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Gedenkrede von Rajagopal, P. V. Anlässlich der 40. Niwano Friedenspreis Zeremonie 11. Mai 2023 International House, Tokyo, Japan
Die Kombination von chatGPT (Sascha), Peter Häberlin und Maggie hat uns eine deutsche Übersetzung der Gedenkrede von Rajagopal beschert; herzlichen Dank für die Zusammenarbeit.
Die Rede als Video
Übersetzung der Rede vom 11. Mai 2023
Darf ich beginnen mit der Begrüssung der geschätzten Gäste und anderer Würdenträger:innen wie auch der Freund:innen aus anderen Länder und allen, die an dieser 40. Zeremonie zur jährlichen Verleihung des Niwano Friedenspreises teilnehmen.
Ich möchte der Niwano-Stiftung danken, dass sie meine Arbeit dieser Auszeichnung würdig erachtet. Ich danke dem Präsidenten, den Mitgliedern des Stiftungsrates und der Jury, die mir diese Ehre zuteilwerden lassen. Ich nehme zur Kenntnis, dass einige frühere Preisträger:innen heute möglicherweise anwesend sind. Es erfüllt mich mit Stolz, Teil dieser Gemeinschaft werden zu dürfen, und ich freue mich auf die Gelegenheit, gemeinsam mit ihnen den Weg des Friedens zu gehen.
Meine eigene Friedensreise begann in einem brutalen Konflikt. Im Chambal Tal, einem Ort in Indien, der 300 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Delhi liegt. Bei der Arbeit mit erfahrenen Sarvodaya Arbeiter:innen wurde ich mit der Gewalt von Dacoits konfrontiert, einer Gruppe von Rebellen, die man heute als Terroristen bezeichnen würde. Ich lebte und arbeitete eine Zeitlang mitten unter ihnen. Es gelang mir sie zu überzeugen, ihre Waffen niederzulegen und nach der Verbüssung ihrer Gefängnisstrafen versöhnt in die Gesellschaft zurückzukehren. Letztes Jahr feierten wir das 50 Jahre Jubiläum ihrer Kampfaufgabe und sahen, wie schwere Verbrecher zu Fürsprechern des Friedens wurden. Dieser Übergang von Gewalt zu Frieden war möglich für die meisten der 578 Dacoits.
Nach dieser Erfahrung zog ich in andere Teile Indiens, wo ich einige der grundsätzlichen sozialen Probleme angehen konnte, die dazu geführt hatten, dass eine kleine Zahl von Menschen zu den Waffen griff. Ich begann zu erkennen, dass direkte Gewalt oder der Gebrauch von Waffen das Resultat struktureller Gewalt oder Ungerechtigkeit war. Mit der Beseitigung der Ungerechtigkeiten reduzierte sich der physische Konflikt. Mit anderen Worten, ich bewegte mich von der Lösung «direkter» oder physischer Gewalt hin zu dem, was man „indirekte“ oder systemimmanente Gewalt nennt. Ich erkannte, dass der Grund für Hass, Ungerechtigkeit und nackte Gewalt tief in den sozialen Strukturen gelöst werden muss. Nur durch die Aufmerksamkeit gegenüber Armut, Diskriminierung und Ausschluss kann Frieden blühen.
Eine friedliche, gerechte und gewaltfreie Gesellschaft aufzubauen - begann ich zu verstehen - ist ein Schritt-für-Schritt Prozess. Das war die treibende Kraft, die meine Arbeit über all die Jahre begleitete und motivierte. Dabei war ich beeinflusst von Mahatma Gandhi und seinem „Talisman“, als er sagte:
„Vergegenwärtige dir das Gesicht des ärmsten und schwächsten Mannes oder der Frau, die du je gesehen hast in deinem Leben und frage dich, ob der Schritt, den du erwägst, dieser Person von Nutzen sein wird.“
Dieser Fokus auf die Menschen zuunterst in der sozio-ökonomischen Hierarchie wurde verstärkt durch andere Personen, die ich im Umkreis von Gandhi kannte, wie beispielsweise Vinoba Bhave, J.C. Kumarapa, Rada Krishna Menon, Subbba Rao und andere. Ironischerweise lebte ich in einem Land, dessen Kultur durch Buddha, Mahavir, Kabir und Vivekananda geprägt worden war. Dennoch war es weiterhin notwendig, die marginalisierten Gruppen aus Armut und Entbehrung zu befreien und die wohlhabenderen Teile der Gesellschaft zu überzeugen, an dieser Form von Friedensbildung mitzuwirken.
Es wäre nicht ehrlich, wenn ich hier nicht auf die Mitwirkung von Tausenden von Menschen aus ganz Indien und aus einigen ausgewählten anderen Ländern hinweisen würde, die mir in all diesen Jahren zur Seite gestanden sind, um das zu erreichen, was wir erreicht haben. Dazu gehören die marginalisierten Gemeinschaften, die an vielen schwierigen Aktionen teilgenommen haben, das Team unserer engagierten Mitarbeitenden, die eine Vielzahl wichtiger Ereignisse entwarfen und gestalteten, eine beträchtliche Anzahl von Freunden und Freundinnen aus der Mittelschicht sowie politische Aktivist:innen und Regierungsbeamte, die uns dabei geholfen haben, unseren Traum auf politischer Ebene zu verwirklichen. Tatsächlich wird dieser Preis von all diesen Freundinnen und Freunden geteilt. Dies zeigte sich in der Freude und dem Jubel vieler Einzelpersonen und Organisationen nach der Preisankündigung in der Presse. Es war wahrlich eine gemeinsame Anstrengung.
Vor dem Hintergrund unserer langjährigen Erfahrungen, möchte ich erläutern, was wir derzeit tun. Wir haben einen vierfachen Ansatz des Friedensaufbau gewählt, der folgende Bereiche umfasst:
- gewaltlose «governance» also Regeln, Verfahren und Gesetze,
- gewaltfreie soziale Aktion,
- gewaltfreie Wirtschaft und
- gewaltfreie Bildung.
Gewaltfreie «Governance»
Mit dem Fortschritt in vielen Bereichen wie Wissenschaft und Technologie möchte man annehmen, dass diejenigen, die Macht und Positionen innehaben, zivilisierteres Verhalten zeigen. Leider stellen wir fest, dass dies bei vielen Führungspersonen in verschiedenen Ländern nicht der Fall ist. Wir arbeiten also daran, Entscheidungsträger in ihrem Verhalten gegenüber den am stärksten marginalisierten Gemeinschaften stärker in die Verantwortung zu ziehen. An vielen Orten verfolgen wir eine advocacy-basierte Herangehensweise. Wir fördern einen Dialog zur Lösung von Problemen anstelle des Einsatzes von Polizeigewalt, um abweichende Stimmen zum Schweigen zu bringen. Wir haben mit vielen Entscheidungsträger:innen zusammengearbeitet, um eine sozial inklusive Politik zu gestalten, vor allem in Bezug auf Land-, Wald- und Wasserfragen in Indien.
Neben der politischen Veränderung gelang es uns auch, ein Friedensministerium in einem Bundesstaat Indiens zu etablieren, und wir setzen uns für weitere Friedensministerien in Indien und im Ausland ein. Eine friedliche und gewaltlose Regierungsführung entsteht durch Systeme, welche die Zusammenarbeit zwischen Menschen und dem Staat fördern. Dies verbessert die Position der Menschen, weil sie mehr Autonomie haben ihre Probleme selber zu lösen. Wenn der Vierfach- Ansatz eine friedliche Gesellschaft und eine friedliche Weltordnung schaffen soll, ist die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und Menschen unabdingbar um Konflikte zu lösen.
Gewaltfreie soziale Aktion
In der heutigen Zeit beeinflussen viele Krisen das Leben und die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen. Das nennen wir strukturelle Gewalt. Die Menschen reagieren, indem sie sich organisieren und Gerechtigkeit fordern. Wir sind besorgt, dass heutzutage Proteste zunehmend gewaltsam eskalieren und die Betroffenen ihre Ziele nicht erreichen können. Dies führt zu zunehmender Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Diejenigen, die soziale Aktionen organisieren, sollten ein tiefes Verständnis für gewaltfreie Methoden haben. Ohne dieses Wissen, können Menschen zur Gewalt provoziert werden.
Gewaltfreie soziale Aktion war die wichtigste Stärke von Mahatma Gandhi im indischen Freiheitskampf. Vinoba Bhave, sein Mitstreiter, organisierte große gewaltlose Bewegungen für Landreformen. Unsere Organisation hat vor vielen Jahren diese Methoden gewaltfreier sozialer Aktion übernommen. Wir konnten eine große Anzahl junger Menschen darin schulen, marginalisierte Gemeinschaften auf lokaler Ebene zu organisieren. Ein großer Teil des Erfolgs unserer Arbeit ist eine direkte Folge dieser Methode. So haben wir beispielsweise im Jahr 2007 eine große gewaltlose Aktion durchgeführt, bei der 25.000 Menschen einen Monat lang von Chambal nach Neu-Delhi marschierten, eine 350 Kilometer lange Strecke. Ziel war es, den Menschen Zugang zu Land und Lebensgrundlagen zu ermöglichen, insbesondere Waldland für indigene Bevölkerungsgruppen.
Gewaltfreie Wirtschaft
Mahatma Gandhi, J. C. Kumarappa und Schumacher schlugen vor, die Wirtschaft partizipativer und «von unten» her zu gestalten, im Sinne von selbstorganisierten Gemeinschaften, die sich zusammenschließen, um eine lokale Wirtschaft zu schaffen. Im Gegensatz dazu kann eine Wirtschaft, die nur Wenigen Chancen bietet und Armut und Elend für Millionen bedeutet, nicht «gut» oder inklusiv sein. Die Existenzgrundlagen für indigene Stämme, Fischer, Geflüchtete, Slumbewohner:innen, Bäuerinnen und Bauern und Landarbeiter bilden heute oft unsichere Tageslöhne. Die Wirtschaft arbeitet nicht zu ihren Gunsten.
In dem Vierfach-Ansatz spiegelt sich die Erfahrung wider, dass viele kleine, lokale Produzentengruppen, die sich zusammenschließen, um ihre Produkte in Kooperation zu vermarkten, eine gewaltfreiere Wirtschaft aufbauen. Wir sehen einen Übergang, bei dem viele Mikroaktivitäten wie ökologische und natürliche Landwirtschaft, Handweberei und handbasierte Produktion einen «Makronarrativ» schaffen, der sich vom globalen, weitgehend von grossen Unternehmen kontrollierten Wirtschaftssystem, unterscheidet. Wie Mahatma Gandhi sagte: «Es gibt genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier».
Gewaltfreies Wirtschaften ist auch eine Antwort auf den Klimanotstand, der große Bevölkerungsgruppen betrifft, und es ist an der Zeit, die Art und Weise, wie wir produzieren, austauschen und konsumieren zu überdenken, um nachhaltiger und gewaltfreier gegenüber der Erde zu sein. J.C. Kumarappa, ein Mitarbeiter von Gandhi, verwies auf die Notwendigkeit, eine dauerhafte Wirtschaft aufzubauen, eine wirtschaftliche Vision, die für die Menschen, für die Armen und umweltfreundlich ist.
Gewaltfreie Bildung
Heutzutage scheinen junge Menschen eher an rohe Gewalt als an Friedenskraft zu glauben, aufgrund der Art von Spielzeugen, sozialen Medien und Filmen, die solche Verhaltensmuster verstärken. Kinder werden unglücklicherweise Opfer solcher negativen Einflüsse oder glauben, dass sie ihre Ziele mittels Gewalt besser erreichen können. Eltern konzentrieren sich mehr darauf, ihre Kinder in Schulen, Hochschulen und Universitäten zu schicken, damit sie aufsteigen und dadurch wohlhabender werden, ohne darüber nachzudenken, wie ihre Kinder eine friedliche Gesellschaft aufbauen können.
Ein Beispiel unserer Arbeit ist die Ermutigung junger Menschen Friedensclubs zu gründen. Wir versuchen, ein Netzwerk von Organisationen aufzubauen, das diese Agenda in großem Maßstab übernimmt und Frieden und Gewaltlosigkeit in so vielen Bildungseinrichtungen wie möglich breit fördert. Neben schulischen und außerschulischen Aktivitäten setzen wir uns auch bei verschiedenen Bundesstaatsregierungen für die Gründung von Friedensministerien (oder Abteilungen) ein, die gewaltfreie Bildung auf verschiedene selbsttragende Weise fördern. Kinder und junge Menschen würden lernen, Friedenförderung wertzuschätzen, anstatt Frieden von der Polizei oder den Streitkräften zu erwarten. Friedenserziehung ist zentral für den Friedensaufbau, und nur wenn wir weltweit dafür Bewusstsein schaffen, kann dieser Vierfach-Ansatz auf breiter Basis umgesetzt werden.
Nachdem ich Ihnen diesen Vierfach-Ansatz vorgestellt habe, bin ich mir bewusst, dass es viele Skeptiker gibt, die Zweifel an der Wirkung der Gewaltlosigkeit als Mittel des Friedensaufbaus haben. Ihnen sage ich: Es ist wichtig, über entscheidende Momente in der Geschichte nachzudenken, in denen Weisheit mit unserem menschlichen Fortschritt kombiniert wurde.
Lassen Sie mich mit Albert Einstein in einem Brief an M.K. Gandhi im Jahr 1931 beginnen:
«Durch Ihre Arbeit haben Sie gezeigt, dass es möglich ist, auch bei denen, die die Methode der Gewalt nicht abgelegt haben, ohne Gewalt Erfolg zu haben. Ich glaube, dass Gandhis Ansichten diejenige der aufgeklärtesten aller politischen Männer unserer Zeit waren. Wir sollten danach streben, Dinge in
seinem Geist zu tun: keine Gewalt anzuwenden, um für unsere Sache zu kämpfen, durch
Nichtteilnahme an allem, von dem Sie glauben, dass es böse ist.»
Dwight Eisenhower, Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte sagte im April 1953:
«Jede hergestellte Waffe, jedes gestartete Kriegsschiff, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denjenigen die hungern und nicht ernährt werden, die frieren und keine Kleider haben. Diese Welt in Waffen gibt nicht nur Geld aus. Sie verbraucht den Schweiß ihrer Arbeiter, das Genie ihrer Wissenschaftler und die Hoffnungen ihrer Kinder.»
Nelson Mandela, als er 1993 den Bharat Ratna, die höchste Auszeichnung der indischen Regierung entgegennahm, sagte:
«Der Mahatma ist ein integraler Teil unserer [südafrikanischen] Geschichte, denn hier hat er erstmals mit der Wahrheit experimentiert; hier hat er seine charakteristische Entschlossenheit, Gerechtigkeit zu verfolgen, demonstriert; hier hat er Satyagraha als Philosophie und Methode des Kampfes entwickelt.»
Lassen Sie mich abschließend sagen, dass Gandhi die Gewaltfreiheit als Instrument der Starken betrachtete. Auch ich habe dies nach vielen Jahren der Arbeit mit den am stärksten marginalisierten Gemeinschaften in Indien erkannt. Aus diesem Grund haben wir den Vierfach-Ansatz zum Friedensaufbau entwickelt.
Obwohl mir diese Auszeichnung als Person verliehen wird, haben wir beschlossen, einen «Friedensfonds» zu gründen, der dazu beitragen wird, den Vierfachen Ansatz zum Friedensaufbau in verschiedenen Teilen der Welt zu unterstützen.
Ich danke Ihnen nochmals für Ihre freundliche Aufmerksamkeit für meine Ausführungen.
Rajagopal P.V.