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Lange zählte die Schweiz zu den Ländern mit der höchsten Suizidrate. In den letzten 20 Jahren ist diese auf das Niveau anderer europäischer Länder gesunken. Verzweifelte Menschen suchen heute eher Hilfe, und es werden mehr Psychopharmaka verschrieben.
Zwischen 1991 und 2011 fiel die Suizidrate von 20,7 auf 11,2 pro 100'000 Einwohner. In dieser Zeit nahm die Verschreibung von Antidepressiva drastisch zu, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa.
Gemäss einer Studie der London School of Economics, die im Online-Magazin PLOS ONE veröffentlicht worden war, griffen in den 29 untersuchten Ländern zwischen 1995 und 2009 jedes Jahr 20% mehr Menschen zu Antidepressiva.
Laut dem Soziologen Vladeta Ajdacic-Gross von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich gibt es Gründe für die vermehrte Verschreibung von Psychopharmaka.
"Damit Ärzte Medikamente verschreiben können, muss der Patient zuerst zu ihnen kommen. Aber nicht nur das Verhalten der Ärzte hat sich geändert, sondern auch das Verhalten der Patienten generell", sagte Ajdacic-Gross gegenüber swissinfo.ch.
Menschen hätten gelernt, in psychologischen Begriffen zu denken und zu verstehen, dass es für ihre Probleme tieferliegende Gründe gebe. "Wir haben Argumente, unsere psychologischen Probleme zu erklären und wir sind auch eher bereit, über diese zu sprechen. Wir finden es akzeptabel, für Depressionen Metaphern wie Burnout zu verwenden." Für Ajdacic-Gross steht fest, dass dies der wichtigste Faktor zur Beeinflussung der Suizidrate ist.
Menschen mit psychischen Störungen suchten heute eher Hilfe als früher, bestätigt Anita Riecher-Rössler, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel. Sie ist dennoch der Meinung, dass zu wenig gezielte Präventionsarbeit betrieben werde. Mit 15'000 bis 25'000 Menschen, die sich in der Schweiz jedes Jahr umbringen wollten, stelle Suizid, verbunden mit emotionalen Leiden, immer noch eines der Hautprobleme der öffentlichen Gesundheit dar.
Riecher-Rössler ist Leiterin ("Senior editor") einer kürzlich publizierten Studie über Suizidversuche in Basel-Stadt, die jüngst im Fachmagazin Swiss Medical Weekly publiziert wurde. Die repräsentativen Zahlen geben Aufschluss darüber, welche Menschen am ehesten suizidgefährdet sind.
Risikopersonen könnten als jünger, aus dem Ausland stammend, alleine lebend und arbeitslos charakterisiert werden, lautete ein Fazit der Studie. Spezifische Prävention sollte deshalb auf Angehörige dieser Gruppen fokussieren, empfehlen die Autoren.
Sie identifizierten zwei Altersgruppen, die besonders gefährdet sind: bei den Männern die 30- bis 34-Jährigen, gefolgt von den 20- bis 24-Jährigen; bei den Frauen die 20- bis 24-Jährigen, gefolgt von den 25- bis 29-Jährigen bei. Die grössten Risiken machten die Autoren bei jenen aus, die schon einen Versuch unternommen haben: Über die Hälfte versuche es erneut, sagt Anita Riecher-Rössler zu swissinfo.ch.
"Wie wir zeigen konnten, hatten 98% der Patienten eine psychiatrische Diagnose. Sie alle benötigen eine sehr intensive Nachbetreuung, nicht nur, um einen erneuten Suizidversuch zu verhindern, sondern auch, um eine psychische Störung zu behandeln."
Suizide in der Schweiz
Jede 10. Person hat einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. 50% geben an, einmal daran gedacht zu haben.
Die Suizidrate ist unter Männern höher als bei Frauen, sie ist auch höher bei Älteren als bei Jüngeren. Junge Menschen dagegen unternehmen mehr Suizidversuche und denken mehr an Freitod.
60% bis 90% der suizidalen Personen erfüllen die diagnostischen Kriterien einer psychischen Störung, zumeist einer Depression; bei jugendlichen Patienten stehen jedoch sehr oft vorübergehende Krisen als Auslöser von Suizidhandlungen im Vordergrund.
(Quelle: FSSZ http://fssz.ch/zahlen-fakten/)Infobox Ende
Primat freier Wille
Im beispielhaften Schweizer Gesundheitsweisen, das einen der höchsten Standards weltweit aufweist, gibt es diese Betreuung. Zumindest theoretisch, wie Riecher-Rössler sagt. Denn trotz der Angebote würden viele Patienten durch die Netze fallen. Weil in der Schweiz grosses Gewicht auf die Autonomie der Patienten gelegt wird, "hört die Nachbehandlung auf, wenn diese nicht mehr zu den vereinbarten Terminen erscheinen", so Anita Riecher-Rössler.
Barbara Weil von Ipsilon, einer Dachorganisation im Bereich Suizidprävention, erachtet die starke Autonomie, welche Patienten in der Schweiz geniessen, als problematisch, wenn es um mentale Krankheiten geht.
"In der Schweizer Mentalität herrscht die Auffassung, dass ich mit meinem Leben und meinem Körper anstellen kann, was ich will. Dies wirkt sich auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Probleme rund um das Thema Suizid aus. Die Leute denken, dass der Akt wohlüberlegt und Ausdruck des freien Willens war, gegen den man nichts unternehmen könne", sagt Barbara Weil von Ipsilon. Dies stimme so aber nicht.
Schlüsselfaktoren in der Suizidprävention sind laut Weil die Einschränkung der Mittel, mit denen Suizid begangen werden können und die Durchbrechung des Tabus psychischer Krankheiten, so Weil.
"Es ist auch wichtig, die Sensibilisierung innerhalb von Berufsgruppen wie Ärzten und Lehrerinnen, die beruflich mit depressiven oder suizidgefährdeten Menschen in Kontakt kommen können, zu stärken."
Waffen und Suizid
Eine Einschränkung des Zugangs zu Armeewaffen 2003 hat zu einer "dauerhaften Abnahme" der generellen Suizidrate in der Schweiz geführt, wie Berner Forscher in einer im Juli 2013 publizierten Studie feststellten.
In der im The American Journal of Psychiatry erschienenen Untersuchung, betrachtete das Team die Suizidrate von 18- bis 43-jährigen Männern vor und nach der so genannten Armeereform XXI. Mit dieser wurde die Zahl der Wehrmänner der Schweizer Armee von 400'000 auf 200'000 reduziert. Auch wurde das Ende der Dienstpflicht auf 33 statt wie vorher mit 43 Jahren gesenkt.
"Wir wissen, dass die Verfügbarkeit der Methoden bei Suiziden eine Hauptrolle spielt, insbesondere bei Methoden, die im Affekt angewandt werden", sagte Studienleiter Thomas Reisch zu swissinfo.ch.
Dies gelte speziell für Feuerwaffen. "Man kann erwarten, dass die Zahl der Suizide zurückgehen wird, wenn die Waffe nicht mehr verfügbar ist", so Reisch.
Weil Schweizer Wehrmänner ihre Waffen zuhause aufbewahren, führte die Armeereform dazu, dass weniger Männer Zugang zu Armeewaffen hatten. Auch hatten sie weniger Gelegenheit, damit Schiessübungen abzuhalten.
Laut den Autoren sank nach 2003 die generelle Suizidrate sowie jene der Männer zwischen 18 und 43, die sich mit Schusswaffen umbrachten. Demgegenüber gab es in der selben Zeit bei der Vergleichsgruppe der Frauen zwischen 18 und 43 und jener der 44- bis 53-jährigen Männer keine signifikanten Änderungen.
Den Anteil jener, die nach einer Beschränkung des Zugangs zu Schusswaffen möglicherweise zu einer anderen Methode greifen, um Suizid zu begehen, beträgt laut Thomas Reisch gut einen Fünftel (22%).Infobox Ende
Risikogruppe Senioren
Viele Menschen in der Schweiz seien immer noch am Lernen, was die Suche nach Hilfe angehe, sagt der Soziologe Vladeta Ajdacic-Gross. "Es gab grosse Fortschritte bei der Ent-Stigmatisierung, aber es gibt noch viel Raum für Verbesserungen. Der Anteil jener, die bei Depressionen keine Hilfe suchen, ist mit 50% hoch."
Suizid könnte auch ein Generationen-Problem sein. Als zweite Risikogruppe haben die Basler Forscher um Anita Riecher-Rössler ältere Menschen ausgemacht. Bei den Männern ist es die Gruppe der 85- bis 89-Jährigen, bei den Frauen jene der 60- bis 64-Jährigen.
"Wir sind in der Suizidprävention dermassen auf junge Menschen fokussiert, dass wir vergessen, dass die Rate bei den älteren Menschen förmlich explodiert. Dies ist ein grosses Problem. Weil es sich um ältere Menschen handelt, sind die Leute eher der Meinung, dass diese ihr Leben gelebt hätten und der Freitod in Ordnung sei. Aber das ist es nicht. " Für Barbara Weil ist deshalb die Früherkennung von Depressionen und Suizidalität bei älteren Menschen genauso notwendig wie bei Jüngeren.
Ajdacic-Gross glaubt, dass ein nationales, landesweites Präventions-Programm die Suizidrate wirksam beeinflussen könnte. Gemäss dem föderalistischen Subsidiaritätsprinzip ist die Suizidprävention in der Schweiz aber Sache der 26 Kantone und von privaten Organisationen wie Ipsilon.
"Es macht keinen Sinn, nationale Programme zur Unfallverhütung im Strassenverkehr zu betreiben, aber keine solchen im Bereich Suizid", so der Zürcher Soziologe. Zur Illustration: 2009 ist die Zahl der Verkehrstoten gegenüber 1970 auf einen Fünftel gesunken, und dies trotz stetem Bevölkerungswachstum.
"Was wir bei den Opfern auf der Strasse erreicht haben, können wir auch bei Suiziden erreichen", ist Ajdacic-Gross überzeugt.
Begleiteter Suizid
In der Schweiz ist einer von fünf Freitoden von einer Fachperson assistiert. Diese stammt von den beiden Fachorganisationen Dignitas oder Exit.
Das Schweizer Gesetz toleriert den begleiteten Suizid dann, wenn der Akt durch den Patienten begangen wird und die Begleitperson keine direkten Interessen hat.
1999 (63 Fälle) bis 2008 (297 Fälle) berücksichtigte das Bundesamt für Statistik begleitete Freitode in der Suizidstatistik.
Beihilfe zum Suizid sollte laut Barbara Weil von Ipsilon nur dann möglich sein, wenn wir der sterbewilligen Person die grösstmögliche Betreuung zukommen liessen, wie dies bei Menschen nach einem versuchten Suizid der Fall sei.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch