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"Ich drehte mich in einem Teufelskreis"
Eine junge Frau erbricht sich jedesmal wieder, nachdem sie sich in einem Essanfall den Magen gefüllt hat. Sie leidet an Bulimie. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie Baselland hat sie Hilfe gefunden.
"Ich habe mich früher immer gefragt, weshalb sich Menschen absichtlich erbrechen, nachdem sie grössere Mengen Essen zu sich genommen haben", erzählt Maria M. (Name geändert). Sie konnte das nicht verstehen. Mittlerweile gehört die 16-jährige Frau selber zu jenen, die an einer Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leiden. Und sie ist nicht allein: 2,4 Prozent aller Frauen in der Schweiz machen im Laufe ihres Lebens einmal eine Bulimie durch, heisst es in einer Studie der Universität Zürich.
Maria litt schon früher an Magenbeschwerden. Aber im Frühjahr 2019 kam ein weiteres Problem hinzu: "Es wurde mir nach jedem Essen extrem schlecht, manchmal auch schwindlig, und dazu kamen noch Hitzewallungen." Maria erhoffte sich Linderung, indem sie ihre Finger in den Rachen steckte und einen Brechreiz auslöste.
Trotz ihrer körperlichen Reaktion auf das Essen nahm sie auch immer wieder Nahrungsmittel zu sich, die eine Person mit Essstörungen vermeiden sollte. Dabei kam es zu Kontrollverlusten in Form von Fressanfällen, bei denen grosse Mengen verzehrt wurden. Zum Beispiel eine Packung oder mehr Chips, eine Tafel Schokolade und ein Eis. So nahm sie innerhalb kurzer Zeit mehrere Tausend Kilokalorien zu sich. Die Fressanfälle lösten wieder Magenprobleme aber auch Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen aus – und jedesmal folgte der Griff in den Rachen.
Es gab Phasen, in denen es dem Teenager besser ging. Aber dann kam die nächste psychische Belastung, etwa durch Stress in der Schule oder andere Probleme. Zu einem Tiefpunkt kam es, als Maria nach einer Gelenkoperation ihren Leistungssport aufgeben musste. Den Corona-Lockdown wiederum erlebte sie als eine gewisse Entspannung. Diese verschwand jedoch, nachdem die Schule im Juni 2020 wieder angefangen hatte.
Die Schülerin versuchte es mit einem Brechentzug zuhause. Ihre Eltern schlossen die Toilette ab und blockierten andere Orte, an denen sich ihre Tochter hätte übergeben können. Sie hofften, dass mangelnde Gelegenheiten sie vom Erbrechen abhalten würden. "Das führte jedoch zu Auseinandersetzungen mit meinen Eltern", erzählt Maria. "Ich war dann jeweils abweisend zu ihnen, was in mir jedesmal schlechte Gefühle auslöste". Dadurch wurde auch ihr Essverhalten mit anschliessendem Erbrechen schlimmer.
Eine kurze ambulante Therapie brachte keine Erfolge. Hilfe erhofften sich Maria und ihre Eltern darum von einer stationären Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) Baselland. Die junge Frau ist nun schon seit mehreren Wochen in der Psychotherapiestation für Jugendliche mit schweren Essstörungen und Krisen der KJP in Liestal.
Die Psychotherapiestation wird milieutherapeutisch geführt, das heisst, als heilsame Wohngemeinschaft, in welcher jede Patientin in Gruppen und individuell von einem Psychologinnen-Team betreut wird. Die Patientinnen leben fast wie in einer Familie, kochen gemeinsam, machen den Haushalt, pflegen Hobbies und besuchen weiterhin die Schule oder machen ihre Berufsausbildung. Die Essstörung wird so in einer schützenden, strukturierten Umgebung mit klaren Regeln behandelt, die Patientinnen von den Psychologinnen eng begleitet und betreut.
Die Jugendlichen sollten bereit sein, sich mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. "Bei Maria habe ich sofort gemerkt, dass sie voll motiviert ist, ihre Essstörung anzugehen", berichtet ihre Therapeutin, die Psychologin Lisa Höft. Gemeinsam haben sie und ihre Patientin Therapieziele vereinbart, wie Maria zu einem normalen Essverhalten zurückfindet und mit dem absichtlich herbeigeführten Erbrechen aufhört.
Wichtig in der Behandlung sind die verschiedenen Gruppentherapien. Etwa die Essgruppe, in welcher die Patientinnen ihr Essverhalten diskutieren, Probleme analysieren und Lösungsstrategien suchen, oder die Körperbildgruppe. Hier setzen sich die jungen Frauen mit ihrem oft von ihnen negativ bewerteten eigenen Körperbild auseinander. Jugendliche mit einer Magersucht (Anorexie) fühlen sich zum Beispiel zu dick, obwohl sie es gar nicht sind, aber aufgrund ihres Gefühls trotzdem weiter abnehmen wollen, bis das Körpergewicht eine kritische Marke erreicht. In Gesprächen und Übungen versuchen die Teilnehmenden, ihr negatives in ein positives Körperbild zu verändern.
Ein Aufenthalt auf unserer Station ermöglicht es unseren Patientinnen, Distanz zu gewinnen und an der eigenen Entwicklung zu arbeiten.
Lisa Höft, Psychologin Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychi-atrie Baselland, Liestal.
Eine weitere wichtige Gruppentherapie ist die Acceptance-and-Commitment-Therapie. Mit dieser noch jungen psychotherapeutischen Methode lernen die Patientinnen, schmerzliche oder unangenehme Gefühle und Erlebnisse oder auch körperliche Empfindungen besser zu akzeptieren und sich mit den bestehenden Problemen aktiv auseinanderzusetzen, anstatt sie zu verdrängen oder zu vermeiden. Gleichzeitig bauen sie wertebezogenes und engagiertes Handeln auf, an denen sie ihr Leben künftig ausrichten möchten. Sie sollen dadurch und dank der in der Therapie erworbenen psychischen Flexibilität belastende Situationen loslassen und innerhalb gesellschaftlicher Werte und Normen eigene Wege finden und gehen.
Bei Maria scheinen die Therapien bis jetzt gut angeschlagen zu haben. Lisa Höft ist jedenfalls bis jetzt sehr zufrieden: "Die Zusammenarbeit mit Maria ist sehr ergiebig und ich sehe, dass sie Fortschritte macht." Es ist nun schon einige Zeit her, dass die Patientin zum letzten Mal erbrochen hat. Noch nicht vollständig klar sind die tieferen seelischen Ursachen, welche der Bulimie zugrunde liegen. Antworten darauf hoffen Maria und ihre Therapeutin bald zu finden.
Nach den Sommerferien startet Maria eine schulische Ausbildung. "Ich möchte auch wieder Sport treiben", versichert sie, allerdings nicht mehr auf Spitzenniveau.