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«Yoga» ist ein Begriff aus dem Sanskrit (alte indische Gelehrtensprache) und kann übersetzt werden mit dem Wort „Joch“. Dabei können wir uns einen Ochsenkarren vorstellen: Der Karren selbst ist unser Körper, den wir pflegen und stärken sollen, damit er einen weiten Weg zurücklegen kann. Auf dem Kutschbock sitzt der Wagenlenker, unser Geist, er hält die Zügel in der Hand, welche die Ochsen (unsere Sinne) lenken. Um die Ochsen lenken zu können, braucht es ein Joch, Yoga, der die Sinne kontrolliert und es dem Geist ermöglicht, zu lenken. Dieses Bild stammt aus der Bhagavad Gita, welche ein Teil der Upanischaden bildet. Die ältesten bekannten heiligen Schriften Indiens.
Oft sind wir ein Spielball unserer Gefühle. Wir sehen, hören, schmecken oder spüren etwas und reagieren sofort darauf, ohne zu überlegen. Und wie oft stellt sich später heraus, das die eigene Wahrnehmung nicht den Tatsachen entspricht? Yoga hilft uns unabhängiger zu werden von den starken Impulsen, welche die Sinne auslösen. Eine indische Geschichte zeigt dies deutlich. Sie handelt von einem Mann, der schreckliche Angst hatte vor einer Schlange, die zusammengerollt in der Ecke eines dunklen Raumes lag. Er hat sich viele schlimme Bilder und Ideen über den Ausgang der Situation gemacht. Dann öffnete sich ein Fenster, Licht erhellte den Raum und der Mann erkannte, dass die Schlange, vor der er sich zu Tode gefürchtet hatte, nur ein zusammengerolltes Seil war. Unsere Sinne sind nützliche Werkzeuge um uns zu schützen und warnen, aber sie können uns auch täuschen, wenn wir unsere Unterscheidungskraft viveka nicht ausreichend entwickeln. Mit Yoga halten wir die Sinne im Zaum und erlauben es dem klaren Geist zu lenken.
Wie alle Sanskrit Ausdrücke, hat auch „Yoga“ weitere Bedeutungen wie z.B. «verbinden» oder «anbinden». Bei Yoga handelt es sich um keine Religion. Es ist eine spirituelle und transzendente Disziplin welche alle Bereiche des Seins berührt. Oft wird Yoga verbunden mit Elementen aus dem Hinduismus und Buddhismus. Yoga entstand in Indien, wo der Hinduismus die gesamte Kultur und das Gedankengut prägen. „Religion“ stammt von der Wurzel „religare“, was soviel bedeutet wie „zurückbinden an...“. Religionen haben ursprünglich die Aufgabe, ein Mittel zu sein, damit sich der Mensch an die Quelle erinnert und zu ihr zurückfindet. Diese Quelle wird je nach Kultur anders genannt, z.B. Gott, Allah, das Göttliche, Jesus, das Höchste Selbst, Transzendenz.. die Namen sind unendlich viele. Wähle die Begriffe, welche bei dir in Resonanz gehen und fühle dich frei in dieser Wahl.
स्थिरसुखमासनम्
"sthiram sukahm asanam" - Yoga Sutra II. 46
Die Haltung sei fest und angenehm
Der bei uns im Westen bekannteste Aspekt von Yoga sind die Asana (Körperübungen). Dank ihnen kann der Mensch seinen Körper kräftigen, die Organe, Muskeln und Gelenke pflegen, Nerven und Organe ausgleichen und sich seiner SELBST bewusst werden. Asana können kraftvoll und intensiv sein um die vitalen Kräfte zu wecken. Es gibt auch eine Vielzahl einfacher und sanfter Übungen, die von jedem gesunden Menschen problemlos praktiziert werden können. Asanas sind das Eingangstor zum Hatha Yoga und in ihrer Wirkung sehr umfangreich.
Traditionelles Ziel der asana ist es, den Körper stark und geschmeidig zu machen, damit er für die Zeit von Pranayama (Atemübungen) und Meditation ruhig und entspannt in einer sitzenden Haltung verweilen kann. Durch die bewusste innere Beobachtung vor, während und nach der Übung können sich alte Erlebnisse welche emotional, mental oder spirituell nicht verarbeitet werden konnten Schicht für Schicht gelöst. So reinigt sich der Körper allmählich und die Tore zur Einheitserfahrung öffnen sich.
Heute werden asana in den Vordergrund gestellt, da dies für die meisten Menschen der einfachste Zugang zu mehr Bewusstsein darstellt. Hatha Yoga wirkt über den Körper in die tieferen Schichten des Menschen. In einem gesunden und kräftigen Körper fällt es leichter, gelassen und zufrieden zu sein.
Yoga Sutra II 49 - 53 Beschreibt, das - wenn man in sthira-sukham asanam sitzt, mit pranayama begonnen werden kann. Es wird als Kontrolle von Ein- und Ausatmung sowie der Zwischenphasen beschrieben. Konkret bedeutet dies, das wir atemverlängernde Übungen ausführen, welche grundsätzlich den Atembedarf reduzieren und zu einer ruhigeren, tieferen und entspannteren Atmung führen. Dies erhöht die Widerstandskraft gegen alle Arten von Stress und schafft die Voraussetzung für die tieferen Ebenen der Meditation. In II. 51 wird von einer vierten Atemart gesprochen, die den Bereich von "innerhalb" und "ausserhalb" verlässt. Hier wird bereits angedeutet, das pranayama keine profanen Atemübungen sind, welche rein der Ausdehnung der Lungenkapazität dienen oder einer oberflächlichen nervlichen Beruhigung.
Der zeitlich Ursprung von Yoga kann nicht genau festgelegt werden. Er liegt zwischen 2000 und 4000 Jahren v.Chr. Ursprünglich waren die Yogaübungen mentaler Natur und den heiligen Männern vorbehalten. Es war eine geheime Lehre die mündlich überliefert wurde. Erst rund 200 Jahre v.Chr. hat der Gelehrte und Philosoph Patanjali eine Zusammenfassung über Yoga schriftlich verfasst: Die Yoga Sutras. Dieses Werk besteht aus 195 Sätzen und gilt bis heute für viele Yogaschulen und spirituelle Traditionen als Grundlage ihrer Lehre. Patanjali hat den achtgliedrigen Pfad des Yoga wie folgt beschrieben:
Yama & Niyama
Die beiden ersten Schritte geben Anleitungen zum Verhalten, sich selbst gegenüber (Reinigung, regelmässiges Leben, Bescheidenheit etc.) und auch nach aussen (Nicht-Anwenden von Gewalt, nicht stehlen etc.).
Asana & Pranayama
Patanjali schrieb über nur eine einzige Körperstellung (asana), nämlich den Lotussitz. Asana und Pranayama (Atemübungen) dienen dazu, den Körper zu stärken und beweglich zu erhalten, damit er stabil wird und den (geistigen) Weg beschreiten kann. Durch die mentalen Übungen des Yoga werden viele Energien geweckt. Um diese zu ertragen, muss der Körper gesund und im Gleichgewicht sein.
Pratyahara
Rückzug der Sinne. Wenn der Geist ruhiger und klarer wird und beginnt, sich nach innen zu wenden.
Dharana
Konzentration, Fixierung des Geistes auf ein Meditationsobjekt der eigenen Wahl über einen längeren Zeitraum.
Dhyana
Meditation, das beständige Fliessen der Vorstellung zum Meditationsobjekt
Samadhi
Vollständige Sammlung, Versenkung, Einheit, Verschmelzung mit dem Meditationsobjekt
Diese acht Qualitäten werden nicht sequentiell eine nach der anderen geübt.
Jeder Fortschritt einer Qualität, bringt gleichzeitig auch Fortschritt auf allen anderen Ebenen. Deshalb wird empfohlen, gleichermassen in allen Bereichen des Lebens bewusst zu werden und dort wo es möglich ist, diese Grundsätze zu entfalten.
Yoga heute
Yoga hat sich seit seiner Entstehung nicht verändert. Er wird heute jedoch vor allem im Westen praktiziert und deshalb den Wünschen des westlichen Menschen weitgehend angepasst.
Die Ernährung, alltägliche Bewegungsfülle, körperliche Beschaffenheit und kulturelle Ausrichtung prägen unsere Bedürfnisse. So wurde aus der einst mentalen Übung des Yoga ein grosses Gebiet mit dem Schwergewicht auf Körperübungen. Kein Wunder also, das Yoga oft mit Sport verwechselt wird.
Der Fokus des heutigen Yoga ist sehr stark auf den Körper gerichtet. Der Körper wird gestärkt, gedehnt und gepflegt. Diese Entwicklung kommt unserem Bewegungsdrang sehr entgegen. Wir müssen heute keine schweren Wasserkrüge oder andere, lebensnotwendige Dinge über weite Strecken tragen oder gar unsere Ernährung durch kräfteraubende Jagd sichern.
Der Körper ist jedoch immer noch auf viel und ausdauernde Bewegung programmiert. Deshalb hat sich der körperorientierte Hatha Yoga bei uns am besten etabliert. Körperliche Bewegung ist notwendig und gerade heute sehr wichtig, da die meisten Berufe und Lebensstile keine ausreichende Bewegung erlauben.
Yoga ist jedoch mehr als die anmutenden Stellungen, die oft in Büchern und auf dem Internet dargestellt werden. Wenn die innere Ausrichtung sich nicht der Körperstellung anpasst, verpassen wir den wichtigsten Teil: Gewahrsein, im Augenblick vollkommen präsent werden und den Körper von aussen und innen wahrnehmen. Wie weit diese Innenschau und die vertiefte Wahrnehmung des Körpers gehen soll, steht jedem Schüler/jeder Schülerin frei.
Nach einer Weile der Yogapraxis werden sich jedoch die konstruktiven Verhaltensmuster, die im Yoga gepflegt werden, auf den Alltag übertragen. Der Körper richtet sich auf und die Haltung verbessert sich, die Gedanken werden ruhiger, wir fühlen uns innerlich ausgeglichener, weniger reizbar und gewinnen den Blick für die kleinen verborgenen Schätze des Alltages zurück. Langsam bahnt sich der Weg zur Einheit mit dem Höheren Selbst, Schritt für Schritt.