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Systemische Paar- und Familienberatung
Oft beobachte ich, wie man in
einem Partnerschafts- oder Familienkonflikt nach dem Problemsymptom, resp. nach der
Person, die das Problemsymptom trägt, sucht. Eher selten kommt ein Paar in die Beratung
mit der Sicht: "Wir beide haben ein Problem und wir möchten gemeinsam daran
arbeiten und unsere Eigenanteile sehen, die zum Problem beitragen."
Das Problemsymptom trägt dann vielleicht der Mann, der sich in die Arbeit flüchtet und ständig abwesend ist oder die Frau, die sexuell gefühlskalt ist. Oder das Problemsymptom trägt die Tochter, die fast nichts mehr essen möchte und immer dünner wird oder der Sohn, der anfängt, Drogen zu konsumieren. Hat man die Person, die im Paar- oder Familiensystem ein Problemsymptom zeigt, erst einmal gefunden, so muss diese jetzt an sich arbeiten und sich ändern. Der eine Partner sagt dann vielleicht: "Du hast das Problem, also geh du in die Beratung und arbeite an dir!" Oder die magersüchtige Tochter, die ja offensichtlich Symptomträgerin ist, muss an ihrem Problem arbeiten. Die anderen im Paar- oder Familiensystem Beteiligten sind so quasi fein raus aus der Sache.
Damit ein Paar oder eine Familie gemeinsame, ungenutzte Ressourcen nutzen kann, ist es jedoch hilfreich, über diesen problemorientierten Ansatz hinauszugehen. Verhaltensweisen scheinbar "unproblematischer" Personen im System, tragen nämlich mitunter stark zur Aufrechterhaltung eines Problemsymptoms einer anderen Person bei.
Folgende Fragen - hineingegeben in die drei eingangs erwähnten Systeme - können dies aufzeigen helfen:
"Was denken sie, welche Verhaltensweisen des Vaters oder der Mutter tragen dazu bei, dass die Tochter ihr anorektisches Essverhalten weiter aufrechterhält?" oder
"Was könnte er tun, damit sich die sexuelle Unlust der Frau noch weiter verstärkt?" oder
zum Sohn: "Welche Verhaltensweisen ihrer Eltern und Geschwister tragen mit dazu bei, ihren Frust weiterhin mit Alkohol zu ertränken?"
Die Antworten auf solche Fragen zeigen, dass nicht nur die Person gefordert ist, die das offensichtliche Problemsymptom trägt. Alle im System beteiligten Personen tragen mit ihrer Präsenz mehr oder weniger zur Aufrechterhaltung eines Problemsymptoms bei und es ist daher vorteilhaft, wenn diese Personen in die Beratung miteinbezogen werden können. Eine Verhaltensänderung einer oder mehrerer Personen im Beziehungssystem kann mitbewirken, dass das Problemsymptom der "problematischen Person" nicht mehr nötig ist.
Weiter bestehen im System oft recht komplexe Wechselwirkungen. Verhaltensweisen und Aussagen einer Person (Vordergrund) bewirken in der/n anderen Person/en hintergründige Empfindungen. Das sind Empfindungen, worüber die Person nicht spricht und oft selber nicht wahrnimmt. Diese hintergründigen Empfindungen aber sind ausschlaggebend dafür, was die Person dann sagt oder tut.
Ein Beispiel: SIE hintergründig verletzt, begegnet ihm mit vorwurfsvollem Blick > ER hintergründig bedrängt und in Frage gestellt, weicht leicht säuerlich zurück > was für SIE heisst: er drückt sich wieder! Dies lässt bei ihr die Vorwürfe weiter sprudeln > ER fühlt sich bedrückt und zieht sich noch weiter zurück > was SIE tosen lässt > was wiederum IHN nicht unbedingt zärtlicher macht > was wiederum SIE ... genug!
Es ist offensichtlich, dass hier die hintergründigen Empfindungen - verletzt, nicht genügen können, bedrängt, unter Druck - keinen Raum haben. Anstatt diesen hintergründigen Empfindungen nachzuspüren und diese mitzuteilen, werden vordergründig Dinge vorgeworfen und mit Rückzug gekontert. Ziel ist es, im Paar- oder Familiensystem einen Rahmen der Ermutigung zu schaffen, in welchem solche hintergründigen Empfindungen Raum haben dürfen.
Muster, wie Konfliktsituationen ablaufen, sind in einem Paar- oder Familiensystem immer wieder ähnlich. Diese Muster werden mit jedem mal wo sie ablaufen vertrauter. Als Paar oder Familie werden wir quasi blind für das, was vor sich geht. Als Betroffene und direkt Beteiligte ist es schwer möglich, die nötige Distanz zum Geschehen zu haben. Diese Distanz wäre aber nötig, um die Muster durchschauen zu können und nach Alternativen zu fragen. Paar- und Familiensysteme in der Krise erlauben es kaum, neue Ideen zu kreieren und bisher brachliegende Ressourcen zu nutzen. An dieser Stelle möchte ich alle dazu ermutigen, Hilfe von aussen anzunehmen. Dies ist kein Zeichen von Schwäche oder von Minderwertigkeit, im Gegenteil. Durch Ihr Verhalten werden Sie persönlich in Ihrem Beziehungs- oder Familiensystem viel gewinnen, und Sie ermutigen andere, sich mit ihren eigenen Situationen konstruktiv auseinander zu setzen.
Die beiden hier in Kürzestform aufgezeigten Ansätze können dazu beitragen, neue Gedanken und andere Sichtweisen in ein Beziehungssystem hinein zu bringen. Vielleicht wagen Sie es, Ihr eigenes Familien-, Ehe-, Partnerschafts- oder sonstiges Beziehungssystem mit Fragestellungen wie in diesem Artikel beschrieben zu belegen?