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Autor: Casie Bazay / Robert M. Bowker
Ich war sehr aufgeregt, weil ich letzte Woche die Gelegenheit hatte, Dr. Robert Bowker zu interviewen. Er ist einer der wenigen Forscher, der dem Bemühen, alles zu lernen, was er über die Funktion des Fusses lernen kann, sein Leben gewidmet hat, und er hat den Weg gebahnt, dass viele von uns den Pferdehuf aus einer anderen Sicht sehen. Seine Studien über die Blutzirkulation und Energieverteilung im Pferdehuf sind für viele von besonderem Interesse – v.a. für jemanden, der in die Barhufer-„Bewegung“ eingebunden ist.
Dr. Bowker schloss sein Studium 1973 an der University of Pennsylvania’s College of Veterinary Medicine ab, und machte seinen PhD (Dr.-Titel, Anm.d.Ü.) 1979 in Neurobiologie. Heute liest er Anatomie am College of Veterinary Medicine an der Michigan State University, wo er seit 1988 lehrt. Obwohl Dr. Bowkers Forschungen in den Kreisen traditioneller Tierärzte und Hufschmiede immer noch ignoriert werden, verfolgt er sie weiter, und bringt immer wieder Fehlinformationen, die oft in Vorlesungsskripten gedruckt werden, ans Licht. Die Beweise, die er über die natürliche Funktion des Hufes zusammengestellt hat, sind überwältigend, und er wird noch und noch durch NHC-Barhufpfleger (Natural Hoof Care) und ganzheitlich fokussierte Tierärzte zitiert.
Ich denke an eines meiner Lieblingszitate, wenn ich an Dr. Bowker und seine Arbeit denke: „Alle Wahrheit durchläuft drei Stufen. Zuerst wird sie lächerlich gemacht oder verzerrt. Dann wird sie bekämpft. Und schließlich wird sie als selbstverständlich angenommen“. (Arthur Schopenhauer)
Ich glaube unbedingt daran, dass die Wahrheit über den Pferdefuss bald als selbstverständlich akzeptiert werden wird. Und wir haben Dr. Bowker vieles davon zu verdanken.
Fragen und Antworten mit Dr. Bowker: Hufrollenerkrankung
F: Was führte zu Ihrem Interesse, den Pferdefuss und insbesondere die Hufrollenerkrankung zu studieren?
A: Ich bin von meiner Ausbildung her Neurobiologe (ein Wissenschaftler, der die Zellen des Nervensystems erforscht), und in den frühen Neunzigern wurde ich von Studenten gefragt, welche Nerven genau durch Lokalanästhesien betäubt werden. Wir fingen an, zu untersuchen, wo genau sich die Nerven befanden, und wohin sich das Lokalanästhetikum nach der Injektion verteilt, und wir zeichneten die Nerven, die durch diese Prozedur betroffen sind, auf. Gleichzeitig kamen wir dadurch dazu, exakter zu sezieren, und die Anatomie des Fusses gründlicher zu lernen. Schliesslich führte uns das dazu, uns auf die Gewebe zu konzentrieren, und es entstanden mögliche Ideen im spezifischen Zusammenhang mit der Hufrollenerkrankung. Ich wollte verstehen, wie der Huf beim Aufschlag auf den Boden reagierte, wie die Aufschlagsenergie verteilt wurde, und auch, wie die Gewebe darauf reagierten.
Ich begann damit, verschiedene Teile des Hufs zu vermessen, und ich fand heraus, dass bei vielen Pferden die Hufknorpel unterentwickelt waren. Ich stellte auch fest, dass wenn radiologische Veränderungen am Strahlbein sichtbar waren, der Zustand schon jahrelang bestanden hatte. Zurückblickend war ich sehr naiv in meiner Denkweise, denn heute wissen wir, dass diese kleinen Hufknorpel nicht unterentwickelt waren (z.B. hatten sie keine Notwendigkeit zu wachsen und sich zu entwickeln), sondern sie unterlagen unterschiedlichen Graden der Degeneration, oder waren ernsthaft durch die Vibrationen auf Ballen und Füsse beim Auffussen beeinträchtigt.
Ich denke, es ist wichtig zu erwähnen, dass ich nicht mit Pferden aufgewachsen bin. und daher war ich nicht befangen wie so viele Leute, wenn es um Pferdehufe geht: die übliche Pferdekunde oder Dogma bezüglich Hufe war nicht in meinen Venen!
F: Es scheint, dass es zahlreiche Definitionen gibt, was die Hufrollenerkrankung eigentlich ist. Wie würden Sie sie definieren?
A: Der Begriff „Hufrollenerkrankung“ wird gebraucht, um jeden Schmerz im hinteren Teil des Hufes zu beschreiben. Eine Hufzange, die am Strahl angesetzt wird, ist ein recht zuverlässiger Hinweis (vorausgesetzt, dass nicht Strahlfäule ein Problem ist). Es gibt viele Gründe dafür, dass das Strahlbein und alles vom Hufbein bis zum hinteren Hufbereich betroffen sein kann. Das Strahlbein und die tiefe Beugesehne können gesund sein, und dennoch kann das Pferd an Schmerzen im Bereich der Hufrolle leiden. Wenn im Röntgenbild irgendwelche Veränderungen zu sehen sind, ist das Problem schon ziemlich weit fortgeschritten. Ich sehe es als ein A-bis-Z-Kontinuum, und man ist meistens schon bei W bis Z angekommen, wenn man Veränderungen im Röntgenbild sieht.
F: Gemäss Ihren Studien, wie kommt eine Hufrollenerkrankung zustande?
A: Meine Studien haben mich zu der Überzeugung geführt, dass unsere Pferdehaltung der Grund ist, dass Hufrollenentzündung entsteht. Im Wesentlichen kann Hufrollenentzündung auf Vibrationen zurückgeführt werden; Vibrationen zerstören Gewebe im Huf.
Wie geschieht dies? Wenn Pferde gezwungen werden, auf harten Böden zu leben, oder wenn sie fortwährend auf harten Böden arbeiten müssen, erhöht sich die Frequenz der Vibrationen. Auch schon Vibrationen mit der tiefen Frequenz von 250-300 Hz können Bindegewebe zerstören, aber man hat bewiesen, dass Pferde auf hartem Grund Vibrationen bis zu 3000 Hz. unterworfen sind. Meine Überzeugung ist, dass harte Böden, Eisen, oder Haltungspraktiken, sowie unsere Methoden, die Hufe zu trimmen oder zu beschlagen, die Hauptschuldigen für diese erhöhten Schläge/Vibrationen auf den Huf sind.
Eisen erhöhen ebenfalls die Frequenz der Vibrationen im Huf. Gewebe können nur eine gewisse Menge Energie absorbieren, bevor die Knochen geschädigt werden. Eine Studie von 1988-89 aus den Niederlanden zeigte, dass Eisen die Vibrationen im Huf bis zu 2500 Hz erhöhen können. Also ja, Hufeisen spielen definitiv eine Rolle in der Entstehung der Hufrollenerkrankung. Aber es muss auch gesagt werden, dass auch Barhufpferde, die auf harten Böden leben oder gearbeitet werden, eine Hufrollenerkrankung entwickeln können.
F: Können Sie erklären, was dem Huf passiert, wenn der Strahl keinen Bodenkontakt hat?
A: Grundsätzlich – alles geht bachab ("things go to hell"). Ich bin überzeugt, dass es das dümmste ist was man tun kann, den Strahl zu beschneiden. Wenn Sie den Strahl trimmen, nehmen Sie die äusserste Schicht des Hufes weg, was die darunterliegenden inneren Strukturen des Strahls enorm schädigt. Der Strahl ist eine höchst ausgereifte Struktur mit einer enormen Blutversorgung – er enthält tausende von winzigen Blutgefässen. Diese Blutgefässe sind ausschlaggebend für die notwendige Blutversorgung und für die Gesundheit des Hufes.
Wenn der hintere Teil von Huf und Strahl keinen Bodenkontakt haben, wird die Aufschlagsenergie (aus der Bewegung) nicht verteilt, sondern wird stattdessen auf die Knochen und die anderen verbindenden Gewebe des Hufes übertragen. Diese Gewebe verteilen die Energie nicht sehr gut, und das Langzeitergebnis sind chronische Hufprobleme und Lahmheit.
Wenn der Strahl auf dem Boden ist, werden die Eckstreben ebenfalls ihren Anteil am Gewicht tragen, und ein grosser Teil der Last wird von der Sohle übernommen werden.
Ich denke auch, dass der Dreck, der in die Sohlenwölbung hineingepackt wird, eine helfende Rolle in der Unterstützung des Fusses spielt. Man sollte diesen Dreck nicht herausputzen (ausser natürlich, wenn es Mist ist). Meiner Erfahrung nach haben nur Stallpferde Strahlfäule.
F: Ist eine Hufrollenerkrankung reversibel, wenn die Zerstörung des Strahlbeins begonnen hat?
A: Es hängt wirklich vom Ausmass des Schadens ab. Gewebe können heilen, aber sie werden nie wieder normal. Die Hufrollenerkrankung ist mit so einer grossen Spannweite von Pathologien verbunden, und jedes Pferd ist anders. In vielen Fällen werden jedoch die Zehen zu lang gelassen. Eine kurze Zehe ist Bedingung für eine Heilung.
Es ist ein Fehler zu glauben, dass die Hufwand das Pferd tragen sollte, wie traditionelle Hufschmiede und viele Tierärzte glauben. Die ganze Sohle wie auch die Strukturen im hinteren Teil des Hufes sollten einen grossen Teil des Pferdes tragen. Das Hufbein (das ja direkt oberhalb der Sohle liegt), sollte immer mit belastet werden. Es sollte dicht (histologisch gesehen; auch röntgendicht * ) sein. Wenn das Hufbein nicht belastet wird, wird es porös – das ist nichts Gutes.
Ich arbeite momentan an einer Untersuchung, die sich auf die Rehabilitation von Pferden mit Hufrollenerkrankung fokussiert.
F:Sollten Ihrer Meinung nach Pferde mit Hufrollenerkrankung überhaupt beschlagen werden?
A: Gut, das hängt davon ab, was Sie wollen. Wenn wir über Pferde mit normaler Aktivität sprechen, und wenn Sie wollen, dass die Strukturen kontinuierlich stärker werden, dann wahrscheinlich nein. Aber wenn Sie an Turniere gehen etc., und wenn es dort Vorschriften gibt, dann muss man wohl irgendwelche Eisen aufbringen. Der Huf muss irgendwie geschützt werden, abhängig davon, was er leistet und wie man den Huf trimmt.
Immer wenn man ein Eisen auf einen Huf aufbringt, muss man die Verantwortung für den Aufprall übernehmen, den das Eisen auf den Huf und den Rest des Fusses ausübt. Meiner Meinung nach übernehmen die wenigsten Leute diese Verantwortung. Es sind unsere Haltungsbedingungen, die nicht korrekt sind, und die Probleme wie die Hufrollenerkrankung produzieren. Wenn wir diese korrigieren, werden sich die Hufe entsprechend einstellen.
Ich habe nicht auf alles eine Antwort, aber ich sehe mehr Hufe in unterschiedlichen Stadien der Zerstörung, als gesunde Hufe! Ein Huf, der ohne Lahmheit geht (engl. „sound“ *), ist meiner Meinung nach nicht notwendigerweise gleichzusetzen mit einem gesunden Huf; es heisst nur, dass er momentan nicht lahmt.
F: Irgendwelche abschliessenden Gedanken?
A: Viele Leute denken, dass „barhuf“ einfach heisst „die Eisen abnehmen“. Das ist es nicht. Nur korrektes und häufiges Trimmen, und die Zehe kurz halten, wird in einem guten Huf resultieren. Meiner Meinung nach sollte ein Huf während der aktiven Wachstumsperiode alle 3-5 Wochen durch einen Barhufpfleger oder Hufschmied getrimmt werden. In manchen Fällen sogar in kürzeren Intervallen. Selten auch längere Abstände, immerhin.
Pferdebesitzer haben eine Verantwortung, sich weiter zu bilden – und sie müssen damit anfangen, dem Huf Aufmerksamkeit zu schenken. Ich betrachte korrekte Hufpflege und Ernährung als die beiden wichtigsten Aspekte in der Pferdepflege bzw. Pferdehaltung.
Originaltitel: Casie Bazay : Dr. Robert Bowker on Navicular Disease 20. Mai 2014, updated 6.Feb. 2017
© Casie BazayundRobert M. Bowker