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Richter Di, der Protagonist der Kriminalromane Robert van Guliks, ist eine historische Persönlichkeit. Er hiess Di Jen-dsiä, lebte von 630 bis 700 u.Z., also zu Beginn der sog. Tang-Dynastie und machte tatsächlich, wie in den Romanen beschrieben, Karriere im chinesischen Justiz-Apparat – vom einfachen Bezirksrichter zum Präsidenten des obersten Gerichtshofs.
Robert van Gulik hat dem Roman noch eine Nachschrift beigefügt, die nicht das Uninteressanteste am Ganzen ist. Auf ein paar Seiten erklärt er dort seinem Leser die chinesischen Gepflogenheiten im Justizwesen, so z.B., dass im alten China ein Richter sowohl Untersuchungs-, wie Strafrichter war. Dass Richter Di als Detektiv tätig war, stimmt also mit den historischen Gegebenheiten überein. Allerdings sind von Di nur spätere, politische Schriften überliefert, was van Gulik Gelegenheit böte, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Das tut er allerdings nur in begrenztem Mass; er orientiert sich in seinen Fällen an tatsächlichen Kriminalfällen aus verschiedenen Epochen Chinas. In jedem Roman, so auch in diesem, löst Richter Di mehr als nur einen Fall gleichzeitig. Meist sind es deren drei. Der Autor erklärt das, nicht ganz falsch, damit, dass in der Realität wohl auch kein Richter und überhaupt kein Detektiv immer nur linear an einem Fall arbeiten würde. Später haben die Drehbuchschreiber von Star Trek – The Next Generation diesen Trick auch verwendet… Wie überhaupt der Vergleich mit Star Trek so übel nicht ist: Die Fälle des Richters Di sind von unterschiedlichster Art. In Wunder in Pu-yang? zum Beispiel ist nur ein Fall ein reiner Mordfall, bei dem es darauf ankommt, den zu Beginn unbekannten Täter zu finden und zu bestrafen. Bei den beiden andern Fällen sind die Täter bekannt, und die Geschichte dreht sich mehr darum, wie die Täter gefasst werden sollen, als darum, wer der Täter ist. So sieht sich Di in einem Fall veranlasst, ein korruptes buddhistisches Kloster auszuheben. Das ist ein für ihn auch persönlich nicht ungefährlicher Fall, sind wir doch mit der Tang-Zeit auch in jener Zeit, wo der Buddhismus nach der Macht im chinesischen Staat strebte, und bereits einflussreiche buddhistische Priester am Kaiserhof intrigierten – sehr zum Leidwesen der noch konfuzianisch gesinnten Beamtenschaft. Im dritten zu lösenden Fall geht es darum, einen reichen Händler und Anführer einer Schmuggler-Bande so zu überführen, dass er zwar schuldig gesprochen werden kann, aber dass seine Schuld von der Art ist, dass das Bezirksgericht Dis zuständig ist und nicht etwa das Provinz-Gericht. Eine Weiterleitung der Akten hätte nämlich bedeutet, dass der Angeklagte Zeit gewonnen hätte, sein Geld und seine Seilschaften spielen zu lassen.
Ausser den einleitenden paar Seiten, in denen es darum geht, dass ein Antiquitäten-Sammler aus Zufall Richter Dis Hutspiegel in Besitz bekommt und Richter Dis Richter-Hut anzieht, wobei er dann merkwürdige Visionen erlebt, die ihn dazu führen, einerseits seine Sammelleidenschaft auf harmlosere Objekte zu verlagern, andererseits die Geschichte der Taten von Richter Di in Pu-yang (das ist nämlich der Name des Provinznestes, in dem sich Di ganz zu Beginn seiner Karriere aufhält) aufzuschreiben – ausser diesen paar Seiten, die überflüssig sind, weil der Erzähler nie mehr eine Rolle spielt, ja selbst van Gulik ihn vergessen zu haben scheint, weil er ganz am Ende ein Gespräch unter drei hohen Beamten am Kaiserhof über Dis Fälle schildert, von dem der Erzähler unmöglich Kenntnis gehabt haben kann – ausser diesen paar Seiten also, ist der Roman van Guliks nicht nur informativ, sondern auch sehr spannend.
Robert van Gulik: Wunder in Pu-yang?. Kriminalfälle des Richters Di alten chinesischen Originalquellen entnommen. Deutsch von Roland Schacht. Mit 15 Illustrationen des Autors im chinesischen Holzschnittstil. Zürich: Diogenes, 1985.