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*Werner Lustenberger, Adligenswil
Wer den Zweiten Weltkrieg im Seetal miterlebt hat, erinnert sich vielleicht daran, von diesem Generalsschiessen gehört zu haben. Worum es ging, sei im Folgenden
kurz nachgezeichnet.
Während des Winters 1939/40 entstand in fieberhafter Bautätigkeit die sogenannte Limmatstellung zur Abwehr eines allfälligen Angriffs auf unser Land von Norden her. Die Zürcher errichteten ihre Sperren und Bunker zwischen Üetliberg und Urdorf, die Luzerner schanzten weiter unten zwischen Baden und Brugg.
Ein Streitpunkt
Dabei kam es zu Differenzen über die zweckmässige Aufstellung der Artillerie. In der Luzerner Division wurden je vier Kanonen einer Batterie in Rufweite nebeneinander gestellt, wie es das Reglement für den Normalfall vorsah. Der Kommandant der Zürcher Division hingegen vertrat die Auffassung, so dürfe man nicht vorgehen, schon gar nicht, wenn einem die nötige Fliegerabwehr fehle. Massierungen würden es der überlegenen gegnerischen Luftwaffe leicht machen, ganze Batterien aufs Mal auszuschalten. Er befahl, die Kanoniere sollten die Geschütze schachbrettartig aufstellen, und nahm pro Batterie Breiten bis zu einem Kilometer in Kauf.
Der höchstgestellte Artillerieoffizier der Armee beschwor den General, solches nicht zu dulden. Mit derart verstreut aufgestellten Geschützen ein und dasselbe Ziel zu treffen, sei völlig illusorisch. Die Zürcher blieben fest: In der Verteidigung könne man für hunderte und aberhunderte von möglichen Zielpunkten im Voraus die Flugbahn jedes Geschosses errechnen, das sei keine Hexerei.
Der Tatbeweis
Der General entschloss sich, die Sache bei einem Versuchsschiessen zu überprüfen. Feldartillerie mit zwölf Geschützen wurde in die Gegend vom Augstholz und von Güniken befohlen, vier der hochmodernen Schweren Motorkanonen in die Wäldchen bei Unterebersol. Am 19. Februar 1940 begann die Arbeit in den Stellungen. Pferde hatten die Feldkanonen aus der Gegend von Benzenschwil und Merenschwand ins Seetal hinüber gezogen, während Motorwagen vier Geschütze der schweren Artillerie, ein jedes zu 3 3/4 Tonnen, von Regensdorf und Dällikon heranfuhren. Gleichzeitig sperrten Wachtsoldaten das Zielgebiet auf der Müswanger Allmend ab, und Spezialisten richteten am Rand des Sulzer Waldes Kommando- und Beobachtungsposten ein.
Für eine besondere Einlage sorgte das Wetter. Nach einigen kalten Tagen war der Föhn eingebrochen. In den Alpen gingen Lawinen nieder, und der Aargau meldete Überschwemmungen. Auf dem Lindenberg verwandelte intensiver Regen die ansehnliche Schneedecke in unansehnlichen Pflotsch. Rund um die Sonneriweid stapften schwer beladene Artilleristen durch knöcheltiefen «Kakao». Ihre Fahrzeuge waren am Freiämter Waldeingang stecken geblieben.
Doch tags darauf lag alles bereit. Ein langes Warten begann. Fröstelnd standen die Kanoniere im Mantel, Gasmaske und Brotsack umgehängt, die Zeltbahn übergeworfen, mit Helm und Karabiner in ihren Stellungen. Eine gewisse Nervosität war unverkennbar. Bei jeder Motorkanone zum Beispiel überwachte ein Sicherheitsoffizier die Arbeit der Kanoniere, allerdings mit der strikten Weisung, beim Herannahen der Inspizienten schleunigst im Wald zu verschwinden…
Doch über der Gegend lastete zäher Nebel, an Schiessen war nicht zu denken; der General zog es vor, zu Gümligen in seinem Hauptquartier zu bleiben.
21. Februar 1940
Dieser 173. Tag der Mobilmachung war in der Planung als Ausweichdatum vorgesehen. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet, Hoffnung keimte auf. Tatsächlich setzte nun, wie ein Tagebuchschreiber spöttisch vermerkt, schon bald «intensiver Goldregen» ein. Schliesslich erschien der General in Begleitung von zwei Korpskommandanten, zwei Divisionären, mehreren Obersten, Adjutanten und Gehilfen. Doch die Kanoniere wurden enttäuscht. Der Oberbefehlshaber warf nur grad einen kurzen Blick aufs erste an der Strasse stehende Geschütz, lobte die Tarnung und fuhr wieder weg. Im erwähnten Tagebuch steht: «Nach wenigen Minuten verschwand der Komet samt Schweif, um mit Teilen davon in belebteren und wirtschaftlicheren Gegenden des Weltalls aufzutauchen.»
Dem war aber nicht so, hielt doch ein anderer Chronist fest: «Umso länger blieb dafür ‹mon Général› auf dem Kommandoposten, allwo er sich von unserem Chef in ausführlicher Weise und in ungeheuchelter Aufmerksamkeit in die Geheimnisse des Schiesslineals einweihen liess. Unterdessen spaltete sich die Schar der Auserwählten in zwei feindliche Lager, nämlich in Freunde und Feinde des Schiesslineals, beziehungsweise der unregelmässigen und regelmässigen Batteriestellung.» Zur einen Partei gehörte der grimmige Divisionär Marcuard vom Armeestab mit seinen Trabanten, zur andern «der sich in glänzender Laune befindliche, ständig grinsende Scheich von Bassersdorf und seine artilleristischen Sachverständigen.» (Gemeint war H. Constam, Kommandant der Zürcher Division mit Standort in Bassersdorf.)
In den Stellungen hiess es warten und abermals warten. Der Nebel nahm wieder zu. Schliesslich entschied man sich zu etwas Aussergewöhnlichem: Obschon es nicht möglich war, das Zielgelände einzusehen, wurde dennoch eine beschränkte Anzahl Schüsse abgefeuert, und zwar auf Punktziele inmitten der Allmend, die damals noch frei von Bauten war. Die Feldgeschütze donnerten 25-mal, die Schweren Kanonen hingegen, die 80 Granaten mitgebracht hatten, durften pro Rohr nur gerade je eine einzige abfeuern. Zwei Tage also für vier Schuss – die Sprüche der Kanoniere kann man sich denken. «Vielleicht hätte sich der Herr General Gedanken gemacht, wenn er sie gehört hätte», meint das Tagebuch.
Nun konnte sich das «Rösslispiel» eine Pause gönnen. Die nächstgelegene Wirtschaft, das Bad Augstholz zwischen Hohenrain und Lieli, kam ins Visier. Ein paar Tage später berichtete der «Seetaler Bote»: «Am Mittwoch, den 21. dies, hatte das Bad Augstholz hohen Besuch. General Guisan kam dort nachmittags drei Uhr rasch vorbei und wurde von der Tochter des Hauses mit einem Blumenstrauss willkommen geheissen, was der General mit dem traditionell gewordenen Müntschi freundlich verdankte.» Schon bald darauf fuhr er durchs Entlebuch nach Gümligen zurück, wo ihm die Ergebnisse des Versuchsschiessens unterbreitet würden.
Das Ergebnis
Auf der Müswanger Allmend waren inzwischen die Einschläge geortet und ausgemessen worden. Die Artilleristen frohlockten: die vier Schüsse der Schweren Motorkanonen hatten, die Splitterwirkung mitgerechnet, das Punktziel bestens eingedeckt. Auch das Trefferbild der Feldgeschütze durfte sich sehen lassen. Der gestrenge Chef der Zürcher Division hielt später mit unverhohlenem Stolz in seinem Monatsbericht fest, die Demonstration vor dem Oberbefehlshaber hätte «bestätigt, dass die Schwierigkeiten eines Schiessens aus unregelmässigen Batteriestellungen gemeistert werden können».
Die engsten Mitarbeiter des Generals aber blieben bei ihrer ablehnenden Haltung. Im Frieden möge das Verfahren der Zürcher ja «ganz nett funktionieren», im Krieg hingegen habe nur das Einfache Bestand. Allein schon die Übermittlung werde ein koordiniertes Schiessen verunmöglichen, wenn man sich nicht mehr zurufen könne. Schliesslich wisse man ja, wie störungsanfällig das Feldtelefon bei feuchter Witterung sei.
Das Machtwort des Generals glich einem helvetischen Kompromiss: Weil der Stellungsbau der Zürcher schon weit fortgeschritten sei, dürften sie die begonnene Arbeit fortsetzen. Die anschliessend zu errichtenden Wechselstellungen hingegen müssten voll und ganz dem Reglement entsprechen.
Im Sommer erledigte sich dann die Angelegenheit von selbst. Die Verteidiger der Limmatstellung packten auf und marschierten an den Wohnstätten ihrer Angehörigen vorbei ins Reduit. Eine Frage ist ungeklärt geblieben: Wie nur hat das Donners Lisali vom abgelegenen Augstholz trotz Schnee und Pflotsch so im Handumdrehen einen Blumenstrauss für den Herrn General herbeizuzaubern gewusst?
Ältere Generationen kannten Werner Lustenberger (1924–2020, Adligenswil) als Bildungspolitiker: Lehrer, Dr. phil., Gründungsdirektor des Schweiz. Instituts für Berufsbildung (heute: Eidg. Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB) in Bern. Andere kannten ihn als langjährigen Kommandanten der Seetaler Füsilierkompagnie II/44. Und vielen wurde er durch zahlreiche historische Beiträge bekannt, so auch zu den Plänen eines Panzerübungsplatzes auf dem Lindenberg in den Fünfzigerjahren.