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Die Kehrseite der Medaille
Während seiner Karriere als Curler hat Peter de Cruz einen der grössten Erfolge erzielt, die ein Spitzensportler erleben kann: eine olympische Medaille. Doch zwischen Sieg und Niederlage liegen manchmal nur wenige Zentimeter. Eine Geschichte über Glück, Traurigkeit und eine neue Identität.
«Gangneung Curling Centre. 23. Februar 2018. Wir treten unter dem Applaus des Publikums ein. Angehörige, die aus der Schweiz gekommen sind, sitzen auf der Tribüne; sie machen ordentlich Lärm. Und sogar der Präsident des IOC, Thomas Bach, ist da. Benoît Schwarz, Claudio Pätz, Valentin Tanner und ich bereiten uns auf das kleine Finale bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang, Südkorea, vor. Das Spiel gegen Kanada, die Referenz im internationalen Curling-Sport, wird kompliziert. Wir sind nicht die Favoriten. Aber wir haben sie ein paar Tage zuvor in der Qualifikationsrunde besiegt. Das gibt uns Zuversicht.
Los geht's mit einem über zweistündigen Spiel. Als Skip bin ich für unsere Strategie verantwortlich. Ich treffe taktische Entscheidungen und lenke das Spiel in Bezug auf das Wischen. Um vom Anfang bis zum Ende konzentriert zu sein, trinke ich Kaffee und sorge dafür, dass mein Koffein- und Zuckerspiegel während des gesamten Spiels hoch bleibt. Die Wischer sind manchmal vom Hin- und Herlaufen auf dem Eis erschöpft. Bei mir besteht eher die Gefahr der mentalen Erschöpfung.
Siebtes End. Wir führen 4:3. Wir kontrollieren das Spiel, aber ich bin dennoch angespannt. Wir nähern uns den spielentscheidenden Momenten. Ich bin ein Spieler, der während eines Spiels viel kommunizieren muss. Einmal konzentriere ich mich so sehr auf das, was ich sage, dass ich nicht auf einen Stein achte, der sich direkt hinter meinen Füssen befindet. Ich trete einen Schritt nach hinten und dann «rumms»: Ich falle hin! Lande mit dem Hintern auf dem Boden. Zum Glück bin ich mit dem Schrecken davongekommen. Ich möchte nicht, dass dieser Moment zu einem Symbol und der Schlagzeile «Peter de Cruz und sein Team gegen Kanada am Boden» wird. Ich stehe auf und wir machen zwei weitere Punkte.
Achtes End. Wir führen 6:3. Ich rechne es kurz im Kopf durch. Wir sind dem Sieg sehr nahe. Ich kenne die Wahrscheinlichkeiten beim Curling auswendig. Zu diesem Zeitpunkt im Spiel, mit einer solchen Punktzahl, liegt unsere Chance, Bronze zu gewinnen, bei etwa 95 Prozent. Meine Nervosität steigt noch einmal deutlich an. Die grösste Anspannung in meiner gesamten Karriere. Die fünfprozentige Wahrscheinlichkeit, doch noch zu verlieren, versetzt mich in Angst und Schrecken. Mir ist heiss, mein Puls rast, es fühlt sich seltsam an, ich habe das Gefühl, nicht ganz präsent zu sein – als wäre ich nicht wirklich in meinem Körper. Die Kanadier machen zwei Punkte und kommen auf 6:5 heran.
Zehntes End. Wir führen 7:5. Jedes Team hat noch einen Stein. Doch jetzt kommt es nicht auf mich an. Es ist Benoît, der unser Schicksal in den Händen hält. Gelingt ihm der perfekte Spielzug, haben wir gewonnen. Ich versuche, ihn so gut wie möglich zu leiten und ihm zu helfen, ganz konzentriert zu bleiben. Von aussen betrachtet ist es noch schwieriger, mit der Situation umzugehen. Benoît hingegen bleibt wie immer ruhig. Er stösst sich ab, lässt seinen Stein los und dann denke ich: «Oh nein! Das kann nicht wahr sein, er hat seine Steinabgabe vergeigt!». Zum Glück irre ich mich. Aus einer Entfernung von 40 Metern ist es nicht immer einfach, alle Details zu erkennen. Und da realisiere ich: Wir haben eine Olympiamedaille gewonnen!
Wie Superstars
Wir sind ausser uns vor Freude, fallen uns in die Arme! Ich fange an zu weinen. Wir standen eigentlich das ganze Spiel über gut da, aber die Anspannung und die Angst vor einer Niederlage haben mich völlig ausgelaugt. Ich bin so erleichtert!
Doch es gibt keine Zeit zum Nachdenken. Wir machen ein paar Fotos und dann ist es Zeit für die Interviews. Zahlreiche Journalisten erwarten uns. Als ich den Medienbereich betrete, ist die erste Person, die ich erblicke, kein Journalist. Es ist unser Bundesrat und Sportminister Guy Parmelin. Ich bin überrascht, ich muss lächeln und freue mich. Er ist einer der ersten, der uns gratuliert.
Schon bei unserer Ankunft in Pyeongchang hatten wir gespürt, dass die Olympischen Spiele ein ganz besonderes Ereignis sind. Nicht zu vergleichen mit den Europa- oder Weltmeisterschaften. Ab Turnierbeginn gibt es Personen, die sich für uns um alles kümmern. Wir fühlen uns wie Superstars. Und mit dieser Medaille haben wir ein ganzes Land stolz gemacht. Das wird mir in den Stunden und Tagen nach unserem Sieg noch mehr bewusst. Unser Programm? Dutzende und Aberdutzende von Interviews, Nachrichten, Anrufen und Angeboten. Zurück in der Schweiz erwartet uns am Flughafen eine grosse Menschenmenge. Uns erscheint diese Aufmerksamkeit enorm. Dann denke ich, dass Benoît und ich Recht hatten, als wir uns wenige Minuten nach unserem Sieg gegen Kanada angeschaut und gesagt hatten: «Jetzt wird sich unser Leben ändern».
Die Party ist vorbei
Vier Jahre später. 16. Februar 2022. Diesmal sind wir in Peking. Heute treffen wir auf den Gastgeber dieser Olympischen Spiele, China. Mit drei Siegen und einer Niederlage in vier Begegnungen hatte unser Turnier besser begonnen als in Südkorea. Danach wurde es deutlich schlechter. Drei Niederlagen in drei Spielen hintereinander. Es ist ganz einfach: Wir dürfen uns keine Fehler mehr erlauben. Wenn wir verlieren, geht es nach Hause.
Wir kennen das chinesische Team überhaupt nicht, haben noch nie gegen sie gespielt. Gerüchten zufolge haben sie in den letzten Jahren wie verrückt gearbeitet, um bei ihren Spielen zu glänzen. Unser Team ist seit Pyeongchang ziemlich stabil geblieben. Der Einzige, der das Team verlassen hat, ist Claudio Pätz. Er wurde durch Sven Michel ersetzt, einen weiteren sehr erfahrenen Curler.
Wir betreten das Eis. Wie in Pyeongchang sind die Spielbedingungen perfekt. Doch es fehlt die Unterstützung der Zuschauer. Abgesehen von einigen Offiziellen und Gästen gibt es kein Publikum. Inzwischen beherrscht die Corona-Pandemie die Welt. Man kann es ruhig zugeben: Die Stimmung ist weit weniger ausgelassen, als dies bei Olympischen Spielen normalerweise der Fall ist. Doch ich beklage mich nicht, es ist für alle gleich und wir sind natürlich froh, hier zu sein.
Das Spiel beginnt. Ich habe ein komisches Gefühl. Wir spielen sehr gut – vielleicht unser bestes Spiel im Turnier –, aber unsere Gegner spielen einfach unglaublich. In Perfektion. Wir sind nicht schlecht, aber uns fehlt das Quäntchen Glück, das manchmal den Unterschied macht – das Glück, das wir in Pyeongchang hatten. Und sobald wir uns auch nur ansatzweise den kleinsten Fehler leisten, bestrafen uns die Chinesen und lassen uns kaum Zeit zum Luftholen.
Zehntes End. Trotz des ausserordentlichen Niveaus des Gegners sind wir absolut im Spiel. Wir führen 5:4. Ich glaube an einen Sieg. Allerdings hat China den Vorteil des letzten Steins. Wenn es ihnen gelingt, zwei Punkte zu machen, werden sie an uns vorbeiziehen und unsere Träume von einer weiteren olympischen Medaille zerstören. Benoît stösst sich für seinen letzten Stein ab. Leider fehlen ihm wenige Zentimeter, um die Aufgabe für China unlösbar zu machen. Nur wenige Zentimeter und es wäre für China vorbei gewesen.
Der chinesische Spieler stösst sich ab. Der Spielzug ist nicht einfach. Doch wieder: Perfektion. Zwei Punkte für China. Wir sind ausgeschieden. Ich kann es nicht glauben, das ist nicht möglich. Seit Beginn des Turniers haben wir mehr als 15 Stunden auf diesem Eis verbracht, und zum Schluss sind alle meine Hoffnungen innerhalb von Sekunden zerplatzt. Ich bin genervt. Und frustriert. Die Chinesen haben das Spiel ihres Lebens gespielt: 95 Prozent der Steine haben gepasst. Hut ab! Mit unseren 84 Prozent über das gesamte Turnier hinweg könnten wir dagegen blass aussehen. Doch war es genau derselbe Prozentsatz, mit dem wir in Pyeongchang Bronze gewonnen hatten.
Zurück im olympischen Dorf sitzen wir schweigend um einen Tisch herum. Uns wird das Programm für den nächsten Tag angekündigt: «Nach eurem letzten Spiel am Morgen packt Ihr eure Sachen und reist am Abend ab.» Aufgrund der Pandemie wird uns keine Wahl gelassen: Wir werden bei den weiteren Wettkämpfen und auch bei der Abschlussfeier nicht dabei sein können. Das ist eine noch bittere Pille.
Am nächsten Tag erringen wir einen wertlosen Sieg gegen den späteren Olympiasieger Schweden. Am Ende des Spiels fange ich an zu weinen. Wie in Pyeongchang. Doch diesmal bin ich traurig. Noch weiss es eigentlich keiner, aber ich habe schon seit einiger Zeit über ein mögliches Karriereende nachgedacht. So wollte ich nicht abtreten. Dieser Gedanke macht mich traurig. Unser gemeinsamer Weg war so schön, über fast 15 Jahre hinweg: eine olympische Medaille, vier Medaillen bei Weltmeisterschaften, drei bei Europameisterschaften. Bei praktisch jedem grösseren Ereignis standen wir auf dem Podium. Doch dieses Mal nicht. Und das war mein letztes Mal.
Jetzt müssen wir uns mit der Kehrseite der Medaille befassen, mit dem Gegenteil von Pyeongchang: keine Feierlichkeiten, kein Medieninteresse, wenige Nachrichten, wenige Anrufe, keine «Business Class» im Flugzeug. Am Flughafen in Genf warten nur meine Verlobte und Valentins Partnerin auf uns. Sonst niemand.
Die folgenden Tage sind schrecklich für mich, es sind die schwierigsten meines Lebens. Ich falle in tiefes, schwarzes Loch. Ich habe keine Motivation mehr, gar keine. Wir spielen bei den Schweizer Meisterschaften mit, verlieren alle Spiele. Die anwesenden Zuschauer freuen sich, die Mannschaft zu sehen, die sie noch vor wenigen Tagen bei den Olympischen Spielen im Fernsehen verfolgt haben. Aber ich schaffe es nicht zu lächeln. Ich kann mich nicht verstellen. Ich komme mir vor wie ein Zirkuspferd, das vorgeführt wird.
Die Wochen danach sind genauso schwarz. Es fällt mir schwer, morgens aufzustehen, ich sehe nicht mehr viele Menschen und weiss nicht, was ich mit meiner Zukunft anfangen will.
Eine neue Identität
März 2023. Ein Jahr nach der Enttäuschung von Peking. Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen: Ich habe es geschafft, all diese negativen Gefühle zu verarbeiten. Mir geht es gut, ich habe mein Lächeln wiedergefunden! In der Zwischenzeit habe ich geheiratet. Und ich bin dem Curling verbunden geblieben. Ich manage nun den Club Trois-Chêne in Genf. Nebenbei gebe ich auch einige Curling-Kurse und mache eine Ausbildung in Mentaltraining. Dieser Aspekt des Sports begeistert mich.
Apropos mental: Wenn ich an die schwierige Zeit nach Peking zurückdenke, sage ich mir: Zum Glück habe ich das mit über 30 erlebt – und nicht vier Jahre früher. Meine Erfahrung hat mir geholfen, diese Krise zu bewältigen. Anstatt mich zu isolieren, wozu man in solchen Fällen neigt, begann ich schnell wieder, mich mit Freunden und Menschen zu treffen, die ich lange nicht gesehen hatte. Manchmal ging ich auch allein spazieren, und Leute erkannten mich oder ich traf Bekannte. Aus jeder Begegnung zog ich etwas positive Kraft. Das hat mir sehr gutgetan.
Ich würde nicht unbedingt den Begriff «Depression» verwenden, um die sieben oder acht Wochen nach den Olympischen Spielen 2022 zu beschreiben. Ich denke, dass Depressionen oft länger dauern. Der Prozess, den ein Sportler am Ende seiner Karriere durchläuft, kann eine echte Herausforderung sein. In meinem Fall ist mein Weg noch nicht ganz abgeschlossen. Ich schaffe mir langsam aber sicher eine neue Identität. Jahrelang hatte ich mich nur als Curling-Spieler gesehen. Ausschliesslich. Aber jetzt weiss ich, dass ich viel mehr bin als das. Und ich kann den Curling-Sport auch weiterhin unterstützen. Mit grossem Vergnügen werde ich auf meinem kleinen Bildschirm meine ehemaligen Teamkollegen bei den Weltmeisterschaften 2023 in Ottawa verfolgen. Ich wünsche ihnen, dass sie weitere schöne Erfolge erleben – und damit die glänzende Seite der Medaille.»
Aufgezeichnet von Fabio Gramegna, Team Medien Swiss Olympic
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Ungefiltert – Geschichten aus dem Schweizer Sport
Offen gesagt: Im Blog «Ungefiltert» erzählen Persönlichkeiten aus dem Schweizer Sport in eigenen Worten von aussergewöhnlichen Momenten und prägenden Erfahrungen. Von Siegen und Niederlagen, im Leben und im Sport. Wir freuen uns über Inputs für gute Geschichten, gerne auch die eigene: <email-pii>