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Nach dem Besuch des Kollegiums St. Michael und des Benediktinerkollegiums in Sarnen (OW) studiert Louis Cardinaux an der Rechtsschule in Freiburg (1879–1881). Anschliessend arbeitet er als Sekretär der Justizdirektion (1881–1885) und als Schreiber am Bezirksgericht See (1885–1890), bevor er als Präsident des Bezirksgerichts Saane tätig ist (1890–1894). Das Jahr 1890 ist auch für seine politische Karriere wichtig, da er bei den Ersatzwahlen vom 6. März als Abgeordneter des Saanebezirks in den Grossen Rat gewählt wird. Im folgenden Jahr wird er Ersatzrichter am Kantonsgericht.
Am 19. Mai 1894 wird er als Nachfolger des zurückgetretenen Alfred Chassot in den Staatsrat gewählt. Nach einer Neuverteilung der Direktionen wird ihm die Baudirektion übertragen, die er während 20 Jahren (1894–1914) leitet. Im Staatsrat setzt er sich rasch durch und wird so zu Pythons rechter Hand. 1904 und 1911 ist er Staatsratspräsident. Gleichsam als Baumeister des Regimes setzt er die grossen Vorhaben der «Christlichen Republik» um. Louis Cardinaux ist überzeugt davon, dass der wirtschaftliche Aufschwung und die Modernisierung des Kantons von der Entwicklung des Verkehrs und der Nutzung der Wasserkraft abhängen und letztere zu fördern sind. Und so konzentriert er seine politische Tätigkeit auf die Verkehrsentwicklung und die Entwicklung der Nutzung der Wasserkraft. 1902 profitiert er von der Neuverteilung der Departemente, um die Baudirektion zu modernisieren. Sein Engagement für die Entwicklung des Verkehrs steht in der Nachfolge der von seinem Vorgänger Alphonse Théraulaz in Gang gesetzten Politik. In einem schwierigen finanziellen Umfeld treibt er zunächst die Verbesserung und Verdichtung des kantonalen Strassennetzes voran. Unter seiner Verantwortung finden die grossen Strassenbauarbeiten in der Stadt Freiburg statt. Dazu gehören etwa die Bauten der Pérollesallee und der Alpenstrasse oder die Planung der Pérollesbrücke, wobei es zu gelegentlich heftigen Auseinandersetzungen mit den städtischen Behörden kommt.
Im Eisenbahnbereich spielt Louis Cardinaux eine Hauptrolle in der Entwicklung und Planung des Freiburger Streckennetzes. Gegen unterschiedliche regionale Interessen und zahlreiche Konzessionsgesuche setzt er seine eigenen Ansichten durch, indem er die Strecke Freiburg–Murten–Ins unterstützt (er war bereits vor seiner Wahl zum Staatsrat einer ihrer Initianten) und die Elektrifizierung des Greyerzer Eisenbahn-Streckennetzes an die Hand nimmt.
Die zweite Stossrichtung seiner politischen Tätigkeit gilt der Entwicklung der Elektrizitätswerke. Dieser Bereich ist umso wichtiger, als die Elektrizität den wirtschaftlichen Aufschwung des Kantons unterstützt. Die dadurch resultierenden Einkünfte dienen, so Pythons Hauptanliegen, der Finanzierung der Universität. Die Hauptetappen sind der Bau des Werkes Thusy-Hauterive (Inbetriebnahme 1902), die Modernisierung des Werkes Magere Au und der Bau des Ölberg-Werkes (Inbetriebnahme 1910). Auf kantonaler Ebene führen Cardinaux’ Bemühungen um die Erweiterung und Zusammenlegung der Wasserkraftwerke zur Gründung der Freiburgischen Elektrizitätswerke (FEW), die 1915, ein Jahr nach seinem Tod, erfolgt.
Seine Tätigkeitsbereiche überschreiten die Befugnisse seiner Direktion. Als Pythons rechte Hand ist er für die Entwicklung der «Christlichen Republik» und die Umsetzung der Projekte seines Chefs zuständig. 1913 werden Python und Cardinaux in einer Motion von Emile Gross, Grossrat des Seebezirks, angegriffen, der ihre Machenschaften und ihre Verwicklung in die Skandale der Staatsbank anprangert und ihren Rücktritt fordert.
Louis Cardinaux sitzt ebenfalls im Ständerat (1898–1914), in dem er die Interessen des Kantons Freiburg gegen zentralistische Begehrlichkeiten, insbesondere im Eisenbahnsektor, verteidigt. Im Militär ist er von 1887 bis 1895 Kommandant des Bataillons 14.
Louis Cardinaux gehört den Verwaltungsräten zahlreicher staatlicher Regiebetriebe oder Gesellschaften an, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden: Tilgungskasse der Staatsschuld, Staatsbank, Greyerzer Eisenbahnen, Freiburg–Murten–Ins und Dampfschifffahrtsgesellschaft des Neuenburger- und Murtensees, deren Vorstand er präsidiert. Von Krankheit geschwächt, stirbt Louis Cardinaux am 11. Mai 1914 im Alter von 55 Jahren. Er ist der zweite Staatsrat, der – einige Wochen nach Stanislas Aeby – in Ausübung seines Amtes aus dem Leben gerissen wird. Seine Nachfolge, die in einem unruhigen politischen Umfeld stattfindet, steht im Zeichen des Kampfes zwischen Python- und Musy-Anhängern. Die Wahl von Joseph Chuard führt zu einem Wechsel der Regierungsmehrheit zugunsten von Jean-Marie Musy.