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Die Anfänge des christlichen Pilgerwesens liegen im Dunkel der Geschichte verborgen. Zwar lassen sich an den biblischen Orten schon in der frühesten Zeit des Christentums Spuren der Verehrung finden, die aber wohl in erster Linie von der einheimischen Bevölkerung stammten. Dies gilt etwa für das Haus des Petrus in Kapernaum. Die ersten Reisenden ins Heilige Land kamen überhaupt weniger als Pilger. Es handelte sich bei ihnen vielmehr in erster Linie um Kleriker und Theologen, die zur Klärung theologischer Fragen nach Palästina reisten. So ist z. B. bekannt, dass der Bischof Melito vom kleinasiatischen Sardes um 200 nach Jerusalem fuhr, um hier Aufklärung über den Streit um das Osterfest zu erhalten. Der aus Kleinasien stammende Jerusalemer Bischof Alexandros blieb im Jahr 212 sogar gleichsam in Jerusalem hängen – er war des Gebetes und der Stätten der biblischen Geschichte wegen dorthin gekommen. Solche Reisen waren keineswegs auf das Heilige Land bzw. Jerusalem beschränkt. Nach Rom pilgerte bereits im 2. Jahrhundert Aberkios aus dem kleinasiatischen Hierapolis. Die Apostelgräber hat man in Rom allerdings nachweislich erst seit dem 3. Jahrhundert als solche verehrt. Die Reise des Polykrates von Ephesos legt davon ebenso Zeugnis ab wie die Graffiti, die sich z. B. in der Sebastianskatakombe finden. Von Pilgerfahrten im grossen Stil und aus weiter Ferne kann man aber in der Regel in den ersten drei christlichen Jahrhunderten nicht sprechen. Dazu kam es erst, nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert erlaubte Religion bzw. 381 sogar Staatsreligion wurde.
Ausbau von Pilgerzentren
Seit dem 4. Jahrhundert wurden Wallfahrten innerhalb des Christentums als Volksbewegung durchgeführt. Mit Konstantin dem Grossen (306–337) wurden Wallfahrtsziele – wie bereits erwähnt – erstmalig vom Kaiserhaus gefördert. Ein Auslöser dafür mag die legendäre Pilgerfahrt seiner Mutter Helena im Jahr 326 nach Jerusalem gewesen sein. Sie nahm sich bei dieser Reise auch mindestens eine äusserst bedeutsame Erinnerung an ihre Reise mit: das Kreuz Christi, das sie wiedergefunden haben soll. Auch Bischöfe sorgten nun zunehmend für den Ausbau von Pilgerzentren in ihren Diözesen. Der römische Bischof Damasus verfasste während seines Pontifikats (366–384) eine Reihe von metrischen Grabinschriften und förderte dadurch den Märtyrerkult in den Katakomben gewaltig. Ab dem 5. Jahrhundert wurden die Reliquien der Märtyrerinnen und Märtyrer, die sich in den Gräbern vor der Stadt befanden, zunehmend in die Titelkirchen Roms gebracht, zunächst ausschliesslich in Form von Berührungsreliquien. Dies zog nun auch Pilgerinnen und Pilger definitiv in die Stadt. Auch die anderen Bistümer im Römischen Reich entwickelten in der Zeit der frühen Reichskirche Pilgerzentren, die natürlich die Macht und die Attraktivität der Diözesen und der Regionen überhaupt stärkten. Bistümer, in denen eine entsprechende Tradition fehlte, fanden nun z. T. auf wundersamen Wegen zu Gegenständen der Verehrung für die Pilgerinnen und Pilger. Der bedeutende alexandrinische Patriarch Kyrill entdeckte z. B. durch eine Traumvision die Gebeine von Johannes und Kyros. Er brachte sie in das alte Isis-Heiligtum nach Menuthis und gestaltete es so mithilfe der Märtyrerreliquien zu einem bedeutenden christlichen Zentrum um. Nach Konstantinopel wurden zahlreiche Reliquien aus dem Nahen Osten gebracht, die dem Newcomer unter den Grossstädten des Oströmischen Reiches zu Ansehen verhelfen sollten. Dabei kamen auch Reliquien aus Jerusalem in die neue Hauptstadt.In der Diözese Antiochien pilgerte man im 5. Jahrhundert im grossen Stil sogar zu lebenden Heiligen wie Symeon dem Styliten. Bei Menschen wie ihm holte man geistlichen Rat und auch seinen Segen. Wallfahrt wurde in dieser Zeit zu einem sowohl regionalen wie auch internationalen bzw. überregionalen Massenphänomen.
Mit der Bibel in der Hand
Mit der Ausweitung des Pilgerwesens auf weite Kreise im 4. Jahrhundert brachen neben Klerikern und abenteuerlustigen Reisenden nun auch ganz andere soziale Gruppen und Einzelreisende zur Wallfahrt auf. Insbesondere von pilgernden Frauen nach Palästina liegen ab dieser Zeit zunehmend Zeugnisse vor. Sie stammten aus dem römischen Adel und zeigten nicht nur aufgrund ihrer ausgeprägten Frömmigkeit grosses Interesse für die heiligen Stätten. Vielmehr brachten sie auch ihre Finanzen zur Errichtung von Klöstern und Herbergen in Jerusalem und Bethlehem ein, in denen sie selber lebten. Selbst einer der frühesten und bedeutendsten Pilgerberichte stammt von einer Frau: Egeria, eine in einer asketischen Gemeinschaft in Spanien lebende fromme Frau, bereiste den Nahen Osten Ende des 4. Jahrhunderts ausgiebig. Dabei berichtete sie nicht nur über die heiligen Stätten fast des gesamten Ostens des Byzantinischen Reiches und die dort durchgeführten Gottesdienste, sondern auch über das eigene geistliche Reiseprogramm. Sie legt ein Zeugnis dafür ab, dass Menschen Ende des 4. Jahrhunderts gleichsam mit der Bibel in der Hand nach Palästina reisten und dort die einheimischen Führer mit Fragen nach biblischen Orten geradezu bombardierten. So mancher Ort mag durch die Fragen neugieriger, hoch motivierter westlicher Pilgerinnen und Pilger erst (wieder-)entdeckt worden sein.
Ausgezeichnetes Verkehrssystem
Mit dem Aufblühen des Pilgerwesens wurde auch die Infrastruktur für Pilgernde immer weiter ausgebaut. Zunächst kamen sie im Rahmen der antiken Gastfreundschaft bei den Bischöfen selber unter. Die traditionellen Gästehäuser an den Karawanenstrassen waren insbesondere wegen der aussergewöhnlichen sittlichen Gefahren für Pilgerinnen und Pilger beim Anwachsen der Pilgerscharen keine Alternative zu den Pilgerherbergen im Bischofspalast. Dementsprechend entstanden ab der Mitte des 4. Jahrhunderts eigene kirchliche Unterkünfte, die auch die Pflege von Kranken und Armen übernahmen. In den Pilgerherbergen kann man folglich die Geburtsstätte der späteren Krankenhäuser sehen. Pilgern hinterliess weitreichende und bleibende Spuren in den Kulturen um das Mittelmeer.
Vornehme Personen konnten im 4. Jahrhundert mit dem «cursus publicus», der römischen Reichspost, einem ausgezeichneten Verkehrssystem, reisen. Man bewegte sich mit Pferden oder Eseln, z. T. sogar auf zwei- oder vierrädrigen Wagen. Die Reisegeschwindigkeit betrug durchschnittlich etwa 40 km pro Tag. In gefährlichen Gebieten wie z. B. auf dem Sinai stand man unter Militärschutz. Da die Reisen sehr mühselig und langwierig waren, bevorzugten auch schon in der Antike viele Pilgernde das Reisen zu Wasser. Die Routen waren in Itinerarien verzeichnet, die die Entfernungen zwischen den einzelnen Poststationen oder Pferdewechselstationen angaben. Solche Itinerarien wurden z. T. in Pilgerberichten übernommen, die sowohl den Pilgerinnen und Pilgern als eine Art Reiseführer dienen konnten als auch den Daheimgebliebenen als eine interessante Darstellung fremder Orte und Gebräuche sowie zur Vermehrung der Kenntnis der kirchlichen und religiösen Verhältnisse im Osten.
Ausweichen in den Westen
Neben die Hauptwallfahrtsziele Rom und Jerusalem trat im 9. Jahrhundert das Grab Jakobus d. Ä. im spanischen Santiago de Compostela. Die in dieser Zeit immer bedeutendere Wallfahrtstradition Richtung Westen hat unter anderem damit zu tun, dass für westeuropäische Pilgerinnen und Pilger die Wege ins Heilige Land seit der muslimischen Eroberung im 7. Jahrhundert zunehmend schwieriger wurden. Dementsprechend entwickelte sich nun ein ausgefeiltes Pilgerstreckensystem im ganzen europäischen Westen, das bis heute zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Es diente hier nicht nur dem Ersatz für die Jerusalem-Wallfahrt, sondern auch der politischen Konsolidierung des karolingischen Reiches.
Andreas Müller