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Bruder Bruno, der Leiter unserer Sozialstation in Mala Racha, wurde ermordet.
8. September 2022
Mit grosser Trauer müssen wir Ihnen mitteilen, dass Bruder Bruno, der Leiter unserer Sozialstation in Mala Racha am Montagmorgen, 4. September 2023 von seinem Mitarbeiter Sascha tot aufgefunden wurde. Er hatte noch die Schlüssel der Kapelle, des Gartentores und des Hauses in der Hand. Wir vermuten, dass er seinem Mörder beim Schliessen des grossen Tors zum Innenhof der Sozialstation begegnete. Möglicherweise hat er ihn gekannt oder er ist davon ausgegangen, dass er Hilfe braucht, weil er ihn offensichtlich hereingelassen hat. Im Vorraum zum Haupthaus, dort, wo man die Schuhe auszieht, wurde Bruder Bruno tot aufgefunden. Möglicherweise hat der Mörder Geld von ihm verlangt, da bei der späteren Untersuchung durch die Behörden festgestellt wurde, dass die Kasse fehlte. Der Mörder hat Bruder Bruno mit einem einfachen Küchenmesser bedroht und ihn im Verlauf der Auseinandersetzung damit übel zugerichtet. Schliesslich hat der Mörder das Haus über den Gartenzaun wieder verlassen ohne von jemandem gesehen zu werden.
Seit dem 4. September laufen die Untersuchungen auf Hochtouren. Im Verlauf des Montags sind rund 30 Fahrzeuge der Untersuchungsbehörden aus Zhytomir und Radomysl eingetroffen. Auch das französische Aussenministerium hat sich eingeschaltet, da Bruder Bruno französisch-ukrainischer Doppelbürger war. Der politische Druck, den Fall aufzuklären ist hoch. Eine grosse Sonderkommission arbeitet vor Ort, Hunde und Metalldetektoren wurden eingesetzt. Rund 20 Untersuchungsbeamte haben sich vorübergehend in Mala Racha einquartiert. Die Bewohner von Mala Racha und der benachbarten Dörfer wurden befragt. Bislang gibt es allerdings noch keine Resultate. Das Haus wurde versiegelt. Alle Computer, Handys und Notizen von Bruno wurden von der Polizei zur Untersuchung beschlagnahmt.
Am 7. September fand in Mala Racha das Begräbnis mit dem Pfarrer der orthodoxen Kirche statt, die Bruder Bruno für die Bevölkerung erbauen liess. Das Fundament und die Kirchenfenster wurden von der Osteuropahilfe gespendet. Die Beerdigung musste aufgrund der wiederholt verzögerten Freigabe des Leichnams drei Mal verschoben werden. Viele Leute, die zum Teil aus einem Umkreis von 150 km angereist waren, mussten wieder nach Hause zurückfahren. Als der Sarg am Donnerstagmittag schliesslich in Mala Racha eintraf, strömten die Dorfbewohner zusammen und hielten eine ergreifende Beerdigungszeremonie ab. Über 70 Personen aus dem Dorf kamen zum Friedhof und nahmen am anschliessenden Abschiedsmahl teil. In 40 Tagen wird eine weitere Gedenkfeier abgehalten, wie es bei der orthodoxen Kirche Tradition ist.
Am Samstagmittag - kurz vor seinem Tod - hat P. Rolf Schönenberger noch eine halbe Stunde lang mittels Videoanruf mit Bruder Bruno über die aktuelle Situation auf der Sozialstation in Mala Racha gesprochen. Er sah sehr müde und abgekämpft aus. Seit Ausbruch des Krieges ist er viel älter geworden. Jeden Samstag sprachen die beiden miteinander über die Bedürfnisse der Bevölkerung und die Situation vor Ort. Oft war Bruder Bruno sehr bekümmert, weil er die Not der Menschen fast nicht mehr ertragen konnte.
Bruder Bruno war ein einfacher Mann, arbeitsam, nüchtern und bescheiden. Er hat sein Leben für die vielen alleinstehenden Omas und Opas der Region und die arme Bevölkerung eingesetzt. Hinter seinem unscheinbaren Äusseren verbarg sich jedoch eine tiefe Seele mit einer innigen Beziehung zum Göttlichen. In seiner Hauskapelle hat er jeden Tag von 5-7 Uhr Anbetung gehalten und dabei viele übernatürliche Erlebnisse gehabt, die er sich selbst nicht erklären konnte. Bruder Bruno wurde auf seinen Heimgang vorbereitet. Vor 3 Jahren erzählte er P. Rolf, dass er bei einem mystischen Erlebnis sein Todesdatum erfahren habe. Mehrmals hat er eindringlich darum gebeten, in Mala Racha beigesetzt zu werden, wo er sich mit den Menschen verbunden fühlte.
Bruder Bruno Vincent wäre am 1. Oktober 66 Jahre alt geworden. Er hat sich für die Osteuropahilfe 10 Jahre lang in den Kinderhäusern in Russland, dann 10 Jahre im Kinderzentrum in Kiew und schliesslich 10 Jahre auf der Sozialstation in Mala Racha um Jugendliche, Omas, Opas und arme Familien gekümmert. Jetzt wird er unser Fürbitter im Himmel sein!
Wir wollen die Mission von Bruder Bruno weiterführen! Was er begonnen hat, soll nicht aufhören! Sein engster Mitarbeiter Vowa wird, wie bisher, jeden Samstag Lebensmittel und Medikamente von Kiew nach Mala Racha bringen und in den umliegenden Dörfer an die bedürftigen alten Menschen und die Ärmsten verteilen. Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, ob die Untersuchungsbehörden zu einem Ergebnis kommen, damit die Sozialstation, welche derzeit versiegelt ist, wieder freigegeben und weitergeführt werden kann.
Artikel aus der Tageszeitung
In der ukrainischen Presse wurde nur sehr wenig über den Tod von Bruder Bruno berichtet. Das liegt einerseits daran, dass sich die Ukraine im Krieg befindet, bei dem tägliche viele Menschen ihr Leben verlieren und andererseits an der noch offenen Untersuchung der Behörden. Nachfolgend finden Sie einen (übersetzen) Bericht der Journalistin Snizhana Smirnova, die nach Mala Racha gereist ist, um die Menschen zu befragen, welche Bruder Bruno gekannt haben. Sie können den Artikel als PDF herunterladen, indem Sie auf das untenstehende Bild klicken.