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Tagungsbericht «Gletscherarchäologie – eine Folge des Klimawandels und Schlüssel zur Rekonstruktion früherer Lebensweisen», 6. Mai 2019
Dr. Heinz Nauer
Am Anfang war Ötzi
Als 1991 in den Ötztaler Alpen der mumifizierte Körper eines unbekannten Mannes auftauchte, der vor mehr als 5000 Jahren in den Ötztaler Alpen getötet worden war, musste die Kulturgeschichte des Alpenraums neu geschrieben werden. Das Fundjahr des «Mannes vom Tisenjoch», der unter dem Kosenamen «Ötzi» bald weltberühmt war, gilt als das Jahr 0 der Gletscherarchäologie als wissenschaftliche Disziplin. Der Sensationsfund trieb die Herausbildung eines transnationalen Netzwerks von Forscherinnen und Forschern in den Alpenländern, Skandinavien, Kanada oder Alaska an, die sich – teils schon länger – mit Eisfunden beschäftigt hatten, und leitete so eine langsame Institutionalisierung der Disziplin der Gletscherarchäologie ein. Seit 2008 fanden internationale Konferenzen in Bern (2008), Yukon (2012) und Innsbruck (2016) statt. Seit 2014 erscheint das «Journal of Glacier Archeology». Die Tagung «Gletscherarchäologie – eine Folge des Klimawandels und Schlüssel zur Rekonstruktion früherer Lebensweisen» fügte sich auf primär nationaler Ebene ein in diese Reihe fortschreitenden Community-Buildings.
Zufall und Methode
Die Funde aus dem Eis sind vielfältig. In subarktischen Gebieten handelt es sich häufig um Objekte aus dem Kontext der Jagd, wie Albert Hafner (Univ. Bern) in einem einleitenden Referat ausführte, im Alpenraum vor allem um Objekte aus dem Kontext von saisonalen Aufenthalten im Hochgebirge oder von Alpenquerungen. Lederriemen, Münzen, Tierknochen, Beinlinge, Zaunpfähle und Schuhnägel: Was die Menschen in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden auf ihrem Gang über die Berge liegen liessen, entsprang dem Zufall. Die Funde lassen sich teilweise aber systematisieren. Anhand der Nägel von Schuhen und Pferdehufen lassen sich beispielsweise historische Passübergänge sehr genau rekonstruieren, wie Philipp Curdy (Büro Aria, Sion) in seiner Präsentation zeigte.
Verstellter Blick
Auch der Mann vom Tisenjoch war 1991 ein Zufallsfund (Blog "Kulturgüter aus dem Eis"). Ötzi war «ein Glücksfall für die Wissenschaft», so Albert Zink (Institut für Mumienforschung, Bozen). Allerdings verstellte der sensationelle Fund mitunter den Blick darauf, dass es sich bei archäologischen Gletscherfunden um ein breites Phänomen handelt, wie Thomas Reitmaier (Archäologischer Dienst Graubünden) kritisch anmerkte. Rund 100 Millionen Franken dürften in den letzten rund 30 Jahren in die Ötzi-Forschung geflossen sein, während in derselben Zeit ungezählte aus dem Eis geschmolzene Objekte verloren gingen, ohne dass je jemand davon erfuhr.
Ambivalenzen
An der Tagung wurden eine ganze Reihe weiterer Beispiele angesprochen, die für die Ambivalenzen im Feld der Gletscherarchäologie stehen. Ohne das klimawandelbedingte Abschmelzen der Gletscher hätte die Gletscherarchäologie keine materielle Grundlage, gleichzeitig sind die Funde aus dem Eis als «Botschafter aus der Vergangenheit» wichtige Zeugen für einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Alpen (Thomas Reitmaier). Es sind häufig Touristen, welche die Eisfunde vor dem Verschwinden retten, gleichzeitig führt die Erschliessung der Hochalpen für den Massentourismus zur Zerstörung potenzieller Fundstellen, wie Sophie Providoli (Kantonale Denkmalpflege Wallis) am Beispiel des Theodulpasses aufzeigte.
Kooperationen
Archäologinnen und Archäologen möchten neben neuen Formen gezielten Monitorings von potenziellen Fundstellen Kooperationsprojekte mit Akteuren stärken, die ebenfalls in den Bergen unterwegs sind. Gerade die Alpen-Clubs könnten bei der entsprechenden Sensibilisierung eine regelrechte «archäologische Armee» sein. Nationale und transnationale Initiativen fehlen indes zurzeit noch. Wie an der Tagung in einer Podiumsdiskussion anklang, sind Alpinistinnen, Wanderer, Strahler und Wissenschaftler denn auch mit ziemlich unterschiedlichen Interessen in den Bergen unterwegs.
Dynamisches Feld
Die Verzahnung von Klimawandel, interdisziplinärer Wissenschaft und Partizipation von ausserakademischen Akteuren machen die junge Disziplin der Gletscherarchäologie zu einem dynamischen Feld, in dem auf den ersten Blick unscheinbare «Dinge aus dem Eis» zu epistemologischen Objekten werden, «die den historischen Anthropozentrismus infrage stellen», wie es Bernhard Tschofen (Univ. Zürich) formulierte.
Kontakt
Dr. Manuela Cimeli
Wissenschaftliche Mitarbeiterin+41 (0)31 306 92 53