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Kein Lohn in einer Firma soll mehr als 12x so hoch sein wie der tiefste Lohn in derselben Firma: Das verlangt die Volksinitiative der Juso, die gestern im Nationalrat sehr ausführlich und kontrovers diskutiert wurde. Beide Seiten haben bessere und weniger gute Argumente vorgebracht, was meiner Meinung nach aber zu wenig diskutiert wird, ist der Stellenwert der Wirtschaft in der Gesellschaft. Zu oft wird die Wirtschaft als Selbstzweck gesehen, eine dem Staat und den Menschen übergeordnete Sphäre, der wir zudienen müssen, um sie zum Wachsen zu bringen und am Laufen zu halten. Dass dazu einige "unten durch" müssen gehört halt dazu. Das erinnert an den Drachen im Märchen, der vor der Stadt haust, und dem die Bürger einmal im Jahr eine Prinzessin zum Frass vorwerfen müssen, damit er die Stadt nicht überfällt.
Die bürgerliche Mehrheit des Nationalrats will lieber weiterhin ein paar Wenigverdiener opfern, als das System grundlegend zu überdenken. Die meisten bürgerlichen Nationalrätinnen und Nationalräte fürchten sich wohl davor, für eine bessere Situation ein Risiko einzugehen - man könnte im Kampf gegen den Drachen ja auch verlieren. Einige machen vermutlich sogar mit dem Drachen gemeinsame Sache, und zahlen sich jeden Monat einen Lohn aus, von dem andere ein paar Jahre leben könnten.
1:12 würde bedeuten, dass der Chef einer Firma Fr. 48'000.- pro Monat beziehen kann, wenn er seinen Untergebenen mindestens Fr. 4'000.- pro Monat auszahlt. Schon ein Lohn von Fr. 48'000.- pro Monat dürfte für die meisten von uns unvorstellbar viel sein, alles was darüber hinausgeht sowieso. Die Lohnunterschiede die es heute gibt, erklären sich mit Angebot und Nachfrage, es gibt wenige, stark nachgefragte Leute, die einen Kaderjob erfüllen können, deshalb werden diese Leute teurer, verdienen also mehr. Das mag aus einer Marktlogik aufgehen. Aber: Eigentlich geben wir unserem Arbeitgeber alle dasselbe: Eine Stunde unserer limitierten Lebenszeit. Ist nun eine Stunde Lebenszeit eines Menschen mit Managementfähigkeiten mehr Wert, als diejenige eines Handwerkers, einer Handwerkerin? Aus dieser Betrachtungsweise dürfte es eigentlich bei den Löhnen gar keinen Unterschied geben. Nun kann man die Sicht der Arbeitgeber wohl nicht ganz vernachlässigen und keine absolute Lohngleichheit fordern. Trotzdem ist es der Gedanke Wert, in die Diskussion mit einbezogen zu werden. So betrachtet erscheint mir ein Verhältnis von 1:12 keineswegs als zu restriktiv.
Die Kritiker der Initiative befürchten, dass sich keine Topleute mehr finden, die die Managamentjobs in den Firmen machen wollen. Auch hier: Mit etwas Mut zum Risiko würde man vielleicht merken, dass es gar nicht unbedingt die überbezahlten Manager braucht, die teure Headhunter irgendwo gegen eine teure Ablösesumme gefunden haben, vielleicht könnte den Job genausogut jemand machen, der (noch) keinen grossen Namen hat. Und für die Unternehmen wäre es vielleicht gar nicht schlecht, wenn sie sich andere als finanzielle Anreize überlegen müssten, um gute Leute rekrutieren und behalten zu können. Neue Ideen, die zu motivierteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen, die die Identifikation mit dem Unternehmen erhöhen und damit womöglich noch die Produktivität steigern.
Deshalb: Wagen wir es, ein Problem mit einer starken Massnahme anzugehen. Und wenn wir in 10 Jahren sehen, dass die Schweiz darob zu Grunde geht, lässt sich sicher problemlos eine Mehrheit dafür finden, den Verfassungsartikel wieder zu streichen.
Übrigens: Es gibt verschiedene Studien der ökonomischen Glücksforschung in denen man zum Ergebnis kam, dass ab einem Einkommen von 12'000.- pro Monat die Zufriedenheit nicht mehr signifikant zunimmt.