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Anfang des 20. Jahrhunderts ging es im heutigen Riggisberg international zu und her: Kutschen holten am Bahnhof in Mühlethurnen Gäste aus rund 40 Ländern ab und brachten sie zum Kurhotel Gurnigelbad. Eines Tages fuhr eine Kutsche mit zwei türkischen Gästen vor. Vor dem Hotel sass der Oberkellner mit einem Turban auf dem Kopf, den ihm ein Gast geschenkt hatte. Der türkische Gast verneigte sich ehrfürchtig vor dem Oberkellner. «Er hielt ihn für einen osmanischen Kriegshelden», erzählt Christian Raaflaub. Er hat die Geschichte des Kurhotels in seinem Buch «Gurnigelbad – Die Stadt im Walde» aufgearbeitet, das Ende September erscheint (siehe Kasten). Der Oberkellner, ein waschechter Einheimischer, musste das Missverständnis klären.
Ein Plakat als Initialzündung
Schon bald 50 Jahre lang beschäftigt sich Christian Raaflaub mit dem ehemaligen Kurhotel. Ende der Sechzigerjahre kam der gebürtige Saanenländer nach Riggisberg. In einer Druckerei sah er ein Plakat mit dem Kurhotel. «Verwundert sagte ich zum Druckereibesitzer, ich hätte das Hotel trotz vieler Spaziergänge noch nie gesehen. Das sei nicht verwunderlich, antwortete er mir. Die Armee habe das Hotel gesprengt.» Zeitlebens hatte Raaflaub eine Schwäche für Burgen und andere historische Gebäude. «Am liebsten wäre ich Forscher geworden.» Das war aber aus finanziellen Gründen nicht möglich. So forschte er dem Gurnigelbad in seiner Freizeit nach.
Über viele Jahre trug er Postkarten, alte Bücher und andere Dokumente zusammen. «Nach meiner Pensionierung begann ich, die Sammlung zu dokumentieren.» Noch dachte er nicht an ein Buch. Auf diese Idee brachte ihn erst sein Bruder Walter Raaflaub, der mehrere Bücher veröffentlicht hat. Das Buchprojekt liess sich aber nicht ohne Schwierigkeiten verwirklichen. Obwohl er einen Verlag gefunden hatte, musste Christian Raaflaub das finanzielle Risiko selber tragen. Pro Helvetia lehnte eine Finanzierung ab. Auch die meisten Gemeinden reagierten zurückhaltend oder antworteten gar nicht erst.
Erstes Bad im 16. Jahrhundert
Die Geschichte des Kurhotels lässt sich mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen. «1420 ist der Name Gurnigel erstmals nachgewiesen, 1561 entdeckte eine Schar von Jägern die Schwefelquellen.» Rund 30 Jahre später entstand das erste Badehaus. Predigten aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zeigen, dass der Badebetrieb den religiösen Autoritäten missfiel. «Die Geistlichen klagten über die unsittlichen Zustände im Gurnigelbad.» So wurden auch von Bern aus Aufpasser nach Rüti geschickt, das damals noch eigenständig war.
Hotelbesitzer als Wohltäter
Im 18. Jahrhundert war das Kurhotel schon weitherum bekannt. Dafür sorgten etwa der Berner Universalgelehrte Albrecht von Haller und andere Berner Adlige mit ihren Schriften. Zu den Gästen gehörten viele Zürcher, aber auch Niederländer. «Ein Berner diente in der niederländischen Armee und brachte Mitglieder der niederländischen Oberschicht ins Gurnigelbad.»
Eine prägende Figur war Johann Jakob Hauser, der das Hotel 1861 kaufte. «Ein entfernter Nachkomme von ihm führt heute das Hotel Schweizerhof in Luzern», sagt Raaflaub. Hauser sei ein Menschenfreund gewesen. «Er trug die Hälfte der Baukosten für das Spital in Riggisberg. Denn die Gemeinden hatten damals nicht genug Geld, um ein Spital zu bauen.» Zahlreiche Hungersnöte machten auch der Region Riggisberg zu schaffen. «Hauser liess ganze Wagenladungen Kartoffeln kommen und verteilte sie an die Bevölkerung.»
Brand und Krise
Zu dieser Zeit war das Kurhotel eine weitgehend zusammengewürfelte Anlage verschiedener Holzgebäude. Doch dieses Ensemble brannte 1902 in einer Sturmnacht fast komplett nieder. Grund waren vermutlich Bauarbeiten. «Die Arbeiter ölten die Wände und mussten dabei wohl heizen.» Raaflaub vermutet, dass die Arbeiter eine Wärmequelle nicht komplett gelöscht haben. Vom Brand verschont blieben nur die beiden Kirchen, die auf einer Anhöhe liegen, und der Gasthof Ochsen, aus dem sich später der heutige Gasthof Gurnigelbad entwickelt hat.
Drei Jahre später eröffnete das wiederaufgebaute Hotel. Neben 400 Gästen fanden auch die 150 Bediensteten der Gäste Platz. «Das waren Kammerzofen oder Hauslehrer.» Das Personal hingegen übernachtete zu Hause.
Die Gäste kamen nun nicht nur aus allen europäischen Ländern, sondern auch aus den Vereinigten Staaten, der Türkei, Ägypten oder Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. «Gerade aus den britischen Kolonien wie Ceylon kamen viele Gäste.» Die Briten brachten in den Zwanzigerjahren auch den Wintersport in das Gurnigelbad. Zu einer Zeit, zu der es weder Postautos noch Skilifte gab. «Sie trugen ihre Skis eigenhändig auf den Gurnigel.» Nach den Krisenjahren des Ersten Weltkriegs blühte so das Hotel wieder auf. Aber nicht für lange: Die grosse Weltwirtschaftskrise in den Dreissigerjahren und der Zweite Weltkrieg brachen dem Hotel endgültig das Genick.
Das Ende des einst grössten und bekanntesten Schweizer Kurhotels ist wenig ruhmvoll. Während des Zweiten Weltkriegs beanspruchte die Armee die Hotelanlage unter anderem als Truppenunterkunft und Flüchtlingsheim. Der Bund quartierte italienische Partisanen, russische Soldaten und jüdische Kinder ein. «Die jüdischen Kinder liess der Bund aber nur einreisen, wenn sie auch wieder ausreisen würden. Selbst nach dem Krieg befürchtete er eine Verjudung der Schweiz», erzählt Raaflaub kopfschüttelnd.
Haussauna als Materiallager
Ende der Vierzigerjahre hatte auch der Bund keine Verwendung mehr für die marode Anlage. Nach und nach brach er das Hotel ab. «Die beiden Kirchen dienten der Stadtberner Feuerwehr noch als Brandobjekt für Löschübungen», erzählt Raaflaub. Er bedauert das Ende des Prachtbaus. «Was hätte man doch aus dieser Hotelanlage alles machen können.» Heute erinnert nur noch der Gasthof Gurnigelbad an die ruhmreichen Zeiten. «Ein grosser Teil des Geländes ist mit Wald überwachsen.» Raaflaub ist froh, dass sein Buch nun im Druck ist. «Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommt, hätte ich mich wohl nicht an das Projekt gewagt.» Er werde deshalb kaum weitere Bücher schreiben. Die freie Zeit nutzt er jetzt unter anderem, um seine Haussauna aufzuräumen. Diese diente nämlich in den letzten Monaten als Lager für seine zahlreichen Bilder des Kurhotels.
«Was hätte man doch aus dieser Hotelanlage alles machen können.»
Christian Raaflaub
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Praktische Informationen
Vernissage im Gasthof Gurnigelbad
Das Buch «Gurnigelbad – Die Stadt im Walde» erscheint Ende September im Weberverlag. Gemäss Ankündigung umfasst es 300 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Anekdoten und alten Briefen, zum Beispiel von Jeremias Gotthelf. Vernissage des Buchs ist am Freitag, 28. September im Berggasthof Gurnigelbad. «Es gibt allerdings nur noch wenige Plätze, und möglicherweise müssen einige Gäste stehen», sagt Christian Raaflaub. Deshalb müssen sich Interessierte schnell anmelden.
Berggasthof Gurnigelbad. Freitag, 28. September, 18 Uhr. Anmeldung bis morgen Freitag, 21. September, unter: <email-pii>