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Es ist eines dieser Vorurteile, die einfach nicht verschwinden: Roger Federer liegt beim Hawk-Eye viel öfter daneben als seine grossen Rivalen. Aber stimmt das wirklich? watson zeigt die Fakten.
Seit mittlerweile zwölf Jahren entscheiden bei grossen Tennispartien nicht nur Schieds- und Linienrichter darüber, ob ein Ball im Aus war. 2006 wurde das Hawk-Eye-System eingeführt, das die Position des Balles dank vielen Kameras aus allen Winkeln des Stadions bestimmt. Das System ist längst nicht mehr wegzudenken und bei den meisten Tennisfans beliebt, weil sie im Stadion und am TV in einer Animation mitverfolgen können, wo der Ball gelandet ist.
Roger Federer äusserte sich von Beginn weg kritisch gegenüber dem Hawk-Eye. Der Maestro sorgte sich unter anderem um die Chancengleichheit, weil das System oft nur auf dem Centre Court installiert wurde. «Wer auf den kleinen Plätzen spielt, kann nicht auf Hawk-Eye zurückgreifen», störte sich Federer damals.
Manch ein Beobachter kritisierte daraufhin Federer. Er ziehe bloss deshalb über das computerisierte «Falken-Auge» her, weil er eine so schlechte Erfolgsquote habe. Tatsächlich lag er bei den ersten drei Turnieren mit Hawk-Eye acht Mal daneben und nur vier Mal richtig. Und so galt es rasch als ausgemacht: Roger Federer hat beim Hawk-Eye eine schlechte Erfolgsquote, eine schlechtere jedenfalls als seine grossen Rivalen. Aber stimmt das auch? Auf Anfrage von watson liefert die ATP genaue Zahlen.
Aber vor den Fakten ist deine Einschätzung gefragt:
Seit dem Jahr 2009 führt die ATP Statistik über das Hawk-Eye. Von Roger Federer sind in diesem Zeitraum 956 Challenges erfasst worden. Die Statistik belegt: Tatsächlich ist seine Erfolgsquote geringer als jene von Novak Djokovic und Rafael Nadal. Aber sie ist besser als die Quote der anderen Spieler der «Big Five», Andy Murray und Stan Wawrinka:
Bei den Top-Shots ist also bloss jede dritte Challenge von Erfolg gekrönt. Das lässt sich wohl damit begründen, dass sie häufig bei entscheidenden oder vorentscheidenden Punkten verlangt werden, selbst wenn die Erfolgsaussichten gering sind. Weshalb auch eine Möglichkeit aufsparen, wenn man noch genügend Challenges zur Verfügung hat?
In der aktuellen Saison, die bald zu Ende geht, ist Roger Federers Erfolgsquote bei den Challenges tiefer als in seinem langjährigen Schnitt. Auffällig ist, dass Rafael Nadal 2018 wesentlich erfolgreicher ist als die vier anderen Spieler:
So furchtbar schlecht, wie manch einer glaubt, ist Federers Erfolgsquote also nicht. Vor allem stimmt es nicht, dass der 20-fache Grand-Slam-Sieger deutlich schlechter ist als seine schärfsten Rivalen Novak Djokovic und Rafael Nadal.
Es gibt primär zwei Umstände, unter denen ein Spieler eine Challenge verlangt. Einerseits dann, wenn es sich um eine sehr enge Entscheidung des Linienrichters gehandelt hat und er wirklich davon überzeugt ist, dass dieser falsch liegt. Zum anderen kommt das Hawk-Eye aber auch oft dann zum Einsatz, wenn ein Spieler es schlicht als Mittel der letzten Hoffnung einsetzt. So dürfte die markant tiefere Quote von Andy Murray zu erklären sein: Er ruft den Falken auch dann noch, wenn er gesehen hat, dass der Ball einen halben Meter im Aus gelandet ist.
Seit die Daten 2009 erhoben werden, gibt es nur sieben Spieler mit zehn oder mehr Challenges, die eine Erfolgsquote von 50 Prozent und höher haben:
Vor den letzten Turnieren der Saison – am Montag beginnt das ATP-500-Turnier in Basel – sind 2018 diese Spieler am erfolgreichsten gewesen, wenn sie das Hawk-Eye einsetzen liessen:
Die Fehlermarge liegt im Durchschnitt bei zwischen 2,6 und 3,6 Millimetern. Das klingt nach viel – schliesslich wird bei Hawk-Eye-Animationen bisweilen so weit ins Feld gezoomt, dass manchmal ein Zehntel-Millimeter darüber entscheidet, ob der Ball in oder out war. Andererseits wird die Fehlermarge des menschlichen Auges mit 40 Millimetern angegeben, wenn ein Ball mit um die 200 km/h auf dem Court landet. Das Hawk-Eye liegt vielleicht nicht in jedem Fall richtig. Unter dem Strich gibt es mit dem System aber weniger Fehlentscheide als ohne.