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Mit der Religion kann man ja bekanntlich verschieden umgehen; auch im Islam. Dieses Mal möchte ich mit einer kleinen Geschichte darauf eingehen:
Es waren einmal zwei Brüder, nennen wir sie Faris und Salim. Sie hatten wundervolle Eltern, die sich gut um sie kümmerten. Schon seit sie sich erinnern konnten, sprachen die Eltern von einem Vergnügungspark, den die Brüder dereinst erben würden. Das konnte aber nur unter gewissen Umständen geschehen, und deswegen existierten in dieser Familie spezielle Erziehungsregeln.
Mehrmals jeden Tag wollten die Eltern, dass ihre Söhne zu ihnen kamen und mit ihnen redeten und von sich berichteten. Dann gab es auch Tage, an denen sie eine Weile lang auf gewisse Dinge verzichten mussten, wie Schlafen und Essen. Hin und wieder mussten sie sogar etwas weggeben, das sie eigentlich noch gerne behalten hätten. Einmal schickten die Eltern die Brüder auf eine lange Reise, die teilweise unbequem, aber auch faszinierend war und an einem fernen, fremden Ort endete.
Dann gab es aber auch Verbote. Sie durften nicht töten, lügen und stehlen und ihre Frauen betrügen. Gewisse Dinge durften sie nicht essen und trinken; komischerweise Dinge, für die andere Menschen gerne viel Geld ausgaben. Bei gewissen Spielen durften sie nicht mitspielen und es war ihnen zwar erlaubt, Geschenke anzunehmen, aber nur, wenn sie von Freunden waren und nie, wenn sie von einem öffentlichen Institut waren.
Das Seltsamste an den Regeln war, dass die Eltern darauf hinwiesen, dass es darin eine innere Wirkung hätte, die sie selber finden mussten. Und dass es natürlich freiwillig sei, ob sie sich an die Erziehungsregeln halten. Die Brüder schauten sich ratlos an. Da aber beide unbedingt den Vergnügungspark erben wollten, beschlossen sie, sich an die Regeln zu halten. Obwohl sie Brüder waren, gingen sie verschieden an die Sache heran. Faris hielt alle Regeln und Verbote peinlich genau ein und spulte das ganze Erziehungsprogramm der Reihe nach ab. Er redete mit den Eltern, verzichtete auf gewisse Dinge, gab schweren Herzens Dinge weg, die er eigentlich noch behalten wollte und unternahm zusammen mit seinem Bruder auch die äusserst anstrengende Reise.
Salim tat genau das Gleiche, und doch war da ein grosser Unterschied! Als sie in der Mitte ihres Lebens standen, kamen sie einmal zusammen und redeten. Faris klagte: „ Ich bin müde. Es ist anstrengend, den Eltern gehorsam zu sein und die vielen Regeln einzuhalten; manchmal fühle ich mich wie ein Sklave. Wenn es nicht wegen des Vergnügungsparks wäre, hätte ich schon lange aufgegeben. Du hingegen siehst immer noch frisch und voll motiviert aus, wie hältst du das durch? Freust du dich dermassen auf den Vergnügungspark, dass dir alles nichts ausmacht?"
Salim lächelte erst verständnisvoll und antwortete dann ernst: „Nein, das hat mit dem Vergnügungspark nur noch am Rande zu tun. Mir macht es nichts aus, die Erziehungsregeln zu befolgen, weil ich es mit Liebe tue. Ich liebe meine Eltern und freue mich jedes Mal darauf, mit ihnen zu reden, weil es mir gut tut und Kraft gibt. Indem ich manchmal auf Essen und Schlaf verzichtet habe, habe ich gelernt, wie abhängig ich bin, und das hat nicht nur jeden Hochmut im Keim erstickt, sondern mir auch geholfen zu erkennen, wie nötig meine Hilfe an andere Menschen ist, die noch abhängiger sind und sich nicht selbst versorgen können. Ich habe aber auch gelernt, dass ich mich selber beherrschen kann und bin in meinem Willen stärker geworden. Das hat mich gefreut und mir neuen Schwung gegeben. Dasselbe gilt für die Dinge, die ich weggegeben habe, obwohl ich sie selbst gerne behalten hätte. Ich habe gelernt, dass ich auch ohne diese Dinge leben kann und mein Glück nicht davon abhängt, ob ich sie habe. Das hat mich ruhiger und gelassener gemacht. Ob du's glaubst oder nicht, ich habe mich am Schluss sogar mit den Leuten gefreut, die sie erhalten haben."
Faris verschlug es für einen Moment die Sprache. So hatte er das Ganze nie betrachtet und auch nie so empfunden. Dann dachte er wieder an die Regeln und neue Bitterkeit kam auf. „Und die Reise an diesen katastrophal überfüllten Ort, hat die dir etwa auch gefallen", fragte er herausfordernd. „Die Reise war anstrengend", gab Salim zu. „Doch ich bin sehr froh, habe ich sie gemacht. Es war lehrreich, den Alltagstrott zu unterbrechen und nur noch ein winziges Pünktchen inmitten dieser grossen Menschenmenge zu sein. Auf einmal habe ich mich nicht mehr so wichtig genommen; durch den Abstand konnte ich vieles klarer sehen, und ich habe mich geschämt für meine Unachtsamkeit, Undankbarkeit und Fehler in meinem Leben, die mir sonst gar nicht so bewusst geworden wären. Ausserdem habe ich grosse Ehrfurcht an diesem geschichts-trächtigen Ort empfunden und fühlte mich mit den früheren Menschen, die hier gelebt haben, tief verbunden. Das war ein total erfrischendes, inspirierendes Erlebnis!"
Faris dachte einem Moment lang nach und musste dann wider Willen schmunzeln. Die Begeisterung seines Bruders war irgendwie ansteckend. Dennoch wandte er ein: „Und die Verbote, sag nur, das war auch kein Problem für dich. Ich hätte mir ja so oft gewünscht, wenigstens die Verbote gäbe es nicht!" Salim zuckte mit den Schultern: „ Stell dir mal vor, sie gelten für niemanden. Willst du etwa ausgeraubt, belogen und betrogen oder sogar ermordet werden?" „Nein", wehrte Faris ab, „ich meinte nicht die Verbote, die auch für alle anderen Menschen gelten, sondern die speziellen, von unseren Eltern, das ist reine Schikane." „Schikane?" rief Salim fassungslos. „Hast du denn nicht bemerkt, dass unsere Eltern uns damit schützen wollen? Sie sorgen sich um unsere Gesundheit, deswegen haben sie uns gewisse Nahrungsmittel verboten. Und die Spiele, die wir nicht mitspielen sollen, schützen unser Vermögen, und dass wir keine Geldgeschenke von Instituten annehmen sollen, schützt das Vermögen unserer Mitmenschen. Ich bin unseren Eltern dankbar dafür!"
Nachdenklich betrachtete Faris seinen Bruder, der mit geröteten Wangen vor ihm stand. „Du hast eine völlig andere Art, an die Dinge heranzugehen. Ich habe wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen, oder anders ausgedrückt, vor lauter Regeln das Erziehungs-konzept aus den Augen verloren." Bei diesen Worten spürte er, wie neue Energie seinen Körper durchflutete. Und gleichzeitig machte sich ein Gefühl in ihm breit, das sehr unangenehm war: Scham. Er schämte sich fürchterlich. Immer hatte er nur an den Vergnügungspark und sich selbst gedacht und die Regeln nur als lästig empfunden und keinen Moment lang nach deren Sinn gefragt. Er hatte auch keinen Gedanken an die Beziehung zu seinen Eltern oder an die andern Menschen verschwendet. - Doch jetzt, beschloss er, jetzt würde das anders.
Dann sprach er Salim auf etwas an, das sie beide noch nie besprochen hatten. „Unsere Eltern haben einmal etwas von einer inneren Wirkung der Erziehungsregeln gesagt, die wir selber finden sollen. Ich habe es ehrlich gesagt ganz vergessen, doch nach unserem Gespräch habe ich das dringende Bedürfnis, das zu verstehen. Weisst du, was es damit auf sich hat?" Salim schüttelte nur enttäuscht den Kopf. „Hast du mir denn nicht zugehört? Du hast mich gefragt, wieso ich immer noch so motiviert sei, und ich habe dir geantwortet. Denk doch mal nach." Faris fühlte aufsteigenden Ärger bei diesen Worten. „Weich mir nicht aus, dies ist eine andere Frage. Oder weiss Mister Neunmalklug diesmal selber nicht weiter?" versetzte er scharf.
Salim schaute ihn an und schwieg. Faris' Wut wuchs. Er schüttelte seinen Bruder, als würde die Antwort so aus ihm herauspurzeln. Was dann geschah, war unerwartet. Sein Bruder wehrte sich nicht, sondern zog die zornigen, gewalttätigen Arme mit sanften Händen von seinen Schultern weg und sagte ruhig und bestimmt: „Die innere Wirkung hätte dich von genau dieser Reaktion abgehalten." Dann setzte er sich auf den Boden. Faris, der sich schon auf eine ordentliche Prügelei eingestellt hatte, setzte sich ratlos daneben und dachte nach. Anscheinend fehlte ihm die innere Wirkung. Wo war die überhaupt? Vielleicht musste er nach innen schauen. Dort fühlte er im Moment nur Ungeduld, Ohnmacht, Wut und Verbitterung – vor allem in Bezug auf sich selber. Und Neid gegenüber seinem Bruder, der das Erziehungskonzept der Eltern von Anfang an positiv sehen konnte. „Ihm hat es im Gegensatz zu mir etwas genützt", dachte er. „Er ist glücklich damit." Unsicher schaute er seinen Bruder von der Seite her an, und Salim lächelte ihm zu. Und das, obwohl Faris ihn vorher schlecht behandelt hatte. Plötzlich verstand Faris. Die innere Wirkung zeigte sich im Verhalten des Bruders!
Er erinnerte sich an Salims Worte: dass er seine Handlungen mit Liebe mache, dass ihn die Handlungen mit Freude erfüllen, dass er im Verzicht und auf der Reise vieles über sich selber lernen konnte, dass er die Verbote als Schutz empfand und dadurch die liebevolle Fürsorge der Eltern erfahren durfte. Alles, was sein Bruder gefühlt oder getan hatte, hatte ihn zum Guten verändert, und das war nur möglich gewesen, weil er eben in den Regeln mehr gesehen hatte als eine Last. Beim Reden mit den Eltern lernte er über sich selbst nachzudenken, beim zeitweisen Verzicht auf Nahrung und Schlaf erkannte er seine Bedürftigkeit und Schwäche und lernte Bescheidenheit, aber auch Disziplin und Selbstbeherrschung, beim Hergeben lernte er Grosszügigkeit, auf der Reise lernte er Geduld und indem er die Verbote beachtete, lernte er Respekt und wie man friedlich mit den andern Menschen zusammenlebt. Jetzt verstand er, weshalb sein Bruder sagte, die innere Wirkung hätte ihn von seiner unbeherrschten Reaktion vorhin abgehalten.
„Jetzt habe ich verstanden!" sagte er schliesslich. „Kannst du mir verzeihen?"
Salim strahlte über das ganze Gesicht. „Deine Frage zeigt mir, dass du wirklich verstanden hast, natürlich verzeihe ich dir!" „Danke", sagte Faris. „Und danke, dass du mich auch noch etwas anderes gelehrt hast: selber nachzudenken!" Die Brüder umarmten sich, und Faris stellte von diesem Moment an die Regeln nicht mehr in den Mittelpunkt seines Seins, sondern machte sie zu seinem Eigentum und benutzte sie, um seine Beziehung zu seinen Eltern und den Mitmenschen zu vertiefen und damit auch sich und sein Leben zu verbessern