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Unsere Heimat ist im Himmel. Von dort erwarten wir auch den, der unser Leben bestimmt, Jesus Christus, den Befreier. Er wird unseren erniedrigten Leib umgestalten: den Leib, der dem Glanz seines göttlichen Leibes gleichgestaltet ist. (Philipperbrief 3,20-21)
Am letzten Samstag feierte die katholische Kirche die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. Fast alles an der Bezeichnung dieses Festes – wir sprechen allzu nüchtern oft nur von Marias Himmelfahrt – ist für mich rätselhaft und faszinierend: der Leib – Maria – der Himmel.
Seltsamerweise ist mir beim Nachdenken über diesen Tag ein altes Kinderlied in den Sinn gekommen. Ich habe es als kleiner Bub zum ersten Mal gehört und seither nie mehr vergessen, vielleicht wegen seiner eingängig-melancholischen Schlaflied-Melodie, vielleicht wegen dem liebenswerten, hübschen Tier (so empfand ich es), das darin vorkommt, vielleicht wegen dem düsteren Unheil, das darin aufscheint, und das ich damals mehr ahnte als verstand. (Geht es mir heute anders?)
Maikäfer, flieg. / Der Vater ist im Krieg. / Die Mutter ist in Pommerland, / Pommerland ist abgebrannt. / Maikäfer, flieg.
Wie genau ich darauf komme, weiss ich nicht. Aber ich vermute, dass es mit dem jungen jüdischen Mädchen zu tun hat, das auf einmal schwanger wird; damit, wie es vielleicht reagiert hat auf diese heftige Veränderung seines Leibes; dass es zu tun haben könnte mit der jungen Mutter, die in ihrem Herzen die seltsame Geburt hin und her bedenkt, und mit dem Schwert, das, wie Simeon profezeit, dieses Herz einmal durchbohren wird; oder mit dem grossen Kindermorden ringsum, dem sie sich nur durch Flucht entziehen kann; dass es einen Zusammenhang hat mit dem erwachsenen Sohn, der von seiner Familie für verrückt gehalten wird und mit seiner Mutter nichts mehr zu tun haben will, ja sie anfährt, als wäre sie eine Fremde; und dann mit dem Anblick des zerstörten Körpers ihres grossen Kindes, an dem die Mutter ebenso zerbrochen sein muss wie die Mutter im verwüsteten Pommerland und in jedem verbrecherischen Unheil davor und danach.
Wenn es ein Entrinnen gäbe aus all dem – etwas, das überlebt, das sein Leben bewahren kann im Entsetzlichen, seine Freiheit gewinnt, seine Leichtigkeit, seinen lebendigen himmlischen Glanz – und sei es nur in der Gestalt eines Kinderliedes aus alten Zeiten …
Er hat auf meine Niedrigkeit gesehen,
und grosse Dinge sind an mir geschehen.
Gewaltige stösst er von ihren Thronen;
wer niedrig stand, darf hoch in Ehren wohnen. (Lukas 1, Gesangbuch Nr.1)
Hansueli Hauenstein, Pfarrer