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Greta Gerwig: Learning by Doing
von Andreas Kneubühler
Greta Gerwig, Jahrgang 1983, stammt aus Sacramento, Kalifornien, hat nie eine Schauspielausbildung absolviert, war nie auf einer Filmschule. Sie spielte bisher in 26 Filmen mit und war sechs Mal Co-Drehbuchautorin. 2017 übernahm sie erstmals die Regie für einen Stoff, zu dem sie das Drehbuch geschrieben hatte, und zeichnete auch für die Produktion verantwortlich. Der Film heisst «Lady Bird»; er gewann 2017 zwei Golden Globes und wurde für fünf Oscars nominiert – unter anderem bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch –, erhielt dann aber keinen. Man kann sich darüber wundern, aber in der Filmgeschichte gibt es bisher erst fünf Frauen, die für einen Regie-Oscar nominiert wurden: Lina Wertmüller, Jane Campion, Sofia Coppola, Kathryn Bigelow, Greta Gerwig. Gewonnen hat ihn bisher nur eine. Es war Bigelow mit «The Hurt Locker».
Wer aber ist Greta Gerwig? Ihre bisherige Karriere könnte man vielleicht so umschreiben: hineingerutscht, dabeigeblieben und sich Schritt für Schritt weiterentwickelt. Bekannt wurde sie als wichtige Protagonistin in der Mumblecore-Szene. Das ist ein zeitgeistiges Low-Budget-Filmgenre mit Zentrum New York, das den Namen wegen der oft schlechten Tonspur erhalten haben soll: Zu hören ist viel Gemurmel – mumble – statt Gesprächen. Gedreht wird mit der Handkamera, vor allem in Innenräumen, mit Laienschauspielern und mit improvisierten, oft ausufernden Dialogen. Im Zentrum der Handlung stehen zumeist junge Erwachsene, die nach ihrer Ausbildung in der Luft hängen. Hier würde man sie als Generation Praktikum bezeichnen. Anleihen gibt es zu den Filmen über die Slacker (Herumhänger) in den 1990er-Jahren, in Szene gesetzt etwa von Richard Linklater oder Kevin Smith («Clerks», «Mallrats»). Vorbilder finden sich aber auch bei europäischen Regisseuren wie Éric Rohmer. Eine ferne Verwandtschaft gibt es noch zu den New York-Filmen von Woody Allen. Zu den bekannteren Mumblecore-Namen gehören Joe Swanberg, Noah Baumbach, Lena Dunham («Girls») oder Mark und Jay Duplass.
Gerwig war nach ihrem Studium (Englisch und Philosophie) am Barnard College in New York Teil dieser Szene. Das erste grosse Talent, das sich bei ihr zeigte, war ihre frappante Natürlichkeit vor der Kamera. Sie spielt ihre Rollen ohne sichtbare Anstrengung oder Methode, agiert oft wie selbstvergessen. Die schlagende Wirkung ist die einer normalen Person ohne Geheimnis, die zufällig und ohne es zu merken vor die Kamera geraten ist. Jemand, den man kennen könnte. In Interviews erklärte sie aber auch schon, dass sie sich bis zu einem Jahr auf eine Rolle vorbereitet hat.
Der Durchbruch als Schauspielerin in einer Mainstreamproduktion gelang ihr 2010 mit «Greenberg», einer Tragikomödie von Noah Baumbach, die unter anderem an die Berlinale eingeladen wurde und auch bei uns in den Kinos lief. Der Film mit Ben Stiller in der Hauptrolle beginnt mit – Greta Gerwig. Sie spielt eine Art Haushälterin, ein Mädchen für alles. Es ist eine für sie typische Rolle mit einem Job, der nur vorübergehend sein kann und sie in der gesellschaftlichen Hierarchie am unteren Ende verortet. Ben Stiller gibt den erfolglosen Bruder ihres Arbeitgebers, der sich nach einer Krise erholen soll. In Erinnerung bleiben die Auftritte Gerwigs, die die ewig zaudernde und empathielose Figur Stillers mit ihrer selbstbewusst-lebenstüchtigen Art kontrastiert.
Es folgten weitere Rollen in grösseren Produktionen: Dazu gehört die vergnügliche Komödie «Maggie’s Plan», gedreht von Rebecca Miller, eine Hommage an den Stadtneurotiker Woody Allen, in der Gerwig neben Ethan Hawke und Julianne Moore auftritt und für einmal ihre Absichten vergleichsweise entschlossen durchsetzt. Reines Unterhaltungskino mit feministischem Einschlag ist «20th Century Women», ein Film von Mike Mills, bei dem drei Frauen unterschiedlichen Alters in den 1980er-Jahren versuchen, einen Jugendlichen auf das Leben vorzubereiten. Gerwig spielt dabei eine wichtige Nebenrolle, der Hauptpart gehört aber der kettenrauchenden Annette Bening.
Die stets unangestrengt wirkende Schauspielerei ist nur eine Seite von Gerwig. Fast noch wichtiger ist ihre Begabung, das Milieu, in dem sie sich bewegt, präzise zu beobachten und das Ergebnis in Dialogzeilen oder in einzelnen Szenen zu verdichten. Früh begann sie an den Drehbüchern mitzuschreiben. Es war Learning by Doing über Jahre, bis sie das Handwerk so gut beherrschte, dass sie sich auch die Regie zutraute. Im Film «Mistress America», zu dem sie zusammen mit Noah Baumbach das Drehbuch geschrieben hat, gibt es einen selbstironischen Kommentar zu ihrem Werdegang: Die von ihr gespielte Brooke, die sich von einem vagen Projekt zum nächsten hangelt und dabei immer ein grosses Brimborium veranstaltet, stellt sich jeweils als «Autodidact» vor: «That word is one of the things I taught myself.»
Greta Gerwig findet ihre Stoffe bisher fast ausschliesslich in ihrem Umfeld. Biografische Verweise und Anspielungen gibt es denn auch in verschiedensten Filmen. Die Spurensuche führt etwa zu «Frances Ha», den sie wiederum mit dem Regisseur – und Lebenspartner – Noah Baumbach mitverfasst hat. Darin droht Frances (Gerwig) durch alle Maschen zu fallen. Ihr fehlt der Realitätssinn – oder die Bereitschaft, ihre Träume aufzugeben. Sie stellt sich überall als Tänzerin vor, bekommt aber in der Modern-Dance-Truppe keine Engagements, sondern nur den Sekretärinnen-Job. Ihre Freundinnen und Freunde verfolgen eigene Projekte oder nutzen sie aus. Irgendwann hat sie keine Wohnung mehr und muss vorübergehend zurück zu ihren Eltern: Auftritt von Gerwigs Vater und Mutter.
Auch wenn die Handlung am Schluss auf ein vorläufiges Happy End zusteuert, wird in «Frances Ha» komödiantisch verpackt gezeigt, wie jemand zunehmend in einen Abwärtsstrudel gerät. Der in schwarz-weissen Bildern gedrehte Film ist damit näher bei den erbarmungslosen Schilderungen sozialer Realität der Filme von Todd Solondz («Happiness»), als beim viel harmloseren «Manhattan» von Woody Allen. Bei dieser Affinität zu Abstiegsszenarien ist es wohl kein Zufall, dass Gerwig eine Rolle in «Wiener Dog», dem Episodenfilm von Solondz, erhielt.
Um bei der Spurensuche zu bleiben: In Gerwigs Schulzeit findet sich der Stoff für «Lady Bird», den sie mit vielen wunderbaren Detailgeschichten abseits aller Klischees angereichert hat. Wie Gerwig besucht die von Saoirse Ronan («Brooklyn») gespielte Hauptfigur eine katholische Schule, bevor sie ins College an der Ostküste wechselt. Gedreht wurde der Film in Gerwigs Heimat Sacramento. Die Zeit am Barnard College in New York, mit den ersten Versuchen, Kurzgeschichten zu verfassen und der allgegenwärtigen Sehnsucht nach einem spannenden Leben, floss in das Drehbuch von «Mistress America» ein.
Allzu weit sollte man es mit den Rückschlüssen allerdings nicht treiben. In den Interviews nach dem Erfolg von «Lady Bird» musste Gerwig ein ums andere Mal klarstellen, dass sie nicht ihr Leben verfilmt hat. Die rebellische «Lady Bird» war so, wie sie allenfalls gerne gewesen wäre: «I was a rule-follower, I was a people-pleaser, I never made anyone call me by a different name», sagte sie in einem Interview mit der BBC.
Die Handlung von «Lady Bird» ist weit weg von Mumblecore und wird konsequent aus einer weiblichen Perspektive erzählt. Im Zentrum steht eine schmerzhaft enge Mutter-Tochter-Beziehung zwischen der von Saoirse Ronan verkörperten dickköpfigen Tochter und der von Laurie Metcalf gespielten, genauso unnachgiebigen Mutter. Beide Schauspielerinnen sind herausragend. Ronan wurde für den Oscar als beste Darstellerin und Metcalf als beste Nebendarstellerin nominiert. Der Film ist gleichzeitig komisch und eine präzise Beziehungsstudie im Milieu der zunehmend in prekäre Verhältnisse abrutschenden Mittelklasse.
Greta Gerwig wurde im August 36 Jahre alt. Sie ist vor kurzem Mutter geworden und hat vielleicht damit und mit ihrer ersten Regiearbeit eine wichtige Phase ihrer Karriere abgeschlossen. Denkbar ist, dass künftig mehr Drehbücher oder Regiearbeiten folgen werden – und sie weniger Schauspielrollen annehmen wird. Es wird weitergehen, noch ist nichts zu Ende erzählt: Schliesslich wartet der Regie-Oscar auf den nächsten Anlauf.
Andreas Kneubühler, 1963, Journalist in St.Gallen unter anderem bei Keystone-SDA. Mitglied der Kinok-Programmgruppe in den 1990er-Jahren, schreibt hauptsächlich über Politik und immer wieder über Film.