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Ein Pferd wiegt mehrere hundert Kilogramm. Falsche Haltungen stellen somit sofort grosse Fehlbelastungen für Knochen und Gelenke dar. Erst recht, wenn das Pferd noch einen Reiter trägt und in Bewegung ist, wo noch viel grössere Kräfte auf es einwirken. Das Pferd ist von Natur aus nicht dazu geschaffen, Lasten zu tragen. Von Natur aus weiss es nicht, wie es das am angenehmsten und gesündesten bewerkstelligt. Wie schon im Kapitel «über den Rücken gehen» beschrieben, muss der Reiter das Pferd darum in eine Haltung bringen, in der es ihn unbeschadet tragen kann und nicht in seinen Bewegungen behindert wird. Das junge Pferd soll deshalb als erstes die Dehnungshaltung lernen.
Anders als oft angenommen, ist es nicht Aufgabe der Rückenmuskulatur, den Reiter zu tragen, denn dazu ist sie nicht geschaffen. Der lange Rückenmuskel ist fleischig. Das bedeutet, dass er nicht für Dauerspannungen gemacht ist, sondern dafür, sich im steten Wechsel zusammenzuziehen und wieder zu dehnen. Er dient also der Fortbewegung. Als Bindeglied zwischen Vorder und Hinterbeinen fällt ihm damit eine wichtige Funktion zu. Der Reiter muss das Pferd darum in eine Haltung bringen, in der sein Rücken ungestört arbeiten kann. Das Tragen des Reitergewichts fällt nicht der Rückenmuskulatur zu.
Hier kommen nun die Hinterhand und der Hals ins Spiel. Jedes Mal, wenn das Pferd das Hinterbein beugt, wird auf der jeweiligen Seite auch sein Becken gekippt. Das Becken ist mit dem hinteren Teil des Rückens, dem Kreuzbein verbunden. Das Kippen des Beckens nach hinten bewirkt somit ein leichtes Aufwölben des Rücken von hinten. Je stärker das Pferd das Becken kippt, desto mehr wird der Rücken aufgewölbt. Damit ist schon der erste Schritt getan, um der Höhlung des Pferderückens durch das Reitergewicht entgegenzuwirken. Das Becken wird um so stärker gekippt als das Pferd weiter untertritt.
Eine wichtige Rolle kommt auch der sogenannten
«oberen Verspannung» zu. Sie besteht aus dem Nackenband, das
vom Hinterhaupt des Pferdes
über den ganzen Rücken läuft, sowie einer Vielzahl von Muskeln,
die von den Dornfortsätzen des Rückens zu den Halswirbeln oder
zum Hinterhaupt des Pferdes führen. Das Nackenband ist ein sehniger
Strang und somit ein passiver Träger, der dafür geschaffen ist,
Spannung über längere Zeit zu halten. Ebenso sind die angesprochenen
Muskeln, die Träger des Kopfes und des Halses, von sehnigen Streifen
durchzogen, was sie zu einer Dauerspannungsleistung befähigt.
Senkt und längt das Pferd den Hals, so ziehen diese Muskeln und Bänder die Dornfortsätze des vorderen Rückens nach vorne. Beachte, das wirklich hauptsächlich nur der vordere Teil des Rückens so angehoben wird. Selbst wenn die obere Verspannung noch Lendenwirbel nach vorne zieht, so wäre dies allein nicht wünschenswert. Wir wollen ja, dass das Pferd seinen Rücken aufwölbt, so dass die Dornfortsätze der Lendenwirbel von den Dornfort-sätzen der Brustwirbel wegzeigen. Würden die Lendenwirbel, die von Natur aus schon leicht vorwärts geneigt sind, weiter nach vorne gezogen, so erreichten wir keine Wölbung des Rückens. Es ist also zwingend notwendig, dass das Pferd hinten gut untertritt und so das Becken zum Kippen bringt.
In der Dehnungshaltung arbeiten nur die kurzen Muskeln des Oberhalses am Übergang vom Widerrist zu den unteren Halswirbeln. Sie heben das Fundament des Halses an. Die langen Muskeln im Oberhals leisten zusammen mit dem Nackenband nur passive Haltearbeit und werden gedehnt. Wenn du eine schwere Einkaufstüte anhebst, leistest du aktive Muskelarbeit. Die Muskeln, die fürs Anheben der Tüte gebraucht werden, ziehen sich zusammen; je höher du die Tüte hebst und je schwerer sie ist, um so mehr verkürzen sie sich. Wenn du die Tüte trägst ohne sie noch zusätzlich anzuheben, dann leisten diese Muskeln nur noch passive Haltearbeit. Die Haupt-«Arbeit» am Hals leistet in der Dehnungshaltung die Schwerkraft. Der Kopf des Pferdes fällt von selbst in die Haltung leicht vor der Senkrechten, wenn das Pferd die Muskeln im Genick entspannt. Der Hals muss ebenfalls nicht durch Muskelkraft heruntergezogen werden sondern sinkt allein durch die Schwerkraft – so weit, wie es die Muskeln im Oberhals eben zulassen.
Das ist der Grund, weshalb Dehnungshaltung auch für das weiter ausgebildete Pferd immer noch wichtig ist: In dieser Haltung werden seine Muskeln gedehnt und können sich lösen. Ein Muskel kann sich nämlich nicht selber wieder auseinanderziehen, nach dem er sich verkürzt hat. Er bleibt so lange verkürzt, bis eine andere Kraft ihn wieder dehnt. Abgesehen von den Muskeln am Halsansatz und den Muskeln, die für die Fortbewegung notwendig sind, arbeitet in der Dehnungshaltung kaum ein Skelettmuskel aktiv, in dem er sich zusammenzieht. Die Dehnungshaltung dient also auch zur Entspannung nach anstrengender Arbeit. Erfahrungsgemäss arbeiten Pferde viel besser mit und ermüden weniger schnell, wenn man sie alle paar Minuten und besonders nach schwierigen Lektionen wieder in Dehnungshaltung reitet.
Die Halswirbelsäule des vorwärts-abwärts gehenden Pferdes
streckt sich, die Muskeln am Halsansatz heben die unteren Halswirbel an – der
Unterhals verschwindet, der Hals wird länger. Weiterhin wird dadurch
die Schulter frei. Das Pferd kann die Vorderbeine weiter vorschwingen und
gewinnt an Raumgriff.
In der Dehnungshaltung werden wichtige Muskelgruppen trainiert. Einen schlecht bemuskelten Rücken baut man am besten durch Reiten in Dehnungshaltung wieder auf. Einen Hirsch- oder Unterhals bringt man am schnellsten weg, wenn das Pferd viel in Dehnungshaltung geritten wird. In der Dehnungshaltung lernt das Pferd, das Gewicht des Reiters richtig zu tragen. Über die Dehnungshaltung findet es zu Selbsthaltung und im Lauf der Ausbildung richtet es sich – wenn es dazu bereit ist – von selber aus der tiefen Dehnungshaltung immer mehr auf. Die Dehnungshaltung ist das A und O; Sie steht am Anfang der Ausbildung und muss auch im weiteren Verlauf der Ausbildung immer wieder abgerufen werden. Ein Pferd, das sich versammelt, aber nicht in die Dehnungshaltung findet, kann nicht korrekt versammelt sein.
Zweifellos gibt es Pferde, denen die Dehnungshaltung leichter fällt als anderen. Schwierigkeiten haben oft Pferde mit massigen und hoch aufgesetzten Hälsen, sowie solche, die einen kurzen, breiten, starken Rücken haben.
Diese Grafik soll verdeutlichen, was in der Dehnungshaltung passiert. Das Pferd dehnt den Hals vorwärts abwärts und tritt mit den Hinterbeinen möglichst weit unter den Körper. (Rote Pfeile) Dadurch wird der Rücken aufgewölbt. (Blauer Pfeil) Die Oberlinie des Pferdes wird länger. (Gelbe Pfeile) Das Pferd geht in einem horizontalen Gleichgewicht. (Grüne Linien) Unterhals und Genick sind entspannt. (Blaue Schraffur)
Jede Haltung des gerittenen Pferdes kann nur korrekt sein, wenn es dabei losgelassen ist. Losgelassenheit bedeutet, dass das Pferd weder verkrampft noch ganz ohne Spannung geht; Losgelassenheit ist das Ideal zwischen diesen beiden Extremen. Losgelassenheit beinhaltet maximale Leistung bei minimalem Kraftaufwand. Zur «äusseren» Losgelassenheit kommt noch die «innere Losgelassenheit» hinzu: Das Pferd soll sich wohl und sicher fühlen, gelassen und gleichzeitig aufmerksam sein. Folgende Punkte sind Zeichen von Losgelassenheit:

Das Pferd tritt im Takt und fleissig.

Das Pferd ist innerlich und äusserlich losgelassen.

Der Rücken ist aufgewölbt.

Das Pferd tritt mit den Hinterbeinen weit unter den Körper (Entsprechend seinem Körperbau), die Vorderbeine schwingen aus der Schulter frei vor.

Gelängter, vorwärts-abwärts gedehnter Hals

Halsansatz angehoben, gleichmässig gerundeter Oberhals

Entspannter Unterhals

Entspanntes Genick – Nase vor der Senkrechten

Federnde, losgelassene Bewegungen
Die Vorhand ist nicht so schwach, wie man lange glaubte. In der normalen, aufgerichteten Arbeitshaltung nimmt das Pferd kaum mehr Gewicht mit der Hinterhand auf als in der Dehnungshaltung. Dehnungshaltung ist nicht gleichzusetzen mit Auf-der-Vorhand-Latschen. Durch die Dehnungshaltung lernt das Pferd, den Reiter richtig zu tragen und findet zur Selbsthaltung. Bis es soweit ist, dass sich das Pferd von selber aufrichtet dauert es beim jungen Pferd zwar mindestens ein halbes Jahr – bei einem verrittenen Pferd u. U. noch länger – dafür ist es dann wirklich im Gleichgewicht und kann sich selber tragen. Diese Zeit muss man dem Pferd geben, schliesslich müssen sich erst die Muskeln genügend entwickeln, bevor es aufgerichtet werden kann. Stellt man ein Pferd zu früh zusammen, riskiert man, dass es nie lernen wird, über den Rücken zu gehen und nur mit grosser Anstrengung «zusammengehalten» werden kann.
Die Befürchtung, die Bänder könnten ausleiern, resultiert wohl aus der Annahme, ein Pferd ziehe im Vorwärts-abwärts seinen Rücken durch den tiefen Kopf hoch, und dass daher das Nacken-Rückenband eine Wahnsinnslast tragen müsse. Bei korrektem Vorwärts-abwärts tritt das Pferd aber auch gut mit der Hinterhand unter und wölbt den Rücken von hinten auf. Und wie oben schon gesagt, ist es nicht allein das Nackenband, das die Last des Rückens trägt, sondern die Muskulatur am Oberhals trägt mit. Im Lauf des Trainings wird sie immer stärker, sodass das Nackenband immer weniger alleine tragen muss. Im Übrigen: Pferde verbringen fast den ganzen Tag grasend mit der Nase am Boden. So weit dehnt sich ein gerittenes Pferd in Dehnungshaltung aber nicht dauerhaft. Da leiern die Bänder gewiss nicht aus, denn sie werden ja nicht über ihre natürlichen Fähigkeiten hinaus beansprucht. In korrekter Dehnungshaltung wird nichts überdehnt oder ausgeleiert.
Muskeln arbeiten immer in Paaren: Ein Muskel verkürzt sich, sein Gegenspieler
dehnt sich. Wenn du beispielsweise deinen Arm zur Seite streckst, ziehen
sich die Muskeln oben am Oberarm zusammen, die unten dehnen sich, um die
Bewegung zuzulassen. Nimmst du den Arm wieder herunter, verkürzen
sich Muskeln auf der Unterseite des Oberarms und die oben verlängern
sich wieder. Die aktiven Muskeln ziehen sich jeweils zusammen. Ein entspannter
Muskel ist länger als ein arbeitender Muskel und kürzer als ein
gedehnter. Ein Muskel kann sich nicht selbst verlängern, indem er
sich «in die Länge zieht», er kann sich nur verkürzen.
Sicher musstest du auch schon mal längere Zeit in einer bestimmten Haltung verharren. Da hast du doch bestimmt auch nach einer Weile an gewissen Stellen die arbeitenden Muskeln gespürt; Wenn du lange in derselben Haltung bist, können sie sogar richtig weh tun. Das kommt daher, dass die Muskeln ermüden. Je länger und stärker sie sich ununterbrochen zusammenziehen müssen, desto stärker ermüden sie. Die Folge sind Verkrampfungen und Schmerzen. Gibst du den Muskeln hingegen immer wieder eine Pause, dann können sie viel länger arbeiten ohne zu ermüden und zu verkrampfen, weil die Stoffwechselprodukte aus dem Muskel transportiert werden können und dem Muskel neue Energie zugeführt wird.
Durch die Arbeit verkürzt sich ein Muskel. Arbeitet er nicht mehr, bleibt er zusammengezogen. Er kann sich nicht selber wieder in die Länge ziehen. Er verlängert sich erst wieder, wenn sich entgegengesetzte Muskeln zusammenziehen. Es ist wichtig, dass die Muskeln gedehnt werden. Nicht nur, weil sie sonst verkrampfen. Ein positiver Nebeneffekt ist nämlich, dass je weiter sich ein Muskel dehnen kann, desto stärker und kraftvoller kann er sich dann auch wieder zusammenziehen. Muskeln trainiert man also nicht nur dadurch, dass man sie sich stark zusammenziehen lässt sondern auch indem man sie dehnt.
Wenn ein Pferd derart lange braucht, um an den Zügel zu kommen, stimmt etwas nicht. Möglicherweise ist das Pferd verspannt, der Sattel passt nicht oder der Reiter macht etwas falsch. Ein korrekt gerittenes, gesundes Pferd mit passender Ausrüstung lässt sich problemlos wechselweise in Dehnungshaltung und aufgerichtet reiten. Probleme dieser Art rühren nicht selten eben gerade daher, dass der Reiter sich die Haltung «erkämpft» und das Pferd in der «korrekten» Haltung festhält. In der Folge verspannt sich das Pferd. Die Haltung wird ihm damit so unangenehm, dass es sie nur ungern wieder einnimmt. Daher sollten gerade solche Pferde längere Zeit nur noch vorwärts-abwärts geritten werden und nach Reprisen in Aufrichtung wieder in die Dehnungshaltung entlassen werden bevor sie sich verspannen. Jegliche Art von Kampf und Zwang kann nicht zu einer korrekten Haltung führen, in der sich das Pferd wohl fühlt.