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SO HALTEN PROFIS DIE LEINEN EINES VIERSPÄNNERS:
FINGER DER LINKEN HAND ÜBER DEN LEINEN EISERN GESCHLOSSEN. KEINE LEINE DARF AUCH NUR EINEN MILLIMETER RUTSCHEN. DIE VORDERLEINEN LIEGEN GETRENNT ÜBER DEM ZEIGEFINGER.
RECHTSWENDUNG: SCHLEIFE AUF DER RECHTEN VORDERLEINE, WIDERSTAND ÜBER DEM KLEINEN FINGER AUF DER LINKEN HINTERLEINE (DEICHSELPFERDE).
Settelen verkaufte seine Transportleistung entweder «per Halbtag» oder «per Fuhre». Beim Tagestarif stand dem Kunden das Fuhrwerk zwischen 07'00 und 12'00 h bzw. 13'00 und 18'00 h zur Verfügung. Generell begann der Arbeitstag für den Fuhrmann im Stall um etwa fünf Uhr. Dort legte er seinen Pferden Futter vor, striegelte, schirrte und tränkte sie. Während die Pferde frassen, genehmigte er sich auf die Schnelle ein Morgenessen. Es bestand in aller Regel aus einem «Muff» (4 dl) stark alkoholhaltigen Sauermost und einer «Druse», einem kleinen Glas Brandwein. Um 07'00 h musste das Gespann an dem vom Kunden bestimmten Beladeort stehen - je weiter weg dieser vom Stall lag, desto früher war der Arbeitsbeginn für den Fuhrmann. Er lenkte nicht nur das Gespann, er half auch beim Auf- und Abladen der Ware. Etwas anders lief seine Arbeit bei den Akkord-Fuhren ab («per Fuhre»). Hier war es meist so, dass der Kunde den Be- resp. Entlad vom abgestellten Lastwagen selbst besorgte, während der Wagen nur für die Dauer des Transportes bespannt war - vergleichbar mit dem heutigen Container- oder Muldentransport. In der Regel war der Lastwagen Eigentum von Settelen. Mit leeren Wagen wurde häufig im leichten Trab gefahren (10 - 12km/h), beladen im Schritt (6km/h).
Die Arbeit wurde vormittags und nachmittags durch einen je rund halbstündigen Znüni- bzw. Zvierihalt in einem Wirtshaus unterbrochen. Den Pferden wurde der Hafersack vorgehängt und der Fuhrmann kam so beim Znüni zu seiner ersten richtigen Mahlzeit, meist bestehend aus Brot, Käse und Most. Ebenfalls unterwegs wurde bei einem Gasthaus für eine Stunde Mittag gemacht. Die Pferde wurden tüchtig gefüttert und getränkt, der Fuhrmann verköstigte sich warm. Bei allen Halten kontrollierte er den Sitz der Geschirre, überprüfte die Hufe der Pferde, kratzte Stollen unter den Hufen heraus und nagelte locker gewordene Hufeisen nach. War es kühl und die Pferde verschwitzt, deckte er diese mit einer Decke ab. Um 18'00 h machte er sich auf den Weg zum heimatlichen Stall, wo er die Pferde ausschirrte und die Auflagestellen von Kummet, Sellette sowie Zugriemen sauber wusch. Nachdem die Pferde getränkt waren, brachte er sie in den Stall und legte ihnen das wohlverdiente Futter vor. Im Büro lieferte er die unterzeichneten Fuhrrapporte ab, meldete Mängel an Pferd, Geschirr und Wagen, nahm den Auftrag für den nächsten Tag entgegen und erst jetzt - in der Zwischenzeit war es 19 oder 20 h geworden - war auch für ihn Feierabend! Meldete der Fuhrmann einen Mangel am Beschlag des Pferdes, so wurde sein Arbeitstag nochmals länger. Hufbeschlag fand in der Regel morgens um fünf statt. Oder am Nachmittag, wenn es der Einsatzplan der Pferde erlaubte. Bei dieser Arbeit hatte der Fuhrmann, der die «Muggen» seiner Pferde besser kannte als der Schmied, diesem zu assistieren.
Das Resultat der riesigen Anstrengungen, die unsere Ahnen vollbrachten, um den ständig wachsenden Güterstrom zu bewältigen, war letztlich bescheiden. Ein Vierspänner mit einem Fünftonnen-Klopfer schaffte in einem 12- bis 14-stündigen Arbeitstag im Nahverkehr nicht mehr als heute ein 4-achsiger Brummi in dreiviertel Stunden. Auch in ökologischer Hinsicht war die Pferdebilanz nicht besonders beeindruckend. Mit den total verzehrten 36 kg Hafer, 32 kg Heu, einem altbackenen Brot und 200 l Wasser beglückten die vier Pferde die Umwelt mit 100 l Urin und einer Unmenge Methangas und Ammoniak sowie erschreckend viel Feinstaub, der durch das Mahlen der eisernen Huf- und Wagenbeschläge erzeugt und aufgewirbelt wurde. Dem stehen heute für die gleiche Leistung ein Verbrauch von 4,9 l Diesel gegenüber - und ein Ausstoss von maximal 15 Gramm Luftschadstoffen inkl. Feinstaub.
Die «sozialen Nebenkosten» nahm man früher kaum zur Kenntnis. Invalid gewordene Fuhrleute, die nicht im familiären Umfeld aufgefangen wurden, schickte man einfach in die Armenhäuser ihrer Bürgergemeinde zurück!