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Da nach meinen 43 Wochen Durchdiener bei den Rettungstruppen etwas viel Zeit übrigblieb, um nur Pause zu machen bis mein Studium im September beginnt, entschloss ich mich schon gegen Ende der Kantizeit, in diesen Monaten nach China zu gehen. Die Wahl der Stadt fiel schnell auf Xi’an, der Hauptstadt Chinas während der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.). Hauptgrund hierfür war, dass Shi Jinliang, ein Freund meines Vaters und Organisator unserer Chinareisen, dort wohnt. Er hat mich auch am Flughafen abgeholt, nachdem er bereits im Vorfeld einen Grossteil der Administration mit der Schule, genauer der "Xibei Daxue" (西北大学), der Northwest University, geklärt hatte. Ein weiterer Grund ist die Historizität der Stadt. Die Xibei Daxue liegt in unmittelbarer Nähe der Stadtmauer Xi’ans. Diese ist vollständig erhalten, mit Ausnahme einiger Wachtürme. Ich bin immer fasziniert von militärischen Befestigungen, seien es die ganzen Venezianer-Festungen in Griechenland, die Theodosianischen Mauern Konstantinopels, oh, sorry, Istanbuls, oder eben die Stadtmauer Xi’ans. Ich kenne keine andere Mauer, die so eindrücklich ist von den Ausdehnungen her (die Grosse Mauer lassen wir mal weg). Sie ist 12m hoch und auf der Krone 12-14m breit. Der Wassergraben ist teilweise erhalten. Ausserdem befindet sich in der Nähe Xi’ans die berühmte Terrakotta-Armee, die das Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers, Qin Shi Huangdi, bewachen soll.
Um nicht ganz vom Thema abzukommen, zurück zum Chinesisch-Lernen. Die Kurse, um "Hanyu", also Chinesisch, zu lernen, begannen alle bereits früh im März, mein Militärdienst endete allerdings erst am 17. April. Um diesem fast zweimonatigen Rückstand etwas vorzubeugen, nahm ich seit Januar Privatlektionen jeweils am Samstagnachmittag bei Wang Yan aus Buchs, welche wir über einen Kontakt in der Schule kennenlernten. Dennoch waren die ersten Lektionen hier in Xi'an am Montag, dem 22. April, doch ein rechter Schock. Ich sass da und verstand zu Beginn wirklich kaum etwas. Glücklicherweise habe ich mich schnell mit einigen Schülern aus Bangladesch anfreunden können, die auch recht gut Englisch sprechen, sodass zumindest das Organisieren der Bücher im Verlauf des Tages kein Problem war. Ja, das wurde mir nicht von der Schule mitgeteilt, welche Bücher ich brauchte. Einzig der Goodwill eines der Bangladeschis, mir zu helfen, ermöglichte mir, die zu finden …
Nach einigem Angewöhnen ging es dann doch eher schnell. Da wir nur jeweils am Morgen Unterricht haben, konnte ich die Nachmittage zum Aufholen nutzen, was dann auch ziemlich zügig voranging (wenn man das Lernen der Zeichen mal ausser Acht lässt). Nach knapp fünf Wochen hatte ich dann auch endlich alle Zeichen aufgeholt. Nein, wir können keine Texte lesen damit, dafür sind es viel zu wenige. Wir haben bisher schätzungsweise 500 Zeichen gelernt, für das Verstehen einer Zeitung wären ungefähr 3000 notwendig.
Zum Kulturschock, den man als Schweizer in China natürlich schnell befürchtet, auch wenn man schon ein paar Mal im Zuge der Chinareisen meines Vaters im Reich der Mitte war (übrigens wirklich die Eigenbezeichnung Chinas, 中国, zhongguo, "Mitte-Land"), ist lustigerweise vor allem im Unterricht zu bemerken, der ja, abgesehen von den Lehrerinnen, nur aus Nicht-Chinesen besteht. Wir Schweizer sind uns gewohnt, teils sogar recht krank noch zur Schule oder zur Arbeit zu gehen, während hier die Anwesenheit nur begrenzt ernst genommen wird. Im Gruppenchat auf WeChat – Whatsapp funktioniert nur über mobile Daten, im WLan ist es, wie auch Google, Youtube, Wikipedia und andere "fehlgeleitete" westliche Seiten, gesperrt – gehört es zum Alltag, dass irgendwer Kopfschmerzen hat (hm, woher können die wohl kommen, wenn man unter der Woche in den Ausgang geht…) oder sonstwie "krank" ist. Schlafen im Unterricht gehört zum Alltag, vor allem für die koreanischen Schüler, und das Handy ist für gewisse integraler Bestandteil der Schule, während solche Dinge wie Papier und Stift oft gar nicht erst hervorgeholt werden. Natürlich, auch bei uns gibt es solche Spezialisten, aber nicht in diesem Ausmass. Nun ja, der Vorteil für einen Nachzügler liegt darin, dass das Nachholen einfacher ist, da der Unterrichtsfortschritt logischerweise langsamer ausfällt, wenn die Hälfte der Klasse selten bis nie auftaucht.
Des Weiteren kommt man sich hier in China äusserst komisch vor, mit Bargeld zu bezahlen. Ausser den ganz Alten und einigen wenigen Mittelaltern zahlen inzwischen alle mit WeChat-Pay, Ali Pay oder ähnlichem. In einem Laden musste die Kassiererin sogar im Lager Bargeld holen, um mir passend rausgeben zu können. Leider habe ich kaum eine andere Wahl, da WeChat-Pay ein chinesisches Bankkonto benötigt und Dinge wie Ali Pay ebenfalls nicht mit Schweizer Bankkonti funktionieren.
Zu meiner Unterkunft gibt es nicht viel zu sagen. Ich bin in einem Einzelzimmer des Campus-eigenen Hotels untergebracht. Mit 60 Yuan pro Nacht (ca. CHF 9.50) zahle ich auch kaum was dafür. Ich bestand auf ein Einzelzimmer, damit ich meine Ruhe habe beim Nachholen und weil ich, aus dem Militärdienst kommend, nach 18 Wochen (Rekrutenschule) in 20er-Zimmern respektive nach 25 Wochen (Durchdiener) in 8er-Zimmern oder Massenschlägen unterschiedlicher Grösse, wenn wir mal in Zivilschutzanlagen schliefen, auch gerne wieder mal mehr Privatsphäre wollte. Für all jene, die nie im Militär waren oder es noch vor sich haben: Wie sehr ein eigenes Zimmer ein Luxus ist, merkt man nirgends besser als in der Armee, wenn nach einem Tag Übung in den Trümmern oder einer Brandeinsatz-Übung bei 35 Grad am Abend alle ihre Kleidung zum Trocknen aufhängen … Die Schuhe werden glücklicherweise draussen geputzt und vor dem Zimmer deponiert. Sonst bekäme der C-Alarm (Chemiewaffenalarm) wohl noch eine zusätzliche Bedeutung.
Gestern konnte ich mit Mr. Shi das Xi’an Wushu Team besuchen, um mal zu schauen, ob ich da ein bisschen trainieren gehen könnte. Er begleitete an diesem Abend auch eine Schülergruppe aus Hongkong dorthin, weshalb der Coach des Teams – ein ehemaliger Teamkollege Fan Qiangs, für jene, die ihn noch kannten – das Programm etwas umgestellt hatte. Zu Beginn haben sie ihr gewöhnliches Aufwärmen und Jibengong (Grundschule) durchgeführt. Bereits da wurden grosse Unterschiede zu uns sichtbar. Auch wenn die Trainingsstruktur grundsätzlich dieselbe ist, die gemachten Übungen sind doch recht anders. Beim Aufwärmen werden Flickflacks und Laufen in der Brückenposition geübt, beim Jibengong werden vor allem Sprünge, natürlich mit Landung im Spagat, gemacht. Räder gibt es nur frei (und diese Räder sind teils sehr hoch über dem Boden, selbst bei noch recht jungen Kindern).
Als nachher die Athleten einzeln oder in Gruppen eine kleine Vorführung zeigten, war für mich der Auftritt der Kinder am spannendsten. Es war eine Gruppe von sechs Kindern, wohl etwa im Alter von acht Jahren, die die 32er-Form aufführten. Ich kann nur sagen, dass ich sprachlos war. Xubu zu hoch? Non-existent. Keine Kraft oder langsame Bewegungen? Was ist das? Die folgenden Gruppen oder Einzelauftritte waren nicht minder beeindruckend. Für die Säbler: Wenn ihr alle die Säbel so weit zurückziehen würdet, wie der Junge gestern, gäbe es keine Diskussion mehr, ob die Waffe weit genug hinten sei. 2012er-Formen werden hier also bereits von 13-Jährigen auf gutem bis sehr gutem Niveau gezeigt, während wir in der Schweiz sie erst älteren Junioren oder Erwachsenen lehren. Ich freue mich, in den nächsten Wochen nach fast einem Jahr endlich wieder etwas regelmässiger trainieren zu können. Ich habe es schon dort gemerkt, wie sehr ich die Wushu-Atmosphäre vermisse, aber am Ende ist es trotzdem nicht die WAK.
Ich freue mich darauf, wieder in der Schweiz zu sein, und ich freue mich, nach den Sommerferien endlich wieder voll im Training zu stehen. Hoffen wir, dass die Uni Zürich mir im September dann nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Mal sehen, wie vollgepackt der Stundenplan eines Geographie-Studiums ist. Bis im August!
Sandro 2019 年 6 月 11 号 (2019 nián, 6 yuè, 11 hào)