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Am 3. und 4. Oktober feiern die Pallottiner in coronabedingt kleinerem Rahmen ihr 100-jähriges Bestehen in der Schweiz. Als kleine Gemeinschaft haben sie Grossartiges zustande gebracht und sind mit ihrem pallottinischen Geist heute mindestens so aktuell wie ihr Gründer Vinzenz Pallotti in der damaligen Kirchenkrise in Rom.
von Anton Ladner
«Wie es begann? Ziemlich armselig». Unter diesem Titel beschreibt in der Festschrift «2020 Pallottiner in der Schweiz – 100 Jahre mittendrin» Pater Adrian Willi, bis vor Kurzem langjähriger Provinzial, den damaligen Beginn. «Der Anfang der Pallottiner in der Schweiz war ein Zufall, der zum Glücksfall wurde.» Treffender könnte man es nicht zusammenfassen. Das verdeutlicht ein kleiner Rückblick: Im Herbst 1919 gründete der Missionar Karl Hoegen in Gossau eine Pallottiner-Niederlassung, wenige Monate später wohnten vier Pallottiner dort und bemühten sich, nicht den Eindruck einer klösterlichen Gemeinschaft zu vermitteln, weil das Klosterverbot galt. Sieben Jahre später entstand das Missionsgymnasium St. Notker in Gossau, das heute unter dem Namen Friedberg eine Institution in der Ostschweiz ist. 1932 kam das Haus der Bildung in Meggen bei Luzern hinzu, was später zum Gymnasium St. Klemens in Ebikon führte, heute eine Institution in der Zentralschweiz. Ebenfalls 1932 entstand in Fribourg das Gymnasium St. Michel. Zwei Jahre später wurde das Schweizer Noviziat der Pallottiner in Morschach eröffnet. Heute befinden sich dort die Bildungsstätte und einer der schönsten Friedhöfe (für die Patres) mit einer traumhaften Aussicht auf den Vierwaldstättersee. Für Königin Victoria, die in Morschach malte, war das der schönste Ort der Welt.
1946 wurden die Pallottiner in der Schweiz zu einer eigenständigen Provinz, die sich unter den Schutz von Bruder Klaus stellte. Dann folgten über die Jahrzehnte einige Veränderungen und Anpassungen, weil sich die Gesellschaft verändert hatte und mit ihr auch die Glaubenswelt. Nach 100 Jahren Einsatz für eine katholische Bildung (im Sinne von fachlicher wie menschlicher Qualität), für ein Medien-Apostolat (ferment usw.) und Solidarität für die Missionsarbeit sind die Pallottiner heute aktuell wie zur Zeit ihres Gründungsvaters Vinzenz Pallotti. Dazu ein zweiter kleiner Rückblick: Vinzenz Pallotti (1795−1850) wirkte als Priester in Rom mit einem abgehobenen Klerus, einem Papst auf der Flucht und einer Pest, die allein in Rom 5000 Menschen das Leben kostete. In dieser Krisenzeit fand er zu den Gläubigen einen neuen Zugang, indem er alle in sein Boot holte, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Er stand für das, was heute mit dem Slogan «Wir sind Kirche» zum Ausdruck kommt. Jeder Mensch ist nach Pallotti zum Apostolat berufen. Das war natürlich eine revolutionäre Idee, die den Status des Klerus empfindlich traf und die Gläubigen motivierte, aktiv für ihre Kirche zu werden. In diesem Geist fand die pallottinische Gemeinschaft ihren Anfang. Pallottis Idee steht heute erneut auf dem Prüfstand mit dem synodalen Weg, zu dessen Anfang die Bischöfe nicht recht hinfinden. Für die Pallottiner haben nicht die Priester allein die Deutungshoheit, was wie zu sein habe. Für sie sind alle Gläubigen auf diesem Weg zur Wahrheit miteinbezogen. Sie nennen das Unio, das Zusammenwirken von Patres und Laien. Vor diesem Hintergrund wird leicht nachvollziehbar, warum die Pallottiner auch heute noch der Zeit voraus sind, wie damals ihr Gemeinschaftsstifter Vinzenz Pallotti.
Der Zeit voraus sein betrifft die Kirchenhierarchie mit dem Selbstverständnis der Bischöfe, jedoch nicht die Bedürfnisse der Gläubigen. In diesem Punkt waren und sind die Pallottiner mit dem Geist der Zeit gut verbunden. Sie sehen und spüren, was die Menschen brauchen, weil sie alle in der Seelsorge arbeiten und dabei im pallottinischen Geist den Menschen auf Augenhöhe begegnen. Das ist eine der vielen Qualitäten der Pallottiner. Deshalb haben sie gemessen an ihrer Grösse eine überproportionale Präsenz und Wirkung. Sie verfügen über eine treue Gefolgschaft, weil sie die Herzen erreichen und berühren. Vor drei Wochen sagte der neue Pallottiner-Provinzial Andy Givel in einem Interview in diesem Heft: «Wir gehören durch die Taufe zu Christus als Glieder des priesterlichen, prophetischen, königlichen Volkes Gottes. Papst Franziskus wird nicht müde, immer wieder von der Freude des gemeinsamen Priestertums zu sprechen. Leider gelingt uns an der Basis die Umsetzung zu wenig. Viele haben wohl Angst, es könnte ihnen etwas weggenommen werden. Mich überzeugt der pallottinische Gedanke, dass wir alle Apostelinnen und Apostel sind; sprich Gesandte!»
Wer so denkt, hat noch viel Zukunft vor sich. Denn gemeinsam für die Kirche eintreten ist die Zukunft der katholischen Kirche.
Am 3. Oktober feiern die Pallottiner mit einem Konzert in der Andreaskirche in Gossau und einem festlichen Abendessen im Gymnasium Friedberg sowie mit einem Festgottesdienst am 4. Oktober ihr Jubiläum. Coronabedingt musste ein internationales Symposium abgesagt werden. «Feiern, was möglich ist, im Wissen darum, dass es kurzfristig wiederum zu Anpassungen kommen kann», schreiben die Pallottiner. Auch das beherrschen sie gut, sich immer wieder anzupassen. Deshalb sind sie heute noch so präsent.