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Seit einigen Jahrzehnten haben Wissenschaftler damit begonnen, den Geist der Tiere zu erforschen. Als Folge wackelt die bislang vehement verteidigte Sonderstellung des Menschen!
1. Wie verhält es sich mit den kognitiven Fähigkeiten (KF: Verstand, Wille, Emotion) und den verschiedenen Bewusstseinsformen (BF: phänomenales B., intentionales B., Reflexions-B.) in der Tierwelt? Wir fragen hier nicht nach dem Holzwurm oder der Stechmücke, sondern nach Säugetieren und Vögeln – insbesondere nach Bonobos, Elefanten, Delfine und Rabenvögel.
2. Wie schätzten einige denkgewaltige Philosophen die Tierwelt ein? Descartes behauptete, Tiere seien Automaten: ohne Vernunft, ohne Sprache, ohne Gefühle. Kant betonte, Tiere seien Sachen, weil es ihnen an Moral fehle. Hume hingegen war überzeugt, dass Tiere genau so gut denken können wie wir. Die Einschätzungen könnten unterschiedlicher nicht sein! Die Evolutionstheorie von Darwin ermöglichte einen neuen Blick: Alle KF und alle BF haben sich evolutionär entwickelt und zeigen sich in ihren basalen Ausprägungen bereits in der Tierwelt. Zwei der wichtigsten Prinzipien hierfür sind die natürliche Selektion (Selbsterhaltung) und die sexuelle Selektion (Generhaltung). Übrigens: Darwin meinte, der Hund nehme eine religiöse Haltung gegenüber seiner Besitzerin ein.
3. Sollten wir KF und BF in der Tierwelt erwarten, die über bloße Instinkte hinausgehen? Lange Zeit glaubten die meisten Menschen, Tiere seien dumm und böse. Diese Einstellung ist ein dummes und böses Vorurteil und verhindert, dass der empirische Befund unvoreingenommen zur Kenntnis genommen wird. Was wir nicht erwarten, sehen wir auch nicht!
4. Was verrät der empirische Befund über die Tierwelt? Einige wenige Beispiele müssen hier genügen! Tiere sind fähig zu rationalen Handlungen (Werkzeuge herstellen und verwenden). Sie zeigen kommunikative Leistungen (differenzierte Warnlaute in ehrlicher und betrügerischer Absicht). Sie verhalten sich empathisch (Trösten, Helfen, Rücksichtnahme). Sie zeigen Konfliktmanagement und soziales Engagement (Bestrafung, Versöhnung, Schlichten, Sozialisation schwer erziehbarer Jungendlicher). Wir beobachten moralische Empörung (Wut bei Benachteiligung) und Trauer (Tod). Zahlreiche Tiere spielen leidenschaftlich gern (Fairness). Einige Tiere erkennen sich im Spiegel. Die Bandbreite des beobachtbaren tierlichen Verhaltens reicht von Ausrottungskriegen bis zur Opferung des eigenen Lebens für ein anderes, nicht verwandtes Tier. Altruismus ist sexy – zumindest bei Graudrosslingsweibchen. Elefanten und Delfine erweisen Fürsorge für die Mühseligen und Beladenen.
5. Woher wissen wir, dass wir den Befund richtig deuten? Wir wissen es nicht! Es gibt zahlreiche Stolperfallen auf dem mühseligen Wege, den empirischen Befund zu erheben, zu verstehen und zu bewerten. Einige Problemfelder seien kurz skizziert! Das Geflecht von Tier-Verhalten, Tier-Gehirn, Tier-Kognition und Tier-Bewusstsein ist komplex und mehrfach theoriegeladen (Hanson / Kuhn). Theoriegeladenheit bedeutet, dass der Befund nur im Lichte von Theorien gedeutet werden kann. Folglich benötigen wir bereits Theorien, um den Befund zu erheben und zu begreifen. Aber der Befund soll uns doch bei der Aufstellung von Theorien helfen. Wer hier eine zirkuläre Schlussfigur vermutet, liegt genau richtig. Wehe, die verwendeten Theorien sind falsch! Orientierung erwarten wir von Sparsamkeitsregeln (Morgan). Diese besagen, wir sollen einem Tier keine höheren KF zuschreiben als für die Deutung seines Verhaltens unbedingt erforderlich. Hier liegt eine Hierarchie der KF zugrunde, die ebenfalls bereits theoriegeladen ist. Zur Beschreibung des empirischen Befundes benötigen wir eine geeignete Begriffsstruktur (Denken, Fühlen, Bewusstsein). Wir haben die Wahl zwischen einer engen Begriffsbestimmung (trifft nur auf uns zu) oder einer weiten Begriffsbestimmung (erfasst auch Vorformen und Zwischenformen). Hypothesen zu Tier-Verhalten und Tier-Kognitionen werden zunehmend abgeglichen mit Hypothesen zum Tier-Gehirn. Dies setzt voraus, dass adäquate neuronale Theorien zum Säugetier-Gehirn und zum Vogel-Gehirn zur Verfügung stehen. Insbesondere Spiegelneuronen, die Nachahmung und Mitgefühl steuern, müssten hier berücksichtigt werden. Diese Theorien sind bislang noch nicht hinreichend aufgebaut.
6. Die ultimative Stolperfalle ist das Tier-Bewusstsein. Wir wissen nicht, was Bewusstsein ist – auch nicht das menschliche Bewusstsein. Wir können das Fremdpsychische nicht knacken. Dennoch schreiben wir uns und anderen Menschen diverse BF zu. Die für uns wichtigsten sind: phänomenales B. (Erleben), intentionales B. (Absichten, Wünsche) und Reflexions-B. (Selbstbezug, Selbstdistanz). Die gegenseitige Zuschreibung scheint berechtigt, denn wir können doch über alles reden. Die menschliche Sprache hilft aber nicht weiter, denn sie setzt voraus, was wir erst erschließen wollen. Mit den Tieren können wir nicht sprechen. Diese Problematik kann nicht dazu verwendet werden, den Tieren BF abzusprechen. Dies hätte nämlich zur Folge, dass der empirische Befund gar nicht mehr gedeutet werden könnte. Zwischenzeitlich wird zwar immerhin zugestanden, dass viele Tiere ein phänomenales B. haben, aber wie verhält es sich mit dem intentionalen B. und dem Reflexions-B.? Eventuell ist Denken gar nicht an Sprache gebunden, sondern an Bilder. Der Zusammenhang der BF mit der Verfügbarkeit einer Sprache ist theoriegeladen. Wehe, die verwendeten Theorien sind falsch!
7. Woher kommt der ideengeschichtliche Hintergrund für die Tradition unserer völlig verfehlten Einschätzung der Tierwelt? Eine – obgleich nicht die einzige – verheerende Rolle spielte die jüdisch-christliche Religion. In Psalm 8.6-9 der Bibel wird über das besondere Verhältnis von Gott, Mensch und Tier nachgedacht: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: Schafe und Rinder allzumal. Dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.“ Toll! Wir sind die Herrscher des Planeten! Dies hat ein Gott, den wir zuvor erfunden haben, so gewollt! Das gibt uns doch den ultimativen Wohlfühl-Kick! Doch leider mangelt es uns an geistiger Kompetenz. Für diesen Herrschaftsauftrag sind wir zu dumm und zu böse!
8. Das Fazit lautet: Die Zukunft gehört dem Tier! Sollten wir uns jemals bescheiden und uns fortan als Teil der Natur und als Familienmitglied einer faszinierenden Tierwelt begreifen, dann könnte es sein, dass auch uns die Zukunft gehört. Wenn wir uns aber weiterhin einbilden, von einem Gott beachtet und beäugt zu werden, dann dürfte uns diese Selbstbeweihräucherung den Weg vom homo rapiens zum homo sapiens versperren. Tirili, tirili!