Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/1598

Der Steinenberg verbindet den St. Alban-Graben und den Barfüsserplatz und gehört zu jenen Strassen, die nach der Zuschüttung des Stadtgrabens im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert angelegt wurden und noch heute den Verlauf der mittelalterlichen Stadtbefestigung bezeichnen. Den Steinenberg rechnete man im Mittelalter allgemein zur "Steinenvorstadt", genau wie die anderen Strassen dieser Gegend; der Name Steinenberg wird gemäss Salvisberg um 1400 erstmalig genannt, Nagel nennt die Jahreszahl 1452.
Die Innere Stadtmauer als Dominante
Die Burkhard'sche Stadtmauer des 11. Jahrhunderts setzte sich am Steinenberg fort und bog auf der Höhe der heutigen Theaterpassage nach Nordwesten in Richtung Barfüsserplatz ab. Im frühen 13. Jahrhundert wurde diese älteste Stadtbefestigung durch eine tiefer fundamentierte Stadtmauer mit deutlich tieferem Graben ersetzt, die aber direkt zum Birsig hinunter und über den Fluss hinweg den Kohlenberg hinauf führte. Das Teilstück dieser so genannten Inneren Stadtmauer zwischen dem Aeschenschwibbogen und dem Eselturm prägte bis 1820 den Steinenberg: am linken Birsigufer, neben dem schmalen Durchgang zum Barfüsserplatz, dem "Eselstürlein", erhob sich der Eselturm, der aus sandsteinernen Bossenquadern errichtet war und als Gefängnis diente, genauso wie der benachbarte, mitten im Birsig stehende, viereckige Wasserturm. Ein weiterer kleiner Turm (sichtbar auf Merians Vogelschauplan) stand weiter oben, wurde aber schon 1643 geschleift. Die Stadtmauer war an dieser Stelle mit einem Wehrgang bekrönt; der Stadtgraben war rund 15 Meter breit, und da er bereits im 14. Jahrhundert seiner eigentlichen Funktion enthoben worden war, diente er den Anrainern als Gartenland. Der Graben wurde auch verwendet für Einsatzgruben der Rotgerber, Brennhäuschen der Küfner und Bauchhäuser der Buchdrucker zum Aufkochen der Farben. Entlang des Stadtgrabens verlief ein Fahrweg, der in der Talniederung durch das Bachbett des Birsigs führte, während für Fussgänger daneben der so genannte "Steinensteg" oder "Lange Steg" den Fluss überbrückte. Letzteres deshalb, weil die Brücke nicht nur über den Fluss, sondern auch über die seitlichen Geröllablagerungen führte. In Anlehnung an die Gegend vor der Stadtmauer, die wegen des angeschwemmtes Gerölls bereits 1231 als "ad lapides" ("an den Steinen") bezeichnet wurde, ist der rechtsufrige Weg, der den Münsterhügel hinauf stieg, unter dem Namen "Steinenberg" bekannt geworden.
Der Steinenberg war also bis spät ins 19. Jahrhundert eine gewerblich-landwirtschaftlich genutzte Gegend. Am oberen Steinenberg fand bis 1850 auf der Seite zur Innenstadt der Grossviehmarkt statt, auf der anderen Seite im unteren Bereich, bis 1875 der Schweinemarkt. Auf dem Gebiet zwischen Steinen- und Klosterberg befanden sich die Gebäude des einstigen Steinenklosters, in denen sich bis 1856 die Soldaten der Stadtgarnison, die "Stänzler", eingerichtet hatten. 1840 wurde das Verwaltungsgebäude des Kaufhauses am Steinenberg errichtet. Besonders im späten 19. Jahrhundert wurde die Strasse schliesslich zu einer eigentlichen "Kulturmeile" (s. unten)
Im Jahr 1820 wurden der Esel- und der Wasserturm sowie Teile der Stadtmauer niedergerissen und der Stadtgraben zugeworfen. Am Fusse der 1821 eingeebneten Strasse wurde eine steinerne Brücke mit zwei Bogen über dem Birsig erstellt (vgl. Aquarell von J.J. Schneider). Die Behörden legten 1837 für die südliche Häuserzeile eine Baulinie auf der Höhe der ehemaligen Kontermauer fest und genehmigten damit die Überbauung des alten Steinenbergs; mit dem Abbruch des Aeschenschwibbogen wurden 1841 zu beiden Seiten Trottoirs erstellt. Die Fahrbahn wurde nur im unteren Teil gepflastert, ansonsten mit Schotter belegt; erst 1928 erhielt auch der obere Teil ein durchgehendes Steinpflaster.
Der neue Steinenberg am Rande der Innenstadt entwickelte sich rasch zu einem Kulturzentrum, das mit dem Casino (1826) und dem Blömleintheater (1831) von Melchior Berri begonnen wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen weitere Grossbauten in neubarockem Stil von J.J. Stehlin hinzu: die Kunsthalle (1872), das Stadttheater (1875), der Musiksaal (1876), das Steinenschulhaus (1877) und die Skulpturenhalle (1887). Diese Flut von Grossbauten zeugte vom geistigen und kulturellen Führungsanspruch, den das Grossbürgertum und der Staat zu jener Zeit zeigten, aber auch von den städtebaulich-architektonischen Visionen des 19. Jahrhunderts (böse Zungen sprechen vom städtebaulichen Grössenwahn). Von diesen Gebäuden sind nur noch die Kunst- und Skulpturenhalle sowie der Musiksaal erhalten. Die "Kulturmeile" fiel durch den Neubau des mehr zum Klosterbergs hin versetzten Theaters in den 1970er Jahren endgültig auseinander. Der dadurch entstandene, begrünte Vorplatz an der Stelle des ehemaligen Stadttheaters gab Anlass zu Kontroversen. Einerseits lobte man ihn als Oase in der Stadt, andererseits kritisierte man ihn als Baulücke.
Quellen: Nagel 2006, Salvisberg 1999