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Bis vor wenigen Jahren wäre der Aufstieg von Leo Varadkar in Irland undenkbar gewesen: Ein offen schwuler Politiker, der Sohn eines eingewanderten Hindus, unverheiratet und kinderlos. Doch Varadkar hat beste Chancen, am Freitag als Nachfolger von Premierminister Enda Kenny nominiert zu werden.
Als Leo Varadkar 1979 in Dublin geboren wird, sind homosexuelle Handlungen in der Republik Irland strafbar. Die Verfassung verbietet Ehescheidungen. Als die Regierung sieben Jahre später versucht, Scheidungen zu legalisieren, lehnen dies 63 Prozent der Bevölkerung in Übereinstimmung mit der mächtigen katholischen Kirche ab.
Das Land, in dem Varadkar aufwächst, ist noch stark geprägt von der konservativen Sozialmoral der katholischen Kirche: Abtreibungen, unverheiratet zusammenlebende Paare, uneheliche Kinder und Homosexualität sind für eine Mehrheit der Bevölkerung Ausdruck eines sündhaften Lebensstils.
Dass es einer wie Leo Varadkar einst zum Premierminister bringen könnte, ist damals unvorstellbar. Er wird als jüngstes von drei Kindern von Ashok und Miriam Varadkar geboren. Sein Vater Ashok ist in Mumbai, Indien, aufgewachsen, wird als Hindu erzogen und kommt als Arzt in den Sechzigerjahren nach England. Dort lernt er seine zukünftige Ehefrau Miriam kennen, eine Krankenschwester und Tochter einer Bauernfamilie aus der kleinen Küstenstadt Dungarvan im Süden Irlands. Das Paar zieht bald nach Dublin, wo Leo zur Welt kommt.
Schon im Sekundarschulalter wird Varadkar Mitglied bei Fine Gael, einer der zwei grossen irischen Volksparteien. Danach klettert er in rascher Abfolge die Karriereleiter der irischen Politik hoch. Während seines Medizinstudiums in Dublin engagiert er sich in der Jugendsektion der Partei und steigt zum Vizepräsident der Jugendsektion der Europäischen Volkspartei EPP auf, zu der Fine Gael gehört.
Im Alter von 24 Jahren rutscht er für eine Parteikollegin in die Lokalregierung von Fingal County nach. Ein Jahr später wird er mit dem Spitzenresultat wiedergewählt. 28-jährig schafft Varadkar 2007 den Sprung ins irische Parlament. Vier Jahre später wird er wiedergewählt. Seine Partei, die mitte-rechts stehende Fine Gael, kommt an die Regierung und Varadkar wird mit 32 Jahren zum Transportminister ernannt. Nach einem Abstecher ins Gesundheitsministerium wird der ausgebildete Arzt im letzten Jahr schliesslich Minister für soziale Sicherheit.
Aufsehen erregt Leo Varadkar, als er an seinem 36. Geburtstag, wenige Monaten vor dem historischen Referendum über die Homo-Ehe, erstmals öffentlich im irischen Radio erklärt, dass er schwul sei.
Varadkar engagiert sich im folgenden Abstimmungskampf für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe an vorderster Front. Vier Monate später befürworten die Iren eine entsprechende Vorlage mit über 62 Prozent – und legalisieren als erstes Land der Welt per demokratischen Volksentscheid die Ehe für Homosexuelle.
Nur dank diesem radikalen Umdenken in gesellschaftspolitischen Fragen ist ein schwuler Premierminister in Irland in den Bereich des Möglichen gerückt. Der Kommentator Noel Whelan sagte gegenüber dem britischen «Independent», der Aufstieg Varadkars sei «die interessanteste Geschichte seit langem, über die an Irlands Küchentischen, Pausenräumen und Bars gesprochen wird».
Am Freitag entscheidet die Parteileitung von Fine Gael, wer dem zurückgetretenen Enda Kenny als Partei- und Regierungschef nachfolgen wird. Eine deutliche Mehrheit der Fine-Gael-Parlamentarier haben sich für Varadkar ausgesprochen, und weil sie fast zwei Drittel der Stimmen ausmachen, ist Varadkar haushoher Favorit. Irland dürfte also 24 Jahre, nachdem es homosexuelle Handlungen entkriminalisiert hat, einen schwulen Regierungschef bekommen. Mit 38 Jahren wäre er auch der jüngste seit der Unabhängigkeit Irlands von den Briten 1922.