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Herr Jenni, können Eltern den Schulerfolg beeinflussen?
Wenn Kinder in die Schule kommen, sollten Eltern wie Lehrer ihre Erwartungen an die Möglichkeiten des Kindes anpassen, fordert Oskar Jenni, Co-Leiter der entwicklungspädiatrischen Abteilung des Kinderspitals Zürich. Denn Kinder sind unterschiedlich weit entwickelt. Ein Gespräch über individualisierten Unterricht, Schulpsychologen und Lernprobleme.
Eine schöne, alte Stadtvilla am Fusse des Züribergs. Hier, unweit des Kinderspitals, finden Besucher die Räume der entwicklungspädiatrischen Abteilung. Oskar Jenni kommt die knarzende Stiege hinunter. Sein Gang ist schwungvoll, sein Händedruck fest. «Lassen Sie uns anfangen», sagt der Kinderarzt und zeigt auf ein freies Sitzungszimmer. Oskar Jenni ist voll bei der Sache.
Herr Jenni, Kinder treten hierzulande mit sechs Jahren in die Schule ein. Auf welchem Entwicklungsstand sind sie in diesem Alter?
Der Entwicklungsstand ist, wie in jedem Alter, sehr unterschiedlich. Ich würde sagen auf dem eines viereinhalb bis siebeneinhalb Jahre alten Kindes.
Können Sie uns das erläutern?
Wenn eine Lehrerin eine erste Primarklasse mit 20 sechsjährigen Kindern vor sich hat, unterscheiden sich die Kinder in ihrem Entwicklungsalter um bis zu drei Jahre. So steht beispielsweise ein Junge, nennen wir ihn Ruben, auf dem Entwicklungsstand eines Siebenjährigen und kann bereits Schreiben, während die gleichaltrige Mara mit einem Entwicklungsalter von fünf Jahren weit davon entfernt ist. Zusätzlich ist auch ein und dasselbe Kind nicht in allen Bereichen gleich weit entwickelt. Das heisst, Ruben mag in seinen schriftlichen Fähigkeiten auf dem Stand eines Siebenjährigen sein, sein Sozialverhalten entspricht aber eher dem eines Fünfjährigen. Die Norm ist, dass ein Kind Stärken und Schwächen hat. Wie wir Erwachsenen auch.
Wann ist ein Kind also schulreif?
Der Begriff Schulreife orientiert sich am Kind. Man schaut aufs Kind und fragt, ob es sprachlich, kognitiv, in seinem Sozialverhalten, der Selbstständigkeit, im Arbeitsverhalten und in seinen motorischen Kompetenzen so weit ist, den Schulalltag zu meistern. Ob das Kind aber eingeschult werden soll, hängt auch von anderen Faktoren ab, beispielsweise von der Schule, in die es kommen wird. Welches Leitbild vertritt diese Institution? Wie steht es um die Erfahrung der Lehrpersonen? Die Klassengrösse? Passt das Profil des Kindes in diese Schule oder nicht? Das ist die eigentliche Frage, die wir uns stellen müssten ...
… was aber nicht der momentanen Praxis entspricht.
Stimmt, aber diese Art der Individualisierung wäre kindgerecht. Es geht darum, sicherzustellen, dass die Eigenheiten des Kindes mit den Anforderungen der Umwelt und in diesem Fall mit denjenigen der Schule übereinstimmen. Man muss sich einfach bewusst sein: Kinder sind in ihrem Wesen sehr unterschiedlich, und man muss diese Variabilität zwischen Kindern akzeptieren, das Kind so annehmen, wie es ist, und es seinem Entwicklungsstand entsprechend fördern.
Sie sprechen damit den individualisierten Unterricht an.
Individualisierter Unterricht ist eine Herausforderung und gerät dadurch, dass Bildung ständig getestet, standardisiert und evaluiert wird, unter Druck. Die heutige Bildungspolitik geht nicht vom Kind aus, sondern wird von ökonomischen Interessen geleitet. Bildung wird als eine der wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen und Erfolgsfaktoren eines Landes verstanden. Und dieser Rohstoff gilt es aktiv und gezielt zu fördern. Das steht im Widerspruch zur Individualisierung.