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Als Kanonenkugeln über Höngg und Wipkingen flogen
25. September 2020 von Stefan Hohler
Online seit
25. September 2020
Printausgabe vom
01. Oktober 2020
Dieser aussergewöhnliche Tatort unterscheidet sich stark von anderen und liegt bereits über 200 Jahre zurück: Auch wenn heute nichts mehr ausser einigen skurrilen Strassen- und Ortsnamen daran erinnert, verbreiteten Napoleons Truppen damals Angst und Schrecken.
Die beiden Schlachten um Zürich spielten sich 1799 während des zweiten Koalitionskrieges ab. Rund 90 000 Soldaten aus Frankreich, Österreich und Russland waren in Zürich stationiert und zogen die Bevölkerung in Mitleidenschaft. Bei der ersten Schlacht um Zürich zwischen dem 2. und 6. Juni 1799 war vor allem das Gebiet Käferberg-Milchbuck-Zürichberg-Adlisberg betroffen. Die Schlacht endete mit einem Sieg der österreichisch-russischen Koalitionstruppen. Knapp vier Monate später wendete sich das Blatt bei der zweiten Schlacht um Zürich. Am 25. September 1799 konnten die Truppen des französischen Generals Masséna bei Unterengstringen die Limmat überqueren und über Engstringen und Höngg gegen Zürich vorrücken. Die österreichischen und russischen Armeen wurden geschlagen und zogen sich aus der Schweiz zurück, die damit wieder unter die Kontrolle der Franzosen kam. Die Namen Dietikon und Zürich sind im Triumphbogen in Paris eingemeisselt – neben über 130 weiteren Schlachten, welche Napoleons Armeen gewonnen haben. Als dritter Schweizer Ort ist übrigens auch Mutta Thal (so geschrieben) verzeichnet; bei Muotatal im Kanton Schwyz erlitt der russische General Suworow nach einer verunglückten Alpenüberquerung sein grosses Debakel.
Auf dem Müseli auf der Waid, wo heutzutage im Winter die Kinder schlitteln, lag damals eine Kanonenstellung der russischen Armee. Auch ein Waldweg im Hönggerberg mit dem harmlos klingenden Namen «Russenbrünnelistrasse» erinnert an die damalige Besatzung. Die heutige Wieslergasse, eine kleine Strasse zwischen der Limmattal- und der Regendorferstrasse nahe des Zwielplatzes, nannte die Bevölkerung zu jener Zeit «Russengasse», weil die russischen Soldaten am 25. und 26. September 1799 an diesem Ort stationiert waren.
Im Jahr 1801 wurden die Kriegsschäden durch die kantonalen Behörden beziffert: Über 3 000 Franken entstanden durch Schäden an Häusern, Scheunen und zwei Trotten durch Beschiessungen. Des Weiteren kam es zu Verlusten von über 20 000 Franken wegen Plünderungen sowie von über 30 000 Franken wegen «Waldschändung durch Verhau», so beschreibt es der ehemalige Höngger Notar Georg Sibler in seinem Buch «Ortsgeschichte Höngg» von 1998.
«Russenhöhle» im Gubrist
Auch im Gubrist, einem 615 Meter hohem Hügel zwischen Oberengstringen und Regensdorf, erinnert die sogenannte «Russenhöhle» an Kriegszeiten. Die Höhle sei länglich und führe etwa 30 bis 50 Meter in den Berg hinein. Auf einer arenaartigen Wölbung des Bodens soll sich der Höhleneingang auf der linken Seite des Weges befinden. «Man musste durch den sehr schmalen Eingang kriechen, konnte dann aber sofort aufrecht stehen. Der Boden war teilweise feucht», erzählte der ehemalige Pfadfinder Walter Sommerhalder in der «Schweiz am Wochenende». Er hatte die Höhle mit elf Jahren zum ersten Mal betreten und versucht seither, sie wiederzufinden. Die Russen hätten dank der Höhle schnell von der einen auf die andere Seite des Berges fliehen können. Am Gestein könne man noch die Spuren von Spitzhacken sehen, mit denen die Höhle von russischen Soldaten gegraben wurde, weiss Sommerhalder. «Sie sollen sich so 1799 vor den napoleonischen Truppen des Generals Masséna, die ja bekanntlich bei Dietikon die Limmat überschritten haben, versteckt haben», so Sommerhalder weiter.
Viele Jahrzehnte später ist die Höhle jedoch zugedeckt und unauffindbar für Sommerhalder, der sich gemeinsam mit seiner Tochter Andrea auf die Suche nach dem geheimnisvollen Ort machte. Mehrere Stunden verbrachten die beiden im Wald des Gubrists – ohne Erfolg. Doch der ehemalige Pfadfinder denkt nicht ans Aufgeben. «Ich werde weitersuchen. Vielleicht kann mir der Förster oder ein Historiker helfen. Ich möchte die Höhle unbedingt wiederfinden», erklärt Walter Sommerhalder. Die Russenhöhle sei für ihn ein Mysterium, das er auf jeden Fall noch einmal sehen müsse.
Russen waren auch in Weiningen
Nicht nur im Kreis 10, sondern auch in Weiningen im Limmattal, das für seinen Weinbau bekannt ist, waren die Russen stationiert und versuchten die Überquerung der Limmat durch die Franzosen zu verhindern. Diese hatten schon seit Wochen Boote von verschiedenen Gewässern herbeigeschafft. Am Morgen des 25. September um 4.45 Uhr überquerten die ersten Franzosen den Fluss und schon zwei Stunden später erreichte die französischen Vorhuten das Kloster Fahr und plünderten es.
Dieses Ereignis hinterliess bei der Bevölkerung seine Spuren. So finden sich in Erzählungen diverse Anekdoten aus jener Zeit, als sich Russen und Franzosen im Limmattal aufhielten. 1915 berichtete der Weininger Sekundarlehrer Oskar Lüssi in seinem Buch «Aus schwerer Zeit», dass die russischen Soldaten im Wald bei Weiningen ihr Lager aufgeschlagen hätten. «Sie fällten Bäume bis zur Brusthöhe; offenbar in der Absicht, einen besseren Überblick über das Gelände und ein freies Schussfeld zu haben, ohne selbst bemerkt zu werden», schrieb Lüssi in seinem Buch. Weininger Frauen hätten den Soldaten ihr Mittagessen gebracht, generell konnte sich die lokale Bevölkerung nicht stark beklagen. Die Jungfrauen hätten jedoch während dieser Zeit Hausarrest gehabt. Die Russen hätten die Weininger sogar in ihren Häusern besucht und sollen einige Backöfen beansprucht haben.
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25. September 2020
Printausgabe vom
01. Oktober 2020