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Eine kleine, gebückt gehende Frau steigt behände in einen Heizungskeller hinab und macht sich geübt an den Schaltungen zu schaffen. Sie erklärt präzise, was sie macht. Dieser Kommentar – im Off oder direkt in die Kamera gesprochen – durchzieht den ganzen Dokumentarfilm von Jacqueline Veuve, der eine Person ganz ins Zentrum rückt: Lucienne Schnegg, einundachtzigjährige Besitzerin des Lausanner Kinos «Capitole», das mit 867 Plätzen und einer riesigen Leinwand eines der grössten der Schweiz ist. Mit jugendlicher Stimme erzählt die alte Frau die Geschichte des Hauses, während sie dort herumwuselt und als «Seele des Kinos» dieses Relikt aus einer anderen Zeit am Leben hält.
Im Januar 1925 in Tavannes geboren, entdeckte Madame Schnegg schon früh die Liebe zu den bewegten Bildern und entschied sich, selbst als sie von zwei Verehrern gleichzeitig umworben wurde, ohne lange zu überlegen für Charles Chaplin, Shirley Temple und Fernandel. Immer wieder illustrieren eingeschobene Filmstills, Plakate und Tonbeispiele die in besagtem Kino aufgenommenen Interviewpassagen. In Wochenschau-Ausschnitten wird der Bau des Kinos 1928 gezeigt, und Fotos der ursprünglichen Architektur vergegenwärtigen die grosszügig konzipierten, edel ausgestatteten Räume. 1949 begann Lucienne Schnegg ihre Arbeit als Sekretärin im «Capitole», welches 1959 einer Renovation unterzogen wurde. Mit Stolz und Scharfsinn lässt die alte Dame die Historie «ihres» Kinos Revue passieren.
Beim Rückblick auf die Fünfzigerjahre, die eigentliche Hoch-Zeit des Kinos, kommen weitere Interviewpartner zu Wort. Sie berichten, wie die Leute bereits Wochen vor der Premiere ihre Billette kauften; nicht selten hätten die Stammgäste auch ihren festen Platz gehabt. Von langen Schlangen vor dem Kino hört man und davon, dass einen Monat lang jede Vorstellung von The Longest Day (USA 1992) ausverkauft gewesen sei. In dieser Zeit war eine Kinovorstellung noch ein gesellschaftlicher Anlass, zu dem man elegant gekleidet erschien, die Platzanweiser trugen Uniform.
Auch vom Tod ihres Chefs 1982 und der durch einen Rechtsstreit um vierzehn Jahre sich hinziehenden Übernahme des Hauses berichtet Madame Schnegg sachlich und fast ungerührt. Nur als sie von Roger Moores Besuch oder ihrer Heimfahrt im Auto der spanischen Königin erzählt, beginnen ihre Augen zu leuchten. Einen kurzen Moment lang versagt ihre Stimme, als ein nächtlicher Überfall zur Sprache kommt. Respektvoll und doch mit gutem Blick für die Einsamkeit der Porträtierten zeichnet Veuve ihren «Star»: Allein kassiert, ordnet und putzt Lucienne Schnegg nicht nur; sie wurde auch von den Verleihern allein gelassen, muss sich mit den «Krümeln» des Filmgeschäfts begnügen, weil ihr Saal nicht gleichermassen rentiert wie die Multiplex-Kinos.
Jacqueline Veuve setzt den beiden grossen alten Damen – dem Lausanner Kino «Capitole» und dessen unermüdlicher Betreiberin Lucienne Schnegg – mit diesem Dokumentarfilm ein würdiges Denkmal. (dd)