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Quelle: «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 4. August 1989 von Peter Ziegler
Am 3. August 1989 ist das rund 26 Hektaren grosse Landgut Schloss Au zum Kaufpreis von 23 Millionen Franken aus dem Besitz der Erben von Schulthess Rechberg ins Eigentum des Kantons Zürich übergegangen. Ein weiterer beträchtlicher Teil des Erholungsgebietes Halbinsel Au – dazu gehört unter anderem der idyllische Ausee – wird damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und mit ihrem landschaftlichen Reiz erhalten.
Frühe Besiedlung der Hinteren Au
Die Halbinsel Au wird in einer Urkunde aus dem Jahre 1316 als «Owe» erstmals genannt. Der zu jener Zeit noch grösstenteils bewaldete Hügel war Eigentum des Johanniterordens, der in der Hinteren oder Unteren Au ein landwirtschaftliches Gut besass, welches Arnold Rebmann zu Lehen hatte. 1484 kam dieser Hof – er umfasste Haus, Hofstatt, Scheune, Baumgarten, Ackerland, Wiesen, Reben und den «Seewadel», den Ausee, – als Erblehen an Hans in der Au. Von den Nachkommen ging die Liegenschaft 1569 an Heinrich Scheller über, dessen Erben das Gut noch 1591 besassen. Zwischen 1591 und 1594 erwarb es Hans Ammann. Nach dessen Tod kam die Liegenschaft in der Unteren Au 1617 an den Sohn Ulrich, später an dessen Bruder Hans Rudolf, der sie 1651 dem Wädenswiler Bauern und Grosskäser Hauptmann Streuli veräusserte. Dieser verkaufte das Gut noch im gleichen Jahr dem Zürcher Obersten Johann Rudolf Werdmüller (1614–1677), der 1650 verärgert aus venezianischen Diensten zurückgekehrt war und nun einen Landsitz suchte, wo er sich seinen Liebhabereien widmen konnte.
Das ehemalige Werdmüllergut Hintere Au. Kupferstich von Heinrich Brupbacher, 1794.
Johann Rudolf Werdmüller auf der Au
Auf der Nordwestseite der Halbinsel liess der Oberst durch seinen Bruder Hans Georg (1616–1678), den Erbauer der neuen Zürcher Stadtbefestigung und des Landguts Schipf in Herrliberg, eine Villa in venezianischem Stil mit grossen Gesellschaftsräumen errichten. Zum Herrschaftshaus gehörten eine Reihe von Ökonomiegebäuden und ein aus Reben, Ackerland, Wiesen und Wald bestehendes Umgelände. Das Hauptgebäude enthielt auf der Südseite eine hohe, geräumige Halle, welche die ganze Breite der Hauptfassade einnahm. Der über der Halle gelegene obere Teil des Hauses ruhte auf sechs Backsteinsäulen, welche mit einer Marmorimitation verkleidet waren.
Die Inneneinrichtung verriet ebenfalls fremdländischen Geschmack. Auf dem Platz vor der Villa stand ein schöner Springbrunnen.
Dessen Wasser sammelte sich in einem mit eisernem Gitterwerk gedeckten Bassin, das als Fischbehälter diente. An die Villa grenzte ein Garten mit ausländischen Pflanzen und Bäumen. Er war von einer starken Mauer umschlossen und rings vom Wasser umflossen. Soweit sich die Gebäude längs des Sees erstreckten, war das Ufer mit einem gemauerten Damm gegen den Wellenschlag geschützt. In die Halbinsel hinein zog sich ein zirka 18 Jucharten grosser Teich, welcher durch einen engen, auf Geheiss Werdmüllers gegrabenen Kanal mit dem Zürichsee in Verbindung stand.
Während die Bauarbeiten auf der Au voranschritten, reiste Johann Rudolf Werdmüller Ende Juli 1651 wieder nach Venedig, um seinen Sold zu fordern. Er löste seinen Haushalt auf und kehrte mit Hausrat, Dienerinnen und Dienern (unter anderem mit einer Türkin und einem Mohren) an den Zürichsee zurück, wo er sich in seinem neuen Sitz auf der Au fürstlich einrichtete. Conrad Ferdinand Meyer hat 1878 Werdmüllers ausgefallenes Treiben auf der Au in der Novelle «Der Schuss von der Kanzel» meisterhaft geschildert.
Wegen freidenkerischen Äusserungen machte der Zürcher Rat dem Obersten 1659 den Prozess. Über dessen Ausgang verärgert, verliess Johann Rudolf Werdmüller die Au und leistete für den Rest seines Lebens Dienst unter fremden Fahnen.
General Johann Rudolf Werdmüller.
Das Landgut im Besitz der Familien Bräm, Lavater und Tobler
Nach dem Tod des Generals Johann Rudolf Werdmüller (1677) gehörte die Untere Au seinem Sohn Hans Rudolf. Dieser verkaufte das Gut 1678 seinem Schwager, Junker Heinrich Bräm-Werdmüller. Die Familie Bräm besass das Au-Gut während etwa sechzig Jahren, bewohnte es jedoch nur im Sommer. Nach dem Tode des Landschreibers Heinrich Bräm (1741) übernahm dessen Schwiegersohn, Heinrich Lavater-Bräm, Landvogt zu Wädenswil, das Landhaus in der Unteren Au. Sein Sohn Hans Kaspar behielt es nur wenige Jahre. Nachdem er schon 1772 einen Teil seines Besitzes dem damaligen Lehenmann Heinrich Treichler von Stäfa verkauft hatte, schrieb er 1777 auch den Rest seiner Liegenschaft zum Kauf aus: das Wohnhaus mit Speicher, die Schmiede, das Lehenhaus samt Scheune und Trotte, ferner Garten, Matten, Acker-, Reb- und Riedland sowie den Ausee mit Fischereigerechtigkeit, das Holz- und Weidrecht im Auwald und die ganze Fahrhabe.
Als Käufer meldete sich der reiche Wädenswiler Müller und Säckelmeister Blattmann. Die Zürcher Obrigkeit sah dies nicht gern. Sie machte daher von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch, zog das Gut an sich und setzte den im Landbau erfahrenen Franz Heinrich Tobler als Wirtschaftsverwalter ein. 1778 wurde Tobler dann Au-Pächter, und 1790 kaufte er von der Zürcher Regierung das 17 Jucharten grosse Landgut zur Unteren Au nebst acht bis zehn Jucharten Wald. In harter Arbeit machte Tobler die verwahrlosten Güter wieder nutzbar. 1816 ging das Au-Heimwesen an David, den jüngsten Sohn Toblers, über.
Das Landgut als Eigentum des Engländers Drummond
David Tobler verkaufte die Liegenschaft Untere Au im Jahre 1856 dem Major Karl Hartmann, welcher sie 1881 dem Engländer Robert Drummond veräusserte. Drummond hatte vorerst Jahrzehnte lang in den Tropen geweilt und während 25 Jahren als Sekretär des englischen Vizekönigs von Indien geamtet. Obschon der Engländer eine hohe Jahrespension bezog, lebte er einfach und sparsam. Sein Hang zum Fremdländischen zeigte sich auch darin, dass er auf dem Ausee zusammenlegbare Schiffchen aus Kautschuk fahren liess. Mentona Moser überliefert, was ihr Drummonds Kinder erzählt hatten: «Das heisse Klima (in Indien) hatte, wie den meisten Europäern, seiner Gesundheit zugesetzt, und geistige Störungen traten auf. So lehnte er jede Bildungsmöglichkeit für die Kinder ab, um sie von der bösen Welt fernzuhalten. Kein Fremder durfte das Haus betreten. Auf der Au nährte sich die Familie von Fischfang und Wildentenjagd. In dieser misslichen Lage sahen sie (die Kinder) sich gezwungen, nach Drummonds Tod das Gut zu verkaufen – schweren Herzens, denn sie liebten es sehr.
Fanny Moser bewirtet illustre Gäste auf der Unteren Au
Nach Drummonds Tod verkauften dessen Erben das Landgut zu Ende des Jahres 1887 an Frau Fanny Moser (1848–1925), Freiin von Sulzer-Wart, die zweite Gattin des 1874 verstorbenen, um 44 Jahre älteren Schaffhauser Grosskaufmanns Heinrich Moser. Frau Moser war eine grosszügige, unabhängige, aber auch extravagante und eigenwillige Dame. Sie verstand es aber, ihren Sitz am Zürichsee zu einem gesellschaftlichen Zentrum zu machen, in welchem Dichter, Philosophen und Wissenschaftler, aber auch Persönlichkeiten aus Handel und Industrie verkehrten. Im Gästebuch, welches in der Stadtbibliothek Schaffhausen aufbewahrt wird, finden sich die Namen von Conrad Ferdinand Meyer, Meinrad Lienert, Emil Ludwig, Hermann Müller-Thurgau (erster Direktor der Forschungsanstalt Wädenswil und Züchter der RieslingxSilvaner-Rebe), Ludwig Klages und anderen mehr. Aber auch der Geologe Albert Heim, Sigmund Freud und Heinrich Angst, der erste Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, waren auf der Au zu Gast. Die letzte Freiin von Sulzer-Wart, Auftraggeberin für den Bau des Turms «Gugger» auf der Au, starb 1925 in Kilchberg.
Aus den Erinnerungen von Mentona Moser
Eine Tochter von Fanny Moser, Mentona Moser (1874–1971), Kämpferin für die internationale kommunistische Bewegung, hat ihre Lebensgeschichte aufgezeichnet, erschienen 1985 in Oster-Berlin unter dem Titel «Unter den Dächern von Morcote». Darin berichtet sie unter anderem auch von ihrem ersten Besuch auf der Au, an jenem Tag, da ihre Mutter die Liegenschaft vom Engländer Drummond erwarb:
«Eines Tages setzten wir uns in den Zug. Wir fuhren etwa eine Stunde am Ufer des Zürichsees entlang, bis der Schaffner «Au» ausrief, stiegen aus, überquerten die Geleise, der Bahnhofvorstand öffnete ein kleines Tor in einer Tannenhecke, und in höchster Spannung, was das zu bedeuten hatte, schritten wir schweigend neben Mama durch eine lange Pappelallee. Rechts lag Schilfgelände, links ein verträumter, dunkler See. Am Ende der Allee bog der Weg ab, auf der einen Seite begrenzt von sanft ansteigenden, mit Obstbäumen bepflanzten Wiesen, auf der Seeseite von einer Tannenhecke mit pyramidenförmig gestutzten Bäumchen. Wir traten durch ein Tor in einen verwahrlosten Garten und erblickten zwischen den Bäumen ein grosses Haus, ein ganz eigenartiges Haus. Die Hausfront war gelblich verputzt, zwei Stockwerke hoch, die Giebel mit einem Holzschnörkel gekrönt. Die Fenster bestanden aus Butzenscheiben, und die Läden waren braun und gelb geflammt.
Hintere Au zur Zeit von Fanny Moser, um 1913.
Am auffälligsten war die Veranda, die sich über die ganze Breite des Hauses hinzog und bis zu den Fenstern des ersten Stockwerks reichte, gestützt von sechs dicken Säulen, die mit wildem Wein umrankt waren, der dichte Vorhänge bildete. Wir schritten über ein paar breite Stufen durch die Veranda auf die schwere Eichentür zu, läuteten und setzten den Messingklopfer, der aus einem Löwenmaul herunterhing, in Bewegung. Nach einer Weile erschien ein schlank gewachsenes Mädchen in Trauerkleidung. Gleichzeitig kamen aus dem Garten einige junge Leute in abgetragenen Sportanzügen und begrüssten uns auf Englisch. Sie führten uns in das Treppenhaus. Ein grosser, ausgestopfter Königstiger mit fletschenden Zähnen stand neben der Treppe, an den Wänden hingen Tigerfelle. Die Treppe war in der Mitte geteilt, und zwei kleine Treppen führten rechts und links zur Galerie, von der die Zimmer abgingen. Nach dem Haus besichtigten wir das Gut. Es nahm ungefähr die Hälfte der Halbinsel ein. Da war ein Pächterhaus mit Kuhstall, ein Pferdestall mit Kutscherwohnung und am Fuss eines kleinen Eichen- und Buchenwaldes, der bis zum See herunterreichte, ein Badehaus mit langem Steg. Wir wanderten zurück zum kleinen See, Ausee genannt. Birken und Tannen säumten die Ufer, Brücken aus Naturholz, mit Rinde bedeckt, führten zu den beiden kleinen Inseln, die Sträucher und hohes Gras überwucherten. Mama war sehr eingenommen, und am gleichen Tag erwarb sie die Au.»
Halle zur Zeit von Fanny Moser.
Fanny Moser mit Tochter Fanny und deren Mann.
Übergang des Au-Gutes an die Familie von Schulthess
1917 verkaufte Fanny Moser ihr schönes Landgut auf der Unteren Au an Oberst Hans von Schulthess-Bodmer. Der neue Eigentümer der Liegenschaft liess im Sommer 1928 das aus der Zeit Johann Rudolf Werdmüllers stammende Hauptgebäude abbrechen und an seiner Stelle das Schloss Au erbauen, welches sich auf Eric Alex von Schulthess-Rechberg vererbte und nun in den Besitz des Kantons Zürich übergegangen ist.
Das neubarocke Schloss Au
Die 1929 vollendete neubarocke Villa Schloss Au mit gebrochenem Vollwalmdach ist ein Werk des bekannten Architekten Johann Albert Freytag (1880–1945) vom Büro Müller & Freytag in Thalwil. Dieser fügte an die alte Werdmüller-Trotte einen Zwischenbau und den Schlossneubau. Die Mauerflächen des alle andern Gebäude überragenden Schlosses werden durch Steinsockel Eckquader und Dachgesims gefasst. Die Fassaden sind regelmässig befenstert; in den Dachflächen sitzen Walmdachgauben. Eine Loggia, die im Obergeschoss zum grossen Balkon wird, überspannt die ganze Südfassade. Vor der westlichen Längsfassade erhebt sich über quadratischem Grundriss ein Turm mit geschweiftem, pyramidenförmigem Helm, vor der gegen einen Hof orientierten Ostfassade ein Rundturm mit Wendeltreppe.
Schloss Au.
Die Gebäudeformation, seit 1982 als Schutzobjekt von regionaler Bedeutung eingestuft, liegt nahe am nach Osten ansteigenden, von einer hohen Stützmauer gehaltenen Hang. Ein Terrassenanbau an der Ostseite des Schlosses begrenzt den auf diese Weise entstandenen Hof gegen Süden.
Die Räume des Erdgeschosses und des Obergeschosses der Villa werden von einer grossen, zweistöckigen Halle in der Ostecke des Gebäudes her über eine Galerie erschlossen. Türen verbinden die Zimmer im Erdgeschoss untereinander. Die historisierende Innenausstattung ist ausserordentlich reich. Die Halle hat eine ornamental bemalte Balkendecke; in den Räumen gibt es wertvolle Parkettböden, Tapeten, Täfer, reichverzierte schwere Stuckdecken sowie Kachelöfen mit Bildkacheln. Zum Haupthaus gehören Nebengebäude im gleichen Stil: ein zweigeschossiges, 1927 erstelltes Pförtnerhaus unter gebrochenem Vollwalmdach, ein eingeschossiges Bootshaus von 1923 sowie ein Badehaus in Holzkonstruktion, welches durch einen Steg mit dem Ufer verbunden ist. Es wurde 1895 für Fanny Moser erbaut.
Eingangshalle zur Zeit der Familie von Schulthess.
Garagengebäude, 1930.
Bootshaus von 1928.
Haus Gugger
Auf dem weiten Areal des Landgutes Schloss Au, das nahezu die Hälfte der Fläche der Halbinsel einnimmt, stehen weitere Bauten, unter anderem das Haus Gugger im Südabhang des Auhügels. Der burgturmartige Bau mit rundbogigem Tor und auskragendem Obergeschoss unter Walmdach wurde 1914 im Auftrag von Fanny Moser als Gartenhaus zum Schloss Au erstellt. Seine als Ausguck geeignete Lage trug dem Gebäude den Namen Gugger ein.
Ausee und Haus Gugger.
Ausee um 1930.
Ausblick
Der Erwerb des Landguts Schloss Au durch den Kanton Zürich ist aus der Sicht des Natur- und Heimatschutzes eine ausserordentlich bedeutsame Tat. Zusammen mit dem 1973 vom Kanton idealer Weise das seit langem öffentlich zugängliche Natur- und Landschaftsschutzgebiet im mittleren Teil des Au-Hügels, für dessen Erhaltung sich seit 1911 das Au-Konsortium vorbildlich einsetzt.