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Wildnis
von Cedric Weidmann
Irgendwann sagte ich dem Mann neben mir, er solle mit dem ständigen Blöken aufhören.
Das hat er gar nicht gut aufgenommen. Er hat die Zeitung demonstrativ hochgezogen, dass er sich damit die Augenbrauen hätte stutzen können, und atmete wie ein Bulle. Ich konnte ihm aber kaum sagen, er solle mit dem Atmen auch noch aufhören. Das Animalische hatten einige Menschen nun einmal drin. Dass deswegen Männer im Flugzeug blökten, meckerten, schnaubten und röhrten hatte die Natur offenbar bereitwillig in Kauf genommen, nur hoffentlich, sagte ich zu mir, für einen Zweck, den es gerechterfertigt hätte.
Der kleine Knabe neben mir war aber auch nicht gerade das Sinnbild des Apollinischen und zwischen dem Herumkurven eines Spielzeugautos auf dem herunterklappbaren Tisch streute es vereinzelte Erbrechungsgeräusche.
Ich hielt ihm eine Kotztüte hin und versuchte ihm die Eigenheiten der Zivilsation beizubringen. Als der Knabe die Tüte in die Hand nahm, fast über sein Gesicht stülpte und ein Geräusch von sich gab, als würde sich der Magen in einen Hydranten verwandeln, wurde mir klar, dass er gar nicht erbrechen musste.
Ich fragte eine Stewardess nach einer Serviette, doch als sie fragte: „Warum?“ war ich so entrüstet, dass ich nur ein rabenhaftes Krächzen zu stande brachte.
Zwei Reihen vor mir führte eine dicke Frau im Gespräch mit ihrem gebildeten Mann den Begriff „Imbiss“ auf seinen etymologischen Ursprung zurück, dass er für alle Ewigkeit allen Passagieren in Erinnerung bleiben würde.
Hinter mir fauchten sich zwei junge Mädchen wegen Kleidungsstücken an.
Ein Kleinkind krabbelte den Sitz vor mir hoch und runter und spähte mit seinen überquellenden Babyaugen zu mir hinüber. Es wieherte, quakte und brüllte, entschuldigte sich jedoch für keine solche Anwandlung.
Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich einen Baum und ein Affe keifte von oben herab. Wir waren in der Wildnis gelandet.