Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/2045

Die Orchideenblüte
Eigentlich ist die Orchideenblüte sehr einfach aufgebaut, aber dennoch deutlich abgewandelt von
der klassischen Monotcotyledonen-Blüte, wie wir sie zum Beispiel bei Dreiblättern (Trillium) oder
Lilien (Lilium) finden, die mit den Orchideen entfernt verwandt sind. Bei diesen sind die Blüten-
organe typischerweise in dreiteiligen Kreisen oder einem Mehrfachen von drei angelegt. Orchideen
sind da keine Ausnahme. Das kann man sehr gut in den zwei äusseren Kreisen der Blüte sehen.
Nehmen wir zum Beispiel die auf den asiatischen und pazifischen Inseln häufig vorkommenden
Orchidee Phaius tankervilleae (Abb. 1), die in der allgemeinen Blütenstruktur wie die Mehrheit der
Orchideen aufgebaut ist.
Ihre Blütenteile sitzen an der Spitze des Fruchtknotens, der dreiteilig ist (Abb. 2). Den äussersten
Kreis der Blüte bildet der Kelch, welcher aus drei gelbfarbenen Kelchblättern (Sepalen) besteht,
durch deren Mitte sich ein roter Strich zieht und die den Kronblättern (Petalen) ähneln. Die zwei
seitlichen Kelchblätter (laterale Sepalen) unterscheiden sich etwas vom dritten, welches dorsales
oder medianes Sepalum genannt wird. Bei einigen Orchideen, wie etwa den Dendrobien oder Bulbo-
phyllen, bilden die lateralen Sepalen an der Basis eine mehr oder weniger konische Vertiefung, welche
man Mentum nennt. Die Krone (Corolla) von P. tankervilleae besteht aus drei auffällig gefärbten Petalen.
Die seitlichen Petalen, die in Farbe und Form dem medianen Sepalum ähneln und in der Blüte oben liegen,
unterscheiden sich deutlich vom dritten, in der Blüte unten sitzenden Petalum. Dieses als Lippe oder La-
bellum bezeichnete Petalum ist sehr stark abgewandelt, dreilappig und mit einem Sporn oder Honigdrüse
am Ansatz versehen (Abb. 3).
Abb. 1 Abb. 2 Abb. 3
Der Sporn kann bei anderen Orchideen auch länger oder sackförmig ausgebildet sein und kann Verdickungen
(Kanten oder Kiele) enthalten, die bei manchen Arten wichtige Bestimmungsmerkale sind. Bei manchen
Orchideen ist die Oberseite der Lippe mit einem Kallus aus emporgehobenen Kanten, Lamellen oder Büscheln
versehen oder aus Bereichen zusammengesetzt, die Haare oder Drüsen tragen. Die Lippe ist eine wichtige An-
passung der Orchidee, um Fremdbestäubung zu erleichtern. Man kann sie sich als leuchtend gefärbte Fahne
vorstellen, die potenzielle und spezifische Bestäuber anlockt und diese durch die Form des Kallus zum Pollen
und der Narbenoberfläche führt. Die Lippe kann daher also als Landeplattform betrachtet werden und die
Kallusform als Leitsystem für den Bestäuber.
Das Zentrum der Orchideenblüte zeigt die grössten Abweichungen zum Grundmuster der Monocotyledonen-
Blüte. Die Kräfte der Evolution, die bei den Orchideen am stärksten gewirkt haben, waren die Reduktion der
Anzahl der Blütenorgane und die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Organe zu einem einzigen
Gefüge. Dieses Verschmelzungsprodukt in der Mitte der Orchideenblüte wird Säule (Columna) genannt
(Abb. 3). Bei Phaius tankervilleae und den meisten Arten der pazifischen Inseln liegt ein einzelnes Staubblatt
(Anthere) an der Spitze der Säule vor. Der Pollen der Anthere ist nicht pulverförmig, wie bei den meisten
Pflanzen, sondern in acht separaten Paketen verklebt (Abb. 2), den Pollinien (Einzahl: Pollinium). Die
Pollinien wiederum sind mit einer klebrigen Masse, dem sogenannten Viscidium (oder Klebescheibe) verbun-
den. Bei anderen Arten können auch nur zwei, vier oder selten sechs Pollinien vorhanden sein. Diese sind ent-
weder direkt, oder über einen Stiel (Stipes, bei den meisten epiphytischen Orchideen) oder den Caudiculae
(bei den meisten Erdorchideen) mit dem Viscidium verbunden.
Die Narbe (Stigma) mit ihrer rezeptiven Oberfläche, auf der der Pollen aufgenommen wird und keimt, befindet
sich ebenfalls auf der Säule im Zentrum der Orchideenblüte - und zwar auf ihrer Unterseite (ventral). Bei den
meisten Orchideen besteht sie aus einer klebrigen, gelappten, hinter der Anthere sitzenden Vertiefung; bei eini-
gen terrestrischen Gattungen, wie etwa Habenaria und Peristylus, ist sie zweilappig und die rezeptive Ober-
fläche befindet sich an der Spitze jedes Lappens. Bei vielen Arten wird die Pollenmasse mittels eines abgewan-
delten Narbenlappens, des Rostellums, auf die Narbenoberfläche übertragen. Das Rostellum von P. tankervilleae
ist wie eine vorspringende Klappe entwickelt, welche die Pollenmasse vom Bestäuber aufnimmt, wenn dieser
beim Verlassen der Blüte daran vorbeistreift (Abb. 2).
Ein interessantes Merkmal in der Entwicklung der meisten Orchideenblüten ist das Phänomen der Resupination.
Die Lippe befindet sich in der Knospe immer oben, während die Säule unten liegt. Bei Arten mit hängendem Blü-
tenstand wird die Lippe also natürlicherweise immer unten liegen, wenn sich die Blüte öffnet. Dies wäre jedoch
bei vielen Orchideen mit aufrechten Blütenständen wie bei P. tankervilleae nicht der Fall. Hier würde man an-
nehmen, dass die Lippe beim Öffnen oben über der Säule ist. Bei den meisten Orchideenarten ist dies jedoch nicht
der Fall und die Lippe liegt gleichwohl am unteren Teil der Blüte. Diese Position wird durch eine Drehung des
Blütenstieles oder Fruchtknotens um 180° während der Knospenentwicklung erreicht, welche man als Resupination
bezeichnet.