Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03232.jsonl.gz/1632

Der Klassenrat
In den ersten Jahren meiner Tätigkeit als Lehrer schätzte ich es, niemanden mehr hinter mir zu haben, der meinen Unterricht verfolgte und kontrollierte. Ich konnte die Schule so gestalten, wie ich sie als Schüler selbst gerne erlebt hätte.
Natürlich musste ich mich an die festgelegten Vorgaben halten, doch genoss ich meine Selbständigkeit und meine Freiheiten mit den Kindern.
Die ersten zehn Jahre waren meine Lehrjahre, in denen ich meinen Unterrichtsstil finden musste. Dazu muss ich sagen, dass ich von den Kindern fast mehr gelernt habe als sie von mir. Mir schien es immer wichtig, dass in meinem Schulzimmer eine gute Atmosphäre herrschte.
Bei Unstimmigkeiten und Streitereien, die mich immer belasteten und beschäftigten, suchte ich nach möglichen Instrumenten, solche Reibereien schon am Anfang in den Griff zu bekommen. Überhaupt suchte ich nach Möglichkeiten, den Kindern mehr Mitbestimmung im Unterricht zu geben. Fündig wurde ich im Buch von Edwin Achermann: "Mit Kindern Schule machen". Die Beschreibung seiner Schule faszinierte mich, und ich versuchte, Elemente daraus so abzuändern, dass sie den Regelungen unseres Schulsystems entsprachen. Eines dieser Elemente war der Klassenrat.
Für den Klassenrat plante ich im Stundenplan immer die letzte Stunde vor dem Wochenende ein. Dazu setzten wir uns im Schulzimmer in einen Sitzkreis.
Jedes Mal leitete ein anderes Kind den Rat. Der Ablauf war vorgegeben. Vor dem Klassenrat behändigte die Leiterin oder der Leiter die Liste, die immer an der Wandtafel hing. Sie bildete die Traktandenliste, die es zu bearbeiten galt. Nach der Begrüssung wurde diese Liste heruntergelesen und zur Diskussion gestellt. Wer sich mit seinem Anliegen eingetragen hatte, bekam nun das Wort.
Es wurden Beschwerden vorgetragen, Anträge eingereicht und Vorschläge gemacht. In den Klassenratsregeln hatten wir festgelegt, dass bei Anträgen und Vorschlägen eine Begründung abgegeben werden musste. Bei Klagen, die einen Mitschüler betrafen, bekam der Angeschuldigte als Erster das Wort zu seiner Rechtfertigung oder zum Eingeständnis. Gemeinsam wurde dann bei einem Konflikt nach Lösungen gesucht. Bei Anträgen gab es eine Abstimmung.
Bei Streitigkeiten zwischen zwei Kindern war nur schon die Drohung: "Ich schreibe dich in den Klassenrat!", ein gutes Ventil. Meistens war, bis die Drohung wahrgemacht wurde, der Streit bereits beigelegt. Wir mussten sogar festlegen, dass Eingetragenes auf der Traktandenliste nicht mehr gestrichen werden durfte. So konnten wir erreichen, dass Belangloses gar nicht besprochen werden musste, weil sich die Unstimmigkeit anders erledigte.
Manchmal konnte nicht verhindert werden, dass Auseinandersetzungen besprochen werden mussten, die eigentlich nicht die ganze Klasse angingen. Dazu hatte der Klassenrat eine Lösung gefunden, die für mich beispielhaft war: Die zwei Streithähne mussten nach dem Ende des Klassenrates vor der Schulzimmertüre und mit mir als Koordinator eine Lösung suchen, die für beide in Ordnung war.
Einmal stand "Herr Brunner" (Name geändert) auf der Traktandenliste. Ich war gespannt, was da kommen würde. Herr Brunner war der Heilpädagoge, der Kinder mit einer Teilleistungsschwäche in meiner Klasse betreute. Einmal arbeitete er mit einem Kind allein ausserhalb des Schulzimmers, ein anderes Mal kam er in die Klasse und betreute das Kind bei seiner Arbeit. Auch andere Kinder durften seine Hilfe in Anspruch nehmen.
Da er ein speziell ausgebildeter Pädagoge war, fragte ich ihn, ob er das Bruchrechnen, bei dem viele Kinder Mühe hatten, in meiner Klasse einführen würde. Dies tat er dann auch, und ich konnte während dieser Zeit den Stau in unserem Kopierautomaten beheben. Da drei Namen bei diesem Traktandum standen, erteilte die Klassenratsleiterin dem Sprecher der Gruppe das Wort. Dieser äusserte sich ruhig und bestimmt: "Herr Meyer, ich bitte Sie, dass Herr Brunner uns nicht mehr Schule gibt. Er hat das Bruchrechnen sehr langweilig erklärt und alles viermal wiederholt. Wir sind der Auffassung, dass diejenigen, die es nach zweimaligem Erklären nicht verstanden haben, es auch nach dem vierten Mal nicht begreifen." Viele nickten, und niemand wollte etwas dazu sagen. So wusste ich, was ich zu tun hatte und versprach den Kindern, dass Herr Brunner das letzte Mal vor der Klasse gestanden hätte.
Stojanka hatte das Wort "Pause" in die Klassenratsliste geschrieben. Sie stellte den Antrag, dass man in der Pause im Winter im Schulhaus bleiben dürfe. Ihre logische Begründung war die Kälte. Doch schob sie noch nach, dass die Knaben die Mädchen immer mit Schneebällen bewarfen.
Da meldete ich mich zu Wort und erklärte, dass unsere Klasse auch den Regeln der gesamten Schule folgen müsste und diese heisse nun einmal: Die Schülerinnen und Schüler verbringen die Pause im Freien. Was das Werfen mit Schneebällen betreffe, könnten wir allerdings etwas festlegen. So wurde bestimmt, dass nur hinter dem Schulhaus mit Schneebällen geworfen werden dürfe. Diese Regelung wurde auch von den andere Schulklassen übernommen und die Pausenaufsicht schaute, dass sie eingehalten wurde.
Einmal wurde ich überstimmt. Im Frühling oder Vorsommer gab ich jeweils der Klasse bekannt, sie solle sich Gedanken machen, wohin unsere Schulreise gehen sollte. So stand dann wieder einmal dieses Thema zur Debatte. Im Klassenrat wurden drei Vorschläge gemacht: Basel, Tessin und Rigi. Die Kinder, die einen Vorschlag gemacht hatten, mussten ihn begründen. Ich äusserte mich auch zu den verschiedenen Zielen und zählte die Vor- und Nachteile der verschiedenen Reisen auf. So sagte ich zum Tessin, dass wir auf dieser Reise acht Stunden im Zug verbringen würden. Ich lobte die Rigi mit dem Besuch des Tierparkes in Goldau und der Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee oder den Zoo in Basel. Der Klassenratsleiter brachte die drei Vorschläge zur Abstimmung. Ich hatte es schon geahnt: Wir fuhren dieses Jahr ins Tessin.
Regeln zu Anlässen wie Klassen- und Skilager stellten wir gemeinsam auf. Ich gab gewisse Regeln bekannt, die für einen geordneten Ablauf des Lagers nötig waren. Weitere Regeln stellten wir gemeinsam auf. Die Kinder machten die Ämtchenliste, die für jeden Tag festlegte, wer die WCs reinigte, den Abwasch machte, meiner Frau bei der Vorbereitung des Essens half, den Tisch mit den Spielen aufräumte usw...
Als es ums WC-Reinigen und Abwaschen ging, meldete sich "Scheli" zu Wort: "Ein Türkenknabe reinige keine WCs und wäscht nicht in der Küche ab!" Er hatte aber keine Chance. Die Mädchen machten ihn darauf aufmerksam, dass er hier in der Schweiz sei und er sich an die Gepflogenheiten in der Schweiz halten müsse.
Ich hatte die Regel festgelegt, dass in den Schlafräumen nicht gegessen werden durfte; dies darum, weil wir die Reinigung des Hauses selbst machten. Eine Sanktion für den Verstoss gegen diese Regel war nicht bekannt.
Es kam, wie es kommen musste. Beim Vorbeilaufen an einer Zimmertüre hörte ich, dass da gerade ein Pommes Chips-Sack geöffnet wurde. Ich öffnete die Türe. Wer sass da auf dem oberen Kajüten-Bett und schob einen Chips in den Mund. Es war "Scheli", der Türkenknabe. Im Klassenrat wurde die Strafe des Sünders bestimmt. Sandra machte den Vorschlag, dass "Scheli" eine zusätzliche WC- und Abwasch-Tour zu schieben hatte. Alle fanden den Vorschlag ausgezeichnet und "Scheli" musste sich darin schicken.
Da alle fünften und sechsten Klassen, die im Südflügel unterrichtet wurden, diesen Klassenrat führten, gab es kaum mehr Schlägereien und Klassenkämfe.