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Ein Schriftsteller, der Ich-Erzähler, hat sich in einen kleinen ländlichen Ort, Feldbach, zurückgezogen, in ein Haus am Waldrand, um dort über einen Mann zu schreiben, der versucht, «einen im Mittelmeergebiet beheimateten Kleopatrafalter in die Feldbacher Gegend zu locken». Der Plan wird allerdings durchkreuzt von dem plötzlichen Erscheinen Ungerers, einer seltsamen Clochard-Figur, die den verwilderten Garten bestellt und aus deren auffälliger graurot karierter Mütze der Ich-Erzähler vergangene Feldbacher Geschichten schöpft. Märchenhaft-romantisch entfaltet der Basler Autor Pierre Chiquet einen kleinen Roman über die Magie des Erzählens. Dabei wird der titelgebende Kleopatrafalter – genadelt unter goldgerahmtem Glas der einzige Wandschmuck im kargen Schreibzimmer des Erzählers – zum Symbol sehnsüchtiger Imagination. Die überraschende Begegnung des Protagonisten mit einer geheimnisvollen jungen Frau im roten Kleid auf dem Markt in Feldbach führt die scheiternde Faltererzählung zu einer poetischen Liebesgeschichte, die der Ich-Erzähler in einer Mittsommernacht aufzeichnet.
Chiquet hat schon in seinen früheren Büchern – in der Erzählung «Blister» und den Romanen «Die Peilung» und «Königsmatt» – Grenzbereiche zwischen unerfüllter Realität und poetischer Fiktion erkundet und die Konfrontation von differenten Welten in surrealen Bildern projiziert. In «Kleopatrafalter» verwebt er verschiedene Erzählebenen zu einer Demonstration der Möglichkeiten literarischer Phantasie. Durch Perspektivwechsel, Figuren- und Motivverknüpfungen erprobt Chiquet die metamorphische Macht eines Schreibens, das um die Unerreichbarkeit des ewigen Glücks weiss, aber beschwörend und mit spielerischer Vorstellungskraft Sprachwege und Wortbrücken zu den Zielen unbeschreiblicher Wünsche legt. Der rätselhaften Frau im roten Kleid erschreibt der Ich-Erzähler eine fiktive Familiengeschichte und imaginiert in atmosphärischen Bildern erfüllte und scheiternde Liebesbegegnungen. Chiquets Versuch, das Ausserordentliche, das einmalige, unaussprechliche Erlebnis zu poetisieren, gerät bisweilen freilich zu einer arg pathetischen Diktion, unter deren Einfluss die detaillierten stimmungsvollen Beschreibungen sich in mythische Beschwörungen verlieren.
Adressiert an die unbekannte bezaubernde Frau erkennt der Protagonist am Ende allerdings illusionslos die Grenzen des Erzählens: «Auch unsere Geschichte werde ich nicht schreiben können, und sollte ich es doch versuchen, wird es nicht mehr dieselbe, nicht mehr die unsrige sein – ich würde sie auslöschen.» Und so schliesst Chiquet seinen Roman mit der Erwartung, dass die Ersehnte durch den von Ungerer hergerichteten blühenden Garten schreitet und in das (Schreib-)Zimmer des Erzählers tritt: glücklicherweise, und konsequent, verzichtet Chiquet auf die Gestaltung eines Happy-Ends und bietet dem Leser damit ein wunderbares Buch über den Zauber der Poesie und der Liebe…
besprochen von Hartmut Vollmer, Paderborn
Pierre Chiquet: «Kleopatrafalter». Zürich: Bilger, 2007.