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|ANNE WANNER'S Textiles in History / publications|
|Tischdecke
mit Darstellungen aus dem Leben eines Rindes

in: Zuger Neujahrsblatt 1994, Zug 1994, p. 73-81, von Anne Wanner-JeanRichard
ISBN 3-85761-251-7

Mittelmedaillon der Leinenstickerei
mit melkendem Mädchen
|Im Jahre 1989 erwarb die
Korporation Zug eine bestickte Tischdecke aus der Auktion
Christie's in London. Sie war, zusammen mit anderen
Textilien aus der ehemaligen Sammlung Iklé St.Gallen,
zur Versteigerung ausgeschrieben und konnte in die
Schweiz zurückgekauft werden (1).

Die Stickarbeit trägt die Jahrzahl 1570, sie ist 139 cm mal 148 cm gross, weist 14 Kett- und 13 Schussfäden pro cm auf. Das bräunliche Grundgewebe aus Leinen ist mit weissem, zweierlei braunem und blauem Leinenstickgarn verziert. Nach dem Erwerb liess die Korporation Zug im Jahre 1990 das Stück reinigen, restaurieren, einrahmen und unter Glas anbringen.
Dargestellt sind sechs Szenen zum Viehhandel. Das Zentrum ist von einem Medaillon umrahmt, und hier ist ein Mädchen dabei, eine Kuh zu melken. Am Rand folgt das Ausmessen des Rindes durch den Viehhändler, anschliessend bestätigt er seinen Kauf mit Handschlag, daneben ist das Viehtreiben dargestellt. Eine weitere Szene zeigt das Auszahlen des Geldes für das gekaufte Tier, und endlich gibt die Schlachtszene den zum Schlag ausholenden Metzger wieder, neben ihm seine Gehilfin, die mit den benötigten Gerätschaften bereitsteht.
Vier Blattranken wachsen von den Ecken gegen die Mitte hin und umrahmen die Bilder. Die mit spärlichen Blättern versehenen Zweige enden in den damals in der darstellenden Kunst häufig vorkommenden Blüten und Fruchtformen, wie z.B. Granatapfel, bittersüsser
|Nachtschatten, Eichel, 5-
und 6-blättrige Blüten. Das Gezweig ist von Vögeln
belebt, am Boden begleiten Hündchen das Geschehen. Im
Gegensatz zu den figürlichen Szenen wirken die Ranken
etwas mager, steif und stilisiert. Wären sie üppiger
und detailreicher, dann könnte man wohl der
Bilderzählung nur noch schwer folgen.

Aus dem 15. bis 17. Jh. hat sich in Sammlungen innerhalb und ausserhalb der Schweiz eine Gruppe von gegen 450 dieser sogenannten Schweizer Decken oder Schweizer Leinenstickereien (2) erhalten. Es sind Decken, Handtücher, Kissenbezüge, die im Alltag Verwendung fanden, sowie Tücher und Decken für den kirchlichen Bereich.
Materialien und Sticktechniken sind innerhalb der Gruppe einheitlich. Ebenfalls für alle Tücher charakteristisch ist das Gestalten mit wenigen Farben, wobei man nicht genau weiss, wie stark die verwendeten Tönungen im Laufe der Zeit verblasst sind. Vor allem besteht die Vermutung, das häufig vorkommende Braun sei ursprünglich Rot gewesen.
Anmerkungen:
1) vgl. Auktionskatalog: The Iklé Collection, London, Tuesday 7 November 1989, S. 20, Nr. 47
2) publ. im Katalog der Dissertation von Verena Trudel, Schweizerische Leinenstickereien des Mittelalters und der Renaissance, Bern 1954

Zwei Szenen aus der Leinenstickerei:
links: der Händler misst das Rind
rechts: Handschlag und Vieltrieb
|Als weitere Eigenart gilt
das Beleben der Flächen durch Stickstiche;
auf einer einzigen Stickerei können sich bis zu einem
Dutzend verschiedenener Stiche befinden.

Mehrere Decken weisen Familienwappen auf und können dem entsprechend in die deutschsprachige Schweiz lokalisiert werden, denn weder französische noch italienische Wappen oder Inschriften sind bekannt.
Obwohl in anderen Sammlungen ebenfalls Familienwappen von Bürgern der jeweiligen Städte zu finden sind, nimmt man doch an, dass Orte mit bedeutender Leinwandproduktion, wie die Bodenseegegend und St.Gallen, ehemals die hauptsächlichen Zentren der Leinenstickerei gebildet haben, dies umso mehr, als die grösste Dichte von genau bestimmbaren Schweizer Stickereien sich auf die Städte Zürich, St.Gallen, Schaffhausen erstreckt (3). Die Leinendecken wären also hauptsächlich durch Heirat oder Erbschaft, möglicherweise als Auftragsarbeit, aus dem Bodenseesgebiet in andere Landesteile gelangt.
Die Frage nach den Herstellerinnen ist sehr schwer zu beantworten, denn in der Schweiz gab es keine eigene Zunft der Sticker. Die Entwerfer und Ausführenden sind in den meisten Fällen nicht bekannt, und Auftragsarbeiten in Werkstattbetrieben können nur vermutet werden.
|Es sind bisher sozusagen
keine Dokumente oder sonstige Hinweise, die weiterhelfen
könnten, zum Vorschein gekommen.

Die Zuger Decke mit Szenen aus dem mittelalterlichen Alltag bildet innerhalb der Schweizer Leinenstickerei eine Besonderheit. Wenn auch Tiere wie Löwe, Adler, Stier als Evangelistensymbole häufig dargestellt sind, und Hirsch, Einhorn, Phönix, Pelikan als Bedeutungsträger oft vorkommen, so sind doch bis heute nur wenige Beispiele bekannt, welche Tiere in ländlichen, alltäglichen Szenen zeigen.
Tiere zeigt auch die 1610 datierte Stickerei im Historischen Museum des Kantons Thurgau, Frauenfeld. Hier geht es um die Gründgungsgeschichte der Eidgenossenschaft, und, unter anderen Szenen, kommt hier die Wegnahme der Ochsen Melchthals (4) vor.
Anmerkungen:
3) vgl. verschiedene Untersuchungen von Jenny Schneider, Schweiz. Landesmuseum Zürich, z.B. Schweiz. Bildstickereien des 16. und 17. Jhs, Bern 1960; sowie: Vorlagen für das Schweiz. Kunstgewerbe, in: ZAK 1956, S. 157
4) Albert Knöpfli, Die leinengestickte Tischdecke von 1610, in: Mitteilungen des Thurgauer Museums, Nr. 10, 1955, S. 21

Szene aus der Leinenstickerei: Bezahlung

Szene aus der Leinenstickerei: Schlachtszene
|Zur Frage nach dem
Vorbild

Der Entstehungsort der Decke mit der Geschichte des Rindes ist ungewiss, und unbekannt sind Vorlage und auch Stickerin, die an diesem Stück arbeitete. Durch Vergleiche mit Kunsthandwerkern der 2. Hälfte des 16. Jahrhunders sei nun versucht, eine Vorstellung zu gewinnen von Vorbild und Entwurf, sowie von der Arbeitsweise in jenem von religiösen Auseinandersetzungen geprägten Zeitraum.
Bei der untertänigen Bevölkerung war das Interesse an der Reformation, für die sich Zwingli seit 1519 in Zürich einsetzte, besonders gross. Auch St.Gallen neigte dank dem Arzt und späteren Bürgermeister Vadianus (Joachim von Watt 1483? - 1551) seit 1527 dem reformierten Glauben zu.
Das Kloster mit Franz von Gaisberg als Abt (1509 - 1529) trat zwar der Ausbreitung dieses neuen Glaubens kräftig entgegen, doch musste von Gaisberg 1527 seine Residenz verlassen, und 1529 wurde die Stiftskirche zur städtischen Leutkirche.
Erst die Bestimmungen des 2. Kappeler Landfriedens von 1531 gaben den Rückweg nach St. Gallen frei. Während die Künstler unter Franz von Gaisberg reiche Aufträge erhalten hatten, mangelten solche um die Mitte des Jahrhunderts. Es war schwer, sich in St.Gallen als Künstler zu etablieren, ja man bestrafte diese sogar mit Gefängnis, wenn sie sakrale Bilder für katholische Auftraggeber schufen.
Der Rat drohte im Jahre 1553 den beiden Malern Hagenbuch für einen solchen Fall mit Ausweisung: "...dadurch der abgöttery möchte

fürschub gegeben werden".
Der jüngere Hagenbuch meinte darauf, dass er bei weiteren Verboten nicht wüsste, wie er seine Kinder in Zukunft ernähren solle, aber die Ratsherren meinten trocken: "werde sich mit andern Gemäl wol wissen zu erhalten" (5)
Die kirchlichen Reformen in der katholischen Eidgenossenschaft in den Jahren nach dem Konzil von Trient (1545 - 1563) waren in ersten Linie das Werk von Carlo Borromeo (1538 - 1584), Erzbischof von Mailand, der im Jahre 1570 eine Reise durch die Schweiz unternahm, um Obrigkeit und Volk zur Einhaltung der Tridentiner Beschlüsse zu ermahnen. Er kämpfte für die sittliche Reform innerhalb von Priestertum und Bevölkerung.
Der Buchdruck, der sich seit dem 15. Jh. mehr und mehr durchsetzte, verhalf den Ideen der Reformation zur Verbreitung, ja man sieht in der neuen Drucktechnik einen wesentlichen Grund dafür, dass aus der Reformation der Kirche eine Reformation der übrigen Lebensbereiche hervorging. Bücher mit Bildern wurden nun für viele Bürger erschwinglich, und neben dem Text entwickelten sich vor allem die Bilder zu einem neuen Medium der Ideen- und Gedankenübermittlung.
Anmerkung:
5) erwähnt in H. Rott, Quellen und Forschungen zur südwestdeutschen und schweiz. Kunstgeschichte im 15. und 16. Jh., Stuttgart 1933, S. 191
|Im frühen wie im späteren
Mittelalter bedeuteten Vorbilder und direkte
Vorlagen eine Grundvoraussetzung zum Gestalten
von Neuem, ja man ist heute der Ansicht, dass der
Schaffende immer Vorbilder kopierte, wenn solche für ihn
nur irgendwie greifbar waren (6). Unsere
modernen Begriffe von Original und Kopie können denn
für das damalige Schaffen keine Gültigkeit haben. Seit
Jahrhunderten ging Vorbildliches von einer Generation zur
nächsten - als Original galt das, was in der Hand eines
Künstlers wieder zur neuen Schöpfung wurde.

Geeignete Vorlagen, die sich über eine längere Zeitspanne hinweg immer wieder nachahmen liessen, stellten die Illustrationen in Büchern dar. Solche Bilder gab es bekanntlich lange vor Gutenbergs Erfindung des Buchdruckes, und auch das handgeschriebene Buch fand Verbreitung, denn neben Klöstern kopierten weltliche Schreibwerkstätten die Bücher serienweise.
Eine solche mehrmals abgeschriebene und weitherum bekannte Handschrift war die mittelalterliche Fabelsammlung des Berner Dominikanermönchs Ulrich Boner.
Die Handschrift mit dem Titel "Edelstein" war um 1350 vollendet. Heute geben noch gut zwei Dutzend in Bibliotheken erhaltene Exemplare Zeugnis von der Beliebtheit dieses Werkes.
Im Jahre 1461 wurde es zudem bei Albrecht Pfister in Bamberg gedruckt und dieser Druck weist viele Holzschnitte mit Tieren auf.
|In mehreren Fabeln kommen
Ochsen vor, z.B. in der Geschichte von den 4 Ochsen und
dem Wolf. Zwar sind die Darstellungen oftmals etwas
ungelenk, doch gelang es dem Künstler, mittels
Staffelung der Tiere hintereinander, räumliches Volumen
anzudeuten.

In einer anderen Art von Büchern, nämlich in den Bilderchroniken des 15. und 16. Jhs, finden sich Tierdarstellungen, wenn über Viehraub, vor allem durch Soldaten, in kriegerischen Zeiten berichtet wird (7). Die bereits erwähnte Leinenstickerei aus Frauenfeld (4) von 1610 ist ein Beispiel dafür, dass Szenen aus Chroniken als Stickereivorlagen tatsächlich Verwendung fanden, sind doch die Holzschnitte zur Gründungsgeschichte der Eidgenossenschhaft aus dem gedruckten, im Jahre 1548 bei Froschauer in Zürich erschienenen Werk des Johannes Stumpf (1500 - 1575) übernommen.
Anmerkungen:
6) diese Ideen sind dargelegt in den Vorbemerkungen zu: Lilly Fischel, Bilderfolgen im frühen Buchdruck, Konstanz 1963
7) beispielsweise die Chroniken der Berner Ratsherren Bendicht Tschachtlan und Heinrich Dittinger von 1470; die Chroniken des älteren und jüngeren Diebold Schilling von 1474 bzw. 1507; die Chronik des Wernher Schodoler aus Bremgarten 1510-1535. Vgl. auch Carl Pfaff, Die Welt der Schweizer Bilderchroniken, Schwyz, 1991.

|Weitere Holzschnitte, die
als Vorlagen für textile Arbeiten dienten, stammen aus
anderen bei Christoph Froschauer (um
1490 - 1564) herausgekommenen Büchern. Froschauer, im
bayerischen Neuburg geboren, erwarb 1529 das Zürcher
Bürgerrecht und begann 1521 dort zu arbeiten. Durch
seine Freundschaft mit Zwingli wurde er zum wichtigsten
Drucker der deutschsprachigen Reformation in der Schweiz.

Die Darstellungen aus der Zürcher Bibel von 1531, geschnitten nach Probedrucken von Hans Holbein d.J., finden sich oftmals wiederholt in Werken der angewandten zeigenössischen Kunst, auch in der Stickerei (8).
Ebenfalls bei Froschauer erschienen die Werke des Naturforschers und Arztes Conrad Gesner (1516-1565), und aus dessen Historia Animalis von 1555 liess die schottische Königin Maria Stuart (1542-87) Tierbilder in Stickerei umsetzen (9).
Bedeutsam für das Kunsthandwerk wie für Textilien waren die Modelbücher (10) sowie die Vorlagen für den Ornamentstich (11).
Schliesslich kam in der Offizin Froschauer 1561 das "Nüw Modelbuch" von R.M. heraus, ein Vorlagewerk für Klöppelspitzen.
Gedruckte Vorlagen hinterliessen ihre Spuren auf Metallarbeiten, auf Keramik, auf Gebäckmodeln und anderem Kunsthandwerk.
|Ein einziges Gebiet,
dasjenige der Glasmalerei, soll hier
kurz zur Sprache kommen, denn diese Kunst gelangte in der
Schweiz im ausgehenden 16. und im 17. Jh. zu einer hohen
Blüte. Eine Spezialität bildeten die
Kabinettscheiben, das sind kleinere
Glasmalereien für Fenster von Staats- und
Korporationsbauten, besonders auch für das Kabinett im
Privathaus. Die Sitte von Fenster- und Wappenschenkungen
fand innerhalb der Schweiz weite Verbreitung.

Anmerkungen:
8) z.B.: Tobias und der Fisch von 1563 (Basel Kat.Nr. 184741); Samson und Dalila (Textilmuseum St.Gallen Inv.Nr. 20014; Erschaffung Evas (Textilmuseum St.Gallen Inv.Nr. 20003)
9) Margaret Swain in: the Needlework of Mary Queen of Scots, New York, 1973, fand verschiedene Inventare der Königin, in denen professionelle Sticker aufgeführt sind
10) die ersten der Modelbücher, die von 1523 bis 1626 eine ununterbrochene Reihe bilden, waren die in Holz gestochenen von Hans Schönsperger in Augsburg. Im Vorlagewerk des Nürnberger hans Sibmacher vollzog sich der Uebergang zum Kupferstich.
11) seit dem 15. Jh. bildete Nürnberg ein Zentrum für den Ornamentstich. Hauptmeister war in der 2.Hä. 16. Jh. Virgil Solis (1514-1562), nach dessen Tod übernahm der in Zürich aufgewachsene Jost Amman (1539-1591) seine Werkstatt
|Neben öffentlichen
Institutionen (Stände, Kirchen, Zünfte), wetteiferten
auch Privatpersonen mit Schenkungen gemalter Scheiben.
Als besondere Gattung kann man gegen das Ende des 16.
Jhs, die Bauernscheiben betrachten, nämlich kleinere,
von Bauern oder gewerbetreibenden Bürgersleuten ohne
eigenes Wappen bestellte Scheiben. Mann und Frau, die
sich den Becher reichen, stehen einander im Hauptfeld
gegenüber, währenddem die Oberbilder besonders im 17.
Jh. ländliche Szenen, wie das Viehtreiben und auch
melkende Bauern zeigen.

Die Entwürfe für Glasgemälde werden Scheibenrisse genannt. Obwohl sich nur in vereinzelten Fällen zur ausgeführten Scheibe auch der Riss erhalten hat, ist die Anzahl der heute bekannten Risse gross, man bewahrte sie in den Glasmalerwerkstätten oft mehrere Generationen lang auf, und schon früh wurden sie von Kunstsammlern geschätzt.
Im allgemeinen weiss man sehr wenig über die Arbeitsgewohnheiten im Mittelalter. Auf Grund von neueren Untersuchungen der Nürnberger Werkstatt der Dürerzeit (12) kann man davon ausgehen, dass verschiedene Hände an der Fertigstellung einer bemalten Glasscheibe betätigt waren. Neben dem Entwerfer gab es Reinzeichner, auch Kartonzeichner für Musterblätter.
Die Werkstätten müssen ein umfangreiches Vorlagenmaterial das alle gebräuchlichen Themen umfasste, besessen haben. Abgenutzte Vorlagen wurden ausgemustert oder erneut kopiert, andere schnitt man zur Weiterverarbeitung auseinander. Zudem liessen sich einzelne Formen wiederholt, spiegelverkehrt oder auch leicht abgändert verwenden.
|Qualitätsschwankungen in
ein und demselben Werk lassen vermuten, dass ein
Auftraggeber in manchen Fällen sein Programm selber
auswählte und aus dem vorhandenen Vorlagenmaterial
zusammenstellte.

Die Glasmalerei entwickelte sich in mehreren Schweizer Städten. Hier sei kurz auf Zug, Zürich und St. Gallen hingewiesen, da Einflüsse auf unsere Leinenstickerei von diesen Orten aus möglich sind:
Für die 1. Hälfte des 16. Jhs ist in Zug die Familie Lingg, z.T. auch Glaser genannt, urkundlich gesichert (13). In der 2. Hä. 16. Jh. lässt sich ein Melchior Müller-Kolin nachweisen (ca. 1530/35 - 1617), die 70er Jahre gelten als Höhepunkte seines Schaffens. In Zürich galt Carl von Egeri (vor 1525 - 1562), dessen Familie aus der Stadt Baden zugewandert war, als einer der besten Glasmaler seiner Zeit in der Schweiz . Er nahm auch Aufträge ausserhalb von Zürich an, denn unter seinem umfangreichen Werk sind Standesscheiben in Stein a.Rhein und in Muri gesichert (14). Sein Stil lässt sich mit zeitgenössischen Malern vergleichen, und bei den Landschaftsdarstellungen scheint er sich an den Ortsbildern eines Johannes Stumpf in dessen Schweizer Chronik von 1548 orientiert zu haben.
Anmerkungen:
12) Hartmut Scholz, Corpus vitrearum medii aevi, Bd. 1. Entwurf und Ausführung, Werkstattpraxis in der Nürnberger Glasmalerei der Dürerzeit, Berlin 1991
13) Franz Wyss, Die Zuger Glasmalerei, Zug, 1968
14) Bernhard Anderes, Glasmalerei im Kreuzgang Muri, Bern 1974
|Ein Zeitgenosse von Melchior
Müller-Kolin und Carl von Egeri war Andreas Hör
(1530-1577) in St.Gallen (15). Vor allem
letzteren muss er gekannt haben, zeigt doch sein Stil
Parallelen zur Zürcher Schule um Carl von Egeri.

Hör war ein begabter Zeichner und Glasmaler zugleich, ein Wandgemälde in St. Gallen aus der Zeit von 1556/7 wird ihm zugeschrieben. Dennoch wurde er mit seiner Kunst nicht reich, und man weiss, dass er seine Existenz nur durch das Amt eines Torschliessers einigermassen sichern konnte.
Das Schweiz. Landesmuseum Zürich wie das Historische Museum St. Gallen bewahren mehrere seiner Scheiben auf. Vor allem in den Oberbildern erweist er sich als Gestalter von Landschaften mit Tiefenwirkung; damit ersetzte er den bisher üblichen Damastgrund.
Bei den Szenen aus dem alten Testament wie der Erschaffung Adams und Evas, den 3 Männern bei Abraham, Susanna und der Alten, und ebenso bei Bildern zur Entstehung der Schweizer Eidgenossenschaft verwendete er die bekannten Vorlagen aus den gedruckten Büchern.
Besonders interessiert uns hier seine im Jahre 1564 geschaffene Zunftscheibe der Metzger zu St.Gallen.
Die 28 Zünfte der St.Gallischen Metzgerzunft stifteten sie zu Ehren des 1561 verstorbenen St.Galler Bürgermeisters Hans Rheiner.
|Zwanzig verschiedene Figuren
und Hauszeichen als Schildbilder sind abgebildet. Im
Zentrum steht eine Schlachtszene, das Oberbild zeigt die
Landschaft in St.Gallens Hinterland und das Viehtreiben,
d.h. den Viehhandel zwischen Metzgerschaft und
Viehzüchtern.

Die Viehhaltung für die Fleischproduktion spielte damals wirtschaftlich gesehen eine grosse Rolle und ist für Gebiete des St.Galler Stiftes in anderen Berichten ebenfalls bezeugt (16). Der Stier im Scheibenzentrum ist bestimmt auch als Symbol aufzufassen und weist auf den Evangelisten Lukas hin, welcher Patron vieler Berufe war, unter anderem der Aerzte, Maler, der Sticker und Bortenwirker, auch der Metzger.
Anmerkungen:
15) E.W. Alther, Andreas Hör, der St.Galler Maler, St.Gallen 1979; sowie Louis Specker, Das Glasgemäldekabinett des Hist.Mus.St.Gallen, St.Gallen 1989
16) E.W. Alther, Landschaft, Bewirtschaftung und Heraldik, Mitte 16. Jh., in: Gallus-Stadt 1975, Jahrbuch der Stadt St. Gallen 1975, S. 29

|Versuch einer
Deutung der Decke mit Rind:

Die sechs Szenen auf der Leinenstickerei gehören zu einer Geschichtenfolge, bei welcher dieselben Personen immer wieder in einem neuen Moment der Handlung erscheinen. Dieses wiederholte Darstellen der Hauptpersonen ist typisch für das bildliche Erzählen in früheren Jahrhunderten. Das Aufnehmen von Bildinhalten bedeutete damals für viele eine Art des Lesens; für den Ungelernten waren die Bilder eine Hilfe zum Verständnis, ja sie wirkten auf ihn noch stärker als das gedruckte Wort. Darüber hinaus suchte auch der gelernte, mittelalterliche Leser hinter dem wörtlichen einen allegorischen Sinn. Es ist heute sehr schwer, diesen Sinn wiederzufinden, da man über die mitittelalterlichen Ideenverbindungen kaum mehr etwas weiss.
Wenig erforscht ist denn z.B. die Bedeutung von Gesten. Lilly Fischel führte in ihrer Untersuchung (6) aus, dass sich Figuren unter denselben Umständen gleichartig bewegen. Da Gesten die Handlungen bestimmen, konnte der damalige Betrachter den Inhalt an der Gebärde begreifen.
Allen Figuren unserer Stickerei sind Bewegungen eigen, mit denen sie auf bestimmte Tätigkeiten weisen: das Mädchen melkt, der Händler misst die Grösse des Rindes, er erhebt seine Hand, um den Kauf zu bestätigen, er versorgt seinen Beutel, nachdem er die Münzen auf den Tisch gezählt hat, der Käufer ist dabei, seinen Beutel zu öffnen. Der Metzger endlich holt mit dem Beil aus, um das angebundene Rind zu schlachten, währenddem die Gehilfin Löffel und Messer krampfhaft in den Händen hält.
Die Frauen scheinen in dieser Folge besonders wichtig zu sein, ist doch das melkende Mädchen im Zentrum und vom Medaillon umrahmt wiedergegeben und kommt zum Schluss noch einmal vor, als es in der Schüssel das Blut des geschlachteten Tieres auffangen soll. Bis dahin lassen sich die Tätigkeiten zwar aufzählen, die Bedeutung aber, die dahintersteht, kann man heute nicht mehr mit Sicherheit wiederfinden.
|Im Folgenden sollen einzelne
Figurengruppen der Tischdecke mit ähnlichen Bildern der
damaligen Zeit verglichen werden. Die Szene mit dem
Handschlag sei der Kabinettscheibe des Zuger Glasmalers
Melchior Müller sowie Rütlischwur-Darstellungen
gegenübergestellt. Die Männer tragen Kleidung der
Renaissance. Geschlitzte Pluderhosen, aus der Mitte des
16. Jhs., die von der Hüfte bis zu den Knien reichten,
waren bei Soldaten im 16. und 17. Jh. und vor allem als
Tracht der Schweizer Landsknechte beliebt.

Die Gehilfin auf der Leinendecke ist in ein langes, weitausgeschnittenes Kleid mit Puffärmeln gekleidet, ihr Kopf ist unbedeckt, was bedeutet, dass es sich um ein Mädchen handelt. Im Mittelbild hängen ihre Zöpfe frei herunter; bei der Schlachtszene jedoch sind sie hochgesteckt.
Das Tischtuch zeigt die männlichen Figuren einmal in Rückenansicht, zweimal in Seitenansicht, dreimal in gespreizter und posierender Stellung. Vor allem diese letztere Formulierung muss um 1570 sehr beliebt gewesen sein, denn gemalte Portraits (17), Kabinettscheiben, Holzschnitte verwenden sie. Der Vergleich vom Rütlischwur aus der Stumpf-Chronik mit der Stickerei macht zudem klar, dass die Stickerei nach einem Holzschnitt arbeitete, übernahm sie doch die Schraffierungen, die beim gedruckten Bild Licht und Schatten hervorheben und Kontraste betonen. Diese Eigenheit trifft man bei anderen Leinenstickereien nur selten, ja, die Stickarbeiten zeichenen sich im allgemeinen gerade dadurch aus, dass Stickstiche die Flächen geradezu überziehen, ausfüllen, ohne Rücksicht auf Faltenwürfe oder plastische Formen. Die gestickte Rütlischwur-Szene aus Frauenfeld zeigt diese Tatsache besonders deutlich.
Anmerkung:
17) besonders die Portraits von Tobias Stimmer (1539-1584) aus seiner frühen Schaffhauser Zeit. Dieser beliebte Künstler schuf Vorlagen für Drucker und für Glasmaler. Seine Bibelillustrationen fanden nach 1576 weite Verbreitung.
|Auch bei der gestickten Darstellung
des Viehtriebes stellen wir bei den Rindern
dieselben Schraffierungen fest, die auf einen Holzschnitt
des Vorbildes hinweisen. Ob der Entwurf sogar direkt mit
Holzstöcken auf den Stoff gedruckt wurde? Der Viehtrieb
sei verglichen mit dem Oberbild der Metzgerscheibe des
Andreas Hör von 1564. Beide Male sind Rinder mit
gewaltigen Hörnern und eigenartig langgestrecktem Leib
wiedergegeben. Andreas Hör deutet die Raumtiefe durch
ein Hintereinanderstaffeln der Tiere an, wie dies andere
Künstler vor ihm ebenfalls getan hatten.

Das altertümlichste Element der Stickerei scheinen die Pflanzenranken zu sein. Blatt- und Blütenranken, welche figürliche Szenen umgeben, kommen bereits auf Leinenstickereien des 14. und 15. Jhs vor. Meistens hatten sich die Stickerinnen von ähnlichen Formen in Handschriften der entsprechenden Zeit inspirieren lassen. Die damaligen Buchmaler malten aber weit schwungvollere Ranken, als sie unsere Decke aufweist. Ihr etwas spröder Stil lässt sich eher mit Dekorationen vergleichen, die im Buchdruck vorkommen und auf Einblattdrucken verbreitet waren.
Es stellt sich nun die Frage, wie ein Entwurf für Stickerei im Detail ausgesehen haben könnte. Währenddem in der Glasmalerei Entwürfe, die sog. Risse, in grosser Zahl erhalten geblieben sind, fehlen solche für Stickereien.
Im 15. Jh. werden für die bunten, aus Wolle gewirkten Bildteppiche aus Basel und Strassburg in Haushalt-Inventaren immer wieder Heidnischwerk-Bildner verzeichnet. Diese Bildner waren Vorlage oder Vorbild für Kunstwerke, und man verstand darunter einen 1:1 angefertigten Entwurf: leider hat sich bisher kein solcher erhalten.
|Rapp und Stucky (19)
meinen, die Vorzeichnuing sei mit allen Details auf ein
Stück Leinwand gezeichnet oder gemalt worden. Weil diese
Zeichnung später in einen Teppich umzusetzen war, musste
man dazu einen speziellen, der Wirktechnik mächtigen
Zeichner beauftragen.

Im Gegensatz zu solchen Wirkteppichen besteht bei Stickereien keine Notwendigkeit für einen 1:1 Entwurf, war es doch möglich, das zu bestickende Gewebe direkt zu bemalen oder zu bedrucken. Denkbar wäre ein ähnliches Vorgehen wie in einer Glasmalerwerkstätte.
Eine neuere Untersuchung über die Nürnberger Glasmalerei (vgl.12) vermutet für solche Werkstätten einen Fundus an Formen, Entwürfen, Kartons, die je nach den Wünschen des Auftraggebers unterschiedlich zusammengestellt werden konnten. Sicherlich gab es damals Unterschiede in Grösse und Bedeutung solcher Ateliers, die Arbeitsweisen als solche müssen sich aber geglichen haben.
Deshalb sei angenommen, auch Andreas Hör in St.Gallen oder Melchior Müller-Kolin in Zug hätten eine Sammlung von verschiedenartigen Vorlagen ihr Eigen genannt und ihren Kunden zur Auswahl vorgelegt. Hätte man solche Entwürfe nicht auch für andere Kunsthandwerke verwenden können? Von Andreas Hör ist bekannt, dass er in St. Gallen um seine Existenz kämpfen musste. Weshalb sollen er oder seine Gehilfen nicht Aufträge von privater Seite wie das Vorzeichenn oder Bedrucken von zu bestickender Leinwand ausgeführt haben?
Anmerkung:
20) Anna Rapp und Monica Stucky-Schürer, zahm und wild, Basel 1990
|Vergleichen wir andererseits
die Entstehungszeiten der noch erhaltenen
Leinenstickereien, so fällt auf, dass die weitaus
meisten Beispiele aus dem dritten Viertel des 16. Jhs
stammen. Von den 410 Beispielen die Verena Trudel in
ihrem Katalog (vgl.2) bespricht, fallen
153 datierte und 130 undatierte Stickereien in diesen
Zeitraum. Mit dem Grundmaterial Leinwand handelten die
St.Galler, eine Vorzeichnung könnte in jener Stadt, aber
auch in einer anderen, z.B. in Zug, auf den Stoff
gebracht worden sein.

Das Fehlen von Dokumenten weist auf nicht zunftmässig organisierte Werkstätten hin, und Verena Trudel vertritt die Ansicht, es seien vor allem Bürgersfrauen gewesen, welche Gewebe mit Stickerei verziert hätten. Auch Arbeiten in Frauenklöstern wären möglich. Nachweislich haben die Töchter des Reformators Bullinger (1504-1575) in Zürich gestickt, gewirkt und Bestellungen dafür übernommen.
Abschliessend sei ein Wort zur Qualität der Leinenarbeiten angefügt (21). Innerhalb der Gruppe sind Materialien und Techniken ziemlich einheitlich, doch in der Qualität gibt es enorm grosse Unterschiede, die in der späten Phase, also in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts besonders auffallen.
Zu dieser Zeit hatte eine breite Bevölkerungsschicht Zugang zu einer grossen Anzahl gedruckter Vorlagen. Es waren dieselben Jahre, in denen sich auch die Sitte der Schenkung von Kabinettscheiben unter Bürgern und Bauern ohne eigenes Wappen verbreitete. Die Qualitätsunterschiede der Stickereien zeigen sich nun weniger in der Gesamtkomposition als viel eher in kleineren Details.
Die Bürgersfrauen füllten vorgegebene Formen mit Stickstichen aus. Es kam für sie vor allem auf die feinen Strukturen an, die man aus nächster Nähe betrachten konnte, wenn man um den Tisch herumsass, sich an ein Bankkissen lehnte oder das Handtuch unter dem verzierten Ueberhandtuch
|versorgte. War nun aber eine
der vorgezeichneten Formen während dem Stickvorgang
unkenntlich geworden, oder musste man diese abändern
oder ergänzen, dann war das eigene Können nötig.

Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass auch auf unserer Decke einige Stellen verzeichnet oder unverstanden scheinen, wie z.B. die Art, wie der Metzger sein Beil erhebt, oder wie die Gefährtin die Geräte an sich presst.
Die Decke mit dem Geschichte des Rindes birgt manches in sich, das sich heute nicht mehr erklären lässt:
Entstand sie als Hochzeitsgabe für eine Familie ohne Wappen, und sollte damit auf den Beruf des Ehemannes hingewiesen werden? Ist eine Verbindung mit geschichtlichen Ereignissen, z.B. mit der Schweizerreise des Carlo Borromeo, möglich? Oder spielen die Szenen auf andere, heute nicht mehr verständliche Hintergründe an?
Auch der Entstehungsort wurde nicht mit Sicherheit wiedergefunden. Die Stickerei ist zwar verwandt mit der Gruppe der Schweizer Leinenstickereien aus dem Bodenseegebiet, die Frage bleibt aber offen, ob mit dem textilen Material auch die Vorzeichnung aus St.Gallen kam.
Ueber diese Unklarheiten hinaus ist die Stickerei aber ein wertvolles Kulturdokument der Schweizerischen Vergangenheit, das über mittelalterliches Denken und Schaffen Auskunft gibt und Zeugnis ist für ein Kunsthandwerk, das nicht zunftmässig festgelegt war und das im alltäglichen Bereich seine Anwendung fand.
Anmerkung:
21) Anne Wanner, Linen embroideries from the region of Lake of Constance,
in: CIETA Bulletin 68, 1990, S. 107

Ausschnitte aus Leinenstickerei:
der Metzger holt zum Schlage aus
die Gehilfin steht mit Geräten bereit

|content||Last revised 27 May 2006|