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Der nächste Tag unserer etü-Genève-Reise begann aber bereits um 7:00. Ziel: Reformationsgeschichte, oder Erkundungen im „protestantischen Rom“. Mit dem Tram fuhren wir zum 1917 vollendeten Reformationsdenkmal nahe der Universität. Die Mauer zieren zahlreichen Namen, Statuen und Zitaten der Reformatoren. Die emanzipierte Bürgerschaft von Genève strebte in den 1520er-Jahren nach politischer Unabhängigkeit vom savoyischen Bischof (siehe Box). Die hier vor allem durch Guillaume Farel verbreitet Saat der Reformation fiel deshalb auf guten Boden. Der auch auf der Reformationsmauer zu lesende Wahlspruch von Genève – POST TENEBRAS LUX – verweist auf das Jahr 1536, in dem die Ausrufung der freien Republik und die Einführung der Reformation erfolgten. Ab 1541 liess sich auch der einflussreichste reformierte Theologe, Jean Calvin, in Genève nieder. Farel, Calvin und andere erhielten Monumentalstatuen, während der einzigen am Denkmal geehrten Frau, der Reformationschronistin Marie Dentière, nur nachträglich eine versteckte Inschrift gewidmet wurde.
Nachdem einige fernöstliche Touristen ihre Fotos mit uns „echt europäischen Natives“ machen durften, führte unser Weg zum Auditoire de Calvin – der reformatorischen Keimzelle der späteren Universität – und zur Kathedrale Saint-Pierre. Die romanisch-gotische Basilika steht auf den Fundamenten mehrerer, ins 4. Jahrhundert zurückreichender Vorgängerbauten. Wir bestaunten den architekturgeschichtlich bedeutenden frühklassizistischen Säulenportikus von 1756 und die in virtuosen spätgotischen Formen ausgeführte Makkabäerkapelle. Das Innere der Kirche, ursprünglich längsaxial auf den Chor als Sanktuarium hin ausgerichtet, erfuhr infolge der Reformation eine Neuorientierung: Bestuhlung des Chors und Ausrichtung des Gestühls auf die Kanzel am Vierungspfeiler formten die Kirche zum Predigtraum. Eine Besichtigung des benachbarten Reformationsmuseums durfte nicht fehlen.
Dann hatten wir uns aber erstmal eine Kaffeepause verdient. Weiter ging‘s zum Geburtshaus des grossen Genfer Staatsphilosophen Jean-Jacques Rousseau, das einen kleinen Exkurs ins Zeitalter der Aufklärung ermöglichte. Danach wandten wir uns noch einmal der Reformationsgeschichte zu. Die zahlreichen hugenottischen Refugianten, die nach er Aufhebung des Edikts von Nantes Frankreich verlassen mussten, führten um 1700 zu einem Bevölkerungsanstieg in Genève. So musste erstmals seit der Reformation ein Kirchenneubau realisiert werden. Der schlichte Barockbau des Temple de la Fusterie wurde 1715 vollendet. Henri Maudet, Präsident des Comité de l’éspace de la Fusterie empfing uns freundlich, und führte uns durch den speziellen, von einer umlaufenden Empore mit Kolonnaden umgebenen Raum. Die Baumeister orientierten sich am Temple von Charenton und schufen das neben der Berner Heiliggeistkirche einzige Zeugnis genuiner Hugenottenarchitektur auf heutigem Schweizer Boden. Wissensdurst und Erkenntnishunger waren nach diesem spannenden Morgen erstmal gestillt, dafür war der leibliche Hunger umso grösser. In einer Pizzeria konnten wir endlich auch ihm Herr und Herrin werden.
Am Nachmittag hatte ich kein Programm vorgesehen – schliesslich sind Semesterferien, und da will man‘s ja auch mal etwas gemütlich nehmen. So verbrachten wir den Nachmittag mit Müssiggang im Bains du Pâquis, schlenderten der Seepromenade entlang zum Gardin Anglais und durch die Altstadt. Bald sassen wir im bequemen Café du Lys, spielten mit grimmigem Ernst Karten und tranken Calvinus Ambrée. Calvinus? Dieser schmackhafte Gerstensaft muss wohl des Reformators Lieblingsbier gewesen sein. Auf das Nachtessen folgte wiederum ein langer Abend, der an einer groovigen Underground-Techno-Party mitten in der Agglo-Pampa endete.