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Der Ausdruck «Restposten» wird in meiner Familie verwendet und ist liebevoll gemeint. Meine Mutter war die Jüngste von sieben Geschwistern. Als sie einmal im höheren Alter mit ihrer Freundin darüber sprach, dass alle ihre Brüder und Schwestern gestorben seien, meinte diese: «Du bist jetzt eben der Restposten Deiner Familie.» Die Freundin war im Ursprungsdorf wohnen geblieben und hatte die Lebenswege der Familie meiner Mutter durch die Jahre hindurch miterlebt.
Unter Cousinen haben wir einmal unsere Stellungen als «Restposten» analysiert. Eine war die jüngste von sieben Kindern, alle Geschwister waren verstorben. Sie trug den Titel zu Recht. Die andere war die jüngste von fünf Töchtern, auch allein übriggeblieben. Die Bezeichnung passte.
Was aber war mit mir? Ich war die mittlere von drei Kindern. Die beiden Brüder, ein älterer und ein jüngerer, waren im Kindesalter verstorben. In meiner Jugendzeit war die Frage nach Geschwistern allgemein üblich. Damals hatte ich mir angewöhnt, zu antworten, ich hätte keine Geschwister. Ich wollte nicht jedes Mal die Geschichte meiner verstorbenen Brüder erzählen. Das erweckte bei meiner Mutter kein Wohlgefallen. «Wenn Du nicht sagst, dass Du noch Brüder hattest, meinen die Leute, wir seien so eine moderne Familie, die nur ein einziges Kind gewollt habe», tadelte sie mich. Diese Begründung überstieg zwar mein Verständnis, aber ich hielt mich an die Anweisung. Heute sind mir die Zusammenhänge klar. Und ja, auch ich bin ein Restposten.
Jetzt muss ich auf ein anderes Feld, das der Mode, wechseln. Denn der Ausdruck «Restposten» hat meine Jugendzeit noch in ganz anderer Weise geprägt. Meine Mutter hatte in der Frauenfachschule der Stadt Zürich nähen und schneidern gelernt. Auf dem Esstisch im Wohnzimmer entstanden die schönsten Kreationen. Lange verstand ich nicht, warum sich meine Mutter immer darüber beklagte, dass sie am Abend wieder alles zusammen räumen musste. Natürlich, der Esstisch diente wieder anderen Zwecken. Heute verstehe ich auch das sehr gut.
Auf der Tischplatte, auf der mein PC steht, steht und liegt noch viel Bürokram herum. Manchmal mehr, manchmal weniger aufgeräumt. Am Abend kann ich alles liegen lassen! Soviel Platz stand damals, in der Wohnung der Kinder- und Jugendzeit, nicht zur Verfügung.
Mein Privileg war es, am schulfreien Mittwochnachmittag mit meiner Mutter in der Stadt Zürich auf Stoffeinkauf zu gehen. Wir besuchten Spezialgeschäfte und wir besuchten die Stoffabteilungen der grossen Warenhäuser. Meine Mutter äusserte ihre Wünsche über Art des Stoffes und Grösse des gewünschten Abschnittes. Und dann frage sie jeweils: «Haben Sie etwa noch einen Restposten»?» Das war wie ein Zauberwort und ich verfolgte interessiert die Diskussionen, die sich daraus entspannten. Manchmal gab es vom gewünschten Stoff das Ende eines Ballens, das in den Massen ungefähr passte. Das war der Glücksfall.
Es konnte aber auch sein, dass das Stück Stoff, das noch zur Verfügung stand, um einiges das gewünschte Mass überstieg. Dann begann das feilschende Gespräch zwischen Kundin und Verkäuferin. Meine Mutter versuchte die Verkäuferin zu überzeugen, dass sie wirklich nur das angegebene Mass des Stoffes benötige. Die Verkäuferin ihrerseits führte uns wortreich vor Augen, dass sie den Rest, der noch übrigbleiben würde, ja niemandem mehr verkaufen könne. Wenn der Meterpreis lockte, am Ende des Ballens, war er meist reduziert, griff meine Mutter manchmal zu und kaufte den ganzen «Restposten». Auch bei mir hallte dann noch auf dem ganzen Heimweg und darüber hinaus die Genugtuung über die Geschicklichkeit meiner Mutter und den guten Kauf nach!
Falls ein Kleid für mich entstehen sollte, kamen dann die üblichen Prozeduren: Erstellen eines Schnittmusters, den Stoff entsprechend zuschneiden, die Teile zusammenheften und eine erste Anprobe! Ich will nicht behaupten, dass die Phase des Entstehens eines Kleides für mich eitel Wohlgefallen bedeutet hätte. Weder meine Mutter noch ich waren übermässig mit Geduld gesegnet. Aber das Werk gelang immer, ich erinnere mich an keinen einzigen Flop. Beim ersten Vorführen eines neuen Kleides konnte mein Vater die Schneiderinnenkünste meiner Mutter überzeugend loben und mich mit dem neuen Outfit in ein besonderes Licht stellen. Auf unschlagbare Weise wurde das immer zu einem besonderen Moment des Familienglückes!
Und jetzt wechsle ich wieder das Feld. Aber es geht immer noch um Mode. Um Herrenmode. Schon lange geht mir ein Zitat im Kopf herum, welches ich einfach einmal platzieren will! Heute passt es. Wir haben in Luzern ein Herrenmodegeschäft, dessen Schaufenster immer wieder die reinste Augenweide sind. Einmal waren alle ausgestellten Objekte, Kleidungen, Hemden, Krawatten mit Zitaten versehen. Von diesen hat sich mir eines unauslöschlich eingeprägt. Es ist zeitlos und gut formuliert.
Das Publikum in unserer Stadt ist ja wieder mit Touristen durchsetzt. So habe ich, im Café sitzend, jede Auswahl an vorbei spazierenden Sommergästen. Auf welchen passt mein kostbares Zitat am besten? Der Wortlaut: «Being a true gentleman never goes out of fashion!”