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Es ist wieder diese Jahreszeit: Die Straßen von Portland über St. Paul bin nach Philadelphia sind mit einem vertrauten Anblick vollgestopft. Nein, ich meine nicht die schmutzigen, grauen Schlammpfützen, die sich auf den Bürgersteigen bilden, sondern die rot-weiß-blaue arktische Landschaft auf diesen Bürgersteigen. Genauer gesagt, beziehe ich mich auf den kleinen, kreisrunden Fleck am linken Arm vieler Menschen - prominent und erkennbar: Das Canada Goose-Logo. Die Parkas der Marke sind so allgegenwärtig in den Vereinigten Staaten, dass es oft so aussieht, als würde ein uniformiertes Regiment aus allen Himmelsrichtungen einmarschieren.
Für die NYC-Einheit der Frauen scheint die Uniform aus den Modellen Shelburne, Victoria und Rossclair zu bestehen; für die Herren sind es die Modelle Langford, Expedition und Carson. Geschlechterübergreifend heißt jedoch der Marschbefehl: Schwarz. All diese Modelle werden für rund 950 Dollar verkauft. Alle sind mit Entendaunen gefüllt. Alle haben einen abnehmbaren Kojoten-Pelz, der um die Kapuze herum angebracht ist, und fast jeder, den ich sehe, hat sich dafür entschieden, das Fell nicht zu abzunehmen.
Wer diese Mäntel trägt, tut dies mit einem scheinbar unanzweifelbaren Pragmatismus. Stadtbewohner betrachten sich gerne als Problemlöser; sie wissen wie man auf den Straßen überlebt. Wenn es also draußen kalt ist - und das war in diesem besonders kalten Winter nicht nur im Nordosten, sondern landesweit in den USA so - warum sollten Sie etwas anderes als Canada Goose wählen, die Marke, die behauptet: "Unsere Produkte sind so entworfen, dass sie selbst den widrigsten Wetterphänomenen der Welt trotzen. Leuchtet ein, oder?
Eine veraltete Lösung
Doch darüber lässt sich streiten. Im vergangenen Herbst fügte Gucci seinen Namen zur Liste der Unternehmen hinzu, die keinen Pelz mehr verwenden. Das Modehaus trat der Fur Free Alliance bei und selbst Marco Bizzari, CEO und Präsident von Guccis Muttergesellschaft Kering sagte zum Thema Pelz: "Ich glaube nicht, dass es modern ist ... es ist ein ein wenig veraltet.“ Im Dezember folgte das Unternehmen Jimmy Choo und dessen Muttergesellschaft Michael Kors, die das gleiche Engagement versprachen. Andere, die Pelz ebenfalls abgeschworen haben, sind Ralph Lauren, Giorgio Armani, Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Net-a-Porter und Selfridges. Tatsächlich war das vierte Quartal 2017 ein sehr erfolgreiches für PETA (the People for the Ethical Treatment for Animals) und andere Pelz-Gegner, da sich weltweit bekannte Luxusmarken scharenweise von der Ausbeutung und Tötung von Tieren zugunsten von Kleidung und Accessoires abwandten.
Heutzutage ist es relativ einfach, Alternativen zu Pelz zu finden. So gewann das Amsterdamer Label HoodLamb, dessen Designs "von der wildesten Natur und dem schlechtesten Wetter“ inspiriert sind und die von sich behaupten, die erste Marke gewesen zu sein, die Hanf-Oberbekleidung fertigte, den PETA Award für die vegane Marke des Jahres 2017: Ihr "nordischer Parka" hat ein Innenfutter, das mit Thermore®EcoDown® isoliert ist - ein Daunenmantel ohne Entendaune, der mit 7mm dickem Leinenflor und einem Kunstfell aus recyceltem PET gefüttert ist. Der Parka ist quasi identisch mit dem Victoria Modell von Canada Goose, kostet aber einige hundert Dollar weniger.
Mode oder Pelz?
Im vergangenen Jahr, als Canada Goose mit dem angesagten, rebellischen Pariser Label Vetements zusammenarbeitete, konnte das als ein Schritt des Unternehmens gewertet werden, ein neues, modisches Territorium auszukundschaften. Die andauernde Abhängigkeit des Labels von Pelz repräsentiert jedoch genau das Gegenteil von dem, wo die Mode hingeht. Trotz des Erfolgs von Guccis Bestseller, eines mit Känguru-Pelz-gefütterten Loafers von vor zwei Jahren (der ungefähr zum gleichen Preis wie ein Canada-Goose-Parka erhältlich war, der zu einem Statussymbol wurde, der die Kassen des Unternehmens endlos zum klingeln brachte), war dies für Gucci kein Grund, nicht das Richtige zu tun. Aber auf Anfrage von FashionUnited, ob der Einsatz von Tierfellen und Entendaunen noch zeitgemäß sei, antwortete Canada Goose: „Bei Canada Goose verwenden wir Pelz und Daune für die Funktion. Wir wollen sicherstellen, dass wir ein Produkt liefern, das genau dann funktioniert, wenn es am dringendsten nötig ist. Wir sind eine Firma, die sich der Funktion verschrieben hat und haben uns seit Langem der verantwortungsvollen und ethischen Beschaffung unserer Materialien verpflichtet, was sich in unseren Transparenz-Standards widerspiegelt. Alle unsere Materialien stammen von Lieferanten, die strenge staatliche und regulatorische Standards sowie unsere eigenen hohen Standards einhalten.“
Statussymbol
Man könnte argumentieren, dass der Kunde des Labels sich nicht mit Mode befasst, sondern alleine mit dem Statussymbol, das das Koyotenfell mit sich bringt - selbst wenn es ihn zu einem Duplikat jeder vierten Person auf der Straße macht. Vielleicht gibt es ihm ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer wohlhabenden Clique, obgleich diese sicherlich nicht sehr exklusiv ist. Man könnte die Konsumenten dieses Labels auch als die ‚dummen Gänse von Canada Goose‘ bezeichnen, und dennoch würden sie sich im Glanze dieser Hollywood-freundlichen Premium-Marke sonnen (Das Unternehmen führte eine Praxis ein, bei der es Mäntel kostenlos an Prominente verteilte. Darunter insbesondere Schauspieler, die in extremen Wetterlagen filmten, zum Beispiel Daniel Craig und Emma Stone.)
Aber diese Argumente würden neben den Protesten, die sich regelmäßig vor dem 2016 eröffneten US-amerikanischen Flagship-Store in Soho abspielen, kaum ins Gewicht fallen. Das Unternehmen erfreut sich an einer Welle von Erfolgen nach einer Kapitalspritze von der Private-Equity-Firma BainCapital, die ihm den Bau des Flagshipstores und zweier Fabriken ermöglichte. Seither wächst die Marke eindrucksvoll. Business Insider schätzte die Umsätze im Jahr 2001 auf 3 Millionen Dollar, welche im Jahr 2014 bereits auf 200 Millionen Dollar gestiegen waren – und das war noch vor der Finanzspritze. Im März vergangenen Jahres ging das Unternehmen an die Börse. Gleichzeitig erschienen auf den Immobilien von Manhattan Plakate, die blutige Tierleichen neben den Bildern der Mäntel zeigten. Der Multi-Brand-Store Kith auf der Lafayette Street, der auch Canada Goose führt, wird seither regelmäßig von Demonstranten angegriffen.
Fragen an den Konsumenten
Vielleicht wären die Fragen, die an das Unternehmen gestellt werden, besser an die klugen New Yorker und ihre internationalen Pendants in kalten Städten gerichtet. Glauben Sie ernsthaft, dass Tierfelle unerlässlich sind, um Sie ohne zu erfrieren vom Büro bis zu Trader Joe's an der Ecke zu bringen, oder vor Matschspritzern der vorbeifahrenden gelben Taxis zu bewahren? Sind Sie nicht schlau genug, um sich aus der gleichgeschalteten Schar dummer Gänse zu befreien und das Fell am Kojoten zu lassen und die Daunen an den Enten? Können Sie sich nicht stattdessen alternative Innovationen für den Schutz gegen Ihr kaltes Wetter suchen? Die Modeindustrie würde es willkommen heißen.
Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mellon lehrt Mode in NYC und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ
Straßenfotos: Jackie Mallon. Logo Canada Goose: Facebook-Seite und HoodLamb.com.