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|AACZ - Expedition Aksay 1998|
Aksaybax 6146 m; 39° 16' Nord, 74° 16' Ost. Besteigung am 27. Juli 1998
Teilnehmer: Michael Altorfer, Guntram Koller, Klaus Minges, Edgar Schuler, Charlotte Steinmeier.
Der laut sowjetischer Karte 6146 Meter hohe Aksaybax (gesprochen Aksaybasch, kirgisisch für Ende der weissen Ebene) wird in der Liste von Zheng/Zhenkai als unbestiegener Gipfel von 6102 Metern Höhe aufgeführt. Wie dem auch sei, als jedenfalls dritthöchster Gipfel der gesamten Kette gehörte er von Anfang an zu den Hauptzielen der Expedition, zumal in seiner Nachbarschaft der mit 6084 Metern nur wenig niedrigere Kukjlga lockte. Zwischen beiden Gipfeln bot sich ein ausgedehntes Gletscherplateau auf etwas über 5000 Metern als Ausgangspunkt für die Besteigung beider Gipfel an.
Der schöne Plan schien sich allerdings schon sehr früh zu zerschlagen. In einem Brief unseres Betreuers von der Xinjiang Mountaineering Association, den mir der Übersetzer Wayne übermittelte, als wir uns zum ersten Nachtessen in Kashgar trafen, hiess es nach ein paar Höflichkeiten: "Since last month border area's situation is rather strained. So you must climb the peaks from 6084 to 6220, you should choose 9 peaks between them. This is very important." Das hätte eigentlich bedeutet, dass wir den Aksaybax - wortwörtlich - hätten links liegen lassen müssen. Im Brief hiess es weiter, dass Mr. Jing Yin Jie uns die Details erklären werde. Wir trafen Mr. Jing in Kashgar beim Abendessen im Hotel. Seine Karte wies ihn als "Deputy General Manager" von "China Xinjiang International Sports Travel" aus. Wir hatten keine Ahnung, was das bedeutete, aber er führte sich als Chef auf und hatte unseren Übersetzer Wayne auch fest im Griff. Dieser erzählte später, dass er im Hotel mit Jing dieselbe Suite bewohnte und Glück hatte, dass sie über ein Sofa verfügte, sonst hätte er zu Füssen seines Chefs auf dem Boden schlafen müssen. Schliesslich sollte es auch Mr. Jing sein, dem wir den nicht unbescheidenen Rest der Expeditionsgebühren bar auf die Hand zahlten.
Auf unser vorsichtiges Sondieren hin, was denn von dem im Brief ausgesprochenen Verbot zu halten sei, liess Mr. Jing durchblicken, dass es mindestens von seiner Seite keine Schwierigkeiten geben würde, falls wir den Berg in Angriff nehmen wollten. Nun hatten wir ja aus dem Vorjahr unsere Erfahrungen in dem dünn besiedelten Gebiet, so dass es unwahrscheinlich schien, dass uns irgend jemand davon abhalten würde, den Aksaybax zu besteigen. Die Risiken dieser Einstellung sollten wir aber noch spüren.
Nun war es allerdings auch so, dass die beiden Gipfel von allen Expeditionszielen am weitesten vom Basislager entfernt lagen. Auf die Erfahrungen der Rekognoszierung bauend, hatten wir deshalb vorgesehen, uns per Lastwagen an den Fuss des Aksaybax transportieren zu lassen. Charlotte, Klaus und ich sollten am 25. Juli möglichst weit im Westen ein vorgeschobenes Basislager errichten, von dem aus wir den Aufstieg zum Hochplateau und den beiden Gipfeln in Angriff nehmen konnten. Guntram und Michael sollten tags darauf zu uns aufschliessen. Wir hatten Urumbai, den Chauffeur "unseres" Kirgisendorfes, über ein kompliziertes Dolmetscherritual gebeten, am besagten Termin ins Basislager zu kommen und uns drei, Material und Verpflegung für drei bis vier Tage zu transportieren. Er kam tatsächlich; auch Wayne, der chinesische Dolmetscher, fuhr mit. Da er aber kein Kirgisisch konnte und Urumbai nichts anderes, war Wayne eine geringe Hilfe. Die Reise dauerte einen ganzen Tag, war häufig unterbrochen von Streiks des altersschwachen Motors, dessen sich Urumbai mit Hammer, Schraubenschlüssel oder den blossen Händen annahm. Schliesslich war es auch Urumbai selber, der unser Ziel für zu weit hielt und mehr Geld für die Fahrt verlangte. Wayne war das peinlich, und er ging, um mit der Schippe weit westlich unseres Stopps ein imaginäres Bachbett für die Durchfahrt zu präparieren, während wir mit Händen und Füssen um den Fahrpreis feilschten. Schliesslich erreichten wir wenigstens annähernd unseren anvisierten Lagerplatz und stellten in einem steinigen Bachbett die Zelte auf. Nachdem wir Urumbai und Wayne wieder entlassen hatten, machten wir es uns gemütlich und kochten scharfen Gemüsereis in Gletschermilch.
Am Morgen des 26. Juli luden wir unsere Säcke mit Biwakmaterial, Essen für drei Tage, Seilen, Schneeschuhen und der übrigen Ausrüstung auf und stapften unter einem nicht gerade ermutigend grauen Himmel weiter nach Westen, bis an den Eingang des Gletschertales, das uns auf den Sattel führen sollte. Der Aufstieg bot weiter keine Schwierigkeiten. Auf gut 4500 Metern wechselten wir vom Moränenrand auf den Gletscher. Das Wetter wurde nicht besser, und in immer dichterem Nebel bei immer breiter werdenden Gletscherspalten zogen wir weiter, die Route mehr ahnend als tatsächlich erkennend. Schliesslich zwang uns ein aufziehendes Gewitter, anzuhalten und die ärgsten Schneeschauer und den Höhepunkt von Blitz und Donner abzuwarten. Die Dämmerung brach herein, und der Nebel liess nicht mehr erkennen, was oben, unten, links oder rechts war. Als es schien, als ob wir den Sattel erreicht hätten, stellten wir die Rucksäcke ab und begannen unser Biwak einzurichten. Wir staunten, als wir entdeckten, dass die frische Schneedecke höchstens zehn Zentimeter dick war und darunter das blanke Eis zum Vorschein kam - ein Zeichen, dass wir wirklich im Joch waren, wo der Schnee dem Wind zu weichen hat. Die ansonsten für bergsteigerische Zwecke bisher unbenutzten Eisschrauben dienten nun dazu, das Zelt zu sichern.
Der nächste Morgen verscheuchte den Nebel, und unter einem tiefblauen Himmel zogen wir los. Über flache Gletscherhänge stapften wir auf den langgezogenen Grat zu, der in südöstlicher Richtung über eine ganze Reihe von Vorgipfeln zum Aksaybax führt. Ein Blick zurück zum Nachbar-Sechstausender Kukjlga lehrte uns, dass der Aufstieg zum vierten Sechstausender zwar überwiegend leichtes Schneegelände bieten würde, der Gipfelaufschwung über einen Felsgrat aber nicht ohne technische Schwierigkeiten zu machen sein dürfte. Beeindruckend war der Blick auf die Nordseite der Kette. Das sonst so brüchige Gestein scheint hier von besserer Beschaffenheit zu sein. Jedenfalls gab es hier steile Felsaufschwünge und scharfkantige Grate. Aus haarsträubenden Gletscherbrüchen brachen ab und zu mächtige Eisbrocken in die Tiefe. Hier erschien uns die Gebirgslandschaft des Aksay am ehesten als "alpin" und der Kontrast zur Wüste an ihrem Fuss besonders eindrucksvoll.
Über einen steilen Aufschwung erreichten wir den Vorgipfel auf etwa 5800 Meter. Von hier aus hatten wir einen atemberaubenden Blick über den gesamten Grat bis hin zum Gipfel in etwa drei Kilometern Distanz. Der Schneegrat war scharf, mit steilen Flanken auf beiden Seiten. Im Norden beeindruckten die von Grau über dunkles Rot bis ins Orange wechselnden Farben der Felsen. Im Dunst war die trockene Ebene zu erahnen, die das Gebirge von Kashgar trennt. Allerdings - es war bereits Nachmittag - wurde die Aussicht getrübt durch aufkommende Bewölkung. Es war abzusehen, dass die drei, vier Grataufschwünge bis zum höchsten Punkt noch einiges an Zeit und Kraft brauchen würden, und wir sahen, dass sich auch unter uns die Nebelschwaden zu einer undurchdringlichen Suppe zu verdicken begannen. Die Erfahrung mit dem Gewitter vom Vortag liess es nicht ratsam erscheinen, weiter auf der Gratkante zu wandern. Wir entschlossen uns zur Umkehr, wählten aber nicht den Grat, sondern die Südflanke, die sich als vereist, aber durchaus gangbar erwies. Gerade als der Nebel wieder undurchdringlich dick geworden war, erreichten wir das Zelt.
Spät am Abend, als wir schon relativ gemütlich unser gefriergetrocknetes Mahl zubereiteten, probierten wir, den abendlichen Funkspruch abzusetzen. Wir hatten wenig Hoffnung, vom Basislager oder einer der Gruppen, die unterwegs waren, gehört zu werden, denn es türmte sich zwischen uns und dem Basislager doch die halbe Aksaykette. Aber zu unserer Verblüffung meldete sich aus nächster Nähe Guntram, der zusammen mit Michael anmarschierte. Die beiden waren am Tag zuvor von der Besteigung des Tikjaylu ins Basislager zurückgekehrt und hatten sich nach kurzer Nachtruhe von Urumbai zu unseren Vorräten chauffieren lassen. Mittags waren sie von dort aufgebrochen. Nachdem wir den Benzinkocher als Signallampe nach draussen gestellt hatten, trafen sie nachts um 11 Uhr bei uns ein. Zum Glück für die beiden hatte das Gewitter diese Nacht Verspätung. Wir beschlossen, am nächsten Morgen zu fünft unser Ziel in Angriff zu nehmen.
Am folgenden Morgen war beim ersten Blick aus dem Zeit gar nichts zu erkennen, ausser dass zum Nebel noch dichtes Schneetreiben hinzugekommen war. Wir blieben noch liegen. Eine Stunde später spannte sich bereits wieder ein strahlend blauer Himmel über dem Plateau, keine einzige neblige Schliere war mehr zu sehen. Wir machten uns auf und kamen in den eigenen Spuren zu dem Punkt, wo wir am Vortag umgekehrt waren. Wieder begannen sich Wolken zu bilden, doch diesmal waren wir entschieden früher dran. Am Umkehrpunkt begann wieder das mühsame Spuren auf der Gratkante. Je näher wir an die Sechstausendermarke kamen, desto höher wurde auch der Schnee. Immerhin erwies er sich als einigermassen locker und halbwegs problemlos zu spuren.
Dennoch kostete es alle fünf noch einmal ein rechtes Stück Anstrengung, bis wir den letzten Aufschwung erreichten. Auf dem vereisten Hang kamen nun auch einmal die Frontzacken unserer Steigeisen zum Einsatz. Schliesslich langten wir auf dem Gipfel an, der sich als Fläche von der Grösse eines Handballfeldes erwies. Zwischen und unter den üblichen Wolkenfetzen bot sich noch einmal ein neuer Blickwinkel auf das Aksay-Tal, die Bergkette, Budunseltau, Kongur und Mustagh Ata. Gegen Westen erstreckten sich unzählige Pamirgipfel und das tadschikische Staatsgebiet. Es war nachmittags um 15 Uhr 10, als wir unser Gipfelfoto aufnahmen. Trotz dichter werdendem Nebel war der Rückweg auf dem Grat kein Problem. In der Milchsuppe war es zum Schluss gar nicht so einfach, die Zelte zu finden.
Am nächsten Tag blieben wir liegen, bis die Sonne die Schlafsäcke wärmte, räumten unser Lager und machten uns auf den Weg zurück zum Talboden. Charlotte und mich erwartete noch ein spezielles Erlebnis. Als wir aus dem Quertälchen nach links zum Lager abzweigen wollten, rief uns von hoch oben ein verwegen aussehender Kirgise an, der sein Gewehr in Anschlag und uns ins Visier nahm. Wir hoben die Hände, hatten aber selbstverständlich keine Ahnung, was er uns zurief. Charlotte versuchte ihr ganzes Chinesisch an dem Mann, der wohl ein Jäger oder Fallensteller war - vergeblich. Als wir die Hände senkten, legte er seine Flinte sofort wieder an. Dann wollten wir ihm mit Handzeichen bedeuten, dass wir friedliche Absichten hätten. Er gab sich zufrieden, allerdings nicht ohne nochmals das Gewehr auf uns zu richten. Wir machten uns weiter auf den Rückweg. Die anderen drei hatten von dem ganzen Vorfall nichts bemerkt.
Als wir endlich beim Zelt angelangt waren, machten wir uns über die restlichen Vorräte an Büchsenfutter her und veranstalteten damit eine kleine, wüste Orgie - schliesslich wussten wir, dass die Expedition nun so gut wie zu Ende war. Am Abend kam Urumbai, allerdings nicht im Lastwagen, sondern in einem lächerlich kleinen Bejing-Jeep, der in unseren Augen längst nicht ausreichte, um uns zu fünft mit dem ganzen Plunder ins Basislager zurückzufahren. Urumbai sollte uns eines Besseren belehren. Bedächtig packte er am nächsten Morgen Stück für Stück in die grüne Schüssel, klappte den Kofferraumdeckel so auf, dass man darauf noch zwei, drei Säcke festzurren konnte, und wies uns schliesslich an, wie wir uns auf Vordersitz und Rückbank zu verstauen hatten.
Die Rückreise wurde zu einer wahren Odyssee, bei der wir das Tal noch einmal in seiner ganzen Breite und Länge kennenlernen sollten. Irgendwie wollte Urumbai nicht recht verstehen, dass wir auf dem schnellsten Weg ins Basislager wollten. Zunächst machte er auf der gegenüberliegenden Talseite in einer wahren Geisterstadt halt. Neben Mushi war das die grösste Ansammlung von Häusern im Tal. Als wir anhielten, schlurften uns ein paar Männer entgegen, die sich, wie alle Talbewohner, brennend für unsere Ausrüstung und besonders für unsere Schuhe interessierten. Ein Mann fuhr mit seinem Eselskarren Baumaterial hin und her, und ein Mädchen schaute scheu aus einem vergitterten Vorhof zu uns hin. Ansonsten bewegte sich in dem Örtchen nichts, aber Urumbai blieb eine ganze Weile bei irgendwelchen Geschäften verschwunden.
Auch als wir endlich über die staubige Piste weiterfuhren, ging es Urumbai offensichtlich nicht darum, möglichst schnell zum Basislager zu fahren. Wir besuchten noch seine Verwandten in einer Jurtensiedlung, wo es die unvermeidliche Stutenmilch zu trinken gab. Dort luden wir einen Grossvater auf, den Urumbai offenbar nach Mushi bringen wollte. Auch er passte noch in den Jeep. Am Schluss landeten wir nicht etwa im Basislager, sondern im wohlbekannten Kirgisendörfchen, wo noch einmal ein langes Palaver einsetzte, bis sich Urumbai endlich bequemte, uns zurückzufahren.
Edgar Schuler

Akademischer Alpen-Club Zürich

AACZ / 15. Apr. 2005 (ab)
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