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In dem offenen Brief, der am 13. Oktober von der «Welt» veröffentlicht wurde, erklären die Autoren, darunter Mark Lynas, der britische Umweltkolumnist, und Theo Sommer, der ehemalige Chefredaktor der «Zeit», dass «Deutschland trotz aller Bemühungen Gefahr laufe, sein Klimaziel für 2030 zu verfehlen».
Die Abschaltung der Kernkraftwerke würde die Kohlenstoffemissionen erhöhen und dazu führen, dass Deutschland sein Klimaziel für 2030, die Emissionen um 65% gegenüber 1990 zu senken, weitgehend verfehlt. «Es ist sehr schwer vorstellbar, dass die seither beschlossenen Massnahmen diese Lücke vollständig schliessen werden», heisst es im Schreiben. Die Verfasser stützen sich bei ihrer Einschätzung auf den Entwurf eines von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Projektionsberichts, in dem prognostiziert wird, dass Deutschland ohne weitere Massnahmen seine Emissionen im Zeitraum 1990 bis 2030 nur um 49% statt der gesetzlich vorgeschriebenen 65% reduzieren werde.
«Sie könnten Ihr Klimaziel für 2030 immer noch erreichen», steht weiter. «Sie könnten immer noch einen Kurswechsel vornehmen und Ihre Prioritäten so ändern, dass der Kohleausstieg vor dem Atomausstieg erfolgt. Alles, was es dazu benötigt, ist eine Klima-Notstandsverordnung mit Änderung des Atomgesetzes, welche die 2010 vereinbarten Laufzeitverlängerungen für die Kraftwerke auf 2030 bis 2036 wieder in Kraft setzt.» Diese Notfallmassnahme – eine einfache Verschiebung des Atomausstiegs – würde zu Recht den Respekt der jungen Generation und der kommenden Generationen verdienen, sind sich die Autoren sicher.
Die Abschaltung der sechs verbleibenden Kernkraftwerkseinheiten, die 12% des deutschen Stroms liefern, werde unweigerlich zu jährlich rund 60 Mio. t zusätzlicher Kohlenstoffemissionen führen. Denn es müssten mehr fossile Brennstoffe verbrannt werden, um die erforderliche Ersatzleistung zu erbringen. Folglich würden die deutschen Emissionen im Vergleich zu 1990 um 5% steigen, wodurch das für 2030 angestrebte Reduktionsziel von 65% noch schwieriger zu erreichen wäre.
Der «Elefant im Raum» sei, dass Deutschland durch den Kernenergieausstieg die Kohlendioxidemissionen seines Energiesystems erhöhe. «Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Dekarbonisierung der Elektrizitätswirtschaft die Hauptstrategie ist, um effektiv zu einem Energiesystem mit null Nettoemissionen zu kommen», so die Autoren.
Atomausstieg Ende 2022 vollzogen
Im Jahr 2010 hatte die deutsche Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel beschlossen, die Laufzeit der 17 Kernkraftwerkseinheiten in Deutschland bis spätestens 2036 zu verlängern. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan von März 2011, welche zum Reaktorunfall von Fukushima-Daiichi führte, änderte sie diese Politik jedoch. In den darauffolgenden Monaten entschied die Regierung, bis Ende 2022 ganz aus der Kernenergie auszusteigen. Ende 2021 müssen drei der sechs verbleibenden Blöcke – Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen-C – endgültig vom Netz genommen werden. Ein Jahr darauf werden die letzten drei – Emsland, Isar-2 und Neckarwestheim-2 – abgeschaltet.
Im Juli 2021 verteidigte Merkel ihren Ausstiegentscheid, räumte aber ein, dass es dadurch kurzfristig schwieriger werde, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.
Quelle
M.A. nach Welt, 13. Oktober 2021