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Larviert heisst unerkannt, maskiert oder versteckt. Wenn man in der Umgangssprache sagt die Beschwerden seien „psychosomatisch“ oder „funktionell“, ist das oft ein Ausdruck von Ratlosigkeit. Diese Verlegenheitsdiagnosen in der klassischen Medizin erhält man oft, weil die eigentliche Ursache tatsächlich lange verkannt bleibt. Selbst wenn man durch Labore und apparative Diagnostik bereits viele teure Untersuchungen hat ausführen lassen, bleiben die körperärztlichen Aussagen vage und die Beschwerden meist hartnäckig bestehen.
Auf physiologischer Ebene ist durch die neuere Neurowissenschaft erwiesen, dass seelische Belastungen dieselbe Hirnregion aktivieren wie physischer Schmerz. Entsprechend erleben Betroffene auch wahrnehmbare körperliche Beschwerden. Bei manchen Menschen zeigt sich zum Beispiel ein Stimmungstief nicht zwangsläufig in einem emotionalen Ausdruck wie Traurigkeit oder Aggression, sondern über eine Vielzahl körperlicher Symptome. Menschen, die in dieser Hinsicht belastet sind klagen über:
- Anfälligkeit gegenüber Infektionserkrankungen („schnell erkältet sein“), überdurchschnittlich häufige Fehltage in Arbeit und Schule
- Verdauungsbeschwerden: Blähungen, Wechsel von Durchfall und Verstopfung (häufig auch als „Reizdarmsyndrom“ klassifiziert), unerklärliche Magenschmerzen
- Witterungsanfälligkeit („föhnfühlig sein“), häufige Neben- und Stirnhöhleninfektionen, Rachen- und Rachenmandelentzündungen
- Stimmungseinbruch bei feuchtkühlem Wetter mit „Ganzkörperschmerzen“
- Schmerzen des Rückens, der Extremitäten und häufige Gelenk- und Wirbelblockaden, Irritationen und Entzündungen von spinalen Nervenwurzeln
- Verstärkung von Schmerzen nachweisbarer Ursache (z.B. Arthrose, Rheuma, Unfälle oder Operationen, Morbus Sudeck)
- Nacken- und Schulterschmerzen bis hin zur Muskelentzündung, Nackensteifigkeit und ausstrahlenden Schmerzen in die Arme
- Kopfschmerzen, insbesondere Spannungs- und Clusterkopfschmerzen, die Migraine-ähnliche Stärke erreichen und mit Übelkeit einhergehen
- Sehstörungen: Flimmern, Unschärfe, unnatürliche Lichtempfindungen (Photophobie), teilweise Ausfälle des Gesichtsfeldes
- Bewegungseinschränkung ganzer Körperteile (dissoziative Bewegungsstörung)
- Veränderte Essgewohnheiten: Hungerattacken oder komplette Einschränkung der Nahrungsaufnahme, „Frustspeck“, „Stressfett“ und „Depri-Fasten“
- Sodbrennen und häufiges Aufstossen (auch nicht unmittelbar nach dem Essen) bis hin zur Kehlkopfentzündung und Reizhusten
- Magenschleimhautentzündung (Gastritis), welche sich über viele Wochen hinzieht und internistisch als „chronisch“ und „medikamentenpflichtig“ bezeichnet wird
- Brustbeklemmungen auch mit Ausstrahlung in die Arme, Kribbeln und Schmerzen der Rippen und des Oberbauches, „Druck im Brustkorb“
- Atemstörungen: subjektive Luftnot (ohne nachweisbaren Sauerstoffmangel), seltsame Fremdkörpergefühle der Atemwege (z.B. Globusgefühl)
- Sexuelle Lustlosigkeit, Frigidität, Erektionsstörungen, unerwartete plötzliche Ablehnung des Partners ganz oder nur physisch
- Schlafstörungen: jegliche Kombination von Einschlaf- und Durchschlafstörungen, schlechte Schlafqualität (schlafen können, aber erschöpft aufwachen), zu viel schlafen und trotzdem müde sein
- Allgemeine Antriebsschwäche, schnelle Erschöpfbarkeit, kein Interesse an Sport oder aktiver Freizeitgestaltung („Früher hatte ich mehr Energie“)
- Schwindelanfälle, Übelkeit, Verlust von körperlicher Balance oder Koordinationsprobleme der Arme und Beine, häufige kleinere und mittlere Unfälle und Stürze
- Konzentrationsprobleme: einfache Tätigkeiten über längere Zeiträume nicht mehr ausführen wollen, da sie unmachbar erscheinen
- Ängste vor körperlicher Erkrankung und übermässige Symptomaufmerksamkeit: Angst davor an jeglicher Erkrankung leiden zu können (auch bezeichnet als „Hypochondrie“)
- Herzbeschwerden: hoher Puls, Herzstechen, stark spürbare Palpitationen („das Herz springt mir aus der Brust“) schnelle Erschöpfung, zu niedriger oder zu hoher Blutdruck – kardiologische Untersuchungen, häufig in der Notfallstation eines Akutspitals schliessen eine aktive kardiale Pathologie aus und vergeben die Diagnose „funktionelle Herzbeschwerden“ mit dem Hinweis ggf. einen Psychologen auszusuchen.
Jegliche Kombination der o.g. Symptome betrifft überdurchschnittlich häufig jüngere Menschen (auch Kinder) und führt die so Leidenden zu der Einschätzung „gesundheitlich nicht stabil“ zu sein. Viele ergebnislose fachärztliche Untersuchungen folgen aus dem oft erheblichen Leidensdruck und können die Symptomatik durch Fixierung auf ein (ausbleibendes) Ergebnis sogar noch deutlich verstärken.
Meistens haben diese Symptome kein konkretes Auslöseereignis. Das führt erneut zu Ratlosigkeit, da in der klassischen Medizin kein kausaler Zusammenhang mit Krankheitserregern oder messbaren Ursachen identifizierbar ist (keine sog. validierbaren somatischen Befunde).
Verstärkt wird diese Hilflosigkeit dadurch, dass viele dieser Symptome parallel auftreten können, häufig wechseln und sich zu verschiedenen Zeiten und Umständen schwächer und unerwartet mit extremer Stärke entwickeln können. Ein besonderes Merkmal ist daher die Inkonsistenz der Beschwerden: Man hat „gute und schlechte Tage“, und fürchtet darum unbewusst die Tage mit extremen Witterungsbedingungen, hoher Verausgabung in der Arbeit oder Feiertage im Kreise der Familie. Im Laufe längerer Zeiträume erlernt der Betroffene den mehr oder weniger wirksamen Umgang damit. Am meisten aber führt es zu Vermeidungsverhalten und zu schleichender Einschränkung der Lebensqualität, oft über Jahrzehnte („Früher war ich gesünder“).
Die Mitmenschen reagieren oft mit Unverständnis und versuchen die Klagen der Betroffenen zu banalisieren. Die Umwelt reagiert darauf schnell mit Etikettierungen wie „Sensibelchen“, „Hypochonder“, „nicht richtig krank“ und im schlechtesten Falle mit der Bezeichnung „Simulant“.
Die hinzugezogenen Ärzte verschiedenster spezialisierter Fachrichtungen bieten symptomlindernde Therapien und Medikamente an. In vielen Fällen hören die Leidenden dann: „Sie haben doch nichts Ernsthaftes, versuchen Sie sich zu entspannen, bauen Sie Stress ab, machen Sie mal Ferien, betonen Sie die schönen Seiten Ihres Lebens…“ etc. Wenn dieser Rat befolgt wird, kann das in der Tat wirksam sein. Ein grosser Teil der Wellness-Welle der letzten Jahre erklärt sich aus dieser „Entschleunigungstaktik“ beim Umgang mit Depressionen. Diese Taktik ist allein aber nicht nachhaltig und nach häufiger Anwendung bald wirkungslos. Spätestens zwei Wochen nach Rückkehr aus dem Wellness- oder Fernurlaub ist es wie vorher. Häufig sogar schlimmer, was das Vorliegen einer chronischen larvierten Depression geradezu beweist.
Dahinter stecken letztlich die klar umrissenen Diagnosen:
- Klassische depressive Episode mit somatischem Syndrom
- Depression oder Depressivität mit Burnout-Syndrom
- Somatisierungsstörung
- Somatoforme Störung
Die fachtherapeutische Differenzierung und Diagnose ist daher essentiell. Der Kern einer Behandlung solcher Beschwerden ist die tiefe und langfristige Auseinandersetzung mit den Fragen:
- Was drückt sich dadurch (symbolisch) aus?
- Was ist so tief unbewusst, dass es auf diese Weise das Leben beeinträchtigt?
- Was kann oder darf nicht gelebt werden?
- Was kann so nicht weitergehen und duldet keinen Aufschub bei der Veränderung?
- Welche persönliche Entwicklung habe ich seit Jahren vermieden?
- Wovor trage ich Angst in mir?
- Warum kann ich es nicht anders (als depressiv) verarbeiten?
Es geht auch darum anzuerkennen, dass eine wechselnde (latent subakut chronische) Depressivität schon seit Jahren besteht und mit verschiedenen kreativen Mitteln eigenstabilisiert wurde. In der Krankengeschichte finden sich fast immer kürzere depressive Einbrüche („Nervenzusammenbrüche“), länger anhaltende Krisen oder echte depressive Episoden bereits in der Kindheit über Jahre und Jahrzehnte hinweg, die man scheinbar „gut überstanden“ hat, da man ja „psychisch stark“ sei.
Es findet sich in der Leidensgeschichte auch überdurchschnittlich oft der zunehmende Konsum von Suchtmitteln mit dem Ziel der Symptomlinderung durch Eigenmedikation durch z.B. Alkohol oder Cannabis. Therapeutisch muss daher ein tiefliegender Konflikt erkannt werden, der sich mit Hilfe der Symptome jetzt zunehmend sichtbar ausdrückt und nicht mehr ignoriert werden sollte.
Therapie der Wahl ist die intensive hochfrequente Psychotherapie, insbesondere die Kombination von tiefenpsychologischer, psychodynamischer Therapie (sog. aufdeckende Verfahren) und Verhaltenstherapie. Es gilt individuell sehr genau abzuwägen, ob der Einsatz von Medikamenten sinnvoll ist. Ein Grossteil der Betroffenen benötigt keine Medikamente oder nur über einen kurzen Zeitraum in der Anfangsphase einer Therapie. Bei fortgeschrittener Behandlung haben sich Zyklen von 8-12 Sitzungen in Hypnose und spezielle schlafhygienische Massnahmen als verlässlich und erfolgreich erwiesen.
Die Prognose zur nachhaltigen Verbesserung der Beschwerden ist gut bis sehr gut. Die Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, die dahinter liegenden Themen therapeutisch gründlich und über einen längeren Zeitraum aufzuarbeiten.