Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03434.jsonl.gz/1922

Die Schweizer Heilsarmee-Offiziere Jacques und Verena Egger haben die Heilsarmee in Haiti während 20 Jahren geleitet. Nach ihrer Abreise im Jahr 1969 übernehmen andere Offiziere und Freiwillige aus der Schweiz die Bemühungen, das durch sie begonnene Werk weiterzuführen.
Wir zählen das Jahr 1949. Auf der Insel Hispaniola, einer der grössten Antillen-Inseln, hält eine kleine Missionsgemeinschaft Evangelisationsversammlungen. Eines Tages sagt ein Gemeindemitglied zum Prediger: „Du predigst wie die Heilsarmee, die ich in den USA gehört habe.“ Diese Idee setzt sich im Kopf des Pastors, Carrie Guillaume, fest. Er schreibt dem Heilsarmee-Hauptquartier in New York das folgende Telegramm: „Wünsche mich Ihnen anzuschliessen – haben 350 Mitglieder.“ Diese Anfrage wird ernst genommen. Einige Monate später, im Februar 1950, weht die Heilsarmee-Fahne auf Haiti, als in der Hauptstadt Port-au-Prince und ihrer Umgebung mehrere Hundert Menschen darauf warten, als Soldaten eingereiht zu werden: Blut-und-Feuer-Soldaten.
Der Aufschwung, den die Heilsarmee erlebt, ist eindrücklich. Da Pastor Guillaume und seine Frau in die Offiziersschule nach Jamaika geschickt wurden, müssen verantwortliche Offiziere gefunden werden, die mit Kompetenz und Hingabe diese junge Heilsarmee leiten und weiterentwickeln können. Das sind Schweizer: die Kapitäne Jacques und Verena Egger.
Im Mai 1950 betritt das junge Ehepaar unter den warmen Willkommensrufen der örtlichen Salutisten zum ersten Mal haitianischen Boden. Für die Eggers sind es Flitterwochen, denn sie haben drei Wochen vorher geheiratet.
Jacques Egger ist ein eigenwilliger Mann, der gerne Verantwortung übernimmt. Darüber hinaus ist er sprachbegabt und handwerklich geschickt. Verena ist eine weitherzige Frau, bereit, anderen zuzuhören. Sie wird sich um die Menschen, hauptsächlich um Frauen und Kinder kümmern und dabei auch ihre Rolle als Mutter erfüllen, denn zwei Töchter, Pierette und Heidi, werden das Paar erfreuen. Bis zum Ende ihres Lebens wird in ihren hellen Augen eine strahlende Freude aufleuchten, wenn Verena sich Haiti in Erinnerung ruft.
Aber kehren wir zum Jahr 1950 zurück. Das Leben ist für die Kapitäne sehr hart. Man muss sich an das Klima, an die Nahrung und vor allem an das allgegenwärtige Elend gewöhnen. Und dennoch haben sie bald Visionen: Korps zu eröffnen, Versammlungssäle zu bauen, Kinder und Jugendliche zu unterrichten, eine Pflegestation einzurichten. Mit einem Wort: auf die geistlichen, körperlichen und sozialen Bedürfnisse zu reagieren.
Die Besuche in den Buschregionen sind denkwürdig. Man predigt unter einem Schutzdach aus Blättern von Bananenbäumen in Gesellschaft von Hühnern, Eseln und Ferkeln. Indessen sind der Geist Gottes da und die Freude sichtbar. Um diese abgelegenen Vorposten zu erreichen, muss man mehrere Stunden mit dem Pferd auf gefährlichen Wegen reiten, die oft vom Regen beschädigt sind. In den Korps profitiert man jeweils maximal vom Besuch des Kapitäns. Es kommt nicht selten vor, dass man ihn bittet, in einer einzigen Versammlung vier oder fünf Ehen auf einmal zu segnen. Auf diesen Besuchen fällt dem Kapitän auf, wie stark die Bevölkerung unter Zahnproblemen leidet. Nach der Ausbildung in einer Klinik der Regierung wird er „Zähnezieher“. So kommt es, dass in Fond-des-Nègres an einem einzigen Tag mehr als 300 Zähne gezogen werden.
Die Verkündigung des Evangeliums bleibt eine Priorität. Es bekehren sich viele Menschen. Die mehr körperlichen Bedürfnisse bleiben aber bestehen. Deshalb werden Jacques und Verena Egger ihre Anstrengungen im Lauf der Jahre darauf konzentrieren, mehrere soziale Institutionen aufzubauen. In Port-au-Prince entsteht eine Werkstatt für Blinde und andere Behinderte. Die Holzartikel, von den 40 aufgenommenen Männern angefertigt, werden in Haiti, in den USA, in Kanada und Europa verkauft.
Verena ist es ein Herzensanliegen, eine Kantine zu schaffen, in welcher mehrere Hundert Kinder jeden Tag eine warme Mahlzeit und ein offenes Ohr erhalten sowie einen Moment von Tischgemeinschaft erleben können.
Mit einem Altersheim wird zwölf Frauen eine Wohnmöglichkeit mit Pflege und Stärkung gewährt. In Fonds-des-Nègres entsteht ein Heim für etwa dreissig Kinder, die behindert und ausgesetzt sind oder sonstige besondere Bedürfnisse haben. Diese Kinder finden hier ein Klima, das sie aufblühen lässt. Eine Klinik wird auch geschaffen. Sie bietet hauptsächlich ambulante Behandlungen, aber in Notfällen auch Pflege an.
Im Lauf der Jahre hat die Arbeit ein solches Ausmass angenommen, dass die Aufgabe zu schwer geworden ist. Die Kapitäne Egger, in der Zwischenzeit zu Majoren befördert, senden deshalb einen Aufruf um Verstärkung in die Schweiz. Als Antwort auf ihre Anfrage kommen Freiwillige (Nicht-Offiziere) aus der Schweiz, um mit anzupacken, hauptsächlich im Rahmen der Institutionen.
Gegen Ende der 1960er Jahre ist die Heilsarmee in Haiti in voller Entfaltung. Schwierigkeiten haben nicht gefehlt, aber, wie Jacques Egger unterstreicht, „haben zahlreiche Segnungen unsere Erfahrungen bereichert, unseren Glauben gestärkt und den Weg der Arbeit verschönert“. Als die Majore Egger 1969 aus Haiti für eine Arbeit im Kongo ausreisen, lassen sie eine umgepflügte und vorbereitete Erde hinter sich, auf welcher andere Schweizer Offiziere und Offizierinnen säen und bauen werden, hauptsächlich im Bereich des Unterrichtens und der Errichtung von Schulen, in der Hauptstadt und in den ländlichen Gegenden.
Heute weht die Heilsarmee-Fahne immer noch über Haiti. Mehr als 60 Jahre später arbeiten immer noch Schweizer Offiziere zusammen mit haitianischen Salutisten für eine Besserstellung der Bevölkerung und für die Ehre Gottes.
Majorin Doris Droz
Verantwortliche Überseepersonal, Mission & Entwicklung