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Mittelmeer-Mönchsrobbe
Monachus monachus
© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Bären und Seeotter als Vorfahren
Die Mittelmeer-Mönchsrobbe (Monachus monachus) gehört zur Ordnung der Wasserraubtiere (Pinnipedia) - einer von drei Säugetiersippen, die sich erfolgreich an das Leben im Wasser angepasst haben. Bei den beiden anderen handelt es sich um die Wale (Ordnung Cetacea) einerseits und um die Seekühe (Ordnung Sirenia) andererseits.
Die Ordnung der Wasserraubtiere wird in drei Familien unterteilt. Die Familie der Ohrenrobben (Otariidae) setzt sich aus fünf Seelöwen- und neun Seebärenarten zusammen. Die Familie der Walrosse (Odobenidae) umfasst nur eine einzige Art, das Walross (Odobenus rosmarus)
. Und die Familie der Hundsrobben und Seehunde (Phocidae) schliesslich besteht aus 19 Arten. Zu ihnen gehört auch die Mittelmeer-Mönchsrobbe.
Obschon die drei Wasserraubtier-Familien zu einer einzigen Ordnung zusammengefasst werden, scheinen die Ohrenrobben und Walrosse anderen Ursprungs zu sein als die Hundsrobben und Seehunde. Erstere stammen vermutlich von bärenartigen Vorfahren ab, die vor 25 Millionen Jahren im nordpazifischen Raum gelebt haben. Letztere hingegen dürften auf otterartige Tiere zurückgehen, welche vor ebenfalls etwa 25 Millionen Jahren in der nordatlantischen Region vorkamen.
Der Familienname Phocidae stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und bedeutet «plumpes Tier». Dies ist zwar keine sehr schmeichelhafte Bezeichnung für die Hundsrobben und Seehunde. Sie hat aber eine gewisse Berechtigung. Durch mannigfaltige Anpassungen an das Meeresleben haben sich nämlich Tiere herausgebildet, die sich zwar im Wasser elegant und mühelos fortbewegen, an Land aber formlos und unbeholfen erscheinen. So sind sämtliche «Vorsprünge» am stromlinienförmigen Körper der Hundsrobben und Seehunde auf ein Minimum zurückgebildet. Selbst die äusseren Ohren fehlen. Und die Hinterbeine sind fast zu einem Schwanz geworden und können nicht mehr nach vorn unter den Körper gedreht werden. Deshalb müssen sich die Hundsrobben und Seehunde auf dem Land rutschend oder eben «robbend» vorwärtsbewegen. Dies im Gegensatz zu den Ohrenrobben und Walrossen, welche ihre Hinterflossen durchaus noch nach vorn zu kehren vermögen und sich daher an Land auf allen vier Flossen recht flink und rasch fort bewegen können.
Auch die Art, wie die Gliedmassen zum Schwimmen eingesetzt werden, ist bei den Hundsrobben und Seehunden anders als bei den Ohrenrobben und Walrossen. Die Hundsrobben und Seehunde gewinnen ihren Antrieb hauptsächlich aus den kräftigen Seitwärtsbewegungen ihres Hinterkörpers mit den grossen Flossen, welche fest am Becken verankert sind, während die Vordergliedmassen höchstens als Steuerruder eingesetzt werden. Demgegenüber verwenden die Ohrenrobben und Walrosse fast ausschliesslich ihre Vorderflossen zum Schwimmen. Sie «fliegen» förmlich durch das Wasser wie ja auch die Pinguine und die Meeresschildkröten.
Innerhalb der Gattung der Mönchsrobben (Monachus)
werden drei verschiedene Arten unterschieden: die Mittelmeer-Mönchsrobbe, die Laysan- oder Hawaii-Mönchsrobbe (Monachus schauinslandi)
und die Karibische Mönchsrobbe (Monachus tropicalis)
. Obwohl jeweils mehrere tausend Kilometer Wasser zwischen ihnen liegen, unterscheiden sich die drei Mönchsrobben-Arten in Körperbau und Verhalten nur unwesentlich voneinander. Manche Wissenschaftler vertreten daher den Standpunkt, sie seien lediglich als Unterarten einer einzigen Art zu betrachten.
Leider ist die Karibische Mönchsrobbe mit ziemlicher Sicherheit in unserem Jahrhundert ausgestorben. 1952 wurde zum letzten Mal ein Vertreter dieser Art gesichtet. Und auch die Mittelmeer- und die Laysan-Mönchsrobbe gelten als stark bedrohte Tierarten; ihre Gesamtbestände umfassen höchstens noch je 1000 Individuen.
Die Jungen kommen in Höhlen zur Welt
Die Mittelmeer-Mönchsrobbe ist eine mittelgrosse Robbe. Erwachsene Weibchen können eine Länge von etwa 280 Zentimetern und ein Gewicht von rund 300 Kilogramm erreichen. Die Männchen sind im allgemeinen etwas kleiner.
Über die Lebensgewohnheiten der Mittelmeer-Mönchsrobbe ist nur sehr wenig bekannt. Aus den Beobachtungen von Fischern und der Untersuchung von Mageninhalten weiss man, dass sie ein echtes Wasserraubtier ist und sich von vielerlei Fischen und Tintenfischen ernährt. Auf die Jagd scheint sie vor allem in verhältnismässig seichten Küstengewässern, mit Tiefen von bis zu 30 Metern, zu gehen. Die Mittelmeer-Mönchsrobbe unterscheidet sich hierhin deutlich von ihren Verwandten in den Polarmeeren, welche in bemerkenswerte Tiefen hinabtauchen. Die antarktische Weddellrobbe (Leptonychotes weddelli)
beispielsweise taucht regelmässig rund 600 Meter tief und bleibt oft über eine Stunde unter Wasser.
Recht wenig ist auch über das Fortpflanzungsverhalten der Mittelmeer-Mönchsrobbe bekannt. Die Tragzeit scheint etwa elf Monate zu dauern, und die Jungtiere werden ungefähr sechs Wochen lang gesäugt. Die Wurfzeit ist zwar auf das Sommerhalbjahr beschränkt, jedoch nicht genauer festgelegt. Geburten können von Mai bis November stattfinden. Die Mönchsrobben-Weibchen bringen ihre Jungen meistens in unzugänglichen Grotten und Höhlen zur Welt. Oft liegen die Eingänge zu diesen Wurfplätzen sogar unter Wasser.
Schliesslich wissen wir auch kaum etwas über das gesellschaftliche Leben der Mittelmeer-Mönchsrobbe. Man trifft die Tiere im allgemeinen in Gruppen an, und es gibt Hinweise darauf, dass während der Fortpflanzungszeit jeweils ein Männchen («Pascha») eine Weibchenherde («Harem») um sich versammelt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Robbenarten unternehmen die Mönchsrobben keine weiten Wanderungen, sondern halten sich ganzjährig vor den ihnen vertrauten Küstenabschnitten auf.
Fleckenhaftes Vorkommen in riesigem Verbreitungsgebiet
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Mittelmeer Mönchsrobbe umfasst die südlichen und westlichen Küsten des Schwarzen Meeres, fast sämtliche Festland- und Inselküsten des Mittelmeers, die nordwestliche Atlantikküste Afrikas bis zum Cap Blanc in Mauretanien sowie die Kanarischen Inseln und Madeira. Noch heute ist die Art zwar über weite Teile dieses riesigen Gebiets verbreitet. Die Bestände sind aber drastisch zurückgegangen, und das Vorkommen der Tiere ist äusserst fleckenhaft.
In drei Regionen des Mittelmeers kommt die Mönchsrobbe noch in etwas grösserer Dichte vor: Da ist einmal das Ägäische Meer (hauptsächlich im Bereich der Südlichen Sporaden und der benachbarten türkischen Küste). Der Mönchsrobben-Bestand in dieser Region wird auf 300 bis 400 Tiere geschätzt, was einem Drittel bis der Hälfte des Gesamtbestands der Art entspricht. Der zweite einigermassen gesunde Mönchsrobben-Bestand - 100 bis 200 Tiere - lebt entlang der nordafrikanischen Küste zwischen Libyen im Osten und Marokko im Westen. Und schliesslich gibt es noch eine dritte Mönchsrobben-Population von etwa 50 Tieren an den Küsten Zyperns, der Zentraltürkei und des Libanons.
Ein paar vereinzelte Mittelmeer-Mönchsrobben leben an den Küsten der Balearen, Korsikas, Sardiniens, Siziliens und der Adria. Vollständig verschwunden sind die spezialisierten Meeressäuger jedoch von den Festlandküsten Frankreichs, Spaniens, Palästinas und Ägyptens.
Ausserhalb des Mittelmeers kommen Mönchsrobben zum einen noch im Schwarzen Meer vor. Hier leben an den Küsten Bulgariens und der Türkei ungefähr 50 Tiere. Zum andern gibt es im Atlantik noch zwei Populationen: eine bei Madeira, die zweite beim Cap Blanc im nördlichen Mauretanien.
Robbenleder gegen Gicht und Blitzschlag
Aus den Erzählungen antiker Dichter wie etwa Homers, Plinius' und Plutarchs wissen wir, dass in früheren Zeiten die Bewohner der Mittelmeerküsten in einem gewissen Ausmass Jagd auf die Mönchsrobbe gemacht haben, um deren Fleisch, Fett und Fell zu verwerten. Ferner fanden Robbenprodukte auch in der Volksmedizin manch seltsamen Verwendungszweck. Robbenleder-Schuhe etwa sollten gegen Gicht wirksam sein. Die rechte Flosse einer Mönchsrobbe, unter das Kopfkissen gelegt, sollte Schlaflosigkeit vertreiben. Und ein Zelt aus Robbenleder sollte vor Blitzschlag schützen. Der Jagddruck auf die Mittelmeer-Mönchsrobbe scheint allerdings nie besonders gross gewesen zu sein. Bis in unserem Jahrhundert war die Art in ihrem Bestand jedenfalls nie ernsthaft gefährdet gewesen.
Obschon die Nutzjagd von Mittelmeer-Mönchsrobben längst der Vergangenheit angehört, sehen die Zukunftsaussichten der Tiere gar nicht rosig aus. Dafür sind drei Hauptgründe zu nennen: Erstens ist das Mittelmeer heute wohl das meistverschmutzte Meer der Welt. Die enorme Belastung besonders der Küstengewässer mit den Ölrückständen von Tankern aller Nationen sowie den Abwässern ungezählter Industrien bedroht grosse Raubtiere wie die Mönchsrobben in ganz speziellem Mass: Sie sind die Endglieder mancher Nahrungsketten, in welchen sich Schadstoffe aller Art vieltausendfach anhäufen und verheerende Folgen haben können.
Zweitens ist leider auch die direkte Bejagung der Mittelmeer-Mönchsrobbe durch die ansässigen Fischer als Grund für ihren raschen Rückgang zu nennen. Diese sehen in den Meeressäugern unwillkommene Konkurrenten, die ihnen nicht allein die Fische wegessen, sondern zugleich auch noch die Netze beschädigen. Vielerorts werden die Mönchsrobben daher unerbittlich beschossen, wann immer sie sich zeigen, und oft werden auch ihre gut geborgenen Aufzuchthöhlen und -grotten mit Sprengsätzen zerstört.
Schliesslich scheinen Mönchsrobben in ganz besonderem Mass anfällig auf Störungen aller Art während der Jungenaufzucht zu sein. Das haben Langzeitstudien über die Lebensweise der Laysan-Mönchsrobbe aufgedeckt. Schon zufällige Begegnungen mit Badenden, Surfern oder Sporttauchern in der Nähe von Mönchsrobben-Wurfplätzen führen sehr schnell dazu, dass die Jungtiere verlassen werden und dann kläglich eingehen. Die zunehmende Verbauung der Mittelmeerküsten, die immer weiter vorangetriebene Küstenfischerei und der immense, dauernd anwachsende Strom sonnenhungriger Touristen lassen aber den Mönchsrobben von Jahr zu Jahr weniger Raum für die ungestörte Nahrungssuche und Jungenaufzucht. Die Jungensterblichkeit hat darum in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen und ist mit ein wesentlicher Grund für die Abnahme der Mönchsrobben-Bestände im Mittelmeer.
Die traurige Geschichte der Cap-Blanc-Population
Je kleiner eine Robbenpopulation ist, desto anfälliger ist sie nicht nur auf Störungen durch den Menschen, sondern auch auf allerlei natürliche Umwelteinflüsse. Dies zeigt das tragische Schicksal der Mönchsrobben-Population beim Cap Blanc in Mauretanien. Bis zur Mitte der siebziger Jahre lebte hier ein gesunder, vor menschlicher Störung weitgehend geschützter Mönchsrobben-Bestand von etwa 60 Tieren. Zur Aufzucht ihrer Jungen benutzten die Tiere die völlig unzugängliche Grotte Las Cuevecillas, welche im gut bewachten Banc-d'Arguin-Nationalpark gelegen war. Die Robben wurden ausserdem von den örtlichen Fischern in Ruhe gelassen. So schien vor zehn Jahren noch alles zum besten für die grosse Kolonie.
1978 aber fiel jäh die ganze Las-Cuevecillas-Grotte in sich zusammen, worauf viele Mitglieder der Mönchsrobben-Kolonie ihren angestammten Aufenthaltsort und Wurfplatz verliessen. Ende des Jahres lebten nur noch 18 Tiere in der Umgebung des Cap Blanc. Was mit den restlichen Tieren geschah, ist nicht ganz klar. Möglicherweise haben sich einige von ihnen andernorts niedergelassen. Manche von ihnen wurden jedoch in der Umgebung des Cap Blanc tot an Land gespült. Die Todesursache dieser Tiere ist ein Räsel, denn keines von ihnen zeigte Spuren irgendeiner Gewalteinwirkung.
Noch gibt es zwar einige Mönchsrobben beim Cap Blanc. Alle Hoffnung ist also nicht verloren. Leider lehrt aber die Erfahrung, dass sich solche kleinen Kolonien sehr oft mit den Jahren vollständig auflösen.
Liga zur Erhaltung der Mönchsrobbe
Die Liga zur Erhaltung der Mönchsrobbe koordiniert seit 1970 die Schutzanstrengungen seitens der verschiedenen Regierungen und der Naturschutzkreise im Verbreitungsgebiet der Mönchsrobbe. Auf zwei internationalen Konferenzen, die vom World Wildlife Fund (WWF), der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN), dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und weiteren international tätigen Umweltorganisationen getragen wurden, ist ein Aktionsplan entwickelt worden. Dessen Hauptziel ist die Schaffung eines Netzes strikter Reservate, in denen die Mönchsrobbe ohne jegliche menschliche Störung ihre Jungen grossziehen kann. Daneben soll eine breitangelegte Informationskampagne in der ansässigen Bevölkerung - und besonders unter den Fischern - mehr Verständnis für die friedfertigen Meeressäuger wecken. Im Rahmen des Aktionsplans sollen auch beschädigte Fischernetze sowie Fangeinbussen finanziell abgegolten werden. Jedermann hofft, dass mit solch vereinten Kräften das Aussterben der Mittelmeer-Mönchsrobbe im letzten Augenblick doch noch verhindert werden kann.
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