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Während der letzten drei Jahre wuchs der Telefoniemarkt über das Internet-Protokoll (VoIP) mit Raten von 74, 24 und 26%. Trotz der enormen Marketingaufwendungen haben die grossen Anbieter erst rund 58 Mio der weltweit geschätzten 400 Mio Firmen-Anschlüsse auf IP-Telefonie umgestellt und somit einen 15%-Marktanteil erreicht.
Das liegt an mehreren Faktoren: So ist die Sprachübertragungsqualität zwar deutlich besser als noch vor wenigen Jahren, aber nicht immer auf dem Niveau gewohnter konventioneller Telefonie. Dann haben etliche Firmen noch konventionelle Schaltzentralen im Einsatz; die Lebensdauer beträgt zwischen sieben und zehn Jahren, und viele um die Jahrtausendwende angeschaffte Anlagen sind noch nicht abgeschrieben. Schliesslich machen sich potenzielle Kunden neuer Anlagen Gedanken über die Interoperabilität von Systemen unterschiedlicher Hersteller.
Zwei Philosophien
Die VoIP-Telefonsystemhersteller kommen aus zwei Lagern: Einige wie Alcatel, Nortel oder Avaya haben ihre Wurzeln in der konventionellen Telefonie. Sie konzentrieren sich auf Telefonlösungen über IP-Netzwerke. Andere wie Cisco oder Microsoft bieten im Rahmen ihrer «Unified communications»-Strategien Lösungen an, die neben der Sprachtelefonie auch Message-Services, E-Mails, Fax oder Videokonferenzen umfassen und den Nutzern von solchen Lösungen den Zugang über alle möglichen Geräte (Mobiltelefone, PC, Notebooks, Bürotelefone) ermöglichen.
Den grössten Marktanteil mit 23% hält Cisco; das Unternehmen steigerte die Auslieferung von Ausrüstung – massgeblich ist in dieser Industrie die Anzahl «Ports» (Anschlüsse) – im vergangenen Jahr um fast 40%, deutlich stärker als das Gesamtmarktwachstum von 26%. Der zweitgrösste Anbieter ist Avaya mit 22%; das Unternehmen legt seinen strategischen Schwerpunkt auf Softwarelösungen für VoIP und gilt laut Industrieanalysten beim Konkurrenzkampf zwischen Cisco und dem Duo Microsoft/Nortel als am meisten gefährdet. Nortel wiederum, mit 16% die Nummer drei, ist vor einem Jahr eine strategische Partnerschaft «Innovative Communication Alliance» mit Microsoft eingegangen, könnte aber längerfristig ebenfalls Probleme bekommen, wenn Microsoft die Intelligenz der Produkte in die Software legt und Nortel die (austauschbare) Rolle des Lieferanten «dummer» Boxen bleibt. Alcatel hält noch 12% Marktanteil, verliert aber deutlich an Boden gegenüber Cisco und Avaya.
Überforderte KMU
Und jetzt zeichnet sich ein neuer Konkurrenzkampf ab: Cisco und Microsoft haben beide unterschiedliche «Unified communications»-(UC)-Strategien vorgelegt und beide versuchen, von völlig verschiedenen Positionen aus diesen Markt zu erobern. Gemeinsam ist lediglich das Konzept: UC fasst alle kommunikationsbezogenen Produkte und Anwendungen auf einem gemeinsamen IP-Netz zusammen, wodurch Benutzer alle möglichen Formen von Kommunikation (Daten, Sprache, Video) auf allen möglichen Geräten (Mobiltelefone, Notebooks, PC) überall und jederzeit nutzen können.
Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten. Microsoft bringt jetzt einen «Office Communication Server» und damit eine Alternative zum «Call Manager» von Cisco (in der «alten» Telefoniewelt als «Vermittlungszentrale» bekannt) auf den Markt und wird versuchen, von der grossen weltweit installierten Basis von Office-Programmen auf PC und Notebooks im VoIP-Markt rasch an Boden zu gewinnen. Cisco wiederum hat die weitaus grösste Erfahrung und mit über 10 Mio installierten Linien einen beträchtlichen Vorsprung. Beide Roadmaps und Strategien sind aber dermassen unterschiedlich, dass sich gerade mittlere und kleinere Firmen für den Kauf einer VoIP-Lösung bereits jetzt entscheiden müssen, auf wen sie sich festlegen wollen.
Gerade für kleinere Firmen ist bei der Microsoft-Lösung attraktiv, dass sie einfach zu benutzen ist und sich direkt aus dem Outlook-Verzeichnis heraus starten lässt. Allerdings hat Cisco Microsoft durch den Kauf der Firma WebEx im Frühjahr den Marktzutritt erschwert. Mit den WebEx-Produkten erkauft sich Cisco den Markteintritt bei Web Collaboration und Web Conferencing bei kleineren Unternehmen. Die Hauptkonkurrenten für WebEx sind Microsoft mit Placeware sowie die Online-Lösung von Citrix.
Nicht kombinierbar
UC besteht für Firmenkunden aus der IP-Netzausrüstung, der Client-Software für PC/Note-books sowie für mobile Endgeräte, Security-Elemente und Presence-Software (mit der die Anwesenheit bzw. Erreichbarkeit der zu kontaktierenden Person abgeklärt wird). Auch wenn prinzipiell Firmen mit Microsoft-Ausrüstung ihre Gegenseite mit Cisco-Hard- und -Software kontaktieren können, müssen sich Endkunden für einen der beiden Hersteller entscheiden – denn die Komponenten lassen sich nicht beliebig miteinander kombinieren.
Auch wenn sich vor allem kleinere Firmen für die Microsoft-Produkte entscheiden dürften, ist es laut Industrienanalysten fraglich, ob sich das Konzept einer PC- oder Notebook-basierten VoIP-Kommunikation mit Telefonhörer, für die Microsoft steht, gegen die speziellen VoIP-Telefongeräte von Cisco, Nortel, Avaya oder Alcatel durchsetzen wird. Es stellen sich Fragen hinsichtlich der Robustheit und Skalierbarkeit, weil diese Lösungen alle auf Hardware mit Microsoft-Betriebssystemen aufbauen und damit die Kommunikation den gleichen Sicherheitsrisiken aussetzen wie herkömmliche PC – Junk- und Spam-Anrufe.
Auch wenn die Sicherheitsrealität möglicherweise deutlich besser ist, zählt die Einstellung der zuständigen IT-Entscheider – und hier hat Microsoft noch Boden gutzumachen. Möglicherweise wird es auch hier zu Partnerschaften zwischen Microsoft und Cisco kommen, denn die Client-orientierte Microsoft-Strategie ist eigentlich komplementär zur Netzwerkcomputer-basierten Strategie von Cisco.
Cisco und die weiteren Hardwarelieferanten befürchten zu Recht, dass die wichtigen VoIP-Funktionalitäten von der Netzwerk- und Hardwareausrüstung auf die Software von Microsoft abwandern. Ihr Vorsprung liegt bei End-to-End-Lösungen mit erprobten Elementen, die hinsichtlich der Integration der einzelnen Elemente dem Microsoft-Ansatz, im Zweifelsfall Dritthersteller zu berücksichtigen, überlegen sind.
Offenes Rennen bei Mobilen
Noch relativ offen ist der Markt für mobile Geräte. Hier müssen sich sowohl Cisco als auch Microsoft mit etablierten Herstellern einigen, die entweder aus dem Telecom-Umfeld kommen (Nokia, SonyEricsson, Motorola oder Samsung) oder die wie RIM (Hersteller der Blackberry-Geräte) sowie Palm aus dem Bereich computerbasierter mobiler Kommunikation kommen. Auch hier haben Microsoft und Cisco unterschiedliche Vorstellungen: Cisco baut auf die Dual-Mode-WLAN-GSM-Handys in Ergänzung zu Blackberrys und konventionellen Handys. Microsoft vertritt hingegen die Meinung, dass Nutzer nur noch ein Endgerät haben sollten und dieses mit dem PC synchronisierbar sein sollte. Beide Lösungsvorschläge sind aber noch ziemlich unreif, und es ist offen, welcher der beiden auf lange Sicht das Rennen machen wird.
Kunden beider Firmen – Telecom-Netzbetreiber wie Swisscom und France Télécom haben beide als Partner und installieren auf Wunsch alles – zeigten sich in den letzten Monaten dermassen beunruhigt, dass sich die Unternehmenschefs Steve Ballmer und John Chambers Mitte August in New York zu einem «Friedensgipfel» treffen mussten, um die Gemüter zu beruhigen. Sie versprachen, auf einigen Gebieten (IT-Infrastruktur, Sicherheit, UC, Fernsehen über Internet) Interoperabilität zu gewährleisten und gemeinsame Standards zu unterstützen.
Ob das reichen wird, um mehr als nur einen «kalten Frieden» herzustellen, bezweifeln Industrieanalysten. Die Ansätze sind zu unterschiedlich, um so einfach alle Probleme zu lösen.