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Kam der Erste Weltkrieg wirklich so überraschend?
Gemäss der herrschenden Lehre traf der Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Zeitgenossen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im Sommer 1914 habe nichts darauf hingewiesen, dass die Ermordung von Erzherzog Ferdinand in Sarajevo derart gravierende Konsequenzen haben würde, heisst es immer wieder.
Vergleicht man die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs mit derjenigen des Zweiten Weltkriegs, mag das stimmen. Spätestens 1938 war allen klar, dass Deutschland die militärische Auseinandersetzung suchte. Das war 1914 nicht so.
Aber die Behauptung, dass der Erste Weltkrieg überraschend kam, ist übertrieben, zumindest aus wirtschaftshistorischer Sicht. Dazu ein paar Belege.
Nimmt man erstens den Transfer von ausländischen Vermögen in die Schweiz als Indikator für die Verunsicherung der Zeitgenossen, so ist bereits vor 1914 ein starker Anstieg bemerkbar. Die Grafik zeigt das Verhältnis zwischen dem Wert der Depottitel, die beim Schweizerischen Bankverein lagerten, im Vergleich zur Bilanzsumme derselben Bank. 1912 steigt der Wert der Depottitel sprunghaft an, während die Bilanzsumme im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum zunimmt. (Die Daten zu den Depottiteln stammen aus Marc Perrenoud et al.: «La place financière et les banques suisses à l’époque du national-socialisme. Les relations des grandes banques avec l’Allemagne (1931–1946)», Zürich 2002.)
Warum stieg der Wert der Depottitel 1912 so schnell? Wir wissen es nicht genau, aber wahrscheinlich handelte es sich um französische Fluchtgelder, die aus Angst vor einem Krieg teilweise in die Schweiz verschoben wurden. Ein Jahr zuvor war es zur zweiten Marokkokrise zwischen Frankreich und Deutschland gekommen. Deutschland sandte auf persönlichen Befehl von Kaiser Wilhelm II. Kriegsschiffe, nachdem französische Truppen zwei marokkanische Städte besetzt hatten. Die internationale Lage spitzte sich gefährlich zu. Es kam zu Massenkundgebungen in Städten Europas. 1912 trafen sich die sozialistischen Parteien in Basel zum Friedenskongress, um vor der Kriegsgefahr zu warnen.
Ein zweiter Beleg: Im selben Jahr 1912 publizierte Adolf Jöhr (1878–1953), Generalsekretär der neu gegründeten Nationalbank, ein Buch mit folgendem Titel:
Die Volkswirtschaft der Schweiz im Kriegsfall: Die schweizerische Volkswirtschaft im Kriege von 1870/71 und die schweizerische Volkswirtschaft in einem künftigen Kriege.
Offenbar machte man sich durchaus Gedanken über einen möglichen grösseren Konflikt auf dem europäischen Kontinent. Jöhr wurde 1915 Mitglied des Direktoriums der Nationalbank, war von 1918 bis 1939 in der Generaldirektion der Schweizerischen Kreditanstalt (heute CS) und wurde 1940 deren Verwaltungsratspräsident.
Und ein dritter Beleg: Wie die Grafik zeigt, nahm der Wert der Depottitel nicht ab, sondern noch einmal leicht zu. Die Angst vor einem Krieg blieb bestehen, zumindest in Frankreich. So schrieb der einflussreiche Pariser Ökonom Paul Leroy-Beaulieu 1913:
Die Schweiz ist ein Land, dessen Neutralität im Falle eines europäischen Krieges viel eher respektiert werden dürfte als jene Belgiens. Schweizer Wertschriften erscheinen daher für Ausländer anziehender als belgische.
Aufgrund dieser Belege muss man die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs nicht neu schreiben. Aber die Behauptung, dass 1913 ein sorgloses Friedensjahr gewesen sei, trifft die damalige Situation nicht. Viele sprachen seit einiger Zeit von einem möglichen Krieg, diskutierten die Gefahren und brachten einen Teil des Vermögens in Sicherheit. Ahnungslose verhalten sich anders.