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Für Rainer Gonzenbach war Frauenfeld der Ort seiner Kindheit, Jugend, Schulzeit und vor allem seines ganzen beruflichen Wirkens. Dazwischen lagen ausbildungsbedingte Phasen in Bern und München.
Rainer Gonzenbach, Sohn des Ärztepaares Ella und Roger Gonzenbach, wuchs zusammen mit seinem fünf Jahre älteren Bruder auf. Nach den Lehr- und Wanderjahren kehrte er zusammen mit seiner Ehefrau Ursula und der älteren Tochter Stephanie hierher zurück. In Frauenfeld vergrösserte sich die Familie um die jüngere Tochter Dominique.
Preisgekrönte Dissertation ist bis heute aktuell
Das Studium an der Universität Bern absolvierte er mit Bravour. Eine Auszeichnung war, dass ihm nach dem Lizenziat im Jahr 1985 eine Assistentenstelle am handelsrechtlichen Seminar der Universität Bern offeriert wurde. In dieser Assistentenzeit schrieb er die preisgekrönte Dissertation über die «Culpa in contrahendo», ein Thema, das als zivilrechtlicher Leckerbissen einzustufen ist. Diese Dissertation ist auch heute noch unverzichtbare Lektüre bei Fragen zum Thema des Verschuldens bei der Vertragsverhandlung. Der Ausbildungsphase folgten Gerichts- und Anwaltspraktika, und im Thurgau erwarb er das Anwaltspatent. Von 1993 bis zu seiner Wahl als Staatsschreiber im Jahr 2000 wirkte er als geachteter selbstständiger Anwalt in einer Frauenfelder Kanzlei.
Als Staatsschreiber übernahm Rainer Gonzenbach eine zentrale Funktion im Schnittpunkt zwischen Regierung und Parlament, denn zur Staatskanzlei gehören einerseits die Parlamentsdienste, andererseits die Regierungskanzlei. Er entwickelte sich mit seinem fundierten juristischen Fachwissen zum staatsrechtlichen Gewissen, zum Mahner für die Beachtung der in der Verfassung festgelegten Kompetenzen der verschiedenen staatlichen Instanzen, wie dies in der Würdigung durch Regierungspräsident Dr. Jakob Stark mit hoher Anerkennung zum Ausdruck kam.
Er suchte in dieser Rolle nicht die grosse Bühne. Wenn aber die verfassungsrechtliche Kompetenzordnung mehr oder weniger leichtfertig in Frage gestellt wurde, focht er energisch und mit feiner Klinge für jene Position, die er – jenseits der kurzfristigen politischen Interessenlage – als für das Funktionieren des Staates notwendig und richtig erachtete.
In bleibender Erinnerung haften seine wohlüberlegten Beiträge zu den Revisionen der Geschäftsordnung des Grossen Rates, bei welchen Gelegenheiten er auf ausgewogene Kräfteverhältnisse der staatlichen Organe zu Recht grosses Gewicht legte.
Couleurstudent und Stiftungsrat der Kartause
Schon in der Zeit bei den Pfadfindern war es ihm offensichtlich in der Gesellschaft Gleichgesinnter wohl. Nicht überraschend ist daher, dass er während seiner Zeit an der Kantonsschule Frauenfeld der Verbindung Thurgovia beitrat. In Bern fand er in der Hochschulverbindung Rhenania einen weiteren Freundeskreis fürs ganze Leben. In diesen Verbindungen war er durchaus prägend; er übernahm Verantwortung und Chargen.
Er prägte diese Freundeskreise durch seine Brillanz. Einer der engen Freunde aus der Berner Zeit beschrieb die Fähigkeit von Rubin, so sein Vulgo, dass er als Couleurstudent in aufgeräumter Stimmung geistige Höhenflüge produzieren und Heiterkeit in der Runde verbreiten konnte. Gerade wegen dieser Fähigkeiten wurde Rubin auch über die Generationen hochgeschätzt. Sein geselliges Naturell zog sich weiter durch das ganze Leben. So war er ab 1996 Mitglied der Lionsbewegung. In deren Runde fühlte er sich wohl, und er schloss weitere langjährige Freundschaften. Seine Aktivitäten als Stiftungsrat der Kartause Ittingen schlugen den Bogen zu Rainer Gonzenbachs ausgeprägten kulturellen Affinitäten. Er trug viel dazu bei, die Kartause als jahrhundertealten einzigartigen Kraftort zu bewahren.
Sänger, Musiker und Familienmensch
Wie viele Instrumente er zu spielen verstand, ist nicht abzuschätzen. Das Multitalent spielte Cello ebenso versiert wie Gitarre; er begleitete sich selber zu Gesangsvorträgen. Unvergesslich bleiben seine Auftritte als Chansonnier. Wenn er das Wort ergriff – was er keinesfalls im Übermass tat – blitzte immer sein sprühender Geist auf, sei es in einer gediegenen Festansprache oder in einer launigen Bechtelisrede. Er vertrat seine Standpunkte immer mit Humor und einer Prise Selbstironie, und diese Kombination verlieh ihm einen Charme, der sein Umfeld in den Bann zog. In seiner Festrede zum 150. Geburtstag der Thurgovia über die «Geometrie der Freundschaft» erwähnte er im Verbindungskontext auch die Damen an unserer Seite. «Was wären wir ohne sie: Sie sind es, die uns stützen, wo wir es nötig haben, und stutzen, wo wir es verdienen.» Es steht die Vermutung im Raum, dass er im familiären Kontext nicht häufig gestutzt werden musste, denn abstrahiert vom humorvoll-flapsigen Duktus ist festzuhalten, dass er in seiner Ehefrau Ursula eine ideale Partnerin fürs Leben fand. Ursula Gonzenbach zusammen mit den Töchtern Stephanie und Dominique boten dem einzigen Mann in der Familie offenkundig Basis, Halt und Geborgenheit, aus der er die Kraft für alle eben beschriebenen Qualitäten schöpfen konnte – und als er in letzter Zeit gesundheitlich schicksalhafte Hiebe einstecken musste.
Hans Munz