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Über 200 Jahre ist es her, dass Goethes Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» publiziert wurde. Ob die Tragödie um einen unglücklichen Menschen, die im Suizid der Hauptfigur endet, tatsächlich eine Reihe von Imitationsversuchen mit sich zog, ist umstritten. Trotzdem hat sich der Begriff des «Werther-Effekts», der den Zusammenhang zwischen Medienberichten und einer erhöhten Suizidrate in der Bevölkerung bezeichnet, bis heute durchgesetzt.
Medien haben die Fähigkeit, die gesellschaftliche Wahrnehmung und das Bewusstsein von Suizid zu beeinflussen. Der amerikanische Soziologe David Phillips stellte beispielsweise 1974 fest, dass die Anzahl der Imitationsversuche höher ist, je länger und intensiver über einen Suizid berichtet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich beim Medium um Bücher, Filme, Serien, Nachrichten oder Videospiele handelt: Sowohl fiktive als auch reale Persönlichkeiten können als Vorlage von Nachahmungsversuchen dienen.
Was diesen Effekt tatsächlich auslöst, ist nicht hinreichend geklärt. Die Wissenschaft nimmt an, dass sich bei betroffenen Personen suizidale Tendenzen mit Phasen des Lebenswunsches abwechseln. Diese Zerrissenheit kann durch Medienberichte beeinflusst werden. Besonders Details zur Person und Suizidmethode sowie eine Heroisierung oder Romantisierung der Tat können zu Imitationen führen. Die Wahrscheinlichkeit eines Nachahmungseffekts ist zudem grösser, wenn sich die imitierende Person etwa über soziodemographische Merkmale mit der beschriebenen Vorlage identifizieren kann.
Doch auch die gegenteilige Wirkung kann erzielt werden. Der «Papageno-Effekt» beschreibt, dass die Berichterstattungen in den Medien auch zur Suizidprävention beitragen können. Der Name leitet sich von der gleichnamigen Figur aus Mozarts Oper «Die Zauberflöte» ab: Nachdem Papageno meint, seine grosse Liebe verloren zu haben und bereits seinen Suizid vorbereitet, wird er von drei Knaben davon abgehalten. Studien zeigen, dass Berichte über den konstruktiven Umgang mit Krisensituationen von einer Senkung der Suizidraten begleitet werden. Gerade Erfahrungen von Menschen, die selbst suizidale Phasen überlebt haben, wirken sich positiv auf Personen in vergleichbaren Situationen aus. Zentral ist es, Lösungsansätze und professionelle Hilfsangebote aufzuzeigen.
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Verwendete Literatur:
J. Agoston, Von Werther und Papageno, Artikel auf DocCheck.com.
W. Stangl, Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, Artikel «Werther-Effekt» und «Papageno-Effekt».
W. Ziegler u. U. Hegerl, Der Werther-Effekt. Bedeutung, Mechanismen, Konsequenzen, Nervenarzt 2002.