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„Je moet jezelf kietelen, een ander doet het niet.“
(Du musst dich selber kitzeln, ein anderer tut es nicht.)
… schrieb sie, die Eine, die mich vor gar nicht langer Zeit mit drei Sträuchern, einer Astilbe und sechs Farnen gekitzelt hatte, nur weil sie sich so drüber freut, von den Grüntönen gekitzelt zu werden. Und mit einem maliziös-verschwörerischen Funkeln in den Augen (so jedenfalls vermute ich) fügte sie dem Paket auch 244 geleimte Seiten eines Blumenzwiebelkatalogs hinzu.
Nun lebte ich bis zur Ankunft besagten Pakets in der irrigen Annahme, ich wüsste, was ein Blumenzwiebelkatalog sei. Und dass ich fünf verschiedene Narzissensorten mein Eigen nannte, fand ich, ja, doch, das fand ich nicht wenig. Meine Nachbarn haben entweder gar keine oder aber eine, von der sie hartnäckig behaupten, das seien keine Narzissen, sondern Osterglocken. Meinetwegen. Also keine. Und so ganz allgemein und überhaupt fand ich, dass sich bei mir eigentlich doch recht viele verschiedene Zwiebelblumen in der Erde tummeln, wenn zum Teil auch in einem fortgeschrittenen Rottestadium.
Wie auch immer, ich wurde eines Besseren belehrt. Rundumschlägig sozusagen.
Als ich die Pflanzen sorgsam ausgepackt und an Licht und Luft gestellt hatte, zog ich genüsslich langsam den bereits per E-Mail angekündigten Katalog aus der beigelegten Tüte, streichelte übers Deckblatt, machte mir einen Kaffee und setzte mich mit beiden in den Garten. Mit den Alliümmern, von denen ich leider nie genug haben werde, weil ich den benötigten Lebensbereich der meisten schlicht nicht bieten kann, begann es auf Seite 4. Ein gefühltes Äon später, auf Seite 40, wurden sie schließlich von den Anemonen abgelöst. Die längst leere Kaffeetasse in der Luft starrte ich vor mich hin, rosarote, lilane, violette, dunkelrote, gelbe und weiße Stecknadelkissen schwirrten vor meinem geistigen Auge, mein Puls raste, ich brauchte dringend eine Pause. Die Kataloge, die ich bisher kannte, hörten spätestens auf Seite 15 auf – nicht mit den Alliümmern, sondern überhaupt.
Die kitzelnde Zügellose wusste, wie man anfixt. Nicht nur hatte sie mir diesen Katalog des finanziellen Verderbens ins Haus geschleust, nein, sie erzählte freimütig, was für welcher Tricks man sich bedient, wenn man mehr Zwiebeln als freien Boden zur Verfügung hat: Töpfe. Und dann erwähnte sie nebenbei, wieviele Narzissensorten sich inzwischen bei ihr, der maßvollen Narzissensammlerin, eingefunden haben.
Beim Lesen wurde mir kurz schwummrig.
Nachdem ich mich geistig geschüttelt hatte (und jetzt kann ich’s endlich mal anbringen. Leute, ich wünschte, ich wäre ein Hund und zwar nur aus diesem einen Grund: Ich will mich genau so schütteln können. Gelb vor Neid betrachte ich meinen Cerberus, wie er vorne anfängt, den Kopf hin und her schleudert und danach der gesamte Körper dominomäßig dasselbe tut in seiner automatischen allbefreienden Bewegung, bis diese hinten beim Schwanzende ausläuft ins Nichts hinein. Da schüttelst du den ganzen Stress, Unmut, jegliches Ungemach und Schockzustände aller Gattung einfach raus. Das ganze „Schmoll! Ich will doch so sehr das Allium von Seite 30, aber durchlässig-sonnig-karg … Fies! Gemein! Menno!“ Einmal schön durchgeschüttelt und weg ist es.), also, nachdem ich mich geistig geschüttelt hatte, stellte ich mir kichernd vor, was der maßvoll Zügellosen wohl durch den Kopf gegangen sein musste, als sie von meinen fünf Narzissensorten gelesen hatte. Fümf! Prust.
Dankbar begrüßte ich die sich anerbietende Gelegenheit, wieder einmal etwas eingehender über dieses seltsame Phänomen des Sammelns nachzudenken. Eine Tätigkeit – oder ist es nicht eher ein Zustand, ein Wesenszug gar? –, der ich so ganz und gar nicht erlegen bin und es bis heute noch nicht ganz ergründen konnte, warum denn eigentlich nicht. Denn, wer gartenverrückt sei, so hatte ich kürzlich gelesen, gehöre normalerweise auch zu den Jägern und Sammlern. Dem kann ich insofern beipflichten, als ich in sonst keiner Menschenkategorie so vielen Sammlern begegnet bin wie eben bei den Gartengagas. Von all den passionierten Biertrinkern, die ich kenne, sammelt keiner Kronkorken. Die mir bekannten Leseratten sammeln bis auf eine Ausnahme keine Bücher und ein Numismatiker ist mir auch noch nie untergekommen, obwohl es nicht wenige gibt, die Geld ganz besonders doll mögen. Ich kenne aber welche – und zwar persönlich – die Iris, Dahlien, Rosen, Fuchsien, Phlox, Narzissen, Farne, Tomaten-, Chili-, Paprikasamen, Bohnen, Kartoffeln und Bäume sammeln. Und zwar so richtig ernsthaft.
Vergleichen wir mal: So ein paar Kronkorken oder Münzen sind ja nun recht platzsparend unterzubringen. Aber 600 verschiedene Dahliensorten (ganz zu schweigen von der Anzahl der Individuen!) haben nicht mal eben in einer Schachtel Platz. Da reicht auch ein ausgewachsener Dachboden nicht. Und verglichen mit den Lieblingen des Büchersammlers, denn dem wird ein Dachboden auch nicht reichen, haben solche Pflanzen den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass sie leben und es auch weiterhin tun sollten. Gerne auch in sämigem Zustand.
Ja, es gab einmal den Moment, in dem sich die lodernd-flackernde Flamme der Sammelgier in meiner Brust entzündet hatte und ich in leises Zittern verfiel beim Gedanken daran, mir einen riesigen Setzkasten zu bauen, um alle Auskernbohnensorten der gesamten runden Welt auf einen Blick zu vereinen. Eine Woche lang überlegte ich, wie ich diesen Setzkasten konstruieren musste, um ihn möglichst abstaubfrei halten zu können, bis ich dann auch an die Bohnen dachte. „Nick. Du willst dieses globale Bohnenerbe ja auch am Leben erhalten, oder? Na, dann rechne mal ein bisschen.“ Geht man vom Mittelwert fünf Jahre (oh, schon wieder fümf, hübsch!) aus, nach dem die dann nicht mehr so gut keimen würden, hätte ich logistisch doch sehr durchdacht vorgehen müssen, um die einzelnen Sorten regelmäßig nachzuziehen, es sei denn, es wäre mir egal gewesen, einen reinen Bohnengarten anzulegen. Die Setzkastenentwürfe landeten allesamt im Altpapierbehälter und ich freute mich über die bereits gesammelten Bohnensorten, von denen ich etwa sechsmal mehr als fümf hatte und dies immer noch tue.
Nein, ich bin keine Sammlerin. Einer solchen wäre es egal gewesen, hätten einige der gesammelten Kerne die Keimfähigkeit verloren – und wenn nicht, dann hätte sie einen Bohnengarten angelegt, dass es nur noch scheppert und rumst.
Außerdem hätte sie eine ganz gewisse disziplinierte Ausdauer bewiesen, die mir gänzlich abgeht. Ich bin von einer wankelmütigen Flatterhaftigkeit geschlagen, die der steten Abwechslung bedarf. Schlage ich mich zu lange mit nur einer Gattung rum, gähnt es bereits komatösig in mir. Nein, das Zeug zur Sammlerin habe ich nicht.
Vielleicht hätte ich es eher, wäre nicht diese eine Angewohnheit, die ich nur mit allergrößter Anstrengung abzuschütteln imstande bin. Fällt mein zufälliger Blick auf ein habenswertes Ding (und da ich keine Sammlerin bin, ist die Liste der habenswerten Dinge unanständig viel größer), dann schleiche ich drumrum, beschnüffle es, halte den Topf auf Augenhöhe, falls nicht zu schwer, schaue auf das Preisschild, erbleiche und stelle ab. Danach schaue ich hernieder und stelle mir die Totschlägerfrage: „Musst du das denn wirklich haben?“ Die Antwort lautet laut und deutlich „Ja!“, wenn ich mindestens einmal davon geträumt habe sowie an drei verschiedenen Tagen um das Ding rumgeschlichen bin, und wird nicht selten zu einem enttäuschten „Nein“, wenn es inzwischen von jemand Entschlussfreudigerem weggeschnappt worden ist. Ich weiß. Unmöglich. Schon beinah calvinistisch. Und das, obwohl ich keins von beidem bin.
Bei Bestellungen via Internet läuft das ähnlich mit dem entscheidenden Unterschied, dass ich solche so gut wie gar nie tätige. Tue ich es dann doch einmal, dann fühle ich mich wie mein Hund in der Metzgerei: freudig überfordert. Weil es so schön kitzelt, stelle ich mit feurigem Eifer eine Liste all der Pflanzen zusammen, die mir den Atem rauben. Das alleine nährt bereits die dürstende Seele. Nachdem der Rausch verebbt ist und ich wieder mit beiden Füßen den Boden berühre, wird mehrmals über die Liste gegangen, hin- und hergegoogelt und dabei gnadenlos rausgestrichen, was in meinem Garten eventuell eh nicht richtig angehen würde oder mir ganz allgemein schlicht zu exaltiert vorkommt.
Bei diesem Katalog sollte es ganz anders kommen. Ob es am Topf-Tipp lag? Immerhin konnte der Gedanke: „Ächz … sommertrocken … ist es hier nirgends. Mist!“ freudig beiseite geschoben und ersetzt werden durch: „Na, einen Topf werde ich wohl noch sommertrocken hinkriegen, wäre doch gelacht!“ Auch sind Töpfe so herrlich beweglich. Da spielt es überhaupt keine Rolle, wenn ich jetzt noch keinen Hauch einer Ahnung habe, wohin mit diesen Dichelostemma ida-maia, die nicht nur einen exaltierten Namen, sondern auch ein solches Äußeres haben. Und das Problem mit den bereits im Boden befindlichen Zwiebeln ist keines, wenn ich dank der Töpfe dann pflanzen kann, wenn es am sinnstiftendsten ist, nämlich im Frühjahr, Herrgott. Ich glaube, es lag am Topf-Tipp. Und daran, dass dies mein erster richtiger Katalog war.
Nachdem ich beherzt aufgelistet und zwölfmal nichts Nennenswertes gestrichen hatte, schubste ich in het winkelwagentje, schaute ohne Wimpernzucken die herrlich unverschämt lang gelistete overzicht an und drückte wild entschlossen auf den entscheidenden Button. Der zügellosen Anfixerin schickte ich ganz stolz die Riesenliste und kam mir vor wie damals, als ich zum ersten Mal selber meine Schuhe binden konnte:
240 Allium triquetrum – In Verpakking: 10 stuks 1
294 Anemone nemorosa ‚Alba plena’ – In Verpakking: 5 stuks 1
9169 Anemone nemorosa ‚Blue Eyes’ – In Verpakking: 3 stuks 1
…
Belustigt schrieb sie zurück. Sie dachte zuerst, die Bestellnummer am Anfang jeder Zeile sei die Stückzahl, und nahm daher folgerichtig an, dass ich offensichtlich einen gigantisch großen Garten haben musste. Was wiederum mich zu belustigen vermochte: Als ob ich jemals so zügellos …
Ob dies der erste zaghafte Schritt hin zum Sammeldasein war? Mit unter anderem einem Alliümchen, drei Buschwindröschen- und sieben Narzissensorten mehr? Nein. Aber gekitzelt hat es. Und wie!