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Boden eingebürgert, nachdem man sie im Osten kennen gelernt hatte. Diese wurden auch für die Bildnerei unmittelbar fruchtbar,
wichtiger ist aber wohl, daß in dieser Zeit überhaupt alle Handfertigkeiten nachdrücklich ausgebildet und so bessere Vorbedingungen
für die wirkliche
Kunstübung geschaffen wurden, die sich nun rasch entfaltete.
Aelteste Stätten. Kleinasien und die Inseln sind auch die ältesten Stätten der Bildnerei; es mag hier bemerkt werden, daß auf der Insel Delos das alte Hauptheiligtum für den ganzen jonischen Stamm sich befand. Auf den Inseln Delos, Samos, Chios, Naxos - diese wird vielfach als die erste Hauptstätte der Steinbildnerei angesehen - fand man in der That die frühesten Standbilder als Weihegeschenke. Dann erscheint Milet, diese reichste kleinasiatische Stadt, als eine Pflegestätte der Bildnerei; die «heilige» Straße, die vom Hafen zum Apolloheiligtum führte, war mit Standbildern geschmückt, die jedenfalls auch als Weihegeschenke im obenerwähnten Sinne aufzufassen sind. In Sicilien und Unteritalien entwickelt sich gleichfalls die Bildnerei, und zwar ziemlich selbständig, so daß man von einer eigenen «Schule» sprechen kann.
Eigenart der Werke des ersten Zeitraums. Was nun die Werke dieser ältesten Zeit (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.) anbelangt, so kommen neben freien Standbildern hauptsächlich die Flachbildwerke in Betracht, welche zum Schmuck der Giebelflächen und Metopen dienten. Bei diesen sind die Figuren sehr voll heraus gearbeitet, so daß sie nahezu wie Freifiguren erscheinen; sie treten aber nie aus der Plattenfläche heraus, sondern sind nur stark eingetieft. (Die Füße sind daher auch dann in der Seitenstellung, wenn der Oberkörper nach vorn gewendet ist.)
Die scharfe Beobachtungsgabe, welche die Griechen auszeichnet, giebt sich schon hier in manchen Einzelheiten - z. B. die Anordnung der Haare entsprechend der Bewegung - kund, freilich auch noch eine gewisse Unbeholfenheit im Ausdruck der Bewegungen; so wird das Laufen durch eine dem Knieen ähnliche Stellung gekennzeichnet. Die Gestalten haben etwas Gedrungenes, Massiges, dem Antlitz fehlt die Beseelung, es zeigt noch leblose Erstarrung.
Das Verhältnis der einzelnen Körperteile zu einander ist richtig aufgefaßt, die Formen sind allerdings noch nicht durchgebildet, das hauptsächlich Bezeichnende wird oft zu stark betont. Dies gilt auch von den Tiergestalten, die Gesamterscheinung ist stets gut gekennzeichnet und in den Einzelheiten wird ersichtlich Naturtreue angestrebt.
Als eine besondere Eigenheit, welche auch in der Folgezeit beibehalten wird, erscheint die gleiche Kopfhöhe aller Figuren (Isokephalismus), richtiger gesagt, die Köpfe reichen sämtlich bis zu einer geraden Linie, welche genau parallel der Randlinie der Fläche ist.
^[Abb.: Fig. 103. Marsyas des Myron.
Marmornachbildung, die Arme falsch ergänzt. Rom, Lateran.] ¶
Bei den dreieckigen Giebelflächen steigt daher diese «Kopflinie» von den Ecken bis zur Mitte an. Dadurch ergaben sich allerdings manche seltsame Mißverhältnisse, welche aber die späteren Künstler trefflich zu beseitigen verstanden.
Färbung. Auch die Flachbildwerke wurden gefärbt, jedoch nur zu dem Zwecke, um die einzelnen Teile von einander zu scheiden, nicht aber um die natürliche Farbe wiederzugeben. Die Ausgrabungen auf der Akropolis zu Athen haben Ueberreste des älteren, von den Persern zerstörten Parthenon zu Tage gefördert, bei denen die Farbe noch gut erhalten war. Diese Bemalung war nun höchst merkwürdig: rote Leiber, blaue Haare, grüne Augen;
ein blauer Stier hat einen roten Schwanz.
Die Standbilder. Die freien Standbilder dieser Zeit erscheinen noch steif. Bei diesen läßt sich am besten erkennen, wie die Bildnerei aus der Holzschnitzerei sich entwickelte. Aus dem runden Holzstamme konnte man keine bewegte Figur schnitzen; es waren daher die Beine geschlossen und die Arme an den Körper gepreßt. Daß die Augen geschlossen waren, deutet vielleicht darauf hin, daß die Standbilder Tote vorstellen sollten; dem entspräche die steife Haltung der Gliedmaßen natürlich noch mehr.
Die griechische Sage verknüpft mit dem Namen des Daidalos den Fortschritt, Beine und Arme gelöst und auch zuerst offene
Augen gebildet zu haben. Immerhin behielten zunächst noch die Arme die gerade herabhängende Haltung
und die Füße die Parallelstellung bei, und erst allmählich kam man dazu, mehr Leben in die Gestalt zu bringen, indem die
Arme etwas gebogen, die Faust geöffnet, der eine (linke) Fuß vorgesetzt wurde. - Durch die Oeffnung der Augen verlor das
Gesicht wohl das Aussehen einer Totenmaske, es erhielt aber einen lächelnden Ausdruck, den die Figuren
der älteren Zeit aufweisen, selbst wenn sie Sterbende darstellen. Das Festhalten an diesem «lächelnden
Zug"
müßte befremdlich erscheinen, wenn man nicht annimmt, daß auch bei den Griechen, obwohl sie sonst der künstlerischen
Entwicklung viel Freiheit ließen, schon frühzeitig sich gewisse «Stilgesetze»
ausbildeten, und somit dieser Gesichtsausdruck gewissermaßen durch einen
Kunstlehrsatz bedingt war. (S. Fig.
93.)
Der Zug ergab sich aus den weichen rundlichen Formen, welche im Allgemeinen die Bildnerei dieser Zeit kennzeichnen: die Gestalten erscheinen vollfleischig, nicht muskelkräftig. Dies tritt natürlich deutlicher bei den nackten Jünglingsfiguren hervor, welche schon eine weitere Entwicklungsstufe darstellen. Zuerst hatte man bekleidete Figuren gebildet, was ja
^[Abb.: Fig. 104. Der Speerträger des Polyklet.
Marmornachbildung. Neapel, Museo Nazionale.] ¶