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Ausgabe 23/2018
Darf ich die WM überhaupt schauen?
Sportereignisse wie die WM in Russland gehen mit der Aushöhlung von Menschenrechten einher. Das System wird sich nicht von selbst ändern – aber jeder einzelne Zuschauer kann dazu beitragen, es von innen heraus zu verbessern.
In Russland steuert die von der Regierung ausgerufene Dekade des Sports auf ihren Höhepunkt zu. Schon vor der am 14. Juni beginnenden Fussball- WM fanden Dutzende internationale Ereignisse statt, etwa die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi oder die Weltmeisterschaften im Schwimmen 2015, in der Leichtathletik 2013 und im Biathlon 2011. Im Sport konnte sich Wladimir Putin als Staatsmann in Szene setzen, während zur gleichen Zeit russische Kräfte in die Ostukraine vordrangen oder für den syrischen Kriegsverbrecher Assad kämpften. Der Sport hilft Russland bei der Identitätssuche – dem riesigen Land, das mit seinen vielen ethnischen Gruppen noch immer keine gemeinsame Erzählung kennt. In Europa gilt die Zivilgesellschaft als Partnerin des Rechtsstaates, in Russland wird sie als Gegenbewegung betrachtet. So wie bei vergangenen Sportereignissen ist es nun auch vor der Weltmeisterschaft: Die Regierung schränkt die Versammlungsfreiheit weiter ein, Oppositionelle wie Alexei Nawalny werden vorübergehend festgenommen. Jede Zusammenkunft von grösseren Gruppen zieht Aufmerksamkeit auf sich.
Mit dem Sport Geld verdienen
Jahrzehntelang fanden die wichtigsten Sportereignisse wie Fussballweltmeisterschaften oder Olympische Spiele in Europa und Amerika statt. Mit der Kommerzialisierung Ende des 20. Jahrhunderts kamen autokratisch geführte Nationen hinzu. Sponsoren und TV-Rechteeinhaber freuten sich über Wachstumsmärkte. Sportfunktionäre legten nahe, dass die Aufmerksamkeit Gesellschaften liberalisieren könne. Mehrere Studien halten dagegen: Sportereignisse können Spannungen zwischen sozialen Gruppen vertiefen – auch in demokratischen Gesellschaften. Beispiel Südkorea: Nach der Militärdiktatur gewann die Demokratiebewegung in den 1980er-Jahren an Kraft. Vor den Sommerspielen 1988 in Seoul wurden jedoch mehr als 700 000 Menschen aus ihren Wohnungen gedrängt, auch von Schlägertrupps. Zwischen 1986 und 1992 stiegen die Immobilienpreise in Seoul um 240 Prozent. Der soziale Wohnraum schrumpfte um 76 Prozent.

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