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„Ich wollte immer die Mutigste sein, die Lauteste, die Krasseste. Es muss krass sein, sonst entsteht Langeweile.“
(Tages-Anzeiger 8. August 2011)
Gut, dann denken wir doch kurz (sonst entsteht Langeweile!) einmal nach über den Zusammenhang zwischen Langeweile und Krasssein.
Das Wort „krass“ kommt von lat crassus, das „dick, stark, grob“ bedeutet.
Das Phänomen der Langeweile hängt eng zusammen mit dem Problem der „Stimulation“.
Genauso wie der menschliche (und tierische) Organismus ein bestimmtes Minimum an Ruhe braucht, benötigt er auch ein gewisses Mass an Stimulation.
Erich Fromm beschreibt zwei verschiedene Arten stimulierender Reize:
– einfache Reize lösen eine einfach, direkte Reaktion aus, fast reflexartig, wie in Situationen der Lebensgefahr. Der Betreffende „reagiert“, aber er „agiert“ nicht, das heisst, dass er keine Reaktion aktiv integriert, die über die minimale Aktivität hinausgeht, die normalerweise notwendig ist, um wegzulaufen, anzugreifen oder sexuell erregt zu werden. Der Mechanismus ist immer der selbe: einfache Stimulation ➞ direkte und passive Reaktion.
– aktivierende Reize fordern uns sozusagen auf zu reagieren, indem wir uns aktiv und teilnehmend auf diese Reize beziehen, an unserem „Objekt“ aktiv interessiert werden und immer neue Aspekte an ihm sehen und entdecken (damit hört es auf, ein blosses Objekt zu sein).
Ein derartiger aktivierender Reiz könnte zum Beispiel ein Roman, ein Gedicht, eine Idee, eine Landschaft, ein Musikstück oder eine geliebte Person sein. Keiner dieser Reize verursacht eine einfache Reaktion. Es geschieht vielmehr, dass wir immer wacher und aufmerksamer werden.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Reizen und Reaktionen hat wichtige Konsequenzen.
Reize der ersten, „einfachen“ Art werden, sobald sie über eine bestimmte Schwelle hinaus wiederholt werden, nicht mehr registriert und verlieren ihre stimulierende Wirkung. Es ist dies zurückzuführen auf ein neuro-physiologisches Sparsamkeitsprinzip, das die Wahrnehmung von Reizen eliminiert, wenn sie durch ihre häufige Wiederholung anzeigen, dass sie möglicherweise unwichtig sind. Eine fortdauernde Stimulation setzt voraus, dass der Reiz entweder an Intensität zunimmt (krasser wird!) oder sich seinem Inhalt nach ändert: ein gewisses Mass an Neuheit ist nötig.
Aktivierende Reize dagegen haben eine andere Wirkung. Sie bleiben nicht einfach „dieselben“. Dadurch, dass sie eine produktive Reaktion hervorrufen, sind sie immer neu, ändern sich laufend. Derjenige, der stimuliert wird, macht den Reiz lebendig und verändert ihn dadurch, dass er immer wieder neue Aspekte an ihm entdeckt. Zwischen dem Reiz und dem „Stimulierten“ besteht eine Wechselwirkung und nicht eine mechanische Einweg-Beziehung von Stimulation zu Reaktion S ➞ R.
Erich Fromm schreibt: „Jeder wird diesen Unterschied durch eigene Erfahrung leicht bestätigt finden. Man kann ein griechisches Drama, ein Gedicht von Goethe, einen Roman von Kafka, eine Predigt von Meister Eckhart, eine Abhandlung von Paracelsus, Fragmente der vorsokratischen Philosophen, die Schriften von Spinoza oder Karl Marx immer wieder lesen, ohne sich jemals dabei zu langweilen. Natürlich sind diese Beispiele rein persönlich, und jeder kann sie durch andere ersetzen, die ihm näher liegen Derartige Stimuli sind stets lebendig, sie wecken den Leser auf und erhöhen sein Wahrnehmungsvermögen. Ein billiger Roman dagegen wird beim zweiten Lesen langweilig und bringt uns zum Einschlafen.
Die aktivierenden und die einfachen Reize spielen beim Lernproblem eine wesentliche Rolle. Wenn Lernen bedeutet, dass man von der Oberfläche einen Phänomens zu dessen Wurzeln – das heisst zu seinen Ursachen – vordringt, von den trügerischen Ideologien zu den nackten Tatsachen, und so zur Wahrheit vorstösst, so ist dies ein anregender, aktiver Prozess und eine Bedingung für menschliches Wachstum. (ich meine damit nicht nur das Lernen aus Büchern, sondern auch die Entdeckungen, die ein Kind oder ein analphabetisches Mitglied eines primitiven Stammes in der Natur oder in seinem persönlichen Bereich macht.) Wenn man andererseits unter Lernen nur die Aneignung von durch Konditionierung vermittelter Informationen versteht, so hat man es mit einem einfachen Stimulus zu tun, bei dem die betreffende Person durch die Stimulierung ihres Bedürfnisses nach Lob, Sicherheit, Erfolg und so weiter getrieben wird.
Unser heutiges Leben in der Industriegesellschaft arbeitet fast ausschliesslich mit derartigen „einfachen Reizen“. Stimuliert werden dabei Triebe wie sexuelles Begehren, Gier, Sadismus, Destruktivität und Narzissmus. Vermittelt werden diese Reize durch Filme, Fernsehen, Radio, Zeitungen, Magazine und den Gebrauchsgütermarkt. Im grossen und ganzen beruht die gesamte Reklame auf der Stimulierung von Wünschen, die durch die Gesellschaft erzeugt werde. Der Mechanismus ist immer der gleiche: einfache Stimulation ➞ direkte und passive Reaktion. Hierin liegt der Grund, weshalb die Reize sich ständig ändern müssen, um nicht ihre Wirkung zu verlieren. Ein Auto, das uns heute aufregend erscheint, wird uns in einem oder zwei Jahren langweilig vorkommen – deshalb muss man sich auf der Suche nach neuer Erregung ein anderes kaufen. Ein Ort, den man gut kennt, wird automatisch langweilig, so dass man sich Erregung nur dadurch verschaffen kann, dass man verschiedene Orte aufsucht, und zwar so viele wie möglich auf einer Reise.“
„Es besteht noch ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den einfachen und den aktivierenden Reizen. Wer von einem einfachen Reiz getrieben ist, erlebt eine Mischung von Erlösung, Kitzel und Befriedigung; sobald er befriedigt ist, ‚hat er genug’. Dagegen besitzt der aktivierende Reiz keinen Sättigungspunkt – das heisst, er gibt dem betreffenden nie das Gefühl, ‚genug zu haben’, ausser natürlich, wenn körperliche Ermüdung eintritt.“
Es ist also nicht so, dass Langeweile nur mit Krassheit vertrieben werden kann.
Erich Fromm sieht die Fähigkeit zu innerer Aktivität als zentral gegen die Langeweile.
Es geht wohl darum, sich mit aktivierenden Reizen zu versorgen, und ein Übermass an einfachen Reizen zu vermeiden.
Aktivierende Reize bieten Ansatzpunkte für aktive Auseinandersetzung, sie sind nicht einfach glatt und abgeschlossen.
Erich Fromm betont aber auch, dass es nicht nur auf den Reiz allein ankommt:
„Das stimulierendste Gedicht oder der reizvollste Mensch werden auf jemand keinerlei Wirkung ausüben, der durch seine eigene Angst, durch seine Hemmungen, seine Faulheit und Passivität zu einer aktiven Reaktion nicht fähig ist. Der aktivierende Reiz erfordert einen „empfänglichen“ Reizempfänger, wenn er eine Wirkung haben soll – empfänglich nicht in dem Sinn, dass er gebildet ist, sondern dass er menschlich reaktionsfähig ist. Andererseits braucht ein innerlich voll lebendiger Mensch zu seiner Aktivierung nicht unbedingt einen speziellen Aussenreiz; er schafft sich in Wirklichkeit seine Reize selbst. Man kann diesen Unterschied deutlich bei Kindern beobachten. Bis zu einem gewissen Alter (etwa 5 Jahren) sind sie so aktiv und produktiv, dass sie sich ihre eigenen Reize ‚machen’. Sie schaffen sich eine ganze Welt aus Papierschnitzeln, Holz, Steinen, Stühlen und praktisch allem, was ihnen in die Hände kommt.“
Wenn die Autorin Charlotte Roche meint: „Es muss krass sein, sonst entsteht Langeweile.“, dann hat sie möglicherweise etwas nicht ganz verstanden. „Krass sein“ ist nicht das einzige Gegenmittel gegen Langeweile. „Krass sein“ stellt nur die Zufuhr einfacher Reize sicher.
Quelle der Zitate:
Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, rororo 1980, S. 269 ff.
Zur Vertiefung: Vortrag von Dr. Rainer Funk, Langeweile und Suchtverhalten bei Erich Fromm
Wer war Erich Fromm?
Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frankfurt am Main; † 18. März 1980 in Muralto, Tessin) war ein deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe.
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