Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03362.jsonl.gz/2321

Russland ist das vielleicht faszinierendste Land der Erde. Flächenmässig grösser als jede andere Nation – es erstreckt sich von Europa bis östlich von China: 46 Oblaste (Gebiete), 22 Republiken, neun Zeitzonen und noch mehr Ethnien. Ein Land, so vielseitig und unergründlich wie ein ganzer Kontinent. Politisch stellt Russland die Ansprüche einer Weltmacht, und sportlich stürmte man in der gleichen Pace vorwärts.
Vor allem der Eishockeysport war immer mehr als ein blosses Spiel. Er war Identifikationsfaktor, Propaganda – und der ultimative Beweis, dass der Kommunismus dem westlichen System deutlich überlegen ist. Dass sich Wladimir Putin regelmässig mit Stock und Schlittschuhen zeigt und sich auf einer temporären Eisbahn auf dem Roten Platz für seine Tore feiern lässt, ist kein Zufall.
Auf Glatteis war die Sowjetunion das Mass aller Dinge. Zwischen 1954 und 1992 gewann sie 22-mal die WM und 8-mal das Olympiaturnier. Eine echte Zeitenwende stellten die sagenumwobenen Summit Series von 1972 dar – als sich Kanada (mit den besten NHL-Profis) und die UdSSR in acht epischen Spielen gegenüberstanden. Zwar gewannen die Kanadier die entscheidende achte Partie dank einem Treffer von Paul Henderson in der Schlussminute. Doch sie waren erstaunt – ja schon fast irritiert –, wie stark und selbstbewusst die Sowjets mit Ausnahmekönnern wie Michailow, Petrow oder Charlamow auftraten. Es war der Moment, als sich das sowjetische und europäische Eishockey in Nordamerika grossen Respekt verschaffte – und die Kanadier ihrerseits zur Kenntnis nehmen mussten, dass sie nicht die Alleinherrschaft über das Spiel besitzen. Danach stellte der zwischen 1976 und 1991 ausgetragene Canada Cup einen weiteren Quantensprung in der Entwicklung des Eishockeys dar. Das Turnier war sozusagen ein Gegengeschäft des internationalen Verbands mit der NHL, damit die nordamerikanische Topliga ihre Spieler an der WM teilnehmen liess. 1976 siegte Kanada, 1981 die UdSSR, drei Jahre später wieder Kanada. Den Höhepunkt erreichte das Turnier 1987 – als auf kanadischer Seite Messier, Lemieux, Gretzky stürmten – und bei den Sowjets Makarow, Krutow – und der junge Bykow. Kanada gewann die Best-of-3-Finalserie 2:1 – wobei alle Spiele mit nur einem Tor Differenz entschieden wurden – und zweimal erst in der Verlängerung.
Es sind romantische Erinnerungen an die vielleicht schönsten Momente des Eishockeys. Ob es in absehbarer Zeit wieder Duelle zwischen den sportlichen Erzrivalen geben wird, ist höchst ungewiss. Denn Wladimir Putin hat mit seinem Einmarsch in der Ukraine auch das russische Eishockey schachmatt gesetzt.
Die Kommentare auf weltwoche.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.
Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.
Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.
Unzulässig sind Wortmeldungen, die
Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.