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Hier kommt eine kleine Geschichte, die das unscharfe Bild zum Geschmier macht. Besser, umgekehrt: die dem Geschmier Form und Bedeutung verschafft. Geschmier ist ein schwierig einzusetzendes Wort, das einerseits genau das beschreibt, was es ist, nämlich das Ungewollte, Ungeformte. Das aber andererseits ebenso klar das meint, was am Anfang allen Formwillens steht und daher unabdingbar notwendig ist, will man nicht auf Geplantes, auf bereits Vorgegebenes (und demnach nicht explizit und spezifisch Erarbeitetes) greifen. Wenigen würde es wohl einfallen, zu betonen, dass am Anfang eines Leonardo-da-Vinci-Gemäldes unbeabsichtigtes, planloses "Geschmier" steht. Dennoch kann es genau da stehen, am Anfang. Die Grösse darin erkannte Leonardo selber, und er musste sie aus dem Geschmier heraus holen und sichtbar machen. („Achte diese Meinung nicht gering, in der ich dir rate, ... manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in den Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken, nämlich menschliche Köpfe, verschiedene Tiere, Schlachten, Klippen, Meer, Wolken oder Wälder und andere derlei Dinge.". Denn des Malers Geist wird zu solchen neuen Erfindungen durch sie angeregt." )
Hier also kommt sie, die kleine Geschichte, welche das Geschmier und die Unschärfe rehabilitieren und sichtbar machen will:
Ich setze mich beim Inder an den Tisch. Der Kellner poliert mit einer Serviette meinen Teller, bevor er ihn ins Gedeck platziert. Zwar ist er nun poliert, doch scheint er fettig verschmiert – und er ist es auch. Aufmerksam betrachtet, kann er, von trüben Schlieren überzogen, den Eindruck nicht durchkreuzen, dass er nur mangelhaft und fahrig gewaschen wurde.
Ich bitte den Kellner also, den Teller auszuwechseln. Er nimmt ihn mit und kommt nach zwei Minuten wieder. In der Hand trägt er den gleichen Teller, noch immer schmutzig, nun aber auch nass. Er hat ihn abgespült, um den Eindruck zu erwecken, ihn gesäubert zu haben. Und um den Eindruck zu verstärken, mit dem Teller sei etwas geschehen, es sei daran gearbeitet worden, hat er ihn nicht getrocknet, sondern die Wäsche sichtbar lassen wollen. Man kann dies Vorspiegelung falscher Tatsachen nennen (wenn sich im Geschmier überhaupt was spiegeln täte). Lieber aber nenne ich es (insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass sich die kleine Geschichte in New York abspielte): "Tellerwäscher-Karriere-Verweigerung". Indisch.
"Anbetracht" und "abspielte" sind im übrigen nicht einfach vorgegebene und floskelhaft eingesetzte Begriffe. Vielmehr drücken sie aus, dass ich hier eine Geschichte aufgetischt habe. Eine meiner ersten Geschichten. Ein Anfang darin, Worte nicht bloss zur Erläuterung von Gedanklichkeiten oder zur Einbettung von Bildern einzusetzen, sondern auch zur Beschriftung und Verblumung von Geschehenem. Wo führt mich das bloss hin...
"Anbetracht": auf Gesehenem basierend eines Menschen, der den intensiven Gebrauch seiner Augen (sprich: das Betrachten) aus dem Effeff kennt.
Und "abspielte": Es ereignet sich etwas und es wird beschrieben. Der Ort des Geschehens wird zur Bühne, da spielt etwas sich ab und eine Rolle.
Irgendwie bin ich zufrieden. Etwas scheint auf, es glänzt. (Nicht der Teller.)
(Bald bin ich in Indien.)