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Agostino Vieceli (82) hatte zehn Brüder und Schwestern, aber keine Arbeit. So setzte er sich am 6. Juni 1953 als 20-Jähriger in den Zug von Belluno in Venetien (I) nach Zürich, wo bereits ein Cousin lebte. «Anfangs war ich schon etwas traurig», erzählt er in seinem Wohnzimmer in einem Zürcher Aussenquartier. An der Wand hängt ein Poster von Jesus und seinen Jüngern beim Abendmahl sowie eines von Mickey Mouse, Goofy, Donald, Tick, Trick und Track, die als Familie posieren.
Der gelernte Mechaniker arbeitete in den Zürcher Ziegeleien und wohnte bei einer Schlummermutter. «Sie gab mir Hörnli mit Schinken, Cervelat und Salat zu essen», erzählt er. «Es hat mir geschmeckt.» In der Missione Cattolica, einem Treffpunkt der katholischen Kirche für die italienisch sprechende Gemeinschaft, verbrachte er seine Freizeit und fand Freunde. Gemeinsam bauten sie das Zentrum aus, spielten Karten und sangen. In ihren Wohnungen konnten sie sich nicht treffen. «Da war kein Lärm geduldet.»
«Wie du arbeitest ist entscheidend»
Sein Chef pflegte zu sagen: «Nicht woher du kommst, sondern wie du arbeitest, ist entscheidend.» Agostino Vieceli wurde für seine Arbeit geschätzt und kam sich nie als Ausländer vor. Nur ein Viertel seines Lebens habe er tatsächlich in Italien gelebt, und so fühle er sich heute als Schweizer und Italiener. Schön und einfach sei sein Leben gewesen.
Rosa Vieceli (73) kam 1960 als 18-Jährige in die Schweiz, im Gepäck eine Arbeitsbewilligung als Küchenmädchen. 16 Stunden dauerte die Zugfahrt von Altamura in Apulien, am Absatz des italienischen Stiefels, nach Chiasso. Als sie die Berge sah, war sie so überwältigt, dass sie weinte. Da sie bloss ein Billett bis in die Zollstadt besass und kein Geld hatte, wusste sie zuerst nicht, wie weiter. Die Zöllner boten ihr eine Bleibe für eine Nacht an, doch sie wollte nach Zürich, wo ihre Schwester und Arbeit auf sie warteten.
Eine ältere Frau, die auf einer Bank am Stricken war, half der in Tränen aufgelösten jungen Frau schliesslich und schenkte ihr das Zugbillett nach Zürich. «Für diese fünf Franken bin ich noch heute dankbar.»
Im Zürcher Hauptbahnhof angekommen, war Rosa erneut gestrandet. Sie zeigte ihre Arbeitsbewilligung einem Herrn, der gleich ihren zukünftigen Arbeitgeber anrief. Dieser holte sie am Bahnhof ab, fuhr sie nach Zürich Oerlikon und tischte ihr Fleischkäse mit Spiegelei und Pommes frites auf. «Wunderbar schmeckte das», erzählt sie.
Von den Schweizer Gerichten, die sie bald kochen lernte, schwärmt sie noch heute. Metzgete, Käsesalat, Gulasch und Geschnetzeltes mit Rösti: «Alles war so schön präsentiert und unglaublich gut.» Ihr Padrone sei ein feiner Mann gewesen, der sie stets unterstützte. Als ihre Mutter krank wurde, kündigte sie und ging zurück nach Italien, um sie bis zu ihrem Tod zu pflegen. Wieder zurück in der Schweiz, bot ihr der ehemalige Padrone einen neuen Job in einer Kantine an. Die Willkommensschachtel hat sie noch heute, darin liegt auch die vergilbte Arbeitsbewilligung.
Acht Jahre liess sie ihn zappeln
Auch Rosa Ceglie, wie sie damals noch hiess, verbrachte ihre Freizeit in der Missione Cattolica. Dort lernte sie Agostino kennen. Acht Jahre habe er ihr den Hof gemacht, doch sie liess ihn zappeln. Lieber als ein Marito aus dem Norden wäre ihr einer aus dem Süden gewesen. Doch er liess nicht locker, fuhr ihr mit dem Motorino hinterher, machte ihr Komplimente, schenkte ihr selbst gepflückte Blumen.
Als sie sich dann doch überzeugen liess, waren für beide je drei Dinge entscheidend. Er wollte wissen: Kannst du Polenta kochen? Minestrone? Gnocchi? Polenta musste sie noch lernen, die anderen Gerichte waren kein Problem. Sie hingegen forderte: «Du hast keine anderen Frauen, du trinkst nicht, du schlägst nicht.» Das war der Deal. «Solo amore non basta», sagt Rosa Vieceli und lächelt ihren Mann über den Küchentisch hinweg an.
Heute sind ihre Kinder Dario (39) und Gianpaolo (40) erwachsen und haben je zwei Kinder. Eine Rückkehr nach Italien war für die Nonni nie ein Thema: «Hier sind unsere Kinder und Enkel. Hier ist unser Leben.» Dass man sie in den Ferien in Italien «gli svizzeri» nennt, empfinden sie nicht als Beleidigung: «Hier sind wir die Italiener, dort die Schweizer – das ist ganz normal.»
Gianpaolo Vieceli wohnt mit seiner Frau Veronica (39) und den Kindern Valeria (12) und Gabriele (11) in derselben Siedlung wie seine Eltern. «Die Nähe zu den Nonni ist gut für alle.» Bis er Veronica heiratete, lebte er bei seinen Eltern. «Das würden wohl viele als typisch italienisch bezeichnen», sagt er. So lange zu Hause zu bleiben, habe ihm erlaubt, einige Weiterbildungen zu absolvieren. Und Mami und Papi zu geniessen.
Der Sohn mag klare Systeme
Gianpaolo ist Treuhänder, bei Buchhaltung und Steuern ist er in seinem Element. «Ich mag klare Systeme», sagt er, «das ist wohl eher schweizerisch an mir.» Ebenso das Bedürfnis nach einer Arbeit, die ihn erfüllt und nicht bloss der Geldbeschaffung dient. Als Secondo hab er schon früh gelernt, sich anzupassen und anzustrengen. Im Kindergarten war er eines von zwei Ausländerkindern. Er erinnert sich, wie wichtig es ihm war, möglichst schnell Deutsch zu lernen.
Auch wenn seine Mutter zu Hause gern und gut schweizerisch kochte, liebt Gianpaolo Vieceli die italienische Küche, vor allem Pasta, über alles. Die Wochenenden hat er mit seinen Eltern in der Missione Cattolica verbracht, dort traf er auch als Jugendlicher seine Freunde. Und seine zukünftige Frau Veronica. Sie stammt aus Peru und war in Zürich, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Mittlerweile spricht die gelernte Buchhalterin fliessend Deutsch und Italienisch. «Mein Herz aber klopft peruanisch», sagt sie.
Die Enkel Valeria und Gabriele sind dreisprachig aufgewachsen. Mit den Grosseltern sprechen sie italienisch, mit der Mutter spanisch, mit dem Vater oder miteinander deutsch. Sind alle zusammen, ist Italienisch die Familiensprache.
Gabriele und Valeria haben beide südländisches Temperament, sagen die Eltern. Gabriele liest gerade die Biografie der italienischen Fussballlegende Andrea Pirlo und ist besessen von Fussball. Spielt Italien gegen die Schweiz, schwingen Vater und Sohn die grün-weiss-rote Fahne. Die Frage, welchem Land sie sich am meisten zugehörig fühlt, stellt sich für Valeria nicht. «In meiner Klasse sind gerade mal drei Kinder waschechte Schweizer – ich bin wie die meisten anderen ein Milchshake.»
Autor: Monica Müller
Fotograf: Dan Cermak