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Scytl kommt nicht aus den Schlagzeilen. Dem E-Voting-Unternehmen aus Barcelona – und Technologie-Partner der Schweizer Post – ist eine Reihe von gravierenden Fehlern unterlaufen, wie mehrere spanische Zeitungen berichtet haben.
Was ist passiert: In Spanien gab es am 26. Mai einen Super-Wahlsonntag. Neben den Europawahlen fanden auch Kommunalwahlen statt. Scytl war für das nationale E-Counting verantwortlich, also die digitale Erfassung und Ermittlung von Papierstimmen. Dabei hat die Software in einigen Regionen komplett falsche Resultate ermittelt und damit ein Chaos ausgelöst.
Die Gründe für das Versagen: überfordertes Personal, Server-Ausfälle, falsche Interpretationen durch die Software.
Zum Beispiel Ibiza. Gemäss Scytl-Auszählung war der Partido Popular der Wahlsieger. Die Nachzählung ergab: Die Sozialisten wären die eigentlichen Wahlsieger.
Zum Beispiel Madrid. In der Ferraz-Strasse, einem Zentrum der Sozialisten, unterlief Scytl der krasseste Fehler. Praktisch alle Stimmen für die Sozialisten gingen an die faschistische Franco-Partei Falange Española de las JONS.
Zum Beispiel die Region León. Die Software teilte der rechtsnationalistischen Bewegung Vox zwei Sitze zu. Die Wahlbeobachter kamen zu einem anderen Ergebnis: Die beiden Sitze hätten an die Sozialisten und die UPL, eine regionale Partei, gehen sollen. Es ist noch unklar, ob dabei menschliches oder technisches Versagen im Spiel war.
Zum Beispiel Katalonien. Hier verlor die linke Partei CUP aufgrund der Scytl-Software 50’000 Stimmen.
Scytl wiederholte damit das Ecuador-Debakel, über das die Republik im Januar 2019 erstmals berichtete. Worum es dabei ging: In den Regionalwahlen 2014 in Ecuador erhielt Scytl den Auftrag, für einige Regionen des lateinamerikanischen Staats die Wahlmaschinen zu betreiben.
Am Wahltag, dem 23. Februar, versagte die Technik auf mehreren Ebenen: Die Scytl-Software funktionierte in manchen Bezirken überhaupt nicht. Das Programm konnte einen grossen Teil der eingescannten Wahlpapiere nicht richtig lesen und korrekt interpretieren. Und einige Server fielen wegen der hohen Datenmenge komplett aus. In den Dschungelregionen, wo es nur schwaches Internet gab, war die Situation besonders dramatisch.
Bisher wurde in Spanien die Auszählung von der Firma Indra vorgenommen, sie hatte gewissermassen ein jahrelanges E-Counting-Monopol. Das Technologieunternehmen Scytl gewann 2019 zusammen mit der Firma Vector die Ausschreibung erstmals für den Super-Wahlsonntag vom 26. Mai. Die beiden Unternehmen erhielten den Zuschlag aufgrund des günstigeren Angebots.
Aufgefallen sind die Unregelmässigkeiten mehreren Wahlbeobachtern. Als gewisse traditionell sozialistische Hochburgen komplett an rechte Parteien gingen, wurden sie misstrauisch. Das Innenministerium überprüfte die Stimmen nach der provisorischen Auszählung nochmals.
Mehrere Angestellte der Stadtverwaltungen hätten ausserdem beklagt, dass die Scytl-Mitarbeiter bereits bei Tests überfordert gewesen seien mit der Bedienung der Geräte. Die Wahlsimulationen Mitte Mai 2019 hätten gezeigt, dass das E-Counting-Verfahren nicht fehlerfrei funktioniert.
Für die spanische Demokratie, die sich der Durchführung stets korrekter und fehlerfreier Wahlen rühmt, sind diese Vorfälle erschütternd.
In der Schweiz ist E-Voting zwar auf Eis gelegt. Internationale Sicherheitsforscherinnen wie Sarah Jamie Lewis haben zwei gravierende Fälle von potenziellen Wahlmanipulationen im Quellcode des E-Voting-Systems der Post entdeckt. Aufgrund dieser Systemfehler suspendierte die Post ihre Software bei der Abstimmung vom 19. Mai. Der gelbe Riese will nachbessern und auch nach dem jüngsten Vorfall in Spanien weiterhin mit dem spanischen Technologieunternehmen arbeiten.
Post-Sprecherin Nathalie Dérobert sagt auf Anfrage der Republik: «Die Post hat Vertrauen in Scytl. Die Post hat bereits nach den Schwachstellen, die nach der Quellcode-Offenlegung entdeckt wurden, mit Scytl Massnahmen definiert, damit solche Fehler nicht mehr vorkommen.»
Auch in der Schweiz ist E-Counting nicht ganz unumstritten. Verschiedene Kantone und Gemeinden ermitteln Stimmergebnisse ebenfalls digital. Bei einer Volksabstimmung vom 18. Mai 2014 wurde in der Stadt Bern im Rahmen einer Stichprobenkontrolle bei einem Stimmzettel eine Fehlinterpretation festgestellt. Der Scanner deutete ein zu wenig deutlich angekreuztes Feld als leer.
Eine Geschäftsprüfungskommission des Parlaments hat daraufhin eine Untersuchung zum Thema E-Counting angeordnet und kam dabei zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis: Die Anforderungen des Bundes an die elektronische Auszählung von Stimmen hinken ganz allgemein der internationalen Good Practice hinterher.
Der Bundesrat sieht jedoch beim Thema E-Counting keinen Handlungsbedarf, er rät aber den Kantonen, Stichproben durchzuführen, und wird künftig Betriebskonzepte zu den eingesetzten Technologien verlangen.
Update: Die Firma Scytl hat sich bei der Republik gemeldet. Das Unternehmen behauptet, die Informationen in den spanischen Medien seien nicht korrekt. Auf der Website von Scytl wurde bisher (Stand 7. Juni 2019) keine Gegendarstellung oder Stellungnahme veröffentlicht. Die Republik hält an ihrer Darstellung fest.