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Alles Gramsci oder was? Der britische Soziologe Perry Anderson zeichnet in einem so brillanten wie kompakten Buch die Konjunkturen des Hegemoniebegriffs nach.
Neben Stuart Hall, dem Gründer der «Cultural Studies», ist er der wohl renommierteste Vertreter der britischen Neuen Linken: der 1938 in London geborene Perry Anderson, der 25 Jahre lang Herausgeber der «New Left Review» war und seit vielen Jahrzehnten als Professor für Sozialwissenschaften und Geschichte in den USA lehrt. Seine Studie «Die Entstehung des absolutistischen Staates» (1974) gilt bis heute als Standardwerk über die Ursprünge moderner Staatlichkeit, und unter dem Motto «westlicher Marxismus» trug Anderson massgeblich zur Erneuerung kritischer Theorie bei.
Nun hat der mittlerweile Achtzigjährige eine bestens lesbare und mit 250 Seiten überaus kompakte Geschichte des Hegemoniebegriffs vorgelegt. Dabei geht er von der Beobachtung aus, dass «Hegemonie» heute zwar in aller Munde ist, aber jedeR etwas anderes damit meint. Je nach Kontext wird damit der Wählerzuspruch von Parteien oder die Ausbreitung subkultureller Praktiken, der ökonomische Bedeutungsgewinn Chinas oder die militärische Macht eines Landes bezeichnet.
Vor diesem Hintergrund macht sich Anderson in «Hegemonie» daran, die unterschiedlichen Diskursstränge historisch nachzuzeichnen. Seine Begriffsgeschichte beginnt im antiken Griechenland, wo mit «hegemonia» die (durchaus auch militärische) Vormachtstellung eines Stadtstaats gegenüber seinen Nachbarn gemeint war. Auch in der Moderne, so scheint es, wurde der Begriff zunächst vor allem auf zwischenstaatliche Beziehungen angewandt. Eine erste wichtige Arbeit in diesem Zusammenhang stammt Anderson zufolge vom rechtskonservativen deutschen Staatsrechtler Heinrich Triepel, der sich in den 1930er Jahren – nicht zuletzt aufgrund des Aufstiegs von Nazideutschland – mit den Machtbeziehungen zwischen starken und schwachen Staaten beschäftigte. Für Triepel sei Hegemonie «eine Form von Macht zwischen ‹Herrschaft› und ‹Einfluss›» gewesen.
Wie man den Frieden wahrt
Auch nach 1945, so zeigt Anderson, wurde der Begriff zunächst vornehmlich auf Staatenbeziehungen angewendet. In den Mittelpunkt rückte – bei Autoren wie Ludwig Dehio, Hans Morgenthau oder Raymond Aron – die Frage, wie das Verhältnis der USA gegenüber den westlichen Staaten zu gestalten wäre. Der Franzose Raymond Aron etwa unterschied drei Formen der Friedenswahrung: Gleichgewicht, Hegemonie und Imperium. Der Hegemoniebegriff diente ihm also in erster Linie dazu, die «Pax Americana» zu umreissen, in der die Verbündeten zwar nicht gleichberechtigt, aber doch auch mehr als einfache Vasallen waren.
In den Siebzigern, so Anderson, sei der Hegemoniebegriff dann verstärkt aufgegriffen worden, um die ökonomischen Verschiebungen im Westen zu erklären. Nach dem Zusammenbruch des US-geführten Währungssystems von Bretton Woods, der US-Niederlage im Vietnamkrieg und dem ökonomischen Aufstieg Japans und Westdeutschlands schien ein Ende der «US-Hegemonie» bereits beschlossene Sache. Durch die Debatten in den USA habe sich erneut eine Bedeutungsverlagerung ergeben: «Bei seiner Einbürgerung in die amerikanische Politikwissenschaft besetzte der Begriff Hegemonie ein essentiell ökonomisches Bedeutungsfeld und war damit bestens an die einheimischen liberalen Empfindsamkeiten angepasst. Kommerz, Profit, Konsum, das waren die Bereiche, in denen sich Hegemonie der Stabilitätstheorie zufolge auswirken konnte.»
Herrschaft zwischen Klassen
Erst an dieser Stelle wendet sich Anderson dann ausführlich dem linken Hegemoniebegriff zu, der in erster Linie die Herrschaftsbeziehungen zwischen sozialen Klassen beschreibt. Er zeichnet nach, wie die Auseinandersetzung mit den Schriften des italienischen Marxisten Antonio Gramsci ab den 1960er Jahren einen ganz neuen Strang gesellschaftskritischer Theorie eröffnete. Bei Gramsci meint Hegemonie die Fähigkeit, kulturell und politisch (statt durch blosse Gewaltausübung) zu herrschen und eigene Interessen als gesamtgesellschaftliche erscheinen zu lassen. Auch hier fasst Anderson die verschiedenen Diskurslinien kenntnisreich zusammen: Die Fragestellungen des britisch-karibischen Soziologen Stuart Hall zur Populärkultur umreisst er ebenso souverän wie die sprachwissenschaftlich fundierte Hegemonietheorie der LinkspopulistInnen Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, die in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit genossen.
Schliesslich verhandelt Anderson auch die ökonomische Anwendung des gramscianischen Hegemoniebegriffs in der Weltsystemtheorie durch Giovanni Arrighi oder in der Theorie der internationalen Beziehungen durch Robert Cox, aber auch die neueren Debatten in den USA über die nach 1989 ausgerufene «neue Weltordnung». Besonders lesenswert ist der Abschnitt zu China, wo es die Hegemonie «bis in die Verfassung geschafft hat».
Andersons Buch macht deutlich, dass es zwar Bedeutungsüberschneidungen gibt, aber durchaus auch sehr unterschiedliche Dinge gemeint sind. Wer den Begriff der Hegemonie gelegentlich verwendet, sollte dieses brillante Überblicksbuch gelesen haben. Es gibt nicht viele TheoretikerInnen, die sich so souverän in unterschiedlichen Debatten bewegen wie Perry Anderson.