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Dramatisch türmen sich auf der 1808 nach einem Aquarell William Turners (1775–1851) entstandenen Druckgrafik «Lake of Thun, Swiss» die Wolken über einem vom Wind aufgepeitschten See auf. Im Hintergrund durchschneidet ein heller Blitz die Alpenszenerie, während der Vordergrund eine von den Wetterphänomenen unbeeindruckte Figurenkonstellation beim Beladen eines Karrens zeigt. Nur die Rückenfigur leicht links der Bildmitte blickt auf das Gewässer, das Turner als Thunersee bezeichnete. Aufgrund der Berge, die sich um den See gruppieren, handelt es sich jedoch vermutlich um den Brienzersee. Diese geografische Ungenauigkeit weist darauf hin, dass Turner, der zu den bekanntesten englischen Malern zählt, die Landschaft vor Ort nicht primär dokumentarisch festhielt.
1802 bereiste der Künstler erstmals die Schweiz und bei der Gelegenheit auch das Berner Oberland. Dabei hielt er seine Reiseeindrücke in Bleistiftskizzen und Aquarellen, die Licht- und Wetterstimmungen wiedergeben, fest. Folglich handelt es sich bei der Darstellung nicht um eine detailgetreue Abbildung des Seeufers und dessen Umgebung, vielmehr ist eine gewisse künstlerische Freiheit in der Umsetzung erkennbar. «Lake of Thun, Swiss» zeigt eine Kombination aus einer Landschaftskomposition, die Turner in Anlehnung an die Gegend um den Brienzersee erstellte, und einem atemberaubenden Naturschauspiel. Letzteres steht in der Tradition des ästhetischen Konzepts des «Erhabenen», das sich in der englischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts grosser Beliebtheit erfreute. Edmund Burke (1729–1797) beschrieb das «Erhabene» einer Landschaft in seiner viel rezipierten Schrift «A philosophical enquiry into the origin of our ideas of the sublime and beautiful» (1757) als die Empfindung eines «delightful horror». Turner erreicht diesen Ausdruck nicht nur durch die Darstellung eines beängstigenden Wetterphänomens, sondern auch durch die drastischen Hell-Dunkel-Kontraste, die der Grafik zusätzlich Dramatik verleihen.
Dass Turner dieses Blatt als vorbildlich erachtete, zeigt die Tatsache, dass sie Teil seines «Liber Studiorum» (1807–1819) ist. Das mehrbändige Stichwerk verstand er als Lehrbuch für die Komposition von Landschaften in der Malerei. Die enthaltenen Grafiken wurden in der Schabtechnik, auch Mezzotinto genannt, ausgeführt. Die Verwendung ebendieser Drucktechnik unterstreicht aufgrund des grossen Zeitaufwands, der mit ihr verbunden ist, sowie der nur sehr begrenzten Anzahl möglicher Abzüge die Relevanz, die Turner dem Werk aus künstlerischer Perspektive beimass.
Heute noch gewährt uns der «Liber Studiorum» Einblicke in die Massstäbe, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei der Komposition von Landschaften als zentral erachtet wurden. So beschäftigte ich mich während meines Studiums mehrfach mit Turners Ideen zur Landschaftsmalerei, die mich nachhaltig begeistern. Nicht nur meine erste schriftliche Arbeit an der Universität hatte sie zum Thema, sondern auch meine Abschlussarbeit. Bei ebendieser interessierte ich mich besonders für Turners Reisen in die Schweiz, weshalb ich «Lake of Thun, Swiss» bereits in dem Kontext genauer kennenlernte. Als ich das Blatt während meiner ersten Woche in der Nationalbibliothek als Beispiel für die Mezzotinto-Drucktechnik präsentiert bekam, war es, als träfe ich unverhofft auf einen alten Bekannten. Weil mir die Grafik an verschiedenen Stellen meiner Ausbildung teils unerwartet begegnete und mich so fortwährend begleitete, ist «Lake of Thun, Swiss» mein persönlicher Schweizer Schatz.
Simone Gehr
Grafische Sammlung Digital
Letzte Änderung 21.11.2019