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Robin Hood schreitet durch den Sherwood Forest. Er trägt Lederhosen, ein Wams und einen Bogen; lange dunkle Haare umrahmen sein bärtiges Gesicht. Hin und wieder dringt ein Sonnenstrahl durch die Kronen der Eichen und Birken und lässt den Farn am Boden leuchten. Blaumeisen zwitschern, ein Grünspecht hackt sich in einen Stamm, ein Grauhörnchen flüchtet von Ast zu Ast.
Es ist ein Sonntagmorgen im Juni, Robin ist unterwegs zur Major Oak, einer ausgehöhlten Eiche, seinem Hauptquartier seit Jahrhunderten. Eine Gruppe Fremder nähert sich, darunter ein kleiner Junge. «Greetings, young fellow!» schmettert Robin ihm entgegen, «wirst du dich den Geächteten anschliessen, wenn du grösser bist?» Der Junge nickt schüchtern. «Gut so», sagt Robin, «und wenn du bis dahin dem Sheriff von Nottingham begegnest, sag ihm, Robin Hood finde ihn und schneide ihm die Ohren ab!» Die Eltern schauen empört und ziehen den Jungen mit sich fort. «Ich bin der Outlaw», ruft er ihnen nach, «ich bin der wahre Robin Hood!» Dann lichten sich die Bäume, und die Major Oak kommt in Sicht. Mindestens achthundert, vielleicht tausend Jahre alt soll die Eiche sein. Sie ist umzäunt, Stahlkonstruktionen stützen ihre müd gewordenen Äste, Baumpfleger, in England Baumchirurgen genannt, schauen regelmässig bei ihr vorbei. Auf der Lichtung stehen ein paar Sitzbänke fürs Picknick, ein Bogenschütze bringt Kindern das Zielen bei. Robin erspäht einen Ranger, den er kennt. «Wie geht’s?» fragt dieser, und der Outlaw antwortet: «Prächtig! Nummer eins auf Tripadvisor und Zweiter bei British Tourism Superstar 2014.»
Robin Hood steht auf der Terrasse vor dem Nottingham Castle und schaut Richtung Süden. Er trägt Lederhosen, ein Wams und einen Bogen; lange rotblonde Haare umrahmen sein glattrasiertes Gesicht. Einst reichte der Sherwood Forest bis an die Stadt, heute sind vom Castle aus Wohnhäuser und Industriebauten zu sehen, dahinter endlose Felder. Der Wald liegt 22 Meilen weit entfernt. «Genau dort unten», sagt Robin und zeigt auf ein Bauwerk mit weisser Kuppel, «begann früher der Sherwood Forest. Ist es nicht ironisch, dass das Gebäude das Steueramt ist?» Dann hängt er seinen Bogen um. Am Buffet der Schloss-Cafeteria bestellt er sich einen Milchkaffee, greift in sein Wams und holt das Smartphone hervor. Sein Gesicht wirkt fahl, er ist müde, aber dafür gibt es einen Grund. «Ich zeige das jedem, der sich nicht wehrt», sagt Robin Hood zu der Dame hinter den Muffins und spielt dann sein Lieblingsvideo ab: seine halbjährige Tochter Scarlett, die fröhlich in einem Laufstuhl schaukelt.
Dies ist die Geschichte eines Landstrichs, der reich ist an Legenden, aber arm an Begeisterung dafür. In Nottinghamshire, einer Grafschaft in Mittelengland, gibt es nicht nur zwei Robin Hoods, sondern auch einen echten Sheriff von Nottingham, das Nottingham Castle und den berühmtesten Wald der Welt. Müssten Touristiker solche Symbole – Unique Selling Point genannt – erfinden und sie in der Welt verbreiten, würde das Millionen kosten; diese Geschichten aber werden in Filmen und Büchern alle paar Jahre neu erzählt. In Nottinghamshire kann nichts schiefgehen im Tourismusmarketing, könnte man glauben. Ausser, dass sich Robin Hoods bekämpfen, Broschüren verbrannt werden und Kinder ihren Helden verspotten.
Robin und Robin kennen sich seit mehr als 25 Jahren, genauso lange sind sie Konkurrenten. Ade Andrews, der dunkelhaarige Robin, ist nach seinem Studium in London nach Nottingham gezogen, weil es hier stets genug Jobs gab für Männer mit langen Haaren, die den Schwertkampf beherrschten. Man brauchte Geächtete und Schergen, die auf der Bühne kämpften, während die Gäste Spanferkel assen; mittelalterliche Bankette mit Live-Theater waren in den 1990er Jahren Nottinghams erfolgreichste Touristenattraktion. Und während Ade namenlose Soldaten und Räuber mimte, spielte der rotblonde Tim Pollard überall den Robin Hood. Es gab Tage, an denen hatte er drei Auftritte in drei verschiedenen Shows.
Heute sind sie Geächtete ohne Heimat. «Tales of Robin Hood», Nottinghams letztes Mittelalterspektakel, ging 2009 pleite. Zum Schluss, sagt Ade, sei es die wahrscheinlich schlechteste Touristenattraktion der Welt gewesen. Ade scheut kein deutliches Wort. Der 45jährige hat sich lange vor dem Verschwinden der Bankette selbständig gemacht. Er hat für den Sherwood Forest Trust gearbeitet, historische Feste wieder zum Leben erweckt und einen Film über die Legende gedreht. Vor allem aber führt er als Robin Hood regelmässig Touristen durch die Strassen Nottinghams und durch den Sherwood Forest; auf Tripadvisor ist Ade seit zwei Jahren die beliebteste Sehenswürdigkeit der Stadt.
Ins Nottingham Castle aber darf der dunkelhaarige Robin nicht. Das Schloss ist Tim Pollard, dem rotblonden Robin, vorbehalten. Der 50jährige ist seit zehn Jahren offizieller Robin Hood der Stadt. Tim tritt an sämtlichen Paraden auf, schüttelt königlichen Besuchern die Hand und eröffnet das alljährliche Robin Hood Beer Festival. «Wir respektieren einander», sagt Tim über Ade. «Wir versuchen, uns nicht gegenseitig auf die Füsse zu treten», sagt Ade über Tim. Gemeinsam ein Bier trinken waren sie seit Ewigkeiten nicht.
Der Tourismus im Sherwood Forest begann vor 200 Jahren. Schriftsteller, allen voran Sir Walter Scott, hatten die Legende vom Rächer der Entrechteten neu belebt, nun wollten plötzlich Reisende den Wald des guten Räubers sehen und die Major Oak, die man zu seinem Hauptquartier erklärt hatte. «Obwohl», sagt Ade auf der Lichtung, «diese Eiche zu Robin Hoods Zeiten ja kaum mehr als ein mageres Bäumchen gewesen sein kann.» Ade hat englische Geschichte studiert, er erzählt sie im Zeitraffer am Schwinden des Waldes: Bis ins 11. Jahrhundert hatten die Einheimischen das Recht, hier zu jagen, Holz zu schlagen und Vieh zu weiden, nach der Invasion der Normannen aber wurde er zum «Royal Hunting Forest» erklärt; die 777 Quadratkilometer sollten einzig dem Vergnügen des Adels dienen. Auf das Fällen von Bäumen stand nun Kerker, erwischte man einen Wilderer, wurde er gehängt oder geblendet. Die neue normannische Oberschicht, «those bloody Normans», sagt Ade, hätten die Angelsachsen unterdrückt und entrechtet, «das war der Hintergrund, vor dem die Legende eines Rächers entstehen konnte».
Man brauchte Weideflächen für das Vieh, Holzkohle, um Waffen zu schmieden, Bauholz für Städte und Schiffe; für ein einziges Kriegsschiff mussten 1000 Eichen geschlagen werden. Ab dem 18. Jahrhundert wurde im Sherwood Forest dann Kohle abgebaut, während der Weltkriege versteckte das Militär im Wald seine Munitionslager, Churchill überwachte hier die geheime Operation Nellie, ein Riesenbulldozer, der Schützengräben plattwalzen sollte, und während der Operation Pluto pumpte man im Sherwood Forest aus 240 Bohrlöchern Erdöl, «eines der bestgehüteten Kriegsgeheimnisse Englands», sagt Ade. Nicht einmal ein Hundertstel des Waldes hat die Geschichte überstanden.
Heute misst der Sherwood Forest 4,23 Quadratkilometer, wer ihn umwandert, braucht zwei Stunden. Den meisten Touristen ist das zu weit. Sie spazieren bis zur Major Oak, ein Rundweg von einer Meile, der rollstuhlgängig ist, und machen einen Abstecher ins Besucherzentrum, eine Ansammlung von Betonhütten von 1976. In der einen gibt es Filzkappen zu kaufen, in einer anderen spaziert man an Lady Marian und Bruder Tuck vorbei, lebensgross aus Sperrholz ausgesägt. Je nachdem ob gerade ein Film in die Kinos gekommen ist oder eine Serie am Fernsehen läuft, besuchen jährlich zwischen einer Viertel- und einer ganzen Million Menschen den Sherwood Forest.
Leider lässt sich an ihnen so gut wie nichts verdienen. Der Eintritt in den Wald ist kostenlos, die Parkplätze werden höchstens am Wochenende bewirtschaftet, und in Edwinstowe, dem angrenzenden Dorf, tobt auch kein entfesselter Kapitalismus. Dort gibt es den «Robin Hood Fish & Chips», den «Robin Hood Tandoori» und den Geschenkladen «Robin’s Den Shop», der der gleichen Familie gehört wie der kleine «Sherwood Forest Fun Park», wo Westernpferde und Riesentassen melancholisch ihre Runden drehen.
Der Sherwood Forest könnte also nicht weiter entfernt sein von dem, wovon die Politiker Nottinghamshires seit Jahrzehnten träumen: einer «world class tourist attraction», einem Touristenmagneten in diesem wenig prosperierenden Landstrich. Man ist ein bisschen spät dran. Der Sherwood Forest steht seit 2002 unter Naturschutz, seit 2006 sollte das bescheidene Besucherzentrum samt Parkplätzen abgerissen sein. Die Regionalverwaltung von Nottinghamshire hat vor langer Zeit ein Feld gekauft, das ausserhalb des Waldes liegt; dort sollte die Weltklasseattraktion stehen. Doch zuerst war man sich lange uneinig, dann machte die Finanzkrise alle Pläne zunichte; Nottinghamshire hatte viel Geld in isländische Banken investiert.
Jetzt aber ist das Projekt bekannt, und es ist grandios: «Discover Robin Hood» wird ein Themenpark sein, samt mittelalterlicher Burg, Kerker, Turnierplätzen, einem Labyrinth aus sprechenden Bäumen und der Major Oak als Hologramm. Mehr als hundert Leute sollen Arbeit finden. Hinter der jungen Firma Discovery Attractions, die das Auswahlverfahren der Regionalverwaltung für sich entschieden hat, stehen Profis. Sie haben bei Merlin Entertainments gearbeitet, einem Unternehmen, das neben Legoland und Madame Tussauds noch 45 andere Vergnügungsparks betreibt. Und die 13 Millionen Pfund, die man bei Investoren aufgetrieben hat, sollen nur der Anfang sein. Nach dem Sherwood Forest will Discovery Attractions eine ganze Reihe geschichtsträchtiger Orte mit Themenparks beglücken, von König Artus’ Schloss Tintagel bis Stonehenge.
Robin und Robin fürchten keine Konkurrenz. Früher gab es noch mehr Outlaws, die sich in Nottinghamshire herumtrieben; sie sind längst verschwunden. Einzig am Robin Hood Festival, das im August im Sherwood Forest stattfindet, tritt nochmals ein anderer auf – weil der Pferde fürs Turnier besitzt. Ade hat die Leute von Discovery Attractions getroffen; man braucht jemanden, der Hintergrundwissen liefert und vielleicht all die Robins ausbildet, die den Themenpark bevölkern sollen, sieben Tage die Woche, im Schichtbetrieb. Doch Ade zweifelt. «Sie benutzten den Ausdruck ‹exploiting the legend›, die Legende ausschlachten», sagt er. Aber Robin Hood sei keine Comicfigur, die in einem Disneyland herumlungere, damit man Eintritt verlangen könne. «Die Legende steht für viel mehr: Sie handelt von Integrität, Gerechtigkeit und dem Prinzip Hoffnung.»
Tim wandert nur selten durch den Sherwood Forest. Sein Reich ist die Stadt Nottingham, dort aber sollte es auf keinen Fall mehr Robins geben, sagt er, «denn das verwirrt die Kleinen». Aus diesem Grund habe er auch das Amt des offiziellen Outlaws angenommen: damit die Kinder ihn wiedererkennen. Tim hätte auch eine Idee, wie man sich noch besser organisieren könnte. Als Vertreter Nottinghams reist er Jahr für Jahr zu den Rattenfänger-Freilichtspielen im deutschen Hameln; mit dem offiziellen Rattenfänger hat er die «Legion der Legenden» gegründet. Von Hameln könne man lernen, sagt Tim: «Dort gibt es auch mehrere Rattenfänger, aber der offizielle hat den Lead. Die andern müssen darauf achten, ihm nie über den Weg zu laufen.»
Wie bei jedem grandiosen Projekt gibt es auch beim neuen Themenpark Zweifler und Gegner. Der Sherwood Forest Trust, der selber ein Projekt für ein «ökologisch wertvolles» Besucherzentrum eingereicht und verloren hat, fürchtet, neben dem fragilen Ökosystem könnte ein Disneyland entstehen, mit Massen von Touristenbussen. Den einen oder anderen Einwohner von Edwinstowe reut es um seinen stillen Wald; doch in einer Zeit, in der das letzte Kohlebergwerk schliesst, wagt niemand, gegen neue Arbeitsplätze anzutreten.
Es sind auch schon grössere Karrieren am Sherwood Forest gescheitert. Als die britische Ministerin für Umwelt 2010 ankündigte, die Hälfte der staatlichen Wälder zu verkaufen, um mit den 250 Millionen Pfund das Budget aufzubessern, war der Aufruhr so gross, dass Premierminister Cameron die gewaltigste Kehrtwende seiner Regierungszeit vollziehen musste. Der Verkauf wurde abgesagt, die Ministerin entschuldigte sich, im Jahr darauf verlor sie ihren Posten. Allerdings war der Kampf von Gruppen wie «Save Sherwood Forest» ein medienwirksames Missverständnis: Dieser Sherwood Forest ist seit Jahrhunderten in Privatbesitz, und das ist sein Glück. Er steht unter Naturschutz, während Sherwood Pines, der dem Staat gehört, mit ausgeholzten Biketrails, Quad-Strecken, Paintballspielen und Open Airs zu Geld gemacht wird.
Aber das grösste Risiko sei Nottinghamshire selbst, sagt Bob White. Der Vorsitzende der «World Wide Robin Hood Society» kennt die Tourismusgeschichte der Legende wie kein anderer. Als Tourismusbeauftragter der Stadt habe er 25 Projekte in 25 Jahren scheitern sehen. Der 70jährige legt eine Broschüre auf den Tresen im Castle Pub in Nottingham, seinen druckfrischen «Robin Hood Brand Awareness Guide» mit einer Fülle von Vorschlägen, wie man die Marke besser nutzen könnte: Robin-Burger im Restaurant! Taler aus Schokolade, mit eingeprägtem Sheriffkopf! Nationale Bogenschiesswettbewerbe in Nottinghamshire! Bob mangelt es nicht an Ideen und noch weniger an Enthusiasmus. Doch er kämpft seit Jahrzehnten denselben Kampf: Die Medien in aller Welt stürzten sich auf jeden Schnipsel zu Robin Hood, die Stadt selber aber würde lieber für etwas anderes bekannt sein. «Besucher aus dem Ausland fragen mich immer als erstes, was es zu Robin Hood zu sehen gebe. Und ich muss sagen: nichts.»
Die einzige Sehenswürdigkeit, ein draller Robin Hood aus Bronze vor dem Nottingham Castle, hat ein Textilhändler gestiftet – er war es leid, seine Geschäftspartner zu enttäuschen. Und das Nottingham Castle «ist ja eigentlich die grösste Enttäuschung!» sagt Bob. Das Schloss ist das wohl einzige in ganz England, das kein bisschen aussieht wie ein Schloss. Das ursprüngliche Bauwerk war 1649 geschleift worden, und als der Duke von Newcastle es Ende des 17. Jahrhunderts wiederaufbaute, liess er sich von einer Mode leiten: Seither thront ein italienischer Palazzo hoch über Nottingham. «Und drinnen», sagt Bob bitter, «zeigt man Porzellansammlungen.»
Bob White hat alles versucht. Er schubste Ende der 1970er Jahre den Sheriff von Nottingham ins Licht der Öffentlichkeit; das Amt war seit Jahrhunderten besetzt, nur hatten die Sheriffs keine Funktion. Also schickte Bob den Sheriff an Veranstaltungen, ein paar Monate später beklagte sich der Oberbürgermeister, niemand beachte ihn mehr. In den 1980ern überwand sich die Stadt dann, eine Broschüre zur Legende herauszugeben, weil so viele Anfragen kamen. Man engagierte einen Historiker, der schrieb, dass Namen wie «Robbehod» ab 1228 in Gerichtsdokumenten auftauchten und die ersten Balladen Ende des 14. Jahrhunderts; die populären Figuren von Bruder Tuck und Lady Marian aber seien erst später hinzugedichtet worden.
Die Fakten waren in der akademischen Welt längst bekannt, aber die ausländischen Medien machten eine Sensation daraus. «Innert einer Woche hatten wir hier Fernsehteams aus den USA, Kanada, Frankreich, Deutschland, Irland und Australien», sagt Bob, «Zeitungen und Radiostationen riefen an, und alle berichteten, Nottingham verleugne seine Helden.» Kurzerhand stellte Bob den Sheriff von Nottingham vor die Kameras, auf dass er die Authentizität seines Todfeinds verteidige. Man fertigte Sticker, die über die beleidigenden Absätze geklebt wurden, «diese historische Meinung wurde offiziell vom Sheriff of Nottingham geächtet», stand darauf.
Aber das reichte nicht: Ein Parlamentsabgeordneter aus Sherwood forderte, die Broschüre müsse öffentlich verbrannt werden, um die ewige Reue der Stadtverwaltung zu beweisen. «Das haben wir dann gemacht», sagt Bob, «immerhin in einer Verbrennungsanlage.» Ende der 90er Jahre lehnte man eine Schenkung von Requisiten aus der Kevin-Costner-Verfilmung ab, 2003 empfahl eine hochbezahlte Beraterfirma, Nottingham als Shoppingdestination zu positionieren, 2004 kam dann das schräge N.
«Der Tiefpunkt», sagt Tim Pollard. Wie jedes Jahr reiste er 2004 als offizieller Robin Hood zu den Rattenfängerspielen, wie jedes Jahr fragte er auf der Stadtverwaltung nach Souvenirs, die er den Kindern von Hameln mitbringen könnte, Bärchen mit Kappen oder Kleber mit Räubern. Man drückte ihm einen Sack voll Pins in die Hand, mit dem brandneuen Logo der Stadt. Bisher war das ein Mann mit Pfeil und Bogen gewesen, diesmal hatte die Stadt mit der einmaligen Legende etwas Neues, Revolutionäres gewählt: ein schwarzes, schrägstehendes N. Damit reiste Robin zum Treffen der Legenden. Die deutschen Kinder waren zuerst enttäuscht, dann lachten sie ihn aus, steckten den Pin absichtlich falsch an und fragten in ihrem Schulenglisch: «Are you Robin of Zottingham?» Tim klingt noch immer traumatisiert.
Bob sagt noch, er glaube erst an den Themenpark, wenn er ihn sehe – und dann geht plötzlich alles schnell. Die Regionalverwaltung von Nottinghamshire verschickt eine Pressemitteilung: Obwohl der Termin mehrmals verlängert worden sei, habe Discovery Attractions keinen Nachweis über die 13 Millionen Pfund erbringen können, die zur Finanzierung von «Discover Robin Hood» versprochen worden seien, man werde einen neuen Partner suchen, man sei sicher, eine gute Lösung für das bereits gekaufte Grundstück usw. usw. Der Sprecher von Discovery Attraction lässt verlauten, die Investoren seien da, man sei enttäuscht, werde das Projekt aber weiterverfolgen, den Themenpark auf einem anderen Stück Land usw. usw. Eigentlich, sagte der Sprecher noch, sei die Entwicklung ein Vorteil: Nun müsse man keinen kostenlosen Zutritt zu einem Besucherzentrum einrechnen, «wir können überall Eintritt verlangen!».
Es hat zu regnen begonnen im Sherwood Forest, und Ade Andrews erzählt seine letzte Geschichte. Früher, sagt er, habe es viel mehr Robin Hoods gegeben in und um Nottingham. Eines Tages hätte eine dieser Truppen, «bloody idiots», vor 70 französischen Kindern auftreten sollen; stattdessen seien sie mit der Gage abgehauen. Das sei das Schlimmste, was man der Legende antun könne, sagt Ade: Der Mann, der von den Reichen stiehlt und den Armen gibt, ist plötzlich ein Betrüger. Ade ist damals eingesprungen und hat das Ansehen des edlen Räubers und die Illusion der französischen Kinder gerettet. Man könnte sagen, dass er sich die Figur des Robin Hood nicht ausgesucht habe. Vielleicht hat sie ihn gefunden.
Tim Pollard blickt von der Schlossterrasse über seine Stadt und sagt, ursprünglich sei Robin Hood ja ein ziemlich aggressiver Kerl gewesen. «Aber Kämpfen ist etwas für junge Menschen. Vielleicht bin ich ein gereifter Geächteter.» Sein Robin ist ein Familienunternehmen geworden, Lady Marian, mit der er oft auftritt, ist seine Lebensgefährtin und die Mutter seiner Tochter. Die Nachricht, dass Robin und Marian Eltern werden, «war auf der BBC-Website der meistgeklickte Beitrag des Tages», sagt Tim. Dann erzählt er, dass Nottingham gerade 13 Millionen Pfund aus dem Lotteriefonds zugesprochen bekommen habe, um das Nottingham Castle umzubauen; viel mehr Revolution und etwas mehr Robin sollen dereinst darin zu sehen sein. Für die Bewerbung hatte man sich einen Mediencoup einfallen lassen. In einer öffentlichen Zeremonie begnadigte der aktuelle Sheriff den offiziellen Robin Hood und überreichte ihm feierlich einen Stab. Der berühmteste Outlaw der Welt ist seither Hilfssheriff von Nottingham.