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Wenn ein Kind zu klein oder zu leicht für die Schwangerschaftsdauer zur Welt kommt (Small for Gestational Age = SGA), kann dies lebenslange Konsequenzen haben. Eine frühzeitige Abklärung lohnt sich, eine Therapie kann eine normale Entwicklung ermöglichen.
Sie haben ein Kind bekommen, die Freude ist gross. Sie halten es im Arm und haben das Gefühl, es sei winzig. Selbst wenn es zum Termin auf die Welt gekommen ist, selbst wenn es nicht Ihr erstes Kind ist, sind Sie überrascht oder aufs Neue berührt, wie klein so ein Baby bei der Geburt ist. Klein kommen uns alle Neugeborenen vor, aber sie unterscheiden sich durchaus in Grösse und Gewicht. In der Regel wiegt ein Neugeborenes zwischen 2800 und 4200 Gramm und misst zwischen 47 und 55 Zentimeter. Einige Kinder – etwa 15% aller Neugeborenen – entsprechen, wenn sie zur Welt kommen, nicht dieser allgemeinen Norm, sie sind grösser oder kleiner.
Die Ursache des SGA ist meist ein Mangel an Nährstoffen beim Fetus. Ein solcher Mangel kann Folge einer Unterernährung der Mutter sein oder, besonders in entwickelten Ländern, auf eine Störung des Nährstofftransportes von der Mutter zum Kind zurückgehen. In den meisten Fällen kann die Ursache nicht eindeutig geklärt werden.
Auch weil das Alter von Erstgebärenden in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist, werden heute immer mehr SGA-Kinder geboren. Die spätere Erfüllung des Kinderwunsches führt einerseits zu mehr Mehrlingsschwangerschaften und Fertilitätsbehandlungen, andererseits sind ältere Frauen häufiger von Schwangerschaftskomplikationen betroffen.
Studien weisen darauf hin, dass der Organismus des Fetus den Stoffwechsel umschaltet – und zwar für immer-, wenn die Zufuhr an Nährstoffen während der Schwangerschaft mangelhaft ist. Der Fetus entwickelt aufgrund der «Hungersnot» im Bauch eine kompensatorische Überlebensstrategie und konzentriert sich auf Kosten des Wachstums auf die Versorgung von lebenswichtigen Organen. Das Resultat dieser fetalen Programmierung ist das «besonders sparsame Individuum» (thrifty phenotype). Diese sogenannten «Thrifty Phenotypes» (oder SGA‘s), haben eine kleinere Körpergröße, eine niedrigere Stoffwechselrate, weniger Muskeln, und sie sind körperlich weniger aktiv, also optimal an eine Umgebung angepasst, die chronisch knapp an Nahrungsmitteln ist. Bei einer Hungersnot sichert diese Umprogrammierung des Stoffwechsels das Überleben. Ist das Kind aber dann ab Geburt mit Überfluss konfrontiert, kann diese Umprogrammierung zu gesundheitlichen Problemen führen.
Ganz diskrete Auffälligkeiten im Zuckerstoffwechsel sind oft bereits im Kindesalter nachweisbar. Zusätzlich führt die ungenügende Versorgung bei Mutter und Kind zu Stress und einem erhöhten Spiegel des Stresshormons Cortisol, welcher oft lebenslang nachwirkt. Solche Kinder sind deshalb oft stressempfindlicher als andere. Alle diese Mechanismen, also weniger Muskelmasse, grösserer Fettanteil, weniger Bewegung, weniger Inselzellen und eine erhöhte Aktivität der Nebennierenrinde erhöhen das spätere Risiko für eine Insulinresistenz und damit nimmt auch die Anfälligkeit für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall im Erwachsenenalter zu.
Die Diagnose SGA verfolgt Kinder auch in der Schule. Der Zusammenhang zwischen Untergewicht bei Geburt und späterer geringerer Intelligenz, schlechteren Berufsaussichten, niedrigerer Sozialkompetenz und Verhaltensauffälligkeiten ist gut dokumentiert.
Im Verlaufe der Kindheit steht das Wachstumsproblem im Vordergrund, später im Erwachsenenalter dann manchmal die Probleme der Insulinresistenz.
Die meisten zu klein geborenen Kinder holen in den ersten zwei Lebensjahren ihr Wachstumsmanko auf. Bei rund zehn Prozent der Kinder, die zu klein und untergewichtig zur Welt gekommen sind, bleibt das Aufholwachstum in dieser Zeit aus. In der Schweiz werden Behandlungskosten mit Wachstumshormon dann übernommen, wenn folgende Kriterien erfüllt sind: Gewicht und/oder Grösse sind bei der Geburt um 2 Standardabweichungen kleiner als bei Normalgeborenen. Bis zum vierten Lebensjahr findet kein Aufholwachstum statt. Die aktuelle Grösse des Kindes liegt mindestens 2.5 Standardabweichungen unter der Grösse von Gleichaltrigen. Die Wachstumsgeschwindigkeit im vergangenen Jahr beträgt weniger als 0 SDS. Die Angleichung an die elterliche Zielgrösse beträgt mindestens -1 SD. Ausserdem müssen vor einer Therapie alle anderen Gründe für Kleinwuchs (z.B. ein Wachstumshormonmangel oder eine Hypothyreose) ausgeschlossen werden. Nach einem Jahr muss die Behandlung evaluiert werden. Ziel der Behandlung ist nicht nur die Beeinflussung des Längenwachstums, sondern auch des Muskelaufbaus zuungunsten des Körperfettanteils, weil dies das Risiko von Diabetes reduziert.
Wir finden es wichtig, dass Kinderärzte frühzeitig aufmerksam werden, wenn ein SGA-Kind bis zum zweiten Geburtstag kein Aufholwachstum zeigt, damit etwaige andere Ursachen einer Wachstumsstörung nicht verpasst werden. Eine frühzeitige Abklärung ist auch deshalb wichtig, weil es infolge der erhöhten Hormonausschüttung der Nebennierenrinde zu einer leichten Beschleunigung der Knochenreifung kommen kann. Nicht selten wächst deshalb ein siebenjähriges SGA-Kind bereits etwas schneller, und erfüllt dann die Kriterien für eine Behandlung nicht mehr. Diese leichte Beschleunigung des Wachstums führt aber leider meist zu einer zusätzlichen leichten Reduktion der Endgrösse, weil auch die Pubertät und damit der Pubertätswachstumsspurt etwas früher einsetzen und dann das Wachstum etwas früher abgeschlossen ist.
Es wird heute davon ausgegangen, dass das Silver-Russel-Syndrom in den meisten Fällen eine Variante des SGA ist, wobei zum Kleinwuchs und Untergewicht in der Regel auch eine Asymmetrie der beiden Körperhälften beobachtet wird.
Prof. Dr. med. Urs Eiholzer hat zwei Bücher geschrieben, in denen er einfühlsam, kompakt und anschaulich alle wichtigen Aspekte zum Thema Mangelgeburt erläutert. Das Ratgeberbuch richtet sich an Eltern von SGA-Kindern und hilft Ihnen, die Diagnose besser zu verstehen.
Das im Karger-Verlag erschienene Fachbuch ist ein Muss für Ärzte, die an Wachstumsstörungen, Adipositas, Diabetes und dem metabolischen Syndrom interessiert sind.

Die Abkürzung SGA steht für "small for gestational age". Unter SGA-Kindern versteht man also Kinder, welche bei Geburt für die Schwangerschaftsdauer untergewichtig und/oder mit einer zu kleinen Geburtslänge zur Welt kommen ("Mangelgeburt"). Für die Beurteilung, ob ein Geburtsgewicht und/oder eine Geburtslänge ungenügend sind, werden Normtabellen und Normkurven herbeigezogen. Man spricht in der Regel von SGA, wenn die Grösse und/oder die Länge im untersten 5%-Bereich für Kinder der gleichen Schwangerschaftsdauer liegen. Bei einem am errechneten Termin (40. Schwangerschaftswoche) geborenen Mädchen oder Knaben heisst dies leichter als 2.63 kg beziehungsweise 2.74 kg und kleiner als etwa 46 cm.