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2.11.2012, 00:01 Uhr
Auf ein Fondue mit Fidel2.11.2012, 00:01 Uhr (aktualisiert: 6.11.2012, 11.00)
In den goldenen Zeiten der schweizerischen Diplomatie wirkten unsere Botschafter im Zentrum des Weltgeschehens. Und gaben Dschungel-Revolutionären Nachhilfe in internationaler Höflichkeit. Von Philipp Loser¶
Minister G. habe den Wunsch geäussert, sich in privater Weise zu unterhalten, schreibt Emil A. Stadelhofer dem «Herrn Generalsekretär» in der Abteilung für Politische Angelegenheiten in Bern am 14. März 1964 und «gestattet dem Herrn Generalsekretär mitzuteilen», dass Minister G. am 11. März bei ihm zuhause gewesen sei. «Ich habe ihm vorgeschlagen, gemeinsam das Nachtessen einzunehmen.»
Industrieminister G. heisst mit vollem Namen Ernesto «Che» Guevara. Ein Revolutionär wie aus einem Bilderbuch, von der Linken verehrt bis heute, eine Poster-Ikone in den Schlafzimmern von europäischen Wohlstands-Teenagern – und an diesem Abend im März 1964: etwas unsicher.
Industrieminister Guevara ist an eine Konferenz in Genf geladen und will von Botschafter Stadelmann wissen, wie es denn so sei in der Schweiz und in Genf und wie er sich die Konferenzatmosphäre vorzustellen habe. In einem ausführlichen Telegramm, veröffentlicht durch das Forschungsprojekt «Diplomatische Dokumente der Schweiz», berichtet Stadelhofer vom Treffen mit dem Revoluzzer. Von dessen Weigerung etwa, dem Wunsch des Politischen Departements zu entsprechen und in Genf in Zivilkleidung aufzutreten. «Er erwiderte, es handle sich weniger um eine Uniform als um eine Art Arbeitskleidung. Darin fühle er sich viel wohler und wirke auch natürlicher.» Von Guevaras Bitte, die chemische Industrie in Basel und eine Fabrik in einer «Gebirgsgegend» zu besichtigen, nicht aber einen Landwirtschaftsbetrieb («Das sei dem Premierminister vorbehalten, bemerkte Minister G. etwas maliziös»). Und auch von Unausgesprochenem: «Was einen allfälligen Höflichkeitsbesuch in Bern angelangt, so äusserte mein Gesprächspartner nichts. Auch ich hütete mich, die Rede auf eine derartige Möglichkeit zu bringen.»
Auf Du und Du mit Fidel
Es war nicht ungewöhnlich, dass Che Guevara den Schweizer Botschafter in dessen Residenz besuchte. Emil Stadelhofer, ein gebürtiger Schaffhauser, ein «offener» und «geselliger» Mann, wie ihn Bekannte und Verwandte beschreiben, hatte in seiner Zeit auf Kuba auch mit dem Máximo Líder ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Es gibt unzählige Episoden und Anekdoten von der Beziehung zwischen Fidel Castro und Emil Stadelhofer. So soll der kubanische Premierminister nicht selten auch nach Mitternacht beim Botschafter geläutet haben, «und dann wurde Spaghetti gekocht», wie sich Vertraute des Botschafters heute noch erzählen. Oder die Sache mit dem Fondue, das Castro so gern gehabt habe, bei 35 Grad! Die Käsemischung sei jeweils speziell hergestellt und nach Havanna eingeflogen worden.
Ob die Geschichten bis ins letzte Detail stimmen, lässt sich heute nicht mehr eruieren. Belegt ist hingegen, dass Botschafter Stadelhofer und mit ihm die Schweiz in den 60er-Jahren auf Kuba eine zentrale Rolle einnahmen. Nicht nur bei der Beratung von ehemaligen Revolutionären in den Gepflogenheiten der internationalen Diplomatie, sondern auch mitten im Weltgeschehen.
Mission in der Kuba-Krise
Im Oktober 1962, vor genau 50 Jahren, stand die Welt am Rande ihrer Zerstörung. Die Sowjetunion hatte ihre Basis in Kuba mit nuklearen Mittelstrecken-Raketen ausgerüstet, die USA schwankten zwischen zwei Strategien: Invasion oder diplomatische Hintertür-Lösung. 13 Tage lang fürchteten sich die Menschen vor dem grossen, dem letzten Krieg.
Die Schweiz spielte in den flirrenden Tagen im Oktober 1962 eine Rolle, die so gar nicht zu ihrer realen Bedeutung in der Welt passen mochte. Sie vertrat bereits seit 1961 die amerikanischen Interessen in Kuba. Das dürfte ein Grund dafür gewesen sein, dass Aussenminister Dean Rusk nach einem Briefing der Vertreter der neutralen Länder Auguste Lindt, Schweizer Botschafter in Washington, zur Seite nahm und in einem Gedankenspiel die Möglichkeit einer Schweizer Vermittlung antönte: «Wäre es nicht möglich, dass Ihr Botschafter in Havanna aus eigener Initiative und jeden Auftrag meinerseits verneinend Castro fragen würde, wie er sich die Zukunft Kubas vorstelle?», ist in einem als «streng geheim» eingestuften Telegramm aus Bern an Botschafter Stadelhofer nachzulesen.
«Erhebliche Vorbehalte»
In Bern kam das Angebot der Amerikaner nicht gut an. «Wir geben euch diese Anregung mit erheblichen Vorbehalten weiter», hiess es in Punkt 2 des Telegramms nach Havanna. Es ist nicht klar, ob Stadelhofer seinen Vertrauten Castro auf die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung aufmerksam gemacht hat. Gelöst wurde die Kuba-Krise schliesslich direkt zwischen Washington und Moskau.
Die Schweiz, und insbesondere Botschafter Stadelhofer, hatten dennoch ihren Anteil an der Weltgeschichte. Wie die «Aargauer Zeitung» kürzlich eindrücklich nacherzählte, war es der direkten Linie zwischen Washington und Stadelhofer zu verdanken, dass ein Flug amerikanischer Beobachtungsflugzeuge über Kuba während der Krise schadlos verlief. Auch war es die Leistung von Botschafter Stadelhofer, dass der einzige Tote der Kuba-Krise, der Pilot Rudolf Anderson, in einer Art und Weise in die USA zurückgeführt wurde, die beide Parteien gleichermassen zufriedenstellte. Dies nach «ausserordentlich harten, aber nie in verletztender Form erfolgenden Verhandlungen», wie Stadelhofer festhielt.
Der Botschafter wurde später nach Japan versetzt, nach Brasilien und nach Schweden, wo er 1977 verstarb. Stadelhofer verpasste den Abstieg der Schweizer Diplomatie nach der Wende 1989 und dem Ende des Kalten Kriegs. Er war einer der letzten Vertreter seiner Art.
Heute organisieren unsere Botschafter aufwendige Apéros riches. Einen Topf Spaghetti für den Premierminister kochen sie nur noch selten.
Alle im Text erwähnten Dokumente sind auf der Rückseite des Artikels angehängt oder auf www.dodis.ch zu finden. Der beste Film zur Kuba-Krise (neben Dr. Strangelove) heisst «Thirteen Days» und lässt sich auf Youtube nachschauen.