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Landmark Education – FORUM
Franz Schlenk, Juni 1997
TeilnehmerInnen des FORUMs berichten mit strahlendem Gesicht vom neuen Sein, zu dem sie in diesem 3,5-tägigen Kurs gefunden hätten, Angehörige wenden sich besorgt an eine Sekteninformationsstelle, weil sie ihre Nächsten in diesem neuen Sein nicht wiedererkennen. Was ist von den Kursen zu halten, die Landmark Education anbietet und insbesondere vom Einführungskurs FORUM? Die hier vorgenommene Analyse und Bewertung beruft sich auf eigene Informationen unserer Stelle, auf die Dokumentation der Infosekta ‚Landmark Education, Forum‘ und auf den jüngst erschienenen Erfahrungsbericht ‚Das Forum‘ von Martin Lell (1997. München: dtv.). Bevorzugt wurde dabei einerseits Informationsschriften von Landmark Education und andererseits Erfahrungsberichte von TeilnehmerInnen.
1971 stellte Werner Erhard alias John Paul Rosenberg in San Francisco Seminare mit dem Titel ‚est-Training‘ der Gesellschaft ‚Erhard Seminars Training‘ vor. Die hohe Nachfrage – es wird von insgesamt 500’000 AbsolventInnen des est-Trainings aus 132 Ländern berichtet – liess ihn 1984 eine eigene Firma Werner Erhard & Associates gründen. 1985 bot diese Firma das FORUM an, das 1991 an Erhards Mitarbeiter unter dem neuen Firmennamen Landmark Education Corp. mit Hauptsitz in San Francisco verkauft wurde. Der Verkauf seiner Technologie an Landmark erfolgte zur gleichen Zeit, als Erhard autoritärer Methoden, sexuellen Missbrauchs an seinen Töchtern und Steuerhinterziehungen bezichtigt wurde. Chief Operating Officer der neuen Firma wurde Erhards Bruder Harry. Landmark ist Erhard bis ins Jahr 2009 zu Lizenzgebühren im Umfang von bis zu 15 Millionen Dollar verpflichtet. Programm Manager für Europa ist David Norris, früherer Literaturprofessor in New York. In Deutschland werden die Programme von Landmark Education Corp. und Landmark Education GmbH (vor 1991 Centers Network, eine Tochtergesellschaft von Werner Erhard & Ass.) in München, Frankfurt, Berlin und Hamburg angeboten. Leiterin von Landmark Education AG in der Schweiz ist Anna Zollinger (Adresse: Landmark Education AG, Ämtlerstr. 17, 8003 Zürich).
Erwähnung findet immer wieder auch das 1977 von Erhard mitinitiierte Hungerprojekt, das sich zum Ziel genommen hat, bis ins Jahr 2000 den globalen Hunger zum Verschwinden zu bringen. Es handelt sich dabei nicht um praktische Einsätze in Hungergebieten, sondern um die mentale Arbeit an der Überzeugung, den Hunger besiegen zu können. Dafür werden auch die Spenden verwendet. Personelle und finanzielle Überschneidungen zu Landmark Education sind aber nicht bekannt. Ebenso bestehen keine Beziehungen zu ‚Landmark Research International‘ und ‚est-Confessional‘, die beide der Scientology zuzurechnen sind. Der vermutlich reaktiv auf Erhards Erfolg gegründete Kurs ‚est-Confessional‘ sollte an est Interessierte für Scientology (zurück)gewinnen, die WISE-Firma ‚Landmark Research International‘ entstand aber schon vor ‚Landmark Education‘, was laut D.Norris letzterer bei ihrer Gründung nicht bekannt war.
Landmark Education betont, dass sich das Forum grundlegend von den est-Seminarien unterscheide. Das Forum würde den 80er Jahren besser gerecht werden und weit über das est-Training hinausgehen. Während das est-Training v.a. eine Aufarbeitung der persönlichen Vergangenheit anstrebte, gehe es im FORUM um die Entwicklung einer neuen Zukunft. Das Forum ist weniger anstrengend und wird weniger direktiv geführt und überlässt der Leitung gewisse Freiheiten. Die est-LeiterInnen hatten sich noch an ein Handbuch zu halten. Für das FORUM wurde die Bedeutung von Sprachakten zentral. Aus der Aussenperspektive lässt sich aber dennoch der Eindruck nur bedingt entkräften, es handle sich beim FORUM sozusagen um ein milderes ‚Geschwister‘ von est. Dass sich die beiden ‚Geschwister‘ vor allem in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen, ist aber natürlich auch gut zu verstehen.
Aus diesen Gründen soll es auch erlaubt sein, zum besseren Verständnis des FORUMs einen Blick auf den est-Begründer Erhard zu werfen.
1935 in Philadelphia als Sohn eines jüdischen Gastwirtes geboren, der zur Episkopalen Kirche konvertierte, heiratete J.P. Rosenberg nach der High Scool seine Jugendliebe und jobte an verschiedenen Orten. 1959/60 verliess er über Nacht seine Frau und 4 Kinder mit einer anderen Frau. Er gab sich den neuen Namen Werner Erhard in Erinnerung an den Physiker Werner Heisenberg und den für das deutsche Nachkriegswunder mitverantwortlichen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Er arbeitete sich in der Folge vom Verkäufer von Gebrauchtwagen zum Verkaufsmanager von Enzyklopädien hoch. Er stellte ein sehr erfolgreiches Verkaufsteam für den Direktverkauf an der Haustüre auf die Beine. Die Verkaufstechniken seiner Firma wurden 1970 aber als unlauter und trügerisch kritisiert. Ganz im Sinne seiner an Bewusstseinserweiterung interessierten Zeit begann er sich zunehmend mit spirituellen und psychologischen Methoden auseinanderzusetzen. Zu nennen sind insbesondere: Hypnose, Yoga, Mind-Techniken, Zen und Scientology. Intensiven Kontakt hatte er mit Mind Dynamics, einem Bewusstseinstraining unter Verwendung von Selbsthypnose, das die Kontrolle und Effizienzsteigerung des Bewusstseins anstrebt. Mit Scientology entstand in den 70er und 80er Jahren ein ideologischer Kleinkrieg, bei dem Scientology Erhard vorwarf, ihre Techniken unter seinem Namen zu verkaufen. Umgekehrt konnte Scientology eine versteckte Hetzkampagne zur Diffamierung Erhards nachgewiesen werden. Zweifelsohne ging es um wirtschaftliche Konkurrenz. Unter den Psychotherapie-methoden beschäftigte sich Erhard mit Encounter, Gestalt- und humanistischer Therapie. Er soll Schriften von Plato, Whitehead, Wittgenstein, Maslow, Sartre, Fromm, Heidegger, Wiener, Watts, Von Neumann, Ram Dass, José Silva, Maxwell Maltz, James, Perls, Freud, Jung und Einstein gelesen haben. Vermutlich hat er auch mit Drogen experimentiert. In seinem Auto erlebte er einst eine Art Erleuchtung, die als direkte Selbst- oder Einheitserfahrung beschrieben wird. In einer der verschiedenen Versionen dieses Ereignisses fuhr Erhard auf einer Californischen Hauptverbindungslinie gegen Süden. Dass Bewusstseinsveränderungen durch monotone Tätigkeiten ausgelöst werden können, ist allgemein bekannt. Seine Erleuchtung hat ihn nicht daran gehindert, ein reiches Vermögen anzusammeln und einen entsprechenden Lebensstil zu führen. Eine Versöhnung mit seiner ersten Frau und deren Kindern unternahm er anfangs der 70er Jahre.
Obschon es zum erklärten Ziel der Landmark-Technologie gehört, sich von Prägungen aus der eigenen Vergangenheit zu befreien, können unmittelbare Linien von Erhards Biographie zum FORUM gezogen werden. Ganz den Spuren des genialen Verkäufers Erhard folgend, werden auch im FORUM Menschen vom geistigen und tatsächlichen ‚Kauf‘ der Landmark-Ideen überzeugt. Der im FORUM angestrebte ‚Durchbruch‘ (s.u.) zu einem neuen Menschsein erinnert an zwei prägende Erlebnisse aus Erhards Biographie: an seinen neuen Lebensbeginn nach dem Verlassen seiner ersten Frau und an seine Erleuchtung im Auto. Die meisten Lehrinhalte sind auf die erwähnten oder anderweitig bekannte Theoriestränge rückführbar.
Landmark Education beschreibt sich selbst als internationales Bildungsunternehmen, das seine Programme Einzelnen, Organisationen, Gemeinden und Institutionen anbietet. Weltweit werden 38 (Stand: 1997) Büros genannt, die die Seminare an 90 Orten (Stand: 1997) in 7 Sprachen in 17 Ländern (Australien, Belgien, Brasilien, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Indien, Israel, Kanada, Kenia, Mexiko, Neuseeland, Niederlande, Schweden, Schweiz, U.S.A, Zimbabwe) durchführen. An Kursen, die auf Werner Erhard zurückgehen, haben weltweit ca. 1,5 Millionen Menschen teilgenommen. Primäres Publikum sind Erwachsene mit höherer Ausbildung im Alter zwischen 25 und 45 Jahren, in den U.S.A. wurde aber auch schon mit Kindern gearbeitet. Fest angestellt sind ca. 300 Personen, die freiwilligen Mitarbeiter überschreiten diese Anzahl aber um ein Vielfaches. Die Kurse werden von weltweit ca. 80 KursleiterInnen durchgeführt. Die Ausbildung zur Kursleitung dauert ca. 5 Jahre.
Landmark Education verspricht „Einblick in die grundlegenden Vorstellungen und Hypothesen, die unser Leben gestalten und steuern, Einblick in die eigentlichen Strukturen, die unser Denken und Handeln, unsere Werte und unser Sein bestimmen“. Des weiteren: Erfolg und Effizienz, Selbstbestimmung und Entscheidungssicherheit, Freude und Zufriedenheit, Selbstausdruck von Gedanken und Gefühlen (auch öffentlich), eine geistige Öffnung und Überwindung der Vergangenheit, Vertrauen und bessere Beziehungen, v.a. aber einen „Durchbruch in den Bereichen Beziehung, Kommunikation, Verbundenheit mit Menschen, Selbstausdruck und Vitalität“. ‚Landmark‘ bedeutet denn auch im Englischen ‚Meilenstein‘ oder ‚Wendepunkt‘.
Im FORUM würden Fragen und Einsichten, die früher nur einer akademischen Elite vorbehalten gewesen seien jedermann auf alltagsbezogene Weise zugänglich. Das reibt sich allerdings mit der Tatsache, dass AbsolventInnen des FORUMs in der Regel über eine gute Bildung verfügen.
Die Hauptprogramme für Einzelpersonen bilden das 4-teilige CURRICULUM FÜR DAS LEBEN und das 3-teilige KOMMUNIKATIONSPROGRAMM. Ersteres besteht aus folgenden Kursen:
FORUM: Dauer insgesamt ca. 50 Stunden, an einem Freitag und Samstag von 9.00 bis 24.00 Uhr, am Sonntag von 9.00 bis nach 23.00 Uhr, am folgenden Dienstag von 19.30 bis 22.45 Uhr. 30 minütige Pausen gibt es alle 2.5 bis 3 Stunden, eine 1.5 stündige Essenspause um 17.30 Uhr. Kostenpunkt: 850 DM/SFr. Im FORUM erfolge eine philosophische Untersuchung über die ontologische Natur des Menschen, über die Sprache und unhinterfragte individuelle Schlussfolgerungen.
FORUM IN AKTION: 8 abendliche Sitzungen von 19.30 bis 22.30 Uhr mit einer ca. 20 minütigen Pause, einmal wöchentlich. Für FORUMsteilnehmer kostenlos. Es geht um die Anwendung des im FORUM gelernten im Alltag.
FORTGESCHRITTENENKURS: an 4 Tagen von 10.00 bis 24.00 und einem Abend von 19.30 bis 22.45 Uhr. 30 minütige Pausen alle 3 Stunden, um 16.30 Uhr eine 1.5 stündige Essenspause. Kostenpunkt: 1500 DM mit 300 DM Bonus bei schneller Anmeldung. Thema ist die Beziehung zwischen physischer Realität und persönlicher Interpretation und die Entwerfung einer von Beschränkungen aus der Vergangenheit unabhängigen Zukunft.
PROGRAMM FÜR SELBSTAUSDRUCK UND FÜHRUNG: 3 Tage und 10 Abende über 3 Monate regelmässig verteilt. Kostenpunkt: 450 DM/SFr. Es geht um die Planung und Durchführung eines Projekts im eigenen sozialen Umfeld. Man wird dabei persönlich betreut.
Die 3 Kommunikationskurse sind:
KOMMUNIKATIONSKURS 1: 3 Tage und 1 Abend lang, am Freitag von 19.00 bis 23.00 Uhr, samstags und sonntags 9.00 bis 21.00 Uhr, am folgenden Mittwoch 19.00 bis 23.00 Uhr. 30 minütige Pause alle 3 Stunden, 11/4 stündige Essenspause um 14.00 Uhr. Kostenpunkt 850 DM. Es geht um die Beziehung zwischen Kommunikation und Handeln. Angestrebt werden dabei Effizienz und die Hervorbringung neuer Möglichkeiten und Kooperation anderer.
KOMMUNIKATIONSKURS 2: an einem Samstag und Sonntag von 9.00 bis 19.00 Uhr, am folgenden Mittwoch von 19.00 bis 23.00 Uhr. Pausen wie im KOMMUNIKATIONSKURS 1. Kostenpunkt 1000 DM mit 150 DM Bonus bei schneller Anmeldung. Es geht um die persönliche und berufliche Umsetzung des im 1. Kurs Behandelten.
KOMMUNIKATION IN AKTION: 3 Wochenenden samstags von 10.00 bis 23.00 Uhr und sonntags von 9.00 bis 18.00 Uhr und 12 Abende von 19.00 bis 22.00 Uhr, regelmässig über 3 Monate verteilt. Zudem 12 abendliche, 3.5 stündliche Praktikumssitzungen. Kostenlos. Es geht um die Ausbildung zur Leitung im Kommunikationscurriculum.
Die Beschreibung des Zeitplans macht die Betitelung des Landmarkangebots durch die Schweizer Zeitschrift ‚Beobachter‘ (1994) als „Psychokurse für Robuste“ verständlich. Im FORUM wird das harte Regiment noch durch das Verbot, während der Plenarsitzungen zu essen, zu rauchen, Kaugummis zu kauen, Medikamente zu nehmen etc. unterstützt. Es dürfen auch keine Notizen irgendwelcher Art gemacht werden, all das hindere die aufmerksame Beteiligung. Die Pausen und Nächte zwischen den Kurstagen sind zudem dadurch keine echte Erholungszeit, als darin vorgegebene Aufgaben zu verrichten sind.
Abgesehen von diesen Kursen für Einzelne bietet Landmark Education Schulungen für Firmen an. Bis 1996 wurde eine Anzahl von 50 Unternehmen genannt, darunter so renommierte wie der Schuhhersteller Reebok oder das Bergbauunternehmen Magma Copper Cp. (inzwischen aufgekauft). Mehr als 200 Unternehmen der U.S.A bieten ihren Angestellten für eine FORUMsteilnahme finanzielle Unterstützung an. Landmark Education arbeitet zudem mit politischen Gremien, Schulen und Universitäten und Gefängnissen zusammen.
Wie macht diese von einem Überzeugungstechnologen gegründete Bewegung für sich selbst Werbung? Gegen aussen auschliesslich durch Mundpropaganda. Effektiv sind v.a. die strahlenden Gesichter, mit denen TeilnehmerInnen vom Erlebten erzählen. Diese Werbung wird aber schon im FORUM sorgsam vorbereitet, sie gehört zu den Hausaufgaben. Zur Werbung ist speziell der Dienstag Abend nach dem FORUM gedacht, an den Freunde und Angehörige mitgebracht werden sollen. während dem FORUM wird wiederholt für eine Fortsetzung des Curriculums geworben. Dies scheint auch gezielt während Phasen der emotionalen Verunsicherung zu geschehen. Dass die Grenzen zwischen Überzeugen und Überreden hier unklar werden, kennzeichnet ja aber keineswegs nur Landmark Education, sondern Werbestrategien schlechthin.
Gemäss Selbstdarstellung handle es sich beim Kursangebot nicht um psychologische oder psychotherapeutische, sondern um ‚ontologische‘ Untersuchungen. Nun kann aber natürlich in keiner Weise davon ausgegangen werden, dass sich die FORUMsteilnehmer im Rahmen der beschränkten Zeit angemessen mit den Texten oder Gedanken dieses philosophischen Gebietes vertraut machen können. Verbindungsglied ist lediglich das Wort ’sein‘. So wie Landmark diesen Begriff allerdings verwendet – z.B. „…was man erreicht, grösstenteils eine Funktion dessen ist, was/wer man ‚ist‘, während man handelt.“ – ist man eher an Begriffe wie Persönlichkeit oder Authentizität erinnert. Mit der philosophischen Lehre vom letzten Wesen hat das nichts zu tun. Dies wird auch unterstrichen durch die Erfolgsversprechen und die Erfolgserlebnisse, die Landmark Education und deren AbsolventInnen aufzählen. Sie siedeln sich zusammengefasst in den Bereichen Beziehungen, Leistungs- und Entscheidungsfähigkeit und Vitalität an, alles auch Themen der Psychologie. Da zudem die Teilnehmer persönliche Probleme vorbringen und Landmark Education diesbezügliche Veränderung verspricht, muss das FORUM auch als Psychotherapieversuch aufgefasst werden, durchgeführt allerdings von psychotherapeutischen Laien. Die Rede von der Ontologie scheint ihre Funktion darin zu haben, sich einerseits nicht direkt der Konkurrenz mit anerkannten psychologischen/psychotherapeutischen Methoden und Theorien stellen zu müssen und andererseits dem eigenen Angebot einen geheimnisvollen Anstrich zu geben.
Landmark Education benutzt eine eigene Begrifflichkeit. Dies mag z.T. auf unglückliche Übersetzungen aus dem Englischen zurückgehen, ist aber bestimmt auch gewollt, bietet doch eine eigene Sprache das ideale Identifikationsmerkmal zur Zugehörigkeit zur Gruppe einerseits und zur Ausgrenzung der Umwelt andererseits. Eine kleine Einführung der wichtigsten Begriffe ist jedenfalls angezeigt. In dieser Analyse wird die Ansicht vertreten, dass Landmark im Grunde keine neuen Lehrinhalte bringt. Deshalb wird jeweils auf Begriffe aus anderen Theoriesträngen und verwandte Phänomene verwiesen, die Landmark nicht gebraucht, aber dasselbe meinen dürften:
Unterscheidung: damit ist nicht viel mehr gemeint, als mit dem Begriff ‚Differenzierung‘. Der Begriff ‚Unterscheidung‘ kündigt im FORUM fast schon ritualhaft einen der Landmark-Begriffe an.
Unterschied bewirken: Das Ziel der Landmark-Kurse besteht auch darin, einen ‚Unterschied‘ in der Welt zu bewirken, Veränderungen einzuleiten also. Diese sehr allgemein gehaltene Formulierung lässt offen, in welcher Richtung die Veränderung zu geschehen hat. Dahinter scheint auch die Annahme zu stehen, dass Neues prinzipiell immer besser als das bereits Bekannte sei.
Nummer: Eine Art zu sein und zu handeln, die sich selbst aufrecht erhält und damit Sicherheit verleiht, aber auch neue Möglichkeiten ausschliesst. Man könnte an ein ‚Klischee‘ denken, in der Psychologie wird von ‚Schema‘ gesprochen.
Immer-bereits-hören: Als Folge einer ‚Nummer‘ ist man nicht mehr wirklich offen für die Mitmenschen, sondern hört aus ihren Worten und Taten das heraus, was man schon immer hörte oder hören wollte, auch dies ein in der Psychologie längst bekanntes Phänomen, das z.B. auch im psychoanalytischen Begriff ‚Übertragung‘ angesprochen ist.
dominieren: Im FORUM wird den TeilnehmerInnen oft vorgeworfen, als Folge des ‚Immer-bereits-hörens‘ ‚dominierten‘ sie ihre Bezugspersonen, v.a. die Eltern, indem sie diesen durch ihre fixen Erwartungen gar keine andere Chance liessen, als sich so zu verhalten, wie sie es tun. Diese höchst einseitigen Aussagen können von einer psychologischen Perspektive aus, die immer den Beitrag aller an einer Interaktion Beteiligten berücksichtigt, nicht geteilt werden. Sie wirken aber sicher manchmal wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: indem der FORUMsteilnehmer alle Schuld auf sich nimmt und sein Verhalten verändert, ermöglicht er u.U. tatsächlich eine Änderung auch auf Seiten der Bezugsperson. Die einseitigen Schuldübernahmen erinnern aber auch an das christliche Schema: zuerst Sündenbekenntnis, dann Bekehrung.
Teufelskreis: Als Folge einer Nummer wiederholen sich im Leben gewisse negative Muster immer wieder. Die Psychoanalyse spricht hier von ‚Wiederholungszwang‘ unter der Annahme, dass damit letztlich eine Lösung gesucht wird.
Gewinnformel: Als Kompensation biographisch früher Bedrohungen entwickelt ein Mensch auch Lösungsstrategien, die ihm später allgemein hilfreich sind und Erfolg bringen. Auch dies ein Gedanke, der auf die Tiefenpsychologie zurückgeht.
Durchbruch: Der zentrale Begriff des FORUMs, der aber mehr erlebt als erklärt werden soll. Er erinnert stark an die Begriffe ‚Bekehrung‘ oder ‚Erleuchtung‘.
Möglichkeit: Ein ‚Durchbruch‘ soll einen frei von Bindungen aus der Vergangenheit machen und so eine offene Zukunft voller ‚Möglichkeiten‘ schaffen.
Haltung einnehmen: Im FORUM wird häufig gefordert, sich ohne Kompromisse für eine von verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden. Damit soll v.a. die Selbständigkeit der jeweiligen Person angesprochen werden. Dennoch erinnern diese Aufrufe auch ein wenig an evangelikale Bekenntnisaufrufe. Es kann vermutet werden, dass die Entscheidungen recht stark gemäss den Erwartungen der FORUMsleitung ausfallen.
Wahl: Im Gegensatz zur ‚Entscheidung‘ meint die ‚Wahl‘, dass man sein individuelles Schicksal als Herausforderung akzeptiert und dadurch nicht mehr nur dessen Opfer ist. Erhard selbst drückte das im Zuge seiner eigenen Erleuchtung so aus: “ Was ist ist, was nicht ist, ist nicht.“ Parallelen zu religiösen Richtungen wie dem Zen sind hier unübersehbar.
Authentizität: meint, wirklich zu ’sein‘. Hintergrund bildet dabei die Theorie, dass der Mensch – als Kind noch frei – durch gesellschaftliche Umstände im Laufe seines Lebens zunehmend eingeengt wird. (dies wird zuweilen auf die Formel gebracht: „Alles, was dir schliesslich geblieben ist, ist: Essen, Trinken, Schlafen, Toilette gehen!“ Erst ein ‚Durchbruch‘ eröffnet erneut die ursprüngliche Freiheit. Dieses allgemein verbreitete, deswegen aber nicht weniger undifferenzierte Gedankenschema berücksichtigt zu wenig, dass ein Kind auch sehr abhängig ist und dass auch der erwachsene Mensch gewisser Sicherheit bedarf.
ich bin mein Wort: Dahinter steht die Idee, dass sich die eigene Identität und Wirklichkeit wesentlich in Gesprächen entwickelt. Im FORUM wächst sich das aber zu einer Art Sprachmagie aus, indem man etwas nur wollen muss und das heisst vor allem, man muss es (sich) sagen, damit es auch wirklich geschieht. Fehlschläge liegen an mangelndem Willen, eine Falsifizierungsmöglichkeit dieses Schemas gibt es also nicht.
Das Leben ist leer und bedeutungslos, und es hat keine Bedeutung, dass es keine Bedeutung hat: Damit soll v.a. die Relativität aller Bedeutungsgebungen und die Unmöglichkeit einer absoluten Bedeutungsgebung verdeutlicht werden. Die damit eröffnete Leere ermögliche Kreativität. Es wird mithin ein radikaler Konstruktivismus vertreten. Die Parallelen zum Zen sind wiederum deutlich.
Die Lehrinhalte des FORUMs dürfen nicht nur in ihrer Semantik betrachtet werden, denn darin sind sie meistens vereinfachend, generalisierend oder mindestens nicht neu. Ergiebiger ist vermutlich eine Analyse unter pragmatischem Gesichtspunkt, unter der Frage der Wirkung also: Was bezwecken diese Aussagen und die Art ihrer Vermittlung? Je undifferenzierter eine Aussage ist, desto eher erklärt sie alles (und doch eigentlich nichts richtig). Die vereinfachende Landmark-Begrifflichkeit bietet so die Möglichkeit, das gesamte eigene Leben neu einzuordnen. Die Neuartigkeit dieser Einordnung wird noch verstärkt durch die Eigenartigkeit der Begriffe. Bei der Art der Vermittlung spielen v.a. zwei Faktoren eine Rolle: die Grösse der Gruppe von etwa 150 Personen und das Verhalten der Leitung. Dieses scheint sich – sicher auch individuell verschieden – typischerweise in den Rollen des Schulmeisters, der guten Mutter und des Showmasters abzuspielen. Als Schulmeister vermittelt die Leitung Wissen, erteilt Ratschläge, fordert heraus, provoziert und schreckt auch vor Blossstellungen nicht zurück. Mitschuldig dürfte daran auch der permanente Zeitdruck sein. Zur Schulmeisterei gehören aber auch die vielen rhetorischen und suggestiven Fragen, die die Antwort für ‚gelehrige SchülerInnen‘ eigentlich schon vorwegnehmen. Als gute Mutter zeigt die Leitung demgegenüber Verständnis und Mitgefühl und spendet Lob. Dazu gehört auch der beständige Aufruf im FORUM, ehrlich und offen zu sein, möglichst viel und Privates von sich zu erzählen. In der Kombination dieser beiden Elemente ist das FORUM zugleich Gruppentherapie und Schulunterricht. Es ergibt sich damit aber auch folgendes, hinlänglich bekanntes Erziehungsschema: eine Person wird zuerst darin, wie sie bis anhin war, verunsichert und entwertet, um ihr dann eine neue Antwort aus der Landmark-Begrifflichkeit anzubieten. Akzeptiert sie diese, erhält sie Lob und Anerkennung. Die Verunsicherung funktioniert insbesondere auf dem Hintergrund der Grossgruppe besonders gut, bietet diese doch einerseits die Möglichkeit der Blossstellung und ruft sie doch andererseits automatisch unbewusst zur Anpassung, um sich ja nicht der Gefahr des Liebesentzuges auszusetzen. Die Gruppe, die sich zu Beginn ja noch fremd ist, wird im Verlauf des FORUMs dank der geteilten Begrifflichkeit und der so intensiv gemeinsam geteilten Zeit ja zunehmend zu einer Art Grossfamilie, angeführt durch die Leitung. Da der Einzelne die anderen aber nur fragmentarisch kennen lernt, verinnerlicht er v.a. die Person der Leitung. Generell erfolgt im FORUM eine Entwertung der Vergangenheit, um eine zwar offene Zukunft vorzuzeichnen, die aber natürlich nur in Landmark-Begriffen gefasst werden kann. Es erstaunt deshalb wenig, dass die Einzelperson versucht sein kann, ihre individuelle Vergangenheit und Identität durch eine Landmark-Identität zu ersetzen, die wesentlich von der Leitperson geprägt ist. Besonders eindrücklich wird dies an den feierlichen Versprechen gegen Schluss des dritten Tages mit der Formel: „Ich bin mein Wort. Ich nehme die Haltung ein, die Möglichkeit zu sein, … „. Die meisten (Selbst)Versprechen lauten dann sehr ähnlich auf Anerkennung, Erfolg, gute Beziehungen. Mitunter tauchen entlarvenderweise auch genau jene Werte wieder auf, die zu einem früheren Zeitpunkt lächerlich gemacht wurden, gewechselt wurden also nur die Fahnen. Die ‚philosophischen Untersuchungen‘ entpuppen sich als verdeckter Machtkampf. Das wird auch daran deutlich, dass die TeilnehmerInnen durch die Härte des Programms, den teilweisen Essens- und Schlafentzug, systematisch geschwächt werden. Auch das Verbot zu Notizen verhindert eine Möglichkeit zur kritischen Distanznahme zum Geschehen. Als Showmaster schliesslich gibt die Leitung unglaubliche Versprechen, drastische (bis menschenverachtende) Erläuterungen und macht paradoxe Aussagen; das FORUM hat auch einen erheblichen Unterhaltungswert. Der Leitperson erlaubt dies eine ansehnliche Selbstbestätigung und das Ausleben aggressiver und empathischer Gefühle.
Die Vermittlung der Lehrinhalte wird schliesslich noch angereichert durch Übungen. In der Angstübung wird zuerst versucht, sich selbst hypnotisch Angst einzujagen, um dann umgekehrt sich vorzustellen, die anderen hätten Angst. Das ganze wird dann aber als eine Art Witz deklariert. Dass dies besonders von bereits konstitutionell ängstlichen Menschen – und wer ist völlig frei davon? – aber als zutiefst verunsichernd erfahren werden kann, liegt auf der Hand.
Werner Erhard hatte gemeint, die buddhistisch-chinesische Zen-Philosophie habe ihn und est zentral geprägt. Auch im FORUM sind noch manche Parallelen zum Zen feststellbar, mindestens dem Anspruch nach: im FORUM-Begriff ‚Wahl‘ spiegelt sich die Zen-Grundhaltung einer bedingungslosen Akzeptanz des eigenen und fremden Schicksals. Auch in der Betonung des von der Vergangenheit möglichst unbeeinflussten ‚hier und jetzt‘ und in der Unterscheidung von Realität und ihrer Benennung trifft man sich. Man trifft sich sozusagen im Sitzen, der Haupttätigkeit beider Richtungen. Während allerdings die FORUMs-TeilnehmerIn vor allem zuhört, achtet man im Zen auf den eigenen Atem. Die Koans des Zen, die Rätselsätze oder -geschichten mit logischem Widerspruch, verdeutlichen die Absicht, das festgefahrene Denken, die ‚Nummern‘ des FORUMs, bzw. das Denken überhaupt zu unterlaufen. Wie Zen strebt auch das FORUM keine Anhäufung von Wissen, sondern eine Klärung und Leerung des Geistes in eine ungekannte Freiheit hinein an. Der Weg dazu ist auch im Zen extrem hart und mit strengen Verhaltensregeln und manchen brachialen, drastischen Lehrgeschichten versehen. Der Zen-Weg dauert aber im Prinzip ein Leben lang. Zwar ist es auch im Zen möglich, Satori, die Erleuchtung, spontan zu erhalten, Zen-Trainings von einigen wenigen Tagen Dauer sind aber erst eine moderne Erscheinung aus Japan. Diese ‚bompu-Zen‘ (s. Prof. Koji Sato und seine Zeitschrift Psychologia) genannten Zen-Kurztrainings sind es aber freilich, für die Erhard besondere Präferenzen zu hegen schien. Sie sollen die physische und geistige Gesundheit fördern und die Erleuchtung in ca. 2 bis 7 Tagen bringen. Das FORUM kann sich hier auf eine bereits massiv verwestlichte, konsumgerecht utilitarisierte Zen-Variante berufen. Der klassische Zen ist demgegenüber nie zu Ende und einsam, der Weg ins Unversicherbare findet keine neue (Zwischen)Heimat, keine neue (Landmark-)Sprache und keine neue (FORUM-)Grossfamilie. Vor allem aber übt sich der Zenmönch bezüglich seiner Durchbruchserfahrungen im angemessenen Schweigen und nicht im marktschreierischen Verkaufserfolg. Die Zen-fremden Elemente stammen vor allem aus zwei, allerdings miteinander verwandten Quellen (n. Max Weber): aus der bereits erwähnten westlichen Marktlogik und aus dem amerikanischen Puritanismus. Ist die Religiosität des Zen noch fraglich, stellt sich aber mit der zweiten Quelle folgende Frage:
Im FORUM wird kaum über Gott oder Religionen gesprochen. Verschiedene kirchliche Würdenträger, die das FORUM absolviert haben, sehen keine Konfliktpunkte mit dem christlichen Glauben. Das bedeutet aber keineswegs, dass beim FORUM keine religiösen oder ersatzreligiösen Aspekte vorhanden wären. Unter einer religionswissenschaftlichen Perspektive werden verschiedene Parallelen zu Abläufen deutlich, wie sie aus dem amerikanischen Evangelikalismus bekannt sind, insbesondere der Aufruf zum Schuldbekenntnis, die Offenbarung von Intimitäten, der bekehrungsartige ‚Durchbruch‘ und das bekenntnishafte Schlussversprechen. Auch das kompromisslose ‚entweder-oder‘ trägt pietistische Züge. Teilweiser Schlaf- und Essensentzug ist zudem aus vielen religiösen Strömungen und Sekten bekannt, ebenso die emotionale Abhängigkeit von der Gruppe, verbunden mit einer Entwertung der Aussenwelt. Die intensive Ausrichtung auf die Leitperson und das elitäre Bewusstsein, Träger einer neuen Botschaft zu sein, können auch beim einzelnen FORUMsteilnehmer sektenhafte Züge annehmen. Es erstaunt deshalb wenig, wenn Martin Lell nach dem FORUM überzeugt war, es handle sich um die neue Weltreligion. Die Pfarrer hielt er im Vergleich für kraftlose Schwätzer.
Die überwiegende Mehrheit der FORUMsabsolventInnen schätzt diesen Kurs als wichtige und prägende Lebenserfahrung. Dies macht eine Befragung von Landmark Education selbst (genauere Angaben zu Erhebungszeitpunkt und -art fehlen leider) und eine unabhängige Analyse durch den Sozialwissenschaftler D.Yankelovich deutlich. In der Tat ist die Erfolgsrate von Landmark Education beachtlich, die Euphorie am Ende des FORUMs scheint sich regelmässig einzustellen und verhältnismässig lange anzudauern. Landmark Education bieten ein Programm an, das Langeweile durch visionäres Engagement, Einsamkeit durch neue Beziehungen und Angst durch Euphorie ersetzt. Das Vorgehen ist dabei radikal-kompromisslos. ‚Schwächlinge‘ sind hier fehl am Platz, dafür wird mit umfassenden Vorabklärungen gesorgt. Die Verantwortung wird zudem vollumfänglich dem Einzelnen übertragen, er wird auf seiner ‚Achterbahn der Gefühle‘ schlingern gelassen. Hier liegt der vielleicht stossendste Punkt am FORUM, treten doch die meisten diesen Kurs mit Wünschen hinsichtlich besserer Beziehungen und eines befriedigenderen Lebens an. Die Offenlegung persönlicher Angelegenheiten bringt aber unweigerlich Verletzlichkeit mit sich. Das können die Teilnehmer im Voraus natürlich nicht abschätzen. Sowohl in der Schulmeister- als auch in der ‚gute Mutter‘-Rolle müsste die Kursleitung Verantwortung übernehmen. Die Gefahr, dass der/die Einzelne Bedenken und unangenehme Empfindungen verdrängt und sich damit unbewusst überfordert, ist ansonsten zu gross. Landmark Education bietet sozusagen psychologische ‚Akrobatikstunden ohne Auffangnetz‘ an. Den meisten macht das Spass, aber einige stürzen ab.
Mit dem christlichen Glauben stossen sich v.a. die Ausgrenzung und Vernachlässigung von Schwächeren – auch Mitleid scheint eher abgewertet zu werden – und die Tendenz, das eigene Bewirkenkönnen allmächtig aufzublasen.
Partnerprobleme sind dann zu vermuten, wenn lediglich eine/r sein Leben nach Landmark Education neu ausrichtet.
Was ist von dem physischen und psychischen Zusammenbruch zu halten, den Martin Lell in seinem Erfahrungsbericht beschreibt? Dieser scheinbar schon konstitutionell eher ängstliche, mit seiner Lebens- und Studiensituation unzufriedene und psychologisch eher unbedarfte Physikstudent wurde von der geballten Landmark-Ladung schlichtweg überrollt. Somatische Stresssymptome traten bei ihm mit der Angstübung auf und liessen ihn nicht mehr los. Der endgültige Zusammenbruch erfolgte nach dem Verlassen der bergenden Gruppe und der Konfrontation mit den widerständigen Eltern. Dass das FORUM bei ihm aber auch eine Entwicklung in Gang gesetzt hat, die ihn letztlich über seine eigene Angst hinauswachsen liess, beweist nicht zuletzt sein Buch, mit dem er auf mutige Art Landmark Education entgegentritt.