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Zollingers Zettelkästen
Bevor die Wissenschaft über elektronische Datenbanken verfügte, speicherten die Forscher wichtige Informationen manuell und materiell in Zettelkästen. Mit einem solchen Kasten liessen sich Einzelinformationen sammeln, ordnen und untereinander vernetzen. Leibniz (1646-1716) besass angeblich einen der ersten dieser ‹gelehrten Kästen›, und mit Niklas Luhmann (1927-1998) verstarb der vermutlich letzte grosse Zettelkastenbenutzer unserer Zeit.
Zwei dieser ‹gelehrten Kästen› befinden sich auch im Schweizerischen Literaturarchiv. Sie stammen aus dem Teilnachlass von James Peter Zollinger (1896-1975): Ein promovierter Germanist und Historiker aus Zürich, der sich - nach einer Ausbildung zum Schauspieler und Regieassistent am Londoner Old Vic-Theatre - 1924 in New York niederliess. Neben seiner Schauspieltätigkeit schrieb er als Auslandkorrespondent Theaterkritikern für diverse Schweizer Zeitungen, darunter die NZZ, und versuchte sich gar selbst als Dramatiker. Seine Stücke blieben jedoch unpubliziert, obwohl sie vielversprechende Titel tragen wie: : Don Juan and the Sphinx oder The holy Juggler. A humorous Legend of the Birth of our Theatre.
Zollinger ist heute bestenfalls noch als Verfasser der massgeblichen Biographie über General Johann August Sutter bekannt (erschienen 1937, übersetzt 1938), die 2003 im Verlag NZZ Libro neu aufgelegt wurde. Derselbe Sutter übrigens, dessen Vita auch Blaise Cendrars zu seinem Roman L‘Or (1925) inspirierte.
Zollingers Zettelkästen gelangten 1986, noch vor der Gründung des SLA, in die damalige Landesbibliothek, zusammen mit anderen Materialien und Dokumenten aus seinem Nachlass.
Während der eine Kasten die gesammelten Notizen und Exzerpte für Zollingers geplantes opus magnum mit dem Titel The Mind and Politics enthält, sind im anderen Kasten Informationen von grundsätzlicher und allgemeiner Relevanz abgelegt und folgendermassen organisiert.
Jede Schublade ist einem übergeordneten Sachgebiet gewidmet: ECONOMICS, BIOLOGY, HISTORY oder LAW. Diese werden durch einzelne, teilweise farbige Registerblätter nochmals in spezifische Subthematiken unterteilt. Zum Beispiel im Sachgebiet zur Geschichte nach Ländern: China, England, France etc. Wann immer Zollinger bei seinen Lektüren eine interessante Information entdeckte, notierte er sie auf einen Zettel, versah diesen rechts oben mit dem passenden Stichwort und vermerkte links davon den bibliographischen Verweis. Danach wurde der Zettel an der entsprechenden Systemstelle im Kasten einsortiert.
Eine Schublade des Kastens ist eigens für die benutzte Fachliteratur (BIBLIOGRAPHY) reserviert, wo, alphabetisch geordnet, die vollständigen Quellennachweise aufgeführt sind. Die letzte Schublade ganz unten beinhaltet ausserdem die «Blanks» - die leeren, noch unbeschriebenen Zettel zur späteren Verwendung.
Was auf den ersten Blick den Eindruck einer musterhaften, systematischen Wissensorganisation erweckt, gibt hinter der Fassade indes die Sicht auf Abgründe frei. Und damit auch auf die Grenzen solcher Zetteltechniken. Hinter den akribisch eingereihten Zetteln, tief im unbewussten Inneren des Kastens, stapeln sich die noch nicht sortierten Notizen und Exzerpte, manchmal auch vereinzelte Zeitungsausschnitte oder sogar erste Textentwürfe. Hier drohen die Zettelinformationen in ein heilloses Zettelchaos umzukippen: Die Redewendung, man habe sich ‹verzettelt›, rührt historisch auch tatsächlich daher, dass so mancher frühneuzeitliche Gelehrte die Kontrolle über seine eigene Zettelwirtschaft verlor.
Magnus Wieland
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