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Die Lektion Schulterherein erfand der berühmte Reitmeister François Robichon de la Guerinière. Er suchte nach einer Übung, die dem Pferd zu mehr Schulterfreiheit verhilft, damit es leichter und schöner seitwärts gehen kann. Schulterherein gilt – richtig ausgeführt – als «Allheilmittel» für und gegen fast jedes reiterliche Problem.
Das Pferd ist etwas stärker gebogen als im Schultervor, sodass das innere Hinterbein wie beim Übertreten lassen in die Spur des äusseren Vorderbeins tritt. Das Pferd sollte also auf ungefähr drei Hufspuren gehen. Das innere Hinterbein tritt somit wieder unter den Schwerpunkt. Das innere Vorderbein kreuzt über das äussere Vorderbein.
Die Hilfen sind dieselben wie im Schultervor, mit dem Unterschied, dass die Vorhand etwas weiter nach innen geführt wird. Denke daran, dein Becken gerade zu lassen, so wie auch die Hinterbeine des Pferdes trotz der Biegung im Rumpf geradeaus treten sollen. Niemals solltest du als einleitende Hilfe zum Schulterherein die Hinterhand des Pferdes nach aussen, bzw. zum Beenden der Lektion die Hinterhand nach innen wenden: Der Wert der Lektion besteht gerade darin, dass das Pferd die Hinterbeine stärker belasten muss, um die Schulter ähnlich wie bei einer Hinterhandwendung nach innen bzw. beim Auflösen nach aussen zu bewegen.
Schulterherein lässt sich bei entsprechender Ausbildung in allen drei Gangarten reiten.
Man kann Schulterherein auch auf dem Zirkel und durch die Ecke reiten. Dadurch müssen die Hinterbeine einen weiteren Weg zurücklegen, das Pferd muss hinten aktiver treten und längere Schritte machen. Allerdings stellt dies erhöhte Anforderungen an Reiter und Pferd, wenn die Lektion wirklich Schulterherein und nicht Übertreten lassen sein soll. Wenn du in der Wendung die Vorhand zurückhältst und die Hinterhand in einem weiteren Bogen um sie herumtreibst, reitest du eine Wendung auf der Vorhand. Die Abstellung des Pferdes wird zu stark, du verlierst die Versammlung, die du dir im Schulterherein erritten hast.
Soll die Versammlung beim Durchreiten der Ecke nicht aufgegeben werden, muss die Wendung als oder ähnlich einer Kurzkehrtwendung geritten werden: Du bremst also die Vorhand nicht, sondern wendest in der Bewegung (die Hinterbeine des Pferdes dürfen nicht stehenbleiben) die Schultern des Pferdes leicht entgegen der Bewegungsrichtung um die Hinterhand. Dennoch muss die Vorhand der Hinterhand immer einen Schritt voraus sein – das Pferd muss gebogen bleiben und soll vorwärts-seitwärts gehen. Reines Seitwärtsgehen ist in der Dressur nicht erwünscht.

Merke

In allen Seitengängen muss die Vorhand der Hinterhand stets etwas voraus sein. Andernfalls kommt das Pferd aus dem Takt und verliert den Schwung.
Je nach Können von Pferd und Reiter rundet man die Ecke etwas weiter ab und führt die Vorhand in mehrere kleinere Wendungen um die Hinterhand, bis man die Schulterhereinstellung für die nächste Wand erreicht hat, oder man reitet tiefer in die Ecke und wendet schärfer ab, bis zu einer richtigen Kurzkehrtwendung.
Du siehst, dass bereits das Durchreiten der Ecke im Schulterherein nicht ganz einfach ist. Auf dem Zirkel geritten muss das Pferd fortwährend leicht um die Hinterhand gewendet werden. Was viele Reiter auf dem Zirkel tun, wenn sie meinen Schulterherein zu reiten, ist hingegen Übertretenlassen – eine lösende Übung, aber der Versammlung des Pferdes nicht förderlich.
Für weniger geübte Reiter und Pferde ist es daher empfehlenswert, Schulterherein nur auf geraden Linien und die Ecke als Teil einer Volte auf einem Hufschlag zu reiten, bis man an der anderen Wand wieder die Schulterhereinstellung erreicht. Du gibst so zwar die Lektion für kurze Zeit auf, bringst das Pferd aber weder auf die Vorhand noch seine Hinterhand zum Schleudern und kannst während der Wendung die Hinterbeine gut vortreiben sowie die Längsbiegung verbessern, ehe du erneut zum Seitengang ansetzt.
Reitet man Schulterherein mit Biegung nach «aussen», spricht man von «Konterschulterherein». Reitet man dabei entlang des Hufschlags wird das Pferd nach vorne hin durch die Wand begrenzt, wodurch man sich stärker auf die vorwärts-seitwärts-treibenden Hilfen konzentrieren kann und zu Beginn weniger Zügeleinwirkung braucht. Das Konterschulterherein an der Wand kann für den Reiter zum Erlernen der Hilfengebung hilfreich sein, ist ansonsten aber nur zu Korrekturzwecken sinnvoll, weil der Vortritt des Pferdes durch die Wand beschränkt wird, an die es sich gerne anlehnt.
Gymnastisch spannend ist Konterschulterherein dafür auf gebogenen Linien im Inneren der Bahn, also wenn du z.B. auf einem Zirkel das Pferd nach aussen biegst. Das Pferd muss dann mit der Vorhand weiter seitwärts treten, während die Hinterbeine stärker belastet werden. Hilfreich ist diese Übung besonders bei Pferden, die zu viel schieben und zu eilig sind.
Alle Seitengänge sollten auch auf freien Linien in der Bahnmitte oder einige Meter von der Wand weg auf einem inneren Hufschlag geritten werden können. Hier zeigt sich dann, ob das Pferd die Reiterhilfen wirklich annimmt, oder ob die Übungen bisher nur dank der Führung der Wand gelungen sind.
Auf das Schulterherein folgt die Lektion Travers, auch Kruppeherein genannt. Das Pferd geht wiederum auf etwa drei Hufspuren, diesmal ist es aber in die Bewegungsrichtung gebogen. Travers und Schulterherein sind untrennbar miteinander verbunden, denn das Schulterherein verhilft dem Pferd zu mehr Schulterfreiheit, welche es im Travers benötigt um das äussere Vorderbein seitwärts vor das innere zu setzen. Der Weg ist nun also weiter als im Schulterherein und erfordert daher mehr Beweglichkeit. Hat ein Pferd Mühe, nach links zu traversieren, hilft Schulterherein auf der rechten Hand, um dem rechten Vorderbein die notwendige Beweglichkeit zu verschaffen, über das linke Bein nach links zu treten. Umgekehrt hilft Schulterherein links dem Pferd im Travers nach rechts.
Im Travers schwingt das äussere Hinterbein auf das innere Vorderbein zu. Bekanntlich ist das innere Hinterbein jeweils das tragende Bein. Dieses tritt im Travers weniger unter den Körper des Pferdes. Dem Pferd fällt es daher leichter mit dem äusseren Hinterbein zu schieben als mit dem inneren zu tragen. Um diese Tendenz nicht noch zu verstärken, sollte man das Pferd vor allem auf seiner hohlen Seite nicht zu stark abstellen. Trotzdem kräftigt Travers das innere Hinterbein, weil in der Seitwärtsbewegung die gesamte Masse des Pferdes über das innere Hinterbein hinweggeschoben wird. Das innere Hinterbein muss also verstärkt tragen, obwohl dem Pferd genau das im Travers schwer fällt. Dieser Seitengang darf deshalb nicht zu intensiv geübt werden.
Die Vorhand geht im Travers parallel zur Wand geradeaus, die Kruppe ist ins Bahninnnere verschoben; daher der Name Kruppeherein. Mit dem äusseren, vorwärts-seitwärts-treibenden, Schenkel treibst du die Hinterhand ins Bahninnere. Der innere Schenkel, der leicht am Gurt anliegt, und der innere Zügel erhalten die Biegung, der äussere Zügel kontrolliert sie. Damit die Biegung konstant bleibt, sollte die innere Hand ruhig stehen bleiben. Den inneren Schenkel darfst du nicht zu stark anlegen, sonst hebst du damit die Wirkung des äusseren Schenkels auf. Auch er sollte möglichst konstant sein, wenn die Biegung gleich bleiben soll. Nur wenn du das Pferd etwas vortreiben musst, wenn es die Biegung verliert oder zu schnell seitwärts weicht, setzt du ihn kurzfristig stärker ein als den äusseren Schenkel. Die äussere Hand wird ein wenig höher getragen, damit das Gewicht nach innen fällt, und wirkt leicht federnd nach oben. Bisher hast du gelernt, dass deine Schultern immer parallel zu denen des Pferdes sein müssen. Im Travers ändert das nun! Deine Schultern bleiben gerade über deinen Sitzknochen, sonst verliert das Pferd die Biegung und geht vorwärts statt seitwärts. Dein Blick ist in die Bewegungsrichtung gerichtet.
Auf gebogenen Linien geritten (Biegung nach aussen) fördert der Travers – wie Konterschulterherein – vermehrt die Lastaufnahme der Hinterbeine und die Beweglichkeit der Vorhand, die den weiteren Weg zurücklegen muss.
Die Konterlektion zum Travers heisst Renvers, auch Kruppeheraus oder Kruppe-zur-Wand genannt. Der Unterschied besteht darin, dass das Pferd nicht den Kopf sondern die Kruppe an der Bande hat. Das Pferd hat dadurch weniger Führung, was Renvers nochmals anspruchsvoller als Travers macht.
Renvers auf gebogenen Linien (der Pferdekopf zeigt zur Mitte der Wendung, die Hinterbeine haben den weiteren Weg) veranlasst das Pferd – wie Schulterherein in Wendungen– zu längeren und aktiveren Tritten mit den Hinterbeinen.
Aus dem Travers auf dem Zirkel lässt sich die Schrittpiroutte bzw. Hinterhandwendung entwickeln. Reite in Traverstellung ein Zirkel-Verkleinern, bis das Pferd sich mit der Hinterhand nahe der Zirkelmitte befindet. Hier wird nun die innere Hand höher getragen als die äussere, denn sonst fällt das Pferd in dieser engen Wendung auf die innere Schulter und kann nicht mehr mit Leichtigkeit wenden. Mit dem inneren Schenkel erhältst du weiterhin die Biegung, er muss aber auch vorwärts treiben, damit das Pferd nicht auf dem inneren Hinterbein stehenbleibt, sondern mit den Hinterbeinen einen kleinen Kreis beschreibt. Die Pirouette kann später auch aus dem versammelten Trab (Piaffe-Pirouette) und dem versammelten Galopp geritten werden.
Wenn das Pferd Travers und Renvers beherrscht, kann man mit der Traversale beginnen. Hierbei ist das Pferd in Bewegungsrichtung gebogen und geht auf einer Diagonalen vorwärts-seitwärts.
Eingeleitet wird eine Traversale aus der Schulterhereinstellung nach dem Durchreiten der Ecke. Du reitest also erst noch ein Stückchen in die Bahn als wolltest du zu einer Volte ansetzen, bis die Vorhand seitlich versetzt vor der Hinterhand steht. Danach sind die Hilfen dieselben wir für Travers und Renvers. Deine Schultern sind geradeaus gerichtet, du siehst jedoch aus den Augenwinkeln den Punkt an, wo du ankommen willst. Tipp: Wenn du das erste Drittel der Traversale etwas steiler und mit mehr Biegung reitest, geht das Pferd auf den letzten zwei Dritteln der Traversale schwungvoll und freudig vorwärts – du verlangst ja nun weniger Biegung – und ihr erreicht sicher den erwünschten Punkt am Ende der Diagonalen.
Man unterscheidet ganze, halbe, doppelte ganze, doppelte halbe und Zickzack-Traversalen. Zu früheren Zeiten gab es auch noch die «Volltraversale», bei der das Pferd fast gerade seitwärts und kaum vorwärts ging.
Die halbe Traversale führt das Pferd von der langen Seite zur Mittellinie oder umgekehrt. Die doppelte halbe Traversale führt nach der ersten Ecke der langen Seite zu X und wieder zurück bis vor die zweite Ecke oder von der Mittellinie zur Mitte der langen Seite und wieder auf die Mittellinie.
Bei der Zickzacktraversale reitest du jeweils in einem bestimmten Abstand beiderseits der Mittellinie. In den doppelten und Zickzack-Traversalen musst du das Pferd vor dem Umstellen jeweils geraderichten. Das darf nicht ruckartig geschehen und die Vorhand muss der Hinterhand wieder voraus sein bevor du zum erneuten Seitwärtsgehen ansetzt.
In einer ganzen Traversale reitest du das Pferd von einer langen Seite zur gegenüberliegenden wie bei einem diagonalen Wechsel durch die ganze Bahn. In einer doppelten ganzen Traversale führst du das Pferd nach der ersten Ecke der langen Seite in die Mitte der gegenüberliegenden Seite und von dort wieder zurück bis vor die zweite Ecke der ersten langen Seite. Dies ist für das Pferd sehr schwer, weil die Traversale sehr steil wird. Es muss sich also mehr seitwärts bewegen und entsprechend auch stärker gebogen sein.
Eine noch steilere Traversale bei gleichbleibender Längsbiegung macht vom gymnastischen Gesichtspunkt her keinen Sinn. Dadurch wird die Abstellung übertrieben, das Pferd tritt zwar seitlich spektakulär über, was jedoch zu Lasten des Untertretens geht. Von vorne betrachtet sollte das Pferd immer noch auf ungefähr drei Hufspuren gehen.