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„Kühreihen – eine Inszenierung vor Ort“
Kulturgeschichtliche Einordnung
Das Alphorn wurde ursprünglich von Sennen und Alphirten verwendet, um mittels charakteristischer Lockrufe mit dem Vieh auf der Weide zu kommunizieren und es zur Rückkehr zum Alpstall zu bewegen. Diese Melodiegattung wird als Kühreihen (französisch: Ranz de vaches) bezeichnet.
Die ältesten aufgezeichneten und überlieferten Melodien (von 1545 bis ca. 1820) fallen in diese Kategorie.
Die Interpretation war geprägt von der individuellen Gestaltung der Ausführenden, welche gängige und wiederkehrende Motive fantasievoll neu kombinierten und mit improvisierten Teilen ergänzten.
Ende des 18. Jahrhunderts hatte das Alphorn seine Funktion als Werkzeug der Alphirten weitgehend verloren. Stattdessen wurde es zum Symbol der romantischen Naturbegeisterung erhoben und diente als Soundtrack der Sehnsucht gebildeter Unterländer nach der unverfälschten alpinen Volkskultur.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das Alphorn für diverse ideologische, kommerzielle oder touristische Interessen zweckentfremdet. Das Niveau der Bläser sank drastisch, und das überlieferte kulturelle Bewusstsein geriet in Vergessenheit.
1920 wurde das Alphornwesen durch die Alphornkommission des EJV neu geregelt. Dieser Schritt bewahrte wohl das Alphorn vor dem gänzlichen Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Der Preis, den man dafür zu zahlen bereit war, bestand im Ignorieren der individuellen „wilden“, Naturton-geprägten Kühreihen zugunsten einer eingängigen, harmonischen, von Blasmusik und Jodellied beeinflussten Melodik. Insbesondere erfolgte eine Annäherung an die temperierte Tonalität; verpönt und unterdrückt wurde der Gebrauch des 7. und 11. Naturtons, welche davon am weitesten abweichen.
Die Struktur und das Regelwerk des EJV führte einerseits zu einem Aufschwung der Popularität des Alphorns und zur Qualitätssteigerung sowie Zunahme der Anzahl aktiver Bläser. Andererseits hatte das Beharren auf einem gefälligen Mainstreamkurs die Beschränkung der musikalische Entwicklung des Alphorns auf eine enge Bandbreite zur Folge, welche zudem der Deutungshoheit einiger weniger Funktionäre unterworfen war.
Was heute offiziell als „traditionelle Alphornmusik“ bezeichnet wird, besteht grösstenteils aus choral-artigen und (jodel-)liedhaften, meist ein- bis dreistimmigen Melodien, die grossmehrheitlich erst in den letzten 50 Jahren entstanden sind.
Dagegen wirken die widerborstigen, untemperierten alten Kühreihen paradoxerweise äusserst modern und aufmüpfig.
Kühreihen
Das Quartett „Alphorn Experience“ versucht mit dem Programm „Kühreihen – eine Inszenierung vor Ort“ anzuknüpfen an die Anfänge des Alphornspiels. Mit Sorgfalt und Respekt werden überlieferte Kühreihen bearbeitet und mit neu komponierten Werken, sozusagen modernen und aktuellen Auslegungen des Kühreihen-Genres, konfrontiert.
Lustvoll werden Individualität und Improvisation ausgelebt, ohne Hemmungen die untemperierten Naturtöne zur charakteristischen Alphornharmonik zusammengefügt und stringent die Berührungspunkte von alter Tradition und moderner Innovation gesucht.
Ein wichtiges Element im Konzept ist die Aufführungspraxis und der Einbezug des Geländes. Der „Kühreihen“ findet im Idealfall auf der Alp statt!
Die vier Interpreten befinden sich am Anfang an jeweils verschiedenen erhöhten Standorten in gewisser Distanz zum Publikum. Die Einzelvorträge verdichten und vermischen sich allmählich. Darauf folgen eine Reihe von Duo- und Trioformationen, welche die Musiker schrittweise in Richtung Zentrum ( Arena, Sennhütte etc.) führen. Hier erfolgt der konzertante Schlussteil, bestehend aus alten und neuen Kühreihen in Quartettbesetzung.
Neben der Alp als authentischem Ort des Geschehens kann jegliche geeignete Geländeformation bespielt werden. Auch eine Indoor-Aufführung ist denkbar, sofern Standorte in verschiedener Höhe und Distanz zum Publikum zur Verfügung stehen.
Die Premiere des Programms fand standesgemäss am 11./12. August 2018 auf Alp Morgeten im Simmental statt. Weitere Aufführungen waren am 24. August in Kandersteg (Nordic Arena) und am 27. Oktober 2018 in Köniz (reformierte Kirche).
Kühreihen – eine Inszenierung vor Ort
Konzept, Kompositionen und Bearbeitungen: Sami Lörtscher und Mike Maurer
Ausführung: Heinz Maeder, Christian Schmitter, Sami Lörtscher, Mike Maurer
© by Alphorn Experience