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Searching for Sugar Man ist Musikfilm, Zeitdokument, Recherche und verblüffendes, menschlich anrührendes, unglaubliches und doch wahres Pop-Märchen in einem. Der Dokumentarfilm von Malik Bendjelloul, der bis anhin vor allem Musikerporträts fürs schwedische Fernsehen erstellt hat, beginnt mit einer Autofahrt entlang der Küste Südafrikas in der Nähe von Cape Town und wechselt nach dem Vorspann in ein winterlich düsteres Detroit. Zwei Musikproduzenten erzählen plastisch, wie sie Ende der sechziger Jahre in einem nebelverhangenen Stadtteil der «Motor City» den Club «The Sewer» aufsuchten, um sich dort einen jungen, etwas mysteriösen mexikanisch-amerikanischen Musiker anzuhören. Überzeugt, in diesem Rodriguez einen Singer-Songwriter von der Qualität eines Bob Dylan entdeckt zu haben, produzieren sie mit ihm die Platte «Cold Fact». Trotz Kritikerlob floppt sie. Auch das zweite Album «Coming from Reality» von 1971 ist finanziell ein Desaster. Rodriguez verschwindet von der musikalischen Bildfläche.
Wohl durch Zufall gerät «Cold Fact» nach Südafrika, und die Songs von Rodriguez werden dort sozusagen zu Hymnen der gegen die Rigidität des Apartheid-Regimes aufmupfenden und rebellierenden weissen Jugend. Trotz Zensur – regulär ist das Album nur in einer Version zu erstehen, auf der die Rillen zum Song «Suger Man» zerkratzt sind – erhält die Platte unter der weissen Jugend der Mittelschicht einen ähnlichen Status wie etwa «Abbey Road» von den Beatles oder «Bridge over Troubled Water» von Simon and Garfunkel. Doch über den Autor der Songs ist im abgeschirmten und boykottierten Südafrika nichts bekannt. Es gibt nur Gerüchte, er habe sich am Ende eines erfolglosen Konzerts auf der Bühne erschossen oder gar verbrannt.
Doch 1996 wird in Südafrika die Recherche initiiert. Provoziert von einem Satz im Booklet des hier als CD neu aufgelegten «Cold Fact»Albums – «Any musicologist detectives out there?» – macht sich der Platten ladenbesitzer und Rodriguez-Fan Stephen Segerman auf die Suche nach seinem Idol. Und macht – mit Versuchen, den Spuren des Geldes nachzugehen, aufgrund von Textanalysen, mithilfe des Internets – Sixto Rodriguez in Detroit ausfindig. Und findet – und hier beginnt das herzerwärmende, unglaubliche und doch wahre Märchen – in Rodriguez einen in einfachsten Verhältnissen lebenden, hart arbeitenden, äusserst zurückhaltenden und bescheidenen Menschen mit sozialem und politischem Engagement. Dessen philosophischer Gelassenheit auch der grossartige Empfang in Südafrika, wohin er 1998 in Begleitung seiner drei Töchter geht und vor ausverkauften Häusern begeisternde Konzerte gibt, nichts anhaben kann.
Dank Searching for Sugar Man kann man vielerlei entdecken: Etwa die Rolle der (Pop-)Musik in der liberalen Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika. Man gewinnt einen (winzigen) Einblick in Zusammenhänge im Musik-Business, obwohl es schleierhaft bleibt, wohin wohl die Tantiemen an den Rodriguez-Plattenverkäufen in Südafrika versickert sind, trotz Interview mit Clarence Avant, dem Besitzer von Sussex Records, der Produktionsfirma der Alben. Man lernt mit Sixto Rodriguez einen hervorragenden Songschreiber kennen. Und mit Malik Bendjelloul einen beachtenswerten Dokumentaristen: Die langen ruhigen Travellings etwa durch die düsteren Quartiere von Detroit nehmen stimmig die Melancholie der Songs von Rodriguez auf; er organisiert sein Material in gelungener Dramaturgie; und es gelingt ihm, den Zuschauer bis zuletzt mit der Frage wohlig zu quälen: eine solche erstaunliche und emotional berührende Geschichte – darf sie denn überhaupt wahr sein?