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Urs Roesch
In meiner Jugend trugen Frauen im Alltag stets Schürzen. Mit Ausnahme von Margrit! Sie kleidete sich immer ungewöhnlich: dezent, aber wegen der ästhetischen Perfektion auffallend. Mit ihren hohen Ansprüchen war sie der Schrecken aller Schneiderinnen. Die Hauswirtschaft erledigte sie in einer Art Arbeitskleid. Beim Malen, Zeichnen, Weben oder bei den Metallarbeiten trug sie wie Carl einen Berufsmantel. Hosen trug sie nie.
Vermutlich bestimmte Margrit auch Carls Kleidung. Ein schwarzer, etwa sechs Millimeter breiter Bändel anstelle einer Krawatte, das speziell geschnittene weisse Appenzellerhemd, ein wie nur für ihn gemachter, charakteristischer Hut, sorgfältig gewählte Stoffe und der Schnitt der Kleider verliehen ihm einen Touch Unbürgerlichkeit: Wie Margrit fiel auch Carl der unauffälligen Extravaganz wegen auf. Bereits seine Grösse machte ihn ja zu einer eindrucksvollen Erscheinung.
Carl und Margrit genossen ein gewisses Ansehen. Mir fiel auf, dass sie bei populären Anlässen manchmal spontan, ungesteuert zu einer Art Ehrengästen avancierten, etwa so, wie wenn ein bekannter Magistrat zufällig zu einer Gesellschaft gestossen wäre. Offenbar billigte ihnen «das Volk» einen Ausnahmestatus zu.
Margrit darf wohl zu den Pionierinnen der Emanzipation gezählt werden. Sie gehörte zu den ersten Skifahrerinnen der Schweiz. Schlittschuhlaufen, Bergsteigen – für alles war sie zu begeistern. Carl interessierte dies nicht. Sie neckte ihn oft seiner Unsportlichkeit wegen und versuchte ihn zu mehr Aktivität zu animieren.
Margrit konnte mit wenig Worten eine Welt erschliessen, in künstlerisches Neuland führen. Das bisschen Kunstverständnis, das mir vermittelt wurde, habe ich von ihr. Sie hätte eine ausgezeichnete Kunstpädagogin abgegeben. Carl betonte oft, welch grossen Anteil Margrit an seinem Werk habe. «Margrits tiefes Kunstverständnis und ihre künstlerische Potenz ist in mein Werk eingeflossen.» Sie war ihm in Vielem Lehrmeisterin, besser ausgebildet als der Fast‑Autodidakt Carl. Kritisch begleitete sie all sein Tun. Oft hörte ich sie Sätze sagen wie: «Hör jetzt auf, das Bild ist fertig – Hier rechts unten stimmt’s nicht ganz, mich dünkt etwas Rot fehlt – Viel zu viel erzählt, du musst mehr weglassen! – Das ist wirklich gut, ich würde diesen Ansatz wiederholen. Du bringst einen noch klareren Aufbau zustande, wenn du dann dem Feld mehr Raum gibst.» Margrit drängte Carl auch dazu, endlich die Beschränkungen des Abbildlichen zu verlassen. Sie meinte immer wieder: «Verschieb beim nächsten Bild zwei Felder und du hast ein abstraktes Bild», oder: «Du bist ja ganz nahe dran. Das Weglassen des Figürlichen wäre kein Schritt gegen deine Natur.»
Sie hätte ihren Carl gerne ganz in der progressiveren Gruppe der abstrakten Maler gesehen. Beide schätzten die abstrakte Kunst und ihre Künstler hoch ein. Carls Antwort auf das Drängen seiner Frau war fast immer dieselbe: Weisst Du, Gret, ich kann’s einfach nicht. Ich kann und will nicht lügen. Ich muss malen, wie’s für mich richtig ist, nicht so, dass es gerade in die aktuelle Strömung passt. Margrit meinte dazu: «Du hast recht, es muss reif sein und von Innen kommen.»
Es gab nichts, das nicht Stil bekam, wenn Margrit sich seiner annahm, sei es der Garten, sei es das, was am Webstuhl entstand, oder ihre Metallarbeiten. Selbst das von ihr zubereitete Essen war etwas Besonderes. Sie prägte das ganze Haus mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Geschmack. Selbst im Atelier war sie präsent. Die Stoffe waren ihr Ressort und für Carl sehr wichtig. Anscheinend achtlos hängende, verwaschen blaue Tücher, der Neubezug eines Fauteuils mit altem, leicht verblichenem Stoff, ein greller Farbtupfer als Kissen, die naturbelassene Leinenvorhänge – all das gehörte zu Carl und war doch ausschliesslich Margrits Werk. Leider fehlte es ihr an Selbstbewusstsein, um ihre Begabungen wirklich ausleben zu können. Zweifel begleitete ihr Tun und liessen sie zu oft auf halbem Weg stoppen.
Urs Roesch (*1925), der Neffe von Carl und Margrit Roesch, ist Erbe des Nachlasses des Künstlers.