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Aus den Penninischen Alpen
I. Die Ruinette ( 3879 m ) auf neuem Wege. ( Nachtrag aus dem Jahre 1898. ) Von Salvan gegen zwölf Uhr mittags des 1. August 1898 mit dem Führer Jules Veillon abgereist, hatte ich nach einer langen Wagenfahrt und einem noch längeren Marsche nachts um halb zwölf Uhr die Clubhütte von Chanrion, im Hintergrunde des Val de Bagnes, bei Regen erreicht. Der folgende Tag war so trübe aufgegangen, daß wir, die geplante Besteigung aufgebend, uns zu einem einfachen Spaziergang auf den Breneygletscher entschlossen hatten und deshalb erst um 6 Uhr 35 Min. in aller Gemütlichkeit bergan geschlendert waren. Als aber plötzlich die Ruinette sichtbar wurde, da bekümmerten uns die drohenden Wolken nicht mehr, und wir dachten nur noch daran, wie der Aufstieg zu ihrem Gipfel zu bewerkstelligen sei. Die ganze Gegend war meinem Begleiter ebenso fremd als mir. Ich hatte zwar früher schon die Clubhütte besucht, ohne aber dabei deren Umgebung kennen zu lernen; Veillon hingegen war niemals weiter als bis Fionnay vorgedrungen. Meine Neugierde trieb mich zunächst den Breneygletscher aufwärts, bis um die Ecke des Südostgrates der Ruinette, wo wir unfern der Zahl 2974 ( Sieg-fried-Atlas, Blatt 530 ) einen Teil des längs ihrer Ostseite herabwogenden Eisstromes erblicken konnten, dessen vorderste, hochaufgebäumte Wellen sich soeben mit weithin tönendem Gebrause zerschmetternd überschlugen. Nach halbstündiger Umschau und Beratung wählte ich, um auf den oberen, namenlosen Ruinettegletscher zu gelangen, westlich von der Ziffer 2, einen Felshang, an dem sich kleinere Schuttcouloirs hinaufzogen. Diese benutzend, gewannen wir bequem den in leichter Rundung abfallenden, vielfach zerspaltenen Gletscher, welchen wir nach links hinauf querten, bis dessen Neigung abnahm, so daß wir bei gutem Schnee sicherer und rascher vorrücken konnten. Ungefähr bei der Kurve 3360 stießen wir auf Fußspuren, die von der Westseite her kamen, woraus wir, wie sich später herausstellte, richtig folgerten, daß auf jener Seite der gebräuchlichste Zugang zur Spitze sein müsse.Von dort ab lag der noch zurückzulegende Weg klar vorgezeichnet. Geradeaus steigend, gelangten wir auf eine Firneinsattelung des Südwestgrätes, von welcher aus wir unsere Blicke an der eisgepanzerten, spiegelglatten Nordwestwand hinab auf den flach ausgedehnten Giétrozgletscher gleiten ließen. Von Châble und seiner Umgebung aus ist dieser Gletscher, der Verkürzung wegen, nicht sichtbar, so daß die mächtige Felswand, die ihn gegen Nordwesten abschließt, sich an die Ruinette wie eine hohe Verschanzungsmauer zu schmiegen scheint, hinter welcher einzig mit ihrer weißen Spitze die beiden Südwest- und Nordostgräte hervorschauen. Die Schönheit des Berges wird demnach, vom Thale aus, durch Schneefall bedeutend erhöht, weil alsdann die gleichfarbigen Felsen das ihm fehlende Postament vorteilhaft ersetzen.
Aus den Penninischen Alpen.
Der Firneinsattelung reiht sich ein Felsgrat an, dessen beschneite, buntangehäufte, aber genügend feste Blöcke uns mit der größten Leichtigkeit zu einer überwächteten Schneeschneide brachten. Diese verfolgend, hatten wir unversehens den Gipfel der Ruinette unter unseren Füßen. In hohem Grade enttäuscht über die ohne jede Anstrengung verlaufene Tour, hatten wir auf den schneebedeckten Felsen, etwas unterhalb der Spitze, Platz genommen, und schauten durch die uns streifenden Nebel hindurch auf die grau verhängte Landschaft. Sollten wir denn wirklich auf demselben, nichts Neues bietenden Wege zurückkehren, während doch Kapelle an der Strasse mit der Ruinette im Hintergrund.
die Ostseite, von welcher nach ein paar Schritten nichts mehr zu sehen war, allerhand Überraschungen versprach? Als ich Veillon meinen Wunsch ausdrückte, sprang er freudig auf; mit einem Schlage war unser ganzes Interesse wieder erwacht, so daß wir ohne längeres Zögern, 40 Minuten nach unserer Ankunft, um 12 Uhr 20 Min., den Gang in die Tiefe antraten. Zunächst stiegen wir eine Zeit lang über unschwierige, später plattige und vereiste Felsen schnurgerade abwärts, bis wir an eine abschüssige Firnhalde kamen, welche wir, dem nahen Nordostgrate der Ruinette den Rücken wendend, nach rechts querten. Der Schnee war anfangs ziemlich gut, dann durchwegs unzuverlässig und hielt nirgends mit der Eisunterlage zusammen. Wir mußten daher fortwährend darauf achten, die Tritte klein und weit auseinander zu machen, um die Schneefläche nicht zu erschüttern. Unter solchen Umständen konnte selbstverständlich wegen der Lawinengefahr von einem direkten Absteigen nicht die Rede sein. Einmal sogar zogen wir es vor, zu einem Firngrate hinanzuklimmen, auf welchem wir eine Weile weiterschritten. Leider staken wir so im Nebel drin, daß wir uns keine genaue Rechenschaft über jene Gegend geben konnten. Nur so viel ist gewiß, daß wir uns nicht weit unterhalb der schneeigen Kammstrecke des Südostgrates befanden. Als wir hierauf, jenen Firngrat verlassend, abermals die Eishalde schräg abwärts nach rechts querten, wurden über uns die wilden, verworrenen Zacken der felsigen Fortsetzung dieses Südostgrates sichtbar. Sehr gelegen kam uns bei diesem Abstiege die Entdeckung von etwa sechs schmalen, niedrigen, kurz abgebrochenen FelsrippcheD, die hinunter-führend uns die einzig sicheren Stellen an dem großen trügerischen Hange boten. Wir kletterten dieselben, so oft dies anging, ihrer Länge nach hinab; waren sie aber zu sehr vereist, so traversierten wir sie einfach, um hernach an der Eishalde im Zickzack das nächste, das sich jedesmal tiefer seitwärts befand, zu erreichen, was um so mehr Zeit beanspruchte, als die Rippchen sich nicht immer in der gewünschten Richtung folgten, sondern uns manchmal zu weit links, d.h. nordwärts, zurückführten. Mittlerweile hatte es angefangen zu schneien. Dann, mit einem Male, während uns, wie im hohen Winter, die Schneeflocken um-wirbelten, war hinter einem durchsichtigen Nebelschleier die schön geformte Pyramide des Mont Blanc de Seilon, mit strahlendem Gold übergossen, aus den dunkeln Wolken ringsum emporgestiegen.
Bei alledem verhehlten wir uns die Gefahr dieses Abstieges keineswegs, sondern wußten genau, daß wir uns in ganz ähnlicher Lage befanden, wie die am 1. September 1897 an der Salle verunglückten Touristen. Hinunter mußten wir aber um jeden Preis. Das Einzige, was wir thun konnten und von Anbeginn unausgesetzt beobachtet hatten, war, in einem Abstande von mindestens zehn Schritten hintereinander zu gehen, um ein Abbrechen der Firndecke möglichst zu verhindern. Aber selbst die Voraussicht, bei unserem schneckenartigen Vorrücken von der Nacht überrascht zu werden, denn die Halde schien endlos, vermochte nicht, unsere gute Laune zu trüben. Plötzlich deckte der Nebel die gewaltigen Séracs tief unter uns auf; um sie zu vermeiden, durchschnitten wir, die letzte Felsrippe hinter uns im Nebel zurücklassend, die Eishalde noch weiter nach rechts. Dann ward die Neigung geringer, und wir wagten es, sitzend abzufahren, wodurch in wenigen Sekunden eine beträchtliche Strecke zurückgelegt wurde; aber ebenso geschwind stürzte uns eine solche Masse Schnee nach, daß wir uns nur mit Mühe wieder frei machen konnten. Weiter unten mußte eine große Spalte in liegender Stellung passiert werden. Noch einmal rutschten wir ab, bis in die Nähe eines breitgeöffneten Bergschrundes, längs dessen wir in Eisstufen weitergingen. Endlich landeten wir auf einer Felsklippe, in der Gegend, wo auf der Karte die punktierte Linie der Kurve 3120 die Felsen berührt. Einen Schutthügel hinan, jenseits wieder hinab, einen Sprung über den schmäler gewordenen Bergschrund, und wir waren gerettet. Nach einer kurzen Wanderung auf dem flachen, unschuldig zerspaltenen Gletscher, wo sich Veillon aus Spaß 10 Minuten lang mit mir anseilte ( er hatte das Seil unnötig im Rucksacke mitgeschleppt, denn seit Verlassen der Hütte war es kein einziges Mal benutzt worden ), standen wir, vom Schnee und Eegen durchnäßt, wieder an der Ecke des Südostgrates, dem Ausgangspunkte unserer Besteigung, und zwar höchst erfreut über den gut gelungenen Abstieg, der uns aufs lebhafteste interessiert hatte, obwohl wir dabei nicht ahnten, daß diese Ostseite vor uns noch niemals begangen worden sei. Um 5 Uhr 40 Min. war die Clubhütte erreicht und somit unsere Fahrt zu Ende.
II. Zweite Besteigung des Brunegghorns über den Ostgrat.
Es war am 20. September 1901. Bald fegte ein starker Südwest den Himmel blank, bald rollte er düstere Wolken vor sich her; je weiter der Zug das Vispthal hinaufpustete, desto grauer sah es über unseren Köpfen aus. In Randa, wo wir um drei Uhr ankamen, rieten mir denn auch meine Führer, Joseph und Aloys Truffer, nicht zu biwakieren, sondern die beabsichtigte Besteigung des Brunegghorns direkt vom Thale aus zu unternehmen. Allein ich befürchtete, daß mich im Hotel bei dem voraussichtlich am folgenden Tage noch ungünstigeren Wetter niemand zu wecken wagen würde; so machten wir uns, nachdem ich vorher zu Mittag gegessen hatte, um 4½ Uhr, mit einem Deckenträger, auf den Weg nach der Längenfluh, zum Biwakplatze, den wir nach 2 Stunden 10 Min. erreichten. Um 4 Uhr 45 Min. des 21. wurde aufgebrochen. Der Träger wartete das Tageslicht ab, um heimzukehren, und wir begaben uns bei Laternenschein über steile, mit langem Grase bewachsene Felsstufen auf eine Art Hochplateau, eine flache Schuttstrecke am Fuße des Großen Kastells ( 2832 m ). Hier erweiterte sich der Blick, so daß es bei eintretender Morgendämmerung möglich ward, den übrigen Weg in seinen Hauptzügen zu übersehen. Der Ostgrat, dem unser Besuch galt, schloß, uns gegenüber, als schwarzer Felsstreifen den Horizont ab und führte durch eine Umbiegung zu der nordwestlich über uns befindlichen höchsten Spitze hinauf. Wir wandten uns links und erstiegen einen Geröllhang längs dem Ostfuße des Großen Kastells, dessen Rückseite mit der zu den Brunegghorn-Felswänden, d. i. der Guggifluh, führenden Schutthalde verwachsen ist, während es nach vorne als ein übrigens unbedeutender Felsturm davon heraussteht. Als wir uns in gleicher Höhe mit seinem Gipfel und folglich in ganz kurzer Entfernung von ihm befanden, schritten wir nach rechts auf den kleinen Roßgletscher zu, dessen unterste Zunge wir ungefähr bei der zweiten 8 der Höhenquote 2858 ( Siegfried-Atlas, Blatt 533 ) durchmaßen, worauf uns ein aus größeren Felstrümmern geformter Hang in gerader Linie auf eine ziemlich breite, schneebedeckte Einsattlung des Ostgrates emporführte. Dies ist der Punkt, wo die verschiedenen vom Thale heraufstreichenden Gratzweige in einen einzigen zusammenlaufen. Gegen Norden fällt diese Einsattlung auf den zwischen Eugénie Bochat.
Felsen eingebetteten Teil des Abberggletschers ab. In wenigen Minuten wurde von derselben aus ein Felskopf erklettert; wir ließen uns nach dem durch das stets drohende Wetter veranlaßten scharfen Gange von genau zwei Stunden zum Frühstück nieder und bemerkten erst jetzt, worauf wir übrigens gefaßt waren, daß der Grat vollständig verschneit war.
Eine halbe Stunde später, um 7 Uhr 15 Min., setzen wir uns wieder in Bewegung und kamen sehr bald, über niedrige Felsstücke, an das Ende des Felskopfes. Hier ging es einige Schritte hinunter, sodann ohne jegliche Mühe, auf schmalerem Wege, an kleinen, morschen Felszäckchen auf und ab, bis wir uns auf einer zweiten Einsattlung des sich alsbald südwestwärts wendenden Grates befanden. Nach einer kurzen Kletterei schritten wir auf flachem mit Steinsplittern überstreutem Boden weiter ( erste Abstufung ), bis sich der abermals breitere Grat ziemlich steil in die Höhe richtet. Auch hier kommt man gut fort, weil der durch Geröll verdeckte Untergrund bequeme Tritte in Hülle und Fülle bietet, welche freilich der pulverige Schnee verbarg. Eine Weile steigt man dicht an der linken Seite über feste Felsblöcke. Höher oben ist zwar das Gestein brüchig; doch giebt es keine Stelle, wo die Köpfe der Hintenstehenden durch etwaige losgelöste Steine gefährdet werden könnten. Da ferner bei diesem Aufstieg die Hände wenig zu thun haben, so ist das Umstürzen wackeliger Blöcke gut zu vermeiden. Charakterlose Felspartien, wie sie diese ganze Strecke aufweist, trifft man in unseren Schweizeralpen unzählige an. Wir stießen auf keine Schwierigkeiten und kamen überall so leicht vorwärts, daß ich später mit Verwunderung vernahm, es seien mehrfache Versuche gescheitert, auf die zweite Gratabstufung hinauf zu gelangen. Trotzdem der viele haltlose Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, den Aufstieg gewiß nicht erleichterte, benutzten wir doch das Seil keinen Augenblick; und mit Ausnahme eines einzigen Trittes, der etwas hoch und vereist war, den wir aber hätten vermeiden können, bedurfte keiner von uns der geringsten Hülfe. Eine Stunde 25 Min. gemächlichen Gehens genügten uns, vom Betreten des Grates an, um die oben erwähnte zweite Abstufung zu erreichen, an deren linksseitigem Rande ein Steinmann stand, den, am 22. Juli 1901, Herr Ludwig Becker und die Führer Clemens und Fridolin Perren als Zeichen des ersten gelungenen Aufstieges über den Ostgrat errichtet haben.
Von dieser zweiten Abstufung aus, wo wir 10 Min. verweilten, entwickelt sich unversehens eine interessante Perspektive auf den übrigen Teil des Weges. Ein Firnkamm, von dem der Wind den Schnee nach allen Richtungen hin zerstob, führte über eine leicht zu ersteigende, dritte Abstufung an eine breite, zum Abberggletscher abfallende Eishalde hinauf, die von unserem Standorte aus steiler erschien, als sie es in Wirklichkeit ist, deren schwer zu bearbeitendes Eis ( wir hatten uns angeseilt ) uns aber sehr aufhielt. Hier hörte also die Gratwanderung auf. Einige Felsen brachten uns endlich auf die Höhe des Gipfelgrates, wo wir uns sofort durch dessen Gwächte einen Durchgang auf die Ostseite verschafften; hernach, aus einer Schneemulde heraussteigend, passierten wir nach links einen gut überbrückten Bergschrund, der sich mit prachtvollen Eisanhäufungen längs des Gipfelgrates hinzog, während wir den abstürzenden Schneehang oberhalb der Guggifluhfelsen eine Zeit lang querten. Als wir das Ende des Grates über uns erreicht hatten, überschritten wir den Bergschrund nach rechts und gelangten, ein steiles Grätchen verfolgend, nachdem wir die weit überhängende Gwächte diesmal westwärts abgeschlagen hatten, um 10 Uhr 40 Min. auf den Gipfel des Brunegghorns ( 3846 m ). Derselbe ist ein gegen Westen gesenktes Schneeplateau, das sich sowohl zum Bies- als auch zum Turtmanngletscher seinen Besuchern entgegenneigt. Allerdings fällt der Berg nach Osten schroff ab, doch muß man, um dies zu sehen, die Gwächte betreten. Die bequemsten Zugänge zum Gipfel bilden also einerseits die sanften Schneehänge, welche teils vom Biesjoch, teils vom Turtmanngletscher emporführen ( die erstere Route benutzten im Jahre 1865, am 19. September die Engländer G. F. Cobb, W. D. Rawlins und R. B. Townsend mit François Devouassoud und Antoine Clément ); andererseits, der leichte, vom Bruneggjoch heraufziehende Nordgrat, der den Herren Fred. Gardiner, A. Cust und F. T. Wethered mit drei Führern, am 29. Juli 1876, zum Abstieg diente. Auch von Osten her, über die Guggifluh, gelang die Besteigung; und einmal soll der letzte Teil des Ostgrates, in der Nähe des Gipfels, vom Abberggletscher aus gewonnen worden sein.
Der uns ungestüm zerzausende Wind trieb uns bald bis zu Punkt 3724 hinunter, wo wir 20 Minuten lang in die dunkeln Nebel ringsum spähten, ob nicht der eine oder der andere Gipfel sich zeigen würde, bis endlich das Bieshorn verführerisch schlank und weiß den Gletschern zu unsern Füßen entstieg. Bei seinem Anblick wundert man sich, wie es möglich war, daß es so lange unbeachtet bleiben konnte, da doch das Biesjoch und das Bruneggjoch schon in den Jahren 1862 und 1864 überschritten wurden, während die erste Besteigung des Bieshorns erst am 6. August 1884 durch Mrs Burnaby mit den Führern Joseph Imboden und Peter Sarbach stattfand. Um 11 Uhr 20 Min. standen wir auf dem Biesjoch ( 3549 mund nun folgte, einem Schneegrate 1 ) entlang, erst kurze Zeit auf der Biesseite, dann, um uns vor dem Winde zu schützen, an der steilen rechten Seite desselben, ein unterhaltender Aufstieg, bei welchem wir abwechslungsweise alle verschiedenen angenehmen und noch häufiger unangenehmen Schneearten antrafen, die ich bis jetzt beobachtet habe, und mancherorten auch Eis, das uns wiederum recht versäumte. Die letzte Strecke namentlich bot ein ganz besonderes Interesse, nachdem die Felsen, da, wo sich Nordost- und Südostgrat vereinigen, erklettert worden waren, und wir uns auf einem fast horizontalen, Uberwächteten und zum Teil vereisten Firnkamme dem Gipfel näherten. Allerdings mußten wir uns hier sehr in acht nehmen, nicht von dem furchtbaren Winde in die Tiefe geschleudert zu werden. Oftmals hielten wir im Stufenschlagen inne und duckten uns mit so gut als möglich eingerammten Pickeln nieder, um auf diese Weise den wütenden Windstößen Trotz zu bieten. Am Abend erfuhren wir denn auch, daß die nahegelegenen Diablons des heftigen Sturmes halber nicht hatten erreicht werden können. Zu meinem Bedauern war von der uns auf dieser Strecke links parallel laufenden Nordwand des Weißhorns nichts als deren Fuß zu sehen, während sie von dort aus bei hellem Wetter einen großartigen Anblick gewährt. Noch eine kurze Felskletterei, und um 2 Uhr 5 Min. setzten wir den Fuß auf die Spitze des Bieshorns ( 4161 m ). Wunderschön nahm sich jetzt der eben begangene Grat aus. Auch derjenige zum Weißhorn hinüber war mitunter sichtbar. Das Brunegghorn hingegen, welches auf dem Wege zwischen Stalden und St. Nikiaus das stolze Aussehen seines gewaltigen Nachbars, des Weißhorns, hat, so daß es gewöhnlich für dieses gehalten wird, war nichts weiter als ein unförmlicher Haufen Schnee geworden.
Wir waren durstig und unsere Flaschen leer; wir waren hungrig und hatten das einzige Eßbare, das wir noch außer Brot und Käse mitführten, wegwerfen müssen, weil die in Zermatt gekaufte englische Fleischkonserve derart versalzen und verpfeffert war, daß keinen von uns nach einem zweiten Bissen gelüstete. Dazu war es hier oben kalt und un- gastlich. Wir stiegen also nach einem Aufenthalte von 20 Minuten die schöne Schneehalde der Nordwestseite hinunter, wo wir tüchtig gegen den Wind anzukämpfen hatten, der mich sogar zweimal zu Boden riß. Weiter unten wurde es ruhiger; aber nun steuerten die Führer zu weit links, so daß wir viele Spalten zu überspringen hatten. Da erinnerte ich mich, daß mir mein Vater gesagt hatte, der Gletscher sei leicht zu begehen, wenn man im Aufstiege die Schründe rechts beiseite lasse. Wir machten also schleunigst Kehrt, und nun ging es durch weichen Schnee bis in die Nähe des Col de Tracuit ( 3252 m ), nach welchem wir uns, aus Unkenntnis der Gegend, gar nicht umsahen, sondern wo wir einfach in einer Eisrinne zwischen dem herabhängenden Gletscherstreifen und dem festen Lande hinabstiegen. Über unebenen Stein- und Rasenboden eilten wir alsdann weiter und fanden glücklicherweise eine Quelle, an der wir endlich unsere brennenden Gaumen kühlen konnten. In Zinal um 5¾ Uhr angelangt, ward ich von Madame Epiney und ihren Angehörigen auf das freundlichste empfangen.
Tags darauf wanderten wir thalabwärts auf den Zweiuhrzug nach Sierre, und abends halb neun Uhr war ich bei den Meinigen zurück.
Eugénie Rochat in Stuttgart.