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Ein Jahr nach dem Tsunami sind die grossen Hotelanlagen wieder hergerichtet. Trotzdem bleiben viele westliche TouristInnen dem Land fern.
In der Bar des luxuriösen Club-Oceanic-Hotels von Trincomalee zeigt eine Markierung, wie hoch am 26. Dezember des Vorjahres der Tsunami das Gebäude unter Wasser setzte. Dem Kellner Almeida reicht die Marke bis zur Schulter. Immerhin steht das Hotel rund 150 Meter vom Strand entfernt. Opfer gab es keine, erzählt Almeida. Alle Gäste hätten sich rechtzeitig ins Obergeschoss in Sicherheit bringen können. Die Scheiben der Hotelshops seien eingedrückt worden, und die Möbel auf der Terrasse wurden zertrümmert oder weggespült. Selbst hier an der Ostküste, wo die verheerende Springflut mit der grössten Wucht das Festland erreichte, war man in Luxushotels relativ gut aufgehoben.
Nur rund 4000 von insgesamt 14 322 Hotelzimmern des Landes waren im September wegen des Tsunami noch unbenutzbar, sagt Malraj Kiriella, Marketingdirektor am National Tourist Board der staatlichen Fremdenverkehrsverwaltung. Über die Katastrophe, die allein in Sri Lanka über 31 000 Menschen getötet und eine halbe Million obdachlos gemacht hat, sprechen die Touristiker nicht gerne. Die Flutwelle habe ja nur fünf Prozent des Landes wirklich betroffen, spielt man das Ausmass der menschlichen Tragödie in den Veröffentlichungen herunter. Aber das sind immerhin zwei Drittel des Küstengebiets und ausserdem die touristisch am meisten erschlossenen Gebiete. Dass den Ferieneinrichtungen nicht so viel passiert sei, beweise schon der Zuwachs an Nächtigungen, sagt Malraj Kiriella. In den ersten neun Monaten 2005 weisen die Statistiken ein Nächtigungsplus von acht Prozent aus. Zugegeben, viele Europäer seien weggeblieben. Minus fünfzehn Prozent lautet da die vorläufige Bilanz gegenüber dem Rekordjahr 2004. Doch der wachsende Besucherstrom aus Süd- und Südostasien hat den Rückgang mehr als wettgemacht. Indien schickt sich an, Britannien als wichtigstes Ursprungsland von BesucherInnen abzulösen.
Seit der bewaffnete Konflikt zwischen Armee und tamilischen RebellInnen im Norden und Osten durch das Waffenstillstandsabkommen vom Februar 2002 zumindest eingefroren wurde, steigen die Nächtigungszahlen kontinuierlich. Mit rund 416 Millionen US-Dollar Einnahmen ist der Tourismus 2004 zum viertwichtigsten Devisenbringer geworden. Nur die Textilindustrie, die Geldsendungen der Auswanderer und der Teeexport bringen noch mehr ein. Jedes Jahr werden neue Hotels gebaut. 2004 waren fast 54 000 Menschen direkt in der Fremdenverkehrswirtschaft beschäftigt. Das waren um fünfzehn Prozent mehr als im vorangegangenen Jahr. Dann kam die Springflut, und entsetzte UrlauberInnen reisten Hals über Kopf ab, selbst wenn ihre Hotels kaum in Mitleidenschaft gezogen worden waren.
Ein Augenschein an der Südküste bestätigt, dass die Hotellerie sich schnell erholt hat. Während die meisten Familien, deren Behausung vom Tsunami weggerissen wurde, noch in provisorischen Unterkünften leben müssen, hat man die grossen Hotels schnell instand gesetzt. Vor allem dort, wo ausländische nichtstaatliche Organisationen (NGO) Bauprojekte betreiben, sind die Edelabsteigen voll. «Ohne die NGO-Mitarbeiter sähe es mit der Auslastung ganz anders aus», sagt ein Hotelangestellter an der Südküste. Im Fischrestaurant von Dutch Fort, dem kolonialen niederländischen Kern der Hafenstadt Galle, findet man Gäste aus Norwegen, Österreich, Italien, Irland. Und alle betreuen in irgendeinem Dorf den Wiederaufbau. Der Schlangenbeschwörer beim Leuchtturm, der sich für einen Geldschein auf den Urlaubsfilm bannen lässt, klagt, das Geschäft sei miserabel: «Keine Touristen.»
Keine Trinkgelder, wenig Lohn
Viel stärker als die grossen Hotels haben die kleinen Pensionen gelitten. Da gab es gerade an der Südküste viele Familienbetriebe mit oft nur zwei oder drei Gästezimmern. «Die wurden völlig zerstört», sagt Lotti Loosli aus Brienz im Berner Oberland. Sie kommt seit Jahren immer wieder nach Sri Lanka und wurde vom Tsunami überrascht. Weil sie überzeugt war, dass sie da gebraucht wurde, blieb sie, organisierte Feldküchen für unterversorgte Menschen in Flüchtlingslagern und schnorrte zu Hause Spenden für Kleinprojekte, die sie selbst in ihrem unmittelbaren Umkreis in Bentota auf die Beine gestellt hat.
«Die Guest Houses sind meistens völlig verschuldet und haben keine Möglichkeit, das Geld zurückzuzahlen.» Obwohl diese kleinen Etablissements einen zunehmenden Teil der Sonnenhungrigen unterbringen, werden sie von staatlicher Seite wenig beachtet. Im National Tourist Board, wo nicht einmal Daten über die Schäden an Guest Houses registriert werden, setzt man auf Hoteltourismus. Tatsächlich zeigten 2004 die Fünfsternehotels mit 75 Prozent die beste Auslastung. Je niedriger die Kategorie, desto langsamer und spärlicher füllten sich die Hotels. Für dieses Jahr gelten solche Traumzahlen nicht mehr. Bei der Aitken-Spence-Gruppe, die eine der drei grossen Hotelketten des Landes betreibt, gibt man zu, dass in den ersten Monaten des Jahres Rückgänge von 70 Prozent verzeichnet wurden. Im Jahresschnitt rechnet man mit 50 Prozent.
Selbst im Landesinneren, wo keine Naturkatastrophe physische Schäden angerichtet hat, ist der Besucherrückgang spürbar. Das Palm-Garden-Village-Hotel unweit der antiken Tempelstadt Anuradhapura, steht Mitte November fast leer. Die Mitglieder einer deutschen Reisegruppe, die sich nächtens im riesigen Pool vergnügen, wirken fast verloren. Das luxuriöse Hotel Kandalama, ebenfalls im so genannten Kulturdreieck gelegen, sperrte für mehrere Monate zu. Man habe die Flaute für Reparaturarbeiten genützt, versichert Nalin Jayasundera, Marketingdirektor der Aitken-Spence-Gruppe, der das Fünfsternehaus gehört. Seit Anfang Dezember ist es wieder offen und um eine Wellnessanlage ergänzt. Alle vier Strandhotels, die Aitken Spence in Sri Lanka betreibt, wurden beschädigt. Nur eines, das Triton in Ahungalla, ist noch immer geschlossen. Anfang 2006 soll es aufgepeppt wieder aufmachen. Während der Instandsetzung seien die Angestellten auf der Gehaltsliste geblieben, versichert Nalin Jayasundera. Allerdings sind die Grundlöhne ohne Trinkgelder und Gewinnbeteiligung bescheiden. Ohne Einkommen blieben alle jene, die im Umfeld der Hotels ihr Leben fristen - von den KokosverkäuferInnen bis zu den lästigen Beach Boys, die einsamen Damen ihre Begleitung aufdrängen.
Umstrittene Pufferzone
Aitken Spence, eines der grössten Wirtschaftskonglomerate des Landes, betreibt neben einer Hotelkette auch einen Energiekonzern und ein Touristikunternehmen. An diesem ist der deutsche Reiseveranstalter TUI zu 27 Prozent beteiligt - mit einer Option auf 50 Prozent. Dementsprechend viele TouristInnen aus dem deutschen Sprachraum werden vom Unternehmen gemanagt. 2004 waren es etwa zehn Prozent der 58 258 deutschen Urlauber. Viele von ihnen wollten gleich nach dem Tsunami einen Beitrag zum Wiederaufbau leisten. TUI baut über die Stiftung «Plan International» ein Fischerdorf in Yayawatta bei Tangalle an der Südküste auf. Aitken Spence errichtet 22 Häuser in Ahungalla im Süden und 26 in Trincomalee an der Ostküste. Auch diese Projekte werden von TUI mitfinanziert.
Die Bauaktivitäten der Tourismusunternehmen wurden anfangs mit Misstrauen beobachtet. Denn sie standen unter dem Generalverdacht, die besten Strände für eigene Zwecke freizumachen. Schuld daran ist eine bis heute nicht eindeutig definierte Pufferzone von - je nach Topografie - 200 beziehungsweise 300 Metern von der Küste landeinwärts, wo das Bauen verboten werden sollte. Diese Zone hatte es zwar schon vorher gegeben, nur war sie weder beachtet noch kontrolliert worden. Der Tsunamischock erinnerte die Regierungsverantwortlichen dann daran, dass solche Beschränkungen einen praktischen Sinn haben. Allerdings wurde sofort eine Ausnahme für Tourismusbetriebe erlassen. Denn die Betreiber von Strandhotels fürchteten um die Attraktivität ihres Standortes. Baugründe an der Küste verloren plötzlich achtzig Prozent ihres Werts. Für Wohnhäuser galt zunächst der Wortlaut des Gesetzes, was enorme Probleme für den Wiederaufbau aufwarf. Für hunderttausende Obdachlose musste neues Land gefunden werden. Denn selbst jene, die auf eigenem Grund gelebt hatten, durften dort nicht mehr bauen, wenn die Parzelle innerhalb der Pufferzone lag.
Kein Wunder, dass Tourismusunternehmen und Spekulanten sich für verwüstete Küstenstreifen zu interessieren begannen. An der südlichen Ostküste liegt im Bezirk Panama die Arugam Bay, eine der besten Buchten Südasiens für Windsurfing. Sie ist von der Tourismusbehörde schon lange als Hoffnungsgebiet für künftige Investitionen identifiziert worden. Dass ein Konsortium mit neuseeländischer Beteiligung in Zusammenarbeit mit den Behörden bereits einen Entwicklungsplan ausarbeitete, erregte das Misstrauen der lokalen Gemeinden. Die Arbeiten dienten lediglich der Vorbereitung von Infrastrukturanlagen für die Wiederansiedlung der Obdachlosen, wurde behauptet. Dass kommerzielle Interessen gerade an den besten Strandstreifen bestehen, ist unbestritten. Bisher wurde aber zumindest noch kein konkreter Fall von Vertreibung aufgedeckt.
Auch der Aitken-Spence-Konzern hat Ländereien an der Ostküste, die der Erschliessung harren. Man wartet auf eine dauerhafte Regelung des politisch-ethnischen Konflikts. Marketingdirektor Nalin Jayasundera schliesst sich aber all jenen an, die den europäischen Touristen signalisieren, dass sie wieder kommen sollen, wenn sie den Menschen etwas Gutes tun wollen: «Manche Leute glauben, Sri Lanka steht noch immer unter Wasser, und überall grassieren Epidemien. Dem ist nicht so.»
«Unsere Aufgabe liegt darin, die Destination zu fördern und möglichst viele Touristen zu bringen. Dafür haben wir viel Geld investiert», sagt Ruth Landolt, Geschäftsführerin des Asien-Spezialisten Wettstein-Reisen. In der allgemeinen Hilfsbereitschaft nach dem Tsunami blieben die Schweizer Reisebüros und Tour Operators recht nüchtern, wie eine Umfrage des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung (Akte) ergab. Die meisten Reisebüros beschränkten sich auf Nothilfe und die Evakuierung von TouristInnen und versuchten sich nicht als alternative AufbauhelferInnen. Man konzentriert sich aufs Business, denn das ist das, wovon man etwas versteht - in der relativ hilflosen Annahme, dass vom Tourismus letztlich alle Menschen profitieren. Alle befragten Tour Operators betonen jedenfalls, dass sie ihre Angebote im Programm behalten und an den vom Tsunami betroffenen Destinationen festgehalten haben.
Kuoni Schweiz spendete an die Glückskette. Andere verweisen auf Konzernspenden, wie Hotelplan, deren Mutter Migros ebenfalls an die Glückskette spendete. Ein eigenes Hilfsprojekt hat nur Baumeler in Thailand. Dieses entstand aus dem persönlichen Engagement einer Mitarbeiterin. Schräg in der Reisebüro-Landschaft steht allerdings Globetrotter Travel Service, dessen Geschäftsführer André Lüthi sich zutraute, in die betroffenen Regionen zu reisen und aufgrund der Informationen lokaler Partner direkt Hilfe («Essen, Zahnbürsteli und Artikel des täglichen Gebrauchs») zu finanzieren.
Der TUI-Konzern arbeitet mit Aitken Spence zusammen, dem grossen sri-lankischen Wirtschaftskonglomerat. Auch Tropic Tours setzt auf diesen lokalen Partner und liess Aitken Spence eine Spende zukommen. Soziale Kriterien gab es dabei keine. Ob das grosse Vertrauen in den Konzern Aitken Spence berechtigt ist?
Armin Köhli
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