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des Stoffes und im Bau des Distichons (Lafaye 237 ss.) ist er noch unbehilflich. Er schliesst den Gedanken nicht mit einem Distichon ab, sondern fügt ohne Pause mehrere aneinander; im Hexameter lässt er nach griechischem Muster die Cäsur xarà toitov Teoxaiov zu, so c. 64, 206, und endet den Vers öfters mit einem einsilbigen oder vier- und fünfsilbigen Wort. Auch sein episches Gedicht (c. 64) leidet darunter, dass es zu sehr nach alexandrinischer Manier in künstlicher Anordnung des Stoffes gedichtet ist. Ganz anders zeigt er sich in seinen lyrischen Gedichten und in seinen Epigrammen; hier, wo er mehr seinem eigenen Drange folgt, ist er ganz der frische, lebhaft empfindende Dichter, der sowohl anmutig mit seinen Freunden und seiner Geliebten zu scherzen, als auch mit bitteren lambenpfeilen des Spottes und beissenden Epigrammen seine Feinde und Nebenbuhler zu treffen versteht.1) Seine Sprache ist einfach und entlehnt viele Wendungen der Umgangssprache, sein Stil ist frei von gelehrten Wendungen und mythologischem Zierat.
In den Elegieen des Tibull finden wir diese Gattung der Poesie schon zu einer bedeutenden Höhe der Kunstvollendung emporgehoben. Seine Gedichte sind sorgfältig gegliedert und im Bau des Distichons bekundet er einen grossen Fortschritt gegen Catull; bei ihm findet der Gedanke gewöhnlich mit dem Distichon seinen Abschluss. Häufig gewinnt er dadurch einen jambischen Schluss des Pentameters, dass er que nicht dem ersten Wort des angefügten Satzes anhängt, sondern dem an vorletzter Stelle des Pentameters stehenden Verbum.') Tibull war ein echt römischer
zeichnet. Oogol (docti) heissen die Dichter oft als die Kunsterfahrenen. Aber von römischen Dichtern gebraucht, bezeichnet doctus gewöhnlich zugleich Nachahmung griechischer Kunst. Es wird überhaupt griechische Bildung damit bezeichnet; ein eigentlich gelehrter Dichter, wie etwa Virgil in der Äneis, ist Catull nicht. Die Musen heissen docta turba, die Leser von Gedichten docti und turba doctorum.
1) Catull war eine echte Poetenpatur. 'Er steht mitten im Leben, und die Muse hat ihm gegeben zu sagen, was er liebe und leide. Weit ist der Umfang seiner Gedankenwelt und seiner geistigen Bestrebungen nicht gewesen : Philosophie und Wissenschaft haben ihn nicht angekränkelt. Ein Mann der That war er auch nicht: er hat sich und seinen Freunden gelebt, der Schönheit gehuldigt und Bekenntnisse einer wenn auch nicht makellos reinen, doch aufrichtigen und treuen Seele hinterlassen. Als jugendliche Gestalt wandelt er unter den Unsterblichen, mit den Vorzügen wie mit den Mängeln der Jugend. Letztere wollen nach dem Mass seiner Zeit beurteilt werden : zimperlich philisterhafte Deutung seiner Verse lehnt er selbt ausdrücklich ab. Ribbeck G. d. r. D. 1°, 342f,
Dichter mit ausgeprägter Vorliebe für das Landleben, dessen schlichte Sitten er den verdorbenen der Stadt gegenüberstellt. Wahrheit der Empfindung weht uns überall aus seinen Gedichten entgegen; seine Gedanken kleidet er so einfach wie möglich ein und meidet alle gelehrten Anspielungen. Obwohl das Thema, das er in seinen Gedichten behandelt, die Liebe zur Delia und Nemesis und die Liebe zum Landleben, ein engbegrenztes ist, weiss er es doch auf das anmutigste zu variieren. Der Poesie des Tibull, in dessen Elegieen sich hin und wieder gleichzeilige Versgruppen ohne Schwierigkeit absondern lassen, ist alexandrinische Symmetrie fremd, sie bewegt sich wie ein sanfter Wellenschlag, dessen Auf und Ab man noch empfindet, auch wenn einmal eine Welle weiter ausgreift. Der Grundgedanke in jeder Elegie taucht anmutig variiert und immerindividuell gefärbt durch die ganze Elegie hin immer wieder hervor.'r)
Properz ist das gerade Gegenteil von Tibull; er rühmt sich gern ein Nachahmer des Kallimachos und Philetas zu sein und prahlt in alexandrinischer Manier mit gelehrtem mythologischem Prunk und entlegenen Fabeln. Man würde aber sehr irren, wollte man annehmen, dass ihm eitles Entfalten von Gelehrsamkeit die Hauptsache gewesen wäre. Mit dem Schmuck der Form verbindet er eine seltene Fülle tiefer Gedanken und überall blickt die leidenschaftliche Glut des Herzens und wahre Empfindung durch; hierin ist er seinen alexandrinischen Vorbildern bei weitem überlegen. Im Bau des Distichons übertrifft er Tibull noch insofern, als er in seinen späteren Gedichten den mehr als zweisilbigen Ausgang des Pentameters fast völlig vermeidet; sonst gestattet er sich in der Metrik grössere Freiheiten als Tibull.1) Properz liebt es, eine dem Hexameter und Pentameter gemeinsame Verbalform, die aus lauter Kürzen besteht, nach einem einsilbigen Wort an den Anfang des Pentameters oder an den Anfang des zweiten Hemistichiums im Hexameter zu setzen.1) Zuweilen beginnt er einen neuen Gedanken, den er dann gern durch at oder sed einleitet, im Pentameter und führt ihn im Hexameter fort.)
Ovid ist der grösste römische Verskünstler; seine Sprache ist überaus leicht und gewandt, und fliesst glatt dabin. Aber eben so leichtfertig und flüchtig sind auch seine Gedanken. Er spielt mit Empfindungen, und oft haben wir das Gefühl, als ob es ihm
1) Nr. XXVIII 24; c. II 18, 29. 2) c. II 22, 4; 32, 54; 33, 18.
mehr auf schöne Form als auf Tiefe der Gedanken angekommen wäre. Überall merkt man, dass er in der Schule der Rbetoren vorgebildet war.") Er besitzt einen unerschöpflichen Reichtum apmutiger Bilder und Gedanken, die er spielend und formgewandt aneinander reibt, so namentlich in seinen Amores; selbst den sprödesten Stoff weils er geschickt zu verwerten, wie in den Fasti, und selbst, wo trübe Gedanken ihn erost stimmen, wie in seinen Briefen aus der Verbannung (den Tristia und den Epistulae ex Ponto), kleidet er diese io eine leichte Form. 1) ‘Die Stärke seines Talentes liegt in der unvergleichlichen Leichtigkeit eines breiten und geistreichen Pinsels, in der Beweglichkeit und unversieglich strömenden Fülle sichrer und sinnlich reicher Gestaltungskraft, welche in dem übermütigen Behagen ihres üppigen Phantasiespieles vielleicht nur bei Ariosto ihresgleichen findet.'s) Ovid schildert im Gegensatz zu Catull, Tibull und Properz nicht selbsterlebte Liebesverhältnisse; er malt nur gedachte Situationen aus (Nr. I 68); die von ihm gefeierte Corinna (Nr. I 59 s.) war offenbar nur ein Phantasiegebilde.)— Auch er hat es meist vermieden, den Pentameter mit einem dreisilbigen Wort zu schliessen; doch s. z. Nr. XII 34.
Die folgenden Gedichte sind eine Auswahl aus Catull, Tibull und Properz, den Triumviri amoris, und Ovid.
C. Valerius Catullus.) Was wir von diesem Dichter wissen, verdanken wir fast ausschliesslich den Angaben seiner eigenen Gedichte, in denen er die Freuden und Leiden seines Lebens nach Dichterart besungen hat. Die meisten und schönsten seiner kleineren Lieder sind
1) Friedrich der Gr. urteilt darüber:
Je ne reconnais plus Ovide,
je porte mon bonheur en moi!
Poësies diverses, ode troisième.
Gelegenheitsgedichte im edelsten Sinne des Wortes: er freut sich in ihnen mit seinen Freunden, denen er unverbrüchliche Treue und zärtliche Anhänglichkeit entgegenbringt; er hafst seine Feinde mit der Leidenschaft des Südländers und verfolgt sie mit dem bittern Spott seiner lamben und Epigramme, die sicher wie die Pfeile des Schützen trafen und verwundeten; er trauert um den Tod seines Bruders und den Verlust seiner Lesbia. Überall zeigt er sich offenherzig und lauter, von wahrem, tiefem Gefühl beseelt. Er steht in dieser Beziehung in wohlthuendem Gegensatz zu manchem der späteren römischen Dichter, die zwar in der Form glätter sind, dafür aber ihr eigenes Denken oft hinter kalten Formeln und mythologischer Gelehrsamkeit verstecken.
Geboren ist er im J. 87 v. Chr. zu Verona, wo sein Vater, der ibn wahrscheinlich überlebt hat, ein angesehener und wohlhabender Bürger war. Gern gedenkt er seiner Heimat, namentlich des Gardasees, auf dessen Halbinsel Sirmio er eine Villa besass. Dorthin zog er sich zurück, wenn Trauer und Schmerz ihm das laute Treiben der Hauptstadt besonders fühlbar machten. Früh wanderte er nach dem Brauch der Zeit aus der Provinz in die Hauptstadt, um sich dort in den Wissenschaften zu vervollkommnen, etwa damals als Catilina die sittenlose Jugend Roms um sich versammelte. Wir finden ihn, der schon als Jüngling angefangen hatte zu dichten, bald in einem Kreise hochbegabter Dichter und Redner eifrig mit dichterischen Arbeiten beschäftigt. Namentlich studierte er unter Anleitung des berühmten Grammatikers P. Valerius Cato (Suet. de gramm. 11; Ribb. G. d. r. D. 12, 309 ff.), aus dessen Schule auch C. Helvius Cinna und M. Furius Bibaculus, die Freunde Catulls (Ribb. 12, 343 ff.; Friedrich, zur Gesch, d. röm. Satire, 1899, 9 ff.), hervorgingen, die Werke der Alexandriner, welche damals die römische Litteratur beherrschten, daneben aber auch ältere griechische Lyriker, wie die Sappho, den Archilochos, auch den Euripides und Homer, und übersetzte sie zum Teil. Wir besitzen von ihm noch die Übertragung einer Sappbischen Ode und eine jener Sternlegenden (xataOTEQLOLOT), wie sie am Hofe der Ptolemäer beliebt waren (die Locke der Berenike, s. S. 9). Durch diese Übersetzungen wurde er bald in weiteren Kreisen bekannt; der berühmte Redner Hortensius, selbst ein Dichter, ward sein Gönner, desgleichen sein Landsmann Cornelius Nepos, der des jungen Freundes in seinen Werken ehrenvoll gedenkt. Auch Asinius Pollio b), der Freund des Virgil und Horaz, wird in Catulls Gedichten erwähnt. Von den jüngeren Talenten zählte er ausser dem Dichter Helvius
Cinna, dem Verfasser eines Epos Smyrna (Ehwald z. Ov. m. 10, 298), den Redner und Dichter Licinius Calvus zu seinen nächstep Bekannten; namentlich mit letzterem finden wir Catulls Namen fast stehend vereint genannt. Calvus"), der Sohn des Historikers C. Licinius Macer (Liv. IV 23, 1), der von Cicero wegen Erpressungen in der Provinz angeklagt sich aus Verzweiflung das Leben nahm, war das Haupt einer neuen Rednerschule, die es sich zur Aufgabe stellte, den für schwülstig und allzu patbetisch gehaltenen Rednern Hortensius und Cicero entgegen zu treten und sich mehr an die schlichten Formen des Lysias anzuschliessen. Cicero bekämpfte sie dafür nicht nur als Redner, sondern auch als Dichter und verspottete ihre Nachahmung der Alexandriner, indem er sie cantores Euphorionis (Nachbeter des Euphorion 1), s. S. 7) nannte.)
Neben den Gedichten, welche diesem Freundeskreise gewidmet sind, und in denen der Dichter ihr Zusammenleben sowie ihre kleinen Abenteuer ausplaudert, gehen die Gedichte an Lesbia, die Geliebte des Dichters, her, in denen er teils seinem Liebesglück, teils seinem Schmerz über die Untreue der Unwürdigen Ausdruck giebt. Nach römischem Dichterbrauch (s. die Einl. z. Tibull) ist der Name Lesbia erdichtet, das besungene Mädchen hiess mit wahrem Namen Clodia. Es ist wahrscheinlich, dass diese Clodia die geistreiche, aber sittenlose Schwester des P. Clodius Pulcher, die Gemahlin des Q. Metellus war, dieselbe welche Cicero in seinen Briefen und Reden geschildert hat. Sie hatte viel Sinn für die Dichtkunst (auf Sappho anspielend nennt Catull sie Lesbia) und verstand es, den um mehrere Jahre jüngern Dichter durch ihren Geist und ihre Schönheit längere Zeit an sich zu fesseln. Erst nach langem Zögern und schwerem Kampfe entsagte der Dichter der Liebe zu ihr; aber ihr Name lebt ewig fort in seinen Gedichten.
Im J. 57 ging Catull mit seinem Freunde Cinna in der Cohors) des Proprätors C. Memmius) (schwerlich desselben, dem Lukrez sein Gedicht de rerum natura gewidmet hatte: Ribb. G. d. r. D. 12, 354) nach Bithynien; auf der Rückreise von dort
1) ‘Nicht als ob eben Euphorion ausschliesslich oder nur vorzugs. weise ihr Ideal gewesen wäre. Indem Cicero gerade einen der ungeniessbarsten Meister spätalexandrinischer Kunst ihnen als Vorbild unterschob, wollte er nur das Ungesunde der neuen Dichterschule, die Vorliebe für entlegene Sagen, gesuchte Gelehrsamkeit, schwüle, bedenkliche Stoffe mit einem Schlagwort bezeichnen. Ribbeck G. d. r. D. 1°, 317.
2) S. z. Tibull Nr. III 2.