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Von der hektischen Verkehrsstrasse führt vom Dorfplatz aus eine gedeckte Holztreppe von 1816 über den Wildenbach zur erhöht gelegenen Kirche über dem Grossdorf. Der mächtige Turm trägt vier Glocken, wobei die älteste aus dem 14. Jahrhundert stammt. Auf Geheiss des Bischofs von Lausanne und dem gotischen Zeitgeschmack entsprechend, wurde nach 1453 der achteckige geschindelte, geknickte Turmhelm gezimmert. Er wurde 1693 mit einem vergoldeten Kreuz gekrönt. Die beiden Zifferblätter der Turmuhr wurden nach mündlicher Überlieferung einmal von Ferdinand Hodler restauriert. Die Uhr zeigt nur die Stunden an, dafür schlägt sie jede Viertelstunde. Das Kirchenschiff mit seinen nordseitig angedeuteten romanischen Rundbogenfenstern ist der älteste Teil der Kirche und stammt aus dem 11./12. Jahrhundert. Sein östlicher Abschluss bildete eine eingezogene Apsis, welche um 1250 dem jetzigen Chorturm mit der etwas später angebauten Sakristei weichen musste. Ein Vorgängerbau aus vorkarolingischer Zeit ist durch Grabungen belegt. Beachtung findet auch der alte Friedhof mit seiner ursprünglichen Ummauerung und seinen Eingangspforten. Das westlich gelegene barocke Pfarrhaus stammt von 1776. Der fünfachsige Bau mit angehängter geschlossener Laube in Fachwerk, wurde vom Bernischen Stadtarchitekten Niklaus Sprüngli (1725–1802) gezeichnet und mit Steinen der oberhalb gelegenen Burgruine erbaut. Die zum Kirchgemeindehaus umgebaute Pfrundscheune gehört ebenfalls zum baulich beachtlichen Ensemble. Glücklicherweise fiel die Kirche dem Brand des ganzen östlichen Grossdorfes 1765 nicht zum Opfer.
Auf der westlichen Aussenwandseite der Kirche befindet sich links eine Gedenktafel für den Reformator des Simmentals, Peter Kunz (um1480–1544). Der Bauernsohn stammte aus einem oberhalb gelegenen Weiler in Erlenbach, studierte Theologie im Kloster Interlaken, korrespondierte mit Wittenberger Theologen um Luther (1483–1546) und mit Zwingli (1484–1531). 1526 begab er sich mit Berchtold Haller (1492–1536) an die unerspriessliche Badener Disputation zwischen wichtigen Vertretern des «alten» und «neuen» Glaubens. Kunz liess sich 1517 als Chorherr von Interlaken in seine Heimatgemeinde versetzen und zog von hier aus die Reformation 1527/28 mit der Zustimmung der Niedersimmentaler Bevölkerung durch. Zuvor wohnte er bereits mit Frau und Kind im Pfarrhaus und vollzog die Taufe in deutscher Sprache. Offenbar wurden diese «Missstände» von seinen Gläubigen toleriert, ansonsten hätte ihm die Exkommunikation gedroht. Eine Berufung als Prädikant ans Berner Münster 1536 belohnte den charismatischen, ungestümen und überzeugten Mann für seine erreichten Ziele.
Die Reformation brachte drastische Veränderungen mit sich. Unter anderem wurden viele Kunstwerke zerstört. So auch in dieser Kirche. Die gotischen Altäre wurden entfernt und die vollständig ausgemalten Wände mit einer weissen Kalkschicht überzogen. Das Wort Gottes wurde fortan einzig von der Kanzel verkündet. Glücklicherweise wurden 1901 Spuren der ehemaligen Malereien nach fast vierhundert Jahren wiederentdeckt und geraume Zeit später restauriert. Auf der rechten Seite der Westwand begrüsst uns eine monumentale Christophorusfigur von 1420. Sie bereitet uns auf ein seltenes Bilder- und Zeiterlebnis im Innenraum vor. Sie gibt den Einblick in das Werk eines Malers der Spätgotik, dessen Name und Herkunft unbekannt geblieben sind. Da keine weiteren Arbeiten von ihm bekannt sind, erhielt er den kunstgeschichtlichen Namen «Meister von Erlenbach». Christophorus, den Christusträger, findet man als einen der vierzehn Nothelfer oftmals im Berner Oberland. Der Legende nach behütet er die Menschen vor einem plötzlichen Tod ohne den Empfang des Sterbesakraments.
Der erste Blick ins Innere zum Triumphbogen hin erzeugt einen ruhigen, warmen und meditativen Raumeindruck. Er entsteht durch das Zusammenwirken von Architektur, lyrischer Malerei und Licht. Wir sehen uns zurückversetzt in die Zeit der sinnlichen Glaubensinhalte und des Glaubenszwangs für Menschen mit kurzer Lebenserwartung und stetigem Blick ins Jenseits. Sie waren des Lesens unkundig und des Verstehens des Kirchenlateins unfähig. Als Hilfe zum Verständnis der römischen Lehre dienten im 14. und 15. Jahrhundert bildliche Darstellungen aus der Bibel (die sogenannte Armenbibel), von Heiligen und theologischen Konstrukten, die vom Klerus erläutert wurden. In Erlenbach trifft man an den Schiffswänden auf einen seltenen Bilderzyklus, der die ganze christliche Heilslehre des Mittelalters darstellt. Einige Bilder fehlen oder sind nur als Fragmente erhalten geblieben, was Umbauten im 18. und 19. Jahrhundert zuzuschreiben ist.
Im Jahr 1420 begann der Meister mit seiner Arbeit, die er aus unbekannten Gründen nicht vollenden konnte. Die Armenbibel beginnt an der Nordwand mit der obersten Reihe von Westen nach Osten mit Bildern aus der Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes (Genesis) und erzählt zuletzt den Brudermord Kains an Abel in drei Szenen. Nach diesem Sündenfall hofft die Menschheit auf den Messias (Vision Jesses nach Jesaja 11). Die Wurzel Jesse wird dargestellt mit der heilbringenden Maria im oberen Bildteil (an der Chorwand).
Die mittlere Reihe erfasst das Leben Jesu mit dessen Geburt, Darbringung im Tempel, Auftritt als Zwölfjährigem, Taufe, Versuchung und endet mit dem Einzug in Jerusalem (an der Chorwand). Die unterste Reihe behandelt die Passion und Auferstehung Jesu und schliesst mit der trinitarischen Marienkrönung (an der Chorwand). Dieses Bild verheisst den Menschen die Rückkehr ins Paradies, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Diese sind auf der Südwand zu einem etwas späteren Zeitpunkt durch einen etwas bescheideneren anonymen Maler dargestellt. Ursprünglich sah man hier das Fegefeuer zur Läuterung der armen Seelen (unter der Empore). Was erhalten blieb, ist ein Jüngstes Gericht, flankiert von Johannes dem Täufer rechts und der (nicht mehr sichtbaren) Maria links. Das Stadttor verkörpert die Paradiespforte mit den posaunenblasenden Engeln und dem fiedelnden Putto. Dieses Tor konnte man allerdings nur durchschreiten, wenn man den sieben Sakramenten nachzuleben vermochte. Diese leider schlecht erhaltenen Bilder sind als Abschluss des Programmes zu sehen. Ganz vorne an der Südwand erkennt man noch einen zweiten Christophorus (um 1300).
Die Malereien des Meisters im Chor sind ganz der Verkündigung und Mission gewidmet. Hier fällt die Apostelgalerie ins Auge. Jeder Jünger trägt eine Schriftrolle mit einem augustinischen Credo in deutscher Sprache. Darüber ist auf der linken Seite eine Sinaiszene mit den zehn Geboten in Kurzform zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite wird die Bekehrung des Saulus zum Paulus dargestellt. Darunter befinden sich zwei kurz vor der Reformation herausgebrochene Fenster mit neueren Apostelfiguren. Die klugen und törichten Jungfrauen schauen aus der Chorwandlaibung in entgegengesetzte Richtungen herab. Am erhabensten und kraftvollsten wirken die vier Symbole der Evangelisten im sternenübersäten Chorgewölbe.
Quelle: Hans Hofer, Erlenbach 2021