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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (25.09.2006)
Ich muss gestehen: Ich hatte mich aus Zeitgründen kaum mit dem Werk, das gestern Premiere hatte – Ferrucio Busonis „Dr. Faust“ –, auseinandersetzen können. Ich wusste zwar, dass Busoni aus einem deutsch-italienischen Musikerhaus stammte und seinen „Dr. Faust“ anfangs der 20er Jahre schrieb, dass er den Schluss nicht mehr vollendete, es mittlerweile zwei verschiedene Fassungen gibt (die eine – die in Zürich aufgeführte – von seinem Schüler Philipp Jarnach vollendet, die andere erst von Anthony Beaufort 1985 uraufgeführt). Ich erwartete aber eher etwas Konventionelleres, Italienisches, und so war ich ziemlich perplex, als ich bemerkte, dass auf Deutsch gesungen wird!
Busoni stützte sein selbst geschriebenes Libretto auf das alte Faust-Puppenspiel und nicht auf Goethe ab. So weicht die Handlung ziemlich stark ab: Die Gretchengeschichte erscheint nur als Retrospektive in Valentins (hier „des Mädchens Bruder, Soldat“ genannt) Erzählung. Im ersten Vorspiel erscheinen drei Studenten aus Krakau, die Faust ein lang ersehntes Zauberbuch übergeben, das „Clavis Astartis Magica“. Im zweiten Vorspiel ruft Faust sechs Geister, die ihm ihre Dienste anbieten. Bis auf Mephistopheles verscheucht er sie. Erst nach zähem Ringen (seine Feinde trachten ihm nach dem Leben, Mephistopheles kann ihn davon befreien) akzeptiert Faust den Pakt, nach seinem Ableben seinerseits Mephistopheles zu dienen. Der „Bruder des Mädchens“ schwört in einem Gebet Rache für deren Tod; Faust befiehlt Mephistopheles, ihn zu töten. Dieser sorgt dafür, dass ein Trupp Soldaten dies übernimmt.
Gänzlich anders als bei Goethe ist die Geschichte mit der Herzogin von Parma. Diese wird während der Hochzeitsfeier von Fausts Zauberkünsten derart in den Bann gezogen, dass sie sich ihm noch in der Hochzeitsnacht hingibt. Der Herzog wird von Mephistopheles überzeugt, dass es politisch mehr Sinn macht, die Tochter des Herzogs von Ferrara zu freien, als die Flüchtenden zu verfolgen.
Während Faust in Wittenberg mit Studenten über Philosophie, Religion und Frauen diskutiert, erscheint Mephistopheles und erzählt die Geschichte von Fausts „Liebe“ zur Herzogin, die zu deren Tod führte. Sie übergab ihm ihr gemeinsames Kind, das jedoch auf der Fahrt gestorben ist. Er verwandelt die Leiche in eine Strohpuppe und zündet sie an; aus dem Rauch entwickelt sich das Bild Helenas. Faust gelingt es nicht, Helena zu fassen.
Er entschliesst sich, sein Leben zu ändern, da erscheinen die drei Studenten aus Krakau, die das Buch zurückverlangen. Doch Faust hat es in der Zwischenzeit vernichtet! Sie kündigen an, dass er noch vor Mitternacht sterben werde. Faust irrt daraufhin in Wittenberg herum und will „sein letztes Gut“ einer Bettlerin vermachen. Die entpuppt sich jedoch als Herzogin, die ihm das tote Kind übergibt. In der Kirche versucht Faust zu beten, doch er findet die Worte nicht. Mit den Worten „Ich, Faust, ein ewiger Wille“ überträgt er dem Kind sein Leben.
Eine solche Handlung zu vertonen, ist sicherlich kein einfaches Unterfangen. Busoni tat dies im Geiste der 1920er Jahre: depressiv, dunkel, schwer. Die Partitur ist bisweilen kühn, jedoch immer „hörbar“, nie wirklich atonal. Lyrische Passagen wechseln mit volkstümlichen Elementen, mit Operettenhaftem, mit Unheimlichem – allerdings für mein Empfinden, ohne je eine wirkliche Einheit zu bilden. Dem Werk fehlt die Theatralik; es bleibt bei aller handwerklichen Meisterschaft ein Stück, das - zumindest mich - vollkommen unberührt lässt, das auf mich zu schwer, zu pastos wirkt und dem Ironie gänzlich abgeht. Im Vergleich zu den anderen „Faust“-Vertonungen wie Boitos „Mefistofele“ (für mich die genialste Umsetzung), Berlioz’ „Damnation de Faust“ oder selbst dem Gounod’schen „Faust“ mit all seiner Schwülstigkeit fällt Busonis Vertonung stark ab.
Die Inszenierung von Klaus Michael Grüber in einem Bühnenbild von Eduardo Arroyo und Kostümen von Eva Dessecker sieht die Geschichte als Traumreise. Ausser Faust und Mephisto (offensichtlich sein dunkles Pendant) bleiben alle Gestalten konturlos, agieren in Zeitlupe, sind skurril gezeichnet. Faust „lässt die Puppen tanzen“, ist somit auch der Einzige, der wirklich menschliche – wenn auch sehr unschöne – Züge aufweist. Das Bühnenbild ist schlicht (im Studierzimmer stehen Regale mit Hunderten von farbigen Flaschen). Im zweiten Teil stopfen Requisiten aus dem Theaterfundus sowie zwischenzeitlich die Sängerinnen und Sänger des Opernchores die Regale voll. Der Bildwechsel gelingt nahtlos. Löblich erschien mir vor allem, dass es endlich wieder ein Regisseur wagte, die Ouvertüre sowie das Intermezzo bei geschlossenem Vorhang spielen zu lassen, was dem Orchester die (fast) einhellige Aufmerksamkeit zukommen liess.
Es spielte unter Philippe Jordan, der hiermit seine zweite Premiere in Zürich leitete, hervorragend, engagiert, mit vielen Schattierungen. Leider überdeckte Jordan die Sänger zum Teil etwas häufig. Er erschien mir öfters als zu laut, vermochte aber immer wieder mit Piani und Differenziertheit zu begeistern, speziell im „Symphonischen Intermezzo“.
Dr. Faust dürfte darstellerisch für Thomas Hampson eine Idealpartie sein. Ob dies auch sängerisch zutrifft, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht, dass er seiner lyrischen Stimme damit Gutes tut. Die Tessitura der Partie liegt meines Erachtens für ihn zu tief, so dass er seine – ohnehin nicht sehr ausgeprägte – Mittellage stark abdunkeln muss. Er forciert die tieferen Töne – ohne dass sie dadurch die nötige Durchschlagskraft erreichen –, so dass dann die Höhen eng werden. Zudem klingt seine Stimme oftmals aufgeraut. Allerdings muss trotz dieser Abstriche der Hut vor dieser Leistung gezogen werden; die Partie ist mörderisch und den Schlussmonolog gestaltet er atemberaubend.
Sein Gegenspieler (ausnahmsweise ein Tenor als Satan!) wurde von Gregory Kunde vollendet verkörpert. Es war unglaublich, mit welcher Kraft, Leichtigkeit und Durchschlagsvermögen dieser doch lyrische Tenor die extrem hoch liegende, zum Teil massiv dramatische Partie bewältigte. Ein absoluter Höhepunkt des Abends!
Die Herzogin (Sandra Trattnigg) und der Herzog von Parma/der Bruder des Mädchens (Reinaldo Macias), der Zeremonienmeister/Wagner (Günther Groissböck) sowie der Chor des Opernhauses waren weitere Pluspunkte. Die anderen Protagonisten entsprachen dem üblichen, guten Niveau.
Das Publikum reagierte zuerst etwas zögerlich, steigerte sich jedoch in Applausbezeugungen; auch die Inszenierung fand Zuspruch. Dennoch sei nicht verschwiegen, dass sich erstaunlich viele Premierenbesucher bereits nach der Pause verabschiedeten und andere ganz dezidiert zu verstehen gaben, dass sie dieses Werk „einen Schmarrn“ fanden.
Bei Pahlen heisst es: „Was mag die Ursache sein, dass seinen (Busonis) Opern der wahre Publikumserfolg fehlt? Sie sind stets eine Kunst für Feinschmecker und für Intellektuelle, ja fast müsste man sagen: für eine geistige Elite geblieben.“ Offensichtlich bin ich zuwenig elitär – für mich war’s ein vergeudeter Abend!