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Zürich, den 12. Februar 1876.
Hochverehrter Herr Geheimrath!
Es war immer meine Absicht, sobald der gegenwärtige Oberingenieur der Gotthardbahn, Herr Hellwag, das Bauprojekt für die Ausführung der noch nicht in Angriff genommenen Linien, den Kostenvoranschlag für das gesammte Netz, den beleuchtenden Bericht zu dem Bauprojekte und dem Kostenvoranschlage 1 und einen Spezialbericht betreffend die Baukosten der Tessinischen Thalbahnen2 zur Vorlage gebracht und mich dadurch in die Möglichkeit versetzt haben werde, ein sicheres Urtheil über die Finanzlage der Unternehmung der Gotthardbahn zu gewinnen, in erster Linie Ihnen und Herrn Geheimrath von Hansemann vertrauliche Mittheilung von dem Stande der Dinge zu machen. Leider hat Herr Hellwag die genannten Vorlagen trotz der angestrengtesten Arbeit erst am 3. und 6. dss. Monats an mich gelangen lassen können. Es wird mir daher erst heute möglich, mein Vorhaben zur Ausführung zu bringen.
Ich glaube Sie über die Sachlage nicht besser orientiren zu können, als indem ich Ihnen in konfidentiellster Weise die Beilage übermittle.3 | Es werden derselben in den nächsten Tagen die oben erwähnten Vorlagen des Oberingenieurs nachfolgen.
Aus diesen Aktenstücken geht die erschreckende Thatsache hervor, daß unsere Gesellschaft zur Durchführung der ihr obliegenden Aufgabe ca 102 Millionen mehr bedarf4, als vorgesehen ist. Zu diesem Mehrbedarfe kämen noch etwaige Kosten für weitere Kapitalbeschaffung hinzu.
Glücklicher Weise fußt die finanzielle Grundlage unserer Gesellschaft auf dem Kostenvoranschlage der internationalen Konferenz, somit auf einem von den Vertretern der betheiligten Staaten, unter denen sich die hervorragendsten Sachverständigen5 befanden, aufgestellten, demnach offiziell zu nehmenden Voranschlage. Der Standpunkt, es sei der begangene Irrthum auf demselben Wege, auf welchem er begangen worden, nach Thunlichkeit wieder gut zu machen, kann daher kaum verfehlen, sich Geltung zu verschaffen. Es ist deshalb hier zu Lande die Ansicht eine ganz allgemeine, daß wieder eine internationale Konferenz werde zusammentreten müssen, um die Unternehmung der Gotthardbahn auf eine neue, den veränderten thatsächlichen Verhältnissen, welche mittlerweile zu Tage getreten, anzupassende Grundlage zu stellen. Dabei waltet im Fernern, nach den bisherigen Kundgebungen zu urtheilen, die Meinung ob, es sei das Privatkapital, welches sich im Vertrauen auf den Kostenvoranschlag der internationalen Konferenz bereit finden ließ, sich bei der Unternehmung der Gotthardbahn zu betheiligen, bestmöglich zu schonen. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich Ihnen sage, daß, was ich hier als die in der Schweiz wahrnehmbare öffentliche Meinung | bezeichnet habe, auch der Grundton der Anschauungsweise des Schweiz. Bundesrathes sein dürfte.6
Oben hatte ich zu bemerken die Ehre, dass ich Ihnen die Beilage in konfidentiellster Weise übermittle. Es ist dieselbe nämlich lediglich ein von mir herrührender Entwurf zu einer Zuschrift an den Schweiz. Bundesrath, welcher bis zur Stunde noch nicht einmal den Mitgliedern der Direktion mitgetheilt, geschweige denn im Schooße der letztern behandelt worden ist. Mein Antrag an die Direktion wird dahin gehen, den fraglichen Entwurf dem Verwaltungsrathe in einer etwa am 3. März nächsthin abzuhaltenden Sitzung vorzulegen und bei dem letztern die Ermächtigung nachzusuchen, eine Zuschrift nach dem Wortlaute des Entwurfs an den Schweiz. Bundesrath zu erlassen.7
Sie werden aus dem Entwurfe ersehen, dass in demselben lediglich die Einberufung einer neuen internationalen Konferenz nachgesucht, aber nicht erörtert wird, was Seitens einer solchen Konferenz zu geschehen haben dürfte, um die Durchführung der Unternehmung der Gotthardbahn zu sichern. Ich habe von einer derartigen Erörterung in der ersten an den Schweizerischen Bundesrath zur Darlegung der Finanzlage unserer Gesellschaft zu erlassenden Zuschrift Umgang nehmen zu sollen geglaubt. Es ist dieß nur nach reiflichem Nachdenken und im Einklange mit der Anschauungsweise ebenso einsichtiger als bewährter Freunde unserer Unternehmung, die ich hierüber berathen habe, geschehen. Unter den Mitteln zur Abhülfe, um die es sich handeln kann, ist natürlich auch, und zwar wohl nicht erst zuletzt, die Frage in Betracht zu ziehen, ob nicht einzelne Linien des Gotthardbahnnetzes, welche | für die Verwirklichung des Grundgedankens dieses Netzes nicht unumgänglich nothwendig sind, einstweilen unausgeführt bleiben könnten. Ohne diese Frage mit zu besprechen, lassen sich die Modifikationen, welche die gegenwärtigen Grundlagen unserer Unternehmung Angesichts der obwaltenden Sachlage zu erfahren haben werden, nicht wohl erörtern. Es scheint aber angezeigt, daß die Organe unserer Gesellschaft jene Frage für den Augenblick noch nicht auf die Tagesordnung setzen, um nicht schon bei dem ersten Schritte, der in der schwierigen Situation, in welcher die Gotthardbahngesellschaft sich befindet, geschieht, hier zu Lande, wo die Kirchthurminteressen eine so große Rolle zu spielen pflegen, den Krieg Aller gegen Alle wachzurufen.
Dabei versteht es sich jedoch von selbst, daß dem Zusammentritte einer neuen internationalen Konferenz vorgängig hierseits, und zwar zunächst zu Handen des Schweiz. Bundesrathes, ein Programm betreffend die neuen Grundlagen auszuarbeiten sein wird, welche der Unternehmung der Gotthardbahn werden gegeben werden müssen, um die Durchführung derselben zu sichern. Ich beschäftige mich eifrig mit der Vorbereitung eines solchen Programmes, werde mir aber nur zu sehr bewußt, welchen großen Werth ich darauf zu setzen habe, mich bei der Lösung dieser Aufgabe Ihres gewiegten und wohlwollenden Rathes erfreuen zu können. Ich gelange daher mit der angelegentlichen Bitte an Sie, mir denselben freundlichst zu Theil werden lassen zu wollen. Sollten Sie die hochwichtige Angelegenheit mündlich mit mir zu verhandeln wünschen und damit nicht bis zu dem bevorstehenden Zusammentritte unsers Verwaltungsrathes zuwarten zu können glauben, so werde ich es möglich zu | machen suchen, Ihrem Wunsche zu entsprechen, wie sehr ich auch unter den obwaltenden Verhältnissen an Zürich gefesselt bin.
Ihren gefälligen Mittheilungen entgegensehend und für jegliche weitere Auskunft, die Sie etwa wünschen möchten, zu Ihren Diensten, verbleibe ich, Hochverehrter Herr Geheimrath! in ausgezeichneter Hochachtung.
Ihr ergebener8
Herr Geheimrath Mevissen
Cöln.