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AUS DEM LEBEN VON JAN JANUARY JANCZAK
ENTDECKUNG UND FÖRDERUNG
Jan January Janczak wird am 1. Oktober 1938 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Sroda in der Nähe von Posen geboren. Aufgrund einer von den deutschen Besatzern angeordneten Zwangsumsiedlung lebt er mit seiner Familie einige Jahre in Warschau. Diese schreckliche und barbarische Zeit wirkt sich nicht nur auf sein Inneres aus, sondern auch auf seine spätere künstlerische Tätigkeit.
Schon früh entdeckt der junge Jan sein zeichnerisches Talent, trotz oder gerade wegen der widrigen Umstände. Angeregt wird er durch seinen zeichnenden Cousin, der in seinen Augen sehr talentiert ist. Der Gegensatz könnte nicht krasser sein: Auf den Warschauer Strassen versorgt er gemeinsam mit anderen Kindern Partisanen mit Molotowcocktails, zu Hause bringt der feinsinnige Junge seine Kinderwelten auf Papier. Mit neun Jahren gewinnt er seinen ersten Wettbewerb zum Thema «Wie stelle ich mir meine Stadt in der Zukunft vor?».
In der Grundschule wird Jans künstlerische Ader erkannt und gefördert. Der Schuldirektor meldet ihn schliesslich für die Aufnahmeprüfungen an die Kunstmittelschule in Posen an. Diese schliesst Janczak im Jahre 1957 ab.
SCHEIDEWEG
Von 1957 bis 1963 belegt Janczak an der Krakauer Kunstakademie die Fächer Film, Grafik und Malerei. Im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen zeigt er wenig Interesse an den renommierten Dozenten der Akademie, sondern schliesst sich einem etwas eigenwilligen und undurchschaubaren Professor an, Zygmunt Radnicki. Er spürt, dass er von jenem entscheidende Impulse empfangen kann. In der Tat entwickelt sich ein besonderes Verhältnis zwischen dem selbstkritischen, sensiblen Künstler und dem Aussenseiter-Dozenten, der sein Mentor wird. Radnicki lässt seinem damals einzigen Diplomanden viele Freiheiten.
Janczak beendet sein Studium erfolgreich als Magister der Kunst, «Magister Sztuki».
ANIMIERTE WELTEN
Nach dem Studium zieht es Janczak zum Film. In Kooperation mit der staatlichen Filmgesellschaft realisiert er eine Reihe experimenteller und sozialkritischer Animationskurzfilme. Das Besondere an Janczaks Autorenfilmen ist, dass sie mit der klassischen Animation brechen. Er experimentiert ohne Berührungsängste: Beispielsweise schneidet Janczak einzelne Körperglieder wie Füsse oder Hände aus Papier oder Karton aus und animiert diese Elemente einzeln von Hand vor laufender Kamera.
Janczaks Kurzfilme werden im In- und Ausland an bedeutenden Filmfestivals gezeigt und auch ausgezeichnet. Über diese Erfolge rücken seine Bilder ebenfalls ins Zentrum des Interesses. Es folgen Studienaufenthalte im Ausland, unter anderem in der Schweiz, und Ausstellungen in ganz Europa, den USA und in Japan. Im Jahre 1972 erhält Janczak eine Professur an der Akademie für Bildende Künste in Krakau.
SCHWEIZ OHNE RÜCKKEHR
Während mehrerer Studienaufenthalte in der Schweiz zwischen 1968 und 1975 gewinnt Janczak Freunde und knüpft Kontakte. Der Kanton Aargau spricht dem polnischen Künstler ein eineinhalbjähriges Stipendium (1980/81) zu, worauf Janczak mit seiner Familie nach Bremgarten AG zieht. Ihm Rahmen des Stipendiums wird er verpflichtet, Glasfenster für das Grossratsgebäude in Aarau zu gestalten. Das Thema ist die aargauische Kantonsgeschichte.
Während des Aufenthalts in Bremgarten wird in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Da Janczak die Solidarnosc-Bewegung unterstützt, raten seine Freunde in Polen eindringlich davon ab, nach dem Ende des Stipendiums nach Krakau zurückzukehren. Janczaks Engagement im Ausland für die Solidarnosc, unter anderem in Deutschland oder England, sei von staatlicher Seite registriert worden und werde nicht goutiert. Eine Rückkehr würde Sanktionen nach sich ziehen, die in ihrem Ausmass schwer abzuschätzen seien. Daher beschliesst der Künstler, mit seiner Familie in der Schweiz zu bleiben. 1981 ziehen sie nach Wil im Kanton St. Gallen.
NEUORIENTIERUNG
Da Janczak seine Filmprojekte in der Schweiz nicht weiterverfolgen kann, widmet er sich nun ganz der künstlerischen Tätigkeit. Er unterrichtet einige Jahre an der Volkshochschule in Wil und an der Pädagogischen Hochschule in Zofingen und gründet den Kunstkreis Wil. Daneben illustriert er unter anderem das Buch «Der Elefant» von Mrozek (1981) oder die Ballade «Der rote Mohn von Monte Cassino» von Damjan Mischa / Tony Vinzens (1983), die den Freiheitskampf des polnischen Volkes thematisiert. Es folgen Aufträge im Bereich Kunst am Bau wie die Gestaltung von Glasfenstern für die Kantonale Psychiatrie Wil, religiöse Arbeiten für Kirchen wie St. Anna in Glattbrugg oder Zum Guten Hirten in Lustenau (A) oder Bronzeskulpturen für die Konsthall Landskrona (S), um nur einige zu nennen. 1985 unternimmt Janczak einen längeren Studienaufenthalt in die USA. In Houston, Texas, erhält er das Ehrenbürgerrecht. Ein weiterer Studienaufenthalt folgt Mitte der 90er-Jahre. Diesmal wird Janczak mit dem asiatischen Kulturkreis konfrontiert, genauer gesagt mit Hongkong. Hier entsteht der Zyklus «In unseren Gärten».
Mit 70 Jahren wird dem Künstler die Ehre zuteil, die «Flame of Peace» entgegenzunehmen. Dieser Preis wird für Verdienste um die Völkerverständigung und das Engagement für Frieden verliehen.
POLNISCHE SEELE
Janczaks Malerei gliedert sich in verschiedene Perioden, welche die seelische Entwicklung des Künstlers widerspiegeln. Seine Werke nähren sich aus dem Unbewussten, aus seinen Träumen und sind daher sehr persönlich. Der Stil der Bilder von Mitte der 60er-Jahre bis Anfang der 70er-Jahre ist geprägt von seiner polnischen Herkunft: Elemente der Volkskultur, gepaart mit existenziellen Fragen, die in aussergewöhnlichen Metaphern dargestellt werden. Erdfarben und Rottöne dominieren die Farbskala, der Stil ist eher naiv-volkstümlich und besticht durch fantastische Bildkompositionen. Der Mensch steht im Zentrum, mal musizierend und tanzend, mal fliegend. Die Werke evozieren gleichzeitig Gefühle der Heiterkeit und Trauer.
ENTFALTUNG
Die 70er-Jahre präsentieren ein eher düsteres Werk. Bedrohung, Trauer, Verlust und Schmerz erscheinen als zentrale Themen. Die einzelnen Bildelemente heben sich genauer voneinander ab, sind exakter und detaillierter ausgearbeitet. Das Spiel mit den Proportionen, das in den ersten Werken angedeutet war, kommt nun vollends zur Entfaltung. Die ganze Bildfläche wird so gestaltet, dass nicht so einfach entschieden werden kann, welches Element nun im Zentrum steht. Perspektivische Konventionen sind ausser Kraft gesetzt. Daneben entsteht aber auch eine Serie von Bildern, die hellere und freundlichere Farben aufweisen und lebensbejahende, bacchantische Geschichten erzählen. Auch hier wird mit den Proportionen der Gliedmassen gespielt: Sehr lange Frauenhälse und ausgeprägte Schulterpartien dominieren die Figuren. Auf einigen Bildern zeichnet sich bereits ab, was für Janczaks Kunst programmatisch wird: Die Frau rückt ins Zentrum, männliche Akteure geraten zur Staffage. Mensch und Tier gehen eine fantastische Verbindung ein.
BRUCH
Der Bruch in den 80ern ist augenfällig. Die ehemals rustikal wirkenden Figuren werden von zerbrechlich anmutenden Gestalten mit einer schlanken, hochgewachsenen Silhouette abgelöst. Die Gesichter sind detailliert und markant ausgearbeitet und die verhältnismässig grossen, schlanken Hände der Menschen verleihen ihnen zusätzlich Gefühl und Leben, auch etwas Gespenstisches. Die Frau wird zur Diva stilisiert, der Mann wird mit Vorliebe als Clown, Musikant oder Gaukler dargestellt. Entsprechend den Veränderungen im Formenvokabular weist die Farbskala nun ein grösseres Spektrum auf und wird nuanciert und pointiert eingesetzt.
OPULENZ
Während die Bilder der 80er-Jahre bereits viel mehr Bildelemente aufweisen, als es die vorherigen taten, wird diese Tendenz in der ersten Hälfte der 90er-Jahre auf einen vorläufigen Höhepunkt gebracht. Die Kompositionen sind dynamisch und derart reich, dass man sich in ihnen als Betrachter verlieren kann und immer wieder neue Elemente entdeckt, die eine entsprechende Geschichte erzählen. Mystische Welten, die viel vom Rezipienten abverlangen, aber jenen, die sich auf das Abenteuer einlassen, viel zurückgeben.
REDUKTION
Neue Wege beschreitet der Künstler ab 1997 mit seinen surreal anmutenden Porträtreihen, die mit Mitteln der Dekonstruktion arbeiten und zuweilen eine verstörende Ausstrahlung haben. Einzelne Gliedmassen fehlen und werden teilweise durch andere Elemente ersetzt. Das Sehvermögen der Figuren ist häufig aufgehoben oder eingeschränkt. Diesen Porträts gemeinsam ist die Frage des Sehens und der Erkenntnis.
EXTRAVAGANZ
Die jüngsten Arbeiten stellen eine Ode an die Weiblichkeit dar. Frauenporträts ziehen den Betrachter mit eigentümlicher Schönheit und Eleganz in den Bann. In der Bildkomposition und der neuen, teilweise knalligen Farbgebung macht sich das Studium der Grafik bemerkbar: Es ist die Reduktion auf das Wesentliche, befreit von ablenkenden Nebenschauplätzen. Der Bildhintergrund ist oft flächig in derselben Farbe gestaltet, davor setzt sich die Frauenbüste ab, oder er präsentiert sich als Setzkasten, in dem sich ganz in Weiss stilisierte Männerfiguren befinden, die als Bewunderer der Damen dienen.