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Mit THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS (2008) veröffentlichte das CD-Label Intrada Records anfangs Mai eine intime, berührende, oftmals vertraut klingende Filmmusik von James Horner als CD-Premiere. Gegenüber der bis zu jenem Zeitpunkt als Download-only verfügbaren Version bietet diese CD zwar keine zusätzliche Musik. Aber aufgrund der Qualitäten der Arbeit kommt THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS auch in dieser bekannten Form bei den Fans und Kompletisten als CD mit interessantem Booklet-Text von Frank K. DeWald gut an.
Für James Horner war die Arbeit an THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS delikat, wie er in einem Interview für das Magazin Variety im November 2009 sagte. Bei der Vertonung von Filmen, die sich solch tragischen Themen wie dem Holocaust annehmen, müsse grosse Sorgfalt im Umgang mit Musik geboten sein. Horner: «Es gibt unzählige ‹Fallgruben› und überbeanspruchte kompositorische Techniken, wenn es um die Vertonung eines Films über die KZ- und Auschwitz-Thematik geht. Ich dachte mir, dass ich diesen Film bereits in den ersten 30 Sekunden vermasseln kann, wenn ich nicht von Anfang an das angebrachte Kolorit der Komposition finde. Denn nur darum geht es. Das Finden des adäquaten Kolorits. Da sind die Tonfolgen sekundär.»
Für diese Filmmusik konzentrierte sich James Horner auf eine kleine Besetzung. Die Filmmusik wurde überwiegend für Klavier und Streicher geschrieben. Nur spärlich verwendete Horner noch zwei Oboen und zwei französische Hörner, welche nur verhaltene Statements haben. Dazu Synthi-Effekte, jedoch keine Perkussion. Horner zum Klavier als führendes Soloinstrument: «Es war mir sehr wichtig, etwas ‹neutral› klingendes zu haben, etwas sehr, sehr schlichtes in der emotionalen Tongebung – ein Leitinstrument mit klassischem Grundcharakter und Deutschem Bezug.» Dabei wollte er bewusst nicht auf die häufig verwendete (um nicht zu sagen, stereotyp gewordene) Violine zurückgreifen und auch Chor wäre seiner Ansicht nach viel zu massiv gewesen. «Es musste schlicht und nüchtern sein, weiter wagte ich bei diesem Score nicht zu gehen.» So versammelten sich in Burbank für die Musikaufnahmen gerade mal zwischen 20 und 25 Musiker, welche zusammen mit James Horner und seinem eingespielten Team die Filmmusik aufnahmen. Dabei spielte James Horner sämtliche Klaviersoli selbst ein.
THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS ist eine unverkennbare Horner-Komposition geworden, welche sich dem filmischen Geschehen perfekt anzupassen weiss und die den Hörer mit einer stimmigen Narratologie und ohne abrupte Stilwechsel während gut 50 Minuten bestens zu unterhalten vermag. Im Film wird diese delikate Filmmusik immer wieder von wenig zimperlichen Volksliedern aus der damaligen Zeit und von Marschmusik scharf kontrastiert. Ein bewusst gewähltes Element, um die in sich gekehrte Welt des Hauptdarstellers – dem junge Bruno – in ihrer Intimität und Tragik von der lauten Umgebung abzusetzen. Bruno bewegt sich in einer anderen Welt als seine Eltern und seine Schwester sowie der Rest des sozialen Umfelds.
Das Album eröffnet mit «Boys Playing Airplanes». Hier wird dem Hörer erstmals das Hauptthema, welches Horner 1993 bereits in SWING KIDS (das Stück «The Letters») erklingen liess, in einer klassischen Orchestrierung und warm, gefällig in der Tongebung vorgestellt. Es zeugt von einer noch ‹heilen› Welt in Berlin. Diesen Ort muss Bruno jedoch schon bald verlassen, denn sein Vater, ein SS-Offizier, erhält neue Aufträge. Die Familie zieht in ein einsames Landhaus, abgeschnitten von der Öffentlichkeit, mit Bediensteten und Privatlehrern für die Kids. Die einziehende Einsamkeit macht sich auch sofort in der Musik bemerkbar. Mit sehr ruhigen und verträumten Passagen in «Exploring the Forest» und «The Winds gently Blows through the Garden» untermalt Horner die einsamen Nachmittage des jungen Brunos. Die Harmonie in der Musik geht mit «An Odd Discovery Beyond the Trees» etwas verloren und wird von mysteriöseren Klanggebungen ersetzt, darunter auch wieder eine synthetische Frauenstimme. Hier klingen Erinnerungen an A BEAUTIFUL MIND (2001) und THE LIFE BEFORE HER EYES (2007) an. Mit «Black Smoke» ziehen auch im Score dunklere Emotionen auf und die Hörner haben zu Beginn einen kurzen und leisen Auftritt. Man kann das Stück mit «Ashes» aus SWING KIDS vergleichen, auch wenn «Black Smoke» ruhiger daherkommt. In «Evening Supper – A Family slowly Crumbles» durchsetzt Horner die zu Beginn idyllisch anmutenden Klänge weiter mit Dissonanzen. Das Kernstück der Filmmusik bilden jedoch zweifelsohne die letzten beiden Stücke – «Strange new Clothes» und «Remembrance, Remembrance». Horner: «Im dramatischen Höhepunkt des Films durchgeht die Musik eine Transformation. Sie wechselt in Panik.» Damit nimmt auch der Film neues Tempo auf. In «Stange new Clothes» verdichtet Horner stetig eine musikalische Idee aus ALL THE KING’S MEN (2006) (u.a. «Conjuring the ‹Hick› Vote») bis sich das Stück zum dramatischen Ende hin in einem dichten, dissonanten, in hohen Tonlagen «schreienden» Streicher-Cluster entlädt. Auf diese musikalische Strapaze lässt Horner im letzten Stück nochmals das Hauptthema erklingen. Dieses Mal jedoch nicht mehr vom ganzen Orchester dargeboten, sondern in seiner simpelsten, «reinsten» Form – als Klaviersolo, vorgetragen von ihm selbst. Damit beschliesst er eine gelungene, bewegende Filmmusik, die zwar nicht mit Originalität trumpft, aber dafür mit starker Atmosphäre und einem schönen Hauptthema in verschiedensten Variationen.
Basil, 27.7.2018
THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS James Horner Intrada Records 52:22 Min. 12 Tracks Limitiert