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Farbe als Phänomen
|„Alles schwingt“, sagte bereits vor einigen tausend Jahren der grosse Eingeweihte Hermes Trismegistos. Und seit Hertz wissen auch wir, dass in unserem Universum ein unendliches Spektrum elektromagnetischer Wellen existiert. Nur ein winziger Anteil dieses gigantischen Spektrums ist für das menschliche Auge sichtbar: Wir nennen ihn „Farbe“.

Goethe sagte, Farben seien das Leiden des Lichtes. Er wies damit bereits damals auf die Tatsache hin, dass, wenn die Schwingungsrhythmen reinen weissen Lichtes verlangsamt werden, sich Farben manifestieren. Der Regenbogen, den wir am Himmel sehen, stellt also die erste fassbare Manifestation des in sieben Farben zerlegten Lichtes dar. Er steht an der Grenze zwischen der geistigen und körperlichen Welt.
Um uns der Wichtigkeit der Farben bewusst zu werden, brauchen wir uns nur ihre allgegenwärtige Präsenz in Erinnerung zu rufen. Sie befinden sich in der Chemie mit ihren spezifischen Farbwirkungen und -gegenwirkungen, in der Biologie, wo alles Leben Farbe ist, in der Physik mit den Farbäusserungen vieler Phänomene, in der Psychologie, wo wir von rosaroten Zeiten oder dem gelben Neid sprechen. Farben sind aber auch in allen Äusserungen des menschlichen Geistes enthalten: in der Kunst, der Wissenschaft, der Religion. Wir finden sie in den Mineralien, den Pflanzen, den Tieren.
Da Töne ebenfalls Schwingungen sind, haben auch sie ihre spezifischen Farben, die von sehr sensibilisierten Menschen gesehen werden können. Der grosse Violonist Isaac Stern sagte einmal: „Musik ist nicht nur schwarz oder weiss, sondern von einer Farbigkeit, die das Vorstellungsvermögen übersteigt.“ Von Mozart vermutet man ebenfalls, dass er die Farben der Töne sehen konnte.
Der geheimnisvolle Prozess der Photosynthese befähigt den Baum, Früchte hervorzubringen, weil das Sonnenlicht auf die Pigmente Grün, Orange und Gelb der Blätter einwirkt und aufgrund des Gesetzes der Affinität diese Farben wiederum jeweils ihre Komplementärfarbe anziehen. Eine solche Photosynthese vollzieht sich auch im menschlichen Organismus mit dem Essen, der Atmung und dem Denken.
Der Regenbogen ist die erste fassbare Manifestation des in sieben Farben zerlegten Lichtes. Er steht an der Grenze zwischen der geistigen und körperlichen Welt.
Farben sind sowohl Eigenschaften des Lichtes als auch Lebenselement. Bestimmte Farbtöne können Heilungsprozesse fördern oder Unbehagen verursachen. Die Lieblingsfarben eines Menschen geben Hinweise auf seine Persönlichkeit. Farben wirken unmittelbar auf die Psyche ein; die Psyche wiederum hat ihre eigene „Wellenlänge“, die in der Aura die jeweilige seelische und körperliche Verfassung widerspiegelt und von der Kamera wahrgenommen werden kann (von empfindsamen Menschen sogar unmittelbar).
Die Farbe, die sich uns an einem Gegenstand zeigt, ist von veränderlichen Faktoren abhängig: dem herrschenden Licht und den physikalischen Wechselwirkungen seiner Oberfläche mit der Umgebung, der Persönlichkeit des Betrachters, seiner momentanen Stimmung, seiner Lebenserfahrung.
Die Erfindung synthetischer Farbkörper und Pigmente erlaubt heute, die von uns bevorzugten Farben frei zu wählen und anzuwenden. Dennoch haben sich in den vergangenen Dekaden Farbtendenzen herausgebildet. Sie sind offensichtlich das Resultat sozialer, politischer, technologischer, ästhetischer und kommerzieller Wirkungskräfte. Die energetischen, optimistischen 50er und 60er Jahre zum Beispiel, die technologischen Fortschritt (der auch zur Entwicklung von synthetischen Pigmenten führte) und industrielles Wachstum noch feierten, waren gekennzeichnet vom Gebrauch intensiver, saturierter Farben. Die Tendenz der 70er Jahre zu natürlichen Farben und Textilien schien die wachsende ökologische Sorge und das Bewusstsein über die Grenzen der Ressourcen unseres Planeten widerzuspiegeln. Der sich in den 80er Jahren abzeichnende Trend zu kühleren, weniger saturierten „Grenzfarben“ sei laut Farbspezialisten das Ergebnis eines wachsenden Einflusses der elektronischen Medien (Video) ebenso wie der verhaltenen Wirtschaftslage und der Tatsache, dass sich unsere Gesellschaft tatsächlich an einem Scheideweg befinden könnte.
Wenn wir uns bewusst werden, dass die Wellenlängen der Lichtschwingungen von ihrer längsten Welle (dem Rot) zur kürzesten (dem Violett) eine kontinuierliche Sequenz beschreiben und ausserdem das Licht eine symmetrische Kreisbewegung um seine Fortbewegungsrichtung macht, so dass die Frequenzen dieser Schwingungen eine konische Spirale bilden, dann wir auch unser innerer Bezug zu den Farben sowie ihre Wirkung auf unsere Psyche und unseren Organismus einleuchtend.

Das Rot mit seiner grössten Wellenlänge innerhalb des Lichtspektrums und damit der niedrigsten Frequenz wird deshalb mit den vitalsten Bedürfnissen des Menschen in Verbindung gebracht. Rot ist belebend, erregend, erwärmend; es drängt zum Wirken und Erfolg.
Das Blau ist die Farbe der Weite und Tiefe ohne Grenzen. In der Esoterik ist es der Geist der Wahrheit und steht mit Religion, Frieden und Musik in Beziehung. Es beruhigt das Nervensystem, heilt die Lunge und wirkt wohltuend auf die Augen.
Indigo symbolisiert Kraft und Königswürde. Weil jedoch in dieser Farbe Schwarz vorherrscht, verbinden viele Menschen mit ihr Apokalypse und Tod (eines der letzten Ernte-Bilder van Goghs wird dominiert von einem indigofarbenen Himmel).

Das Violett ist sowohl Spannung als auch Verbindung, weil es das lebendige Rot ebenso enthält wie das transzendente Blau. Für die Esoterik ist diese Farbe der Geist der Allmacht Gottes, der Aufopferung und geistigen Liebe. Tatsächlich gehen die Einstellung und Gefühle dieser Farbe gegenüber, sei es von Psychoanalytikern, Künstlern, Spiritualisten oder zufälligen Testpersonen, stets in Richtung des Geheimnisvollen, des intuitiv-sensiblen Verstehens, der Identifikation, Faszination und Mystik. Die Tatsache, dass Violett, im Gegensatz noch zu einer vorherigen Generation, sowohl von Frauen als auch von Männern (auch jüngeren Alters) getragen wird, deuten Farbpsychologen als Ausdruck des Verlangens nach Gemeinschaft in unserer Welt der wachsenden Isolation und Entfremdung ebenso wie nach Identifikation der Frauen.
Farbpsychologie und Forschung haben übrigens erbracht, dass die tiefe symbolische Bedeutung der Farben Kulturen und Religionen transzendiert.
Vom Spektrum der elektromagnetischen Wellen ist nur ein kleiner Teil für unser Auge sichtbar. Wir nennen ihn "Farbe".
Unendlich weit ist das Gebiet der Farbe. Und doch ist der Begriff „Farbe“, wie wir ihn verwenden, nur eine grobe Abstraktion für sehr subtile Vorgänge. Er umfasst tiefverwurzelte kulturelle Prozesse und Wirkungen, von denen viele uralt und konventioneller Natur sind, andere hingegen neu und auf die reale Gegenwart bezogen. Wann immer wir sehen, sehen wir Farbe, und wir können uns ihrer Wirkung nicht entziehen. Für unser materialistisches Zeitalter ist es jedoch symptomatisch, dass wir uns mehr mit der Form als mit der Farbe beschäftigen. „Unser heutiges Farbinteresse ist fast ausschliesslich optisch-materiell ausgerichtet, und es wird nicht von der Seele und dem Geist gelebt“, sagte Johannes Itten. „Nicht nur in optischer, sondern auch in psychischer und symbolischer Weise sollten die Wirkungen der Farben gelebt und verstanden werden.“ Ein Verstehen von Farbe und ihrer Wirkung auf seinen sensitiven Mechanismus wird dem Menschen helfen, das auszudrücken, was er wirklich ist: ein Geschöpf des Lichtes.