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«amnesty»: Welches sind die grössten Probleme beim Anbau von Agrotreibstoffen?
Mamadou Goïta: Erstens bedrohen die Agrotreibstoffe das Recht auf Nahrung. In Afrika zeigt sich dieses Problem sehr deutlich. Wegen der Investitionen in den Anbau von Agrotreibstoffen verlieren die kleinen Landbesitzer ihre Grundstücke und die KonsumentInnen den Zugang zu Nahrung. Die Verantwortlichen argumentieren, die Energiepflanzen würden nur auf «marginalen» Böden angebaut, aber das stimmt nicht.
In Mali wird für den Anbau der Jatropha-Pflanze Jahr für Jahr mehr Landwirtschaftsfläche beansprucht. Dadurch geht dringend benötigte Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln verloren.
Zu befürchten ist ausserdem, dass das Problem der Kinderarbeit, wie es bereits auf den Kakao- oder Baumwollplantagen besteht, mit der Zunahme des Jatropha-Anbaus für die Treibstoffproduktion weiter zunimmt. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass auf den Jatropha-Plantagen, die ja unter ähnlichen Bedingungen funktionieren, nicht dasselbe geschieht.
Für die Regierungen sind die Agrotreibstoffe eine wichtige Einnahmequelle.
Ja, sie sind zu einer wichtigen staatlichen Einnahmequelle geworden. Doch die Investitionen gehen auf Kosten von anderen Bereichen, die eigentlich viel wichtiger wären. In Mali gibt es inzwischen Dörfer, die Jatropha anpflanzen, um sich mit Elektrizität zu versorgen. Damit schaffen sie jedoch eine starke Abhängigkeit von der Industrie.
Um ein Dorf mit Elektrizität zu versorgen, in dem bisher nur Öllampen und Kerzen als Lichtquellen zur Verfügung standen, braucht es eine ganze Infrastruktur und teure Generatoren – und dafür wiederum brauchen die DorfbewohnerInnen Geld. Auf diese Weise werden Bedürfnisse geschaffen, die sich die Menschen gar nicht leisten können.
Natürlich braucht jeder Mensch ein gewisses Minimum an Dingen, und es ist sicher gut, dass eine Gesundheitsstation Zugang zu einem Kühlschrank hat. Indem jedoch ein ganzes Dorf mit Elektrizität versorgt wird, werden die Leute in eine Verschuldungsspirale getrieben. Den Armen wird das
wenige genommen, das sie noch haben. Es gäbe andere Energiequellen, beispielsweise die Sonnenenergie, die nicht derartige Abhängigkeiten schaffen würde.
Die lokale Bevölkerung profitiert also nicht von den Agrotreibstoffen. Doch wer profitiert dann? Ausschliesslich die multinationalen Unternehmen und die Regierungen?
Solange die lokale Bevölkerung aus den Jatropha-Nüssen ausschliesslich Seife oder Lampenöl produzierte, war die Produktion kontrolliert. Es waren vor allem die Frauen, die die Nüsse pflückten und daraus Seife herstellten. Das ist jedoch vorbei: Jetzt ist es die Industrie, die die Produktion monopolisiert hat – mit Hilfe von ausländischem Kapital und dank der Kooperation mit dem Staat. Dieser ermuntert die Kleinproduzenten dazu, mehr Jatropha anzupflanzen und die Rohstoffe an die Industrie zu verkaufen.
Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen den Biotreibstoffen, die von den Kleinproduzenten selber hergestellt werden und für den lokalen Bedarf Energiequellen bieten, und der industriellen und grossflächigen Verwertung für den Export und für den Profit. Wenn die Kleinbauern dazu gebracht werden, Jatropha an die Industrie zu verkaufen, wird den Armen die Energie weggenommen und den Reichen gegeben.
Diese Problematik besteht nicht nur bei den Agrotreibstoffen, sondern bei allen Produkten, die von multinationalen Unternehmen kontrolliert werden. Ist es die Globalisierung, die den Kleinproduzenten schadet?
Ja, es ist ein Problem der Globalisierung und der internationalen Kapitalströme. Sobald Produkte in die Hände multinationaler Unternehmen gelangen, wird die finanzielle Rentabilität viel wichtiger als der soziale Nutzen. Genau das geschieht zurzeit mit der Jatropha-Pflanze in Mali. Der Anbau von Jatropha hatte einen sozialen Nutzen. Heute zählt nur noch der Profit.
Wie kommen die multinationalen Unternehmen an die Grundstücke? Geben die Bauern ihre Grundstücke freiwillig ab oder werden sie vom Staat dazu gezwungen?
Das ist von Land zu Land unterschiedlich. In den meisten Ländern sind es Strategien multinationaler Unternehmen, die mit der Unterstützung der Regierung umgesetzt werden. In Afrika gibt es vielerorts ein Raumplanungssystem. Wenn nun Gemeindeland in Industrieland umgezont wird, sind Grundstücke von Bauern plötzlich von lauter Grundstücken umgeben, die Unternehmen zugesprochen wurden.
Diese Unternehmen erheben dann zum Beispiel Abgaben für die Nutzung «ihrer» Wasserquellen. So werden Bauern gezwungen, das Wasser für den täglichen Bedarf zu bezahlen, und sobald sie die finanziellen Mittel dazu nicht mehr haben, werden sie enteignet oder müssen ihre Grundstücke verkaufen.
Noch schlimmer ist das System der Grundstückverpfändung, wie es in gewissen Ländern besteht. Der Kleinproduzent oder lokale Händler erhält einen Kredit für sein Land, auf dem er dann Güter für den internationalen Markt produziert. Sobald aber die Weltmarktpreise einbrechen, kann er seine Schulden nicht mehr zurückzahlen und muss sein Grundstück verkaufen. Es gibt viele solche Mechanismen.
Die multinationalen Unternehmen haben immer eine Möglichkeit, Land von Staaten zu kaufen. Meist geschieht dies auf Kosten der lokalen Bevölkerung, denn es werden immer mehr Grundstücke aufgekauft, um daraus Profit zu schlagen.
Erschienen in «amnesty - Magazin der Menschenrechte» vom September 2008
Herausgegeben von Amnesty International, Schweizer Sektion