Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/2937

Unser Auto rumpelte über die Wiese neben dem Festplatz, und nachdem wir ausgestiegen und über das Areal geschlendert waren, stellten wir fest, dass wir – ausser dem Gastgeber – niemanden kannten, aber das machte nichts; die Leute waren uns durchs Band weg auf Anhieb sympathisch, und so setzten wir uns einfach mit einem Paar aus dem Berner Oberland und einer Frau aus Winterthur an einen langen Tisch und plauderten miteinander, als ob wir schon zigmal getroffen hätten, und verputzten dazu Fleisch vom Grill und Hörnli- und Härdöpfusalat, und als es dunkel geworden war, leuchteten die Lampions wie runde Sterne an den Bäumen, und dann gabs Livemusik, und als wir uns in dieser letzten Sommernacht des Jahres auf den Heimweg machten, wussten wir: diese Feier wird noch sehr lange weitergehen, und tatsächlich: am nächsten Tag schrieb uns der Mann, der uns eingeladen hatte, dass sich die Festivitäten zum 10-jährigen Bestehen seiner Bluesharp-Schule bis um 5 Uhr hingezogen hätten, und dass er nun leicht übermüdet, aber rundum glücklich, auf „einen der schönsten Abende meines Lebens“ zurückblicken dürfe.
1947 erhielt eine Mutter in Wichita im US-Bundesstaat Kansas eine Nachricht. Darin stand, dass ihr Sohn mit schweren Verletzungen in einem Spital in Germany liege. Bei dem jungen Mann handelte es sich um Chantals Grossvater. Er war als Angehöriger der amerikanischen Streitkräfte dabei, als die Alliierten Deutschland besetzten befreiten, und ab 1945 in Wiesbaden stationiert. Für seine Einsätze – die in der Normandie begannen – wurde er mit mehreren „Bronze Star“-Medaillen ausgezeichnet.
Wobei er sich die tödlichen „multiple fractures“, von denen die Armeeführung seiner Mutter berichtet hatte, zugezogen hatte, ist bis heute unklar. Was seine Aufgabe in Deutschland war, wissen seine Nachkommen bis heute nicht.
Bei einem Bummel durch Wiesbaden stellten wir gestern fest, dass Chantals Opa seine letzten Jahre an einem sehr schönen Ort verbringen durfte. Im Gegensatz zum benachbarten Mainz wurde Wiesbaden 1945 nicht komplett in Grund und Boden gebombt. An unzähligen uralten Gebäuden und topmodernen Komplexen vorbei schlenderten wir in der sehr aufgeräumt und lebhaft wirkenden Stadt, in der „Multikulti“ zwanglos gelebt statt zähneknirschend geduldet zu werden scheint, von Laden zu Laden und von Beizli zu Beizli. Irgendwann beschlossen wir, von der Schweiz aus zumindest zu versuchen, des Grossvaters Spuren zu finden.
Neben unserem Camper steht ein Wohnwagen. Die Satellitenschüssel auf seinem Dach ist ebenso ausgefahren wir die Sonnenstore. An einer Leine hängen zwei Tücher, vor der Türe stehen volle Bierharassen. Obwohl wir uns schon vorgestern Abend auf diesem Platz in Ginsheim-Gustavsburg eingenistet haben, bekamen wir die Bewohner des Wagens (Rentner auf Reisen? Verbrecher auf der Flucht? Spione im Standby-Modus?) noch nie zu Gesicht. Das Ganze wirkt ein bisschen geheimnisvoll – um nicht zu sagen: unheimlich – , aber wahrscheinlich werden wir nie erfahren, neben wem wir die vergangenen Tage verbracht haben: In wenigen Stunden fahren wir los in Richtung Heimat.
Während um mich herum die Natur erwacht, versuche ich, zu rekapitulieren, welche Orte wir auf unserem zweiwöchigen Trip in welcher Reihenfolge besucht hatten, wie es dort aussah und was uns am meisten beeindruckte. Mich im Detail an alles zu erinnern, fällt mir nicht leicht. Wir sahen so Manches und sammelten so viele Eindrücke, dass sich im Moment alles zu einem grossen – und wunderschönen – Ganzen vermengt.
Die weit über 100 Rezensenten auf Google sind sich ein bisschen uneinig: Die einen loben den Campinglatz Bleiau in Ginsheim-Gustavsburg bei Wiesbaden als „gepflegten, ruhigen Ort zum Ausspannen“. Als „ekelhaft und schmutzig“ haben ihn andere in Erinnerung.
Wir sind gestern auf dieser kleinen Insel, die durch eine Minibrücke mit dem Festland verbunden ist, angekommen. Um uns herum hats nichts als Bäume, Hecken (und, natürlich, viele andere Gäste). Abgesehen davon, dass man das WC-Papier selber mitbringen muss und gestern Abend nur noch kalt geduscht werden konnte, haben wir bisher nichts zu meckern.
Hundert Meter nebenan steht das Beizli „Zum Heurigen“, in dem wir nach unserer Ankunft je ein Wiener- und ein Rahmschnitzel verputzten. Nach der gut achtstündigen Fahrt mit zig Staus im Grossraum Frankfurt-Mainz waren wir einfach zu müde, um unseren eigenen Kochherd anzuwerfen.
Sobald unser Rudel komplett auf den Beinen ist, gehen wir mit den Velos die Gegend erkunden. Wir brauchen Bewegung, nachdem wir den gestrigen Tag fast ausschliesslich im Sitzen (Chantal und ich) und schlafend (Tess) verbracht haben. Am Nachmittag gehts ab in die Stadt. Anschliessend übernachten wir noch einmal auf diesem Platz.
Morgen nehmen wir die letzte Etappe unseres Trips in Angriff: Dann fahren wir heim nach Burgdorf.
Nach unserer Rundreise durch eines der in jeder Hinsicht gmögigsten Länder, die wie je besucht haben, trafen wir gestern gegen Abend in der 1,8 Millionen-Stadt an der Elbe ein. Weil wir am nächsten Morgen den Fischmarkt besuchen wollten, parkierten wir unseren Camper auf einem Platz nahe der Autobahn. Aber oha: Wir hatten noch nicht fertig eingecheckt, als uns die Frau am Empfang schon mitteilte, dass der Fischmarkt nur am Sonntag stattfinde.
Henu dachten wir, und begannen, uns auf der Parzelle 63 häuslich einzurichten. In dem Moment, in dem wir es uns vor dem Wagen gemütlich machen wollten, prasselten erste Regentropfen aufs Vordach. Fünf Minuten später standen Chantal und ich pflotschnass im Wagen (Tess, das kluge Hundli, hatte sich schon vorher in den Schärmen verkrümelt), während die Welt um uns herum sich in eine Waschmaschine verwandelte. Mit dem Wasser fiel auch Eis vom Himmel; fingernagelgrosse Hagelkörner donnerten auf die Dachluke und das Blech nieder. Immer wieder zuckten Blitze durch die dunkelgrauen Wolken und krachten Donnerschläge wie schweres Artilleriegeschütz.
Chantal wollte die Zeit nutzen, um zu kochen, aber daraus
wurde nichts, weil wir noch nicht dazugekommen waren, den Gashahn im hinteren
Teil des Wagens aufzudrehen. Um das nachzuholen, hätte jemand nach draussen
gehen müssen, doch dieser Jemand – der in der Enge des Campers gerade erst umständlich
frische Kleider angezogen hatte – dachte nicht im Traum daran, auch nur einen
Fuss in dieses Inferno zu setzen. Strom hatten wir auch keinen (weil, wie sich
später herausstellte, derselbe Jemand den Stecker nicht richtig in die Dose am
Auto gesteckt hatte), und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Ende des
Gewitters abzuwarten.
Als es vorbeiwar, genossen wir an der wie mit dem Kärcher gereinigten Luft Crevetten und Zucchini an einer Currysauce und dachten darüber nach, wo es uns in den letzten anderthalb Wochen am besten gefallen hatte. Auf dem ersten Platz der Hitliste landete der Campingplatz in Fjerrtislew. Den zweiten Rang belegten ex aequo alle anderen Aufenthaltsorte mit Ausnahme von jenem in Rastatt. Dort gibts für unseren Geschmack ein bisschen zuviele Verbote (und, vor allem: Leute, die darauf achten, dass niemand dagegen verstösst).
Heute fahren wir weiter burgdorfwärts. Den nächsten Zwischenhalt legen wir in Wiesbaden ein, wo Chantals Grossvater seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Die Wettervorhersagen lassen auf einen sonnigen Tag und eine trockene Nacht schliessen. Das verhiessen sie aber auch, bevor wir in Hamburg ankamen.
Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die frühe Aufsteherin kann sich einen Herzenswunsch erfüllen: Heute hüpften wir in Fjerrtislev schon um 6 Uhr aus den Federn, weil die Nordsee um diese Zeit noch fast spiegelglatt ist. Für Standup-Paddlerinnen wie meinen Schatz ist das die perfekte Bedingung dafür, ihrem Hobby zu frönen.
Während sie auf dem Meer in den Sonnenaufgang zu schweben schien, rannte Tess am sicheren Ufer auf und ab. Unserem Hundli war ganz und gar nicht geheuer, was ihr Fraueli auf dem Ozean trieb. Aber natürlich ging alles gut, und als Chantal wieder festen Boden unter den Füssen hatte, war die Welt für unser Labimädchen wieder in Ordnung.
Dann packten wir unsere Siebensachen und fuhren hoch bis zur nördlichsten Spitze Dänemarks. Dort, in Grene, gönnten wir uns ein üppiges Zmorge am Fuss des Leuchtturms. Den Ausflug zu den Robben, die dem Vernehmen nach überall am Strand liegen, schenkten wir uns mit Blick auf all die Touristen, die ununterbrochen aus Cars und Privatautos stiegen. Den Tieren wars vermutlich ganz recht, nicht auch noch von uns beim Sünnele im Sand gestört zu werden.
Nun geht es mit uns abwärts. Auf dem Weg zurück nach Burgdorf – wo wir am Freitag oder Samstag eintrudeln werden – sind wir in Aarhus angekommen. In der zweitgrössten Stadt Dänemarks gefällt es uns ausnehmend gut. Flotte Leute, ein architektonisch-geschichtlich beeindruckender Häusermix, anmächelige Restaurants und T Shirt-Wetter bis in den Abend hinein: Aarhus wäre auch einen längeren Aufenthalt wert.
Um die Stadt richtig entdecken zu können, fehlt uns jedoch die Zeit. Nach einer Nacht auf einem für unseren Geschmack etwas gar gut gebuchten Campingplatz geht es weiter in Richtung Heimat. In wenigen Stunden sind wir schon wieder in Deutschland. Vermutlich legen wir in der Nähe von Hamburg einen weiteren Zwischenstopp ein.
19 670 Sonnenaufgänge habe ich schon erlebt. Die meisten verliefen
recht unspektakulär, andere bekam ich nicht mit. Einige von ihnen hätten sich
als Sujets für jene Poster geeignet, die Mädchen sich früher übers Bett
hängten. Manche hätten zumindest auf Facebook für das eine und andere „Ah“
und „Oh“ gesorgt. In einem Fall stieg die echte orangegelbe Kugel in genau
der Minute aus dem Meer, in dem sie im übertragenen Sinn krachend auf dem Grund
meines Herzens zerschellte.
Bis gestern hätte man also sagen können: In Sachen
„Sonnenaufgang“ ist mir nichts Menschliches mehr fremd. Aber dann…dann
kam der heutige Morgen.
Um 6 Uhr stand ich mit dem Kafibecher in der einen und einer Zigi in der anderen Hand am Strand von Fjerrtislev an der Nordwestküste Dänemarks. Um 6.10 sagte etwas in mir, ich solle mich einmal umschauen. Dieser Stimme werde ich noch lange dankbar sein: Ganz weit hinten sah ich, wie die Sonne sich flirrend über den Boden erhob. Darunter hing eine kleine Wolke, aus der es zu regnen schien. Das Wasser fiel jedoch nicht auf die Erde, sondern schien in der Luft hängenzubleiben. Sehr viel weiter vorne, nur hundert Meter von mir entfernt, zog sich sich, wie mit einem riesigen Lineal gezeichnet, ein dünner Strich Nebel über den Campingplatz. Er bedeckte die oberen Hälften der Wohnwagen am Waldrand.
Ich stellte mir vor, wie in diesem Moment ein Vater mit seinem Sohn aus dem Camper steigt. Nachdem er die Türe geöffnet hat, streicht eine feuchte Kälte über sein Gesicht. Um ihn herum ist alles grau. „Scheiss Nebel!“, flucht er (gedämpft, um die Nachbarn nicht zu wecken). „Pack dein Zeug zusammen. Wir fahren nach Hause“, sagt er zu seinem Buben. Dieser versteht die Welt nicht mehr: „Wie, Nebel?“, flüstert er von unten nach oben. „Ich kann von hier aus beinahe die bayrischen Berge sehen.“
„Klappe!“, zischt der Vater aus seiner Miniwolke zurück. „Ich halte mir gerade die Hand vor die Augen, aber alles, was ich verschwommen sehen kann, ist der Ehering deiner Mutter, die ÜBRIGENS IMMER NOCH IM BETT LIEGT UND WIEDER MAL TUT, ALS OB SIE DAS ALLES NICHTS ANGEHEN WÜRDE!“.
Im Schlafraum des Wohnwagens steckt sich die Mutter die Kopfhörer des Sohnes in die Ohren und verschwindet mit einem ihr völlig unbekannten Rapper aus Düsseldorf unter die Decke.
„Los jetzt! Wir gehen! Lieber ein Jahr in Böblingen als
auch nur noch eine Viertelstunde hier! Von Nebel stand im Internet kein Wort“,
sagt der Vater zum Sohn. Der Kleine weint erst ganz leise. Dann legt er sich
auf den Boden und zetert los. „Da ist kein Nebel“, schluchzt er.
„Da ist überhaupt nichts. Es ist alles genauso wie gestern und vorgestern
und immer, und überhaupt ist Böblingen doof und du bist noch doofer!“
Bevor die Sache eskaliert, passiert ein Wunder: Die Sonne hat während der Unterhaltung der beiden soviel Kraft gewonnen, dass der Kondensstreifen, der den Vater eben noch umhüllt hat, verdampft. „Oh“, murmelt der Alte. Wortlos geht er in den Camper zurück, zu seiner Frau und dem Rapper.
Der Kleine steht auf, wischt sich die Tränen aus den Augen,
guckt in den Himmel und strahlt. Dann bummelt er los zum Planquadrat F6 in die
Reihe 4. Dort warten bestimmt schon seine neuen Freunde aus Holland auf ihn.
Papi und Mami werden es ihm bestimmt nicht übelnehmen, wenn er eine Weile wegbleibt,
um mit ihnen zu spielen.
Mein Schatz und Tess und ich hingegen haben durchs Band weg den Frieden. Auf der Fahrt nach Fjerrtislev kamen wir gestern an einem Fjord vorbei, auf dem Chantal stehpaddeln und in dem Tess bädlen konnte. Über die Bucht zieht sich eine Brücke, die wegen des Schiffsverkehrs allpott hochgeklappt wird. Zum Entsetzen des Hundlis tauchte neben Chantals Brett plötzlich eine fussballgrosse Qualle auf. Süüferli schob Tess‘ Chefin das gspässige Wesen mit dem Paddel aus der Nähe des Strandes ins tiefere Wasser zurück.
Auch hier, in Nordjütland, ist es uns vögeliwohl. Um uns herum ist nichts als Natur. Neben mir pickt gerade ein Spatz Essensresten auf. Immer wieder fliegen Gänseschwärme in perfekt choreografierten Formationen über das Land. Sie erinnern irgendwie an die Patrouille Suisse, sind aber umweltkompatibler unterwegs als unsere Vorzeigestaffel und finden ihre Ziele erst noch auf Anhieb.
Eine Frage will ich mir heute unbedingt noch beantworten lassen: Wieso heisst ein so wunderschönes Fleckchen Erde „Jammerplatz“?
Langsam lichtet sich der Nebel, der mitten in der Nacht über unseren Campingplatz in Ringkøbing gekrochen war. Von den Bäumen platscht Tau. In ihren Wipfeln putzen Vögel ihr Gefieder. Die Eule, die vor wenigen Stunden noch laut schreiend umherflog, ist verstummt. Auf der Wiese hinter mir grasen Hasen. Die Luft riecht nach feuchtem Gras mit einem Hauch Salz (aber Letzteres bilde ich mich vielleicht nur ein, weil das Meer so nah ist). Das Wäldchen gehe ich mit Tess inspizieren, sobald sie geruht, aus unserem ihrem Bett zu hüpfen.
Es ist, kurz gesagt, total friedlich hier. Gestern Nachmittag kamen wir in der 10 000 Einwohner-Stadt in Westjütland an. Zuvor waren wir von Husum nach Vesterende gefahren. Dort steht, am Rande eines riesigen Feldes, ein ungewöhnliches Vogelhaus:
Einen weiteren Zwischenhalt legten wir auf dem Inselchen Rømø ein, wo wir im idyllisch-lauschigen Garten des Hattesgaard Cafe-Antik ein paar Stücke der weltfeinsten Kuchen genossen. Pappsatt fuhren wir über schnurgerade Landstrassen weiter in Richtung Norden. Die Botanik wird jetzt immer karger. Die Farben der Felder verblassen, auch wenn sich der Spätsommer in Skandinavien anfühlt wie der Frühling in der Schweiz.
Seit bald einer Woche sind wir nun unterwegs, mein Schatz und Tess und ich. Die Schönheiten der Natur faszinieren uns immer wieder aufs Neue. Noch fast mehr beeindrucken uns jedoch die Menschen, die hier leben: Sie begegnen uns Fremden mit einer Freundlichkeit, die man in dieser ungekünstelten Form nur selten erlebt. Und geben uns so immer wieder das Gefühl, willkommene Gäste zu sein statt, wie anderswo, beliebig melkbare Touristen.
„We are red, we are white. We are Danish Dynamite“: Mit diesem Schlachtruf gewann die dänische Fussball-Nationalmannschaft 1992 die EM (für die Jüngeren hier: Wenn in der Weltgeschichte jemals etwas wirklich cool war, dann das: Die dänischen Spieler waren nach dem Abschluss ihrer Landesmeisterschaft schon in die Ferien verreist, als Jugoslawien wegen des Balkankriegs vom Turnier ausgeschlossen wurde. Als Ersatz rückte Dänemark nach. Henrik Larsen, Kim Christofte, Brian Laudrup und ihre Kollegen spielten sich wie im Rausch bis ins Finale vor. Dieses gewannen sie mit 2:0 gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland. dessen Teamchef Franz Beckenbauer zwei Jahre zuvor, nach dem Gewinn des WM-Titels in Rom, noch getönt hatte: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden in den nächsten Jahren nicht zu besiegen sein“).
„We are red, we are white, we are Danish Dynamite“: Diesen Schlachtruf stimmten wir nicht an, als wir uns heute der dänischen Grenze näherten. Genau genommen, verkniffen wir uns jeden Mucks. Denn wenn wir etwas nicht wollten, war es, aufzufallen. Wir haben Tess‘ Reisepass zuhause vergessen, und wenn ein Zöllner auf die Idee gekommen wäre, den Camper zu inspizieren und dabei ganz beiläufig noch nach den Papieren für unser Tier zu fragen: Wer weiss, wie alt wir ausgesehen hätten? Wer kann sagen, was mit Tess passiert wäre? Wer vermag abzuschätzen, wieviel die Schweizer Botschaft zu investieren bereitgewesen wäre, um uns – selbstverständlich, ohne Lösegeld zu bezahlen – aus einem Kopenhagener Verliess herauszuholen?
Deshalb schärften wir Tess schon kurz nach der Wegfahrt in Burgdorf täglich mehrmals ein, auf das Stichwort „Smørrebrød“ sofort die Schnauze zu halten und sich rochenflach auf den Boden zu pressen. Als Dänemark in Sichtnähe war, tat Tess – wie immer – wie geheissen und gab keinen Mucks von sich. Ein paar hundert Meter weiter konnten wir aufatmen: Wir waren drin, samt Hund, und das erst noch, ohne dass uns ein Grenzwächter kontrolliert hätte (wie auch: Wo wir durchfuhren, gabs nicht einmal ein Zollhäuschen).
Nun haben wir es uns auf einem Campingplatz in Høyer gemütlich gemacht. Zum Zvieri verputzten wir bei sommerlich warmen Temperaturen den Butterfisch und den Aal, den wir fangfrisch auf dem Markt in Husum erstanden hatten. Zuvor radelte ich ein bisschen dem Strand entlang – und kam aus dem Staunen kaum mehr heraus. Rechts von mir schwankte das grösste Schilffeld, das ich je gesehen habe, im Wind. Links grasten Hunderte von Schafen auf sattgrünen Weiden. Das Meer selber war ein bisschen naja, aber die Flut wird kaum mehr lange auf sich warten lassen.
Høyer als Tourismusmetropole zu bezeichnen, empfände ich nach diesem ersten Augenschein als massiv übertrieben. Offenbar stimmt dieser Eindruck aber nicht. „Høyer verkörpert als eine der typischen dänischen Kirchspielgemeinden all das, was die Dänen zum glücklichsten Volk der Erde macht“, heisst es auf dem Onlineportal „Weites Land“ vielversprechend. „Sehr prägnant und schön“ sei beispielsweise eine uralte Holländer-Windmühle, die mit ihren 22 Metern Höhe zu den grössten Mühlen Nordeuropas zähle. Darüberhinaus gebe es ein Museum, in dem die Geschichte der Sturmfluten und der Seefahrer aus der Region dargestellt werde.
Es gäbe also einiges zu sehen in Høyer, nur: Einerseits sind wir vom vielem Fahren und dem fettigen Aal inzwischen ein bisschen schlapp. Andererseits reisen wir morgen weiter in den den Norden. Unterwegs kam uns auf einmal in den Sinn, wir könnten, wenn wir schon einmal hier sind, eigentlich gleich das ganze Land umrunden. Dafür haben wir noch rund eine Woche Zeit, und wahnsinnig viel grösser als die Schweiz ist Dänemark ja nicht.
Jeden Sommer einmal setzten sich die massgebenden Leute aus der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und der Kirche im norddeutschen Husum zusammen, um darüber zu orakeln, welcher Jahrgang wohl die tollsten Lebensaussichten habe. Diese Diskussionen dauerten oft bis weit in die Nacht hinein, doch nicht jedes Ergebnis erwies sich als Volltreffer.
Der Präsident der Rotarier zum Beispiel hatte einst durch
alle Böden hindurch auf 1939 gesetzt. Sechs Jahre später wurde er zum stellvertretenden
Vizesekretär degradiert. Kurz darauf kehrte der ausgezeichnete Schwimmer eines
Nachts nicht mehr vom Baden in der Nordsee zurück.
Seine Frau gab eine Vermisstmeldung auf, und schon drei Tage danach schlenderte ein zweiköpfiger Suchtrupp zum Strand. Dort fanden die Männer die Kleider des Verschollenen fein säuberlich gefaltet und aufeinandergeschichtet. Daneben flatterte, von einem Stein beschwert, ein Zettel im Wind. Darauf stand: „Gar mancher kann sich irren, aber nicht jeder so gründlich wie ich mich mit diesem Scheiss 1939. Machts gut, ihr Lieben, und wisset: Es wird das Jahr kommen, in dem die Debatten über die besten Zukunftsperspektiven für immerdar verstummen, weil schlicht kein besseres nachfolgen wird. Euer Helge. PS: Ich ahne, dass es unter euch einige wenige geben dürfte, die mir diese Vorhersage aufgrund einer gewissen früheren Prophezeihung nicht vorbehaltlos glauben. Ihnen rufe ich, bevor ich das eiskalte Wasser nun meine Zehen und dann alles andere benetzen lasse, ein fröhliches ‚Ist mir doch egal; ätsch!‘ zu.“
Dem für immer Abgetauchten widerfuhr späte Genugtuung: 1964 fand die letzte Sitzung des noblen Komitees statt. Einstimmig entschieden die elf Weisen, dass 1965 der für alle Zeiten unschlagbare Obermegasuperduperjahrgang werden würde. Und so kam es dann auch. Ein Korb mit der Nummer 65 symbolisiert im Sand vor Husum noch heute, mit welcher Weitsicht die Altvorderen weiland agierten.
Und damit noch kurz zu den Fakten: Nach einer mehrstündigen Fahrt an Bremen und Hamburg vorbei parkierten wir unseren Camper gegen Abend bei strahlendem Sonnenschein auf der Ferienanlage Regenbogen in, eben, Husum. Abgesehen von uns sind nur noch wenige Touristen hier. Die Sommersaison ist offenkundig passé, wie der Norddeutsche sagt. Unser Gefährt steht am Fuss eines Damms. Auf der anderen Seite weiden riesige Schafe. Direkt am Meer, auf einer grossen Hundespielwiese, hängen die „Windhosen“ der Künstlerin Julia Bornefeld.
Jetzt, um kurz vor 20 Uhr, sitzen wir in T-Shirts vor unserem Camper. In den Bäumen meckern Krähen, über dem Ozean schreien Möven. Morgen um 5, sagte unser Nachbar („Ich habe mit 15 Jahren schon gejagt, aber kein Wild“) kurz nach unserer Ankunft, würden wir vom Blöken der Schafe geweckt werden. Anschliessend wandeln wir in der Stadt auf den Spuren von Theodor Storm und machen es uns chly am Strand gemütlich. Dann fahren wir weiter.
Das alles sind zweifellos nicht nur prächtige Aussichten für den Reisenden mit Jahrgang 1965, sondern auch für seinen Schatz (1982) und deren Hund (2015).
Aus den Wohnwagen und Campern links und rechts drang leises Schnaufen und Schnarchen, als ich mit dem Badetuch unter dem Arm in aller Herrgottsfrühe zum Duschhäuschen schlurfte. Es war noch stockfinster.
Auf einmal hörte ich ein Rascheln im Gebüsch. Erst dachte ich, gleich würde eine Katze aus der süüferli gestutzten Hecke schiessen…aber dann sah ich im Schein meines Handydisplays, wie zwei Hasen über den Asphalt hoppelten. Der eine ging einfach weiter und verschwand mit zwei, drei Hüpfern in der Dunkelheit. Der andere blieb stehen und schaute mich mit seinen schwarzen Knopfaugen an. Wir wünschten einander einen guten Morgen, der Hase und ich, und gingen dann wieder unserer Wege.
So begann er also, unser zweiter Tag auf dem Campingplatz in Münster. Gestern kamen wir nach einer vier- oder fünfstündigen Fahrt (wir nehmens mit den Zeiten grad nicht sooo genau) an…und wussten gleich: Hier würden wir länger als nur eine Nacht bleiben. Ausnehmend freundliche Leute, ein tiptopp gepflegtes Areal, viel Grün und gleich daneben ein Fluss, in dem Tess sich abkühlen kann:
Es herrschen hier fast schon paradiesische Zustände, und das gilt nicht nur für den Campingplatz, sondern auch für die rund 20 Busminuten entfernte Stadt. In dieser nahmen wir noch vor dem Auspacken unserer siebenhundert Sachen einen ersten Augenschein.
und der Antiquar-Privatdetektiv Georg Wilsberg waren zwar nicht da, aber das spielte für uns keine Rolle; Was wir von der 300 000 Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen schon gesehen haben, hat uns auch so ziemlich beeindruckt: Die Pflastersteine in den unzähligen Gässchen sind so sauber gefegt, dass man darauf essen könnte, und die Häuser wirken wie frisch aus dem Truckli. Gegessen haben wir auf einem kulinarischen Niveau, das wir so nur von Burgdorf her kennen: sehr, sehr hoch oben.
Was in Münster ganz besonders auffällt, ist die Tatsache, dass hier jedermann und -frau mit dem Velo unterwegs zu sein scheint. Abgesehen vom Dom – oder eben: dem Münster – prägt nichts diese Stadt dermassen wie die Zweiräder in allen Grössen und Formen.
Davon, dass Münster dank des „Tatorts“ und „Wilsberg“ regelmässig am TV zu sehen ist, deutet wenig bis nichts hin. Wer mag, kann die Stadt auf den Spuren der Serienhelden entdecken. Doch irgendwie scheint Münster es gar nicht gross nötig zu haben, sich mit diesen Federn zu schmücken. Es ist auch so schon schön genug.
Wir bleiben jetzt noch einen Tag und eine Nacht hier, auf „unserem“ Campingplatz, und fahren dann weiter nordwärts. Möglicherweise sind wir morgen Abend schon in Dänemark. Vielleicht entdecken wir aber noch einen anderen Ort, an dem es uns auf Anhieb so vögeliwohl ist wie in Münster. Dann müsste Skandinavien halt nochli auf uns warten.