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5.3 Collaboratories
Ein viertes und letztes Beispiel von vernetzter Zusammenarbeit, welches wir hier vorstellen wollen, sind erste Internet-Seminare, welche in den USA (James J. O'Donnell, Pennsylvania University) und in Deutschland (Bernd Enders, Universität Osnabrück) stattgefunden haben. Man darf zum gegenwärtigen Zeitpunkt an solche "Mini-Collaboratories" nicht zu hohe Ansprüche stellen. Es zeigt sich aber, dass ihre Form doch innovativ und lehrreich ist, da einige der hergebrachten Strukturen der Zusammenarbeit auf Hochschulebene auf dem Internet nicht mehr unverändert übernommen werden können.
Wir referieren zuerst das Seminar von James J. O'Donnell, Professor für Philologie und Direktor des "Center for the Computer Analysis of Texts" an der Universät von Pennsylvania. Unter anderem ist er Herausgeber von Boethius' "Consolatio Philosophiae" und von Augustinus' "Confessiones", also durchaus ein Geisteswissenschaftler klassischen Zuschnitts. In einem Artikel über die Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert, der auch via [57] einsehbar ist, berichtet O'Donnell über seine Erfahrungen mit einem Internet-Seminar.
O'Donnell führte zunächst ein Internet-Seminar über Augustinus durch. Über eine e-mail-Diskussionsliste ermöglichte er weltweit jedem Partner die Teilnahme. Von Hong Kong bis zu Istambul meldeten sich 500 Leute an und blieben dem Seminar auch bis Semesterende treu. Die Seminarien fanden regelmässig Montagnachmittag in einem wirklichen Seminarraum der Universität Pennsylvania statt. Studenten vor Ort rapportierten turnusgemäss an die weltweit verstreuten Teilnehmer. Am darauffolgenden Montag war dann jeweils schon -- anders als üblich -- gleich zu Beginn der Stunde eine sehr rege Diskussion im Gang aufgrund der Antworten der e-mail-Teilnehmer. Der Zwang zu schreiben veranlasste die Studenten und Studentinnen vor Ort und in der Welt draussen, komplexe Gedanken sauber aufzuschreiben, statt, wie sonst jeweils, so O'Donnell, den Professor rhetorisch zu beeindrucken. Die Dialoge gingen ja nicht nur zwischen dem Professor und den Studenten, sondern auch innerhalb der e-mail-Gemeinschaft hin und her.
Ende 1994 wurde ein zweiter Versuch nach dem erfolgreichen Erstling, diesmal über Boethius' "Trost der Philosohie", gewagt. Jetzt wurde auch eine Online-Konferenz-Software benutzt. Sitzungen fanden (neben den ununterbrochenen e-mail-Dialogen) einmal pro Woche statt, Donnerstags um 8:30 abends, damit auch die Japaner dabei sein konnten. Man benutzte ferner eine Software, die am Computerbildschirm so aussieht wie das Innere einer Bibliothek. Sie zeigt ferner einen virtuellen Seminarraum, aber auch Text-Tafeln, Notizblöcke, usf. O'Donnell berichtet begeistert von einem neuen Verhalten der Teilnehmer mit den neuen Mitteln. Siehe auch [57] für weitere Details.
Von den vielen Vorzügen wollen wir einen der zeitlichen Globalisierung herausheben: O'Donnell bemerkt, dass etwas vom Teuersten im Universitätsbetrieb die Gleichzeitigkeit von einer Arbeitsgruppe am gleichen Ort sei. Diese Bedingung entfällt in einer "verteilten" elektronischen Zusammenarbeit. O'Donnell nennt verschiedene Gründe, und er betont, dass dieselben die vordergründige Verlangsamung des Dialogs mehr als aufwiegten. Zum Beispiel kann man sich in den laufenden Dialog einschalten (d.h. einloggen) oder diesen verlassen (d.h. ausloggen), ohne dass es immer gleich zu Störungen kommt. Im Gegenteil, der Professor musste beispielsweise dies erleben, nachdem er sich einige Zeit aus der Diskussion entfernt hatte. Er fragte einen Kollegen, der auch am Seminar teilnahm: "How did it go?" Der Kollege darauf: "Well, right after you left, the discussion really took off." O'Donnell fühlte sich danach nicht sehr wohl. Aber dies war eine nützliche Information, wie er betont.
Es ist ein -- auch für die ökonomische Rolle der Hochschulen -- sehr interessantes Fazit, dass O'Donnell anhand dieser Erfahrungen den gesellschaftlichen Wert der Universitäten neu überdenkt: "If universities only exist to download information, we're rapidly getting to a point where you could find cheaper, faster ways to download." Universitäten können also nach O'Donnell nicht reine Wissens-Tankstellen sein, sie müssen vielmehr den Durchlauf und die Mehrung von Wissen im EncycloSpace organisieren und steuern.
Das zweite Internet-Seminar wurde von Bernd Enders, Professor an der Forschungsstelle Musik- und Medientechnologie der Universität Osnabrück, geleitet ( Bild 25 zeigt den Titel des Hauptbildes im Internet). Enders beschreibt den in der Musikwissenschaft erstmaligen Versuch so [56] : Alle normal zugänglichen Dienste des Internet (e-mail-Kommunikation, WWW-Präsentation der Zielsetzungen, Inhalte, Dokumente, Literatur und Referate, Meinungsaustausch über eine spezielle Newsgroup und Online-Diskussionen) wurden für die Durchführung des Seminars genutzt. Sowohl die neuartigen Lehr/Lernmethoden (methodischer Aspekt) als auch die gegenwärtige Präsenz der Musik im Internet (inhaltlicher Aspekt) waren Gegenstand der Seminararbeit. Es nahmen nicht nur Studierende aus Osnabrück, sondern auch aus Berlin, Köln, Wien und mehrere aus England an dem virtuellen Seminar teil.
Enders fasst die ersten Erfahrungen mit einem virtuellen Seminar im Rahmen einer "normalen" Universitätsveranstaltung so zusammen [56] :
Aufgrund dieses Fazits ergibt sich dies an Verbesserungsvorschlägen (wir zitieren wieder Enders [56]):
Abschliessend sei erwähnt, dass das Enders-Seminar im WS97/98 fortgesetzt wird in Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg und der TU Berlin. Diesmal wird ein spezifisches Thema gesetzt, nämlich das Buch [128] über Mathematische Musiktheorie.
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