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Im Oktober fand das jährlich an verschiedenen Orten tagende diesjährige Waldai-Treffen statt. Bei dieser Gelegenheit pflegt Präsident Putin umfassende politische und geopolitische Betrachtungen anzustellen. Am 27. Oktober wies er in seiner Plenarrede auf die kulturvernichtenden «Cancel Culture»-Praktiken des Westens hin, die auch in der Ukraine Wurzel schlugen. Werke von Dostojweski, Tolstoi und anderen russischen Kulturgrößen wurden vernichtet oder verbannt.
Putin sagte wörtlich: «Die Geschichte wird sicherlich alles an seinen Platz stellen und die größten Werke der allgemein anerkannten Genies der Weltkultur nicht canceln, sondern diejenigen, die beschlossen haben, dass sie das Recht haben, nach ihrem Gutdünken über diese Weltkultur zu verfügen.» Und er fügte hinzu: «Die Eitelkeit dieser Leute sprengt, wie man sagt, den Rahmen, aber in ein paar Jahren wird sich niemand mehr an ihre Namen erinnern. Aber Dostojewski wird weiterleben, ebenso wie Tschaikowsky und Puschkin – so sehr sich manche auch etwas anderes wünschen mögen.»
Ferner zitierte er den russischen Philosophen Alexander Sinowjew über die westlichen Trendsetter: «Sie haben keine Ideen, etwas zu erschaffen und von positiver Entwicklung, sie haben der Welt einfach nichts zu bieten außer dem Erhalt ihrer Vorherrschaft.»
Und weiter: «Wenn die westlichen Eliten glauben, dass sie in der Lage sein werden, in den Köpfen ihrer Menschen, ihrer Gesellschaften, neue, meiner Meinung nach seltsame Trends wie Dutzende von Geschlechtern und Schwulenparaden einzuführen, dann soll es so sein. Sollen sie tun, was sie wollen! Aber sie haben sicher nicht das Recht, von anderen zu verlangen, dass sie den gleichen Weg gehen.»
Und über das verkrampfte westliche Festhalten an einer uni-polaren Weltordnung:
«Die Welt ist von Natur aus vielfältig und die Versuche des Westens, alle in ein einziges Schema zu pressen, sind objektiv zum Scheitern verurteilt, und es wird nichts dabei herauskommen. (…) Das arrogante Streben nach der Weltherrschaft, nach dem Diktat oder nach dem Erhalt der Führungsrolle durch Diktat, führt zum Niedergang der internationalen Autorität der Führer der westlichen Welt, einschließlich der USA, und zum wachsenden Misstrauen in ihre Fähigkeit zu verhandeln insgesamt. An einem Tag sagen sie das eine und am nächsten Tag etwas anderes; sie unterschreiben Dokumente und am nächsten Tag weigern sie sich, sie einzuhalten; sie tun, was sie wollen. Es gibt überhaupt keine Stabilität in irgendetwas. Wie die Dokumente unterzeichnet werden, worüber gesprochen wurde, worauf man hoffen kann, ist vollkommen unklar. Wir haben versucht, Beziehungen zu den führenden Ländern des Westens und zur NATO aufzubauen. Die Botschaft war dieselbe: Lasst uns aufhören, Feinde zu sein, lasst uns als Freunde zusammenleben, lasst uns den Dialog aufnehmen, lasst uns Vertrauen aufbauen und damit Frieden schaffen. Wir waren absolut aufrichtig, das möchte ich betonen. Wir waren uns über die Komplexität dieser Annäherung im Klaren, aber wir sind den Weg gegangen.»
Und die Bilanz davon: «Und was haben wir als Antwort erhalten? Kurz gesagt, wir haben in allen wichtigen Bereichen der möglichen Zusammenarbeit ein ‹Nein› erhalten.» Und zur westlichen Machtpraxis: «Die universelle Regel: Sie versuchen, jeden in ein Werkzeug zu verwandeln, um dieses Werkzeug für ihre eigenen Ziele zu nutzen. Und diejenigen, die diesem Druck nicht nachgeben, die kein solches Werkzeug sein wollen, gegen die werden Sanktionen verhängt, gegen die werden alle möglichen wirtschaftlichen Restriktionen verhängt, gegen die werden Putsche vorbereitet oder wenn möglich durchgeführt und so weiter. Und wenn am Ende nichts gelingt, gibt es ein Ziel – sie zu vernichten, sie von der politischen Landkarte zu tilgen. Aber so ein Szenario hat in Bezug auf Russland nie funktioniert und wird in Bezug auf Russland auch nie funktionieren.»
«Wer Wind sät, wir Sturm ernten.»
In Bezug auf die globale Situation: «In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an die Vorschläge Russlands an die westlichen Partner zur Vertrauensbildung und zum Aufbau eines Systems kollektiver Sicherheit erinnern. Im vergangenen Dezember wurden sie wieder einmal einfach beiseite geschoben. Aber in der heutigen Welt ist es kaum möglich, etwas auszusitzen.
Wer Wind sät, wird (…) Sturm ernten. Die Krise ist tatsächlich global geworden, sie betrifft jeden. Da braucht man sich keine Illusionen zu machen.»1
[Übersetzung: Thomas Röper]
«Wer Wind sät, wird Sturm ernten» – dieses Wort wurde an einer ähnlichen weltpolitischen großen Schwellenlage wie der jetzigen warnend ausgesprochen, am Vorabend der Französischen Revolution, durch den Grafen von St. Germain. Dieser trat wiederholt am französischen Hofe auf und riet zu langsamer Evolution, statt Revolution, die einen blutigen Umsturz zur Folge haben werde. Karl Heyer machte auf die Aufzeichnungen der 1822 verstorbenen Augenzeugin Comtesse d’Adhémar aufmerksam.2
Rudolf Steiner kommentierte im Zusammenhang mit dem Auftreten des Grafen von St. Germain dieses Wort: Es sei ursprünglich von einem hohen christlichen Eingeweihten geäußert, dann vom Propheten Hosea (8, 7) aufgeschrieben und auch von Christus wiederholt worden. Er betrachtete es als «Leitspruch» der vierten und fünften nachatlantischen Kultur- epoche, die bis zum Jahre 3573 dauern wird, um dann vom Wassermann-Zeitalter, der slawischen Kulturepoche, abgelöst zu werden. Es weise auf den Freiheitimpuls, aber auch den durch ihn vorbereiteten «Kampf aller gegen alle» hin, der in der siebten Kulturepoche kulminieren wird.3
Dass Putin diesen Spruch ohne Weiteres zitiert, mag seinen Valdai-Ausführungen, für alle, die welthistorisch denken lernten, zusätzliches Gewicht verleihen.
Thomas Meyer
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1 https://www.anti-spiegel.ru/2022/putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand/
2 Siehe Aus dem Jahrhundert der Französischen Revolution, Perseus Verlag Basel.
3 4. November 1904, GA 93