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Mission «Ice Memory» ein voller Erfolg
Bei seiner Expedition zum Monte-Rosa-Massiv hat das internationale Team von Ice Memory zwei über 80 Meter lange Eisbohrkerne vom 4500 Meter hohen Colle Gnifetti entnommen. Diese sollen im Eisbohrkernarchiv in der Antarktis aufbewahrt werden. Damit wird das älteste Eis der Alpen für zukünftige Forschergenerationen konserviert.
Nach fünftägiger Arbeit auf 4500 Metern in der Akkumulationszone des Grenzgletschers, dem Gletschersattel des Colle Gnifetti, entnahmen die Forschenden drei flache Eisbohrkerne aus einer Tiefe von 15 bis 22 Metern sowie zwei tiefe Eisbohrkerne, die bis zum Felsbett in 82 Metern Tiefe reichen.
In dem Abschnitt, der dem Felsen am nächsten ist, enthalten diese Eisbohrkerne Informationen über das Klima und die Umwelt vor zehntausend Jahren. Wenn diese Eisbohrkerne in dem geplanten Archiv in der Antarktis eingelagert werden, bedeutet dies, dass das älteste Eis der Alpen für die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte bewahrt wird.
Die Mission wurde vom Institut für Polarwissenschaften (ISP) des italienischen Nationalen Forschungsrats (CNR), der Universität Ca' Foscari in Venedig und dem Paul Scherrer Institut PSI organisiert.
Ice Memory ist ein internationales Programm, das darauf abzielt, jetzt und für die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte das Rohmaterial und die Daten über die wichtigsten Gletscher der Erde bereitzustellen. Beides wird vermutlich für wissenschaftliche Fortschritte und politische Entscheidungen notwendig sein, die zur Nachhaltigkeit und zum Wohlergehen der Menschheit beitragen. Zu diesem Zweck soll in der Antarktis ein Archiv von Eisbohrkernen der Gebirgsgletscher der Erde angelegt werden, welche durch die Klimaerwärmung von starkem Rückzug oder gar Verschwinden bedroht sind.
«Stolz und glücklich»
«Die Mission war ein Erfolg: Das Team hat zwei über 80 Meter lange Eisbohrkerne von einer sehr wichtigen Stelle erhalten, die Informationen über das Klima der letzten zehntausend Jahre enthält», sagt Carlo Barbante, Direktor des CNR-ISP und Professor an der Ca' Foscari. «Das Team hat trotz der rauen Wetterbedingungen mit starken Windböen und Schnee gut gearbeitet. Nun wird dieses wertvolle Archiv der Klimageschichte der Alpen für die Zukunft erhalten bleiben.»
Für die Eisbohrkernforschung in den Alpen ist der Gletschersattel Colle Gnifetti ein besonderer Ort: Die erste Eiskernbohrexpedition fand hier bereits 1976 statt, kurz nachdem dieses Forschungsfeld in den 1960er-Jahren in Grönland initiiert wurde, betont Margit Schwikowski, Leiterin des Labors für Umweltchemie am Paul Scherrer Institut und Professorin an der Universität Bern. «Damals wurde spekuliert, dass der Sattel aus kaltem Eis besteht, ohne jegliche Schmelzwasserbildung. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass Umweltinformationen dort zuverlässig erhalten bleiben.» Die Annahme hat sich als richtig erwiesen, fügt die Forscherin hinzu. «Ich freue mich daher sehr, dass es uns gelungen ist, an dieser Stelle Bohrkerne für das Ice-Memory-Projekt zu sammeln.»
Am 1. Juni brach das italienische Team von Alagna Valsesia (Vercelli, Italien) aus auf, während sich das Schweizer Team von Zermatt (Wallis, Schweiz) aus näherte, beide am Fusse des Monte Rosa gelegen. Die Forscher trafen sich an der Hütte Capanna Gnifetti auf rund 3600 Meter, wo sie zwei Tage verbrachten, um sich zu akklimatisieren. Dann wurden sie auf den Colle Gnifetti geflogen, um dort Tiefeneisbohrkernproben zu entnehmen.
«Wir sind sehr glücklich und stolz, dass wir diese Mission erfolgreich abgeschlossen haben», ergänzt Theo Jenk, Forscher am PSI-Labor für Umweltchemie und Leiter der Expedition. «In Anbetracht der extremen Lage von Probenahmestellen wie der auf dem Colle Gnifetti, der grossen Höhe von mehr als 4500 Metern und den oft rauen Wetterbedingungen ist ein solcher Erfolg nie garantiert. In einer starken, international kooperativen Teamleistung haben wir aber genau das geschafft. Das Wichtigste ist natürlich, dass alle Teammitglieder sicher zurückgekehrt sind.»
Das Labor für Umweltchemie des PSI hat eine jahrzehntelange Tradition in der Erforschung des Gletscherarchivs am Colle Gnifetti. Die Forschenden fanden auch, dass der Ort höchstwahrscheinlich das älteste Eis der Alpen enthält. «Dass wir dabei mithelfen konnten, einen Eisbohrkern von diesem Standort zu gewinnen, ist daher für uns als Gruppe definitiv ein Highlight. Schliesslich wird dadurch ein äusserst wertvolles Klima- und Umweltarchiv der europäischen Geschichte zugänglich, das aufgrund der fortschreitenden Erwärmung Gefahr läuft, für immer verloren zu gehen», fügt Theo Jenk hinzu. «Wir sind sehr froh, dass wir dank unseres Know-hows bei Eisbohrungen und Hochgebirgsexpeditionen gerade in diesem Fall einen wichtigen Beitrag zum Ice-Memory-Projekt leisten konnten.»
Abschliessend sagt Fabio Trincardi, Direktor der Abteilung für Erdsystemwissenschaften und Umwelttechnologien am CNR: «Ice Memory ist ein generationenübergreifendes Projekt, das die Kinder von heute einbezieht, welche die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen von morgen sein werden. Wenn wir Archive wie dieses verlieren, würden wir die Erinnerung daran verlieren, wie die Menschheit die Atmosphäre verändert hat. Wir müssen versuchen, es für die zukünftigen Generationen zu bewahren, die es studieren werden, wenn wir nicht mehr hier sind.»
Gletscherwelten
Für die Dauer der Mission wohnten die Forschenden auf der Capanna Margherita – der höchstgelegenen Berghütte Europas, die vor 128 Jahren auf einem felsigen Gipfel erbaut wurde, um zur wissenschaftlichen Forschung in der Höhenphysiologie und in jüngerer Zeit auch in der Klimatologie und den Naturwissenschaften beizutragen. Dank der Unterstützung der Rifugi Monterosa wurde die Capanna Margherita nur für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geöffnet. Die Hütte empfängt dann ab der zweiten Junihälfte Bergsteiger.
Der Colle Gnifetti bildet das obere Akkumulationsgebiet des Grenzgletschers, des Hauptzuflusses des Gornergletschers, der das zweitgrösste Gletschersystem der Alpen ist. Mit einer Fläche von rund 40 Quadratkilometern erstreckt sich der Gletscher von 2190 bis auf 4600 Meter über dem Meeresspiegel. Im Jahr 2017 wurde das Volumen des Gletschers auf 4,9 Kubikkilometer geschätzt. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hat der Gletscher etwa 40 Prozent seiner Fläche verloren, wobei sich seine Front um etwa 3,3 Kilometer zurückgezogen hat. Im Jahr 2019 verlor der Gornergletscher seine Verbindung zum Grenzgletscher, wodurch er plötzlich zu einem viel kleineren Gletscher wurde.
Das Expeditionsteam bestand aus Margit Schwikowski (PSI), Theo Jenk (Expeditionsleiter, PSI), François Burgay (PSI), Jacopo Gabrieli (CNR/Ca' Foscari), Fabrizio de Blasi (CNR/Ca' Foscari), Andrea Spolaor (CNR/Ca' Foscari), Paolo Conz (Bergführer), Sabine Harbeke (Zürcher Hochschule der Künste, PolARTS-Projekt), Riccardo Selvatico (Videomacher).
Die Expedition auf den Monte Rosa wurde finanziert vom italienischen Ministerium für Bildung, Universität und Forschung (mit dem speziellen Zusatzfonds für Forschung) und vom Paul Scherrer Institut. Die Mission wurde von AKU und Karpos unterstützt und fand statt in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Alagna Valsesia, Alagnas Bergführern, Rifugi Monterosa, Monterosa 2000 spa, Camp, AVIS, ARPA Piemonte, ARPA Valle d'Aosta, Comitato Glaciologico Italiano, Ente di gestione delle aree protette della Valle Sesia, Fondazione Montagna Sicura, der Universität Turin, Einwohnergemeinde Zermatt und der Sektion Naturgefahren Kanton Wallis.
Über Ice Memory
Für Ice Memory ist die Expedition zum Monte-Rosa-Massiv die dritte Mission auf alpinen Gletschern nach denen auf dem Mont Blanc im Jahr 2016 und am Grand Combin im Jahr 2020. Bei anderen internationalen Expeditionen konnten zudem Eisbohrkerne von einem Gletscher am Illimani in Bolivien, am Belucha im russischen Altai (Sibirien) und am Elbrus in Russland gesichert werden.
Ice Memory ist ein gemeinsames Programm des Paul Scherrer Instituts, der Universität Grenoble Alpes, der Universität Ca' Foscari in Venedig, des französischen Nationalen Forschungsinstituts für nachhaltige Entwicklung (IRD), des französischen Nationalen Zentrums für wissenschaftliche Forschung (CNRS), des italienischen Nationalen Forschungsrats (CNR) und des französischen Polarinstituts Paul-Emile Victor (IPEV).
Text: Erstellt auf der Grundlage einer Medienmitteilung der Università Ca' Foscari Venezia mit Ergänzungen des Paul Scherrer Instituts