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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

5. Buch
7. Auswahl des Tages für die Verehelichung, für die Anpflanzung und die Aussaat.
Wie unerträglich erst, daß die Astrologen in der Auswahl der Tage ein neues Fatum für ihre Tätigkeit schaffen! Jener weise Mann war nicht unter so günstigen Sternen geboren, daß er einen herrlichen Sohn bekommen hätte, sondern im Gegenteil unter so ungünstigen, daß er einen verächtlichen erzeugt hätte, und deshalb wählte er sich als ein gelehrter Mann die Stunde aus, seiner Gattin beizuwohnen. Er schuf sich also ein Fatum, das er nicht hatte, und was bei seiner Geburt nicht in den Sternen geschrieben stand, das stand nun auf einmal dort geschrieben, weil er es so machte. Eine ausnehmende Torheit! Man wählt sich einen bestimmten Tag aus für die Verehelichung; doch wohl deshalb, weil ein Tag, den man nicht eigens aussucht, ein ungünstiger sein und die Ehe unglücklich ausfallen könnte. Wo bleibt da das Verhängnis, das die Gestirne dem Menschen schon bei seiner Geburt zuteilten? Oder kann der Mensch das ihm bereits bestimmte Schicksal durch Auswahl eines Tages abändern, während das von ihm selbst durch die Auswahl eines Tages bestimmte Schicksal von keiner anderen Gewalt abgeändert werden kann? Warum wählt man ferner, wenn nur die Menschen und sonst nichts unter dem Himmel den Konstellationen unterworfen sind, doch wieder besondere Tage aus, die sich für Anpflanzung von Reben und Bäumen oder zum Anbau der Saaten eignen sollen, und wieder andere für die Zähmung oder die Zulassung der männlichen Tiere, die die Herden der Stuten und Rinder befruchten sollen, und anderes der Art? Wenn aber der Auswahl der Tage deshalb eine Bedeutung zukommt, weil alles Körperhafte auf Erden oder doch alles, was Leben hat, von der Stellung der Gestirne je nach der Verschiedenheit der Zeitmomente beeinflußt wird, so wird die einfache Erwägung, welch verschiedenen Ausgang all die unzähligen Wesen nehmen, die im gleichen Zeitpunkt geboren werden, entstehen oder ihren Anfang nehmen, dazu genügen, um jedem Kinde solche Rücksichtnahmen lächerlich erscheinen zu lassen. Denn so albern ist doch niemand, zu behaupten, daß von allen Bäumen, allen Kräutern, allen Tieren, Schlangen, Vögeln, Fischen, Würmern jedes Einzelwesen für sich einen eigenen Geburtsmoment habe. Gleichwohl gibt es Leute genug, die den Mathematikern zur Erprobung ihrer Geschicklichkeit die Konstellation von Tieren vorlegen und in dieser Absicht die Geburtszeit bei sich daheim genau wahrnehmen; und jenen Mathematikern, die auf Grund der Konstellationsschau sagen, es sei nicht ein Mensch, sondern ein Tier zur Welt gekommen, geben sie dann den Vorzug. Ja, die Mathematiker getrauen sich sogar darüber Aussagen zu machen, um was für ein Tier es sich handle, ob es sich eigne für Gewinnung von Wolle oder als Zugtier, für den Pflug oder zur Bewachung des Hauses. Denn selbst das Fatum von Hunden will man von ihnen wissen und mit großem Beifall und staunender Bewunderung nimmt man ihren Bescheid darüber entgegen. So verrannt sind die Leute in ihren Wahn, daß sie meinen, in dem Augenblick, wo ein Mensch geboren wird, hielten alle sonstigen Geburten inne, so daß nicht einmal eine Mücke zu gleicher Zeit unter dem gleichen Himmelsstrich zur Welt komme. Denn die logische Schlußfolgerung würde sie unweigerlich von den Mücken allmählich aufsteigend bis zu Kamelen und Elefanten führen. Auch verschließen sie ihre Augen vor der Tatsache, daß an dem Tag, der zum Ansäen auserwählt worden ist, eine Unzahl von Körnern gleichzeitig in die Erde gelangt, gleichzeitig hervorsproßt, nach dem Aufgehen der Saat gleichzeitig in die Halme schießt, zur Blüte kommt und gelb wird und dennoch gleichaltrige und sozusagen gleichsprossige Ähren teils durch Brand vernichtet, teils von Vögeln abgeplündert, teils von Menschen abgerissen werden. Wollen sie etwa behaupten, diese Ähren, die ein so verschiedenartiges Ende nehmen, hätten verschiedene Konstellationen gehabt? Und wenn nicht, werden sie dann davon abgehen, für solche Dinge bestimmte Tage auszusuchen, und werden sie deren Abhängigkeit von einem Himmelsverhängnis nicht weiter aufrecht erhalten und lediglich die Menschen den Gestirnen unterworfen sein lassen, die einzigen Wesen auf Erden, denen Gott Willensfreiheit verliehen hat? Faßt man dies alles wohl ins Auge, so darf man mit Grund annehmen, daß der richtige Bescheid, den die Astrologen merkwürdiger Weise häufig geben, nicht auf einer in Wirklichkeit nicht existierenden Kunst, das Horoskop zu stellen und zu deuten, sondern auf geheimer Eingebung böser Geister beruhe, die ein Interesse daran haben, diese falschen und schädlichen Ansichten über das Sternenfatum den Menschen beizubringen und sie darin zu bestärken.