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In manchen Betrieben wird der „Mitarbeiter des Monats“ geehrt und auch viele Lehrkräfte und Trainer/innen nutzen Positivbeispiele, um ihre Schüler/innen zu motivieren. Schließlich ist aus der Sozialpsychologie bereits lange bekannt, dass gute Vorbilder, sogenannte Modelle, das Lernen erleichtern können. So zeigt die Kunstlehrerin ihrer Klasse als Anregung das Werk eines Ehemaligen mit der Aussage „Genau so stelle ich mir das vor!“ und ein besonders kompetentes Kind demonstriert im Sportunterricht die Übung am Stufenbarren.
Nehmen sich die anderen Lernenden ein Beispiel daran?
Wenn man einer 2016 erschienenen Studie (Rogers & Feller, 2016) Glauben schenkt, lautet die Antwort darauf: wohl eher nicht.
Die Wissenschaftler interessierten sich für den Einfluss von beispielhaft bearbeiteten Aufgaben auf die Leistung und die Motivation von Lernenden. In ihrer ersten Untersuchung erhielten Schüler/innen im Rahmen eines Kurses die Aufgabe, ein Essay (eine in den USA typische Aufgabe aus dem Sprachunterricht) zu schreiben. Die 5740 Lernenden wussten, dass die Bewertung dieses Aufsatzes zu ihrer Abschlussnote zählen würde. Bevor sie sich ans Werk machten, legte man ihnen Beispielaufsätze von anderen Schülern vor, die sie sich ansehen und bewerten sollten. Unter diesen Beispielaufsätzen waren solche, die von unabhängigen Fachpersonen als qualitativ exzellent, gut, mittelmäßig, ungenügend oder mit mangelhaften Noten versehen wurden.
Inwiefern beeinflusste der Kontakt mit diesen Vorbildern die Herangehensweise unserer Studienteilnehmer/innen?
Die Leistung der Lernenden verschlechterte sich, wenn man ihnen per Zufall einen exzellenten Beispielaufsatz vorgelegt hatte. Offensichtlich fühlten sich die Schüler/innen durch das strahlende Vorbild eingeschüchtert und entmutigt. Interessanterweise war der gegenteilige Effekt nicht beobachtbar. Wurden sie mit einem qualitativ ungenügenden Essay konfrontiert, war dies kein Ansporn für bessere Leistungen.
Die Forscher wollten zudem wissen, ob sich Schüler/innen, die selbst gut im Schreiben waren, durch die Positivbeispiele sogar beflügelt fühlen würden oder zumindest weniger entmutigt würden als solche, denen das Schreiben von Texten schwerfiel. Dies war nicht der Fall. Der sogenannte Effekt der „Entmutigung durch die Exzellenz der Gleichaltrigen“ war über alle Schüler/innen hinweg beobachtbar – unabhängig von ihrer Kompetenz im Schreiben.
Für ihre zweite Untersuchung griffen die Forscher auf Menschen unterschiedlichen Alters zurück, die ebenfalls wieder die Aufgabe bekamen, einen kurzen Aufsatz zu schreiben. Auch sie mussten vorab Beispieltexte unterschiedlicher Qualität sichten. Personen, die besonders „gute“ Texte gelesen hatten, fühlten sich in der Folge deutlich inkompetenter im Schreiben als jene, die eher „schlechte“ Aufsätze gesichtet hatten. Die Beobachter/innen strahlender Vorbilder werteten das Schreiben zudem häufiger ab, indem sie sagten, dass diese Fähigkeit für sie persönlich sowieso nicht relevant sei. In der Folge erklärten sich lediglich 27 % von ihnen dazu bereit, noch einen zweiten Text zu schreiben, im Vergleich zu 43 % in der Gruppe derer, die qualitativ minderwertigere Aufsätze gelesen hatten.
Sollten wir demnach auf Anschauungsbeispiele von Gleichaltrigen verzichten? Vielleicht tun wir gut daran, eher solche auswählen, die „gut genug“ und somit für die Schüler/innen erreichbar sind. Aufträge, die „besonders exzellent“ erfüllt wurden, können hingegen einschüchternd wirken. Das weiß jeder nur zu gut, der schon einmal einen Vortrag halten musste, nachdem der Vorredner eine fabelhafte Präsentation aufs Parkett gelegt hat. Rasch beginnen wir uns selbst und die Anforderungen zu hinterfragen: „Wie soll ich das nur hinkriegen? So gut wird’s bei mir nie!“, „Oh Gott, was wird da erwartet?“, „Das wäre mir nie eingefallen!“
Auch andere wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass wir von Modellen nur dann lernen können, wenn sie zwar kompetent sind, aber Ziele verfolgen, die uns selbst ebenfalls als machbar erscheinen und uns ähnlich genug sind (Williamson, Meltzoff, & Markman, 2008; Lockwood & Kunda, 1997, 1999; Goethals & Darley, 1977; Markus & Kunda, 1986; Markus & Nurius, 1986; Markus & Wurf, 1987; Wood, 1989).
Ich, Stefanie, profitierte in meiner Schulzeit am meisten von vielfältigen Beispielen, die die Lehrperson mit uns nach unterschiedlichen Teilaspekten analysierte, z.B.: „Wir haben letzte Stunde darüber gesprochen, dass eine Erzählung interessanter wird, wenn man unterschiedliche Satzverbindungen nutzt. Also nicht immer 'und dann …. und dann …. und dann…' Ich habe euch hier drei Beispiele mitgebracht, in denen das gut umgesetzt wurde. Streicht im ersten Abschnitt alle Satzverbindungen an, die euch besonders gefallen. (…)“. Auch im Kunstunterricht, im Werken oder im Sport kann man auf gelungene Teilaspekte hinweisen, z. B. auf die Schattierungstechnik, die abgerundeten Kanten des Holzstücks oder die korrekte Fußstellung beim Absprung, und mit der Klasse darüber sprechen, wie man Schritt für Schritt vorgehen kann, um dorthin zu gelangen.
Wir merken gerade jetzt wieder, wie wertvoll diese Herangehensweise ist: momentan lesen wir das Buch "Vier Seiten für ein Halleluja!" von Hans Peter Röntgen. Darin stellt der Literaturagent jeweils die ersten vier Seiten eines unveröffentlichten Romans vor, zeigt eine typische Schwachstelle von Jungautoren auf, und vermittelt jeweils eine konkrete Möglichkeit, den Text zu verbessern. Das Nachherbeispiel zeigt, wie viel lebendiger, spannender und verständlicher Texte werden, wenn man sich einzelne Schreibwerkzeuge aneignet.
„Auch Einstein hatte, nur ne vier in Mathe…“
Wenn die Konfrontation mit außergewöhnlichen Ergebnissen von Gleichaltrigen entmutigend wirken kann, wie steht es dann um die Erfolge von Berühmtheiten? Dienen sie als Inspirationsquelle?
Ein Forscher/innenteam (Lin-Siegler et al., 2016) konzipierte zu dieser Frage eine spannende Studie. Es begleiteten über 400 Jugendliche der neunten und zehnten Klasse im Fach Naturwissenschaft und teilte diese per Zufall jeweils einer von drei Gruppen zu:
Einem Drittel der Jugendlichen legte man einen Schulbuchtext mit dem Titel "Die Geschichte eines erfolgreichen Wissenschaftlers" vor, der die Errungenschaften bedeutsamer Forscher/innen wie Marie Curie, Albert Einstein oder Michael Faraday behandelte.
Ein weiteres Drittel las einen Text namens „Die Herausforderungen des Lebens bewältigen“. Dieser thematisierte ebenfalls die Erfolge der Berühmtheiten, allerdings zeigte er auch auf, mit welchen Schwierigkeiten im Privatleben die Wissenschaftler/innen kämpften. Die Schüler/innen erfuhren beispielweise, dass Albert Einstein zur Zeit des Nazi-Regimes als Jude aus Deutschland fliehen musste oder dass Marie Curie die weiterführende Schule nur heimlich besuchen konnte, weil die Gesellschaft es Frauen untersagte, höhere Bildungswege einzuschlagen.
Die dritte Gruppe erhielt die Abhandlung "Es immer und immer wieder probieren, wenn man versagt". In dieser wurden die Leser/innen nicht nur mit den Erfolgen der Wissenschaftler/innen vertraut gemacht, sondern auch mit den Hürden und Misserfolgen, die die Berühmtheiten in ihrer Karriere bewältigen mussten. Die Jugendlichen lasen von fehlgeschlagenen Experimenten, Momenten der Unsicherheit und des Nichtweiterkommens und davon, wie die Forscher/innen sich beharrlich damit auseinandergesetzt hatten. Sie entdeckten, dass Albert Einstein zu Lebzeiten enormer Widerspruch für seine Theorien und Artikel entgegenschlug und dass er dies jeweils zum Anlass nahm, um seine Argumente zu präzisieren und seine Theorien weiterzuentwickeln.
Nachdem die Schüler/innen ihren jeweiligen Text gelesen hatten, lief der Unterricht sechs Wochen lang wie gewohnt weiter. Dann überprüften die Studienleiter, wie sich die Leistung der Jugendlichen im Fach Naturwissenschaften entwickelt hatte. Vor dem Beginn der Studie hatten sie keine Notenunterschiede zwischen den drei Gruppen festgestellt. Nach sechs Wochen zeigte sich ein anderes Bild:
Schüler/innen, welche über die persönlichen Schwierigkeiten oder die beruflichen Hürden der Berühmtheiten gelesen hatten, konnten ihre Leistung in den Naturwissenschaften im Vergleich zur dritten Gruppe signifikant verbessern. In der Nachbefragung zeigte sich, dass sich diese Schüler/innen stärker mit den Wissenschaftlern identifizierten, weil sie den Eindruck hatten, dass diese „Menschen wie du und ich“ waren, die oftmals Probleme in ihrem Alltag lösen mussten. Schüler/innen, die zuvor ungenügende Noten gehabt hatten, profitierten besonders von diesen Geschichten.
Die alleinige Information über die großen Erfolge der Wissenschaftler/innen hatte hingegen zu einer Verschlechterung der Noten geführt. Schüler/innen, die diesen Text erhalten hatten, waren öfter der Meinung, dass Berühmtheiten wie Marie Curie einfach als Genies mit einer besonderen Begabung geboren wurden.
Nutzen Sie Bewältigungs-Modelle anstatt Vorbilder, denen (vermeintlich) alles zufliegt!
Ein kompetentes Modell / Vorbild allein reicht offensichtlich nicht aus, um die Motivation der Schüler/innen zu wecken. Vielmehr eignen sich sogenannte „Coping models“, also Vorbilder, die sich mit Schwierigkeiten herumschlagen müssen, sich dadurch nicht entmutigen lassen und die Beharrlichkeit sowie gute Strategien entwickeln, um weiterzukommen. Dieses Wissen können wir in den Unterricht einfließen lassen: Als Naturwissenschaftslehrer/in können Sie Ihrer Klasse wie im oben erwähnten Beispiel von fehlgeschlagenen Experimenten und Unsicherheiten wichtiger Persönlichkeiten berichten und von der Art und Weise, wie diese nicht aufgaben. Als Sportlehrer/in können Sie eine Serie von Niederlagen bei einem beliebten Fußballteam oder Tennisprofi thematisieren oder auf eine Verletzung hinweisen, die sich eine Tänzerin auf der Höhe ihres Erfolgs zuzog, und mit der Klasse darüber sprechen, welche Haltung den Profis wohl dabei geholfen hat, sich zurückzukämpfen. Als Deutschlehrerin können Sie mit Ihren Schüler/innen Interviews bekannter Autoren lesen, in denen diese von den Qualen des leeren Blattes und ihren Schreibblockaden erzählen, und beschreiben, wieviele dieser Schriftsteller zu Beginn absichtlich einen "shitty first draft" schreiben, also eine miserable Erstversion - im Wissen, dass sie den Text mit jedem Durchgang verbessern werden. Ein wunderbares Zitat, das mir, Stefanie, oftmals beim Schreiben der ersten Seiten hilft, stammt von Shannon Hale: "Ich schreibe eine erste Version und erinnere mich selbst daran, dass ich nichts anderes tue, als Sand in einen Eimer zu schaufeln, damit ich später Sandburgen daraus bauen kann."
Aktuell: Unsere Weiterbildungen und Seminare
Für Lehrpersonen / Fachpersonen:
- Neu: Weiterbildung "Beratung von Lehrpersonen"
- Tagesweiterbildung "Lernstrategien - weniger ist mehr!"
- Tagesweiterbildung "Schüler/innen mit AD(H)S erfolgreich unterrichten"
- Weiterbildung in Lerncoaching
Für Eltern:
- Seminar "Ich kann das nicht! Selbstwirksamkeit von Kindern stärken"
- Seminar "Die besten Lernstrategien für Primarschulkinder"
Für Jugendliche:
Buchtipp: Clever lernen
In Workshops begegnen uns immer wieder Kinder und Jugendliche, die denken, dass sie "Mathe eh nicht können" oder "sowieso nicht sprachbegabt sind". Ihnen möchten wir vermitteln, dass man auch das Lernen lernen kann. In unserem Ratgeber "Clever lernen" für Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren vermitteln wir die wichtigsten Tipps und Tricks für eine entspannte und erfolgreiche Schulzeit. Wer zwischen den Zeilen liest, wird merken, dass die hier beschriebenen Befunde ins Buch mit eingeflossen sind:
Mit einem Klick auf das Cover gelangen Sie zur Bestellmöglichkeit.
Autoren dieses Artikels: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.
Das Experten-Team führt Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema Lernen durch. Die beiden verbindet eine große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern.