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Vor 30 Jahren ist Dürrenmatt gestorben. Kurz vor seinem Tod überkommt es ihn, die Entstehung der Welt zu erklären. Er schreibt eine Schöpfungsgeschichte, die vom Urknall ausgeht. Einen Text, der sich auch wie ein Urknall liest. Er heisst schlicht: «Das Hirn».
Da ist ein einsames Welthirn, das die Leere nicht aushält und sich die Welt aus dem Nichts erdenkt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Welthirn dann Dürrenmatts solitäres Hirn erfindet. Und was tut Dürrenmatts Hirn? Es erdenkt sich seinerseits eine eigene Welt, bis es ganz zum Schluss auf die Idee kommt, sich ein Welthirn zu erfinden.
Buchhinweis
Friedrich Dürrenmatt: «Das Hirn». In: «Turmbau. Stoffe IV-IX». Diogenes, 1998.
Schon sind wir mitten auf der Achterbahnfahrt durch Dürrenmatts Hirn mit seinen labyrinthischen Windungen und «schlimmstmöglichen Wendungen», wie Dürrenmatt es in seiner Dramentheorie beschreibt. Ein Hirn, das immer den grossen Knall sucht. Anhand von zehn Anekdoten begeben wir uns auf die die Fahrt durch dieses Hirn.
1. «Ich kann nicht höher!»
Manche dieser Anekdoten sind fast zu schön, um wahr zu sein. Tatsache ist: Deutsche Kritiker und Feuilletonisten mokierten sich gelegentlich über Dürrenmatts helvetisch gefärbtes Deutsch, als könne er nicht richtig schreiben. Und er? Er war richtig stolz auf seine unkorrekte Sprache.
Der Schriftsteller Urs Widmer hat die folgende Anekdote kolportiert: An einer Podiumsdiskussion in Berlin soll ein Zuhörer aus dem Publikum Dürrenmatt unterbrochen und ihm zugerufen haben, ob er nicht Hochdeutsch sprechen könne, damit man ihn verstehe. Worauf Dürrenmatt geantwortet haben soll: «Ich kann nicht höher!»
2. Die Philosophie des Mistes
Aus vielen Anekdoten schlägt uns ein gewaltiges Bildungswissen aus philosophischen, naturwissenschaftlichen, religiösen und literarischen Sphären entgegen. Aber zugleich liebt Dürrenmatt harte Landungen auf dem Misthaufen der Tatsachen.
Im Theaterstück «Herkules und der Stall des Augias» erblüht und versinkt der ritualisierte Politalltag der Schweiz auf dem Mist. Allerdings sind für Dürrenmatt selbst Misthaufen noch etwas «Kostbares», ein Kulturgut. Man könne den Mist ja «in Humus verwandeln».
Vom Mist leitet Dürrenmatt vor allem seinen Humor her. Dazu passt die Anekdote, erzählt in «Turmbau»: Einmal schaut Dürrenmatt, als er über den Casino-Platz in Bern geht, einem Gärtner zu, der die Platanen schneidet. Der Gärtner wiederum beobachtet Dürrenmatt, wie er auf einem Hundedreck ausrutscht und auf den Hintern fällt.
Zwei Stunden später kehrt Dürrenmatt über den Casino-Platz zurück, rutscht ein zweites Mal auf demselben Hundedreck aus und vergisst, so erzählt er, nie den Blick des Gärtners. «Da war das ganze Erstaunen über mich drin. Dass es überhaupt so einen Menschen gibt, der zweimal über den gleichen Hundedreck auf das Hinterteil... Und das ist für mich Humor.»
Die Wiederkehr des Immergleichen nimmt den Ereignissen den Ernst, verhindert das Tragische. Nur die Komödie ist für Dürrenmatt noch möglich.
3. Dürrenmatt, der Tierfreund
Apropos Hunde: In ihrem Anwesen im Vallon de l’Ermitage oberhalb von Neuenburg halten die Dürrenmatts immer wieder Hunde – zum Leidwesen des Nachbars, eines Notars. Dem geht besonders ein Cockerspaniel mit seinem Dauergebell auf die Nerven. Schliesslich setzt er eine schriftliche Beschwerde auf.
Dürrenmatt erzählt später an einem Stammtisch, dass er pflichtbewusst den Beschwerdebrief genommen und seinem Hund vorgelesen habe, in der Hoffnung, der Hund schone den Notar künftig ein wenig.
Es gibt noch andere Mitbewohner in der Familie Dürrenmatt, die sich bemerkbar machen: einen Ziegenbock namens Habakuk, einen Nymphensittich namens Shakespeare, der sich bevorzugt auf Dürrenmatts Glatze niederlässt, oder den Kakadu Lulu.
Die Geschichte von Lulu endet tragisch. Der Kakadu kommt in den 1980er-Jahren zu Tode, weil ihm Dürrenmatts zweite Frau Charlotte Kerr auf seine alten Tage hin noch das Fliegen beibringen will.
Die Hausherrin habe dem Vogel auch sonst das Leben schwer gemacht. Die ganze Wahrheit ist, wie Dürrenmatt zu spät feststellt: Lulu ist eifersüchtig auf Charlotte.
4. Dürrenmatts Mätresse
Zu den Mitbewohnern im Hause Dürrenmatt gehört eine Zeit lang auch Ludwig Hohl: Der eigenwillige Denker und Schriftstellerkollege befindet sich öfter in Notsituationen. Im Frühling 1952 etwa hat man ihn nach einem Alkoholexzess in eine psychiatrische Klinik bei Genf eingewiesen, was Dürrenmatt nicht duldet. Er überzeugt die Behörden, für den Freund sei in seinem Haus besser gesorgt.
Schon die Reise von Genf nach Neuenburg, so Dürrenmatts Darstellung, verbringt Hohl dann im Gepäcknetz eines Abteils dritter Klasse, um einen neuerlichen Rausch auszuschlafen.
Hohl ist in Dürrenmatts Haus produktiv. Er arbeitet morgens, Dürrenmatt nachts. Nachts aber will Hohl mit dem Freund reden und trinken. Man scheitert aneinander, so Dürrenmatts Fazit.
Hohl kehrt nach Genf zurück. Aber auch danach unterstützt Dürrenmatt den Freund, zahlt etwa dessen horrende Telefonrechnungen. Eine perfide Pointe kann sich Dürrenmatt nicht verkneifen: Er erzählt herum, andere Autoren hätten eine Mätresse, er habe Hohl. Die maliziöse Bemerkung dürfte auch Ludwig Hohl zu Ohren gekommen sein.
5. Ein Herz für die Hells Angels
«Von den hereinbrechenden Rändern» nennt Hohl einen seiner Notizen-Bände, was Dürrenmatt imponiert. Er hat ein Faible für «Einzelgänger, Aussenseiter und Käuze, für die letzten und ersten Zugvögel einer doch noch möglichen Freiheit». Sie verteidigt er gegen die Zentren der Macht, gegen die er gern mit allen Mitteln des Witzes und der Provokation vorgeht.
Als er 1969 den Grossen Literaturpreis des Kantons Bern erhält, gibt Dürrenmatt die Preissumme an literarische Aussenseiter weiter und lädt zum gediegenen Bankett im Hotel Bellevue eine Gruppe von Hells Angels ein.
Den irritierten Honoratioren erklärt er mit Blick auf die Rocker, die in den Louis-XV-Interieurs für Kontrast sorgen, das seien seine Freunde: «Ich liebe junge Leute, die Trachten tragen.»
6. Liebe schweigt
Zurück zu den Autoren, die sich Mätressen halten: Von der Liebe und Erotik hat Dürrenmatt wenig geschrieben und in «Der Mitmacher. Ein Komplex» auch einmal begründet, warum es schwer sei, über die Liebe zu reden – obwohl dies Autorenkollegen wie Max Frisch dauernd taten.
Die Liebe könne nicht verallgemeinert werden. Sie spiele sich zwischen Einzelnen ab. Nur Liebende könnten davon reden, doch wenn sie davon reden, seien sie schon in einem Zustand angelangt, in dem sie sich ihre Liebe einreden müssten. Die wahre Liebe aber schweigt.
7. Die Ehe ist das beste Abenteuer
Ganz geschwiegen hat Dürrenmatt zum Glück nicht über die Liebe zu seiner Frau Lotti, auch nicht über seine (seltenen) Seitensprünge. Einmal war es eine junge Schauspielerin in Wien. In einem unautorisierten Interview mit dem «Playboy» gesteht er, in den über dreissig Jahren, in denen er verheiratet war, habe er natürlich hin und wieder Frauengeschichten gehabt, «aber sehr selten, weil mich das einfach zerreissen würde».
Eheschwierigkeiten seien zu deprimierend, als dass er sie auf Dauer aushalte. So habe er jeden Seitensprung sofort gebeichtet. «Da gibt es dann, sagen wir mal, einen Krach. Aber das ist irgendwie auch befreiend für beide.»
Er bekennt sich leidenschaftlich zur Ehe: «Die Ehe ist immer noch etwas vom Abenteuerlichsten, was der Mensch hat. Zu zweit zu scheitern, ist immer noch ehrenvoller als allein zu scheitern...» Die Ehe sei immer ein Kunstwerk, «wie eine Staatsgründung».
8. Eine Million zum Anfassen
Vor allem mit «Der Besuch der alten Dame» (1956) und «Die Physiker» (1962) gelangt Dürrenmatt zu Weltruhm und zu Reichtum, während zuvor noch diverse Hilfsaktionen zu seinen Gunsten nötig sind, damit er sich und seine Familie durchbringen kann: Die Zeitschrift «Beobachter» etwa lädt die Leserschaft ein, den darbenden Jungdramatiker monatlich mit einem Fünfliber zu unterstützen.
Dürrenmatt fühlt sich aber nicht zu falscher Bescheidenheit verpflichtet. Einmal will ein Mäzen aus Luzern, nachdem er fleissig Lebensmittelpakete und Geld geschickt hat, den bedürftigen Dichter persönlich kennenlernen. Er sucht ihn auf und ertappt ihn bei einem mehrgängigen Fress- und Saufgelage.
Später, als inzwischen wohlhabender Theaterautor, soll Dürrenmatt einmal seine Bank aufgesucht haben. Am Schalter sagt er: «Dürrenmatt. Ich hätte gerne eine Million!» Das Geld, das er durchaus besitzt, will man ihm nicht am Schalter aushändigen.
Der Filialleiter bittet ihn schliesslich in einen separaten Raum und stellt den Betrag liebevoll in bar auf einem Tisch bereit, worauf Dürrenmatt das Werk bestaunt und sich mit den Worten bedankt, der Filialleiter könne das Geld jetzt wieder wegräumen. Er habe nur einmal eine Million Schweizer Franken vor Augen haben wollen.
Das mag ein Witz der billigen Sorte sein, zeigt aber, wie wichtig dem Maler und Dramatiker das Konkrete, das Versinnbildlichen abstrakter Phänomene war.
9. Die Freude am Hässlichen
Mehrfach lässt Dürrenmatt sich von seinem Lieblingsmaler Willy Guggenheim alias Varlin porträtieren. Der Schriftsteller erinnert sich an eine Porträtsitzung: Der Malprozess habe sich über zwei Tage hingezogen, bei unerträglicher Hitze. Immer wieder muss er das Hemd wechseln. Nicht weil er schwitzt, sondern weil Varlin die Farbe nicht passt. Varlin flucht. Dürrenmatt flucht.
Bald ist der Maler verzweifelt, bald begeistert, aber immer besessen von der Arbeit. Plötzlich soll er schadenfroh gemurmelt haben: «Wie hässlich doch der Mensch ist!»
So sieht Dürrenmatt auf dem Porträt aus: müde, fett, mürrisch, mit ungesundem Teint. Hässlich eben.
Wegen dieser boshaften Schonungslosigkeit liebt Dürrenmatt den Maler Varlin. Nur nichts schönen! Nur keine Perfektion! Das ist Dürrenmatts eigenes Motto, befolgt schon in den 1950er-Jahren, als die ideale Literatur noch klassisch zu sein hat: vollendet schön und rein, frei von politischen Schlacken.
10. Literatur muss leicht sein
Dürrenmatt aber ist schon äusserlich mit Unvollkommenheit geschlagen: Er hat Plattfüsse, atmet oft schwer (wegen Asthma), ist übergewichtig (wegen Diabetes) und braucht wegen seiner ausgeprägten Sehschwäche eine Brille.
Mit möglichst ungesundem Lebenswandel (wenig Bewegung, viel Wein- und Zigarrenkonsum) spottet er über seine Leiden, sieht sie vielmehr als Lebensrettung, «sonst wäre ich schon lange an meiner Gesundheit gestorben».
Genauso spottet er über alles Klassische, das «nur noch auf das Vollkommene aus» ist: Dürrenmatt sucht die Literatur dort, «wo sie niemand vermutet», zum Beispiel im Kriminalroman – und in der Zuspitzung, eben in der Pointe und Anekdote. Die Literatur muss, wie er sagt, «so leicht werden, dass sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig».