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„Ich bin sehr stolz, im Rahmen dieser Elternversammlung zu verkünden, dass die ebenso fleißige wie intelligente Schülerin Aminata Kamara die Prüfungen mit besten Noten bestanden hat und zur Junior Secondary School in Kabala zugelassen wird.“ Die Stimme von Schulleiter Sesay schallt durch den Wald, als er den Eltern und Lehrern das Prüfungszertifikat präsentiert. Tränen des Glücks rollen über die Wangen von Mama Kaday, Aminatas Mutter. Ihr Ehemann, Pa Kamara, steht auf der anderen Seite des Schulhofs. Zuerst hatte er sich geweigert, an jenem Morgen an der Elternversammlung teilzunehmen. Überhaupt war er ja am Anfang gegen die Idee gewesen, Aminata zur Schule zu schicken. Und jetzt das:
Pa Kamara steht mit gesenktem Kopf alleine in der Ecke und Tränen laufen über seine Wangen. Herr Jalloh indes, der geschasste Verlobte von Aminata, verlässt die Feier unsicher und unbemerkt in Richtung seines Hauses, zu seinen drei anderen Frauen. Aminata eilt mit offenen Armen zu ihrer Mutter und ruft: „Nna, Nna!“ Das bedeutet in Korako, Aminatas Muttersprache, „Mutter“. Sie sieht, dass ihre Mutter weint und bittet sie, damit aufzuhören. Denn schließlich hat Aminata gerade die Prüfung bestanden und ist damit ganz nahe an die Erfüllung ihres Versprechens gekommen, eine Ausbildung vor ihrer Heirat abzuschließen. Ein Versprechen, das anfangs einer offenen Kriegserklärung zwischen Mama Kaday und Pa Kamara gleichkam – war es doch die feste Absicht des Vaters gewesen, seine einzige Tochter mit einem der einfluss-reichsten jungen Männer im Dorf zu verheiraten, der mit Vieh, Kindern und Frauen nur so prahlte. Aminata und ihre Mutter verlassen die Schule Hand in Hand, voller Stolz.
Sie laufen in Richtung ihres Grundstücks, auf dem zwei mit Flechtwerk und Gras bedeckte Häuser stehen und wo ein Schaf
sowie zwei Hühner warten. Als sie an jenem Abend an ihrer Feuerstelle zusammensitzen und ihr Abendessen aus gekochtem Reis und Maniokblättern essen, blickt Mama Kaday ihrem Mann direkt in die Augen und sagt langsam, in einem höflichen, aber bestimmten Ton zu ihm: „Du hast nicht immer Recht, wenn du einseitige Familienentscheidungen
triffst. Ich denke, ich sollte an manchen wichtigen Entscheidungen teilhaben.“ Pa Kamara hebt langsam seinen Kopf und schluckt sein Essen herunter. Er nickt. Dass Mama Kaday von ihrem Mann heute solch ein Mitspracherecht verlangt, bis dahin war es ein langer Weg – aber ein erfolgreicher.
Eine Krankenschwester als Vorbild
Mama Kaday, eine 35-jährige, starke und hart arbeitende Frau, lebt im Dorf Yiffin im westafrikanischen Sierra Leone. Sie
wohnt zusammen mit ihrer einzigen Tochter, Aminata, und ihrem Mann Pa Kamara. Während des brutalen zehnjährigen
Bürgerkriegs in den 90er-Jahren zog Aminata mit ihren Eltern in ein Camp für Vertriebene. Dort leisteten Kranken-schwestern medizinische Hilfe. Als Mama Kaday diese freundlichen, hilfsbereiten, zugleich sehr selbstbewussten Frauen
sah, erkannte sie, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Sie malte sich aus, dass auch Aminata einmal als eine dieser Hilfskräfte arbeiten könnte. Aminata, die damals sechs Jahre alt war, wurde in dieser Zeit oft von ihrer Mutter zur Gesundheitsstation des Camps und der Essensausgabe gebracht.
Mama Kaday bewunderte die Oberschwester in der Krankenstation des Camps und beschloss, sie in ihre Pläne für Aminata einzuweihen. „Vielleicht hilft sie mir mit ihrer Erfahrung weiter oder kann mir sagen, wie sie dorthin gelangte,
wo sie jetzt ist“, überlegte sich Mama Kaday. Während einer ihrer Routineuntersuchungen begann sie vorsichtig
und umsichtig, die Lebensgeschichte der Krankenschwester anzusprechen. Die Schwester erkannte schnell den Grund
des Gesprächs und war bewegt von der Entschlossenheit der Mutter, ihrer Tochter aller Widrigkeiten zum Trotz eine gute
Ausbildung zu ermöglichen. Sie erzählte, dass sie selbst aus sehr einfachen Verhältnissen stammte und dass ihre Eltern
zwar sehr arm gewesen seien, sie aber dennoch während ihrer Ausbildung immer unterstützt hätten. Ganz besonders
dankbar war sie ihrem Vater, der sogar alte Familienerbstücke verkauft hatte, um ihren Schulabschluss zu ermöglichen.
Nach dem Gespräch verließ Mama Kaday die Krankenstation mit frischem Eifer und neuem Mut für ihren Kampf um eine
gute Ausbildung ihrer Tochter.
Den zweiten Teil zu „der Mädcheneffekt“ könnt ihr am kommenden Mittwoch hier auf FrauenBlog lesen.
Aus: care_affair / care.de