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Manche Städte wachsen nicht organisch, sondern entstehen im Kopf und werden anschliessend nach Plan errichtet. Geplante Städte sind nichts Neues, bereits seit Jahrhunderten denken sich Menschen Stadtkonzepte aus und setzen sie um. Der verstorbene Archäologe Ahmad Hasan Dani betitelte etwa die Mohenjo-Daro-Siedlung im heutigen Pakistan als erste geplante Stadt der Welt. Sie wurde in der Bronzezeit gebaut.
Ein wichtiger Kopf der modernen städtischen Architektur war der Schweizer Charles-Édouard Jeanneret, besser bekannt als Le Corbusier. Er träumte Anfang des 20. Jahrhunderts von der «Ville Contemporaine», die Platz für 3 Millionen Menschen bieten sollte: Kreuzförmige Wolkenkratzer, ummantelt von Glas, gebaut auf Stahlrahmen. In der Mitte von Le Corbusiers Konzept befand sich ein Verkehrszentrum für verschiedenste Transportmittel. Es blieb bei der Utopie – vorerst.
1952 kam Le Corbusier tatsächlich dazu, eine Stadt nach seinen Vorstellungen umzusetzen. Nach der Teilung Indiens errichtete die Regierung einen neuen Regierungssitz im indischen Teil des Punjab: Chandigarh. Eigentlich sollte der Amerikaner Albert Mayer die neue Hauptstadt planen, doch nachdem sein Partner Matthew Nowicki tödlich verunglückte, zog er sich aus dem Projekt zurück. Der damalige indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru übertrug die Aufgabe schliesslich Le Corbusier.
Ursprünglich sollte Chandigarh 500.000 Menschen beheimaten, mittlerweile sind es mehr als eine Million. Le Corbusiers Reissbrett-Stadt bestand aus mehreren Rechtecken, jedes wiederum eine kleine Stadt in sich. Er plante nach Kategorien wie Arbeit, Wohnen sowie Verwaltung. Die Strassen teilte der Architekt ebenfalls nach Bedürfnissen ein.
1952 wurde der Grundstein gelegt, 1960 war die Stadt fertig gebaut, seit 2016 gehört Chandigarh zum Unesco-Weltkulturerbe. Wie viel sich Indien diese Planstadt hat kosten lassen, ist nicht bekannt. Ein wohl günstiger Ausgabenposten war die Anstellung Le Corbusiers: Gemäss Financial Times verlangte er nur 2000 Pfund Entlöhnung – pro Jahr.
Einige Jahre vor Chandigarh ist Canberra aus dem Boden geschossen. 1908 wurde ein Wettbewerb zur Planung der neuen australischen Hauptstadt lanciert, 1912 erhielten die Amerikaner Walter Burley und Marion Griffin den Zuschlag.
Die Griffins wollten etwas völlig Neuartiges errichten, sie sprachen von der «idealen Stadt». Wie Le Corbusier planten auch sie nach Funktionen innerhalb der Gesellschaft und arbeiteten mit geometrischen Formen. 1927 wurde Canberra mit dem Zuzug des Parlements offiziell zur Hauptstadt Australiens.
Canberra und Chandigarh haben sich zu besiedelten Hauptstädten entwickelt, im Gegensatz zur Planmetropole Naypyidaw. Die Hauptstadt Myanmars ist sechsmal grösser als New York, soll vier bis fünf Milliarden US-Dollar gekostet haben und löste 2005 ohne viel Aufhebens die frühere Hauptstadt Yangon ab.
Es gibt mehrere Golfplätze, einen Zoo, funktionierende Elektrizität inklusive WiFi – in einem Land, in dem das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Bruttoinlandprodukt nicht mal 1500 US-Dollar beträgt. Es überrascht daher wenig, dass Naypyidaw als Geisterstadt betitelt wird und man an der offiziellen Zahl von über einer Million Einwohner zweifelt.