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Im gesunden Boden einer Hektare Grünland leben eine bis drei Millionen Regenwürmer. Je mehr Würmer vorhanden sind, desto besser ist die Bodenfruchtbarkeit. In einem zu intensiv und unsachgemäss bewirtschafteten Boden können die Regenwürmer fast vollständig verschwinden. Aus einem zerschnittenen Regenwurm gibt es übrigens nicht zwei, wie das gerne behauptet wird. Im besten Fall überlebt der Vorderteil.
Regenwürmer entwickeln sich mit Ausnahme der Streubewohner (vor allem Kompostwürmer) langsam. Pro Jahr wird nur eine Generation mit maximal acht Kokons (= Regenwurmeier) gebildet. Die Lebensdauer reicht je nach Art von zwei bis acht Jahre. Geschlechtsreife Tiere sind am wurmumfassenden Gürtel erkennbar („Geschlechtsgürtel“). Die grösste Wühlaktivität und die Fortpflanzung finden im März und April sowie im September und Oktober statt. Wenn es sehr trocken und warm ist, machen die meisten Regenwürmer einen Sommerschlaf, vergleichbar mit dem Winterschlaf zum Beispiel von Igeln. Die Würmer wachen im Herbst, wenn es feucht und kühl wird, wieder auf. Im Winter, bei Frost, ziehen sich die Tiere in den frostfreien Teil der Röhre zurück und leben auf „Sparflamme“. Wenn mitten im Winter einige Tage frostfrei sind, werden sie wieder aktiv. Regenwürmer können von ungestörten Randzonen (zum Beispiel Naturwiese) in Ackerflächen einwandern. Der Tauwurm (Lumbricus terrestris) schafft es pro Jahr bis 20 Meter weit.
In der Schweiz kommen gegen vierzig Regenwurmarten vor. In Ackerböden findet man vier bis elf Arten. Regenwürmer bevorzugen mittelschwere Lehm- bis lehmige Sandböden. Schwere Ton- und trockene Sandböden mögen sie nicht und in sauren Torfböden leben nur „Spezialisten“, also Arten, die sich an diese lebensfeindlichen Verhältnisse angepasst haben. Die Regenwurmarten können grob in drei ökologische Gruppen eingeteilt werden (siehe Grafik und Tabelle).
Die Vertikalgrabenden sind in landwirtschaftlich genutzten Böden von bedeutsam. Die rötliche Pigmentierung schützt die Würmer gegen UV-Strahlung (Bild 2, oben). Sie legen senkrechte, stabile Wohnröhren (Durchmesser 8-11mm) an und bewohnen sie normalerweise während ihres ganzen Lebens.
Die Flachgrabenden bilden meist horizontale Gänge, die nicht stabil sind. Sie sind kleiner, bleich und leben in den obersten Bodenschichten und kommen kaum an die Bodenoberfläche. Junge Regenwürmer befinden sich in der Regel oben im Wurzelfilz.
Die Streubewohner kommen im Ackerboden selten vor, da sich keine dauernde Streuschicht bilden kann.
Abb. 1: Ökologische Gruppen der Regenwürmer
Vertikalgrabende
Flachgrabende
Streubewohner
|andere Namen||Anektische Arten|
Tiefgraber
|Endogäische Arten|
Flachgraber
|Epigäische Arten|
|Lebensraum||alle Bodenschichten, 3-4m tief (Lösslehm)||Oberboden (5-40 cm), humoser Mineralboden||in Streuschichten, v.a. im Grünland und Wald|
|Grösse||meist gross, 15-45 cm lang||von klein bis 18 cm lang||klein, meist 2-6 cm lang|
|Ernährung||ziehen grosse Pflanzenteile in die Wohnröhren||Pflanzenteile im Oberboden eingemischt||kleine Pflanzenteile auf dem Boden|
|Vermehrung||begrenzt||begrenzt||stark|
|Lebensdauer||lang, 4-8 Jahre||mittel, 3-5 Jahre||kurz, 1-2 Jahre|
|Lichtempfindlichkeit||mässig||stark||schwach|
|Färbung||rotbraun, Kopf dunkler||bleich||insgesamt rot-bräunlich|
|Beispiele||Tauwurm, Grosser Wiesenwurm||Grosser Ackerwurm, Kleiner Wiesenwurm||Kompostwurm, Roter Laubfresser|
Die Ernährung ist entscheidend für die Förderung des Regenwurms. Er ernährt sich hauptsächlich von abgestorbenen Pflanzenteilen. Nachts weidet er den tagsüber entstandenen Algenrasen auf der Bodenoberfläche ab und zieht abgestorbene Pflanzenteile in seine Röhre hinunter, wo sie von Mikroorganismen in zwei bis vier Wochen „vorverdaut“ werden. Regenwürmer haben keine Zähne und können keine Wurzeln anfressen. Der Tauwurm zum Beispiel nimmt flach eingearbeitetes oder an der Oberfläche liegendes Material auf.
Regenwürmer sind Baumeister fruchtbarer Böden. Ihr Einfluss auf den Boden ist vielfältig. Sie legen jährlich viel wertvollen Wurmkot im Boden und an der Oberfläche ab (im Acker bis 0.5 cm der Bodenschicht, in der Wiese sogar bis 1.5 cm).
Regenwürmer lüften den Boden
Die Regenwurm-Röhren sorgen für eine gute Durchlüftung des Bodens und erhöhen den Grobporenanteil.
Regenwürmer erhöhen die Wasseraufnahme des Bodens
Insbesondere die stabilen Röhren der Vertikalgrabenden (Tauwurm u.a.) verbessern deutlich die Wasseraufnahme, -speicherung und -einsickerung sowie die Drainage des Bodens. Oberflächenabfluss und Erosion können dadurch vermindert werden. Bis 150 Gänge pro m² oder 900 Meter Röhren pro m² und 1 Meter Tiefe lassen sich in ungepflügtem Boden finden. In tiefgründigen Lössböden reichen die senkrechten, mit Schleim stabilisierten Gänge bis drei Meter tief, in Schwarzerden sogar bis zu sechs Meter.
Regenwürmer bauen tote Pflanzenteile ab
Die Regenwürmer arbeiten im Acker pro Jahr bis zu sechs Tonnen totes organisches Material pro Hektare in den Boden ein. Im Wald verarbeiten die Regenwürmer sogar bis zu neun Tonnen Laub pro Hektare.
Im Wurmkot sind organische und mineralische Teile gut durchmischt und die Nährstoffe liegen in leicht verfügbarer und angereicherter Form vor. Die Regenwürmer produzieren 40 bis 100 Tonnen Kot pro Hektare und Jahr. Dieser wertvolle Humus wird auf den Boden abgelegt. Er enthält durchschnittlich 5-Mal mehr Stickstoff, 7-Mal mehr Phosphor und 11-Mal mehr Kalium als die umgebende Erde.
Regenwürmer verjüngen den Boden.
Regenwürmer transportieren Bodenmaterial aus dem Unterboden in den Oberboden und halten ihn dadurch jung.
Regenwürmer „hygienisieren“ den Boden.
Regenwürmer fördern die Ansiedlung und Vermehrung nützlicher Bodenbakterien und Pilze in ihren Gängen und Kothäufchen. Durch das Einziehen von befallenem Laub in den Boden werden blattbewohnende Schadorganismen (Winterformen von Schadpilzen wie Apfelschorf, Rotbrenner und Blattminierrauppen) biologisch abgebaut. Dauerformen widerstehen allerdings der Verdauung im Regenwurmdarm und finden sich wieder im Regenwurmkot.
Regenwürmer fördern das Wurzelwachstum
Über neunzig Prozent der Röhren werden von Pflanzenwurzeln bevorzugt besiedelt. Sie können so ohne Widerstand in tiefere Bodenschichten eindringen und finden ideale Wachstumsbedingungen vor (nährstoffreicher Regenwurmkot, Wasserzugang).
Regenwürmer fördern die Krümelbildung und deren Stabilität
Mit der intensiven Durchmischung von organischer Substanz mit mineralischen Bodenteilchen und Mikroorganismen sowie durch Schleimabsonderung bilden die Regenwürmer ein stabiles Krümelgefüge, in der Folge verschlämmt der Boden weniger und ist leichter bearbeitbar, zudem werden Nährstoffe und Wasser besser zurückgehalten. Reichliche Wurmkotproduktion macht schwere Böden lockerer und sandige Böden bindiger.
Tiefgrabende können leichte Bodenverdichtungen durchdringen und den Wasserabfluss verbessern.
Schonende Bodenbearbeitung mit sparsamem Pflugeinsatz
- Pflug und schnell rotierende Geräte nur einsetzen wenn unbedingt nötig, da sie je nach Einsatzzeitpunkt die Regenwürmer massiv dezimieren. Die Verlustraten bei Pflugeinsatz betragen rund 25 Prozent, bei rotierenden Geräten können sie bis auf 70 Prozent steigen.
- In regenwurmaktiven Zeiten (März-April und September-Oktober) intensive Bodenbearbeitung vermeiden.
- Die Bearbeitung von trockenen oder kalten Böden schädigt viel weniger Würmer, da sich die meisten in tiefere Bodenschichten zurückgezogen haben.
- Den Boden möglichst wenig wenden. Wird dennoch gepflügt, dann mit Onlandpflug und nur flach. So werden Verdichtungen in tieferen Bodenschichten vermieden.
- Möglichst bodenschonende und minimale Bearbeitungsverfahren sowie Bestellkombinationen einsetzen.
- Bodenbearbeitung nur auf gut abgetrockneten, tragfähigen Böden durchführen.
Minimierung des Bodendruckes und der Verdichtung
- Die Mechanisierung so anpassen, dass der Bodendruck möglichst gering bleibt. Je schwerer die Maschinen, desto grösser die Bodenverdichtungen, die sich negativ auf den Regenwurmbesatz und andere Lebewesen auswirken.
Vielfältige Fruchtfolge bedeutet reichhaltiges Menü für die Würmer
- Reichliche Versorgung der Böden mit Pflanzenteilen ist die Grundlage für reiches Bodenleben. Eine vielfältige Fruchtfolge mit kleereichen, lang dauernden und tief wurzelnden Zwischenfrüchten oder Gründüngungen und vielfältigen Ernteresten tragen wesentlich dazu bei. Wenn die Regenwürmer gut ernährt werden, kann sich der Bestand halten oder sogar wachsen.
- Den Boden immer mit Pflanzenresten bedecken.
- Eine Bodenbedeckung mit Pflanzen, vor allem auch über den Winter, fördert Regenwürmer und andere Bodentiere beträchtlich.
- Eine mehrjähriger Kleegraswiese regeneriert die Regenwurmpopulation und ist förderlicher als nur eine einjährige Kunstwiese.
Die Art und Menge der Düngemittel beeinflusst die Regenwürmer:
- Ein gut und ausgewogen versorgter Boden ist gut für die Pflanzen und die Regenwürmer.
- Angerotteter Mistkompost ist förderlicher als reifer Mistkompost, der weniger Nahrung für die Regenwürmer enthält.
- Organische Dünger nur flach einarbeiten.
- Verdünnung oder Aufbereitung der Gülle wirkt sich positiv auf die Regenwürmer aus. Der Ammoniak in nicht aufbereiteter Gülle kann insbesondere bei wassergesättigten Böden die an der Bodenoberfläche lebenden Regenwürmer stark schädigen.
- Gülle nur bei saugfähigem Boden ausbringen.
- Massvoll eingesetzte Gülle fördert die Regenwürmer (zirka 25 m3 pro Hektare).
- Regelmässige Kalkung aufgrund von pH-Messungen.
Was Würmer meiden
- Tief im Boden vergrabene Pflanzenreste.
- Luftarme, verdichtete und vernässte Böden.
- Saure Böden mit einem pH-Wert unter 5.5.
120 bis 140 Tiere pro Quadratmeter ist eine gute Besatzdichte für einen Ackerboden im Schweizer Mittelland. Die ungefähre Anzahl Würmer kann grob abgeschätzt werden:
Würmer pro Spatenstich:
Ein 10 x 10 cm grosser und 25 cm tiefer Spatenstich eines fruchtbaren, mittelschweren Lehmbodens enthält ein bis zwei Würmer (entspricht 100 bis 200 Tiere pro Quadratmeter).
Anzahl Kothäufchen:
Auf einer Fläche von 50 x 50 cm werden in den regenwurmaktiven Perioden (März-April und September-Oktober) die Kothäufchen gezählt.
- 5 Kothäufchen oder weniger: Geringe Wurmaktivität, der Boden enthält wenig Würmer.
- 10 Kothäufchen: Mittlere Wurmaktivität.
- 20 Kothäufchen oder mehr: Gute Wurmaktivität. Der Boden enthält viele Würmer.
Interview mit Regenwurmexperte Lukas Pfiffner (Tagesgespräch Radio DRS 1 vom 07.01.2011)
Der Regenwurm – Tier des Jahres 2011 (Webseite Pro Natura)
Regenwürmer – Baumeister der Bodenfrutbarkeit (Bioaktuell 8|2017)
Merkblatt «Regenwürmer» (FiBL-Shop)
Autor: Lukas Pfiffner, Agrarökologe, FiBL
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 07.03.2012