Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03304.jsonl.gz/1283

Höngg – von der freien Gemeinde zum Stadtkreis 10
Es ist der 31. Dezember 1933: der letzte Tag der freien Gemeinde Höngg. Nach dieser Nacht würde man offiziell Teil eines Quartiers von Zürich sein. Vielleicht wurde an diesem Silvesterabend da und dort ein Blick zurück auf die Geschichte geworfen – was wir nun an dieser Stelle 75 Jahre später auch tun.
25. Juni 2009 — Fredy Haffner
Die älteste Urkunde, in der Höngg erwähnt wird, datiert aus dem Jahr 858 und darin heisst es, ein Mann namens Landolt habe vom Kloster St. Gallen tauschweise ein Stück Land in Höngg erworben (Seite 234)*. Das Grossmünsterstift wie auch das Kloster Fahr hatten in Höngg seit Jahrhunderten schon bedeutende Besitztümer und Rechte, doch die Stadt selber zeigte erst 1351 Interesse am Dorf Höngg (Seite 271). Damals galt dieses Interesse der Wehrkraft der Höngger Männer: Die Stadt Zürich war ein Bündnis mit der Eidgenossenschaft eingegangen und steuerte damit auf einen Krieg mit dem Hause Habsburg zu. Nachdem Zürich bereits allen Einwohnern der Stadt das Bürgerrecht angeboten hatte, um seine Wehrkraft zu stärken, nahm die Stadt, wohl aus demselben Grund, im Juli 1351 dreiundvierzig Höngger als Stadtbürger auf – was wohl nahezu der ganzen männlichen Bevölkerung von Höngg entsprochen haben dürfte. 1384 zog Zürich die Vogteirechte über Höngg an sich (Seite 273). Seit 1365 waren diese im Besitz des Klosters Wettingen gewesen. Als 1384 in einer Schlägerei zwischen Leuten aus Weiningen, das unter Zürcher Gerichtsherrschaft stand, und Klosterknechten von Wettingen zwei Weininger getötet wurden, verurteilte der Zürcher Rat das Kloster Wettingen zu einer Busse von 1000 Gulden. Diese hohe Summe hatte das Kloster wahrscheinlich nicht zur Verfügung und verpfändete wohl deshalb, was historisch aber nicht gesichert ist, die Vogteirechte über Höngg an die Stadt Zürich – und löste sie nie wieder ein. Versammlungen der Gemeinde Im Mittelalter hatten die Dorfbewohner überall nur wenige Rechte. Wenn sie sich als Gemeinde versammelten, so geschah dies auf Geheiss ihrer Herren, die ihnen etwas zu verkünden hatten. Wie weit die Dorfbewohner autonom Anliegen miteinander besprachen, ist ungewiss. 1338 wurde für Höngg aber bereits eine sogenannte «Offnung» aufgezeichnet, in der «die Dorfleute» Verordnungen, sogenannte «Einungen», aufsetzten und deren Übertretung mit Bussen bestraften (Seite 295). Von eigentlichen Gemeindeversammlungen ist urkundlich erstmals 1489 die Rede, als am 4. März im Zusammenhang mit der von Hans Waldmann verfügten Schlachtung von Hunden der Bauersleute eine Versammlung einberufen wurde, um Berichte von Boten aus Zollikon und Meilen anzuhören (Seite 295). 1576 erhielt Höngg auf eigene Bitte hin vom Zürcher Rat eine Gemeindeordnung, die in 28 Artikeln alle Aufgaben der Gemeinde-Funktionäre festhielt. Protokolle über Gemeindeversammlungen sind jedoch erst seit 1831 überliefert (Seite 295).
Wie es zur Eingemeindung kam
Zürichs Grenzen waren über Jahrhunderte gleich geblieben, doch 1893 erweiterte die Stadt in einer ersten Eingemeindung ihre politischen Grenzen und vervierfachte die Einwohnerzahl nahezu auf 107’000 Personen (Seiten 341ff.). Auch Wipkingen gehörte zu diesen Gemeinden und Höngg wurde so unmittelbare Nachbarsgemeinde von Zürich. Der Grund, warum Zürich begann, umliegende Gemeinden aufzunehmen, war vorwiegend wirtschaftlicher Natur: Zürich war im 19. Jahrhundert massiv gewachsen und immer weniger Leute wohnten dort, wo sie auch arbeiteten. Die «besseren» Leute bezogen Häuser am Zürichberg, die Arbeiter wohnten vor allem in Aussersihl. Die Infrastrukturaufgaben überstiegen immer mehr die finanziellen Möglichkeiten der Stadt und so wollte man faktisch längst zusammengewachsene Gemeinden auch politisch vereinen. In den neuen Stadtrand-Gemeinden Affoltern, Oerlikon, Altstetten, Schwamendingen, Seebach, Witikon und Albisrieden bekundete man bereits 1918/19 Interesse, sich mit Zürich zu vereinen. Die Gemeindeversammlung von Höngg ermächtigte den Gemeinderat im März 1919, sich an den Unterverhandlungen zu beteiligen. Diese Verhandlungen zogen sich aber in die Länge. Im Februar 1925 bildete sich ein Initiativkomitee, an dem sich der Gemeinderat von Höngg nach einem ersten ablehnenden Beschluss dann doch noch wenigstens mit einem Kostenbeitrag beteiligte – aber ohne Prä- judiz für die Stellungnahme. Die Initiative wurde 1926 mit 25’000 Unterschriften eingereicht, darunter auch 812 der rund 1’300 stimmberechtigten Höngger – die Stimmung unter der Bevölkerung war also positiver als jene im Höngger Gemeinderat. Auch dies hatte wirtschaftliche Gründe: Mit dem Niedergang der Seidenweberei «Baumann älter» auf der Werdinsel verloren 1’500 Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Stelle – und die Stadt versprach, im Falle einer Eingemeindung, Hilfe. Ferner erhielten damals Leute, die in Höngg wohnten, keine Anstellung bei der Stadt und man sicherte ihnen zu, dies würde sich bei einer Eingemeindung ändern. «Die Bevölkerung war klar in zwei Lager getrennt», wie Georg Sibler in der Ortsgeschichte Höngg schreibt: «die ‚alten Höngger’, vor allem jene im Dorf, wollten an der selbständigen Gemeinde festhalten. Die neu zugezogenen Schichten, insbesondere im Gemeindeteil Am Wasser, schauten dagegen erwartungsvoll zur Stadt.» Die erwähnte Volksinitiative wurde in der Abstimmung im Mai 1929 deutlich abgelehnt. Nicht zuletzt wegen der ablehnenden Haltung der ebenfalls zur Eingemeindung vorgesehenen Orte wie Zollikon oder Kilchberg – und weil der Zürcher Regierungsrat einen umfassenden Finanzausgleich der Eingemeindung vorgezogen hätte. Der zweite Anlauf gelang Die Stadt Zürich jedoch unternahm sofort einen neuen Versuch und berief im Juni 1929 eine Konferenz zur Abklärung der Sachlage ein. Der Höngger Gemeinderat sprach sich mit fünf zu zwei Stimmen gegen eine Teilnahme aus. Bei einer zweiten Konferenz nahm Hönggs Gemeindepräsident, Hermann Gwalter, dann zwar teil, votierte aber gegen die Eingemeindung. Der Gemeinderat stemmte sich sogar noch am 27. Juli 1931 gegen einen Kostenbeitrag an die Abstimmungskampagne, obwohl diese unterdessen am 5. Juli auch in Höngg angenommen und somit Tatsache geworden war. Die Stadt war im zweiten Anlauf erfolgreich, unter anderem, weil sie die Zahl der aufzunehmenden Gemeinden reduzierte – so blieben die Seegemeinden und auch Schlieren, Unter- und Oberengstringen selbständig.
Geordnete Übergabe – versagte Wünsche
Nach der gewonnenen Abstimmung galt es nur noch, die Einzelheiten abzusprechen. Zürich hatte beabsichtigt, Höngg mit Altstetten zu einem neuen Stadtkreis zu vereinigen. Dagegen wehrte sich Höngg mit dem Argument, man sei an Zürich viel näher über Wipkingen verbunden. Die Stadt zeigte Gehör und so entstand der heutige Kreis 10. In anderen Angelegenheiten hatte Zürich viel weniger Verständnis für die Anliegen Hönggs und trat auch nicht auf sie ein. Rund zwei Drittel der vom Höngger Gemeinderat im März 1933 geäusserten Wünsche wurden von der Stadt als «unmöglich» abgelehnt, darunter beispielsweise der Wunsch nach einem eigenen Zivilstandsbüro und der Beibehaltung der Försterstelle. Angenommen wurde der Wunsch nach einem eigenen Polizeiposten: «Eine Landstation mit einem Mann ist möglich», hiess es in der Antwort der Stadt. Auch ein eigenes Quartierbüro wurde gewährt – allerdings 1996 wieder aufgehoben. Auch die Erwartungen der Arbeiterschaft im Vorfeld der Abstimmung wurden nicht überall erfüllt: Der Webermeister, seit der Schliessung der Weberei als Armengutsverwalter und Aushilfe in der Kanzlei beschäftigt, wurde nicht in den städtischen Dienst übernommen und entlassen. Der Abwartin im Höngger Gemeindehaus wurde gekündigt mit der Begründung, die Familie lebe in geordneten finanziellen Verhältnissen und man wolle, da der Ehemann eine Schreinerei betreibe, Doppelverdienst vermeiden. Vor diesem Hintergrund, vor 75 Jahren, beging man 1933 den letzten Silvester als freie Gemeinde Höngg, die einen in doppelter Festlaune, die anderen wohl eher nachdenklich.
Unabhängigkeitsgelüste und Unbehagen
Im Sommer 1993 fand sich eine Gruppe Hönggerinnen und Höngger zusammen, die der Meinung war, man würde als freie Gemeinde Höngg besser fahren denn als Teil der Grossstadt. Bei den Gemeinderatswahlen 1994 trat die Gruppe mit einer eigenen Liste «Interessengemeinschaft Freie Gemeinde Höngg» an und erzielte rund sieben Prozent der in Höngg abgegebenen Stimmen. Der gegründete Verein machte sich an die Arbeit, die Grundlagen einer Ausgemeindung zu erarbeiten, musste sich aber trotz rund 150 Mitgliedern 1996 wieder auflösen, da sich nur ein halbes Dutzend Männer und drei Frauen auch zur aktiven Mitarbeit entschliessen konnten. Das Unbehagen gegenüber Zürich hat sich in Höngg teilweise bis heute gehalten. Als aktuelle Beispiele sei hier nur genannt, dass sich in Höngg viele Leute gefragt hatten, warum die Cobra-Trams in Höngg erst relativ spät eingesetzt wurden. Und auch in den schwelenden Konflikten um das Verkehrskonzept am Meierhofplatz oder dem Projekt «Ringling» dürfte dieses Unbehagen mitschwingen. Höngg ist im Herzen ein Dorf geblieben, mit allen Vor- und Nachteilen. Und am nächsten Wümmetfäscht wird dieses Dorf 75 Jahre Eingemeindung gross feiern und am einen oder anderen Tisch im Festzelt wird man sich zuprosten – aus unterschiedlichen Gründen, wie damals, zu Silvester 1933.
* Alle Seitenangaben beziehen sich auf die Quelle dieses Textes, die umfassend und spannend geschriebene «Ortsgeschichte Höngg», verfasst von Georg Sibler, erhältlich im Ortsmuseum Höngg.