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Augustinus ist mir ein Vorbild im Bemühen, zeitgenössische Konzepte ernsthaft und differenziert zu bewerten. Sarah Byers weist im Aufsatz The psychology of compassion: Stoicism in City of God 9.5 auf Augustins wohl bedachte Analyse hin (in: In James Wetzel (ed.), Augustine’s City of God: A Critical Guide. Cambridge University Press, 130-148):
Augustinus’ Verweise auf pathos und eupatheia in De Civitate Dei zeigen, dass er mit dieser Unterteilung der Emotionen nach ihrer Verursachung vertraut ist. Darüber hinaus macht er deutlich, dass der Zweck seiner Erwähnung in Civitate Dei 14.8 darin besteht zu zeigen, dass die Schrift, obwohl sie eine andere Terminologie verwendet, eine begriffliche Unterscheidung zwischen Emotionen, die moralisch gut sind, weil sie mit der rechten Vernunft übereinstimmen, und solchen, die dies nicht sind, respektiert. Die Werke der säkularen Literatur, die ebenfalls eine begriffliche Unterscheidung implizieren, ohne der ciceronisch-stoischen Terminologie zu folgen, werden herangezogen, um dem umgangssprachlichen Sprachgebrauch der Heiligen Schrift Geltung zu verschaffen.
… Zweitens wird bei näherer Betrachtung der Passage über das Mitleid in Civitate Dei 9.5 deutlich, dass Augustinus keine Dichotomie zwischen Altruismus und Eigennutz vorstellt, wenn er das Mitleid und die Sorge um einen anderen Menschen empfiehlt anstatt sich um das eigene Leben zu sorgen. Er spricht von Mitgefühl, um zu “befreien”, und von Furcht, damit niemand “umkommt”. Aber eine parallele Stelle in Stadt Gottes 14.9 spricht auch von “Befreiung” und “Verderben”, und die Worte haben einen moralischen Sinn: Befreiung vom Laster, Verderben durch Sünde.