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Der Arzt und Übersetzer als Agitator: Wer war der französisch-russische Antibolschewist, der ab 1917 in der Schweizer Presse sein Unwesen trieb?
Als Serge Persky ab 1917 als Mitarbeiter der «Gazette de Lausanne» in der Schweiz in Erscheinung trat, fiel er zunächst mit antideutschen, nach der Oktoberrevolution aber vor allem mit antibolschewistischen Artikeln auf. In seinem beruflichen Umfeld genoss der französische Publizist den Ruf eines sensiblen Gelehrten, weltgewandt und doch bescheiden. Aufgrund seiner russischen Wurzeln, seiner kulturellen Kompetenzen und seines weitverzweigten Kontaktnetzes galt Persky als ausgewiesener Russlandexperte mit unangefochtener Glaubwürdigkeit.
1870 in Russland geboren, lebte Persky seit seinem Medizinstudium in Frankreich. Karriere machte er jedoch nicht als Arzt, sondern als Publizist. So übersetzte er zahlreiche Klassiker der russischen Literatur ins Französische und verfasste literaturkritische Schriften. Seine Bücher über die grossen russischen Romanciers und über Leben und Werk von Fjodor Dostojewski wurden von der Académie française preisgekrönt, Persky selber wurde im Verlauf seiner Karriere zum Ritter, Offizier und Kommandeur der französischen Ehrenlegion ernannt.
Frankreich über alles
Zeitweilig wirkte Persky als Dozent für russische Literatur am Collège de France in Paris, von 1903 bis 1914 war er für die Zeitungen «L’Aurore» und «L’Homme libre» des französischen Staatsmanns Georges Clemenceau tätig. Mit Clemenceau, dem Persky als überzeugter Republikaner politisch nahestand, soll der Literat auch freundschaftlich verbunden gewesen sein. Mehreren Quellen zufolge sei er sogar Clemenceaus Privatsekretär gewesen. Perskys Loyalität gegenüber Frankreich galt als uneingeschränkt. Gleichzeitig verstand er sich selbst als glühender Antibolschewist: In der Oktoberrevolution sah er eine Gefahr für die gesamte Menschheit.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eröffnete sich dem Intellektuellen ein gänzlich neues Betätigungsfeld. Zunächst kehrte Persky von 1914 bis 1916 als Militärarzt in Lyon in seinen angestammten Beruf zurück. Hier entwickelte er jedoch schon bald propagandistische Ambitionen: Aus den Erinnerungen des damaligen Bürgermeisters von Lyon geht hervor, dass Persky ihm gegenüber bereits im Frühherbst 1914 die Absicht geäussert hatte, propagandistisch – gegen Deutschland – tätig zu werden.
Zur Kur in Montreux
Warum Persky ab 1917 in der Schweiz auf sich aufmerksam machte, ist nicht abschliessend zu ergründen. Neuste Quellenfunde legen nahe, dass Persky aus idealistischen Motiven und weitgehend in Eigenregie handelte. So betätigte er sich 1919 nachweislich als Informant des französischen Nachrichtendiensts in der Schweiz – vornehmlich in ukrainischen Angelegenheiten. Dem französischen Propagandadienst gehörte er aber nicht an. Dagegen dürfte Persky – der häufig an Krankheiten litt – auch aus gesundheitlichen Gründen in die Schweiz gekommen sein. Für 1919 ist eine mehrmonatige, schwere Erkrankung belegt, die er in Montreux und Bex auskurierte.
Mit der Veröffentlichung seines antibolschewistischen Buchs «De Nicolas II à Lénine» (1919) erreichte Persky den Höhepunkt seines propagandistischen Wirkens. In der Folge suchte er nach weiteren Möglichkeiten, um seine Agitationstätigkeit zu medialisieren und zu kommerzialisieren. Er schmiedete Pläne zur Gründung einer eigenen antibolschewistischen Propagandaorganisation mit Sitz in Lausanne. Das Projekt sah unter anderem eine Zeitung mit einer Auflage von 40 000 bis 50 000 Exemplaren vor. Im März 1919, kurz bevor sein berüchtigter Revolutionsplan erschien, trat er damit an mehrere Diplomaten der Entente in der Schweiz heran.
Obwohl Persky wiederholt insistierte, lehnte der französische Informations- und Propagandadienst das ambitionierte Projekt ab. Auch ein direkter Verweis des französischen Militärattachés auf Perskys persönliche Bekanntschaft mit Clemenceau blieb ohne Wirkung. Wahrscheinlich stand Persky zu diesem Zeitpunkt nicht oder nicht mehr in engerem Kontakt zum Staatsmann. Er selbst gab 1919 an, Clemenceau zuletzt bei Kriegsausbruch persönlich getroffen zu haben.
Die Ironie an der Sache
Nach massiver Kritik seitens der Sozialdemokratischen Partei äusserte sich der Agitator im Oktober 1921 zum letzten Mal zu dem von ihm veröffentlichten Revolutionsplan für die Schweiz. Dabei beharrte er – ohne Beweise vorlegen zu können – auf seiner Position. Seinen Lebensabend verbrachte er im südfranzösischen Nizza, wo er zuletzt als Leiter einer Augenklinik tätig war, ehe er 1938 starb.
In einem Nachruf der «Gazette de Lausanne» wurde Serge Perskys Rolle als Aufklärer und Warner vor den bolschewistischen Umtrieben in der Schweiz eingehend gewürdigt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass diejenigen Kreise, die hinter dem Landesstreik eine russisch-bolschewistische Verschwörung vermuteten, ihre Deutung direkt oder indirekt aus der Verschwörungspropaganda eines russischen Emigranten bezogen.