Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/2397

| Hieronymus († 420) - Briefe

II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
24. An Marcella: Asellas Lebenslauf
5.
Aber über alle diese Dinge weißt Du ja besser Bescheid, habe ich doch von Dir das Wenige erfahren. Deine Augen haben ja an ihren Knien die Kamelschwielen geschaut, die sich an dem heiligen Körperchen infolge des häufigen Betens gebildet haben. Ich kann nur schildern, was mir erzählt wurde. Trotz ihres ernsten Wesens war sie immer heiter gestimmt, trotz ihrer Heiterkeit wahrte sie stets die Würde. Nichts ist wehmütiger als ihr Liebreiz, nichts nahm mehr für sie ein als ihre Wehmut. Die Blässe ihres Antlitzes verrät ein Leben der Abtötung, aber ohne daß sie irgendwie Aufsehen erregt. Ihre Rede ist Schweigen, und ihr Schweigen ist Reden. Ihr Gang ist weder rasch noch langsam, ihre Haltung bleibt stets die gleiche. Auf gefällige Erscheinung legt sie keinen Wert, ihre Kleidung ist ohne Zierat. Ihr Schmuck besteht darin, daß sie sich nicht [S. 122] schmückt. Nur ihrem über alles erhabenen Lebenswandel hat sie es zu danken, wenn in der Stadt des Luxus, der Ausgelassenheit und des Genießens, in der niedrig und elend sein eins und dasselbe bedeutet, die Guten sie verherrlichen können, ohne daß die Schlechten es wagen dürften, an ihr etwas auszusetzen. Sei sie für die Witwen und Jungfrauen ein Vorbild, die Frauen mögen sie ehren, den Sündern flöße sie Furcht ein, den Priestern aber sei sie Gegenstand ihrer Hochachtung!