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Ein Widerspruch, der mir gefällt. «Freiheit» klingt, als ob man selbst bestimmen könne, «Einsicht in die Notwendigkeit» hingegen, als ob jemand von aussen käme, der sagt: «Schau her, das ist notwendig, das musst du tun.» Wenn man jedoch die Notwendigkeit selbst erkennt und lernt, was im Rahmen der eigenen Möglichkeiten liegt, dann lässt sich der Widerspruch auflösen.
Aus Sicht der Ökonomie besteht die Welt aus sogenannten trade-offs, das sind Kosten-Nutzen-Abwägungen. Es gibt keinen free lunch, wie wir auch sagen. Oder auch: von nichts kommt nichts. Die Ökonomie geht von begrenzten Ressourcen aus, die durch verschiedene Mechanismen auf die Leute aufgeteilt werden. Man könnte sich einerseits einen Computer vorstellen, der festlegt, was jeder bekommen soll. So funktioniert der Sozialismus; und daran scheitert er auch. Ein anderer Mechanismus ist das marktwirtschaftliche oder freiheitliche System. Es gibt den Leuten die Möglichkeit, sich frei für das zu entscheiden, was für sie das Beste ist. Beide Mechanismen können zum selben Ergebnis führen. Psychologisch gesehen bedeutet es jedoch einen grossen Unterschied: mit dem, was die Leute selbst gewählt haben, sind sie viel zufriedener als mit dem, was ihnen vorgeschrieben wird. Nur in einer freiheitlich und marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft kann von Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit gesprochen werden.
Wenn allerdings diese Einsicht fehlt, dann gibt es eine Lücke zwischen dem, was man möchte, und dem, was man kann. In dieser Situation kann man nach dem Staat rufen, sich bescheiden, oder sich weiter anstrengen. Das Schlimme am Sozialsystem ist, dass es manchmal einfacher ist, sich dort um Zuwendungen zu bemühen, als sich auf dem Arbeitsmarkt anzustrengen. Das ist dann Einsicht in die Vorteilhaftigkeit. In Deutschland, wo ich herkomme, gibt es etwa Sozialhilfeempfänger der zweiten oder dritten Generation, die kommen aus dem Milieu nicht mehr raus, weil sie ausschliesslich gelernt haben, sich darin frei zu bewegen, nicht jedoch in anderen Situationen.
Neben dieser Einsicht in die wirtschaftliche Notwendigkeit, gibt es noch die Einsicht in die persönliche Notwendigkeit, etwa bei der Wahl des Lebenspartners. Wie schwierig war es etwa für mich als Jugendlichen, meinen Marktwert zu begreifen. In dem Alter fühlt man sich oft unfrei, weil man grad die Mädchen gern zur Freundin hätte, die man nicht bekommt. Nach einer Weile lernt man, welche Mädchen erreichbar sind. Man begreift, was für einen möglich ist. Und dadurch wird man frei.
Gleiches gilt für die Berufswahl. Auch da muss man darauf achten, dass man das macht, wozu man talentiert ist. Dass ich also genausowenig jeden beliebigen Beruf ergreifen kann, wie ich jedes beliebige Mädchen zur Freundin bekomme. Man ist frei, wenn man das macht, was man kann, wenn man also die Notwendigkeiten einsieht, die durch die eigenen Möglichkeiten bestimmt werden.
Es gibt Ausnahmen vom ökonomischen Denken, die möchte ich jetzt nicht vergessen zu erwähnen: manchmal kann man sich auch etwas schenken, Liebe zum Beispiel. Die wird ja nicht dadurch weniger, dass man sie teilt. Die Liebe unterläuft das trade-off-Denken.
Doch zurück zu den Ökonomen. Sie denken irdisch, und das Irdische ist immer endlich, bietet immer nur endliche Auswahlmöglichkeiten. Und da es immer andere gibt, die dasselbe haben wollen, entstehen Verteilungsprobleme. Du musst je nach deinen wirtschaftlichen und persönlichen Möglichkeiten etwas auswählen. Du hast zwar keine unendliche Auswahl, aber dafür ist die durch die trade-off -Kurven bestimmte Notwendigkeit vielfältig. Siehst du das ein, dann bist du frei.
* Im «Anti-Dühring» kommentiert Engels die Ausführungen Hegels zum Zusammenhang von Freiheit und Notwendigkeit in der «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften».
Thorsten Hens, geboren 1961, ist Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Zürich.
aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger