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Beurteilung oder Verurteilung: Mentale Kompetenz in der Praxis
Der pubertierende Lars kommt zu Ihnen in die Praxis zur Kontrolle. Nach der Untersuchung erklären Sie ihm, dass Zahnkaries behandelt werden muss. Gleichzeitig hört Lars von Ihnen: «Deine gelbliche Verfärbung und dein schiefer Zahn stören Dich sicher. Das sollten wir beheben. Bestimmt wirst Du von Deinen Kameraden öfter darauf angesprochen.»
Lars war sich bisher seiner Zahnverfärbung nicht bewusst und von Kameraden wurde er noch nie auf seinen schiefen Zahn angesprochen. Doch seit seine Zahnärztin ihn darauf aufmerksam gemacht hat, findet er sich nicht mehr attraktiv, sieht in seinem Spiegelbild nur noch sein unschönes Gebiss. Eine kleine Bemerkung führte zu einer grossen Wirkung.
Eine weitere kleine Bemerkung veränderte das Leben von Helga. Sie war eine kreative, fröhliche Dame, die gerne mit Frisuren experimentierte. Bis zu dem Tag, als sie folgende Bemerkung hörte: «Bei dieser Frisur kommen Deine abstehenden Ohren besonders gut zur Geltung.» Ob das Wort «abstehend» von ihrem unsensiblen Kollegen ausgesprochen wurde, kann sie heute nicht mehr beschwören, aber sie hat es innerlich so verstanden. Fortan wagte sie es nicht mehr, sich einen Pferdeschwanz zu binden, ihr Selbstbewusstsein litt. Ihr Fokus lag nicht mehr auf ihrem hübschen Gesicht, sondern auf ihren angeblich hässlichen Ohren. Sie war so verunsichert, dass sie sich für einen operativen Eingriff entschied, nachdem ihre verzweifelten Versuche, sich die Ohren nach hinten zu kleben, kläglich gescheitert waren. Wegen eines einzigen Satzes.
Ein falscher Satz…
Ähnlich erging es der selbstbewussten Laura. Sie hatte eine verschobene Nasenwand, die operiert werden sollte. Kaum sass sie beim plastischen Chirurgen auf dem Stuhl, erklärte ihr dieser, dass er den kleinen Hügel auf der Nase bei dieser Gelegenheit leicht abfeilen könne. Laura war irritiert über das Vorhaben des Arztes, ihre geringfügige Nasenkrümmung hatte sie nicht mal wahrgenommen. Als sie den Arzt aufklärte, dass es ihr nur um die bessere Atmung gehe, bekam Sie zu hören: «Sicher werden Sie häufig auf Ihre krumme Nase angesprochen, das ist für eine erfolgreiche Frau wie Sie doch unpassend.»
Medizinisch, ästhetisch oder mental?
Sicherlich war der Rat aus medizinischer und ästhetischer Sicht durchaus legitim, aus mentaler Sicht nicht. Er war eine Suggestion, die beim Betroffenen eine Fokusänderung bewirkt, so wie bei Lars und Helga. Laura hatte bis dato überhaupt kein Problem mit ihrer Nasenform, seit dem Arztbesuch hingegen schon. Der Chirurg hatte ihr mit seiner Bemerkung unbewusst das Bild einer deformierten Nase in den Kopf gesetzt. Aus einer «natürlichen Schönheit» wurde plötzlich ein Schönheitsfehler. Der Vorschlag des Arztes war gut gemeint, in der Psyche eines Menschen kann er jedoch unliebsame Spuren hinterlassen.
Der Patientenwunsch zählt
Wie gehen Sie in Ihrer Praxis mit solch sensitiven Situationen um? Setzen Sie automatisch voraus, dass jemand mit verfärbten Zähnen ein Bleaching möchte? Ist es für Sie unverständlich, dass jemand einen schiefen Zahn nicht korrigieren will, weil er sich mit seinem Charaktergesicht möglicherweise gefällt? Er gefällt sich aber unter Umständen nur so lange, bis Sie ihm diplomatisch-medizinisch beibringen, wie unpassend das aussieht.
Wie hätten Sie bei Lars reagieren können? In erster Linie geht es darum, den Patienten diskret zu fragen, was er denn gerne machen möchte. Selbstverständlich sollen Sie ihn aus fachlicher Sicht auf verschiedene Handlungsoptionen hinweisen, ohne aber dabei ungefragt sein Äusseres als Referenzpunkt zu nehmen.
Sie hätten Lars die Korrektur des schiefen Zahnes mit dem Hinweis empfehlen können, dass Fehlstellungen sonst Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. So bleiben Sie bei Ihrer neutralen medizinischen Beurteilung, ohne dabei in eine mentale Verurteilung zu verfallen.
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Barbara Brezovar Capobianco
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