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Verwöhnen
Inhaltsverzeichnis
- 1 Bedeutung für die Erziehung
- 2 Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)
- 3 Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)
- 4 Überfluss
- 5 Abhängigkeit
- 6 Missbrauch
- 7 Weiterführende Themen
- 8 Übergeordnete Prinzipien
Bedeutung für die Erziehung
Während der Phase der Vertrauensbildung hat das Kind ausschliesslich Grundbedürfnisse, die bedingungslos, immer und sofort befriedigt werden sollten. Das ist ein Verwöhnen im positiven Sinne. Erst mit der Phase der Willensbildung müssen die Eltern lernen, Grundbedürfnisse von weitergehenden Begehrlichkeiten zu unterscheiden: Wenn sie dem Willen des Kindes nicht angemessen Widerstand leisten, droht ein negatives Verwöhnen, das höchste kontraproduktiv ist.
Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)
Positives Verwöhnen heisst in dieser Zeit,
- einerseits dem Kind möglichst immer und alles zu geben, wonach es verlangt,
- und andererseits nur das zu geben, was es von sich aus verlangt.
Grenzen müssen Sie nur dort setzen, wo wirkliche Gefahren drohen oder vom Moment an, da Ihre Kapazitäten erschöpft sind. Zuvor sollten Sie das Kind bestimmen lassen, was es braucht. Denn wenn es zum Beispiel getragen werden will, hat das vielleicht weniger damit zu tun, dass es nicht selbst laufen könnte, sondern dass es Ihre Nähe sucht. Und umgekehrt sollten Sie es immer selbst laufen lassen, wenn es danach verlangt.
Verwöhnen und Grundbedürfnisse
In den beiden ersten Jahren hat das Kind noch keine Wünsche, sondern ausschliesslich Grundbedürfnisse. Diese sollten Sie als Eltern möglichst immer und sofort befriedigen. Denn damit bestätigen Sie das Vertrauen, das das Kind in Sie hat und es kann seinerseits Selbstvertrauen entwickeln. In dieser Phase gibt es kein Verwöhnen, jedenfalls nicht im negativen Sinn. Sie dürfen, ja sollen, dem Kind möglichst alles geben, was es verlangt und wonach es Lust hat: Nehmen Sie das Kind also hoch, wenn es gehalten werden will und lassen Sie es so lange schlafen, wie es schläft. Die einzige Grenze sind Ihre eigenen Kräfte und Bedürfnisse). Diese Phase endet mit der Willensbildung (in der Regel etwa im dritten Lebensjahr).
Verwöhnen und Fähigkeiten
Das Ziel der Erziehung sollte gemäss dem "Zweimalzwei der Erziehung" Selbständigkeit sein. Lernen Sie deshalb gleich von Anfang an, den Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen. Es beginnt damit, dass das Neugeborene schon bald die Mutterbrust selbst findet, wenn es gestillt werden will. Das Streben nach Selbständigkeit ist denn auch schon Teil des Lebenswillens des Kindes. Lassen Sie das Kind deshalb immer alles selbst machen, was es selbst zu tun beabsichtigt. Gerade am Anfang müssen Sie lernen, besonders lange zu warten und sich zu gedulden. Wenn Sie helfen wollen, fragen Sie das Kind immer zuerst. Sie können sich das durchaus schon vom ersten Tag an angewöhnen, auch wenn es anfangs bloss nach einer Formalität aussehen mag. Denken Sie einfach daran, dass das Kleinkind zwar noch völlig auf Sie angewiesen ist, dass es aber schon mit der Geburt zusammen mit der Mutter eine riesige Leistung vollbracht hat und voller Energie und Tatendrang ist. Es will unbedingt alle seine Fähigkeiten, die in ihm schlummern, entwickeln. Ermuntern Sie das Kind also immer wieder, etwas selbst auszuprobieren, statt ihm zuvorzukommen.
Wenn Sie dem Kind hingegen in den ersten Jahren Dinge abnehmen, die es selbst könnte, würden Sie es in einem negativen Sinn verwöhnen, was sehr kontraproduktiv wäre: Das Kind wird nämlich sehr schnell lernen, dass es einfach warten kann, bis Sie ihm zum Beispiel die Jacke ausziehen (und womöglich noch verräumen) oder den heruntergefallenen Löffel aufheben, obwohl es das alles schon selbst könnte. Und irgendwann wird das Kind resignieren und bequem werden, weil es seine Fähigkeiten, die es eigentlich von Natur aus hätte, nicht einsetzen kann. Wenn Sie hingegen das Kind konsequent alles selbst machen lassen, wozu es Lust hat, kann es sich an seinen Erfolgen erfreuen und gewinnt an Selbstvertrauen. Lassen Sie das Kind also zum Beispiel das Butterbrot selbst streichen, wenn es mag und nehmen Sie anfangs ein paar verschmierte Finger in Kauf!
Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)
Verwöhnen und Wünsche
Wenn das Kind seinen Willen zu entwickeln beginnt, in der Regel etwas im dritten Lebensjahr, braucht es auch Grenzen. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von verwöhnt werden: Das Kind muss spüren, dass es auch noch Bedürfnisse anderer Menschen gibt, die seiner Entfaltung entgegenstehen können. Wenn der Sohn zum Beispiel plötzlich die Blumen aus des Nachbarn Garten auszureissen beginnt, muss Ihre Antwort darauf "Nein!" lauten. Wenn Sie das hingegen dulden und zum Beispiel einfach noch mehr Blumen zum Ausreissen pflanzen, würden Sie das Kind auf eine ungesunde Art und Weise verwöhnen. Denn Blumen ausreisen mag zwar für ein Kind lustig sein, entspricht aber nicht etwa einem Grundbedürfnis!
Mit dem Willen kommen zudem auch die Wünsche. Wünsche sind erstens in die Zukunft gerichtet und ihre Erfüllung ist zweitens abhängig von Dritten. Für Kinder ist es in den ersten Jahren ziemlich selbstverständlich, dass ihre Eltern, genauso wie sie alle ihre Grundbedürfnisse befriedigen konnten, nun auch alle ihre Wünsche erfüllen können. Als Eltern haben Sie deshalb die Aufgabe, dem Kind genau diese Illusion zu nehmen, das heisst ihm zu sagen, dass es zwar wünschen darf, dass es aber für die Erfüllung dieser Wünsche selbst zuständig ist oder doch zumindest etwas beizutragen hat. Damit übergeben Sie dem Kind nach und nach Verantwortung. Und genau dafür hat es ja auch seinen Willen: Das Kind soll spüren, dass es etwas erreichen kann, wenn es sich entsprechend anstrengt und sich dafür einsetzt. Wenn sich das Kind also zum Beispiel ein Haustier wünscht, soll es auch bereit sein, die damit verbunden Pflichten zu übernehmen. Treffen Sie mit ihm eine Vereinbarung, mit der es das Ihnen zeigen kann, dass es dazu bereit ist (zum Beispiel über eine gewisse Zeit regelmässig den Kehricht herausstellen).
Wünsche sollten Sie nicht einfach deshalb erfüllen, weil Sie die finanziellen (oder sonstigen) Mittel dazu haben, sondern weil sie spüren, dass das Kind auch bereit ist, etwas dafür zu tun. Diese Anstrengung muss nicht zwingend eine Aktivität sein, sondern kann sich auch in Geduld oder Ausdauer ausdrücken. Versuchen Sie also eine gewisse Spannung aufrecht zu halten und beobachten Sie zunächst, wieviel der Wunsch dem Kind wirklich wert ist. Wenn Sie hingegen immer gleich jeden Wunsch erfüllen, wir das Kind bequem oder muss sich immer noch grössere Wünsche einfallen lassen, um eine Grenze spüren zu können. Ein solches Verwöhnen wäre also ausgebrochen kontraproduktiv.
Verwöhnen und Verantwortung
Eine besondere Art des Verwöhnen ist es, wenn Sie dem Kind Verantwortung für etwas abnehmen, obwohl es die Konsequenzen eigentlich selbst tragen könnte. Wenn das Kind zum Beispiel mit grösster Freude durch die Wasserlache läuft, können Sie es natürlich zuvor vor den nassen Füssen und den schmutzigen Hosen warnen. Ziemlich sicher wird es aber der Versuchung nicht widerstehen können. Und das macht auch gar nichts: Die möglicherweise nassen Füsse werden das Kind vielleicht etwas stören. Es genügt aber völlig, ihm den Zusammenhang zwischen Wasserlache und nassen Füssen zu erklären und das Kind wird damit umgehen können. Denn es durfte zuvor selbst entscheiden und kann deshalb auch mit den Folgen seines Handelns leben. Einschreiten müssen Sie lediglich bei wirklichen Gefahren. Wichtig ist aber, dass Sie das Kind "trotz" Ihrer Warnung trösten, wenn es sich weh macht, denn das ist ein Grundbedürfnis, dessen Befriedigung Sie auch in dieser Phase nicht von Bedingungen abhängig machen dürfen.
Lehren Sie dem Kind auch schon möglichst früh, dass es für sein Spielzeug selbst verantwortlich ist. Das beginnt schon damit, dass es zum Beispiel selbst entscheiden darf, ob es das Dreirad mit auf den Spaziergang nehmen darf, dieses aber nicht einfach irgendwo stehen lassen darf, sondern auch wieder zurückfahren muss. Je früher Sie damit beginnen, desto besser. Zum Beispiel können Sie ruhig dem Kind überlassen, wann es einen Schnuller braucht, ihm aber lehren, dass es diesen bei Nichtgebrauch in seiner eigenen Tasche versorgt, ohne dass Sie dauernd wie ein Besenwagen dem Kind hinterherlaufen.
Überfluss
Der Wohlstand, den wir uns in der westlichen Zivilisation üblicherweise gewohnt sind, hat für Kinder nicht nur Vorteile. Denn Kinder sind mit Überfluss schlicht überfordert. In den ersten Jahren geht es dabei vor allem um
aber auch um
- übermässige Sicherheit,
- Unterhaltungseinrichtungen,
- zu viele organisierte Freizeitaktivitäten
- und überhaupt um Reizüberflutung.
Überfluss wirkt auf Kinder lähmend, denn sie verlieren die Motivation, etwas selbst zu tun und erreichen zu wollen. Im Extremfall hat das Kind nicht einmal mehr Wünsche (oder nur noch völlig masslose), weil es schon alles hat. Gegen Überfluss hilft nur das Mittel der "künstlichen Verknappung": Bieten Sie zum Beispiel dem Kind nur zu den regelmässigen Essenzeiten Essen an und respektieren Sie, wenn das Kind keinen Appetit hat. Füllen Sie den Teller auch nur so, dass Sie davon ausgehen können, dass es alles aufessen mag und von sich aus nach mehr verlangen kann. Süssigkeiten sollten Sie zudem in den beiden ersten Jahren ganz vermeiden, da Zucker (auch künstlicher!) in diesem Alter schlicht zu einer Reizüberflutung führt.
Abhängigkeit
Negatives Verwöhnen kann nicht bloss die Selbständigkeit behindern, sondern zu eigentlicher Abhängigkeit führen. Wenn Eltern Angst davor haben, ihr Kind loszulassen, werden sie bewusst oder unbewusst alles unternehmen, um dem Kind zeigen zu können, dass es ohne ihre Hilfe nicht auskommt. Bieten Sie dem Kind deshalb nur Hilfe an, wenn es danach verlangt. Respektieren Sie zunächst die Fähigkeiten des Kindes, auch wenn diese anfangs noch nicht ganz entwickelt sind und dem Kind noch nicht alles auf Anhieb gelingt. Ein gutes "Übungsfeld" ist die Sprachentwicklung: Die Worte des Kindes mögen anfangs schwer verständlich sein, da das Kind noch nicht alle Silben gleich gut aussprechen kann. Ermuntern Sie das Kind, indem Sie ihm zum Beispiel das Wort oder den Satz deutlich, aber zustimmend, wiederholen: Sie zeigen ihm damit, dass Sie sich über seine Worte freuen und es verstanden haben. Oder wenn das Kind etwas zu einem Fremden sagt, der gar nichts verstehen kann, ermuntern Sie das Kind, es nochmals zu sagen. Wenn Sie stattdessen dem Fremden einfach in Ihren eigenen Worten sagen, was das Kind wollte, zeigen Sie damit, dass Sie dem Kind nicht zumuten, dass es sich selbst ausdrücken und verständlich machen kann. Das wäre nichts anderes als ein Zeichen von mangelnden Vertrauen in Ihr Kind!
Missbrauch
Noch heikler ist natürlich, wenn Erwachsene sich die Zuneigung von Kindern durch Süssigkeiten, Geschenke und ähnliches gewissermassen zu erschleichen suchen (zumal wenn dieses Verhalten auch noch zur Grundlage für eigentlichen Missbrauch wird). Als Eltern müssen Sie in dieser Beziehung einerseits aufmerksam sein und allenfalls eingreifen. Andererseits dürfen Sie sich auch darauf verlassen, dass Ihr Kind weniger anfällig für derartige, unter Umständen gefährliche, Verlockungen ist, wenn Sie das Kind bewusst zu Selbständigkeit erziehen. Dazu gehört auch, dass Sie nicht nur gelernt haben, dem Kind Grenzen zu setzen, sondern auch Ihrerseits die Grenzen des Kindes respektieren, es entscheiden lassen, was es selbst entscheiden kann und ihm seine Gefühle so lassen, wie sie sind. Denn Kinder haben von Natur aus ein sehr feines Gespür dafür, was ihnen gut und was nicht!
Weiterführende Themen
Übergeordnete Prinzipien
- Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)
- Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)