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Pauline Julier / Aurelio Buchwalder
27. März 2019
... weder das eine noch das andere im Fall von «Naturales Historiae»: Zuerst kam der älteste Wald der Welt. Die Idee keimte in mir, als ich das Bild eines 300 Millionen Jahre alten versteinerten Waldes entdeckte, der dank der Ausgrabungen von Professor Jun Wang in einer Kohlenmine im Norden Chinas aus der Vergessenheit geholt wurde. Es handelt sich um eine visuelle Darstellung eines merkwürdigen tropischen Waldes, bestehend aus längst verschwundenen Bäumen, Farnen und Reben, die nach einem Vulkanausbruch unter Asche und Lava begraben wurden. Mit Fragmenten von Blättern und Zweigen, die in einer extrem harten und kompakten Schicht von vulkanischem Tuffgestein konserviert waren, gelang es den Wissenschaftlern, den Wald auf einem Quadratkilometer zu rekonstruieren. Sie nannten ihn «Pompéi Végétale», das Pompeji der Pflanzen. Dieses Bild faszinierte mich total – ein Bild von vor der Existenz der Menschen und sogar der Tiere … Dieses plötzliche Erscheinen einer so fernen und unbekannten Zeit war schwindelerregend. Ich sah in diesem Wald die älteste Landschaft der Welt, die erste Landschaft, die ein Vulkanausbruch für immer im Fels verewigt hatte. Ich verspürte den Drang, die Rekonstruktion dieser Landschaft aus der Nähe zu verfolgen, von den Versteinerungen bis hin zum Bild des Waldes. Zu Beginn plante ich eine Schilderung des Waldes, doch im Laufe der Vorbereitungen und der Dreharbeiten generierten die Forschungsarbeiten von Professor Wang – die auf dem Gedanken basierten, die Natur möglichst treu darzustellen – andere Geschichten und Situationen in mir, in denen sich der Mensch mit der Natur konfrontiert sieht und seine Überzeugungen ins Wanken geraten. Ich dachte an Jules Verne; an Marie Shelley mit ihrem Frankenstein; an den Vesuv und Pompeji mit San Gennaro in Neapel und seinem Blutwunder – zahllose subjektive Assoziationen, ausgehend von diesem ersten Bild eines Waldes.
▶ Originaltext: Französisch
Die erste Begegnung mit der Gefängnisinsel mache ich am Hafen von Livorno. Im Schatten von Kreuzfahrtschiffen und Industriefrachtern steuert unbeachtet ein kleiner Kutter, beladen mit Heuballen und Schafen, ins offene Meer hinaus. Zwei Jahre später, an einem sonnigen Februartag, schlage ich selbst diese Richtung ein. Ich sitze im Wachtboot der Gefängnispolizei und werde zusammen mit zwei Wärtern zur landwirtschaftlichen Strafkolonie Gorgona gefahren, der letzten Gefängnisinsel im westlichen Mittelmeer. Ich befinde mich in der Ideenentwicklung, um einen Film über die Insel zu drehen. Mich fasziniert der idyllische Ort, der als Gefängnis dient und zugleich dessen gesellschaftliche Isolation illustriert. Auf Gorgona ist die Zelle die Insel, die Mauer das Meer, der Häftling der Bauer und der Wärter der Gefangene.
Kurz nachdem wir von Bord steigen, fährt das Wachtboot zurück. Es wird erst in zehn Tagen die Insel wieder erreichen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt das niemand. Noch besitze ich keine Dreh‑
bewilligung, erst eine kurzfristige Genehmigung vom Nationalpark. Mit den Häftlingen ist es mir untersagt zu sprechen, und zu den meisten Orten darf ich nicht hin. Auf der Bank vor der Kaserne sitzt ein älterer Herr. Ich bin mir sicher, dass es ein Häftling ist und frage ihn nach den Essenszeiten. Erst beim Abendessen erfahre ich, dass es der Gefängnispsychologe ist, der schon seit über dreissig Jahren hier arbeitet. Die Verwechslung ist mir peinlich, doch wird mir Giuseppe, wie man ihn nennt, später den Zugang zu den Häftlingen erleichtern und selbst eine tragende Rolle im Film einnehmen. Die Wärter schliessen mich in ihren Kreis. So passe ich mich ihrem Rhythmus an, denn die Kaffee- und Essenspausen bilden die einzige soziale Interaktion auf der Insel. In den Zwischenzeiten schreibe ich und filme das Meer und den Wind, das darf ich schon.
Die unfreiwillige Isolation kommt meiner Recherche zugute, auch wenn das Justizministerium mich wegen mangelnder Bewilligungspapiere von der Insel verweist. Doch das Wetter liegt auf meiner Seite, denn das Wachtboot wird erst wieder kommen, wenn sich das Meer wieder beruhigt.
▶ Originaltext: Deutsch
Womit beginnen Dokumentarfilme? Mit einer Geschichte, die bestimmte Protagonisten verlangt oder mit einer Begegnung, die dann eine Geschichte generiert? Vier Filmschaffende aus dem Wettbewerb von Nyon reden über ihre Erfahrungen.
Mit: María Onis, «Insula»
Pauline Julier, «Naturales Historiae»
Alexe Poukine, «That Which Does Not Kill»
Aurelio Buchwalder, «Isola»
Moderation: Céline Guénot, Visions du Réel
Montag, 8. April, 10:00 - 11:30
Industry (La Mobilière), Screening Room 1
Eintritt frei
Ulrich Fischer, Experte für interaktive Medien, Gründer von Memoways
27 September 2018