Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03108.jsonl.gz/899

Er breitet die Arme aus und schliesst die Augen. Dann setzt Remo Girardi vorsichtig den rechten Fuss vor den linken. Er schwankt, fängt sich auf. Zieht den linken Fuss nach, droht zu kippen, schafft den Schritt doch noch und wagt den nächsten. Nach vier wackeligen Schritten öffnet er die Augen. «Für einen Gesunden ist das nichts, aber dafür trainiere ich täglich. Am Anfang sah das so aus.» Er schliesst die Augen erneut und torkelt vorwärts wie ein Betrunkener.
Seit ihm vor knapp drei Jahren ein bösartiger Tumor an der Wirbelsäule entfernt wurde und man ihm sechs Brustwirbel versteifen musste, hat Remo Girardi kaum mehr Gefühl in den Beinen.
Der 43-Jährige schaut den Hang hinauf, hoch nach Palfries oberhalb von Flums Hochwiese. «Dort oben bin ich früher herumgerannt.» Morgens 40 Kilometer mit dem Velo zur Arbeit, abends dieselbe Strecke zurück, dann noch eine 10-Kilometer-Runde laufen. «Meine Freizeit verbrachte ich in der Natur.»
«Ich kann nicht beweisen, dass der Tunnel etwas mit meinen Krankheiten zu tun hat. Niemand kann das.»
Remo Girardi, Architekt
Die Probleme begannen 2010. Der Ausdauerathlet litt plötzlich unter Atemnot und musste immer öfter pausieren. Er ermüdete schnell. Irgendwann war an Laufen und Velofahren nicht mehr zu denken. Die Diagnose, gestellt nach unzähligen Arztbesuchen: Sarkoidose, eine Erkrankung des Bindegewebes, bei der sich winzige Knötchen bilden. Sie kann an vielen Stellen des Körpers auftreten: Schilddrüsen, Herz, Milz, Skelett, Hirn. Bei Remo Girardi traf es die Lunge.
Die Ursachen für Sarkoidose sind weitgehend unbekannt. Was man weiss: Nordeuropäer und Nordafrikaner leiden am häufigsten daran, vor allem Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Die Krankheit ist möglicherweise genetisch bedingt. Und es gibt eine Berufsgruppe, bei der Sarkoidose öfter auftritt als bei anderen: Feuerwehrleute. Nach den Attentaten von 9/11 erkrankte eine auffällig hohe Zahl der New Yorker «Firefighters» an Sarkoidose.
Als er das erfuhr, packte Remo Girardi im Herbst 2011 seine wenigen Habseligkeiten und zog aus dem kleinen, alten Bauernhaus aus, das er zehn Jahre lang bewohnt hatte. Ihm war plötzlich ganz vieles klar.
Das Poli, wie sein einstiges Heim genannt wird, liegt einsam auf einer Lichtung zwischen Flums und Mels. Im Tal, 40 Meter den steilen Felshang hinunter, ist der Eingang zum Brandstollen der Firma VSH Versuchsstollen Hagerbach AG. «Ich kann nicht beweisen, dass der Tunnel etwas mit meinen Krankheiten zu tun hat», sagt Remo Girardi. «Niemand kann das.» Aber er hat einen Verdacht: dass die Feuerwehrübungen im Stollen die Ursache sein könnten. Eine Gewissheit hat er jedoch, schriftlich bestätigt in einem Protokoll: dass sich die Verantwortlichen des VSH jahrelang um die Auflagen des kantonalen Amts für Umwelt und Energie foutierten. Und dass das Amt das hinnahm.
Es sind Erinnerungen an schwere, schwarze Rauchschwaden, die Remo Girardis Verdacht nähren. Wenn im Brandstollen im Hagerbach Feuerwehrkorps übten, stiegen diese Schwaden durch den Wald hoch, zogen über die Wiese zum Haus, über den selbst angelegten Garten weiter Richtung Osten. Der Rauch drang durch die Ritzen des Heimetli und war in den Zimmern zu riechen. An besonders üblen Tagen waren die Früchte und das Gemüse im Garten mit einer schmierigen Russschicht überzogen.
Dann wusch Remo Girardi den Russ von den Salatköpfen und Äpfeln und dachte, dass Feuerwehrkorps halt üben müssen, wie man einen Tunnelbrand löscht.
Brennende Autos, giftige Dämpfe
Die Brandkatastrophen im Mont-Blanc-Tunnel und im Gotthard-Strassentunnel rüttelten um die Jahrtausendwende die Feuerwehren auf. Korps aus der halben Welt wollten plötzlich im Hagerbach lernen, wie man in beengten Verhältnissen und im Dunkeln Brände löscht und Menschenleben rettet: Iren, Holländer, Israeli, selbst ein Trupp aus Taiwan trainierte im Brandstollen. Feuerwehrkommandanten schwärmten von den realitätsnahen Bedingungen, und die Medien berichteten begeistert – auch der Beobachter.
Auf Wunsch der Korps zündeten Instruktoren im Stollen alte Autos, einen Car und Eisenbahnwagen an. Bilder und Videos aus dieser Zeit zeigen brennende Fahrzeuge, an denen noch Pneus montiert sind. Sitzgarnituren sind zu sehen und verkohlte Plastikteile – alles Materialien, die beim Verbrennen giftige Dämpfe erzeugen.
Es gibt in der Gesetzgebung ein Regelwerk, das sich Luftreinhalteverordnung nennt. Dort steht in Paragraf 6: «Emissionen sind möglichst nahe am Ort ihrer Entstehung möglichst vollständig zu erfassen und so abzuleiten, dass keine übermässigen Immissionen entstehen. Sie müssen in der Regel durch Kamine oder Abluftkanäle über Dach ausgestossen werden.»
Im Hagerbach ist das jahrelang kein Thema. Die gewaltigen Rauchschwaden der Feuerwehrübungen bläst man mit zwei grossen Ventilatoren aus dem Brandstollen hinaus. Einen Kamin gibt es nicht, eine Rauchgasreinigungsanlage schon gar nicht. Seit den ersten Übungsbränden im Stollen dauert es fast fünf Jahre, bis 2004 das St. Galler Amt für Umwelt und Energie (AFU) einschreitet. Die Beamten erkennen schnell, dass einiges im Argen liegt, und erlassen am 21. Dezember 2004 eine «Verfügung über Umweltschutzmassnahmen»:
«Die Feuerwehrübungen im Brandübungsstollen […] sind so zu betreiben, dass ausserhalb des Stollens keine sichtbaren Rauchemissionen wahrgenommen werden. Spätestens bis Ende 2007 ist ein Rauchgasreinigungssystem […] am Ausgang des Entlüftungsstollens zu realisieren.»
St. Galler Amt für Umwelt und Energie (AFU), 21. Dezember 2004
Sollten in der Umgebung wiederholte Rauchbelästigungen auftreten, so drohen die Beamten in der Verfügung weiter, könne die Frist auch verkürzt werden. Künftig dürften im Tunnel nur noch naturbelassenes Holz, Heptan (ein Brandbeschleuniger) sowie Anzündflüssigkeit oder -paste entflammt werden, ordnen die Beamten an: «Altautos, alte Pneus, Kunststoffteile oder Benzin und dergleichen dürfen […] nicht verbrannt werden.»
Die Firma ignoriert die Verfügung
Im Hagerbach ignoriert man die Verfügung weitgehend. Die Nachfrage nach realistischen Brandszenarien ist gross, und St. Gallen und die Beamten sind weit weg. Die Feuerwehrübungen im Stollen gehen weiter.
Doch den Brand vom 22. September 2005 nimmt man sogar im Amt für Umwelt und Energie wahr. «Gut sichtbare Rauchsäule während rund 50 Minuten!», schreibt ein Sachbearbeiter in ein Protokoll, nachdem sich Anwohner beschwert haben. Ein paar Tage später trifft im Amt eine anonyme Klage wegen der immer wieder sicht- und spürbaren Abgase ein. Reto Morell, Jurist beim AFU, erklärt heute, man habe die Verantwortlichen der VSH darauf aufgefordert, «derartige Grossbrandversuche mit nicht ausgeschlachteten Altautos in Zukunft strikt zu unterlassen». Andernfalls müssten sie «mit Konsequenzen rechnen».
Auch nach dieser amtlichen Drohung ziehen die Rauchschwaden vor Remo Girardis Haus durch. Im Tunnel wird weiter geübt – ohne Rauchgasreinigungsanlage, oft abends oder nachts. Auf Bildern und Videos aus jener Zeit sind immer noch Autos mit Pneus, Sitzgarnituren und verkohlten Armaturenbrettern zu sehen.
Und auf den Früchten und Gemüsen in Remo Girardis Garten findet man nach den Bränden immer noch eine schmierige Russschicht.
Der Versuchsstollen bringt Jobs
Das Amt für Umwelt und Energie jedoch schweigt. Der Personalbestand ist knapp, Kontrollen sind aufwendig, und ein zu genaues Hinsehen ist politisch nicht opportun. Der Versuchsstollen bringt Jobs in die wirtschaftlich schwache Region um Sargans.
Remo Girardi fällt das Atmen immer schwerer. An die Bergläufe, die Velofahrten ist nicht mehr zu denken. Dann eröffnet ihm der Arzt die niederschmetternde Diagnose: Lungensarkoidose, die Feuerwehrkrankheit. Girardi ist froh, wenn er noch ein paar Minuten spazieren kann, ohne ausser Atem zu sein. Er zieht aus dem Heimetli oberhalb des Brandstollens aus, wohnt mal hier, mal da. Ein paar Wochen bei Bekannten, dann wieder bei Verwandten oder Freunden.
Und er beginnt zu recherchieren – nicht nur über seine Krankheit, sondern auch über den Versuchsstollen Hagerbach. Im März 2012 bestätigen ihm Vertreter des Amts, was er längst weiss: dass die Rauchgasreinigung im Brandstollen nie installiert wurde und er jahrelang den giftigen Rauchgasen ungeschützt ausgesetzt war. Dass die Behörden nichts unternahmen, als Ende 2007 die Filteranlage fehlte. Und dass nie jemand kontrollierte, ob im Brandstollen tatsächlich nur Holz und Heptan verbrannt wurden.
Es wird immer schlimmer
Remo Girardi wird immer kränker. Er trinkt zehn, manchmal zwölf Liter Wasser am Tag und schläft kaum noch. Der Arzt diagnostiziert eine hormonelle Störung und verschreibt ihm Medikamente. Seinen Job als Architekt muss Girardi aufgeben. Er kann sich kaum noch länger als zwei Stunden pro Tag konzentrieren.
Ende 2013 kommt der nächste Schock: Remo Girardi knickt ein und kann nicht mehr aufstehen. Im Kantonsspital St. Gallen findet man einen bösartigen Tumor an der Wirbelsäule. Man operiert sofort, versteift sechs Brustwirbel und prophezeit dem Patienten eine Zukunft an Krücken. Der Tumor, da ist Remo Girardi überzeugt, hat einen Zusammenhang mit seiner Sarkoidose – und diese mit den Feuerwehrübungen im Brandstollen Hagerbach. Beweisen kann er das nicht.
Eine Zeitlang kämpft Remo Girardi noch. Er trägt in monatelanger Arbeit alles zusammen, was er über den Brandstollen im Hagerbach finden kann: Pläne, Fotos, offizielle Dokumente, Videos von Feuerwehrübungen. Er versucht verzweifelt, Gehör zu finden, droht mit einem Hungerstreik, beginnt damit sogar. Kommt wegen drohender Selbstgefährdung in die Psychiatrie, wird entlassen, lebt weiter mal hier, mal dort.
«Für uns ist das Thema abgeschlossen, und wir sehen daher keine Veranlassung, auf Ihre Fragen einzutreten.»
Felix Amberg, Verwaltungsratspräsident Versuchsstollen Hagerbach AG
Feuerwehrübungen im Versuchsstollen Hagerbach gibt es seit Ende 2012 nicht mehr. Der Betrieb wurde eingestellt, weil sich der Einbau der Rauchgasreinigungsanlage nicht rentierte. Der Brandstollen ist heute durch ein Stahlgitter verschlossen. Nur der Brandgeruch hängt noch in der Luft.
Der damals zuständige Sachbearbeiter beim Amt für Umwelt und Energie ist pensioniert. Auf Anrufe und Nachrichten reagiert er nicht.
Im Versuchsstollen Hagerbach will man nicht mehr an die illegalen Brände erinnert werden. «Für uns ist das Thema abgeschlossen, und wir sehen daher keine Veranlassung, auf Ihre Fragen einzutreten», schreibt Verwaltungsratspräsident Felix Amberg dem Beobachter.
Remo Girardi verbringt seine Tage mit Lesen und Spaziergängen. Irgendwann möchte er wieder arbeiten: «Und wenn ich wünschen könnte, dann möchte ich wieder einmal joggen gehen. Nur ganz leicht.»