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Bei einem seiner letzten Projekte war es um die Wasserversorgung an der Küste von Mombasa gegangen. Die Weltbank wollte ein Projekt unterstützen, mit dem das vorhandene, marode System instand gesetzt würde, für etwa 40 Millionen Dollar. Geld, das die Weltbank Kenia leihen würde und das Kenia würde zurückzahlen müssen, wie üblich. Doch ein internationales Firmenkonsortium drängte darauf, eine nagelneue Pipeline zu bauen, und zwar von den Mzima-Springs am Fusse des Kilimanjaro, einer der wasserärmsten Regionen des Landes, bis nach Mombasa – mit unabsehbaren ökologischen Folgen und ohne erkennbaren Gewinn für die Bevölkerung. Kostenpunkt 200 Millionen Dollar. Die Firmen hatten Kredite von privaten Banken organisiert und sich mit dem zuständigen Minister in Nairobi geeinigt. Der tat alles, um das Entwicklungsprojekt der Weltbank zu sabotieren. Nicht zum ersten Mal wurde alles zunichte gemacht.
Peter Eigen war seit 25 Jahren bei der Weltbank und seit 3 Jahren als Direktor für Ostafrika in Kenia stationiert, als seine damalige Frau, die Ärztin Jutta Eigen, den entscheidenden Satz sagte: «Das brauchst du nicht hinzunehmen.» Mit «das» meinte sie alles – die unlauteren Machenschaften, die ständig seine Arbeit sabotierten. Die Tatsache, dass selbst enge Vertraute in Wirtschaft und Politik ihn anlogen und zu instrumentalisieren versuchten. Und auch dass man auf der Strasse keine zwei Meter weit kam, ohne dass ein Ordnungshüter verlangte: «Tuo kito kidogo ya chai», suaheli für «Gib mir ein bisschen für einen Tee.» Ohne Bakschisch keine Geburtsurkunde, kein Pass, kein Führerschein, keine Schule. Die Jahre in Ostafrika hatten wie ein Prisma gewirkt. Für Peter Eigen war es nicht länger zu übersehen und nicht länger zu ertragen: Die Allianzen habgieriger Unternehmen und korrupter Machthaber hebelten alle Bemühungen aus, einem Land auf die Füsse zu helfen, und trieben ganze Völker ins Elend.
Dass das allgegenwärtige Schmieren in der Dritten Welt und anderswo ein Übel war, stand immer ausser Frage, sagt Peter Eigen, aber man nahm es als gegeben hin wie die Hitze oder die Clanstrukturen, «das ist dort eben so, Teil der Tradition». Heute weiss er: «Auch wenn Geschenke und die Unterstützung von Familienmitgliedern in manchen Kulturen einen anderen Stellenwert haben, so gibt es doch kein Land auf der Welt, in dem akzeptiert wird, dass die Mächtigen, denen man das Wohl der Gesellschaft anvertraut hat, sich grosse Geldbeträge auf anonyme Konten überweisen lassen, um falsche wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen. Korruption ist keine Lappalie. Sie bringt Elend und Tod.»
Als ihm bewusst geworden war, wie ursächlich sie für das Misslingen der Entwicklungshilfe war, versuchte er noch, als Vertreter der Weltbank den Kampf aufzunehmen, doch damals, Anfang der 1990er Jahre, fand er in der Institution keinen Rückhalt. Ganz im Gegenteil. Der Präsident höchstpersönlich verbot ihm jedes Engagement in dieser Richtung, auch privat. «Die Position der Weltbank lautete: Wir mischen uns nicht ein.» Eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates war nach Satzung verboten. «Damit war ich lange Zeit einverstanden gewesen», sagt Eigen. «Warum sollte ein Exekutivdirektor aus Deutschland den Afrikanern oder sonstwem vorschreiben, wie es in ihrem Land zu laufen habe?»
Mittlerweile ist Eigen 74 Jahre alt, ein Mann wie Balu der Bär, mit kräftiger Gestalt und eindrucksvollen Augenbrauen. Er wirkt nicht wie einer, den die Schlechtigkeit der Welt zermürbt hat, sondern ruhig, humorvoll, den Menschen wohlgesinnt. Sein Büro in der Zentrale von Transparency International in Berlin Moabit ist klein und schmucklos, im Flur vernimmt man mit jedem, der vorbeigeht, eine andere Sprache, Englisch, Spanisch, Französisch. Es sind zumeist junge Leute, Idealisten von allen Kontinenten, die sich bei der Nichtregierungsorganisation engagieren. Offiziell hat Eigen die Leitung vor ein paar Jahren abgegeben, aber zweifellos ist er noch immer die Eminenz hier. An einer Pinnwand hängen Erinnerungsfotos, die meisten aus seiner Weltbankzeit. Eines zeigt eine Gruppe Sommergäste in seinem Garten in Berlin, unter ihnen Obasanjo, der heutige Präsident von Nigeria. «Da haben wir seine Freilassung aus dem Gefängnis gefeiert», sagt Eigen. Unten rechts hängt eine Schwarzweissfotografie seiner ersten Frau Jutta, vor zehn Jahren starb sie an Krebs. Weiter oben ein Schnappschuss von ihm und seiner jetzigen Frau Gesine Schwan.
Bei der Weltbank zu arbeiten sei sein Wunsch gewesen, seit er als junger Mann durch Lateinamerika gereist sei, sagt Peter Eigen. Er hatte damals im Anschluss an ein Studienjahr in Kansas Wintermantel und Gitarre verkauft, sich das Rückflugticket seines Stipendiums bar auszahlen lassen und war Richtung Süden aufgebrochen, zunächst per Anhalter durch Mexiko, dann in überladenen Kleinbussen durch Mittelamerika. Er hat auf einer Bananenplantage gearbeitet, als Matrose auf einem Frachter angeheuert, bei Freunden des Diktators Somoza in Nicaragua übernachtet, Arme und Reiche getroffen. Einmal habe er miterlebt, wie einer der Fahrer, die ihn mitnahmen, spontan hielt und von einem Mädchen, das friedlich mit seinen Eltern beim Abendessen sass, Sex verlangte.
Diese Reise habe ihn politisch wachgerüttelt, sagt Eigen, sie habe ihm gezeigt, wie Menschen durch Macht- und Einkommensunterschiede gedemütigt und entwürdigt würden. In Ecuador wurde er vor einem Militärputsch überrascht. Als ihn ein Taxi zum Hafen brachte und von einem Militärfahrzeug gestoppt wurde, legte Eigen intuitiv eine Zehn-Dollar-Note in seinen Pass, eine klassische «geringfügige Vorteilszuwendung zur Beschleunigung von Amtshandlungen». Eigen sagt, es sei das einzige Mal geblieben, dass er in seinem Leben bestochen habe.
In Santiago de Chile traf er im Haus eines amerikanischen Diplomaten einen Vertreter der Weltbank. «Der schwärmte in höchsten Tönen von seiner Arbeit: Sie diene dem Gemeinwesen, und zwar hochprofessionell – anders als viele Organisationen der Vereinten Nationen. Denn die Weltbank habe das Geld, um etwas zu bewegen. «Da wollte ich hin.» Doch zunächst musste er zurück nach Erlangen, um sein Studium zu beenden. Nach Europa gelangte er wieder als Matrose auf einem Schiff. Der Kapitän fand heraus, dass Eigen Schach spielen konnte, fortan war das seine Aufgabe. Schon immer, so scheint es, zog es ihn auf die Brücke.
«Als Teenager war ich unpolitisch und verwöhnt», sagt Eigen, «ich komme aus einem liebevollen, kreativen Elternhaus, aber politisch waren meine Eltern geprägt durch ihre Haltung während des Dritten Reichs – passiv bleiben.» Eigen spielte in einer Jazzband und war ein begeisterter Reiter. Dabei liess er schon früh einen Hang zu Vereinsgründungen erkennen. Mit Freunden gründete er den studentischen Reiterverein und den Jazzclub «Strohalm», wo er noch heute, fünfzig Jahre später, freien Eintritt hat. Und noch heute fehlt das zweite H auf dem grossen Neonschild, das Eigen damals vergass.
Zurück aus Südamerika, suchte er den Kontakt zu politischen Kreisen, Schauspielern, Künstlern. Er promovierte und ging mit Frau und Kind nach Washington, um sich zu habilitieren. «Turbulente Zeiten», sagt Eigen, es kamen noch zwei Kinder und 1968 das Angebot, in der Rechtsabteilung der Weltbank zu arbeiten, «da war kein Halten mehr». Die Habilitationsschrift über internationales Wettbewerbsrecht liegt seitdem unvollendet in der Schublade.
Die Weltbank ist im eigentlichen Sinne keine Bank, sondern der Zusammenschluss von mittlerweile 188 Staaten – einst gegründet, um in der Nachkriegszeit den grossen Bedarf an Kapital zu decken. Heute ist ihr Ziel, die Armut in der Welt zu bekämpfen und den weniger entwickelten Mitgliedstaaten wirtschaftlich zu helfen. Die Weltbank leiht sich Geld an der Wall Street, in Frankfurt oder Zürich und vergibt damit langfristige Darlehen zu marktnahen Konditionen an die bedürftigen Länder, um Projekte in den Bereichen Transport, Elektrizität, Landwirtschaft, Bergbau, Bildung und Gesundheit zu finanzieren. Bauunternehmen und Lieferanten für diese Projekte kommen meist aus den westlichen Industrienationen.
Als Jurist hatte Eigen die Aufgabe, den Bau der Staudämme, Pipelines oder Schulen vertraglich abzusichern: Wer realisiert was wo und in welchem Zeitraum? «Die Weltbank hat wirklich immer darauf geachtet, dass die Verträge durch Ausschreibungen und Wettbewerb zustande kamen», sagt Eigen. Er wurde Spezialist für das Anschaffungswesen, entwarf jene Richtlinien, die Procurement Guidelines, die noch heute gelten. Sie verlangen zum Beispiel, dass alle Anbieter aus den Mitgliedstaaten der Weltbank gleichbehandelt werden, wobei lokale Anbieter bis zu einem gewissen Prozentsatz teurer sein dürfen, da die Importzölle entfallen. Wer als lokaler Anbieter zähle, sei klar definiert, sagt Eigen. Nicht, dass ein korrupter Minister zusammen mit Siemens oder einem anderen grossen Anbieter eine Firma gründe, die dann als lokaler Anbieter gelte.
Die Angebote müssten sehr detailliert ausgearbeitet sein und nach klaren Kriterien ausgewertet werden. «Wenn zum Beispiel ein Kraftwerk finanziert werden sollte und Bauteile der Turbinen aus einem Land kamen, das kein Mitgliedland der Weltbank war, wurde der Anbieter nicht akzeptiert. Das Gleiche galt, wenn die Untervertragspartner in einer Währung bezahlt werden sollten, die international nicht anerkannt war.» Die kleinsten Verfehlungen seien durch Kündigung des ganzen Projekts bestraft worden, sagt Eigen.
«Ich kann mich an einen Fall an der Elfenbeinküste erinnern, da wollte die dortige Regierung einen Auftrag an eine französische Firma vergeben, obwohl eine amerikanische Firma ein deutlich besseres Angebot abgegeben hatte. Als die Regierung nicht einlenkte, haben wir das Projekt aufgekündigt.» Nicht die vermutete Einflussnahme sei der Kündigungsgrund gewesen, sondern allein die Tatsache, dass nicht das beste Angebot angenommen worden war. «Das Thema Korruption war tabu», sagt Eigen. So stand es auch in den Anschaffungsrichtlinien. Wurde bei einem Projekt Bestechung in dem Land ruchbar, war das explizit kein Grund für die Aufkündigung, es sei denn, ein Gericht in diesem Land habe in diesem Fall ein Urteil gesprochen.
«Wenn man sich das heute mal überlegt!» sagt Eigen. «Angenommen, in Kenia lässt sich ein Minister zehn Millionen Dollar von einem Unternehmen zustecken, um ein Grossprojekt in Milliardenhöhe zu realisieren. Er deponiert die Millionen in Liechtenstein oder in der Schweiz. Keiner kann es beweisen. Und ein kleiner Amtsrichter in Nairobi soll den nun erst einmal verurteilen, bevor die Weltbank sagen kann: Wir stellen das Projekt ein.» Rückblickend betrachte er das als grossen Fehler, einen, den er mitgetragen habe. In den eigenen Reihen allerdings sei Bestechung auch damals geahndet worden. Wurde ein Mitarbeiter der Weltbank der Bestechung oder der Bestechlichkeit überführt, wurde er entlassen.
«Heute wissen wir, dass Firmen wie Siemens und andere grosse Anbieter aus Europa, Japan und Amerika nicht nur die politischen Entscheidungsträger in den Ländern systematisch bestochen, sondern auch ihre Machtstellung innerhalb der Weltbank genutzt haben, um das Thema vom Tisch zu halten», sagt Eigen.
In den ersten Jahren sass Eigen nicht mit am Verhandlungstisch. Mischte er sich dennoch ein, hiess es: «Du sollst für das Bergwerkprojekt in Tansania einen Vertrag schreiben, aber erzähle uns bitte nicht, welche Strategie wir verfolgen sollen und ob das Bergwerk gerecht ist oder nur den Investoren nützt.» Es waren Lehrjahre, sagt Eigen. «Anfangs war ich im Grunde ein treuer Soldat, der vor dieser Institution grossen Respekt hatte – und heute noch hat.»
1971 ergab es sich, dass er im Auftrag der Ford Foundation für zwei Jahre nach Botswana ging, um beim Aufbau eines Justizsystems mitzuhelfen. Seine Frau konnte dort als Ärztin in einem Krankenhaus arbeiten und gründete nebenbei eine Buschklinik. «Sie war immer viel ursprünglicher und konkreter als ich», sagt Eigen, «ein leidenschaftlicher Mensch, eine Künstlerin. Für sie war es nur schwer zu ertragen, wenn wir in dem eleganten Wagen an einer alten Frau vorbeifuhren, die beladen mit Holz oder Kindern die Strasse entlanglief. Dann mussten wir anhalten und die einladen.»
In Botswana war es Eigens Aufgabe, einen rechtlichen Rahmen für den Bergwerksektor zu erarbeiten – Landnutzungsrecht, Umweltschutz, Arbeitsbedingungen. Dort hat er zum ersten Mal erlebt, vor welchen Herausforderungen ein in die Unabhängigkeit entlassenes Drittweltland steht, das umgeben ist von rassistischen und undemokratischen Nachbarn und reich an Bodenschätzen, auf die es internationale Konzerne abgesehen haben. «Da habe ich meine Füsse gefunden», sagt Eigen. Als er zur Weltbank zurückkehrte, mischte er auch inhaltlich mit, zunächst als Loan Manager für Côte d’Ivoire, Benin und Togo, dann als Abteilungsleiter für sieben zentralafrikanische Staaten.
Das mit Abstand Schwierigste sei es, gute Projekte zu finden, sagt Eigen. «Fünfzig Millionen Dollar in ein Krankenhaus oder in eine Schule zu stecken ist einfach, es aber so zu tun, dass es hinterher einen Lehrplan gibt, Möbel und Schulbücher und dass die Lehrer bezahlt werden – das ist schwer.» Der Weltbank werde häufig vorgeworfen, in die Angelegenheiten eines Landes einzugreifen, sagt Eigen. «Aber da muss ich sie in Schutz nehmen: Ihre Experten sorgen dafür, dass das Umfeld stimmt. Wenn ein Landwirtschaftsprojekt für Saatgut oder Dünger realisiert werden soll, wird in die Entscheidung einbezogen, ob es genügend Wasser gibt, Strassen für den Vertrieb des Saatguts, Beratung für die Bauern, ob die Arbeiter anständig behandelt oder wie Sklaven gehalten werden. Die Weltbank verlangt Reformen als Voraussetzung für ein Darlehen. Das macht ihre Arbeit wertvoll.»
Entsprechend wichtig sei es, die Umsetzung zu kontrollieren, sagt Eigen, aber in der Supervision liege eine Schwäche. «Das war oft mein Problem. Da kamen ganze Missionen von Erziehungsexperten angereist und sollten im Landesinneren die Quittungen überprüfen, doch die wollten viel lieber neue Schulen bauen. Ist ja klar, wenn Millionen von Kindern auf der Strasse hocken.»
Der Grat zwischen projektbezogener Sektorpolitik und dem Einmischen in innere Angelegenheiten eines Landes ist schmal. Er sei froh gewesen, dass die Weltbank sich letzteres im Prinzip nicht angemasst habe, sagt Eigen. Zumal: Wessen Politik hätte man umsetzen wollen? So wollte Amerika, dass Nicaragua unter der linksgerichteten sandinistischen Befreiungsfront keine finanzielle Unterstützung erhalte, und die Engländer wollten die Zahlungen für Tansania einstellen, nachdem dort die Asiaten durch einen gewieften juristischen Schachzug enteignet worden waren. «Nur weil politische Kriterien grundsätzlich ‹off limits› waren, bekamen diese Länder dennoch ihre Projekte.» Und nur darum sei es letztlich gegangen.
Trotzdem gab es schlaflose Nächte. In den 1980er Jahren war Eigen zuständig für Chile. «Pinochet und seine Leute hatten nach dem Tod von Allende jedes soziale Netz gekappt und einen Laissez-faire-Kapitalismus eingeführt, der das Land vor die Wand gefahren hatte. Den Menschen ging es schlecht. Aber solange Pinochet an der Spitze sass, wollte ihnen niemand helfen», sagte Eigen. «Wir schon.»
Seine Frau Jutta habe früh dagegen protestiert. Wie andere Kritiker war sie der Meinung: Ihr festigt Pinochets Macht. «Ich konnte ihr nur immer wieder sagen, dass ich diesen Mann nie gesehen habe, sondern es mit seinen Ministern und Zentralbankern zu tun hatte, dass wir das Geld nicht an die Regierung, sondern an die ausführenden Firmen überwiesen und dass wir etwas für die Armen im Land taten», sagt Eigen. «Wieso sollten die Menschen noch dafür bestraft werden, dass sie von einem Verbrecher regiert wurden?» Zu hoffen, dass man das Regime schneller zu Fall bringe, indem man die Ärmsten noch verzweifelter mache, schien ihm eine Illusion.
Mit dem Protest seiner Frau gegen das Regime sei er dennoch einverstanden gewesen. Schon Jahre zuvor hatte sie einmal vor dem Capitol in Washington demonstriert, während er drinnen mit am Verhandlungstisch sass. «Sie hatte einfach eine andere Rolle», sagt Eigen. Beides war wichtig: auf Missstände hinzuweisen und zu versuchen, die Rahmenbedingungen in Ordnung zu bringen. «In der Sache waren wir uns einig. Ich sah mich immer in der Vermittlerrolle, auch heute noch.» Dennoch sei es ein Schock gewesen, als er durch Zufall erfahren habe, dass der Geheimdienst seine Frau beobachten liess, weil man sie für eine Kommunistin hielt. Er wusste, wie man mit politischen Gegnern umging. Orlando Letelier, Aussenminister unter Allende und ein guter Freund, war 1976 in Washington von einer Autobombe getötet worden.
1989 wurde Eigen zum Direktor für Ostafrika ernannt. Die Familie zog nach Nairobi, wohnte zufällig in einem Haus von Uhuru Kenyatta, dem Sohn des Staatsgründers, seinem Clan gehören viele Häuser. Dieses war gross, und Eigen konnte sich einen Reitplatz anlegen, wo er abends seine Runden drehte. «Das sind Sachen, die meine Frau gestört haben und die ihr das Gefühl gaben, dass ich mich selbst nicht ganz unabhängig halte von diesem Leben», sagt er. Die Gegensätze ihrer Welten waren gross. Jutta arbeitete in den Slums, «während ich morgens von meinem Chauffeur abgeholt und zu Mwai Kibaki gefahren wurde, der damals Gesundheitsminister war, um mit ihm in seinem mahagonigetäfelten Büro bei einem kühlen Getränk darüber zu diskutieren, ob man eher Landkliniken oder grosse medizinische Zentren in den Städten bauen sollte». Eigen holt ein Foto hervor. Es zeigt ihn auf einem Pferd, daneben eine Frau in einem geblümten Kleid, die ihn anlacht. So sieht ein glückliches Paar aus. «Gesine, meine jetzige Frau, sagt immer, Jutta habe aus mir einen anständigen Menschen gemacht.»
In Kenia war damals ein Mann an der Spitze, Präsident Moi, der sich selbst so masslos bereichert hatte, dass er zu den Reichsten der Welt zählte, während das Durchschnittseinkommen in seinem Land unter einem Dollar pro Tag lag. Von dem Mann war nicht viel zu erwarten. Hinzu kam noch, dass auch die eigene Organisation seltsam agierte und Eigen mit vielem immer mehr Mühe hatte. «Dass die reichen Länder in der Weltbank den Ton angeben, ist ohnehin klar: Die USA haben ein Stimmgewicht von 16 Prozent, Japan von 7 Prozent, China verfügt über 4,5 Prozent der Stimmen, und Deutschland rangiert auf Platz vier.» Aber im Laufe der Zeit sei ihm klar geworden, dass manche Entscheidungen nur im Sinne einzelner Interessengruppen getroffen wurden.
«Im Kupfersektor durfte man nichts machen, weil dadurch die Weltmarktpreise gesunken wären, so dass die Amerikaner ihr Kupfer nicht mehr los geworden wären. Die Soyabohnenproduzenten haben sich geärgert, wenn Palmölprojekte durchgeführt wurden, und in Simbabwe durften wir den Tabakanbau nicht unterstützen, weil Tabakproduzenten aus Virginia und Maryland sich dagegen sträubten. Ständig gab es Interventionen der Mächtigen und Reichen, die dem Konzept der Entwicklungshilfe widersprachen.»
Vor allem sei ihm zunehmend aufgestossen, wie gross der Einfluss der Grossbanken war. «Die hatten Anfang der 1980er Jahre viel Geld aus erdölproduzierenden Ländern im Depot, das sie investieren wollten», sagt Eigen. Und sie haben alles unternommen, um die Weltbank als Co-Financier zu nutzen. Dadurch genossen sie ganz andere Sicherheiten.» In dieser Zeit sei leichtfertig Geld verliehen worden, was später zu einer grossen Schuldenkrise geführt habe. Die notwendigen Verbündeten in den Empfängerländern zu finden sei grundsätzlich kein Problem, nur eine Frage des Geldes.
Eigen kündigte bei der Weltbank. Aber das sei kein heldenhafter Schritt gewesen, sagt er, es habe damals die Möglichkeit gegeben, sich ohne grosse Verluste frühzeitig pensionieren zu lassen. Und an einem weiteren Aufstieg auf der Weltbankleiter lag ihm nicht mehr. Zurück in Berlin, gründeten er und eine Handvoll Mitstreiter im Sommer 1993 die Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI). Heute, zwanzig Jahre später, hat TI Ableger in über hundert Ländern.
Das erste Jahr sass er mit einem Studenten im Dachstübchen seines noch untervermieteten Hauses, ein Tisch, ein Fax, ein Telefon, und versuchte, «der Sache Struktur zu geben». Von Anfang an sei die Intention die gewesen, aufzuklären statt anzuprangern. Deswegen habe er den Kontakt zu den grossen Unternehmen gesucht, was ihm viele zum Vorwurf gemacht hätten. Doch er habe erwidert: «Wenn wir die Korruption bekämpfen möchten, reicht es nicht, Fensterscheiben einzuschmeissen, sondern wir müssen in die Vorstandsetagen eingeladen werden.»
Der erste Erfolg schien ihm recht zu geben: Nach drei Treffen mit deutschen Industriekapitänen verfassten die einen offenen Brief an den damaligen Wirtschaftsminister Günter Rexrodt und baten ihn, die OECD-Konvention gegen Korruption zu unterzeichnen. Diese im Februar 1999 von Deutschland ratifizierte Konvention schreibt den Teilnehmernationen vor, die Bestechung ausländischer Amtsträger zu bestrafen und die steuerliche Absetzbarkeit von Bestechungsgeldern zu untersagen. «Damit hatten wir eine Riesenhürde genommen», sagt Eigen. «Die Franzosen hätten ohne die Deutschen nicht mitgemacht und die deutsche Regierung nicht ohne grünes Licht von der Industrie.»
Doch Ratifizieren ist das eine, Umsetzen das andere. In Deutschland gebe es zurzeit immerhin 120 Unternehmen, die wegen Bestechung im Ausland strafrechtlich verfolgt würden, in Frankreich hingegen nur eines. In Grossbritannien habe die Regierung vor zwei Jahren sogar interveniert, als die Strafverfolgungsbehörde für schwere Betrugsdelikte die Ermittlungen gegen British Aerospace aufgenommen habe. Dem Rüstungs- und Luftfahrtkonzern wird vorgeworfen, zehn Jahre lang jährlich hundert Millionen Pfund an den Sohn des Verteidigungsministers von Saudiarabien gezahlt zu haben, insgesamt eine Milliarde Pfund, um an einen Waffenauftrag für 44 Milliarden zu gelangen. Als Zugabe gelüstete es den Sohn noch nach einer eigenen Boeing 747 mit Sonderausstattung.
All dem möchte die britische Regierung nicht weiter nachgehen. «Die Engländer sind sehr zögerlich», so Eigen, «die Japaner machen gar nichts, und die Chinesen sagen: ‹Wir brauchen die Konvention nicht zu unterschreiben, wir haben unseren Exporteuren nie erlaubt, im Ausland zu bestechen. Wir verbieten Korruption. Punkt.›» Tatsächlich würden Korruptionsfälle drastisch verfolgt und jedes Jahr viele Todesurteile verhängt. Dass die Korruption dennoch grassiere, zeigten die jüngsten Fälle in der politischen Elite, allerdings wirke die von der neuen Führung an den Tag gelegte Entschlossenheit, den Sumpf trockenzulegen, glaubwürdig, sagt Eigen. Auch dass es in China ein Büro von TI gebe, sei ein gutes Zeichen. «In einer globalisierten Welt, in der die Reichweite nationaler Regierungen zeitlich und geographisch begrenzt ist, obliegt es mehr denn je den Zivilgesellschaften, ihre Interessen zu schützen.»
Wie effektiv das sein könne, zeige «unsere kleine NGO». Vor zwanzig Jahren noch ein absolutes Tabu, stehe der Kampf gegen Korruption heute bei Regierungen, Institutionen, Unternehmen und Bürgern auf der Agenda. Auch die Weltbank habe sich vom Saulus zum Paulus gewandelt, sagt Eigen, fast obsessiv versuche sie heute, das Übel an der Wurzel zu packen. Das hatte auch Eigens alter Freund Mwai Kibaki versprochen, als er 2003 in Kenia an die Macht kam. Eine grosse Hoffnung. Bald darauf konnte man selbst in europäischen Medien die Nachricht vernehmen, dass sich in Nairobi 18 Passagiere eines Kleinbusses strikt geweigert hatten, einem Polizisten das übliche Schmiergeld zu zahlen. Es war ein Triumph.
«Anderthalb Jahre machte Kibaki alles richtig», sagt Eigen, «dann fiel er zurück in alte Strukturen.» Der Mann habe es damals durchaus ernst gemeint, glaubt er, doch er sei umgeben gewesen von einer korrupten Machtelite, gegen die er sich wohl mit zunehmendem Alter nicht mehr habe behaupten können. Ausserdem sei er schon lange krank gewesen, bei ihren letzten Treffen vor Jahren sei er im Gespräch immer eingeschlafen. So erkläre er sich das. Nein, Freunde seien sie nicht mehr. Und ja, er sei enttäuscht. Sein ehemaliger Vermieter Uhuru Kenyatta steht heute wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Den Haag vor Gericht. Manchmal habe er die Nase voll.
Aber dann macht er doch weiter. Zurzeit arbeitet er mit am «Natural Resource Charter», zwölf Grundsätzen, die rohstoffreichen Ländern helfen sollen, die Rohstoffe im Sinne des Allgemeinwohls zu nutzen. Nächste Woche muss er deswegen nach Genf. In Berlin packt Eigen morgens manchmal sein Saxophon ein und macht abends auf dem Heimweg noch einen Stop im «Spinnrad», trinkt ein Bier und jamt. Und bald bietet sich hoffentlich auch wieder die Gelegenheit, zu reiten. Im Grunewald. Wie Robin Hood.
Anja Jardine ist Folio-Redaktorin.
Korrektur: Der Präsident von Nigeria heisst Goodluck Jonathan. Olusegun Obasanjo war von 1976 bis 1979 und von 1999 bis 2007 Präsident von Nigeria.