Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03444.jsonl.gz/957

Die Lebensläufe des Journalisten Paul Golay und seiner Tochter, der Schriftstellerin Alice Rivaz, zeugen von einer Geistesverwandtschaft, die den Tod überdauert hat.
Von Denis Bussard
Das SLA erhielt die Büste von Paul Golay (1877–1951), Waadtländer Journalist und kämpferischer Sozialist, zusammen mit anderen Dokumenten von seiner Tochter Alice Golay – als Schriftstellerin unter dem Namen Alice Rivaz bekannt, den sie 1940 beim Erscheinen ihres ersten Romans annahm. Vater und Tochter haben sich in ihren Leben «beinahe verpasst». Die Schriftstellerin unterhielt eine symbiotische Beziehung zu ihrer Mutter, während ihr Vater mit zeitraubenden politischen Aktivitäten beschäftigt war.
Dennoch entstand eine enge Beziehung, die sich in den letzten Lebensjahren von Paul Golay – im Übrigen ein aufmerksamer, aber strenger Leser der ersten Bücher seiner Tochter – verstärkte, aber vor allem auch nach seinem Tod, der einen neuen Dialog eröffnete. Neben den Briefen und Familienporträts materialisiert die seltsame Büste die ständige, wohlwollende Präsenz des verstorbenen Vaters, die für Alice Rivaz «so etwas wie ein Leben zu zweit, ein vertrautes Tête-à-Tête» war: «Der Abwesende, der Verstorbene, der uns grausam verlassen hatte, war auf einmal wieder da, als hätte er sich in der Dunkelheit meines Innersten eingeschlichen, nicht als Erinnerung, sondern als wirkliche, fast schon fleischliche Präsenz mit einem Gewicht, einem Volumen und einer Dichte, die aussergewöhnlich sind.»
Diese Gemeinschaft nahm in den Jahren nach Paul Golays Tod eine ganz konkrete Form an: Alice Rivaz hat die Artikel und Reden ihres Vaters im Sammelband «Terre de Justice» zusammengestellt, den sie 1951 veröffentlichte (und deren Neuauflage sie lange plante).
1968 porträtierte sie den Vater als «Antoine» in «L’Alphabet du matin», das von der Kindheit der kleinen «Anne» in Clarens erzählt und von ihrer Entdeckung der Worte und der «Ideen von [ihrem] Vater». In diesen beiden Vorhaben, dem herausgeberischen wie dem literarischen, sind noch viel tiefere Gemeinsamkeiten zwischen Paul und Alice zu erkennen: der Sinn für das Schreiben, der Glaube an die Macht der Worte und der Kampf gegen jede Form der sozialen Ungerechtigkeit. Paul Golay war nicht nur ein Politiker, sondern auch «ein strenger Polemiker mit schonungsloser Feder», Autor eines Theaterstücks und von rund 7000 (!) Artikeln mit offensichtlichen literarischen Qualitäten.
Alice Golay/Rivaz hat sich ihrerseits nur kurz in politischem Engagement versucht – bei der Sozialistischen Jugend und in pazifistischen Bewegungen. Sie hat den Journalismus ausprobiert und dabei insbesondere Reportagen über Heimarbeit von Frauen verfasst und lange für das Internationale Arbeitsamt gearbeitet, bevor sie sich ganz ihrem literarischen Werk widmete und in ihren Romanen und vor allem in den Kurzgeschichten den Ärmsten der Gesellschaft eine Stimme gab.
Beide haben sich auf ihre Art dafür eingesetzt, Diskriminierungen anzuklagen, konservative Ideologien zu bekämpfen und – vor allem – den Handwerkerinnen und Handwerkern, den Bediensteten, den kleinen Angestellten zu Leben und Würde zu verhelfen. «Sie leiden, sie streben nach dem Unerreichbaren, sie nähern sich mit Schrecken ihrem eigenen Tod. Sie sind Menschen», schrieb Alice Rivaz in starken Worten.
Dank den Nachlässen und dem Interesse der Forschung für diese beiden Persönlichkeiten, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts in der Romandie geprägt haben, wird der Dialog zwischen dem engagierten Bürger mit spitzer Feder und der Aktivistin, die bald zur Schriftstellerin wurde, fortgeführt.
Alice Rivaz, geboren 1901 in Rovray, absolvierte zunächst eine Ausbildung als Pianistin und Musiklehrerin und war ab 1925 als Dokumentalistin beim Internationalen Arbeitsamt in Genf tätig. Rivaz wurde bereits in den 1940er-Jahren mit ihren ersten Romanen «Nuages dans la main» (1940), «Comme le sable» (1946) und «La Paix des ruches» (1947) bekannt. Nach ihrer Pensionierung 1959 publizierte sie verschiedene Erzählbände, Romane, Essays sowie Tagebücher. Alice Rivaz starb 1998 in Genthod.
Mehr zu diesem Thema
«Wenn er in mir lebt, kann er nicht gestorben sein» (PDF, 701 kB, 28.10.2021)Der Bund, Dienstag, 26. Oktober 2021
Letzte Änderung 28.10.2021