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Die Fürsorge von transnationalen Familien gegenüber ihren Verwandten im Heimatland gründet auf einem Gefühl der Verpflichtung und einem quasi “moralischen Vertrag”. Die Betreuung hat vielfältige Formen: Reisen, um physisch neben Verwandten zu sein, Geld schicken, häufiger Kontakt per Telefon oder Video. Die Leistung dieses materiellen, menschlichen und emotionalen Austauschs unterscheidet sich unter anderem nach dem sozioökonomischen und rechtlichen Status sowie nach dem Geschlecht.
Transnationale Familiennetzwerke und globale Pflegekreisläufe
In transnationalen Familien spielt die Betreuung schutzbedürftiger Verwandter, Kinder und älterer Eltern eine bedeutende Rolle. Nach dem «Global Care Circulation Concept» ist die Globalisierung der Hausangestelltenmigration, die ihre eigenen Kinder anderen Familienmitgliedern überlassen und sich um Kinder und ältere Mitglieder wohlhabender Familien in westlichen bzw. nördlichen Ländern kümmern, “eine private Lösung eines öffentlichen Problems”. Wie aber werden ältere Eltern von Migrantinnen und Migranten betreut? Und wie funktioniert letztlich der globale Pflegekreislauf? Die Betreuung älterer Eltern von Migrantinnen und Migranten wird nicht nur aus transmigrantischer Sicht oder mit der Intensivierung der Mobilität der Menschen über Generationen hinweg zu einem Thema, sondern auch wegen der zunehmenden Alterung der Bevölkerung, sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden. Migrantinnen und Migranten, die weit weg von ihren älteren Eltern leben, entwickeln Strategien und engagieren sich in verschiedener Art und Weise und mit unterschiedlichen Massnahmen für sie. Wenn wir uns mit der Frage der Altenpflege befassen, müssen wir uns, wie bei der globalen Pflegediskussion, auf das Geschlechterverhältnis innerhalb der familiären Beziehungen und Organisation sowie auf den sozioökonomischen Status der Migrantinnen und Migranten beziehen, bei transkontinentalen Familien aber auch, wie wir argumentieren, auf den rechtlichen Status der betreuenden Migrantinnen und Migranten.
Care-Arbeit ist weltweit Frauenarbeit
Neueren Studien zufolge kümmern sich vor allem Migrantinnen um ihre Eltern im Herkunftsland. Die Verantwortlichkeiten sind nach wie vor hauptsächlich nach Geschlechtern verteilt, wie in der Theorie der sozialen Reproduktion beschrieben. Aufgrund des zunehmenden wirtschaftlichen Erfolgs von hochqualifizierten Migrantinnen erleben wir eine grössere Gleichstellung der Geschlechter bei der finanziellen Unterstützung von Eltern. Darüber hinaus verfügen diese Migrantinnen mit einer komfortablen sozioökonomischen Position über die finanziellen und oft rechtlichen Möglichkeiten (legale Migration und mehrere Staatsangehörigkeiten), um häufiger zu reisen und physisch bei ihren Eltern zu sein. Dennoch scheint die Gleichstellung keine Pflegearbeit zu beinhalten. De Silvas Studie über sri-lankisch-australische transnationale Familien zeigt, wie Migrantinnen ihre Eltern emotional und affektiv unterstützen (täglicher Telefon- und Videokontakt, im Vergleich zu zweimal im Monat für Männer), sie unterstützen sie finanziell weiter oder reisen hin und her. In der Zwischenzeit behalten männliche Migranten die traditionelle Rolle des Ernährers bei.
Erschwerte Familienzusammenführung
Innerhalb Europas müssen sich Migrantinnen und Migranten aus Ländern des globalen Südens, auch wenn sie die Staatsbürgerschaft erworben haben, mit restriktiven Zugangsregelungen zur Migration auseinandersetzen. Die Familienzusammenführung begründet neben der Arbeit oder dem Studium einen erheblichen Anteil der Aufenthaltsbewilligungen. Die Familienzusammenführung umfasst Ehepartner, Kinder und andere Verwandte. Die gesetzliche Regelung in Europa lässt Aufenthaltsbewilligungen älterer Eltern von interkontinentalen Transmigrantinnen und -migranten nur in sehr begrenzten Fällen zu. Dieses Zulassungssystem verhindert, dass Migrantinnen und Migranten Eltern in der Nähe haben und sich leichter um sie kümmern können. Dieses System betrifft alle Migrantinnen und Migranten. Die Lösungen unterscheiden sich je nach Geschlecht, nach sozioökonomischen und rechtlichen Möglichkeiten in Bezug auf Zeit und finanzielle Ressourcen. Insbesondere wird von allen Frauen nicht nur erwartet, dass sie die Führung in der Altenpflege übernehmen, sondern meist auch die Pflegearbeit.
Globaler Pflegekreislauf als Spiegel sozialer Ungleichheit
Das Thema der Betreuung von Eltern durch Migrantinnen und Migranten in transnationalen Familiennetzwerken bringt eine zusätzliche Komplexität in das Konzept der Pflegezirkulation. Dieses konzentriert sich auf den transnationalen Verkehr von Personen, Dienstleistungen und sozialen Bindungen; die Frage nach globalen sozialen Ungleichheiten wird teilweise vernachlässigt. Bei hochqualifizierten Migrantinnen, die ihre Eltern betreuen, treten neue Aspekte von geschlechtstypischen und sozialen Ungleichheiten im globalen Pflegekreislauf auf. Ökonomisch erfolgreiche Migrantinnen mit gesichertem Rechtsstatus (oder mit eingebürgertem/bi-nationalem Status) verhalten sich in Bezug auf ihre Karriereambitionen und ihren sozialen Erfolg ähnlich wie wirtschaftlich erfolgreiche Frauen im globalen Norden. Angesichts der gesellschaftlichen Erwartungen an die Verantwortung für die Familienpflege engagieren sie sich auf zwei spezifische Arten in der Pflegezirkulation. Sie delegieren die Betreuungsjobs in ihrem Wohnsitzland an Migrantinnen aus dem globalen Süden und delegieren auch die Betreuung ihrer Eltern im Herkunftsland an andere weniger qualifizierte Frauen, was oft zu einer Land-Stadt-Migration oder gar einer internationalen Migration beiträgt.
Übersetzung des Originaltextes: “Female Migrants Caring for their Elderly Parents: An Understudied Case?“