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Was, wann und wieso man in einer Wirtschaft etwas tun oder lassen soll, ist durch die Argumente von in sich schlüssigen Denksystemen geprägt. Nur weil ein Denksystem derart dominant ist, dass es als Normalität betrachtet wird, heisst das noch lange nicht, dass es keine Grundannahmen, Glaubenssätze und Irrungen enthält. Dies trifft sowohl auf zweckorientierte wie auch auf neoliberale Denksysteme zu.
Letzten Freitag (25. April) wurde in der NZZ ein Artikel über die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich abgedruckt. Eine der Aussagen des Artikels war, dass dieses Genossenschaftskonzept eine ideologische Färbung habe, geprägt nicht nur von Mietern der Wohnungen, sondern auch von den gewerblichen Mietern, die “im links-grünen Kuchen zu Hause sind”. Ob dies zutrifft oder nicht, darum geht es mir nicht. Sondern darum, dass mir immer wieder auffällt, wie Denksysteme, die scheinbar nicht der Norm entsprechen, als reine Ideologie abgetan wird, während etwa der NZZ-Schreiberling vorgibt, aus einer nüchternen Realität heraus zu argumentieren. Der Stakeholdertheorie, meinem Forschungsgebiet, wird ebenfalls oftmals vorgeworfen, ideologisch gefärbt zu sein. Als Vertreterin der Stakeholdertheorie möchte ich das nicht verleugnen – ja sogar explizit vertreten –, um damit gleichzeitig auf die ideologisch gefärbten Grundannahmen der anderen Ideologie, des neoliberalen Denksystems, hinweisen zu können.
Der Glaube an einen freien Markt
Dieses Denksystem geht von der Idee des freien Markts aus. Mit der „unsichtbaren Hand des Marktes“ soll sich alles – auch gesellschaftliche Probleme – von selbst regeln. Wenn es den Marktteilnehmern gut geht, dann wird es auch der Gesellschaft gut gehen. Für diesen Zusammenhang, dies sagen auch die Exponenten dieser Theorie, bedürfte es jedoch eines perfekten Wettbewerbs. Dafür müsste der gesamte folgende Annahmenkatalog erfüllt sein:
- Für eine optimale Marktlösung braucht es nicht nur eine grosse Anzahl an Käufern und Verkäufern, sondern alle Parteien müssten jederzeit alle Informationen ohne Kosten zur Verfügung haben und Ihre Entscheidungen rational und unabhängig voneinander fällen können
- Alle Marktteilnehmer müssten gleichermassen Zugang zu Ressourcen und Technologien haben: Es dürften somit auch keine Markteintrittshürden existieren
- Es gibt keine Externalitäten (!): Alles kann mit einem Preis versehen werden und alles ist im Preis enthalten.
Kein Markt, nicht mal die Finanzmärkte, erfüllen diese Grundannahmen; trotzdem wird das neoliberale Denksystem als nüchterne Realität betrachtet. In dieser Logik hätte die Genossenschaft Kalkbreite „normal gewirtschaftet“, wenn der meistbezahlende Gewerbler den Zuschlag erhalten hätte. Im Glauben, dass über den Preis der effizienteste Weg und somit der grösstmögliche Nutzen geschafft werden wird. Doch wer garantiert dies? An die „unsichtbare Hand des Marktes“ kann man nur glauben.
Zweckorientierte Wirtschaft
Eine Genossenschaft wie diejenige von der Kalkbreite verfolgt hingegen ein Denksystem, in dem sie nicht auf die scheinbar selbstheilenden Kräfte des Marktes vertraut, sondern ihre wirtschaftlichen Ziele so setzt, dass sie direkt Nutzen für Mensch und Umwelt schaffen kann. Statt das Gebot des Preises gilt das Gebot des Zwecks. Genau hier setzt auch die Stakeholdertheorie an. Statt durch unrealistische Grundannahmen auf soziale Wohlfahrt zu hoffen, wird soziale Wohlfahrt in der Strategie und in alltäglichen Interaktionen gelebt – auch wenn natürlich auch hier niemand die Einlösung der gesellschaftlichen Ziele garantieren kann.
Die Stakeholder View ersetzt die Grundannahmen einer neoliberalen Wirtschaftsordnung (perfekter Wettbewerb, Mensch als rational handelnder Nutzenmaximierer, Wirtschaft als wertfrei) mit den Annahmen, dass wirtschaftliche Akteure nicht nur rational, sondern auch emotional handelnde Menschen sind, die in einem Netzwerk von Stakeholdern agieren. Diese Akteure beeinflussen sich gegenseitig und sind nicht nur selbst-interessiert, sondern soziale Wesen, die auch gerne kooperieren. Die Stakeholder View besagt ausserdem, dass Wirtschaft und Ethik sich nicht trennen lassen, sondern zwei Seiten der gleichen Münze sind.