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73. Das Märchen vom Teufel
In einer kleinen Hütte wohnte eine alte Frau mit ihrem
Sohn. Der Sohn war ein großer, starker Mensch. In der
Nachbarschaft stand ein Herrenhaus, dahin ging die alte
Frau alle Augenblicke und bettelte um einen Laib Gerstenbrot
und einen großen Topf voll Buttermilch. So trieben sie
es schon drei Jahre. Eines Morgens aber sprach der Gutsherr
zu der Alten: »Für wen hast du denn zu sorgen, daß
du immer um so viel Essen bettelst?« — »Ich habe für niemanden
weiter zu sorgen, nur für mich und meinen Sohn.« —
»Ich werde dir nichts mehr geben, schicke mir deinen Sohn
her, ich will ihn doch einmal sehen.«
Da ging die Alte zu ihrer Hütte und sprach zu ihrem
Sohn: »Er will mir nichts mehr geben, geh du mal hin, er
wünscht dich zu sehen.« — »Was mag er nur von mir wollen?«
sprach der Sohn, und er ging zum Herrenhaus.
Der Gutsherr stand gerade draußen vor der Tür und erblickte
ihn. »Kannst du arbeiten?« fragte der Gutsherr. »Was
heißt das: arbeiten?« fragte da der große Mann. »Komm her,
ich will es dir zeigen«, und er führte ihn in den Stall. Dort
nahm der Gutsherr eine Mistgabel in die Hand und sprach:
»So mußt du es machen«, und warf ein wenig Kuhmist zur
Tür hinaus. »Das ist deine Arbeit.«
»Das ist gar nichts«, meinte der große Mann und ergriff
die Gabel und warf den ganzen Dung mit einem einzigen
Wurf hinaus. Bestürzt schaute ihm der Edelmann zu.
»Jenseits des Flusses weiden meine Kühe, gehe hin und
treibe sie alle zum Hause her. Jedoch mußt du sie so durch
das Wasser führen, daß keine ihre Hufe benetzt.«
Da nahm der große Mann einen Sack und ein großes Messer,
schritt durch das Wasser, lief hinter den Kühen her und
fing eine. Dann schnitt er ihr die vier Hufe ab und warf sie
in den Sack. Und so tat er mit den sämtlichen Kühen. Alle
wurden huflos.
Dann trieb er sie durch das Wasser zum Hause hin. Der
Gutsherr stand gerade vor der Tür. Der große Mann schüttete
nun den Sack aus, ihm unmittelbar vor die Füße. Alle
die Hufe rollten heraus. »Schau«, sagte er, »sind sie etwa
naß geworden?«
Als das der Edelmann sah, gab es einen großen Streit. Aber
schließlich beruhigten sich die beiden wieder.
»Nun«, sprach der Gutsherr, »wünsche ich, daß du eine
kleine Arbeit für mich verrichtest. Dort im Wald habe ich
einen Wagen und drei Pferde. Die Leute sind gerade dabei,
den Wagen mit Baumstämmen zu beladen, du hast weiter
nichts zu tun, als nur zu den Pferden zu sagen: >Nun, vorwärts!<«
Der Mann ging hin und sprach zu den Pferden: »Vorwärts!«
Aber keines von ihnen wollte sich rühren. Da spannte
er das Leitpferd aus, band ihm die vier Füße zusammen
und warf es in den Wagen. »Nun vorwärts, ihr«, sprach er
zu den beiden anderen. Aber keines von ihnen tat auch nur
einen Schritt. Da spannte er auch diese beiden aus, band
ihnen die vier Beine zusammen und warf sie in den Wagen
hinein. Dann spannte er sich selber vor den Wagen und zog
alles -den Wagen und die Baumstämme und die drei Pferde
—hinauf zum Gutshof.
Der Edelmann kam heraus und erstaunte nicht wenig beim
Anblick dieses Aufzuges. Der starke Mann ließ nun den Wagen
vor der Tür stehen und holte sich sein Essen, die Buttermilch
und das Gerstenbrot. Der alte Gutsherr fragte ihn:
»Woher hast du nur deine Kraft?« Er aber verriet nichts.
Nun sprach der Edelmann zu ihm: »In den Feldern da
drüben liegt ein großer See. Ich wünsche, daß du mir den
trockenlegst.«
Der große Mann ging hin und fällte einen großen Baumstamm.
Dann ging er zum See und durchstieß mit dem Baumstamm
den Grund des Sees, so daß alles Wasser ablief.
Am Morgen ging der Herr hin, um sich den See anzuschauen.
Und siehe da, das Wasser war verschwunden. Wieder
fragte er ihn: »Wo hast du nur deine Kraft her?« Aber
er sagte es nicht, sondern sprach:
»Ich werde dir zeigen, was wirklich Kraft ist.« Und er
nahm eine große Eisenkette. Diese legte er rings um das Gutshaus
und hob es mitsamt seinen Bewohnern auf und setzte
es neben seine eigene elende Hütte.
Am Morgen sprach der Schloßherr zu ihm: »Wenn du mir
sagst, woher du deine Kraft hast, dann werde ich dir alle
meine Schafe und alle meine Kühe und alle meine Pferde
schenken. «
Aber der große Mann verriet nichts, er griff nur mit der
Hand in seine Tasche, brachte einen kleinen weißen Knopf
zum Vorschein und sagte: »Da nimm!«
Der Schloßherr glaubte wirklich, daß darinnen die Kraft
säße, und steckte den Knopf in seine Tasche. Er gab seine
ganze Habe dem starken Mann und zog weit weg.
Als aber nach drei Tagen von der Kraft noch nichts zu
spüren war, sprach er zu sich selbst: >Der Kerl hat mich betrogen,
der hält es mit dem Teufel. Ich will gleich wieder zu
ihm gehen!< Er ging also wieder zurück und klopfte leise
an die Tür. Der starke Mann kam heraus, und der Edelmann
rief ihm zu: »Du bist der Teufel!« — »Ja«, sprach der starke
Mann, »der Teufel in eigener Person«, und damit stieß er
ihn die Treppe hinunter.
Und der Teufel lebt jetzt noch dort.
Doch nun muß ich eine große Wurst dafür bekommen, daß
ich dir diese Lüge erzählt habe.