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Donald Trump will den Chinesen einen Strafzoll von 40
Prozent aufbrummen, Hillary Clinton hat keinen Bock auf neue
Freihandelsverträge, in Europa errichten Nationalisten neue Zäune. Der Backlash
gegen die Globalisierung ist in vollem Gange.
Wenn es um den Freihandel geht, dann macht Donald Trump aus seinem Herzen keine Mördergrube: «Die Fremden killen uns», sagt er und verweist auf das notorische Handelsdefizit der USA mit dem Rest der Welt.
Speziell die Chinesen exportieren viel mehr über den Pazifik als umgekehrt. Trump spricht daher vom «grössten Diebstahl in der Weltgeschichte» und weiss auch, was er dagegen unternehmen will: Als Präsident würde er den chinesischen Importen sofort einen Strafzoll von 40 Prozent verpassen.
Nun könnte man das alles damit abtun, dass Trump erstens ein politischer Clown und zweitens ein ökonomischer Ignorant sei. Doch das wäre zu kurz gegriffen, denn erstens ist es denkbar geworden, dass Trump nächstes Jahr ins Weisse Haus einziehen wird, zweitens befindet er sich in bester Gesellschaft, und drittens hat er nicht vollkommen unrecht. Aber der Reihe nach:
Die Handelspolitik im Sinne von Trump wird im Fachjargon Merkantilismus genannt. Der Kern dieser These lautet kurz zusammengefasst wie folgt: Ein Land wird reich, wenn es mehr exportiert als importiert. Nach diesem Grundsatz haben die englische Queen Elizabeth im 16. und der französischen Sonnenkönig Louis XIV. im 17. Jahrhundert gewirtschaftet.
Um ihre handelspolitischen Ziele durchzusetzen, schützen die Merkantilisten den einheimischen Markt mit hohen Zöllen oder so genannten nicht-tarifären Handelshemmnissen. Darunter versteht man landesspezifische Regeln wie beispielsweise das Reinheitsgebot beim Bier oder technische Bestimmungen für Maschinen. Gleichzeitig soll eine schwache Währung dafür sorgen, dass die Exporte angekurbelt werden.
Eine extreme Form des Merkantilismus ist der Protektionismus. Dabei werden die Zollschranken so hoch gezogen, dass Importe de facto unmöglich werden, und die Landeswährung so weit abgewertet, dass daraus ein Währungskrieg entsteht. Nach dem Börsencrash von 1929 versuchten die USA und die europäischen Länder mit protektionistischen Massnahmen ihre Volkswirtschaften zu schützen – und scheiterten kläglich.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts formulierte der englische Ökonom David Ricardo die Gegenthese zum Merkantilismus: Das Gesetz des komparativen Wettbewerbsvorteils. Der bekannte US-Ökonom Paul Samuelson bezeichnete dieses Gesetz einst als gleichzeitig banal und trotzdem sehr schwierig zu begreifen. Weshalb?
Nehmen wir zwei Länder A und B. Land A baut Computer und Land B betreibt Milchwirtschaft. Wenn die beiden beginnen, miteinander Handel zu betreiben, dann hat Land A mehr Milch und Land B mehr Computer. Beide profitieren. Das gilt auch dann, wenn beide Computer und Milch produzieren, denn Land A baut bessere Computer und Land B produziert bessere Milch.
So weit ist alles klar, jetzt aber wird das Banale schwierig. Der komparative Wettbewerbsvorteil gilt auch dann, wenn Land A bessere Computer baut und mehr Milch produziert als Land B. Schuld daran sind die Opportunitätskosten. Wenn Land A so viel bessere Computer baut, dann ist es sinnvoller, wenn es auf die Milchproduktion verzichtet und diese Land B überlässt. Zusammengezählt wird so mehr Wohlstand erzeugt. Theoretisch profitieren wiederum beide, mit Betonung auf theoretisch. Mehr davon später.
Das Gesetz des komparativen Wettbewerbsvorteils ist der Grundpfeiler des freien Handels. Schon im 19. Jahrhundert wurden in England die Zölle auf Getreideimporte nach erbittertem Widerstand der Landbesitzer gestrichen. Die Abschaffung der «Corn Laws» war der Auftakt zu einer ersten Welle der Globalisierung, die bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges dauerte.
Es dauerte bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts, bis die Globalisierung wieder so richtig in Fahrt kam. Im Zuge der neoliberalen Revolution von Reagan/Thatcher wurden Zölle gestrichen und Freihandelsabkommen unterschrieben. Das Resultat ist eine völlig neue Wirtschaftsordnung.
Heute umspannen so genannte Supply Chains den gesamten Globus. Das hat die Arbeitsteilung auf eine neue Stufe gehoben. Ein Auto oder ein Laptop wird in Westeuropa oder den USA konzipiert und dann zusammengebaut aus Einzelteilen, die aus Asien, Lateinamerika oder Osteuropa stammen können.
Das Resultat der Globalisierung ist zwiespältig. Einerseits können Konsumenten heute Güter wie Autos und Computer zu Preisen kaufen, die vor 30 Jahren noch undenkbar schienen. Andererseits sind – vor allem in der Industrie – in den hochentwickelten Ländern massenhaft Jobs vernichtet worden. Die USA und das Vereinigte Königreich gelten heute als deindustrialisiert.
Von den Ökonomen wird der Freihandel über den Klee gelobt. Hunderte von Millionen Jobs seien dank des Wegfalls der Zollschranken geschaffen worden, jubeln sie. Das stimmt, doch die meisten davon sind in China angesiedelt. Zudem ist die globale Supply Chain auch unter ökologischen Gesichtspunkten fragwürdig geworden. Kann man es im Zeitalter der Klimaerwärmung noch verantworten, Lebensmittel tausende und Maschinenteile zehntausende von Kilometern zu transportieren?
Noch gravierender sind die Kollateralschäden des Freihandels in der Sozialpolitik. Es mag richtig sein, dass dank des komparativen Vorteils der Wohlstand gesamthaft gestiegen ist, er ist jedoch äusserst ungleich verteilt. Vereinfacht ausgedrückt: Die Superreichen haben fast alles abgeschöpft. Der grosse Rest muss sich mit stagnierenden oder gar sinkenden Löhnen und wachsender Angst um den Arbeitsplatz abfinden.
In den USA hat die Prekarisierung – ein gescheites Wort für mehr Armut und mehr Unsicherheit – massiv zugenommen. Selbst wer einen Collegeabschluss vorweisen kann, hat keinen Job mehr auf sicher, schon gar nicht einen anständig bezahlten. Aber auch in Deutschland leben rund 15 Prozent der Erwerbstätigen im Prekariat. Länder wie Italien, Frankreich und Spanien weisen eine nicht akzeptable Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jugendlichen, auf.
In der Theorie mag der Freihandel tatsächlich zu mehr Wohlstand geführt haben. In der Praxis ist dieser Wohlstand jedoch äusserst ungleich verteilt. Das hat zu einem Backlash gegen die Globalisierung und den Freihandel geführt. Nicht nur Donald Trump will die Zollschranken wieder hochziehen. Auch Hillary Clinton geht auf Distanz zu den geplanten Freihandelsabkommen mit Asien (TPP) und Europa (TTIP).
Das Gleiche lässt sich auch in Westeuropa beobachten. Die neuen Rechtspopulisten wollen nicht nur die Ausländer mit Grenzzäunen abhalten, sie wollen auch die einheimische Wirtschaft vermehrt schützen und kümmern sich dabei keinen Deut um die hehren Theorien des Freihandels.
Sie erhalten dabei allmählich Unterstützung von dissidenten Ökonomen, dissident deshalb, weil bis anhin Zweifel an Ricardo in der Zunft der Volkswirte etwa so populär war wie Zweifel an der Dreifaltigkeit im Vatikan. Das beginnt sich zu ändern.
So schrieb Jared Bernstein, ehemaliger ökonomischer Berater von US-Vizepräsident Joe Biden, jüngst in der «New York Times»:
Auch Paul Krugman, der immerhin den Nobelpreis für seine Freihandelstheorien erhalten hat, äussert sich neuerdings ketzerisch. Wer Trump vorwerfe, hunderttausende von Jobs zu gefährden, der hätte das Wesen des Protektionismus nicht begriffen, schrieb er kürzlich. Protektionismus sei nicht die Ursache von wirtschaftlichen Krisen, sondern deren Resultat. Und im Übrigen seien die geplanten Freihandelsverträge keine gute Idee.
Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik hat diese Kritik schon vor Jahren in seinem Buch «The Globalization Paradox» vorweggenommen. Er formulierte darin das Globalisierungs-Trilemma. Es lautet wie folgt:
Das Globalisierungs-Trilemma holt uns ein. Wir können Trump und den anderen Rechtspopulisten das Feld überlassen und auf Ausländer und Muslime eindreschen. Oder wir können versuchen, die überdehnte globale Supply Chain zurückzustutzen und den Freihandel auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren.
Dazu haben wir beides, die Technik und die Legitimation. Dank 3D-Printern und immer smarter werdender Software können wir vermehrt regionale Wirtschaftskreisläufe aufbauen und das Outsourcing von Jobs stoppen. Daran sollten wir uns auch von Freihandels-Dogmatikern nicht abhalten lassen.
«Demokratien haben das Recht, ihre sozialen Einrichtungen zu verteidigen», stellt Rodrik fest. «Und sollte das mit den Erfordernissen der Weltwirtschaft in Konflikt geraten, dann muss letztere nachgeben.»