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Predigt am Josefstag 2021
Am Hochfest des heiligen Josef, 19. März 2021, richtete Pater Alois Kurmann folgende Predigtworte an die anwesende Gottesdienstgemeinde:
Willy Ritschard, Bundesrat von 1973-1983, bekannt durch markante Aussagen, meinte: «Nicht jeder, der schweigt, ist ein Philosoph. Es gibt auch verschlossene Schränke, die leer sind.» Vom deutschen Spezialisten für alte Sprachen, Immanuel Bekker, der sehr wortkarg war, sagte jemand, dass er in sieben Sprachen schweige. Sie kennen sicher auch unser Sprichwort: «Reden ist Silber, Schweigen ist Gold».
Den Heiligen Joseph, von dem die Bibel kein einziges Wort überliefert, kann man folglich ganz verschieden beurteilen: als leeren Schrank, als Philosoph, als beredten Schweiger. Das Evangelium nach Lukas, das wir eben gehört haben, gibt uns vielleicht einen Hinweis, zu welcher Gruppe wir ihn zählen können. In der peinlichen Situation, in die Jesus mit seinem Verhalten seine Eltern gebracht hat – wir könnten wohl sagen: das typische Verhalten eines zwölfjährigen Pubertierenden – macht Maria ihm den Vorwurf. «Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.» «Dein Vater und ich», sagt sie, nicht «wir». Joseph sagt nichts. Aber Jesus reagiert: «Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich dem sein muss, was meinem Vater gehört?» Jesus distanziert sich von Joseph, korrigiert Maria, die von Joseph gesagt hat «dein Vater». Der Evangelist Lukas verkündet ja in den ersten zwei Kapiteln seines Evangeliums, dass Jesus ein aussergewöhnliches Geschenk Gottes ist, das Maria und uns vom Heiligen Geist geschenkt ist. Sowohl Maria wie Joseph werden damit in ihrer Aufgabe und Bedeutung auf den zweiten Platz verwiesen. Allerdings wendet sich der Evangelist nachher wieder der alltäglichen Situation des Zwölfjährigen zu und sagt, er sei nach Nazaret zurückgekehrt und dort «gehorsam» gewesen.
Um das Schweigen Josephs noch etwas besser verstehen zu können, müssen wir Erzählungen des Matthäusevangeliums dazunehmen. Dreimal wird in diesem Evangelium gesagt, dass Joseph im Traum von einem Engel angesprochen wurde: als er bemerkte, dass Maria schwanger war, als er mit Jesus und Maria vor Herodes fliehen musste, der das Kind töten wollte und als er wieder aus Ägypten zurückkehren konnte. Joseph, der Schweiger, wird in diesen Texten als feinfühlig dargestellt, der offen ist, Aufgaben zu übernehmen, die er als göttlichen Willen erkennt, der nicht nachfragt und lange überlegt, sondern zielgerichtet handelt.
Diese wachsame Offenheit für Gott und den selbstlosen Einsatz für Maria und ihr Kind hat das Bild der gläubigen Überlieferung des heiligen Joseph geprägt. Am Sonntag nach Weihnachten feiern wird das Fest der Heiligen Familie. Die Verehrung der «Heiligen Familie» begann in der katholischen Tradition in der Neuzeit, verstärkte sich seit dem 17. Jahrhundert und nahm im 19. Jahrhundert grossen Aufschwung. Die «heilige Familie» wurde zum Idealbild einer christlichen Familie, in der der Vater der Ernährer und Beschützer, die Mutter die sorgende Hausfrau ist, die die Kinder zu Frömmigkeit und Gehorsam erzieht. Ich habe in Familienstuben in den 50er Jahren noch Bilder dieser Heiligen Familie gesehen: Joseph an der Hobelbank, Jesus, der mit den Hobelspänen spielt und Maria, die wachsam das Kind behütet. Ein weiterer Zug im Bild des Schweigers Joseph ist nicht biblisch, aber aus dem gefolgert, was die Evangelien sagen. Joseph kommt nur am Anfang des Matthäus- und Lukasevangeliums vor, nachher nicht mehr. Daraus hat man gefolgert, dass er bald nach der Geburt Jesu schon gestorben sei. Ein Text aus Ägypten, eine Legende, sagt, dass Joseph schon achtzig Jahre alt gewesen sei, als Jesus geboren wurde. Seit dem 17. Jh. wurde der Heilige Joseph darum als Schutzpatron der Sterbenden verehrt. So ist er auch auf der Nordseite unseres Klosters erwähnt: Joseph hat das Jesuskind auf den Armen und darüber ist geschrieben: «Patronus agonizantium, Patron derer, die im Sterben liegen». Die Verehrung des Schweigers Joseph gehen weiter: Papst Pius IX. erklärte den heiligen Josef 1870 zum Schutzpatron der katholischen Kirche, am 15. August 1989 würdigte ihn Papst Johannes Paul II. mit dem Schreiben «Beschützer des Erlösers». Im 20. Jahrhundert wurden dem heiligen Josef mehr katholische Kirchen geweiht als irgendeinem anderen Heiligen. Pius XII. führte 1955 als kirchliches Gegenstück zum weltweit am 1. Mai begangenen Tag der Arbeit den Gedenktag Josefs, des Arbeiters ein, als Reaktion der Kirche auf die soziale Bewegung. Der heilige Josef wurde von Papst Johannes XXIII. neben der Gottesmutter Maria zum besonderen Schutzpatron des Zweiten Vatikanischen Konzils bestimmt und Papst Franziskus hat am 8. Dezember 2020, 150 Jahre nachdem Pius IX. den Heiligen Josef zum Schutzpatron der Kirche erklärt hat, ein „Jahr des Hl. Josef“ ausgerufen.
Das neueste und herzlichste Zeugnis der Verehrung des Heiligen Joseph gibt der jetzige Papst Franziskus selber. Er sagte in einer Ansprache: «Ich liebe den heiligen Joseph sehr, denn er ist ein starker und schweigsamer Mann. Auf meinem Schreibtisch habe ich ein Bild des heiligen Josef, der schläft. Und schlafend leitet er die Kirche! Ja! Er kann es, wir wissen das. Und wenn ich ein Problem habe, eine Schwierigkeit, dann schreibe ich es auf ein kleines Blatt und schiebe es unter den heiligen Josef, damit er davon träumt! Das bedeutet: damit er für dieses Problem betet!»
Schliessen wir mit einem Blick auf die Lesung des heutigen Tages. Der Prophet Natan verheisst dem König David, Gott werde ihm ein Haus und ein Königtum geben, das auf ewig Bestand haben wird, denn Gott werde ihm Vater sein, und David und seine Nachfolger werden Gottes Sohn sein. Joseph, der Schweiger, ist nach dem Matthäusevangelium ein Nachkomme Davids. Die vielen Funktionen, die im Lauf der Jahrhunderte auf Joseph übertragen wurden, zeigen, dass er nicht ein verschlossener Schrank ist, der leer ist. Er schweigt zwar, aber redet in Sprachen, in Hoffnungen und im Vertrauen vieler Menschen. So können auch ihn wir feiern, ihm vertrauen, zu ihm beten. Sein Schweigen kann Gold werden, wenn wir uns in unseren Träumen, Hoffnungen und in unserer Sehnsucht nach Gerechtigkeit für die Menschen und in unserer Sorge um unsere Kirche Gott übergeben. Wenn wir wie der Heilige Joseph unsere Aufgaben übernehmen, die wir als göttlichen Willen erkennen, und zielegerichtet an die Arbeit gehen, dann handeln wir wie er, dann wird sein Schweigen auch in uns zu Gold.