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Publiziert in 150 Jahre Galerie – Geschichte des Hauses 1864-2014
Bern, Oktober 2014 (gekürzte Fassung)
Heinrich G. Gutekunst (nomen est omen), geboren 1833 in Stuttgart als Sohn eines Kunstmalers, fühlte sich bereits früh zum Kunsthandel hingezogen und suchte schon in jungen Jahren eine internationale Karriere. Als erstes nahm er eine Stellung bei der damals führenden Kunsthandlung Goupil & Co. in Paris an. Erst gerade 24 Jahre alt, übernahm er die Führung der Londoner Niederlassung des Hauses, die er bis zu seiner Heirat mit einer Braut aus Stuttgart und der damit verbundenen Rückkehr in seine Heimatstadt innehatte.
Die Kanzleistrasse 36 wurde erstes Domizil der neu gegründeten «Kunsthandlung H. G. Gutekunst», die sich bald einer zunehmenden Prosperität erfreute. Am 1. Oktober 1864 erschien der erste Lagerkatalog.
Der erste Lagerkatalog enthielt eine reiche Auswahl hoch interessanter Graphikblätter. Dass sich der Erfolg, der sich sicherlich auch auf die engen Kontakte mit Paris und London abstützte, gleich eingestellt haben muss, beweisen die in rascher Folge publizierten weiteren Lager-kataloge. Im Jahre 1865 folgte schon der nächste, und das im Jahre 1867 erschienene Lagerverzeichnis trug bereits die Nummer 9.
In die gleiche Zeit fällt die legendär gewordene Verlegertätigkeit auf dem Gebiet der häufig originalgrossen Reproduktionen von Graphik unter dem Titel «Perlen mittelalterlicher Kunst». Der Gedanke, Vergleichsmaterial zu schaffen in einer an Reproduktionen noch sehr armen Zeit sowie die Kostbarkeiten der Kunstgeschichte zugänglich zu machen und ins breite Volk hinauszutragen, gab den entscheidenden Impetus. Schon die erste Reihe umfasste Blätter von Dürer, Schongauer und dem Meister von Zwolle, in der dritten Reihe folgte der Meister ES. Die Kataloge dieser Zeitspanne sind gezeichnet von einem seltenen Reichtum, die dank einem fein geschulten Interessentenkreis ohne lange Beschriebe auskommen. Die herrlichsten Blätter von Dürer und Rembrandt in frühen Überarbeitungszuständen, Kupferstiche des 15. Jahrhunderts in einem für heutige Verhältnisse unvorstellbaren «embarras de richesse», Zeichnungen von Burgkmair, Dürer, Hirschvogel, Rembrandt, Raffael, van Dyck in schönster Qualität.
In festem Vertrauen auf sein Wissen und angespornt durch die Auktionen in Paris und London wagte H. G. Gutekunst 1868 den grossen Schritt zur Auktion Nr. 1 mit der «Sammlung eines italienischen Kunstfreundes».
Im Vorwort zur Auktion stehen die visionären Sätze: «Ich habe mich entschlossen, einen Versuch in dieser Richtung zu machen und indem ich einem geehrten Publikum diesen ersten Auktions-Catalog einer gewählten Sammlung der Meisterwerke alter und neuer Kunst überreiche, erlaube ich mir, dasselbe zu recht eifriger Betheiligung einzuladen.» Die Sammler honorierten das Wagnis. Der Anfang war getan, der schon 5 Jahre später zu einem ersten Höhepunkt führen sollte: Die Auktion des ersten Teiles der Sammlung des Marchese Jacopo Durazzo, dem ein Jahr später der zweite Teil folgen sollte. Über 7200 Nummern wurden angeboten und fanden in tagelangen Sitzungen ihre neuen Besitzer. Knoedler war aus New York gekommen, Colnaghi aus London, Angiolini aus Mailand, dessen Sammlung 20 Jahre später im gleichen Hause verauktioniert werden sollte, Rapilly aus Paris, Boerner aus Leipzig. Die Reihe ward nicht mehr unterbrochen, Jahr für Jahr vereinigte H. G. Gutekunst, meist im Mai, die Konservatoren der grossen Kupferstichkabinette, die wichtigsten Sammler und die führende Händlerschaft zu seinen Auktionen, immer wieder eine weitere Perle an die Kette seiner erfolgreichen Tätigkeit reihend.
Die guten wirtschaftlichen Erfolge ermöglichten schon 1881 den Erwerb und den Umzug in das grosse Haus Olgastrasse 1B, das bis 1918 das Domizil der Firma blieb und sich noch heute im Besitz von Nachkommen von H. G. Gutekunst befindet.
Von der Auktion der Sammlung von Dr. August Straeter im Jahre 1898 finden sich in den berühmten «Reisebriefen» von
Wilhelm Lichtwark, dem Konservator der Sammlung in Hamburg, folgende Auszüge: «Seit Jahren ist Stuttgart der eigentliche Vorort des Kunsthandels in Deutschland, soweit der Kupferstich in Betracht kommt. Berlin hat ja auch einen tüchtigen Kenner und Händler in L. Meder. Aber selbst zu den grossen Auktionen geht selten einer der Vertreter der grossen Sammlungen. In Leipzig sitzt Börner, der von Zeit zu Zeit gute Auktionen hat. Aber die sind nicht mehr besucht als Berlin. In dem entlegenen Stuttgart, das als Stadt keine grosse Anziehungskraft hat, kommen zu den Auktionen alle grossen Händler und -Konservatoren aus Leipzig, Dresden, Berlin, London, Paris und New York […]. Das Verdienst liegt nicht bei Stuttgart, sondern bei Gutekunst, der mit grosser Sachkenntnis und diplomatischer Geschicklichkeit alle grossen Sammlungen, die auf den Markt kommen, an sich zu ziehen weiss. Die Auktionen unter seinem Vorsitz haben etwas ganz ungewöhnlich Behagliches […]. Bisher sind wir ganz gut gefahren. Namentlich haben wir eine Reihe guter Bildnisse von van Dyck bekommen, die uns fehlten und zu billigen Preisen. Die Aufmerksamkeit war auf Rembrandt und Dürer gerichtet. Auf der Herreise habe ich unverhofft eine sehr grosse Freude gehabt. Als ich in Bebra den langen Aufenthalt benutzte, um einige Schritte auf und ab zu gehen, holte mich mein Freund Lehrs aus Dresden ein, der auch zur Auktion wollte.»
Gutekunsts lauteres Wesen, sein unbestechliches Auge, ein aufs feinste ausgebildetes Gefühl für Qualität und sein gemütvoller Humor sicherten ihm das uneingeschränkte Vertrauen weitester Kreise. Als er sich nach über 50jähriger Tätigkeit auf dem Gebiet des Kunsthandels 1910 zurückzog, um das Feld seinem langjährigen und ebenso gut geschulten Mitarbeiter Wilhelm A. Gaiser zu überlassen, ergriff Wilhelm Lichtwark aus Hamburg beim solennen Auktionsessen im illustren Hotel Marquardt in Stuttgart das Wort: «Freunde und Verehrer, deren Empfindungen und Wünsche ich die Ehre habe Ihnen auszusprechen, haben sich einer wehmütigen Stimmung nicht erwehren können, als sie erfuhren, dass diese Ihre sechsundsechzigste Auktion die letzte sein soll, die Sie selber leiten. Wir fühlen alle, dass damit auch im Leben jedes einzelnen von uns ein Abschnitt schliesst. Seit 1868, wo Sie die erste Auktion in Stuttgart leiteten, haben Sie es verstanden, von Jahr zu Jahr unerhörte Schätze nach Stuttgart zu ziehen. Aus ganz Europa und aus Amerika sind die Sammler, Kunsthändler und Museumsvorstände der Anziehungskraft Ihrer Auktionen gefolgt und haben hier wochenlang in jedem Frühjahr gearbeitet […]. Es waltete eine ganz besondere Stimmung […], der Auktionsraum in dem schönen Königsbau […], die bequeme Nachbarschaft des Hotels Marquardt, in dem wir alle wohnten […], die Vereinigung zu Ihrem gastlichen Tisch zum Auktionsessen […]. Wer Sie näher kennen gelernt hat, weiss, dass mit Ihnen einer der letzten Vertreter eines untergegangenen Typus von deutschen Kunsthändlern sich vom öffentlichen Leben zurückzieht. […] Ein Mann, dessen Bildung und Interessen in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wurzeln, konnte von sich nicht verlangen, dass er die bahnbrechenden Veränderungen im derzeitigen Kunsthandel mitmachen sollte. Dafür hat er aber der neuen Zeit zwei hochbegabte und tüchtige Söhne erzogen [Otto und Richard], die die Bildung und die strengen Grundsätze, die sie im Hause eines solchen Vaters erworben haben, für die alte wie für die lebende Kunst auf dem neuen und üppigeren Boden Londons zur Geltung gebracht und die sich nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Freundschaft von Sammlern und Museumsleitern erworben haben […].»
Noch heute grosse Vorstellungen weckende Sammlungen sind durch die Hände von H. G. Gutekunst, dieses Aristokraten in seinem Fach, und von 1910 bis 1914 von Wilhelm A. Gaiser gegangen: Keller, Durazzo, Hebich, Weigel, Angiolini, Straeter, Habich, Cornill d’Orville, Teile Waldburg-Wolfegg, Novak, Artaria, Grisebach, Perry, Rumpf, Lanna (Graphik und Zeichnungen) und Theobald, um nur die Wichtigsten zu nennen. Ein letzter, grosser Höhepunkt in H. G. Gutekunsts Tätigkeit waren die Auktionen der Sammlungen der Werke auf Papier von Baron Adalbert von Lanna aus Prag, die Druckgraphik im Mai 1909 (328 Nummern Dürer, 241 Nummern Rembrandt, gesamthaft 3075 Nummern), dann die Handzeichnungen im Mai 1910, 608 Blatt. Die Sammlung von Zeichnungen, die
A. von Lanna im Laufe seines Lebens zusammen getragen hatte, war von einer heute kaum zu fassenden Reichhaltigkeit. Die Gruppe der Zeichnungen von Dürer umfasste 15 Blatt. 2 Blätter stachen besonders hervor: die Entwurfszeichnung für den Kupferstich «Adam und Eva» von 1504 (Strauss 1504.17) und die in Weiss gehöhte Tuschzeichnung auf blauem Papier «Ein kniender Mann» von 1506. Der Katalog der Sammlung, rechtzeitig nach den USA verschickt, erregte die Aufmerksamkeit des New Yorker Bankiers J. Pierpont Morgan. Er sicherte sich das Blatt «Adam und Eva» nach einem langen Bietgefecht für den damals extrem hohen Zuschlag von 65 000.– Goldmark. Dieser Preis hatte Signalwirkung, es war einer der höchsten Preise der damaligen Auktionsszene. In keiner der zahlreichen Auktionen seit 1910 lässt sich eine ähnlich importante Zeichnung von Dürer finden. Das Blatt ist bis heute eines der Hauptstücke der J. Pierpont Morgan Library in New York geblieben.
Nur wenige Jahre der Ruhe waren dem ersten Chef des Hauses beschieden, er starb am 4. Januar 1914, 8 Monate vor dem endgültigen Zusammenbruch der beschaulichen Welt, in der zu leben ihm vergönnt war. Wilhelm A. Gaiser hatte die gleich geschickte Hand wie sein Vorgänger. Als er nach den erfolgreichen Auktionen Lanna und Theobald, die den grossartigen Rahmen zum Rücktritt von H. G. Gutekunst aus dem aktiven Geschäftsleben gebildet hatten, die Leitung des Hauses übernahm, gelang ihm im folgenden Jahr, die Sammlung Scholz aus Budapest zur Auktion zu bekommen. Dann folgten Gellatly (von London aus von Richard Gutekunst vermittelt), Baxter, Rumpf, Schröter, Autenrieth und im Mai 1914 der zweite Teil der Sammlung Peltzer. Sehr hart traf ihn der am 1. August 1914 ausbrechende Weltkrieg. Selbstvergessen und tief in Gedanken versunken auf die Strasse laufend wurde er im Jahre 1915 das Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls. Richard Gutekunst, der am 1. August 1914 während Ferien in der Schweiz vom Kriegsausbruch überrascht worden war und als Deutscher nicht nach London zurückkehren konnte, nahm Wohnsitz in Stuttgart und in Frankfurt a. M., wo er seine grosse Erfahrung dem Hause F. A. C. Prestel zur Verfügung stellte. Stuttgart wurde stillgelegt, aber die wichtige Handbibliothek und das grosse geistige Vermächtnis bildeten die Grundlage zur Gründung der Firma Gutekunst & Klipstein kurz nach Ende des Krieges 1919 in Bern.
In Stuttgart, zwei Jahre vor Beginn des Verkaufes der Sammlung Durazzo, 1870, hat er das Licht der Welt erblickt, dort die Schule durchlaufen und zusammen mit seinem Vetter Alfred Stroelin eine harte Lehrzeit in der Papier- und Kunsthandlung Schaller bestanden. 1890 stellte sich das Problem der endgültigen Berufswahl, das im Rahmen der Familie, wo Vater und Onkel (Georg) und auch Bruder Otto bedeutende Kunsthändler waren sowie Cousin Alfred Stroelin sich anschickte, seine bedeutende Laufbahn auf diesem Gebiet zu beginnen, nicht anders als im Entschluss «Graphikhandel» gelöst werden konnte. Bruder Otto hatte in London in Zusammenarbeit mit Deprez einige Erfahrung gesammelt und nahm den jüngeren Bruder gerne als Mitarbeiter nach England mit. Die Firma «Gutekunst and Deprez» hatte 1885 den Nachlass von A. W. Thibaudeau übernommen und sollte später die Bedeutung erlangen, die ihr zusammen mit Gustav Mayer die Übernahme des grossen Londoner Hauses P. & D. Colnaghi erlaubte.
Richard Gutekunst erlebte in London die Einführung in den Handel und knüpfte Beziehungen zu den grossen Sammlern der Zeit, wie Morrison und Seymour Haden. Als im Jahr 1891 die grossartige Sammlung Seymour Haden in London versteigert wurde, durfte Richard Gutekunst für zwei Tage nach Paris, um die wichtigsten Blätter dem grossen Sammler Edmond de Rothschild und dessen Sekretär Silvy vorzulegen. Nach reichen ersten Londoner Jahren folgte 1893 eine vorübergehende Rückkehr nach Stuttgart, vor allem mit dem Ziel der Weiterbildung an wichtigen deutschen Kupferstichkabinetten. Den in London frei werdenden Platz übernahm Alfred Stroelin, der dann 1895 nach Paris übersiedelte. Die Bestände der Kupferstichkabinette von Dresden, Berlin und Stuttgart wurden gewissenhaft durchgearbeitet und die erworbenen tiefgründigen Kenntnisse erstmals bei der Katalogisierung der Sammlung Angiolini angewandt, deren Auktion im Mai 1895 zu einem grossen Erfolg werden sollte. Mit diesem Rüstzeug konnte Richard Gutekunst es im Mai 1895 wagen, erst 25 Jahre alt, in London sein eigenes Geschäft zu eröffnen. Noch heute liegen bei uns im Archiv Wechselrahmen, die die Etikette «Kingstreet 16, St. James S. W.» tragen.
Die folgenden nahezu 20 Jahre sollten aus Richard Gutekunst einen der bekanntesten Graphikhändler seiner Zeit machen, der es sich erlauben konnte, immer wieder von den besten Stücken etwas für sich auf die Seite zu legen und sich nach und nach eine Privatsammlung zuzulegen, deren ausgesuchte Qualität noch heute legendär ist. Aber nicht nur auf dem Gebiet der alten Graphik herrschte reges Leben, die grossen englischen Radierer der Zeit wie Legros, Cameron, McBey, Whistler gehörten zu den Vertrauten des Hauses. Stationen der erfolgreichen Tätigkeit waren die Ernennung zum Mitglied der «Society of Art», der Umzug in die schönen Galerieräume an der «Grafton Street» bei der «Bond Street» und die Publikation von Teilen der Graphiksammlung in der renommierten Kunstzeitschrift «Studio» im Jahre 1912.
Die Katastrophe von Anfang August 1914 überraschte Richard Gutekunst mit Frau und zwei Kindern während der Ferien in der Schweiz. Vom Rückweg abgeschnitten blieb nur die Übersiedlung nach Stuttgart und die spätere Arbeit bei F. A. C. Prestel in Frankfurt a. M. In London lagen, wie die Zukunft beweisen sollte, verloren für alle Zeit, Galerie und Privatsammlung, beides von England mit Sequester belegt.
In einem Londoner Vorstadtkeller liess die englische Regierung von einem kleinen Auktionshaus unter dem Titel «By order of the Public Trustee – Trading with the Enemy – R. Gutekunst» anfangs Dezember 1920 alles versteigern (u. a. 71 hochkarätige Radierungen und Kaltnadelarbeiten von Rembrandt), eine Auktion, der Frits Lugt in seinem 1. Band der «Marques de Collections» ein Denkmal gesetzt hat.
Die Kriegsjahre in Deutschland aber legten mit der vorübergehenden Tätigkeit von Richard Gutekunst bei F. A. C. Prestel den Grundstein zum neuen Abschnitt des Hauses in Bern. Aus der Zusammenarbeit mit Dr. August Klipstein bei der Katalogisierung der Goldschmidt Auktionen von 1917 bei Prestel entwickelte sich eine tiefe Freundschaft und der Wille zur Zusammenarbeit. Man hatte das Vertrauen sowohl zu England wie zu Deutschland verloren und setzte auf die Schweiz. 1919 wurde in Bern die Firma «Gutekunst und Klipstein» gegründet und ins Handelsregister eingetragen. August Klipstein, 1885 geboren, hatte zuerst in München, dann in Bern bei Worringer und Weese studiert und 1914 promoviert. In die Münchner Zeit fällt die berühmte Reise in den näheren Orient und nach Griechenland zusammen mit Charles-Édouard Jeanneret, dem späteren «Le Corbusier». Nach der Heirat mit der Bernerin Frieda Jaeggi nahm er in Frankfurt a. M. die Stellung als Mitarbeiter bei Prestel an. Gerne nahm er die Gelegenheit wahr, wieder nach Bern zurückzukehren, um mit Richard Gutekunst zusammen die schönen Zeiten der Häuser in Stuttgart und in London wieder aufleben zu lassen.
In der beschaulichen Altstadt, in der Nähe des Zeitglockenturms, an der Hotelgasse 8, nahm die Firma ihren ersten Berner Sitz. Im Januar 1920 gingen die Eröffnungsanzeigen in alle Welt und noch im gleichen Jahr erschienen erste Lagerkataloge. Das Haus konnte sich rasch einer zunehmenden Prosperität erfreuen, es liess sich wieder an die alten Beziehungen mit Stuttgart und London anknüpfen, und Bern wurde bald darauf ein wichtiger Umschlagplatz für alte und bald darauf auch für neue Graphik. Nach dem Verschwinden des Auktionshauses H. G. Gutekunst in Stuttgart übernahm C. G. Boerner in Leipzig die führende Stellung als Auktionshaus von Graphik auf dem Kontinent, während in Bern zu jener Zeit die Plattform für Auktionen noch zu schmal war und Richard Gutekunst den ruhigen freien Handel dem Auktionsbetrieb vorzog. Die Lagerkataloge der zwanziger Jahre boten eine Fülle von Kostbarkeiten an, vor allem auf dem Gebiet der alten Graphik. Aber auch die neue Graphik wurde mehr und mehr berücksichtigt. Richard Gutekunst hatte in London sich noch primär auf englische Künstler konzentriert, unter Einfluss von August Klipstein wurden nun auch deutsche, französische und Schweizer berücksichtigt. Schon 1921 wurde ein erstes Mal Hodler gezeigt, ein Jahr später folgte Welti und dann kam ab 1924 die Ausweitung auf Bonnard, Degas, Matisse, Munch, Picasso, Pissarro, Renoir, Toulouse-Lautrec, Utrillo, Vuillard u.a.m.
Die gute Konjunktur der Jahre von 1924 bis 1928 sicherte einen raschen Absatz und eine leichte Verkäuflichkeit von Lagerbeständen. Gerade noch im richtigen Moment entschloss sich Richard Gutekunst 1928, mit dem Eintritt ins 60. Altersjahr, aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzuziehen. Mit diesem Rücktritt ist Richard Gutekunst vieles erspart geblieben. 1929 kam die grosse wirtschaftliche Krise, das Lager, zu hohen Preisen eingekauft, lag während langer Monate wie Blei. Es dauerte Jahre, bis sich die Firma erholte. Als Nachfolger von Richard Gutekunst hatte sich August Klipstein mit dem in der Schweiz lebenden amerikanischen Sammler Carl O. Schniewind assoziiert, der zuvor zu den guten Kunden gehört hatte. Leider war die Verbindung nur von kurzer Dauer, Klipstein übernahm das Haus allein, -Schniewind übersiedelte zuerst nach Paris, dann nach New York, wurde «Curator of Prints and Drawings» am Brooklyn Museum, daran schliesst sich die lange Jahre dauernde, äusserst erfolgreiche Tätigkeit in der gleichen Stellung in Chicago an.
Zu Beginn der dreissiger Jahre hatte die Firma an der Amthausgasse 16 neue, grössere Räumlichkeiten übernehmen können, Räume, die die Wiederaufnahme der Auktionstätigkeit im Jahr 1934 erleichterten. Damit war ein grosser Schritt getan. Die Lagerkataloge erschienen nun in längeren Intervallen, dafür gingen im Frühjahr und im Herbst Auktionskataloge in alle Welt. Nach der Sammlung Steinwachs folgte eine Auktion moderner Graphik, dann 1936 eine Auktion alter Graphik. 1938 war ein erster Höhepunkt: Nebst wichtiger alter Graphik wurden grosse Teile der Sammlung Heinrich Stinnes aus Köln präsentiert, ein Bestand, der in Deutschland wegen der nationalsozialistischen Kampagne «entartete Kunst» nicht mehr angeboten werden durfte. Aus aller Welt kamen Sammler und Händler, um dieser Manifestation für die deutsche expressionistische und abstrakte Kunst beizuwohnen. Mutige deutsche Sammler schickten Aufträge. Welcher Reichtum an heute hoch bewerteten Kunstwerken war in diesen 1 300 Nummern vereinigt, aber bedingt durch das damalige Überangebot an expressionistischer Kunst zu gedrückten Preisen. Das teuerste Aquarell von Paul Klee kostete 690.–, von Kandinsky 510.–, von Kirchner 500.– und von Franz Marc erstaunliche 1 650.– Franken. Ein schönes Aquarell von Picasso war für 500.–, ein an Guillaume Apollinaire dedizierter Frühdruck aus der «Saltimbanque»-Gruppe von 1904 war für 900.– Franken zu haben. Tempi passati.
Im Jahr 1932 hatte Ernst Ludwig Kirchner in enger Zusammenarbeit mit Max Huggler die sehr schön gestaltete Ausstellung in der Kunsthalle Bern vorbereitet, die am 5. März 1933 eröffnet wurde. In der Kunsthalle zeigte man Ölbilder, Aquarelle, Skulpturen und Zeichnungen, die Ausstellung von Graphik wurde von August Klipstein übernommen und in den Räumen an der Amthausgasse gezeigt, aber in den gleichen, von Kirchner graphisch gestalteten Katalog integriert. In der Katalogliste erfasst sind 27 farbige und einfarbige Holzschnitte, 21 Radierungen und Kaltnadelarbeiten und lediglich 2 Lithographien. Die Preise bewegten sich zwischen
Fr. 150.– und Fr. 300.–. Die guten Beziehungen zwischen Ernst Ludwig Kirchner und August Klipstein blieben bis zu Kirchners Tod im Juni 1938 bestehen, Arbeiten von Kirchner figurieren in dieser Zeitspanne in zahlreichen Katalogen.
In die Jahre von 1934 bis Kriegsbeginn fallen August Klipsteins intensive Kontakte mit der in Berlin lebenden Käthe Kollwitz, die ab 1937 unter der nationalsozialistischen Kampagne «entartete Kunst» zu leiden hatte. In einem Brief vom 11. Juni 1937 schrieb die Künstlerin an Klipstein, der zuvor eine erfolgreiche Ausstellung von Zeichnungen und Graphikblättern in New York organisiert hatte, dass er zu den wenigen gehöre, die ihre Kunst noch unterstütze. Zitat: «Hier in Deutschland bin ich so gut wie begraben.» Klipstein arbeitete bis zu seinem Tode 1951 an einem neuen Werkverzeichnis der Graphik, das dann postum nach der Endredaktion durch Frida Schuh, Eberhard W. Kornfeld und Hans Bolliger, publiziert werden konnte. Ein letzter persönlicher Besuch Klipsteins bei Käthe Kollwitz ist für Sommer 1939 belegt.
Im schon unangenehm spannungsgeladenen Sommer 1939 erschien der schmale, aber inhaltsreiche Katalog einer französischen Altmeistersammlung. Ein letztes Mal vor dem Kriegsausbruch anfangs September 1939 sitzen am Hufeisentisch Freunde der Graphik aus aller Welt zusammen: McDonald, Zinser, Schab, Collins, Barnard, Holgen, Guiot, Gobin, Cuendet, Stroelin, de Bruijn, Frauendorfer, Weiss etc. und machten die Schätze unter sich aus. Noch liess sich bis November 1941 ein reduzierter Kontakt mit den USA aufrechterhalten, dann rissen auch diese Fäden und die Möglichkeit von geschäftlichen Kontakten blieb auf die Schweiz beschränkt. Helvetica aus dem 18. und 19. Jahrhundert und Schweizer Werke des 19. Jahrhunderts erlangten eine grössere Bedeutung. Die Auktionen rissen aber auch in dieser schweren Zeit nicht ab, wichtig z. B. war die Nachlassauktion von Julius Hess, dem Münchner Händler, der 1938 von August Klipstein aus Deutschland heraus geholt und in Bern installiert worden war.
Das Domizil des Hauses war der fallenden Umsätze wegen an die Thunstrasse 7 verlegt worden, kleinere Räume, die erst verlassen wurden, als sich 1944 die Möglichkeit bot, die Firma in der schönen Villa «Villette» an der Laupenstrasse 49 unterzubringen. Im Parterre wurden zwei grosse Zimmer zusammengelegt und ein hauseigener «Auktionssaal» kreiert.
Nach intensiven Kontakten im Jahre 1944 trat Eberhard W. Kornfeld im Januar 1945 als Volontär für 3 Jahre in die Firma ein. Im neuen Auktionssaal fand 1946 die erste wieder international besetzte Altmeisterauktion statt, die Versteigerung der Sammlung Robinow, eines Hamburger Sammlers, der 1938 seine Bestände zu Klipstein in die Schweiz gerettet hatte und nun von England aus die Bewilligung zum Verkauf gab. Die «Überwinterungszeit» war vorbei, eine neue bedeutende Auktionsreihe konnte beginnen. Neben wichtigen Auktionen von moderner Graphik kam 1947 die Altmeistersammlung von Bertrand Weber aus Menzigen AG zum Angebot, 1948 Reste der Sammlungen Yorck von Wartenburg und König Friedrich August von Sachsen, 1950 Bestände von Ritter von Gutmann aus Wien, die er 1938 hatte retten können, während 1938 seine grossartige Rembrandt Sammlung erst von den Nationalsozialisten in Wien und dann 1945 auf Schloss Pillnitz bei Dresden von den Russen beschlagnahmt und bis anhin nicht restituiert wurde
Im Frühling 1948 war die 3jährige Volontariatszeit von Eberhard W. Kornfeld zu Ende gegangen. Jeweils im Sommer hatte er die Möglichkeit gehabt, an grossen Graphiksammlungen mehrere Wochen zu arbeiten. Nach Basel kam Paris, dann das British Museum in London und das Rijksprentenkabinet in Amsterdam, später auch die Albertina in Wien dran. Mit diesem Rüstzeug ausgestattet wurde er 1948 als Minipartner in die Galerie aufgenommen.
In den Juni 1949 fällt die Auktion der Sammlung von alten Handzeichnungen, primär holländische und flämische, des 1938 verstorbenen Maurice Delacre, die 1948 aus Belgien zu uns gekommen war. Ein grosser Kreis von Handzeichnungssammlern hatte sich eingefunden und lieferte sich manch hartes Bietgefecht. Das Manuskript des Kataloges stammte von Eberhard W. Kornfeld, sein erstes «Gesellenstück», für das er allein verantwortlich zeigte.
Der plötzliche Tod von August Klipstein, der an einem Frühjahrsmorgen im Jahr 1951 mitten in seiner Arbeit am Schreibtisch zusammenbrach, setzte diesem erfolgreichen Abschnitt ein jähes Ende. «August Klipstein war nicht nur ein vorzüglicher Graphikhändler und nicht nur ein hervorragender Kenner alter und neuer Graphik. Er war ein höchst charaktervoller und origineller Mensch. Wenn August Klipstein eine seiner berühmten Auktionen eröffnete, dann sassen die privaten Graphiksammler, die Museumsleute und die Kunsthändler von weit her wie eine grosse Familie zu Füssen eines väterlich verehrten und auch gefürchteten Freundes.» Das schrieb Georg Schmidt, der Direktor des Museums in Basel, 1951 in einem Nachruf.
Die Firma sah sich in diesem Moment einer gravierenden Situation gegenüber, brachte das Ausscheiden einer solch markanten Persönlichkeit, wie Klipstein es war, Konsequenzen mit sich, die nicht leicht überwunden werden konnten. Aber man entschied sich fürs Weitermachen. Frida Schuh, die langjährige Assistentin Klipsteins, mit einem grossen Erfahrungsschatz, und
Eberhard W. Kornfeld nahmen die Fäden in die Hand. In langen Monaten harter Arbeit übernahm die vierte Generation seit 1864 das Steuer. Erste Erfolge stellten sich schon im Herbst 1951 ein, mit einer qualitätvollen Altmeister Auktion, die u. a. auch die grossartige Rembrandt Sammlung Rouart aus Paris enthielt. 1952 folgte die Sammlung Maurice Loncle, ebenfalls aus Paris, ein qualitativ hochstehender Bestand von französischer Graphik des 19. und 20. Jahrhunderts mit vielen Seltenheiten. 1953 ging, als letzte Bücherauktion, die Bibliothek des Freiherrn von Simolin aus Bayern, über die Bühne. Im Frühjahr 1953 entschloss sich Eberhard W. Kornfeld zur ersten Reise nach den USA, noch mit dem Schiff, der «Île de France», eine Reise von 5 Tagen.
Curt Valentin in New York vermittelte für die Auktion 1953 einen 560 Nummern umfassenden importanten Bestand einer amerikanischen Privatsammlung von jüngerer Kunst.
Parallel zur Auktionstätigkeit erschienen kleine, aber inhaltsreiche Ausstellungs- resp. Lagerkataloge, so 1953 «Les peintres de la Revue blanche», und, Frucht einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kunst Deutschlands in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts, der Katalog «Die Brücke / Der blaue Reiter / Bauhaus». Auch der Beginn einer engagierten Tätigkeit mit dem Verlegen von graphischen Blättern fällt in diese Zeitspanne. Dank guter persönlicher Beziehungen konnten dafür Marini, Chagall, Zao Wou-Ki, Hayter, Clavé, Max Ernst, Singier und später auch Sam Francis und Alberto Giacometti gewonnen werden.
1954 war ein besonders erfolgreiches Jahr mit der Auktion eines höchst bedeutenden Bestandes von Graphik alter Meister, die u. a. die qualitativ hervorragende Rembrandt Sammlung von Valentin und Werner Weisbach enthielt, eine Sammlung, die der Sohn Weisbach 1935 aus Berlin noch in die Schweiz hatte retten können. Der höchste Zuschlag dieser Auktion wurde mit Fr. 34 000.– für einen selten qualitätvollen Druck des Portraits von Jan Six von Rembrandt erreicht. 2014 figurierte das gleiche Blatt wiederum in der Altmeister Auktion. Nun lag der Zuschlagspreis bei Fr. 480 000.–. Mit dieser aussergewöhnlich erfolgreichen Auktion, u. a. mit den brillanten Drucken von Rembrandt, hatte die seit 1951 die Geschicke des Hauses führende neue Generation bewiesen, das Haus im Sinne der drei vorangegangenen führen zu können.
Über lange Jahre hinweg vollzogen sich mehrere Änderungen der Firmenbezeichnung, bedingt durch Kapital- und Haftungsverschiebungen. Die Familie Klipstein konnte in Etappen ausbezahlt werden. Von «August Klipsteins Erben» im Frühjahr 1951 später zu «Klipstein und Kornfeld» und zu «Kornfeld und Klipstein», letztlich, nach dem Ausscheiden des letzten Namensträgers Klipstein zur «Galerie Kornfeld & Co.», mit Eberhard W. Kornfeld als Komplementär, Hans Bolliger (bis 1970), Christine E. Stauffer (seit 1967), Marlies Kornfeld (1965–1993), Jürg Kunz (seit 1975) und Yvonne E. Kaehr (1980–2011), als Kommanditäre.
In die Zeitspanne von 2004 bis 2011 fällt auch die wichtige und verdienstvolle Mitarbeit von Wolf von Weiler, zuerst als Kommanditär, dann auch als Komplementär. Auf eigenen Wunsch hat er das Haus im Herbst 2011 leider verlassen. Erst im Jahre 2012 kommt die Umwandlung in zwei Aktiengesellschaften, die «Galerie Kornfeld Auktionen AG» und die «Galerie Kornfeld Verlag AG».
In die Jahre 1957, 1958, 1968, 1969, 1976 und 1977 fallen die 6 Spezialauktionen «Dokumentationsbibliothek zur Kunst des
20. Jahrhunderts», alle vom seit 1955 im Hause tätigen, vom Kunsthaus Zürich kommenden Hans Bolliger verfasst, eine Pionierarbeit auf diesem Gebiet.
Auf dem Gebiet der Altmeister Graphik folgte schon 1955 der nächste Höhepunkt, die Auktion der Sammlung Atherton Curtis aus Paris. Mit Fr. 83 000.– im Zuschlag für den seltenen II. Zustand von Rembrandts Stichel- und Kaltnadelarbeit «Die drei Kreuze» wurde ein zuvor nicht möglich gehaltener Ansatz erreicht. Die Beschreibungen der Hauptblätter der Sammlungen Weisbach und Curtis waren gegenüber früheren Katalogtexten in einem neuen Stil gehalten: Rückblicke auf früher erzielte Preise, Darlegungen eigener Forschungsergebnisse, genaue Pedigree Angaben fügten sich zu Katalogisierungen zusammen, die die Kataloge zu gesuchten Nachschlagewerken werden liessen.
Der Kreis der Sammler, die sich durch uns beraten liessen, wurde von Jahr zu Jahr grösser. Auch Zuschläge über die damals selten durchbrochene 100 000.– Franken Grenze mehrten sich. 1958 erreichte ein sehr seltenes Blatt von Hercules Seghers Fr. 128 000.– (Schätzung Fr. 20 000.–), 1959 das schöne Ölbild von Emil Nolde «Christus und die Sünderin» aus der Sammlung Hans Fehr Fr. 122 000.–, 1960 das Ölbild von Paul Klee «Villen für Marionetten» aus der Basler Sammlung Richard Doetsch-Benziger Fr. 96 000.–.
Aus verschiedenen Quellen kauften wir in den Jahren 1955 bis 1957 ca. 140 Zeichnungen von Gustav Klimt. Daraus wurden 50 Blatt ausgewählt und in einer Ausstellung mit Katalog präsentiert, die im November und Dezember 1957 gezeigt wurde. Hier bewegten sich die Preise zwischen CHF 200.– und CHF 800.–.
Eine Pioniertat war die Ausstellung «Künstlergruppe Brücke – Jahresmappen 1906–1912» im Oktober 1958, ergänzt durch ein komplettes illustriertes Verzeichnis der Mitgliedskarten, Jahresberichte, Kataloge und Plakate dieser bahnbrechenden Bewegung. Erstmals wurden die Jahresgaben, die Publikationen und Drucksachen dieser für die Entwicklung der Kunst so wichtigen Künstlergruppe in einem Katalog zusammengefasst. Hier zeichneten Hans Bolliger und E. W. Kornfeld als Autoren. Der Katalog war dem damals noch lebenden Aktivmitglied der Bewegung, Cuno Amiet, gewidmet.
Gekennzeichnet waren die fünfziger und frühen sechziger Jahre durch die lebendige Konkurrenz mit dem Stuttgarter Kunstkabinett von R. N. Ketterer, das nach 1949 einen grossen Aufstieg erlebte und bald den deutschen Markt dominierte. Die Konkurrenz brachte aber auch manch positives Resultat, vor allem eine anregende Lebendigkeit des deutschen Marktes. Aus der häufig nicht leichten Auseinandersetzung sind wir mit einer verjüngten Organisation und der Erkenntnis hervorgegangen, dass nur konsequente Vertiefung des Wissens und ein hohes ethisches Niveau Leitfaden für die materielle Tätigkeit auf unserem Gebiet sein darf.
In den Sommer 1959 fällt ein Höhepunkt der ganzen langen Ausstellungstätigkeit der Firma, die Ausstellung von Werken von Alberto Giacometti. Die Freundschaft mit dem Künstler, 1948 begonnen, trug dank der langjährigen Beziehungen gute Früchte. Der Künstler stellte 3 Gipse zur Verfügung, die bei Pastori in Genf als Auflage in Bronze gegossen wurden, und steuerte 27 Zeichnungen und 47 graphische Blätter bei, zudem die grosse Skulptur in Bronze «Portrait Diego auf einer Stele». Für den Katalog stellte er zwei Radierungen zur Verfügung, deren Auflagen in die 50 resp. 100 Exemplare der Vorzugsausgabe des Kataloges integriert wurden, alle signiert und nummeriert. Zur Eröffnung der Ausstellung erschien Alberto Giacometti mit seiner Frau Annette und feierte bis in den Abend hinein im Garten der Galerie. Freude bereitete ihm auch das Wiedersehen mit Berner Künstlern, die vor 1940 in Paris gelebt hatten, vor allem mit Meret Oppenheim, Walter Linck und Otto Tschumi. In das Gästebuch zeichnete Alberto Giacometti ein schönes Abbild unseres Hauses «La Villette».
Drei weitere bedeutende Ausstellungen mit reich illustrierten Katalogen fallen in das Jahr 1960. Im Frühjahr eine Übersicht über die pionierhafte Verlegertätigkeit von «Tériade», dem seit den dreissiger Jahren in Paris lebenden Griechen, der Bonnard, Chagall, Giacometti, Gris, Gromaire, Laurens, Le Corbusier, Léger, Matisse, Picasso und Rouault zu illustrierten Büchern anregen konnte und die Zeitschrift «Verve» verlegte. Für eine frühe Sommerausstellung konnte Marc Chagall gewonnen werden. Er steuerte einige Aquarelle und einen schönen Graphikbestand bei und nahm mit seiner Frau Vava an der Eröffnung teil. Im Herbst, ebenfalls aus Paris stammend, wurden grosse Teile der Sammlung von Maurice und Maud Exsteens gezeigt, Bestände, die auf den Vater von Maud Exsteens zurückgingen, den grossen Graphik Verleger Gustave Pellet, der u. a. auch die Folge «Elles» von
Henri de Toulouse-Lautrec noch vor der Jahrhundertwende herausgegeben hatte. Das Kernstück waren 19 zum Teil importante Bilder und Zeichnungen von Edgar Degas und 7 von Toulouse-Lautrec.
Die 100. Auktion im Juni 1961 gab Anlass für eine Auktionsreihe von besonders umfangreichem und festlichem Rahmen. Der Andrang schon im Vorfeld der Auktion sprengte das Fassungsvermögen des eigenen Auktionssaales. Kurzfristig musste ein Zelt im Garten aufgebaut werden. Die 100 ausgewählten Werke des 19. und 20. Jahrhunderts stiessen auf ein breites Interesse: Das grosse Merz-Bild von Kurt Schwitters «Ausgerenkte Kräfte», 108:86 cm gross, kaufte Prof. Dr. Max Huggler (Schätzung Fr. 90 000.–) aus eigenem Antrieb für das Kunstmuseum Bern. Die Museumskommission rügte so viel Eigenmächtigkeit und verweigerte den Ankauf. Huggler übernahm das kapitale Werk für seine Privatsammlung und schenkte es später dem Museum. Ebenfalls Furore machte die qualitätvolle Rembrandt Sammlung von Alfred Stroelin aus Paris und Lausanne. Hier ergab sich mit Fr. 132 000.– bei «Christus dem Volke vorgestellt» im V. Zustand einer der bis anhin höchsten Zuschlagspreise.
Seit 1960 hatte das Bestreben einer allzu grossen Belastung durch Auktionen auszuweichen zum Verzicht auf Herbstauktionen geführt. Dadurch konnten die Reiseprogramme erweitert und die Kontakte zu Sammlern weiter internationalisiert werden. Auch die verlegerische Tätigkeit hat von dieser Konzentration auf Juni Auktionen profitiert. Die Werkverzeichnisse der Graphik von
Paul Klee, Paul Signac, Marc Chagall, Pablo Picasso, Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Giovanni Giacometti, später Ernst Ludwig Kirchner u. a. konnten im Hause erarbeitet oder publiziert werden.
In das Jubiläumsjahr 1964 fiel mit der Sammlung Oskar Stern die erste Spezialauktion von Graphik von Pablo Picasso, der 1969 die Sammlung Göran Bergengren und 1973 die Sammlung Georges Bloch folgen sollten. Ab 1965 stieg das Interesse für die Auktionen und parallel dazu die höheren Zuschläge kontinuierlich. Neben Picasso standen bei der Graphik immer wieder Goya, Munch, Toulouse-Lautrec und die deutschen Expressionisten, vor allem Ernst Ludwig Kirchner, im Vordergrund. 1965 wurde ein Ölbild von 1907 von Georges Braque für Fr. 161 000.–, 1968 ein Bild von Paul Klee für Fr. 133 000.–, 1969 eine Aasgaard Landschaft von
Edvard Munch für Fr. 265 000.– und ein Oslo-Fjord für Fr. 420 000.– zugeschlagen. Der höchste Zuschlagspreis dieser Zeit fällt in das Jahr 1970 für das grosse Ölbild von Ernst -Ludwig Kirchner «Sich kämmender Akt» von 1913 mit Fr. 340 000.–. 1971 trat erstmals Alberto Giacometti mit einem grossen Preis in Erscheinung, das Ölbild «Caroline» kostete Fr. 274 000.–.
Die von Jahr zu Jahr steigende Besucherzahl zwang uns im Frühjahr 1972, als Ersatz für den 100 Plätze bietenden Auktionssaal im Haus, im Garten einen Pavillon aus Stahl und Glas von Fritz Haller bauen zu lassen, der eine Kapazität für 300 Personen enthält.
Fritz Haller ist besser bekannt für das Stahlrohr-Möbelsystem USM Haller, das er in Zusammenarbeit mit Paul Schärer jun. entwarf.
Beim Umzug in die 1980 erworbene Villa Thurmau an der Laupenstrasse 41 konnte dieser Bau transferiert und ans Haus angeschlossen werden. Er leistet noch heute gute Dienste, auch wenn die Kapazität manchmal nicht mehr ausreicht und eine Live-Übertragung in andere Räume nötig macht. Die Villa Villette und die Villa Thurmau sind genau baugleich und somit konnte die bedeutende Bibliothek nahtlos ab- und wieder eingebaut werden.
In den November 1972 fällt das grosse Ereignis von Teilen der Sammlung von Arthur Stoll aus Basel, eine Sonderauktion im Herbst. Es war die erste Auktion mit nur Gemälden und Zeichnungen, der gleich ein durchschlagender Erfolg beschieden war, mit einem Spitzenzuschlag von Fr. 1 480 000.– für das Bild von Paul Cézanne «L’arbre tordu» von 1882–1885 an Heinz Berggruen aus Paris, der erste Zuschlag über die Millionengrenze mit einer international grossen Pressereaktion. Wichtigstes Ereignis dieser Auktion aber war die eklatante Neubewertung der Schweizer Kunst, vor allem für die Gruppe von 26 Ölbildern und Zeichnungen von
Ferdinand Hodler. Doppelte und dreifache Zuschläge gegenüber den vorsichtigen Schätzungen waren an der Tagesordnung.
Diese Herbstauktion 1972 leitete über in das Spitzenjahr 1973, das durch zwei Privatsammlungen dominiert war. Die Sammlung Clarence Franklin aus New York beinhaltete nur Graphiken von Henri de Toulouse-Lautrec und Edvard Munch, Teile der Sammlung Georges Bloch nur Werke von Pablo Picasso. Die Reihe hoher und höchster Zuschläge riss nicht ab und brachte uns eine ganze Reihe von «Weltrekorden» auf dem Gebiete der Graphik, die für lange Jahre Bestand haben sollten. Dann kam das wirtschaftlich schwierige Jahr 1974, das auch die Preise der Jahre 1975 und 1976 etwas beeinflusste. Die Altmeister Auktion von 1974 beinhaltete
u. a. eine faszinierende, neu entdeckte Gruppe von lavierten Zeichnungen von Claude Gellée, darunter eine voll signierte und bezeichnete Ansicht aus der Gegend von Subiasco entstanden um 1642 (Zuschlag Fr. 330 000.–). Grosse Aufmerksamkeit wurde im Juni 1975 auch dem Spezialkatalog 50 ausgewählte Werke von Paul Klee entgegen gebracht.
Der Toulouse-Lautrec Bestand von 1973 regte zu einem speziellen Auktionsessen im «Fin de siècle» Saal des Hotels
Victoria-Jungfrau in Interlaken an. Eine Menukarte von Toulouse-Lautrec wurde für alle nachgedruckt, die darauf notierten Speisen serviert und das Berner Ballett lieferte einen French Can Can in den alten Kostümen.
Immer wieder fanden «events» im Hause oder im Garten statt. In legendär guter Erinnerung ist das «Barbara Schiessen» am
4. Dezember 1972 geblieben, in dem Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl (auch seine Söhne) zum Teil faszinierende Kleinkanonen abfeuerten, was für eine Stunde lang zu grösseren und in der Nachbarschaft nicht unbemerkt gebliebenen Lärmemissionen führte. Die angerückte Polizeipatrouille wurde ebenfalls zum abendlichen Mahl aus einer Gulasch Kanone eingeladen.
In all den Jahren war das Haus stark beeinflusst von all den Freundschaften mit zeitgenössischen Künstlern, besonders mit Beginn ab 1955 mit Sam Francis (der für lange Jahre ein Atelier in unserer Kutschenremise an der Laupenstrasse 49 unterhielt),
Alfred Jensen (auch mit Atelier), Jean-Paul Riopelle, Joan Mitchell, Jean Tinguely, Bernhard Luginbühl, Marc Chagall,
Alberto Giacometti, Niki de Saint Phalle, Franz Gertsch und vielen anderen mehr. Dies führte auch zu einer intensiven Tätigkeit mit zahlreichen Einzelausstellungen.
Auf Anregung von Walasse Ting, einem aus China geflüchteten und nun in New York lebenden Künstler, und stark geprägt von unserem gemeinsamen Freund Sam Francis, wurden 1962 die Vorarbeiten für ein grosses, viele Künstler der Pop Art Zeit berücksichtigendes, illustriertes Buch aufgenommen. Unter dem Titel «One Cent Life» wurden Gedichte von Walasse Ting mit Originallithographien von Alfred Jensen, Sam Francis, James Rosenquist, Robert Indiana, Jean-Paul Riopelle, Tom Wesselmann,
Joan Mitchell, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Jim Dine und vielen anderen kombiniert. Eine Pionierleistung, das einzige mit Originalgraphik illustrierte Buch dieser künstlerisch höchst interessanten Zeitspanne. Im Impressum werden Walasse Ting als Autor, Sam Francis als Verleger und Eberhard W. Kornfeld als Herausgeber genannt. Erschienen ist das grossformatige und 3,6 kg schwere Werk 1964.
Im April 1977 feierten wir 112,5 Jahre Galerie, mit einem Katalog von 112,5 Kunstwerken aus der Zeitspanne von 1440 bis 1970, eine Auswahl aus dem Lagerbestand, die letzte Nummer, im Zeichen der «eat art», eine Schokoladenskulptur von Bernhard Luginbühl, die teilweise schon von Mäusen angefressen war und nur noch hälftig zählte.
In der Auktion von Juni 1977 figurierte auch ein schöner Guss der ersten Fassung von einer «Femme de Venise» von
Alberto Giacometti. Das Kunstmuseum Bern sicherte sich das Werk im Zuschlag für Fr. 200 000.–, was eine heftige Pressekampagne auslöste. Aus heutiger Sicht: Gut angelegtes Steuergeld.
Nach dem Tode von Josef Müller aus Solothurn, dessen in den zwanziger und dreissiger -Jahren in Paris entstandene Sammlung legendären Ruf genoss, betraute uns die Erbin mit dem Verkauf von Teilen der Sammlung, alles «Schweizer Kunst». Wichtige Bestände gingen als Schenkung an das Kunstmuseum Solothurn oder blieben im Besitz der Erbin. Am 10. Juni 1978 ging weltweit die erste Auktion mit dem Titel «Schweizer Kunst» über die Bühne. Kern des Bestandes war die Gruppe von 15 Werken von Ferdinand Hodler, darunter 11 Ölbilder. Hier bestätigte sich die schon in den Jahren zuvor sich manifestierende Höherbewertung von Schweizer Kunst, insbesondere für Hodler. Die grosse Fassung eines Holzfällers, geschätzt mit Fr. 125 000.– ging über das Doppelte der Schätzung hinaus und erreichte Fr. 262 000.– im Zuschlag. Erstmals griff Bruno Stefanini für seine «Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte» ernsthaft in das Auktionsgeschehen ein und sorgte für Überraschungen.
Nebst einem breiten Angebot moderner Kunst, mit dem Zuschlag von Fr. 305 000.– für eine schöne Van Gogh Zeichnung, «Der Stadtpark von Arles», war das Jahr 1979 gekennzeichnet vom Spezialkatalog von 120 graphischen Arbeiten von Rembrandt aus der Sammlung Friedrich Lieberg, Kassel/Buenos Aires, und alle einschlägigen Interessenten im Auktionssaal vereinte. Im breitgefächerten Angebot für moderne Kunst im Jahre 1980 sorgten u. a. zwei Aquarelle von Schiele für Aufsehen, erstmals wurden für diesen Künstler hohe Zuschläge erreicht. Bei Schätzungen von je Fr. 60 000.– erfolgen die Zuschläge erst bei Fr. 160 000.– resp. Fr. 84 000.–.
Die 175. Auktion im Jahre 1981 mit einem Spezialkatalog von 175 ausgewählten Nummern fand erstmals an der Laupenstrasse 41, unserem neuen Domizil, statt, im nun an das Haus angebauten modernisierten Auktionssaal. Spitzenpreis waren die Fr. 860 000.– im Zuschlag für Franz Marcs Aquarell «Zwei Pferde auf der Weide». Auch die Jahre 1983, 1984, 1985 und 1986 waren gekennzeichnet durch schöne Angebote von primär moderner, aber auch von alter Kunst. Ein Spezialkatalog von 1984 war der 83 Nummern umfassenden Edvard Munch Sammlung von Ingrid Lindbäck Langaard aus Oslo gewidmet. Das breite Interesse sorgte für eine neue Preisbasis für graphische Werke von Munch. 1985 wurde, ebenfalls als Spezialkatalog präsentiert, eine Sammlung von 225 Werken und Dokumenten von Ernst Ludwig Kirchner angeboten, einem Künstler, dem unser Haus immer ein spezielles Interesse entgegengebracht hat. Ein weiterer Spezialkatalog für Kirchner folgte 1986. 1987 überschritt ein Aquarell von Egon Schiele, «Selbstbildnis im Gefängnis von Neulengbach», erstmals die Millionengrenze. Die Schätzung betrug Fr. 400 000.–, erst bei
Fr. 1 520 000.– konnte das Blatt zugeschlagen werden.
Ein weiteres, weit herum Aufsehen erregendes «event» war im Herbst 1984 die grosse Installation von Jean Tinguely unter dem Titel «Inferno – ein kleiner Anfang». Sie bestand aus Dutzenden von Maschinen und belegte über ein Drittel unseres Glashauses. Der Strombedarf bei Vollbetrieb sprengte die bestehende Leitungskapazität, es musste vorübergehend eine spezielle Starkstromleitung gelegt werden.
Das Jahr 1988 brachte ein besonders breit gefächertes Angebot, mit 5 verschiedenen Katalogen, nebst den Teilen I und II für Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, u. a. auch eine Sammlung von Werken von Ernst Ludwig Kirchner aus Chicago mit den genau gleichen Zuschlagpreisen von je Fr. 860 000.– für die drei Spitzenstücke: Den Holzschnitt «Frauen am Potsdamer Platz» von 1914, der einzigen farbigen Fassung des «Selbstbildnis als Kranker» von 1917–1918 und dem farbigen Holzschnitt «Wintermondnacht» von 1919.
1989 feierten wir die 125 Jahre Galerie seit 1864 mit einem speziellen Auktionskatalog von 125 ausgewählten Werken. Erstmals wurde im Zuschlag die 2 Millionen Grenze überschritten, mit Fr. 2 230 000.– für ein Bild von Juan Gris aus dem Jahr 1916 (Schätzung Fr. 900 000.–). Für Schiele bestätigte sich das breite Kaufinteresse. Ein Selbstbildnis aus dem Jahr 1913, ein tadellos erhaltenes Aquarell, übertraf mit Fr. 1 250 000.– im Zuschlag die Schätzung von Fr. 700 000.– nahezu um das Doppelte.
1990 nahm erstmals eine graphische Arbeit von Pablo Picasso mit Fr. 2 150 000.– für «La Minotauromachie» von 1935 die Zweimillionengrenze. Für die grosse Überraschung sorgte aber eine grosse Collage aus der besten «Dada Zeit» von 1920 von
Rudolf Schlichter, mit Fr. 520 000.– wurde die Schätzung um das Fünffache überboten.
Die wichtigste Ausstellung des Jahres 1991 war die in den Monaten März und April gezeigte, reichhaltige Retrospektive zum Schaffen von Sam Francis unter dem Titel «40 years of friendship». Mit 81 Werken und Illustrationen wurde die Entwicklung des gemalten Œuvres des Künstlers von 1945 bis 1990 aufgezeigt.
Die Auktion 1991 war dominiert durch das Interesse für das schöne Aquarell von Henri de Toulouse-Lautrec aus dem Jahr 1896 (Zuschlag Fr. 1 200 000.–) und wiederum durch ein Aquarell von Schiele, das Bildnis von Gustav Klimt von 1913
(Zuschlag Fr. 800 000.–). Das Jahr 1992 war geprägt durch das Angebot der Sammlung Otto Schäfer aus Schweinfurt in Deutschland, die reichen, mit viel Herzblut zusammengesuchten Sammlungsbestände (mit Ausnahme der Blätter von Schongauer, Dürer und Rembrandt, für die andere Lösungen gesucht wurden). Der schwergewichtige Katalog umfasste 456 Nummern, der höchste Einzelzuschlag für ein Altmeister Blatt lag bei Fr. 400 000.– für den grossen «Liebesgarten» des Meisters ES, entstanden um 1465, übertroffen durch den Zuschlag von Fr. 660 000.– für einen Druck von der unverstählten Platte des «Repas frugal» von 1904 von Picasso.
1972 hatten wir Teile der Sammlung Arthur Stoll zum Verkauf anvertraut bekommen, nun wurden 1992 durch den Verkauf der grossen Villa in Corseaux am Genfersee weitere Bestände frei, die wir im Herbst 1992 übernehmen und ab 1993 über mehrere Auktionen verteilt, anbieten durften. Das prägte auch den Auktionskatalog 1993 durch das Angebot von 17 Werken von Ferdinand Hodler, wodurch das Preisniveau für diesen Künstler erneut stark angehoben wurde. «Die schwarze Lütschine mit Blick auf das Wetterhorn» erreichte mit Fr. 1 250 000.– den höchsten Zuschlagspreis und ist heute eines der Kernstücke der Sammlung von Christoph Blocher. Auch die Auktion «Alte Meister» war sehr gut bestückt, Fr. 200 000.– betrug der Zuschlag für einen schönen Druck von Rembrandts Radierung «Die Landschaft mit den drei Bäumen» von 1643.
1994 das gleiche Bild, wichtige Werke aus der Sammlung Stoll, diesmal durch Anker ergänzt, u. a. das kapitale Bild «Der Schulspaziergang» von 1872, das sich ebenfalls Christoph Blocher für Fr. 800 000.– sicherte. Des Neuen wieder eine importante Gruppe von 8 Ölbildern von Hodler, die teuerste Landschaft «Genfersee und Montblanc-Kette vor Sonnenaufgang» von 1918, ein Spätwerk, wurde mit Fr. 1 060 000.– zugeschlagen. Die hohen Preise für Hodler hatten sich endgültig etabliert.
1995 wurde die letzte Gruppe von 3 Ölbildern von Hodler in die Auktion integriert, darunter das Hauptwerk «Heilige Stunde», die Fassung mit 4 Figuren von 1911. Hier machte sich ein starkes internationales Interesse breit, aber mit einem Zuschlag von
Fr. 2 500 000.– (Schätzung Fr. 1 500 000.–) schwang Bruno Stefanini obenaus. Bestätigt wurde die neue Tendenz für Hochpreise für exemplarische Bilder von Hodler mit den Fr. 1 400 000.– für die Landschaft «Genfersee bei Chexbres aus» von um 1898.
Auch die Kataloge der Jahre 1997, 1998, 1999, 2000, 2001 zeichnen sich durch ein reichhaltiges Angebot aus der Zeit der «Klassischen Moderne» und schöne Almeistergraphik aus. Hervorzuheben für das Jahr 1998 sind die Fr. 3 100 000.– (erstmals wurde die 3 Millionen Grenze überschritten) für Ernst Ludwig Kirchners Bild «Zwei Akte am Strand von Staberhuk auf Fehmarn», dann für 1999 die Fr. 1 700 000.– für das Ölbild von Edvard Munch «Frauen am Strand» oder «Kleiderwäsche am Meer» von 1920 bis 1930 und die Fr. 3 100 000.– für Emil Noldes kapitales Ölbild «Die Sünderin» von 1926.
Die vereinzelt hohen Zuschläge dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Auktion eine Menge von guten Kunstwerken anbietet, die auch für wenig Geld erworben werden können.
In all den Jahren zuvor war eine stark steigende Preistendenz für Werke von Giovanni, aber auch für Augusto Giacometti zu verzeichnen. Das manifestierte sich im Juni 2000 für das Bild von Augusto Giacometti «Stampa IV» von 1943, das bei einer Schätzung von Fr. 300 000.– im Zuschlag Fr. 1 000 000.– erreichte. Ein kleines Juwel war an der Juni Auktion 2001 das nur 33:19 cm messende kubistische Ölbild von Pablo Picasso, im Spätherbst 1911 in Paris gemalt, noch mit der frühen Etikette von vor 1914 der Galerie Kahnweiler an der Rue de Vignon in Paris. Zuschlag für Fr. 1 600 000.–.
Die Kataloge von 2002 und 2003 beinhalten nebst qualitätvollen Blättern von alten Meistern ein sehr reichhaltiges Angebot an deutscher expressionistischer Graphik, aber ein spezielles Interesse galt dem reizvollen Klee Aquarell «Die kleine J. reisefertig» von 1928, das im Zuschlag für Fr. 1 150 000.– an einen Zürcher Privatsammler ging. Auch das grosse Bild von Marc -Chagall «Le Village en fête» von 1978 überschritt (bei einer Schätzung von Fr. 600 000.–) die Millionengrenze mit Fr. 1 650 000.– bei weitem. Ebenfalls erregte Alberto Giacometti die Aufmerksamkeit. Einer der Güsse von 1959 von «Tête de Diego sur socle», eine Skulptur, die wir 1959 im Rahmen unserer Sonderausstellung von Werken von Alberto Giacometti als Verleger in 8 Exemplaren giessen konnten (1959 pro Stück für Fr. 4 000.– verkauft), erreichte Fr. -900 000.–.
Im Juni 2003 feierte Eberhard W. Kornfeld sein 50-jähriges Jubiläum als Auktionator mit einem Dinner in einem Zelt im Garten seines Wohnsitzes «Rothaus» in Bolligen.
2003 sorgte ein Werk von Ernst Ludwig Kirchner für die grosse Überraschung. Um die grosse farbige Kreidezeichnung «Zwei Frauen in einem Varieté in Dresden» von 1907–1908, geschätzt mit Fr. 200 000.–, stritt man sich heftig, Ruhe kehrte erst bei Fr. 880 000.– ein. Grosses Interesse galt wiederum Paul Klee, dessen «Landschaft in Orange», ein Aquarell von 1920, erreichte Fr. 780 000.–, und auch Egon Schiele, dessen Aquarell «Mädchen mit Schirm» von 1916 (Schätzung Fr. 500 000.–) bei Fr. 860 000.– zugeschlagen wurde.
Zum 80. Geburtstag erfüllte sich Eberhard W. Kornfeld einen alten Wunsch. In Form eines sehr reichhaltigen Ausstellungskatalogs erschien im September der Katalog «Die Geschichte der Graphik von 1430 bis 1990 in ausgewählten Werken». Die Publikation zeigte in 175 exemplarischen Nummern Meisterwerke aus mehr als 5 Jahrhunderten. Die detaillierten Beschreibungen der Ausstellungsstücke ermöglichten einen schönen Überblick über die Entwicklung der Graphik von Beginn um 1430 bis in die Gegenwart.
Ein breites und inhaltsreiches Angebot, aufgeteilt in 4 Kataloge, konnte auch im Jahr 2004 präsentiert werden. Im Katalog «Graphik und Handzeichnungen alter Meister» brillierte ein sehr schöner Druck von Dürers Kupferstich «Adam und Eva» von 1504. Bei einer Schätzung von Fr. 200 000.– entwickelte sich ein lebendiges Bietgefecht, der letzte Unterbieter gab erst bei Fr. 490 000.– auf. Im Katalog «Moderne Kunst» stachen 5 Spitzenpreise hervor: Für das grosse Bild von Marc Chagall «Célébration en village» von um 1980 Fr. 720 000.– (Schätzung Fr. 400 000.–), für das Bild von Augusto Giacometti «Garten in Stampa» von 1912 Fr. 1 120 000.– (Schätzung Fr. 600 000.–), für das Ölbild von Emil Nolde «Priesterinnen» von 1912 Fr. 2 100 000.– (Schätzung Fr. 1 Mio.) und für Picassos wichtigstes graphisches Werk auf Kupfer, «Minotauromachie», einer der auf 50 nummerierten Drucke, Fr. 1 250 000.– (Schätzung 600 000.–), bezahlt von einem Privatsammler aus New York.
2005 waren es 3 Kataloge. Nebst den beiden Bänden «Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts» fand eine Spezialauktion statt für die in langen Jahren und mit Engagement und Wissen zusammengetragene Sammlung von Lotar Neumann aus Gingins mit Werken von Käthe Kollwitz, gesamthaft 191 Nummern. Bei der modernen Kunst stachen hervor eine Gruppe von 5 Ölbildern von Max Ernst, darunter die «Windsbraut» von 1918 mit Fr. 880 000.– (Schätzung Fr. 700 000.–), dann von Augusto Giacometti das Ölbild «Friede» von 1915 für Fr. 1 300 000.–, gekauft von einem Privatsammler in Liechtenstein. Schon im Jahr 2002 hatten wir einen der Güsse von Alberto Giacometti «Tête de Diego sur socle» im Angebot. Nun erreichte ein anderes Exemplar bei einer Schätzung von
Fr. 750 000.– den Zuschlag von Fr. 950 000.–. Bei den Graphikblättern ging der mehrfarbige Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner «Portrait des Malers Karl Stirner» von 1919, ein exzellenter Druck, für Fr. 460 000.– in eine Privatsammlung nach New York. Den Spitzenpreis aber lieferte das tadellos erhaltene, grosse Aquarell von Paul Klee «Die Wasserpyramiden» von 1924 mit Fr. 1 450 000.–.
Neben den beiden Katalogen «Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts» Teil I und Teil II dominierte die Juni Auktion 2006 ein Spezialkatalog mit Werken von Marc Chagall aus dem Nachlass des Künstlers, 53 Ölbilder, Gouachen, Zeichnungen und illustrierte Bücher. Hier manifestierte sich ein weltweit grosses Interesse mit entsprechend grosser Kauflust. Der höchste Preis wurde für die Nummer 42 bezahlt, für das Ölbild «Le Songe» von 1984, Fr. 2 450 000.–.
Die Auktion moderne Kunst wurde geprägt vom Interesse an Georges Braques Bild «La Terrasse» von 1948–1949 aus einer Basler Privatsammlung. Die nicht gedruckte Schätzung lag bei 2 Millionen. Schon im Vorfeld der Auktion zeichnete sich ein grosses, international abgestütztes Interesse ab. Der Sieger des intensiven Bietgefechts war Richard Feigen aus New York, der Zuschlag lag bei Fr. 6,1 Millionen, bis heute der höchste Zuschlagspreis in unserer Auktionsgeschichte.
4 Kataloge wurden für die Juni Auktionen 2007 gedruckt, darunter ein Spezialkatalog für Teile aus der Sammlung des früheren Direktors des Kunstmuseums Bern Max Huggler. Bei der Auktion Graphik alter Meister manifestierte sich ein grosses Interesse für den ausgezeichneten Druck von Albrecht Dürers «Sankt Hubertus» von 1501 aus der ehemaligen Sammlung von
Ambroise Firmin-Didot aus Paris. Geschätzt mit Fr. 150 000.– lag der Zuschlag bei Fr. 295 000.–. Im Bereich «Moderne Kunst» überraschte das Ergebnis von Fr. 2 100 000.– für den Gips der Skulptur «Homme et femme» von Alberto Giacometti von 1927, ein Paradestück des Künstlers aus seiner kubistischen Arbeitsphase. Die Schätzung lag bei Fr. 400 000.–. Im zweiten Rang bei dieser Auktion lag das Ölbild von Emil Nolde «Blumengarten mit Figuren» von 1908 mit Fr. 1 100 000.–. Das kapitale Ölbild von Pablo Picasso «Guitare et compotier» von 1924 fand erst im Nachverkauf für 4,4 Millionen einen neuen Besitzer.
Ein reicher Segen auch im Juni 2008, ebenfalls mit 2 Spezialkatalogen. Aus dem Besitz von Lotar Neumann in Gingins stammte die inhaltsreiche Sammlung von genau 100 Werken von Honoré Daumier, aus 2 Privatsammlungen zusammengesetzt der Katalog «Zeichnungen des 17. bis 19. Jahrhunderts», Blätter u. a. von Rembrandt, eine 3 Blätter umfassende Gruppe von
Giambattista Tiepolo, des weiteren Arbeiten von Menzel, Monet, Hodler, Liebermann und Rodin.
Grosses Interesse manifestierte sich am 6. Juni u.a. für ein Aquarell von Vincent van Gogh «Näherin am Fenster» von 1881 (Zuschlag Fr. 1 550 000.–) und im Rahmen einer grösseren Gruppe von Arbeiten von Paul Klee, das Aquarell «Exotische Flusslandschaft» aus der besten Bauhaus-Zeit von 1922 mit Zuschlag Fr. 1 250 000.– (Schätzung Fr. 700 000.–). Ein heftiges Bietgefecht ergab sich auch für das Pastell «Waterloo Bridge» von 1881 von Claude Monet. Geschätzt mit Fr. 300 000.– fiel der Hammer erst bei Fr. 600 000.–.
Wiederum 4 Kataloge für die Juni Auktionen 2009, nebst dem traditionellen Angebot von alter Graphik und moderner Kunst eine Privatsammlung von Werken von Max Ernst mit einer Reihe von Ölbildern, Aquarellen, Collagen, graphischen Blättern und Druckgraphik. Gute Preise, aber das Interesse für Max Ernst hielt sich in Grenzen. Im Katalog «Graphik und Handzeichnungen alter Meister» lag der Spitzenpreis bei Rembrandts «Der Omval» von 1645 mit Fr. 460 000.– (Schätzung 125 000.–). Im Teil I des Kataloges der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts wurden hohe Preise bezahlt für Chagalls Ölbild «Célébration de la déposition de Croix» von 1973 (Zuschlag für Fr. 560 000.–), für Degas’ farbige Monotypie «Femmes nues» von um 1879 (Zuschlag Fr. 280 000.–), Klees Aquarell «Oberbayrische Landschaft» von 1915 (Zuschlag Fr. 600 000.–) und El Lissitzkys Gouache und Collage «Proun 333 H» von 1923–1924 (Zuschlag Fr. 540 000.–).
Im Jahr 2010 wiederum 4 Kataloge mit grossem Inhalt, darunter eine Berner Privatsammlung mit «Helvetica», Schweizer Ansichten und Trachtenbilder von Aberli, Biedermann, Freudenberger, König, Lory Père et Fils, Rieter, Sprünglin, Weibel u. a. Das erfreute manch’ helvetisches Herz. Teil I und II der modernen Kunst waren die 250. Auktion seit 1934. Gleich zu Anfang der Auktion zwei Paukenschläge für Ölbilder von Cuno Amiet. Die beiden Winterbilder aus dem Jahr 1908, zuerst die Nr. 3, dann die Nr. 9 des Kataloges, beide geschätzt mit je Fr. 550 000.–, erreichten im Zuschlag Fr. 1 250 000.– resp. 1 650 000.–. Die Nr. 6, der -«Penséegarten auf der Oschwand» ging für Fr. 660 000.– in den Zürcher Handel.
Nach dem Sensationspreis von Fr. 2 700 000.– für Sam Francis‘ Ölbild «Deep blue and black» von 1955 übertraf das kleine Ölbild von Paul Gauguin «Scène tahitienne» von 1896 alle Erwartungen. Die Schätzung von 2 Millionen wurde schnell erreicht, erst bei
Fr. 5 500 000.– erfolgte der Zuschlag. Das entspricht einem Preis von Fr. 7 160.– pro Quadratzentimeter. Auf grosses Interesse stiess auch das Ölbild von Alberto Giacometti «Portrait de Patricia Matisse» von 1947. Schätzpreis Fr. 1 500 000.–, Zuschlag Fr. 2 150 000.–. Auch die beiden Ölbilder von Claude Monet überschritten die Millionengrenze, «Tempête sur les Côtes de Belle-Île» von 1886 mit Fr. 1 700 000.– und «Chemin dans le brouillard» von 1879 mit Fr. 1 200 000.–.
Ebenfalls 4 Kataloge im Jahre 2011, darunter der Katalog der Sammlung Elesh aus Evanston/IL, USA, 38 graphische Selbstbildnisse von Max Beckmann, eine Rarität mit Schätzpreisen zwischen Fr. 5 000.– und Fr. 150 000.–. In den beiden Katalogen für moderne Kunst ist erwähnenswert eine schöne Gruppe von Zeichnungen von Paul Gauguin aus der ehemaligen Sammlung von Paco Durrio in Paris. Den Spitzenpreis von Fr. 4 Millionen aber erreichte das Ölbild von Ferdinand Hodler «Vue de Montana» von 1915, ein faszinierendes Landschaftsbild. Auch ein farbiger, doppelseitiger Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner war heiss umkämpft. Mit einem Hammerpreis von Fr. 900 000.– wurde die Schätzung um das Dreifache überboten.
Als letzte international bedeutende Ausstellung zeigten wir von Januar bis Anfang März 2013 eine Übersicht über das bisherige Schaffen des grossen Architekten Mario Botta, mit Betonung auf sein zeichnerisches Werk. Nach Eröffnung der Ausstellung entstand vor Ort eine über 4 Meter breite Zeichnung. Ein interessiertes Publikum verfolgte diesen schöpferischen Prozess.
In das Jahr 2001 fielen die 50 Jahre Auktionator, die Eberhard W. Kornfeld feiern durfte, im Juni 2011 waren es 60 Jahre. Ein seltenes Jubiläum, sicherlich «Guiness Buch der Rekorde» verdächtig.