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1965, als ich auf die Welt kam, war ich einer von rund 3,3 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Heute sind es bereits 7,6 Milliarden. Und bald werden es noch mehr sein: Die UNO rechnet für 2030 mit mindestens 8,4 Milliarden. 2100 werden es sogar zwischen 9,6 und 13,2 Milliarden sein, je nachdem, welches Szenario eintrifft.
Der derzeitige jährliche Zuwachs entspricht mit 83 Millionen ungefähr der gesamten Einwohnerschaft Deutschlands. Das Wachstum ist allerdings ungleich verteilt: Während Europa allmählich schrumpft, wächst Afrika stürmisch – von derzeit rund 1,3 Milliarden auf 4,5 Milliarden im Jahr 2100. Auch wenn sich das Wachstum verlangsamt, stellt sich doch die Frage: Wann sind wir zu viele für diese Erde?
Damals lebten jedoch erst maximal 200 Millionen Menschen auf der Erde; weniger als heute allein in Pakistan. Tertullians Furcht vor Überbevölkerung erscheint vor diesem Hintergrund als arge Schwarzmalerei.
Dieser Pessimismus feierte im ausgehenden 18. Jahrhundert Urständ, als Thomas Robert Malthus (1766-1834) seinen wegweisenden «Essay on the Principle of Population» («Das Bevölkerungsgesetz») publizierte. Anders als Tertullian argumentierte der britische Pastor und Ökonom wissenschaftlich: Die Produktion von Nahrungsmitteln könne nicht mit der Bevölkerungszunahme Schritt halten, schrieb Malthus, denn während die Bevölkerung exponentiell wachse, nehme die landwirtschaftliche Produktion nur linear zu. Dieses Missverhältnis nannte er «Bevölkerungsfalle».
Malthus sah hier einen naturgesetzlichen Zyklus am Werk: Die wachsende Bevölkerung verelendet und wird durch Seuchen und Hungersnöte wieder dezimiert – worauf der Zyklus von neuem beginnt. Der Pastor, der deshalb auch gegen die Unterstützung der Armen war, ging allerdings so weit, Hunger und Krankheit als wenn nicht willkommenes, so doch notwendiges Korrektiv zu bezeichnen:
1798, als sein Bestseller erschien, lebten freilich erst rund 800 Millionen Menschen auf der Erde. Nie hätte sich Malthus vorstellen können, dass dereinst über 7 Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern würden.
Der pessimistische, um nicht zu sagen misanthropische Ansatz des britischen Pastors betrachtet den Menschen letztlich als Problem – inwieweit sich dies seinem christlichen Hintergrund verdankt, wäre zu diskutieren. Seine Ideen dürften spätere ökologische Strömungen zumindest in Teilen beeinflusst haben.
Starken Aufwind hatten neomalthusianische Vorstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, als sich die ökologischen Kehrseiten des Wachstums deutlicher zeigten. 1968 veröffentlichte der Biologe Paul Ralph Ehrlich seine alarmistische Polemik «Die Bevölkerungsbombe», in der er feststellte, dass die Tragfähigkeit des Planeten bereits überschritten sei.
Ehrlich sagte ein Massensterben in den folgenden zwei Jahrzehnten voraus und orakelte unter anderem, Hunger und Klimaerwärmung würden die Bevölkerung der USA bis 1999 auf 22,5 Millionen schrumpfen lassen. Um das Wachstum der Bevölkerung in den Entwicklungsländern zu bremsen, befürwortete er eine repressive Geburtenkontrolle mittels Zwangssterilisationen. Als er dies schrieb, bevölkerten knapp 3,6 Milliarden Menschen die Erde – heute sind es mehr als doppelt so viele.
1972 erschien dann der einflussreiche erste Bericht des Club of Rome («Die Grenzen des Wachstums»), in dem die Autoren warnten, das exponentielle Wachstum werde die verfügbaren natürlichen Ressourcen aufbrauchen – und zwar zu guten Teilen bis zur Jahrtausendwende. Namentlich der Treibstoff der modernen Wirtschaft, das Erdöl, sollte demnach nur noch für 20 Jahre sprudeln; danach seien die Quellen erschöpft.
In seiner zweiten Studie, «Menschheit am Scheideweg» (1974), prognostizierte der Club of Rome eine Milliarde Hungertote in Südasien. Zudem machte die Organisation eine Metapher populär, die wenig menschenfreundlich klingt:
Die Fehlprognosen der Vergangenheit sind freilich keine Garantie für die Zukunft. Zwar hat die Menschheit insgesamt bisher jede Ressourcenknappheit gemeistert – sei es durch neue Methoden, sei es durch neue Technik. Doch es gab immer wieder einzelne Gesellschaften, denen ihr verfehlter Umgang mit lebenswichtigen Ressourcen zum Verhängnis wurde. Der amerikanische Geograph Jared Diamond hat dies in seinem Werk «Kollaps» (2005) eindrücklich gezeigt.
Heutige Warner weisen die Schuld überdies nicht mehr wie Ehrlich einseitig dem Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern zu. Der Fokus liegt mittlerweile auf dem Ressourcenverbrauch in den reichen Ländern: Stichwort «ökologischer Fussabdruck». Derzeit verbraucht ein Einwohner der USA so viel Ressourcen wie 13 Afghanen.
Die Umweltorganisation WWF weist in ihrem «Living Planet Report 2016» darauf hin, dass die Menschheit bereits vier planetare Sytemgrenzen überschritten habe. Schon 2012 brauchten die über 7 Milliarden Menschen die Ressourcen von 1,6 Erden auf. Bis 2030 werden es gemäss WWF bereits zwei Erden sein; 2050 sollen es sogar drei sein.
Das Bild ist allerdings nicht so düster, wie man meinen möchte. Die Weltbevölkerung wächst zwar nach wie vor, vor allem in Afrika, doch seit 1971 verlangsamt sich das Wachstum stetig. In Europa und besonders in Japan hat die Bevölkerung bereits zu schrumpfen begonnen. Und auch in Ländern wie Thailand, Algerien oder dem Iran liegen die Geburtenraten nicht mehr wesentlich höher als in Europa.
Der sogenannte demographische Übergang – die Angleichung von Sterbe- und Geburtsrate auf niedrigem Niveau (siehe Box unten) – wird vermutlich auch jene Entwicklungsländer wie Niger oder Afghanistan erfassen, die derzeit noch nahezu ungebremst wachsen. Dies liegt nicht zuletzt an kulturellen Faktoren: Steigt das Bildungsniveau und verbessert sich die gesellschaftliche Stellung der Frau, sinkt die Geburtenrate.
Wie viel Menschen erträgt unser Planet also? Die Antwort lässt sich kaum in eine Zahl fassen. Im Jahr 1679 ging der niederländische Wissenschaftler und Erfinder Antoni van Leeuwenhoek davon aus, dass die Erde maximal 13,4 Milliarden Menschen tragen könne. Die Zahl liegt erstaunlich nahe bei der eingangs erwähnten aktuellen Maximal-Prognose der UNO von 13,2 Milliarden für das Jahr 2100.
Vermutlich könnten aber noch weitere Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Frage dürfte freilich nicht so sehr lauten, ob dies möglich ist – sondern eher, unter welchen Umständen.