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In der Vergangenheit startete Kanye den ein oder anderen Twitter-Rant, in dem er unter anderem Drake angriff, gegen seine Frau Kim K und seine Schwiegermutter Kris Jenner schoss oder die Sklaverei als Entscheidung, sich unterdrücken zu lassen, bezeichnete. Gerne wird er deshalb als verrückt, wild, paranoid oder irr bezeichnet. Ob er das wirklich ist, sei dahingestellt.
Nur gut zwei Monate nach dem letzten Twitter-Ausbruch folgt der nächste. Kanye veröffentlicht dabei Telefonnummern von wichtigen Leuten, fordert Drake und Co. zur Zusammenarbeit auf und pinkelt auf einen Award. Doch was ist genau passiert?
Gefundenes Fressen für alle Hater und Kritiker des Rappers: In einem über zwei Tage andauernden Twitter-Anfall tweetete Kanye etwa 300 Mal (nicht übertrieben). Unter anderem postete er ein Video, wie er aus Protest auf einen seiner 21 Grammy Awards pinkelte. Dass dieses Video nur die Spitze der Auflehnung gegen die Musikindustrie war, interessiert die Medien nur wenig. Denn eine Schlagzeile liefert vor allem diese Szene.
In einer Reihe von mittlerweile gelöschten Tweets drohte Kanye seinen Labelchefs, dass er, solange er noch bei Universal und Sony unter Vertrag stehe, keine Musik mehr releasen würde. Der Grund war da noch unklar. Doch Yeezy legte bald mit weiteren Tweets nach:
Kanye, der sich in der Vergangenheit auch schon als Jesus bezeichnete, sieht sich als neuer Moses, der die Musikschaffenden und Basketballer aus den versklavenden Fängen der Majorlabels und der NBA (auf die NBA ging er in der folge nicht mehr ein) befreien kann und will. Ein harter Vorwurf, vor allem ohne Kontext. Doch das Motiv folgt auf dem Fuss, denn der Rapper erklärt, dass sein höchstes Ziel wäre, seine Master-Aufnahmen zurückzugewinnen. Denn die Rechte an diesen Master geben dem Besitzer die Möglichkeit, diese zu veröffentlichen, zu vervielfältigen und lassen ihn an jedem Stream und jedem Play verdienen - Masterrechte sind also das Ticket, um Einkommen an Songs zu generieren.
Für Kanye gäbe es verschiedene Wege, an seine Master zu kommen. Zum einen wäre da die Möglichkeit der Re-Recordings, bei denen Kanye die bestehenden Songs noch einmal aufnimmt und so die neuen Versionen behalten könnte. Zum anderen bestünde die Möglichkeit, die Master rauszukaufen, der Preis dafür ist aber, wie ein anonymer Kontakt von Kanye erklärt, horrend. Für solche Verhandlungen ist Yeezy dem Anschein nach nicht offen. Später enthüllte er, dass ihm sowieso keiner von Universal die genauen Kosten durchgeben will.
Die Rechte an den Master-Aufnahmen sind ein Problem, doch noch lange nicht das einzige. Nicht ohne Grund leakt Kanye West jede Seite seiner 10 (!) Verträge, denn er setzt sich auch für mehr Transparenz bei der Vertragsverhandlung mit Künstler, leichter verständliche Verträge im Allgemeinen und keine versteckten Abzüge von Seiten der Labels ein - dafür liess er sich sogar auf Gespräche mit Szenegrössen ein.
Kanye scheint es ernst zu meinen - natürlich meint er es immer ernst. Doch er sucht sich Hilfe bei den Grössten der Szene. In einem seiner 300 Tweets Verwies er auf ein Gespräch mit Jay-Z. Später forderte er Drake, mit dem er eigentlich noch einen Beef führt, Kendrick Lamar und J. Cole auf, sich mit ihm zusammenzusetzen. Das ist ehrlicherweise, sollte dieses Meeting jemals stattfinden, gar keine so schlechte Idee. Denn Drake ist der biggest Artist auf dem Planeten und selbst schon fast grösser als die restliche Musikbranche und Jay-Z ist der Rapper mit den meisten Beziehungen zur wirtschaftlichen und politischen Elite. Was Kanye mit ihnen genau anstellen will, steht zwar noch in den Sternen, Schlagkraft hätten diese Artists aber allemal. Ob aber alle die Interessen Kanyes teilen, ist eine weitere unbeantwortete Frage.
Die realen Folgen des Twitter-Rants waren wahrscheinlich nicht die, die sich Kanye erhofft hatte. Weil er die Nummer des Forbes-Chefredaktors veröffentlichte und so gegen die Twitter-Richtlinien verstiess, wurde er kurzerhand gesperrt. Wie mögliche langfristige Folgen aussehen, haben Russ und Steve Stoute in einem Interview besprochen, in welchem sie diskutierten, wie eine Welt aussehen würde, in der Drake independent gehen würde. Denn Drake wird in ihren Augen in Kürze den grössten Deal aller Zeiten unterschreiben, das die Musikindustrie mehr auf ihn angewiesen ist als er auf sie und die heutige Labellandschaft sonst zusammenbrechen würde.
Ab Minute 47 diskutieren sie den Fall Drake:
Hätten es Kanye, Drake, Cole und Kendrick also selbst in der Hand für nachhaltige Veränderungen zu sorgen? Auf jeden Fall liessen sich wichtige Vertreter der Musikbranche schon auf Gespräche mit Kanye ein. Der Rapper verfolgt das Ziel gegen ungerechte Verträge bei Major-Labels vorzugehen. Es wäre zu hoffen, dass es ihm ein wirkliches Anliegen ist und nicht einfach die nächste manische Phase. Denn nur so hat er eine realistische Chance, sich durchzusetzen. Klar ist, dass er hier jede Unterstützung brauchen kann.