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Es ist vor den Winterspielen die politische Wohlfühl-Story: Nord- und Südkorea stellen ein gemeinsames Frauen-Hockeyteam, starten unter einer Flagge und laufen bei Eröffnungs- und Schlussfeier gemeinsam ein. Und die Schwester von Nordkoreas Machthaber «Marschall» Kim Jong-un nimmt aktiv an der Eröffnungsfeier teil.
Geschichte wird geschrieben. Vor 30 Jahren boykottierte der Norden die Spiele von Seoul. Erst zum vierten Mal laufen die beiden Korea bei Olympischen Spielen gemeinsam ein. Und zum dritten Mal gibt es ein Team Korea. 1991 nahmen gemeinsame Teams an der Tischtennis-WM und der Fussball-U20-WM teil. Die Tischtennis-Frauen holten Gold, die Fussball-Junioren eliminierten Argentinien und scheiterten im Viertelfinal an Brasilien.
«Worst-Case-Szenario»
Für die Kanadierin Sarah Murray, den Coach der Südkoreanerinnen, war der 17. Januar «der Horror». An diesem Tag beschloss die Politik das gemeinsame Team. «Für mich war dieser Entscheid das Worst-Case-Szenario.» Seit vier Jahren bereitete Murray die Südkoreanerinnen auf Olympia vor. Und drei Wochen vor der Eröffnungsfeier stösst ein Dutzend Nordkoreanerinnen zum Team. Murray: «Ich fragte mich: Wie soll das gehen? Teamgeist kannst du jetzt vergessen.»
Murray ist Kanadierin. Sie ist aber auch halbe Schweizerin. Ihr Vater Andy Murray hat in der Schweiz während acht Jahren Kloten, den ZSC, Zug und Lugano trainiert. In der Ära Simpson galt Berater Murray sogar als heimlicher Nationalcoach. Jordy und Brady Murray, die Brüder von Sarah, spielten in der NLA für je drei Klubs. Und auch Sarah spielte in der Schweiz–während dreier Jahre für Lugano und die ZSC Lions.
Was führte dazu, dass Murray nach dem Horror vom Januar nun mit dem neuen Team wieder Zuversicht versprüht? «Wir schafften es, das Team zu einen. Der nordkoreanische Nationaltrainer, jetzt mein Assistent, erwies sich als riesige Hilfe.»
Aber einfach war es nicht. Bei der Sprache fing es an. Südkorea hat in 70 Jahren Abspaltung viele englische Wörter adaptiert. In Nordkorea sind Ausdrücke aus dem Amerikanischen strikt verboten. Und im Eishockey wimmelt es von diesen Ausdrücken. Nordkoreanerinnen wussten nicht, was es heisst, einen Pass zu spielen. Schliesslich kommt das Verb «passen» aus dem Englischen. Bei ihnen heisst es «yeol lak» oder auf Deutsch «mit einem anderen Spieler kommunizieren».
«Wir erstellten ein dreiseitiges Wörterbuch», so Murray. «Drei Seiten mit Wörtern auf Englisch, Südkoreanisch und Nordkoreanisch. Alle mussten alle Wörter lernen. Die Nordkoreanerinnen hatten die Wörter als Erste im Griff.»
Murray möchte nach zwei Wochen die Nordkoreanerinnen nicht mehr missen. Nicht dass sie das Team verbessert hätten, aber sie brachten neuen Schwung. Murray: «Sie fragen so viel. Sie wollen alles wissen. Team-Meetings dauern nicht mehr eine Viertelstunde, sondern ich muss sie nach einer Stunde abbrechen.»
Und doch tauchen immer wieder Problemchen auf. Im Interview erzählt Sarah Murray, wie sich eine Nordkoreanerin, die 26-jährige Kim Hyang-Mi, plötzlich mit einer der sechs amerikanischen Doppelbürgerinnen in den Armen lag. Beide lachten, hatten Freude und unterhielten sich in Zeichensprache. Plötzlich hält Murray inne.
Und sie beginnt sich zu fragen: «Kann Hyang-Mi jetzt Probleme bekommen, weil sie eine Amerikanerin umarmt hat und ich das ausgeplaudert habe?»
Der Start gegen die Schweiz
Südkorea verfolgt das Experiment mit gemischten Gefühlen. Für die einen nährt das Team Hoffnung auf eine Vereinigung. Andern missfällt, dass Südkorea für die Winterspiele viel investiert hat und nun nicht einmal unter eigener Flagge starten kann. Beim einzigen Testspiel des Teams Korea vor einer Woche gegen Schweden (1:3) befanden sich die Befürworter in der Mehrzahl. Das Stadion war mit 4000 Zuschauern gefüllt; draussen protestierten 100 gegen Nordkoreas Marschall Kim Jong-un.
Für Korea beginnen die Spiele gegen die Schweiz. Mindestens drei der zwölf Nordkoreanerinnen müssen gemäss Vereinbarung mitspielen. «Mehr werden es kaum sein», meint Murray. Können die Koreanerinnen die Schweizerinnen schlagen? Murray kann das beurteilen, denn sie hat mit praktisch allen Schweizerinnen gespielt: «Ja, wenn wir gut spielen, dann können wir das Spiel gewinnen.»sda