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Philosoph von Bümpliz
Zum zweiten Band von Erwin Martis Biographie des Publizisten C. A. Loosli
1997 legte Erwin Marti den ersten Band seiner gross angelegten Lebensbeschreibung des Schweizer Publizisten C. A. Loosli (1877-1959) vor; er schilderte darin die schwierige Jugend des umtriebigen Querkopfs und seinen Weg zum Schriftsteller. Im nun erschienenen zweiten Band treibt der Autor sein Unterfangen um zehn Jahre voran; die Darstellung schliesst am 1. Juli 1914 mit einem fulminanten Rundschreiben Looslis, das, typisch genug, seinen (nie erschienenen) Gedichtband «Zum Trutz» ankündigt. Die Darstellung hat an Struktur gewonnen; das entlegene, grossenteils unbekannte Quellenmaterial ist in sieben Hauptstränge gegliedert. Wird zunächst das freiberufliche Leben des «Philosophen von Bümpliz» geschildert, der sich, seine Frau und vier Kinder als Redaktor, Sekretär, Journalist und Schriftsteller mehr schlecht als recht über Wasser hielt, würdigen weitere Kapitel den von Spitteler und Hesse hochgeschätzten Heimatdichter und Satiriker, der auch der Mundartliteratur wichtige Impulse verlieh, sowie den Fürsprecher der modernen bildenden Kunst, der sich unermüdlich für Hodler einsetzte. Sie schildern aber auch den Vorkämpfer der Heimatschutzbewegung, die einen umfassenden Wertmassstab für Kunst und Alltag, Technik und Natur suchte, den Verbandsmenschen (Loosli gründete unter anderem den Schweizerischen Schriftstellerverein) und schliesslich den Verfechter eines zeitgemässen Rechts - namentlich eines verständnisvolleren Jugendstrafrechts. Erwin Marti zeichnet das Bild eines Mannes, der sich als glühender Autodidakt auf allen intellektuellen Schlachtfeldern tummelte und zu allem eine entschiedene Meinung vertrat, sich als «Stürmigrind» aber auch oft zu seinem Schaden mit jedermann anlegte und sich bald im Gewand des Narren wiederfand, der nur in seiner Rolle seine Wahrheit sagen durfte und dem man sogar das - die berühmte Gotthelf-Affäre zeigte es - noch übel nahm. Als Pars pro Toto für die vielen heftigen und oft kuriosen Konflikte mag Looslis Zerwürfnis mit dem damaligen NZZ-Feuilletonchef Hans Trog gelten, einem gegenüber der modernen Kunst und über Jahre auch den Texten des Bümplizers äusserst aufgeschlossenen Mann. Looslis Wirken bildet einen Brennpunkt der Schweizer Literatur- und Kunstwissenschaft, der Presse- und Sozialgeschichte, auch des Parteienhaders und der Cliquenwirtschaft seiner Zeit. Martis Darstellung arbeitet dieses Umfeld akribisch auf. Ihr Vorzug ist freilich auch ihr Problem. Nach zwei umfangreichen Bänden ist die Biographie noch nicht in der Lebensmitte ihres Helden angelangt; wird der Stoff weiterhin in dieser Breite behandelt, ist noch mit mindestens drei weiteren Bänden zu rechnen. Nun ist es durchaus sinnvoll, dass dieses Material einmal gesammelt und geordnet wird - auch wenn man sich bisweilen eine umsichtigere und weniger parteiliche Deutung wünschen würde. Es ist jedoch zu hoffen, dass der Autor sein Opus magnum später einmal in gestraffter Form vorlegt, wie das im angelsächsischen Sprachraum üblich ist: «The Shorter Loosli» oder «The Portable Loosli» fände gewiss eine breitere Leserschaft.
Manfred Papst
Erwin Marti: Carl Albert Loosli, 1877-1959. Band 2: Eulenspiegel in helvetischen Landen, 1904-1914. Chronos-Verlag, Zürich 1999. 541 S., Fr. 68.-.
Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON 20.07.2000 Nr. 167 56