Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03564.jsonl.gz/1217

Die Geschichte der Fotografie anschaulich und anregend dargestellt
Geschichte der Fotografie
"Das vorliegende Buch strebt keine systematische, wissenschaftliche oder enzyklopädische Aufbereitung des Themas an. Vielmehr wird die Bildgeschichte der Fotografie exemplarisch anhand von Beispielen dargestellt, an denen sich stilgeschichtliche Entwicklungen deutlich machen lassen oder die wesentliche Impulse zur Weiterentwicklung des Mediums lieferten", schreibt der Autor im Vorwort. Und, wie löst er sein Versprechen ein? Sehr überzeugend.
Es gehört zum Schwierigsten überhaupt, sich bei einer "Geschichte der Fotografie" auf Wesentliches zu beschränken und dies zudem in einer allgemeinverständlichen Sprache zu tun. Willfried Baatz gelingt es mit diesem "Schnellkurs", wie es im Untertitel heisst, hervorragend, denn man lernt Einiges bei der Lektüre dieses kleinformatigen, ansprechend präsentierten und inklusive Glossar, Chronologie der Fotografie, Hinweisen zu Galerien, Museen, Sammlungen und Zeitschriften, Bibliografie, Sachregister, Personenregister und Bildnachweis gerade mal 204 Seiten umfassenden Werkes - auf ein paar Beispiele soll hier kurz eingegangen werden.
Zur Viktorianischen Zeit gab es einen Schweden namens Oscar Gustave Rejlander, ursprünglich ein Porträtmaler, der sich dann aber, in England, der Fotografie zuwandte und dort rasch eigene Wege ging. "Er arrangierte verschiedene Genreszenen, fotografierte diese einzeln, um später die Abzüge verschiedener Negative zu einem Bild zu kombinieren." Ein früher Jeff Wall sozusagen, doch so recht eigentlich ist es umgekehrt und so müsste Jeff Wall als Epigone von Rejlander bezeichnet werden.
Auch Julia Margaret Cameron lebte in der Viktorianischen Zeit in England und wird mit einem schönen Satz zitiert, der das Fotografieverständnis der Zeit sehr gut wiedergibt: "Meine Wünsche lauten, die Photographie zu veredeln und für sie den Charakter und den Gebrauch der Hohen Kunst zu sichern, indem ich das Wirkliche und Ideale kombiniere und nichts von der Wahrheit opfere bei aller Hingabe an die Poesie und Schönheit."
Und wenn wir gerade bei den schönen Zitaten sind: Wer sich für die Frage, ob Fotografie eigentlich Kunst ist, interessiert, sollte sich einmal zu Gemüte führen, was Thomas Mann über Albert Renger-Patzsch (1897-1966), den eigentlichen Pionier der Neuen Sachlichkeit, geäussert hat: "Es sind ein paar Bestimmtheiten aus der Fülle - und so ist es ja mit dem Werk dieses auf seine Art passionierten Mannes überhaupt. Das Einzelne, Objektive, aus dem Gewoge der Erscheinungswelt erschaut, isoliert, erhoben, verschärft, bedeutsam gemacht, - was hat, möchte ich wissen, die Kunst, der Künstler je anderes getan?"
Der Leser erfährt von den frühen Verfahren der Bildherstellung, der Porträtfotografie als Statussymbol, der Bedeutung der Bildberichterstattung, von Eadward Muybridge und dem Festhalten der Bewegung, der Fotografie für jedermann (Kodak), Foto-Legenden wie Stieglitz, Steichen und Atget, der Straight Photography und der Bewegung der Neuen Sachlichkeit, den Anfängen des modernen Fotojournalismus, dem einzigartigen Dokumentations-Projekt der FSA, der Farm Security Administration etc. etc.
Übrigens: Bei der Behandlung des FSA-Projektes ist dem Autor (oder dem Lektorat) ein den Sinn potentiell verzerrender Verschreiber unterlaufen: Evans’ und Agees bekanntes Werk heisst nämlich nicht "Let us praise now famous men" sondern "Let us now praise famous men".
"Eine Einführung in die Welt der Fotografie, so übersichtlich wie ein Lexikon, so unterhaltsam wie ein Roman, so anschaulich wie ein Bildband" lässt der Verlag auf der vierten Umschlagseite wissen. Man kann da nur zustimmen. Vorbehaltslos.