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Ivna Žic ist eine junge Weltbürgerin. Sie wurde in Zagreb geboren, wuchs in der Schweiz auf, hatte eine Zwischenstation in Amerika, studierte in Deutschland und lebt jetzt in Wien. Sie hat einen kroatischen und einen Schweizer Pass; Deutsch, Englisch und Kroatisch spricht sie gleich gut, sie schreibt jedoch auf Deutsch.
Sie schrieb mehrere Theaterstücke. Die bekanntesten sind «Blei», gespielt 2017 im Schauspielhaus Wien, und «Die Gastfremden», das 2020 in St. Gallen uraufgeführt wurde. «Rio Bar», ihre Abschlussarbeit an der Theaterakademie in Hamburg nach einem Text der Kroatin Ivana Sajko inszenierte sie mit Erfolg. Sie war 2011 damit auch im Theater Winkelwiese in Zürich zu Gast, ebenso mit «Hausbruch, eine Pandemie» von Natascha Gangl.
Ihr erstes Werk in Romanform ist «Die Nachkommende». Es wurde in Berlin von Matthes & Seitz veröffentlicht und sofort für den Schweizer Buchpreis 2019 wie auch für den Österreichischen Buchpreis 2019 nominiert! Einen Interviewtermin mit ihr in Zürich zu finden war nicht einfach: Erst verhinderte die Corona-Pandemie das Treffen. Danach aber wurde es dadurch geradezu ermöglicht, denn von September bis Ende 2020 musste Ivna in Zürich bleiben, wo sie eine führende Position im Theater HORA, der Kulturwerkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung, innehat. Dies bedeutet, dass sie für ein Ensemble von 18 Personen entscheidet, welche deutschen, schweizerischen und österreichischen Regisseure, Musiker, Schriftsteller und andere Experten zu verschiedenen Workshops mit dem Ensemble eingeladen werden.
Ivna, herzlichen Glückwunsch, Ihr erster Roman wurde für den renommierten Schweizer Buchpreis nominiert. Wie fühlte es sich an, als Sie von der Nominierung erfuhren?
Ich bekam die Nachricht im Herbst 2019 mit, als ich bei meinen Eltern in Zagreb zu Besuch war. Am Tag vor der Veröffentlichung wurde ich telefonisch benachrichtigt. Für mein erstes Buch war das wirklich unerwartet. Nach der Nominierung begann ein Promotions-Marathon mit Terminen während der folgenden drei Monate, obwohl meine Agenda vorher schon voll war! Zum Glück arbeitete ich in dieser Zeit an einem Stück im Zürcher Theater am Neumarkt, die Premiere war eine Woche vor der Preisverleihung. Die Zeit mit Lesungen in verschiedenen Städten war sehr intensiv. Alle fünf nominierten Autoren erhielten viel Aufmerksamkeit; es ist eine riesige Maschinerie, die das Buch auf lange Sicht bewirbt.
Mein Verlag, Matthes & Seitz, ist einer der grössten unabhängigen Verlage. Natürlich machen auch sie hervorragende PR, doch durch den Buchpreis wurde alles verändert und vergrössert! Matthes & Seitz ist genau der Verlag, den ich wollte. Ich mag ihre Auswahl an Büchern sehr; auch ihre positive Antwort erhielt ich sehr schnell.
Wie kam es dazu, dass Sie nach den Theaterstücken auch Ihren ersten Roman schrieben?
Es kam nicht auf einmal, im Gegenteil, es dauerte lang, bis sich die Idee in mir formierte. Erst musste ich alle Gedanken zu Papier bringen, und dann begann ich – neben all meinen anderen Aufgaben – langsam zu schreiben. Der ganze Prozess dauerte 5 bis 6 Jahre. Ich wollte an einem Text arbeiten, der anders funktioniert als das Theater, bei dem ich nicht an die Bühne, den Regisseur und dergleichen denken muss.
Er ist den Grossmüttern gewidmet, aber auch ein Grossvater erhielt viel Raum…
Ja, den Grossmüttern, mit denen ich eng verbunden war, obwohl sie im Text nicht viel Platz bekommen. Das Buch ist nicht autobiografisch. Es ist ein Text über die Generationen der Enkel und der Grosseltern, die sich nur für eine relativ kurze Zeit, während etwa 10 bis 15 Jahren, in einem normalen Lebensrhythmus treffen. Zum Zeitpunkt, in dem die Enkel erwachsen werden und Fragen stellen wollen und könnten, sind die Grosseltern oft schon weg. Der Grossvater ist in diesem Text interessant, weil er zuerst ein «klassischer» Grossvater ist, der seinen Enkelkindern viel über alles erzählt, aber kaum etwas über sich selbst. Seine Figur erfüllt die Kindheit seiner Enkelin, aber dann stellt sie fest, dass sie über ihn sehr wenig weiss. Von ihm kommt der Gedanke, dass Geschichten eine Kraft haben; das ist sein Geschenk an die Enkelin.
Sie verbrachten den grössten Teil Ihres Lebens ausserhalb Kroatiens; im Land waren Sie hauptsächlich in den Sommerferien. Wieso bedeutet es Ihnen so viel?
Richtig. Es war kein Leben «zwischen», wie man es oft hört – zum Beispiel zwischen Zürich und Zagreb, oder zwischen Wien und Zagreb – dieses «zwischen» hat mich immer gestört. Man ist entweder hier, oder dort. Aber natürlich: Wenn ich irgendwo bin, kann ich in meinem Kopf auch wo anders sein. Dann bin ich gleichzeitig hier und dort, aber nicht dazwischen. Ich komme immer wieder nach Kroatien zurück. Das ist kein Gefühl oder Ergebnis, sondern es sind Erinnerungen, die immer wieder neu erlebt werden, zum Beispiel durch Gerüche oder Gespräche. In der Literatur gibt es oft Nostalgie, wenn es um Migration geht, es gibt eine gemeinsame Schwarz-Weiss-Sichtweise und die Erwartung, dass Gefühle definiert werden, dass der Ursprung auf diese Weise beschrieben werden muss. Für mich ist es viel breiter gefasst. Verschiedene Gefühle über Orte können nebeneinander existieren. Aber ein Ort wie Zagreb war mir sehr wichtig, er musste im Roman erscheinen. So betrachtet ist der Text autobiografisch, weil ich über Dinge schreibe, die ich kenne; aber ich spiele auch mit ihnen. In der Literatur verändern sich die Dinge. Menschen, Situationen und die Stadt werden mit viel mehr Freiheit beschrieben, hier kann ich radikaler sein. Literatur ist ein Fragment der Realität, aber auch deren Verdichtung.
Ich hoffe, dass das Buch bald ins Kroatische übersetzt wird, damit es auch von dem Teil meiner Familie gelesen werden kann, der nicht Deutsch spricht.
Quelle: Libra 49
Interview geführt und übersetzt von: Vesna Polić Foglar