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Gottfried Keller
Der berühmteste aller Glattfelder: Gottfried Keller
Genau genommen hat Gottfried Keller nie in Glattfelden seinen Wohnsitz gehabt. Beide Eltern jedoch, die Scheuchzer wie die Keller, stammten aus dem Dorf und Gottfried Keller besuchte seine Verwandten nachweislich mindestens dreimal für längere Zeit.
Genügt das aber, war das Dorf für den berühmten Dichter wirklich so wichtig? Man kann diese Frage ohne Zögern mit ja beantworten, und zwar für den Menschen wie für den Künstler Keller. In seiner Doktorarbeit von 1911 konnte der spätere Professor Fritz Hunziker vielerlei Spuren des Dorflebens Glattfelden in den frühen Werken Kellers finden, insbesondere im «Grünen Heinrich» (Die Studie wurde 1990 vom Gemeinderat Glattfelden in einer Neubearbeitung frisch aufgelegt und ist im Gottfried Keller-Zentrum erhältlich). Dem Doktoranden war es damals noch möglich, anhand von Zeugnissen lebender Glattfelder Erinnerungen an die Aufenthalte Gottfried Kellers im Dorfe miteinzubeziehen.
Der Dichter lebte von 1819 bis 1890. Zwei Jahre vor seiner Geburt hatten seine Eltern Elisabeth Scheuchzer und der Drechsler Rudolf Keller geheiratet und waren sogleich nach Zürich übersiedelt. Vermutlich gab es für diesen Wegzug mehrere Gründe. Rudolf war als Geselle schon seit vier Jahren dem damaligen Brauch gemäss auf Wanderschaft, seine Mutter hatte wieder geheiratet, und vermutlich waren die Verdienstmöglichkeiten für einen gutausgebildeten Drechsler in der Stadt weitaus besser als im Dorf, das zwar zu den reicheren gehörte, aber mit seinen knapp tausend Einwohnern für den spezialisierten Handwerker keine ausreichende Erwerbsgrundlage bieten konnte.
Doch die Beziehungen beider Eltern zu Glattfelden blieben stark. Der Briefwechsel zwischen dem Bruder von Elisabeth, der im Dorfe als Arzt praktizierte, belegt es. Vater Rudolf hatte im Jahre 1821 sogar ein Gedicht über Glattfelden verfasst, das er in den Zunfthäusern vortrug. Der Anlass dafür war ein schweres Unwetter, das wieder einmal grosse Schäden im Dorf verursacht hatte.
Der erste Sommeraufenthalt des späteren Dichters in Glattfelden ist für 1832 belegt. Wie bei späteren Gelegenheiten weilte er im Hause des Onkels Dr. Scheuchzer. Beschrieben wird dieser als ein etwas brummiger, dabei humorvoller und vielseitiger Herr, der neben seiner ausgedehnten Praxis Zeit fand für verschiedene öffentliche Ämter, ausserdem für eine kleine Landwirtschaft und vor allem die Jagd, der seine grosse Leidenschaft galt. Er brachte dem jungen Gottfried viel Sympathie und Wohlwollen entgegen, unterstützte ihn gegen den Willen der Mutter darin, einen brotlosen Beruf wie Landschaftsmaler zu wählen und wirkte nach dem Tode des Vaters als Vormund bei Erbstreitigkeiten zu seinen Gunsten.
Im «Grünen Heinrich» finden sich viele Anspielungen auf Glattfelden. Der Held der Geschichte heisst Heinrich Lee, ein Geschlechtsname, der für das Dorf sehr eigentümlich ist und damals anderswo kaum angetroffen werden konnte. Heute finden sich acht Haushaltungen unter dem Namen Lee. Im Kapitel «Flucht zur Mutter Natur» beschreibt Keller ein Dorf, das «im äussersten Winkel des Landes, in einem grünen Wiesentale, welches von den Krümmungen eines kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben war». Kürzer und treffender könnte man Glattfelden nicht beschreiben.
Das Kapitel im «Bohnenromanze» enthält eine Stelle, wo Keller auf eine spezifische Eigentümlichkeit der Gegend anspielt. Heinrich und Anna wandern von der Behausung des Schulmeisters gegen das Dorf hinunter und gelangen zu einem kleinen Teich am Fusse einer Felswand, die ungefähr in halber Höhe eine höhlenartige Vertiefung aufweist. Heinrich erfährt von seiner Weggenossin, dass man im Dorfe diese Höhle «Heidenstube» nennt. Die Heidenstube findet sich in der Umgebung Glattfeldens, an der dem Rhein zugekehrten Halde des Laubbergs.
Gottfried Keller versuchte sich, wie oben schon erwähnt, vorerst als Landschaftsmaler. Sein scharfer Blick für Gegend und Sitten ist ihm auch als Dichter geblieben. In einem Passus des «Grünen Heinrichs», der leider einer späteren Umarbeitung zum Opfer fiel, findet sich eine schöne Beschreibung von Glattfelden und Umgebung:
Die Formen waren eben nicht malerisch, meistens sogar monoton, und doch waren die Gegenstände gross und schön durch ihr Dasein, durch ihre Bedeutung, durch den Kontrast, in welchem sie zueinander standen, und erst in den Über- und Durchgängen gab es eine Menge malerischer Ausblicke, welche gesucht sein wollten, in den das reichste Detail an Bäumen und Steinen bei jedem Schritt entgegensprang. Kurz, es war nicht eine raffinierte Gegend, sondern eine solide Landschaft, welche bei anscheinender Härte und Schroffheit tief und lebendig war. Dieser und jener Berg lag einem Walrosse gleich träg und unförmig da, aber wenn man in ihn hineinging, so bot er alle Wunder der Phantasie so reichlich, dass einem die Wahl schwer wurde.
Grüner Heinrich, 1. Fassung
Zur Zeit, als Keller in Glattfelden weilte, gab es noch keine Fotografie. Um so wertvoller sind für uns die Beiträge, die er als Zeichner und Maler hinterliess, damit wir uns ein Bild von der damaligen Idylle des Dorfes machen können.
Glattfelden hat am 7. September 1985 zu Ehren seines berühmtesten Bürgers ein kulturelles Zentrum eingerichtet, das viele Zeugnisse des Malers und Dichters dem Publikum zugänglich macht. Es ist im alten Dorfkern bei der Kirche leicht zu finden und einen Besuch wert. 1979 wurde die Stiftung Gottfried Keller-Zentrum als Trägerschaft errichtet und 1981 das Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Gottfried Keller-Zentrum konnte dank grosszügiger Beiträge des Kantons Zürich, der Politischen Gemeinde und der Kirchgemeinde Glattfelden, der Schweizerischen Eidgenossenschaft, der Stadt Zürich und einer Grosszahl zürcherischer Gemeinden sowie weiterer Spenden verwirklicht werden.
Ist der liberale Dichter nie in Gegensatz zu den wie überall eher konservativ eingestellten Glattfelder Bauern geraten? Während des «Züriputsches» 1839 konnte dies nicht ausbleiben. Als der Oberländer Pfarrer Hirzel zum Kampf gegen die liberale Kantonsregierung ausrief und viele Bauern mit ihm gegen die Stadt vorrückten, soll Gottfried Keller gerade in Glattfelden beim Emden gewesen sein. Ohne Zögern soll er nach Zürich geeilt sein, um «seiner» Regierung beizustehen. Diese politischen Vorgänge sind von ihm in seinen Werken nie verarbeitet worden, vermutlich deshalb, weil Keller das Landvolk als konservativ hätte hinstellen müssen, was dem Dichter offenbar widerstrebte.
Neben Gottfried Keller wirkten aber auch andere Glattfelder, vielleicht eher im Stillen, weniger populär, doch auch mit viel Engagement, Liebe und einer gehörigen Portion menschlicher Wärme.