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In ihrer kunstgeschichtlichen Dissertation widmet sich Camilla G. Kaul dem Mythos von Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser im 19. Jahrhundert. Sie bezieht dabei neben den Darstellungen in der bildenden Kunst auch die literarische Rezeption und das Festwesen mit ein, und im Kontext der bildenden Kunst liegt ihr Schwerpunkt weniger auf den Werken an sich als mehr auf den Intentionen des Künstlers.
Zu Beginn ihrer Untersuchung legt Kaul in überzeugender Manier die Grundlagen dar, insbesondere skizziert sie die historische Person Friedrich Barbarossas und die Entwicklung der Sage vom Kaiser im Kyffhäuser. Sie liefert aber auch einen wichtigen Überblick über die Geschichtsauffassung und die Mittelalterrezeption im beginnenden 19. Jahrhundert.
Der Hauptteil der Untersuchung ist in vier chronologisch angeordnete Abschnitte geteilt, die Zeit der Freiheitskriege und Restauration, Vormärz und Revolutionsjahre 1848/49, der Weg zur Reichseinigung und das Deutsche Kaiserreich von 1871. In jedem dieser Abschnitte behandelt sie nach einer einführenden Schilderung der politischen und gesellschaftlichen Situation die Darstellung und Rezeption von Friedrich Barbarossa und der Kyffhäusersage. Jedem dieser Abschnitte ist ein eigenes Fazit beigegeben, bevor die Autorin am Ende des Bandes eine umfassende Conclusion bietet.
Kaul gelangt zu dem Schluss, dass es sich bei Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser um einen "wandelbaren Mythos" handelt, der aus der Geschichte, den Wünschen, Hoffnungen und Zukunftsängsten seiner Epoche heraus zu verstehen ist und von diesen geformt wird. In seiner ersten Phase wurde der aus dem Volk stammende Mythos hauptsächlich von Intellektuellen getragen, während er später auch von den Massen adaptiert wird. Doch immer wieder steht im Zentrum das Bild von des Reiches Herrlichkeit und Größe im Mittelalter, dem Reich, das wieder auferstehen muss, wenn der schlafende Kaiser erwacht. Dies ist einer der Gründe dafür, weshalb der Mythos Barbarossa in all seiner Variationsbreite letztlich immer über den politischen Zerwürfnissen steht, ist er doch ein einendes Bild für alle Deutschen. Diesen allgemein akzeptierten Mythos macht sich nach 1871 auch das neue Kaiserreich zu Eigen, versucht man doch, Wilhelm I. als Barbablanca mit Barbarossa in eine Reihe zu stellen - der greise Kaiser und die Hohenzollern als ehrwürdiges Geschlecht, welches die mittelalterlichen Prophezeiungen einlöst. Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen letztlich die bisherige Forschung, doch ist allein die vorgelegte Fülle an Material und Einzelaspekten nicht zu unterschätzen.
Der zweite Teilband umfasst die nach Kategorien sortierten Abbildungen, jedoch leider nur in s/w und in derart kleiner Darstellung, dass sie dem Leser lediglich erahnen lassen, worum es geht.
Die Lektüre des vorliegenden Buches kann dem Leser nur wärmstens empfohlen werden, bietet es neben der faszinierenden Geschichte des Mythos" von Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser doch auch einen wichtigen Einblick in die Mittelalterrezeption des 19. Jahrhunderts und die Geisteshaltung eines großen Teils des deutschen Volkes jener Zeit.