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Warum es sich lohnt, auf Reisen das Tempo zu drosseln und Sehenswürdigkeiten zu ignorieren: Slow Travel eröffnet neue Horizonte und schärft die Sinne.
In London möchten Touristen den Buckingham Palace besuchen und eine rote Telefonzelle fotografieren. In Paris muss es natürlich der Eiffelturm sein und in Pisa der schiefe Turm. Orte also, an denen sich kaum Einheimische aufhalten.
«Die meisten von uns klappern eine Reiseroute ab, die nur die üblichen Sehenswürdigkeiten enthält», sagt der britische Reiseschriftsteller Dan Kieran. «Wenn wir auf diese Weise reisen, wollen wir unsere vorgefassten Ansichten bestätigt sehen.»
Dan Kieran hat für sich eine andere Form des Reisens entdeckt, die sich «Slow Travel» nennt. Zuerst aus rein praktischen Gründen, da er an Flugangst leidet und deshalb langsamere Verkehrsmittel wie den Zug bevorzugt. Später aus tiefer Überzeugung, weil er merkte, welche neuen Horizonte sich ihm durch das langsame Reisen eröffnen und wie sich seine Sinne schärfen.
Kieran beschreibt die Philosophie des «Slow Travel» in seinem gleichnamigen Buch auf so unwiderstehliche Weise, dass der Unterschied zwischen «Ferien machen» und «Reisen» für immer haften bleibt.
Ferien machen bedeutet, einem bestimmten Programm zu folgen, Touristenattraktionen abzuklappern oder sich an der Sonne zu entspannen. Reisen hingegen bedeutet, sich auf Unvorhergesehenes einzulassen, den Weg als Ziel zu nehmen anstatt sich möglichst schnell von A nach B befördern zu lassen sowie in die Umgebung einzutauchen. «Man wird meist mit unverhofften Freuden belohnt, wenn man darauf eingestellt ist, sich Zeit zu lassen», sagt Kieran.
Als er zum Beispiel von einer Hochzeit per Zug aus Polen zurück nach England reiste, hatte er eine bereichernde Begegnung mit einem russischen Soldaten, der sich auf der Flucht befand. Während Kieran mit ihm sprach, stellte er sich vor, wie sich seine Freunde in 10700 Metern Höhe Wiederholungen amerikanischer TV-Shows ansahen. Und von da an wusste er, dass er nie wieder auf diese Weise reisen würde.
Paradebeispiel für «Slow Travel» ist auch Dan Kierans einmonatige Tour durch England in einem alten batteriebetriebenen Milchwagen. Er absolvierte fast 1000 Kilometer mit 25 Kilometern pro Stunde und wurde bergauf sogar einmal von einer Hummel überholt. Die Menschen, die er antraf, waren begeistert von seinem Trip. Es schien ihm sogar, eine ganz neue Lebensweise entdeckt zu haben, welche die Träume anderer Menschen spiegelt.
Das erstaunt nicht, fällt es doch vielen schwer, sich auf diese etwas andere Reiseerfahrung einzulassen, da sie die Alltagshektik mit in die Ferien nehmen, wo alles einem akribischen Zeitplan unterworfen wird. So werden Ferien zur verlängerten Arbeitszeit, zu einer Flucht vor dem Arbeitsalltag, die nicht selten mit Enttäuschungen verbunden ist, weil das Erlebte nicht mit den Erwartungen übereinstimmt.
Slow Travel ist letztlich eine Haltung, ein Loblied auf das Ungeplante und auf das Loslassen. Beim langsamen Reisen geht es also primär nicht um Tempo und Entfernungen, sondern um Reflexion und Tiefgang, um bewussteres Wahrnehmen. «Es ist unerlässlich, dass man sowohl die Kontrolle als auch die eigenen Vorurteile aufgibt», so der Slow-Travel-Experte Dan Kieran.