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Corti Walter Robert, Philosoph und Publizist, Initiant des Kinderdorfes in Trogen, 1910-1999
Bereits der Student Corti träumte von einem Dorf der Gelehrten, in dem – allein der Wahrheit verpflichtet – die Bedingungen friedlichen Zusammenlebens in der Welt erforscht würden. Verwirklicht wurde allerdings eine andere Idee: Der Aufruf von Corti im August 1944 in der Zeitschrift «Du», ein Dorf für Kinder des Krieges zu schaffen, führte 1946 zur Gründung des Kinderdorfs Pestalozzi in Trogen.
Walter Robert Corti kam am 11. September 1910 in Dübendorf als Sohn des Arnold (23.2.1873 Winterthur-18.10.1932 von Stabio und Winterthur) zur Welt. Er war verheiratet seit 1946 mit Anna Bonzo, Tochter des ungarischen Geigers Joseph Bonzo. 1930 machte Corti die eidgenössische Matura und nahm darauf das Medizinstudium in Zürich in Angriff. Seit der Mittelschule war er stark interessiert an philosophischen und religiösen Fragen. Er bildete sich unablässig weiter und verfasse dazu Schriften aller Art. Nach dem Tode seines Vaters 1937 besuchte er ab 1933 Auslandsemester in Wien, Berlin, Hamburg und Frankfurt a.M. 1937 brach er dieses Studium kurz vor dem Staatsexamen ab, da er an Lungentuberkulose erkrankt war. Er musste die kommenden Jahre in Sanatorien verbringen und war stark belastet vom Ausgang dieser damals sehr schweren Krankheit. Dazu kam die ungewisse berufliche Zukunft. 1940 nahm er an einem Wettbewerb «Krieg in Europa» der Schweizerischen Hochschulzeitung mit dem Aufsatz «ratio militans» teil. Er gewann den ersten Preis. Das war sein Durchbruch. Er war nun ein gefragter Mann und man sucht mit ihm den Kontakt. Arnold Kübler, Chefredaktor der 1941 gegründeten Monatszeitschrift „Du“, bot ihm eine Redaktorenstelle an. Kübler und Corti prägten in der Folge diese Zeitschrift rund 15 Jahre lang. Im August 1944 veröffentlichte Corti im „Du“ einen Bericht, in dem er die Idee eines Dorfes in der Schweiz für Not leidende Kriegskinder lancierte. Dieser Anstoss hatte einen grossen Erfolg. Von überall erhielt Corti Unterstützung zugesagt. Unterstützt von der Kinderärztin Marie Meierhofer (1909-1998) und der Schweizer Bevölkerung mit einer Geldsammelaktion, kam das Projekt zum Laufen. 1946 erfolgte in Trogen die Grundsteinlegung. Bis 1970 wurden 15 Wohnhäuser gebaut, um Kindern aus aller Welt ein Zuhause zu geben. Das Kinderdorf wurde zu Cortis Lebenswerk.
Ab 1950 verfolgte er ein neues Ziel. Er wollte eine Internationale Gelehrtensiedlung, eine Akademie für ethische Forschung ins Leben rufen. Eine Realisation scheiterte schliesslich an den fehlenden finanziellen Mitteln. Gleichzeitg begann er den Aufbau des «Archivs für genetische Philosophie». Die Bibliothek wuchs auf über 30'000 Bänden an. Corti schenkte sie 1976 der «Stiftung Akademie für ethische Forschung». 1989 ging sie an Ethik-Zentrum der Universität Zürich über. 1957 erhielt Walter Corti von der Universität Tübingen den Titel eines Dr. h.c. der Philosophie. 1963 stellt ihm die Familie Reinhart das Haus an der Römerstrasse 29 (vor dem Umzug ins Römerholz hatte auch Oskar Reinhart darin gewohnt, und noch zu vor wohnte der Dichter, Übersetzter und Mäzen Hans Reinhart an dieser Adresse) zur Verfügung. Dieses Haus wurde bis zu seinem Tode am 12. Januar 1990 zum Treffpunkt von Philosophen und Wissenschaftlern zum gemeinsamen Gespräch.
Laudatio von Stadtpräsident Urs Widmer
Liebe Frau Corti, liebe Familie Corti,
meine Damen und Herren
Im Frühling 1964 kam Walter Robert Corti nach Winterthur, zurück in die Stadt der Väter - „so der Titel eines Romans von Robert Faesi, der ja eine Winterthurerin geheiratet hat" (wie er mir einmal schrieb) - und konnte im Haus „Kareol" dem ehemaligen Wohnsitz des 1963 verstorbenen Hans Reinhart, einen Teil seiner Vision der "Akademie" realisieren. Dort hab ich ihn kennen und schätzen gelernt. Walter Robert Corti beschrieb seine Verbundenheit zu Winterthur als eine glückliche Symbiose des südlichen Temperamentes mit dem nördlich geprägten Arbeitswillen der Familie. "Weil er ein guter Tessiner war, ist er ein guter Winterthurer geworden". Die Familie von Grossvater Giovanni Giuseppe Corti -Croci war 1869, aus dem tessinischen Dorfe Stabio gebürtig, zugewandert und 1882 unentgeltlich ins Bürgerrecht der Stadt Winterthur aufgenommen worden. Und mit diesem Winterthurer Bürgerrecht verband sich auch eine über Jahre dauernde Diskussion mit Walter Robert Corti. So berichtete er mir bereits 1970, dass er als grüner Student, es muss anfangs der 30-er Jahren gewesen sein, um die Entlassung aus dem Winterthurer Bürgerrecht ersucht habe und sie auch prompt erhalten habe. "Mir scheint das heute eine Don Quichoterie, für die Kinder ist es aber längst bewältigte Vergangenheit, die für sie sogar eher etwas Positives bedeutet und die Patina einer vergnüglichen Anekdote angesetzt hat. In allen Corti's geistert ja das Südheimweh und ich habe dem eben in meiner Art Ausdruck gegeben. Sie sind alle vier stolz auf die Stabieser Heimat und ihr dortiges Bürgerrecht, auf die Zugehörigkeit zu einer armen Gemeinde, von der sie nie etwas "erwarten" können." So weit Walter Robert Corti in seinem Brief vom 1. September 1970 an mich und dann weiter "So bleiben wir denn, wie bisher weiter gute Winterthurer ohne Bürgerrecht und sind der Stadt für ihre Wohltaten dankbar, so lange wir hier verweilen dürfen." Im gleichen Jahr durfte ich im Auftrag des Stadtrates Walter Robert Corti die Anerkennunsgabe der Stadt Winterthur überreichen und liess sein bisheriges Leben kurz Revue passieren:
"Das Haus der Eltern lag an der Dübendorfer Glatt, inmitten eines herrlichen Gartens, umwachsen von Birken, Eichen, Linden und Tannen. Mein Vater war Chemiker und baute sich eine prachtvolle Kollektion von Nachtfaltern auf. Die Erforschung der Natur bildete unsere Lebensluft. Ich trug mit den Jahren ein kleines naturgeschichtliches „Museum" zusammen, wo neben dem Fuchsschädel ein Seeigel lag, neben der weinroten Fächerkoralle ein dräuendes Haigebiss. Manches wurde seither verschenkt, anderes ging verloren, aber das meiste ist noch da." So beschreibt Corti seine Jugend selber. Nach der Matura wandte sich Walter Robert Corti dem Medizinstudium zu. Hier konnte er seine grossen naturwissenschaftlichen Kenntnisse ausweiten, wobei ihm vor allem die Anatomie und Physiologie des Gehirns interessierten. Da schienen sich seines Erachtens Philosophie und Medizin am engsten zu berühren. Zürich, Wien und Berlin waren Stationen seines Studiums, und von überall her brachte er Impulse seines philosophischen Denkens mit. Aus jener Studienzeit scheint mir eine Episode aus Corti's Leben besonders erwähnenswert. Im Wintersemester 1930/31 fand sich unter dem Namen "Die Aktion" ein kleiner Kreis von Zürcher Studenten aller Fakultäten zusammen, dem an einer Reorganisation der studentischen Verwaltung gelegen war. Man wünschte ein Forum der Begegnung von Studenten und Dozenten, um darin die drängenden Zeitprobleme zu behandeln. Der ersten Versammlung der "Aktion" im roten Saal des Studentenheims war publikumsmässig ein guter Erfolg beschieden. Der junge Medizinstudent referierte über die studentischen Nöte. Der Rektor, ein Theologe, lehnte es rundweg ab, Helfen zu können, die Universität sei keine seelsorgerische Institution, sie habe Wissen zu vermitteln und nicht Romantiker zu amüsieren. Positive und negative Stimmen äusserten sich zum Gedanken der "Aktion", dem Wunsch nach einer Art "studium generale", daneben verlangte jedoch das "studium particulare" bestandene Examen der Studenten. Die politische Situation der beginnenden 30-er Jahre führte die "Aktion" in ein Feld von Missverständnissen, die Frage jedoch blieb und verlangte nach einer Dokumentation, dem ersten Plan einer "Helvetischen Akademie" Corti's." So weit aus meiner Laudatio von 1970.
Kurz vor Abschluss des Medizinstudiums - 1937 - konstatierte der Arzt bei Corti eine Tb, was ihn zum Abbruch des Studiums und zu entsprechend langen Kuraufenthalten in Clavadel und Montana zwang. Die Kraft zum Abschluss fehlte und so war auch sein Plan, Hirnforscher zu werden, nichtig. In dieser Zeit kam Walter Robert Corti in Kontakt mit dem 20 Jahre älteren Arnold Kübler, dem Öppi von Wasenwachs (Wiesendangen), der damals im Auftrag des Verlages Conzett & Huber die neue Kulturzeitschrift „Du" redigierte. Das Duo Kübler - Corti hat während rund 15 Jahre das „Du" geprägt, für Corti aber wegweisend war sein Beitrag im August 1944 worin er den Vorschlag für ein übernationales Kinderdorf zur Aufnahme von Kriegswaisen erstmals publizierte. Ein Jahr später folgte die Gründung der "Vereinigung Kinderdorf Pestalozzi" und im April 1946 erfolgte die Grundsteinlegung im Hügelgelände oberhalb Trogen. Am 11. Mai 1946 konnten die ersten 16 Kriegswaisen aus Südfrankreich vorerst das Trogener Waisenhaus beziehen und erlebten so den Bau ihres Dorfes hautnah. Unzählige Kriegswaisen haben während vieler Jahre im Kinderdorf in Trogen Aufnahme gefunden und so den Weg zurück ins normale Leben wieder gefunden.
Auch wenn Corti zeit seines Lebens dem Kinderdorf Pestalozzi verbunden war, widmete er sich ab 1951 wieder vermehrt seinen philosophischen Arbeiten und gründete das "Archiv für genetische Forschung" vorerst in Dübendorf und dann, wie schon erwähnt, in Winterthur. Immer wieder versuchte er seine studentische "Aktion" im Traum einer "Akademie für ethische Forschung", wie er sie im „Du" vom September 1954 vorgestellt hatte, zu realisieren, aber es blieb Wunschtraum. So wurde dann das Haus Kareol ab 1964 seine Heimat und auch Treffpunkt für seine treuen Freunde, seine „Bauhütte", wie er es zu nennen pflegte. Corti fragte nach den jahrtausende alten Fragen, er befragte die Gegenwart und sein tiefster Wunsch ging dahin, die Fragen und die Frager zu ständiger Auseinandersetzung zusammenzubringen. Er suchte das Gespräch mit der Jugend, er rief amerikanische Gelehrte zu philosophischen Symposien nach Winterthur und er führte einen immensen Briefwechsel.
Bereits 1957 hatte die philosophische Fakultät der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen das Wirken von Walter Robert Corti in Anerkennung der Gründung des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen zur Pflege der leidenden Kinder des Zweiten Weltkriegs in dunkelster Zeit und damit der Errichtung eines Denkmals edler Menschlichkeit den Grad und die Würde eines Ehrendoktors der Philosophie verliehen. So wurde der Baumeister-Enkel selber zum Baumeister, der das Pestalozzidorf, die Akademie wie Dome in den geistigen Raum unserer Zeit hineinbaute, wie es Dino Larese zu Cortis 60. Geburtstag schrieb.
In den 70-er Jahren tauchte aber auch immer wieder gegenüber mir die Frage des Bürgerrechtes der Stadt Winterthur auf und endlich zum 70. Geburtstag war es dann so weit und er schrieb mir damals: „"Unmut" ist noch die zärtlichste Vokabel für das damals ausgekochte. Immerhin, diese Urkunde gehört nun zur Heimkehr, und so erlebe ich das auch noch und bin dafür dankbar."
Und heute sind wir dankbar, dass wir aus den Händen des Haupt Verlages, sorgfältig gestaltet, die fünf Bände von Corti's gesammelten Schriften entgegennehmen dürfen:
Heimkehr ins Eigentliche
Der Mensch im Werden Gottes
Der Weg zum Kinderdorf Pestalozzi
Ethische Forschung
Ein Dorf für leidende Kinder
Das sind die Titel der fünf Bände, welche auf eindrücklich Art das reiche Lebenswerk von Walter Robert Corti dokumentieren und weitertragen sollen.
Ein ganz besonderer Dank gilt heute natürlich dem Herausgeber der Gesammelten Schriften Dr. Guido Schmidlin, der in minutiöser Kleinarbeit die Manuskripte sichtete und die redaktionelle Arbeit für die Herausgabe besorgte. Ein Dank gilt aber auch der Arbeitsgruppe unter Arthur Bill mit Frau Anuti Corti, Frau Elke Ceveri-Weiss und Fritz Künzler, welche sich engagiert der Mittelbeschaffung angenommen hatte
Mögen diese fünf Bände das vielseitig Wirken von Walter Robert Corti durch seine Worte wieder in Erinnerung rufen und uns, wie es dem Wunsch von Walter Robert Corti entsprach, wieder auf das Wesentliche besinnen, etwas was wir in unserer heutigen Zeit immer mehr benötigen.
30. September 2002
Urs Widmer