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Das letzte Mal, als der Hadsch, die grosse Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka, nicht möglich war, war 1798. Damals verunmöglichte die Invasion des französischen Generals Napoleon in Ägypten vielen Muslimen die Hadsch.
222 Jahre später droht dieses Schicksal erneut. Die Behörden haben den Hadsch Ende Juli noch nicht gänzlich abgesagt. Aber sie haben die Muslime in aller Welt Ende März gebeten, noch keine Reise zu planen. Die sogenannte Umrah, die «kleine Pilgerfahrt», die während des ganzen Jahres möglich ist, wurde bereits Ende Februar ausgesetzt.
Derzeit sind die beiden heiligen Stätten in Saudi-Arabien, Mekka und Medina, abgeriegelt. Selbst einheimischen Pilgern ist es nicht erlaubt, die Städte zu betreten. Das Bild der menschenleeren Grossen Moschee in Mekka steht sinnbildlich für das, was das Coronavirus in Saudi-Arabien gerade in Bewegung setzt – oder eben ausser Bewegung setzt.
Schwindender saudischer Einfluss
Die Corona-Krise akzentuiert eine Veränderung, die schon länger zu beobachten ist: das Schwinden des saudi-arabischen Einflusses in der muslimischen Welt. Diese Entwicklung begann nach den Terroranschlägen in den USA im September 2001 (9/11) und dauert bis heute an (15 der 19 Attentäter stammten aus Saudi-Arabien).
Das saudische Königshaus bezieht einen Grossteil seines Führungsanspruchs in der islamischen Welt aus der Tatsache, dass es als Hüter der beiden heiligen Städte Mekka und Medina auftritt. Die Garantie der Pilgerfahrt dorthin verleiht den Herrschern Saudi-Arabiens eine immense «Soft-Power». Fällt die Pilgerfahrt weg, schwindet dieser Einfluss und damit der Führungsanspruch in der islamischen Welt.
Drohender wirtschaftlicher Sturzflug
Dieser Verlust an «Soft-Power» kann naturgemäss weniger direkt gemessen werden als der wirtschaftliche. 2.5 Millionen Menschen nahmen im vergangenen Jahr am Hadsch teil und viele mehr absolvierten die kleine Pilgerfahrt.
Die Pilgerfahrt ist nicht nur eine der fünf Säulen des Islam, sondern auch eine Säule des saudischen Staatshaushaltes. Der Pilgertourismus nach Mekka ist der zweitwichtigste Wirtschaftszweig Saudi-Arabiens nach dem Erdöl.
Und von diesem versucht Saudi-Arabien gerade wegzukommen. Mit seiner «Vision 2030» will der Thronfolger und de-facto-Herrscher Mohammad bin Salman das Land vom Öl unabhängig machen und es in eine technologie- und wissensgetriebene Entrepreneur-Gesellschaft verwandeln.
Um diesen Wandel zu erzielen, hängt das Land stark vom Konsum ab. Doch dieser ist mit dem Corona-Lockdown komplett zum Stillstand gekommen. Und erst im September hatte das Königreich begonnen, erstmals Touristen-Visa auszustellen, um einen für das Land völlig unbekannten Wirtschaftszweig aufzubauen.
Teurer Streit um den Ölpreis
Kommt hinzu, dass sich Saudi-Arabien zuletzt in einen teuren Ölkrieg gestürzt hat: Nachdem sich Russland und Saudi-Arabien nicht auf eine Drosselung der Öl-Produktion einigen konnten, beschloss Mohammad bin Salman, die Förderung so zu forcieren, dass der Ölpreis ins Bodenlose absackte. Jetzt sitzt Saudi-Arabien auf seinem billigen Öl, für das es zurzeit keinen Bedarf gibt.
Saudi-Arabien wollte in diesem Jahr, in dem es zudem den Vorsitz der G20 innehat, eine wirtschaftliche und diplomatische Offensive starten. Stattdessen drohen das Coronavirus und der Streit um den Ölpreis das Land in eine gefährliche Krise zu stürzen.