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von Sandro Danilo Spadini
Philip Seymour Hoffman darf sich schon mal auf ein Bussi von Hilary Swank freuen. Diese wird nämlich am Sonntag dem besten männlichen Hauptdarsteller den Oscar aushändigen, und dass Hoffman gleich mit seiner ersten Nominierung den gülden Knaben abstaubt, steht kaum zu bezweifeln. Verdient hat sich der 38-jährige Antistar Hollywoods den bereits jetzt – etwa mit dem Golden Globe – in zählbarer Form angereicherten und sich wohl noch reichlich vermehrenden Ruhm mit seiner Ausnahmeleistung in Bennett Millers Drama «Capote». Mit berückender Präzision spielt Hoffman dort den 1984 verstorbenen US-Autor Truman Capote («Breakfast at Tiffany’s») – einen kleinwüchsigen Exzentriker mit überlebensgrossem Ego, einen affektierten wie narzisstischen Pfau, der vollkommen von seiner eigenen Genialität vereinnahmt ist und so gerne dem Klang seiner hohen, lispelnden Stimme lauscht. Millers Spielfilmdebüt zeichnet Capotes kritische Lebens- und Schaffensphase von 1959 bis 1965 nach, zeigt die Entstehung seines Meisterwerks «In Cold Blood» (Kaltblütig), seine immer tiefere Involvierung in einen der schockierendsten Mordfälle in der amerikanischen Geschichte. Im Zentrum steht dabei Capotes implizit homoerotische Züge annehmende Beziehung zu dem in der Todeszelle sitzenden Tagedieb Perry Smith (Clifton Collins Jr.), der gemeinsam mit seinem Komplizen Richard Hickock (Mark Pellegrino) am 15. November 1959 im ländlichen Kansas eine vierköpfige Familie kaltblütig hingerichtet hatte.
Lug, Trug und Verrat
Was ursprünglich bloss ein Artikel für den «New Yorker» werden soll und für Capote zunächst einen müssigen Zeitvertreib darstellt, entwickelt sich während der Recherchen allmählich zum gross angelegten literarischen Projekt, das schliesslich in den «Tatsachenroman des Jahrzehnts» (Eigeneinschätzung) münden wird. Geschuldet ist dies primär Capotes Faszination für Perry Smith, dem es mittels vollständiger Ausschöpfung aller Rechtsmittel gelingt, die Vollstreckung des Todesurteils jahrelang hinauszuzögern. Psychologisch knisternd dokumentiert Miller das Verhältnis zwischen den scheinbar so ungleichen Männern, dem kultivierten Erfolgsautor und dem als Verlierer geborenen Mörder, die beide die Wunden der Vergangenheit nie zu stillen vermochten und sich in ihrer inneren Zerrissenheit tief verbunden fühlen. Subtil und dennoch schonungslos werden schliesslich aber auch die Grenzen dieser Verbundenheit aufgezeigt. Capotes vermeintlich hehre Absichten weichen bald einem immer unverhohlenerem Egoismus; er manipuliert Perry, den er als Freund bezeichnet, benutzt ihn als Forschungsobjekt, lügt ihn an, verrät ihn und driftet dabei schrittweise in die Abgründe moralischer Verwahrlosung ab. Mehr und mehr sieht sich Capote, aufgerieben von mehrjähriger Knochenarbeit und verblendet von künstlerischer Ambition, in einem Dilemma gefangen: Solange Perry lebt, kann er sein Buch nicht beenden. Seine Verzweiflung darob führt in so weit, dass er am Ende gar für Perrys Tod betet. Doch wie schrieb er in seinem letzten – wie alle Nachfolger von «In Cold Blood» unvollendet bleibenden – Roman reuevoll: «Es werden mehr Tränen vergossen über erhörte Gebete als über unerhörte.»
Atmosphärisch dicht
Natürlich lebt «Capote» zu grossen Teilen von der Präsenz seines Hauptdarstellers, von dessen schier übernatürlicher Metamorphose; es ist eigentlich gar nicht menschenmöglich, so gut zu spielen wie Hoffman. Doch Millers Film, Oscar-nominiert auch in den Sparten «Bester Film» und «Beste Regie», lässt sich mitnichten auf Hoffmans beispiellose Tour de Force reduzieren. Gerade schauspielerisch hat er mit der zu Recht für den Nebendarstellerinnen-Oscar vorgeschlagenen Catherine Keener als Capotes literarisch profilierter Begleiterin Harper Lee («To Kill a Mockingbird») und dem stets fabelhaften Chris Cooper als Polizeichef Alvin Dewey noch einiges zu bieten. Vor allem aber ist er sagenhaft stimmungsvoll inszeniert und darüber hinaus brillant konzipiert: So wie Capote bei seiner Leserschaft Interesse an Perry zu wecken sucht, bringt Miller seinem Publikum in der ersten Halbstunde Capote näher. Der Mordfall steht während dieser Kennenlernphase im Hintergrund, die polizeilichen Ermittlungen, die zur Verhaftung der Täter führen, bleiben aussen vor, auf dass sich der Zuschauer ganz auf Hoffmans Spiel konzentrieren und sich daran gewöhnen kann. Fast unmerklich wird der Fokus alsdann allmählich auf den von Richard Brooks bereits 1967 in filmisch meisterhaft aufgearbeiteten Fall und Capotes Interagieren mit den anderen Handlungsträgern gelenkt. Was so letztlich entsteht, ist Einzigartiges: Ein Genie spielt ein Genie in einem genialen Film über ein geniales Buch.