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nur eine willenlose Masse, die man durch Gesetzgebung und Verwaltung nach Belieben formen und zu einer vernünftigen Lebensführung u. Seelenordnung anhalten könne. Seine Ziele waren philanthropische und humane, seine Mittel, die Art seines Vorgehens aber oft despotisch, ja brutal. Wie sein Vorbild, Friedrich d. Gr., betrachtet sich Joseph als ersten Diener des Staats und war unermüdlich für ihn selbstlos thätig, aber doch zugleich durchaus Autokrat. »Das Reich, das ich regiere«, schrieb er, »muß nach meinen Grundsätzen beherrscht, Vorurteil, Fanatismus, Parteilichkeit und Sklaverei des Geistes unterdrückt werden.« In rascher Reihenfolge erschienen Josephs Gesetze und Verordnungen.
Zunächst schaffte er die Zensur ab, dann führte er für die Kirche das Placet ein, unterwarf den Klerus der Staatsaufsicht, hob 700 Klöster auf, wodurch die Zahl der Ordensleute um 36,000 vermindert wurde, griff durch das Verbot von Reliquienausstellungen, Prozessionen und Ablässen sogar in den römischen Kultus ein und sprach durch das Toleranzpatent vom die Duldung aller christlichen Religionsparteien aus. Die Ehe wurde der kirchlichen Jurisdiktion entzogen, Bischöfe eingesetzt, die Diözesangrenzen geändert, staatliche Priesterseminar errichtet.
Ein Besuch des Papstes Pius VI. in Wien [* 2] (1782) änderte in Josephs Vorgehen gegen die Kirche nichts. Um den Bauernstand zu heben, beseitigte er 1784 die Leibeigenschaft, beschränkte die Strafgewalt der Gutsherren, gab den Bauern das Recht der freien Erschließung und der Freizügigkeit (1782) und stellte in den neuorganisierten, mit dem ausgedehntesten Aufsichtsrat über alle Kreisbewohner ohne Unterschied des Standes ausgestatteten Kreisämtern den Grundherren scharf blickende Wächter, den Unterthanen eifrige Beschützer zur Seite.
Das Steuerregulierungsgesetz vom verordnete die Einführung einer möglichst gleichmäßig veranschlagten Grundsteuer, wogegen die Zwischenmauten und die Konsumsteuern wegfallen sollten. Im Gerichtswesen wurde der Grundsatz »Ein Gesetz für alle« auch bei den Strafen rücksichtslos durchgeführt. Um in der Staatsverwaltung möglichste Einheit herzustellen, sollte fortan die deutsche Sprache in der ganzen Monarchie die ausschließliche Sprache [* 3] der Gerichts- und Verwaltungsbehörden sein.
Der Erfolg dieses Erlasses war aber ein seiner Absicht entgegengesetzter: überall wurden die nationalen Feindseligkeit gegen das deutsche Element erst recht aufgerüttelt. Dazu kam, daß die Verwaltungsmaschine zu schwerfällig und unfähig war, die sich überstürzenden Reformen praktisch durchzuführen, so daß vielfach bloß zerstört, aber nichts Neues aufgebaut wurde. Die Gemeinnützigkeit der Reformen kam den Einwohnern daher sehr oft gar nicht zum Bewußtsein; diese sahen nur die Verletzung alter geheiligter Rechte und die Vernichtung liebgewordener Gewohnheiten und Anschauungen.
Das österreichische Volk fühlte wohl manchen Druck, hatte aber durchaus nicht ein lebhaftes, unwiderstehliches Gefühl von der Notwendigkeit solcher fast revolutionären Veränderungen. Daher zog sich Joseph den Haß der Geistlichkeit, des Adels, der nichtdeutschen Bevölkerung, [* 4] besonders Ungarns, zu und entfremdete sich das niedere Volk durch die von ihm versuchte Sittenreform, namentlich durch die Begräbnisordnung vom welche das Verscharren der Toten in leinenen Säcken und ihre Bedeckung mit ungelöschtem Kalk befahl, aber eine so erbitterte Stimmung hervorrief, daß sie 1785 zurückgenommen werden mußte. In den Niederlanden (s. Belgien, [* 5] S. 655) brach sogar eine Revolution aus.
Der Widerstand, den Joseph überall fand, war so groß, daß er, durch den unglücklichen Verlauf der äußern Politik und seine schwere Brustkrankheit niedergedrückt, durch die Verkennung seiner wohlwollenden Absichten bitter gekränkt, alle Neuerungen, die Aufhebung der Leibeigenschaft, den Religions- und Studienfonds und das Toleranzpatent ausgenommen, widerrief. Er that dies in der Resolution vom in der er die Verwaltungsformen, wie er sie bei seinem Regierungsantritt vorgefunden, wieder als zu Recht bestehend erklärte und durch Herstellung der alten Zustände mit Einem Federstrich die Schöpfungen einer zehnjährigen Herrscherthätigkeit fast vernichtete.
Dieselbe Kühnheit der Entwürfe, aber auch dieselbe Hast, die der Kaiser bei den innern Reformen an den Tag legte, bekundete er auch in seiner auswärtigen Politik. 1785 machte er einen zweiten Versuch, Bayern [* 6] zu erwerben, diesmal durch Tausch, indem er dem Kurfürsten Karl Theodor den größten Teil der Niederlande [* 7] als ein Königreich Burgund anbot; der Widerspruch des Herzogs von Zweibrücken [* 8] und die Gegenvorstellungen Friedrichs II. und auf dessen Veranstaltung auch Rußlands vereitelten jedoch den Plan, und der 1785 von Friedrich II. zur Aufrechthaltung der deutschen Reichsverfassung gestiftete Fürstenbund schnitt weitere ähnliche Versuche ab, machte auch den anderweitigen Bestrebungen Josephs II., die kaiserliche Autorität im Reich zu verstärken, ein Ende.
Der Wunsch, den Handel in den Niederlanden durch die Aufhebung des 1714 geschlossenen Barrieretraktats und die Freigebung der Scheldemündungen zu beleben, verwickelte Joseph in Streitigkeiten mit Holland, die 1785 dadurch beigelegt wurden, daß der Kaiser gegen eine Geldentschädigung von 8½ Mill. Gulden seine Absichten aufgab. Im Bund mit Rußland, dessen Zarin Katharina II. Joseph 1780 und 1787 einen Besuch abgestattet hatte, erklärte er 1787 der Türkei [* 9] den Krieg in der Hoffnung auf große Eroberungen.
Zwar siegte Laudon 1788 bei Pubitza, und der Prinz von Koburg [* 10] eroberte Chotin; aber die Hauptarmee unter Joseph und Lacy wurde mit großem Verlust bis Temesvár zurückgedrängt. 1789 siegte Koburg, mit den Russen verbündet, 31. Juli bei Fokschani und 22. Sept. bei Martinesti, und Laudon eroberte 7. Okt. Belgrad. [* 11] Aber die Erfolge waren nicht entscheidend, der Krieg sehr kostspielig, dazu Preußens [* 12] Haltung feindlich. Mitten in diesen Schwierigkeiten starb Joseph II. Ihn überlebte der Josephinische Geist, dem es zu danken war, daß Österreich [* 13] nicht ganz dem starren Ultramontanismus und der geistigen Verödung anheimfiel, sondern von Zeit zu Zeit trotz Hof [* 14] und Klerus Anläufe zu Reformen machte.
Die Zeit der Revolutionskriege.
Leopold II. (1790-92), Josephs jüngerer Bruder, übernahm die Regierung unter schwierigen Verhältnissen, überwand sie aber durch Klugheit und Mäßigung. Er nahm mehrere verletzende Verordnungen zurück, beseitigte das neue Steuersystem, beruhigte den Klerus, indem er der Kirche die Leitung ihrer innern Angelegenheiten zurückgab, versöhnte die Ungarn, [* 15] indem er die Verfassung beschwor und sich krönen ließ, und berief die Landtage in den einzelnen Provinzen wieder. Trotzdem blieb von den Josephinischen Reformen so viel bestehen, daß die einheitliche Staatsgewalt gekräftigt wurde. Den Krieg gegen die Türkei beendigte er durch den Frieden von Sistowa Von einem Einschreiten ¶
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in Frankreich zu gunsten des gefährdeten Königtums seines Schwagers Ludwig XVI., zu welchem ihn die französischen Emigranten und Friedrich Wilhelm II. von Preußen [* 17] drängten, hielt er sich vorsichtig zurück, versprach in Pillnitz (August 1791) nur für die Zukunft seine Mitwirkung und wich trotz aller Herausforderungen einer Kriegserklärung gegen Frankreich bis zu seinem Tod aus.
Sein Sohn Franz II. (1792-1806 deutscher Kaiser, 1804-35 als Franz I. Kaiser von Österreich) hatte für Reformen, wie sie sein Oheim und auch sein Vater erstrebten, keinen Sinn. Eifersüchtig auf seine absolute Fürstenmacht, war er vor allem darauf bedacht, daß im Reich alles wie in einem Uhrwerk seinen mechanischen Gang [* 18] weiterging, den Befehlen pünktlich gehorcht wurde und keine freiere Regung das bestehende System gefährdete; zu diesem Zweck wurde eine umfassende polizeiliche Überwachung eingerichtet.
Das einzige, was sich von Joseph II. auf ihn vererbte, war die unruhige Begehrlichkeit nach Gebietsvergrößerung, als deren Vertreter der Minister Thugut gelten konnte, der seit 1794 Nachfolger von Kaunitz war. Daß dieser Beweggrund in Österreich (wie auch in Preußen und Rußland) der eigentlich maßgebende war, übte auf den Verlauf der Revolutionskriege, welche mit der Kriegserklärung Frankreichs begannen, die nachteiligste Wirkung. Österreich stellte in Belgien und am Oberrhein Heere auf, die aber, überdies in ungenügender Stärke, [* 19] ebenso langsam und ungeschickt vorgingen wie die preußischen an der Mosel, so daß sie sich ebenso wie diese nach der Kanonade von Valmy (20. Sept.) aus Frankreich zurückziehen mußten und durch die Niederlage bei Jemappes (6. Nov.) Belgien verloren. Der Sieg des Prinzen von Koburg bei Neerwinden zwang zwar die Franzosen, Belgien wieder zu räumen. Aber diesen Sieg erfolgreich auszubeuten, waren weder die genügenden Streitkräfte noch der Wille da. Mit Eifersucht beobachtete Thugut die preußischen und russischen Vergrößerungspläne auf Kosten Polens, während sein Wunsch, Belgien gegen Bayern auszutauschen, keine Aussicht auf Erfüllung hatte. Der Krieg am Oberrhein und in Belgien wurde daher lau geführt, und letzteres kam nach den Niederlagen von Wattignies (15. u. und Fleurus von neuem in den Besitz der Franzosen, die es nun dauernd behielten.
Thugut glaubte sich durch die Erwerbung Westgaliziens bei der dritten polnischen Teilung (1795) hinreichend entschädigt, um so mehr, als Österreich keinen Schwertstreich hierfür hatte thun müssen. Nach dem Rücktritt Preußens von der Koalition durch den Baseler Frieden übernahmen die österreichischen Heere allein die Verteidigung der Rheingrenze, und Clerfait schlug 1795, Erzherzog Karl 1796 die in Deutschland [* 20] eindringenden Franzosen zurück. Durch die Schlachten [* 21] bei Amberg [* 22] (24. Aug.) und Würzburg [* 23] wurde nicht nur Jourdan zum Rückzug über den Mittelrhein genötigt, sondern auch Moreau sah sich gezwungen, nach dem Elsaß zu gehen. Aber inzwischen hatte Napoleon Bonaparte die Österreicher und ihre Verbündeten in Oberitalien [* 24] geschlagen, Wurmser nach den Schlachten von Castiglione und Bassano in Mantua [* 25] eingeschlossen und, nachdem er die Entsatzversuche Alvinczys durch die Siege von Arcole (15.-17. Nov. 1796) und bei Rivoli vereitelt, zur Übergabe gezwungen.
Indem Bonaparte mit größter Kühnheit durch Friaul in die Ostalpen rückte und über Leoben und Bruck im Murthal in das Herz Österreichs vordrang, erregte er in Wien einen solchen Schrecken, daß man Unterhandlungen mit ihm anknüpfte, obwohl Erzherzog Karl mit einem Heer zum Schutz Wiens bereit stand und im Rücken der Franzosen die patriotisch gesinnte Bevölkerung sich erhob. Cobenzl schloß zu Leoben einen Waffenstillstand ab, der 17. Okt. durch den Frieden von Campo Formio im wesentlichen bestätigt wurde. Österreich trat die Lombardei und Belgien ab und erhielt dafür Venedig, [* 26] Istrien [* 27] und Dalmatien; es willigte in die Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich und bedang sich dafür Salzburg [* 28] und einen Teil Bayerns aus, während Preußen keine Entschädigung erhalten sollte. Das österreichische Gebiet hatte sich also durch die Erwerbung Galiziens und der adriatischen Küstenländer vortrefflich abgerundet.
Schon 1799 brach der Krieg von neuem aus, da Thugut sich in seinen Hoffnungen auf Salzburg und Bayern getäuscht sah und die Franzosen allzu eigenmächtig in Deutschland schalteten. Österreich schloß sich der zweiten Koalition gegen Frankreich an und errang anfangs bedeutende Erfolge. Erzherzog Karl besiegte 25. März Jourdan bei Stockach und drang in die Schweiz [* 29] ein, wo er 4. Juni Masséna bei Zürich [* 30] schlug. Inzwischen hatten die verbündeten Österreicher und Russen den Franzosen fast ganz Italien [* 31] wieder entrissen.
Aber durch Mangel an Einheit in der Kriegsleitung ging der Gewinn der glänzenden Siege verloren. Suworow fand, als er in kühnem Zug den St. Gotthard überschritt, das russisch-österreichische Heer bei Zürich geschlagen und Erzherzog Karl nicht geneigt, sich mit ihm in der Schweiz zu vereinigen. Dazu kam, daß das russische Kabinett Thugut im Verdacht hatte, nicht die Revolution bekämpfen, sondern bloß Bayern und Piemont erwerben zu wollen. Kaiser Paul rief seine Truppen ab, und Österreich sah sich 1800 allein den Franzosen gegenüber, welche nun der aus Ägypten [* 32] zurückgekehrt Bonaparte wieder befehligte.
Während der österreichische General Melas Genua [* 33] belagerte, überschritt Bonaparte den St. Bernhard und kam den Österreichern in den Rücken. Die Niederlage von Marengo [* 34] zwang Melas, ganz Oberitalien bis zur Etsch zu räumen, und als in Süddeutschland Moreau den Erzherzog Johann bei Hohenlinden schlug und bis über die Enns in Österreich selbst eindrang, sah sich der Kaiser genötigt, den Waffenstillstand von Steyr und den Frieden von Lüneville im Namen Österreichs und des Deutschen Reichs zu schließen. Derselbe ließ Österreich die Grenzen [* 35] von 1797 im wesentlichen unverkürzt. Doch erwarb es im Reichsdeputationshauptschluß (1803), welcher die Entschädigungen für das von den deutschen Fürsten auf dem linken Rheinufer abgetretene Gebiet regelte, weder Bayern noch Salzburg, sondern nur die Bistümer Trient [* 36] und Brixen und mußte den Breisgau an den Herzog von Modena abtreten, während Salzburg dem Großherzog von Toscana zufiel.
Das Deutsche Reich [* 37] war von Österreich preisgegeben worden, und in der Erwartung seiner bevorstehenden Auflösung nahm Franz II. den Titel eines erblichen Kaisers von Österreich an. Indes die Interessen der österreichischen Hausmacht waren wenigstens gewahrt worden, und deshalb behielt Cobenzl, Thuguts Nachfolger in der Staatskanzlei, die Leitung der auswärtigen Politik. Aber neben den rein dynastischen Gesichtspunkten kamen in Wien auch andre idealere zur Geltung. ¶