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In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sank der Bestand des Rebhuhns in der Schweiz von 10 000 auf wenige Individuen. Zwischen 1998 und 2012 wurde versucht, die Restbestände mit Aussetzungen zu stärken. Die aufwändigen Populationsstützungen hatten allerdings keine nachhaltige Wirkung. Unter den heutigen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Erhaltung des anspruchsvollen Rebhuhns in der Schweiz kaum mehr realistisch.
Artikel von Markus Jenny aus „HOTSPOT 31/15„. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Forums Biodiversität Schweiz.
Die Geschichte des Versuchs, das Rebhuhn in der Schweiz zu retten, ist lang, spannend und bereichernd – aber auch frustrierend. 1991 beauftragte das BAFU die Schweizerische Vogelwarte mit dem Projekt «Wildtierarten der offenen Feldflur». Ziel war es, die Lebensraumbedingungen für die Flaggschiffarten Rebhuhn und Feldhase, aber auch für andere bedrohte Arten des Ackerlands, zu verbessern (BUWAL 2002). Das Rebhuhn, das nur noch in kleinen Beständen in den Kantonen Genf und Schaffhausen vorkam, sollte vor dem Aussterben bewahrt werden – wenn nötig auch mit Wiederansiedlungen. In beiden Projektgebieten unterstützten die kantonalen Behörden und der Bund das Projekt tatkräftig und im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch finanziell.
Wiederansiedlung in Schaffhausen …
Doch trotz der erfolgreichen Lebensraumaufwertungen starb das Rebhuhn 1996 im Kanton Schaffhausen aus. 1998 entschied die Vogelwarte, im Klettgau im Rahmen einer wissenschaftlichen Modellstudie einige Dutzend Rebhühner auszusetzen (Buner et al. 2005). Die Resultate dieser Forschungsarbeit liessen den Schluss zu, dass das Rebhuhn hier durchaus langfristig überleben könnte. In Absprache mit Vertretern des Bundes und des Kantons Schaffhausen wurde 2001 ein mehrjähriges Programm zur Wiederansiedlung des Rebhuhns gestartet. Die interessierten Akteurgruppen (Naturschutz, Landwirtschaft, Jägerschaft) bildeten einen runden Tisch. Mit einem umfassenden Massnahmenkatalog (Lebensraumaufwertung, verstärkte Fuchsbejagung, Lenkung der Erholungsnutzung) sollten neben Rebhuhn und Feldhase auch weitere Ziel- und Leitarten des Ackerlandes gefördert werden.
Nach einer erfolgreichen ersten Projektphase von 2002 bis 2005, in welcher sich ein Bestand von rund 20 Brutpaaren etablierte, führte der schneereiche Winter 2006 zum erneuten Zusammenbruch der Population. Seit 2007 werden keine Rebhühner mehr ausgesetzt. Der Bestand ist mittlerweile erloschen.
… und Bestandsstärkung in Genf
Nachdem im Kanton Genf 2002 der Rebhuhnbestand auf lediglich zwei Brutpaare geschrumpft war, entschieden sich der Kanton und die Vogelwarte für die Stärkung des Bestands. Aufbauend auf den Erfahrungen aus dem Kanton Schaff hausen wurde ein aufwändiges Förderprogramm eingeleitet.
Die Vogelwarte setzte in der Champagne genevoise zwischen 2004 und 2007 jährlich rund 100 Rebhühner aus ausländischen Zuchten aus. Nach dem Aufbau einer eigenen Zuchtstation wurden bis 2011 nochmals mehrere hundert junge Rebhühner pro Jahr in Gruppen, sogenannten Herbstketten, ausgewildert. Nachdem der Bestand im Winter 2012/13 noch rund 100 Rebhühner umfasste, reduzierte sich die Zahl der Individuen bis im Herbst 2014 auf rund 25. Hohe Verluste durch ungünstige Witterungsverhältnisse, Räuber und mangelnder Bruterfolg sind dafür verantwortlich. Es ist davon auszugehen, dass das Rebhuhn auch im Kanton Genf nicht überleben wird.
Gründe für das Scheitern
Trotz vielen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, praktischen Erfahrungen, breitem methodischem Know-how und guten Partnerschaften sowie verbesserten agrarpolitischen Rahmenbedingen zeigt es sich immer deutlicher, dass das Rebhuhn in der Schweiz wohl nicht mehr zu erhalten ist. Diese Erkenntnis ist unter anderem auf folgende Umstände zurückzuführen.
> Biologie: Rebhühner sind Standvögel mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp einem Jahr. Im Gegensatz zu langlebigen Tierarten wie Steinbock oder Bartgeier kann ein neuer Bestand nicht mit der Freilassung von wenigen Individuen begründet werden. Für eine Etablierung müssten in qualitativ und quantitativ ausreichenden Lebensräumen über Jahre hinweg mehrere 100 Individuen ausgesetzt werden. Für viele Tierschützer sind solche Massenaussetzungen, die zwangsläufig mit hohen Verlusten verbunden sind, nur schwer zu akzeptieren.
> Lebensraumansprüche: Eine überlebensfähige Rebhuhnpopulation ist auf ein Netz von zahlreichen grösseren Gebieten mit qualitativ hochwertigen Lebensräumen angewiesen. Im schaff hausischen Klettgau und in der Champagne genevoise wurden zwar einzelne Kerngebiete mit entsprechender Lebensraumqualität geschaffen; dies reicht aber offensichtlich nicht aus, um anspruchsvollere Tierarten wie das Rebhuhn zu erhalten. Forderungen nach zusätzlichen Gebieten mit einem hohen Anteil wertvoller Biodiversitätsflächen im Ackerland stossen auf Ablehnung bei der Landwirtschaft.
> Hohe Prädatorendichte: Der Fuchsbestand hat in unserer Kulturlandschaft seit den 1980er-Jahren deutlich zugenommen. Diese Entwicklung wirkte sich nachteilig auf einige bedrohte Arten aus (Voigt 2009). Im Rahmen von Rebhuhn-Wiederansiedlungsprojekten erachteten Fachleute eine scharfe Prädatorenkontrolle als flankierende Massnahmen während der Etablierungsphase als notwendig. Solche Reduktionsabschüsse stossen in der Schweizer Bevölkerung aber meist auf wenig Verständnis.
> Gesellschaftliche Aspekte: In unserer zersiedelten und dicht bevölkerten Landschaft hat der Störungsdruck durch Erholungssuchende in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Sowohl im Kanton Genf als auch im Kanton Schaff hausen entschärften Fahrverbote und eine Leinenpflicht in den Vorranggebieten das Problem – sehr zum Unmut vieler Erholungssuchenden. Eine generelle Ausweitung solcher Auflagen ist politisch nicht realisierbar.
> Landwirtschaftspolitik: In Ackerbaugebieten herrscht ein generell grosses Defizit an wertvollen Lebensräumen (BLW 2013). Forderungen nach mehr wertvollen Flächen in Ackerbaugebieten zur Förderung der Artenvielfalt basieren auf wissenschaftlichen Fakten, die unter anderem im Rebhuhnprojekt erarbeitet wurden (Meichtry et al. 2014, Walter et al. 2012). Die zusätzliche Schaffung solcher Flächen scheint aber aufgrund politischer Widerstände kaum umsetzbar.
Rebhuhn Flop – andere Arten Top
Der Misserfolg bei der Erhaltung des Rebhuhns trübt den Erfolg des gesamten Artenförderungsprojekts. Dank den beispielhaften Aufwertungen entwickelten sich die Projektgebiete aber zu Hotspotregionen für die Biodiversität. Die Bestände zahlreicher Ziel- und Leitarten wie Grauammer, Feldlerche, Turmfalke, Schwarzkehlchen und Feldhase nahmen dank den Aufwertungen in beiden Gebieten markant zu. Das Rebhuhnprojekt wurde zum agrarökologischen Modellvorhaben und befruchtete massgeblich die Ausgestaltung der agrarpolitischen Instrumente und Massnahmen. Es liess sich eindrücklich zeigen, dass eine zielgerich tete Umsetzung ökologischer Massnahmen in enger Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft möglich und erfolgreich sein kann – und dies auch in produktiven Gunstlagen. Die persönliche Beratung der Landwirte und das Vertrauensverhältnis, das sich zwischen den Projektausführenden und den Bewirtschaftern über die Jahre hinweg entwickelt hat, erwiesen sich dabei als Schlüsselfaktoren.
Fazit
Eine anspruchsvolle Vogelart wie das Rebhuhn hat trotz aufwändigen und kostspieligen Förderprojekten in der Schweiz kaum Überlebenschancen. Dies hängt einerseits mit den biologischen Besonderheiten dieser Art zusammen, andererseits aber auch mit politisch und gesellschaftlich eingeschränkten Handlungsspielräumen. Obwohl das Rebhuhn ein positives Image hat, ist es äusserst schwierig, sowohl notwendige Fördermassnahmen (Brachen auf Ackerflächen) wie auch flankierende Begleitmassnahmen (z.B. Prädatorenkontrolle, Leinenpflicht für Hunde) hinreichend umzusetzen. Damit stellt sich die grundsätzliche Frage, wie man mit geschützten Prioritätsarten wie dem Rebhuhn (BAFU 2011) umgehen soll, die derart im Spannungsfeld gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Interessen stehen.
Dieser Artikel erschien zuerst in Hotspot 31/15 „Chancen und Grenzen der Wiederansiedlung von Arten“.