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FERIEN
Ich glaube, ich kann mich noch dumpf an eine Zeit erinnern, in welcher ich ziemlich oft und ausgedehnt Ferien machte. Wenn mich das Reisefieber überkam - eine Krankheit, unter der ich gerne und häufig litt -, packte ich vier paar Jeans, sieben T-Shirts, einen Pulli und ein wenig Kleinkram in meine Segeltuchtasche, legte alles in meinen fünfzehnjährigen Opel und fuhr los.
Ich glaube sogar mich daran erinnern zu können, dass meine besten Freunde meistens mit von der Partie waren. Ich könnte es nicht beschwören, doch vielleicht lag es daran, dass wir alle noch studierten - wir hatten zwar kein Geld, doch haufenweise Zeit. Wer braucht schon Geld, wenn er ein Zelt hat?
Ich erinnere mich an diese Zeit, und ich sehe alles so klar und deutlich vor mir wie durch einen dichten Herbstnebel mitten in der Nacht in einer unbeleuchteten Strasse. Es muss erst gerade vor einigen hundert Jahren gewesen sein - irgendwann im tiefsten Mittelalter, oder vielleicht auch in der Steinzeit.
Heute, in der modernen Gegenwart, ist alles ein bisschen anders. Wenn ich heute Vorbereitungen für die Ferien treffe, sehe ich mich gezwungen, eine Unternehmen durchzuführen, dass jede mittlere FBI-Operation an Vorbereitungen und Planung bei weitem übertrifft. Ich bezeichne es treffend als "A Holiday is Everything I Love and Live for" (kurz "HELL" genannt). HELL durchläuft verschiedene Phasen:
Phase 1: Terminfindung
"Wollen wir ein paar Tage verreisen?"
Mein Gegenüber blickt mich fragend an. Spontan öffne ich den Mund, hole Luft und bin schon im Begriff, fröhlich "Ja, gerne!" zu rufen - als mich die Realität wieder einholt. Es durchläuft mich heiss und kalt, ein Gefühl von Scham und Verlegenheit überkommt mich, und im Bruchteil einer Sekunde wird mir bewusst, dass dieses Zögern als mangelnde Begeisterung oder - viel schlimmer noch - als mangelnde Spontaneität ausgelegt werden könnte. In einer Zeit, in der wir alles ausser Zeit haben, ist Spontaneität zur Top-Eigenschaft eines modernen Menschen geworden. Fragen Sie einen Single: "Hans [Kari, Rudi, Peter - hier beliebigen Namen einsetzen], wie sollte denn deine Traumfrau [Traummann - diesen Teil bitte der Veranlagung des jeweilig Befragten anpassen] sein?" Hans wird sich mit den Zungen die Lippen befeuchten, strahlend lächeln und spontan antworten: "Spontan, aufgestellt, gute Ausstrahlung..." (Übrigens: Energiesparlampen haben dieselben Eigenschaften - ganze zwölf Jahre lang!)
Ich stehe also mit offenem Mund da, kämpfe gegen den aufsteigenden Eindruck von Spontaneitätsmangel an und sehe nicht gerade wie eine Ausgeburt an Intelligenz aus. Das Lächeln meines Gegenübers erhält einen leicht verkrampften Zug, als er nachfragt: "Also, nur wenn du willst."
"Natürlich will ich..." fieberhaft denke ich nach. Klar will ich - liebend gerne! Doch wie erkläre ich meinem Gegenüber, selbst der Inbegriff von spontanem Handeln, dass ich erst mit ungefähr einem Dutzend Leuten konferieren muss, bevor nur schon der Termin steht? Ich seufze innerlich und versuche es erst gar nicht. "...ich will sogar sehr gerne. Wir müssen einfach eine Zeit finden, in der ich nicht unterrichte."
Mein Gegenüber ist sehr verständnisvoll. "Kein Problem, vergleichen wir doch kurz die Termine."
Dass sich das nicht an Ort und Stelle erledigen lässt, ist selbstverständlich. Meine Agenda befindet sich in meinem Büro auf meinem Computer. Ich fahre also dorthin und rufe wieder an. Ich starte das Terminprogramm. Das aktuelle Datum ist der 2. März 2001 - einfach nur, um hier ein Beispiel zu nehmen (Sie können gerne auch ein x-beliebiges Datum einfügen und die Folge entsprechend anpassen). Der März wird schon gar nicht erst angeschaut, der April im Eiltempo durchgescrollt. Der 17. April wäre noch frei, doch leider ist er von voll ausgebuchten Terminen umgeben. Der Mai sieht auch nicht gerade rosiger aus, und der Juni ist eine bessere Kopie des Mais. Im Juli geht's meinem Gegenüber eher schlecht, und der August ist halt der August. Doch im September... ich entnehme dem Tonfall der reizenden Stimme, die jetzt leicht verzweifelt durch den Telefonhörer in mein aufmerksames Ohr schwebt, dass der September schon lächerlich weit weg liegt. Mein Blick fällt auf eine Woche mit nur drei Terminen drin... wenn ich ein wenig umorganisieren würde, vielleicht... Entschlossen flöte ich ins Telefon: "Ja, sicher doch, die zweite September-Woche passt mir ganz hervorragend."
Die Stimme am anderen Ende ist erfreut, dass dieses mühsame Thema endlich einen Abschluss gefunden hat. Er trägt den Termin in seine Agenda ein, verabschiedet sich höflich und damit ist das Thema für ihn erledigt.
Für mich fängt es erst jetzt richtig an. Meine erste Mission bei HELL besteht darin, diesen im Grunde genommen sehr provisorischen Ferientermin definitiv zu machen. Genauer betrachtet ist es ja noch nicht einmal ein Termin.
Mein erster Anruf gilt einem ausgesprochen liebenswürdigen, charmanten und sehr, sehr hilfsbereiten Arbeitskollegen. Ich brauche nicht viel zu sagen - er lässt sich gerne breitschlagen, neben seinen zweihundertundsiebenundfünfzig belegten Abenden noch zwei weitere für mich zu übernehmen. Ich könnte ihm vor Freude auf der Stelle um den Hals fallen, doch eigentlich will ich mich mit ihm und seiner Frau noch länger gut verstehen, also lasse ich es bleiben.
Der nächste Anruf geht an einen weiteren Arbeitskollegen. Sein Anrufbeantworter informiert mich freundlich, dass er zur Zeit nicht erreichbar sei. Na, was soll's - schliesslich habe ich noch ein halbes Jahr Zeit.
Am Dienstag darauf kommt meine Buchhalterin vorbei. Ich ergreife die Gelegenheit und frage sie, ob sie eventuell einen meiner drei Hunde während meiner Abwesenheit hüten könnte. Da sie von Natur aus eine grossmütige Seele ist und Hunde liebt, schlägt sie mir nur ungern diesen Wunsch ab. Sie muss allerdings noch zur Sicherheit mit ihrem Partner Rücksprache halten, denn er wollte eigentlich im September in die Ferien gehen - doch "wahrscheinlich fällt das eh ins Wasser, oder wir gehen halt zu einer anderen Zeit". Ich weiss nicht, was ich sagen soll - auf der einen Seite möchte ich am liebsten rufen: "Hey, verschieb doch nicht deine Ferien extra wegen mir", und auf der anderen Seite graut es mir beim Gedanken, einen anderen Termin für die Ferien finden zu müssen. Also sage ich nur: "Danke."
Am Wochenende ist einer meiner besten Freunde auf Besuch. Er ist froher Stimmung und schwärmt davon, wie lieb doch meine Hunde seien. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und frage ihn, ob es ihm wohl möglich sei, im September die Hunde und Katzen übers Wochenende zu hüten. Er willigt sofort ein - liebend gerne würde er das tun, und zusätzlich dazu wird er auch noch den Montag nach dem betreffenden Wochenende frei nehmen - er müsste es einfach mindestens einen Monat im voraus genau wissen, um den Ferientag rechtzeitig eingeben zu können. Ich bin völlig hin und weg - er opfert einen Ferientag für mich und meine Ferien... damit wären nur noch zwei Hunde und zwei Katzen während vier Tagen zu versorgen. Ich bedanke mich und verspreche, auch ihm rechtzeitig Bescheid zu sagen.
In der Zwischenzeit ist es schon Mitte März. Mein zweiter Arbeitskollege hat auf meinen Hilferuf auf dem Beantworter hin noch nicht reagiert, und ich entschliesse mich, zur Waffe der modernen elektronischen Post zu greifen - ich sende ihm ein Email mit meinem Anliegen. Zwei Tage später lässt er durch den elektronischen Boten übermitteln, er sei an jenem bewussten Abend im September leider verhindert, doch sein Kollege, der liebe und äusserst kompetente Willi Neuhaus, hätte eventuell noch Kapazität...
Sofort rufe ich Herrn Neuhaus auf dem Natel an. Willi - "unter Kollegen sagen wir uns doch du - ich bin der Willi" - findet meine Stimme zwar ausgesprochen attraktiv, doch leider kann er mir auch nicht weiterhelfen. Ob ich denn schon den Seppli Beisszahn angefragt hätte? Der wisse zwar nicht so viel, aber er sei wahrscheinlich frei.
In meiner Verzweiflung sende ich Herrn Beisszahn unbekannterweise ein Email.
Der unerwartete Telefonanruf meiner Mutter bringt mich auf eine Idee: "Sag einmal, könntest du im September vom zweiten Dienstag bis zum Freitag vielleicht einen meiner Hunde nehmen?"
Die wortreiche, freundliche und sehr logische Antwort kann man nur kurz mit einem "nein" zusammenfassen. Doch sie macht einen Gegenvorschlag: "Ich könnte in der Zeit bei dir wohnen und auf deine Katzen aufpassen. Ich müsste zwar meine Therapie-Termine in dieser Zeit absagen und meine Haushaltshilfe darüber orientieren, doch wenn ich dir damit irgendwie helfen kann, tue ich das sehr gerne. Lass mich nur kurz nachsehen... doch, klar, das geht - ins Engadin kann ich ja auch noch in der Woche danach."
Damit habe ich zwar zwei Sorgen weniger, dafür aber ein immer aufdringlicher aufschleichendes Gefühl, dass ich in meinem Leben nie genug Zeit haben werde, um all den netten Menschen zu danken, die mir diese Ferien ermöglichen.
Jetzt bleibt nur noch ein Termin, um den ich mich kümmern muss, und zwei Hunde - ich könnte niemals in die Ferien fahren, wenn ich nicht hundertprozentig wüsste, dass meine Tiere von liebenden, ihnen bekannten Menschen versorgt werden. Der Kreis der ihnen bekannten Menschen ist noch verhältnismässig gross; es ist das erste Attribut, das die Gruppe stark einschränkt. (Manchmal nehme ich den ganzen Zoo mit - das vereinfacht den ersten Teil von HELL, bringt aber im dritten Teil erhebliche Nachteile mit sich - siehe "Gepäck" weiter unten).
In der Zwischenzeit ist es Anfangs April, und Herr Beisszahn hat sich immer noch nicht gemeldet. Ich trickse ihn aus - ich schwatze mit seiner Sekretärin, bis sie mir verraten hat, wann er im Büro sein wird, und rufe auf die Minute genau dann an. Selbige Sekretärin kann mich nun nicht mehr gut abwimmeln... Herr Beisszahn weiss nicht nur nicht so viel, er ist auch überhaupt nicht interessiert und sowieso schon ausgebucht. Seufzend lege ich auf und arbeite einen anderen Plan aus. Er involviert die Neuschreibung eines bereits zum Druck freigegebenen Stundenplans, die Übernahme von zwei Terminen anderer Kollegen und ein Abendessen für einen dritten Kollegen - doch schliesslich (mittlerweile ist es schon Ende April) ist alles genagelt.
Bleiben noch die beiden Hunde. Das Ehepaar Waldlieb weiss, was es geschlagen hat, wenn ich in diesem demütigen Tonfall anrufe: "Könntet ihr wohl im September..."
Freundlich übernehmen sie die Aufgabe - "du musst ja auch einmal Ferien haben" -, und ich lege schuldbewusst den Hörer wieder auf.
Dieser erste Teil von HELL beansprucht zwei ganze Monate intensivster Kommunikation, doch dank der aktiven Mithilfe von sechzehn freundlichen Mitmenschen ist die Operation gelungen, der Patient lebt (noch), und voller Stolz kann ich verkünden, dass die erste Phase von HELL mit einem äusserst positiven Resultat abgeschlossen werden kann - der Termin steht.
Phase 2: Reiseplanung
"Mach dir keine Sorgen, um die Tickets kümmere ich mich."
Wenn mein Gegenüber mir das Anfangs März mitteilt, ist mein erster Gedanke: "Herrlich, endlich einmal jemand, der mitdenkt und mitorganisiert - ich schaue Ferien entgegen, in denen nicht alle Entscheidungen und die ganze Organisation an mir hängenbleibt!" Ich juble innerlich auf und fühle mich wie im siebten Himmel.
Wenn die Tickets anfangs April noch nicht organisiert sind, denke ich: "Was soll's, ist ja noch weit weg."
Anfangs Mai beginne ich, Blut und Wasser zu schwitzen. Von dem Moment an, in dem alles arrangiert und drei Hunde, zwei Katzen und drei Termine versorgt sind, überfällt mich geradezu Panik beim Gedanken, dass die Ferien vielleicht an einem ausgebuchten Flug scheitern könnten - und das nicht etwa wegen der Ferien.
Nachts wache ich schreiend auf. Ich träume, wie ich meine Mutter anrufe und ihr möglichst schonend mitteile, dass sie die Therapie umsonst abgesagt hat. Und ich sehe im Traum das Ehepaar Waldlieb vor mir. Sie sagen zwar nichts, doch ihre Gesichter sprechen Bände: "Wir wussten doch, dass auf sie keinen Verlass ist. Jetzt haben wir extra die Hochzeit unserer Lieblingsnichte abgesagt. Und alles umsonst..."
Am Morgen wache ich mit einer Übelkeit auf, die jeder Schwangeren im dritten Monat Konkurrenz machen würde. Ich schleppe mich zur Küche, koche mir einen doppelten Espresso und würde ihn mir am liebsten über den Kopf schütten, statt ihn zu trinken. Ein kurzer Aufenthalt im Garten, ein paar Mal kontrolliert tief durchatmen in der Morgenluft, und ich beruhige mich wieder. Mein aktuelles Mantra lautet: "Nur keine Panik, du wirst in die Ferien gehen."
Selbstverständlich versuche ich, mir äusserlich nichts anmerken zu lassen ("Du hast die Tickets noch nicht buchen können? Aber das macht doch nichts. Die Flüge sind zwar schon völlig ausgebucht, aber ich bin sicher, wir finden schon noch was. Nur kein Stress!").
Weshalb ich nicht ein wenig Dampf mache? Weil es mein Zoo ist, nicht seiner.
Ende Mai bin ich nicht viel mehr als ein Nervenwrack. Bei meinen Bekannten lasse ich schon einmal vorsichtig durchblicken, dass meine Ankündigung bezüglich der Ferien vielleicht doch ein wenig voreilig gewesen sein könnte... man wisse ja, wie das so sei mit diesen spontanen Einfällen... Die Bekanntschaft zeigt Verständnis und gewährt mir Aufschub für die definitive Bestätigung beziehungsweise Absage bis zur letzten Woche im Juli. Was die Arbeit angeht, werde ich nötigenfalls einfach eine Woche lang untertauchen müssen - niemand soll auf die Idee kommen, er hätte meinen Dienst vergeblich übernommen...
Anfangs Juni halte ich die Spannung nicht mehr aus. Ich rufe der Reihe nach meine Mutter und meine Freunde an und sage ab. Am 15. Juni ruft mich meine Reisebegleitung an und bestätigt mir - so ganz nebenbei, zwischen zwei viel wichtigeren (...) Themen -, dass er die Tickets habe. "Eigentlich hatte ich sie schon vor drei Wochen, doch ich wollte dich noch ein bisschen länger auf die Folter spannen", grinst er fröhlich in den Hörer.
Ich mache mich verzweifelt auf die Suche, grabe tief in meinem Innern und finde ihn schliesslich auch, meinen Humor, irgendwo unter den brach liegenden Nerven. Ich lache mit und habe es plötzlich eilig, aufzulegen - denn ich muss in Windeseile alle wieder anrufen und ihnen mitteilen, dass die Reise nun definitiv geplant ist.
Phase 2 von HELL ist eine wahre Prüfung - doch sie ist vorbei, und jetzt kommt
Phase 3: Gepäck
Es gibt in dieser modernen Zeit - gemeint ist damit immer meine jetzige Zeit - genau zwei Sorten von Gepäck: International und Schweiz.
Wenn ich innerhalb der Schweiz verreise, nehme ich meinen Zoo mit (siehe oben). Dies vereinfacht die Planung der Ferien ungemein. Es vereinfacht auch die Wahl des Ferienortes, denn nicht wirklich viele Orte sind begeistert über die temporäre Umnutzung ihrer Erholungsstätte in einen Streichelzoo - komfortablerweise kann ich wählen zwischen dem Ferienhäuschen im Engadin und dem Ferienhäuschen im Engadin. Ich entscheide mich also spontan und völlig aus dem Bauch heraus für das Ferienhäuschen im Engadin und beginne zu packen.
Erwähnte ich bereits, dass ich früher mit vier Paar Jeans und sieben T-Shirts unterwegs zu sein pflegte? Ich kann nicht behaupten, dass ich heute sehr viel mehr Gepäck für mich mitnehme, wenn ich innerhalb der Schweiz verreise. Wobei die Betonung auf den zwei Wörtchen "für mich" liegt.
Als ich vor drei Jahren das letzte Mal eine Woche Ferien in der Schweiz machen konnte, war mein Auto vom Boden bis zur Decke bis in den letzten Winkel beladen. Allein schon der Einlad war eine Präzisionsarbeit und erfordere millimetergenaue Planung. Neben meiner Tasche hatten noch folgende Gegenstände untergebracht zu werden: Hundefutter, Katzenfutter, vier Hundefressnäpfe, drei Katzenfressnäpfe, zwei Katzentoiletten, Katzensand, Katzensandschaufel, drei Hundeleinen, drei Körbchen, drei Hundedeckchen, zwei Katzentransportboxen, Hundekauknochen, Katzenspielzeuge, Medikamente und Desinfektionsmittel für Hunde und Katzen, Hundebürste, Katzenbürste, Haarabroller, geruchsneutralisierender Spray, zwei Flaschen "Fifi Fleck weg" und - nicht zu vergessen - ein kompletter, vom Boden bis zur Decke reichender Katzenkratzbaum inklusive flauschiger Schlafhöhle und lustigem Kletterseil. Als ich mit dem Einladen fertig war, war meine Wohnung leergeräumt. Im Ferienhaus angekommen, kamen die Anwohner in Scharen herbeigeströmt, beglückwünschten mit zu meinem Domizilwechsel und hiessen mich herzlich in der Nachbarschaft willkommen.
Das internationale Gepäck hat einen mehr technisch-medizinischen Touch. Die Hunde- und Katzenartikel fallen weg, dafür wird mein Standard-Equipment (bestehend aus der traditionellen Jeans und T-Shirt-Tasche) ergänzt durch ein paar andere Dinge. Zum Beispiel durch ein international taugliches Mobiltelefon. Mit diesem kann (und muss) ich während der Ferien einmal im Tag die geschäftlichen Emails abrufen und beantworten, meine Mutter anrufen, um zu fragen, ob mit den Katzen alles in Ordnung ist, meinen Kollegen anrufen, um zu fragen, ob am Wochenende alles geklappt hat, und das Ehepaar Waldlieb kontaktieren, um ihnen ihre aktuellen Fragen zur Hundefütterung zu beantworten. Dank dem Mobiltelefon ist es mir möglich, mitten im amerikanischen Kontinent Support zu bieten, wenn mein kleiner schwarzer Hund den noch kleineren braunen terrorisiert (er will dessen Futter), mein grosser Hund zitternd im Wohnzimmer liegt (er braucht seine Medikamente) oder wenn meine leicht versnobte Katze wieder einmal seit zwei Tagen auf Diät ist (sie achtet sehr auf ihr Gewicht). Nachdem meine Mobiltelefonrechnung nach den letzten Ferien teurer war als der Flug selbst, habe ich allerdings beschlossen, dieses Teil in Zukunft in die hinterste Ecke meines Kleiderschranks zu verbannen, bevor ich losfahre.
Ebenfalls zum internationalen Sortiment gehört eine Tasche, beinahe grösser als die Kleidertasche, voller Medikamente. Vielleicht verstehe ich den Ausdruck "Reiseapotheke" etwas zu wörtlich, denn manchmal habe ich den Eindruck, ich führe die Apotheke auf eine Reise. Von einer Multipackung Antibiotika (ich bin gegen fast alle gängigen Antibiotika allergisch) über Schmerztabletten in verschiedenen Dosen (für den Fall, dass ich mitten in der Wüste mit dem Fallschirm abstürze und mit einer schmerzhaften fünffachen Oberschenkelfraktur drei Tage lang auf die medizinische Kamelambulanz warten muss) bis hin zu einem ultrastarken Desinfektionsspray (er tötet alle Keime und Viren. Wirklich alle. Und wenn Sie ihn nach zwanzig Sekunden nicht wegwischen, löst er sogar die WC-Brille auf) findet sich alles in jener Wundertasche.
Vor dem Packen schreibe ich eine Liste. Sobald das zwanzigseitige Dokument ausgedruckt ist, kann es losgehen. Mittlerweile ist es schon Ende August, und ich bin spät dran - eine Woche reicht gerade mal knapp, um alles zu verstauen... Zwei Stunden brauche ich für das Gepäck. Den Rest der Woche verbringe ich damit, Hundefutter, Hundeleinen... (siehe oben) im Auto zu verstauen und samt Hund oder Katze dem jeweiligen Tiersitter vorbeizubringen, Fragen zu beantworten, die Nummern der Tierärzte zu notieren und Instruktionen zur Verabreichung der jeweiligen Futterdosis und Medikamenten abzugeben.
Schliesslich bin ich soweit - Phase 3 ist auch erfolgreich abgeschlossen, und es kann endlich zur nächsten übergehen, der
Phase 4: Reise
Sitze ich erst einmal im Flugzeug, geht es mir gut. Dieser Teil von HELL ist bei weitem der ereignisloseste, angenehmste und kürzeste der ganzen Operation. Ich atme auf, rutsche noch etwas tiefer in den Sitz hinein und denke "hinter mir die Sintflut". Denn entgegen dem Eindruck, der hier entstanden sein mag, kann ich die Verantwortung hervorragend abgeben. Bin ich erst einmal unterwegs, gibt es nichts mehr, was ich für mein Geschäft oder für meinen Zoo tun könnte - und zum ersten Mal in Jahren fühle ich mich wieder wie damals zu jener vorsintflutlichen Zeit, in der ich noch von Minute zu Minute leben und einfach sein konnte. Niemand wartet darauf, dass ich nach Hause komme, niemand möchte, dass ich Essen mache, und ich brauche keine Pläne zu machen und nichts zu organisieren.
Es ist Himmel auf Erden.
Phase 5: Rückkehr
Nichts auf dieser Welt ist gratis - und so kommt nach meiner Rückkehr die Phase 5 - manchmal im verborgenen auch "Pay Day" genannt. Auf dem Weg vom Flughafen nach Hause schwelge ich noch ein Weilchen in der süssen Illusion, dass ich jederzeit in ein Restaurant einkehren und einfach einen Kaffee nehmen könnte, ohne mich um die Zeit zu kümmern. Spätestens zu Hause hat es sich ausillusioniert. Meine Hunde und Katzen müssen von ihren verschiedenen Betreuer abgeholt respektive übernommen werden, zweihundert Emails warten auf eine Antwort, und ungefähr siebzig Telefonnotizen müssen "dringend" bearbeitet werden. Leben, du hast mich wieder!
Aber wissen Sie, was? Um nichts, aber auch absolut gar nichts in dieser Welt würde ich meine fünf Lieblinge je weggeben, und ich danke ihnen jeden Tag von neuem, dass sie in mein Leben getreten sind - jedem einzelnen von ihnen.
© IWRITE, 2001-2006 Originalfassung: April 2001, Revidiert: März 2006