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Mit «It's a Free World ...» hat der britische Regisseur einen Film vorgelegt, der den Wandel in Britanniens Arbeitswelt beschreibt - und die Politik ändern könnte.
Sie sind überall - in Pubs, auf Baustellen, in Fabriken und Bürogebäuden. Sie putzen in Banken, arbeiten auf Bauernhöfen, füllen in Supermärkten die Regale, schaufeln Löcher, reinigen Spitalkorridore oder zapfen Bier. Sie haben noch weniger Rechte als die fest angestellten Beschäftigten, erhalten kein Krankengeld, beziehen keinen Urlaub und können jederzeit gefeuert werden. Rund 1,4 Millionen TagelöhnerInnen stehen derzeit auf den Listen britischer Leiharbeitsfirmen - und wahrscheinlich gibt es noch viel mehr.
Viele von ihnen stehen jeden Morgen in Hinterhöfen, Werkhallen oder Büros an und hoffen, dass ihnen die mehr oder weniger seriösen Zeitarbeitsfirmen ein miserabel bezahltes Tagwerk offerieren. Und viele von ihnen kommen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten im Osten Europas. Allein aus Polen haben 2,5 Millionen Arbeitsuchende eine britische Sozialversicherungsnummer beantragt.
Nicht alle dieser MigrantInnen jobben unter erbärmlichen Bedingungen; manche arbeiten auch als LehrerInnen, im Gesundheitswesen oder bei der nordirischen Polizei. Andere jedoch, und deren Zahl geht in die Hunderttausende, haben weniger Glück - und das, obwohl sie in ihrer Heimat ebenfalls oft Lehrer, Ärztinnen oder PolizistInnen waren. Zu ihnen gehören nicht nur MigrantInnen aus Polen, Ungarn oder der Slowakei, die seit Anfang 2004 in Britannien einer Beschäftigung nachgehen dürfen, sondern auch auch die vielen abgewiesenen Asylsuchenden und illegalen MigrantInnen aus Nigeria und dem Iran, von Santiago de Chile bis Kiew. Ohne ihre «Flexibilität» und ohne ihre Ausbeutung käme London, das ökonomische Kraftwerk der britischen Dienstleistungsgesellschaft, innerhalb kurzer Zeit zum Stillstand.
Der zerschnittene Pole
Paul Laverty hat lange recherchiert. Er hat in Lagerhallen, auf Grossbaustellen, in Werkstätten und Supermärkten nachgefragt und aufgeschrieben, was ihm die dort arbeitenden TagelöhnerInnen erzählten: dass sie oftmals um ihren Lohn geprellt werden; dass sich ein Schweisser aus Polen von zu Hause eine Schutzmaske schicken lassen musste, weil ihm sein Boss keine zur Verfügung stellen wollte; dass ein junger Pole von einer Seilwinde in zwei Teile gefetzt wurde; dass sich ein Portugiese beim Sturz von einem Holztransporter das Rückgrat brach - und dass all jene, die vom Elend dieser neuen Arbeiterklasse profitieren, vom Staat nichts zu befürchten haben. Sie werden allenfalls verwarnt, wenn sie die Papiere ihrer Arbeitskräfte «nicht genau genug prüfen».
Laverty hat schon viele Drehbücher für Ken Loach verfasst - darunter «The Wind That Shakes the Barley» (2006, siehe WOZ Nr. 39/06), «Ae Fond Kiss» (2004), «Sweet Sixteen» (2002), «Bread and Roses» (1999), oder «Carla's Song» (1996). Aber nur selten skizzierte er die Arbeitswelt am unteren Rand der britischen Gesellschaft so faktenreich, realitätsnah, überzeugend und gleichzeitig so unterhaltend wie in Loachs neuem Film «It's a Free World». Die Opfer der neuen Beschäftigungsverhältnisse können mit der «unerträglichen Leichtigkeit der Story» wahrscheinlich wenig anfangen, schrieb Laverty in der britischen Tagezeitung «Guardian» - aber um die Opfer ging es Laverty und Loach in diesem Film nicht, jedenfalls nicht in erster Linie.
Loach, der meist die Sicht von unten wählt, der bisher revolutionär-dokumentarische («Big Flame», 1969), ausgelassen komische («Riff-Raff», 1990), historisch-politische («Land and Freedom», 1995) oder sozial bedrückende («My Name is Joe», 1998) Geschichten aus der Warte der Betroffenen erzählte, hat dieses Mal die Perspektive gewechselt. Nicht die Ausgebeuteten stehen diesmal im Mittelpunkt, sondern eine Ausbeuterin, die selber Dutzende von Scheissjobs durchlitten hat, die immer nur die «Fussabtreterin» gewesen war - und nun die Initiative ergreift.
Jederzeit billig
Angie (Kierston Wareing, vgl. Porträt in WOZ Nr. 9/08), die gerade mal wieder gefeuert wurde, und ihre Freundin Rose (Juliett Ellis) gründen im Hinterhof ihrer Stammkneipe eine Arbeitsagentur, die TagelöhnerInnen vermittelt. Sie engagieren sich mit grossem Elan («Endlich frei!») für ihr Geschäft («Wir können zu jeder Stunde billigste Arbeitskräfte liefern!»), und das läuft anfangs auch ziemlich rund. Doch dann häufen sich die Probleme, Wechsel platzen, manche ihrer Auftraggeber gehen in Konkurs, die TagelöhnerInnen rebellieren, weil die Bezahlung ausbleibt. Und Angie, die sich nebenbei auch noch um ihren elfjährigen Sohn Jamie kümmern sollte, rutscht von einer heiklen Situation in die nächste - bis sie nur noch betrügt und verrät.
Ihr Gegenpart ist nicht die Freundin (obwohl die von Anfang an am gemeinsamen Projekt zweifelt), sondern ihr Vater Geoff, der für Jamie sorgen muss und auf seine Klassenzugehörigkeit stolz ist. «Dir geht es doch nur um dich», hält er seiner Tochter vor, die von der Ellenbogengesellschaft thatcherscher Art geprägt wurde. Und: «Zahlst du den Leuten wenigstens den Mindestlohn?» Zwei Mal wiederholt er diese Frage, bis er von ihr die Allerweltsantwort bekommt: «Ich gebe ihnen zumindest eine Chance …». Geoff (hervorragend verkörpert von Colin Caughlin, der nie Schauspieler war, sondern als Gewerkschafter und ehemaliger Londoner Docker wie so viele DarstellerInnen in Loachs Filmen sich selber spielt) lässt Angie ihr Welt- und Selbstbild auf den Punkt bringen.
Doch Angie macht weiter, muss weitermachen. Als Rose ihr vorschlägt, den betrogenen ArbeiterInnen einen Teil des gemeinsamen Gewinns auszuzahlen, knallt sie ihr ein Geldbündel auf den Tisch - das kannst ja du tun, hier ist dein Anteil. «It's a free world.»
Diese Erzählperspektive haben Laverty (der für sein Skript den Drehbuchpreis der Filmfestspiele von Venedig 2007 gewann) und Loach mit Bedacht gewählt. Von der Arbeit der TagelöhnerInnen profitieren ja nicht nur irgendwelche SchurkInnen und alle, die billig einkaufen wollen. Auf zusehends prekäreren Beschäftungsverhältnissen beruht auch ein Gesellschaftsmodell, das knochenharte Konkurrenz, Unterdrückung und Egoismus als Fortschritt begreift - und das per Outsourcing und «Freistellung» immer mehr Lohnabhängige auf den Markt schleudert, die sich als Selbstständige durchbeissen müssen und, wie Angie, selbst verlieren.
Schaut Gordon Brown zu?
Vor über vierzig Jahren hatte Ken Loachs erster grosser Film «Cathy Come Home» für Furore gesorgt. Seine Geschichte einer obdachlosen Familie bewirkte damals weitreichende Änderungen in der britischen Sozialwohnungspolitik und verhalf der gerade gegründeten Obdachlosenorganisation Shelter zu einem fulminanten Start.
Wie «Cathy Come Home» lief auch «It's a Free World …» zuerst im Fernsehen. Vorletzte Woche debattierte das britische Unterhaus (nach mehreren vergeblichen Anläufen) erstmals ein Gesetz, das LeiharbeiterInnen mehr Rechte geben soll. Bisher hatte die Labour-Regierung von Gordon Brown alle EU-Ansätze zum Schutz der TagelöhnerInnen hintertrieben. Die Führung der Arbeiterpartei ist immer noch gegen eine Besserstellung, aber in der Fraktion rühren sich allmählich die HinterbänklerInnen. Vielleicht hat das ja nichts mit Loachs Film zu tun. Vielleicht aber doch.