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Der Anschluss an Basel-Stadt 1908 hatte für das ehemals ländliche Fischerdorf Kleinhüningen weitgreifende Folgen. Innerhalb weniger Jahrzehnte sollte sich das Dorf mit seinen umliegenden Pflanzgärten und Weideplätzen zu einem Industriegebiet wandeln … nicht zuletzt durch den Bau der beiden Hafenbecken und den zugehörigen Gebäuden.
Von Karin Rey
Hafenbecken I 1919–1922
Die älteste Hafenanlage Basels, St. Johann, mit einem 600 Meter langen, geböschten Quai und sieben Kranen ausgerüstet, konnte bald nicht mehr mit den umliegenden Häfen konkurrenzieren. Es fehlte der Raum für Lagerhäuser und Silos, ebenso erschwerte die starke Strömung des Rheins an dieser Stelle das Hafengeschäft. Ende 2009 wurde sie nach über 100 Jahren Betrieb stillgelegt und auf ihrem Areal der Novartis Campus gebaut.
Bereits 1908, also im Jahr des Anschlusses Kleinhüningens an Basel-Stadt, erhielt das Bau- und Sanitätsdepartement den Auftrag, dort ein Hafenbassin projektieren zu lassen. Dabei sollten günstige Gleisverbindungen zu den Basler Bundesbahnhöfen St. Johann und Wolf sowie zum Badischen Bahnhofs berücksichtigt werden. Nach etlichen Vorstudien wurde 1914 das Ingenieurbüro Bosshardt in Basel mit der Ausführung der definitiven Baupläne betraut.
Trotz widriger Umstände durch den Krieg lagen die Pläne für das Hafenbecken I bereits im Frühjahr 1915 vor. Der Ingenieur Oskar Bosshardt (1873–1950) sollte später bekannt werden als der Erbauer der Rheinhäfen beider Basel. Für seine umsichtige Planung eines später grosses Komplexes von Hafenbecken, Umschlagquais, Lagerhäuser, Bahnanlagen und alles, was zu einem Binnenhafen gehört, wurde ihm zu seinem 70. Geburtstag 1943 der Ehrendoktor verliehen.
1917 fällte die Regierung den Baubeschluss. Den Zuschlag bekam ein Firmenkonsortium in Aarberg und Zürich für 3'900'000 Franken. 1919 begann man mit dem Aushub, 1922 schliesslich war das Hafenbecken fertig gestellt. Danach folgte die Errichtung notwendiger Gebäude wie Silos oder Ausladevorrichtungen. 1926 wurde der von Hans Bernoulli errichtete und unterdessen denkmalgeschützte Siloturm in Betrieb genommen, im selben Jahr der Hafenbahnhof fertiggestellt und somit der Rheinhafen in Kleinhüningen vollendet.
Was dachten die Kleinhüninger über das Hafenprojekt?
Paul Hugger in seinem 1984 erschienen Buch über Kleinhüningen meint, dass es im Nachhinein, auch nach Befragung noch Lebender, schwierig sei, die Haltung der Bevölkerung zu diesem Hafenprojekt auszumachen. Zum einen brachte es Arbeit für zahlreiche, oft sehr arme Bewohner des Dorfes, die ihre Familien von der Fischerei oder einem Handwerk nicht ernähren konnten. Die Landbesitzer, die teilweise enteignet wurden, seien dagegen gewesen. Vor allem jedoch hätten sich die alteingesessenen Familien gewehrt. Denn, auch wenn das materielle Interesse im Vordergrund stand, bedeutete dieses Hafenprojekt eine komplette Umwandlung des vertrauten Wohnraumes. Für das Hafenbecken I mussten zwar nur zwei bis drei Wohnhäuser weichen, jedoch zahlreiche Familiengärten und Weideplätze aufgegeben und eine Unzahl an Bäumen gefällt werden.
Problematischer Landkauf durch die Basler Regierung
Der Erwerb des notwendigen Landes durch die Basler Regierung war gemäss Paul Hugger, nach ausgiebigen Studien erhaltener Dokumente im Staatsarchiv, keine erfreuliche Angelegenheit. Nach Genehmigung der Baupläne am 26. April 1917 hatte der Grosse Rat der Regierung auch die Vollmacht zum benötigten Landkauf, und wenn nötig Enteignungen, erteilt.
Am 11. Juni 1917 offerierte das Finanzdepartement den Besitzern der benötigten Parzellen einen Abtretungspreis von 5.–/m2 und bot ihnen Pachtland westlich des Dorfes an. Trotz der versteckten Drohung mit Enteignung gingen nur wenige darauf ein; dies zudem zu ihrem eigenen Schaden. Es kam zu 18 Verhandlungen vor dem Zivilgericht und in den meisten Fällen erhielten die klagenden Landbesitzer am Ende das Dreifache des von der Regierung ursprünglich angebotenen Preises.
Verschiedene Sichtweisen über das Vorgehen
Paul Speiser, Regierungsrat in Basel von 1886–1902 und 1907–14 war massgeblich an der Entwicklung des Hafenprojektes beteiligt. Er schildert in seinen 1935 veröffentlichen Erinnerungen die Umstände bezüglich Ankauf des Kleinhüninger Ufergeländes folgendermassen: «Es war in den Händen einer Menge kleiner Besitzer, die es als Gemüsegärten eifrig bebauten, so dass mir ihre Vertreibung sehr leid tat. Doch es war nichts zu machen, es war ein neues Stück Verstaatlichung. Da das Bekanntwerden der Kaufabsichten der öffentlichen Verwaltung uns den Ankauf bald unmöglich gemacht hätte, betrauten wir einen Angestellten des Notars Rudolf Kündig mit den Verhandlungen. Er hiess Hoch und war ein alter Kleinhüninger; er kaufte zunächst auf seinen Namen die wichtigsten Parzellen aus dem ganzen Bestand und besorgte die Sache meisterhaft, so dass wir unseren Auftrag bald zur Befriedigung der Regierung gelöst hatten. Weiteres Umland gehörte bereits der Einwohnergemeinde oder der Bürgergemeinde.» Die erfolgten Enteignungen erwähnt er nicht.
Hansrudolf Schwabe, der als Historiker der Basler Rheinhäfen gilt, schrieb in seinem 1954 erschienen Buch über Entwicklung der Schweizerischen Rheinschiffahrt 1904–1954 unerklärlicherweise, dass sich 1915 das für das Hafenareal benötigte Gelände angenehmerweise bereits in öffentlichem Besitz befunden hätte, sodass sich mühsame Expropriationsverhandlungen und überteuerte Ankäufe erübrigt hätten.
Bau des Hafenbeckens II 1936–1939
Durch die Rheinregulierung zwischen Strassburg und Basel hatte der Verkehr ständig zugenommen, sodass ein zweites Hafenbecken notwendig wurde. Dieses legte man im rechten Winkel zum bereits bestehenden an. Für die Bauarbeiten wurden im Rahmen des Basler Arbeitsrappens zahlreiche Arbeitslose eingesetzt und, in gut gemeinter Absicht, beim Aushub auf Bagger und andere mechanische Mittel verzichtet. Denen, die derart strenge, körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, wurde wohl sehr viel abverlangt. Das Aushubmaterial verwendete man für die Stehrampen des Fussballstadions St. Jakob.
Die reinen Baukosten beliefen sich auf 4,5 Millionen Franken. Im Anschluss daran wurde das alte Wendebecken, am Eingang des Hafenbeckens I gegen die deutsch-schweizerische Grenze hin gelegen, vergrössert. Dafür hatte ein grosser Teil des alten Dorfkerns von Kleinhüningen weichen müssen.
Insgesamt betrug die Fläche für die Kleinhüninger Hafenbecken nun 121’520 m2. Dazu kam die fortschreitende Überbauung durch die Ciba-Geigy AG und weitere Fabriken, 1931 das Gaswerk Basel-Stadt am Neuhausweg und andere Zeugen der Neuzeit.
Die Reederei muss auf Kosten weiterer Wohnbauten expandieren
Nach dem 2. Weltkrieg war die Schweizerische Reederei, um den wachsenden Bedürfnissen gerecht zu werden, gezwungen, die Flotte zu vergrössern und mehr Abfertigungsanlagen und Siloraum zu schaffen. So mussten weitere Wohnbauten weichen. Gegen besonders widerspenstige Bewohner, beispielsweise in drei Wohnhäusern an der Pfarrgasse, erfolgten sogar Vandalenakte. Statt wie geplant 1949, wurden die Gebäude dann 1952 abgerissen.
Dennoch war die Reederei als Besitzerin des Areals offenbar bemüht, nach menschlichen Lösungen zu suchen. Es darf auch nicht vergessen werden, dass die Häuser oft in erbärmlichen Zustand und die hygienischen Verhältnisse desolat waren. Nach dem Krieg war man zudem auf Fortschritt ausgerichtet. Dazu schuf die zunehmende Industrialisierung auch Arbeitsplätze. Und immerhin hatte die Stiftung der Schweizerischen Reederei AG 1957–1958 auch ein Kinderheim für die Sprösslinge des Rheinschiffahrtpersonals gebaut.
Insgesamt listet Paul Hugger 46 Häuser auf, die zwischen 1920 und 1960 dem Neubau der Hafenbecken und Erweiterungsbauten hatten weichen müssen; weitere, nicht erfasste seien möglich.
Dazu noch Autobahn und Grosskläranlagen
Der Bau der Autobahn Freiburg-Basel in den 1970er Jahren und die 1982 in Betrieb genommenen Grosskläranlagen ARA in Kleinhüningen, machten aus dem Gebiet des ehemaligen Fischerdorfes endgültig eine Industrielandschaft. Als neben anderen historischen Bauten, wie beispielsweise dem Markgräflerhof 1935, auch der Abbruch des beliebten, traditionellen Gasthauses Drei Könige ins Auge gefasst wurde, begannen sich die Bewohner Kleinhüningens um 1970 zunehmend gegen die Zerstörung ihres Dorfkernes zu wehren. Dennoch musste der Gasthof 1983 weichen. Wie Paul Hugger 1984 schreibt, war damit Kleinhüningen zur Eingangspforte eines Grossteils der Verbrauchsgüter geworden, aber auch Sammelstation und Ausgangstor all der Abwasser.
Ein altes Fischerhaus wird «gezügelt»
Einst in dicht besiedeltem Gebiet an der Schulgasse 27 gelegen, war das 1764/65 errichtete Haus der alteingesessenen Fischerfamilie Bürgin plötzlich umgeben von Industriebauten. Da es zu den ältesten und aus denkmalpflegerischer Hinsicht wertvollsten Bauten des Dorfes gehört, wurde es 1977 auf die Liste der schützenswerten Bauten aufgenommen, 1999 die «Stiftung Fischerhaus Schulgasse 27 in Kleinhüningen» gegründet und das Haus Stück für Stück ab- und an einem neuen Standort an der Bonergasse wieder aufgebaut.
Hafebeggi III?
Nun soll im Norden Basels, zwischen Autobahn und dem Gleistrassee der Deutschen Bahn an der Grenze zu Weil am Rhein, für rund 300 Millionen ein weiteres Hafenbecken entstehen. Im Februar dieses Jahres hat der Grosse Rat 115 Millionen dafür gesprochen. Neben der Konkurrenzfähigkeit der Schweizerischen Rheinhäfen werden unter anderem Erhaltung von Arbeitsplätzen, ökologische Aspekte in Bezug auf das Transportwesen sowie Gewinnung von Freiflächen, auch für kostengünstiges Wohnen, für dieses Projekt aufgeführt.
Von mehrheitlich grüner Seite, darunter BastA!, Umweltschützer, einige lokale Vereine, aber auch wenige Vertreter verschiedener Parteien, wurde das Referendum gegen dieses Projekt ergriffen. Am 27. September wird das Basler Stimmvolk entscheiden, ob das dritte Hafebeggi gebaut wird.