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Alexander von Humboldt war ein leidenschaftlicher Fürsprecher der Natur als 'Netz des Lebens' und ein scharfer Kritiker von Umweltzerstörung. Bis heute prägt sein Konzept der grossen «Verkettung der Ursachen und Wirkungen» unsere Vorstellungen ökologischer Systeme, häufig ohne dass uns seine gedankliche und emotionale Vorarbeit bewusst ist. Humboldt war ein rastloser Forscher und unermüdlicher, aber auch streitbarer, Netzwerker im Dienst eines umfassenden Verständnisses der Natur, der unzählige Menschen mit seinen Ideen beeinflusst hat, bis hin zu den Pionieren des Umweltbewusstseins im modernen Yoga.
Es war Humboldts Idee der untrennbaren Verbindung zwischen Mensch und Natur, die Henry David Thoreau - den ersten 'weissen Yogi' - entscheidend prägte.[1] Als der Philosoph und spätere Schriftsteller zwischen 1847 und 1854 sein weltberühmtes Buch «Walden» schrieb, übernahm er von Humboldt die Überzeugung, dass man das 'Ganze' der Natur nur begreifen konnte, wenn man die Verbindungen und Beziehungen zwischen den Einzelheiten der Natur verstand. Auch Humboldts Verknüpfung von genauer wissenschaftlicher Beobachtung und dichterischer Naturbeschreibung diente Thoreau als Inspiration für sein eigenes Buch. In ihrer spannenden Biografie über Humboldt betont Andrea Wulf, dass Thoreau sein Buch nicht hätte schreiben können, ohne die Inspirationen einer neuen Gedankenwelt, wie sie ihm in Humboldts «Kosmos» begegneten.
Humboldt vertrat eine Sicht der Welt, die dem allgemeinen Streben nach ständiger 'Verbesserung' und 'Kontrolle' der Natur - wie sie im 19. Jahrhundert verbreitet war - entgegenstand. Seine Sicht der Dinge war von dem Versuch geprägt, den Sinn der Natur als Lebensnetz zu erfassen. Wie Wulf betont, beschrieb Humboldt als erster die «grundlegende Bedeutung des Waldes für Ökosysteme und Klima: die Fähigkeit der Bäume, Wasser zu speichern, die Atmosphäre mit Feuchtigkeit anzureichern, den Boden zu schützen und ihre Umgebung abzukühlen.»[2] Seine intensive Erkundung der Natur auf den südamerikanischen Forschungsreisen mit Aimé Bonpland, seine akribischen Messungen und genauen Vergleiche, liessen ihn Zusammenhänge erkennen, die auf ein ganzheitliches Zusammenspiel aller Phänomene hindeuteten. So erkannte Humboldt, welche katastrophalen Auswirkungen menschliche Eingriffe auf die Natur und das Klima haben konnten und wurde damit «zum Vater der Umweltbewegung», wie Andrea Wulf ihn nennt.[3]
Die Welt des Regenwaldes am Orinoco empfand Humboldt als ein Geflecht organischer Kräfte; eine Welt, die vor Leben vibrierte. Er hielt die indigenen Völker nicht für 'Wilde', sondern war beeindruckt von ihren Kulturen, ihrem Wissen und ihren Sprachen. Er sah jedoch auch den ununterbrochenen, blutigen Kampf in der Natur, den wechselseitigen Druck der Arten und den Wettstreit ums Überleben. Humboldt liess sich so weit auf die Natur ein, dass er zahlreiche Selbstversuche unternahm, indem er das Wasser jedes Flusses probierte, Zitteraale berührte, das Pfeilgift Curare probierte und seinen Körper vielen weiteren Prüfungen aussetzte, die er jedoch alle mehr oder weniger lädiert überlebte.
Erst das eigene direkte Erfühlen und sinnliche Erleben der Natur schenkte Humboldt die Einsichten, die er mit seinem völlig neuen Naturbegriff schriftlich und graphisch umsetzte. Mit seinem «Naturgemälde» eröffnete er den Wissenschaftlern der damaligen Welt die Idee der Vegetationszonen und damit eine ganz neue, verbindende Sicht auf die Natur.[4] In seinen «Ideen zur Geographie der Pflanzen» mit dem beigefügten Kupferstich des «Naturgemäldes» zeigte Humboldt ein bislang unsichtbares Netz von klimatischen, geographischen und biologischen Zusammenhängen auf, das völlig neue Einsichten in ein lebendiges System eröffnete.
Ebenso neu war Humboldts Art über seine Forschungen und Reiseerlebnisse zu schreiben. Mit den «Ansichten der Natur» schuf er eine neue schriftstellerische Gattung, in der er lebendige Landschaftsbeschreibungen mit wissenschaftlichen Beobachtungen verband. Seiner Meinung nach musste die Natur mit wissenschaftlicher Genauigkeit beschrieben werden, aber ohne, dass ihr «darum der belebende Hauch der Einbildungskraft entzogen bleibt».[5] Einzelne Beobachtungen sollten sich zu einer lebendigen, sinnlichen Beschreibung der Natur als Ganzem zusammenfügen.
Eine umfassende Verbindung all seiner Beobachtungen und Erkenntnisse zu einem sinnvollen Ganzen strebte Alexander von Humboldt mit dem bedeutendsten Werk seines Lebens an: «Kosmos, Versuch einer physischen Weltbeschreibung». Im vierbändigen Kosmos fasste er Daten aus der ganzen Welt zu unzähligen Themenbereichen zusammen und arbeitete dafür mit einem grossen Netzwerk aus Naturwissenschaftlern, Altertumsforschern, Astronomen, Geologen und Historikern zusammen. Er war sich sehr wohl der Grenzen seiner eigenen Daten bewusst, war aber mit seinem phänomenalen Gedächtnis unübertroffen darin, den Überblick zu behalten und die schier unendlichen Datenmengen perfekt zu organisieren.[6] "Kosmos" wurde gleich nach der Veröffentlichung zum Bestseller. Humboldts Beschreibungen waren lebendig, seine Gedankengänge verbindend, seine Begeisterung ansteckend. Seine Vorstellungen von der Welt - geprägt vom Bewusstsein für ständige Veränderungen und dynamische Anpassungen innerhalb eines sinnvoll aufeinander abgestimmten Systems – beeinflussten Denker, Künstler und Forscher der nächsten Generationen.
Sogar die ökologische Orientierung des modernen Yoga, die sich in einem intensiven Austausch zwischen indischer Philosophie und westlichen Ideen entwickelt hat, wurde von Humboldts Arbeit inspiriert. Die westlichen, kolonialen Wurzeln des Umweltbewusstseins in Indien, so schreibt der Historiker und Umwelt-Aktivist Richard Grove, wurden durch die Schriften von Humboldt wesentlich beeinflusst.[7] Wie der Biologe Ernst Haeckel, der ein paar Jahre nach Humboldts Tod den Begriff «oekologie» prägte, war auch Humboldt durch die Philosophie Baruch Spinozas geprägt, dessen wichtigster Grundgedanke die Einheit und gegenseitige Abhängigkeit alles Lebendigen war. Ein Gedanke, der an die indische Philosophie des Advaita Vedanta erinnert und eine Verbindung schafft zwischen indischem und westlichem Denken; obwohl Humboldt selbst nie in Indien gewesen ist.
Lange hatte er versucht eine weitere Forschungsreise zu organisieren, die ihn nach Indien führen sollte. Er scheiterte jedoch an der feindseligen Einstellung der britischen Ostindien-Kompanie ihm gegenüber. Die Direktoren der Kompanie lehnten die Einwilligung zu einer Indienreise wiederholt ab. Sehr vermutlich, weil Humboldt, als kritischer Geist, die «europäische Grausamkeit» des Kolonialismus scharf verurteilte.[8]
[2] Andrea Wulf – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Penguin Verlag München 2018, S. 86
[3] Andrea Wulf – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Penguin Verlag München 2018, S. 86
[4] Andrea Wulf – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Penguin Verlag München 2018, S. 169
[5] Andrea Wulf – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Penguin Verlag München 2018, S. 325
[6] Andrea Wulf – Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, Penguin Verlag München 2018, S. 297-298
Bildnachweise (Wikimedia Commons)
1 - alexandre_humboldt_Von Friedrich Georg Weitsch - Karin März, Gemeinfrei, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=61508
2 - Humboldt-Bonpland_Chimborazo_Von Friedrich Georg Weitsch - Uploaded to German WP on 2241, 2. Jun 2005 by deBenutzerAPPER., Gemeinfrei, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=184211
3 - Humboldt_and_Bonplant_in_the_Jungle_am Orinoco_Eduard_Ender_1856_Von Eduard Ender - Red Redial, Gemeinfrei, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=979313
4 - Zentralbibliothek_Zürich_-_Ideen_zu_einer_Geographie_der_Pflanzen_nebst_einem_Naturgemälde_der_Tropenländer_-_000012142Von Bonpland, Aimé, Arzt, Naturforscher, Entdeckungsreisender, Frankreich, 1773 - 1858 - Zentralbibliothek
5 - Baron_Alexander_von_Humboldt_by_Julius_Schrader_1859_retouched_Von Julius Schrader, Gemeinfrei, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid_31401516
Wer tiefer in die Welt und das Denken Alexander von Humboldts eintauchen möchte, findet eine Fülle von Informationen und Geschichten in Andrea Wulfs Buch: «Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur».
Andrea Wulf schreibt so begeistert und spannend über Humboldts intensive Studien, seinen nie endenden Forschungsdrang und sein umfassendes Wissen, dass ihr Buch zahllose Inspirationen für eigene Gedanken zur Ökologie und zur Verbindung von Natur und Mensch bietet.
Ergänzt durch anschauliche Beschreibungen des geschichtlichen Umfeldes und Humboldts häufig widersprüchlichem Wesen – von empfindsam, über scharfzüngig, bis zu starrköpfig – lässt diese Biografie eine historische Persönlichkeit und ihr Umfeld auf eine Weise lebendig werden, die fesselt, Spass macht und uns die wichtige Erkenntnis vermittelt, dass wir Menschen für den Zustand der Welt in der wir leben verantwortlich sind.
Andrea Wulf - Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur; Penguin Verlag, Verlagsgruppe Random House, 2018