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Drei der fünf erfolgreichsten Schweizer Filme der Jahre 1938 bis 1943 wurden von der Praesens-Film AG produziert und standen direkt im Dienst der Geistigen Landesverteidigung: Füsilier Wipf (Hermann Haller/Leopold Lindtberg, 1938), Gilberte de Courgenay (Franz Schnyder, 1941) und Landammann Stauffacher (Leopold Lindtberg, 1941). Umso erstaunlicher war, dass 1943 ein weiterer Titel aus demselben Umfeld, Franz Schnyders Wilder Urlaub, floppte. Daran trug einerseits die Filmhandlung Schuld – ein Schweizer Soldat verlässt seine Einheit, kehrt freilich zum Ende des Films wieder zu seiner Truppe zurück – als auch die veränderte Kriegslage. Die Wendeschlachten von El Alamein und Stalingrad hatten zwischen Oktober 1942 und Februar 1943 die unmittelbare Bedrohungslage für die Schweiz entschärft, wodurch auch das Thema der Landesverteidigung an Dringlichkeit verlor.
Praesens-Film sah sich daher zu einem Kurswechsel genötigt, zumal das Schweizer Filmschaffen zu diesem Zeitpunkt gesamthaft auf eine Krise zusteuerte: Waren 1940 und 1941 noch je vierzehn neue einheimische Filme in den Kinos angelaufen, so waren es 1943 nur noch deren acht; im Folgejahr sollte die Zahl gar auf zwei abfallen. Für ihre nächste Produktion, Marie-Louise, setzte die Produktionsgesellschaft nicht mehr auf die Landesverteidigung, sondern auf Kriegsopfer: Im Film, der am 19. Februar 1944 im Zürcher Kino Apollo uraufgeführt wurde, kommt eine Gruppe von Kindern, darunter die 13-jährige Marie-Louise, aus Frankreich in die Schweiz, um sich während dreier Monate bei Gastfamilien und in einem Ferienlager vom Schrecken des Kriegs zu erholen. Die Fachkritik lobte das Werk nahezu euphorisch. «Ein schweizerischer Schweizerfilm» titelte beispielsweise die NZZ, und landauf, landab war von einem «geglückten Gegenwartsfilm» die Rede. Gelobt wurden «Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit des inneren Gehaltes» ebenso wie «natürliche Aufgeschlossenheit und selbstverständliche Hilfsbereitschaft». Einzig der Berner Korrespondent für die schwedischen «Dagens Nyheter» trübte den Chor der Lobeshymnen: «Schöne Alpenlandschaften, Vierwaldstättersee und Tell und ehrenhafte, prächtige Schweizer […], eine Prise Humor, eine grössere Dosis Sentimentalität und Sonnigkeit. Gute schweizerische Sonntagsschule, aber kein Kunstwerk.»
Regisseur Leopold Lindtberg und Drehbuchautor Richard Schweizer hatten anfänglich eine distanziertere Haltung dem Schweizer Hilfsprogramm für die traumatisierten Auslandskinder im Auge (ihr Ansatz scheint noch im nüchternen Realismus der Aussenszenen des Films durch, zum Beispiel dem Bombardement Rouens, im Schrecken Marie-Louises über die tief fliegenden Flugzeuge oder in der Begräbnisszene). Sie wollten aufzeigen, dass man den Kindern einen schlechten Dienst erweist, wenn man sie hätschelt und behandelt, als ob sie in der Schweiz zu Hause wären. Doch die Starbesetzung des Werks machte dem Anliegen einen Strich durch die Rechnung. Heinrich Gretler als Fabrikbesitzer Rüegg, in dessen Villa Marie-Louise zunächst als Notlösung, bald aber definitiv untergebracht wird, war zu sehr bärbeissiger und jovialer Patron, als dass das Publikum ihm gegenüber eine kritische Distanz hätte wahren können. Desgleichen Anne-Marie Blanc, freiwillige Rot-Kreuz-Helferin, charmante Tochter und Chefsekretärin Rüeggs, die den Vater immer dann um den Finger zu wickeln weiss, wenn eine Situation sich allzu sehr zuspitzt. Des Weiteren Armin Schweizer als pensionierter Lehrer Bänninger, der mit seinem Français fédéral garantiert, dass die Franzosenkinder sprachlich nicht im Niemandsland stranden, und endlich Mathilde Danegger als Dienstmädchen in der Rüegg’schen Villa, das dafür sorgt, dass Marie-Louise mit einem katholischen Nachtgebet einschlafen kann.
Mit 16 Wochen Laufzeit in Zürich und einer Million Kinoeintritte schweizweit zählt Marie-Louise zu den erfolgreichsten Schweizer Filmen aller Zeiten. Einen nicht unbedeutenden Beitrag zum Erfolg leistete Gottlieb Duttweiler, der 1943 zum wichtigsten Einzelaktionär der Praesens-Film AG geworden war. Als die Besucherzahlen im riesigen Kino Apollo im Frühjahr 1944 einzubrechen drohten, verschenkte er an Hausfrauen, die ihre Einkäufe in den Migros-Filia-len ausserhalb der Stosszeiten tätigten, zehntausend Kinoeintritte. Die entsprechende Aktion lief an einem Montag an, am folgenden Donnerstag waren die Nachmittagsvorstellungen ausverkauft, zwei Tage später auch die Abendveranstaltungen. – Der Erfolg von Marie-Louise wies Praesens-Film (welche die Schweizer Produktion der Jahre 1944 bis 1953 praktisch im Alleingang bestritt) thematisch den Weg: Sämtliche Werke dieses Jahrzehnts standen im Zeichen eines kosmopolitischen Humanismus, der sich mit Erfolg auch im Ausland absetzen liess. Speziell in den angelsächsischen Ländern war man empfänglich für die Produktionsstrategie, die mit The Search (Fred Zinnemann, 1947) und Unser Dorf (Leopold Lindtberg, 1953) abermals um Kinderschicksale kreiste. Gleichwohl kam es einer Überraschung gleich, als Marie-Louise 1946 als erster nicht englischsprachiger Film einen Oscar erhielt; die Statue ging an Richard Schweizer für das beste Originaldrehbuch.
Im Gegensatz zu den populären Filmen im Dienst der Geistigen Landesverteidigung wie Füsilier Wipf oder Gilberte de Courgenay ist Marie-Louise seit längerer Zeit nicht mehr aufgeführt worden und auch nie auf DVD erschienen. Doch nun hat das Schweizer Fernsehen SRF, unterstützt von der Cinémathèque suisse, von Praesens-Film und der Stiftung Memoriav, den Film digital restauriert. Ausgangspunkt war eine fotochemisch bearbeitete Version des Werks aus dem Jahre 2013, die jedoch mit Teilen aus anderen Fassungen abgeglichen werden musste. Dies erforderte komplexe Bildretouchen, zudem galt es, Kopierfehler im Negativ zu beheben. – Die restaurierte Fassung wird am 1. Oktober im Rahmen des Zürcher Filmfestivals zu sehen sein. Für 2016 ist eine Ausstrahlung auf SRF geplant, möglicherweise zum 70-Jahr-Jubiläum der Oscarverleihung.