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Trinkwasserversorgung in Töss der letzten 200 Jahre
Woher kommt das Wasser aus dem Hahn?
Von den Schöpf- oder «Gätzibrunnen» oder der hölzernen Wasserleitung von der Steig zum Kloster bis zur modernen Wasserversorgung aus dem Grundwasserstrom der Töss: Die Trinkwasserversorgung ist eine der zentralsten Grundlageninfrastrukturen eines Gemeinwesens. Matthias Erzinger zur Geschichte der Wasserversorgung im Stadtteil Töss.
Sauberes Trinkwasser ist eine der wichtigsten Grundlagen des Menschen. Um Wasserrechte wer- den seit Jahrhunderten Kriege geführt. Wasser wird zum teuren Handelsgut durch die Veräusserung der Wasserrechte an gewinnorientierte Firmen. Unser Wasser ist aber auch bedroht durch Entwicklungen der Gesellschaft: Durch den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zur Produktionssteigerung ist die Trinkwasserversorgung zum Beispiel im Weinland schon heute nicht mehr gewährleistet. Um den Grenzwert zu senken, importieren Gemeinden wie Seuzach oder Wiesendangen Wasser von Winterthur, um ihre eigenen Vorkommen, die zu stark belastet sind, zu verdünnen. Woher kommt das Wasser aus dem Hahn in Töss? Es kommt, wie der grösste Teil des Wassers in Winterthur, aus dem Grundwasser-strom der Töss, der unterirdisch unterhalb der Töss
in einem Kiesbett verläuft. Dieser Grundwasserstrom ist eine Folge der Eiszeiten: bei der letzten grossen Vergletscherung vor etwa 14’000 Jahren reichte der Linthgletscher bis nach Winterthur und lagerte in der Ebene zwischen Eschenberg und Brühlberg giganti- sche Mengen an Kies ab. Zeitweise entstand dadurch ein grosser See, der vom heutigen Pfungen bis unge- fähr nach Elsau führte. Mit der Zeit grub sich die Töss durch das Kies. Nach wie vor strömt aber ein grosser Teil des Wassers aus dem Tösstal nicht im Flussbett das Tösstal hinunter, sondern tief darunter als Grundwasserstrom.
Wasserleitung von der Steig zum Kloster
Dieser Grundwasserstrom wird bereits im Mittel- alter genutzt. Töss verfügt über ein spezielles Gut, über das andere Dörfer teilweise nicht verfügen: genügend sauberes Trinkwasser. Einerseits gab es die Ziehbrunnen, die Wasser aus dem Grundwasserstrom der Töss zu Tage förderten, andererseits auch viele Quellen in den Abhängen von Eschenberg und Ebnet. Im 14. Jahrhundert nutzen die Klosterfrauen im neu gegründeten Kloster Töss frisches Quellwasser. So heisst es in einer Chronik, dass «im brunnenwisli under der steig ob dem langen stein der brunnen entspringt und ufgat, den man in das kloster fürt». Als Wasserleitung dienen sogenannte «Tüchel», Baum-stämme die zu Röhren ausgebohrt wurden.
1850 gibt es in Töss 12 Laufbrunnen, welche von Quellwasser gespiesen werden, 2 Schöpf- (oder eben«Gätzibrunnen») und 25 Ziehbrunnen. Die einzelnen Häuser haben keinen eigenen Wasseranschluss, sondern dieses muss jeweils beim Brunnen geholt werden. Eine Abwasser-Entsorgung gibt es kaum. Das Abwasser wird in die Bäche und Bächlein und in die Töss geleitet. Am 27. August 1890 beschliesst die Gemeinde, eine Wasserversorgung zu bauen, welche das Wasser direkt in die Häuser verteilt. Südlich des Rossbergs, nahe der heutigen Bahnstation Kemptthal werden 6 Quellen gefasst, die zusammen rund 300 Liter Wasser pro Minute liefern. Sie werden in ein Reservoir auf dem Hündler geleitet, 47 Meter über dem Dorf gelegen, so dass der Druck ausreicht, um das Wasser in die Häuser zu leiten. Das Reservoir umfasst vier Kammern mit total 630 Kubikmetern Wasser. Die Leitung von den Quellen zum Reservoir misst rund 3 Kilometer, die Leitung vom Reservoir ins Dorf bis zur ersten Verzweigung misst knapp einen Kilometer und wird aus Gussröhren mit einem Durchmesser von 25 Zentimetern gebaut. Insgesamt werden 16 Kilometer Röhren verlegt, 50 Schieber und 87 Hydranten gebaut. Die Kosten belaufen sich auf 131’000 Franken, gebaut wird die ganze Anlage innert lediglich 5 Monaten von April bis August 1891. Am 29. September 1891 wird die neue Wasserversorgung mit einem grossen Volksfest eingeweiht. 1897 erhält dann auch das Dättnau und die äussere Zürcherstrasse eine Wasserversorgung. Ein zusätzliches Reservoir oberhalb des Hündlers wird gebaut und bis 1990 genutzt. Die Quellfassung dazu befindet sich im Geissenrain und liefert etwa 20 Liter Wasser pro Minute.
1909 bis 1911 werden das Nägelseequartier und das Schlosstal an die Wasserversorgung angeschlossen, 1913 und 1914 schliesslich noch das Eichliackerquar- tier und der Auenrain. Nach der Stadtvereinigung von 1922 geht die Wasserversorgung an die Stadt- werke über. Die Wasserversorgung bleibt jedoch ei- genständig bis 1960.
Wasser aus dem Linsental
Bereits im frühen 20. Jahrhundert ist die Trinkwas- serqualität ein Thema. In einem Protokoll vom 12. November 1906 hält der Kantonschemiker fest, dass das Quellwasser teilweise bedenkliche Qualität habe, da in unmittelbarer Nähe der Fassungsstellen Jauche ausgebracht worden sei. Zudem seien «verschiedene mangelhaft abgeschlossene Mistgruben als sehr ungünstig zu bezeichnen».
Wesentlich sicherer als die Nutzung von Quellwasser in der Nähe von landwirtschaftlichen Betrieben ist der Grundwasserstrom, der durch die lange Reise durch das Kiesbett immer wieder gereinigt wird. 1922 beginnt die Stadt Winterthur mit dem Ausbau der Grundwasserfassungen im Linsental, welche heute massgeblich das Wasser nach Töss liefern. Auch das Dättnau verfügt mit einem neuen Reservoir beim Ebnet über eine ausreichende Wasserversorgung.
Das ehemalige Reservoir beim Hündler dient heute noch als Pumpwerk. 1991 umfasst die Leitungslänge der Wasserversorgung im Stadtteil Töss rund 50 Kilometer. Heute sind es geschätzt nochmals etwa die Hälfte mehr. In der ganzen Stadt Winterthur beträgt das Leitungsnetz über 400 Kilometer sowie 180 Kilo- meter Hausanschlussleitungen.
Töss und die ganze Stadt Winterthur werden heute mit naturbelassenem Grundwasser aus dem Grund- wasserstrom der Töss versorgt. Naturbelassen be- deutet, dass keine Aufbereitung oder Reinigung notwendig ist. Der Grund dafür ist die hochstehende Qualität des Grundwassers im Tösstal. Für die För- derung des täglichen Wasserbedarfs hat Stadtwerk Winterthur neun Grundwasserfassungen, die in Grundwasserschutzzonen liegen.
223 Liter pro Person
Rund 84 Prozent des Wasserverbrauchs werden heu- te im Bereich Privatwohnungen und Kleingewerbe genutzt. Die Industrie verbraucht etwas über 12 Pro- zent und öffentliche Nutzungen betragen rund 3 Pro- zent. Der durchschnittliche Verbrauch pro Person war im letzten Jahr durchschnittlich 223 Liter pro Tag.
Matthias Erzinger
Quellen:
Dr. Emil Stauber: Geschichte der Gemeinde Töss
J.J. Vollenweider: Denkschrift zur Einweihung der Wasserversorgung in Töss
Henry Müller: 100 Jahre Wasserversorgung in Töss, im Tössemer Nr. 3/1991