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Die Therapie kann zwar anfangs unangenehm sein für die Patienten, am Ende aber auch erfolgreich.
ZAHLEN UND FAKTEN
4,3 Millionen Menschen in Deutschland sind nikotinabhängig. Die meisten Raucher sind erstaunlich jung: etwa 45 Prozent der 20-Jährigen rauchen. Die Sucht nach Nikotin ist verhängnisvoll: 111 000 Todesfälle gehen in Deutschland jährlich auf tabakbedingte Erkrankungen zurück (Krebs, Kreislauferkrankungen, Atemwegserkrankungen).
10,4 Millionen Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in riskantem Umfang. Bei Männern sind das 40 Gramm Alkohol pro Tag, bei Frauen reicht schon die Hälfte. 20 Gramm Alkohol entsprechen etwa einem halben Liter Bier oder einem Glas Wein mit 0,2 Litern.
1,4 Millionen Menschen sind abhängig von Medikamenten, davon 1,1 Millionen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, 300 000 von Appetitzüglern, Schmerz- und Abführmitteln. Die letzten drei Gruppen bestehen zu zwei Dritteln aus Frauen.
Unter den illegalen Drogen nimmt das zu den sogenannten weichen Drogen zählende Cannabis weltweit den ersten Platz ein; die Zahl der regelmässigen Konsumenten wird auf 200 bis 300 Millionen geschätzt. Über ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland hat bereits Erfahrungen mit Cannabis gesammelt.
Etwa 275 000 Menschen in Deutschland gehören zu den Konsumenten harter Drogen wie Heroin, Kokain und Amphetaminen (Ecstasy, Meth); 175 000 von ihnen sind abhängig und damit suchtkrank.
Der Anteil der Drogenkonsumenten bei allen gemeldeten Aids-Fällen liegt bei etwa 15 Prozent. Der Grund: Die Sucht führt bei den Drogenabhängigen zu hochriskanten Verhaltensweisen, etwa dem gemeinsamen Benutzen von Injektionsbesteck (needle sharing) oder ungeschützten Sexualpraktiken.
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass Heroin an Bedeutung verliert gegenüber anderen Rauschgiften. Der Konsum von Kokain und Amphetaminen dagegen stieg in den vergangenen Jahren an.
Die Zahl gefährdeter Spieler in Deutschland liegt einer Schätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge bei 0,6 Prozent, die der erkrankten Glücksspieler bei 0,45 Prozent. Die konkreten Süchte der behandelten Spieler: 79 Prozent Glücksspielautomaten, 17 Prozent Roulette oder Blackjack, 16 Prozent Karten- und Würfelspiele, zehn Prozent Oddset, sechs Prozent Lotto. 90 Prozent der behandelten Glücksspieler sind Männer. Es wird jedoch angenommen, dass es bei Spielerinnen eine grosse Dunkelziffer gibt. Der Grund: Unter Frauen ist die Erkrankung noch negativer belegt als schon bei Männern.
52 Prozent der Spielsüchtigen verfügen über einen Hauptschulabschluss, 28 Prozent über einen Realschulabschluss, und 9 Prozent haben die Hochschulreife erlangt. Das Alter ist dem Institut für Therapieforschung in München (IFT) zufolge in den vergangenen Jahren leicht angestiegen: Inzwischen sind Spielsüchtige durchschnittlich 36 Jahre alt.
URSACHEN
Von Sucht spricht man, wenn eine Abhängigkeit besteht. Die Einnahme des Suchtmittels hat dann eine Veränderung der Gehirnfunktion ausgelöst. Von diesem Zeitpunkt an besteht bei den betroffenen Personen ein starkes Verlangen, das Suchtmittel zu konsumieren.
Suchtstoffe wirken im Gehirn auf ein System ein, das Motivation und Verhalten steuert. Auch Essen, Trinken und Sexualität werden dort als Belohnung wahrgenommen die chemischen Suchtsubstanzen (Nikotin, Kokain, Alkohol und andere) aktivieren dieses natürliche Belohnungssystem und erhöhen die Motivation, die Substanz wieder einzunehmen oder die Situation, in der die Substanz eingenommen wurde, erneut aufzusuchen.
Überschreitet die Häufigkeit des Gebrauchs ein bestimmtes Mass, kann aus dem Wunsch, das Suchtmittel zu konsumieren, schnell ein das Denken und Handeln beherrschendes Verlangen werden. Die Fähigkeit, auf das Suchtmittel zu verzichten, geht dann auch bei schwerwiegenden negativen Konsequenzen verloren.
SYMPTOME
Allgemein
Bei längerem Entzug vom suchtauslösenden Stoff kommt es zu psychischen und körperlichen Entzugserscheinungen, die verschiedenste Ausprägungen haben können. Beispiele: extreme Unruhe, Unzufriedenheit, erhöhter Herzschlag, Schmerzen, Halluzinationen, Zittern am ganzen Körper. Die Beschwerden richten sich auch nach dem suchtauslösenden Stoff.
Alkoholabhängigkeit
Schon auf der Haut lassen sich Anzeichen für starken Alkoholkonsum über lange Zeit erkennen: dünne, rötliche, feine sogenannte Gefässreiserchen, häufig in Gesicht, Nacken und Händen. Sie können Anzeichen für eine Leberschädigung sein.
Eine solche Leberschädigung bei Alkoholsüchtigen lässt sich auch im Blut nachweisen. Hier sind die Werte bestimmter charakteristischer Enzyme erhöht – auch standardisierte Fragetests können Auskunft über Alkoholsucht geben, besonders häufig wird der sogenannte Alcohol Use Disorder Identification Test angewandt.
Spielsucht
Noch wird krankhaftes Glücksspiel in der medizinischen Klassifikation zu den Impulskontrollstörungen und nicht zu den Süchten gezählt, obwohl viele Gemeinsamkeiten zwischen der Spielsucht und Substanzabhängigkeiten bestehen.
Bei zwei oder mehr positiven Antworten kann die vorläufige Diagnose »pathologisches Glücksspielen« gestellt werden:
- Man kann erst aufhören mit dem Glücksspielen, wenn man kein Geld mehr hat.
- Beim Glücksspielen zu verlieren fühlt sich wie eine persönliche Niederlage an, die man umgehend wettmachen möchte.
- Man denkt oft ans Glücksspielen und verspürt dann einen inneren Spieldrang.
- Um neues Geld für das Glücksspielen zu beschaffen, hat man schon andere Menschen betrogen.
Der Spieler ist in der Regel stark eingenommen vom Glücksspiel: Er beschäftigt sich gedanklich mit vergangenen Spielerfahrungen, mit dem Verhindern oder Planen der nächsten Spielunternehmungen und denkt über Wege nach, wie er sich Geld zum Spielen beschaffen kann. Die Einsätze werden im Laufe der Zeit erhöht, um die gewünschte Erregung zu erreichen.
Das Belügen von Familienmitgliedern, des Therapeuten oder anderer ist typisch – der Süchtige möchte das Ausmass seiner Verstrickung in das Spielen vertuschen. Im fortgeschrittenen Stadium hat die Spielsucht bereits einschneidende Folgen gehabt: Der Süchtige hat eine wichtige Beziehung, seinen Arbeitsplatz, Ausbildungs- oder Aufstiegschancen wegen des Spielens gefährdet oder verloren.
THERAPIE
Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit
Ist die Diagnose gestellt und der Patient bereit, sich behandeln zu lassen, sind die Voraussetzungen für eine Entzugstherapie geschaffen. Die Entzugsbehandlung kann ambulant durchgeführt werden, wenn keine Hinweise auf drohende körperliche Komplikationen bestehen. Der Arzt begleitet den Patienten dabei, wie er die Dosis langsam reduziert.
Bei einem Drittel der Patienten ist es erforderlich, mithilfe von Arzneien die Symptome des Entzugs zu vermindern. Bei schwereren Fällen ist eine stationäre Entzugsbehandlung notwendig, das heisst ein längerer Aufenthalt in einer Klinik. Hier werden die Entzugssymptome rund um die Uhr beobachtet, gegebenenfalls abgeschwächt. Ausserdem kommen psychotherapeutische Massnahmen hinzu, die die Betroffenen motivieren sollen, abstinent zu sein und ihr Verhalten und ihre Lebensführung zu ändern.
Eine bewährte Zwischenlösung ist die sogenannte tagesklinische Behandlung. Dabei verbringt der Patient einen Teil seines Alltags in der Klinik, einen Teil ausserhalb. Besonders geeignet für diese Behandlung sind Patienten, bei denen die Abhängigkeit noch nicht lange chronisch ist und die sozial gut integriert sind.
Auch nach einer Entzugstherapie sind eine gute Nachbetreuung und Schulung sehr wichtig, um Rückfälle zu vermeiden.
Drogenabhängigkeit
Die Therapie von Drogenabhängigen beginnt in der Regel unter schlechten Bedingungen: Viele werden durch das medizinische Versorgungssystem nicht ausreichend erreicht; ihre Randgruppenzugehörigkeit und soziale Isolation in der Allgemeinbevölkerung erschweren die Reintegration besonders. Häufig entscheidend sind daher offene statt verpflichtende Hilfsangebote, etwa die Aufnahme zur Behandlung ohne besondere Vorbedingungen. Auch eine Beratung und Hilfestellung bei der Rückkehr in die Gesellschaft helfen den Betroffenen.
Wie die Alkoholabhängigkeit kann auch die Drogensucht ambulant, tagesklinisch oder stationär behandelt werden. Und auch bei Drogenabhängigen spielt die sogenannte qualifizierte Entzugsbehandlung, also die begleitende Motivationsförderung zur nachhaltigen Verhaltensänderung, zunehmend eine wichtige Rolle. Wenn die Fähigkeit zum Leben in Abstinenz in einem zeitlich bestimmten Rahmen oder trotz vielfältiger Bemühungen nicht erreichbar ist, sind weitere Behandlungsformen erforderlich.
Bei Opioidabhängigen etwa greift man dann auf ähnliche, aber weniger schädliche Substanzen als Ersatz zurück (Methadon). Abstinenz führt nicht nur durch das Ausbleiben der mit dem Suchtmittel verknüpften Stimulation des Belohnungssystems im Gehirn zum Abnehmen der Sucht. Auch dadurch, dass man Reize, die mit der Sucht assoziiert sind, von der Substanzeinnahme entkoppelt, also suchtnahe Situationen bewältigt, lernt der Patient
Grundsätzlich gilt: Alles, was dazu beiträgt, den Patienten suchtmittelabstinent zu halten, ist als Therapiemassnahme geeignet
Spielsucht: Auch bei der Behandlung der Spielsucht geht es darum, Alternativen zum Suchtverhalten und positive Lebensperspektiven zu entwickeln, die den bisherigen Stellenwert des Glücksspiels reduzieren – in der Regel wird mit Verhaltenstherapie behandelt. Dabei werden zunächst gemeinsam irrationale Grundannahmen analysiert, die zum Spielen treiben, etwa die Höhe der Gewinnchancen und die finanziellen Folgen beim Verlieren. Ausserdem lernt der Patient in der Verhaltenstherapie, Rückfallreize zu erkennen und zu unterbinden.
HEILUNGSCHANCEN
Die Suchttherapie hält eine ganze Reihe erfolgversprechender Behandlungsmassnahmen bereit. Selbst das Idealziel, die lebenslange Abstinenz von dem suchtauslösenden Stoff oder der entsprechenden Situation, wird häufig erreicht; aber auch vorübergehende Abstinenzphasen sind angesichts der Verfassung der Kranken schon als Erfolg zu werten.
Suchterkrankungen haben trotzdem nicht selten einen schweren Verlauf. Treten während der Behandlung Rückfälle auf, sollten diese nicht nur als Ausdruck der fehlenden Behandlungsmotivation des Patienten gewertet werden, sondern als Hinweis auf ein chronisches Leiden, das selbst im Rahmen einer erfolgreichen Therapie häufig für Rückschläge sorgen kann.
Besonders bei der Spielsucht gilt die Änderungsmotivation beim Spieler als entscheidend für den Erfolg einer Therapie. Verlässliche Zahlen über die tatsächliche Erfolgsquote von Behandlungen gibt es für die Spielsucht aber bislang nicht
Autor: Christian Heinrich; Experten: Dr. Mira Bühler, Prof. Falk Kiefer