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Genotropismus
«Genotropismus ist die schicksalsbedingte gegenseitige Anziehung in Liebe, Freundschaft und Beruf von Konduktoren (Überträger) der analogen latenten, rezessiven Gene», soweit Szondi (1995,24). Dass es die latent-rezessiven Gene sind, dürfte im Lichte der neueren Genforschung nicht mehr so ohne weiteres klar sein; doch ausschlaggebend ist, dass Szondi in Hunderten von Untersuchungen bei Gesunden, aber auch psychisch Kranken, psychisch kranken Kriminellen und bei zahlreichen Patienten mit Neurosen oder Persönlichkeitsstörungen sowie bei Eheanalysen im Rahmen seiner heilpädagogischen Arbeit diese gegenseitige Anziehung bestätigen konnte. Im Band «Schicksalsanalyse» sind, wie Szondi ausführt, «hunderte von ähnlichen Partnerwahlen mitgeteilt, darunter ein durch genotrope Wahl entstandenes Menschenkonglomerat von 517 Individuen». Die «sich wechselseitig anziehenden Personen sind gleicherbige Träger einer zurückkehrenden rezessiven Anlage, […] sie tragen im latenten Zustand in Einzeldosis die gleichen rezessiven Gene in sich» (1995,24).
Die durch Genaffinität hervorgerufene Zuneigung, Aneignung oder Wahl findet Szondi explizit in der Liebe (libidotrop), der Freundschaft (soziotrop), den Gemeinschafts-, Freizeit-, Sozial- und Bildungskontakten (idealotrop), der Berufswahl (operotrop), der Krankheitswahl (morbotrop) und schliesslich der Todeswahl (thanatotrop) als Wahl der Art des natürlichen Sterbens oder des Suizids. Letzerem Phänomen widmete die Tochter Szondis, Vera Szondi, eine Studie mit dem Titel «Selbstmord» (Huber 1975).
Genotropismus nennen wir also in der Schicksalsanalyse die von Genen ausgehende Wirkung auf die psychische Konstitution und das Wahlverhalten des Menschen. Man könnte den Vorgang «bioenergetische Induktion» nennen, wobei die Inhalte der Induktionsenergie die von den Genen ausgehenden Informationen sind, die mittels eines bioenergetischen Feldes mit anderen Menschen kommunizieren. Die Schicksalsanalyse vertritt die empirisch begründete Auffassung, dass das Verhalten, die Lebensäusserungen und die Wahl des Menschen ihren Ursprung im genetisch verankerten Erbe haben. Ein Erbe, das eben weit über körperliche, mentale und affektive phäno- und genotypische Merkmale hinausgeht und den Menschen in seiner Gesamtheit umfasst. Erbe umfasst familiären Code, Denkungssart, Weltanschauung, Herkunft und kollektive Zugehörigkeit. Der Mensch ist nie ein Unikat, sondern eine Persönlichkeit von familiärer Herkunft, dessen Gene aber in der konkreten Gestaltung des Individuums einen sehr grossen Spielraum bei der Entwicklung der Individualität haben. Wäre es nicht so, würden wir alle Klone unserer Eltern sein. In den Herkunftsqualitäten liegt das vorab zu übernehmende Erbe, das in schicksalspsychologischer Sicht ein «Zwangserbe» ist, dessen Erbgänger, oder Ahnen wie Szondi sagt, sich aufgrund des Dranges zur Reproduktion der erbtragenden Gene im Menschen immer wieder von neuem äussern wollen. Diesem Zwang, der sich über die bereits erwähnte Triebbedürfnisstruktur im Individuum auswirkt, kann der Mensch korrigierend entgegentreten, in dem er die immer vorhandenen aber nicht immer «zugeschalteten» Potentiale seiner Triebbedürfnisse – bei Szondi rezessiv genannt – aktiviert.