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Walter & Marianne Kaiser
2./3. Mai 1964: Weltmeisterschaften Professional Standard und Latein, Berlin
tanz Illustrierte Mai 1964
Nach Melbourne und London WM in Berlin
Das hat den Berlinern noch niemand nachgemacht: Mehr als zwanzigtausend Zuschauer an zwei Abenden um ein Turnierparkett zu versammeln
Irvine und Laird ungeschlagen
Bill und Bobbie Irvine wäre beinahe, um ein Haar, dieses Mal der Weltmeistertitel verlorengegangen! Ein zweiter Platz im letzten Quickstep der spannenden Endrunde hinter Eggleton/Winslade lag durchaus im Bereich des Möglichen. Aber der grosse Wurf glückte. Irvines schafften es wieder dort, wo sie vor vier Jahren ihre so glanzvoll verlaufene Karriere begonnen hatten, als sie 1960 in der Berliner Deutschlandhalle zum ersten Male Weltmeister über 9 Tänze wurden. Wenn jetzt Irvines vom aktiven Turniertanz Abschied nehmen, was sie sicher nach ihrem Sieg bei der inzwischen ausgetragenen Britischen Meisterschaft in Blackpool tun werden, dann verlieren wir wieder einmal ein geniales, schöpferisches, einfallsreiches und populäres Turnierpaar, das während der vergangenen Jahre das internationale und besonders das deutsche Tanzturnierwesen durch seine Vitalität so entscheidend beeinflusst hat.
Mit insgesamt 27 Paaren war die diesjährige Weltmeisterschaft in der Berliner Deutschlandhalle zahlenmässig stärker besetzt als die vorjährige in London mit 20 Professional-Paaren. Aber auch qualitativ war sie der vorjährigen sicher überlegen. Paare aus Australien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Holland, Italien, Japan, Norwegen, Österreich, Pakistan, Schweden, Schweiz und Südafrika waren am Start. 20 Paare bestritten die Standard-Tänze und 22 die lateinamerikanischen. Die Mehrzahl der Paare tanzte an beiden Abenden. Die USA hatten leider kein Paar gemeldet, da dort ein Qualifikations-Turnier noch nicht stattgefunden hatte.
Jeweils vier deutsche Paare tanzten in den beiden Sektionen. Standard: Fern, Gemind, Krehn, Schöbel. - LA: Gemind, Krehn, Opitz, Trautz. Ihr Abschneiden muss lobend erwähnt werden, wenn auch nur Krehns die beiden Endrunden erreichten. Alle vier deutschen Paare kamen mit den höchstmöglichen Wertungen in die Vorschluss-Runde. Und es kann hier ruhig gesagt werden, dass sowohl Ferns wie auch Opitz-Hädrichs durchaus endrundenreif waren wie die ja immer glänzenden holländischen Techniker und Tänzer Wim Voeten und Jeanne Assman sowie die erstmalig in Deutschland startenden erfolgreichen lateinamerikanischen Vertreter der Südafrikanischen Union, Pieter von Reenen und Rosalie Meister, deren brillante Erscheinung auch vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Die Wertungsrichter standen in der Vorschluss-Runde sowieso vor harten Aufgaben, an beiden Abenden!
Wer weiss, was es heisst, eine Veranstaltung von den Ausmassen einer Weltmeisterschaft zu organisieren, der wird keinen Augenblick zögern, der Tanzschule Keller seinen herzlichsten Dank und seine vollste Anerkennung für all das auszusprechen, was den Turnierteilnehmern während der Berliner Tage vom ersten bis zum letzten Augenblick an Fürsorge, Gastfreundschaft, Präzision und fachlicher Gründlichkeit geboten wurde! Es klappte alles wie am Schnürchen. Der Empfang der Turnierteilnehmer durch den Berliner Senat im Schöneberger Rathaus, verbunden mit einem delikaten Mittagessen, war ein würdiger Auftakt zur Weltmeisterschaft.
Es war eine hervorragende Weltmeisterschaft. Dass Tanzorchester unter der Leitung von Fritz John spielte erstklassige Musik das Bild auf der Tanzfläche war faszinierend. Gewiss waren die Vertreter einiger Länder in ihren Leistungen schwach, doch wieder nicht so schwach, dass sie unbedingt aus dem Rahmen des Ganzen fielen. Wenn Turnierleiter Bruno von Kayser, der seine Aufgabe an beiden Abenden souverain beherrschte, die Teilnehmer an den Endrunden als die weltbesten Paare ankündigte, so hatte er damit absolut recht. Hier standen die führenden Turnierpaare aus mehreren Ländern mit einem hoch entwickelten, geschulten, professionalen Können auf der Fläche. Und von einem Professional wird viel verlangt.
Bruno von Kayser hatte es nicht immer ganz leicht. Er musste mit dem Löwen Publikum fertig werden. Er musste gelegentlich zu ihm sprechen. Ihm fielen sehr gute Argumente ein, die auch wohl verstanden wurden. Wenigstens zum Teil. Leider nicht immer (siehe unten).
Ja, das Publikum - die Deutschen - was sind wir doch für ein seltsames Volk! Dass wir an einem Ausländer-Fimmel leiden, ist nur zu bekannt. Müssen wir aber über diesem Fimmel das Interesse an unseren eigenen Leuten vergessen?! Gewiss, die Japaner sind reizende Leute, und ich bin der Letzte, der nicht verstehen könnte, dass man sie umjubelt. Aber sind die Deutschen nichts wert, wenn sie in der Vorschluss- und in der Endrunde einer Weltmeisterschaft tanzen? Ich erinnere mich an Melbourne, an die Weltmeisterschaft 1962. Mit welcher Begeisterung unterstützten die Australier ihre Paare! Und in Melbourne waren gleichfalls Irvines und Shinodas auf der Fläche. Aber es waren auch die Gibsons, die Calderons und die Gonsals da. Und d i e waren wichtig - für die Australier! Man gehe nach England und versuche zu hören, wen dort das Volk anfeuert. Den Ausländer etwa? Oh, nein! Aber die eigenen Leute - ja. Ob sich Lieschen Müller noch einmal ändern wird?
Ich nehme nicht an, dass es Berliner waren, die es am Sonntag-Abend gegen Ende des Turniers für nötig befanden, Bruno von Kayser durch Zwischenrufe zu kritisieren, als dieser sich bei den Wertungsrichtern bedankte und ihre vorbildliche Arbeit lobte. Und sie hatten eine vorbildliche und einwandfreie Arbeit geleistet. Darüber kann gar kein Zweifel bestehen, wenigstens nicht für diejenigen, die wenigstens ein wenig vom Werten verstehen! Ob jene Rüpel sich wohl überlegt haben, dass sie mit ihren, von keinerlei Kenntnis der Dinge getrübten Zwischenrufen nicht einmal einen deutschen Turnierleiter, sondern fünf Ausländer, die angesehenen und geachteten Vertreter ihrer Länder, beleidigten? Mit welch gemischten Gefühlen über das Benehmen der Deutschen mag ein Akira Ngayoski in sein kuliviertes Japan zurückkehren? Fragen wir ihn lieber nicht! Er würde wohl doch nur höflich lächeln. Ist ein Teil der Wohlstands-Deutschen schon wieder so weit, zu glauben, es sich leisten zu können, sich unseren ausländischen Gästen gegenüber schlecht zu benehmen?! - Ich möchte das bezweifeln.
Schwamm darüber! Vergessen wir es! Erinnern wir uns lieber daran, dass wir eine schöne Weltmeisterschaft erlebte, dank der Unermüdlichkeit unserer Berliner Gastgeber!
Fred Dieselhorst
Die Weltmeisterschafts-Ergebnisse 1964
Standardtänze
1. Bill und Bobbie Irvine, Grossbritannien
2. Peter Eggleton - Brenda Winslade, Grossbritannien
3. Wim Voeten - Jeanne Assman, Holland
4. Siegfried und Anneliese Krehn, Deutschland
5. Manabu und Masako Shinoda, Japan
6. Walter und Marianne Kaiser, Schweiz
Lateinamerikanische Tänze
1. Walter Laird - Lorraine Reynolds, Grossbritannien
2. Bill und Bobbie Irvine, Grossbritannien
3. Walter und Marianne Kaiser, Schweiz
4. Siegfried und Anneliese Krehn, Deutschland
5. Pieter van Reenen - Rosalie Meister, Südafrikanische Union
6. Manabu und Masako Shinoda, Japan
Paarkritiken:
Peter Eggleton und Brenda Winslade
Dieses, in seinen Interpretationen so typisch englische Paar war in Berlin den Irvines absolut gleichwertig. Sie waren in Hochform und in glänzender Kondition, das zeigte der letzte Quickstep. Ihr Slow Foxtrot war atemberaubend schön; er war wohl die hervorragendste Leistung während des Turniers in den Standard-Tänzen. Makellos - outstanding. Eggleton/Winslade's zweiter Preis in Berlin war mehr als verdient. Vor den Engländern liegt ein freies Feld. Eine ernsthafte Konkurrenz haben sie nicht. Wie weit sie sich in den latein-amerikanischen Tänzen entwickeln können, wird die Zukunft erst zeigen müssen.
Walter und Marianne Kaiser
Sie mussten sich mit einem 3. Preis in den lateinamerikanischen Tänzen zufrieden geben. Was war mit ihnen los? Was fehlte diesem eleganten, tänzerisch hochbegabten Paar in Berlin, wo man auf sie mit einer Sensation gewartet hatte? Einige Tage vorher hatten die Schweizer den Irvines zwei lateinamerikanische Tänze abgenommen - in London. Und drei Tage nach der Weltmeisterschaft gewannen sie mit allen 4 Tänzen die LA Konkurrenz in Blackpool vor den Engländern O'Hara und den Irvines! Und warum konnte man bei ihnen in Berlin nicht mehr als die dritte Leistung sehen? Sie waren sicher nicht in Form und Stimmung - Menschen sind eben keine Maschinen.
Walter Laird und Lorraine Reynolds
Sie gewannen ihren Weltmeistertitel so überzeugend wie nie zuvor. Die erwartete Auseinandersetzung mit den Schweizern Kaiser blieb aus. Laird / Lorraine tanzten in Berlin überzeugender, sicherer und ausdrucksstärker als in München. Jede Phase ihrer rhythmischen Bewegungen war ausgeprägt und ausgefüllt. Dem kritischen Auge boten sie keine Angriffspunkte. Auch die gelegentlich bemängelte Vollbluttänzerin Lorraine überschritt nirgends "verbotene" Grenzen. Bei diesem Weltmeisterpaar fällt der Blick des Betrachters fast ausschliesslich auf Lorraine. Vergisst man die im Schatten stehende dominierende Figur des Partners? Übersieht man den heiteren Denker Laird? Den Künstler? Auch Laird und Lorraine werden nun das Turnierparkett verlassen. Schade!