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Der Begriff K. hat einen grundlegenden Bedeutungswandel erfahren. Ursprünglich bezeichnete K. die Umwandlung von öffentlichen in privatwirtschaftl. Schulden. Heute hingegen ist K. ein kulturpessimist. Prozessbegriff, der das Vordringen gewinnorientierter Handels- und Verkaufsinteressen in gesellschaftl. Bereiche meint, die frei von marktwirtschaftl. Mechanismen waren (Marktwirtschaft). Die Kritik des damit verbundenen Verlusts immaterieller Werte steht im Zentrum. K. soll hier in analyt., nicht polem. Verwendung für verschiedene hist. Vorgänge stehen.
Gesamtgesellschaftlich geht es um den Übergang von einer vorkapitalistischen, vorwiegend subsistenzorientierten zu einer kapitalistischen, marktorientierten Wirtschaft (Kapitalismus). Dieser Prozess widerspiegelt sich in Wachstum und Ausdifferenzierung der Konsumgüterproduktion und in den vielfältigen gewerbl. Formen der Zirkulation und Repräsentation von Konsumgütern in städt. und ländl. Gebieten. Den Institutionen der Distribution (z.B. Gross- und Einzelhandel) kommt ein wachsender wirtschaftl. Stellenwert zu, Geld wird zum dominanten Tauschmittel. Konsumenten werden standes- bzw. schicht- und regionenspezifisch in ein dichter werdendes Netz von Gütern eingebunden, die sie nicht selbst herstellen bzw. erbringen können. Deren alltägl. Präsenz auf Märkten, in Geschäften und in der Werbung bzw. der Besitz und Gebrauch dieser Güter werden selbstverständlich. Die Waren prägen somit das Konsumverhalten. Eng verknüpft mit diesem Prozess ist der Begriff der Kommodifizierung: Nicht nur alle Güter und Dienstleistungen werden zu Waren, auch weitere Lebensbereiche wie Kultur oder Wissenschaft sind handelbar.
Am Ende des 18. Jh. setzten in ganz Europa diskontinuierlich Kommerzialisierungsprozesse ein. In der Schweiz gingen sie einher mit dem sukzessiven Machtverlust des zünft. Handwerks nach dem Ancien Régime. Diese Entwicklung wurde mit der Einführung der Handels- und Gewerbefreiheit in der revidierten Bundesverfassung 1874 endgültig besiegelt. Agrarmodernisierung, steigende finanzielle Abhängigkeit auf dem Land, Industrialisierung, Städte- und Bevölkerungswachstum, die Bildung eines einheitl. nationalen Wirtschaftsraumes, die zunehmende Zahl der Lohnabhängigen, die vermehrten Nahrungs- und Konsumgüterimporte, die Etablierung der Lebensmittelindustrie und die Expansion gewerbl. Produktion führten dazu, dass sich das kommerzielle Angebot zur Deckung des tägl. und period. Bedarfs seit dem Ende des 19. Jh. vergrösserte. Die bunte Vielfalt der traditionellen Märkte, Markthallen, Krämer-, Kolonial- und Spezereiläden, der fahrenden Händler und Spezialgeschäfte sowie der Geschäftsstellen der örtl. Konsumvereine wurde im Lauf des 20. Jh. durch die Konzentration im Handel verdrängt.
Unterbrochen von den beiden Weltkriegen beschleunigte sich die K. v.a. nach 1945 und führte zur Blüte der sog. Konsumgesellschaft. Das enorme Angebot der Waren und Dienstleistungen prägt bis in die Gegenwart insbesondere die Erfahrung der von Armut Betroffenen, die nicht nur vom Arbeitsmarkt, sondern verstärkt von den Preisschwankungen des Konsumgütermarkts abhängig sind. Die Attraktivität des kommerzialisierten Marktes äussert sich im städt. Umfeld besonders deutlich, am augenfälligsten in den grossen Warenhäusern, den Zentren des Massenkonsums. Seit der 2. Hälfte des 20. Jh. konstatieren Kulturwissenschaftler und Ökonomen die Ausdehnung der K. auf kulturelle und bis anhin intime Lebensbereiche (Freizeit, Kunst, Bildung, Technologie) und kritisieren die umfassende Durchdringung der Gesellschaft mit der ökonom. Logik (Neoliberalismus).
Literatur
– H.A. Vögelin, Wie Basel zu Warenhäusern und anderen Grossverkaufsstellen kam, 1978
– C. Pfister, Im Strom der Modernisierung, 1995
– Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998
Autorin/Autor: Sibylle Brändli