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Die <Vierzehntausender> von Colorado
von Colorado
Jean-Louis Biermann, Deux-Montagnes ( Québec )
1 Gemessen in ( Anm. der Red. ).
Wir müssen deshalb viel weiter fahren, bis zu den Rocky Mountains, wenn wir Alpenluft schnuppern wollen. Allerdings befindet sich das nächstgelegene - und zugleich am höchsten aufragende - Teilstück dieser Gebirgskette im Bundesstaat Colorado, fast 4000 km von meinem Wohnort entfernt: kaum weniger weit, als wenn Sie von der Schweiz in den Ural reisen wollten.
Trotz allem entschliesse ich mich, in diesem Juni 1983 mit meinem Wohnmobil loszufahren und die berühmten Gipfel von Colorado aus der Nähe zu besehen. Das Land kenne ich bereits von einer früheren Durchreise. Ich erinnere mich, dass ich schon damals, vor etwa zehn Jahren, einen sehnsüchtigen Blick auf die hohen, meinen Weg säumenden Berge geworfen habe.
Die ausserordentliche Schneelage zu Beginn dieses Sommers haben mir zwar nur die Besteigung eines halben Dutzends markanter Gipfel erlaubt, darunter drei Viertausender. Dennoch glaube ich, dass meine Erfahrungen und die Lehren aus dieser Entdeckungsreise für etliche der vielen Schweizer, die Sommer für Sommer den amerikanischen Westen durchqueren und dabei seine berühmten Nationalpärke besuchen, von Nutzen sein können. Mein Bericht verlockt sie vielleicht dazu, einen Abstecher in die Rockies von Colorado zu machen und den einen oder anderen Gipfel in ihr Programm aufzunehmen.
Anderseits werden diejenigen Alpinisten, die gerne etwas über Erstbegehungen und Nordwände erfahren, hier keine lohnenden Hinweise finden; als SAC-Mitglied in den Fünfzigern fühle ich mich weder sicher genug noch verfüge ich über den nötigen Schnauf, um in unbegangenem Gelände Grosstaten zu vollbringen.
Die Rocky Mountains erstrecken sich bekanntlich über mehr als 5000 km von der mexikanischen Grenze bis hinauf zum kanadischen Teil des Yukon. Aber nur in ihrem mittleren Abschnitt, in den amerikanischen Bundesstaaten New Mexico, Colorado, Utah und Wyoming übersteigen sie die 4000-Meter-Marke. Allein in Colorado, einem Staat sechsmal grösser als die Schweiz, zählt man 608 kotierte Gipfel von über 13000 Fuss, was 3962 Metern entspricht. Die Höhe von 4000 Metern, symbolische Schwelle in unserer hochalpinen Gipfelwelt, hat natürlich in diesem Land, dem das metrische System fremd ist, keinerlei Bedeutung. Dafür macht man einen Kult um die , die Gipfel also, die 14000 Fuss ( 4267 m ) übersteigen. In Colorado gibt es davon 54, gemäss der ( offiziellen ) Aufstellung des U.S. Geological Survey; dazu kommen etwa ein Dutzend Neben- und Vorgipfel, die nicht die Kriterien für einen selbständigen ( Vierzehntausender ) erfüllen. Die höchste Erhebung der Rockies, der Mount Elbert, weist eine Höhe von 14433 Fuss ( 4399 m ) auf; somit liegen alle 54 innerhalb einer Spanne von nur 132 Metern. Dabei sind sie oft um die hundert Kilometer voneinander entfernt - ein wahrhaft demokratischer Ausgleich auf höchster Ebene! Selbst der Mount Whitney in der 1200 km weiter westlich liegenden kalifornischen Sierra Nevada, höchster Punkt der Vereinigten Staaten im engeren Sinn ( d.h. ohne Alaska ), überragt mit seinen 4417 Metern den Mount Elbert nur gerade um 18 Meter.
Zwei der in Colorado kann man auf gebührenpflichtigen Touristenstrassen erreichen: den Mount Evans ( 4347 m ) ob Denver, wo die notabene höchstgelegene Strasse der USA nur 30 Meter unterhalb des Gipfels endet, und den Pikes Peak ( 4301 m ), wo sich der Wende- und Parkplatz - auch für Wohnmobiledirekt auf dem planierten Gipfel befindet. Auch eine Zahnradbahn, mit Schweizer Rollmaterial übrigens, klettert bis hier hinauf. Sie ist, wie es scheint, die höchste Normalspurbahn der Welt. Selbstverständlich findet man auf diesen beiden domestizierten Gipfeln Restaurants, Wetterstationen, Radio-und Fernsehübermittlungsanlagen, Stationen der Pannenhilfe und... Scharen von Touristen, die natürlich schlecht ausgerüstet sind und kaum auf die in solcher Höhe häufigen Wetterumschläge vorbereitet sind.
Alle übrigen Gipfel liegen fernab der Touristenströme und müssen zu Fuss erklommen werden. Auch wenn es sich vor allem in der Sawatch- und der Mosquitoskette oft um nichts weiter als ( ohne Herden zwar !) handelt, so sind die Auswirkungen für den Berggänger trotzdem spürbar: 4300 Meter über Meer stellen eben so oder so eine beachtliche Höhe dar.
Gletscher gibt es in Colorado mit seinem trocken-heissen Klima nicht, wohl aber zahlreiche ganzjährige Firnfelder. Und wenn man sich anfangs Sommer, noch vor der grossen Schneeschmelze, in das Gebiet begibt, weisen nicht wenige steilaufragende Gipfel in verschiedenen Ketten einen recht hübschen hochalpinen Anstrich auf, so etwa der Wetterhorn Peak ( 4345 m ), um nur ein Beispiel mit helvetisch klingendem Namen herauszugreifen. Auch reizvolle luftige Grate und richtige Wände lassen sich finden, die selbst den un-ternehmungslustigsten Bergsteiger zufriedenstellen dürften - zum Beispiel am Longs Peak ( 4345 m ) im Rocky Mountain National Park.
Meistens liegt die Hauptschwierigkeit weniger darin, den Gipfel zu erklimmen, als vielmehr in die Nähe des Berges zu kommen. Denn zum einen sind die Anmarschwege lang, die teilweise nicht mit Strassen erschlossenen Täler endlos. Zum andern wirkt sich das völlige Fehlen von Biwakunterkünften, Berghotels oder etwa Alphütten als besondere Erschwernis aus. Wir befinden uns hier noch im unendlich weiten und ungezähmten Amerika, worin zweifellos der Hauptunterschied zu den Alpen liegt.
Das ganze Gebiet ist nur auf der Strasse zugänglich, wobei aber einzig die Hauptachsen in den Tälern und einige wenige Passübergänge gut ausgebaut sind, wie etwa der Independence Pass ( 3686 m ), der Hoosier Pass ( 3517 m ) und der Fremont Pass ( 3450 m).Übrigens, die transkontinentale Autostrasse I-70 überquert den Kamm der Rockies über den 3250 Meter hohen Van Pass, was immerhin der Höhe unserer Dents du Midi entspricht! Die erwähnten Passstrassen führen allerdings kaum in die Nähe der begehrenswerten Gipfel; zu ihnen gelangt man nur über die der Waldwirtschaft dienenden Talwege, welche ausnahmslos einen miserablen Zustand aufweisen: holprige, staubige, mit Schlaglöchern gespickte Pisten, die man im Schneckentempo befahren muss. Dafür sind sie oft grosszügig dimensioniert, was der Fahrer eines 2,50 m breiten Wohnmobils zu schätzen weiss.
Entlang dieser Strassen findet man im allgemeinen recht zahlreiche, vom Forstamt eingerichtete, aber nicht durchgehend bewartete Campingplätze. Für vier oder fünf Dollar pro Nacht - man wirft sie am Eingang in eine Baumstamm-Kasse - kommt man in den Genuss eines eigenen, inmitten von Bäumen angelegten Platzes mit Wasser und sanitären Der Twin-Lakes-Stausee. Rechts die Vorberge des Mount Elbert.
Anlagen. Andere Übernachtungsmöglichkeiten als das Zelt oder das Wohnmobil gibt es hier allerdings nicht.
Das Zelt ist die geeignete Unterkunft für die Jungen und einige Junggebliebene. Auf dem Buckel mitgeschleppt, erlaubt es zudem, auch die entlegensten Gipfel zu besteigen. Denn in Anbetracht der Abgeschiedenheit wächst sich eine Tour leicht zu einer mehrtägigen Expedition aus, daher die Notwendigkeit, unterwegs schlafen und sich gegen Niederschläge schützen zu können. Vor allem die Gewitter sind in den Rockies häufig und von grösser Heftigkeit. Im allgemeinen brechen sie zu Beginn des Nachmittags los, was einen dazu zwingt, frühmorgens abzumarschieren und die Gipfel und Grate spätestens um die Mittagszeit wieder zu verlassen.
Für ältere Semester stellt das Wohnmobil ein ideales Mittel zur Erkundung des Colo-rado-Gebirges dar. Es lässt sich darin sowohl auf den Zeltplätzen wie auch irgendwo in der Wildnis bestens leben, insbesondere dann, wenn die übliche vollständige Ausstattung vorhanden ist: Warm- und Kaltwasser, Kühlschrank, Heizung, Toilette und Moskitonetze -Letzteres für die Nächte in den Wäldern unentbehrlich! Ein Fernsehempfänger leistet wertvolle Dienste wegen der Wetterkarten, die für den Kontinent im Überblick gezeigt werden; so ist es möglich, die Entwicklung für die kommenden paar Tage vorauszusehen, mit einer Genauigkeit übrigens, die in Europa noch ihresgleichen sucht. Ist aber nicht zusätzlich ein Zelt oder ein Geländefahrzeug vor- handen ( ein solches kann man bisweilen im letzten Dorf mieten ), so wird der Wohnmobil-tourist nur eine beschränkte Zahl von Gipfeln besteigen können, und auch diese nur, wenn er lange Tagesmärsche in Kauf nimmt.
In der Mosquitoskette hat allerdings die Invasion der Goldgräber ( auch Silber und andere Edelmetalle wurden hier gefunden ) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Bau schmaler Strassen geführt, die sich manchmal bis auf über 4000 Meter hinaufwinden. Wie die meisten Minen sind aber auch diese Strässchen heute weitgehend aufgegeben, und nur Fahrzeuge mit Allradantrieb können sie hie und da noch befahren und so den Berggänger oder Jäger in unmittelbare Nähe der höchsten Gipfel führen.
Als topographische Karte gibt es in erster Linie die des U. S. Geological Survey, im Massstab 1:24000 und mit einer Äquidistanz von 40 Fuss ( etwa 12,20 m ); sie entspricht etwa unserer Landeskarte 1:25000. Da das Gebiet aber unendlich weit ist, muss man sich eine beträchtliche Anzahl Blätter beschaffen, wenn man in eine Gegend aufbricht, ohne ein genaues Ziel ins Auge gefasst zu haben. Als Übersichtskarte empfehlen wir die von der Forstverwaltung des U.S. Departement of Agriculture publizierte Karte. Auf ihr ist 1/ Inch ( 2,54 cm1 Meile, der Massstab beträgt somit etwa - vom metrischen System durch Welten getrennt1:126692. Leider zeigt die genannte Karte kein Relief, sondern enthält nur die Höhenangaben ( in Fuss ) vereinzelter markanter Punkte.
Es gibt auch verschiedene Führer in Buchform, für Wanderungen ( hiking ) wie auch für eigentliche Besteigungen. Für den Bergsteiger wichtig sind zwei:
- Guide to the Colorado Mountains2: er enthält knappe Routenbeschreibungen für alle Gipfel in Colorado, in besonderen Fällen ergänzt durch kleine Kartenausschnitte und PhotographienA Climbing Guide to Colorado's Fourteeners 3: er beschränkt sich, wie der Titel sagt, 2 Guide to the Colorado Mountains, von Robert M. Ormes, Verlag des Colorado Mountain Club, Colorado Springs.
3 A Climbing Guide to Colorado's Fourteeners, von Walter R. Bornemann und Lyndon J. Lampert, Pruett Publishing Company, Boulder, Colorado.
auf eine detaillierte Beschreibung der Routen auf die , ergänzt durch historische Angaben zu den Erstbegehungen; auch hier finden sich illustrierende Kartenausschnitte und Photographien.
Nach amerikanischer Gepflogenheit enthalten die Führer keine Angaben über die Marschzeit in Stunden, wohl aber sind jeweils die Distanz in Meilen und die Höhendifferenz in Fuss angegeben.
Beide Führer erhält man in den Buchhandlungen und Sportgeschäften der Städte oder in den Touristenorten, wo man auch allenfalls vergessene Ausrüstungsgegenstände wie Kleider, Schuhe, Pickel und anderes mehr besorgen kann. Lebensmittel gibt es selbst im kleinsten Ort zu kaufen, doch muss man daran denken, dass die Siedlungen oft Dutzende von Kilometern voneinander entfernt sind und sich nur in den Haupttälern befinden. Dafür findet man dann wirklich alles im Laden, sogar Wein, den man in Ermangelung der gemütlichen Hütte eben auf dem Zeltplatz trinken muss.
Soweit die wichtigsten Hinweise. Und damit wünsche ich allen Schweizern, die ihren Besuch des amerikanischen Westens mit der Besteigung wenigstens des einen oder anderen verbinden möchten, viel Vergnügen und eine lohnende Tour. Anstelle erhabener Gletscher und schwindelerregender Abgründe werden Sie andere Schönheiten überraschen: unermessliche Weiten, eine unverfälschte Natur ( wenn man von den noch ausgebeuteten Bergbaugebieten absieht ), eine andersartige Tier- und Pflanzenwelt ( einem Braun- oder Grizzlybären hinter der nächsten Wegbiegung zu begegnen, ist nicht ausgeschlossen ), vor allem aber die Einsamkeit in der wilden Natur, wie sie unsere übererschlossenen und übervölkerten Alpen nicht mehr bieten können.
Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Ch.Rohr, Bern
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