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Auf 1 : 500 schätzten die Ärzte die Wahrscheinlichkeit, dass Norman Cousins wieder genas. So hatten sie es ihrem Patienten mitgeteilt. Cousins war von einer Reise mit leichtem Fieber und Gliederschmerzen heimgekehrt. Innerhalb von Tagen erfasste eine schwere Entzündung seinen Körper, insbesondere die Gelenke und die Wirbelsäule. Der 49-Jährige konnte sich vor Schmerzen kaum noch bewegen. Eine Heilung schien nahezu aussichtlos.
Doch Cousins wollte dieser eine Mensch von 500 werden. Der Journalist erinnerte sich, welche negativen Folgen Stress auf die Gesundheit haben kann. «Haben umgekehrt positive Gefühle vielleicht eine heilende Wirkung?», überlegte er und begann sein Experiment.
Kostet nichts und schadet fast nie
Das Mittel, von dem sich Cousins Hilfe erhoffte, kostet nichts, schadet fast nie und hat vielfältige Auswirkungen: Verschiedene Gesichtsmuskeln ziehen sich zusammen, die Augen beginnen zu tränen, die Atmung verändert sich. Blutdruck und Puls steigen kurz, dann aber sinkt der Blutdruck. Die Bauchmuskeln sowie das Zwerchfell spannen sich an und die Beine werden schwach. Im Extremfall krümmt sich der ganze Körper. Begleitet wird all das von rhythmisch ausgestossenen, gleichförmigen Lauten.
«Es funktionierte», berichtete Cousins später. «Ich machte die freudige Entdeckung, dass zehn Minuten echtes Bauchgelächter eine schmerzbetäubende Wirkung hatten. Es bescherte mir mindestens zwei Stunden schmerzfreien Schlaf.» Meldeten sich die Schmerzen erneut, wiederholte er die Behandlung, die darin bestand, weitere Episoden von «Candid Camera» zu schauen, der US-Version von «Verstehen Sie Spass?», oder sich lustige Bücher vorlesen zu lassen.
Weniger Stresshormone
Was Cousins 1964 herausfand, bestätigten Wissenschaftler in den folgenden Jahrzehnten: Beim Lachen werden im Körper schmerzlindernde und stimmungshebende Botenstoffe ausgeschüttet. Deshalb ertragen Personen, die herzhaft lachen, bei Tests mehr Schmerzen. Nur schon ans Lachen zu denken, kann «ent-stressend» wirken, wie ein Versuch zeigte, bei dem die Stresshormone gemessen wurden.
Selbst das Immunsystem wird durchs Lachen beeinflusst. So sank etwa bei Rheumapatienten, die sich eine Stunde lang amüsiert hatten, die Konzentration bestimmter entzündungsfördernder Botenstoffe im Blut. Die Blutgefässe und das Herz scheinen ebenfalls vom Lachen zu profitieren.
Woran sich echtes Lachen zeigt
Das gilt jedoch nur für echtes Lachen, das immer mit einer heiteren Stimmung einhergeht und – im Gegensatz zum aufgesetzten Lachen – auch daran erkennbar ist, dass sich die Gesichtsmuskeln zusammenziehen, die seitlich an den Augen zu «Krähenfüssen» führen.
«Miteinander zu lachen, ist das Schönste, was es gibt», findet Jürg Kesselring, ehemaliger Chefarzt im Rehabilitationszentrum Valens. Er schrieb vor Jahren einen Fachartikel zu dem Thema. Das Lachen begleite ihn seit seiner Kindheit, «im steten Versuch der praktischen Anwendung».
Nebst der körperlichen und der psychischen Wirkung hat Lachen auch eine wichtige soziale Funktion. Es öffnet Herzen, verstärkt die Bindung zu denen, die mitlachen, entschärft Konflikte – aber «es kann auch eine schlimme Waffe sein, wenn es dazu benutzt wird, jemanden auszulachen und damit zu degradieren», gibt Kesselring zu bedenken.
«Beim Lachen öffnen wir uns»
Von Lachkursen hält er wenig. «Man kann jemandem nicht befehlen zu lachen, es muss von innen heraus kommen.» Wichtig sei aber, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der Lachen erst möglich werde.
Beatrix Ott, die als Psychotherapeutin bei Medbase sowie als Clownin arbeitet, stimmt dem nicht ganz zu. Sie habe selbst schon erlebt, wie beim Lachyoga in der Gruppe ein anfänglich unbeholfenes, künstliches Lachen in einen echten Lachanfall mündete, bei dem alle Tränen lachten. Das ist eine weitere Besonderheit: Lachen steckt an. «Beim Lachen öffnen wir uns», sagt Ott, «Lachen macht glücklich.»
Das erfuhr auch Norman Cousins, der zeitlebens als Frohnatur galt. Er überlebte seine schwere Erkrankung und erfreute sich 26 weiterer Lebensjahre. Ob wirklich das Lachen seine Heilung bewirkte oder ob alles nur ein glücklicher Zufall war, wird für immer offenbleiben. Auf jeden Fall aber bereitete Cousins seine Behandlung eine Menge Spass.
Lachen und Krankheiten
Beim pathologischen (krankhaften) Lachen muss der Betroffene lachen, ohne dass es einen hinreichend lustigen Grund dafür gäbe. Es kann zum Beispiel bei einer Demenz oder bei der Parkinson-Erkrankung auftreten. Als exzessives Lachen tritt es manchmal bei einer Manie in Erscheinung, als unkontrollierbares Lachen bei manchen Hirnschädigungen. Auch eine Epilepsie kann sich in Lachanfällen äussern. Als Gelotophobie wird die Angst bezeichnet, dass andere über einen lachen könnten. Bei der Gelotophilie dagegen geniesst der Betroffene das geradezu. Katagelastizismus ist das Fachwort für die Schadenfreude.
Lachen in Zahlen
18: Wissenschaftlern zufolge gibt es 18 verschiedene Arten zu lachen – aber nur eine davon geht immer mit Freude und Erheiterung einher.
4/5: In etwa vier von fünf Fällen hat Lachen nichts mit Humor zu tun, sondern ist beispielsweise Ausdruck von Nervosität, Verlegenheit, Triumph, Verblüffung, Schadenfreude oder Freundlichkeit.
30x: Wenn andere Menschen anwesend sind, lacht der Mensch mit rund 30-mal grösserer Wahrscheinlichkeit, als wenn er alleine ist.
400: Erwachsene lachen etwa 20-mal pro Tag, bei guter Laune können es aber bis zu 400 Lacher täglich sein. Kinder lachen durchschnittlich
200-mal am Tag.
3: Etwa ab dem dritten Lebensmonat beginnen Babys zu lachen.
8 %: Beim Lachen steigt der Energieverbrauch schätzungsweise um 8 Prozent.
7: Lachen dauert meist weniger als sieben Sekunden.
(Text: Dr. med. Martina Frei)