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De l’Allemagne [Über Deutschland]: Es ist Madame de Staël sehr ernst mit diesem Titel. Tatsächlich will sie nicht mehr und nicht weniger als ein Bild liefern des intellektuellen Deutschland kurz vor und kurz nach der Wende zum 19. Jahrhundert. Das gelingt ihr nur in beschränktem Mass, was wiederum verschiedene Gründe hat.
Einmal blendet sie alle Politik aus ihrem Werk praktisch aus. In Anbetracht der Kriege, die seit dem Ausbrechen der Französischen Revolution zwischen Frankreich und deutschen Staaten stattgefunden haben, wohl eine weise Entscheidung. Allerdings blendet sie somit auch zum Beispiel die extrem frankophobe Haltung gewisser deutscher Intellektueller seit der Jahrhundertwende aus. Fichte wäre ein prominentes Beispiel eines Denkers, der auf reine philosophische Theorie reduziert wird.
Schon so finden wir genug Gemeinplätze – Gemeinplätze, welche sich seither zum Teil über Jahrhunderte zu halten wussten. So ist für sie der Deutsche tiefsinnig, aber ein schlechter Gesellschafter; der Franzose ist ein quirliger Debattierer, der aber dem Sinn der Sache nicht auf den Grund geht. Andere Gemeinplätze von ihr haben sich weniger lang gehalten, aber noch das Frankreich von Napoléon III. war überzeugt davon, dass nur der französische Soldat wirklich tapfer in der Schlacht sein könne – mit ein Grund, warum Napoléon III. den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 so leichtfertig vom Zaun brach. Mit der französischen Niederlage verschwand dann allerdings dieser Gemeinplatz von der Weltbühne.
Im Übrigen hat Germaine de Staël als gute Journalistin Deutschland tatsächlich bereist und sich längere Zeit in Weimar, in Berlin und in Wien aufgehalten. Vor allem in Weimar hat sie alles interviewt, was Rang und Namen hatte: Wieland, den sie als den ‚französischsten‘ der Klassiker empfand, Goethe, dessen Misstrauen ihr gegenüber sie wohl spürte, Schiller, dessen sprudelnden Intellekt sie bewunderte. Süddeutschland – mit Ausnahme Wiens – gilt ihr als zu leichtlebig und keiner intellektuellen Kultur fähig, und so lässt sie es weg in ihren Betrachtungen.
Obige Einschränkungen beruhen auf bewusster Entscheidung der Frau von Staël und können als solche akzeptiert werden. Schlimmer sind andere. Da ist einmal die Tatsache, dass sie von den meisten Gebieten, über die sie schreibt, schlicht und ergreifend keine Ahnung hat. Das fällt auf bei der Musik, wo sie eigentlich nur die drei Grossen der Zeit kennt: Gluck, Haydn und Mozart. Die beiden letzteren kennt sie überhaupt nur, weil man sie in Wien in Aufführungen ihrer Werke geschleppt und ihr eingeflüstert hat, dass es sich bei ihnen um berühmte Komponisten handle. Dies und zum Beispiel das Fehlen von Bach zeigt ganz eindeutig, dass sie in ihrer Meinung immer vom sog. ‚Mainstream‘ abhängig ist – eigene Entdeckungen irgendwelcher Art sind bei ihr nicht zu befürchten. Dass sie zur bildenden Kunst wenig zu sagen hat, ist so verständlich, da sich die besseren Deutschen zu jener Zeit praktisch alle in Italien aufhielten, wo Madame de Staël offenbar nicht nach ihnen suchte. In den Naturwissenschaften nennt sie Ritter und Schelling, allerdings subsummiert sie diese vor allem wegen der mystisch-theosophischen Tendenzen, die ihre Forschung angenommen hatte. Einen Lichtenberg suchen wir vergebens.
Tragisch aber werden Madame de Staëls Ausführungen, wenn es um Philosophie geht. Da spielt ihr ihre Tendenz, das Mystische und Platt-Moralische am höchsten einzustufen, so manchen Streich. Sie verkennt die Differenzen zwischen einem Descartes, einem Leibniz und einem Kant, erklärt alle zu Idealisten und als voneinander abhängig. Hume kennt und nennt sie zwar, aber seine Philosophie scheint sie mit der Lockes unter dem Stichwort „Herrschaft der Sinne“ abgelegt zu haben und mit einem schlecht verstandenen Epikureismus zu verwechseln. Fichte und Schelling gelten ihr als die Vollender von Kants Philosophie; aber am liebsten ist ihr immer noch Rousseau, den sie an allen Ecken und Enden lobt, und unter den Deutschen ist es der empfindsame Jacobi mit seinem Woldemar, der die Palme erringt.
Wirklich gut – und es ist kein Zufall, dass sich praktisch nur diese Partien dem Gedächtnis der Lesergenerationen eingeprägt haben – wirklich gut also ist Madame de Staël aber, wenn es um Literatur geht. Sie hat die Grossen der Zeit alle kennen gelernt, mit Ausnahme von Lessing und Herder, die zur Zeit ihrer Reise bereits tot waren. Die ganze Form ihrer Kritik und die für einmal fast gar nicht mit bigotten Vorurteilen gefüllte Schreibe lässt mich vermuten, dass hier ihr Adlatus A. W. Schlegel grossen Einfluss nahm – wenn er diese Partien nicht gleich selber geschrieben hat. Ihr zugehörend ist aber wohl die Reihenfolge der Genres, die sie bespricht. Sie beginnt mit dem Epos und damit mit Wieland, zu dessen französisierenden Epen sie wohl den leichtesten Zugang fand. Es folgt Klopstock, dessen mystisch-frömmelnder Messias zu jener Zeit nicht nur weltberühmt war, sondern wohl auch einen verwandten Ton in Madame hervorzurufen wusste. (Frau von Staël geht in ihren Kritiken genau so vor wie A. W. Schlegel, zitiert also auch gern längere Passagen. Es ist witzig zu sehen, wie auf Französisch ein Klopstock immer noch hohl klingt und Goethe lächerlich wird – einzig Schillers Pathos kann sich in die fremde Sprache retten.) Es folgen natürlich Goethe und Schiller, aber auch Bürger und Voß gehen nicht vergessen – letzterer sowohl mit seinen Homer-Übersetzungen wie mit seinem eigenen bürgerlichen Epos. Kleine Kritikpunkte, die Frau von Staël äussert, ändern nichts an ihrer generellen Wertschätzung dieses Genres. Nach Ausflügen zu den theoretischen Schriften Lessings und Winckelmanns, geht sie dann über zum Herzstück ihres Buchs, dem Teil über das deutsche Drama. Lessing, dann vor allem Schiller – der einzige, den sie ihrem französischen Liebling in dieser Beziehung, Voltaire, ganz gleich zu stellen wagt. Hier auch immer wieder längere Exkurse zur englischen Literatur, die sie als der deutschen näher verwandt denn die französische ansieht, und in der englischen Literatur natürlich zu Shakespeare. Sie betrachtet zwar die von den Franzosen an Shakespeare vorgebrachte Kritik, die ihn ja vor allem am mangelnden Respekt vor den drei Aristotelischen Einheiten ‚aufhängte‘, als ungerecht, findet aber selber auch keinen richtigen Draht zu ihm. Dafür widmet sie dem damaligen ‚Shooting Star‘ des deutschen Dramas, Zacharias Werner, ein ganzes und nicht abfälliges Kapitel.
Die Romane kommen dann eher ein wenig zu kurz – mit Ausnahme von Wilhelm Meisters Lehrjahren. Jean Paul versucht sie zu verstehen, indem sie ihn mit Sterne und Montaigne vergleicht. Über die Lyrik kann sie sich nur formal äussern. (Hölderlin, zu jener Zeit ein Verschollener, fehlt natürlich ganz.) Mehr hat sie zu den Geschichtsschreibern zu sagen, bei denen sie vor allem Johannes von Müller aufzählt und zu denen sie auch Herder rechnet. Last but not least dann die deutschen Kritiker – wo sonst hätte sie auch ihren Mentor August Wilhelm und dessen Bruder Friedrich, den sie in Wien kennen gelernt hatte, unterbringen sollen?
Die letzten 100 Seiten oder so füllt Madame de Staël dann wieder mit moralischen Platitüden über die Liebe in der Ehe und ähnliches, wie sie überhaupt vor Exkursen in solch merkwürdige Gefilde keineswegs gefeit ist. Alles in allem also ein interessantes Zeugnis jener Zeit, in der die deutsche Literatur sich anschickte, endgültig Weltliteratur zu werden, auch wenn sich die Autorin immer mal wieder als Plaudertasche mit reichlich beschränktem Horizont erweist.