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"Gleichheit" ist mit "Gerechtigkeit" und der "Wahrheit" verbunden. Themen, die sich in der Wirtschaft und Zivilgesellschaft aktuell stellen...
„Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ sind Werte aus der Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution. „Gleichheit“ meint die Vergleichbarkeit, beispielsweise bei den Urteilen in Gerichtsfällen, der Rechtsgleichheit, bei der Gleichheit der Löhne von Frauen und Männern oder bei der Gleichheit der Bildungschancen in einer Gesellschaft.
Individuelle Erfahrungen von Ungleichheit können durch Geschichten der „Unausweichlichkeit“ – es gibt keine Alternativen – oder der „Ewigkeit“ – es wird immer so bleiben – wenig Bedeutung erhalten. Vorausgesetzt ist, dass die Daten der Wahrheit entsprechen, was in unserer Zeit der „Fake News“ stark eingeschränkt ist. Wir müssen wissen, wie ungleich die Verteilung des Wohlstandes ist.
Gleichheit wird mit Gerechtigkeit verbunden. Experimente zeigen, dass schon kleine Kinder auf ungerechte Behandlung und Belohnung reagieren. Im späteren Leben kommt die Leistungsorientierung dazu. Diese führt zur Differenzierung bei der Wahrnehmung von Gleichheit und Gerechtigkeit. Die Leistungsträger sollen mehr erhalten, als die anderen.
Die Wirtschaft und die Gleichheit
Der Nobelpreisträger Amartya Sen, 1933, hat sich weltweit mit der Thematik der Armut auseinandergesetzt und damit auch eine Brücke zur Gleichheit geschlagen. Er gilt als Kämpfer für die Unterprivilegierten und hat grundlegende Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie, Gerechtigkeit, Entwicklungspolitik und Identitätstheorie geliefert. Besonders kennzeichnend ist für Sen, dass er mit den harten Methoden der Wissenschaft forscht, aber dabei ein weiches Herz einfliessen lässt. Die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten sind im Zentrum seiner Überlegungen.
Gleichheit bei den Bildungschancen
Im sozialen Umfeld, in welchem Jugendliche aufwachsen, gibt es starke Einflüsse auf die spätere Berufskarriere. Der Drang ans Gymnasium, beeinflusst durch die Eltern, ist sehr stark. Dies bei sehr unterschiedlichen Maturitätsquoten in den Kantonen und Regionen. Diese Schwanken von 10% bis 40%. Studienausrichtungen sind auf Sozialwissenschaften, deutlich weniger auf technische Wissenschaften ausgerichtet.
Veronica Grassi und Patrick Chuard, Universität St. Gallen, 2018 haben zum Thema «Bildungschancen» eine Studie veröffentlicht. Basis sind Daten aus der AHV-Statistik. Folgende, verkürzt dargestellte Erkenntnisse:
- Entscheidend für den sozialen Aufstieg ist der Zugang zur BildungChancengleichheit bezüglich Gymnasienbesuch und Uniabschlüsse ist nicht existent
- Kinder sehr gut verdienender Eltern haben guten Zugang zum Gymnasium und zur Universität
- Bei den Aufstiegschancen nach Geschlecht zeigt sich, dass die Frauen untervertreten sind. Bei den Söhnen sind es 38,3%, bei den Töchtern 12,3%.
- Für Abkömmlinge aus reichen Familien ist die Chance an die Spitze zu kommen viel grösser als bei allen anderen Gruppierungen.
Gleichheit im Arbeitsmarkt
Im Arbeitsmarkt spiegelt sich das Wirtschaftssystem des Kapitalismus. Die oberste Führungsklasse ist noch sehr stark an der Gewinnmaximierung, Kostensenkung und Effizienzsteigerung orientiert. Das Problem unseres gelebten Kapitalismus ist der wirtschaftliche Erfolg. Es ist leicht einsichtig, dass diese Art des Wirtschaftens zu Gewinnern und Verlierern führt. Darin spiegelt sich die Ungleichheit im Arbeitsmarkt bei den Einkommen und Vermögen.
Als Folge der Pandemie fallen viele Jobs im Stillen weg, vornehmlich in kleinen und mittelgrossen Firmen. Es ist noch offen, wie sich die Arbeitslosigkeit und die Konkurse entwickeln. Die Folgen der Pandemie verstärken die Ungleichheiten in der Zivilgesellschaft weiter. Jetzt schon ist klar, dass bei den Jungen die psychischen Erkrankungen von 3% auf 18% angestiegen sind. Der dritt grösste Kostenblock für Behandlungen und Arbeitsausfälle verstärkt sich weiter. Die Schweiz hat nach dem Lock-Down weitgehende Öffnungen umgesetzt. Der Index der Universität Cambridge bestätigt, auf einer Skala von 100 Punkten als „geschlossenes Land“, mit 30 Punkten für die Schweiz die liberale Grundhaltung und den Schutz der Wirtschaft.
Der Gini-Index zeigt die Einkommensverteilung der natürlichen und juristischen Personen auf und gibt Hinweise darauf, wie die Einkommen in der Gesellschaft im Durchschnitt verteilt sind. Eine Eins bedeutet, dass alle Einkommen durch eine Person erzielt werden, eine Null dagegen, dass alle Personen gleiche Einkommen erzielen. Bei den Schweizer Gemeinden liegt dieser Index zwischen 0,35 und 0,55 Punkten.
Quelle: google, gini-indiex, Einkommen Schweiz, interaktive Karte
Nach der Analyse ergeben sich vier Arten von Gemeinden:
- Hohes Durchschnittseinkommen und eine grosse Kluft zwischen den Wenig- und Vielverdienern. Diese Gemeinden befinden sich häufig in Seenähe. Auf der Karte sind sie mit der Farbe violett gekennzeichnet.
- Gemeinden mit tiefen Einkommen, aber einer ungleichen Verteilung – Farbe rot – Diese befinden sich häufig in Tourismusregionen.
- Gemeinden mit tiefen Einkommen, die relativ gleichmässig verteilt sind Farbe grau – Diese befinden sich häufig in ländlich geprägten Gebieten.
- Gemeinden mit hohem Durchschnittseinkommen und einer gleichmässigen Verteilung – Farbe blau – Diese Gemeinden befinden sich im Mittelland, abseits der Zentren.
Vermögensgleichheit
Der Gini-Index liegt aktuell bei rund 0,86 Punkten, was auf eine ungleiche Verteilung der Vermögen hinweist. Soweit die Daten der schweizerischen Steuerverwaltung, mit der Auswertung von 2017 - Tages-Anzeiger vom 31.10.2020 - Alle Schweizer Steuerpflichtigen haben ein Reinvermögen von CHF 1994 Milliarden. Die ärmere Hälfte hält 1,4% des gesamten Vermögens. Der Anteil der 0,3% Reichsten, rund 17 000 Personen, verfügen über 32% der Gesamtvermögen. Sie versteuern pro Steuerzahler mehr als CH 10 Millionen und kommen zusammen auf CHF 646 Milliarden. Die Vermögenssteuern sind in der ganzen Schweiz gesunken. Im Kanton Obwalden ist das Durchschnittsvermögen seit 2003 am stärksten gestiegen. Am ungleichsten verteilt sind die Vermögen in den Kantonen Genf, Basel-Stadt und Nidwalden bei einem Gini-Index von 0,92 oder 0,91Punkten. Am gleichmässigsten ist das Vermögen in Uri verteilt.
Soziale Gleichheit in der Zivilgesellschaft
Die Schweiz hat bei der Gleichstellung von Frau und Mann starken Nachholbedarf. Im internationalen OECD-Ranking ist die Schweiz von Rang 7 auf Rang 11 abgerutscht. Die vebreiteten Doppelbelastungen bei berufstätigen Müttern zahlt sich wegen der „Heiratsstrafe“ nicht aus. Am Ende des Tages bleibt weniger Geld zur Verfügung, als wenn die Frau nicht arbeiten würde. Eine Initiative zur Einführung der Individualbesteuerung ist gestartet. Bei den Hausarbeiten ist die Rollenverteilung immer nochrund 70% Frauenarbeit und30% Männerarbeit. Bei Paaren ohne Kinder ist diese Rollenteilung noch stärker zu Lasten der Frau. Die Frauen haben heute schon fast gleich viele tertiäre Abschlüsse wie die Männer.
Gewerkschaftlich aktive Arbeitnehmende sind nicht genügend gegen Kündigung geschützt. Die Internationale Arbeitsorganisation in Genf hat die Schweiz auf eine schwarze Liste gesetzt. Wo ist eine moderne Familienpolitik? Wo ist die Gleichberechtigung? Warum sind wir hierzulande immer noch in Gotthelfs Zeiten verankert?
Trotz allem, seit 1981 hat sich in der Schweiz doch einiges verbessert. Beim Frauenstreiktag von 1991 sind die Themen immer noch die gleichen, wie aus der Vorzeit. Verbesserungen zeigen sich beim Eherecht und der Mutterschaftsversicherung. Neuerdings gibt es einen Vaterschaftsurlaub von 14 Tagen. Die Partizipation in der Arbeitswelt hat zuzgenommen, ebenso in der Politik. Die Vertretung von Frauen in den Teppichentagen der Wirtschaft und in den Verwaltungsräten sind immer noch bescheiden. Themen wie Indivualbesteuerung, Verbesserung der Kinderbetreuungsangebote die zahlbar sind, flexiblere Arbeitmodelle sind in der Pipline, warten aber auf „bessere Zeiten“. Die soziale Gleichberechtigung ist eine Kulturfrage.
Und wie sieht es bei den Generationen aus? Die Corona-Debatte hat einen schwelenden Konflikt zwischen Jung und Alt ausgelöst. Ist das wirklich so? Die Sotomo-Studie, Generationenbarometer 2020 stellt fest, dass die Digitalisierung, der Klimawandel und die Altersvorsorge die Generationen herausfordert. Jeder neuen Generation soll es besser gehen, als der alten Generation, so die Überzeugung nach den Kriegen. Die Jungen haben heute sicher einen besseren Zugang zu den Konsumgütern und zum Komfort. Der Erfolgsdruck und schlechtere berufliche Aussichten trüben dieses Bild. Bei 42% der jungen Erwachsenen fehlt es an Hoffnung und Zuversicht. 30% der Befragten wünschen sich eine bessere finanzielle Absicherung. Ruhe und Entspannung stehen an zweiter Stelle. Die Verbindung zum Leistungsdruck wird sichtbar. Je jünger die Menschen sind, destoidealistischer sind die Träume. Mehr Respekt und Rücksichtnahme kann die Lebensrealitäten besser zusammenbringen. Es sieht so aus, dass ein guter Wille für das Verständnis zwischen den Generationen vorhanden ist. Wenn der Egoismus und Narzissmus auch noch zurückgebunden werden kann, dann dürfen wir zuversichtlich sein. Die Brücke zum Verständnis ist der Respekt und die Rücksichtnahme.
Eduard Hauser