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Wir Schweizerinnen und Schweizer sind ein ländlich geprägtes Volk und ziehen ein Leben auf dem Land oder am Rand von urbanen Gebieten dem hektischen Stadtleben oftmals vor. Doch mit den beschränkten Platzverhältnissen und der Konzentration der Arbeitsplätze in den urbanen Gebieten lässt sich dieses Ideal immer schwerer erreichen. Während 1950 erst 45% der Schweizer Bevölkerung in Agglomerationen lebten, sind es heute bereits drei Viertel. Obwohl die Schweizer Bevölkerung gesamthaft wächst, geht die Bevölkerung in manchen ländlichen Gemeinden zurück. Von der sogenannten Landflucht sind vor allem periphere, abgelegene Ortschaften betroffen, aus denen speziell die jungen Bewohner abwandern.
In der Schweizer Verfassung ist das Ziel der dezentralen Besiedlung verankert. Die Grundversorgung soll flächendeckend gewährleistet werden. Es werden jedoch immer wieder Stimmen laut, welche die staatlichen Massnahmen zur Aufrechterhaltung der dezentralen Siedlungsstruktur in Frage stellen. Das Erbringen von Dienstleistungen des öffentlichen Verkehrs, der Post und der Gesundheitsversorgung lohnt sich in vielen Gebieten der Schweiz wirtschaftlich gesehen nicht.
Der Wald erobert Fläche zurück
Neben dem finanziellen Aspekt wird auch der ökologische Nutzen der dezentralen Besiedelung hinterfragt. Denn wenn wir die abgelegenen Orte und Talschaften verlassen, erhält die Natur mehr Raum, in der sie sich ungestört entfalten kann. Dies geschieht bereits heute in einigen Gegenden der Schweiz. So etwa im Tessin: Hier nahm die Waldfläche seit 1985 um rund 18 Prozent zu. Im Alpenraum hat die bewaldete Fläche zwischen 1993/95 und 2004/2007 um knapp 10 Prozent zugenommen. Auch heute noch wächst die Waldfläche schweizweit pro Jahr um die Fläche des Thunersees. Dieses Wachstum beschränkt sich fast ausschliesslich auf den Alpenraum und die Südschweiz.
Laut einer 2008 erschienenen Studie (Pütz et al.) wird die erwartete Zunahme der Waldfläche jedoch nur minimale Effekte auf die Biodiversität haben. Würden die Massnahmen zur Unterstützung der Berggebiete und der Landwirtschaft aufgehoben, schritte die Verwaldung viel schneller voran: Das hätte einschneidende Konsequenzen für die Habitatvielfalt. Der Bestand von Tieren der offenen Kulturlandschaft – wie jene des Braunkehlchens, der Feldlerche oder gewisser Schmetterlingsarten – würde wohl noch weiter zurückgehen. Waldbewohner, die auf grosse zusammenhängende Waldstücke angewiesen sind, würden hingegen profitieren.
Die Studie legte nahe, dass eine zu schnell voranschreitende Aufgabe von Siedlungen und Kulturlandschaft zu vermeiden sei. Ausserdem liess sie den Schluss zu dass die Aufgabe von Siedlungen zum Verlust von wertvollen Lebensräumen im Alpenraum führen würde, die im Mittelland nicht oder kaum zu finden sind. So sind wärmeliebende Trockenrasen- und weiden (TWW), welche viele seltene Arten beheimaten, schon heute durch Vergandung gefährdet. 93% der verbleibenden TWW-Lebensräume befinden sich im Sömmerungs- oder Berggebiet.
Von Pauschalisierungen ist abzusehen
Trotz der Bedeutung, welche die dezentrale Besiedlung für den Artenschutz hat, wäre ein Erhalt von Siedlungen und Kulturlandschaft um jeden Preis in vielen Gegenden sicher der falsche Weg. Wir sollten nicht vergessen, dass der Wald vor vielen Jahren einmal viel mehr Fläche besass, und längerfristige Biodiversitätsprognosen lassen sich – nicht zuletzt auf Grund des voranschreitenden Klimawandels – ohnehin schwer stellen. Unser Rückzug aus gewissen Gebieten bietet selbstverständlich auch Chancen. Mehr naturnahe Waldfläche bietet nicht nur Vorteile für Waldbewohner, sondern erhöht auch die CO2-Speicherkapazität. Ausserdem würde die Aufgabe von besiedelter und bewirtschafteter Fläche die Schaffung von dringend benötigten Naturreservaten vereinfachen.
Eine pauschale Antwort auf die Frage, ob Massnahmen zur Aufrechterhaltung von Siedlungsgebieten und Kulturlandschaften in ländlichen Gebieten sinnvoll sind, gibt es nicht. Die Beurteilung muss situativ und unter Berücksichtigung der verschiedenen Anspruchsgruppen erfolgen. Dabei müssen die ökologischen Besonderheiten des jeweiligen Gebiets berücksichtigt werden.