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Samuel Neuenschwander
Gründer und CEO des Solartechnik-Unternehmens Kessel
Kessel. So simpel wie der Firmenname, so simpel ist auch das Produkt: Eine Solaranlage in Form eines Kessels, der innerhalb von einer Stunde auf jedes Dach montiert werden kann. In dem einfachen Erzeugnis steckt eine ganze Menge Ingenieurstechnik. Der Kessel steht auch für ein ökologisch und gesellschaftspolitisch verantwortungsvolles Geschäftsmodell.
Samuel Neuenschwander studierte an der ETH Maschinenbau. Nach dem Studium zog es ihn ins Ausland. Für ein internationales Schweizer Unternehmen arbeitete er nach eineinhalb Jahren in Genf für ein Jahr in den USA, dann für vier Jahre in Mexiko, und wieder in den USA.
Durch einen Freund hatte er in Mexiko einen alten Ingenieur kennengelernt, Señor Castro. Ein richtiger Tüftler. Dieser baute in seinem Hinterhof an einem einfachen und preisgünstigen System zur solaren Warmwasseraufbereitung, einem Boiler, der aufs Dach montiert wird und die Sonnenwärme speichert.
Bei einem Aufenthalt in der Schweiz wurde ihm klar: Die Idee von Señor Castro könnte funktionieren. Es brauchte einige technische Verbesserungen, und es brauchte ein Geschäftsmodell, mit dem man in Mexiko Fuss fassen konnte. Er kündigte die Stelle bei der US-Firma und machte sich selbstständig.
Wieder in Mexiko, begann Samuel Neuenschwander den Prototyp von Señor Castro zu perfektionieren.
Der Grundgedanke dabei war, dass das Gerät einfach und billig sein musste. Es sollte ausschliesslich mit Materialien hergestellt werden, die in Mexiko auf jedem Baumarkt zu haben waren und die auch im Land selber hergestellt wurden. Weiter dachte er auch über ein Geschäftsmodell nach, bei dem die Menschen vor Ort nicht nur als Mitarbeitende, sondern auch als Geschäftspartner beteiligt wären.
„Mexiko ist für solche Geschäftsideen ein ideales Land. Nicht zu arm und nicht zu reich. Es gibt Industrie, und es gibt viele Leute mit Bildung und Fähigkeiten, die etwas bewegen wollen.“
Abhängigkeit reduzieren, Produktivität des Einzelnen steigern: Diese Grundsätze waren von Anfang an wichtiger als die kommerziellen Aussichten. Obschon auch diese eine Rolle spielen:
„Indem man besser und billiger produziert, kann man den kapitalistischen Mechanismus für ein gutes Ziel nutzen.“
Besser heisst in diesem Fall: Weg von den fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbarer Energie. Noch wird in den meisten Haushalten Mexikos das Warmwasser mit Gasheizungen aufbereitet. Eine masslose Energieverschwendung in einem sonnenreichen Land wie Mexiko.
Billiger heisst: im Land selber schnell und günstig produzieren.
In einem ehemaligen Hühnerstall von 350 Quadratmetern Grösse richtete Samuel Neuenschwander eine provisorische Produktionsstätte ein. Hier wurde an der Anlage gefeilt, bis sie den Vorstellungen von Samuel Neuenschwander entsprach:
- Sie besteht aus lauter im Land produzierten Bauteilen
- Ungelernte Arbeitskräfte können sie zusammenbauen und auch vor Ort montieren.
„Mich interessieren Produkte, welche die Produktivität des Einzelnen fördern und zu Unabhängigkeit verhelfen.“ Auch wenn die politischen Verhältnisse in Mexiko schwierig sind und die Korruption gross ist, hält Samuel Neuenschwander an seinem grundsätzlichen Optimismus fest:
„Hierzulande liest man immer nur von Drogenkartellen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Aber die allermeisten Menschen gehen arbeiten, sorgen für ihre Kinder, bemühen sich um ein besseres Leben für sich und die anderen. Diese Kraft, die sich im Alltag zeigt, wird zu wenig wahrgenommen“.
Darum interessieren ihn als Ingenieur nicht die grossen Würfe, sondern die „Commodities“, die Dinge des täglichen Gebrauchs. Wasser, Energie, Lebensmittel, Bildung: Das sind für ihn die zentralen Punkte, an denen er als Ingenieur und „Social Entrepreneur“ ansetzt. Er hat für «kessel» kein Patent angemeldet, weil das Verfahren erstens kompliziert ist und er es zweitens gut findet, wenn die Idee weiterverbreitet wird. Für die Grundidee hat er Señor Castro einen einmaligen Betrag ausbezahlt.
Nachdem der Kessel seine Bewährungsprobe bestanden hat, wartet ein weiteres Produkt auf die Realisierung: Warmwasser und Elektrizität in einem Gerät.
Das Credo „Global denken, lokal handeln“ hat er umgewandelt in „Lokal produzieren, global handeln“.
„Kessel“ ist eine eingetragene Marke in Mexiko. Ein Geschäftssitz befindet sich aber auch in der Schweiz. Ein Grund liegt in der technischen Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Rapperswil. Der zweite Grund ist das Fundraising: Von der Schweiz aus lassen sich besser Investoren finden als in Mexiko. Ein dritter Grund liegt darin, dass sich die Firma nicht auf Mexiko beschränken will, sondern Projekte in weiteren Ländern plant. So funktioniert der Geschäftsstandort Schweiz wie eine Stabsstelle, von der aus die verschiedenen Projekte koordiniert werden.
Marketing im klassischen Sinn betreibt „Kessel“ nicht. Eine Website liefert lediglich die nötigsten Informationen über das Produkt. Die wichtigsten Kommunikationsmittel aber sind Facebook und WhatsApp. Sie erlauben einen direkten Kontakt zur potentiellen Kundschaft.
Samuel Neuenschwander lebt in Mexiko City. Die Megametropole hat den Ruf, eine der smogreichsten Städte der Welt zu sein.
„Das war einmal so. Aber Schanghai oder Bejing sind viel schlimmer. In Mexiko City hat sich die Luftqualität in den letzten Jahren gebessert. Ich bin in der Stadt problemlos mit dem Fahrrad unterwegs“.
Aber nach einigen Jahren Grossstadt zieht es ihn doch aufs Land. Mit seiner mexikanischen Partnerin hat er ausserhalb der Stadt ein Stück Land gekauft, in einer trockenen Gegend ohne Infrastruktur. Dort hat Samuel Neuenschwander mit natürlichen und lokalen Materialien ein von jeder Energieinfrastruktur unabhängiges Haus gebaut. Wasser aus der Regentonne, Strom von der Fotovoltaikanlage, und natürlich der Kessel auf dem Dach. Seine ganze Ingenieurskunst hat er dafür eingesetzt. „Und wenn’s nicht funktioniert, kann ich niemandem die Schuld geben“ sagt er lachend. Schwer vorstellbar, dass das der Fall sein könnte.