Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03276.jsonl.gz/1220

Die Kosten für die Winterspiele von Sotschi sind mit rund 50 Milliarden Franken aus dem Ruder gelaufen. Bei der Realisierung soll neben dem Bauwesen auch die Korruption Hochkonjunktur gehabt haben.
Als Sotschi im Juli 2007 in Guatemala-City bei der 119. IOC-Session den Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele 2014 erhalten hatte, waren sie in Russland von Kosten von umgerechnet elf Milliarden Franken ausgegangen. Seit 2012 ist diese Summe sukzessive von 30 auf 50 Milliarden angehoben worden. Mit anderen Worten: «Sotschi 2014» wird teurer als alle bisherigen Winterspiele zusammen. Die Spiele 1998 in Nagano etwa hatten eine Milliarde gekostet, jene von 2010 in Vancouver fünf Milliarden Franken.
Die Verantwortlichen und Macher mit Wladimir Putin an der Spitze wurden und werden nicht müde, die in ungeahnte Höhen geschossenen Kosten zu begründen und dabei darauf hinzuweisen, dass nicht nur sämtliche Wettkampfstätten, sondern auch der allergrösste Teil der benötigten Infrastruktur neu gebaut werden musste. Das olympische Portfolio umfasst unter anderem Hotels, Strassen, Zuglinien, Hafenanlagen, Kraftwerke, Strom- und Gasnetze und Kanalisationen. Die Kosten-Explosion soll gemäss Putin und seinen Gefolgsleuten auch die geografische Lage Sotschis zwischen Küste und den Ausläufern des Kaukasus-Gebirges beschleunigt haben. Das habe viele Arbeiten erschwert und entsprechend verteuert.
20 bis 25 Milliarden versickert
Externe Beobachter und Oppositionspolitiker sehen den Grund für die ausgeuferten Ausgaben primär in der Vetternwirtschaft und in der Korruption. Als einer der grössten Kritiker hatte sich zuletzt Boris Nemzow hervorgetan. Nemzow, ein früherer Gouverneur und während der Regentschaft von Boris Jelzin Vize-Premierminister, spricht von 20 bis 25 Milliarden Franken, die bei den Bauarbeiten versickert seien. Nemzow nennt Beispiele für die dramatischen Kostensteigerungen. Das Olympia-Stadion «Fischt» etwa, das während der Spiele lediglich als Schauplatz für die Eröffnungs- und die Schlussfeier sowie für Medaillenzeremonien vorgesehen ist und in dem Spiele der Fussball-WM 2018 ausgetragen werden sollen, wird rund dreimal so hohe Kosten verursachen als ursprünglich vorgesehen.
«Fischt» schlägt nunmehr mit rund 720 Millionen Franken zu Buch. Jeder der 40’000 Sitzplätze für die Zuschauer kostet demnach 18’000 Franken. Bei Olympischen Spielen in der Vergangenheit habe dieser Wert bei 5500 Franken gelegen. Der Bau von Strassen und Eisenbahn-Strecken ist gemäss Putin-Gegner Nemzow teurer als in Europa oder den USA. Die Kosten für ein elf Kilometer langes Autobahnstück belaufen sich auf rund 1,7 Milliarden Franken. Umgerechnet sind das 155 Millionen pro Kilometer.
Den Grund für die extremen Abweichungen vom ursprünglichen Budget sieht die Opposition im Umstand, dass viele Bauprojekte ohne Ausschreibung vergeben worden sind. Dabei sollen in erster Linie dem Kreml nahestehende Oligarchen und Putin-Freunde mit ihren Firmen zum Handkuss gekommen sein. Ihnen soll es gelungen sein, Aufträge mit krass überhöhten Budgets an Land zu ziehen. Die kritischen Wortführer sehen es als erwiesen an, dass dabei lediglich ein Teil des Geldes verbaut worden, der Rest aber auf die Konti der Unternehmer gewandert ist. Hochrechnungen haben ergeben, dass die Bauprojekte die eigentlichen Kosten im Durchschnitt um das Zweieinhalbfache überstiegen haben. Als Gründe dafür werden neben den überhöhten Rechnungen gefälschte Expertisen und Schmiergeld-Zahlungen genannt.
Kaspers Kritik
In die Reihe der kritischen Wortführer gestellt hat sich zuletzt auch Gian-Franco Kasper, der Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS. In der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens nannte der Bündner eine Marge von 30 Prozent als üblich, die in Russland bei derartigen Geschäften in korrupte Kanäle oder andere Nebengeschäfte fliessen würden. Putin reagierte auf Kaspers Aussage in einer ersten Stellungnahme gelassen. «Wenn es Fakten für Korruption gibt, bin ich dankbar dafür. Bisher ist das aber alles nur Gerede.» Mittlerweile soll der Kreml-Chef seine Gelassenheit abgestreift haben. Putin spielt offenbar mit dem Gedanken, Klage gegen Kasper einzureichen.