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Überblicksdarstellungen
100 Bilder aus den letzten 150 Jahren zeigt "deep brazil" im Artikel "Brazil explained in 100 images".
Bebilderte Beiträge über die Geschichte Rios finden sich im Blog Saiba História von Prof. Adinalzir aus Rio.
Die Zeit von 1889 - 1985 hat Ursula Prutsch von der Uni Wien zusammengefasst. Sie widmet ein Kapitel auch der "ethnischen Demokratie", die Gilberto Freyre beschrieben hat. Sie wird heute weitgehend als Mythos betrachtet, eine wirkliche Gleichheit der verschiedenen Ethnien besteht nicht. Darüber schreiben etwa Suite 101, Quetzal oder Die Zeit oder in einem Beitrag über die Protestbewegung 2013 Racism Review.
Ein Überblick über die Politik (Stand 2007) findet sich bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung. Hier finden sich so ungeschminkte Sätze wie: "Die politische Korruption ist folglich Teil des Systems, nicht die Ausnahme. In der Korruptions-Rangliste von Transparency International steht Brasilien im Mittelfeld, 2006 konkret auf Position 70 von 163 Plätzen. Dies ist ebenso schlicht festzuhalten wie die Feststellung, dass Brasilien kein Rechtsstaat ist und nie ein Rechtsstaat war. Weiterhin prägen klientelistische Netzwerke und persönliche Beziehungen die Politik, nicht Gesetze und Transparenz. Der notwendige Interessenausgleich erfolgt nicht gemäß der Verfassung, sondern "informell", bei einem cafezinho."
Allerdings sind die neusten Entwicklungen unter Präsidentin Dilma Rouseff noch nicht beschrieben. Diese beschreibt die deutsch-brasilianische Gesellschaft in ihrem Netz topicos.net mit einer Zusammenfassung nach zwei Jahren Amtszeit (PDF). Warum danach eine scheinbar kleine Erhöhung von Bustarifen und das viele Geld, das in die Fussball-WM gesteckt wird, 2013 zu Grossdemonstrationen führte, beschreiben Dawid Danilo Bartelt, der Leiter des Landesbüros Brasilien der Heinrich Böll Stiftung und der Economist. Die grosse Verdrossenheit mit dem Klientelismus, der in der Politik gepflegt wird, beschreibt etwa die New York Times.
Zeittafel
Ich beziehe mich für die Zeittafel auf das Hörbuch "Brasilien hören" von Antje Hinz und Thomas Weiser (auch bei itunes erhältlich) und die Zeittafel in "Eine kleine Geschichte Brasiliens" (Bernecker; Pietschmann; Zoller Ffm: Suhrkamp 2000, S. 333 - 352) als Gerüst für diese Timeline.
Um etwa 8000 v.Chr leben mindestens 3 Mio Ureinwohner im heutigen Brasilien, unterteilt in verschiedene Völker und Stämme. Ihre Zahl wird durch den Kontakt mit den Weissen stark dezimiert werden. (Bild Historisches Nationalmuseum Rio)
1494 Im Vertrag von Tordesillas teilen Spanien und Portugal die im Atlantik entdeckten Gebiete untereinander auf.
1500 landet der Portugiese Cabral auf brasilianischem Boden, nimmt die vermeintliche Insel in portugiesischen Besitz und gibt ihr den Namen "Ilha da Vera Cruz"
1500 – 1532 Auch französische und spanische Seefahrer befahren regelmässig die portugiesische Küste, was zu diplomatischen und bewaffneten Konflikten mit Portugal führt.
1502 – 1505 Es finden sich (vorläufig) keine Edelmetalle in Brasilien. Das als Farbstoff wichtige Brasilholz (das bisher in Europa aus Asien bezogen wurde) eignet sich aber als Exportgut. Die portugiesische Krone verleiht Kaufleuten das Recht zur Ausbeutung
1531 Beginn der planmässigen Kolonialisation, durch private, von der portugiesischen Krone mit Lehen ausgestattete Unternehmer. Anlage von Forts in Rio und Bahia.
1533 Martin de Afonso Sousa beginnt in São Vicente Zuckerrohranbau in grossem Stil
1535 Die portugiesische Krone errichtet 15 Kapitanien (capitanias), die an der Küste je etwa 50 Meilen breit sind. In ihnen verfügen „donatários“ über weitgehende militärische, zivile und richterliche Vollmachten. Die Besiedlung soll so vorangetrieben werden.
1548 Die Kapitanien sind (ausser Pernambuco und São Vicente) weitgehend gescheitert. Unter Tomé de Sousa wird deshalb ein Generalgouvernement eingerichtet. Erste Jesuitenmissionare
1549 Tomé de Sousa gründet Bahia als Hauptstadt Brasiliens
1555 – 1567 Französischer Kolonialisationsversuch in Rio de Janeiro und Umgebung. Vertreibung durch die Portugiesen
1570 – 1610 Der Zuckerrohranbau wird immer wichtiger. Zucker löst Brasilholz als wichtigste Exportgut ab. Ureinwohner werden zu „freien Untertanen“ erklärt (aber trotzdem immer wieder versklavt). Das Brasilholz wird knapp. Um Arbeitskräfte für die Zuckerplantagen und –mühlen zu haben, nimmt die Einfuhr von Sklaven aus Schwarzafrika zu. Von den insgesamt 10 – 15 Mio verschleppten Afrikanern gelangen etwa 40% nach Brasilien. Viele überleben die Schiffsreise nicht, alle haben eine sehr kleine Lebenserwartung in Brasilien (ein Sklave ist nach 7 Jahren „amortisiert“). Entlaufene Sklaven bilden im Landesinnern immer wieder „Quilombos“, autonome Siedlungen, die dann von portugiesischen Expeditionen ausgehoben werden.
ab 1584 „Bandeirantes“, unternehmen wilde Bannerzüge ins Landesinnere, die dem Fang von Sklaven und der Landnahme dienen. Die Jesuiten führen daneben Dörfer für Ureinwohner, in denen diese begrenzte Selbstverwaltung haben. Bandeirantes verschleppen aber auch solche „Missionsindianer“.
|Sklavenmarkt in Rio de Janeiro (Historisches Nationalmuseum Rio de Janeiro)|
1621 Nachdem es schon die Jahrzehnte zuvor immer bewaffnete Konflikte mit französischen, irischen, englischen Händlern gegeben hat, beschliesst auch die niederländischen Westindische Compagnie den Angriff auf Brasilien: Beginn des 30-jährigen Krieges, in dessen Verlauf Portugal den Holländern auch Angola abnimmt. 1654 müssen die Holländer Brasilien aufgeben. Die holländischen Siedler ziehen sich in die Karibik oder ins Mutterland zurück.
1671 – 1696: Eroberung des Sertão, des Hinterlandes im Nordosten, in dem sich auch grössere Quilombos befinden. Die „schwarze Republik“ Palmares, die vom heute hoch verehrten Zumbi geleitet wird, wird 1696 vernichtet.
1690: Erste Goldfunde in Minas Gerais. Beginn des Goldrausches.
ab 1700 Blüte des „barocco mineiro“, des brasilianischen Barockes, v.a. in den Goldgebieten von Minas Gerais. Gleichzeitig bewaffnete Konflikte zwischen bereits ansässigen Paulistanern und den Goldsuchern aus allen Landesteilen.
ab 1750 Der portugiesische Minister Marques de Pombal setzt Reformen durch (privilegierte Handelsgesellschaften, Zentralisierung der Verwaltung) und fördert damit das brasilianische Eigenbewusstsein.
1762 Die Kolonie wird Vizekönigreich, Verlegung der Hauptstadt nach Rio de Janeiro.
1789 Conjuração Mineira: Verschwörung von Minas unter „Tiradentes“ wegen Steuererhöhungen. Die Verschwörung scheitert und die Anführer werden z.T. hingerichtet.
1807 Flucht des portugiesischen Hofes vor napoleanischen Truppen nach Brasilien. Schiffahrts- und Freundschaftsvertrag mit der Schutzmacht England, die immer grösseren Einfluss gewinnt.
|Der portugiesische Königshof in Rio de Janeiro (Historisches Nationalmuseum Rio de Janeiro)|
1821 Rückkehr des portugiesischen Königes nach Portugal, der Thronfolger bleibt in Brasilien.
1822 Dom Pedro, der portugiesische Thronfolger setzt sich an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung und wird als Pedro I erster Kaiser von Brasilien.
1831 Abdankung Dom Pedros, Regentschaft bis zur Mündigkeit von Dom Pedro II 1840.
1831 Der Kaffeeexport übertrifft erstmals den Zuckerexport, Brasilien wird zum weltweit führenden Kafeeproduzenten.
1850 Grossbritannien setzt das Ende des transatlantischen Sklavenhandels durch. Mehrere Einwanderungswellen aus Europa nach Brasilien, vor allem in die Kaffeeanbauregionen im Süden um São Paulo.
1865 – 1870 „Tripelallianzkrieg“ von Argentinien, Uruguay und Brasilien gegen Paraguay. Brasiliens sehr schlecht ausgebildete und ausgestattete Armee erleidet sehr hohe Verluste.
|Abschaffung der Sklaverei (Hist. Nationalmuseum Rio de Janeiro)|
1871 Gesetz des freien Bauches (Lei do Ventre Libre): Kinder von Sklavinnen werden durch Gesetz für frei erklärt.
1882 - 1896 Kautschukboom am Amazonas, Bau des Opernhauses in Manaus. Der Zuckerexport geht massiv zurück, Brasilien ist gegenüber den USA, Kuba und Puerto Rico nicht mehr konkurrenzfähig
1888 Aufhebung der Sklaverei durch die Regentin Prinzessin Isabel
1889 Sturz von Dom Pedro II, Ausrufung der Republik
1896 – 1897 Krieg von Canhudos („Krieg im Sertão) Die Anhänger von „Conselheiro“, die eine religiös geprägte Siedlung im Sertão aufgebaut haben, werden bekämpft und können erst mit einer grossen Übermacht brutal besiegt werden). Wenig später Gründung der ersten Favela in Rio de Janeiro durch Heimkehrer von diesem Krieg.
1920 – 1929 Heitor Villa-Lobos komponiert «Choros»
1922 Woche der modernen Kunst in São Paulo
1928 Oswald de Andrade veröffentlicht das „Anthropophagische Manifest“. Tupi or not Tupi, that’s the question. Die Rassenmischung, das „sich alles Einverleiben“ wird als Grundlage der brasilianischen Kultur und als ihre Stärke gesehen.
1929 Die Weltwirtschaftskrise führt zum Zusammenbruch der Kaffeepreise und schliesslich 1930 zu einem Militärputsch. Die Militärjunta übergibt die Macht dem in den vorhergehenden Wahlen unterlegenen Getúlio Vargas. Beginn des Getulismo, während dem Vargas abwechselnd als durch Putschisten (bzw. Eigenputsch) eingesetzter und durch Wahlen legitimierter Präsident mit häufig diktatorischen Vollmachten regiert.
1933 Gilberto Freyre veröffentlicht „Herrenhaus und Sklavenhütte“ (Casa Grande e Senzala).
1942 Brasilien tritt auf der Seite der Alliierten in den zweiten Weltkrieg ein und wird durch die USA massiv unterstützt.
1945 Absetzung von Vargas durch das Militär.
1951 Vargas erneut zum Präsidenten gewählt

Verstaatlichung der Erdölförderung 1953
1953 Schaffung der staatlichen Ölgesellschaft Petrobras, bis heute das wichtigste Unternehmen in Brasilien
1954 Selbstmord durch Vargas, der vom Militär auf Grund von Skandalen und einem in Auftrag gegebenen Mord zum Rücktritt aufgefordert wurde.
1956 – 1961 Präsidentschaft von Juscelino Kubitschek, , der das Land mit Grossprojekten modernisiert, unter anderem wird die von Oscar Niemeyer gebaute neue Hauptstadt Brasilia 1960 eingeweiht.
1958 Jorge Amado schreibt „Gabriela wie Zimt und Nelken“
1956 – 1964 Blütezeit des Bossa Nova
|Militärdiktatur (Historisches Nationalmuseum Rio de Janeiro)|
1964 Militärputsch und bis 1985 Militärdiktatur mit Gewalt, Repression und zweistelligen wirtschaftlichen Wachstumsraten. Tropicalismo als Protestkultur, an der z.B. Caetano Veloso und Gilberto Gil beteiligt sind.
1985 erstmals wieder freie Wahlen, 1988 neue Verfassung
1989 Fernando Collor de Mello wird neuer Präsident
1992 Suspendierung Collors wegen Korruptionsvorwürfen

Amtseinführung Lulas (Hist. Nationalmuseum Rio de Janeiro)
1995 Fernando Henrique Cardoso tritt sein Amt an, er bemüht sich um Stabilisierung und Modernisierung des Staatsapparates. U.a. wird eine Erziehungsdekade verkündet, während der das Bildungssystem massiv verbessert werden soll
2003 – 2010 Präsidentschaft von Luiz Inazio Lula da Silva von der Arbeiterpartei PT. Staatliche Sozialprogramme wie die bolsa familia werden vorangetrieben.

Brasilien neu formatieren (Facebook-Posting, Mai 2013)
2011 Dilma Rouseff von der PT übernimmt die Nachfolge Lulas
2013 Protestbewegungen in ganz Brasilien, die sich gegen Klientelismus, Straflosigkeit von Parlamentsmitgliedern, Unsummen für WM und Olympiade ausgegebene Gelder zur Wehr setzen und eine Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitssystems fordern.
Schweiz - Brasilien
Die Geschichte des Verhältnisses Schweiz - Brasilien fasst das historische Lexikon der Schweiz zusammen.
Dazu gibt es auch interessante Quellen, z.B. in der Open Library das 1866 erschienene "Reisen durch Südamerika" von Johann Jakob Tschudi. (Bild: Rio, Palastplatz, aus Tschudi 1866).
Eine erste Auswanderungswelle aus der Schweiz war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts festzustellen, als in Brasilien wegen der Abschaffung der Sklaverei die Arbeitskräfte knapp wurden und Schweizer vor allem in den Süden des Landes emigrierten.
Kurz vor dem 2. Weltkrieg war die Auswanderung nach Brasilien dann abermals ein Politikum, das in der Presse ausgiebig thematisiert wurde und eine Debatte in den eidgenössischen Räten bewirkte. Ständerat Gottfried Keller-Aargau verfasste hierzu 1937 eine Schrift (Download PDF, 4.3 MB)
Gleichzeitig mit diesem Büchlein kaufte ich antiquarisch auch einige Presseausschnitte zur Auswanderung:
NZZ vom 16. Januar 1937: "Die Auswanderung ist für unser Land eine nationale Notwendigkeit, wir können auf viele Jahre hinaus unsere Bevölkerung weder ernähren, noch voll beschäftigen (...)" (Download PDF 2.6 MB)
NZZ vom 17. Mai 1936: Leserbrief: Auswanderung im Dienste der Volkswirtschaft (Download PDF 1.2 MB)
NZZ vom 4. August 1937: Die Auswanderung (die aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus stattfindet) hat planvoll zu sein, die Schule sollte darauf vorbereiten. (Download PDF 2.4 MB)