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Ein Freund von mir hat ein kleines Biotop. Regelmässig besucht ihn dort eine Ente. Meistens schneit oder stürmt es kurze Zeit später. Enten haben prophetisches Blut, denn sie warnen, mahnen oder kündigen einen Wandel an. Sie filtern aus den Erschütterungen und Bewegungen ihrer Lebenswelt das Wesentliche heraus.
Es liegt viele Jahre zurück, da spazierte ich an der Hand meiner Mutter durch den Stadtgarten von Freiburg im Breisgau. An einem Denkmal blieb sie stehen. Es war eine Stockente mit gegen den Himmel gestrecktem Schnabel dargestellt: «Das war die Ente, die unserer Familie das Leben gerettet hat!» Am Denkmalssockel erprobte ich mein erstes Lesevermögen: «Die Kreatur Gottes klagt an und mahnt!»
Da meine Mutter inzwischen gestorben ist, suchte ich in den Archiven der Stadt nach Hinweisen über den Krieg. Neben Berichten zum unterirdischen Gang- und Bunkersystem meines Grossvaters, in dem die Familie in der Zeit der Verfolgung und des Krieges versteckt lebte, gaben Zeitungsausschnitte Informationen über die «Ente des Stadtgartens». Die Ente hat durch ihr lautes Geschnatter vor dem überraschenden Bombenangriff am 27. November 1944 – kurz vor 20 Uhr – viele Anwohner des Stadtgartens gewarnt und ihnen damit das Leben gerettet. Die Ente selbst kam bei der Bombardierung der Lazarettstadt, die gemäss Kriegsrecht eigentlich geschützt war, ums Leben – einem Angriff, der 2 193 Tote forderte und 6 000 Wohnungen total, 3 500 schwer und 12 000 leicht zerstörte.
Haben wir den Mut, wie die «Ente im Stadtgarten von Freiburg im Breisgau» prophetisch zu sein: offen für die Zeichen der Zeit!
Niklas Raggenbass