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Gedenkplatte auf Oberst Carl Bohny, Rotkreuzchefarzt im Weltkrieg, 1931, Bronze gegossen. Hauswand, Claragraben, Basel
Foto Robert Spreng
1931 erhielt Otto Roos über den Basler Kunstkredit den Auftrag erteilt, eine Gedenkplatte für den verstorbenen Rotkreuzchefarzt Oberst C. Bohny herzustellen. Das Honorar und der Vorschuss auf den Bronzeguss betrugen Fr. 3000.- (was gemäss Teuerungsindex heute etwa 21‘000 Franken entspräche).
Im Dezember 1932 wurde die Gedenkplatte am Hause des Verstorbenen, am Claragraben 25, im Beisein der Familie, Personen aus dem Bekanntenkreis, Vertretern der verschiedenen Rotkreuz- und Samaritervereine sowie des Konsularkorps – nach anderer Quelle Vertretern medizinischer, militärischer und privater Verbände – mit einer bescheidenen Feier enthüllt.
Die Parzelle an der Ecke Claragraben und Riehentorstrasse, an der früher das Geburts- und Wohnhaus des Geehrten stand, steht heute ein mehrstöckiges Wohnhaus. Die Platte wurde vor der Demolierung abgenommen und am neuen Standort unter einer Terrasse an der Hausfassade angebracht.
Die Gedenkplatte am aktuellen Standort, aus der jeweiligen Betrachterperspektive. Fotos Stephan E. Hauser, 2019.
Otto Roos hatte zum Zeitpunkt der Auftragserteilung bereits Erfahrungen mit Porträtplatten sammeln können. Seit den mittleren 1910er Jahren stellte er solche, allerdings überwiegend für private Auftraggeber, her.
Der offizielle Auftrag dürfte von klaren Vorgaben begleitet gewesen sein. So musste der Dargestellte deutlich als Oberst erkennbar sein. Ausserdem hatte das untere Drittel der Platte ein dem Roten Kreuz entsprechendes Kreuzsymbol und die Beischrift „Oberst C. Bohny / Rotkreuzchefarzt / im Weltkrieg“ aufzuweisen. Roos stand also nur ein Teil der Platte gestalterisch zur Verfügung und die bislang noch nicht identifizierte – fotografische? – Vorlage wird ihm ausgehändigt worden sein. Denn als Roos den Auftrag erhielt, war der Oberst schon seit drei Jahren tot.
Carl Bohny stammte aus einer Ärztedynastie, deren Wurzeln in die 1660er Jahre zurückreichen. Allerdings machte ausgerechnet sein eigener Vater, Daniel, eine Ausnahme und wurde Kaufmann. Carl Bohny wurde als dritter Sohn von Daniel Bohny und Henriette Holinger am 4. April 1856 in Basel geboren. Im Latein- und Griechischunterricht am Gymnasium am Münsterplatz hatte der Knabe Carl den jungen Friedrich Nietzsche zum Lehrer – an den er sich allerdings nicht mit besonderer Begeisterung erinnern mochte.
Carl ertrotzte sich das Medizinstudium und vervollständigte seine Studien an der Universität Basel mit Auslandsemestern in Kiel und Mannheim bei den damaligen Koryphäen Friedrich von Esmarch (1823-1908) und Vincenz Czerny (1842-1916). Auf ersteren geht der Esmarch-Handgriff zur Freihaltung der Atemwege zurück, der besonders in der Anästhesie und Notfallmedizin angewendet wird. Letzterer gehörte zu den ersten Chirurgen, die Vollnarkosemethoden einsetzten.
In seinem ereignisreichen Leben als Mediziner war Bohny zunächst Kurarzt in der nahe bei Davos gelegenen Wiesen, unweit vom Waldsanatorium, das 1912 Thomas Mann zu seinem Roman „Der Zauberberg“ inspirieren sollte.
Anschliessend wurde er Leibarzt einer Dame aus dem belgischen Hochadel, der Marquise du Chastelez, als deren Reisebegleiter er ganz Europa, viele Fürstenhöfe und Persönlichkeiten wie Bismarck kennenlernte. Nach drei Jahren ‚Jetset‘ kehrte er ins Kleinbasel zurück und richtete sich dort eine Hausarztpraxis ein, welche vor allem der Arbeiterbevölkerung zu Gute kommen sollte, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Basels seit den mittleren 1880er Jahren, stark anwuchs.
Seine Karriere vom Brigadearzt, 1889, zum Divisionsarzt der VII. Division, 1901, einer Division, die die Ostschweiz abdeckte und heute nicht mehr existiert, hatte Bohny seinem Organisationstalent zu verdanken. Er machte sich im Sinne seines Kieler Lehrers Esmarch für die Entwicklung von Freiwilligenverbänden stark, da ihm früh klar wurde, dass im Ernstfall die Sanitätstruppe des Militärs nicht ausreichen würde.
Zum Dank wurde er vom Bundesrat 1905 in die Direktion des Schweizerischen Roten Kreuzes abgeordnet. Ende 1906 erfolgte seine Ernennung zum Oberst und zum Chef des Spitaldienstes. 1907 nahm er als Mitglied der Schweizer Delegation an der Internationalen Konferenz der Rotkreuzvereine in London teil.
Am 1. Januar 1908 trat die neue Militärorganisation, vom Volk am 3. November 1907 angenommen, in Kraft. Sie beinhaltete unter anderem, dass die Befehlsgewalt für alle Sanitätsfragen in einer einzigen militärischen Hand vereinigt sein soll. In diesem Sinne wurde eine neue Funktion geschaffen und Oberst Bohny am 31. Dezember 1910 zum ersten Rotkreuzchefarzt der Schweiz berufen.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Konzept schon bald auf eine erste Probe gestellt. 1915 organisierte Bohny im Auftrag des Internationalen Rotkreuzkomitees und des Papstes den Austausch von invaliden Kriegsgefangen, die jeweils nachts mittels Bahntransporten zwischen Deutschland und Frankreich durch die Schweiz geschleust wurden. Der Kriegsverwundete Hermann Bötticher erinnerte sich anlässlich einer Durchfahrt in Bern: „Schweizerische Offiziere stehen verbindend auf dem Zwischenperron. Oberst Bohnys mildes menschliches Gesicht geht neben dem militärischen des Oberst Hauser auf und ab.“ Dabei war Bohnys Leitung in der Sache keineswegs milde oder nachgiebig. Niemals zögerte er, Druck aufzubauen, wenn ein Transport zu stocken drohte, und fuhr sicherheitshalber regelmässig auf den Transporten mit.
Bald standen Austauschtransporte unter 19 verschiedenen Nationen an. Dabei hatten Oberst Bohny und seine Gattin, Henriette Marie Johanna Thekla Pertsch aus Frankfurt am Main, jederzeit, auch ausserhalb der eigentlichen Transporte, uneingeschränktes Passierrecht, was selbst Diplomaten und Politikern während des Krieges nicht zugestanden wurde. Kritisiert wurde Bohny von der Armeesanität, war diese doch zur Untätigkeit verurteilt, während das Rote Kreuz enorme Privilegien genoss, die wohl nicht alle mit dem Neutralitätsgedanken zusammengehen sahen.
Auch die Spanische Grippe, die aufgrund der gesunkenen Hygienestandards während des Weltkriegs grossflächig ausbrach und auch die Schweiz, besonders im Zuge des Landesstreiks, traf, organisierte Oberst Bohny als Rotkreuzchefarzt das Menschenmögliche.
Mit dem allgemeinen Waffenstillstand unter den Kriegsbeteiligten gingen die Funktionen des Rotkreuzchefarztes wieder an die Direktion und den Präsidenten des Roten Kreuzes zurück. Oberst Bohny wurde zum neuen Präsidenten gewählt. Die Entlassung aus dem Dienst erfolgte indes erst im Juni 1920.
Ein im Herbst 1919 ausgebrochenes Nierenleiden als Folge ständiger Überbeanspruchung schränkte ihn allerdings seither ein. So konnte er seine Tätigkeit als Hausarzt nicht mehr aufnehmen, blieb dem Roten Kreuz aber bis zuletzt treu. Er vertrat es, fortan auf dem diplomatischen Parkett, mit rücksichtsloser Offenheit, mit einer „belle franchise“, wie die Diplomaten, gewohnt, verdeckt zu spielen, es zu nennen beliebten.
Oberst Bohny verstarb am Morgen des 28. März 1928 und wurde auf dem Wolfgottesacker, Basel, beigesetzt.
Grab der Familie von Oberst Carl Bohny, auf dem Friedhof Wolfgottesacker, Basel. Foto Stephan E. Hauser.
Ab 1942 war übrigens sein Sohn, Gustav Adolf Bohny (1898-1977), Delegierter des Schweizerischen Roten Kreuzes und von 1946-1954 dessen Präsident.
Verwendete Literatur
Basler Kunstkredit, 1929-1938, Basel: Nationalzeitung, 1940, S. 27, 29 und Abb. 52 [Abbildung der Gedenkplatte].
Gustav Adolf Bohny, Oberst Carl Bohny. Rotkreuzchefarzt im Weltkrieg, 1856-1928 (Schweizerköpfe, Heft 11), Zürich/Leipzig: Orell Füssli Verlag, 1932 [mit Abbildung der Gedenkplatte gegenüber Seite 13].
Dominik Heitz, Bohny und die Verwundetenzüge, in: Basler Zeitung, 30. September 2019, S. 20 [ohne Nennung des Künstlers].