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Worum es geht
Unter Kreationismus wird die Lehre verstanden, dass alles, was heute existiert wie in der Bibel beschrieben vor einigen tausend Jahren durch Gott geschaffen (="kreiert") wurde. Er ist direkt verwandt mit der Theorie des "intelligent design", nach welcher sich die heutigen Lebewesen nur dadurch erklären liessen, dass sie gezielt von einem "intelligenten Designer" - von Gott - geschaffen worden seien (vgl. dazu »Thomas Nagel: Geist und Kosmos). Kreationismus und intelligent design stehen in Gegensatz zur wissenschaftlichen Evolutionstheorie: stimmt diese, sind Kreationismus und intelligent design notwendigerweise falsch. Christliche Fundamentalisten vor allem in den USA versuchen deshalb zum einen zu zeigen, dass die Evolutionstheorie falsch ist, zum anderen, dass das "intelligent design" eine wissenschaftliche Theorie ist, die gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie im Schulunterricht gelehrt werden müsse. Denn nur so lässt sich eine wörtliche Auslegung der Bibel "retten".
Versuche, die Evolutionstheorie zu widerlegen
Kreationisten sind sehr einfallsreich, wenn es darum geht Argumente zu finden, welche die Evolutionstheorie angeblich widerlegen. Viele Wissenschaftler haben viel Zeit darauf verwendet, gegen diese Argumente Stellung zu nehmen und aufzuzeigen, warum sie falsch sind (einige Beispiel folgen weiter unten im Text). Dieses Unterfangen ist allerdings deshalb aussichtslos, da diese Gegenargumente oft ignoriert werden, respektive bereits neue "Zweifel" an der Evolutionstheorie vorgebracht werden, denen dann wiederum entgegnet werden muss. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass viele Kreationisten der Überzeugung sind, dass ein einziges Argument gegen die Evolutionstheorie genügt, um diese als Ganzes zu widerlegen. Weiss man also auf ein Argument gerade spontan nichts zu entgegnen, ist das für viele Kreationisten der Beweis dafür, dass die Evolutionstheorie falsch und damit der Kreationismus wahr ist.
Dabei handelt es sich aber natürlich um einen Fehlschluss. Denn auch wenn die Evolutionstheorie falsch sein sollte (was für die Evolutionstheorie als Ganzes faktisch ausgeschlossen werden kann) bedeutet das nicht, dass damit der Kreationismus wahr sein könnte. Stimmt die Evolutionstheorie ist der Kreationismus falsch. Wäre die Evolutionstheorie falsch, bliebe der Kreationismus falsch. Dies lässt sich besonders gut damit zeigen, dass man der Forderung der Kreationisten nachkommt und den Kreationismus als wissenschaftliche Theorie betrachtet.
Ist der Kreationismus wissenschaftlich?
In den USA scheint die Vorstellung schon sehr weit verbreitet zu sein, dass der Kreationismus eine wissenschaftliche Theorie sei. Besonders eindrücklich zeigt sich das im Buch "Religion ohne Gott" vom anerkannten Philosophen und Rechtsexperten Ronald Dworkin, der unter anderem in Oxford und New York gelehrt hat. Sein Buch basiert auf den von ihm gehaltenen "Einstein-Vorlesungen" an der Universität Bern (Dworkin 2014). Darin schreibt Dworkin in Bezug auf die "herkömmlichen, theistischen Religionen" wie Judentum, Christentum und Islam: "Im wissenschaftlichen Teil werden Antworten auf wichtige Tatsachenfragen gegeben, die die Entstehung und Geschichte des Universums, den Ursprung des menschlichen Lebens und das Leben nach dem Tod (ob es das gibt oder nicht) betreffen. Diese Antworten besagen, dass ein allmächtiger und allwissender Gott das Universum erschaffen hat, über die Leben der Menschen richtet, ein Leben nach dem Tod garantiert und auf Gebete reagiert. ... Ich will lediglich sagen, dass viele Religionen in diesem Teil Aussagen darüber machen, was der Fall ist... Ich nenne diese Tatsachenbehauptungen allesamt "wissenschaftlich" kraft ihres Inhalts und nicht kraft ihrer Begründung." (S. 29f.) Oder auf Seite 34: "Natürlich ist die Existenz eines personalen Gottes - eines übernatürlichen, allmächtigen, allwissenden und liebenden Wesens - eine ziemlich exotische wissenschaftliche Tatsache. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine solche handelt...". Solche Sätze aus dem Munde eines anerkannten Universitätsprofessors zu hören, ist alarmierend. Es ist deshalb umso wichtiger zu zeigen, warum der Kreationismus keineswegs eine wissenschaftliche Theorie ist.
Denn eine solche muss überprüfbar und falsifizierbar (widerlegbar) sein. Überprüft man nun die biblische Schöpfungslehre ergeben sich schnell Probleme: warum findet man Knochen von Dinosauriern, welche offensichtlich älter sind als jene von Menschen? Manche Kreationisten beantworten diese Frage mit dem Hinweis, dass die Methoden der Altersbestimmung falsch seien und Dinosaurier zugleich mit Menschen gelebt hätten. Andere argumentieren, dass Gott die Welt inklusive bereits fossiler Dinosaurierknochen geschaffen habe (diese hätten also gar nie gelebt...), um den Glauben der Menschen zu prüfen. Offensichtlich eröffnet sich auch hier schnell eine sinnlose Debatte.
Einfacher ist es an anderer Stelle anzusetzen: der Sintflut (Bibel: Die Sintflut). Gemäss der Bibel müsste diese rund 2500 Jahre vor Christus stattgefunden haben, also in etwa der Zeit, als in Ägypten die Pyramiden gebaut wurden. Die Sintflut soll alle Lebewesen, die "durch die Nase atmen" (gemäss der Lutherbibel: "Alles, was einen lebendigen Odem hatte auf dem Trockenen") getötet haben - alleine die Tiere auf der Arche Noah sollen überlebt haben. Dies würde allerdings bedeuten, dass die Ahnen aller Tiere vor weniger als 5000 Jahren im Nahen Osten, wo die Arche Noah gestrandet sein soll, sich auf die Reise gemacht haben müssten zu ihren heutigen Siedlungsgebieten. Dies müsste sich überprüfen lassen. Finden sich Knochen oder Überreste von Kängurus im Gebiet zwischen Nahem Osten und Australien? Wie haben es die Kängurus innert weniger tausend Jahren auf dem nicht existierenden Landweg nach Australien geschafft? Existiert eine Landbrücke oder können Kängurus eine so grosse Distanz schwimmend überbrücken? Mussten sie dazu aber nicht auf verschiedenen Inseln halt machen? Finden sich irgendwo entsprechende Spuren? Und wie schaffte es der Vogel Kiwi, der weder fliegen noch schwimmen kann nach Neuseeland? Dass eine solche Überprüfung leicht möglich ist, ist offensichtlich, dass sie negativ ausfällt ebenso klar. Damit aber ist der Kreationismus aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig widerlegt.
Kreationismus vs. Evolutionstheorie
Die Frage stellt sich nun, warum ein einziges Beispiel (Arche Noah) genügt, um den Kreationismus zu widerlegen, die vielen Einwände, die Kreationisten gegen die Evolutionstheorie vorbringen aber diese nicht widerlegen sollen. Dies hat viele Gründe, von denen hier nur einer erwähnt werden soll. Beim Kreationismus handelt es sich um ein Theoriengebäude, das seine Gültigkeit auf der Wahrheit der Bibel gründet. Enthält die Bibel als göttliches Wort Fehler, dann macht entweder Gott Fehler oder es ist völlig unklar, was in der Bibel wahr sein soll und was nicht. Kreationisten gehen nun davon aus, dass die Bibel fehlerfreies göttliches Wort ist, was demnach auch für die Schöpfung und die Geschichte mit der Arche Noah gelten muss. Haben sich aber Tierarten seit ihrer Schöpfung nicht evolutionär verändert und stammen alle heutigen "durch die Nase atmenden" Tiere von jenen der Arche Noah ab, dann enthält die biblische Lehre einen Widerspruch: auf einem gemäss der Bibel rund 150 Meter langen, 25 Meter breiten und 15 Meter hohen Schiff mit drei Stockwerken hatten schlicht nicht alle "durch die Nase atmenden Tiere" wohl inklusive Dinosauriern Platz.
Die Evolutionstheorie ist da viel flexibler, da es sich dabei nicht um ein Dogma, sondern eben um eine Theorie handelt, die auch in vielerlei Hinsicht angepasst werden kann. Die Evolutionstheorie mag durchaus in vielen Einzelheiten noch nicht ausgereift und sogar falsch sein, dies bedeutet aber nicht, dass sie als Ganzes falsch wäre. Dies ist sogar logisch unmöglich, da sich der Kern der Evolutionstheorie wie folgt zusammenfassen lässt: "es überlebt, wer überlebt". Wer diesen Kern in Frage stellt müsste der Aussage zustimmen, dass nicht überlebt, wer überlebt - ein offensichtlich aussichtloses Unterfangen.
Wenn nun aber nicht alle Lebewesen auf der Erde überleben (eine auch von Kreationisten unbestrittene Tatsache) und wenn nicht alle Lebewesen der gleichen Art absolut identisch sind (ebenfalls eine nicht ernsthaft bestreitbare Tatsache), dann werden sich Lebewesen über lange Zeit allmählich verändern. Es werden langfristig jene Eigenschaften überleben, welche dem Überleben dienen und jene Eigenschaften werden aussterben, welche dem Überleben hinderlich sind. Diese Grundidee lässt sich leicht überprüfen und das Resultat ist eindeutig: Bakterien bilden schon nach kurzer Zeit Resistenzen, Vögel passen sich innert weniger Generationen an eine neue Umgebung an wie Studien mit Galapagos-Finken gezeigt haben, jeder Züchter kann innert weniger Generationen neue Rassen züchten, die Grundidee der Evolutionstheorie hat sich wissenschaftlich bewährt.
Einwände gegen die Evolutionstheorie
Hinderliche Eigenschaften
Es mag nun allerdings eingewandt werden, dass manchmal auch Eigenschaften überlebten, welche dem Überleben eigentlich hinderlich seien. So behindere beispielsweise das Pfauenrad das Überleben des Pfaus, da diese Auffälligkeit auch seinen Fressfeinden auffiele. Solche Bewertungen sind stets heikel, da die Evolution einfach passiv funktioniert: existieren Pfaus, dann hat das Pfauenrad für ihn mehr Vor- als Nachteile. So schreckt es Feinde auch ab und hilft bei der Partnerwahl, da ein prächtiges Gefieder für Pfauenweibchen ein Hinweis für Gesundheit des Partners ist.
Zufall genügt nicht
Ein anderer häufig vorgebrachter Einwand besteht darin, dass sich so komplexe "Dinge" wie Gehirne, Augen, Leben oder Bewusstsein nicht evolutionär, also "zufällig" hätten entwickeln können. Hinter diesem Einwand steht aber vor allem ein Unverständnis des evolutionären Prozesses, der genau dies viel besser erklären kann als jede andere Theorie: Augen und Gehirne haben sich graduell über Jahrmillionen entwickelt und sind immer komplexer geworden, wie sich nur schon daran zeigen lässt, dass Augen und Gehirne bei verschiedenen Tieren einen vergleichbaren Aufbau haben und sich so ein Stammbaum erstellen lässt. Besonders eindrücklich gelingt dies bei den fünf Fingern, welche sich vom Grundaufbau her bei Fischen, Vögeln oder Säugetiere finden, wo sie einfach jeweils eine andere Form und Funktion übernehmen. Auch der Übergang vom "Nichtleben" zum Leben ist heute grösstenteils erklärbar, rund um Bewusstsein gibt es zwar noch viele offene Fragen, doch auch hier handelt es sich definitiv um ein graduelles, mit der Evolutionstheorie vereinbares Problem (vgl. dazu »Löst der Materialismus das Körper-Geist (mind-body) Problem?).
es kann nicht so sein...
Mit der Evolutionstheorie lässt sich sehr, sehr vieles mit grosser Genauigkeit erklären, weshalb solche Einzelbeispiele wenig stichthaltig sind. Nur weil man etwas nicht erklären kann, bedeutet das nicht, dass es nicht ganz natürlich funktioniert. So lassen sich die Tricks von Zauberern ganz natürlich erklären, auch wenn eine Erklärung absolut unmöglich und unvorstellbar erscheint. Die Entstehung von Augen, Leben oder Bewusstsein mag in diesem Sinne subjektiv unerklärbar und für das Empfinden vieler Menschen unvorstellbar und unwahrscheinlich sein, sie ist aber keineswegs unmöglich. Wie sich Augen, Gehirn, Finger oder Leben entwickelt haben, lässt sich heute zumindest grösstenteils erklären und auch die evolutionäre Entstehung von Bewusstsein ist kein so grosses Rätsel wie es vielen erscheint: schliesslich entsteht und vergeht Bewusstsein jeden Tag mehrfach, was ein Hinweis dafür ist, dass es sich dabei um einen ganz normalen, natürlichen und letztlich einfachen Prozess handelt. Die Entstehung des ersten Bewusstseins wird auf denselben Prinzipien basiert haben - einfach noch in sehr einfacher Form. Das erste Bewusstsein war vermutlich nur zweiwertig (z.B. Wahrnehmung von hell und dunkel) und wurde allmählich komplexer ( »Löst der Materialismus das Körper-Geist (mind-body) Problem?). (»Es kann nicht so sein...)
Entwicklungssprünge
Lässt sich sogar die Entstehung von Bewusstsein als ein gradueller Prozess verstehen, verlieren andere Einwände gegen die Evolutionstheorie schnell an Überzeugungskraft. So wird gerne eingewandt, dass ein halber Flügel einem Vogel keine Vorteile bringe, er damit nicht fliegen könne. Wie sollen sich also Flügel evolutionär entwickelt haben? Auch hier handelt es sich allerdings primär um ein Missverständnis wie die Evolutionstheorie funktioniert. Flügelstummel können Vorteile bieten bei der Flucht, beim Ausbalancieren des Gleichgewichts oder es lässt sich damit sogar schon eine kurze Strecke fliegend überbrücken. Das Ausbilden von Federn ermöglichte noch flugunfähigen Vögeln eine bessere Wärmespeicherung. Da es zudem noch heute Vogelarten gibt, die nicht mehr fliegen können, die nie fliegen konnten oder auch solche, welche kaum fliegen können wie der Pfau, scheinen auch "halbe Flügel" Vorteile bieten zu können. Vor allem aber basiert der Knochenaufbau von Flügeln wie bereits erwähnt auf dem gleichen Bausatz wie jener der Arme von Menschen oder der Flossen von Fischen. Flügel mussten nicht neu "erfunden" werden, sondern lassen sich graduell zurückführen auf die gleichen Bauteile, wie sie schon bei Fischen vorhanden waren, wie eine Animation im »Film "Die wunderbare Artenvielfalt" eindrücklich zeigt (vgl. dazu auch den »Film Evolution: Gutes Design, schlechtes Design, ab ca. 6:00). Gerne wird auch der Flagellenmotor von Bakterien erwähnt, dessen Entstehung sich wirklich unmöglich evolutionär und graduell erklären lasse, da er "irreduzibel komplex" sei. Allerdings ist auch dieses Problem inzwischen grundsätzlich gelöst, wie Ansgar Beckermann in seinem Buch "Glaube" (2013) eindrücklich zeigt (Beckermann: irreduzible Komplexität). Kreationisten werden aber gleichwohl nicht müde, weitere Einzelbeispiele zu suchen, welche angeblich definitiv bewiesen, dass die Evolutionstheorie als Ganzes falsch sei. Dass diese Strategie politisch sehr wirkungsvoll ist, ist leider eine Tatsache. Sie erbringt aber weder einen wirklichen Erkenntnisgewinn, noch lässt sich mit ihr die Evolutionstheorie widerlegen.
Lücken
Denn selbstverständlich gibt es noch viele Lücken in der Evolutionstheorie, also Bereiche, die noch nicht komplett verstanden sind. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden aber sehr viele dieser Lücken geschlossen und die Evolutionstheorie wird immer vollständiger. So wurde lange gegen die Evolutionstheorie eingewandt, dass es keine Tiere gebe, welche sich "zwischen" zwei Arten befänden oder die eine Mischung aus Vogel und Säugetier seien etc. Solche Lücken würden bedeuten, dass es den von der Evolutionstheorie behaupteten graduellen Übergang zwischen Arten nicht gebe. Viele dieser behaupteten Lücken wurden allerdings längst geschlossen und es existieren auch heute flugunfähige Vögel (z.B. Strauss, Kiwi), es gibt hybride Fische, die sowohl an Land wie auch im Wasser leben können (z.B. Schlammspringer), es gibt fliegende Fische, Maultiere sind eine Mischung aus Esel und Pferd, können aber selbst keine Nachkommen zeugen etc. Was es allerdings nicht gibt sind z.B. Mischungen aus Säugetier und Vogel, da deren Urahn vor sehr langer Zeit weder Säugetier noch Vogel war und sich aus ihm heraus zum einen Vögel (welche verwandt sind mit Krokodilen) und zum anderen Säugetiere entwickelt haben. Dies schliesst aber nicht aus, dass es nicht trotzdem flugfähige (Fledermäuse) oder schwimmende (Wale) Säugetiere gibt, was sich evolutionär leicht, kreationistisch aber nicht wirklich sinnvoll erklären lässt.
Es gibt natürlich noch viele weitere solche Einwände, die meist auf einem falschen Verständnis der Evolutionstheorie beruhen und den Kern der Evolutionstheorie kaum je überhaupt berühren. Angesichts der Tatsache, dass zwar eine Sintflut stattgefunden haben könnte, dass die Geschichte rund um Noah aber nachweislich falsch ist, müssten zudem die Einwände gegen die Evolutionstheorie von anderer Art sein. Wäre die Evolutionstheorie tatsächlich falsch, wie Kreationisten annehmen, dann müsste aus wissenschaftlicher Perspektive eine Alternative dazu entwickelt werden, welche all dies erklären kann, was die Evolutionstheorie erklären kann - und sie müsste zusätzlich sämtliche vorgebrachten Einwände gegen die Evolutionstheorie erklären können.
Vorhersagen / Prophezeiungen
Dass dies der biblischen Schöpfungslehre nicht gelingt ist offensichtlich. Sie ist keinesfalls eine Alternative zur Evolutionstheorie, was sich wiederum an deren Wissenschaftlichkeit zeigen lässt. So zeichnet sich die Evolutionstheorie auch dadurch aus, dass sich mit ihr Vorhersagen machen lassen. So finden sich in Gesteinsschichten, welche als 400 Millionen Jahre alt bestimmt wurden keine Tiere mit Füssen, in Gesteinsschichten, deren Alter mit rund 300 Millionen bestimmt wurde jedoch durchaus. Die evolutionäre Entwicklung von Füssen musste deshalb zwischen diesen beiden Zeitangaben stattgefunden haben. Gezielt wurden deshalb Gesteinsschichten gesucht, deren Alter auf zwischen 300 und 400 Millionen Jahre geschätzt wurde und von denen anzunehmen war, dass sie Fossilien enthielten. Und in der Tat konnte hier der Tiktaalik gefunden werden, ein Tier, das als "missing link" zwischen Fisch und Landlebewesen mit Füssen gilt. Mit der Bibel lassen sich keine solchen Vorhersagen machen - selbst die Arche Noah wurde bis heute nicht gefunden. Wären aber alle Landlebewesen (je nach Übersetzung auch alle Vögel) wie in der Bibel beschrieben durch die Sintflut umgekommen (mit Ausnahme jener auf der Arche), dann müssten sich fossile Spuren davon finden lassen, wäre eine ganz andere Verteilung der Fossilien zu erwarten. Es lassen sich also durchaus Vorhersagen machen mit der Bibel - diese Vorhersagen lassen sich aber empirisch nicht belegen, respektive sogar eindeutig widerlegen.
In diesem Zusammenhang wird allerdings gerne eingewandt, dass die Bibel durchaus sehr viele Vorhersagen gemacht habe und viele dieser Prophezeiungen seien auch eingetreten. Betrachtet man die Sache aber etwas genauer, fällt einmal auf, dass viele Prophezeiungen als Voraussagen der Zukunft - nicht eingetroffen sind. Treffen aber viele Prophezeiungen gar nicht ein (z.B. dass das Himmelreich innerhalb einer Generation auf Erden errichtet werden würde, z.B. Mk 9,1, Mt 16,28, Lk 9,27, Offenbarung 3,11 etc.), dann verlieren die Prophezeiungen natürlich an Glaubwürdigkeit. Zudem lässt sich leicht erklären, warum manche Prophezeiungen scheinbar eingetroffen sind. So sind manche Prophezeiungen äusserst vage, wurden andere Prophezeiungen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, wurden wieder andere im Nachhinein "passend" gemacht (Binder: Prophezeiungen). Prophezeit man etwas, das in den nächsten hundert oder mehr Jahren eintreffen soll und verwendet man dabei sehr vage Umschreibungen, ist es fast unmöglich, dass nicht die eine oder andere "Prophezeiung" eintrifft.
Dies lässt sich mit einem Beispiel gut illustrieren. Neil Marshall hatte drei Jahre vor dem 11. September 2001 die folgende "Prophezeiung" gemacht: "In der City of God wird ein großer Donner herrschen. Zwei Brüder werden von Chaos auseinandergerissen. Während die Festung Leid erträgt, wird ein großer Führer unterliegen." Eine erstaunlich präzise "Prophezeiung" des Anschlags auf das World Trade Center und diese von einem einfachen Studenten (genauere Informationen darüber finden sich in Kuch 2014, S. 15f.).
"Prophezeiungen" lasssen sich mit verschiedenen Tricks erstellen - man darf nur nicht allzu präzise sein und keine exakten Orts- und Zeitangaben machen. In Bezug auf die Bibel erstaunt allerdings, dass sich seit 2000 Jahren keine eindeutigen Prophezeiungen mehr zu bewahrheiten scheinen. Zumal von einem allmächtigen Gott auch sehr exakte Prophezeiungen zu erwarten wären. Sam Harris formulierte diesen Gedanken wie folgt: "[Wenn die Bibel tatsächlich ein prophetisches Produkt eines Allwissenden wäre, könnte man] zum Beispiel davon ausgehen, dass sie unbedingt die folgende Passage enthalten würde: "In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Menschheit nach Regeln, wie ich sie in Levitikus darlegte, ein globales Computernetzwerk entwickeln, das den Namen Internet erhält." Derartiges findet sich nicht in der Bibel. Tatsächlich steht in ihr kein einziger Satz, der nicht von jedem Mann und jeder Frau im 1. Jahrhundert hätte geschrieben werden können." Sam Harris in Huber 2014, S. 100.
Evolution oder Intelligent Design
Mit der Evolutionstheorie lässt sich zwar nichts Gewisses über die Zukunft aussagen, es lässt sich mit ihr dafür sehr genau erklären, wie es zur Gegenwart gekommen ist - oder wie Kängurus nach Australien kamen (vgl. dazu den »Film Evolution: Gutes Design, schlechtes Design, ab ca. 4:50). Da sich die Kontinente der Erde langsam gegeneinander verschieben, sah die Erde vor einigen Millionen Jahren ganz anders aus als heute. Australien war unter anderem einst verbunden mit Südamerika - weshalb es gemeinsame Vorfahren gibt von südamerikanischen und australischen Tieren. Da sich die Kontinente danach aber getrennt haben, haben sich die Tierarten auf den beiden Kontinenten sehr unterschiedlich entwickelt. Nicht nur zeitlich, sondern auch geographisch lassen sich deshalb evolutionäre Stammbäume herstellen.
Die evolutionäre Abstammungsgeschichte ist auch ein starkes Argument gegen das "intelligent design". Gerade der Mensch zeigt viele Merkmale, welche nicht von Intelligenz, sondern von einer evolutionären Entwicklung zeugen. So ist der menschliche Körper nicht geschaffen für den aufrechten Gang, sondern hat sich nachweislich aus einem Körper heraus entwickelt, der im Wasser entstanden ist und quasi für ein Leben im Wasser "geschaffen" wurde. Viele menschliche Gebrechen wie Rückenschmerzen lassen sich so leicht erklären. Im oben erwähnten »Film wird dies ab ca. 7:10 sehr schön dargestellt. Der Mensch ist kein gutes Design, sondern er enthält viele Formen von fehlerhaftem Design.
Fazit
Eigentlich ist es faszinierend, dass es überhaupt eine Auseinandersetzung mit dem Kreationismus, respektive der biblischen Lehre gibt. Auf der Arche Noah hatten nicht alle Tiere Platz, wie hätte Noah von jedem "durch die Nase atmenden" Tier ein Weibchen und ein Männchen finden können, wie konnte er Känguruhs in den Nahen Osten schaffen, wovon haben sich die Tiere ernährt, was getrunken? Gegen solche biblischen Erzählungen erscheinen viele Märchen als äusserst vernünftig, ist der Glaube an den Weihnachtsmann, dem man ja selbst begegnet ist, richtig gut begründet. Der Glaube an die biblische Schöpfungslehre erscheint derart naiv, dass es nicht erstaunen muss, dass eine rationale Auseinandersetzung mit vielen Kreationisten wenig Aussicht auf Erfolg hat. Dies lässt sich allerdings leicht psychologisch erklären:
"Ein weiteres Problem in Bezug auf unsere Vorstellungen [...] ist die irrationale Beharrlichkeit, mit der wir auf ihnen beharren. Selbst der größte Irrglaube genießt in unverdientem Maße unseren Schutz vor Ablehnung und Widerlegung. Unsere Neigung, Belege für jede Hypothese zu suchen, der wir zufällig gerade anhängen, unsere Schwäche, passende Beweise einfach zu erfinden, und unser starrsinniges Festhalten an unserem Glauben machen deutlich, wie leicht unsere unsoliden wissenschaftlichen Strategien negative Folgen haben können." (Fine 2013, S. 84).
Auswahlbibliographie