Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03661.jsonl.gz/1406

Die autobiographische Skizze, die Joseph Smith, "Seher, Prophet und Offenbarer" der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (LDS) und "König, Priester und Herrscher über Israel auf Erden", in der "Köstlichen Perle" 1838 publizieren liess und seither das "Joseph-Bild" der Mormonen wesentlich prägte, ist durch neuere Forschungen, nicht zuletzt seitens von Angehörigen der LDS, massiv erschüttert worden (s. Literatur). Folgende Punkte der legendären Vita stehen dabei im Vordergrund.
Als Joseph Smith 1830 mit seinem Buch Mormon an die Oeffentlichkeit trat, mochten seinem Bekanntenkreis manche Motive von dessen Entstehungsgeschichte vertraut vorgekommen sein. Die wie ein Schatz im Berg verborgenen goldenen Platten (die ja auch materialiter wertvoll waren) und die Kristalle ("Urim und Thummim"), deren sich Joseph Smith bediente, um den in "Reformed Egyptian" gehaltenen Text ins King-James-Englische zu übertragen, haben ihre Parallele in Josephs vorangegangener Schatzsucher-Tätigkeit. Joseph machte sich anheischig, mittels Blick in einen Kristall die Lage von im Boden verborgenen Schätzen indianischer Herkunft eruieren zu können, eine Betätigung, die ihm den Spitznamen "Peepstone Joe" eintrug. Nach Aussage von Zeugen handelte es sich dabei um denselben "Peepstone", der nachmals unter hebräischem Namen bei der Buch-Mormon-Uebersetzung zum Einsatz kam.
In der 1838er Vita meint Joseph Smith, während einer Erweckung 1820 von Gott und Jesus in persona besucht worden zu sein, welche ihm eines Anschlusses an eine bestehende Konfession entraten hätten. Seine diesbezügliche Enthaltung hätten, zusammen mit seinen öffentlichen Auslassungen über die Vision, zu einer Verfolgung seiner Person durch die Konfessionen geführt. Die historischen Fakten widersprechen dieser Darstellung:
- Im Jahre 1820 zeigte sich in der Wohngegend Josephs keinerlei Erweckung. Die niedergelassenen Konfessionen erfuhren, gemäss ihren Dokumenten, in der fraglichen Zeit kein Wachstum, oder schrumpften sogar.
- Hingegen verzeichneten die Denominationen im Jahr 1824 einen regen Zulauf. Es liegt nahe, in den 1824er Geschehnissen Josephs Erweckung zu sehen.
- Joseph stand dieser Erweckung keinesfalls sich enthaltend gegenüber. Er partizipierte vielmehr in den Folgejahren (belegt noch 1828) an einem Bibelstudium, das die Methodisten anboten. An methodistischen Versammlungen war er gern gehörter Redner. Von einer Verfolgung Josephs kann folglich keine Rede sein, käumlich auch davon, dass er sich über seine Vision geäussert hätte (bei den Methodisten hätte solche Botschaft wohl einiges an Irritationen ausgelöst). Der angeblichen Weisung Gottes, sich keiner Konfession anzuschliessen, hat Joseph selbst offenbar nicht nachgelebt.
- 1834/35 schreibt Oliver Cowdery, Sektretär Josephs bei der Buch Mormon-Uebersetzung, in Zusammenarbeit mit Joseph Smith davon, dass Joseph erst 1823, und zwar bei persönlicher Bibellektüre, zur Erkenntnis vorgedrungen sei, dass alle Konfessionen im Unrecht wären. Diese Darstellung konkurriert mit dem 1838er Modell.
Joseph Smith unternahm es während seiner Wirksamkeit zweimal, den Bericht von seiner ersten Vision den Lehrentwicklungen seiner Gemeinschaft anzupassen. Von diesen Updates besonders betroffen ist die Identität der erscheinenden Gestalt(en), welche mit den Aenderungen von Josephs Gotteslehre Schritt halten mussten, die sich vom Modalismus (Buch Mormon 1830) über den Binitarianismus (The Lectures on Faith 1834/35) zum Dyotheismus (Buch Abraham, Offenbarung 121 1839) entwickelte.
- Oliver Cowdery berichtet 1835/36 offenbar aus eigener Erinnerung (die durch einen Bericht von Josephs Mutter gestützt wird), davon, dass Joseph 1823 bei der Bibellektüre um ein Zeichen gebeten habe, ob ein Höchstes Wesen existiere. Darauf sei ihm ein Engel erschienen, welcher ihm die Vergebung seiner Sünden angesagt hätte.
- In einem handschriftlichen Bericht Josephs aus dem Jahr 1832 berichtet Joseph davon, dass auf sein Gebet hin Jesus Christus erschienen sei, mit dem Rat, keiner Kirche beizutreten.
- 1838 sind es dann Jesus und Gott als getrennte Gestalten, die Joseph, allerdings schon drei Jahre früher, erschienen sein sollen.
Dass Josephs Tätigkeit als Uebersetzer des Buches Mormon wenig mit den üblichen Gebräuchen der Uebertragung antiker Texte gemein hat, ist seit längerem Teil der Diskussion um die LDS. Folgende Punkte sind zumindest auffällig:
- Beim Uebersetzungsvorgang selbst würdigte Joseph die goldenen Platten, die den Text des Buches Mormon in "Reformed Egyptian" enthielten, keiner Aufmerksamkeit. Sie lagen eingehüllt in ein Tuch neben Joseph, der dieweil in seinen "Peepstone" guckte und darin den Text in einer englischen Uebersetzung zu sehen behauptete.
- Die Uebersetzungsarbeit wurde in recht kurzen Zeiteinheiten der Arbeit am Text geleistet, die von längeren Erholungsphasen, welche Joseph mit Spaziergängen füllte, unterbrochen waren. Diese Form der Arbeitseinteilung ist äusserst gebräuchlich etwa beim Verfassen eines Romans, im Rahmen von reiner Uebersetzungsarbeit scheint sie aber eher ineffizient zu sein.
- Eher irritierend wirkt ferner das Faktum, dass Joseph nach Verlust eines Teils des Manuskriptes, das nach seinem Diktat erstellt wurde, von Seiten des Engels Moroni angewiesen wurde, den betreffenden Teil der Platten nicht nochmals zu übersetzen, da deren Inhalt in etwas anderer und gekürzter Form im weiteren Verlauf der Platten nochmals formuliert sei.
- Den "drei Zeugen", die sich eidesstattlich dafür verbürgen, die goldenen Platten gesehen zu haben, wurden diese nicht etwa auf materielle Weise, etwa durch Auswickeln der Platten aus dem sie umgebenden Tuch, gezeigt, sondern auf geistliche Weise, wofür es vonnöten war, einen Wald aufzusuchen, wo dann, nach Stunden intensivsten Gebets, ein Engel erschien, welcher die Platten vorführte. Die "acht Zeugen" sahen die Platten auch materiell, allerdings in das Tuch eingehüllt. Auf übernatürliche Weise vermochten sie dann aber durch das Tuch hindurchzusehen. In Zusammenhang mit den insgesamt elf Zeugen berührt die Tatsache eigenartig, dass 1847 keiner von ihnen mehr Mitglied der LDS war (z.T. wurde ihnen das Buch Mormon selbst verdächtig, z.T. die weitere Fortschreibung der Lehre durch Joseph Smith).
- Die Grundthese des Buches Mormon, nämlich die Identifikation der Indianer als verwildeter Hebräer, war zu Josephs Zeit eine vieldiskutierte. Zu nennen ist hier insbesondere das Buch von Ethan Smith, das, 1825 erschienen, gar die Teilung der nach Amerika abgewanderten Hebräer in zwei Völker mit entgegengesetzter moralisch-kultureller Wertung vorwegnahm.
Das Buch Abraham stellt eine von Joseph Smith gefertigte Uebersetzung eines altägyptischen Papyrus dar, den Joseph Smith 1835 von einem fahrenden Aussteller samt zugehöriger Mumie käuflich erwarb. Der Papyrus, heute im Besitz der LDS, wurde von dieser aegyptologischer Bearbeitung zugänglich gemacht in der Hoffnung auf Bestätigung von Josephs Uebersetzung. Die Untersuchungen, die durch die Publikation des Papyrus durch jeden des Aegyptischen Kundigen überprüft werden können, ergaben, dass es sich beim "Buch Abraham"-Papyrus um eine Abschrift des "Buches vom Atmen" handelt, einer ptolemäischen Kurzfassung des Totenbuches. Irgendeine textliche Uebereinstimmung mit Josephs "Buch Abraham" besteht nicht. Dem von Joseph im Gefolge seiner "ägyptologischen" Studien in Zusammenhang mit dem Papyrus verfassten "Egyptian Alphabet and Grammar" kommt nur der Wert eines Kuriosums zu. Von ägyptologischen Kenntnissen ist das äusserst phantasievolle Werk gänzlich unbelastet.
Dass manche der im Buch "Lehre und Bündnisse" zusammengestellten Offenbarungen an Joseph Smith für diesen ausgesprochen nützliche oder gar angenehme Konsequenzen hatten, ist Kritikern der LDS schon länger bewusst. Zu nennen wären etwa:
- Die Einführung der Polygamie, die Joseph, der diverse Affären hatte, moralisch entlastete, aber ein Einverständnis der ersten Ehefrau forderte.
- Die Offenbarung an Josephs Frau Emma, die dieses Einverständnis verweigerte, sie müsste ein solches erteilen.
- Diverse nach Einführung der Polygamie erteilte, aber nicht ins Buch "Lehre und Bündnisse" eingegangene Offenbarungen an Frauen im Teenageralter, sie hätten den damals 38jährigen Propheten zu ehelichen (darunter ein erst 14jähriges Mädchen).
Smiths Tagebuch, bis vor kurzem nur in einer von der LDS edierten Variante zugänglich, ist nun in extenso publiziert. Darin zeigt sich ein Joseph, der den eigenen Lehren gegenüber ein oft überraschend distanziertes Verhältnis einnimmt (z.B. mockiert er sich in humoristischer Weise über einen Mitstreiter, der eine Frau via fingierte Offenbarung dazu bewegen will, ihn zu heiraten) und sich am Anweisungen an seine Anhänger selbst offenbar nicht gebunden fühlt (betreffs Alkoholkonsum etwa).
- Institute for Religious Research (Hrsg.): Joseph Smith's Changing Doctrine of Deity, 1995
- dies.: New Light on Joseph Smiths First Vision, 1995
- dies.: Facts on the Book of Mormon Whitnesses, 1996
- Larson, Charles M.: By His Own Hand Upon Papyrus. A New Look At the Joseph Smith Papyri, Institute for Religious Research, 1992
- Smith, Ethan: View of the Hebrews, Poultney 1825
- Whitmer, David: An Adress to All Believers in Christ, Richmond 1887
Georg Otto Schmid, 1997
zur Uebersicht Mormonen
zur Relinfo-Grundseite
© 1997 gos / 2000 Infostelle