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Am Opernhaus Zürich hatte am Sonntag die kürzlich wiederentdeckte Operette «Barkouf» von Jacques Offenbach (1819-1880) Premiere. Die schillernde Produktion wurde von Regisseur Max Hopp farbenfroh und üppig ausgestattet, Dirigent Jérémie Rhorer sorgte in seinem Debut am Opernhaus für einen inspirierten musikalischen Drive.
Wiederentdeckungen von Werken bekannter Komponisten sind immer eine Sensation. Dass es auch von Jacques Offenbach, dem französischen «König der Opéra-comique», noch ein vollendetes Werk geben könnte, das die Öffentlichkeit nicht kennt, war ziemlich unwahrscheinlich. Oft findet man solche Manuskripte in alten Schränken, die bei den Erben zuhause herumstehen.
So war es auch bei der Operette «Barkouf». Sie lag in einem alten Schrank im Haus von Offenbachs Enkelin, dem Kind seiner Lieblingstochter Jacqueline, das nahe bei Paris steht. Der Musikwissenschaftler Jean-Christophe Keck wusste zwar seit rund 20 Jahren von diesem Schrank, sichten konnte er das Material jedoch erst im Januar 2014.
Ein sensationeller Fund
Als Keck den ominösen Schrank öffnete, fand er, eng in die Regale gezwängt, 20‘000 Manuskriptseiten von Jacques Offenbach, darunter auch die Operette «Barkouf» aus dem Jahre 1860. Diese bissig-böse Satire wurde zwar – trotz der scharfen politischen Zensur – an der Pariser Opéra-Comique erfolgreich aufgeführt, man setzte sie aber nach nur sieben Vorstellungen wieder ab. Der darob sehr frustrierte Offenbach begrub das Werk danach gründlich.
Farbig, üppig und trotzdem eine der schärfsten Politsatiren der 19. Jahrhunderts: «Barkouf». (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)
Die Operette «Barkouf» ist jedoch, wie sich bald offenbarte, die wohl schärfste Politsatire des 19. Jahrhunderts. Sie spielt in der Kaiserzeit (1852-1870) von Napoléon III. Den Auftrag dazu bekam Offenbach von der namhaften Opéra Comique in Paris, das Libretto schrieb der altbewährte Comique-Librettist Eugène Scribe.
Die Verspottung aller staatlichen Autorität
Der Stoff widmet sich der Demontage von Obrigkeitsallüren. Es geht um das Aufdecken willkürlichen Machtgehabes. «Barkouf» ist ein Hund, den der Grossmogul (Andreas Hörl) aus Böswilligkeit gegenüber seinem Volk einsetzt. Das aggressive Tier lässt niemanden an sich heran, auch versteht keiner seine «gebellten» Befehle.
Maïma (Brenda Rae, Mitte) ist die Einzige, die den «regierenden» Hund zähmen kann. Sie glänzt mit Koloraturkunststückchen, exzentrisch hohen Spitzentönen und lyrischem Liebesschmelz.
Das ändert sich jedoch, als Barkoufs frühere Herrin Maïma auftaucht. An ihrer Seite wird er brav wie ein Lamm. Maïma wird schnell als Dolmetscherin des bissigen Befehlshabers eingesetzt, und sie nutzt die Stunde, um dem gebeutelten Volk Steuern zu erlassen, Gefangene freizulassen und ihre eigenen Wünsche umzusetzen.
Eine Partie voller Koloratur-Kunststücke
Die charmante und witzige Partie der Maïma hat Offenbach mit allen möglichen Koloratur-Kunststücken ausgestattet: virtuosen Sprüngen, exzentrisch hohen dramatischen Spitzentönen, lyrisch innigem Liebesschmelz und einem augenzwinkernden «Gurren» der Sängerin auf einem gehaltenen Ton. Die Partie ist so schwer, dass gleich beide Sängerinnen, die damals in Paris für die Uraufführung vorgesehen waren, krankheitshalber absprangen.
Der Hund Barkouf tritt selber nicht auf; hier übernehmen Tänzerinnen im Duett mit Maïma seinen (optischen) Part.
In Zürich verkörpert Brenda Rae diese witzig verspielte Maïma. Sie bewegte sich am Premierenabend trotz schwierigster Koloraturen mit agiler Leichtigkeit und tänzerischem Schwung. Ihr an der Seite sorgte die amerikanische Mezzosopranistin Rachael Wilson als ihre Freundin Balkis für wunderschöne Frauenduette.
Max Hopp als Regisseur
Der bekannte Schauspieler und Regisseur Max Hopp inszeniert dieses unbekannte Stück in Zürich mit viel Sinn für Offenbachs Humor. Seine schauspielerischen Qualitäten spürte man in der sehr genauen Personenführung und der mimischen Ausdruckskraft der Gesichter. Hopp versuchte aber nicht, das Thema der brutalen Willkür-Herrschaft irgendwie auf heute umzudeuten, er betonte vielmehr Offenbachs «Witzfiguren» mit viel Dynamik und üppigen Gewändern (Kostüme Ursula Kundrna).
Der Erzähler, der ab und zu auch bellen kann, André Jung.
Die Geschichte spielt irgendwo in Indien, der grosse Chor, der das gebeutelte Volk darstellt, trägt farbige Stoffe und exotische Turbane wie auf einem indischen Markt. Der Bühnenbau (Marie Caroline Rössle) mit verschiedenen Treppen auf der Drehbühne ist schief und wirkt wie eine aus den Fugen geratene Welt, in der die Geschichte spielt. Der Hund Kardouf wird nur als Schatten sichtbar, er thront hinter weiss erhellten Tüchern in einem goldenen Käfig über dem Geschehen.
Vier Tenöre
Schauspieler André Jung erzählt die satirische Geschichte mit viel Bühnenpräsenz und «bellt» ab und zu auch gerne. Max Hopp übernimmt übrigens diese Erzählerpartie in den Aufführungen vom 17. und 19. November selber. Das grossartige Sänger-Ensemble umfasst unter anderen vier Tenöre: den markant näselnden Spieltenor Marcel Beekman in der Hauptpartie des Bababeck, Mingjie Lei als wunderbar lyrischer Saëb, Daniel Norman als Kaliboul. Den stattlichen «schwarzen» Anführer der Aufständischen Xalïoum sang Sunyboy Dladlad, der kurzfristig für den erkrankten Andrew Owens einsprang.
Die Balletteinlagen nehmen den witzigen Kontext des Stücks ausdrucksstark auf.
Einhellig begeisterter Applaus
Die Balletteinlagen sind, dieser bitterbösen Politsatire entsprechend, temporeich und ausdrucksstark choreografiert (Martina Borroni), während sich der grosse Chor (Einstudierung Ernst Raffelsberger) zusammen mit der leichtfüssig und sehr präzise aufspielenden Philharmonia unter der souveränen Führung von Jérémie Rhorer in einen brillanten wirbelnden Sog hinein steigerte. Das Zürcher Premierenpublikum war einhellig begeistert und spendete stürmischen Applaus.
Weitere Spieldaten: 27, 30 Okt; 4, 6, 9, 13, 17, 19, 22 Nov. 2022
Teaserbild: Bababeck (Marcel Beeckman) und Grossmogul (Andreas Hörl).