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“Vitória-régia“, eine Pflanze von außerordentlicher Schönheit, wohlriechend und von Dimensionen, die man im gesamten Pflanzenreich noch nie gesehen hat!“
Angesichts solcher Schlagzeilen und Schwärmereien, die im Herbst 1837 in London die Runde machten, kann man das Aufsehen, das die riesige Seerose erregte, die in jenem Jahr in der abgelegenen südamerikanischen Kolonie Britisch-Guayana gefunden und zu Ehren der frisch gekrönten Königin des Kaiserreichs “Vitória-régia“ genannt wurde, kaum überschätzen.
Innerhalb weniger Tage nach der Vorstellung Victorias bei den Mitgliedern einer kleinen botanischen Gesellschaft erschienen in den führenden Fachzeitschriften erste Berichte über die Pflanze. Innerhalb weniger Wochen griffen angesehene Zeitschriften die Geschichte auf und verbreiteten die Nachricht. Und innerhalb weniger Monate wunderte sich die Presse selbst über das „große Interesse“, das die Berichte über die Seerose hervorriefen – und wiederholte diese Berichte dann noch einmal, damit „eine Pflanze von solcher Pracht allgemein bekannt wird“. Kein Zweifel, “Vitória-régia“ war eine Berühmtheit geworden.
Die Pflanze, die in den unzugänglichen, von Jacares (Brillenkaimane) bevölkerten Sümpfen des riesigen, unerforschten Amazonasbeckens üppig wuchs, war bisher nur von ein paar europäischen Forschern gesichtet worden, bevor Robert Schomburgk bei dem Versuch, die “terra incognita“ für die Royal Geographic Society zu kartieren, auf sie stieß. Da sein Augenzeugenbericht immer wieder nacherzählt wurde, lohnt es sich, ihn hier noch einmal wiederzugeben:
“Es war am 1. Januar des Jahres 1837, als wir, während wir mit den Schwierigkeiten kämpften, die die Natur in verschiedenen Formen in unser Vorankommen auf dem Fluss Berbice einfügte, an einen Punkt kamen, wo der Fluss sich erweiterte und ein strömungsloses Becken bildete; irgendein Objekt am südlichen Ende dieses Beckens zog meine Aufmerksamkeit auf sich; es war unmöglich, sich eine Vorstellung davon zu machen, was es sein könnte, und die Mannschaft animierend, die Geschwindigkeit ihres Paddelns zu erhöhen, waren wir kurz darauf gegenüber dem Objekt, das meine Neugierde geweckt hatte – ein pflanzliches Wunder!
Alle Kalamitäten waren vergessen: Ich fühlte mich wie ein Botaniker, und ich fühlte mich belohnt. Ein riesiges Blatt von fünf bis sechs Fuss Durchmesser (ein Fuss entspricht 30.48 cm), säbelförmig, mit einem breiten hellgrünen Rand auf der Oberseite und einem leuchtenden Karminrot auf der Unterseite, ruhte auf dem Wasser; ganz im Einklang mit dem wunderbaren Blatt war die üppige Blüte, die aus vielen hundert Blütenblättern bestand, die abwechselnd von reinem Weiß zu Rosa und Pink übergingen. Das glatte Wasser war mit ihnen bedeckt; ich ruderte von einem zum anderen und entdeckte immer etwas Neues, das ich bewundern konnte“.
Auch Charles Darwin war überwältigt. Als er zum ersten Mal die üppige Vegetation Brasiliens sah, schrieb er, dass „man beim Anblick solcher Szenen die Unmöglichkeit spürt, dass irgendeine Beschreibung auch nur annähernd zutreffend sein könnte, geschweige denn, dass sie überzogen wäre.“ Und als ein Pflanzensammler namens Robert Spruce über ein Jahrzehnt nach Schomburgks Begegnung auf das „Pflanzenwunder“ stieß, war auch er beeindruckt: „Der Anblick der Vitória-régia in ihren heimischen Gewässern ist so neu und außergewöhnlich“, sagte er, „dass ich nicht weiß, womit ich ihn vergleichen soll.“
Beschreibung
Die “ Vitória-régia“ – inzwischen ihrer Herkunft nach als “Victoria amazonica“ bezeichnet – ist eine Wasserpflanze aus der Familie der Nymphaeaceae, die typisch für das Amazonasgebiet ist, die größte Seerosenart der Welt darstellt, endemisch in Südamerika. Eine einzelne Pflanze kann in einer einzigen Saison bis zu 50 Blätter hervorbringen, deren ungewöhnliche Beschaffenheit sie als Zierpflanze so bekannt und beliebt gemacht haben.
Die riesigen, kreisförmigen Blätter ragen anfangs als stachelige, kopfgroße Knospen aus der Wasseroberfläche, und nach dem Öffnen entwickeln sich die kreisrunden Blätter mit einer Geschwindigkeit von einem halben Quadratmeter pro Tag, bis sie schließlich einen Durchmesser von mehr als 2,5 Metern erreichen. Jedes Blatt ist durch einen langen unter Wasser wurzelnden Stängel verankert. Die Blätter sind mit einem Durchmesser bis zu 2,5 Metern vergleichsweise riesig. Ihre Breite wird durchzogen von dünnen, dem Wasserabfluß dienenden Kanälen (Stomatoden). Aufgrund der kräftigen, luftgefüllten Blattnerven erreichen manche Blätter eine Tragkraft bis 75 kg. Weitere ungewöhnliche Eigenschaften machen sie einzigartig in der Pflanzenwelt.
Ihre kreisrunde, von einer wasserabweisenden Wachsschicht bedeckte grüne Oberfläche, wird von einem nach oben gewölbten Rand begrenzt, während die Unterseite des Blattes purpurrot gefärbt ist und von flächenverstärkenden “Rippen“ gestützt wird, die mit scharfen Stacheln besetzt sind – wahrscheinlich, um von Fischen nicht angeknabbert zu werden. Durch die in den Zwischenräumen der Rippen eingeschlossene Luft schwimmt das Blatt auf der Wasseroberfläche und vermag sogar relativ schwere Gegenstände zu tragen – ein ausgewachsenes Blatt kann das Gewicht eines Kindes (bis 45kg) tragen.
Das Schönste ist allerdings die wundervolle Blüte der Victoria amazonica – jeweils nur eine einzige pro Pflanze. Wenn die Blüte sich zum ersten Mal öffnet – groß wie ein Fußball und nach Sonnenuntergang zum Einbruch der Nacht – ist die Blüte schneeweiß und duftet wie eine süße Ananasfrucht, während in ihrem Innern eine thermochemische Reaktion stattfindet, die Wärme freisetzt.
Dieser süße Duft und die Wärme locken Käfer an, welche mit Pollen von anderen Pflanzen behaftet, diesen an der Narbe der Seerosenblüte abstreifen – sie wird befruchtet und schließt sich – und die Käfer sind bis zum nächsten Abend eingeschlossen. Wenn sie sich dann noch einmal öffnet, haben ihre Blütenblätter eine rosa-violette Färbung angenommen – die Käfer haben ihre Freiheit wieder – und die Blüte stirbt ab und versinkt im Wasser.
Die Bestäuber
Die Käfer Cyclocephala castanea und der eng verwandte Cyclocephala hardyi haben sich gemeinsam mit der Riesenseerose Victoria amazonica entwickelt, die in flachen Gewässern des Amazonasbeckens vorkommt. Die Blüten sind nachtaktiv und schwimmen auf der Wasseroberfläche. Sie sind cremeweiß und duften stark, wenn sie sich zum ersten Mal öffnen. Die Käfer werden von den Blüten angezogen, die eine hohe Temperatur aufweisen, die bis zu 10 °C wärmer ist als die Umgebung, und die stärkehaltigen Anhängsel, die so genannten “Parakarpelle“, enthalten. Am Ende der Nacht schließen sich die Blüten und die Käfer bleiben in den Blütenblättern gefangen.
Wenn sich die Blüten in der nächsten Nacht wieder öffnen, sind sie rosarot oder violett, und nicht mehr wärmer als ihre Umgebung, der Duft ist verflogen und die Narben sind nicht mehr empfänglich. Die Staubgefäße sind jedoch mit Pollen beladen, und die mit Pollen gut bestäubten Käfer fliegen los, um andere, weiße Blüten zu finden, die noch unbefruchtet sind, und die sie bestäuben werden. Die Pflanze profitiert von dieser Anordnung, da sie Selbstbefruchtung vermeidet und jede Pflanze jeden zweiten Abend eine neue Blüte entfaltet. Auch die Käfer profitieren davon: Sie haben Zeit, sich an den spezialisierten Nahrungsgeweben zu laben, welche die Pflanze für sie bereitstellt, und viel Zeit, um sich in unmittelbarer Nähe zueinander zu paaren.
Gefährdung der Art
Es wird nirgendwo erwähnt, dass die Victoria amazonica eine gefährdete Art ist. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine häufige Art handelt. Auch diese Riesenseerosen wurden aus ihren natürlichen Lebensräumen in Labors in England gebracht, wo Forscher versuchen, mehr über diese besondere Art herauszufinden, und versuchen, diese Seerosen zu kreuzen.
Kuriositäten
Die Riesenseerose “Victoria Longwood Hybrid“, die man 1995 im “Princess of Wales Conservatory“ gezüchtet hat, erhielt einen Guinness-Weltrekord, als ihre Blätter die damals rekordverdächtige Größe von 2,5 m im Durchmesser erreichten.
Eine der Riesenseerosen von “Kew Gardens (London)“ wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts an den Architekten Joseph Paxton geschickt. Ihre Blätter sollen ihn zu seinem Entwurf für den “Crystal Palace“ inspiriert haben, der für die Weltausstellung 1851 gebaut wurde.
Die Blätter der Riesenseerose haben einen unglaublichen Auftrieb. Die Luft, die in den Zwischenräumen zwischen den Rippen auf der Unterseite der Blätter eingeschlossen ist, ermöglicht es ihnen zu “schweben“
Die Riesenseerose erhielt den lateinischen Name “Victoria amazonica“ zu Ehren von Königin Victoria. Die Riesenseerose repräsentiert als “Vitória-régia“ das Wappen des südamerikanischen Staates Guyana.
Die Legende von der Vitória-régia
Zur Kultur der brasilianischen Indios gehören auch viele Legenden aus ihrer Vergangenheit, die ihnen mündlich von ihren Schamanen überliefert wurden – die meisten erzählen von Gottheiten und Geistern, von Naturphänomenen und den Heldentaten ihrer Ahnen – hier ist eine, die vom Stamm der “Tupi-Guarani“ stammt:
Vor vielen, vielen Jahren, wenn der Vollmond in all seiner Pracht am Himmel erschien und ein kleines brasilianisches Dorf im Amazonasgebiet beleuchtete, löste sein volles Licht stets
eine große Unruhe unter den Müttern des Stammes aus, die ein oder mehrere kleine Töchter hatten, denn es war allgemein bekannt, dass die Göttin “Jaci“ – so nannten sie den Mond, denn nach ihrem Glauben war er von weiblicher Natur – stets das eine oder andere Mädchen seiner/ihrer Wahl mit sich nahm, bevor er/sie wieder hinter den Bergen versank, um sie dann in Sterne zu verwandeln.
So kam es, dass ein Mädchen mit Namen “Naiá“ anfing, von dieser Begegnung mit der Mondgöttin Jaci zu träumen, und ihre Augen leuchteten, wenn sie an den großen Tag dachte, an dem ihr Traum in Erfüllung gehen würde. Ihre Mutter sprach mit Tränen in den Augen auf sie ein, dass sie sich diese Idee aus dem Kopf schlagen solle – “es gibt dann kein Zurück, Naiá“ – und auch der weise Schamane des Dörfchens machte mehrere Versuche, Naiá ihr Vorhaben auszureden – “Du wirst es bereuen, Deine Eltern nie mehr wiederzusehen“!
Der Schamane war ein allseits sehr geachteter Mann, und niemand hatte es je gewagt, ihm zu widersprechen. Das tat auch Naiá nicht, aber sie stahl sich davon und spürte, dass niemand sie überzeugen konnte – sie wollte der Mondgöttin begegnen, in einen Stern verwandelt werden, um an ihrer Seite zu leuchten.
In klaren Nächten im Wald, oder wenn nur ein kleines Stück des Mondes am Himmel stand, rannte Naiá träumend hinter ihm her und bettelte um Jacis Berührung, aber sie erreichte sie nie. Naiá kletterte auf die höchsten Äste der Bäume und übernachtete auf den Gipfeln der stillen Hügel, in der Hoffnung, auf die Einladung der Göttin, zu ihr in den Himmel aufzusteigen. Doch Jaci verschwand schweigend hinter den Wolken, in der Unendlichkeit des Himmels, um später wieder aufzutauchen, schön, rund und leuchtend.
Eines Nachts, als Naiá nach einem langen Spaziergang eine Pause einlegte, um sich auszuruhen, setzte sie sich an den Rand eines Sees. Dann sah sie das Bild der Göttin auf der Oberfläche. Der Mond war zum Greifen nah und spiegelte sich im Wasser. Naiá dachte, die Mondgöttin sei zum Baden heruntergekommen – sie sprang und tauchte tief hinunter, um sie zu treffen – und ertrank.
Jaci war gerührt von dem Opfer des schönen jungen Mädchens und beschloss, sie zu belohnen und in einen Stern zu verwandeln – aber einen ganz besonderen Stern, schöner als alle anderen, die am Himmel leuchteten. Und so geschah es, dass Naiá als “Stern des Wassers“ in der immergrünen Wildnis Amazoniens aufging – die von den Weißen “Victoria regia“ genannt wird, und bei den Tupi-Guarani “Mumuru“ heißt.
Und Mumuru öffnet ihre duftenden weißen Blüten nur nachts – eine Hommage an die Mondgöttin Jaci, davon sind die Tupi-Indios überzeugt – und ihre Blüten färben sich bei Sonnenaufgang rosarot, wie das Gesicht ihrer unvergessenen Naiá.