
2. Wie viele doppelt Geimpfte können schwer erkranken?
Zur zweiten Frage gibt es unterdessen zahlreiche wissenschaftliche Beobachtungen, die zeigen, dass die Impfungen vor schweren Erkrankungen sehr gut schützen. In Australien, das eine noch relativ geringe Durchimpfung* ausweist, erklärte Kerry Chant, Chief Health Officer von New South Wales: «Daten von Abertausend Geimpften zeigen, dass Geimpfte vor Hospitalisationen und Mortalität ausserordentlich gut geschützt sind.»
In Grossbritannien sind 90 Prozent aller rund 52 Millionen Erwachsenen geimpft, berichtet der Guardian. Im Zeitraum vom 1. Februar bis 21. Juni seien einzig 118 doppelt geimpfte Personen mit oder an Covid gestorben. Das sind 0,00025 Prozent. Diese wenigen Todesfälle seien darauf zurückzuführen, dass die Impfung nicht hundert Prozent der Menschen schütze.
Die CDC erfassten bis zum 26. Juli unter doppelt Geimpften, die sich wieder angesteckt haben, 6’239 Hospitalisierungen und 1’263 Todesfälle. Drei Viertel der Betroffenen waren über 65 Jahre alt. Zur Einordnung: Über 163 Millionen US-Amerikaner waren bis dann geimpft. Die CDC fasst den Stand des Wissens wie folgt zusammen: «Covid-19-Impfungen schützen wirksam gegen schwere Erkrankungen durch alle in den USA zirkulierenden Varianten.» Laufende Kohortenstudien mit Geimpften und Ungeimpften sollen die Wirksamkeit der Impfungen gegen die Delta-Variante aber noch besser abklären.
Berichte über neue «Ausbrüche» unter Geimpften würden «keinesfalls bedeuten», dass die Impfung nicht wirke, erklärte Anthony S. Fauci am 22. Juli.. «Der Erfolg der Impfungen liegt darin, dass sie Erkrankungen verhindern.»
Hemmungen, Negatives über Impfstoffe zu verbreiten?
Bei den neuen Maskenempfehlungen der CDC für Geimpfte spielt es keine Rolle, wie viele Geimpfte an Corona ernsthaft erkranken können. Auch alle asymptomatischen Ansteckungen Geimpfter können laut CDC genügen, um andere anzustecken. Zu Kritik hat geführt, dass die CDC neue Empfehlungen verbreiten, ohne gleichzeitig wissenschaftliche Daten beispielsweise zur Häufigkeit solcher Ansteckungen zu veröffentlichen.
Professorin Kathleen Hall Jamieson, Direktorin des Annenberg Public Policy Centers an der Universität in Pennsylvania, kritisierte: «Als Vertreter der öffentlichen Gesundheit darf man nicht sagen ‹Vertraue uns, wir können die Gründe [unserer Empfehlungen] nicht nennen›. Man muss die wissenschaftlichen Grundlagen offenlegen.»
Matthew Seeger, ein Spezialist der Krisenkommunikation an der Wayne State University in Detroit, wies auf einen Zielkonflikt hin. Die Information, dass Geimpfte wieder krank werden können – wenn meistens auch nur leicht –, und dass sie sogar andere anstecken können, stehe der Absicht entgegen, möglichst viele Impfzögerer zum Impfen zu überzeugen.
Jeffrey Shaman, ein Epidemiologe der Columbia University, hatte Einsicht in eine interne CDC-Präsentation: «Das zentrale Problem besteht meiner Meinung nach darin, dass geimpfte Menschen wahrscheinlich in erheblichem Masse an der Übertragung von Delta beteiligt sind». Und Shaman weiter: «In gewissem Sinne geht es bei der Impfung jetzt um den persönlichen Schutz – um den Schutz vor einer schweren Krankheit. Die Herdenimmunität ist nicht relevant, da wir viele Beweise für Wiederholungs- und Durchbruchsinfektionen sehen.»
Die Präsentation unterstreiche, was Wissenschaftler und Experten schon seit Monaten sagen: Es sei an der Zeit, das Denken über die Pandemie zu ändern.
Kathleen Neuzil, Impfstoffexpertin an der University of Maryland School of Medicine, sagte ebenfalls in der Washington Post, dass die Durchimpfung nach wie vor Priorität habe. Doch die Öffentlichkeit müsse auch ihr Verhältnis zu einem Virus ändern, das die Menschheit mit ziemlicher Sicherheit noch für längere Zeit begleiten werde. «Wir müssen uns wirklich auf das Ziel verlagern, schwere Krankheiten, Behinderungen und medizinische Folgen zu verhindern, und uns nicht um jedes Virus sorgen, das in der Nase eines Menschen entdeckt wird», sagte Neuzil. «Es ist schwer, aber ich denke, wir müssen uns damit abfinden, dass das Coronavirus nicht verschwindet.»
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*Hier stand ursprünglich, Australien weise eine hohe Durchimpfung aus.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.