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Von sich sagt Lanze Langbub, er sei «vom Typ ratlos auf der Welt». Er denke sich aus, «wie alles sein müsste, damit es richtig wäre», aber er trete nur «ausser Konkurrenz» auf: «Wozu auch mitrennen? Für verkrüppelte Ziele, angelesene Wünsche und eingebildete Leidenschaften.» Viel später relativiert er, er sei zwar ratlos geblieben, ansonsten aber habe seine frühere Haltung «jeglichen Sinn verloren». Sein Weg führt ihn entlang seiner Ratlosigkeiten vom lähmenden Schein der grossen, aber illusionären Entwürfe zu einer realen Praxis im Kleinen. Als er schliesslich seine Lebensgeschichte auf Papier bringt, tut er dies – unter dem Pseudonym «Roger Monnerat» – in Form von «Simpelgeschichten», «einfache[n] Geschichten von normalen Leuten». Wer dieser Monnerat sei, fragt ihn seine Tochter Anna, seine verlässlichste Garantin einer Welt des Realen. «Einfach ein Name», antwortet er. Er habe ihn erfunden, weil er nicht wolle, dass sein Publikum merke, dass er diese Geschichten schreibe. Lanze Langbub irrt sich: Monnerat, der ihn erfunden hat, ist mehr als nur ein Name.
An den Planungssitzungen der WoZ ist Redaktor Roger Monnerat, wenn er in Stimmung ist, ein «Weltenordner» wie selten einer. So schwindelerregend wie es der Verwaltungsratspräsident und der Marxist Hagermax in seinem Roman disputierend tun, ordnet er die Welt, wenn es sein muss, jederzeit. Jedoch war seit Jahren bekannt, dass Monnerat zwar einerseits weitausholende Welterklärungen abgeben kann, aber andererseits ein hartnäckig staunender «Kannitverstan» ist (von jenem hat Johann Peter Hebel 1809 geschrieben, er sei erst durch den Irrtum und das Nichtverstehen zur Wahrheit und Erkenntnis gekommen): 1988 veröffentlichte Monnerat im Basler «On the road-Verlag» unter dem Titel «Deserteur» eine Sammlung von Gedichten, die nicht ohne Pathos und (Welt-)schmerz vom politischen Kampf, von seltenen Augenblicken aufblitzender Freiheit und von der Niederlage berichteten: «Worauf hoffen, / wenn mit brennenden Augen, / halberstickt mit blauen, zitternden Lippen / im bleichen Gesicht, die Wütenden allein dastehen. / Die Brüder und Schwestern sich schon abwenden, / geduckt und langsam schreiten, / die Niederlage wegzutragen.» (aus: «Katalan Exit») Gerade weil man ahnt, dass Monnerat für seine Überzeugung mehr gewagt hat als die meisten, ist sein desillusionierter Sarkasmus manchmal schwer zu ertragen gewesen, ein Sarkasmus, der uns zum Rückzug in eine falschere Welt einzuladen schien, weil er nach seinen Erfahrungen die richtigere endgültig verloren glauben musste.
Nun hat er, neben seiner journalistischen Auseinandersetzung mit den Weltenordnern dieses Landes, einen schlanken Roman geschrieben, formal streng komponiert und sprachlich passagenweise fast lyrisch verdichtet. Das Verblüffende: In der Fiktion hat er sich freigeschrieben von diesem Firn aus Bitternis, der seine Scharfsichtigkeiten jahrelang überzogen hat wie Schorf. Geblieben sind gescheite Bilder von schillernder Mehrdeutigkeit, pralle Lebenslust, ein bisschen augenzwinkernde Metaphysik und ab und zu ein kleiner Abgrund aus philosophierendem Ernst.
Lanze Langbubs Stadt ist namenlos, aber es wird Prag sein müssen, denn «alle Städte im nördlichen Kontinentaleuropa sind Prag (…), weil Prag in die Geschichte des Kontinentes eingeschrieben ist, selbst aber nie Geschichte gemacht hat.» Hier also lebt Langbub mit Dolores, der gottesgläubigen Versicherungsmathematikerin, Mutter der gemeinsamen Tochter Anna; hier lebt Hagermax, der ein Geschäft für «Barthaarentfernungs- und Nagelwachstumsbegrenzungscreme» aufbaut und, kaum erfolgreich, von der Allchemie, einem Konzern am Ort, aufgekauft wird; hier lebt Irène, Lanzes frühere Freundin, die mit einem Motorrad-Jungen nackt im Baggersee badet und dabei zuschaut, wie ein Flugzeug ins nahe Wäldchen kracht; hier lebt Olli, der Spekulant, der«die ganze niederträchtige Kausalität» hasst – und hier leben die mysteriöse Lady-die-die-Welt-nimmt-wie-sie-ist und eine Reihe anderer Freaks, die sich alternativ-mittelständischem Alltag und sexuellen Höhenflügen immer mal wieder in der Bar von Jean-Marie Banlieue treffen. Bis Hagermax, durch den Verkauf seiner Firma reich geworden, ein Schiff kauft und die ganze Szene zur grossen Kreuzfahrt lädt. Von da an verbringt man die Zeit damit, «an der Bar herumzusitzen, Musik zu hören, Filme anzusehen und Billard, Pingpong oder Karten zu spielen». Fürwahr eine Ausstiegsidylle von abgehalfterten WeltverbessererInnen, die einem irgendwie bekannt vorkommt.
Bis Langbub und Dolores vom Unbegreiflichen ereilt werden. Bei einem Motorbootausflug mit der Lady-die-die-Welt-nimmt-wie-sie-ist kentern sie auf hoher See und werden «durch eine Art Röhre in die Tiefe gerissen». Als sie wieder zu Bewusstsein kommen, befinden sie sich im unterseeischen, von Meeres-Termiten erbauten Burg, in die sich die antiken Meeresgottheiten zurückgezogen haben. Hier lernen sie, dass diese Begegnung «nicht unglaublicher, unfassbarer und unerträglicher» ist, «als Hunger, Elend, Krieg und Folter». Die Erfahrung der phantastischen Meeresgrund-Welt führt sie zur Erkenntnis dessen, was ihnen zu tun noch möglich ist: «In unseren Köpfen», sagt Dolores nun, «türmten wir endlos Probleme, statt Lösungen zu suchen für Schwierigkeiten, die ein einzelner Mensch oder ein paar Freunde zusammen lösen können.» Wichtig sei eigentlich nur dies: «Kummer – sich kümmern.» Nur worum man sich kümmert, kummert man wirklich: «Vielleicht heisst die Empfindung, die uns nicht selbst erhöht, einfach Kummer.» An diesem Punkt angelangt, wollen Lanze und Dolores wieder «Land unter die Füsse» kriegen.
Ich stelle mir vor, wie weit der Weg für den ratlos weltenordnenden Journalisten selbst gewesen sein mag, bis er hinter der Hybris des Anspruchs, sich ausdenken zu können, «wie alles sein müsste», das uns Menschenmögliche aufscheinen sah. Indem er Stationen dieses Wegs literarisch gestaltete, hat er einen Entwicklungsroman geschrieben –, den Ratlosgewordenen zur Ermutigung, die seit dem Aufbruch von 1968 nicht nur wohlfeil dahergeredet, sondern etwas gewagt haben. Was Langbub in der Mitte seines Lebens lernt und lehrt: Man kann lange Bub bleiben, aber nicht ewig. «Ratlos auf der Welt»? Ja, aber nicht am Ende. Wir sind immer am Anfang.
Roger Monnerat: Lanze Langbub Simpelgeschichten, Roman, Zürich (Verlag Ricco Bilger) 1996.
Die Rezension von Roger Monnerats Roman «Der Sänger» (2002) findet sich hier.