Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/520

Die Familie der Orchideen ist aufgrund ihres Formen- und Farbenreichtums gleichermassen bekannt und beliebt. Weltweit sind rund 25 000 Arten dieser einkeimblättrigen Pflanzen bekannt. Orchideen kommen in allen Erdteilen vor und besiedeln mit Ausnahme der Gewässer und Wüsten alle Lebensräume. Während in den Tropen Orchideenarten dominieren, welche auf anderen Pflanzen wachsen (Epiphyten), wurzeln die einheimischen Arten im Boden.
Orchideen produzieren eine grosse Menge an mikroskopisch kleinen Samen. 100 000 Samen wiegen etwa ein Gramm; durch ihr geringes Gewicht können sie durch den Wind weit verbreitet werden. Orchideen können auch schmackhaft sein: Aus den Früchten der tropischen Orchidee Vanilla planifolia wird das gleichnamige Gewürz gewonnen.
Den kleinen Orchideensamen fehlt ein Nährgewebe (Endosperm). Zur Keimung sind sie deshalb auf eine Symbiose mit Wurzelpilzen (Mykorrhiza) angewiesen, welche die keimende Jungpflanze mit Nährstoffen, Aminosäuren, Vitaminen und Hormonen versorgen. Die feinen Pilzfäden (Hyphen) dringen bereits durch die aufquellende Haut in den Samen ein. Erst zwei bis drei Jahre nach der Produktion von Blattgrün (Chlorophyll) in den Blättern sind die Jungpflanzen nicht mehr vom Pilz abhängig und können die wichtigen Grundstoffe wie Zucker, Stärke oder Eiweiss selbst produzieren. Der im Baselbiet sehr seltene Dingel (Limodorum abortivum) bildet dagegen kein Blattgrün und ist zeitlebens von der Symbiose mit Wurzelpilzen abhängig.
Der spektakuläre Blütenbau der Orchideen dient der Bestäubung durch Insekten. Diese werden durch Blütenfarbe und Blütenduft zur Landung auf der Lippe bewogen. Auf der Suche nach Nektar krabbelt das Insekt zum Sporneingang; dabei wird es von der Zeichnung der Lippen geleitet. Beim Berühren der Griffelsäule wird dem Bestäuber ein Paket mit Blütenstaub (Pollinium) an den Kopf oder den Rüssel geklebt. Wenn das Stielchen des Blütenstaubpakets austrocknet, neigt es sich um 90 Grad nach unten. Bei einem nächsten Blütenbesuch zielt das Paket nun genau auf die Narbe. Dort bleibt es haften und überträgt hunderte bis tausende von Pollenkörnern.
Bei den Ragwurzarten täuschen Blütenlippe und Duft ein Weibchen vor. Die irregeführten Männchen erhalten beim Versuch einer Begattung den Blütenstaub aufgeklebt und lassen sich bei der nächsten Pflanze wieder von der Blütenlippe täuschen und übertragen so das Blütenstaubpaket.
Einzelne Orchideenarten haben sich spezialisiert und locken oft nur eine einzige oder wenige Bestäuberarten an. Diese Strategie ermöglichte ein Zusammenleben mehrerer Orchideenarten am gleichen Ort, wodurch sie sich zur artenreichsten Familie der Blütenpflanzen entwickeln konnten. Artenreiche Halbtrockenrasen verarmen, weil sie gedüngt und häufiger gemäht werden. Umgekehrt verschwinden wertvolle orchideenreiche Flächen auch, wenn die ursprüngliche Wiesen- oder Weidenutzung aufgegeben wird. Die Flächen verbrachen und verbuschen später. Auch der Eintrag von Stickstoff aus der Luft in sdie Böden macht den Orchideen zu schaffen. Ebenfalls stark bedroht sind die Orchideen der Feuchtgebiete und Moore, während die Arten der Wälder dank der wenig intensiven Bewirtschaftung nur in Einzelfällen akut bedroht sind.
Der Botanische Garten Basel beherbergt mit über 1700 Arten eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Sammlung von lebenden Wildorchideen. Neben den vielen epiphytischen Arten aus den Tropen werden auch einheimische Arten betreut. In den Jahren 2000 bis 2008 hat der Botanische Garten ein Artenschutzprojekt zur Förderung des Frauenschuhs (Cypripedium calceolus) durchgeführt. Der einzige verbliebene Baselbieter Standort im Raum Langenbruck drohte zu verschwinden. Samen dieser Population wurden in einer Ex-situ-Kultur während fünf bis acht Jahren zu Jungpflanzen herangezogen, die nach ihrer Wiederausbringung die bestehende Population stärken sollen.
Der Frauenschuh (Cypripedium calceolus) wächst vor allem in lichten Wäldern und bevorzugt kalkhaltige Böden. Er wird 60 Zentimeter hoch und blüht von Mai bis Juni. Namensgebend ist der pantoffelförmige Vorderteil der Blüten, welcher als Kesselfalle fungiert. Der Frauenschuh besitzt einen Sporn, bietet aber keinen Nektar an. Er ist eine sogenannte Nektartäuscherblume. Er lockt Insekten mittels Duftstoffen an. Landen die Insekten auf dem glitschigen Pantoffel, finden sie keinen Halt und rutschen in die Kesselfalle. In der Falle werden sie nicht «gefressen», jedoch zur Bestäubung missbraucht. Der einzige Weg ins Freie führt am Stempel und an den Staubblättern vorbei.
DK / CE