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Er kam übers Lesen zum Schreiben und fühlt sich in der Ferne am meisten Zuhause. Simon Froehling ist schweizerisch-australischer Doppelbürger und lebt als Autor, Dramaturg und Übersetzer in Zürich. Kürzlich hat der 44-Jährige einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung erhalten.
Simon Froehling, Sie sind ein schweizerisch-australischer Doppelbürger. Wo und wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin mehrheitlich in der Schweiz aufgewachsen und dann mit 18 für ein paar Jahre nach Australien gezogen. Von wo aus mich das Leben weiter nach London, Kairo, Berlin und zurück in die Schweiz brachte.
Als was fühlen Sie sich heute mehr? Und wie würden Sie den Unterschied zwischen einem typischen Schweizer und Australier beschreiben?
Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, nicht dazuzugehören. Weder zu meiner Schweizer Familie, noch zu meiner australischen. Weder zu den Jungs noch zu den Mädchen. Ich wusste schon sehr früh, dass ich anders bin, auch wenn ich einige Jahre brauchte, um formulieren zu können, wie genau. Vielleicht fühle ich mich deshalb heute in der Fremde so wohl – in Athen, zum Beispiel, wo ich so viel Zeit als möglich verbringe: Weil ich das Gefühl des Fremdseins so gut kenne und mir wohl ist in der Position des Aussenseiters, des Beobachters. Und Schreiben beginnt für mich mit Beobachten. Wobei meine Aussage bezüglich Aussenseitertum nicht ganz stimmt, denn ich finde in fast jeder Stadt, auch wenn ich dafür vielleicht in den Unterbauch, mancherorts sogar in die Illegalität abtauchen muss, Mitglieder meines nicht-heterosexuellen Stammes oder, im Kontext Ihrer Frage wohl trefflicher, meines Volks von Queers, mit denen ich mich jenseits von nationaler oder ethnischer Herkunft, Sozialstatus und so weiter verständigen und verstanden fühlen kann. Sie merken, ich rede mich um eine Antwort herum, aber ich verstehe dieses Bedürfnis nach Stereotypisierungen wirklich nicht. Zumal ich sie auch sehr gefährlich finde. Hätten sie mich gefragt, in welcher Sprache ich mich mehr zu Hause fühle, im Deutschen oder im Englischen, wäre mir die Antwort sehr viel leichter gefallen.
Momentan fühle ich mich in der deutschen Sprache heimischer. Aber bin ich länger an einem nicht-deutschsprachigen Ort oder verbringe ich viel Zeit mit meiner Schwester, beginne ich auf Englisch zu denken und schlussendlich auch zu träumen. Diese Kapazität des menschlichen Hirns, das finde ich faszinierend. Noch faszinierender finde ich, wie sich meine Persönlichkeit je nach Sprache, die ich spreche, leicht verändert. So bin ich als Englischsprechender zum Beispiel etwas emotionaler oder zumindest weniger kontrolliert, wohl weil es sich um die Sprache meiner frühen Kindheit handelt.
Sie sind ausgebildeter Englischlehrer, haben Ihre Ausbildung in London absolviert und danach in Kairo gearbeitet. Warum in Kairo?
Das war reiner Zufall. Die Schule, an der ich mein Zertifikat machte, suchte für ihren Ableger in Kairo zwei Englischlehrpersonen. Kaum hatte ich das Papier in der Tasche, sass ich im Flieger. Ich war knapp 20, und die anderthalb Jahre in Ägypten waren für mich sehr prägend. Nicht zuletzt, weil es dort sehr gefährlich war – und ist – für einen praktizierenden Homosexuellen, oder wie auch immer man einen Mann umschreiben möchte, der mit anderen Männern Sex hat. Ich habe mich jüngst wieder eingehend mit meiner Zeit in Kairo beschäftigt, da die Stadt, wie eigentlich alle «meine» bisherigen Städte, eine Rolle spielt in meinem neuen Roman, der im Herbst im Zürcher Bilgerverlag erscheint.
Was brachte Sie zum Schreiben?
Eindeutig das Lesen. Und damit meine ich die Flucht aus dem Alltag, die mir die Bibliothek meiner Mutter ermöglichte – für die ich wohl viel zu jung war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Welches war in der Kindheit Ihr Lieblingsbuch?
Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern. Aber dem ist leider nicht so. Das erste Buch, das mich tief beeindruckte, wenn auch nicht aus literarischen Gründen, kann ich aber sehr wohl benennen: «Woman of Egypt» von Jehan Sadat, der Witwe des ermordeten dritten Präsidenten Ägyptens, Anwar el Sadat. Danach verschlang ich alles, was mit ägyptischer Geschichte zu tun hatte, egal ob neuzeitlich oder vorchristlich, beduinisch oder pharaonisch. Vielleicht war Kairo also gar kein Zufall, sondern eine kosmische Belohnung für meinen jugendlichen Wissensdurst.
Wer sind heute Ihre Vorbilder?
Im Moment liegen auf meinem Nachttisch: «To Paradise», der neue 700-seitige Roman von Hanya Yanagihara, Autorin des monumentalen zeitgenössischen Klassikers «Ein wenig Leben». «Die Glocken von San Pantalon» meiner lieben Kollegin Klara Obermüller. «I am the Brother of XX» von Fleur Jaeggy, die mit «Die seeligen Jahre der Züchtigung» eines meiner Lieblingsbücher geschrieben hat, das übrigens teilweise in einem Appenzeller Internat spielt. Der Gedichtband «Night Sky with Exit Wounds» von Ocean Vuong, Autor des beinahe schmerzhaft schönen Romans «Auf Erden sind wir kurz grandios». Und schlussendlich «The Doors und Dostojewski», Jonathan Cotts «Rolling Stone»-Interview mit Susan Sontag in voller Länge. Darin sagt Sontag, Lesen sei ihr kleiner Suizid. «Wenn ich die Welt nicht mehr ertrage, igle ich mich mit einem Buch ein, und dann bringt es mich von allem fort, wie ein kleines Raumschiff.» Das klingt bei mir natürlich an. Und, wie bei Sontag, die sagt, sie lese «gerne so, wie andere Leute fernsehen», ist meine Lektüre alles andere als systematisch. Hauptsache, ich habe die Zeit, zu lesen. Im übrigen lernt man auch von den schlechteren Büchern übers Schreiben. Vielleicht sogar mehr als von den guten.
Wie beschreiben Sie Ihre Bücher oder Theaterstücke jemanden, der noch keines davon gelesen hat? Was macht Sie als Autoren aus?
Ich denke, das können meine Leserinnen und Leser besser beantworten. Oder die Damen und Herren der Kritik. Im Magazin «Theater heute» hiess es einmal, meine lakonische Sprache suche nach der maximalen Reduktion. Das gefällt mir sehr.
Wie gehen Sie an ein neues Werk heran?
Bei einem grösseren Vorhaben wälze ich sehr lange Material, sammle Gedanken und Fragmente in meinem Notizbuch oder auf dem Handy, skizziere mögliche Figuren und Handlungsstränge, recherchiere zu den sich abzeichnenden Thematiken und erinnere mich schreibend an Situationen aus meinem eigenen Leben, die etwas mit der Sache zu tun haben könnten. Irgendwann im Verlauf dieses schreibenden Erinnerns, Befragens und Umkreisens treffe ich im Idealfall auf einen Ton, der mir gefällt, auf ein sprachliches Portal, sozusagen. Worauf die eigentliche Arbeit beginnt.
Wissen Sie bei Beginn eines neuen Buches oder Theaterstücks immer schon wie es enden wird?
Eigentlich selten, und wenn, dann meist nur als Ahnung. Und das ist einer der schwierigeren Aspekte für mich am Schreiben. Dieses Aushaltenmüssen von ganz vielen Ungewissheiten. Und gleichzeitig empfinde ich es auch als sehr anregend.
Wo können Sie am besten schreiben? Welche Umgebung ist Ihnen wichtig?
Der Ort spielt bei mir nur eine sekundäre Rolle. Ich kann sowohl zuhause am Küchentisch, als auch im Café oder im Zug schreiben. Was ich brauche ist eine Routine. Ich muss, um überhaupt ernsthaft anfangen zu können, eine tägliche Praxis etablieren, die mir dann die Sicherheit gibt, mich ins bereits erwähnte Ungewisse zu stürzen.
Sie erhielten in Ihrer Karriere schon einige Auszeichnungen. Wie wichtig sind Ihnen diese und welche davon hat Sie am meisten gefreut?
Schreiben ist eine einsame, oftmals langwierige Tätigkeit, und Auszeichnungen sind natürlich schön, weil sie Anerkennung mit sich bringen. Dazu kommt der finanzielle Aspekt. Sehr gefreut hat mich der Publikumspreis der St. Galler Autorentage 2007 für mein Stück «Feindmaterie», gerade weil er vom Publikum vergeben wurde, sowie 2014 der Network-Kulturpreis der schwulen Führungskräfte, weil er aus meiner Community kam.
Im letzten Jahr wurden Sie, wie bereits 2004 und 2007, von der Ausserrhodischen Kulturstiftung ausgezeichnet. Welchen Bezug haben Sie zu der Ostschweiz?
Ich bin Bürger vom ausserrhodischen Walzenhausen, wo mein Urgrossvater väterlicherseits im Weiler Rotlachen als Sohn eines Kleinbauers und Seidenwebers aufwuchs. Er ging auf der Suche nach Arbeit sehr jung nach Zürich. Dort wurden meine Grossmutter und später mein Vater geboren.
Was gefällt Ihnen an der Ostschweiz besonders gut?
Nach ihrer Pensionierung zogen meine Grosseltern aus dem Zürcher Kreis 7 nach Frümsen im Kanton St. Gallen. Von ihrem Haus aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den Alpstein und sein ständig wechselndes Wetter, weshalb die Ostschweiz für mich immer eine Kindheitsregion bleiben wird, an die ich mich mit Wohlwollen erinnere. Umgekehrt ging die Ostschweiz bis jetzt auch mit mir sehr wohlwollend um. Ich durfte oft dort lesen und wurde gut besprochen.
Welches sind Ihre Ziele für das Jahr 2022?
Wie gesagt erscheint im Herbst mein neuer Roman. Darauf freue ich mich ausserordentlich. Momentan bin ich mit meinem Verleger Ricco Bilger auf Titelsuche, und auch das Lektorat und Korrektorat stehen noch aus. Worauf die Pressearbeit folgt und hoffentlich viele Lesungen. Es gibt also noch viel zu tun, und mein Ziel ist es, all diese Schritte so gut es geht zu geniessen und nicht allzu viele Nervenzusammenbrüche zu erleiden.
Simon Froehling wurde 1978 geboren, ist schweizerisch-australischer Doppelstaatsbürger und lebt als Autor, Dramaturg und Übersetzer in Zürich. In den Nullerjahren hat er sich hauptsächlich als Theater- und Hörspielautor sowie Lyriker einen Namen gemacht. Mit «Lange Nächte Tag» erschien 2010 sein erster Roman im Bilgervlerag. Nach einer längeren krankheitsbedingten Pause fand er 2017 als Writer in Residence am Deutschen Haus der New York University wieder ins Schreiben und Veröffentlichen – u.a. für «Essais Agités», «Glitter», «Orte» und «Republik». Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Network-Kulturpreis der schwulen Führungskräfte, dem Publikumspreis der St. Galler Autorentage, dem Preis für das Schreiben von Theaterstücken der Société Suisse des Auteurs (SSA) und einem Heinz-Weder-Anerkennungspreis für Lyrik ausgezeichnet. Ausserdem erhielt er diverse Werkbeiträge und Stipendien von der Ausserrhodischen Kulturstiftung, von Stadt Zürich Kultur, von der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Neben seiner Tätigkeit als freier Autor und Übersetzer arbeitet er am Tanzhaus Zürich als Dramaturg und in der Kommunikation und wirkt als externer Mentor und Experte, zum Beispiel für die Zürcher Hochschule der Künste, die Kulturstiftung des Kantons Thurgau und die Alfred Köchlin Stiftung.
Nadine Linder ist Redaktorin von «Die Ostschweiz».
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