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dafür geriet es in die Abhängigkeit von dem französischen Königtum. Der Verlegung des päpstlichen Sitzes nach Avignon (1305-1378) folgte die Zeit der Kirchenspaltung (1378 bis 1415), in welcher zwei, ja drei Päpste gleichzeitig herrschten und einander in den Bann thaten. Niemand wußte, wer der rechte Papst, der wahre Hirt der Kirche sei.
In dieser Wirrnis hielt zwar das rein Religiöse, der fromme Glaube, der breiten Volksmassen Stand, jedoch die Achtung vor der Kirche sank, zumal auch in der Priesterschaft Zuchtlosigkeit einriß. In weiten Kreisen aber riefen diese Zustände Strömungen hervor, welche die kirchliche Macht noch gründlicher erschütterten: einerseits eine bis zum Krankhaften gesteigerte religiöse Schwärmerei, andererseits Unglauben sind die äußersten Grenzen, zwischen welchen die Geister schwankten, und in abgeschwächter Form, aber stärkerer Verbreitung, erscheinen dann diese Gegensätze als Aberglauben und Gleichgültigkeit gegen die Religion.
In letzterer Hinsicht waren allerdings schon im 12. und 13. Jahrhundert die Zustände keineswegs tadellos gewesen, und insbesondere in Sachen der «geschlechtlichen Sittlichkeit» hatte man sehr freien Anschauungen gehuldigt. Der «ritterliche Minnedienst» war weit weniger «ideal», als mancher sich vorstellen mag.
Die Auflösung der Zucht hatte aber doch wieder eine gute Folge: die stärkere und freiere Entwicklung des Persönlichen;
der Einzelne trat mehr aus der Menge hervor, konnte seine Eigenheiten schärfer zur Geltung bringen. In dieser Zeit konnte nur der Starke seinen Platz in der Sonne behaupten, und dies zwang jeden, seine Kräfte auszubilden und zu steigern.
Reformation und Humanismus. Auf dem Boden dieser Verhältnisse keimten zwei geistige Bewegungen, welche von nachhaltiger Bedeutung für die ganze Folgezeit wurden. Das im Volke vorhandene reinreligiöse Gefühl führte zur Kirchenerneuerung, «Reformation», worunter jedoch nicht allein die Spaltung der katholischen Kirche, sondern auch die Erneuerung der kirchlichen Zucht in dieser selbst - durch das Tridentinische Konzil - zu verstehen ist. - Früher jedoch trat in Erscheinung jene andere Be-
^[Abb.: Fig. 403. Michelozzi: Hof des Palastes Riccardi.
Florenz.]
^[Abb.: Fig. 404. Alberti: Palazzo Rucellai.
Florenz.] ¶
wegung, welche man «Humanismus» zu nennen pflegt. Sie war eine mehr unmittelbare Folge der geschilderten Zustände, blieb aber auch beschränkt auf den kleineren Kreis der Gesellschaft, welcher die sogenannten «Gebildeten» umfaßte.
Der innerste und letzte Kern der humanistischen Anschauung besteht darin, daß sie in dem ganzen Menschen eine geschlossene Einheit von Sinnlichem und Uebersinnlichem sieht, und nicht blos die Seele - wie die alte kirchliche Lehre - als Ausfluß des Göttlichen erkennt. Die Auffassung, daß dieser «ganze Mensch» das Maß aller Dinge sei, war im Grunde die «heidnische» der antiken Welt, und sie kam daher auf, als man sich mit dieser eingehend zu beschäftigen anfing. Gewöhnlich wird denn auch mit Rücksicht auf die Art, wie sich der Humanismus nach Außen kundgab, der Begriff desselben in beschränkter und oberflächlicher Weise als Wiederbelebung der klassischen Studien und Nachahmung des antiken Lebens aufgefaßt. Ersteres ist jedoch Ursache, letzteres Erscheinungsform.
Beschäftigung mit der Antike. Jene eingehende Beschäftigung mit dem Altertum begann in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, und wurde am stärksten gefördert durch die Aufnahme von Griechen in Italien, welche vor und nach dem Zusammenbruch des byzantinischen Reichs (1453) zahlreich herüberkamen. Die Kenntnis der griechischen Sprache, in welcher ja die grundlegenden philosophischen Werke abgefaßt waren, verbreitete sich und man konnte die letzteren nun in der Urschrift lesen.
Die größere Vertrautheit mit den Verhältnissen des Altertums erzeugte sodann eine Begeisterung für die damaligen Staatsformen und für die gesellschaftlichen Zustände, so daß man sie als Vorbilder betrachtete, die nachzuahmen seien. Die Gebildeten bemühten sich, in «klassischem Latein» zu sprechen und zu schreiben, gaben sich antike Namen und ahmten die Sitten der Alten nach. Durch die Gründung von Bibliotheken und Akademien wurden diese Bestrebungen gefördert, welche ihrer ganzen Natur nach freilich auf die gelehrten Kreise beschränkt bleiben mußten und nicht volkstümlich werden konnten. Die «klassische Philologie» (Sprachwissenschaft) und das humanistische Gymnasium sind die Früchte von ehrwürdiger Dauerhaftigkeit, die aus den Keimen jener Zeit entstanden. Diese gelehrte Richtung rief aber bald auch eine Gegenströmung hervor, welche auf die Pflege der Volkssprache und heimischen Dichtung drang.
Verhältnis der Humanisten zum Christentum. Die Humanisten blieben jedoch
^[Abb.: Fig. 405. Alberti: San Francesco.
Rimini.]
^[Abb.: Fig. 406. Alberti: San Andrea.
Mantua.] ¶