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Das Anna-Göldi-Museum feiert am 23. September "30 Jahre Hänggiturm" mit einem vielfältigen Fest, ab 10 Uhr sind Gross und Klein eingeladen. Mit dem Hänggiturm in Ennenda, einem Kulturgut der Textilindustrie, ist die Erinnerungskultur in der Gegenwart angekommen. Die alte Vorstellung eines Denkmals ist vom Staub definitiv befreit.
Geschichtliche Entwicklung
Die Textilindustrie in der Ostschweiz und damit im Kanton Glarus war der wesentliche Wirtschaftsfaktor. Die Industrie war in den heutigen Kantonen St. Gallen, Glarus, Appenzell und Thurgau sowie im angrenzenden österreichischen Bundesland Vorarlberg im Mittelalter und der frühen Neuzeit verbreitet. Es lebten Tausende von Familien und Arbeiter vom Handel und der Produktion von Textilien. Bedeutsam wurde die Ostschweizer Textilindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Drei Phasen der Entwicklung sind zu unterscheiden. Das Leinwandgewebe blühte seit dem frühesten Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, abgelöst durch die Produktion von Baumwollgeweben. Um 1850 wurde die Baumwollindustrie mit der Erfindung der Handstrickmaschine durch die Stickerei abgelöst. Die Blüte dieser Technologie dauerte bis zur Belle Époque, dem Anfang des Ersten Weltkriegs. Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte die Textilindustrie in der Ostschweiz nur noch eine geringe Bedeutung.
Die Arbeitsbedingungen
In der Textilindustrie war die Heimarbeit die Regel. In vielen Häusern stand zu dieser Zeit ein Webstuhl oder ein Spinnrad. Die Arbeitszeit lag zwischen 13 und 14 Stunden pro Tag, ausgenommen am Sonntag. Die Arbeit war gekennzeichnet durch Eintönigkeit. Spinnen war meist Frauenarbeit. Teile der Arbeit war auch Kinderarbeit. Schon mit 6 Jahren mussten die Kinder im elterlichen Gewerbe mithelfen, Sticknadeln einfädeln und fertig bestickte Stoffe ausschneiden. Mit 12 Jahren waren drei bis vier Stunden Arbeit mit Fädeln die Regel. Mit 14 Jahren dauerte die Arbeitszeit bereits vier bis sieben Stunden, zusätzlich zur Schule. Die Fabrikanten liessen ihre Arbeiter und Kinder zu widrigen Arbeitsbedingungen 15 und mehr Stunden pro Tag an den Maschinen arbeiten. Hungerlöhne waren die Regel. Erst mit der Modernisierung der Technologie wurden die Arbeitsbedingungen etwas verbessert. Als Folge wurde auch die Arbeitszeit reduziert, auf 12 Stunden pro Tag. Die Arbeitgeber diktierten Löhne und Arbeitszeiten, verlangten Disziplin und unbedingten Gehorsam. Der Umfang der Arbeiten war von der Profitgier der Arbeitgeber geprägt. Dies galt nicht nur für die Fabrikarbeiter, auch für die Heimsticker.
Foto: Nachlass Susanne Hauser, Arbeiterinnen Weberei Oberurnen
Die Monokultur, welche die Textilindustrie erzeugte, schuf für ganze Landstriche Abhängigkeiten. Bei rückläufigen Exporten fielen die Löhne ins Bodenlose. Bis ins 20.Jahrhundert waren offen ausgetragene Arbeitskämpfe selten. Einerseits war es der Berufsstolz, andererseits die Isolation durch die Heimarbeit, in Verbindung mit der Abneigung gegenüber gewerkschaftlich organisierten Vereinigungen. Erste Proteste folgten im ersten Jahrzehnt des 20-sten Jahrhunderts durch die besser organisierten Schifflisticker. In den Köpfen der Arbeitgeber war das alte Bild verankert, wonach sie alleine wussten, was das Beste für die Arbeiter ist. Ein „Stickerkönigs“: „…dass sie – die Arbeiter – den Leitern des Fabriketablissements und nicht den Agitatoren zu folgen haben. Weil wir die Interessen besser beurteilen können und mehr am Herzen haben, als ihre unverantwortlichen Führer“.
Die Entwicklung des Fabrikgesetztes
Erst 1877 wurde das Eidgenössische Fabrikgesetz verabschiedet. Es ersetzte fortan die kantonalen Fabrikgesetze. Dieses verbot die Kinderarbeit in Fabriken und forderte von den Arbeitgebern die Arbeitsbedingungen und Abzüge mit den Arbeitern klar und im Voraus zu vereinbaren. Das Gesetz konnte nur langsam umgesetzt werden. Das Gesetz galt nur für Fabriken, so dass in den Heimstickbetrieben die Kinder nach wie vor uneingeschränkt ausgenutzt werden konnten.
Foto: Nachlass Susanne Hauser, Chefs Weberei Oberurnen
Der Kanton Glarus nahm in der Sozialgesetzgebung eine Pionierrolle ein, die aufgrund der Landgemeinde möglich war. Die Gesetze von 1848 und 1856 sahen Arbeitssicherheits- und Hygienemassnahmen sowie einen bescheidenen Wöchnerinnenschutz vor. Für die Durchsetzung der von der Landsgemeinde verabschiedeten Schutzbestimmungen war ausschlaggebend, dass die Kontrolle durch eine kantonale Fabrik-Kommission und nicht durch die Gemeinde erfolgte. 1872 beschliesst die Landsgemeinde von Glarus einen Normalarbeitstag von elf Stunden.
Glarner Textilwirtschaft im Zeitraffer
1714 Andreas Heidegger bringt die Baumwollspinnerei ins Glarnerland
1720 Ausbreitung der Handspinnerei im ganzen Kanton
1740 Erste Zeugdruckerei von Johann Heinrich Streiff im Glarnerland
1813 Erste fabrikmässige Spinnerei der Gebrüder Blumer in Glarus
1814 Grosser Aufschwung der Glarner Textilindustrie – Zeugdruck, Heimweberei, maschinelle Weberei und Spinnerei
1816 Erste Fabrik-Krankenkasse bei der Stoffdruckerei Egidius Trümpy
1837 9 mechanische Spinnereien mit rund 400 Beschäftigten, Einführung der Fabrikglocke für Anfang und Ende der Arbeitszeit
1840 Auswanderungen wegen wirtschaftlichen Problemen und Hungersnot
1845 Gründung von New Glarus
1850 Blütezeit wegen maschineller Weberei
1868/69 3843 Arbeiter in 19 Spinnereien und 17 Webereien, 800 Heimweber, 80 Arbeiter in Bleichereien etc.
1872 Tägliche Arbeitszeit auf elf Stunden reduziert
1877 Eidgenössisches Fabrikgesetz, Verdrängung des Model-Drucks, hohe Einfuhrzölle
Quelle: Chronologie Glarner Textilindustrie –
Nach 1900 läuft die automatische Produktion an. Stickautomaten werden installiert, die hohe Produktivitäten erzielen. In der Baumwoll-, Seiden- und Stickerei-Industrie folgen Konzentrationsprozesse. Diese manifestieren sich im stetigen Rückgang der Beschäftigten und der Betriebszahlen. Zwischen 1930 und 1940 verstärkt sich der Rückwärtstrend, der durch die konjunkturelle Erholung nicht gestoppt werden kann. Ab 1960 wird die Produktion zunehmend in kostengünstigere Länder verlegt. Dies beschleunigt den Schrumpfungsprozess der schweizerischen Textilindustrie. Zwischen 1965 und 2001 sinkt die Zahl der Arbeitsorte um mehr als die Hälfte und die Anzahl der Beschäftigten um vier Fünftel. Innovative Firmen überleben. Sie haben ihre Produktion umgestellt, beispielsweise auf Industrietextilien für Autos und Flugzeuge, Körperschutztextilien, Geotextilien, Medizinaltextilien oder Transporttextilien.
Der Strukturwandel verändert den Charakter der Textilindustrie. Mit dem Wechsel zu Chemiefasern und der Computertechnologie entwickelt sich die Industrie vom lohn- zum kapitalintensiven Industriezweig. Die hochspezialisierte Stickerei gehört zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu den beschäftigungsarmen, aber innovativen, wertschöpfenden Branchen. Ab 1980 ist die Zeit der billigen Massenproduktion in der schweizerischen Textilindustrie vorbei. 2023 schliesst die Seidendruckerei Mitlödi endgültig, nachdem sie sich über ein paar Jahre mit Armeeaufträgen über Wasser halten konnte.
Der Hänggiturm
Im 18. und 19. Jahrhundert benötigten Stoffdruckereien, Färbereien und Bleichereien besondere Gebäude um die langen Stoffbahnen zum Trocknen aufzuhängen. Das ist die Geschichte der Hänggitürme, die heute als Kulturgut der Industrie im Glarnerland gelten. Die Hänggitürme unterscheiden sich in Konstruktion, Form und Grösse. Um 1870 standen im Glarnerland rund 50 verschiedene Hänggitürme, 2013 waren es noch rund ein Dutzend.
Das Anna Göldi Museum befindet sich in einem Hänggiturm. Dieser wird unterschiedlich genutzt. Die historische Umgebung im „Turm“ verleiht der Geschichte um Anna Göldi einen besonderen Charakter. Das Museum verleiht dem Innenleben eine sakrale Stimmung. Das düstere Schicksal von Anna Göldi wir im Inneren sicht- und spürbar. Spiegel am Boden führen das Dachgebälk ins Endlose und versinnbildlichen ihren Fall ins Bodenlose. gescheitert, so dass die Besetzung mit dem Anna Göldi Museum möglich geworden ist.
Vor 30 Jahren hat der grösste Hänggiturm in Ennenda einen neuen Standort gefunden. Das denkmalgeschützte Gebäude ist Museum und zugleich Erinnerungs-, Bewegungs- und Begegnungsort. In den Räumen wird ausgestellt, gewohnt, gearbeitet, diskutiert, musiziert, getanzt, meditiert, genäht oder gestaltet.
Das Fest-Programm vom 23.9.2023 führt die verschiedenen Nutzungen zusammen. Die folgenden Schwerpunkte, www.annagoeldimuseum.chProgramm herunterladen, laden zu einem Besuch ein:
. Kurzlektionen in Yoga und Kinder-Yoga
. Deutsch-, Bewegungs- und Gestaltungskurse
. Fotoausstellung und Installation der Glarner Künstlerin Susanne Honegger. „Bunte Tücher, geteilte Geschichte“ - auf den Spuren von König Baumwolle
. Modeschau im Anna Göldi Museum; „Mode & Nähatelier laissezfaire“, in Zusammenarbeit mit „Dance and More“
. Schnupperkurse in allen Ateliers
. Laternen basteln von orangen Laternen – „Orange Days – 16 Tage gegen Gewalt an Frauen
. Kaffee in der Baumwollblüte
. Fingerfood aus aller Welt
. Performance im Anna Göldi Museum „duo perfona“ zum Thema „Befreiung“; Magdalena Mattenberger, Musik und Martin Stützle, Künstler
Sie sind herzlich eingeladen.
Textilkunst zum Andenken an Benachteiligte
Foto: E. Hauser, museumbickel, Textilarbeit, 2015
Die Glarner Künstlerin Susanne Hauser hat 2015 im museumbickel einen Textildruck mit 20 gezeichneten Dessins auf 20 Meter Länge, gefertigt in Mitlödi, zum Thema „Flowers in Love“ ausgestellt. Es geht um die Erinnerung an die Benachteiligten Arbeiter:innen, die vor allem in der Textilwirtschaft gearbeitet haben. „Die Blume als starkes Symbol für Werden und Vergehen erinnert an Menschen, die sich nicht entfalten können und von unzumutbaren Lasten niedergedrückt werden oder deren Aufblühen erstickt wird“
Textauszug von Judith Annaheim: Monografie „Dialogues between Time and Infinity“, 2015, Hrsg. museumbickel –
Eduard Hauser