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Im vorherigen Beitrag habe ich die Wüestschen Powerzüge vorgestellt. Im Laufe meiner Forschungen sind mir gelegentlich Serien von Powerzügen vorgekommen. Hier ein ausführliches Beispiel.
Gehen wir nochmals auf diese Partie aus dem Jänisch-Gambit ein:
Vetochin – Khavsky
Russland 1966
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5 4.Sc3 fxe4 5.Sxe4 d5 6.Sxe5 dxe4 7.Sxc6 Dg5 8.De2 Sf6 9.Sxa7+ Ld7 10.Lxd7+ Sxd7 11.Dxe4+ Le7 12.d4 Da5+ 13.Ld2 Dxa7 14.O-O Sf6 15.De5 Kf7 16.Tfe1 Ld6 17.De6+ Kg6 18.Te4 h5 19.g4 Tae8 20.gxh5+ Txh5 21.Tg4+ Kh7 0-1
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5 4.Sc3 fxe4 5.Sxe4 d5 6.Sxe5 dxe4 7.Sxc6 Dg5 8.De2 Sf6 9.Sxa7+ Ld7 10.Lxd7+ Sxd7 11.Dxe4+? Le7? 12.d4? Da5+
Nach drei Fehlern in Serie ist eine hochinteressante Stellung entstanden. Weiss setzte mit einem weiteren Fehler, 13.Ld2? Dxa7 fort und verlor widerstandslos.
Richtig war 12.b4. Dieser Angriff muss nach den Wüestschen Powerregeln unbedingt betrachtet werden. Diese Regeln könnte man nämlich auch als Präzisierung von Larrys Regel „Prüfe jeden zwingenden Zug, egal wie idiotisch er aussieht“ interpretieren. Ganz idiotisch ist der Zug nicht. Frisst Schwarz nämlich den Bauern ist die Dame zunächst von a7 abgelenkt und kann mit Ld2 ein zweites Mal angegriffen werden. Aber was ist der Unterschied, wenn Schwarz auch hier den Sa7 wegnimmt?
13.b4 Dxa7 14.Lg5. Aha. Nach 13.Ld2 Dxa7 geht 14.Lg5 nicht, wegen dem Zwischenschach 14…Da5+. 14.Lg5 droht immerhin Matt im nächsten. Einziger Zug 14…Sf6. Das greift die Dame an. Zieht diese, so ist die Partie nach 15…O-O zu Ende, weil die Dame dann den Le7 nicht schlagen kann, weil sie dort von Te8 gefesselt wird. Nach 15.De6 wird sie mit 15…Db6 wieder vertrieben. Also 15.Lxf6 gxf6. Ich verzichte jetzt darauf die 3 möglichen sinnlosen Schachs zu überprüfen, aber in der Praxis kann es unter Umständen ganz gut sein, sich alle möglichen Schachs anzusehen und zu merken.
Schwarz droht, die Dame mit 16…Da6 ins Spiel zu bringen, damit die Rochade zu verhindern und eventuell den Läufer von d6 aus zu decken. Aber es ist auch ohne dies selbstverständlich, dass Weiss rochieren muss. 16.O-O. Bis hierhin fällt die Voraus-Berechnung leicht. Es ist egal wie ich diese Stellung einschätze. Es geht ja nur darum, ob ich 13.Ld2 oder 13.b4 ziehe. Und da ich nach 13.Ld2 brotlos verliere, müsste ich eigentlich gar nichts rechnen, sondern nur sehen dass ich mit 14.Lg5 immerhin eine Mattdrohung habe und für ein paar Züge die schwarze Rochade verhindere.
Die Aufgabe des Schwarzen ist ungleich viel schwieriger. Er muss nämlich im 13. Zug entscheiden, ob er den Springer oder den Bauern schlagen will. Er berechnet also bis hierhin und sieht, dass er nun den Läufer decken sollte und entweder 17…Da4 mit der Idee Dd7, eventuell auch Dxb4, oder 17…Db6 mit der Idee Dd6 hat. Auch 17…Td8 mit der Idee Td7 ist möglich. Dann sollte er 13…Dxb4 so weit wie möglich berechnen, und anschliessend die beiden Züge vergleichen.
Es ist anzunehmen dass sich Schwarz-Spieler mehrheitlich für 13…Dxa7 entscheiden würden, weil es einfacher ist als das komplizierte 13…Dxb4+, und weil sie sehen dass sie immer eine Figur mehr behalten werden. Nehmen wir also an, dass Schwarz so gespielt hat, folgen wir dieser Linie und betrachten 13…Dxb4 später.
Im nächsten Zug wird Weiss Tfe1 machen, egal was Schwarz zieht. Zunächst merkt der Schwarze, dass 16…Da4 und 16…Db6 sich nicht unterscheiden, wenn er nach 17.Tfe1 Dxb4 spielen will. Aber das könnte ihm suspekt vorkommen, weil er damit dem Tb1 einen Angriff auf die Dame ermöglicht. 17…Td8 wird er wahrscheinlich nicht wählen, weil er sich damit die lange Rochade verbaut und der König auf der Königsseite nicht sicher ist.
Dann sieht er sich 16…Da4 17.Tfe1 Dd7 18.Dxb7 an. Danach geht 18…O-O, aber Weiss hat bereits vier Bauern für die Figur. Aber 16…Db6 17.Tfe1 Dd6 18.Dxb7 O-O sieht diesbezüglich noch übler aus. Er entschliesst sich daher, den Bauern zu fressen, und er tut dies mittels 16…Db6 17.Tfe1 Dxb4.
Jetzt ist Weiss an der Reihe einen Zug zu finden. Er hat zwei Angriffe auf die Dame, aber er kann auch versuchen auf der e-Linie zu vertripeln, und schaut sich das kurz an. 18.Te2 Td8 19.Tae1 Td7 und es gibt keine offensichtliche Fortsetzung. Man müsste zuerst die Dame angreifen, 18.c3 Dd6 19.Te2 Td8 20.Tae1 Td7, denn nun hängt b7: 21.Dxb7 O-O 22.Te6 Da3 23.Db5 Tfd8. Das ist eine Frage der Einschätzung. Weiss hat drei Bauern für den Läufer und der schwarze König steht nicht sicher. Es wird wohl remis enden.
Der „logische“ Zug ist selbstverständlich 18.Tab1 Dd6 19.Txb7 und Weiss wird kein grosses Federlesen gemacht haben, um diese Zugfolge zu finden. Weiss droht 20.Txc7, weil der Ta8 danach hängt. 19…Kf7 liegt auf der Hand. Zeit für eine Einschätzung. Weiss hat drei Bauern für die Figur, das reicht normalerweise nicht aus, aber die Könige machen den Unterschied. Der schwarze steht unsicher, der weisse bombensicher. Prognose: remis.
Betrachten wir die Zugfolge 13.b4 Dxa7 14.Lg5 Sf6 15.Lxf6 gxf6 16.O-O Db6 17.Tfe1 Dxb4 18.Tab1 Dd6 19.Txb7 Kf7 so fällt auf dass Schwarz manch schwierige Entscheidung treffen muss, währenddem Weiss immer nur primitive Angriffszüge macht. Das ist eben das Charakteristikum von Initiativen. Der Verteidiger hat die schwierigere Aufgabe.
Damit zum zweiten Teil. 13.b4 Dxb4+ 14.Ld2. Die Dame muss ziehen und zugleich b5 überwachen damit der Sa7 nicht dorthin entwischt.
Erste Variante
14…Dc4 15.Dxb7 steht anscheinend nicht zur Debatte, weil der Springer am Leben bleibt. Aber man könnte sich 15…Tb8 16.De4 Tb6 überlegen, um Damengewinn zu drohen. 17.Dd3 ist der einzige Zug. Mit 17…Dxd3 18.cxd3 O-O wird der Springer nicht gefangen, weil er nach 19.d5 über c6 entwischt. Nach 17…Da4 18.O-O, und jetzt 18…Dxa7 19.Tfe1 wird Schwarz ähnliche Probleme wie in der Variante nach 13…Dxa7 haben. aber 18…O-O stellt eine schwierige Aufgabe. Der Sa7 geht definitiv verloren. Stellt sich die Frage, was Weiss dafür bekommt.
Einziger Powerzug ist ein Angriff auf den Le7. Dieser Läufer wird nach f6 ausweichen, und was dann? Es ist weit und breit keine Drohung in Sicht. Man könnte noch ‚prophylaktisch‘ den Sd7 mit Df5 angreifen, damit wäre der Sa7 für’s erste gerettet. Nach 19.Tfe1 Lf6 20.Df5 Lxd4 hängt leider der Ta1. Daher 19.Tae1 Lf6 20.Df5 und oh Wunder, auf 20…Lxd4 rettet 21.Dd5+ Kh8 22.Sb5 die Figur, weil der Ld4 angegriffen ist und auf 22…Txb5 23.Dxd7 kommt. Schwarz tut also gut daran, diesem Schach mit 20…Kh8 aus dem Weg zu gehen. Wieder einmal stellt Kh8 eine Drohung auf, indem es ein Schach vermeidet.
Weiss kämpft weiterhin mit 21.Da5 wie ein Löwe um sein Pferd. Schwarz hat nichts besseres als die Fress-Serie 21…Dxa5 22.Lxa5 Ta6 23.Lb4 Txa7 24.Lxf8 Sxf8 25.c3 Txa2. Die Fronten haben sich geklärt. Weiss hat etwas die besseren Aussichten und würde nach einem Turmtausch gewinnen, aber Schwarz hat selbstredend etwas dagegen. 26.Ta1 Tc2 27.Tfc1 Td2. Trotzdem kann er es langfristig kaum verteidigen, weil auch noch der Bauer c7 verloren geht.
Zweite Variante
(1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5 4.Sc3 fxe4 5.Sxe4 d5 6.Sxe5 dxe4 7.Sxc6 Dg5 8.De2 Sf6 9.Sxa7+ Ld7 10.Lxd7+ Sxd7 11.Dxe4+ Le7 12.d4 Da5+ 13.b4 Dxb4+ 14.Ld2)
14…Db6 holt den Springer auf Nummer sicher ab. 15.O-O. 15…Dxa7 geht nicht wegen 16.Tfe1.
15…Txa7 16.Tae1, droht Matt oder Läufergewinn. Nun entweder Dame nach d6 oder f6. 16…Df6 verstellt dem Springer sein schönstes Feld. Nach 17.Te2 stellt sich heraus, dass der Läufer verloren geht, weil neben Tfe1 auch Lb4 droht, was etwa 17…Kd8 18.Tfe1 Te8 19.Lb4 c5 20.dxc5 zeigt. Leider läuft 16…Dd6 in den Angriff 17.Lf4, und jetzt muss doch 17…Df6 kommen. Nun würde 18.Lxc7 b5 den Ta7 ins Spiel bringen. Weiss hält mit 18.Te3 Kd8 19.Tfe1 Te8 20.Lg3 den Druck aufrecht.
Selbstverständlich muss Schwarz das Tempo 15…Sf6 mitnehmen und erst nach 16.De2 den Springer fressen. 16….Txa7 17.Tfe1 Dd6 18.Tab1. Nein, das ist kein Verlegenheitszug, sondern es droht Lb4. Schwarz hat drei prinzipielle Möglichkeiten. Er kann Lb4 durch Dd7 aus dem Weg gehen oder mit Sd5 vermeiden, oder es aber mit 18…Kd8 zulassen, um die Dame zu geben. 19.Lb4 Dxb4 20.Txb4 Lxb4. Das ist in etwa ausgeglichen.
Auch 18…Sd5 gibt Material zurück. Der Springer wird selbstverständlich mit 19.c4 angegriffen, nach 19…O-O 20.cxd5 Txa2 21.Dxe7 Txd2 22.Dxd6 cxd6 23.f3 Tc8 ist es remis, weil Weiss nun immer einen der zwei Türme angreifen muss, damit der Turm von der 8. Reihe nicht auf die zweite eindringt.
Bleibt noch 18…Dd7 19.Lb4 Sd5, Weiss findet eine weitere Drohung, 20.Lc5 b6 er hat sein Pulver auch jetzt noch nicht verschossen, 21.c4 bxc5 22.cxd5 mit der Drohung Tb8+, daher 22…Kf7, aber auch jetzt gibt es eine weitere Drohung, 23.Dc4, Idee d6+, die Schwarz seinerseits mit einem Powerzug abwehrt. 23…Ta4, aber was jetzt? Na klar, 24.Txe7+ Kxe7 25.De2+ mit ewigem Schach, weil nach 25…Kf6 26.De5+ Kg6 27.Dg3+ Kh5 28.De5+ g5 wegen 29.Dxh8 nicht geht. Eine ausserordentlich schöne Variante, weil sie leicht nachvollziehbar ist.
Dritte Variante
(1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 f5 4.Sc3 fxe4 5.Sxe4 d5 6.Sxe5 dxe4 7.Sxc6 Dg5 8.De2 Sf6 9.Sxa7+ Ld7 10.Lxd7+ Sxd7 11.Dxe4+ Le7 12.d4 Da5+ 13.b4 Dxb4+ 14.Ld2)
14…Da4 15.O-O Kd8, denn nach 15…Sf6 kann Schwarz nicht gleichzeitig den Springer abholen und den Läufer verteidigen. 16.De5 Dxa7 17.Tfe1 O-O 18.Dxe7 Dxd4 19.Db4 wird ihm keine Freude machen. Aber jetzt geht der Springer wirklich verloren, denn nach 16.Tfe1 Lf6 droht Schwarz zu viel. 16.Dxb7 Txa7 verschenkt ein Tempo.
Aber auch hier überlebt Weiss, mit 16.Lf4, was Lxc7+ droht. Schwarz sollte dem mit 16…c6 nicht unbedingt auszuweichen versuchen, weil er sowieso verpflichtet ist, irgendwann den Springer zu nehmen, während dessen Weiss bereits zwei Bauern für die Figur hat aber auch ein Gegenspiel gegen den König in der Mitte, dem der Fluchtweg durch den Lf4 abgeschnitten ist, aufziehen kann. Eine Mustervariante dazu lautet 16.Lf4 c6 17.c4 Txa7 18.Tfe1 Lf6 19.De6. Schwarz hat keine guten Züge.
Trotzdem ist 16…c6 psychologisch absolut gerechtfertigt, denn manch ein Weiss-Spieler wird sich kaum verkneifen können, mit 17.Sxc6+ einen Bauern für den Springer ‚mitzunehmen‘ und sich nach 17…Dxc6 18.Dd3 Ta3 wundern, woher Schwarz auf einmal so viel ‚Schuss‘ bekommen hat.
16…Txa7 17.Lxc7+ Kxc7 18.Dxe7 g6 19.c4. Weiss hat drei Bauern für den Springer und sein König steht sicher. Das müsste remis enden.
13.Ld2? Dxa7 14.O-O Sf6 15.De5 Kf7 16.Tfe1 Ld6 17.De6+ Kg6 18.Te4 h5 19.g4 Tae8 20.gxh5+ Txh5 21.Tg4+ Kh7 0-1
Ich kann es mir nicht verkneifen, zusammenfassend ein paar Seitenhiebe auf Schachtheoretiker auszuteilen. Zum Beispiel auf John Watson, der behauptet, dass Schach ein Spiel von ‚Logik und Planung‘ ist. Oder auf Botwinnik, der dafür bekannt ist, dass er jeder noch so wirren Zugfolge nachträglich aufgrund der Geschehnisse einen ’strategischen‘ Gehalt einhauchte. Oder auf Richard Réti, der für jede Stellung einen positionsgemässen Plan verlangte.
Wie bereits anderswo gesagt, halte ich es mit Magnus Carlsen: „Man muss die Situation ständig neu bewerten. Das ist eines der Dinge, die die besten Spieler von den zweitbesten unterscheiden, die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen.“
Zu dieser Aussage stelle ich ergänzend fest, dass Schach ein Spiel von Option und Wahl ist. Bei jedem Zug muss ich aufgrund der taktischen Gegebenheiten Kandidatenzüge bestimmen und ceteris paribus einen davon wählen. Aber erst dann, wenn es auch wirklich solche ungefähr gleichwertige Züge gibt. Deren sind in diesem Beispiel einige vorgekommen.
Die Kriterien für die Wahl können höchst unterschiedlich sein. Vorsichtige Spieler werden vorsichtige Züge wählen. Optimistische scharfe Züge. Ein wesentliches Kriterium sind psychologische Spekulationen. Einerseits kommt es darauf an, ob ich mich in der entstehenden Situation wohlfühle, anderseits, und fast noch wichtiger, ob sich mein Gegner darin wohlfühlen wird. Zu diesen Spekulationen gehört auch das Schachverständnis meines Gegners. Gerade Amateure neigen auch heutzutage noch zum Materialismus und grapschen zum Beispiel Bauern, von denen sie lieber die Finger lassen sollten, oder sie riskieren Opfer, die sie dann nicht in der Lage sind, zu verteidigen. Oder sie opfern um es Opferns willen, und so weiter und so weiter.