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Der heutige Philo-Zirkel-Abend startete mit der Frage "Wer ist glücklich?". Um diese Frage zu beantworten, können verschiedene Wege eingeschlagen werden: Man kann sich selbst fragen, was die persönlichen Indikatoren für Glück sind oder man kann sich fragen, wie glücklich Menschen in unterschiedlichen Ländern sind.
Tatsächlich näherte sich unsere Runde dem Thema auf die zweite Weise an. Der Happy Planet Index wurde im Juli 2006 als alternativer Fortschrittsindikator zum Bruttoinlandprodukt von der britischen Denkfabrik „new economics foundation“ entwickelt und vereint drei Variablen: subjektives Wohlbefinden, Lebenserwartung und den ökologischer Fussabdruck. Der HPI stellt somit das Wohlbefinden und die Lebenserwartung den Umweltbelastungen bzw. dem Ressourcenverbrauch einer Nation gegenüber. Die Frage ist, welches Land maximiert das Wohlbefinden der heutigen Generation und minimiert gleichzeitig die dabei entstehenden Umweltbelastungen, um auch zukünftigen Generationen die Generierung von Wohlbefinden zu ermöglichen. Die Schweiz ist in der letzten Erhebung auf Platz 8:
Laut dem World Happiness Report 2023 führt Finnland das sechste Jahr in Folge die Rangliste der glücklichsten Länder der Welt an. Mit einem Wert von 7,80 liegt Finnland deutlich vor allen anderen Ländern. Ein beträchtlicher Teil der Top Ten kommt aus Skandinavien: Dänemark auf Platz zwei (7,59), Island auf Platz drei (7,53), Schweden auf Platz sechs (7,40) und Norwegen auf Platz sieben (7,32).
Etwas weiter unten in der Rangliste liegen die Vereinigten Staaten auf Platz 15 und das Vereinigte Königreich auf Platz 19, wobei letzteres nun schon vier Jahre in Folge einen Platz verloren hat. Die Schlusslichter der Weltglücksliste bilden Simbabwe (3,20), Sierra Leone (3,14), der Libanon (2,39) und Afghanistan (1,86).
Kritiker argumentieren, dass der Index aus mehreren Gründen problematisch ist. Zum einen wird die Terminologie des "Glücks" von einigen bestritten, die argumentieren, dass zumindest im Fall von Finnland "Zufriedenheit mit dem Leben" eine genauere Beschreibung gewesen wäre. In einem Beitrag von 2018 zu diesem Thema wies ein finnischer Autor darauf hin, dass die nordischen Länder bei Faktoren wie dem Pro-Kopf-BIP und der Freiheit von Unterdrückung am besten abschnitten, während lateinamerikanische Länder wie Paraguay und Guatemala am glücklichsten gewesen wären, wenn der Index auf dem Ausmass positiver Emotionen basiert hätte, die die Menschen erleben, während afrikanische Länder wie Togo und Senegal besser abgeschnitten hätten, wenn sie danach bewertet worden wären, ob die Bürger ihr Leben als "sinnvoll" erleben. (Quelle)
Platz 8 - wir Schweizer scheinen also ziemlich happy zu sein. Aber erleben wir das im Alltag auch so? Es begegnen uns täglich übellaunige, gestresste Menschen. "Wie hoch ist eigentlich die Suizidrate in der Schweiz?" Auch das scheint uns ein Indikator für das Glück einer Gesellschaft zu sein: 2019 befindet sich die Schweiz auf dem Platz 32 von insgesamt 182 Staaten bei den Suizidraten (Quelle). Wir diskutieren mögliche Gründe für Selbstmord und fragen uns weiter, wie die Rate wohl im 19. Jahrhundert gewesen sein könnte. "Haben sich damals auch viele Menschen umgebracht?" "Falls nein, könnte der Glaube ein Grund dafür sein?" Wir stellen fest, dass wir es nicht wissen.
Was wissen wir eigentlicH?
Es ist nicht der Abend, um ZDF (Zahlen, Daten, Fakten) zu recherchieren, weshalb wir das Thema Selbstmord verlassen. Es ging ja eigentlich um die Frage nach Glück. "Wäre ein ewiges Leben ein grosses Glück für die Menschheit?" Wir sprechen über die Vor- und Nachteile, die Hoffnungen und Ängste im Zusammenhang mit Gentechnologie und Biotechnologie. Unser Gespräch führt uns zu weiteren Fragen: Welches Leben ist lebenswert? Was macht den Menschen zum Menschen? Müssen wir immer gesünder und erfolgreicher werden? Würden wir Gesundheit und Erfolg noch schätzen, wenn wir immer gesund und erfolgreich wären? Brauchen wir Menschen nicht auch schwarz, um weiss erkennen zu können?
SÄhen wir unser Glück noch, wenn wir immer glücklich wären?
Könnten wir überhaupt "dauerglücklich" sein? Würden wir nicht automatisch unser Glück mit dem Glück unserer Mitmenschen vergleichen und wieder unglücklich werden, weil die anderen glücklicher scheinen als wir selbst?
Kommen wir zurück auf den Happy Planet Index. Ist Glück dasselbe wie "Wohlbefinden"? Was verstehen wir eigentlich unter Glück? Wenden wir uns also der ersten Annäherungsweise an Glück zu, dem persönlichen Glück. Hast du schon mal darüber nachgedacht, was dich glücklich macht? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit?
Wir lassen folgenden Gedanken an diesem Abend zu: Unsere Umwelt- und Klimapolitik hat das Ziel den Menschen zu retten, nicht die Erde.
Für den Menschen bedeutet Glück, zu leben. Gut zu leben, nicht bloss zu überleben. Angenehm zu leben. In einem angenehmen Klima, ohne extreme Wetterereignisse. Wir Menschen habe eine grosse Angst davor zu sterben. Dass es einfach vorbei ist, dass die Erde sich zurückholt, was ihr gehört und wir aussterben wie die Dinosaurier.
Der Mensch ist aber auch ein faszinierend widersprüchliches Wesen. Unsere Angst vor dem Tod hält uns nicht davon ab, Krieg zu führen. Ist Krieg die Abwesenheit von Glück? Ist es möglich, im Krieg zu sein und trotzdem glückliche Momente zu erleben? Will man der Geschichte glauben, ist es das. Aufzeichnungen zeigen, wie britische und deutsche Soldaten im ersten Weltkrieg während Weihnachten gemeinsam in den Schützengräben Weihnachtslieder gesungen haben. Wäre es nach ihnen gegangen, wäre der Krieg mit diesem Moment des gemeinsamen Glücks beendet gewesen (mehr zum "Weihnachtsfrieden 1914" HIER).
Das grösste Glück empfinden wir wahrscheinlich tatsächlich dann, wenn wir aus einer sehr herausfordernden, schwierigen Situation herauskommen: Das Ende von Krieg, das Überstehen einer Krankheit, das Überleben eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe.
Glück und Zufriedenheit
Ich erinnere mich, mal gelesen zu haben (ich weiss aber nicht mehr wo), dass Glück ein euphorischer Zustand ist, während wir Menschen Zufriedenheit anstreben sollten. Glück ist unberechenbar, es stellt sich ein und verschwindet wieder. Wir erleben Glück tatsächlich als Folge von Unglück. Eine wahrhafte Dualität. Yin und Yang. Zwei Begriffe der chinesischen Philosophie, die für polar einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene duale Kräfte oder Prinzipien stehen.
Glück lässt sich nicht erzwingen, es passiert. Anders die Zufriedenheit: Wir können uns jederzeit entscheiden, zufrieden zu sein. Wir können morgens aufstehen und sagen: "Heute wird ein toller Tag!" oder "Heute schenke ich jedem Menschen, dem ich begegne, ein Lächeln." Ich behaupte: Freundlichkeit macht uns glücklich. Oder zufrieden...? Gut, nochmal: Wenn ich zu anderen freundlich bin, strahle ich eine ansteckende Zufriedenheit aus. Dies kann zu Begegnungen führen, die mich glücklich machen, wie zum Beispiel ein spontanes Gespräch, ein Dankeschön, eine Geste, die ich nicht erwartet habe.
Klingt eigentlich einfach, nicht?
FRAgen und Fazit
Es war ein Abend voller Fragen und ohne konkrete Antworten. Manchmal braucht es die auch nicht. Es macht Freude in einer offenen Runde alle Fragen einzubringen, die einem gerade in den Sinn kommen oder die einen auch schon länger beschäftigen. Es ist schön, anderen ein offenes Ohr zu schenken. Der Austausch hat uns zufrieden gemacht und vielleicht sogar ein wenig glücklicher. Ich frage mich, wie die Welt aussehen würde, wenn alle Menschen jeden Tag nur das täten, was sie glücklich und zufrieden macht. Was denkst du?
Ich freue mich auf unseren nächsten Philo-Zirkel am Fr, 22. März 2024!
24.03.24 Miriam Huwiler
Der Philo-Zirkel ist ein interdisziplinäres Angebot der BM-Abteilung am BBZB Luzern. Er wird organisiert und verantwortet von der Fachschaft W&R unter der Leitung von Miriam Huwiler. Eingeladen sind aktuelle und ehemalige Lernende und Lehrpersonen. Gerne dürfen Freunde mitgebracht werden. Der Philo-Zirkel findet seit September 2022 statt und unsere Gruppe ist unterdessen auf gut 20 Personen gewachsen.