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Das St.Johanns-Tor

St.Johanns-Vorstadt 110
Tram 11 - St.Johanns-Tor
Um 1200 erbautes Stadttor
Weit vor der alten Basler Stadtmauer am Totentanz lag die 1206 erstmals erwähnte Niederlassung der Johanniter. Sie bildete das äussere Ende einer nach ihr benannten Vorstadt. Die St.Johanns-Vorstadt wurde im August 1272 von Rudolf von Habsburg (1218-1291) wegen dessen Streit mit dem Bischof von Basel in Asche gelegt. Die Vorstadt brauchte mehr Schutz und den bekam sie mit dem Bau einer neuen Stadtmauer, die auch ein Tor draussen bei den Johannitern erhielt.
Das St.Johanns-Tor wurde als Teil des äusseren Grossbasler Maurerrings erbaut, der nach dem Erdbeben 1356 entstand um die Vorstädte zu schützen. Erstmals in der Wachtordnung von 1374 als "thore zuo sant Johans" erwähnt, ist es das einzige der Haupttore von Grossbasel, welches damals möglicherweise schon als Stadttor genutzt werden konnte. Die übrigen dieser Tore werden nämlich nur als Türme aufgeführt und erscheinen erst in späteren Zeiten als Stadttore.
Das St.Johanns-Tor um 1640. Man erkennt vor dem Tor die in den Stadtgraben ragende Schanze des 17. Jahrhunderts. Hinter dem Tor ist die Niederlassung der Johanniter mit deren Kapelle zu sehen. | Stich von Matthäus Merian
Bei Grabungen im Umfeld des Tores bei dessen Renovation 1984/86 kamen unter dem Vorplatz beim ehemaligen Wachtposten von 1807 Fundamentreste an den Tag. Die Vermutung kam auf, es könnten Spuren eines früheren Tores sein. Aber Ansichten von Matthäus Merian dem Älteren (1593-1650) zeigten, dass es sich nicht um Mauern eines Vorgängertors handelte. Viel mehr waren es Überreste eines hallenartigen Anbaus mit einem Giebeldach und einen Rundbogenportal.
Das Tor des 14. Jahrunderts
Bei der Renovation 1984/86 führte man Untersuchungen am Tor durch. Sie brachten mehr zur Baugeschichte ans Licht. Die seinerzeit beim Bau verwendeten Holzpartien stammen von Bäumen die zwischen 1367 und 1375 gefällt wurden. Möglicherweise hatte der Torturm ursprünglich einen hölzernen Obergaden an Stelle des späteren Zinnenkranzes. Darüber sass vermutlich ein Pyramidendach. Die frühen Abbildungen des Tors lassen keinen klaren Schluss darüber zu.
Der Turm hatte sicher eine Wehrplatte in Inneren (Boden in der Turmkrone für Einrichtungen zur Verteidigung). Für 1387 bezeugt nämlich eine Liste, dass Konrad Otwanger der Zimmermann verantwortlich sei für den dortigen Springolf (Wurfgeschütz) im "thor zuo sant Johans". Eine Notiz zu Ausgaben 1455 berichtet vom Ausmalen eines Zifferblattes durch Meister Gilgenberg. Dies weist darauf hin, dass damals das Tor eine eigene öffentliche Uhr besass.
Das Vorwerk
Die stadtseitigen Turmfenster wurden wohl vor oder um 1469 ausgebrochen. Ausgaben für Fensterrahmen berichten von einem Brandfall im Tor zu jener Zeit. 1473 sei ein in den Stadtgraben gebautes Vorwerk entstanden. Dieses bekam 1670 einen barocken Erker, der heute als Kopie von 1921 zu sehen ist. 1482 liess die Stadt das Tor mit einem Kreuzigungsbild schmücken. Um 1582 folgten weitere Veränderungen. Zum einen wurden wohl Gaden und Pyramidendach ersetzt.
Stattdessen bekam die Turmspitze einen Zinnenkranz und ein innen liegendes Pultdach. Die zweite Neuerung betraf das Fallgatter, welches in jener Zeit durch eine so genannte Rammpfahlanlage ersetzt wurde. Sie lag an der Feldseite des Turmes und ermöglichte es neu, die Pfähle gesondert herabzulassen um einen Teil des Torbogens offen zu lassen. Das alte Gatter konnte nur in einem Stück niedergelassen werden und schloss zuvor den Durchgang damit vollständig.
Gatter wie Rammpfahlvorrichtung wurden an der Feldseite des Turmes angebracht und waren geschützt durch das in den Graben ragende Vorwerk. Eine zugemauerte Schießscharte an dieser Seite zeugt davon, dass das Vorwerk von 1473 kein Dach hatte, oder eines das unterhalb der Scharte endete. Offenkundig bekam das Werk zu einem unbekannten Zeitpunkt ein Dach, das die Schießscharte überdeckte und sie nutzlos machte, worauf hin sie geschlossen wurde.
Das überdachte Vorwerk mit seinem Barockerker (Kopie von 1921). Rechts des Werkes, wo heute die Aussentreppe liegt, schloss früher die Mauer mit Wall an.
Zum Torbogen des Vorwerks gelangte man früher über eine Zugbrücke die den Stadtgraben überspannte. Das Werk selbst hatte ein überdachtes Obergeschoss, in dem der Artillerie Verein Basel-Stadt heute seinen Sitz hat. Der Verein nutzte ab 1961 das ganze Tor und beschränkte nach der Renovation 1984/86 jedoch auf das Vorwerk und die untersten Räume des Turmes. Die Fasnachtsclique Muggedätscher und die Polizeischützen Basel belegen seither die oberen Geschosse.
Wälle ergänzen mittelalterliche Mauern
Das heutige Bild der Turmspitze geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Darstellungen des Tores lassen den Schluss zu, dass in den Jahren vor 1647 das innen liegende Pultdach durch ein flaches Pyramidendach auf dem Zinnenkranz ersetzt wurde. Zeichnungen von Emanuel Büchel (1705-1775) belegen, dass um 1750 ein kleines Glockentürmchen auf der Spitze des Pyramidendaches thronte. Eine weitere Änderung wurde durch die Entwicklung der Artillerie nötig.
Die mittelalterlichen Stadtmauern beim Tor wurden mit der Zeit durch Erdwälle ergänzt, die neuzeitlichen Geschützen besser widerstanden. Auf diesen Wällen konnten Kanonen positioniert werden. Um sie leichter ohne Rampen von Wall zu Wall transportieren zu können, wurde 1669/70 stadtseitig vor dem Torbogen eine Art Viadukt erstellt, über welchen die Geschütze ohne Mühe zu den Wällen links oder rechts des Stadttors gezogen werden konnten.
Feldseitige Ansicht um 1847 mit flankierenden Wällen, bewachsen von Bäumen. Das Tor hat noch seine Funktion als Stadteingang; unter dem Vorwerk steht ein Mann der Torwache | Stich nach Richard Höfle (Sammlung altbasel.ch)
Schon während der Bedrohung des 30jährigen Krieges wurde 1622/24 im Stadtgraben vor dem Tor (westliche Hälfte des heutigen St.Johanns-Platzes) eine dreieckige Schanze angelegt. Dieses sogenannte Ravelin ragte an der Flanke des Torzugangs wie eine Halbinsel in den Stadtgraben. Von diesem Aussenwerk konnte das Tor mit Feuerwaffen zusätzlich gedeckt werden. Diese St.Johanns-Schanze schloss an den Vorhof des Tores an und wurde 1874/77 abgetragen.
Die Torwache und ihr Posten
Im 19. Jahrhundert änderten sich die Zeiten. Die Stadt wuchs immer mehr hinaus vor die Mauern, wo mit den Jahrzehnten neue Quartiere entstanden. Die alten Befestigungswerke verloren ihren Sinn. Zu leichtherzig wollte man sich aber lange nicht von der alten Wehrhaftigkeit trennen. So sträubte man sich 1828 dagegen, die marode Zugbrücke mit Wolfsgrube gegen einen festen Übergang zu tauschen. Das Tor wurde damals von der Standeskompanie bewacht.
Für die Wachtmannschaft der Standeskompanie wurde 1807 ein Posten mit kleiner Vorhalle und toskanischen Säulen erbaut, weil die alte Wachtstube am Tor selbst schadhaft gewesen sei. Bis heute ist das später als Polizeiposten genutzte Gebäude eine reizvolle Ergänzung aus Napoleons Tagen. 1834 wird festgehalten, dass die Torwache aus 3 Gemeinen und einem Corporal bestand. Die Schildwache wurde bei Tag und Nacht von einem dieser Männer versehen.
Der 1807 nach der Gründung der Basler Standeskompagnie errichtete Wachtposten der Torwache. Heute (2023) ist darin eine Galerie untergebracht.
Zwei Jahrzehnte später war es schlecht um die Standestruppe bestellt. 1855 waren von Februar bis November 73 Mann desertiert und schliesslich machte sich die gesamte Torwache nach Frankreich davon. Sie verschloss das St.Johanns-Tor und warf die Torschlüssel in den Stadtgraben. 1856 wurde die Truppe abgeschafft. Im selben Jahr wurde die Torbarriere instand gestellt. Nach der Auflösung der Standestruppe wachten unter den Basler Toren Polizeimänner.
Allerdings standen die Polizisten nicht mehr lange unter den Torbogen; denn die ersten Tore Basels waren bereits abgerissen worden. Im Stadtgraben vor dem Tor legte in den 1860er Jahren der Stadtgärtner eine Baumschule an. Das St.Johanns-Tor selber sollte gemäss Grossratsbeschluss von 1870 auch abgebrochen werden. Es fanden sich jedoch einige Basler, die zur Restaurierung 3000 Franken aus eigener Tasche anboten. So sah die Stadt von einem Abriss ab.
Rettung, Veränderung und Gesamterneuerung des Tores
Während die Rheinschanze aus dem 17. Jahrhundert westlich des Tors zum Rhein hin zur Parkanlage wurde, fielen die Wehrbauten an der östlichen Flanke dem Abriss zum Opfer. Der Verkehr sollte nicht mehr durch das Nadelöhr des Torbogen laufen, sondern auf einer Strasse am Tor vorbeigeführt werden. Dazu musste 1874/77 die mittelalterliche Stadtmauer, ihre Wälle und das Ravelin von 1622/24 im Stadtgraben weichen. Es war der Preis zum Erhalt des Tors.
Das dank hiesigen Liebhabern vor dem Abbruch bewahrte historische Tor durfte weiter existieren. Allerdings folgte im Jahr 1874 eine unglückliche "Verschönerung" des mittelalterlichen Wehrbaus. Die Turmkrone erhielt ein unpassend steiles Spitzdach im Geschmack der Zeit mit Glockentürmchen. Über hundert Jahre lang bot das derart umgebaute St.Johanns-Tor damit einen unerfreulichen Anblick, der nur wenig mit seiner früheren Erscheinung gemein hatte.
1921 wurden Sanierungen am Tor vorgenommen, überwiegend am Vorwerk. Der Wachtposten der Standestruppe, der nach ihrer Auflösung 1856 als Polizeiposten diente, überstand die Veränderungen rund um das Tor. Als Liegenschaft St.Johanns-Vorstadt 106 dient er heute (2023) als Sitz einer Kunstgalerie. Das alte Bild des Tors mit seinem 25.6 Meter hohen Turm (gemessen bis zum Zinnenkranz) ohne Steildach kehrte mit der Gesamterneuerung von 1984/86 zurück.
Stadtseitige Sicht auf das heutige St.Johanns-Tor. Rechts die Säulen des Wachtpostens von 1807. Vor dem Torbogen erkennt man den vorgeblendeten Viadukt von 1669/70, der die früher beidseitigen anstossenden Wälle verband.
Zusammenfassung
Nach dem Erdbeben von 1356 erhielt Basel einen neuen Mauerring der so gross war, dass er auch die Vorstädte schützte. Er umfasste damit die dem Rheinufer entlang gewachsene St.Johanns-Vorstadt, die benannt war nach der Niederlassung des Johanniterordens. Dort wurde das 1374 erstmals erwähnte St.Johanns-Tor erbaut, welches an dieser Stelle bis heute besteht. Anfangs war im Turm des Tores ein Wurfgeschütz untergebracht. Später folgten Veränderungen.
Die Turmkrone wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrfach ihr Aussehen. So hatte sie für eine Weile bloss einen Zinnenkranz. Das heutige Pyramidendach im Stil des 17. Jahrhunderts ist eine Rekonstruktion von 1984/1986 die ein unpassendes Spitzdach von 1874 ersetzte. In den 1470er Jahren habe das Tor ein in den Graben gestelltes Vorwerk bekommen. Mit diversen Modifizierungen wurde es zum überdachten Vorbau mit barockem Erker, wie man ihn heute kennt.
Zur Zeit des 30jährigen Krieges und danach wurden um das Tor Ausbauten vorgenommen, die moderner Artillerie besser widerstanden als mittelalterliche Mauern. Im Graben vor dem Tor wurde 1622/24 ein Aussenwerk mit Erdwällen angelegt. Ebenfalls mit Erdwall entstand zwischen Tor und Rheinufer die noch heute begehbare Rheinschanze. 1669/70 wurde sie durch einen kleinen Viadukt mit dem heute verschwundenen Wall auf der anderen Seite des Tors verbunden.
Das Stadttor hatte eine Torwache für die 1807 ein neues Gebäude errichtet wurde. das Wachthaus mit seiner Säulenfront existiert noch immer und bildet eine reizvolle Ergänzung des Torensembles. Mit dem Wachsen der Stadt im 19. Jahrhundert fiel die Funktion der alten Stadttore weg. Auch beim St.Johanns-Tor verschwanden die südlich anschliessenden Mauern und Wälle, um Raum für die heutige Strasse zu schaffen. Das Tor selbst sollte auch abgerissen werden.
Geschichtsfreunde setzten sich für den Wehrbau ein, was ihn rettete. Nach einer Renovation im Geschmack der 1870er Jahre bestand das Stadttor weiter. Mit der Zeit wurde es zum Domizil mehrerer Basler Vereine und einer Fasnachtsclique, die noch immer ihren Sitz darin haben. Die bereits erwähnte Renovation der 1980er Jahre brachte viele neue Erkenntnisse zur Baugeschichte und man stellte auch das Erscheinungsbild des St.Johanns-Tors vor 1874 wieder her.
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Beitrag erstellt 01.06.23
Quellen:
Guido Helmig / Christoph Philipp Matt, Beitrag "Inventar der Basler Stadtbefestigung - Planvorlage und Katalog, 1. Die landseitige Äussere Grossbasler Stadtmauer", publiziert im Jahresbericht 1989 der Archäologischen Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt, herausgegeben von Rolf d'Aujourd'hui, Basel, 1991, ISBN 3-905098-10-5, Seite 85 (vergleichender Plan) und 96 bis 98 (zum St.Johanns-Tor) so wie Seiten 136 & 137 (St.Johanns-Schanze) und 148 & 149 (Mauerabschnitt vom Wasenbollwerk zum Rhein)
o.A. Beitrag "Gartenhäuser", publiziert in Das Bürgerhaus in der Schweiz, XXIII. Band, Kanton Basel-Stadt (III.Teil) und Basel-Land, herausgegeben vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein, Orell Füssli Verlag, Zürich, 1931, Seite 51, Spalte 1 (Wachtposten) und Tafel 81 (Grund- und Seitenrisse Wachtposten)
Eduard Achilles Gessler, Beitrag "Der Springolf, ein mittelalterliches Torosionsgeschütz", publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 20. Band, 2. Heft, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1922, Seite 196
Christian Adolf Müller, Die Stadtbefestigung von Basel, Teil 2, 134. Neujahrsblatt der GGG, herausgegeben von der Gesellschaft zur Beförderung des Guten und Gemeinnützigen, Kommissionsverlag Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1956, Seiten 47 & 48
Casimir Hermann Baer, Beitrag "Das St.Johanns-Tor"", publiziert in Kunstdenkmäler des Kantons Basel Stadt, Band 1, herausgegeben von der Schweizerischen Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler, Birkhäuser Verlag, Basel, 1932/1971 Seiten 285 bis 298 (Stadttor) und 690 zum (Wachtposten von 1807)
Eugen Anton Meier, Beitrag "Das St.Johanns-Tor", publiziert in Basel Einst und Jetzt, 3. Auflage, Buchverlag Basler Zeitung, Basel, 1995, ISBN 3-85815-266-3, Seite 231
Rudolf Kaufmann, Basel das alte Stadtbild, Birkhäuser Verlag, Basel, 1936, Beiträge 19 & 20 (Fotos vom St.Johanns-Tor vor 1869)