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Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die dem Thema Hochsensibilität gegenüber skeptisch oder kritisch eingestellt sind, etwa wie folgt reagieren, wenn das Thema in einem Gespräch auftaucht:
„Der (oder die) bezeichnet sich doch nur als hochsensibel, weil er (oder sie) von anderen eine Sonderbehandlung wünscht.“
Als Hochsensibler bin ich besonders anfällig für im Subtext mitschwingende Botschaften und höre dann jeweils noch folgende unterschwellige Ergänzungen raus:
„Er (oder sie) möchte sich wichtig machen“ / „Sie (oder er) möchte geschont werden und besonders viel Rücksicht / Aufmerksamkeit erhalten“ / „Er (oder sie) ist doch einfach zu empfindlich und will nicht an sich arbeiten“ und: „Uns allen geht es doch so, dass wir uns wünschten, dass das Leben etwas einfacher wäre, mir auch, aber ich, ich kämpfe mich durch und erwarte das auch von anderen.“
Ich merke, dass mich diese Äusserungen jeweils treffen und sich in mir ein Verteidigungsreflex meldet. Der sich im ersten Impuls etwa so äussern würde:
„Das ist völliger Quatsch, du hast überhaupt keine Ahnung (von diesem Thema, der Erfahrungswelt der Hochsensiblen und überhaupt von der ganzen Welt.)“
Als Hochsensibler reagiere ich in den allermeisten Fällen (99 von 100) nicht aus dem ersten Impuls heraus, sondern verarbeite tiefer, wie es sich für meinesgleichen gehört. Und stelle mir in diesem Fall die Fragen:
1. Auf der persönlichen Ebene: Häufig reagieren wir auf eine Aussage, eine Situation emotional, weil diese etwas mit uns zu tun hat, das wir an uns nicht mögen. Kann es sein, dass es tatsächlich so ist, dass Hochsensible im Allgemeinen und ich im Besonderen uns und mir eine Sonderbehandlung wünschen?
2. Als Therapeut: In vielen Fällen ist es so, dass Hochsensible andere und auch komplexere Bedürfnisse haben in Situationen und Beziehungen. Könnte es also sein, dass es beim Thema Sonderbehandlung um ein relevantes Bedürfnis von Hochsensiblen geht, das in irgendeiner Form befriedigt werden muss?
Erst einmal eine Überlegung aus persönlicher Erfahrung, die sich auch mit meinen beruflichen Erfahrungen in der Arbeit mit Hochsensiblen deckt: Hochsensible Menschen sind MeisterInnen der Anpassung. Wir nehmen viel aus unserer vor allem sozialen Umgebung wahr und auf und verarbeiten das Aufgenommene gründlicher als andere. Diese Fähigkeiten, verbunden mit dem in der Regel ausgeprägten Harmoniestreben, führen dazu, dass wir schnell eine Vorstellung davon entwickeln, was für eine Situation / eine Beziehung das Beste sein könnte. Aufgrund unserer häufig auch hervorragend entwickelten Intuition liegen wir damit in vielen oder sogar den meisten Fällen auch richtig. Nun sind auch hochsensible Personen Menschen und keine „Harmonieherstellungsroboter“ und stellen irgendwann fest, dass es doch recht viel Energie braucht, immer das Gesamtbild zu berücksichtigen und dass häufig auch die eigenen Bedürfnisse leiden, wenn immer das Allgemeinwohl an erster Stelle kommen muss. Und ja, da wir auch Menschen sind, passiert es dann oft, dass wir denken, uns stehe etwas zu, wenn uns die Energie ausgegangen ist. Unsere Familien, unsere Partner, Freundinnen und Arbeitskollegen müssten sich bewusst sein, was wir alles geleistet haben und nun auf uns eingehen und uns besonders viel Verständnis entgegenbringen, wenn wir ausgebrannt sind, unter Migräne leiden, das PMS gerade wieder sehr heftig ausfällt oder die zweimonatliche Minidepression sich meldet.
Ja, ich gebe zu und denke, dass viele Hochsensible sich mir anschliessen würden: In den Momenten, wenn die Luft raus ist, ich mich verausgabt habe und im Loch bin, wünsche ich mir eine Sonderbehandlung. Dann wünschte ich mir, dass jemand so intensiv für mich da wäre, wie ich mich selber bemühe, für andere da zu sein.
Das ist die Antwort auf die erste Frage.
Dabei gibt es aber ein Problem: Das Umfeld kriegt in der Regel gar nicht mit, was Hochsensible innerlich alles leisten, da die grosse Mehrheit der Menschen (80 bis 85%) sich gar nicht vorstellen können, was es heisst, alles intensiver wahrzunehmen und tiefer zu verarbeiten, da sie es selber nicht kennen. Es ist unsere Entscheidung und unsere Verantwortung, ob wir für andere über unsere energetischen Grenzen hinausgehen. Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar würde bei Ihnen klingeln und Ihnen strahlend anbieten, dass er die nächsten drei Monate Ihre Wohnung putzt. Sie nehmen das Geschenk an und geniessen es, sich nicht mehr ums Putzen kümmern zu müssen. Sie können sich auch vorstellen, dass er Ihnen das Einkaufen abnimmt oder etwas anderes, das Sie nicht gerne machen, für den Fall, dass Sie gerne putzen und einkaufen. Und nach drei Monaten steht er wieder vor Ihrer Tür, drückt Ihnen den Staubsauger oder die Einkaufstüte in die Hand und gibt Ihnen ziemlich bestimmt zu verstehen, dass Sie nun an der Reihe wären. Wie würde es Ihnen dabei ergehen?
Und was heisst das nun für die zweite Frage?
Ja, als Therapeut bin ich überzeugt, dass hochsensible Menschen besondere Bedürfnisse haben, was den Umgang mit ihrer Person anbelangt. Sie verfügen über besondere Fähigkeiten, wie ausgeprägte Empathie, Sinn fürs Detail, hohes Pflichtbewusstsein, emotionale Intensität, und diese bedürfen besonderer Behandlung und besonderer Pflege. Ganz eindeutig: Ja. Ist es nun die Aufgabe, Verantwortung, Pflicht von anderen Menschen, Hochsensiblen diese Behandlung zukommen zu lassen? Ganz eindeutig: Nein. Wenn Sie sich entscheiden, Ihre Eigenschaften zugunsten von anderen Menschen einzusetzen und über Ihre Grenzen hinausgehen, dann machen Sie anderen ein grosses Geschenk. Tun Sie das unbedingt, so oft Sie wollen, solange Sie sich gut fühlen dabei. Aber erwarten Sie nichts zurück. Sie haben keinen Anspruch auf eine Gegenleistung. Das liegt in der Natur der Sache bei Geschenken. Ansonsten ist es kein Geschenk, sondern ein Manipulationsversuch („weil ich dir, musst du mir nun auch!“). Anders ist es, wenn Sie eine Absprache getroffen haben. Dann haben Sie selbstverständlich ein Recht auf eine Gegenleistung und dann dürfen Sie diese auch einfordern. In den allerwenigsten Fällen treffen leider hochsensible Menschen solche Absprachen, vor allem keine klaren.
Wenn ich also von anderen Menschen keine Sonderbehandlung erwarten kann, es aber ein gesundes Bedürfnis von mir ist, eine solche erleben zu wollen, wie komme ich denn nun dazu?
Ganz einfach: Von mir selber. Als Erwachsene/r bin ich mir selber meine wichtigste Bezugs- und Beziehungsperson. Und es ist meine Verantwortung, zu entscheiden, wie ich mit mir umgehe. Und zwar bewusst. Nicht einfach so, wie ich es gelernt und erfahren habe von all den Menschen in meiner Biografie, die nicht gut mit mir und meiner Hochsensibilität umgegangen sind. Sondern auf die Art und Weise, wie es wirklich meinen Bedürfnissen entspricht. Ich gönne mir besonders viele und besonders wohltuende Pausen. Ich ernähre mich besonders gesund. Ich achte besonders darauf, wie ich über mich denke, vor allem, wenn ich etwas nicht schaffe oder mir etwas nicht gelingt. Und ich sehe es als meine Verantwortung an, ständig meinen energetischen Zustand im Auge zu behalten und darauf zu achten, dass ich meine Reserven nicht anzapfe, sondern im Gegenteil, diese noch vermehre.
Diese Sonderbehandlung steht mir und uns zu. Davon bin ich überzeugt. Als hochsensibler Mensch und als Therapeut.
Und dann könnte eine Antwort auf die kritische Äusserung etwa so lauten:
„Nein, ich bezeichne mich als hochsensibel, weil ich besonders gut mit mir und Dir umgehen will.“
Wie sehen Sie das?
Vielen Dank für Ihre Interesse und willkommen bei Ihnen!
Bleiben Sie bei sich und gehen Sie gut mit sich um. Das ist das Beste, was Sie für sich und Ihre Mitmenschen tun können.
Herzlich,
Simon Gautschy