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Afrikanischer Wildesel
Equus africanus
© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Stammvater des Hausesels
Die Familie der Pferde (Equidae) umfasst lediglich sieben verschiedene Arten: neben dem Urwildpferd (Equus ferus)
sind dies zum einen drei Eselarten, nämlich der Afrikanische Wildesel (Equus africanus)
, der Asiatische Wildesel (Equus hemionus)
und der Tibet-Wildesel oder Kiang (Equus kiang)
, zum anderen drei Zebra-Arten, nämlich das Steppenzebra (Equus burchelli)
, das Bergzebra (Equus zebra)
und das Grevy-Zebra (Equus grevyi)
. Die Pferdefamilie bildet damit eine der kleinsten Familien von Grosssäugetieren.
Ihrer Artenarmut zum Trotz hat die Pferdefamilie die Geschichte der Menschheit wohl stärker beeinflusst als jede andere Tierfamilie, stammen doch von ihr zwei unserer wichtigsten Nutztiere: das Hauspferd (Equus ferus caballus)
und der Hausesel (Equus africanus asinus)
. Zwar ist die Bedeutung dieser beiden Nutztiere im Laufe des 20. Jahrhunderts erheblich zurückgegangen - besonders in den westlichen Industrienationen mit ihrem hohen Grad an Mechanisierung und Automatisierung in sämtlichen Lebensbereichen. Aber noch immer sind sie überaus weitverbreitete und häufige Tiere, denen man praktisch überall begegnet, wo der Mensch sich niedergelassen hat.
Von den wildlebenden «Stammeltern», aus denen Hauspferd und Hausesel einst hervorgegangen sind, kann man dies leider nicht behaupten. Im Gegenteil: Von all den verschiedenen Urwildpferde-Rassen, welche noch vor 10 000 Jahren über die ganze nördliche Erdhalbkugel verbreitet gewesen waren (und denen wir unsere vielfältigen Hauspferde-Rassen zu verdanken haben), ist lediglich das Przewalski-Pferd (Equus ferus przewalskii)
übriggeblieben, dessen Heimat die riesigen Steppen und Halbwüsten östlich des Urals sind. Oder vielmehr «waren», denn freilebende Exemplare dieses Urwildpferds sah man letztmals vor 25 Jahren in der Mongolei, in abgelegenen Bereichen der Wüste Gobi, so dass man leider annehmen muss, dass es in freier Wildbahn ausgestorben ist. Glücklicherweise überlebten aber ein paar Przewalski-Pferde in verschiedenen Zoologischen Gärten der Welt. Um sie vor dem Aussterben zu retten, stellte man geeignete Zuchtgruppen zusammen und begann, ein internationales Zuchtbuch zu führen. So konnte der Gesamtbestand dieser seltenen Pferde in den letzten Jahrzehnten wieder auf nahezu 1000 Tiere angehoben werden. Dieser beachtliche Erfolg hat inzwischen dazu ermutigt, ein Wiederausbürgerungs-Programm in der Mongolei an die Hand zu nehmen.
Das Schicksal des Afrikanischen Wildesels, dem wir alle unsere verschiedenen Hauseselrassen zu verdanken haben, ist kaum besser: Er gehört heute zu den am stärksten von der Ausrottung bedrohten Grosssäugern der Erde. Nur noch in Äthiopien, Eritrea, Somalia und im Sudan leben weit verstreut einige winzige Restbestände des Somali-Wildesels (Equus africanus somalicus)
. Die beiden anderen Unterarten des Afrikanischen Wildesels, der Nubische Wildesel (Equus africanus africanus)
und der Atlas-Wildesel (Equus africanus atlanticus)
, gelten gar als ausgestorben.
Glücklicherweise gibt es gegenwärtig über hundert reinblütige Afrikanische Wildesel - auf mehrere Zuchtgruppen verteilt - in Zoologischen Gärten Europas und Amerikas. Sie stammen von zwei Fangunternehmen 1969 in Somalia und 1972 in Äthiopien. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatten sie sich in ihrer neuen Umgebung gut eingewöhnt und vermehren sich inzwischen regelmässig. So kann man heute hoffen, dass der Afrikanische Wildesel zumindest in Gefangenschaft vor dem Aussterben bewahrt werden kann.
Das kleinste Mitglied der Pferdefamilie
Mit einer Kopfrumpflänge von etwa 200 Zentimetern, einer Schulterhöhe von gewöhnlich 115 bis 135 Zentimetern und einem Gewicht von etwas über 200 Kilogramm ist der Afrikanische Wildesel das kleinste Mitglied der Pferdefamilie. Das Fell ist kurz und glatt und hat gewöhnlich eine beigebraune bis hellgraue Grundfärbung. Die Fellzeichnung ist nicht sonderlich ausgeprägt und zudem recht variabel: Lippen, Ohrenden, Mähne und Schwanzquaste sind im allgemeinen schwarz, und entlang der Rückenmitte zieht sich gewöhnlich ein schmaler, schwarzer «Aalstrich». Der Somali-Wildesel weist ausserdem kräftige schwarze Querstreifen an allen vier Gliedmassen auf, während der mittlerweile ausgestorbene Nubische Wildesel in der Schultergegend einen zusätzlichen schwarzen Querstrich besass, welcher mit dem Aalstrich ein sogenanntes «Schulterkreuz» bildete.
In vorgeschichtlicher Zeit war der Afrikanische Wildesel über das ganze nördliche Afrika verbreitet gewesen, vom Atlasgebirge in Marokko ostwärts bis zum «Horn von Afrika» in Somalia. Heute gilt die Art westlich des Nils als ausgestorben. Mit Gewissheit ist dies allerdings schwer festzustellen. Denn überall im einstigen Verbreitungsgebiet des Afrikanischen Wildesels gibt es heute verwilderte Hausesel, und diese sehen den echten Wildeseln häufig zum Verwechseln ähnlich. Einige Fachleute sind zwar der Ansicht, dass zwischen wilden und domestizierten Eseln stets bestimmte Unterschiede bezüglich Schädelform und Zeichnung bestehen, anhand derer sich die «echten» und die «falschen» Wildesel auseinanderhalten lassen. Die meisten Experten bezweifeln dies jedoch: Sie sind der Meinung, dass sich wilde und domestizierte Esel beim besten Willen nicht in allen Fällen eindeutig voneinander unterscheiden lassen.
So kommt es, dass heute mitten in der Sahara, beim Tibesti-Gebirge im nördlichen Tschad wie auch im Hoggar-Massiv im südlichen Algerien, vereinzelte kleine Herden wilder Esel leben, deren Status ungeklärt ist. Sie könnten unter Umständen die Nachkommen der letzten überlebenden Atlas-Wildesel sein. Möglich wäre auch, dass sich verwilderte Hausesel mit den letzten Atlas-Wildeseln vermischten und dass aus diesen Kreuzungen die besagten Tiere hervorgingen. Im allgemeinen gelten sie jedoch als Abkömmlinge entlaufener Hausesel, da man vorher nie Wildesel-Herden in jenen Gegenden gesehen hatte.
In den vergangenen zwanzig Jahren sind Herden wildlebender Esel nur noch im Bereich des Horns von Afrika gesichtet worden - in einem Gebiet, das sich vom östlichsten Zipfel des Sudans südwärts durch Eritrea bis zur Danakil-Senke im nördlichen Äthiopien und von da ostwärts durch Dschibuti bis zum Nogal-Tal im östlichen Somalia erstreckt. Die meisten dieser weitversprengten Herden wurden im Rahmen von Wildtierzählungen aus der Luft entdeckt und konnten deshalb nicht genauer identifiziert werden. Es ist aus diesem Grund nicht geklärt, ob es sich in allen Fällen um reinblütige Afrikanische Wildesel handelte oder ob teils auch verwilderte Hausesel darunter waren. In Fachkreisen wird aber angenommen, dass die Mehrzahl der entdeckten Tiere echte Wildesel waren.
Hinsichtlich der Grösse dieser Restpopulation besteht ähnliche Unwissenheit: Die Bestandsschätzungen der Wissenschaftler reichen von «ein paar hundert» bis zu «ein paar tausend» Tieren. Mehr sind es allerdings bestimmt nicht.
Mit dürrem Gras zufrieden
Die letzten überlebenden Afrikanischen Wildesel bewohnen mehrheitlich trockene bis dürre Landstriche und halten sich vorwiegend in unwegsamem Gelände auf - in hügeligen bis bergigen, mit Geröll und Felsblöcken durchsetzten und nur spärlich mit niedrigwüchsigen Pflanzen bewachsenen Gegenden. Dank ihrer aussergewöhnlich harten Hufe vermögen sie sich in diesen öden und «zerrissenen» Landschaften schnell und sicher fortzubewegen, während es selbst für geländegängige Autos abseits der Pisten kein Fortkommen gibt. In ihren letzten Rückzugsgebieten sind die Afrikanischen Wildesel deshalb vor der Verfolgung durch den Menschen einigermassen sicher.
Zur Hauptsache ernähren sich die Afrikanischen Wildesel von Gräsern und Kräutern, nehmen aber manchmal auch Blätter von Büschen zu sich. Wie die Zebras (und bekanntlich auch der Hausesel) erweisen sie sich als überaus gute Futterverwerter. Selbst in Dürreperioden, wenn es praktisch nur hartes, trockenes Gras zu essen gibt, leiden die Tiere nicht an Unterernährung. Allerdings brauchen sie - im Gegensatz zu manchen Antilopenarten - regelmässigen Zugang zu Wasser: Während der Trockenzeiten, wenn die Nahrung dürr ist, müssen sie praktisch jeden Tag trinken. Sie halten sich dann stets im Umfeld von Gewässern oder Quellen auf. Während der Regenzeiten können sie hingegen mehrere Tage ohne Zugang zu Tränken sein. Sie decken dann ihren Flüssigkeitsbedarf teils an Regenwassertümpeln, teils über die frische, wasserreiche Pflanzennahrung.
Hinsichtlich der Gesellschaftsstruktur erinnert der Afrikanische Wildesel stark an das Grevy-Zebra, indem nämlich beide Arten paarungsterritorial sind. Die kräftigsten Hengste besetzen grosse (20 bis 40 Quadratkilometer messende) Territorien, in denen sie allein das Recht zur Paarung mit den ansässigen Stuten haben, wenn diese in Brunft kommen. Oft umschliessen solche Territorien Wasserlöcher, was bedingt, dass die Stuten regelmässig einwandern müssen.
Hengste, welche keine Territorien besitzen, bilden mit ihresgleichen lockere, nomadisch umherstreifende Trupps. Diese dürfen sich zwar ungehindert auf den Grundstücken der territorialen Hengste umherbewegen, werden jedoch von letzteren an jeglichen Kontakten zu Stuten gehindert.
Längerwährende Bindungen zwischen solchen «Junggesellen» sind ebensowenig festzustellen wie zwischen erwachsenen Stuten. Zwar bilden die in einem bestimmten Gebiet wohnhaften Tiere oftmals lockere Gruppen, doch ändert sich deren Grösse und Zusammensetzung sozusagen laufend. Beispielsweise kann sich in einem guten Weidegebiet jeweils am Morgen eine kleine Herde bilden, welche den ganzen Tag zusammenbleibt - nur um sich jeweils am Abend wieder aufzulösen, wenn die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen zu ihren individuellen Übernachtungsplätzen ziehen. Die einzige gesellschaftliche Bindung von Dauer ist die zwischen der Stute und ihrem Fohlen. Die beiden bleiben im allgemeinen rund zwei Jahre lang ständig beisammen.
Die Geburten erfolgen bei den Afrikanischen Wildeseln über das ganze Jahr verteilt, wobei eine wenig ausgeprägte Geburtenspitze während der Regenzeit vorzukommen scheint, wenn das Nahrungsangebot am besten ist. Die Tragzeit dauert elf bis zwölf Monate, und in der Regel kommen die Jungen einzeln zur Welt. Innerhalb weniger Stunden sind die Neugeborenen imstande, ihrer Mutter zu folgen. Sechs bis acht Monate lang werden sie von ihr gesäugt und fürsorglich betreut. Mit Hufschlägen vermag sie selbst grössere Raubtiere wie Hyänen und Leoparden abzuwehren.
Sowohl die jungen Weibchen als auch die jungen Männchen können sich theoretisch schon in ihrem zweiten Lebensjahr fortpflanzen. In der Praxis tun sie dies jedoch selten: Die Weibchen bringen gewöhnlich ihr erstes Fohlen im Alter von vier Jahren zur Welt, paaren sich also erstmals im dritten Lebensjahr. Die Männchen erhalten sogar meistens erst mit fünf bis sieben Jahren erstmals die Gelegenheit, ihr Erbgut weiterzugeben. Zuerst muss es ihnen nämlich gelingen, ein eigenes Territorium zu erobern.
Afrikanische Wildesel in Menschenobhut können - ebenso wie Hausesel - ein recht hohes Alter erreichen. Vierzig Jahre sind nicht selten. In freier Wildbahn, wo die Tiere grossen Entbehrungen und vielerlei Gefahren ausgesetzt sind, dürften sie jedoch selten älter als etwa zwanzig Jahre werden.
Fortbestand in freier Wildbahn fraglich
Leider nehmen die ohnehin winzigen Restbestände der freilebenden Afrikanischen Wildesel weiterhin ab, und es deutet alles darauf hin, dass sich dies in naher Zukunft kaum ändern wird. Mehrere Faktoren spielen hierbei eine Rolle: Wohl am heimtückischsten - und sicher am schwersten zu bekämpfen - ist die Vermischung der Wildesel mit entlaufenen Hauseseln, wie sie ständig und überall vorzukommen scheint. Welches die langfristigen Folgen dieser Einkreuzungen sind, ist schwer abzuschätzen. Befürchtet wird in Fachkreisen jedoch eine allgemeine Schwächung der Überlebensfähigkeit der letzten freilebenden Wildesel.
Die ärgste direkte Gefahr stellt zweifellos die Bejagung der Afrikanischen Wildesel durch den Menschen dar. Sie ist leider am Horn von Afrika weitverbreitet und geschieht zum einen des Fleisches wegen, zum anderen, weil verschiedenen Körperteilen der Wildesel Heilwirkung gegen bestimmte Krankheiten nachgesagt wird. So soll zum Beispiel die Leber gegen Gelbsucht, der Rauch verbrannter Hufe bei Gebärschwierigkeiten helfen. Die politische Instabilität und die vielfältigen militärischen Aktivitäten in dieser Region Afrikas während der vergangenen zwanzig Jahre haben dazu geführt, dass Schusswaffen auch in der zivilen Bevölkerung weite Verbreitung gefunden haben. Ausserdem lassen sich unter solchen Umständen Artenschutzgesetze schwer vollziehen und Naturschutzgebiete kaum wirksam bewachen.
Im Umfeld besiedelter Gebiete kommt für die Wildesel im übrigen erschwerend hinzu, dass der Mensch die meistenteils karge Weide und das beschränkte Wasserangebot für seine Nutztiere reserviert und die Wildesel davon ausschliesst.
Dauern die politischen Probleme im Bereich des Horns von Afrika weiter an, so ist leider zu befürchten, dass der Fortbestand der Afrikanischen Wildesel schon bald allein von der Existenz des eingangs erwähnten Bestands in Menschenobhut abhängt. Es bliebe dann zu hoffen, dass dereinst die Zeit kommen wird, da - wie im Fall des Przewalski-Pferds - wenigstens die Nachkommen dieser Tiere an gut geschützten Stellen ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets eine neue alte Heimat finden werden.
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