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In der NZZ vom 29. April 2021 erschien ein China/Taiwan-Beitrag, der in der militärpolitischen Gemeinschaft der Schweiz für Kopfschütteln sorgt. Ein deutscher “ausserplanmässiger Professor” namens Dirk Schmidt sucht die Titelfrage zu beantworten: “Taiwan erobern? – Xi in der Ideologie-Falle”.
Militärisch scheitert Schmidt krachend. Es fehlt vieles von dem, was eine sorgfältige, kompetente Lagebeurteilung ausmacht. Der Text strotzt von Fehlern – nur schon das dreispaltige Aufmacherbild lässt strategischen Sachverstand vermissen. Es zeigt auf der Insel Kinmen gut ein Dutzend “Rommelspargeln”, die offenbar einen rotchinesischen Angriff abwehren sollen – im 21. Jahrhundert.
Besonders peinlich mutet Schmidts Einschätzung der nationalchinesischen Kampfkraft an. Zu dieser zentralen Frage lässt der Autor den Leser ratlos zurück:
- Zitat 1: “Selbst Analysten in Taiwan attestieren der eigenen Armee, sie sei nur noch eine leere Hülle.”
- Zitat 2: “Die USA haben unter Trump die Lieferung moderner Waffen an Taiwan forciert. Diese Politik führt auch US-Präsident Biden … bis anhin fort.”
Wie hätten Sie es denn gern, Herr Professor? Die “leere Hülle” oder den von Amerika modern gerüsteten Staat?
Ein Blick in die “Military Balance 2020” des IISS, des unverfänglichen Londoner Instituts für Strategische Studien, hätte genügt, das Zitat 1 teils zu invalidieren. So schreibt das IISS unter “Taiwan (Republic of China”):
- “The armed forces are well trained and exercise regularly.”
- “Taiwan’s main alliance pertnership is with the US. In 2019, the United States approved the transfer of new F-16C/D Block 70 combar aircraft to Taiwan.”
- “Nevertheless, Taipeh maintains an interest in the F-35.”
- “Taiwan is modernising its existing holdings and developing its domestic defence-industry capabilities through increased funding and the development of new weapons programmes.”
- “Taiwan’s defence-industrial base ha strengths in aerospace, shipbuilding and missiles.”
IISS-Zitate zu Taiwans Gegenwehr könnten beliebig erweitert werden, so auch in der jährlichen strategischen Beurteilung der Kräfteverhältnisse in Asien; wie auch die Aufstellung der militärischen Mittel imponiert, die Nationalchina zu Lande, in der Luft und zur See stellt. “Leere Hülle”? Unsinn!
Neue Marine Littoral Regiments
Offenbar unterschätzt Professor Schmidt Taiwan und die USA (die Verbündeten Japan und Südkorea lässt er aussen vor). Immerhin masst sich Schmidt die Antwort auf die Gretchenfrage an: zur “Machtbalance zwischen den Beteiligten” und den “Voraussetzungen für eine Eroberung Taiwans durch China.” Dank Schmidt wissen wir endlich:
“Der Befund hierbei ist unmissverständlich: Die militärischen Gewichte in der Taiwan-Strasse haben sich zu Chinas Gunsten verschoben, die USA sind in wichtigen Kategorien (wie etwa bei der Zahl der landgestützten Kurz- und Mittelstreckenraketen) bereits hinter die Volksrepublik zurückgefallen.”
Hoppla!
- Kein Wort von Amerikas Verlagerung des strategischen Schwergewichts nach Asien: in den Westpazifik, inklusive Indischer Ozean.
- Kein Wort von den Überlegungen in Washington, dass weit gespannte Kommando über Pazifik und Indik aufzuteilen und die neue Struktur nachhaltig zu stärken.
- Kein Wort von der neuen Marine-Doktrin, die im Kern auf einen potentiellen Krieg mit China ausgerichtet ist.
- Kein Wort von General David Berger, dem 34. Commandant des Marine Corps, der neue “Littoral Regiments” aufbaut und trainiert.
Wozu wohl? Lt. Gen. Lewis Craparotta, im Marine Corps der Ausbildungschef, gibt in einem Navy-Communiqué Antwort:
“We’re laser-focused on the Pacific. And this is where you’ll see our first Marine Littoral Regiment. This is where we have our forward-based fifth-generation aircraft.”
Die Frage, wie ein chinesisch-amerikanischer Krieg ausginge, lässt sich nicht beantworten. Nur Schmidts Universität Trier kennt die Antwort schon jetzt.
Sieg im Korea-Krieg?
Kleine Peinlichkeiten seien nur gestreift:
- China hat den Korea-Krieg 1950–1953 mitnichten gewonnen. Von einem “Sieg” ist in der Literatur nirgends die Rede; aber stets vom Unentschieden am 38. Breitengrad.
2. Zitat Schmidt: “Das Zusammenwirken von Waffengattungen (sogenannte kombinierte Kriegsführung) existiert eher auf dem Papier.” Ma foi! Ein guter Pazifik-Kenner urteilte gestern: “Wenn der Herr Professor schon militärisch angeben will, sollte er den elementaren Unterschied von combined und joint kennen.”
- Combined, mithin kombiniert, betrifft die Kooperation von Streitkräften verschiedener Staaten.
- Das, was Schmidt meint, der Kampf der verbundenen Waffen, heisst Joint.
Rommels Spargeln
Von leichter Hand ein Wort noch zum NZZ-Bild mit Rommels Spargeln von 1943/44. Zur Abwehr einer alliierten Invasion liess Hitler an Frankreichs Nordküste den Generalfeldmarschall Erwin Rommel den Atlantik-Wall errichten. Wie das Bild belegt, liess Rommel in den Landestreifen Hindernisse bauen, welche die Invasoren vom Eindringen abhalten sollten.
Verglichen mit den NZZ-“Barrikaden” wirken Rommels Spargeln schon fast redoutabel; nur versagten sie gegen den alliierten Ansturm vom 6. Juni 1944.
Siehe auch > BISS – Sachliche Analyse zu China, USA, Taiwan