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Strecke
Die Kirchen
Die erste Zweihundertjahrfeier
Lebendige Traditionen
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Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind auch die Historischen Prozessionen in der Karwoche in Mendrisio wie alle anderen älter als ihre erste urkundliche Erwähnung zu Beginn des 17. Jahrhunderts.
Die Gründonnerstagsprozession ist eine “heilige Darbietung” mit volkstümlichem Charakter, an der die rund 20 Gruppen oder Personen keine Texte rezitieren, sondern durch die Gassen der Ortschaft ziehen und den Gang zum Kalvarienberg nachspielen. Die einzigen, die man hört, sind die Juden, die Schmähungen ausstossen und die Verurteilung Christi zum Tode fordern, weshalb die Prozession bekannt ist als Funziun di Giüdee (Funktionen der Judäer). Mindestens drei Jahrhunderte lang wurde dieser Umzug von der Bruderschaft des Allerheiligsten Sakraments organisiert.
Die feierliche Prozession am Karfreitag ist eine Ausdehnung des Beerdigungsritus Christi, daher wurde diese ursprünglich von Geistlichen organisiert. Mit der Unterstellung der benachbarten Lombardei unter die Herrschaft der Spanier (im 16. Jahrhundert) kam die Tradition auf, diese Prozession als Entierro (Grablegung Christi) zu bezeichnen. Sie stellt die nächtliche Bestattung Christi dar, üblicherweise begleitet von der Schmerzensmutter; in Mendrisio wurde die Muttergottesstatue vermutlich erst nach der Rückkehr der Serviten Marias in das Kloster San Giovanni im Jahre 1644 in die Prozession integriert. Es gilt als sicher, dass diese Bruderschaft von diesem Datum an die Prozession durchführte, manchmal im Widerspruch zum Pfarrer, bis zur Aufgabe des Klosters in Mendrisio und fast aller Tessiner Klöster im Jahre 1852.
Neben den beiden Abendveranstaltungen haben sich in Mendrisio noch weitere Traditionen in der Karwoche erhalten.
Bei den seit mindestens 1000 Jahren im ganzen Mittelmeerraum sehr verbreiteten “Sepolcri” handelt es sich um mehr oder weniger reich geschmückte oder umfangreiche Ausstattungsgegenstände des Katafalks für den Leichnam Jesu, die von den Gläubigen aufgesucht werden. In Mendrisio gestaltete man bis zu den 2014 abgeschlossenen Renovierungsarbeiten ein Bühnenbild in der Kirche Santa Maria nascente nel borgo.
Viel seltener und daher heute aussergewöhnlich, jedoch bei den Einwohnern von Mendrisio äusserst beliebt ist der “Settenario” in der Kirche San Giovanni der ehemaligen Serviten Marias, also die Abendfunktionen, die jede einer der Sieben Schmerzen Marias geweiht sind, mit besonderen Gebeten und dem Stabat Mater (der Jacopone da Todi zugeschrieben wird) in Form eines Wechselgesangs. Zu einer Musik unbekannter Herkunft stimmen die Männer, die im Chor der Kirche stehen, eine Strophe an und die Frauen antworten darauf aus dem Kirchenschiff.
Doch leider wird der grosse, eindrückliche provisorische Altarraum der Kirche San Giovanni (mit Malereien von Bagutti gegen 1775), in dem die Statue der Schmerzenzreichen Maria stand, nicht mehr geschmückt. Heute wird die Statue aus der Nische in der Apsis hervorgeholt, man legt ihr das Festgewand an (aus dem frühen 19. Jahrhundert, restauriert) und sie wird bis kurz vor der Prozession mit dem reich geschmückten, vergoldeten Traggestell (von ca. 1780) auf einen mit Malereien verzierten Tisch gestellt.
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erlaubten die sozioökonomischen Umstände des Kantons endlich eine bedeutende Investition zur Wiedereinführung und Erneuerung der Prozessionen. Zu diesem Anlass beschloss das neu gegründete Komitee, dass noch heute die ganze Organisation übernimmt, das Jahr 1889 als ersten hundertsten Jahrestag der Neugestaltung festzulegen, da in einem der wenigen historischen Dokumente, das noch aufbewahrt wird, det Landvogt erwähnt wird, also der helvetische Verwalter der italienischsprachigen Provinzen, der dem Bezirk vom 16. Jahrhundert bis zum Jahre 1798 vorstand.