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Fortleben
Das Leben hatte sie wieder. Es fühlte sich aber nicht so an. Sie setzte einen Fuss vor den anderen und kam gut voran. Im Tal war es bereits mild gewesen. Ein Blick nach oben zeigte ihr, dass der Winter auf den Jurahöhen noch nicht vorbei war. Schnee bedeckte die Hänge und überzog die Felsabsätze des Kessels des Creux de Van.
Wechten neigten sich über die Kante zum Abgrund, als wollten sie erkunden, was das Leben am Talboden zu bieten hat. Ein Schritt zu weit, und die Verwehung würde einbrechen und alles mitnehmen, was sich zu weit vorgewagt hatte.
Ihr Bein bereitete ihr keine Schmerzen mehr. Es funktionierte. Manchmal vergass sie die Narben, die der Unfall hinterlassen hatte, und erst der Ausdruck in den Augen der anderen erinnerte sie daran, was sie verloren hatte: ein spielerisches Kennenlernen, das etwas beginnen könnte, was nicht vorhersagbar wäre.
Je mehr sie die Anstrengung spürte, desto wohler fühlte sie sich. In ihrem Nacken bildete sich ein Schweissfilm, und ihr Herz schlug schnell und stark. Sie spürte, dass ihr Körper ihr bei jedem Schritt gehorchte, was er lange verweigert hatte. Einen Löffel zum Mund zu führen, war zu Beginn unmöglich gewesen.
Sie blieb stehen, zog die Handschuhe aus und die Trinkflasche aus dem Rucksack. Ihr Blick fiel auf den Ring an ihrem Finger. Eigentlich hatte sie ihn schon lange zurückgeben wollen, aber er sass so eng, dass sie einen Juwelier aufsuchen müsste, um ihn zu entfernen. Unter all denjenigen Entgegnungen auf ihren Unfall, die sie verabscheute, war Mitleid das Unerträglichste.
Sie nahm einen langen Schluck, spürte das Wohlgefühl, welches das Wasser ihr bereitete und verstaute die Flasche im Rucksack, den sie mit Schwung wieder aufsetzte. Jetzt gab es keinen Weg zurück mehr.
Oben an der Kante des Abgrunds erschien ein braunes, zottiges Gesicht, dem sie zuerst zurufen wollte, Acht zu geben. Der Kopf bewegte sich hin und her, und erst beim zweiten Hinschauen erkannte sie, dass es eine Gams war. Erschrocken überlegte sie, dass eine Gams selten allein unterwegs war, und der Trupp die Wechte zum Einbrechen bringen könnte. Sie sah bereits, wie diese sich in einem Wasserfall aus Schnee und Steinen in den Abgrund ergiessen würde. Aber nichts passierte. Das braune zottige Gesicht zog sich zurück. Tiere waren eben doch weitaus empfänglicher für jedwede Zeichen der Natur.
Hier oben spürte sie nichts von der Panik, die sie manchmal in den Städten erfasste. Wenn die Sirene einer Ambulanz ertönte, merkte sie, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, ihr Atem flach und schnell und ihr leicht schwindelig wurde. Erinnerungsfetzen von Menschen in grünen Kitteln tauchten auf und die Angst hatte sie dann mehrere Minuten im Griff.
Hier oben gab es keinen Verkehr und keine Menschen. Das war es, was sie brauchte. Es beruhigte sie, sich als Teil eines Naturspektakels zu fühlen, bei dem die Menschen nur Zuschauer sind. Während der letzten Kaltzeit vor mehr als zehntausend Jahren hatte ein Gletscher das steinerne Amphitheater geschaffen, das seitdem nahezu unverändert die Zeiten überdauerte. Die eigene Bedeutungslosigkeit zu spüren, wirkte wie ein Heilmittel. Sich wieder etwas beweisen können, auch.
Sie beschleunigte ihr Tempo. Der Weg war verschneit und vereist. Ihr Blick glitt zum Horizont, der nicht erkennbar war und keine Orientierung bot, weil die tiefhängende Wolkendecke mit den schneebedeckten Hängen zu einem grauen Einerlei verschmolz. In einem Moment der Unachtsamkeit bemerkte sie nicht, wie ihre Füsse den Halt verloren, sie ausrutschte und sich der Länge nach im Schnee liegend wieder fand. Erneut war da dieses Erstaunen, dass der Bruchteil einer Sekunde über ein Leben entscheiden konnte, auch wenn hier keinerlei Gefahr bestand. Tränen der Wut traten in ihre Augen. Sie brannten heiss auf ihren unterkühlten Wangen. Das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins überwältigte sie und verzehrte ihre ganze Zuversicht.
Sie riss sich die Handschuhe von den Fingern und wischte ihre Tränen ab. Indianer weinen nicht, hatte ihr Vater gesagt als sie zehn Jahre alt war und hemmungslos heulte, nachdem ihr Hund gestorben war. Wütend versuchte sie den Ring vom Finger zu ziehen. Er war zu eng für das Fingergelenk. Sie riss daran, bis der Schmerz nicht mehr auszuhalten war. Dann gab sie auf. So musste der Ring eben bei ihr bleiben bis zum Letzten.
Sie rappelte sich wieder auf und klopfte sich den Schnee von Jacke und Hose. Weil der Schnee so spät im Winter bereits sehr sulzig war, hatte sie jetzt feuchte Flecken auf ihren Ärmeln und Knien, was sie leicht frösteln liess.
Es wurde diesig um sie herum, und die umgebende Landschaft verschwand hinter Dunstschwaden. Sie kam dennoch gut voran und hing ihren Gedanken nach. Hunger begann sich bemerkbar zu machen, und sie blieb wieder stehen, um sich einen Müsliriegel aus dem Rucksack zu holen. Mit einem Mal war sie sich nicht mehr sicher, dass der Weg ein Weg war.
Der Wind hatte an vielen Stellen den Schnee verweht, der in der Frühlingssonne taute und nachts wieder gefror, sodass der Unterschied zwischen dem Weg und der Umgebung nicht auszumachen war. Sie versuchte jetzt einfach weiter nach oben zu steigen. Die Richtung müsste stimmen. Wegweiser hatte sie schon länger nicht mehr gesehen.
Sie könnte jetzt auch noch zurückgehen. Einige der Fussspuren müssten sichtbar sein, sodass ein vorzeitiger Abstieg kein Problem sein sollte. Allerdings wäre das eine erneute Niederlage. Sie ging weiter.
Die Mutter des Unfallverursachers hatte sie im Krankenhaus angerufen, wohl um sicher zu stellen, dass sie noch lebte, sie mit guten Wünschen bedacht, denen die Heuchelei allzu deutlich anzumerken war. Der junge Autofahrer war kein einziges Mal aufgetaucht. Ihr Leben war nur etwas wert, damit für ihn die juristischen Konsequenzen nicht zu drastisch ausfielen. Sie war sich nicht sicher, dass sein Besuch ihr geholfen hätte.
Hier hinaufzusteigen, gab ihr etwas von der Würde zurück, die sie auf der Strasse gelassen hatte. Einen Moment fühlte sie sich nicht hilflos und ausgeliefert. Plötzlich hörte sie ein Scharren im Dunst. Kaum eine Armlänge von ihr entfernt tauchte das zottige Gesicht wieder auf. Die Augen der Gams blickten sie interessiert an, als wollte sie verstehen, was einen Menschen um diese Jahreszeit hier hochtrieb. Das verstand sie selbst auch kaum. Nach dem Unfall war nichts mehr so wie vorher gewesen. Im letzten Sommer hatte sie begonnen Seen schwimmend zu durchqueren, mehrere Kilometer allein im Wasser. Das hatte sich gut angefühlt.
Dabei hatten sie alle nur unterstützt und erwartet, dass sie da weitermachte, wo sie vor dem Unfall aufgehört hatte. Schließlich war sie am Leben geblieben, das war doch bereits etwas. Leben. Sie war wieder auf ein Fahrrad gestiegen und unter Tränen eine halbe Stunde geradelt. Sie hatte sich durch die Physiotherapie gequält, kaum erträgliche Schmerzen ausgehalten, gegen Schwäche angekämpft, aber das Leben war nicht zurückgekommen, als hätte jemand auf die Pausentaste gedrückt.
Die Gams trottete vor ihr her und schien sich kein bisschen an ihrer Anwesenheit zu stören. Sie schnalzte mit der Zunge und streckte die Hand aus, um sie heranzulocken. Die Gams hielt aber immer einen Sicherheitsabstand ein, verliess sie allerdings auch nicht, sondern blieb in ihrer Nähe.
Der Dunst hatte sich zu einer dicken Nebelschicht verdichtet, und ihr fiel es schwer zu unterscheiden, ob sie aufwärts oder abwärts ging. Wie oft überkommt einen ein Gefühl der Gefahr kurz vor dem Eintreten des Ereignisses, aber es bleibt dann doch keine Zeit es zu vermeiden. Sie wollte ihren Fuss vor dem Aufsetzen noch zurückziehen, aber es gelang ihr nicht, und sie spürte wie der Schnee nachgab, ins Rutschen kam, sie aus dem Gleichgewicht riss und mit sich zog. Sie ruderte mit den Armen, aber es gab nichts, was ihr hätte Halt bieten können, kein Strauch, kein Stein, kein Mensch. Noch nahm sie einen Moment des freien Falls wahr, dann nichts mehr.
Als sie wieder das Bewusstsein erlangte, irritierte sie zuerst der Blutgeschmack im Mund. Sie hob den Kopf leicht an. Der Nebel hatte sich gelichtet, und sie hatte eine grandiose Aussicht auf die Umgebung. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagelegen hatte. Sie bewegte ihre Hände. Anscheinend war nichts gebrochen. Als sie zu ihren Füssen hinunterschaute, sah sie, dass sie auf einem Felsabsatz unweit des Abgrundes lag. Sie liess ihren Kopf wieder sinken. Müdigkeit überflutete sie, und sie wollte nur liegen bleiben und schlafen. Vorsichtig rutschte sie etwas vom Abgrund weg und schloss erneut die Augen.
Sie musste einen Augenblick eingenickt sein, als ein kleiner Stein zu ihr herunterkullerte und sie weckte. Diesmal stand die Gams auf halbem Weg des Abhanges, der zurück zum Rand des Creux de Van führte. Ein falscher Tritt, und die Gams würde abstürzen. Sie zog ihre Beine an. Ausser einer Prellung am Oberschenkel und Schmerzen in der linken Hand schien nichts passiert zu sein. Sie nahm die Handschuhe ab und knetete ihre Finger. Wieder probierte sie den Ring abzuziehen, und diesmal gelang es ihr. Sie widerstand dem Impuls ihn von sich zu werfen, und liess ihn in ihre Jackentasche gleiten. Die Gams sprang noch einige Meter auf sie zu, drehte dann um, und jagte den Abhang hinauf, bis sie nur noch den zottigen Kopf wahrnehmen konnte.
Vorsichtig richtete sie sich auf, und begann den Abhang hinaufzuklettern, indem sie ihren Körper eng an den Felsen schmiegte, und bei jedem Schritt erst einmal den Halt prüfte, bevor sie ihren Fuss fest aufsetzte und sich ein Stück nach oben drückte, den Blick immer nach oben gerichtet. Der Weg zurück würde nicht einfach werden.