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In Bezug auf die führenden Akteure der Sowjetunion wird häufig einfach von «Kommunisten» oder «Bolschewiki» gesprochen. Doch es gilt zu differenzieren. Den Bolschewiki sind etwa die Menschewiki entgegenzustellen, die beide ihre politische Heimat in der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDAP) hatten. Die Bolschewiki bildeten deren radikalen Flügel und gründeten erst später die Kommunistische Partei Russlands bzw. der Sowjetunion.
Die RSDAP (nicht zu verwechseln mit der Partei der Sozialrevolutionäre) ihrerseits war ein früher Zusammenschluss von marxistischen Gruppen, die 1898 in Minsk einen ersten gemeinsamen Parteitag abhielten. Aufgrund ihrer Verfolgung in Russland organisierte sich die Führungselite schnell im Ausland, unter anderem auch in der Schweiz, die als sicherer Hafen und als Ort geschätzt wurde, wo man einer Publikationstätigkeit ungehindert nachgehen konnte. Führende Vertreter dieser Bewegung waren neben Lenin auch Plechanow, Martow und Trotzki. Die Partei war zwar unter dem ideologischen Dach des Marxismus vereint und sah sich dahingehend als „Abteilung der internationalen Armee des Proletariats“, die sich dem Sturz der russischen Selbstherrschaft verschrieb. Doch herrschte durch die vielfältige Zusammensetzung hinsichtlich der politischen Umsetzung weitgehende Unstimmigkeit. Dies offenbarte sich bereits deutlich auf dem zweiten Parteitag, der 1903 in Brüssel und dann in London stattfand. Einige Gruppen trennten sich jetzt wieder von der RSDAP, und die Unstimmigkeit gipfelte in der Spaltung der RSDAP in die zwei Parteifraktionen der Bolschewiki unter Lenin und der Menschewiki unter Martow. Diese parteiinterne Auftrennung war wegweisend für die Parteiarbeit und führte nach den Jahren der Kompromisse schlussendlich 1912 zum vollendeten Schisma. Unter Lenin und später Stalin verfolgte die Partei ihre (tatsächlichen oder angeblichen) Gegner gezielt; dies traf in erster Linie die Menschewiki, auch die alte Garde der Bolschewiki wurde teilweise aber nicht verschont. Bei all dem zeigte sich der Bolschewik Stalin den früheren Positionen der Menschewiki nicht immer abgeneigt und stand daher in einigen Punkten durchaus in Opposition zu Lenin.
Für das Verständnis der zukünftigen, bolschewistischen Machthaber ist es wichtig, die Streitpunkte im Verhältnis zu den Menschewiki zu kennen. Die Menschewiki traten als die gemässigtere Partei auf, die den gewaltlosen Weg propagierten. Unterschiede gab es zu dem bei der Rekrutierung der Parteimitglieder. Während die Menschewiki für eine offene und demokratische Partei mit Massenbeteiligung der Arbeiter einstanden, propagierte Lenin einen exklusiven und streng disziplinierten Kreis an Berufsrevolutionären. In Anbetracht der notwendigen Arbeit im russischen Untergrund ergab diese Einstellung Sinn, und sie sollte nach dem erfolgreichen Oktoberumsturz 1917 in eine Art «Oligarchie im Namen der Arbeiter» münden. Dieses Prinzip des demokratischen Zentralismus benannte Lenin 1902 in seinem berühmten Werk «Chto delat?» (Was tun?); es sollte die Grundlage der späteren Parteidiktatur bilden.
Der Streit mit den Menschewiki führte also zu einer Fragmentierung der Partei. Hinsichtlich der Frage der Mitgliedschaft genoss Lenins Ansicht mehr Befürworter, weshalb diese Fraktion fortan das Label Bolschewiki trug und ihre parteiinterne Opposition dementsprechend jenes der Menschewiki . Dies bedeutete aber nicht, dass die Menschewiki sich in allen weiteren Streitpunkten als Minderheit unterordnen mussten. So zum Beispiel konnten sie 1907 durchsetzen, dass Banküberfälle als Parteifinanzierung verboten wurden und den Parteiausschluss zur Folge hatten. Mit Lenins Zustimmung operierte Stalin aber weiterhin und inoffiziell auf diesem Gebiet. Dies brachte ihn in die Schusslinie der Menschewiki, die seinen Ausschluss forderten – ohne Erfolg.
Titelbild: Die Fraktion der Bolschewiki unter Lenin auf dem 3. Parteitag in London (1905); wikimedia.commons.