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Streng genommen ist die Überschrift zu diesem Beitrag nicht korrekt, der Zusatz „Schlucht“ wird normaler Weise nicht verwendet, da „Die Schöllenen“ (rätoromanisch „La Scalina“) der Name der Schlucht an sich ist. Trotzdem taucht dieses Konstrukt weitaus häufiger in einschlägigen Publikationen auf, als die korrekte Variante. Nun ja, das Thema „Sprachen“ ist in der Schweiz sehr „speziell“, wie man hier zu sagen pflegt, aber egal. Im Laufe unzähliger Jahrtausende hat der Fluss mit Namen „Reuss“ hier im harten Granit des Gotthard-Massivs eine eindrückliche Schneise geformt, hier bekommt man einen sehr nachhaltigen Eindruck von der rauhen, fast schon wild anmutenden Schweiz. Im Kanton Uri (einem der Ur-Kantone der Schweiz) zwischen Göschenen und Andermatt gelegen, windet sich hier die Reuss zwischen engen und tief abfallenden Gebirgszügen hindurch. Vor dem Bau des Gotthard-Strassentunnels, der sich über 16 Kilometer durch jenes Massiv frisst, war der alte Gotthard-Pass einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen und die Schöllenenschlucht die am schwierigsten zu überbrückende Passage jenes Passes. Man vermutet, dass um 1200 herum erste Anstrengungen unternommen wurden, diesen Bereich des Massivs durch schmale Pfade passierbar zu machen – wenn man sich heute die immer noch recht „rustikal“ anmutenden Strassen und Wege in dieser höchst unwirtlichen Gegend anschaut, die intensiv befahren werden, so mutet der Gedanke an jene Anstrengungen seinerzeit geradezu „wahnsinnig“ an! Aber wie das so ist: Wenn sich Mensch in den Kopf gesetzt hat, von A nach B zu gelangen, dann macht er das auch und so wurde diese Schlucht sogar mehrfach wieder passierbar gemacht, nachdem Brücken und Wege durch Unwetter, kriegerische Auseinandersetzungen oder aber durch Verfall aufgrund mangelnder Nutzung zwischenzeitlich verschwanden. Und wenn ich schon von „Brücken“ schreibe, so sei angemerkt, dass die insgesamt drei Brücken, die hier gebaut wurden, allesamt den Namen „Teufelsbrücke“ trugen oder bis heute tragen. Der Sage nach verzweifelten zahlreiche Menschen an dem Versuch, hier überhaupt eine Brücke zu errichten (und ich betrachte die gelungenen Unternehmungen selbst als Meisterleistung!). Zitat aus Wikipedia:
Einer Sage zufolge wurde die erste Teufelsbrücke vom Teufel errichtet. Die Urner scheiterten immer wieder an der Errichtung einer Brücke. Schliesslich rief ein Landammann ganz verzweifelt aus: „Do sell der Tyfel e Brigg bue!“ (Da soll der Teufel eine Brücke bauen!) Kaum ausgesprochen, stand dieser schon vor der Urner Bevölkerung und schlug ihnen einen Pakt vor. Er würde die Brücke bauen und als Gegenleistung bekomme er die Seele desjenigen, der als Erster die Brücke überquere. Nachdem der Teufel die Brücke gebaut hatte, schickten die schlauen Urner einen Geissbock über die Brücke. Der Teufel war über diesen Trick sehr erzürnt und holte einen haushohen Stein, mit dem er die Brücke zerschlagen wollte. Es begegnete ihm aber eine fromme Frau, die ein Kreuz auf den Stein ritzte. Den Teufel verwirrte das Zeichen Gottes so sehr, dass er beim Werfen des Steines die Brücke verfehlte. Der Stein fiel die gesamte Schöllenenschlucht bis unterhalb des Dorfes Göschenen hinab und wird seit daher „Teufelsstein“ genannt.
Irgendwie verwundert es mich nicht, dass es insbesondere in den hochalpinen Regionen der Schweiz Sagen dieser Art existieren, selbst auf mich wirkt so manch eine Region geradezu „von Gott verlassen“ und zuweilen sogar gespenstisch (wofür ich weitaus mehr einen Faible habe, als für das klassisch-christliche… nun ja… „Züügs“, wie man ebenso so schön hier sagt!). Aus historischer Sicht ist die erste der drei Brücken gleich zweifach interessant: Während des zweiten Koalitionskrieges kämpften russische und französische Truppen um diese wichtige Passage, entsprechend findet man hier auch Gedenkstätten. Für mich persönlich aber ist die erste Brücke, die nicht mehr existiert, aus einem ganz anderen Grund weitaus interessanter! Im Südwesten meiner Geburtsstadt Berlin, im Ortsteil Wannsee, befindet sich der Park „Klein-Glienicke“ (im Volksmund „Glienicker Park“ genannt). Wer zur Zeit der Preussen-Kaiser Geld und Adelstitel hatte, liess sich vorzugsweise in jenem Stadtteil von Berlin nieder, entsprechend wurde die Landschaft mehrfach dem Zeitgeist angepasst (heute nennt man das „Landschaftsgestaltung“). Ein Teil dieses Parks symbolisiert eine gedachte Überquerung der Alpen, hierfür wurden gesondert ganze Hügel aufgeschüttet (für Berge hat es einfach nicht gereicht, das Prinzip findet sich bis zum heutigen Tage in Form des immer noch nicht in Betrieb gegangenen Hauptstadtflughafens wieder – Stand: 2019). Aus was für einem Grund auch immer baute man zwischen jenen Hügeln eine an die erste Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht erinnernde Version. Selbige wurde bei den Kämpfen zwischen den Franzosen und Russen schwer beschädigt, entsprechend ist die nachwievor existierende Teufelsbrücke in Berlin absichtlich 1837 als Ruine gestaltet worden. Menschen machen manchmal wirklich merkwürdige Dinge – aber zumindest kann ich mit Fug und Recht hier schreiben, dass meine Geburtsstadt Berlin sehr wohl einen recht direkten Bezug zur Schweiz aufweist. Abgesehen von der Schweizer Botschaft in Bestlage und Teuerst-Design. Die Brücken in der Schöllenen dürften aber weitaus bekannter sein, als ihr Berliner Pendant. Wenn Sie als Eidgenosse oder Papierli-Schweizer bei einem Besuch in meiner Heimatstadt jedoch von Sehnsucht geplagt sein sollten, dann besuchen Sie den Glienicker-Park. Immerhin ist es da nicht ganz so „steil-düster“ und „ruinös-wild“, auch gibt es von jener Teufelsbrückenversion keinerlei Sagen…
Man kann die Schöllenenschlucht mit dem Postbus, der Gotthard-Matterhorn-Bahn und selbstredend mit dem eigenen Fahrzeug welcher Bauart auch immer erreichen, Parklplätze sind vorhanden, die Bahnstation sehr nahe gelegen. Für ein Fotomotiv ist diese Schlucht allemal geeignet und meines Erachtens sehr sehenswert.Schweiz