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«Schreiben Sie kurze Sätze. Mit fünf Wörtern. Maximal. Das ist guter, moderner Stil.» Klingt gut, oder? Stimmt nur nicht ganz.
Wer voll auf kurze Sätze setzt, erreicht wenig – ausser, wie ein Holzfäller auf Steroiden zu wirken. Weil er. Zwanghaft! Nach jedem. Zweiten Wort. Ein Satzzeichen. Setzen muss.
Geübten Schreibern steht mit unterschiedlichen Satzlängen ein ganzes Arsenal an Instrumenten zur Verfügung, um jedem Text seinen ureigenen Rhythmus zu verpassen. Vernünftig portioniert finden sie alle ihren Platz: von kurzen Stakkato- bis zu ultralangen Bandwurmsätzen.
Mittellange Sätze: der Grundton im Text
- Sie atmet hastig, ist rastlos und verwirrt. Was gerade passiert ist, hat sie noch nicht realisiert.
Der Grundton eines jeden Texts. Mittellange Sätze bestehen aus einem Hauptsatz und maximal zwei Nebensätzen. Sie garantieren einen angenehmen Lesefluss und gute Verständlichkeit. Aber es ist schwer, mit ihnen Akzente zu setzen.
Stakkatosätze: Tempo. Spannung. Verständlichkeit.
- Sie atmet hastig. Ist rastlos. Und verwirrt. Was ist gerade passiert? Sie hat es noch nicht realisiert.
Im Stakkatostil reiht man kurze, zum Teil unvollständige Sätze aneinander. Der Name fusst auf der Staccato-Notation, die Sie vielleicht noch aus dem Musikunterricht kennen. Abgehackt wie beim Orchester sollen dann auch die Texte klingen. Was man sich davon verspricht? Bessere Verständlichkeit, Tempo und Spannung.
Der Nachteil: Diese Spannung steht nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wer seine Geschichte mit Explosionen überfrachtet und ihr keinen Raum gibt, sich zu entfalten, verliert irgendwann auch den letzten Leser. Wie bei einem dieser Avengers-Filme: Schon am Kinoausgang weiss niemand mehr, worum es eigentlich ging.
Bandwurmsätze: für mehr Tiefe im Text
- Sie atmet hastig, ist rastlos und verwirrt, weil sie noch nicht realisiert hat, was gerade passiert ist.
Der Bandwurmsatz kombiniert meist einen Hauptsatz mit vielen Nebensätzen. Im Gegensatz zum Stakkato verlangsamt er das Erzähltempo. Das führt zu Gemächlichkeit und – bei zu häufigem Einsatz – Ermüdungserscheinungen beim Leser. Zurückhaltend eingesetzt lässt sich mit ihm aber auch die Konzentration steigern, da sich der Leser intensiver mit dem Text auseinandersetzen muss, um dem Inhalt folgen zu können.
Schachtelsätze: Wenn es verwirrend wird.
- Sie atmet hastig, erfüllt von Rastlosigkeit und Verwirrung, die davon herrühren, dass sie noch nicht realisiert hat, was gerade passiert ist.
Der Schachtelsatz zeichnet sich durch viele Relativbezüge aus. Um das Chaos zu entwirren, braucht der Leser oft mehrere Anläufe. Darum eignet sich die Satzart besonders, um die Unklarheit bzw. Mehrdeutigkeit einer Situation zu unterstreichen. Wie in gefühlsbetonten Szenen eines Romans. Dafür sind diese Sätze auf Dauer anstrengend und ein einheitliches Verständnis ist nicht gewährleistet. Zurückhaltung ist also angebracht.
Dialoge: Keep it simple.
- «Warum atmest du so hastig?», fragte er. Sie erwiderte: «Ich weiss es nicht. Was ist gerade passiert?».
Halten Sie die Sätze in Dialogen kurz bis maximal mittellang. Alles andere wirkt unglaubwürdig und gestelzt. Die gesprochene Sprache ist ja tendenziell weniger aufgebläht als Schriftliches.
Und was heisst das nun für meinen Text?
Natürlich haben Stakkato-Sätze ihre Berechtigung. Und sind nicht zuletzt bei Supertext ein zentrales Stilmittel. Ganz ohne längere Sätze kommt aber kaum ein Text aus. Erst diese verführen den Leser, ziehen ihn tiefer in die Materie.
Wichtig ist, sich im Schreibprozess der Wirkung verschiedener Satzlängen bewusst zu sein. Und sie dann entsprechend einzusetzen. Versuchen Sie beim nächsten Text einmal, zuerst nur mittellange Sätze zu verwenden. So fällt es leichter, einen logischen Ablauf in den Text zu bringen. Erst wenn dieses Gerüst steht, beginnen Sie nochmal am Anfang. Und setzen mit verschiedenen Satzlängen bewusst Akzente. Zum Beispiel mit einer Überraschung am Schluss. Einer kurzen.
Titelbild via Pixabay (CC0)