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In meiner Studienzeit an der Universität Zürich war mir einer der Professoren besonders wichtig. Jacques Geninasca, der inzwischen verstorben ist, war ein strenger, fordernder Lehrer, der ganz klare Vorstellungen darüber hatte, wie man literaturwissenschaftlich arbeiten sollte. Vor ihm hatte ich grossen Respekt.
Seine Methode orientierte sich an der französischen Semiotik, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in Paris entwickelt worden war. Es ging Geninasca darum, auch in den Geisteswissenschaften so präzise vorzugehen, wie man das aus den Naturwissenschaften kennt. Ziel war eine Theorie, die erklärt, wie Texte Bedeutung entstehen lassen.
Jacques Geninasca war unerbittlich mit uns Studierenden, wenn wir Textinterpretationen nicht mit einer genauen Analyse belegten und Begriffe verwendeten, die nicht sorgfältig und eindeutig definiert waren. Ich zitterte immer wieder ein bisschen, wenn ich ihm meine Arbeiten vorlegte, die er dann mit unzähligen kritischen Anmerkungen versah.
In den Herbstferien stiess ich wieder auf ein Buch aus dem Kreis der französischen Semiotiker, in dem die Situation der «humiliation didactique» («Didaktische Demütigung») beschrieben ist. Nach Algirdas Julien Greimas und Jacques Fontanille ist es in der Schule so, dass die Lehrpersonen bei den Lernenden grundsätzlich Unwissen voraussetzen. Prüfungen hätten immer wieder die Funktion, die Lücken zu definieren, welche dann vom wissenden Lehrer gefüllt würden. Diese Situation sei zwar im Prinzip demütigend, aber sozial völlig akzeptiert.
Selbstverständlich haben Lehrpersonen durch ihre Studien, ihre Erfahrungen in vielen Bereichen einen Vorsprung. Zwischen Lehrenden und Lernenden muss deshalb von einem Wissensgefälle ausgegangen werden. An einer guten Schule werden diese Unterschiede aber nicht in einer demütigenden Weise betont. Im Gegenteil: Wenn man dem Bildungsforscher John Hattie folgt, so ist diejenige Lehrperson am erfolgreichsten, welche den Kenntnisstand der einzelnen Schülerinnen und Schüler kennt und diesen als Ausgangspunkt für seinen Unterricht nimmt. Es geht nicht um das Wissensdefizit im Vergleich zum Lehrer, sondern um den Boden, auf dem das Wissen der Lernenden weiterentwickelt werden kann.
Beim eingangs erwähnten Professor Geninasca war das Eindrücklichste, dass er uns Studierenden von Woche zu Woche in den Vorlesungen zeigte, wie er mit seinen Forschungsarbeiten vorankam. Wir nahmen gewissermassen am Entstehen seiner Theorien teil. Er war als Professor selber ständig ein Lernender, dies erfüllte mich mit Respekt. Und ich empfinde grosse Dankbarkeit, denn ich habe viel von ihm lernen können.
Martin Zimmerman
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