Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03574.jsonl.gz/794

Neue ausserordentliche Professur - Julien Cujean
Er studierte in Lausanne, war als Gastforscher am MIT tätig, unterrichtete an der University of Maryland und lehrt nun an der Uni Bern. Lesen Sie im Interview mit Julien Cujean alles über seine Vorlesungen und seine Faszination von Bern.
Text von Julien Cujean und Daria Schmid
Herr Cujean, erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang.
Ich wuchs in der Nähe von Nyon auf und absolvierte mein Studium hauptsächlich an der Université de Lausanne. Meinen PhD erhielt ich anschliessend an der EPFL. Während meiner Doktoratszeit besuchte ich als Gastwissenschaftler das MIT, Massachusetts Institute of Technology. Nach Abschluss meines PhD erhielt ich eine Stelle als Assistenzprofessor an der University of Maryland in Washington DC; welche ich die letzten fünf Jahre innehatte.
Seit Anfang Juni 2018 arbeiten Sie nun an der Universität Bern. Worauf hat sich Ihre Forschung in dieser Zeit hauptsächlich fokussiert?
Der Fokus meiner Forschung liegt in der Rolle eines Ökonometrikers im Gleichgewichtskontext. In vielen Situationen agiert dieser als aussenstehender Beobachter, der eine ökonomische Hypothese anhand von statistischen Tests untersucht. Da der Ökonometriker aber weniger detaillierte Informationen besitzt als der wirtschaftliche Akteur, welcher durch seine Entscheidungen die Realisierung von empirisch messbaren Variablen beeinflusst, interpretiert er die Daten anders als dieser. Diese differenzierte Wahrnehmung kann dazu führen, dass gewisse Schlussfolgerungen, welche der Ökonometriker aus den Tests zieht, verzerrt sind. Oftmals wird eine solche Informationsverzerrung aber nicht diskutiert, obwohl dies für eine korrekte Interpretation der Resultate erforderlich wäre. Meine Forschung zeigt nun, dass diese Informationsverzerrungen in unterschiedlichen Gleichgewichtskonzepten zu einem grossen Teil helfen, allgegenwärtige «Anomalien» zu erklären. Beispielsweise lässt sich die Momentumanomalie der Aktienrenditen - die Tatsache, dass sich die Renditen im Durchschnitt kurzfristig in die gleiche Richtung bewegen - in einem Umfeld erklären, in dem die Informationen der Wirtschaftsakteure dezentralisiert, die Märkte jedoch zentralisiert sind.
Was können Sie uns zu den Vorlesungen erzählen, die Sie halten werden?
Einerseits werde ich eine Vorlesung zum Thema Derivate und andererseits eine zu Finanzanlagen und Investitionsentscheiden halten. Dabei fokussiert die erste Vorlesung vor allem auf die Bewertung und Absicherung von Derivaten, was ja den Kern der Finanztheorie darstellt. In den 60er-Jahren begannen drei Forscher, Black Fisher, Myron Scholes und Robert Merton, an Optionspreismodellen zu arbeiten und Merton und Scholes erhielten dafür 30 Jahre später den Wirtschaftsnobelpreis. Ihre Arbeit führte dazu, dass wir heute deutlich mehr über das Risiko und die Bewertung von Optionen wissen als zuvor. In der Vorlesung werde ich versuchen, dieses Wissen an die Studierenden weiterzugeben. Ein weiterer Eckpunkt in der modernen Finanztheorie ist die Mittelwert-Varianz-Analyse von Portfolios, geprägt von Harry Markowitz – eine Thematik, welche ebenfalls mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.
Was mögen Sie am meisten an Bern?
Die Stadt Bern ist reich an architektonischen Schätzen und es scheint keinen grösseren Hinweis darauf zu geben, als die Altstadt selbst, die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Aber um wirklich ein Gefühl für ihre Schönheit zu bekommen, muss man durch die bezaubernden Gassen laufen, sich Zeit nehmen, um den verschiedenen Figuren beim Drehen am Zytgloggeturm zuzuschauen und einen Kaffee auf der Münsterplattform zu trinken. Ehrlich gesagt, was mich, nach 5 Jahren in den USA, wirklich berührt, ist, meine Kinder auf dem Bundesplatz unter den Wasserfontänen durchrennen zu sehen - dies ist deutlich schöner, als mit ihnen einen Wasserpark in den USA zu besuchen.