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Ein Traum wird wahr
Mit 17, als er noch bei seinen Eltern lebte, bastelte Adriano ein Marionettentheater mit Goldoni-Figuren aus Pappmaché. Eines schönen Tages hatte seine Mutter das Ganze verbrannt; Adriano habe sich in eine Manie hineingesteigert, und das sei "abnormal und gesundheitsschädigend", meinte sie. In der Musik entdeckte er eine Zuflucht vor den unerfreulichen Zuständen in seinem Elternhaus, wo es keine Klassik-Schallplatten, dafür ziemlich viel Streit gab. Geistige Förderung und Verständnis fand er in dieser schwierigen Lebensphase bei seinen Lehrern, den Patres am katholischen Collegio Papio in Ascona, die damals als fortschrittlich galten und deshalb öfters in Konflikt mit dem Bischof und dem Vatikan gerieten. Dort durfte er Schallplatten mit klassischer Musik anhören. Eines der ersten Hörerlebnisse ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben:
"Ich konnte nächtelang nicht mehr schlafen, nachdem ich den Zeichentrickfilm 'Fantasia' aus den Disney-Studios gesehen und gehört hatte. Diese berühmten Stücke von Bach, Beethoven und Tschaikowski, aber auch die Romane Charles Dickens‘ und 'Don Quixote' von Miguel de Cervantes waren meine einzigen Angelpunkte in einer sehr düsteren Lebensphase."1
Solche Erfahrungen sollten Adrianos Lebensweg prägen. Eine Karriere als Berufsmusiker oder Opernsänger lag ausserhalb der Möglichkeiten. Als Kind wollte er Klavierspielen lernen. Die Eltern hielten die Idee für "verrückt". Aber warum nicht dirigieren? Fähigkeiten dazu hatte er, wenn wir dem schwulen Pianisten Dino Ciani (1941-1974) glauben wollen, mit dem Adriano von 1969 bis zu dessen Unfalltod befreundet war. Und schliesslich war Joseph Keilberth der Meinung:
"Das kann man nicht lernen. Das hat man, oder man hat es nicht."
So ungelegen kam Adriano diese Feststellung aus berufenem Mund nicht. Denn was sollte er sonst machen in der Musik? Dirigent zu werden wurde also allmählich für ihn das Grösste und Einzige:
"Für mich ist es wie das Spielen eines Instrumentes. Die Musiker sind quasi die Tastatur, auf der die Interpretation des Werks erarbeitet wird."
Gegen Ende der sechziger Jahre begegnete Adriano in Zürich dem russischen Tänzer Rudolf Chametowitsch Nurejew (1938-1993). Adriano hatte den Star schon auf der Bühne tanzen gesehen. Die beiden assen miteinander in der Zürcher Kronenhalle und freundeten sich an, ohne dass "etwas" zwischen ihnen passiert wäre. (Adriano spürte, dass er wohl nicht ins Beuteschema von Nurejew passte.) Es war für den noch unsicheren jungen Adriano vor allem eine Begegnung mit einem Menschen, der seine Ambitionen extrem leidenschaftlich verfolgte. Die animalische Ausstrahlung und die spezielle Aura des Tänzers lehrten Adriano etwas Wichtiges für seine spätere Karriere:
"Wenn Du Dirigent werden willst, musst Du auftreten können und eine Ausstrahlung haben. Durch ihn habe ich das gespürt. Gleichzeitig hatte ich auch enormen Respekt vor ihm."
Der Traum vom Dirigieren sollte 1987 schlussendlich in Erfüllung gehen, als Adriano erstmals vor einem Sinfonieorchester stand: Mit dem Radio-Sinfonieorchester Bratislava spielte er Filmmusiken von Arthur Honegger auf CD ein. Die Zusammenarbeit war so erfolgreich, dass weitere CD-Aufnahmen mit Werken von Ottorino Respighi und anderen wenig bekannten Komponisten folgten. Bis 2017 spielte Adriano 49 CDs mit Sinfonieorchestern in Bratislava und Moskau für die Labels Marco Polo, Naxos, Sterling, Guild und Inedita ein.2 Ausserdem realisierte Adriano, als einer der ersten in der Schweiz, eine Reihe von Landschaftsvideos mit klassischer Musik.
Im Konzertsaal trat Adriano nie als Dirigent auf. Zwischen 2003 und 2016 verewigte er auf zehn CDs sämtliche Orchesterwerke des Schweizer Komponisten Fritz Brun (1878-1959), "des bedeutendsten Schweizer Sinfonikers des 20. Jahrhunderts" (Adriano). Der gebürtige Luzerner Fritz Brun prägte von 1909 bis 1941 das Berner Musikleben als Dirigent von Sinfonie- und Chorkonzerten und komponierte immerhin zehn Sinfonien. Dessen Sohn, der Arzt Hans Brun (1922-2007), war der Hauptsponsor des umfangreichen CD-Projekts, um das Werk seines Vaters vor der Versenkung im Orkus des Vergessens zu bewahren.3
Damit ist Adrianos musikalischer Eifer noch lange nicht erschöpft. Er setzt sich immer wieder für wenig aufgeführte Musik des 20. Jahrhunderts ein. So realisierte er 2016 in Bratislava mit der rumänischen Sopranistin Elena Mosuc eine CD mit Werken des Westschweizer Komponisten Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950).4
Josef Burri, Dezember 2017
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Dieses Zitat (und alle weiteren) entstammen zwei Interviews, die der Autor mit Adriano im Sommer 2017 führte. Die Zitate wurden durch Adriano im November 2017 autorisiert.
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Für die Diskografie Adrianos siehe http://www.adrianomusic.com/styled-15/index.html
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In Arbeit hat Adriano auch einen Dokumentarfilm über Fritz Brun.
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Siehe dazu https://vimeo.com/226476645