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aus: Laure Wyss. Ein Schreibleben, Ernst Buchmüller, 1999
Biel, Paris, Berlin, Stockholm, Davos, Zürich und der Atlantik
Die Mutter Anna Bertha Wyss-Uhlmann war Hausfrau. Der Vater Werner Wyss führte ein einträgliches Notariat. Er gehörte zur politischen Opposition in der Uhrmacherstadt, die sozialdemokratisch regiert wurde, und vertrat im Stadtrat die freisinnige Partei. Später politisierte er im Grossen Rat des Kantons Bern. Zuhause sprach man Bieler Dialekt.
Laure Wyss war 13 Jahre alt, als die Familie oberhalb von Biel ins selbstgebaute Einfamilienhaus in Leubringen/ Evilard zog. Eine Zahnradbahn führte den Sonnenhang hinauf und brachte an den Wochenenden die Städter zu den Ausflugslokalen.
Als Tochter aus liberalem, bildungsbürgerlichen Elternhaus war für Laure Wyss mehr möglich als für die meisten Töchter aus ihrer Generation. Sie durfte das Gymnasium in Biel besuchen, das einst der Grossvater geleitet hatte. Nach dem Abitur 1932 setzte sie sich nach Paris ab. Ohne Anstellung, ohne Geld musste sie den Vater bald um Hilfe bitten und schrieb sich für ein.
Laure Wyss heiratete 1937 den Architekten Ernst Zietzschmann, einen Schweizer mit deutschen Wurzeln. Das Paar zog nach Stockholm, wo er Arbeit gefunden hatte. Sie war Hausfrau, isoliert, ohne berufliche Aufgabe. Sie begann nordische Sprachen zu lernen.
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs erhielt sie vom Schweizerischen Evangelischen Verlag den Auftrag, die Andachten des schwedischen Feldpredigers Hans Akerhielm ins Deutsche zu übersetzen. Der Feldprediger war mit Freiwilligen nach Finnland in den Kampf gegen die Rote Armee gezogen. Nach der Besetzung von Norwegen und Dänemark übersetzte Laure Wyss Widerstandsschriften der Bekennenden Kirche. Ihre Mansukripte brachte sie zum Druck unbemerkt in die Schweiz.
1942 liess sich das Paar im Schweiz Kurort Davos nieder. Ernst Zietzschmann arbeitete als Architekt für Sanatorien, Laure Wyss übersetzte kirchliche Schriften und lernte beim Gründer und Herausgeber der «Davoser Revue» das journalistische Handwerk. Das Paar nahm bei sich einen jüdischen Jugendlichen auf, der das südfranzösische Konzentrationslager Gurs überlebt hatte.Laure Wyss war 32 Jahre alt, als sie vor Kriegsende die Scheidung einreichte. Sie liess sich in der Altstadt von Zürich nieder, wo die Wohnungen billig waren, und arbeitete aushilfsweise als Sekretärin. Sie war auf der Suche nach sich selbst, nach einer Bestimmung.
1946 gelang Laure Wyss den Berufseinstieg als Journalistin. Sie wurde Redaktorin beim Schweizerischen Evangelischen Pressedienst. Drei Jahre später gebar sie einen ausserehelichen Sohn. Den Namen des Vaters behielt sie für sich, er war verheiratet und hoffte, eine nationale Karriere als Politiker zu machen.
Die ersten Jahre lebte Laure Wyss mit ihrem Sohn in ärmlichen Verhältnissen. Doch ihr Lohn und die Unterhaltsbeiträge für das Kind reichten, dass sie eine Haushälterin anstellen konnte. Ein Privileg, während schlecht ausgebildete Mütter ihre Kinder häufig in ein Heim geben mussten. Die gesellschaftliche Ablehnung jedoch traf Laure Wyss wie alle Mütter von ausserehelichen Kindern.
Die Beziehung mit dem Vater des gemeinsamen Kindes zerbrach. Eine spätere Liebe verband Laure Wyss mit dem Publizisten und Zürcher Literaturwissenschaftler Karl Schmid, der mit der Schauspielerin Elsie Attenhofer verheiratet war.
Zwei Jahrzehnte lang arbeitete Laure Wyss als Redaktorin und Journalistin für das Frauen-Ressort. Sie weitete den Horizont der Zeitungsbeilagen für Frauen und experimentierte. In der Anfangszeit des Schweizer Fernsehens entwickelte sie die erste Sendung für Frauen und 1970, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, gründete sie das «Tages-Anzeiger Magazin» mit.
Laure Wyss hatte hohe Ansprüche an sich und ihr Schreiben. Als die autonomen Feministinnen der 1968er-Bewegung mit radikalen Forderungen und einer neuen Sprache auftraten, unterzog sie sich einer Selbstbefragung. Sie liess sich anregen, schöpfte aus ihrer Lebenserfahrung, die sie den Jungen voraus hatte, und fand als Schreibende zu ihrer eigenen Stimme.
Laure Wyss machte die Ausgrenzung als Frau, die dem gängigen Lebensentwurf einer sich aufopfernden Ehefrau, Hausfrau und Mutter nicht entsprach, immer wieder zum Thema. Unter Pseudonym schrieb sie 1954 im «Wir Brückenbauer» erstmals über ihre Schwierigkeiten als alleinerziehende berufstätige Mutter. Sie war Rentnerin, als sie 1978 in «Mutters Geburtstag» ihren Alleingang literarisch verarbeitete. Mit diesem Buch, das zu ihrem Hauptwerk wurde, schaffte sie den Durchbruch als Schriftstellerin.
Aus Zürich zog Laure Wyss nicht mehr weg. Sie wohnte bis zum Ende ihres Lebens an der Winkelwiese in der Altstadt. Laure Wyss starb mit 89 Jahren am 21. August 2002.
1953. © Privatbesitz Nikolaus Wyss / ca. 1936/ 37. © Privatbesitz Claudia Roeder / ca. 1960. © Schweizer Fernsehen
SRF 10vor10, 22.08.2002, Laure Wyss, Schriftstellerin und Journalistin.