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Erdbeben? Kein Thema für die Schweiz, denkt man. Schliesslich liegt das letzte Ereignis über 100 Jahre zurück. Allerdings ist das reale Risiko eines starken Bebens höher, als man denkt. Versicherungen und Bauvorschriften müssten angepasst werden. Noch ist wenig passiert.
Eigentlich sollte die Erde im Kanton Bern schon längst spürbar gebebt haben. Etwa so wie am 27.Januar 1881 südlich der Bundesstadt. Oder wie am 13.Januar 1729 in Frutigen. Auf der Richterskala
hatte das Beben in Bern eine Magnitude von 4,8, jenes in Frutigen von 5,2.
Aufschlussreicher für den Laien ist die Intensität des Bebens, die mit römischen Ziffern von I bis XII ausgedrückt wird. Das Berner Beben verursachte Gebäudeschäden, was Experten mit einer Intensität von VII bezifferten. Das Frutiger Beben war zwar gemäss Richterskala stärker, verursachte aber nur leichte Gebäudeschäden, was eine geringere Intensität von VI zur Folge hatte (siehe Kasten).
«Statistisch ist im Kanton Bern alle hundert Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 5 zu rechnen», sagt der Erdbebenforscher Flavio Anselmetti von der Universität Bern. Im Kanton Bern ist nun die Erde seit 133 Jahren ruhig geblieben. Doch zuvor gab es in Bern und Umgebung vier stärkere Beben innert 160 Jahren, zwei davon in und nahe der Stadt. Am 29.Januar 1881 schrieb das «Berner Stadtblatt»: «Infolge des heftigen Stosses sind mehr als 90 Kamine eingestürzt. Eine grosse Anzahl Gebäude wurde ganz erheblich beschädigt () Zimmerwände wurden förmlich zerrissen.»
Die Erdbebengefahr ist dank der AKW bewusst geworden
«Erdbeben gehen nach drei Generationen vergessen», sagt Erdbebenforscher Anselmetti. Deshalb war die Erdbebengefahr im zurückliegenden Jahrhundert kaum ein Thema. Erst mit der aufflammenden Diskussion über die Sicherheit von Atomkraftwerken ist die Erdbebengefahr in der Schweiz ins kollektive Bewusstsein zurückgekehrt. Die Kernkraftwerkbetreiber gaben das Projekt Pegasos in Auftrag, das 2004 abgeschlossen wurde. Mit dem geflügelten Pferd aus der griechischen Mythologie hat der Name hier freilich nichts zu tun. Pegasos steht für Probabilistische Erdbeben-Gefährdungs-Analyse für die KKW-Standorte in der Schweiz. Die Resultate haben einen bis heute andauernden Expertenstreit über die Gefährdung von AKW entfacht.
Die Schweiz befindet sich in der Übergangszone zwischen einem Gebiet mit höherer Erdbebengefährdung in Italien und Griechenland und einer ruhigen Region im nördlichen Europa. Sie hat laut
Experten eine niedrige bis mittlere Erdbebenaktivität. Das heisst, auch in der Schweiz können starke Erdbeben auftreten. Sie sind jedoch selten. Wobei die Gefährdung nicht gleichmässig verteilt
ist: Seismologen teilen die Schweiz in vier Zonen auf: Das Berner Oberland befindet sich in Zone zwei; das übrige Kantonsgebiet in der ruhigsten Zone eins. Am stärksten gefährdet aufgrund der
überdurchschnittlichen seismischen Aktivität ist das Wallis, gefolgt von Basel, Graubünden und dem Alpennordhang. In den vergangenen Jahrhunderten hat die Erde insbesondere im Rhonetal zwischen
Brig und Siders mehrmals stark gebebt.
Obligatorische Versicherung gegen Erdbeben in Auftrag
Es war also die Sorge um die Sicherheit der Atomkraftwerke, die die Erdbebengefahr in der Schweiz wieder bewusst machte. Somit wurde bald klar, dass nicht nur bei AKW, sondern in allen überbauten Gebieten der Schweiz ein sehr hohes Schadenpotenzial schlummert. Deshalb hat das Bundesparlament der Regierung den Auftrag erteilt, eine schweizweite, obligatorische Erdbebenversicherung einzuführen. Zudem soll mit strengeren Bauvorschriften das Schadenpotenzial eingeschränkt werden. Beides ist noch Zukunftsmusik.
Erdbeben gelten hierzulande nicht als Elementarschaden
Im Prinzip müssten wir jeden Tag mit einem Beben rechnen wie vor über 100 Jahren in Bern oder Frutigen. Es gäbe lange Spalten im Gemäuer und lange Gesichter bei Hauseigentümern. Gemäss Umfragen ist etwa jeder zweite Hauseigentümer der Meinung, seine Liegenschaft sei gegen Erdbeben versichert. Diese Meinung ist nicht unbegründet, muss doch im Kanton Bern jeder Hauseigentümer bei der Gebäudeversicherung obligatorisch die Feuer- und Elementarschadenversicherung abschliessen. Und Elementarschäden sind nun mal Schäden, die durch das Wirken der Natur verursacht werden. Niemand wird behaupten, Erdbebenschäden seien nicht durch die Natur verursacht worden.
Doch der Gesetzgeber schert sich um den gesunden Menschenverstand und definiert Elementarschäden auf seine eigene Art: Felssturz, Erdrutsch, Steinschlag oder Hochwasser gehören dazu; ein Erdbeben ist dagegen laut schweizerischer juristischer Lesart kein Elementarschaden.
Heute ist die Versicherungsdeckung bei Erdbebenschäden unübersichtlich. Einige private Versicherer bieten Erdbebenversicherungen an, im Kanton Zürich ist sie wegen des grossen Schadenpotenzials obligatorisch, und 17 Kantone sind dem schweizerischen Pool für Erdbebendeckung angeschlossen. Die Gebäudeversicherung des Kantons Bern (GVB) ist aus diesem Pool ausgestiegen und bietet seit einem Jahr über ihre Tochtergesellschaft GVB Privatversicherungen eine eigene Zusatzdeckung für Erdbebenschäden an. Für ein Haus im Wert von 500000 Franken beträgt die Jahresprämie 130 Franken. Laut Andreas Dettwiler, Geschäftsleiter der GVB Privatversicherungen, sind bisher 15000 Verträge mit einer Deckung für Erdbebenschäden abgeschlossen worden.
Bei einem Beben wie in Basel wäre die GVB überfordert
Die GVB könnte laut eigenen Angaben allfällige Schäden bei einem Beben der Magnitude 5 decken. Bei einem stärkeren Beben der Magnitude 6, das man laut Flavio Anselmetti in der Schweiz nirgends ausschliessen kann, wäre die GVB überfordert.
Die potenzielle Schadensumme übersteigt somit die Möglichkeiten der Versicherungen: Die Gebäudeversicherung Kanton Zürich hat eine Milliarde Franken zurückgestellt. Doch der Wert aller Gebäude liegt bei rund 350 Milliarden Franken. Auch die 2 Milliarden des Erdbebenpools der 17 Kantone reichen bei einem geschätzten Immobilienwert von 1400 Milliarden Franken nirgendhin.
Mittlerweile ist das Finanzdepartement damit beschäftigt, eine schweizweit solidarische Erdbebenversicherung auszuarbeiten. Dies aufgrund einer Motion des Walliser CVP-Ständerats Jean-René
Fournier, der dem Verwaltungsrat der Helvetia Versicherungen angehört. Im vergangenen Sommer publizierte das EFD einen 24-seitigen Bericht. Es schlägt darin eine Lastenteilung vor, damit für die
Finanzierung alle Beteiligten, das heisst Eigentümer, Versicherer und öffentliche Hand, ihren Anteil leisten. Vorgesehen sind zudem eine schweizweit einheitliche Prämie und eine einheitliche
Deckung. Nach der Anhörung der betroffenen Kreise soll nun im Sommer der Bericht ans Parlament bereit sein. Was danach folgt, hängt vom Parlament ab. Erst dann wird eine Vernehmlassung
durchgeführt und eine Botschaft erarbeitet.
Die Walliser haben die strengsten Vorschriften
Nicht nur versicherungstechnisch besteht Handlungsbedarf. Auch die Bauvorschriften müssten angepasst werden. «Die Walliser sind am weitesten unter den Kantonen. Sie haben die strengsten Auflagen», weiss Blaise Duvernay vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). So müssen die Neubauten im überdurchschnittlich gefährdeten Wallis erdbebengerecht laut der SIA-Norm 261 erstellt werden. Zurzeit kennen sechs Kantone erdbebenspezifische Auflagen im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens: Aargau, Basel-Stadt, Freiburg, Jura, Nidwalden und Wallis. Die Norm des Schweizerischen Ingenieur- und Architekten-Vereins (SIA) enthält Regeln für die Projektierung, Berechnung und Bemessung von Bau- und Tragwerken.
Schon Ende 2000 hatte der Bundesrat verbindliche Vorgaben zur Erhöhung der Erdbebensicherheit von bundeseigenen Bauten und Anlagen gemacht. Dies «aufgrund der Tatsache, dass die Erdbebengefahr in
der Schweiz bisher unterschätzt wurde», wie es in der Mitteilung hiess. Erst fünf Jahre später hat Bundesrat Moritz Leuenberger die Kantone gebeten, das erdbebensichere Bauen rechtsverbindlich in
den Baugesetzgebungen zu erklären. Im Oktober 2007 veröffentlichte die Schweizerische Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK) ein 32-seitiges Papier mit Empfehlungen an die Kantone.
Das war vor sieben Jahren.
Aus Geldmangel passiert im Kanton Bern wenig
Im Herbst 2008 erteilte der Regierungsrat des Kantons Bern der Bau- und Justizdirektion den Auftrag, im Rahmen der nächsten Baugesetzrevision erdbebenspezifische Auflagen zu machen. Zudem verlangte der Regierungsrat ein Konzept zur Erstellung von Mikrozonierungen.
Mit einer Mikrozonierung wird untersucht, wie sich der Untergrund bei einem Erdbeben verhalten wird. Denn die Erdbebensicherheit eines Gebäudes hängt nicht nur vom Material und der Bauart ab, sondern auch vom Untergrund. «Je weicher der Untergrund, desto mehr werden Erdbebenerschütterungen lokal verstärkt», erklärt Blaise Duvernay vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). Zudem wirken sich Erdbeben auf Lockergestein verheerender aus als auf Fels. «Ein auf Fels gebautes Holzhaus kann sehr viel ertragen.»
In Bern fleissig gearbeitet, aber nichts umgesetzt
Seit dem Regierungsratsbeschluss von 2008 haben zwar etliche Angestellte des Kantons Bern fleissig gearbeitet und Vorschläge unterbreitet. Umgesetzt wurde aber noch nichts. Die Mikrozonierung hat der Regierungsrat aus Geldmangel auf die lange Bank geschoben.
Nach Auskunft von Daniel Wachter, Vorsteher des Amts für Gemeinden und Raumordnung, wird zurzeit unter der Federführung der Justizdirektion eine umfassende Teilrevision des Baugesetzes vorbereitet. Hauptauslöser sei das revidierte Bundesgesetz über die Raumplanung, das den Kantonen verschiedene Gesetzgebungsaufträge erteilt. «Ein Gegenstand der Vorlage wird auch die Erdbebenvorsorge sein», verspricht Wachter. Dabei gehe es um die Umsetzung des regierungsrätlichen Auftrags von 2008.
Bis in der Schweiz eine flächendeckende und solidarische Erdbebenversicherung eingeführt ist, dürfte es 2020 werden. Mit dem gleichen Zeithorizont ist zu rechnen, bis Neubauten im Kanton Bern nach ähnlich strengen Auflagen wie im Wallis erstellt werden müssen. Bis 2020 werden es fast 140 Jahre sein, seit die Erde im Kanton Bern das letzte Mal so bebte, wie sie es im Schnitt etwa alle 100 Jahre tut.
Die Magnitude eines Ereignisses ist eine physikalisch gemessene Grösse und gibt Auskunft über die während eines Bebens freigewordene Energie (Richter-skala).
Die Intensität beschreibt die Stärke eines Bebens, basierend auf dem Ausmass der Zerstörung und der subjektiven Wahrnehmung. Je nach Bodenbeschaffenheit ist es durchaus möglich, dass ein Beben mit einem höheren Wert auf der Richterskala als weniger intensiv wahrgenommen wird.
Die Intensität wird in römischen Ziffern angegeben:
I: nicht fühlbar
II: kaum bemerkbar
III: schwach bemerkbar
IV: deutlich bemerkbar
V: stark bemerkbar
VI: leichte Gebäudeschäden
VII: Gebäudeschäden
VIII: schwere Gebäudeschäden
IX: zerstörend
X: sehr zerstörend
XI: verwüstend
XII: vollständig verwüstend.
Erschienen in der BZ am 12. April 2014