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Das aufreizend freche Klarinetten-Glissando am Anfang der weltberühmten "Rhapsody in Blue" eröffnet eine neue musikalische Epoche, die Elemente des Jazz und der Unterhaltungsmusik endgültig ihren Weg in die Konzertsäle finden lässt. Der Bigband-Leader Paul Whiteman regte den jungen Komponisten und Pianisten George Gershwin (1898-1937) an, seine meist improvisierte Musik, die schon zum Höhepunkt so mancher New Yorker Party geworden war, für sinfonische Orchester oder andere Besetzungen der sogenannten E-Musik zu schreiben. 1926 entstanden so die "Three Preludes", in denen unschwer die Einflüsse von Ragtime, Blues und Spiritual zu erkennen sind. Den blueshaft verträumten Mittelsatz umrahmen zwei rhythmisch prägnante Ecksätze.
Leonard Bernstein (1918-1990) begann schon in jungen Jahren seine kometenhafte Doppelkarriere als gefeierter Dirigent und erfolgreicher Komponist. Seine grössten kompositorischen Erfolge erzielte er mit seinen Musicals, allen voran der "West Side Story", das an Bekanntheit kaum noch zu überbieten ist, während sein übriges Schaffen erst allmählich auf das verdiente Interesse stösst. Die zweisätzige "Sonata" entstand in den Jahren 1941/42 und gilt als eigentliches Opus 1. Bernstein löst sich hierbei von den Einflüssen seines Lehrers und Deutschland-Emigranten Hindemith, dessen gestrenger Kontrapunkt in der Klavierbegleitung zu Beginn der Sonate noch nachwirkt. Doch kaum übernimmt das Klavier die melodische Führung, hat man es mit Bernstein zu tun, wie man ihn kennt und liebt.
Insgesamt vier Werke für Klarinette des Briten Joseph Horovitz (*1926) sind der engen Freundschaft zwischen ihm und dem Klarinettisten Gervase de Peyer zu verdanken, die seit deren gemeinsamer Studienzeit besteht. Die "Sonatina" (1981) ist das letzte Glied in dieser Reihe und bleibt dem traditionellen dreisätzigen Aufbau treu: Dem ersten Satz in klassischer Sonatenform folgt eine Liedform (A-B-A), in der sich eine wunderbare Kantilene über einer langsamen akkordischen Begleitung entfaltet. Das Finale ist ein Rondo, welches in seiner überschäumenden Art die Klarinette immer wieder bis in die höchsten Lagen spielen lässt. Wie auch in einigen anderen Spätwerken Horovitz' machen sich Einflüsse aus Jazz und U-Musik breit.
Der 1961 in Zürich geborene Daniel Schnyder gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Komponisten der Gegenwart. Seit 1991/92 wohnt er in New York, wo er mit Jazzmusikern sowie mit klassischen Solisten und Kammerensembles zusammenarbeitet. Sein Ziel ist eine wirkliche Synthese der abendländischen und der afro-amerikanischen Musikkultur. Die Voraussetzungen dazu bringt er durch sein klassisches Kompositionsstudium und seine intensive Tätigkeit als Jazzmusiker in idealer Weise mit. In allen vier Sätzen der 1984 entstandenen "Sopransaxophon-Sonate" (hier erstmals in der Klarinetten-Version von Daniel Schnyder eingespielt) gibt es ausnotierte Passagen, die im Geiste einer Jazz-Improvisation entstanden sind. Dem dicht, stellenweise polyphon gesetzten ersten Satz mit einem ternären Mittelteil und dem an eine Jazz-Ballade erinnernde zweite Satz folgt ein scherzohafter, rhythmisch geprägter dritter Satz sowie ein geradezu frenetisch ausuferndes Finale im Latin- Groove. "Who Nose" (A Portrait of Charles Mingus) stammt aus einer Reihe musikalischer Kurzportraits von Jazzgrössen. Im ganzen Stück spielt der Bläser unisono mit der Oberstimme des Klaviers, was ein ganz ungewöhnliches Klangbild ergibt.
Jeffrey Agrell wurde 1948 in Minneapolis (USA) geboren. Während seiner mehr als zwei Dekaden als Hornist des Luzerner Sinfonie-Orchesters war er auch als Komponist äusserst aktiv. Zahlreiche seiner Werke wurden veröffentlicht, auf CD aufgenommen oder im Radio und Fernsehen ausgestrahlt und rund um den Globus aufgeführt. In seinen Kompositionen darf der Zuhörer das Unerwartete erwarten... Das "Aviary Divivertimento" entstand auf Anregung von Bernhard Röthlisberger. Zu sieben verschiedenen Vogelarten gesellen sich sieben grundverschiedene musikalische Formen. In der Kolibri-Toccata quirlt die Es-Klarinette dem kleinen Vogel gleich in luftigen Höhen umher und im Marsch sieht man förmlich die trolligen Pinguine vor sich hinwatscheln. Der Calypso versetzt den Zuhörer in die tropische Heimat des Tukans, die Kadenz könnte von einem Kanarienvogel gezwitschert werden, während die Elegie eher des Dodos Aussterben beklagt und im Raben-Blues, nebst durchaus naturalistischem Gekrächze, dessen düstere und mystische Symbolik zum Vorschein tritt (Bassklarinette). Der letzte Satz indes heisst Blackbird Boogie, weil der Titel gut klingt (sag ihn dreimal hintereinander, und Du wirst sehen ... ). "Blues for D. D." wurde 1993 für Oboe solo komponiert und ist Diana Doherty gewidmet. Die Fassung für Klarinette und Klavier entstand 1997 und hat nichts von der Unspielbarkeit des Stückes eingebüsst...
Der in Frauenfeld lebende Frédéric Bolli (*1953) studierte zuerst Mathematik und Musikwissenschaft an der Universität Zürich, bevor er bei Rudolf A. Hartmann und Ivan Neumann in Zürich sowie bei Elsa Seyfert in Konstanz Gesangsunterricht nahm. Seither ist er auch als Komponist tätig (Autodidakt) und bildete sich beim bekannten Komponisten, Musikologen und Publizisten Rolf Urs Ringger weiter. Als Sänger tritt er sowohl in Opernproduktionen wie auch mit seinem eigenen Chansons-Programrn regelmässig auf. Etliche Chorwerke von ihm wurden im Radio ausgestrahlt. "Rülpsodie, schon blau" ist, wie der Titel schon andeutet, eine muntere bis beschwipste Paraphrase über George Gershwins berühmte "Rhapsody in Blue". Fast alle Themen der Vorlage werden darin verwendet, kaleidoskopartig durcheinandergeschüttelt und neu übereinander geschichtet. Dadurch, dass sie stellenweise in rauschhafter Verdichtung gleichzeitig erklingen, ist das Stück etwas kürzer als das Original: möge dies der Kurzweil dienen!