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BEKENNTNISSE
Man kann in ihm mühelos eine der herausragenden Lichtgestalten der englischen Musikgeschichte seit Henry Purcell erblicken: Benjamin Brittens Œuvre steht für eine besondere Form stilistischer Individualität und bewegt sich fernab von den Dogmen, die zu seinen Lebzeiten auf dem Kontinent en vogue waren. Berühmt war und ist der englische Meister dabei vor allem für seine Opern und Orchesterwerke, ein Umstand, der leicht übersehen lässt, dass gerade sein Kammermusikschaffen viele bedeutende Werke enthält – darunter auch drei Streichquartette.
Sein erstes Streichquartett vollendete Britten 1941. Es beginnt mit der Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Passagen – die erste in hoher Lage mit gebrochenen Dreiklängen des Violoncellos, die zweite rhythmisch pointiert. Abwechselnd werden diese beiden Klangwelten anschliessend aneinandergereiht. Der zweite Satz setzt dieses Spiel mit divergierenden Charakteren fort. In beiden Sätzen kommt es am Ende zu einer Annäherung der Gegensätze.
Mehrere Krankenhausaufenthalte und ein sich stetig verschlechternder Gesundheitszustand überschatteten die letzten Lebensjahre Dmitrij Schostakowitschs. Im Frühjahr 1973 mobilisierte der Komponist noch einmal seine Kräfte und komponierte in Repino, unweit von Leningrad, sein 14. Streichquartett. Gewidmet ist es dem Cellisten des Beethoven-Quartetts Sergej Schirinski. Diese Widmung schlägt sich musikalisch in einem exponierten Cello-Part wieder.
Gleich zu Beginn intoniert das Cello ein tänzerisches Hauptthema über den liegenden Tönen der Bratsche. Aus ihm entwickelt sich eine sonatensatzähnliche Form. In der Reprise treten Solo-Kadenzen des Cellos hinzu – ein konzertant wirkendes, in diesem Kontext überraschendes Element. Wie eine unendliche Melodie hebt das Adagio mit einem Zwiegesang von Violoncello und erster Violine an. Erst spät treten die Mittelstimmen als harmonisches Fundament hinzu. Der dritte und letzte Satz beginnt attacca mit einem munteren Kehraus, doch dann folgen Adagio-Einschübe, ein kurzer Marsch und Rückbezüge zum ersten und zweiten Satz. Das Quartett verklingt mit leisen, lichten Klängen.
Er habe bereits «mehr als 20 Streichquartette» komponiert, behauptet Johannes Brahms schon in jungen Jahren – Legende, Übertreibung, Scherz? Das lässt sich nicht mehr feststellen. Tatsache ist jedoch, dass keiner dieser vielen Frühversuche jemals das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat. Erst mit seinem Opus 51 tritt der Komponist 1873 als Schöpfer zweier Streichquartette in Erscheinung.
Dass sich Brahms der kompositorischen Königsdisziplin des Quartetts so zögerlich näherte, hat mit seiner tiefen (Ehr)furcht vor dem «Riesen Beethoven» und dessen späten Quartetten zu tun. Wie sehr Beethoven Bezugs- und Angelpunkt dieser Werke ist, zeigt sich gleich im Kopfsatz des ersten Quartetts: Nach Beethoven’schem Vorbild werden zwei Themen exponiert, deren gegensätzlicher Charakter bestimmend für die Entwicklung des Satzes wird. Das Andante ist liedhaft in den Rahmenteilen und ‹ungaresk› im Mittelteil (Brahms zitiert hier sogar seinen zweiten Ungarischen Tanz). Auch der dritte Satz trägt slawische Züge. Höhepunkt des Quartettes ist das Finale, das mit kontrapunktischen Passagen aufwartet und dem Werk zu einem überaus erhabenen Abschluss verhilft.
Christian Müller
Konzertprogramm
Benjamin Britten 1913 – 1976
Streichquartett Nr. 1 D-Dur op. 25 (1941) (26’)
Dmitrij Schostakowitsch 1906 – 1975
Streichquartett Nr. 14 Fis-Dur op. 142 (1973) (25’)
Johannes Brahms 1833 – 1897
Streichquartett c-Moll op. 51/1 (1869 – 1873) (33’)
BELCEA QUARTET
Corina Belcea & Axel Schacher Violine
Krzysztof Chorzelski Viola
Antoine Lederlin Violoncello
«Was der vorherrschende Impuls zu sein scheint und was diese Musik antreibt, ist die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit sowie das unstillbare Verlangen, seine eigenen Grenzen zu erweitern und dabei die Wahrheit über sich selbst zu erfahren»: Was das Belcea Quartet im Vorwort zu seiner Gesamtaufnahme der Beethoven-Streichquartette schreibt, gilt für sein gesamtes künstlerisches Wirken. Kein geographischer Ort und kein Repertoire kann sie einschränken. 1994 am Londoner Royal College of Music gegründet, drängt sich eine Verortung nach Grossbritannien auf. Mit der rumänischen Violinistin Corina Belcea und dem polnischen Bratschisten Krzysztof Chorzelski bringen jedoch gleich zwei Gründungsmitglieder eine andere künstlerische Herkunft in das Ensemble ein. Wichtige Impulse bekamen sie zudem von ihren Mentoren, Mitgliedern des Alban Berg und des Amadeus Quartetts. Dieses Spektrum wird durch die französischen Musiker Axel Schacher (Violine) und Antoine Lederlin (Violoncello) erweitert.