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«Senioren spielen für Senioren» lautet der Slogan des Vereins «Alt aber Guet». Theatergründer Urs Aeschbach blickt auf sechs Jahrzehnte als Laienschauspieler zurück. Seniorweb hat den rüstigen 79-Jährigen in Faulensee (BE) besucht.
Die Aussicht ist grandios: Von seiner Wohnung aus sieht der pensionierte Ingenieur den Thunersee, den Hafen und das Niederhorn. Betritt man das Wohnzimmer, dann springen einem Dutzende von Gegenständen aus dem Leben des Gastgebers ins Auge: An der Wand hängen Porträts der Urgrosseltern Munzinger. Martin Munzinger, FDP-liberaler Bundesrat aus der Zeit der Staatsgründung (im Amt von 1848-1855) gilt als Vater des Schweizer Frankens. Links neben den Medaillons erinnert ein kleiner Perserteppich daran, dass Urs drauf und dran war, aus beruflichen Gründen in den Orient auszuwandern. Drittes Requisit ist ein goldenes Telefon, das der Theatermann für seine Auftritte benutzt.
Theater seit seiner Jugend
Urs Aeschbach wuchs im Berner Länggass-Quartier auf. Der Wunsch, einen guten Beruf zu erlernen und eine Familie zu gründen, war prägend. Mit einer Karriere als Berufsschauspieler liebäugelte er nie, obwohl er als 20-Jähriger im Rahmen eines Projekts einer kirchlichen Jugendgruppe erstmals auf der Bühne stand. Ein Jahr später spielte er im Berner Totentanz. Zahlreiche grössere und kleinere Engagements mit Theatervereinen im Bernbiet folgten. Gerne erinnert sich Aeschbach an die Rollen als Pfarrer in der Ustinov-Komödie «Halb auf dem Baum» (Theater Belp 2018) und in Gottfried Kellers «Romeo und Julia» (Theater Belp 2019).
Röbi und Rosette sind die Hauptfiguren in den Szenen von «Alt aber Guet».
Dann legte die Corona-Pandemie zwei Jahre lang geplante Produktionen aufs Eis. In dieser Zeit reifte sein Plan, ein eigenes Theater für Seniorinnen und Senioren zu gründen. Aeschbach machte sich auf die Suche nach Sponsoren und sammelte erfolgreich genug Geld, so dass er gemeinsam mit seiner Partnerin Eveline Rinaldi (Kostüme / Maske), seinem Bühnenpartner Walter Hodler und der Profi-Regisseurin Barbara Bircher, den Verein «Alt aber Guet» gründen konnte. Barbara Bircher schreibt und inszeniert für die beiden Schauspieler witzige Szenen für ein älteres Publikum.
Grundidee des Projekts ist es, zu den Leuten zu gehen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst in einen Theatersaal begeben können. Das Quartett strebt nicht nach einem finanziellen Profit, sondern will Freude bereiten. Röbi und Rosette, die beiden Protagonisten der witzigen Stücke, spielen in Alters- und Pflegeheimen, an Seniorennachmittagen, in gemeinnützigen Seniorenvereinen sowie bei weiteren Gelegenheiten. Das Probelokal befindet sich in Burgdorf: Die Kronenhalle ist das Stammlokal der «Gesangsverbindung 1896 Technikum Burgdorf», bei welcher Aeschbach noch immer Aktivmitglied ist.
Vorstellung des Theaters «Alt aber Guet» im Altersheim Solina in Spiez.
«Leuchtturm», «Verstopfung», «Schlafguet» lauten die Titel der Parodien, in denen sich das betagte Publikum regelmässig wiedererkennt. «Wir bieten humorvolle Unterhaltung mit Tiefgang in komödiantischen Szenen», erläutert Aeschbach. Röbi und Rosette erzählen, was ihnen im Alltag passiert, wie es ihnen dabei ergeht und was sie daraus machen. «Das ganz normal verrückte Rentnerpaar erfreut das Publikum mit heiteren Geschichten, die Menschlichkeit und Lebensmut ausstrahlen», sagt der Theatergründer.
Filmerfahrung im «Verdinger»
Eine seiner schönsten Rolle spielte er vor drei Jahren im Dokumentarfilm «Verdinger» von Saschko Steven Schmid. Als Gemeindevertreter war es Aeschbachs traurige Aufgabe, die verdingten Kinder zu den neuen Familien zu bringen. Der Film kam 2020 in die Kinos und wurde auch am Fernsehen SRF gezeigt. Zwei internationale Preise erhielt die Dokumentation: den «New Yorker Cinématograhie Award» und den «Toronto Film Channel Award»
Vorbereitung auf den Dreh: Urs Aeschbach im «Verdinger», links seine Partnerin Eveline Rinaldi.
Der Dokumentarfilm zeigt die Lebensgeschichte von Alfred. Die Zeit als Verdingkind auf verschiedenen Bauernhöfen im Berner Oberland prägte sein ganzes Leben. Der heute 78-Jährige erzählt in dem Film, wie er trotz allen Benachteiligungen sein Leben meisterte. Verdingkinder, meistens Waisen und Scheidungskinder, wurden von 1800 bis in die 1960er-Jahre von den Eltern weggegeben oder von Gemeindebehörden den Eltern weggenommen und platziert.
Angestellter Ingenieur und später Berater
Beruflich war Urs Aeschbach zuerst in der Schweiz, dann in Europa und schliesslich in der ganzen Welt unterwegs. Die Lehre als Elektroniker machte er von 1959 bis 1963 bei der Hasler AG in Bern. Von 1964 bis 1968 besuchte er die Ingenieurschule Burgdorf, Fachrichtung industrielle Elektronik. Bei der Gfeller AG in Bümpliz war er der jüngste Handlungsbevollmächtigte. Weitere Arbeitgeber waren die Digitron in Biel-Brügg sowie Haenni und Cie. in Jegenstorf.
Im Stück «Animal Farm» von George Orwell spielte Urs Aeschbach im Frühling 2022 mit der Theatergesellschaft am Zytglogge den alten Ackergaul Boxer. Foto Marcel Schmid
1994 machte sich der Ingenieur selbständig. Als Consultant entwickelte er Prozesse und Dienstleistungen im Auftrag von nationalen und internationalen Firmen. Hierzu gründete er die Beraterfirma GECOM AG mit Sitz in Zug. Aeschbach ist Vater zweier Kinder sowie vierfacher Grossvater.
Je näher der 80. Geburtstag kommt, desto intensiver macht sich Aeschbach Gedanken über die Zukunft des Theaters. «Zwei bis drei Jahre kann ich noch spielen und leiten, aber was geschieht danach?» fragen er und seine Partnerin, Eveline Rinaldi, sich. Die Nachfrage für Theateraufführungen durch «Alt aber Guet» ist gross. «Wir schreiben schwarze Zahlen», bestätigt der Theatermann. «Einer Erweiterung mit neuen, gleichgesinnten Theaterleuten, soll das Weiterleben und den Fortbestand des Theaters sichern. Neue Mitglieder sind daher willkommen».
Im Garten seines Hauses, mit Blick auf den Thunersee und das Justistal, repetiert Urs Aeschbach Texte für seine nächsten Aufführungen.
Mit dem aktuellen Überschuss will er Funkmikrofone kaufen, welche den beiden Spielenden bei guter Akustik zu mehr Mobilität und Verständlichkeit im Raum verhelfen. Ausserdem ist eine inhaltliche Weiterentwicklung der Szenen mit Blick auf die nächste Saison 2023 durch Regisseurin Barbara Bircher geplant. Damit das gut eingespielte Team Seniorinnen und Senioren auch weiterhin mit szenischen Darstellungen Freude bereiten kann.
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Titelbild: Urs Aeschbach in seinem Wohnzimmer in Faulensee, umgeben von «Requisiten» aus seinem Leben. Fotos PS / zVg