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Können Sie sich auch noch genau an Ihre Pubertät erinnern? Und schämen Sie sich dabei für sich selbst? Denken Sie, Mist, ich sollte wirklich mal meine Eltern um Entschuldigung bitten? Für all den Unsinn, der damals nur für Sie Sinn machte? Ich dachte mir dies im Kino, ich schaute mir «Boyhood» an, den Film, an dem Richard Linklater 12 Jahre lang gedreht hat. Der Film dauerte mit Vorspann und Pause gute drei Stunden, und am Ende dachte ich, na, eine halbe Stunde mehr würde jetzt auch nichts schaden.
Obwohl der junge Mason, der am Anfang ein lustiges Kind gewesen war, am Schluss als traniger Teenager irgendwo auf einem amerikanischen Hügel sass und unter dem Einfluss leichter Drogen dumme Dinge vor sich her schwafelte und meinte, das sei klug. Er hätte allerdings genau die gleichen Dinge auch ohne Fremdeinfluss so gesagt. Es ist dies ja auch ein bisschen der Fehler aller Hauptfiguren in fast allen Filmen von Richard Linklater. Also besonders von Celine und Jesse in «Before Sunrise», «Before Sunset» und «Before Mignight». Die beiden, die sich bei einer Zugfahrt nach Wien kennenlernten und eine Nacht lang durchplauderten und dann eine über drei Filme zerdehnte Art von Affäre hatten. Die beiden begleitete Linklater sogar 18 Jahre lang.
Linklater muss ein Mann sein, mit dem Leute gerne leben. Und für den sie gern so reden, als wären sie in einer anhaltenden Pubertät gefangen. Vielleicht, weil er ein so guter Freund wird. Für die eine Hälfte des Publikums macht gerade dies seine Filme schwer erträglich, für die anderen umso leichter.
Weil unsere Zeit genau dies so sehr liebt. Das Herumtändeln im emotionalen Provisorium (und oft auch im materiellen Prekariat), das wir für eine verlängerte Jugend halten, das Sich-Ausruhen im Ungefähren. Es ist, zugegeben, eine Art Verzauberung, die sich da vollzieht, vielleicht sogar eine neu gefundene Unschuld in einer Welt, die das, würden wir sie nüchtern betrachten, schon lang nicht mehr zuliesse. Vielleicht, so dachte ich mir, soll man die Kinder, die so lange Kinder bleiben wollen, nicht schelten, sondern ihnen helfen, sich in Schutz zu bringen vor der Welt.
Vielleicht ist an ihrem Eskapismus gar nicht soviel Schlechtes. Sie sind sehr lieb, die grossen Kinder von heute, sie tun sich und Ihnen und der Welt nichts zu Leide, im Gegenteil, sie haben einen Überschwang an Liebe in sich, den sie immerzu grosszügig ausschütten, und das bisschen an Verantwortung und an politischem Bewusstsein, das ihnen gerade noch zumutbar ist, das ist, von mir aus gesehen, auf der richtigen Seite, also nicht auf der Rechten.
Nur um das Erwachen aus dem Dornröschenschlaf mach ich mir Sorgen. Um den Moment, da die Welt zubeisst, das Geld versiegt, die Eltern plötzlich alt und bedürftig sind, die Liebe davonläuft, das Kind behindert zur Welt kommt und sich darin nie so wohlig zurechtfinden wird wie die Eltern. Vielleicht sollte ich mir «Boyhood» noch einmal ansehen. Von Seiten der Mutter. Die eine Krampferin ist und unglücklich, weil die Männer, die sie am Wegrand ihres Ernährerinnenkampfs aufliest, soviel schwächer sind als sie und irgendwann immer im Alkohol landen.
Überhaupt, dass «Boyhood» sich in einer Spirale fortwindet, und die Figuren immer wieder an einer Biegung sich selbst begegnen, sich selbst in einem Kind wieder erkennen oder in einem jungen Erwachsenen, dass das ganze Leben also gar nichts so riesig Besonderes ist, sondern dass sich das vermeintlich Individuelle in einem riesigen Spiegelkabinett der Gesellschaft auflöst, das hat mir wunderbar gefallen. Und wenn Sie heute einem jungen Menschen begegnen, der zu träumen scheint, dann rütteln Sie ihn nicht wach. Träumen Sie lieber ein bisschen mit ihm mit.
«Boyhood» läuft jetzt im Kino.