Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03505.jsonl.gz/198

Extraterrestrischer Nestbeschmutzer
Also, was macht er? Er gibt Gulliver als den Autor von «Gullivers Reisen» aus und auf der Innenseite des Buches druckt er darüber hinaus auch noch das Konterfeit des (inexistenten) Verfassers ab und beschreibt sein Leben als «zuerst ein Chirurg, dann der Kapitän von verschiedenen Schiffen». Bei Ausserirdischen ist das ähnlich ...
Es geht um das soeben erschienene Buch «Extraterrestrial» vom israelischen Astrophysiker Avi Loeb. Seinen «Evidentia»-Belege stammen aus und durch ihn selbst, durch seine Geschichte, seine Familie, seine Töchter und Ehefrau, die man vielleicht schmunzelnd mit Ephraim Kishon als «die beste Ehefrau von allen» bezeichnen könnte. Der gesamte erste Teil des Buches, der sich mit seinen Forschungen, seiner Familie und seinen Führungspositionen in der Welt der Forschungs- und Lehrinstitutionen auf der Welt befasst, könnte wahrscheinlich mit dem Satz zusammen gefasst werden: «Leute, ich bin wer und ich weiss, wovon ich rede!» Und das ist auch gut so.
Denn die These, die er konkret spätestens seit dem September 2017 vertritt, ist die, dass wir im Universum nicht allein sind, oder, um es genauer wiederzugeben, dass wir statistisch gesehen völlig überzogen und verblendet sein müssten, um zu denken, dass nur wir und wir allein erst das Gaslicht und dann den Atomblitz der Zivilisation im Universum geschaut haben.
Konkret seit 2017, weil im September für wenige Stunden unser Sonnensystem von einem Besucher durchquert wurde, den unsere Himmelsbeobachter erst kurz vor dem Verlassen dieser gastlichen Stätte wahrgenommen hatten. Dieser Besucher, von den Astronomen und Astrophysikern dann «‘Oumuamua» benannt, gab zahlreiche Rätsel auf, die so offensichtlich waren, dass Wissenschaftler eben gerade noch einiges über diesen «Pfadfinder» messen und speichern konnten. Und wie bei jedem noch so banalen Unfall auf der Strasse, wo drei Zeugen drei unterschiedliche Verläufe zu Protokoll geben, sind sich die Wissenschaftler immer noch nicht einig, was sie da eigentlich gesehen hatten: einen Kometen, einen Asteroiden, aber sicherlich nicht ein, von einer nicht-irdischen Spezies gebautes, Sonnensegel.
Scheinbar einer der Lieblingsschriftsteller Loebs ist Arthur Conan Doyle, konkret seine Figur des Sherlock Holmes, der in seinem Buch «The Adventure of the Beryl Coronet» den Lehrsatz aufstellte: «Wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast, dann ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, wie unwahrscheinlich sie auch ist». Diesen Ansatz nutzt Loeb in seiner Analyse der Phänomene, die ‘Oumuamua zeigt. Alle anderen Erklärungsmodelle liessen, seiner Meinung nach, Messdaten unberücksichtigt, oder ignorierten einfach klare Belege für Loebs Theorie, treu nach dem Motto, dass «nicht sein kann, was nicht sein darf» oder, wie Loeb es geschichtlich präziser darstellt, wie die Geistlichen, die Galileo zu Hausarrest verurteilten und sich weigerten, durch sein Fernrohr zu schauen und die Beweise, dass die Sonne sich nicht bewegt, mit eigenen Augen zu sehen.
Die von ihm wahrgenommene Ignoranz («Was ist Ignoranz? Keine Ahnung und interessiert mich auch nicht ...») seiner Fachkollegen ist für ihn symptomatisch für die grundsätzliche Situation in der Welt der Forschungs-Wirtschaft: Forscher brauchen Subventionen, die sie nur bekommen, wenn ihre Projekte durch Kommissionen gutgeheissen werden. Diese Kommissionen bestehen aus Mitgliedern, die ihre eigene Agenda haben, ihre eigenen Projekte, die sie nicht gefährdet sehen wollen. Die ihre Studierenden warnen, anderen als Mainstream-Projekte zu verfolgen, wenn sie mal Karriere machen wollen und an renommierten Forschungsinstitutionen angestellt werden wollen. Und obwohl die Mehrzahl der Forschungsprojekte aus Steuergeldern bezahlt werden, sieht sich die Mehrheit der Forscher als eine intellektuelle Elite, die nur ungern die Geldgeber über ihre Projekte informiert. So werden eher Theorien wie Multiversen in höheren Dimensionen und arkane Aspekte der String-Theorie verfolgt und finanziert, für die es konkret keine Belege gibt, als sich auf so ein riskantes Abenteuer wie die Idee eines Besuchers aus dem interstellaren Raum einzulassen, der alle bekannten und statistischen Kriterien missachtet und der, wenn man das Unmögliche ausschliesst und das Unwahrscheinliche akzeptiert, ein metallenes Gebilde von grosser Ausdehnung und geringem Durchmesser sein und sich vom Photonendruck des Sonnenlichts beschleunigen lassen können und dabei auch noch soviel Kohäsion besitzen muss, dass er sich einmal in 8 Stunden um seine Achse drehen kann.
Avi Loeb ist kein Romancier, er schreibt wie ein Wissenschaftler, argumentiert genau und, um eindringlich zu sein, wiederholt er, was er bereits geschrieben und belegt hat, mehrmals. Das ist akzeptabel, wenn auch manchmal etwas mühsam beim Lesen. Seine persönliche Geschichte und die seiner Familie (besonders, wie und wo er seine Frau kennengelernt hat und wie sehr er sie liebt) macht den Autor menschlich erfahrbar, vielleicht wäre hier aber weniger mehr gewesen. Mich persönlich hat es gerade am Anfang des Buches kribbelig gemacht, wann er nun endlich zum Thema kommt.
‘Oumuamua wirkt wie eine Spitze eines Fadens, der aus einem globalen Pullover ragt: wenn man erstmal daran gezogen hat, löst sich das komplette System aus seinen Schlingen und Beziehungen und zeigt, mit welch heisser Nadel dieses von Loeb beschriebene Wissenschafts-Establishment gestrickt worden ist. Er mag übertreiben, mag seine Sichtweise zu einer Verschwörungsfantasie gegen ihn und andere Rebellen auswalzen. Aber, was würden wir riskieren, wenn wir uns darauf einliessen? Horizonte würden sich öffnen, Horizonte, die sich für einmal nicht an der Krümmung unseres Planeten von uns entfernen.
Wenn mich mein Erinnerungsvermögen an den Physik-Unterricht meiner Schulzeit nicht trübt, dann bewegt sich ein Objekt, genauer: der Schwerpunkt dieses Objekts solange auf einer geraden Linie weiter, bis eine Kraft auf das Objekt einwirkt. Vielleicht ist ja dieses lesenswerte Buch von Avi Loeb diese Kraft, die unser aller Wissenschaftler aus der selbstgewählten Erdumlaufbahn ins All drängt. Zu wünschen wäre es.
Avi Loeb, «Extraterrestrial, The First Sign of Intelligent Life Beyond Earth», London: John Murray, February, 2021