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Titel
Jerusalem
[* 2] (in den Keilinschriften Ursalimmu, in den Hieroglyphen Schalam, griech. und lat. Hierosolyma, hebr. Jeruschalajim, »Wohnung des Friedens«, bei den Arabern El Kuds, »das Heiligtum«, bei den Türken Küdsi-Schêrif genannt), die alte Hauptstadt Palästinas, unter 31° 47' nördl. Br. und 35° 13' östl. L. v. Gr., auf mehreren Hügeln am Bache Kidron gelegen, welcher östlich von der Stadt zwischen ihr und dem Ölberg durch das gleichnamige Thal [* 3] (jetzt Wadi Sitti Mariam) fließt, in einer ungeachtet des steinigen Kalkbodens doch ziemlich ergiebigen Gegend.
Der ursprüngliche altkanaanitische Name des Ortes, Salem (»Stein«),
scheint von den ersten Ansiedlern semitischen Stammes herzurühren. Dann sollen die aus Ägypten [* 4] vertriebenen Hyksos den Platz in Besitz genommen und Jebus genannt haben. Von den Jebusitern eroberte David nach vielen vergeblichen Anstrengungen der Israeliten endlich die Burg Zion, machte die Stadt zu seiner Residenz und vergrößerte sie beträchtlich (daher auch Stadt Davids genannt). Eigentlich war sie dem Stamm Benjamin zugeteilt worden, doch finden wir sie stets im Besitz des Stammes Juda.
Nach David ward die Stadt durch Salomo vergrößert und verschönert, namentlich durch einen prächtigen königlichen Palast und den auf dem geebneten und durch hohe, aus dem Thal aufgeführte Böschungsmauern erweiterten Gipfel des Moria errichteten berühmten Tempel, [* 5] dessen Bau, mit Hilfe tyrischer Arbeiter ausgeführt, sieben Jahre dauerte. Diese Blüte [* 6] währte aber nur kurze Zeit: schon unter Salomos Sohn wurde J. von Sisak von Ägypten (um 970), ein Jahrhundert später von südarabischen und philistäischen Völkern, darauf von Joas, König von Israel (839-823), eingenommen und geplündert.
Usias (811-788) brachte I. wieder zu größerm Ansehen, Hiskias (728-699) und ebenso Manasse befestigten es von neuem und sorgten für seinen Wasserbedarf, bis es endlich 586 nach fast zweijähriger Belagerung in die Hände von Nebukadnezar fiel, geplündert und der meisten seiner Einwohner beraubt wurde. Zu jener Zeit umfaßte I. eine Bevölkerung [* 7] von 17-18,000 Seelen. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil ward I. mit Benutzung der noch vorhandenen Fundamente und Trümmer und soviel wie möglich mit Beibehaltung des alten Plans und Umfanges von 536 an innerhalb 20-25 Jahren durch Serubabel, Esra und Nehemia wieder aufgebaut und mit Mauern und Türmen versehen.
Die Zahl der Thore ward vermehrt; die neue Stadt hatte deren 12, unter denen sich 5 der alten wiederfinden. Auch der Tempel ward wiederhergestellt, jedoch bei weitem nicht in der alten Größe und Pracht. Judas Makkabäus ließ später, nachdem er der syrischen Herrschaft über Palästina [* 8] ein Ende gemacht, den von Antiochos Epiphanes 169 geplünderten und durch Götzendienst entweihten Tempel reinigen, ausbessern und stark befestigen; aber erst Herodes d. Gr. war es, der seit 20 v. Chr. Serubabels einfachen Tempel, welcher inzwischen wieder durch die Syrer, dann durch Crassus gelitten hatte, wieder in einen bewundernswerten Prachtbau verwandelte, der aber nie ganz vollendet wurde. Er befestigte auch die Burg Baris an der Nordwestecke der Tempelarea von neuem und nannte sie seinem römischen Patron M. Antonius zu Ehren Antonia, errichtete sich auf dem höchsten Punkte des Westhügels (des traditionellen Zion) einen prächtigen Palast, den die drei Türme Hippikos, Phasael und Mariamne gegen N. schirmten, und wo später der römische Statthalter residierte, erbaute ein Theater, [* 9] den Xystos (einen von Säulenhallen umgebenen Platz, östlich vom Palast) sowie ein Rathaus.
Unter Herodes' Regierung hatte I. den Höhepunkt von Glanz und Pracht erreicht; aus jener Zeit besitzen wir die Schilderung des Josephus, nach welchem I. an 250,000 Einw. gezählt haben soll. Zwar hatte die Stadt schon damals enge und krumme Gassen wie heute, aber jene Prachtgebäude, die Mauern der Altstadt mit 60, die der nördlichen Vorstadt mit 14 Türmen gaben ihr ein imposantes Ansehen. Außerhalb (d. h. nördlich der Stadt) dehnten sich Villen und Gärten weithin aus. Dieser Teil wurde erst durch Herodes Agrippa 41-44 n. Chr. mit Mauern eingefaßt, die ¶
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wahrscheinlich den heutigen an jener Stelle entsprechen. So besaß J. eine dreifache Umwallung: die erste Mauer (Davids und Salomos) um Zion und Moria;
die zweite Mauer (erbaut von Hiskias etc., wiederhergestellt von Nehemia), welche das jene Hügel trennende »Käsemacherthal«, den Hügel Ophel (im S. des Tempels) und die untere Stadt (nördlich vom Millo) einfaßte, und die dritte Mauer (Agrippas), welche die Neustadt [* 11] oder Bezetha umgab und im NO. und NW. je einen mächtigen Eckturm und außerdem noch 88 kleinere besaß.
Für immer verlor J. seine politische Bedeutung 70 n. Chr., als infolge des allgemeinen Aufstandes der Juden gegen die Römer
[* 12] Titus vom April bis September die Stadt belagerte und schrittweise eroberte. Erst Kaiser Hadrian erbaute,
nachdem infolge eines neuen Aufstandes der Juden auch noch die letzten Reste niedergerissen worden waren, seit 130 an der Stelle
Jerusalems eine ganz neue Stadt als römische (Militär-) Kolonie
und nannte sie Älia Capitolina. Diese hatte
aber nicht den Umfang des alten J., indem der südliche Teil des Westhügels und der Berg Ophel davon ausgeschlossen blieben.
Die neue Stadt ward bloß mit Römern bevölkert, den Juden der Aufenthalt daselbst untersagt und an der Stelle des alten Jehovahtempels
ein Tempel des Jupiter Capitolinus erbaut. Von nun an erfuhr die Stadt, einige Neubauten von Kirchen, Klöstern
und Hospizen unter Konstantin d. Gr. und Justinian abgerechnet, im Altertum keine weitern Veränderungen; wohl aber führte
die Besitznahme
Jerusalems durch die Araber unter Omar 637, wonach die Stadt den Namen El Kuds (»das Heiligtum«) erhielt, dann
wieder die Eroberung durch die Kreuzfahrer 1099 und endlich die durch Saladin herbeigeführte Rückkehr
der Stadt unter mohammedanische Herrschaft 1187 vielfache Umgestaltungen herbei, wodurch J. nach und nach seine heutige Gestaltung
erhalten hat. In
[* 2]
^[Abb.: Plan des alten
Jerusalem]
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neuester Zeit ist die Topographie der alten Stadt durch die Nachgrabungen von de Saulcy, von Voguë, dem Palestine Exploration Fund und dem Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas mehr und mehr klargelegt worden, nachdem man den stellenweise 25 m, an einem Ort sogar 40 m hoch aufliegenden Schutt hinweggeräumt hatte. Namentlich sind die großartigen Aquädukte und das mit denselben in Verbindung stehende, sehr umsichtig angelegte System von Zisternen und Kanälen deutlich erkennbar verfolgt worden. Eine dieser Wasserleitungen leitete Wasser bis zum Tempelplatz, eine andre in die obere Stadt. Unter den archäologischen Funden ist am interessantesten eine der von Josephus erwähnten Stellen, auf welcher Nichtjuden in zweisprachiger Schrift vor dem Betreten des innern Vorhofs gewarnt wurden.
Das jetzige
Jerusalem.
(Hierzu der Stadtplan, Beilage.)
J. ist gegenwärtig (seit 1872) Sitz eines Mutessarifs, der das bis dahin zur türkischen Provinz Syrien gehörige Paschalik J. (mit 292 Ortschaften, 24-30,000 Häusern und über 110,000 Einw.) unter sich hat, und gilt noch jetzt nicht nur den Christen und Juden, sondern auch den Bekennern des Islam als eine heilige Stadt. Es liegt 725-784 m ü. M. auf und an dem Abhang eines Kalkfelsens, der nur auf der Nordseite sanft ansteigt, sonst nach allen Seiten steil abfällt. Von den die Stadt umgebenden Bergen [* 14] ist der Ölberg, an der Ostseite, der höchste (828 m ü. M., 148 m über dem Kidron); an ihn schließt sich südlich der Berg des Ärgernisses (Dschebel Batn el Hawa), wo Salomo dem Moloch geopfert haben soll. Im S. liegt der Berg des bösen Rates, wo nach fränkischer Sage in einem Landhaus des Kaiphas die Kreuzigung Christi beschlossen worden sein soll.
Auf drei Seiten, gegen O., S. und W., ist J. von tiefen Thälern umgeben: im O. vom Thal Josaphat, das sich zwischen dem Ölberg und dem Berg Moria hinzieht, im W. und S. vom Thal Ben Hinnom, das sich mit jenem vereinigt. Ein drittes, weniger tiefes, von N. nach S. gerichtetes Thal, das Tyropöon oder Käsemacherthal, teilt die Stadt in eine westliche Hälfte (97 m über dem Kidron) und eine östliche mit den Höhen Moria und Bezetha. Die aus großen Werkstücken erbauten Mauern, welche von 34 viereckigen Türmen überragt werden, stammen aus der Zeit Sultan Solimans, messen etwa 4 km im Umfang und sind 12 m hoch.
Von sieben Thoren sind nur fünf im Gebrauch, nämlich das Damaskusthor im N., das Stephansthor im O., das Moghrebiner oder Mistthor und das Zionsthor im S. und das am meisten benutzte Jafathor im W. Die belebtesten Gassen sind die Suks oder Bazare, welche meist überwölbt sind, dann die zum Damaskusthor führende und die die Stadt etwa in der Mitte von W. nach O. durchschneidende Straße. Dadurch zerfällt J. in vier Quartiere (Haret), die nach den vorherrschenden Konfessionen [* 15] benannt werden: im O. das mohammedanische mit dem Tempelplatz (Haram esch Scherif), der sogen. Via dolorosa (s. unten), der Kaserne und der Amtswohnung des Paschas;
im NW. das christliche mit der Kirche des Heiligen Grabes, dem Hiskiasteich, den Wohnungen des lateinischen und griechischen Patriarchen, des evangelischen Bischofs, vielen Klöstern etc.;
im SW. das Quartier der Armenier, mit der Citadelle, einer zweiten Kaserne, der protestantischen Kirche und dem Jakobskloster, der Residenz des armenischen Bischofs;
endlich das Judenquartier, im Thal zwischen Zion und Moria, mit mehreren Synagogen.
Die Straßen sind eng, abschüssig und vielfach gebrochen, schlecht oder gar nicht gepflastert und voll Unrat. Häufig geht man durch dunkle, dumpfige Kellergewölbe und an Trümmern einstiger Prachtbauten vorüber. Die Häuser sind durchweg von Stein, aber klein und niedrig, meist mit Kuppeln gekrönt oder mit flachen Dächern versehen. Schmale, niedrige Thüren und Fensteröffnungen, die nur zum Teil mit Glastafeln, meist mit eisernen oder hölzernen Gittern geschlossen sind, geben den Häusern ein gedrücktes, gefängnisartiges Aussehen.
Verräucherte Kaffeeschenken, düstere Bazare und Sackgassen, stallartige Erdgeschosse, der Mangel an geräumigern Plätzen,
die Stille der meisten Straßen vollenden das trübselige Bild der Stadt, die, vom Ölberg oder von N. gesehen, sich sonst stattlich
genug ausnimmt. Erwähnenswerte öffentliche Gebäude weltlicher Bestimmung hat J., mit Ausnahme des
neuen österreichischen Pilgerhauses und der Citadelle, nicht aufzuweisen. Letztere zeigt, namentlich an dem viereckigen Hauptturm,
in gewaltigen Quadern Spuren hohen Altertums und ist sehr wahrscheinlich der Turm
[* 16] Phasael des Josephus, während die Tradition
in ihr den »Turm Davids« sieht. Das reichste und größte Kloster
Jerusalems ist das armenische Jakobskloster auf
dem (traditionellen) Berg Zion, das in seinen umfangreichen Gebäuden zur Osterzeit außer dem Patriarchen und den 180 Mönchen
mehrere Tausend Pilger beherbergen soll und außer Druckerei, Seminar etc. auch die verschwenderisch ausgestattete Kirche des
heil. Jacobus enthält.
[Heiligtümer.]
Die vornehmsten Heiligtümer
Jerusalems sind in der sogen. Via dolorosa (»Schmerzensweg«) vereinigt,
einer 1 km langen, vom Stephansthor zur Kirche des Heiligen Grabes hinführenden Straße, welche nach der aus dem 16. Jahrh.
stammenden Sage Jesus auf seinem Gang
[* 17] zum Tode durchwandelt haben soll. Zuerst liegt rechts eine moderne Kapelle der Lateiner,
die an der Stelle erbaut sein soll, wo die Kriegsknechte Jesus geißelten; links eine Kaserne, wo angeblich
einst das Prätorium, des Pilatus Wohnung, stand; weiter folgt der Platz, wo man Jesus das Kreuz
[* 18] auflegte.
Unweit davon ist die Straße von einem Bogen [* 19] überwölbt, worauf ein kleines Häuschen steht, nach der Legende die Stelle, wo Pilatus sein »Ecce homo« ausrief. Dann folgen die Stelle, wo Jesus, unter der Last des Kreuzes zusammenbrechend, sich an ein Haus gelehnt und da den Eindruck seiner Schulter zurückgelassen haben soll; die Stelle, wo er seine Mutter traf, wo ihm die heil. Veronika ihr Schweißtuch (s. d.) reichte, etc. Die letzten drei der 14 Stationen befinden sich in der Heiligen Grabeskirche selbst.
Vor dem Thor derselben ist ein mit Steinplatten gepflasterter Platz, wo Händler mit Wachslichten, Jerichorosen, Rosenkränzen etc. ihre Waren anpreisen. Die Fassade der Kirche hat zwei Portale, von denen das eine jetzt zugemauert ist, und darüber zwei jetzt ebenfalls fast ganz vermauerte Fenster mit flachen Spitzbogen. Das flache Dach [* 20] wird von einer großen und weiter zurück von einer kleinern Kuppel überragt, während sich zur Linken ein halb eingefallener Glockenturm erhebt. Jeder der verschiedenen Sekten gehören einzelne Teile des verzwickten Kirchen- und Kapellenkomplexes. Die erste Reliquie dieses »größten Reliquienschreins der christlichen Welt« ist eine rötliche Marmorplatte, auf welcher die Salbung des Gekreuzigten durch Joseph von Arimathia stattgefunden haben soll (der jetzige Stein datiert von 1808). Eine Treppe [* 21] zur Rechten führt von da nach Golgatha, ¶