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Rund ein Prozent der Menschen in der Schweiz erkrankt im Lauf des Lebens an Schizophrenie. Im folgenden Interview erklärt Dr. Robert Maier, Chefarzt Psychiatrie am Sanatorium in Kilchberg, wie sich die Erkrankung äussert, was dahintersteckt und wie sie sich behandeln lässt.
Oft entwickelt sich die Krankheit schleichend. Das Umfeld nimmt wahr, dass sich der oder die Betroffene im Denken, Fühlen und Handeln verändert. Zum Beispiel bemerkt ein Vater, dass seine Tochter anders ist, weniger schläft, ihm ungewöhnliche Fragen stellt, sich ablehnend verhält und abwesend wirkt. Mit der Zeit können Wahnvorstellungen dazu kommen, und sie glaubt zum Beispiel, dass sich etwas Grosses am Tun ist und die Regierung sich gegen die Menschen verschwört. Der Vater spürt, dass diese Vorstellungen eigentlich nicht zur Realität seiner Tochter passen. Die Themen nehmen jedoch mehr und mehr Raum ein und eine Diskussion ist nicht mehr möglich, weil die Tochter andere Meinungen nicht mehr reflektieren kann. In der Folge zieht sie sich sozial immer mehr zurück, weil sie realisiert, dass ihr andere nicht glauben. Sie ist aber überzeugt, dass grosse Mächte am Wirken sind, die sie komplett beeinflussen.
Sie spüren, dass sich etwas verändert und sie sensibler werden. Oft entsteht das diffuse Gefühl, dass andere sie komisch anschauen, über sie sprechen oder es auf sie abgesehen haben. Viele ziehen sich zurück. Halluzinationen wie das Hören von Stimmen können zusätzlich auftreten. Dieser Prozess dauert Wochen, manchmal sogar Jahre. Einige Menschen, die an Schizophrenie leiden, verkünden ihre wahnhaften «Offenbarungen» an öffentlichen Plätzen und realisieren nicht, dass andere sie nicht verstehen oder sind der Überzeugung, dass andere sie nicht verstehen wollen.
Nein, um von einer Schizophrenie zu sprechen, müssen die Symptome mindestens während eines Monats bestehen. Drogenkonsum kann zu einer akuten Psychose führen, die sich mit ähnlichen Symptomen zeigt wie eine Schizophrenie: Betroffene hören Stimmen, sehen Bilder und haben den Eindruck, dass sie verfolgt werden. Solche Psychosen können aber innert Tagen gut behandelt werden.
Männer und Frauen erkranken etwa gleich häufig, wobei die ersten Anzeichen bei Männern oft schon mit 20 Jahren auftreten, bei Frauen erst ab etwa 25 Jahren. Ein zweiter Gipfel zeichnet sich bei Frauen rund um die Menopause ab.
Aus Zwillings- und Adoptionsstudien wissen wir, dass Vererbung ein Faktor ist. Ein Kind, dessen Elternteile beide von Schizophrenie betroffen sind, hat ein Risiko von 30 Prozent, ebenfalls daran zu erkranken. Wenn ein eineiiger Zwilling daran leidet, wird der andere Zwilling mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 Prozent erkranken. Bei zweieiigen Zwillingen und bei nur einem erkrankten Elternteil liegt das Risiko bei zehn beziehungsweise unter zehn Prozent.
Damit eine Schizophrenie entstehen kann, braucht es biologische, psychologische und soziale Faktoren. Je mehr Faktoren zusammen auftreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken.
Bekannt ist, dass Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, zum Beispiel eine Infektion in der Schwangerschaft oder eine Unterversorgung mit Sauerstoff während der Geburt, die Absenz oder mangelnde Fürsorge der Eltern, Missbrauch und andere Traumata, der Umgang mit Stress, das soziale Umfeld, Migration und ein fehlendes soziales Netzwerk das Risiko für die Krankheit ansteigen lassen.
Auch Drogenkonsum begünstigt die Erkrankung. Das Problem beispielsweise beim Cannabis-Konsum, der die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Schizophrenie deutlich erhöht, ist, dass sich Konsumenten auf einen Blindflug begeben, da wir heute weder mit einem verlässlichen Bluttest noch mit anderen Methoden feststellen können, wer eine genetische Veranlagung für Schizophrenie hat.
Wichtig ist eine medizinische Untersuchung, um körperliche Ursachen der Symptome auszuschliessen. Dazu gehören ein MRI des Kopfes, eine Blutuntersuchung, eine körperliche Untersuchung und eine Überprüfung aller Medikamente, die eingenommen werden.
Liegen keine körperlichen Ursachen vor, erfolgt die psychiatrische Untersuchung durch intensive Gespräche. Als Psychiater suche ich nach gewissen Kriterien im Gespräch und rede über die Symptome. Voraussetzung dafür ist der Aufbau einer Beziehung. Zur psychiatrischen Untersuchung gehören auch Abklärungen rund um die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit, zum Gedächtnis und zu Wahnvorstellungen.
Ich versuche herauszufinden, wie es dem Patienten geht, wenn er Halluzinationen hat und Stimmen hört. Es können sogenannte Ich-Störungen auftreten. Es kann so weit gehen, dass ihnen andere Menschen Gedanken einpflanzen, sie verändern können und sie sich als Person auflösen. Da eine Schizophrenie sehr belastend sein kann, können Patienten zusätzlich an einer Depression erkranken.
Manchmal sind die Stimmen weit weg, manchmal kommentieren sie oder treten in einen Dialog mit den Betroffenen. Manchmal wertet die Stimme Betroffene ab, was dazu führt, dass diese sich noch schlechter fühlen. 15 Prozent der Menschen mit Schizophrenie begehen Selbstmord.
Ein Drittel der Betroffenen wird akut krank, hat aber nach der Behandlung nie mehr Symptome, wenn sie sozial gut eingebettet sind. Ein weiteres Drittel erkrankt immer wieder an Schizophrenie. Dank der Behandlung geht es ihnen gut und sie können wieder in ihr Leben zurückkehren, ohne allzu grosse Einschränkungen im Alltag in Kauf zu nehmen. Nicht alle erholen sich zwischen den Schüben ganz. Ein letztes Drittel erkrankt chronisch.
Die Therapie setzt auf der biologischen, der sozialen und der psychologischen Ebene an. Durch Medikamente, die unter anderem am Botenstoff Dopamin wirken, wird in den Hirnstoffwechsel eingegriffen. Diese Medikamente wirken gut. Wichtig sind auch eine Tagesstruktur und die Einbindung in ein soziales Umfeld. Manchmal braucht es ein begleitetes Wohnen oder eine Veränderung in der Tagesstruktur. Die Psychotherapie hilft im Umgang mit der Krankheit.
Grund dafür ist die Tatsache, dass deutlich weniger Menschen an einer Schizophrenie leiden als zum Beispiel an einer Depression oder einem Burn-out. Über letztere wurde in den vergangenen Jahren sehr viel aufgeklärt, und diese beiden psychischen Probleme sind in unserer Gesellschaft präsent. Schizophrenie-Patienten fallen in der Öffentlichkeit manchmal negativ auf, wenn sie ihre Eingebungen verkünden. Manche Menschen reagieren mit Angst auf ihr Verhalten, was dazu führt, dass Erkrankte die Ablehnung spüren und sich selbst stigmatisieren, im Sinn von «Ich kann nichts».
Hier ein kleines Beispiel: Greift sich im Bus eine alte Frau ans Herz und stösst einen Schmerzensschrei aus, werden ihr ganz viele Menschen zu Hilfe eilen. Spricht ein junger Mann im Tram lautstark mit Luzifer über den Weltuntergang, werden sich alle abwenden und schweigen. Niemand wird den Mann fragen, ob er Hilfe braucht.
Hier liegt noch viel Arbeit vor uns, bis alle realisieren, dass Menschen, die an Schizophrenie leiden, keine Menschen einer anderen Kategorie sind, sondern Menschen mit den gleichen Hoffnungen, dem Wunsch nach sozialer Einbindung, dem Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung.