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Das fiktive französische Städtchen, auf das Wes Anderson seine sich stets verändernde filmische Familie diesmal losgelassen hat, heisst «Ennui-sur-Blasé» – Langeweile auf Blasiertheit. Dabei bleibt für Langweile schlicht keine Zeit.
Der titelgebende «The French Dispatch» ist die fiktive Zeitschrift, die aus einer Wochenendbeilage der Präriezeitung «Liberty, Kansas Sun» entstanden war. Der Sohn des Zeitungsbesitzers (gespielt von Bill Murray) hatte seinen Vater nicht nur davon überzeugt, ihm einen Trip nach Frankreich zu finanzieren, sondern auch gleich ein ganzes Korrespondenten-Büro dazu.
Jacques Tati, «Amélie» und der «New Yorker»
Die Redaktionsräumlichkeiten in Ennui-sur-Blasé stellt uns Anderson gleich zu Beginn des Film vor, in einer Hommage an das französische Filmkomödien-Genie Jacques Tati: mit einem Kellner. Ihm schauen wir von weitem dabei zu, wie er den obersten Stock eines Hauses mit seinem vollen Tablett erklimmt, immer wieder sichtbar in einem anderen Fenster oder Treppenhaus.
Überhaupt ist «The French Dispatch» zuweilen eine «Amélie»-ähnliche Versatzstücke-Tischbombe rund um alle Klischee-Vorstellungen der Amerikaner von Frankreich. Und eine Liebeserklärung an die Zeitschrift «The New Yorker», auf den «The French Dispatch» klar anspielt.
Verschroben und verschwurbelt
Ein verschrobener und vermögender Verleger, der seinen noch viel verschrobeneren Autorinnen und Autoren die Zeit und die Ressourcen zur Verfügung stellt, die verschrobensten Reportagen zu den verstiegensten Themen zu schreiben . So lange sie es hinkriegen, so zu schreiben, «dass es sich liest, als ob es absichtlich so geschrieben worden wäre».
Ein anderer Spruch steht über seiner Bürotür: «Don’t cry». Heul nicht! Das bildet den Rahmen für drei Beispiele aus der Story-Küche des «French Dispatch», welche ihrerseits drei filmische Kapitel ergeben.
Nacktmodell und Thatcher-Kostüm
Zunächst aber stellt der unnachahmliche Owen Wilson das Städtchen mit all seinen Schattenseiten vor. Dann geht es um Wahnsinn und Kunst. Ein Rodin-ähnlicher psychopathischer Mörder/Künstler (Benicio del Toro) malt im Gefängnis abstrakte Bilder, für die ihm die überaus gestrenge Wärterin Simona (Léa Seydoux) nackt Modell steht. Das alles vorwiegend in schwarzweiss. Bis der Kunsthändler Julian Cadazio (Adrian Brody) ein Geschäft wittert und den Mann zu vermarkten beginnt.
Diese ganze Geschichte rekapituliert Tilda Swinton als Kunstszenen-Kennerin im kanariengelben Kostüm und Margret-Thatcher-Look.
Im zweiten Kapitel kommt Wes Andersons Version der Studentenrevolution von 1968 zum Zuge. Und im dritten geht es um eine Entführung, die Polizei und das Essen.
Wie ein Aufklappbuch
Aber das alles tritt zurück hinter dem gewohnten gestalterischen Furor von Wes Anderson. Hinter seinen zentralperspektivischen Aufnahmen und Sets, den Bühnentricks, den Animationssequenzen und der schier endlosen Aneinanderreihung von Einfällen, Figuren und absurden Zusammenhängen.
Wie alle Wes-Anderson-Filme ist auch «The French Dispatch» ziemlich einzigartig und ziemlich unvergleichlich. Am ehesten erinnert das an eines jener kunstvollen Aufklapp-Bilderbücher, in denen nicht nur die Bilder dreidimensional werden, sondern sich alles noch irgendwie bewegen und kippen lässt.