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Inszenierung des Heimischen in der sakralen Reformarchitektur der deutschsprachigen Schweiz 1900–1914
Die Heimatbewegung ist Teil einer vom Bürgertum getragenen Reformbewegung, die in Mittel- und Nordeuropa um 1900 auf der der Kritik an der kapitalistischen Industriegesellschaft, Grossstadt und Historismus basierte. Die Gemeinsamkeit dieser Reformen, die zahlreiche Lebensbereiche umfasste, lag in der Orientierung an Natürlichkeiten und der vorindustriellen Epoche, ebenso an der Alltagskultur, hier im Speziellen der Verklärung ländlicher und dörflicher Idylle sowie dem malerischen Ortsbild. Der bebaute Raum und das zweckmässige Interieur wurden in ihrer „organischen Ganzheit“ erfasst, die Interaktion von Bauwerk und dessen Umgebung vermehrt diskutiert, nachdem diese in der gründerzeitlichen Grossstadtplanung, die sich häufig in unkünstlerischer, sozusagen lediglich zweidimensionaler Planung anhand von Parzellen und (häufig materialtäuschenden) Prunkfassaden erschöpft hatte, vernachlässigt worden war.
Die ästhetischen Theorien richteten sich mit der zunehmenden Psychologisierung des Alltags vermehrt auf eine unmittelbare Empfindung von visuellen Wirkungen und damit verbundenen Assoziationen. Die Disposition von Architekturelementen, ihrer Massengliederung und deren Proportionierungen bildeten neue Wesentlichkeiten und verdrängten die „müssige Frage“ nach Stil und Dekor, im Urteil der Reformer nur noch vermeintliche und missverstandene Schönheiten, die im Späthistorismus Ende des 19. Jahrhunderts immer beliebiger geworden waren.
Der gesellschaftliche Hintergrund der Reformepoche liegt in der Tendenz, den bürgerlichen Lebensstil im Vergleich zur Gründerzeitepoche auf Charakterstärke, Familiengründung, Selbständigkeit und Eigenheimbau zu richten und die Alltäglichkeiten des Lebens aufzuwerten. Bauernhaus, Bürgerhaus, Wohnhausbau überhaupt und dessen Innenraumgestaltung standen als ethnologische oder national konnotierte Kulturspiegel im Zentrum der Debatte über Architektur und Kunstgewerbe. Kulturgeschichtlicher Ausdruck verdrängte als Qualitätsmerkmal der Neubauten die historistischen Stilfatzkereien, die immer mehr als entartete Schematismen verurteilt wurden, und der globalisierten Stilarchitektur und dem Jugendstil, die mit elitärem Prunk und allzu frei empfundenen Neuheiten kokettierten, wurden eine Vereinfachung zu lebensgerechter Zweckmässigkeit und anheimelnde Wohnlichkeit gegenübergestellt. In dieser Heimatströmung stehen nicht nur die reformerischen Wohn- und Schulhäuser, sondern auch die Kirchenbauten, in denen sich – als altüberlieferter Baugattung – die Vehemenz dieser Bewegung besonders eindrücklich demonstrieren lässt.
Die Dissertation untersucht, inwiefern das Bestreben nach heimischem Ausdruck die sakrale Baukunst erfasste, die sich, um mit der Kunst- und Kulturentwicklung Schritt zu halten, die zeitgemässen Baugesinnungen, deren Systeme und Formen zunehmend von Profanbauten aneignen musste. Nachdem bereits Bahnhöfe oder Warenhäuser zu den neuen grossen Architekturgattungen der Zeit geworden waren, übernahm seit der Jahrhundertwende auch der Wohnhausbau eine führende Rolle. Getragen von einer Angst um den Verlust der nunmehr als lieblich und pittoresk eingestuften alltäglichen Bauten, die man durch „Fremdeinwirkungen“ wie Industrialisierung und Tourismus gefährdet sah (Heimatschutz und Denkmalpflege waren damals in einer starken Institutionalisierungswelle begriffen), wurde das Heimische als Konstante des Vertrauten bei Neubauten gefördert und gestenreich inszeniert. Durch effektvolle Positionierung und die Darstellung des gesamten Organismus und dessen zweckmässigen Elemente wurden die Neubauten in Harmonie mit der Umgebung im Sinne einer allgemeinen Kulturlandschaftsverschönerung zur Wirkung gebracht. Regionaltraditionelle Dach- und Turmformen und funktionale Notwendigkeiten ersetzten die luxuriösen Stilformen aus den Musterbüchern; die Wiederbelebung der Volkskunst, mithin einfachen traditionellen Schmuckmotiven, erinnerte an die vorindustrielle Zeit des dörflichen Soziallebens, in dem noch heimisches und materialgerechtes Handwerk geblüht hatte, das primär zweckmässig eingesetzt und lediglich durch ein massvolles Schmuckbedürfnis ausgestaltet wurde.
Innerhalb der Verpflichtung zu dieser neuartigen Kunstauffassung werden auch die konfessionellen Unterschiede verglichen. Beeinflusst von der kulturprotestantischen Strömung passte sich der evangelische Kirchenbau diesen neuen, teilweise unsakralen Tendenzen bereitwilliger an, anerkannte sie als Zeitstil und verpflichtete sich in Berufung auf eine hohe Kunstmoral diesen Strömungen, während der katholische Kirchenbau stärker in traditionellem Stildenken und Antimodernismen verharrte und sich der Heimatbewegung insgesamt zögerlicher annäherte. Mit dem Einsiedler Pater und Kunstexperten Albert Kuhn, der gegenüber der neuen Kunstbewegung sehr aufgeschlossen war, wurden im katholischen Kirchenbau im Vergleich zu zahlreichen ausländischen Beispielen reformerische Wege beschritten.
Die Deutschschweizer Architektur war unleugbar an die deutsche Debatte geknüpft. Casimir Hermann Baer transferierte als Redakteur mehrerer bedeutender Zeitschriften die Debatte von Persönlichkeiten wie Alfred Lichtwark, Paul Schultze-Naumburg, Theodor Fischer, Fritz Schumacher oder Hermann Muthesius in die Schweiz. Guillaume Fatio arbeitete in seinem zusammen mit Georg Luck veröffentlichten Bildband Augen auf! 1904 ganz im Sinne Schultze-Naumburgs, die Zeitschrift Heimatschutz (ab 1906) ebenso. Die in Karlsruhe ansässigen Architekten Curjel & Moser gehörten in der Praxis zu den Vorreitern dieser Architekturströmung, welche im Schweizer Kirchenbau vorwiegend durch die meist auch in Deutschland geschulten Architekten Bischoff & Weideli, Pfleghard & Haefeli, Rittmeyer & Furrer, Schäfer & Risch, Karl Indermühle und Adolf Gaudy vertreten wurde.
Nicht unberührt bleiben soll die oft übergangene Frage nach konkreten Vorbildern für die Stilmerkmale der Reformarchitektur, die sich weniger in der Wahl nach Ornamentformen als in neuen Ausdrucksformen und manieristischen Übersteigerungen äusserten. Einen wesentlichen Vorschub sowohl für die neuen moralischen Ziele der Baukunst als auch für die konkreten Umsetzungen der Bauprogramme in ihrer stilistischen Erscheinung leisteten die Architekturströmungen in England und Nordamerika, wo die Epoche der Reformarchitektur bereits 30–50 Jahre früher eingesetzt hatte. A. W. N. Pugin und vor allem John Ruskin waren für diese Bewegung die wichtigsten englischen Theoretiker, und im deutschen Sprachraum setzte mit Ruskins Tod 1900 und der Übersetzung seiner Werke eine grosse Begeisterungswelle für dessen ästhetische Sichtweisen und Architekturauffassung ein. Die Architekturkritik der mittel- und nordeuropäischen Jahrhundertwende begeisterte sich ungespalten für die Leistungen zahlreicher englischer Architekten (Webb, Shaw, Baillie Scott, Voysey) vor allem hinsichtlich einer zweckmässigen Anlage, Vereinfachung und eines wohnlichen Interieurs, ebenso für die Werke des amerikanischen Architekten Henry H. Richardson und dessen Gefolgschaft, die sowohl mit ihrer romanesken Monumentalität als auch mit den charaktervollen Wohnhäusern einen unbekümmerteren und doch stilsicheren Umgang mit dem europäischen Erbe zu einem individuellen nationalen Stil synthetisierten. Die „naive Eigenart“ des amerikanischen Baustils im Sog Richardsons bildete eine treffliche Antwort auf die Suche nach neuen „malerischen“ Gesamterscheinungen und (Pathos-)Formeln, die – ohne beliebige Kopie zu sein – im historischen Bauerbe verankert waren, jedoch vielmehr von einer Ausdruckshaftigkeit des Schweren, Einheitlichen und Physiognomischen lebten als von der Wahl eines Stilrepertoires einer bestimmten Epoche. Die Werke waren gewissermassen eklektizistisch, durch den einheitlichen Ausdruck jedoch primär charakterstark und entsprachen dem so fieberhaft gesuchten Ausdrucksstil anstelle der abgeleierten Epochenstile. Anpassung, Vereinfachung, Aussenbau als Abbild des inneren Organismus bildeten die Schlagworte, unter denen man damals eine „moderne“ Architektur verstand, und darin war die anglo-amerikanische Architekturbewegung dem europäischen Kontinent – wie hier seinerzeit nicht ohne Neid auch eingestanden wurde – einen bedeutenden und folgenreichen Schritt vorausgegangen.
Die Gleichzeitigkeit der Transformierung heimischen Formenguts einerseits und der Verpflichtung auf eine internationale Moderne andererseits bilden die thematischen Pole der Arbeit. Die Inszenierung des Heimischen verlagerte sich im Untersuchungszeitraum von ersten Versuchen formaler Wiederaufnahmen regionaltypischer Bauformen zu einer ganzheitlichen, am Aussenbau und im Innenraum erkennbaren Hausmetapher bis zum Primat einer gartenstädtischen Gesamtanlage im Einfluss der ‚Um 1800’-Bewegung, in welcher der Kirchenbau von Wohnhauskolonien umgeben ist und damit Teil eines städtebaulichen Organismus geworden ist. Mit dieser Zeitachse einher ging die künstlerische Haltung, die sich vom Schematismus des Historismus abwandte und immer mehr zu einer Ausweitung der räumlichen Ganzheit und Einheitlichkeit strebte, entsprechend von einem Individualismus über eine Charakterkunst zu Raumkunst und schliesslich den Typisierungen entsprechend der Werkbund-Ideen führte. Quellenmässig wird der Diskurs vorwiegend anhand von Zeitschriftenbeiträgen aus der Epoche sowie konkreten Baukommissionsprotokollen und Planmaterialien untersucht und rekonstruiert. Damit wird eine bislang häufig übergangene Periode der Kirchenbaugeschichte dargestellt und gleichzeitig in die Epoche der Reformarchitektur und deren Entwicklung neue Einblicke gewonnen.