Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03603.jsonl.gz/1658

Foto: Wikimedia Commons
2. Konzert
1. Dezember 2017, 19:00 Uhr
Schubert Winterreise
Marcus Niedermeyr, Bariton
Sebastian Wienand, Hammerflügel
Franz Schubert (1797–1828)
Winterreise op. 89, D 911
Marcus Niedermeyr
Bariton
Der gebürtige Bayer studierte Gesang bei Hermann Christian Polster an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig und schloss seine Ausbildung an der Musikakademie in Basel bei Kurt Widmer mit Auszeichnung ab. Seine Vorliebe für den Liedgesang führte ihn in die Klasse von Norman Shetler an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien sowie zu Dalton Baldwin, Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau. Kursen in Barockgesang bei Barbara Schlick folgten vertiefende Studien in historischer Aufführungspraxis bei René Jacobs an der Schola Cantorum Basiliensis. Wichtige gesangstechnische Impulse erhielt er in den letzten Jahren von Hans-Joachim Beyer in Leipzig.
1998 war Marcus Niedermeyr Preisträger des Internationalen Bach-Wettbewerbs in Leipzig. Seither ist er ein europaweit gefragter Sänger mit einem umfangreichen Konzertrepertoire von Monteverdis Marienvesper über die Oratorien und Passionen Bachs und Händels, Mozarts Grabmusik und Requiem, Haydns Schöpfung und Jahreszeiten, Mendelssohns Paulus und dem Deutschen Requiem von Brahms bis zu Werken des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen von Martin Derungs oder von Paul Suits.
Rosenmüllers Marienvesper sang er mit Konrad Junghänel und Cantus Cölln, Bachs Messe in h-moll im Wiener Konzerthaus und in Barcelona unter Jordi Savall, das Magnificat mit Peter Schreier, Kantaten unter Ragnar Rasmussen in Norwegen, die Matthäuspassion mit dem Münchener Bach-Chor in der Philharmonie München sowie mit der Wiener Akademie unter Martin Haselböck beim Osterklang in Wien, das Weihnachtsoratorium mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester in der Thomaskirche Leipzig, die Matthäuspassion und die Johannespassion mit La Petite Bande unter Sigiswald Kuijken im Amsterdamer Concertgebouw und beim Lucerne Festival, die Messe in h-moll mit der Nederlandse Bachvereniging bei den Tagen alter Musik in Regensburg, die Johannespassion in Padua unter Reinhard Goebel, Händels Karmelitervesper mit Andrew Parrott in Basel, den Messias in der Bearbeitung von Mozart mit dem Ensemble Vocal de Lausanne unter Michel Corboz, Israel in Egypt mit Il Fondamento und Paul Dombrecht in Spanien, Carl Philipp Emanuel Bachs Die Israeliten in der Wüste unter Michael Schoener in St. Michaelis in Hamburg und in der Frauenkirche Dresden, das Magnificat mit Helmuth Rilling, Haydns Harmoniemesse in der Tonhalle Zürich unter Ton Koopman, Beethovens Christus am Ölberg mit Christoph Spering in Oslo, sowie das Deutsche Requiem von Brahms mit dem Dresdner Kreuzchor und der Dresdner Philharmonie in der Kreuzkirche Dresden.
Marcus Niedermeyr verfolgt zudem eine rege kammermusikalische Tätigkeit. Er sang mit dem Schönberg Ensemble Amsterdam Francis Poulencs Le bestiaire sowie die Schweizer Erstaufführung der Neapolitanischen Lieder von Hans Werner Henze. Mit dem renommierten Carmina Quartett Zürich brachte er das selten gespielte Notturno von Othmar Schoeck zur Aufführung. In Zusammenarbeit mit Christine Schornsheim, Norman Shetler, Gerard Wyss, Hendrik Bräunlich, Hans Adolfsen, Sebastian Wienand oder Georges Starobinski pflegt er ein breitgefächertes Liedrepertoire vom Barock bis in die Moderne, mit Schwerpunkt auf den großen Zyklen von Schubert, Schumann, Brahms und Wolf, und gab Liederabende in Wien, Leipzig, Genf, Zürich und Madrid.
Erste Opernengagements führten Marcus Niedermeyr nach Paris, wo er unter Jean-Claude Malgoire in Monteverdis Il ritorno d’Ulisse und in Telemanns Der geduldige Sokrates auftrat. Die Junge Oper der Staatsoper Stuttgart verpflichtete ihn als Mercury in Cupid and Death von Gibbons und Locke und als Don Quichotte in Manuel de Fallas El retablo de Maese Pedro. In Basel sang er den Dandini in Rossinis Cenerentola und den Sprecher in Mozarts Zauberflöte, mit der Pocket Opera Zürich unter Howard Griffiths in The Mikado von Gilbert and Sullivan. Beim Musik Theater Schönbrunn in Wien stand er 2007 und 2008 als Dr. Falke in der Fledermaus von Johann Strauss auf der Bühne, 2010 debütierte er dort als Don Alfonso in Mozarts Così fan tutte.
Zahlreiche Rundfunk- und CD-Aufnahmen dokumentieren die künstlerische Arbeit von Marcus Niedermeyr. Unter den Einspielungen der jüngeren Zeit finden sich Bachs Messe in h-moll und Matthäuspassion mit La Petite Bande und Sigiswald Kuijken, die Weltersteinspielung von Marcos de Portugals Matinas do Natal mit dem Ensemble Turicum, Sufi / Bach – Orient meets Occident mit Burhan Öcal und Howard Griffiths sowie Oskar Nedbals Operette Die Winzerbraut unter Herbert Mogg.
Sebastian Wienand
Hammerflügel
Der Cembalist und Fortepianist Sebastian Wienand ( * 1984) lebt in Basel und konzertiert weltweit als Solist, Kammermusikpartner sowie Continuocembalist mit Gruppen und Musikern wie dem Freiburger Barockorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin, Kammerorchester Basel, La Cetra Basel, Les musiciens du Louvre, Millenium Orchestra, Maurice Steger, Stefan Temmingh, Gottfried von der Goltz, Rebeka Rusó, Lorenz Duftschmid und anderen. Bereits einige Jahre vor seinem Cembalo-, Fortepiano- und Generalbassstudium an der Schola Cantorum in Basel gründete er das Ensemble l’Ornamento, das 2003 den renommierten Wettbewerb Musica Antiqua in Brügge gewann und noch heute in seiner ursprünglichen Besetzung auf namhaften Festivals wie z.B. den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern auftritt.
Als musikalischer Assistent des belgischen Dirigenten René Jacobs hat er seit nun über einer Dekade regelmäßig erheblichen Anteil an der Einstudierung und Aufführung von dessen weltweit gefeierten Opernproduktionen.
Von seinem wichtigsten Partner – dem Freiburger Barockorchester – wurde er bereits mehrfach als Solist eingeladen, wie etwa 2010 mit einem Mozart-Klavierkonzert auf dem Arts Festival in Hongkong, zu ausgedehnten Tournéen mit Bachs 5. Brandenburgischen Konzert oder 2014 mit Beethovens Fantasie für Klavier, Chor und Orchester in der Philharmonie Berlin.
Sebastian Wienand ist bzw. war Stipendiat des Deutschen Musikrats, der Deutschen Stiftung Musikleben, der Credit Suisse Young Artist Series, der Mozart-Stiftung Dortmund sowie der Kunststiftung Baden-Württemberg.
Interview mit Marcus Niedermeyr und Sebastian Wienand
Marcus Niedermeyr, mit dem Text «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus» beginnt Schuberts Winterreise. Was bedeutet dieser Satz für Sie?
Für mich beinhaltet dieser Satz am Anfang der Winterreise zwei Arten des Fremdseins – gegenüber der Umwelt und sich selbst. Der Wanderer der Winterreise hat im Gegensatz zum jungen Burschen in der Müllerin von Anfang an keinen Kontakt zu anderen Menschen – er bricht von der Liebe enttäuscht in einer Winternacht durch Schnee und Eis zu einem Fußmarsch auf, welcher ihn in zunehmende Einsamkeit und Entfremdung führt. Indem er dabei verschiedene Gefühlszustände durchlebt, gerät er auch in die Untiefen seiner Seele und wird mit Seiten seines Ichs konfrontiert denen er nicht ausweichen kann. Wir alle kennen das – wenn wir in Lebenssituationen geraten in denen wir mitunter mehr über uns selbst erfahren müssen als uns lieb ist…
Schubert hat die Winterreise «für eine Singstimme» komponiert. Marcus Niedermeyr, Sie sind Bariton; ist dies die ideale Stimmlage für dieses Werk?
Schubert selbst soll im Frühjahr 1827 in der Wohnung seines Freundes Franz von Schober die ersten zwölf Lieder seiner Winterreise am Klavier vorgetragen haben. Schubert sang Tenor und viele seiner Lieder sind in hoher Lage gesetzt.
Der 30 Jahre ältere bekannte österreichische Bariton Johann Michael Vogl, ein Förderer und Freund Franz Schuberts, war fasziniert von dessen Liedern und trug massgeblich zu deren Popularität bei. Schon bald sang Vogl die Winterreise von Schubert am Klavier begleitet in transponierter Fassung. Für mich als Bariton ist die Lage von Sing- und Sprechstimme in etwa gleich, was ich durchaus als Vorteil gegenüber sehr tiefen oder sehr hohen Stimmen beim Liedgesang empfinde.
Die Klus Park Kapelle bietet einen intimen Rahmen für ein Kammerkonzert. Sie sind sich aber bestimmt eher gewohnt, in grossen Konzertsälen und Kirchen aufzutreten. Was bildet für Sie den Reiz, in einem kleineren Rahmen aufzutreten?
Zur Zeit Schuberts blühten in Wien musikalisch-litarische Salons, zu der sich kulturell interessierte Bürger trafen um Musik und Lesungen zu hören oder um geistvolle Unterhaltungsspiele zu sehen. Oftmals standen solche Abende unter einem bestimmten Thema und so entstanden die «Schubertiaden», wie der Komponist seine Konzerte ab 1822 selbst nannte. Häufig begleitete Schubert selbst am Klavier und die befreundeten Baritone Johann Michael Vogl oder Carl von Schönstein sangen seine Kompositionen. Wenn wir uns also vorstellen in welchem Rahmen die meisten von Schuberts Liedern das erste Mal erklungen sind, vermittelt unser heutiger Aufführungsort am ehesten ein Stück dieser intimen Atmosphäre.
Sebastian Wienand, Sie treten als Liedbegleiter auf, spielen aber nicht auf einem modernen Flügel, sondern auf einem Instrument, welches zu Schuberts Zeit gespielt wurde…
Das Instrument des heutigen Konzerts hätte auch wunderbar in eine Schubertiade zu Lebzeiten des Komponisten gepasst. Es handelt sich um eine wunderbare Arbeit von Mirko Weiss, eine Kopie eines Hammerflügels von Johann Fritz, einem der bedeutendsten Wiener Klavierbauer seiner Generation. Erstaunlich, wie sich die warmen, eleganten und modulierenden Klangfarben dieses Instrumentes mit der Stimme zu einem einheitlichen Ganzen mischen und wie mühelos sich durch die leichte Bauweise eine hohe klangliche Intimität erreichen lässt! Das gibt dem Sänger die Freiheit, sich in all seinen expressiven Nuancen auszudrücken und die Sicherheit, dabei immer einen Verbündeten an seiner Seite zu wissen. Diese Intimität ist es auch, die den Zuhörer in einem geglückten Konzert wie magisch näher an das Geschehen heranrückt, ihn stärker teilnehmen lässt – beinahe wie im Wohnzimmer zu Schuberts Zeiten…