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Als die Chiefs die New England Patriots als prägendes NFL-Team ablösten, flogen dem Team die Sympathien zu. Nun stehen sie zum vierten Mal in fünf Jahren im Super Bowl. Ihre Omnipräsenz ermüdet.
Es gibt ein paar universelle, ungeschriebene Gesetze im Profisport. Eines davon: Die Menschen lieben Aussenseiter. Sie klatschen freudig, wenn es nach oben geht. Und vielleicht sogar dann noch, wenn man sich dort erst einmal halten kann. Aber irgendwann schlagen die Gefühle bei einem nicht unwesentlichen Teil des Publikums um – in Neid und Missgunst. Man kann das bei Serienchampions überall auf der Welt beobachten. Bei Novak Djokovic. Bei Manchester City. Dem BSC Young Boys. Und auch bei den Kansas City Chiefs.
Als die Chiefs 2019 erstmals seit fünf Jahrzehnten den Super Bowl erreichten, flogen dem Team aus der etwas verschlafenen Provinzstadt die Sympathien zu. Schon nur des Trainers wegen, Andy Reid, vom Erscheinungsbild her eine Art gemütliche Menschenversion des Lorax von Dr. Seuss, dessen Leben eine sehr amerikanische Geschichte erzählt: Weil das Geld nicht reicht, um die Familie durchzubringen, arbeitet er zu Beginn seiner Trainerkarriere nebenbei als Baseball-Schiedsrichter, für 15 Dollar pro Partie. Und als er 1992 bei den Green Bay Packers Tight-Ends-Coach wird, fährt er jeden Morgen schon um 3 Uhr 30 ins Büro, damit er dreieinhalb Stunden später zu Hause das Frühstück zubereiten und die Kinder in die Schule fahren kann, darunter die Söhne Garrett und Britt.
Die beiden schlittern in die Drogensucht, nachdem sie schmerzhafte Verletzungen mit Oxycontin betäubt haben. 2008 stirbt Garrett an einer Überdosis Heroin; Reid sagte später, er habe acht Jahre lang dafür gekämpft, dass sein Sohn von den Drogen wegkomme. Aber es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnten. Reid ist ein Getriebener, Football ist seine Ablenkung; man mochte es ihm gönnen, wenn er es schaffte, die Saison im Play-off ein bisschen zu verlängern, und sei es nur zu seinem psychischen Wohlergehen.
Die Chiefs sind so populär wie noch nie seit ihrer Gründung 1959
Da war Patrick Mahomes, dieser junge, quirlige Quarterback, dessen Spielfreude etwas so Ansteckendes hatte und der dafür sorgte, dass die Chiefs der NFL Rekordeinschaltquoten bescherten, weil er die Fähigkeit hat, in einem Spielzug eine ganze Partie auf den Kopf zu stellen. Da war Travis Kelce, ein Passempfänger mit durch und durch amerikanischer Überheblichkeit, die man ihm nachsah, weil er den Chiefs jene Selbstsicherheit gab, die es für den ganz grossen Wurf brauchte.
Es waren jene neuen, unverbrauchten Spieler, auf die Millionen von Football-verrückten Amerikanern gewartet hatten. Nicht, dass sie sonderlich wählerisch gewesen wären: Nach einer Dekade der Dominanz der New England Patriots war jeder willkommen, der für eine Wachablösung stand; zu viele waren der Dauerperfektion des Musterschwiegersohns Tom Brady und des stets missgelaunten Trainers Bill Belichick überdrüssig geworden.
Doch nun liegen die Dinge anders. Am Sonntag absolvieren die Chiefs als Titelhalter ihren vierten Super Bowl in den letzten fünf Jahren. In einer per ausgeklügeltem Draftsystem und Gehaltsobergrenze auf Parität getrimmten Liga ist das eine sagenhafte Bilanz.
Gewiss: Grundsätzlich sind die Chiefs so populär wie noch nie seit ihrer Gründung 1959. Ihre Merchandise-Artikel finden inzwischen auch in Südamerika und Europa Absatz, nachdem das Team Jahrzehnte jenseits des Scheinwerferlichts verbracht hatte. Doch gleichzeitig hat sich Kansas City in jenes verhasste Imperium verwandelt, welches es einst zerstörte. Eine leicht dubiose Studie eines Wettanbieters ernannte die Chiefs vergangene Woche zum «am meisten verhassten Team der NFL». Und tatsächlich gibt es eine Armada an Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken und Kommentarspalten an jenen Protagonisten abarbeiten, die sie vor nicht allzu langer Zeit noch in entrückter Euphorie beklatschten.
Ein entscheidender Treiber in diesem Prozess ist, klar, Neid. Und auch: die Allgegenwärtigkeit der Chiefs. «Ominpräsenz ist unsexy», hat der Hamburger Liedermacher Olli Schulz kürzlich gesagt. Und liegt damit völlig richtig. Es ist quasi unmöglich, in den USA eine halbe Stunde vor dem TV zu sitzen, ohne dass nicht jemand aus dem Chiefs-Universum in einem Werbespot versucht, einem etwas zu verkaufen. Reid beisst genüsslich in diese Subway-Sandwiches, die man auch nach einer vierwöchigen Fastenkur nur im absoluten Notfall freiwillig verspeisen würde. Kelce ist inzwischen als Freund von Taylor Swift weltbekannt geworden und wirbt für Impfungen von Pfizer. Mahomes hat so viele Werbeverträge, dass es niemanden überraschen würde, sollte er irgendwann für die Fischer Bettwaren AG vor der Kamera stehen.
Und dann ist da das veränderte Verhalten, das gerade bei Mahomes augenfällig ist. Es ist eine der unangenehmsten Unsitten im modernen Sport, nach jeder noch so trivialen Schiedsrichterentscheidung unablässig in grenzenloser Empörung zu flennen – egal ob sie korrekt war oder nicht. Mahomes hat das insbesondere in dieser Saison oft getan; nach einer Niederlage gegen Green Bay im Dezember verbrachten er und Reid fast eine Woche damit, auf den Referees herumzuhacken. Als ob es eine fiese internationale Verschwörung gegen die Chiefs geben würde. Ausgerechnet. Gegen jenes Team, das die NFL im Würgegriff hat.
Der Superstar Mahomes verdient bis 2031 mehr als 450 Millionen Dollar
So kommt es, dass nicht wenige sich bereits die nächste Wachablösung herbeisehnen. Es dürfte ein frommer Wunsch bleiben – Mahomes ist erst 28 und steht bei den Chiefs bis 2031 unter Vertrag. Bis dann wird er mehr als 450 Millionen Dollar verdient haben. Solange er die Offensive der Chiefs lenkt, ist mit dieser Equipe zu rechnen – zahlreiche Abgänge haben die Mannschaft bisher nicht entscheidend geschwächt. Auf eine mittelmässige Qualifikation liessen die Chiefs zuletzt eindrückliche Play-off-Auftritte folgen und überzeugten vor allem in der Defensive.
Vor dem 58. Super Bowl werden die Chiefs gegen die San Francisco 49ers bei den Buchmachern als leichte Aussenseiter gehandelt. Es dürfte nicht genügen, um bei den Massen von einem Aussenseiter-Bonus zu profitieren. Doch sollten Reid und Mahomes in der Nacht auf Montag in Las Vegas den dritten Titel ihrer Karriere feiern, werden ihnen die Popularitätswerte sehr egal sein.