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Alexandre Ducommun
03. November 2023
Man hört oft, es brauche eine gewisse Reife, um eigene Erfahrungen filmisch darzustellen. Dieser Ansicht ist zumindest Marie de Maricourt, und ihr Werdegang spricht dafür. Nach einer technischen Ausbildung zur Schnittmeisterin und mehreren Jahren bei einer Kulturförderinstitution in Frankreich begann sie ein Bachelorstudium an der HEAD, das damals auf Dokumentarfilm spezialisiert war, um ihre Ambitionen als Filmemacherin zu verwirklichen. Diese Entscheidung, die aus dem Wunsch entstand, Dokumentarfilme zu realisieren, wirkte sich nachhaltig auf ihr späteres Schaffen aus.
Der Dokumentarfilm manifestiert sich jedoch nicht in der Form ihrer Werke – ihre drei letzten Kurzfilme waren Fiktionen – sondern vielmehr im Realisierungsprozess. Die Filmemacherin ist bestrebt, eine Realität – insbesondere eine soziale Realität – unter einem neuen Blickwinkel zu zeigen, indem sie die Drehorte, die Themen und vor allem die Rollenbesetzung sorgfältig auswählt. «Ich versuche immer, Schauspielende zu wählen, die einen Bezug zu den Geschichten haben, die sie darstellen. Es gibt eine rote Linie, die ich nicht überschreite: Ich würde nie jemanden auffordern, eine Realität nachzuahmen, die er oder sie selbst nicht kennt», so die Regisseurin zu ihrem dokumentarischen Ansatz. Da dank der Inszenierung alle Facetten der Realität gezeigt werden können, hofft Marie de Maricourt, mittels Fiktion soziale Probleme unter einem neuen Blickwinkel zu beleuchten und zu hinterfragen. «Wenn meine Filme über die Geschichten, die sie erzählen, hinaus etwas vermitteln, ist das schon ein Erfolg für mich», erklärt sie und fügt an, ihre Filme seien «nicht dazu da, um Antworten zu liefern, sondern um Fragen aufzuwerfen.»
Der letzte Kurzfilm der Regisseurin, «Runny, Run, Run», der an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur gezeigt wird, thematisiert Jugendeinsamkeit anhand einer einfachen Geschichte mit Fantasy-Elementen: Der 16-jährige Johann lebt zurückgezogen mit seiner Mutter und ist in Lena verliebt, die er in den sozialen Netzwerken kennengelernt hat. Als Johann sich bemüht, in Lenas Freundeskreis aufgenommen zu werden, wird er zu einem selbstmörderischen Spiel gezwungen. Der Film wurde bewusst so ausgestaltet, dass er zeitlos wirkt, oder «eine Art abgehobene Realität» zeigt, um es mit den Worten von Marie de Maricourt zu sagen, damit die behandelten Themen mehr Resonanz finden. «Zudem wäre die Geschichte viel härter und gewalttätiger, wenn sie auf klassischere oder realitätsgetreuere Weise gefilmt worden wäre», so die Filmemacherin zum Paradox, die Wahrheit zu verdrehen, um sich ihr besser zu nähern.
Die Härte des Themas Jugendsuizid erschwerte die Produktion des Kurzfilms. Gezwungen, mit einem kleinen Team zu arbeiten, sah die Filmemacherin darin auch die Möglichkeit, unter Bedingungen zu arbeiten, die denen eines Dokumentarfilms ähneln und mehr Raum zu lassen für Drehbuchänderungen und für den Dialog mit den jungen Schauspielenden während der Dreharbeiten. Die Regisseurin hält an dieser handwerklicheren Arbeitsweise fest, unabhängig vom Budget. «Nicht alle Förderungen haben die Herangehensweise an die Thematik von «Runny, Run, Run» gemocht, und trotzdem hat Marie an der Umsetzung festgehalten, zwar offen für Kritik und Anregungen, aber ohne sich von ihrer Art zu erzählen abbringen zu lassen», so Brigitte Hofer, Produzentin bei Maximage. Mit der gleichen Hartnäckigkeit verteidigt Marie de Maricourt auch ihre Vision des Dokumentarfilms. Sie gibt sich nicht mit der klassischen Rolle der Regisseurin zufrieden, die sich zurücknimmt und die Dinge einfach so zeigt, wie sie sind.
Adrien Kuenzy
03 November 2023