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«Aus vielen Tausenden bin ich selbst einer, ein armes Menschenkind, dem der überaus schöne Frühling seines ganzen Lebens, die Blütenjahre der Jugend, mit Schulfuchsereien elendiglich verloren gegangen sind. Ach, wie oft hat mir, nachdem ich zu einer besseren Einsicht gekommen, die Erinnerung an die verlorene Zeit Seufzer aus der Brust, Tränen aus den Augen, Kummer aus dem Herzen gepresst!» Johann Amos Comenius in seiner «Grossen Unterrichtslehre».
Die Macht der Erziehung
Die Erlebnisse seiner Schulzeit und die durch schwerste Schicksalsschläge gewonnene Erfahrung ermöglichten dem souveränen Geist von Comenius, Welt und Menschen zu verstehen und daraus segensreich auf Theorie und Praxis der Erziehung einzuwirken, überzeugt von der menschlichen Bildungsfähigkeit und der grenzenlosen Fassungskraft des Geistes. In der Erziehung sah er den einzigen Ausweg aus dem verkehrten Zustand der Menschheit. Während des dreissigjährigen Krieges, einer Zeit, die von Kriegen, Unterdrückung und Unrecht geprägt war, verlor er nie den Glauben an die Macht der Erziehung und die Selbstbildungsfähigkeit des Menschen.
Während des dreissigjährigen Krieges, einer Zeit, die von Kriegen, Unterdrückung und Unrecht geprägt war, verlor er nie den Glauben an die Macht der Erziehung und die Selbstbildungsfähigkeit des Menschen.
Als einer der bedeutendsten Pädagogen der Neuzeit lebte er in einer Zeit, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse, demokratisches Freiheitsstreben und einem beschleunigten Wandel wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse geprägt war, der sich auch im Bildungswesen niederschlug. Nach dem Studium an den Universitäten von Herborn und Heidelberg schrieb er 1616 aufgrund seiner negativen Erfahrungen im Lateinunterricht das Büchlein «Regeln einer leichteren Grammatik».
Die Inhalte der «Didactica magna» gelten bis heute als wichtige Grundlage des Realienunterrichts, der muttersprachlichen Bildung, der allgemeinen Schulpflicht und der Unterrichtsmethodik.
Um der Zeitvertrödelung im bisherigen Unterricht zu begegnen, vertiefte er sich zwischen 1627 und 1638 in die didaktischen Probleme und veröffentlichte (1657 zuerst auf böhmisch, dann auf lateinisch) seine «Grosse Unterrichtslehre», die «Didactica magna» oder «die Kunst, alle alles zu lehren». Sie sollte als Leitfaden dienen, um in angenehmer Lernatmosphäre einen hohen Lernertrag bei den Schülern zu erzielen. So entstand in der Neuzeit das erste grosse, systematisch aufgebaute Werk der Pädagogik auf der Basis der Muttersprache. Comenius hoffte der Bevölkerung in seiner böhmischen Heimat mit einer fundamentalen Reform des Unterrichtswesens, durch Verbesserung der Erziehung in der schweren Zeit neuen Auftrieb geben zu können. Die Inhalte der «Didactica magna» gelten bis heute als wichtige Grundlage des Realienunterrichts, der muttersprachlichen Bildung, der allgemeinen Schulpflicht und der Unterrichtsmethodik.
Informatorium der Mutterschule
In seinem ersten deutschsprachigen Büchlein «Informatorium der Mutterschule» (1630) behandelte er den Aufgabenkreis der Mutter bis zum sechsten Lebensjahr ihres Kindes. Comenius war der Erste, der die Pädagogik vom Kind her entwarf. Neben der physischen Pflege hob er die Wichtigkeit des elterlichen Vorbildes für die kindliche Entwicklung hervor, wandte sich unter anderem gegen die Verzärtelung der Kinder und schlug vor, wie die Kinder in Tun und Mithilfe geübt werden sollen: «Die Kinder tun allezeit gerne etwas: denn das junge Blut kann nicht lange stille stehen, und solches ist sehr gut. Darum man es ihnen nicht wehren, sondern vielmehr Anlass geben soll, dass sie immer etwas zu tun haben. Lass sie Ameislein werden, die immer herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen; nur damit sie etlichermassen mit Verstand tun, was sie tun sollen, muss man ihnen dazu helfen, und alles Tuns, wenn es auch kindische Dinge wären, ihnen ein Muster zeigen, und sich also mit ihnen zu spielen, nicht schämen.»
Volksschule und effiziente Sprachenpforte
An die Erziehung im Elternhaus wollte Comenius nicht, wie damals üblich, die Lateinschule sondern zuerst eine muttersprachliche Schule (schola vernacula) anschliessen. Damit vertrat er zum ersten Male in der Geschichte der Pädagogik die Idee der «Volksschule», für die er auch Lehrbücher ausarbeitete. Die Erneuerung des Schulwesens sah er vor allem in einer Verbesserung des Sprachunterrichts, weil damals schon beim Erlernen der Sprache viele Jahre verloren gingen: «Die meisten, die sich den Wissenschaften hingeben, werden alt bei den Vokabeln, bloss auf die lateinische Sprache werden zehn und mehrere Jahre, ja die ganze Lebenszeit verwendet; mit einem äusserst langsamen und noch dazu dürftigen und die aufgewendete Mühe keineswegs lohnenden Erfolge.» In seinem Buch «Sprachenpforte» (Janua linguarum, 1631), das ihn weltberühmt machte, setzte er anstelle der Methodenlosigkeit die Methode der «Janua», bei der der ganze Sprachschatz der lateinischen Sprache in zwölfhundert Sätze eingebaut wurde, in denen jede Vokabel nur einmal vorkam. Neuartig war, dass Comenius die Worte mit den Sachen in Verbindung brachte, damit mit allen Worten zugleich auch alle Dinge dem Verstand zugänglich gemacht werden konnten. Indem Sprach- und Sachunterricht parallel liefen, konnte mit der Sprachschulung das gesamte menschliche Wissen vermittelt werden.
Anschauungsunterricht
Dem damals im rein Sprachlichen verharrende Schulbetrieb setzte die Comenische «Janua» die Idee des «Anschauungsunterrichtes» entgegen. Die Sprache muss an den Sachen selber oder deren Bilder gelernt werden. Der Aufbau des Sprachunterrichts im Sinne eines kontinuierlichen Lernweges beinhaltete zugleich einen Sachunterricht: Von den Eigenschaften zu den Dingen, vom Tun und Leiden der Dinge, von den Umständen der Dinge, von den Dingen in der Schule, im Hause, in der Stadt und deren Umgebung, von den Tugenden. Wenn Sachkenntnis und Sprachschulung Hand in Hand gehen, kann der Unterricht wesentlich effizienter gestaltet werden. Für Comenius bestand die Weisheit in den Dingen, nicht in den Worten. Nach der «Sprachenpforte» befasste sich Comenius mit dem Verfassen von Lehrbüchern für den «realen Unterricht», einer «Weisheitspforte». Dazu gehörten für ihn die «Pansophie» (Allweisheit, 1651) mit den Prinzipien Gott, Welt und menschlicher Einsicht, die «Panhistoria» (Weltgeschichte) sowie die «Allgemeine Dogmatik» mit allen Meinungen der Menschen. Nachdem die Jugend mit der Sprachenpforte die Dinge äusserlich beschreiben konnte, sollte sie nun das Innere der Dinge anschauen können.
Schulpraxis und pädagogische Gesinnung
1638 wurde Comenius nach Schweden eingeladen, um die dortigen Schulen zu reformieren. Eine weitere Einladung kam aus England, wo er ein internationales Gelehrtenkollegium errichten sollte, welches sich um die Förderung der Wissenschaften kümmern sollte. Er folgte der Einladung des Fürsten Sigismund Rákóczi nach Sárospatak in Ungarn, wo er die «Pansophische Schule» (Allgemeine Werkstätte der Weisheit) als siebenklassiges Gymnasium aufbaute. Jünglinge aus allen Gesellschaftsschichten sollten hier lernen, «was die menschliche Natur zu vervollkommnen und den Zustand der Volkswirtschaft, des Staates, der Kirche und des Schulwesens zu bessern imstande ist». Der Unterricht wurde durch von Comenius für alle Stufen verfassten Lehrbüchern geleitet. Die Schulorganisation sollte dem öffentlichen Leben gleichen, damit die Schüler im kleinsten Bereich auf das künftige Leben im Staate vorbereitet würden.
«Nicht nur die Kinder der Reichen oder der Vornehmen, sondern alle in gleicher Weise, Adelige und Bürgerliche, Reiche und Arme, Knaben und Mädchen in grossen und kleinen Städten, in Flecken und Dörfern zur Schule heranziehen»
Wichtiger war jedoch der Geist, von dem die Comenische Schule getragen war, seine pädagogische Gesinnung, die er schon in der «Grossen Unterrichtslehre» dargestellt hatte: «Nicht nur die Kinder der Reichen oder der Vornehmen, sondern alle in gleicher Weise, Adelige und Bürgerliche, Reiche und Arme, Knaben und Mädchen in grossen und kleinen Städten, in Flecken und Dörfern zur Schule heranziehen» oder kürzer «In der Schule sind alle in allem zu unterrichten».
«Man soll des Lernens wegen keine Schläge geben; denn wenn nicht gelernt wird, so ist das doch nur die Schuld des Lehrers, der entweder es nicht versteht oder sich nicht darum kümmert, den Schüler gelehrig zu machen.»
Damit die Kinder keinen Ekel am Lernen bekommen, erstellte er naturgemässe Grundsätze, die im Schulplan vom Lehrer befolgt werden sollten: «Man soll des Lernens wegen keine Schläge geben; denn wenn nicht gelernt wird, so ist das doch nur die Schuld des Lehrers, der entweder es nicht versteht oder sich nicht darum kümmert, den Schüler gelehrig zu machen.» Es geht darum, die geistige Selbständigkeit des Schülers zu wecken; ohne jeglichen Zwang soll man die Kinder lehren in dem grossen Buche der Natur zu lesen, sie dazu anleiten, die Dinge selbst kennenzulernen und zu untersuchen und sich nicht auf fremdes Zeugnis und überlieferte Autorität zu verlassen. Comenius grosser Plan scheiterte hauptsächlich daran, dass er keine geeigneten Mitarbeiter finden konnte sowie an Neid und Missgunst.
Die Welt in Bildern
Vor seinem Abschied von Ungarn 1654 konnte er sein populärstes Werk vollenden, den «Orbis pictus» oder «Die Welt in Bildern». Mit der ersten illustrierten Lesefibel und der ersten Enzyklopädie für Kinder der Welt, wurde mit Hilfe einfachster Abbildungen unterrichtet. Dieses neue Anschauungsprinzip wurde als «pädagogisches Kolumbus-Ei» bezeichnet. «Orbis pictus» wurde in wenigen Jahren in elf Sprachen übersetzt und war ein in Europa vom 17. bis zum 19. Jahrhundert weit verbreitetes Jugend- und Schulbuch. 1657 gab er in seinem letzten Asyl in Amsterdam seine gesammelten didaktischen Werke unter dem Motto «Alles wird gehen von selbst; fern bleibe jede Gewalttat!» heraus. Als Comenius siebenundsiebzigjährig starb, war sein Leben ein einziger und unablässiger Dienst an der Menschheit gewesen, der auf Jahrhunderte seine kulturbestimmende Kraft nicht verlor.
Zeitgemässe Zeitvertrödelung
Wenn wir das Comenische Leitmotiv mit unserer heutigen Situation in der Volksschule vergleichen, müssen wir uns fragen, warum es unserer Volksschule im 21. Jahrhundert nicht mehr gelingt, das demokratische Ziel «alle alles zu lehren» zu erreichen und warum 24 % unserer Schüler die Schule nach 11 Schuljahren als funktionelle Analphabeten verlassen (Pisa 2018)? Wo wird in der Schule so viel Zeit vertrödelt, dass so etwas möglich ist? Die Effizienz des Schweizer Schulsystems im 20. Jahrhundert basierte auf der Homogenität der Schulklassen, die einen gemeinsamen Klassenunterricht ermöglichte, bei dem praktisch alle Schüler am Ende des Schuljahres das Stoffziel erreichen konnten. Als die Schweiz 1991 erstmals am International Assessment of Educational Progress (IAEP) teilnahm, erreichte sie in Mathematik und Naturwissenschaften die höchsten Durchschnittsresultate aller 20 Teilnehmerstaaten. International besonders beachtet wurden die Resultate der schwächsten 10 Prozent der Schweizer Schüler, die weit über denjenigen aller anderen Länder lagen.
Diese Homogenität und der Klassenunterricht wurden dem Paradigmenwechsel mit der Einführung des Lehrplans 21 und der sogenannten «Integration» geopfert. Der Lehrplan 21 mit seiner umstrittenen «Kompetenzorientierung», verlangt von den Schülern «selbstorganisiertes Lernen», das eine Vorstellung von Autonomie voraussetzt, die es gemäss dem Psychologen Allan Guggenbühl bei Kindern noch gar nicht gibt. Beim «selbstorganisierten Lernen» wird sehr viel Zeit vertrödelt, weil die Kinder, meist sich selbst überlassen, «das Rad neu erfinden» sollen, womit gleichzeitig die schwachen Schüler von Anfang an abgehängt werden. Die sogenannte «Integration» stellt den Lehrer vor das Dilemma, entweder das Mittelfeld der Schüler zu fördern (die starken schaffen das so oder so) oder das Tempo den schwachen anzupassen. Damit sie das Stoffziel erreichen können, werden sich die meisten Lehrer oft schweren Herzens für die erste Möglichkeit entscheiden. Damit sind wir mit unserem «zeitgemässen» Bildungswesen hinter Comenius zurückgefallen.
Quellen:
Helvia Bierhoff: Laying the Foundations of Numeracy: a comparison of primary school textbooks in Britain, Germany and Switzerland. Discussion Paper no. 90, National Institute of Economic and Social Research, London January 1996