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Wie sehr einem bewusst wird, dass das Theater ein Ort für Menschen ist, geschieht dann, wenn ein nichtmenschliches Wesen auf die Bühne soll, zum Beispiel Pferde. Dies war im Performance-Projekt Monster Utopia der Fall. Monster Utopia verhandelte die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Monster. Dafür wollte ich meine equinen Freunde Gimli of Gallifrey und Gryffindor zu mir auf die Bühne holen. Ich war überzeugt, dass sie mit ihrer einmaligen Präsenz eine beinahe sture Seins-Vergessenheit in die Theatersituation bringen würden, welche sowohl die theatrale Situation und ihre heiligen Konventionen, als auch meine theatralen Versuche einer Tier-Werdung kläglich scheitern liessen[1]. Und ich wurde nicht enttäuscht. Ich wusste, dass sie mir die Show stehlen würden. Aber ich wusste nicht, dass sie es zu ihrem Abend machen würden. Es war ihre Art, Theater zu machen. Und ich meine hier Theater – und nicht Performance. Ich bin mir sicher, dass sie das Ritual, das im Theater steckt, voll verstanden. Denn Pferde lieben gewohnte Abläufe. Sie machten sich für das Theater (oder genauer gesagt für den Transport) bereit, indem sie, sobald wir sie im Stall abholten, eine lange Pinkelpause einlegten. Dieses Ritual hält weit über die letzte Performance von Monster Utopia an. Ebenfalls überraschte mich, wie sehr wir während der Performance in Kommunikation miteinander waren. Ich dachte, sie wären abgelenkt vom Publikum oder von der Umgebung -wir spielten site specific und immer wieder bellte irgendwo ein Hund oder liefen Leute durch. Gimli und Gryffindors Gespür für Timing, das Aushalten von Spannungen, die gezielte Unterbrechung ist unglaublich. Die Performance wurde von einer Tonspur begleitet, welche ich geschrieben und eingelesen habe und welche die Performance mit einem philosophisch-theoretischen Background unterlegt. Es gab eine Textstelle, in welcher ich von einem Moment erzähle, in welchem mir ein Pferd auf der Wiese entgegenkam und ich ein Buch über Phänomenologie dabei hatte und mir dachte, dass dieser Moment wohl mehr erzählte, als alle Seiten des Buches zusammen. Während dieser Textstelle baute ich eine gewisse Energie zu Gimli und Gryffindor auf, um ihnen zu signalisieren, dass es unglaublich cool wäre, wenn sie in diesem Moment tatsächlich auf mich zukommen würden. Aber sie mussten nicht. Es war kein Kommando, das sie erfüllen mussten. Gryffindor begann auf mich zu reagieren und kam in den meisten Fällen tatsächlich auf mich zu, zum grossen Erstaunen des Publikums, das von mir kein ersichtliches Zeichen sehen konnte. Einmal ignorierte mich Gryffindor allerdings konsequent. Er hatte überhaupt keinen Bock und das war auch sein Recht. Die Pferde durften die ganze Performance über tun und lassen, was sie wollten. Sie konnten sich verstecken, fressen, scheissen, oder nichts tun. Gimli aber wurde ganz aufgeregt. Er schnaubte, wie um Gryffindor zu sagen «hey, das ist doch dein Stichwort. Du kannst sie doch nicht so hängen lassen». Aber Gryffindor meinte wohl nur «ach blas mir doch…». Was Gimli zum Anlass nahm, auf der nicht allzu langen Bühne in vollem Galopp auf mich zuzupreschen und kurz vor mir, seine vier Hufe in den Boden zu wuchten. Ich probierte, meine Verblüffung nicht zu zeigen und sendete ihm ein unsichtbares Danke. Ich bin noch heute ergriffen über diesen Moment. Er wollte mich wirklich nicht hängen lassen – obwohl es überhaupt nicht schlimm gewesen wäre, wenn er es gemacht hätte. Weil er doch gemerkt hat, dass es in diesem Moment etwas bedeuten würde. Was in mir natürlich den Verdacht aufkommen liess, dass den Beiden bei aller «Seins-Vergessenheit», die man Tieren so gerne attestiert, sehr wohl bewusst war, was es hiess, auf einer Bühne zu stehen. Das zeigte ihr Gespür für Timing und für die Wichtigkeit eines jeden einzelnen Momentes. Die Performancekraft von Gimli und Gryffindor ist einfach unschlagbar.
Was heisst es also, wenn Pferde auf die Bühne kommen? Ich möchte den Fokus weg von den «Bühnen»-Geschichten, die ich mit Gryffindor und GImli erleben durfte, schieben und mehr auf den Entstehungsprozess von Monster Utopia. Denn Monster Utopia zwang mich, den Theaterraum zu verlassen. Ich verbrachte ziemlich viel Zeit mit der Konzeption von Monster Utopia. Wie konnte ich eine pferde-gerechte Bühne schaffen? Mit viel Geld und viel Logistik wollte ich mehrere Tonnen Sand in den Bühnenraum frachten. Die Theater waren misstrauisch. Ich war sehr jung, niemand kannte mich und das Ganze schien sehr riskant. Und dann stellten sich mir ganz praktische Probleme. Welche Fluchtwege waren für Pferde geeignet? Gimli und Gryffindor wiegen beide einiges über 500 Kilogramm, ihr ganzes Gewicht verteilt sich im Stand auf die wenigen Quadratzentimeter ihrer Hufe. In der Bewegung vermehrt sich diese Krafteinwirkung noch um ein Vielfaches. Welcher Bühnenboden konnte dem standhalten?
Milo liegt neben mir auf dem Sofa. Er schielt unter seinen halbgeöffneten Lidern zu mir hinüber, wie um mir zu sagen, dass Gimli und Gryffindor übrigens nicht die Einzigen sind, die ein absolutes Gespür für den perfekten Auftritt haben. Katzen sind wohl die wahren Meisten darin, ihre Seinsvergessenheit gekonnt in Szene zu setzen.
Ja. Wie sehr einem bewusst wird, dass das Theater ein Ort für Menschen ist, geschieht dann, wenn Pferde auf die Bühne sollen. Denn Pferde sind – physisch gesehen – extrem inkompatibel mit Theaterräumen. Ihr ganzes Leben ist geradezu konträr zum Theater. Schon der Transport ins Theater ist für Pferde nicht besonders angenehm. Sie haben ein Bedürfnis nach weiter Aussicht und überschaubaren Räumen und werden als erstes gleich einmal in einen engen Anhänger mit sehr wenig Ausblick gezwängt. Im Theater angekommen versperren Treppen und enge Gänge dem Fluchttier Pferd seine dringend benötigten Fluchtwege. Und jede dunkle Ecke, von denen es im Theater viele gibt, muss ein Horror sein – könnte doch ein gefährliches Tier sich darin verstecken! Ebenso sehnt sich das Pferd ständig nach Artgenossen, eine ganze Herde in einem Theater zu unterbringen, ist allerdings selten möglich. Besonders spannend dürften die eintönigen Räume für Pferde, die sich abwechslungsreiche Natur gewohnt sind, auch nicht sein.
Wenn man Pferde in ein Theater holt, tut man dies also zum reinen Selbstzweck und zur Schaulust. Dennoch, Pferde sind ausgezeichnete Performer*innen und können die Seherfahrung bedeutend erweitern. Ich spreche mich hier nicht grundsätzlich gegen Tiere im Theater aus. Ich spreche mich dagegen aus, Tiere, wie zum Beispiel Pferde, in Räume zu holen, in denen sie sich absolut nicht wohl fühlen. Natürlich kenne ich das Argument, Pferde würden darauf sorgfältig trainiert, sehr gut. Aber ich hinterfrage diese kulturelle Erziehung von der Fähigkeit, sich in Räumen zu bewegen, die absolut nicht nach den Bedürfnissen der jeweiligen Gattung ausgerichtet sind, ja sogar beim Menschen. Aber klar, es gibt mehrere Unterschiede zwischen Menschen und nicht-menschlichen Tieren und einer ist in diesem Fall besonders bedeutend: Menschen können Zustimmung geben. (Consent). Der Mensch darf meistens selbst entscheiden, ob sie ins Theater gehen möchte – und bei den Einzelfällen, bei welchen die Menschen nicht selber entscheiden können, ob sie überhaupt ins Theater gehen wollen, zum Beispiel bei Schüleraufführungen, sieht man ja, wie «unangepasst» und «ungezogen» sie sich benehmen. Was für ein Theater könnte da ein Pferd veranstalten! Wären sie nicht so aussergewöhnlich gutmütige Wesen.
Ob das Pferd a) dieses unfreiwillige kulturelle Training überhaupt haben möchte und b) sich danach auch wirklich wohl fühlt, stimmt wahrscheinlich beides nicht. Nun gut, fragen können wir das Pferd nicht. Dennoch gibt es andere Wege, eine theatrale Begegnung zwischen Mensch und Pferd zu schaffen, die für beide Akteure angenehm(er) ist. Wollt ihr Pferde auf der Bühne? Dann verschiebt die Bühne nach draussen, nicht die Pferde nach drinnen. Lasst auch die Menschen auf unebenen Wegen laufen, in der Kälte frieren, in der Sonne schwitzen, frische Luft atmen und passt euch an eure Mitspieler an. Monster Utopia fand auf einer Wiese im Zirkusquartier in Zürich eine ideale Aufführungsstätte, mit einem gratis Echt-Natur-Bühnenbild noch dazu. Diese kleine Natur-Szenerie inmitten eines aufstrebenden Stadt-Quartiers stellte das ideale Setting, um die Grenzverhandlungen zwischen Mensch und Tier in den grösseren Rahmen von Natur und Kultur – oder besser, die Existenz von naturecultures[2] – zu stellen.
Ein Theater, das Anthropozentrismus kritisiert, denkt auch über seinen eigenen Anthropozentrismus nach.
[1] Mensch-sein lässt sich nun einmal nicht vergessen. Und mir als Wesen, das zwar körperlich Tier, doch mental Mensch ist, bleibt somit nur der «zwie»-lichtige Bereich des Monsters als Existenzfeld zwischen Mensch und Tier. Das Herkunftsland der Monster ist ein weites, zerklüftetes und unübersichtliches Gebiet, mit tiefen Wäldern, Grotten, unterirdischen Höhlen und Sümpfen. In diesem Gebiet entwickeln sich die widersprüchlichsten Wesen mit menschlichen und nicht-menschlichen Körperteilen und Aspekten. Hier finden der einsame Minotaurus, die mysteriöse Sphinx, der paarhufige Pan und das wilde Kind, das keine Sprache spricht, ihre Existenzen.
[2] Haraway
MONSTER UTOPIA war ein Performanceprojekt, das 2018 und 2019 im Zirkusquartier in Zürich gespielt wurde. Es war mein erstes gefördertes Projekt. Mehr Informationen findet ihr unter https://www.noemiegloff.ch/projects/monster-utopia/
Die folgenden Fotos stammen von Sepp de Vries.
Die folgenden Fotos stammen aus dem Entwicklungsprozess und sind von Marta Piras.