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„Eine Eisregion von gewaltiger Ausdehnung, ergreifender Erhabenheit umgibt hier den Wanderer. Er glaubt sich in Mitte einer erstarrten, buchtenreichen See versetzt, so topfeben öffnen sich allerwärts die Thäler.“
Der St. Galler Johann Jakob Weilenmann war nicht der Erste, als er Mitte August 1859 den Konkordiaplatz betrat, das bis zu 900 Meter dicke Herzstück des Aletschgletschers. Aber wahrscheinlich war er einer der ersten Alpinisten, der diese gewaltige Eisregion ganz allein durchstreifte. In Gletscherstafel im Lötschental hinten war er gestartet und erreichte nach fünf Stunden Aufstieg die Lötschenlücke, wo er das Reich des Aletschgletschers betrat. Wo er „etwas Wurst und Brod“ ass, „einige Tropfen Kirschwasser und Zucker“ zu sich nahm. Und dann durch die grösste Gletscherwelt der Alpen wanderte, über verschneite Gletscherspalten hinweg und an offen liegenden vorbei zum Märjelensee hinab, wo er einen englischen Forscher traf, der die Bewegungen des Gletscher vermass.
Ein paar Jahrzehnte später besuchte ein anderer Forscher den Aletschgletscher, untersuchte ihn aber nicht mit „Messtisch, Beil, Stricke, Pfähle“, sondern mit der Kamera. Und mit seinem Stift, den er so geschickt und anschaulich zu führen weiss wie weiland der Johann Jakob. Er heisst Marco Volken, ist ein Urahne von Alois Volken, dem Erstbesteiger der Jungfrau (1811) und des Finsteraarhorns (1812). Sein jüngstes Werk, das er am 4. August 2016 in Naters bei Brig vorstellt, wird so Bestand haben wie die beiden Bände „Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz“, die Gottlieb Studer, Melchior Ulrich und Weilenmann 1859 und 1863 herausgaben und teilweise selbst schrieben; die „Streifereien in den Berner- und Walliser Alpen“ mit der Tour über den Aletschgletscher finden sich im zweiten Band.
Marco Volken präsentiert bekannte und vor allem unbekannte Geschichten rund um das grosse Eis, über seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung, von seiner Entdeckung und Erschliessung, vom Tourismus und der Bergsteigerei. Die atemberaubenden Aufnahmen lassen anklingen, wie grandios und zugleich schutzbedürftig dieses Naturwunder ist. Ein grossartiges Bilder-, Lese- und Nachschlagbuch zum grössten Gletscher der Alpen, mit dem Querformat von 27 x 21 cm wahrscheinlich etwas zu sperrig für den Rucksack, jedoch passend für jeden Haushalt, in dem es (noch) Bücher gibt.
In meiner Bibliothek stehen über 30 Bildbandführer aus dem AT Verlag. Jetzt ist einer der schönsten, zugleich leider auch vergänglichsten Bände hinzugekommen: die „Wanderungen zu den eindrücklichsten Gletscherlandschaften der Schweiz“ von Caroline Fink. Grund für die Wehmut, die das Buch durchweht: Der Titel „Welten aus Eis“ dürfte in naher Zukunft abgeschmolzen sein, wenn die Klimaerwärmung so weiter ansteigt wie bisher. Aber noch können Aletsch- und Gornergletscher, Glacier de la Plaine Morte, Vadret da Morteratsch und Ghiacciaio del Basòdino bewundert und mit der nötigen Vorsicht auch betreten werden. Wie und wo man das am besten macht, was man wissen sollte über das scheinbar ewige Schweizer Eis: All das steht cool geschildert und fotografiert in diesem Buch, angereichert durch Berichte zu Glaziologie, Eiszeit, Gletschersagen und zur Archäologie am abschmelzenden Eis.
Genau darum geht es in zwei weiteren Publikationen. Im Zentrum von „400 Jahre im Gletschereis“ stehen der Theodulpass (3295 m) zwischen dem schweizerischen Zermatt und dem italienischen Breuil-Cervinia – und der sogenannte „Söldner“, ein um 1600 dort oben verunglückter und viel später im Eis gefundener Mann, dessen Waffenbesitz Anlass zu Spekulationen gibt. Seit dem Ende der Kleinen Eiszeit Mitte des 19. Jahrhunderts gibt der sich zurückziehende Theodulgletscher archäologische Schätze frei, kostbare Zeugen vergangener Passbegehungen. Zu den Funden gehören unter anderem römische Münzen und Maultierknochen, aber auch Kleiderreste und ein Rasiermesser mit einem Griffschale aus Kuhhorn. Gletscherschwund sei Dank.
Wegen des Rückzuges der Gletscher wurde die Route über das Schnidejoch im 21. Jahrhundert auch für Wanderer, die nicht den Übermut eines Weilenmanns besitzen, wieder begehbar. Und damit kamen Fundsachen zu Tage, die beweisen, dass dieser Weg schon vor rund 5000 Jahren begangen wurde. Man fand unter anderem ein Köcherfragment, Pfeile aus Holz, Reste von Lederschuhen, zudem aus der Römerzeit eine Fibel. Dass die Römer das Schnidejoch als direkte Verbindung zwischen der Thunersee-Region und dem Wallis benutzten, hatte man schon lange gewusst, da im Iffigsee die Grundmauern einer Herberge gefunden worden waren. Aber dass die Zeitgenossen von Ötzi am Schnidejoch Gegenstände liegen liessen, zeigt einmal mehr, dass die Alpen schon in vorgeschichtlicher Zeit erwandert wurden. Dazu gehört auch der Lötschenpass. Nun hat Albert Hafner, Professor für prähistorische Archäologie an der Universität Bern, mit seinen Mitautoren die Funde und die Arbeit an beiden Pässen minutiös in zwei A4-grossen Bänden mit insgesamt 524 Seiten und 416 Abbildungen erfasst.
Auf so viel Arbeit mit dem Eis wollen wir anstossen. Denn, um nochmals Weilenmann zu zitieren, als ihn der überraschte englische Gletscherforscher dazu aufforderte: „Einen Schluck Wein schlägt man nie aus.“
Marco Volken: Aletsch. Der grösste Gletscher der Alpen. AS Verlag, Zürich 2016, Fr. 68.- www.as-verlag.ch
Caroline Fink: Welten aus Eis. Wanderungen zu den eindrücklichsten Gletscherlandschaften der Schweiz. AT Verlag, Aarau 2016. Fr. 49.90, www.at-verlag.ch
Sophie Providoli, Philippe Curdy, Patrick Elsig (Hrsg.): 400 Jahre im Gletschereis. Der Theodulpass bei Zermatt und sein „Söldner“. Hier + Jetzt Verlag, Baden 2015. Reihe des Geschichtsmuseums Wallis, Band 13, Fr. 39.-, www.hierundjetzt.ch
Albert Hafner: Schnidejoch und Lötschenpass. Archäologische Forschungen in den Berner Alpen / Schnidejoch et Lötschenpass. Investigations archéologiques dans les Alpes bernoises. Bern 2015, 2 Bde. Fr. 68.– Zu beziehen beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern, <email-pii>. www.be.ch/archaeologie
Buchvernissage „Aletsch“: Donnerstag, 4. August 2016, 18.30 im World Nature Forum an der Bahnhofsstrasse 9a in Naters bei Brig (ein paar Schritte nördlich des Bahnhofs Brig und der Rotten).