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Ciceronianus
Diesen Zungenbrecher hat nicht etwa Erasmus erfunden. Ein Cicerionianer war ein unter Humanisten zu seiner Zeit geläufiger Begriff und bezeichnete jene Gruppe der Humanisten, die Cicero als Vorbild ihres Stils genommen hatten. Nun hat auch Erasmus den Philosophen wie den Stilisten Cicero hoch verehrt, aber diese Bewegung unter den Humanisten ärgerte ihn aus zwei Gründen. Zum einen waren die meisten sich als Ciceronianer bezeichnenden Humanisten Italiener, ja Römer, und die Bewegung bezeichnete jeden Nicht-Römer schon zum Vorneherein als Barbaren. Das musste den Holländer Erasmus empfindlich treffen. Zum andern störte ihn der absolute Anspruch, den die Ciceronianer erhoben: Cicero und nur Cicero sollte in allen Lebenslagen das Vorbild perfekten Lateins bieten. Und so sehen wir in diesem Dialog drei Humanisten, Bulephorus (das Sprachrohr des Erasmus), Hypologus (Belophorus’ ‘Sidekick’) und den hartgesottenen Ciceronianer Nosoponus, der sogar angibt, sich aus allen Schriften des alten Römers ein Wörterbuch ausgezogen zu haben, damit der in seinen eigenen Werken ja kein einziges Wort verwende, das nicht schon der alte Cicero verwendet habe. Nur schon das unterliegt Erasmus’ Kritik, dass auf diese Weise der christliche Humanist gar nicht gescheit über den Glauben reden kann. Es scheint tatsächlich, als ob es zu seiner Zeit Redner gegeben hat, die auch an kirchlichen Anlässen nur ‘Ciceronianisch’ sprachen. Erasmus gibt durchaus zu, dass einige christliche Texte, z.B. der Scholastiker, keineswegs schönes Latein sind. Aber er setzt den Inhalt immer über den Stil, auch wenn ein schöner, dem Thema adäquater Stil natürlich nicht zu verachten sei.
Bei der Suche nach einem richtigen Ciceronianer, d.h., einem, der das Ziel haargenau wie Cicero zu schreiben, erreicht hat, unternimmt Erasmus mit dem Leser eine Tour d’Horizon durch alle grossen Gelehrten seiner Zeit. Praktisch alle werden von Nosoponus als Ciceronianer verworfen, was schon zeigt, dass dem Anspruch, wie Cicero zu schreiben, letztlich in Erasmus’ Augen sowieso kein Zeitgenosse genügen konnte. Hauptzielscheibe von Erasmus’ Spott ist übrigens Pietro Bembo, auf den wir schon bei Baldassare Castigliones Libro del cortegiano gestossen sind. (Castiglione übrigens, dessen Buch neben dem Italienisch schreibenden Boccaccio auch Erasmus’ Dialogen so einiges zu danken hat.)
Der Schluss bleibt, typisch für Erasmus, offen. Nosoponus ist zwar fast von den Argumenten des Bulephorus überzeugt, bittet sich aber Bedenkzeit aus.
Adagia selecta
Erasmus’ Sammlung an Sprichwörtern und sprichwörtlich gewordenen Redensarten fing relativ klein an, umfasste dann aber in der letzten von ihm redigierten Ausgabe über 4’000 solche Sentenzen. Wir erleben hier den Philologen Erasmus an der Arbeit. In Kleinarbeit sucht er bei jedem Sprichwort, das er listet, heraus, bei welchem (meist antiken) Autor es nachzuweisen ist. Dazu erklärt er, in welchem Sinne jedes Sprichwort verwendet wurde. Zum Teil wird so aus einer Auflistung eine Sammlung von Essays. (Erasmus hat einen schönen Teil der Arbeit an den Adagia übrigen in Venedig erledigt, bei seinem Drucker Aldus Manutius, der ihm viele – vor allem griechische – Klassiker zum ersten Mal in Erasmus’ Leben in zuverlässigen originalsprachigen Ausgaben zur Verfügung stellen konnte.) Eine bunte Sammlung aus allen Wissensgebieten, von allen Autoren, ist so entstanden. Da Erasmus sein Leben lang daran gewerkelt hat, ist eine gewisse Uneinheitlichkeit im Stil der Kommentare nicht abzuleugnen. Der Verbreitung humanistischen Gedankenguts sollte das Buch dienen, und tatsächlich war es lange Zeit eines der meistgelesenen und -übersetzten Texte Erasmus’. Auch heute noch ist der eine oder andere Essay in seiner humanistisch-pazifistisch-utopischen Ausrichtung durchaus interessant.
Gelesen in der Auswahl, die die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in 8 Bänden dieses Jahr wieder aufgelegt hat. Band 7, übersetzt und eingeleiten von Theresa Payr.