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Die Orgel
Zürichs Alte Tonhalle-Orgel
Die Alte Tonhalle-Orgel wurde 1872 von Johann Nepomuk Kuhn (1827-1888), Orgelbauer in Männedorf, für die alte Tonhalle auf dem heutigen Sechseläutenplatz in Zürich erbaut. Das Instrument hatte 34 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal, und besass mechanische Kegelladen.
In den Jahren 1893-1895 bauten die Wiener Architekten Fellner und Helmer die neue Tonhalle am heutigen General Guisan-Quai. Dorthin wurde die Alte Tonhalle-Orgel denn auch transportiert. Beim Einbau in die neue Tonhalle wurde der Prospekt der Orgel verändert; das Orgelwerk selbst scheint im wesentlichen erhalten geblieben zu sein. Im grossen Saal der neuen Tonhalle wurde die Orgel bald als zu klein empfunden, und man strebte deshalb eine Vergrösserung des Instruments an, die aus finanziellen Gründen aber erst in den Jahren 1926/27 vorgenommen werden konnte. Allerdings geschah sie dann gründlich. Die Orgel wurde auf 72 Register vergrössert; anstelle der bisherigen Kegelladen wurden Taschenladen und eine pneumatische Traktur gebaut; das Gehäuse wurde erweitert, mit Schnitzereien verziert und etwa zwei Meter zum Konzertpodium hin versetzt.
Der Umbau der neuen Tonhalle, d.h. der Bau des Kongresshauses auf die Landesausstellung 1939 hin, brachte auch für die Alte Tonhalle-Orgel eine Veränderung. Man elektrifizierte die Traktur, verwendete aber weiter die pneumatischen Taschenladen; Register wurden umgestellt, einige neu eingebaut; sechs Register von 1872 gingen verloren.
1951 wurden anlässlich einer Generalrevision die Mixturen des Orgelwerks verstärkt.
1985 wurde bekannt, dass die Alte Tonhalle-Orgel durch ein neues Instrument ersetzt werden sollte. Dieses Vorhaben stiess in Fachkreisen auf Widerstand. Man befürchtete den Verlust wertvoller historischer Substanz. In der Folge bemühten sich zahlreiche Musikfreunde und Fachleute um die Rettung des Instruments. Die Anstrengungen bewirkten, dass die Alte Tonhalle-Orgel unbeschädigt ausgebaut und fachgerecht eingelagert werden musste. Dies geschah im Juli 1986. Die damalige Besitzerin der Alten Tonhalle-Orgel, die Stiftung Kongresshaus, war bereit, die Orgel umsonst herzugeben, falls sich ein Ort finden liesse, an dem man sie wieder aufstellen könnte. Die Suche nach einem solchen Ort begann.
Die Kirche Neumünster in Zürich
In den Jahren 1838-40 baute der Orgelbauer Friedrich Haas (1811-1886) für die Neumünsterkirche in Zürich eine Orgel. Das Instrument hatte laut Vertrag vom 23. Januar 1838 36 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal. Diese Orgel war wesentlicher Bestandteil der Frontwandkomposition der in den Jahren 1836-39 nach den Plänen von Leonhard Zeugheer (1812-1866) errichteten Neumünsterkirche. In den Jahren 1879-81 - anlässlich baulicher Veränderungen, ausgeführt durch Semperschüler Otto Wolff (1848-1888) - erfuhr die Orgel einen Umbau durch den Geschäftsnachfolger von Haas, Friedrich Goll aus Luzern. Dabei erhielt der ursprünglich weiss-golden gestrichene Orgelprospekt einen Eicherierungsanstrich.
Bei einem Innenumbau der Kirche im Jahre 1912 - ausgeführt von Semperschüler Alfred Friedrich Bluntschli (1842-1930), Professor am Polytechnikum - wurde der Orgelprospekt wieder weiss-golden gestrichen und war als das am stärksten verzierte Ausstattungsstück der Kirche von stilbildender Anregung für die nun reichere Gesamtdekoration. Das Orgelwerk wurde technisch auf das röhrenpneumatische System umgebaut.
Im Jahre 1938 wurde im Hinblick auf das Jubiläum zum 100jährigen Bestehen der Kirchgemeinde eine neue Orgel gebaut. Der ursprüngliche Orgelprospekt und die letzten Reste des Haas-Orgelwerkes wurden entfernt. Die neue Orgel, gebaut von der Firma Kuhn AG, Männedorf, hatte 50 klingende Register, 3 Transmissionen, Schleifwindladen und elektrische Traktur. Der Orgelprospekt wurde kompromisslos im Stil der "Neuen Sachlichkeit" gestaltet. Das Instrument erfuhr in den Jahren 1941-78/79 zahlreiche, vor allem klangliche Veränderungen.
Die Alte Tonhalle-Orgel im Neumünster
Die Kirche Neumünster wurde 1976-79 von Architekt Peter Germann umfassend restauriert und steht seither als klassizistisches Denkmal unter dem Schutz des Kantons Zürich und der Eidgenossenschaft. Die Kirche erhielt bei der Restaurierung wieder ihre ursprünglichen Farben - grünlich gestrichene Wände und weiss-golden gestrichene Deckenverzierungen.
Als im Jahre 1986 für die Alte Tonhalle-Orgel ein neuer Aufstellungsort gesucht wurde, lag es nahe, das prächtig restaurierte und akustisch einmalige Neumünster ins Auge zu fassen. Äusserlich gesehen wäre mit dem Einbau der Alten Tonhalle-Orgel ins Neumünster die verlorene Ausgewogenheit von senk- und waagrechten Elementen, die A.F. Bluntschli 1912 schuf, wiederhergestellt; der Orgelprospekt bildete wie früher das am stärksten verzierte Ausstattungsstück der Kirche. Dass aber auch in klanglicher Hinsicht mit einem Ersatz der bestehenden Orgel durch die Alte Tonhalle-Orgel viel gewonnen wäre, leuchtete ein.
Das Vorhaben war nicht leicht zu realisieren. Die Vorarbeiten, an denen Denkmalpfleger, Orgelbauer, Organisten und Musikwissenschaftler sowie viele Musik- und Orgelfreunde beteiligt waren, dauerten vom Sommer 1987 bis Ende 1991. Im Januar 1992 konnte die Firma Kuhn AG, Männedorf, mit den Wiederherstellungsarbeiten beginnen. Dabei wurden 52 Register der Alten Tonhalle-Orgel sorgfältig aufgearbeitet und restauriert, das alte Gehäuse aus der Tonhalle kam wieder zu Ehren; die technischen Teile, Schleifladen und mechanische Traktur, wurden neu angefertigt. Die Orgel wurde am 21. und 28. Januar 1995 eingeweiht.