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Alleine mit dem Messie-Syndrom?
Vor beinahe 15 Jahren bemerkte Sophia*, dass etwas nicht stimmt. Ständig brach sie in Tränen aus. Diagnostiziert wurde eine Depression. Vom Begriff «Messie» erfuhr sie erst später, doch die Beschreibungen dieses Syndroms trafen mehrheitlich zu. Damit bekam die Ausprägung einen Namen.
Sophia, wie war es, die Ausprägung benennen zu können?
Meine Wohnung war immer begehbar, wenn auch nicht katalogmässig aufgeräumt. Zum ersten Mal vom Begriff «Messie» habe ich gehört, als eine Bekannte meinte, es sehe ein wenig messiemässig aus. Dieses Wort war mir damals unbekannt und ich fand im Internet Beschreibungen, die grösstenteils auf mich zutrafen. Ich war sehr erstaunt über diese Erkenntnis, aber es war auch gut, die Ausprägung endlich benennen zu können.
Wie kommt es dazu, dass man ein Messie wird?
Die einen entwickeln Süchte in allen möglichen Formen, die anderen beginnen zu sammeln und die Wohnung zu füllen und bemerken, dass etwas nicht stimmt. Andere wollen nicht wahrhaben, dass etwas nicht stimmt und bemerken nicht, dass sie zum Messie-Syndrom neigen. Auslöser für die Ausprägung sind oftmals Schicksalsschläge oder andere traumatische Erlebnisse. Manchmal gibt es mehrere dieser Ereignisse und eines trägt dazu bei, dass die Menschen nicht fähig sind, diese Erlebnisse emotional zu kompensieren.
Sammeln Sie etwas Bestimmtes?
Ich sammle Verschiedenes, konnte dies aber immer auf meine vier Wände reduzieren. Ich mag es nicht, dauernd auf Sachen zu treten und schätze es daher sehr, dass ich immer freie Gänge in meiner Wohnung habe, was nicht bei allen Messies selbstverständlich ist. Ich höre beispielsweise sehr gerne Hörbücher und habe bestimmt hundert ungehörte Hörbücher. Diejenigen, die mir etwas weniger gefallen, probiere ich weiter zu geben beziehungsweise zu verkaufen oder Bibliotheken zu überlassen. Der Gedanke, dass wiederverwendbare Dinge einfach im Müll landen, ist mir zuwider. Ich weiss, dass viele Messies auf diese Weise denken.
Es gibt auch Personen, welche sich nicht vom Müll trennen können, was auf lange Zeit gesundheitliche Probleme auslösen kann. Da mir meine Gesundheit sehr am Herzen liegt, war das bei mir glücklicherweise nie der Fall.
Fühlt es sich für Sie richtig an, Dinge zu horten?
Natürlich fühlt es sich richtig an. Es ist auch schwierig, Dinge, mit denen man emotional verbunden ist, wegzuwerfen. Der Kreativität für die Begründung, Dinge behalten zu können, sind keine Grenzen gesetzt. Ich habe lange nicht verstanden, dass es ein inneres Gefühl der Leere gibt. Eine leere Wohnung kann dieses namenlose Gefühl immer wieder anfachen. Erst seitdem ich mir dessen bewusster bin, kann ich leichter leere Stellen in meiner Wohnung aushalten. Dinge zu horten, um dieses unangenehme Gefühl nicht aushalten zu müssen, kann einem Sicherheit vorgaukeln.
Weiss Ihr Umfeld vom Messie-Syndrom?
Die meisten meiner Bekannten wissen nichts. Das Messie-Sein lässt sich leicht vertuschen, da es nur Zuhause ersichtlich wird. Bekannten, denen ich vertraue, habe ich mich geöffnet. Diese sind oft auch selbst betroffen. Meiner Familie habe ich nichts darüber erzählt, wobei ich nicht die einzige bin, die dieser Ausprägung verfallen ist.
Was hilft Ihnen, um gegen das Syndrom anzukämpfen?
Vorbilder, von denen ich gehört und erfahren habe, dass sie ihren Weg aus diesem Chaos gefunden haben. Wenn andere es können, dann kann ich es auch. Egal, welche Wege diesen Menschen geholfen haben, es gibt Wege. Diese Überzeugung und mein starker Wille lassen mich weitermachen. Eine weitere starke Motivation ist: Ich habe nur ein Leben, das ich aus irgendeinem Grund bekommen habe. Es wegzuwerfen, kommt für mich nicht in Frage.
Nachdem ich wusste, wie sich das Phänomen nannte, unter dem ich neben Depressionen litt, kam ich in einer neuen Stadt auf die Idee, nach einer Selbsthilfegruppe zu suchen. So konnte ich neue Leute kennen lernen und meine vier Wände ab und zu ausserhalb der Arbeitszeiten verlassen.
Wie hilft eine Selbsthilfegruppe?
Da es nur sehr wenige Angebote für Messies gibt, habe ich eine Gruppe in einer kleineren Stadt gegründet. Es tut gut, zu erleben, dass man mit diesem Thema nicht alleine ist. Auch wenn man sich untereinander kennen lernt, so kann diese Menschengruppe dafür sorgen, dass die Anonymität in der Welt da draussen gewährleistet bleibt.
Es gibt leider auch nur wenige Therapeuten, die sich bereit erklären, mit Messies zu arbeiten. Einige wenige Namen habe ich auch erst im Austausch mit Betroffenen in Selbsthilfegruppen erfahren.
Was würden Sie anderen Betroffenen raten?
Mir ist bekannt, dass sehr viel Scham und Angst die Menschen dazu bewegt, isoliert und einsam daheim zu bleiben. Die Internetwelt trägt dazu bei, dass die Isolation verstärkt wird, da man sich virtuell Kontakte herstellen kann, ohne die Sicherheit seiner vier Wände und der Anonymität zu verlassen.
Es ist schwierig diese Menschen zu erreichen und sie erfahren zu lassen, dass es noch viele andere gibt, die vom Messie-Syndrom betroffen sind. Ein Austauschforum kann viel Erleichterung schaffen. In der Schweiz gibt es beispielsweise den Verein lessmess als Anlaufstelle.
Am 15. Januar findet in St.Gallen ein Informationsabend zur Selbsthilfegruppe für Messies statt. Dies ist eine grosse Chance für Betroffene.
Nachgefragt - Pamela Städler Geschäftsleiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen
"Selbsthilfegruppen sind eine wertvolle Ergänzung zum professionellen Unterstützungssystem. In der Gruppe erfährt man eine hohe Wertschätzung und Verständnis, da jeder Einzelne von der selben Problematik betroffen ist. So wissen Teilnehmende, dass sie nicht alleine damit sind. Durch den Erfahrungsaustausch kann man voneinander profitieren und lernen, wie andere mit den Problematiken umgehen. Dies kann sehr entlastend und heilsam sein."
Sämtliche Gruppen sind offen für neue Teilnehmende. Eine Anmeldung ist von Vorteil.
Informationsabend zur Selbsthilfegruppe für Messies
Mittwoch, 15. Januar
18.30 Uhr
Informationen und Anmeldung:
Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen
Lämmlisbrunnenstrasse 55
9000 St.Gallen
Tel. 071 222 22 63
<email-pii>
* Name von der Redaktion geändert
⋌Interview von Rebecca Schmid