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Literaturzitate
Der Ursprung der Kaschmirwolle war bis ins späte Mittelalter sagenumwoben. Bekannt war einzig die Quelle für Fertigprodukte der Talkessel des Kaschmir. Erst mit Beginn der Neuzeit wurde klar, dass die äusserst feinen Gewebe aus der Wolle von Ziegen versponnen und verwoben werden. Die beiden populärwissenschaftlichen Zitate (Brehms, Baumann) aus dem neuzehnten Jahrhundert zeichnen schon das uns heute vertraute Bild der Kaschmirziegen.
Brehms Tierleben
Die Kaschmirziege (Capra hircus laniger) ist ein ziemlich kleines aber gefällig gebautes Tier von beinahe 1.5m Gesamtlänge und 60cm Schulterhöhe. Der auf stämmigen Läufen ruhende Leib ist gestreckt, der Rücken gerundet, das Kreuz kaum höher als der Widerriet, der Hals kurz, der Kopf ziemlich dick, die Augen sind klein, die Hängeohren etwas länger als der halbe Kopf, die langen, zusammengedrückten, schraubenförmig gedrehten, auf der Vorderseite scharf gekanteten Hörner biegen sich sich von der Wurzel seitlich auseinander und steigen schief nach auf- und rückwärts, kehren aber ihre Spitze wieder einwärts. Ein langes, straffes, feines und schlichtes Granen Haar überdeckt Die kurze, ausserordentlich feine, weiche, flaumartige Wolle; nur Gesicht und Ohren sind kurz behaart. Die Färbung wechselt. Gewöhnlich finden die Seiten des Kopfes, der Schwanz und die übrige Teile des Leibes silberwiess oder schwach gelblich, jedoch kommen auch eifarbige Kaschmirziegen vor, und zwar reine weise, sanft gelbe oder hell braune und schwarze. das Wollhaar ist bei licht gefärbten Tieren weiss oder Milchgrau bei dunkleren aschgrau. Von Tibet an reichte der Verbreitungskreis dieser schönen Ziege über Buchara bis zum Lande der Kirgisen. in Bengalen wurde sie eingeführt; in den Gebirgen Tibets, welche auch im Winter und bei heftiger Kälte von ihr bewohnt werden, ist sie häufig.
Lange Zeit war man im Zweifel, von Tiere das Haar gewonnen werde, welches man zur Anfertigung der feinsten aller Wollgewebe benutzt, bis Bernier, ein französischer Arzt, welcher im Jahre 1664 in Begleitung des Grossmoguls Tibet besuchte, erfuhr, dass zwei Ziegen, eine wild lebende und eine gezähmte, solche Wolle liefern, wie die Weber in Kaschmir sie bedürfen. Böcke liefern mehr, aber minder feine Wolle als die Ziegen. Im Mai und Juni findet die Schur statt. Das gewonnene Gemenge wir gereinigt und das Grannenhaar zur Fertigung gewöhnlicher Stoffe verwendet, wogegen das Wollhaar noch einmal der sorgfältigen Prüfung und Ausscheidung unterliegt. Am gesuchtesten ist das reine Weiss, welches in der Tat den Glanz und die Schönheit der Seide besitzt. Ein einzelnes Tier liefert etwa 0.3-0.4kg brauchbaren Wollflaums. Unter der Herrschaft der Grossmoguls sollen 40,000 Shawlwebereien in Kaschmir bestanden haben; allmählich aber sank dieser gewichtige Erwerbszweig so sehr herab, dass von den 60'000 Menschen, denen die Weberei ihren Lebensunterhalt verschaffte, tausende aus Mangel an Arbeit zum Auswandern gezwungen wurden. Noch jetzt hat sich die Weberei nicht wieder erholen können.
Erklärlicherweise dachte man schon seit Jahren daran, dieses gewinnbringende Tier in Europa einzubürgern. Ternaur, welcher die Shawlweberei in Frankreich einführte, kam auf den Gedanken, sich Kaschmirziegen zu verschaffen, und der berühmte Jaubert bot im seine Dienste zur Erreichung des Zweckes an. Im Jahre 1818 schiffte sich letzerer nach Odessa ein, erfuhr hier, dass die Nomadenstämme in den Steppen zwischen Astrachan und Orenburg Kaschmirziegen hielten, reiste zu den Leuten, überzeugte sich durch genaue Untersuchung des Flaumes von der Echtheit der Tiere und kaufte 1300 Stück ein. Diese Herde brachte er nach Kassa in der Krim, schiffte sich mit ihr ein und landete im April 1819 zu Marseille. Aber nur 400 Stück hatten die lange beschwerliche Seereise ausgehalten, und diese waren so angegriffen, dass man wenig Hoffnung hatte, Nachzucht von ihnen zu erhalten. Namentlich die Böcke hatten sehr gelitten. Glücklicherweise sandten fast zu gleicher Zeit die französischen Naturforscher Diard und Duvaucel einen kräftigen Bock der Kaschmirziege, welchen sie in Indien zum Geschenke erhalten hatten, an den Tiergarten zu Paris. Er wurde zum Stammvater der Kaschmirziegen , welche gegenwärtig in Frankreich leben und dem Lande 12-16 Millionen Mark einbringen. Von Frankreich aus kam die Kaschmirziege auch nach Österreich und nach Württemberg; doch erhielt sich hier die Nachzucht leider nicht.
Dr. Alfred E. Brehm (1893): Brehms Tierleben, Die Säugetiere; Bibliographisches Institut Leipzig und Wien, Band 3, S. 203f.
Baumanns Naturgeschichte
Die Hörner der Ziegen sind knotig und nach oben und hinten gerichtet. Das Kinn ist gewöhnlich mit einem langen Bart versehen. Es sind muntere, schalkhafte Thiere, die von allerlei Pflanzen sich nähren, und uns durch Fleisch, Fett, Milch und Fell sehr nützlich werden.
Die wilde Ziege lebt herdenweise auf den Gebirgen Persiens. Sie unterscheidet sich von der zahmen durch ihre nach vorn schneidenen Hörner, die beim Bock sehr gross, bei der Ziege hingegen kurz, manchmal kaum angedeutet sind.
Die Hausziege scheint von der vorigen abzustammen. Es gibt bekanntlich, wie beim Rind und Schaf, eine Menge von Rassen, die durch grösse, Farbe,Haarwuchs und Hörner sich unterscheiden. Ihr Nutzen ist sehr gross, und besonders für ärmere Familien, die keine Kühe zu halten vermögen, höchst wohlthätig. Für Alle hat der Herr gesorgt!
Die Ziege trägt fünf Monate und kann schon mit dem siebenten Monat trächtig werden. Sie gebiert gewöhnlich zwei Junge.
Die Kaschmirziege gehört ebenfalls unter die Hausziegen. Sie hat gerade, spiralförmig aus einander laufende Hörner, lange,herabhängende Ohren, und ist mit langen, feinen, gewöhnlich schwarz und weissgefärbten Haaren besetzt. Sie lebt im südlichen Hochland Asiens. Aus ihren Haaren werden in Kaschemir, einer indischen Provinz, die kostbaren Shawis, womit reiche Frauen sich schmücken, verfertigt. Noch gegenwärtig sollen in der Stadt Kaschemir allein bei fünfzehntausend Webstühle mit der Verfertigung des Prunkartikels beschäftigt sein. Ein Pfund solcher Ziegenwolle, die noch dazu mit gemeinem Ziegenhaar gemischt ist, kostet immer noch bis siebzig oder mehr Gulden. An manchen ächten Shawis ist die Weberei so ausserordentlich fein, dass drei Menschen an einem einzigen oft über ein Jahr arbeiten, und täglich nicht über einen Viertelzoll zu Stande bringen. Ein solcher kostet dann auch mehrere hundert Thaler, dauert aber auch mehrere Menschenalter aus.
J. Baumann(1837): Naturgeschichte für das Volk, Ein Buch für Schule und Haus, zur Verbreitung der Kenntnis Gottes aus seinen Werken; Verlag von Xaver Mener, Luzern; S. 501f.
Reiner Maria Rilke
Wer sich mit dem Nachlass der Briefe von Rilke beschäftigt, dem fällt auf, welchen nachhaltigen Eindruck Kaschmir-Schals (sashmere shawls) beim Dichter hinterliessen. So schreibt er 1923 an die Gräfin Sizzo:
Wie eingeschränkt ist doch immerfort das Gebiet unseres Beredtseins; in Bern kürzlich (ich ging dorthin von Malans über Zürich) überlegt ichs wieder. Dort ist jedesmal das Historisches Museum das grosse Ereignis für mich durch seine unerhört herrlichen Wand-Teppiche, die die Schweizer des fünfzehnten Jahrhunderts aus dem Burgunderschatz Karls des Kühnen sich erobert hatten. Diese prächtigen Sammlungen sind seit kurzem nach anderen Seiten hin bereichert durch den Nachlass eines Sammlers von Orientalien; Miniaturen, Waffen, Kacheln, Bronzen von ungleichem Wert; diesmal aber kam ich auf eine besondere Entdeckung: Shawls: persische und turkestanische Kaschmir-Shawls, wie sie auf den sanft abfallenden Schultern unserer Ur-Grossmütter zu rührender Geltung kamen; Shawls mit runder oder quadratischer oder sternig ausgesparter Mitte, mit schwarzem, grünem oder elfenbeinweissem Grund, jeder eine Welt für sich, ja wahrhaftig, jeder ein ganzes Glück, eine ganze Seligkeit und vielleicht ein ganzer Verzicht, - jeder alles dies, voll von menschlichem Einschlag, jeder ein Garten, in dem der ganze Himmel dieses Gartens miterzählt, mitenthalten war, wie im Citronen-Duft wahrscheinlich der ganze Raum, die ganze Umwelt sich mitteilt, die die glückliche Frucht in ihr Wachstum Tag und Nacht einbezog. Wie vor Jahren in Paris die Spitzen, so begriff ich plötzlich, vor diesen ausgebreiteten und abgewandelten Geweben, das Wesen des Shawls!
Die Begeisterung schlug sich in drei Gedichten mit identischem Titel nieder:
Shawl
Wie Seligkeit in diesem sich verbirgt,
so eingewirkt, dass nichts mehr sie zerstöre;
wie blosses Spiel vollkommener Akteure
so ungebraucht ins Dauern eingewirkt.
So eingewirkt in schmiegende Figur
ins leichte Wesen dieser Ziegenwolle,
ganz pures Glück, unbrauchbar von Natur
rein aufgegeben an das wundervolle
Geweb in das das Leben überging.
0 wieviel Regung rettet sich ins reine
Bestehn und Überstehn von einem Ding.
Shawl
Wie, für die Jungfrau, dem, der vor ihr kniet, die Namen
zustürzen unerhört: Stern, Quelle, Rose, Haus,
und wie er immer weiss, je mehr der Namen kamen,
es reicht kein Name je für ihr Bedeuten aus -
... so, während du sie siehst, die leichthin ausgespannte
Mitte des Kaschmirshawls, die aus dem Blumensaum
sich schwarz erneut und klärt in ihres Rahmens Kante
und einen reinen Raum schafft für den Raum..:
erfährst du dies: dass Namen sich an ihr
endlos verschwenden: denn sie ist die Mitte.
Wie es auch sei, das Muster unserer Schritte,
um eine solche Leere wandeln wir.
Shawl
O Flucht aus uns und Zu-Flucht in den Shawl,
und, um die stille Mitte, das Begehren,
es möchte noch einmal und noch einmal
die unerhörte Blume wiederkehren
die sich vollzieht im schwingenden Geweb
Thomas Psota; Biographien, Bernisches Historisches Museum, 1996.