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Alexander Usyk ist neuer Schwergewichts-Weltmeister. Der 34-jährige Ukrainer holt sich von Titelhalter Anthony Joshua die Gürtel der Weltverbände nach WBA-, IBF- und WBO-Version, dazu noch den unbedeutenderen IBO-Titel.
Der frühere Cruisergewichts-König gewann nach einer Top-Leistung seinen erst dritten Kampf im Schwergewicht diskussionslos einstimmig nach Punkten (117:112, 116:112, 115:113).
Mit einem fulminanten Finish in der 12. und letzten Runde beseitigte Usyk vor 66'267 Zuschauern im Fussball-Stadion der Tottenham Hotspur die letzten Zweifel am Ausgang. Mit einer Dauer-Schlagserie drängte er da den sieben Zentimeter grösseren und knapp neun Kilogramm schwereren Joshua (1,98/109 kg) in die Seile zurück und landete zahlreiche unbeantwortete Treffer.
Der Schlussgong rettete Joshua vor einer Abbruch-Niederlage (TKO). Nur mit einer riesigen Willensleistung hielt sich der entthronte Titelverteidiger bis zum Kampfende auf den Beinen. Unmittelbar danach wirkte der besiegte Modell-Athlet völlig ausser Atem, verwirrt und entkräftet. Joshua musste sich hinsetzen. Sofort wurde er von der Ringärztin untersucht.
Joshua war im Ring noch zu keiner Stellungnahme fähig. Schon bald darauf twitterte er aber: «Positiv bleiben, auch wenn eine Welt zusammengebrochen ist.» Joshua hatte selbst in die Kabine zurücklaufen können. Eddie Hearn, der Promoter von Joshua, berichtete davon, dass sein Schützling ab der 9. Runde kaum mehr etwas gesehen hätte. Tatsächlich war Joshuas rechtes Auge ab dieser Runde nach einem Treffer von Usyk dick geschwollen. Zudem floss Blut aus Joshuas Nase. Auch Usyk kam indes nicht ungeschoren davon. Auch er verzeichnete einen Cut sowie eine Schwellung unterhalb des rechten Auges.
Der technisch makellose Rechtsausleger Usyk imponierte aber mit seinem umfangreichen Schlagrepertoire, der Beinarbeit, dem Timing und seinem Gespür für jede Situation. Wie ein Top-Schachspieler fand er auf fast jede Aktion seines Gegners eine starke Antwort. Schnell, hart und präzise. Die Reichweiten-Nachteile kompensierte Usyk mit seiner Agilität spielend. In den letzten drei Runden war von Joshua praktisch nichts mehr zu sehen. Er wirkte zermürbt und ausgepowert. Dabei hatte der Londoner in einem mitreissenden Kampf die mittleren Runden noch zu seinen Gunsten entscheiden können. Doch danach drehte Usyk wieder auf.
«Perfekter Job» – nicht für Usyk
«Es gab Momente, in denen mich Joshua hart traf. Ansonsten lief der Kampf aber genauso wie ich es erwartet hatte», sagte Usyk. Der Herausforderer und neue Champion begann stark und entschied die ersten drei Runden zu seinen Gunsten. Er hätte Joshua so hart treffen wollen, dass sich eine Möglichkeit zu einem vorzeitigen Sieg auftun könnte, erklärte Usyk. «Doch dann hörte ich auf meinen Trainer, der mich daran erinnerte, dass ich das zu tun hätte, was abgemacht gewesen sei und notwendig ist.» Nach dem Kampf durfte er dann die Gratulationen seines Landsmannes und früheren Schwergewichts-Weltmeisters Witali Klitschko entgegennehmen, der Usyk einen «perfekten Job» attestierte.
Davon wollte Usyk freilich nichts wissen. Als wollte er sich auch noch selbst herausfordern, beschied er trotzig: «Ich kann es noch viel besser». An den vertraglich fixierten Rückkampf wollte Usyk aber noch nicht denken. «Es ist dies auch mein zwölfter Hochzeitstag heute. Und ich möchte nun endlich wieder meine Frau und drei Kinder sehen, die ich wegen der Vorbereitung auf diesen Kampf während Monaten nicht sehen konnte.» Usyk war denn auch in Boxhosen mit dem Namen seines Sohnes Michail eingelaufen. Vor dem Verlassen des Rings feierte der Ukrainer unter anderem noch mit ein paar kurzen Volks-Tanzeinlagen seine Sternstunde.
Unbezwingbarer Gastboxer
Usyk ist erst der dritte Boxer der Geschichte, der die wichtigsten Cruisergewichts-Weltmeister-Titel (WBC, IBF, WBA und WBO) vereinigen konnte und danach auch Schwergewichts-Weltmeister wurde. Vor ihm schafften dies nur der Amerikaner Evander Holyfield vor 30 Jahren und der Engländer David Haye, der sich 2009 allerdings lediglich den WBA-Schwergewichts-WM-Titel erkämpfte.
Usyk gewann zudem ein weiteres Mal als Gastboxer einen WM-Kampf gegen einen Lokalmatadoren. Er hält nach dem Erfolg im Duell der beiden Olympiasieger von London 2012 (Usyk holte da Gold im Schwergewicht, Joshua im Superschwer) bei 19:0 Siegen, 13 davon vorzeitig. Für den knapp 32-jährigen Joshua war es die zweite Niederlage als Profi bei 24 Erfolgen (22 vorzeitig). Joshua kann sich mit einer Börse von rund 19 Millionen Franken über die Titel-Entthronung hinwegtrösten. Usyk erhält für den gewonnenen Fight rund 3,8 Millionen Franken. Beim Rematch dürfte Usyk mindestens doppelt soviel wie Joshua kassieren.
In zwei Wochen verteidigt Joshuas englischer Landsmann, der 2,06-Meter-Gigant Tyson Fury, seinen WBC-WM-Titel im US-Bundesstaat Nevada in einem dritten Duell gegen seinen WBC-Weltmeister-Vorgänger, den Amerikaner Deontay Wilder. Bis der WBC-Titelträger zu einer Titelvereinigung gegen den Rückkampf-Sieger aus Usyk vs. Joshua antritt beziehungsweise antreten kann, dürfte es nun aber mindestens noch ein Jahr dauern.