Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03139.jsonl.gz/1434

Im Zeitalter der mundfertigen Textportionen und der nutzerfreundlich vereinfachten Information sinkt die Bereitschaft, sich mit komplexen, ja stellenweise schwierigen Texten auseinanderzusetzen. Aber es würde sich lohnen, wie sich am Fall Ortega y Gasset erweist. Erleichternd ist der Umstand, dass seine berühmten «Meditationen über die Jagd» als gediegenes Hörbuch daherkommen.
«Ich jage nicht, um zu töten, ich töte, um gejagt zu haben.» Dieser Satz wird oft zitiert und selten verstanden. Er ist einer der Leuchttürme in einem tiefen, stellenweise schwierigen, aber elegant formulierten Text, den die Deutsche Gesellschaft José Ortega y Gasset soeben als Hörbuch herausgegeben hat. Es handelt sich um zwei CDs von je ca. 65 Minuten Laufzeit mit einem in der Klappenmitte beigehefteten achtseitigen Booklet. Angenehm ist die musikalische Erweiterung des Stoffs, u.a. durch den Jägerchor aus dem «Freischütz», aus Haydns Jagdsinfonie und aus Hornkonzerten von Mozart.
Der Kulturphilosoph Ortega versteht die Jagd als Treiber der Evolution und als Naturereignis nach der Art eines Mutationsprozesses; sie hat den Evolutionsprozess mit der Einbeziehung des Hundes in die menschlichen Jagdstrategien überhaupt erst in Gang gebracht. Im Sinne der Ergebnisse der neueren Hirnforschung liegt das Jagdschema in den Genen der Lebewesen und bestimmt auch deren Handeln.
Oder um es populär zu formulieren: Der spanische Kulturphilosoph präsentiert die folgende Hypothese: Die Jagd ist eine Tätigkeit des Menschen, die dieser schon vor der Steinzeit als eine der am meisten Glück bringenden Beschäftigungen gewählt hat. Ortega unterscheidet zwischen zwanghaft dem Menschen auferlegten Tätigkeiten wie beispielsweise die Arbeit und solchen, die wir aus Freiheit wählen, zum Beispiel die Jagd auf der Suche nach Glück. Psychologisch gewendet könnte man auch sagen: Es ist die leidenschaftliche Jagd nach Glück auf der Suche nach Selbstidentität, nach Befriedigung emotionalgeistiger Bedürfnisse.
Autor: Karl Lüönd