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Nichts deutet darauf hin, dass Hideji Kudou Modeschöpfer ist. Der Mann mit der Verkäuferschürze und den faltigen Händen sitzt in seinem Laden, umgeben von weiten Blusen, dicken Strickjacken und Socken mit Rutschprofil. Das «Sugamo Maruji» im nördlichen Zentrum Tokyos ist ein klassisches Seniorengeschäft.
Kudou sagt: «Wir wussten schon lange, dass die älteren Kunden der Markt der Zukunft sind. Dazu musste man nur einen Blick auf die Statistiken werfen.» Der 63jährige weiss, was diese Alten wollen: aka pantsu, rote Unterhosen. Das hat er vor Jahren bei einer Kundenbefragung herausgefunden. Rote Stoffe, glauben viele Japaner, wärmen und bringen positive Energie. Also liess Kudou rote Baumwollunterwäsche herstellen. Er sagt: «Die Leute rissen sie uns aus den Händen.»
Hideji Kudous Laden liegt in der Fussgängerzone Jizo-Dori; sie ist in Tokyo bekannt als Shoppingmeile der Betagten. Hier finden die Alten – viele von ihnen sind mit dem Rollator unterwegs –, wonach sie suchen: einen Teeladen mit wohltuenden Kräutern und Grüntee-Glace, einen Orthopäden und ein Café, das den ganzen Tag Lieder von Elvis spielt. 200 Geschäfte reihen sich aneinander. In der Nachbarschaft finden sich eine Rentnergewerkschaft, Pflegeheime und verschiedene Kliniken.
Aber nicht nur in der Hauptstadt Tokyo, im ganzen Land richtet sich die Wirtschaft auf die Alten aus. Ein Start-up namens Seqsense lanciert im Frühjahr einen Roboter, der zunächst in Büros patrouilliert, irgendwann aber vor allem die Wohnungen älterer Leute sichern soll. Der Jungbetrieb Z-Works vertreibt seit kurzem eine App, die es Angehörigen erlaubt, über pflegebedürftige Menschen ständig Gesundheits- und Bewegungsupdates zu erhalten. Ein anderes Start-up entwickelt intelligente Schuhe, die bei Alzheimerpatienten Unfälle vorbeugen sollen.
In keinem Land der Welt sind die Leute älter als in Japan. Der Babyboom Ende der 1940er Jahre war kurz, der Fall der Geburtenrate abrupt. Seit Jahrzehnten liegt diese nun bei 1,4 Kindern pro Frau.
Der Staat unterstützt Familien kaum. Zwar gab es in den 1990er Jahren eine Reform, um die Kinderbetreuung auszubauen. Trotzdem mangelt es bis heute an Kita- und Kindergartenplätzen. Laut Gesetz gibt es zwar ein Elterngeld: Es beträgt bis 50 Prozent des Lohns und kann bis ein Jahr nach der Geburt ausgezahlt werden. Allerdings sind es ausschliesslich reguläre Vollzeitangestellte, die diese Unterstützung beantragen können. Und das sind in Japan nur 60 Prozent jener, die arbeiten. Denn viele Unternehmen bieten seit der Wirtschaftskrise in den 1990er Jahren oft Jobs ohne Sozialleistungen an.
Gleichzeitig üben die Arbeitgeber Druck aus auf jene, die das Elterngeld beziehen könnten. Wer nach der Geburt eines Kindes nicht sofort an den Arbeitsplatz zurückkehre, lasse seine Kollegen im Stich, heisst es. Wenn Frauen schwanger sind, werden sie oft gedrängt zu kündigen. Viele verzichten deshalb auf eine Familie. So leben in Japan mittlerweile weniger Kinder unter 15 Jahren als Haustiere.
Japan fehlen die Fachkräfte. Trotzdem gibt es kaum Immigranten. Nur zwei Prozent der Bevölkerung haben einen ausländischen Pass. Die Einwanderungspolitik ist strikt. Ende Jahr stimmte das Parlament einem kontrovers diskutierten Gesetz zu, das es erlaubt, ausländische Arbeitskräfte für den Bausektor, die Pflege und den Einzelhandel anzuwerben. Allerdings sollen möglichst wenig junge Gastarbeiter kommen, und sie sollen das Land möglichst rasch wieder verlassen. Zu einer Verjüngung werden sie kaum beitragen.
Das tut auch die japanische Gesundheitspolitik nicht. Die Krankenhausdichte ist die höchste weltweit, nirgends bleiben die Leute bei einem Spitalaufenthalt länger liegen. Die Lebenserwartung ist entsprechend hoch: 84 werden die Japaner im Schnitt. Demographen rechnen damit, dass 2050 vier von zehn Einwohnern älter sind als 65. Schon heute setzen die Geschäfte mehr Geld mit Windeln für Erwachsene um als mit solchen für Kinder.
Japan gibt für alte Bürger dreimal so viel Steuergelder aus wie für alle anderen. 127 Millionen Einwohner hat das Land, ein Viertel davon sind Rentner. Das Rentenalter wurde in den vergangenen Jahren mehrmals angehoben, derzeit wird es auf 65 erhöht. Doch damit ist die Finanzierung des Systems noch längst nicht gesichert.
Dafür macht der Modeverkäufer Hideji Kudou immer mehr Umsatz. Zehntausende Unterhosen setzt er jedes Jahr ab. Er und sein Bruder, der mit ihm den Laden führt, haben es so zu Wohlstand gebracht. Sie beschäftigen 40 Mitarbeiter, die meisten von ihnen sind über 60, damit sie die Bedürfnisse der Kunden erkennen. Regelmässig berichten die Medien über Kudous ungewöhnlichen Erfolg.
Längst kaufen nicht mehr nur Grossmütter und Grossväter bei den Kudous ein, sondern auch ihre Kinder und Enkel. Den Brüdern gehören mittlerweile drei Geschäfte in der Shoppingmeile. Sie bieten Produkte für alle Altersgruppen: Damenstrümpfe, T-Shirts, BH, Hotpants, Schnuller, Lätzchen, Strampelanzüge – alles in Rot. So wurde aus dem Verkäufer Kudou ein Modeschöpfer, der Trends setzt.
Kudou tritt aus seinem Geschäft und spaziert der Strasse entlang zu einem anderen seiner Läden. Hier gibt es Artikel für jüngere Kundinnen. Kudou greift in einem Ständer nach einem Stringtanga. Er kostet 900 Yen, das sind umgerechnet acht Franken. Kudou muss schmunzeln. «Auch das sind aka pantsu. Aber ich glaube, mit so wenig Stoff wärmen sie nicht mehr richtig.» Beliebt sind die Tangas trotzdem. Eine Kundin, die gerade einkauft, sagt, warum: «Die Baumwolle ist bequem, und wenn ich dünne Hosen trage, sieht man keine Abdrücke.» Entdeckt hat die Frau Kudous Geschäft beim Einkaufen mit ihrer Mutter. Heute kommt sie allein hierher.
Vor kurzem ging Kudou eine Partnerschaft mit dem Unternehmen Sanrio ein. Es vertreibt die Produkte von Hello Kitty, der berühmten weissen Katze aus Japan. Sie prangt nun auf roten Kinderunterhosen. So können die Rentner, die bei Kudou einkaufen, auch ihren Enkeln ein Paar mitbringen.
Kudou sagt: «Vielleicht wird das Altern in Japan bald sexy.» Immerhin wisse jeder, dass aka pantsu, die roten Unterhosen, eigentlich für Rentner erfunden worden seien. Und doch würden sie mittlerweile alle Leute tragen. Ein Fünftel seines Umsatzes macht Kudou heute mit jungen Kunden. «Unsere Unterhosen zeigen dem ganzen Land, wie wir Alte eine Inspiration für Ideen sein können. Auch von uns kann Neues ausgehen.»
Tatsächlich sind Japans Senioren erfinderisch geworden in den vergangenen Jahren. Da ist der Ingenieur, der eine Roboterpuppe für senile Menschen entwarf, mit der jetzt auch Kinder spielen. Oder die 82jährige, die als Rentnerin das Internet kennenlernte und dann eine solitärartige Spiel-App entwickelte. Oder all jene, die auf der Online-Freizeitplattform Cyta ihre Kurse anbieten: Fotografie, Jonglieren, Rhetorik.
Auch der Modeschöpfer Hideji Kudou hat noch ein paar Ideen, die er umsetzen möchte: rote Sportleibchen zum Beispiel oder rote Handschuhe für den Winter. Und er denkt sogar darüber nach, ins Kosmetikgeschäft einzusteigen. Natürlich mit einem roten Lippenstift.
Nur etwas macht Kudou Sorgen: die Konkurrenz. Er hat es versäumt, seine Unterhosen rechtlich schützen zu lassen. Deshalb gibt es sie in der Betagten-Shoppingmeile mittlerweile schon in mehreren anderen Geschäften zu kaufen. Kudou musste bereits den Preis für sein klassisches Modell senken. Sie kosten jetzt nur noch 700 Yen.
Und die aka pantsu finden sich längst nicht mehr nur in Jizo-Dori, wo die Alten einkaufen. Ein Start-up, gegründet von zwei jungen Männern, hat Ende vergangenes Jahr den Medien sein neues Produkt vorgestellt: besonders «heisse» Herrenunterhosen, bequem, wärmend, rot.
Felix Lill ist freier Journalist; er lebt in Tokyo.
Die Zusammensetzung der Bevölkerung Japans
Grafik: Vollkorn Kollektiv; Quellen: Worldbank, United Nations