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Elias Canetti
Aus: Masse und Macht
Mutter ist jene, die ihren eigenen Leib zu essen gibt. Sie hat das Kind in sich genährt und bietet ihm dann ihre Milch. Diese Tendenz setzt sich in abgemilderter Form während vieler Jahre fort; ihre Gedanken, soweit sie eben Mutter ist, kreisen um die Nahrung, deren das heranwachsende Kind bedarf. (...) Ihre Leidenschaft ist, zu essen zu geben; zu sehen, dass es isst; zu sehen, dass das Essen bei ihm zu etwas wird. Sein Wachstum und die Zunahme seines Gewichts sind ihr unabänderliches Ziel. Ihr Gebaren wirkt selbstlos und ist es auch, wenn man sie als abgesonderte Einheit, als einen Menschen für sich betrachtet. In Wirklichkeit aber hat sich ihr Magen verdoppelt, und sie behält über beide Kontrolle. Am neuen Magen wie am neuen, unentwickelten Leib ist sie anfangs mehr interessiert als am eigenen, was während der Schwangerschaft geschah, ist bloss veräusserlicht worden.
|Elias Canetti

Masse und Macht, Carl Hanser Verlag (1994)