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Das musst du wissen
- Bis 2050 soll die Weltgemeinschaft netto keine Treibhausgase mehr ausstossen.
- Dafür genügt es laut der Internationalen Energieagentur nicht, Kohle abzuschaffen und in saubere Energie zu investieren.
- Sie ermutigt die Länder daher, ihre Klimaziele im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Glasgow zu erhöhen.
Warum wir darüber reden? Im World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur IEA werden mehrere Szenarien für die künftige Entwicklung der weltweiten Energienachfrage untersucht. Demnach dürfte die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen bis 2025 ihren Höhepunkt erreichen und dann sinken, sofern die Länder ihre vor der COP26 eingegangenen Verpflichtungen einhalten. Dies ist das erste Mal, dass die Ölnachfrage in allen von der Agentur untersuchten Szenarien zurückgeht.
Nach Ansicht der IEA würde eine auf 1,5 Grad begrenzte Erwärmung – eine Schwelle, die nach den jüngsten Arbeiten des Weltklimarats IPCC in weniger als zwanzig Jahren erreicht sein wird – es ermöglichen, «die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden». Verglichen mit dem IEA-Bericht von 2019, in dem die Agentur die Ansicht vertrat, dass dieses Ziel «Herausforderungen mit sich bringt, die schwierig und kostspielig zu bewältigen sein werden», ist die Änderung des Tons radikal.
Die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD gegründete Agentur wurde nach dem ersten Ölschock im Jahr 1973 ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, die Koordination der Energiepolitik ihrer Mitgliedsländer zu erleichtern. Ihr jährlicher Bericht World Energy Outlook wird oft als eine der einflussreichsten Quellen zu Energie- und Klimafragen angesehen. Im Hinblick auf die COP26 in Glasgow sind diese Fragen auch von politischer Bedeutung.
Fatih Birol, Generaldirektor der IEA, schreibt im Vorwort des aktuellen Berichts:
«Diese Ausgabe des World Energy Outlook ist ausnahmsweise als Leitfaden für die COP26 gedacht.»
Der Bericht befasst sich insbesondere mit dem Unterschied zwischen der bestehenden Klimapolitik, den Verpflichtungen der Staaten für die nächsten Jahre im Rahmen des Pariser Abkommens und dem, was getan werden müsste, um den Klimawandel auf 1,5 Grad zu begrenzen.
Das Ende des Erdöls. Das Current Policies Scenario CPS, das in den letzten Jahren häufig von Regierungen und privaten Akteuren als Rechtfertigung für fortgesetzte Investitionen in die fossile Industrie herangezogen wurde, ist in dem Bericht nicht mehr enthalten.
Auch das Szenario der nachhaltigen Entwicklung – Sustainable Development Scenario SDS –, das sich an den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung orientiert, ist seit 2019 praktisch aus dem Bericht verschwunden.
- Es wurde durch ein ehrgeizigeres Netto-Null-Szenario – Net Zero Emissions NZE – ersetzt, in dem die Kohlenstoffneutralität bis 2050 erreicht werden soll – und nicht bis 2070, wie im Szenario der nachhaltigen Entwicklung SDS. Für die IEA ist es das NZE-Szenario, das es ermöglicht, den Fortschritt in Richtung des Pariser Abkommens zu messen. Um diesen Rahmen einzuhalten, müssten überhaupt keine neuen Gasfelder oder Erschliessungsprojekte entwickelt werden, so die IEA. Dieses Szenario ist mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar.
- Untersucht wird das klassische Szenario mit den bereits von den Staaten eingegangenen Verpflichtungen – Stated Policies Scenario STEPS. Nach diesem Szenario werden die weltweiten Emissionen im Jahr 2022 ihren bisherigen Höchststand überschreiten und im Jahr 2026 ihren Höhepunkt erreichen, bevor sie wieder zurückgehen. Dieses Szenario bringt den Planeten auf einen Erwärmungskurs von 2,6 Grad.
- Es wurde ein neues Szenario hinzugefügt, das den für die COP26 angekündigten, aber noch nicht umgesetzten, Verpflichtungen der Staaten entspricht, das Announced Pledge Scenario APS. Bei diesem Szenario werden die weltweiten Emissionen nicht auf das Niveau vor der Pandemie zurückkehren, sondern könnten bis 2050 um bis zu vierzig Prozent sinken. Dieses ehrgeizigere Szenario sieht eine Erwärmung des Planeten um 2,1 Grad vor.
Um das Ende der Erdöl-Ära zu unterstreichen, ändert die IEA – als symbolische Geste – die Energieeinheit von Millionen Tonnen Öläquivalent (Mtoe) zu Exajoule (EJ).
Zeke Hausfather, Klimawissenschaftler und Direktor für Energie und Klima am Breakthrough Institut in Kalifornien, sieht darin ein positives Signal. Er schreibt auf Twitter:
«Es ist bemerkenswert, dass keines der IEA-Szenarien an die IPCC-Emissionsszenarien heranreicht, die zu +3-7°C oder +5-8,5°C führen. Natürlich sind diese Szenarien weder die niedrigsten noch die obersten Werte für künftige Emissionen.»
Investitionen neu ausrichten und aus der Kohle aussteigen. Die Agentur fordert ausserdem einen «raschen Ausstieg aus der Kohle», und zwar bis 2030 für die Industrieländer und bis 2040 für andere. Dies erfordert die Stilllegung von mehr als neunzig Gigawatt Kohlekraftwerken pro Jahr in den nächsten zehn Jahren und den Abbau von vierzig Prozent des bestehenden Kraftwerksparks bis 2030, was in irgendeiner Weise durch Umlenkung von Investitionen kompensiert werden muss. Die Agentur schätzt, dass bis 2030 jährliche Investitionen in saubere Energie in Höhe von vier Milliarden Dollar erforderlich sein werden, mehr als das Dreifache der heutigen Investitionen.
Dadurch werden neue Arbeitsplätze in den Bereichen erneuerbare Energien, Elektroautos und Stromerzeugung geschaffen, die «den Rückgang in der traditionellen Industrie für fossile Brennstoffe ausgleichen werden», so die IEA. Nach dem APS-Szenario (Announced Pledge Scenario) könnten bis 2030 13 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden, nach dem NZE-Szenario (Net Zero Emissions) sogar fast doppelt so viele.
Ansonsten besteht das Hauptrisiko in der Instabilität der Energiepreise, von der mehrere Länder derzeit einen Vorgeschmack bekommen, insbesondere beim Gas. Der derzeitige Anstieg hängt nicht mit der Energiewende zusammen, sondern mit dem raschen wirtschaftlichen post Covid Aufschwung, betont der Direktor der Agentur. Aber diese Energiekrise ist eine Warnung vor dem, was noch kommen könnte.
Der IEA-Generaldirektor Fatih Birol schreibt:
«Wie immer im Energiesektor kommt es auf die Investitionen an. Die IEA warnt seit mehreren Jahren, dass das derzeitige Investitionsniveau sowohl für den kurzfristigen Energiebedarf als auch für die langfristigen Übergangsziele unzureichend ist. Die Gefahren, die mit den unzureichenden Ausgaben für die Energiewende verbunden sind, dürfen nicht unterschätzt werden. Wenn wir das nicht bald korrigieren, werden die Risiken einer destabilisierenden Volatilität im weiteren Verlauf nur noch zunehmen.»
Der Ball liegt bei den Regierungen. Mit anderen Worten: Die neuen Szenarien der IEA sollen die Regierungen an ihre Verantwortung erinnern – und an ihre Möglichkeiten zu handeln. Um bis 2050 netto null zu erreichen, reicht es nicht aus, die Kohle abzuschaffen und in saubere Energie zu investieren. In dem Bericht wird betont, dass die Energieintensität der Weltwirtschaft zwischen 2020 und 2030 um vier Prozent pro Jahr gesenkt werden muss und dass die Methanemissionen aus fossilen Brennstoffen reduziert werden müssen.
Der Bericht ermutigt daher die Länder, ihre Klimaziele im Vorfeld der COP26 in Glasgow zu erhöhen. Dort steht schwarz auf weiss:
«Die heute eingegangenen Verpflichtungen decken weniger als zwanzig Prozent der Differenz ab, die bis 2030 aufgehoben werden muss, um den 1,5-Grad-Zielkurs zu halten.
Die Bürgerin und den Bürger nicht vergessen. Die IEA weist darauf hin, dass neunzig Prozent der Weltbevölkerung jeden Tag verschmutzte Luft einatmet, was zu mehr als fünf Millionen vorzeitigen Todesfällen pro Jahr führt. Diese Warnung deckt sich mit einem am 11. Oktober veröffentlichten Bericht der WHO, in dem vor den Gesundheitsrisiken der Klimakrise gewarnt wird, insbesondere was die Luftqualität betrifft. Das ehrgeizigste Szenario, das des Netto-Null-Szenarios, würde diese Zahl bis 2030 um fast zwei Millionen reduzieren.
Schliesslich weist die Agentur darauf hin, dass der Übergang für alle Bürger «sicher, erschwinglich und gerecht» sein muss und dass «Regierungen, die nicht sicherstellen, dass diese Elemente im Mittelpunkt ihrer Energiewendepolitik stehen, ein Scheitern riskieren». Dies erinnert an die Diskussionen um die CO2-Besteuerung und das Scheitern des Schweizer CO2-Gesetzes an der Urne am 13. Juni.