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In unserer Serie stellen wir Ikonen aus vergangenen Dekaden vor, berichten über gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen aus längst vergangenen (Gay-)Tagen. Dieses Mal: Pete Burns.
In den frühen 1980ern war viel los: Gefälschte Hitler-Tagebücher, AIDS wird als epidemische Krankheit erkannt, Raumfähren explodieren, bei Sandoz in Basel brennt es und schliesslich fallen Mauern. In England erscheint 1984 eine Langspielplatte, die die Musikwelt vor ein Rätsel stellte. «Sophisticated Boom Boom» von Dead Or Alive. Der Sänger der Band – Kopf und Mastermind von Dead Or Alive Pete Burns arbeitete zu dieser Zeit noch in einem Plattenladen. Fragte jemand nach einer Boy-George-Single, wurde er beschimpft und fortgejagt. Die Arbeit im Plattenladen inspirierte Burns zum Song «You Spin Me Round (Like A Record)», den er mit seiner Band Dead Or Alive schrieb und vom Trio Stock, Aitken und Waterman produzieren liess. Waterman gestand später, dass er sich dabei schamlos bei Wagners «Ritt der Walküren» bedient habe. Der Klau hat sich gelohnt; die Kooperation bescherte Dead Or Alive den ersten (und letzten) Nummer-1-Hit und Stock, Aitken und Waterman lancierten damit eine grosse Karriere: Die Hitproduzenten führten danach noch Dutzende No Names wie Rick Astley, Bananarama oder Kylie Minogue zum Erfolg und verdienten damit Millionen.
Bei Pete Burns hat es immerhin zu Lippenimplantaten gereicht. Er, der sein zugewiesenes Geschlecht als nicht bindend empfindet und heute wie ein Klon von Amanda Lear aussieht, ist noch immer ein Star - in der britischen Trans-Szene. Damit man musikalisch nachvollziehen kann, was damals gerade musikmässig angesagt war: Auf Platz 1 der Hitparade: Dead Or Alive - You Spin Me Round. Auf Platz 2: USA For Africa - We Are The World, dann kam auf Platz 3: Modern Talking mit You’re My Heart, You’re my Soul und schliesslich Opus mit Live is Life. Nun ja. Damals aber nahm man Dead Or Alive durchaus ernst, wie ein Blick ins Musikarchiv beweist. Die Zeitschrift «Musikmarkt» attestierte am 1. Juli 1984 Pete Burns «ein Gespür für eine gekonnte Mischung aus New-Wave-Attitüde und populären Stilmitteln». Räumte aber auch ein, dass Pete Burns und seine Band einen «hohen Provokationsfaktor» besässen.
Burns bei «Big Brother»
Dekadenwechsel: 2005, Grossbritannien. Reality-Shows erleben einen weiteren Höhepunkt, «Big Brother» wurde gerade auf Channel Four wiederbelebt. Seit knapp einer Woche lebt George Galloway, seines Zeichens Unterhausabgeordneter des Ostlondoner Bethnal-Green-Quartiers, im Celebrity-Dorf eben jener Fernsehshow. Zusammen mit weiteren (fragwürdigen) Promis. Als da wären: das Sex-Model Jodie Marsh, das gealterte Seite-3-Girl Rula Lenska, der Ex-Baywatch-Star Tracy Bingham, der Ex-Basketballer Dennis Rodman und eben: Pete Burns. Dieser hat sich in der Show übrigens selbst als «Transvestit» bezeichnet.
So trashig wie Burns sich 2005 gibt, so auch sein Aussehen: Man erkannte den Leadsänger kaum mehr, zahlreiche Schönheitsoperationen haben ihn zu einem «es» gemacht. Dies ist ihm auch in der Sendung wichtig; er sei weder Trans*, noch eine Frau noch ein Mann. Sondern eben ein «es». Solche Aussagen und überhaupt das ganze damalige Setting sorgten für gute Einschaltquoten und gaben zu reden. So sehr, dass sich ein renommierter «Guardian»-Kolumnist eingeschaltet hat; er empfiehlt seinerzeit, das Big-Brother-Dorf mit seinem Stacheldrahtzaun, den grellen Scheinwerfern und den überwachten Insassen von Amnesty International inspizieren zu lassen. Menschengerecht, so der Glossenschreiber, werde es dort wohl kaum zugehen. Immerhin: Der Auftritt von Pete Burns in «Big Brother» katapultierte die Single «You Spin Me Round (Like a Record)» Anfang 2006 ein weiteres Mal unter die Top Ten.
Das sorgte kurzfristig für neuen Glamour, der genau drei Monate dauerte: Ende April 2006 wurde Burns auf Grund von Verstössen gegen die Bewährungsauflagen aus einer Verurteilung wegen eines «Kampfes mit einem ehemaligen Geliebten» für ein paar Tage in einem Londoner Gefängnis inhaftiert, das passte medial sehr gut, denn gleichzeitig erschien seine Autobiographie «Freak Unique». Ende 2011 erklärte Pete Burns schliesslich, dass es niemals wieder eine Neuformierung der Band geben würde. Und seither ist es um Burns still.