Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03387.jsonl.gz/1917

mehr
Auf der dürftigen Heide und den ausgedehnten Mooren im N. zwingt ihn die Armut des Landes zum Teil dazu, nach Bestellung seines Ackers mit Spaten und Sense nach Holland auszuwandern und dort durch Hilfe bei der Heuernte, durch Torfstechen, in Ziegeleien u. dgl. sein Brot [* 2] zu erwerben und mit dem Ersparten heimzukehren. In den fruchtbaren Gauen lebt der freie Bauer zum Teil noch nach alter Sachsenart als Patriarch auf seinem Einzelgehöft, das, von einem mit Eichen bestandenen Erdwall umschlossen, diesen Gegenden ihr charakteristisches Gepräge verleiht und Sitte, Gewohnheit und Lebensweise bedingt.
Wenngleich hier eine ziemlich bedeutende Schweinezucht betrieben wird, so überwiegt doch der reine Ackerbau. Im Osten (Bielefeld) [* 3] finden wir den fleißigen Leinweber;
im gebirgigen Süden ist wohl Zersplitterung des Bodens zu Hause, aber auch die regste Fabrikthätigkeit;
hier pochen und hämmern die Eisenwerke, namentlich im Lennegebiet und bei Solingen, [* 4] hier sitzt der Weber emsig hinter seinem Webstuhl; [* 5]
hier artet aber auch bei der stillen Thätigkeit des Webers der Ernst des Westfalen [* 6] zu religiöser Grübelei aus und macht das Wupperthal und südlich das Siegener Land zu einem Hauptsitz des Separatismus in der evangelischen Kirche.
Auch die strenge, ausschließende Richtung des Katholizismus kann in wenig Teilen Deutschlands [* 7] größer sein als im Münsterland und in Paderborn. [* 8] Der Niedersachse, der Hannover, [* 9] Schleswig-Holstein, [* 10] Braunschweig [* 11] bewohnt, hat vieles mit dem verwandten Westfalen gemein. Hier, wo vorzugsweise Ackerbau und Viehzucht [* 12] zu Hause sind, fehlen jene religiösen Verirrungen der Fabrikgegenden. Wohl lebt auch hier in den westlichen Gegenden der Bauer noch vielfach im Wohlstand auf seinem Gehöft, wandert der arme Moorbewohner zur Heuzeit nach Holland; aber im übrigen Hannover überwiegen die Bauerndörfer, die großen adligen Güter und die Domänen, und die erste Hälfte dieses Jahrhunderts hat durch die Aufteilung ausgedehnter Weideflächen und durch die Abrundung der einzelnen Besitzungen (Verdoppelung), die bis dahin als Gemeindegrund nur einen geringen wirtschaftlichen Nutzen abwarfen, den Landwirt in eine wesentlich günstigere Lage versetzt und den Sporn zu frischer Thätigkeit in die Masse des Landvolkes gebracht.
Von Niedersachsen aus wurden einst die Mark, Mecklenburg [* 13] und Pommern [* 14] der slawischen Herrschaft entrissen und das ursprünglich wendische Land germanisiert. So groß wie hier war in Deutschland [* 15] nirgends der Gegensatz des Gutsbesitzers und des Hörigen; erst Friedrich Wilhelm III. hob 1809 die Erbunterthänigkeit in seinen Landen auf, in andern blieb sie bis tief in dieses Jahrhundert hinein. Mecklenburg, Ukermark, Pommern sind die Länder der großen Rittergüter und Domänen und der seltenen Bauerndörfer.
Hier herrscht auch noch ein schroffer Gegensatz zwischen Stadt und Land. Die Masse der Bevölkerung [* 16] in Mecklenburg ist nicht dem Buchstaben des Gesetzes nach, aber faktisch im Zustand der Hörigkeit, auch unter der Hand [* 17] wohlgesinnter Gutsherrschaften ohne Aussicht, sich Selbständigkeit zu erringen. Mecklenburg zeigt daher, wie neuerdings Pommern, wo der große Grundbesitz ähnliche Verhältnisse hervorgerufen, bei fruchtbarem Ackerboden, fetten Weidegründen, dünner Bevölkerung und Mangel an Arbeitskräften fortdauernde Auswanderung.
Das flache Niedersachsen sowie der ganze Norden [* 18] sind mit Ausnahme ihrer Städte arm an industrieller Thätigkeit; nur der Harz ist reicher, und Berlin [* 19] ist der industrielle Mittelpunkt Norddeutschlands geworden. Auch die Provinzen Ost- und Westpreußen [* 20] sind größtenteils durch die Niedersachsen dem Deutschtum zurückgewonnen, nur daß daselbst durch zahlreiche Einwanderungen aus Süddeutschland noch oberdeutsche Dialekte in eigentümlicher Mischung mit dem Niederdeutschen zu finden sind, z. B. im Ermeland.
Im größern Teil Deutschlands herrscht hochdeutsche Sprache. [* 21] Unter den hochdeutschen Stämmen sind der obersächsische, fränkische, alemannisch-schwäbische und bayrisch-österreichische die wichtigsten. Zum obersächsischen Stamm gehören die Thüringer und Harzbewohner, die bis zur Werra und Leine reichen, die Meißener im Königreich Sachsen [* 22] (mit den deutschen Bewohnern des nordwestlichen Böhmen) [* 23] und die Schlesier mit den Bewohnern des Riesengebirges, der Sudeten und Teilen der Provinz Posen. [* 24]
Durch Eroberung anfänglich, später auch friedlich im Lauf der Zeiten ist die obersächsische Sprache Herr geworden über das bis zur Elbe und darüber bis zur Thüringischen Saale einst seßhafte wendisch-sorbische Volk. Hier und da hat sich aber auch in Tracht und Sitte, wie in Altenburg, [* 25] allenthalben aber noch in Fluß-, Orts- und Flurbenennungen Wendisches erhalten. In der Ebene wohnen fleißige Ackerbauer, im Berg- und Gebirgsland hat der Erzreichtum zum Bergbau, [* 26] dann Übervölkerung bei dürftigem Boden zur reichsten Entwickelung gewerblichen Lebens geführt.
Das bergige Osterland (Vogtland), vor allem das Sächsische Erzgebirge, die Oberlausitz, das Land am Riesengebirge in Schlesien [* 27] (wie in Böhmen) sind Hauptstätten gewerblicher Thätigkeit, wo Bergbau und Hüttenwesen, Spinnerei, Weberei, [* 28] Spitzenklöppeln, Sticken und zahlreiche andre Industriezweige im blühenden Betrieb sind. Westlich von Thüringen wohnten, mit den Sachsen verwandt, die Hessen, [* 29] durch strengen Fleiß dem Boden seinen Ertrag abringend, kräftig und zäh, unter allem Druck an dem festhaltend, was sie für Recht erkannten.
Ausgedehnt ist das Gebiet des fränkischen Stammes, aber zerstückelt unter vielerlei Herrschaft. Sein Gebiet reicht vom Fichtelgebirge und Böhmerland bis über den Rhein, von der Grenze Hessens und vom Rennsteig des Thüringer Waldes bis hinab gegen die Donau, bis zum Ries, ins Hohenlohische an der Jagst und am Kocher, am Rhein von Bonn [* 30] bis hinauf zur nördlichen Grenze des Schwarzwaldes. Auch der Franke hat sich im O. slawisches Blut assimiliert, und weit westwärts reichen noch slawische Namen.
Zum fränkischen Stamm gehören die Oberpfälzer, deren Gebiet über den Böhmerwald bis nach Böhmen hineinreicht, die Ostfranken oder Franken schlechthin im Maingebiet und im obersten Gebiet der Werra, die Rheinfranken, zu denen auch die Rheinpfälzer bei Heidelberg [* 31] und in der jenseitigen Rheinpfalz gehören. Sie leben in Dörfern und Städten, die auch in den fruchtbaren Ebenen, wo ergiebiger Ackerbau und lohnende Viehzucht betrieben werden, Sitze der Gewerbthätigkeit sind, wie Hanau, [* 32] Offenbach, [* 33] Schweinfurt, [* 34] vor allen aber Nürnberg [* 35] und seine Umgegend. Am mittlern Main und in den Seitenthälern der Saale und Tauber, vornehmlich aber am Rhein und in seinen Nebenthälern ist der Franke ein fleißiger Weinbauer. Der Hauptsitz der Gewerbthätigkeit ist auch hier das Gebirge: der Böhmerwald, das Fichtelgebirge und vor allen der Thüringer Wald;
geringer sind die Hilfsquellen der Rhön, das ärmste Land aber ist der Spessart. Im äußersten Westen schließt sich dem Rheinfranken der Niederlothringer an der Mosel bei Trier [* 36] und in der Eifel an. ¶
mehr
Einen dritten hochdeutschen Hauptstamm bilden die Alemannen und Schwaben. Die erstern wohnen im obern Schwarzwald, an seinem Südgehänge in Einzelgehöften im Schweizer Baustil ländliches Gewerbe mit emsigem Gewerbfleiß (Uhren) [* 38] verbindend. Durch die Schweiz [* 39] reicht der Stamm in das gewerbreiche Vorarlberg hinüber, und über dem Rhein nach W. umfaßt er die Bewohner des Elsaß bis auf die Höhe der Vogesen. Östlich und nordöstlich folgt der schwäbische Stamm, welchem Deutschland mehrere seiner größten Männer verdankt; er reicht, wie der alte schwäbische Reichskreis, vom Kamm des Schwarzwaldes und vom Bodensee ostwärts bis zum Lech und Ries, vom Quellgebiet der Iller im S. bis zum Eintritt des Neckar in die malerischen Engen des Odenwaldes, bis an die Grenzen [* 40] des Hohenlohischen. Landbau, Weinbau, Viehzucht vereinigen sich hier mit reger gewerblicher Thätigkeit, insbesondere diesseit der Alb; auch hier geht die Industrie vorzugsweise von den alten Reichsstädten aus, auf die sie sich im S. der Donau beschränkt.
Der vierte der großen hochdeutschen Stämme ist der bayrische, dem der ganze übrige deutsche Süden und Südosten (auch die Deutschen, die in dem Innern Böhmens und Mährens zwischen den Slawen leben) angehören. Wie der Schwabe, hängt auch der Bayer an seinem Dialekt, der, wenn auch abgeschliffen, im Mund aller Gesellschaftsschichten des Volkes ist. Ackerbau und Viehzucht, im Gebirge Alpenwirtschaft bilden den vorherrschenden Erwerb. Auch in Altbayern lebt vielfach der Bauer, wie in Westfalen, auf seinem Einzelgehöft, inmitten seines unteilbaren Besitzes. Es ist ein derber, kräftiger Volksschlag, der Hochebene und Gebirge bewohnt, und zwar da am rohesten, wo am reichsten; was die Bildung nicht gethan hat, das gleicht der gesunde Mutterwitz aus; überall regen sich jedoch auch in diesem Gebiet die Knospen [* 41] neuer, lange unterdrückter geistiger Entwickelung. Vgl. auch Deutsche Sprache. [* 42]
Nichtdeutsche Bevölkerung.
Unter den Nichtdeutschen sind die Polen am zahlreichsten. Sie wohnen in den Provinzen Ost- und Westpreußen (790,000), Posen (880,000) und Schlesien (840,000), in ganz geringer Zahl auch in Pommern (3500) und unterscheiden sich in Großpolen, Masuren, Kassuben und Lechen oder Wasserpolen. Die Großpolen findet man in der Provinz Posen, in Westpreußen östlich von der Weichsel und in einigen Kreisen des Regierungsbezirks Breslau; [* 43]
die Masuren im südlichen Ostpreußen;
die Kassuben in Westpreußen westlich von der Weichsel und in unbedeutenden Resten in den pommerschen Kreisen Bütow, Lauenburg [* 44] und Stolp; [* 45]
die Lechen oder Wasserpolen in Oberschlesien.
In der Provinz Westpreußen beschäftigen uns zuerst die den Wenden verwandten Kassuben, deren Sprache, ein Dialekt des Polnischen, dem Großpolen nicht recht verständlich ist. Sie bilden die Ureinwohner des Gebiets im W. von der Weichsel (Pommerellen). Gegen O. wohnen sie bis an den Rand der Weichselniederungen; gegen W. dringen sie beinahe noch bis an die Linie vor, welche die deutschen Städte Neustadt, [* 46] Bütow, Konitz [* 47] und Flatow verbindet, zwischen Bütow und Konitz auch noch ein wenig über diese Linie hinaus.
Als geschlossene Masse treten sie vorzüglich in der Mitte zwischen Brahe, Schwarzwasser und Ferse, ferner auf dem Plateau von Karthaus und nördlich bis an das Rhedathal sowie auf den Plateauinseln an der Putziger Wiek und auf der Halbinsel Hela (ohne den gleichnamigen Flecken) auf. Die meisten Deutschen gibt es in diesen Gegenden an den Landstraßen (Eisenbahnen), wie an der von Dirschau [* 48] nach Konitz und von Danzig [* 49] nach Lauenburg, an letzterer sogar fast ausschließlich. Im O. von der Weichsel dehnt sich das polnische Sprachgebiet in West- und Ostpreußen längs der Südgrenze aus und reicht im N. bis an die Linie, welche von Kulm über Lessen, Deutsch-Eylau, Osterode, [* 50] Bischofsburg, Lötzen und Kowahlen zur Ostgrenze führt.
Nördlich von dieser Linie sind mit Ausnahme der polnischen Sprachinsel des Kreises Stuhm die Polen nur vereinzelt. Die Polen nehmen demnach hier von Westpreußen das ehemalige Kulmer Land, in Ostpreußen dagegen den Kern des Landrückens mit seiner südlichen Abdachung ein; dort sind sie Großpolen und vorwiegend katholisch, hier Masuren und meist evangelisch, katholisch aber auch in den zum Ermeland gehörigen Kreisen Allenstein [* 51] und Rössel. Der Masure hat blonde Haare [* 52] und blaue Augen und hat seine alten Sitten und Gebräuche vollständig bewahrt.
Seine Sprache unterscheidet sich vom Hochpolnischen wesentlich, wenn auch nicht so erheblich wie der Dialekt des Kassuben. Der Masure besitzt eine große Liebe zu seinem seenreichen Vaterland und steht mit dem Deutschen, mit dem ihn die evangelische Kirche verbindet, auf gutem Fuß. Die Landbevölkerung ist in dem Umfang des ganzen eben bezeichneten Gebiets zu 80-90 Proz. eine polnische, die Stadtbevölkerung überwiegend eine deutsche. Die alten Preußen, [* 53] die Ureinwohner der Provinz im O. von der Weichsel, sind ausgestorben, und ihre Sprache ist erloschen; jedoch erinnert noch die verwandte Sprache weniger Hundert Kuren auf der Kurischen Nehrung und bei Memel [* 54] an dieselbe.
Dagegen haben sich die Litauer in ziemlich großer Menge (150,000) erhalten; sie bilden die Mehrzahl der Landbewohner auf der nördlichen Seite der Memel, sind zahlreich auf der südlichen Seite des Stroms bis zur Linie Labiau-Pillkallen und finden sich in einigen Resten noch bis Goldap. Sie sind, wie die Masuren, evangelisch. In der Provinz Posen sind die Polen in der Mehrzahl. Sie bewohnen den östlichen Teil vorherrschend, während sie nach W. zu nach und nach abnehmen und in den Grenzkreisen entschieden gegen die Deutschen zurücktreten. Im N. haben die Deutschen sich längs der Netze und von dieser bis zur Brahe und Warthe verbreitet und dieser Gegend einen völlig deutschen Anstrich gegeben; demnach bilden die Deutschen in allen südwestlichen, westlichen und nördlichen Grenzkreisen oder in den Grenzdistrikten von Fraustadt [* 55] über Schwerin a. W. bis Bromberg [* 56] die Mehrzahl.
Eine Grenzlinie zwischen beiden Nationalitäten ist schwer zu ziehen, da in allen Teilen der Provinz deutsche Dörfer und Haulande, wie man die von Deutschen in bruchigen und waldigen Gegenden im Posenschen angelegten Kolonien nennt, vorkommen. Gegen W. dringen die Polen aber dreimal zwischen den Deutschen in schmalen Streifen vor: im S. über das Obrabruch bis Bomst, in der Mitte auf der Südseite der Warthe bis Birnbaum und auf der Südseite der Netze an Filehne vorbei bis zur brandenburgischen Grenze.
Von den Städten der Provinz ist fast die Hälfte vorzugsweise polnisch; von den etwa 5600 Ortschaften des platten Landes haben 800 (meist die größern) eine rein deutsche, 1000 eine polnische, 1300 eine überwiegend deutsche, 2500 eine überwiegend polnische Bevölkerung; von den größern Gütern sind etwa 45 Proz. in polnischen Händen. Die Deutschen (wie auch in Westpreußen) sind meist evangelisch (weshalb deutsch und evangelisch, polnisch und katholisch in der Regel ¶