Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03606.jsonl.gz/266

Therese Graf, geborene Heimrath, lebte von 1857 bis 1934. Die Region Starnbergersee war ihr Lebenszentrum. Harte Arbeit auf dem Bauernhof und ihre grosse Familie, sie gebar 11 Kinder, forderten sie überaus. Sie erlebte mehr als einen Krieg, Wirtschaftsdepressionen, das Erwachen und Wachsen des Faschismus. Sie verlor ihren Gatten und mehrere Kinder und behielt gleichwohl die Kraft Anderen zur Seite zu stehen, zum Beispiel Oskar, ihr neuntes Kind.
Er wurde 1894 geboren. 1904 verstarb sein Vater, worauf sein ältester Bruder die heimische Konditorei und das Familienleben übernahm. Der zehnjährige Oskar musste ebenfalls mitarbeiten, Schläge und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Mit 17 Jahren flüchtete er aus der familiären Tyrannei um sich als Schriftsteller in München zu versuchen.
Ehrlich, sich selber in keiner Weise schonend, beschreibt Graf, wie er in der bayrischen Metropole umherirrte, Liebe, Selbstvertrauen, politische Klarheit und Erfolg als Schreibender suchte. Er bezeichnet sich in seinem Werk zwischendurch als nutzlosen Vagabunden und Säufer. Seine Mutter hielt stets zu ihm, nahm auch seine Tochter auf, als die Ehe von Oskar zu Ende ging, bevor sie überhaupt begann. Sie stand ihm auch bei, als er vor den Nazis flüchten musste um schlussendlich in den USA seine zweite Heimat zu finden.
In einer Familie, welche teilweise sich selbst zerfleischte, war sie der ruhende Pol, trug und ertrug viel Schmerzhaftes. Einige ihrer Kinder wanderten in die USA aus, sie bewegte sich kaum vom Starnberger See weg. Ihr Haus bildete über viele Jahre hinweg den Treffpunkt für alle, welche zwischendurch der heimatlichen Enge entflohen. Sie arbeitete mehr als sie sprach.
“Das Leben meiner Mutter” fesselt, macht betroffen, vermittelt am Beispiel der Lebensgeschichte einzelner Menschen, vor allem von Oskar Maria Graf selber, auf packende Art historisches Wissen. Dem Autor gelang 1940 mit diesem Roman eine berührende und unter die Haut gehende Liebeserklärung an eine Frau, welche den äusseren Umständen trotzend, stets ihrer inneren Überzeugung und ihrem Herzen folgte.
29. Juni 2020