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Die Geschichte des Weizens ist auch die Geschichte der Menschheit. Was das harmlose Getreide mit uns gemacht hat und warum der Weizen der absolute Spitzenreiter unter den konsumierten Mehlen ist.
von Christine Schnapp
Den grössten Betrug der Geschichte nennt Yuval Noah Harari die landwirtschaftliche Revolution. Harari, derzeit einer der weltweit meistgelesenen Wissenschaftsautoren, räumt in seinem Bestseller «Eine kurze Geschichte der Menschheit» vielen anderen falschen Vorstellungen auf, die wir im Allgemeinen von der Menschheitsgeschichte haben. Die landwirtschaftliche Revolution und damit die Sesshaftigkeit der Menschen, die vor 11 500 Jahren ihren Anfang nahm, sei eine Geschichte von Fortschritt und Intelligenz, die den Menschen ein Leben in Wohlstand und Sicherheit ermöglichte: Diese Überzeugung herrschte in der Wissenschaft lange vor. Laut Harari hingegen ist nicht bewiesen, dass die Menschheit im Laufe der Evolution intelligenter wurde, und die landwirtschaftliche Revolution war nicht der Beginn eines angenehmen Daseins, sondern läutete eine Ära ein, in der die Menschen härter, monotoner und mehr arbeiteten als zuvor, sich weniger gesund ernährten, mehr Hunger litten und auch unter mehr Krankheiten. Die landwirtschaftliche Revolution führte zu einer Bevölkerungsexplosion und zu einer verwöhnten Elite, die das Mehr an verfügbaren Lebensmitteln wettmachte. Eine der Hauptfiguren dieser Entwicklung ist der Weizen, der damals seinen zweifelhaften Siegeszug rund um den Erdball antrat. War er zu Beginn der landwirtschaftlichen Revolution noch bloss eines von vielen Wildgräsern, das nur im Nahen Osten vorkam, bedeckt er heute weltweit eine Fläche von 2,25 Milliarden Quadratkilometern (also fast zehnmal die Fläche Grossbritanniens).
Wasser tragen statt Tiere jagen
Doch wie konnte es so weit kommen? Weizenanbau ist eine beschwerliche Arbeit, denn die Pflanze ist anspruchsvoll. Sie mag keine Steine, also räumten die Menschen ihr die Steine aus dem Weg. Weizen teilt seinen Lebensraum, sein Wasser und seine Nährstoffe nicht gerne, also hat der Homo sapiens tagein, tagaus und oft unter brütender Sonne Unkraut gejätet. Weizen wurde leicht krank, also musste nach Würmern und anderen Schädlingen Ausschau gehalten werden. Weizen kann sich auch nicht vor anderen Organismen wie etwa Kaninchen oder Heuschrecken schützen, die ihn gerne fressen, also musste er auch davor bewahrt werden. Weizen braucht viel Wasser, weshalb von Quellen und Flüssen ständig Wasser zu den Feldern geschleppt werden musste. Und er ist hungrig, also sammelten die Menschen Tierkot, um den Boden zu düngen, auf dem der Weizen wuchs. Für alle diese Arbeiten ist der Körper des Homo sapiens jedoch gar nicht gemacht. Die Evolution schuf ihn, um auf Bäume zu klettern und Tieren hinterherzujagen, nicht um Steine aufzulesen und Wasser zu tragen. Die neuen Tätigkeiten brachten deshalb eine Fülle von Leiden mit sich – für Rücken, Knie, Gelenke und viele andere Körperteile. Das zeigen Untersuchungen von fossilen Skeletten. Die zeitaufwendige Tätigkeit bedingte zudem, dass der zuvor nomadisch lebende Homo sapiens sich allmählich in Häusern neben seinen Feldern niederlassen und seine gesamte Lebensweise des Jagens und Sammelns umstellen musste. Der Weizen hat die Menschen domestiziert. «Domestizieren» kommt vom lateinischen domus, dem Begriff für Haus. Doch eingesperrt in Häusern lebten fortan die Menschen, nicht der Weizen.
Viele Unwägbarkeiten
Warum taten sie das? Welche Vorteile ergaben sich für die Menschen, dass sie ihr vormals angenehmes Leben eintauschten gegen eine armselige Existenz? Eine bessere Ernährung hatten sie danach schon mal nicht. Nach der abwechslungsreichen Allesfresser-Kost der Jäger und Sammler mit viel Vitaminen und Proteinen war die getreidebasierte Ernährung im Gegensatz dazu arm an Vitaminen und Mineralien, schwer verdaulich und schlecht für Zähne und Zahnfleisch. Zudem bringt eine einseitige Ernährung viel Unsicherheit mit sich. Eine schlechte Ernte, Trockenheit, Heuschrecken oder anderes Ungemach führten dazu, dass die Bauern zu Tausenden starben. Wer sesshaft ist, kann zudem nicht ausweichen, wenn jemand nach seinem Besitz trachtet. So gibt es zahlreiche archäologische Zeugnisse dafür, dass in den ersten einfachen landwirtschaftlichen Gesellschaften je nach Ort zwischen 15 und 60 Prozent der Menschen eines gewaltsamen Todes starben.
Der Vorteil des Weizens dagegen war schlicht, dass pro Fläche mehr Kalorien produziert wurden und die Bevölkerung deshalb wuchs. Damit wuchs auch der Bestand an menschlicher DNA, der eigentlichen Währung der Evolution. Doch schlussendlich war die landwirtschaftliche Revolution nicht eine bewusste Entscheidung, die innert kurzer Zeit vonstattenging, sondern sie war laut Harari eine Falle, er nennt sie die Luxusfalle, in die der Homo sapiens über Jahrhunderte und -tausende immer tiefer hineingeriet.
Mangelernährung trotz mehr Nahrung
Etwa vor 70 000 Jahren wanderte der Homo sapiens im Nahen Osten ein und lebte dort 50 000 Jahre, ohne sich als Bauer zu betätigen. In dieser langen Zeit assen die Menschen hin und wieder auch ein paar Weizen- und andere Getreidekörner, doch diese machten nur einen kleinen Teil ihrer Ernährung aus. Erst als vor 18 000 Jahren die letzte Eiszeit endete, die Temperaturen stiegen und die Niederschläge mehr wurden, wandelte sich das Klima im Nahen Osten zu einem idealen Getreideklima – die Menschen assen mehr Weizen. Weil die Grassamen davor jedoch geschält, gemahlen und gegart werden mussten, brachten die Menschen sie in ihre Lager. Auf dem Weg verloren sie einzelne Samen, wodurch sich der Weizen entlang der Pfade und in der Nähe der Lagerstätten des Homo sapiens immer mehr ausbreitete. Auch die Brandrodungen kamen den Weizenkulturen entgegen und wo der Weizen besonders üppig gedieh, gaben die Menschen peu à peu ihre nomadische Lebensweise auf. Erst blieben sie einige Wochen am gleichen Ort, dann einige Monate und schliesslich ganz. Der Anbau des Wildgetreides wurde immer mehr perfektioniert, die Erträge und die Bevölkerungszahl stiegen, der Bedarf nach mehr Nahrung wuchs. Frauen bekamen nun jährlich ein Kind, mussten die Kinder jedoch früh abstillen, weil sie auf den Äckern gebraucht wurden. Die mit Getreidebrei statt Muttermilch schlecht ernährten Kinder, die in engen, schmutzigen Siedlungen lebten, starben wie die Fliegen. Doch die Zahl der Geburten nahm noch schneller zu als die Sterbefälle.
Dass ihre Vorvorvorfahren besser gelebt hatten als sie selbst, konnten die Menschen nicht bemerken. Ebenso ist es Menschen nie möglich, ihre Entscheidungen mit allen Konsequenzen zu überblicken. Sie dachten wohl, wenn sie mehr arbeiten, haben sie mehr zu essen, und alles wird gut. Einen Geburtenüberschuss, Mangelernährung, Krankheiten, Naturkatastrophen, Diebe und Feinde einzukalkulieren, war schlicht nicht möglich. Und aufgeben war ebenso kein Thema. Der Traum vom besseren Leben hatte die Menschen ans Elend gefesselt, die Falle war zugeschnappt.
Kennen Sie Kamut, Einkorn und Khorasan?
Und heute? Heute leben die Menschen zwar in einigen Teilen der Welt in Wohlstand, der ursprünglich auf der landwirtschaftlichen Revolution beruht, doch sie sitzen noch immer in der Luxusfalle. Noch mehr Arbeit, noch mehr Besitz, Kredite, Hypotheken, Schulden, noch mehr Arbeit. Die Luxusfalle hat mittlerweile zum Klimawandel geführt, zu kaputten Rücken, Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Burn-outs und Erschöpfungsdepressionen, weil wir zu viel sitzen bei zu viel Arbeit, uns zu wenig bewegen und uns falsch ernähren. Denn der menschliche Körper ist immer noch fürs Jagen und Sammeln prädestiniert. Dazu gehört eine Ernährung aus viel Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten und Eiweissprodukten. Tatsächlich ist aber der Getreideanteil unserer Ernährung sehr hoch. Brot, Gebäck und Teigwaren machen laut dem Schweizerischen Ernährungsbericht des Bundes noch immer die Hälfte der Kost auf Schweizer Tellern aus: Kohlenhydrate, die kaum jemand in dieser Menge braucht. Zudem sind diese Kohlenhydrate wenig abwechslungsreich. Ein grosser Teil ist raffinierter Zucker ohne Mehrwert, und beim Getreide sind es laut den Zahlen des Dachverbands Schweizerischer Müller grob gesagt 80 Prozent Weizenmehl, das wir verzehren, und 20 Prozent Roggen, Dinkel und Hafer. Also auch keine grosse Abwechslung.
Keine Frage, Brot, Kuchen, Pasta und Co. sind köstlich und jedes einzelne Produkt, aus dem sie bestehen – auch Weizen! – ist bei hohem Ausmahlungsgrad ein wertvoller Ernährungsbestandteil mit Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Doch was zu viel ist, ist zu viel. Weniger Getreide und beim Getreide weniger Weizen, dafür wieder mehr Emmer, Grünkern, Kamut, Einkorn und Buchweizen wäre wohl gesund und ein Plus für die weltweite Biodiversität.
Buchtipp
Yuval Noah Harari:
Eine kurze Geschichte der Menschheit
Pantheon, München 2015.
528 Seiten, Fr. 24.80.
ISBN 978-3-570-55269-8.
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