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Am 25. September stimmt die Schweiz über die Abschaffung der Massentierhaltung ab. Konkret fordert die Initiative, eine Tierhaltung abzulehnen, bei der „das Tierwohl systematisch verletzt wird“. Innerhalb von 25 Jahren muss der Bund Kriterien für eine würdevolle Tierhaltung erlassen, die sich an den Regelungen der Bio-Suisse-Richtlinien orientieren können. Obwohl eine Umsetzung der Initiative nur die wenigen Grossbetriebe betreffen würde, die beispielsweise bis zu 27’000 Hühner halten – laut Initiativkomitee wären das ungefähr 5% der landwirtschaftlichen Betriebe –, scheint die geforderte Veränderung gross. Die Debatten im Abstimmungskampf werden dabei, wie so oft, vor allem von ökonomischen Argumenten geprägt. Argumente, die das Wohlbefinden und die Würde der Tiere hervorheben, werden hingegen schnell als Gefühlsduselei abgetan und so aus dem politischen Raum gedrängt. Empathie mit Tieren scheint kein valables Argument zu sein, um neue Gesetze zu erlassen.
Wer verstehen will, warum dies so ist – und warum es Zeit wäre, daran etwas zu ändern – muss einen langen Blick zurückwerfen: weit vor die Herausbildung unserer industriellen Massentierhaltung seit den 1970er Jahren bis hin in die französischsprachigen Debatten des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen in der Diskussion der Nutztierhaltung noch immer geltende Grenzen von Empathie und Mitleid etabliert wurden.
Eine neue Moral für eine neue Gesellschaft
„Inwieweit ist die barbarische Behandlung von Tieren für die öffentliche Moral von Belang? Sollte man diesbezüglich Gesetze erlassen?“ Diese Frage, die an die anstehende Abstimmung erinnert, wurde bereits 1802 gestellt, und zwar vom in Paris angesiedelten Institut national des sciences et des arts, eine Art Think Tank, der in Preisausschreibungen die Bürger der frisch gegründeten Französischen Republik nach ihren moralischen Ansichten befragte. Die Antworten stammten von Pfarrern, Lehrern und Philosophen, aber auch von vielen unbekannten Namen aus der Provinz. Die meisten Autoren, deren Texte heute im Archiv der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris liegen, argumentierten zwar pragmatisch, dass ein Verbot der Grausamkeit nicht durchführbar sei, fast alle waren sich aber einig, dass der Status quo nicht haltbar war. Immerhin sieben Autoren sprachen sich für den Erlass von Gesetzen aus. Sie erwogen beispielsweise Bussen und Polizeikontrollen, um Tiere besser vor Misshandlung zu schützen. Einen Eindruck davon, um welche Grausamkeiten es genau ging, vermittelt etwa der Text eines gewissen Christian Friedrich Warmholz, der sich gemeinsam mit 26 anderen Autoren um den Preis des Instituts bewarb:
Ochsen, Schweine, Gänse, Enten und Hühner werden in enge Gefängnisse gepresst, ohne ihre Haltung ändern zu können, ohne dass jemals Luft eindringt… Sie sind dazu verurteilt, zu leben, um zu essen, und oft gezwungen, die Nahrung, mit der sie gefüttert werden, gegen ihren Willen zu schlucken.
Warmholz schilderte zudem, wie die Tiere aus ihren „ekelhaften Gefängnissen“ geholt, in grossen Herden zur Schlachtung geführt und gepeitscht oder übereinandergestapelt wurden. Einige seien zuvor so stark gemästet worden, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrachen.
Die Argumente für eine bessere Behandlung von Tieren waren zahlreich. Basierend auf anatomischen Erkenntnissen stellten zum Beispiel mehrere Autoren fest, dass Tiere ähnliche Schmerzen wie der Mensch empfinden müssten. Einige spekulierten darüber, ob Tiere eine Seele hätten und verwiesen dabei gar auf die Seelenwanderung im Hinduismus. Aber auch innerhalb des Christentums liess sich argumentieren, dass Tiere als Teil der göttlichen Schöpfung gut zu behandeln seien. Naturrechtlich gesehen hätten Tiere zudem ein Recht auf Selbsterhaltung, das zwar durch die Bedürfnisse des Menschen eingeschränkt, aber nicht vollends ignoriert werden dürfe.
Mit ihren Forderungen, Tiere in naturrechtliche Debatten miteinzubeziehen, knüpften die Autoren an andere Bewegungen im Kontext der französischen Aufklärung an, die im Namen der Menschlichkeit auch eine Abschaffung der Sklaverei oder eine Verbesserung der Stellung der Frau forderten. Allerdings blieben diese vorerst erfolglos. Eine satirische Erklärung der Tierrechte von 1791 machte sich denn auch über die Forderung von Frauen nach Gleichberechtigung lustig, indem sie argumentierte, wenn Frauen Rechte bekämen, könne man diese auch gleich den Tieren geben. Tieren und Frauen fehle es gleichermaßen an der Fähigkeit zum abstrakten Denken, welche die Brüder der französischen Revolution zur politischen Partizipation berechtigten.
Rechtliche Argumentationen hatten also einen schweren Stand. Aussichtsreicher war das Argument, Grausamkeit gegen Tiere sei ebenso wie diejenige gegen Menschen schädlich für die öffentliche Moral. Die Terrorherrschaft der Jakobiner lag erst wenige Jahre zurück, und das in der Direktorialzeit gegründete Institut suchte in dieser gemässigteren Phase der Französischen Revolution nach Wegen, die erfahrene Gewalt zu verarbeiten und eine neue moralische Ordnung zu schaffen. Vor diesem Hintergrund wurde argumentiert, dass an Tieren ein friedvoller Umgang eingeübt werden könne, der schliesslich der gesamten Gesellschaft zugutekommen sollte.
Die Einführung von Empathie und Mitleid in die moralphilosophischen Diskurse dieser Zeit war auch ein Versuch, die „Dialektik der Aufklärung“ einzudämmen: Wie dies Horkheimer und Adorno beschrieben haben, versuchte die Aufklärung die Natur, und damit auch die Tierwelt, durch eine ihr entgegengesetzte Rationalisierung beherrschbar zu machen. Dabei reproduzierte und verklärte sie aber ihrerseits ein angeblich natürliches Recht des Stärkeren. Denn wer die Natur beherrschen durfte, war letztendlich wiederum derjenige, der durch eben dieselbe Natur dazu legitimiert wurde. Dies war in der Zeit der Aufklärung vor allem der Mensch, der häufig mit dem Mann, „l’homme“, gleichgesetzt wurde. Diesem standen Tiere, Frauen und Kinder als scheinbar natürliche Ressourcen gegenüber. Dass dieses natürlich begründete Recht des Stärkeren nicht ohne Kontrollmechanismus bleiben konnte, sahen bereits viele Autor*innen in der Zeit der Aufklärung ein. Mitleid und Empathie wurden dabei zu einem Gegenentwurf für eine neue bürgerliche Moral. In den Debatten darüber, welche Moral in der natürlichen Ordnung tatsächlich zu finden war, spielte insbesondere die philosophische Strömung des Sensualismus eine Rolle.
Empathie und Sensibilität
Die philosophische Strömung des Sensualismus ging davon aus, dass die Sinneswahrnehmung im Körper von Menschen und einigen Tierarten angenehme oder unangenehme Empfindungen auslöste, die dafür sorgten, dass natürliche Bedürfnisse befriedigt wurden. Während einige provokante materialistische Philosophen diese Erkenntnis zum Anlass nahmen, alle lustvollen Aktivitäten des Menschen zu verteidigen, weil sie von der Natur gewollt seien, erkannten andere die Gefahr eines reinen Primates der Lust. Denn wenn alle lustvollen Tätigkeiten von der Natur gewollt waren, konnte sich der Stärkere auch mit Gewalt verschaffen, wonach seine körperlichen Bedürfnisse verlangten. Gerade viele Frauen wandten sich gegen ein solches Recht des Stärkeren, das beispielsweise auch sexuelle Gewalt einschloss. Dass es in dieser Logik Parallelen zwischen dem angeblich von der Natur legitimierten Konsum von Frauen- und Tierkörpern gab, zeigen die zeitgenössischen Vergleiche von Schlachthöfen und Bordellen. Wie die Feministin Carol Adams in ihrem Buch The Sexual Politics of Meat von 1990 zeigt, lässt sich auch heute noch eine Parallele zwischen der Objektivierung von Frauen- und Tierkörpern beobachten, beispielsweise in der Werbung, wenn Steaks gemeinsam mit sexualisierten Frauenkörpern angepriesen werden. Damals wie heute gab es also gute Gründe dafür, sinnliche Reize nicht nur als auf sich selbstbezogene Bedürfnisse zu verstehen, die ein Handeln ohne Rücksicht auf das Gegenüber anleiteten.
Auch einige der Autoren, die im Institut-Wettbewerb für eine bessere Behandlung von Tieren warben, wandten sich gegen ein ungezügeltes Naturrecht des Stärkeren und setzten sich stattdessen für eine empathische Sensibilität ein. Sie verwendeten den Sensualismus genau für die gegenteilige Argumentation: Die Natur zeige dem Menschen eben nicht nur an, wann er sein Gegenüber zu seinem eigenen Vorteil nutzen und zerstören musste, sondern sie ermöglichte ihm auch eine Einfühlung in Lebewesen, die ähnliche körperliche Empfindungen hatten wie er selbst. Wenn Empfindungen eine sinnvolle Einrichtung der Natur waren, so musste es auch das Mitleid sein, das man bei der Wahrnehmung des Schmerzes eines Gegenübers empfand. Jean-Jacques Rousseau argumentierte beispielsweise, die Natur habe das Mitleid in den Lebewesen verankert, damit sich diese nicht vollständig gegenseitig zerstörten.
1795 übersetzte schließlich Sophie Marie Louise de Grouchy Adam Smiths Theory of Moral Sentiments ins Französische. Smith argumentierte in diesem Werk, dass der Mensch nicht immer basierend auf seinem eigenen Vorteil handle. Stattdessen sei er auch durch Empathie geprägt. Für die Menschen, die sich zuerst innerhalb einer Auseinandersetzung mit dem Absolutismus, dann als Reaktion auf die Turbulenzen der Französischen Revolution nach einer neuen Moral sehnten, war diese Vorstellung eine willkommene Grundlage, um zu argumentieren, dass die Grausamkeit des Menschen kein natürlicher Automatismus war. Dass sich das Konzept einer sensiblen Empathie zwischen Tier und Mensch dennoch nicht langfristig durchsetzen konnte, hat insbesondere damit zu tun, dass es vom rechtlichen Diskurs getrennt und in den privaten Raum verlegt wurde.
Aus den Augen, aus dem Sinn
Die Trennung von Recht und Empathie ist auch darauf zurückzuführen, dass es zwar darum ging, einige Formen von Tiermisshandlungen zu kritisieren, gleichwohl aber weiterhin eine Tiernutzung durch den Menschen möglich sein sollte. Obwohl also die Sensibilitätstheorien der Aufklärung eine Empathie mit Tieren ermöglichten, schränkten die Autoren ihre Forderungen für mehr Tierschutz dort wieder ein, wo der Nutzen durch den Menschen zu sehr eingeschränkt wurde. Dieses Primat des menschlichen Nutzens findet sich auch heute noch in Tierschutzgesetzgebungen und legitimiert Formen der modernen Massentierhaltung. Den sensiblen Aufklärern war daher gar nicht so sehr die Nutztierhaltung an sich, sondern vor allem die alltägliche Sichtbarkeit derselben ein Dorn im Auge, was vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Sensibilitätstheorien nicht verwunderlich ist. Diese legten nahe, dass das Mitleid der Pariser*innen, würden sie weiterhin Zeug*innen von alltäglichen Tiermisshandlungen, mit der Zeit abstumpfen würde, da sich der Körper zu sehr an die Wahrnehmung von Grausamkeit gewöhne. Dies aber schade der öffentlichen Moral, denn eine Abstumpfung des Mitleids gegenüber Tieren würde langfristig auch zu mehr Gewalt gegenüber Menschen führen.
Da aber der Nutzen der Tierhaltung gewahrt bleiben sollte, blieb nur eine Lösung: Die Nutztierhaltung konnte nicht verboten werden, wohl aber aus dem Sichtfeld der Bevölkerung verschwinden. So sollte etwa die Schlachtung nur noch hinter verschlossenen Türen stattfinden, zudem zentralisiert und ausserhalb von Wohngebieten. Diese häuslichen Räume wurden umgekehrt zu einem Ort des Ausgleichs, an dem die angeblich besonders feinfühligen Frauen ein apolitisches Mitleid mit Tieren bewahren und es an die Kinder und zukünftigen Bürger weitergeben sollten. Dieses so weiblich markierte Mitleid blieb allerdings auf Haustiere beschränkt, während die Nutztierhaltung zum Gegenstand eines männlichen, möglichst gefühlfreien und nutzorientierten politischen Raumes wurde.
Politische Empathie
Basierend auf Empathie und Mitleid eine Veränderung von Mensch-Tier-Beziehungen zu fordern, hat noch heute einen schweren Stand. Dies ist einerseits nicht tragisch, denn es gibt ausreichend andere Argumente dafür, die Abschaffung der Massentierhaltung zu fordern, etwa Klimakrise und Ressourcenverschwendung. Andererseits fragt sich, warum die Einsicht, dass Nutztiere uns ähnliche, empfindsame Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen sind, als Gefühlsduselei einiger angeblich verweichlichten und verweiblichten Veganer*innen abgetan wird. Mitleid ist sicher keine ausreichende Basis für politische Entscheidungen, und auch kein eindeutiger Wegweiser einer in uns angelegten Natur, wie dies manche Aufklärer behaupteten. Aber als historisches Konzept eröffnet es Möglichkeiten, die Welt kritisch zu hinterfragen und sich ihrer Widersprüche bewusst zu werden. Seine Geschichte hilft uns zu verstehen, weshalb uns die Vorstellung, dass ein Masthuhn nur eine A4-Seite Platz zum Leben haben soll, widerstrebt, wir aber gleichzeitig so lange nicht in der Lage waren, daran gesetzlich etwas zu ändern.
Dem Initiativkomitee und anderen für Tiere tätigen Aktivist*innen und Organisationen ist es zu verdanken, dass diese Lebensumstände wieder in unser Blickfeld und damit auch in unsere Gefühlswelt gerückt sind. Statt uns vor dem Einfluss dieser von der Aufklärung als weiblich markierten Gefühlen zu fürchten, sind wir heute möglicherweise in der Lage, deren politische Relevanz zu erkennen. Gerade im Wissen um die Genealogie unserer beschränkten Empathie mit Tieren wäre an der Zeit, ethische Bedenken aus einem rein häuslichen, auf Heimtiere beschränktem Umfeld herauszuholen, von ihrem patriarchalen Staub zu befreien und unser Mitleiden für politische Entscheidungen wieder stärker fruchtbar zu machen.