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Schwarze in Frankreich: Von Möbelstücken zu Meinungsmachern
- Donnerstag, 10. Januar 2013, 16:26 Uhr
In Frankreich leben mehr Schwarze als in allen anderen europäischen Ländern. Viele halten diese pauschal für Einwanderer jüngerer Zeit, dabei leben und wirken seit über 300 Jahren Schwarze in Frankreich. Ein Beispiel ist Joseph Boulogne, Sklavensohn und Musiklehrer von Königin Marie-Antoinette.
Ein altes Stadtpalais in Paris: Unter barocken Deckengemälden und vergoldeten Putten musiziert ein Orchester. Es klingt wie Mozart – ist es aber nicht. Das Symphoniekonzert aus dem Jahr 1776 hat Joseph Boulogne komponiert, ein Schwarzer aus der Karibik, der auch unter dem Namen Chevalier de Saint-George bekannt ist. «Joseph Boulogne war Sohn einer Sklavin und eines französischen Aristokraten, der als Plantagenbesitzer auf Guadeloupe reich werden wollte», erzählt Alain Guédé, Biograph des Komponisten.
Ein Sklavensohn als Musiklehrer der Königin
Laut Gesetz galt der uneheliche Siedler-Sohn Joseph Boulogne selbst als Sklave, so Guédé. Doch Boulogne wurde von seinem Vater zum Studium nach Paris geschickt, wo er die besten Lehrer erhielt.
Sein Geigenspiel begeisterte sogar die Königin, so dass Marie-Antoinette ihn zu ihrem persönlichen Musiklehrer ernannte. «Der junge Mann war sehr begabt, insbesondere als Fechter und Violinist, später auch als Komponist. Er wurde zu einem Star der feinen Pariser Gesellschaft», berichtet Guédé.
Als Exot beklatscht
Doch während die High Society von Paris den dunkelhäutigen Mann beklatschte und als exotische Kuriosität bestaunte, investierten 17 französische Hafenstädte in den Sklavenhandel. Der Menschenhandel bereitete den Geschäftsleuten damals keinerlei Gewissensbisse. Immerhin war das Geschäft schon seit 1685 durch Ludwig den XIV. legitimiert, sagt der Historiker Eric Saugéra. Unter der Herrschaft des Sonnenkönigs wurde der so genannte «Code Noir» erlassen, ein Dekret über den genauen Umgang mit Sklaven.
Kein Mensch, sondern ein «Möbelstück»
Der «Code Noir» sah fürchterliche Strafen für aufsässige Sklaven vor. Auch war darin der Schwarze kein Mensch, sondern ein Möbelstück. Wenn ein Sklavenhalter starb, wurde der Sklave im Inventar aufgelistet und wie eine Kommode, eine Kuh oder ein Weinberg vererbt. Das Gesetzeswerk legte aber auch fest, wann ein Sklave frei gelassen werden konnte und verlieh ihm dann dieselben Rechte wie einem französischen Untertan, zumindest auf dem Papier.
Am 27. April 1848 wurde die Sklaverei in Frankreich verboten. Seither sind die Schwarzen der Kolonien französische Staatsbürger mit allen politischen Rechten. Somit wurden die Karibikfranzosen bereits vor den Einwohnern von Nizza und Savoyen zu französischen Staatsbürgern.
Karibikfranzosen setzten Anerkennung der Verbrechen durch
150 Jahre später feierte sich Frankreich für diese Tat. Das Verbrechen selbst – die Sklaverei – wurde darüber fast vergessen. Viele Karibikfranzosen waren schockiert. Sie organisierten eine Demonstration in Paris, bei der sie sich öffentlich zu ihren Vorfahren bekannten, erzählt Jean-Pierre Passe-Coutrin, Stadtrat des Pariser Vororts Sarcelles. Der Mann aus Guadeloupe war dabei.
Das Gesetz «Taubira»
Drei Jahre später gelang es Christiane Taubira, damals Parlamentsabgeordnete des Übersee-Departements Guyana und heutige Justizministerin, ein Gesetz durchzuboxen, das die Sklaverei zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Das Parlament setzte außerdem ein «Komitee zur Erinnerung an die Geschichte der Sklaverei» ein. Seine Aufgabe: Dieses dunkle Kapitel in die offizielle Geschichtsschreibung einzufügen und die Erinnerung daran lebendig zu halten. Auf Vorschlag des Komitees wird in Frankreich seither jedes Jahr am 10. Mai der «Nationale Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel, die Sklaverei und ihre Abschaffung» begangen.
Die Schwarzen in Frankreich werden insgesamt immer selbstbewusster. Wie der französische Nationalspieler Lilian Thuram aus Guadeloupe arbeiten sie ihre Geschichte auf und werden zu entscheidenden Meinungsmachern in Frankreich.
Initiative gegen Fremdenhass
Der französische Fußballstar Thuram aus Guadeloupe gründete 2008 die Stiftung «Fondation Lilian Thuram – Éducation contre le racisme», die mit Bildungsinitiativen gegen Rassismus kämpft. Thuram selbst geht regelmäßig in Schulklassen, um über Fremdenhass und soziale Ungleichheit zu diskutieren.
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10.1.2013, 9:06 Seit 09:06
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