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Wie Heinrich «Henry» Wirz (1823–1865), ein in Ungnade gefallener Zürcher, im Amerikanischen Bürgerkrieg die zweifelhafte Rolle als Kommandant eines Gefangenenlagers der Südstaaten übernahm und dafür nach dem Krieg von den Siegern hingerichtet wurde.
Es geschah an einem schönen sonnigen Morgen in Washington, D. C.: Am 10. November 1865 um 10:32 Uhr waltete der Henker im Old Capitol Prison, dem Gefängnis im Stadtzentrum, seines Amtes. Er betätigte den Hebel, die Klappe öffnete sich und zwei Meter darunter baumelte – nachdem er sich vier Minuten lang in alle Richtungen gewunden hatte – der Verurteilte Heinrich «Henry» Wirz an einem Strick. Vor den Toren jubelte die Menge.
Wer hätte ahnen können, dass dieser in Zürich geborene Mann eines Tages in einem fernen Land aufgeknüpft werden sollte? Der Vater war ein ehrenwerter Schneider und Gildemeister aus einer alteingesessenen Familie. Sohn Heinrich absolvierte eine Kaufmannslehre. Doch es stellte sich heraus, dass er im väterlichen Geschäft Gelder unterschlagen hatte. Man nahm ihn fest und verurteilte ihn zu vier Jahren Haft wegen Veruntreuung. Bald darauf wurde er jedoch wieder freigelassen und für zwölf Jahre aus dem Kanton verbannt.
Er zog in die Vereinigten Staaten und liess seine Ehefrau und zwei Kinder in der Schweiz zurück. Dort arbeitete er mal hier, mal da und liess sich schliesslich in einer Kleinstadt in Kentucky nieder, wo er sich als Arzt ausgab und eine Witwe heiratete, die ihm drei Töchter schenkte. Seine neue Ehefrau hielt bis zum bitteren Ende zu ihm. In der Stadt Natchez lernte er einen Plantagenbesitzer kennen, der ihn sympathisch fand und auf seiner Plantage als Aufseher und Arzt einstellte.
Zu Beginn des Sezessionskrieges im Juni 1861 verpflichtete sich Wirz in einem Infanterieregiment in Louisiana, denn auch wenn er kein Befürworter der Sklaverei war, so sah er sich doch gegenüber den Südstaaten dazu verpflichtet, die ihn aufgenommen hatten. Nach langer Tätigkeit in einem Lager, wo er für die Gefangenen zuständig war, zog er Ende Mai 1862 in die Schlacht von Seven Pines. Dort wurde er schwer am rechten Arm verletzt, den er fortan nicht mehr benutzen konnte.
Diese Verletzung bescherte ihm die Beförderung zum Captain und mehrere Monate Urlaub, die er nutzte, um nach Europa zu reisen, vielleicht sogar betraut mit einer offiziellen Mission. Er soll auch nach Zürich gekommen sein, um seinen Vater wiederzusehen, der ihm vergab, und um seine ehemalige Frau und seine Kinder zu besuchen.
Bei seiner Rückkehr wurde ihm eine fragwürdige Ehre zuteil: Er wurde zum Kommandanten des Gefangenenlagers in Andersonville bei Fort Sumter in Georgia ernannt, das er ab Ende März 1864 bis Kriegsende leiten sollte. Als er seinen Dienst antrat, befanden sich in dem für 10’000 Gefangene ausgelegten Lager bereits über 12’000 Menschen. Am Ende waren es sogar 35’000. Die Sterblichkeit war hoch: Im Jahr, in dem Wirz das Lager führte, starben 12’000 Gefangene.
Wirz klagte, dass es ihm an allem mangelte, zumal die Blockade der Nordstaaten ihre Wirkung zeigte: Es fehlte an Nahrung, Medikamenten, Werkzeugen und Küchenutensilien. Die Hygienebedingungen waren unvorstellbar. Hunger und Krankheit forderten ihren Tribut. Die Gefangenen waren nur noch Haut und Knochen und viele hatten nichts mehr zum Anziehen.
Zum Ende des Krieges begann Wirz mit der Auflösung des Lagers. Bald erfuhr er vom Attentat auf Präsident Lincoln und wurde verhaftet. Ein Militärgericht wurde einberufen, dessen Vorsitz Generalmajor Wallace, der zukünftige Autor von «Ben Hur», innehaben sollte. Staatsanwalt Chipman, ein 27-jähriger Oberst, wollte sich besonders bewähren und eiferte Kriegsminister Stanton nach. Dieser sah hinter der Ermordung Lincolns eine gigantische Verschwörung, zu deren Räderwerk Wirz gehörte, welcher von oben damit beauftragt worden sei, alle Gefangenen der Union zu liquidieren.
Der Prozess begann am 21. August 1865 im Kapitol. Er galt damals als Sensation. Den kranken Wirz brachte man auf einer Trage ins Gericht. Anfangs vertraten ihn fünf Anwälte, die einer nach dem anderen aufgaben. Am Ende blieb nur noch einer übrig. Die Presse schlachtete den Fall aus, und das Volk forderte die Hinrichtung von Wirz. In der Öffentlichkeit, aber auch unter den Richtern, wurde er als «abscheuliche Bestie» bezeichnet. Die Zeugenaussagen zu den Bedingungen im Gefangenenlager taten ihr Übriges, obgleich mehrere Aussagen gegen Wirz falsch waren und das Gericht sich weigerte, Entlastungszeugen anzuhören. Wirz wurde einstimmig für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Präsident Johnson lehnte seine Begnadigung ab.
Dem «Fall Wirz» wurden Dutzende Werke gewidmet und bis heute scheiden sich die Geister unter den amerikanischen Historikern. Die Südstaatler ihrerseits wollten in dieser «abscheulichen Bestie» einen Märtyrer sehen und haben ihm sogar ein Denkmal errichtet.