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Die grosse Liebe – und die allergrösste
Wenn seine grosse Liebe die SP war, dann war seine allergrösste Liebe Gret. Mit ihr war er 72 Jahre lang verheiratet. Sie lernten sich an einem Vortrag der Jungsozialisten kennen. Dazu erzählte er einem Journalisten: «Als ich danach heimradeln wollte, hatte ich im Vorderrad keine Luft. Gret meinte, wir könnten ja zusammen nach Hause laufen. Also stiess sie ihr Velo neben mir heim. Später hat sie mir gestanden, dass sie es war, die bei meinem Rad die Luft rausgelassen hatte … sie hat immer die Initiative ergriffen.» Gret und Helmut gingen fortan zusammen durch dick und dünn. Gret hielt zu ihm, stützte ihn in schweren Zeiten, hielt ihm den Rücken frei. Sie war die starke, kritisch mitdenkende Frau hinter dem grossen Hubacher. Unser Andenken und unser Dank, liebe Gret, gehören auch dir und euren Kindern. Ihr habt den Helmut der Politik wegen so oft entbehren müssen. Wir können nur erahnen, was es heisst, einen Lebensgefährten zu verlieren, mit dem man ein Dreivierteljahrhundert teilte. Wir wünschen dir und der ganzen Familie viel Kraft.
Als Helmut drei Jahre alt war, liessen sich seine Eltern scheiden. Seine Schwester wurde der Mutter zugeteilt, er dem Vater. Dieser, ein Buchhalter, konnte nicht alleine für seinen Sohn sorgen. So landete Helmut bei seinen Grosseltern im bernischen Zollikofen, wo er die Kindheit verbrachte. Jeden Samstag kam Helmuts Vater kurz zu Besuch und brachte ein Säckchen Weinbeeren vom Kiosk mit. Übernachten wollte er aber nie, weil sie in Zollikofen kein Bad hatten. Der Grossvater arbeitete in der Fabrik bei der Hasler AG. Er war Gewerkschafter, Dienstverweigerer, Pontonier und Schwingerfan.
Helmut Hubacher begann während des Krieges eine Lehre bei den SBB und ging in die Verkehrsschule in Biel. Kurz vor Abschluss schrieb ihm der Deutschlehrer eine ungenügende Note ins Zeugnis, weil, wie er behauptete, Hubacher seinen letzten Aufsatz nicht selber geschrieben habe. Aufgebracht über diese Ungerechtigkeit, passte Hubacher den Lehrer ab, boxte ihn und wurde von der Schule verwiesen. So stand er ohne Abschluss da. Dem Lehrer aber liess er einen garnierten Kalbskopf ins Lehrerzimmer schicken «mit einem Gruss von Helmut Hubacher». Wer sich mit ihm anlegte, musste mit Widerstand rechnen. Das sollten noch andere zu spüren bekommen. Die besagte Schule lud Hubacher 20 Jahre später zur Wiedergutmachung ein und überreichte ihm sein Diplom samt der Zeichnung eines Kalbskopfs. Die Schulleitung hatte eingesehen, dass der inzwischen berühmte Hubacher ganz alleine fähig war, gute Aufsätze zu schreiben.
Bei den SBB arbeitete der grossgewachsene Stationsbeamte neun Jahre lang. Kurz nach dem Krieg schickten sie ihn nach Basel. Am Rheinknie gefiel es ihm so gut, dass er blieb und bis zum Tod im Gerbergässlein eine Wohnung behielt. Besonders die Fasnacht faszinierte ihn. Er wurde Trompeter in einer Guggenmusig. Auch sonst war er kein Mann der leisen Töne. Als er 1947 mit 21 Jahren der SP-Sektion Breite beitrat, wurde er sogleich zum Sekretär gewählt, «weil ja sonst keiner die Protokolle schreiben mochte». 1953 wurde er VPOD-Sekretär. «Als solcher», so sagte er später in einem Interview, «wurde man automatisch in den Grossrat gewählt, andernfalls musste man ein Idiot sein.»
Im ersten Stock des Basler Gewerkschaftshauses und an der Elisabethenstrasse hielt der Gewerkschaftsboss «Sprechstunde». Egal ob mit dem Chef, dem Vermieter oder der Motorfahrzeugkontrolle, wer Probleme hatte, fand bei Helmut ein offenes Ohr. Er fackelte selten lange, nahm den Telefonhörer in die Hand, schrieb Briefe oder sprach persönlich in den Chefetagen vor. Hubacher löste konkrete Probleme vermeintlich machtloser Menschen, hörte ihnen zu, lieh ihnen eine Stimme. Viele haben das nie vergessen. Wer in Basel für die SP auf die Strasse geht, begegnet noch heute Menschen, die dankbar von seiner Unterstützung schwärmen. «Der Hubacher, das war noch einer!»
Das «landesübliche Mass an Kritik» überschritten
1959 wurde Hubacher auf die Nationalratsliste gesetzt, aber nicht gewählt. Doch dann starb der Amtsinhaber vor seiner letzten Session und Hubacher erhielt seine Chance. Er wurde 1963 als jüngster Nationalrat vereidigt. Im gleichen Jahr wurde er Chefredaktor der «Basler Arbeiterzeitung». Schreiben war seine Leidenschaft, und sie blieb es bis ins höchste Alter. Seine Schreibmaschine, die er zeitlebens nie durch einen Computer ersetzen sollte, fand kaum Ruhe. Auf ihr tippte er zehn Bücher und unzählige Texte für zahlreiche Zeitungen. Allein die «Basler Zeitung» veröffentlichte 1445 Hubacher-Kolumnen. Schnörkellose Texte, inhaltlich wie stilistisch, waren sein Markenzeichen. Er mied Nebensätze, nahm kein Blatt vor den Mund und kam fadengrade zum Punkt. Wegen seines Werks «Schwarzbuch EMD» (1979) wurde er vom Bundesrat getadelt, weil er das «landesübliche Mass an Kritik» überschritten habe. Aus heutiger Sicht darf man das mittlere «t» aus dem «getadelt» entfernen. Hubacher war ein aufrechter Demokrat und viele seiner kritischen Positionen sind heute Mainstream.
Die einfachen Leute, die den Laden am Laufen halten, waren Hubachers Kundschaft. Die Herren in Nadelstreifen und die bürgerliche Presse hingegen hassten ihn. In der Zeit des Kalten Krieges war der Basler Nationalrat ein rotes Tuch für alle Möchtegernpatrioten. Nicht zuletzt, weil er nie davor zurückschreckte, die heilige Kuh der helvetischen Nachkriegsjahre, das Militär, zu kritisieren. Als er 1975 im Nationalrat das Rüstungsprogramm hinterfragte, rief ihm der spätere Bundesrat Friedrich «Moskau einfach!» entgegen. Die Kaiseraugst-Demos, an denen Hubacher teilnahm, waren eine Volksbewegung. In den Augen vieler Bürgerlicher waren sie allerdings «von Moskau gesteuert». Und die DDR-Reise, auf der sich Helmut unter anderem mit Erich Honegger traf, trug ihm den Titel eines Landesverräters ein. Die NZZ nannte seinen Namen am liebsten in Verbindung mit entwürdigenden Attributen. Das war schäbig, aber nützlich: Indem die bürgerlichen Eliten ihn als Unruhestifter und Nestbeschmutzer schmähten, brauchten sie nicht zu argumentieren.
Immer neugierig, immer offen
Von 1975 bis 1990 war «Hubi», wie man ihn in Basel gerne nannte, Präsident der SP Schweiz. Den grössten Erfolg erzielte er gleich zu Beginn, als die SP einen sensationellen Wahlerfolg einfuhr. Sie steigerte sich im Nationalrat um 9 auf 55 Sitze. Zu seinen grossen Niederlagen werden allgemein die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen in den Bundesrat 1983 und das deutliche Nein des Volkes gegen die Initiative zur Abschaffung des Bankgeheimnisses gezählt. Doch auch diese Niederlagen erwiesen sich rückblickend als wertvoll. Heute wissen wir, wie wichtig der Kampf für mehr Frauen in der Politik war und ist. Und wir wissen auch, wie teuer die Schweiz später für das Bankgeheimnis zahlen musste.
Seine ganz grosse Leistung lag darin, dass er als Parteipräsident die SP erneuerte. Er nutzte den Kulturwandel, den die 68er-Bewegung ausgelöst hatte, und machte die Schweizer Sozialdemokratie zu einem Hafen für die Frauen- und die Umweltbewegung. Vertreter aus allen möglichen Berufen traten der SP bei. Aus der Arbeiterpartei wurde eine linke Volkspartei. «In den 50er-Jahren», so erzählte er mir einst, «kämpften wir dafür, dass jeder Arbeiter ein Auto hat. Heute kämpfen wir dafür, dass uns die Autos nicht den Lebensraum zerstören. Beides hat seine Richtigkeit, in seiner Zeit.» Es ist diese Offenheit für Neues und Besseres sowie dieses unstillbare Interesse an den Entwicklungen der Gesellschaft, die Helmut Hubacher zu einem der grössten Politiker und einem der interessantesten Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts machten.
Versteht dich «der Heiri vom Claraplatz»?
Er selbst bezeichnete sich als «politischen Vorarbeiter». Das steht unter «Beruf» in der Mitgliederdatei der SP. Typisch Helmut. Er hat nie abgehoben. «Du musst so politisieren und sprechen, dass dich der Heiri vom Claraplatz versteht», sagte er mir vor langer Zeit. Es gibt wohl keinen wertvolleren politischen Ratschlag. Er öffnet Welten. Am Kleinbasler Claraplatz kaufen Leute mit kleinem Budget ein. Heiri und Henriette heissen heute Elin oder Hasan. Sie lesen keine NZZ und auch keine politischen Bücher. Aber den Helmut, den Arbeitersohn und gelernten Stationsbeamten, den haben sie alle gemocht und verstanden, weil er ihre Sprache sprach, ihre Geschichten kannte und weil er für sie da war.
Sein letztes grosses politisches Essay schrieb Hubacher für das Buch «Unsere Schweiz – ein Heimatbuch für Weltoffene». In diesem Sammelband ging er der Frage nach: «Wieviel an der Schweiz ist SP?». Er beantwortete sie in bester Hubacher-Manier gleich mit den ersten drei Worten: «Eine ganze Menge.» Das ist auch sein eigenes Vermächtnis. Am 26. Juni würdigte er in seiner allerletzten Blick-Kolumne die Schweiz, die er liebte. Sie sei ein grossartiges Land. «Bei allem Unvermögen der politischen Parteien ist ihnen im Laufe der Jahre vieles gut gelungen. Die grösste Aufgabe wartet mit dem Klimaschutz. Es geht um das Überleben. Das ist ein globaler Auftrag.»
Der eingangs erwähnte Spendenbrief war sein letzter öffentlicher Text. Jetzt ist Helmut Hubacher verstummt. Seine Texte aber werden bleiben, uns und weitere Generationen inspirieren. In seinem allerletzten Satz forderte er uns auf, für soziale Gerechtigkeit weiterzukämpfen. Versprochen, lieber Helmut!
Beat Jans, Vizepräsident der SP Schweiz, Nationalrat BS