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Gewalt im Alter
Allgemeine Informationen
Gewalt und Misshandlung verletzen die Integrität und die Grundrechte älterer Menschen. Sie sind nicht immer vorsätzlich. Oftmals finden Gewalt und Misshandlung in einer Beziehung ungleichmässiger Machtverhältnisse statt.
Gewalt und Misshandlung haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit und die Lebensqualität älterer Menschen. Manchmal sind Gewalteinwirkungen tödlich.
Definition von Misshandlung (WHO)
„Die Misshandlung älterer Menschen ist eine einmalige oder mehrmals vorkommende Handlung oder die Unterlassung angemessenen Handlung, die in einer Beziehung vorkommt, wo eigentlich Vertrauen erwartet wird.
Sie versursacht Schaden oder Leid und Leiden bei den älteren Personen. Sie kann in verschiedenen Formen ausgeübt werden: Körperlich, psychologisch/emotional, sexuell, finanziell und schlicht mit einer absichtlichen oder unabsichtlichen Vernachlässigung.“
Weltgesundheitsorganisation (2002): Erklärung von Toronto über die weltweite Prävention der Misshandlung älterer Menschen. Genf: WHO. Frei übersetzte Fassung.
„Gewalt ist die vorsätzliche Anwendung von körperlicher Gewalt, Drohungen gegen andere oder sich selbst, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, die zu Traumata, psychologischen Schäden, Entwicklungsproblemen oder zum Tod führt oder ein hohes Risiko dafür birgt“.
Krug, E.D., Mercy, L.L., Zwi, J.A., & Lozano, R. (2002). Weltbericht über Gesundheit und Gewalt. Genf: Weltgesundheitsorganisation.
Zahlen und Fakten
Zur Anzahl in der Schweiz von Gewalt betroffener älterer Menschen gibt es keine nationale statistische Auswertung
Gemäss WHO sind in Europa (2011) im Mittel zwischen 20 Prozent der Personen zwischen 60 und älter und 25 Prozent der pflegebedürftigen älteren Menschen von Gewalt/Misshandlung betroffen.
Für die Schweiz berechnet, handelt es sich um 300’000 bis 500’000 Personen.
Schweizerische Eidgenossenschaft (2020). Gewalt gegen ältere Menschen verhindern. Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulats 15.3945 Glanzmann-Hunkeler vom 24. September 2015. Bern: Schweizerische Eidgenossenschaft. Quelle:
Gewaltformen
Das Nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt unterscheidet die folgenden Gewaltformen:
Physisch (körperlich), psychisch, finanziell, medikamentös, strukturell, sexualisiert, Vernachlässigung der Grundrechte, aktive und passive Vernachlässigung sowie selbstverursachte Vernachlässigung
Gewalt bei älteren Paaren
Mindestens eine von fünf Frauen in der Schweiz ist von Gewalt in der Partnerschaft betroffen.
Auch Männer können Opfer werden.
Es ist oft schwierig, über Gewalt in der Partnerschaft zu sprechen. Dies erst recht, wenn Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Alter oder der Pensionierung hinzukommen. Scham, das Gefühl, nichts ändern zu können, und die Angst vor Konsequenzen können einen davon abhalten, Hilfe zu suchen.
Dies muss nicht sein! Es gibt zahlreiche Hilfsangebote, die individuelle Bedürfnisse und Wünsche von Betroffenen berücksichtigen.
Kurzvideo 1: Gewalt in einer langjährigen Ehe
Kurzvideo 2: Gewalt in einer späten Ehe
Kurzvideo 3: Gewalt bei einem älteren gleichgeschlechtlichen Paar
Haben Sie eine Gewaltsituation beobachtet oder sind Sie direkt betroffen?
Das Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt hört Ihnen zu und berät Sie gerne weiter.
0848 00 13 13 (Ortstarif)
<email-pii>
www.alterohnegewalt.ch
Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.
Gewalt bei älteren Paaren bleibt oft unentdeckt. Die Sensibilisierungskampagne „Gewalt bei älteren Paaren“ beruht auf Daten aus Interviews mit ehemaligen Opfern, die zum Zeitpunkt der Tat im Seniorenalter waren, und Fachleuten aus den drei grössten Sprachregionen der Schweiz. Die Interviews wurden im Rahmen eines gemeinsamen Projekts der Fachhochschule für Gesundheit La Source (HES-SO), des senior-lab und des nationalen Kompetenzzentrums Alter ohne Gewalt durchgeführt.
Die Kampagne – die am 15. Dezember 2023 lanciert wird – setzt sich für einen besseren Zugang von älteren Menschen zu Hilfsangeboten bei partnerschaftlicher Gewalt in der Schweiz ein.
Die Kampagne ist eine Fortsetzung und Ergänzung der Kampagne über Gewalt gegen ältere Menschen, die im Frühjahr 2023 von der Schweizerischen Kriminalprävention, der Opferhilfe Schweiz und dem Nationalen Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt durchgeführt wurde. Die neue Kampagne steht unter dem gleichen Slogan „Gemeinsam gegen Gewalt im Alter“.
Angewandte Forschung „Prävention von Gewalt bei älteren Paaren“ (VCA)
Statistiken zeigen, dass Seniorinnen und Senioren, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, bestehende Hilfsressourcen (z.B. Opferhilfestellen, gewaltmedizinische Beratungsstellen, Schutzunterkünfte, Polizei) kaum in Anspruch nehmen und dass Angebote, die gezielt auf die Bedürfnisse und Einschränkungen älterer Menschen eingehen (z.B. kein Internetzugang, eingeschränkte Mobilität, Abhängigkeit vom Ehepartner im Alltag) weitgehend fehlen. Zudem fällt auf, dass Präventionskampagnen gegen partnerschaftliche Gewalt Menschen ab 64 Jahren wenig Beachtung schenken, obwohl diese mittlerweile fast 20% der Schweizer Bevölkerung ausmachen. Diese doppelte Unterrepräsentation trägt dazu bei, dass die Problematik weitgehend unentdeckt bleibt.
Förderung des Zugangs von älteren Menschen zu Hilfsangeboten
Ausgehend von diesen Erkenntnissen zielt das nationale angewandte Forschungsprojekt darauf ab, den Zugang von älteren Menschen zu Hilfsangeboten bei Gewalt in Paarbeziehungen in der Schweiz zu verbessern. Dies soll erreicht werden durch:
- ein besseres Verständnis für die Besonderheiten des Älterwerdens (wie beispielweise den Auswirkungen des Übertritts ins Pensionsalter, generationstypische Normen und Werte) sowie für die Zusammenarbeit zwischen den professionellen Netzwerken in den Bereichen „häusliche Gewalt“ und „Betreuung und Pflege von älteren Menschen“
- die Verbreitung von Sensibilisierungsmaterialien (Flyer, Poster, Kurzvideos, Leitfaden für Fachleute) in drei Sprachen (FR, DE, IT), die im Rahmen der vorliegenden nationalen Kampagne entwickelt wurden.
Das angewandte Forschungsprojekt wurde in den Jahren 2022 und 2023 von der Fachhochschule für Gesundheit La Source, Lausanne (HES-SO), dem senior-lab und dem Nationalen Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt durchgeführt und gibt Fachpersonen aus den Bereichen Alter und häusliche Gewalt sowie älteren Menschen, die teilweise von der Problematik direkt betroffen waren, eine Stimme. Dazu gehören auch die Erfahrungsberichte von rund zehn ehemaligen Opfern (Frauen und Männer), die zum Zeitpunkt des Gewaltsituation im Seniorenalter waren.
Zusammenfassung der Ergebnisse herunterladen
Medienspiegel
Kontakt
Prof. Delphine Roulet Schwab
Institut et Haute Ecole de la Santé La Source, Lausanne (HES-SO)
Projektleiterin VCA
Tel: 021/556 43 91
Mail: <email-pii>
Projekt realisiert durch:
Institut et Haute Ecole de la Santé La Source HES-SO, Nationales Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt und senior-lab.
Finanzielle Unterstützung:
Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann unterstützt das Projekt mit Finanzhilfen.This project was possible thanks to the support of Oak Foundation.
Durchführung in Zusammenarbeit mit:
Opferhilfe Schweiz, Spitex Schweiz, alter ego, Associazione Consultorio delle Donne, Bureau de l’égalité entre les femmes et les hommes du Canton de Vaud, Bureau de l’égalité hommes-femmes et de la famille – Etat de Fribourg, Schweizerische Konferenz gegen häusliche Gewalt, Schweizerischer Seniorenrat, CURAVIVA, Schweizerische Kriminalprävention, Pro Senectute Schweiz, Pro Senectute Ticino e Moesano, UBA Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, Pink Cross, Violence que faire.
Es ist nie zu spät, Hilfe zu holen
Eine Sensibilisiereungskampagne zu Gewalt im Alter
In der Schweiz sind jährlich mehr als 300’000 über 60-Jährige von Gewalt betroffen. Aus Scham oder aus Angst vor den Konsequenzen suchen sie nur selten Hilfe. Die Initiantinnen der Kampagne – die Schweizerische Kriminalprävention und die kantonalen und städtischen Polizeikorps, das Nationale Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt und die Opferhilfe Schweiz – ermutigen Betroffene, über das Thema zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Sensibilisierungskampagne ist Bestandteil des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der Istanbul-Konvention (NAP IK) 2022–2026. Sie wird unterstützt vom Seniorenrat, von Spitex Schweiz, Alzheimer Schweiz, Curaviva Schweiz und von Pro Senectute Schweiz.
Gemäss Bundesratsbericht «Gewalt im Alter verhindern» (2020) sind jährlich rund 300’000 bis 500’000 Seniorinnen und Senioren über 60 Jahren von Gewalt betroffen. Gewalt umfasst dabei nicht nur körperliche Gewalt, sondern auch Vernachlässigung, Herabsetzung, Nötigung und finanzielle Ausbeutung. Das Dunkelfeld ist gross, viele Fälle bleiben im Verborgenen. Gewalt im Alter ist ein Tabuthema. Nur selten wenden sich die betroffenen Seniorinnen und Senioren an eine der bestehenden Hilfsorganisationen.
Angst vor Konsequenzen
Wie eine von der Schweizerischen Kriminalprävention in Auftrag gegebene und vom Institut et Haute Ecole de la Santé La Source (HES-SO) durchgeführte Studie zeigt, suchen sich die gewaltbetroffenen Seniorinnen und Senioren vor allem deshalb keine Hilfe, weil sie sich schämen und Angst vor den Konsequenzen haben: Die Betroffenen haben oft gesundheitliche Probleme und sind auf die Hilfe ihrer Umgebung angewiesen. Sie haben Angst, die Kontrolle über ihre Situation zu verlieren, in ein Heim gehen zu müssen oder die Beziehung zu nahestehenden Personen zu gefährden. Sie gehören einer Generation an, die es gewohnt ist, Probleme in der Familie zu lösen. «Sich als Mann, der ein Familienoberhaupt und Chef einer Firma war, jetzt zu sagen, ich brauche Hilfe, das ist ein sehr grosser Schritt», kommentiert einer der Befragten der Studie die Situation.
Kampagnenaufbau
Die Kampagne richtet sich in erster Linie an Seniorinnen und Senioren, aber auch an deren Umfeld sowie an Gewalt ausübende Personen. Gerade bei der Betreuung von pflegeabhängigen oder dementen Personen kann Misshandlung durchaus die Folge einer Überforderung sein. Drei Szenen zeigen verschiedene Formen von Gewalt und fördern die Empathie und das Verständnis. Die Kampagne sensibilisiert darauf genauer hinzusehen, hinter die Fassade zu schauen, schwierige Situationen zu erkennen und etwas dagegen zu unternehmen, denn, so der Claim der Kampagne, «Es ist nie zu spät, Hilfe zu holen!».
Handeln Sie!
Von Gewalt können alle betroffen sein. Gewalt zu stoppen, ist in der Verantwortung der gesamten Gesellschaft. Falls Sie oder eine/r Ihrer Verwandten, Nachbar/innen, Patient/innen oder Kolleg/innen von Gewalt betroffen sind oder falls Sie eine schwierige Situation beobachten, handeln Sie! Kontaktieren Sie das Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt unter der Telefonnummer 0848 00 13 13 (Normaltarif), per E-Mail <email-pii> oder informieren Sie sich auf der Webseite https://alterohnegewalt.ch/.
Gemeinsam gegen Gewalt im Alter
Zum Thema «Gewalt im Alter» sind weitere Kampagnen vorgesehen. Das Institut et Haute Ecole de la Santé La Source (HES-SO) wird im November eine nationale Kampagne zu Gewalt in Paarbeziehungen bei älteren Personen durchführen und die Opferhilfe Schweiz plant eine Social-Media-Kampagne zum Thema.
Projektorganisationen
SKP und die kantonalen und städtischen Polizeikorps
Die Schweizerische Kriminalprävention (SKP) ist eine interkantonale Fachstelle im Bereich Prävention von Kriminalität und Kriminalitätsfurcht. Sie ist ein Organ der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD). Ihre Aufgaben sind die Stärkung der interkantonalen Polizeizusammenarbeit im Bereich Kriminalprävention und die Vermittlung von Präventionsbotschaften an die Bevölkerung. Sie informiert die Bürgerinnen und Bürger über kriminelle Phänomene, Präventionsmöglichkeiten und Hilfsangebote.
Nationales Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt
Das Kompetenzzentrum Alter ohne Gewalt ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen drei bedeutenden Akteuren in der Prävention von Misshandlung gegen ältere Menschen in der Schweiz: Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter UBA in der Deutschschweiz, Pro Senectute Ticino e Moesano in der Südschweiz und alter ego in der Westschweiz. Die niederschwellige Anlaufstelle berät Betroffene und deren Umfeld als unabhängige, neutrale Stelle in schwierigen Situationen. Das Hilfsangebot ist sehr breit und wird auf die individuellen Bedürfnisse angepasst. Es umfasst sowohl persönliche Beratung wie auch klärende Gespräche mit dem Umfeld. Alter ohne Gewalt vermittelt unter anderem psychologische Hilfe und rechtliche Auskünfte.
Opferhilfe Schweiz
Die Opferhilfe ist für alle Menschen da, die in der Schweiz durch eine Straftat körperlich, psychisch oder sexuell beeinträchtigt wurden. Beratungsstellen der Opferhilfe gibt es in der ganzen Schweiz. Diese informieren die Opfer wie auch ihre Angehörige über ihre Rechte, unterstützen sie bei der Verarbeitung des Geschehenen und vermitteln ihnen weitere Hilfe. Die Opferhilfe kann für finanzielle Folgen der Straftat aufkommen. Opfer und ihre Angehörigen können zudem eine Genugtuung für das erlittene seelische Leid erhalten.