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Mitglieder der Familie Pozzi aus Castel San Pietro,[1] nahe der italienischen Grenze bei Como gelegen, sind im 17. und 18. Jahrhundert während sechs Generationen als Bau- und Maurermeister, Stuckateure, Bildhauer und Maler tätig. Ist ihr Arbeitsgebiet im 17. Jahrhundert vor allem Italien, verlagert es sich Anfang des 18. Jahrhundert in den Norden. Sie sind Bürger (Patrizi) von Castel San Pietro. Vorerst ist es Carlo Maria Pozzi, der zwischen 1700 und 1735 gesuchter Stuckateur in der Landgrafschaft Kassel, in Fulda und bis nach Dänemark wird.[2] Er ist auch als Autor eines Werkes über die Kunst des Stuckierens bekannt. Eine Generation später ist im Umfeld des Deutschordens-Baumeisters Johann Caspar Bagnato ein weiterer Pozzi als Stuckateur nördlich der Alpen tätig. Der Familienstamm dieses Francesco Pozzi hat seit 1644 in Bruzella Wohnsitz und kehrt 1750 nach Castel San Pietro zurück.
Dem am 19. Oktober 1734 in Bruzella als zweiten Sohn von Francesco Pozzi und seiner Ehefrau Orsola Pettondi geborenen Carlo (Maria) Luca Pozzi wird in der Kunstgeschichte mehr Aufmerksamkeit geschenkt als seinem älteren Bruder.[3] Johann Caspar Füssli nimmt ihn in seiner «Geschichte der besten Künstler in der Schweiz» (Band IV, Zürich 1774) mit Bild und Text auf. Nach diesem zeitgenössischen Autor arbeitet er zuerst in Schwaben, geht in die österreichische Niederlande nach Brüssel, stuckiert in der Abtei Vilingheim, geht dann zu seinem Bruder Joseph nach Mannheim und arbeitet auch im Schloss Schwetzingen, wo er in den sogenannten Kaiserzimmern einen «welschen Kamin» verfertigt. Dann verlangt ihn der württembergische Herzog nach Ludwigsburg, Pozzi geht aber wieder nach Schwetzingen, dann nach Baden und hält sich zur Zeit der Niederschrift 1774 wieder in seiner Heimat auf. Soweit Füssli.[4] Die wirklich bekannten Stationen seines Lebens sind prosaischer. Er geht bei seinem Vater in die Lehre und wird 1750 bei den Arbeiten am Rathaus Bischofszell erstmals erwähnt. 1751 ist Carlo Luca in Obermarchtal, wo er zusammen mit seinem Bruder auch die Schulbank drückt, wie seine Korrespondenz in deutscher Sprache zeigt. Die weiteren Gesellenjahre verbringt er im Stuckaturtrupp seines Vaters Francesco. Dieser organisiert, entwirft und leitet die Arbeiten noch bis 1768, übergibt aber nach 1761, bedingt durch seine vermehrten Aufenthalte in der Tessiner Heimat den beiden Söhnen weitgehende Selbstständigkeit. So wird denn auch Carlo Luca für die zweijährigen Stuckarbeiten im Neuen Schloss zu Meersburg, die 1761 beginnen, heute als einziger der Familie erwähnt. Wirklich selbstständig arbeitet er aber erst nach der am 5. Februar 1765 erfolgten Heirat mit Anna Maria Pozzi aus Morbio Superiore. Für die Seminarkapelle von Meersburg ist er Vertragspartner. Es ist seine letzte Arbeit im ausklingenden Rokoko. Der rege Kontakt mit seinem Bruder in Mannheim und mit den Tessiner Architekten Pisoni bewirkt die Wende zum Klassizismus.[5] Der ältere Pisoni baut seit 1763 in Solothurn an der grossen Stadtkirche St. Ursen. Hier erhält Vater Francesco Pozzi 1768 den Auftrag für die Stuckierung und Altarausstattung. Er übergibt die Arbeit seinen Söhnen, organisiert nur noch den Marmor für die Altäre. Carlo Luca ist in Solothurn bis 1771 leitend tätig. 19 Jahre wird er nochmals in Solothurn tätig sein, er fertigt dann die mit Engelsfiguren geschmückte Gloriole in der Chorapsis. 1773 erstellt er die Kyriatiden in der Ludwigskirche von Saarbrücken. 1777 stuckiert er den Chor des Münsters Konstanz und erstellt den Epitaph für den Domherrn Marquard Anton von Rodt. Es sind die letzten nachweisbaren Arbeiten in Deutschland. Die Arbeiten im heutigen Belgien und für seinen Bruder in Mannheim oder Schwetzingen, die Füssli 1774 beschreibt, lassen sich weder lokalisieren noch zeitlich einordnen.[6] Nach 1778 arbeitet er nur noch in Oberitalien und im Tessin. Im Palazzo Ducale von Genua, der 1778–1783 von Simone Cantoni umgebaut wird, stuckiert er die beiden Ratssäle. Sein bekanntestes Werk wird die Stuckausstattung der ebenfalls von Cantoni ab 1782 gebauten Villa Olmo bei Como. Hier arbeitet er mit seinem jüngeren Bruder Domenico zusammen, der die Fresken erstellt. Er beteiligt sich auch aktiv an der Gründung des späteren Kantons Tessin. 1798–1800 ist er Vertreter des neuen Kantons Lugano im helvetischen Grossen Rat.
Er stirbt am 12. Dezember 1812 im Alter von 78 Jahren in Castel San Pietro.
In Füsslis Künstlerlexikon finden wir sein Porträt, gestochen von Johann Rudolf Schellenberg. Es zeigt den vielleicht 35-jährigen Künstler zur Zeit der Arbeiten in Solothurn.
Pius Bieri 2011
Literatur zu Joseph Anton, Carlo Luca und Domenico Pozzi:
Proserpi, Ivano: Pozzi, Carlo Luca, in: Historisches Lexikon der Schweiz HLS, Bern 2010.
Gilardi, Anastasia: Pozzi, Domenico, in: Historisches Lexikon der Schweiz HLS, Bern 2010.
[2] Carlo Maria Pozzi (1676–1741).
Biographie siehe: Historisches Lexikon der Schweiz.
Er stammt aus dem Zweig der Pozzi von Castel San Pietro, ist aber in Lugano geboren und stirbt auch dort (Textkorrektur Anastasia Gilardi).
[4] Alles, was dann später über Carlo Luca geschrieben wird, basiert auf dieser ersten Biografie und wird mit skurillen Angaben ergänzt. So berichtet Nagler (1842) von einem Besuch der Akademie in Mailand, von einem Frankreichaufenthalt, und bezeichnet 1789 als das Jahr der Rückkehr. Die Version der Wikipedia übernimmt noch heute fast wörtlich den Text Füsslis.
[5] Gaetano Matteo Pisoni (1713–1782) und Paolo Antonio Pisoni (1738–1804). Der ältere Pisoni erstellt 1751–1759 die Kathedrale St. Auban in Namur.
[6] Johann Caspar Füssli kennt seinen Bruder Domenico persönlich. Der Aufenthalt in Brüssel, die nicht auffindbare Abtei Vilingheim, die Arbeit bei seinem Bruder Joseph in Mannheim und Schwetzingen basieren auf den direkten Gesprächen seines Bruders Domenico mit Füssli und haben deshalb reale Hintergründe. Der welsche Kamin in Schwetzingen oder die Absage an den Herzog von Württemberg ist Ausschmückung.
|Carlo Luca Pozzi (1734–1812)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|19. Oktober 1734||Bruzella||Tessin CH|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Eidgenössische Vogtei Mendrisio||Como|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|12. Dezember 1812||Castel San Pietro||Tessin CH|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Eidgenössische Vogtei Mendrisio||Como|
|Kurzbiografie|
|Carlo Luca Pozzi kann den Wechsel vom Rokoko seines ersten eigenen Werkes in Meersburg zum Klassizismus der Stadtkirche von Solothurn innert weniger Jahre problemlos vollziehen. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder, der sich im Norden niederlässt, bleibt er seiner Heimat treu und beteiligt sich als aktiver Politiker an der Gründung des Kantons Tessin.

Seine Hauptwerke
Meersburg: Seminarkapelle St. Borromäus.
Solothurn: Stadtkirche (heute Kathedrale).
Saarbrücken: Ludwigskirche
Konstanz: Chor des Münsters.
Como: Villa Olmo.