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Das berühmte Bild der «unsichtbaren Hand» erscheint zweimal im Werk Adam Smiths; das erste Mal in der «Theorie der ethischen Gefühle» (1759) und das zweite Mal im zweiten Kapitel des vierten Buches des «Wohlstands der Nationen» (1776): «Wenn jeder einzelne die Erwerbstätigkeit so fördert, dass ihr Ertrag den höchsten Wert erzielen kann, strebt er lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.»
Dass die Metapher einen theologischen Ursprung hat, steht ausser Zweifel. Auch wenn ihre unmittelbare Herkunft mit grösster Wahrscheinlichkeit bei Autoren in ihrem näheren zeitlichen Umfeld gesucht werden muss, stossen wir bei der Untersuchung über die Genealogie des Paradigmas, in dem Vorsehung und Ökonomie miteinander verbunden sind, mehrmals auf dasselbe Bild. Bei Augustin regiert und verwaltet Gott die Welt, «alle grossen und kleinen Dinge mit einem unsichtbaren Wink» («…omnia, maxima et minima, occulto nutu administranti…»); in Salvians Traktat über die Weltregierung Gottes sind nicht nur die Reiche und die Provinzen, sondern auch die kleinsten Details der Privathäuser «quasi quadam manu et gubernaculo» («gleichsam durch eine Hand und ein Steuer») geleitet; Thomas von Aquin spricht im selben Sinne von einer «manus gubernatoris» («Hand eines Lenkers»), die, ohne sichtbar zu werden, die Schöpfung regiert; bei Luther ist die Kreatur selbst die «Hand» des verborgenen Gottes; bei Bossuet schliesslich «hält Gott vom höchsten Himmel her die Zügel aller Königreiche; er hat alle Herzen in der Hand».
Die Analogie ist stärker und tiefer als das Bild der «unsichtbaren Hand» erahnen lässt. Didier Deleule hat den Zusammenhang zwischen dem Denken von Hume und Smith und der Geburt des ökonomischen Liberalismus meisterhaft analysiert. Er stellt den «Naturalismus» von Hume und Smith der «Vorsehung» der Physiokraten gegenüber, die direkt einem theologischen Paradigma verpflichtet sind. Der Sicht eines ursprünglichen göttlichen Plans, vergleichbar mit dem von einem Gehirn erarbeiteten Projekt, setzt Hume die Auffassung des Prinzips einer absolut immanenten Ordnung entgegen, das weniger wie ein Gehirn als vielmehr wie ein «Bauch» funktioniere. «Warum», so lässt er Philo fragen, «kann ein geordnetes System nicht eher von einem Bauch als von einem Gehirn hervorgebracht werden?» Wenn es wahrscheinlich ist, dass Smiths Bild der unsichtbaren Hand in diesem Sinne als Handlung eines immanenten Prinzips zu verstehen ist, zeigt unsere Rekonstruktion der zweipoligen Maschinerie der theologischen oikonomia, dass es keinen Konflikt zwischen «Vorsehung» und «Naturalismus» gibt: die Maschinerie funktioniert, indem sie präzise ein transzendentes Prinzip und eine immanente Ordnung zueinander in Beziehung setzt. Wie das göttliche Reich einerseits und die weltliche Regierung anderseits, die innergöttliche Dreifaltigkeit einerseits und die ökonomische Dreifaltigkeit anderseits, so sind auch das «Gehirn» und der «Bauch» nichts anderes als die beiden Pole desselben Diskurses, derselben oikonomia, wobei jeweils einer der beiden Pole über den anderen vorherrscht.
Der Liberalismus steht für eine Tendenz, die den Pol «transzendenter Gott-Reich-Gehirn» fast verwirft und die Vorherrschaft des Pols «immanente Ordnung-Regierung-Bauch» auf die Spitze treibt. Doch tut sie dadurch nichts anderes, als eine Hälfte der theologischen Maschinerie gegen die andere auszuspielen. Und wenn die Moderne den göttlichen Pol abschaffen wird, so hat sich die daraus hervorgehende Ökonomie deshalb nicht schon aus dem Prinzip der Vorsehung befreit.
aus dem Italienischen von René Scheu
GIORGIO AGAMBEN, geboren 1942, lehrt Ästhetik an der Universität von Venedig.