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Wenn wir Ärger, Wut, Scham oder andere belastende Gefühle erleben, gibt es verschiedene Bewältigungsstrategien, die je nach Situation mehr oder weniger hilfreich sind. Die Gefühlsregulation soll daher dem Kontext und idealerweise unseren langfristigen Zielen angepasst werden. Unsere intuitive Tendenz, die negativen Gefühle rasch loszuwerden und zu vermeiden, ist jedoch eher depressionsfördernd, wie ein amerikanisches Forscherteam plädiert. In einer Studie liessen sie Jugendliche auf ihrem Smartphone viermal täglich ihre Stimmung einschätzen, wobei die Teenager aus einer Vorgabe von zwölf negativen und fünf positiven Gefühlen auswählen konnten. Zusätzlich wurden sie nach den vorhergegangenen Belastungen gefragt. Anderthalb Jahre danach wurden die gleichen Personen erneut nach depressiven Symptomen während der vergangenen Zeit und auch zum aktuellen Zeitpunkt befragt. Dabei zeigten die Befunde, dass diejenigen Jugendlichen, die Mühe hatten ihre negativen Gefühle zu differenzieren und zu beschreiben, mehr depressive Symptome aufwiesen als jene Personen, die ihre emotionalen Reaktionen auf Stress besser differenzieren konnten. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass es als Depressions-Prävention hilfreich sei, Jugendlichen beizubringen möglichst viele verschiedene (insbesondere) negative Emotionen zu kennen und zu verstehen. Dabei lernen die Jugendlichen sich ihnen zuzuwenden anstatt sich abzulenken und diese zu identifizieren, um besser mit ihnen umgehen zu können.
Ganz nach dem Motto: Schau dem Drachen in die Augen und er wird meist zu einem „Schosshündchen“.
Nach Klaus Grawe’s Konsistenztheorie ist es nur dann möglich, unsere Grundbedürfnisse und authentische Wünsche langfristig optimal zu befriedigen, wenn wir uns zutrauen mit potentiellen Schwierigkeiten umgehen zu können und trotzdem danach zu handeln, was uns wichtig ist, anstelle das zu vermeiden, was uns ängstigt.
Wir leisten somit einen wertvollen Beitrag, wenn wir unsere Liebsten mitfühlend unterstützen, die schwierigen Gefühle zu verstehen, anstatt sie voreilig davon abzulenken und aufheitern zu wollen.
Es wäre so hilfreich, wenn wir bereits als Kinder und Jugendliche lernen dürften mit schwierigen Emotionen umzugehen. Wenn wir bereits in jungen Jahren verstehen und immer wieder erfahren würden, dass nicht die Situation die Gefühle auslöst sondern unsere Gedanken respektive unsere Interpretation der Situation, dann wäre das Leben später um einiges leichter, selbstwirksamer und heiterer. Die Kinder könnten bereits früh verinnerlichen, ihre automatischen Gedanken auf die Realität zu überprüfen und gegebenenfalls für sie hilfreiche Alternativen zu finden. In Wales und England wurde das Fach Achtsamkeit (achtsamer Umgang mit Gedanken, Gefühlen, Impulsen, Körperempfindungen) seit diesem Jahr als Grundschulfach in den Lehrplan aufgenommen. Auch in der Schweiz integrieren erfreulicherweise immer mehr Schulen und Kindergärten dieses Konzept in ihren Lehrplänen.
Wie ist es bei Ihnen? Wie oft merken Sie im Alltag, dass Ihre Gedanken Ihre emotionale Reaktion hervorruft und nicht die Situation?
Literatur:
Starr, L.R., Hershenberg, R., Shaw, Z.A., Li, Y.I., & Santee, A.C. (2019). The perils of murky emotions: Emotion differentiation moderates the prospective relationship between naturalistic stress exposure and adolescent depression. Emotion. doi: 10.1037/emo0000630
Lic. phil. Andrea Bender