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Der russische Schriftsteller Michail Schischkin hat als E-Book verschiedene Beiträge zu einer russischen Kulturgeschichte veröffentlicht, die ebenso auf den geistesgeschichtlichen Stoff Bezug nimmt, wie sie zugleich auf die aktuelle verlegerische Situation eingeht. Diese als "Einführung" verstandene Sammlung mit dem Titel "Tote Seelen, lebende Nasen" (ein Bezug auf den russischen Schriftsteller Nikolai Gogol) ist jetzt im Netz gespeichert.
Schischkin, in Russland geboren, heiratete eine Schweizerin und liess sich 1995 mit seiner Familie in Zürich nieder. Er arbeitete zunächst als Russischlehrer sowie als Dolmetscher für das Migrationsamt und führt seit der Veröffentlichung seines Romans "Venushaar" das Leben eines freien Schriftstellers.
Als er Russland verliess und in die Schweiz kam, brachte er in seinem geistigen Gepäck die russische Sprache als Teil seiner Heimat sowie die Geschichte und Kultur der Sowjetunion beziehungsweise Russlands als Momentum seiner Herkunft und Biografie mit.
Jeder Schriftsteller, der beschlossen hat, in einer Umgebung mit einer anderen als seiner erlernten Sprache zu leben, erkennt sich in doppelter Weise als Fremder und muss lernen, in zwei getrennten Welten zu leben. In der Schweiz stellte sich für Schischkin die russische Sprache als Existenzform heraus und tauchte er in dem für ihn zunächst fremden Land in die vertraute, aber oft krude Realität Russlands ein – nicht in die russische Seele, deren Existenz Schischkin als Fiktion ablehnt. Die Auseinandersetzung mit den Gräueln der sowjetischen Vergangenheit und den jüngsten Ereignissen in Russland (Tschetschenienkrieg, Krieg in der Ukraine), aber auch die Hochachtung vor den grossartigen Hervorbringungen der russischen Kultur wurden für ihn zu einer täglichen Notwendigkeit in Zorn und Verbundenheit.
Befragt dazu, weist Schischkin auf die Person Thomas Manns hin, der seine deutsche Identität nie verleugnet, aber in der Zeit seines kalifornischen Exils sich doch immer wieder gegen Deutschland ausgesprochen hat.
Von Russland in die Schweiz
Man kann Kritik immer auch als verletzte Liebe interpretieren. Wie gegen Russland, hat Schischkin auch im Verhältnis zur Schweiz eine kritische Unabhängigkeit bewahrt, wie er in verschiedenen Äusserungen wiederholt bewiesen hat. Aber auch eine ausgewiesene Vertrautheit mit der Schweiz hat er sich im Verlauf der Zeit angeeignet, wie dies zum Beispiel aus seinem Buch "Auf den Spuren von Byron und Tolstoi" hervorgeht, in dem er den zwei berühmten, auch literarisch festgehaltenen Reisen von George Gordon Byron und Leo Tolstoi von Montreux ins Berner Oberland wandernd gefolgt ist und nebenbei auch ziemlich freimütig zu verschiedenen helvetischen Mythen, auch zu Max Frisch, Stellung genommen hat.
Das erste seiner Themen für Schischkin ist jedoch Russland geblieben. An scharfen Aussagen über das heutige Russland, das von einer "Bande von Dieben" in "Geiselhaft" gehalten wird (so wörtlich), mangelt es nicht. Auch die zum Teil grotesken Entstellungen in russischen Schulbüchern kommen zur Sprache. In den genannten kulturgeschichtlichen Abhandlungen, auf die hier näher eingegangen werden soll, reichen die Themen von den Schriftstellern Alexander Puschkin, Iwan Turgenew und Leo Tolstoi über den Feldzug des russischen Generals Alexander Suworow in der Schweiz und die Schlacht auf der Teufelsbrücke in der Schöllenen gegen französische Truppen (mit einem überraschenden Exkurs über Wilhelm Tell, gesehen aus russischer Perspektive) bis zu der fürchterlichen existenziellen Erkenntnis, die die Komponisten Dmitri Schostakowitsch und Sergei Prokofjew machen mussten, dass ihnen unter Stalins Regime jede Nacht Verhaftung und Internierung drohte.
Auch ein Artikel ist enthalten, in dem die Schweizer Mädchenfigur Heidi zwei russischen Frauen gegenübergestellt wird: Marina Zwetajewa, der Dichterin in finsterer Sowjetzeit, und Nadeschda Krupskaja, der Witwe Lenins, die unter Stalin mit rabiatem Eifer die Jugendliteratur betreute und das Heidi-Buch verhinderte.
Einige dieser Beiträge sind in der Vergangenheit schon publiziert worden, oft in einer Kurzversion. Als Schischkin dann an deren Veröffentlichung als multimediales Unternehmen mit Kommentaren, Bildern, Musik- und Videofragmenten dachte und es den Verlagen anbot, winkten diese ab: technisch zu aufwendig, ausserdem machte die verlegerische Kalkulation eine Verbreitung angeblich unmöglich.
Subjektiver Blick, enzyklopädisches Format
Schischkin war enttäuscht, empört. Er hatte den Eindruck, dass die Verlagsleute sich zwischen ihn und seine Leserschaft, von der er viele positive Signale erhalten hatte, zu schieben versuchten. Sollte das Werk auf der Strecke bleiben? Es war Schischkins zweite Ehefrau Evgenya Schischkin, mit der er heute in Kleinlützel (SO) lebt, die den springenden Gedanken hatte: Dann machen wir das Buch selbst. Und so geschah es.
Die Schischkins gründeten den Verlag "Petit Lucelle Publishing House" (Petit-Lucelle ist der französische Name ihres Wohnorts), Michail überarbeitete und erweiterte die deutsch geschriebenen Texte, Evgenya lernte Technik und Gestaltung des E-Publishing, und das Werk wurde realisiert. Es kann heute aus dem Internet heruntergeladen werden (siehe die Angaben am Schluss).
Es ist ein Werk mit subjektivem Blick und von enzyklopädischem Format, das gleich auch noch die modernste Publikationsform für seine Verbreitung benützt. Für Schischkin stellt die erzielte Realisierung des Vorhabens seine "persönliche Rebellion gegen die Salesmanager", so Schischkin, und gegen das kommerzielle Denken der Verlage dar.
Der Inhalt ist in 16 Kapitel eingeteilt. Hinzu kommen über 400 Zusätze oder Metainformationen, die wie ausgreifende Fussnoten gelesen werden können. Schischkin selbst bezeichnet sie als "Kommentare" beziehungsweise "Miniromane", jedoch ohne fiktionalen Inhalt. Links erlauben es, durch das komplexe Textkonstrukt zu navigieren.
Ein Beispiel für viele: Stalin liess die 1883 eingeweihte Erlöserkirche in Moskau 1931 schleifen. An die selbe Stelle sollte ein Palast der Sowjets errichtet werden, ein Bauwerk von 415 Meter Höhe, das im Fall seiner Ausführung das höchste der Welt zu der Zeit gewesen wäre: ein Gebäude wie der Sockel eines Denkmals, auf dessen Spitze eine weitherum sichtbare Statue von Lenin vorgesehen war. Aber es ergab sich nichts daraus. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten eingestellt und das Baumaterial für die Konstruktion der ersten Krim-Brücke verwendet. 1959 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen, aber nun sollte an der Stelle ein Freischwimmbad zu stehen kommen, in nächster Nähe zum Kreml. Das Freibad bestand von 1960 bis 1994. Danach wurde am gleichen Ort nach den alten Plänen eine Replika der Erlöserkirche errichtet – für Schischkin ein Kapitel aus dem russischen Ideenkampf, der am Beispiel verschiedener Denkmäler geführt wurde.
Dieser gewundene Verlauf der Baugeschichte wird von zahlreichen Abbildungen begleitet (auch Dokumentarfilmausschnitte sind dabei) – wie alle übrigen Beiträge ebenfalls. Gerade was die Auswahl der Illustrationen betrifft, kann man von einem Abstieg in die Verliese des russischen und sowjetischen Imaginären sprechen. Zum Beispiel ist der Artikel "Chaos statt Musik" in der Prawda vom 28. Januar 1936 reproduziert, in dem der Komponist Dmitri Schostakowitsch für seine Oper "Lady Macbeth von Mzensk" lebensbedrohlich gemassregelt wurde – weil sie Stalin missfiel. Ein fast unscheinbarer Zeitungsclip, aber mit entsetzlichen Folgen auf das Kulturleben der damaligen Sowjetunion. Heute gehört die Oper zu den zentralen Werken der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Schostakowitsch hat sie später, als sich die politischen Verhältnisse etwas gemildert hatten, überarbeitet und als "Katerina Ismailowa" neu herausgebracht. Heute wird diese Fassung jedoch kaum noch beachtet.
Als weitere Trouvaille kann die Abbildung zitiert werden, auf der der Pianist Svjatoslav Richter in einer Filmrolle als Franz Liszt zu sehen ist.
Walser, Joyce, Scharow
Die Wirkung, die die Ankündigung der hier vorgestellten "Einführung" in die russische Kulturgeschichte ausgelöst hat, war erfreulich und hat die Schischkins ermutigt, auf dem gleichen Weg weiterzugehen. Ein neues Projekt ist schon in der Pipeline: Schischkin hat drei gewichtige literarische Essays verfasst, einen über Robert Walser, einen über James Joyce und einen dritten über den russischen Schriftsteller Wladimir Scharow. Sie sollen sowohl in einer Printversion unter dem Titel "Ein Buchstabe auf Schnee" wie als E-Book im Netz erscheinen, ermöglicht durch ein Crowdfunding – auch dies eine neue Vorgehensweise, um ein Publikum zu finden. Von Scharow hält Schischkin viel, und er hofft, auf diese Weise die Aufmerksamkeit auf diesen hierzulande unbekannten Autor ziehen zu können.
Zusätzliche Informationen:
– Das E-Book kann für Fr. 39.-- auf der folgenden Seite heruntergeladen werden: www.schischkin.net
– Um einen Beitrag an die Realisierung des Buchs mit den drei literarischen Essays zu leisten: https://Wemakeit.com/projects/ein-buchstabe-auf-schnee