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Hugo Wetscherek (Hg.): Kafkas letzter Freund. Der Nachlass Robert Klopstock (1899–1972). Mit 38 Briefen Franz Kafkas. Inlibris (2003)
Als Robert Klopstock 1972 in New York starb, war sein Nachlass perfekt präpariert. Nur sein schlechtes Gewissen hatte er nicht entsorgen können: Die zwei illustren Leichen in seinem Keller bedrückten ihn wahrscheinlich bis zuletzt, als er, selbst im Hospital, versuchte, sich die Infusionsschläuche aus dem Körper zu reissen und den Herzschrittmacher zu manipulieren. Sicher ist aber auch das nicht. Denn der Nachlass, den das Wiener Auktionshaus Inlibris für stolze 1,3 Millionen Euro zum Kauf anbietet, enthält so viele Lücken und Ungereimtheiten, dass er genauso gut von einem mörderischen Karrieristen stammen könnte wie von einer feinen «Goldschnittseele», die durch Zufall in das mühsame Sterben von Franz Kafka und den Selbstmord von Klaus Mann hineinschlitterte.
Erste Begegnung
Im Fall von Kafka wird nur diskret gemunkelt, dass Klopstock ihm möglicherweise die tödliche Spritze verabreichte, während Klaus Manns Tod im Tagebuch seines Vaters Thomas explizit auf Klopstocks fahrlässige Hilfe zurückgeführt wird: «Das Gift, Entwöhnungsmittel zugleich, hat er von dem idiotischen Klopstock erhalten.»
Der deutsche Nobelpreisträger lernt den ungarischen Arzt vermutlich bei dem Bankett kennen, das Ungarns berühmtester Essayist und Kunstmäzen Ludwig Deutsch alias Baron Hatvany ihm zu Ehren Anfang 1936 auf seinem Landsitz bei Budapest gibt und zu dem die Crème de la Crème der heimischen Kunst und Kultur eingeladen ist. Der Arzt kommt entweder im Schlepptau des Humoristen Frigyes Karinthy, von dem er – gegen den Rat, den Franz Kafka ihm zwölf Jahre zuvor gab – mehrere Kurzgeschichten übersetzte, oder es ist der Name seiner Frau, Gisella Deutsch, der ihm die Tore öffnete.
Als sei ihm die Last zu schwer, lüftet Klopstock in einem Interview ein einziges Mal den Schleier.
Jedenfalls spannt Klopstock dort Thomas Mann gleich für sich ein, sodass dieser bereits kurz darauf einen Brief «in Sachen des Budapester Dr. Klopstock» an den nächsten Nobelpreisträger, Albert Einstein, schickt. Im Mai 1937 vermerkt Klaus Mann den Beginn seiner Bekanntschaft mit «Klopstock, in dessen Armen Franz Kafka gestorben ist». Vertrauensvoll lässt sich der drogensüchtige Autor daraufhin bei seiner ersten Entziehungskur von ihm betreuen, Kafka-Geschichten erzählen und einen Brief zeigen, den Franz Werfel ihm schrieb; dieser gilt heute als Gründungsurkunde der religiösen Kafka-Verehrung.
«F. K. ist ein Herabgesandter», heisst es darin, «ein grosser Auserwählter, und nur die Epoche und die Umstände haben ihn dazu vermocht, sein jenseitiges Wissen und seine unaussprechliche Erfahrung in dichterische Gleichnisse zu giessen. Dieses Abstands zwischen ihm und mir, der ich nur ein Dichter bin, war ich mir immer bewusst. Ihr Bericht bedeutet daher eine grosse Ehre für mich und ich danke Ihnen. Immer der Ihre.» Werfel war, als er das schrieb, bereits ein Weltautor, aber wer war Klopstock? Was stand in seinem «Bericht», und warum hat er ihn ausgerechnet 1934 geschickt?
Wie das blühende Leben
Rückblende. «Anfang 1921» habe man ihn lungenkrank «ins Sanatorium Matliary in der Hohen Tatra eingeliefert», wo Kafka schon seit Dezember lag, aber erst Wochen später sei er auf einer Landstrasse einem Mann begegnet, der ihn nach dem Titel des Buchs in seiner Hand fragte. Das Buch war Kierkegaards «Furcht und Zittern», der Fremde Franz Kafka. Sagt Klopstock, und es ist hübsch ausgedacht.
Denn Kafka erwähnt bereits Anfang Februar in einem Brief an Max Brod einen Praktikanten oder Pfleger, der ihn zur Unzeit mit einer überflüssigen Therapie behelligte: «Gestern abend wurde ich gestört, aber freundlich, es ist ein 21-jähriger Mediziner, Budapester Jude [. . .], der kam noch nach 9 Uhr aus der Hauptvilla herüber, um mir den (kaum nötigen) Wickel anzulegen.» Kafka schildert ihn als gross, stark, breit, rotwangig, blond, klug, sehr strebend und auch sonst wie das blühende Leben.
«Dieses Abstands zwischen ihm und mir, der ich nur ein Dichter bin, war ich mir immer bewusst.»
«Von seiner Krankheit sieht man ihm gar nichts an», heisst es noch im April. Einzige Irritation: «das wie von starken Mächten zerrissene Gesicht». «Im Mittelalter hätte man ihn für besessen gehalten» (an seine Schwester Ottla, März 1921). Was Kafka nicht sah: Dieser «unglückliche Mediziner» besass ein «etwas anschmeisserisches Wesen» (Klaus Mann), das «Talent, menschlichen Grossmut geradezu herauszufordern» (Lili Hatvany), und keine Scheu, den todkranken Kafka permanent um Hilfe anzugehen.
So lässt sich Klopstock von Kafka eine Aufenthaltserlaubnis, einen Pass, Mensa-Freikarten und ein Zimmer bei den Eltern besorgen, als er statt in Budapest in Prag weiterstudieren will. Er lässt ihn auf Ämter laufen und Freunde und Bekannte um Arbeit für ihn betteln. Und als ihm plötzlich einfällt, sich als Übersetzer zu profilieren, lässt er ihn seine Anfängerübungen korrigieren und überredet ihn, bei seinem Verleger die exklusiven Übersetzungsrechte seiner Werke ins Ungarische für ihn zu erwirken.Im Gegenzug versorgt er Kafka, als dieser wieder in Prag ist, mit alten Zeitungen, Nachrichten über die Mitpatienten, langen Jeremiaden und «Tadelbriefen» (Januar 1922), aber auch mit Ausgaben der Karl Krausschen Fackel und mit «prachtvoller Chokolade». Ab dem 6. Mai 1924 quartiert er sich schliesslich in Kierling ein – gegen Kafkas Willen und auf Kosten von dessen Familie –, wo Kafka zwei Monate später sterben wird.
Gut möglich, dass er ihm dort wirklich beistehen will. Möglich aber auch, dass er ein histrionischer Typ ist, der wohlkalkuliert herbeieilt, um der zu werden, «in dessen Armen Kafka gestorben ist» und sich die Definitionsmacht über dessen Todesstunde zu sichern. Dafür spricht, dass er jahrelang als «Kafkas letzter Freund» auftritt, während er Bitten um andere Auskünfte oder Leihgaben von Kafka-Werken «energisch» und «unkooperativ» (Joachim Unseld) abwehrt. Bis 1946 erzählt er in jeder neuen Runde die Geschichte, deren einziger Zeuge er ist: wie Kafka ihn um Erlösung bittet – «Töten Sie mich oder Sie sind ein Mörder!» – und wie er ihm ganz zum Schluss noch zuflüstert: «Gehen Sie nicht fort!» – «Ich gehe ja nicht fort» – «Aber ich gehe fort.»
Und dann wäre da noch die «Aktion Werfel-Brief»: Gleich nach Hitlers Machtantritt verliert Klopstock im Frühjahr 1933 seine erste Stelle nach neun (!) Jahren Studium als (jüdischer) Assistenzarzt in Sommerfeld bei Berlin. Er geht nach Budapest zurück und versucht sich dort als Literat, übersetzt und schreibt Gedichte. Im Herbst 1933 erscheint Franz Werfels Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» und ist so erfolgreich, dass Hollywood sich sofort die Filmrechte sichert.
Im Frühjahr 1934 kündigt parallel der Berliner Schocken-Verlag die erste Kafka-Gesamtausgabe an. Als Herausgeber firmiert Kafkas anderer Prager Freund, Max Brod, als Rezensent der vier ersten Bände Klaus Mann. Dessen emphatisches Lob soll das Propagandaministerium veranlasst haben, die Ausgabe auf den Index der «schädlichen oder unerwünschten Literatur» zu setzen.
Unterdessen veröffentlicht Hollywood im Herbst 1934 die ersten Fotos von den «Musa Dagh»-Dreharbeiten in der Presse. Und kurz danach muss Klopstock diesen Brief geschrieben haben, auf den Werfel am 2. Dezember 1934 so euphorisch antwortete. Er begann seinen Brief vermutlich mit der Information, dass Kafkas letzte Notiz an ihn Werfels «Verdi»-Roman galt, und endete mit dem «Bericht», wie Kafka in seinen Armen gestorben sei.
Klopstocks Chance
Drei Jahre später. Klopstock trifft, zufällig oder nicht, Klaus Mann in Budapest. Gerade sind in Prag Kafkas «Tagebücher und Briefe» als Abschluss der Gesamtausgabe erschienen, und natürlich plant Klaus Mann, auch sie zu rezensieren. Das ist Klopstocks Chance. Er präsentiert den Brief, Klaus Mann zitiert ihn fast komplett in seiner Kritik, und die Kanonisierung von «Kafkas letztem Freund» ist perfekt. Keiner käme danach noch auf die Idee, Klopstock könnte dem «Freund» die tödliche Spritze aus Ungeduld, Unwissen oder Unachtsamkeit gesetzt haben. Ausgenommen Klopstock selbst. Als sei ihm die Last zu schwer, lüftet er ein einziges Mal den Schleier, 1946, in einem seiner raren Interviews, als er bekennt: «Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiss, würde Kafka heute noch leben und mit uns plaudern.»
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