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Zum Projekt CAVALLERIA RUSTICANA und STABAT MATER für die Oper Rousse
Die Anfrage von Nayden Todorov die CAVALLERIA RUSTICANA zu inszenieren musste nur kurz überdacht werden, bald schon wurde der Zeitraum abgesteckt und das inhaltliche Gespräch konnte beginnen. Inszeniert hatte ich die CAVALLERIA noch nie, gesehen und genauer verfolgt aber einige Aufführungen. Pietro Mascagni (1863-1945) hatte den Einakter als 25-jähriger für einen Wettbewerb für Kurzopern komponiert. Dafür erhielt er den ersten Preis. Das Werk wurde bereits im Jahr 1890 im Teatro Costanzi in Rom mit grossem Erfolg uraufgeführt. Weitere Aufführungen fanden rasant schnell auf der ganzen Welt statt. Mascagni hatte damit den Nerv der Zeit getroffen und dem italienischen Opernleben eine neue Dimension verliehen. Der Preis wollte eben junge italienische Komponisten fördern und nach den grossen Erfolgen von Verdi auf die Übermacht Wagners in Deutschland reagieren. Der neue italienische Stil hiess „verismo“ das Wahre, das Reale im Gegensatz zum „naturalismo“ das Natürliche, und behandelte in diesem Fall, nach der ersten von acht Novellen im Zyklus VITA DEI CAMPI (1880) von Giovanni Verga (1840-1922), das Leben in einem kleineren bäuerlichen Dorf auf Sizilien. Es ging um die Liebe zweier junger Menschen: sie jung und verheiratet, er gerade erst 20 und auf der Suche nach seinen Möglichkeiten würde man heute sagen. Die Eifersucht des Ehemannes liegt auf der Hand und die Gesellschaft reagiert auch nach einer gewissen Logik. Und so erleben wir eine kleine grosse Tragödie um die Familienehre, die an einem Ostersonntag von morgens bis mittags spielt. Der Tod und die Auferstehung Jesu spielt eine grosse Rolle, und darin verstrickt unsere Rachetragödie.
Nur zwei Jahre später, also 1892 hatte eine weitere italienische Kurzoper Erfolg: Leoncavallos PAGLIACCI schien fast eine Konkurrenz für die CAVALLERIA zu werden, bis sie zusammen genommen einen vollen Opernabend garantierten. Die komödiantische Tragödie aus der Welt des Theaters oder des Zirkus, wiederum um Liebe und Eifersucht, war dann schnell auch weltweit die „normale“ Kombination – und so endet der CAVALLERIA-Abend meistens mit dem berühmten Schluss „Finita è la commedia“. Diese Leichtigkeit ist natürlich nachahmenswert, dem Publikum kann sie gefallen, es wird nach dem Osterthema komödiantisch „geläutert“ in den normalen Alltag entlassen.
Bei diesem Thema nach dem vollen Opernabend kommt man so unwillkürlich zur Frage, soll die CAVALLERIA also wieder mit PAGLIACCI kombiniert werden oder gibt es andere Möglichkeiten. Ich habe eine andere Lösung gesucht und Nayden Todorov unterstützte meine Anregung nach einem relativ kurzen „wie bitte?“ zunehmend begeistert. Aus der Fülle von Kompositionen um das Thema Ostern hatte ich STABAT MATER von Rossini vorgeschlagen. Wir haben zusammen bereits zwei Werke von Rossini realisiert, die Frühoper L’ITALIANA IN ALGERI in Sophia und seine letzte Oper GUGLIELMO TELL in Rousse, kombiniert mit dem DONA NOBIS PACEM aus der MESSE SOLENNELLE. Diese Opern liegen Welten auseinander und STABAT MATER nochmals eine ähnliche Strecke. Die Vorerfahrung war also mit ein Grund für meinen Vorschlag. In der Arbeit hat sich die Werkannäherung immer wieder bestätigt und wir staunen, dass sonst noch niemand in den nunmehr 125 Jahren der CAVALLERIA-Aufführungen auf diese Idee gekommen ist, wir wagen somit eine Uraufführung. Nayden Todorov hat damit eine Produktion im Repertoire, die er für die nächste Osterzeit nach Sophia und später in andere Städte bringen kann.
Seitdem lächeln uns Mascagni und Rossini immer wieder zu bei der Arbeit und ergänzen sich themenverbunden.
Ist ein zweiter Teil überhaupt nötig? Wegen der Länge des Abends eher nicht, ein kurzer Opernabend hat auch seinen Reiz. Wegen der Dimension, wegen der Optik, der Position zur Aussage wird die Kombination als Chance interessant: als Haltung dem Tod gegenüber, dem Sterben in Religion und Gesellschaft als Folge von Macht- und/oder Moralerhaltung. Und so beschäftigen wir uns mit einem grossen, aktuellen und irgendwie früher oder später alle angehenden Thema, in der Orientierung des Alltags.
Tod und Sterben … und damit gerade jetzt mit den grossen terroristischen und mafios-kriminellen Entwicklungen weltweit mehr als Aktuell, auch wenn es zu diesem Thema sicher gar keiner weiteren Aktualität bedarf: STABAT MATER! Die tiefergehende Einkehr statt die Verdrängung hin zur „commedia“. Diese soll die Messlatte sein, als Einstieg und als Ziel. Der einzelne Mensch und das Kollektiv im Schmerz der Trauer im Angesicht des Todes. Wie geht der Einzelne direkt Betroffene, wie gehe ich damit um? und wie das Kollektiv? wie die Geschichte und die Kultur? Und jede Beschäftigung mit diesem Themen-Bogen weitet das Feld aus und öffnet Zugänge für den Geist und für das Gefühl.
Indirekt sagte Rossini, er komponiere nicht Kirchenmusik, er sei kein „Gelehrter“ – und er wurde gerade deswegen für den Kult von der Institution der Katholischen Kirche gemieden. Diese „italienische Haltung“ in der Kirchenmusik wurde ihm würdigend vorgehalten, dass sie „glücklich, lächelnd, fast lustig und immer ein Fest“ sei. Dabei wollte er diese Nähe gar nicht für seine Kunst. Er beschäftigte sich mit dem Credo aus musiktheatralischer Haltung heraus, und mied dafür nicht die Kunst der leichteren Musik – Erst über ein Jahrhundert später erfreut sich eine breitere Gesellschaft an der Leichtigkeit der Ernsthaftigkeit und stellt die über alles dominierende und ausschliessliche ernste Ernsthaftigkeit der Lebensbewältigung in Frage – lächeln, also auch als ein Akt der Befreiung.
Natürlich haben wir Angst vor dem Tod, vielleicht eher vor dem Sterben, vor dem oft damit verbundenen Schmerz. Dieser Moment am eigenen Erlebnis wird dann auch für jeden von uns das erste Mal sein und Neues verunsichert, das wissen wir. Aber wie leben wir mit diesem Wissen? Wie würden wir, noch weiter gefragt, ohne dieses Wissen leben? Würden wir die Angst angehen oder verdrängen? Der Überlebenstrieb und der Abschieds-Schmerz haben uns fest in der Hand, ein Leben lang und sie zeigen sich spätestens, wenn es dann „so weit ist“. Wie wir dann damit umgehen können wissen wir nicht im Voraus – wie bewusst, wie beherrscht oder wie ausgeliefert wir ihm gegenüber stehen (wollen? oder möchten?). Unvorbereitet, aus lauter Verdrängungsgewohnheit, werden wir dann sehr wahrscheinlich eher an unsere Grenzen kommen. Und wie gut wäre das wenn wir ihm „beherrscht“ begegnen würden, dem Unbeherrschbaren? Bewusst dem Unbekannten gegenüber? Da würden wir dann sehr wahrscheinlich eine eher erbärmliche Figur oder Maske abgeben.
Können wir dann Offenheit „improvisieren“? Und wie kann man „Offenheit improvisieren“ lernen? Da könnten wir lange proben, mindestens ein Leben lang dürfte „Offenheit“ lernen, einen jeden von uns vielleicht schon beanspruchen – und dann „zum Test“ versuchen, offen zu sein. Offen für Angst, Schmerz, Unsicherheit und Neugier. Offen womöglich auch für die Bestätigung des Erwarteten oder für dessen Gegenteil. Ein grosses Lebenslernprogramm. Es liegt in unserer Hand, wie und ob wir in diese Richtung gehen, wie wir uns darauf einstellen und uns darauf vorbereiten, ein Leben (?) lang – mit weniger wäre es sehr wahrscheinlich nicht zu machen, wenn wir mindestens uns gegenüber ehrlich sein wollen. Gnadenlos wird dieser Durchgang sein, davor könnten wir ins Schlottern kommen. Vorbereiten, zum Beispiel mit dem Leben, der Kultur, dem Gebet (?), dem Theater (?), dem Wunsch (?) nach Gnade (?), nach Erlösung (?) aus diesem Gang auf Erden, auf diesem Durch- oder Übergang (?) …
wie stellt man sich diesen Fragen? Jedenfalls sind genug Fragen vorhanden, um sich damit ein ganzes Leben ganz individuell und in Selbstverantwortung zu beschäftigen. „Hoffnung haben“ heisst auch „hoffentlich haben wir dann noch genügend Offenheit“, um freundschaftlich mit dem Moment umzugehen.
Was ist mit Santuzza in der CAVALLERIA? Gibt ihr das Festhalten an Turiddu den nötigen Halt in der Trennung von ihm? Was ist mit Mamma Lucia, Turiddus Mutter? Kann sie im letzten Aufschrei einen späten Schritt hin zum Leben des Sohnes tun oder erstarrt sie in festgelegter Ordnung? So haben wir mehrere Positionen zur Auswahl, wir können uns unsere jeweilig „interessanteste“ oder nächste aussuchen: ist es die umarmungsunfähige Mutter? Die besitz- und kontrollgierige Santuzza, oder der umtriebige Alfio? Die junge liebeshungrige Lola? Die nächste oder fernere Bevölkerung vom Ort? Die Kirche? Der Priester oder die wegschauenden Ordnungshüter? Sind es die Kinder? Wir können unsere Optik wieder und wieder neu aussuchen und sie mit unserem Leben testen – die Musik begleitet uns in vielfältigen Stimmungen und klaren Haltungen. Wie stellen wir uns diesem Leben?, dieser LebensGemeinschaft? Das alles wäre der Schub der CAVALLERIA RUSTICANA.
Dann kommt mit STABAT MATER die nächste Einladung, in der CAVALLERIA wurde sie vorbereitet – und hier können wir uns mit dem Oratorium (Gebets-Handlung) wieder den Ängsten und Hoffnungen der Figuren stellen, uns mit ihnen messen, die uns im ersten Schritt am nächsten waren. In STABAT MATER geht die Gesellschaft (nur des Ortes?) dem eigenen Tod oder Sterben entgegen und bittet um Gnade, Glauben, Geborgenheit, Erlösung … aus der Unsicherheit (?), für dann, wenn es so weit sein wird. Der kompakte, lateinische Text gibt jedem „Beschäftigung“ genug, sich seiner individuellen Position und Möglichkeit zu stellen: „In die judicii“ könnten wir uns „In Paradisi Gloria“ wünschen … Wir bitten um Gnade, denn wir könnten, auf uns gestellt, nicht fähig sein, uns Halt (und Haltung) zu geben – denn die Fragen des Lebens erwarten Antworten, oder stellen dann weitere Fragen.
Sich gehen lassen zu können, im Frieden. Das wünschen wir mit dem Sterben konfrontiert oft. Auch wir uns? Sind wir dann noch fähig dazu, auch nur gedanklich oder gefühlsmässig „uns friedvoll gehen zu lassen“? Und nach wohin? Ein Schlendern am Ort wird das dann womöglich nicht mehr sein, und ein Öffnen einer neuen Wirklichkeit in ein Nichtsein, im Nichts, könnte uns spätestens dann etwas übermenschlich überfordern. Sich dem nur mit Nichtbeschäftigung
oder sogar nur mit Hass oder Rache gegen Unerreichtes und Unerfülltes zu stellen wäre womöglich selbst für einen terroristischen Kamikaze nicht wirklich das erlösende Ziel, und wäre niemandem zu wünschen oder zu gönnen. Frieden sollte irgendwie begleitend sein, und weder junge noch alte Menschen (Seelen? Vorfahren? Freunde? Familienangehörige?) sollen dort auf uns tröstend, zu unserer Begnadigung, warten? (müssen?).
So wird das Leben als Vorbereitung auf den Tod zu einer weiteren künstlerischen Beschäftigung in einem grösseren Zusammenhang … Für mich, kann das keine komödiantische Tragödie leisten, kein Leben, das mit „finita è la commedia“ zu Ende gehen könnte.
Gerade in unserer jetzigen Zeit brauchen wir mehr Mitgefühl als Ablenkung.
Gian Gianotti Inszenierung und Ausstattung
Rousse, 30. November 2015
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