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Eine Reise gleicht einem Kunstwerk; zunächst kommt sie als Idee, der eine Planungsskizze folgt, ein paar Umrisse und Konturstriche grob mit dem Edding auf ein weisses Blatt gezogen, später einzelne Details mit GPS-Koordinaten und Textverweisen ergänzt. Wenn der Bildhauer zu Hammer und Meissel greift, ist das der Moment, in dem der Reisende per Schalthebel am Offroader die Differentialsperre einlegt.
Auf meinem Blatt ist der Umriss Mauretaniens gezeichnet, ein Kreis in der Mitte markiert die Provinzhauptstadt Tidjikja, diesen habe ich mit einer geschwungenen Linie mit einem Punkt rechts auf dem Blatt, neben den ich “Nema” geschrieben habe, verbunden. Über der Linie “800 km Offroad!” (mit einem Ausrufezeichen) vermerkt, einen Elefanten in der Mitte des Bogens skizziert und N 18°24’0″ W 8°34’30” hinzugefügt. Detaillierter möchte ich gar nicht planen, sondern dem Kunstwerk Zeit geben, sich selbst zu entfalten. Eine Pistenbeschreibung habe ich während der Planung nirgends gefunden. Kein Wunder, heute weiss ich, es gibt keine Piste und ich hätte das Wort “Offroad” besser dreimal unterstrichen.
“Schnell, gib mir mal dein Handy, den krieg ich noch.” Ich warte erst gar nicht Sabines Reaktion ab, schnappe mir das Telefon und renne von den Tomaten am Gemüsestand zur Strasse. “Irre”, murmele ich vor mich hin und drücke den Auslöser. Klappernd und scheppernd rumpelt der alte Benz an mir vorbei. Der Fahrer grinst, hebt kurz die rechte Hand zum Gruss, um dann gleich wieder am Lenkrad, das deutlich mehr als eine Viertel-Umdrehung Spiel hat, damit die Karre halbwegs geradeaus fährt.
Zurück zu den Tomaten. Wir sind nicht wählerisch, können wir bei dem überschaubaren Angebot auch nicht sein. Wir kaufen ein paar Zwiebeln, Kartoffeln, Karotten bei der Marktfrau und verlassen Tidjikja in östliche Richtung. Bei den letzten Häusern der Stadt endet das löchrige Asphaltband, die beginnende Sandpiste kostet Kraft, trotz deutlich reduziertem Reifendruck. Die Quittung bekommen wir am folgenden Tag in Tichitt. Die abgelegene Oase verfügt über eine Tankstelle. „248 km, 108 Liter Diesel“ trage ich in mein Tankbuch ein und schaue anschliessend unter den Steyr, ob nicht nirgendwo ein Leck im Spritsystem ist.
Der einstige Glanz von Tichitt ist nicht nur verblasst, sondern nicht mehr vorhanden. Damals, Ende des Mittelalters, war die Oase ein Handelszentrum, hier begegneten sich Karawanen aus Marokko, Mali, Senegal und Ghana. Hier, an der Nahtstelle zwischen schwarzem und weissem Afrika, wurden neben Waren ebenso Nachrichten, Wissen und Kultur ausgetauscht, Reichtum entstand und Gelehrte errichteten Bibliotheken. Heute kämpfen die Oasenbauern mit dem Anbau von Datteln ums Überleben. Ein kleines Museum und der Titel “UNESCO-Weltkulturerbe” sind Zeugen der Vergangenheit.
Hitze flimmert über der Kiesebene, die sich im Osten von Tichitt erschliesst. Schnell steigt die Tachonadel – und schnell bringen uns 40 Kilometer Strecke 4‘000 Jahre in der Zeit retour. Die jungsteinzeitliche Siedlung, der man heute einfach den Namen der nächstgelegenen Hütten “Akreijit” gegeben hat, liegt oben an der Abbruchkante des Kerdach-Plateaus. “Kannst du bei dem Wind fliegen?”, fragt Sabine erstaunt, als ich mich anschicke, die Drohne auf das Plateau zu tragen. “Nee, ich kann nicht fliegen, aber der Plastikgeier schon.” – “Blödmann“, meint sie nur kurz.
Mit jedem Meter, den die Drohne an Höhe gewinnt, wird das Ausmass der neolithischen Siedlung auf dem Monitor deutlicher. Was für ein Unterschied, während man auf dem Boden nur Reste von Steinmauern und Gebäuden erkennt, sieht man aus einer Höhe von 250 m die Umrisse der labyrinthähnlichen Struktur der steinzeitlichen Stadt. Ich drehe die Kamera senkrecht nach unten und die Wege, die ehemaligen Gassen, die Grundmauern der Häuser, der Ställe und Anbauten werden plötzlich zu einem Kunstwerk.
Ebenso ein Kunstwerk aus Stein sind die vor Urzeiten von Menschen geschaffenen Gravuren, die hier mit einfachsten Werkzeugen in die Felsplatten gemeisselt wurden. Tiere, besonders Schafe, Rinder und Ziegen werden dargestellt, wohl der ganze Besitz der damaligen Bewohner.
In Erinnerung an die einfachen Häuser aus Stein in Tichitt, vor denen heute wie zu Abrahams Zeiten in grossen Töpfen auf dem Feuer Ziegenfleisch gekocht wird, denke ich: “Viel hat sich hier in 4‘000 Jahren nicht geändert.”
Die Piste, der wir weiter gen Osten folgen, fächert sich auf. Es bleiben Spuren, doch auch diese verlieren sich bald im Sand. Seit Stunden keine Anzeichen von Menschen, keine Zelte, keine Brunnen. Wie der Atem eines Drachen bläst uns heisser Wind entgegen. Mit ihm prasseln Sandkörner gegen die Front, scheuern Glas und Lack matt oder nehmen ihn im Weiterflug gleich mit. Jedes Stück Haut, das nicht von Stoff oder Leder bedeckt ist, schmerzt wie tausend Nadelstiche. Die Wüste ist eine anspruchsvolle Gegend für Mensch und Maschine. Die Bedingungen sind gnadenlos und fordernd. Am folgenden Tag kämpfen wir uns weiter nach Osten, der heisse Passatwind ist staubbeladen, die Landschaftskonturen werden zum Horizont hin weichgezeichnet und gehen fliessend ins graublaue Firmament über – wie bei einem Kunstwerk.
Erst am übernächsten Tag legt sich der Sandsturm, der Wind ist zahm und die schimmernde Karawane am Horizont ist kein Trugbild, keine Fata Morgana. Um die Dromedare nicht zu erschrecken, lasse ich den Steyr im Standgas näher tuckern und parke mit gehörigem Abstand zum Brunnen. Die Tiere sind entladen, brüllen und drängen zum Wasserbassin, in das aus der Tiefe immer wieder frisches Wasser geschüttet wird.
Auch ohne gemeinsame Sprache ist eine einfache Verständigung möglich. Während ich mich zu den Dromedaren ans Wasser setze, um ein paar Schnappschüsse auf die Speicherkarte zu bannen, kocht Katrim in einer Emaille-Kanne Tee.
Aus einem Leinensack zaubert ein Einheimischer Fladenbrot und getrocknetes Kamelfleisch. Für eine Mahlzeit braucht man nicht viel davon, gefühlt stundenlang kaue ich auf einem Stück herum, es wird einfach nicht weich. Die Alternative zum Kamelfleisch aus dem Leinensack sind Sardinen aus der Dose, von denen ich fünf Stück neben die Glut stelle. Auch Katrim, Mamoudou und der tief verschleierte “blaue” Mann, dessen Namen ich auch nach dreimaligem Nachfragen nicht verstanden habe, greifen lieber beim Fisch zu.
Ihre Karawane ist keine Lastenkarawane, viel mehr sind die 120 Tiere Schlachtvieh, mit dem man in Mali höhere Preise erzielen kann als in Mauretanien. Nach dem dritten süssen Tee, der jedes Mal durch hohes Ausgiessen ins Glas und Zurückschütten in die Kanne schaumiger wird und an die Zeremonie der Tuareg erinnert, verabschieden wir uns.
Wir sind froh, den Tipp der Nomaden befolgt zu haben, nicht direkt die 50 Kilometer zum Elefantenfelsen zu fahren, sondern zunächst unseren Weg etwa 10 km gen Nordosten zu wählen. Steinsäulen ragen hier wie überdimensionale, ausgestreckte Finger aus dem unberührten Sand.
Reisenden sind diese Steinskulpturen, manche sehen aus wie Pilze, völlig unbekannt. Zeit und Raum sind schnell vergessen. “Nur noch dahinten zu dem Pilz.” Und wenn wir ihn erreichen, höre ich Sabine oder mich sagen: “Boah, ist das Klasse, guck mal da hinten, da ist eine Naturbrücke.” – “Aber nur noch bis dahin.”
Es wird bereits dunkel, als wir zum Fahrzeug zurückkehren. Schnell sind ein paar Akazienäste gesammelt, das Feuer entfacht und Kartoffeln mit Zwiebeln garen am Rand der Glut. Der Feuerschein spiegelt sich im Autoblech, die Akazie wirft lange Schatten in den Wüstensand. Über uns ist die Milchstrasse deutlich am nachtblauen Himmel zu sehen. Ein Satellit zieht seine Bahn und ich entkorke die Flasche Rotwein, die genau für einen solchen Abend tausende von Kilometern mit uns reiste.
Am nächsten Morgen sind es nur wenige Kilometer zum Rocher de Makhrouga, dem Elefantenfelsen, dessen kohlschwarze Silhouette einem Schattenriss gleich in der aufgehenden Sonne ruht. Unser Ziel ist erreicht, jener Sandstein, der seit Jahrtausenden einsam in der Mitte von Nichts steht.
Es braucht nicht viel Phantasie, um den Elefanten mit seinem mächtigen, freistehenden Rüssel zu erkennen. Die steigende Sonne und die dadurch ständig wechselnden Lichtspiele aus sich ändernden Farben und Schatten suggerieren, wir seien in einem 3D-Kino, in dem gerade ein Dokumentarfilm über die unbekannten Schönheiten der Erde läuft. Eine Erde, die ständig in Bewegung ist, sich ständig verändert, aber dennoch ein Gefühl von Ewigkeit vermittelt. Der Elefantenfelsen, unberührt, archaisch, Zeuge aus einer Zeit als Uhren noch nicht erfunden waren und die Natur nur sich selbst überlassen den Rhythmen und Kräften des Universums folgte.
Sand, Hitze und Wind haben Höhlen, Arkaden und Brücken in den Fels geraspelt, gefeilt und geschmirgelt. Ein Kunstwerk der Natur, durch Zufall entstanden und doch ist eine Ordnung und Gleichmässigkeit erkennbar, als habe ein Bildhauer Konturstriche und Umrisse ausgearbeitet, als habe die Natur zuvor eine Planungsskizze erhalten, als habe jemand ganz am Anfang eine Idee gehabt.