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Es sei gleich vorweg eingestanden: Wann immer ich das Wort Versicherung höre, gehen bei mir alle roten Lämpchen an. Seit mir in Prag die Winterthur-Versicherung selig an den Schaden einer ausgeraubten Wohnung in Höhe von über CHF 20’000.- – meine ganze professionelle Fotoausrüstung mit mehreren Spezial-Objektiven, das Reporter-Tonbandgerät, zwei Laptops und einiges mehr waren weg – keine einzige tschechische Krone bezahlt hat, traue ich diesen Instituten definitiv nicht mehr. Und seit die gleiche Winterthur-Versicherung dem von mir geführten, damals grössten Prager Verlagshaus trotz sogenannter Allrisk-Versicherung den wegen Stromausfalls als Folge riesiger Überschwemmungen in Mähren entstandenen Schaden nicht zu zahlen bereit war, weiss ich, dass die Versicherungen einen sogar erheblichen Aufwand betreiben, um ein Schlupfloch zu finden, nicht zahlen zu müssen.
Der Teufel steckt im (juristischen) Detail
Um die beiden Fälle nachvollziehen zu können: Bei meinem privaten Schaden fand die Versicherung im Polizei-Rapport die Bemerkung, dass ich im Schlafzimmer (im zweiten Stock des Hauses) beim Fenster ein Luft-Flügelchen (ein «Läufterli») offen hatte, was in Anbetracht dessen, dass die Polizei die Erhebungen erst am nächsten Tag machte, ohnehin eine absurde Feststellung war. Aber es zählte mehr als die Tatsache, dass die Haustüre mit Gewalt aufgebrochen war und die Einbrecher das Werkzeug bei sich hatten, um im unteren Stock sogar einen Tresor aufzubrechen, und es erlaubte der Versicherung, gemäss Paragraph 37 Delta oder ähnlich, nicht zu zahlen, da offene Fenster verboten waren. Und beim Stromausfall fand die Versicherung heraus, dass im Kraftwerk, das den Strom lieferte, der Direktor den Hauptschalter betätigt hatte, um einem Kurzschluss durch einfliessendes Wasser zuvorzukommen. Das sei Willkür, argumentierte die Versicherung, und Willkür sei auch durch eine Allrisk-Versicherung nicht gedeckt – als ob wir in der Druckerei, die unsere Tageszeitung Mangels Strom nicht mehr drucken konnte, gemerkt hätten, ob nun ins Kraftwerk einfliessendes Wasser zu einem Kurzschluss geführt hat oder ob der Direktor fünf Minuten vorher – um grösseren Schaden zu vermeiden – den Hauptschalter betätigt hat. Wäre Wasser ins Kraftwerk gelaufen und wäre es tatsächlich zu einem Kurzschluss gekommen, so schrieb die Versicherung, dann hätte sie selbstverständlich bezahlt…
Aber lassen wir das, wir müssen es einfach zur Kenntnis nehmen: Versicherungen, die juristisch als Aktien-Gesellschaft fungieren und damit gemäss Obligationenrecht OR per definitionem profitorientiert sind, können nicht gleichzeitig kundenfreundlich sein. Sie sind umso erfolgreicher, je öfter es ihnen gelingt, einen entstandenen Schaden nicht zu bezahlen.
Die Branche boomt
Schweizer Radio DRS 1 benützte diese Woche die Meldung, wonach die Schweizer Versicherungen in den letzten sieben Jahren 7000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen haben, um den Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV, Lucius Dürr, zum einzuladen. Und da lohnte es sich schon, genauer hinzuhören. Die Versicherungen verkaufen nämlich nicht die Chance, einen erlittenen Schaden zumindest teilweise entschädigt zu bekommen, erklärte der Verbandsdirektor etwas verklausuliert, sie verkaufen vielmehr Sicherheit. Und sie haben immer neue Ideen: Es könnte ja zum Beispiel ein Erdbeben geben. Oder es könnte Probleme mit der Geothermie geben. Da braucht man Sicherheit, da braucht man eine Versicherung.
Die Schweizer sind das bestversicherte Volk der Welt. Das wurde im Gespräch bestätigt. Erst in einiger Distanz folgen die Holländer. Ok, man kann daraus den Schluss ziehen, dass die Schweiz auch die besten Versicherungsgesellschaften haben. Aber ist der Rückschluss auch richtig?
Die Versicherungen sind risikoscheu
Mit Verlaub: da, wo die Risiken etwas schwieriger einzuschätzen sind, sind die Schweizer Versicherungen schnell nicht mehr dabei. Als ich in Prag lebte, hat mich die Schweizer Krankenversicherung schlicht rausgeschmissen. Ich habe deshalb eine dänische Krankenversicherung, die damals bereit war, mich zu versichern, unabhängig davon, ob ich gerade in Prag, in den USA, in Südafrika oder in Australien war. Und als ich in die Schweiz zurückkehrte, hat mich die Schweizer Krankenversicherung nur noch auf dem obligatorischen Minimum «zurücknehmen» wollen, denn zwischenzeitlich war ich einmal krank und deshalb zum «Risikofall» geworden. So habe ich eben auch heute noch die gleiche dänische Krankenversicherung…
Oder die Privathaftpflichtversicherung? Wenn Sie sich fürs Ausland abmelden, gilt auch die Haftpflichtversicherung nicht mehr. Als ob ein potenzieller Schaden, den Sie kausal verursacht haben, ohne «schuldig» zu sein, in einem anderen Land teurer wäre. Das Gegenteil ist der Fall: Die meisten Schäden im Ausland sind deutlich weniger kostspielig, als sie in der Schweiz gewesen wären.
Ein perfektes Geschäftsmodell
Versichere möglichst viele Leute möglichst hoch, meide erkennbare Risiken, und wenn dann trotzdem ein Schadenfall eintritt, suche einen (juristischen) Grund, nicht zahlen zu müssen. Das scheint, etwas verkürzt, das Business Modell der Schweizer Versicherungen zu sein.
Doch auch hier gilt: Nicht jammern, sondern selber denken und selber entscheiden. Man halte sich deshalb an folgende sieben «goldene Regeln»:
1. Versichere nur Risiken, die du selber nicht verkraften kannst: Unfall oder Krankheit zum Beispiel. Aber warum zum Beispiel eine Lebensversicherung für ein Kind abschliessen? Eine Sicherheit für das Kind ist das ja nicht. Ist es aber ein Trost, wenn du dir ein neues Auto kaufen kannst, wenn dein Kind schon im Kindesalter stirbt?
2. Wähle eine Versicherung, die eine Genossenschaft ist (In der Schweiz zum Beispiel die «Mobiliar»). Ihr Jahresgewinn wird in Form einer Prämienreduktion den Versicherungsnehmern gutgeschrieben – also dir! Bei den Versicherungs-Aktiengesellschaften – das sind die meisten Versicherungsgesellschaften – verschwindet der Jahresgewinn der Gesellschaft in den Taschen der Aktionäre. (Siehe dazu eine eingehende Studie der Swiss Re, die das anschaulich macht.)
3. Lese das Kleingedruckte, auch wenn es wirklich klein gedruckt und sehr, sehr mühsam zu lesen ist. Ist die zu unterschreibende Versicherung zum Beispiel auch im Ausland gültig? Viele Rechtsschutzversicherungen zum Beispiel sind im Ausland nicht gültig, aber deinen Auto-Unfall hast du ja vielleicht in Frankreich, und dort hast du Probleme mit der Versicherung des beteiligten Fahrzeuglenkers.
4. Achte bei den Vertrags-Bestimmungen vor allem auch darauf, was bezahlt wird: der Neuwert, der Marktwert, oder was genau?
5. Profitiere vom Fakt, dass sich die Versicherungsverkäufer meist mit dem Versicherungsnehmer identifizieren und nicht mit ihrer Firma, denn sie wissen besser als alle Anderen, dass auch ihre Versicherung zu kneifen versucht, wenn es ums Zahlen geht. Und diese Versicherungsverkäufer geben dir die besten Ratschläge. Etwa (habe ich selber so gehört): «Wenn in Ihrer Wohnung etwas gestohlen wird, nehmen Sie einen Hammer und schlagen Sie eine Fensterscheibe ein, und zwar von aussen nach innen. Dann ist es sicher ein Einbruch und nur dann sind Sie sicher, dass die Versicherung auch zahlt.» (Diesen Ratschlag habe ich in Prag leider noch nicht gekannt…)
6. Wenn du in einem Schadenfall von deiner Versicherung den Bescheid erhältst, dass du aus diesen oder jenen Gründen keinen Anspruch auf eine Entschädigung hast, dann bitte einen gewieften Freund um Hilfe – zum Beispiel um einen Brief mit einem «Dr.» im Absender. Manche Versicherungen probieren es einfach mal, ob man einen abschlägigen Bescheid ohne Murren akzeptiert. Aber manche sind plötzlich «gesprächsbereit», wenn sie merken, dass man nicht zu den Wehrlosen gehört.
7. Vergiss nie: Versicherungen verkaufen keine Sicherheit! Es kann immer mal etwas passieren, ja. Die Versicherung hilft aber im besten Fall, den möglichen finanziellen Schaden zu reduzieren. «Sicherheit» ist etwas ganz Anderes.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine