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Wir kennen alle das Märchen «Schneewittchen und die sieben Zwerge»: Der Spiegel wurde von der bösen Königin und Stiefmutter Schneewittchens regelmässig aufgefordert, ihre Schönheit zu bestätigen. Dies tat er zuverlässig: «Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.»
Eines Tages geschah Unerwartetes. Der Spiegel hatte seine Meinung geändert: «Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.» Im Märchen lautet die Begründung für den Sinneswandel des Spiegels, dass Schneewittchen nun so schön sei wie der klare Tag und schöner als die Königin selbst: Die Haut weiss wie Schnee, die Lippen rot wie Blut und das Haar schwarz wie Ebenholz. Die Begründung ist Geschmackssache. Der sprechende Spiegel masst sich an, das universelle Schönheitsideal zu bestimmen und objektiv urteilen zu können. Oder hat er sich einfach vom Charme des jungen Mädchens übertölpeln lassen?
Geschmackssache?
Es erhärtet sich der Verdacht, dass der Spiegel, genau wie Karl Grammer, der aktuell bekannteste deutschsprachige Attraktivitätsforscher, das Mysterium der Schönheit entschlüsselt hat. Grammer behauptet, das Geheimnis der Schönheit zu kennen. Er sei im Besitz des Schlüssels zur Schönheit. Nach jahrzehntelanger Forschung behauptet Grammer, dass folgende Kriterien über Schönheit oder Hässlichkeit entscheiden würden: Jugendlichkeit verspreche, dass es mit der Fortpflanzung auch tatsächlich klappt. Die richtigen Hormone seien dafür besorgt, dass die Frauen eine schlanke Taille, runde Kurven und zarte kindliche Gesichtszüge bekommen. Das ideale Gesicht sei im mathematischen Sinne durchschnittlich schön, das heisst die Masse der Einzelteile wie Augen, Nase, Lippen und Stirn entsprächen genau dem Mittelwert der ganzen Bevölkerung. Ein symmetrisches, gleichmässiges Gesicht strahle Gesundheit und Stabilität aus. Rosige Haut und lockiges Haar würden Jugendlichkeit und Gesundheit versprechen. Ein geschmeidiger, beweglicher Körper sei attraktiv. Symmetrische Menschen würden besser riechen. Die Stimme habe bei schönen Menschen einen angenehmen Klang.
Das Rätsel der Schönheit scheint für Karl Grammer und für den Spiegel gelöst zu sein. Für mich bleiben offene Fragen. Schliesslich liegt die Schönheit im Auge des Betrachters und somit ist Schönheit «Geschmackssache».
Und die innere Schönheit?
Bisher habe ich nur von der äusseren Schönheit geschrieben, unserer genetisch bedingten Hülle. Sie stammt aus einer andern Quelle als die innere Schönheit. Bei äusserlich schönen Menschen ist die innere Schönheit eher tabu. Da stimmen die Symmetrien. Die innere Schönheit ist nicht sichtbar, deshalb ist ihre Existenz umstritten. Innere Schönheit wird im gleichen Atemzug mit inneren Werten genannt. Als Kompensation für fehlende optische Schönheit werden Charaktereigenschaften wie Treue, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Intelligenz ins Spiel gebracht.
Könnte eine sympathische Ausstrahlung den sprechenden Spiegel verwirren? Unsere Augen sind frei bei der Wahl und der Gewichtung von Beurteilungskriterien. In dieser Freiheit liegt vielleicht gerade der Reiz, immer wieder über Schönheit zu diskutieren.
Was ist schön? Wir schauen genau hin. Das ist der Schwerpunkt von «und» im Sommer 2016.