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Tim Krohn, worum geht es in «Herr Brechbühl sucht eine Katze»?
Ich begleite elf Menschen, die in einem Genossenschaftshaus in Zürich leben, und beschreibe sie in ihrer ganzen Vielfalt. Hubert Brechbühl ist einer von ihnen. Der Roman ist der erste einer Reihe von voraussichtlich 15 Bänden. Ziel ist es, alle Facetten des menschlichen Seins zu ergründen, alle Gefühle und Charakterzüge. Letztlich geht es mir um eine Gesamtschau des Menschen, quasi um die Conditio humana.
Ein ehrgeiziges Unterfangen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Mammutprojekt in Angriff zu nehmen?
Ich habe eine Schwäche für Listen. Vor etlichen Jahren habe ich einmal die Schöpfungsmythen der Welt neu erzählt. Dabei hatte ich mit fünf oder zehn Prototypen gerechnet, und am Schluss waren es 155. Später habe ich eine neue Liste begonnen, auf der ich alle Gefühle und Eigenschaften notierte, die uns Menschen charakterisieren. Sie wuchs und wuchs, und heute enthält sie fast 1000 Einträge. Diese Begriffe, die von Aalglätte, Abschiedsschmerz, Eifersucht, Glück und Heiterkeit bis zu Zynismus reichen, lote ich nun in je einem Kapitel aus. Ursprünglich hatte ich vor, dieses gigantische Projekt zu meinem Alterswerk zu machen, doch dann zwang mich die Not, jetzt zu handeln.
Die Not? Erzählen Sie!
Ich wohne mit meiner Familie in einem wohl 400 Jahre alten Haus in Santa Maria Val Müstair. Als meine Mutter, Mitte 80 und gebrechlich, armengenössig wurde, beschlossen wir, sie zu uns zu nehmen, um ihr das Pflegeheim zu ersparen. Sie kann allerdings nicht mehr in den ersten Stock steigen, wo sich das einzige Bad im Haus befand. Deshalb brauchten wir umgehend rund 50'000 Franken, um ein Bad im Erdgeschoss einbauen zu lassen. So viel Geld hat man als Schriftsteller normalerweise nicht. Freunde rieten mir, ein Crowdfunding zu starten. So kam ich auf die Idee, auf der Internetplattform «Wemakeit.ch» meine Gefühlsliste zu publizieren und den Leuten anzubieten, für mindestens 250 Franken ihre persönliche Geschichte zu schreiben, basierend auf dem von ihnen gewählten Begriff. Das Ganze wollte ich zu einem Roman zusammenfügen.
Hat Ihre Idee funktioniert?
Fast zu gut. Innerhalb eines Monats hatte ich nicht nur das Geld für das Badezimmer zusammen, sondern auch Aufträge für 130 Geschichten. Ich schluckte leer. Bisher hatte ich Erzählbände publiziert, die acht oder neun Geschichten enthielten. Und jetzt 130! Das war eine völlig neue Dimension.
Bisher hatte ich Erzählbände publiziert, die acht oder neun Geschichten enthielten. Und jetzt 130!
Im Verlagsprogramm sind bereits zwei weitere Bände angekündigt. Offenbar haben Sie doch einen Weg gefunden, um das grosse Arbeitsvolumen zu bewältigen.
Es war zunächst eine ungewohnte Art zu schreiben, denn ich hatte meine «Auftraggeber» gebeten, nicht nur ein Gefühl zu wählen, sondern mir zusätzlich drei ihrer Lieblingswörter oder -zahlen zu nennen, die ich im Text unterzubringen versprach. Das erleichterte das Schreiben ungemein. Zudem bekam ich viele unglaublich schöne Rückmeldungen, die mich sehr motiviert haben.
Welche Art Wörter wollten die Leute denn in ihren Geschichten unterbringen? So schwierige wie Sollbruchstelle, Übersprungshandlung …
… oder Quastenflosser. Es gab wirklich sehr spezielle Begriffe. Aber das waren die dankbarsten Aufträge. Auf solchen Wörtern bin ich regelrecht geritten, weil ich sie so schön fand. Ich schrieb so beseelt wie nie zuvor und habe innerhalb gut eines Jahres 197 Geschichten produziert.
Das klingt nach Fliessbandarbeit.
Oder Disziplin. Meine Tage verliefen sehr geordnet. Bevor ich zu Bett ging, schaute ich nach, um welches Gefühl sich die nächste Geschichte drehen sollte. Das Wort nahm ich mit in meine Träume. Am nächsten Morgen hütete ich die Kinder und erledigte Büroarbeiten, nach dem Mittagessen ging ich spazieren und entwarf den Plan für die Geschichte; dazu benötigte ich ungefähr eine halbe Stunde. Dann schrieb ich und recherchierte parallel dazu im Internet, alles in allem vier Stunden lang. Abends überarbeitete ich den Text nochmals zwei Stunden lang und sprach ihn ins Diktafon. Meine Frau Micha hörte sich ihn an und gab Feedback, danach gingen wir schlafen.
Muss eine solche Akkordarbeit nicht notgedrungen oberflächlich bleiben?
Ich glaube nicht. Die Grundidee lässt mir unglaubliche Freiheiten bei der Wahl der Themen, Handlungen, Personen und Umgebungen. Gleichzeitig tauche ich dank des Gefühls, das jede Geschichte bestimmt, und der drei Zusatzwörter in eine Welt ein, die ganz plastisch ist. Ich schreibe sehr intuitiv, regelrecht meditativ, schalte mich als Person weitgehend aus und bin ganz da für die Begriffe, Figuren und Geschichten.
Ich schreibe sehr intuitiv, regelrecht meditativ, schalte mich als Person weitgehend aus.
Reicht das Recherchieren im Internet aus, um alle Informationen zu bekommen?
Als Schriftsteller benötigt man ein grosses Halbwissen. Und natürlich lasse ich meine Figuren gern in Bereichen auftreten, die ich aus eigener Anschauung kenne: Theater, Film, Familie, Berge. Wird dann allerdings ein Begriff wie eben Quastenflosser verlangt, muss ich auch mal ein, zwei Bücher kommen lassen, um mich zu informieren.
Wie kommen Sie auf neue Ideen?
Unser knapp vierjähriger Sohn erzählt den ganzen Tag Geschichten, er plaudert und plappert und strotzt nur so vor Einfällen. Ich bin wie er. In mir sprudelt es die ganze Zeit, es ist stets alles in Bewegung. Darum tut mir das Leben in unserem 350-Seelen-Dorf Santa Maria Val Müstair so gut. Hier finde ich die nötige Ruhe. Ich habe noch nie so gut schreiben können wie hier.
Wie bewahren Sie den Überblick über die Handlungen und Ihr Personal, wenn Sie bei der 650. Geschichte angelangt sind?
Ich bin kein sehr geordneter Mensch und habe tatsächlich Angst, eines Tages den Faden zu verlieren. Gott sei Dank habe ich eine sehr gute Lektorin, die sich inzwischen tief in den Stoff eingearbeitet hat.
Wie geht es nach den ersten drei Bänden nun weiter?
Neu habe ich die Website www.menschliche-regungen.ch aufgeschaltet, über die man direkt bei mir Geschichten bestellen kann. Sobald wieder 65 Geschichten geordert sind, schreibe ich den nächsten Band in einem Rutsch durch.
Sie haben zwei kleine Kinder, Ihre Frau schreibt auch, aber aktuell sind primär Sie es, der den Familienunterhalt bestreitet. Da dürften die rund 20'000 Franken nicht ausreichen, mit denen Sie für 65 Geschichten rechnen können.
Nein, auch wenn vielleicht nochmals 20'000 Franken Verlagstantiemen zusammenkommen. Ich schreibe regelmässig Theaterstücke, die generell besser bezahlt werden als Prosa. Mit Lesungen in der Schweiz und im Ausland kommt nochmals einiges herein. Und wir sind daran gewöhnt, uns durchzuhangeln. Hier oben in Santa Maria leben wir sehr bescheiden und brauchen fast kein Geld. Gemüse und Obst haben wir im Garten, meine Frau backt unser Brot. Das grosse Haus ermöglicht es, dass wir in unseren eigenen Räumen Schreibkurse anbieten können.
Wir können leider noch kein Romanisch, möchten es aber mit unseren Kindern lernen.
Sie wohnten selbst 20 Jahre lang in einem Genossenschaftshaus im Zürcher Kreis 5. Nun leben Sie mit Ihrer Familie praktisch am Ende der Welt. Extremer können die Unterschiede nicht sein.
Ich wuchs im Glarnerland auf, kehrte also gewissermassen zu meinen Wurzeln zurück, wobei die Val Müstair natürlich nochmal deutlich ländlicher ist. Aber es ist einfach ein wunderbarer Ort. Wir können leider noch kein Romanisch, möchten es aber mit unseren Kindern lernen, die im Tal den Kindergarten und die Schule besuchen werden. Wir lieben die Menschen hier. Als wir unser Haus im ersten Jahr umbauen liessen, hatten wir ständig bis zu zehn, zwölf Arbeiter bei uns – Männer aus dem Tal, denen wir jeden Tag Znüni und Zvieri aufgetischt haben. Oft haben wir uns dazugesetzt, mit einzelnen sind richtige Freundschaften entstanden. So ist der Plättlileger Götti unserer Tochter geworden.
Sie sind als anderthalbjähriger Bub aus Deutschland in die Schweiz gekommen. Mit welchem Land fühlen Sie sich heimatlich verbunden?
Ich fühle mich sehr stark als Schweizer. Ich liebe das Land, das politische System und die Fähigkeit der Menschen, trotz ihrer Vielfalt miteinander auszukommen.
Haben Sie auch den Anspruch, als Schriftsteller eine politische Stimme zu sein?
Unbedingt. Ich bin zwar kein Haudegen, der parteipolitisch Stellung bezieht und seine Leserschaft zu bekehren versucht. Aber ich war jahrelang Präsident des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbands und bin vehement der Ansicht, dass auch mein Projekt «Menschliche Regungen» eine gesellschafts- und kulturpolitische Dimension hat. Themen wie die Beziehungen der Geschlechter, Leben im Alter, die berufliche Situation von Theater- und Filmschaffenden, aber auch die Auswirkungen von Ereignissen wie 9/11 sind meiner Figuren täglich Brot.
Das Buch: Tim Krohn: «Herr Brechbühl sucht eine Katze», Galiani Berlin 2017, bei
Ex Libris
für Fr. 26.80; Buchpremiere mit Tim Krohn: 27. 2., 20 Uhr, im Kaufleuten Zürich (Pelikanplatz).
Weitere Lesungstermine: www.timkrohn.ch
Autor: Barbara Lukesch
Fotograf: Nicola Pitaro