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Einen wilden Unternehmer, so nennen mich andere. Das Transportgewerbe gehört zu den ganz harten Branchen, da braucht man starke Nerven und ein stabiles Rückgrat. Ich setze mich auch selber immer wieder in einem meiner Lkw hinters Steuer und gehe auf Tour. Dabei bin ich zum Beispiel schon mal zwei Wochen im Iran hängengeblieben. Letzte Woche bin ich nach Italien gefahren, denn dort verkehren rund 200 unserer Lkw. Dort will momentan lieber niemand sein. Also dachte ich mir: Es macht sich wohl nicht schlecht, wenn der Chef auch selber mal nach Italien fährt. Daher machte ich eine Rundtour mit Zeitungsdruckpapier nach Rom und einer Ladung Toilettenpapier aus Napoli zurück in die Schweiz. Aber der Reihe nach…
«Ich sah mich als ein Nichts»
Ich kam als jüngstes von vier Kindern im Jahr 1971 auf die Welt. Mein Vater hatte zwei Jahre zuvor seine eigene Transportfirma gestartet. Als ich zwei Jahre alt war, gab es die erste Ölkrise. Das war ein Kampf ums Überleben für das junge Unternehmen. Später realisierte ich, dass meine grossen Brüder mir in allem überlegen waren. Mit ihnen verglichen konnte ich nichts.
In der Schule lief es nicht besonders gut. Immer wieder stand im Zeugnis, ich sei ein wildes und eher unkonzentriertes Kind. Nach der Schule sollte ich daher in ein Internat. Dieses Internat sei strenger als jede Rekrutenschule und da würden solch wilden Kerlen wie mir Manieren beigebracht. Ich selber sah mich in einem anderen Licht als meine Eltern, eher als ein Nichts. Das Einzige, das wirklich gut lief bei mir, war mein Mundwerk. Damit brachte ich meinen Vater immer wieder auf die Palme.
Ab ins Internat
Im Frühling 1987 rückte ich also ins Internat ein. Zum ersten Mal lebte ich ohne meine Familie, dafür mit 55 anderen Jungs aus der ganzen Deutschschweiz. Das war es dann mit einem wohlbehüteten Zuhause. Keine Mutter mehr, die einem «Gute Nacht» sagte. Niemand mehr, der einem zuhörte oder einen in die Arme nahm. Ich wurde quasi über Nacht erwachsen. Meine Eltern organisierten eine Familie, die mich am Sonntagmorgen abholte, mich in einen Gottesdienst mitnahm und zum Mittagessen wieder im Internat ablieferte. Ich war der einzige von 55 «echten Kerlen», der in den Gottesdienst musste. Playboy, Penthouse und andere einschlägige Hefte zirkulierten laufend. Etliche rauchten, einige von ihnen Gras.
Alle sieben Wochen durften wir übers Wochenende nach Hause. Ich wollte immer meinem Vater gefallen, was mir leider nie so recht gelang. Vielleicht war dann die Wahl des aus seiner Sicht richtigen Berufes der Schlüssel zum Erfolg. Aus freien Stücken wählte ich den Beruf des Lkw-Mechanikers. «So einer fehlt uns», hatte ich immer wieder von meinem Vater gehört. Meine Brüder waren beide als Kaufmänner unterwegs. Mein Vater hatte einen Betrieb im Nachbardorf im Sinn, doch der wollte mich eigentlich nicht. Also katapultierte mein Vater den Sohnemann mit entsprechendem Druck in die Lehrstelle. Doch dort war mir bereits nach zwei Wochen klar, dass das nicht meine Berufung war.
Auch in anderer Hinsicht lief es nicht so gut: Meine «Angebetete» wollte mich nicht, aber ich blieb dran. Nach abgeschlossener Lehre war ich zuerst für ein halbes Jahr als Lkw-Fahrer in Vaters Betrieb tätig. Ich gab alles, um ihm zu gefallen. Stellte neue Kilometerrekorde auf, doch der federführende Disponent sagte dann doch zu mir: «Dani, du bist eine lahme Ente!» Ich machte noch eine kaufmännische Ausbildung. Der Freitag war frei und zum Lernen gedacht, doch ich unternahm jeweils eine Italienrundtour mit dem Lkw und war am Samstagabend wieder zu Hause.
Schwerer Unfall
Schliesslich konnte ich meine Traumfrau Andrea doch noch heiraten. Doch ein halbes Jahr später hatte ich einen schweren Unfall. Ich erinnere mich, wie ich auf der Unfallstelle aus der Ohnmacht erwachte. Ich konnte nur noch sehr mühsam atmen, unter meinem Kopf war eine Blutlache. Ich spürte, dass ich starke innere Verletzungen haben musste. Wie ein Film zog mein Leben an mir vorbei, meine ersten 23 Jahre, die Hochzeit. Ich weiss noch, wie ich dachte: Gott, das kann es doch nicht gewesen sein, ich will noch leben, ich will noch beweisen, dass ich doch zu gebrauchen bin. Dann kam der Rettungswagen und es wurde schwarz um mich. Ich überlebte nach dramatischen fünf Tagen, in denen ich mit dem Tod rang. Die Diagnose: Abriss des linken Lungenflügels.
Einige Monate nach dem Unfall setzte ich meinen Vater unter Druck, mir eine Aufgabe zu geben, in der ich beweisen könne, dass ich zu gebrauchen sei. So wurde ich mit 24 Jahren Geschäftsführer einer sehr maroden Sauerkrautfabrik, die meine Eltern kurz vor meinem Unfall gekauft hatten. Meine Gesundheit war alles andere als intakt. Mein Wunsch, Transportunternehmer zu werden, rückte in weite Ferne, denn mein Bruder hatte den elterlichen Betrieb inzwischen gekauft. Wöchentlich musste ich ins Krankenhaus zu einer Lungenspiegelung. Alle zwei Monate hatte ich einen Eingriff unter Vollnarkose, 1999 dann eine weitere riskante Operation: Mein linker Hauptbronchus musste entfernt werden und der linke Lungenflügel wurde direkt an die Luftröhre angeschlossen. Zwei Wochen nach der siebenstündigen Operation war ich wieder im Geschäft. Ich hatte die Firma, die mit einem grossen Defizit gestartet war, binnen weniger Jahre in ein sehr florierendes Unternehmen umgewandelt.
Geht der Bubentraum in Erfüllung?
Im Jahr darauf kam ein Anruf meines Bruders: «Dani, du musst sofort nach Hause kommen, unser Vater ist tödlich verunglückt!» Ein Jahr zuvor hatte ich meinen Eltern die Sauerkrautfabrik abgekauft. Ausser Schulden besass ich nichts. Auch wenn die Beziehung zu meinem Vater nicht super war, wurde mir schlagartig bewusst: Nun stehst du mit der ganzen Verantwortung alleine da! Ein Jahr später teilte mir mein Bruder mit, dass er die Zukunft im Transportgewerbe nicht mehr sehe, er werde die Firma verkaufen. Wenn ich diese wolle, sei jetzt der Moment.
Das war der Zeitpunkt, wo ich zum ersten Mal klar und deutlich eine Stimme in mir hörte, die für mich Gottes Stimme war: «Dani, wenn du die Firma kaufen willst, muss Folgendes passieren: Dein Treuhänder soll kündigen und dein Finanzchef werden. Die Bank muss dir den ganzen Fehlbetrag blanko finanzieren und deine Frau muss ein Ja zu diesem Kauf finden.» Alles ging wie durch ein Wunder in Erfüllung. So wurde ich Inhaber der Firma, die immer schon mein Bubentraum gewesen war.
Innerhalb von sieben Jahren baute ich den Fuhrpark von 40 auf über 300 Lkw aus. Meine Frau ermahnte mich oft, sie sorgte sich um meinen Charakter, womit sie nicht unrecht hatte. Alles drehte sich um Erfolg und Geld. Ich wiegelte immer ab. Auf meinen Lkw stand seit 2003 selbstsicher: Yes, we can! Alles schien mir zu gelingen. Nur mein Vater war nicht mehr da, den ich doch damit hatte beindrucken wollen.
Doch dann ging ab 2009 plötzlich alles den Bach runter. Die Weltwirtschaft steckte in einer Krise. Die Umsätze sanken, die Gewinne brachen weg. Ich war in einem harten und bitteren Überlebenskampf angekommen. Mein Glaube war ein Glaube der Mathematik mit zu wenig Herz und Gnade. Für mich zählten die Werke. Meine Überzeugung war: Ist Gott zufrieden mit dir, hast du Erfolg, geht es schlecht, ist das eine Strafe Gottes. Ich litt wie ein Hund und ging langsam kaputt.
Verändernde Botschaft
Immer wieder lud uns ein Ehepaar ein, wir sollten einen Mann besuchen, der aus Neuseeland kam und angeblich einen guten Draht zu Gott hatte. Ich lehnte ab, doch nach fünf Jahren Krise war ich weichgekocht. Ohne uns und unsere Situation zu kennen, erzählte uns dieser Mann die Geschichte eines Freundes, die im Grunde meine war. Gott habe ihm für seinen Freund einen Traum von zwei mit einer Brücke verbundenen Türmen geschenkt, erzählte der Mann. Einer der Türme sei prächtig gewesen, der zweite dagegen im Rohbau und nicht tragfähig. «Gott hat dir Gelingen, Erfolg und Reichtum geschenkt. Dies ist der schöne Turm. Dein Glaube indes ist der zweite Turm, welcher im Rohbau stehengeblieben ist. Die Brücke ist das Angebot Gottes, Gemeinschaft mit ihm zu haben. Solange dein Glaube im Rohbau ist, darf der andere Turm nicht mehr weiter wachsen. Die Ungleichheit ist schon jetzt zu gross und die Stabilität nicht mehr gegeben. Darum habe ich deine Unternehmungen gestoppt.»
Ich war von der Botschaft völlig getroffen. In der Folge wollte ich im Glauben wachsen. Meine Frau und ich besuchten auch Seminare. Auf einem davon fand ich eine neue Freiheit, wie ich sie noch nicht gekannt hatte. Ich hörte einerseits, dass Gott mich genau so gewollt hat, wie ich bin. Ein wilder Abenteurer, immer auf dem Weg, neues Land zu erobern. Aber andererseits lernte ich auch meine Wunden kennen, die mich an einem befreiten Leben hinderten. Da war dieser elende Minderwertigkeitskomplex, gepaart mit Stolz. Ich lernte den liebenden, gnädigen Gott kennen, der mich und mein Herz meint und nicht meine Taten. Mein Leben veränderte sich. Aus «Yes, we can!» wurde «In God we trust», was heute auf jedem meiner 500 Lkw steht. Ich war nicht mehr der Getriebene, sondern sein geliebtes Kind. Meine Firmen wurden seine Firmen.
Gott hat einen Plan – auch für dich
Wir erlebten etliche Wunder wie den Bau eines Logistikcenters für geplante 76 Millionen Franken. Das Bauland war eigentlich für Transport und Logistik gesperrt. Alle meine Mitbewerber wollten die Fläche. In mir war eines Nachts wieder diese Stimme, ich solle einfach einen Brief an die zuständige Gemeindebehörde schreiben. Aus menschlicher Sicht völlig aussichtslos, denn die Behörde wollte ja Transport und Logistik verhindern. Dennoch öffneten sich die Türen. Ohne Zusicherung einer Bank und somit ohne gesicherte Finanzierung planten wir weiter. Trotz vieler Rückschläge konnten wir letztlich alles finanzieren. Denn wenn Gott baut, bezahlt er auch. Heute sind die Logistikflächen voll belegt.
Es läuft nicht alles paradiesisch. Ich bin zum Beispiel nicht alle meine Schwächen losgeworden. Gott hat uns nicht das Paradies auf Erden ohne Mühen versprochen. Seine Zusagen sind in einer weit grösseren Dimension zu sehen. Er verspricht uns das Leben aus der himmlischen Perspektive und nicht aus der menschlichen. Egal, in welcher Situation du persönlich in dieser Zeit steckst – ich möchte dir Mut machen, dich an diesen liebenden himmlischen Vater zu wenden, denn er hat einen Plan für einen jeden von uns.
Zur Person:
Dieser Text erschien zuerst im Buch «Hoffnung – Zuversicht in Zeiten von Corona» von Andreas Boppart.
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