Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/366

Das Archiv als virtualisierte Forschungsumgebung?
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen
- Dies ist eine Außensicht. Diese Thesen ergeben sich nicht aus der Sicht eines Archivars, sondern aus der Schnittmenge zwischen Archiv, Archivbenutzung und den technischen Entwicklungen der letzten Jahre. Der Standpunkt des Beobachters ist: "Digital Humanities".
- Dies ist eine Momentaufnahme. Oktober 2009. Seitdem kontinuierlich veraltend.
- Dies ist ein Beitrag zu den "Siegener Thesen"
Das Archiv in der Logik der Forschung
Das Archiv hat traditionell definierte Aufgaben, die sich aus bestimmten medialen, technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ergeben haben. Verändern sich diese Rahmenbedingungen, dann verändern sich auch die Aufgaben des Archivs. Sie werden teilweise weiter entwickelt und teilweise neu bestimmt. Die Aufgaben des Archivs werden auch in der gesellschaftlichen Abstimmung darüber bestimmt, was von den Archiven als Dienstleistung für die Gesellschaft (und einen ihrer Teilbereiche: der Forschung) erwartet, was als selbstverständlich, was als wünschenswert und was als möglich betrachtet werden kann. Die im Folgenden angesprochenen Kernaufgaben von Archiven wären hinsichtlich ihrer Veränderungen genauer zu untersuchen.
- Überlieferung bilden
- Übernahme von amtlichen Stellen und von privatem Sammlungsgut.
- Veränderte Rahmenbedingungen in der Speicherung der Überlieferung (z.B. bei "born digital documents").
- Veränderungen im Bereich der Übernahme, Auswahl (Stichprobenbildung), Kassation?
- Überlieferungsbildung als Vorbereitung auf zukünftige Auswertungsinteressen.
- Überlieferung bewahren und sichern
- Neue Herausforderung durch genuin digitale Daten ohne ihnen vorausgehende analoge Dokumente.
- Chancen und Probleme digitaler Surrogate analoger Dokumente (z.B. digitale Sicherungskopien).
- Überlieferung benutzbar machen
- Traditionelle Basiserschließung: Vom Findmittel auf Papier zum Online-Findmittel; vom autonomen Findmittel zum (z.B. über Schnittstellen) anschlussfähigen und (z.B. in Portalkontexten) integrierbaren Findmittel; vom abgeschlossenen zum offenen (erweiterbaren) Findmittel. Vom monoauktoriellen zum kollaborativen Findmittel.
- Tiefenerschließung: Erschließung als Prozess (der von einer Basiserschließung ausgeht und auf eine Tiefenerschließung schließt, die nahtlos in die Auswertung übergeht); Von der Basiserschließung zur Annotation, zur Transkription und zur Edition?
- Bereitstellung von Sekundärformen (mit Metainformationen) als Erschließungsleistung? Systematische Bereitstellung von digitalen Abbildungen.
- Auswertung der Überlieferung begleiten
- Traditionell: Das Archiv stellt (Benutzer-)Arbeitsplätze zur Verfügung, es unterstützt die Auswertung der Überlieferung durch Spezialwissen, es fördert die Vernetzung der Forschung zu den Beständen des Archivs und bindet die Ergebnisse an die Überlieferung zurück (Belegexemplarprinzip).
- Entwicklungspotential: Unterstützung der Forschung durch virtuelle Arbeitsumgebungen; Aufnahme von Nutzerwissen in die archivischen Erschließungsmittel. Unmittelbare Verlinkung der Ergebnisse mit ihren Grundlagen (den überlieferten Dokumenten).
- Das Archiv kann ein "Moderator der Forschung" sein. Diese traditionelle Aufgabe wäre jetzt weiter zu entwickeln und neu auszufüllen.
Archive im Web1.0
Die vergangenen 15 Jahre haben eine technische Entwicklung mit sich gebracht, die für die Archive nicht nur zu neuen Möglichkeiten geführt hat. Es haben sich dadurch auch die Vorstellung davon verändert, was von Archiven als "normale" Dienstleistung zu erwarten ist. Einige Beispiele:
- Institutionelle Präsentation.
Basisinformationen zum Archiv (und seinen Beständen) und die Möglichkeit zur direkten Kontaktaufnahme dürften heute selbstverständlich sein.
- Bereitstellung von Online-Findmitteln.
Stabile, ausgereifte Standards (EAD, EAC etc.) stehen zur Verfügung. Die Bestände der wissenschaftlichen Bibliotheken sind inzwischen fast vollständig über OPACs recherchierbar. Diese Aufgabe besteht auch für die Archive und sollte in den nächsten Jahren zu einer selbstverständlichen Zielstellung werden.
- Bereitstellung von digitalen Sekundärformen.
Wenn digitale Sekundärformen entweder im Benutzerauftrag oder durch die Konversion bestehender analoger Sicherungsformen oder im Zuge der Erstellung neuer Sicherungsformen entstehen, sollten sie (soweit nicht rechtliche Schranken dies verhindern) allgemein über das Internet zugänglich gemacht werden. Ein entsprechendes Selbstverständnis der Archive (und ihrer übergeordneten Stellen) ist ist in dieser Hinsicht noch zu entwickeln.
- Schnittstellen.
Wo in den Archiven digitale Erschließungsinformationen oder digitale Sekundärformen vorliegen, sollten sie auch über standardisierte Schnittstellen für eine allgemeine Nutzung bereitgestellt werden.
- Portalbildung.
Erschließungsinformationen aus Archiven sollten in übergreifenden Kontexten zusammengeführt werden. Diese können sowohl thematisch als auch geografisch (Länderebene, Bundesebene, Europaebene) organisiert sein.
Web2.0
Das Schlagwort "Web2.0" beschreibt sowohl technische Entwicklungen, als auch Veränderungen in der Art und Weise, wie "die Öffentlichkeit" oder "die Benutzer" mit dem Internet umgehen. Einige dieser Entwicklungen können auch die Angebote der Archive und ihr Verhältnis zu ihren Benutzern beeinflussen. Zu den Herausforderungen des Web2.0 gehören:
- Neue Kommunikationsformen (Schlagworte: RSS, Blogs, Wikis, Twitter etc.).
- Verstärkte Interaktion und Nutzerbeteiligung (Schlagwort: User Generated Content).
- Die Prinzipien von Tagging und Annotation / Kommentierung.
- Neue Werkzeuge zur Förderung der Beteiligung einer interessierten (Fach- und Laien-)Öffentlichkeit und allgemeineren Nutzung der Bestände (Schlagwort: Social Software).
- Die nahtlose Integration unterschiedlicher Inhalte in mehrfachen Nachnutzungsformen (Schlagwort: Mashup).
- Soziale Netzwerke.
Archive im Web2.0
Es geht darum, die Zukunft zu gestalten. Beobachtbar sind nur erste Ansätze, die für eine Systematisierung, Verallgemeinerung oder gar Vorhersagen eine erste Grundlage bilden.
- Das Web2.0 als Hype oder als soziales Netzung - auch von Archivaren?
- Das Archiv auf dem Weg zu seinen Benutzern?
- Manche Archive sind in Facebook ... - und haben dort Fans, Nutzercommunites oder Fotoalben. Oder sie kommunizieren dort Neuigkeiten und kündigen Veranstaltungen an. (siehe z.B. US National Archives oder UK National Archives).
- Manche Archive bilden virtuelle Außenstellen, an denen die Bürger sich, ihre Geschichten und ihre Materialien einbringen können. Siehe z.B. das "Digitale Stadtgedächtnis der Stadt Coburg" ("Erforsche - Entdecke - Erzähle").
- Manchmal müssen auch die Benutzer zum Archiv kommen, um bei der Bereitstellung digitalisierter Archivalien zu helfen. Siehe z.B. "[www.historischesarchivkoeln.de/ Das digitale Historische Archiv Köln]".
- Archivbestände im Mashup?
- Manche Archive nutzen allgemeine Plattformen zur Kommunikation mit den Benutzern, aber auch zur Bereitstellung von Archivmaterial. Es gibt archivische Fotosammlungen in Flickr (Beispiel der Douglas County Historical Society), die durchaus auch mit ordentlichen Beschreibungsdaten versehen sein können. Aus solchen Plattformen ist dann eine weitere Einbindung in andere Verwendungs- und Präsentationsformen leicht möglich.
- Wikipedia hat sich zu einer der zentralen Stellen der Informationsvermittlung im Netz entwickelt. Eine Einbeziehung und Nachnutzung z.B. von Bildmaterial aus Archiven ist naheliegend. In Deutschland bestehen zwei Kooperationen zwischen Wikimedia und Archiven:
- 2007/2008 hat das Bundesarchiv 100.000 Fotos (mit Metadaten) für die Wikipedia bereit gestellt (siehe die Wikimedia-Seite). Auf Seiten von Wikimedia ist dann eine Qualitätskontrolle erfolgt, und die Bilder wurden nach Möglichkeit automatisch kategorisiert, d.h. Personen (mit PND), Artikeln oder Wikimedia-Kategorien zugeordnet. Eine Anreicherung mit Geokoordinaten ist geplant. Grundsätzlich können die Beschreibungsdaten annotiert, korrigiert und ergänzt werden. Interessant ist hier die Frage nach der Integration verbesserter Informationen im Archiv. Dazu gibt es kein automatisches Verfahren, Mitarbeiter des Bundesarchivs haben aber entsprechende Kommentare aus der offenen Wikimedia-Fehlerreportseite für die eigenen Daten übernommen. Offen bleibt bei beiden Anbietern die (für die weitere Verwendung durch Dritte wichtige) Frage nach persistenten (und möglichst sprechenden) Adressen für die Bilder.
- Seit 2009 besteht eine Kooperation zwischen Wikimedia und der Deutschen Fotothek zur Übernahme von 250.000 Bildern.
- Offene, kollaborative Erschließung und Annotation?
- Das Web2.0 ist geprägt von der Idee der Nutzerbeteiligung. Für Archive kann das bedeuten, die Öffentlichkeit an der fortschreitenden Erschließung und Annotation der Bestände zu beteiligen. Gerade bei sehr umfangreichen Dokumentsammlungen kann die scheinbare Unerschließbarkeit durch Konzepte des "crowdsourcing" überwunden werden. Dazu zwei Beispiele:
- Im Projekt "Investigate your MP's expenses" können die Spesenrechnungen britischer Parlamentarier online kategorisiert, ausgewertet und transkribiert werden.
- Im Projekt "Historic Australian Newspapers" wird die fehlerhafte automatische OCR durch Benutzer korrigiert und werden die Zeitungsartikel annotiert und verschlagwortet.
- Archive können offene Plattformen bereitstellen, auf denen die eigenen Bestände durch die Benutzer Themen zugeordnet, transkribiert, kommentiert oder in eigene Beiträge (Artikel) eingebunden werden können.
- Das britische Nationalarchiv stellt ein Wiki "Your Archives" zur Verfügung, die eine solche Nutzerbeteiligung an der Erschließung erlaubt. Es handelt sich dabei aber um eine Parallelstruktur zu den eigentlichen Archivangeboten. Archivalien können (über ihre Katalogisate) daran angebunden werden, ein Rückfluss in die zentralen Erschließungsinformationen und Findmittel des Archivs scheint aber nicht stattzufinden.
- Das Web2.0 ist geprägt von der Idee der Nutzerbeteiligung. Für Archive kann das bedeuten, die Öffentlichkeit an der fortschreitenden Erschließung und Annotation der Bestände zu beteiligen. Gerade bei sehr umfangreichen Dokumentsammlungen kann die scheinbare Unerschließbarkeit durch Konzepte des "crowdsourcing" überwunden werden. Dazu zwei Beispiele:
- Inkrementelle, kollaborative Transkription?
- Bislang haben sich Archive hauptsächlich auf die Basiserschließung ihrer Bestände konzentriert. Im Konzept einer beständig vertiefenden Erfassung und Bearbeitung könnte sich daran die Transkription von Dokumenten anschließen, die im Endziel sogar kritische Editionsformen hervorbringen könnten.
- Im Projekt "Monasterium" (MOM), einem umfangreichen virtuellen Urkundenarchiv, gibt es im Bereich "kollaboratives Archiv" einen speziellen Editor, mit dem angemeldete Benutzer digitalisierte Urkunden so transkribieren und erschließen können, dass im Hintergrund ausgezeichnete XML-Daten entstehen, die für weitere Präsentationsformen verwendet werden können.
- Bislang haben sich Archive hauptsächlich auf die Basiserschließung ihrer Bestände konzentriert. Im Konzept einer beständig vertiefenden Erfassung und Bearbeitung könnte sich daran die Transkription von Dokumenten anschließen, die im Endziel sogar kritische Editionsformen hervorbringen könnten.
- Semantisierung?
- In der Erschließung von Archivgut geht es um die Gewinnung semantischer Informationen. Diese waren aber bislang weitgehend nur implizit in Texten enthalten. Inzwischen gibt es erste Ansätze, semantisches Wissen auch explizit zu fassen. Solche Ansätze wären einerseits in der Wikimedia-Bilderschließung (durch Kategorisierung, PND-Verknüpfung, Geokoordinaten) und andererseits in der Tiefenerschließung durch Editoren wie bei MOM (Identifizierung von Personen, Orten, Sachen, Urkundenformularteilen und deren Verknüpfung mit Normdaten) zu beobachten.
Gegenläufige Entwicklungstendenzen im gegenwärtigen Web
Für die gegenwärtigen Entwicklungstendenzen im Internet lassen sich zwei Richtungen beschreiben.
- Modularisierung. Der Arbeitsprozess fortschreitender Erschließung bis hin zur wissenschaftlichen Auswertung und der Veröffentlichung der Ergebnisse kann digital so abgebildet werden, dass verschiedene Akteure zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten aktiv sind. In einem gegliederten Bearbeitungsprozess geht es dann darum, dass die Daten wechselseitig ansprechbar und nutzbar sind und in immer wieder andere Zusammenhänge eingebunden werden können. Entscheidend hierfür ist die Verwendung allgemeiner Standards (zur Datenbeschreibung und zur Datenkommunikation) und die Bereitstellung von Schnittstellen.
- Zentralisierung. Physische Dokumente als Gegenstände der archivischen Erschließung und der wissenschaftlichen Erforschung haben einen "Ort". Wenn die Beschäftigung damit als kontinuierlicher Prozess der fortschreitenden Durchdringung betrachtet wird, dann erscheint eine Grenzziehung zwischen verschiedenen Bearbeitungsformen willkürlich. Naheliegend wäre dagegen ein Konzept, bei dem alle Informationen und derivativen Formen an die Originale zurückgebunden bleiben. Im Grunde wäre dies die konsequente Weiterentwicklung des alten Belegexemplar-Prinzips. Entscheidend für eine sinnvolle Tiefenerschließung sind außerdem funktonierende fachliche "Communities". Deren Zusammenhalt wird wiederum durch umfassende Portale und Arbeitsplattformen begünstigt. Die Bereitstellung mehrfacher, konkurrierender Arbeitsumgebungen für die gleichen Aufgaben und die gleichen Inhalte scheint dagegen auf Dauer nicht sinnvoll (auch wenn Sie in einer Entwicklungsphse methodische und technische Alternativen evaluieren könnten). Schließlich spricht auch die anzustrebende Dauerhaftigkeit und Stabilität solcher Angebote für eine Zentralisierung und ggf. sogar für eine Anbindung an bestehende stabile Institutionen.
Synthese: Modularisierung der Arbeitsprozesse bei gleichzeitiger Zentralisierung der Arbeitsumgebung.
Das Konzept virtueller Forschungsumgebungen (= Virtual Research Environments = VRE)
Eine Antwort auf die skizzierten Entwicklungen sind "Virtuelle Forschungsumgebungen" (siehe z.B. einen Artikel von Michael Fraser dazu). Indem sie zunächst möglichst umfassend Primär- und Sekundärquellen zu einem Forschungsbereich aufnehmen und digital verfügbar machen, nehmen sie das Konzept digitaler Bibliotheken auf und entwickeln es weiter. Ihr eigentliches Ziel ist es nämlich, eine Infrastruktur für den gesamten Forschungsprozess bereit zu stellen. Dieser setzt zwar an den Informationsquellen an, benötigt dann aber auch spezielle Werkzeuge für die wissenschaftliche Arbeit mit den Ressourcen. Dazu können z.B. Softwaremodule gehören, die die Strukturierung, die Erschließung, die Annotation, die Transkription, die Analyse und Verarbeitung, sowie die Erstellung von Formen der Ergebnispräsentation unterstützen. Gleichzeitig sollen VREs Plattformen bieten, um die Ergebnisse der Forschung unmittelbar an die Grunddaten zurückzubinden. An einer Stelle würden dann alle Informationen zu einem Thema versammelt: Von den überlieferten Dokumenten bis zur neu entstehenden Forschungsliteratur. Die Forschungsumgebung würde dazu eine Infrastruktur dauerhaft bereitstellen und dafür sorgen, dass Verknüpfungen zwischen den einzelnen Teilen zuverlässig bestehen bleiben.
- Das Archiv als virtualisierte Forschungsumgebung?
Im Bereich der Archive sind virtuelle Forschungsumgebungen noch nicht vorhanden. Allerdings hängt es wesentlich von der Definition ab, wann man ein digitales Archiv, ein Portal oder spezialisierte Software als Forschungsumgebung bezeichnen möchte. Die Frage wäre dann z.B., unter welchen Bedingungen sich virtuelle Archive wie Monasterium bzw. MOM-CA zu einer echten virtuellen Forschungsumgebung weiterentwickeln können.
- Entwicklungstendenzen aus benachbarten Bereichen.
- Das Projekt TextGrid kann als Beispiel für eine recht allgemeine Forschungsplattform für die textorientierten Wissenschaften betrachtet werden. Es ist weniger thematisch ausgerichtet, als vielmehr am Aufbau von Infrastrukturen und Werkzeugen orientiert. Daraus ergibt sich aber auch die Kernfrage zum zukünftigen Erfolg eines solchen Ansatzes: Kann es gelingen, eine forschende Gemeinschaft zu konstituieren oder zu binden, die eine solche Plattform mit Leben erfüllt?
- Unter dem Dach von Philosource entwickeln sich einige bestehende digitale Bibliotheken aus der philosophischen Forschung derzeit in Richtung VRE weiter. Hierzu gehört NietzscheSource, das eine Community-Plattform bieten will, die neben der Nachlass-Überlieferung und den digitalisierten Werk-Editionen auch die aktuelle und zukünftige Forschungsliteratur aufnehmen soll. Hierzu gehört aber auch WittgensteinSource, das von der digitalen Nachlass-Edition ausgehend eine Arbeitsumgebung anbieten will, in der Wittgenstein-Forscher die Erschließung der Überlieferung in eine semantische Tiefe vorantreiben können - wodurch die Trennung zwischen archivischer Grunderschließung und wissenschaftlicher Erforschung aufgehoben würde.
Fazit: Baustellen
Wie kann die Entwicklung der historischen Forschung in ihrer Verbindung zu den Archiven und deren Leistungen vorangetrieben werden? Was ist zu tun?
- Die weitere Entwicklung braucht zunächst ein stabiles Fundament aus verschiedenen Komponenten:
- Die Basis der wissenschaftlichen Arbeit - auch unter digitalen Vorzeichen - beibt die Überlieferung, die Quellen. Wir brauchen noch sehr viel mehr digitale Inhalte. Um zu einer digitalen Forschung zu kommen brauchen wir mehr, als digitalisierte Beispielbestände. Wir brauchen auch mehr als die oft beschworene "kritische Masse". Wir sollten die annähernde "Vollständigkeit" der digitalen Repräsentation der Überlieferung als Ziel ausgeben und an der Verwirklichung dieses Zieles arbeiten.
- Informationen für die Forschung müssen technischen und inhaltlichen Standards folgen. Die Standards sind für die meisten Bereiche inzwischen vorhanden und einigermaßen ausgereift: EAD für Findmittel, TEI für Volltexte, METS für komplexe Digitalisate, DC für vereinfachte Metadaten; XML als Metasprache hinter allen Standards.
- Ressourcen müssen über einfache, standardisierte Schnittstellen bereitgestellt werden. Informationen aus Findmitteln müssen nicht nur auf der Webseite eines Archivs suchbar und lesbar sein. Sie sollten auch in automatisierten Verfahren abrufbar und damit unmittelbar in andere Zusammenhänge einzubinden sein. Verschiedene Schnittstellen stehen zur Verfügung und sollten verstärkt eingesetzt werden. Ein Beispiel für ein einfaches Kommunikationsprotokoll, das im Bibliotheksbereich inzwischen weit verbreitet ist, sich aber genau so gut im Archivwesen einsetzen ließe, ist OAI bzw. OAI-PMH.
- Für eine auf semantische Verfahren ausgerichtete Forschung brauchen wir eindeutig indentifizierte Informationsobjekte. Grundlage hierfür sind Normdaten. Im Bereich der Personenidentifizierung sollte die PND, die sich allmählich zu einem echten Webservice entwickeln sollte, benutzt werden, wo immer dies möglich ist. Es spricht aber in dieser Phase der Entwicklung auch nichts gegen die Entwicklung weiterer (auch spezieller auf die Bedürfnisse der historischen Forschung ausgerichteten) Normdatensammlungen, die zu einem späteren Zeitpunkt verknüpft oder zusammengeführt werden könnten.
- Von großer Bedeutung für eine nachhaltige Digitalisierung der Wissenschaften ist die dauerhaft zuverlässige Adressierung von Informationen. Dazu gibt es bereits eine Reihe von technischen Lösungen. Entscheidend ist hier aber, dass es sich weniger um ein technisches Problem handelt, als vielmehr um eine Frage der "Haltung". Institutionen des Kulturerbes und der Forschung müssen sich zu ihrer Verantwortung bekennen, digitale Informationen unter dauerhaft gleichbleibenden Benennungen (bzw. persistente Identifikatoren) bereit zu stellen.
- Digitale Werkzeuge und Arbeitsumgebungen stehen in ihrer Entwicklung noch am Anfang. Wir brauchen im Moment experimentelle Projekte, die für einzelne Forschungsbereiche modellhafte Lösungen entwickeln. Es stellt sich die Frage, wo solche Werkzeuge und Arbeitsumgebungen angesiedelt sein können. Während für größere Archive die Einrichtung eigener Plattformen für die wissenschaftliche Arbeit mit den Beständen attraktiv sein könnte, wären für die kleineren Archive modularisierte, leicht weiter benutzbare Software zu entwickeln oder Verbundlösungen, also die Einbindung in übergreifende Portale, in Betracht zu ziehen.
- In der vertiefenden Erschließung als einem kontinierlichem Forschungsprozess, der auf die Auswertung von Information und Publikation zielt, stellt sich u.a. die Frage nach dem "innen" und "außen" des Archivs. Was soll an die Überlieferung zurückgebunden werden, was bleibt extern? Wie können Verfahren der externen Erschließung durch Software ermöglicht und wie kann der Prozess der Informationsanreicherung durch die Fachleute aus den Institutionen des Kulturerbes (also z.B. durch Archivare) moderiert werden?
- Mit-Entscheidend für das Funktionieren kollaborativer Arbeitsprozesse ist, dass sie von Gemeinschaften gleicher Interessen getragen werden. Diese müssen unter Umständen erst konstituiert und gefördert werden. Das Community-Building gehört zu den wichtigsten Funktionen virtueller Forschungsumgebungen.
- Neue Formen der wissenschaftlichen Ergebnispräsentation müssen erst noch entwickelt und (wichtiger!) in der wissenschaftlichen Praxis als einem System der Zuweisung symbolischen Kapitals etabliert werden. Wenn der Aufsatz oder die Monographie die zentrale Form der Äußerung bleiben sollte, dann muss versucht werden, diesen stärker mit seinen Quellen und mit seinen Kontexten zu verknüpfen. Es stellt sich aber auch die Frage, ob daneben nicht ganz andere Formen der Argumentation und Ergebnispräsentation zu entwickeln sind: offene, kollaborative, hypertextuelle, visuelle Formen der wissenschaftlichen Äußerung.
- Die Etablierung alternativer Formen der wissenschaftlichen Arbeit und der wissenschaftlichen Ergebnispräsentation kann nur gelingen, wenn funktionierende Anreiz- und Belohnungssyteme aufgebaut werden. Digitale Arbeiten oder die Mitarbeit an einer verteilten, kollaborativen und inkrementellen Forschung müssen für die wissenschaftliche Reputation und den eigenen Werdegang verwertbar sein. Voraussetzung dafür sind eine klare Kennzeichnung auch nur partieller Urheberschaft und eine Versionskontrolle inkrementeller Publikationen. Entscheidend sind aber die Hebel, die an der sozialen Verfasstheit der Wissenschaften ansetzen. Wir brauchen ein Umdenken und klare Regeln (auch: Vorgaben der Verbände), wie die neuen Formen der Arbeit bewertet werden sollen und wie sie zum symbolischen Kapital des Wissenschaftlers beitragen können.
- Veränderte technische Rahmenbedingungen verändern die Welt in der wir leben. Sie verändern die Spielregeln, das Selbstverständnis der Akteure und das, was zwischen den Akteuren als Selbsterständlichkeit gelten sollte. Für die Geschichtswissenschaften ergibt sich daraus, dass die Öffnung der Archive für die Forschung, die Bereitstellung der Überlieferung im (digitalen) Lebens- und Arbeitsraum der Forschung und die Virtualisierung des Archivs als Arbeitsumgebung als eine selbstverständliche Zielvorstellung zu fordern ist. Dadurch ist auch zu einer Weiterentwicklung des Selbstverständnisses von Archiven beizutragen, die aufgefordert sind, die kulturelle Überlieferung dauerhaft möglichst umfassend, möglichst einfach und möglichst offen für die Allgemeinheit zugänglich zu machen.
(Zugrunde liegender Vortrag: 9.10.09. Diese Fassung: 12.11.09. Letzte Änderung: 21.01.10) - Patrick Sahle