Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03349.jsonl.gz/71

Jene materielle Seite trat aber allmählich in den Hintergrund, das Opfer wurde immer mehr ein symbolisches,
und schließlich kam die Auswahl der edelsten Erstlingsfrüchte, der reinsten und makellosesten Tiere nur noch den Priestern
zu gute, sofern
man nur die unbrauchbaren Teile der Tiere (Fettteile, Knochen
[* 4] etc.) mit Salz,
[* 5] Mehl,
[* 6] Honig und Weinspenden opferte,
die genießbaren und wohlschmeckenden dagegen selbst verzehrte. Darauf bezieht sich die griechische Sage
vom Prometheus, der den Zeus
[* 7] bei der Opfermahlzeit um die besten Teile betrogen haben sollte. An die Brandopfer schloß sich
das noch mehr symbolische Rauchopfer (s. d.), bei welchem an die Stelle der SpeisenSpezereien traten, wie es noch jetzt in der
katholischen Kirche gebräuchlich ist.
Die Kosten mußte der Privatmann bestreiten, für die öffentlichen Opfer aber sorgte entweder der König oder der
Tempelschatz. Brandopfer fanden als Morgen- und Abendopfer beim täglichen Gottesdienst statt, außerdem bei den großen Nationalfesten,
aber auch bei wichtigen Ereignissen des privaten Lebens. Mit ihnen regelmäßig verbunden waren Speise- und Trankopfer,
aus Ölkuchen und Wein bestehend. Im übrigen waren die der Israeliten rücksichtlich ihres Sinnes und Zweckes teils Dank- und
Freudenopfer, bestehend in Rind- und Kleinvieh, wovon die Fettstücke verbrannt wurden, Brust- und Schulterstücke den Priestern
gehörten; teils gingen sie aus frommer, freiwilliger Entschließung oder aus einem Gelübde hervor und
waren dann gewöhnlich mit Opfermahlzeiten verbunden, oder sie waren Sühn- und Schuldopfer, zu denen nur
¶
forlaufend
Tiere verwendet wurden, und die in größere (mit mehr öffentlichen Charakter) und kleinere zerfielen. Am wichtigsten war
das Sühnopfer für das Volk, das jährlich am großen Versöhnungstag (s. d.) stattfand (vgl. Asasel). Die Priester pflegten
die Darbringenden, zum Zeichen ihrer Versöhnung mit Jehovah, mit dem Blute der geschlachteten Tiere (als dem
Sitz des Lebens, das Gott gehörte) zu besprengen und, wenn es einer allgemeinen Buße und Entsündigung des ganzen Volkes galt,
das Opfertier zu verbrennen, dagegen bei Sühnopfern für Einzelne das Fleisch selbst zu genießen.
Die der alten Inder waren teils Speiseopfer (Ischti) oder Tieropfer (Paçu), teils Trankopfer (Sôma).
Zu den bedeutendsten Opfern der ältern Zeit gehörten das mehrtägige Königsweihopfer (Râdschasûna) und das berühmte
Roßopfer (Açvamêdha), das außer dem Roß 609 Tieropfer erforderte (darunter 260 Waldtiere) und ungeheuern Aufwand verursachte.
Im Verlauf der Zeit kamen die Tieropfer mehr und mehr ab; Opferkuchen von Reis und Gerste
[* 17] traten an ihre
Stelle.
Der Opferdienst selbst war mit einem weitläufigen Zeremoniell verknüpft, das auf das genaueste befolgt werden mußte, wenn
das Opfer Erfolg haben sollte. Im übrigen betrachtet man das Opfer gewissermaßen als einen Vertrag des Menschen mit den Göttern,
der gegenseitig verbindliche Kraft
[* 18] hatte, und die Erfüllung der Bitte war bei richtig vollzogenem Opfer nicht
eine Gnade von seiten der Götter, sondern eine vertragsmäßige Pflicht; ein Dank- oder Sühnopfer, wie die Hebräer, kannten
die Inder nicht.
Die der Ägypter waren dagegen sämtlich zugleich Sühnopfer. Menschen (besonders Fremdlinge), reine,
untadelige Stiere, Kälber wurden geschlachtet, der Leib des Opfertiers mit Brot, Honig und Räucherwerk angefüllt und unter
Begießung von Öl verbrannt. Auch Schweine,
[* 19] Ziegen, Schafe
[* 20] sowie Weizen- und Gerstenähren wurden geweiht. Glänzend war besonders
der Opferdienst der Göttin von Sais (Neith). - Die Griechen brachten vorzugsweise Speiseopfer; Brandopfer
waren auch in späterer Zeit wenig üblich.
In der Homerischen Zeit erhielten vor jeder Mahlzeit die Götter ihren Anteil; bei feierlichen Gelegenheiten aber fanden öffentliche
Opfer statt, unter denen das erste jedesmal der Hestia
[* 21] dargebracht wurde, wie die Inder zuerst dem Agni opferten. Ehe man das Tier
schlachtete, schnitt man ihm die Stirnhaare ab, warf sie als Erstlinge ins Feuer und bestreute dann das
Tier mit Gerstenschrot. Mit dem Blut besprengte man den Altar.
[* 22] Hierauf verbrannte man die Knochen und fleischigen Teile des Schenkels,
wobei Wohlgerüche und Wein zugegossen und während des Opfers Leber, Herz und Lunge
[* 23] geröstet und verzehrt
wurden.
auch von Kinderopfern sind in den alten Sagen noch Spuren vorhanden.
Zu Tieropfern durften nur reine Geschöpfe gewählt werden, deren Fleisch den Menschen genießbar, d. h. zu essen erlaubt,
war. Zu diesen zählten in erster Linie das Roß, das als heiliges Tier verehrt wurde;
auch Widder und Böcke sowie Hunde
[* 30] und Geflügel, welch letztere namentlich als Opfer für die Erntegottheiten
dargebracht wurden (vgl. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau etc., Bresl. 1884).