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Wettingen
Über Wettingen möchte ich doch noch einige Anmerkungen machen, ja es wäre noch viel zu berichten. Man nannte das grösste Dorf der Schweiz oft auch eine Gartenstadt wegen der üppigen Bepflanzung der vielen Einfamilienhäuser. Wettingen wuchs und wuchs, hatte bald mehr Einwohner als die Kantonshauptstadt Aarau oder die Bäder- und Industriestadt Baden. Es wurden deshalb Hochhäuser, Wohnblöcke, Schulen und ein Rathaus gebaut. Für den Haushalt fand man alles; wir fuhren weder nach Zürich noch nach Waldshut zum Einkaufen. Ab 1960 hatten wir auch ein Auto, und das war offenbar für einige Neider im Quartier zu viel. Mami wurde plötzlich schikaniert und bei der Häuserverwaltung verpfiffen, sie würde zu Unzeiten waschen und die Waschmaschine falsch bedienen. Der zuständige Hausverwalter wollte natürlich zum Rechten sehen und hat mich scharf gerügt. Nachdem ich ihm geduldig zugehört hatte, nannte ich ihn einen Trottel und habe den Beweis erbracht, dass wir zu den besagten “Tatzeiten” gar nicht zu Hause waren. Das passierte vor unserem Aufenthalt in Brasilien. Im zweiten Block war es dann besser. Der Lindenhof mit seinem grossen Park war ein idealer Wohnort für eine Familie und hat uns viel geboten. Nur eine Steinwurf entfernt hatten wir auch einen Schrebergarten. Mit den zugezogenen Nachbarn Henri und Irma Tejero-Sollberger und ihren Buben Manuel und Luis verband uns bald eine tiefe Freundschaft. Wir verbrachten regelmässig die Winterferien auf Melchsee-Frutt, und gelegentlich die Sommerferien zusammen.
Das kleine Paradies dauerte bis ins Frühjahr 1972. Als Trax und Bagger auffuhren um im Park den Aushub für eine Grossüberbauung auszuführen, entschlossen wir uns, eine neue Bleibe zu suchen. Wir fanden in Oberehrendingen ein passendes neuerstelltes Einfamilienhaus und konnten am 1. Mai 1972 einziehen. Silvio besuchte fortab die Primar- und Sekundarschule im Dorf, während Marco und Andrej ihre Schulzeit in der Bezirkschule in Baden abschlossen.
Wir verliessen letztlich Wettingen ohne Tränen. Mami ist allerdings bis heute eine “Wettingerin” geblieben!
São Paulo
Was in aller Welt brachte mich auf die Idee, nach Brasilien “auszuwandern?”. Der damalige Leiter der BBC-Aktivitäten in São Paulo, Paul Hubacher, hatte in seinen ersten Berufsjahren im Gleichrichter-Versuchslokal gearbeitet, wo ich auch nach meinem Eintritt bei BBC im Jahre 1956 tätig war. Dr. Paulo, wie ich ihn von nun an nach brasilianischer Usance nennen werde, kam regelmässig nach Baden und versäumte nie, seinen früheren Kollegen Hallo zu sagen. Im Frühjahr 1962 machte er mir den Vorschlag, im Werk Osasco den Verkauf und die Technik in allen Anwendungsgebieten von Gleichrichtern zu übernehmen. Was für ein Angebot! Ich war gerade 30 Jahre alt. Die Sache hatte allerdings einen Haken: Ich sollte in Rumänien noch eine Grossanlage zur Herstellung von Polyäthylen in Betrieb setzen. Die Gewinnung des Äthylengases erfolgte im “Cracking-Verfahren” und erforderte einen Flammbogenofen mit einem elektrischen Lichtbogen von zehntausend Volt und tausend Ampère. Ich war von der Aufgabe fasziniert und wollte die Anlage unbedingt zum Laufen bringen. Ich versprach Dr. Paulo, nach Abschluss der Inbetriebsetzung und einer umfassenden Verkaufsausbildung nach Brasilien zu kommen. Da lockten nämlich auch noch Bahngeschäfte.
Im damaligen Rumänien ging es noch drunter und drüber. Wegen Holzmangels verzögerte sich der Bau der Anlage derart, dass ich von der Aufgabe zurücktrat. Mein Arbeitskollege Peter Etter hat die Anlage mit Erfolg in Betrieb genommen, sich in eine Laborantin namens Mici verliebt und in die Schweiz mitgenommen, wo sie geheiratet haben.
Obschon ich Erfahrung in Überseereisen hatte, war die Vorbereitung für Brasilien ganz anders. Wir mussten den Hausrat auflösen, den Wagen verkaufen und einen Teil als Umzugsgut mitnehmen, und uns vorbereiten. Ich lernte bei einem Schweiz-Brasilianer Portugiesisch, schliesslich musste ich in der Lage sein, mit Kunden zu verhandeln..
Mami war für den Überseeaufenthalt nicht überschwänglich begeistert. Sie machte sich Gedanken, wie sich eine Familie mit Kleinkindern in einer Grossstadt zurecht finden werde. Dass einer unserer Buben bereits auf dem Schiff hätte über Bord gehen können, wussten wir damals noch nicht! Wir schifften uns in Genua auf dem stattlichen Dampfer “Federico C” ein und überquerten den Südatlantik in dreizehn Tagen. Als Passagiere der ersten Klasse hatten wir eine geräumige Kabine, fürstliches Essen und einen Kellner für uns allein. An Bord wurde abwechslungsreiche Unterhaltung geboten. Ich gewann einen Wettbewerb im Tauchen und wurde vom Kapitän ausgezeichnet. Der italienische Charme der Besatzung konnte nicht darüber hinweg täuschen, dass wir als junge Familie nicht unter die Millionäre passten. Marco und Andrej machten uns zwar mit ihren guten Essmanieren alle Ehre und durften als einzige Kinder mit uns am Tisch dinieren. Einmal allerdings liessen sie sich von unserem Kellner vorzeitig verwöhnen und verbrachten dann die Zeit während dem Diner allein in der Kabine. Schreckensbleich erschien plötzlich der Decksteward an unserem Tisch. Wir befürchteten die höchste Alarmstufe “Kind über Bord”. Marco hatte aber “nur” eine elektrische Steckdose demontiert. Mama mia!
In São Paulo wohnten wir in den ersten Wochen in einem Hotel am Anhangabaù, mitten im Zentrum. Schon am ersten Abend zeigte ich den Buben auf einem Spaziergang, in welcher Armut Familien leben mussten. Unsere Hündin Diana, die wir später vor allem aus Sicherheitsgründen hielten, wohnte in einer geradezu luxuriösen Hundehütte. Gottlob fanden wir dank tatkräftiger Unterstützung eines gebürtigen Schweizers innert kurzer Zeit ein uns passendes Haus an der Rua Barão do Triunfo 703 im gehobenen Viertel Brooklin.
Über die Zeit in Brasilien liesse sich ein Buch schreiben. Das ist aber nicht meine Absicht; einige Episoden möchte ich jedoch festhalten.
Wir waren ohne viel Geld aus der Schweiz in Brasilien angekommen und mussten uns am Anfang ziemlich nach der Decke strecken. Möbel und Haushaltgeräte mussten als Erstes beschafft werden. Der Mietzins des Hauses verschlang anfänglich gut die Hälfte des Salärs. Am Ende unseres Aufenthaltes, als ich “Millionär” war, waren es nur noch wenige Prozent. Wir lernten rasch mit der grassierenden Inflation umzugehen. Entweder gab man das Geld gleich aus oder aber man versuchte die Cruseiros in Dollars umzuwechseln. Mami machte ihre Erfahrungen mit den kleinen Gaunern und Schwindlern. Der Milchmann versuchte nur einmal zu viel zu kassieren. Mami bezahlte später für die Milch und die Butter, sofern es solche war, nach ihrem Ermessen. Überhaupt, von “Milch und Honig” war zeitweilig nichts zu spüren. Fleisch, Mehl und Zucker wurden zwischenzeitlich gar rar. Meine Sekretärin, Donna Lydia, war um unsere Familie wirklich besorgt und erforschte über das Wochenende meistens neue Quellen. Ich bin der Donna Lydia auch sonst zu Dank verpflichtet. Sie war eine hervorragende Sekretärin. Obschon sie vom italienischen Landadel abstamme, lebte sie in Brasilien sehr bescheiden, da ihr Mann offensichtlich ein erfolgloser Schriftsteller war.
Gut situierte Brasilianer und Europäer wohnten damals, und vermutlich noch heute, in wohl behüteten Gettos. Dienstboten, Butler, Gärtner oder Chauffeure gehörten zum Standard. Für Mami war schon der Gedanke, eine Haushaltshilfe zu haben, befremdend. Mit der Zeit reifte aber auch bei uns die Einsicht, dass eine gute Fee im Haushalt, in der Küche, als “Babysitter” oder ganz einfach zum Aufpassen, nützlich wäre. Französischstämmige Nachbarn empfahlen uns Elisabete Nunes de Carvalho, eine sehr selbstbewusste Mulattin. Sie war bei uns in der Regel nur über Tag und wohnte weiterhin bei den Nachbarn. Als wir nach einem Tagesausflug nach Hause kamen, warnte uns Elisabete eindringlich vor Einbrechern. Sie hatte nämlich gesehen, wie dubiose Gestalten unser Haus beobachtet hatten. Als ich wenige Tage spät abends und während eines heftigen Gewitters im Begriff war, ins Haus einzutreten, stand ich Mami gegenüber, die sich mit einem Hammer bewaffnet hatte, um dem Einbrecher entgegenzutreten! Mehrere Einbrüche in Nachbarhäuser und das Klauen von Autos waren Anlass, uns nach einem Wachthund umzusehen. Ein Arbeitskollege, der Tessiner Flavio Refondini, hatte zwei Schäferhunde und war bereit, uns die Hündin nach einer Probezeit zu überlassen. Diana war gut dressiert, zuverlässig und schnell wie ein Windhund. Sie gehörte schnell zur Familie und hat uns nie im Stich gelassen. Zwei Sachen mochte sie hingegen nicht: Von Andrej hinterlistig gekniffen zu werden, oder im Haus eingesperrt zu werden, wenn wir an den Strand gingen. Andrej wurde sachte gepackt, wir regelrecht bestraft, indem sie ein mal vor Wut ins Wohnzimmer geschissen hat. Ergo haben wir sie halt mitgenommen! Unsere Ausflüge an die 70 Kilometer lange Praya Grande bei São Vicente, südlich von Santos, bleiben uns unvergesslich. Wir vergnügten uns in der Brandung, bauten Sandburgen und Feuerstellen für den Grill. Es muss sich herumgesprochen haben, denn unsere Schweizerfreunde kamen regelmässig an, wenn das Fleisch “saignant” war. Unsere liebsten Bekannten waren Albert und Beatrice Meier mit den Kindern Gabriela und Thomas und Rolf und Rosmarie Bänninger, und Thuri und Ruth Bechter.
Als bekannt wurde, dass wir in die Schweiz zurückkehren würden, wollte der Polizeichef von Brooklin unsere Hündin unbedingt haben. Leider konnten wir seinen Wunsch nicht erfüllen, Diana verstand nur Schweizerdeutsch. Was lag näher, als den Hund einer Schweizerfamilie zu überlassen. Dort fand sie ein gewohntes Ambiente, bekam wiederum einwandfreies Futter und hat, wie uns die Leute dankbar berichteten, zweimal Einbrecher gestellt!
Es lohnt sich noch kurz auf das Hundefutter zu sprechen zu kommen. Fertigfutter war noch nicht üblich. Diana erhielt Getreideflocken, Obst, Gemüse, rohe Eier und frisches Fleisch. Elisabete hat einmal versehentlich daraus ein delikates Gulasch gekocht! In der Tat war das Fleisch erstklassig. Unser Metzger war gebürtiger Italiener und Hundenarr dazu. Ich musste ihm und seinen Sohn Diana “vorführen”, das Gebiss und ihre Kunststücke zeigen. Ja, Diana konnte bei der Jagd auf Katzen auf Bäume klettern und hoch springen. Der Metzger hatte jeweils nicht nur für uns gutes Fleisch auf der Seite, -zur Abwechslung vom Rindsfilet mal ein Spanferkel oder ein Gizzi-, sondern auch für Diana bankwürdiges Muskelfleisch. Statt wie üblich während der Woche am frühen Morgen musste ich nach einer längeren Ortsabwesenheit an einem Samstag anstehen. Vor und hinter mir waren arme Leute, die sich nur Innereien oder minderwertiges Fleisch leisten konnten. Dann kam ich an die Reihe und wurde ausnahmsweise vom brasilianischen Angestellten bedient. Am Schluss sagte ich: “Noch für den Hund, bitte!” Der Patron erkannte zufällig die Absicht seines Metzgers, mir aus einem Bottich Innereien zu geben und schrie ihn an: “Kennst Du den Hund dieses Herrn nicht? Friss das gefälligst selbst”, und reichte ihm ein schönes Stück “Musculo”, eine Rindshaxe! Das war mir mehr als peinlich und ich hätte mich am Liebsten vor Scham in den Boden verkrochen. Da waren arme Leute, die sich kaum minderwertiges Fleisch leisten konnten und mein Hund bekommt “Musculo”. Mami und ich haben nie wieder Fleisch “für den Hund” verlangt. Diese “Story” bedarf einer Erläuterung: In tropischen Ländern ist es gar nicht einfach, reinrassige Haustiere gesund zu erhalten, saubere Nahrung ist eine wichtige Voraussetzung.
Diese Vorsichtsmassnahme gilt in noch grösserem Masse für die Menschen. Aufgrund der mangelhaften hygienischen Voraussetzungen in den Tropen und Subtropen, die sich von denen in westlichen Industrienationen erheblich unterscheiden, ist nicht nur das Wasser, sondern sind auch Nahrungsmittel mit unterschiedlichen Erregern kontaminiert. In Brasilien leiden Millionen von Kindern und Erwachsenen unter Magen- und Darmkrankheiten.
Unser Leitungswasser für die Nahrungszubereitung wurde in einem mit Silbernitrat beschichteten Tongefäss entkeimt und wir gaben uns alle erdenkliche Mühe mit der Hygiene.
Marco und Andrej litten zeitweilig trotzdem unter Wurmbefall. Andrej, der vermutlich im Garten heimlich unbehandeltes Wasser trank, bekam gar erhebliche Probleme mit der Verdauung, Milz und Leber. Als Andrej im renommierten Restaurant Rubajyat die delikate Feijoada beim Verlassen des Lokals gleich wieder von sich gab, waren wir nicht nur peinlich berührt sondern vor allem besorgt. In der Tat wurden während eines Heimataufenthaltes im Kantonsspital Baden Lamblien diagnostiziert. Lamblien sind, wie auch Amöben, nicht sichtbare einzellige Geisseltierchen. Sie haben die unangenehme Eigenschaft, sich im Körper zu verstecken” (Zystenformen) und können noch Monate oder Jahre nach der Ansteckung wieder aktiv werden und Beschwerden verursachen. Heilung kann nur eine spezifische medikamentöse Therapie bringen. Professor von Rechenberg befürchtete im Falle von weiteren Rückschlägen bei Andrej Wachstumsstörungen und legte uns nahe, in die Schweiz zurückzukehren.
Beruflich hatte ich schon beachtliche Erfolge erzielt, war aber immer noch im Aufbau der Aktivitäten. Mein direkter Vorgesetzter hatte mit unseriösen Geschäftspraktiken mehrere Kunden verärgert. Ich hatte mit Dr. Paulo mehrere Aussprachen über das gespannte Verhältnis zu meinem Chef. Er empfahl mir, alles nach meinem Gutdünken zu machen. Ich lehnte nicht nur die Wiedergutmachung von mutwillig zerstörten Kundenbeziehungen, sondern gar eine Beförderung ab. Nach einer weiteren Eskapade meines Chefs hielt mich nichts mehr in Brasilien. Mami war erleichtert und konnte die Abreise kaum erwarten. Freunde und treue Kunden haben mir aber den Abschied nicht leicht gemacht. Ein Kunde aus Rio übergab mir eine Bestellung für eine Grossanlage, “um mir den Start in Baden zu erleichtern”. Muito obrigado, Dr. Ferrini! Wir fuhren im Dezember 1964 mit dem uns bekannten “Federico C” nach Europa zurück und feierten Weihnachten in der Schweiz.
Ich habe Brasilien noch mehrere male auf Geschäftsreisen besucht und einmal sogar einen Blick auf unser Haus geworfen. Das Quartier war kaum noch zu erkennen, die Stadt wächst unaufhaltsam und hat mittlerweile gegen 20 Millionen Einwohner. Die gravierenden Probleme, nämlich die Armut, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus, Kriminalität, Korruption und Belastung der Umwelt sind geblieben. Heimweh nach Brasilien haben wir deshalb nie verspürt.
Eine kurze Geschichte möchte ich noch beifügen. Von meinem Büro in Osasco aus hatte ich einen Blick auf die Hauptstrasse, die ins Landesinnere führt. Eines Vormittags traute ich meinen Augen nicht, als ich einen barfüssigen Mann erblickte, der ein schweres Kreuz trug. Es kam mir vor, als hätte ich den leibhaftigen Jesus gesehen. Ich habe schnell herausgefunden, dass es sich um einen Pilger handelte, der nach dem gut 70 Kilometer entfernten Städtchen Itu unterwegs war, wo sich eine Wallfahrtskirche befand. Wir haben Itu später besucht und waren von der prächtigen Landschaft begeistert. Mit der karnevalsähnlichen Ausstattung der Kirche, den abgeleckten Statuen und den vielen Krämern konnten wir uns hingegen nicht anfreunden. Itu ist nicht der einzige Wallfahrtsort, wo mir der Evangelist Matthäus in den Sinn gekommen ist, der Jesus wie folgt zitiert: “Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle”. (In Medjugorje, Bosnia / Herzegowina oder Lourdes haben mich diese Gegensätze auch gestört).
Ehrendingen
Man soll nie “Nie” sagen. Ehrendingen liegt auf 461 Meter ü.M. und war damals mit etwa 1500 Einwohnern, wie wir abfällig sagen, ein “Kaff”.
Die Geschichte des Dorfes ist aber bemerkenswert und ist bis ins Jahr 982 beurkundet. Das Wappen in Blau mit einem gelben Hirsch auf grünem Grund zeugt von der Abhängigkeit vom Kloster St. Blasien im Schwarzwald. St Blasius ist auch der Kirchenpatron. Das so genannte Vogthaus wurde 1563 erbaut und mit dem etwa gleichaltrigen Pfarrhaus ein prächtiger historischer Dorfkern geschaffen. Im 19 Jahrhundert, möglicherweise schon früher, wurde am Lägernhang Gips ausgebeutet; Ende des Jahrhunderts wurde auch eine Zementfabrik in Betrieb genommen. Heute erinnern noch Reste von den damaligen Bauten an diese Industrie. Wir haben vom Dorfunikum und Einsiedler Johann Urban Frei, dem sog. Gipsgrubenheiland, über den heutigen Reichtum der Gipsgruben erfahren, nämlich Fossilien und Orchideen. Er hat sie als seinen Schatz gehütet. Frei wurde 68 Jahre alt und verstarb 1978. Bemerkenswert ist noch die 1825 erfolgte Trennung der Gemeinde Ehrendingen in Ober- und Unterehrendingen. Mit der zunehmenden Industrialisierung fand die bäuerliche Bevölkerung Arbeit in Baden (BBC) oder Niederweningen (Bucher-Guyer).
Als wir 1972 nach Ehrendingen kamen, war die Postautoverbindung nach Baden noch schlecht. Wir brauchten zwei Autos. Später hatten Marco und Andrej ihre eigenen Wagen, was mich veranlasste, mit dem Bus und der Bahn nach Oerlikon zu pendeln! Wegen meiner beruflichen Inanspruchnahme und den häufigen Auslandreisen konnte ich mich keiner Vereinstätigkeit widmen.
Mami fühlte sich, im Gegensatz zu Wettingen, im hiesigen Turnverein nicht wohl. Die spärlichen Kontakte zur Dorfbevölkerung, etwa in Verbindung mit Elternabende während Silvio’s Schulzeit, reichten nicht aus, enge Beziehungen zu knüpfen.
So sind wir eigentlich auch nach dreissig Jahren nicht wirklich ansässig geworden! In den letzten Jahren hat sich Ehrendingen allerdings zu einem stattlichen Dorf entwickelt, dessen Infrastruktur beachtlich ist. Der öffentliche Verkehr bietet inzwischen sowohl nach Baden, als auch nach Niederweningen und dem Furttal genügend Transporte an. Leider wurde unser Quartiercharakter durch unschöne Dachaufbauten zerstört und neueste Bauvorhaben hinter unserem Haus lassen zukünftige Beeinträchtigungen vermuten. Störend wirken sich auch die gestiegenen Immissionen des Flugverkehrs aus, was uns veranlasst hat, der Vereinigung für “Erträglichen Fluglärm” der Sektion Baden-Wettingen beizutreten. Leider musste unser lethargischer Gemeinderat dazu gedrängt werden, sich an den Einsprachen zu beteiligen.
Unser eigenes Heim
“My home is my castle”! Die Vorteile eines Eigenheimes habe ich kennen gelernt, als mein Vater mit bescheidenen Mitteln 1947 sein Haus bauen liess. Sein Bruder Erhard, Prokurist beim Bankverein in Zürich, hatte ihm dringend abgeraten! Für eine Familie ist ein Haus aber ideal. Grossvater war denn auch über unsere Absicht, etwas Eigenes zu kaufen, begeistert. Dem Haus in Ehrendingen mit der prächtigen Aussicht auf die Lägern gab er, im Vergleich zu einer Eigentumswohnung in der Allmend (Bonzenalp) in Baden, klar den Vorzug: ” Du wirst wohl wissen, was du zu tun hast”! Er hat uns auch die fehlenden Tausender vorgestreckt, den Kauf zügig abzuschliessen. Unser Haus ist keine architektonische Glanzleistung, hat uns aber immer den Wohnbedarf gedeckt; jeder Junge hatte nun sein eigenes, wenn teilweise auch knappes Zimmer. Dank Mami’s Geschmack für die Inneneinrichtungen und ihre Liebe für den Blumengarten wurde eine Ambiance geschaffen, in welcher wir uns bis auf den heutigen Tag wohl fühlen.