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Viele Schweizer haben totalitäre Länder bereist: als Reporter, Diplomaten, Geschäftsleute oder Touristen. Wie nehmen Besucher aus einer Demokratie eine Diktatur wahr? Welche Einblicke haben sie in die fremde Gesellschaftsform? Wie lassen sie sich aber auch täuschen oder sogar faszinieren? Und was erfahren sie dabei über sich selbst? Wir begleiten drei Autoren auf ihren Reisen: nach Nordkorea, in die DDR und nach Nazideutschland. In ihren Berichten verfolgen sie drei unterschiedliche Ansätze: einen ästhetischen, einen psychologischen und einen medizinischen.
Ästhetik: Koreanische Projektion
Christian Kracht besuchte im Jahr 2004 das isolierteste Land unserer Zeit: Nordkorea. Zu Photographien von Eva Munz und Lukas Nikol, die auf dieser Reise entstanden, schrieb er das titelgebende Vorwort: «Die totale Erinnerung» (2006). Der Titel zitiert den Film «Total Recall» von Paul Verhoeven mit Arnold Schwarzenegger (1990) nach der Kurzgeschichte «We Can Remember It for You Wholesale» des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick (1966). Die englische Ausgabe des Nordkorea-Bildbandes wiederum trägt den Titel «The Ministry of Truth», der aus George Orwells Roman «Nineteen Eighty-Four» (1949) stammt und Manipulation nicht biologisch, sondern sprachlich begreift. «Erinnerung» wird bei Dick künstlich eingepflanzt, «Wahrheit» bei Orwell propagandistisch erzeugt.
Der Untertitel, «Kim Jong Ils Nordkorea», deutet an, dass das Land, um das es hier geht, seinerseits als Fiktion eines Autors verstanden wird. Die totalitäre Gesellschaft ist das perverse «Kunstwerk» ihres Diktators, der als allmächtiger Impresario eine begehbare «360-Grad-3-D-Inszenierung», «eine gigantische Installation», «ein manisches Theaterstück» geschaffen hat. Die beiden ersten Photographien, offiziellen Quellen entnommen, zeigen Kim zunächst wie in einem Autorenporträt und dann als Regisseur, der durch das Okular einer Kamera blickt. Als handle es sich um l’art pour l’art, die keiner Erklärung bedarf, gibt es keine Bildunterschriften, nur Zitate aus einer medientheoretischen Schrift des Diktatordirektors, «Über die Filmkunst» (1989).
Das Verzeichnis der «Autoren» nennt nicht nur die beiden Photographen, Munz und Nikol, sowie den Verfasser des Vorworts, Kracht, sondern auch den obersten Staatskünstler, dessen Schaffen hier dokumentiert wird, und zwar an erster Stelle und parodistisch parallel formuliert: «Kim Jong Il ist Staatsoberhaupt der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea. Er lebt in Pjöngjang.»
Die 99 Photos von Munz und Nikol, die den Hauptteil des Bandes bilden, zeigen die Inszenierungen der nordkoreanischen Diktatur: eine Choreographie im Stadion, ein militärisches Ballett, Tänzerinnen mit Fächern, eine Sängerin mit einem Mikrophon, vor laufendem Fernseher. Es sind vor allem Bilder von Bildern oder von Monumenten, Repräsentationen zweiten Grades. Viele zeigen die Mittel und Medien der Simulation: Bühne, Vorhang, Kronleuchter, Scheinwerfer, Lautsprecher, Kameras, Stromkabel, ein Telephon, ein Fernglas auf einem Stativ, Fernsehbildschirme und sogar Bücher.
Nur selten tritt ein Publikum in Erscheinung. Überhaupt scheint im öffentlichen Raum kulissenhafte Leere zu herrschen: auf den Strassen, in den Regalen, in einer Bar. Eine Polizistin regelt einen nicht vorhandenen Verkehr. Ein einsames Auto bewegt sich als Irrläufer über die verwaiste Kreuzung gewaltiger Boulevards. Ein Kind steht auf einem Podest, als imitiere es eine Statue des «Geliebten Führers». Eine Dose Coca-Cola scheint eigens im Stillleben platziert worden zu sein. Mit einer Plakette bezeugt die «New York Group for the Study of Kimilsungism» ihr Interesse für die Lehre des Diktatorenvaters – ebenso wie «Der Schweizerische Studienzirkel der Dschutsche-Idee» für die geltende Staatsideologie. Wer hier keine Ironie spürt, ist selber schuld – oder begeistert von Kim Jong Un.
In Nordkorea ist nichts, wie es scheint, alles autoritäre Simulation. In seinem Essay berichtet Kracht, wie er, Munz und Nikol die Dreharbeiten eines Historienfilms besuchten. Dabei konnten sie feststellen, dass sogar diese nur vorgespielt waren. «Das Kabel der Filmkamera war nicht eingesteckt.» Dafür wurden die drei Gäste selbst heimlich gefilmt, so dass sie sich am Abend im Staats-TV sehen konnten: «Wir waren Teil der Projektion geworden.»
Wenn Kracht darauf hinweist,…