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Das Wichtigste in Kürze
- Alexander Keese hat viel geforscht zur Frage, wie die afrikanischen Eliten am Ende der Kolonisierung in den 1950er-Jahren angesehen wurden.
- Afrikanische «Ethnien» oder «Stämme» hat es nicht schon immer gegeben. Diese Begriffe entstanden erst durch die Kolonialmächte.
- Die Schweiz hat eine Kolonialgeschichte, denn sie hat von der Kolonialzeit in Afrika wirtschaftlich profitiert.
Mächtige und Gewaltunterworfene
Forschung über Kolonialismus, sagt Alexander Keese, beinhaltet immer eine doppelte Reise. Man erfahre Vieles über das Schicksal der lokalen Bevölkerung zu jener Zeit, aber es gebe Erkenntnisse über «den Kolonialstaat und seine Agenten».
Man forscht über die lokale Bevölkerung, aber man forscht auch über die Kolonialstaaten. Man hat den Blick auf die Ohnmächtigen, die Gewaltunterworfenen, und zugleich auf die Mächtigen.
Alexander Keese ist erst 39 und Professor für Geschichte und Spezialist für die Kolonialgeschichte Afrikas. Zuvor hat er an der Universität Porto in Portugal, an der Humboldt-Universität in Berlin und in Bern gearbeitet. In seiner ganzen Tätigkeit ging er neue, ungewohnte Wege. Er arbeitete sich durch neue, unerschlossene Quellen. Und stellte neue, andere Fragen – zum Beispiel, wann man eigentlich von Stämmen, von Ethnien zu reden begonnen hat.
Eine koloniale Erfindung: Der Begriff der «Ethnien»
Denn es sei keineswegs so, betont Alexander Keese im Gespräch, dass es afrikanische «Ethnien» oder «Stämme» schon immer gegeben habe, wie es in den Medien und in der allgemeinen Anschauung immer wieder heisse.
Im Gegenteil entstand ein ethnisches Bewusstsein erst, als die Kolonialmächte begannen, die afrikanische Kultur «festzuschreiben», zu definieren. «Stämme» und «Ethnien» sind also, verkürzt gesagt, eine koloniale Erfindung.
Aufmüpfige afrikanische Eliten
Alexander Keese hat viel geforscht und einige Bücher geschrieben zur Frage, wie die afrikanischen Eliten am Ende der Kolonisierung in den 1950er-Jahren angesehen wurden. Damals, als die jungen, selbständig denkenden afrikanischen Führer sich bereitmachten, ihre Länder zu führen, zu regieren, regierte die Angst.
Denn man wollte die afrikanischen Eliten ja durchaus zur «Zivilisation» bringen, sagt Alexander Keese. Zugleich aber fürchtete man, sie könnten allzu eigenständig werden, im Denken und im Handeln. Und die «Bodenhaftung verlieren», und damit anfällig werden «für jede Art von kommunistischer Agitation.» Das sind neue, bisher so nicht formulierte Erkenntnisse in der Kolonialismus-Forschung.
Der koloniale Prozess, das betont Alexander Keese im Gespräch, war ein umfassender Kosmos, an dem viele beteiligt waren – die Kolonialstaaten, die afrikanischen Eliten, Profiteure, Unterdrückte, aber auch die ganze koloniale Wirtschaft.
Die Schweiz, ein Kolonialstaat?
Auch die Schweiz, sagt Alexander Keese, hat eine koloniale Vergangenheit. Denn es gab viele Schweizer Unternehmen, die am kolonialen Prozess «zumindest beteiligt waren». Und so hat die Schweiz von der Kolonialzeit in Afrika wirtschaftlich profitiert, vielfach.
Nur müsste das alles, darauf legt Alexander Keese wert, erforscht werden – gerade was die Verbindungen von Schweizer Firmen und Einzelpersonen zu den Kolonialmächten angeht. Da sei «noch einiges zu machen.»
Nationaler Latsis-Preis
Der Preis wird seit 1983 jährlich verliehen. Der Preis wird an in der Schweiz tätige, unter 40-jährige Forscherinnen und Forscher vergeben. Er ist mit 100'000 CHF dotiert und ist eine der schweizweit renommiertesten Auszeichnungen im wissenschaftlichen Bereich.
Alexander Keese
Der Historiker wurde am 17. August 1977 in Hannover geboren und ist deutscher Staatsangehöriger. Seit 2015 ist Keese Förderprofessor des SNF an der Universität Genf. Vorher leitete er im Rahmen eines ERC Starting Grants die Forschungsgruppe ForcedLabourAfrica. Keese spricht sechs Sprachen – darunter auch Wolof.