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Goldene Palme des 72. Filmfestivals von Cannes
Die eine Familie ist arbeitslos und lebt in einer schmutzigen Kellerwohnung. Die andere ist stinkreich und bewohnt eine lichtdurchflutete Architekten-Villa.
Während sich die Habenichtse mit Talent, Chuzpe und viel Psychologie in die Villa hineinwurmen, ahnen die anderen nicht einmal ansatzweise, wen sie sich da ins Nest geholt haben.
Den Anfang macht Sohn Ki-Woo, der aufgrund der Empfehlung eines Freundes und mit einem von seiner talentierten Schwester gephotoshoppten Diplom die Stelle als Englisch-Nachhilfelehrer für das Töchterchen der Parks ergattert.
Reaktionsschnell erkennt er eine Gelegenheit, als die etwas naive Mutter des Mädchens ihren hyperaktiven kleinen Sohn als künstlerisches Talent preist. Kiw-Woo empfiehlt eine anerkannte Kunsttherapeutin, eine Rolle, die seine Schwester mit viel Talent und Frechheit sofort ausfüllt.
Gemeinsam plotten sie einen Weg, den Chauffeur der Familie zu diskreditieren, worauf sich Vater Ki-Taek (Song Kang Ho) diesen Job erschleicht.
Fehlt noch Arbeit für Mutter Chung-Sook. Doch die ist auch bald versorgt, als die durchtriebene Familie feststellt, dass die bisherige Haushälterin der Parks eine massive Pfirsich-Allergie hat.
Bong Joon Ho hat das Talent, mit seinen Drehbüchern und Filmen auf dem soliden Grund des Genrekinos alle Grenzen zu sprengen. The Host (2006) war ein Gesellschaftsporträt im Gewand eines Monsterfilms. Und Snowpiercer von 2013 zeigte eine postapokalyptische Zweiklassengesellschaft in einem Hightech-Zug: Vorne die Gutbetuchten, ganz hinten die als Service-Sklaven gehaltenen Mittellosen – bis die sich zur Revolution entschliessen und die Zugspitze stürmen.
Parasite überführt nun dieses Szenario alltagstauglich ins gegenwärtige Korea, mit diesen zwei spiegelbildlich angelegten Familien an den beiden entgegengesetzten Enden der Wohlstandsgesellschaft.
Wenn es dabei bliebe, wäre das schon spannend genug. Die Schauspielerinnen und Schauspieler verstehen sich auf genaue Zwischentöne, die Figuren sind tiefer gezeichnet als im klassischen Genrekino, jede dieser Persönlichkeiten ist recht gut ausgearbeitet. Und Bong Joon Ho vermeidet jeden vordergründigen Klassenantagonismus, vor allem die Familie Park ist eigentlich sympathisch und freundlich gezeichnet.
Bis auf wenige, aber starke Details. Wenn etwa der kleine Sohn der Parks in der Küche lauthals verkündet, dass die alle gleich riechen: Der Chauffeur, die Haushälterin, seine Kunsttherapeutin und der Englischlehrer seiner Schwester.
Muss ich jetzt unsere Kleider mit unterschiedlichen Waschmitteln waschen, fragt die Mutter beim Kriegsrat. Nützt nichts, stellt der Sohn fest. Es ist der Kellergeruch unserer Wohnung. Wir müssen hier raus.
Und später beklagt sich Mr. Park bei seiner Frau, dass der neue Fahrer ja eigentlich sehr ok sei. Aber er rieche immer ein wenig wie diese Luft, die von der U-Bahn hochkomme…
Aber Bong Joon Ho dreht noch etwas weiter auf. Auch die Villa der Parks hat ihre Geheimnisse. Und mit denen eskaliert der bis da hin eher spielerische Klassenkampf.
Parasite ist, wie schon The Host, ein mehrdeutiger Titel für einen mehrdeutigen Film.