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Der innerchinesische Tourismus boomt. Aber ist die Fremdenverkehrsindustrie auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor? Ein Besuch auf der südchinesischen Ferieninsel Hainan.
ChinesInnen können mit dem Zug in ihr Tropenparadies fahren – obwohl die Insel Hainan weder durch einen Tunnel noch über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Der Zug wird in kurze Abschnitte getrennt und dann in den Laderaum einer riesigen Fähre rangiert. Wie gross das Schiff oder wie breit die Meerenge ist, das ist nicht zu sehen. Zu sehen ist nur der Laderaum. Ohne irgendwelche Fluchtmarkierungen. Aber die braucht es auch nicht: Die Türen der Waggons sind verschlossen und die Fenster verschraubt. Im Falle eines Unglücks käme hier sowieso niemand raus. Von der frischen Meeresluft merken die Reisenden auch nichts. Sie atmen statt dessen ein paar Stunden sehr schlechte Luft, denn die Stromanschlüsse auf dem Schiff reichen zwar fürs Licht, aber nicht für die Klimaanlagen.
Der Zug endet in Sanya, ganz im Süden der Insel, die vier Fünftel der Grösse der Schweiz hat und auf demselben Breitengrad liegt wie Jamaika. Von den 55 368 TouristInnen, die am Frühlingsfest, dem ersten Tag des neuen Jahres nach dem traditionellen Mondkalender, nach Hainan kamen, reisten 24 537 direkt hierher. Die meisten natürlich mit dem Flugzeug.
Was die chinesischen TouristInnen hier alle wollen, ist indes nicht ganz klar. Was machen ChinesInnen am Strand? Die meisten können nicht schwimmen. Ausserdem meiden sie in der Regel die Sonne, wie Yan Hui erläutert, der seit neun Monaten an den Strandliegen des Sheraton Hotels Handtücher ausgibt: «Wenn wir braun sind, kriegen wir keine Frau.» In China gilt eine weisse Hautfarbe immer noch als Schönheitsmerkmal. Yan Hui freut sich deswegen schon, wenn er in drei Monaten sein einjähriges Praktikum beenden kann, das er im Rahmen seiner Ausbildung als «Hotelmanager» an einer ominösen privaten Hotelfachschule in Shaanxi absolviert. «Für eine Woche herzukommen, ist in Ordnung», sagt er und blickt über den feinen weissen Sandstrand auf das türkisfarbene, glasklare Meer. «Aber das hier, das ist ja gar keine richtige Stadt, hier ist es nur furchtbar langweilig.»
Popcorn und Ohrenzupfen
Da hat er recht. Denn die Jetski- oder Motorbootfahrten, das Segeln oder Parasailing, das Surfen oder das Herumkurven auf Segways (den einachsigen Elektrorollern mit Lenkstange, deren Miete in Hainan 300 Yuan pro halbe Stunde kostet, umgerechnet 45 Franken) – all das kann sich Yan Hui nicht leisten. Er kann auch nicht, was ebenfalls gerade sehr beliebt ist, eine in der Brandung stehende Freundin mit dem neuen iPad fotografieren. Dazu ist Yan Hui nach all den Monaten in der Sonne der Bauer zu sehr ins Gesicht geschrieben.
Wenn es den chinesischen TouristInnen am Strand zu langweilig wird, dann unternehmen sie einen Tagesausflug in den Urwald. Den Tropical Paradise Forest Park besuchten am Frühlingsfest über zehntausend Feriengäste. Und es gibt noch viele andere «Urwaldparks». Die Yanoda Rainforest Tourism Zone zum Beispiel ist nicht weit weg. 100 Yuan (rund fünfzehn Franken) kostet der Eintritt, inklusive Hin- und Rückfahrt ab Sanya – wenn man an einer organisierten Tour teilnimmt. Kauft man das Ticket erst am Eingang, kostet es 160 Yuan. Ohne Fahrt. Individualreisende sind nicht erwünscht.
Und so ziehen vor allem Reisegruppen vorbei an Ständen für Popcorn, Kokosnusskuchen, Vogelstimmen imitierenden Bambuspfeifen oder für den lokalen Kuding-Tee. Für zehn Yuan kann man sich mit zwei aus Amerika importierten Papageien auf der Schulter fotografieren lassen, und wenn man über die Happiness-Avenue-Hängebrücke geht, dann greifen einem zwei als lokale ethnische Minderheit verkleidete Chinesen laut «Ya-Nuo-Da» («eins, zwei, drei») rufend plötzlich von links und rechts an die Ohrläppchen, sodass man peinlich berührt lächelt, während ein weiterer Angestellter ein Erinnerungsfoto von der Szene macht, das man dann beim Verlassen des Regenwalds für noch einmal zehn Yuan zum Kauf angeboten bekommt. Das ist nicht ganz so unglaublich, wie es klingt: Die am Ausgang wartenden Angestellten haben die Fotos nach Reisegruppen sortiert und müssen das richtige Gesicht also aus höchstens fünfzig Personen heraussuchen.
Wo sind die TierschützerInnen?
Wer sich nicht so für Pflanzen interessiert, sondern mehr für Tiere, kann in Xincun in der Nähe von Lingshui, das an der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke liegt, mit Asiens längster Seilbahn in einen Affenpark fahren, in dem gut 3000 Paviane streng darauf achten, ob man Essen aus der Tasche zieht. Denn dann kommt ein Pavian, haut einem eine runter und mit dem Essen ab. Erkundigt man sich aber nach der hiesigen Organisation zur Rettung der Meeresschildkröten, dann sagt die erste Hotelangestellte (es bestehen zugegebenermassen gewisse Schwierigkeiten mit dem lokalen Dialekt), die sitze in Zimmer 8123, und die zweite meint, die müsste doch am Meer stationiert sein, oder?
Direkt am Meer sieht man aber nur, was die ChinesInnen dort am allerliebsten machen, noch lieber als Fotografieren: Sie spekulieren mit Immobilien. Der Strandliegenbewacher der Holiday-Villa-Global-Grossbaustelle, ein zwanzigjähriger junger Mann namens Zhao Bin, ist zwar von hier, meint aber, die Meeresschildkrötenstation sei in Boao, 120 Kilometer die Küste hoch. Zum Glück für die TierfreundInnen kann man aber für hundert Yuan mit einem kleinen Motorboot zu den auf Styroporblöcken schwimmenden Fischrestaurants in die Bucht hinausfahren und dort geschützte, bis über einen Meter grosse Meeresschildkröten dabei beobachten, wie sie aus ihrem Netz zu entkommen versuchen. Das Erinnerungsfoto, für das eine kleinere Schildkröte, die man gerade noch halten kann, herausgefischt und einem auf den Arm gesetzt wird, ist hier sogar im Preis inbegriffen.
Die Duty-free-Attraktion
Im Preis inbegriffen ist in Hainan sonst nur sehr wenig. Zum Beispiel ist bei einem Grossteil der dreissig Millionen Hotelübernachtungen pro Jahr das Frühstück nicht inbegriffen. Und bei einem Grossteil der rund acht Milliarden Yuan, für die die TouristInnen hier einkaufen, ist keine Steuer inbegriffen: Seit April 2011 können im Sanya Duty Free Store ausländische Luxusgüter im Wert bis zu 5000 Yuan pro Person import- und mehrwertsteuerfrei gekauft werden. Der Duty-free-shop empfing in der ersten Woche nach seiner Eröffnung 140 000 BesucherInnen und verkaufte in zwanzig Minuten sechs Gucci-Handtaschen. Er ist jetzt die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt – abgesehen vielleicht vom «Dubai des Ostens», einer 1250 Meter langen und 350 Meter breiten künstlichen Insel, auf der sich bereits drei dem dubaiischen Burdsch-al-Arab-Hotel nachempfundene Türme erheben.
Und die Immobilienspekulation? «2010 wurden in Hainan im Immobilienbereich insgesamt 46 Milliarden Yuan investiert, eine Steigerung um 62 Prozent», meldet das chinesische Investitionsberatungsnetz hierzu auf seiner Website. Ausserdem stehe Hainan bei der Wachstumsrate an Zweitwohnsitzen im nationalen Vergleich an erster Stelle: «8,5 Millionen Quadratmeter Wohnraum wurden verkauft, eine Steigerung um 52,3 Prozent. In den ersten elf Monaten des Jahres 2011 wurden 59 Milliarden Yuan investiert und 7,6 Millionen Quadratmeter verkauft.» Mit anderen Worten: Es wurde mehr investiert, aber (auf den Monat umgerechnet) weniger verkauft. Oh weh.
«Siebzig Prozent der Wohnungen hier stehen leer. Jedenfalls ist es das, was die Regierung sagt», erläutert der Restaurantbesitzer Guo Yong in Sanya. Und dann senkt er die Stimme zu einem Flüstern: «Aber es sind in Wirklichkeit vielleicht sogar achtzig Prozent!» Das macht nun auch keinen grossen Unterschied mehr. Den grossen Unterschied machen die neuen, bis zu vierzigstöckigen Apartmenthäuser im Rohbau, die von der Strasse zum Flughafen aus gesehen Richtung Meer stehen, beziehungsweise die neuen Bauflächen, die von der Strasse aus Richtung Inselmitte gerade «bereinigt» werden. Wer soll denn die ganzen Wohnungen kaufen? «In China schreitet doch die Urbanisierung unaufhaltsam voran», sagt Guo und schaufelt Sesamsauce auf die vom Festland importierten Weizennudeln. «Die Bauern kommen vom Land in die Städte. Die können doch in den Wohnungen wohnen.» Aha. Nur: Ein Bauer verdient auf dem Land 3000 Yuan im Jahr, und in der Stadt 3000 im Monat. Ein Quadratmeter in einer dieser neuen Wohnungen kostet aber 30 000 Yuan und auf der künstlichen Phönix-Insel bis zu dreimal so viel. Für eine normale hundert Quadratmeter grosse Wohnung müsste ein Bauer also tausend Jahre Weizen pflanzen.
Hat denn Restaurantbesitzer Guo, der seit vier Jahren in Hainan arbeitet, selbst eine Wohnung gekauft? Oder wohnt er zur Miete? «Nein», sagt er und sieht richtig schockiert aus. «Wir haben uns selbst ein Haus gebaut. Das ist viel billiger, wenn man die Steine und den Zement selbst kauft. Den Sand kann man sich ja am Strand holen.» Das also ist es, was die ChinesInnen hier am Strand machen.
Die Tourismusförderung
Erst mal investieren
China ist nach Frankreich und den USA das am dritthäufigsten besuchte Land der Welt. Über 55 Millionen BesucherInnen (ohne die aus Hongkong, Macao und Taiwan) kamen letztes Jahr – und zumindest die Hälfte davon mit einem Touristenvisum. 28 Milliarden US-Dollar konnte China auf diese Weise einnehmen. Für viele ChinesInnen selbst beschränkt sich ihr «Tourismus» dagegen auf die Fahrt nach Hause, einmal im Jahr, und zwar in der freien Woche nach dem Frühlingsfest. Die Durchschnittsausgaben für Reisen betrugen 2011 deshalb auch nur 600 Yuan pro Person (umgerechnet 82 Franken): 880 Yuan bei der Stadt- und 300 bei der Landbevölkerung.
Trotzdem sind überall in China Lokalregierungen auf die Idee verfallen, auf Wirtschaftswachstum durch Tourismusförderung zu setzen. Wer gross verdienen will, muss zunächst jedoch erst einmal investieren: Aus einem winzigen Tempelchen in der Nähe von Sanya wurde daher der fünfzig Quadratkilometer grosse Nanshan Buddhism Cultural Theme Park inklusive einer 108 Meter hohen Guanyin-Statue auf einer ins Meer gebauten Mole. Die Statue allein hat 800 Millionen Yuan gekostet und steht – für chinesische TouristInnen ganz wichtig – im Guinnessbuch der Rekorde. Der Eintritt in den Themenpark kostet 150 Yuan, natürlich ohne das angebotene vegetarische Luxusbankett oder ein Ming-&-Qing-«Garden style»-Vier-Sterne-Gästezimmer. Aber machen sich solche Investitionen bezahlt?
Wolf Kantelhardt