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Je nach Sensitivitätstyp überwiegt eher die Schatten- oder die Sonnenseite von Neurosensitivität. Im besten Falle kann Vantage-Sensitivität entwickelt werden, was zu einer erhöhten Empfänglichkeit gegenüber positiven Einflüssen bei gleichzeitiger Widerstandsfähigkeit gegenüber negativen Einflüssen führt.
Sowohl in der Forschung als auch in der Praxis wird jeweils von hochsensitiven Personen bzw. ‘highly sensitive persons’ gesprochen. Je länger ich mich mit der Sensitivitätsforschung befasse, desto unpräziser finde ich diese Bezeichnung jedoch. Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass es DIE oder DEN Hochsensitive(n) einfach nicht gibt; weder in den empirischen Daten der Sensitivitätsforschung noch in meinen persönlichen Begegnungen mit hochneurosensitiven Personen.
Erst einmal zum Forschungsstand; eine der bemerkenswertesten Studien ist meines Erachtens die Meta-Analyse von SLAGT ET AL. (2016), bei der basierend auf 84(!) Studien folgendes dargelegt wird: Hochsensitive Kinder, welche in den ersten Lebensjahren eine förderliche Elternschaft erlebten, wiesen im Schulalter überdurchschnittlich gute Ergebnisse auf (z.B. Schulnoten oder von LehrerInnen bewertete Sozialkompetenz). Im Gegensatz dazu wiesen hochsensitive Kinder, welche in den ersten Lebensjahren eine hinderliche Elternschaft erlebten, unterdurchschnittliche Ergebnisse auf. Ein ähnliches Muster zeigt eine Studie von SUOMI (1997), bei der Rhesusaffen untersucht wurden, deren Gene rund 95% identisch mit den unseren sind: Während hochsensitive Rhesusaffen mit einer hinderlichen Beziehung zur Mutter im Erwachsenenalter auf der untersten Hierarchie-Stufe landeten, wurden hochsensitive Rhesusaffen mit einer förderlichen Beziehung zur Mutter im Erwachsenenalter Gruppenleader. Im Kontext dieser beiden Studien wird deutlich, dass mindestens zwei ‘Unterkategorien’ von Hochsensitiven existieren.
Nun noch kurz zur Praxissicht; in den ExpertInnen-Interviews, welche ich im Herbst 2015 im Rahmen meiner Masterarbeit durchführte, hat sich folgendes Zitat von Brigitte Küster in mein Gedächtnis eingebrannt: «Hochsensible sind meiner Erfahrung nach extrem unterschiedlicher als Normalsensible. Diese hochsensible Norm ist wesentlich weiter und grösser als die von normalsensiblen Personen.» Als ich zwischen 2016 und 2017 mehrere Treffen für Hochsensitive in Bern mitorganisierte, wurde mir deutlich, was Brigitte Küster meinte. Einerseits kamen Menschen, die mit ihrer erhöhten Sensitivität kaum zurechtkamen. Andererseits kamen Menschen, die in ihrem Lebensfluss waren und viel Positives an ihrer erhöhten Sensitivität sahen.
DIE VIER SENSITIVITÄTSTYPEN
Doch für dieses Spannungsfeld zwischen dem kategorischen Begriff ‘die Hochsensitiven’ und den unglaublich vielen ‘Gesichter’ dieser Hochsensitiven bietet die geniale Sensitivitätsforschung bereits erste Lösungsansätze: Prof. Dr. Michael Pluess, der an der Queens Mary University in London lehrt und forscht, differenziert in seiner theoretisch-konzeptionellen Publikation von 2015 vier Sensitivitätstypen. Basierend auf den vorangegangenen Studien, insbesondere zu hochsensitiven Kindern, argumentiert er, dass, sofern keine Sensitivitätsgene vorhanden sind, Geringe Sensitivität entwickelt wird. Sofern Sensitivitätsgene vorhanden sind, bestimmt die frühe Umwelt der Kindheit, welche der drei folgenden Typen herausgebildet werden: «In Reaktion auf eine neutrale Umwelt wird Sensitivität eine erhöhte Empfänglichkeit gegenüber sowohl negativen als auch positiven Einflüssen reflektieren [= Generelle Sensitivität]. Allerdings erhöht eine überwiegend nachteilige Umwelt eine Sensitivität gegenüber Bedrohungen [= Vulnerabilität], während eine überwiegend unterstützende Umwelt Vantage-Sensitivität erhöht» (PLUESS, 2015: 141). Leider gibt es beim aktuellsten Stand der Sensitivitätsforschung zwei Probleme, welche höchstwahrscheinlich miteinander zusammenhängen: Einerseits bezieht sich die neuste Forschung nur selten explizit auf diese vier Sensitivitätstypen. Andererseits definiert Pluess meines Erachtens die vier Sensitivitätstypen zu unklar. Daher entwickelte ich im Frühjahr 2018 folgende Grafik:
Die
Grafik kann als eine Art Koordinatensystem verstanden werden, in das theoretisch jedes Individuum ‘eingeordnet’ werden kann. Jeder Mensch verfügt über eine gewisse Anzahl an Sensitivitätsgenen,
welche schlussendlich den Sensitivitätslevel eines Menschen bestimmen (vgl. x-Achse). Zudem verfügt jeder Mensch über einen gewissen Funktions- bzw. Energielevel (vgl. y-Achse). In
diesem Kontext sei auf Georg Parlow, einer der
deutschsprachigen Sensitivitätspioniere, verwiesen, welcher in seiner Keynote-Rede am deutschen Hochsensibilitätskongress 2017 erstmals von hochfunktionalen Hochsensitiven sprach (vgl.
Punkt A). Dadurch nahm Georg Parlow ebenfalls eine differenziertere Perspektive auf Hochsensitive ein. Wenn wir uns zudem an die oben genannten hochsensitiven Kinder und Rhesusaffen erinnern, wird
klar, wo sich die jeweiligen Individuen in etwa befinden (vgl. Punkt A & B). Dabei möchte ich allerdings betonen, dass die Kindheitserfahrung sicherlich nicht der einzige Faktor ist, welcher die
Entwicklung des jeweiligen Sensitivitätstyps bestimmt. So gibt es erste Studien, welche die besondere Wichtigkeit von Achtsamkeit für Hochsensitive aufzeigen.
Beispielsweise zeigen hochsensitive Personen nur dann signifikant erhöhte Ängstlichkeit, wenn ihre Achtsamkeit und Akzeptanz gering sind
(BAKKER & MOULDING, 2012).
Eine weitere Studie legt zudem dar, dass hochsensitive Personen, die an einem achtwöchigen Mindfulness-Based-Stress-Reduction-(MBSR)-Programm
teilnahmen, nach dem Kurs signifikant weniger Stress sowie soziale Angst und mehr Empathie aufwiesen
(SOONS, BROUWERS, & TOMIC, 2010).
Somit scheint es möglich zu sein, dass der Funktions- bzw. Energielevel bei entsprechender Disziplin bereits innerhalb von wenigen Wochen substantiell erhöht werden kann.
Mithilfe meines Doktorvaters, Prof. Dr. Andreas Hack, entwickelte ich im Spätjahr 2018 zudem folgende Tabelle, welche eine klarere Definition von Pluess' vier Sensitivitätstypen bieten soll:
DIE RELATIVE WIRKUNG VON EINFLÜSSEN
Erst einmal verdeutlicht die Tabelle, dass Wenigsensitive nicht nur gegenüber negativen Reizen resilient, sondern auch gegenüber positiven Reizen sogenannt ‘vantage-resistent’ sind (vgl. PLUESS & BELSKY, 2013: 912). Im starken Kontrast dazu befindet sich die Generelle Sensitivität, welche offensichtlich eine entsprechende emotionale Achterbahnfahrt mit sich bringen kann. Die Vulnerable Sensitivität führt zu einer erhöhten Empfänglichkeit gegenüber negativen Reizen, ohne jedoch gegenüber positiven Reizen empfänglicher zu sein, was verständlicherweise zu chronischen, psychischen Beeinträchtigungen führen kann. Im ebenfalls starken Kontrast dazu befindet sich die Vantage-Sensitivität, bei der eine erhöhte Empfänglichkeit gegenüber positiven Reizen bei gleichzeitiger Resilienz ähnlich der Geringen Sensitivität einhergeht. Auch nach längerem Reflektieren über diese vier Sensitivitätstypen scheint es mir keinen vernünftigen Grund zu geben, warum man nicht Vantage-Sensitivität anstreben sollte. Und wie bereits gesagt, scheinen achtsamkeitsfördernde Techniken wie beispielsweise Meditation oder Yoga entsprechend förderlich für eine Vantage-Sensitivität zu sein.
Was mich an der obigen Tabelle am meisten fasziniert, ist die implizite Aussage, dass kein Reiz eine absolute, sondern immer eine relative Wirkung auf die jeweilige Person bzw. auf den jeweiligen Zustand des Nervensystems hat (vgl. Neurosensitivität). In diesem Kontext fassen GREVEN ET AL. (2019: 300) eine Publikation von BRATHOLM WYLLER ET AL. (2018) wie folgt zusammen: «Es wird nicht hypothetisiert, dass sensorische Reize per se oder die damit verbundenen negativen Emotionen zu psychologischem Distress führen, sondern die sekundären, kognitiven Reaktionen von Individuen zu Reizen und Emotionen. Diese kognitive Reaktivität von Individuen wurde als Differenzierungsfaktor zwischen gesunden und ungesunden Hochsensitiven vorgeschlagen.»
VANTAGE-SENSITIVITÄT ALS ERLEUCHTUNGSZUSTAND?
Und was wäre, wenn man vollständig vantage-sensitiv ist? Also vollständig in einem Zustand ist, in dem man hundertprozentig offen gegenüber allem Positiven und gleichzeitig hundertprozentig widerstandsfähig gegenüber allem Negativen ist…? Nennt man diesen Zustand nicht seit jeher Erleuchtung? Zwar würde ein erleuchteter Mensch höchstwahrscheinlich gar nicht mehr zwischen positiven und negativen Reizen unterscheiden, weil es eine solche Differenzierung in dessen Wahrnehmung gar nicht mehr gibt. Dennoch glaube ich, dass wir als Nicht-Erleuchtete uns diesen Zustand mit der oben dargelegten Definition von Vantage-Sensitivität eventuell etwas besser vorstellen können, ohne dabei auch nur ansatzweise sagen zu wollen, dass damit nun alles klar sei.
Die aktuellste, psychologische Forschung scheint mit Vantage-Sensitivität also ein wissenschaftliches Konstrukt geschaffen zu haben, welches auf den Erleuchtungszustand verweisen könnte.
Interessanterweise sind erste Sensitivitätspraktiker ebenfalls zur Erkenntnis gelangt, dass Hochsensitivität mit Erleuchtung bzw. Erwachtsein zusammenhängen könnte; im Juli 2018 hielt Ananda
Harald Hummer, (Geschäfts-)Partner von Bestsellerautorin Anne Heintze, nämlich folgendes fest: «Was wir in der OpenMind Akademie für wesentlich erachten, ist, dass Hochsensibilität nicht automatisch Erwachtsein
bedeutet, jedoch Erwachtsein sehr wohl Hochsensibilität beinhaltet.»
OKAY, ABER WAS KÖNNTE DAS NUN MIT MIR ZU TUN HABEN?
Was könnten diese wissenschaftlich fundierten Überlegungen nun mit uns – werte Leserin, werter Leser – machen? In diesem Kontext teile ich gerne mit Ihnen meine diesbezüglichen Erfahrungen.
Letztes Jahr – also 2018 – wurden mir die oben dargelegten Aspekte zunehmend bewusst. In diesem Kontext beobachte ich, wie sich mein Verhältnis zu gewissen, negativen Reizen seither substantiell
zum Positiven veränderte. Beispielsweise war Lärm jahrelang einer meiner schlimmsten, negativen Reize. Bis letztes Jahr dachte ich dann auch, dass ich als Hochneurosensitiver halt einfach dazu
verdammt bin, dass mich Lärm derart beeinträchtigt. Diese Haltung hat sich in den letzten Monaten allerdings – zumindest gegenüber moderater Lärmquellen – praktisch transformiert. Es gibt nun
regelmässig Momente, in denen mir zwar bewusst ist, dass eine Lärmquelle wie beispielsweise ein vorbeifahrendes Auto auf mich einwirkt, dieser «negative» Reiz aber keinen negativen Einfluss mehr
auf mich hat. Natürlich ist dafür auch Achtsamkeit eine Schlüsselressource. Allerdings bin ich überzeugt, dass mein Mindset durch das oben dargelegte
‘Sensitivitätstypen-Bewusstsein’ stark positiv beeinflusst wurde. Jedenfalls funktioniert dieses neue Mindset der (möglichst) Nichtidentifizierung gegenüber «negativen» Reizen für mich
sehr gut. Zumal das Coole daran ist, dass sich unterdessen meine schon seit jeher erhöhte Empfänglichkeit gegenüber positiven Reizen nicht vermindert, sondern eher noch erhöht hat.
In diesem Kontext noch ein kurzer Hinweis zu meinem eigentlichen Forschungsschwerpunkt, also zu Neurosensitivität im Business: In meinen empirischen Daten ist nämlich ein sehr interessantes
Muster festzustellen; Vantage-Sensitivität
(OPERATIONALISIERT DURCH DEN SUBFAKTOR 'AESTHETIC SENSITIVITY' DER 'HIGHLY SENSITIVE PERSON SCALE';
SMOLEWSKA ET AL.,
2006)
zeigt konsistent einen positiven Zusammenhang mit verschiedensten business-relevanten Verhaltensweisen wie z.B. aufgabenbezogener Leistung, prosozialem Arbeitsverhalten oder Innovationsverhalten.
Vantage-Sensitivität scheint also nicht nur für das jeweilige Individuum, sondern auch für Mitarbeitende und Organisationen ein Segen zu sein.
VANTAGE-SENSITIVITÄTSFÖRDERNDE INNOVATIONSPOTENZIALE
Meine abschliessende These ist, dass innovative Dienstleistungen und Produkte, welche Individuen dabei unterstützen, sich substantiell in Richtung Vantage-Sensitivität zu entwickeln, in den kommenden Jahren grosse Nachfrage erfahren werden. In diesem Kontext halten Prof. Dr. Michael Pluess und Prof. Dr. Jay Belsky, welche das Konstrukt ‘Vantage Sensitivity’ 2013 in einer sehr renommierten psychologischen Fachzeitschrift einführten, in ihren Schlussfolgerungen folgendes fest: «Die Effektivität von existierenden, psychologischen Interventionen und Dienstleistungen könnte drastisch erhöht werden, wenn Interventionen auf die Förderung von Vantage-Sensitivität abzielen» (PLUESS & BELSKY, 2013: 912). Dabei glaube ich, dass nicht nur existierende, psychologische Interventionen drastisch verbessert werden können, sondern auch anderweitige Innovationspotenziale bestehen. Konkret sehe ich bereits erste Ansätze von technologischen, biochemischen und psychosozialen Innovationen, welche Vantage-Sensitivität fördern. Gerne gebe ich zu jedem dieser drei Innovationsbereichen nachfolgend ein Beispiel.
Als technologische, vantage-sensitivitätsfördernde Innovation erachte ich das Gehirnwellen-Messgerät ‘Muse’. ‘Muse’ gibt Meditierenden konkretes Bio-Feedback während einer Meditationssitzung. Je tiefer der meditative Zustand der Gehirnwellen während der Meditationssitzung ist, desto friedlichere Wetter-Geräusche erhält man über die Kopfhörer. Das ist deshalb eine sehr interessante Innovation, weil MeditationsanfängerInnen oftmals Mühe damit bekunden, eine regelmässige Meditationspraxis aufrechtzuerhalten. Ein solch direktes Feedback kann während der Meditationssitzung das Erreichen hochmeditativer Zustände fördern, welche einen direkten, positiven Einfluss auf das Wohlbefinden haben können und schliesslich dazu motivieren, regelmässig zu meditieren. Aus der Achtsamkeitsforschung wissen wir wiederum, dass die Meditationspraxis den Achtsamkeitslevel erhöht (vgl. z.B. GOOD ET AL., 2015). Und wie ich oben bereits dargelegt habe, scheint Achtsamkeit ein vantage-sensitivitätsfördernder Faktor zu sein. In diesem Kontext möchte ich festhalten, dass ich seit September 2012 praktisch täglich meditiere und ich somit durch mein eigenes (Er-)Leben erfahren habe, wie gesundheitsfördernd eine regelmässige Meditationspraxis sein kann.
Als biochemische, vantage-sensitivitätsfördernde Innovation sei der natürliche Mikronährstoff GABA II erwähnt, welcher der auf Hochsensibilität spezialisierte Berner Arzt Dr. med. Roger Ziegler entwickelte. Gemäss Dr. med. Roger Ziegler soll die Rezeptur GABA II dem «Gehirn biologische Grundstoffe wie Spurenelemente, Vitamine und Aminosäuren bereitstellen, welchen in der neurologischen und sportmedizinischen Forschung eine beruhigende, inhibitorische und regenerative Funktion zugeschrieben wird». GABA II unterstützt die körpereigene Produktion von Gamma-Aminobuttersäure (GABA), einem der wichtigsten inhibitorischen Neurotransmittern des Gehirns. Da GABA einer Überstimulation entgegenwirkt, könnte die Rezeptur GABA II die erhöhte Anfälligkeit für Überstimulation von hochsensitiven Personen verringern. Dies ist insbesondere bedeutsam, weil Überstimulation eine der grössten Schattenseiten von erhöhter Neurosensitivität sein kann (vgl. Blog-Artikel #1). Interessanterweise argumentiert eine Studie von MOORE UND DEPUE (2016) ebenfalls, dass Gamma-Aminobuttersäure (GABA) ein besonders wichtiger, neurologischer Einflussfaktor im Kontext von Sensitivität ist. Seit Herbst 2017 nehme ich selbst täglich GABA II ein. Die Wirkung ist meines Erachtens nicht derart stark, dass ich konkrete Wirkungen benennen könnte. Im Grossen und Ganzen gibt mir der Mikronährstoff aber ein gutes Gefühl und ich möchte ihn nicht mehr aus meiner Ernährung streichen. Dabei ist jedoch zu betonen, dass es keine wissenschaftlichen Studien gibt, welche die gesundheitsfördernde Wirkung von GABA II bestätigen. Mit diesem Beispiel möchte ich vielmehr konkrete, biochemische Innovationspotenziale aufzeigen. Und Dr. med. Roger Ziegler scheint hier ein entsprechender Pionier zu sein.
Als psychosoziale, vantage-sensitivitätsfördernde Innovation möchte ich auf die ersten, konkreten Ansätze moderner Coaches verweisen, welche
KlientInnen dabei unterstützen, ihre gesundheitshinderlichen Glaubenssätze zu gesundheitsförderlichen Glaubenssätzen umzuwandeln. Dadurch kann meines Erachtens schrittweise ein
vantage-sensitivitätsförderndes Mindset entwickelt werden. In diesem Kontext sei auf das «Reticular Activating System» verwiesen, das im Gehirn als eine Art Informationsfilter fungiert
(vgl. z.B.
STERIADE,
1996).
Die US-Amerikanerin und CNN-Kommentatorin
Mel Robbins
argumentiert, dass dieses «Reticular Activating System» durch Visualisierungen derart positiv verändert werden kann, dass man eher auf die positiven statt auf die negativen Dinge reagiert (besten
Dank an Markus Breitinger für den Tipp). Dieses «Reticular Activating System» scheint mir die neurologische Grundlage von selbsterfüllenden Prophezeiungen zu sein, die – bei positiver
Visualisierung – meines Erachtens ebenfalls vantage-sensitivitätsfördernd sein können. In diesem Kontext sei zudem auf Neuroplastizität verwiesen.
«Unter
neuronaler Plastizität versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Anatomie und
Funktion zu verändern»
(WIKIPEDIA,
06.07.2019). Da meines Erachtens Neuroplastizität und Neurosensitivität zusammenhängen könnten, erscheint es plausibel, dass
Hochneurosensitive ihre neuronalen Bahnen besonders rasch in positiver Weise beeinflussen können.
Zum Schluss möchte ich bei all meiner Begeisterung rund um Vantage-Sensitivität betonen, dass es meines Erachtens nie ein Wundermittel geben wird, das automatisch zu Vantage-Sensitivität führt. Innovative Dienstleistungen und Produkte werden die Menschen auf ihren (höchst individuellen) Wegen zwar substantiell unterstützen können, den Weg gehen muss aber logischerweise jede einzelne Person selbst. Zudem könnte vorliegender Artikel verschiedenste Fragen aufwerfen. In diesem Kontext möchte ich ebenfalls betonen, dass ich die meisten Fragen höchstwahrscheinlich nicht wissenschaftlich fundiert beantworten könnte und ich mich daher diesbezüglich auch zurückhalten würde. Vielmehr soll vorliegender Artikel inspirieren und motivieren, nebst der Aussenwelt auch regelmässig die Innenwelt (selbstermächtigt!) zu erkunden. Und solange dies funktioniert, ist es wahr genug.
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Patrice Wyrsch, im Juli 2019