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Der «Planet Eishockey» ist klein. Die Banden und Stadionmauern versperren den Blick hinaus in die Wirklichkeit der grossen Sportwelt.
Es stimmt: Eine der grössten Verdienste von René Fasel ist die Integration der NHL-Stars in die olympischen Turniere von 1998, 2002, 2006, 2010 und 2014.
Dem Vorsitzenden des Internationalen Eishockey-Verbandes IIHF war es gelungen, die NHL-Generäle vorübergehend zu einer Olympia-Pause zu überreden. Damit die NHL-Stars beim olympischen Turnier mitspielen können.
2018 und 2022 sind die NHL-Stars nicht mehr dabei. 2018 waren es finanzielle Erwägungen, 2022 die schwierigen Umstände (Pandemie), die zu einer Absage der NHL führten.
2018 hätten die Versicherung für die Millionen-Saläre der NHL-Profis 10 Millionen Dollar verschlungen. Richtigerweise weigerte sich das IOC, diese Kosten vollumfänglich zu übernehmen.
So gross die sportdiplomatische Leistung von René Fasel fürs Hockey auch sein mag: Die zentrale Frage bleibt: Brauchen die Olympischen Winterspiele die NHL?
Auf dem kleinen Planeten Eishockey ist die Meinung klar: Ohne die Titanen aus der NHL geht es nicht. Ohne NHL-Stars verliert das Herzstück der Winterspiele den Wert. Ohne NHL-Stars ist alles nichts wert. Wie eine Fussball-WM ohne Messi.
Das ist – excusez l’expression – völliger Unsinn. Die Olympischen Winterspiele brauchen die NHL-Stars nicht. Nicht aus sportlichen und schon gar nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
Sportlich ist es sogar besser, auf die NHL-Stars zu verzichten. Dann ist es nicht mehr notwendig, das Turnier auf die Kurzform zu komprimieren, die einen absurden Modus erfordert: Drei nahezu bedeutungslose Aufwärmspiele in der Gruppenhase und anschliessend kann es in den Achtelfinals zu einer Wiederholung der gleichen Paarungen kommen.
Dieser Modus ist geschaffen worden, um das Turnier zu verkürzen. Damit die Olympia-Pause für die NHL nicht zu lang wird.
Durch einen Verzicht auf die NHL-Stars ist die Rückkehr zu einem sinnvollen Format mit mehr Spielen und mehr Einnahmen möglich. Das Eishockeyturnier ist dann wieder das Herzstück der Spiele.
Nun mögen wir einwenden, ein Eishockey-Turnier ohne Sidney Crosby, Roman Josi oder Timo Meier habe keinen sportlichen Wert. Das mag für den Hockey-Fan so sein. Aber es ist nicht so für die übrige Sportwelt.
Wenn um olympische Ehre gespielt wird, sind die Namen im Eishockey nur auf dem Trikot aufgenähte Buchstaben. Das allgemeine Interesse an der Nationalmannschaft ist in der Schweiz nicht viel kleiner, wenn die NHL-Stars bei Olympischen Spielen fehlen. Die Begeisterung über die Final-Qualifikation ist in Finnland oder in Russland nicht grösser, wenn statt 46 Spieler aus unserer National League die NHL-Stars dabei sind.
Ein Blick zurück zeigt: Die grossen Eishockey-Geschichten bei den Olympischen Spielen haben sowieso nicht NHL-Stars geschrieben.
Auch hier in Peking haben amerikanischen Chronistinnen und Chronisten den amerikanischen Spielern die ewig gleiche Frage gestellt, die sie schon 1984, 1988, 1992, 1994, 1998, 2002, 2006, 2010, 2014 und 2018 gestellt haben. Diese Frage ist so sehr zu einem Ritual geworden, dass altgediente US-Chronisten-Haudegen seufzen: «Nein, bitte nicht schon wieder …»
Es ist die Frage, nach dem «Miracle on Ice.» Dem wundersamen US-Olympiasieg von 1980 gegen die Sowjets. Die Antworten der Spieler – ob NHL Profi oder nicht – sind stets die gleichen: Das «Miracle on Ice» sei wunderbar und einmalig. Man wolle nun eine eigene olympische Story schreiben.
Früher folgten auf entsprechende Fragen die jeweils blumigen Schilderungen, wie und wo man den US-Triumph als Kind miterlebt habe. Für die heutigen Spieler entfällt inzwischen wenigstens dieser Part: Sie kennen das Hockeywunder von Lake Placid nur noch aus Erzählungen: Es ist ja bereits 42 Jahre her und der Kinofilm darüber ist auch schon 18 Jahre alt.
Die amerikanischen NHL-Profis haben hingegen bei ihren fünf Teilnahmen nicht einmal Fussnoten zur olympischen Geschichte geschrieben. Für die grössten Schlagzeilen sorgten sie 1998 durch das Zertrümmern des Mobiliars im Olympischen Dorf aus Frustration über das frühe Ausscheiden im Viertelfinal.
Eine zweite wunderbare Geschichte ist der Olympiasieg von 1994 der Schweden. Die Entscheidung fällt im Penalty-Schiessen. Peter Forsberg – er wird später ein NHL-Superstar – bezwingt Kanadas Torhüter Corey Hirsch im entscheidenden Versuch. Die Penalty-Szene ist auf einer Briefmarke verewigt worden.
Die NHL-Stars stehen hingegen für Schwedens grösste olympische Pleite. 2002 in Salt Lake City verlieren die schwedischen NHL-Stars im Viertelfinal gegen Weissrussland 3:4. Tommy Salo ist in der 58. Minute durch einen Schuss von weit ausserhalb der blauen Linie überrascht worden. Dieser Treffer knickt seine Karriere. Und daheim in Schweden setzt eine der grössten Tageszeitungen alle Portraits der gescheiterten Helden auf die Titelseite. Darunter die Saläre und darüber die Schlagzeile: «Verräter».
Mit zwei der dramatischsten Spiele der Geschichte haben die NHL-Profi auch rein gar nichts zu tun: Am 15. Februar 1968 besiegt die CSSR die UdSSR in Grenoble 5:4.
Zwei Tage später können die Tschechoslowaken mit einem Sieg im letzten Spiel gegen Schweden nun zum ersten Mal Olympiasieger werden. Josef Golonka hat kurz vor Schluss beim Stande von 2:2 das leere Tor und das olympische Gold vor Augen. Und versagt. Es bleibt beim 2:2. Die Sowjets sind Olympiasieger. Wahrscheinlich die folgenreichste verpasste Torchance der Geschichte.
Der Chronist hat Josef Golonka einmal gefragt, warum er damals versagt habe. «Ach, ich sah mich schon als Held in Bratislava einziehen, alle schönen Frauen zu meinen Füssen – und vorbei war die Chance …»
Nun mögen wir einwenden, die TV-Einschaltquoten seien doch gerade in Nordamerika viel, viel höher, wenn die NHL-Stars mitspielen. Tatsächlich sind diese Quoten der Sauerstoff des olympischen Geschäftes. Die amerikanischen TV-Anstalten investieren mit Abstand am meisten Geld in die Olympischen Spiele.
Ob die NHL-Stars mitspielen oder nicht, hat auf die TV-Einschaltquoten in den USA – dem wichtigsten Markt – etwa so viel Einfluss wie ein zerbrochener Stock im Training. Nämlich keinen.
Die Magie der Olympischen Spiele hängt gerade in Nordamerika nicht von den Namen der Eishockeyspieler ab. Andere Disziplinen – allen voran die Eiskunstlaufwettbewerbe – sind viel wichtiger. Was zählt, sind sportliche Triumphe und Dramen. Wenn die US-Amerikaner im Hockey gewinnen – dann interessieren sie von El Paso bis Chicago alle. Wie 1980. Wenn sie verlieren, dann interessieren sie nicht. Unabhängig davon, ob NHL-Stars dabei sind oder nicht. Und Olympiasieger sind die amerikanischen NHL-Stars sowieso nie geworden.
Die NHL-Gläubigkeit der Hockeywelt ist verständlich. In die NHL wollen alle Spieler der Welt. Die NHL ist mit riesigem Abstand die reichste, beste und wichtigste Liga der Welt.
Aber die Hockeywelt ist eben klein. Die olympische Welt ist viel grösser. Sie braucht die NHL nicht.