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Die 86. Ausgabe vom Murtenlauf wartete nicht mit so prominenten Spitzenfeldern auf wie auch schon. Dafür waren die Rennen in den Elitekategorien umso spannender. Während bei den Frauen Helen Bekele Tola einen neuen Streckenrekord lief, wurde das umstrittene Rennen der Männer erst auf den allerletzten Metern zugunsten des Sudanesen Dominic Lokinyomo Lobalu entschieden.
Um fast zwei Minuten schneller
Mehr denn je hatte der Murtenlauf diesmal den Charakter eines klassischen Volkslaufs. Aufgrund der zeitgleich stattfindenden Leichtathletik-WM im Katar oder der im November bevorstehenden Berglauf-Weltmeisterschaft waren unter anderem die beiden letztjährigen Schweizer Sieger Tadesse Abraham (in der Nacht auf Sonntag im WM-Marathon von Doha Neunter) und Maude Mathys in Murten nicht am Start. Immerhin konnten die Organisatoren am Samstag die kurzfristige Zusage von Helen Bekele Tola vermelden. Die 25-jährige Spitzenläuferin aus Äthiopien, die seit einigen Jahren in der Schweiz ansässig ist und für Stade Genève läuft, hatte erst vor Wochenfrist beim Berliner Marathon in der Zeit von 2:21:36 Stunden den hervorragenden 4. Rang belegt. Überflüssig zu sagen, dass die Wahlschweizerin als grosse Favoritin ins Rennen ging.
Dieser Rolle wurde Helen Bekele Tola, die im Jahr 2015 bei ihrer Premiere am Murtenlauf über die Distanz von 17,17 Kilometer in 1:02:36 Stunden den 3. Rang erreicht hatte, vollauf gerecht. In einer Zeit von 57:51 Minuten pulverisierte sie den Streckenrekord aus dem Jahr 1997 der verstorbenen Franziska Rochat-Moser (58:50) um fast eine Minute. Ihren zweit- und drittplatzierten Landsfrauen Merine Gezahegn sowie Silass Geletu Israel nahm die überragende Gewinnern fünf respektive fast sieben Minuten ab.
Piller bis Courtepin der «Hase»
Nicht unwesentlich zum Rekordlauf der Äthiopierin beigetragen hat Jari Piller. «Es macht Freude, dass sie den Streckenrekord geholt hat», erklärte der Freiburger im Ziel. Weil er verhalten gestartet war und nicht mit der Spitze der Männer mitzog, hatte sich Bekele Tola an die Fersen von Piller geheftet, wodurch der Athlet vom TSV Düdingen als Hase – so wird in der Leichtathletik ein Tempomacher mitunter auch bezeichnet – fungierte. «Die Situation hat sich einfach so ergeben. Ich habe gespürt, dass sie wohl einen guten Tag hat, und konnte ihr dadurch helfen.» Kurz nach Courtepin hatte Piller seinen unerwarteten Job dann erfüllt. Bekele Tola passierte den Freiburger, dankte ihm noch kurz für seine Dienste und zog anschliessend davon. Während Piller schliesslich in 58:00 Minuten als 24. bei den Männern auf dem Python-Platz ankam, zog Bekele Tola, die Weltnummer 6 im Marathon, durch.
Sie sei natürlich äusserst zufrieden damit, wie das Rennen ausgegangen sei, gab Helen Bekele Tola im Zielraum zu Protokoll. Dass sie nur wenige Tage nach einem Marathon zu solch einer Leistung fähig ist, empfand sie wenig aussergewöhnlich. «Ich wäre eigentlich imstande, im Marathon eine Zeit um die 2:19 Stunden zu laufen. Da ich in Berlin deutlich darüber lag, war die Erholung nicht ein grosses Problem», erklärte sie trocken.
Die Teilnahme beim Murtenlauf erfolgte nicht ohne Hintergedanken. Bekele Tola, die bereits alle grossen Läufe in der Romandie wie die Escalade in Genf, die Corrida in Bulle oder die 20 Kilometer von Lausanne für sich entscheiden konnte, will sich mit möglichst vielen guten Resultaten hierzulande einen Namen machen. «Ich erhoffe mir damit, schneller den Schweizer Pass zu bekommen», erklärt die Äthiopierin. Bekele Tola träumt davon, im nächsten Jahr an den Olympischen Spielen in Tokio die Schweizer Farben vertreten zu können. Die Chancen dafür stehen trotz der Erfolge indes gering.
Fotofinish bei den Männern
So klar der Rennausgang bei den Frauen war, so knapp war er bei den Männern. Nachdem sie die gesamte Strecke zusammen im Spitzenfeld gelaufen waren, setzten der erst 21-jährige Sudanese Dominic Lokinyomo Lobalu und der Äthiopier Muleta Neda in der Freiburger Alpenstrasse zu einem packenden Schlussspurt an. Am Ende setzte sich Lokinyomo Lobalu in einem veritablen Fotofinish in 54:02 Minuten durch, drei Zehntelsekunden schneller als Neda. Dabei waren die beiden Athleten wenige Meter vor der Ziellinie wegen eines Missverständnisses noch um einen Kreisel herumgelaufen. Hätte einer stattdessen den direkten Weg genommen, wäre es nicht zu dieser hauchdünnen Entscheidung gekommen.
Lokinyomo Lobalu ist ein sudanesischer Flüchtling, der vor einigen Jahren in Kenia untergekommen ist. 2017 nahm er als Teil vom Athleten-Team für Flüchtlinge des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF über die 1500 Meter an der Weltmeisterschaft in London teil. Gerne hätte er vergangene Woche in Doha seine zweite WM bestreiten wollen, verpasste aber die Qualifikation. Nun bleibt Dominic Lokinyomo Lobalu als kleiner Trost immerhin der Sieg beim Murtenlauf.
Statistik
11 631 Läuferinnen und Läufer waren am Start
Die 86. Ausgabe des Murtenlaufs war für die Organisatoren um den neuen Direktoren Olivier Gloor, der auf Laurent Meuwly gefolgt war, mit 11 631 klassierten Läuferinnen und Läufern ein Erfolg (2018 waren es 12 362 Klassierte gewesen). In den Männerkategorien sind über die klassische Strecke von 17,17 Kilometern ab Murten oder die Halbdistanz ab Courtepin insgesamt 4694 Läufer gestartet, bei den Frauen waren es 2398 Läuferinnen. Überdies starteten rund 2000 Walkerinnen und Walker sowie die gut 2500 Kinder am Mini-Murtenlauf vom Samstag.
Zum 20. und letzten Mal amtierte gestern Daniel Lehmann als Präsident des Gedenklaufes. Auf den Seeländer folgt Frédéric Dumas, der sich bisher um die Elitefelder gekümmert hat.
«Die Situation hat sich einfach so ergeben. Es macht Freude, dass sie den Streckenrekord geholt hat.»
Jari Piller
Läufer TSV Düdingen