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SRF begleitet vier junge Au Pairs durch ein Jahr voller Stress und Abenteuer. Und unsere Autorin packt über eine der kuriosesten Zeiten ihres Lebens aus.
Als mich die Frau am Heathrow Airport abholte, wusste ich schon: Das wird nix mit uns. Die Frau war eine dünne, stark getunte Boutiquenbesitzerin. Ich hatte gerade das Gymnasium abgeschlossen, war total arrogant und wollte vor allem nach England wegen der tollen Literatur. Ich hatte ein paar Monate bis zum Studium totzuschlagen und meine Eltern hatten gesagt: «Jetzt mach mal was Praktisches!»
Die Organisation Pro Filia hatte mich an die Boutiquenbesitzerin vermittelt, und ich hatte mich mit meiner Vorvorgängerin getroffen, einer gutgelaunten, gutmütigen Blondine, die es richtig gut mit Kindern konnte. Ich nicht. Dann reiste ich in einen grünen Vorort von London. Und fand das kleine Haus, das mit sinnlosen, aber glänzenden Sachen zum Abstauben gefüllt war, hässlich. Dafür freute ich mich über den Fernseher in meinem Zimmer, der mir schon am ersten Abend Hugh Grant servierte. Leider störten die Kinder dabei erheblich. Am nächsten Tag verstanden wir uns allerdings prima. Also die Kinder und ich. Die Mutter und ich? Nicht.
Sie sagte: «Simone, es hat keinen Sinn mit uns, die Kinder mögen dich zu meinem Erstaunen, aber ich mag dich nicht. Morgen fahren wir für ein paar Tage weg, aber ohne dich, such dir schnell was Neues.» – «Okay», sagte ich, «seh ich auch so.» Sie fuhr zur Arbeit, ich setzte mich an ihren gläsernen Schminktisch mit einer hässlichen Verzierung aus glänzenden rosa Rüschen und rief bei Pro Filia an. «Nun», sagte eine von mir wenig begeisterte Dame, «wir haben nur eine Stelle in London offen, bei einem alten Ehepaar, leider keine Kinder.»
Ich machte mich auf den Weg. Er war weit. Schliesslich kam ich bei der U-Bahn-Station Golders Green an, nahm den 210er-Bus, fuhr dem riesigen Hampstead-Heath-Park entlang, und etwas in mir sagte ganz laut Ja. Die Strasse war privat und bewacht und hiess Courtenay Avenue, das Haus hiess Courtenay House, es war eine pseudoviktorianische Nachkriegsvilla aus rotem Backstein mit riesigem Garten und privatem Tennisplatz.
Eine 70-jährige, etwas aufgelöste Dame empfing mich: «Entschuldigen Sie meinen Aufzug, wir bereiten gerade das Pessach-Fest vor. Wieso sind Sie eigentlich entlassen worden?» Ich liebte sie bereits. «Weil ich mich mit meiner Arbeitgeberin nicht verstanden hab.» Ich strahlte sie so offensiv an, wie es nur ging. «Kommt vor», sagte sie und ich zog ins Courtenay House.
«Damit das klar ist», sagte meine neue Chefin, «bei uns bist du kein normales Au Pair. Bei uns gibt’s keinen Familienanschluss. Du darfst gern unsere Bibliothek benutzen, aber du wirst nicht mit uns am Tisch sitzen. Hier sind dein Schlafzimmer, dein Bad, dein Wohnzimmer.» Ich war im Paradies. Mehr Privatsphäre hatte ich noch nie. Draussen explodierten Rhododendren und Magnolien und überhaupt alles, was einen britischen Frühling schön macht. Drinnen verstanden wir uns auf distanzierte Art prächtig.
Wie jedes Au Pair war ich für die «leichte Hausarbeit» eingeteilt. Am Morgen weckte ich meine Arbeitgeber um sieben Uhr mit einem fröhlichen «Good Morning!», riss die Vorhänge auf und brachte ihnen einen Early Morning Tea ans Bett. Dann ging der Mann in seinen Lieblingsclub, die Frau pinselte sich hingebungsvoll ein Gesicht und ich servierte ihr dazu Kaffee, eine halbe Grapefruit und Toast. Danach putzte ich sein Bad, ihr Bad, machte das Ehebett mit seinen 27 Kissen, tötete unter Todesangst Spinnen, wusch Seidenunterwäsche und Kaschmirsocken von Hand, polierte Silber bis zum Umfallen und kontrollierte leerstehende ehemalige Kinderzimmer.
Zum Thema Männer sagte mir die Chefin: «Mach bloss kein Kind. Wir hatten mal Probleme mit einer Deutschen, in den 60er-Jahren oder so. Plötzlich war ihre Toilette verstopft, weil sie mit einer Stricknadel abgetrieben hatte. Natürlich mussten wir sie entlassen. Schade, sie machte fantastische Torten. Sowas möchte ich nicht nochmals erleben.»
Die schwere Hausarbeit übernahmen eine Putzfrau, die Haushälterin und der Gärtner. Und wenn wir Gäste hatten, kamen Big Anne und Little Anne, die seit Jahrzehnten Catering bei den Pferderennen in Ascot machten. Sie trugen Schwarz mit weissen Schürzen und Hauben, sie kochten und servierten, ich wusch derweil das Geschirr von sieben Gängen für zwanzig Gäste, die beiden Annes rauchten in der Küche Kette und redeten böse über die reichen Leute im Speisesaal.
Die Reste gehörten uns, all die verschmähten Wachteleier, der schottische Wildlachs und Fasan, die Enten und Gänse, in schwerer brauner Sauce schwimmender Yorkshire-Pudding und dieses geile Dessert namens Pavlova. Ich hatte wirklich keinen Grund, mich über die englische Küche zu beklagen.
Ich hatte sowieso keinen Grund, mich zu beklagen. Ich hatte viel Freizeit, London gehörte mir, meine besten Au-Pair-Freundinnen kamen aus Schweden und Dänemark, waren blond und total erschöpft, weil sie Au Pairs mit Familienanschluss und vielen Kindern waren. Zudem waren die Häuser ihrer Gastfamilien viel kleiner als meine Villa. Dafür wurden sie von ihren Kinderscharen abgöttisch geliebt. Okay, manchmal. Wir hingen zusammen am Picadilly Circus und in Parks rum, wir besuchten einigermassen untermotiviert den üblichen Au-Pair-Sprachkurs für angehende Sekretärinnen, eine hatte garantiert Heimweh und eine sicher Liebeskummer.
Eines Tages wurde auch die Haushälterin 70. Sie war als irische Waise auf einem Schiff nach England gekommen und stand seit da im Dienst der Familie. Meine Chefin zeigte mir das Geburtstagsgeschenk für die Haushälterin, einen riesigen Ring mit ein paar Edelsteinen. «15'000 Pfund», sagte sie und war mit sich und ihrer Grosszügigkeit zufrieden.
Die drei Töchter des Hauses waren zwischen 35 und 45 Jahren alt, eine schrieb Bücher über traditionelle englische Innendekoration, eine schrieb Kinderbücher und verkaufte verrückte Strickjacken in Luxusboutiquen.
Die dritte hatte einen Bauer geheiratet. «Ein Drama», sagte die Haushälterin, «man schickte sie extra nach Lausanne ins Internat, damit sie den armen Schlucker vergisst, aber sie kam zurück, liebte ihn immer noch und drohte mit Selbstmord. Ich musste vermitteln. Ich sagte: ‹Entweder darf sie ihn heiraten oder sie bringt sich um, versteht das endlich.› Da durften sie heiraten. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, die standesgemäss heirateten, ist sie als einzige noch nicht geschieden.»
Es war ein surrealer Traum aus Klassenbewusstsein, Blümchentapeten und hässlichen, aber kostbaren Dekorgeschwüren aus Jade.
Als ich vor ein paar Jahren nach London flog, wollte ich das alte Haus noch einmal besuchen. Mit seinen Bewohnern von damals rechnete ich nicht mehr, es war zu lange her. Google Earth zeigte mir statt Courtenay House eine brutal klaffende Baugrube.
Weitere Informationen und Angebote für Leute die Au Pair werden oder eins anstellen wollen, gibt es bei der Organisation Pro Filia.