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Die “Kanamari“ nennen sich selbst “Tukuna“, eine Bezeichnung, die in ihrer Sprache “Leute“ bedeutet, und die sie auf alle Völker die linguistischen Familie “Katukina“ anwenden. Trotz der Feindschaften, welche das 20. Jahrhundert ihnen bescherte, besonders die wachsende und gewaltsame Invasion der Nicht-Indios, haben die Kanamari es verstanden, sich den Reichtum und die Komplexität ihrer Sprache, Mythologie und ihrer Rituale zu bewahren.
Kanamari

Andere Namen: Canamari, Tukuna

Sprachfamilie: Katukina
Population: 3.167 (2010)
Region:Bundesstaat Amazonas
|INHALTSVERZEICHNIS|
Sprache und Lebensraum
Demografie und Jahreszeiten
Geschichte des Erstkontakts
Die Zeit von Tamakori
Die Zeit des Gummis
Die Zeit der FUNAI
Gesellschaftliche Organisation
Dörfer und Führer
Kosmologie, Rituale und Schamanentum>
Schamanentum
Rituale
Quellenangaben
Ursprünglich lebten die Kanamari an den Nebenflüssen des oberen und mittleren Rio Juruá, im Bundesstaat Amazonas, wo die Mehrheit von ihnen auch heute noch ansässig ist. Sie haben sich auch in der Nähe von Zuflüssen dieses Stroms niedergelassen, wie zum Beispiel am oberen Rio Itaqui, an Nebenflüssen des Rio Javari und auch in weiter abgelegenen Gebieten, wie am mittleren Rio Javari und am Rio Japurá.
Sie sind heute verteilt auf verschiedene Indio-Territorien (ITs): Im “IT Vale do Javari“, zum Beispiel, wo sie die Flüsse Curuçá, Javari, Itaquaí und Jutaí – im “IT Mawatek“, die südliche Fortsetzung des “IT Vale do Javari“, einschliesslich der linksseitigen Zuflüsse des mittleren Juruá – im “IT Kanamari“, gelegen an den rechtsseitigen Zuflüssen des Rio Juruá, unterhalb des Ortes Eirunepé – und in zwei kleineren Gebieten am Rio Japurá, Maraã und Paraná do Paricá. Ausserdem existiert noch eine Gruppe von zirka 60 Kanamari, die sich innerhalb einer “Tikuna“-Kommune am oberen Rio Solimões aufhalten, die sich “Umariaçú“ nennt. Die Kanamari bestätigen des Weiteren die Existenz einer kleinen Gruppe ihres Volkes, die am Rio Juruá leben soll, oberhalb der Stadt Cruzeiro do Sul.
Die Kanamari sprechen eine Sprache der linguistischen Familie Katukina. Es gibt einige Variationen zwischen den Dialekten der verschiedenen Untergruppen, die sich jedoch aufgrund von Einheiraten weniger akzentuiert gestalten. In der Vergangenheit, vor dem Kontakt, waren die Katukina sprechenden Individuen wesentlich zahlreicher als heute.
Der Terminus “Kanamari“ existiert nicht in ihrer traditionellen Sprache, die Herkunft des Wortes liegt im Dunkeln. Die Kanamari bezeichnen sich selbst und andere Katukina sprechende als “Tukuna“, ein Terminus der wie erwähnt “Leute“ bedeutet, und der die benachbarten Ethnien der “Pano“-Sprache, “Arawá“ und “Ticuna“, ausschliesst.
Zwei Faktoren haben die Identifizierung der “Kanamar“ kompliziert: Der Gebrauch der Namen “Kanamari“ und “Katukina“ in Referenz auf indigene Gruppen, die nicht die Katukina-Sprache sprechen, sowie die Unterscheidungen durch die ersten Besucher und durch die Kanamari selbst bei ihren verschiedenen Untergruppen – “Dyapa“. Es gibt wenigstens eine Gruppe, die “Katukina“ genannt wird, aber eine Sprache aus der Pano-Familie benutzt und am oberen Rio Juruá, im Bundesstaat Acre, lebt.
Tastevin argumentiert, dass es für die Mehrheit der ersten weissen Forschungsreisenden nur zwei “Typen“ von Eigeborenen am Rio Juruá gab: Die kriegerischen “Kaxinawa“, die praktisch alle der Pano-Gruppe angehörten, und die friedfertigen “Kanamari/Katukina/Kulina“, die in der Regel den Katukina- und Arawá-Gruppen der Region entstammten. Einige Kommunen, die eigentlich nicht in jene zweite linguistische Kategorie gehörten, akzeptierten jedoch sofort die “falschen“ Bezeichnungen, welche sie dadurch auf die “friedfertige Seite“ der Dichotomie (Zweiteilung) gesetzt wurden, um auf diese Weise den von ihren neuen, nicht-indigenen Nachbarn organisierten Massakern, zu entgehen.
Die Kanamari sind ein sehr bewegliches Volk, und wenn man unter ihnen eine Volkszählung durchführen will, ist das ein schwieriges Unterfangen. Ihre Dörfer können sich ganz plötzlich mit Besuchern füllen – einige bleiben eine Weile, andere ziehen bald wieder weiter. Das weite Gebiet, in dem sie leben, macht die Aufgabe nur noch schwieriger. Eine Zählung der Kanamari, durchgeführt von der Funasa, schätzte dieses Volk im Jahr 2006 auf 1.654 Personen. Im Jahr 2010 war diese Zahl auf 3.167 angewachsen.
Der Jahreszyklus teilt sich in zwei Jahreszeiten: die Trockenperiode – von April bis September – und die Regenperiode – von Oktober bis März. Die Übergangsperiode wird in Portugiesisch “Friagem“ (Frost) genannt und “Poru“ in der Sprache der Kanamari. Jede Jahreszeit ist unterteilt in trockenere und regnerischere Perioden. Beide Jahreszeiten sind durch zwei gegensätzliche Bewegungen charakterisiert: Während der Trockenperiode findet die Trennung der familiären Einheiten statt – durch Jagdexpeditionen und Einfangen von Schildkröten an den Flussstränden, die sich durch den fallenden Wasserspiegel bilden. Diese Bewegungen geschehen meist in kleineren Verbänden, können jedoch auch ganze Dörfer einbeziehen, wenn sie von einer Kernfamilie mit ihren verheirateten Söhnen und deren Anhang durchgeführt werden. Solche “Reisen“ bringen die Kanamari oft auch in Städte wie Atalaia do Norte und Eirunepé.
Die Trockenperiode ist auch die Zeit der Rituale, besonders des “Pidah-pa“ – ein Ritual, welches das Ende einer Trauerperiode anzeigt. Das “Kohana-pa“ ist ein Ritual, in dem die Kanamari den Besuch der Toten empfangen – auch das ist in dieser Periode häufig. Solche Rituale können nur auf die Bewohner eines einzigen Dorfes begrenzt sein, oder, besonders beim “Pidah-pa“, auch Personen einbeziehen, die von weit her kommen – besonders wenn es sich um die Endphase eines Trauerrituals handelt, das einem bekannten Führer oder Schamanen gewidmet ist, der weit über die Grenzen eines Dorfes bekannt und beliebt war.
Während der Regeperiode verhält sich die Dorfeinheit emphatisch – nur kleinere Ausflüge werden unternommen. Die Menschen tendieren dazu, sich mit den nächsten Verwandten zusammenzutun, gemeinsam zu jagen und zu essen, sie meiden den Kontakt mit den Nachbardörfern. Kleinere Aktionen zum Sammeln von Waldfrüchten sind üblich. Und in dieser Zeit erntet man die Pupunha und die Açaí – Früchte von Palmen, die an bestimmten Stellen in Gruppen wachsen. Solche Bewegungen beziehen dann die alle Mitglieder des Dorfes mit ein, die dann die entsprechenden Getränke aus diesen Früchten herstellen und später auch zusammen konsumieren.
Die Weite des von den Kanamari besetzten Gebietes, die Vielfalt an Erfahrungen mit den Nicht-Indigenen in der Vergangenheit und der Gegenwart, sowie die Tatsache, dass die ersten Weissen in die Juruá-Region wahrscheinlich vor zirka 150 Jahren eingedrungen sind, erschweren genauere Feststellungen über den Erstkontakt. Also erzähle ich die Geschichte ihres Kontakts in diesem Fall so, wie sie mir von den Kanamari vom Rio Itaquaí selbst berichtet wurde. Während der erste Teil wahrscheinlich auch für andere Gebiete gilt, berichtet der zweite von der Kanamari-Gruppe die an diesem Fluss wohnt.
Die Kanamari sagen, dass sie von dem Kulturhelden “Tamakori” geschaffen wurden, der sie dann am Mittleren Juruá zurückliess, um weiter den Fluss hinabzuziehen, wo er beim heutigen Manaus die Weissen erschuf. In seiner Abwesenheit blieben die Kanamari dort, wo Tamakori sie zurückgelassen hatte, aufgeteilt in Untergruppen, zwischen denen sie rituelle Beziehungen unterhielten. Auf diese Periode beziehen sich die Kanamari als die “Zeit von Tamakori“, und sie endet mit der Ankunft des ersten Weissen am Rio Juruá, einem Mann, den sie “Jarado“ nennen. Er kam vom Unterlauf des Flusses herauf, aus Manaus, wo Tamakori seine Vorfahren erschaffen hatte. Während er reiste, “markierte er die Erde mit Holzstangen“, um so die Grenzen zukünftiger Städte und der späteren Latex-Sammellager festzulegen.
Zu jener Zeit gab es keine Motoren, also musste Jarado gegen den Strom des Juruá paddeln, und an der Mündung eines Nebenflusses, den sie “Toriwá“ nennen, begegnete er einer Gruppe der Kanamari, wahrscheinlich den “Potyo-dyapa“. Diese Kanamari nannten ihn “Tawari“, eine Bezeichnung, die als “ritueller Partner“ übersetzt werden kann. Jarado gab ihnen Objekte aus Metall, Instrumente zum Fischen, Nägel und Töpfe. Im Gegenzug boten ihm die Kanamari geräuchertes Fleisch und Chicha aus Manioksaft an. Er setzte seine Reise flussaufwärts fort, und bei seiner Rückkehr erzählte er den Kanamari, wie er mit den “Kaxinawa“ gekämpft hatte, wobei er deren Wildheit mit der Freundlichkeit der Kanamari verglich. Wieder tauschten sie gegenseitig Geschenke aus, bevor Jarado seine Reise den Fluss hinunter, in Richtung Manaus, fortsetzte, und danach hat ihn niemand je wieder gesehen.
Jarados Abschied prägte den Beginn der “Zeit des Gummis“, wie sie von den Kanamri genannt wird. Und wenn sie sich an Jarado als einen grosszügigen Zeitgenossen erinnern, so betrachten sie jene Weissen, die danach in ihr Gebiet einfielen, als das genaue Gegenteil. Anfangs, so scheint es, arbeiteten die Kanamari noch nicht für die Chefs der Latex-Sammler, sondern hielten sich in ihren Kommunen auf, besuchten jedoch die Weissen am Juruá zum Tauschen von Produkten, unter der Vermittlung ihrer Häuptlinge. Nach dem Tod einiger bedeutender Häuptlinge jedoch, begann eine Periode intensiver Veränderungen – viele Kanamari begannen in den Latex-Lagern zu arbeiten. Aber die Knauserigkeit und Grausamkeit jener Lager-Chefs konnten sie bald nicht mehr ertragen und entschlossen sich, einem Häuptling zum Rio Itaquaí zu folgen, wo es keine Weissen gab.
Anfangs liessen sie sich am Oberlauf des Rio Itaquaí nieder. Die Präsenz der Gummisammler am Rio Juruá hatte eine Reihe von späteren Abwanderungen von diesem Fluss zum Rio Itaquaí zur Folge. Aber bald darauf drangen die Weissen auch zum Itaquaí vor, anfangs kamen sie vom Unterlauf her – aus dem Gebiet des Javari und oberen Solimões – und später erreichten sie auch den Oberlauf des Itaquaí, vom Juruá kommend, über Varadouros. Am Anfang sorgten zwei Häuptlinge dafür, dass die von den Weissen erhaltenen Produkte verteilt wurden, und dass die Distanz zwischen den Kanamari und den Gummisammlern aufrechterhalten wurde. Jedoch der Tod von beiden, gegen Ende der 1950er Jahre und Anfang der 1960er, führte zu einer weiteren Periode intensiver Bewegung. Einige Kanamari folgten einem Chef der Latexsammler zum Rio Curuçá und danach zum Rio Javari, wo viele bis heute leben. Andere begannen ein mehr oder weniger konstantes Leben auf Fazendas oder in den Kolonien weisser Siedler, während einer Periode des Jahres, indem sie Latex sammelten oder Bäume fällten. Ihre Dörfer verkleinerten sich und beschränkten sich auf einen kleinen Abschnitt des Flusses. Die Kanamari von Itaquaí erinnern sich an diese Periode unter der Bezeichnung: “Als wir bei den Weissen lebten“.
Die “Zeit des Gummis” endete schliesslich mit der Ankunft der FUNAI im Jahr 1972, und besonders einer paradigmatischen Figur: dem Senhor Sebastião Amâncio, bekannt in der Region unter seinem Spitznamen “Sabá Manso“ (der zahme Sabá), damals Chef der “Vorgeschobenen Basis am Solimões (BFSOL)“. Ein untergeordneter Posten wurde im Dorf “Massapê“ installiert, und man begann mit einem Vertreibungsprozess der nicht-indigenen Bevölkerung der Region, der erst im Jahr 2002 abgeschlossen wurde. Woran sich die Kanamari aus dieser Zeit am besten erinnern, ist die grosse Menge an Industriegütern, die damals von der FUNAI verteilt wurde.
Die Institution nahm ihnen auch sämtliche Schulden gegenüber den “Patrões“ der Latexsammler ab und nominierte neue Häuptlinge, denn seit dem Tod der letzten beiden waren sie ohne zentrale Führung gewesen. Jedoch, indem die FUNAI Güter verteilte, die Kanamari in ihren Dörfern besuchte und einen Posten einrichtete, der von einem ihrer Postenchefs besetzt werden sollte, der in ihren Dörfern wohnen würde, das – so sehen es die Kanamari – bedeutete in Wirklichkeit, dass sich die FUNAI als ihr “Chef“ propagierte, den sie nicht hatten. Also identifizierten sie die FUNAI nicht als “I-tawari“ (rituellen Partner), wie sie es mit Jarado getan hatten, sondern als “Tyo-wara“ (unseren Körper/Chef/Besitzer). Und auch die heutige Zeit bezeichnen die Kanamari noch als “Zeit der FUNAI“, in der sie leben – obwohl von der heutzutage keine Güter mehr unter sie verteilt werden, so wie damals.
Heute gibt es auch keine Weissen mehr im Gebiet des Rio Itaquaí, der im Innern des “IT Vale do Javari“ verläuft. Schätzungen geben an, dass sich bei Ankunft der FUNAI am Itaquaí zirka 200 Weisse an diesem Fluss aufhielten, etwas weniger als die Anzahl der Kanamari selbst. Dies zwang die Indios, sich in wenigen Dörfern innerhalb einer begrenzten Region aufzuhalten. Die Weissen besetzten die anderen Gebiete und verboten den Kanamari, ihre Ressourcen zu benutzen. Als die FUNAI damit begann, die Weissen zu vertreiben, schlug man den Kanamari vor, an den Rio Javari umzuziehen, wo sie sich näher an der Stadt Atalaia do Norte befänden, um sie dort besser versorgen zu können. Viele kamen dem nach, aber die Mehrheit kehrte zurück an den Rio Itaquaí.
Der Zweigposten von “Massapê“, heute “Posto Indigena Massapê“ benannt, wurde wieder eröffnet, und die FUNAI versuchte während 1980, alle Kanamari in einem einzigen Dorf zusammenzufassen. Die Kanamari hegen unterschiedliche Gefühle bezüglich jener Periode, denn obwohl die FUNAI erneut eine Menge der beliebten Industriegüter verteilte, war die Erfahrung, in einem einzigen grossen Dorf zu leben, für die meisten unbefriedigend.
Als dann die Weissen endlich alle verschwunden waren, begannen die Kanamari sich erneut auf mehrere kleinere Dörfer zu verteilen, mit der erforderlichen Distanz zwischen ihnen. Heute kann man am Itaquaí drei Kommunen unterscheiden: die “Kadyikiri-dyapa“ (Totenkopfaffen-Gruppe), am Oberlauf des Flusses, die “Bin-dyapa“ (Auerhahn-Gruppe), am mittleren Abschnitt, und die “Potyodyapa“ (Ameisenbär-Gruppe) am Unterlauf. Durch eine Reihe ehelicher Verbindungen existiert eine vierte Untergruppe, die “Hityam-dyapa“ (Wildschwein-Gruppe), deren Mitglieder sich entlang des Flusses verteilt haben.
Die Kanamari teilen sich in Untergruppen auf, die jeweils den Namen eines Tieres tragen, gefolgt von der Endung “-dyapa“ (-leute). Früher waren ihre Gruppen-Bezeichnungen von bestimmten Flüssen abgeleitet, an denen die jeweiligen Gruppen ansässig waren. Sie kennen eine ganze Anzahl von namentlichen Untergruppen, und sie behaupten, dass es ausserhalb der Grenzen ihres Territoriums weitere Untergruppen geben kann. Deshalb begreift sich die Kanamari-Gesellschaft nicht als eine geschlossene, sondern als fragmentierte und auseinander gerissene Gesellschaft.
Ursprünglich, bevor die Weissen kamen, so bestätigen sie, waren die einzelnen “-dyapa“ beschränkt auf ein paar Nebenflüsse des Rio Juruá, mit dem sie sich immer noch identifizieren. Und damals heirateten jene Untergruppen auch nicht untereinander, sondern unterhielten lediglich rituelle und kommerzielle Beziehungen, die gelegentlich auch in feindliche Auseinandersetzungen eskalierten.
Aus historischen Gründen jedoch begann ein Auflösungsprozess der Endogamie zwischen den Untergruppen. Die Anwesenheit der Nicht-Indigenen, sowie interne Rivalitäten führten zu Mischehen und Verlegungen, die zu neuen Konfigurationen führten, in denen die Endogamie-dyapa als Norm nicht mehr existierte.
Die Untergruppe wird definiert nach der Distanz, die sie zwischen einander festgelegt haben. Während einige Untergruppen geradlinige Verbindungen bilden, schliessen sie andere –dyapa von diesen Verbindungen aus. Diese Dynamik von Nähe und Distanz ist ein integrierter Teil ihrer gesellschaftlichen Konfiguration und, obgleich die Annäherung zwischen einigen Untergruppen von gewisser Dauer ist, tendieren die meisten dieser Beziehungen zur Kurzlebigkeit. Häufig resultieren wiederholte Allianzen zwischen Untergruppen-dyapa in gegenseitiger Anpassung, wie das mit der “Dom-dyapa“ (Fisch-Gruppe) geschah, deren Mitglieder heute fast als integrierter Teil der “Bin-dyapa“ angesehen werden. Solche Fälle gibt es meistens dann, wenn der Chef einer Untergruppe stirbt, ein Umstand, der die Überlebenden dazu zwingt, sich nach einem neuen Chef umzusehen, selbst wenn dieser an andere Untergruppen gebunden sein sollte.
Die Kanamari haben kein bestimmtes Wort für Dorf, es sei denn, man benutzt den Terminus “Hak nyanim“, so nannten sie das Konglomerat ihrer Hütten, und es bedeutet wörtlich “grosses Haus“. Die Mehrheit der Kanamari hörte in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf, ihre traditionellen Hütten, oder Häuser, zu bauen – als sie mit der intensiven Arbeit bei den Weissen anfingen.
Heute bauen sie ihre Häuser im regionalen Stil, in der Regel haben sie davor einen Hof (Hokanim). Wenn sie sich auf die Bewohner eines bestimmten Dorfes beziehen, sagen sie den Namen des Ortes oder seines Häuptlings, gefolgt von dem Anhängsel “-warah“. Dieses Anhängsel bedeutet simultan “Chef/Körper/Besitzer“. Ein Wortgefüge wie zum Beispiel “XY-warah“ bedeutet “alle, deren Körper/Chef/Besitzer der “XY“ ist. Die Kanamari betonen immer wieder, dass sie gerne wieder mit ihren “tatsächlichen Verwandten“ leben würden, aber der historische Prozess, der durch den Kontakt mit den Weissen eingeleitet wurde, hat das unmöglich gemacht, sowohl durch die geografische Entfernung zwischen Mitgliedern einer selben Untergruppe, als auch durch die Tatsache, dass sie inzwischen mit “Nicht-Verwandten (-wihnim tu) zusammenleben.
Es gibt schon keine genauen Grenzen mehr zwischen den einzelnen Untergruppen, und die wiederholten Mischehen führten zu Personen, die sich identifizieren und identifiziert werden, als eine Pluralität der “-dyapa“. Und obgleich die Kanamari Personen anderer Untergruppen nicht als Verwandte bezeichnen oder höchstens als entfernte Verwandte, wissen sie doch, dass ihr Zusammenleben dazu führt, dass die Abstufungen zwischen “echten Verwandten“ und “Nicht-Verwandten“ sich zunehmend verwischen. In dieser Konstellation taucht die Figur des „echten Verwandten“ als eine Seltenheit auf, und die Spannung zwischen einer Neugründung der Untergruppen-Integrität und der Akzeptanz der gegenwärtigen Bedingungen, in kleinen verwandtschaftlichen Inseln zu leben, das ist es, was die Kanamari-Gesellschaft umtreibt.
Die Kanamari haben sich, angesichts dieser Situation, zwei kontrastierenden Lösungen geöffnet. Am Rio Itaquaí, zum Beispiel, sind die grösseren und älteren Dörfer unterteilt in andere, kleinere, von unterschiedlichem Aussehen, die jedoch den Versuch machen, die Endogamie wieder aufleben zu lassen. Die kleinen Dörfer entstehen, um Personen derselben Untergruppe, oder von alliierten Untergruppen, in sich zu vereinen, sodass heute die Region Itaquaí in drei Basisgruppierungen unterteilt ist.
Die andere Lösung bezieht sich ebenfalls auf den Versuch einer Neustabilisierung der Autonomie der Untergruppen, aber in diesem Fall in einer anderen Richtung – die Personen begeben sich zu weit entfernten Flüssen, um dort mit ihren “Verwandten“ zu leben. Ein jüngeres Beispiel dafür ist die gemeinsame Abwanderung der “Bin-dyapa“ (Auerhahn-Gruppe), die vom Rio Komaronhu, im IT Mawetek, zum Itaquaí abwanderte – die meisten von ihnen liessen sich an einem Ort in der Nähe des Dorfes “Bin-dyapa“ am Massapê nieder.
Die Welt in der die Kanamari leben, ist das Ergebnis eines Einsturzes des “Antiken Himmels“ (Kodoh Kidak) und der darauf folgenden Ankunft des Schöpfer-Heldens Tamakori. Erzählt wird, dass der Frosch Piyoyom einen Pfeil in den antiken Himmel geschossen hat, der, weil er damals dicht über den Köpfen der Personen verlief, zerbrach. Die zersplitterten Teile des Himmels schufen den Wald und den Erdboden, auf dem wir gehen. Über dem antiken Himmel wurde der “Neue Himmel“ (Kodoh Aboawa) sichtbar, der sich weit weg von der Erde befindet.
Die Kanamari leben in “Ityonim“, was man als “Welt“ oder “Wald“ übersetzen kann, aber auch als “Zeit“. Im Himmel existiert der “Innere Himmel“ (Kodoh Naki), wo die Götter (Kohana) leben. Wenn jemand stirbt, kommen die Kohana auf die Erde, um die Seele (Ikonanim) in den Inneren Himmel zu bringen, sie benutzen dazu den Regenbogen als Brücke. Die Reise ist lang, und wenn der Verstorbene ein Erwachsener ist, macht sie ihn wieder jung. Jeder im Inneren Himmel ist jung.
Wenn die Seele den Himmel erreicht, findet sie ihre Hängematte bereits vorbereitet und kann sich ausruhen von den Anstrengungen der Reise. Dort trinkt die Seele “Koya“, den Nektar der Kohana, und er erhält einen Körper aus Buriti-Palmblättern, zusammen mit der Anweisung: “Von jetzt an kümmern wir uns um dich. Du kehrst nicht in den Wald zurück“. Nun ist die Seele zum “Kodoh-warah“ – Körper/Chef/Besitzer des Himmels – geworden, so wie die anderen Kohana.
Die Zeit zwischen dem Tod und dem Erhalt eines neuen Körpers im “Inneren Himmel“ entspricht der Zeit der Trauer (Mahwa) auf der Erde. Die Kanamari-Seelen besitzen zwei miteinander verbundene Eigenschaften: Sie sind äusserst beweglich und versuchen stets, sich in einem Körper festzusetzen. Die Arbeit der Körper besteht darin, den Transit der Seelen zu kontrollieren, so wie die Dorfhäuptlinge den Transit der Kanamari auf Erden kontrollieren.
Während der Trauerperiode bewegt sich die Seele unruhig zwischen Himmel und Erde. Wenn sie auf der Erde ist, nähert sie sich den Körpern ihrer Verwandten, besonders denen der kleinen Kinder, die davon erkranken. Die Seele muss dann “fortgeblasen“ werden, von einem Mann, der den Saft des “Omamdak“ getrunken hat – jeder erwachsene Mann hat diese Fähigkeit.
Der Terminus für “Seelen“ – sowohl bei Menschen wie bei Tieren – ist “Tukuna ikonanim“ und bedeutet wörtlich “Seelen-Person“. Die Mehrheit der Tiere hat ein ähnliches Schicksal. Nach dem Tod reisen ihre Seelen in den “Inneren Himmel“, wo sie ebenfalls, nach einer Erholungspause, einen neuen Körper erhalten. Aber in der Zwischenzeit, zwischen Tod und neuem Körper, versucht die Tierseele, so wie die menschliche, ebenfalls in die Körper der Lebenden einzudringen.
Nach dem Einstürzen des Antiken Himmels und der Entstehung der heutigen Welt, hat sich die Entfernung zwischen Himmel und Erde so enorm vergrössert, dass es unmöglich geworden ist, ihn mit normalen Mitteln zu erreichen. Trotzdem gelang es dem mächtigen Schamanen “Dyanim“ vor kurzem, zum Inneren Himmel mit Hilfe seiner familiären Geister (Dyohko) aufzusteigen. Und von dort aus berichtete er den Kanamari, was er über das Leben der Kohana herausgefunden hatte. Er sagte, dass alles, was es auf der Erde gäbe, auch dort existiere, mit dem einzigen Unterschied, dass alle nach ihrem Tod dort zu “Verwandten“ würden. Es gibt keine Untergruppen im Inneren Himmel, keine Unterschiede zwischen den Menschen. Dort leben sie in einer Gemeinschaft, ohne Konflikte: die Kanamari unter sich – die Gruppen der Pano-Sprache, mit denen die Kanamari auf der Erde andauernd Krieg führen – die Kulina, mit denen sie eine spannungsgeladene Beziehung unterhalten – und die Weissen, die während der letzten 150 Jahre ihr grösstes Leiden verschuldet haben. Sie alle werden von den “Körpern/Chefs/Besitzern des Himmels zu Verwandten gemacht.
Die Schamanen besitzen in ihren familiären “Dyohko“ eine Ergänzung ihrer Seele. Die Dyohko stehen mit mächtigen, uralten Geistern in Verbindung und schiessen jene magischen Pfeile ab, von denen ihre Opfer verhext werden. Der Körper des Schamanen ist gegen die Dyohko-Substanzen immun, deshalb kann er die Dyohko-Pfeile aus seinen Patienten entfernen. Der Schamane verfügt auch über eine Anzahl von familiären Dyohkos, welche die Form eines harzhaltigen Steins angenommen haben, den er allerdings nicht an seinem Körper aufbewahren kann, weil er sonst riskiert, den Verstand zu verlieren. Deshalb trägt er jene Wesen in einer Tasche mit sich herum, wo er sie regelmässig mit Tabakrauch füttern muss. Diese Dyohko sind Tiergeister, die sich seit Anbeginn der Zeit auf der Erde befinden und von bereits verstorbenen Schamanen gezähmt worden sind.
Diese Geister sehen im Schamanen ihren “I-warah“ – ihren Körper-Besitzer – und der Prozess ihrer Zähmung bringt für sie eine Reduzierung ihres Geistes mit sich und die Verwandlung in einen Stein, den man sicher aufbewahren kann. Mit dem Tod eines Schamanen erhalten diese gezähmten Geister ihre Körper und ihr Bewusstsein zurück und müssen durch einen anderen Schamanen erneut gezähmt werden, andernfalls beginnen sie die Lebenden anzugreifen. Ausserdem besitzt der Schamane selbst eine Dyohko-Seele, genannt “Pidah diwahkom“ (Seele des Jaguars), die nimmt die Gestalt eines Jaguars an, nachdem der Schamane tot ist. Dann wird es notwendig, dass ein anderer Schamane sie wieder zähmt, damit sie nicht die Lebenden attackiert.
Die “Jaguar-Seele“ des Schamanen wird auch “Kohana“ genannt. Einige Kanamari glauben, dass die Seele eines Schamanen auf der Erde zurückbleibt, anstatt in den Inneren Himmel aufzusteigen. Andere behaupten, dass der Schamane in der Lage ist, die himmlischen Kohana zu zähmen und sie in grosse Steine zu verwandeln, die beim Ritual “Devir Kohana“ eine Rolle spielen. Dieser Widerspruch scheint eine bedeutende Eigenschaft der Kohana auszudrücken, nämlich ihre Kapazität, unterschiedliche Bereiche zu durchdringen, die eigentlich im Gegensatz zu einander stehen, wie Himmel und Erde, die Toten und die Lebenden, Jaguare und Menschenwesen.
Die “Dyohko” stehen im Mittelpunkt eines Rituals, das “Devir Kohana” genannt wird, und in dessen Verlauf der Schamane einen “Kohana-dyohko“ in lebende Männer introduziert, die unter einer Kostümierung aus Buriti-Blättern – “Wakwama“ – verborgen sind, die Form der Kohana-Körper. Diese Männer verfallen in eine Art Trance, die “Parok“ genannt wird, sie verlieren ihr persönliches Bewusstsein, und es sind nun die Stimmen der “Dyohko“, die aus ihrem Mund dringen. Den Singsang der Kohana nennen die Kanamari “Kohana nawa waik“, und er wird von den Frauen angestimmt, die ihn vom Schamanen einst gelernt haben. Die “Lieder der Kohana“ sind vor allem bedeutend für die Regenerierung des Lebens.
Die Lieder der Kohana werden “Kodoh-warah“ (Körper/Chefs/Besitzer des Himmels) genannt und unterscheiden sich so von den Liedern des Jaguars, die “Ityonim-warah“ (Körper/Chefs/Besitzer des Waldes) genannt werden. Letztere werden beim Ritual “Pidah-pa“ (Devir Jaguar) gesungen und werden oft auch nur als “Pidah“ (Jaguar) bezeichnet. Die meisten Rituale sind sehr alt, obwohl auch neuere Lieder von den “Pidah nawa nohman“ (Jaguar-Sängern) erlernt und ins Repertoire aufgenommen werden, und, im Gegensatz zu den Kohana-Gesängen – auch von den Lebenden gesungen werden.
Zweck der Jaguar-Gesänge ist es, das Ende einer Trauerperiode einzuleiten. Nach dem Tod einer Person, wird der Leiche eine Haarlocke abgeschnitten und von einem ihrer nächsten Blutsverwandten aufbewahrt. Wenn entschieden wurde, dass die Trauerperiode zu Ende ist, findet das Ritual “Pidah Nyanim“ (Grosser Jaguar) statt, bei dem die Männer, die jetzt “Jaguare“ genannt werden, jene Haarlocke im Patio des Dorfes beerdigen. Das Ritual dauert noch tagelang an, mit Gesängen des Jaguars, angeführt von den “Jaguar-Sängern“ und wiederholt von den Frauen. Ziel des Rituals ist es, die Regenerierung des Waldes und der menschlichen Gesellschaft durch den Tod der Menschen aufrecht zu erhalten.
Sowohl beim Ritual des “Devir Kohana“ als auch beim “Devir Jaguar“ finden Tanz und Gesang während der Nacht statt. Am Tag unternehmen die Männer Jagd- und Angelausflüge. Die Lieder werden auch während der Herstellung von Maniok- und Pupunha-Getränken intoniert, und auch bei Sammelaktionen von Waldfrüchten.
Es gibt nur sehr wenige Quellen über den Beginn der nicht-indigenen Besetzung des Rio Juruá, denn die ersten Eindringlinge waren in diesem Fall keine Missionare, die sich um die Beschreibung von Sitten und Gebräuchen der eingeborenen Völker bemühten, sondern es waren Latexsammler, deren Interesse in der Vernichtung der Eingeborenen und der Aneignung ihres Lebensraumes bestand – und um sie als billige Arbeitskräfte zu benutzen.
Die erste vertrauenswürdige Quelle über die Kanamari sind die Beschreibungen des französischen Paters Constant Trastevin, der mit Unterbrechungen zirka zwanzig Jahre in dieser Region verbracht hat. Der grösste Teil seiner Arbeit besteht aus Manuskripten oder Texten, die an unterschiedlichen Orten geschrieben und archiviert wurden, und deshalb immer noch nicht befriedigend organisiert und analysiert worden sind.
Jüngere Arbeiten über die Kanamari sind die Doktorarbeit von Edwin Reesink (1993) über die Mythologie dieses Volkes – das Buch von Maria Rosário Gonçalves Carvalho (2002) über ihre Gesellschaft, Rituale und Schamanentum – und die Dissertationen von Araci Labiak (1997) über Rituale und von Lino João Neves (1996) über die Geschichte des Kontakts der Kanamari.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther