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Paul Celans Hotel Storchen
«Zürich, Zum Storchen. Für Nelly Sachs
[…]
Da-
von.
Am Tag einer Himmelfahrt, das
Münster stand drüben, es kam
mit einigem Gold übers Wasser.
Von deinem Gott war die Rede, ich sprach
gegen ihn, ich
ließ das Herz, das ich hatte,
hoffen:
auf
sein höchstes, umröcheltes, sein
haderndes Wort –
[…]»
Als Paul Celan Nelly Sachs 1960 in Zürich trifft, ist er vierzig und hinter ihm liegt ein bewegtes Leben: Als jüdischer Student wurde er, nachdem er vom Studium in Frankreich in seine Heimat Rumänien zurückkehrt, von den Nazis ins Ghetto gesteckt, seine Eltern wurden in Lager deportiert und kamen beide um. Auch Celan kam in ein Arbeitslager, erlebte die Befreiung durch die Rote Armee und floh dann 1948 nach Paris.
1960 nun hat sich viel entwickelt: Seine Gedichte konnten erscheinen und eine ganze Reihe für ihn zentraler Bekanntschaften haben sich ergeben; neben Ingeborg Bachmann auch mit Nelly Sachs, die – im Zweiten Weltkrieg nach Schweden immigriert – zum ersten Mal und mit mehr als gemischten Gefühlen wieder nach Deutschland reist, um einen Preis entgegenzunehmen.
Im Anschluss an die Preisverleihung trifft sie Celan in Zürich im «Hotel Storchen», für beide sind es unvergessliche gemeinsame Tage. Celan verewigt die Begegnung gleich nach seiner Rückkehr in einem Gedicht, das er Nelly Sachs widmet, als Rede über Gott und dessen Abwesenheit, die Situation der Gegenwart vor dem Hintergrund beider Erfahrungen mit Faschismus und Migration. Die beiden haben sich nicht wieder gesehen, aber ein geheimes Band scheint sogar ihre Tode miteinander zu verknüpfen: Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland brach Nelly Sachs in Stockholm zusammen und verbrachte die folgenden drei Jahre in einer Nervenheilanstalt. Nach wiederholten Aufenthalten dort und nach einer Krebserkrankung starb sie am 12. Mai 1970, genau am Tag von Celans Beerdigung, der den Freitod in der Seine gewählt hatte. (NP)
Das Restaurant und Hotel «Zum Storchen» liegt direkt an der Limmat, nahe der Mündung zum Zürichsee: Grimmelshausen stieg schon hier ab, Richard Wagner und Gottfried Keller ebenso und noch bei John Irving wird das Gasthaus erwähnt. Von seiner schönen Lage berichtet auch Celans Gedicht: «das/ Münster stand drüben, es kam/ mit einigem Gold übers Wasser.» Nahe beim «Storchen» liegt das Fraumünster, gemeint ist hier aber offensichtlich das am Hang erhobene Grossmünster, das auf der anderen Seite der Limmat liegt und so «übers Wasser» kommt – warum es dabei wohl «mit einigem Gold» schimmert? Die nach einem Brand im 18. Jahrhundert neu aufgebauten Türme kommen so glanzlos daher, wie man es von der streng reformatorischen Stadt erwartet – den Innenraum hatte schon viel früher der im Grossmünster tätige Reformator Zwingli selbst ausräumen lassen. So wird es wohl das Abendrot gewesen sein, das den Bau hat leuchten lassen. Oder der Abglanz einer Zeit, in der Gott noch darin wohnte.