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Autor: Frederic Auderset
«Der Röstigraben ist ein Klischee und eine Realität.» Dieses Fazit – mit Betonung auf dem «und» – zog Christophe Büchi, Westschweiz-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, am Ende seines Vortrags, den er am Montagabend in Murten gehalten hat. Den Anlass zum Thema «Röstigraben – Klischee und/oder Wirklichkeit?» hat der Verein «Murten Morat Bilingue» organisiert. Der Verein hielt nach Büchis Vortrag seine Generalversammlung ab (siehe Kasten).
Bevor Christophe Büchi zu seinem Fazit kam, erläuterte er anhand seines Werdegangs, wieso ihn das Thema Röstigraben und Zweisprachigkeit überhaupt interessiert. Büchi stammt aus einer deutschsprachigen Familie und ist in Freiburg aufgewachsen. Schon als Kind habe er Erfahrungen mit der sprachlichen Vielfalt gemacht: Beim Spielen mit anderen Kindern, aber beispielsweise auch beim Kauf von Utensilien für seinen Hamster habe er sich auf Französisch verständigen müssen. «So wurde ich zum ‹Röstigrabeler›», sagte Büchi und brachte damit den Anwesenden einen neuen Ausdruck bei.
«Röstigraben» erst seit den 1970ern gebräuchlich
Anschliessend folgte ein langer Exkurs in die Schweizer Geschichte. Büchi zeigte auf, wie mit dem Beitritt Berns zur Alten Eidgenossenschaft diese sich erstmals in Richtung der frankofonen Gebiete orientierte. Mit dem Beitritt von Freiburg wurde die französische Sprache vollends Teil des Staatenbunds. In der Mediationszeit unter Napoleon erhielt das Französische mit der Bildung rein französischsprachiger Kantone mehr Gewicht, und auch Italienisch und Rätoromanisch gehörten fortan zur Schweiz. So entstand die mehrsprachige Schweiz, in der die verschiedenen Sprachen – vom Rätoromanischen etwas abgesehen – gleichberechtigt waren und immer noch sind.
Doch damit hätten auch die ersten politischen Konflikte zwischen den Sprachgruppen begonnen, die im Laufe der Jahrzehnte mal heftiger, mal schwächer ausgefallen seien, sagte Christophe Büchi, der auch ein Buch über den Röstigraben geschrieben hat. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Zusammenhalt stark gewesen, doch in den 1970er-Jahren sei die Stimmung wieder gekippt. In dieser Zeit sei auch der Begriff des Röstigrabens aufgetaucht – zunächst in den Medien noch in Anführungszeichen, die jedoch später weggelassen worden seien. Höhepunkt der «Grabenkämpfe» war das Nein zum Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum im Jahr 1992.
Freiburg könnte mehr tun
Unterdessen sei der Graben zwischen der deutschsprachigen und der frankofonen Schweiz wieder kleiner geworden, aber nicht gänzlich verschwunden, meinte Büchi. Die beiderseits vorhandenen Klischees würden zwar nicht den nationalen Zusammenhalt gefährden, doch sei das gegenseitige Interesse immer noch gering – teilweise auch im Kanton Freiburg, der eine Rolle als Brückenbauer spielen könne, das aber noch zu viel zu wenig tue. Büchi illustrierte dies mit einer Anekdote: Kürzlich sei er mit dem Bus von Rechthalten nach Freiburg gefahren. «Als ein Sensler Mädchen in den Bus stieg, war der Fahrer nicht fähig, ihm den Fahrpreis auf Deutsch zu sagen», erzählte er.
Abschliessend sagte Büchi, der Staat könnte mehr für die Zweisprachigkeit tun. Doch rief er insbesondere die privaten Arbeitgeber, die Medien und vor allem die Zivilgesellschaft dazu auf: «Die Zweisprachigkeit verlangt einen Effort von allen.» Sein Lob galt daher dem Verein «Murten Morat Bilingue», der in dieser Hinsicht wichtige Arbeit leiste.
Erschienen war nebst den rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern – darunter zahlreiche Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker – auch der Freiburger Volkswirtschaftsdirektor Beat Vonlanthen. Er hielt eine Begrüssungsrede und beteiligte sich auch an der Diskussion, die auf den Vortrag Büchis folgte. «Die zweisprachige Beschriftung der Bahnhöfe Freiburg und Murten zeigt, dass sich die Dinge verändert haben», sagte Vonlanthen nach dem Vortrag. Denn es sei auch denkbar gewesen, dass es Opposition geben würde, was aber ausgeblieben sei.
Christophe Büchi: «Zweisprachigkeit verlangt einen Effort von allen.»Bild Charles Ellena
«Murten Morat Bilingue»: Neuer Preis für Zweisprachigkeit
Der Verein «Murten Morat Bilingue» hielt am Montagabend, nach dem Vortrag von Christophe Büchi (siehe Haupttext), seine erste Generalversammlung ab. Präsidentin Corinne Fankhauser blickte auf ein erfolgreiches erstes Jahr zurück, in dem der Verein mit zahlreichen Stellungnahmen und der Bildung eines Netzwerks bereits einiges habe in die Wege leiten können – so zum Beispiel die zweisprachige Beschriftung des Bahnhofs Murten. Kassier Adrian Marti berichtete, dass der Verein inzwischen 65 Mitglieder zähle.
Der Verein habe eine private Spende von 11 000 Franken erhalten, um während fünf Jahren einen jährlichen «Preis der Zweisprachigkeit» zu verleihen, sagte Marti weiter. Der mit 2200 Franken dotierte Preis ist für Unternehmen und Vereine aus der Murtenseeregion gedacht, welche mit konkreten Projekten die Zweisprachigkeit fördern. Voraussichtlich werde er Ende Juni, anlässlich eines Vortrags des Genfer Professors François Grin, erstmals verliehen, sagte Corinne Fankhauser. Der Verein werde nun die Kriterien bestimmen und den Wettbewerb in Kürze lancieren. Die Anwärter müssen sich selber für den Preis bewerben.
Als weitere Aktivitäten für 2012 nannte Fankhauser unter anderem ein Pilotprojekt mit dem Bieler Forum für Zweisprachigkeit. Ziel sei, das Label, welches das Forum bislang nur in der Region Biel verleiht, künftig auch im Murtenseegebiet anzubieten.fa
«Als eine Senslerin in den Bus stieg, war der Fahrer nicht fähig, den Preis auf Deutsch zu sagen.»
Autor: Christophe Büchi
Autor: Westschweiz-Korrespondent der NZZ