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Letzter Halt: Bern
Regisseur François Ozon erzählt in seinem Film «Tout s’est bien passé» die wahre Geschichte eines 84-Jährigen, der mithilfe seiner Tochter sein Leben beenden will. In der weiblichen Hauptrolle: Sophie Marceau.
Text: Fabian Rottmeier
Es ist Mitte September, als die Pariser Mittfünfzigerin Emmanuèle gleich zwei Tragödien auf einmal verdauen muss: Ihr Vater André hatte einen Schlaganfall, liegt halbseitig gelähmt im Spital, und sagt eine Woche später zu ihr: «Hilf mir, mein Leben zu beenden.»
Wie die beiden Töchter Andrés damit umgehen: Davon handelt François Ozons neuer Spielfilm «Tout s’est bien passé» («Alles ist gut gegangen»). Er beruht auf wahren Begebenheiten, die Emmanuèle Bernheim 2013 in ihrem gleichnamigen Buch festgehalten hat, bevor sie vier Jahre später an Krebs verstarb. Der Film deckt einen Zeitraum von sieben Monaten ab. Eine Periode, in der die Töchter, gespielt von Sophie Marceau (Schriftstellerin Emmanuèle) und Géraldine Pailhas (Musikerin Pascale) sich immer mehr damit abfinden müssen, dass es ihr Vater ernst meint mit seiner Entscheidung, aus dem Leben zu scheiden. «Leben ist nicht überleben», sagt er einmal.» Oder, als er und Emmanuèle im Spital wiederholt aneinander geraten sind: «Lass mich in Ruhe. Und bring mir die Rasierklingen mit.»
In die Schweiz? «Sehr gut», sagt André
Emmanuèle erklärt sich schliesslich einverstanden, den Wunsch ihres Vaters zu respektieren, und gleist mit einem Schweizer Sterbehilfeverein alles auf – in Bern. «Perfekt», sagt André zum 9. April, dem vereinbarten «date de la Suisse». Später möchte er den Termin dann doch noch verschieben, weil er das Konzert seines Enkels nicht verpassen möchte. Es ist einer der raren Momente, in denen André nicht zuerst an sich selbst denkt. Emmanuèle ihrerseits hofft insgeheim immer, dass ihr Vater seinen Entscheid in letzter Sekunde doch noch umstösst.
Was an «Tout s’est bien passé» trotz des schweren Themas erstaunt: über die meiste Zeit lässt einen der Film überraschend kalt, ja er langweilt sogar. Erst, als der 27. April naht, der letzte Tag im Leben des wohlhabenden ehemaligen Industriellen und Kunstsammlers André Bernheim, entwickelt der Film Tempo und Tiefe. André wird immer lockerer, wirkt erleichtert und blüht angesichts des nahenden Todes gar auf – was seine Töchter gleichsamt versöhnt und irritiert. Ob er denn keine Angst habe? «Überhaupt nicht, ich bin bereit.»
Was der Film deutlich macht: Wenn ein alter Mensch sein Leben mit Sterbehilfe beenden will, sind es oft die Angehörigen, die damit am meisten zu kämpfen haben – und nicht die sterbende Person. André sagt, er erkenne sich nicht wieder, und der eindrücklichste Moment des Dramas ist sein aus rechtlichen Gründen zwingend aufgezeichneter Wille, aus dem Leben zu scheiden: ««In einem Monat werde ich 85 Jahre alt, kann mich kaum noch bewegen oder alltägliche Dinge tun. Ich kann nicht mehr tun, was ich geliebt habe. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich vielleicht kämpfen. Aber vielleicht auch nicht. Über eines bin ich mir sicher: Ich will dieses Leben nicht, nicht in diesem Zustand. Ich habe genug. Ich möchte sterben. Das ist mein Wille.»
Die letzte Reise kostet
Doch den muss man sich auch leisten können. 10000 Euro kostet Andrés Krankenwagentransport und der Dienst der Schweizer Sterbehilfe, deren Freiwillige von der deutschen Schauspielerin Hanna Schygulla verkörpert wird. «Wie das die Ärmsten wohl machen?», fragt André seine Tochter Emmanuèle, worauf diese antwortet: «Sie warten auf ihren Tod.» André: «Die Armen!» Es ist nicht das einzige Mal, dass André eine zynische Pointe landet.
Regisseur François Ozon erzählt den Film bewusst unterteilt in einzelne Tage, deren Daten eingeblendet werden. Der 54-Jährige wollte die Geschichte als Countdown inszenieren. Für André bedeutet der 27. April ein Tag der Erlösung. Aus rechtlichen Gründen wird den beiden Töchtern davon abgeraten, ihn zu begleiten. Und so sagt die Sterbebegleiterin bei ihrem Anruf: «Tout s’est bien passé.»
«Tout s’est bien passé», jetzt im Kino. Infos zu Spielorten finden Sie hier.