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1 Trotz Museumsgesellschaft nicht immer moralisch vollkommen
Zu ihrem 175. Geburtstag hat die Zürcher Museumsgesellschaft sich und ihren Freunden ein schönes und würdiges Geschenk gemacht. Unter dem Titel «Silentium!» hat der Bibliotheksleiter Thomas Ehrsam ein Buch verfasst, das nicht nur die Geschichte dieser Institution anschaulich und prägnant darstellt, sondern auch über die Benutzer von Lesesaal und Bibliothek Interessantes und Amüsantes zu berichten weiss. Seit zehn Jahren wird das kulturelle Angebot der Museumsgesellschaft ergänzt und erweitert durch die Veranstaltungen des Literaturhauses Zürich; über dessen Geschichte und Bedeutung orientieren die Beiträge von Richard Reich und Beatrice Stoll.
Die Museumsgesellschaft, seit 1868 an zentraler Lage in einem stattlichen Gebäude am Limmatquai, dem Rathaus gegenüber untergebracht, ist die Verwirklichung einer Idee, die auf die Aufklärung zurückgeht. Es war das aufstrebende städtische Bürgertum des 18. Jahrhunderts, das in der durch Lektüre vermittelten Bildung nicht nur eine Möglichkeit zur Mehrung des Wissens, sondern auch zur moralischen Vervollkommnung des Menschengeschlechts erblickte. In diesem Sinne sollte sich, wie Thomas Ehrsam zeigt, die Museumsgesellschaft mit Leihbibliothek und Lesesaal in den Dienst der Öffentlichkeit stellen. Im wissbegierigen 19. Jahrhundert entwickelte sich die Museumsgesellschaft erfreulich, die Mitgliederzahl wuchs, und es konnten immer mehr Bücher angeschafft und Zeitungen aufgelegt werden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekam die Museumsgesellschaft jedoch die Konkurrenz der Zentralbibliothek zu spüren; auch drohte sie, da es an der Bereitschaft zur Modernisierung fehlte, zu einem in der Tat etwas «musealen» Ort zu werden. Ein erneuter Aufschwung setzte mit der Gründung des Literaturhauses vor zehn Jahren ein.
Interessant und unterhaltsam sind Thomas Ehrsams Ausführungen über die Mitglieder und Gäste der Museumsgesellschaft, ihre Altersstruktur, beruflichen Tätigkeiten und ihre Herkunft. Auffallend hoch ist die Zahl der Emigranten, die im Lesesaal eine vorübergehende Heimstätte fanden. Die alphabetische Liste illustrer Namen reicht von Georg Büchner über Lenin und Trotzki zu Stefan Zweig. Und kulturgeschichtlich aufschlussreich ist ein Blick in das «Desiderienbuch», in dem die Mitglieder der Museumsgesellschaft, ehemals wie heute, ihre Anschaffungswünsche notierten und ihre Ansichten über die sittliche oder politische Opportunität einer Anschaffung festhielten.
Hat die Zürcher Museumsgesellschaft ihren Auftrag zur moralischen Vervollkommnung des Menschen erfüllt? Wohl nicht ganz; denn noch immer verschwinden, obwohl im Vorraum des Lesesaals ein moderner Kopierapparat bereitsteht, Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften in den Mappen intellektueller Langfinger. Was anderseits wieder beweist, dass das reichhaltige Angebot der Zürcher Museumsgesellschaft an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften seine Attraktivität nicht eingebüsst hat.
vorgestellt von Urs Bitterli, Gränichen
Thomas Ehrsam: «Silentium! Lesen und literarisches Leben in Zürich». Limmat: Zürich, 2009
2 Briefe zwischen gelehrten Brüdern des 18. Jahrhunderts …
Das «reizlose Zurzach» verliess er schleunigst, und in Germersheim musste er «auf Stroh übernachten», was ihm durchaus nicht behagte – die erste grosse der zahlreichen Reisen des späteren Staatsmannes, Historikers, Publizisten und Kosmopoliten Johannes von Müller (1752–1809) begann 1769 eher unspektakulär und (ebenso zeittypisch wie zeitalterunabhängig) begleitet von väterlichen Mahnungen, unterwegs vorsichtig und sparsam zu sein.
Mit seiner respektgebietenden Edition von weit über sechshundert Briefen aus dem engsten familiären Umfeld Müllers ermöglicht der Herausgeber André Weibel eine Vielzahl derartiger Einblicke in das Werden eines bedeutenden Schweizer Intellektuellen und damit zugleich in dessen Epoche. Die wissenschaftliche Briefausgabe ist dabei zweifellos auch für eher allgemein kulturgeschichtlich interessierte Leser hochattraktiv. Die Fülle der darin enthaltenen lebensweltlichen Details fordert zum lustvollen Schmökern geradezu heraus: was, womit und für wieviel der Göttinger Theologiestudent ass, wird in den Briefen nämlich ebenso erörtert wie die gegen «Zahnwehe» zu ergreifenden Massnahmen oder welche Vorbehalte er gegenüber der Heirat des Bruders Johann Georg (1759–1819) hegt.
Es versteht sich jedoch fast von selbst, dass zumeist Müllers weitgespannte historiographische Studien im Zentrum des Interesses stehen. Demgemäss lesen sich seine Briefe streckenweise wie ein Rechenschaftsbericht seiner geistigen Präferenzen und gelehrten Kontakte. Seine stetig wachsende, mit der Distanznahme zur Theologie einhergehende Affinität zur Universalgeschichte und zum schweizerischen Mittelalter ist so von Anbeginn präsent und als work in progress ebenso wie als beharrlich verfolgtes Lebensprojekt über lange Jahre hinweg erkennbar.
Mit dieser angemessen illustrierten und Bekanntes vervollständigenden Sammlung liegt ein weiterer gewichtiger Part der eindrucksvollen Reihe gedruckter und damit erschlossener Korrespondenzen prominenter schweizerischer Gelehrter des 18. Jahrhunderts vor. Sie ergänzt die vorhandenen Arbeiten zu den Kontakt- und Korrespondenznetzen Albrecht von Hallers (1708–1777) und insbesondere natürlich diejenigen zu Müllers Freund und Mentor Karl Viktor von Bonstetten (1745–1832) auf überaus nützliche, weil zum vergleichenden Forschen anregende Weise. Die Beschaffenheit des europäischen Geisteshorizontes, den diese Gelehrten so selbstverständlich für sich beanspruchten, aber auch die hier direkt zugehörige Brief-, Frömmigkeits-, Gefühls- und Freundschaftskultur reizt nach wie vor zur intensiven Erkundung, und dies weit über rein mentalitäts- und sozialgeschichtliche Interessenlagen hinaus. Für den Herbst 2010 ist (nun endlich) der gleichfalls dreibändige «Kommentar zum Briefwechsel» angekündigt. Man darf darauf gespannt sein!
vorgestellt von Anett Lütteken, Bern
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
Johannes von Müller & Johann Georg Müller: «Briefwechsel und Familienbriefe. 1766–1789». 3 Bände, hrsg. von André Weibel. Göttingen: Wallstein, 2009
3 … auch Liebende des frühen 20. Jahrhunderts schreiben sich noch
Was soll einer denken über diesen Briefwechsel? Nicht zu viel, wäre ein guter Ratschlag. Es führt zu nichts, wie meistens, wenn man versucht zu verstehen, was sich zwischen zwei Menschen zuträgt …
«Werfen Sie Ihre Bücher & alles, was um Sie her liegt über den Haufen & kommen Sie!! Es wird nämlich entsetzlich schön werden!» Schon einer der ersten Briefe, die Bettina Zweifel (1896–1969), die junge Geigerin von Zürich, nach Schwyz schickt, an die Adresse Meinrad Inglins, seines Zeichens Schriftsteller, zeigt, wo sie die Schwerpunkte setzt: sie will Nähe. Sie will ihn bei sich haben. Und ohne seine Bücher, die sie von allem Anfang an als das Hindernis erkennt, das zwischen ihnen steht – und zwanzig Jahre lang stehen bleiben wird. Auch neun Jahre später, am 25. Juni 1931, schreibt sie: «Du siehst nur Deine Arbeit & mir ist, Deine Bücher werden auf Kosten meines Herzwehs geschrieben.» Meinrad Inglin (1893– 1971), der das Gymnasium abgebrochen hatte, die Lehre als Uhrmacher, die Ausbildung zum Hotelier und ein Studium – Meinrad Inglin will schreiben, nichts als schreiben. Und die Liebe zu Bettina, die in der ersten Zeit liebevoll und leicht zwischen Schwyz und Zürich brieflich hin- und herversichert wird, knüpft er in der Folge mehr und mehr an Bedingungen – seine Bedingungen: die für sein Schreiben notwendige Distanz, keine Heirat (aus finanziellen Gründen) und – zum überaus grossem Schmerz und Leid für Bettina – kein Kind. Die junge, mädchenhafte und naturverbundene Geigerin wünscht sich nichts sehnlicher. «Ich bin jetzt halt einmal so!», gibt er zur Antwort, wenn sie mit ihren Gefühlen gegen seinen Verstand ankämpft. Trotzdem widerspricht sie tapfer noch und noch seinen Überzeugungen. «So? Das finde ich nicht», kontert sie dezidiert, als er meint: «Nachgeben ist das Schicksal der Frau.» Auch versucht sie ihn mehrmals und recht anschaulich auf den Unterschied zwischen Eros und Sinnlichkeit hinzuweisen und beklagt seine «Hitze». Die vielen Ungereimtheiten und Hindernisse gipfeln schliesslich in einem Brief Inglins vom Juli 1924 mit dem Satz: «Ich gebe Dich frei.»
Meinrad Inglin hat seine Briefe später zum grossen Teil vernichtet. Immerhin ist ein Gesamtkonvolut vorhanden, das 1’153 Schreiben zählt: 109 Briefe von Meinrad und 1’044 von Bettina Inglin-Zweifel. 263 Briefe sind nun zur Veröffentlichung freigegeben. Und wie immer, wenn im Persönlich-Allzupersönlichen herumgewühlt werden darf, bleibt ein Missbehagen zurück. Und wenn man Bettina Zweifels Antwortbrief auf Meinrad Inglins «Rückzug» liest – kein Brief, sondern eine Kapitulation, voll des Selbstvorwurfs und mit dem Eingeständnis der «Sünde an der Liebe», dann melden sich zum Missbehagen dazu noch andere Gefühle…
Nach 20jähriger Bekanntschaft – Meinrad Inglin hatte eben sein Opus magnum, den «Schweizerspiegel», veröffentlicht – haben die beiden 1939 geheiratet. Bettina Inglin zog nach Schwyz, unterrichtete aber weiterhin in Zürich. Im letzten im Buch enthaltenen Brief schreibt sie am 2. Januar 1945: «Hat je eine Frau ihren Mann so liebgehabt, wie ich Dich?» Was soll einer denken? Nicht zu viel, wäre ein guter Ratschlag …
vorgestellt von Silvia Hess, Ennetbaden
Marzena Gorecka (Hrsg.): «Alles in mir heisst: Du!». Zürich: Ammann, 2009
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
4 mich denkt strengen an
Eingangs entführt ein Seemannslied in andere Welten, erweist sich dann aber doch als binnenlandverortet: «nicht schifferfahren sind wir, das nicht aber / postautofahren ähnelt seegang.» Wohl wahr, und Lyrik kann sowohl ein Pony (hü-Pony-hü), als auch ein Rennpferd (hopp-hopp-Galopp) sein.
Im Februar 2010 erscheint im Bilgerverlag der neue Roman von Christoph Simon: «Spaziergänger Zbinden». Als Romanautor kennt man den in Bern lebenden Autor seit seinem erfolgreichen Debüt (2001): «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen». Es folgten Auszeichnungen, zufliegende Herzen und die Romane: «Lluna Lena» (2003; ohne Dachs) und «Planet Obrist» (2005; mit Dachs). Abgesehen vom Romancier Christoph Simon gibt es aber auch den Kinderbuchautor – «Häsin Mels und Hase Fritz und der Teichgruselgolz» (2008) – und den Lyriker Christoph Simon zu entdecken.
«ein pony in nachbars park, ein rennpferd in meinem» ist in der österreichischen Edition BAES erschienen, einem Kleinverlag, der in Zirl in Tirol beheimatet ist. Den Umschlag zieren zwei vom Autor illustrierte Klappsessel (patent) und ein Federball (leicht), im Inneren dann 46 gut geschliffene Gedichte. Es gibt keine Gliederung; die Texte lassen sich dafür in fünf grosse Themenbereiche einteilen: Lieder (Seemanns-, Wander-, Kinder-, Klage-, Weichnachts-, Jäger-, Punkrock-, Liebeslied, Folksong und Requiem), Lebensläufe (I–IV), Sternstunden der Berner Geschichte (I–VI), 6 Gedichte in memoriam Carlo E. Lischetti und daneben noch Abgründiges über die Menschen, die Männer und das lyrische Ich.
Entschlossenen Männern begegnen wir, die mutierte Küken im Container durch Zerstampfen erlösen. Aber auch listigen Männern, die wissen, wie man sich’s im Beziehungsleben einrichtet: «anfangs bat ihn seine gefährtin, ihr gelegentlich beim / geschirrspülen zu helfen. da konnte er nicht nein sagen, aber / er liess einen teller fallen oder zwei, das half.» Ja, «gute männergeschichten wärmen das herz». Frauen teilt das lyrische Ich in folgende Kategorien ein: «neben gütigen frauen gibt es noch zwei sorten: / baumfrauen, vor denen man auf einen baum klettert, / steinfrauen, nach denen man vom baum hinunter steine wirft.» Ausserdem geht es über den Zusammenhang von Erfolg und Manieren, Hilfe zur Selbsthilfe für das Konto im Minus und immer wieder auch um das Bett und den Schlaf: «der schlaf ist ein / vom tourismus noch kaum berührter ort.»
Ein Schelm die Romanfigur Franz Obrist, ein Schelm auch dieses lyrische Ich. Ironie und Lakonie in bestechender, nicht aufdringlicher Form. Augenzwinkernd authentisch wird hier in den Lebensläufen über das Werden und Sein eines Autors berichtet: «die familie war nicht erbaut von seinem berufswunsch.» Aber er liess sich nicht beirren; denn «nur selten hat er im untergeschoss seines gemüts zu tun». Wichtig in diesem Geschäft ist Durchhaltevermögen, Pragmatik und eine gute Portion Selbstironie: «zur ersten lesung in der / landeshauptstadt innsbruck bringt der veranstalter eine / eisenbahnschwelle mit, legt sie über zwei kisten bier / und schafft so sitzgelegenheiten für die fünf zuhörer.» Alles kein Grund zum Verzweifeln denn – und so lautet der Titel des letzten Gedichts: «DIE WUNDER SIND MEISTENS SO, DASS MAN SIE ÜBERSIEHT».
Auf dass dieser wunderliche Gedichtband keine Erscheinung bleibe, sondern greifbar und lesbar werde, geht’s noch einmal ins Bett: «wer mich wirklich gern hat, / legt mich hin.» Möge diese Botschaft die Buchhändler erreichen und in ihrer Verkaufstischgestaltung beeinflussen.
vorgestellt von Markus Köhle, Wien
Christoph Simon: «ein pony in nachbars park, ein rennpferd in meinem». Zirl: Edition BAES, 2009
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
5 Après vous, chère langue!
«Gegengabe» – dieses Wort aus der Feder eines Dichters lässt aufhorchen. Zu nahe sind «gegen» und «geben» von ihrer Wortgestalt her. Hofft, wer gibt, auf eine Gegengabe, oder vermag die Gabe eine grosszügigere Vorstellung von Ökonomie zu eröffnen, in der derjenige, der gibt, beschenkt wird, ohne auf Gegengaben gehofft zu haben? Dann wäre die Hoffnung auf Entgelt nicht zwingend gegeben. Erst im Abbruch der Vorstellung einer geregelten Ökonomie von Gabe und Gegengabe ginge jene Hoffnung auf, die bekanntlich Pandora, die ihrem Namen gemäss «alles gibt», in ihrer Büchse zurückbehielt. Aus dem Verb «geben» sind die beiden Substantive «Gabe» und «Gift» hervorgegangen. Die Gabe kann ein Gift sein, denkt der Schenkende beim Geben schon oder nur an die Gegengabe. Wer gibt, muss warten können, ohne auf Gegengaben zu hoffen. Dasselbe gilt für den Beschenkten.
Von diesem Warten handelt das neueste Buch von Felix Philipp Ingold, in dem sich sehr verschiedene Textsorten befinden, «zusammengetragen aus kritischen, poetischen und privaten Feldern». Beim Durchstreifen dieser Felder wird der Leser reichlich beschenkt. Von ganz verschiedenen Seiten her kommend, umkreist der Autor unermüdlich die Sprache als Gabe, die keine von sich aus erkennbare Gegengabe enthält. Sprache ist für Ingold nicht blosse Mitteilung, in der ein schon gegebener Gegenstand – eine Idee, ein Gedanke – in Sprache gekleidet und mit andern Menschen geteilt wird. Was im Reden miteinander geteilt wird, ist nicht sogleich als Gabe erkennbar. Bevor eine Meinung (mit)geteilt wird, erscheinen die Wörter in ihrer eigenen klanglich-rhythmischen Gestalt. Ein wartendes Lesen, Schreiben und Reden, aber auch Hören, gibt der sinnlichen Wortgestalt einen Spielraum, in dem die Wörter nach ihrem eigenen Echo rufen und dieses auch auszulösen vermögen. Die Idee – die erkennbare Gabe – stellt sich zuletzt ein, und das Verstandene wird erst im Akt des Verstehens hervorgebracht.
In Form von Gedichten, Übersetzungen, Tagebucheinträgen, poetologischen Reflexionen, Anekdoten, zeitkritischen Bemerkungen und literaturwissenschaftlichen Analysen weist Ingold immer wieder auf das «beglückende Wort ohne Sinn» hin, das Lücken offen hält in den immer enger werdenden Maschen der Kommunika-tionsgesellschaft. Jedoch ist Poesie für Ingold kein Mittel im Kampf gegen Verrohung, Indifferenz und zunehmende Gewalt. Als Gegengabe, die das «gegen» im Geben auflöst, kann es nicht ihre Absicht sein, gegen drohenden Sprachzerfall anzukämpfen.
Es stellt sich jedoch die Frage nach demjenigen, der gibt, nach dem Autor, der nicht etwas Bestimmtes durch seine Texte aussagen will, sondern der sich eher in einer Art von Suchbewegung der Sprache ausliefert und dabei dazusieht, dass diese nicht ins Endlose ausufert. Damit sind auch die Fragen nach dem Ende der Texte und dem Tod des Autors gestellt, die Ingold anhand vieler Dichterbeispiele aufwirft und diskutiert. «Wie altern, wie scheitern, wie enden?» Diese Fragen verleihen dem Buch eine existentielle Dimension, die die sprachkritischen und poetologischen Betrachtungen immer wieder zurückführt auf die Frage des Gebens ohne gesicherte Gegengabe, und diejenige der Hoffnung, die nie gegeben sein kann.
vorgestellt von Marco Baschera, Zürich
Felix Philipp Ingold: «Gegengabe». Basel/Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009
6 Und weg war er
«Der Mann schläft» – das wäre eine Utopie, wäre nicht schon dieses Wort zu gross für das Gemeinte. Dass es einen gab, der ruhig atmete, der einfach da war und Gelassenheit vermittelte, das war das Glück der Erzählerin in Sibylle Bergs neuem Roman. Man könnte es Liebe nennen, stünde nicht dieses Wort für eine Leidenschaft, an die in diesem Buch nicht mehr geglaubt wird – für grosse Gefühle, fürs Sich-die-Kleider-vom-Leibe-Reissen, für Gestammel und unerfüllbare Hoffnungen. Der schlafende Mann dagegen war auch im Wachen ein Mann, mit dem die Frau nicht das Tiefste aussprechen musste, um sich dann doch bei der gewohnten Floskel, beim Flachsten zu ertappen. Er verstand, ohne gross Worte zu machen oder welche zu verlangen. Dass er da war, weckte nur die eine Angst: dass er eines Tages weg sein könnte.
Und eines Tages ist er weg. Während eines Urlaubs auf einer südchinesischen Insel will er nur auf zwei, drei Stunden mit der Fähre in die Grossstadt Hongkong übersetzen und kehrt nicht zurück. Die verlassene Frau erzählt nun auf zwei Zeitebenen. «Damals» schildert die Vorgeschichte, von der Desillusionierung, für jüngere Männer nur noch als kurzfristige Bettgefährtin und bald auch als das nicht mehr zu taugen, über Isolation und das erste Kennenlernen des Mannes bis hin zu jenem fast paradiesischen Verständnis; bis hin aber auch zur neuerlichen Einsamkeit und zur verzweifelten Suche in der Metropole.
«Heute» dagegen beginnt im Stadium der Resignation – mit dem Versuch, durch einen stets wiederholten Tagesablauf auf der Insel den Verlust zu ertragen – und führt zur katastrophalen Integration in eine chinesische Katastrophen-Familie, bis am Ende eine überraschende Wendung die Ungewissheiten vervielfältigt.
Das ist ungefähr die ganze Handlung für dreihundert Seiten, ein paar Kleinigkeiten beiseitegelassen. Verglichen mit den vorangehenden Büchern Bergs – der nur durch einen überraschenden Schwenk milde endenden Apokalypse «Ende gut» und dem viele Einzelschicksale kunstvoll verknüpfenden Reiseroman «Die Fahrt» – ist die Anlage simpel. Weder muss man sich mühevoll orientieren, noch lässt Berg einen Zweifel daran, dass die Aussagen der Erzählerin auch die ihren sind. Die Leser ihrer Romane und Kolumnen kennen diese Weltsicht schon lange. Der Mensch ist ein klägliches Wesen, das sich meist zu wichtig nimmt. Nur in seltenen Glücksfällen lernt er, richtig zu leben, und selbst das meist zu spät. Das Jämmerliche ist der Regelfall, und nur, wer dies akzeptiert, kann es vielleicht mit einer akzeptablen Haltung ertragen.
Natürlich lässt sich so nicht leben. Man muss verbessern oder doch wenigstens die Illusion haben, man verbessere – zum Beispiel indem man kunstvoll Romane über die Nichtswürdigkeit allen Tuns formuliert. Die Schilderung des Kümmerlichen liest sich dann etwa so: «Beim Contest glamouröser Situationen würde die unsere den letzten Platz belegen, hinter dem Schäferhund, der gelähmt ist und seine Hinterläufe in einem Wägelchen nach sich zieht.» Es handelt sich um einen Humor, der häufig im Bereich des Niedlich-Grotesken angesiedelt ist, der noch das Peinlichste mit einer gewissen Eleganz präsentiert.
Die Abwesenheit von Glamour ist das päda-gogische Zentrum dieses Buchs. Berg zielt auf keinen Nihilismus, sondern das scheinbar Nihilistische in ihrem Schreiben soll bessere Menschen machen. Sie hat dieses Programm in anderen Büchern kunstvoller ausgebreitet, auch spannender, nie aber liebevoller. Wenn auch manche Wiederholung in «Der Mann schläft» ärgert – gleichwohl berührt das Sorgsame, mit dem Berg uns all ihre schwachen Figuren nahebringt.
vorgestellt von Kai Köhler, Berlin
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
Sibylle Berg: «Der Mann schläft». Roman. München: Hanser, 2009
7 Rauf auf den Säntis, am besten mit Buch
Rainer Stöckli versammelt in einer «Zirkumspektion» rund 100 Texte, die sich alle dem Säntis und dem Alpstein widmen. Sein Buch bezeugt eine erstaunliche Fülle einschlägiger Äusserungen, als Gedicht und Prosazitat, in Hochdeutsch und Mundart. Wiedergedrucktes findet sich neben bisher Unpubliziertem. Der Vielstimmigkeit entspricht, dass sich unter den Autoren grosse Namen finden wie Hölderlin, Hesse und W.G. Sebald. Auch Johann Jakob Bodmer fehlt nicht, wie er, vom sicheren Flachland aus, den «höheren Säntis» preist. Sein Beitrag von 1747 ist der älteste.
Der Herausgeber hat nicht alphabetisch oder chronologisch geordnet, sondern, anspruchsvoller, eine inhaltliche Gliederung gewählt. Auf unzählige Weisen und von allen Richtungen wird der Säntis poetisch bestiegen. Zum Ausdruck kommt die Verbundenheit mit einer Gegend und kräftiges, auch originelles Lob der Appenzeller Lebensart. In dem für viele heimatlichen Urgestein wird das Erhabene gefeiert, das Feste und Ewige. Es wird personifiziert, vermenschlicht, für diese zum Wächter, für jene zum Freund oder Gott. Für manche hingegen ist es blosse Kulisse, ein zis- oder transalpiner Wall in einer Vulkanhügelgegend und voralpinen Nagelfluhlandschaft. Schroff steht das Numinose neben der Trivialität touristischer Bahnfahrt und Aussichtsknipserei.
Immer wieder kommen auch die Menschen zur Sprache, die im Schutz und Schatten des Säntis leben. Am Ende bleibt wohl alle Naturbewunderung auf den Menschen und seine kurze Lebenszeit bezogen. Der Berg ist, wie der Herausgeber im Vorwort meint, ein «Wahrzeichen überm Herkommen, Dasein und Verschwinden». Solange wir aber noch nicht verschwunden sind, dürfen wir uns an jener göttlichen Lust ein Vorbild nehmen, die in dem Gedicht «Mi Ländli» von Julius Ammann (um 1930) beschrieben wird: «Zletscht chonnt en Juuchzer, himmlisch froo, / chönnscht bleegge fascht ond lache. / De Herrgott hed en use loo / metzt dren bim Säntismache.»
Ein ausgezeichnetes Nachwort des Herausgebers zeigt, welchem Bedacht wir diese Zusammenstellung verdanken, die übrigens einen Einband von geringerer Schmucklosigkeit verdient hätte. Das Buch gehört in den Rucksack jedes sprachbegabten Säntisgängers.
vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich
Rainer Stöckli (Hrsg.): «Säntis und Alpstein im Gedicht. Eine Anthologie». Eggingen: Edition Isele, 2009
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
8 Viel Arbeit um des lieben Salzes willen
Salz ist eine «schöpferische Substanz» und lebt «in den Ritualen der Gastfreundschaft, auf den Opfertischender Magier, im Denken der Philosophen und in den wuchernden Bildern der Dichter». Das schreibt Peter von Matt, und der Verlag zitiert es auf der Umschlagrückseite einer Studie, die der 1972 geborene, heute in Bern und Zürich lehrende Germanist und Komparatist Thomas Strässle geschrieben hat. Unter einem anderen Titel wurde sie 2008 als Habilitationsschrift angenommen, und ihr Erzählduktus entspricht exakt diesem akademischen Genre. Wer genauer wissen möchte, in welchem Sprachstil man heute solche hochgelehrten Qualifizierungsarbeiten verfasst, der ist hier richtig. Wer sich allerdings für das zweifellos spannende Thema interessiert und eine auch für Normalverbraucher lesbare Kulturgeschichte des Salzes erwartet – und das darf man bei einem Publikumsverlag wie Hanser –, der hat es wahrlich schwer. Professor Strässle baut ihm keine Brücken. Der geduldige Leser, der auch gelegentlich ins Nichts führende Um- und Abwege nicht scheut, muss sich durch vielerlei gespreizt klingende Satzgirlanden quälen, um mit überraschenden Einsichten und einleuchtend begründeten Erkenntnissen belohnt zu werden, deren Wert sich allerdings nicht immer ohne weiteres erschliesst. Diese salzige Kost ist vor allem eine harzige.
Der Autor beginnt mit einer Interpretation des Märchens «Prinzessin Mäusehaut», das «auf engstem Raum und in paradigmatischer Weise eine Kontroverse um Lesarten des Salzes» vorführe und das Salz in sein «konfliktuöses Zentrum» setze, «um aus dessen Diskreditierung und impliziter Rehabilitierung seine erzählerische Spannung zu beziehen». Nun gut. «Prinzessin Mäusehaut» und «Die Gänsehirtin am Brunnen», ein anderes Grimm-Märchen, stehen deshalb am Anfang der Studie, weil sie deren Thema in einfacher Form erzählen: «Lektüren des Salzes in der Offenheit seiner Zuschreibungsmöglichkeiten bzw. Lesbarkeiten». Aha.
Bücher über das Salz haben eine in die Antike zurückreichende Tradition, doch Studien über das Salz in der Literatur waren bisher nicht dabei, und schon gar nicht ein Projekt, «das unter einem kulturwissenschaftlichen Blickwinkel nach narrativen, rhetorischen und poet(olog)ischen Strategien von Texten, zumal literarischen, angesichts der kulturellen Kodierungspotentiale und Semantisierungsmöglichkeiten des Salzes fragt». Strässle will die narrativen, poetischen und poetologischen Potentiale seines Stoffes «in einem Zusammenspiel von mikroskopischer Textlektüre und makroskopischer Kulturanalyse» erkunden. Das geschieht in fünf grossen Kapiteln: «Natursalze», «Glaubenssalze», «Sprachsalze», «Körpersalze» und «Beziehungssalze».
Was dort an Wissen ausgebreitet wird, ist enorm und bewundernswert. Die Philosophie- und Literaturgeschichte des Abendlandes liegt dem Salz-Entzifferer zu Füssen, von Homer, Platon und Cicero über das Alte Testament, den Talmud und Augustinus, über Paracelsus, Descartes und Grimmelshausen, über Harsdörffer, Lessing und Hamann bis hin zu Jean Paul, Nietzsche, Benjamin, Dürrenmatt, Peter Weiss, Friedrich Glauser und zur deutschsprachigen Lyrik der Nachkriegszeit. Auch Gegenwartsliteratur ist Thema, von Durs Grünbein, Alissa Walser oder Sylvie Germain. Wer in die salzigen Beziehungsgeflechte dieser grundgelehrten Abhandlung einsteigen möchte, wird sich auch in den 98-seitigen Anmerkungsteil und die 25-seitige Bibliographie vertiefen müssen. Habil-Schriften sind eben Habil-Schriften. Man liest sie eigentlich nicht, sondern man arbeitet sie durch. Bei Strässle gibt es viel Arbeit und wenig Brot. Das aber mit Salz.
9 /10 Kein Ort für Abbilder
«Wäre die Welt ein Buch, wären Bücher überflüssig.» Mit dieser kurzen Sentenz widerspricht Bruno Steiger der Ebenbildlichkeit von Realität und Literatur. Bücher widerspiegeln nicht die Welt, sie sind eine Welt – in der realen Welt, zugegeben, wie Steiger in einer Variante der obigen Sentenz nachschiebt: «Wäre die Welt, gäbe es keine Bücher mehr.» Das Austauschverhältnis jedoch bleibt komplex, der Sprung zwischen Text und Welt ist nicht leichtfertig zu kitten.
Im Band «Das Fenster in der Luft» versammelt Bruno Staiger eine Fülle von Sentenzen, Lektürenotaten, Beobachtungen, Erinnerungen, Träumen oder Gesprächsfetzen, die seine Auseinandersetzung mit der Welt hier und der Kunst da – und manchmal in eins – demonstrieren. Er zeigt sich dabei von seiner verzwickt intellektuellen Seite, nachdenkend, philosophierend, sich selbst (dabei) beobachtend und in Frage stellend. Letzteres setzt jenen Stachel, der über das kluge Zeitgeistaperçu hinausweist. Wir werden in diesem Band Zeugen einer Arbeit am Denken, einer Selbstreflexion auf der Suche nach einer möglichen Wahrheit.
Seit seinen ersten Prosaveröffentlichungen 1983, «der Panamakanal und der Panamakanal», verweigert sich Bruno Steiger dem Ruf nach erzählenden, abbildenden Texten. Das Erzählen erzeuge Konstrukte, die sich ihrer selbst gewahr sind. Sie betreiben selbstreflexiv die Aufhebung des Tatsächlichen mit und in einer Sprache, «die bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn geladen ist» – wie Steiger eine Sentenz von Ezra Pound in einem Reportage-Essay zu Joyce heranzitiert. Die Unkenntnis über den genauen Grenzverlauf macht die Sache allerdings sowohl vertrackt wie stimulierend.
Steigers Sammlung von Essays aus den Jahren 1993 bis 2008 mit dem Titel «Zwischen Unorten» ist eine Wundertüte, in der wir seinen literarischen Vorlieben und Anregern begegnen. Dabei sind schöne Entdeckungen zu machen. Steiger rückt Autoren wie Peter Rosei, John Barth oder Jean Echenoz ins verdiente Licht. Er widmet den unverhofft vergessenen Reinhard Lettau oder Friedo Lampe ein kleines Denkmal. Und Meret Oppenheim erhält eine umfassende Würdigung ihres poetisch-künstlerischen Werkes.
Steigers Schreiben fordert ein neugieriges, offenes Lesen heraus, das nicht mehr auf das reine Verstehen abzielt. Wer bloss krampfhaft am Sinn eines Textes festhält, wird manche Texte für unlesbar halten. Eines der «unproduktivsten rezeptorischen Missverständnisse» nennt dies Steiger, dem er den Begriff der «Anverwandlung» entgegenhält, die die Lektüre zuerst als «ästhetische Erfahrung» begreift.
vorgestellt von Beat Mazenauer, Luzern
Bruno Steiger: «Das Fenster in der Luft». Basel / Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2008
Bruno Steiger: «Zwischen Unorten». Basel / Weil am Rhein: Urs Engeler Editor, 2009
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
11 CD im Tümpel, Finger weg
Die Kinder, wer kümmert sich um die Kinder… ja, es ist schon bewegend, was Michael Theurillat in seinem dritten Eschenbach-Krimi aufgreift, aber er verhebt sich gleich doppelt daran. Der Zürcher Kommissar ist auf der Fährte einer grossen Verschwörung rund um das Schicksal jenischer Kinder, die ihren Zigeunerfamilien bis in die frühen siebziger Jahre weggenommen wurden. Eschenbach stöbert diesen Kindern, heute längst erwachsen, bis zum Hauptquartier der FIFA und in die Londoner Finanzwelt nach – was Theurillat völlig überfordert. Die Dialoge in diesen Zentren der Macht sind hölzern, die Situationen ungelenk konstruiert, und das Schicksal der Jenischen wird auf Wikipedia-Niveau behandelt, so dass der Roman nur haarscharf an Betroffenheitsprosa vorbeischrammt. Der Versuch einer ernsten Sensibilisierung für die nicht aufgearbeitete Schuld der Schweizer Behörden misslingt.
Dabei bimmelte es zu Anfang voller Lokalkolorit auf der Sechseläutenwiese, «ein halber Mond stand schweigend über dem Üetliberg» und alles wirkte wie gemalt für ein weiteres Zürcher Abenteuer des umtriebigen Kommissars. Doch schon bald beginnt die wilde Reise, mal hierhin, mal dorthin, mal mit Krawumm, mal mit Zigeunervoodoo auf der Jagd nach einer geheimnisumwitterten CD, die gralsgleich gesucht wird und auf dem Grund eines Sees – na ja, hier eines Gartenteichs – ruht, was jeder Leser sofort weiss, wenn Eschenbach erstmalig an jenem Tümpel vorbeigeht. Insgesamt zuviel Dan Brown ohne dessen Gespür für Spannung, und für Leser, die auf einen Theurillat aus waren, zuwenig Zürich. Dieser Versuch der Globalisierung ist kein Erfolg.
vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach
Michael Theurillat: «Sechseläuten». Berlin: Ullstein, 2009
12 Da nützt auch das Ohr im Garten nichts
Melchior Fischer leidet. Seine Frau Katharina hat ihn verlassen und ist mit Tochter und Sohn in einen Vorort gezogen. Fischers neues Zuhause ist eine Zweizimmerwohnung in einem heruntergekommenen Stadtviertel. Aber auch ein bescheidenes Dasein kostet Geld. Und das fehlt dem erfolglosen Schriftsteller. Feste Jobs waren seine Sache von jeher nicht, doch jetzt bleiben auch die Aufträge aus, mit denen er sich früher über Wasser gehalten hat. Ausserdem vermisst er Katharina, vor allem, wenn er sich während des Urlaubs um ihren Garten kümmern darf. Trost spendet da nur noch Bob Dylan, doch es ist ausgerechnet dessen Song «I want you», der dem einsamen Fischer nicht aus dem Kopf gehen will.
Ist das der Stoff, aus dem heutzutage Krimis geschneidert werden? Dieser Überzeugung ist zumindest der Salis-Verlag, in dessen «sel noir»-Reihe «Fischer hat Durst», der neue Roman des in Riehen bei Basel ansässigen Autors Wolfgang Bortlik, erschienen ist. Tatsächlich wartet bereits das erste Kapitel mit genrespezifischen Elementen auf. Da ist zum einen ein menschliches Ohr, das Fischer auf Katharinas Rasen erblickt, dummerweise zeitgleich mit dem gierigen Kater Meatloaf, den zu füttern er fast vergessen hätte. Da das corpus delicti nun verschwunden ist, entscheidet auch Fischer, der Angelegenheit keine grössere Bedeutung zuzumessen. Doch auf dem Heimweg radelt er mit Schwung gegen die plötzlich sich öffnende Beifahrertür eines geparkten Autos und stürzt. Die Visitenkarte, die ihm rasch in die Hand gedrückt wird, weist die Fahrerin als Gattin eines einflussreichen Wirtschaftsanwalts aus. Und dieser vertritt ausgerechnet eine Investorengruppe, die ein bislang von alternativen Gruppen genutztes Hafengelände profitabel vermarkten will.
Eine vielversprechende Ausgangssituation also – man kann sich schon lebhaft vorstellen, wie Fischer, dessen Kampf gegen gesellschaftliches Unrecht sich bislang auf publizistische Einsätze beschränkt hat, als Amateurdetektiv die kriminellen Machenschaften der Mächtigen entlarvt. Doch Wolfgang Bortlik versteht es, diese Erwartung auf das angenehmste zu enttäuschen. Weder beginnt Fischer zu ermitteln, noch stellt sich ein Zusammenhang zwischen dem abgetrennten Ohr und den Investitionsplänen am Hafen heraus. Zwar ist ein Mörder unterwegs, doch der hat ebenso seine ganz privaten Motive wie all die anderen Figuren in diesem amüsant-melancholischen Roman aus dem Leben der Bohème. Wir erfahren viel über die Popkultur der sechziger Jahre, werden über keltische Bräuche informiert und werfen einen Blick in die Abgründe des Schweizer Literaturbetriebs. Und wem das noch nicht genug ist, der findet am Ende ein schönes Glossar vor, in dem nicht nur Wissenswertes über das exzentrische Bandprojekt «Pearls before Swine» nachzulesen ist, sondern auch erklärt wird, wem ein «Ikea-Billy» etwas nützt.
Wolfgang Bortlik, dessen Biographie durchaus Parallelen zu der seines traurigen Helden aufweist, erzählt ironisch, aber mit viel Empathie von einem von der sogenannten Realität bedrohten Paralleluniversum. Und weil ihm dies sprachlich virtuos von der Hand geht, gelingt ihm ein vielschichtiges Stück Prosa, dessen Komplexität nicht, wie so oft, mit einem Verlust an Lesevergnügen einhergeht. Als Kriminalroman allerdings kann «Fischer hat Durst» nur bei sehr grosszügiger Auslegung der Gattungsdefinition durchgehen. Zum Glück.
vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen
Wolfgang Bortlik: «Fischer hat Durst». Zürich: Salis, 2009
galerie James Licini
«Stahlbau IPE 400», H 55 cm, B 55 cm, T 65 cm, 1995
Bücher Schweizer Autoren in Kurzkritik XXII
13 Webber mit Cook auf grosser Fahrt
Immer wieder verbindet der Romancier Lukas Hartmann sein kleines Bern mit der grossen Welt, indem er Reisende aus seiner Heimatstadt auf Expeditionen in entlegene Gegenden nacherzählend begleitet, wie in «Die Tochter des Jägers» (2002), oder Wendepunkte der Weltgeschichte in Geschehnissen spiegelt, die sich in seinem Kanton zugetragen haben, wie in «Die letzte Nacht der alten Zeit» (2007). Auch in seinem neuen Roman «Bis ans Ende der Meere» ist Hartmann dem Konzept treugeblieben, den Mikrokosmos Berns mit dem Makrokosmos ins Benehmen zu setzen, diesmal vermittels John Webbers, eines jungen Engländers, der mit sechs Jahren aus materieller Not zur Schweizer Verwandtschaft nach Bern geschickt wird, nach seiner Lehrzeit als Maler nach London zurückkehrt und James Cook auf seiner dritten Weltreise von 1776 bis 1780 als offizieller Maler begleitet. «Offiziell» freilich bedeutet, dass er nicht mit kritischen Augen sehen und mit Herz und Hand gestalten darf, was ihn bewegt, sondern seine Arbeitgeber mit ihnen genehmen Bildern zu beliefern hat, also eine Art embedded journalism betreiben muss.
Früh schon wird Webber nämlich von Kapitän Cook darüber unterrichtet, was er zeichnen soll (heroische Charaktere bei lauteren Verrichtungen), was er nicht zeichnen darf (das Elend in den Häfen beispielsweise) und vor allem, aus welchem Blickwinkel er die Dinge einzufangen hat (aus einer offiziellen Perspektive nämlich, da er aus der Staatsschatulle alimentiert wird, keinesfalls aber mit den Augen der Wilden). Empathie also ist unerwünscht, und stets haben die Briten in reinem Lichte zu erscheinen. «Über dem, was Sie und andere sehen, steht die Staatsräson, sie ist die notwendige Klammer, welche die individuellen Wahrheiten zusammenhält», wird Webber eines Tages von Cook belehrt. Dazu passt es, dass Hartmann den sensiblen Maler zu dem Schluss kommen lässt, er zeichne «sehend und blind zugleich: sehend, weil meinen Augen kaum ein Detail entgeht, blind, weil der Zusammenhang des Ganzen mir fremd bleibt.»
Dass der Roman diese Dialektik der Wahrnehmung unerbittlich durchexerziert, macht seine Qualität aus: Hartmann lässt Webber mit Cook auf grosse Fahrt gehen und weit mehr als nur die blütenkranztrunkene Südsee des Klischees sehen. Er lässt ihn das rauhe Südpolarmeer streifen, vor allem aber schickt er ihn ausführlich in die Arktis, wo Cook die Nordwestpassage hätte finden sollen, im Beringmeer aber umkehren musste. Was Hartmann hoch im Norden an Begegnungen mit Fremden evoziert, lässt an das halluzinatorische Ende von Jim Jarmushs «Dead Man» denken, wo der tödlich verwundete William Blake von Indianern im hohen Norden der amerikanischen Westküste im Kanu auf seine letzte Fahrt hinaus auf den bleigrauen Pazifik geschickt wird. Wie dort das hohe Lied vom Sterben des weissen Mannes vor einer Wand unbegriffener Bilder inszeniert wird, so begegnen wir auch im frühverstorbenen John Webber einem Menschen, der ursprünglich als souveräner Schilderer von Wirklichkeit hat Karriere machen wollen, um dann auf seiner strapaziösen Reise um die Welt zu erkennen, dass sich die Wirklichkeit nicht abbilden lässt und die erwünschten Bilder allesamt beschönigte Zurichtungen der Welt sind, die politische Zwecke erfüllen, Ansprüchen ästhetischer Wahrhaftigkeit jedoch nicht genügen können. Wer diesen Befund zu einer Pathologie der Künste erweitert, steht vor einem Scherbenhaufen.
Lukas Hartmann hat mit diesem Roman, der einmal mehr von Sprachkraft und intellektueller Brillanz ist, die Grenzen der Kunst ausgelotet, und sein Befund ist denkbar bitter: statt idealistischer Aufschwünge bleibt wenig mehr als das Eingeständnis eines grossen Unvermögens zurück – dies freilich (wie schon bei Hofmannsthal im Brief des Lord Chandos) auf höchstem Sprachniveau.