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Die Drake Passage bekam ihren Namen von Sir Francis Drake. Er war ein englischer Kapitän und ein Vizeadmiral. Drake führte die zweite erfolgreiche Weltumsegelung der Geschichte von 1577 bis 1580 durch. Im Jahre 1578 segel-te er durch die Magellan Strasse. Auf der an-deren Seite des pazifischen Ozeans begrüsste ihn schlechtes Wetter und er driftete durch die starken Winde in den Beagle Kanal von Tierra del Fuego ab. Daraufhin segelte er Rich-tung Osten ums Kap Horn und in die Drake Passage hinein. Offensichtlich war Magellan’s «Kontinent» eher eine Ansammlung von Inseln an der südlichen Spitze von Südamerika. Wenn es einen Südkontinent geben soll, dann musste sich dieser noch weiter südlich befinden, glaubte Drake.
Wir sind nur noch wenige hundert Seemeilen von Ushuaia entfernt. Nach dem hohen Seegang der letzten Nacht hat sich das Meer heute morgen wieder sichtlich beruhigt. Die Wellen sind auf ein normales Mass von vielleicht zwei bis drei Meter zurückgegangen. Parallel dazu ist auch das Wetter wieder schöner, angenehmer und sonniger geworden. Gegen 13.00 Uhr biegen wir ein in den Beagle Kanal. Ab hier wird das Meer fast so ruhig, wie ein Binnensee mit etwas Wind. Einem Schiff, wie der Poseidon können auch stürmische Bedingungen und hoher Wellengang in der Regel nicht gefährlich werden, sagt mir heute unser Capitän auf seiner Brücke. Einzelne Crewmit-glieder der Sea Spirit erzählen mir, dass sie seit Jahren zur See fahren und dabei so ziemlich alle Meere und jede Ecke der Welt bereist hätten.
Zu einer richtigen Antarktisreise gehört die Drake Passage unbedingt dazu. Doch nach diesen bei-den Passagen mit dem hohen Seegang ist für mich klar, ich bin definitiv nicht zum Seemann gebo-ren. Da habe ich doch lieber festen Boden unter meinen Füssen.
Wir befinden uns auf der eintausend Kilome-ter langen Rückreise; in der Drake Strait zwi-schen der Antarktis und dem amerikanischen Kontinent. Im Gegensatz zum herrlichen Wet-ter der letzten Tage ist es heute neblig und düster. Himmel und Meer gehen fliessend in-einander über und haben nahezu dieselbe Farbe angenommen. Die Wellen gehen drei bis vier Meter hoch und es weht ein starker Wind.
Zeit also, um wieder einmal einem unserer Lektoren zuzuhören.
Eine Stunde lang erzählt uns Christian auf äusserst spannende Art und Weise über den Wettlauf zum Südpol. Ein Wettlauf, den der Norweger Amundson schliesslich 34 Tage vor dem Briten Scott gewinnt. Amundson kommt mit allen Leuten und einem Teil seiner Hunde gesund zurück, wäh-rend Scott und seine Leute auf dem Rückweg im Eis erfrieren. Heute ist ein denkwürdiger Tag. Denn genau vor 105 Jahren, bzw. am 14. Dezember 2011 um 15.00 Uhr erreichte Amundsen den Südpol und damit den 90. Breitengrad Süd.
Es ist jetzt 11.30 Uhr. Um 15.00 Uhr werde ich entweder mit Marion oder jemand anderem, der gerade an der Schiffsbar sitzt, auf Amundsen anstossen und ihm gedenken. Für uns ist es aber auch deshalb ein ganz besonderer und denkwürdiger Tag, weil unsere Antarktisreise langsam aber sicher zu Ende geht und wir dabei ein ganz kleines Stück von einem wunderbaren Konti-nent, für dessen Natur es eigentlich gar keine Superlativen gibt, kennenlernen durften.
Kurz vor 15.00 Uhr gehe ich an unsere Bar, welche sich wie unsere Kabine auf Deck 4 befindet. Sie ist erstaunlich leer. Und weil ich nun mal mit irgend jemandem auf Amundsen anstossen will und mir Marion dafür einen Korb gegeben hat, suche ich unseren Lektor Christian, der ein Deck tiefer in eine Arbeit vertieft ist. Im Gegensatz zu Marion zeigt er sich nicht abgeneigt, exakt um 15.00 Uhr mit einem Glas Baccardi-Cola - ganz alleine mit mir - auf den grossen Pionier Amund-sen anzustossen.
Übrigens: Amundsen soll im Jahre 1927, im Alter von 55 Jahren, auf einer Expedition zum Nord-pol mit seinem Flugzeug verunglückt und zu Tode gekommen sein. Es gäbe gewisse Anzeichen, welche jedoch nicht erhärtet seien, so Christian, dass dies ein Suizid gewesen sei. Amundsen habe seine besten Zeiten hinter sich gehabt. Sein Ruhm sei verflogen und er sei verarmt gewe-sen. Auch soll er sich vor seinem Flug zum Nordpol von verschiedenen Navigationsinstrumenten und anderen wichtigen Sachen getrennt und gesagt haben, er bräuche diese nicht mehr. Gefun-den hat man Amundsens Leiche nie. Lediglich ein Schwimmer seines Wasserflugzeuges sei später einmal aus dem Meer gefischt worden. So gedenken wir beide kurz diesem Pionier und Helden des frühen 20. Jahrhunderts.
Danach gehe ich zurück in meine Kabine. Eine wirklich schöne Kabine, die einen einzigen Haken hat. Bei hohem Wellengang sind Kabinen je höher oben und je weiter vorne am Bug denkbar ungünstig. Dies bekommen wir auch auf dieser Rückfahrt nach Ushuaia wieder einmal tüchtig zu spüren. Nach diesem Glas Baccardi-Cola stehe ich die nächsten 15 Stunden nur noch einmal auf. Und zwar um einem übergrossen Blasendruck nachzugeben. Dann schlafe ich durch bis 07.00 Uhr. Alle paar Minuten schlagen hohe Wellen gegen das Schiff. Diesmal praktisch immer von vorne. Bis 6 Meter hoch sollen sie gewesen sein, sagt mir heute der Capitän, als ich ihn in seinem Kommandozentrum auf der Brücke besuche.
Hast Du schon einmal einen solch hohen Wellengang auf offener See erlebt? Falls nicht, dann hier mein Kurzbeschrieb, was Dich auf einem 91 Meter langen Schiff, wie der Sea Spirit erwartet. Wenn Wellen gerade von vorne auf das Schiff prallen, hebt sich das Schiff, während man auf dem Bett liegend massiv gegen die Matratze gedrückt wird. Hat das Schiff den Wellenkamm erreicht, dann kommt das Wellental und man fühlt man sich plötzlich komisch leicht, als würde man flie-gen. Dein Magen macht dies herrlich mit - je nachdem, wieviel Dein Magen gerade zu verdauen hat. Und angekommen im Wellental, kommt dann der Aufschlag und der Knall. Da wirst Du so richtig zusammengestaucht und Alles beginnt von vorne. Mal etwas leichter, mal etwas heftiger. Aufstehen, fast keine Chance. Bereits nach einem Glas Baccardi-Cola - hätte dafür aber nicht einmal Alkohol gebraucht - fühle ich mich wie ein total Betrunkener. Unsere Tabletten gegen Seekrankheit nützen nichts bis sehr wenig. Am anderen Morgen berichten uns andere, welche weniger teure Kabinen, ohne Fenster, nur mit Bullaugen, unten auf dem zweiten Deck in der Mit-te des Schiffes gebucht hatten, dass sie eine ganz ordentlich ruhige Nacht verbracht hätten. Das ist es also! Für dieses Berg- und Talbahnfeeling bezahlt man mehrere Tausend Franken mehr, als jene Personen, welche "schlechtere" Kabinen auf unteren Decks buchten. Anfängerpech! Das nächste Mal wissen auch wir, wo sich die "guten" Kabinen befinden.
Was die Schweiz einmal mehr verschlafen hat, holen wir am 11. Dezember 2016, exakt um 11.12 Uhr auf Cuverville Island nach. Mit diesen zwei Schweizerfahnen weihen wir auf der nur von Pinguinen, Robben und Seevögeln bewohn-ten Insel Cuverville unsere erste Schweizer Forschungsstation in der Antarktis feierlich ein.
Die meisten geladenen Gäste (Eselspinguine) schnattern fröhlich mit oder heben einen Stein von Nachbars Grundstück. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Im Stile der Argentinier, der Chinesen, der Amerikaner, der Russen, der Briten und und und... erheben wir Anspruch (englisch: Claim), auf diesen wunderbaren Kontinent - und zwar gleich auf die ganze Antarktis.
Zu unseren ersten und einzigen Forschern erheben wir all' jene, welche bereits seit Menschengeden-ken hier in der Antarktis leben. Es sind dies die lieben, trolligen und gleichzeitig stark riechenden Pinguine (s. Foto mit Pinguinenkolonie im Hintergrund).
Pinguine sind die wahren Kenner der Antarktis. Kein Forscher dieser Welt weiss soviel über diese Watschler, wie sie selbst. Und kein Forscher ist so gut an die unwirtlichen Bedingungen der Antarktis angepasst, kann dem Wetter so gut trotzen und gleichzeitig auch noch Nachwuchs grossziehen, wie Pinguine.
Und so erklären wir Cuverville Island und die ganze Antarktis zur Schutzzone und zum Eigentum der Tiere dieses Kontinents. Gleichzeitig verbannen wir per Dekret alle Pseudo-Forschungsstationen und alle Nationen, welche zum Ziele haben die Antarktis auszubeuten oder anderweitige Besitzansprüche an die Antarktis stellen, von diesem Kontinent.
Im Namen aller Pinguine, Wale, Robben und Seevögel
Der Oberpinguin
Daniel
Am frühen Morgen ankert unser Schiff beim kleinen Hafen von Yankee Harbour an der Süd-west-Seite von Greenwich Island. Dieser Hafen war schon um 1820 den britischen und ameri-kanischen Robbenfängern bekannt, weshalb der Hafen auch Yankee Harbour genannt wird. Damals habe man mit Robbenfellen viel Geld verdienen können, erklärt man uns. Nachdem jedoch eine grosse Anzahl dieser friedlichen und einfach zu jagenden Fleischberge getötet und die Pelzrobben beinahe ausgerottet wor-den seien, habe die Robbenjagd in der Antarktis ein baldiges Ende genommen. Dies ganz im Ge-gensatz zur Walfischjagd. Denn diese gestaltet sich auch heute noch weit schwieriger, als träge am Strand oder auf Eisschollen liegende Robben zu töten.
Heutzutage sollen auf den Strandwällen Harbour Island gegen 4000 Eselspinguine leben. Der na-he Bluff Gletscher bietet den brütenden Pinguinen eine spektakuläre Aussicht. Ob die Pinguine diese Kulisse auch zu würdigen wissen? Wohl kaum. Zu sehr sind sie doch mit sich selbst, ihrem Brutgeschäft und den Steine klauenden Nachbarn beschäftigt. An Tagen mit guter Sicht - so wie heute - kann man über die McFarlane Strait bis nach Livingston und Half Moon Island sehen.
Bis heute glaubte ich, wir würden mit unserer Antarktisreise etwas ganz Spezielles und Ausser-gewöhnliches tun. Doch dann sehen wir in der Yankee Harbour Bucht, unweit von unserer Sea Spirit entfernt, eine Segeljacht. Es ist dies ein kleiner Zweimaster von höchstens zehn Metern Länge aus dem gerade fünf Leute in ein Schlauchboot steigen. Angezogen in Skikleider, mit Ruck-säcken auf dem Rücken und grossen Tourenskiern, welche sie links und rechts an ihren Ruck-säcken festgebunden haben, fahren sie zu uns an den Strand (s. Foto).
Offenbar wollen diese hier einen der Schneeberge besteigen um danach die jungfräulichen Gletscherhänge hinunterzufahren. Bei diesem Anblick bin ich einfach nur noch sprachlos. Da bleibt mir die Spucke weg – oder so ähnlich!
Am Nachmittag besuchen wir ganz in der Nähe Half Moon Island. Half Moon Island ist eine zwei Kilometer lange, halbmondförmige Insel im Schatten der beeindruckenden Berge und Gletscher von Livingston Island. Die Insel beheimatet eine grosse Zügelpinguinenkolonie. Die schroffen und zerklüfteten Klippen sind auch Heimat der Antarktisseeschwalbe, der Dominikanermöwe, des Weissgesicht-Scheidenschnabels und der Buntfusssturmschwalbe. In Richtung des westlichen Endes des Strandes können wir die argentinische Camara Station sehen. Wie alle argentinischen Stationen erkennt man auch diese an den riesigen argentinischen Flaggen, welche auf die oran-gen Gebäude gemalt sind. Diese Station soll nur im Sommer genutzt werden. Böse Zungen be-haupten, die Argentinier würden ihre Stationen nur dazu benutzen, um jedes Jahr ihre blauweis-sen Flaggen neu zu streichen.
Dies ist unser letzter Tag in der Antarktis. Die Sea Spirit tritt bereits heute Abend ihre Rückfahrt nach Ushuaia an. Mit Staunen und Wehmut bleibe ich so lange am Strand von Half Moon Island, wie ich nur kann. Über der Camara Station künden dunkle Wolken einen Wetterumschwung an. Der Wetterbericht soll für heute starken, aufkommenden Wind und schlechtes Wetter vorherge-sagt haben, erklärt uns Michaela. Dies trifft zwar - wie so viele Prognosen der letzten Tage - auch heute nicht zu. Doch in diesem Moment des Abschiednehmens sind mir Wetterberichte, ob rich-tig oder falsch, ohnehin so was von egal. Ich schaue am Strand nochmals den neugierigen und trolligen "Watschlern" zu; begebe mich noch ein letztes Mal zu einem rund hundertjährigen, ge-strandeten und halbzerfallenen Holzboot aus Zeiten der Robben- und Walfischjagd.
Zum Schluss setze ich mich in eines der letzten Zodiac's, das mich - ganz in meine Gedanken versunken - als einzigen und nahezu letzten Gast zur Sea Spirit zurückfährt.
Unglaublich! Ein schlafender Eisbär und weit und breit keine Pinguine. Weshalb wir auf unserem Foto keine Pinguine sehen – keine Ahnung. Vielleicht hat der Eisbär schon alle Pinguine verspeist. Wir wissen es nicht. Denn immer, wenn ein Eisbär auftauche, sagen uns unsere Forscher, gäbe es keine Pinguine mehr.
Ist es, weil die kleinen an Land so unbeholfen wirkenden «Watschler» einfach zu langsam sind? Das vergassen wir leider zu fragen.
Niedlich und irgendwie zum Knuddeln ist er so oder so - dieser schlafende Eisbär.