Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03097.jsonl.gz/1339

Grete Wiesner
* 20.4.1917 Bern, † 1.1.2000 Muri BE. Nichte des Regisseurs und Theaterleiters →Albert Wiesner. ∞ I. 1935 Duri Schgarnuz, Volkstheaterautor, ∞ II. 1937 Ludwig Karolus, Regisseur und Theaterleiter.
W. arbeitete zunächst als Serviertochter in einem Hotel in Chur, wo sie 1936 von Karolus entdeckt wurde. An dessen "Ostelbischer Wanderbühne" debütierte die Autodidaktin W. noch im selben Jahr, 1937 gastierte sie an der Pommerschen Landesbühne Stettin, im Sommer 1938 an der Freilichtbühne Tecklenburg. Nach der Geburt ihres Sohnes Hermann pausierte W. zwei Jahre. Ab 1940 gehörte sie zum Ensemble des Stadttheaters Teplitz-Schönau (Intendant: Franz Stoß), wo sie als jugendliche Salondame ebenso wie als Operettensoubrette rasch zum Publikumsliebling avancierte. Durch die langjährige Bekanntschaft ihres Ehemanns mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann-Göring kam W. in Kontakt mit Gustaf Gründgens, der sie mehrmals als Gast an die Preußischen Staatsschauspiele Berlin verpflichtete (unter anderem 1942 mehrere Rollen in Goethes "Faust II", Regie: Gründgens). W.s berndeutsche Bearbeitungen verschiedener Dramen, darunter "Meh als drüü Monät" (nach Forzano/Mussolinis "Hundert Tage"), blieben jedoch ebenso unaufgeführt wie ihre Dialektkomödie "Dr Näppi u dr Dölfu" (über eine fiktive Begegnung von Napoleon und Adolf Hitler), mit der sie ein Gegengewicht zu den Werken der geistigen Landesverteidigung der Schweiz zu schaffen versuchte. Nach der Schliessung aller reichsdeutschen Bühnen und ihrer Scheidung von Karolus kehrte W. 1944 in die Schweiz zurück, wo sie unter der Regie von →Max Terpis und →Heinz Woester in zahlreichen Aufführungen des →Kollektivs der Auslandschweizer-Bühnenkünstler zu sehen war, nach Presseberichten über ihre Bekanntschaft mit Hermann Göring aber fristlos entlassen wurde. Um ein Engagement am →Schauspielhaus Zürich bemühte sie sich 1946 vergeblich, da der Hausregisseur →Heinz Hilpert eine Zusammenarbeit mit W. wegen deren Tätigkeit im Dritten Reich kategorisch ablehnte. Auch W.s Onkel Albert, Direktor des →Stadttheaters Luzern, verweigerte jede Zusammenarbeit. →Karl Gotthilf Kachler jedoch verpflichtete W. 1949 gastweise ans →Stadttheater St. Gallen, als Zweitbesetzung der Titelrolle in →Heinrich Sutermeisters "Die schwarze Spinne", doch kurz nach Probenbeginn musste W. wegen eines Nervenzusammenbruchs die Proben und damit auch ihre Bühnenlaufbahn abbrechen. W. liess sich in Kreuzlingen nieder, wo sie 1952–76 an der Migros-Klubschule Kurse in rhythmischer Gymnastik leitete. →Eynar Grabowsky verhalf ihr 1976 zu einem späten Bühnencomeback: W. spielte auf zahlreichen Tourneen der Scala Theater AG Basel und reüssierte vor allem in Musical-Rollen, so als Anna in Jerry Bocks "Anatevka", als Annie in Cole Porters "Anything Goes" und in der Titelrolle von →Paul Burkhards "Der schwarze Hecht". Ihr Filmdebüt gab W. 1941 als Enkelin Bruni in Hans Steinhoffs Propagandafilm "Oma Krüger", erst Anfang der achtziger Jahre folgten zunächst kleinere Rollen im deutschen Fernsehen, 1985 schrieb man ihr die Rolle der Kriminalkommissarin Mathilde Zwei in der Fernsehserie "Ein Fall für Zwei" auf den Leib, doch einen Tag vor Drehbeginn erlitt W. einen Schlaganfall, von dem sie sich zeitlebens nicht mehr völlig erholte.
Auszeichnungen
- 1944 Jakob-Schaffner-Förderpreis für literarische Nachwuchstalente.
Literatur
- Steinlaus, Viktor: Verehrt, verdammt, vergessen. Zum Tod von G. W.-Karolus. In: Der Bund, 7.1.2000.
Autor: Georg Leo Hauser
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Hauser, Georg Leo: Grete Wiesner, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 2102–2103.