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Beim Begriff «Zucker» denken wir meist an den Haushaltszucker, also Saccharose, ein Disaccharid, das aus Glukose und Fruktose zusammengesetzt ist und aus Zuckerrohr oder Rüben hergestellt wird. Während Tausenden von Jahren haben wir Fruktose in kleineren Mengen in Form frischer Früchte konsumiert. In den letzten Jahrzehnten ist es vor allem in den USA zu einem drastischen Anstieg des Konsums von Fruktose gekommen. Diese wird aus Mais gewonnen und zu einem Sirup namens HFCS (high fructose corn syrup) verarbeitet.
Wurden 1970 in den USA total pro Kopf und Jahr nur 0,23 kg HFCS konsumiert, so ist in der Zwischenzeit der Konsum um mehr als das Hundertfache angestiegen. Zunehmend weisen an Tieren und Menschen erhobene Daten auf eine ungünstige Wirkung eines hohen Fruktosekonsums auf Gewicht, Lipidstoffwechsel, Gicht und Bluthochdruck hin – Veränderungen, die für eine Zunahme des metabolischen Syndroms sprechen. Dennoch wird mit «Fruchtzucker» immer noch Werbung gemacht, und viele Konsumenten glauben, dass dieses Monosaccharid gesünder sei. Der Name «Frucht» ist wahrscheinlich die Ursache dafür und sicher auch die Werbung der Nahrungsmittelhersteller. Diese suggeriert, dass Fruktose natürlicher und gesünder sei als Traubenzucker oder Haushaltszucker. Heutzutage macht die Fruktose aus HFCS in den USA etwa die Hälfte der beim Essen und Trinken zugeführten Zuckerarten aus. HFCS findet sich in Backwaren, Konfitüren, Softdrinks und selbst im Ketchup !
Besteht ein Zusammenhang zwischen dem metabolischen Syndrom und dem dramatisch gestiegenen Fruktosekonsum ? Wir haben am Universitätsspital Zürich zwischen 2007 und 2010 eine randomisierte, crossover Studie durchgeführt, welche das Ziel hatte möglichst realitätsnahe die Wirkungen von Softdrinks, welche mit Fruktose, Glukose oder Saccharose gesüsst waren bei jungen gesunden Männern zu untersuchen. Die Probanden bekamen zwischen 40-80 g Zucker in Form von Softdrinks über 3 Wochen. Eben eine Menge die uns versprach «real life» Daten zu gewinnen. Es zeigte sich erstaunlicherweise dass bei allen Zuckerarten (Glukose, Saccharose und Fruktose) der nüchtern Blutzucker nach 3 Wochen angestiegen ist. Ebenso kam es zu einem Anstieg des hs-CRP (Abbildung 1) und Verschiebung der LDL Subklassen zu kleineren und damit atherogeneren Partikeln. Dies ist insofern überraschend, dass schon bei relativ geringen Mengen Zucker in Form von Softdrinks ein markanter Effekt auf Lipid- und Zuckerstoffwechsel nachgewiesen werden konnte – Effekte, die als Vorboten des metabolischen Syndroms bezeichnet werden könnten.
% Anstieg des hs-CRP bei Konsum von Softdrinks mit 40 oder 80 g Fruktose (MF, HF), 40 oder 80 g Glukose (MG, HG) oder 80 g Saccharose (HS) während 3 Wochen (n = 24 ; * p < 0,01, ** p < 0,002).
Diese «süssen» Erkenntnisse sind nicht nur relevant für Ärzte, sondern auch für die jungen Konsumenten.
Zu den meisten «Funktional Foods» ist meines Erachtens ein Nutzen nicht belegt. Ich erwarte weder einen Nutzen noch einen Schaden auf die menschliche Gesundheit. Die Zugabe gewisser Makronährstoffe kann beispielsweise Sinn machen bei Menschen, die sich ansonsten sehr einseitig ernähren. Für mich ist die beste Ernährung, diejenige, die industriell nicht mehr als notwendig verarbeitet wurde, dies heisst die natürliche Ernährung «frisch vom Acker, oder Bauernhof». Die Natur liefert übrigens «functional food» in Hülle und Fülle. Bestes Beispiel ist die Milch : Wahrscheinlich das ausgewogenste und eines der besten Nahrungsmittel überhaupt. Wird im Körper von Säugetieren synthetisiert. Die Zusammensetzung ist so ideal, dass Menschenkinder, und auch die Jungen von Säugetieren sich zu 100% mit Milch ernähren können. Stellen Sie sich das vor : keine Beilagen, nicht mal ein Glas Wasser – alles vorhanden ! Die Krone des «functional foods» direkt von der Brust, bzw. Euter !
Functional food macht für mich jedoch in gewissen Nischen Sinn. Auch bei gesunden Personen kann es durchaus zu Vitamin D Mangel, Eisen Mangel oder unzureichende Einnahme von Kalzium kommen aus verschiedenen Gründen (beispielsweise Nachtarbeiter). Hier macht eine selektive Anreicherung von Vitamin D beispielsweise Sinn. Anreicherung mit Eisen kann ebenso Sinn machen bei Personen die unter chronischem Mangel leiden oder auch Zugabe von Kalzium. Bei gewissen Erkrankungen wie beispielsweise einem Kurzdarmsyndrom oder bei St.n. Magenbypass ist die Supplementierung von Vitaminen und anderen Mikronährstoffen sehr wichtig, dies geschieht aber am besten mit einer definierten Menge – enthalten in einem Multivitaminpräparat Ebenso ist in der Schwangerschaft eine selektive Supplementation mit Folsäure medizinisch indiziert ; jedoch nicht in Form von «functional food», sondern in einer gut definierten Mengel 1 x tgl. als Supplement. Zusammenfassend : «functional Food» sind Nischenprodukt, medizinisch gibt es keinen Gründe diese zu bevorzugen.
Menschen essen «functional food» zum einen weil einige in der hektischen Zeit nicht mehr genügend Zeit zu einem ausgewogenen guten Essen aufbringen, was eigentlich schade ist. Es geht wohl schneller eine Portion «functional food» zu essen als herkömmliches gutes Essen mit gutem Gemüse und Obst zum Mittag und vielleicht einem Glas Milch zu Frühstück. Einige kaufen «fufo» auch aus Neugier : «Functional» tönt versprechend : es scheint etwas in Bewegung gesetzt zu werden. Ich kenne jedoch wenige, welche sich über längere Zeit so ernähren und sich dies auch leisten wollen oder könnten.
Bio Food und «functional food» schliessen sich sicherlich nicht aus : Meines Ermessens ist Bio Food hinsichtlich Zusammensetzung und Ausgewogenheit deutlich überlegen. Das Problem beim Bio Food ist lediglich dass diese Etikette zu wenig restriktiv gehandhabt wird. Sehr viele Konsumenten sind beispielsweise bereit für Eier und Fleisch aus artgerechter Haltung und ohne Aufzucht mit Anabolika mehr zu bezahlen ; dies befürworte ich medizinisch ausdrücklich. Es macht ökologisch und gesundheitlich nun wirklich keinen Sinn Poulet aus dem Fernosten hier in der Schweiz zu verzehren. Auch ist nachvollziehbar, dass Gemüse aus biologischem Anbau besser schmeckt und wir lieber einen «normalen» Apfel essen, also einen hochgezüchteten, behandelten Riesenapfel, welcher ernährungstechnisch dem herkömmlichen Apfel auch nicht überlegen ist.
Die Konsumenten werden noch manche ernsthaftere und wenig ernsthaftere neuen «Produkte» sehen. Wenn er interessiert ist und weiss, was er isst, habe ich keine Bedenken. Der Konsument soll jedoch nicht glauben, dass «Zaubernahrung» auf den Markt kommen wird, die ihn leistungsfähiger und glücklicher macht – dies kommt aus anderen Quellen. Schlussendlich sollen all diejenigen, die vielleicht verunsichert sind, ob sie denn für sich oder ihre Kindern nicht «functional food» kaufen müssten, getrost wissen – Nein, die «natürliche» Nahrung, die wir uns alle leisten können enthält alles was wir brauchen. Auch wenn im «functional food» vielleicht noch mehr Präbiotika, Omega-3 Fettsäuren, Mineralstoffe, Antioxidantien, Enzyme, usw. enthalten sind. Alles war auch schon im Dorfladen vor 50 Jahren.
Denken Sie das nächste Mal an ein Glas Milch, wenn Sie vor einer Packung functional food stehen und vergleichen Sie !