Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/2554

aber zeichnet er sich durch feine Durchführung der Flachbildwerke aus. - Zu seinen besten Schöpfungen zählen die Flachbildwerke, mit denen der Brunnen bei der Kirche der «Unschuldigen Kinder» geschmückt war, sowie die Gruppe der Diana, ursprünglich zu einem Brunnen im Schlosse Anet gehörig, die sich jetzt im Louvre befinden. Die Gestalten sind überaus schlank gebildet - noch ein Nachklang der gotischen Zeit - aber von einer gewählten Anmut und liebenswürdigen Zartheit in der Ausführung (Fig. 500).
Prieur und Cousin. Pilon. Zierliche Behandlung des Gewandes, Wahrheit und Innigkeit des Ausdrucks in den Köpfen, würdevolle Haltung finden wir auch in den Werken von Barthélémy Prieur und Cousin, während ein anderer ungemein fruchtbarer Meister, Germain Pilon, ganz der malerischen Auffassung huldigt und dabei vielfach willkürlich verfährt.
Ein berühmtes Werk Pilons, die drei Grazien (Fig. 501), zeigt auch, wie die Kunst bereits allmählich jetzt dahin gedrängt wurde, das Aeußerliche, die glatte Formbehandlung auf Kosten der inneren Wahrheit und des geistigen Gehaltes zu betonen. Die Gruppe wurde im Auftrage der Katharina von Medici für die Cölestiner-Kirche als eine Art Grabdenkmal für König Heinrich II. ausgeführt; ursprünglich trugen die Grazien auf ihren Häuptern eine Urne mit dem Herzen des Königs. Es ist jedenfalls ein etwas seltsamer und sicherlich kein «frommer» Gedanke, der in diesem Denkmal zum Ausdruck gebracht wird.
^[Abb.: Fig. 501. Pilon: Drei Grazien.
Paris. Louvre.] ¶
d. Spanien.
Selbständigkeit der spanischen Renaissance. Willigere Aufnahme fand die neue Richtung dagegen auf der pyrenäischen Halbinsel in Spanien und Portugal. Eigentlich kann man nicht von einer «Uebernahme» reden, da die spanische Renaissance zum größten Teile selbständig sich entwickelte. Ich habe schon seinerzeit erwähnt, daß die Gotik auf der pyrenäischen Halbinsel ihre besonderen Eigentümlichkeiten gewonnen hatte, da sie maurische Formen aufnahm und überhaupt das Schmuckhafte in den Vordergrund stellte. Die bestehende Neigung, alles, was die Pracht der äußeren Erscheinung steigern konnte, zu benutzen und den Schatz an Zierformen zu bereichern, begünstigte natürlich das Eindringen antiker Grundzüge.
Durch die Heirat Ferdinands von Arragonien mit Isabella von Castilien waren die beiden mächtigsten Königreiche der Halbinsel vereinigt worden. Dann folgte die Eroberung des letzten maurischen Staates, Granada, auch Navarra und Neapel gerieten unter die Botmäßigkeit des arragonischen Königshauses und schließlich brachte diesem die Entdeckung Amerikas eine neue Quelle der Macht. Mit Beginn des 16. Jahrhunderts schickt sich Spanien an, die Stellung einer Weltmacht sich zu erobern, innerhalb fünfzig Jahren hatte es in der That diese erreicht und beherrschte mit seinem Einfluß alle europäischen Verhältnisse.
Dieses rasche Emporkommen zu Macht und Reichtum mußte natürlich auf die Kunst eine starke Rückwirkung üben. Der stolzen Prachtliebe standen jetzt auch reiche Mittel zu Gebote. Schon Ferdinand und Isabella hatten die Kunst begünstigt und wie bei jedem aufstrebenden Volke alle geistigen Kräfte frei werden, so nahm auch in Spanien der Kunstgeist einen hohen Aufschwung. Wenn auch die politischen Beziehungen zu Italien es mit sich brachten, daß dessen Kunstrichtung eingehender beachtet wurde, auch Künstler von dorther ins Land kamen, so bedurfte es doch solcher Einflüsse nicht, um eine den neuen Verhältnissen entsprechende Kunstweise zu begründen. Die einheimischen Künstler besaßen genügende Befähigung und geistige Schwungkraft dazu, zumal es sich zunächst garnicht darum handelte, vollständig mit der bisherigen Art zu brechen.
Kirchenbauten. Plateresken-Stil. Bei den Kirchenbauten hielt man vorerst noch an dem gotischen Stil fest, da er in der hierorts ausgebildeten Art ohnehin genügende Prachtentfaltung gestattete, aber für die Paläste, öffentliche Gebäude und namentlich für die Klöster wurde ein neuer Stil geschaffen, welcher der fruchtbaren, überquellenden Erfindungsgabe der spanischen Baukünstler an großartigem Prunk, an sinnfälligem, dichterischem Reiz, hinreißendem Schwung und an unendlicher
^[Abb.: Fig. 502. Haus des Pilatus.
Sevilla.] ¶