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Peter Fuchs Der Sinn der Beobachtung Velbrück Wissenschaft 2004 pg 11
0.3. Von einem Letztbegriff zu reden, ihn hervorzuheben, ist nur deshalb wichtig, weil mit dem Wort „Beobachtung“ eine bestimmte Form der Weltkonstruktion indiziert ist. In gewisser Weise geht es um ein Bekenntnis, mit dem festgelegt wird, daß man nicht bereit ist, diese Form zu vergessen, die besagt, daß (um nahe an SpencerBrown zu formulieren) Universa entstehen durch Unterscheidungs- und Bezeichnungsleistungen. Adam und Eva bezeichnen und unterscheiden, was da kreucht und fleucht - und so kommt es ins Spiel. Und Adam und Eva sind selbst nicht anders ins Spiel gekommen, auch die Schlange nicht und nicht der Teufel - und schon gar nicht: Gott.
Beobachten:
Das Zeichen hat bei Spencer Brown eine vertikale Linie, trennt also zwei Seiten, und eine horizontale Linie, einen Indikator, einen Weiser sozusagen, der auf die eine Seite und nicht auf die andere Seite zeigt. Es ist bewusst als ein Zeichen gedacht, aber es besteht aus zwei Komponenten. Wenn man allerdings so anfängt, stellt sich die Frage, wer die eine und nicht die andere Komponente bezeichnet, ohne nicht auch schon ein Zeichen zur Verfügung zu haben, mit dem er das tut. Aber man muss es erst einmal so hinnehmen, den Haken als Einheit. Erst im weiteren Verlaufe des Kalküls kann sich herausstellen, dass es gar nicht so einfach war, wie der Anfang es sich gedacht hatte - wenn er schon denken konnte, was auch infrage steht. Die ganze Überlegung beginnt mit Selbstreferenz. Es gibt, wie in ziemlich rätselhaften Formulierungen gesagt wird, keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Differenz. Oder, und das ist eine Sprache, die ich erst später einführen kann: Es gibt keinen Unterschied zwischen Selbstreferenz und Beobachtung. Denn derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden. Er muss zu sich selbst schon ein Verhältnis haben, um sich unterscheiden zu können.Man fängt mit einer Unterscheidung an, die aber, weil das Resultat der Unterscheidung als Einheit fungieren muss, nicht bezeichnet und benannt werden kann, nur da ist. luhmann_system72
Begriff des Beobachtens - Beobachten als Bezeichnen im Kontext einer Unterscheidung und verlangt zusätzlich Gedächtnis als Fähigkeit, Vergessen und Erinnern zu diskriminieren. Sinnhafte Kognition ist dann nur noch ein Sonderfall, allerdings der Fall, der für die Gesellschaftstheorie allein in Betracht kommt. Kognition ist anders gesagt, die Fähigkeit, neue Operationen an erinnerte anzuschliessen. Sie setzt voraus, daß Kapazitäten des Systems durch Vergessen freigemacht werden; aber zugleich auch, daß neue Situationen zu hochselektiven Rückgriffen auf Kondensate vergangener Operationen führen können.luhmann_ges120
Bei allem Beobachten wird zugleich etwas Unsichtbares produziert. Der Beobachter muss sich als Element der Unterscheidung zwischen Beobachter und Beobachtetem unsichtbar machen. Deswegen gibt es, darauf komme ich bei einem anderen Punkt noch einmal zurück, nur eine Verschiebung zwischen dem, was man sieht, und dem, was man nicht sieht, aber es gibt keine aufklärerische oder wissenschaftliche Erhellung der Welt als einer Gesamtheit von Dingen oder Formen oder Wesenheiten, die nach und nach, auch wenn es sich dabei um eine unendliche Aufgabe handelt, abgearbeitet werden könnte. In der klassischen Theorie hingegen hatte man noch die Vorstellung, dass man immer mehr Wissen sammelt und dass man nicht zugleich immer wieder etwas verdunkeln muss, wenn man etwas Bestimmtes bezeichnen will. luhmann_system138
Beobachten des Beobachtens: Zentralpunkt, an dem das Gute und das Schlechte fusionieren: daß man beobachten kann, daß der Beobachter nicht beobachten kann, wie er beobachtet. Die eigentümliche Ausnahmslosigkeit dieser Struktur präsentiert sich nicht mehr in der Ferne, nicht mehr in der Form eines unbedingt existierenden Wesens. Sie liegt für uns in der Operation des Beobachtens selber, in der Angewiesenheit auf Sinn als Medium, das nur selektiv, nur für Formbildung, nur mit Hinweis auf etwas anderes benutzt werden kann.luhmann_ges1122
Beobachter:
...jetzt kommt ein Einschnitt. Bisher habe ich immer nur von Operationen gesprochen, ausgehend von der Grundannahme, die auch jetzt erhalten bleibt, dass man, wenn man Systeme in der Art, wie sie sich selber erzeugen, verstehen will, von der Operation und nicht von letztlich unauflösbaren Elementen ausgehen muss.Jetzt erscheint der Beobachter. Nun wird alles anders. Damit wird die ganze Theorieanlage verändert, und zwar weg von der etwas einfachen ontologischen Sprache, die ich bisher benutzt habe, denn ich habe ja gesagt, dass es Operationen gibt, dass man auf sie achten muss. Jetzt jedoch stellen wir die Frage, wer das denn sagt.
Wenn man den Beobachter einführt, gibt es nichts, was unabhängig vom Beobachter gesagt werden kann. „Alles, was gesagt wird, wird durch einen Beobachter gesagt", sagt Maturana.
...dass ein Riss durch die ganze Systemtheorie geht, je nachdem, ob man auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, wie wir jetzt sagen müssen, bleibt und Sachverhalte, Objekte beschreibt - „Es gibt" Operationen, „Es gibt" Sozialisation, „Es gibt" Bewusstsein, „Es gibt" Leben und so weiter - und dies dann so setzt, als ob es selbstverständlich wäre, als ob es keine Möglichkeiten anderer Unterscheidungen, anderer Thematisierungen gäbe - die Welt wird so dargestellt, als ob sie kompakt so da wäre, wie sie beschrieben wird -, oder ob man sich auf die Variation einlässt, dass alles im Hinblick auf eine Referenz, auf einen Beobachter, ein beobachtendes System oder eine beobachtende Operation gleichsam modalisiert wird. Ich habe Gründe für die Annahme, dass in der modernen Gesellschaft die Beobachtung der Beobachter, das Verlagern von Realitätsbewusstsein auf die Beschreibung von Beschreibungen, auf das Wahrnehmen dessen, was andere sagen oder was andere nicht sagen, die avancierte Art, Welt wahrzunehmen, geworden ist, und zwar in allen wichtigen Funktionsbereichen, in der Wissenschaft ebenso wie in der Ökonomie, in der Kunst ebenso wie in der Politik. Man informiert sich über Sachverhalte nur durch Blick auf das, was andere darüber sagen.
Unterscheidung zwischen Beobachten und dem Beobachter: Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, das sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verketten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen.
Einerseits beobachtet der Beobachter Operationen, aber um das tun zu können, muss er selber operieren können. Wenn er nicht beobachtet, dann beobachtet er eben nicht. Und wenn er es tut, dann muss er es tun. Insofern ist er innerhalb der Welt, die er in der einen oder anderen Weise zu beobachten oder zu beschreiben versucht. Einerseits beobachtet der Beobachter Operationen, andererseits ist er selber eine Operation. Anders denn als Operation kann er gar nicht vorkommen. Er ist ein Gebilde, das sich aus der Verkettung von Operationen bildet.
Zunächst einmal ist auf einen Punkt hinzuweisen, der immer wieder Schwierigkeit bereitet. Man kann es hundertmal sagen, es ist vergeblich. Der Beobachter ist nicht ohne weiteres ein psychisches System, er ist nicht ohne weiteres Bewusstsein. Er ist ganz formal definiert: Unterscheiden und Bezeichnen. Das kann auch eine Kommunikation. Man redet über etwas Bestimmtes und greift das, worüber man redet, als Thema heraus. Man verwendet also eine Unterscheidung: über dies und nichts anderes; oder auch eine spezifische Unterscheidung: Wir sprechen jetzt über den Beobachter und nicht über etwas anderes. Somit hat auch das Kommunikationssystem, mindestens dieses, die Fähigkeit, zu beobachten.
Das Sozialsystem beobachtet psychische Systeme; die psychischen Systeme beobachten psychische Systeme; die psychischen Systeme können soziale Systeme beobachten: „Wieso wird genau dies jetzt gefragt, wieso fragt er immer die Fragen, die ich nicht beantworten kann?" Was hier geschieht, kann man psychologisch oder kommunikativ thematisieren. Grundsätzlich ist die Systemreferenz anzugeben. Wenn man unbedarft vom Beobachter spricht, denkt jeder automatisch an psychische Systeme, an Bewusstsein, aber das ist von der Definition und von der beabsichtigten Komplexität und Abstraktheit des Instrumentariums her nicht gemeint. Ich will im Moment offen lassen, ob man über soziale und psychische Systeme hinausgehen und auch sagen kann, dass zum Beispiel lebende Zellen, Gehirne, Immunsysteme oder Hormonsysteme beobachten. Dass ein Immunsystem diskriminieren kann, ist klar. Dass ein Gehirn diskriminieren, bestimmte Reize bearbeiten und andere nicht bearbeiten kann, ist auch klar. In der Gehirnforschung und generell in der Biologie - ich meine jetzt nicht die Ethologie; die Erforschung des Tierverhaltens, das ist ein besonderes Problem - hat man angesichts von Zellen, Immunsystemen und Gehirnen die Frage, ob man sagen kann, dass die Gehirne beobachten, indem sie diskriminieren, oder dass ein Immunsystem beobachtet, indem es Körperzustände unterscheidet. Auch das Gehirn beobachtet nur Körperzustände, aber dies im Hinblick auf einen Informationswert, wie die Biologen sagen. Ich will die Frage offen lassen. luhmann_system138
Die Selbstbeschreibung endet für den Beobachter erster Ordnung mit Angaben über invariante Grundlagen, über die Natur und über Notwendiges. Heute nimmt der Wertbegriff, der Superunbezweifelbares symbolisiert, diesen Platz ein. Für den Beobachter zweiter Ordnung erscheint die Welt dagegen als Konstruktion über je verschiedenen Unterscheidungen. Ihre Beschreibung ist infolgedessen nicht notwendig, sondern kontingent, und nicht mit Bezug auf Natur richtig, sondern artifiziell. Sie ist selbst ein autopoietisches Produkt...
Der Beobachter erster Ordnung beobachtet mit Hilfe von Werten. Seine jeweiligen Werte machen für ihn den Unterschied, der sein Erkennen und Handeln steuert. Der Beobachter zweiter Ordnung bezieht die Semantik der Werte auf ihre Verwendung in der Kommunikation. Er kann zum Beispiel erkennen, daß über die Bezugnahme auf Werte weder Entscheidungen abgeleitet noch Konflikte vermieden werden können. Vor allem aber sieht er, wie die Unbezweifelbarkeit der Werte in der Kommunikation produziert wird, nämlich dadurch, daß nicht direkt, sondern indirekt, nicht über sie, sondern mit ihnen kommuniziert wird. luhmann_ges1122
Die Einsichten in die zirkuläre, selbstreferentielle und insofern logisch symmetrische Bauweise dieser Systeme haben zu der Frage geführt, wie denn diese Zirkel unterbrochen und Asymmetrien hergestellt werden. Wer sagt denn, was Ursache und was Wirkung ist? Oder noch radikaler: was vorher und was nachher, was innen und was außen geschieht? Die Instanz, die darüber befindet, wird heute oft "Beobachter" genannt.
Dabei ist keineswegs nur an Bewußtseinsprozesse, also nicht nur an psychische Systeme zu denken. Der Begriff wird hochabstrakt und unabhängig von dem materiellen Substrat, der Infrastruktur, oder der spezifischen Operationsweise benutzt, die das Durchführen von Beobachtungen ermöglicht. Beobachten heißt einfach (und so werden wir den Begriff im folgenden durchweg verwenden) Unterscheiden und Bezeichnen.
Mit dem Begriff Beobachten wird darauf aufmerksam gemacht, daß das »Unterscheiden und Bezeichnen« eine einzige Operation ist; denn man kann nichts bezeichnen, was man nicht, indem man dies tut, unterscheidet, so wie auch das Unterscheiden seinen Sinn nur darin erfüllt, daß es zur Bezeichnung der einen oder der anderen Seite dient (aber eben nicht: beider Seiten). In der Terminologie der traditionellen Logik formuliert, ist die Unterscheidung im Verhältnis zu den Seiten,die sie unterscheidet, das ausgeschlossene Dritte. Und somit ist auch das Beobachten im Vollzug seines Beobachtens das ausgeschlossene Dritte. Wenn man schließlich mit in Betracht zieht, daß Beobachten immer ein Operieren ist, das durch ein autopoietisches System durchgeführt werden muß, und wenn man den Begriff dieses Systems in dieser Funktion als Beobachter bezeichnet, führt das zu der Aussage: der Beobachter ist das ausgeschlossene Dritte seines Beobachtens. Er kann sich selbst beim Beobachten nicht sehen.
Der Beobachter ist das Nicht-Beobachtbare, heißt es kurz und bündig bei Michel Serres. Die Unterscheidung, die er jeweils verwendet, um die oder die andere Seite zu bezeichnen, dient als unsichtbare Bedingung des Sehens, als blinder Fleck. Und dies gilt für alles Beobachten, gleichgültig ob die Operation psychisch oder sozial, ob sie als aktueller Bewußtseinsprozeß oder als Kommunikation durchgeführt wird.
Das Gesellschaftssystem wird demnach nicht durch ein bestimmtes »Wesen«, geschweige denn durch eine bestimmte Moral (Verbreitung von Glück, Solidarität, Angleichung von Lebensverhältnissen, vernünftig-konsensuelle Integration usw.) charakterisiert, sondern allein durch die Operation, die Gesellschaft produziert und reproduziert. Das ist Kommunikation.
Mit Kommunikation ist folglich (wie schon mit Operation) ein jeweils historisch-konkret ablaufendes, also kontextabhängiges Geschehen gemeint - und nicht eine bloße Anwendung von Regeln richtigen Sprechens. Für das Zustandekommen von Kommunikation ist unerläßlich, daß alle Beteiligten mit Wissen und mit Nichtwissen beteiligt sind. Das hatten wir in den methodologischen Vorbemerkungen schon notiert und als Einwand gegen den methodologischen Individualismus angesehen. Denn wie soll man Nichtwissen als einen Bewußtseinszustand auffassen, wenn nicht in Abhängigkeit von kommunikativen Situationen, die bestimmten Anforderungen spezifizieren bzw. bestimmte Informationschancen erkennbar werden lassen. Schon deshalb ist Kommunikation eine autopoietische Operation, weil sie die Verteilung von Wissen und Nichtwissen erst produziert, indem sie sie ändert. luhmann_ges60