Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03504.jsonl.gz/1639

Was ist das Gnadenkraut?
Sie riecht aussergewöhnlich. Ihr Duft bleibt hängen, wenn man an den Blättern reibt. Man sagte ihr im Mittelalter ausserordentliche Kräfte gegen Gifte nach. Und sie wuchs in allen Klostergärten als «Gnadenkraut ». Heute ist die Weinraute kaum mehr bekannt.
«Man nehme ein Zweiglein Weinraute, Wermuth, Rosmarin und Wacholderbeeren, Lavendel, Kalmus, Knoblauch, Zimt, Muskat und Gewürznelken und gebe alles in ein Gefäss mit Essig.» Ein solches Getränk hatte es in sich. Aus der Raute wurde mit andern Kräutern auch der «Vierräuberessig» bereitet. So genannt, weil ihn während der Pest in Marseille vier Räuber tranken und sich einrieben, um sich nicht anzustecken, wenn sie Pestkranke und Tote ausplünderten.
Im Berner Oberland wurde Weinraute gemeinsam mit Birnbrot, Salz und Eichenkohle in ein Tuch gepackt, alles in ein Loch unter die Türschwelle gelegt und mit einem Rechenzahn verstopft. Mit diesem Ritual versöhnte man Geister und Hexen, die als Gewürm im Schwellenholz hausen mussten. Es wirkte, aber anders als damals angenommen: Diese Mixtur hat wohl zeitweise Ungeziefer vom Haus ferngehalten.
In Frankreich nannte man die Pflanze «das Kraut der schönen Mädchen». Denn sie war bekannt wegen ihrer abtreibenden Wirkung. Angeblich mussten im Botanischen Garten in Paris die Rautenpflanzen mit einem Gitter umgeben werden, weil die jungen Damen sonst die Bestände ernteten.
Die Klostermedizin lehnte die Volksmedizin wegen ihrer magischen Elemente zwar ab, kannte aber sehr wohl die Wirkung und den Einsatzbereich bestimmter Kräuter und hatte auch keine Probleme, diese einzusetzen. Mönche, die ihr Keuschheitsgebot halten wollten, pflanzten Raute, das «Gnadenkraut», in den Garten und tranken Rautenwein als Sedativum, also zur Beruhigung der Sinne. Doch es war kaum die Raute, welche die Lust der Mönche beruhigte, sondern die Menge des Alkohols. In der heutigen Pflanzenheilkunde findet die Weinraute keine Verwendung mehr. Doch eine gewisse Tradition geht weiter: Das Kraut gehört nämlich in den Grappa.
Christina Burghagen, Karl J. Rechsteiner