Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/2887

Die Busfahrt über die acht Kilometer lange Bay Bridge führt in eine andere Welt. Heraus aus der Grossstadt San Francisco mit ihren gewaltigen Hochhäusern, teuren Shops und hippen Cafés, hinein in das heruntergekommene Industriestädtchen Emeryville, das einst voller Bordelle war und Anfang des 20. Jahrhunderts von Kaliforniens Gouverneur als «mieseste Stadt an der amerikanischen Pazifikküste» bezeichnet wurde. Hier, neben einer Zementfabrik und einer Strassenüberführung, unter der Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen haben, steht das erfolgreichste Trickfilmstudio der Welt: Pixar.
Die meisten der 1200 Mitarbeiter erleben diese gegensätzlichen Eindrücke auf ihrem Arbeitsweg. Es verwundert also nicht, dass Pixars Kinohits genau aus solchen Widersprüchen erzählerische Kraft schöpfen. Da ist der Clownfish in «Finding Nemo», der keine Witze erzählen kann. Oder der Senior in «Up», der im Herbst seines Lebens einen zweiten Frühling erlebt. Oder der 12-jährige Junge im neuen Pixar-Film «Coco», der über eine Brücke vom Reich der Lebendigen ins Reich der Toten tritt.
Unser Bus erreicht das Eingangstor von Pixar, auf dem der berühmte Firmenschriftzug im Sonnenlicht erstrahlt. Dahinter empfängt uns eine Mitarbeiterin im «Coco»-T-Shirt und führt uns über den riesigen Campus. Vorbei an Fussball-, Volleyball- und Basketballplätzen, vorbei an überlebensgrossen Skulpturen aus Pixar-Filmen, ins Hauptgebäude, das Steve Jobs Building. Der 2011 verstorbene Apple-Chef hatte Pixar 1986 zusammen mit Ed Catmull, dem heutigen Pixar-CEO, gegründet.
Ein Gebäude wie ein Gehirn
Jobs entwarf das Layout des Gebäudes in der Absicht, ein besonders kreatives Arbeitsklima zu fördern. In der grossen, lichtdurchfluteten Lobby befindet sich nicht nur die Vitrine mit den 16 Oscars, die Pixar bislang gewonnen hat. Sondern auch ein Bistro, ein Café und sämtliche Toiletten. Jobs wollte die Mitarbeiter regelmässig weg von ihren PCs locken. In der Lobby sollten sie miteinander ins Gespräch kommen und Gedanken austauschen. «Hier sprühen ständig die Funken», schwärmt ein Mitarbeiter, den wir während einer Kaffeepause darauf ansprechen.
Die Arbeitsplätze befinden sich im oberen Stockwerk, das, so wird uns erzählt, wie ein Gehirn in zwei Hälften geteilt ist: auf der rechten Seite sitzen jene Abteilungen, die für das Kreative zuständig sind, auf der linken jene für die Technik. Wir begeben uns nach oben, gehen an Wänden voller Skizzen aus «Coco» vorbei, sowie an vier Lederstühlen, die einst Walt Disney gehörten. Irgendwo am Ende dieser Gänge muss sich auch regelmässig der Braintrust treffen: Pixars fünfköpfige Führungsriege, die über alle laufenden Projekte waltet. Doch der Zutritt zu den Büros von John Lasetter und Co. ist Gästen untersagt.
Stattdessen geben uns die Design-, Animations- und Storyabteilungen von Pixar Einblicke in ihre Arbeit. «Bei uns beginnt alles mit einem leeren Blatt Papier – und einem Funken Inspiration», erzählt Alfred Molina, der das Drehbuch zu «Coco» verfasste. Dass Pixar-Filme oft für ihre klugen Geschichten gelobt werden, die nicht nur Kinder ansprechen, erfülle ihn mit Stolz, sei aber auch vor jedem neuen Projekt eine grosse Herausforderung. «Unser Ziel ist es, den Kopf und das Herz des Publikums anzusprechen.»
Genau das schaffen Pixars Animationsfilme immer wieder. Nur wie? Liebenswürdige Trickfilmhelden kriegen auch andere Filmstudios auf die Reihe. Was macht Pixar so einzigartig? Bei unserem Besuch meinen wir dem Erfolgsgeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Da ist zum einen die überraschend grosse Handarbeit, die in Skizzen und Modelle fliesst, noch bevor der erste Computer hochgefahren wird. Und da ist die gewaltige Liebe zum Detail, die gepflegt wird. «Allein für diese Einstellung haben wir sieben Millionen einzelne Lichtquellen animiert», erzählt uns eine Mitarbeiterin. Eine andere sagt: «Um die Schlabberzunge dieses Hundes hinzukriegen, hat unsere Abteilung wochenlang Youtube-Videos studiert.» Pixar-Filme sind riesige Komplexe mit Tausenden Zahnrädchen, die perfekt ineinanderfassen. Hinter jeder Zunge im Film, hinter jeder Haarlocke und jede Pulli-Falte sitzt ein mehrköpfiges Team, das für nichts anderes zuständig ist.
Kritik nach Deal mit Disney
Seit Disney die Firma 2006 für knapp 7,6 Milliarden Dollar aufgekauft hat, stehen Pixar schier unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Eigentlich eine ideale Ausgangslage für ein Studio, das sich als kreatives Zentrum der amerikanischen Filmindustrie versteht. Doch der Deal mit Disney hat Schattenseiten. An einfallsreichen Werken wie «Ratatouille» oder «Wall-E», für die Pixar früher gefeiert wurde, ist der Unterhaltungsriese wenig interessiert. Stattdessen fördert Disney uninspirierte Fortsetzungen wie «Monsters University» oder «Cars 3». Mit dem Ziel, Marken aufzubauen, die auch in Vergnügungsparks und Kaufhäusern abgeschöpft werden können.
Nicht nur die amerikanische Presse sieht die Firma derzeit in einer Kreativitätskrise. «Wenn wir nur Fortsetzungen produzieren, werden wir verwelken und sterben», stellte Pixar-Chef Ed Catmull 2014 in seinem Buch «Creativity Inc.» fest. Und versprach: Für jede Fortsetzung werde Pixar zwei neue, originelle Filme produzieren. Filme wie nun «Coco», der einer von Pixars besten ist (siehe Filmkritik rechts). Doch Originalität gelingt nicht auf Knopfdruck. Weil Disney trotzdem jedes Jahr mindestens einen neuen Pixar-Film ins Kino bringen will, heissen die nächsten beiden «The Incredibles 2» und «Toy Story 4» – zwei Fortsetzungen.
Das Image von Pixar ist angekratzt. Erst recht, nachdem der Missbrauchsskandal sein hässliches Haupt auch in Emeryville erhoben hat. Mitte dieser Woche sah sich John Lasseter, der Chief Creative Officer von Pixar, zu einem «vorübergehenden Rücktritt» genötigt. Es war von «Fehltritten» und «unerwünschten Umarmungen» die Rede. Die Firma fürchtet, dass «Coco» trotz vieler guten Kritiken an den Kinokassen floppen könnte.
31 Jahre nach seiner Gründung steht Pixar am Scheideweg. Oder genauer: Auf einer Brücke, die in komplett entgegengesetzte Richtungen führt. Hier eine Quelle der Kreativität – dort ein Hort seelenloser Ausbeutung. Als unser Bus am Ende des Tages das Gelände wieder verlässt, hat sich auf den Pixar-Schriftzug über dem Eingangstor ein Schatten gelegt.
«Wir machen, was wir selber sehen möchten»
«Coco»-Regisseur Lee Unkrich über das Geheimrezept von Pixar-Filmen.
Lee Unkrich heuerte 1994 bei Pixar als Bildeditor an und ist heute Teil des Braintrusts: die fünfköpfige Führungsriege, die über sämtliche Pixar-Filme waltet. Der 50-jährige US-Amerikaner gewann 2011 für «Toy Story 3» den Oscar. «Coco» ist seine vierte Regiearbeit für Pixar.
Lee Unkrich, was sind die Zutaten, die jeder Pixar-Film braucht?
Lee Unkrich: Wir haben keine Liste. Unser Grundsatz lautet: Wir machen das, was wir selber gern sehen würden. Das sind universelle Geschichten. Egal, ob sie lustig, furchteinflössend oder emotional sind, Menschen jedes Alters und jeder Herkunft sollen sich mit ihnen identifizieren können.
«Coco» handelt von einem mexikanischen Jungen, der Musiker werden will. Was ist das Universelle an dieser Geschichte?
Miguel will Gitarre spielen, doch seine Familie verbietet es ihm. Viele Menschen, nicht nur Kinder, haben eine grosse Leidenschaft, bei der sie sich wenig unterstützt fühlen. Es geht darum, seinen Traum zu verfolgen, und darum, was man bereit ist dafür zu opfern.
Sie sind US-Amerikaner. Warum wollten Sie mit «Coco» eine Geschichte über einen mexikanischen Feiertag erzählen?
Ich war schon immer vom Día de los Muertos fasziniert. An dem Feiertag zelebrieren Mexikaner ihre Herkunft, indem sie Opfergaben für ihre Vorfahren hinterlassen. Die Ikonografie des Día de los Muertos ist sehr filmisch, von den Skeletten bis zu den leuchtenden Farben. Ein sehr spannender Gegensatz.
«Coco» ist der erste Pixar-Film, der sich dermassen stark mit einer anderen Kultur auseinandersetzt.
Ich war deswegen gleichermassen aufgeregt wie besorgt. Auf unseren Schultern lastete eine grosse Verantwortung, dass wir diese Geschichte auf authentische und respektvolle Art erzählen. Viele Pixar-Mitarbeiter haben mexikanische Wurzeln, ihre Einsichten kamen «Coco» zugute. Wir wollten, dass lateinamerikanische Zuschauer stolz sind auf diesen Film.
«Coco» ist ein Kinderfilm mit vielen toten Figuren. War das eine besondere Herausforderung?
Der Film ist zu Beginn zwar etwas furchteinflössend, aber ich glaube, der Humor macht das wett. «Coco» ist ja auch kein Film über den Tod, sondern über die Frage, woher wir kommen. Und wenn ein Film vom Jenseits erzählt, ist das doch immer eine hoffnungsvolle Botschaft.
Ist «Coco» mit seiner mexikanischen Story eine Reaktion auf die Politik von US-Präsident Donald Trump?
Dass «Coco» während Trumps Präsidentschaft ins Kino kommt, ist reiner Zufall. Wir arbeiten schon seit sechs Jahren an dem Film. Es war aber von Anfang an unser Ziel, eine Geschichte zu erzählen, die eine andere Kultur feiert. Das ist jetzt umso wichtiger geworden. Ich bin überzeugt: Filme haben die Kraft, ausserhalb des Kinos Veränderungen zu bewirken.
Pixar ist in die Kritik geraten, weil das Studio heute mehrheitlich Fortsetzungen produziert.
Originelle Stoffe wie «Coco» sind zur Ausnahme geworden. Weshalb?
Als uns die Idee zu «Coco» kam, hat uns Pixar voll unterstützt. Aber Originalität ist eine riesige Herausforderung. Ich sehe das so: Jede Fortsetzung, die wir produzieren, geht auf einen originellen Film zurück. Vor «Toy Story 2», «3» und «4» war ja einmal Teil 1, war einmal eine originelle Idee.
von Lory Roebuck