Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03322.jsonl.gz/2293

| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Siebzehnte Unterredung, welche die zweite des Abtes Joseph ist, über das Entscheiden.
8. Daß vollkommene Männer Nichts schlechthin fest versprechen sollen, und ob sie ohne Sünde das Festgesetzte brechen dürfen?
Joseph: Es ist zwar vernünftig und vollkommen und unserm Stande ganz angemessen, Das, was wir mit irgend einem Versprechen bestimmen, auch wirklich zu erfüllen. Deßhalb muß ein Mönch Nichts vorschnell bestimmen, damit er nicht entweder gezwungen ist, Das, was er unvorsichtig versprochen hat, zu erfüllen, oder durch die Erwägung einer edlern Ansicht anders gestimmt werde und als wortbrüchig dastehe. Aber weil uns jetzt vorgesteckt ist nicht sowohl über einen gesunden Zustand als über die Heilung eines fehlerhaften zu verhandeln, so wollen wir jetzt mit heilsamem Rathe suchen, nicht was ihr früher hättet thun sollen, sondern wie ihr von der Klippe dieses gefährlichen Schiffbruches loskommen könnet. Wenn uns also keine Fessel engt und keine Bindung hält, so werde bei gegebener Wahl, wo günstige Verhältnisse zum Vergleiche kommen, Das gewählt, was größern Vortheil bringt; wenn uns aber Verlust und Unglück gegenüber steht, so ist bei der Vergleichung des Schadens Das zu wählen, was leichterem Nachtheil unterliegt. Da also, wie aus eurer Erzählung hervorgeht, ein unüberlegtes Versprechen euch dahin gebracht hat, daß ihr in beiden Fällen die Gefahr eines schweren Nachtheils übernehmen müßt, so muß man die Wahlentscheidung nach der Seite hinneigen, die entweder erträglichere Verluste bringt, oder durch verbessernde Nachhilfe leichter gut gemacht werden kann. Wenn ihr also glaubt, daß eurem Geiste aus diesem Aufenthalte ein größerer Gewinn zugehen werde, als jener, der euch aus dem Umgange in jenem Kloster erwuchs, und wenn also die versprochene Bedingung nicht ohne Verlust der größten Vortheile erfüllt werden kann, so ist es besser, daß ihr [S. 174] diesen Schaden der Lüge 1 oder des nichterfüllten Versprechens auf euch nehmet, der, einmal vergangen, nicht wiederholt werden, noch andere Sünden durch sich erzeugen kann; — als in Jenes zu fallen, daß euch der Zustand eines lauern Lebens, wie ihr sagt, in täglichen und endlosen Nachtheil stürze. Denn es ist verzeihlich, ja sogar lobenswerth, eine unvorsichtige Bestimmung zu ändern, wenn sie in eine heilsamere verwandelt wird, und man muß nicht jedesmal, wenn ein fehlerhaftes Versprechen verbessert wird, glauben, es sei Dieß ein Bruch der Beharrlichkeit oder nur eine Verbesserung des Leichtsinns. Das kann alles auch ganz klar durch Zeugnisse der Schriften erhärtet werden, wie Vielen es nemlich verderblich gewesen sei, sich au die eigenen Bestimmungen zu hängen und wie vorteilhaft dagegen und heilsam, von denselben abzustehen.
1: Der Bruch des Versprechens wird wiederholt Lüge genannt, was offenbar unrichtig ist. Ueber die Erlaubtheit der Lüge werden wir später manches Irrige hören und beleuchten müssen.