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Projektinformationen: Bericht von Carole Collaud, 2. Teil
Im letzten Heft hat Carole Collaud über die Schule von Andreas Kolb berichtet. Carole hat noch eine zweite Schule in Bolivien besucht. Hier folge der Bericht darüber.
Die Schule in Puntata
Zwei Schulen haben mich sehr beeindruckt, die von Riberalta (siehe auch Carole Collaud 1. Teil ) und die von Puntata. Puntata ist 50 km von Cochabamba entfernt. Es ist eine katholische Schule mit 150 Kindern und einer kleinen, unabhängigen Klasse mit acht gehörlosen Schülern. Diese arbeiten unter dem Lehrer Marcelo Quiroga, einem gehörlosen Lehrer im Alter von 25 Jahren, der selber aus einer gehörlosen Familie (Eltern und jüngerer Bruder gehörlos) stammt.
Die Anfänge von Puntata
Im Februar 2002 rief die Schule Puntata Marcelo Quiroga in den Dienst, um acht gehörlose Schüler von 6 -14 Jahren zu unterrichten, die noch nie in eine Schule gehen konnten.
Marcelo Quiroga mit den Schülern
Marcelo erinnert sich an die schwierigen Anfänge:
- 1. Es gab keine Tische, Stühle, nichts, das Schulzimmer war total leer und musste möbliert werden.
- 2. Bei der Ankunft der Schüler: sie mussten erst Verhalten und Disziplin lernen, bevor man unterrichten konnte. Die Kinder hatten keinerlei Erziehung, verstanden nicht, warum sie mehr als drei Minuten auf einem Stuhl sitzen bleiben sollten, und warum sie nicht einfach zum Schulzimmer hinausgehen durften. Sie hatten keine Hygiene, wuschen sich nie, stanken, hatten schmutzige und zerrissene Kleider.
Die meisten kamen vom Land und waren sehr arm. Natürlich gab es keine Duschen in der Schule, und zum Waschen musste man warten, bis es regnete.
In der bolivianischen Mentalität, und in vielen südlichen Ländern, sind Gehörlose nichts wert, und man beachtet sie nicht. Sie gelten als unnütz für die Gesellschaft, daher werden sie nicht erzogen und nicht geschult.
Marcelo musste zuerst die Familien der Kinder kennen lernen, sie informieren und motivieren, sie davon überzeugen, dass Gehörlose alles können – nur nicht hören.
Die Eltern waren zuerst überrascht, einen Gehörlosen als Lehrer zu sehen, der sich um ihre Kinder kümmern wollte. Aber langsam anerkannten sie, dass Marcelo ein Vorbild war und Vertrauen verdiente.
Einige Monate später, nachdem die Kinder anständiges Verhalten gelernt hatten, begann Marcelo mit dem eigentlichen Unterricht: Bolivianische Gebärdensprache, Mathematik, Wissenschaften, Lebenskunde, Religion und Handarbeiten. Die Kinder entwickelten sich schnell. Schon nach sechs Monaten begannen sie zu lesen, schreiben und zählen.
Marcelo hat selber eine sehr gute Erziehung erhalten. Er führt seine Klasse mit viel Takt, Reife, Pädagogik, Verständnis und Respekt.
Die Klasse von Prof. Marcelo
Ich konnte mich selber davon überzeugen, als ich in seiner Klasse lebte: Dieser Lehrer hat wirklich das Fingerspitzengefühl, das unbedingt nötig ist, um sich so speziellen Schülern anzupassen. Denn fast alle haben ein anderes Niveau. Es braucht immer sehr viel Geduld und Respekt, um jeden Schüler zur Selbstständigkeit zu bringen. Die Schüler sind sehr stark mit ihrem Lehrer verbunden. Marcelo legt viel Wert auf seine Arbeit und engagiert sich total. Er ist einer der bolivianischen Lehrer, die sich wirklich mit Leib und Seele für ihre Schüler hergeben. Es ist ein echter Genuss, ihn unterrichten zu sehen!
Die Kinder haben keine Kommunikationsprobleme untereinander. Sie sprechen natürlich in Gebärden, und das nach nur sechs Monaten Unterricht! Marcelo ist der einzige Lehrer für Gehörlose an der Schule. Er braucht Hilfe, aber die Schule hat kein Geld, und deshalb wird kein zweiter Lehrer angestellt. Marcelo arbeitet fast ehrenamtlich. Allein der Arbeitsweg beträgt über 100 km, die er jeden Tag zurücklegt. Die Transportkosten allein fressen einen grossen Teil seines Lohnes weg! Dazu verbringt er jeweils mehr als zwei Stunden pro Weg unterwegs, muss er doch 3mal auf Busse und Taxis umsteigen. Das ist Tatsache, ich habe nicht falsch gerechnet. Marcelo erhält 450 Bolivianos, d.h. etwa 65 Dollar im Monat und muss jeden Tag für die Reise 15 Bolivianos (2 Dollar) ausgeben, das sind 300 Bolivianos im Monat.
Trotzdem beklagt sich Marcelo nie. Der gute Wille und die Liebe zu seinen gehörlosen Schülern sind ihm wichtiger. Ich habe ihn gefragt, ob er von etwas träume, und er antwortete mir ohne zu zögern: « Lehrmaterial, damit ich besser unterrichten kann». Denn die Schule gibt ihm kein Lehrmaterial ab! Er muss alles erfinden und selber herstellen. Aber woher das Geld nehmen? Die Eltern sind viel zu arm und können nicht einmal Bleistifte bezahlen. Tische, Stühle und Bänke muss Marcelo selber suchen. Am Jahresanfang bat er einen Freund, einen Schreiner, ihm zu helfen, Tische und Stühle herzustellen. Und dann war es noch Marcelo, der Lehrer selbst, der alles mit seinem Taschengeld bezahlen musste. Marcelo zögerte nie: «zuerst die Schüler!» Das ist eine unglaubliche Grosszügigkeit, ein Vorbild für uns verwöhnte Industriestaatler!
Prof. Marcelo
Ich weiss, Geld allein macht nicht glücklich...jedenfalls nicht immer. Aber Marcelo gesteht, dass Geld eines seiner grossen Probleme ist. Er möchte gern einmal selber eine Familie gründen und selbstständig leben. Aber mit dem Lohn, den er heute verdient, und den Kosten seiner Schulklasse ist das absolut unmöglich. Er braucht eine kleine finanzielle Hilfe, damit er weiter unterrichten kann, so wie er es bisher so gut gemacht hat.
Carole Collaud (z.Zt. auf Weiterbildung in den USA)
Wer Marcelo privat unterstützen möchte, kann sich mit dem CGG-Praesidenten in Verbindung setzen!
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