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Für die Begriffe freier Wille oder Willensfreiheit gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Umgangssprachlich versteht man etwas anderes unter dem freien Willen als im juristischen oder psychologischen Sprachgebrauch.
Einige Philosophen sehen die Konzepte von Willensfreiheit als unvereinbar. Wenn der Wille, wie alles andere in der Welt, bedingt sei, so könnten er und alle von ihm ausgehenden Entscheidungen und Handlungen nicht frei sein.
Kein freier Wille?
Ein viel diskutiertes Experiment ist das nach Benjamin Libet benannte Libet-Experiment.
Die Probanden wurden gebeten, in einem beliebigen Moment ihren Finger zu heben, während sie eine Art Uhrzeiger verfolgten. Gleichzeitig wurde die mit der Fingerbewegung zeitlich gekoppelte Gehirnaktivität aufgezeichnet. Das Experiment zeigte, dass die Hirnaktivität der Probanden etwa 550 Millisekunden vor dem Moment einsetzte, in dem sich die Testperson dessen bewusst war. Libet schlussfolgerte daraus, dass die Annahme, der Mensch verfüge über keinen freien Willen, falsch sein müsse. Innerhalb des nachgewiesenen Zeitfensters zwischen Bereitschaftspotenzial und bewusst empfundener Handlungsentscheidung sei ein «Veto» möglich. In einer Studie von 2016 wurde Libets Veto genauer untersucht. Hier zeigte sich, dass motorische Handlungen vor der eigentlichen Durchführung unterbunden oder abgebrochen werden können.
Neue Experimente
Die Experimente von Benjamin Libet hatten nicht voll befriedigt. Im April 2008 entwickelte deshalb eine Forschergruppe um Dr. John Haynes neue Experimente. Die Neurowissenschaften hatten sich inzwischen weiterentwickelt. Da waren vor allem die neu entwickelten Mustererkennungsprogramme: Anhand von Mustern in den Gehirnabläufen konnte man erkennen, welcher Gedanke gerade ablief.
Vierzehn freiwillige Testpersonen bekamen die Anweisung, zu entscheiden, ob sie einen Knopf mit der rechten oder linken Hand betätigen wollten. Im Gegensatz zu den früheren Experimenten bestand hier eine Wahl zwischen zwei Handlungen. Auf einem Bildschirm liefen dauernd Buchstaben vorbei. Nun sollten sie angeben, welcher Buchstabe gerade sichtbar war, als sie den Entscheid fällten. Im Unterschied zu den früheren Experimenten konnten sie den Moment des Entscheids selber wählen, wie dies ja auch im Alltagsleben der Fall ist.
Das Resultat war überraschend: Schon sieben Sekunden vor dem Entscheid der Testpersonen konnte das Forschungsteam mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent voraussagen, welche Hand sie heben würden. Das Hirn war also schon sieben Sekunden im Sinne des Entscheids tätig, bevor der Entscheid ins Bewusstsein des Handelnden kam. Sieben Sekunden, das war bedeutend länger als die von Libet gemessenen Millisekunden.
Auch in diesen Experimenten bleibt die Frage, ob der Entscheid während der sieben Sekunden noch widerrufen oder abgeändert werden kann. Dazu sagt John Haynes in einem Interview: «Es gibt tatsächlich momentan in der Hirnforschung keine Daten, die zweifelsfrei belegen, dass Menschen sich nicht tatsächlich noch einmal umentscheiden könnten.»
Und was jetzt?
Die Experimente sagen es klar: Wenn wir eine Entscheidung treffen, hat das Hirn bereits im Sinne unserer Entscheidung vorgearbeitet. Aber eigentlich ist das nicht überraschend. Um Bewegungen ausführen zu können, müssen Impulse ins Gehirn gelangen. Diese vom Hirn abgespeicherten Abläufe werden durch andere Impulse an den Körper weitergeleitet und schon vor der Bewegung aktiviert, damit diese möglichst schnell ausgeführt wird.
«Unsere Entscheide sind in vieler Hinsicht vorgespurt: durch frühere Erfahrungen, Gewohnheiten und Bedürfnisse. Beim Fahrradfahren strampeln wir und fahren geradeaus, ohne an jede einzelne Bewegung denken zu müssen.»
Unsere Entscheide sind in vieler Hinsicht vorgespurt: durch frühere Erfahrungen, Gewohnheiten und Bedürfnisse. Beim Fahrradfahren strampeln wir und fahren geradeaus, ohne an jede einzelne Bewegung denken zu müssen. All diese Erfahrungen sind im Hirn gespeichert und nehmen Einfluss.
Ob subjektive oder objektive Entscheide: Wir wissen, dass wir entscheiden können. Oft sind es zwei verschiedene Sichtweisen: die subjektive Erfahrung vom freien Willen und die objektive Erkenntnis darüber, was beim Entscheiden in unserem Hirn vorgeht. So wie es zwei verschiedene Dinge sind, ob wir am Fernseher einen Film schauen oder seine Elektronik auseinandernehmen.
Einen interessanten Gedanken äussert Dr. Haynes selber, den auch wir beide teilen. Das Gehirn gehöre auch zu uns. Auch wenn es Vorarbeit leiste, seien es deshalb doch unsere Entscheide. Und er fügt an: «Ich freue mich über die Hilfe, die mir die unbewussten Arbeitsprozesse meines Gehirns leisten, indem sie mir eine ganze Menge von Alltagsentscheidungen und Prozessen abnehmen.»
Und da gibt es noch eine weitere beruhigende Aussage des Hirnforschers: «Bis wir definitive Aussagen über die Willensfreiheit machen könnten, sind noch 50 Jahre Forschung nötig.» In diesem Sinne dürfen wir weiterhin getrost mutig und frei unsere Entscheidungen treffen!