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M.Sc. in Economics der Universität Lausanne, Praktikant bei iconomix.
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hatte nicht nur gewaltige Auswirkungen auf den Bankensektor und die Realwirtschaft, sondern auch auf die Art und Weise, wie viele Wirtschaftswissenschaftler ihr Forschungsgebiet betrachten. Im Zuge der Aufarbeitung der Krise ist eine Welle von Büchern erschienen. Eines dieser Bücher stammt aus der Feder des tschechischen Ökonomen Tomáš Sedláček.
Die meisten ökonomischen Fragen sind wertbasiert
Die moderne Ökonomie habe sich weitestgehend von normativen Werturteilen distanziert, indem sie sich immer mehr auf Zahlen stützt, so eine der Hauptthesen des Buchs. Gemäss Sedláček ist dies ein Fehler. In seinem Werk «Die Ökonomie von Gut und Böse» betont Sedláček, dass die Ökonomie normativ gedacht werden kann und auch muss! Deshalb setzt er sich dafür ein, die Ökonomie wieder vermehrt mit Werten zu verknüpfen.
Um seinen Punkt klarzumachen, geht Sedláček dem Ursprung des ökonomischen Denkens auf den Grund und untersucht Erzählungen, die bis zum 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos zurückreichen. Schon darin entdeckt er grundlegende ökonomische Prinzipien.
Mit dem Blick in die Vergangenheit erkennt Sedláček den Facettenreichtum der Ökonomie, der zu Lebzeiten von Adam Smith, dem Übervater der Volkswirtschaftslehre, existierte. Zu jener Zeit war das Erfragen nach dem Guten und Bösen noch ein wesentlicher Bestandteil der Ökonomie.
Der Moralphilosoph Adam Smith
Adam Smith, der in Wahrheit ein Moralphilosoph war, liess sich von vielen Persönlichkeiten in der Geschichte beeinflussen. Nicht nur die Philosophen Aristoteles und Platon sondern auch der Theologe Thomas von Aquin haben Adam Smith in seiner Denkweise beeinflusst und dadurch die heutigen Wirtschaftswissenschaften mitgeprägt.
Ein weiterer bedeutender Einfluss stammt vom Sozialtheoretiker Bernard Mandeville. Noch vor Adam Smith beschrieb Mandeville in seiner «Bienenfabel», wie persönliche Laster in etwas Positives umgemünzt werden und so zum Gemeinwohl aller beitragen kann. Die Bienen in der Fabel stehen sinnbildlich für die von Gewalt geprägte Gesellschaft Englands zu jener Zeit, die sich nach einem ehrenhaften und gesetzestreuen Gemeinwesen sehnte.
Als der Wunsch der Bienen in Erfüllung ging, verschwanden viele Arbeitsstellen, weil Richter, Staatsanwälte, Soldaten und Polizisten plötzlich überflüssig wurden. Unter der gesunkenen Nachfrage litt der gesamte Bienenstock. Im Umkehrschluss folgert Mandeville: Das Eigeninteresse der Individuen, also das Böse im Menschen, führt zu gesellschaftlichem Wohlstand.
In seinem Meisterwerk «Der Wohlstand der Nationen» kritisierte Adam Smith die Idee von Mandeville und verfeinerte sie: Anstatt das Menschenbild als lasterhaftig und selbstsüchtig zu beschreiben, ging Adam Smith von positiven Eigenschaften der Menschen (Tugenden) aus. Die Hauptaussage von Adam Smith: Die rationale Selbstliebe der Individuen, also das Gute im Menschen, führt zu gesellschaftlichem Wohlstand. In den Worten von Adam Smith:
«Nicht von der Güte des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern davon, dass diese ihr eigenes Interesse verfolgen.»
Die Unersättlichkeit von Adam und Eva
Damals wurde die Ökonomie von Philosophen oder Sozialtheoretiker beeinflusst. Gemäss Sedláček ist von dieser Vielseitigkeit heute nicht mehr viel zu spüren, da wir uns alle nur dem einen verschrieben haben: dem Wirtschaftswachstum. Die Devise lautet: «Mehr ist besser».
Anstatt dass sich die Bewohner der entwickelten Länder mit den bereits guten Lebensumständen zufriedengeben, nehmen sie mehr Schulden auf. Die Schulden nehmen sie auf, weil sie glauben, dass sie diese durch späteres Wirtschaftswachstum wieder zurückzahlen können. Gemäss Sedláček ist dies ein Irrglaube, der uns die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 bescherte. Umso bedenklicher, da es bereits Beispiele gibt, aus denen die Menschheit hätte lernen können.
An dieser Stelle schildert Sedláček die biblische Erzählung von Adam und Eva. Trotz ihres glücklichen Lebens im Paradies hatten sie ein Verlangen nach mehr: Aus Gier pflückte Eva einen Apfel vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und ass ihn. Infolgedessen wurden Adam und Eva vom Paradies verwiesen und mit einem Fluch belegt, der sie fortan zu beschwerlicher Arbeit verdammte. Anhand dieser Erzählung zeigt Sedláček, dass die Menschen durch eine innere Unzufriedenheit geprägt sind und keinen Sättigungspunkt besitzen. Sobald wir unsere Bedürfnisse befriedigt haben, definieren wir sofort wieder neue Ansprüche.
Die Ökonomie knüpft an diesem Bedürfnis des Menschen an und stellt ein nutzenmaximierendes Individuum ins Zentrum seiner Forschung. Dabei fokussiert sich die Ökonomie überwiegend auf das Konsumverhalten von Menschen, während weitere Aspekte ausklammert werden. Laut Sedláček ein Fehler, der den Facettenreichtum der Ökonomie untergräbt. Denn ein Nutzen kann auch aus nichtmonetären Aktivitäten wie dem Faulenzen entstehen.
Reformvorschläge aus alten Zeiten und Sabbatjahre
Sedláček kommt zu einer Reihe von Erkenntnissen, die bereits zu einer Zeit vorherrschten, als die Ökonomie noch facettenreich war. Ein Beispiel: Weg von Verschuldung und hin zu einem System, das in wirtschaftlich guten Jahren Vorräte generiert, die zur Überbrückung der schlechten Jahre dienen – eine Ansicht zum Konjunkturzyklus, die auf einen ägyptischen Pharao zurückgeht.
Zusammengefasst sollten die Menschen ein gesundes Gleichgewicht zwischen Wirtschaftswachstum und Freizeit finden. Sie sollten öfters mal ein Sabbatjahr einlegen, um die Reichtümer zu geniessen, die sie sich mühsam erarbeitet haben. Das Buch unterstreicht damit die Absicht von Sedláček, wertbasierte Fragen wieder in den Vordergrund der Ökonomie zu stellen. Denn das war schon immer ein Teil der Ökonomie und sollte es auch in Zukunft bleiben.
Tomáš Sedláček unterrichtet an der Karls-Universität in Prag Wirtschaftsgeschichte und ist Chefökonom der grössten tschechischen Bank.
Zum Thema
- NZZ. Den Teufel vor den Pflug spannen (11.07.2012)
- Handelsblatt. Ein Plädoyer für ein vernünftiges Wachstum (20.09.2012)
- FAZ. Auf das Wohlwollen des Bäckers darf gepfiffen werden (06.03.2012)