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Die Grundidee ist denkbar einfach: ärmeren Teilen der Bevölkerung wird der Zugang zu finanziellen Dienstleistungen eröffnet, mit deren Hilfe sie sich selbst weiterhelfen können. Dem klassischen Beispiel folgend, sollen Kunden in die Lage versetzt werden, Kredite aufzunehmen und in Familienbetriebe zu investieren, um diese aus dem Kreislauf der Subsistenzwirtschaft zu führen. Im günstigen Fall resultiert daraus nicht nur eine Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Die Grundidee besticht. Hier wäre also – endlich – eine Form der Hilfestellung, die weder lokale Eliten korrumpiert noch staatliche Bürokratien aufbläht oder Rentenökonomien am Leben hält. Sie setzt nicht oben, sondern unten an; sie bremst und lähmt nicht produktive Kräfte, sondern gibt ihnen Raum zur Entfaltung. Mehr noch, diese Hilfe finanziert sich weitgehend selbst – zumal dort, wo die Rückzahlung ordnungsgemäss erfolgt und die Zinsen den Aufwand der Anbieter decken. Wahrlich eine gute Sache!
Neu ist sie nicht. Spielarten von Mikrofinanzierung gibt es seit Hunderten von Jahren, frühe Formen finden sich in Asien, Afrika und Südamerika ebenso wie in Europa. Was der deutsche Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Bürgermeister einer ländlichen Gemeinde begann, kommt heutigen Verhältnissen in weniger entwickelten Ländern zumindest nahe. Konfrontiert mit Bauern, die im Gefolge schlechter Ernten auf das Geld von Wucherern angewiesen waren, rief er den «Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte» ins Leben. Dort sollten Bauern Geld ansparen, sich aber auch Geld zum Ankauf von Vieh und Gerät günstig leihen können.
120 Jahre nach Raiffeisens erster Darlehnskasse ging, ebenfalls aus Sozialexperimenten, ein ähnliches Modell hervor, die Grameen («Dörfliche») Bank von Muhammad Yunus. Nur 42 bengalische Familien waren am Anfang beteiligt; das Experiment funktionierte auf der Basis von Krediten, die an kleine Gruppen solidarisch haftender Frauen vergeben wurden, die vorher keine Eigenmittel besassen. Der Nachweis, dass Armut nicht mit mangelnder Kreditwürdigkeit gleichgesetzt werden muss, war auch hier erbracht. «All people are entrepreneurs», proklamierte Yunus damals – und es begann, Ehrendoktorate und Preise zu regnen.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Mikrofinanzierung zu einem erdumspannenden Geschäft entwickelt, das heute schätzungsweise 25 Milliarden Dollar umsetzt und Tausende registrierter Anbieter kennt. Längst sind auch kommerzielle Anbieter, sind Grossbanken und private Investoren zu Anhängern der guten Sache geworden. Eine grosse Möglichkeit scheint damit greifbar nahe: dass nämlich die private Wirtschaft «im Norden» auf diesem Weg direkt zum Motor der Armutsbekämpfung «im Süden» werden könnte.
Eben dieses Moment der Kommerzialisierung sorgt für anhaltenden Unmut und Streit. Auf der einen Seite stehen nüchterne Pragmatiker wie die Mexikaner Carlos Danel und Carlos Labarthe, deren Agentur Compartamos (ins Deutsche übertragen: «Lasst uns teilen») innert weniger Jahre von einer gemeinnützigen Organisation zu einer börsenkotierten und gutverdienenden Geschäftsbank mutierte. Nur die konsequente Kommerzialisierung, wird hier versichert, könne den Zugang zu Kapital und Knowhow auch längerfristig sichern und das Konzept des Mikrokredits auf tragfähige Grundlagen stellen.
Tatsache ist, dass heute weniger als zehn Prozent der Mikrofinanzierer kostendeckend arbeiten, dass die meisten Anbieter sich mehr oder weniger weitgehend über Spenden und öffentliche Gelder finanzieren. Dies gilt auch für Yunus’ Grameen, womit die Bank über Fremdkapital verfügen kann, ohne Marktpreise entrichten oder Vorgaben zur Rechnungslegung beachten zu müssen; die Verwendung der Gelder bleibt frei von effektiver Kontrolle.
Tatsache ist auch, dass Mikrokredite vergleichsweise aufwendig, will heissen teuer sind. Weil nur kleine und kleinste Summen auf kurze Fristen vergeben werden, weil überdies ein weitverzweigtes Vertriebsnetz zu unterhalten ist, liegt der reale, auf das Jahr hochgerechnete Zinssatz üblicherweise bei 30 bis 40 Prozent. Das tönt nach «viel», reicht aber selbst auf diesem Niveau kaum zur Deckung der Eigenkosten. Ein der Weltbank angegliederter Thinktank geht davon aus, dass bei der mexikanischen Compartamos effektive Jahreszinssätze von über 100 Prozent an der Tagesordnung sind. – Unanständig?
Unanständig!, rufen Traditionalisten von der anderen Seite, jene Entwicklungshelfer also, die das Profitmotiv im Kontext der Armutsbekämpfung verwerfen. Im Anschluss an den 2007 erfolgten Börsengang von Compartamos schritt Muhammad Yunus im amerikanischen Fernsehen persönlich zur Exkommunikation seiner Gegner. Jenseits moralischer Argumente verweisen Traditionalisten auf die Tatsache, dass herkömmliche Institute wie Grameen über Darlehen hinaus eine Vielzahl elementarer Dienstleistungen in Bereichen wie Bildung, Rechtshilfe oder Gesundheit anbieten – subventionierte Dienstleistungen, die in kompetitiven Kreditmärkten schwerlich zu halten wären.
Sicher ist, dass kommerzielle Kleinkredite klassisch nur dort vergeben werden, wo Kunden gewissen Kriterien entsprechen. Die Ärmsten der Armen werden von solchen Krediten aus vielen Gründen nicht erreicht: nicht die des Lesens Unkundigen, nicht die Einfältigen, nicht Ältere und Behinderte. Dass «alle Menschen» Unternehmer seien, tönt denn auch irgendwie gefährlich; jedenfalls vermögen nicht «alle Menschen» Kredite in einer Weise zu bewirtschaften, die kostendeckend wäre.
Zumindest Teile des Sektors werden somit von Subventionen à fonds perdu abhängig bleiben. Solche Gelder aber werden nur dann weiterfliessen, wenn die Geber früher oder später erfahren, wie wirksam ihre Mittel eingesetzt werden. Kein leichtes Unterfangen! Weil namentlich bei den gemeinnützig operierenden Agenturen effiziente Kontrollen fehlen, wird nicht rigoros evaluiert. Systematische, umfassende Untersuchungen sind methodisch anspruchsvoll und fehlen weitestgehend.
Was wir bis anhin wissen, bezieht sich auf Einzelfälle – und die Erkenntnisse sind widersprüchlich. Die meisten Studien deuten auf «positive» Wirkungen von Mikrokrediten hin; zur Nachhaltigkeit solcher Effekte fehlen verlässliche Daten. Dafür lösen sich herkömmliche Gewiss-heiten in neueren Untersuchungen zunehmend auf, etwa die vermeintlich positive Wirkung solidarischer Haftung; Grameen ist mittlerweile davon abgekommen. Problematisch wird es dort, wo die Vergabe von Mikrokrediten an Bedingungen gebunden wird, die namentlich Frauen in ihrem Sozialverhalten recht eigentlich umkrempeln wollen. Was in solchen Fällen als Dienstleistung verkleidet daherkommt, ist Umerziehung nach westlicher Norm und Konvention. Es ist dies allerdings ein Einwand, der – so er denn erhoben wird – das Konzept als ganzes trifft: die normative Vorstellung, tiefe Armut sei als menschenunwürdig zu bekämpfen, ist westlichen Ursprungs.
Zumindest den Vorwurf mangelnder Transparenz müssen sich auch gewinnorientierte Anbieter gefallen lassen. Was Kreditnehmer am wirksamsten schützen würde, wäre Wettbewerb. Allein, wie wollen sie Angebote vergleichen, wenn die Berechnungsmethoden der Kreditkosten stark divergieren, wenn Preise also gar nicht direkt vergleichbar sind? Natürlich können auch teure Kleinkredite dem Kunden nachweislich helfen – längerfristig aber wird viel gewonnen sein, wenn die Kommerzialisierung des Mikrokredites von einem Wettbewerb begleitet wird, der diesen Namen verdient. Wichtig wäre überdies, Kleinkreditvergaben konsequent durch finanzielle Dienstleistungen zu ergänzen, wie sie in fortgeschrittenen Regionen selbstverständlich sind. Auch ärmere Leute ziehen Sparen und Versicherungen jeder Kreditnahme vor, wenn solche Möglichkeiten nur bestehen.
Fazit? – Gemessen an klassisch-herkömmlicher Entwicklungshilfe bedeutet die Mikrofinanzierung einen grossen Schritt nach vorn. Die Tatsache, dass gut zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu grundlegenden Finanzdienstleistungen haben, bezeichnet das Potential des Konzepts. Allheilmittel kann es allerdings nicht sein; zu vielschichtig sind die Ursachen von Armut. Fehlende Infrastruktur, mangelhafte Bildungsangebote, unzureichende Kenntnis moderner Technologie, versperrter Zugang zu Märkten, ökonomische Instabilität und Gewalt: auch vom Kontext hängt ab, ob Geld überhaupt einen Unterschied macht.