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Aktualisiert: Apr 9
In unserer Zeitreise von komponierenden und musizierenden Frauen haben wir letzte Woche in Ferrara zur Zeit der Renaissance Zwischenhalt gemacht.
Trotz des Pauluswort fanden Frauen immer wieder Möglichkeiten sich musikalisch auch in Gottesdiensten einzubringen.
Bei meiner Recherche stellte sich heraus, dass ich im Norden, also Deutschland keine Komponistin finde, die namentlich erwähnt wurde. Den einzigen Hinweis in der Zeit der Renaissance auf "weibliches" musizieren und komponieren gibt es im Wienhauser Kloster, das auf jeden Fall eine Reise wert ist. Dort ist auch ein Liederbuch aus dem Jahr 1470 erhalten geblieben mit uns allen bekannten Liedern wie "In Dulce jubilo", "Wir wollen alle fröhlich sein" oder der "Vogelhochzeit". Es ist ein Schatz für den Ursprung vieler Volkslieder.
Doch lasst uns unsere Reise in der Zeit fortsetzen...
Der entscheidende Einfluss des Umfeldes
Neben der Ausbildungsmöglichkeit im Kloster war in der damaligen Zeit die Bildungschance eines Mädchens sehr gering und stark abhängig vom Elternhaus.
Die meisten Mädchen und Frauen, die musikalisch gebildet wurden stammten aus Musikerhaushalten. Frauen wurden in der Musik und beim komponieren nicht gleich wahrgenommen wie die Männer.
Ein berühmtes Beispiel(dazu in einem anderen Beitrag mehr) ist Fanny Hensel, die Schwester von Felix Mendelssohn. Beide Geschwister waren musikalisch und kompositorisch hochbegabt. Während Felix seine Fähigkeiten öffentlich beweisen durfte, wurde Fanny angewiesen die Musik "nur" zum Hausgebrauch zu machen, nicht aber zum Haupterwerb. Sie fand keine familiäre Unterstützung beim Veröffentlichen ihrer Werke.
Ein anderes interessantes Beispiel etwas früher in der Geschichte ist die Bach Familie: Johann Sebastian Bach erzog 5 seiner Söhne zu Musikern, aber keine einzige seiner Töchter.
Anders erging es der virtuosen Gambenistin Dorothea vom Ried: Sie wurde mit ihren 3 Schwestern und zwei Brüdern von ihrem Vater zu einem Ensemble ausgebildet, das auch während des 30-jährigen Krieges konzertierend durch Europa tourte.
Doch es gibt auch immer wieder Ausnahmen und heute soll unser Blick auf eine dieser Ausnahmen fallen:
Elisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (17. März 1665-27. Juni 1729)
Claude Paquet und seine Frau Anne de la Touch beschlossen ihren Kindern eine sorgfältige musikalische Ausbildung zukommen zu lassen. Es sollte sich bewähren: Alle vier Kinder wurden Musiker. Nicolas wurde Cembalolehrer und Organist in Bordeaux, Anne Cembalistin bei Mademoiselle de Guise, und Pierre wurde der Nachfolger seines Vaters Claude, der als Orgelbauer und Organist in Paris tätig war.
Elisabeth war das dritte Kind. Sie erwies sich früh als sehr begabte Schülerin ihres Vaters und wurde in kürzester Zeit eine virtuose Cembalistin und Komponistin.
Bereits im Alter von 5 Jahren gab sie Konzerte, auch vor dem König Louis XIV. Der war vom Talent des Mädchens so angetan, dass er sie an seinem Hof unter die Obhut seiner Maitresse Madame de Montespan stellte und Elisabeth dadurch eine aristokratische Erziehung und Ausbildung ermöglichte.
Am königlichen Hof
Bald schon eilte Elisabeth der Ruf eines Wunderkindes voraus. Sie gab zahlreiche Konzerte. Augenzeugen berichten, dass sie sehr virtuos war und zu verschiedensten Themen improvisieren und selbst die schwierigsten Melodien vom Blatt singen und spielen konnte. Ab 1678 durfte sie Opernaufführungen am Cembalo begleiten im Hause von Louis Le Mollière. 1685 wurde Elisabeths erste Oper aufgeführt. Bereits 1687 erschien ein erster Druck mit Werken von Elisabeth. Sie widmete es, wie auch spätere Werke, ihrem grössten Förderer dem König persönlich.
Heirat
1684 heiratete Elisabeth den Organisten Marin de la Guerre (1658–1704). Mit der Heirat verliess sie den königlichen Hof.
Sie lebte fortan an der Seite ihres Mannes als aktive und anerkannte Künstlerin. Sie unterrichtete Cembalo und veranstaltete regelmässig Konzerte. Ihre Improvisationskonzerte waren berühmt und viele zeitgenössische Musiker*innen und Musikkenner*innen besuchten ihre Konzerte um ihrer Kunst zu lauschen.
Wendepunkt
1704 starb ihr Mann und ihr 10-jähriger Sohn. Diese beiden Schicksalsschläge sind ein Wendepunkt im Leben und Schaffen von Elisabeth Jacquet de La Guerre.
Trotz der Schicksalsschläge setzte sie ihre Konzerte fort und veröffentlichte weitere Kompositionen, so die bereits 1695 entstandenen Sonaten für Violine und Cembalo, die nun 1707 erschienen, gefolgt von den „Cantates françaises sur les sujets tirez de l’Écriture“ die 1708 erschienen und eine neue Gattung des Komponieren. Ihre Kantaten leiteten einen neuen Stil ein. Das Journal des sçavants, 7. Januar 1709, S. 13f. schreibt dazu folgendes:
„Da diese Kantaten von völlig neuer Art sind, müssen wir ihnen Aufmerksamkeit schenken. Bislang ging man davon aus, dass nur das Scherzhafte und das Wunderbare der Fabel geeignet für die Musik seien. Personen, die daran gewöhnt sind, sich gegen Vorurteile zu verteidigen, glaubten, dass man von der Musik einen edleren und nützlicheren, und dennoch sehr angenehmen Gebrauch machen könne. […] Was die Musik betrifft, so zweifeln wir nicht, dass die Kenner bei den Melodien und Harmonien auf ihre Kosten kommen: Neben diesem Vorzug haben wir dort aber auch eine Methode bemerkt, die man den Musikern nicht genug empfehlen kann. Mademoiselle Delaguerre richtet den Verlauf der Musik immer nach dem Sinn oder der Leidenschaft, die in einem jeden Stück vorherrschen und ordnet diesem den Ausdruck der Worte unter. So erfolgreich sie darin ist, so sehr hütet sie sich auch, es zu übertreiben.“
Rückzug aus dem öffentlichen Leben
Ab 1715 zog sich Elisabeth Jacquet de La Guerre aus ihren Konzerttätigkeiten zurück.
Ihr Ruf als ausgezeichnete Cembalo-Lehrerin ermöglichte ihr zahlreiche Schüler*innen zu unterrichten. Ihre erschienen Kompositionen sichern mehr als den restlichen Lebensbedarf. Die beiden Fassungen ihres Testamentes von 1726 und 1729 geben Aufschluss über ihre Vermögenslag. Sie starb im Alter von 64 Jahren am 27. Juni 1729 als wohlhabende, angesehene Bürgerin, Komponistin und Musikerin.
Verdienst
Elisabeth war belegbar die erste Opernkomponistin Frankreichs.
Sie beherrschte jede Stilistik ihrer Zeit und war gleichzeitig offen für neue Einflüsse. In Frankreich war die Kantate neben der Sonate Anfang des 18. Jahrhunderts noch sehr neu.
Durch die Protektion und Unterstützung des Königshauses ging die Karriere des Wunderkindes nahtlos in die Karriere der angesehenen und geschätzten Musikerin und Komponistin über. Dazu muss gesagt werden, dass Frauen um 1700 in Frankreich, speziell in Paris, sehr gute Chancen einer musikalischen Karriere hatten, wenn sie diese anstrebten. Trotzdem gehört viel Talent, Durchhaltevermögen und Glück dazu. Was Elisabeth Jacquet de La Guerre in ihrer Zeit auszeichnet ist, dass sie auch nach dem Tod ihres Mannes unabhängig blieb und den Unterhalt ihres Lebens mit ihrem Beruf und ihrer Berufung bestritt.
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis es Frauen auch in anderen Ländern Europas möglich war ein ähnliches Leben wie Elisabeth Jacquet de La Guerre zu führen. Ihnen werden wir in meinen nächsten Blogbeiträgen in den kommenden Wochen begegnen.
Paris, Bilder: Eigene Quelle