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Eng verbunden mit Heimat & Brauchtum
Seine grösste Leistung hat Gustav Ritschard zweifellos als Initiant und Mitgestalter des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg erbracht. Die Anfänge gehen ins Jahr 1945 zurück. Damals wurde der «Verein für das Oberland-Hus» gegründet, dem Ritschard beitrat und in dem er im Ressort «Ausstellungen» mitwirkte. Initiant und Präsident des Vereins war Hans Roth, Nationalrat und einer der Lehrer Ritschards an der Sekundarschule Interlaken. Roth besuchte in diesen Jahren das Freilichtmuseum Skansen bei Stockholm und war von dieser Idee begeistert. Ihm schwebte in der Folge ein Freilichtmuseum mit einer Darstellung der Oberländer Haustypen auf der Unspunnenwiese vor.
Der Verein hatte indessen mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen; die Zeit für die Anliegen der paar Idealisten war noch nicht reif, die geistige und finanzielle Unterstützung aus breiteren Kreisen fehlte. Der Verein musste daher in den Fünfzigerjahren das in seinem Besitze stehende Stadthaus von Unterseen wieder verkaufen und seine Tätigkeit einstellen. Dabei bedauerte man ganz besonders, dass die Idee des Freilichtmuseums nicht verwirklicht werden konnte. Ritschard hatte aber für die Idee Feuer gefangen. Der Gedanke sollte ihn nicht mehr loslassen und dessen Verwirklichung zu seiner grossen Lebensaufgabe werden.
Das «Projekt Ballenberg» stand am Ende einer ganzen Abfolge von Vorgängerprojekten mit anfänglich wechselnden Standorten. Ein erstes Projekt nach dem gescheiterten Unspunnen-Vorhaben betraf den Standort Burgerallmend St. Niklausen in Unterseen. Ein zweites folgte am Standort Gsteigwilerallmend. Weiter ging es mit einem Projekt Schwanden-Lauenen bei Brienz, womit die Verlagerung in den Raum Brienz endgültig vollzogen war.
Durch den Hotelier Willy Mathyer, für den er damals verschiedene Architekturaufträge ausführte, kam Ritschard in Kontakt mit dem Drogisten Erich Schild, der die Erhaltung von Alt-Brienz anstrebte. Ritschard begann in der Folge, indem er in bauberatender Funktion für die bereits bestehende «Vereinigung Alt-Brienz» tätig wurde, sich ebenfalls intensiv mit der Erhaltung von Alt-Brienz (und speziell mit dem Aenderdorf) zu befassen. Er entwickelte das Projekt «Freilichtmuseum Milibach», das eine Verbindung eines neuen Museumsteiles für aufzustellende alte Bauernhäuser mit der denkmalpflegerischen Erhaltung des Aenderdorfes vorsah. Der Brienzer Grossrat und Sekundarlehrer Alfred Ruef (1902-1961) wollte das Projekt im bernischen Grossen Rat vorstellen, wurde jedoch zuvor vom Tode ereilt.
Als sich auch andernorts immer hörbarer Befürworter eines Freilichtmuseums mit Standortvorschlägen zu Worte meldeten und zudem im Herbst 1962 in der «Heimatschutz»-Zeitschrift ein Artikel von Dr. Max Gschwend erschien, in dem die Idee Freilichtmuseum erneut und prominent aufgegriffen wurde, bildete sich in Brienz das Aktionskomitee «Mis scheene Schwyzerdeerfli». In einem Prospekt wurde das Projekt Ritschards einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Zugleich wurde mit dem bernischen Regierungspräsidenten Kontakt aufgenommen. Kurz darauf kamen die Herren Dr. Gschwend, Leiter der Aktion Bauernhausforschung, und Dr. Wildhaber, Leiter des Schweizerischen Museums für Volkskunde, auf Einladung Ritschards zu einer ersten Kontaktnahme und Besichtigung nach Brienz. Hinzu kam schliesslich auch noch der erste politische Vorstoss von Seiten der Brienzer Initianten, nämlich ein Postulat im bernischen Grossen Rat von Grossrat Kurt Borter. Gleichzeitig machte sich aber auch heftige Opposition bemerkbar. Ritschard leistete in dieser Zeit grosse Informations- und Überzeugungsarbeit.
Im Laufe des Jahres 1963 zeigte sich immer deutlicher, dass das Projekt Milibach gegenüber gewissen Konkurrenten aus anderen Gegenden im Ausscheidungskampf gefährdet sein könnte, da man sich angesichts der engen Nachbarschaft zu Alt-Brienz auf Bauten aus dem alpinen Raum hätte beschränken müssen (und wollen). Ritschard, der seit einiger Zeit auch das Ballenberg-Gelände im Auge hatte, änderte mit einem konzentrierten Einsatz das Projekt auf diesen neuen Standort um. Noch im gleichen Jahr beschloss die ebenfalls 1963 auf Anregung des Eidgenössischen Departements des Innern gebildete «Studienkommission Schweizerisches Freilichtmuseum», nach Einsichtnahme in die Planunterlagen von Gustav Ritschard einstimmig, das Ballenberggelände zu besichtigen und das Projekt näher zu prüfen. Diese denkwürdige Sitzung – es war die 5. Sitzung der Studienkommission und betraf die Projekte Langnau und Ballenberg – fand am Sonntag, 10. November 1963 in Brienz statt. Grossrat Borter und Architekt Ritschard stellten im Namen des Aktionskomitees das Projekt vor.
Nun begann für Ritschard und den aus dem Aktionskomitee hervorgegangenen Verein «Miis Schwyzerdeerfli» mit dessen Präsidenten Erich Schild eine weitere wichtige Vorbereitungsphase. Die Zeit bis zur definitiven Ausmarchung des Standortes musste bestmöglich genutzt werden. Neben den Projektierungsarbeiten unternahm Ritschard bereits die ersten Schritte für den künftigen Landerwerb, dabei klar vorausblickend, dass der Standort Brienz nur dann eine reelle Chance für die Ansiedlung eines nationalen Werkes dieser Grössenordnung haben kann, wenn die Landfrage geklärt ist und Boden im nötigen Ausmass und zu vertretbarem Preis zur Verfügung steht. Mit unermüdlichem Einsatz bemühte sich Ritschard, die Bevölkerung der betroffenen Gemeinden für seine Ideen zu gewinnen und vor allem die Grundeigentümer von der Notwendigkeit einer Landabtretung zu überzeugen. Die solidarische, grosszügige Zustimmung einer grossen Mehrheit der Grundeigentümer blieb nicht aus. Diese haben damit einen ganz wesentlichen Beitrag zur Entstehung des Museums geleistet und verdienen den immerwährenden Dank der ganzen Region.
Es folgte am 1. Juli 1964 eine Eingabe mit einer ausführlichen Dokumentation an den zuständigen Regierungsrat, Dewet Buri. Träger der Eingabe waren ausser dem Verein die Einwohnergemeinderäte von Brienz, Hofstetten und Brienzwiler sowie die Oberländische Volkswirtschaftskammer, der Verkehrsverband Berner Oberland und die Hotelgenossenschaft. Am 2. Dezember 1964 konnte Ritschard an der Sitzung der Studienkommission im Landesmuseum in Zürich sein gründlich ausgearbeitetes Projekt vorlegen und vertreten, wodurch der Ballenberg gegenüber den fünf anderen Vorschlägen gut abschnitt und dem Ziel näher rückte. Der definitive Entscheid der Studienkommission pro Ballenberg fiel sodann anfangs 1965. Nach Erreichen dieses ersten Meilensteins erhielt Ritschard den Auftrag des bernischen Regierungsrats, zusammen mit Dr. Gschwend das offizielle Detailprojekt zu bearbeiten. Gleichzeitig setzte Ritschard die Landsicherungsbestrebungen fort. In enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Liegenschaftsverwaltung und den Gemeindebehörden von Brienzwiler und Hofstetten schloss er für den Grossteil des Terrains notariell beurkundete Kaufrechtsverträge ab. In aller Stille erfolgte nun der erste Spatenstich, der für das Taunerhaus aus Detligen bestimmt war. Auf dem noch nicht erworbenen Land, aber gestützt auf die Baubewilligung vom 2. November 1965, erstellte Ritschard auf eigene Rechnung den Rohbau.
In die gleiche Zeit fiel ein weiteres entscheidendes Ereignis: Ritschard lernte Heinrich Guggenbühl aus dem Kanton Zürich kennen, ein begeisterter Anhänger des Freilichtmuseumsgedankens und wohl bester Kenner der Freilichtmuseen in andern Ländern. Dieser organisierte mit seiner um sich gescharten Initiantengruppe am 3. Dezember 1966 eine öffentliche Versammlung in Stäfa, mit einem Referat von Ritschard über den Ballenberg. Bereits am 29. Dezember folgte die Gründungsversammlung der «Ostschweizerischen Gesellschaft zur Förderung des Freilichtmuseums Ballenberg ob Brienz». Diese Gesellschaft und das Wirken von Heinrich Guggenbühl waren von Anfang an und bis heute ausschlaggebend für das Zustandekommen des Museums.
Das von Ritschard in Zusammenarbeit mit Dr. Gschwend erstellte Projekt konnte im Januar 1967 beim Regierungsrat eingereicht werden. Aus diesem Anlass führten die Beiden am 28. Januar 1967 eine grosse öffentliche Tagung in der Aula des Sekundarschulhauses in Interlaken durch. Im Sommer 1968 wurde die definitive Trägerorganisation, die Stiftung Schweizerisches Freilichtmuseum Ballenberg ob Brienz gegründet. Als weiteres Ereignis sei der Regierungsratsbeschluss vom 13. August 1968 zur Unterschutzstellung des Wyssensees herausgegriffen, die auf die Initiative Ritschards zurückging. Er hatte 1966 eine Gruppe gebildet, um mit dieser den See zu kaufen und damit eine private Überbauung des Ufergeländes zu verhindern und die Unterschutzstellung zu ermöglichen.
Der Grosse Rat des Kantons Bern machte Ende 1970 die Ausrichtung weiterer Betriebsbeiträge von der Ausarbeitung eines neuen Gesamtprojekts mit Kostenvoranschlag abhängig. Bei dieser Projektierungsrunde wirkten ein Projektausschuss, eine Projektkommission, in der auch Ritschard vertreten war, sowie eine mit den Planungsarbeiten beauftragte Architektengemeinschaft, bestehend aus Ritschard und dem Luzerner Architekten Damian Widmer. Gleichzeitig befasste sich Ritschard bereits in dieser Zeit mit der Auswahl, dem Abbau und Transport sowie dem Wiederaufbau von Museumsbauten. In grösserem oder kleinerem Umfang sind ihm im Laufe der Jahre Arbeiten an den folgenden Häusern zuzuschreiben:
Allmählich konnte Ritschard in der grossangelegten Organisation der Stiftung mit ihren diversen Gremien seine Ideen nicht mehr ausschliesslich nach seinen Vorstellungen umsetzen. Sein Einfluss minderte sich beträchtlich. Er wurde auch mit keiner der von der Stiftung geschaffenen bezahlten Funktionen betraut. Einzig im Stiftungsrat, in dem ihm die Rolle eines unbequemen Kritikers zufiel, blieb er zeitlebens vertreten. Vom tonangebenden Vorstand blieb er hingegen ausgeschlossen. 1982 wurde er auf Druck der Fördervereine durch den Vorstand wiederum in den Wissenschaftlichen Beirat gewählt, nachdem er in den Anfängen der Stiftung diesem Gremium bereits angehört hatte, dann aber ausgestossen wurde.
Von grosser Tragweite für Ritschards weiteres Wirken im Ballenberg war die am 4. Februar 1974 in Brienz erfolgte Gründung des «Vereins zur Förderung des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg ob Brienz». Das Gründungskomitee bestand ausser Ritschard aus folgenden Personen:
Der Verein verstand seine Förderungsaufgabe in erster Linie objektbezogen. Die Gelder sollten nicht einfach in der grossen Kasse der Stiftung untergehen, sondern für bestimmte Objekte, mit denen sich die Vereinsmitglieder identifizieren konnten, eingesetzt werden. Dies ermöglichte es Ritschard, mit weiterhin grossem Einsatz und mit nur bescheidenen Entschädigungsansprüchen, in «seinem» Museum aktiv zu sein. Zu diesen Realisierungen gehören:
Literatur
«Ballenberg ob Brienz Chronik» von Urs Ritschard
Link: https://weberverlag.ch/products/urs-ritschard-ballenberg-ob-brienz-chronik