Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03613.jsonl.gz/3102

Politisch immer wieder in der Diskussion, zeigt sich Kuba seinen Besuchern als vielseitiges Land.
An den Stränden Kubas Ferien machen, in Havanna bummeln, das ist seit längerer Zeit nichts Ungewöhnliches mehr. Wieviel sieht ein Tourist? Kann er oder sie das Leben der Einheimischen auf diese Weise kennenlernen? Heather Murray, Englischlehrerin und seit Jahrzehnten in Zürich ansässige Kanadierin, hatte die ungewöhnliche Chance erhalten, Kuba von seiner "Innenseite" zu entdecken. Zunächst kam sie durch eine Brieffreundschaft in Kontakt mit einem kubanischen Englischlehrer, 2008 wurde sie zu einem Englischlehrer-Kongress in Havanna eingeladen. In den folgenden Jahren besuchte sie das Land noch einige Male.
Seniorweb: Woran erinnern Sie sich besonders gern?
Heather Murray: Es war für mich immer ein besonderer Höhepunkt, wenn wir auf einem Ausflug in den Bergen oder an der Küste in einem winzigen Restaurant mit wenigen Tischen essen gingen. Es gab keine Speisekarte, aber das Essen war immer frisch zubereitet und schmeckte köstlich. Während den Mahlzeiten konnten wir uns mit den Besitzern unterhalten und erfuhren, was sie bewegte. Über Politik sprachen sie nicht, wohl aber über ihre Lebensbedingungen und über den Wirtschaftswandel. Die meisten Kubaner – auch die Bauern – sind gut darüber informiert, was in der Welt läuft.
Was sieht eine Reisende wie Sie, eingeladen von Kubanern, anders als Pauschaltouristen?
Julian, mein Brieffreund, hatte mir im Dezember 2008 ein Zimmer bei einer liebenswürdigen alten Dame besorgt. Ihre Wohnung, die Einrichtung, die elektrische Installation, auch der Herd, die Lampen waren mehr als fünfzig Jahre alt, Klimaanlage gab es nicht; der launenhafte, fünfzig Jahre alte Lift erschien mir lebensgefährlich.
Mussten Sie ihn denn benutzen?
Nein, ich nahm die Treppe, obwohl das Appartement im 10. Stock lag. Das hat mir eigentlich gutgetan, und ausserdem läuft man in Kuba sowieso überallhin.
Im Haushalt der alten Dame konnte ich auch sehen, was Kubaner zu essen hatten: Oft gab es nur ein Produkt, Eier zum Beispiel, aber kein frisches Brot oder kein Fleisch, alles war rationiert, jeder hatte sein Lebensmittelbüchlein.
In den Hotels können Touristen CNN schauen, in kubanischen Haushalten gibt es nur kubanisches Fernsehen, also politische Informationen und Ansprachen, Seifenopern aus Brasilien und Venezuela oder Tanzvorführungen.
Was ist charakteristisch für den Alltag der Menschen?
Vieles – Elektrizität, Wasser, Milch, Gemüse – ist Mangelware, deshalb gibt es oft Blackouts, ganze Tage ohne Wasser; Mütter, die unterwegs sind, um schnell Milchpulver zu ergattern.
Dienstleistungen sind ein stetes Ärgernis. Wer für das Regime arbeitet, beispielsweise im Museum, in der Post oder im Telefonamt, hat einen sicheren, aber schlecht bezahlten Job und ist deshalb nicht sehr motiviert.
Havanna, Innenhof aus der Kolonialzeit
Überall ist man zu Fuss unterwegs. Auch wenn eine Busfahrt nur zwei Cents kostet, ist dies für viele eine grosse Ausgabe . . . Es gibt keine wilden Graffitis, nur Regierungspropaganda; auch keine Werbeplakate, nur solche mit Che Guevara oder Fidel Castro. Auf Musikgruppen trifft man häufig, oft sind es kleine Gruppen älterer Menschen, die Bolero, Samba oder Son spielen, um sich etwas zu verdienen.
Bemerkenswert fand ich die "pocket parks", so gross wie die Grundfläche eines Hauses. Dort sitzt die ganze Nachbarschaft unter Palmen wie in einem grünen Wohnzimmer, man spielt Karten, Domino, Schach, liest Zeitung oder schwatzt.
Was hat sich in den Jahren 2008 bis 2015 verändert?
Es gibt mehr Produkte zu kaufen: DVD-Player, Computer, Handys, allerdings nur für die Parallelwährung (peso cubano convertible, CUC) und zu hohen Preisen. Internetnutzung und E-Mail sind nun auch erlaubt.
Die Menschen wirken optimistischer und scheinen ihr Leben mehr zu geniessen. Aber sie müssen auch lernen, selbst als (Klein-)Unternehmer zu handeln – und das ist harte Arbeit. Im ersten Moment hatte ich den Eindruck, dass sie gar nicht wussten, wie man Geschäfte macht. Mit der Zeit merken sie nun, wie das geht. Der Tourismus bietet ihnen dafür Chancen: Es gibt viel mehr Bed-and-Breakfast-Unterkünfte (B&Bs) in Havanna und anderen Städten, man reserviert per SMS oder E-Mail. Es entstehen auch neue private Restaurants. Ab 2012 wurde es den Kubanern erlaubt, legal auszuwandern.
Die Menschen leben ihre Spiritualität mehr und offener. Die Kirchen füllen sich und die afro-christliche Santeria hat mehr Zulauf. Die Strassen sind belebter – und in den grösseren und kleineren Städten nimmt der Verkehr zu.
Welche Einstellung haben die Kubaner zu ihren Lebensbedingungen?
Sie beklagen sich über Wirtschaftsprobleme und kritisieren die schlechte Planung, die immer wieder ihren Alltag durcheinanderbringt. Aber sie kritisieren die Castro-Familie nicht direkt. Sie sind sehr stolz auf die kostenlose medizinische Versorgung, auf ihr Schulsystem und auf Kubas Rolle in der Weltpolitik.
Konnten Sie mit Menschen in Kontakt treten, die am liebsten auswandern würden?
Nein, nicht wirklich. Die meisten, die ich getroffen habe, wollten in Kuba bleiben, sie fühlten sich stark mit ihrem Land verbunden. Wer das Land verlassen wollte, hatte das meines Erachtens schon getan. – Die Enkelin meiner Zimmervermieterin, eine 27-jährige Studentin, versuchte, nach Kanada auszuwandern. Ihr Problem bestand allerdings darin, ein kanadisches Visum zu erhalten, nicht Kuba zu verlassen.
Alle Fotos: © Heather Murray