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Gemäss dem Archiv der «Neuen Zürcher Zeitung» schaffte der Kanton St.Gallen vor 45 Jahren als erster in der Schweiz die Bezeichnung «Fräulein» ab - sofern es von der angesprochenen Frau nicht anders gewünscht wurde. «Gleichsam über Nacht sind Tausende von St.Gallerinnen ohne Mann zur Frau geworden», berichtet die «NZZ» am 7. Mai 1972. «Einem weit verbreiteten Wunsch entsprechend» habe der Regierungsrat alle Dienststellen der kantonalen Verwaltung und der Anstalten angewiesen, volljährige weibliche Personen mündlich und schriftlich mit «Frau» anzusprechen. Im Grossen Rat solle man die weiblichen Mitglieder fortan ohne Rücksicht auf den Zivilstand mit «Frau Kantonsrat» anreden, so der Entscheid der Regierung.
«Als Diminutiv durchs Leben wandeln»
«Man kann zwar nicht behaupten, der Kanton St.Gallen sei mit der Einführung des Frauenstimmrechts vorgeprellt. Dafür nimmt er's jetzt mit der Gleichberechtigung umso ernster», heisst es in der «NZZ» aus dem Jahr 1972. In der Sprachglosse «Aus Fräulein werden Frauen» schreibt sie weiter: «So wenig es jemandem einfallen würde, einen Junggesellen gleich welchen Alters mit Herrlein anzureden, so wenig sollten Frauen inskünftig verpflichtet sein, bis ans Ende ihrer Tage als Diminutiv durchs Leben zu wandeln.»
«Ältere kennen es nicht anders»
Carla Alegre ist 30 Jahre alt und arbeitet als Serviceangestellte in einer St.Galler Quartierbeiz. «Ich merke nicht, dass der Begriff ‹Fräulein› verschwunden ist. Es gibt immer noch viele Gäste, die mich so nennen», sagt die junge Frau. Es seien vor allem ältere Personen, welche «Fräulein» rufen, weil sie es nicht anders kennen.
«Mir macht es nichts aus, wenn mich die Gäste so nennen. Wenn sie sich dabei wohl fühlen, sollen sie es tun», sagt Alegre. Sie nehme es nicht persönlich, schliesslich sei «Fräulein» ein altbekannter Rufname für das Servicepersonal. Es sei viel störender, wenn jemand sie mit «Psssst» oder «Hallo» herbeirufe, was auch ab und zu vorkomme.
«Ich rufe ‹Fräulein, zahlen›»
Der 78-jährige Ernst Spiess verweilt gerne in der Beiz, in welcher Carla Alegre arbeitet. «Ich finde es schade, dass heute nicht mehr so viele ‹Fräulein› sagen.» Er rufe immer noch «Fräulein, zahlen» oder nenne die Kellnerinnen «Maus». «Ich bin natürlich noch aus altem Holz. Ich weiss nicht, was die Jungen sagen.»
Spiess hat sich mittlerweile daran gewöhnt, weibliche Personen schriftlich als «Frau» zu bezeichnen. «Aber im Service ist es normal, ‹Fräulein› zu sagen», sagt der St.Galler, der immer noch zu 30 Prozent als Schreiner arbeitet. Als respektlos erachtet er es nicht, wenn er die vor 45 Jahren abgeschaffte Anrede verwendet. «Überhaupt nicht. Die Serviertöchter sollen sich jung fühlen. Ich kann auch einer 70-Jährigen noch ‹Fräulein› sagen, wenn sie gut aussieht, aber auch eine hässliche Frau kann man so nennen.»
«Man sagt ja auch nicht ‹Männlein›»
«Man sagt einem Mann nicht ‹Männlein›, dann kann man ja auch ‹Frau› sagen, das ist für mich kein Problem», sagt Kurt Meister, Bewohner eines St.Galler Alterswohnheims. Dem 67-Jährigen würde es heute nicht mehr einfallen, die Bezeichnung zu verwenden. «Sie ist völlig veraltet. Heute sagt man das nicht mehr.» Wie Meister jedoch sagt, hat er die Bezeichnung «Fräulein» früher nie als besonders abwertend empfunden.
«Kaum Unterschied zwischen ‹Fräulein› und ‹Frau›»
Jara De Luca ist Reinigungskraft im Alterswohnheim von Kurt Meister. «Ich werde von den Bewohnern selten als ‹Fräulein› angesprochen», so die 28-Jährige. Für sie gebe es aber kaum einen Unterschied zwischen ‹Fräulein› und ‹Frau›. Da Luca kann sich vorstellen, dass sich Frauen daran stören, wenn man sie sprachlich verkleinert, selber würde sie aber niemanden auf die veraltete Bezeichnung aufmerksam machen.