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Es ist bald wieder so weit, die Sommerzeit beginnt. Am Sonntag, dem 26. März 2023, findet die Zeitumstellung statt. Die schlechte Nachricht: Morgens wird es wieder später hell. Die gute Nachricht: Abends wird es dafür erst später dunkel.
Die Sommerzeit ist seit jeher umstritten, in der EU wird seit einigen Jahren sogar diskutiert, ob man die Zeitumstellung abschaffen will. Mehr zur Geschichte hinter der Uhrumstellung, ihre Vor- und Nachteile und wann sie frühestens abgeschafft wird, erfährst du hier:
Beginnen wir am Anfang. Die Idee einer Sommerzeit ist erstmals dokumentiert durch einen Essay von Benjamin Franklin aus dem Jahre 1784. Nachtmensch und Langschläfer Franklin schrieb für das «Journal de Paris» den – eher ironisch gemeinten – Leserbrief «An Economical Project». Darin trug er der Leserschaft satirisch vor, wie viele Kerzen man sparen könnte, wenn es abends eine Stunde länger hell wäre.
Der Titel von Franklins Essay zeigt exemplarisch, was schon immer Haupttreiber einer Zeitumstellung war: wirtschaftliche Überlegungen. Die Idee fand daraufhin zwar vereinzelt starke Aufmerksamkeit, allerdings waren es in erster Linie Forschende und Wissenschaftler, die sie propagierten. In der breiten Bevölkerung fand die Zeitumstellung zunächst kaum Anklang – zu kompliziert, entschied man damals.
Erst mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges erhielt die Zeitumstellung einen erneuten Schub, weil man knapp werdende Brennstoffe zur Beleuchtung sparen wollte. So führten fast alle am Krieg beteiligten Parteien die Sommerzeit ein. Nach Ende des Krieges wurde die in der Bevölkerung teilweise unbeliebte Kriegsmassnahme vereinzelt wieder abgeschafft, der 2. Weltkrieg brachte die Umstellung der Uhren im Sommer erneut aufs Tapet.
Auch die Schweiz führte in den Jahren 1941 und 1942 die Zeitumstellung kurzfristig als Kriegsmassnahme ein. Ende der 70er-Jahre gab es wegen der Ölkrise erneut Bestrebungen in Deutschland und Österreich, die Sommerzeit, respektive eine wiederkehrende Umstellung zweimal im Jahr, einzuführen. Die Schweizer Politik wollte mitziehen, die Bevölkerung machte ihr aber per Referendum und Volksabstimmung einen Strich durch die Rechnung.
Als die Nachbarländer die halbjährliche Zeitumstellung 1980 endgültig einführten, wurden die Probleme aber deutlich. Die Schweiz als sogenannte Zeitinsel mitten in Europa, in der zur Hälfte des Jahres die Uhren anders gestellt waren, erschwerte die Organisation des mitteleuropäischen Bahnverkehrs erheblich. Am 1. Januar 1981 trat die Zeitumstellung also auch in der Schweiz in Kraft. Ein Referendum kam nicht mehr zustande und auch spätere Abschaffungsbemühungen – zum Beispiel von SVP-Übervater Christoph Blocher – scheiterten.
Bereits damals in den 80er-Jahren wurde die Einteilung in Winter-, oder Normalzeit, und Sommerzeit negativ aufgenommen. «Kaum entscheidet man sich in Bonn [damals Hauptstadt der BRD, Anm. d. Red.] für die Zeitumstellung, geraten wir in Aufruhr!», ereiferte sich die Gegnerschaft. Im Vordergrund stand damals, dass die SBB schwere wirtschaftliche Konsequenzen zu tragen hätten, wenn die Schweiz nicht ebenfalls auf die Sommerzeit umstellte.
Um den Übergang so geschmeidig wie möglich zu gestalten, entschied man sich, die Zeitumstellung jeweils auf eine Nacht im Wochenende zu legen. Diese Zeit machte die Umstellung für die SBB einfacher, ein Grossteil der Bevölkerung schläft zu dieser Stunde und Nachzügler haben am Sonntag noch Zeit, die Uhren anzupassen.
Am Sonntag endet die Winterzeit, auch Normalzeit genannt, und die Sommerzeit beginnt. Das heisst, wir stellen die Uhren eine Stunde vor – also von 2 auf 3 Uhr. Die meisten Uhren stellen automatisch um. Die schlechte Nachricht: Wir verlieren mit der Zeitumstellung die Stunde, die wir im Oktober gewonnen haben.
PS: Wer jeden Herbst und Frühling wieder eine Diskussion darüber vom Zaun reisst, ob wir nun eine Stunde gewinnen oder verlieren, dem kann folgender Merksatz über Gartenmöbel zur Erinnerung dienen: Im Frühjahr werden diese vor das Haus gestellt (und die Uhr demnach eine Stunde vorgestellt), im Herbst werden die Möbel (und die Uhren um eine Stunde) wieder zurückgestellt.
Die Argumente für die Zeitumstellung waren in der Schweiz immer praktischer Natur: Die Anpassung an die europäische Norm stand im Vordergrund. In Europa wurde die Sommerzeit vor allem mit Blick auf die Wirtschaft eingeführt. Der Frage, ob damit effektiv Energie gespart wird, wurde im Zuge der Debatte um die Abschaffung in der EU erneut nachgegangen, sie konnte von Studien bisher aber nicht eindeutig beantwortet werden.
So wird argumentiert, dass durch die Sommerzeit im Sommer zwar tatsächlich abends weniger künstliches Licht benötigt, im Herbst und Frühjahr dafür früher geheizt wird. Einige neuere Untersuchungen in Deutschland gelangten zum Schluss, dass bestenfalls geringfügige Energieeinsparungen realisierbar sind. Allgemein können Erkenntnisse aber schlecht generalisiert werden. Was für ein kleines Dorf in Norwegen stimmt, muss nicht unbedingt für eine Stadt im Süden Spaniens gelten.
Die Studienlage ist aber auch deshalb unklar, weil sich die Erzeugung von Licht und Energie in stetigem Wandel befindet. So gibt es mittlerweile ein neues Argument für die Sommerzeit: Für Besitzerinnen und Besitzer von Photovoltaik-Anlagen steigt die Möglichkeit, den produzierten Strom selbst zu verbrauchen. Das ist deshalb der Fall, weil Stromerzeugung und Nutzerprofil in den Abendstunden besser zueinander passen.
Einige Forschende würden eine Abschaffung der Sommerzeit begrüssen, und zwar aus gesundheitlichen Gründen. Die Zeitumstellungen – insbesondere diejenige im Frühjahr – führen bei einigen Personen zu einem Mini-Jetlag und können Schlafstörungen verursachen. Doch auch auf biologischer Ebene kann die Zeitumstellung belastend wirken. Blutdruck, Pulsfrequenz, Körpertemperatur aber auch die Hormonausschüttung zum Beispiel folgen einer inneren biologischen Uhr. Verändert sich der Tagesrhythmus, kann dies zu Anpassungsschwierigkeiten und damit zu Beschwerden führen.
Die Studienlage über die gesundheitlichen Folgen ist grundsätzlich aber eher dünn und widersprüchlich. Es scheint einerseits erhärtet, dass die Stunde weniger im Frühling grössere Folgen hat als die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit im Herbst. Diese sind auf Schlafmangel zurückzuführen, dessen Spuren aber offenbar bei den meisten nach einer Woche wieder verschwinden. Andererseits kann gezeigt werden, dass die verschiedenen Chronotypen – also die Kategorien, in die Menschen aufgrund ihrer bevorzugten Schlaf-Wach-Phasen eingeteilt werden können – unterschiedlich stark reagieren. So fand eine Studie heraus, dass späte Chronotypen – sogenannte Eulen – ihre Schlafzeiten nur kurzzeitig und ihre Aktivitätsmuster gar nicht an die veränderte Uhrzeit und den neuen Rhythmus anpassen.
Die damalige deutsche Regierungspartei CDU entschied sich bereits 2014, sich für die Abschaffung der Umstellung einzusetzen. Die EU trat erst 2018 auf den Plan. Das EU-Parlament beauftragte die EU-Kommission, die Zeitumstellung generell neu zu bewerten. Diese startete daraufhin eine Umfrage. Eine erste Auswertung zeigte, dass 84 Prozent der Teilnehmenden sich für eine Abschaffung aussprachen.
Daraufhin plante die EU, ihren Bürgerinnen und Bürgern nachzukommen und die Unterteilung in Sommer- und Winterzeit nach dem Jahr 2021 abzuschaffen. Sowohl die EU-Kommission wie auch das Parlament stimmte diesem Fahrplan zu. Doch dann kam die Corona-Pandemie.
Seither haben sich die Uhren in dieser Sache nicht viel weitergedreht. Ein grosses Problem stellt sich der EU nämlich noch bei der Frage nach der neuen Normalzeit, also ob nach der Abschaffung die Sommer- oder die Winterzeit gelten soll.
Doch da die EU über eine zu unterschätzende Ost-West-Ausdehnung verfügt, ist diese Entscheidung nicht ganz trivial. Würde man sich zum Beispiel auf die Sommerzeit einigen, wäre es am westlichen Ende Europas im Winter dunkel bis kurz vor 10 Uhr. Wäre hingegen dauerhaft Winterzeit, hätte der Osten ein «Problem» – so würde es zum Beispiel in Polen im Sommer bereits nachts um 3 Uhr hell.
Obwohl die EU eine einheitliche Umsetzung anstrebt, muss jedes EU-Land für sich selbst entscheiden, ob man künftig in ewiger Sommer- oder Normalzeit leben will. Dementsprechend ist seit 2019 der Europäische Rat – also das Gremium der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union – in der Pflicht, darüber zu befinden. Doch hier ist seit geraumer Zeit der Wurm drin und das Traktandum wird immer weiter hinaus verschoben. Eine Deadline, bis zu der sich der Europäische Rat auf eine Position geeinigt haben müsste, gebe es nicht, wie eine Sprecherin des EU-Parlaments gegenüber watson erklärt.
Unabhängig davon, wie sich die EU entscheidet – die Schweiz wird wohl (oder übel) folgen. Ähnlich wie bei der Anpassung an Europa bei der Einführung würde es auch heute keinen Sinn ergeben, alleine an der Zeitumstellung zweimal im Jahr festzuhalten.
Nur etwa ein Drittel aller Staaten haben sich auf eine Sommerzeit festgelegt. Dazu gehören die meisten europäischen und nordamerikanischen Länder. Auch in Israel, Syrien, der Iran, Peru, Paraguay, Bahamas, Bermuda, Kuba, Mexiko und Teilen Australiens existiert die Zeitumstellung. Dass nicht alle Staaten eine Sommerzeit kennen, kann also dazu führen, dass in derselben Zeitzone nicht das ganze Jahr über die gleiche Uhrzeit herrscht. Diese Karte zeigt einen Überblick: