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Pierre De la Fontaine gelang seine Flucht. Sein einziges Gepäck war der zerbeulte Geldbeutel, in dem sich nur noch ein bisschen Geld, eine Bankkarte und Fotos seiner Frau und seinen drei Kindern befanden. Seine Ausweise hatte er zusammen mit seinem Gewehr in den Bergen der Provence vergraben, als er von der Polizei geflüchtet war. Dieser Gedanke liess ihn schmunzeln. Er hatte sich sechs Tage Zeit gelassen, von Rennes in die Provence zu flüchten und doch konnten sie ihn nicht erwischen. Wahrscheinlich hatten sie das ganze Gebiet abgesucht. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits auf einem Schiffsfrachter angeheuert und blickte auf die tiefblaue Weite des Meeres – seine Rettung in die Freiheit. Er dachte zurück an seine mehrtätige Wanderung durch die schwarzen Felsenlandschaften, vorbei an üppigen Lavendelfeldern und über die mit knorrigen Olivenbäumen behangenen Hügel der Provence. Er war fast verdurstet, schaffte es aber trotzdem, der Polizei zu entkommen.
Nach Buenos Aires zu gehen, war seit Jahren sein Plan gewesen. Niemand wusste davon. Alle seine Freunde glaubten, er wäre nach Kanada gegangen, um als Geheimagent zu arbeiten und dass die Familie De la Fontaine deswegen so hastig abreisen musste. Leider hatte er es mit der Tarnung etwas übertrieben – einige wurden misstrauisch und schickten die Polizei in ihr Haus in Rennes, um nach dem Rechten zu sehen. Und da fanden sie sie, im Garten des Hauses. Zugegeben – viel Mühe hatte er sich nicht gegeben. Insgeheim wollte er erwischt werden. Denn auch wenn die Morde aufflogen, hatte er genug Zeit gewonnen, um in Ruhe abzuhauen. Es war ein Genuss für ihn, den ausschweifenden Brief mit der abenteuerlichen Erklärung zu verfassen, warum das Haus so plötzlich leer stand. Natürlich hätte man da misstrauisch werden müssen.
«Die Leute mochten ihn, wohl auch weil er wie ein Durchschnittstyp aussah und zugänglich schien.»
Pierre war ein Aristokrat von adligem Geschlecht. Sein Vater war Graf und hinterliess ihm nicht nur Geld, sondern auch die Verantwortung, die adlige Linie weiterzuführen. Sein Leben lang trug er die Maske des gebildeten Aristokraten, lernte die richtigen Leute kennen und wohnte in Altbauhäusern mit hohen Wänden. Dieses Leben machte ihn müde und verbittert. Er wünschte sich, nur einmal aus seiner Haut ausbrechen zu können und jemand anderes zu sein. Stets war er fröhlich, charmant und intelligent. Die Leute mochten ihn, wohl auch weil er wie ein Durchschnittstyp aussah und zugänglich schien – dunkle Haare, dunkle Augen, Brille auf der grossen Nase, Dreitagebart. Er kleidete sich weder aussergewöhnlich elegant, noch legte Wert auf ein extravagantes Auftreten. Seine Kinder gingen allesamt auf katholische Hochschulen, waren talentiert und diszipliniert. Er war stolz auf sie und er wusste, sein ältester Sohn werde das Familienerbe nach Wunsch seines Vaters gebührend vertreten. Aber niemand wusste, wie es in Pierre aussah – er wollte gar nicht, dass die Linie weitergeführt würde. Er hasste die Oberflächlichkeit des französischen Adels. Niemand scherte sich um seine Träume und seine wahre Persönlichkeit. Die Leute sahen nur den Sohn des Grafen in ihm. Falsche Entscheidungen wurden in diesen Kreisen nicht geduldet – alles was zählte, war ein zurückhaltendes Auftreten, falsche Bescheidenheit und die Fähigkeit, einen Abend lang Smalltalk zu führen. Wie gerne hätte er mit jemandem über die wirklich wichtigen Fragen des Lebens diskutiert – wie findet man sich selbst? Was bedeutet es, eine Seele zu haben? Und er wollte wahre und echte Antworten – keine Zitate aus der Bibel oder philosophische Abhandlungen über die Bedeutung der Seele bei Aristoteles. Er sehnte sich nach Menschen mit prägenden Erfahrungen, mit verletzlichen Seelen, mit Träumen und Visionen. Er wollte traurige Blicke, echte Tränen, ein herzhaftes Lachen. Er wünschte sich, auch mal Blödsinn reden zu können, wütend sein zu dürfen. All dies blieb Pierre verwehrt. Und doch zeigte er seine Frustration nie – schon gar nicht seiner Familie gegenüber. Das Bild der vollkommenen Familie galt es, aufrecht zu erhalten.
«Er besass keine Ausweise mehr – er wollte seine Identität ändern.»
Da war er nun, in Buenos Aires. Es war früher Morgen, als sein Schiff in den Hafen einfuhr. Er schlief auf seiner harten Pritsche, als er plötzlich lautes Gerede hörte und seine Augen aufriss. Die Angst, erwischt zu werden, schlummerte tief in ihm. Seit mehreren Nächten schon träumte er davon, dass die französische Polizei ihn finden würde und er gesenkten Hauptes und gebrochenen Willens eingesperrt werden würde. Dabei wollte er doch sein ganzes Leben lang nur eines – frei sein. Er hörte, wie ein Kran das Frachtgut vom Schiff ablud. Er zog seine mittlerweile zerrissene und muffige Kleidung an und verabschiedete sich von der Schiffscrew. Die Arbeit auf dem Schiffsfrachter war hart – und er war noch nie so zufrieden gewesen. Genau nach diesem Gefühl hatte er sein ganzes Leben lang gesucht. Das freie Gefühl, sich abends erschöpft mit leerem Kopf hinzulegen. Ein einfaches, hartes Leben. Er spürte sich selbst, wohl das erste Mal in seinem Leben. Er trat auf Deck und beobachtete das Gewusel am Hafen. Fische wurden laut angepriesen, Arbeiter riefen sich Anweisungen zu, Möwen kreischten und die Promenade füllte sich mit Menschen. Die Sonne war nun schon fast komplett aufgegangen, der Horizont leuchtete sanft in einem tiefen orange. Schon jetzt war es sehr heiss, trotz der Meeresbrise. Er roch die salzige Luft und atmete tief durch, bevor er von dem riesigen Schiff stieg. Er wusste nicht, wo er jetzt hinsollte. Er besass keine Ausweise mehr – er wollte seine Identität ändern. Er hatte Kontakte in Buenos Aires, ebenfalls einen adligen Franzosen. Er musste zugeben, dass seine Abstammung durchaus auch Vorteile mit sich brachte. Aber er war bereit, ein ganz neuer Mensch zu werden. Er war schon zuvor in Buenos Aires gewesen und wusste, wo seine Freunde wohnten. Er verirrte sich einige Male, bis er die richtige Strasse fand. Als er vor dem Haus stand, spürte er einen kurzen Stich in seiner Brust – es war dieselbe Hausnummer wie jene seines Hauses in Rennes. Aber er liess sich nicht lange aufhalten und klingelte. Er hatte sich bereits eine plausible Geschichte ausgedacht – er wollte sich nicht noch einmal von seiner Fantasie leiten lassen. Er sah eine Frau um die fünfzig an die Tür treten. Sie trug ihr dunkles Haar streng zurückgebunden und öffnete Pierre mit einem Lächeln die gläserne Tür. Sie freute sich sehr, ihren alten Freund wieder zu sehen und fragte natürlich direkt nach dem Grund seiner Anreise. Pierre erklärte, seine Frau und die Kinder waren alleine in den Urlaub nach Südfrankreich gefahren und da beschloss er spontan, nach Buenos Aires zu fliegen. Die schmuddelige Erscheinung entschuldigte er überschwänglich, sein Gepäck sei am Flughafen verloren gegangen. Diese Geschichte klang plausibel für die Freundin und sie entschuldigte sich für seine Unannehmlichkeiten – in Südamerika könne das schon mal passieren. Sie lachte verlegen und bat Pierre herein. Eigentlich hoffte er, ihren Mann anzutreffen. Denn Pierre wusste, dass er sich gerne mal in schmutzige Geschäfte verstrickte. Zu ihm konnte er ehrlich sein, denn auch er hatte seine Geschichte, warum er in Buenos Aires gelandet war. Doch seine Frau hatte keine Ahnung davon. Also musste er warten, bis er zurückkehren würde. Bis dahin tat er das, was er all die Jahre gelernt hatte – Smalltalk führen.
Sein Freund verhalf ihm zu einer neuen Identität. Auch in Buenos Aires fiel Pierre nicht besonders auf – die meisten Männer in seinem Alter sahen aus wie er, sprachen wie er, lachten wie er. Sein Spanisch war sehr gut, wenn auch mit einem französischen Akzent. Aber diese Stadt war so multikulturell, dass das niemandem wirklich auffiel. Er war jetzt ein Argentinier. Jetzt musste er nur noch irgendwie zu Geld und zu einer Wohnung kommen. Der Rest seines Geldes war sicher in seiner Brieftasche verstaut und würde wohl noch für einige Wochen zum Überleben reichen. Er quartierte sich in einem kleinen Hotel ein, in einer unscheinbaren Gegend, in der sich kaum Touristen tummelten. Er dachte sich, dass er sich einen Bart wachsen lassen würde. Nicht unbedingt für den unwahrscheinlichen Fall, dass ihn jemand erkennen könnte – er wollte schon immer mal etwas Neues ausprobieren. Die Rezeptionistin musterte ihn etwas misstrauisch und fragte nach seinem Gepäck. Er wiederholte die Geschichte des verlorenen Gepäckes, aber das schien die Frau nicht ganz zu überzeugen. Sie blickte ihn mit stechendem Blick an – ihre Augen waren von einem wässrigen Hellblau. Er lächelte sie charmant an und sprach sehr höflich zu ihr. Sie bemerkte die dreckige Kleidung, die er nun seit Wochen am Leib trug, und rümpfte ihre zierliche Nase. Bei ihr musste er aufpassen. Er strahlte sie an, als sie ihm nur zögerlich den Schlüssel zum Zimmer gab und ging mit schnellen Schritten die enge Treppe hinauf. Das Holz knarrte. In seinem Zimmer angekommen, legte er sich auf das harte Bett. Es quietschte und roch alt. Aber er liebte es – er fühlte sich befreit. Niemand wusste, woher er kam und welches Leben er zuvor führte. Dass er seine Familie umgebracht hatte. Pierre musste laut loslachen.
Nach der ersten kalten Dusche seit Monaten beschloss er, neue Kleidung zu kaufen. Er war aufgeregt und stürmte regelrecht an der Rezeptionistin vorbei. Pierre grüsste sie herzlich und verschwand in den lauen Sommerabend. Menschen tanzten Tango auf den Strassen, begleitet von Musikgruppen, die den Takt mit Bandeon und Gitarre vorgaben. Paare schmiegten sich aneinander, um sich dann wieder von einander zu lösen. Er war begeistert, wollte aber nun endlich aus diesen alten Kleidern raus. Kurzerhand kaufte er sich in einem unscheinbaren Laden an der nächsten Ecke ein paar Leinenhosen, ein weisses Hemd und braune Mokassins. Die alte Kleidung entsorgte er triumphierend im nächsten Abfalleimer. Er fühlte sich nun endlich wie ein neuer Mensch und stolzierte selbstbewusst durch die abendliche Szenerie. Er kehrte zurück zu den tanzenden Paaren und setzte sich an einen der Tische, die zu einer Aussenbar gehörten. Wie er da so sass und der einnehmenden Musik lauschte, wusste er gar nicht mehr, wer Pierre einmal gewesen war. Ein Aristokrat? Ein Familienvater? Ein Mörder? Das alles schien jetzt keine Rolle mehr zu spielen. Er war ganz bei sich, in diesem Moment – ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Er schloss die Augen und fühlte die Musik in seine Seele eindringen. Die melancholischen Klänge des Tangos rührten ihn zu Tränen.
«Sie betrachtete ihn aufmerksam, ihr Blick bohrte sich in den seinen.»
Er wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als die Kellnerin an den Tisch trat und seine Bestellung aufnehmen wollte. Er bestellte einen Rotwein. Auf einmal fing es an zu regnen. Grosse, schwere Tropfen fielen auf seine Haut und sein neues Hemd klebte nach kurzer Zeit an seiner Haut. Aber er blieb sitzen. Der Regen klirrte auf sein Weinglas und er dachte, das sei der schönste Klang, den er jemals gehört hatte. Die anderen Gäste, die tanzenden Paare, die Musikgruppe und die Kellnerin räumten hastig ihr Hab und Gut zusammen und retteten sich in den nächsten Hauseingang. Auf einmal sah er eine Frau auf ihn zukommen. Durch die dichte Regenwand konnte er keinen Meter weit sehen. Die Frau kam immer näher und näher, bis sie direkt vor Pierre stand. Sie war jung, hatte kurze dunkle Locken und trug ein blaues Sommerkleid mit weissen Punkten darauf. Ihre Augen waren von einem tiefen Braun. Sie betrachtete ihn aufmerksam, ihr Blick bohrte sich in den seinen. Pierre fiel auf, dass sie eine Kamera trug. Dann sprach sie. Sie sei Fotografin und würde ihn gerne fotografieren, hier im Regen. Er lachte und stimmte zu. Sie fragte nach seinem Namen und streckte ihm ihre zierliche Hand entgegen. Sein Name sei Angel, antwortete er. Sie lächelte. Und so lächelten sie sich minutenlang an. Der tosende Regen übertönte alles. Dann trat sie einige Schritte zurück und fing an, ihn zu fotografieren. Wie schön du bist, mit deinen durchnässten Haaren, dachte Pierre.