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Der Fussball liegt der Familie Rossini im Blut. Alles begann mit Leandro Rossini, dem Grossvater von Patrick Rossini. In den 1960er-Jahren spielte der Torhüter für die AC Bellinzona. Dort gilt der «schwarze Panther» noch heute als Legende.
Patrick Rossini startete seine Laufbahn im Alter von vier Jahren beim lokalen Club US Sant’Antonino – unter der Leitung seines Vaters. Gemeinsam mit seinen Geschwistern Diana und Jonathan wuchs er in einer fussballverrückten Tessiner Familie auf. Auch Jonathan – ein Jahr jünger als Patrick – machte seine Leidenschaft zum Beruf und spielt aktuell bei Savona FBC in der dritthöchsten italienischen Spielklasse. Der gross gewachsene Abwehrspieler galt einst als Perspektivspieler der Schweizer Nationalmannschaft und bestritt vor sechs Jahren unter Ottmar Hitzfeld sein bisher einziges Länderspiel gegen Uruguay.
Im Gegensatz zu seinem Bruder mass Patrick Rossini als 16-Jähriger nur knapp 1,60 Meter. «Natürlich war ich durch meine Grösse häufig benachteiligt, andererseits wurde ich dadurch technisch besser und habe mehr mitgedacht», so Rossini, dem zu dieser Zeit viele Leute rieten, besser mit dem Fussballspielen aufzuhören und einen anderen Beruf anzustreben. Schliesslich fand ein Arzt heraus, dass Rossini an einer Gluten-Allergie leidet. Dank entsprechender Behandlung wuchs er innert zweier Jahre noch rund 20 Zentimeter. Als 17-Jähriger debütierte Rossini für die AC Bellinzona in der Challenge League. In den folgenden Monaten blieb es jedoch bei wenigen Einsätzen, sodass er eine Luftveränderung anstrebte und schliesslich im Nachwuchs des italienischen Spitzenclubs Inter Mailand landete.
Bei den Nerazzurri hinterliessen vor allem die Infrastruktur und die Trainingsbedingungen einen nachhaltigen Eindruck bei Rossini. Zurück in der Schweiz machte er mit einer hervorragenden Torquote beim FC Ascona in der 2. Liga Interregional auf sich aufmerksam und wechselte daraufhin zurück in die Challenge League zum FC Locarno. Nach einem harzigen Auftakt sowie einem halbjährigen Leihengagement bei italienischen Serie-D-Verein ASDC Borgomanero kam Rossini im zweiten Jahr immer mehr auf Touren und dankte seine vermehrten Einsatzzeiten mit Toren.
«René Weiler wusste, dass ich immer vollen Einsatz gebe.»
Im Sommer 2010 zog es Rossini zum FC Schaffhausen, wo er sich endgültig durchzusetzen vermochte – auch wenn die traumhafte Statistik von 69 Toren in 106 Pflichtspielen für die Munotstädter etwas über den harzigen Start hinwegzutäuschen vermag. Damals wurde Schaffhausen vom späteren FCA-Aufstiegstrainer René Weiler trainiert. Dieser setzte Rossini praktisch auf jeder Position ein. «Der Trainer wusste, dass ich immer vollen Einsatz gebe, was mir jeweils die noch freie Position oder eine Jokerrolle einbrachte», erinnert sich Rossini. Im April 2011 zog er sich einen Kreuzbandriss im rechten Knie zu und fiel deswegen fast ein Jahr aus – mit einem aussergewöhnlichen Ergebnis.
Karrierekick nach Kreuzbandriss
«Die Verletzung hat vieles in meinem Kopf verändert. Ich wurde freier und konnte mich über kleine Fortschritte freuen», so Rossini. Er glaube, dass Fussball zur Hälfte im Kopf entschieden werde. Er trainierte seinen Kopf, indem er unzählige Spiele schaute und sich Laufwege und Taktiken einprägte. Das Training schien erfolgreich gewesen zu sein, denn nach seiner Genesung war er massgeblich daran beteiligt, dass Schaffhausen dank zwei Aufstiegen zurück in die Challenge League kehrte. Dort erzielte er in der Saison 2013/14 insgesamt 22 Tore, was ihm den Titel des Torschützenkönigs einbrachte. Und nicht nur: Diese Erfolge öffneten ihm auch die Türe zur Super League, wo er sich dem FC Zürich anschloss.
Er habe sich extrem gefreut, zu einem Club mit einer ruhmreichen Geschichte zu wechseln, sei aber rasch mit schwierigen Situationen konfrontiert worden. «In der Super League musst du sofort Resultate bringen, sonst bist du weg.» Im halben Jahr unter Trainer Urs Meier kam Rossini nur zu 13 Teileinsätzen und wurde schliesslich an den FC Lugano ausgeliehen. Dort ging sein Torreigen weiter – mit sieben Goals hatte er massgeblichen Anteil am Wiederaufstieg der Tessiner im vergangenen Sommer. Die Erinnerungen sind noch sehr präsent: «Ich bin sehr stolz, zur Aufstiegsmannschaft gehört zu haben.» Auf die Aufstiegsfreude folgte der Schock: «In den Ferien habe ich im Internet erfahren, dass mich der FCZ per sofort entlassen hatte», erinnert sich Rossini. Was war passiert? Patrick Rossini war zum Gesicht des «Fremdprämien-Skandals» geworden.
«Ich fand nichts Verwerfliches daran, jemanden mit einer Prämie zu motivieren.»
Ihm wurde – wie auch Igor Djuric – vorgeworfen, den Ex-Kollegen vom FC Schaffhausen einen namhaften Geldbetrag versprochen zu haben, wenn sie im Spiel gegen Servette gewinnen und damit dem FC Lugano indirekt im Aufstiegskampf helfen würden. Der Urheber wurde zwar nie bekannt, doch war Rossini als «Kontaktperson» beteiligt. Als der Deal aufflog, brach eine mediale Hetzjagd über die beiden Spieler herein, gefolgt von Spielsperren und Bussen. «Ich fand nichts Verwerfliches daran, jemanden mit einer Prämie zu motivieren. Wäre es um eine Niederlage gegangen, hätte ich niemals mitgemacht», sagte Rossini. Dies sah auch die Swiss Football League ein, sodass die Strafen nach einem Rekurs drastisch reduziert wurden. Nicht so jedoch der FCZ, welcher an seiner Kündigung festhielt.
Vor Einigung mit Chiasso
Nach drei Wochen der Unklarheit offerierte ihm Lugano einen Vertrag und Rossini entschied sich gegen weitere Angebote, unter anderem aus Aarau. In der Hinrunde traf Rossini vier Mal für die Bianconeri. Dennoch war er im System von Lugano-Trainer Zdenek Zeman nicht gut aufgehoben, sodass im Winter nach einer neuen Lösung gesucht wurde. Eine Einigung mit dem FC Chiasso war zum Greifen nahe, doch wenige Stunden vor der Unterschrift erreichte Rossini ein Anruf von Raimondo Ponte. «Ich führte Gespräche mit dem Präsidenten, mit dem Trainer und dem Sportchef und spürte sofort ihr Vertrauen», so Rossini. Er sei vom Projekt begeistert gewesen und habe sich deshalb für den FC Aarau entschieden, verbunden mit einer Option für die definitive Übernahme.
Begeistert zeigt sich Rossini auch von den FCA-Fans: «Es ist sensationell, wenn du als Letzter der Challenge League an einem Spiel im Winter über 3200 Fans hast, die dich lautstark unterstützen.» In Aarau sieht sich Rossini nicht auf der Durchreise. Er will sich längerfristig hier etablieren; seine Ehefrau Eleonora ist mit den gemeinsamen Kindern Leonardo und Vittoria bereits in die Wohnung in Buchs eingezogen. Mit Eleonora ist Rossini schon seit Jugendjahren zusammen. Immer habe sie ihn unterstützt; auch aktuell ist sie an jedem Spiel anwesend. Und Sohn Leonardo will nach den Spielen immer auf den Platz kommen, um zusammen mit seinem Vater gegen den Ball zu treten.
Beim Gespräch sorgte Rossini selbst für ein passendes Schlusswort: «Ich möchte nicht nur über die Zukunft beim FCA sprechen, sondern mit meinen Leistungen Taten sprechen lassen, um selbst einmal einen wichtigen Platz in der Vereinsgeschichte einzunehmen.»
Matchzeitung Nr. 13 (2015/16) lesen
Dieser Artikel ist am 28. Februar 2016 in der Ausgabe Nr. 13 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Le Mont-sur-Lausanne erschienen.