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Philosophie Album
Richard Rorty (1931 - 2007)
Vernunft ist kein Vermögen des Einzelnen, sondern das Bevorzugen der Rede statt der Gewaltanwendung.
Vernunft ist ein Werkzeug der Überredung, um Gewünschtes zu erreichen.
Alle Gewissheiten sind Produkte von Zeit und Zufall, Produkte eines Gespräches, das einmal nichts von unseren heutigen Fragen wusste und vielleicht einmal nichts mehr von ihnen weiss.
Pragmatismus kennt keinen spezifischen Unterschied zwischen Überreden und Überzeugen. Überzeugen und Überreden sind graduelle Situationen im anhaltenden Gespräch, das keine zeitlose Wahrheit kennt. Manche Philosophen sehen einen wesentlichen Unterschied zwischen Logik und Rhetorik oder zwischen Überzeugen und Überreden. Ich nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen guten und schlechten Argumenten. Aber das ist ein publikums- oder adressatenbezogener Unterschied. Gut ist ein Argument für ein Publikum, wenn diesem die Prämissen des Arguments plausibel erscheinen. Es gibt auch einen Unterschied zwischen aufrichtigen und unaufrichtigen Argumenten: Erstere sind so beschaffen, dass diejenigen, die sie vorbringen, von ihnen selbst überzeugt sind. Ich glaube aber nicht, dass wir eine Unterscheidung zwischen logischen Argumenten und bloss rhetorischen Argumenten brauchen. ich würde Habermas’ Unterscheidung zwischen strategischem und nicht-strategischem Sprachgebrauch ersetzen durch die Common-Sense-Unterscheidung zwischen unaufrichtigen und aufrichtigen Überredungsversuchen.
Wahrheit ist das, was zu glauben für uns gut ist.
Liberale sind Menschen, die meinen, dass Grausamkeit das schlimmste ist, was wir tun.
Ironikerin nenne ich eine Person, die der Tatsache ins Auge sieht, dass ihre zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse kontingent sind.
Wir müssen zwischen der Behauptung, dass die Welt dort draussen ist, und der Behauptung, dass Wahrheit dort draussen ist, unterscheiden. Dass die Welt dort draussen ist, dass sie nicht von uns geschaffen ist, heisst für den gesunden Menschenverstand, dass die meisten Dinge in Raum und Zeit die Wirkungen von Ursachen sind, die menschliche mentale Zustände nicht einschliessen. Dass die Wahrheit nicht dort draussen ist, heisst einfach, dass es keine Wahrheit gibt, wo es keine Sätze gibt, dass Sätze Elemente menschlicher Sprachen sind und dass menschliche Sprachen von Menschen geschaffen sind. Wahrheit kann nicht dort draussen sein – kann nicht unabhängig vom menschlichen Geist existieren –, weil Sätze so nicht existieren oder draussen sein können. Die Welt ist dort draussen, nicht aber Beschreibungen der Welt. Nur Beschreibungen der Welt können wahr oder falsch sein. Die Welt für sich – ohne Unterstützung durch beschreibende Tätigkeit von Menschen – kann es nicht.
Die Welt spricht überhaupt nicht. Nur wir sprechen. Die Welt kann, wenn wir uns eine Sprache einprogrammiert haben, die Ursache dafür sein, dass wir Meinungen vertreten. Aber eine Sprache zum Sprechen kann sie uns nicht vorschlagen. Das können nur andere Menschen tun. Die Erkenntnis, dass die Welt uns nicht sagt, welche Sprachspiele wir spielen sollen, darf jedoch nicht dazu führen, dass wir sagen, die Entscheidung, welches Sprachspiel wir spielen, sei willkürlich, auch nicht dazu, dass wir sagen, diese Entscheidung sei Ausdruck von etwas tief in unserem Inneren. Die Konsequenz kann nicht sein, dass objektive Kriterien für die Wahl eines Vokabulars durch subjektive ersetzt werden, Vernunft durch Willen oder Gefühl. Es ist vielmehr so, dass Entscheidungskriterien (einschliesslich der willkürlichen Auswahl) gar nicht zur Debatte stehen, wenn es um das Überwechseln von einem Sprachspiel zu einem anderen geht. Europa hat sich nicht dazu entschieden, das Idiom der romantischen Dichtung, der sozialistischen Politik oder der galileischen Mechanik zu übernehmen. Diese Art Wandel war genausowenig ein Willensakt wie das Ergebnis einer Auseinandersetzung. Vielmehr verlor Europa allmählich die Gewohnheit, bestimmte Worte zu benutzen, und nahm allmählich die Gewohnheit an, andere zu verwenden. Interessante Philosophie ist nur selten eine Prüfung der Gründe für und wider eine These. Gewöhnlich ist sie explizit oder implizit Wettkampf zwischen einem erstarrten Vokabular, das hemmend und ärgerlich geworden ist, und einem neuen Vokabular, das erst halb Form angenommen hat und die vage Versprechung grosser Dinge bietet. Der Metaphysiker hält es für eine vordringliche intellektuelle Pflicht, für anfechtbare Meinungen Argumente zu liefern, Argumente, die bei relativ unanfechtbaren Voraussetzungen beginnen. Die Ironikerin meint, dass solche Argumente – logische Argumente – in ihrer Art ganz schön und gut sind, auch nützlich als Darlegungstechniken, aber am Ende eigentlich nur Weisen, Menschen dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern, ohne zuzugeben, dass sie das tun. Die Ironikerin zieht Argumente vor, die dialektisch in dem Sinne sind, dass als Einheit der Überzeugung ein Vokabular, nicht eine Aussage gilt. Ihre Methode ist Neubeschreibung statt Inferenz (= Ableitung). Ironikerinnen spezialisieren sich auf die Neubeschreibung von Objekt- oder Ereignisreihen in einem teilweise neologistischen Jargon und hoffen dabei, dass sie dadurch andere dazu anregen können, diesen Jargon aufzunehmen und zu erweitern. Eine Ironikerin hofft darauf, dass, sobald sie damit zu Ende gekommen ist, alte Wörter in neuer Bedeutung zu verwenden, von der Einführung brandneuer Wörter ganz zu schweigen, die Leute keine in den alten Wörtern formulierten Fragen mehr stellen werden. Ich habe »Dialektik« als den Versuch definiert, Vokabulare gegeneinander auszuspielen, statt bloss Sätze voneinander abzuleiten, somit als den teilweisen Ersatz von Inferenz durch Neubeschreibung. Hegels Wort habe ich benutzt, weil ich Hegels Phänomenologie sowohl für den Anfang vom Ende der platonisch-kantischen Tradition wie für ein Paradigma der ironischen Fähigkeit halte, die Möglichkeiten massiver Neubeschreibung zu erkunden. So gesehen ist Hegels sogenannte dialektische Methode weder ein Prozess der Argumentation noch eine Weise der Vereinigung von Subjekt und Objekt, sondern einfach literarisches Geschick, das sich in der Herstellung überraschender Gestaltwechsel durch glatte, schnelle Übergänge von einer Terminologie in eine andere zeigt. Statt an den alten Platitüden festzuhalten und Unterscheidungen einzuführen, die sie kohärent machen, veränderte Hegel ständig das Vokabular, in dem die alten Platitüden ausgedrückt waren; statt philosophische Theorien zu konstruieren und Argumente für sie zu produzieren, vermied er Argumentation, indem er ständig die Vokabulare verschob und dabei das Thema wechselte. In der Praxis, wenn auch nicht in der Theorie, gab er die Idee, der Wahrheit nahe kommen zu können, zugunsten der Idee auf, die Dinge neu ma-chen zu können. Seine Kritik an seinen Vorgängern lautete nicht, dass ihre Aussagen falsch, sondern dass ihre Sprachen veraltet seien. Durch die Erfindung dieser Art Kritik brach der junge Hegel aus der Reihe von Platon bis Kant aus und begann eine Tradition ironistischer Philosophie, die bei Nietzsche, Heidegger und Derrida weitergeführt wird. Das sind die Philosophen, die ihre Leistungen durch ihre Beziehung zu ihren Vorgängern statt durch ihre Beziehung zur Wahrheit definieren. Ironistische Theoretiker wie Hegel, Nietzsche, Derrida und Foucault scheinen mir von unschätzbarem Wert für unsere Versuche, uns ein privates Selbstbild zu machen, aber reichlich nutzlos, wenn es um Politik geht. Dass Hegel, Nietzsche und Heidegger einen Helden erfinden, der grösser ist als sie selbst, dessen Laufbahn sie in Worten beschreiben, die zugleich den Sinn ihrer eigenen definieren, das trennt sie von Proust und macht sie zu Theoretikern, statt Romanautoren: zu Menschen, die etwas Grosses im Blick haben, statt etwas Kleines aufzubauen. Obwohl sie echte Ironiker, keine Metaphysiker sind, zählen sie als Nominalisten nicht voll, weil sie sich nicht damit zufrieden geben, kleine Dinge zu ordnen. Sie möchten auch eine grosse Sache beschreiben. Das unterscheidet ihre Erzählungen von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Prousts Roman ist ein Netzwerk kleiner, einander belebender Kontingenzen. Es hätte sein können, dass der Erzähler nicht noch einmal ein Madeleine-Törtchen gegessen hätte. Der gerade verarmte Prinz von Guermantes hätte nicht Madame Verdurin heiraten müssen; er hätte auch eine andere Erbin finden können. Solche Kontingenzen sind nur in der Retrospektive sinnvoll – und sie geben in jeder neuen Beschreibung einen anderen Sinn. Aber in den Erzählungen der ironistischen Theorie musste Platon dem heiligen Paulus weichen und das Christentum der Aufklärung. Auf einen Kant musste ein Hegel folgen und auf einen Hegel ein Marx. Das ist der Grund, warum ironistische Theoretiker so irreführend, so anfällig für Selbstbetrug sind. Es ist ein Grund, warum jeder neue Theoretiker seinen Vorgängern vorwirft, sie seien verkleidete Metaphysiker gewesen.
Heidegger hatte die grösste theoretische Imaginationskraft seiner Zeit (ausserhalb der Naturwissenschaften); die Erhabenheit, die er anstrebte, erreichte er. Das hindert aber nicht, dass er vollkommen nutzlos für die Menschen ist, die seine Assoziationen nicht teilen. Für andere, solche wie mich, die sie teilen, ist er eine exemplarische, höchst eindrucksvolle, unvergessliche Gestalt. Heidegger zu lesen gehört zu den Erfahrungen, mit denen wir zurechtkommen, die wir neu beschreiben und in unsere übrige Erfahrungen einweben müssen, um unsere geplante eigene Selbst-Erschaffung erfolgreich weiterführen zu können. Aber von Nutzen für die Allgemeinheit ist Heidegger nicht.