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„Wie führst du eigentlich das Team?“ Dies fragte mich ein Schulkommissions-Mitglied als wir zusammen einen Fragebogen zur Schulführung für unsere Strategie-Arbeit bearbeiteten. Ich war von der Frage etwas überrumpelt, weil ich nicht einfach so genau sagen konnte, wie ich das mache. Dass ich „es“ mache, weiss ich, aber wie genau…
Ich sagte, dass ich dies nicht so genau beschreiben könne. Er fragte weiter: „Gibst du Anweisungen oder sagst du bis wann etwas erledigt sein soll?“ Ich gebe wenige genaue Anweisungen und Aufträge, die bis zu einem gewissen Termin erledigt werden sollen, also z.B. die Rechnungen bis Ende Monat abgeben oder so was, aber solche Sachen hat er nicht gemeint. Wir sprachen über das Führen einer Schule, den gemeinsamen Weg. Ich wusste genau, was er meint, konnte „es“ aber nicht so genau in Worte fassen.
Die Frage der Macht
Ein paar Tage später las ich einen Text zu: How to get power (Wie erlange ich Macht)? Dabei geht es zusammengefasst, um die Macht durch Storytelling (Geschichten erzählen). Der Autor, Eric Liu, schreibt, dass viele Menschen sich mit dem Begriff der Macht schwer tun. Im Alltag hat Macht einen negativen Touch und scheint nicht erstrebenswert zu sein, darum macht sich die Mehrheit keine Gedanken über Macht und wie sie funktioniert (Darauf gehe ich nicht weiter ein).
Eric Liu definiert Macht als die Fähigkeit, dass Andere das tun, was du möchtest, dass sie tun.
Diese Form der Machtausübung ist alltäglich, denn Menschen beeinflussen sich gegenseitig und erwarten offen oder verdeckt ein gewisses Verhalten vom Gegenüber. Insofern kann jede Beziehung zwischen Menschen als Machtgefüge betrachtet werden.
Eric Liu bezeichnet die Story (Geschichte) als beschleunigenden Helfer, um den aktuellen Stand der Gegenwart zu verändern. Er sagt, dass mit Geschichten Menschen organisiert werden können. Die Menschen können sich dann selber in der Geschichte organisieren. Damit wird ein WIR-Gefühl produziert, welches sich mit dem ICH in einer Wechselwirkung gegenseitig beeinflusst. Eric Liu beschreibt dazu drei Geschichtsstränge.
Drei verschachtelte Geschichten
„Um Menschen zu organisieren braucht es drei verschachtelte Erzählungen: die Geschichte vom ICH, vom WIR und vom JETZT.“
Die Geschichte vom ICH erzählt davon, wer ich bin, was ich denke und warum ich denke, was ich denke. Die ICH-Geschichte beinhaltet einen grossen Teil der Geschichte vom WIR. Nämlich, wie ich mir das WIR vorstelle (Vision in der Zukunft), was das WIR ausmacht und wie wir das WIR hier leben (Wertschätzung der Vergangenheit). Das ICH und das WIR stiften Identität und Zugehörigkeit und bilden die Grundlage für gemeinsamen Handeln in der Gegenwart. Die Geschichte vom JETZT spiegelt sich in den aktuellen Tätigkeiten wieder, die das WIR umsetzt. Zur besseren Vorstellung der WIR-Geschichte das bekannte Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“
Ein Schule führen mit Geschichten
Ich habe eingangs geschrieben, dass mich ein Schulkommissions-Mitglied fragte, wie ich führe. Führen bedeutet, Menschen, die für einen bestimmten gemeinsamen Zweck am selben Ort zusammenkommen, zu organisieren, damit sie tun, was sie tun sollen. Insofern ist meine Aufgabe durch die Macht als Vorgesetzte zu gewährleisten, dass die Lehrpersonen tun, was sie (aus meiner Sicht) tun sollen. Dies mache ich oft durch Storytelling, indem ich erzähle, wie ich mir Schule und Unterricht usw. vorstelle und damit eine WIR-Geschichte aufbaue. Darin sind die Lehrpersonen dann frei, wie sie das WIR durch ihr ICH beeinflussen (siehe Grafik oben).
Educational Governance – die Steuerung von Schulsystemen
Da ich mich aktuell vertieft mit der Steuerung von Schulsystemen befasse, bin ich dabei auf einen Abschnitt gestossen, der die Verantwortungsübernahme in demokratischen Systemen beschreibt und gut zur Führung durch Geschichten passt: „Menschen, die sich selbst und andere wahr- und für wahr nehmen, erkennen ihr eigenes Thema als Entwicklungsaufgabe. … Denn nur, wenn mehrere Menschen mit ihrem jeweiligen Thema ein gemeinsames Thema finden können, gelangen sie über authentische Kommunikation zu gemeinsamem zielgerichtetem Handeln, welches Synergien … ermöglicht“ (Knauer, 2011, S.142).
Wenn die Lehrpersonen sich wahrgenommen und zugehörig fühlen, indem sie ihre Themen ins WIR einbringen können, dann resultiert für sie selber der grösste Gewinn. Das eigene Thema kann in unserem Zusammenhang mit der Geschichte vom ICH und das gemeinsame Thema mit der Geschichte vom WIR gleichgesetzt werden, welche im gemeinsamen zielgerichteten Handeln in der Geschichte vom JETZT mündet. Dieses JETZT setzt zudem Synergien frei, was nicht nur mir als Schulleiterin, sondern auch den einzelnen Lehrpersonen und schlussendlich den Kindern zu Gute kommt.
Insofern hat das Führen durch Geschichten, und die Nutzung der Rollen-Macht als Schulleiterin, um eine WIR-Geschichte zu ermöglichen, einen hoffentlich positiven Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder.
- Seit ich den Text gelesen habe, finde ich überall Hinweise zu solchen ICH-WIR-JETZT Geschichten, v.a. in Politik und Werbung.
- Hast du auch so eine Geschichte? Ich freue mich darüber in den Kommentaren zu lesen.
Literatur: Knauer, Sabine (2011). Wo ist hier ein System – und, wenn ja, warum? In A. Knoke & A. Durdel (Hrsg.), Steuerung im Bildungswesen. Zur Zusammenarbeit von Ministerien, Schulaufsicht und Schulleitungen (1. Auflage S.133-147). Wiesbaden: VS Verlag.