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Ästhetik ist nicht nur Wissenschaft, sondern auch eine Methodenlehre, die die formal stimmige Organisation des zu bearbeitenden Materials zum Thema hat.
Diese Methodik steht immer in Abhängigkeit und in Auseinandersetzung mit der Haltung der Kulturschaffenden, die sowohl in einem materiellen als auch in einem ideellen Sinn etwas bezwecken mit dem, was sie als Werk gestalten. Das ist auch im Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus so.
Wer die Ästhetik als Methodenlehre von Haltung und Intentionen der Kulturschaffenden abkoppelt, um sie zur Wissenschaft zu veredeln, macht sie zur Ideologie, die die ästhetische Gestaltung eines Werks zum Selbstzweck macht. Darum gibt es eine Ästhetik, die sich als Zweck selbstreferentialisiert und eine Ästhetik, die sich als Mittel zum Zweck versteht.
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Eine als Zweck gesetzte Ästhetik handhabt jedes Material gleich; nämlich als zweitrangig. Sie steht im Dienst des Wie, also der formalen Artistik. Sie erzwingt Werke, die vor allem anderen eskapistisch sind; Werke, deren Meisterschaft nicht über die meisterhafte Etüde hinausreichen soll, weil alles, was darüber hinausreicht, auch das Diskursmonopol dieser Ästhetik übersteigt.
Was Kunstwerke in dieser Perspektive inhaltlich sagen wollen, interessiert bloss Uneingeweihte, die nicht wissen, worum es wirklich geht. Die Kennerschaft beweist sich darin, die diskursiven Codes zu beherrschen, die die Einzigartigkeit des Wie zu beschreiben vermögen.
Der ideologische Kerngehalt dieser Perspektive besagt: Kunst ist es, so schön zu sein, dass sie es nicht nötig hat, die Welt, wie sie ist, zur Kenntnis zu nehmen.
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Eine als Mittel zum Zweck gesetzt Ästhetik stellt das Material in den Dienst dessen, was gesagt werden soll. Sie steht demnach im Dienst des Was, der inhaltlichen Aussage. Sie erzwingt Werke, die durch Verbindlichkeit politisch spalten; Werke deren Meisterschaft Parteilichkeit fordert und deshalb einer Tendenz-Ästhetik verpflichtet ist. (Darum gibt es zum Beispiel «Tendenzliteratur» oder «tendenziöse Medien».)
Was solche Werke sagen, klärt auf. Die Kennerschaft beweist sich darin, dass sie Uninformierte zu diskursiven Codes befähigt, die das Was zu erkennen und allenfalls zu verändern vermögen.
Der ideologische Kerngehalt dieser Perspektive besagt: Kunst ist, Wege zu finden in Richtung einer Welt, wie sie sein könnte.
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Im Selbstverständnis der Belletristik gehört es zum Kern künstlerischer Gestaltungsfreiheit, die Welt nach Belieben in Stücke zu hauen und die versprachlichten Fragmente in einer Weise zu bearbeiten und neu zu montieren, die die MonteurInnen zu SchöpferInnen einer originalen Welt macht. Die belletristische Mimesis stellt sich in den Dienst dieser originalen Welt, die allerdings eine innere bleibt. Diese Mimesis nimmt die Welt deshalb in den Dienst eines intrasubjektiven ästhetischen Projekts.
Im Selbstverständnis des Journalismus gehört es zur Pflicht professioneller Darstellungsqualität, die Phänomene der Welt grundsätzlich so, wie man sie antrifft, nachzubilden – in der Hoffnung, die erfahrene Anordnung der Phänomene habe etwas mit der tatsächlichen Anordnung in der Welt zu tun. (Wer mit journalistischer Arbeit nicht manipulieren will, muss trotz aller Vorsicht jederzeit hoffen, nicht manipuliert worden zu sein, bevor er über die Phänomene der Welt zu reden beginnt.) Die journalistische Mimesis stellt sich in den Dienst der äusseren Welt. Egal, ob sie in objektiver oder anwaltschaftlicher, richtiger oder falscher, fairer oder unfairer Weise angewendet wird, nimmt sie die Sprache in den Dienst eines – bestimmten Interessenanlagen verpflichteten – ethischen Projekts.
Belletristische Texte stehen deshalb auf einem ästhetischen Boden, journalistische Texte auf einem ethischen.
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Das Grenzgebiet zwischen Belletristik und Journalismus ist jene Gegend, in der Ethik und Ästhetik am ehesten ein Gleichgewicht bilden.
Aber noch wenn belletristisch und journalistisch Arbeitende im nahen Grenzbereich den gleichen Standort einnehmen würden, würden sie Unterschiedliches wahrnehmen und dieses in unterschiedlicher Weise zu Texten verarbeiten. Belletristisch Arbeitende würden nach der Maxime vorgehen: So viel Ästhetik wie möglich, so viel Ethik wie nötig. Die Maxime journalistisch Arbeitender wäre die umgekehrte: So viel Ethik wie möglich, so viel Ästhetik wie nötig (vgl. hier, Nachtrag).
(ab 17.8.2012; 2014; 10.+19.01.; 18.07.2018)