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So grausam und tragisch diese 2003 vorgefallene Tat auch ist, der Südkoreaner Lee Kyung Hae war «nur» einer von Tausenden von Bauern, die sich jährlich das Leben nehmen – der «grünen Revolution» sei Dank.
Die Waffe erster Wahl dafür ist üblicherweise allerdings nicht das Messer. Insbesondere indische Landwirte bevorzugen genau die Mittel, weswegen sie unter anderem in die Schuldenfalle geraten sind: Pestizide, oft «Round Up» von Monsanto. Sie trinken es. Jede halbe Stunde bringt sich in Indien ein Bauer um, seit 1995 offiziell insgesamt fast 300’000. In England und Wales waren hingegen Schusswaffen die am häufigsten verwendete Methode, gefolgt von Erhängen und Kohlenmonoxidvergiftung.
Sogar in der Schweiz ist die Selbstmordrate bei Landwirten laut einer Studie höher als bei Nicht-Landwirten, wobei sich die Kluft nach 2006 zunehmend vergrösserte. Und in den USA wiesen in der Landwirtschaft tätige Personen von 1992 bis 2010 die höchste Selbstmordrate aller Berufe auf.
Der Grund für diese Verzweiflungstaten sind meistens Schulden, ausgelöst durch die Abhängigkeit von immer weniger Firmen und deren Marktmacht. Auf der anderen Seite der Kette, die das Feld mit dem Teller verbindet, gab es in letzter Zeit aus einigen Ländern Berichte über Versorgungs- und Lieferengpässe bei Nahrungsmitteln, angeblich wegen der «Pandemie» und dem Krieg in der Ukraine. Wenngleich diese Ereignisse sicherlich wesentliche Faktoren sind, liegt auch hier das Grundproblem in der Abhängigkeit – in diesem Fall seitens der Konsumenten.
Raj Patel identifiziert in seinem Buch «Stuffed And Starved: The Hidden Battle For The World Food System» (2007) in der Kette vieler Nahrungsmitteln insbesondere beim Transport, bei der Verarbeitung und der Verteilung einen Flaschenhals. An einigen Stellen sei die Macht in wenigen Händen konzentriert. Eine Grafik mit der Anzahl der Unternehmen in den verschiedenen Abschnitten der Kette sieht denn auch wie eine Sanduhr aus. Patel erläutert:
«Und wenn die Zahl der Unternehmen, die den Weg von den Landwirten zu den Verbrauchern kontrollieren, gering ist, verleiht ihnen dies Marktmacht sowohl über die Menschen, die die Lebensmittel anbauen, als auch über die Menschen, die sie essen.»
Quelle: Transition News/ Lanka Horstink, Researchgate
Patel weiss, wovon er spricht: Er arbeitete für die Weltbank, die WTO und die UN – und er wurde auf vier Kontinenten mit Tränengas besprüht, als er gegen diese Organisationen protestierte, wie es auf der Rückseite seines Buches heisst.
Cargill, Archer Daniels Midland, Sysco, JBS, George Weston, Tyson, Bunge: Sagen Ihnen diese Namen etwas? Nestlé bestimmt, und die Firma reiht sich in diese Liste ein. Es handelt sich um die acht weltweit grössten Nahrungsmittelkonzerne. Cargill, die Nummer eins, hatte 2021 einen Jahresumsatz von 134 Mrd. Dollar. Patel zufolge sind diese Firmen so gigantisch, dass sie sich nicht an die Regeln halten müssen und das Spielfeld beeinflussen können:
«Im eigenen Land und in Gremien wie der WTO setzen sich diese Konzerne bei den Regierungen für ein wirtschaftliches Umfeld ein, das ihren Aktivitäten förderlich ist. Handelsabkommen sind nur einer von vielen Wegen, auf denen die Regierungen den Konzernen am Ende der Sanduhr des Lebensmittelsystems helfen können.»
Bei riskanten Auslandsinvestitionen kann gemäss Patel zum Beispiel die Weltbank helfen, das Risiko zu tragen, oder das Land überzeugen, es zu übernehmen. Weigere sich ein Land, ein bestimmtes Produkt aus Gründen der Gesundheit, der Sicherheit oder des Umweltschutzes zu akzeptieren, könne direkter diplomatischer Druck ausgeübt werden. Patel resümiert:
«Sofern Sie nicht zu den Führungskräften eines Lebensmittelkonzerns gehören, arbeitet das Lebensmittelsystem nicht für Sie. Auf der ganzen Welt sterben Landwirte und Landarbeiter mit der Duldung gewählter Beamter und nach den Launen des Marktes. Durch verarbeitete Lebensmittel werden die Verbraucher vollgestopft und vergiftet. Die Lebensmittel und das Marketing der Agrarindustrie haben zu einer Rekordzahl von ernährungsbedingten Krankheiten beigetragen, die uns heute schaden und eine Zeitbombe in den Körpern von Kindern auf der ganzen Welt hinterlassen.»
Wir seien zunehmend von der Produktion unserer Lebensmittel und von der Freude am Essen abgekoppelt – und in Unkenntnis des Leidens, das jedem Bissen Nahrung vorausgeht, so Patel. Die Architektur unserer Nachbarschaften und unseres Arbeitslebens mache es zudem unmöglich, sich etwas Besseres vorzustellen.
Doch es gibt laut Patel mehr als nur Hoffnung: Überall dort, wo den Menschen «die Wunden der derzeitigen Lebensmittelordnung zugefügt wurden», hätten sie sich organisiert und gewehrt. So haben sich weltweit lokale Organisationen zur wohl grössten unabhängigen sozialen Bewegung der Welt zusammengeschlossen: La Via Campesina (Der Weg der Bauern). Und auf der unteren Seite der Sanduhr können wir als Konsumenten wesentlich zu lokal und fairer hergestellten, gesünderen und umweltfreundlicheren Lebensmitteln beitragen.
Herzlich
Konstantin Demeter
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