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Ein Name der Bewohner ist auf dem Briefkasten nicht auszumachen. Auf der Klingel steht nur «Belle Haven», darunter noch ein zweiter Klingelknopf zum Concièrge. Einige Sekunden nach Betreten des Vorplatzes mit Auffahrt zur Villa meldet sich eine Stimme am Lautsprecher: «Security. Was wollen Sie hier?» Eine Kamera filmt.
Der Besucher fragt, ob die Familie Timtschenko hier wohne. Die Stimme verneint, das sei «falsch», und fordert den Gast auf, «umgehend das Privatgrundstück zu verlassen». Die Sicherheitskamera verfolgt ihn, selbst als er auf öffentlichem Grund der Gemeinde Cologny steht, was verboten ist.
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Cologny, das ist der Vorort von Genf. Der bekannte Hafen der Schönen und Reichen, Le Port Noir, befindet sich zwei Gehminuten entfernt von der Villa. Das Grundstück liegt an einem steilen Abhang und ist mit alten Bäumen, Hecken und Büschen überwachsen. Sie verdecken vollständig die Sicht auf das Hauptgebäude und den Garten, der in der Luftaufnahme sichtbar ist. An diesem Hang verweilen die reichsten Gäste Genfs.
Einer dieser Gäste dürfte die frühere russische Sportgymnastin Alina Kabajewa gewesen sein, Putins frühere oder aktuelle Liebe, so genau weiss man das nicht. Sie habe Putin auch zwei Söhne geschenkt, heisst es in der Presse. Bestätigt ist dies nicht. Laut verschiedenen Quellen hat sie sich wiederholt in Cologny aufgehalten. Die US-Zeitung «Wall Street Journal» (WSJ) beruft sich auf Nachrichtendienste in den USA und der EU, die die Aufenthaltsorte von Kabajewa über die Jahre hinweg verfolgt haben. Die Beziehung mit Putin habe 2008 angefangen, heisst es.
Im WSJ-Bericht von vor drei Wochen heisst es, sie sei «für längere Zeit» in der Schweiz gewesen, mit Berufung auf US-Geheimdienste, aber «nur selten in Cologny» gesichtet worden. Und zwar dort, wo laut WSJ «Geschäftspartner von Putin Geschäfte tätigten».
Putins Freund in Cologny
Das Magazin «Bilanz» fand dann im April heraus, dass der russische Oligarch Gennadi Timtschenko mit Wohnsitz Cologny lange enge berufliche Beziehungen zu Putin pflegte. Dies zeigt der Schweizer Sanktionsbeschluss zu Timtschenko. Demnach ist seine Firma Volga Group «Investor in Schlüsselsektoren der russischen Wirtschaft» und die Bank Rossija, wo Timtschenko als Aktionär waltet, sei die «persönliche Bank von hochgestellten Vertretern der Russischen Föderation».
Weiter berichtet das Magazin mit Verweis auf internationale Berichte über enge private Kontakte von Timtschenko zu Putin. Sie seien viele Jahre enge persönliche Freunde gewesen, die zusammen Eishockey spielten; Putin sei ein begeisterter Fan des Eishockeyclubs SKA Sankt Petersburg, wo Timtschenko Präsident ist. Letzterer habe einen Welpen von Putins Labradorhündin Koni erhalten. Und schliesslich sei Timtschenkos jüngere Tochter Xenia (36) mit einem Sohn eines früheren Handelsministers von Putin verheiratet gewesen.
Und hier schliesst sich der Kreis nach Genf. So habe Timtschenkos Familie Putins Geliebte Kabajewa wiederholt nach Cologny in seine Villa eingeladen, die Villa, deren Klingel mit «Belle Haven» angeschrieben ist und die jetzt streng bewacht wird.
Demnach habe Timtschenko der Grossmutter von Kabajewa eine 200 Quadratmeter grosse Wohnung in St. Petersburg übertragen. Ausserdem habe er die frühere Sportlerin 2008 im Privatjet mitgenommen. Diese enge Bande und der Hinweis des «Wall Street Journal», sie habe sich wiederholt in Cologny aufgehalten, seien ein starkes Indiz dafür, dass es die Villa in Cologny war. Timtschenkos Vertreter haben die Fragen der «Sonntagszeitung» zu Kabajewa nicht beantwortet.
Seit 2014 auf der Sanktionsliste
Allerdings darf Vater Gennadi Timtschenko seit 2014, seit Putin die Halbinsel Krim überfallen hat, die Schweiz nicht mehr bereisen und sich auch nicht in der «Belle Haven» aufhalten. Er darf sie auch nicht mehr besitzen. So verfügte es der Bund vor acht Jahren.
Die besagte Villa gehört laut «Bilanz» wohl deshalb seinem Sohn Ivan Timtschenko (26) seiner Gattin Elena (66). Dies habe das örtliche Grundbuchamt dem Magazin bestätigt.
Und so dürfte die Antwort des Security-Mannes wohl falsch sein, als er am Lautsprecher der Eingangsklingel sagte, dass die Familie Timtschenko nicht in der «Belle Haven» residiere.
Kabajewa unbekannt in Bern
Warum Bundesbern dennoch nichts von einem früheren Aufenthalt von Alina Kabajewa in Genf und überhaupt in der Schweiz weiss, ist offiziell ein Rätsel. Die Frage, wie es möglich sei, dass US- und EU-Sicherheitsleute über die Schweizer Aufenthalte Bescheid wissen und die Bundesverwaltung nicht, wollte das zuständige Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) nicht beantworten. Nachforschungen zu dieser Frage verweigert es pauschal mit der Begründung «Datenschutz». Das heisst aber auch, dass das EJPD die Antwort verweigert haben könnte, weil es sonst befürchtete, die Persönlichkeitsrechte von Kabajewa zu verletzten.
Inzwischen gibt es eine plausible Erklärung dafür: Kabajewa ist über die Jahre hinweg wiederholt mit einem Diplomatenpass in die Schweiz eingereist. Man sah sie hier, aber sie hinterliess keine offiziellen Spuren. Ein Visum brauchte sie dazu nicht, auch keine Bewilligung des Auswärtigen Departements EDA. Ein solches braucht es erst beim dauernden Aufenthalt als akkreditierte Diplomatin sowie generell als russische Diplomatin seit Ausbruch des Krieges Mitte März.
Die Einreise von Leuten mit Diplomatenpässen werden von der Schweizer Grenzwache bis heute nicht gescannt. Und so konnte Putins Geliebte ein- und ausreisen, ohne dass sie je in Datenbanken des Bundes eine Spur hinterliess. Die Praxis, dass nahestehende Personen hochrangiger Behörden mit einem Diplomatenpass ein- und ausreisen können, ist international sehr verbreitet, selbst wenn sie von der Funktion her keine Diplomaten sind.
Die Villa müsste beschlagnahmt sein
Ob sich Kabajewa tatsächlich mit dem Helikopter in Cologny einfliegen liess, wie es Medien behaupteten, ist hingegen nicht verbürgt und wenig wahrscheinlich. Das WSJ schreibt, auf dem Gelände von Timtschenkos Villa gebe es einen offiziellen Helikopterlandeplatz. Das stimmt laut der zuständigen Behörde nicht. Das Landen im Garten in dicht bewohnten Gebieten wie Cologny ist grundsätzlich untersagt, ausser es bestehe ein triftiger Grund («zu Arbeitszwecken» oder eine Notlandung) und die Sicherheit sei gewährleistet, so das Bundesamt für Zivilluftfahrt. Timtschenkos Villa liegt in der Sperrzone des Flughafens Genf. Um dort zu landen, braucht es eine Spezialbewilligung der Gemeinde und von Skyguide.
Auch würde eine Helikopterlandung die Ruhe des Villenviertels von Cologny empfindlich stören und Aufsehen erregen. Dies vermeiden die Cologny-Bewohner für gewöhnlich, sagt ein Kenner. Westlich von der «Belle Haven» residierten die Regierungsvertreter Katars, östlich davon befindet sich das berühmte Museum des verstorbenen Literatursammlers Martin Bodmer, ein UNESCO-Welterbe.
Und so bleibt der Aufenthalt von Kabajewa in Genf noch immer ein kleines Rätsel. Gewissheit besteht, was den Aufenthalt von Elena Timtschenko betrifft: Seit dem 4. März muss sie sich von der Schweiz fernhalten und ihr Vermögen in der Schweiz muss durch Behörden beschlagnahmt werden. So steht es im Sanktionsbeschluss des Bundesrates zum Krieg in der Ukraine in Artikel 8 der Verordnung: «Wirtschaftliche Ressourcen, die sich im Eigentum oder unter der Kontrolle der natürlichen Personen befinden, sind gesperrt.» Eine Bestätigung dafür war von offizieller Seite innert nützlicher Frist nicht zu erhalten.
Vielleicht hatte der Wachmann also doch recht, als er am Lautsprecher bei der Klingel der «Belle Haven» sagte, es sei falsch, dass die Familie Timtschenko hier residiere. Vielleicht ist die Villa an der Rampe de Cologny 10 und unweit des Hafens Port Noir tatsächlich bereits verlassen und beschlagnahmt. Die Grundstücksmakler dürften sich die Hände reiben.