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Die Gestaltung der Vergangenheit
|Datum:||6. Dezember 2022|
|Zeit:||18.15 Uhr bis 19.30 Uhr|
|Ort:||Universität Luzern, Raum 4.B54|
Welches sind die sozialen und kulturellen Faktoren, die das Verhältnis zwischen Recht und sozialem Zusammenhalt bestimmen? Inwieweit können diese die Wirksamkeit des Rechts beeinflussen?
Das Recht ist ein wesentliches Instrument für den sozialen Zusammenhalt: Es kann ihn schützen, indem es bestimmte Entscheidungsspielräume der politischen Dialektik entzieht (man denke an die Verfassung als higher law, an die Grund- oder Menschenrechte usw.); es kann aber auch die Bedingung für seine Verwirklichung sein (man denke an die Übergangsjustiz als komplementäres Moment zur Neugründung einer Verfassungsordnung).
Gleichzeitig hängt die Wirksamkeit der juristischen Instrumente in hohem Maße von der Verbindung mit einer vorjuristischen Sinnbasis ab, die durch verschiedene Dimensionen des sozialen Gesamtsystems erzeugt wird; eine ist die diskursive Dimension der Gestaltung der Vergangenheit. Mit anderen Worten: Das Problem des sozialen Zusammenhalts, das das Recht zu lösen vorgibt, hängt von den Zeiterfahrungen ab, die in der Gesellschaft koexistieren. Auf diesen spezifischen Aspekt wird sich der Vortrag konzentrieren, indem er sich dem Problem aus der Perspektive der Rechtsgeschichte und der Rechtstheorie nähert.
Anhand einiger Beispiele von juristischen Übergangsphasen in der Zeitgeschichte, die mit einem Streit über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbunden waren, soll gezeigt werden, wie die nicht-permanente Zeit des Übergangs eine attributive Kraft auf das Recht ausübt, die seine Konfigurationen gerade im Hinblick auf seine Funktion, den sozialen Zusammenhalt zu unterstützen, prägt.
Anschliessend werden einige Dynamiken der Vergangenheitsgestaltung untersucht, wobei insbesondere über die Bedeutung von "Geschichte schreiben" und "Erinnerung herstellen" nachgedacht wird. Ziel ist es, die möglichen Nutzungen der Vergangenheit (in einem konstruktiven und dekonstruktiven Sinne) im Hinblick auf das Problem des sozialen Zusammenhalts aufzuzeigen, die Relevanz der Erfahrungen der Vergangenheit für das Recht in der gegenwärtigen Phase zu hinterfragen und über den Beitrag nachzudenken, den die Rechtsgeschichte in dieser Hinsicht leisten kann.
Massimo Meccarelli ist ordentlicher Professor für Rechtsgeschichte an der Universität Macerata und assoziierter Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt am Main; er war Gastprofessor an der Universidad Autonoma de Madrid, der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, der Universität Wien und der Universität Luzern. Seine Studien konzentrieren sich auf die Geschichte des Rechtsdenkens, die Justizgeschichte, die Verfassungsgeschichte, das Recht und die Literatur. Zu seinen jüngsten Werken gehören: Time and Legal Change: Some Methodological Remarks on Italy’s Transition to Democracy, in: C. Paixão and M. Meccarelli (eds.), Comparing Transitions to Democracy. Law and Justice in South America and Europe (2021); Time of innovation and time of transition shaping the legal dimension: a methodological approach from legal history, in: M. Meccarelli C. Paixão and C. Roesler (eds.), Innovation and Transition in Law: Experiences and Theoretical Settings (2020); I tempi ascrittivi tra esperienza giuridica e ricerca storica, in: «Le carte e la storia», 2/2018.