Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03139.jsonl.gz/2746

Miguel Galluzzi: «Motorräder müssen eine Seele haben!»
Der 1959 geborene Miguel Galluzzi, der seit 2012 für die Piaggio-Gruppe und damit auch für MOTO GUZZI arbeitet, gilt als einer der renommiertesten Motorrad-Designer der Welt. Galluzzi ist der Kopf des «Piaggio Advanced Design Center» (PADC) in Pasadena (Kalifornien/USA) und ist hauptverantwortlich für das Design der Modellreihen von Aprilia, MOTO GUZZI, Derbi und Gilera. Galluzzi ist gleichzeitig der oberste Boss der Design- und Entwicklungszentren in China, Indien und Vietnam.
Weltweit zu einer Design-Ikone wurde der 1,98 Meter grosse Galluzzi durch die Kreation der ersten Ducati Monster, die eines der heute wichtigsten Segmente, dasjenige der Naked Bikes, begründete. Danach zeichnete er sich aus durch die Gestaltung der Aprilia Dorsoduro, RSV4 und Tuono aus, bevor er sich erstmals ernsthaft MOTO GUZZI zuwendete und die heute erfolgreichen V7- und California-Modelle zeichnete. Auch die 2015 auf den Markt gekommenen Eldorado und Audace sind unter seiner Leitung entstanden.
Galluzzi wurde in den vergangenen Jahren mit den bedeutendsten Industrie-Designer-Preisen ausgezeichnet, darunter 2012 auch der «Motorcycle Design Association Award». Der in Buenos Aires geborene Galluzzi wuchs in Argentinien und in den USA auf, studierte am Art Center College in Pasadena/USA und fährt seit den frühen 60er-Jahren selbst intensiv Motorrad. Sein erstes Bike: eine 1959er Kreidler Florett 50.
Herr Galluzzi, warum haben Sie sich ausgerechnet für Pasadena als Haupt-Designcenter neben dem Stammquartier in Italien entschieden?
Miguel Galluzzi: «In Pasadena befinden sich weltweit führende Zentren für die globale Entwicklung der Mobilität, insbesondere das Art Center College of Design, das California Institute of Technology und das Jet Propulsion Laboratory. Natürlich arbeiten wir eng mit dem Piaggio-Entwicklungszentrum in Italien zusammen. Wir studieren zukünftige Formen der Mobilität, versuchen, fünf bis fünfzehn Jahre vorauszublicken. Dafür haben wir junge und zum Teil ein bisschen verrückte Leute angestellt, die für ungewöhnliche Experimente offen und auch bereit sind, alle herkömmlichen Mobilitätskonzepte zu hinterfragen. Eine kosmopolitische Ausrichtung und die Integration neuer urbaner Konzepte sind ebenso zentral.»
MOTO GUZZI hat sich aber bisher an einer eher traditionell orientierten Kundschaft orientiert.
«Richtig. Aber wenn wir nicht nach vorne blicken und den Nachwuchs ausser Acht lassen, werden wir verlieren. Alle neuen MOTO GUZZI basieren auf klassischen, traditionellen Werte, sind aber technisch und vom Design her auf dem aktuellsten Stand der Zeit. MOTO GUZZI hat zudem einen grossen Vorteil gegenüber anderen Marken wie etwa Ducati. Dort müssen die Bikes zwingend sportlichen Charakter haben, während MOTO GUZZI schon immer in allen Sektoren zuhause war. Da haben wir also grosse Freiheiten und können – und müssen – eigene Wege gehen.»
Können Sie uns ein Beispiel geben?
«2012 haben wir die neue California lanciert. Zuvor war die California eher an den klassischen Cruisern von Harley-Davidson angelehnt, jetzt ist sie komplett eigenständig. Technisch topmodern, optisch unverwechselbar, ein völlig eigener Mix aus Cruiser, Tourer und ein wenig Power Cruiser. Unverwechselbar MOTO GUZZI, nicht nur wegen des quergestellten V2-Motors.
MOTO GUZZI legt weltweit im Verkauf stark zu. Ist das vor allem auf den Retro-Trend zurückzuführen?
Nein. Natürlich hilft uns das, aber man hat bei Piaggio verstanden, was für ein Juwel man mit diesem Markennamen in den Händen hat. Zuvor wurde jahrzehntelang mit einem Missmanagement in die falsche Richtung gearbeitet, man versuchte zu kopieren, zumindest optisch, das ging ziemlich daneben. Seit 2008, als die Produkteplanung in neue Hände kam, gehen wir mit Stolz und eigenem Gesicht in die Zukunft. Jetzt haben passionierte Motorradfahrer und leidenschaftliche Guzzisti das Sagen.
Sind die aktuellen Trends hin zu Retro und weniger Sport ein Segen für Guzzi?
MOTO GUZZI baut keine Retro-Bikes, sondern Motorräder, die auf einem mit klassischen Konzept mit unverwechselbaren und unsterblichen Werten beruhen. Also Motorräder, die sich zwar auf die Vergangenheit der Marke beziehen, technisch und vom Konzept her aber kompromisslos an der Moderne orientieren. Man kann es auch so sagen: Die Motorräder müssen in einem gewissen Mass menschlicher werden, sie müssen uns emotional berühren, eine Art Seele haben. Wer heute mit 200 PS über die Strassen fegt, braucht erstens eine Unmenge an Elektronik und zweitens eine Armee Schutzengel. Für die Rennstrecke ist das o.k., aber emotional bist du auf der Strasse mit einem Bike wie einer MOTO GUZZI sicher besser bedient.
Was für Modelle sind von MOTO GUZZI in nächster Zukunft zu erwarten? Wird es ein Bindeglied zwischen den «kleinen» V7-Modellen mit 750 ccm und den grossen 1400er-Brocken geben?
Es wird viel Neues kommen, auch mit anderen Hubräumen. Kommt im November zur EICMA in Milano. Es wird sich garantiert lohnen, dort einen längeren Besuch bei unserem MOTO GUZZI-Stand einzulegen. Mehr darf ich dazu im Moment nicht sagen.
Interview: Markus Lehner