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In Peking bewohnte die Familie ein luxuriöses Haus mit Koch und Chauffeur; diese Woche bezieht Roland Decorvet (48) mit seiner Frau und den vier Töchtern ein 60-Quadratmeter-Quartier auf der «Africa Mercy». Das christliche Spitalschiff wird am 15. August von den Kanarischen Inseln aufbrechen und vor Benin Anker werfen, um die lokale Bevölkerung für zehn Monate medizinisch zu versorgen. Der frühere Chef von Nestlé China ist quasi der Kapitän. Decorvet lacht. «Die ‹Africa Mercy› hat einen richtigen Kapitän, der hat das Sagen, wenn wir auf See sind. Den Rest der Zeit leite ich das Schiff.»
Die in Lausanne gegründete Organisation Mercy Ships hat seit 1978 knapp 2,5 Millionen Menschen von Schiffen aus medizinisch geholfen und laut eigenen Angaben dafür mehr als eine Milliarde Dollar ausgegeben. Decorvet sitzt seit 2008 im Stiftungsrat von Mercy Ships, die Verbindung zur Organisation geht allerdings schon auf seinen Vater zurück, einen Pfarrer und Missionar, der den amerikanischen Gründer Donald Stephens persönlich kennt.
«Der bisherige Geschäftsführer des Schiffs übernimmt eine andere Leitungsfunktion in den USA, da haben sie mich letztes Jahr angefragt, ob ich nicht übernehmen wolle», erzählt Decorvet, der zu diesem Zeitpunkt in Peking war, aber nach einer Veränderung suchte. «Ich wollte schon länger etwas Neues machen, etwas, bei dem ich das Ergebnis meiner Arbeit ganz unmittelbar zu sehen bekomme.» Hinzu kommt, dass er ohnehin enge Beziehungen zu Afrika hat. Als Kind hat er vier Jahre im Kongo (damals Zaire) gelebt, wo sein Vater Missionar war. Und seine Frau Carol (39), eine Pfarrerstochter, kommt ursprünglich aus Madagaskar. Also sagte er zu.
Als Nestlé-Direktor fand sich der Waadtländer Ökonom immer wieder im Fokus von Hilfswerkkritik, nun arbeitet er selbst für eines. Aber er sieht darin gar keinen so scharfen Gegensatz. «Ich sage nicht, dass Nestlé alles gut und richtig macht, aber ich selbst habe immer versucht, Kapitalismus und Entwicklungshilfe zu kombinieren.» So habe er als Länderchef in Pakistan und China ganz bewusst funktionierende landwirtschaftliche Strukturen aufgebaut, von denen auch die lokalen Bauern profitieren, inklusive Ausbildungsprogramme speziell für Frauen.
Decorvet startete vor 23 Jahren bei Nestlé. «Ich verkaufte im Norden Borneos Nudeln, das war ziemlich abenteuerlich.» Danach baute er zwölf Jahre lang die Geschäfte in China auf, war vier Jahre in Pakistan, drei Jahre in der Schweiz und seit 2010 als Länderchef erneut in China. In all den Jahren hat er das Misstrauen der Hilfswerke mehrmals erlebt. «Nach dem schweren Erdbeben in Pakistan 2005 bin ich mit Mitarbeitern und zehn Lastwagen voller Wasser und Lebensmittel ins Krisengebiet gefahren. Wir waren noch vor dem Roten Kreuz dort und haben die Hilfsarbeiten wochenlang unterstützt», sagt Decorvet. «Ich war eine Woche dort.»
Sechs Monate später lud der Schweizer Botschafter alle beteiligten Hilfsorganisationen ein, um Bilanz zu ziehen. Decorvet nahm ebenfalls teil, als einziger Vertreter eines Nicht-Hilfswerks. «Ich stellte dar, wie wir weiter zu helfen planten. Am Schluss meldete sich der Vertreter eines Hilfswerks und meinte, das sei ja gut und schön, aber er traue der Sache nicht. Wir hätten dabei doch sicher irgendwelche Hintergedanken.»
Decorvet lächelt: «Das hat mich ziemlich geärgert. Hatten wir nämlich nicht. Aber das Misstrauen zwischen Unternehmen und Hilfswerken ist gross eine Seite glaubt, die andere bestehe nur aus raffgierigen Geldhaien, die andere sieht nur kommunistische Aktivisten mit Umsturzgelüsten.» In der Realität dächten wohl meist beide Seiten zu schwarz-weiss. «Der Grund für das Misstrauen liegt zu 80 Prozent bei mangelnder Kommunikation. Auch Nestlé müsste da besser werden.» Eine Kontroverse löste 2008 auch sein Einsitz im Stiftungsrat des Hilfswerks der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) aus, damals war er Chef von Nestlé Schweiz. «Kritiker fanden, der böse Nestlé-Mann habe nun das Heks infiltriert.»
Aber er habe eine dicke Haut, sagt Decorvet. Und letztlich bringe es mehr, wenn eine Firma unter ethischen Gesichtspunkten in ein Land investiere und so für Entwicklung und Jobs sorge, als die Menschen von Gratishilfe abhängig zu machen. «Die beste Hilfe wäre der Zugang für Landwirtschaftsprodukte zum europäischen Markt, das würde mehr bringen als alles andere.»
Ein Evangelikaler mit einem Herz für Menschen in Not
Decorvets Antrieb wurzelt nicht zuletzt in seinem Glauben. Als Sohn eines protestantischen Pfarrers ist er dort ganz automatisch hineingewachsen; er bezeichnet sich selbst heute als evangelikal, geht auch jeden Sonntag mit seiner Familie in die Kirche. «Was in der Bibel steht, stimmt», sagt Decorvet. «Ich glaube nicht, dass es sich dabei um Metaphern handelt, die im übertragenen Sinn zu verstehen sind.»
Auch Mercy Ships wurde ursprünglich mit religiösen Hintergedanken gegründet. Die Missionierung sei jedoch seit rund zehn Jahren kein Thema mehr bei der praktischen Arbeit, sagt Decorvet. «Wir versorgen auch viele muslimische Menschen. Es ist die Hilfe, die zählt. Aber christliche Werte spielen natürlich schon eine Rolle.»
Die «Africa Mercy» konzentriert sich auf anspruchsvolle chirurgische Eingriffe, die es vor Ort in der Regel nicht gibt – das Zielpublikum sind die Ärmsten der Armen, und sämtliche Behandlungen sind kostenlos. Ein verbreitetes Problem sind zum Beispiel Kiefertumore, die unbehandelt zu gewaltiger Grösse anwachsen und ein Gesicht völlig entstellen können, was oft auch zu sozialer Ausgrenzung führt.
Daneben gibt es komplexe orthopädische Eingriffe, zudem Zahn- und Augenbehandlungen. «Rund 60 Prozent aller Blinden in diesen Ländern können mit relativ simplen Eingriffen wieder sehen», erklärt Decorvet. «Und zu erleben, wie sich solche Menschen dann entwickeln, wie sich ihr Leben dadurch verändert, das ist etwas Wunderbares.» Die «Africa Mercy» bildet zudem jeweils medizinisches Personal vor Ort aus, damit dieses weiter arbeiten kann, wenn das Schiff wieder ablegt.
Als Geschäftsführer des Schiffs ist Decorvet aber nicht nur für das Management des schwimmenden Spitals mit seinen 30 Ärzten und 100 Schwestern verantwortlich, an Bord leben und arbeiten rund 450 Personen. Es gibt eine Schule mit 55 Kindern, ein Hotel und Restaurants. «Wir haben eine eigene Bank, eine Post, sogar einen Starbucks, den einzigen auf einem Schiff. Wir sind fast schon eine kleine Stadt.»
Freiwillige sind immer gesucht, derzeit Coiffeure und Mechaniker
Decorvets langjährige internationale Managementerfahrung ist ideal für die Leitung des Schiffs. Auch hier stammen die Mitarbeiter aus aller Welt, allerdings mit einem zentralen Unterschied: Sie leisten alle Freiwilligenarbeit. Nicht nur erhalten sie keinen Lohn, sie müssen im Gegenteil für Kost und Logis sogar bezahlen. «Pro Monat sind das vielleicht 300 Franken. Ich zahle 1500, weil wir eine ganze Familie sind.»
Mercy Ships finanziert sich durch Spenden, die grössere Herausforderung ist allerdings, genügend Freiwillige für die Arbeit an Bord zu finden. «Besonders dringend suchen wir derzeit Coiffeure», sagt Decorvet, «ebenfalls sehr nützlich wären Klempner und Mechaniker.» Bewerben kann sich jeder mit fachlichen Kompetenzen und Französischkenntnissen.
Er selbst hat sich vorerst für 14 Monate verpflichtet. «Danach sehen wir weiter.» Seine Frau wird sich an Bord mit den Patientinnen und Patienten beschäftigen. «Und meine Töchter sind ganz begeistert. Sie haben bei unserem ersten Aufenthalt Anfang Mai bereits Freunde gefunden, das war in Peking schwieriger.» Auch freut er sich, jetzt so nahe bei seiner Familie zu sein. Und am Wochenende gibt es Möglichkeiten, Land und Natur zu erkunden.
Was nach der «Africa Mercy» kommt, ist noch offen. «Falls ich jedoch in die Unternehmenswelt zurückkehre, möchte ich gern die Geschäftsführung einer Firma übernehmen, die ihr Geld auf ethische Weise verdient.» Er zuckt mit den Schultern. «Möglicherweise bin ich ein Träumer. Aber wenn ich so was nicht finde, muss ich es vielleicht selbst aufbauen.»
Fotograf: Bierer (1), Jeremy, Ships (5), Mercy