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Ein Flughafen in Zug. Die Idee, die heute jeden ruheliebenden Einwohner mit Entsetzen erfüllen dürfte, wurde von den hiesigen Politikern einst ernsthaft diskutiert. Beim Standortentscheid kam der häufige Nebel, den die Zuger üblicherweise verabscheuen, für einmal ganz gelegen. Sonst wäre die Zuger Steueroase wohl gar nie entstanden.
Sie sitzen in Ihrem Büro im Uptown-Hochhaus, telefonieren mit einer Kundin. Gerade verhandeln Sie über den Preis für eine Immobilie: «Das wären dann 3,53 Mill… Moment bitte.» «WWWRRROOOOMMM!!!» Die Verhandlung wird von ohrenbetäubendem Lärm unterbrochen. Ein Airbus 380 rast gerade so nahe an Ihrem Büro vorbei, dass die Scheiben zittern und Sie Ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen. Ohne mit der Wimper zu zucken, heben Sie den Hörer wieder ans Ohr: «Sind Sie noch da, Frau Hubacher. Also, 3,53 Millionen wären das …»
Es ist ein Szenario, das vor 80 Jahren ziemlich realistisch schien. Tatsächlich hatte man im Kantonsrat Ende der 1930er-Jahre und Anfang der 40er diskutiert, ob der Kanton Zug einen Flughafen bauen könnte. Im Februar 1938 etwa reichte der Zuger Kantonsrat M. Stadlin eine Interpellation dazu ein.
Stadlin war ganz angetan von der Errichtung eines Militärflugplatzes zwischen Kollermühle und Steinhausen. Er wollte wissen, wie weit die Verhandlungen zwischen Stadtgemeinde, Korporation sowie dem eidgenössischen Militärdepartement schon seien.
1938 – Kantonsrat Stadlin macht sich stark für einen Flugplatz
Wie die damaligen Ratsprotokolle verraten, berief sich Stadlin auch auf Aussagen der eidgenössischen Amtsstellen, welche befanden, dass «sich das Terrain dazu eignen würde». Und Stadlin befand mahnend, dass er gehört habe, dass nun auch in anderen Gegenden Verhandlungen zu einem Flugplatz stattfänden, «während über die unsrigen Verhandlungen offiziell nichts mehr verlautete».
Inoffiziell habe Stadlin zu hören bekommen, dass die Verhandlungen aus finanziellen Gründen ergebnislos verlaufen seien. Er betonte an der damaligen Ratssitzung, dass es auf der Hand liege, dass «die Öffentlichkeit an einem Flugplatz ein ganz erhebliches Interesse hat». Dies, da man erst am Anfang der Entwicklung des Flugverkehrs stehe.
Ja, aber das schöne Weideland!
Die Antwort des Regierungsrats einige Wochen später fiel kritisch aus. Interessanterweise jedoch nicht, weil mit einem Flugplatz oder Flughafen hohe Kosten für den Kanton anfallen würden oder weil die Gegend dann von Fluglärm betroffen wäre.
Nein, die Exekutive war kritisch, da «es sich um sehr wertvolles Streueland handelt, das fast den gleichen Ertrag abwirft wie Mattland, wie die Gantergebnisse dartun». Auf gut Deutsch: Das damalige Landwirtschaftsland war viel wert. Den 50 Bauern, die auf diesem Gebiet wirtschafteten, behagte die Idee entsprechend wenig.
Ob sich die Bauern damit zufriedengeben?
Wie weit fortgeschritten die Idee eines Flughafens bereits war, bezeugen die Details der Debatte. So hatte der Bund laut Protokoll damals beabsichtigt, das Land nur zur Pacht zu übernehmen. Die Verhandlungen waren bereits so weit fortgeschritten, dass ein fertiger Vertragsentwurf mit der Korporation stand. «Der Pachtzins ist auf 50 Franken pro Juchart [damals 36 Aren] festgesetzt.»
Ein Zins, der offenbar nicht sehr hoch war, wie der Haltung des Regierungsrats zu entnehmen ist. Denn, so erklärte die Exekutive damals, handle es sich doch «teilweise um bestes Wiesland». Entsprechend äusserte sich Regierungsrat Knüsel skeptisch darüber, «ob die Verhandlungen zum Ziele führen» würden.
Flugverbot im Sommer: der Heuernte zuliebe
Das Gewicht, das die Landwirtschaft im Jahr vor Kriegsbeginn hatte, zeigte sich denn auch in der Reaktion der zuständigen Flugplatzdirektion. Diese nämlich stellte in Aussicht, den angedachten Flugplatz im Vorsommer nicht zu belegen, «sodass der Heuertrag voraussichtlich gesichert ist und eine Einigung daher möglich sein wird», so wird der Regierungsrat zitiert.
Zu bedenken gab dieser jedoch, dass es wohl schwieriger sein werde, mit den Privateigentümern ins Reine zu kommen. Denn auf das Stroh, das die Bauern nach der Kornernte normalerweise holen, müssten sie künftig verzichten.
Ein zweites Mal keimt Hoffnung auf
Das Thema Flughafen war damit fürs Erste begraben. Erst fünfeinhalb Jahre später, im November 1943, flammte der Zuger Traum vom Fliegen in einer Interpellation des damaligen Kantonsrats Thomas Iten wieder auf. Kurzfristig.
Damals lag jedoch bereits ein Bericht des «eidgenössischen Luftamtes» in Bern vor. Und darin äusserte man sich nicht nur gegen einen interkontinentalen, sondern auch einen kontinentalen Flughafen.
Zum einen stünden «beträchtliche natürliche Hindernisse» im Weg, sprich, Berge, befand das Luftamt. Angefangen mit der Rigi, bis hin zu Rossberg, Albis und Zugerberg. Zum anderen liesse sich auf dem vorgeschlagenen Gelände nur eine einzige 3-Kilometer-Piste bauen. Und das auch noch auf unebenem Gelände.
Der Steinhauserwald ist schlichtweg im Weg
Für Pisten in der Hauptwindrichtung sei der Platz ebenfalls zu knapp. Ausserdem sei der Steinhauserwald im Weg. Hinderlich für einen Flughafen sei überdies die Nebelhäufigkeit in der Gegend.
Strassen müssten neu geführt werden, Eisenbahnlinien und auch Hochspannungsleitungen. Weiter kritisierte das Luftamt damals, dass ein Flughafen in der Nähe der grössten schweizerischen Handels- und Industriezentren liegen müsse. Mit den Zug- und Autoverbindungen, die es mittlerweile gibt, sowie mit dem Gewicht, das Zug in der Wirtschaftswelt hat, wäre dieses Argument heute wohl nichtig.
Eine niederschmetternde Bilanz, die Zug glücklich machte
Summa summarum eine «niederschmetternde» Bilanz, welche das Luftamt damals zeichnete. Und eine ganz glückliche, schaut man sich das heutige Zug an. Und so erlosch der Gedanke an einen Zuger Flughafen denn alsbald. Stattdessen entstand der Flughafen Kloten, der 1948, vor genau 70 Jahren, eröffnet wurde.
Doch was wäre gewesen, wenn man sich für Zug entschieden hätte? Allein wegen des Fluglärmes wäre es wohl undenkbar, dass so viele Firmen hier ihren Sitz gesucht hätten. Viele Wohlhabende hätten einen Bogen um den Ort gemacht, hätten sich vielleicht im ruhigen Kloten niedergelassen.
Der Steuerfuss dürfte im Flughafenkanton entsprechend saftiger ausgefallen sein. Dafür gäbe es ein Thema, das hierzulande bestimmt keines wäre: Um günstigen Wohnraum müsste sich in der Lorzenebene niemand streiten.