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Wenn wir jemandem unsere Aufmerksamkeit schenken, zeigt das, dass wir ihn wertschätzen und denken, dass er es wert ist, dass wir ihm zuhören und uns mit ihm beschäftigen. Das bedeutet, dass die Menge an Aufmerksamkeit, die wir bestimmten Personen in einem bestimmten Kontext schenken, ein Hinweis darauf ist, wie viel Macht diese Personen haben. Dabei gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten, die sich damit befassen, wie Macht und Aufmerksamkeit den Kommunikationsstil von Frauen und Männern unterschiedlich beeinflussen können. Schauen wir uns mal an, wie Aufmerksamkeit strategisch als eine Form des Machtspiels eingesetzt werden kann und warum es wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein, wenn man mit Kollegen und Untergebenen interagiert.
Die Macht der Ablehnung
Wer redet, will überzeugen. Wer überzeugen will, muss Einfluss nehmen. Wer Einfluss will, braucht Aufmerksamkeit. Bei der Kommunikation geht es immer nur um eines: Aufmerksamkeit. Gerade das macht sie zur härtesten Währung, die es gibt.
Aufmerksamkeit ist einer der stärksten Machtfaktoren. Die Weigerung, die Anwesenheit einer anderen Person anzuerkennen oder ihr nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, ist daher eine gängige Methode, mit der Menschen ihre Macht auf subtile, aber effektive Weise ausspielen. Es impliziert, dass man am längeren Hebel ist und sich nicht extra anstrengen muss, um zuzuhören oder Respekt zu zeigen. Das kann ein sehr effektiver Weg sein, um sicherzustellen, dass die Leute wissen, wer die meiste Autorität in einer Situation hat.
Es gibt unterschiedliche Formen und Möglichkeiten diese Weigerung, bzw. Ablehnung anderen gegenüber zu manifestieren. Hier sind vier Beispiele, die das veranschaulichen sollen:
Zu spät zu Verabredungen erscheinen Natürlich kann es jedem mal passieren, dass man zu spät kommt, ohne jegliche Absicht. Aber wenn Du zu spät zu Terminen oder Besprechungen erscheinst, kann dies ebenso als eine absichtliche Missachtung der Zeit des anderen gewertet werden, vor allem, wenn Du in einer höheren Position bist als die andere Person. Verspätungen zeigen, dass Du Dich selbst wichtiger und wertvoller einschätzt als die anderen. Im Wesentlichen zeigst Du damit, dass Du die Oberhand haben willst, wenn es darum geht, Entscheidungen darüber zu treffen, wie dieses Treffen oder dieser Termin ablaufen wird.
Telefonieren während einer Besprechungen oder dem Unterricht Wenn Du während einer Besprechung oder einer Unterrichtsstunde auf Dein Telefon schaust, ist das auch eine unausgesprochene Botschaft, dass Deine Zeit am wichtigsten ist – sei es, weil Du etwas Entscheidendes erwartest oder weil Du Dich einfach berechtigt fühlst, dies ohne Konsequenzen zu tun. Ebenso wie Verspätung impliziert auch das Abrufen des Telefons während eines Meetings, dass man mehr Macht über die Anwesenden hat, da diese das Gleiche nicht tun können, ohne von den leitenden Personen oder Vorgesetzten getadelt zu werden. Im vorangegangenen, wie auch in diesem Fall sind diese Handlungen beleidigend – aber für jemanden mit höherem Status akzeptabler als für jemanden, der einen niedrigeren Rang hat.
Reduzierter Augenkontakt beim Zuhören Es gibt ein typisches Machtspiel, das mit dem Augenkontakt betrieben wird, tendenziell eher von Männern mit hohem Status. Wenn eine Person zu ihnen spricht, schauen sie die Person nur sehr selten oder gar nicht an. Damit implizieren sie, dass das, was diese andere Person sagt, nicht wichtig ist und auch kein politisches Gewicht hat. Wenn sie jedoch in dieser Unterhaltung dann selber das Wort ergreifen, schauen sie dem Gegenüber sehr bewusst in die Augen, um sicherzugehen, dass ihre eigene Botschaft auf der anderen Seite angekommen ist und verstanden wurde.
Keine Fragen stellen Viele kennen dieses unangenehme Gefühl, wenn man eine Präsentation beendet hat und am Ende bei der Q&A-Runde von niemandem eine Frage gestellt bekommt. Da sind Selbstzweifel berechtigt, ob das, was man soeben vorgetragen hat, unglaublich langweilig oder gar völlig unbedeutend war. Aber auch in Konversationen gilt es eher als unhöflich, wenn man seinem Gegenüber keine Fragen stellt. Fragen implizieren ein gewisses Interesse zum Thema oder zur Person. Denn es sind ja schliesslich Fragen, die den Gesprächspartner in den Vordergrund stellen und diesem somit «Redezeit» gewähren. Und Redezeit durch gezieltes Fragen, bedeutet immer Aufmerksamkeit schenken.
Unterschiede von Machtdynamiken zwischen Frau und Mann
Natürlich gibt es noch weitere Beispiele, die aufzeigen, wie durch Entzug von Aufmerksamkeit ein Machtgefälle in einer Beziehung hergestellt werden kann. Aber nicht nur durch Ablehnung der Aufmerksamkeit kann ein Machtgefälle entstehen, sondern auch durch geschlechterspezifische Unterschiede. Frauen und Männer können durchaus aufgrund ihrer unterschiedlichen Sprachsysteme ihre Aufmerksamkeit auf ganz unterschiedliche Dinge richten, weil sie diesen unterschiedliche Gewichtungen beimessen:
Unterschiede bei der Redezeit Es gibt unzählige Frauenwitze, die sich über die Redezeit der Frauen lustig machen. Sprich, dass Frauen ununterbrochen reden können, reden, reden und nochmals reden. Und doch haben Studien immer wieder belegt, dass es nicht die Frauen, sondern die Männer sind, die vor allem in beruflichen Situationen tendenziell mehr sprechen – selbst wenn Frauen und Männer über die gleiche Sachkenntnis oder Autorität verfügen. Dieses Phänomen, das als «Gesprächszeitlücke» bekannt ist, wird mit der Machtdynamik in Verbindung gebracht. Männer neigen eher als Frauen dazu, Gespräche zu dominieren und andere zu unterbrechen, sobald sie sich auf einer «öffentlichen Bühne» befinden. Als öffentliche Bühne ist hier vor allem alles im beruflichen Kontext gemeint, wo es eine Gelegenheit gibt, die Aufmerksamkeit an sich zu reissen, um dadurch den eigenen Rang und Status in der Gruppe zu festigen.
Unterschiede beim Einsatz der Körpersprache Es gibt auch Unterschiede im nonverbalen Kommunikationsstil von Männern und Frauen. Männer beispielsweise verwenden im Gegensatz zu vielen Frauen ihre Sprache viel öfter als Machtinstrument. Sie senden andere Körperbotschaften und zeigen ein ausgesprochenes Revierverhalten. Und gerade wenn es darum geht, sich durchzusetzen, können diese unterschiedlichen Sprachsysteme zwischen Mann und Frau dramatische Folgen haben. Männer schenken ihrem nonverbalen Raumverhalten viel mehr Aufmerksamkeit, als Frauen das tun. Das beginnt bereits an der Türschwelle. Bewegt sich die Person fremdbestimmt in einem hektischen und schnellen Tempo oder eher selbstbestimmt in einem gemächlichen und langsamen Tempo? Wenn da nämlich jemand vollbeladen mit Dokumenten in ein Sitzungszimmer stürzt, so kann das durchaus ungewollte Hilfskraftbotschaften vermitteln, was bei so einigen Anwesenden als freiwillige Rangherabstufung interpretiert wird. Denn für Männer, die politisches Gewicht ausstrahlen wollen, sind solche Dinge keine Nebensächlichkeiten, die dem Zufall überlassen werden. Hier gilt schliesslich das Motto: Ein richtiger Chef rennt nicht – er lässt rennen.
Unterschiede im Sprachgebrauch In Studien wurden auch Unterschiede im Sprachgebrauch von Männern und Frauen festgestellt, u. a. in der Art der Wörter und Sätze, die sie verwenden, und in der Art und Weise, wie sie Bedeutung vermitteln. Frauen und Männer richten beim Sprechen ihre Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Dinge. So neigen Frauen eher dazu, sich mit Äusserungen abzusichern, wie zum Beispiel «Ich denke, dass...». Oder verwenden Aussagen, um zu relativieren, wie zum Beispiel «Ich bin kein Experte, aber...». Im direkten Kontrast dazu machen Männer das viel seltener. Aber gerade diese absichernde und relativierende Sprechweise vieler Frauen, ist nur auf ein weiteres Missverständnis zurückzuführen. Da Frauen tendenziell einen symmetrischen Kommunikationsstil pflegen, bzw. eine Sprechweise, die Gleichheit, Solidarität und Nähe anstrebt, soll diese Sprechform vor allem dazu dienen, sich selber nicht in den Vordergrund zu stellen. Das bedeutet, dass wenn eine Frau in einem Meeting ihre eigenen Beiträge mit solchen Satzeinschüben relativiert, dann tut sie das vor allem deshalb, weil sie die Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt. Ihre Wortmeldung, bzw. ihre Idee oder Beitrag sollte eher als zusätzliche «Option» in der Diskussion verstanden werden und nicht, um ihre Position in der Runde zu stärken. Das Problem dabei ist nur, dass Männer, die asymmetrisch kommunizieren, also einen hierarchischen Gesprächsstil pflegen, ihre Aufmerksamkeit eher auf der politischen Gewichtung liegt, die nun mal personenorientiert ist. Und solche Relativierungen und Absicherungen deuten sie daher tendenziell als eine freiwillige Rangherabstufung, als Zeichen von Unsicherheit und mangelndem Selbstbewusstsein. Ergo: Unterschiedlicher Fokus erzeugt unterschiedliche Wirkung.
Wachsamkeit und gegenseitiges Verständnis sind gefordert
In jedem Gespräch und jeder Beziehung gibt es je nach Kontext ein situatives Machtgefälle, und bei der Bestimmung der eigenen Position in diesem Beziehungsgefälle, spielt Aufmerksamkeit eine entscheidende Rolle. Wenn wir verstehen, wie Aufmerksamkeit als eine der wichtigsten Währungen der Macht funktioniert, und uns bewusst sind, wie sie die Entscheidungsfindungen beeinflusst, können wir für uns selbst bessere strategische Entscheidungen darüber treffen, wann und wo wir unsere Aufmerksamkeit für eine maximale Wirkung einsetzen. Wer sie aus unserer Sicht bekommt und hoffentlich auch verdient.
Aufmerksamkeit zu schenken ist das eine, sie jedoch für eigene Zwecke zu erzeugen, ist etwas ganz anderes. Wie wir schon eingangs sagten: Bei der Kommunikation geht es nur um eines: Aufmerksamkeit. Wer eine wichtige Botschaft für die Menschen hat, braucht Zustimmung. Und dafür sollte man besser wissen, wie die kommunikativen und psychologischen Mechanismen funktionieren, um diese Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir können hier das Rad zurückdrehen und sagen: Wer Aufmerksamkeit braucht, muss Einfluss nehmen. Wer Einfluss nehmen will, muss überzeugen. Und wer überzeugen muss, muss wissen, wie man redet. Reden ist Wirkung und Wirkung bedeutet Macht.
Kommunikation ist keine Einbahnstrasse. Daher sollten wir für unterschiedliche Formen der Kommunikation offen bleiben. Und das geht nun mal am einfachsten, in dem wir regelmässig unsere eigenen Sprachgewohnheiten hinterfragen. Denn nur weil man sich eine bestimmte Sprache gewohnt ist und einem selbst einfach fällt, heisst es noch lange nicht, dass diese Sprache in bestimmten Situationen tatsächlich sinnvoll ist.