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Im Hintergrund läuft bei uns meistens der Radiosender Jazz24 via Internet. Das ist einfacher, als selber Playlists zu erstellen. Zudem bringt dieser Jazzradiosender aus Seattle einen für mich idealen Jazz-Mix –und dies ohne Werbeunterbrechungen. In diesem vielfältigen Jazz-Mix gibt es ab und zu eine Überraschung.
Eine solche war für mich die «Entdeckung» von Tamir Hendelman: Inmitten von Vertrautem, Bekanntem oder wenig Aufregendem liess mich eine mir unbekannte Version von Charlie Parkers «Anthropology» aufhorchen. Sie faszinierte mich dermassen, dass ich in der Online-Playlist von Jazz24 nachschauen musste, wer hinter dieser atemberaubenden Neuversion eines meiner Lieblingsstücke steckte. Und dank Internet war ich bald im Besitz des entsprechenden Albums, das mich von A–Z begeistert: Tamir Hendelman «Destinations».
Tamir Hendelman
Der 1972 in Israel geborene Hendelman begann sein Klavierstudium mit sechs Jahren. 1984 zog er 12-jährig in die USA und gewann zwei Jahre später, also im zarten Alter von 14, Yamaha's National Keyboard Competition. Er schloss den Bachelor für Komposition 1993 an der Eastman School of Music in Rochester, New York ab.
1996 ging er nach Los Angeles und wurde zu einem gefragten Pianisten und Arrangeur, tourte die Welt und war 1999 Gast-Solist beim Henry Mancini Institute Orchester.
2000 wurde er Mitglied des Jeff Hamilton Trios, danach Teil des Clayton-Hamilton Jazz Orchestra. Er ist auf Alben von Tierney Sutton und der Bill Holman Big Band zu hören, spielte und arrangierte für Roberta Gambarini («Easy To Love») und als Mitglied des CHJO machte er Aufnahmen unter anderem für John Pizzarelli, Gladys Knight und Diana Krall, Natalie Cole und Barbra Streisand.
Für sein eigenes Trio überarbeitet/arrangiert er Standards, Bossa Nova und Musik aus Israel.
Marco Panascia
In vielen Fällen spielt in einem Trio der Pianist die Hauptrolle, Bass und Schlagzeug wirken eher als Ergänzung. Nicht hier: Marco Panascias Bass-Spiel löste bei mir denselben Effekt aus, wie Scott LaFaro auf «The Arrival of Victor Feldman»: Staunende Faszination.
Der 1972 in Venedig geborene Marco erhielt mit 8 Jahren klassischen Klavierunterricht. Mit 16 begann er in diversen Rockgruppen E-Bass zu spielen. Dann folgte ein 5-jähriges klassisches Kontrabass-Studium in Catania. Nach einem Konzert von John Patituci war er vom Jazz begeistert.
1999 zog er in die USA, schloss am Berklee College of Music mit dem Bachelor ab. Danach arbeitete er unter anderem mit Kenny Barron, Natalie Cole, Eric Reed, Gary Burton, Roy Hargrove, wobei er Kontrabass und E-Bass gleichermassen pflegte. Die Liste seiner Einsätze bei Filmscores und Broadway-Musicals ist beinahe endlos.
Lewis Nash
Der älteste und erfahrenste Musiker des Trios ist der Schlagzeuger Lewis Nash. Geboren am 30. Dezember 1958 in Phoenix, Arizona, kann Nash schon heute auf eine phänomenale Karriere zurückblicken, spielt er doch auf über 300 Jazz-Alben, unter anderem mit Dizzy Gillespie, Oscar Peterson, Benny Carter, Hank Jones und John Lewis, aber auch mit Jazz-Stars der jüngeren Generation wie Diana Krall, Joe Lovano und Roy Hargrove und eben mit Tamir Hendelman.
«Destinations»
Normalerweise spricht mich überarrangierter Jazz nicht besonders an, ich bevorzuge die Freiheit der Improvisation. Doch dieses Album ist anders: Zwar hat Hendelman bekannte Stücke neu arrangiert und ihnen damit neues Leben eingehaucht, doch das Trio klingt nie «verkrampft eingeübt» oder gekünstelt. Alles fliesst natürlich, auch die kompliziertesten Arrangements wirken wie aus einem Guss, wie wenn sie im Moment entstanden wären. Hendelmans Klavierspiel ist unglaublich präzis und dennoch locker, das Zusammenspiel mit Bass und Schlagzeug wirkt selbstverständlich und organisch, alles stimmt.
Wie schon eingangs erwähnt, hörte ich als erstes «Anthropology», ein Stück, das mich seit meiner Jugend fasziniert, dessen Melodie mein Freund und ich auf dem Schulweg trällerten, das uns den grauen Alltag vergessen liess. Und nun kommt Hendelman mit einer neuen, jugendlich-dynamischen, komplexen Version, die dieser Komposition aus den 40er-Jahren neuen Schub verleiht.
Und so geht es mit allen Melodien auf «Destinations»: Aller Staub ist weggeblasen, die Melodien strahlen in neuem Glanz respektive in neuen Arrangements, sind voller Dynamik, Überraschungen und zusätzlich mit aussergewöhnlichen Soli versetzt. Nur gerade «On the Street, Where You Live» scheint mir in diesem Umfeld ein wenig zu konventionell – zwar immer noch brillant gespielt, mit swingend-perlenden Soli ergänzt, aber etwas brav, verglichen mit den übrigen Beiträgen.
Doch was soll ich weiter versuchen in Worte zu fassen, was Sie als Musik erleben können. Seit langem hat mich kein Album dermassen begeistert wie dieses. Und je öfter man es sich zu Gemüte führt, desto mehr hört man, desto mehr Details lassen einen staunen und überrascht schmunzeln.
Und natürlich spielt auch die Aufnahmequalität (und wahrscheinlich zusätzlich das Remastering von 2xHD) eine Rolle für den positiven Klang sowie den guten Gesamteindruck. Und wenn ich doch noch etwas finden muss, damit nicht alles zu euphorisch klingt: Das Sizzle-Becken von Lewis Nash wirkt mir ein oder zweimal zu undefiniert, beinahe etwas störend … doch das ist kaum der Rede wert.
Unbedingt ein Ohr voll nehmen – und staunend geniessen!