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| Gerontius (geschrieben um 440) - Das Leben der heiligen Melania (Vita Melaniae)

55.
Diese Nachricht empfand sie mehr als die Qualen der Krankheit. Sie sagte uns: "Bringt mich zu ihm, bevor ich sterbe!" Wir wagten aber nicht einmal, sie anzurühren, denn ihr Fuss war wie dürres Holz. Sie drängte: "Tragt mich zu meinem Onkel; sonst wird die Gefahr, worin ich schwebe, noch grösser infolge des Kummers." Wir brachten also nach ihrem Befehl eine Sänfte und legten sie mit grosser Mühe darein. Ich eilte voraus zum Palaste und fragte nach dem Befinden des Expräfekten. Bekannte gaben die Antwort: "Er wollte gestern die Heilige holen lassen, doch als er von ihrer schweren Erkrankung hörte, liess er die Herrin Eleutheria, die Amme der frommen Kaiserin Eudoxia, rufen und empfing mit Gottes Gnade die Taufe," Sobald ich das vernommen hatte, war ich hocherfreut im Herrn und sandte schleunigst einen Reiter mit dieser Botschaft an die Selige. Kaum hörte sie, dass der Onkel getauft sei, begann sie mühelos zu gehen und der Teufel entwich zur nämlichen Stunde tiefbeschämt und die Selige war [S. 485] von allen Schmerzen erlöst. War sie zuvor kaum fähig, sich tragen zu lassen, so stieg sie nun selber alle Stufen hinauf, durchschritt das Seitentor des Palastes und trat in die Wohnung der frommen Kaiserin Eudoxia. Staunend priesen alle den Herrn ob der Niederlage, die der Feind des Heiles erlitten hatte. Sie sass die ganze Nacht am Krankenlager des Onkels, ihn tröstend. "Wahrhaft selig bist du, Herr," so sagte sie, "denn in dieser Welt hast du hohen Ruhm genossen und in der künftigen kommst du zum Herrn, gerechtfertigt durch das Bad der Unsterblichkeit," Und sie liess ihn dreimal1 teilnehmen an den heiligen Geheimnissen und freute sich, als er mit Tagesanbruch - es war das Fest der heiligen Erscheinung Gottes - im Frieden hinging zum Herrn. Während alle dem dankten, der grosse Wunder wirkt,2 pries die Selige seine grenzenlose Barmherzigkeit. Indem sie sagte: "Wie treu besorgt ist seine Güte doch um jede Menschenseele! Denn er hat es so gefügt, dass er bis von Rom und wir von Jerusalem an diesen Ort uns begeben mussten, damit seine Seele gerettet wurde, die das ganze Leben lang ihn nicht erkannte."
1: Der Kranke kommunizierte also derimal (6. Jan. 437), wie auch Melania selbser nach dem lat. Texte (nach dem griechischen wenigstens zweimal) an ihrem Sterbetag.
2: Ps 71,18.