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Seit Jahrzehnten kämpft der Kinderarzt Remo Largo für eine Schule, die das Kind ins Zentrum stellt. Wie er Kinder sieht, wird anhand des folgenden Zitats deutlich: „Dabei wollen doch alle Kinder Leistungen erbringen. Wir sollten endlich darauf vertrauen, dass alle Kinder lernen wollen, aber in ihrem eigenen Tempo und auf ihre Weise.“
Ein Großteil der Bevölkerung sieht das anders. Die SVP sammelte in mehreren Kantonen Unterschriften, um Ziffernnoten ab der ersten Klasse wieder einzuführen. Sie beklagt den «Missstand», dass «Schulabgänger nicht einmal einen Brief schreiben können» und will das Problem bekämpfen, indem bereits den Erstklässlern klar aufgezeigt wird, was sie leisten. Nationalrat Oskar Freysinger sagte dazu: "Die Kinder sollen sehen, dass Arbeit zu Resultaten führt, die sich dann in Form eines Fünfers oder Sechsers auf dem Papier manifestieren." (Hinweis: In der Schweiz ist die 6 die beste Note).
Bei Abstimmungen haben solche Vorstöße gute Chancen. Im Appenzell sagten zuletzt 67%, in Genf sogar 75% der Abstimmenden «Ja» zur Wiedereinführung der Noten in der Primarschule. In Österreich erleben wir den gleichen Trend.
Doch sind es wirklich die Noten und der damit verbundene Leistungsdruck, die Schüler/innen motivieren?
Interessanterweise tummeln sich unter den Spitzenreitern der Pisa-Studien Länder mit sehr unterschiedlichen Schulkulturen. In Finnland und Schweden werden die Leistungen bis zur 8. Klasse nicht benotet. In asiatischen Ländern, die ebenfalls sehr gute Resultate erreichten, wird Leistungsdruck hingegen großgeschrieben.
"Südkorea hat ein außergewöhnlich forderndes Bildungssystem. Im letzten Schuljahr lernen die jungen Koreaner in der Regel 16 Stunden am Tag, auch Hwan Cheol. Der Unterricht begann für ihn um kurz nach acht Uhr, um vier Uhr nachmittags war Schluss - mit dem offiziellen Teil. Hwan Cheol ging dann in einen Lesesaal, in dem seine Eltern einen Platz für ihn gemietet hatten. Dort blieb er bis etwa sieben Uhr mit seinen Büchern, um dann für das Abendessen nach Hause zu gehen. Abendessen, das hieß auch: eine Stunde Ruhe, keine Bücher, ein bisschen fernsehen. Anschließend ging er zurück in den Lesesaal, bis zwei Uhr nachts. Zwölf Monate lang, auch am Wochenende. Im Sommer war er mit Freunden zwei Tage am Meer, das war's."
Wenn wir genauer hinsehen, scheint es zwei Möglichkeiten zu geben, Menschen zu guten Testergebnissen zu bewegen:
Länder wie Südkorea setzen auf Druck: Die Schüler/innen und ihre Eltern wissen: Gute Noten sind meine einzige Chance! Ich muss alles dafür tun, auch wenn ich dazu an meine Grenzen gehe - oder darüber hinaus.
Andere Spitzenreiter stellen die Bedürfnisse der Schüler/innen in den Mittelpunkt. Sie sind der Überzeugung: wenn wir die Kinder bei ihren Interessen und Stärken abholen, ihre Neugier nutzen, sie begleiten, ihnen persönliche Rückmeldungen geben und auf eine kooperative Gemeinschaft anstatt Wettbewerb setzen, lernen die Kinder am meisten und bewahren sich ihren inneren Antrieb.
Hinter diesen Ansichten liegen zwei unterschiedliche Menschenbilder, die wir etwas genauer beleuchten möchten.
Warum lernt und arbeitet der Mensch?
Wenn es nach Prof. Douglas McGregor vom MIT geht, liegen den oben beschriebenen konkurrierenden Sichtweisen zwei Menschenbilder zugrunde, die er bereits in den 60er Jahren als Theorie x und y beschrieb.
Theorie x geht davon aus, dass der Mensch grundsätzlich faul ist und von außen motiviert werden muss. Dies erfordert Vorgesetzte, die Kontrolle, Belohnung und Sanktionen anwenden, um die Menschen zu lenken.
Theorie y beschreibt den Menschen als intrinsisch motiviert und engagiert. Menschen, die dieses Bild vertreten, sind der Überzeugung, dass wir von Natur aus leistungsbereit sind, Arbeit als sinnstiftend erleben können und gerne bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Das Menschenbild beeinflusst das Führungsverhalten und die Organisationsform
Prof. Douglas McGregor war Managementprofessor und beschrieb die Theorie x als implizite Annahme des hierarchisch geordneten Führungsstils in Unternehmen. Chefs, die der Theorie x anhängen, verwenden ein typisches Set an Führungsstrategien, die ihren Überzeugungen Ausdruck verleihen.
Sie:
- führen eng und erteilen klare Vorgaben
- belohnen gute Leistungen durch Boni
- sanktionieren Fehler und Fehlverhalten
- schaffen viele und genaue Regeln, auf deren Einhaltung sie pochen
- setzen auf Wettbewerb und Konkurrenzkampf, weil sie darin einen Ansporn sehen
In vielen jüngeren Unternehmen hat in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken stattgefunden. Diese werden von Führungskräften gelenkt, die ihr Führungsinstrumentarium eher auf der Theorie y aufbauen.
Solche Unternehmen zeichnen sich aus durch:
- flache Hierarchien oder wechselnde Führungsrollen je nach Projekt
- gemeinsame Zielvereinbarungen
- viel Eigenverantwortung, die sich beispielsweise in flexiblen Arbeitszeiten oder Vertrauensarbeitszeit ausdrückt
- Arbeitszeit, die Mitarbeiter für eigene Projekte aufwenden dürfen
- Kooperation statt Konkurrenz
- Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden anstatt am Wettbewerber
- Transparenz bezüglich Lohnstruktur, Entscheidungsfindung etc.
Wenn man sich über den Auftrag unserer Schulen austauscht, wird oft davon gesprochen, dass diese die Schüler/innen auf das spätere Berufsleben vorbereiten muss. Je nachdem, welchem Menschenbild sich die Schule verpflichtet fühlt, werden sich die Abgänger eher im ersten oder zweiten Typ von Unternehmen zu Hause fühlen.
Die Schule verändert sich
Unsere Schulen befinden sich im Umbruch. Die Theorie x war lange Zeit die Grundlage, auf der vom Unterricht bis zur Beziehungsgestaltung alles aufbaute. Die Lehrpersonen gaben die Inhalte vor, die Kinder hatten diese umzusetzen. Wer sich nicht so verhielt, wie die Lehrperson es verlangte oder nicht mitkam, wurde sanktioniert: Die Lehrer/innen schlugen mit dem Rohrstock, stellten Kinder in die Schamecke und nutzten schlechte Noten als Disziplinierungsmittel. Gehorsam wurde eingefordert, die Macht der Lehrperson baute oft auf Einschüchterung auf. Den Eltern erging es bei der Arbeit meist nicht anders.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Rolle und das Führungsverhalten der Lehrpersonen verändert. Die Schulen entwickeln sich vermehrt in Richtung Theorie y: Sie setzen auf die Neugier und das Interesse der Kinder, die Lehrpersonen sehen sich als Lernbegleiter. Individualisierung und Inklusion sollen es allen Kindern ermöglichen, gemeinsam zu lernen, wobei jedem einzelnen Rechnung getragen werden soll.
Dieser Kulturwandel geht alles andere als reibungslos vonstatten, wie wir anhand der oben beschriebenen Abstimmungen und politischen Bestrebungen sehen können. Die beiden Menschenbilder befinden sich in einem Tauziehen – teilweise zwischen Parteien und Personen – aber auch innerhalb von uns selbst.
Warum staatlichen Schulen der Wandel so schwer fällt
In der Diskussion darüber, wie Schule sein sollte, werden oft Modellschulen als Beispiele angeführt, die ganz nach dem Muster der Theorie y geführt werden - ganz ohne Druck, Wettbewerb und Noten. Autoren und Redner wie Gerald Hüther, Richard David Precht, Remo Largo oder André Stern werden nicht müde, solche Schulen oder das Freilernen zu propagieren.
Es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie sich für die Bedürfnisse der Kinder stark machen und alles daran setzen möchten, die kindliche Neugier und Lernfreude zu erhalten.
Das Publikum ist jeweils begeistert, sogar beseelt von Gedanken an eine bessere Welt und eine wunderbare Kindheit. „Warum machen das nicht alle Schulen so?“ wird nach entsprechenden Vorträgen stets gefragt.
Man kann sich von dieser Begeisterung leicht anstecken lassen. Ich, Stefanie, empfand den letzten Besuch einer solchen Privatschule als sehr eindrücklich. Diese war vollständig auf die intrinsische Motivation der Schüler/innen ausgerichtet: Die Kinder durften nach dem Morgenkreis selbst entscheiden, an welchem Fach sie arbeiten oder ob sie ein eigenes Projekt verwirklichen möchten. Der eine programmierte am Computer, eine andere spielte auf einem Instrument und nahm sich dabei mit dem Diktafon auf. Eine dritte half bei der Vorbereitung des Mittagessens, ein vierter verzog sich in die Gemütlichkeitsecke, um an seinen Mathematikaufgaben zu arbeiten. Die Schüler/innen wirkten entspannt, die Lehrpersonen gingen von Kind zu Kind, sprachen mit ihnen über ihre Projekte, ermutigten sie bei Schwierigkeiten oder erklärten eine Aufgabe. Der Schultag verging wie im Flug und man sah den Kindern an, dass sie gerne zur Schule gehen. Es wurde deutlich, wie sehr die Lehrkräfte an die Entwicklungsfähigkeit und die Lernmotivation der Kinder glaubten.
Kommen wir also auf die Frage zurück: „Warum machen das dann nicht alle so?“
Die Antwort lautet: Weil das nur funktioniert, wenn alle – Schulleitung, Eltern und Lehrpersonen – die gleiche Auffassung vertreten.
Ein solches Konzept baut auf sehr viel Vertrauen auf. Die Eltern und Lehrer/innen müssen darauf vertrauen können, dass die intrinsische Motivation der Kinder ausreicht, damit sie sich mit der Zeit die wichtigsten Kulturtechniken aneignen. Die Eltern müssen die Sicherheit haben, dass die Schule ein solch anregendes Umfeld bereitstellt, dass sich alle Lernenden entsprechend ihrer Stärken entfalten können. Die Lehrpersonen müssen ihre Rolle anders verstehen, sich mit Anweisungen und Forderungen zurückhalten und sich darauf beschränken, Kindern Angebote zu machen. Und: Eltern und Lehrpersonen müssen sich – ganz im Sinne von Remo Largo – von der Vorstellung befreien, dass Kinder in einem ähnlichen Alter über ähnliches Wissen und Können verfügen müssen.
Anders als staatliche Schulen können Privatschulen ihre Haltung, ihr Menschenbild und ihre Unterrichtsphilosophie nach außen hin klar signalisieren und entsprechend nur Menschen anziehen und auswählen, die zu ihnen passen.
Es gab an diesem Besuchstag auch einen neunjährigen Jungen, der den ganzen Schultag lang in einer Ecke saß und eine Katze streichelte. Auf meine Nachfrage meinte die Lehrerin, dass dies meistens sein Tagesprogramm sei.
Die Schule vertrat die Ansicht, dass auch das Streicheln der Katze für dieses Kind eine wertvolle Erfahrung ist und sich der Junge früher oder später aus eigenem Antrieb mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen beschäftigen wird. Die Lehrerin erklärte mir: „Jedes Kind darf nein sagen, wenn es etwas nicht tun will. Manche von ihnen können in diesem Alter mit Buchstaben und Zahlen noch nichts anfangen – oder sie haben einfach noch keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Es ist doch toll, wenn ein Kind so klar benennen kann, was es will.“
Spätestens an diesem Punkt bekäme eine staatliche Schule massive Probleme.
Vielleicht möchten Sie kurz in sich hineinhören, liebe Leserin, lieber Leser.
Vielleicht wird Ihnen ganz warm ums Herz und Sie denken: "So sollte Schule sein!"
Vielleicht schütteln Sie aber auch verärgert den Kopf: "Mein Gott! Wo kommen wir denn da hin! Das Leben ist doch kein Wunschkonzert – später geht auch nicht alles nach dem Lustprinzip!"
Vielleicht haben Sie gemischte Gefühle und denken: „Für manche Kinder mag das stimmig sein, aber für alle passt das einfach nicht.“
Das Beispiel zeigt, wie schwierig es für eine staatliche Schule ist, Konzepte aus Modell- oder Privatschulen eins-zu-eins zu übernehmen. Sobald Eltern am Ende des Semesters wissen wollen, was ihr Kind in letzter Zeit gelernt hat und wo es im Vergleich zu seinen Mitschülern steht, kommt die Lehrerin in Erklärungsnot, wenn sie kein Heft, kein Arbeitsblatt und kein Projektergebnis vorweisen kann.
In Vorträgen von Fachpersonen, die das freie Lernen propagieren, wird stets von den Kindern gesprochen, die in solchen Schulen aufblühen, die wunderbar eigenständig lernen können und sich aus einem starken Eigenantrieb heraus nicht nur breites Wissen, sondern oft auch eine beeindruckende Expertise in bestimmten Bereichen aufbauen.
Es gibt auch andere Beispiele. Wir erinnern uns beispielsweise an ein Viertklasskind, dessen Lehrkräfte an einer Privatschule zwar feststellten, dass es die Buchstaben weder lesen noch schreiben kann, den Eltern aber versicherten: „Das kommt schon noch.“ Die Eltern bekamen dann doch kalte Füße und steckten das Kind kurzerhand in eine öffentliche Schule. Es kam mit dem schulischen Wissensstand eines Erstklässlers in die vierte Klasse. Nun schoben die Eltern Panik, weil das Kind „bis zum Übertritt jetzt alles aufholen muss!“
Wir denken auch an die vielen verträumten Kinder, die während Phasen des selbstorganisierten Lernens in ihre Tagträume abdriften – und einen ganzen Vormittag dasitzen können, ohne sich in irgendeiner Form mit den Lerninhalten zu beschäftigen.
Und dann wären da all die Kinder, die in den ersten Lebensjahren zu Hause kein anregendes Umfeld und keine Vorbilder vorfanden, die ihnen vermittelt haben, dass Lernen etwas Schönes ist, es sich lohnt, bei Schwierigkeiten und Rückschlägen dranzubleiben und dass Interesse durch die intensive und aktive Auseinandersetzung mit einer Sache entsteht. Oder die Kinder, die in eher autoritären Familienstrukturen aufwachsen und es gewohnt sind, dass ihnen jemand sagt, was sie tun sollen, was gut und schlecht ist und wofür sie sich zu interessieren haben – und komplett überfordert sind, wenn jemand plötzlich verlangt, dass sie sich eigene Ziele setzen, sich selbst bewerten und eine Begeisterung fürs Lernen entwickeln, die ihre Eltern weder fördern noch vorleben.
Eine staatliche Schule kann sich nicht von heute auf morgen ändern, ohne all die Eltern und Lehrpersonen mitzunehmen, die eine andere Ansicht vertreten und auf all die Kinder Rücksicht zu nehmen, für die das selbstgesteuerte Lernen aktuell eine Überforderung darstellt.
Wo wollen wir hin?
Das haben wir uns gerade während des Schreibens gefragt. Wir sitzen hier im Café und denken darüber nach, wie unsere eigene Schulzeit aussah, wieviel Theorie x und y darin verwirklicht wurde, was aus uns geworden wäre, wenn mehr vom einen oder anderen vorhanden gewesen wäre – und was wir uns für unsere Kinder wünschen würden.
Für uns ist klar: Uns beide zieht das Menschenbild der Theorie y an. Wir wünschen uns Lehrer/innen, die den Mut haben, Kindern Freiräume zu lassen, Felder zu schaffen, wo sie eigene Interessen entdecken und persönliche Projekte verwirklichen dürfen. Wir wünschen uns einen Lehrplan, der den Kindern viele Wahlmöglichkeiten lässt und es ihnen erlaubt, Inhalten nachzugehen, die sie anziehen. Wir wünschen uns eine Schule und Eltern, die Kindern ihr jeweiliges Tempo zugestehen und das Lernen nicht als Wettbewerb gestalten. Persönlich würden wir es begrüßen, wenn Kinder Rückmeldungen zu ihrem individuellen Fortschritt erhielten und dadurch motiviert würden, sich weiterzuentwickeln, anstatt mit der Klasse verglichen zu werden.
Wir gehen davon aus, dass das Menschenbild, das wir mit uns herumtragen, nicht in erster Linie ein Abbild der Realität ist, sondern eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Schulen, Firmen, Vereine, Länder: Wenn die Führungspersönlichkeiten auf Druck, Zwang, Belohnung und Sanktionen setzen, werden sie bald Schüler/innen, Mitarbeitende oder ein Volk haben, welche/s ohne diese Maßnahmen nicht mehr zu motivieren ist. Wer von Anfang an die Erfahrung macht, dass Eltern, Lehrpersonen und Vorgesetzte Vertrauen und Geduld haben, die eigenen Bedürfnisse und Interessen ernst nehmen, Ziele aushandeln statt vorgeben und aus Fehlern und Misserfolgen kein Drama machen, wird sich eher selbstbewusst für seine Anliegen einsetzen, Verantwortung übernehmen und einen Beitrag zum Ganzen leisten wollen.
Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass sich ein Kulturwandel nicht von heute auf morgen erzwingen lässt.
Was braucht es?
Doch wie kriegen wir den Wandel hin? Uns sind die folgenden Punkte dazu eingefallen.
Das Bewusstsein dafür, dass unsere Haltung andere beeinflusst. Wenn wir engagierte, motivierte Schüler/innen möchten, dann müssen wir ihnen genau das zutrauen und Bestrebungen in diese Richtung wahrnehmen und darauf aufbauen. Genau aus diesem Grund wollten wir Ihnen die Theorie x und y vorstellen.
Mutige Schritte in Richtung y, die gut begleitet werden. Das geht auch an staatlichen Schulen. Ein Beispiel, das kürzlich durch die Medien ging, ist das Schulhaus Kuonimatt in Kriens Luzern, das die Hausaufgaben abgeschafft hat. Stattdessen bietet es den Kindern morgens eine halbe Stunde obligatorische und am Nachmittag eine halbe Stunde freiwillige betreute Lernzeit an. Die Schüler/innen entscheiden selbst, was sie in dieser Zeit üben möchten.
Rektor Markus Buholzer merkt man an, mit welchem Menschenbild er seinen Schüler/innen begegnet, wenn er im Interview mit der Migros-Zeitschrift sagt: «Man weiss, dass ein erfolgreicher Lernprozess in einer anregenden Umgebung stattfinden und mit Sinnhaftigkeit erfüllt sein muss…. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem die Kinder ihren Lernprozess aktiv mitgestalten können.»
Ein Lehrerteam, das zusammenhält und von der Schulpflege unterstützt wird. Das zumindest führt Dani Burg als wichtigen Erfolgsfaktor für Veränderungen an. Er schaffte als Schulleiter an seinen Schulen den 45-Minuten-Takt ab, löste die Jahrgangsklassen auf und führte individuelles Lernen ein. Das Motto des Teams lautete „Motivierte Schüler, entspannte Lehrer“. Einige Eltern versuchten diese Neuerungen mit einer Unterschriftenaktion rückgängig zu machen. Dani Burg weist darauf hin, dass sie als Lehrerteam auf die Rückendeckung der Schulbehörde angewiesen waren, um den anfänglichen Widerstand zu überstehen.
Eltern, Lehrpersonen und eine Schulleitung, die sich konstruktiv einbringen anstatt über das System zu jammern. Jede/r von uns hat Einfluss. Dani Burg sagt dazu im Elternmagazin Fritz+Fränzi: „Die Impulse zu relevanten Veränderungen im System kommen meistens von der Basis, nicht «von oben». " Zumindest in der Schweiz mit seinem föderalistischen Bildungssystem haben die Schulen einen immensen Gestaltungsspielraum. Aspekte, über die oft gejammert wird wie der 45-Minuten-Takt oder der frühe Schulbeginn, können verändert werden ohne zig politische Instanzen zu durchlaufen. Wer sich daran stört, dass die Lehrpersonen scheinbar nicht mehr auf die einzelnen Kinder eingehen können, weil die Klassen zu groß sind, sollte keine Politiker/innen wählen, die den Schulen bei der nächsten Sparübung wieder die Mittel kürzen.
Lehrer/innen, die selbstorganisiertes Lernen kompetent begleiten können und sich bewusst sind, dass dies für Schüler/innen die anspruchsvollste Form des Lernens überhaupt darstellt. Dazu müssen die Lehrpersonen wissen, wie man die Lernmotivation und das Interesse der Kinder weckt, ansprechende Ziele vereinbart, konstruktive Rückmeldungen gibt, Kompetenzen in den Bereich Planung, Organisation und Selbstreflexion aufbaut und die Selbststeuerungs- und Selbstregulationskompetenzen der Kinder in kleinen Schritten fördert. Wir durften in Schulen hineinschauen, in denen die Kinder von den Lehrkräften beim eigenständigen Lernen wunderbar begleitet werden und andere, in denen die Lehrpersonen nicht wussten, was nun ihre Aufgabe ist und die Kinder mehr oder weniger sich selbst überließen.
Erwachsene, die der Überzeugung sind, dass ein Kind, das gerne lernt im Leben besser zurechtkommen wird als ein Kind, das auf maximale Leistung getrimmt wird. Dazu gilt es, die eigenen Ansprüche ab und zu zu hinterfragen und die eigenen Zukunftsängste nicht ungefiltert auf das Kind zu übertragen. Wir müssen immer wieder mit Eltern darüber sprechen, dass sie die Gesundheit ihres Kindes nicht für angeblich bessere Zukunftschancen oder einen Platz auf dem Gymnasium opfern dürfen.
Aktuell: Unsere Weiterbildungen und Seminare
Für Lehrer/innen:
- Weiterbildung "Wie Schule gelingt"
- Tagesweiterbildung "Lernstrategien - weniger ist mehr!"
- Weiterbildung in Lerncoaching (neu auch in München!)
Für Eltern:
Autoren dieses Artikels: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.
Das Experten-Team führt Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema Lernen durch. Die beiden verbindet eine große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.