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Bei Freunden krank sein dürfen.
❞Zuerst treffen sich die beiden sporadisch. Es folgen kurze, unverbindliche Briefe – und dann im September 1794 die spontane Einladung: Goethe, 45, lädt den zehn Jahre jüngeren Schiller zu sich nach Weimar ein. Der studierte Jurist hat am Hof von Weimar verschiedene Ämter inne und geniesst bereits hohes Ansehen als Dichter. Der Hof verlasse die Stadt für vierzehn Tage, schreibt Goethe an Schiller, er solle doch vom nahen Jena herüberkommen. Schiller, schon in jungen Jahren von verschiedenen Leiden geplagt, nimmt die Einladung dankend an und schliesst mit dem ergreifenden Satz: «Ich bitte bloss um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank sein zu dürfen.»
Wie ehrlich Schiller ist! Und welch grosses Vertrauen zu Goethe da mitschwingt. «Ich bitte bloss um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank sein zu dürfen » – würden wir es wagen, auf eine allererste Einladung so zu antworten? Wohl kaum. Wer will schon zur Last fallen, sich eine Blösse geben, den Gastgeber gar noch bitten müssen, einen Tee zu kochen oder ein Medikament zu besorgen ?
Eine ähnlich verblüffende Freundschaft entwickelt sich zwischen dem deutschen Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896 – 1977) und dem Basler Theologen Karl Barth (1886 –1968). Zuckmayer lässt 1966 seine Autobiografie «Als wärs ein Stück von mir» veröffentlichen. Als begnadeter Beobachter – geprägt von zwei Weltkriegen und als Sohn einer jüdischen Mutter zum Flüchtling geworden – hat Zuckmayer ein bewegendes Zeitdokument geschrieben. Die Zusendungen auf sein Buch sind so zahlreich, dass er eine Mitarbeiterin bitten muss, die wichtigen von den unwichtigen zu sortieren. Und so wächst und wächst der Stoss mit der Überschrift «Übliche Post von Unbekannten, summarisch beantworten», bis der Turm ins Wanken kommt und zu Boden fällt. Da entdeckt Zuckmayer den Brief des europaweit renommierten Theologen. «Jemand hat mir Ihr Buch geschenkt », schreibt Karl Barth. «Ich habe es in einem Zug gelesen und ich muss Ihnen sagen … » Carl Zuckmayer hält in seinen Erinnerungen fest: «Was er mir sagte, war nicht das Übliche. Es war ein Anruf, der mich traf und betraf wie selten ein anderer. Es klang in diesen Ausführungen etwas Merkwürdiges. Nicht nur Verständnis und Wärme, sondern fast kindliches, unverhohlenes Erstaunen.»
Vielleicht müssen wir lernen, uns in unseren Freundschaften wieder mehr zuzumuten. Zumuten – ein treffliches Wort: Es braucht Mut, die Initiative zu ergreifen. Oft ist der Bedachte dankbar um diesen Mut. In der jüdisch-christlichen Tradition wird das «arm sein» seliggepriesen. Der Arme gilt als der Beziehungsfähigere. Wer arm ist – arm im umfassenden Sinne – kann sich keine Masken leisten. Kann zum Beispiel im Falle von Schiller nicht verstecken, dass er krank ist.
Wie die Sache ausgeht? Schiller ist vierzehn Tage zu ausgiebigem Gedankenaustausch bei Goethe in Weimar – der Anfang einer lebenslangen Freundschaft. Und Barth schreibt, dass er noch in hohem Alter einen echten Freund gewonnen habe, den er «im vorigen Sommer, knapp bevor ich wieder auf die Nase fiel, in Saas-Fee aufsuchte und mit dem ich dann in eine muntere Korrespondenz geriet. Ganz neulich ist er auch ausgiebig bei mir gewesen, und es schien ihm zwischen meinen starrenden Bücherwänden leidlich wohl zu sein. Er ist ein Mensch.»❞
Kurse im Lassalle-Haus*
Auszeit zur rechten Zeit
Pause zum Durchatmen
26.–29. Oktober 2017, Donnerstag 18.30 bis Sonntag 16.00 Uhr
Ein verlängertes Wochenende zur Stressprävention: Abstand gewinnen zum fordernden beruflichen und privaten Alltag mit Impulsreferaten, Zeiten der Stille, Zeiten der Begleitung. Es besteht die Möglichkeit, individuell ein paar Tage anzuhängen.
Yoga: Gebet des Körpers und des Atems
Geistesruhe und Hingabe
9.–11. November 2017, Donnerstag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr
Mit Körper- und Atemübungen erreichen wir die Sammlung des Geistes, unterstützen unser Wohlbefinden und fördern die innere Klarheit. Durch die gleichzeitige Übung der Hingabe öffnen die Yoga-Übungen Herz und Geist für die göttliche Kraft.
Chan Mi Qi Gong
Meditation in Bewegung
24.–26. November 2017, Freitag 18.30 bis Sonntag 13.30 Uhr
Lernen Sie Ihren Körper mit neuen Wahrnehmungen kennen. Erfahren Sie körperliche Entspannung sowie geistige Ruhe und erreichen Sie eine Besserung der Gesundheit und innere Balance.
Das Lassalle-Haus* in Edlibach ist ein von Jesuiten geführtes interreligiöses, spirituelles Zentrum mit einem breiten Kursangebot, das von Zen-Meditation über Naturseminare bis zu klassischen Exerzitien reicht. Für «natürlich» schreiben der Jesuit Tobias Karcher und die Pfarrerin Noa Zenger abwechselnd die Kolumne «Gedankensplitter».
Zur Person
Tobias Karcher (54) ist Jesuit und Direktor des Lassalle-Hauses Bad Schönbrunn, Bildungszentrum der Jesuiten in Edlibach im Kanton Zug.
Foto: zvg