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Gehen im Schnittpunkt der Künste
1985 hielt ich mich einige Tage in Wien auf. Ich wollte einer Stadt einmal auf eine unkonventionelle Art begegnen. Ich vermied es, Orte aufzusuchen, von denen mit einiger Sicherheit gesagt werden konnte, sie seien schön, sehenswert oder eben andersherum: ausgesprochen hässlich - bei meinem Interesse auch für das sogenannt Hässliche. Ebenso erlaubte ich mir nicht mehr, den spontanen Einfällen zu folgen, mich mal dahin zu bewegen, mal dorthin, wie es sich eben gerade "ergab". Auch diese Methode, einer Stadt zu begegnen, schien mir einer inneren Fixierung zu gehorchen. In Abkehr davon betätigte ich mich als Stadtwanderer von Punkt A nach Punkt B. Punkt A lag beim Westbahnhof. Punkt B in der Nähe des Praters. Die Idee, eine Stadt auf diese Art zu erkunden, liess mich nicht mehr los. Ich wandte das gleiche Prinzip auf Mailand an. Punkt A lag in den Aussenquartieren des Nordwestens, Punkt B in jenen des Südostens. Das war 1987. In einer weiteren Phase zeichnete ich auf den Stadtplan ein Rechteck und lief es mit einem Freund ab. Der Schritt zu einem Wandern nach Struktur war vollzogen.
Dann lernte ich die Arbeiten von RICHARD LONG kennen und entdeckte einen Weggenossen. Was ich da in Städten zaghaft versuchte, praktizierte hier einer schon seit längerem - nicht in den Städten, aber auf Hochebenen, in weiten Mooren, Wüsten, kargen Landschaften. Der Weg wurde zum Ziel. Was bedeutete dies aber konkret - abgesehen vom symbolischen Gehalt der Rede?
Das Wandertempo wurde langsamer und langsamer und ging in ein Gehen über. Je bewusster ich wanderte, desto häufiger blieb ich stehen. Das begann mich von allfälligen andern Wanderern zu unterscheiden. Ein Gefühl der Isoliertheit stellte sich ein. Welches war der sinnvolle Umgang mit diesem Gefühl und den es begleitenden Gedanken? Welches war schliesslich der angemessene Umgang mit den hereinstürzenden visuellen und akustischen Reizen?
Ich machte eine schmerzhafte Entdeckung. Anlässlich eines BUTOH-Workshops des Japaners TADASHI ENDO lernte ich eine ganzkörperliche Art des Gehens kennen. Sie konfrontierte mich gnadenlos mit den eigenen Körpermustern beim Gehen. Was heisst eigentlich Gehen? Ich machte mich daran, das Gehen neu zu erlernen - entsprechend meinen Möglichkeiten. Balance und das richtige Mass an Spannung und Entspannung war gefragt. Der Spannungs- und Energieausgleich war begleitet von einem sensiblen Körpertheater. Ich stellte fest, dass Gehen so etwas wie ein Konzentrat von Theater, Tanz, Musik und Skulptur gleichermassen sein kann. Ich führe ein beeindruckendes Bild für ein reines Gehen mit mir. Es ist das Bild des über 6 Stunden gehenden NORBERT KLASSEN im Performance Theater "Arbeitstitel Simulation" in Bern, 1989.
Meine ausführliche Beschäftigung mit Konzepten von Theater, Körper, Kunst und der Performance brachte mich dazu, die Trennung in Performende und Zuschauende zu thematisieren und schliesslich aufzuheben. Ich gelangte in ein grell erleuchtetes Niemandsland, den leeren Raum. Mit dem Kunstgriff eines real existierenden leeren Raumes, bezogen auf andere Räume, den öffentlichen Raum, private Räume, gab ich dem inneren leeren Raum einen äusseren Bezug. Auf dieser Grundlage erweiterte ich, bezugnehmend auf historische Vorläufer (ANTONIN ARTAUD, JERZY GROTOWSKI), ab 1991 das Ritual Theater um die Dimension des Öffentlichen Raumes und einer Minimalisierung von Mittel und Handlungen. Zwischen 1994 und 1998 sind vier Performance-Konzepte entstanden, die die Entwicklung dokumentieren, das 5 Tage Ritual Theater (1994), die 6 mal 6 Stunden Ritual Theater (1995), das 24 Stunden Ritual Theater (1995) und das 7 Tage Ritual Theater (1998).
Der Vorgang der Reduktion im Ritual Theater, die Arbeit des Performers und des teilnehmenden Besuchers im leeren Raum, ist, im Unterschied zu einem reinen Gehen noch ein offener. Eine Handlung kann irgendeine Form annehmen. Die Form muss allerdings durch Wiederholen und das Eliminieren des Beliebigen erst erarbeitet werden. Die Handlung wird nicht mehr vorgeführt, es gibt kein Publikum mehr. Die Handlung genügt sich selber.
Diese Vorstellung von Handlung rückt ihre praktische Durchführung in die Nähe von Zen. Die Reduktion wird in der Zen-Praxis noch weiter getrieben: Gehen, Sitzen, Arbeiten, Ruhen im Wechsel - als ein Ritual, das lebensbestimmend werden kann.
Die eigentliche Arbeit am 12 Stunden Gehen nahm ich 1994 auf. Die körperliche und geistige Vorbereitungszeit dauerte drei Tage. Ich stellte eine Gehstruktur zusammen. Fragen tauchten auf wie beispielsweise: Wann esse ich? Was esse ich? Wieviel esse ich? Wann trinke ich? Wann pinkle ich? Wann ruhe ich mich aus? Trage ich die immergleiche Kleidung? Bin ich auf Wettereinflüsse gefasst? Lässt es sich mit dem Körper zurückgrüssen, wenn jemand mit Worten grüsst? Wie reagiere ich auf äussere Einflüsse, innere Empfindungen? Wie gehe ich?
Ich begann, die einzelnen Handlungen zu untersuchen und kapitulierte vor der Unlösbarkeit der Aufgabe. Jede kleinste Handlung liesse sich nochmals zerlegen und als eine existentielle erfahren. Ich gab mich mit einer Grobstruktur zufrieden. Darin war festgelegt, was ich wann zu essen und zu trinken gedachte, sowie wenigstens die Reihenfolge der begleitenden Handlungen. Die Struktur hatte ein rituelles Element: sie dauerte drei Stunden und wurde viermal wiederholt. Ich machte Studien zum Gehtempo und befand, eines von 2 km/h sei angemessen.
1995 wiederholte ich das Ganze. Die Struktur versuchte ich weiter zu vereinfachen, das Gehtempo behielt ich bei. Dieses Mal nahmen weitere vier Personen an den fünftägigen Vorbereitungen und dem anschliessenden Gehen teil. In erster Linie verfeinerte ich hier die Technik. Das Gehen wurde zu einem Vorwärtsschieben des ganzen Körpers in der Landschaft. Für diese ersten Versuche hatte ich nicht zufällig das Seeland als Ort der Handlung ausgewählt. Es ist die offenste Landschaft der Schweiz. Ein Gefühl der Weite stellt sich ein, ähnlich dem auf einem Berggipfel. Gleichzeitig kommt man nicht um eine Begegnung mit den Begleiterscheinungen der zivilisierten Gesellschaft herum. Im gleichen Jahr machte ich mich zu Gehstudien in Nordnorwegen auf. Ich suchte nach kargeren, nach noch weiteren Landschaften als jener des Seelands. Nordnorwegen wählte ich, weil mich gleichzeitig die Aussicht faszinierte, 6 oder 12 Stunden lang ins Licht zu wandern und immer jenen Moment im Auge zu behalten, an dem die Sonne am tiefsten zu stehen kommt. Die Arbeit an einer Gehstruktur war soweit gediehen, dass ich das Gehtempo auf 1 km/h verringerte und nichts mehr ass. Es gelang, beliebige Gehstrukturen in Handlung umzusetzen.
Ein Jahr darauf, im Juli 1996, war ich soweit, diese Struktur von 6 auf 12 Stunden auszudehnen. Ich begann nun, meine ganze Energie auf ein möglichst präsentes Gehen zu verwenden, was nicht ganz glückte. Immerhin stellte ich fest, dass ich nahe daran war, 12 Stunden in offener Landschaft zu gehen und sonst nichts anderes zu tun. Es nahmen vier Personen an den dreitägigen Vorbereitungen und einem weiteren Versuch über 12 Stunden teil, drei waren bereits ein Jahr zuvor dabei. Die Vorarbeiten waren so weit gereift, dass das Gehen in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden konnte. Gehen - an den Schnittstellen von Räumen, Personen und Künsten.
Künstler/innen aus verschiedenen Sparten (Tanz, Musik, Bildende Kunst, Theater) wurden eingeladen, interessierten sich und nahmen teil. 23 sogenannte Professionelle und sogenannte Nicht-Professionelle nahmen die Herausforderung an, 12 Stunden Präsenz zu inszenieren (Handlungsablauf) und sie zu minimalisieren (Gehen). Darunter waren 2 Personen, die über ein Mailing an 576 Adressen im Handlungsraum gesucht wurden. Die 576 Adressen sind aufgrund eines einsehbaren Auswahlverfahrens bestimmt worden. Eine Serie von 12 Veranstaltungen bot die Gelegenheit, sich vertieft mit dem Gehen zu beschäftigen: Präsentation des Gesamtprojekts, Strukturen des Wanderns und des Gehens, Vom Gehen zum Stillstand, Das Körpertheater beim Gehen, Gehen und Zen, 6 Stunden Ritual Theater, Vom Gehen zum Tanzen, 6 Stunden Gehen, Butoh und die Technik des Gehens, Gehen und Sport, Vorbereiten des 12 Stunden Gehen, 12 Stunden Gehen.
Herzlich willkommen in den Performance-Räumen des Ritual Theater!
(aus: "Dossier Kunstraum" 12 Stunden Gehen 1997)