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Überraschung in Stockholm: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Édace Imbre. Die Jury würdigt ihn als «Meister des Schweigens».
Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an Édace Imbre. Diese überraschende Entscheidung gab die Schwedische Akademie am Donnerstag bekannt. Der in der Schweiz wohnhafte Deutsche mit französischen Wurzeln wird für seine Kunst des Schweigens und Vergessenmachens ausgezeichnet. Er erhalte die weltweit höchste literarische Auszeichnung für «seinen aufopferungsvollen und unermüdlichen Einsatz für und gegen die Literatur», so Peter Englund, ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie. Im Literaturbetrieb sei Imbre zum festen «[Bestand-]Teil von jener Kraft […], die zwar stets das Böse will, aber stets das Gute schafft» geworden. Imbre wird als bisher neuntem Deutschen diese Ehre zuteil. Er tritt damit in die Fussstapfen von grossen Autoren wie Gerhart Hauptmann, Heinrich Böll und Günther Grass. Der Literaturnobelpreis ist dieses Jahr mit 8 Millionen Schwedischen Kronen (ca. 925‘000 Franken) dotiert.
Englund sagte bei der Bekanntgabe, man habe Imbre telefonisch noch nicht erreichen können. Wie später sein Sohn Raymond gegenüber dem Sender SRF 1 bekanntgab, sei er es gewesen, der seinen Vater über die Ehrung informiert habe. «Ich habe ihn angerufen und gesagt: ‹Papa, du hast gewonnen!› Er war völlig verwirrt. ‹Was habe ich gewonnen?› Erst dann kam er zu Sinnen». Seinem Sohn zufolge war Imbre überglücklich. «Jetzt werden sicherlich auch Literaturschaffende, die im Stillen arbeiten, mehr wahrgenommen», soll er in einer ersten Reaktion gesagt haben.
Édace Imbre ist als einziger Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter 1934 im französischen Metz geboren. Seit Kriegsende gilt Édace Imbres gleichnamiger Vater als verschollen. Die Mutter, die nunmehr alleine für ihren Sohn aufkommen musste, nahm eine Stelle als Lektorin beim damaligen Insel Verlag an und siedelte im Herbst 1945 nach Wiesbaden über. Imbre, der ohne familiäre Wärme und in wirtschaftlich prekären Verhältnissen aufwuchs, entwickelte früh eine Begeisterung für Glasflaschen, die er leidenschaftlich sammelte. Diese frühe Beschäftigung mit der Leere ist geradezu modellhaft in sein Gesamtwerk eingeflossen.
Nach dem Abitur studierte er zunächst Klavier und Gesang in Frankfurt am Main, wandte sich aber später der Germanistik und der Romanistik zu. 1964 schloss er sein Studium ab und wurde vom Germanisten Paul Stöcklein zur Promotion angenommen, die er allerdings vorzeitig abbrach. Heute ist er in verschiedenen Bereich des Literaturbetriebes tätig. Er wohnt in Basel und Melide.
Schweigen
In einem Gespräch, das in der Herbstausgabe dieses Hefts (D. Grohé – C. Weidmann, Ein eisiger Wind im Literaturbetrieb – Interview mit Édace Imbre, in: delirium N°07 / Oktober 2016) in leicht gekürzter Form erscheinen wird, erinnerte sich Imbre an einen Besuch der Frankfurter Buchmesse 1963, der für ihn «rückblickend das wohl einschneidendste Erlebnis gewesen» sei. «Der Anblick Tausender Bücher, die die Bibliotheken und Studierzimmer dieser Welt biblischen Heuschreckenschwärmen gleich [zu] überfallen» drohten, hätten ihn zutiefst erschüttert. Eine solche Masse suggeriere doch, so der frischgebackene Preisträger weiter, «dass es wirklich so viel Lesens- und Wissenswertes [gebe]» und dass jede «noch so kleine Erinnerung» es wert sei, schriftlich festgehalten zu werden. Imbre sei augenblicklich davon überzeugt gewesen, dass «Schweigen wieder eine Tugend werden muss».
Das Jahr 1963 darf also als Schlüsselmoment im Leben des jungen Intellektuellen gelten. Fortan beschäftigte er sich mit dem Motiv des Schweigens, das den Grundpfeiler seines zukünftigen Schaffens bilden sollte. Bereits in seiner Magisterarbeit, für die er noch im selben Jahr den Germanisten Paul Stöcklein als interessierten Betreuer hatte gewinnen können, untersuchte Imbre literarische Strategien des Schweigens. Obwohl er durchaus den «Drang dazu verspürte, in einer grossangelegten Studie mehrere Nachkriegsautoren zu vergleichen», musste er sich auf einen einzelnen, weitestgehend unbekannten Autor beschränken. Dessen zweiteiliges Werk (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 138 und 144) zeige dafür «das Schweigen beispielhaft, ja geradezu in noch nie dagewesener Konsequenz» auf. Wie der Verlag auf Anfrage verlauten liess, sei das Erscheinungsdatum der beiden Bände «aufgrund technischer Schwierigkeiten bei der Drucklegung auf unbestimmte Zeit verschoben». Dass Imbre die Druckfahnen zugänglich waren, darf indes ausser Zweifel stehen, war doch seine Mutter, die mittlerweile in den Insel Suhrkamp Verlag übernommen worden war, mit dem Lektorat dieser Texte betraut. Auf Anregung seines Lehrers Paul Stöcklein sollte im Rahmen einer Dissertation der Untersuchungsgegenstand auf weitere zeitgenössische Autoren ausgedehnt werden. Dieses Unterfangen scheiterte allerdings aus unbekannten Gründen.
Vom ironischen Radikalismus zur radikalen Ironie
Mit etwa 30 Jahren – und damit eher spät – begann Imbre seine ersten Schreibversuche. Nicht nur diesem Umstand ist es geschuldet, dass der nun mit dem Nobelpreis Geehrte nur auf ein schmales Œuvre zurückblicken kann. Ein erstes Werk wurde von den Verlagen durchweg abgelehnt, wohl weil Imbre laut eigenen Angaben «[s]ein zentrales Motiv [Schweigen, Anm. d. Red.] auf allzu radikale Art und Weise» verfolgt habe. Erst nachdem er diese Phase des jugendlichen Leichtsinns überwunden habe, habe er erste Erfolge feiern können. Die «Trilogie des Schweigens» sei von seinem früheren Lehrer Paul Stöcklein geradezu frenetisch aufgenommen worden. Dieser sei es denn auch gewesen, der nach dem Tod von Imbres Mutter die erforderlichen Kontakte zu Siegfried Unseld und seinem Verlag herstellte. In dichter Folge erschienen nun die Titel Leerstellen (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 355; 1. Auflage 1973), das mit über 200 Seiten als opus magnum geltende Griechischer Monatsanfang (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 396; 1. Auflage 1974) sowie sein letztes Werk Gespräch mit Sankt Juttemis – Eine winterliche Grachtenfahrt (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 432; 1. Auflage 1975). Hier wurde das literarische Schaffen zur Selbsttherapie, die persönliche Traumata und die Auswirkungen solcher von gesamteuropäischer Dimension – ins Gegenteil verkehrt – zu einem magischen Kosmos der Stille bündelt.
Vom Saulus zum Paulus
Imbres grösstes Verdienst um die Literatur liegt allerdings weniger in seinem eigenen, eher schmalen literarischen Werk, in dem er sich voll und ganz dem Schweigen verschrieben hat, als vielmehr in seiner vehementen Überzeugung, dass dieses Ideal auch zur Genesung der krankenden Literatur insgesamt beitragen würde, hätte man es erst zur Anwendung gebracht. Mit gutem Beispiel ging Imbre voran und verliess sein Studiolo auf immer, um gegen die Schreibwut seiner Berufskollegen zu Felde zu ziehen. «Die Kunst ist», so Imbre im Interview, «einen Autor zum Schweigen zu bringen, ohne dafür die Schranken des Gesetzes übertreten zu müssen». Ein erster Schritt könnten lange Gespräche mit anderen Autoren sein, doch sei diese Form von Überzeugungsarbeit äusserst zeitraubend und selten von durchschlagendem Erfolg gekrönt. Wesentlich wirksamer sei es da, einen oder gar mehrere Autoren zu mehrtägigen Klausuren zu laden und darauf zu hoffen, dass sie während der feuchtfröhlichen Gelage dem offerierten Trank reichlich zusprächen und darob ihre Arbeit am Text wenigstens für die Zeit der bacchantischen Symposia oder – im Idealfall – gar auf immer vernachlässigten. Aber damit habe sich das vielschichtige Repertoire seiner Bemühungen noch lange nicht erschöpft. «Einmal habe ich – unter falschem Namen natürlich – einen Verlag gegründet», sagte Imbre, während ein verschmitztes Lächeln über seine Mundwinkel huschte. «Wir haben hunderte Manuskripte angenommen; selbstredend wurden die Bücher nie gemacht». Einige der Texte seien niemals erschienen, einige habe man immerhin für mehrere Jahre vom Markt genommen. Schliesslich habe er auch eine Stiftung gegründet, die Stipendien für Schreibende verliehen habe. Auf dass die erfolgsversprechenden Autoren entmutigt würden, vergab man diese stets an hoffnungslose Fälle. Gleichzeitig habe man dadurch bezweckt, dass die «glücklichen, aber im Grunde völlig talentfreien Schreiberlinge» sich bezüglich ihrer Fähigkeiten in «falscher Sicherheit» wiegten. Jeder Ansporn, sich zu verbessern, der einem solchen Anfänger aus einem allenfalls verwehrten Stipendium hätte erwachsen können, sollte durch diese verfrühte Belohnung sogleich genommen werden. «Wie viele potentielle Autoren wir davon abgehalten haben, eine literarische Karriere einzuschlagen, lässt sich natürlich schwer sagen», so Imbre, «aber das Nichts zu beziffern ist […] immer schwierig. Trotzdem, seien Sie versichert, die Zahl geht in die Hunderte». Vor der jüngsten Methode schliesslich habe er lange Zeit Respekt gehabt, «wohl fälschlicherweise, wie sich jetzt herausgestellt hat», gab sich Imbre selbstkritisch. Denn mit Erfolg habe er in jüngster Zeit mehrere Plagiatsprozesse angestrengt, wodurch man so manchem Autor einen Strich durch die Rechnung habe machen können. «Stellen Sie sich vor, Sie schreiben sechs Jahre an einem Roman. Kaum ist er publiziert, nimmt man ihn mit einem Plagiatsvorwurf vom Markt. Für ein oder zwei Jahre sind Sie aus dem Rennen, mindestens. Manche stehen gar nicht mehr auf». Das sei heute leichter denn je, zumal man in den Gerichten nicht länger gewillt sei, «dem bunten Treiben auf dem Rücken des Urheberrechts einfach zuzuschauen». Heutzutage neigten die Juristen bekanntlich dazu, selbst für Konjunktionen einen Herkunftsbeleg zu fordern. (Zu dieser Thematik: Demian Lienhard, (K)ein Plagiat, in: delirium N°07 / Oktober 2016).
Zweifellos ist mit Édace Imbre einer der Grossen aus dem literarischen Backstagebereich ausgezeichnet worden. Diesen will er auch in den kommenden Jahren nicht verlassen. Dazu, wie er seine Ideale in Zukunft umsetzen möchte, hält er sich allerdings bedeckt. Nur so viel: «Mit mir ist immer zu rechnen, seien Sie dessen gewiss».
Geheime Wahl
Der Nobelpreis für Literatur ist 1901 erstmals vergeben worden. Preisträger war damals Sully Prudhomme, ein französischer Philosoph und Dichter. Ausgezeichnet werden Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Dramen, aber auch generelle Verdienste gegenüber der Literatur. Um gewählt werden zu können, ist eine vorgängige Nominierung erforderlich. Alle Mitglieder der Schwedischen Akademie, Literaturwissenschaftler sowie frühere Literatur-Nobelpreisträger sind dazu berechtigt. Die Namen der Nominierten bleiben geheim. Auch die Wahl erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Jury nennt nur den Namen des Preisträgers und die Gründe, die zur Wahl geführt haben. Dieser Umstand nährt Jahr für Jahr Spekulationen.
Demian Lienhard