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Es gibt Gesichter. Und es gibt Namen. Wie es ist, wenn man die beiden einfach nicht zusammen bringt.
Vor mir steht ein Mann. Er kennt meinen Namen. Er kennt mich. Er umarmt mich euphorisch. Ich tue, was ich in solchen Fällen tun muss: Ich strahle ihn an, als hätte ich ihn schon lang vermisst, und umarme zurück. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Aber ich vermute, dass ich ihn eventuell kennen könnte. Sehr theoretisch. Der Mann fragt: «Wie geht’s bei watson? Und reist ihr mal wieder nach Thailand?»
Ich kombiniere: watson gibt’s seit einem Jahr und zehn Monaten. Davor war ich in Thailand. Mindestens so lang sollte ich den Mann also kennen. Aber woher? Immerhin kann ich jetzt mit ihm schon über zwei Dinge reden: watson und Thailand. Das ist im Notfall abendfüllend. Aber zum Glück sind wir an einer Vernissage, und der Mann wendet sich irgendwann andern Menschen zu.
Zuhause sehe ich, dass ich mit dem Mann schon seit drei Jahren auf Facebook befreundet bin. Und zwar eng. Also so, dass man einander nicht nur voyeuristisch auf die Timeline schaut, sondern auch gegenseitig Posts kommentiert und im Messenger kommuniziert. Facebook-technisch gesehen ist der Mann mein guter Freund.
Hätte er doch was gesagt! Hätte er doch gesagt: «Ich bin der Manuel von Facebook, wir haben uns doch über Miley Cyrus ausgetauscht!» Der Rubiks Cube meiner Erinnerung hätte sich wie von selbst richtig geordnet. Ob sich Demenz so ähnlich anfühlt?
Zwei Abende später strahlt mich eine mir vollkommen unbekannte Frau auf einer Party an. Sie sieht aus, als könnte sie schon ein paar Kinder haben. Vielleicht. Aber wenn ja, wie viele ungefähr? Kleinere? Grössere? Ich taste mich mit belanglosen Fragen vor und habe Glück, denn ja, sie hat Kinder, und über Kinder, besonders kleine, kann ich ziemlich gut reden, es hat genützt, dass in meinem engeren Freundeskreis in den letzten Jahren so viele zur Welt gekommen sind.
Denn die Frau sagt: «Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder?» Erleichtert sag ich: «Nein, tut mir leid.» «Ich bin die Katja von Suspektfilm», sagt sie. «Oh mein Gott, Katja Eggenmoser, klar!» Katja Eggenmoser ist beeindruckt. Ich auch. «Du schreibst immer die lustigen Tweets!», versuch ich's weiter. «Ähm, nein, das ist die andere Katja.» Fuck. Me.
Facebook und Twitter (und Instagram, Pinterest, Tumblr etc. pp.) sind Realitäten. Aber virtuelle. Und also fiktive. Realitäten, in denen auch mein Ich eine Fiktion ist. Weshalb ich dort umso sorgloser (okay, mein Chef hat auch gesagt, wir müssen das), Bindungen mit mir vollkommen Unbekannten eingehe. Ein bisschen wie in einem total abstrakten Swinger-Club.
Gut, ich muss zugeben, dass meine Gesichtsblindheit schon immer ziemlich akut war. Es gibt Menschen. Und es gibt Namen. Beide gehören in mir drin nicht wirklich zusammen.
Monatelang hatte ich keine Chance, sie voneinander zu unterscheiden. Viele liegen noch vor mir. Manchmal sagen mir auch die Gesichter nichts. Und seit die sozialen Medien mit ihren winzigen oder bearbeiteten Profilbildern zu meinem Alltag gehören, ist es noch viel schlimmer geworden.
Frauen zu erkennen, ist grundsätzlich einfacher. Kafi Freitag etwa ist die mit den Rita-Hayworth-roten Haaren. Güzin Kar die mit den grossartigen schwarzen Locken. Das lässt sich einfach in die Realität übersetzen. Aber braun und lange gerade Haare? Dunkelblond und kurzhaarig? Oder – am allerschlimmsten – ein international bekannter Travestie-Künstler, der plötzlich ohne Verkleidung durch die Tür kommt? Okay, Letzteres ist selten. Aber auch schon passiert.
... in dem wir uns online bewegen und begegnen, liegt ihr mir echt am Herzen. Nehmt mir den realen Rest bitte nicht übel. Es ist nie böse gemeint. Vielleicht geht's euch ja auch so mit dem Spagat zwischen den zwei Welten, in denen wir nun mal einfach leben. Und was wäre das für ein Spagat, wenn er nicht ein bisschen weh täte?