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Frühling: So bringen Sie frischen Wind in Ihre vier Wände
Jean-Claude Biver: «Ich bin ein Sünder»
Seit über 40 Jahren prägt er die Schweizer Uhrenindustrie: Der Unternehmer Jean-Claude Biver spricht über seine Familie, die aktuelle Flüchtlingswelle, den Umgang mit Niederlagen und erklärt, warum er seinen Lohn nicht bekannt gibt.
Sitzungszimmer bei Hublot in Nyon. Am Horizont: Genfersee und Savoyer Alpen. Im Nebenzimmer: Jean-Claude Biver am Telefon. Eine Minute vor dem Termin stürmt der 67-Jährige gut gelaunt ins Sitzungszimmer. Bonjour.
Bluewin: Herr Biver, wir machen heute ein Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und sie antworten möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».
Jean-Claude Biver: Ich werde nie weiter sagen und ich werde versuchen, keine zu langen Antworten zu geben.
Tesla oder Aston Martin?
Beides (lacht laut). Der Tesla ist für jeden Tag, der Aston Martin für die Freude. Der Tesla ist Technologie, der Aston Martin ist Kunst. Technologie und Kunst widersprechen sich nicht. Technologie wird irgendwann veraltet, Kunst ist für die Ewigkeit.
Hublot oder Blancpain?
So wie eine Mutter von zwei Kindern nicht sagen kann, welches sie mehr liebt, so kann ich nicht sagen, welche dieser beiden Firmen mir mehr am Herzen liegt. Was ich sagen kann: Blancpain war für mich so etwas wie der Steigbügel in die Uhrenbranche und mit Hublot erreichte ich meinen grössten Erfolg.
Mechanische Uhr oder Smartwatch?
Die mechanische Uhr ist Uhrmacherkunst, die Smartwatch wird wie das Fernsehen in einigen Jahren veraltet sein.
Bücher bringen uns zum Schreiben heisst es. Welches Buch war das in Ihrem Fall?
Es war kein Buch, es waren meine Studenten-Vorträge. Ich rede mindestens 30 Mal pro Jahr an Universitäten im In- und Ausland. Einmal kam ein Professor auf mich zu und meinte, ich solle meine Idee in einem Buch zusammenfassen, damit ich dieses nach den Vorträgen den Studenten abgeben könne. Meine Erfahrung, meine Ethik, meine Moral, meine Kunst – all das möchte ich mit meinem Buch weitergeben.
Jean-Claude Biver klatscht mehrmals laut in die Hände. Momoll, da will einer den Takt angeben. Sein Versprechen, sich kurz zu halten, hat er bereits vergessen.
«Du kannst alles, wenn du nur willst» – ein toller Buchtitel, aber würden Sie das auch zu einem syrischen Flüchtling sagen?
Ja, das würde ich. Ein Flüchtling kommt zu uns, weil er denkt, dass er in Europa mehr Chancen hat. Flüchtlinge sind mutige Menschen und meistens sehr intelligent. Es sind Menschen, die für ihre Flucht viel Geld bezahlt haben. Manche zahlen über 5000 US-Dollar, um es nach Europa zu schaffen. Das ist auch für einen Schweizer viel Geld. Flüchtlinge erleben schreckliche Dinge und trotzdem lassen sie sich nicht von ihrem Traum abbringen. There's nothing you can make that can't be made.
In Medienberichten werden Sie als «Zauberer der Uhren-Branche» und «Prototyp eines erfolgreichen Schweizer Unternehmers» betitelt. – Wollen Sie perfekt sein?
Nein, perfekt ist nur Gott. Ich bin ein Sünder. Ich habe viele Fehler gemacht und mache sie immer noch. Ich kann natürlich in einem Buch schreiben, wie man es machen sollte. Ob ich mich daran halte, ist eine andere Frage. Zumindest aber ist es ein Anfang. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich wollte keinen Alkohol mehr trinken. Als ich dies meiner Familie erzählte, lachten alle. Aber für mich war es der Anfang.
Trinken Sie heute keinen Alkohol mehr?
Ich trinke noch, aber nur so viel, dass ich es nicht merke.
Zu welcher Tageszeit sind Sie am produktivsten?
Zwischen 4 Uhr morgens und 12 Uhr mittags.
Wann langweilten Sie sich zum letzten Mal?
Vor drei Wochen im Wartesaal meines Arztes.
Sind Sie krank?
Nein. Weil ich nie eine Mütze trage, bekam ich Sonnenflecken auf meiner Glatze. Jetzt musste ich sie wegmachen lassen, damit ich keinen Hautkrebs bekomme.
Wer hätte das gedacht: Der Uhren-Manager kann auch ganz kurz antworten. Mal schauen, wie lange er durchhält?
Wann zum letzten Mal ausgeschlafen?
Am Sonntagmorgen bin ich erst um 5.30 Uhr aufgestanden.
Wenn Sie ohne Wecker aufstehen, wann werden Sie wach?
Ich stehe immer ohne Wecker auf.
Sie sind ein schlechter Kunde für die Uhrenbranche.
Das stimmt nur bedingt, die Uhrenbranche baut heute mehr Armbanduhren als Wecker.
Der Schlaf kommt bei Ihnen zu kurz. Nie Angst gehabt vor einem Burn-out oder anderen gesundheitlichen Schäden?
Nein, man kann kein Burn-out von einer Leidenschaft bekommen. Man bekommt ein Burn-out nur von der Arbeit.
Im Buch schreiben Sie: «Die Natur bestimmt den Rhythmus unseres Lebens: Es gibt Tag und es gibt Nacht.» – Sie arbeiten regelmässig in der Nacht. Ist das nicht gegen den natürlichen Rhythmus?
Die Natur hat auch Phasen, in welchen sie früher wach wird am Morgen ...
... aber nicht im Winter.
Deshalb fange ich im Sommer noch früher an zu arbeiten (lacht laut).
Im Buch heisst es weiter: «Ich habe in meinem Leben nie einen Trennstrich gemacht zwischen Berufs- und Privatleben.» – Fanden das Ihre Frau und Ihre Kinder immer lustig?
Nein, die finden es nicht unbedingt lustig, aber sie finden es nötig für mich. Und sie respektieren meine Leidenschaft.
Warum gehen Sie überhaupt so früh am Morgen ins Büro?
Damit ich um 18 Uhr daheim bin und zusammen mit meiner Familie das Abendessen einnehmen kann. Aber es hat noch einen anderen Grund: 1984 ging ich zum späteren Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, der damals noch Bürgermeister von Lausanne war, um einen Kredit für Blancpain zu verhandeln. Er gab mir einen Termin morgens um fünf Uhr und folgenden Ratschlag: Es gibt viele Leute, die so gut sind wie du. Wenn du deine Konkurrenz schlagen willst, musst du einfach früher aufstehen und täglich zwei Stunden mehr arbeiten. Nach sieben Minuten setzte mich Delamuraz wieder vor die Türe. Einen Moment lang war ich niedergeschlagen, dann fuhr ich mit dem Auto ins Büro. Seither gehe ich immer so früh arbeiten.
Haha! Gelächter. Dann knallt Biver die Faust auf den Tisch.
Warum überhaupt zur Arbeit gehen?
Es ist meine Leidenschaft.
Schon mal hart gearbeitet im Leben, ohne Geld dafür zu kriegen?
(Langes Nachdenken) Noch nie. Hart arbeiten heisst für mich, dass ich leiden muss. Zum Glück musste ich das noch nie. Als Student musste ich Bierflaschen einräumen. Das war langweilig und darum hart, aber ich wurde dafür bezahlt.
Wann darf ein Mensch streiken?
Es sollte eigentlich nie zu einem Streik kommen. Ein Streik ist eine Drohung und das ist keine gute Idee. Aber ich weiss, manchmal ist ein Streik nötig, weil es einfach nicht anders geht.
Ihr Traumberuf als Zwölfjähriger?
Ich hatte keinen.
Wahr, dass Sie Ihre erste Uhr – eine Omega Constellation, die Ihnen Ihr Grossvater schenkte – verloren haben?
Ich war acht, als mir mein Grossvater zur Kommunion seine Omega Constellation schenkte. Ich war stolz, fühlte mich erwachsen. Nach dem Kommunionsessen musste ich die Uhr den Eltern abgeben. Erst mit 18 bekam ich sie wieder. Meine Mutter sagte: «Pass gut auf sie auf.» Sechs Jahre später verlor ich die Uhr beim Skifahren. Ich habe die Uhr nicht respektiert und wurde dafür bestraft. Das war eine gute Lektion.
Wann zum letzten Mal geweint?
Gestern Abend. Im Fernsehen brachten sie einen Bericht über eine Familie in Frankreich, die wegen Erbstreitigkeiten ermordet worden sein soll.
Sind Niederlagen wichtig?
Sie sind nötig, das ist mehr als wichtig. Albert Einstein sagte einmal: «Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.»
Sie plädieren für Liebe bei der Arbeit. Bei der EMS Chemie hingegen, die von Magdalena Martullo-Blocher geleitet wird, gilt: Der Auftrag kommt vor dem Menschen.
Wir von der Uhrenindustrie verkaufen Träume und Emotionen. Bevor wir also an den Umsatz denken, müssen wir unsere Kunden zum Träumen bringen. Frau Martullo produziert ein rationelles Produkt, wir ein irrationelles. Deshalb müssen wir umgekehrt denken.
Wie viele Menschen haben Sie in Ihrem Leben entlassen?
Leider habe ich in meinen 42 Jahren im Geschäft knapp 50 Leute entlassen müssen. Wenn man die Konsequenzen einer Entlassung kennt, versucht man sie zu vermeiden.
Wovor fürchten Sie sich am meisten?
Dass meinen Kindern etwas Schlimmes passiert.
Was ist Ihnen heilig?
Die Liebe. Die Liebe ist Gott. Jede Religion sagt, Gott ist die Liebe. Und Gott ist heilig. Wenn Gott heilig ist und die Liebe Gott ist, dann ist die Liebe heilig.
Glauben Sie an Gott?
Ich glaube an die Liebe, was mir erlaubt, an jeden Gott zu glauben.
Welches war die dunkelste Zeit in Ihrem Leben?
Die Monate nach meiner ersten Scheidung waren peinlich. Es war keine einfache Zeit, aber ich habe viel gelernt.
Apropos Krisen: Ihre Branche hat schon bessere Zeiten erlebt. Seit Monaten sinken die Exporte. Haben wir eine neue Uhrenkrise?
Wissen Sie, die Umsätze unserer Industrie sind in den letzten zehn Jahren jedes Jahr um 8 Prozent gestiegen, jetzt können wir auch einmal zwei Jahre 8 Prozent runtergehen. Das ist noch lange keine strukturelle Krise. Aber wir müssen aufpassen, dass die junge Generation weiterhin interessiert an Uhren ist. Am Autosalon in Genf haben mir Händler erzählt, die jungen Leute hätten immer weniger Interesse an Autos und würden den Führerausweis nicht mehr machen. Wir haben ein ähnliches Problem: Viele Jungen tragen keine Uhr mehr, weil sie die Zeit auf dem Smartphone ablesen.
Die schönste Sache, die man sich für fünf Schweizer Franken leisten kann?
Ein Kägi fret oder ein Ragusa kaufen, mit dem Zug nach Glion oberhalb von Montreux fahren, dort auf den Genfersee und die verschneiten Walliser Alpen schauen und die Schoggi essen.
Verraten Sie Ihren Jahresverdienst?
Nein.
Warum nicht?
Wegen der Steuerbehörden (lacht laut). Ernsthaft, die Frage ist berechtigt. Ich nenne meinen Verdienst nicht, weil in der Schweiz Diskretion gilt. Die Schweizer treten oft bescheidener auf, als sie es in Wirklichkeit sind. Viele Schweizer fahren zum Beispiel absichtlich ein günstiges Auto, obwohl sie sich ein teures leisten könnten.
Es gibt Schauspieler, Sportler und Manager, die sehr viel Geld verdienen. Warum ist das bei Sportlern und Schauspielern zulässig, bei Managern aber nicht?
Ich weiss es nicht. Ein Unternehmer bringt mit seiner Tätigkeit der Gesellschaft wahrscheinlich viel mehr als ein Sportler. Dafür lässt uns dieser träumen, und Träume haben keinen Preis.
Schon mal ohne fremde Hilfe Ihre Steuererklärung gemacht?
Ja, mit 20.
Für was geben Sie am meisten Geld aus?
Persönlich gebe ich wenig aus. Am meisten Geld investiere ich in meine Häuser. In Südfrankreich, wo ich ein Ferienhaus besitze, kaufte ich kürzlich ein Stück Wald. Ein total irrationaler Kauf, aber ich wollte mehr Freiheit, mehr Natur und mehr Luft habe.
Welche Farben haben Ihre Kreditkarten?
Gold und blau.
Wo tragen Sie Ihr Portemonnaie?
In der rechten Hosentasche.
Portemonnaie? Das ist jetzt ziemlich übertrieben: Ein breites, schwarzes Gummiband hält Bivers Kreditkarten und Banknoten zusammen.
Rührendster Gegenstand, den Sie in Ihrem Portemonnaie mit sich herumtragen?
Meinen Exit-Ausweis. Die Bilder von meiner Frau und meinen Kinder habe ich in meiner Aktentasche.
Wie viele Uhren besitzen Sie?
Nicht so viele, vielleicht so gegen 100 Stück.
Ihr absolute Lieblings-Uhr?
Eine Hublot All Black. Diese Uhr hat einen Trend begründet. Als wir sie 2006 lancierten, verstanden es die Leute anfänglich nicht, warum wir eine Uhr bauen, bei der man die Zeit nicht ablesen kann. Es gab Widerstand, viele sagten: «Das ist Quatsch.» Die Uhr ist ein Erfolg geworden.
Ihr liebstes Küchengerät?
Unser Fondue-Caquelon.
Ihr absoluter Lieblings-Käse?
Mein selber produzierter Etivaz-Käse, der sich übrigens wunderbar für Fondue eignet.
Der letzte Liebesbeweis Ihrer Frau?
Als ich am vergangenen Sonntag um 5.30 Uhr aufgestanden bin, war das Frühstück bereits vorbereitet. Dazu lag ein kleiner Zettel auf dem Tablar: «Ich warte auf dich um 13 Uhr.» Es war wie eine Segnung. Danach ging ich auf eine Skitour.
Ihr letzter Liebesbeweis?
Am Valentinstag schenkte ich meiner Frau eine Ledertasche, die ein Street-Painter speziell für sie besprayt hatte.
Welches war der historischste Moment in Ihrem Leben?
Es gibt nicht einen – es waren fünf: Die Geburten meiner Kinder.
Die längsten Ferien, die Sie je gemacht haben?
Als Student reiste ich drei Monate durch Griechenland.
Wo liegt der total entspannte Jean-Claude Biver?
Zuhause.
Haben Sie George Clooney bereits zur Schwangerschaft seiner Frau Amal gratuliert?
Ich habe mal Golf mit ihm gespielt, aber gratuliert habe ich noch nicht.
Sie wurden mit 51 nochmals Vater. Sind ältere Väter bessere Väter?
Ich bin ein besserer Vater heute, weil ich mehr Erfahrung habe. Ob es andere auch sind, weiss ich nicht.
Wann haben Sie zum letzten Mal mit Ihrem jüngsten Sohn etwas allein unternommen?
Vor fünf Wochen unternahmen wir zusammen eine Skitour.
Wie viel Sackgeld kriegt ihr jüngster Sohn?
Ich glaube, er bekommt 25 Franken pro Woche.
Wie viel Sackgeld hatten Sie?
10 Franken pro Monat.
Sie sind 67. Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich würde gerne antworten, dass ich keine Angst habe. Aber aus Erfahrung weiss ich, dass wenn der Tod naht, sich viele Menschen fürchten.
An was, das Sie in Ihrem Leben geleistet haben, wird man sich im Jahr 2060 noch erinnern?
Dass wir mit Blancpain 1982 die mechanische Uhr wieder zum Leben erweckt haben, obwohl dies damals niemand für möglich hielt.
Ich gebe Ihnen zum Schluss Stichworte. Sie ordnen sie ein auf einer Skala zwischen eins, minimale Begabung, und zehn Punkte, maximale Begabung: Chef?
8 Punkte.
Käser?
2.
Bauer?
2.
Ehemann?
7.
Vater?
8.5 (lacht laut). Die Liebe, die ich meinen Kindern und meiner Frau schenke, ist das Maximum, was ich geben kann, also eine 10. Aber die Form, in welcher ich die Liebe weitergebe, ist sicher nicht immer eine 10. Wie viele Punkte sagte ich beim Ehemann nochmals? 7? Ach, das ist mehr, ich gebe mir da 8 Punkte. Ich versuche wirklich ein guter Ehemann zu sein, aber natürlich mache ich nicht immer alles richtig.
Zur Person: Jean-Claude Biver
Jean-Claude Biver (67) wurde in Luxemburg geboren, kam als Kind in die Schweiz. Den Schweizer Pass besitzt er erst seit 2011. Der erfolgreiche Unternehmer leitet das Uhrengeschäft des französischen Luxuskonzerns LVMH. Biver ist unter anderem verantwortlich für die Marken Hublot, Tag Heuer und Zenith. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat fünf Kinder.
Den Uhren-Manager im Bild zeigen wir Ihnen in unserer Galerie.
Das Buch
Das Buch «Du kannst alles, wenn du nur willst» (128 Seiten) von Jean-Claude Biver ist dieser Tage im Orell Füssli Verlag erschienen. Preis: 24.90 Fr.