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Lesen Sie diesen Text, lassen Sie sich auf ein Gedankenexperiment ein, das Sie provozieren, belustigen, verärgern oder aber zum Nachdenken anregen könnte. Eine Lösung für das hier aufgeworfene Problem (sollten Sie überhaupt eines erkennen wollen), werden Sie vorerst hoffentlich für sich eh schon gefunden haben, denn dieser Blogeintrag beansprucht nicht eine Lösung zu liefern. Falsch wäre einzig, so meine Einschätzung, das Thema vorschnell als irrelevant abzutun, nur weil es vielleicht sperrig, vielleicht gar verworren wirken mag.
Marcello Indino
Wenn Ihrer Klasse gesagt wird, dass sich alle Schüler in fünf Minuten in der Aula treffen sollen, wird sich die ganze Klasse in der Aula einfinden. Vielleicht werden es nicht alle innerhalb der genannten Zeit schaffen. Schaffen werden es aber alle, die genannten Schüler – wie auch die ungenannten Schülerinnen. Anders verhält es sich vermutlich, wenn Ihrer Klasse gesagt wird, dass sich alle Schülerinnen in der Aula treffen sollen. Mit Sicherheit wird man dort später alle Schülerinnen antreffen – aber auch die ungenannten Schüler?
Selbstverständlich ist es ganz praktisch und effizient, wenn man (!) auch dann nur das eine Geschlecht zu nennen braucht, wenn beide – oder alle – Geschlechter gemeint sind. In der deutschen Sprache ist hierbei vom generischen Maskulin die Rede, wobei sich das Phänomen nicht auf unseren Sprachraum beschränkt. Wollte man eine historische Analyse anstreben, wäre die Frage nach der Entstehung interessant. In diesem Falle beginnt die Geschichte aber nicht beim Anfang, sondern beim Anfang des Endes: Namentlich als der Begriff in den 1970er Jahren im Zuge der zweiten Frauenbewegung – gemeinsam mit der Forderung, das zugrundeliegende Phänomen abzuschaffen – überhaupt entstand. Will heissen, dass die Sprache wohl schon immer generisch maskulin war. Seit nunmehr 50 Jahren wird aber hinterfragt, was dies über unsere Gesellschaft aussagt – und ob man die Implikationen weiterhin akzeptieren will.
Schuhgrösse und Einkommen
Die AfD Sektion Nordrhein-Westfalen ist übrigens gegen die Abschaffung des generischen Maskulins, weil diese ein «ideologisch motivierter Missbrauch der Sprache zwecks gesellschaftlicher Veränderung sei». Genau – Problem erkannt! Bemerkenswert allerdings, dass im Antrag der Rechtsaussenpartei vom 12. März 2019 mit diesem Argument gegen und nicht etwa für die Abschaffung plädiert wird. Natürlich wäre es absurd zu unterstellen, dass all jene rechtskonservativ seien, die am generischen Maskulin festhalten möchten. Absurd ist aber auch, dass Einkommen und Schuhgrösse auch heutzutage noch korrelativ zusammenhängen. Soviel zum Thema gesellschaftliche Veränderung.
Es mag unbestritten sein (oder zumindest ist es wünschenswert), dass das Denken dem Handeln vorgelagert ist. Menschen denken, bevor sie handeln – sprich, auch bevor sie sprechen. Umgekehrt gilt auch, dass das eigene Handeln oder beobachtete Handlungen Anderer das eigene Denken beeinflussen. Insofern sehen konstruktivistische Theorien Sprache als wichtiges Element der sozialen Modellierung: Sprache ist nicht einfach Ausdruck von sozialem Status, sondern umgekehrt wird sozialer Status sprachlich hergestellt. Im konstruktivistischen Sinne ist das generische Maskulin also nicht eine ausschliesslich prosaische Entscheidung.
Zwitter/Innen als WOZ-Lesende
Nun könnte man vermuten, dass der Verzicht auf das generische Maskulin einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel leistet. Sprich, dass die explizite und konsequente Nennung beider Geschlechter gewissermassen eine gleichstellende und somit inkludierende Denkweise zum Ausdruck bringt. Ich durfte mir persönlich aber vielmehr den bemerkenswerten Vorwurf gefallen lassen, dass genau das Gegenteil der Fall sei… Die Begrüssung am ersten Schultag («Liebe Schülerinnen und Schüler!») oder die Eröffnung des Konvents («Liebe Kolleginnen und Kollegen!») – diese penible Unterscheidung und vermeintlich abschliessende Aufzählung – sei im höchsten Masse exkludierend. Noch schlimmer als das generische Maskulin, bei weitem schlimmer!
Die damit formulierte Problematik ist in ihrer Konsequenz herausfordernd – aber nachvollziehbar und daher nicht allzu voreilig von der Hand zu weisen: Während das generische Maskulin offensichtlich eine pragmatische Lösung ist, erhebt die geschlechtsbezogene Paarform mit der Konjunktion «und» gewissermassen Anspruch auf Vollständigkeit – und exkludiere damit noch viel expliziter als das generische Maskulin all jene, die sich weder als weiblich noch als männlich sehen. Dasselbe gelte für die Verwendung eines Schrägstrichs (Schüler/-innen resp. Schüler/innen) oder einer Klammer (Schüler[-innen] resp. Schüler[innen]) sowie des erstmals 1981 in der WOZ verwendeten Binnen-I, das einE LeserIn zu folgender Rückmeldung inspiriert hat:
Sehr geehrte Zwitter/Innen
Obwohl ich mit dem inhaltlichen Angebot Ihrer Zeitung sehr zufrieden bin, verzichte ich entnervt auf ein neues Abo. Die idiotische Schreibweise, derer Sie sich bedienen, ist infantiler Unfug und konterkariert das hohe Niveau der Beiträge aufs blamabelste.(Unveröffentlichter Leserbrief [sic!] an die WOZ vom 7. November 1991. https://www.woz.ch/1351/binnen-i/die-staemme-gehoeren-allen)
Doppelsternchenpunktegaps
Diese rein binäre Formen können mithilfe von neutralisierenden Wortwendungen umgangen werden, was aber nicht immer gleich gut gelingt: Während sich die Wendung «Lehrpersonen» gut etabliert hat und an den Universitäten durchwegs von den «Studierenden» die Rede ist, mutet der Ausdruck «Schülerschaft» doch eher antiquiert an: «Liebe Schülerschaft, willkommen an der KSK!»
Nein, das kann nicht in allen Fällen die Lösung sein, obwohl die neutralisierenden Formen zumindest das Problem der vermeintlichen Exklusion aus der Welt schaffen würden, das auch nicht von den (ebenso vermeintlichen) nonbinären Formen gelöst werden kann. Zu den nonbinären Formen gehören der sogenannte Gendergap (der_die Lehrer_in bzw. die Lehrer_innen), das Sternchen (der*die Lehrer*in bzw. die Lehrer*innen) und der Doppelpunkt (der:die Lehrer_in bzw. die Lehrer:innen).
Mittendrin und auch dabei?
Konsequent nonbinär sind diese Formen aber eigentlich nicht – abgesehen davon, dass die Frage berechtigt sein darf, ob sich jeder Mensch zu einem Sternchen verniedlichen lassen will oder sich mit einem Lückenfüller identifizieren kann. Das Problem ist doch, führt man die Absicht des Sternchens, des Doppelpunkts oder des Gendergaps radikal zu Ende, dass sich das Schriftzeichen allein zwischen der männlichen und der weiblichen Form befindet – und nicht auch davor und danach. Will heissen, dass es eine geschlechtliche Polarität zu geben scheint, die entweder beim Männlichen oder beim Weiblichen beginnt und gewissermassen auf der entgegengesetzten Seite, beim Weiblichen beziehungsweise beim Männlichen endet. Alle anderen Menschen sind genauso wie das dafür gewählte Schriftzeichen irgendwo dazwischen. Nicht davor, darüber, danach, darunter, daneben, woanders – sondern eben dazwischen. Der exkludierende Charakter bleibt.
Diversität konsequent zu Ende gedacht müsste doch aber dazu führen, dass man das für Nonbinarität stehende Schriftzeichen nicht ausschliesslich zwischen zwei Wörtern, sondern auch davor und danach setzen müsste. Um eben – so der Gedanke – implizit keine Grenzen zu ziehen. Das umstrittene generische Maskulin «die Lehrer» müsste sich demnach zu «*der*die* *Lehrer*in*» weiterentwickeln.
einens Auzubildens oder ex Auszubildex
Dass gesellschaftlicher Wandel hin zu Offenheit, Diversität und Gleichstellung ihren Preis auf mehreren Ebenen haben mag, wird sich kaum bestreiten lassen. Es sind aber Anliegen, die berechtigt und längst überfällig sind, sodass sich der Preis lohnt. Ob Sternchen – im aufgeführten Beispiel ganze sechs an der Zahl – die dafür richtige Währung sind, darf aber hoffentlich bezweifelt werden.
Dass der sprachliche Sternenhimmel keine Lösung ist, wird auch von der ehemaligen Professorin und Verlagsgründerin Lann Hornscheidt vertreten, die während ihrer akademischen Laufbahn den Titel Profex Drex (statt Prof. Dr.) führte. Heute nennt sie sich Prof.ens Dr.ens Lann Hornscheidt. Sie fordert damit die Einführung der genderlosen Endung -ens, was am ersten Schultag zu folgender Begrüssung führen würde: «Liebens Schülens, willkommen an der KSK!» Eine andere genderlose Möglichkeit wäre die Verwendung der x-Endung, was aus der Schülerschaft dix Schülex machen würde.
Ich schätze, zugegebenermassen nur aus rein subjektiver und somit naturgemäss limitierter Perspektive, dass wir mit beiden nonbinären Formen – dens Schülens sowie ex Schülex – der Gleichstellung am nächsten wären: denn mit Ausnahme ganz weniger Menschen würde sich so niemand mehr angesprochen fühlen, nicht mal mehr jene, die man sprachlich und somit gesellschaftlich zu inkludieren versucht. Gleichstellung also, weil nun alle gleichermassen exkludiert wären… Damit würde man das Problem gewissermassen mit einer Lösung erschlagen, die sich kaum jemand wünscht.
Was bedeutet das alles?
Bedauerlich wäre, wenn aufgrund solcher Ideen das Gefühl entstehen würde, dass dex Bogex überspannt wird oder dass das Ganze schlichtweg zu viel dex Gutex ist. Vielmehr finde ich die Hervorhebungen des Linguisten Noah Bubenholzer anlässlich einer Weiterbildung der Universität Zürich wertvoll, der auf den Nutzen dieser dekonstruktivistischen Herangehensweise verweist: Mögen nonbinäre Sprachformen das angestrebte gesellschaftliche Ziel alleine nicht erreichen oder sprachlich sogar unbrauchbar sein, so entlarven sie trotzdem «die inhärente Instabilität von Zeichen und machen damit deutlich, dass es eine klare Verbindung von Zeichen (Signifikant) und Bezeichneten (Signifikat) gibt» (Weiterbildung Gender and Race, 20. Mai 2022). Absicht dieser Dekonstruktion ist also die Bewusstseinsmachung und dann Bewusstseinshaltung, dass die Sprache das Denken und damit die Gesellschaft formt. Ist dies gegeben, kann es vorerst am ersten Schultag weiterhin «Liebe Schülerinnen und Schüler, herzlich willkommen an der KSK!» heissen. Gemeint sind damit schlichtweg alle!