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Susanna Mälkki, Sie haben Ihre musikalische Karriere als Solo-Cellistin bei den Göteborger Sinfonikern begonnen. Was hat Sie dazu gebracht, ans Dirigentenpult zu wechseln?
Weil ich schon sehr jung im Orchester gespielt habe, konnte ich über Jahre hinweg zahlreiche Dirigenten beobachten. Ich bemerkte grosse Unterschiede in ihren Methoden und in den Ergebnissen, die sie erzielten; auch fühlte es sich ganz verschieden an – je nachdem, unter wessen Leitung wir spielten. Darüber dachte ich nach und fragte nach den Gründen. Ich selbst stand erstmals in meinen frühen Zwanzigern vor einem Ensemble, und ich erinnere mich noch genau, dass es sich richtig anfühlte. Ein paar Jahre später bewarb ich mich dann für die berühmte Dirigierklasse an der Sibelius-Akademie in Helsinki.
Als Sie Ende der 1990er Jahre mit dem Dirigieren begannen, gab es noch nicht sehr viele Dirigentinnen. Hatten Sie trotzdem auch weibliche Vorbilder?
Nein, die hatte ich nicht. Allerdings habe ich meine Vorbilder ohnehin nie nach ihrem Namen oder nach äusseren Faktoren ausgewählt, sondern einzig und allein auf musikalische Überzeugungen und Leistungen geschaut.
Ihre erste Chefposition führte Sie zum Stavanger Symfonieorkerster in Norwegen. Sie selbst sind ja Finnin: Glauben Sie, dass man in Skandinavien weiter ist mit der Gleichberechtigung als in Zentral- oder Südeuropa?
Ja, das ist so. Und es ist auch völlig natürlich: Schauen Sie sich nur schon an, wann die Frauen in den verschiedenen Ländern das Wahlrecht erlangt haben. Da gibt es Unterschiede von mehreren Generationen! Finnland hat als weltweit erste Nation, nämlich bereits im Jahr 1906, die völlige geschlechtliche Gleichstellung eingeführt; die meisten nordeuropäischen Länder zogen nach dem Ersten Weltkrieg nach. Frankreich folgte erst 1944, die Schweiz auf Bundesebene gar erst 1971 … Es geht darum, ob Frauen in der Gesellschaft eine anerkannte Stellung erlangen können – von Führungsrollen einmal ganz zu schweigen –, und das ist nur möglich, wenn die Grundrechte gewährt sind. Wenn Kinder – Mädchen und Jungen – in einem Umfeld wie diesem aufwachsen, macht es einen grossen Unterschied in jedem Lebensbereich. Und: Es braucht einfach Zeit.
Etliche Male waren Sie eine «prima donna» im buchstäblichen Sinne des Wortes: als erste Chefin beim Ensemble intercontemporain, als erste Frau, die an der Mailänder Scala dirigierte, und nun auch als erste Musikdirektorin des Helsinki Philharmonic oder als erste «Principal Guest Conductor» des Los Angeles Philharmonic. Was waren für Sie die entscheidenden Schritte auf Ihrer Erfolgsleiter?
Alle diese Schritte waren wichtig, durch alle fühle ich mich geehrt, auch wenn manche dieser besonderen Momente so spät geschahen – etwa das Debut einer Dirigentin an der Scala im Jahr 2011! –, dass es mich selbst überrascht hat. Besonders viel bedeutet mir natürlich mein neues Amt in Helsinki, handelt es sich doch um mein Heimatland und um ein Orchester, das ich schon ein Leben lang kenne – und nun werde ich Teil seiner Geschichte! In Los Angeles wiederum gibt es zum überhaupt erst dritten Mal in der fast 100-jährigen Orchestergeschichte einen «Principal Guest Conductor». Das allein ist also schon ungewöhnlich (unabhängig von meinem Geschlecht). Natürlich ist eine solche Position bei einem der Toporchester der USA von grosser Bedeutung, allerdings halte ich solche Karriereschritte nicht für das wirkliche Mass des Erfolgs. Vielmehr bin ich glücklich, mich aufrichtig der Musik widmen zu können, und sehr dankbar für das Vertrauen in meine Arbeit: Alle diese Einladungen erfolgten, weil man wusste, dass ich die jeweilige Aufgabe voll annehmen würde. Wenn ein Komponist mit mir zusammenarbeiten möchte – wie zum Beispiel Luca Francesconi bei der Mailänder Uraufführung seiner Oper Quartett –, und erst später stellt sich heraus, dass es zugleich ein historischer Moment ist (die erste Frau an der Scala), dann ist es am besten.
Sie haben reiche Erfahrungen mit zeitgenössischer Musik: Ist der Umgang mit Spezialensembles der Moderne eigentlich ein anderer als mit traditionellen Sinfonieorchestern?
Ja, ein kleines Ensemble funktioniert ganz anders: Die geringere Anzahl an Mitwirkenden erlaubt eine detailliertere und persönlichere Arbeit, zudem ist die Probezeit in der Regel weniger begrenzt als bei einem grossen Orchester. Aus diesen Gründen sind auch viele Komponisten experimentierfreudiger, wenn sie für Ensemble schreiben. Musikalisch gesehen geht es aber um das Gleiche: Wir wollen den Intentionen des Komponisten so nahe wie möglich kommen. Beim sogenannten Standardrepertoire können Sie sich dabei auf Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte an Wissen und Erfahrung stützen, sodass Sie nie bei Null anfangen. Bei neuen Werken hingegen muss jeder wirklich dazu in der Lage sein, die Noten genau zu studieren und ihren Sinn zu verstehen.
Haben Sie jemals von Orchestermusikern Vorbehalte zu spüren bekommen, weil Sie eine Frau sind?
Ich habe noch nie irgendwelche Probleme gehabt, wie ich sie nicht auch in anderen Bereichen des Lebens erfahren habe. Leider kann es von Zeit zu Zeit passieren, dass man auf respektloses und unreifes Verhalten trifft.
Ich erinnere mich an Ihr Debut bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 2008. Damals haben Sie sich ein Konzert mit Emmanuelle Haïim geteilt: Sie dirigierten die erste Hälfte, Haïm dann die zweite. Glauben Sie, dass man zwei Männern auch so etwas angeboten hätte?
Nein, das hätte man nicht, da bin ich mir ziemlich sicher.
Was würden Sie jungen Kolleginnen raten, die am Anfang ihrer Karriere stehen?
Dass sie ihre Partituren genau studieren, hohe künstlerische Werte vertreten – und an diesen Maximen festhalten, unabhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen. Für ernsthafte Künstler gibt es keine Abkürzungen: Menschen sind Menschen, die Musik steht immer über ihnen.
Interview: Susanne Stähr
Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.
Susanne Mälkki dirigiert am kommenden Samstag, dem 27. August, das Orchester der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY. Auf dem Programm stehen Werke von Arnold Schönberg, Anton Webern und Helmut Lachenmann, dazu ein brandneues Schlagzeugkonzert von «composer-in-residence» Olga Neuwirth.