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Rezension
von Liliane Studer
Publiziert am 11/12/2014
Werner Rohner erzählt in seinem Debütroman die Geschichte von Joris, einem jungen Fotografen, der nach einem längeren Aufenthalt in Wien, später in Berlin wieder nach Zürich zurückkehrt, um beim Fernsehen eine neue Stelle anzutreten. In der Einzimmerwohnung, die seine Tante für ihn ausgewählt hat, steht ein Karton, beschriftet mit «Schallplatten». Und um die ersten Tage des neuen Jahres 2010 irgendwie hinter sich zu bringen, beginnt Joris, die Platten zu sortieren. Den Zeitungsbund, der obenauf liegt, lässt er vorerst unbeachtet. Doch dann entdeckt er das Foto eines Mannes, der ihm ausgesprochen bekannt vorkommt, obwohl er ihn nicht kennt, nicht kennen kann. David Mourlin ist sein Vater, dem er nie begegnet ist. Seine Mutter hatte ihm nie ein Bild von ihm gezeigt. Nun schaut ihn einer, der ebenso aussieht wie er, aus der Zeitung an. Damit ist das Ende einer ersten Schonzeit umschrieben. Joris macht sich auf die Suche nach diesem Mann, der sein Vater sein soll. Nicht länger will er sich hinter irgendwelchen Geschichten verstecken. In Biel trifft er auf einen älteren Mann, der ihm eher ratlos gegenübertritt. Zwar kann er sich erinnern, dass seine frühere Freundin Luisa damals schwanger war, doch dass das Kind von ihm sein sollte, ist ihm neu und scheint ihn vorerst auch nicht so recht zu interessieren. Die beiden Männer tun sich schwer mit einer Annäherung. David überlässt dem Sohn später seinen Fichenstapel, damit er sich ein Bild davon machen kann, was seinen Vater und seine Mutter damals umgetrieben hat. Diese indirekte Kommunikation ist alles, was für David möglich ist. Und die Informationen, die Joris hier an den Tag holt, bleiben lückenhaft, auch wenn er erfährt, dass seine Mutter ihre durchaus radikalen Seiten auch wirklich ausgelebt hat.
Die Mutter kann Joris nicht mehr fragen, Luisa ist im Januar 2000 gestorben, an Krebs. Ihre letzten Lebensjahre waren von der Krankheit geprägt, sie hatte Metastasen und sie wusste, dass der Tod immer näher kam, trotzdem überraschte sie ihre Nächsten immer wieder mit dem einen Satz: «Wenn ich noch zehn Jahre weiterrauchen kann …» Viel schwerer auszuhalten war dieser andere Satz, der Auftrag, den die Mutter ihrem Sohn mitgegeben hatte: «Dass ich ihr helfen müsse, wenn es so weit sei.» Auch dieser Satz bedeutete das Ende der Schonzeit, der zweiten für Joris. Er konnte nicht länger fliehen, er hatte genickt und damit den Auftrag angenommen. Und er war beinahe daran zerbrochen, denn der Satz verfolgte ihn. Vielleicht war er auch der Auslöser – bestimmt aber trug er wesentlich dazu bei –, dass Joris weg von Zürich und nach Wien ging. Obwohl er wusste, wie krank seine Mutter war. Dass dieser Umzug auch eine Flucht war, wusste Joris. Ebenso, dass ihn Luisa nicht zurückhalten würde. Auf Distanz schien manches einfacher. Und so erzählt Joris der Mutter sofort, dass er sich verliebt habe, Rebekka heisse sie. Und als sie später zusammen nach Zürich kommen, verstehen sich die beiden Frauen schnell sehr gut. Rebekka ist auch für Joris eine grosse Hilfe, die Frau fürs Leben wird sie trotzdem nicht. Oder vielleicht gerade deswegen, weil diese Zeit in Wien für Joris geprägt ist von der Flucht vor der einen in die Arme der anderen.
Wieder in Zürich – zehn Jahre sind seit Luisas Tod vergangen – gelingt es Joris, die Puzzlesteine zu seiner Biografie zusammenzusetzen, den Boden unter den Füssen zu spüren. Nach einer Krankheit, die ihn nochmals heftig auf sich selber zurückgeworfen hat, im Sommer 2010, steht er auf und stellt fest: «Und irgendwann gegen Ende des Sommers wusste ich von einem Moment auf den anderen, dass ich nichts mehr rausfinden, bedenken, erinnern musste – ich packte das erste Mal, seit ich in Zürich war, meine Kamera aus, zerlegte sie Teil für Teil, säuberte jedes einzelne, fuhr mit einem Spezialtuch über jede Linse, setzte die Kamera wieder zusammen und ging mit ihr hinaus.»
Der Versuch, Rohners vielschichtigen Roman in wenigen Sätzen zusammenzufassen, muss eigentlich scheitern. Denn eine Zusammenfassung kann wenig von all dem wiedergeben, das in diesem Text drinsteckt. Werner Rohner hat eine Form gewählt, in der er die verschiedenen zeitlichen Ebenen sozusagen parallel erzählt. Das erfordert eine ganz genaue Lektüre und es braucht etwas Zeit, bis man drin ist. Es ist aber dieses nicht-lineare Erzählen, das dem Roman seine Kraft gibt und die Entwicklung des Ich-Erzählers aufzeigt, indem sie von der Leserin, dem Leser selber nachgezeichnet werden muss. Es ist auch eine Erzählform, dank der es dem Autor gelingt, Sentimentalität zu vermeiden und sowohl die Suche nach dem Vater wie den frühen Tod der Mutter nicht in abgedroschener Art darzustellen. Werner Rohner, 1975 in Zürich geboren und Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts, greift in seinem Roman die alten Fragen nach der Herkunft, nach den Wurzeln auf, er thematisiert die Sehnsucht nach geregelten (Familien-)Verhältnissen ebenso wie das Leiden, wenn diese nicht erfüllt wird. Das mag bei einem noch relativ jungen Autor erstaunen – andererseits zeigt es, dass auch weiterhin die alten Themen, nämlich Liebe, Verlust(angst), Schmerz und Tod, die Literatur ausmachen. Der eigene Ton und die Erzählanlage, die Werner Rohner für seinen Roman Das Ende der Schonzeit gewählt hat, überzeugen.