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Keine Primärfarben, keine unmittelbaren Bedeutungen, keine durchgehende Organisation. Stattdessen Farben, wie von Steinen abgerieben, aus dem Gras nasser Herbstwiesen gewrungen oder vom kühlen Morgenhimmel geschöpft. Krakel, Kritzel, Flecken, zarte Tuschungen, schwungvoll gemalte Rundungen, auch Schichtungen aus breiten Pinselstrichen, Balken, Kanten, Stümpfe, Kratzer, strenge Linien, ein versprengtes Ornament. Es sind Bilder, die poetische Titel besitzen wie «Requiem für einen Taschenfrosch», «Zwillingsmünder», oder die «Nacht des Schachtelhalms», und die damit einen Hinweis auf die Vorstellungen der Künstlerin geben, jedoch keine mit einem Blick identifizierbaren Abbildungen sind und nichts Konkretes darzustellen scheinen.
Claudia Spielmann hat seit ihrer Kindheit gemalt, doch steht sie mit ihren Bildern erst seit kurzem in der Öffentlichkeit. Nach dem Abitur hatte sie zuerst eine Schneiderlehre absolviert, Malerei und Kostümdesign an der Fachhochschule für Mode und Gestaltung in Hamburg studiert, an einer Reihe von Bühnen, wie etwa den Schauspielhäusern Düsseldorf, München und Zürich, dem Thalia Theater Hamburg oder dem Burgtheater Wien, als gefeierte Kostümbildnerin gearbeitet, schliesslich geheiratet und zwei Söhne auf die Welt gebracht, die inzwischen drei und acht Jahre alt sind. Ein Raum im Keller ihres Hauses in der Nähe von Hamburg gehört allein ihr und der Kunst, dort sitzt sie und malt, auf der Suche nach dem «grossen Zeichen», wie sie es ausdrückt, das alles in eins zusammenfasst. Sie arbeitet mit Tusche und Acryl, auf Leinwand und handgeschöpftem Papier. Von ihr stammen Miniaturen wie auch Bilder, die gerade noch von der Staffelei getragen werden können.
In Kanji, einer der Schriften des Japanischen, entspricht jedes Zeichen einem Wort; werden Zeichen kombiniert, dann ergeben sich neue Ausdrücke: «stehen» + «vor der Sonne» = «dunkel»; «Ohr» + «Türspalt» = «hören». Die Meister der japanischen Kalligraphie können ihre Interpretation eines Begriffes durch die Tuschezeichnung der Kanji-Ideogramme ausdrücken, der Rhythmus eines Gedichtes schwingt in ihren Pinselstrichen, Wörter werden zu Bildern. Man kann sich vorstellen, dass alle Zeichen, mit Geschick zusammengefügt, das «grosse Zeichen» ergeben könnten, von dem Claudia Spielmann träumt. Tatsächlich haben Reisen und Stipendienaufenthalte in Japan den grössten Einfluss auf ihre künstlerische Entwicklung gehabt. Schon bei ihrem ersten längeren Aufenthalt wurde sie in den Kreis der Kalligraphen aufgenommen, die fasziniert waren von den Werken der Europäerin und ihrer formalen Ähnlichkeit mit der japanischen Kunst des «Schönschreibens».
Nun war es nie die Absicht Claudia Spielmanns, kalligraphisch zu arbeiten und japanische Schriftzeichen zu lernen. Und dennoch berührte sie diese Kunst, begegnete ihr aus einer anderen Richtung kommend und stillte ein Sehnen der avantgardistischen japanischen Kalliographen. Ihre Bilder wurden bewundert, weil sie als Zeichen gedeutet wurden, die sich von der Bedeutung befreit hatten. Sie hatten das Korsett gesprengt, das die japanischen Künstler, die in jeder ihrer eigenen Zeichnungen die Herkunft aus dem Kanji sehen, auf ihrem Weg in die Abstraktion noch nicht haben hinter sich lassen können.
Claudia Spielmanns Bilder öffnen sich dem Betrachter und teilen sich mit, weil sie zu einer Freiheit gefunden haben, in der, weit entfernt von Beliebigkeit, an sich bedeutungslose Elemente zu einer in sich geschlossenen Mitteilung finden und auf etwas hinweisen, das sich dem sprachlichen Ausdruck und auch der Abbildung versagt. Das Abstrakte findet so zurück zum Inhalt.