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Dass ich jetzt, Anfang Juli 2017, die Arbeit am «Stückwerk» noch einmal aufnehme, hat verschiedene Gründe. Einer ist der, dass das Buch für mich immer eine problematische Form der Distribution von eigenen Texten geblieben ist. Bücher sind von einer derart langen Verwertungskette abhängig, dass sie in Bezug auf Form und Inhalt immer Kompromisse zwischen AutorInnen-, Verlags- und Buchhandelsinteressen sind (was nur für arrivierte BestsellerautorInnen anders ist). Ich habe zwar im Laufe meines Berufslebens einige Bücher geschrieben und einige mitherausgegeben. Daneben aber dachte ich immer darüber nach, wie Texte Leseinteressierten anders zur Verfügung gestellt werden könnten als in Buchform. Gefunden habe ich im Lauf der Zeit drei Antworten: das Konvolut, das Protobuch, und die Onlinepublikation.
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Das «Stückwerk»-Experiment, das ich jetzt starte, ist die dritte und einfachste Antwort. Der technologische Fortschritt macht es heute möglich, mit der Distributionskraft des Internets die Kompromissmaschine Buch sowie alle vor- und nachgelagerten Kanonisierungsinstanzen (Feuilletons, Lehrstühle, Kommissionen und Jurys) zu umgehen. Voraussichtlich eher früher als später wird der Buchmarkt nun zu einer bildungsbürgerlichen Subkultur herabsinken.
Zur Zeit meiner ersten Antwort auf das gestellte Problem war das noch anders: Der Buchmarkt hatte bis nach 2000 das Öffentlichkeitsmonopol für längere Texte. Meine erste Antwort – das «Konvolut» – stellte diesem Monopol drei utopische Behauptungen entgegen.
• Nicht-Warenförmigkeit. Zum einen hatte der Grafiker Daniel von Rüti den Auftrag, den Umschlag so zu gestalten, dass jedes «Buch» anders aussah. Damit durchbrach das Konvolut scheinhaft eine warenästhetische Voraussetzung der Buchform: ihre Wiedererkennbarkeit dank unverändertem Einband.
• Nicht-Marktgängigkeit. Zum zweiten bezahlte ich die Produktion der 470 regulären und 50 Andruckexemplare mit unvollständigen Bildteilen selber (inklusive Versand von Einzelexemplaren rund 12000 Franken). Das so scheinhaft entstandene «Nicht-Buch» verkaufte ich zum Preis von 0 Franken, wodurch das Interesse des Buchmarkts daran von vornherein wegfiel (40 Prozent des Verkaufspreises von 0 Franken sind immer noch 0 Franken).
• Nicht-Öffentlichkeit. Zum dritten führte ich akribisch Buch, wer von mir ein Konvolut bekommen hatte. In meinem Archiv liegt ein Notizbüchlein, in dem 471 Namen verzeichnet sind, zudem liegen dort 42 «Konvolut»-Exemplare als Belege der Umschlagvarianten. Das ergibt 513 nachgewiesene Exemplare. Demnach haben seit 1989 durch meine Nachlässigkeit – wie ich jetzt feststelle – sieben Exemplare ein anonymes Publikum gefunden. Für mich war das die Realisierung einer scheinhaften Nicht-Öffentlichkeit – oder besser: einer marktverweigernden Öffentlichkeit, die nicht mit einem privaten Raum zu verwechseln ist.
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Die zweite Antwort auf mein Problem mit dem Buch gab ich schliesslich ab 2007, nachdem ich mich massgeblich für das Entstehen eines Books on Demand eingesetzt hatte (Ueli Baumgartner: Gedichte – Gedanken – Zeichnungen, BoD GmbH, 2005). Dabei hatte ich festgestellt, dass solche Buchproduktionen keine Antwort auf mein Problem sein konnten: Zwar umgeht das Book on Demand in der Verwertungskette den Verlag, ist danach aber wie normale Bücher auf den Buchmarkt angewiesen. Dort sind Books on Demand dann unbeachtete Ladenhüter. Denn wer die Verlage ignoriert, wird umgekehrt von den Kanonisierungsinstanzen ignoriert. Und Bücher ohne mediale Transmission werden in aller Regel früher oder später eingestampft.
Als Antwort auf diese Erfahrung begann ich für mich teils publizierte, teils unpublizierte Schubladentexte zu «Protobüchern» zusammenzubauen. Die Frage, was ein Protobuch sei, habe ich im Winter 2007 mit einigen unsystematischen Notizen so beantwortet:
«Was ist ein Protobuch?/Materialien
1.
Ein Protobuch ist eine buchförmige Veröffentlichung unter Ausschluss des Marktes. Es ist demnach öffentlich zugänglich, aber nicht käuflich. Sein bester Schutz, nicht zur Ware zu verkommen, ist seine Form als Unikat.
Ein Protobuch ist ein Buch in Form eines Papierunikats mit beigelegter CD der elektronischen Daten. Diese Ausstattung macht es real zum Prototypen eines Buches, das mit den elektronischen Daten technisch reproduziert werden könnte. Gleichzeitig wird diese technische Reproduzierbarkeit nur symbolisiert, den tatsächlich bleibt diese als integraler Druck in irgendeiner Form ausdrücklich verboten.
Ein Protobuch wird öffentlich zugänglich gemacht durch seine Hinterlegung im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA). Ausgeliehen werden kann es nicht, jedoch kann es zu den normalen Lesesaal-Bedingungen eingesehen werden. Aus Protobüchern darf zitiert werden, Protobücher dürfen auszugsweise fotokopiert werden (höchstens dreissig fortlaufende Seiten). Die elektronischen Daten werden zu archivarischen Zwecken auf bundeseigenen Servern gespeichert, sie zu kopieren ist jedoch dem Publikum untersagt. (ca. 15.01.2007)
2.
Selbstverständlich leben wir im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Aber wer sagt denn, dass ein Kunstwerk technisch reproduziert werden muss, um eines zu sein?
Ein Kunstwerk ist solange bloss Ausfluss eines Hobbys, also ein privater Zeitvertreib, wie es nicht ‘veröffentlicht’ ist. Aber warum setzt man ‘Veröffentlichung’ synonym mit ‘Vermarktung’?
Nur Texte, die durch ihre technische Reproduktion die Nachfrage des Marktes nach ihnen als Waren zu befriedigen vermögen, gelten als ‘veröffentlicht’. Das ist kapitalistische Ideologie. ‘Veröffentlicht’ ist, was unter bestimmten Bedingungen öffentlich zugänglich gemacht wird. Dass diese Bedingungen von jenen festgelegt werden, die die Kunstwerke hergestellt haben, folgt unmittelbar aus den urheberrechtlichen Ansprüchen des Verfassers am Text (übrigens hat mir ein Mitarbeiter des SLA gesagt, dass für diese Institution Texte, die im Lesesaal eingesehen werden, juristisch als ‘veröffentlicht’ gelten, was ganz in meinem Sinn ist).
Ein Protobuch ist also eine Veröffentlichung, die ihre Verbreitung auf dem Markt verweigert, sich aber als Unikat öffentlich macht an einem repräsentativen Ort, nämlich dem Schweizerischen Literaturarchiv.
In der Differenz zwischen ‘Veröffentlichung’ und ‘Vermarktung’ sehe ich die Rückzugsposition des Kulturellen in einer Welt, die es darauf anlegt, sämtliche materiellen und immateriellen Erzeugnisse dem Marktdiktat zu unterwerfen. Markt aber verwüstet das Schöne zur Ware.
Obschon das Protobuch-Projekt nur dann funktioniert, wenn es ‘realpolitisch’ mit einem professionell abgefassten (urheberrechtlichen) Vertrag zwischen mir und dem SLA abgesichert wird, bedeutet es mir doch in erster Linie etwas Anderes: Es behauptet auf einer symbolischen Ebene die Autonomie gegenüber der Diktatur des geldvermittelten Zugangs des Texts zur Öffentlichkeit und umgekehrt der Öffentlichkeit zum Text.
Die Veröffentlichung im Kulturbereich ist ein Angebot zur Kenntnisnahme einer als relevant erachteten Äusserung, also ein Diskussionsangebot. ‘Vermarkung’ reduziert dieses auf ein Warenangebot. (27./28.01.2007)
3.
Zum Argument der Re-Auratisierung: Man könnte sagen, durch die Verweigerung der technisch möglichen Reproduktion unterliege das Protobuch einer Re-Auratisierung des Kunstwerks, bedeute also einen Rückfall in vormoderne, ja mittelalterliche Zustände (denn die Aura des Buches ging mit der Einführung des Buchdrucks unter). Das Argument ist aus meiner Sicht falsch: Die Aura des Kunstwerks ergibt sich aus einer Notwendigkeit, nämlich der, dass seine Reproduzierbarkeit technisch objektiv ausgeschlossen ist. Die Verweigerung der technischen Reproduktion zur Warenförmigkeit jedoch ist keine Notwendigkeit, sondern eine Freiheit, und zwar jene des Verfassers, zwischen Veröffentlichung und Vermarktung eine Differenz zu schaffen, die er für kulturpolitisch wichtig und richtig hält. (31.01.2007)
4.
Die Protobücher sind mein Beitrag an den Service public dieses Landes. Sie sind ein Dokument der hartnäckigen Selbstaufklärung. Insofern Selbstaufklärung ein Pfeiler der kulturellen Selbstvergewisserung auch von ganzen Bevölkerungsgruppen ist, erfüllen Protobücher eine notwendige öffentliche Funktion. (10.02.2007)
5.
Solange Veröffentlichung nur als Vermarktung gedacht wird, solange kann Literatur nur als marktgängige Ware gedacht werden. Solange Literatur aber marktgängige Ware ist, solange verhält sie sich zu einer Gesellschaft, deren hegemonialer politischer Wille die Diktatur des freien Marktes als Ende der Geschichte will, auch dann affirmativ, wenn sie das Gegenteil behauptet. (10.02.2007)
6.
Das Protobuch symbolisiert eine nicht-gewerkschaftliche Idee – nicht weil sie unter irgendeinem Aspekt einem Arbeitgeberinteresse dienen würde oder möchte, sondern weil sie die Grenze jedes gewerkschaftlichen Impulses des reformistischen Linken zeigt: Jede ist reaktiv bezogen auf arbeitgeberische Aktion. Darum ist die Gewerkschaftsbewegung ein kultureller Aspekt des Kapitalismus – nicht des Antikapitalismus. Nota bene einer, den ich unterstütze. (10.02.2007)
7.
In einer anders organisierten Gesellschaft hätte Literatur eine andere Funktion. In dieser aber ist es ihre Funktion, zum Beispiel als Protobuch vorhanden zu sein, ohne gekauft werden zu können. So bedeutet sie hier und heute vielleicht gerade jenseits ihrer Rezeption etwas Utopisches. (10.02.2007)
8.
Die Protobuch-Idee kann nur in einem Land und in einer Zeit realisiert werden, wo die Absicherung der unmittelbaren materiellen Bedürfnisse nicht das gesellschaftliche Hauptproblem sind. Genauer: Die Protobuch-Idee symbolisiert auch, dass die Absicherung der unmittelbaren Bedürfnisse in diesem Land heute nicht mehr das gesellschaftliche Hauptproblem ist. Und sie symbolisiert, was aus dieser Tatsache folgt: Nämlich, dass es demnach nicht mehr das erste Interesse der kulturellen Produktion sein darf, innerhalb der Marktlogik, die nichts anderes als immer noch mehr will, als scheinhaft kritische Kunst am Bau der herrschenden Verhältnisse mitzumachen. (10.02.2007)
9.
Erziehung behauptet zu wissen, wie man andere am Schopf aus dem Sumpf ziehen könne. Weiter bringt sie es dabei aber nicht, als dass sie bei diesen anderen bestenfalls ein Bewusstsein schafft dafür, dass sie tatsächlich im Sumpf stecken. Selbstaufklärung dagegen beruht auf einem realistischen Paradox, das gleichzeitig zweierlei für unwiderlegbar hält: Einerseits ist es unmöglich, sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Andererseits ist es unmöglich, anders aus dem Sumpf zu kommen, als genau dies trotzdem immer wieder zu versuchen. (13.02.2007)
10.
Seit fünfundzwanzig Jahren setze ich mich beruflich mit der Informationsvermittlung im öffentlichen Raum auseinander. In dieser Zeit habe ich ein Phänomen beobachtet, das man als Konnotations-Kernschmelze bezeichnen könnte zwischen den Begriffen «Öffentlichkeit» und «Markt». Sicher handelt er sich bei dieser «Schmelze» um einen Prozess, der schon seit längerem im Gang war, aber ich habe die Phase miterlebt, in der die «Öffentlichkeit» zur Kongruenz mit dem «Markt» implodierte.
Empirisch nachzuweisen wäre dieser Prozess zum Beispiel am Berufsbild des Journalismus. Dieser wird heute – was vor fünfundzwanzig Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre – nicht mehr beim Machen gelernt, sondern zusammen mit Public relations gelehrt als zwei Seiten der gleichen Arbeit. Nachzuweisen wäre auch, wie technische Entwicklungen (Handy, Laptop, mp3-Player) und Moden (Stadtgang in Trainingsanzügen und Hausschuhen etc.) zur Auflösung der ehemaligen Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum geführt haben: Wo seinerzeit im öffentlichen Raum der Staatsbürger dem Staatsbürger begegnete und mit ihm zusammen mindestens symbolisch den Staat konstituierte, begegnet heute der Konsument dem Konsumenten auf dem Markt. Darum ist es blauäugig, heute noch von ‘Veröffentlichung’ eines Buches zu sprechen. Der Entscheid für das Buch ist immer der Entscheid für die ‘Vermarktung’ des Texts. (22.02.2007)»
(03.07.2017; 30.3.2019)
Insgesamt habe ich an vier Protobüchern gearbeitet – die ersten drei sind fertig geworden: Neben dem «Stückwerk»-Prototyp «Mezzo del cammin» gab es einen Band mit Kolumnen (die unterdessen in die Textwerkstatt integriert sind) und ein ambitioniertes Schubladenstück aus dem Jahr 1986 – «Ohne eigene Sprache. Fragmente und Materialien zu meiner Poetik». Das vierte Protobuch wurde nicht fertig: die vorläufige «Stückwerk»-Fassung, an der ich nun weiterarbeite. (04.08.2017; 30.3.2019)