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Nachlass Alhard Gelpke
Alhard Gelpke (rechts) mit zwei weiteren Mitgliedern des Corps "Alamannia" Zürich in Vollwichs, ca. 1910
Das Altbestände-Projekt startete im Frühjahr 2020 mit der Erschliessung eines aussergewöhnlichen Bestandes. Der Nachlass des Juristen Alhard Gelpke besteht zu einem grossen Teil aus von ihm selbst produzierten Abschriften von angeblich vernichteten Originalunterlagen des in der Schweiz im Exil lebenden preussischen Staatssekretärs Wilhelm Abegg. Alhard Gelpke stand zwar tatsächlich mit Wilhelm Abegg in Kontakt, diese Bekanntschaft diente ihm jedoch zur Konstruktion einer eigenen Legende, die ihm eine Rolle von historischer Bedeutung zuschrieb. So will er im Auftrag von amerikanischen Geldgebern, die angeblich Hitler finanzierten, die geheime Buchhaltung der NSDAP geprüft und vor und während des Zweiten Weltkriegs als Archivar und Treuhänder von Oppositionsgruppen gewirkt haben, die Hitler beseitigen wollten. Ein geheimes "Comité A" soll unter der Leitung von Wilhelm Abegg mit zehn 1938 aus einem deutschen Konzentrationslager freigekauften preussischen Polizeioffizieren ein Attentat auf Hitler vorbereitet haben. Als "Geheimarchivar" produzierte er mit Unterstützung seiner zweiten Ehefrau vor allem in den 1950er-Jahren umfangreiche Pseudoakten, die er – ergänzt durch einzelne Originalbriefe, Artikel und Schriften – als "Abegg-Archiv" ausgab. Nach dem Ableben Wilhelm Abeggs versuchte er die gesammelten und die selbst fabrizierten Unterlagen an Archive in Deutschland, in der Schweiz und in den USA zu verkaufen.
Das Archiv für Zeitgeschichte war im Zusammenhang mit Nachforschungen zur Geschichte der politischen Emigration mit Alhard Gelpke in Kontakt getreten. Zwischen 1969 und 1979 erhielt das AfZ portionenweise angebliche Abschriften und Durchschläge von stenografischen Notizen und Diktaten Wilhelm Abeggs, aber auch anderer in der Schweiz im Exil lebender Persönlichkeiten, wie von dem ehemaligen preussischen Ministerpräsidenten Otto Braun und dem ehemaligen Reichskanzler Joseph Wirth. Dass es sich dabei um Fälschungen handelte, erkannte der damalige Archivleiter Klaus Urner, als Alhard Gelpke dem AfZ wegen seines Umzuges ins Altersheim den Rest seines Bestandes übergab. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse 1980 in der Publikation "Der Schweizer Hitler-Attentäter. Drei Studien zum Widerstand und seinen Grenzbereichen".
Die Erschliessung bezweckte insbesondere eine Unterscheidung zwischen Fälschungen und authentischen Akten sowie die Rekonstruktion der Geschichte des Bestandes. Der Nachlass von Alhard Gelpke liefert nicht nur Einblicke in eine aussergewöhnliche Biografie. Für die historische Forschung sind – neben den wenigen Originaldokumenten Wilhelm Abeggs – auch die Eigenproduktionen von Interesse, lassen sich diese doch in dem erinnerungspolitischen Diskurs der Nachkriegszeit verorten.