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«Was deine Problemzonen über deinen Lebensstil verraten», wollen Frauenmagazine wissen. Andere versprechen wiederum Heilung in Form von massgeschneiderten «Work-outs für jede Problemzone». Das CINEMA-Jahrbuch möchte Ihnen, liebe Leserschaft, dieses Jahr hingegen nahelegen, die Problemzone einmal, weniger oberflächlich, in einem anderen Bereich – im filmischen – zu denken.
Problemzonen tun sich im Kino des Öfteren auf. Sie dienen als Motivation und Antrieb gesamter Handlungen, etwa in Filmen, die sich den Konflikten in einer geografischen oder soziokulturellen Umgebung widmen, oder in solchen, die problematischen Konstellationen zwischenmenschlicher Beziehungen auf den Grund gehen. «Wer sich aus der eigenen Wohnung, die dem Öffentlichen nicht angehört, entfernt, tritt in eine eigene Welt der Regeln und Ziemlichkeiten, des Zulässigen und des Verbotenen ein», meint Hans Jürgen Wulff in seinem Beitrag zu The Lady in the Van (Nicholas Hytner, UK 2016) und umschreibt damit die problembehaftete Grundkonstellation beinah aller Begegnungen im öffentlichen Raum. Ökonomische Problemzonen deckt der Essay von Konstantinos Tzouflas auf, wenn er aktuelle Bewegungen im argentinischen bzw. griechischen Kino vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrisen beschreibt. Zwei andere Texte verorten widersprüchliches oder mythisches
Material in der filmischen Abbildung geografischer Zonen. Über die Problematik des Kartografierens und filmischen Animierens solcher Karten lesen Sie in Vera Schamals Essay. Mattia Lento fasst in der Rubrik «CH-Fenster» den Bau des ersten Gotthard Eisenbahntunnels als Variante einer «chirurgischen Operation», von der aus er verschiedenen Narrativen auf den Grund geht.
Unsere Autoren werfen auch einen Blick zurück auf problematische Momente der Filmgeschichte. Medialhistorischen Konstellationen geht Rasmus Greiner in seinem Text zu Chaplins The Great Dictator (US 1940) nach, in dem er aufzeigt, wie sich der Stummfilmstar aus einer politischen Notwendigkeit heraus dem ihm eigentlich suspekten Tonfilm zuwendet. Einem ähnlichen historischen Umfeld widmet sich Judith Wiemers in ihrer Beschreibung der problematischen Verwendung von Jazz und amerikanischem Tanz im nationalsozialistischen Film. Charlotte Trippolt verortet in einer ganz anderen, aber politisch ebenfalls brisanten Zeit das Filmemachen als Teil einer sozialpolitischen Problemzone, wenn sie in ihrem Essay der Frage nachgeht, was am Neuen Jugoslawischen Film so problematisch war – weshalb «die im Ausland stets gepriesene künstlerische Freiheit im sozialistischen Staat plötzlich nichts mehr galt».
In ihrem Filmbrief aus «Tinseltown» verrät uns Rahel Grunder wiederum, dass die praktische Arbeit an Serien wie Mad Men (Matthew Weiner, US 2007 – 2015) wohl glamouröser klingt, als sie in Wirklichkeit ist. Den Körper als performative Problemzone jenseits von Genderbinaritäten thematisiert Filmemacherin Babette Bürgi im Interview über ihren ethnografischen Film Weder Noch mit Bart (CH 2014): «In der Schweiz war es schwierig, mehrere Menschen [...] zu finden, die offen ausserhalb der Geschlechtsbinarität leben und ihre eigene Geschlechtsidentität im täglichen Leben äussern», sagt sie im Gespräch mit Rowena Raths und verweist damit auf nochmals anders gelagerte Problemzonen bei der praktischen Arbeit am Film. Auf mögliche Schwierigkeiten, die sich bei der Produktion eines Films ergeben, geht auch der Essay von Thorsten Singer ein, der einen detaillierten Einblick in den «filmischen Laborraum» als problematische Zone und in die Entstehungsgeschichte des Films Ex Machina (Alex Garland, UK 2015) gewährt. Der literarische Beitrag der schweizerisch-rumänischen Schriftstellerin Dana Grigorcea und die Texte der Rubrik «Momentaufnahme», die diesmal Schweizer Maskenbildnerinnen geschrieben haben, erzählen fiktional, kritisch oder auch tagebuchartig von Berufsalltag, Schweizer Filmlandschaft und Gesellschaft. Unsere Filmkritiken in der Rubrik «Sélection Cinema» schliesslich bieten wie immer einen repräsentativen Querschnitt durch das aktuelle Schweizer Filmschaffen. Es ist der gestalterische Beitrag unseres Buches, der eindringliche Bildessay Julia Kusters, der uns wieder zurückführt zu unseren eigenen, körperlichen Problemzonen – und zum Anfang dieses Editorials. Mit einem Bauchnabel in Grossaufnahme oder einem aufgerissenen Schlund
skizziert, zoniert und verfremdet Kuster unseren menschlichen Körper. Wo Sie in diesen körperlichen Regionen genau Problematisches und Faszinierendes ausmachen, wollen wir Ihnen, liebe Leser/-innen, nun selbst überlassen.
Für die Redaktion
SELINA HANGARTNER
CINEMA #62
PROBLEMZONE