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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZWEITES BUCH. Neuerdings verteidigt Augustinus die Gleichheit der Personen. Insbesondere erörtert er die Sendung und die Gotteserscheinungen Dabei zeigt er, daß die Sendung keine Überordnung der sendenden über die gesandte Person bedeutet und daß die Gotteserscheinungen allen Personen gemeinsam sind.
18. Kapitel. Die Vision Daniels.
33. Doch ich kann nicht verstehen, wie die eben genannten Leute die Erscheinung erklären, die Daniel vom "Hochbetagten"1 hatte, von dem der Menschensohn, der zu werden er sich unsertwegen herbeiließ, das Reich empfangen hat; er empfing es ja von dem, der in den Psalmen zu ihm sagt: "Mein Sohn bist du, heute habe ich dich erzeugt; so heische nur von mir; ich werde dir die Heidenvölker zum Erbe geben."2 Wenn also Daniel in sichtbarer Gestalt der Vater erschien, der das Reich [S. 98] verlieh, und der Sohn, der es empfing, wie können da jene noch behaupten, der Vater sei den Propheten niemals erschienen, und deshalb dürfe man nur in ihm den Unsichtbaren sehen, "den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann"?3 Daniel erzählt ja folgendes: "Ich sah, wie Throne aufgeschlagen waren, und ein Hochbetagter saß darauf, und sein Gewand war weiß wie Schnee und sein Haupthaar wie die Wolle rein; sein Thron bestand aus Feuerflammen; seine Räder waren brennendes Feuer, ein Feuerfluß zog vor seinem Antlitz her; tausend mal tausend dienten ihm, und zehntausend mal zehntausend standen bei ihm. Er hielt nun Gericht, und Bücher wurden aufgeschlagen."4 Und gleich darauf: "Ich schaue in nächtlichem Gesichte, und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie ein Menschensohn, und er gelangte bis zum Hochbetagten, und er wurde ihm zugeführt. Da wurde ihm gegeben Herrschaft, Ehre und Reich, und alle Völker, Nationen und Zungen sollten ihm dienen. Seine Herrschaft sollte ewige Macht sein, die nicht vergehen wird, und sein Reich soll unzerstörbar sein."5
Siehe, da haben wir den Vater, der das ewige Reich schenkt, und den Sohn, der es empfängt. Beide stehen vor dem Auge des Propheten in sichtbarer Gestalt. Es ist daher ganz entsprechend, wenn man auch von Gott Vater glaubt, daß er auf diese Weise den Sterblichen zu erscheinen pflegt.
34. Es müßte schon jemand mit der Erklärung kommen, daß der Vater deshalb unsichtbar sei, weil er im Traume erschien, daß dagegen der Sohn und Heilige Geist deshalb sichtbar seien, weil Moses alle jene Vorgänge mit wachen Augen sah. Ab ob Moses das Wort und die Weisheit Gottes mit leiblichen Augen gesehen hätte oder als ob überhaupt der Hauch [spiritus], sei es des Menschen, der das Fleisch lebendig macht, sei es der stoffliche, den wir Wind heißen, gesehen werden [S. 99] könnte. Wieviel weniger kann dann jener Geist Gottes gesehen werden, der das geistige Wesen aller Menschen und Engel durch die unnennbare Erhabenheit der göttlichen Substanz überragt? Oder fällt etwa jemand so sehr dem Irrtum zum Opfer, daß er sich zu der Behauptung versteigt, der Sohn und der Heilige Geist seien den Menschen auch im Wachen sichtbar, der Vater aber nur im Traume? Wie soll dann das Wort: "den kein Mensch gesehen hat oder sehen kann"6 noch vom Vater allein Geltung haben? Oder hört etwa der Träumende für die Zeit seines Traumes auf, Mensch zu sein? Oder sollte der, welcher ein körperliches Symbol bilden konnte, um in einem Traumgesicht seine Gegenwart zu bekunden, nicht eine körperliche Gestalt formen können, um wachen Augen seine Gegenwart zu offenbaren, wo doch seine eigentliche Substanz selbst, die sein Wesen bestimmt, weder im Träumen noch im Wachen durch ein körperliches Symbol oder eine körperliche Gestalt sichtbar werden kann; — so ist nicht nur die Substanz des Vaters, sondern auch die des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dazu kommt folgende unbestreitbare Erwägung: Wenn manche den Wachgesichten solche Wichtigkeit beimessen, daß sie glauben, in ihnen sei den leiblichen Blicken der Menschen nicht der Vater, sondern nur der Sohn oder der Heilige Geist erschienen — ich will die so weitverzweigten und bedeutungsreichen Darlegungen der Heiligen Schrift übergehen, welche jedem mit gesundem Kopf die Behauptung verbieten, daß die Person des Vaters nirgends durch eine körperliche Gestalt wachen Augen ihre Gegenwart gezeigt habe, ich will das, wie gesagt, übergehen —, was sagen sie dann von unserem Vater Abraham, dem — die Schrift schickt ihrem Berichte das Wort voraus: "Der Herr ist Abraham erschienen"7 — nicht einer oder zwei, sondern drei Männer erschienen sind und der dabei zweifellos wach war und Dienste leistete? Dabei heißt [S. 100] es von keinem der drei, daß er die beiden anderen an Adel der Würde, an Glanz des Ruhmes oder an Gewalt des Gebietens überragt habe.
35. Weil wir also nach der oben angegebenen Gliederung unseres Themas in drei Teile zuerst die Frage behandeln wollten, ob der Vater oder der Sohn oder der Heilige Geist oder das eine Mal der Vater, ein anderes Mal der Sohn, ein anderes Mal der Heilige Geist oder ohne persönliche Unterscheidung, wie man sagt, der eine und alleinige Gott, das heißt die Dreieinigkeit selbst durch das Medium jener geschöpflichen Gestalten den Vätern erschien, so haben wir, soweit wir konnten und soweit es uns notwendig erschien, die in Betracht kommenden Stellen der Heiligen Schrift befragt, und nach meiner Meinung führt eine besonnene und vorsichtige Betrachtung der heiligen Geheimnisse zu dem bescheidenen Ergebnis, daß wir nicht ohne weiteres entscheiden können, welche Person aus der Dreieinigkeit jeweils den Vätern oder Propheten erschienen ist, außer wenn sich aus dem Textzusammenhang einige Wahrscheinlichkeitsmomente für eine bestimmte Meinung ergeben. Denn die Natur selbst oder die Substanz oder das Wesen, oder wie immer man die in sich ruhende Wirklichkeit Gottes heißen mag, kann mit den Leibessinnen nicht gesehen werden. Durch das Medium eines Geschöpfes jedoch konnte, wie uns der Glaube lehrt, nicht nur der Sohn oder der Heilige Geist, sondern auch der Vater in einem körperlichen Bilde oder Symbol den sterblichen Sinnen ein Gleichnis seiner selbst geben. Mit diesem Sachverhalt wollen wir uns vorerst, damit der Umfang dieses zweiten Buches nicht ungebührlich anwächst, zufrieden geben und die Untersuchung der noch verbleibenden Fragen dem folgenden Buche zuweisen.
1: Dan. 7, 9.
2: Ps. 2, 7 f.
3: 1 Tim. 6, 16.
4: Dan. 7, 9 f.
5: Dan. 7, 13 f.
6: 1 Tim. 6, 16.
7: Gen. 18, 1.