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Seit Mitte der 1960er-Jahre erstellen die Kernenergieagentur NEA der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) regelmässig aktualisierte Statistiken zu den weltweiten Uranreserven wie auch zu Exploration, Produktion und Nachfrage nach Uran. Der Bericht «Uranium 2022: Resources, Production and Demand» – die jüngste Aktualisierung des sogenannten «Red Book» – deckt den Berichtszeitraum vom 1. Januar 2019 bis zum 1. Januar 2021 ab, obwohl laut NEA einige relevante Informationen für die Jahre 2021 und 2022 ebenfalls enthalten sind. Das «Red Book» wird in der Regel alle zwei Jahre veröffentlicht.
Uranreserven trotz leichtem Rückgang mehr als ausreichend
Im «Red Book» werden die hinreichend gesicherten (Reasonably Assured Resources, RAR) und vermuteten (Inferred Resources) Reserven unterschieden. Zusammen werden sie als identifizierte abbauwürdige Reserven (Identified Recoverable Resources) bezeichnet. Neben dieser Unterteilung nach dem Grad der Bekanntheit bzw. der bergbaulichen Erkundung werden die Uranvorkommen zusätzlich nach den voraussichtlichen Kosten des Abbaus (in USD je Kilogramm metallisches Uran) eingeteilt. Dabei unterscheidet das «Red Book» vier Kostenklassen: eine niedrige (bis USD 40/kg U), eine mittlere (bis USD 80/kg U), eine hohe (bis USD 130/kg U) und eine sehr hohe (bis USD 260/kg U).
Die bis zur Preisobergrenze von USD 260/kg U (USD 100/lb U3O8) identifizierten abbauwürdigen Uranreserven beliefen sich Anfang Januar 2021 auf insgesamt 7’917’500 t U, was einem Rückgang von knapp 2% gegenüber 2019 entspricht. Bei einer Obergrenze von USD 130/kg U (USD 50/lb U3O8) wurden 6’078’500 t U (-1%) als abbauwürdig bezeichnet. Beim Jahresbedarf des heutigen kommerziellen Reaktorparks von rund 60’100 t U (Stand Januar 2021) bedeutet dies, dass die derzeit weltweit erfassten Uranvorkommen für mehr als 130 Jahre ausreichen würden.
Falls der in vielen Ländern bis 2040 geplante Ausbau der Kernenergie tatsächlich umgesetzt wird (Szenarien rechnen mit einem Nettozuwachs bis auf 677 GWe), steigt der Jahresbedarf bis gegen 108’000 t U (ohne MOX-Brennstoffe). Wie NEA und IAEO schreiben, wären die heute bekannten Uranreserven dafür mehr als ausreichend. Allerdings würden dabei 80% der (bei einem Preis von bis zu USD 80/kg U) abbaubaren Uranreserven bis 2040 aufgebraucht. Bei etwas höheren Preisen bis USD 130/kg würden jedoch nur rund 26% der heute bekannten Reserven beansprucht.
Zu den heute gesicherten Uranressourcen kommen laut NEA und IAEO erhebliche Mengen hinzu, falls sich die Abbautechniken weiter verbessern, neue vermutete oder spekulative Lagerstätten entdeckt werden oder unkonventionelle Uranressourcen genutzt werden.
Australien verfügt über die grössten hinreichend gesicherten Reserven
Die weltweiten RAR (Reasonably Assured Resources) betrugen am Stichtag total 4’688’300 t U. Mit Abstand die grössten gesicherten Reserven weist Australien aus (siehe Karte unten), gefolgt von Kanada und Kasachstan. Bei diesen Angaben ist zu beachten, dass sich die Daten im «Red Book» auf die Reserven beziehen, die zu einem Preis von bis USD 260/kg U gefördert werden können und sich in klassischen Uranerz-Lagerstätten befinden (primäres Uran). Im Jahr 2021 wurden 63% dieses Urans mit dem In-situ-Leaching-Verfahren gewonnen (unterirdisches Herauslösen des Uranerzes durch Bohrlöcher), 17% im Tagbau, 15% in unterirdischen Minen und der Rest als Nebenprodukt der Kupfer- und Goldgewinnung sowie weiterer Verfahren.
Die in diesem Bericht vorgestellten Zahlen zu den Uranreserven sind eine Momentaufnahme des Standes vom 1. Januar 2021, die hauptsächlich aus offiziellen Regierungsquellen stammen, ruft die NEA in Erinnerung. «Die Leserschaft sollte sich vor Augen halten, dass die Zahlen zu den Reserven dynamisch sind und von den Rohstoffpreisen abhängen.»
Produktion: Kasachstan verbleibt auf Spitzenposition
Am Stichtag 1. Januar 2021 haben 17 Länder den Abbau von Uran gemeldet. Die fünf grössten Uranproduzenten im Jahr 2020 waren Kasachstan, gefolgt von Australien, Namibia, Kanada und Usbekistan.Kasachstan blieb der mit Abstand grösste Produzent der Welt, auch wenn die Produktion von 21’705 t U im Jahr 2018 auf 19’477 t U im Jahr 2020 gesenkt wurde. Allein die kasachische Produktion von 2020 war höher als die Produktion der auf den Rängen zwei bis fünf klassierten uranproduzierenden Ländern. Alle fünf zusammen erbrachten in diesem Jahr 81% der Weltproduktion.
Bedeutende Produktionskürzungen
Anfang 2021 deckte die weltweite Produktion primären Urans knapp 79% des Bedarfs des weltweiten kommerziellen Reaktorparks. Der Rest stammte aus sekundären Quellen wie Lagerbeständen, rückverdünntem Uran aus militärischen Quellen, der Wiederaufarbeitung von Brennelementen und der Wiederanreicherung von Uran aus Rückständen der Erstanreicherung (re-enriched tails). Insgesamt ging die weltweite Uranproduktion um 12% von 53’501 t U im Jahr 2018 auf 47’342 t U im Jahr 2020 zurück, da die Produzenten wegen den tiefen Marktpreisen Produktionskürzungen vornahmen. Im Jahr 2021 erfolgte ein leichter Anstieg auf 47’472 t U. Diese geplanten Kürzungen waren in Kanada und Kasachstan am stärksten. In Kanada wurde die Uranproduktion um 45% von 6996 t U im Jahr 2018 auf 3878 t U im Jahr 2020 verringert. Der Abbau am Rabbit Lake wurde Mitte 2016 eingestellt, während der Abbau am McArthur River und die Verarbeitung am Key Lake Ende Januar 2018 gestoppt wurden, alles aufgrund ungünstiger Marktbedingungen. Auch in den USA ging die Produktion drastisch zurück. Derzeit stehen dort 14 Uranminen mit einer jährlichen Produktionskapazität von über 29’400 t U ausser Betrieb. Der Bericht weist darauf hin, dass diese Minen relativ schnell wieder in Betrieb gehen können, falls der Markt positive Signale aussendet.
Auswirkungen der Covid-Massnahmen immer noch spürbar
Die geplanten Kürzungen der Uranproduktion wurden mit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie Anfang 2020 noch verschärft. In Kanada gab Cameco im März 2020 bekannt, dass die Produktion in der Mine Cigar Lake eingestellt werden musste, und Orano teilte mit, dass es die Arbeit im Werk McClean Lake als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie gestoppt habe. In Kasachstan gab JSC National Atomic Company Kazatomprom Anfang April 2020 bekannt, dass es aufgrund der Covid-19-Pandemie den Betrieb in allen Uranminen für drei Monate einschränke. Die Pandemie führte auch in anderen Bergbaubetrieben zu Einschränkungen, etwa in Australien, Namibia und Südafrika. Im August 2020 wurden einige dieser Beschränkungen gelockert, und mehrere Produzenten nahmen die Produktion schrittweise wieder auf. Aufgrund dieser ungeplanten Kürzungen erreichten einige Produzenten jedoch nicht ihre Produktionsziele für 2020.
Ausblick
«In den Jahren 2021 und 2022 begann sich die Wahrnehmung der Kernenergie als strategische Ressource für die Energieunabhängigkeit in vielen Ländern zu ändern, was sich in den jüngsten Änderungen der Kernenergiepolitik der Regierungen widerspiegelt», heisst es im Bericht. «Da dies auch auf die dramatische europäische Energiekrise im Jahr 2022 zurückzuführen ist, die durch die veränderte geopolitische Lage ausgelöst wurde, wird die Ausgabe 2024 des «Red Book» ein umfassenderes Bild der Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Nachfrage und das Angebot von Uran liefern. «Nach einer Zeit des Rückgangs der Uranproduktion, gebremster Investitionen und vergleichsweise niedriger Preise bleibt abzuwarten, ob das sich schnell entwickelnde Markt- und Politikumfeld Anreize für eine deutliche Expansion des Uranmarktes in den kommenden Jahrzehnten bieten wird», halten NEA und IAEO fest.
Verfasser/in
Marie-France Aepli, Chefredaktorin, Nuklearforum Schweiz
Quelle
OECD/NEA/IAEO, «Uranium 2022: Resources, Production and Demand»