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Gestern Nachmittag ein phantastisches Konzert von Barry Guy und seiner Blue Shroud Band, eine grosse Hommage an Picassos "Guernica" und an die unsägliche Verhüllung des Bildes in der UNO (Resolution 1441, "We know that Iraq has at lest seven of these mobile biological agent factories [...] Just imagine trying to find 18 trucks among the thousands and thousands of trucks that travel the roads of Iraq every single day.")
Musik von Guy wird ergänzt durch Motive von Bach und Biber (die "Barock-Section" ist diesmal nicht nur Maya Homburger sondern umfasst auch noch Fanny Paccoud und Ben Dwyer an Bratsche und Gitarre), es gibt die von Guy bekannten "Massenszenen" mit Stop-and-Go, solistische Ausbrüche, die manchmal kurz und eruptiv waren, dann wieder länger aufgebaut wurden, Dialoge zwischen den "Sections" (wobei die Bass-Section diesmal sehr klein war, Tropete und Tuba/Serpent, die Saxophone waren hingegen zu viert, der Drummer gleich zwei und was für welche!), auch in den Barock-Passagen wurden schon mal Themen zwischen der Violine und dem Sopransaxophon hin- und hergereicht, die Begleitung ebenfalls zwischen Gitarre, Kontrabass und Serpent. Die einzigen, die solistisch etwas zu kurz kamen, waren Agustí Fernández am Klavier, Paccoud an der Viola (ich nehme an, freie Improvisation ist nicht so ihr Terrain, sie gehört zum Umfeld des hervorragenden Amarillis-Ensemble, das auf Barockmusik spezialisiert ist) und leider auch Per Texas Johansson, der zwar durchaus zu hören war, aber im Gegensatz v.a. zu Niesemann und Gabriel kein ausgiebiges Feature hatte.
Savina Yannatou wurde vielfältig eingesetzt (ich hörte sie 2004 schon am Unerhört, im Duo mit Barry Guy - ihr "Primavera en Salonico"-Konzert dieses Jahr ist ausverkauft, aber da würde ich wohl nicht hinpassen, auch wenn mich die Musik interessiert), als Text diente ein Poem von Kerry Hardie zum Thema. Yannatou rezitierte, sang (im Wechselspiel mit Violine und Sopransax auch über barocke Melodiebögen), schrie an gegen die gewaltige Wucht des Orchesters (es gab Leute, die sich ab und zu die Ohren zuhielten ... yours truly sass wie immer wenn das geht in der ersten Reihe, möglichst nah am Geschehen). Es gab die üblichen Disparitäten und Brüche, wie man sie von Guys orchestralen Werken kennt, doch allmählich fügte sich das alles zu einem Klangrausch zusammen, der alles mitnahm, der auch zwischenzeitlich alles wegzufegen drohte, bloss um dann vom Strom zum Rinnsal zu werden, das erst allmählich wieder anschwoll und Kraft gewann, um Treibholz mitzureissen ... ein überaus faszinierendes Konzert und vermutlich das beste von inzwischen drei solchen Orchesterkonzerten, die ich von/mit Guy bisher hörte (allerdings waren alle drei herausragend).
Die Besetzung:
Barry Guy Bass and Director (GB/CH)
Savina Yannatou Voice (GR)
Agustí Fernández Piano (ESP)
Ben Dwyer Guitar (IR)
Percy Pursglove Trumpet (GB)
Maya Homburger Violin (CH)
Fanny Paccoud Viola (FR)
Michel Godard Tuba and Serpent (FR)
Torben Snekkestad Soprano and Tenor Sax (NOR)
Michael Niesemann Alto Sax, Oboe (D)
Per Texas Johansson Tenor Sax, Clarinet (S)
Julius Gabriel Baritone and Soprano Sax (D)
Lucas Niggli Drums, Percussion (CH)
Ramón López Drums, Percussion (ESP)
Sehr schön fand ich übrigens, wie Lucas Niggli aufspielte. Ich empfand ihn früher immer als etwas gehemmt, sein Zoom Trio (mit Nils Wogram und Philipp Schaufelberger, letzteren mag ich sehr) kam mir bei einem relativ frühen Konzert (wohl auch vor etwa 10 Jahren) wie Filmmusik vor, die ganzen Intakt-CDs mochte ich dann nicht kaufen und blieb auch weiteren Konzerten fern, nachdem sich der Eindruch bei mehreren Konzerten bestätigt hatte. Gestern spielte er noch immer mit der bekannten Präzision und einem enormen Klangspektrum (er ist ja sowas wie Pierre Favres Meisterschüler, wenn ich mich nicht täusche), aber er wirkte im Vergleich mit meinen früheren Erfahrungen geradezu befreit.