Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03418.jsonl.gz/2994

An der Universitätsklinik für Neurochirurgie des Inselspitals Bern läuft derzeit eine neue Studie zur Behandlung von neuropathischen Gesichtsschmerzen und Schmerzen nach Schlaganfall mithilfe der Tiefenhirnstimulation oder auch DBS (von engl. deep brain stimulation). In dieser Studie wird die klassische tonische DBS verglichen mit der Burst-DBS, um herauszufinden, welche dieser beiden Stimulationsformen eine langanhaltendere Wirkung bei der Schmerzreduktion erzielt. Wir sind noch auf der Suche nach Studienteilnehmern für diese Studie. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an den Studienleiter PD Dr. med. Andreas Nowacki.
Anders als Entzündungsschmerzen, die durch Schädigung im betroffenen Gewebe verursacht werden (z. B. durch Verletzungen oder Entzündungen wie Rheuma oder Arthrose), entstehen neuropathische Schmerzen durch Schädigungen im Bereich des Nervensystems selbst (z. B. durch Verletzungen oder Entzündungen an den Nerven, im Rückenmark oder Gehirn). Wenn bestimmte Hirnregionen durch einen Schlaganfall beeinträchtigt werden, kann dies auch neuropathische Schmerzen verursachen. Man bezeichnet diese Art von Schmerzen auch als zentrale Schmerzen, da ihre Ursache im Gehirn selbst liegt.
Zentrale Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten erheblich und sind schwer zu behandeln. Herkömmliche Schmerzmittel wie Ibuprofen, Voltaren und Opioide zeigen keine Wirkung, und auch spezifischere Medikamente gegen neuropathische Schmerzen wie Gabapentin, Pregabalin und Amitriptylin sind oft nicht ausreichend wirksam.
Die Schmerzwahrnehmung ist eine Funktion des Gehirns, bei der verschiedene Hirnareale sensorische Informationen («Wo tut es weh?», «Wie fühlt sich der Schmerz an?» und «Wie intensiv ist der Schmerz?») mit emotionalen Aspekten (Leidensdruck, gedrückte Stimmung) zu einem zusammenhängenden "Schmerzerlebnis" integrieren. Der Thalamus, eine tiefe Hirnregion, spielt hierbei eine entscheidende Rolle, sowohl bei der Schmerzwahrnehmung von gesunden Personen als auch bei der Schmerzentstehung im erkrankten Gehirn.
Die Tiefe Hirnstimulation kann zur Behandlung neuropathischer Schmerzen eingesetzt werden. Bei der DBS werden Elektroden in bestimmte Hirnregionen hochpräzise implantiert und an ein Schrittmachergerät unter der Haut angeschlossen. Bei neuropathischen Schmerzen erfolgt die Implantation der Elektroden im Bereich des Thalamus.
Klassischerweise, sendet der Schrittmacher dann kontinuierliche Impulse an die Elektroden im Gehirn, was man als tonische Stimulation bezeichnet. Die elektrische Stimulation wirkt auf die neuronalen Schaltkreise im Gehirn ein, indem sie die Aktivität von Nervenzellen beeinflusst. Dadurch kann die übermässige Aktivität oder Fehlfunktion in den Schmerzzentren des Gehirns reguliert oder reduziert werden. Durch diese Modulation der Hirnaktivität kann die DBS also dazu beitragen, Schmerzen zu lindern oder zu kontrollieren.
Allerdings lässt die Wirksamkeit dieser Therapie oft im Laufe der Zeit nach, und die Schmerzen kehren zurück. Frühere Studien konnten daher keine überzeugenden Ergebnisse zur langfristigen Wirksamkeit der DBS bei Schmerzen liefern.
Im Gegensatz zu den kontinuierlichen Stromimpulsen der klassischen tonischen Tiefenhirnstimulation entsprechen Salven von hochfrequenten Stromimpulsen viel mehr einer naturgetreuen Form von Nervenzellsignalen. Diese Form der hochfrequenten Stimulation wird als Burst-Stimulation bezeichnet, ein Begriff, der aus dem Englischen abgeleitet ist.
Wir erhoffen uns von der Burst-Stimulation eine verbesserte Wirksamkeit bei der langfristigen Behandlung von neuropathischen Schmerzen. Das Ziel dieser Studie besteht darin, die Wirksamkeit und Sicherheit von tonischer Stimulation und Burst-Stimulation zur Behandlung von chronischen neuropathischen Schmerzen nach einem Schlaganfall miteinander zu vergleichen.
Burst-Tiefenhirnstimulation des Thalamus zur Behandlung von neuropathischen Gesichtsschmerzen und zentralen schlaganfall-bedingten Schmerzen: eine prospektive, randomisierte Cross-over-Machbarkeitsstudie
Die klassische Stimulationsform und die Burst-Stimulationsform werden jeweils für die Dauer von einer Woche eingesetzt. Im Anschluss wird die Wirksamkeit der beiden Stimulationsformen miteinander verglichen. Die Patienten haben danach die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Stimulationsform sie für ihre langfristige Behandlung bevorzugen, wobei sie jederzeit auf die jeweils andere Stimulationsform wechseln können.
Über den Zeitraum von einem Jahr werden regelmässige klinische Kontrollen durchgeführt, um die Wirksamkeit zu bewerten. Wir planen, insgesamt 20 Patienten in die Studie aufzunehmen.
Die Studie richtet sich an Patienten, die an neuropathischen Gesichtsschmerzen (nach Herpes-Zoster im Gesicht, nach Trauma, nach zahnärztlichen Eingriffen usw.) oder an zentralen Schmerzen nach einem Schlaganfall leiden. Potenzielle Studienteilnehmer sollten starke Schmerzen mit erheblichem Leidensdruck haben, die bereits seit mehr als 12 Monaten trotz angemessener medikamentöser Behandlung anhalten.
Die weiteren Kriterien für die Teilnahme an der Studie werden vom Studienarzt nach speziellen Untersuchungen geprüft. In einem ersten Schritt erfolgt die Vorstellung der Patienten in der Sprechstunde der Neurochirurgie.
Für die teilnehmenden Patienten besteht die potenzielle Chance auf eine verbesserte und langanhaltende Wirksamkeit der Tiefenhirnstimulation im Vergleich zur herkömmlichen tonischen Stimulationsform.
Potenzielle Studienteilnehmer erhalten ausführliche Informationen über die Studie, um ihre Entscheidung zur Teilnahme fundiert treffen zu können. Patienten, die sich zur Teilnahme an der Studie entscheiden, durchlaufen verschiedene Schritte und Untersuchungen:
- Vor der Studie: Vor Beginn der Studie erhalten die Patienten eine ausführliche körperliche Untersuchung sowie mehrere Fragebögen, um Informationen über ihre Schmerzen zu sammeln. Es erfolgt auch eine psychosomatische Abklärung, um mögliche psychische Faktoren zu berücksichtigen. Darüber hinaus wird eine MRI-Untersuchung des Schädels durchgeführt.
- Nach Studieneinschluss: Nachdem die Patienten in die Studie aufgenommen wurden, erfolgt die Operation zur Implantation der Elektroden nach den etablierten Standards.
- Testphase: In einer ca. zweiwöchigen Testphase wird die generelle Wirksamkeit der Elektrostimulation überprüft. Dabei werden die zwei verschiedenen Stimulationsarten nacheinander in einem Block von jeweils sieben aufeinanderfolgenden Tage getestet. Die Reihenfolge dieser Blöcke wird per Zufall festgelegt (randomisiert). Nach jedem dieser Stimulationsblöcke erfolgt eine klinische Untersuchung, bei der die Wirksamkeit der Stimulation in Bezug auf die Schmerzen bewertet wird, und es wird die Sicherheit der Stimulation geprüft.
- Entscheidung der Patienten: Nach Abschluss der Testphase können die Patienten entscheiden, ob sie von einer der beiden Stimulationsarten ausreichend profitiert haben und ob sie diese als langfristige Therapie nutzen möchten. Bei positiver Entscheidung erfolgt die Implantation des internen Impulsgenerators in einem zweiten operativen Eingriff.
- Nachkontrolle: Betroffene Patienten werden nach 12 Monaten erneut für eine abschliessende klinische Untersuchung nachkontrolliert, um die langfristige Wirksamkeit der gewählten Therapie zu prüfen.
- Entfernung des Elektrodensystems: Wenn die Patienten keine ausreichende Verbesserung durch die Stimulation erfahren, erfolgt die operative Entfernung des Elektrodensystems.