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Neu sitzt ein Schweizer an den Schalthebeln des Internets
Ein Bundesangestellter soll die Vormachtstellung der USA brechen
In einer Kampfwahl ist Thomas Schneider zum Vorsitzenden des Internet- Ländergremiums gewählt worden. Die bisherige Chefin trat per sofort zurück.
Hannes Grassegger
Der Schweizer Thomas Schneider ist neu höchster Staatenvertreter im Internet, genauer: bei der Behörde zur Regulierung des Internets. Er ist beim Bundesamt für Kommunikation stellvertretender Leiter des internationalen Dienstes. Der 42-Jährige wurde am Mittwoch nach unüblichem Wahlkampf zum Vorsitzenden des Ländergremiums Governmental Advisory Council (GAC) gewählt, das zur Icann gehört.
Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann) gilt als eine der drei mächtigsten Internetbehörden. Sie ist zuständig für die Kontrolle der Netzadressen, anhand deren sich die Computer orientieren. Gegründet 1998, mit Zentrum in Los Angeles, kann die Icann Welten schaffen – und vernichten. Sie kreiert Länder- und Wirtschaftsräume mit Domains wie .com oder .ch. Das ist so politisch wie das Zeichnen von Landkarten. So koppelte die Icann Nordkorea jahrelang vom Netz ab oder stritt darüber, ob Online-Händler Amazon die Domain .amazon erhalten dürfe, was Amazonas-Anrainer verhinderten. Sie blockierte die Porno-Domain .xxx, die am Veto von George W. Bush scheiterte, oder .swiss, das eine Fluggesellschaft beantragt hatte.
Das nun von Thomas Schneider angeführte Staatsgremium GAC ist eine Art Uno-Vollversammlung innerhalb der Icann, mit 137 Mitgliedern sowie 30 Beobachtern. Es hat in der offiziell unabhängigen Icann zunehmend an Einfluss gewonnen, obwohl es nur eines von vielen Gremien ist. Geführt wurde es bis jetzt von der als USA-hörig geltenden Heather Dryden, einer Kanadierin. Das geriet zunehmend in Kritik, weil die USA bei der Icann ohnehin tonangebend sind. Unter den Eindrücken der Snowden-Enthüllungen wuchs der Wunsch nach Unabhängigkeit von den USA. Die Übermacht der Amerikaner war im April auch wichtiges Thema an der Netmundial in São Paulo mit 900 Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Forschung. Dort wurde der Machtwechsel eingefädelt.
Schneider hatte allerdings keinen Wahlkampf geführt. «Weder ich noch das Bundesamt für Kommunikation haben diese Position gesucht», sagt er. «Es kam eine breite Gruppe von Ländern auf uns zu und wollte, dass wir einen Kandidaten stellen.» Dabei handelte es sich um «lateinamerikanische Nationen mit starkem Support aus Europa und Afrika, insbesondere Länder, die mit der bisherigen Situation nicht zufrieden waren», sagt Schneider. Der Schweizer, einer der bisherigen Vizepräsidenten, war bekannt als guter Vermittler.
Zum ersten Mal in der Geschichte des Icann überhaupt kam es zu einer Kampfwahl mit zwei Kandidaten. Schneider gewann die Wahl mit 61 zu 37 Stimmen gegen einen libanesisch-amerikanischen Doppelbürger. Wie bedeutend dieser Sieg ist, zeigt unter anderem der sofortige Rücktritt der bisherigen Vorsitzenden Heather Dryden.
In den kommenden zwei Jahren muss der in Zürich wohnhafte Schneider als GAC-Vorsitzender beweisen, dass er die Gleichberechtigung der Staaten herzustellen vermag und diese einigen kann. Zugute kommen könnte ihm dabei auch sein Schweizer Wissen: An der Universität Zürich hatte Schneider als Student der Geschichte und Ökonomie zur Zerschlagung des SRG-Monopols in den 1980ern abgeschlossen. Der Vorgang hat Ähnlichkeit mit der zerfahrenen Situation der heutigen Netzregulation. Schneider (Interview rechts), hofft nun, dass ihm die schweizerische Vorgehensweise, die Einbeziehung aller Seiten, bei seiner Mission helfen wird.