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Louis Soutter wanderte 1887 mit seiner Frau nach Colorado Springs (USA) aus, wo er am Art College als Leiter der Kunstabteilung wirkte. 1904, nach der Scheidung, veranlassten ihn gesundheitliche Probleme und eine mentale Krise, in die Schweiz zurückzukehren. Sein Zustand verschlechterte sich derart, dass seine Familie ihn 1923 in das Altersheim im jurassischen Ballaigues einweisen liess, wo er bis zu seinem Tod lebte und sein heute international anerkanntes künstlerisches Werk schuf.
Soutters Schaffen ist der «Art Brut» zuzurechnen, einer Kunstrichtung, die der französische Maier Jean Dubuffet als eine unreflektierte, sich aus dem Unterbewusstsein nährende Kunst definierte. Das auf Packpapier gemalte und auf der Rückseite mit «une crucifixion, 1939» bezeichnete Werk ist restauriert und auf Pavatex aufgezogen. Es gehört zu einer Gruppe von Arbeiten, die der Künstler direkt mit den Fingern auf Papier malte. Nachdem sein Sehvermögen nachgelassen hatte, löste diese gleichsam aus der Seele hervorbrechende Malerei die dichten Federzeichnungen ab. In schwarzer Farbe erscheinen auf der vordersten Bildebene schattenhafte Figuren, die an Höhlenmalereien der Steinzeit erinnern. Die Gestalten stossen an allen Seiten über den Bildrand hinaus, ein räumlicher Hintergrund ist nicht auszumachen. Oberhalb des Kreuzbalkens weist ein durchbrochener blauer Halbkreis auf eine überirdische Sphäre hin. Handelt es sich um ein Stück Himmel oder um ein Gestirn? Zu Blau und Schwarz kontrastieren die roten Flecken, welche Blutstropfen oder Tränen gleich die Dramatik der Szene steigern. Wie die blaue Farbe ist auch das Weiss nachträglich aufgetragen worden, nicht etwa mit dem Ziel, den Hintergrund zu gestalten, sondern vielmehr intuitiv, weil es aus Soutters kreativ-künstlerischem Drang heraus so sein musste.
Mit seinem unabhängigen, hier nur durch das Thema der Kreuzigung an eine Tradition anknüpfenden Werk hat Soutter bedeutende Kunstschaffende des 20. Jahrhunderts beeinflusst, darunter in der Schweiz tätige Persönlichkeiten wie Miriam Cahn und Martin Disler. Beide haben in vergleichbarer Art rauschhaft und aus innerstem Antrieb heraus gearbeitet. Handelt es sich bei Soutters Werken fast durchwegs um erschütternde Selbstbilder, so bestimmt bei den Jüngeren die Reflexion über die Erträglichkeit gesellschaftlicher und politischer Zustände ihre dramatisch-expressive Ausdrucksweise.
(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)
Louis Soutter wurde 1871 in Morges (CHE) geboren; er starb 1942 in Ballaigues (CHE).
Tätigkeitsbereich: Malerei, Zeichnung