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Hochbetrieb an einem Dienstag Mittag: Elsbeth Hofer vom Tierschutzverein Biel-Seeland trägt Boxe um Boxe mit jungen Katzen in die Praxis. Die herrenlosen Tiere wurden im Raum Péry z.T. mit Katzenfallen eingefangen und zum Untersuch und Behandeln zu uns gebracht. Schlussendlich stapeln sich 14 Kisten mit verängstigten Katzen in unserem Boxenraum. Drei der Tiere (zwei Welpen und ein Jungtier) sind recht zutraulich und lassen sich berühren, die 11 restlichen nicht.
Katzen, welche im Freien angetroffen werden, können in 4 Gruppen unterteilt werden:
1. Freigängerkatzen haben ein Zuhause und sind in der Regel zutraulich, da sie an den Menschen gewöhnt sind.
2. Streunerkatzen haben aus irgendeinem Grund ihr Zuhause verloren (z.B. weil sie sich verlaufen haben oder ausgesetzt wurden); häufig sind auch diese Tiere noch recht zutraulich.
3. Verwilderte Katzen hingegen sind Nachkommen von Streunerkatzen und haben somit nie einen Bezug zum Menschen aufgebaut. Sie sind sehr scheu, lassen sich kaum berühren und sind oft krank oder abgemagert.
4. Bei der Wildkatze (Felis silvestris) handelt es sich schliesslich um ein in der Schweiz heimisches und geschütztes Wildtier, welches vA im Jura lebt.
Problematisch sind insbesondere die verwilderten Katzen, deren Existenz für viele Schweizerinnen und Schweizer gar nicht bekannt ist. Die Tierschutzorganisation NETAP schätzt, dass in der Schweiz ca 100'000 bis 300'000 solche Tiere leben, welche sich unkontrolliert vermehren. Sie leben z.B. in Schrebergärten oder um Bauernhöfe. Durch schlechte Ernährung und fehlende Betreuung sind diese Katzen häufig krank und die Tiere verelenden. Mit der Strategie "Catch, neuter & release" wird versucht, die Vermehrung der verwilderten Katzen zu verhindern sowie die Gesundheit der Population zu verbessern.
Die drei verhältnismässig zutraulichen Katzen können wach untersucht werden. Bei allen Tieren wird ein Leukosetest vorgenommen, sie werden geimpft, entwurmt, entfloht und mit einem Mikrochip versehen. Das jung-erwachsene Tier wird kastriert, anschliessend werden die Katzen dem Tierheim des Tierschutzvereins Biel-Seeland übergeben. Dort werden sie weiter an den Menschen gewöhnt, ein zweites Mal geimpft und danach in ein neues Zuhause vermittelt.
Die verwilderten Katzen können wach nicht untersucht werden. Sie werden in einen speziellen Käfig umgeladen und narkotisiert - es zeigt sich, dass die Tiere bei erstaunlich gutem Allgemeinbefinden, gutgenährt, unverletzt und nicht verwahrlost sind, allerdings weisen sie alle Flöhe auf. Sie werden ebenfalls auf Leukose getestet (allesamt sind glücklicherweise negativ), entwurmt, entfloht und kastriert. Schlussendlich wird die Spitze des linken Ohres entfernt - so sind die Katzen schon von weit her als kastriert zu erkennen und werden nicht noch ein weiteres Mal eingefangen. Anschliessend werden sie vom Tierschutz wieder am Ort, wo sie eingefangen worden sind, freigelassen.
Die Existenz von verwilderten Katzen und das folgende Elend (Unterernährung, Krankheit) ist vielen Menschen in der Schweiz nicht bekannt. Es ist zu befürchten, dass viele solche Tiere (illegal) getötet werden;
NETAP hat berechnet, dass in der Schweiz wohl gegen 100'000 verwilderte
Katzen jährlich so ums Leben kommen. Zentral in der Bekämpfung des Problems ist die Geburtenkontrolle durch Kastration. 2019 wurde jedoch eine Petition von über 150 Schweizer Tierschutzorganisationen unter Federführung der Organisationen NETAP und "Tier im Recht" von den eidgenössischen Räten abgelehnt. Ziel der Petition und der parallel eingereichten Motion war die Einführung einer Kastrationspflicht für Freigängerkatzen gewesen.
Die Strategie "Catch, neuter & release" hat zum Ziel, die Vermehrungsfähigkeit der verwilderten Katzen zu unterbinden, schwerkranke und verwahrloste Tiere schonend einzuschläfern und behandelbare Erkrankungen zu therapieren. Die so behandelten Tiere werden nach Kastration, Behandlung und Kennzeichung (Entfernung der Ohrspitze links) wieder am Fundort freigelassen; die Euthanasie von gesunden Tieren ist aus ethischen und juristischen Gründen nicht verantwortbar. Verschiedene Tierschutzgruppierungen leisten hier einen enormen Aufwand, um Katzen einzufangen und dem Tierarzt zu überbringen - für den Tierschutzverein Biel-Seeland ist Elsbeth Hofer praktisch täglich in entsprechender Mission unterwegs. Finanziert wird diese Tierschutzarbeit von den entsprechenden Tierschutzorganisationen (via Spenden und z.T. Beiträgen von Gemeinden) und den teilnehmenden Tierärzten (via reduzierten Tarifen).
Freigängerkatzen finden recht häufig nicht mehr zurück zu ihrem Daheim - gegenwärtig gelten nach www.stmz.ch in der Schweiz etwa 5000 Katzen als vermisst. Als Besitzer/in einer Freigängerkatze kann man mittels Chippen des Tieres dazu beitragen, dass die Herkunft der Katze eruiert werden kann, wenn sie nicht mehr nach Hause findet. So kann vermieden werden, dass sie zum Streuner wird. Die Kastration der Freigängerkatze trägt dazu bei, dass sie sich im Fall, dass sie verloren geht, nicht vermehren kann.
Falls einem irgendwo verwilderte Katzen aufgefallen sind, sollte eine Tierschutzorganisation darüber informiert werden, damit diese sie einfangen kann.
Und: Nicht zuletzt kosten die Aktivitäten viel Geld - der Tierschutzverein Biel-Seeland freut sich über jede noch so kleine Spende!
© Dr. med. vet. P. Müller / Lyssbachvet