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Exakt vor 30 Jahren wurden die ersten Frauen ins Schweizer Parlament gewählt. Die Sozialdemokratin Lilian Uchtenhagen blickt im Gespräch mit swissinfo zurück.Dieser Inhalt wurde am 31. Oktober 2001 - 11:45 publiziert
Lilian Uchtenhagen*, vor 30 Jahren waren Sie die erste Frau, die als Abgeordnete in der Grossen Kammer, im Nationalrat, das Wort ergriff. Wenn Sie zurückblicken: Was waren in diesem Moment die bestimmenden Gefühle?
Es war natürlich ein grosses Ereignis. Wir hatten ja so viele Jahre für das Frauenstimmrecht gekämpft, und es kam dann alles eigentlich sehr rasch und unerwartet. Ich wurde damals in den Zürcher Gemeinderat gewählt und anderthalb Jahre später, eben 1971, bereits in den Nationalrat. Das war alles sehr aufregend.
Hörten die Männer Ihnen, Ihrer Argumentation, in der ersten Zeit im Parlament überhaupt zu?
Ich konnte mich eigentlich nie sehr beklagen. In der Regel hörte man schon zu, wenn ich das Wort ergriff. Ich glaube, ich habe mir recht rasch Respekt verschaffen können.
Zudem gab es unter den Parlamentariern natürlich auch Gegner des Frauenstimmrechts - und diese passten schon auf, was die Frau da jetzt sagte.
10 Frauen wurden am 31. Oktober 1971 in den Nationalrat gewählt - und eigentlich waren Sie ja bereits alle erfahrene Politikerinnen. Hatten Sie wirklich von Anfang an das Gefühl, ein vollwertiges Ratsmitglied zu sein?
Ja, bei mir war das wirklich so. Ich hatte bereits viel Erfahrung - zum Beispiel auch als Dozentin. Ich glaube aber, dass das nicht generell so war.
Hatte das damit zu tun, dass sie sowohl als Frau wie auch als Sozialdemokratin in der Minderheit waren?
Sicher. Doch eine Rolle spielte wohl auch, dass ich mich als Ökonomin nicht mit den "typisch weiblichen" sozialen Themen auseinander setzte, sondern bei Wirtschafts- und Finanzfragen mitredete. Und da war ich als Frau immer allein.
Gab das sozusagen eine Bevorzugung?
Das ist schwierig zu sagen. Doch es ist schon so, dass ich bald in gewichtige Ämter gewählt wurde - so zum Beispiel in die Finanzdelegation der Finanzkommission, das oberste Finanzgremium, welches den Bundesrat beaufsichtigt. Später habe ich die Finanzdelegation gar präsidiert.
Dennoch: 1983 kandidierten Sie als erste Frau für den Bundesrat und wurden nicht gewählt. Die Gründe sind kompliziert - ich behaupte mal, es hat auch mitgespielt, dass die Bürgerlichen die erste Bundesrätin nicht den Linken "überlassen" wollten.
Ich glaube, das war der Hauptgrund. Zudem war ich für die Bürgerlichen nicht eine "typische Sozialdemokratin". Ich entsprach einfach nicht den Vorurteilen, die sie hatten. Ich stammte aus freisinnigem Haus, war relativ elegant angezogen, beschäftigte mich mit untypischen Themen und sprach die "Finanzsprache" - das alles hat irritiert.
Hatten die Männer davor Angst?
Ich glaube schon, ja. Das war, glaube ich, auch einer der Gründe für die Nichtwahl. Dazu kam, dass ich nie sehr bescheiden war - ich trat an und habe auch grosse Politiker angegriffen, wenn ich es richtig fand.
Kompetent auftretende Frauen sind heute Alltag. Derzeit ist etwa jede vierte Abgeordnete in der Grossen Kammer eine Frau - und die Schweiz liegt damit im internationalen Vergleich gar nicht schlecht. Ein später Start, doch nun ist alles in Ordnung?
Natürlich ist noch nicht alles in Ordnung. Doch wir haben heute wirklich viele gute junge Politikerinnen. Ich glaube, der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung - Eherecht, Stimmrecht und vieles mehr - hat dazu geführt, dass wir überdurchschnittlich fähige Frauen haben.
Alles in allem ist die Schweiz heute kein Sonderfall mehr. Was sagen Sie jungen Frauen, die finden, die ganzen Rückblicke und Jubiläen von Frauenstimmrecht, Gleichstellungs-Artikel und Gleichstellungsgesetz dieses Jahr seien doch Schnee von gestern...
Ich versuche immer wieder zu erklären, wie mühsam dieser Schnee wirklich war, und wie viel mehr Freiheiten die Frauen heute haben. Noch als ich studieren wollte, war das für meine Mutter ganz schlimm. Man sagte damals, na gut, du kannst zwar studieren, aber dann findest du keinen Mann mehr und wirst keine Familie haben.
Die jungen Frauen von heute können ihren Weg frei wählen. Er ist zwar etwas schwieriger als derjenige der Männer, aber bisweilen werden Frauen gar bevorzugt.
Man sucht heute Frauen für gewisse Positionen. Aber nicht für Positionen in der Wirtschaft und für Positionen, die sehr viel Geld bringen.
Also Karriere Ja, kein Problem, aber bitte nicht zu weit nach oben?
Ja, genau.
Interview: Eva Herrmann
*Lilian Uchtenhagen, Jahrgang 1928, ist Doktorin der Ökonomie. Sie vertrat die Sozialdemokratische Partei 1971-1991 im Nationalrat. Heute ist sie vor allem als Präsidentin von Swissaid aktiv.
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