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Schreier Jürgen1, Burkhardt Katja2
1 Physiozentrum Limmatfeld, Dietikon ZH
2 Kantonsspital Baden Physiotherapie, Baden AG
Abstract
Team coverage is a difficult and responsible duty for athletic trainers and physical therapist. A particular challenge is team coverage of a national team, which is build with temporary recruits for other teams. In this role multiple objectives have to be considered, not the least to direct load in training and performance in competition in parallel to the responsibilities the players have for their home teams. The article aims at delineating this task using a real-life example.
Zusammenfassung
Teambetreuung ist eine schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe für Trainer und Therapeuten. Eine besondere Herausforderung stellt die Betreuung von Nationalmanschaften dar, die vorübergehend aus nationalen Mannschaften rekrutiert werden. Hier gilt es verschiedene Aufgaben zu meistern, eine besondere davon ist die Steuerung der Trainingsbelastung und Spielperformance parallel zu den Aufgaben der Spielerinnen und Spieler in ihren Stammteams. Dieser Artikel will ein Beispiel exemplarisch herausgreifen und ausarbeiten.
Die Zusammenkünfte der Nationalmannschaft beginnen ca. zwei Wochen nach dem Ende der nationalen Meisterschaft. Bis dahin stehen die Spielerinnen ihren Clubs als Halb- oder Vollprofis zur Verfügung, mit einem Trainingspensum zwischen 15 und 20 Stunden. In dieser Zeit sind die Clubtrainer, ausnahmslos Profis, verantwortlich für die Periodisierung der Belastung der Spielerinnen. Die Intensität der Belastung ist abhängig vom Ziel des Clubs, von den Einsatzzeiten der Spielerin und von ihrer Verantwortung für den sportlichen Erfolg.
Der gesundheitliche Zustand des Teams vor einem Lehrgang der Nationalmannschaft ist daher sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite die ausreichend regenerierten eventuell in der Meisterschaft früh ausgeschiedenen Spielerinnen, und auf der anderen Seite die kaum erholten Spielerinnen mit überstandenen Verletzungen oder schon länger andauernden Belastungsproblemen. Für die Belastungssteuerung der Nationalmannschaft heisst das, einige Spielerinnen trainieren von Beginn an mit hoher Intensität, andere mit geringerer Intensität bis hin zu reinem Training im Bereich der Rehabilitation. Ziel ist nach ca. zwei Wochen Trainingslager, alle auf dem gleichen Niveau belasten zu können. Soweit die jährliche Routine.
Nach einer Änderung des Modus trug der europäische Verband (CEV) die letzten beiden Spiele der Qualifikationsrunde zur Europameisterschaft 2019 mitten in der regulären Clubsaison aus. Die schweizerische Nationalmannschaft der Frauen hatte die Chance, sich durch einen Sieg bei diesen Spielen, das erste Mal für eine EM-Endrunde zu qualifizieren. Dazu zog der Schweizerische Volleyballverband seine Nationalspielerinnen ab dem 26. Dezember 2018 für die Vorbereitung zusammen. Ausgerechnet in der Zeit, in der sonst, zumindest in der Schweiz, die Intensität des Trainings heruntergefahren wird! In der Zeit vor Weihnachten werden sehr viele Spiele ausgetragen, Meisterschaft, Pokal, und die besten Schweizer Mannschaften spielen noch in europäischen Wettbewerben.
Ab Mitte Januar startet nach Abschluss der Hin- und Rückrunde die Entscheidungsphase der Meisterschaft. Für die Spielerinnen und das Betreuerteam, aber auch für die Clubs, welche die Spielerinnen freigeben müssen, war das eine ungewohnte Situation mit reichlich Konfliktpotenzial! Die Spielerinnen kommen ohne Regenerationspause nach einer Phase höchster Intensität zur Nationalmannschaft. Den Clubs fehlen die nominierten Spielerinnen zur Vorbereitung auf den entscheidenden Zeitraum der Meisterschaft. Das könnte laut Aussage der betroffenen Clubtrainer zu geringeren Erfolgschancen in der Meisterschaft, unter anderem durch reduzierte Trainingsqualität aufgrund der Abwesenheiten führen. Trotz dieser Ausgangslage starteten wir am 26.12.2018 gutgelaunt und hochmotiviert mit der grossen Aufgabe für 2019: «Erreichen der Endrunde der EM».
Eine Spielerin, die zu der Zeit beste Spielerin auf ihrer Position, erschien in Zivil und teilte uns mit, dass sie aufgrund grosser Knieprobleme zwar gerne an der Massnahme teilnehmen würde und der Mannschaft bei den letzten zwei Qualifikationsspielen helfen möchte, aber die Schmerzen insbesondere bei Sprüngen sehr gross seien. Ihr Trainer hatte sogar über seine Clubführung an den Verband geschrieben und gefordert, die Spielerin nicht zu nominieren. Der Club brauchte die Spielerin für die wichtigsten Spiele der Meisterschaft und wollte unbedingt, dass sie dafür Erholungszeit in der Pause des regulären Spielbetriebs machen konnte. Aber das kam bei seiner Spielerin nicht sehr gut an. Es ging immerhin um die EM-Teilnahme, einem vielleicht einmaligen Erlebnis.
Der verantwortliche Arzt diagnostizierte eine «chronische Overuse Tendinopathie der Bizeps Femoris Sehne». Das Problem bestand bereits seit sechs Monaten, in ihrem Club hatte die Spielerin bis 4 Tage vor dem Beginn der Massnahme kein Spiel ausgelassen. Die Ausgangslage war sehr problematisch. Die Spielerin wusste, dass sie dringend eine Pause brauchte, wollte aber unbedingt zur EM. Die Nationalmannschaft stand kurz vor dem wichtigsten Spiel der letzten Jahre mit der historischen Chance zur Qualifikation für die EM-Endrunde. Der Ausfall einer Leistungsträgerin im Team wäre kaum zu kompensieren gewesen. Als Verantwortliche der Nationalmannschaft mussten wir eine Entscheidung treffen, die von vielen Wenn und Aber begleitet wurde. Uns war klar, dass sie nur für dieses eine, entscheidende Spiel eingesetzt werden sollte und der Heilungsprozess erst nach der Saison einsetzen kann. Daraus ergaben sich direkt Fragen nach dem gesundheitlichen Risiko und potenziellen Folgeschäden. Wir mussten einschätzen, ob das «medizinische Team», bestehend nur aus einer Physiotherapeutin, die notwendige intensive Behandlung zusätzlich zur Betreuung des gesamten Teams gewährleisten kann. Das Umfeld im Rahmen der Nationalmannschaftsmassnahme schätzen wir als sehr gut ein. Für die Spielerin war der Tagesablauf mit Mahlzeiten, Training, Therapie während der Zeit mit der Nationalmannschaft bestens organisiert. Alles fokussiert auf den Sport, über kurze Wege zu erreichen. Bis zum entscheidenden Spiel gegen Österreich, unseren direkten Konkurrenten um den letzten EM-Platz, hatten wir 14 Tage Zeit. Für das Team hatten wir folgendermassen geplant:
- 5 Tage Training, ein Tag frei
- 3-tägige Reise nach Spanien mit Training und 2 Testspielen
- Reise nach Zagreb zum vorletzten Qualifikationsspiel gegen Kroatien, gegen die wir uns keine Chance ausrechneten
- Rückreise in die Schweiz, 2 Trainingstage, dann das entscheidende Spiel.
Trauen wir der Spielerin zu, die in sie gesetzten Erwartungen beim für sie einzigen und alles entscheidenden Spiel zu erfüllen? Ist sie mental stark genug, sich in diesem Spiel nur auf ihre sportlichen Aufgaben zu konzentrieren?
Der kurze Vorbereitungszeitraum mit Reisen war ein erschwerender Faktor in unseren Überlegungen. Weitere Überlegungen betrafen die Situation des Teams. Jede Position in der Mannschaft war zahlenmässig doppelt besetzt. Fehlte eine Spielerin auf einer Position, mussten die anderen deutlich mehr spielen und hatten selber weniger Zeit zur Regeneration. Die Trainingsbelastung hätte auf diese neue Situation eingestellt werden müssen.
Alle Spielerinnen hatten bis zum letzten Wochenende noch in ihren Clubs gespielt. In der verbleibenden Zeit konnten wir weder technisch noch athletisch grosse positive Verbesserungen erwarten. Der Hauptinhalt der Trainingseinheiten war sehr einfach: morgens im Wechsel Krafttraining und individuelles Training mit relativ geringer Belastung und nachmittags mannschaftstaktisches Training. Das Team hatte sich vier Monate nicht gesehen und musste sich wieder als Mannschaft finden.
Die Belastung beim Mannschaftstraining ist sehr hoch, über dem Niveau eines normalen Spiels. Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber, wobei eine Gruppe die Gegner simuliert, die andere Mannschaft reagiert und Lösungen finden soll. Immer wieder werden Bälle schnell hintereinander ins Spiel gebracht, bis die Lösungen weitestgehend automatisiert sind. Dann folgt die nächste Spielsituation. Diese Art der Vorbereitung fordert die Athletinnen physisch und mental sehr stark.
An eine Trainingsteilnahme war für die verletzte Spielerin nicht zu denken. Sie schaute entweder zu oder übernahm Co-Trainer-Funktionen und versuchte die Spielsituationen zumindest theoretisch durchzuspielen. In der ersten Trainingswoche bestand ihr Training nur aus Therapie und angepasstem, schmerzfreiem Krafttraining. Keine Sprünge, keine Squat in einem empfindlichen Winkelbereich, kein Stop and Go, keine schnellen Richtungswechsel. Also keine Elemente, die normalerweise im Spiel abverlangt werden.
Die erste Woche verlief vielversprechend. Sie war seit Langem mal wieder beschwerdefrei und wurde optimistischer. In der zweiten Trainingswoche wagten wir, sie in einigen volleyballspezifischen Übungen ohne Sprünge zu integrieren, immer sehr dosiert, immer protokolliert. Verschiebungen am Netz, Side Steps, Richtungswechsel als Reaktion auf Aktionen des Teams auf der anderen Netzseite. Beim Frühstück am darauffolgenden Tag beantwortete sie die immer gleiche Frage nach der Reaktion des Knies auf die Beanspruchung des Vortages. Aber alles sah den Umständen entsprechend gut aus. Zwei Tage vor dem Spiel steigerten wir die Belastung durch eine spielspezifische Situation in Originaltempo und maximalem Sprung gefolgt von einer längeren Pause. Die sorgenvollen Blicke der Mitspielerinnen und des Staffs verschwanden, wir wussten, wir würden in bester Besetzung antreten. Am Tag vor dem Spiel absolvierten wir ein sehr ruhiges Training mit geringer Intensität für alle Spielerinnen. Dann, 24 Stunden später, lagen sich alle nach einem sehr harten, engen Spiel lachend und weinend in den Armen und feierten die erste EM-Teilnahme nach einer Qualifikation. Die Spielerin konnte alle fünf Sätze ohne Beeinträchtigungen oder Schonpositionen durchspielen. Sie gab Vollgas und hatte entscheidenden Anteil an der Qualifikation. Sie machte genau, was sie sich vorgenommen hatte: Sie half ihrem Team!
Ihrem Knie ging es einen Tag nach dem Spiel leider nicht sehr gut. Sie berichtete von einer heftigen Reaktion. Üblicherweise bekommt der behandelnde Physiotherapeut des Clubs ein Übergabeprotokoll. Sie konnte ihren Trainingsumfang auch im Club reduzieren und war im April, direkt nach Abschluss der Meisterschaft mit sehr vielen Spielen, völlig schmerzfrei. Im September spielte sie eine hervorragende EM mit den meisten erfolgreichen Blocks aller Spielerinnen.
Belastungssteuerung aus physiotherapeutischer Sicht
Wie aus Sicht des Trainers deutlich wird, ist die enge Zusammenarbeit zwischen Trainerteam und medizinischem Team, in diesem Fall der Physiotherapeutin, entscheidend, um eine möglichst optimale Steuerung der Belastungsparameter für die Spielerin erzielen zu können. Diese basiert auf einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis, welches selbstverständlich in einem eingespielten Team von Trainern, Ärzten und Therapeuten einfacher aufzubauen und zu erhalten ist, als bei wechselnden Personen im Betreuerstab. Trotz der schwierigen Ausgangslage gelang es gut, die Spielerin für das eine wichtige Spiel «fit zu machen». Die Kürze der Zeit erlaubte jedoch keinen regelrechten Aufbau der Belastungsverträglichkeit. Die heftige Reaktion am Tag nach der Wettkampfbelastung verdeutlicht das. Da die Beschwerden der Sportlerin bereits sechs Monate andauerten, steht aus physiotherapeutischer Sicht die nachhaltige Steigerung der Belastungsfähigkeit im Vordergrund. Nur so könnte sie dauerhaft den Trainings- und Wettkampfbelastungen gewachsen sein. Dieser Belastungsaufbau fällt in den Aufgabenbereich der Physiotherapeuten zuhause. In Kooperation mit Trainerteam, Arzt und Athletin lassen sich die Belastungsreize aus Training und Therapie in Dosierung und Intensität optimal steuern. Die Steigerung der Belastungsfähigkeit der ischiocruralen Muskulatur und ein progressiver Therapieaufbau im Sinne eines Stufenmodells (konzentrisch/exzentrisch/Geschwindigkeitserhöhung/…) bis hin zum sportartspezifischen Training sind die Grundlage für einen langfristigen Erfolg.
Exzentrische Belastungsspitzen, gerade bei Stopp- und Sprungbelastungen, bewusst zu steuern, spielt gegen Ende der Therapie eine entscheidende Rolle. Summierte Trainings- und Therapiereize, auch bei vermeintlich lockeren Trainingseinheiten, richtig einzuschätzen und Regenerationszeiten zu planen, sind dafür die wesentlichen Faktoren.
Rückblickend stellt sich aus therapeutischer Sicht die Frage, ob zu einem früheren Zeitpunkt passend reagiert wurde, um eine Manifestation der Beschwerden zu verhindern. Warum hatte die Sportlerin bereits seit sechs Monaten Schmerzen? Wie wurde in dieser Zeit interveniert? An welcher Stelle hätte man Stellschrauben zur Belastungssteuerung anpassen können?
Fazit, Gedanken, Take Home Message
Die Abwägung zwischen dem Schutz der Gesundheit der Spielerin und der Bedeutung des anstehenden Wettbewerbs war für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung. Ähnliche Situation entstehen täglich in allen Sportarten.
Die Fragen, die wir gemeinsam im Betreuerteam mit der Spielerin beantworten mussten, sind:
Darf man es zulassen, die Gesundheit eines Sportlers einem erhöhten Risiko auszusetzen?
Wiegt die erstmalige, vielleicht einmalige Teilnahme an einer Europameisterschaft das Risiko auf eine längere Verletzungspause auf?
Der ausgeübte oder gefühlte Druck für die Spielerin war enorm. Ihre Mannschaftskolleginnen, Trainer und Vertreter des Verbandes wussten, dass ein Sieg mit ihr viel wahrscheinlicher wäre, aber den grössten Druck hat sich die Spielerin selber gemacht. Sie wollte dem Team unbedingt helfen.
Zwei Dinge waren für mich entscheidend für den erfolgreichen Abschluss dieser Konfliktsituation und damit ihr Einsatz im entscheidenden Spiel:
- ihr Wille, ihr Engagement und ihr Vertrauen in die anwesende Physiotherapeutin und den Trainerstab,
- die richtig dosierte Steuerung des Belastungsumfangs und der Belastungsintensität, jeden Tag abgestimmt auf die Reaktion des Trainings vom Vortrag.
Corresponding author
Jürgen Schreier
Physiotherapie Limmatfeld
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