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Das Psalmgebet von Leonhard Widmer aus dem Jahr 1840 soll ersetzt werden durch einen Text, der auf der Präambel der Schweizer Bundesverfassung von 1999 basiert. Die Präambel enthält die zentralen Werte der heutigen Schweiz: Demokratie, Einheit, Vielfalt, Freiheit, Frieden, Solidarität, Unabhängigkeit sowie Sorge für die Umwelt, für die sozial Schwachen und für die künftigen Generationen.
Damit die Werte in der Bundesverfassung nicht nur Buchstabe bleiben, müssen sie in allen Landesteilen und Landessprachen bekannt und verbreitet werden. Ein idealer Weg dazu ist die Integration dieser Werte in den Text der Nationalhymne. Darum hat die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) im Jahr 2014 einen Künstlerwettbewerb für einen neuen Hymne-Text initiiert. 208 Beiträge wurden aus allen Sprachregionen der Schweiz eingereicht. Gewonnen hat der Beitrag des Musiklehrers und Gesundheitsökonomen Werner Widmer, der seinen neuen Text zur unveränderten Hymne-Melodie von Alberik Zwyssig geschrieben hat:
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
lasst uns nach Gerechtigkeit streben!
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Schweizer Bund.
Der Text beginnt und endet mit dem Bild der Schweizerfahne. Wann immer die Schweizer Nationalhymne gesungen oder gespielt wird, sieht man in der Regel eine Schweizerfahne, sei es an einer 1. August-Feier, vor einem Fussball-Länderspiel oder bei Siegerehrungen an Olympischen Spielen, wenn eine Schweizerin oder ein Schweizer Gold gewonnen hat.
Die innere Klammer des Hymne-Textes bildet der Begriff Freiheit. Freiheit kommt in der Präambel der Bundesverfassung als einziger Wert zweimal vor. Freiheit ist für viele Schweizerinnen und Schweizer ein zentraler Wert. In der Bundesverfassung stehen Freiheit und Unabhängigkeit nicht als vollkommene und isolierte Werte, sondern im Zusammenhang mit «Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt». Freiheit als Menschenrecht ist stets gekoppelt mit Verantwortung als Menschenpflicht: Verantwortung gegenüber sozial Benachteiligten, gegenüber der Umwelt und gegenüber der Nachwelt, den kommenden Generationen.
Im Zentrum des Textes steht der Begriff Gerechtigkeit. Dieser Ausdruck kommt wörtlich nur in der französischen Übersetzung der Präambel vor. In der Präambel und in der Verfassung als Ganzes geht es letztlich darum, die Grundlage einer gerechten Gesellschaft zu beschreiben. Gerechtigkeit ist buchstäblich der zentrale Begriff des neuen Hymnetextes.
Nach der Kür des Siegerbeitrags im Herbst 2015 wurden Übersetzungen des deutschsprachigen Originaltextes in die anderen drei Landessprachen in Auftrag gegeben, die hohen Anforderungen genügen mussten: inhaltliche Wiedergabe des Originaltextes, moderner sprachlicher Ausdruck sowie Harmonie mit dem Rhythmus der bisherigen Hymne-Melodie. Dieser Prozess dauerte mehrere Monate und involvierte zahlreiche Fachleute in allen Landesteilen.
Heute ist die SGG in der glücklichen Lage, fünf Hymne-Texte präsentieren zu können. Neben den Texten in den vier Landessprachen wurde eine zusätzliche Variante kreiert, die sogenannte «Schweizer-Strophe». In dieser Variante wechseln sich die Landessprachen jeweils nach zwei Versen ab. Die «Schweizer-Strophe» eignet sich beispielsweise für internationale Sportanlässe, wo Schweizerinnen und Schweizer aus allen Sprachregionen zusammen sind und nur eine einzige Strophe gesungen werden kann. Für Lehrpersonen ist es eine interessante Herausforderung, mit den Schülerinnen und Schülern die neuen Texte in den verschiedenen Sprachen zu diskutieren und einzuüben.
Schweizerstrophe - strophe suisse - strofa svizzera - strofa svizra
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Ouvrons notre coeur à l’équité
et respectons nos diversités.
Per mintgin la libertad
e per tuts la gistadad.
La bandiera svizzera,
segno della nostra libertà.
Die SGG verbreitet nun die Texte und Partituren landesweit an Gemeinden, Schulen, Sportverbände, Musikgruppen und Medien. Ziel ist es, dass immer öfter der neue Hymne-Text bei feierlichen Anlässen wie am 1. August auf nationaler oder regionaler Ebene sowie bei sportlichen, musikalischen und anderen Veranstaltungen gesungen wird sowie in den Medien und Social Media präsent ist.
Die SGG ist der Auffassung, dass eine neue Nationalhymne nicht von oben verordnet werden soll, sondern von unten wachsen muss. Die SGG wird deshalb die Unterstützung mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft suchen und mit diesen zusammen den neuen Hymne-Text popularisieren. Erst wenn der neue Hymne-Text eine breite Akzeptanz gefunden haben wird, wird er bei den zuständigen Bundesbehörden als Vorschlag für eine neue Nationalhymne eingereicht werden. Dieser Prozess kann mehrere Jahre dauern. Ein eigentlicher Zeitplan besteht nicht.