Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03360.jsonl.gz/1315

Als ein Hollywood-Studio-Boss einst spitzfindig bemerkte, dass John Woo ein guter Regisseur von Action-Szenen sei, soll Quentin Tarantino geantwortet haben: «Klar. Und Michelangelo war gut darin, Decken zu bemalen.»
Sam Raimi, der Regisseur der ursprünglichen «Spider-Man»-Trilogie, sagte über Woo, dass dieser Action so gut beherrsche wie Hitchcock Spannung.
Tarantino und Raimi sind nur zwei westliche Regisseure, deren Werk nur schwer losgelöst von Woos Einfluss angeschaut werden kann. Wenn man sich erst einmal mit den Filmen des Hongkongers vertraut gemacht hat.
Filme wie «A Better Tomorrow» (1986), «The Killer (1989)» oder «Hard Boiled» (1992), Klassiker aus Woos erster Schaffensperiode in seiner Heimat, setzten ästhetisch neue Massstäbe. Sie öffneten vielen die Augen, wie ausdrucksstark Action für die grosse Leinwand inszeniert werden kann.
Opulentes Kino-Spektakel
Beginnend in den 1970er-Jahren hatte sich Woo seinen Ruf als König des opulenten Kino-Spektakels in Hongkong erarbeitet, bevor es ihn 1993 nach Kalifornien zog.
Seine ersten Hollywood-Filme, «Hard Target» und «Broken Arrow», waren zwar finanzielle Erfolge, ernteten jedoch nur lauwarme Kritiken. Auch weil Woo nicht über die volle kreative Kontrolle verfügte, wie er es gewohnt war.
Dies änderte sich 1997 mit «Face/Off», dem Identitätstausch-Klassiker mit John Travolta und Nicolas Cage. Es sollte der «John Woo-ste» seiner US-Filme werden. Sämtliche Markenzeichen, die Woo sich während gut zwei Jahrzehnten angeeignet hatte, sind darin im Überfluss vorhanden:
Action-Szenen in Slow-Motion? Zuhauf. Action-Szenen in Slow-Motion, diesmal jedoch unterlegt mit sentimentaler Musik? Eine – dafür mit Kind. Mexican-Standoffs? Mehrere; Teilnehmerzahl zwei bis sechs. Tauben? Mehr als auf die Piazza San Marco in Venedig passen würden.
Gepaart mit zwei Hauptdarstellern, die nicht eben für ihr reduziertes Spiel bekannt sind, war ein opulentes Action-Spektakel beinahe unausweichlich.
Kommerzieller Erfolg, Ehrfurcht und Tauben
Der Erfolg von «Face/Off» führte dazu, dass Woo im Jahr 2000 im heiss begehrten Regiestuhl von «Mission: Impossible II» Platz nehmen durfte. Mit Action-Star Tom Cruise schaffte er es punkto Einnahmen auf Platz eins der US-Jahrescharts.
Doch der Franchise-Charakter des Filmes führte bedauerlicherweise auch dazu, dass der in Guangzhou geborene Regisseur seinen idiosynkratischen Stil nicht vollständig ausleben durfte. Nach ein paar weiteren, bedingt erfolgreichen Hollywood-Projekten zog es Woo zurück in die Heimat, wo er mit dem historischen Kriegs-Epos «Red Cliff» den chinesischen Box-Office-Rekord brach.
Doch eher als mit nackten Zahlen, Kritiken oder Auszeichnungen lässt sich Woos Erfolg mit den zahlreichen cineastischen Hommagen und beinahe ehrfürchtigen Worten seiner Kollegen belegen. Sowie mit dem Umstand, dass sämtliche Woo-Enthusiasten keine Taube sehen können, ohne dabei an den Grossmeister des Action-Kinos zu denken.