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Kira Staub bezeichnet sich selbst als «Winterkind», sie liebt die Berge. Hätte ihr vor drei Jahren jemand gesagt, dass sie mal auf einer karibischen Insel wohnen würde, sie hätte ihn für verrückt erklärt.
Aber das Leben hatte andere Pläne. Schon vor Corona war klar, dass die 30-Jährige nach Curaçao ziehen wird. Die Pandemie legte ihr dann einige Steine in den Weg, doch am Schluss erwischte sie mit ihren sieben Sachen im letzten Jahr einen der letzten Flieger in die Karibik.
Jetzt lebt sie als eine von rund 40 Schweizerinnen und Schweizer im Land, wo die Temperatur das ganze Jahr zwischen 24 und 33 Grad pendelt. Regen gibt es pro Monat zwischen zwei und zwölf Tagen. Und Schnee fällt logischerweise nicht einmal auf dem Sint-Christoffelberg, dem mit 375 Metern höchsten Punkt des Eilands, das etwas kleiner als der Kanton Obwalden ist.
Wie es dazu kam und wie es sich in Curaçao lebt, erzählt sie uns im Interview.
Kira, du lebst in Willemstad auf Curaçao. Erklär uns schnell, wo wir dich auf dem Globus suchen müssen.
Kira Staub: Curaçao gehört zu den ABC-Inseln ganz im Süden der Karibik. ABC heissen sie, weil man die Anfangsbuchstaben der Inselgruppe Aruba, Bonaire und Curaçao zusammennimmt. Das Festland Südamerikas ist mit Venezuela nur rund 80 Kilometer entfernt. Curaçao gehört zu den «Inseln unter dem Winde», da sie nicht unter dem Einfluss des Nordost-Passats liegen und darum deutlich trockeneres Klima als die restliche Karibik aufweisen. Geologisch gehört Curaçao zu Südamerika.
Habe ich das richtig im Kopf, dass Curaçao zu den Niederlanden gehört?
Es ist etwas kompliziert. Bis 2010 gehörte Curaçao zu den Niederländischen Antillen und war ein Überseegebiet. Seither ist Curaçao, genau wie Aruba und Sint-Maarten, ein eigenständiges Bundesland mit eigener Regierung und Währung, gehört aber weiterhin zum Königreich der Niederlande. Curaçao gehört zu den mit der EU assoziierten Staaten, was Erleichterungen gibt, aber keine volle Beteiligung und kein Stimmrecht.
Wie hast du erstmals von der Insel gehört?
Ich wusste, dass es sie gibt. Aber viel mehr war da nicht. Von der Flamingo-Insel im Ferienparadies Aruba hatte ich schon gehört. Zu meinem 30. Geburtstag wollte ich ein Insel-Hopping in der Karibik machen. Allerdings im nördlichen Teil.
Und dann bist du in der Karibik hängengeblieben, oder was hat dich nach Curaçao geführt?
Die Liebe.
Erzähl.
Ich verbrachte meine Sommerferien 2019 in Kroatien. Dort lernte ich meinen heutigen Partner kennen. Es war ein Ferienflirt. Ich lebte in Zürich, er 8000 Kilometer entfernt. Wie hätte das klappen sollen?
Verrate es uns.
Wir blieben in Kontakt. Er besuchte mich einmal in Zürich. Danach schrieben wir uns täglich und telefonierten viel. Es entwickelte sich doch eine Fernbeziehung. Ich besuchte ihn, er wieder mich. Aber so nach drei bis vier Monaten meinte er: So lässig ist eine Fernbeziehung nun auch wieder nicht. Er war (und ist noch immer) beruflich länger gebunden. Wenn wir also «richtig» zusammen sein wollten, dann nur auf Curaçao. Also fragte er, ob ich zu ihm ziehen würde.
Das war noch vor der Pandemie?
Genau. Wir schmiedeten Pläne, wie wir uns alle sechs Wochen sehen konnten, dann kam Corona. Wir sahen uns ein halbes Jahr nicht mehr. Ein Visum war für mich nicht mehr möglich, die ganze Insel schottete sich ab, es gab keine Flüge mehr, das Migrationsamt wurde geschlossen.
Das war im Frühling 2020. Wie ging es weiter?
Im Sommer gab es Öffnungen. Allerdings wurden keine Arbeitsvisa für Ausländer mehr vergeben, was ich verstehe. Auf dem Migrationsamt schlug man mir ein Rentnervisum vor.
Haha.
Ja, verrückt. Ich war 29 und sagte das auch. Aber die zuständige Person meinte nur, es sei egal, wie alt ich bin. Solange du genügend Geld hast und dein Strafregister leer ist, klappt das.
Vermutlich bist du nicht die einzige «Frührentnerin» auf Curaçao.
Vermutlich. Aber gut: Ich hatte mein Visum und es war klar, dass ich im Oktober 2020 umziehen würde. Allerdings schlug dann die zweite Welle in der Schweiz zu und wir buchten noch einen früheren Flug. Eine Woche später war alles wieder zu.
Ausgerechnet als der Winter kam, hast du die Schweiz verlassen.
Ich bereue es nicht, auch wenn ich den Winter mega vermisst habe. Ich bin ein Winterkind und war fast jedes Wochenende in den Bergen, oft mit dem Snowboard unterwegs. Das fing schon in der Vorsaison an und ich stand auch im Frühling noch auf dem Brett oder auch mal im Sommer auf dem Gletscher. Snowboarden ist einfach meine Leidenschaft.
Wie reagierten deine Freunde und deine Familie, als du ihnen sagtest, dass du den Winter für die Karibik verlassen willst?
«Karibik, spinnsch?!» Aber nein, sie waren alle sehr unterstützend, obwohl es für viele schon speziell war, dass genau ich sowas mache. Ich bin ja nicht wegen der Insel hier. Aber ich geniesse es sehr. Der Arbeitsvertrag meines Partners läuft im Sommer 2022 aus. Aktuell können wir gerne auch noch länger bleiben. Aber 20 Jahre könnte ich mir wohl nicht vorstellen hier.
Ihr lebt in Willemstad. Ist die Stadt eigentlich «europäisch»?
Ich fühle mich nicht wie in Europa. Vielleicht in den grossen Einkaufszentren. Aber da bin ich selten. Die lokale Bevölkerung ist arm, da kaufe ich lieber in kleineren Läden oder auf Strassenmärkten ein.
Bezahlt man mit Euro?
Nein, die Währung hier ist der Antillen-Gulden. Dollars werden oft akzeptiert, Euros vielleicht bei touristischen Angeboten. Aber Bargeld sieht man selten. Es läuft alles über die Kreditkarte. Allerdings gibt es auch die andere Seite. Beispielsweise bei der Krankenkasse musst du die Rechnung erst auf Papier einreichen, dann wartest du ewig, dann erhältst du einen Check und dann musst du den auf der Bank einlösen gehen.
Sonst noch was aus dem Alltag, das für uns ungewohnt ist?
Beim Strom haben sie zwei Systeme. Das eine, ähnlich wie in der Schweiz, gegen Rechnung. Allerdings haben die meisten hier das zweite System: Prepaid. Du kaufst den Strom also im Voraus, das funktioniert ähnlich, wie wenn man das Prepaid-Handy auflädt. Wir haben das Zuhause – und vergassen auch schon, «Nachschub» zu besorgen. Dann sitzt du halt im Dunkeln. Und noch was.
Ja?
Google hilft nicht so oft wie in der Schweiz. Die meisten Läden, Geschäfte oder Restaurants haben keine Websites, sondern sind nur auf Facebook vertreten. Falls du reservieren willst oder Öffnungszeiten anschauen, musst du das über Facebook machen.
Geht ihr oft auswärts essen?
Es kommt immer mal wieder vor. Man muss sich einfach bewusst sein, dass man auch mal länger wartet. Wir kennen ein gutes Restaurant, allerdings braucht man dort Geduld. Wir haben uns darum auch schon Zuhause einen kleinen Snack gegönnt, bevor wir dorthin gingen.
Bekannt ist die Hafenpromenande Willemstads mit den farbigen Häusern. Ist eigentlich das ganze Land so farbig oder nur diese eine Reihe für Touristenfotos?
Das ist schon ein sehr schönes Viertel. Da sind auch die Regierungsgebäude. Aber ja, Curaçao ist sehr farbenfroh, die meisten Häuser sind irgendwie angemalt. Auch unseres.
Wo wohnst du?
Wir wohnen in einem Quartier rund vier Kilometer Luftlinie von der Hafenpromenade. Am Strand bin ich in zehn Minuten. Wie fast alle Häuser haben wir eine kleine Mauer als Schutz um das Haus. Einbrüche sind hier leider nicht selten. Am Anfang hatte ich Mühe damit.
Und jetzt?
Am Tag gibt es keine Probleme. Aber die Unterschiede zwischen arm und reich sind hier frappant. Aber mittlerweile weiss ich, welche Gegenden ich meiden sollte. Man ist hier sowieso praktisch immer mit dem Auto unterwegs. Von daher kommt es nicht vor, dass man sich «einfach so» durch die Stadt bewegt oder nachts zu Fuss unterwegs ist.
Als ehemalige niederländische Kolonie hätte ich viele Velos erwartet.
Ja, diese romantische Vorstellung hatte ich auch. Aber hier fährt niemand Velo, das ist praktisch unmöglich bei dem Verkehr. Und auch zu Fuss ist man nicht unterwegs. Oft gibt es nicht mal Trottoirs.
Was hast du für ein Auto?
Ein altes, wohl so 20-jährig. Viele Autos hier würden in der Schweiz kaum die Zulassung erhalten. Auch unseres wird innen mit Duct Tape zusammengehalten. Man braucht die Dinge hier länger und weiss sich auch zu helfen.
In der Hauptstadt leben rund 120'000 der 160'000 Einwohner der Insel. Wie sieht es «auf dem Land» aus?
Nun, viel hat es da nicht. Die Insel ist ja auch nur etwa so gross wie der Kanton Obwalden. Im Westen hat es noch einige Dörfer, aber es gibt nichts zu tun. Allerdings bietet die Insel soooo viele schöne Strände. In Willemstad sind die meist privat und du bezahlst Eintritt, ausserhalb kannst du alles mitnehmen – und das machen die Leute auch. Die schleppen Kühlboxen oder grosse Gasgrills an, teilweise wird eine Discokugel aufgehängt und natürlich Musik gespielt.
Wie einfach kommt man mit den Einheimischen in Kontakt?
Grundsätzlich sind sie sehr freundlich und offen, aber auch sehr stolz. Die Sklavenzeit ist noch immer ein sehr sensibles Thema und man fühlt sich schnell auf die Füsse getreten. Die meisten sprechen auch Niederländisch oder Englisch. Aber untereinander unterhalten sie sich auf Papiamentu, da verstehe ich nicht mehr viel.
Was sind dir für kulturelle Unterschiede aufgefallen?
Ich war grad kürzlich an zwei Vorstellungsgesprächen. Da geht es beim ersten Treffen eigentlich nur drum, dass man sich kennenlernt und man muss sich sehr respektvoll verhalten. Klare Hierarchien sind sehr wichtig. Ich kann jetzt an einen Schnuppertag, aber ich weiss noch gar nicht, was ich dort machen soll und über für uns relevante Dinge wie Lohn und Arbeitsbedingungen haben wir eigentlich noch nicht gesprochen.
Was sind das für Jobs?
Ich bin vereinfacht gesagt Medizin-Laborantin. Die Nachfrage nach medizinischem Personal ist hier gross. Wegen der Coronapandemie durfte ich zu Beginn nicht arbeiten und hab darum als Volunteer bei Rescue Paws Curaçao gearbeitet, wo wir Strassenhunde pflegen und zu vermitteln versuchen. Allerdings war das während dem Lockdown nicht immer erlaubt. Strassenhunde sind hier ein grosses Thema. Immer mal wieder fangen Freiwillige und Tierärzte Hunde ein und kastrieren sie. Aber wirklich einen Plan, um das Problem zu lösen, haben sie nicht.
Wie sehr ist Curaçao von Corona betroffen?
Seit Ende März waren wir bis vor wenigen Tagen im Lockdown. Das Spital überschritt die Kapazitätsgrenze und teilweise durfte man nur mit entsprechendem Autonummernschild raus.
Wie sieht es mit der Impfung aus?
Da sind wir gut unterwegs. Über 70'000 sind geimpft. Sie organisierten auch Impfbusse, die in arme Gegenden fuhren und dort impften.
Wie ist dieses schnelle Tempo möglich?
Das verdanken wir der Unterstützung der Niederlande. Es ist der ewige Konflikt. Man will unabhängig sein, aber man ist auch auf das Geld angewiesen. Korruption ist hier ebenfalls ein Thema. Und natürlich sehen viele Junge bessere Ausbildungsmöglichkeiten in den Niederlanden.
Ist Braindrain ein Thema oder kommen die dann auch wieder zurück?
Die meisten kommen nach der Ausbildung oder dem Studium zurück. Es gibt hier zwar viele, die von der Hand in den Mund leben. Aber es gibt auch Arbeit. Der Tourismus ist der grösste Markt und die Ölraffinerie bringt viele Arbeitsplätze. Der Tourismus litt jetzt natürlich sehr unter Corona. Wir hoffen, dass das wieder anzieht.
Was muss man denn gesehen haben, wenn man nach Curaçao kommt?
Wie gesagt: Die Strände sind ein Traum. Ich war auch noch nie auf dem Sint Christoffelberg, dem mit 375 Metern über Meer höchsten Punkt. Da will ich als Schweizerin schon mal hinauf. Im Südosten liegt die unbewohnte Insel Klein Curaçao rund elf Kilometer vor der Küste. Dort hat es nichts ausser einem Leuchtturm und es soll ein Paradies für Taucher sein.
Was vermisst du aus der Schweiz am meisten?
Freunde und Familie natürlich. Eine Kollegin nahm mich auf die letzte Winterabfahrt per Videocall mit – das will ich auch wieder machen. Meine Eltern brachten mir beim letzten Besuch Bepanthen mit, das war super. Hier erhältst du diese einfachen Cremes kaum, sie kommen dann grad mit Kortison.
Und vielleicht bin ich zu sehr Schweizerin, aber es ist hier alles seeeehr relaxt und easy-peasy. Das kann dann auch schwierig oder frustrierend werden. In der Schweiz ist man vielleicht zu genau, aber wenigstens werden geschäftliche Telefonanrufe entgegengenommen und E-Mails beantwortet.
Und was könnte die Schweiz von Curaçao lernen?
Die Lockerheit und Offenheit. Sie sehen hier nicht alles so eng. Es gibt mehr als einen Weg zum Ziel. Wenn der zweite und dritte nicht funktioniert, dann wohl der vierte. Eine Lösung findet man auf jeden Fall immer.