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Als die Strompreise vor einigen Monaten die historische Schwelle von 1 000 Euro pro MWh erreichten, sprachen viele Marktanalysten von einem «schwarzen Schwan», einem seltenen, extrem unwahrscheinlichen und völlig unerwarteten Ereignis. Die Grafik in diesem Artikel stellt dar, wie eine ganze Reihe von aussergewöhnlichen, grösstenteils unvorhersehbaren Ereignissen zusammenkam und beispiellose Preisschwankungen an den Energiemärkten verursachte.
Der Zeitraum zwischen Oktober 2021 und März 2022 (die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2021/22) war von zwei grossen Preisschocks geprägt. Zuerst führten Ende 2021 ein kalter Winter, eine geringe Energieerzeugung aus Wind- und Wasserkraft, die höhere Nachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie, die Schliessung von mehr als der Hälfte der verbleibenden Kernkraftwerke in Deutschland und die Feststellung von Korrosion in französischen Atomreaktoren zu einem deutlichen Preisanstieg.
Ein zweiter Preisschock folgte, als Russland in die Ukraine einmarschierte und in der Folge davon Sanktionen gegen Russland verhängt wurden, darunter auch ein Öl- und Kohleembargo. Zusammen verursachten diese Ereignisse wilde Schwankungen bei Gas-, Kohle- und Strompreisen. Zeitweise lagen die Preise sechsmal höher als zwölf Monate zuvor, und all dies inmitten einer globalen Energiewende. Doch das war erst der Anfang.
Zwischen April und September 2022 (also in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 2021/22) schossen die Energiepreise massiv in die Höhe. Zu dieser beispiellosen Situation trugen mehrere Faktoren bei: die eingeschränkte Verfügbarkeit mehrerer französischer Kernkraftwerke, die nur mit einer Kapazität von 50 Prozent arbeiteten, die Trockenheit im Sommer und damit einhergehend die unterdurchschnittliche Stromproduktion der heimischen Wasserkraftwerke, die Reduktion des Gasflusses über Nordstream 1 auf 40 Prozent und später dann die vollständige Einstellung der russischen Gaslieferungen an Europa.
Daraufhin setzte ein Ansturm auf alternative Flüssigerdgas- und Kohleanbieter ein, um die fehlenden 140 Milliarden Kubikmeter an russischem Gas – rund ein Drittel der europäischen Jahresverbrauchs – zu ersetzen. Da die Revision des Kernkraftwerks Leibstadt, das für die nationale Energiesicherheit der Schweiz von entscheidender Bedeutung ist, länger als erwartet dauerte, musste Axpo zudem Strom zu aussergewöhnlich hohen Marktpreisen kaufen, um die Ausfälle zu kompensieren.
Aufgrund der beispiellos hohen Preise und der anhaltenden Volatilität am Ende des Sommers entstand ein deutlich höherer Bedarf an Sicherheitsleistungen im Grosshandelsgeschäft. Nach Schätzungen von Experten mussten die europäischen Stromproduzenten schwindelerregend hohe Sicherheiten von rund 1 Billion Euro nachschiessen, um weiterhin operieren zu können. In diesem äusserst schwierigen Umfeld genehmigten Regierungen in ganz Europa staatlich unterstützte Kredite und Hilfspakete von insgesamt rund 500 Milliarden Euro, um Unternehmen bei der Bewältigung von Liquiditätsengpässen und Haushalten bei der Zahlung ihrer Stromrechnungen zu unterstützen.
In der zweiten Septemberhälfte sanken die Energiepreise infolge der ungewöhnlich milden Temperaturen, der hohen Gasspeicherfüllstände und der verschiedenen staatlichen Massnahmen wieder. Dennoch ist der kurzfristige Ausblick mit Unsicherheit behaftet. Auch mittel- bis langfristig sind Preisschwankungen und Unvorhersehbarkeit zu erwarten. Da ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht in Sicht ist, bleibt für Europa die enorme Herausforderung bestehen, die Gasspeicher vor den kommenden Wintern wieder aufzufüllen.