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Pressespiegel (Auswahl)
Projektpartner
Irgendwann in dem Film von Zineb Sedira, der in Venedig im Französischen Pavillon zu sehen ist, taucht Latifa Echakhch auf – eine kurze Szene nur, in der sie mit offenen Haaren, in ornamentenreiche Seidenstoffe gehüllt, Earphones tragend, sich langsam dem Betrachtenden zuwendet. Man könnte meinen, dass es für Sedira für einmal sinnfällig war, bei der diesjährigen Biennale in Venedig, bei dem Zineb Sedira Frankreich und Latifa Echakhch die Schweiz repräsentieren, eine Reihe von befreundeten Kolleg*innen einzuladen. Doch die Geste der Einladung, des Arbeitens mit und Inkludierens von Freund*innen und Kolleg*innen gehört seit Langem zur künstlerischen Strategie von Zineb Sedira.
Immer wieder sucht die in Frankreich geborene Künstlerin, deren algerische Eltern nach Frankreich immigrierten und die heute mehrheitlich in London und Paris lebt, Filmarchive an verschiedenen Orten und Ländern auf. Ihr grösstes Interesse: Sequenzen aus Found Footage von Filmbeiträgen aus der politisch so wichtigen Zeit Algeriens der 1960er-Jahre – einer Zeit, in der das Land um seine Unabhängigkeit kämpfte, diese 1962 auch erhielt und als ein Impulsgeber für die Befreiungsbewegung Afrikas und Südamerikas angesehen wurde. Zugleich sind die 1960er- bis 1980er-Jahre auch jene Zeit, in welcher die algerische Filmindustrie in einem antikolonialen Umfeld erstaunlich florieren konnte – und mit ihr die Kreativität im Land.
In diese Narration eines Landes und in die kollektive Erinnerung seines Volkes, der Sedira auch mit einem erstaunlichen Fundus an Publikationen, LPs, Postkarten und unterschiedlichsten Gegenstände nachspürt, schreibt sich denn auch die persönliche Geschichte von Zineb Sedira ein. In dem Filmbeitrag mise-en-scène, der in der grossen Auslage im Kunsthaus Baselland zu sehen ist, verbindet die Künstlerin bruchstückhafte Auszüge aus unterschiedlichen 16-mm-Filmbeiträgen, die aus dem militärischen Kontext Algeriens der 1960er-Jahre stammen. Sie montiert die oft nur schwer lesbaren, an experimentelle Filmsequenzen erinnernde Fragmente zu einer neuen Narration zusammen. Erfahrbar wird in dieser kurzen, aber eindringlichen Bildabfolge der Verlust von Geschichte und ihre Bruchstückhaftigkeit ebenso wie das stete Ringen von Menschen wie Sedira um Erinnerung an dieselbe und zugleich ein Glauben an die Kraft des gemeinschaftlichen Erfahrens, Teilens, Austauschens über das Vermitteln von Kunst. Die Inklusion von kollektiven und persönlichen Geschichten ist für Zineb Sedira daher seit Anbeginn wichtigster Treiber ihres Werkes, in das sie Kinosettings, Filme, gross angelegte Rauminstallation und Assemblagen aus Objekten mehrheitlich der 1960er-Jahren und zugleich von Befreiung aus dem Postkolonialismus und dem Nachklingen des Kolonialismus erzählend, aufnimmt. Wie Sedira mit dem jeweiligen Gegenüber umgeht, zeigt sich auch in ihrer Ausstellung im Kunsthaus Baselland: eine grosse Geste der Einladung, gleich einem Wohnzimmer, angelegt zum Verweilen, Niederlassen, Schauen, Staunen, Entdecken und Sich-selbst-Erinnernd. Sediras künstlerische Geschichtsstunde ist eine poetische, eine, die vom kollektiven oder auch fern erscheinenden zu etwas Persönlichem werden kann. Und die gerade dadurch auch für jede*n Betrachtende*n an Bedeutung gewinnen kann.
In diese Auslageordnung schreibt sich nun, als Dialogpartnerin, das Werk von Latifa Echakhch ein, und es bildet nahezu das Fundament der ganzheitlichen Raum- und Inhaltserfahrung. In Marokko geboren, lebt und arbeitet Echakhch seit Jahren inVevey und Martigny (CH) und webt unterschiedliche Medien wie Malerei, Skulptur, Installation, Musik und Sound zu einem Werk der Brüche, Auslassungen, Fehlstellen, dem Unwiederbringlichen zusammen, ohne aber das Poetische und auch das Nach-vorne-Weisende zu verlieren.
Einer persönlichen Kartografie gleich, durchschreitet der Besuchende die am Boden ausgelegten teppichgleichen Werke. Auf denen muten unterschiedliche Objekte wie etwa LPs, Schuhe, Hemden, Gläser, Zigarettenschachteln, Sportutensilien, Eintrittsbändel zu Konzerten fast gänzlich mit schwarzer Tinte überzogen, einem zeitgenössischen Stillleben nicht unähnlich. Die kreisrunden Auslassungen, die sich von der schwarzen Oberfläche abheben, scheinen – wie durch einen darauf gerichteten Spot – die Szene kurz zu beleuchten und all jenes, dass im Dunklen zu verschwinden scheint, für einmal mit aller Kraft präsent werden zu lassen. Es seien, so die Künstlerin im Gespräch, Erinnerungen eines Monats einer Liebesgeschichte, vieles, was in diesen Wochen geschehen sei und erinnert werden kann. Eine Erinnerung, die einzelne Szenen deutlicher und klarer werden, andere wiederum im Dunklen lässt.
Immer wieder arbeitet Latifa Echakhch aus dem Dunklen und Schwarzen heraus, lässt Werkteile abbrennen oder verbrennen – wie aktuell in ihrem Beitrag in Venedig – und die Besuchenden ins Dunkle schreiten lässt. Im Hellen klingt das Erfahrene nach, lässt sich bruchstückhaft sehen und nachspüren, was zuvor war – und doch ist es vor allem die Kraft der Imagination, die Echakhch aktiviert und der sie das letzte Wort gibt.
So sind es auch bei dem im Kunsthaus Baselland gezeigten Werk Several Times eher Fragmente einer Erzählung – von einer gemeinsam verbrachten Zeit, von Musik, die gehört, und von Getränken, die zusammen genossen wurden. Vieles ist unaufhaltsam verloren: Momente, die eigene Geschichte. Es sind die Bruchstücke, die zur persönlichen Erzählung der Künstlerin – oder Fährtenlegerin –, aber auch zur eigenen Narration ihres Werkes werden können.
Doch weder Zineb Sedira noch Latifa Echakhch bleiben im melancholischen Moment des Erinnerns und des Zurückblickens verhaftet. Vielmehr dient ihnen der erinnernde Blick an das zu glauben, was durch Imagination, Kreativität und gelebtes Miteinander – mit allen kulturellen Unterschieden, aber eben vor allem mit aller kulturellen, sprachlichen, politischen Vielfalt – möglich ist. Von diesem Miteinander, dieser Chance im Dialog miteinander zu stehen und daraus eine gemeinsame Sprache trotz vieler Unterschiede zu entwickeln mit den Möglichkeiten der Kunst, erzählt die einmalige Werkeinrichtung von Sedira und Echakhch im Kunsthaus Baselland. So ist der dichte Parcours aus persönlichen und kollektiven Erinnerungen vor allem eine offene, geradezu zärtliche Einladung an die Besucher*innen, sich einzulassen, niederzulassen, zu staunen, zu imaginieren und gemeinsam zu erinnern – an die An- und auch Abwesenheit von Menschen, Situationen, an Zeiten, (Film-)Sequenzen, Lieder, Texte, Gerüche, Bilder. Eine Reise durch Räume und Zeiten, in einem Moment angehalten und zum Durchschreiten geöffnet; ein vielschichtiger Erfahrungsraum, der es schafft, unsere Wahrnehmung für grundlegende Themen der Identität und Zugehörigkeit wie auch der individuellen und kollektiven Erinnerung zu sensibilisieren, und der den entscheidenden Impuls zum Handeln und Gestalten in ein Morgen geben kann.
(Text von Ines Goldbach)