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Keine landwirtschaftliche Branche war im 20. Jahrhundert so eng mit dem Staat verknüpft wie der Getreide- und vor allem der Saatgutbereich. Die Organsierung der Saatgutproduzenten im Ersten Weltkrieg geschah auf Anstoss des Staates, die Neuorganisation in den Neunzigerjahren war eine Reaktion auf den Rückzug des Staates aus dem Getreidesektor. Nachzulesen ist die Geschichte der Schweizer Pflanzenzucht im Buch "Züchten, Säen, Ernten" des Agrarhistorikers Peter Moser.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die gelbe Schweiz der Weizenfelder langsam zur grünen Schweiz mit Gras- und Viehwirtschaft. Die letzte Phase vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg sei mit der heutigen Phase in vielen Punkten vergleichbar, schreibt Moser. Es herrschte die Meinung vor, die Schweiz müsse sich auf wettbewerbsfähige Produktionszweige konzentrieren und demzufolge auf Viehwirtschaft setzen. So auch bei den agrarpolitischen Entscheidungsträgern, etwa beim ersten Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes, Ernst Laur. Diese Sicht der Dinge erwies sich als verhängnisvoll, führte doch der Erste Weltkrieg in der Schweiz zu einer Hungersnot.
Getreidebau auf staatlichen Zwang hin
Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg setzte der Bund einen Ausbau der Getreide- und Kartoffelproduktion durch, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Legendär ist die "Anbauschlacht" nach dem Plan Wahlen im Zweiten Weltkrieg. Zwischen und nach den Kriegen behielt die Agrarpolitik diese Strategie bei und versuchte weiterhin, den Ackerbau als Rückgrat einer Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln hochzuhalten.
Die Bauern gingen aber in der Zwischen- und in der Nachkriegszeit rasch wieder zur Graswirtschaft über. Entscheidend war laut Moser, dass der Brotgetreidepreis im Gegensatz zum Milchpreis trotz der staatlichen Stützung auf den kleinen und mittleren Betrieben die Produktionskosten nicht decken konnte. Ein weiterer Grund war, dass auch die Bauern immer mehr auf Bargeld für das tägliche Leben angewiesen waren. Dafür war das monatlich ausbezahlte Milchgeld besser geeignet als die jährliche Entschädigung für das Brotgetreide. Der Getreideanbau wurde deshalb auf vielen Höfen nur noch zur Selbstversorgung und für die Viehhaltung betrieben, sehr zum Missfallen der Agrarpolitik und der "agrarischen Elite". So nennt Moser die Funktionäre des Schweizerische Bauernverbandes und des Schweizerischen Landwirtschaftlichen Vereins (SLV). Der SLV war ein Zusammenschluss der im 19. Jahrhundert entstandenen kantonalen landwirtschaftlichen Vereine. Allgemeine Kritik an der "Vergrasung" der Schweiz war ebenso zu hören wie etwa die Klage des Aargauer Nationalrates Roman Abt, dass ein reiner Viehwirtschaftsbetrieb "selbstverständlich kein gesunder Landwirtschaftsbetrieb mehr sei".
Der technische Fortschritt führt zu Überschüssen
Die Getreideproduktion stieg dann ab den Siebzigerjahren wieder an, aber nicht, weil die Bauern ihre Prioritäten geändert hätten. Vielmehr sorgten Fortschritte in der Pflanzenzüchtung und die Entwicklung neuer Hilfsstoffe und besserer Anbautechniken für die Steigerung.
1984 musste der Bund erstmals mehr Brotgetreide kaufen, als er den Mühlen zuteilen konnte. Weil die Bundeskasse in den folgenden Jahren mehrmals durch die Kosten der Deklassierung zu Futtergetreide belastet wurde, führte der Bund 1990 Verwertungskostenbeiträge ein, mit denen sich die Produzenten die entstehenden Kosten teilen mussten. Davon blieben nur die Bioproduzenten ausgenommen, weil dort der Inlandbedarf nicht gedeckt wurde (und bis heute nicht gedeckt ist). Mit den Verwertungskostenbeiträgen war der sukzessive Ausstieg des Bundes aus dem Getreidesektor eingeläutet.
Saatgutproduzenten als treue Helfer
Peter Moser sieht die Saatgutproduzenten als treue Helfer für Staat und Wissenschaft. Bezeichnend für das Verhältnis zwischen Saatgutproduktion und Staat ist bereits die Entstehung der Organisationsstrukturen, wie sie Moser beschreibt. Der Saatzuchtverband kam zustande, weil der Bund und die landwirtschaftlichen Versuchsanstalten in Lausanne und Oerlikon an einer Organisierung der Saatzucht interessiert waren. Die Versuchsanstalten wünschten, dass ihre neuen Züchtungen gut gereinigt und sortiert in Umlauf kamen. Dies war nur möglich, wenn sich die Saatgutzüchter regional zusammentaten, um gemeinsam eine Getreidereinigungsanlage anzuschaffen. So entstanden zwischen 1916 bis 1919 die regionalen Saatzuchtgenossenschaften, deren Aufgabe die Reinigung, Sortierung und der Verkauf des Getreides war. Deren Leiter waren meist Landwirtschaftslehrer, Agrarpolitiker oder Verwalter von Gutsbetrieben, aber keine Saatzüchter.
Die Versuchsanstalten beriefen während der Kriegswirtschaft Konferenzen mit den Leitern der regionalen Saatzuchtgenossenschaften ein, um die Strategie der Ernährungssicherung wirksam umzusetzen. Nach dem Krieg bemühten sich die Bundesbehörden und die Versuchsanstalten, die enge Zusammenarbeit beizubehalten. So ging 1921 aus den Saatzuchtgenossenschaften der Schweizerische Saatzuchtverband hervor.
Die Wissenschaft züchte, die Bauern vermehren
In den neu gegründeten Genossenschaften und im Verband ergab sich eine gewisse Spannung schon dadurch, dass der Staat und die Wissenschaft – namentlich die landwirtschaftliche Versuchsanstalt Oerlikon, die heutige Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau (FAL) in Reckenholz – Vermehrer suchten, die Bauern selber sich aber als Züchter verstanden. Für Moser war aber unabhängig von der Tatsache, dass immer auch die Produzenten in den Verbandsorganen vertreten waren, der Saatzuchtverband letztlich ein erfolgreicher Versuch, die Bauern von der wissenschaftlichen Kreuzung zu überzeugen anstelle der bäuerlichen Selbstvermehrung (siehe Kasten).
Das Verhältnis zwischen Versuchsanstalten und Verband war aus Sicht von Moser klar hierarchisch. Erstere leiteten die Saatzucht und prüften die Sorten, letztere vermehrte sie. Diese Aufgabenteilung wurde auch vom Saatzuchtverband nie in Frage gestellt.
Das Verhältnis zwischen Bund und Verband war ein symbiotisches, wie Moser schreibt. Der Staat brauchte den Verband als ausführendes Organ, um den Getreidesektor in seinem Sinne zu führen. Der Verband war seinerseits auf die Unterstützung des Staates angewiesen, nicht zuletzt wegen der Bundesbeiträge für das Getreide. Aus Sicht des Verbandes war man dem Bund zu Dank verpflichtet, dafür, dass er sich für den Getreidesektor einsetzte. Deshalb kam es auch kaum zu Konflikten zwischen Verband und Staat. Die Saatgutproduzenten beteiligten sich an keiner der grossen Bauerndemonstrationen vor dem Bundeshaus.
Von der Auslese zu Hybriden
wy. Die landwirtschaftliche Versuchsanstalt Lausanne begann 1898 mit der Getreidezüchtung durch Auslese. Direktor Gustave Martinet interessierte sich aber nicht gross für den Aufschwung, den die Züchtung durch die Kreuzungslehre von Gregor Mendel erhielt. Die Bundesbehörden beauftragten deshalb den Direktor der Versuchsanstalt Oerlikon, Albert Volkart, damit, Getreideanbauversuche nach der Kreuzungsmethode aufzunehmen. Diese Konkurrenzierung führte zwar zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern, die vom Bund gewünschte gesamtschweizerische Zusammenfassung der Züchtungsbestrebungen war aber dadurch nicht gefährdet. Die Pflanzenbaukommission des Schweizerischen Landwirtschaftlichen Vereins sorgte schliesslich dafür, dass die Kreuzungsmethode auch in Lausanne Einzug hielt und auch dafür, dass die Forscher in beiden Versuchsanstalten einen besseren Kontakt zu den Praktikern erhielten. Diese letzte Aufgabe übernahmen im Ersten Weltkrieg die so genannten Kriegskonferenzen und danach der neu gegründete Saatzuchtverband.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ging die Pflanzenzucht immer mehr vom Staat zum Verband, vor allem aber zu multinationalen Saatgutkonzernen über, die mit der kommerziell interessanten so genannten Hybridzüchtung arbeiten. Dabei werden durch Inzucht unterschiedliche Elternlinien gezüchtet. Für die Produktion des Saatguts werden beide Linien gekreuzt. Daraus entsteht Saatgut, mit dem grössere Ernten erzielt werden können. Dieser so genannte Heterosis-Effekt geht aber schon in der zweiten Generation wieder verloren, so dass die Bauern neues Saatgut kaufen müssen. Bei Mais, Raps und Zuckerrüben setzen sich Hybridsorten langsam durch. Auch beim Weizen geht der Trend in diese Richtung, obwohl die Hybridzüchtung beim Weizen schwieriger anzuwenden ist.
Auch der Verband befasst sich mit der Zucht
Ein wichtiges Ziel für die Versuchsanstalten war anfangs die Sortenbereinigung. In der Schweiz sollten nur noch wenige Sorten angebaut werden, die optimale Eigenschaften für den Anbau und die Verarbeitung aufwiesen. Dies einerseits, um die aufwendigen Sortenprüfungen beschränken zu können und so in den Versuchsanstalten Ressourcen zu sparen. Andererseits hatte der Bund ein Interesse daran, bereits bei der Produktion die Qualität zu steuern, weil er gesetzlich zur Übernahme des ganzen Brotgetreides verpflichtet war.
Die Zahl der Sorten, die bis Mitte der Dreissigerjahre auf ganze sieben beschränkt wurde, nahm in der Nachkriegszeit wieder zu, weil immer unterschiedlichere Wünsche zur Suche nach neuen Sorten im Ausland führte. Dies hatte zur Folge, dass der Verband sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren immer mehr auch selber mit Züchtungsfragen zu befassen begann. 1975 dann beschlossen die Delegierten, einen eigenen Zuchtbetrieb zu schaffen, um die Versuchsanstalten zu entlasten: Der Verband kaufte den 28 Hektaren grossen Gutsbetrieb des Schlosses Delley (FR).
Der Staat zieht sich zurück
In den Neunzigerjahren begann der Bund sich aus dem Getreidesektor und teilweise aus der Pflanzenzüchtung zurückzuziehen. Bereits 1986 hatte er sich an der GATT-Konferenz in Uruguay verpflichtet, den Agrarhandel weiter zu liberalisieren und staatliche Preisstützungen abzubauen. Von den Verwertungskostenbeiträgen, die die Getreideproduzenten ab 1990 für überschüssiges Getreide bezahlen mussten, waren auch die Saatgutproduzenten betroffen: Viele Getreideproduzenten kehrten aus finanziellen Gründen zur Selbstvermehrung zurück. Dadurch hatten die Saatgutvermehrer erstmals sei dem Ersten Weltkrieg wieder Absatzprobleme. Dazu kam, dass der Bund 1992 die Qualitätsprämien für Saatgetreide und die Verbilligungsbeiträge für Saatkartoffeln abschaffte. Im gleichen Jahr wurde die Getreideverwaltung aufgehoben und ins Bundesamt für Landwirtschaft integriert. 1999 dann trat das neue Landwirtschaftsgesetz in Kraft, in dem die Übernahmepflicht des Bundes für Brotgetreide gestrichen wurde. Die Steuerung der Produktion ist seither ganz den Produzenten und Abnehmern überlassen.
Mit den geänderten Rahmenbedingungen sah sich auch der Saatzuchtverband zu Veränderungen veranlasst. 1994 wurde die genossenschaftlich organisierte Saatgutwirtschaft aufgeteilt in die Firma Delley Samen und Pflanzen (DSP) AG und in den Schweizerischen Saatgutproduzentenverband (SSPV) als politische Interessenvertretung. Für die eigentliche Produktion, Aufbereitung und Vermarktung des Saatgutes sollten die Saatzuchtgenossenschaften mit den landwirtschaftlichen Genossenschaften (Landi) als wichtigste Vermarkter in den neuen so genannten Vermehrungsorganisationen enger zusammenarbeiten. Die Landi waren mehrheitlich unter dem Dach der Fenaco.
Trotz der organisatorischen Trennung von Marktakteur und Interessenverband bleiben laut Moser die sachlichen Zusammenhänge eng. Das zeige nur schon die personelle Verflechtung: Der erste Geschäftsführer des SSPV etwa, Joseph Roggo, war gleichzeitig DSP-Geschäftsführer, der heutige SSPV-Präsident, Lienhard Marschall, ist Verwaltungsrat der DSP und neuer Präsident der Fenaco.
Peter Moser, "Züchten, Säen, Ernten". Agrarpolitik, Pflanzenzucht und Saatgutwesen in der Schweiz 1860 -2002", Verlag Hier + Jetzt, 2003
Siehe auch: Josef Lehmann, "Von der Kontrollstation zum Nationalen Zentrum für Agrarökologie" Zürich-Reckenholz 1878 – 2003", FAL 2003