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Franz Kafka war gern allein. Im Grunde wählte er seine Vereinzelung nicht einmal, sie war vielmehr Zwang, eine fundamentale Notwendigkeit, damit er schreiben konnte. Und dieses Schreiben musste er dem Leben erst abringen, um es dann zwischen seinen «lächerlich leichten» Dienst für eine Unfallversicherungs-Anstalt und den ihm so verhassten Verpflichtungen in familiären Geschäften zu zwängen. Dort, in jenem engen dunklen Spalt, kämpfte Kafka seinen einsamen Kampf mit der Sprache.
Er rang mit den Dämonen, die ihm beständig krumme Wörter einsäuselten. Eisern widerstand er der Versuchung, sich leichtfertig eines solchen zu bedienen und grub stattdessen in dichterischer Tugendhaftigkeit weiter nach dem wahrhaftigsten Ausdruck. Seine Hand mochte zittern und seine Finger bluten, bis er die feinen Seelen schliesslich fand, die er seinen Sätzen einverleibte.
Seine Sprache war schlicht, niemals hübschte er sie unnötig auf, jeglicher Erzähl-Putz war Kafka zuwider. Sie war präzis wie ein frisch geschliffenes Messer, mit dem er tief ins Fleisch des Lesers zu schneiden gedachte.
Doch trotz aller mönchshafter Arbeitsmoral hielt Kafka sein Werk stets für unzulänglich, seine Sätze beim wiederholten Lesen für noch nicht wesenhaft genug. «Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort.»
Immerzu nagten die Zweifel an ihm und liessen ihn seine Romane nicht vollenden. Nie fand er für sie ein Ende, das ihm würdig genug erschien, und so schrieb er es in immer wieder neuen Anfängen von sich. Nur eines konnte er nicht umgehen, eines musste er schreiben, bevor die Tuberkulose ihn gänzlich zerfrass.
Es war jenes für das kleine Mädchen, das seine Puppe verloren hatte. Getroffen hatte er es im Steglitzer Park in Berlin, es sass auf einer Bank und weinte ganz bitterlich über den Verlust seines Spielzeugs. Kafka aber, gerührt von den Tränen, sagte rasch zu dem Mädchen: «Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiss es, sie hat mir einen Brief geschickt.»
Das kleine Mädchen wollte den Brief sehen, doch Kafka meinte, er habe ihn unglücklicherweise zu Hause liegen lassen, bringe ihn ihr aber am nächsten Tag mit.
Sofort kehrte er an seinen Schreibtisch zurück und begann mit demselben Ernst zu schreiben, als arbeite er an einem seiner Romane. Jener Puppenbrief war für ihn auch ebenso wesentlich wie seine anderen Texte. Er musste seine kleine Lüge durch die Magie der Fiktion wahr machen, er musste für das Mädchen eine bessere Wahrheit schaffen.
Und so ging er am nächsten Morgen wieder in den Park, wo er der Kleinen den Brief laut vorlas. Die Puppe schrieb darin, dass sie nach neuen Erfahrungen hungere, dass sie das Mädchen zwar sehr gern habe, aber sich für einige Zeit von ihr trennen wolle, um andere Länder zu bereisen und andere Menschen kennenzulernen. Sie würde dem Mädchen aber jeden Tag schreiben.
Drei Wochen lang ging Kafka allmorgendlich in den Park und erzählte dem Kind von den lustigen und aufregenden Abenteuern seiner Puppe. Bald schon spazierte es neugierig durch die neue Welt, die Kafka ihm eröffnet hatte. Darin nämlich wurde seine Puppe grösser, ging zur Schule und fand neue Freunde. Doch immer dachte sie an das Mädchen, nie vergass sie die schöne Zeit mit ihm – die vielen Kilometer, die zwischen ihnen lagen, vermochte ihre Liebe nicht zu schmälern.
Nur, wie sollte Kafka die Geschichte abschliessen? Die Puppe würde nicht mehr zurückkehren können. Sie war für immer verloren. Der Schriftsteller zerbrach sich den Kopf und wand sich lange aus seiner ihm so getreuen Furcht vor einem falschen Unausweichlichen, vor einem unvollkommenen Ende. Denn dieses Ende musste Kraft genug haben, den Riss, der sich durch das Leben des Mädchens gezogen hatte, zu flicken. Die Wunde durfte keinesfalls wieder aufgehen, sie wäre entsetzlicher und schmerzvoller als zuvor.
Schliesslich liess Kafka die Puppe heiraten. Er, der sich selbst nie zu einem Ja entschliessen konnte, beschrieb nun dem Mädchen den jungen, schönen Mann der Puppe, die feierliche Hochzeit und später das Haus des jungen Ehepaares, in dem sie gemeinsam ihrer Zukunft entgegenwohnen würden – eine glückliche Zukunft, in der das Mädchen und sie aber gezwungen waren, auf ein Wiedersehen zu verzichten.
Kafka hatte die Not eines Kindes durch die Kunst gelindert. Es war die eine heilende Arznei, über die er verfügte, um wieder etwas Ordnung in die Welt zu bringen.