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Unter dem Titel «Das schöne Ende der Kulturpolitik» hat Pius Knüsel, Chef der Pro Helvetia zwischen 2002 und 2012, am 8. Februar 2015 in der «Schweiz am Sonntag» eine Polemik gegen die aus seiner Sicht übersubventionierten Kulturinstitutionen veröffentlicht. Ein Déjà-vu. 2012 erschien von Knüsel und anderen das Buch «Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das gleiche» mit dem Untertitel: «Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention». Darin wurde die «Halbierung der Infrastruktur» von Kulturinstitutionen postuliert, wobei mit den freiwerdenden Milliarden Massnahmen zu fördern seien, «die das globale Kräftespiel mitgestalten und welche für Entwicklung, Zukunftsoptimismus, strukturellen Umbau und soziale Integration stehen». (S. 209 f.)
In der «Schweiz am Sonntag» fasst Knüsel den Zweck dieser Massnahmen nun bündig als Förderung der «Chancengleichheit in der Selbstverwirklichung, aber ohne Kunstanspruch». Im übrigen hält er an der «Kulturinfarkt»-These fest: «Leute, die wie ich einen Unterschied machen zwischen der Kultur und dem System, das sie hervorbringt, sehen ein wachsendes strukturelles Problem.»
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In seinem Zeitungsbeitrag referiert Knüsel «drei Gründe, warum […] die Politik ihren Auftrag, die [kulturpolitische, fl.] Zukunft zu gestalten, an die Hand nehmen sollte». Zum einen könne sich die Schweiz ihre kulturelle Infrastruktur in Zukunft voraussichtlich nicht mehr leisten; zum zweiten erodierten Kultureinrichtungen als «Pole der Verständigung des Bürgertums, wo Themen verhandelt und Verhalten eingeübt» worden seien, zu «immer kleineren sozialen Nischen». Mit anderen Worten: Die hegemonial gedachte und gewünschte Kultur zerfällt zu unbedeutenden Subkulturen.
Gegen diese beiden Thesen Knüsels hat der Schriftsteller Guy Krneta unter dem Titel «Öffnen, nicht schliessen!» am 11. Februar 2015 im Journal B strukturkonservativ argumentiert, das System leide nicht an zuviel Institutionen, sondern «an der lückenlosen Ausdefinierung des hintersten Winkels, der international ausgerichteten Kuratierung von einst erkämpftem Freiraum». Deshalb müssten die bestehenden Institutionen nicht geschlossen werden, sondern «im Gegenteil: Strukturell geöffnet».
So wahr es ist, dass sich Kulturinstitutionen tendenziell abschotten und ihre Angebote als selbstreferentielle Glaubensinhalte einer distinktiven Elite (oder: Sekte?) zelebrieren, so fraglich ist es andererseits, ob zum Beispiel die Kunsthalle Bern – 97 Jahre nachdem sie von der damaligen Künstlerschaft als Freiraum erkämpft worden ist – heute noch als Freiraum verstanden werden kann respektive zum Freiraum reanimiert werden könnte. Kultureller Freiraum ist untrennbar verbunden mit der konkreten Erfahrung des Kampfs um ihn. Der integrative Impuls dieses Kampfs geht mit den Kämpfenden unter. Zurück bleibt der segregative Impuls der Nachgeborenen, die den Freiraum zur Erhaltung ihrer eigenen Interessen verteidigen (müssen).
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Das dritte Argument, warum die Kulturpolitik heute die Zukunft gestalten müsse, sieht Knüsel in der «Demokratisierung von Kreativität» im Sinn von «Kultur für alle – und Kultur von allen». Diese Demokratisierung sei heute in einem Mass realisiert, dass man am Punkt stehe, «wo jedem sein Theater oder seine Kunsthalle zusteht, als Besucher wie als Schauspieler oder Künstler». Damit habe die bisherige «Kulturpolitik das Ziel der Demokratisierung» und gleichzeitig ihr Ende erreicht, wie der Titel des Beitrags insinuiert. Knüsel: «Da Politik eine andere Kunst der Zukunft nicht heraufbeschwören kann, bleibt ihr nur, die kulturellen Schlüsseleinrichtungen, deren Urteil Gewicht hat und die die Tradition in die Zukunft tragen, zu stärken.»
Die Strategie, die Knüsel also unter anderem aus der «Demokratisierung der Kreativität» ableitet, könnte im SVP-Parteiprogramm stehen: Wenige kulturelle Schlüsseleinrichtungen sollen wieder als staatlich gesteuerte, also mindestens zum Teil rechtsnational kontrollierte Kanonisierungsinstanzen Themen verhandeln und Verhalten einüben (Knüsels Worte). Die andere Hälfte des Gelds soll umgeleitet werden in die Förderung der «Chancengleichheit in der Selbstverwirklichung, aber ohne Kunstanspruch» – das heisst: in die Bildungs- und Sozialpolitik. (In diesem Punkt hätte die SVP dann andere Prioritäten, aber Hauptsache, die Hälfte der Kulturinstitutionen in den Städten können mit dem Segen des alt Pro Helvetia-Chefs geschlossen werden).
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Abgesehen davon bin auch ich der Meinung, dass die «Demokratisierung der Kreativität» – in meinem Verständnis die heute weitverbreitete Fähigkeit und Möglichkeit, künstlerisch gedachte Arbeiten öffentlich zu machen – nicht nur die Kulturinstitutionen, sondern die Kulturrezeption überhaupt in einer bisher noch kaum verstandenen Weise revolutionieren wird. Und zwar aus drei Gründen:
• Jahrzehntelanger Friede in Wohlstand haben weit über die Schweiz hinaus bedeutende Teil der Gesellschaften mit Bildungsprivilegien ausgestattet, die es nicht allen, aber vielen erlaubt, passable Literatur, Musik oder Kunst herzustellen. Dass das die SchriftstellerInnen, MusikerInnen und KünstlerInnen vehement bestreiten, ist klar, aber ziemlich unerheblich. Was ist heute – im Zeitalter des Anything goes – ihr ausschliessender, ästhetisch-artistischer Diskurs mehr als standespolitische Abschottungsrhetorik? Im weiten Sinn des Begriffs Kunst zu machen, ist ja keine Hexerei, sondern zu neunzig Prozent Bildungsprivilegien, Fleiss und Handwerk – dazu kommen (aber ja doch) ungefähr zehn Prozent Talent.
• Die Masse der Gutgeschulten bildet auf dem Markt seit vielen Jahren ein Überangebot, ein bildungsprivilegiertes Prekariat, das vom neoliberalen Diktat angehalten wird, sich selbst jederzeit als vermarktbares Wirtschaftssubjekt, als Ich-AG, zu verstehen und anzubieten. Anders: Jeder Mensch hat offensiv aufzutreten, zu kommunizieren, Sender zu sein, denn: Nur Sender kann man orten.
• Dazu kommt nun die seit einem guten Jahrzehnt gesellschaftlich flächendeckend wirksam gewordene, zweite industrielle Revolution durch die Elektronik. War man für die Veröffentlichung eines längeren Textes zum Beispiel noch bis um das Jahr 2000 objektiv vom Korrektorat bis zur Buchhandlung auf eine lange Verwertungskette angewiesen, so kann man seine Arbeit heute fast gratis online stellen – womit sie von einem Moment zum anderen theoretisch weltweit gelesen werden kann. (Die meisten gedruckten Bücher werden ja auch nur theoretisch gelesen.)
«Demokratisierung der Kreativität» heisst heute allein in der kleinen Schweiz: Zehntausende von zur Kunst Befähigten und ideologisch zur offensiven Kommunikation Genötigten haben die Möglichkeit, an Galerien und Museen, Konzertsälen und Tonträgerunternehmen, an Radio, Fernsehen und Verlagen vorbei zu veröffentlichen. Die Zollstationen am Weg in die Öffentlichkeit leben zur Zeit noch vor allem von der kanonisierenden Aura ihres Namens, was insbesondere das kulturkonservative Segment ihres Marktes beeindrucken mag. Vorläufig noch.
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Das Problem, das Knüsel beschäftigt – ob vor diesem Hintergrund viele der seinerzeit als Freiräume bürgerlich-avancierter Kultur erkämpften Institutionen dysfunktional geworden seien – ist nicht jenes, das mich vordringlich beschäftigt. Mein Problem ist das Paradox, das sich aus der «Demokratisierung der Kreativität» ergibt: Wenn alle die künstlerischen und technischen Möglichkeiten haben, Kultur zu machen, und aus ideologischen Gründen auch genötigt sind, so viel wie möglich öffentlich zu senden, um irgendwie im Spiel zu bleiben – wer rezipiert dann noch? Klar: Die Demokratisierung der Kulturproduktion ist ein gesellschaftlicher Fortschritt. Bloss: Eine vollständig demokratisierte Kultur implodiert, weil niemand mehr sie rezipiert – insbesondere, wenn «Öffentlichkeit» und «Markt» synonym gedacht werden: Wo das Angebot ins Unendliche geht, tendiert die Nachfrage gegen Null.
Beunruhigend ist der Schluss, der sich aus dieser Überlegung ergibt: Kultur und Demokratie stehen offenbar in einem Widerspruch. Entweder Kultur oder Demokratie – beides scheint sich auszuschliessen. Dieses Paradox konnte bisher übersehen werden, weil es durch die Chancenungleichheit, was die Bildung und den Zugang zu den Kommunikationskanälen betraf, überdeckt war. Heute ist aber unübersehbar: Insofern die Rezeption von Kultur die Einwegkommunikation hinnehmen muss, ist Kultur antidemokratisch. Und Kultur, wie sie heute verstanden wird – nämlich als «Kunst» –, muss auf Einwegkommunikation bestehen aus zwei Gründen:
• Innerhalb des Marktes ist jede Kultur Ware (ob als Produkt oder als Dienstleistung hinter einem Kassenhäuschen) – und zwar Ware, die die Einwegkommunikation als Tauschwert in Anschlag bringt, um ihren Verkauf zu rechtfertigen.
• Egal, ob ihr Anspruch ein aufklärender, sonstwie bildender oder unterhaltender ist: Als Einwegkommunikation betreibt Kultur als Kunst in einem antiquierten pädagogischen Sinn «Frontalunterricht»: die einen sollen schweigen (zuhören, zusehen, lesen, kurz: rezipieren), damit die anderen ungestört senden und verdienen können.
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In prekäre Lage geraten durch die «Demokratisierung der Kreativität» deshalb nicht bloss die vermittelnden Institutionen – vor dem Kollaps steht die Einwegkommunikation der heute gängigen Kultur überhaupt. Die Umkehrung der Marktlogik wird denkbar: Was bezahlst Du mir, wenn ich mir die Zeit nehme, dein Bücher zu lesen, deine Bilder anzuschauen, deine Kompositionen anzuhören?
Und daraus eine Frage an die Kulturgeschichte: Steht jene «Kunst», die als subversive Kraft in ihren Werken über fünftausend Jahre die Blindheit des Glaubens überwunden, den ent-täuschten Blick auf die Welt geschärft und damit Säkularisierung und Aufklärung ermöglicht und vorangetrieben hat, vor ihrem Ende?
Heisst demokratische Kunst heute im Sinn der «Sozialen Plastik» von Joseph Beuys: «Jeder Mensch ist ein Künstler» (1967)? Muss man heute das Bedürfnis, darüber hinaus als «Künstler» gelten zu wollen, als narzisstische Störung verstehen? Und was bleibt – so gesehen – vom heutigen «Kunst»-Begriff übrig ausser leergeglaubter Originalitäterei, die ignoriert wird, wenn es ihr nicht gelingt, dank Werbemitteln in ihrem Markt für bedeutend gehalten zu werden?
Vorderhand gilt für mich: Entweder ist «demokratische Kultur» eine contradictio in adiecto, wie Kulturbeflissene sagen würden, oder das, was hier und jetzt unter «Kultur» verstanden wird, hat wenig mit Kultur zu tun. (1.3.2015)
Zur 7. Berner Aktionswoche gegen Rassismus: