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Erwartungsgemäß stellt der dritte Roman Fatma Akersons, Gözyaşı Kuşları (Tränenvögel), eine Fortsetzung ihres zweiten dar. An den Anfang stellt die Autorin eine mit 62 Seiten etwas zu straff geratene Erzählung, und zwar die Lebensgeschichte einer Frau, im etwas langatmigen Hauptteil beschäftigt die Autorin sich mit sich selbst, denn darin geht es um die Entstehungsgeschichte des Romans.
Melek verbringt ihr ganzes Leben in einer Stadt am Mittelmeer, die Ähnlichkeiten mit Antalya und Alanya aufweist. Sehr jung noch heiratet sie den zehn Jahre älteren Dalyan, der sie für eine Nacht dem etwa 40-Jährigen Erol Bey überlässt, damit letzterer sich dafür einsetzt, dass Dalyans Firma die Ausschreibung für die Erschließung des bis dahin nur schwer erreichbaren Strandes mittels eines Aufzugs gewinnt. Wider Erwarten verliebt sich Melek heftig in Erol Bey, der eines Tages tot aufgefunden wird. Des Mordes verdächtigt und unschuldig verurteilt wird Dalyan. Im Rahmen des Prozesses kommt auch die alte Bestechungsgeschichte ans Licht, worauf die beinahe beendeten Bauarbeiten eingestellt werden müssen. Der Aufzug steht als Ruine am durch Betonpfeiler verschandelten Strand, bis ihn Jahre später eine andere Firma touristisch erschließt. Melek und Dalyan lassen sich scheiden, die junge Frau findet Arbeit im Stadtarchiv, wo sie ihren zweiten Ehemann kennen lernt, einen Kapitän, der sich brennend für historische Karten interessiert.
Wieder schreibt Akerson die Geschichte als Ich-Erzählerin zusammen mit ihrem Alter Ego Eylül. Am Ende des Mittelteils stoßen die beiden Autorinnen auf Ungereimtheiten in ihrer Rekonstruktion von Meleks Leben und entscheiden sich zur Recherche. Dabei machen sie so überraschende wie schockierende Entdeckungen.
Als Finale stellt Akerson die gängigen Moralvorstellungen auf den Kopf: Ein Mädchen wird von ihrem eigenen Ehemann ohne ihr Wissen an einen doppelt so alten Mann verschachert, in den sie sich wider Erwarten über beide Ohren verliebt und mit dem sie eine heftige Leidenschaft erlebt. Einige Zeit später lernt die junge Frau ihren zweiten Ehemann kennen, auch das eine arrangierte Begegnung und womöglich sogar eine Scheinehe. Und doch laufen alle moralischen Verurteilungen ins Leere, denn was letztlich zählt, ist das Ergebnis, nicht die Mittel.
Eine junge Frau wird gleich zwei Mal manipuliert, wertvolle historische Dokumente werden entwendet und verhökert, Beweise werden vernichtet, doch die Dokumente wären ohnehin nicht erhalten geblieben und sind womöglich jetzt besser aufgehoben, die Beweise mussten vernichtet werden, um ein unschuldiges Menschenleben zu schützen, die Frau erfährt von der ersten Manipulation, durchschaut aber die zweite nicht, führt auch nach vielen Jahren noch eine glückliche Ehe und empfindet ihr manipuliertes Leben als das ureigene: Wenn das kein Happy End ist!
Nebenbei erfährt die Ich-Erzählerin, dass ihre Co-Autorin sich in noch jugendlichem Alter an ihren damaligen Freund herangemacht hat, und obendrein wird diese alte Geschichte wieder aufgewärmt, nach Jahrzehnten tut sich Eylül nämlich wieder mit dieser – beider – Jugendliebe zusammen, was bei Nisan alte Wunden aufreißt. Sie macht zwar gute Miene zum bösen Spiel, doch den nächsten Roman wird Fatma Akerson / Nisan ohne ihr Alter Ego schreiben, und auch die Frau mit der purpurnen Pelerine dürfte nicht wieder auftreten.