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Zum Abschluss meiner Dissertation war ich am 27. Juni zu Besuch in Thielle auf dem Naturistengelände «die neue zeit», um einen Vortrag über die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz zu halten. Es gibt keinen anderen Erinnerungsort, an dem die Lebensreformbewegung noch so lebendig ist wie auf diesem Campingplatz am Neuenburgersee. Nicht nur sind unter den Besucher*innen die lebensreformerischen Körperpraktiken und Gesundheitsideale immer noch sehr verbreitet, auch das Privatarchiv mit seiner einzigartigen Sammlung aus lebensreformerischen Publikationen, Protokollen, Briefen, Fotos und Filmen ist für Historiker*innen von herausragender Bedeutung.
Der Berner Buchhändler Eduard Fankhauser gründete 1927 mit der Unterstützung Werner Zimmermanns den Schweizerischen Lichtbund (ab 1938 Organisation Nacktbadender Schweizer) als erste überregionale FKK-Organisation der Schweiz. Ab 1930 trafen sich die Mitglieder in Mörigen am Bielersee zum gemeinsamen Nacktbaden, Gymnastik, Tanz und Atemübungen, wie auch zu Vorträgen, Tagungen und Vereinsversammlungen. Dort wurde nicht nur über Freikörperkultur gesprochen, auch zahlreiche weitere lebensreformerische Praktiken wie Ernährungsreform, Biolandbau, Naturheilkunde, Siedlungsbestrebungen und freiwirtschaftliche Wirtschaftsreformen wurden verhandelt. Nach Konflikten mit den lokalen Behörden zogen die FKK-Anhänger*innen nach Thielle an den Neuenburgersee um. Unter dem Namen «die neue zeit» entwickelte sich dieses FKK-Gelände ab 1937 zu einem wichtigen lebensreformerischen Treffunkt in der Schweiz, der schnell auch eine internationale Anziehungskraft erreichte. Noch im August 1939 wurde in Thielle ein «Welt-Sport-Treffen der Freikörperkulturbewegungen» mit Teilnehmenden aus Frankreich, England, Belgien, Schweden und anderen europäischen Ländern durchgeführt. Umstritten war die Anwesenheit zahlreicher FKK-Anhänger*innen aus Deutschland, die unverhohlen im Zeichen des Hakenkreuzes an den Wettbewerben teilnahmen. Erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges endete der intensive Austausch innerhalb der stark vernetzten FKK-Bewegungen. Während in Deutschland, Frankreich oder Belgien die Bewegungsstrukturen weitgehen zusammenbrachen und zahlreiche FKK-Gelände massiv durch den Krieg beschädigt wurden, ging der Betrieb in der Schweiz und insbesondere in Thielle ohne grosse Einschränkungen weiter. So konnten die Schweizer FKK-Aktivist*innen die transnationalen Kontakten nach 1945 schnell wieder reaktivieren und den Aufbau einer internationalen FKK-Organisation vorantreiben. Im Unterschied zu zahlreichen anderen FKK-Geländen in Europa bewahrte «die neue zeit» ihre lebensreformerische Ausrichtung. Bis heute ist auf dem Gelände der Konsum von Alkohol, Tabak und Fleisch verboten.