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Zunehmende klimabedingte Naturgefahren
Die Topografie und die geografische Lage von Bangladesh bringt es mit sich, dass die Auswirkungen des Klimawandels zunehmend den Alltag der Menschen bestimmen.
Der Grossteil des Staatsgebiets von Bangladesh liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Das Land liegt am Rand der regenreichen tropischen Zone und wird vom nördlichen Wendekreis geteilt.
Das Himalajagebirge nördlich der Landesgrenze und der warme Indische Ozean im Süden bestimmen das Klima. Der Sommermonsun bringt sintflutartige Regenfälle, heftige Gewitter und verbreitet Erdrutsche. Während des Wintermonsuns gibt es Dürren und Kältewellen. In der Übergangszeit zwischen den beiden Monsunphasen wälzen sich im Frühjahr Schmelzwasserströme ins Gangestiefland und überschwemmen weite Landstriche. Tropische Wirbelstürme ziehen im Frühjahr und ab zu auch im Spätherbst aus südlichen Richtungen gegen die Küsten. Die Tropenstürme treiben salzhaltiges Meerewasser mit Gezeitenunterstützung durch die zahlreichen Flussarme des Gangesdeltas bis weit nach Norden und setzen mit intensiven Regenfällen landesweit ausgedehnte Landstriche unter Wasser.
Am häufigsten ereigneten sich in Bangladesch seit 2006 Katastrophenereignisse im Zusammenhang mit Überschwemmungen der Flüsse, tropischen Zyklonen und Gewitterstürmen. Weniger häufig traten Flutwellen, Gezeitenstürme und Erdrutsche auf. Weitaus am meisten Todesopfer verursachten die tropischen Wirbelstürmen (2006 bis 2016 rund 5'000 Tote) und Flüsse, welche über die Ufer traten (etwa 1'800 Tote).
Nach einem Auswahlverfahren haben die Projektparter zwei Projektgebiete bestimmt:
- Mujibnagar Union im Upazila Char Fasson (Distrikt Bhola, Provinz Barisal)
Wenn es nicht gelingt, vor allem entlang der Südküste die Folgen des Klimawandels zu mildern oder ganz zu stoppen, werden sich nach Prognosen der Regierung in den kommenden Jahrzehnten zwei bis drei Dutzend Millionen Menschen auf den Weg ins Landesinnere machen.
Die Umsiedlung von Teilen der vom Klima bedrohten Bevölkerung ist in Bangladesch keine Option. in Bangladesch gibt nur noch im Südosten Regionen, welche noch nicht landwirtschaftlich intensiv genutzt werden. Das Land ist so dicht besiedelt, so dass für eine Umsiedlung keine oder nur sehr wenig besiedelbare Landreserven zur Verfügung stehen
Projektgebiet: Mujibnagar Union im Upazila Char Fasson (Distrikt Bhola)
Die Mujibnagar Union wurde nach einem festgelegten Kriterienplan überprüft, bewertet und anschliessend als Projektgebiet ausgewählt.
Die Überprüfung erfolgte in 2 Phasen. In einer ersten Phase wurden folgende Kriterien abgeklärt:
1. Grösse
2. Verbindungen zu den adminstrativen Zentren
3. Uferbeschaffenheit und Vorhandensein von Poldern
4. Geländeverbindungen zum Festland
5. Grad der Bodenbeckung mit Vegetation
6. Anzahl Siedlungen
7. Grad der landwirtschaftlichen Entwicklung
Für die erste Phase der Abklärungen kamen Satellitendaten und -bilder sowie GPS-Messungen zum Einsatz. Für das Projekt wurden Inseln gesucht, welche nicht zu klein und auch nicht zu gross sowie…
- relative weit von den administrativen Zentren entfernt liegen
- welche nicht mit dem Festlandbodenkörper verbunden sind
- welche mit Verkehrsmitteln schwierig erreichbar sind
- deren Bevölkerung ausschliesslich von der Landwirtschaft lebt.
In den beiden Projektgebieten wurden anschliessen vor Ort weitere Abklärungen vorgenommen. Vorerst wurden Gefahrenkarten erstellt. Auf diesen Karten sind die Zonen eingezeichnet, welche besonders stark den Naturgefahren ausgesetzt sind. Klimamodelle lieferten mögliche Szenarien für das Fortschreiten des Meerespiegelanstiegs, der Bodenversalzung, der Bdenerosion usw.
Der Klimatrend für den Char Fasson Distrikt während derBeobachtungsperiode 1970 - 2010 war eindeutig:
- Anstieg der mittleren Jahrestemperatur von rund 26°C auf rund 26,5°C
- Anstieg der Summe der jährlichen Niederschläge von ca. 2'500 mm auf rund 3'000 mm.
Die Klimaforscher gehen davon aus, dass sich das Klima für Mujibnagar wie folgt entwickeln wird:
- höhere Jahresmitteltemperaturen und grössere Jahresniederschlagsmengen
- die Regenzeiten werden immer weniger klimatischen Regeln folgen
- bei Hochwasserereignissen werden die Anzahl und die Intensitäten ansteigen
- es wird nicht mehr, sondern viel stärkere tropische Wirbelstürme geben
- die Versalzung des Grundwassers als Folge des Meerespiegelanstiegs wird sich fortsetzen
Mit Ortsbesichtigungen und Befragungen wurden Bedürfnisse der Bevölkerungen abgeklärt.
Mujibnagar Union
Adminstrativ ist Bangladesh in Distrikte, Upazilas (Bezirke) und Unions (Gemeinden) aufgeteilt. Die Unions sind aus verschiedenen Wards (Ortsteilen) zusammengesetzt. Die einzelnen Wards werden numeriert.
Die Mujibnagar Union besteht aus Flussinseln aus erodierbarem Sedimentmaterial und gehört zur Upazila Char Fasson und damit zum Bhola Distrikt, welcher in der Provinz Barisal liegt. Die Mujibnagar Union wird den Küsteninseln und jedch nicht mehr den Sundarbans zugerechnet.
Mujibnagar erstreckt sich am Westufer des Gauranga Rivers über eine Fläche von 2'650 ha und besteht aus den 4 Mauzas (Inseln) Char Lewllin, Char Manohar, Char Motahar und Char Sikder. Die Union ist in 9 Wards eingeteilt.
Der Fluss Gauranga entwässert etwa 15% der Wassermassen des Flusssystems Ganges, Brahmaputra und Meghna (GBM).
2'400 ha der Inselflächen können für die Landwirtschaft genutzt werden. 2'200 ha Land sind bewässert. Ein dichtes Netz von Bewässerungskanälen überzieht daher den Char.
60% der Agraflächen werden im Pachtverhältnis bewirtschaftet. Lediglich 40% der Bauern bewirtschaften eigenes Land. Auf den Charinseln werden vor allem Reis, Weizen, Kartoffeln und Wassermelonenangebaut.
Es gibt keine Betriebe, welche sich der Viehwirtschaft widmen. Gross- und Kleinvieh wird mehrheitlich lediglich in den Hauhalten zur Eigenversorgung genutzt. Neben der Beschäftigung in der Landwirtschaft gibt es kaum weitere Arbeitsmöglichkeiten. Nur 22% der Bevölkerung sehen sich in einem Angestelltenverhältnis.
In Mujibnagar leben verteilt in rund 2'000 Haushalten etwa 10'500 Menschen (davon rund 48% Frauen), welche sich mehrheitlich zum Islam bekennen. Die Bevölkerungsdichte beträgt ca. 400 Einwohner pro km2.
Nur etwa 22% der Bevölkerung der Union kann Lesen und Schreiben.
Klimaszenarien zeigen, dass die Region künftig von Meeresspiegelanstieg und damit von der Bodenversalzung etwas weniger stark betroffen sein wird als die Gebiete westlich des Flusses Gauranga, also die Sundarbans.
Lediglich 16% der Einwohner benutzen die traditionellen Latrinen ("Plumpsklo"). Der Rest erledigt die Notdurft irgendwo im Gelände.
Nur wenige Einwohner sind an das vorhande Stromnetz angeschlossen.
Das Strassennetz umfasst 46 km unbefestigte Wege, welche während der Regenzeit kaum benutzbar sind. Lediglich 4 km Strassen haben einen festen Belag. Es gibt keine Brücken.
Die Gesundheits- und Kommunikationsinfrastruktur ist in Mujibnagar äusserst bescheiden. Dieselbe Erkenntnis gilt auch für die Wasser- und Energieversorgung sowie die Verbindungen für den Personen- und Gütertransport.
Die Mehrheit der Bevölkerung nutzt das verschmutzte oder salzhaltige Wasser in den Tümpeln und Flussläufen als Trinkwasser. Die Trinkwasserspeicherung in ruhenden, offenen Gewässern birgt grosse Risiken. Nach Naturereignissen wie Tropenstürmen, Überflutungen, Springfluten droht die Verunreinigung mit menschlichen Abfällen und Exkrementen. Nach solchen Ereignissen traten in den Vergangenheit immer wieder Seuchen wie die Cholera auf.
9 Gesundheitshelfer/innen versorgen von einer Gesundheitsstation aus die Bevölkerung mit medizinischen Dienstleistungen. Ausgebildete Ärzte gibt es keine.
Projektziele:
Projektzeitplan
Der von der Projektleitung vorgelegte Zeitplan sieht vor, dass die Projektarbeiten in den beiden Unionsgebieten im Oktober 2019 beginnen werden. Im April 2022 ist eine erste Bestandesaufnahme vorgesehen. Das Projektende ist für September 2024 vorgesehen. Im Dezember 2024 wird die Projektauswertung und eine Schlussbewertung erfolgen.
Projektkomponenten
Die nach den vier Programmkomponenten vorgesehenen Masssnahmen werden jeweils den lokalen Bedürfnissen angepasst. So gelten für die Küsteninseln jeweils etwas anders gelagerte Ausführungsbestimmungen. Die klimatischen Verhältnisse auf den Küstensinseln sind extremer als jene auf den Flussinseln im Hinterland. Die Bauwerke auf den Küsteninseln müssen Windgeschwindigkeiten von gegen 215 km/h undFlutwellen, deren Höhen sich an einem einmal in 100 Jahren auftretenden Extremereignis orientieren, möglichst unbeschadet widerstehen können. Das Baumaterial muss so gewählt werden, dassder Einfluss von salzhaltigem Meerwasser die Gebäudestruktur nicht beschädigen kann .Der Einfluss der Zyklon- und Gezeitenkräfte auf eine Flussinsel ist umso grösser desto näher sie bei der Küstenlinie liegt. Die Reduzierung von Sturm- und Erosionsschäden sowie der Folgen der Bodenversalzung hat für diese Inseln eine hohe Priorität. Im Vergleich zu den Insel nahe der Küste haben die Inseln im Mittellauf der Flüssevermehrt mit den Monsunhochwassern und den Dürren zu kämpfen.
Projektvorhaben zu Programmkomponente 1
Für diesen Programmteil bestimmte ein Komittee von Vertretern der NGO-Projektpartner, der Lokalbehörden und der betroffenen Dorfgemeinschaften in einem transparenten, für die ganze Bevölkerung nachvollziehbaren Auswahlverfahren je 900 Haushalte, welche im Verlauf des Projekts betreut werdent. Die ausgewählten Haushalte gehören zu den am meisten vom Klimawandel bedrohten Bevölkerungsschichten in beiden Projektgebieten.
Zu den ausgewählten Haushalten gehören vor allem Haushalte, welche allein von Frauen geführt werden, behinderte oder altersschwache Personen umfassen und solche, welche in grosser Armut ohne Landbesesitz ausserhalb der Uferbefestigungen leben müssen.
Den landlosen Bewohnern wird zum Bau des Wohnhauses in Absprache mit der Dorfgemeinschaft regierungseigenes Land (khas) vermittelt. Für die Landabgabe ist das Einverständnis der Dorfgemeinschaft von zentraler Bedeutung, um künftige Landnutzungskonflikte zu vermeiden.
Für jeden dieser Haushalte wurde ein spezielles Bedürfnisprofil mit einem angepassten Massnahmenkatalogerstellt. Die Haushalte, welche von der Programmunterstützungen profitieren werden, mussten sich verpflichten, soweit als möglich die Aufbau- und Renovationsarbeiten in eigener Regie auszuführen. Bei diesen Arbeiten werden sie von den Projektpartnern mit technischen Ratschlägen, Werkzeugen, Baumaterialien und bei ausgewiesenem Bedarf auch mit zusätzlichen Arbeitskräften sowie finanziellen Beiträgen unterstützt.
Die Umweltbelastung muss bei allen Bauvorhaben so gering wie möglich ausfallen. Auf gebrannte Backsteine, bei deren Herstellung grosse Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid entstehen, wird konsequent verzichtet.
Stromversorgung mit Nano-Grids
Für die Versorgung mit elektrischer Energie werden sogenannte Nano-grids. Ein Nano-grid ist ein Mini-Leitungsnetz, welches in einer Fotovoltaik- oder Windkraftanlage produzierten elektrischen Strom zu Häusergruppen mit je 15 - 20 Haushalten leiteett. Die Solarpanelen mit einer Leistung von ungefähr 1,5 bis 2 kW werden auf bis zu zwei Hausdächern installiert, von wo aus der elektrische Strom zu in Serie geschalteten Batterie geleitet und dort gespeichert oder unverzüglich mit einer Gleichstromspannung von 220 V über das Leitungsnetz an die maximal 60 -70 m entfernten Stromverbrauchern geliefert wird.
Ein Auswahlkomittee bestimmt jene Haushalte, welche an die verschiedenen Nano-grids angeschlossen werden. Zu jedem Nano-Netzwerk gehört ine Verbrauchergruppe, welche künftig für den Betrieb, den Unterhalt und die Finanzierung der Gemeinschaftsanlage verantwortlich sein wird. Die verschiedenen Verbrauchergruppen bestimmen eine oder mehrereBetriebsgruppen, welche in Zukunft für das Funktionieren der Anlage verantwortlich sein werden.Jeder Haushalt wird für den Strombezug und den Unterhalt der eignen Anlage eine geringe Gebühr in die Gemeinschaftskasse einzahlen.
Für die Verwirklichung der geplanten Bauvorhaben werden lokale Bauhandwerker wie Dachdecker, Schreiner, Maurer, Sanitärinstallateure usw. herangezogen. Diese lokalen Berufsleute werden von den Projektexperten während der Bauphase zu Bauspezialisten für kilmaangepasstes und gesundheitsverträgliches Bauen ausgebildet. Das Wissen wird den Handwerkern an Kursen in nahe liegenden Bildungszentren vermittelt. In späteren Jahren, so die Idee, werden diese Leute ihr Wissen im weiteren Hinterland verbreiten.
Regenwassersammelsystem
Die Wasserversorgung auf der küstennahen Char-Insel von Mujibnagar stützt sich auf Oberflächengewässer wie Teiche. Diese Teiche werden während gezeitenbedingten Spring- und Sturmfluten sowie beim Anbranden von Zyklonen getriebenen Flutwellen immer wieder mit Meerwasser überflutet und dabei mit Unrat sowie Salzwasser verschmutzt. Die verschmutzten Trinkwasservorräte erhöhen die Seuchengefahr für Menschen und Tiere.
Eine wichtige Aufgabe des Projekt ist es, vor Umwelt- und Klimaeinflüssen geschützte Regenwassersammel- und Speichersysteme für die Trinkwasserversorgung und der zum Bewässern der Hausgärten benötigten Wassermengen einzurichten. D Für den Betrieb und Unterhalt der Gemeinschaftssammelanlagen, den mit hohen Erdwällen geschützten Süsswasserteichen und den mit zwei Filtern ausgerüsteten Wassertanks werden geschulte Wasserbenutzergruppe verantwortlich sein. Die aus Mitgliedern der Dorfgemeinschaft zusammengesetzte Gruppen werden in Kursen im Umgang mit der neuen Technik vertraut gemacht. Für die richtige Nutzung der Hausgartenbewässerungsanlagen werden nach einer fachlichen Einführungen die einzelnen Haushaltmitglieder besorgt sein.
Küsten- und Uferschutz
Die bestehenden Uferschutzvorrichtungen weisen Lücken auf und sind als Ganze äusserst wenig widerstandsfähig. Widerstandsfähige und stabile Uferbefestigungen gewähren den überlebenswichtigen Schutz für das Weiterbestehen der Chargemeinschaften. Mujibnagar verfügt über eine Uferlinie von 14,5 km Länge. Auf einer Länge von 1 km ist der Uferwall gebrochen. Eine 10 km lange Uferlinie ist stark erodiert und teilweise abgetragen. Dieser Uferabschnitt soll mit einer speziellen Grassorte (Chrysopogon zizanioides) sowie Vliesbahnen von Geotextilien befestigt werden. An ausgewählten Stellen werden einheimische Mangrovenbäumchen eingesetzt. Oberhalb der Uferböschung werden für die Bodenstabilisierung schnell wurzelnde Bäumchen eingepflanzt.
Die neuen Uferbefestigungen entstehen im Auftrag der Regierung von Bangladeshunter der Leitung des Bangladesh Water Development Boards (BWDB). In das neue Uferschutzprogramm wird die lokale Bevölkerung im Gegensatz zum bisher übliche System stark eingebunden. Im traditionellen, von den Grundbesitzern getragenen System wurde die Reisfelder gegen das Flussufer hin mit einem kleinen Erddamm geschützt. Mit zusätzlichen Massnahmen wie dem Anlegen von Fischfarmen oder Gemeindewäldern in Ufernähe soll das Verantwortungsbewusstsein der Dorfgemeinschaft für den Unterhalt der Uferschutzvorrichtungen gestärkt werden.
Gebäudeschutz
Mit Baumpflanzen rund um die Wohnhäuser will man den Windruck auf die Häuser vermindern. Kokospalmen und Guavenbäume bremsen den Wind während den Stürmen ab. Zusätzlich werden die Dächer befestigt und gesichert. Die Gebäudefundamente werden so verstärkt, dass sie bei Überschwemmungen nicht allzu stark beschädigt werden. Die Saatgut- und Vorratsspeicher werden hochwasser- und sturmsicher gebaut.
Die im Projekt integrierten Vermeidungs- und Anpassungsmassnahmen orientieren sich an den Zielen für eine nachhaltigen Entwicklung der UNO (Sustainable Development Goals SDG), den Strategien des Nationalen Programms für Anpassungsmassnahmen (National Adaptation Programme of Action (NAPA)) sowie an zahlreichen nationalen Gesetzen und Richtlinien.