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«Keine Angst vor dem leeren Blatt Papier», bestärkte mich vor einigen Jahren eine Mentorin. Der Rat war kurz, knackig und sinnvoll. Auch Logopädinnen und Logopäden versuchen im Alltag zu vermitteln: keine Angst vor leeren Blättern. Sie sind da, um gefüllt zu werden.
Vielleicht geht es Ihnen so wie mir und Sie fühlen sich gestresst, wenn Sie zwar ein absehbares Ziel vor Augen haben, allerdings noch keinen passenden Plan, wie Sie zu diesem Ziel gelangen sollen. Die einen fallen dann in einen Ideenrausch und toben sich mit Lösungsansätzen aus. Die anderen verharren in einer unfreiwilligen Blockade. Ich finde mich da eher in der zweiten Beschreibung wieder.
So hatte ich dann auch Verständnis für den Schüler, der vor einigen Wochen blockiert vor mir sass. Er war sichtlich gestresst von meiner Schreibaufgabe. Vor ihm ein leeres Linienpapier. Neben ihm Bleistift und Radiergummi. Schon während ich ihm die Aufgabe erklärte, sah ich in seinen Augen einen Anflug leichter Panik aufkommen. Mit den weisen Worten meiner Mentorin versuchte ich ihn zu beruhigen: keine Angst vor dem leeren Blatt Papier. Keine Angst vor Schreibfehlern.
Allerdings interessierte ihn mein Tipp noch herzlich wenig und mir ging ein Lichtlein auf: der Schüler hatte gar keine Angst vor dem Ziel, sondern vor dem Weg dahin. Wie sortiere ich Gedanken? Wie verschrifte ich diese Gedanken? Wie fülle ich das leere Blatt Papier? Wie beginne ich einen Satz? Wie formuliere ich einen Text? Gemeinsam überlegten wir uns, was ihm helfen würde, die Gedanken zu ordnen und zu formulieren.
Heute würde ich sagen, der Schüler geriet in einen regelrechten Ideenschub. Am Ende der Lektion schaute er mich an und sagte: «Zum Glück ist das Linienblatt jetzt nicht mehr leer».
Anika Helfer