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Robert Walsers Spaziergang in der Erzählung mit dem gleichen Titel ist alles andere als das, was er verspricht. Der Vorgang oder Ablauf eines Spaziergangs ist nur das Format, um eine Anzahl von willkürlichen, isolierten Episoden aneinander zu hängen; es ist die gleiche Methode, die auch Jean-Jacques Rousseau in seinen „Promenades d'un Promeneur Solitaire“ (1776-78) verwendet hat. Den Zusammenhalt der einzelnen Episoden arrangierte Walser durch Übergänge, in denen er wie sein eigener Moderator auftritt und Gedanken über Stil oder „Anstandspausen“ beim Schreiben einflicht oder zum Beispiel über die Feder nachdenkt, mit der er schreibt.
Die Erzählung schrieb Walser 1916 für die Buchreihe „Schweizer Erzähler“ des Verlags Huber, Frauenfeld, erschienen ist sie 1917; 1920 nahm er sie in einer überarbeiteten Fassung in die Sammlung „Seeland“ auf. Jetzt liegt die Urfassung in einer neuen Einzelausgabe in der Insel-Bücherei (Insel Verlag) vor.
Der russische Schriftsteller Michail Schischkin („Venushaar“, „Briefsteller“), der seit 1995 in der Schweiz lebt, hat dazu ein Nachwort geschrieben, das ihn als intimen Walser-Kenner ausweist. Weiter verwunderlich ist das nicht. Im Jahr 2001 unternahm Schischkin mit dem Laptop im Rucksack auf den Spuren von George Gordon Byron und Leo Tolstoi eine Wanderung von Montreux nach Meiringen. Auf 400 Buchseiten hat er zum Teil schon unterwegs und später zu Hause seine Erlebnisse zusammengefasst und die Literatur über die Schweiz als Reiseland durchgearbeitet. Seine Einsichten in die Schweizer Mentalität und in die politischen Verhältnisse sowie seine Kenntnisse der Schweizer Geschichte zeugen von tiefer Vertrautheit mit dem Land seiner Niederlassung.
Das „Ich“ des Autors als „personifizierter Schreibakt“
Auch er wundert sich über die merkwürdige Konstruktion von Walsers Erzählung. Spaziergänge waren, schreibt er, für Walser die „ Schnittstelle zur Wirklichkeit“, nur nicht in diesem Fall. Etwas anderes ist gemeint. Walsers „Ich“ meint nicht den Autor, der von sich spricht, sondern ist „als personifizierter Schreibakt“ zu verstehen. In diesem Sinn ist die bis in den Abend hinausgezögerte Beendigung des Spaziergangs nur ein Versuch, dem „Moment der Rückkehr ins Nichts“, in die Finsternis des nicht oder nicht mehr Schreibenkönnens, aus dem Weg zu gehen.
Das ist Schischkins genuine Erklärung für das Thema des Gehens, Spazierens, Laufen, Marschierens, das bei Walser eine so zentrale Stellung einnimmt. Walsers Werk hat keinen anderen Stoff als diesen, ausser vielleicht noch den des Dienens und die damit verbunden der Selbstverkleinerung.
Walser kann als klinisches Beispiel eines Melancholikers, wenn nicht eines depressiven Menschen überhaupt angesehen werden. In diesem Sinn ist er ein naher Verwandter von Goethes Werther, der jedes Mal, wenn ein Anfall von Wahnsinn ihn erfasst, aufspringt und hinaus ins Freie stürmt – stürmen muss. Denn nur, wenn er seinem (aufgestauten) Bewegungsdrang uneingeschränkt nachgibt, wie es zum Krankheitsbild der Depression gehört, findet er einige Momente der Beruhigung. Marschieren ist für ihn ein Akt der Gesundwerdens, während im Unterschied dazu das Gehen für andere den Weg markiert, der zum Kunstwerk der Lebensgestaltung führt.