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Yves Winkin lebt in Paris und dort gehen die Menschen recht zügig, sagt er. Als Direktor des berühmten Musée des Art et Métiers und Professor für Anthropologie und Kommunikation, befasst er sich in seiner Forschung mit Menschen, die sich auf die eine oder andere Art in Städten bewegen. Mit Quality sprach Yves Winkin über Überraschungen am Wegesrand, die Herausforderungen des zu Fuß gehens und seine Begeisterung für Frauen in High Heels…
Monsieur Winkin, wie lange gibt es schon Forschung zum Thema „Bewegung von Menschen in Städten“?
Amerikanische Institute für Stadtplanung, urban Design oder urban sonst irgendetwas sind schon seit mehr als einem halben Jahrhundert an sich bewegenden Gefährten interessiert – aber es brauchte viele Jahre mehr, bis Fußgänger als sich bewegende Gefährte betrachtet wurden, wertvoll genug, um für sich untersucht zu werden. Der berühmte Soziologe Erving Goffman widmete das erste Kapitel seines Buches Relation in Public (1974) dem stillschweigenden „Kodex auf dem Gehweg“: Wie kommt es, dass es keine festgeschriebene Regelung gibt und doch so wenige Zusammenstöße unter Fußgängern? Und seitdem gibt es viele Studien über das Gehen als ein Modus urbaner Mobilität.
Werden die entsprechenden Fragestellungen und Probleme nicht permanent durch technische Entwicklungen überholt?
Denken Sie nur an die vielen neuen Arten, wie man sich heute in einer Stadt umherbewegen kann: Einräder, motorisierte Skateboards, E-Bikes etc. Hypothetisch gibt es Unfälle zwischen all diesen fahrenden Einheiten, wie Goffman all die Menschen nannte, die sich in irgendeinem Modus bewegten. Eines der dringlichsten Probleme, die es zu lösen gilt, ist die steigende Anzahl von Unfällen zwischen Fußgängern und Fahrradfahrern in Innenstädten. Fahrradfahrer fahren tendenziell schneller, aufgrund ihrer technisch fortgeschrittenen Fahrräder. Fußgänger hingegen tendieren dazu sich durchzusetzen, weil sie ermutigt wurden, von ihrem Recht Gebrauch zu machen. Die öffentliche Ordnung entfernt sich inzwischen von der Idee von Fahrbahnen für jede Kategorie (eine Fahrbahn für schnelle Autos, eine für langsame, eine für Fahrradfahrer, eine für Motorradfahrer etc.) Aber eine Multi-Fahrbahn für alle bringt es auch nicht recht, egal wie langsam sich alle umherbewegen. Leider Gottes sind neue Gesetze gefragt.
Hat die Forschung auch einen Effekt auf Museen?
Das Verhalten von Museumsbesuchern wurde schon in den 1970ern zu einem Forschungsgegenstand und strebt heute noch danach – es gibt sogar eine „Visitor Studies Association“. Aber erst in den 90ern begann man damit, die tatsächlichen Bewegungen der Besucher im Museum zu studieren. Beverly Serrell, Beraterin eines amerikanischen Museums, bemerkte, dass Besucher dazu tendieren, sich nach rechts zu wenden und sich dann gegen den Uhrzeigersinn im Raum zu bewegen. Es gibt ein bekanntes Buch in Frankreich, geschrieben von Eliseo Veron und Martine Levasseur, „Ethnographie einer Ausstellung“ (1998), darin beschreiben sie das Verhalten von Besuchern als das von Kängurus oder Hasen, die von einem Punkt zum nächsten hüpfen… Ein Glück, dass die Menschen keine Roboter sind und ihr Verhalten nicht komplett vorhersehbar.
Wie ist es möglich, die Mobilität von Menschen zu klassifizieren? Gibt es verschiedene Qualitäten, ist schnell besser als langsam? Bewegen sich Männer anders als Frauen …?
Es gibt faszinierende Untersuchungen, die durchgeführt werden sollten, über soziale, kulturelle und geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf das Gehen und Bewegung im Allgemeinen. Aber soweit ich weiß, gibt es bisher nicht so viele. Lassen Sie uns nur an den zügigen – aber was genau ist zügig? – Gang der Pariser oder New Yorker denken. Frauen laufen auf der Wall Street sicherlich so schnell wie Männer. Und ich muss hinzufügen, dass ich persönlich begeistert davon bin, wie schnell einige Frauen auf High Heels laufen können, in Anbetracht der Tatsache, auf welch kleiner Oberfläche sie stehen. Es wäre ein Spaß, Männer zu bitten, solche Schuhe anzuziehen und darin so schnell und anmutig zu laufen …
Wie bringt man Menschen dazu, sich zu einem anderen Ort zu bewegen oder eine bestimmte Entfernung zurückzulegen?
Einige Studien haben gezeigt, dass die meisten Fußgänger in Städten nicht über 1,6 oder 1,8 km gehen, also etwas unter 30 Minuten. Das Ziel wären 2 km, auf keinen Fall kann man Leute dazu bringen, weiter zu laufen. Aber man kann sie freundlich von einer Überraschung zur nächsten locken. Diese Überraschung kann zum Beispiel aus Kunstwerken am Weg entlang bestehen, oder aus interessanten Boutiquen. Oder aus Papp-Fischen, die im Winter in Bäumen hängen, um auf eine Ausstellung anzuspielen, die es vor ein paar Jahren in Genf gab. Darüber hinaus sollte der Gang nicht geradeaus sein. Eine kurvige Route, mit Wendungen und unerwarteten Plätzen wird viel mehr Spaß machen und motivierender sein, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene.
In Bezug auf Städteplanung, kann man Menschen manipulieren oder dahingehend beeinflussen, sich auf eine bestimmte Art von A nach B zu bewegen? Und wenn, warum müssen wir sie beeinflussen?
Shoppingcenter, Flughäfen, Lobbies von Museen sind heute häufig mit sehr weichen Materialien ausgestattet. Wir laufen nicht – wir gleiten. Wir surfen beinahe auf Marmor oder Kunststoff. Ich würde vermuten, das hängt mit der allgemeinen Atmosphäre von „Verzauberung“ zusammen, die solche Umgebungen fördern sollen: keinerlei körperliche Anstrengung soll erforderlich sein, um sich umherzubewegen. Wir müssen uns wie auf einer Wolke oder einem magischen Teppich fühlen. Wir können nicht unseren Koffer schleppen oder einen Trolley ziehen: die „fahrbare Einheit“ muss sich ohne Aufwand bewegen, um die Illusion einer zauberhaften Welt aufrecht zu erhalten.
Wie sollte eine ideale Stadt aussehen, um Menschen zu stimulieren?
Alle Städtebau-Experten hätten gerne eine Antwort auf diese Frage. Sie würden sie verkaufen und sehr reich werden. Aber sie wissen alle, dass es die eine ideale Stadt nicht gibt. Es gibt so viele ideale Städte wie es Gesellschaften und Epochen gibt. Die ideale Stadt im Europa des 19. Jahrhunderts ist weit von dem Ideal des 21. Jahrhunderts entfernt. Aber es mag Kontinuitäten geben. Zum Beispiel Begrünung. Egal wann und wo, die Menschen wollen Bäume, Blumen, Parks, Vögel, Teiche, Banken. Friedlichkeit. Aber ein anderer konstanter Trend, wenn es um die ideale Stadt geht, ist ihr dynamischer Aspekt: Menschen, die sich in alle Richtungen bewegen, viele Geschäfte, „Dinge zum Beobachten“ – die permanente urbane „Performance“. Auf der einen Seite Beschaulichkeit, auf der anderen Aufregung.
Hatten Sie als Professor für Kommunikation einen konkreten Bezug, Direktor eines Museums mit technischem Schwerpunkt zu werden?
Als Professor für Kommunikation war ich nicht speziell darauf vorbereitet, Direktor eines Museums zu werden, noch weniger eines Museums mit technischer Ausrichtung. Man sollte jedoch beachten, dass das Musée des Arts et Métiers weniger ein technisches Museum als vielmehr ein historisches ist, es wurde 1794 gegründet und wächst seitdem. Ich tendiere dazu, das Museum als Forschungsplattform zu sehen, die für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Ich würde sehr gerne das Deutsche Museum München nachahmen, das ein „Universitäts-Museum“ ist, ein Forschungs-Museum. Das Deutsche Museum wurde 1903 nach dem Vorbild des Musée des Arts et Métierts gegründet, doch die „Kopie“ hat das Vorbild schnell überholt. Ich bin sehr eifersüchtig auf das Deutsche Museum …
Gibt es kulturelle Unterschiede im Bezug auf Bewegung und Mobilität?
Sicher. Die USA sind wahrscheinlich die Bewegungs-Nation, par excellence. Es handelt sich um eine Gesellschaft „on the go“, so sagt man jedenfalls – in Romanen, in Filmen. Denken Sie nur an die Zahl der Roadmovies im amerikanischen Kino. Es existiert eine konstante Huldigung des Highways, des Motels, des Parkplatzes. Und es ist eine Gesellschaft der sozialen Beweglichkeit: Wenn du hart arbeitest, kannst du die soziale Leiter emporsteigen. Das ist zumindest das Credo. Jetzt schauen Sie dagegen nach Frankreich, dort zelebriert man das Dorf, das Landleben, die Erinnerung an Vergangenes. Dort zeigt man wie vergänglich die Illusion sozialer Beweglichkeit ist. Und schnelle Autos werden an irgendeinem Punkt crashen.
Kann Bewegung auch ein Statussymbol sein?
Schauen Sie sich an, wie die Chinesen innerhalb von zwei Generationen von einem laufenden und Fahrrad fahrenden Volk zu einem wurde, das Allrad-Autos fährt. Bishin zu einem Punkt, an dem es schwierig ist, das Laufen oder Fahrrad fahren in China als eine neue Art des urbanen Lifestyles zu etablieren – wie es in europäischen Ländern der Fall ist. Heute fahren die sophisticated, urbanen Europäer nicht mehr mit dem Auto, sie benutzen hippe Fahrräder oder laufen einfach. Das ultimative Statussymbol ist Einfachheit als ein Zeichen ökologischen Bewusstseins und als ein Zeichen von Gesundheit.
Wie verändert Mobilität Kulturen und Gesellschaften?
Sagen Sie mir: Haben Sie jemals eine immobile Gesellschaft gesehen? Gesellschaft ist Mobilität. Eine immobile Gesellschaft ist eine tote Gesellschaft.