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Mitte April 2009 brach in Mexiko eine Schweinegrippe-Epidemie aus, Ende April erreichte das Virus die Schweiz. Die befürchteten Katastrophenszenarien haben sich nicht bewahrheitet. Nationale und internationale Behörden sind derzeit daran, das eigene Verhalten in dieser Krise zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen.
(bs) In unregelmässigen Zeitabständen entstehen neuartige Grippeviren, gegen welche den meisten Menschen die Abwehrkörper fehlen. In einem solchen Fall kann es zu einer Grippepandemie kommen, das heisst zu einer weltweiten Ausbreitung der Krankheit innerhalb weniger Monate.
Es hat in der Vergangenheit mehrere solche Pandemien gegeben. Die bekannteste war die Spanische Grippe, die 1918 weltweit 20 bis 40 Millionen Menschenleben forderte. Das Jahr 2009 stand weltweit wieder im Zeichen einer solchen pandemischen Grippe (die sogenannte Schweinegrippe oder H1N1-Grippe). Am 11. Juni 2009 hob die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die pandemische Warnperiode auf die höchste Phase 6 an.
Wo und wie alles begann
Am 23. April 2009 informierte die mexikanische Regierung die Bevölkerung über den Ausbruch einer Grippe-Epidemie, die durch eine neue Variante des H1N1-Virus ausgelöst worden war. Läden, Schulen, Restaurants und Vergnügungsstätten wurden fast zwei Wochen geschlossen. Verkehr und öffentliches Leben in der Hauptstadt ruhten zum grossen Teil. Selbst Messen wurden abgesagt. Die Menschen trugen Masken zum Schutz vor einer Ansteckung und vermieden Händedruck und Begrüssungskuss. Die Bevölkerung blieb erstaunlich gelassen; zu Panik kam es nicht. Die radikale Reaktion der mexikanischen Gesundheitsbehörden war aufgrund der Ungewissheit über den Gefährlichkeitsgrad des Virus gerechtfertigt und wurde von der WHO unterstützt und als vorbildlich gelobt. Es gab Katastrophenszenarien von vielen Millionen Erkrankungen und bis zu einer Million Toten innert drei Monaten. Schliesslich blieb es in Mexiko bei rund 72 000 Ansteckungen und 1200 Todesfällen. Das Virus stellte sich als relativ harmlos heraus. Heute ist die Lage völlig unter Kontrolle. 24 Millionen Personen sind geimpft worden. Das öffentliche Gesundheitswesen habe aus der Krise gelernt und funktioniere besser als zuvor, sagen heute Regierungsvertreter. Die Quarantäne traf die bereits von der globalen Finanzkrise geschwächte mexikanische Wirtschaft hart. Das BIP sackte im zweiten Quartal 2009 um 10,3 Prozent ab. Der Tourismus, drittwichtigste Einnahmequelle des Landes, beklagte über das ganze Jahr einen Rückgang der ausländischen Besucher von 11,4 Prozent. Inzwischen hat freilich der Wiederaufschwung eingesetzt. Auch in Hotels und Gaststätten sei die Hygiene verbessert worden.
Die WHO will Lehren ziehen
Weltweit kamen laut der WHO rund 17 800 Personen ums Leben (Stand Mitte April 2010). Dies sind weit weniger Opfer als normalerweise bei saisonalen Grippewellen. Sie will nun den Umgang mit der Schweinegrippe analysieren und daraus Lehren für künftige Pandemien ziehen. Dies versprach WHO-Generaldirektorin Margaret Chan Mitte April 2010 in Genf bei der Eröffnung einer dreitägigen Expertentagung. An dieser WHO-Konferenz wollen Fachleute herausfinden, wie die Organisation mit der Pandemie umgegangen ist. Die Experten sollen zudem Vorgaben für den Umgang mit kommenden Pandemien erarbeiten. Der Schlussbericht ist für Januar 2011 geplant. Kritiker werfen der WHO vor, übertrieben auf das Virus reagiert zu haben. Die WHO sei von der Pharmaindustrie manipuliert worden, erklärten sie. Margaret Chan betonte jedoch, die WHO halte stets wachsam ein Auge darauf, dass Interessenkonflikte vermieden würden. Das Expertengremium sei unabhängig und setze sich gleichermassen aus Fachleuten aus Industriestaaten und Entwicklungsländern zusammen.
Der WHO-Sonderberater für Grippe-Pandemien, Keiji Fukuda, gestand allerdings Fehler in der Kommunikation der UNO-Organisation und bei der Definition der Stufen des Pandemie-Alarms ein. Dennoch gingen die Pandemieforscher mit der WHO hart ins Gericht: Sie bemängelten vor allem die weltweit völlig ungleiche Verteilung von Impfstoffen. Manche Länder hätten jeden ihrer Einwohner doppelt impfen können, während andere gar nichts zur Verfügung gehabt hätten. Allein in der EU habe es 27 verschiedene nationale Wege gegeben, mit der Bedrohung umzugehen – dies müsse künftig vereinheitlicht werden.
Auch die Schweiz analysiert
Ähnliche Erkenntnisse sind für die Schweiz zu erwarten, wo 26 verschiedene (kantonale) Gesundheitssysteme aufeinander abgestimmt werden mussten. In der Schweiz wurde der Pandemie-Alarm am 5. Februar 2010 aufgehoben. Nach Schätzungen des BAG kamen hierzulande zwischen einer und eineinhalb Millionen Menschen mit dem H1N1-Virus in Kontakt. Mindestens 561 Menschen mussten hospitalisiert werden, 18 Menschen starben. Die Schweiz hatte zuvor 13 Millionen Impfdosen Celtura® und Focetria® von Novartis sowie Pandemrix® von GlaxoSmithKline (GSK) gekauft, um im Falle einer Pandemie die Schweizer Bevölkerung zweimal impfen zu können. Als die Impfstoffe produziert und getestet wurden, stellten die Experten fest, dass es nicht immer nötig war, zwei Dosen zu impfen. Der Bundesrat beschloss daraufhin, rund 4,5 Millionen Dosen der WHO zu schenken oder an Drittländer zu veräussern.
Evaluationsbericht
Bundesrat Didier Burkhalter, der Chef des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI), will genau wissen, was für Lehren aus der Pandemie zu ziehen sind, und hat deshalb einen Evaluationsbericht in Auftrag gegeben. Damit sollen einerseits offene Fragen rund um die Impfstrategie geklärt und andererseits Erkenntnisse für die Optimierung der Pandemieplanung sowie für die laufende Revision des Epidemiengesetzes gewonnen werden. Grundsätzlich ist der Bundesrat wie die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates der Meinung, dass sich im Zusammenhang mit der H1N1-Pandemie eine Serie von Fragen ergeben habe, die einer Klärung bedürfen. Solange keine verlässliche Gesamtsicht zu den verschiedenen Aspekten der in den vergangenen Monaten getroffenen Massnahmen und deren Auswirkungen bestehe, sei eine detaillierte und abschliessende Beantwortung der aufgeworfenen Fragen nicht möglich. Der Abschlussbericht wird spätestens Mitte 2010 erwartet.
Bernhard Stricker