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Als Ägypter krönt Jaroslav Drobny seine Karriere als Tennisspieler und gewinnt in Wimbledon. Der Triumph folgt nur wenige Jahre, nachdem er die Tschechoslowakei zur ersten WM-Goldmedaille im Eishockey geführt hat.
Als Jaroslav Drobny 1949 an die Swiss Open in Gstaad reist, weiss er noch nicht, dass er nie mehr in seine Heimat zurückkehren wird. Er hat bloss ein Köfferchen und 50 Dollar bei sich, als er ins Berner Oberland aufbricht. Doch Drobny fällt auf, dass sein Landsmann Vladimir Cernik gleich mit einigen grossen Koffern in die Schweiz reist. Cernik hat vor, nach der Machtübernahme der Kommunisten aus der Tschechoslowakei zu flüchten. Zwar hat auch Drobny sich zu einem Leben im Exil entschlossen, Cerniks Schritt erwischt ihn dennoch auf dem falschen Fuss.
Jaroslav Drobny ist zu diesem Zeitpunkt der populärste Sportler des Landes, gemeinsam mit Wunderläufer Emil Zatopek, der «tschechischen Lokomotive». Als Stürmer führt Drobny die Tschechoslowakei 1947 zum ersten Weltmeistertitel im Eishockey. Dank 15 Treffern belegt er Rang 3 der Torschützenliste, zum entscheidenden 6:1-Sieg über die USA steuert er einen Hattrick bei. Drobny erhält von den Boston Bruins die Chance, als erster Europäer in der NHL zu spielen. Doch er lehnt ab, weil er im Sommer weiterhin seiner zweiten Leidenschaft nachgehen will, dem Tennis.
Denn mit dem Racket in der Hand ist Drobny vielleicht noch besser als mit dem Eishockeystock. Weil sein Vater eine Stelle in einem Tennisklub annimmt, ist auch der Sohn oft da. Er verdient sich als Balljunge ein Sackgeld, schaut eifrig zu und lernt. Drobny erinnert sich Jahre später, dass er mit Martina Navratilovas Vater und mit Ivan Lendls Mutter spielte.
Er ist erst 16 Jahre alt, als die Tschechoslowakei ihn 1938 erstmals im Davis Cup einsetzt. Drobny wehrt drei Matchbälle ab und gewinnt sein Einzel in fünf Sätzen. Danach ruft eine Prager Zeitung ihre Leser zu Spenden auf, um dem aussergewöhnlichen Talent die Reise ans Turnier nach Wimbledon zu ermöglichen.
Die nötige Summe kommt zusammen, aber Drobny bezahlt in London Lehrgeld. Der Linkshänder scheitert in der 1. Runde. Auch deshalb, weil er zuvor noch nie auf Rasen gespielt hatte und oft ausrutschte. «Damals hasste ich Rasen, später wurde er zu meiner liebsten Unterlage», sagte er nach dem Ende seiner Karriere.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sorgt dafür, dass Drobny seinen zweiten Anlauf in Wimbledon unter der Flagge von Böhmen und Mähren nimmt. Und er sorgt dafür, dass die sportliche Karriere unterbrochen wird. Drobny hat Glück: Er muss nicht an die Front, er wird in eine Waffenfabrik abkommandiert.
Nach dem Krieg startet er wieder als Tschechoslowake. Aber nach dem Februarumsturz 1949, als die Kommunistische Partei die Macht übernimmt und der Einfluss der Sowjetunion grösser wird, beginnt Drobnys Liebe zur Heimat zu schwinden. Es stört ihn, dass die Kommunisten sich seine Popularität zu Nutze machen und bestimmen, an welchen Turnieren er teilnimmt.
«Ich hatte manch schlaflose Nacht. In Prag hatte ich meine Eltern, eine Wohnung, ein Auto. Ich war mit der beliebteste Sportler der Tschechoslowakei und verdiente gutes Geld, ohne dass ich mich gross bemühen musste», fasst er zusammen. «Ich fragte mich oft, ob ich das wirklich alles aufgeben will. Aber ich hasste es zu sehr, dass Kommunisten mich für ihre Propaganda benutzten. Solange du gewinnst, bist du der König. Beginnst du zu verlieren, nehmen sie dir alles weg.»
«Mein Entschluss, eines Tages zu fliehen, stand fest», schreibt er in seinem Buch «Champion in Exile». Zur Flucht kommt es 1949 in Gstaad, drei Wochen nachdem Drobny erstmals in Wimbledon im Final gestanden ist (und ihn in fünf Sätzen gegen Ted Schroeder verloren hat). Drobny und sein Kollege Cernik werden von Vertretern der tschechischen Botschaft in Bern aufgefordert, sich von den Swiss Open zurückziehen, weil zwei Deutsche und ein Spanier teilnahmen – Feinde.
Nach längeren Diskussionen willigen die beiden Tennisspieler ein. Aber nur vordergründig: «Schliesslich einigten wir uns dahin, dass wir das Zugeständnis machten, nicht mehr zu spielen. Doch da wir die Gäste eines Gstaader Hoteliers waren, sprachen wir den Wunsch aus, vor unserer Heimreise noch ein paar Tage hier zu bleiben. Damit gaben sich die beiden von der Botschaft zufrieden.»
Cernik und er beraten, wie es weitergehen soll. «Er gestand mir, dass er nicht beabsichtige, in die Tschechoslowakei zurückzukehren», schreibt Drobny. «Nun war ich in der Klemme. Denn alles, was ich bei mir hatte, waren ein paar Kleider, meine Zahnbürste und 50 Dollar in bar.»
Trotzdem entscheidet sich auch Jaroslav Drobny, nicht in die Heimat zurückzukehren. Er beschreibt, wie das Gstaader Organisationskomitee ihnen bei diesem Unterfangen hilft. «Wir zogen uns nun für einen Tag aus dem Turnier zurück, damit es so aussah, als ob wir die Wünsche unserer Regierung respektieren wollten. Dies gab uns Zeit, einige Vorbereitungen zu treffen und mit unseren Leuten zu Hause in Verbindung zu treten. Am andern Tag traten wir dann plötzlich wieder im Turnier auf, als ob nichts geschehen wäre, und gaben offiziell bekannt, dass wir nicht mehr in die Tschechoslowakei zurückkehren werden.»
Die Botschaftsvertreter tauchen erneut im Berner Oberland auf, aber es gelingt ihnen nicht, mit Drobny zu sprechen. Der hat sich im Heizungsraum des Hotels Palace versteckt. Schliesslich geben die Tschechoslowaken auf und lassen die beiden Tennisspieler gewähren.
Doch nun hat Jaroslav Drobny ein anderes Problem: Er ist staatenlos. Der Sportler versucht vergeblich, die Schweizer, die amerikanische oder australische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Schliesslich bietet ihm Ägypten einen Pass an. Drobny darf wieder reisen, die Karriere kann weitergehen. Ab und zu, wenn er alleine in einem Hotelzimmer sitzt, bekommt er Heimweh. «Manchmal habe ich vor mich hin geweint, weil ich einsam war. Aber ich bedauerte es nicht, der Tschechoslowakei den Rücken gekehrt zu haben. Ich erlebte zu gut mit, wie das Leben hinter dem Eisernen Vorhang selbst als prominenter Sportler ist.»
Ab 1950 tritt Drobny als Ägypter an. Ein Jahr später gewinnt er das French Open, 1952 doppelt er in Paris nach und steht zudem zum zweiten Mal im Final in Wimbledon. Er bereitet sich gewissenhaft darauf vor: «Ich übte den Tanz, da ich als Sieger mit der Frauen-Siegerin den Ball hätte eröffnen müssen. Ich liess mir auch bereits eine Siegesrede schreiben und übte sie in meinem Zimmer. Aber eigentlich war ich äusserst nervös, wie ein Rennpferd vor dem Start.»
Gegen Frank Sedgman gewinnt er im Final den ersten Satz, verliert dann aber die nächsten drei. Doch 1954 schlägt Jaroslav Drobnys grosse Stunde. In der Zwischenzeit hat er geheiratet, seine Rita ist Engländerin und er wird deshalb vom Publikum in Wimbledon als einer der eigenen gefeiert. Ihm fliegen die Sympathien zu und nach einem Sieg über Budge Patty steht er zum dritten Mal im Endspiel des bedeutendsten Tennisturniers der Welt. «Dieses Mal war ich sehr entspannt. Am Abend vor dem Final ging ich fischen, schaute ein bisschen Tennis im TV und kündigte meiner Frau an, dass ich gewinnen werde.»
32 Jahre alt ist Droby bereits und deshalb gelassen, als es gegen Ken Rosewall geht. «Als ich mich zum Final nach Wimbledon begab, wollte mir einer am Haupteingang eine Karte für den Centre Court verkaufen. ‹Ich habe mir schon eine besorgt›, erklärte ich dem Mann», schildert Drobny eine witzige Anekdote.
Der Routinier aus Prag und der aufstrebende 19-jährige Australier liefern sich einen harten Fight. Zwei Stunden und 37 Minuten dauert der Final, der bis dato längste überhaupt an der Church Road. Tiebreaks kennt man noch nicht und so gewinnt Jaroslav Drobny mit 13:11, 4:6, 6:2 und 9:7.
Endlich ist er ganz oben – und bis heute der einzige «Afrikaner», der Wimbledon gewonnen hat. Zwar besitzt Roger Federer (dank Mutter Lynette) auch einen südafrikanischen Pass, doch seine Triumphe feiert er als Schweizer. «Wie betäubt stand ich nach dem Matchball auf dem Platz. Lange glaubte ich zu träumen und zu schlafen, bis ich die Herzogin von Kent erblickte, als sie mit der grossen Trophäe auf den Platz herunterkam. Heute war ich der Erste, heute stand ich vorne. Ich hatte mein Ziel erreicht!»
Drobny bleibt in England, kehrt zwischendurch aber auch nochmals nach Gstaad zurück – nicht nur, um 1956 das Tennisturnier zu gewinnen, sondern auch, um als Spielertrainer für den örtlichen Eishockeyklub in der NLB tätig zu sein. 1960 tritt er als 39-Jähriger zum letzten Mal in Wimbledon an – dieses Mal als Brite, mittlerweile ist er eingebürgert.
2001 stirbt Jaroslav Drobny, der als Tschechoslowake Eishockey-Weltmeister und als Ägypter Wimbledon-Sieger wurde, im Alter von 79 Jahren. In beiden Sportarten ist er Mitglied der Hall of Fame.