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Noch 2015 hatte sich der Verlag gegen eine Streichung des N-Wortes gewehrt. Nun hat der Thienemann-Verlag die «Jim Knopf»-Bücher überarbeitet. Alles, was heute als rassistisch empfunden werden könnte, wurde geändert.
Leider würde «Jim Knopf» noch oft gelesen, sagte 2020 eine Kita-Leiterin. Jim Knopf reproduziere viele Klischees zum angeblich typischen Wesen und Äusseren von Schwarzen. «Jim Knopf ist so, wie sich Weisse ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen», sagte Christiane Kassame in einem Interview mit der Wochenzeitung «Die Zeit».
1960 wurde Michael Endes Kinderbuch «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» veröffentlicht, zwei Jahre später folgte der zweite Band. Seither haben Pädagogen und Eltern wiederholt versucht, die «Jim Knopf»-Bücher in ihre Schemata zu zwängen und ihnen verschiedenste Formen der «Unkorrektheit» zu attestieren. Einst wurde Michael Ende «monströse Geschichtsklitterung» vorgeworfen, weil er ein verdrehtes China-Bild entwerfe; heute will man seine junge Leserschaft vor diskriminierender Sprache schützen.
Letzte Woche hat der Stuttgarter Thienemann-Verlag eine überarbeitete Version der zwei Kinderbücher herausgebracht. «Damit Kinder, die die Bücher jetzt lesen, diese sprachlichen Elemente nicht in ihren Alltagswortschatz übernehmen, haben Nachlass und Verlag nach reiflicher Überlegung entschieden, das N-Wort zu streichen und die stereotypen Beschreibungen zu reduzieren», heisst es in der Pressemitteilung des Verlags.
Jim ist nun rauchfrei
Wie der Verlag selbst schreibt, wird das N-Wort einzig von Herrn Ärmel verwendet, einer Nebenfigur der Bücher. Dies sei eine bewusste Entscheidung des Autors gewesen. Herr Ärmel, Untertan von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften, trug einen steifen Hut, ging nie ohne Regenschirm spazieren, lebte in einem gewöhnlichen Haus und war «hauptsächlich Untertan und wurde regiert». Ein Spiessbürger eben. Michael Ende habe ihm das Wort in den Mund gelegt, um auf seine fehlende Weltoffenheit hinzuweisen, schreibt der Verlag.
Statt «schwarzes Baby» (Jim Knopf) heisst es in der überarbeiteten Version «kleines Baby», statt «Indianerjunge» nur noch «Junge», und statt von einem «Eskimokind» ist von einem «Inuitkind» die Rede. Das N-Wort wurde komplett gestrichen. Auch die Illustrationen von Franz Josef Tripp sind überarbeitet worden. Jims dicke rosafarbene Lippen und seine schwarze Haut, die ohne Begrenzung in die schwarzen Haare übergehe, könnten vor dem Hintergrund der Rassismuserfahrungen schwarzer Menschen irritieren, schreibt der Verlag.
Auf dem Cover der neuen Ausgabe haben sich aber nicht nur Jims Haaransatz, Lippen und Hautton geändert. Auch die Pfeife ist aus seinem Mund verschwunden. Nun ist den Kindern auch in der Literatur das Paffen untersagt worden.
«Verramschter Kolonialismus unserer Grossväter»
Es ist nicht das erste Mal, dass die «Jim Knopf»-Bücher verdächtigt werden, politisch und historisch «irritierend» zu sein. Bereits die achtundsechziger Bewegung habe den «Jim Knopf»-Büchern ein verzerrtes China-Bild vorgeworfen, sagte Endes Freund und Lektor Roman Hocke 2011 in der «FAZ». Eltern hätten ihm böse Briefe geschrieben. Hocke sagte: «Die Kritik hat ihm die Hölle heissgemacht.»
In die surreale China-Imitation gelangen Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, als sie gemeinsam mit der Dampflok Emma die Insel Lummerland verlassen. Hier beginnt ihr Abenteuer. In der Hauptstadt Ping treffen sie Ping Pong, das zweiunddreissigste Kindeskind von Herrn Schu Fu Lu Pi Plu, erfahren, dass die Prinzessin Li Si in der Drachenstadt gefangen ist, und werden beinahe von dem dicken, machtversessenen Oberbonzen Pi Pa Po in den Kerker geworfen.
Das war den Kritikern zu viel. 1972 schrieb Otto F. Gmelin einen Verriss mit dem programmatischen Titel «Böses kommt aus Kinderbüchern»: «Endes ‹Jim Knopf›: eine Geschichte voll monströser Geschichtsklitterung, die überall und vor allem in einem kaiserlichen China spielt, als sei dies ein Land ohne historische Probleme. Bücher dieser Kategorie sind nichts anderes als der verramschte Kolonialismus unserer Grossväter.»
Daraufhin liess Michael Ende in allen nach 1981 erschienenen Fassungen «China» durch «Mandala» ersetzen. Ende musste das Offensichtliche noch offensichtlicher machen: dass es sich bei Mandala um einen literarischen und somit fiktiven Ort handelt. Sein Lektor Hocke fügte hinzu, dass Ende das reale China gar nicht gekannt habe. Es sei ihm um nicht mehr als eine phantasievolle Kulisse gegangen.
Kehrtwende des Verlagshauses
Noch 2015, als anlässlich des 55. Jubiläums eine Neuausgabe der «Jim Knopf»-Bände erschien, hatte sich der Thienemann-Verlag dazu entschieden, das N-Wort beizubehalten. Die Begründung damals lautete: Der 1995 verstorbene Autor könne sich dazu nicht mehr äussern. Ausserdem komme das N-Wort nur in einer Szene vor und diene vor allem dazu, Herrn Ärmel zu charakterisieren.
An beiden Argumenten hat sich nichts geändert. Trotzdem ist es weniger als zehn Jahre später doch zur Streichung gekommen. Heute ist sich der Verlag sicher, dass die Änderungen im Sinne des Autors gewesen seien, heisst es in der Pressemitteilung. Denn bekanntermassen sei Michael Ende weltoffen und respektvoll gewesen.
Im Gespräch mit der NZZ sagte die Pressestelle, dass die Impulse für die Überarbeitung sowohl aus dem Verlag als auch aus der öffentlichen Debatte gekommen seien. Einig ist sich die Öffentlichkeit allerdings nicht. Während die einen auf Social Media applaudieren und glücklich sind, ihren Kindern nun endlich wieder Michael Ende vorlesen zu können, können sich andere vor Sarkasmus nicht retten: «Auch der Titel muss geändert werden: ‹Jim› ist klischeehaft, ‹Knopf› ist minderwertig, ‹Lukas› ist biblisch konnotiert, und ‹Lokomotivführer› geht gar nicht.»