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Dieser Beitrag ist in gewisser Weise das Antidot zu meiner anderen Besprechung in dieser Ausgabe von «Prisma». Hubert Wolf, der wohl kenntnis- und einflussreichste Spezialist für die kirchengeschichtliche Epoche seit der französischen Revolution, zeichnet nämlich in seinem aktuellen Buch «Der Unfehlbare» nach, wie das Papsttum in seiner heute gültigen Form und Gestalt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts geschaffen worden ist.
Wenn wir heute eine Sozialenzyklika wie «Fratelli tutti» lesen und dabei gar nicht mehr hinterfragen, warum und wieso der Papst überhaupt auf die Idee kommt, etwas zum angemessenen Zusammenleben nicht nur der Christinnen und Christen weltweit, sondern sogar letztlich aller Menschen zu sagen – dann ist das auch ein Ergebnis einer völligen Neukonzeption des Papsttums im vorletzten Jahrhundert.
Den Weg dorthin erläutert Wolf entlang der Vita des Mannes, der später als Papst Pius IX. sowohl den berüchtigten «Syllabus Errorum» (eine Verdammung von 80 Irrtümern der zeitgenössischen modernen Welt) verfassen als auch beim 1. Vatikanischen Konzil mit der Hilfe einflussreicher Fürsprecher dafür sorgen wird, dass das päpstliche Lehramt fürderhin unter bestimmten Umständen als unfehlbar zu gelten hat: Giovanni Maria Mastai Ferretti (1792 – 1878). In der italienischen Provinz in eine Adelsfamilie hineingeboren, ist er zunächst ein glühender Verehrer Napoleons und lebt ein seiner adeligen Herkunft angemessenes Leben. Wolf stellt anschaulich und informativ dar, welche schwierigen Auswirkungen die Jahrzehnte nach der Französischen Revolution für die Kirche, ihre Vertreter und ihre Güter haben. Durchaus kann man Verständnis dafür aufbringen, dass der schliesslich Priester gewordene Mastai Ferretti seine jugendlichen Idealisierungen gegen eine gewisse Distanz gegenüber der neuen Zeit eintauscht, zumal der Kirchenstaat, der damals weite Teile Italiens umfasst, in seiner Existenz immer stärker bedroht wird – mit potenziell weitreichenden Auswirkungen auf seine weitgehend agrarisch lebende Bevölkerung. Dass sich diese Distanz aber schliesslich zu einem geradezu übersteigerten Hass auf die Moderne mit ihren Freiheitsrechten und zu einer vollständigen Ablehnung der neuen Gesellschaftsordnung ausweitet – das hat auch viel mit dem leicht beeinflussbaren Charakter des Papstes und seinen mächtigen Einflüsterern zu tun, wie Wolf hier ausführlich und mit feiner Ironie nachzeichnet.
Dass die Kirche nach seinem Pontifikat, übrigens das längste (1846-1878) in der ganzen Geschichte des Papsttums, erscheint wie ein bis an die Zähne bewaffnetes Bollwerk gegen die Moderne, dass Pius IX. und seine Mannen dafür sorgen, dass der Katholizismus vereinheitlicht wird und viele Traditionen neu erfunden werden – das gibt uns heute den Schlüssel, um den Reformstau auf vielen Ebenen in der katholischen Kirche richtig zu deuten.
Denn auch wenn das 2. Vatikanische Konzil den Schlussstein hinter die Ära Pius IX. gelegt hat und die Türen der Kirche für die wirkliche, nicht nur kirchliche Wirklichkeit weit geöffnet hat: Viele erfundene Traditionen und scheinbar kirchliche Ewigkeiten prägen die Kirche bis heute, werden ganz normal zu dem Bestand gezählt, von dem es heisst, er sei «gut katholisch».
Um zum Anfang dieses Beitrags zurückzukommen: In einem beeindruckenden Schlusskapitel stellt Wolf dar, wie fundamental Pius IX. mit seinem Pontifikat das allgemeine Verständnis davon, was zur Rolle, mithin zu den Aufgaben und Pflichten des Papsts gehört, geprägt hat. Als erster «Medienpapst» der Geschichte war er nämlich nun als Person sichtbar für alle, seine Auftritte konnten medial verfolgt werden, seine Aussagen hinterfragt und gedeutet – es begann dadurch insgesamt eine Zentrierung auf den Papst, der zunehmend als alleiniger Repräsentant der ganzen Kirche wahrgenommen wurde. Auch wenn sich seine Nachfolger bis zu den Päpsten unserer Tage in Gestus, Theologie und Botschaft radikal von ihm unterscheiden: Dass die Ortskirchen bei allen schwierigen theologischen Streitfällen immer zuerst nach Rom schauen, dass der Papst weltweit und über alle Religionsgemeinschaften hinweg eine so tonangebende Rolle spielt, dass Sozialenzykliken auch von Menschen gelesen werden, die religiös völlig unmusikalisch sind – das ist auch das Ergebnis des Pontifikats eines kleinen italienischen Landadligen vor über 150 Jahren.
Michael Hartlieb
Hubert Wolf, Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. München: C.H. Beck 2020.