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Mit nur einem Koffer für sich und ihre zwei Teenager-Söhne reiste Viktoriia Apalkova Mitte März von der Ukraine nach Bern. Auf Einladung der Berner Fachhochschule kann die Ökonomin nun in der Schweiz ihre Forschungsarbeit weiterverfolgen, die sich unter anderem mit dem Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg beschäftigt.
Wie jedes Jahr wollte die Familie Apalkova in die Skiferien fahren. Die Koffer waren gepackt und im Auto verstaut. Doch es kam alles anders. In der Nacht auf den 24. Februar wachte Viktoriia Apalkova zu Hause in Irpin, Region Kiew, um 3.20 Uhr auf. Das Dröhnen von Flugzeugmotoren hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Nach einer Weile vernahm sie aus der Ferne Explosionen. Um fünf Uhr morgens erklärte Russland der Ukraine den Krieg. Viktoriia, ihr Ehemann Serhii und die beiden Söhne Nikita (16) und Boryslav (13) suchten während drei Tagen Schutz in der Tiefgarage des Gebäudes, die den Bewohnenden des Viertels als Luftschutzbunker diente. «Die vielen Explosionen und der ständige Alarm beängstigten meine Kinder», erzählt Viktoriia Apalkova. Das Ehepaar beschloss kurzerhand, Kiew zu verlassen und in die Westukraine zu fahren. Die Familie packte noch kurzerhand ihre Haustiere, die beiden Ratten Robert und Richard, ins Auto. Als Ersatzwäsche musste die für die Skiferien gepackte Kleidung genügen.
E-Mail aus der Schweiz
In der Westukraine liess sich die Familie zusammen mit Viktoriias Eltern bei Verwandten in einem Dorf in der Zakarpatsky-Region nieder. Serhii begann vor Ort geflohene Familien zu unterstützen. «Auch ich wollte meinem Land im Kampf ums Überleben so gut wie möglich helfen», sagt Viktoriia. Sie kam zur Einsicht, dass sie diese Hilfe am besten mit ihrem Wissen leisten konnte. Die 43-Jährige war als Professorin an zwei verschiedenen Wirtschaftsuniversitäten in Kiew tätig und hatte unter anderem zu nachhaltigen und sozialen Wirtschaftsthemen geforscht. Sie begann sich schon in diesen ersten Kriegswochen Gedanken darüber zu machen, wie Firmen aus zerstörten Gebieten in sichere Gebiete umgesiedelt werden könnten, und startete eine neue Forschungsarbeit. Doch die Arbeitsbedingungen waren schwierig, es gab kaum Internet. Zudem musste sie sich um ihre zwei Söhne kümmern, die von einem Tag auf den andern nicht nur den Zugang zu ihrem Schulsystem und ihren Freunden verloren hatten, sondern auch zum Sport, der bisher einen grossen Teil ihrer Freizeit ausgefüllt hatte. Just in dieser Zeit erreichte die Ukrainerin eine E-Mail aus der Schweiz, einem Land, in dem sie noch nie gewesen war. Viktoriia setzte sich mit dem Departement für Wirtschaft der Berner Fachhochschule in Verbindung. Eine Woche später verliess sie zusammen mit ihren zwei Söhnen die Ukraine. Flüge gab es damals keine. Ihre Eltern fuhren die drei mit dem Auto nach Budapest, von wo aus sie nach Basel in eine unbekannte Zukunft flogen.
Der unerwartete Anfang
Dieses Mal hatte Viktoriia für sich und ihre zwei Teenager-Söhne nur noch einen Koffer dabei. Die Skikleider hatte sie in der Ukraine zurückgelassen. Die Ankunft in Bern war ganz anders als erwartet: «Uns war schwer ums Herz, mussten wir doch meinen Ehemann und Vater meiner Kinder sowie die Eltern und Grosseltern zurücklassen. Wir hatten Angst vor dem Unbekannten. Die Ankunft in Bern war dann das absolute Gegenteil meiner Erwartungen – sie war viel besser!» Mitarbeitende der Berner Fachhochschule kümmerten sich um die Familie und halfen bei der Wohnungssuche und dem Auftreiben von Alltäglichem, bei Fragen zum Schulsystem und vielem anderem. Sie sei sehr dankbar für die Gastfreundschaft und Hilfe, die sie in der Schweiz erfahre, sagt die Ukrainerin. Eine neue Kollegin konnte sogar den Kontakt zu Pentathlon Suisse, dem nationalen Verband der Schweizer Modernen Fünfkämpfer, herstellen. Nikita und Boryslav hatten in der Ukraine den aus Fechten, Schwimmen, Laufen, Reiten und Schiessen bestehenden Sport betrieben. Ihre Ausrüstung musste in der Heimat bleiben. Nun konnten sie ihren geliebten Sport in Bern wieder ausüben – dank der Unterstützung des Verbandes. Die beiden Söhne besuchen die Schule in Stettlen und konzentrieren sich vorerst aufs Deutschlernen. Gleichzeitig folgen sie online Schullektionen in der Ukraine, um dort ordentlich Prüfungen ablegen zu können und den Anschluss nicht zu verlieren. Die Familie wohnt zusammen mit anderen an der BFH engagierten ukrainischen Wissenschaftlerinnen im Bernapark in Stettlen. Die Bernapark AG hat dort grosszügig eine Wohnung umsonst zur Verfügung gestellt. Auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik befindet sich auch das Zentrum für Innovation und Digitalisierung (ZID), ein wichtiger Partner für die BFH Wirtschaft. «Ich habe nur zwei Minuten Arbeitsweg!», freut sich Viktoriia.
Die Erste
Viktoriia Apalkova war die erste Gastwissenschaftlerin aus der Ukraine, die in Bern ihre Arbeit aufgenommen hat. «Als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, wollten wir helfen», erklärt Sebastian Gurtner, Leiter des Instituts Innovation & Strategic Entrepreneurship der BFH. Das Institut hatte eine Vielzahl von Wissenschaftlerinnen angeschrieben, um ihnen einen Gastaufenthalt an der BFH anzubieten. Es werden voraussichtlich 14 Wissenschaftlerinnen aus der Ukraine sein, die für die BFH arbeiten werden. «Das geht nur dank der Unterstützung durch den Schweizerischen Nationalfonds und der Bernapark AG», sagt Sebastian Gurtner.
Als Viktoriia Anfang April in Stettlen ankam, habe er angenommen, dass sie zunächst Zeit brauchen würde, um in der Fremde anzukommen und sich zurechtzufinden. Doch schon an ihrem zweiten Tag sei die neue Kollegin bei ihm im Büro gestanden und habe gefragt: «Was kann ich tun?» Viktoriia kann nun an ihre früheren Forschungsarbeiten anknüpfen und arbeitet etwa an einem Projekt zum Thema «Low-end Innovation», in dem der Frage nachgegangen wird, wie Innovationen bei Personen mit wenig Ressourcen umgesetzt werden können. Sie wird als Gastdozentin Lehrveranstaltungen zu internationalem Management auf Englisch durchführen. Auf Deutsch kann sie sich bereits verständigen. Gleichzeitig hält sie Onlinevorlesungen für ihre ukrainischen Wirtschaftsstudenten ab. «Ja, es sind volle Tage», sagt die Ökonomin, ohne dabei gestresst zu wirken.
Vor allem aber kann sie, wie bei Kriegsausbruch erhofft, von Bern aus den wirtschaftlichen Wiederaufbau in der Ukraine planen. Ein Herzensanliegen ist ihr dabei auch der nachhaltige Aspekt. «Schon zum Zeitpunkt, als ich die Ukraine verliess, begriff ich, welche enorme Last der Wiederaufbau des zerstörten Landes für alle Bürgerinnen und Bürger, einschliesslich der Wissenschaftler, sein wird. Deshalb warte ich nicht auf das Ende des Krieges, sondern arbeite bereits an der Schaffung einer Plattform für den Wiederaufbau der Ukraine auf der Grundlage eines nachhaltigen Entwicklungsmodells, das die Erfahrungen der Schweizer Wirtschaft berücksichtigt.»
Catherine Arber