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Erstmals wird in der Schweiz ein AKW definitiv abgeschaltet. Es ist ein Meilenstein in einer Geschichte, die von Erfolgen wie von Irrungen und schweren Rückschlägen geprägt war.
Für einmal ist der inflationär verwendete Begriff «historisch» vollauf berechtigt: Am Freitag wird das Atomkraftwerk im bernischen Mühleberg nach etwas mehr als 47 Jahren Betrieb heruntergefahren. Damit wird erstmals ein AKW in der Schweiz definitiv vom Netz genommen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die ereignisreiche Geschichte der Atomenergie in der Schweiz zurück:
Der Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 beendete den Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Die neue Technologie und ihr Potenzial erregten auch in der Schweiz die Gemüter. Nur drei Monate später, am 5. November 1945, wurde auf Initiative von Bundesrat Karl Kobelt die Studienkommission für Atomenergie (SKA) gegründet.
Die Leitung übernahm der Kernphysiker und ETH-Professor Paul Scherrer. Zu den Zielen der Kommission gehörte von Anfang an eine Schweizer Atombombe. Publik wurden die Pläne erst Ende der 1950er Jahre, als sich der Kalte Krieg in einer besonders «heissen» Phase befand. Eine Volksinitiative für ein Verbot von Nuklearwaffen wurde 1962 klar abgelehnt.
In internen Planspielen schloss die Armeeführung einen Einsatz von Atomwaffen im eigenen Land explizit nicht aus. Als Träger für die Bombe war der französische Mirage-III-Kampfjet vorgesehen. Die Kostenexplosion bei seiner Beschaffung und die dadurch ausgelöste Mirage-Affäre von 1964 bedeutete einen ersten schweren Rückschlag für den Traum von der Schweizer Atombombe.
Unter der Schirmherrschaft der UNO fand vom 8. bis 20. August 1955 in Genf die Konferenz «Atoms for Peace» statt. Sie basierte auf einem Vorstoss des damaligen US-Präsidenten Dwight Eisenhower zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die viel bestaunte Hauptattraktion war ein von den Amerikanern eingeflogener und betriebener Versuchsreaktor.
Die Schweizer Delegation war beeindruckt vom Niveau der Technologie. Im Geheimen verhandelte sie mit den Amerikanern über den Kauf des Reaktors. Diese waren nicht abgeneigt, denn damit blieb ihnen der Abbau und Rücktransport erspart. 1957 wurde der erste Atomreaktor der Schweiz am heutigen Paul Scherrer Institut (PSI) im aargauischen Würenlingen in Betrieb genommen.
Der so genannte Schwimmbadreaktor erhielt wegen seiner bläulich schimmernden Farbe den Namen Saphir. 1960 folgte am gleichen Ort der Schwerwasserreaktor Diorit, der explizit auch für militärische Zwecke erbaut worden war. 1977 wurde er bereits wieder abgeschaltet. Erst 1994 wurde der «Ur-Reaktor» Saphir stillgelegt und mit Ausnahme des Reaktorgebäudes demontiert.
Der Bund verfolgte nicht nur Pläne für die Bombe, sondern auch für ein Atomkraftwerk Marke Eigenbau. 1962 wurde im waadtländischen Dorf Lucens mit dem Bau einer unterirdischen Versuchsanlage begonnen. Er war von Pannen und finanziellen Problemen begleitet, und die verwendete Schwerwasser-Technologie galt schon Mitte des Jahrzehnts als überholt.
1968 ging Lucens dennoch in Betrieb. Nach einer Revision sollte der Reaktor am 21. Januar 1969 wieder hochgefahren werden. In der Zwischenzeit hatte sich Wasser in einigen Brennelementen angesammelt. Deren Ummantelung korrodierte, die Ablagerungen verstopften die Kanäle für das Kühlgas. Nach wenigen Sekunden kam es zu einer partiellen Kernschmelze und zur Explosion.
Nur dank der unterirdischen Bauweise und einer automatischen Schnellabschaltung konnte ein GAU verhindert werden. Die Anlage in Lucens wurde rückgebaut und teilweise zubetoniert. Ob sie militärischen Zwecken dienen sollte, ist umstritten. Ende 1969 unterzeichnete die Schweiz den Atomwaffensperrvertrag. Endgültig beerdigt wurden die Atombomben-Pläne erst 1988.
Die Schweizer Strombranche distanzierte sich früh von den Plänen für ein eigenes AKW. Sie setzte auf Leichtwasserreaktoren vorab amerikanischer Herkunft. 1969 wurde in Döttingen (AG) das AKW Beznau I in Betrieb genommen. Es ist einer der ältesten aktiven Kernreaktoren der Welt. 1971 folgte Beznau II, 1972 Mühleberg, 1979 Gösgen und 1984 Leibstadt als bislang letztes AKW.
Die 1960er Jahre waren die grosse Zeit der Kernenergie in der Schweiz. Fünf weitere potenzielle Standorte wurden ins Visier genommen. Am Konkretesten wurden die Pläne im bernischen Graben sowie in Kaiseraugst in der Nordwestecke des Aargaus vorangetrieben, doch an beiden Orten leistete die Bevölkerung Widerstand. In den 70ern begann die Stimmung zu kippen.
Besonders heftig protestierten die Bewohner der Agglomeration Basel gegen ein AKW vor ihrer «Haustüre» in Kaiseraugst. Der Name wurde zu einem Kampfbegriff für die aufkommende Umweltbewegung in der Schweiz. Als 1975 die Aushubarbeiten begannen, besetzten Aktivisten ab dem 1. April während elf Wochen das Gelände. Zeitweise waren bis 15'000 Personen vor Ort.
Die Behörden verhängten einen Baustopp. 1979 sprengten AKW-Gegner den Informationspavillon. In den folgenden Jahren kam es zu einem Hin und Her. Die Katastrophe in Tschernobyl 1986 wurde auch für Kaiseraugst zur Zäsur. Eine Gruppe um SVP-Nationalrat Christoph Blocher beerdigte 1988 die AKW-Pläne. Die beteiligten Firmen wurden mit 350 Millionen Franken Steuergeld entschädigt. Gleichzeitig wurde auch die Projektierung des AKW Graben eingestellt.
Unter dem Eindruck von Tschernobyl wurde 1990 eine Volksinitiative angenommen, die ein zehnjähriges Moratorium für den Bau neuer Atomkraftwerke in der Verfassung verankerte. Alle weiter gehenden Initiativen wurden zuvor und danach abgelehnt, wenn auch teilweise knapp. Nach Ablauf des Baustopps wollte die Energiebranche neue AKW an den bisherigen Standorten bauen.
2008 beantragten die Stromkonzerne beim Bund den Bau neuer Anlagen in Beznau, Gösgen und Mühleberg. Im gleichen Jahr stimmten die Stadtzürcher mit grossem Mehr für einen Ausstieg aus der Kernenergie. Zum Wendepunkt wurde erneut eine Reaktorkatastrophe, dieses Mal im März 2011 im japanischen Fukushima. Energieministerin Doris Leuthard legte die Gesuche auf Eis.
Dieses erneute faktische Moratorium und die gesunkenen Strompreise in Europa führten dazu, dass die Gesuche schliesslich zurückgezogen wurden. Im Mai 2017 wurde mit der Annahme der Energiestrategie 2050 der Bau neuer AKW in der Schweiz verboten. Die bestehenden Anlagen sollen jedoch bis zum Ende ihrer Lebensdauer weiterlaufen.
Am 20. Dezember endet die Ära Mühleberg. Die Anlagen in Beznau, Gösgen und Leibstadt bleiben vorerst in Betrieb, zum Leidwesen der AKW-Gegner. Die Befürworter hoffen, dass irgendwann neue, sicherere Reaktoren gebaut werden können. Doch das ist beim heutigen Stand ein ähnliches Hirngespinst wie einst der Traum von der Schweizer Atombombe. Ein seit Jahrzehnten ungelöstes Problem ist auch die Endlagerung des Atommülls.