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An Wohlthätigkeitsanstalten besitzt Venedig: [* 2] ein Zivilspital mit 1600 Betten, ein Findelhaus, eine Säuglings- und 6 Kinderbewahranstalten, 2 Waisenhäuser, mehrere Versorgungsanstalten, eine Casa d'industria, eine Casa delle penitenti für gefallene Mädchen u. a.
[Bildungsanstalten.]
Von Anstalten für Kunst und Wissenschaft hat Venedig vor allen eine Akademie der schönen Künste (1807 gegründet und in dem 1552 von Palladio erbauten Kloster und mehreren Anbauten untergebracht) mit reichhaltiger Sammlung von Gemälden, hauptsächlich venezianischer Meister (darunter die Himmelfahrt Mariä von Tizian, eine Madonna von Bellini, Jesus beim Gastmahl des Zöllners von P. Veronese u. a., zusammen ca. 700 Bilder), und Lehrkursen für einzelne Kunstzweige; ferner 2 Lycealgymnasien mit naturhistorischen Sammlungen und einem botanischen Garten, [* 3] ein Patriarchalgymnasium, eine höhere Handelsschule, Marineschule, Hebammenschule, ein Gewerbeinstitut, 2 technische Schulen, ein Priesterseminar mit Bibliothek von 40,000 Bänden, mehrere Kollegien und Institute zur Erziehung von Knaben und Mädchen;
die große Bibliothek San Marco (1536 gegründet) mit ca. 260,000 Bänden und 8000 Manuskripten;
die Antiken- und Münzsammlung im Dogenpalast;
ein königliches Institut der Wissenschaften und Künste (1838 gegründet), ein Athenäum zur Hebung [* 4] der Wissenschaften und der Litteratur mit Bibliothek und Lesekabinett, ein reichhaltiges Staatsarchiv (Urkunden bis 833 zurück) im ehemaligen Klostergebäude der Frari, ein Musikkonservatorium etc. Hinsichtlich seiner Kunstschätze nimmt Venedig einen würdigen Platz neben Rom und [* 5] Florenz [* 6] ein, obwohl dieselben größtenteils nicht in Sammlungen vereinigt, sondern an vielen Orten zerstreut sind.
Hervorzuheben sind außer der Gemäldegalerie in der Akademie: das städtische Museum (Museo Correr) mit Skulpturen, Gemäldesammlung (für die altvenezianische Schule wichtig), Handzeichnungen, alten Waffen, [* 7] Münzen, [* 8] Silber- und Goldarbeiten, Glassachen, Holzschnitzereien etc.;
der Kirchenschatz in der St. Markuskirche und die vornehmlich in alten Waffen bestehenden Sammlungen im Arsenal.
[Behörden etc.]
Venedig ist der Sitz eines katholischen Patriarchen u. eines armenischen Erzbischofs, eines Präfekten, eines obersten Gerichtshofs, eines Appellhofs, eines Provinzialtribunals, eines Handels- und Seetribunals, einer Finanzintendanz, eines General- und Marinekommandos, einer Handels- und Gewerbekammer, mehrerer Konsuln fremder Staaten etc. (darunter auch eines deutschen). Venedig bildet auch eine starke Festung, [* 9] welche gegen die Landseite durch das am Rande des Festlandes gelegene Fort Malghera und 14 über die Lagunen zerstreute kleinere Werke, nach der Seeseite hin durch starke Forts an den Porti, San Niccolò am Porto di Lido, Alberoni und San Pietro am Porto di Malamocco, und 12 kleinere Werke auf den Lidi geschützt ist.
Auch die Werke von Chioggia und das Fort von Brondolo gehören noch in das Verteidigungssystem. Zu Spaziergängen dienen die Giardini pubblici an der Südostspitze des Stadtgebiets, der schon erwähnte Giardino Reale, der Giardino Papadopoli und der botanische Garten, beide in der Nähe des Bahnhofs, der Garten auf der Insel San Giorgio Maggiore, der Lido mit stark besuchten Seebädern, Anlagen, Restaurants etc.
Vgl. Gsell Fels, Venedig (Zürich [* 10] 1887);
die Reiseführer von Gsell Fels (»Oberitalien«, [* 11] 4. Aufl., Leipz. 1888), Ohswaldt (4. Aufl., Triest [* 12] 1878);
Yriarte, Venise. Histoire, art, industrie, etc. (Par. 1877);
Molinier, Venise, ses arts décoratifs, ses musées, etc. (das. 1889).
Geschichte.
An der Nordwestseite des Venezianischen Meerbusens wohnten im Altertum die Veneter (s. d.), wahrscheinlich illyrischen Stammes, nach denen das Land Venetia genannt wurde (s. Karte bei »Italia«). [* 13] Während der Völkerwanderung flüchteten viele Einwohner von dem Festland auf die Inseln in den Lagunen. Die kleinen demokratischen Gemeinwesen wurden von Tribunen regiert, die unter dem Exarchen von Ravenna als dem Vertreter des byzantinischen Reichs standen. Um sich besser gegen die Langobarden und die dalmatischen Piraten zu schützen, wählten die Bewohner der Inseln 697 auf den Rat des Erzbischofs von Grado Paulucius Anafestus zu ihrem ersten Dux (Dogen) auf Lebenszeit.
Die Oberhoheit des griechischen Kaisers wurde auch ferner anerkannt und erst im 11. Jahrh. mit der des römisch-deutschen Kaiserreichs vertauscht. Im Innern bewirkte die Einsetzung des Dogen die allmähliche Verwandlung der Republik in eine aristokratische Wahlmonarchie. Unter dem Dogen Orso entrissen die Venezianer den Langobarden Ravenna. Orso ward bald darauf ermordet (737), und seitdem werden mehrere Jahre hintereinander Magistri militum an der Spitze Venetiens genannt, bis Orsos Sohn Deodato 742 wieder zur Würde eines Dogen gelangte.
Während der Kämpfe mit den fränkischen Königen, namentlich mit Karls d. Gr. Sohn Pippin, drängten sich die Einwohner mehr und mehr auf den festesten und bedeutendsten Inseln, namentlich auf Rialto (rivus altus), Malamocco und Torcello, zusammen, und auf der erstern erhob sich nach und nach eine volkreiche Stadt, in welche 810 der Sitz der Regierung verlegt ward. Unter dem Dogen Giustiniani (827-830) brachten venezianische Kaufleute den Körper des Apostels Markus aus Alexandria nach Venedig, dessen Schutzherr Markus fortan wurde. Durch seinen Handel selbst mit sarazenischen Städten in Verbindung und zwischen das oströmische und das weströmische (fränkische) Reich in die Mitte gestellt, wuchs Venedig nun rasch an Reichtum und Selbständigkeit.
Die steigende Seemacht erweckte in den Dogen das Streben, ihre Würde in eine erbliche Gewalt umzuwandeln. Schon war sie im wechselnden Besitz weniger Familien, welche durch Verbindungen mit auswärtigen Fürstenhäusern ihre Macht erhöhten und durch Ernennung der Söhne zu Mitregenten ein Erbrecht schaffen wollten. Daher ward 1032 ein Gesetz gegeben, daß kein Doge mehr sich seinen Sohn oder Bruder als Mitregenten (condux) zur Seite stellen, dagegen seine Gewalt durch zwei ihm beigesetzte Räte beschränkt sein sollte. An die Stelle der Tribunen traten allmählich eigentliche Richter (judices), deren Urteile der Doge jedoch zu bestätigen hatte.
Dem Dogen Vitale Falieri (Faledrus, 1084-96), trat der griechische Kaiser, um an den Venezianern eine Stütze gegen die Normannen zu haben, die Städte Dalmatiens und des griechischen Istrien [* 14] ab. Besonders aber vermehrten die Kreuzzüge, an welchen die venezianischen Schiffe [* 15] im Wetteifer mit denen Genuas und Pisas einen hervorragenden Anteil nahmen, Venedigs Handel und Seemacht. Nicht nur bereicherten sich die Kaufleute bei der Versorgung der Kreuzheere mit Lebensmitteln und Kriegsmaterial und bei dem freien Handel mit der Levante, sondern auch der Staat gewann in den christlichen Gebieten des Orients feste Stützen für die spätere Ausbreitung seiner Macht. Aber während die Macht der Republik nach außen wuchs, kämpfte im Innern die Aristokratie mit dem Volk und suchte der Doge seine Macht ¶
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zu erweitern. Nachdem in einem der hierdurch veranlaßten Aufstände der 38. Doge, Vitale Michiele, 1172 ermordet worden war, ward nun die Verfassung dahin abgeändert, daß man die höchste Gewalt einer jährlich aus den sechs Quartieren der Stadt erwählten Vertretung der Bürgerschaft, 480 Notabeln (nobili), übertrug, die als Großer Rat (consiglio maggiore) dem Dogen und seinem Regierungskollegium von sechs Räten, der Signoria, zur Seite trat; nur in seltenen Fällen wurde noch die Volksgemeinde (arengo) berufen, die durch Akklamation ihre Zustimmung zu wichtigen Beschlüssen zu geben hatte.
Ein mehr richterliches Kollegium bildeten die Vierziger (quarantia), ursprünglich ein Kriminalgericht, das aber allmählich eine politische Korporation ward, die zwischen der Signoria und dem Großen Rat stand und alle Vorschläge der Signoria zum Vortrag in dem letztern zu beraten hatte. An der Spitze der Quarantia standen drei Capi, die später beständige Mitglieder der Signoria wurden. 1177 war Venedig Schauplatz der weltgeschichtlich bedeutenden Zusammenkunft Papst Alexanders III. und Kaiser Friedrichs I. (Friede von Venedig).
Die Handelsmacht der Republik erhielt ihre weiteste Ausdehnung [* 17] unter dem 41. Dogen, Enrico Dandolo (s. d.). Derselbe eroberte an der Spitze der venezianischen Flotte im vierten Kreuzzug 1203. Konstantinopel, [* 18] half das lateinische Kaiserreich errichten, welches die Venezianer zu Herren und Meistern des Ostens machte, und erwarb der Republik vornehmlich den Besitz von Kandia und mehreren Inseln des Ägeischen und Ionischen Meers. Die Eifersucht Genuas auf Venedigs Machtentwickelung rief einen langen Seekrieg zwischen beiden Republiken hervor, in welchem Korfu [* 19] den Venezianern in die Hände fiel und Modon und Koron erobert wurden.
Sehr nachteilig wurde dagegen den Venezianern die Wiederherstellung des byzantinischen Kaisertums (1261), da ihre Rivalen, die Genuesen, die wesentlich zum Sturz des lateinischen Kaisertums beigetragen hatten, im Gebiet des griechischen Kaisers besondern Schutz fanden und namentlich den Handel auf dem Schwarzen Meer in ihre Hand [* 20] bekamen. Die Venezianer mußten nun Verbindungen mit den arabischen Reichen anknüpfen, um die ostindischen Waren über Alexandria beziehen zu können.
Der Krieg zwischen den beiden Handelsrepubliken entbrannte daher mit neuer Heftigkeit. Nach wechselndem Waffenglück ward die venezianische Flotte von 95 Galeeren unter Andrea Dandolo von den Genuesen 1298 fast gänzlich aufgerieben, worauf 1299 zu Mailand [* 21] der Friede zu stande kam. Unter dem Dogen Pietro Gradenigo (1297) wurde die aristokratisch-oligarchische Konstitution mittels der sogen. Schließung des Großen Rats (il serrar del maggior consiglio) durchgeführt, indem das alte, bisher jährlich neugewählte große Kollegium von mitregierenden Großen sich in eine geschlossene Gesellschaft von Erbaristokraten verwandelte, worunter man die im Goldenen Buch eingezeichneten Familien der Nobili verstand.
Infolge mehrerer Verschwörungen der zurückgesetzten Adelsfamilien und der Popolaren gegen diese Verfassung (so die des Tiepolo 1310) ward 1335 der Rat der Zehn (Consiglio dei Dieci) oder der Staatsinquisitoren, ein Polizeigericht mit ausgedehntester Vollmacht, welches anfangs nur für zwei Monate eingesetzt, aber immer wieder verlängert ward, zu einem organischen Institut der Republik erklärt. Hierdurch und durch Teilung der Gewalten unter die herrschenden Adelsgeschlechter und strenge Überwachung nach allen Seiten wurde das aristokratische Regiment gegen alle Umsturzversuche, sowohl monarchische als demokratische, gesichert.
Der Doge Marino Falieri mußte 1355 einen solchen Versuch auf dem Blutgerüst büßen. Unter Francesco Dandolo (1328-39) ward das Landgebiet der Republik in einem Krieg mit Mastino della Scala durch die Erwerbung der Landschaft Treviso vergrößert. Ein Krieg mit Ungarn [* 22] kostete Venedig 1358 die dalmatische Küste. Glücklicher war die Republik in einem unter Andrea Contarini (1367-82) geführten Krieg mit Padua. [* 23] Auch Genua [* 24] unterlag nach 130jährigem Kampf, indem die Flotte Genuas bei Chioggia vernichtet und das Heer im Juni 1380 zur Kapitulation gezwungen wurde, worauf Genua 1381 den Frieden von Turin [* 25] schloß, der Venedigs Seeherrschaft anerkannte. Bald darauf (1387) begab sich Korfu aus neapolitanischer Herrschaft unter venezianische.
Nach dem Frieden mit Genua begann die glücklichste Periode der Geschichte Venedigs. Vicenza, Verona, [* 26] Bassano, Feltre, Belluno und Padua mit ihren Gebieten wurden 1404 und 1405, Friaul 1421, Brescia und Bergamo 1428, Crema 1448, die Inseln Zante und Kephalonia 1483 Bestandteile des venezianischen Gebiets, und 1489 trat die Witwe des letzten Königs von Cypern, [* 27] Catarina Cornaro, auch diese Insel an die Republik ab. Reich, mächtig und gefürchtet, das durch Wissenschaft u. Kunst gebildetste Volk in sich fassend, so trat in das 16. Jahrhundert.
Handel und Gewerbfleiß blühten, die Abgaben waren gering, die Regierung war mild, solange es sich nicht um Politik handelte; das streng aristokratische Staatssystem verurteilte zwar die Masse des Volkes zu politischer Unmündigkeit und Teilnahmlosigkeit, steigerte aber die Vaterlandsliebe und die Staatsmännische Klugheit und Thätigkeit des herrschenden Adels. Durch die Entdeckung des Seewegs nach Ostindien [* 28] (1498) verlor Venedig den ostindischen Handel, und die Osmanen entrissen der Republik seit der Eroberung Konstantinopels alles, was sie im Archipel und auf Morea besessen, auch Albanien und Negroponte.
Die Republik suchte diese Verluste durch Erweiterung des festländischen Gebiets und Verstärkung [* 29] ihres Einflusses in Italien auszugleichen. Sie errang auch wichtige Erfolge. Indes erweckte sie durch ihre aggressive Politik, ihren Übermut und ihre Anmaßung auch den aktiven Widerstand andrer Mächte, welche um 1500 um den Besitz Italiens [* 30] kämpften. Die geschlossene Liga zu Cambrai zwischen dem Papste, dem Kaiser und den Königen von Frankreich und Aragonien bezweckte nichts Geringeres als die Vernichtung des Freistaats. Es gelang jedoch der Republik, ihre Gegner zu trennen, indem sie die Heilige Liga und ein Bündnis mit Frankreich zu stande brachte. In dem endlich abgeschlossenen Frieden erhielt Venedig das verlorne Verona zurück, büßte aber Cremona, die Ufer der Adda und die Romagna ein; auch blieben Roveredo, Riva und Gradisca noch in den Händen des Kaisers.
Seine Teilnahme an einem Krieg des Papstes und Karls Venedig gegen die Türken kostete in dem Frieden vom Mai 1540 die Abtretung der Inseln Skio, Palmosa, Cesina, Nio und Paros, der Städte Malvasia und Nauplia und eine Kontribution von 300,000 Dukaten. Die hierauf folgende Zeit der Ruhe kam der Pflege der Künste sehr zu statten. Da 1571 die Osmanen die Insel Cypern eroberten, trat Venedig der vom Papst betriebenen Liga gegen die Pforte bei, und seine Flotte focht mit in der Schlacht bei Lepanto 1645 entbrannte ¶