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Als ich kürzlich im Shoppingcenter einkaufen war, fiel mir in der Tiefgarage ein älterer Herr auf, der etwas verloren zwischen den parkierten Autos herumging. Er hatte eine Einkaufstasche in der Hand und schien den Lift zu suchen, der ihn zur Einkaufsfläche bringen sollte. Ich überlegte, ob ich ihn ansprechen und ihm den Weg weisen sollte. Doch bevor ich das machen konnte, war er aus meinem Blickfeld verschwunden.
Eine halbe Stunde später – meine eigenen Einkäufe waren im Kofferraum verstaut – fuhr ich mit dem Auto die Rampe hoch, die aus dem Parkhaus führt. Und wer kam mir mitten auf der Fahrbahn entgegen? Der gleiche ältere Herr. Allerdings war sein Gesichtsausdruck jetzt ein ganz anderer: Er sah verängstigt aus. Nach dem ersten Schreck hielt ich an, öffnete das Autofenster und fragte ihn, wohin er denn wolle. «Ich wollte einkaufen gehen, bin aber irgendwie in der Garage gelandet, und jetzt finde ich den Weg in den Laden nicht mehr», antwortete er mit leiser Stimme.
Um ihn schnellstmöglich aus der Gefahrenzone zu holen, bat ich ihn, bei mir einzusteigen, und fuhr danach die Rampe rückwärts runter. Auf einem Parkplatz angekommen, steckte mir Rainer, so hatte er sich in der Zwischenzeit bei mir vorgestellt, einen Zettel zu, auf dem stand: 1 Kilo Aprikosen, 1 Liter Milch, 100 Gramm Butter, 3 Tafeln Milchschokolade. Milchschokolade war doppelt unterstrichen. «Ich habe eben das letzte Mal schwarze Schoggi gekauft. Da war mein Ruthli gar nicht erfreut», sagte er schelmisch lächelnd.
Ich war froh, dass es ihm offenbar wieder besser ging, aber ich fragte mich, ob Rainers Vergesslichkeit und seine Orientierungsschwierigkeiten nicht ein Zeichen für gesundheitliche Probleme waren. Als hätte er meine Gedanken gelesen, erzählte er mir, dass er bei seinem Hausarzt eben wegen dieser Probleme in Abklärung sei. «Wissen Sie, Fräulein Silvia, ich bin ja nicht blöd, ich weiss ganz genau, auf was diese Symptome hinweisen.»
Ich wollte mich nicht aufdrängen, aber ich wollte Rainer nicht einfach im Parkhaus zurücklassen. So tätigten wir gemeinsam «unsere» Einkäufe, und danach spazierte ich mit ihm die 200 Meter bis zu seiner Haustüre, wo wir uns verabschiedeten. Rainer bestand darauf, mich bald einmal anrufen zu dürfen, damit er sich mit einem Kaffee für die «Rettungsaktion» bedanken könne. Also schrieb ich ihm meine Handynummer auf eine leicht verknitterte Visitenkarte, die er mir entgegenhielt.
Als ich später auf der Heimfahrt war, fühlte ich mich eigenartig. Einerseits hatte mich diese Begegnung berührt, andererseits hatte sie mich auch etwas traurig gemacht. Rainer erinnerte mich an meinen Vater, der vor Jahren schwer an Demenz erkrankt war.
Drei Tage später hörte ich, als ich im gleichen Laden vor der Kasse stand, eine Stimme meinen Namen rufen. Wenige Meter von mir entfernt sah ich Rainer, den ich trotz Maske sofort erkannte. «Dieses Mal habe ich den Eingang gefunden», rief er mir lachend zu, und ich konnte nicht anders, als mitzulachen. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt auf den gemeinsamen Kaffee.