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Polychlorierte Biphenyle (PCB) gehören zum “Dreckigen Dutzend” der hochgiftigen und krebserregenden Umweltgifte. Der Einsatz dieser organischen Chlorverbindungen wurde 2001 weltweit verboten – in den USA und Europa werden die Schadstoffe sogar bereits seit den 1980er Jahren kaum mehr verwendet. Weil Polychlorierte Biphenyle kaum abbaubar sind und sich in der Nahrungskette anreichern, lassen sie sich jedoch bis heute in Böden, in Gletschereis und auch im Körper zahlreicher Lebewesen nachweisen – allen voran in Meeressäugern.
Besonders belastet sind dabei Killerwale. Der Grund: Orcas stehen als Spitzenjäger der Meere am oberen Ende der Nahrungskette, weshalb sich das Gift bei ihnen in großen Mengen anreichert. Außerdem geben weibliche Tiere die Belastung über die Muttermilch an ihren Nachwuchs weiter. Forscher haben im Blubber von Killerwalen schon früher vereinzelt PCB-Konzentrationen von 1.300 Milligramm pro Kilogramm Fettgewebe nachgewiesen. Bereits ab einer Belastung zwischen 40 und 50 Milligramm drohen den Tieren Infekte, Immunstörungen und Unfruchtbarkeit.
Belastete Meeressäuger
Wie sehr aber gefährden die Umweltgifte die globalen Populationen dieser Meeressäuger wirklich? Dieser drängenden Frage haben sich nun Jean-Pierre Desforges von der Universität Aarhus und seine Kollegen gewidmet. Dazu sammelten die Wissenschaftler zunächst Daten zur Belastung der Wale – insgesamt standen ihnen Blubber-PCB-Konzentrationen von 351 Orcas aus unterschiedlichen Teilen der Welt zur Verfügung.
Gemeinsam mit Schätzungen zum Populationsbestand und Daten zu den toxikologischen Effekten der Umweltgifte nutzten sie diese Informationen für eine Modellberechnung: Wie wird sich PCB in den kommenden 100 Jahren auf die Entwicklung der Killerwal-Populationen auswirken?
Kaum noch Nachwuchs
Das erschreckende Ergebnis: Zehn der 19 untersuchten Populationen schrumpfen rapide und werden dies auch in Zukunft tun – als Folge könnten die Killerwale schon in wenigen Jahrzehnten aus einigen Regionen komplett verschwunden sein. “Wir sehen, dass mehr als die Hälfte der Orca-Populationen extrem durch Polychlorierte Biphenyle beeinträchtigt werden”, sagt Desforges.
Besonders prekär ist die Lage demnach in den Gewässern rund um Brasilien, in der Straße von Gibraltar, im nordöstlichen Pazifik sowie rund um Großbritannien. In diesen Gegenden liegt die Belastung der Wale durchweg über dem kritischen Wert von 40 Milligramm pro Kilogramm. “Wir beobachten dort nur noch sehr selten Neugeborene”, sagt Mitautorin Ailsa Hall von der University of St. Andrews. Die mangelnde Fortpflanzung zeigt sich unter anderem rund um die Britischen Inseln eindrücklich: Dort zählt die verbleibende Population schätzungsweise noch zehn Individuen.
Kurz vor dem Kollaps
Der Prognose nach ist das Risiko groß, dass die Populationen in den nun identifizierten Gefährdungsbereichen innerhalb der nächsten 30 bis 40 Jahre kollabieren werden. Warum das Schicksal ausgerechnet für diese Orcas so düster aussieht, lässt sich leicht erklären: Sie leben in der Nähe hoch-industrialisierter Gebiete, die PCB einst in großem Maßstab produzierten und nutzten.
Daneben spielt auch die Ernährung eine Rolle: Killerwale, die vor allem Robben und andere in der Nahrungskette weit oben stehende Meeressäuger fressen, sind gefährdeter als solche, bei denen vorwiegend Fisch auf dem Speiseplan steht. So sind manche auf Robben spezialisierte Orcas im Nordostpazifik beispielsweise zehn- bis zwanzigmal so stark belastet wie ihre fischfressenden Verwandten, die entlang derselben Küsten leben.
Nach wie vor freigesetzt
Insgesamt zeichnet die Studie ein besorgniserregendes Bild zur Zukunft der Killerwale. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: In den Walrevieren rund um die Färöer-Inseln, Island, Norwegen, Alaska und die Antarktis ist PCB-Belastung deutlich niedriger und die Populationen wachsen – auch in den kommenden 100 Jahren, wie die Modelle prognostizieren.
“Alles in allem zeigt sich allerdings, dass Maßnahmen zum Schutz der Orcas durch die immer noch problematischen PCB-Konzentrationen merklich behindert werden”, schreiben die Wissenschaftler. “Dies macht deutlich, dass wir nicht genug getan haben, um die Anreicherung dieser Umweltgifte in langlebigen und besonders gefährdeten Arten wie dem Killerwal zu verhindern. Wir brauchen dringend weitere Initiativen”, fordert Mitautor Paul Jepson von der Zoological Society of London.
Tatsächlich lässt sich auch heute noch etwas gegen die Belastung tun. Denn die organischen Schadstoffe werden nach wie vor freigesetzt – zum Beispiel, wenn kontaminierte Gebäude abgerissen oder andere PCB-haltige Materialien unsachgemäß entsorgt werden.