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Seit 2003 zwingt der bewaffnete Konflikt in der Republik Zentralafrika Zehntausende von Menschen zur Flucht in den Süden des Tschads. In den Jahren 2014 und 2018 gab es zwei grosse Flüchtlingswellen. Auch Menschen aus dem Tschad, die seit vielen Jahren in Zentralafrika lebten, mussten in ihr Herkunftsland zurückkehren, zu dem sie kaum noch eine Beziehung hatten. Die Herausforderung besteht jetzt darin, wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze zu schaffen, ohne die lokale Bevölkerung zu frustrieren. Der Klimawandel macht die Situation noch schwieriger.
Derzeit leben ungefähr 105 000 Flüchtlinge und 45 000 Rückkehrer im Süden des Tschads. Untergebracht sind sie in Camps und Dörfern entlang der Grenze, einer Region also, deren Bevölkerung bereits stark unter Druck ist. Die Geflüchteten müssen selbst versuchen, sich zu integrieren. Die lokale Bevölkerung sieht sich kontinuierlich mit den immer gleichen Krisen konfrontiert: Sie kämpft gegen wirtschaftliche und soziale Probleme, gegen Umweltprobleme und die Ernährungskrise. Obwohl die heimische Bevölkerung friedlich mit den Vertriebenen zusammenlebt, machen die drastischen Auswirkungen des Klimawandels und der immer grössere Druck auf die natürlichen Ressourcen eine ohnehin schon schwierige Situation noch komplexer. Der Tschad gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Gemessen am Index der menschlichen Entwicklung belegt er Platz 187. Lediglich die zentralafrikanische Republik und der Niger weisen eine noch tristere Bilanz auf. Vor diesem Hintergrund ist es paradox, dass gerade im Tschad so viele Flüchtlinge Zuflucht finden. Sie kommen aus dem Sudan, Zentralafrika und Nigeria, insgesamt sind es rund 469 000 Menschen. Die vielen Rückkehrer und intern Vertriebenen sind dabei noch nicht mitgerechnet.
Bedarf an Berufsausbildung
Einen Arbeitsplatz zu finden und sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist unter diesen Bedingungen äusserst schwierig. In den vier Regionen im südlichen Tschad, die an die Zentralafrikanische Republik grenzen, ist die Lage der Jugendlichen besonders besorgniserregend. Weniger als 5 Prozent der Mädchen und Jungen dieser Region konnten eine – formelle oder informelle – Berufsausbildung absolvieren. Die vier Ausbildungszentren, die Hilfsorganisationen in Kooperation mit dem Flüchtlingskommissariat der UNO gegründet haben, reichen bei weitem nicht aus, um den Bedarf der 900 000 Bewohner dieses Landesteils zu decken. Der Mangel an Perspektiven drängt die Jugendlichen in die Städte, wo die Lebens- und Arbeitsbedingungen kaum besser sind.
Ausbildner unterstützen Geflüchtete
Derzeit unterstützt Caritas Schweiz zwei Projekte zur Verbesserung der Situation. Das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) geförderte Projekt FORMI unterstützt die berufliche Bildung und Integration von Jugendlichen in sechs Regionen des Tschads. Und das von der Europäischen Union finanzierte Projekt DIZA (Inklusive Entwicklung in den Aufnahmeregionen) zielt auf Gebiete ab, in denen sehr viele Flüchtlinge und Rückkehrer auf engem Raum leben. Das Projekt verbindet humanitäre Massnahmen mit Wirtschaftsförderung, die darauf abzielt, die Beschäftigung und Verdienstmöglichkeiten für die schutzbedürftigsten Menschen zu fördern. Über ein koordiniertes
Massnahmenbündel werden mehr als 10'000 Teilnehmende im Rahmen des DIZA-Projekts in die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette von Produkten wie Erdnüssen, Karité-Nüssen, Sesam und Kürbis integriert. Es besteht die Möglichkeit, Mikrokredite aufzunehmen. Die Leute werden ermutigt, Kooperationen zu gründen, Werkstätten für die Verarbeitung ihrer Produkte sowie Zwischenlager zu bauen. Die Teilnehmenden werden in Bodenregeneration, Anbautechniken und biologischer Landwirtschaft geschult, immer mit der Zielsetzung, einen gleichberechtigten Marktzugang zu ermöglichen.
Für die Berufsausbildung wurde eine gezielte Strategie entwickelt, um die schon existierenden Ausbildungszentren besser auszustatten und Ausbildungspläne für die am meisten gefragten Berufe zu entwickeln. Parallel hierzu werden dezentralisierte, mobile Ausbildungsstrukturen aufgebaut. 1125 junge Menschen werden daran teilnehmen können. Ausbildner reisen in entlegene Regionen, um vor Ort eine mehrwöchige Schulung abzuhalten. Dies ist im Tschad ein neuer und sehr innovativer Ansatz. Unterrichtet werden das Schreiner-, Maurer- oder Schneiderhandwerk sowie Mechanik, Schweisstechnik oder Solarenergie – mit dem Ziel, die jungen Menschen dabei zu unterstützen, möglichst schnell ihren Platz in der lokalen Wirtschaft zu finden.
Alle Programme im Tschad zielen darauf ab, die Autonomie derjenigen Bevölkerungsgruppen zu stärken, die in der grössten Not leben. Durch lokale Wirtschaftsförderung sollen mehr Tätigkeiten entstehen, die ein Einkommen generieren. Die Caritas-Programme tragen dazu bei, dass extrem vulnerable Menschen nicht mehr auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und mittelfristig selbstständig leben können. Arbeit ist der Schlüssel zu einer effizienten sozialen und wirtschaftlichen Integration von Geflüchteten und Vertriebenen. Ein Arbeitsplatz ermutigt Menschen, sich an einem Ort fest niederzulassen und nicht weiter zu migrieren.
Der Tschad ist von der Corona-Krise nicht verschont geblieben. Die Caritas hat die Sensibilisierung der Bevölkerung für die notwendigen hygienischen Massnahmen rasch in alle ihre Aktivitäten integriert. Es ist zu befürchten, dass die Massnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Folgen haben. Caritas-Projekte im Tschad werden eine wichtige Rolle dabei spielen, dass auch die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen Anteil an der lokalen Wirtschaft haben können.
Caritas-Aktion: Afrika - für eine Partnerschaft auf Augenhöhe