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Vor einem Jahr, am 7. Juni 2019, erlebte das historische «Kinoteatr Kyiv» einen Coup. Das Kino liegt im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt, nur einige hundert Meter vom Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, im Westen bekannt für die Orange Revolution und die Proteste des Euromaidan, nach denen sich die Ukraine 2014 dem Westen zuwandte.
Das «Kyiv», mit seiner neoklassizistischen Fassade, den grossen Säulen und dem Ornamentfries, auf dem noch der sowjetische Stern prangt, ist eines der architektonischen Schmuckstücke der Stadt. 1951 erbaut, hatte es über die Jahrzehnte das Kiewer Publikum mit einer Bandbreite an Filmen bespielt – von sowjetischer Propaganda bis zu Hollywood-Blockbustern.
Doch die Ereignisse vor einem Jahr brachten die Filmprojektoren abrupt zum Stillstand. Am frühen Morgen verbarrikadierten Mitglieder der städtischen Schutzwache das Gebäude. Die Meldung der Besetzung löste einen Aufschrei in der Bevölkerung aus, der sich auch auf den sozialen Netzwerken verbreitete; Mitglieder von Occupy Kyiv Cinemas (OKC) organisierten sich mit anderen Aktivist_innen und der Stadtbevölkerung, um in der Eingangshalle des Gebäudes gegen die Übernahme zu protestieren.
Am 7. Juni 2019 riegelt die städtische Schutzwache das Kino «Kyiv» ab (Bild: Dana Kosmina).
Auch Journalist_innen, Künstler_innen, Student_innen, Festivalmitarbeiter_innen, Filmkritiker_innen und Mitarbeiter_innen des Kiewer Kinokulturzentrums LLC, das bis anhin das Kinogebäude gemietet und betrieben hatte, waren zugegen. Die Proteste setzten eine Welle an Engagement in Gang; immer mehr Menschen versammelten sich vor den Säulen des Kinosgebäudes im Stadtzentrum Kiews.
Wie konnte es zu dieser Konfrontation gekommen? Wer vertritt hier welche Interessen – und wer sind wir, OKC?
Widerstand formiert sich
Occupy Kyiv Cinemas (OKC), gegründet als Teil einer grösseren aktivistischen Bewegung, hat sich zur Aufgabe gemacht, über das kulturelle Erbe der sowjetischen Ära nachzudenken. Unser Protest begann nicht mit den Geschehnissen ums Kino «Kyiv». Bereits im Oktober 2018 riefen die Schliessungen zweier historischer Kinos im Stadtzentrum Kiews OKC auf den Plan.
Das «Ukraina» war dafür bekannt, dass sich dort die Widerstandsbewegung von 1965 formiert hatte. Und das «Kinopanorama» besass einst die grösste Breitleinwand der UdSSR. Beide waren auch vorzügliche Orte für Filmfestivals: das Molodist, die Docudays und das KISFF etwa veranstalteten dort ihre Screenings. Beide Kinos wurden 2018 an Private verkauft, und vor beiden protestierten wir mittels Performances und Screenings auf der Strasse, um unseren Widerstand gegen die neuen Besitzer_innen zu demonstrieren.
Das Kinoteatr Kyiv in der Kiewer Innenstadt 1958 (Bild: Staatliches politisches Verlagshaus der UdSSR).
Wir begannen, Nachforschungen zu betreiben, um die Schemata der Privatisierungen und die Strategien im Umgang mit alten Kinos nachverfolgen zu können. Seit Beginn unserer Proteste organisierten wir immer wieder Interventionen an öffentlichen Orten, in und um sowjetische Kinos in Kiew. Und fragen: Wie können wir mit unserer Geschichte umgehen? Was ist es wert, gerettet zu werden?
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