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Eine Frau im roten Mantel steht am 1. März 1969 auf einer Bühne vor dem Bundeshaus. Vor ihr hat sich eine Schar von rund 5000 Frauen versammelt. «Wir stehen hier nicht als Bittende, sondern als Fordernde», ruft sie der Menge zu – die Anwesenden applaudieren und lassen ein Pfeifkonzert ertönen.
Die Urner Polit-Aktivistin Emilie Lieberherr ist jedenfalls vieles, was ihrer Zeit nicht entspricht. Ihr lebenslanger Kampf für Frauenrechte und Gleichberechtigung steht im Zentrum eines umtriebigen und erfüllten Lebens. Ein Leben, gewidmet dem Kampf gegen Ungerechtigkeit und für alle sozial Benachteiligten.
Die Reformierte im katholischen Kloster
Emilie Lieberherr wird am 14. Oktober 1924 geboren und wächst mit einer älteren und einer jüngeren Schwester in Erstfeld auf. Ihr Vater ist Eisenbahner aus dem Toggenburg, die Mutter italienischstammige Damenschneiderin. Bereits in jugendlichem Alter fällt Emilie Lieberherr im konservativen Kanton Uri auf. So besucht sie etwa als erste Urnerin das Gymnasium im katholischen Kloster Ingenbohl im Nachbarskanton Schwyz (obwohl sie reformiert ist), da ihr der Zutritt zum Gymnasium in Uri verwehrt bleibt. In dieser Zeit stirbt ihr Vater. Emilie Lieberherr arbeitet fortan in den Sommerferien, um die Familie finanziell zu unterstützen. Und so zieht sie 1942, mit ihrem Handelsdiplom in der Tasche (Abschlussnote: 5.9), nach Zürich und arbeitet bei der Schweizerischen Bankgesellschaft.
Nach wenigen Jahren kehrt sie zurück ans Kloster Ingenbohl und holt die Matura nach. Das anschliessende Studium absolviert sie an der Universität Bern. Nicht in Jurisprudenz, wie sie ursprünglich eigentlich will. Dazu ist sie mit ihrem Abschluss nicht zugelassen. Männer mit einem Gymnasialabschluss der Klosterschule Ingenbohl dürfen zwar an der Universität Bern Jura studieren, für Frauen ist das gleiche Diplom zu jener Zeit jedoch nicht ausreichend. Also entscheidet sich Lieberherr für Wirtschaftswissenschaften (Nationalökonomie) und schliesst 1956 ihr Lizenziat ab. Nebenher geht sie verschiedenen Teilzeitanstellungen nach, um sich das Studium überhaupt erst leisten zu können.
USA: von Ost nach West
Bevor Emilie Lieberherr in der Schweiz sesshaft wird, reist sie 1957 in die USA, arbeitet und erkundet das Land von Ost nach West. Dabei ist sie in verschiedenen Funktionen für verschiedene Arbeitgeber:innen tätig, so etwa bei einer Bank oder als Erzieherin und Hauslehrerin, letzteres unter anderem für die Schauspielerfamilie Henry Fondas. Zu dieser Zeit lernt sie dank ihrer Arbeit für die Fondas zahlreiche berühmte Persönlichkeiten aus der Filmbranche kennen – Begegnungen, von denen sie auch in späteren Jahren noch gern erzählen wird.
Immer an ihrer Seite mit dabei ist Hermine Rutishauser, von allen Minnie genannt, die enge Vertraute und Lebenspartnerin von Lieberherr. Sie lernen sich in den 1940er Jahren in der Schweiz kennen und werden knapp 70 Jahre zusammen sein, bis zu Lieberherrs Tod 2011. Es ist denn auch Minnie Rutishauser, die als erste in die USA reist und Emilie Lieberherr dazu überredet, ihr zu folgen. Nach Lieberherrs Rückkehr in die Schweiz (Minnie folgt ihr kurze Zeit später) arbeitet sie als Berufsschullehrerin und schliesst 1965 ihre Doktorarbeit über Angestellte in der Hotellerie ab.
Einstieg in die Politik
Nationale Bekanntheit erlangt Lieberherr wenige Jahre später mit dem „Marsch nach Bern“, den sie 1969 mit weiteren Frauenrechtsaktivistinnen organisiert. Getragen von der breiten Unzufriedenheit in der Bevölkerung, dass Frauen in der Schweiz nach wie vor nicht politisch mitentscheiden dürfen, wird die unbewilligte Demonstration zu einem grossen Erfolg. Die mehreren tausend Frauen strömen auf den Bundesplatz und pfeifen den Bundesrat wegen seiner rückständigen Gleichstellungspolitik mit Trillerpfeifen aus. In ihrer vielbeachteten Rede fordert Emilie Lieberherr unter dem tosenden Applaus der Anwesenden die Einführung des Frauenstimmrechts auf allen Staatsebenen. Bis es dazu kommt, dauert es jedoch bekanntlich noch ein paar Jahre länger.
Auf kommunaler Ebene geht es rascher voran als auf nationaler Ebene: In der Stadt Zürich wird Ende 1969 das Frauenstimmrecht eingeführt. Keine sechs Monate später gelingt Emilie Lieberherr, seit kurzer Zeit Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SP), die Wahl in den neunköpfigen Zürcher Stadtrat, wo sie während 24 Jahren das Sozialamt leiten wird.
Zwischenzeitlich sitzt sie noch fünf Jahre für den Kanton Zürich im Ständerat (1978-1983); erneut als erste Zürcherin und eine der ersten Frauen in diesem Amt überhaupt. Vor ihr gelingt nur Lise Girardin (FDP/GE) der Einzug in die kleine Kammer. Ihre politischen Kernforderungen – stets auf die Gleichberechtigung aller Mitglieder der Gesellschaft ausgerichtet – behält Emilie Lieberherr sowohl auf nationaler wie auch städtischer Ebene bei. Dazu gehört nebst einem vehementen Vorantreiben gleichstellungspolitischer Themen auch eine soziale Alterspolitik.
Sozial-, Drogen- und Jugendpolitik
Unter ihrer Ägide erfährt die Zürcher Sozialpolitik einen Aufschwung: rund 20 neue Altersheime werden gebaut und AHV-Ergänzungsleistungen für bedürftige Rentner:innen eingeführt. Zudem ist Lieberherr die prägende Figur der kontrollierten Heroin-Abgabe in Zürich sowie der Drogenliberalisierung generell. Dem ist jedoch voranzustellen, dass Emilie Lieberherrs Haltung sowohl bezüglich der Jugendunruhen als auch zur Drogenpolitik über die 1980er Jahre hinweg einen starken Wandel durchläuft. Dies führt, nicht zuletzt gepaart mit ihrer Rolle als Stadträtin bei den Jugendunruhen, zu einem zunehmend angespannten Verhältnis mit ihrer Partei.
Denn Emilie Lieberherr fährt zu Beginn der Jugendunruhen einen politisch harten Kurs – auch härter als derjenige, den die SP einschlägt. So befürwortet sie anfangs etwa einen repressiven Umgang mit den Demonstrant:innen und ein Alkoholverbot im autonomen Jugendzentrum (AJZ). Dies bringt ihr sowohl innerhalb der Partei als auch bei den Jugendlichen grosse Antipathien ein.
National bekannt dürfte hier insbesondere ihr Auftritt im Sommer 1980 im Schweizer Fernsehen sein, als sie, gemeinsam mit weiteren Politiker:innen, an einem runden Tisch mit einer Aktivistin und einem Aktivisten Lösungen für die Jugendunruhen suchen will. Die beiden Aktivist:innen geben sich dabei als Herr und Frau Müller aus und mimen besorgte Bürger:innen. Die Sendung wird beinahe abgebrochen und geht als einen der grössten TV-Skandale des Deutschschweizer Fernsehens in die Geschichte ein (die ganze Sendung ist hier zu finden). Im Verlaufe der Proteste schwenkt Lieberherr auf einen liberaleren Kurs ein und fordert bezahlbare Wohnungen für junge Menschen, bessere Integration, mehr Arbeitsplätze und bessere Betreuungsangebote. Auch in der Drogenpolitik durchläuft Lieberherr einen Gesinnungswandel. Von einem anfänglichen Verbot, sterile Injektionsutensilien abzugeben, setzt sie sich schlussendlich für die kontrollierte Heroinabgabe ein.
Das Verhältnis mit ihrer Partei wird in jenen Jahren zunehmend angespannter. So kommt es, dass sie ab 1982 nicht mehr von der SP für die Stadtratswahlen nominiert wird. Gemeinsam mit den SP-Stadträten Max Bryner und Jürg Kaufmann tritt sie 1982 mit Unterstützung der Gewerkschaften an, 1986 ebenso.1990 treten Lieberherr und Kaufmann ganz ohne Unterstützungskomitee an – auch hier gelingt ihnen die Wiederwahl mit Spitzenresultaten. Als Lieberherr 1990 dann jedoch den FDP-Kandidaten Thomas Wagner für das Amt des Stadtpräsidenten unterstützt und nicht den SP-ler Josef Estermann, bringt dies das Fass zum Überlaufen. Sie wird (gemeinsam mit Jürg Kaufmann) aus der Partei ausgeschlossen. Ein Rekurs von Emilie Lieberherr bleibt erfolglos und der Ausschluss unumstösslich. Und so politisiert Lieberherr, die sich nach wie vor als Sozialdemokratin bezeichnet und versteht, noch bis 1994 parteilos als Vorsteherin des Sozialamts.
Pensionierung und Unruhestand
1994, als 70-Jährige, geht die Vollblutpolitikerin in Pension. Die Angestellten des Sozialdepartements – mittlerweile ist der Personaletat dreimal so gross wie zu Beginn der Ära Lieberherr – veranstalten ein grosses Fest auf dem Helvetiaplatz, um „ihre“ Emilie noch einmal hochleben zu lassen. Symbolisch wird sie zur ersten Sozialritterin der Stadt Zürich geschlagen und mit zahlreichen Festreden, Gratulationen wie auch Danksagungen aus dem Amt verabschiedet.
Das politische Leben der Emilie Lieberherr geht jedoch auch nach ihrer Pensionierung weiter. Sie ist nach wie vor an zahlreichen Veranstaltungen als Rednerin anzutreffen, auch präsidiert sie verschiedene Vereine und setzt sich für die Rechte von benachteiligten Menschen ein.
Ihr Lebenswerk ist zweifelsohne ihr konstanter Kampf für Frauenrechte, Gleichberechtigung und Gleichstellung auf allen Ebenen. Das wirkt nach: Nebst ihren politischen Errungenschaften wie einer fortschrittlichen Drogenpolitik, ihrem Engagement in der Alterspolitik oder ihrer Vorreiterinnenrolle als erste Frau in den verschiedenen Ämtern, ist sie seit 2003 Ehrenbürgerin von Erstfeld und seit 2020 gibt es den Emilie-Lieberherr-Platz in Zürich. Emilie Lieberherr ist dennoch zeitlebens wichtig festzuhalten, dass sie sich nicht „nur“ für die Frauen einsetzt. Und so ergänzt sie, die 1994 als „Schutzpatronin aller Frauen“ aus dem Stadtrat verabschiedet wird, mit der gewohnten Prise Schalk: „Also liebe Männer – eure Schutzpatronin war ich auch!“
Ein unscheinbarer Platz an der Zürcher Langstrasse im Kreis 5 trägt seit 2020 den Namen Emilie-Lieberherr-Platz.
Autorin: Anna Storz, Mitglied der Redaktion von Geschlechtergerechter.
Tourgestaltung: Louise Alberti, Projektmitarbeiterin Geschlechtergerechter.