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Ende Januar wurde Walter Stürm von der Auslieferungshaft in Madrid in die Schweiz überführt. Dass er das ganze Prozedere ohne grössere Schäden überstanden hat, ist ein kleines Wunder.
Am Morgen, kurz nach sechs Uhr, wurde ich geholt und nach oben in ein Büro des Zentralinspektorats Madrid geführt. Dort waren drei Typen, zwei davon krawattiert. Der Unkrawattierte stellte sich, auf französisch, ohne Namen als Inspektor von Interpol Spanien vor und deutete auf die Krawattierten und sagte, die beiden seien aus der Schweiz. Das französische Vorstellungssätzchen war wohl auswendig gelernt, denn nachher sprach er nur noch spanisch, wobei er sich allerdings sehr um eine französische Betonung bemühte. Der spanische Interpolmensch sagte dann, er werde jetzt die vorgeschriebene Identifikation vornehmen. Aus einem mitgebrachten Beutel zog er ein Stempelkissen, eine Lupe, zwei Blatt Papier und ein Foto. Das Foto verglich er mit dem Original und sagte, der Bart sei jetzt länger. Dann drückte er mir den Daumen und den Zeigefinger auf das Stempelkissen und danach aufs Papier. Die so gewonnenen Fingerabdrücke hielt er neben das zweite Blatt, auf dem er schon mitgebrachte Fingerabdrücke hatte, betrachtete das Ganze mit der Lupe und machte «mhm». Es war genauso, wie man es in den Filmen über den Detektiv Hercule Poirot jeweils sieht, nur dass der Interpolmensch schnauzlos war. Dann reichte er die beiden Blätter samt Lupe den zwei Krawattierten. Die waren von dieser spanischen Identifikationstechnik wohl etwas überfordert. Sie betrachteten die Fingerabdrücke durch die Lupe und machten dazu Gesichter wie Leute, die keine Ahnung von Wein haben und in einem guten Restaurant den Wein probieren sollen, wobei sie der Kellner mit der Flasche in der Hand fragend anblickt. Sie äusserten sich nicht, nicht einmal mit «mhm», und gaben die Papiere samt Lupe zurück. Ich wollte dann meine vom Stempelkissen blaugewordenen Finger waschen, doch mein diesbezügliches Begehren überforderte den Interpolmenschen etwas. Er sah suchend in dem Büro rum, ging dann entschlossen auf ein Pult zu, holte ein Blatt Schreibpapier aus einer Schublade, spuckte auf das Blatt, gab es mir und sagte, damit gehe die Farbe gut weg. Ich habe dann auf diese spanische Farbabwischtechnik verzichtet.
Wir gingen in den Hof raus, wo der Interpolmensch etwas aufgeregt wurde und mich fragte, wo denn das Auto sei, wie wenn ichs versteckt hätte, es sei doch gerade noch dagewesen, es sei weiss. Wir fanden es dann samt dem bärtigen Fahrer. Ich stellte meine Taschen in den Kofferraum, der Interpolmensch setzte eine amtliche Miene auf und verpasste mir Handschellen. Dann stiegen wir ins Auto, der Interpolmensch vorne neben den Fahrer und wir drei Schweizer hinten. Dann gings los, wobei der Interpolmensch immer wieder nervös nach hinten sah und dem Fahrer laufend Anweisungen gab, wo er durchfahren müsse. Als eine auf Rot stehende Ampel kam und der Fahrer bremste, sagte der Interpolmensch, zum Anhalten sei jetzt keine Zeit, er solle bei Rot durchblochen. Nachdem wir einige Sicherheitslinien und das vierte Rotlicht überfahren hatten, fingen auch die beiden Krawattierten an, komisch zu gucken, da ich aber zwischen ihnen sass, enthielten sie sich eines Kommentars.
Trotz der unüberhörbaren Hilfe des Interpolmenschen schaffte es der Fahrer nicht, beim Schild «Abflug» abzuzweigen, und so kamen wir zur «Ankunft». Der Interpolmensch dirigierte den Fahrer auf die Schnellstrasse zurück und sagte ihm, er solle Richtung Madrid zurückfahren, weiter vorne habe es im Mittelstreifen eine Rotkreuzstation und dort könne er über den Mittelstreifen auf die Gegenfahrbahn gelangen. Der Fahrer meinte, das sei verboten und gefährlich, aber der Interpolmensch sagte, es sei ja dunkel und er müsse halt aufpassen. Wir kamen dann, ohne dass es knallte, auf die andere Seite und schliesslich zum «Abflug». Dort stiegen wir aus, und der Interpolmensch sagte zu mir, auch für einen sehr geübten Fahrer sei es im Dunkeln schwierig, hierher zu finden. Als ich laut lachte, packte er mich am rechten Arm und gab dem Fahrer Anweisung, mich am linken Arm zu packen, und so schleppten sie mich, gefolgt von den beiden Krawattierten, zum Flughafenpolizeiposten. Hätte ich Rollschuhe getragen, hätte ich keine Bewegung machen müssen, um dorthin zu kommen. Die Zupacktechnik des Fahrers verhielt sich im umgekehrten Verhältnis zur Fahrtechnik, mein linker Arm ist noch immer blau. Bei der Flugplatzpolizei schlossen sie mich in einen Raum ein. Nach einer halben Stunde holten sie mich wieder ab. Wieder packten mich die beiden links und rechts, der Interpolmensch hatte mittlerweile auch noch vier Uniformbullen zusätzlich aufgeboten, und mitten in dem Pulk wurde ich zum Warteraum 7 geschleppt. Ich kam mir vor wie ein Goldtransport und wurde auch entsprechend begafft. Nach etwa zehn Minuten begannen sie sich darüber zu wundern, dass ausser uns niemand im Warteraum 7 war, und sie fanden dann raus, dass der Warteraum 7 der falsche und dafür der Warteraum 4 der richtige war. So schleppten sie mich zum Warteraum 4. Die beiden Krawattierten trauten dem Organisationstalent des Interpolmenschen offenbar nicht mehr so ganz und erkundigten sich bei einer Hostess. Der Interpolmensch, der das bemerkte, sagte, sie sollten nur ruhig bleiben, alles sei bestens organisiert, und als sie das nicht ganz begriffen, sagte er der Hostess, sie solle das diesen beiden Franzosen übersetzen. Die Passagiere gingen dann zum Bus und wir zu einem kleineren Bus, der mit «Swissair» beschriftet war. Alle Bullen quetschten sich mit in den Bus, und die Fahrerin geriet ob all den Uniformen etwas durcheinander und fand sehr lange den Rückwärtsgang nicht. Irgendwie brachte sie uns dann aber doch noch zur Hintertreppe des Flugzeugs. Dort stiegen wir die Treppe hoch, und der Interpolmensch liess mich bis oben nicht los.
Im Flugzeug setzte ich mich in der Dreiersitzreihe ans Fenster. Der Interpolmensch wollte seine Handschellen wiederhaben und sagte, ich solle aufstehen, damit er sie mir abnehmen könne. Ich entgegnete, dass ich gut sitzen würde und keine Vorstellung vor Publikum gäbe. Wenn er seine Handschellen wolle, dann müsse er sich herbemühen. Er bückte sich über die zwei Sitze rüber, um die Dinger loszumachen, und leider fiel er nicht auf den Sack. Die Stewardessen waren, nachdem sie begriffen hatten, dass ich nicht beisse, sehr nett.
Nach gut andetthalb Stunden waren wir in Genf, dort wurde ich in einen VW-Bus mit Walliser Kennzeichen geladen und nach Sitten gefahren, wo man mich über den Mittag in einer fensterlosen unterirdischen Zelle deponierte. Gegen 13.30 Uhr holten sie mich dort ab und fuhren mich zum Untersuchungsrichter. Dort warteten wir lange im Gang. Dann kam ein auf Hochglanz polierter, an einen Leichenbestatter gemahnender Typ. Er begrüsste meine Begleiter freundlich und sah durch mich hindurch. Dem Gespräch meiner Begleiter konnte ich entnehmen, dass das der Huissier sei und dass der die Fähigkeit habe, Leute, die er befrage, so laut anzubrüllen, dass man sogar vor der Türe draussen erschrecke.
Dann wurde ich in einen feierlich anmutenden Raum geführt, wo, wohl damit er den Überblick nicht verliert, auf einem etwa fünfzig Zentimeter hohen Podest der Untersuchungsrichter sass. Links vom Untersuchungsrichter, aber auf gleicher Tiefe wie die übrigen Sterblichen, war die Sekretärin plaziert. Rechts, etwas über dem Untersuchungsrichter, war ein Kruzifix an die Wand montiert, und als ich das sah, habe ich gedacht: Jetzt weiss ich endlich, wo Gott hockt - rechts über dem Untersuchungsrichter nämlich. Der Untersuchungsrichter befragte mich zum Auslieferungsverfahren in Spanien und wollte noch wissen, ob ich weiter an der Aussageverweigerung festhalte, was ich logischerweise bejahte. Dann sagte er, er ordne Untersuchungshaft an, und gegen diesen Entscheid könne an das Kantonsgericht rekurriert werden. Nun konnte ich das Protokoll durchlesen und unterzeichnen. Da mir während der ganzen Veranstaltung die Handschellen nicht abgenommen wurden, wollte mir aber die Unterschrift nicht so recht gelingen, aber das hat niemanden gestört. Dann wurde ich ins Untersuchungsgefängnis von Brig gefahren.