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Ohne äusseren Feind entwickelt der Kapitalismus seine eigenen Gegenentwürfe.
Den Kapitalismus gibt es eigentlich gar nicht, nur viele Varianten davon. Von dieser Ausgangslage ging eine Konferenz aus, die im Mai 2003 in der Hamburger Börse stattfand. «Worlds of Capitalism – Welten des Kapitalismus» hiess die Tagung. Und so heisst auch das Buch, das daraus entstanden ist. 14 Autorinnen und Autoren behandeln die sozialen Institutionen, die Governance im Kapitalismus.
Unter den Varianten werden die neu-kapitalistischen Wirtschaften in Osteuropa und Asien, das europäische Sozialstaatsmodell und die Dynamik der US-Wirtschaft erläutert. Ein ganzes Kapitel ist der Kapitalismuskritik im Zeitalter der Globalisierung gewidmet – und deren Bedeutung für die Dynamik des Systems.
Herausgeber Max Miller, Professor an der Universität Hamburg, zeigt auf, wie sich der Systemwettbewerb innerhalb des Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des äusseren Gegners intensiviert hat. «In dem Masse, in dem die ideologischen Gegner verblassen, geraten immer mehr die Differenzen und Alternativen innerhalb des zeitgenössischen Kapitalismus in den Blick.»
Dabei ist der Begriff «Kapitalismus» eher jung. Bis 1902, als er von Werner Sombart etabliert wurde, kam er in der ökonomischen Literatur kaum vor. Im Zentrum des Interesses bei den Klassikern standen andere Dinge. Adam Smith untersuchte die Mechanismen des Marktes, und selbst Karl Marx war zwar an der Funktionsweise des Kapitals interessiert, verwendete aber den Begriff Kapitalismus sehr sparsam. Das änderte sich erst mit den Theoretikern der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Sie entwarfen ein Bild des Kapitalismus, in dem der Privatbesitz von Produktionsmitteln gilt und in dem alle Austauschverhältnisse über den Markt geregelt werden. Antriebsmotor dieses Systems sind die technologische Entwicklung und die Reinvestition von Profiten.
Mit den siebziger Jahren hielten wiederum neue Ansätze Einzug: Theorien über das postindustrielle Zeitalter, über Netzwerkstrukturen, über Symbol- und Bedürfnisproduktion im Konsumbereich, über kulturelle und institutionelle Varianten des globalisierten Kapitalismus.
Die Vielfalt dieser «Welten des Kapitalismus» wird aufbereitet. Bleibt die Frage offen, ob und wie eine Vereinheitlichung entstehen könnte. Und das ist wohl auch richtig so. Wäre ja noch schöner, wenn es in der Wirtschaftswelt keinen Wettbewerb der Ideen mehr gäbe.
Max Miller: Welten des Kapitalismus
Campus Verlag, Frankfurt, 388 Seiten, Fr. 57.–