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Am 1. Januar 2003 erinnerte der Deutschlandfunk an die Rechtschreibreform vor hundert Jahren. Zu Wort kam der Vorsitzende der Zwischenstaatlichen Kommission für die deutsche Rechtschreibung, Herr Professor Dr. Augst. Tenor der Sendung war: So, wie sich die damalige Reform gegen die Erzkonservativen durchgesetzt habe, werde sich auch die heutige durchsetzen. Damals habe der Kaiser darauf bestanden, daß die Anschreiben an ihn in der alten Schreibung abgefaßt wurden, sagte Herr Augst, und heute seien es eben bestimmte Schriftsteller – namentlich nannte er Günter Grass – , die sich gegen die Reform aussprächen. Diese Äußerung kann nur jemand tun, der argumentativ mit dem Rücken zur Wand steht. Bismarck, so Augst weiter, habe die Einführung der Reform in den Amtsstuben verboten, als er aber gestorben sei, sei alles ganz schnell gegangen, und auch der Kaiser habe klein beigegeben. Herr Augst setzt also auf das Ableben derer, die sich gegen die von ihm maßgeblich zu verantwortende Reform verwahren.
Er übersieht: Mit ihnen stirbt nicht, was gegen die Reform spricht. Selbst wenn die Kultusministerkonferenz vor dieser Tatsache den Kopf so tief in den Sand steckt, daß nur noch die Schwanzfedern herausschauen, wird sie keine Ruhe bekommen – auch nicht nach 2005! Im Gegensatz zu der Reform, deren Einführung in den Amtsstuben Bismarck untersagte, wirft die Reform, die von den Kultusministern eingeführt wurde, die geschriebene Sprache partiell um hundert Jahre zurück.
Damals habe sich durchgesetzt, daß man schreibt, wie man spricht, sagte Herr Augst. In der Betriebsanleitung von BMW heißt es, der Motor dürfe im Stand nicht «warm laufen». Wie spricht man das? Die Augstsche Reform verhindert wieder, daß man spricht, wie man schreibt, will man nicht etwas anderes sagen, als man meint.
Herr Augst wird es vielleicht nicht für möglich halten – aber auch zwischen dem Sprach- und Demokratieverständnis Bismarcks und des Kaisers auf der einen und dem Spach- und Demokratieverständnis bestimmter Schriftsteller auf der anderen Seite bestehen erkennbare Unterschiede.
Das «St. Galler Tagblatt» vom 17. Mai 2003 konfrontierte das Schweizer Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für die Rechtschreibung, Peter Gallmann, mit dem Einwand eines Autors, die Reform bringe zahlreiche «differenzierende Schreibungen» zum Verschwinden. Herr Gallmann antwortete: «Natürlich prüft die Kommission solche Kritiken ernsthaft. Wir wissen allerdings …, dass sich unter den Schriftstellern immer einige befinden, die jegliche Abkehr vom Vertrauten ablehnen.»
In dem Text des Autors, auf den sich das «Tagblatt» bezog, heißt es, daß dieser 1996, als das erste Wörterbuch der «neuen deutschen Rechtschreibung» erschienen war, das Buch Seite für Seite durchgegangen sei – es waren 1040 – und er begonnen habe, Abschnitte des Regelwerkes und viele der rotgedruckten Hervorhebungen im Wörterverzeichnis zu exzerpieren, um sich mit ihnen vertraut zu machen und sie sich einzuprägen. Sein Bedürfnis, sich die Neuerungen anzueignen, sei jedoch mehr und mehr dem Entsetzen vor ihnen gewichen, und als er unverzichtbare Wörter nicht wiedergefunden habe, habe er sich an die Öffentlichkeit gewandt.
Hat Herr Gallmann diesen Text gelesen? Wenn ja, wie kann er dann den Eindruck erwecken, der Verfasser gehöre zu jenen, «die jegliche Abkehr vom Vertrauten ablehnen»? Wenn nein, wie kann er dann behaupten, solche Kritiken würden ernsthaft geprüft?
Ob bei Herrn Augst, Herrn Gallmann oder einer Reihe anderer Verantwortlicher (die Belege für diese könnten erbracht werden): Ihre spontane Reaktion auf ein kritisches Argument scheint alles andere zu sein als die Bereitschaft, es ernsthaft zu prüfen. Das erste, womit sie reagieren, ist der Versuch, den Kritiker zu disqualifizieren.
Offenbar läßt sich ihre Sache anders nicht mehr verteidigen – es sei denn mit der Macht, die keine Argumente kennt.
Ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland, von Beruf Arzt, wandte sich im…