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Mit Leichtigkeit hievt Jeremy Toa den überdimensionierten Boxsack aus dem Kabäuschen am Rand des Sportplatzes und nimmt ein viereckiges Ding aus Leder hervor. «Mit diesem Bag übt man das Festhalten des Gegners und mit dem Tackle Shield die Abwehr, wenn ein Gegner angreift», sagt der 19-Jährige mit den bärenstarken Oberarmen. Er lässt sich mit einer Schulter gegen das Shield prallen. Seine Augen strahlen.
Jeremy liebt Rugby. Er war fünf Jahre alt, als ihn sein Vater erstmals an ein Training mitnahm. Bereits als Sechsjähriger trat er den Junioren in Würenlos bei. Und im Juli 2016 wechselte er nach Frankreich zum Verein US Oyonnax in die oberste Rugby-Liga des Landes, die aus reinen Profimannschaften besteht. Rugby hat in Frankreich einen ungleich höheren Stellenwert als in der Schweiz. Die Spiele werden regelmässig am Fernsehen übertragen und haben eine grosse Fangemeinde. Frankreich gehört mit England, Irland, Wales, Schottland und Italien zu den besten Rugby-Nationen Europas.
Jeremy wird sich aber erst in der U-22-Mannschaft des Klubs beweisen müssen, bevor er zu den «Men» in die Top-Mannschaft vorstossen kann. «Ich will so schnell wie möglich als Vollprofi spielen», sagt der Aargauer mit dem mokkabraunen Teint, den hohen Wangenknochen und den dunklen Mandelaugen.
Sein Vater Latai Toa (56) stammt aus dem Südseestaat Samoa, wo Rugby ein weitverbreiteter Volkssport ist. «Er hat mich von klein auf an die Matches mitgenommen und mir Filme von legendären Spielen gezeigt – da habe ich mich in diesen Sport verliebt», erzählt er.
Trotz seiner Leidenschaft musste Jeremy als Elfjähriger seinen Lieblingssport wegen einer Zahnspange für eine Weile unterbrechen. «Man kann den Zahnschutz dann nicht gut in den Mund stecken. Und auch sonst ist das Training mit Spange nicht angenehm.» Mit 14 wurde er seine Spange wieder los und stieg bald wieder im Team Würenlos ein. Mit sechzehn spielte er seine erste EM, danach in der U-18, in der U-20 und im ersten Nationalteam der Schweiz. Vor zwei Jahren gründete er mit einem Kollegen eine eigene Mannschaft, die «Hausen Baboons».
Anfangs Jahr konnte das Jungtalent Probetrainings in drei Clubs der französischen Profiliga absolvieren und war so gut, dass ihn gleich alle – Lyon, Grenoble und Oyonnax – genommen hätten. Er entschied sich für den US Oyonnax. Im Juli fing die Vorsaison mit dem «Killertraining» an, wie Jeremy es nennt: täglich fünf Stunden Kraft, Kondition, Technik und Mannschaftstraining. Dazu der Französischunterricht mehrmals die Woche. Jeremy hat es nötig, denn in der siebten Klasse hat er mit Französisch aufgehört. «Ich dachte, ich brauche es eh nie», sagt er lachend.
Später will der gläubige Christ Bedürftigen helfen
Sein Englisch war schon immer viel besser, denn so kommuniziert er mit seinem Vater. Latai Toa ist als Missionar die Hälfte des Jahres irgendwo auf der Welt unterwegs.
So haben sich auch seine Eltern kennengelernt: vor fast dreissig Jahren auf einer Missionsstation in Samoa, wo auch Mami Erika Hunziker (59) arbeitete. Jeremys zwei Geschwister kamen auf der Pazifikinsel zur Welt. Sein Bruder war von Geburt an schwerbehindert, so zog die Familie nach Hausen AG, in das Heimatdorf der Mutter, wo Jeremy geboren und aufgewachsen ist.
Auch in seinem Leben spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Er hilft ihm in Momenten, wenn er körperlich an seine Grenzen kommt oder während des Spiels müde ist. Sein Talisman ist eine Bibelstelle, die er sich tief eingeprägt hat und sich vor jedem Match auf den Arm schreibt. «I can do all things through Christ who strengthens me (Ich vermag alles durch Christus, der mich mächtig macht)», zitiert der Aargauer den Philipper 4:13 auf Englisch.
«Das hilft mir, wenn ich nicht mag. Dann geh ich doppelt so heftig ran.» Er schreibt sich auch vor jedem Spiel die Initialen seines Bruders aufs Handgelenk. Dieser ist vor sieben Jahren gestorben. «Denke ich an ihn, gehe ich dreimal so heftig rein.»
Irgendwann möchte er es als Profi auch ins Heimatland des Rugby schaffen, nach England. Ob das klappt? «Ich gebe mein Bestes, und Gott wird es richten», sagt er. «Jeder hat seine Bestimmung.» Doch es gibt auch ein Ziel abseits des Rugby: Er will dereinst Bedürftigen helfen. Das war einer der Gründe, warum er als Beruf Maurer lernte: «Ich kann so helfen, für arme Menschen Häuser zu bauen.»
Ende August wird er 20. Eine grosse Fete wird es nicht geben, höchstens einen Kuchen. Auch eine Freundin gibt es nicht und nur selten mal ein Bier – bei einer Feier Ende Saison. «Alles hat seine Zeit. Ich muss mich jetzt aufs Rugby konzentrieren», sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Für ihn fühlt sich das Spiel einfach gut an. «Dieses einmalige Gefühl, mit dem Ball ins Feld zu rennen, ist bis heute dasselbe geblieben», sagt er. «Es ist reine Freude.»
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: René Rhis