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Ich bin seit drei Monaten zurück von meiner Stage in Nepal. Soeben haben dort Lokalwahlen stattgefunden. Zum ersten Mal seit 20 Jahren konnten die Nepalis selber bestimmen, wer in ihren Gemeinde und ihrer Region das Sagen haben soll.
Während wir hier zur fast gleichen Zeit über die künftige Energiepolitik unseres Landes entscheiden durften, mussten die Nepalis einfach nur froh sein, dass ihre Stimme überhaupt gezählt wird. Auch wenn sie dafür wie Tulsi Gurung und seine Familie eine 30-stündige Reise auf sich nehmen müssen. Auch wenn sie nur sehr vorsichtig formulierte Hoffnungen in die gewählten Politiker haben. Ein etwas kürzerer Weg zur nächsten Wasserquelle etwa, ein Kredit für eine Nähmaschine, eine feste Anstellung, eine gute Ausbildung für den Sohn oder die Tochter.
Ein grosser Graben
Wie gross der Graben zwischen der Schweiz und Nepal ist, hat mir auch mein Arbeitskollege Sashwat vor Augen geführt. Er ist anfangs 30 und lebt bei seinen Eltern. Sechs Tage die Woche läuft er 50 Minuten zur Arbeit, durch den dichten Smog und das Verkehrschaos. Sashwat hat einen Master in Politologie, hervorragende Englischkenntnisse und er wird möglicherweise bald eine Doktorarbeit in Angriff nehmen. Er konnte im Ausland studieren. Er ist, im Vergleich zu den meisten seiner Landsleute, privilegiert. Und trotzdem sind seine Zukunftsaussichten sehr bescheiden.
Als Mitglied des Redigier-Teams wird er zwar besser bezahlt als ein Reporter, grosse Aufstiegschancen hat er trotzdem nicht. Seine beste Hoffnung ist, bei der Regierung eine Stelle zu finden. Die Aufnahmeprüfungen für diese Stellen sind hart und die meisten Bewerber scheiden aus.
Seine tolle Ausbildung nützt ihm nur beschränkt, denn Nepals Wirtschaft ist durch die politische Instabilität gelähmt. Es erstaunt darum nicht, dass so viele junge Nepalis als ungelernte Gastarbeiter im Nahen Osten ihr Glück versuchen. Dort ist der (relativ) gute Lohn auf sicher, auch wenn die Arbeitsbedingungen schrecklich sind.
Korruption und Leerlauf
Wie Nepal aus seiner Armutsspirale herausfinden könnte, weiss niemand. Einige sagen, man müsse zuerst die Wirtschaft ankurbeln. Dann würden die Korruption und der Leerlauf in der Politik ein Ende nehmen. Andere sagen, dass erst politische Stabilität den Boden für eine gesunde Wirtschaft legen kann.
Ich habe die Nepalis in meiner kurzen Zeit im Land als sehr stolz und abgeklärt erlebt. Sie sind skeptisch gegenüber internationalen Organisationen und gegenüber Hilfsprojekten. Es gibt einfach zu viele Beispiele von gut gemeinten Initiativen, welche nach ein paar Monaten, Jahren oder Jahrzehnten versanden und die Menschen so arm und hilflos zurücklassen wie zuvor. Sie sind aber auch skeptisch gegenüber den eigenen Politikern, die seit Jahren mit leeren Versprechungen hantieren.
Die Stage hat mir einen kurzen Einblick in Land erlaubt, dessen Komplexität, materielle Armut und kultureller Reichtum mich überwältigt zurückgelassen hat. Sie hat mir gezeigt, wie problematisch unser oft paternalistisches Bild der Entwicklungshilfe ist. Dass Nepal nicht nur was den Wiederaufbau nach dem Erdbeben eine Baustelle ist, sondern auch politisch und gesellschaftlich. Und, dass es wirklich keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen gibt.