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Clara Overkott
Operative Leitung Lernpraxis AG
Wann lernen Jugendliche am besten – morgens oder abends?
Das kommt darauf an, ob man eher zu den Frühaufstehern oder Nachteulen zählt. Aufgrund des erhöhten Melatoninspiegels sind Jugendliche morgens tendenziell eher müde. Grundsätzlich sollte man lernen, wenn man fit ist, denn das Gehirn braucht Energie. Man hat über den Tag verteilt immer wieder solche Zeitfenster. An diese sollte man sich halten.
Stimmt es, dass man sich besonders viel merken kann, wenn man vor dem Einschlafen lernt?
Im Schlaf verarbeitet man Gelerntes, das nennt man Konsolidierung. Wichtige Informationen, die man tagsüber gelernt hat, werden abgespeichert und ersetzen weniger wichtige. Vor dem Schlafen noch einmal die drei wichtigsten Dinge anzuschauen, kann sicher hilfreich sein.
Wie teilt man sich den Prüfungsstoff am besten ein, damit man nicht die Motivation beim Lernen verliert?
Einerseits sollte man den übergeordneten Sinn sehen und ein grösseres Ziel haben. Zum Beispiel, dass die Matura ein wichtiger Meilenstein ist, wenn man später studieren will. Andererseits sind Zeitmanagement und Planung wichtig. Man kann nicht am Tag vor der Prüfung mit Lernen beginnen. Kleine Einheiten über die Woche verteilt sind zielführend: 25 Minuten lernen, fünf Minuten Pause, und das drei Mal. Nach eineinhalb Stunden macht man eine längere Pause, in der man sich erholen kann.
Welche Lerntechniken haben sich Ihrer Erfahrung nach besonders bewährt?
Die effektivste Lerntechnik, die ich kenne, ist, sich selbst zu prüfen, indem man während des Lernens laufend Testphasen einschiebt. Dabei fasst man das Gelernte in eigene Worte zusammen oder schreibt Schlüsselbegriffe auf Karteikärtchen auf. Viele Jugendliche denken, sie können sich erst abfragen, wenn sie alles gelernt haben. Das ist falsch. Man kann auch einen Abschnitt lesen und ihn dann in eigene Worte fassen. In diesem Fall finde ich Karteikärtchen effektiver als Zusammenfassungen.
Wie kann man als Elternteil sein Kind vor wichtigen Prüfungen unterstützen?
Indem man es emotional unterstützt und ihm zeigt, dass man zuversichtlich ist, dass es die Prüfung gut schafft: Zu sagen «Ich sehe, du kannst es!» ist motivierender als «Du musst eine gute Note schreiben».
Kennen Sie einfache Methoden, um die Konzentration zu fördern?
In der Forschung spricht man vom selektiven Aufmerksamkeitsfokus. Man kann sich besser aufs Wesentliche fokussieren, wenn man sich vom Wesentlichen umgibt: zum Beispiel wenn man an einem Tisch arbeitet, auf dem nur die Unterlagen zum Fach liegen, das gerade relevant ist – und das Handy weglegt. Man organisiert sich von aussen und motiviert sich von innen. Dann ist man automatisch viel fokussierter.
Stichwort Handy: Das kann ganz schön vom Lernen ablenken …
Nicht unbedingt, wenn man es bewusst nutzt. Viele wissen nicht, dass man nach der Lernsequenz eine kurze Pause einlegen sollte, in der man nichts macht. Zum Beispiel einen kurzen Spaziergang machen oder die Augen schliessen, sodass die Inhalte auch konsolidiert und abgespeichert werden können. Wenn man sofort ans Handy geht, ist das Risiko hoch, dass alles, was man gerade gelernt hat, im Gedächtnis mit den neuen Inhalten aus dem Handy überschrieben wird.
Wie steht es allgemein um die Konzentration bei Jugendlichen?
Ich stelle fest, dass sie sich sehr gut konzentrieren können, wenn sie möchten. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass der Präfrontalkortex, der unter anderem für die Konzentration und das logische Denken zuständig ist, sich im Jugendalter erst zu entwickeln beginnt. Mit etwa 25 Jahren ist das Gehirn am leistungsfähigsten im Bereich Lernen, und diese Leistung nimmt allgemein ohne Training wieder ab.
Zur Person
Clara Overkott ist seit April 2020 als Fachperson in der Lernpraxis AG in Zürich tätig und bietet Kindern, Jugendlichen und deren Bezugspersonen professionelle Hilfe rund ums Thema Lernen und psychische Gesundheit an. Die 33-jährige Uniabsolventin mit einem Doktor in kognitiver Psychologie verantwortet die operative Leitung in der Lernpraxis seit Anfang 2022.