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Es geht um Java-Lizenzierung. Die Myriad Group will mindestens 120 Millionen Dollar Schadensersatz. Oracle hat bereits eine Gegenklage eingereicht.
Dübendorf gegen San Francisco: Die Myriad Group hat am letzten Freitag in den USA Oracle America auf mindestens 120 Millionen Dollar Schadensersatz eingeklagt, wie der Wirtschaftsnachrichtendienst 'Bloomberg' berichtet. Laut Florian Müller, einem Spezialisten für Patentfragen im Bereich Freie und Open-Source-Software, hat zudem auch Oracle noch am gleichen Tag eine Gegenklage gegen Myriad eingereicht. Kate Hamilton, Sprecherin der Myriad Group, bestätigte gegenüber inside-it.ch sowohl die Klage als auch die Gegenklage, wollte aber noch keinen weiteren Kommentar abgeben. Die Myriad Group will laut Hamilton aber noch heute näher Stellung beziehen.
Viel mehr als ein Jahresumsatz für Myriad
Die Myriad Group (Ex-Esmertec), deren Hauptquartier sich in Dübendorf befindet, ist auf die Entwicklung von Software für mobile Geräte, insbesondere Handys, spezialisiert. Bei der Klage geht es um Lizenzzahlungen für die Benützung von Java-Technologie, welche die Myriad Group und deren Kunden ab 2004 früher an Sun und nun an den neuen Sun-Besitzer Oracle abgeliefert haben. Aus der heutigen Sicht des Schweizer Softwareherstellers waren die Lizenzzahlungen für ein Mitglied des "Java Community Process", wie es die Myriad Group ist, überzogen beziehungsweise komplett ungerechtfertigt. Man habe sich gezwungen gefühlt, ein "Master Support Agreement" zu unterzeichnen und in dessen Rahmen "unvernünftige, unfaire und diskrimierende" Jahresgebühren bezahlt.
In der bei einem Gericht im US-Staat Delaware eingereichten Klageschrift, aus der Florian Müller in einem Blogartikel zitiert
, ist die Rede von 20 Millionen Dollar Lizenzzahlungen durch Myriad und über 100 Millionen Dollar, welche Myriad-Kunden entrichtet haben.
Myriad wirft Sun/Oracle zudem auch unfaires Verhalten bei direkten Konkurrenzsituationen vor. So hätten Sun-Vertreter potentiellen Kunden Preise angeboten, die tiefer lagen als die Lizenzenzpreise, die Myriad zahlen musste. Anderen sei erklärt worden, Myriad könne aufgrund der Lizenzpreise gar nicht tiefer offerieren, als Sun selbst. Später sei Kunden auch ungerechtfertigterweise gesagt worden, dass die Myriad Group nicht dazu lizenziert sei, Java-Produkte oder Java-kompatible Produkte anzubieten. Durch solches Verhalten seien Myriad die potentiellen Kunden Sharp, Pioneer, Vividlogic und Mitsubishi entgangen.
Die Myriad Group verlangt die Rückzahlung allfällig zuviel bezahlter Lizenzen und zusätzlich eine Strafzahlung (Punitive Damages) von seiten Oracles. Für Myriad geht es also um einen ganz schön entscheidenden Batzen Geld: Das Unternehmen machte zuletzt einen Jahresumsatz von rund 85 Millionen Dollar.
Was ist FRAND?
Oracle erklärt laut Florian Müller in seiner Gegenklage, dass das "Master Support Agreement" mit der Myriad Group am 29. Juni 2010 ausgelaufen sei und der Schweizer Softwarehersteller darum keinerlei Java-Lizenzen mehr besitze. Myriad habe auf einer kostenlosen Lizenz bestanden und anscheinend schon im Herbst 2009 seine Zahlungen eingestellt. Viele weitere Details zu Klage und Gegenklage findet man im bereits erwähnten Artikel von Florian Müller
.
Der Zwist zwischen Sun/Oracle und der Myriad Group dreht sich im Kern um das Gleiche wie der Streit zwischen der Apache Foundation und Oracle
um den Gebrauch der Java-Implementation "dalvik" in Googles Smartphone-Betriebssystem Android. Dies hat bereits zu Spekulationen geführt, dass die Myriad Group als eine Art Stellvertreter für Google agiere und die Prozesskosten möglicherweise sogar von Google mitgetragen würden. Geschürt werden diese Spekulationen unter anderem dadurch, dass eine der Anwaltskanzleien der Myriad Group auch Google im Prozess gegen Oracle vertritt.
Die Mitglieder des Java Community Process beteiligen sich an der Weiterentwicklung der Java-Spezifikationen. Im Gegenzug sollen sie laut der Vereinbarung mit Sun/Oracle zeitlich unbeschränkte Lizenzrechte erhalten, entweder kostenlos oder unter "fairen, vernünftigen und nicht diskriminierenden Bedingungen."
Die Frage ist nun, was "fair, vernünftig und nicht diskriminierend" ("fair, reasonable and non-discriminatory" = FRAND) bedeutet. Sun und nun auch Oracle glauben, dass die Vereinbarung durchaus auch Einschränkungen bezüglich des Einsatzzwecks erlaubt, beispielsweise für den Einsatz einer Java-Implementation in Mobilgeräten – genau das ist der Bereich, in dem schon Sun am ehesten Chancen sah, mit seiner Programmiersprache Java auch einmal ernsthaft Geld zu verdienen. Und Oracle ist erklärtermassen entschlossen dazu, jede Gelegenheit zu nützen, um das Java-Business zu Geld zu machen. (Hans Jörg Maron)