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Amalfi
Die Seerepublik Amalfi im Mittelalter
Artikel von Heinrich Speich vom 1. Dezember 2007
Südlich von Neapel liegt Amalfi, an der gleichnamigen
abweisenden Steilküste, wo schon am Auftakt Europäischer Geschichte der
'Vielgereiste Mann' gerne den Einflüsterungen der Sirenen gelauscht hätte. Die
kleine Stadt am Meer blickt auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte
zurück. Bereits zur römischen Kaiserzeit wurden an der Küste mehrere Villen
erbaut, darunter die heute bekannten, ausgezeichnet erhaltenen und teilweise
ausgegrabenen Villen von Minori und Positano. Der Ausbruch des Vesuvs im Jahre
79 liess die Gegend unter einem Ascheregen versinken und begrub einige der
Villen unter meterhohem Schlamm. In Positano konnten vor einigen Jahren im
Garten des Hotels Palazzo Murat in einer Tiefe von -14 bis -23 Metern zwei
Geschosse einer Villa sondiert werden.
Die erste schriftliche Erwähnung Amalfis stammt aus dem Jahre 596. Papst Gregor
I. lässt den Bischof Pimenius von Amalfi rügen, dass er in seiner Bischofsstadt
zu wohnen und nicht an verschiedenen Orten herumzureisen habe (i). Die Erwähnung
bezeugt, dass es damals schon ein Bistum in Amalfi
gab, welches wahrscheinlich
bereits seit dem fünften Jahrhundert bestanden haben dürfte. Byzantinische
Befestigungen (καστρων αμαλφης), wurden in einem Werk des Geographen
Georg von Zypern um 600 genannt (ii).
In einer Notiz des Benedetto del Soratte sollen in der Zeit des Herzogs Romuald
I. von Benevent (687 n. Chr.) die Sarazenen wie Heuschrecken über die Stadt
hergefallen sein (iii). Ein byzantinischer Autor erzählt, der spätere Kaiser Leo
III habe 715-717 mit einer Flotte von 120 Schiffen einen Sieg über Neapel und
Amalfi errungen (iv).
Im achten Jahrhundert war Amalfi zusammen
mit Neapel und Gaeta die Speerspitze von Byzanz in Süditalien. Das Territorium
von Amalfi umfasst an der Küste die Städtchen Minori, Maiori, Atrani, Amalfi und
Positano. Dazu gehörte auch die Insel Capri und die etwas über dem Meer
gelegenen Städtchen Scala und Ravello sowie die Hochebene von Tramonti.
Seit 649 wurde die Küste von den Nachbarn im langobardisch beherrschten Salerno
bedroht. Der byzantinische Statthalter, der dux Campaniae wurde von der
lokalen Aristokratie gewählt und hatte seinen Sitz in Neapel. Aus dem Jahr 812
datiert das erste Zeugnis für Amalfi als Marinebasis. Der byzantinische
Strategos in Siracusa rief die Schiffe aus Neapel und Amalfi zur Hilfe gegen die
Sarazenen (v). Nach der Niederlage Neapels gegen die Langobarden 785 unterstand
auch Amalfi einige Jahrzehnte formell dem langobardischen Fürstentum Benevent.
839 wurde Herzog Sichardus von Benevent ermordet und Amalfi löste sich aus dem
Fürstentum..
Am 1.September 839 wählten die Amalfitaner einen gewissen Petrus zu ihrem
comes. Die comites hatten stehts die Verantwortung für die lokale
Verwaltung getragen und wurden jeweils von der lokalen Aristokratie für ein Jahr
gewählt. Bald schon wurden zwei comites oder prefecturi gewählt und
teilweise erfolgreiche Versuche unternommen, die Annuität zu unterlaufen und
mehrere Jahre im Amt zu bleiben. Prefecturus Maurus gebot von 860 bis 866
jeweils jedes zweite Jahr über die Stadt, bevor er ermordet wurde. Marinus,
einer seiner Nachfolger,wollte das Amt erblich machen und führte seinen Sohn
Pulcharius als zweiten comes ein, dem ein Verwandter Namens Stefanus folgte.
Dann wurde der Prefecturus wieder von den Amalfitanern gewählt.
881 bis 915 wurde die campanische Küste von sarazenischen Seeräubern
heimgesucht, die ihre Basis an der Mündung des Flusses Garigliano hatten und von
Gaetanern unterstützt wurden. Eine vereinte Streitmacht italienischer Seestädte
machte eroberte diesen Stützpunkt unter der Führung von Papst Johannes X, um den
wiederholten Angriffen ein Ende zu setzen.
Der Aufstieg von „Seerepubliken“ im zehnten Jahrhundert führenden Handelsmächten
im Mittelmeer kann auf die Zurückhaltung arabischer Händler zurückgeführt
werden, ausserhalb des islamischen Rechtsbereiches tätig zu werden. Hier konnten
vor allem venezianische und amalfitanische Händler in die Bresche springen, da
beide formell zwar zum byzantinischen Reich gehörten, de facto aber selbständig
waren. Bereits für das 9. Jahrhundert sind Handelskontakte zu nordafrikanischen
Küstenstädten bekannt und spätestens ab 870 liefen amalfitanische Schiffe im
ägyptischen Hafen al-Mahdiyyah ein, der die Grossstadt Kairuan/al-Fustat
(=Kairo) versorgte. Der Umfang dieses Handels ist nicht bekannt. Aus dem Jahre
996 ist allerdings überliefert, dass bei einem Pogrom in Kairo 160 Amalfitaner
der dortigen Niederlassung umgekommen seien. Auch wenn die Zahl zu hoch ist,
zeigt sie doch, dass die kleine Küstenstadt Orienthandel im grossen Stil betrieb
und damit im islamischen Umfeld auch xenophoben Reaktionen zu evozieren
vermochte. Um die Jahrtausendwende stand Amalfi auf dem Höhepunkt seiner Macht (vi).
Dabei waren gute Beziehungen nicht nur nach Byzanz, sondern insbesondere auch zu
den islamischen Herrschern in Nordafrika und Sizilien notwendig. Mehrmals
gefährdete sich Amalfi aufgrund von Bündnissen mit islamischen Mächten, die den
Interessen der Nachbarn entgegenstanden. Der arabische Reisende Ibn Hawqal
beschrieb 975 Amalfi als „die reichste Stadt in Süditalien, die nobelste and
berühmteste wegen seiner Beschaffenheit, die einflussreichste und opulenteste
Stadt“ (vii). Der Export von Getreide aus süditalienischen Häfen wie Amalfi und
Gaeta setzte nicht nur potente transmarine Absatzmärkte voraus, sondern die
Kontakte zu den Produzenten und insbesondere auch eine funktionierende
Transportinfrastruktur auf der italienischen Halbinsel. (Siehe dazu den Artikel:
Via Appia).
Zudem wurden durch die Prefetturi Mühlen betrieben, um den Profit aus dem
Getreidehandel noch zu steigern.
Der Erfolg der amalfitanischen Kaufleute lag im lukrativen Dreieckshandel
zwischen den Heimathäfen in Italien, Ägypten und Byzanz. Den lokalen Vertrieb
besorgten Ableger der Händler ausserhalb der engeren Heimat, vor allem in
Neapel, Salerno, Taranto, Cosenza, Catania oder Siracusa. Von diesen Häfen aus
führte die amalfitanische Flotte Rohstoffe wie Tuch, Getreide und Holz in die
tunesischen und ägyptischen Häfen und wurden dafür in Gold oder Gewürzen
bezahlt, welches sie in Byzanz gegen Luxusprodukte zum Import nach Italien
eintauschten. Im elften Jahrhundert sind Niederlassungen entlang der Küste des
östlichen Mittelmeers bezeugt. In Antiochia, Jerusalem und in Byzanz erhielten
Amalfitaner Siedlungsrechte zugestanden, was zu dieser Zeit auf sehr enge
Kontakte schliessen lässt. Schliesslich flüchtet Johannes II., Dux von Amalfi
mit seinem Sohn 1039 vor dem Herzog von Salerno nach Byzanz, wo er zwölf Jahre
lang blieb bis zu seiner Rückkehr an die Macht (viii). Seit 944 sind
nachweislich Häuser in Byzanz im Besitz von Amalfitanern.
Durch ihre Handelskontakte verfügten die Amalfitaner im zehnten und elften
Jahrhundert über ausgezeichnete Kontakte, welche auch diplomatisch genutzt
wurden. Wie wichtig diese Beziehungen waren, zeigt eine Episode aus dem Jahre
1062, als der einflussreiche Amalfitaner Kaufmann
Pantaleone di Comite Maurone den Kontakt zwischen dem Papst und Kaiser Heinrich
II und dem byzantinischen Kaiser Konstantin X Dukas herstellen wollte.
Pantaleone schrieb einen Brief an Bischof Benzo von Alba, dem er zuhanden des
Papstes anbot, mit dem Basileus in Kontakt zu treten, damit man die Abwehr gegen
die allseits ungeliebten Normannen in Süditalien koordinieren könne. Einen
offiziellen Kontakt konnte es nach der Synode von Melfi 1059 nicht geben, wo der
Papst die Ansprüche der Normannen gutgeheissen hatte, gegen den Protest aus
Byzanz, zu dessen Einflussbereich Süditalien immer noch gehörte. Der Amalfitaner
wird im Brief schmeichelhaft als Patricius angesprochen, ein byzantinischer
Hoftitel, den der Adressat nicht besass, er war zu diesem Zeitpunkt nur
hypatos, später dishypatos.
Trotzdem gehörten die duces
aus Amalfi zu den Wenigen im
westlichen Europa, die meist über einen byzantinischen Ehrentitel verfügten (ix).
Die Macht der amalfitanischen Prefetturi beruhte weniger auf ihrem Amt als
vielmehr auf dem persönlichen Reichtum, welchen sie aus Handel und Kontrolle
über die öffentlichen Geschäfte zogen. Daneben gab es für die an der Herrschaft
beteiligte Schicht natürlich wie überall im Mittelalter die Einkommen aus
Gerichten, Kirchen und als Söldnerführer. Eine wichtige Einnahmequelle stellte
in Amalfi auch die Münzprägung dar. Die in Amalfi und Salerno geprägten
silbernen tari
oder tareni waren Imitationen von
1/4-Dinaren mit einem Gewicht von 0,8 bis 1g.
Im Kampf um Marktanteile im Warenhandel hatte Venedig allerdings
langfristig die besseren Karten. Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt wurde
1082 besiegelt, als Venedig von Byzanz das Monopol für den Westhandel
zugesprochen bekam und Amalfi nach der Eroberung durch die Normannen 1077 auch
politisch ins Abseits geriet. Den Todesstoss erlebte die Stadt 1135 und 1139,
als sie zweimal in Folge erobert und zerstört wurde. Nicht nur die Stadt,
sondern auch die Flotte wurde vernichtet. In der Folge spielte Amalfi nur noch
eine Nebenrolle, wenn auch der Handel weiterhin zum Haupterwerb der
Küstenbewohner zählte.
Jill Caskey führt für die besondere Geschäfts-Mentalität in ihrem Werk zu Kunst
und Mäzenatentum der Familie des Lorenzo Rufolo aus Ravello den Begriff „Mercatania“
ein. Ein Begriff, von Caskey bei Boccacio entlehnt hat und das unbeschreiblich
handelsgelenkte Denken und Handeln der führenden Familen Amalfis braucht. Ihr
Buch „Art and Patronage in Medieval Mediterranean“ ist übrigens nach wie vor ein
Geheimtip im deutschsprachigen Raum.
Ein Relikt aus der Zeit der Seerepublik ist die alljährlich durchgeführte
Regatta storica, bei der je ein Boot aus Amalfi, Genua, Pisa und Venedig
mitrudern dürfen. Der Wettbewerb wird von den vier Städten alternierend
organisiert und bedeutet den Italienern etwa gleichviel wie den Briten ihr
boat race zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford. Für die 52.
Austragung am 1. Juni 2008 werden in Amalfi Tausende von Zuschauern erwartet.
Quellen
MGH Monumenta Germaniae Historica (Epistolae / Scriptores), op. cit.
AASS De S. Trophima seu Trophimena in: Acta Sanctorum, Julii tomus secundus, Ss.
231-240. Nachdruck Paris/Rom 1867.
PG Patrologia Graeca, op.cit.
Literatur
Ulrich Schwarz, Amalfi nel alto Medioevo. Quaderni del centro di
cultura e storia Amalfitana 1, Amalfi 2002.
Ulrich Schwarz, Amalfi im frühen Mittelalter (9.-11. Jahrhundert).
Untersuchungen zur Amalfitaner Überlieferung, Bibliothek des Deutschen
Historischen Instituts in Rom, Band 49, Tübingen 1978.
Giuseppe Imperato, L'attività commerciale degli amalfitani, Studi meridionali 8,
1975, 217-252.
Jill Caskey, Art an Patronage in the Medieval Mediterranean. Merchant Culture in
the Region of Amalfi, Cambridge 2004.
Gerardo Sangermano, L'esempio di Amalfi medievale; in: Ottavio Banti, Amalfi
Genova Pisa Venezia. La cattedrale e la città nel Medioevo. Aspetti religiosi,
istituzionali e urbanistici. Atti della Giornata di Studio, 1 Giugno 1991; in:
Biblioteca del „Bolletino storico Pisano“, collana storica 42, Pisa 1993.
La Chiesa di Amalfi nel Medioevo. Convegno internazionale di studi per il
millenario dell'Archidiocesi di Amalfi (Amalfi – Scala – Minori, 4-6 dicembre
1987. Centro di Cultura e Storia Amalfitana, Atti 3, Amalfi 1996.
Lexika
LMA Lexikon des Mittelalters. Band I, Ss. 506f. Artikel 'Amalfi' von Dieter
Girgensohn.
NCMH New Cambridge Medieval History.
Fussnoten
(i) MGH Epp. I, S.401: ...Amalfitanae
civitatis episcopum in ecclesia sua residere non esse contentum, sed foris
per loca diversa vagari...
(ii) Schwarz
2002, S. 37.
(iii) ibid. S. 37.
(iv) Ioannis
Damasceni epistola ad Theophilum imperatore. Patrologia Graeca (J.P.Migne
ed.) Band 95, Ss. 345-386. Nachträgliche Zuschreibung an Ioannes Damaskenos.
S.357.
(v) Leonis
III papae epistola in: MGH Epp. 5, S.96.
(vi) C. Cahen, Un texte peu connu relatif au commerce oriental d'Amalfi au Xe siècle;
in: Archivio storico per le provincie Napoletane n.s. 34, Napoli 1955, Ss.
61-66. Peter Johanek, Merchants, markets and
towns; in: NCMH III, S.73f.
(vii) Nach
Medieval Trade in the Mediterranean World p.34. Op. cit. by G.A.Loud,
Southern Italy in the tenth century in: NCMH III, 640.
(viii) Chronica
Amalfitana Kapitel 18; Chronica Monasterii Casinenis II (ed: MGH SS. 7, Ss.
551-844), Kapitel 63.
(ix) Benzonis
ad Heinricum liber II, cap. II, MGH SS.11 S.615. Der Ehrentitel patricius
wurde von Benzo eingefügt, in der Weiterleitung des Schreibens an Heinrich
II.
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Foto © Heinrich Speich.
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Foto © Heinrich Speich.
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