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So reist der blinde Martin Näf allein durch die Welt
Er reist per Bus, Zug und Schiff durch Afrika und Asien. Einmal wurde er zum Rektor einer Universität im Ostkongo ernannt, einmal spontan Vater. Dass Martin Näf auf seinen Reisen die Welt nicht sehen kann, ist für den Basler zweitrangig. - von Michael Hugentobler — az Aargauer Zeitung 10.12.2012Er wird sich am Mittwoch mit seinem Stock durch den Flughafen tasten. Er wird ins Flugzeug nach Niamey steigen, einen Fensterplatz braucht er nicht. Er wird nach Afrika fliegen und sechs Monate dort bleiben. Auf seiner Reise wird er nichts sehen, denn Martin Näf ist blind.
So ist es geplant, das Zugticket zum Flughafen hat er gekauft, den Flug in den Niger gebucht. Er ist bereit. Nur das Visum fehlt. Die Botschaft von Niger hat Angst um ihn. Er könnte verunfallen, überfallen oder entführt werden. Näf will sich nicht von der Angst anstecken lassen. So gehe das Vertrauen in die Mitmenschen zugrunde, sagt er. Kennt er keine Angst? «Nur die Angst vor der Langeweile», sagt er.
Hilfe für Kinder im Ostkongo
Martin Näf gründete die Hilfsorganisation Darsi La Mano mit einigen Freunden, um den Wiederaufbau der École de l'Unité in Butembo im Ostkongo zu unterstützen. Es ist eine Privatschule für verwahrloste Kinder vom Kindergartenalter bis zur zwölften Klasse. In der Demokratischen Republik Kongo bekommen die meisten Lehrer keinen Lohn vom Staat. Kinder, die für ihre Bildung nicht bezahlen können, werden an Schulen nicht zugelassen. Näf will dies an der École de l'Unité ändern, indem er regelmässige Zuschüsse an die Betriebskosten bezahlt. Dazu gehören auch 1500 Dollar pro Jahr für eine tägliche Mahlzeit für die 30 Kindergärtner. Die Hilfsorganisation vermittelt Sponsoren, sowohl in Form von Mäzenen im Kongo, als aus durch Spenden in der Schweiz. Als Erziehungswissenschafter und Pädagoge ist Näf in ständigem Kontakt mit dem Schulleiter via Skype und Telefon.
Er sitzt im Café des Hotels Schweizerhof in Basel, eine Tasse Milchkaffee vor sich. Nachdem er die Tasse einmal berührt hat, weiss er, wo sie steht. Er streckt seinen Arm aus und befühlt eine Vase voll weihnachtlichem Schmuck, zieht eine getrocknete Orangenscheibe hervor, dreht sie durch die Finger. Es sei nicht das erste Mal, dass er loszieht, sagt er.
Im öffentlichen Bus durch die USA
Er war im Greyhound-Bus durch die USA unterwegs, und zurück nach Europa wollte er segeln, aber der Skipper setzte ihn auf den Bermudas aus, wegen Verdacht auf Meuterei. Er fuhr in Bussen und Zügen durch die Türkei, Iran und Pakistan nach Indien. Vom südindischen Chennai bis Kalkutta sass er während 35 Stunden auf dem Trittbrett eines Zuges. «Das ist Freiheit», sagt er.
Näf geht nicht nur fort, weil er unterwegs sein will, er geht auch, weil er sich in der Schweiz immer unbehaglicher fühlt. Es geht ihm um die übervollen Regale in den Supermärkten, die Waschmitteltürme, die Schokoladenberge in der westlichen Welt - und die Zunahme der Armut in Afrika und Asien. «Diese Kluft bedrückt mich», sagt Näf. Sie treibe die Menschen auseinander. «Wir leben auf demselben Planeten und kennen uns kaum.» Ein einfaches Leben mit mehr Nähe zu den Menschen sei ihm lieber.
Kommt er an einem Bahnhof an, steigt er aus dem Bus oder Zug und wartet, bis er angesprochen wird, oder bittet jemanden um Hilfe. «Ich nenne das people surfing.»
Er sieht die Welt nicht mit den Augen, sondern mit den Ohren. Länder sind für ihn Stimmen, die Geschichten erzählen. Zum Beispiel der Bettler Moussa in Burkina Faso, der Näf von der Kindheit als Koranschüler erzählte. Sie waren zwei Wochen zusammen unterwegs und beim Abschied fragte Moussa, ob Näf nicht sein Vater sein könne. «Ich habe jetzt einen Sohn - im Herzen», sagt Näf. Bevor sie sich verabschiedeten, kaufte Näf seinem Wahl-Sohn einen Esel mit Karren, damit er Geld verdienen kann
Sehbehinderung als Teenager
Geboren wurde Näf am 7. Juli 1955 als zweites von drei Kindern in Luzern. Einige Monate nach der Geburt stellten die Ärzte bei ihm eine starke Sehbehinderung fest. Als Kind wurde er von den Eltern ermutigt, nie aufzugeben. «Wenn ein Radio kaputt ist, kann man sich darüber ärgern - oder man kann es aufschrauben und zu reparieren versuchen», sagt er. Im zweiten Jahr am Humanistischen Gymnasium Basel erblindete er. Erinnerungen an die Zeit des Sehens hat er noch, aber sie sind weit weg. «Es ist wohl ähnlich, wie wenn jemand als Kind aus Sri Lanka auswandert und in die Schweiz zieht.» 40 Jahre später seien noch Bilder im Kopf von Palmen an einem Strand, aber sie seien längst durch aktuelle Erlebnisse ersetzt worden.
Nach dem Gymnasium zog es Näf in die Ferne. «Man ist nun ja frei und darf zum ersten Mal tun, was man will.» Er ging studieren an die Universität von Oregon in den USA, später studierte er in Basel Geschichte, Anglistik, Pädagogik und Heilpädagogik. Dann politische Philosophie, Psychologie und Psychopathologie. Er schrieb Bücher über alternative Schulformen, arbeitete als Lehrer, Erzieher, Erwachsenenbildner. Und dazwischen die Reisen.
Vor zwei Jahren kündigte Näf dann seine Wohnung. «Ich wollte verhindern, dass ich beim ersten Koller gleich aufgebe.» Über Tanger in Marokko fuhr er nach Mauretanien, Burkina Faso und in den Niger. Dort hörte er von einer kleinen Universität im Osten der Demokratischen Republik Kongo, der Université Panafricaine de la Paix. Er reiste hin.
Der Unigründer ist ein fundamentalistischer Bischof
Näf unterrichtete Psychologie und Englisch und nach zwei Monaten fragte der Gründer der Universität, ob er nicht Rektor werden wolle. Dann stellte Näf allerdings fest, dass der Uni-Gründer nebenher Bischof einer evangelikalen US-Kirche ist. «Eine liberale Uni und einen fundamentalistischen Bischof konnte ich nicht miteinander in Einklang bringen.» Während seiner kurzen Zeit als Rektor hatte er einen Assistenten, Alain Saasita. Saasitas Mutter betrieb eine Schule 400 Kilometer weiter nördlich in Butembo. Da die Mutter gesundheitliche Probleme hatte, beschloss Saasita die Leitung zu übernehmen.
Saasitas Mutter hatte die Schule für verwahrloste Kinder gegründet, als das Land 1996 im Chaos versank. Sie wollte verhindern, dass die Jugendlichen den Rebellen beitraten, sowohl freiwillig als auch unfreiwillig. «Die Situation ist heute erneut angespannt», sagt Näf. Kürzlich fielen die M23-Rebellen in die Provinzhauptstadt Goma ein.
Entwicklungshilfe im Ostkongo
Als Näf in der Schule ankam, fehlte es an Geld, die Dächer hatten Löcher, Lehrer waren mit Büchern verschwunden und die Anzahl Schüler war auf 30 gesunken. Näf investierte 700 Dollar in Wellblech, damit es nicht mehr in die Schulzimmer regnete. Er reiste zurück in die Schweiz, und bei seinem zweiten Besuch in der École de l'Unité brachte er zwei rote Schalenkoffer voller Schulmaterial mit.
Heute ist die Schule in der Region als Insel der Sicherheit bekannt, 110 Schüler werden unterrichtet, jeder Platz ist belegt. Mit dem Chaos und der zunehmenden Armut im Ostkongo kommen in der Schule mehr Kinder an. «Als Nächstes wollen wir ein angrenzendes Stück Land kaufen, wo wir selber Gemüse anbauen und mehr Kinder unterbringen können», sagt Näf.
Noch sitzt Martin Näf im Café des Hotels Schweizerhof in Basel. Afrika mag weit weg sein, aber mit jeder Stunde kommt es näher. Dass er kein Visum bekommen oder dass ihm etwas zustossen könnte, weiss er. Aber sowohl als Blinder als auch als Reisender will er sich nicht entmutigen lassen. «Die Menschen schliessen sich zu sehr in gedankliche Käfige ein», sagt Näf. Aber man ist nicht alleine auf der Welt. «Es gibt immer jemanden, der einem hilft.»
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