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Maria Filippovna Kovalik war in Tschernikoff (Russland), in der heutigen Ukraine, als Tochter eines Offiziers und Gutsbesitzers zur Welt gekommen. Sie kam erst im Alter von 30 Jahren ans Polytechnikum und war also um einiges älter als ihre Studienkolleginnen. Nach sieben Semestern schloss sie 1877 ihr Landwirtschaftsstudium erfolgreich ab, womit sie als erste Frau am Polytechnikum ein Diplom in diesem Fach erlangte.
Gleich nach Studienabschluss reiste Kovalik nach Russland, wo sie zwei Jahre lang unter Polizeibeobachtung stand, da sie verdächtigt wurde, terroristische Aktionen vorzubereiten. 1878 wurde sie verhaftet und nach Sibirien verbannt, doch gelang ihr 1887 die Flucht. Bis 1906 lebte sie in der Schweiz und in Frankreich, kehrte dann jedoch nach einer Amnestie ins Zarenreich zurück. Sie starb in den 1920er Jahren in Minsk.
In der Schweiz fehlte es Ende des 19. Jahrhunderts an öffentlichen Mädchengymnasien, sodass die meisten Mädchen keinen Abschluss erwerben konnten, der ihnen den Zugang zu einer Hochschule eröffnet hätte. Dementsprechend kamen die meisten Studentinnen an Schweizer Universitäten zunächst aus dem Ausland, vor allem aus Russland.
Privilegiert und politisch: Russinnen an der ETH Zürich
Die erste Welle weiblicher Studierender an der ETH wurde klar von Frauen aus dem Zarenreich dominiert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Frauenstudium in Russland mehrmals verboten, weshalb viele Studentinnen in die liberalere Schweiz auswichen. Viele der Russinnen waren politisch engagiert und vertraten sozialistische und emanzipatorische Ansichten, so auch Maria Kovalik.
Auch am Polytechnikum stammten die ersten Frauen vornehmlich aus dem russischen Kleinadel oder vermögenden Kaufmannsfamilien. Einige von ihnen beteiligten sich in Zürich aktiv an den politischen Diskussionen im radikalen Milieu der russischen Emigranten und pflegten persönlichen Kontakt zum international bekannten Anarchisten Michail Bakunin (1814–1876), der wiederholt nach Zürich kam.
Ihrer Zeit voraus
Am Polytechnikum studierten die ersten Frauen ganz unterschiedliche Fächer wie Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Landwirtschaft, Naturwissenschaften, Chemie und Pharmazie – Studienrichtungen, die für russische Studentinnen in der Schweiz eher untypisch waren, da Frauen in Russland nur gerade im medizinischen oder schulischen Bereich überhaupt beruflich tätig sein durften.
Die Freifächer-Abteilung der ETH bot den Studierenden die Gelegenheit, ihr Wissen über europäische Geschichte und wirtschaftliche Zusammenhänge zu erweitern. Besonders die Vorlesung «Die sociale Frage» des sozialliberalen Nationalökonomen Prof. Karl Viktor Böhmert (1829–1918), der sich auch in der Öffentlichkeit für das Frauenstudium einsetzte, scheint die Studentinnen interessiert zu haben. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 und der russischen Revolution 1917 kehrten viele Ausländerinnen in ihre Heimat zurück.