Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/2692

Handbuch: Basiswissen zur Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit - offene Fragen und Schwierigkeiten
Frage: Welche grundsätzlichen Probleme stellen sich, wenn die Idee der Nachhaltigkeit ernstgenommen wird?
Kurz gesagt: Die Idee der Nachhaltigkeit und die Anforderungen an Strategien, die sich aus ihr ergeben (>> Anforderungen an Strategien der Nachhaltigkeit), bergen einige Schwierigkeiten, die nachfolgend beschrieben werden. Manche von ihnen sind lösbar, andere jedoch nicht. Beispielsweise stellen sich die Fragen, was ein gutes Leben ausmacht, wie die Bedürfnisse künftiger Generationen bestimmt werden können und wie alle Menschen an der Entwicklung eines Zukunftsentwurfes beteiligt werden können.
Entsprechend dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist zu umreissen, was ein gutes Leben ausmacht und welche (Grund-)Bedürfnisse zu befriedigen sind – und zwar genügend konkret, sonst ist dieses Ziel nicht verwirklichbar: Welche Arten von menschlichen Bedürfnissen oder Rechten sollen unterschieden werden, wie hängen diese zusammen und wie sind sie zu gewichten? Welches sind legitime Bedürfnisse und welches nicht? Der globale Anspruch zieht es nach sich, dass diese Fragen kulturunabhängig für alle Menschen zu beantworten wären (im Konsens). Angesichts der kulturellen und sozialen Bedingtheit menschlicher Bedürfnisse ist dies nur in Teilen überhaupt möglich. Die Organe und Konferenzen der UN haben keine Theorie des guten Lebens geliefert, an der sich die nationale (und lokale) Diskussion orientieren könnte.
Zur generellen Schwierigkeit, das gute Leben für alle Menschen zu bestimmen, tritt die Schwierigkeit hinzu, dies für künftige Generationen tun zu müssen. Angesichts der historischen Bedingtheit menschlicher Bedürfnisse und angesichts des nicht voraussagbaren gesellschaftlichen Wandels – zum Beispiel aufgrund technologischer Entwicklungen – stellt sich die grundsätzliche Frage, ob, wie und bis zu welchem Grad es überhaupt möglich ist, Bedürfnisse künftiger Generationen zu ermitteln und zu begründen. Sicher können diese nicht einfach dadurch bestimmt werden, dass gegenwärtige menschliche Bedürfnisse in die Zukunft projiziert werden. Unbeantwortet ist auch die Frage, wie sich im Falle eines Interessenkonfliktes die Rechte und Bedürfnisse künftiger Generationen zu denen gegenwärtiger Generationen verhalten.
Der Zukunftsentwurf (die Vision) ist die Grundlage für die Formulierung der Ziele und Indikatoren, er liefert die Begründung der Ziele sowie die Kriterien zur Identifizierung von Problemen. Er muss hinreichend scharf konturiert sein, um eine methodisch saubere Herleitung der Ziele zu erlauben und um einen echten Konsens auszudrücken. Bleiben Zukunftsentwurf und Ziele unterbestimmt, ist die Zustimmung sicher schneller gegeben, aber alle können sich jeweils genau das darunter vorstellen, was ihren Interessen entspricht. Eine gewisse Abstraktheit ist aber nötig, andernfalls sind Zukunftsentwurf und Ziele allzu schnell überholt. Die Schwierigkeit besteht also darin, das allen Ansprüchen gerecht werdende Mass an Konkretheit zu finden. Die Organe und Konferenzen der UN legen in ihren Dokumenten keinen expliziten, klaren und umfassenden Zukunftsentwurf vor, auf den sich die nationale und lokale Strategiebildung ausrichten könnte.
Der Zustand der Nachhaltigkeit ist nur dann als tatsächlich zu erreichendes Ziel tauglich, wenn er konkretisiert wird – sonst würde er sich der Überprüfbarkeit entziehen. Soll Nachhaltigkeit langfristig als Leitlinie für die Entwicklung dienen, kann eine solche Konkretisierung aber keine dauerhafte Geltung haben; ihre Geltung kann immer nur eine vorläufige sein. Damit aber entzieht sich der Zustand der Nachhaltigkeit grundsätzlich der Erreichbarkeit, was ihn auch wieder nur bedingt als tatsächlich zu realisierendes Ziel tauglich erscheinen lässt. Es stellt sich also die Frage, ob und wie die notwendige Konkretisierung des Zustandes der Nachhaltigkeit vereinbart werden kann mit der zu gewährleistenden Dynamik der Konkretisierung.
Nachhaltigkeit ist Ausdruck eines anthropozentrischen Ansatzes, d.h. der Mensch und sein Wohlergehen liefern die Kriterien, anhand derer menschliches Handeln beurteilt wird. Der aussermenschlichen Natur wird nur so weit ein Wert zugesprochen, als sie direkt oder indirekt für den Menschen von Nutzen ist. Der Vorteil eines solchen Ansatzes liegt in einer erhöhten Bereitschaft, Massnahmen zum Schutz der Natur zu ergreifen und zu akzeptieren, weil diese dem Menschen zugute kommen. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein solcher Ansatz nicht einen Rückschritt darstellt gegenüber den Bemühungen, die Natur unabhängig von ihrem Nutzen für den Menschen mit Wert und Rechten zu versehen. Abgesehen von dieser grundsätzlichen Frage stellt sich auch ein praktisches Problem: Um entscheiden zu können, ob eine Art oder ein Ökosystem schützenswert ist oder nicht, wäre sämtlicher – gegenwärtiger und künftiger – Nutzen sämtlicher nicht-menschlicher Lebewesen und Ökosysteme abzuschätzen. Es scheint mehr als fraglich, ob dies machbar ist. Es bleibt also offen, wie zu entscheiden ist, wenn kein Nutzen für den Menschen ersichtlich ist: Ist in diesem Fall davon auszugehen, dass es keinen solchen Nutzen gibt oder davon, dass es einen solchen möglicherweise gibt, er jedoch noch nicht erkannt wurde oder nicht erkennbar ist?
Mit der Idee der Nachhaltigkeit ist der Anspruch verbunden, Umwelt sowie wirtschaftliche und soziale Entwicklung gesamtheitlich zu betrachten, um wirtschaftliche, soziale und umweltbezogene Probleme integriert angehen zu können. Die drei Dimensionen sind vom Anspruch her gleichgewichtig. Es stellt sich von daher zum einen die Frage, auf welche Art und Weise die geforderte Integration erfolgen soll. Zum anderen stellt sich die Frage, wie mit Konflikten und Widersprüchen zwischen wirtschaftlichen, sozialen und umweltbezogenen Zielen umzugehen ist (>> Ziele formulieren). Im Kontext der Nachhaltigkeit ist eine ”Dimension” ein bestimmter Bereich gesellschaftlicher Ziele: Nachhaltigkeit ist ein Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung und vor deren Hintergrund sind alle anzustrebenden Ziele gesamtgesellschaftliche Ziele, also auch die wirtschaftlichen und die umweltbezogenen – es ist deshalb falsch, wenn die wirtschaftlichen Ziele mit den wirtschaftlichen Anliegen wirtschaftlicher Akteure gleichgesetzt werden und so die wirtschaftliche Dimension auf die Anliegen dieser Akteure reduziert wird, was aber oft getan wird.
Mit der Idee der Nachhaltigkeit geht der Anspruch einher, eine globale Einigung bezüglich Zukunftsentwurf und Zielen zu erlangen. Die Ergebnisse der UN-Konferenzen etwa stellen aber keinen solchen Konsens dar – vielmehr handelt es sich dabei um Kompromisse, gegenseitige Zugeständnisse und den kleinsten gemeinsamen Nenner. Es stellt sich grundsätzlich die Frage, mit welchem Verfahren ein echter Konsens erreicht werden könnte. Zudem ist zu fragen, was realistischerweise überhaupt Gegenstand eines globalen, nationalen oder lokalen Konsenses sein kann und muss. Schliesslich sollen sich Zukunftsentwurf und Ziele auf die gesamte Menschheit beziehen und alle Länder und Menschen sollen sie als verbindlich erachten. Das wirft die Frage auf, wie – angesichts souveräner Nationalstaaten – die globale Gültigkeit von Zukunftsentwurf und Zielen erzielt und durchgesetzt werden könnte. Es droht die Gefahr, dass mindestens auf der globalen Ebene keine Einigung erfolgt, es sei denn, Zukunftsentwurf und Ziele seien sehr vage formuliert bzw. nicht verbindlich. Der erzielte Konsens wäre dann lediglich ein Schein-Konsens, der in Tat und Wahrheit sehr divergierende Auffassungen zulässt bzw. die tatsächliche Realisierung einer nachhaltigen Entwicklung wäre gefährdet – beides müsste verhindert werden.
Die Organe und Konferenzen der UN haben sich bisher der Aufgabe nicht angenommen, ein Instrumentarium zu entwickeln, das erlauben würde, die Qualität nationaler Strategien für eine nachhaltige Entwicklung zu beurteilen. Gewisse Kernfragen bleiben folglich unbeantwortet: Wie soll das Verhältnis zwischen globalem und nationalem (und lokalem) Zukunftsentwurf aussehen? Sind die nationale (und lokale) Konkretisierung so vorzunehmen, dass die in der Agenda 21 festgehaltenen Ziele im eigenen Land (in der eigenen Kommune) erreicht werden oder so, dass ein Beitrag geleistet wird zur Realisierung dieser Ziele auch in anderen Ländern (und Kommunen)? Wäre letzteres die Absicht, so würden daraus zusätzlich zu den Zielkonflikten zwischen wirtschaftlichen, sozialen und umweltbezogenen Zielen weitere potentielle Zielkonflikte erwachsen.
Der Anspruch der Partizipation ist nicht ohne Einschränkungen einlösbar: Es ist unmöglich, auf der globalen, der nationalen und der lokalen Ebene alle Menschen an der Formulierung von Zukunftsentwurf und Zielen, an der Identifizierung und Analyse von Problemen sowie an der Bestimmung von Massnahmen zu beteiligen. Es stellt sich von daher die Frage, auf welcher Ebene und in welchen Punkten tatsächlich alle Menschen direkt beteiligt werden sollten und auf welcher Ebene und in welchen Punkten eine indirekte Beteiligung vorzusehen wäre, in der Organisationen Gruppen von Menschen vertreten. Letzteres setzt aber ein Gesellschaftsmodell voraus, das Fragen wie die folgenden konzise beantwortet: Welche Gruppen von Menschen sind (global, national und lokal) zu unterscheiden? Was legitimiert eine Organisation, eine Gruppe von Menschen zu vertreten? Welchen Gruppen von Menschen bzw. welchen Organisationen steht ein Recht auf Partizipation überhaupt zu? Gleichermassen müsste näher bestimmt werden, was ”Partizipation” genau bedeuten soll, ob damit eine aktive Mitgestaltung und Mitbestimmung oder lediglich die Möglichkeit zur Stellungnahme gemeint ist. Ausserdem wäre zu klären, auf welche Art und Weise die Partizipation herrschaftsfrei gestaltet werden könnte. Insbesondere in demokratischen Ländern stellt sich die Frage, wie sich die geforderte Partizipation und die in einem Staat geltenden Formen der Mitbestimmung zueinander verhalten und wie mit den diesbezüglich denkbaren Konflikten umzugehen wäre.
Die Formulierung des Zukunftsentwurfes und der Ziele und Indikatoren sowie die Beurteilung gegenwärtiger Umwelt- und Entwicklungszustände und potentieller Risiken gehen zwingend mit Bewertungen einher. Es stellt sich damit die Frage, auf welcher Grundlage solche Bewertungen vorzunehmen sind, wie und durch wen sie zu erfolgen haben, wie und durch wen die dazu nötigen Kriterien definiert werden. Die Anforderung einer wissenschaftlichen Fundierung entsprechender Entscheidungen ist hierzu sicher eine notwendige Bedingung, sie ist aber nicht hinreichend – derartige normative Setzungen können nicht rein wissenschaftlich vorgenommen werden. Die vorzunehmenden Bewertungen können nicht einseitig an eine gesellschaftliche Gruppe delegiert werden, sondern bedingen, dass sich alle, die an der Formulierung des Zukunftsentwurfs und an dessen Operationalisierung beteiligt sind, mit diesen Fragen auseinandersetzen. Es ist aber auch unrealistisch anzunehmen, zu diesen Fragen könne bis ins letzte Detail ein Konsens erzielt werden. Aus diesem Grund wäre zu klären, zu welchen Punkten und bis zu welcher Konkretion jeweils global, national und lokal eine Einigung erforderlich ist.