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Ehemalige Adoptivkinder, die ihre leiblichen Eltern ausfindig machen wollen, haben es schwer. Auch in der Schweiz. Sie stehen vor juristischen Hürden und haben mit langsamer Bürokratie und kulturellem Widerstand zu kämpfen.
Beena Makhijani freut sich nicht auf Geburtstage. Die jugendlich aussehende 41-Jährige, die in der Nähe von Zürich lebt, hat auch keine Angst davor, alt zu werden.
"Ich fühle mich an meinem Geburtstag seltsam, weil ich an diesem Tag als Baby verschenkt wurde", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.
Ihre indische Mutter gab sie am Tag ihrer Geburt zur Adoption frei. Fünf Monate später wurde sie von der Adoptionsagentur ihren neuen Eltern übergeben - einem Inder und einer Schweizerin, die zu dieser Zeit in Indien lebten. Kurz darauf zog die Familie in die Schweiz.
Makhijani wusste bereits als kleines Mädchen, dass bei ihr etwas anders war.
"Als ich noch sehr klein war, sah ich eine schwangere Frau und bat meine Mutter zu erklären, warum sie so anders aussah. Sie sagte mir, dass die Frau ein Baby im Bauch hatte. Ich fragte sie daraufhin, ob ich auch so sei, und sie meinte nein."
Ihr Vater verbot ihr, weitere Fragen zu ihrer Herkunft zu stellen und seine Verwandten in Indien hielten es für respektlos, das Thema anzusprechen.
Erst als Makhijani ihr erstes Kind bekam, wusste sie, dass sie dereinst ihre leiblichen Eltern suchen würde. "Ich wollte immer ein Kind haben, jemanden, der zu mir gehörte und für den ich sorgen konnte", sagt sie. "Als ich meinen Sohn zur Welt brachte, weigerte ich mich für eine Woche, von ihm getrennt zu werden. Ich bemerkte, dass ich etwas aufarbeiten musste."
Blindflug durch Behördenstellen
Makhijani ging zuerst zur indischen Botschaft in Bern, aber die Mitarbeiter konnten ihr nicht weiterhelfen. Auch bei den Schweizer Behörden und dem internationalen Sozialdienstexterner Link hatte sie keinen Erfolg.
Die grösste Hürde war, dass sie fast keine Informationen über ihre Eltern besass.
"Meinen Adoptiveltern wurde gesagt, dass meine leibliche Mutter 18 Jahre alt war und für eine Inderin einen schönen Teint hatte", berichtet sie. "Das war alles."
Makhijani wurde schnell klar, dass sie Zugang zu ihrer Adoptionsakte brauchte, um ihre leiblichen Eltern finden zu können. Die Adoptionsagentur in Indien war jedoch nicht bereit, die nötigten Informationen zu übermitteln. Das Recht der Adoptierten, die Identität ihrer leiblichen Eltern zu erfahren, bestand damals noch nicht.
2011 beauftragte Makhijani einen Mann in Deutschland namens Arun Dohle, der Adoptierten bei deren Suche hilft. Dohle kennt sich aus, weiss, wie man an Informationen gelangt. Gemeinsam mit seiner Mitstreiterin Anjali Pawar hatte er bereits in 48 Fällen Betroffenen helfen können.
Ihre Dienste sind aber nicht gratis: Adoptierte müssen über einen Zeitraum von sieben Jahren umgerechnet über 20'000 Franken bezahlen (sie können ihre Zahlung nach drei Jahren einstellen, wenn die Suche nicht erfolgreich ist).
"Wir verbringen zwischen 200 und 400 Stunden mit jeder Suche", rechtfertigt Dohle seinen Preis. "Das Zahlungsmodell ist für alle fair gestaltet."
Das Know-how von Dohle basiert auf seiner eigenen Erfahrung als ehemaliges Adoptivkind. Bereits ein Jahrzehnt vor Makhijani hatte er sich auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern gemacht.
"Ich dachte, ich könnte meine Eltern in sechs Wochen finden. Es dauerte zwei Jahre, bis ich die richtigen Leute traf, die mir weiterhelfen konnten", sagt er.
Dohle verklagte das Waisenhaus in Indien, um die Informationen über seine Adoption zu erhalten. Sieben Jahre später, als der Oberste Gerichtshof Indiens zu seinen Gunsten entschied, bekam er schliesslich Zugang zu seinen Adoptionsunterlagen. Dadurch konnte er seine leibliche Mutter finden und treffen.
Informationsbarrieren
"Wir haben viele Gerichtsverhandlungen geführt, da wir das Gesetz anpassen wollten. Nun gilt zumindest das Recht der Adoptierten, die Identität ihrer Eltern zu erfahren. Aber es gibt immer noch Hürden."
Die überarbeiteten Adoptionsregeln legen klar fest, dass die Rechte eines Adoptierten nicht das Recht auf Privatsphäre der leiblichen Eltern verletzen dürfen. Deshalb sind Adoptionsagenturen und Regierungsbehörden äusserst vorsichtig, wenn es darum geht, Informationen freizugeben.
Eine weitere Hürde ist, dass laut Gesetz nicht Dritte die Sucharbeit durchführen dürfen. Daher musste Dohle seine Karriere als Finanzberater in Deutschland aufgeben, um in Indien bei Gerichtsverhandlungen und Treffen mit Beamten und Behörden selbst anwesend zu sein.
Dies kam für Makhijani nicht in Frage, da sie zwei Kinder in der Schweiz hat. Also beschloss sie, Dohle und Pawar eine Vollmacht zu erteilen, um in ihrem Namen auf vertrauliche Dokumente zuzugreifen. Die Regierung versuchte, das zu verbieten, und so kam der Fall vor Gericht. Im vergangenen Oktober entschied das Oberste Gericht von Mumbai zu Gunsten von Makhijani, was einen wichtigen Präzedenzfall darstellt.
"Es ist ein grosser Sieg für alle Adoptierten, die im Ausland leben. Mein Fall wurde dreimal vertagt, und es wäre für mich schwierig gewesen, noch weitere Male nach Indien zu reisen", sagt Makhijani.
Trotz der Niederlage vor Gericht stellen sich die Behörden quer. Laut Dohle hat das vor allem mit der Sorge um die leiblichen Eltern zu tun.
Er könnte die Zurückhaltung der Regierung verstehen, sagt er. "Wenn Sie jemandem, der im Westen sozialisiert wurde, alle Informationen über dessen leibliche Eltern geben, wird sich diese Person auf die Suche nach ihnen machen. Und sie wird irgendwann vor ihrer Türe stehen. Das kann traumatische und schwierige Folgen haben, vor allem für die Mütter."
In einer idealen Welt führe die indische Regierung alle Adoptionsaufzeichnungen und beauftrage Sozialarbeiter damit, den Adoptierten bei der Suche nach ihren Eltern zu helfen, so Dohle. "Ich plädiere aber nicht für den uneingeschränkten Zugang zu Adoptionsakten wie im Westen, da Indien noch nicht bereit dazu ist."
Makhijani kämpft immer noch darum, ihre Adoptionsakte einsehen zu können. Sie befürchtet inzwischen, dass ihre leibliche Mutter schon verstorben ist und diese nie erfahren wird, dass es ihrer Tochter in der Schweiz gut geht. "Letztlich geht es aber darum, Antworten für mich selbst zu finden", sagt sie. "Ich muss nicht unbedingt meine leiblichen Eltern finden, aber ich möchte eine Erklärung. Ich werde keinen Frieden finden, so lange ich nicht weiss, warum ich damals zur Adoption freigegeben wurde."
Immer weniger Adoptionen
Die Zahl der Adoptionen geht in der Schweiz seit 1980 kontinuierlich zurück. In den 1970er- und 1980er-Jahren wurden noch Hunderte von Kindern aus Ländern wie Südkorea, Indien, Sri Lanka, Kolumbien, Rumänien, Russland, der Ukraine und Äthiopien von Menschen mit Wohnsitz in der Schweiz adoptiert. Der Rückgang ist vor allem mit den hohen Kosten, den bekannt gewordenen Fälle von Kinderhandel sowie den neuen Gesetzen und internationalen Vorschriften zu erklären.
Die UN-Kinderrechtskonventionexterner Link , die auch von der Schweiz unterzeichnet wurde, besagt, dass eine Adoption zwischen zwei Ländern nur in Betracht gezogen werden kann, "wenn das Kind nicht in seinem Heimatland in einer Pflege- oder Adoptionsfamilie untergebracht oder wenn es dort nicht in geeigneter Weise betreut werden kann".
Dohle ist gegen internationale Adoptionen und setzt sie mit legalisiertem Kinderhandel gleich. "Die Schweiz schickt auch keine Kinder zur Adoption in ein anderes Land, auch wenn dort der Lebensstandard hoch ist", argumentiert er.
Für Makhijani war es schwierig, als Ausländerin in der Schweiz aufzuwachsen. Aber zum Glück habe sie durch den Vater Zugang zur indischen Kultur gehabt. Schwieriger sei das Gefühl gewesen, nicht zu wissen, "warum ich weggegeben wurde". Sie hofft, bald Antworten zu erhalten.
(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)