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Von Dr. E. K. Ritter
Tiere kommunizieren auf ihre spezielle Weise, wenn sie mit dem Menschen interagieren.
So versteht meistens jeder Besitzer eines Haustieres, was sein
Liebling mit Signalen ausdrücken möchte. Solche Signale können
beispielsweise das Schnurren und «um die Beine streichen» bei
Katzen oder das aufgeregte Schwanzwedeln beim Hund sein.
Mit Haien
ist es nicht anders. Auch Haie senden Signale, wenn sie mit
Menschen in Kontakt kommen, doch leider konnten wir sie bis anhin
nur in extrem seltenen Fällen richtig interpretieren. Entsprechend
ist es nicht weiter verwunderlich, dass uns bis vor noch nicht
allzu langer Zeit bei einer Haibegegnung nichts anderes übrig
blieb, als passiv zu warten, bis der Hai das Interesse an uns
verloren hatte.
Vor einigen Jahren begannen wir in
Walker's Cay, Bahamas, die Körpersprache der Haie zu analysieren.
Wir versuchten herauszufinden, welche Bewegungen des Menschen eine
Reaktion bei Haien auslösten und wie diese Reaktionen zu
interpretieren sind. Ziel dieser Untersuchungen war die Erarbeitung
einer Methode, die es Schwimmern, Schnorchlern oder auch Tauchern
ermöglichen sollte, mit Haien zu interagieren. Sei es um sich ihnen
gefahrlos nähern zu können, sie fernzuhalten oder einfach um ihre
Körpersprache besser verstehen zu können.
Nachdem wir dieses
Interaktionskonzept in einer ersten Phase entwickelt hatten, ging
es darum, dieses unter verschiedenen Umständen und mit
verschiedenen Haiarten zu testen. Entsprechend reisten wir an die
entferntesten Orte und arbeiteten mit verschiedenen Arten unter
verschiedensten Bedingungen, um möglichst alle notwendigen Grenzen
dieses Konzepts abstecken zu können. Wir testeten es an allen
potentiell gefährlichen Arten, auch am Weissen Hai und zwar ohne
Käfig oder sonstige Schutzmassnahmen. Unser Interaktionskonzept
bekam den Namen «ADORE-SANE», wobei jeder einzelne Buchstaben für
einen ganz bestimmten Begriff innerhalb des Konzepts steht. «A»
steht für «Attitude», was im Deutschen als Haltung oder Gehabe des
Hais zu verstehen ist. Dabei wird zum Beispiel darauf geachtet, wie
der Schwanzschlag in Bezug zur Geschwindigkeit oder die Steifheit
des Schwanzes bei einer Bewegung zu bewerten sind oder auch wie der
Winkel der Brustflossen zum Körper steht. Alle diese Beobachtungen
haben eine ganz bestimmte Bedeutung in der Körpersprache eines
Hais. Entsprechend ist es auch mit dem Buchstaben «D». Dieser steht
für «Direction» oder Richtung. Es ist von grosser Bedeutung, in
welchem Winkel ein Hai auf ein grösseres Objekt wie einen Menschen
zuschwimmt. Das steht natürlich seinerseits wiederum mit der
Haltung (Attitude) im Zusammenhang. Und so geht es weiter mit all
den anderen Buchstaben in diesem Konzept.
Jeder Buchstabe umfasst
ein komplexes Gefüge von Begriffen und hilft schlussendlich mit,
die Situation in der man sich mit einem Hai befindet, schnell zu
analysieren und richtig zu reagieren. Dabei kann das Konzept von
zwei Seiten betrachtet werden, entweder von ADORE, oder von SANE.
Der erste Begriff bezieht sich auf den Hai, der zweite auf die
beobachtende Person.

ADORE Hai-orientiert
A-Attitude:
Wie schwimmt der Hai auf einen Taucher zu?
D-Direction:
Wie ist der Winkel zum Hai?
O-Origin:
In welcher Distanz wird der Hai zum ersten
Mal bemerkt?
R-Reference:
Schwimmt der Hai unter, auf gleicher Höhe
oder über dem Taucher?
E-Environment:
Wie sind die Wasserbedingungen?

SANE Mensch-orientiert
S-Scenario:
Wie ist die Situation des Tauchers (Strömung, Probleme,
müde etc.)?
A-Action:
Was macht der Taucher gerade?
N-Nervousness:
Ist der Taucher nervös oder aufgeregt (die Analyse von
ADORE wird erschwert)?
E-Experience:
Kennt der Taucher den Ort und die zu erwartenden Haiarten
(die Analyse von ADORE wird leichtert); Taucherfahrung?
Bereits die ersten Versuche zeigten uns
deutlich, dass wir Menschen die eigentlichen Auslöser und Gestalter
einer Situation sind, auch wenn wir dies nicht absichtlich tun. Es
ist deshalb wichtig zu erkennen, wie man sich bei einem
Zusammentreffen mit einem Hai verhält und sich fühlt. «S» steht für
«Scenario» und umfasst die Situation, in der man sich befindet. Das
kann von «verlorener Flosse» oder Probleme mit der Maske bis hin zu
einer Schnittwunde gehen. Unterschiedliche Situationen wirken sich
unterschiedlich auf unsere Psyche und unsere Bewegungen aus. Dies
wiederum löst unterschiedliche Reaktionen bei einem Hai aus.
Oft
ist die Situation so, dass keine Zeit bleibt, um alle 9 Punkte des
Konzepts durchzuspielen. Dementsprechend entwickelten wir ein
Kurzverfahren, das nur gerade die wichtigsten Punkte herausgreift,
um einer Situation angepasst reagieren zu können. Dieser Teil des
Konzepts wurde «QAI» genannt - Quick Assessment of Intention -, was
soviel wie «Schnellanalyse der Absicht» bedeutet. In diesem Teil
geht es lediglich um den Hai. Man befasst sich dabei mit seiner
Körperhaltung, seinem räumlichen Bezug zur Person und seiner
Schwimmrichtung. Das QAI gibt einer Person ein schnelles und
relativ zuverlässiges Bild der Situation, in der sie sich befindet.
Nein. Wie auch für
unsere eigenen Sprachen und Dialekte kann die Körpersprache von
Haien je nach Region Änderungen erfahren. Eine bestimmte Art hat
zwar überall in vergleichbaren Situationen dieselben
Verhaltensgrundmuster. Doch Schwellenwerte, die bestimmte
Verhaltensmuster auslösen, können je nach Region höher oder tiefer
sein. ADORE-SANE ist ein dynamisches Konzept, das erweitert, aber
auch verändert werden kann und sollte nicht als starres
Interpretationswerkzeug gesehen werden. Nicht zuletzt weil sich die
Körpersprache von Arten regional ändern kann und von Art zu Art
unterschiedlich ist.
Haie haben
in den meisten Medien noch immer einen eher schlechten Ruf, sei es
durch die vielen blutrünstigen Filme, die seit Jahren in den Kinos
und dem Fernsehen gezeigt werden oder weil diesen Tieren einfach
zuviele Unwahrheiten angedichtet wurden. Auch die Medien berichten
über fast jeden Haiunfall, unabhängig davon, ob der Hai am Unfall
schuld war oder der Mensch dafür verantwortlich gemacht werden
muss. In den meisten Fällen ist das Verhalten des Menschen der
Hauptgrund für einen Unfall. Teil von ADORE-SANE ist es deshalb
auch, solche Situationen zu testen, die früher als vermeindlich
gefährlich angesehen wurden und zu Bissen führten. Richtiges
Reagieren könnte in den meisten Fällen einen Unfall verhindern.
Doch hat ADORE-SANE noch einen weiteren Sinn. Wir wollen Menschen,
die vor Haien Angst haben, eine Methode bereitstellen, die es ihnen
möglich macht, sich Haien nähern zu können, um ihre Ängste
abzubauen.
Die Zukunft dieses Konzepts liegt
in der Verbreitung. Es sollte von Menschen erlernt werden, die
täglich oder gelegentlich im und am Wasser sind und so die Chance
bestehen könnte, dass sie sich mit einem Hai konfrontiert sehen.
Des weiteren soll dieses Konzept auch verfeinert und auf möglichst
viele Arten erweitert werden. Keine zwei Arten reagieren in
derselben Situation genau gleich. Es gibt sogar Unterschiede
zwischen Männchen und Weibchen, Jungtieren und Adulten derselben
Art. Wir versuchen, möglichst viele dieser kleinen Unterschiede bei
Arten, die oft mit Menschen in Kontakt kommen, zu analysieren.
Durch Verbreitung der entsprechenden Informationen helfen wir mit,
dass das schlechte Image der Haie nicht durch unnötige Unfälle
weiterhin verschlechtert wird.
* Dr. Erich K. Ritter ist Haibiologe und Adjunct Assistenz Professor an der Hofstra Universität, New York.
Veröffentlichung nur mit Quellenangabe: Shark Info / Dr. E. K. Ritter