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Die Ausläufer der Finanzkrise machen vielen Staaten heute noch zu schaffen in Form von horrenden Staatsschulden. Die Krise traf auch viele Menschen in den Ländern des Südens hart. Allerdings auf einem Umweg: Parallel zur Talfahrt auf den Finanzmärkten explodierten die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Reis oder Sojabohnen. Sie verdoppelten oder verdreifachten sich zwischen Januar 2006 und Juni 2008.
Heute liegen sie nur leicht unter dem Allzeithoch, das sie im Februar dieses Jahres erreichten. Die hohen Preise für die Grundnahrungsmittel sind insbesondere für die Menschen in den ärmsten Ländern ein existenzielles Problem, weil sie bis zu 90 Prozent ihres Einkommens für das Essen aufwenden müssen. In den Industriestaaten sind es nur 15 Prozent.
Ob und in welchem Ausmass Spekulation auf den Rohstoffmärkten die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe getrieben hat, ist umstritten. Die Ethikerin Anna Zuber beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit der ethischen Beurteilung von Spekulationsgeschäften. Sie hat die Hausse der Nahrungsmittelpreise untersucht und sich gefragt, was dazu führte, und ob es eine moralische Verantwortung gibt, die konkret zugeschrieben werden kann.
Die Preise für Grundnahrungsmittel entwickelten sich mehr oder weniger im Gleichschritt mit den Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Deshalb stellte sich die Frage, wie diese beiden Phänomene zusammenhängen. Eine der Erklärungen für die steigenden Preise ist, dass ein Teil des Kapitals, das auf den serbelnden Finanzmärkten freigesetzt wurde, in den Rohstoffmarkt floss und dort die Preise in die Höhe trieb. Die entsprechenden Bewegungen des Kapitals lassen sich gut nachvollziehen. Sie verlaufen synchron mit der Preisentwicklung.
Das lässt auf den ersten Blick nur einen Schluss zu: Die Preise von Grundnahrungsmitteln werden durch Spekulation in die Höhe getrieben. Das geht so: Grosse Investoren wetten auf steigende Preise. Sie tun dies, indem sie Finanzmarktprodukte, so genannte «Futures», kaufen, die von steigenden Preisen ausgehen. Es kann auch auf sinkende Preise gewettet werden. Da der Futures-Markt eng mit dem realen Rohstoffmarkt verknüpft ist, steigen auch dort die Preise.
Doch Anna Zuber relativiert diesen Befund: «Die Korrelation der beiden Entwicklungen bedeutet noch nicht, dass eine kausale Verbindung besteht.» Tatsächlich sind die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen nicht eindeutig. Das heisst, es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob und in welchem Ausmass sich die Spekulation effektiv auf die Preise auswirkt. Zuber fügt hinzu: «Kaum jemand behauptet in der Diskussion ernsthaft, die Spekulation sei die Hauptursache für den Preisanstieg. In der Regel wird von einem Einfluss in der Grössenordnung von wenigen Prozenten gesprochen. Gewagte Schätzungen liegen bei 10 bis 15 Prozent bei Lebensmitteln. Beim Öl sind es bis zu 25 Prozent.»
Da die Ergebnisse nicht eindeutig sind, ist es problematisch, Personen oder Unternehmen moralisch verantwortlich zu machen. Für ein Verbot oder eine stärkere Reglementierung von Spekulationsgeschäften gibt es weitere Hindernisse, wie Zuber erklärt. Dazu gehören die Freiheit der Spekulanten, Verträge abzuschliessen, und der Nutzen der Spekulation für den Markt. Dieser besteht etwa darin, dass durch die Spekulation genügend Kauf- und Verkaufsangebote bestehen und der Markt deshalb liquide bleibt. Ausserdem können Risiken wie Preisschwankungen versichert werden.
Zuber betont aber: «Klar ist: wenn die Spekulation die Preise verzerrt, ist das ein starkes Argument, sie zu reglementieren.» Sie schlägt deshalb vor, die Beweislast umzukehren: «Wenn die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln weiterhin erlaubt sein soll, müsste bewiesen werden, dass sie nicht schädlich ist.» Diese Umkehr der Beweislast soll insbesondere für Transaktionen gelten, die nur geringen ökonomischen Nutzen bringen. Dazu gehören Finanzmarktprodukte, bei denen es gar nicht darum geht, tatsächlich Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Oder technische Spekulanten. Diese verdienen ihr Geld, indem sie mit Hilfe mathematischer Modelle Preisdifferenzen auszunutzen.
Besonders wichtige Spieler sind die grossen institutionellen Anleger, denen die Rohstoffmärkte zur Verbreiterung ihres Anlageportfolios dienen. Ihre Entscheide, zu kaufen oder zu verkaufen, haben mit den realen Ereignissen auf dem Rohstoffmarkt nichts zu tun, sie hängen vielmehr davon ab, was auf anderen Märkten passiert. Das fördert auch das Übergreifen der Krise von einem Markt auf den anderen.
Zuber schlägt vor, den Einfluss dieser Marktteilnehmer zu begrenzen, indem festgelegt wird, wie viel ein einzelner Akteur kaufen oder verkaufen kann. In diese Richtung geht auch der Vorschlag der EU-Kommission: Sie möchte die Finanzregulierungsbehörden ermächtigen, in den Handel mit Warenderivaten eingreifen zu können, wenn Verzerrungen des Marktes zu befürchten sind. Das könnte geschehen, indem Obergrenzen für die gehaltenen Positionen festgelegt werden.