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Ein Traum der Welt: 1978
Annette Hug denkt an einen iranischen Deutschlehrer
Markante Namen bildeten eine Art Refrain der Nachrichten: Lech Walesa, Banisadr, Sadegh Tabatabai. Verstanden habe ich nichts, aber die Namen doch behalten. Im Film «Der nackte König» von Andreas Hoessli tauchen einige von ihnen wieder auf. Leute, die zwischen 1978 und 1982 in Aufruhr waren, stellen sich Fragen und erzählen. Der Film zeigt historische Bilder der Revolution in Teheran und der Streiks in Danzig; er fragt, wie die Aufnahmen zustande gekommen sind. Frank Bösch, ein deutscher Historiker, behauptet in seinem Buch «Zeitenwende 1979», dass in jenen Jahren «die Welt von heute begann». Das, was damals in wirrer Folge vermeldet wurde, ordnet er neu ein: Zehn Jahre vor dem Ende des Kalten Kriegs spielten sich Umwälzungen ab, die nicht von den Zentren der Weltmächte ausgingen, aber die ganze Welt betrafen.
1978 bedankt sich ein iranischer Germanist in Zürich bei seinen Brüdern, dass sie ihm die Drucklegung der Dissertation «Menschenbild und Erzähltechnik in Alfred Anderschs Werken» finanziert haben. Im Lebenslauf am Ende dieser Doktorarbeit steht, dass der Autor Hrair Pischdovdjian am 3. November 1941 als Sohn armenischer Eltern in Täbris im Nordwesten Persiens geboren wurde. Er geht in Teheran zur Schule, bevor er in München eine Ausbildung zum Dolmetscher absolviert. 1968 kommt er nach Zürich, um Germanistik zu studieren. In der Einleitung seiner Dissertation kritisiert er, dass die germanistische Diskussion zu sehr auf Formfragen konzentriert und zu abgeklärt sei. Pischdovdjian schreibt: «In keinem Zeitalter als in unserem ist der Mensch sich selbst und seinen Mitmenschen ein Fremder und ein Unbekannter von solchem Ausmass und damit auch Rätsel gewesen.»
Als Lehrer an einer Zürcher Kantonsschule sieht er sich bald SchülerInnen gegenüber, die es erklärungsbedürftig finden, dass ihr Deutschlehrer mit ungewohntem Akzent spricht. Dass sie ihn ab und zu nachahmen, hält er irgendwie aus, auch die besonders aggressiven Reaktionen auf schlechte Aufsatznoten. Als er etwa 1988 vor einer Schulklasse seinen neu erworbenen Schweizer Pass zeigt und die Formulierung «wir Schweizer» verwendet, begegnet er betretenem Schweigen. Weder dem Lehrer noch den SchülerInnen scheint es je in den Sinn zu kommen, über den Iran zu sprechen. «Der Mensch», der sich fremd geworden ist, zeigt sich in Figuren der deutschen Nachkriegszeit: als Arbeiterin, Clown, Offizier oder Deserteur. Um 1988 möchten einige Schülerinnen «Kassandra» von Christa Wolf lesen. Pischdovdjian willigt zögernd ein, setzt dem Roman aber Wolfgang von Goethes «Iphigenie auf Tauris» entgegen. Besser als jeder Feminismus sei die deutsche Klassik, der edle Mensch in weiblich-gütiger Gestalt.
Im Film «Der nackte König» taucht zweimal ein rätselhafter ehemaliger Journalist auf, Parvis Rafie. Verloren wirkt er, spricht aber von «Hunderten von Menschen, die über den Iran und die Welt nachdenken». Er vermutet sie in Polen und anderen Ländern und fühlt sich mit ihnen verbunden. In scharfem Kontrast dazu steht meine Erinnerung, dass es 1988 an einer Zürcher Kantonsschule undenkbar war, Ereignisse im Iran als wichtig für unsere eigene Zeit wahrzunehmen. «Für unser menschliches Drama», würde Herr Pischdovdjian, der 2015 verstorben ist, vielleicht formulieren.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Ein Film von Andreas Hoessli und ein Buch von Franz Bösch haben sie in einen Zeitstrudel versetzt.