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Ulrike Fischer-Graf
Die attisch weissgrundige Grablekythos gelangte 2008 aus einer Privatsammlung als Schenkung an das Bibel+Orient Museum. Lekythen dienten zur Aufbewahrung von Olivenöl. Eine Sondergattung bilden die weissgrundigen Lekythen, die in den Jahren 470–400 v. Chr. einzig für den Grabgebrauch hergestellt wurden. Der nahezu zylindrische Vasenkörper und die Schulter unserer Lekythos sind weissgrundig, der schlanke Hals, die hohe trichterförmige Mündung und der lange Henkel sind schwarz gefirnisst. Sie ist aus verschiedenen Scherben zusammengesetzt. Gefunden wurden solche Lekythen fast nur auf Athener Friedhöfen. Dargestellte Themen sind etwa die Prothesis (Aufbahrung), Grabszenen mit 2 oder 3 Personen, Hypnos und Thanatos oder Charon mit seinem Boot, auf den früheren Grablekythen auch Alltagsszenen.
Darstellung
Unsere Lekythos zeigt den Besuch zweier Personen am Grab. Links von der Grabstele, einer akanthusbekrönten Säule, sitzt eine Frau, die ihre Arme angewinkelt emporstreckt und in ihren Händen eine graue Binde (Tänie) mit langen Fransen hält, wohl im Begriff, das Grab zu schmücken. Ihre Armhaltung entspricht einer Trauergebärde und ist hier übertragen auf das Halten der Tänie. Charakteristisch sind ihre drei abgespreizten Finger der rechten Hand. Sie trägt einen Peplos, dessen Überfall sich auf ihrem Schoss bauscht. Der Kopf ist im Profil gezeichnet. Die Umrisse ihrer Haare sind wellenförmig begrenzt. Leider kann man das Auge nur ahnen. Der Oberkörper mit dunklen Farbresten auf dem Gewand, ist in Frontalansicht gezeichnet und die Beine wieder seitlich und räumlich in die Tiefe gestaffelt. Der rechte Fuss ist über den linken geschlagen.
Rechts von der Stele steht ein bärtiger Mann in einem langen Mantel, der seine linke Schulter und einen Teil des Oberkörpers freilässt. Seine linke Hand, versteckt hinter dem rechten Arm, hält einen dunkelgrauen Knotenstock. Den rechten Arm mit nach unten geöffneter Hand streckt er vor die Stele. Er steht auf dem rechten Bein, das linke Knie ist angewinkelt. Charakteristisch ist das Auge: eine lange Braue, ein doppelter Oberlidstrich, ein kurzes Unterlid und die zurückgesetzte Pupille. Die Kontur der roten Haare ist wieder wellig. Seitlich fallen einzelne Spirallocken zum roten Bart herab. Auch auf der Rückseite der Lekythos und hinter den beiden Grabbesuchern müssen räumlich angeordnete Stelen dargestellt gewesen sein, von denen man nur noch zahlreiche herabhängende Tänienfäden sieht. Zu beiden Seiten der Hauptstele hängen ebenfalls solche Fäden herab.
Mal-Technik
Da die attisch weissgrundigen Lekythen ab 470 fast ausschliesslich für den Grabgebrauch hergestellt wurden, musste die Maltechnik auch nicht dauerhaft sein. Der Lekythenkörper wurde mit einem kaolinhaltigen Schlicker überzogen, der dann durch den Brand weiss wurde. Etwa ab 430 v. Chr. setzte die Technik der Umrisszeichnung mit der polychromen Mattfarbenmalerei ein. Körper und Gewänder, auch die dargestellten Grabstelen, wurden in ihren Umrissen skizziert, auf unserer Lekythos in einem zarten Grau. Hitzebeständige Farben konnten schon aufgetragen werden. Erst nach dem Brand wurden die polychromen Mattfarben etwa Rot, Blau, Grün, Gelb, ein mattes Schwarz und ein starkes Violett aufgemalt. Sie verdeckten dann grösstenteils die Umrisslinien wieder.
Stil, chronologische Einordnung
Schon von ihrer Grösse her mit einer Höhe von 50 cm und den schlanken, gestreckten Proportionen, gehört die Freiburger Lekythos zu den späten weissgrundigen Grablekythen der Zeit 430–400 v. Chr. Die Akanthusblätter, das Auge des bärtigen Mannes, die Haardarstellung, die Figur des bärtigen Alten mit Stock, die Haltung der erhobenen Arme der Frau, all diese Motive und Stilmerkmale veranlassen mich, die Freiburger Lekythos in die Nähe des Triglyphen-Malers oder gar an den Triglyphen-Maler selbst, ins späte 5. Jh. zu weisen.
Diese Vase ist noch bis September im Museum zu bewundern. Sie wird Gegenstand einer ausführlicheren Studie sein, die auf der Website des Museums veröffentlicht wird.
Attische weissgrundige Lekythos (Keramik), 430-400 v. Chr.
Links der Grabstele: sitzende Frau die eine Binde mit langen Fransen hält, wohl im Begriff, das Grab zu schmücken.
Rechts der Grabstele: stehender bärtiger Mann der seine rechte Hand vor die Stele streckt.