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Monsieur Merde ist wieder da. Das Kanalisationsmonster aus Leos Carax‘ Tokyo! Episode von 2008 ist eine der diversen Figuren, welche Carax‘ Zentralschauspieler Denis Lavant in diesem wunderbar verschrobenen neuen Film spielt – und dies gleich im zweifachen Sinn. Holy Motors ist eine Art Science Fiction Fabel, ein abgrundlustiges, zuweilen trauriges, vor allem aber unglaublich anregendes Spiel mit dem Spiel.
Denis Lavant ist in Holy Motors eine Art Schauspieler. Er wird in einer weissen Stretch-Limousine in Paris herumchauffiert, von einer Fahrerin namens Céline. Sie verwaltet auch seine Termine und legt Dossiers für ihn bereit. In diesen findet er die Angaben zu seiner Figur und zu den Menschen, mit denen diese interagieren soll.
So ist etwa die Rolle, in der wir ihn am Morgen des Tages zum ersten mal sehen die eines Bankers mit Frau und Kindern und grossem Haus. Unterwegs zur Arbeit in der Limousine verwandelt er sich in eine alte Bettlerin und verbringt in der Maske ein Stunde auf dem Pont des arts. Dann steigt er wieder ins Auto und streift sich einen Anzug mit Sensorpunkten über, begibt sich in ein grosses Studio, wo er für ein riesiges Motion-Capture System zuerst Kampfszenen spielt, dann einen grotesken Sexualakt mit einer ähnlich gekleideten Frau. Das Ganze wird im Computer direkt umgesetzt und schliesslich ist der Akt als Animationsequenz mit zwei Drachenähnlichen Wesen zu sehen.
Weitere Stationen sind die Rolle als fürsorglicher Vater, der seine Tochter von einer Party abholt, als sterbender Mann, der einer jungen Frau an seinem Sterbebett Mut zuspricht und als Killer, der in einem Strassencafé einen Banker erschiesst. Und da stutzt man dann doch ein wenig, denn der Banker, den er erschiesst, ist der Mann, als den wir ihn am Morgen zum ersten Mal gesehen haben.
Die nächste Szene ist noch bizarrer. Da begibt er sich als Auftragsmörder in eine grosse Halle, trifft dort auf einen Mann, dem er sein Messer in den Hals rammt und ihn dann rasiert und in die eigenen Kleider einkleidet. Schliesslich sehen die beiden einen Moment lang identisch aus.
Es ist ein grossartiges, vergnügliches, zuweilen grusliges Wechselspiel, das Leos Carax veranstaltet. Und der Film vibriert vor Energie, die Einfälle und Ideen jagen sich. Dazu kommt eine Spielfreude und die Faszination am Handwerk. Allein schon Denis Lavant zuzusehen, wie er sich mit professionellen Maskenteilen im Auto in neue Figuren verwandelt, ist ein Faszinosum. Dazu kommt ein musikalischer Entracte, ein Auftritt von Eva Mendes mit Monsieur Merde und ein weiterer mit der australischen Sängerin Kylie Minogue in der leergeräumten Samaritaine.
Der Blick von deren Dachterrasse auf Paris ist dann eine weitere Erinnerung an die Mythenkraft, die Carax in seinen besten Filmen entwickelt hat. Denn die sind alle präsent. Ein Blick auf den Pont Neuf beschwört die Amants du Pont Neuf von 1991, Juliette Binoche mit Denis Lavant, andere Momente sind direkter, wie der Auftritt von Merde, oder indirekter, wie Friedhofsbesuche.
Dazu kommen Querverweise, richtig Hyperlinks im Film. Da steht zum Beispiel auf den Grabsteinen in Père Lachaise ‚visitez mon site‘ und dazu eine Internetadresse mit dem Namen einer der Rollen, welche der Schauspieler im Verlaufe des Tages spielt.
Holy Motors ist ein Fest der Fantasie, eine Feier des Kinos und der Stadt Paris, des Zirkus und der Schauspielkunst, des Träumens und Alpträumens. Das ist ein Film, der keine Sekunde nachlässt, dauernd überrascht und zugleich vom reinen Handwerk dermassen besessen ist, dass das ansteckt.
Wenn dann am Ende in einer riesigen Einstellhalle mit den vielen Stretchlimousinen, die dem Film den Titel geben und seinen Figuren einen Rückzugsort, noch eine Dimension mehr aufgeht, beginnt das cinephile Herz zu hüpfen. Holy Motors ist ein Kunstwerk.