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Turbulent verliefen die ersten Wochen von Radio Rasa. Dank dem Engagement von vielen Freiwilligen gibt es den einzigen unabhängigen Schaffhauser Radiosender heute noch.
Wenn die Polizei kam, spielten sie ein Liebespaar. Oder sie fanden den Schlüssel für den Kofferraum nicht. Darin verstaut war die kleine Sendeanlage, mit der sie ihren Privatsender betrieben. Vom Schaaren oder vom Reiat aus sendeten sie über jene Frequenzen, die dazumal vom Militär benutzt wurden. Die Polizei war deswegen darauf erpicht, den illegalen Piratensendern die Antennen zu stutzen. Das war in den 70er und 80er Jahren.
Erst Anfang der 90er Jahre wurden diese Frequenzen für private Radiosender frei. In Schaffhausen interessierten sich mehrere Gruppen für die einzige freiwerdende Frequenz. Darunter vier Leute, die den Beginn von Radio Rasa einläuteten, dem unabhängigen Radiosender im Kanton Schaffhausen.
Jaqueline Brauchli, Nik Brauchli, Manuela Bührer und Manfred Müller gründeten den Verein zur Förderung eines freien Radios (FRAS) und organisierten im November 1993 einen einmonatigen Sendungsbetrieb auf Probe. Die Bewilligung für den Probebetrieb erhielten sie, nachdem sie auf der Strasse Unterschriften dafür gesammelt hatten. Die Antenne wurde damals auf dem Schwesternhaus an der SpitalÂstrasse installiert, wo sie noch heute steht. Das Studio befand sich im Jugendhaus an der Webergasse (siehe Bild mit Manuela Bührer).
«Der Enthusiasmus war enorm», schwärmt Jaqueline Brauchli und schwelgt dabei in den Erinnerungen. Schnell bildete sich eine grössere Gruppe von bis zu 20 Leuten, welche die unzähligen Kabel verlegte, die Mikrophone einrichtete, die Plattenspieler anschloss oder Stühle und Tische heranschleppten. Im Studio stapelten sich Technoscheiben und Plattenkisten von Punkbands. Immer mehr Personen wurden Mitglied im Verein und produzierten verschiedene Radiosendungen. Das Programm war dementsprechend vielfältig. Neben einer täglichen Newssendung wurde unter anderem eine Gewerkschafts-, eine Astronomie- und eine Ernährungssendung ausgestrahlt. Ausserdem waren fremdsprachige Sendungen von AusländerInnen Teil des Radioprogramms. Bereits während der einmonatigen Probephase wurde eine spanischsprachige Sendung produziert. Später sollte die Sprachenvielfalt weiter zunehmen. Sendungen auf Albanisch, Portugiesisch oder Griechisch sorgten dafür, dass sprachliche Minderheiten in Schaffhausen mit ihrer eigenen Sendung vertreten waren. Des Weiteren wurden Telefonschaltungen zu Bekannten ins Ausland live am Radio gesendet, darunter nach Neuseeland oder nach Paris.
Der einmonatige Probebetrieb verlangte den Mitgliedern einiges ab, zumal das Engagement auf freiwilliger Basis beruhte. Keiner verdiente am Radiobetrieb etwas, man zahlte durch den Mitgliederbeitrag sogar noch drauf. Diese Beiträge sind noch immer eine wichtige Einnahmequelle des werbefreien, nicht-kommerziellen Radios. Hinzu kam die finanzielle Unterstützung durch Radio Lora Zürich und UNIKOM (Union nicht-kommerzieller Radios der Schweiz). Nur dank ihnen konnte der Betrieb überhaupt aufgenommen werden. Einige Jahre später erhielt Radio Rasa öffentliche Gelder vom Bundesamt für Kommunikation aus dem Topf der Radio- und TV-Gebühren. Ohne diese Beiträge wäre der jetzige Radiobetrieb nicht möglich.
Unter diesen Umständen war klar, dass finanzielle Probleme das neue Radio von Beginn weg begleiten würden. Um zumindest kleine zusätzliche Erträge zu generieren, organisierte der Verein diverse Partys in der alten Kammgarn oder in gemieteten Räumlichkeiten in der Neustadt.
Wenn man die politische Richtung der Vereinsmitglieder beschreiben möchte, ist «links» sicher nicht falsch, allerdings heisst dies nicht, dass sie immer die Meinungen von Parteien wie der SP teilten. Politische Unabhängigkeit war ihnen sehr wichtig. Ein Parteiradio der SP zu sein, stand deshalb nicht zur Debatte.
Mit ihrem musikalischen Programm haben die Mitglieder von FRAS in Schaffhausen wohl den einen oder anderen alteingesessenen Schaffhauser erschreckt. Anstelle der braven, mainstream-orientierten Musik, wie sie auf Radio Munot gespielt wurde, dröhnte aus den Boxen des Studios im Jugendhaus harter Punk, Surfer-Musik und vor allem Techno. Generell gab es dazumal einige Spannungen mit Radio Munot, das bereits 1983 gegründet wurde. Jaqueline Brauchli war in dieser Zeit auch bei Radio Munot als freie Mitarbeiterin engagiert. Die damaligen Verantwortlichen von Radio Munot, allen voran Norbert Neininger, waren über den neuen Radiosender in Schaffhausen alles andere als erfreut. Der neue Verein wurde als subversive Vereinigung angesehen und schon nach kurzer Zeit zeigten sich Meinungsverschiedenheiten zwischen Neininger und Jaqueline Brauchli. Die freie Mitarbeiterin musste sich den Vorwurf anhören, die Infrastruktur von Radio Munot würde für das neue Radio zweckentfremdet, und wurde vor die Wahl gestellt: Entweder Radio Munot oder FRAS. Jaqueline Brauchli entschied sich für FRAS.
Nach der einmonatigen Probephase war fürs erste wieder Schluss mit dem Radiosender. Der Verein machte jedoch weiter. «In dieser Zeit war Radio Rasa vor allem ein Veranstaltungslabel, um in der Öffentlichkeit nicht gänzlich vergessen zu werden und um Geld zu sammeln. Wir organisierten mehrere Anlässe im Jahr, nicht nur in der alten Kammgarn oder in der Neustadt, sondern auch im alten Logierhaus, auf der Pantliwiese und nicht zu vergessen das Rasafari-Festival im Mosergarten. Einige Male auch ‹Sauvages› in leerstehenden Gebäuden, ohne Bewilligung, was Radio Rasa die nötige Reputation bzw. Streetcredibility einbrachte», wie Manuela Bührer schildert.
Häufig trafen sich die Mitglieder in diesen Jahren in Räumlichkeiten in der Neustadt, wo das weitere Vorgehen besprochen wurde. Dabei waren die Diskussionen manchmal auch etwas hitziger. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitgliedern, die sich im Nachhinein als Kleinigkeiten herausstellten, strapazierten die Nerven. Es war ein Kommen und Gehen. Manuela Bührer erklärt, dass «etliche Mitglieder viel dazu beigetragen haben, dass Radio Rasa schliesslich auf Sendung gehen konnte. Es waren aber auch solche dabei, die ausbremsten oder gar schädigten. Mehr als einmal wurde Rasa Opfer von persönlichen Bereicherungen und Diebstählen». Im Januar 1995 wurde der Verein FRAS schliesslich aufgelöst und der neue Verein «Radio Schaffhauser Alternativen» (Rasa) gegründet. 1998 war es dann endlich soweit. Rasa erheilt die Sendekonzession für zehn Jahre. Der Weg für den neuen Radiosender war damit frei.