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Ganze 20 Jahre arbeitete die Frau 40 Prozent. Dann meldete sie sich aus psychischen Gründen bei der IV. Dort behauptete sie keck, sie würde 100 Prozent arbeiten, wenn sie könnte.
Diese Behauptung – vielleicht war es eine Lüge – führt dazu, dass die Frau in den Genuss einer höheren Rente kommt. Und dies nur deshalb, weil die IV wegen dieser Behauptung eine andere Bemessungsmethode angewandt hat. Dies habe ich vergangene Woche an dieser Stelle beschrieben.
Die IV kennt für die Ermittlung des IV-Grades verschiedene Methoden, die zu unterschiedlichen Resultaten führen. Kein Wunder, dass sich IV-Rentnerinnen und IV-Rentner häufig schlecht behandelt fühlen. So ergeht es etwa ledigen IV-Rentnerinnen, die Mutterfreuden entgegenblicken, was offenbar häufiger vorkommt, als ich gedacht habe. Kaum ist nämlich das Kind auf der Welt, wird der Frau die Rente nach unten angepasst – eben wegen der unterschiedlichen Bemessungsmethoden.
Vor der Niederkunft wird die Rente mit dem Einkommensvergleich ermittelt. Hier wird das geschätzte Erwerbseinkommen ohne Gesundheitsschaden dem Erwerbseinkommen mit Gesundheitsschaden gegenübergestellt.
Nach der Geburt wird eine andere Methode angewandt: der Betätigungsvergleich. Hier wird die Tätigkeit mit und ohne Gesundheitsschaden miteinander verglichen, was meistens zu einem tieferen IV-Grad führt als beim Einkommensvergleich. Oft kann man mit einem Gesundheitsschaden immer noch einen beträchtlichen Teil des Haushalts verrichten und vor allem die Mutterpflichten erfüllen; kaum jedoch einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Dieser Betätigungsvergleich wird bei Personen angewandt, die keine Erwerbstätigkeit ausüben, wie Hausfrauen oder Studierende.
Somit führt der Einkommensvergleich häufig zu einem höheren IV-Grad und damit zu einer höheren Rente als der Betätigungsvergleich. Nun werden Sie wohl einwenden, das sei doch heillos kompliziert. Solche Gesetze seien schlicht eine Zumutung. Da gehe ich mit Ihnen, liebe Leser, völlig einig.
Erschienen in der BZ am 27. Juli 2010