Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03351.jsonl.gz/1134

Thomas Hirschhorn, Sie werden vor dem Aargauer Kunsthaus einen Pavillon der Prekarität errichten. Was ist das genau?
Meine Arbeit heisst «Can I Trust You?». Es wird ein an der Spitze des Aargauer Kunsthauses angebrachter hautförmiger Anbau oder Puffer. Es wird eine dünne, fragile, prekäre Verdichtung oder eine Schwiele an der «Spitze» des Kunsthauses. Es ist eine Aussenarbeit, ein Kunstwerk im öffentlichen Raum, das vom Innern des Kunsthauses heraus, gegen aussen, in Richtung der Stadt gewachsen ist. «Can I Trust You?» ist eine selbstproduzierte, gewucherte Abhärtung oder auch eine selbstgenerierte Auslagerung, ein Auswuchs, auch eine Schutzzone. «Can I Trust You?» ist kein Pavillon.
Wie müssen wir uns das vorstellen?
«Can I Trust You?» ist eine prekäre Pufferzone mit ästhetischen Elementen, die aus Notwendigkeit, mit absoluter Dringlichkeit und Improvisation entstanden sind. Es werden Gewohnheiten, Absicherungen und angenommene Gesetzmässigkeiten abgeschafft oder ausgelagert und sie werden durch Fragen, Unsicherheiten, Unbestimmtheiten und Zweifel ersetzt. Und es sind genau diese Fragen, diese Zweifel, diese Unbestimmtheiten und diese Unsicherheiten, die die Zukunft ausmachen. Es ist – und das ist die Mission von «Can I Trust You?» – das Prekäre, das Unsichere und das Unstabile, das uns leitet, das uns hilft und das uns auch schützt. Ich denke an die ungewünschten und mehr als zweifelhaften E-Mail-Nachrichten, die uns täglich Reichtum und Wohlstand ohne Anstrengung versprechen und uns darüber hinaus fragen: «Can I Trust You?». Ich denke an die, aus unserer heutigen Sicht, unglaublichen, übertriebenen, erfunden scheinenden Bilder von Caspar Wolf mit den gewaltigen, angeschwollenen Gletschern und den riesigen Eismassen. Denn: Wider Erwarten ist es das Prekäre, das uns Hoffnung gibt! Wider Erwarten ist es das Unstabile, das uns schützt vor dem was wir wollen: Totale Absicherung, totale Sicherheit, totale Bewachung, totale Überwachung.
Inwiefern könnte man Georg Büchners «Friede den Hütten, Krieg den Palästen» in die Interpretation hineinnehmen?
Alle Assoziationen gegenüber meiner Arbeit oder entstehend aus meiner Arbeit heraus sind immer willkommen. Ich hoffe aber, Sie glauben mir: «Friede den Hütten, Krieg den Palästen» kenne ich nicht. Dafür liebe ich die wunderbar klare und schön Definition des Prekären in Giorgio Agamben’s Buch «Le feu et le récit».
Wir kennen solche Provisorien aus den Bildern von Slums in den grossen Metropolen. Ist das ein inhaltlicher Bezug?
Ich denke vielmehr an die vielen prekären Installationen, die ich kürzlich nach dem ersten 11-wöchigen «Lockdown» in Paris gesehen habe. Ich sah sie als eine hoffnungsvolle und zukunftsweisenden Geste, die die Menschen aufgebaut haben, um ins Leben zurückzukehren, mit Kreativität, mit Spontaneität und mit oft grosser Kompetenz für Improvisation. Ich denke an die improvisierten Abschrankungen, die spontan entstandenen Distanzhalter, die selbstgebastelten Wegweiser, die – in ihrer ernsthaftigen und sorgfältigen Fragilität – den Weg zurück ins Leben und in die Zukunft aufzeigten und der darin enthaltenen Hoffnung Form gaben. Das Prekäre ist es, was uns hoffen lässt.
Dass alles besser wird, dass wir in den Himmel kommen, dass wir nicht vergessen werden? Worauf dürfen wir heute noch hoffen?
Es geht nicht darum, zu hoffen, in den Himmel zu kommen oder dass wir woanders hin transportiert werden, denn das entspricht genau dem Klischee des passiven, kraftlosen und entmutigten «hoffen». Hoffnung aber ist im Gegenteil: Aktivität – menschliche Aktion! Ich sehe das Prinzip «Hoffnung» nur als ein Prinzip der Aktion. Etwas erhoffen heisst demnach, in Aktion zu treten. Etwas erhoffen heisst, etwas zu tun, selbst etwas zu tun, Verantwortung zu übernehmen, aufzustehen, etwas zu wagen, ein Risiko einzugehen, eine Behauptung aufzustellen, Form zu geben. Hoffnung heisst: Etwas zu bewirken, etwas ins Rollen zu bringen. Was mir Hoffnung macht, sind all die Menschen, die etwas tun, die arbeiten, die kämpfen, die ein Projekt, die einen Plan, die eine Mission haben. Auf etwas zu hoffen und dabei passiv zu sein, ist naiv und sinnlos.
Können Sie sich selbst als Obdachlosen vorstellen?
Die wichtige Frage für mich als Künstler ist: Kann ich mit und durch meine Arbeit auch einen obdachlosen Menschen einbeziehen? Kann ich mit und in meiner Arbeit ein nicht-exklusives Publikum erreichen? Schaffe ich es, in und mit meiner Arbeit, dass niemand ausgeschlossen wird? Die Frage, die ich mir stellen muss und der ich mich stellen will, ist die der Universalität meiner Arbeit. Es geht bei den Fragen an die Kunst oder bei den Fragen an Künstler*innen nie um deren persönliche Befindlichkeit.
Sie pflegen eine Ästhetik des Gebrochenen. Was macht sie aus?
Ich bin für eine Ästhetik der Beteiligung. Darin geht es um Implikation, um Einschliessen, um Kontakt, um Auseinandersetzung, um absolute «Nicht-Exklusivität». Das Werkzeug dafür ist unter anderem die Materialität der Arbeit. Die Art und Weise wie und mit welchen Materialien ein Kunstwerk gemacht ist, muss das Werkzeug sein, um den Anderen zu berühren. Ich denke, dass Kunst nur in seiner Dimension der Beteiligung zu einer Transformation, einer Transformation jedes Einzelnen, führen kann. Ich lehne klar die Ästhetik des coolen Unbeteiligtseins ab.
Mahnt ihr Provisorium zur Mässigung?
Meine Arbeit ist nie eine Mahnung, Kunst ist immer – zum Glück – Behauptung, absolute Behauptung von Form. Die Hoffnung und die Zukunft ersehnen und herbeiwünschen heisst also, sich zum Ungewissen, sich zum Prekären und sich zum Unbestimmten zu bekennen, es anzunehmen und es zu ertragen. Das ist die Behauptung von «Can I Trust you?». Sie will, dass wir ganz bewusst «Ja» sagen zu allem, was wankt, was schwankt und was zittert. Ich will, dass man «Ja» sagt zum Unvorstellbaren und zum Unmöglichen. Ich weiss, dass das ein hoher Anspruch ist, aber meine Arbeit will durch diese Formbehauptung ermutigen.
Ja-sagen zu allem, ist das nicht ein Demutsmantra? Nicht aufbegehren, zufrieden sein, mit dem was man hat. Sollten die vielen Unterprivilegierten nicht eher viel entschiedener fordern: Champagner für alle?
Es ist falsch zu denken, meine Arbeit sei, weil sie mit einfachen, mit billigen, mit von allen benützten Techniken und mit nicht einschüchternden Materialien gemacht ist, anspruchslos, demütig oder bescheiden. Vielmehr geht es darum, die Demut im absoluten Anspruch an sich selbst zu sehen und – wenn schon – sich darin demütig zu zeigen. Nämlich im Anspruch an seine eigene Kompetenz, ein aktives, ein offensives, ein waches und ein behauptendes Subjekt zu sein. Statt der Versuchung und dem Komfort zu erliegen, ein Objekt des passiven Konsums zu sein.
Bleiben wir beim Champagner: Wie denken Sie, geht die Party der Begüterten weiter?
Ich habe grundsätzlich nichts gegen Partys. Wenn man gearbeitet hat, wenn man gut gearbeitet hat, hat man sich ein Glas Champagner verdient. Der weise Okwui Enwezor hat gesagt: Es gibt einen Zeitpunkt zum Arbeiten und es gibt einen Zeitpunkt, um zu feiern. Es liegt an uns, den Zeitpunkt fürs Arbeiten einerseits und fürs Party machen andererseits zu bestimmen und keine Konfusion zwischen den verschiedenen Momenten aufkommen zu lassen. Auch hier geht es um Klarheit.
Viele Menschen arbeiten aber ständig, sind auf der Flucht, arbeitslos, ausgeschlossen. Es will sich bei ihnen keine Party im Sinne einer Sorglosigkeit einstellen. Die an sich brüchige Existenz wird durch wirtschaftliche und politische Erschwernisse zusätzlich belastet. Wie verhindern Sie, dass die Kunst bloss zum Katalysator dieser Probleme wird, und auf realpolitischer Ebene nicht wirkt?
Ich will und ich versuche, manchmal gelingt es mir sogar oder es gelingt mindestens teilweise, eine inklusive, eine einschliessende, eine universelle Arbeit zu machen. Mich mit der Welt, in der ich lebe, mit der Realität, die mich umgibt und mit der Zeit, in der ich lebe, auseinanderzusetzen ist meine Logik, mein Werkzeug, meine Waffe. Ich bin nun einmal Künstler, ich liebe meine Arbeit und ich erachte meine Arbeit «Kunst» als meine einzige, wenn überhaupt, Kompetenz. Wenn ich meine Arbeit also ernst nehme, so muss ich sie so gut, so klar und so stark wie möglich machen und ich muss meine Kompetenz mit unserer Welt, mit unserer Zeit und mit unserer Realität konfrontieren, denn das ist das Reale, das ist das Politische, das ist das Wirkliche! Ich kann und will mich nicht auf das sogenannte «Realpolitische», diesen journalistischen und flüchtigen Begriff einlassen, wenn ich meine Mission «Kunst» ernstnehme und ich kann und will mich nicht hinter dem «Realpolitischen» verstecken. Es gibt keinen Fluchtweg, ich will und ich muss meiner Logik – der einzigen, die ich habe – treu bleiben und Kunst machen. Und dafür muss ich auch bereit sein, den Preis zu bezahlen.
Ungeachtet der Pandemie, es wird ständig der ökonomische Ausnahmezustand ausgerufen. Zukunftsängste werden politisch bewirtschaftet. Mit Giorgio Agamben gesprochen, wird der Modus des nackten Überlebens, des «bare life», politisch herbeigeführt. Wie schafft man es, nicht dieser Hysterie zu erliegen?
Giorgio Agamben hat recht, wie könnte es anders sein? Er sieht die Dinge unserer Zeit kristallklar und er beschreibt sie messerscharf. Er lässt mich nachdenken in dieser hyperkomplexen Welt und in diesem konfusen Moment. Dazu verehre ich ihn schon lange für seine Texte zu Robert Walser und über Simone Weil. Es ist ebenfalls Giorgio Agamben, der in seinem Buch «Le feu et le récit» («Die Erzählung und das Feuer») die für mich wichtigste, schönste, treffendste und hoffnungsvollste Definition des Begriffs «prekär» gegeben hat – seine Texte zu lesen helfen mir. Ganz allgemein erliege ich «Hysterie» nicht so schnell, so auch nicht der jetzigen – ganz einfach, weil ich an die Kunst glaube und weil ich es liebe, meine Arbeit zu tun. Kunst, jede Kunst und jedes Kunstwerk ist Stärkung, Aufrichtung, Ermutigung und gleichzeitig ist Kunst – immer – widerständig.
Ich habe den Eindruck, die gebaute Welt wird immer unwirtlicher. An den Bahnhöfen werden Bänke abgeschraubt, auf Geländer scharfe Kanten geschweisst – Randständige werden aus der Öffentlichkeit vertrieben. Wie ist das in Zeiten der Solidarität und des kollegialen Fistbumps zu erklären?
Tatsächlich ist es unbedingt wichtig, für den öffentlichen Raum zu kämpfen, denn es ist der öffentliche Raum, der es ermöglicht, eine Relation zum Andern zu erleben. Es ist notwendig, ihn, wo immer er, vor allem durch die schleichende Privatisierung, bedroht wird, zu schützen. Überall wo er angegriffen, verkleinert, beschönigt, beruhigt wird, geht es darum, sich für seine Erhaltung einzusetzen. Ich erkläre mir die andauernde Reduzierung des öffentlichen Raums durch die ganz allgemeine Angst – ausser es geht um Konsum – in Kontakt mit dem Anderen zu treten.
Bei allem Fortschritt ist der Mensch selbst auf der Strecke geblieben. Dann wäre Ihr Provisorium ein Zeichen der inneren Verlotterung. Was wäre ein Ausweg aus diesem Zustand?
Der Ausweg, die Form, die «Can I Trust You?» aufzeigt, ist: Sich dem Prekären, dem Unbestimmten, dem Unsicheren, dem Nicht-Garantierten, dem Nicht-Befestigten zuzuwenden, darin eine Dynamik – die Dynamik des Lebens und den Sinns des Überlebens zu sehen – und sich über jeden Augenblick in dieser wahrlich komplexen, hyper-komplexen Welt zu freuen – ja, wirklich: Zu freuen!
Thomas Hirschhorn (*1957 in Bern, lebt in Paris) greift in seiner Arbeit komplexe politische und gesellschaftliche Themen auf. Im Rahmen von «Art as Connection» schafft er mit der Installation «Can I Trust You» eine prekäre und gleichzeitig affirmative Präsenz im öffentlichen Raum. Ab 27. November vor dem Aargauer Kunsthaus.
Bild: Thomas Hirschhorn bei der «Robert Walser-Sculpture», Biel, 2019.