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Ein Glaubensimpuls von Abt Christian Meyer
Wenn ich so hinausschaue und sehe, wie es schneit und schneit, fällt mir die Geschichte von der Schneeflocke ein, die vielen wohl auch bekannt ist. Eine Geschichte, die uns aufzeigt, wie viel Gewicht ein Wort im richtigen Moment haben kann.
Einst fragte die Tannenmeise ihre Freundin, die Wildtaube: «Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?» «Nicht mehr als ein Nichts», antwortete die Wildtaube. «Dann lass mich dir eine wunderbare Geschichte erzählen», sagte da die Meise. «Ich sass eines Tages auf einem dicken Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing. Es schneite nicht heftig, sondern ganz sanft und zart, ohne Schwere. Da ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, zählte ich die Schneeflocken, die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und darauf hängen blieben. Es waren exakt dreimillionensiebenhundert-einundvierzigtausend-neunhundert-zweiundfünfzig Schneeflocken, die ich zählte. Und als die letzte der dreimillionen-siebenhundert-ein-undvierzigtausend-neunhundertdreiundfünfzig Schneeflocken leise und sanft niederfiel, die nicht mehr wog als ein Nichts, brach der starke, dicke Ast der Fichte ab.»
Damit flog die Meise davon. Die Taube, als Spezialistin für den Frieden, sagte zu sich nach kurzem Nachdenken: «Vielleicht fehlt ja nur eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden der Welt …» Ja, die Schneeflocke als Einzelnes ist so leicht. Aber im Ganzen kann sie ein unglaubliches Gewicht bekommen. Der heilige Benedikt warnt seine Mönche immer wieder vor zu vielem Geschwätz und Gerede. Er lädt die Mönche ein, sorgsam mit Worten umzugehen. Denn ein einzelnes Wort ist zwar federleicht, ja noch leichter als eine Schneeflocke. Aber das Wort hat eine unberechenbare Macht. Und diese Macht kann verletzen, zerstören, erniedrigen, verunmöglichen oder vernichten. Es kann aber auch aufrichten, trösten, stärken und ermuntern. Das ist die Kraft des Wortes, die uns schon im Alten Testament immer wieder begegnet, vor allem auch im Gebet der Psalmen, wo der Beter oder die Beterin betet: «Herr, stelle eine Wache vor meinen Mund.» Vielleicht tut es gut, sich Anfang Jahr vorzunehmen, seine eigenen Worte wohl abzuwägen und so durch das kommende Jahr zu gehen: mehr Worte des Lebens aussprechen als Worte des Verletzens und Zerstörens. Wir alle brauchen die Worte des Lebens sehr. Denn sie richten uns als Menschen auf. Sie stellen uns in ein gutes Umfeld und geben Freude und Kraft. Die zerstörenden Worte sind zur Genüge gegenwärtig. Sie sind sehr schnell in den sozialen Medien zu finden. Denn es ist einfacher, sie dort abzuschicken, als sie jemandem direkt ins Gesicht zu sagen. Die zerstörenden oder verletzenden Worte sind im alltäglichen Umgang schneller auf dem Bildschirm und auf unseren Lippen als die kraftspendenden Worte.
Der Benediktiner Christian Meyer ist Abt des Klosters Engelberg.