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Abd
ul
Asis, der 32.
Sultan der
Osmanen, geb. zweiter Sohn
Sultan
Mahmuds II., erhielt
die herkömmliche Haremerziehung und lebte als
Erbe der
Krone in der traditionellen Zurückgezogenheit.
Als er seinem
Bruder
Abd ul Medschid auf dem
Thron
[* 2] folgte, regten sich große
Hoffnungen. Er galt als sparsam und mäßig, zugleich als
der europäischen
Kultur nicht abgeneigt. Auch zeigte sich
Abd ul Asis anfangs vorurteilslos; er erklärte,
sich mit Einer
Frau begnügen zu wollen, lenkte durch die Bestätigung des
Hattischerifs von
Gülhane sowie des Hattihumajums
vom Jahr 1856 in die
Bahn der
Reformen ein und setzte seine
Zivilliste von 75 auf 12 Mill.
Piaster herab.
Doch bekundete er bald eine bedenkliche und sehr kostspielige Neigung für das Heerwesen. Die Armee ward verstärkt, neue Kleidung und Bewaffnung eingeführt, und großartige Manöver verschlangen enorme Summen. Alle Reformen aber blieben oberflächlich. Was Armee und Marine von den verschiedenen Anleihen, zu denen man seine Zuflucht nahm, übrigließen, diente vor allem zur luxuriösen Verschönerung der Reichshauptstadt, zu kostspieligen Reisen und Jagdvergnügungen des Herrschers.
In der Verwaltung ging alles auf dem alten Fuß fort. Die Verschwendung und Haremswirtschaft wirkten bald ebenso verderblich wie früher. Dabei hatte seine Regierung fortwährend mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, wie mit dem Aufstand Kretas 1867-69, dem Verlangen Rumäniens und Serbiens nach völliger Selbständigkeit, endlich mit wiederholten Ausbrüchen des mohammedanischen Fanatismus. Dennoch erwartete man von ihm immer noch Reformen nach europäischem Muster, zumal er die jungtürkischen Staatsmänner Fuad und Aali in den höchsten Staatsämtern ließ und 1867 selbst eine Reise nach dem westlichen Europa [* 3] unternahm.
Nach dem Tod jener Minister ernannte er aber 1871 Mahmud Nedim Pascha zum Großwesir und betrieb nun allein noch den Plan, anstatt seines Neffen Murad, den die alte Thronfolgeordnung bestimmte, seinen Sohn Jussuf Izzedin zum Erben des Reichs ernennen zu lassen. Um dies vorzubereiten, hatte er schon 1865 dem Vizekönig von Ägypten [* 4] das Erstgeburtsrecht zugestanden. Sogar mit Rußland ließ er sich in Verhandlungen über einen Staatsstreich mit russischer Hilfe ein, um die alte ¶
forlaufend
Thronfolgeordnung umzustürzen. Während er die Hilfskräfte des Staats vergeudete und sich 1875 vom russischen Botschafter
Ignatiew sogar verleiten ließ, den Staatsbankrott zu erklären, lockerte er den Verband
[* 6] der Provinzen und ließ die russischen
Agitationen gewähren, die 1875 zu Aufständen in Bosnien,
[* 7] der Herzegowina und Bulgarien
[* 8] führten. Das langmütige Volk geriet
endlich über das gewissenlose Verhalten des Sultans und seines Günstlings in solche Erbitterung, daß es zu einem
von den Softas geleiteten Aufstand in Konstantinopel
[* 9] gegen Mahmud Nedim kam.
Abd ul Asis entließ denselben, wurde aber, da man an seiner
Aufrichtigkeit, ja an seiner geistigen Fähigkeit überhaupt zweifelte, in der Nacht vom 29. zum von
den neuen Würdenträgern Hussein Avni, Midhat, Mehemed Rüschdi, Suleiman u. a. zur Abdankung gezwungen und 4. Juni auf deren Befehl
im Palast Tscheragan ermordet. Man gab vor, er habe sich mit einer Schere
[* 10] selbst die Pulsader aufgeschnitten. Im J. 1881 aber
wurden die noch lebenden Paschas Midhat, Nuri und Mahmud wegen der Ermordung A'. zum Tod verurteilt, jedoch
nicht hingerichtet.
Vgl. Azam, L'avénement d'A. (Par. 1861);
Millingen (Osman Seify Bei), La Turquie sous le règne d'A. (Brüss. 1868).