Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03510.jsonl.gz/866

Dreissig Prozent aller in der Schweiz lebenden Erwachsenen ab 15 Jahren werden in der Statistik aktuell als „ohne religiöse Zugehörigkeit“ ausgewiesen. Vor fünfzig Jahren war es nur ein Prozent.
Das entspricht zwei Millionen erwachsenen Personen, die für eine gewichtige Leistung in der und für die Gemeinschaft nicht Steuern zahlen mögen.
Signifikant viele über 15 Jahren verliessen die Evangelisch-reformierte Religion. Bekannten sich 1970 noch die Hälfte dieser Einwohnergruppe zu den Evangelisch-reformierten, sind es gegenwärtig gerade noch 22 Prozent.
Bei den Katholiken ist der Aderlass geringer. 1970 standen noch 47 Prozent zur Kirche, während es heute weniger, aber immerhin noch mehr als jeder dritte, nämlich 35 Prozent sind.
Die Bevölkerung ist in dieser Zeit allerdings gewachsen. Evangelisch-reformierte gab es vor 50 Jahren 2’242’000 und Katholiken 2’150’000.
Heute sieht es anders aus: 1’570’000 erklären sich als Evangelisch-reformierte, aber 2’450’000 als Katholische. Die Zahl der Katholiken hat sich erhöht.
Gegen eine halbe Million Personen ab 15 Jahren sind in islamischen Glaubensgemeinschaften eingebettet.
Der katholische Glaube und seine Rituale lassen, abgesehen von der Zuwanderung, folglich mehr Menschen einen Nutzen an der Religion wahrnehmen als beim evangelisch-reformierten Bekenntis.
Der evangelisch-reformierten Richtung wurde lange Zeit nachgesagt, die Wirtschaft entwickle sich besser, wo sie verbreitet sei.
In seinen 309 Pfarreien betreut das Bistums Chur mit 162 Ordenspriestern und 340 Weltpriestern gegenwärtig 665’000 Katholiken. Jedes Jahr erhalten um die 4’100 Kinder das Sakrament der Taufe, und es werden vier neue Priester geweiht.
Die kirchlichen Feste sind nach wie vor Magnete, und die Lebensentscheidungen wie Heirat, Taufe, Erwachsenenrituale (Konfirmation/Firmung) und Sterbenssakrament werden bevorzugt im Schoss der Kirche begangen.
Seit Montag hat das Bistum Chur, das sich über das Gebiet der Kantone Zürich, Graubünden, Glarus und die drei Urkantone Schwyz, Uri, Nid- und Obwalden erstreckt, mit Dr. med. et iur. can. Joseph Maria Bonnemain einen neuen Bischof.
Er ist Bürger der Grenzgemeinde Les Pommerats bei Saignelégier im Jura, die vom Doubs-Flüsschen von Frankreich getrennt wird.
Allerdings ist der Priester in der spanischen Provinz Katalonien aufgewachsen.
Der 1948 geborene hat eine lange und vielfältige Karriere hinter sich. Nach dem Doktorat in Medizin an der Universität Zürich mit 27 Jahren studierte er ab 1975 in Rom Philosophie und Theologie, bis er im August 1978 vom Wiener Kardinal König zum Priester geweiht wurde.
1980 promovierte er zudem in Kirchenrecht. Das prädestinierte ihn zum Offizial. In dieser Funktion des kirchlichen Richters war er bisher unter anderem für die Ungültigkeitserklärung von Ehen zuständig.
Als Träger des päpstlichen Ehrentitels Monsignore ist der Priester bisher auch Kanonikus gewesen, das heisst, er war Mitglied des Domkapitels des Bistums Chur und Domherr der Kathedrale Chur.
Wer insbesondere an Samstagen zur Beichte in die Kathedrale des Hofes Chur kam, kann seine Sünden leicht ins Ohr von Dr. Bonnemain geflüstert und von ihm Zusprache und Bitte um Vergebung oder sogar eine Absolution erhalten haben.
Solche zu erteilen, war er seit 2003 als von Bischof Amadée ernannter Dompönitentar ermächtigt. Während der Gottesdienste amtete er in Chur als Domkantor und brachte die Gesänge dar.
Hauptamtlich war er bisher Leiter der Spitalseelsorge des Kantons Zürich und am ehesten an seinem Sitz im Limmattal-Spital in Schlieren anzutreffen.
Das Medizinstudium prädestinierte ihn für diese Aufgabe. Er besorgt sie seit 35 Jahren. Er steht der medizinischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte positiv und mit Sachverstand gegenüber.
Zentral ist für ihn der Respekt vor dem menschlichen Seelenkonglomerat in seiner Gesamtheit. Er sieht seine Aufgabe im Religieren, was bedeutet, die Menschen in der Verbindung zu Gott zu unterstützen, worin sie sich als Teil eines grossen Erbes erleben.
Die volle Potenzialität des Menschen ist für ihn ab Zeugung gegeben und besteht bis zum Tod. Er verschliesst dabei die Augen vor den zivilrechtlichen Differenzierungen in keiner Weise; sie betreffen Irdisches.
Aber angesichts der Tendenz zur Isolation und Gruppierung sieht er es als wichtig an, energisch für das Leben in der Gemeinschaft und im Gemeinsamen einzustehen.
Noch nie gab es so viele Einrichtungen und Institutionen, die alleinstehenden älteren Menschen Beistand wie heute leisten müssen, angefangen bei Spitex für Pflege, Heime, altersgerechte Wohnungen, über Mahlzeitendienste bis zu Sport-, Schwimm-, Gymnastik- und Gesellschaftsvereinen.
Die Familien sollten jedoch zusammenbleiben, weil sie im gemeinschaftlichen Leben dem Nachwuchs die Tugenden und Haltungen viel besser zu vermitteln vermag und wesentlich höhere soziale Gewinne erzielen können.
Der hohe Geistliche sieht eine unbedingte Notwendigkeit darin, dass die Kirche den Familien mehr Unterstützung bei der Begleitung der Familienmitglieder in allen Lebenslagen in jedem Alter bietet.
Die Rolle der Familie ist für ihn ausschlaggebend, weil in ihrem Rahmen auch das Verständnis für die Kranken und Sterbenden wachsen kann und damit jeder Beteiligte eine bessere Einbettung in den Lebenszyklus erfährt.
Ein Blick in die Strukturen der afrikanischen Familien zeigt nach seiner Erfahrung, dass durch den Zusammenhalt mit wenig Mitteln auszukommen ist und der Einzelne zugleich im Verband glücklicher lebt. Grosseltern gehörten in den Schoss der Familie, sagt er für Westeuropa.
Dr. Bonnemain will das Leben vollumfänglich geschützt sehen und versteht dies so, dass wir mit Menschen, deren Gesundheit oder Teile der Funktionen beeinträchtigt sind, aber auch mit den Gesunden in jedem Alter uneingeschränkt und so lange wie möglich auf Erden leben.
Gibt es solche, die mit sechzig Jahren lebensmüde sind, so verweist er auf 85jährige, die schon eine Woche nach einer Krebsoperation innert weiteren 10 Tagen fit für ein Projekt sein wollen; nämlich für eine der Freundin versprochene Reise mit Trekking nach Finnland.
Daraus erschliesst sich für den neuen Bischof, dass ein menschliches Leben zu keinem Zeitpunkt aus Nutzenüberlegungen aufgegeben werden soll.
In punkto Pflege der Lebenserwartung weiss er, dass in der Medizintechnik verhältnismässig agiert wird. Er sieht in der Spitalpraxis, dass die Ärzte die Massnahmen den Umständen anpassen. Er stellt der Ärzteschaft das Zeugnis aus, sehr sorgfältig abzuwägen.
So werde ohne weiteres zur Palliativbehandlung übergegangen und mit Hausmitteln gepflegt, wenn die Zeit für den Tod sichtbar gekommen sei. Sie legten eine hohe ethische Professionalität an den Tag. Die Seelsorge stellt ein anderes Fachgebiet dar; Medizin und Seelsorge bedingen einander.
Das Sterben in Isolation und ohne die Angehörigen ist für Dr. Bonnemain keine vernünftige und würdige Lösung, gerade wie dies jetzt mit Corona betrieben wird. Das Sterben gehört in die Familie.
Anerkannterweise gibt es den medizinischen Fortschritt und eine Reihe von Massnahmen, die zur Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters geführt hat.
Lag vor 40 Jahren ein 60jähriger Patient nach der Implantation einer Hüftprothese noch ein Monat lang im Krankenbett und musste er anschliessend in die Physiotherapie, läuft heute eine 90jährige nach einer Woche problemlos aus dem Spital.
Aber es gibt auch Erkrankungen und Beeinträchtigungen, wo der Einzelne Hilfe annehmen muss. Für Menschen sei es oft sehr schwierig, Hilfe anzunehmen und sich auszuliefern. Sich helfen zu lassen, erfordere viel Demut und Bescheidenheit, so Bonnemain.
Diese ist leichter aufzubringen, wenn die Familienmitglieder über Generationen mit Feinfühligkeit aufeinander acht geben. Der grosse Nutzen daraus ist nicht nur die Übung in Geduld, sondern auch der Preis, nicht allein sein zu müssen.
Der neue Bischof von Chur rügt die aktuelle Isolation durch den Lockdown. Die Jugendlichen benötigen dringend die Begegnung mit Gleichaltrigen, um ihre Rolle in der Gruppe und Gesellschaft definieren zu können. Sie brauchen die Feste und die Parties, um zu wachsen.
Auch die Familien brauchen die Zusammenkünfte. Familienmitglieder ohne Verabschiedung in den Tod gehen lassen zu müssen, widerspricht der menschlichen Natur. Die Zahl der Konsultationen bei Seelenärzten zeige, dass die Isolation grosse Not schafft.
Noch 1970 wurden die Menschen in der Schweiz im Durchschnitt 72 Jahre alt. Heute weisen sie im Durchschnitt eine Lebenserwartung von 85 Jahren auf.
Der dies erforschte, ist Dr. François Höpflinger, emeritierter Professor für Soziologie der Universität Zürich. Er legte vor einigen Monaten eine 190-seitige Arbeit über den Bevölkerungswandel der Schweiz vor.
Im Herbst kam er zum Schluss, dass die Massnahmen der Staaten zur Hemmung des Alltagslebens in keinem Verhältnis zu den statistisch gewonnen Lebensjahren stand.