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Bundesrat Arthur Hoffmann, Aufstieg und Fall
Dies gilt auch von der neuen Biografie, die Widmer unter dem Titel „Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall“ (1) hat erscheinen lassen.
Bundesräte geraten in der Regel rasch in Vergessenheit, und auch an Hoffmann würde man sich kaum erinnern, hätten ihn nicht aussergewöhnliche Umstände dazu gezwungen, von seinem hohen Amt zurückzutreten. Hoffmann entstammte einer angesehenen Sankt Galler Advokatendynastie und machte als Liberaler beruflich, politisch und militärisch rasch Karriere. Er übernahm die renommierte Anwaltskanzlei seines Vaters, brachte es zum Obersten, gehörte dem Sankt Galler Grossen Rat und dann dem Ständerat an. 1911, im Alter von 54 Jahren, wurde er in den Bundesrat gewählt.
Im Jahre 1914 übernahm Hoffmann die Leitung des Politischen Departements. Der Zeitpunkt bezeichnet den Ausbruch eines der verheerendsten Kriege der Menschheitsgeschichte, und für die neutrale Schweiz wurde es zur wichtigsten Aufgabe, sich aus diesem Konflikt herauszuhalten. Hoffmann hatte bereits bei der Wahl von Ulrich Wille zum General sein taktisches Geschick bewiesen und genoss dank seiner Intelligenz und Schaffenskraft bald grosses Ansehen. Er erschien als die geeignete Persönlichkeit, in schwieriger Zeit die Unabhängigkeit der Schweiz gegen aussen zu vertreten. In der Tat bekannte sich der Chef des Politischen Departements in seinen öffentlichen Stellungnamen mit aller Deutlichkeit zur Doktrin der bewaffneten Neutralität; gleichzeitig nahm er geschickt den Aktionsspielraum wahr, den gerade diese Neutralität für humanitäre Hilfeleistungen wie etwa den Austausch von Kriegsgefangenen bot.
Gefährliches Terrain
Im Dezember 1916, als sich der Krieg an den Fronten festgefahren hatte und immer mehr Opfer forderte, richtete der amerikanische Präsident Wilson eine Note an die kriegführenden Staaten mit der Aufforderung, sie sollten untereinander Friedensverhandlungen aufnehmen. Wenig später entschloss sich Hoffmann, der seine Entscheidungen gern im Alleingang traf, Wilsons Initiative mit einem eigenen Friedensvorstoss zu unterstützen. Damit begab er sich als Vertreter des neutralen Kleinstaats Schweiz trotz der Warnungen erfahrener Diplomaten auf gefährliches Terrain. Angetrieben von persönlichem Ehrgeiz und von der Sorge um das Ansehen und Wohl unseres Landes, begann er, ohne seine Kollegen im Bundesrat zu informieren, eine Friedensdiplomatie zu betreiben, welche mit dem Bekenntnis zur Neutralität in Widerspruch zu geraten drohte. Mit dem Ausbruch der Russischen Revolution schien sich Hoffmann die Möglichkeit zu eröffnen, als Vermittler eines Separatfriedens zwischen Deutschland und Russland in die Geschichte einzugehen, indem er, merkwürdig genug, die Dienste des nach Petersburg gereisten sozialdemokratischen Politikers Robert Grimm in Anspruch nahm.
Mit diesen Friedensbestrebungen bezog Hoffmann eindeutig Partei für das Deutsche Reich und wandte sich implizit gegen die westlichen Alliierten, die einem solchen Separatfrieden, der es Deutschland gestattet hätte, seine Truppen von der Ostfront abzuziehen und im Westen einzusetzen, keineswegs zustimmen konnten. Hoffmanns eigenmächtige Geheimdiplomatie flog auf, als der Inhalt eines chiffrierten Telegramms des Bundesrats an Grimm in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Nun war Hoffmann als Repräsentant eines der Neutralität verpflichteten Staates nicht mehr glaubwürdig, und er trat, zu Recht, aber ohne sich seiner Schuld ganz bewusst zu sein, am 19. Juni 1917 zurück. Kurze Zeit darauf wählte die Bundesversammlung den Genfer Liberalen Gustave Ador zum Nachfolger. Es war eine glückliche Wahl, dazu geeignet, den Unmut der Entente-Mächte zu besänftigen und den Gegensatz zwischen Welsch- und Deutschschweiz, der sich während des Krieges vertieft hatte, zu mildern.
Weder Beschönigung noch Polemik
Arthur Hoffmann kehrte nach seinem Rücktritt wieder nach Sankt Gallen zurück, eröffnete wieder ein Anwaltsbüro und stellte seine ungebrochene Schaffenskraft verschiedenen unpolitischen Institutionen zur Verfügung. Auf seine Amtszeit als Bundesrat kam er, verschlossenen Wesens, wie er war, nie mehr zurück. Aber sein Scheitern muss ihn, den aufrechten Bürger, der überzeugt war, zum Wohl seines Landes und der Menschheit gehandelt zu haben, tief getroffen haben. Arthur Hoffmann starb im Jahre 1927 als allgemein geachtete Persönlichkeit, und an der Trauerfeier in der reformierten Sankt Laurenzenkirche zu Sankt Gallen nahmen führende Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft teil.
Die Biografie, die Paul Widmer dem Bundesrat Hoffmann gewidmet hat, stellt dessen aussenpolitisches Wirken zwischen 1914 und 1917 ganz ins Zentrum; Herkunft, Kindheit und berufliche Ausbildung werden knapp, seine Tätigkeit nach dem Rücktritt wird vielleicht allzu knapp abgehandelt. Widmer ist ein Vertreter der traditionellen liberalen Geschichtsschreibung, die sich dem Primat der grösstmöglichen Objektivität verpflichtet weiss. Er bezieht nicht Partei, geht zu Personen und Begebenheiten auf Distanz, vermeidet Beschönigung wie Polemik sorgfältig und bemüht sich, gestützt auf die unvoreingenommene Interpretation der vorhandenen Quellen, herauszufinden, „wie es eigentlich gewesen ist“. Nicht immer lässt die Quellenlage einen eindeutigen Befund zu; dann bezieht der Autor den Leser in seine Überlegungen mit ein und zeigt, ohne ins Spekulieren zu verfallen, „wie es allenfalls gewesen sein könnte“. Bei seiner Quelleninterpretation kann sich Widmer auf eigene Erfahrungen als Diplomat stützen. Er kennt die Gepflogenheiten des diplomatischen Verkehrs, weiss Sinn und Hintersinn der ausgetauschten Informationen und Botschaften zu deuten und die Tragweite privater und amtlicher Initiativen abzuschätzen. Widmer folgt dem fatalen Weg, der Bundesrat Hoffmann vom erwünschten humanitären Engagement zur riskanten politischen Einmischung führte, mit akribischer Sorgfalt und ohne die Zusammenhänge der internationalen Politik aus den Augen zu verlieren. Er versteht es zudem, flüssig und spannend zu erzählen, und die 150 Seiten seiner Biografie, die sich Hoffmanns eigenwilliger Friedenspolitik widmen, bieten Geschichtsschreibung vom Allerbesten. Der Rezensent würde, wäre er noch im Amt, nicht zögern, Widmers Buch seinen Studierenden als Pflichtlektüre zu empfehlen.
(1) Paul Widmer: Bundesrat Arthur Hoffmann. Aufstieg und Fall.
NZZLibro, Zürich 2017.