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«Dieser Lump, das will ein Kritiker sein!» Clara Wieck ist eine gepfefferte Tagebuchschreiberin. Im Winter 1840 hat sie das Publikum im Singverein Berlin mit virtuosem Klavierspiel geködert und ihm anschliessend schwere Kost serviert: die g-Moll-Sonate von Robert Schumann. Dass ein Kritiker dieses von ihr favorisierte Stück übergangen hat, kommentiert sie mit diesem zornigen Tagebucheintrag.
Kurz darauf, am 12. September 1840, geht die europaweit gefeierte Klaviervirtuosin eine Heirat mit Robert Schumann ein. Die Hochzeit findet einen Tag vor ihrem 21. Geburtstag statt. Paris, Prag und Wien hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits erobert. Ihretwegen ist in der Donaumetropole das Beethoven-Fieber ausgebrochen.
Die Virtuosin ist reformpädagogisch geprägt und will ihr Publikum bilden. Sie spielt erstmals überhaupt ungekürzt drei Beethoven-Klaviersonaten im Konzert. Ob sich diese sperrigen Klassiker für die Publikumsbildung eignen, wird noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein diskutiert.
Acht Kinder, Auftritte und Kompositionen
Nach der Heirat mit dem acht Jahre älteren Komponisten bringt sie 1841 das erste von acht Kindern zur Welt. Das Glück des Künstlerpaares scheint perfekt.
Weil sich der Gesundheitszustand ihres Ehemannes verschlechtert, müssen bald Clara Schumanns Einkünfte als Virtuosin und Pädagogin den Unterhalt der Familie sichern. Einer neuen Wohnung mit getrennten Musikzimmern sind 1853 in Düsseldorf ihre letzten Kompositionen zu verdanken.
Für Franz Liszt, den Komponisten und Konkurrenten, stehen Robert und Clara Schumann «auf den höchsten Stufen des Kunstaltars». Produzierende und reproduzierende Kunst sind demnach gleichrangig.
Die Virtuosität Clara Schumanns sei Lebensspenderin des Kunstwerkes und nicht etwa Dienerin der Komposition. Aus der einstigen «Spielgenossin der Musen» ist nach Liszt eine «pflichtgetreue Priesterin» geworden.
Die Virtuosin wird zur Frau am Herd
Die Mythenbildung gewinnt nach dem Tod von Robert Schumann im Jahr 1856 an Fahrt. Gleichzeitig verschwindet die Künstlerin posthum hinter der Witwe. Clara Schumann wird von ihren Kindern auf Idealität getrimmt: als Ehefrau, die ihrem Mann den Rücken freihält.
Zwei ihrer Töchter beauftragen den bekannten Germanisten Berthold Litzmann, die erste Biografie zu schreiben. Sie eröffnen ihm Zugang zu den später vernichteten Tagebüchern und zensieren gleichzeitig seine Darstellung. 1913 erscheinen die drei Bände auch auf Englisch – das zeugt von der Prominenz der Protagonistin.
Tochter Eugenie veröffentlicht 1925 ihre «Erinnerungen» und zementiert darin das Bild der aufopfernden Mutter und Ehefrau. Das kommt der aufstrebenden NSDAP gelegen. Im Gegensatz zu den Künstlerinnen, die zu dieser Zeit am Bauhaus studierten und die man mit Bubikopf, Sex und Zigarette gleichsetzte, verkörpert Clara Schumann die «deutsche» Frau am Herd. Sie eignet sich besser für die nationalsozialistische Propaganda als ihr gemütskranker Ehemann.
Veränderungen erst in den 1970er-Jahren
Dieses Bild überdauert die Nachkriegszeit und wird erstmals durch die US-amerikanische Frauenforscherin Pamela Susskind korrigiert. Sie veröffentlicht 1979 eine Auswahl von Clara Schumanns Klaviermusik und beleuchtet im einschlägigen «New Grove Dictionary of Music and Musicians» neben der Virtuosin auch die Komponistin.
Solchen Pionierinnen des amerikanischen Feminismus verdanken wir die Wiederentdeckung der Künstlerin.