Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03346.jsonl.gz/1757

Musikerinnen und Musiker im Rollstuhl
Manche Menschen leben einfach für die Musik – und egal, was passiert, sie lassen sich nicht unterkriegen!
«Stellt euch den Herausforderungen, fordert eure Mitmenschen heraus... denn Herausforderungen schaffen erstaunliche Ergebnisse... GLAUBT MIR. ICH WEISS ES!»
Der Mann, der das sagte, war der amerikanische Sänger Teddy Pendergrass, der während seiner 30-jährigen Karriere Millionen von Alben verkauft hat. 1982 wurde er durch einen Unfall zum Tetraplegiker. Drei Jahre danach feierte der «schwarze Elvis» sein Comeback anlässlich eines historischen Konzerts vor einem Live-Publikum über 99'000 Zuschauern und geschätzt 1.5 Milliarden (!) Fernsehzuschauern. Teddy starb 2010 an Krebs, doch seine Frau erfüllte seine Vision: Sie gründete die Teddy und Joan Pendergrass Stiftung mit dem Ziel, Menschen mit Querschnittlähmung zu ermutigen und zu unterstützen.
Heute stellen wir Euch die Geschichten einiger Musiker/-innen im Rollstuhl vor, die wie Teddy einfach «rocken»!
Eric Howk. The Man
«Es ist ein verdammt gutes Leben. Selbst wenn es mal schrecklich ist, ist es in Ordnung.»
Eric Howk ist das, was die Leute einen Rocker nennen. Seine Leidenschaft für die Gitarre ist grenzenlos. Musiker ist für ihn eher eine Berufung als ein Job.
Geboren und aufgewachsen ist Eric Howk in Wasilla, Alaska. In jungem Alter spielte er in einer Band namens «The Lashes» aus Seattle, die in der Pop-Rock-Szene recht erfolgreich war. 2007 wollte er die Band gerade für eine andere aus seinem Heimatort verlassen, «Portugal. The Man», weil ihre Gründer Gourley and Carothers enge Freunde von ihm waren.
Im gleichen Jahr stürzte Eric aus 3.5 Metern Höhe und zog sich eine T4-Rückenmarksverletzung zu. Noch bevor er mit der Reha begann, überraschten ihn seine Freunde mit einem Aufnahmestudio, das sie in seinem Zimmer im Traumazentrum aufbauten. 2015 wurde er als Lead-Gitarrist schliesslich offiziell Mitglied der Band. 2017 wurde die Band mit dem Song «Feel It Still» weltberühmt und 2018 sogar mit dem Grammy ausgezeichnet.
Gabriel «Freaque» Rodreick
«Ich versuche etwas Licht ins Dunkel zu bringen; es ist immer da, und es ist in allen von uns.»
Gabriel Rodreick wuchs in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota auf und spielte Klavier. Mit 15 hatte er einen Tauchunfall, bei dem er eine C5-Tetraplegie mit sehr eingeschränkter Handfunktion erlitt.
Drei Jahre nach dem Unfall kam er in die Welt der Musik zurück und sang für die Funk-Band «Treading North». Er fand sogar eine Möglichkeit, wieder Klavier zu spielen: Er benutzte den Radiergummi eines Bleistifts, den er an seiner Gelenkschiene befestigte.
Später startete er sein Soloprojekt als «Freaque». Die Musik, die er dort schafft, bezeichnet er als «dirt folk» (dirt = Dreck): Mit seiner tiefen und rauen Stimme singt er Geschichten über Dunkelheit, Wut, Traurigkeit und Verlust. Seine Stimme wird von seinen eigenen Klaviermelodien sowie von Gitarre und Perkussion anderer Musiker begleitet, was seiner Musik eine ganz besondere Atmosphäre verleiht.
Kebra Moore
«Ich möchte die Art und Weise ändern, wie Menschen ohne Rollstuhl Menschen im Rollstuhl betrachten.»
Gospelsängerin, Songwriterin, Model, Motivationsrednerin, Lehrerin, religiöse Ehefrau und Mutter Kebra Moore aus South Carolina zeigt der Welt, was Frauen im Rollstuhl können.
An Heiligabend 1999, im Alter von 24 Jahren, hatte sie einen Autounfall; dabei erlitt sie eine inkomplette T12-Fraktur und verlor die Mobilität ihrer Beine. Doch dies hielt sie nicht davon ab, all das zu tun, was sie wollte. Kebra nennt sich eine «inspirierende moderne Gospelsängerin» und schreibt Lieder, die aufmunternd sind. Mehrere davon wurden für Auszeichnungen nominiert. Der Song «He’ll Make a Way» wurde Teil des Soundtracks für den Dokumentarfilm «Becoming Barack» über den früheren US-Präsidenten Barack Obama.
Kebra ist auch ausserhalb der Musikwelt aktiv: Sie tritt als Motivationsrednerin bei Veranstaltungen überall in den USA auf und bekam den Titel «Ms. Wheelchair Mississippi 2013» verliehen. Sie wurde auch ein Modemodel, «um Frauen zu zeigen, dass sie in ihren Rollstühlen nach wie vor schön sind. Ich wollte, dass sie sehen, dass sie Stil haben und modisch sein können.»
Kebra führt ihre Kraft auf Gott zurück. Sie sagt: «Ich glaube, dass es Gottes Vorsehung ist, dass ich in einem Rollstuhl lebe und die Menschen dazu inspiriere, ihr Potenzial voll auszuschöpfen.»
Carina «ONIKHO» Ho
Carina Ho aus Oakland, Kalifornien, wurde Sängerin und Pianistin nach einem Autounfall im Alter von 26 Jahren, der sie zur Paraplegikerin machte. Ihre ganze Wut und Frustration kanalisierte sie in ihr Musikprojekt, das ihr zufolge «eine universelle Geschichte von Verlust, Trauer und Wiederentdecken des kämpferischen Ichs erzählt».
Unter dem Künstlernahmen ONIKHO vermischt sie ihren musikalischen Hintergrund in Jazz, klassischer Musik und Blues mit elektronischer Musik und Rhythmen. In ihrer Musik geht es aber nicht nur um Klang – auch Tanz und visueller Eindruck sind essenziell. Daher sieht man Carina in ihren Videos meist im Rollstuhl tanzen.
Gaelynn Lea
Das letzte Talent in dieser kurzen Liste ist vielleicht das eindrücklichste. Gaelynn Lea Tressler wurde mit Osteogenesis imperfecta geboren, einer genetischen Funktionsstörung, die hauptsächlich die Knochen und Gliedmassen betrifft.
Das Mädchen aus Minnesota wurde aber auch mit einem ganz besonderen Kampfgeist geboren. Ursprünglich hatte sie vor, Rechtsanwältin zu werden und sich für die Rechte von Behinderten einzusetzen. Doch ihre Leidenschaft für Musik war grösser – so entschied sie sich, Sängerin und Violinistin zu werden. Ihr experimenteller Stil findet Ähnlichkeiten mit Folk und keltischer Musik, was ihr eine recht einzigartige musikalische Handschrift verleiht. Sie tourte durch 45 US-Bundesstaaten und neun Länder und fesselte ihr Publikum auf der ganzen Welt.
Zwischen ihren Konzerten nutzt Gaelynn Lea die Gelegenheit, um solche Themen anzusprechen wie Sexualität, Zugänglichkeit in der Musikbranche und den Einsatz von Kunst zur Überwindung von körperlichen Einschränkungen. So hielt sie zum Beispiel einen TEDx Talk an der Universität von Yale.
Wie sieht es bei Euch aus: Macht Ihr Musik oder habt Ihr geträumt, Musiker/-in zu werden? Wer sind Eure Lieblingskünstler/-innen?