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Am 19. Oktober 1836, zwei Tage nach dem 23. Geburtstag, trifft Georg Büchner in Zürich ein. Er nimmt Wohnsitz an der Steingasse 12 (heute Spiegelgasse 12); am 5. November hält er an der 1833 gegründeten Universität seine Probevorlesung Ueber Schädelnerven, die allgemeinen Beifall findet.
Zweiter Zürcher Büchner-Tag
Ein erhellender Gang vom Germaniahügel an den Krautgarten
Zwei Stunden mit Texten und Musik
Sonntag, 16. Oktober 2016, 14 bis 16 Uhr
Ein Programm mit
Armin Büttner, Stefan Howald, Adrian Riklin und Silvia Süess
Spezialgast: Jo Lang
1. Germaniahügel
Georg Büchners Grabkreuz auf dem Krautgartenfriedhof (zwischen dem heutigen Kunsthaus und dem Hirschengraben) ist Mitte der 1850er Jahre verwittert, und 1875 soll der Friedhof aufgehoben werden. Pläne, die Gebeine nach Darmstadt zu bringen, zerschlagen sich. Deshalb beschliessen deutsche Studierende die Überführung auf den so genannten Germaniahügel.
Am 4. Juli 1875 ziehen an einem schwülen Tag um 16 Uhr rund 300 Leute in einem grossen Umzug zum Germaniahügel. An der Gedenkfeier nehmen auch die Geschwister Wilhelm, Landtagsabgeordneter, Ludwig, einflussreicher Philosoph, und Luise, bekannte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, sowie etliche ehemalige Bekannte Büchners und zahlreiche Ehrengäste teil. Die Inschrift auf dem Grabstein entstammt dem Gedicht Zum Andenken an Georg Büchner von Georg Herwegh: «ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab / der Verse schönsten nimmt er mit hinab».
Jo Lang spricht über die Schweizer Asylpolitik und Asylbewegung um 1836, mit aktuellen Bezügen.
2. Bürkliplatz
Zürich zählt zu Beginn des Jahrs 1836 13’315 Zivileinwohner und -einwohnerinnen und mit «Militär, Hospital und Zuchthause» 14’243 Menschen. Die Stadt befindet sich aber in grossem Aufbruch. 1830 ist eine liberale Regierung an die Macht gekommen, ab 1833 werden die Schanzen geschleift, hat eine rege Bautätigkeit eingesetzt. 1836 stehen in Zürich 500 Gebäude im Bau, der Grundstein für die neue Münsterbrücke ist gelegt, auch der Spatenstich für den grossen Posthof erfolgt.
Aber immer noch existiert der Fröschengraben, der dann erst ab 1864 zugedeckt und durch die Bahnhofstrasse überdeckt wird. An diesem Fröschengraben befindet sich auch die 1833 gegründete Universität, wobei die Zürcher in der wissenschaftlichen Vorbildung «alles nur Wünschbare» leisten, wie ein zeitgenössischer Universitätsdozent, auch mit einigem Selbstlob, meint.
3. Kappelergasse
Die ehemalige theologische «Zuchtschule», im Alumnat beim Fraumünsteramt, wird 1832 aufgehoben. Das Haus wird ein paar Jahre lang von der Hochschule benutzt, doch im September 1838 an die Kaufmannschaft abgetreten, die ihr Ingenieurbüro ins Parterre verlegt und die oberen Räume vermietet. In einem Reiseführer von 1840 wird darin eine Rheinwein-Wirtschaft aufgeführt, dort wo auf dem Plan von Franz Schmid aus der gleichen Zeit das Cafe Frieden verzeichnet ist.
Einer der Wirte ist Carl Preller. Preller (1802–1877) war ab 1829 als Buchdrucker in Darmstadt und dann in Offenbach für eine ganze Reihe oppositioneller Flugschriften verantwortlich, druckte unter anderem Schriften von Wilhelm Schulz und Friedrich Ludwig Weidig. Am 5. Juli 1834 bringen Georg Büchner und Andreas Schütz von der Giessener «Gesellschaft für Menschenrechte» das Manuskript des Hessischen Landboten zu Preller in Offenbach, und am Vormittag des 2. August 1834 benachrichtigt Büchner Preller von der Verhaftung des Landboten-Kuriers Karl Minnigerode. Preller kann alle verdächtigen Dokumente entfernen, bevor seine Druckerei durchsucht wird. Wenig später wird er steckbrieflich ausgeschrieben. In den ersten Augusttagen 1835 flieht er deshalb in die Schweiz, wo er die nächsten Jahre teils illegal, teils geduldet lebt und für Druckereien der Geheimorganisationen «Junge Schweiz» und «Junges Deutschland» arbeitet. Im August 1836 offiziell ausgewiesen doch untergetaucht, erhält er im November 1836 zusammen mit Büchner, Schulz und anderen eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung, zieht Anfang 1837 nach Hottingen, ist 1838, als «Weinhändler», registriert, erhält die Niederlassungsbewilligung und 1843 mit dem Eintreffen seines Offenbacher Heimatscheins ein endgültiges Aufenthaltsrecht. 1846 kehrt er nach Deutschland, nach Mainz zurück.
4. Weinplatz
Als Georg Büchner am 19. Oktober aus Strassburg in Zürich eintrifft, logiert er die ersten Tage im Gasthaus zum Schwert am Weinplatz, damals die beste Adresse vor Ort. Visavis des Schwert befindet sich am Weinplatz ein Gebäudekomplex aus drei Gebäuden: der Storchen, das Gebäude Zum Licht und der Rothe Thurm.
Nachdem die Zünfte ihre Machtstellung allmählich verloren hatten, war auch das Kaffeeverbot aufgehoben worden. Das allererste Zürcher Café im angelsächsischen Sinn, das heisst zugleich als Lesekabinett, ist das später so genannte Café littéraire, das 1804 im Roten Turm, Weinplatz 2, eröffnet wird. Auf den Bistrotischen liegen kritische ausländische Zeitungen, Liberale debattieren und qualmen sich die Köpfe voll, spielen Schach und Billard. Das Café littéraire wird zum zentralen Versammlungsort der radikalen Partei und zum Gegenpart der Konservativen im Gasthaus zum Schwert gleich gegenüber. In den 1830er-Jahren verkehren hier naturgemäss auch die deutschen Flüchtlinge.
Im Café littéraire findet 1875 nach der Feier auf dem Germaniahügel am Abend der «festliche Commers» für Georg Büchner statt – «mit Einschluss der Frauen» –, an dem Ansprachen mit Liedern abwechseln sowie Grussbotschaften von schweizerischen, italienischen und ungarischen Studentenvereinen verlesen werden. «Erst etwa um Mitternacht ging die Versammlung auseinander», berichtet der ehemalige Burschenschafter und Theologe Gustav Adolf Wislicenus in der Gartenlaube. Der ganze Gebäudekomplex mit altem Storchen und Roten Turm wird dann 1938 abgerissen und auf dem Grundstück der heutige Storchen errichtet, der sich im Besitz der Familie Bührle befindet.
5. Spiegelgasse
Am 24. Oktober 1836 bezieht Georg Büchner ein Zimmer an der Steingasse 12 (die 1880 in Spiegelgasse umbenannt wird) im Haus des Arztes Ulrich Zehnder. Die Gasse ist krumm, verwinkelt, eher schmutzig, ohne Strassenkanalisation, das Haus ältlich und eher ärmlich. Der Liberale Zehnder vermietet regelmässig an Studenten, öfters an Emigranten und politische Flüchtlinge.
An der Steingasse studiert, unterrichtet und schreibt Büchner. Zu dem in Strassburg begonnenen Woyzeck entwirft er in Zürich neue Szenen auf einem Quartblatt sowie zwei neue durchgehende Quarthandschriften, wobei er Szenen aus der früheren Strassburger Foliohandschrift überträgt.
Wie der arme Woyzeck die arme Marie ersticht, lässt sich hier nacherleben:
6. Museum
1834 wird in Zürich die Museumsgesellschaft gegründet, die sich für ihr «Museum» beziehungsweise ihre «Studierstube» im Haus zum Rüden am Limmatquai einmietet. Am 1. Januar 1837 liegen 167 Zeitungen und Zeitschriften auf und stehen 659 Bücher zur Verfügung. Die meisten Studierenden und Dozenten verkehren hier, so auch Ludwig Lessing, bekannt geworden als Mordopfer, das die zürcherische, ja schweizerische Asylpolitik stark beeinflusst hat, da der Todesfall im Exilantenmilieu die Schweiz unter politischen Druck der Nachbarstaaten bringt.
Dabei kann man die Stadt Zürich unterschiedlich beurteilen. Georg Büchner lobt im November in einem Brief an die Eltern die Ordentlichkeit und den durchgreifenden Wohlstand der Stadt, insbesondere im Vergleich mit den feudal verlotterten deutschen Duodezstädten, aber wohl auch als taktische Beruhigung gegenüber den Eltern. Dagegen hat der in Zürich bereits etablierte Rechtsprofessor Ludwig von Löw eine etwas andere, womöglich snobistischere Sicht, wie er in einem anonym veröffentlichten Buch Zürich im Jahre 1837 beschreibt: «Mit dem Äussern beginnend, müssen wir gleich mit Bedauern aussprechen, dass sich die Zürcher, insbesondere das schöne Geschlecht, seltene Ausnahmen abgerechnet, nicht durch Schönheit auszeichnen. Ein kenntnisreicher Anatom hat mir versichert, dass ihm fast noch kein Zürcher Schädel von reiner Bildung vorgekommen. Vor allem sei ein Vorragen des Unterkopfes, welches eben jede edlere Form unmöglich mache, sehr gewöhnlich. … Als Ursache der vorherrschenden Hässlichkeit wird öfter das Klima, der grosse Wasserreichtum der Umgebung, die dichten Herbstnebel angeführt. Allein ungesund ist das Klima von Zürich doch nicht, Krankheiten sind im Verhältnis nicht häufig. Eher möchten wir daher die Ursache bei den niederen Volksklassen in der sitzenden Lebensweise finden, die durch die blühende Industrie vorherrschend geworden; für die höheren Stände aber in den häufigen Heiraten zwischen nahen Verwandten. Dass dieses letztere allmählich das Geschlecht verhässlicht, ist von den Naturforschern anerkannt; dass es aber in Zürich besonders früher sehr gewöhnlich war, kann man schliessen aus der Häufigkeit mancher Geschlechtsnamen wie Schulthess oder Escher. (…) Die Bauart anlangend, bietet die innere eigentliche Stadt wenig Erfreuliches dar. Die Strassen sind grösstenteils schmal, krumm, uneben, die Häuserreihen ununterbrochen. Es existieren Gässchen, welche von Wohlbeleibten kaum zu passieren sind. Für die Reinigung der Gassen geschieht nicht Hinreichendes, und das Pflaster lässt noch gar vieles zu wünschen übrig.»
Über die damaligen verrohten Sitten berichtet eine Moritat zum erschröcklichen Tod eines armen Schneidergesellen, die sich hier hören lässt:
7. Fischmarkt
Der Zürcher Fischmarkt wird traditionell unter den Lauben beim Rüdenplatz abgehalten; die Fischer können die Räumlichkeiten des Zunfthauses zur Haue am Limmatquai 52 benützen. Der erste Brunnen ist an dieser Stelle bereits 1432 errichtet worden; 1535 wird ein neues Marmorbecken errichtet. Im 16. Jahrhundert wird die Figur des Samsons, die vormals beim Brunnen an der oberen Kirchgasse stand, an den Fischmarkt verlegt. Gemacht worden ist sie von «Meister Hans Motschon, von Trient gebürtig, welcher herrlicher Bildhauer und Baumeister hernach, auf falsche Anklag zu Luzern enthauptet, der Evangelischen Wahrheit mit seinem Blut Zeugnus gegeben».
[…]
Schliesslich fand er einen Stand aus dem Aargau, sogar einen aus dem Luzernischen sah er, mit Barben aus der Reuss sowie ein paar armseligen Egli, aber an beiden Orten wirkten die Barben klein und fürs Präparieren wenig geeignet. Etwas versteckt in einer Ecke hatte sich ein weiterer Stand platziert, aus Schaffhausen, vernahm er auf Nachfrage, noch so ein Kanton, pardon Republik. Ein bisschen ähnlich wie die deutsche Kleinfürsterei, dieser Kantönligeist, wie ihn Wilhelm Schulz kürzlich lachend bezeichnet hatte, und all diese Grenzen würde Leon – oder sollte er ihn doch lieber Leonce nennen? – im Flug überschreiten. Ähnlich und doch kein Vergleich, dort dieser Schmutz, dieses Elend, eine allumfassende Bedrückung, hier zumindest solide Behäbigkeit, geordnet, sauber – na, er würde das gegenüber den besorgten Eltern noch ein wenig ins Positive übersteigern.
Da sah er Barben, aus dem Rhein, die ihm passend schienen. Der Stand wurde von einem älteren und einem jüngeren Mann betrieben, Vater und Sohn, schätzte Büchner, und er wurde schnell handelseinig; die Preise lagen, schien ihm, unter denjenigen der Zürcher.
Die Arbeit mit Seziermesser und Lupe war knifflig, dazu bei diesem flackernden Kerzenlicht, Büchner war ein wenig aus der Übung gekommen und dann, seine Kurzsichtigkeit! Sorgfältig legte er den Seitennerv des Fischrumpfs bis in den Schwanz hinein bloss, dazu die auf der ganzen Seite vom Hauptnerv abgehenden Haut- oder Seitenäste.
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8. Krautgartenfriedhof
Nach vierzehn Tagen schwerer Typhus-Erkrankung stirbt Georg Büchner am 19. Februar 1837. «Er ist sanft eingeschlummert», schrieb später seine Verlobte Wilhelmine Jaegle, die einen Tag zuvor in Zürich eingetroffen war, «ich habe ihm die Augen zugeküsst, Sonntag, den 19. Februar, um halb vier.» Georg wird am 21. Februar 1837 im Krautgartenfriedhof an der Krautgartengasse (zwischen Kunsthaus und Hirschengraben) in einem offiziellen Festakt begraben – ein idyllischer Ort, der 1875 der Stadtverdichtung weichen muss.
«Auch unseres Büchners frühes Grab habe ich letzthin besucht – noch wächst kein Gras, aber Blumen darauf von lieber Hand gepflanzt und von Madame Orelli gepflegt. Er hoffte einst zuversichtlich, ich würde ihn hier besuchen und bei ihm hausen können. Ich kann dir nicht sagen, wie es ergriff, das schöne noble Angesicht mir jetzt da unten unter dem Grunde zu denken, durchwühlt von Moder und Ungeziefer. Der Kirchhof, wo er liegt, heisst zum Krautgarten und verdient in jeder Beziehung diesen prosaischen Namen, über den er selbst, wie er das konnte und pflegte auf eine witzige Weise, wenn er lebte, sich lustig machen würde. Er liegt mitten in der Stadt ou à peu près, und man sieht nichts als Hinterhäuser, verbrämt mit cabinets inodores und rundscheibigten Kammerfenstern, von denen aus die müden Knechte und Mägde den kleinen Ort der Ruhe mit geheimem Schauer betrachten. Sein Andenken ist unter den Professoren schon ziemlich erblasst. Das ist das Los des Schönen auf der Erde!» So berichtet der ehemalige Studienkollege Wilhelm Baum von einem Besuch im Herbst 1837.
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