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Peggy Lee hatte es mir schon immer angetan, doch waren es die Aufnahmen in Kleinformationen, die meiner Meinung nach ihre leicht rauchige Stimme am besten unterstützten. Obgleich von namhaften Kritikern am Boden zerstört, faszinierte mich ihre LP «Pass me by» mit Perlen wie «Sneakin’ up on You» oder «I Wanna Be Around» von 1962 immer wieder – und auch heute noch. Deshalb war ich erfreut und gespannt, als Peggys Kollaboration mit George Shearing, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte, in HiDef-Audio angeboten wurde.
Normalerweise versuche ich aus dem Englischen übernommene Modeausdrücke zu vermeiden, doch nichts beschreibt Peggy Lees Gesangsstil besser als «laid-back» (die deutsche Entsprechung «zurückgelehnt» hat einfach nicht dieselbe Aussagekraft).
Und dasselbe gilt auch für den einzigartigen George-Shearing-Stil, der – weil von zu vielen Bar-Ensembles nachgeahmt (aber nie erreicht) – von manchem Jazzpuristen als zu seicht belächelt wird.
Peggy Lee (1920–2002)
Die mit mehrfachen Grammys und einer Oscar-Nomination ausgezeichnete Peggy Lee (geborene Norma Delores Egstrom) begeisterte die Massen mit ihrer gradlinigen Art, Liedern eine neue Bedeutung zu geben. Sie besass zwar nicht die stimmliche Akrobatik z. B. einer Ella Fitzgerald, doch setzte sie ihre spezielle, oftmals überraschend bluesige Stimme perfekt ein und benötigte keine grossen Dynamiksprünge, um den unterschiedlichsten Liedern ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.
Mit 21 wurde sie von Benny Goodman einem breiteren Publikum vorgestellt (entdeckt wäre übertrieben, da sie schon mit 14 Jahren erfolgreich lokal aufgetreten war). Während Jahren blieb sie Big Bands und grossen Studio-Orchestern treu, bis dieser Sound als «die Musik unserer Eltern» bezeichnet wurde und mit der Rock'n'Roll-Ära die Zeit der kleinen Gruppen begann. Auch diesen Übergang meisterte sie erfolgreich. Einen weiteren Hit landete sie mit dem Song «He's a Tramp» in Disneys «Lady and the Tramp».
1988 nahm sie, nach vielen gesundheitlichen Problemen, ihr letztes Album mit Liedern von Harold Arlen auf.
Eines der am häufigsten gecoverten Lieder, dem sie zu internationalem Erfolg verhalf, ist und bleibt wahrscheinlich «Fever», doch gab es in Peggys Repertoire weitere Welthits wie «Mañana», «Black Coffee» und «Golden Earrings».
George Shearing (1919–2011)
In London blind geboren, begann Shearing mit drei Jahren Klavier zu spielen und erhielt eine musikalische Grundausbildung in der Blindenschule. Nach einigen Jahren in verschiedenen Tanzkapellen arbeitete er für die BBC und trat u. a. mit Stéphane Grapelli auf.
1946 siedelte er in die USA über und erhielt 1955 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Den Shearing-Sound kreierte er, indem er im Quintett (Klavier, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Vibraphon) Klavier, Gitarre und Vibraphon unisono die Melodien spielen liess. Seine erfolgreichste und somit bekannteste Komposition ist «Lullaby of Birdland».
Hier eine Version mit Peggy Lee, die nicht vom Konzert, sondern von einer TV-Show stammt, also auf dem besprochenen Album nicht vertreten ist.
In seinem langen, erfolgreichen Leben erhielt George Shearing diverse Grammys, drei Ehrendoktortitel amerikanischer Universitäten und 1996 den OBE (Officer of the Order of the British Empire). 2007 wurde er durch Königin Elisabeth II in den Adelsstand (zum Sir George Shearing) erhoben.
«Beauty and the Beat!» (1959)
Laut der Linernotes auf der Rückseite der Original-LP waren am 29. Mai 1959 über 2500 der besten Disc Jockeys am Konzert im Americana Hotel in Miami anwesend, das den Abschluss der jährlichen Disc Jockey Convention bildete. Es war der erste gemeinsame Auftritt von Peggy Lee und George Shearing.
Der kühle Shearing-Sound passt zwar ausgezeichnet zu Peggy Lees Stimme, doch vermisse ich ausser bei den Latin-beeinflussten Liedern das Gefühl, mitklopfen zu müssen. Die Arrangements der Songs wirken auf mich zu organisiert, sprühen kaum ein Jazz-Flair aus, und auch in den Soli von George Shearing spüre ich keinen Enthusiasmus, geschweige denn Ausgelassenheit.
Es ist ein schönes Album, vollgepackt mit hervorragend interpretierten Songs, aber es zog mich nie so richtig rein. Und was mich bei vielen Live-Alben (vor allem aus den USA) stört, ist das Verhalten der Zuhörer, die zwar begeisternd applaudieren können, jedoch während des Konzerts Gespräche führen und sich Drinks servieren lassen.
Was uns damals verschwiegen wurde: Die Konzertaufnahmen für Capitol Records waren technisch nicht gut genug für eine Veröffentlichung, so dass die Musiker dasselbe Repertoire im Studio wiederholen mussten. Danach wurde (mit nach heutigen Standards primitiven Mitteln) Ansagen und Applaus nachträglich in die Studioaufnahmen gemischt.
Interessanterweise gibt es heute auf dem Markt zwei Versionen des Albums: Die im unten stehenden Download enthaltene (12 Stücke mit eingeblendetem Applaus, also die leicht überarbeitete und remasterte LP-Version) und eine sogenannte «Extended Edition», welche die reinen Studioaufnahmen präsentiert, ergänzt mit zwei zusätzlichen Tracks. Interessant und verwirrend finde ich, dass auf beiden Covers «Newly Restored from the Original Studio Session Tapes» steht. Man weiss also erst, was man erhält, wenn man die Anzahl Stücke (12 oder 14) sieht.
Wer gerne die «Live-Atmosphäre» geniesst, die Ansagen von Peggy Lee und George Shearing hören möchte, wählt diesen Download. Die Studioversion klingt wesentlich sauberer, da keine (mich) störenden Nebengeräusche den Gesamteindruck beeinträchtigen. Doch hinterlässt diese Version einen leicht sterileren Eindruck.
Beide Versionen sind jedoch völlig «laid-back», unverkrampft, swingend und berührend – die Musik ist exakt dieselbe, nur mit oder ohne eingeblendete «Ambiance».
Drum
Das «zwei-für-eins»-Doppelpack ist, auch wenn technisch nicht perfekt, ein entspannender Genuss, der gleich zwei Persönlichkeiten des Jazz zusammenführt.
Mindestens je ein Album von Peggy Lee und George Shearing sollte in keiner Jazzsammlung fehlen. Doch für mich ist dieses Doppelpack nicht die eleganteste Lösung dieses Problems.