Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03151.jsonl.gz/1980

«Obgleich mein Buch vor allem für die Unterhaltung von Jungen und Mädchen bestimmt ist, hoffe ich doch, dass Männer und Frauen es deshalb nicht meiden werden, denn meine Absicht war zum Teil, Erwachsene auf angenehme Weise daran zu erinnern, wie sie einst selber waren, was sie empfanden, dachten und redeten und in was für seltsame Unternehmungen sie sich zuweilen einliessen», schrieb Mark Twain (1835 – 1910) im Vorwort seines weltberühmten Buches «Tom Sawyers Abenteuer». Seine Hoffnung wurde erfüllt – nicht nur in der Weltliteratur, sondern auch auf der Zwischenbühne in Horw. Jede Altersgruppe war im Publikum vorhanden und liess sich in ein spannendes Abenteuer entführen.
St. Petersburg, ein fiktives Provinzstädtchen am Ufer des Mississippi: Tom Sawyer, ein Lausbube der bei seiner Tante aufwächst, und sein Freund Huckleberry Finn, der ohne Eltern in einem Fass lebt, werden bei einer nächtlichen Aktion auf dem Friedhof unfreiwillig Zeugen wie der gefürchtete Indianer Joe einen Schatz aus einem Grab stielt. Aus Angst, vom Indianer ermordet zu werden, begeben sie sich zusammen mit der Richterstochter Becky Thatcher auf eine abenteuerliche Flucht. Sie leben als Piraten auf einer einsamen Insel, wo sie zwar keine Schiffe ausrauben, sondern nur faul herumliegen und warten, bis etwas passiert. Dort erleben Tom und Becky ihren ersten Kuss und sie lernen von Huck, wie man raucht. Doch bald schon treffen sie wieder auf den Indianer Joe und erleben bei der Flucht weitere Abenteuer. Das Bühnenbild und die Kostüme verstärken das Gefühl, in eine Abenteuerwelt einzutauchen, enorm. Hier wurde nicht gespart. Die Bühne befand sich in der Mitte des Raumes, die Zuschauer sassen auf Tribünen am Rande. Die Bühne war so aufgeteilt, dass ein Spiel auf mehreren Ebenen stattfinden konnte. Es gab ein Wohnzimmer, eine Beiz, Kirchenbänke (die gleichzeitig auch als Zuschauersitzplatz dienen), Huckleberry Finns Fass und in der Mitte ein grosses Sandloch. Diese ungewöhnliche Bühnensituation bot viele Möglichkeiten, die sehr gut genutzt wurden. Die Kostüme zeichneten sich aus durch viel Liebe zum Detail. Besonders originell war jenes des Sträflings, der geteert und gefedert wurde. Es war süss, wie er mit einem Gilet trotzdem versuchte, sich für die Kirche schick zu machen.
Gelobt werden muss an dieser Stelle auch die schauspielerische Leistung der Gruppe. Der kindliche Übermut und die Naivität wurden rührend rübergebracht. Als Zuschauer fühlte man sich stark an die eigene Kindheit erinnert, an die damaligen Träume und Fantasien. Dazu gehören auch langweilige Schulstunden, lästige gesellschaftliche Normen und der Wunsch, neue Wege zu beschreiten und sein eigener Herr und Meister zu sein. Auch optisch passten die Schauspieler perfekt in ihre Rollen. Allen voran Tobias Wenk (mit langen Haaren und «Lausbubengesicht») als Huckleberry Finn und Phil Küng als Indianer Joe. Letzterer war so furchteinflössend, dass sich die kleinen Kinder bei seinem Erscheinen die Hände vor die Augen halten mussten.
Die Figuren sprachen oft direkt zum Publikum und erzählten so die Geschichte mit der für Kinder typischen Geheimniskrämerei («Das müend sie jetzt aber niemertem verzelle, gell!»). Man fühlte sich, als würde man tatsächlich zuhause im Bettlein liegen und der Mutter beim Gutenachtgeschichte erzählen zuhören. Nur, dass man heute über so vieles Lachen kann, was man früher todernst mitverfolgt hat. Das Stück schnitt denn auch in dieser Hinsicht gut ab. Besonders die kindliche Naivität und die typischen Verhaltensmuster der Dorfleute sind sehr witzig dargestellt. «Wer versucht, in dieser Erzählung ein Motiv zu finden, wird gerichtlich verfolgt; Wer versucht, eine Moral darin zu finden, wird der Landes verwiesen; Wer versucht, eine schlüssige Handlung darin zu finden, wird erschossen», schrieb Mark Twain. Das ist in diesem Stück auch überhaupt nicht nötig, es kommt ohne komplizierte Hintergedanken und philosophische Aussagen wunderbar aus und ist vielleicht genau darum so ein erheiternder Genuss. Dazu kommt eine wahnsinnig kreative Inszenierung, die weder am Bühnenbild, den Gesängen noch den Kostümen zu wünschen übrig lässt. Durch und durch empfehlenswert!
Die Aufführungen finden noch bis am 9. Januar 2016 statt.