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Als in den frühen Morgenstunden des 24. Februar die ersten russischen Bomben in Kiew einschlugen, blieb Tanja Voevodina regungslos in ihrem Bett liegen. Sie fiel in eine Schockstarre, unfähig, auch nur einen Arm anzuheben. Ungefähr 20 Minuten, schätzt sie heute, habe dieser Zustand gedauert. In den Quartieren in der Nähe ihrer Wohnung schlugen Bomben ein. Trotzdem wollte Tanja Voevodina nicht weg. Sie blieb danach noch einige Tage in Kiew, in ihrer Wohnung, zusammen mit Lucy, Dior, Persik, Lolik, Lyowa und Lunya, ihren Katzen. Schliesslich überredete sie ihre Tochter, die mit ihren Kindern in den ersten Tagen des russischen Angriffs geflohen war und inzwischen in Sevelen lebte, das Land zu verlassen.«Wie Kinder» seien die Katzen für sie. Sie habe sie in Kiew «von der Strasse» geholt, gefunden über Facebook. Manche seien von ihren früheren Besitzern misshandelt worden; eine sei aus dem Fenster geworfen worden, eine andere habe, geschwächt vom Hunger, kaum laufen können, als sie sie zu sich nahm. Auch wegen ihrer Leidensgeschichten sei es für sie undenkbar gewesen, die Katzen in einer Stadt unter Beschuss zurückzulassen. Eines frühen Morgens habe sie die Katzen und eine Tasche mit dem Nötigsten in ihr Auto gepackt und sei losgefahren.Da sei eine Frau mit sechs Katzen, die nicht alle in der Rosenau in Kirchberg untergebracht werden könnten. Im ehemaligen Altersheim in Kirchberg können Geflüchtete aus der Ukraine bleiben, bis sie in eine andere Gemeinde im Kanton weitergeleitet werden. Brigitte Baumgartner, die für die Haustiere der Geflüchteten in der Rosenau Besorgungen macht, telefonierte daraufhin dem Tierheim Nesslau. Dort konnte der Tierschutzverein ein Katzenzimmer buchen, in dem Lucy, Dior, Persik, Lolik, Lyowa und Lunya drei Wochen bleiben konnten, bis Tanja Voevodina die Wohnung in Unterwasser bekam. Wegen des Status der Ukraine als Tollwutland durften ihre Katzen keinen Kontakt zu anderen Tieren haben. Inzwischen sind alle geimpft. Eine «Hauruck-Aktion» sei es schon gewesen, erinnert sich Heimleiterin Cathrin Zimmermann. Dank digitalem Übersetzer und WhatsApp habe die Verständigung aber letztlich geklappt.
Die Katzen holte sie von der StrasseEs ist ein sonniger Tag im April, als Tanja Voevodina in einer holzgetäfelten Küche in Unterwasser erzählt, wie sie mit ihren Katzen hierhergelangt ist. Immer wieder bricht sie ab, unterdrückt die Tränen, versichert der Übersetzerin aber jeweils schnell, es sei okay. Sie wolle weitererzählen.
Das Katzenklo hinter dem FahrersitzTanja Voevodinas erstes Ziel war Tscherkassy. In der 160 Kilometer südöstlich von Kiew gelegenen Stadt blieb sie einige Wochen bei Bekannten. Bis die Bomben auch dort einschlugen. Wieder packte Tanja Voevodina ihre Katzen frühmorgens ins Auto und fuhr weiter. Eine Woche lang sei sie jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden und dann so lange gefahren, bis sie fast am Steuer einschlief. Die Katzen kletterten im Auto umher und benutzten das Katzenklo hinter dem Fahrersitz. Einige Katzen, erzählt Tanja Voevodina, hätten sich am Anfang der Flucht aus Furcht versteckt, im Kofferraum oder unter einem Sitz. Eine Woche nachdem sie in Tscherkassy aufgebrochen war und nach weiteren Stationen in Rumänien, Ungarn und Österreich erreichte Voevodina den Schweizer Zoll.
Auf dem Weg nach Kirchberg im Tierheim vorbeiAm Abend dieses Tages bekam Brigitte Baumgartner, Präsidentin des Tierschutzvereins Toggenburg, einen Anruf von Claudia Nef. Diese ist die Leiterin des Trägervereins Integrationsprojekte St. Gallen (TISG), der die Unterbringung der Geflüchteten aus der Ukraine organisiert.
Tanja Voevodina: «Mein Leben ist in Kiew»Seit Tanja Voevodina in Unterwasser sei, spaziere sie jeden Tag zu den Thurfällen. Sie zeigt Fotos auf dem Handy, von sich und ihrer Tochter, auf dem Holzsteg, im Hintergrund der nasse Fels und der schäumende Wasserfall und sagt:
Ein wunderschöner Ort. Es tut mir gut, die Kraft des Wassers zu spüren.Mehr als den täglichen Spaziergang und einen Ausflug ab und zu könne sie noch nicht unternehmen. Noch immer, mehr als einen Monat nach ihrer Ankunft in der Schweiz, sei es für sie ein grosser Stress, das Haus zu verlassen. Sie sei froh, dass die Katzen bei ihr seien. Irgendwann will sie mit ihnen nach Kiew zurückfahren. «Ich werde immer dankbar dafür sein, wie mir hier geholfen wurde. Aber mein Leben ist dort.»