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An meinem Geburtstag las ich bewegt einen Teil des Buches "Radical" (auf deutsch "Keine Kompromisse") von David Platt. Der englische Untertitel "Taking Back Your Faith from the American Dream" sagt schon viel darüber aus, weshalb das Buch im Westen solchen Anklang findet. Im deutschen Teaser heisst es "Dieses Buch ist ein Weckruf für die eingeschlafene westliche Christenheit." Ich pflichte bei: Sie ist eingeschlafen. Ein wichtiger Bestandteil des einschläfernden Cocktails ist die Vermittlung billiger Gnade, die Verkündigung einer Nachricht, welche die Nachfolge ausklammert.
In meiner Rezension habe ich eine "Packungsbeilage" dem Aufruf zum radikalen Gehorsam beigefügt. Worum geht es? Eine englische Rezension stellt zu Recht fest: "Platt repeatedly issues a call to 'live the gospel' (20, 94, 109, 136, 198, 200, 212; die Seitenzahlen beziehen sich auf die englische Ausgabe). Whether this arises from a laof precision or from the standpoint of theological conviction, the misrepresentation of the gospel for readers is much the same." In einer Predigt mit dem Titel "The Gospel Demands Radical Giving" wird es so zugespitzt: Das Evangelium erwartet von dir, dass du radikal gibst. Das läuft auf eine Vermischung der beiden fundamentalen Kategorien Gesetz und Evangelium hinaus. Nochmals die Rezi: "God's law discloses our sin and misery (Rom. 3:20).The gospel as extraordinary good news does not impose any commands."
Deshalb schrieb ich in meiner Besprechung:
Dieses Buch, so denke ich, kann mit Segen gelesen werden, wenn unser Denken dem Dreiklang des christlichen Glaubens folgt: Elend, Erlösung, Dankbarkeit. Durch das Gesetz Gottes erkenne ich, worin meine Misere vor Gott besteht; nur von Christus her kommt die Erlösung aus meiner aussichtslosen Lage. Die Dankbarkeit, ermöglicht durch das ewige Leben, verändert schrittweise mein Heute und Morgen.
Glaubensgeschwister haben mich – zu Recht – darauf hingewiesen, dass Platt im Buch die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium nicht überall sauber zieht. Das Gesetz ist im Sünder drin; er weiss, dass er ihm nicht entspricht (Röm 1,32). Christus alleine hat das Gesetz vollkommen gehalten – an unserer Stelle. Das Evangelium ist die Gute Botschaft vom stellvertretenden Opfer von Jesus an unserer Stelle. Der Glaubende hat sein neues Sein «in Ihm». Seine Gerechtigkeit wird ihm angerechnet. Auch wenn wir alle Opfer der Welt gebracht hätten: Es wäre nur das, was sowieso schuldig gewesen wären (Lk 17,10). Wenn wir, durch das neue Leben beschenkt und befähigt, die Änderung von Gewohnheiten anstreben, geschieht es aus einer anderen Motivation heraus (Röm 8,4). Ansonsten besteht die Gefahr einer neuen Gesetzlichkeit, auf die besonders Menschen mit einem schwachen Gewissen einsteigen.
Wenn also die Prämisse nicht DAMIT, sondern WEIL lautet, dann können wir dieses Buch – auch und besonders die Abschnitte über das Geben (siehe z. B. S. 112, 122, 175) – mit Segen lesen.
Ergo: Auch wir reformatorisch Gesinnten müssen gehörig aufpassen, dass wir nicht in eine neue Gesetzlichkeit fallen. Das Buch entwickelt ohne den Kontext einen starken Drall in diese Richtung. Dies wird durch das Wort "radikal" verstärkt. Dies trifft wiederum einen anderen Teil der säkularen Botschaft etwas Besonderes und Aufregendes darstellen zu wollen. Ich glaube, dass die Unschärfe insbesondere Teil 2 und 3 des Dreiklangs betrifft: Die Dankbarkeit wird mit der Erlösung vermischt. Daraus resultiert: WENN wir dankbar sind (indem wir z. B. radikal geben und auf jeglichen Luxus verzichten), DANN sind wir errettet bzw. haben für eine innere Gewissheit gesorgt.