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Mit aufmerksamem Blick verfolgt eine Gruppe junger Frauen den Vortrag eines Instruktors. Sie lächeln scheu und versuchen, jedes seiner präzis gewählten Worte einzuordnen. Doch diese scheinen vielen neuartig, fast schon geheimnisvoll. Er erwähnt beiläufig Begriffe wie Hardware, Betriebssysteme und Digitalisierung. Das Ziel seiner Rede ist den jungen Frauen, die Voraussetzungen sowie Anforderungen der Berufung als «E-SheBee» aufzuzeigen, einer Tätigkeit, bei der sie als selbständige Unternehmerinnen auf Fahrrädern die ländlichen Gebiete Bangladeshs durchqueren und ihre neu erlernten Kenntnisse als Dienstleistungen anbieten. Das Ziel ist die finanzielle Selbständigkeit einer heranwachsenden Generation emanzipierter Frauen.
Bereits in der ersten Szene dieses Dokumentarfilms zeigen uns die beiden Regisseur*innen, die Protagonistin bei der Haushaltsarbeit. Das junge Gesicht der 18-jährigen Rupa strahlt Neugierde aus und in ihren wachen Augen ist die rastlose Hoffnung eines Mädchens, das sich aus den konservativen Fängen der kultur- sowie traditionsbedingten Rahmenbedingungen, befreien möchte, nicht zu übersehen. Die frühere Generation von Bangalinnen kennt solche utopischen Vorstellungen über die Selbstbestimmung der Frau nicht mehr. Zu lange mussten sie sich einer patriarchalisch geprägten Kultur unterwerfen. Vielfach wechseln die Szenen zwischen der weitgehend getrennten Männer- und Frauenwelt hin und her. Die Männer sitzen im Schatten der Bäume, singen, beten und trinken den von ihren Ehefrauen zubereiteten Tee. Die Frauen hingegen brauen ihn meist nicht nur, sondern pflücken und bearbeiten die Teeblätter unter der erdrückend heissen Sonne Südostasiens. Es ist diese Selbstverständlichkeit einer nach unserem Verständnis veralteten Rollenverteilung, mit der man sich als Zuschauer*in schwertut.
In Rupas Familie wird die Rollenverteilung durch eine schwere Erkrankung des Vaters mitbestimmt. Der zierliche Mann mit einem grossen Herz spielt eine wichtige Rolle im Leben seiner Tochter und in der Handlung des Films. Seine Unterstützung von Rupas Selbständigkeit bezeugt er immer wieder. Er spricht ihr Mut zu und versucht ihr klar zu machen, dass die Bauern, die Rupa beobachteten, wie sie auf ihrem Fahrrad durch die Landschaft fahre und sie dafür belächelten, nichts als bedauernswerte Hinterwäldler seien. So versucht er sich von einem konservativ geprägten Gedankengut zu distanzieren. Ob er diese Einstellung bewusst gewählt hat oder einfach aus väterlicher Liebe handelt und seiner Tochter zum persönlichen Glück verhelfen möchte, bleibt ungewiss.
Die Kamera beobachtet, ohne sich einzumischen. So können die Emotionen der Leute auf eine sehr eindringliche Art und Weise vermittelt werden, auch wenn es dort zum Habitus gehört, diese nur selten und im privaten Raum zu zeigen. Die schönen und kontrastreichen Bilder werden mit Musik untermalt, die eine Atmosphäre schafft, der sich die Zuschauer*innen nicht entziehen können, auch weil sie oftmals so unscheinbar und direkt aus dem Hintergrund ins Bild dringt.
Mit dem Tod von Rupas Vater verändert sich die Situation für die junge Bangalin gravierend. Der Traum vom selbständigen Unternehmertum zerplatzt mit der Forderung der Familie, vor allem des grossen Bruders, zu heiraten und eine traditionelle Rolle einzunehmen. Anhand eines Videotagebuchs versuchen die Filmemacher*innen Rupa Raum für Reflexion und eine ehrliche Verdeutlichung ihrer Gefühle und Sorgen zu geben. Diese emotionale Ebene macht die Beobachtung des Films stärker. Auch wenn Rupa die Protagonistin des Films ist, wirkt der Dokumentarfilm keineswegs zu einseitig gehalten, ist Rupa doch vielmehr Exempel für eine Problematik, mit der viele Frauen in Bangladesh konfrontiert sind.
Die letzten Bilder von Digitalkarma sind Nahaufnahmen von Rupas Gesicht. Weder Neugierde noch irgendeine Art von Hoffnung ist in ihren Augen zu sehen. Man hat sie auf ein modernes Leben vorbereitet, dass sie als selbstbestimmte Frau hätte bestreiten sollen, doch wurde sie letztendlich von konservativ tiefgreifenden Traditionen eingeholt. Und hier passt dann wohl auch die Meinung der Regisseur*innen zum Ende ihres Dokumentarfilms: «Wir wollten einen Film über Hoffnung und Befreiung drehen, aber die Realität ist nun mal weit komplexer und dramatischer.»
Enrique Zalotay ist der Gewinner des Filmkritik-Workshops, der am 16. März 2019 in Zusammenarbeit mit den Schweizer Jugendfilmtagen stattfand.
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