Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/223

Rückenschmerzen
Heutzutage gibt es kaum ein Beschwerdebild, das in Bezug auf die Häufigkeit sowie verursachenden Kosten eine derart steigende Tendenz aufweist wie muskuloskelettale Beschwerden, insbesondere Rückenschmerzen.
Fast jeder hat schon einmal erlebt, dass es im Kreuz zieht oder sticht. Statistische Auswertungen schätzen, dass ungefähr 8 von 10 Menschen irgendwann in ihrem Leben Rückenschmerzen erleiden. Bei rund 85% der Menschen mit Rückenschmerzen findet sich trotz intensiver Suche keine Ursache für die Beschwerden, es handelt sich dabei um nicht-spezifische Rückenbeschwerden (1). Im Falle von spezifischen Rückenschmerzen (15%) findet sich infolge einer klinischen Untersuchung eine klare Ursache, die für die Beschwerden verantwortlich ist.
Über die Entstehung sowie Ursachen von nicht-spezifischen Rückenbeschwerden sind sich die Experten weiterhin uneinig. Jedoch besteht in der Fachwelt grundsätzlich der Konsens, dass bei den meisten Menschen mit nicht-spezifischen Rückenbeschwerden eine komplexe Problematik aufgrund unterschiedlicher Risikofaktoren besteht (2):
• physiologisch-organisch: Durch den Mobilitätsverlust oder Funktionseinschränkungen kommt es zu einer Abnahme der körperlichen Fitness, was zu einer allgemeinen Dekonditionierung führt.
• kognitiv und emotional: erhöhte Empfindlichkeit gegenüber körpereigenen Signalen, Stimmungsschwankungen sowie katastrophisierende Vorstellungen (z.B. Mir ist nicht zu helfen. „Ich bin ein hoffnungsloser Fall“)
• sozial: Störung der sozialen Beziehungen (Familie, Partnerschaft) oder Probleme am Arbeitsplatz und im Beruf
Hinzukommen noch weitere Risikofaktoren wie genetische Veranlagung, einseitige Belastungen, Fehlhaltungen (z.B. langes Sitzen, langes Stehen, Arbeiten in gebeugter Haltung) sowie Übergewicht.
Interessanterweise waren chronische Rückenschmerzen bis zum 20. Jahrhundert eher die Ausnahme als die Regel. Heutzutage kommen sie doppelt so häufig vor wie noch im Jahr 1950 (3). Klinische Untersuchungen zeigen zudem, dass Rückenschmerzen keine altersbedingte Folgeerscheinung darstellen, wie in der Vergangenheit angenommen wurde, sondern viel eher im jüngeren Lebensalter starten. Eine grossangelegte Studie aus Dänemark mit 30000 Teilnehmern zeigte, dass bereits 20-Jährige in 50% der Fälle über mindestens eine Rückenschmerzattacke berichteten (4).
Aber warum leiden so viele Menschen in unserem westlichen Kulturkreis, trotz stetig steigender konservativer und operativer Therapiemassnahmen, unter Schmerzen am Bewegungsapparat, wohingegen Rückenschmerzen in vielen traditionellen Kulturen immer noch so gut wie unbekannt sind? (5–9).
Der Verlust der aufrechten Körperhaltung
Rückenschmerzen sind in den häufigsten Fällen ein Ergebnis der Körperhaltung und somit der Art und Weise, wie wir uns täglich bewegen. Wir haben aus den Augen verloren, wie eine gesunde und natürliche Haltung aussieht, geschweige denn sich anfühlt. Viele der genannten Risikofaktoren können durch eine physiologische gesunde Körperhaltung und Bewegungsausführung ausgeglichen werden. Ohne gute Körperhaltung bekommen diese Faktoren jedoch einen erheblichen Einfluss und können die Schmerzen auslösen bzw. verstärken.
Regelmässige, langanhaltende sitzende Tätigkeiten in der Arbeit und Freizeit, vor dem Computer, Smartphone oder Fernseher, sind in der westlichen Kultur für viele Menschen alltäglich geworden. Diese kulturelle Veränderung, die vor allem durch die Industrialisierung sowie Digitalisierung vorangetrieben wurde, hat viele Menschen vom natürlichen Körperbau und den kinästhetischen Traditionen entfernt – der Tradition guter Körperhaltung und ergonomischer Bewegung. Die daraus resultierende mangelnde Aktivität kombiniert mit der fehlenden körperlichen Ertüchtigung begünstigt die Entstehung von unausgeglichenen Spannungsverhältnissen und Verklebungen im umliegenden Gewebe. Die Folge sind unbewusste Haltungsanpassungen des Körpers, welche zu Dysbalancen, Dysfunkionen und schlussendlich zu chronischen Schmerzen des Halteapparates führen können.
Die aufrechte Körperhaltung ist die Grundvoraussetzung für ein harmonisches Zusammenspiel vieler Funktionen des menschlichen Körpers. Neben Schmerzen im muskuloskelettalen System, schlechter Verdauung, eingeschränkter Belüftung der Lunge mit infolge auftretenden Atemproblemen, kann sich eine unzureichende aufrechte Körperhaltung auch durch eine vaskuläre Minderversorgung des gesamten Systems bemerkbar machen (10). Zudem gibt es Hinweise, dass die Entstehung von psychischen Erkrankungen durch eine schlechte Körperposture begünstigt wird. Der umgekehrte Verlauf ist ebenfalls möglich, von der Funktionseinschränkung zur veränderten Körperhaltung.
Modell der aufrechten Körperhaltung
Um ein Modell für eine gesunde und schmerzfreie Haltung zu entwickeln, müssen wir zur Bewegung zurückkehren, wie sie früher normal war und heute noch in vielen Kulturen normal ist. Viele unserer Vorfahren bewegten sich intuitiv schmerzfrei. Babys sowie einige traditionelle Kulturen (5–9) auf dieser Welt wissen noch heute, wie schmerzfreie Bewegung funktioniert. Allen voran afrikanische und indische Frauen, die ihre Lasten auf dem Kopf tragen, ohne dabei Rücken- oder Kopfschmerzen zu erleiden. Anstatt passiv unter der Last zu stehen und ihre Wirbelsäule zu komprimieren, kontrahieren sie aktiv ihr myofasziales Rumpfkorsett und schützen dadurch ihre Bandscheiben vor der Druckbelastung.
Folgerichtig zeigen solche Völker verringerte Abnützungen in der Wirbelsäule sowie einen stabilen Abstand im Intervertebralraum, sprich in dem Raum, in welchem sich die Bandscheibe befindet, im Vergleich zur westlichen Bevölkerung. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bestimmte traditionelle Völker mit 50 Jahren einen Intervertebralraum besitzen wie jener von 20-Jährigen in der westlichen Zivilisation (11–14). Irrtümlicherweise werden solche Schäden an der Wirbelsäule im westlichen Kulturkreis als normal angesehen und als Alterserscheinung akzeptiert.
Aus der medizinischen Literatur ist zudem bekannt, dass eine neutralere Ausrichtung im Becken- und Lendenwirbelsäulenbereich an der senkrechten Linie mit weniger Rückenschmerzen korreliert. Eine verstärkte BWS-Kyphose führt bekanntlich zu einem nach vorne translatierten Kopf, einem der häufigsten beschrieben posturalen Anpassungsmuster in der Fachliteratur, welcher für Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Kieferproblemen, usw. mitverantwortlich gemacht wird (15). Das Hohlkreuz (verstärkte LWS-Lordose) ist einer der grössten Risikofaktoren für Rückenschmerzen. Menschen mit einer stärkeren Lendenwirbelsäulenkrümmung zeigen viel häufiger Rückenschmerzen als umgekehrt (11,16). Durch das Wiederherstellen natürlicher Körperhaltung und Bewegungsmuster packen Sie das Übel an der Wurzel.
Quellen:
1. Abraham I, Killackey-Jones B. Lack of evidence-based research for idiopathic low back pain: the importance of a specific diagnosis. Arch Intern Med. 2002 Jul 8;162(13):1442–4; discussion 1447.
2. Linton SJ. A review of psychological risk factors in back and neck pain. Spine. 2000 May 1;25(9):1148–56.
3. Harkness EF, Macfarlane GJ, Silman AJ, McBeth J. Is musculoskeletal pain more common now than 40 years ago?: two population-based cross-sectional studies. Rheumatology. 2005 Jul 1;44(7):890–5.
4. Leboeuf-Yde C, Kyvik KO. At what age does low back pain become a common problem? A study of 29,424 individuals aged 12-41 years. Spine. 1998 Jan 15;23(2):228–34.
5. Anderson RT. An orthopedic ethnography in Rural Nepal. Med Anthropol. 1984 Jan 1;8(1):46–59.
6. Dixon RA, Thompson JS. Base-line village health profiles in the E.Y.N rural health programme area of north-east Nigeria. Afr J Med Med Sci. 1993 Jun;22(2):75–80.
7. Epidemiology of rheumatic disease in rural Thailand: a WHO-ILAR COPCORD study. Community Oriented Programme for the Control of Rheumatic Disease [Internet]. ResearchGate. [cited 2019 Apr 4]. Available from: www.researchgate.net/publication/13607833_Epidemiology_of_rheumatic_disease_in_rural_Thailand_a_WHO-ILAR_COPCORD_study_Community_Oriented_Programme_for_the_Control_of_Rheumatic_Disease
8. Epidemiology of rheumatic diseases in rural and urban populations in Indonesia: a World Health Organisation International League Against Rheumatism COPCORD study, stage I, phase 2. [Internet]. [cited 2019 Apr 4]. Available from: www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1004706/
9. The epidemiology of low back pain in the rest of the world. A review of surveys in low- and middle-income countries [Internet]. ResearchGate. [cited 2019 Apr 4]. Available from: www.researchgate.net/publication/13960019_The_epidemiology_of_low_back_pain_in_the_rest_of_the_world_A_review_of_surveys_in_low-_and_middle-income_countries
10. Warburton DER, Nicol CW, Bredin SSD. Health benefits of physical activity: the evidence. CMAJ Can Med Assoc J. 2006 Mar 14;174(6):801–9.
11. Jackson RP, McManus AC. Radiographic analysis of sagittal plane alignment and balance in standing volunteers and patients with low back pain matched for age, sex, and size. A prospective controlled clinical study. Spine. 1994 Jul 15;19(14):1611–8.
12. Fahrni WH, Trueman GE. COMPARATIVE RADIOLOGICAL STUDY OF THE SPINES OF A PRIMITIVE POPULATION WITH NORTH AMERICANS AND NORTHERN EUROPEANS. J Bone Joint Surg Br. 1965 Aug;47:552–5.
13. Fullenlove TM, Williams AJ. Comparative roentgen findings in symptomatic and asymptomatic backs. Radiology. 1957 Apr;68(4):572–4.
14. Hult L. The Munkfors investigation; a study of the frequency and causes of the stiff neck-brachialgia and lumbago-sciatica syndromes, as well as observations on certain signs and symptoms from the dorsal spine and the joints of the extremities in industrial and forest workers. Acta Orthop Scand Suppl. 1954;16:1–76.
15. Silva AG, Punt TD, Sharples P, Vilas-Boas JP, Johnson MI. Head posture and neck pain of chronic nontraumatic origin: a comparison between patients and pain-free persons. Arch Phys Med Rehabil. 2009 Apr;90(4):669–74.
16. Smith A, O’Sullivan P, Straker L. Classification of sagittal thoraco-lumbo-pelvic alignment of the adolescent spine in standing and its relationship to low back pain. Spine. 2008 Sep 1;33(19):2101–7.