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Wissenschaftler der Universität Zürich untersuchten einen Lederschuppen-Panzer aus dem Grab eines Reiters im Nordwesten Chinas. Stil und Konstruktion legen nahe, dass der Panzer zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert vor Christus im neuassyrischen Reich hergestellt wurde und von dort nach China gelangte.
Ein fast vollständig erhaltener Lederschuppen-Panzer wurde 2013 erstmals im Grab eines etwa 30 Jahre alten Mannes nahe der heutigen Stadt Turfan im Nordwesten Chinas entdeckt. Aufgrund extremer Trockenheit konnte der Fund die Jahrtausende überdauern und lieferte dem internationalen Team um Patrick Wertmann vom Asien-Orient Institut der Universität Zürich neue Kenntnisse zur Verbreitung von Militärtechnologie im ersten Jahrtausend vor Christus.
Die alte Lederschuppen-Rüstung konnte auf den Zeitraum zwischen 786 und 543 vor Christus datiert werden. (Bild: D.L. Xu, P. Wertmann, M. Yibulayinmu)
Schuppenpanzer schützten wie eine zweite Haut die lebenswichtigen Organe, jedoch ohne die Bewegungsfreiheit der Kämpfer einzuschränken. Wie die Schuppen eines Fisches wurden die sich überlappenden Reihen von Plättchen auf eine feste Unterlage aufgenäht. Aufgrund der kostspieligen Materialien und der aufwändigen Herstellung waren solche Rüstungen wertvoll und galten als Privileg der Elite. Nur selten wurden sie dem Krieger mit ins Grab gegeben. In der Antike mussten mit dem Aufkommen mächtiger Staaten und grosser Armeen jedoch auch für einfache Soldaten kostengünstige, wirksame Rüstungen aus Leder, Bronze oder Eisen entwickeln werden.
Standardisierte Herstellung für das Reiterheer
Die Wissenschaftler konnten die alte Rüstung mittels Radiokarbondatierung auf den Zeitraum zwischen 786 und 543 vor Christus datieren. Für die Herstellung wurden ursprünglich insgesamt 5444 kleine und 140 grosse Schuppen aus Rindsleder verwendet. Zusammen mit Lederschnüren und dem inneren Futter ergab sich ein Gesamtgewicht von 4 bis 5 Kilogramm. Die Form erinnert an eine Weste, die den Oberkörper des Trägers im Bereich der Brust, Leisten, Seiten sowie im unteren Rückenbereich schützt. Der Panzer konnte schnell und selbständig angelegt werden und eignete sich für unterschiedliche Körpergrössen.
«Bei dem Fund handelt es sich um ein professionell hergestelltes Massenprodukt», fasst Wertmann zusammen. Als die Kriege im Nahen Osten vermehrt mit Pferdestreitwagen geführt wurden, wurde ab dem 9. Jahrhundert vor Christus eine spezielle Rüstung für berittene Soldaten entwickelt und gehörte später in standardisierter Form zur typischen militärischen Ausrüstung des Neuassyrischen Grossreichs, das sich über Teile des heutigen Iraks, Irans, Syriens, der Türkei und Ägyptens erstreckte.
Zwei Rüstungen für unterschiedlichen Gebrauch
Obwohl der Fund des 2700 Jahre alten Schuppenpanzers im gesamten Gebiet Nordwestchinas einzigartig ist, zeigt eine zweite zeitgenössische Rüstung unbekannter Herkunft im Metropolitan Museum of Art New York (MET) stilistische und funktionelle Übereinstimmungen. Die beiden Rüstungen könnten von verschiedenen militärischen Einheiten derselben Armee stammen: diejenige von Yanghai wurde möglicherweise von der Kavallerie, die andere von der Infanterie genutzt.
Ob der Träger der Yanghai-Rüstung selbst ausländischer Soldat war, der im Dienst der assyrischen Armee stand und die Ausrüstung mit nach Hause brachte, oder ob er die Rüstung von jemandem erbeutete, der sich dort aufhielt, kann nicht geklärt werden. «Auch wenn der genaue Weg des Schuppenpanzers aus Assyrien bis in den Nordwesten Chinas nicht mehr rekonstruiert werden kann, ist der Fund doch ein eindeutiger Beleg für den militärischen Technologietransfer über den eurasischen Kontinent im frühen ersten Jahrtausend vor Christus», sagt Wertmann.
Titelbild: Ähnlich wie mongolische Krieger heute bei einem Fest aussehen, sahen wohl auch die neuassyrischen Kämpfer vor 2700 Jahre aus. (Bild: istock.com/katiekk2)
Die Studie ist Teil des Forschungsprojekts «Sino-Indo-Iranica rediviva – Early Eurasian migratory terms in Chinese and their cultural implications» des Asien-Orient-Instituts der Universität Zürich, das durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wird. Anhand von sprachlichen, historischen und archäologischen Daten wird der früheste Austausch von materiellen Gütern zwischen Zentralasien und China untersucht.