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Ein 0:7 gegen Schweden und Leonardo Genoni, der nach vier Gegentreffern (drei davon haltbar) ausgewechselt wurde, hat die Hockey-Schweiz erschüttert. Eismeister Zaugg stellte die Frage: «Wer kommt nach Leonardo Genoni und Reto Berra? Ohne Torhüter von Weltformat haben wir bei einer WM keine Chance.»
Mittlerweile haben sich die Gemüter nach souveränen Siegen gegen die Slowakei, Belarus und Grossbritannien und der damit verbundenen Viertelfinalqualifikation wieder beruhigt. Dennoch wird Patrick Fischer Leonardo Genoni (33) und Reto Berra (34) früher oder später einmal ersetzen müssen. Die Frage nach einem Nachfolger ist aber auch schwierig zu beantworten. Selbst erfahrene Scouts haben manchmal Mühe, Karriereverläufe von Torhütern korrekt einzuschätzen. Wir stellen hier einmal die möglichen Kandidaten vor.
Anmerkung: Die Reihenfolge in der Aufzählung der Torhüter hat nichts mit der Stärkeeinschätzung zu tun.
Gauthier Descloux hat die besten Karten, die nächste Nummer 1 in der Nationalmannschaft zu werden. Hätte sich der 24-Jährige in den Playoffs nicht verletzt, wäre wohl er statt Melvin Nyffeler als Nummer 3 dabei. Entgegen dem heutigen Trend bei Torhütern ist der Romand nicht gross und schwer (180cm/79kg), dafür ist er unglaublich beweglich.
Mit 21 Jahren wurde Descloux Stammgoalie bei Servette und hat sich seither mit jeder weiteren Saison gesteigert. Über die gesamte letzte Saison gesehen wehrte der Freiburger beinahe 20 Tore über dem Ligadurchschnitt ab. Und er hat an der U18-Weltmeisterschaft 2014 bereits gezeigt, dass er sein Talent auch im internationalen Vergleich ausspielen kann. In den nächsten Jahren wird er das auch an A-Weltmeisterschaften beweisen können.
Man vergisst manchmal, dass Joren van Pottelberghe erst 23-jährig ist, schliesslich spielt er schon seit fünf Jahren in der National League (mit einem Jahr Umweg über Dänemark und Kloten). Zwischen 2016 und 2020 war er bei einem defensiv schwachen HC Davos ein solider Rückhalt. Letzte Saison startete er in Biel schwach und steigerte sich im Verlauf der Saison markant.
Weil er gross (191cm/85kg) und trotzdem athletisch ist, wurde «JvP» 2015 von Detroit auch in der vierten Runde gedraftet. Die NHL ist aktuell nicht mehr in unmittelbarer Reichweite, doch bei den Torhütern kann es manchmal schnell aufwärtsgehen. Der Finne Kevin Lankinen gab beispielsweise letzte Saison mit 26 Jahren sein NHL-Debüt und wurde bei den Chicago Blackhawks gleich Stammkeeper. Van Pottelberghe dürfte sich in den nächsten Jahren als einer der besseren National-League-Keeper etablieren und für die Nati auch an Ernstkämpfen ein Thema werden.
Gilles Senn kehrt nach zwei Jahren in Nordamerika wieder zum HC Davos zurück und wird dort den nicht mehr erwünschten Robert Mayer ersetzen. Vermutlich wird der 25-Jährige in der Schweiz etwas unterschätzt, weil man nur noch seine letzte Saison in der Schweiz im Kopf hat. Damals musste der Walliser hinter einem desolaten HCD, der in den Playout-Final stürzte, das Tor hüten.
Auch seine Zahlen in der AHL sehen nicht besonders beeindruckend aus. Doch im ersten Jahr legte er nach etwas Eingewöhnungszeit einen Steigerungslauf hin und im zweiten Jahr spielte der 25-Jährige hinter einer Mannschaft, die kaum mehr AHL-Kaliber hatte. Ohne Grund wird man nicht von einem NHL-Team gedraftet. Senn überzeugt, weil er trotz seiner Grösse sehr athletisch und beweglich ist. Was ihm noch fehlt, ist die Konstanz über eine ganze Saison.
Akira Schmid gilt als grösstes Schweizer Goalietalent der Gegenwart. Mit seinen erst 21 Jahren hat er bereits eine Karriere mit Höhen und Tiefen hinter sich. Er wurde im CHL-Draft von den Lethbridge Hurricanes gezogen, aufgrund der Ausländerbeschränkung in der kanadischen Juniorenliga mit den Lethbridge Hurricanes (WHL) wieder abgeschoben.
Former Musketeers goalie Akira Schmid talks about signing with the @NJDevils and gives a ton of credit to his teammates in Sioux City. @USHL @NHL @NHLNetwork #siouxcitymusketeers #nhl #ushl #letsgomuskies #procontract #whosnext #akiraschmid #goalie #futurestar pic.twitter.com/y0tog0XvG7— Sioux City Musketeers (@Musketeerhockey) May 17, 2021
Doch der Langnauer gab nicht auf und ergatterte sich einen Job in der USHL, die als beste der nordamerikanischen Nachwuchsligen gilt. Dort überzeugt er in seinem mittlerweile dritten Jahr, nachdem er letzte Saison von Verletzungen geplagt wurde. 2019 und 2021 war er der statistisch beste Goalie der Liga. Vor wenigen Tagen hat Schmid einen Entry-Level-Vertrag bei den New Jersey Devils unterschrieben. Seine nächste Station dürfte also die AHL sein.
Schmid hat mit 195 Zentimetern und 93 Kilogramm Gardemasse für einen modernen Torhüter. Er ist zudem ruhig und überlegt in seinen Bewegungen. Die New Jersey Devils sehen ihn als mögliche Zukunft im Tor – das Gleiche dürfte irgendwann auch für die Nationalmannschaft gelten.
2019 trug Luca Hollenstein die Schweizer U20-Nationalmannschaft mit überragenden Leistungen in den Halbfinal der WM in Vancouver. Beim EV Zug überzeugt er als äusserst verlässlicher Ersatz von Leonardo Genoni. Der 21-Jährige ist klein für einen Torhüter (178cm/79kg), aber sehr athletisch und ohne erkennbare Schwächen.
Noch hat er sein Talent allerdings meist nur in Nebenrollen zur Schau gestellt. Die U20-WM war ein Turnier von fünf Spielen, und in der National League kommt er bislang auf 25 Spiele. Zudem durfte er diese hinter der wohl besten Verteidigung der Liga absolvieren. Um für die Nati infrage zu kommen, muss sich Hollenstein noch weiter entwickeln – möglicherweise auch ausserhalb der EVZ-Organisation.
Mit nur 21 Jahren führte Wüthrich den SC Langenthal mit überragenden Leistungen zum Titel in der Swiss League. Das erste Jahr in der National League beim SC Bern verlief für den heute 23-Jährigen aber ernüchternd. Das Berner Eigengewächs absolvierte zwar rund die Hälfte der Spiele, konnte dabei aber kaum überzeugen und war statistisch einer der schlechteren Torhüter der Liga.
Auch Wüthrich ist mit 23 Jahren noch jung und wird sich weiter verbessern. Wenn er sein Potenzial, das er in Langenthal angedeutet hat, ausspielen kann, ist er irgendwann sicher ein Kandidat für die Nationalmannschaft. Aktuell haben andere Torhüter aber bessere Karten.
Es gibt noch andere junge Torhüter, die das Potenzial haben, früher oder später für die Nationalmannschaft im Einsatz zu stehen: Andri Henauer (19, SC Bern), Kevin Pasche (18, Lausanne HC) oder Mathieu Croce (18, HC Davos). Allesamt sind sie aber noch etwas zu jung, um ihren Karrierenverlauf zu prognostizieren. Kevin Pasche ist vermutlich das vielversprechendste Talent des Trios, zeigte der Romand dieses Jahr doch überzeugende Leistungen an der U18-Weltmeisterschaft.