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Die junge Patja hat in Moskau ihr Praktikum abgeschlossen. Praktikum bedeutete in ihrem Fall, als Anwaltsgehilfin im Kellergeschoss eines Moskauer Gerichtes Unterlagen zu kopieren. Nun befindet sie sich auf der Heimfahrt.
Für den jungen Anwalt Marat haben die Eltern in seiner Abwesenheit Vorkehrungen getroffen: Geeignete Bräute sind ausgesucht worden, ein Saal für das Hochzeitsfest ist bereits reserviert.
Alissa Ganijewa beschreibt das Geschehen aus jeweils wechselnder Perspektive, einmal in der Ich-Form aus der Sicht von Patja, dann wieder aus jener von Marat – die beiden kennen sich am Anfang noch nicht. Nach der Heimkehr der jungen Leute zu ihren Familien beginnt das Kandidatenkarussell zu drehen. Dabei verlieben sich Patja und Marat ineinander, obwohl sie gar nicht füreinander vorgesehen sind. Die Mutter von Patja versteht nicht, warum sich ihre Tochter nicht für Timur entscheiden will, den jungen Mann, mit dem sich Patja übers Internet ausgetauscht hat und der sie einmal eingeladen hat. Patja aber denkt nicht daran, diesen selbstgefälligen Quadratschädel, der sie mit Zitaten überschüttet, zu heiraten. Ob am Ende Patja und Marat zusammenkommen, sei hier nicht verraten.
Stolpersteine auf dem Weg in die Moderne
Dagestan ist mit nur drei Millionen Einwohnern ein Vielvölkerstaat. Die junge Autorin Alissa Ganijewa hat ihren Roman «Eine Liebe im Kaukasus» in einem kleinen Kaff, das unbenannt bleibt, angesiedelt. Die jungen Leute sind mit Handys ausgestattet und bestens vernetzt, aber im Dorf ist nicht einmal die Hauptstrasse geteert; das Leben der Bewohner bedeutet einen einzigen Anachronismus. Auch die Religion spielt eine nicht unbedeutende Rolle, es gibt die Frommen diesseits und die Ultrafrommen jenseits des Bahngeleises. Das Dorf wurde grösstenteils mit Zwangsumgesiedelten aus den Bergen der Umgebung bevölkert; uralte Traditionen bestimmen den Verhaltenskodex. Die Bewohner des kleinen Dorfes in Dagestan stehen mit ihren Zwängen und Nöten für eine ganze Region, die aufgerieben ist zwischen jahrhundertalten Sozialstrukturen sowie den Anforderungen einer modernen sowjetischen Gesellschaft.
Kraft der Literatur
Mit «Eine Liebe im Kaukasus» reicht die junge Autorin Alissa Ganijewa ihrer Leserschaft einen Schlüssel zum Verständnis einer fremden Kultur, wie ihn gute Literatur zu bieten vermag. In ihrem Nachwort «Von Trinkern und Tauchern, Hinweise für uneingeweihte Leser» leistet zudem Christiane Körner, die Übersetzerin des Romans, wertvolle Hilfe zur Einordnung in den ganzen Kontext. Ein wunderbares Buch, das trotz des tragischen Geschehens mit einer gehörigen Prise Humor ausgestattet ist.
Alissa Ganijewa. «Eine Liebe im Kaukasus». Roman. 240 S. Suhrkamp.
Silvia Häcki-Eggimann ist Erwachsenenbildnerin.
Zur Person
Eine wichtige Stimme
Alissa Ganijewa, 1985 geboren, wuchs in Machatschkala/Dagestan auf. Sie lebt seit 2003 in Moskau. Mittlerweile gilt sie als eine der wichtigsten Stimmen einer neuen russischen Schriftstellergeneration. Ihr erster Roman «Die russische Mauer» erschien 2014 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. «Eine Liebe im Kaukasus» stand auf der Shortlist des russischen Booker-Preises 2015.