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Ist Krebs vielleicht doch keine Gen- sondern eine Stoffwechselkrankheit? Das wäre ein Durchbruch - er steht kurz bevor.
Auf der Ebene der Zelle stellt sich die Frage so: Wird Krebs durch Veränderungen der DNA ausgelöst oder durch Schäden an den Mitochondrien, also nicht am Hirn, sondern an den Kraftwerken der Zelle? Die Konsequenzen sind enorm. Sind die Mitochondrien schuld, kann man Krebs metabolisch, d.h. mit geeigneten Diäten bekämpfen, statt mit der Chemie und Radioaktivität.
Die These, dass Krebs eine Stoffwechselkrankheit sein könnte, ist weder neu noch kommt sie von Aussenseitern. Ihr geistiger Vater ist vielmehr der zu seiner Zeit berühmteste Biochemiker Otto von Warburg. Er entdeckte, dass Krebszellen Energie nicht durch Oxidation, sondern ausschliesslich durch Fermentation gewinnen. 1931 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin. Andere nahmen die Idee auf und fanden heraus, dass der „Warburg-Effekt“ auf eine Schädigung der Mitochondrien, der Kraftwerke in den Zellen, zurückzuführen sei.
Wie man hier nachlesen kann, war die Stoffwechsel-These war damals eines von drei konkurrierenden Erklärungsmodellen für Krebs. Daneben gab es noch Virus- und die Gentheorie: Ein Krebserreger Stoff bewirkt eine Mutation der DANN. Dadurch entarten die Krebszellen und vermehren sich unkontrolliert. Als man später herausfand, dass ein Virus an dieser Gen-Veränderung beteiligt ist, schienen sich die Gen- und die Virustheorie gegenseitig zu bestätigen. Die Sache war gelaufen, zumal man inzwischen auch die DNA entschlüsselt hatte. Es ging nur noch darum, den richtige Gen-Sequenz zu finden. In der Zwischenzeit rottete man die Krebszellen mit der Chemokeule aus.
Mit enormen Kosten und wenig Erfolg. Deshalb hat jetzt die alte These zurück. Warburgs Nachfolger, Professor Thomas Seyfried kommt als Gen-Forscher eigentlich aus dem gegnerischen Lager. Seine Bekehrung begann damit, dass er einen Wirkstoff gegen eine seltene Krankheit an Mäusen testete und feststellte, dass der Stoff zwei Nebenwirkungen hatte: Er heilte Krebs und zügelte den Appetit. Darauf gab er auch den Kontrollmäusen weniger zu essen und siehe da, auch bei ihnen bildete sich der Krebs zurück!
War da was? Seyfried trug alles zusammen, was bisher zur Stoffwechsel und Krebs veröffentlicht wurde und wunderte sich sehr. Die Beweise waren alle schon da, bloss hatte man sie nicht beachtet. Ein Experiment müsste sogar Laien zu Warburg-Anhängern machen: Pflanzt man einer Krebszelle mit entarteter DNA gesunde Mitochondrien ein, werden die Zellen gesund. Umgekehrt ist eine intakte DNA machtlos gegen kaputte Mitochondrien. Offenbar sind also kaputte Mitochondrien zu Ursache und die Entartung der DNA die Wirkung. Siehe hier.
Was das für die Therapie bedeutet, war schon Warburg klar: Man entziehe dem Körper die Kohlenhydrate, bis die Leber anfängt, aus Fett Ketonkörper herzustellen. Intakte Mitochondrien lieben dieses „Superbenzin“. Sie blühen damit sogar richtig auf und fangen an, in den Zellen Aufräum- und Reparaturarbeiten zu verrichten. Das Erfolgsgeheimnis des Fastens. Krebszellen und ihre kaputten Mitochondrien hingegen können mit Ketonen nichts anfangen. Sie sterben ab.
Doch weil der Körper Kohlenhydrate auch aus Nahrungs-und Muskeleiweiss herstellen kann, ist die Umstellung ganz trivial. Seyfried empfiehlt ein Behandlungsprotokoll, das einst schon als die Therapie gegen Epilepsie galt: Drei Tage fasten, dann maximal 12 Gramm Kohlehydrate und 0,8 bis1.2 Gramm Eiweiss pro Kilo K Körpergewicht und Tag. Damit soll eine therapeutische Zone von 70 bis 80 mg/dl Blutzucker und 2 bis 4 Millimolar Keton erreicht werden.
Bisher ist diese Therapie in keiner Doppelblindstudie getestet worden. Und von den vielen, die es selbst oder unter ärztlicher Anleitung getestet haben, sind nicht alle geheilt worden - weil sie es nicht konsequent genug durchgezogen oder zu spät damit angefangen haben und wohl auch, weil es noch andere Faktoren gibt. So soll etwa die Behandlung mit Sauerstoffduschen (hyperbare Oxygen) den Erfolg verbessern. Auch ein hoher pH-Wert des Blutes (dank Natron) soll ähnlich wirken wie eine Keton-Diät.
Noch ist die metabolische Krebstherapie nicht ausgereift. Aber sie hat kaum Nebenwirkungen, kostet fast nichts und zumindest ihre vorbeugende Wirkung nicht nur gegen Krebs, sondern gegen fast alle Stoffwechselkrankheiten wie etwa Diabetes wird nicht ernsthaft bestritten. Dazu kommt noch ein weiterer Vorteil: Der Konkurrenz, der Gentherapie, ist der Durchbruch noch immer nicht gelungen. Bisher rechtfertigte man diesen Misserfolg mit der ungeheuren Komplexität der DNA. Jetzt ahnt man, dass man die Ursache vielleicht ein Jahrhundert lang am falschen Ort gesucht hat.