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«Wo sind wir?», fragt mein Sohn. Ich: «Im Parkhaus.» Er: «In welchem Land?» Ich, leicht irritiert: «In der Schweiz.» Er: «Neeeeeein! Migros oder Coop?»
Gut, in unserem Land ist die Frage danach, bei welchem Grossverteiler man einkauft, tatsächlich so was wie eine Identitätsfrage. (Hab ich mir sagen lassen. Ich bin da recht praktisch veranlagt: Die kleinen Reiswaffeln, die meine Kids für die Znüni-Pause mögen, gibts nur im Coop. Wenn ich von denen keine brauche, gehe ich in die Migros, weil das Parkhaus gratis ist.) Aber davon, was ein Land - oder sein Heimatland - ist, hat mein Jüngster offenbar keinen Plan. Das zeigt sich sogar grammatikalisch: Für ihn gehen wir «auf Türkei», «in Tessin» oder einfach «Italien». Kontinente, Länder, Kantone, Städte - für einen knapp Siebenjährigen ist das nicht so leicht zu verstehen. Dass jemand, der eine andere Sprache als er spricht von weiter her kommen muss, ist für ihn nicht selbstverständlich. Zumal die Hälfte der Kinder seiner Klasse irgendeine Fremdsprache sprechen. A propos Fremdsprache: Als er mir letzthin auf eine Frage in breitestem Bündner Dialekt antwortete (was er sonst nie tut!), meinte ich erstaunt und hoch erfreut: «Du sprichst ja doch Bündnerdeutsch!» Darauf er: «Ja klar, und ich kann auch noch andere Fremdsprachen!» Super! Aber ich verzichtete darauf, ihm zu erklären, dass das eigentlich seine Muttersprache wäre, und meine Familie jedes Mal, wenn sie ihn reden hört, entsetzt ist über seine Zürischnure.
Ich bin in den Bergen aufgewachsen. Meine Kinder tun das nicht (obwohl sie mittlerweile fast besser Ski fahren als ich). Dass sie aber ähnlich gross werden wie ich, ist für mich seltsamerweise irgendwie rührend. Rivella, Cervelat, Grümpelturniere, Samichlaus - das ist für mich Heimat. Und für sie wird es das irgendwann auch sein. Sie lieben Aromat und Mani Matter - genau wie ich. Der Begriff «Nationalfeiertag» sagt ihnen hingegen nicht wirklich etwas. Er bedeutet für sie vor allem eines: Feuerwerk. (In dem Alter werden sie langsam zu kleinen Pyromanen. Letztes Jahr haben sies fast geschafft, ein Strassenschild abzufackeln…) Ich glaube, Heimat bedeutet für sie vor allem Alltag. Da gehört die Schulreise mit Cervelat-Brötle genau so dazu wie Halloween mit unseren kanadischen Nachbarn. Für Kinder spielt es keine Rolle, woher jemand oder etwas kommt. Oder ob ihre Eltern das schon als Kinder gemacht haben oder nicht. Sie haben Cervelats gern und Marshmallows auch. Sie mögen Fasnacht und Halloween - und finden es dabei völlig in Ordnung, auch an Halloween als Prinzessin verkleidet durch die Nachbarschaft zu ziehen.
Dabei schaffen es Kinder, Heimatverbundenheit und Weltoffenheit miteinander zu verbinden. Weil es in ihren Köpfen keine Grenzen gibt. Keine Kontinente, keine Länder, keine Kantone. Nur Migros oder Coop.