Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/811

Geigend weg von engen Welten
Klaidi Sahatçi ist seit 14 Jahren Konzertmeister im Tonhalle-Orchester Zürich. Er wäre vielleicht Astronaut geworden, wenn seine Kindheit ihm keinen anderen Weg zugewiesen hätte.
Marx, Engels, Stalin: Sie waren die Köpfe in Klaidi Sahatçis Kindheit. Allgegenwärtig. Daheim, da hing das Porträt des Diktators Enver Hoxha. Klaidi kam vor 50 Jahren in Albanien zu Welt, in der damaligen Sozialistischen Volksrepublik Albanien, die in dieser Form von 1944 bis 1990 existierte. Im totalitären Regime der Kommunisten, es schottete das Land wenige Jahre nach Klaidis Geburt gänzlich von der Aussenwelt ab.
Klaidi sagt, er sei glücklich aufgewachsen. «Mein Vater hat nie mit mir darüber gesprochen, dass mit dem System etwas nicht stimmt. Nie. Vielleicht hatte er Angst, dass ich das tun würde, was Kinder tun. Wiederholen, was sie zuhause hören.» Die Folgen wären unermesslich gewesen, man hätte die Familie in ein Konzentrationslager in irgendeiner Nickelmine gesteckt, wenn sie sich kritisch gegenüber dem Regime geäussert hätte. Klaidi redet Englisch, wenn er über diese Zeit spricht, trotz seines flüssigen Deutschs.
Im Glauben an das beste Land der Welt
Quiche mit Salat, ein Gespräch in der Bar hinter der Tonhalle Zürich zur Mittagszeit. Klaidi ist seit 2009 Konzertmeister im Tonhalle-Orchester Zürich, zusammen mit Julia Becker und Andreas Janke, «in familiärer Dreiergruppe», wie er das Trio beschreibt. Er sagt, er könnte nicht dankbarer sein. Für sein Zuhause, das ihm sein Orchester ist. Und für jenes, das er mit seiner Frau Silvia teilt, sie ist Geigerin wie er. Dankbar für den gemeinsamen Sohn Alexander, bei dem die Matura näher rückt, auch er spielt Geige und Klavier, auf einem Niveau, das ihn nun vor eine Entscheidung stellt.
Aber eins nach dem anderen.
Als Kind hat Klaidi nicht verstanden, dass irgendetwas um ihn herum aussergewöhnlich sein könnte, kannte er doch nur die Propaganda und den Glauben daran, im besten Land der Welt zu leben. Klaidis Vater war Ingenieur, seine Mutter Regisseurin beim staatlichen Fernsehen. Mittelstand. «Aber was heisst schon Mittelstand in einem kommunistischen System? Es ging allen gleich bescheiden.»
Er zuckt mit den Schultern. Seine Eltern hätten keine Wahl gehabt, sie selbst hätten unter der Diktatur gelitten. Die Mutter stand in ihrer Position unter ständiger, strengster Überwachung. Und der Vater wuchs als Kind eines erfolgreichen Anwalts auf. Die Diktatur zwang ihn und seine Familie in eine Bleibe, die unwürdig war. «Es waren nicht nur Reputation und Rang, es waren verletzte Gefühle, gestohlene Hoffnungen.» Klaidi ist nahe des Stadtzentrums in Tirana aufgewachsen, in einer griechisch-orthodoxen Familie, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung waren muslimisch. 1967 aber erklärten die Kommunisten Albanien zum atheistischen Staat und verboten jegliche Religionsausübung.
Freude ohne Wahl
Klaidis präsenteste Erinnerungen aus seiner Kindheit drehen sich um die Geige. Sein Vater, selbst begeisterter Hobbygitarrist, brachte ihn zu einem Musiklehrer, als der Sohn sechs Jahre alt war. Klaidi liebte das Klavier, aber noch mehr die Idee, ein Instrument bei sich tragen zu können. Der Lehrer sagte, er solle ihm erst seine Hände zeigen. «Die sind klein, deine Hände, sagte er, vielleicht taugen sie für eine Geige. Ich hatte keine Wahl, auch später nicht», Klaidi klingt versöhnlich mit seiner warmen Stimme. Seine Eltern kauften ihm eine deutsche Geige, Massenware, die damals dreissig Dollar kostete, die Eltern verdienten je acht monatlich. Noch immer bewahrt er das Instrument zuhause auf – «als Andenken daran, wo meine Wurzeln sind».
Er hatte als kleiner Junge Freude an diesem schönen Objekt, der Geige, sie hat ihn neugierig gemacht. Und er hat sich gefreut, nun zur Musikschule zu gehören. Aber es wurde immer schwieriger. Sein Vater war ambitioniert: «Er war besessen von Leistung.» Klaidi hat eine sechs Jahre jüngere Schwester, die nie ein Instrument gespielt hat. In der Ballettschule mochte der Verantwortliche ihre Füsse nicht, damit war das Thema vom Tisch. Sie lebt inzwischen in Mailand, als Englischlehrerin mit einer Leidenschaft für Theater.
Auf Tournee mit dem Geheimdienst
Klaidi erzählt von einer Haltung, die er heute in der Schweiz beobachte. Dass Kindern als Vergnügen ein Instrument gegeben werde, mit dem sie sich so lange auseinandersetzen, wie es ihnen gefalle. Das habe er selbst völlig entgegengesetzt erlebt: «Alles in meinem Leben drehte sich um Fortschritt.» Es wäre undenkbar gewesen, Zeit und Geld in eine Sache zu investieren, wenn sie nirgendwo hinführte.
«Klassische Musik wurde mir zum Halt, zur grossen, inneren Welt in einer engen äusseren.»
Als Jugendlicher hat Klaidi manchmal davon geträumt, dass es irgendwo ausserhalb dieses Systems ein anderes Leben gibt, aber an Flucht war nicht zu denken. Jede Konzertreise seines damaligen Orchesters wurde vom Geheimdienst überwacht. Hat es jemand gewagt, abzuhauen, wurden die Familien eingezogen, bis zu Cousins und Cousinen zweiten Grades. «Klassische Musik wurde mir zum Halt, zur grossen, inneren Welt in einer engen äusseren.» Selbst wenn er über Druck dazu gefunden habe.
Irgendwann wusste er, dass er nichts anderes im Leben wollte als Geige spielen. Klaidi war damals fünfzehn und besuchte eine Spezialschule, in der viel Zeit zum Üben war: «Diese Förderung habe ich dem Staat zu verdanken», sagt er und lacht zynisch. Als er siebzehn oder achtzehn war, erlebte er, wie man der Familie eines Bekannten alles wegnahm. «Klaidi, hier läuft alles schief», habe dieser ihm gesagt, «das sind alles Lügen, die man uns auftischt». Er begann zu verstehen, was Propaganda ist.
Keiner für den Graben
Klaidi besucht Albanien nicht mehr oft, seit er das Land mit dem Fall des Regimes im Alter von zwanzig Jahren verlassen hat. Er tauschte seinen Pass gegen einen italienischen und zog nach Mailand. Er fühlt sich im Grunde als Europäer.
In Mailand vertiefte Klaidi seine Kenntnisse auf der Geige und schloss nach zwei Jahren das Diplom mit Bestnote und Ehrenerwähnung ab. Er studierte weiter an der Walter Stauffer Academy in Cremona bei Salvatore Accardo, später in Lyon bei Boris Garlitzky.
In seinen ersten italienischen Jahren sass mit ihm im Orchester des Mailänder Konservatoriums unter den ersten Geigen Silvia, vom ersten Tag an hat sie ihm gefallen. Er hat sie beobachtet, bis er sie eines Nachmittags zum Spaziergang einlud. Die beiden sind seit langem verheiratet. Sie folgte ihm, als er in prominenten Positionen im Nationalorchester von Lyon, im Orchestra della Svizzera Italiana und im Zürcher Kammerorchester spielte.
Als 2000 Klaidis Vater starb, verspürte das Paar den Wunsch, näher bei seiner Familie zu sein, seine Mutter lebt bis heute in Mailand. Und so kam es, dass er für drei Jahre als Konzertmeister des Orchesters des Teatro alla Scala arbeitete. Aber Klaidi war nicht zuhause im Graben: «Ein dutzendmal die ‹Traviata›, ein dutzendmal den ‹Don Carlo›, ich wollte zurück zur grossen Orchesterliteratur, zurück auf die Bühne.»
Überdies habe er in der Schweiz zu schätzen gelernt, dass alles etwas geregelter zu- und hergehe. An diesen grossen Theatern in Italien regiere das Temperament, oft werde polemisch diskutiert, das Chaos sei allgegenwärtig. Zudem haben Klaidis Tage bis tief in die Nacht gedauert. Eine kleine Wohnung aber hat das Paar in Mailand behalten.
Chamäleon mit Führungsfunktion
Als 2009 die Stelle des Konzertmeisters im Tonhalle-Orchester Zürich frei wurde, hat Klaidi keinen Moment gezögert. Der Name des Orchesters war schon damals Musik in seinen Ohren. Er liebte David Zinmans Beethoven, das intime Zusammenspiel, er kannte es bestens aus den vergangenen Jahren im Zürcher Kammerorchester. Klaidi sagt: «Mein Orchester», wenn er vom Tonhalle-Orchester Zürich spricht. Er ist stolz darauf, dazuzugehören: «Wir spielen auf einem richtig guten Niveau.» Ihm gefällt, dass Paavo Järvi das Orchester ganz oben an der Spitze sieht – «es bewirkt, dass auch wir uns dort sehen».
Klaidi fühlt sich in seiner Funktion des Konzertmeisters als Teil des Teams. «Wir arbeiten zusammen, im Orchester spielen wir als Individuen untergeordnete Rollen.» Er will der Musik dienen. «Es darf um nichts gehen, ausser um das gemeinsame Ziel.» Wann immer Klaidi etwas dazu beitragen kann, dass ein Konzert zum Ereignis wird, dann ist er erfüllt.
Wenn es im Orchester Reibereien gibt, dann fragt er sich: «Was ist hier meine Aufgabe?» Er hat die Stelle angetreten, weil er sie sich musikalisch zutraut und nicht, um hierarchisch über anderen Menschen zu stehen. Ob er eine gute Führungskraft sei, das müssten, wenn schon, andere beurteilen, es sei nicht an ihm, darüber zu sprechen. «Mir war Balance immer wichtiger als Extreme, alles Radikale ärgert mich. Es gibt Menschen, die diese Eigenschaft als Schwäche sehen.» Er sei ein Chamäleon: Klaidi passt sich den Gegebenheiten und seinem Umfeld an.
Im All der Stille lauschen
Klaidi spielt immer wieder solistisch – im eigenen Orchester und auswärts, zudem ist er ein gefragter Kammermusiker, Gründungsmitglied des Aoide Trios und Professor am Konservatorium in Lugano. Das passe alles gut zusammen. Wer diszipliniert in einem Orchester spiele und sich kammermusikalisch, solistisch oder auch pädagogisch engagiere, bleibe motiviert und inspiriert: «Die Bereiche beleben sich alle gegenseitig, das sehe ich hier Tag für Tag bei meinen Kolleginnen und Kollegen.»
Besonders gern musiziert Klaidi mit seinem Sohn Alexander, den seine Frau auf der Geige zu unterrichten begann, als er drei Jahre alt war. Mit fünf kam das Klavier hinzu, das schien den Eltern ergänzend und sinnvoll. Heute spielt er auf beiden Instrumenten so gut, dass eine musikalische Laufbahn wahrscheinlich scheint.
«Ich sage nicht, tue, was immer dir Spass macht, mein Kind, weil ich weiss, wie wichtig Disziplin ist. Aber er hat die Wahl. Das ist ein entscheidender Unterschied.»
Klaidi sagt, er suche in der Erziehung seines Sohns einen Mittelweg zwischen den Erfahrungen aus seiner eigenen Jugend und dem, was er in der heutigen Gesellschaft beobachte: «Ich sage nicht, tue, was immer dir Spass macht, mein Kind, weil ich weiss, wie wichtig Disziplin ist. Aber er hat die Wahl. Das ist ein entscheidender Unterschied.» Welchen Weg Alexander schliesslich wählen werde, Klaidi wünscht ihm Leidenschaft. «Wir arbeiten viele Jahre. Zu viele, um sich unglücklich durchzuschlängeln aus rein ökonomischen Gründen.»
Wo findet Klaidi Ruhe? Musizierend. Bis heute hat er die Neugier seinem Instrument gegenüber behalten. Und nie hätte er sich als Junge erträumt, dass es einst eine Stradivari sein würde, auf der er inzwischen spielt. «Aber manchmal», sagt er, «möchte ich ein Astronaut sein. Der Stille zuhören auf einem anderen Planeten. Was für eine beglückende Vorstellung.»
Er mag es, in der ruhigen Wohnung in Meilen seinen Überlegungen nachzugehen. Das Wasser zu sehen, das beruhigt ihn. Die Berge schiebt er in Gedanken weit weg, sie lösen in seinem Kopf eine Enge aus. Und von engen Welten hat sich Klaidi für immer verabschiedet.