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Inselgeschichten: Das neue Inselspital von 1884
2. Juni 2023
2. Juni 2023
Für Jahrhunderte stand das Inselspital in der Berner Altstadt: Nach der Stiftung durch Anna Seiler 1354 befand sich das Spital zunächst in der heutigen Zeughausgasse. Mit dem Umzug 1531 in die ehemaligen Räumlichkeiten des Inselklosters erhielt das Spital nicht nur seinen Namen, sondern auch für mehr als 450 Jahre seinen Standort. Von 1718 bis 1724 entstand dort, wo sich heute das Bundeshaus Ost befindet, nach Plänen des Vorarlberger Architekten Franz Beer ein dreistöckiges Gebäude. Es bot Platz für 45 Krankenbetten und wurde bei seiner Eröffnung als «Palast» gefeiert.
Die Gebäude des Inselspitals um 1600 (Quelle: Staatsarchiv Bern, Insel II 5181)
Südfassade des palastähnlichen Neubau von 1725 (Quelle: Staatsarchiv Bern, Insel II 1469)
Doch auch Paläste kommen in die Jahre. Immer wieder wurden am Gebäude Anpassungen vorgenommen, nicht zuletzt um Platz für zusätzliche Betten zu schaffen. Im 19. Jahrhundert erhielt die Insel auch einen neuen Sektionssaal und Operationssaal. Nach 1850 häuften sich jedoch die Stimmen, die einen Neubau forderten. Die rasch fortschreitende Entwicklung der Medizin sowie das Bevölkerungswachstum liessen den Zeitgenossen ein neues Spital unvermeidlich erscheinen.
Politiker und Ärzte diskutierten nicht nur in Bern über die Funktion, Lage und Ausstattung von Spitälern. Seit Mitte 18. Jahrhundert genügten viele europäische Spitäler den neuen gesundheitspolitischen, hygienischen und medizinischen Anforderungen nicht mehr. In Bern unternahm die Medizinisch-chirurgische Gesellschaft des Kantons mehrere Anläufe, einen Neubau zu initiieren und prominente Inselärzte und -chirurgen wie Theodor Kocher oder Johann Rudolf Schneider sprachen sich in Gutachten dafür aus.
Erdgeschoss des in die Jahre gekommenen "Palastes" um 1880 (Quelle: Staatsarchiv Bern, Insel II 1160)
In einer Volksabstimmung 1880 bewilligten schliesslich die Stimmbürger einen Kantonsbeitrag für einen Neubau auf einer freien Wiese, der von Anna von Krauchthal 1456 gestifteten Kreuzmatte, ausserhalb der Stadt. Um die Gesamtkosten von 2'370'000 Franken zu finanzieren, verkaufte die Inselkorporation das alte Spitalgebäude an den Bund und veräusserte weitere Güter, Wälder und Alpen. Die Frauen der Inselbeamten und -ärzte sammelten mit einem «Inselbasar» 100'000 Franken für den Neubau und der Kanton beteiligte sich mit 750'000 Franken.
Die noch deutlich vor der Stadt liegende Kreuzmatte, das heutige Inselareal (gelbe Markierung), auf einem Plan um 1800 (Geodaten.ch)
Nach nur drei Jahren Bauzeit konnte 1884 das neue Spital am neuen Standort bezogen werden. Während Zeitungen vereinzelt den Baustil bemängelten, zeigte sich die die Direktion sehr zufrieden mit dem Resultat und bezeichneten im Jahresbericht 1885 den Neubau als «vollkommen gelungen». Erst in den Folgejahren zeigten sich die Schwächen des neuen Standorts, die vor allem die beschränkten Platzverhältnisse und das Gefälle des Areals betrafen. Für Irritationen in der Öffentlichkeit sorgte auch, dass zwar 320 Betten zur Verfügung standen, zunächst jedoch nur 241 genutzt wurden, um die Betriebskosten tief zu halten.
Augenfälligster Unterschied zum alten Inselspital: Das neue Spital auf der Kreuzmatte bestand nicht mehr aus einem grossen Gebäude, sondern aus mehreren, symmetrisch angeordneten, kleineren Pavillons. Bei der Planung der beiden Architekten, Friedrich Schneider und Alfred Hodler, hatte das Ärztekollegium mitgewirkt.
Der Neubau von 1884 auf der Kreuzmatte (Quelle: Wikimedia Commons)
Die Gebäude für Verwaltung und Ökonomie lagen in der Mittelachse: die Direktion, das Küchengebäude mit Kesselhaus und die Wäscherei. Westlich von der Mittelachse lagen die chirurgischen und östlich die medizinischen Abteilungen sowie die Augenklinik. An der Freiburgstrasse standen die Doppelpavillons der nichtklinischen (ohne Unterricht), dahinter die Doppelpavillons der klinischen Abteilungen (mit Unterricht), in die auch ein Hörsaal integriert war. Diese lockere Anordnung von Gebäuden war keine Berner Erfindung, sondern entsprach dem Stil der Zeit. Im 19. Jahrhundert setzten einige Krankenhäuser auf die dezentrale Anordnung – so etwa Hôpital Lariboisière in Paris. Die Pavillons sollten Ansteckungen verhindern, mit der parkähnlichen Atmosphäre zur Genesung beitragen und entsprachen zudem den Autonomiebedürfnissen der Chefärzte. Um 1880 setzte sich zwar die Ansicht durch, dass die «Luftinfektion» im Vergleich zur «Kontaktinfektion» durch unsaubere Hände oder Materialien vernachlässigbar war, doch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein wurden grosse Pavillonkrankenhäuser gebaut. Die Ausführung in Bern galt dabei als Musterbeispiel für diesen sogenannten Pavillonstil und zog zahlreiche Besucher:innen aus Russland, Deutschland, Frankreich und Italien an.
In der Medizinsammlung befindet sich ein Modell des Inselspitals. Es dokumentiert den Zustand des Jahres 1911 und zeigt, dass die die Insel-Verantwortlichen ihr Spital als Vorzeigeprojekt verstanden. Sie gaben das Modell offenbar für die erste Internationale Hygiene-Ausstellung in Auftrag, die im Mai 1911 in Dresden begann. Für 1800 Franken bildete der Genfer Modellbauer David Cullaz im Massstab von 1 zu 200 detailgetreu aus Gips und Balsaholz Topographie und die Gebäude des Inselspitals nach. Im Schweizer Pavillon an der Dresdner Hygiene-Ausstellung stand das Modell zwischen Modellen von der Ventilationsanlage des Simplontunnels, Arbeiterwohnungen der Schokoladenfabrik Suchard oder Fotografien des Luftkurortes Davos und sollte die hygienischen Errungenschaften der Schweiz präsentieren.
Impressionen des Architekturmodells von 1911 (Foto: Rolf Zimmermann / Medizinsammlung Inselspital Bern)
Das Gebäude der Bakteriologie von 1905 (Foto: Rolf Zimmermann / Medizinsammlung Inselspital Bern)
Nicht nur die Neue Zürcher Zeitungzeigte sich beeindruckt vom Spitalmodell, auch die Ausrichter der Ausstellung: Für «besondere Dienste an der Volkswohlfahrt» wurde das Inselspital mit einer Urkunde ausgezeichnet. Weniger glücklich verlief der Rücktransport. Das Modell kam beschädigt zurück.
Das Modell verdeutlicht, dass die Eröffnung des Neubaus 1884 nur der Auftakt war und schnell ein bemerkenswerteres Wachstum des Spitals einsetzte: Bereits ein Jahr nach der Eröffnung kam ein Gebäude für das Institut für Pathologie dazu, zehn Jahre später erhielt die noch junge Bakteriologie ebenfalls ein eigenes Institut. 1898 hatte die Insel auf die neue Röntgentechnologie reagiert und richtete ein eigenes Institut ein – zuvor hatten Physiker an der Universität Röntgenbilder für die Inselärzte hergestellt. Bereits 1891 ging die dermatologische Klinik in Betrieb und 1909 eröffnete die HNO-Klinik. Einige Veränderungen der Infrastruktur lassen sich im Modell nicht nachvollziehen, waren aber für den Betrieb entscheidend: 1901 konnte die Einrichtung elektrischer Beleuchtung abgeschlossen und 1913 die Heizung von Dampf auf Warmwasser umgestellt werden.
Dieser Bau-Boom vor über 100 Jahren war Ausdruck einer rasant voranschreitenden Spezialisierung, die Zeitgenossen durchaus kritisch sahen. Hermann Sahli, der Chefarzt der Medizinischen Klinik beschwerte sich beispielsweise 1912, die Patienten würden nun von Anfang an «Herzarzt», Lungenarzt, Nervenarzt, Nierenarzt, Magenarzt oder Darmarzt» konsultieren, anstatt ihren Hausarzt aufzusuchen.
Das Inselspital konnte nicht nach Belieben wachsen. Es gab sowohl geografische als auch finanzielle Grenzen. Nach dem Ersten Weltkrieg ergänzten zwei besonders prägnante Bauten das Inselareal. 1929 konnte das sogenannte Lory-Spital bezogen werden, das als «Krankenhaus für Chronisch-Kranke» diente. Der Namensgeber des Spitals war der Unternehmer Carl Ludwig Lory, der 1909 in einem Legat drei Millionen Franken für den Ausbau des Inselspitals zur Verfügung stellte. Unter einer Bedingung: Der Betrieb der Erweiterung musste finanziell sichergestellt sein. Deshalb konnte die Planung erst 1923 aufgenommen werden, als der Kanton und die Gemeinden begannen, «Kopfbeiträge» zu zahlen begannen und so zu den Einkünften des Inselspitals beitrugen. Das Resultat – ein von Otto Rudolf Salvisberg und Otto Brechbühl geplantes Spital, das als einer der ersten modernen Gebäude Berns gilt und 1929 bezogen wurde. Zwei Jahre später erfolgte die Eröffnung der neuen Chirurgie, ebenfalls ein Bau mit modernem Flachdach, jedoch aus ganz praktischen Gründen: Man wollte eine grosse Sonnenterrasse für die Patient:innen errichten.
Die Sonnenterrassen des Lory-Spitals (Quelle: Inselspital (Hg.): Das Lory-Spital, 1929)
Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichneten sich dann bald grössere architektonische Veränderungen ab, die auch eine Abwendung vom dezentralen Pavillonstil bedeuteten. In den 1950er Jahren beschleunigte sich die medizinische Entwicklung, neue Spezialfächer benötigten aktuelle Technik und eigene Räumlichkeiten und das Schweizer Krankenhauswesen orientierte sich immer mehr an der angloamerikanischen Medizin. Markantes Symbol der architektonischen Neuausrichtung schliesslich: Das 1970 eröffnete Bettenhochhaus, das nicht zuletzt kurze Wege garantieren sollte.
Bau des Bettenhochhauses (Quelle: Staatsarchiv Bern)
Boschung, Urs: Das Geschenk der Frau Anna Seiler: 650 Jahre Berner Inselspital, in: Alpenhorn-Kalender: Brattig für das Berner Mittel- und Oberland; Jg. 80 (2005), S. 104-118.
Boschung, Urs: Wie Pferdeäpfel die damalige Spitalhygiene vorantrieben: in: Inselbote 1 (2005), S. 12-13.
Hochstrasser, Rahel: Die Inszenierung einer «Schweizer Hygiene», in: Gesnerus, 2018. Online: <https://doi.org/10.24894/Gesn-de.2018.75008>, Stand: 05.04.2023.
Rennefahrt, Hermann; Hintzsche, Erich: Sechshundert Jahre Inselspital: 1354 – 1954: Bern 1954.
Axel Hinrich: Grundzüge des deutschen Krankenhauswesens von 1780 bis 1930 unter Berücksichtigung von Schweizern Vorbildern, in: Gesnerus 1 (39), 1982., S. 8-45.