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Vor langer, langer Zeit lebten einmal ein Kamel, das ein wunderschönes Geweih hatte, und ein Hirsch, der gar nichts auf dem Kopf hatte. Jedes Mal, wenn das Kamel dem Hirsch begegnete, spottete es: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen Hirsch ohne Geweih. Es gibt kein Tier unter all den wilden Tieren, das so hässlich ist wie du! Ich kann deinen Anblick nicht ertragen!“ Eines Abends, als das Kamel zum Trinken an den See gekommen war und wieder einmal sein Spiegelbild im Wasser bewunderte, kam der Hirsch aus dem Wald gelaufen. Das Kamel sah ihn und fing sofort wieder an zu prahlen: „Nirgendwo gibt es ein Tier, das ein so schönes Geweih hat wie ich. Selbst das Yak bewundert mich.“ Der Hirsch war sehr traurig, senkte seinen Kopf und sagte zum Kamel: „Der Tiger hat mich zu einem Fest eingeladen, aber wie könnte ein so hässliches, kahlköpfiges Tier wie ich zu ihm gehen? Gutes Kamel, leih mir bitte dein schönes Geweih für einen Abend! Morgen werde ich wieder hierher kommen und es dir zurückgeben.“ Da gab das Kamel dem Hirsch sein schönes Geweih und der Hirsch lief davon. Als das Kamel am nächsten Morgen wieder zum Seeufer kam, war der Hirsch nicht da. Das Kamel wollte trinken und sah plötzlich seinen kahlen Kopf im Wasser. Es schreckte zurück: „Ein Kopf ohne Geweih ist furchtbar hässlich! Wenn der Hirsch nicht kommt und mir mein Geweih zurückgibt, wird mir jedes Mal grauen, wenn ich mich selbst ansehen muss.“ Dann nahm es wieder einen Schluck. Es trank und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um. „Der Hirsch hat mir mein Geweih genommen und nun ist es fort.“ Das Kamel wartete einen ganzen Tag lang, doch der Hirsch kam nicht, um das Geweih zurückzubringen.
Am nächsten Tag ging das Kamel wieder zum Seeufer und wartete auf den Hirsch. Es schüttelte seinen Kopf hierhin und dorthin, um nur nicht sein Spiegelbild sehen zu müssen. Da sah es plötzlich ein Rudel wilder Wölfe und Schakale, die den Hirsch verfolgten. Der Hirsch floh in einen nahen Wald, um der Gefahr zu entgehen, und dort blieb er sein ganzes Leben lang. Die Jahre vergingen. Jedes Mal, wenn das Kamel zum Trinken an den See kam, sah es seinen kahlen Kopf im Wasser und jedes Mal dachte es voller Sehnsucht an sein Geweih und sagte: „Wenn der Hirsch mir doch endlich mein schönes Geweih zurückgeben würde!“
Seitdem sehen Kamele immer ein wenig traurig aus, und wenn sie trinken, dann heben sie von Zeit zu Zeit den Kopf und schauen nach hierhin und dorthin, um zu sehen, ob der Hirsch nicht vielleicht doch noch eines Tages kommt und das geliehene Geweih zurückbringt.
Märchen der Uiguren, China. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von I.Widiarto von www.uigurkultur.com
Es war einmal ein armer Mann, der schuftete von früh bis spät und brachte es trotzdem zu nichts. Einmal – es war mitten im Winter – heizte der Arme seine Hütte, so dass sie mollig warm war, trug Erde herein und pflanzte einen Melonenkern. Es dauerte nicht lange, da begann die Pflanze zu wachsen. Nach kurzer Zeit hing eine grosse Frucht am Stängel.«Ich will sie dem Kaiser bringen», sagte sich der Arme. «Er wird mir die Melone sicher gut bezahlen.» Und so brach er auf und schleppte die Melone zum Palast des Kaisers. «Hast du die Melone selbst gezogen?», fragte der Kaiser neugierig. «Ja, Eure Majestät», antwortete der Arme. «Ausgezeichnet!», lobte ihn der Kaiser. «Und das bei dieser Kälte?»
«Ja, Eure Majestät.»
«Ausgezeichnet!», lobte wieder der Kaiser. «Und du hast dir die Mühe nur deshalb gemacht, um mir die Melone als Geschenk zu bringen?»
«Ja, Eure Majestät», flüsterte der Arme.
«Ausgezeichnet», rief der Kaiser, biss in die Melone, dass ihm der Saft vom Munde spritzte und entliess den Armen, ohne ihm die Frucht zu bezahlen. Der Arme trat aus dem Palast. Sein Magen knurrte vor Hunger, und am liebsten hätte er geweint. Da kam er an einem Wirtshaus vorbei. «He, du da, hast du nicht Appetit auf Tügüre, Teigtaschen?», rief der Wirt aus der Tür. Der Arme liess sich das nicht zweimal sagen. Schnell war er im Wirtshaus und noch schneller am Tisch. Der Wirt stellte eine Schüssel dampfender Teigtaschen vor ihn hin, und da der Arme schon lange nichts gegessen hatte, langte er tüchtig zu. «Hast du den Teig selbst zubereitet?», fragte der Arme den Wirt. «Selbstverständlich», antwortete der.
«Ausgezeichnet», lobte ihn der Arme. «Hast du sie auch selbst gekocht?»
«Selbstverständlich!»
«Ausgezeichnet», meinte der Arme. «Hast du die Tügüre auch selbst aus dem Wasser genommen?»
«Selbstverständlich!», antwortete der Wirt, der sich langsam über die vielen Fragen zu ärgern begann.
«Ausgezeichnet!», rief der Arme, erhob sich und schritt zur Tür. «Du hast zu zahlen vergessen», rief der Wirt und rannte dem Armen nach. Und weil der keinen Groschen bei sich hatte, liess der Wirt ihn vor den Kaiser schleppen. «Das ist unerhört!», rief der Kaiser. «Teigtaschen essen und nicht bezahlen! Glaubst du vielleicht, es reiche, wenn man ‹Ausgezeichnet› sagt? Dafür bekommt man bei uns nichts.»
«Entschuldigt, Majestät, ich habe alles verwechselt. Ich brachte Euch eine Melone, die ich mit viel Mühe gezüchtet hatte, und Ihr habt nur ‹Ausgezeichnet‹ gesagt und mich weggeschickt. Also glaubte ich, dass man mit diesem Wörtchen bezahlen kann.» Da schämte sich der Kaiser, bezahlte dem Wirt die Schulden und belohnte den Armen, denn eine gute Lehre ist ihren Preis wert.
Märchen der Uiguren, Xinjiang/China, aus: Pflanzenmärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag 2020
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.