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In den frühen 1970er-Jahren tüftelte der französische Bankier Christian Weyer am Problem der Rohstofffinanzierung herum. Weyer leitete die Genfer Niederlassung der Handelsbank Paribas. Als ehemaliger Trader beim Rohstoffhändler Tradax wusste er, was auf dem Spiel stand: Ohne Bankkredite funktionierte der globale Handel nicht.
Aber Banken waren in der Regel konservativ: Bevor sie Kredite vergaben, prüften sie die Bonität des Kreditnehmers – eine bürokratische Angelegenheit. Kurzfristige, kapitalintensive Geschäfte konnte man so nicht abwickeln. Genau solche Geschäftsmöglichkeiten ergaben sich jedoch, als die Öl exportierenden Länder die Ölförderung verstaatlichten, die Preise anhoben und die Fördermenge drosselten. Der «Ölpreisschock» von 1973 löste in den Industrieländern nicht nur eine Rezession aus, sondern führte auch zu neuen Geschäftsmodellen bei der Rohstoffhandelsfinanzierung.
Herren über Kapitalströme
Erst wenn man Handelsfirmen nicht nur als Warenhändler, sondern auch als Finanzierungsprofis ansieht, als Herren über Kapitalströme, versteht man, wieso gerade ein kleines Binnenland wie die Schweiz zu einem grossen Player werden konnte. Während der Warenhandel ein relativ konservatives Gewerbe ist – es werden immer die gleichen Rohstoffe gekauft und an einer anderen Ecke der Welt wieder verkauft –, sind die Geldströme eine höchst dynamische Angelegenheit. Hoher Eigenkapitalbedarf, Devisenprobleme, Währungsabwertungen, Preisschwankungen und staatliche Kapitalverkehrskontrollen sorgten bei den Händlern immer wieder für Kopfzerbrechen und boten gleichzeitig Spielraum für Innovation und das gezielte Ausnutzen von Standortvorteilen.
Bis Anfang der 1970er-Jahre war es Usus, Erdöl mit langfristigen Lieferverträgen zu verkaufen. Nach Ausschaltung des westlichen Erdöloligopols kamen gewiefte Händler auf die Idee, Öl zu handeln wie andere Rohstoffe auch: «on the spot», mit einer Erfüllungsfrist von wenigen Tagen. Ein Meister dieses Geschäfts sollte Marc Rich werden, der damals in Spanien für den amerikanischen Rohstoffgiganten Philipp Brothers arbeitete. Er tat sich mit dem auf Logistik spezialisierten Arbeitskollegen Pincus Green von der Philipp-Brothers-Niederlassung in Zug zusammen. Und der Paribas-Banker Christian Weyer hatte die Lösung für das Finanzierungsproblem.
Für einen Deal mit iranischem Öl brauchte Rich hundert Millionen Dollar. Das war mit einem gängigen Kredit nicht zu finanzieren, wohl aber mit einem Akkreditiv, einem alten Vertragsinstrument, das Weyer für den Rohstoffhandel neu interpretierte. Das Akkreditiv regelt die Erfüllungsrisiken zwischen der Handelsfirma und dem Käufer. Mit Warendokumenten, die die Ware repräsentieren, führt man einen Risikoausgleich herbei: Die Akkreditivbank verpflichtet sich, dem Importeur die Dokumente nur dann weiterzugeben, wenn dieser die Zahlung an die Bank geleistet hat; gleichzeitig verpflichtet sich die Bank, die Zahlung an die Handelsfirma nur gegen Übergabe dieser Papiere auszulösen. Die Akkreditivbank leiht der Handelsfirma das Geld also nicht mehr aufgrund ihrer Bilanz und Kreditwürdigkeit, sondern gegen den Wert der Fracht, in deren Besitz die Bank ist, solange sie über das Warendokument verfügt.
Es waren solche Finanzierungslösungen, die exklusive Deals ermöglichten. Dabei galt damals schon: Beziehungen sind im Welthandel alles – zu den Rohstoffproduzenten, den Käufern und den Financiers, aber auch zu Vermittlern, Zwischenhändlern und lokalen Beamten, zu Wirtschaftsjuristen, Steuerbehörden und Diplomaten.
Unsichtbare Dienstleistungen
Der Aufstieg der Schweiz zur Rohstoffhandelsdrehscheibe begann im 19. Jahrhundert. Kaufleute, die über das nötige Kapital verfügten, reisten nach Indien, Afrika und Südostasien und sondierten Exportmöglichkeiten. Die Schweiz unterstützte sie dabei: nicht mit einer Kolonialarmee, sondern mit Verträgen. Im Februar 1864 schloss sie zum Beispiel – als siebtes Land nach einer Reihe von Grossmächten – einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit dem japanischen Kaiserreich, das von den Amerikanern mit Kanonenbooten zur Öffnung seiner Wirtschaft gezwungen worden war. Für die diplomatische Mission unter der Leitung von Aimé Humbert waren Kosten in der Höhe von 100’000 Franken veranschlagt worden, davon 40’000 Franken allein für Geschenke. Als Sekretär war der junge Zürcher Kaufmann Caspar Brennwald mit dabei, der ein Jahr später in Yokohama mit seinem Compagnon Hermann Siber die Handelsfirma Siber & Brennwald gründen sollte.
Ende des 19. Jahrhunderts hatten bereits mehrere Schwergewichte des globalen Rohstoffhandels in der Schweiz entweder ihren Hauptsitz oder – wie Siber & Brennwald – eine Agentur, darunter die auf Baumwolle spezialisierten Firmen Volkart und Reinhardt in Winterthur, die Seidenhandelsfirma Desco von Schulthess in Zürich, die Basler Handelsgesellschaft und der Getreidehändler André & Cie. in Nyon. Die Waren, die sie handelten, kamen nicht in die Schweiz; über die Schweiz flossen nur die Kapitalströme. Aus Sicht der Schweiz exportierten die Handelsfirmen eine Dienstleistung. Man nennt dieses Geschäft Transithandel.[1]
Lange blieb den Behörden verborgen, dass die Erträge aus dem Transithandel einen namhaften Teil an die Zahlungsbilanz der Schweiz lieferten und damit die notorisch negative Handelsbilanz ausglichen.[2] Der Basler Wirtschaftshistoriker Fritz Mangold, der in den 1930er-Jahren erstmals Zahlen zum Transithandel erhob, hielt angesichts der Umsätze der Branche fest: Sie «überspringen alle Vorstellungen selbst der Eingeweihten.»[3]
Befreiungsschlag in den Fünfzigern
Die Schweizer Rohstoffhändler profitierten von der politischen Stabilität des Landes und konnten gleichzeitig die kolonialen Infrastrukturen der europäischen Mächte nutzen. Zugute kamen ihnen auch das Verschontwerden von zwei Weltkriegen, die Erfindung des gebundenen Zahlungsverkehrs mit devisenschwachen Ländern im Zuge der Wirtschaftskrise der frühen 1930er-Jahre sowie Steuerprivilegien für Holdings. Weil die Schweiz nach 1945 bei den internationalen Organisationen abseitsstand, musste sie sich zudem nicht an Embargos halten.
Im Jahr 1950 setzten sich Schweizer Spitzenbeamte erfolgreich dafür ein, dass bei der Liberalisierung des «unsichtbaren Verkehrs» (Dienstleistungen) innerhalb der Europäischen Zahlungsunion auch Gewinne aus dem Transithandel berücksichtigt wurden. Das war in Zeiten starker Kapitalverkehrskontrollen ein Befreiungsschlag: Kurz darauf wurden Transithandelsgewinne im Umfang von 28 Millionen Franken aus den Commonwealth-Ländern in die Schweiz transferiert. Zur gleichen Zeit begann der Zustrom ausländischer Rohstoffholdings, vor allem in die Genferseeregion.
Lange Zeit hat man sich in der Geschichtsschreibung auf die physische Seite des Handels konzentriert: Man untersuchte die Wertschöpfungsketten der Rohstoffe von der Peripherie bis in die hoch industrialisierten Zentren.
Die Geldströme gerieten dabei aus dem Blickfeld. Auch wenn global tätige Handelsunternehmen grundsätzlich nicht ortsgebunden sind: Gerade für die Geldseite des Handels sind die Staaten, in denen sie ihren Sitz haben, relevant.[4] Das Privatrecht und transnationale Verträge sorgen dafür, dass Geld über Grenzen transferiert und sicher angelegt werden kann, dass es in eine stabile Währung konvertierbar ist und dass weder Schulden noch Erträge allzu hohe Kosten verursachen.
- Haller (2019).
- Der Transithandel fehlt selbst in Halbeisen et al. (2012).
- Mangold (1935): 15.
- Pistor (2021).