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Die vor allem als Interpretin zeitgenössischer Musik bekannte Pianistin Anne de Dadelsen hat sich für das
ATELIERKONZERT 63 — AM SONNTAG, 23. APRIL 2023, 18:00
etwas ausgedacht, was (wie jedes Programm des Ateliers am Rhein) ziemlich überrascht: Dadelsen spielt nicht Anton Webern, György Ligeti, György Kurtág, Mauricio Kagel oder Daniel Weissberg, sondern allein Johann Sebastian Bach.
Ich habe erfahren, dass Dadelsen seit jeher jeden Tag, bevor sie an ihrem aktuellen Programm zu arbeiten beginnt, jeweils eine Stunde lang oder zwei, wie ein Ritual, Bach zu spielen pflegt.
Dies allein ist jedoch nicht der Grund, warum Anne de Dadelsen nun einen ganzen Klavierabend dem Meister der Meister widmet. Mehr über die begnadete Pianistin und über ihre Wahl für dieses Konzert erfährt man hier (unter anderem in einem trefflichen Artikel von David Wohnlich):
Anne de Dadelsen (1944) wurde als älteste Tochter des französischen Dichters und Journalisten Jean-Paul de Dadelsen (1913 – 1957) und der Engländerin Barbara Windebank (1913 – 1992) in Paris geboren. Die Familie väterlicherseits stammte aus dem Elsass. Jean-Paul de Dadelsen wirkte als Gymnasiallehrer in Marseille, Lyon und Oran, wo er Albert Camus kennenlernte. Ende 1942 ging er nach London, um sich den Freien französischen Streitkräften anzuschließen. 1945 trat er in Paris als Journalist in Camus’ Zeitung ‹Combat› ein. Nach weiteren journalistischen Stationen, unter anderem in London, ließ sich die Familie 1951 beruflich bedingt in Genf, dann in Zürich nieder.
Anne de Dadelsen verlebte ihre Kindheit, ihre Jugend und ihre frühen Künstlerjahre in der Schweiz. Sie studierte an den Konservatorien in Genf und Zürich und an der Musikakademie Zürich Klavier, wo sie achtzehnjährig das Lehr- und zweiundzwanzigjährig das Konzertdiplom erwarb. Anschließend absolvierte sie Aufbaustudien und Meisterkurse bei berühmten Lehrern. 1975 bekam die Künstlerin das Schweizer Bürgerrecht. Sie heiratete 1995 den Briten Malcolm Hanson und siedelte nach Birmingham um. Sie war und ist in der Schweiz als Klavierdozentin und Interpretin häufig präsent.
Schon zu Beginn ihrer pianistischen Karriere setzte sie sich für selten gespielte Werke der Romantik und der Gegenwart ein. 1973 trat sie mit der ersten westlichen Einspielung von Jan Ladislav Dusseks Klaviersonaten Le Retour à Paris op. 70 und L’Invocation op. 77 in die Öffentlichkeit. Sie widmete sich intensiv einer kammermusikalischen Tätigkeit mit Konzertreisen in der Schweiz und im Ausland unter anderem in London, Paris und Wien. Sie gab Konzerte mit Orchestern in Zürich, Winterthur, London und Wien. Sie gab zahlreiche eigene Rezitals. Sie wirkte häufig bei Radioeinspielungen unbekannterer Werke mit. Anne de Dadelsen war als Pianistin an zahlreichen Tonträgereinspielungen vorwiegend im Bereich der Kammermusik beteiligt. Sie war Assistentin des italienischen Violinisten Franco Gulli bei den Meisterkursen für Violine des Festivals Luzern. Sie war Mitglied des Trio Galliard mit Gunars Larsens (Violine) und Gerhard Pawlica (Violoncello) und in England des Trio Dadelsen mit Musikern des City of Birmingham Symphony Orchestra.
Zum Konzert vom 23. APRIL 2023 schreibt David Wohnlich:
Das lateinische Wort «CLAVES» bedeutet Schlüssel, das «Klavier» ist eigentlich ein Schlüsselbrett. Auf Englisch ist das Schlüsselbrett ein «Keyboard»; das Wort dürfte Ihnen geläufig sein. Die Tasten sind die Schlüssel zu einzelnen festen Tonhöhen, die «entschlüsselt» werden — geschlagen beim Clavichord, später beim Pianoforte, gezupft beim Cembalo, angeblasen bei der Orgel. Oder eben elektronisch erzeugt beim Keyboard. Das «Clavier» ist also einfach «das Tasteninstrument», mithin ein Instrument, das die Tonerzeugung nicht mehr direkt manuell, sondern maschinell vollzieht. Das «wohltemperierte» Klavier verweist auf die Stimmung. Was wir als Tonsystem kennen (Tonleitern, Dur und Moll etc.), ist keineswegs eine naturbedingte — oder gar kosmische — Ordnung. In der Natur, im Kosmos kommt die Tonleiter nicht vor. Mathematisch stimmt die reine Tonleiter leider auch nicht — man muss alle Quinten im Zirkel etwas zu tief stimmen, damit sie bei jedem beliebigen Ton begonnen werden kann. Das ist die «wohltemperierte Stimmung»; sie wurde zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs entworfen, und sie eröffnete ihm ein neues Universum kompositorischer Möglichkeiten, ein reiches Neuland, in dem er sich weidlich austobte. Flugs schrieb er sich durch alle vierundzwanzig Tonarten durch, und dies gleich zweimal: Das sind gleichsam die Referenzstücke der neuen Stimmung. Dazu kamen weitere Stücke wie die «Chromatische Fantasie und Fuge d-Moll», die in einem einzigen Werk die ganzen Möglichkeiten eines weiten Schweifens durch die Tonarten auskostet. Bleibt die Frage, warum Anne de Dadelsen das spielt — kennen wir diese begnadete Musikerin doch als eine dem Neueren zugewandte, auch Experimenten gegenüber aufgeschlossene Musikerin — so durften wir sie auch in etlichen Atelier-Konzerten erleben. Ich wage eine etwas kühne These: Weil sie den Abenteurer in Bach liebt. Den Abenteurer, der auszieht und sich wagemutig und äußerst kunstfertig in das Neuland all der Möglichkeiten wagt, die ihm die wohltemperierte Stimmung verhießen. Bach suchte — wie wohl alle Künstlerinnen und Künstler —, wie weit es wohl sei von allem, was wir kennen, bis hin zu dem, was sich erst im Kunstwerk erschließt und das wir nur in ihm finden. In seiner Komposition genauso wie in seiner Interpretation. Hier schließt sich ein Kreis. Schön, dass Anne uns in diesem Konzert in diesen Kreis miteinschließt, dass wir selbst zu Abenteurern werden und uns im Neuland austoben dürfen.
David Wohnlich