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Der Zürcher Regisseur Stefan Haupt hat bislang zwei Dokumentarfilme vorgelegt; Utopia Blues ist sein erster Spielfilm und beruht auf einer wahren Begebenheit. Im Jargon der amerikanischen Film- und Fernsehvermarktung heisst es in der Regel dann, ein Film sei «based on a true story», wenn weder die Besetzung bekannt genug noch der Produktionsaufwand hinreichend gross ist, um die Aufmerksamkeit auf den Film zu lenken. Utopia Blues erfüllt beide dieser Kriterien. Der Hauptdarsteller Michael Finger spielt seine erste grosse Kinorolle, und bis auf Babett Arens und Ettore Cella sind auch die meisten Nebendarsteller kaum bekannt. Zudem wurde der Film mit minimalen Mitteln gedreht: auf Digitalvideo, von einer Equipe aus lauter jungen Technikern. Solche Filme können sich manchmal als Entdeckungen entpuppen, und auch das gilt für Haupts Film: Er «funktioniert», wie es so schön heisst - man lässt sich auf die Figuren und ihre Geschichte ein, vollzieht ihr Streben und Leiden mit und ist bewegt.
Erzählt wird die Geschichte des 18-jährigen Gymnasiasten Raffael (Michael Finger), der mit seiner Mutter (Babett Arens) am Stadtrand von Zürich lebt. Raffael sollte sich eigentlich auf seine Maturitätsprüfungen vorbereiten, doch er lebt nur für die Musik. Er träumt davon, mit seinem Schulkollegen Dani (Tino Ulrich) und ihrer gemeinsamen Utopia Blues Band auf eine grosse Tournee zu gehen. Seine Aktivitäten und sein Verhalten gegenüber anderen Leuten bekommen mit der Zeit manische Züge, und während sein Freund Dani als Quittung für eine unerlaubte Spritztour von seinem Vater in ein Internat gesteckt wird, landet Raffael in der psychiatrischen Klinik, nachdem er die Zürcher Hardbrücke für einen Auftritt genutzt und den Verkehr lahm gelegt hat. Durch Medikamente stillgestellt, dämmert Raffael in der Klinik vor sich hin, bis ein Besuch von Dani ihn wieder aufrüttelt. Er tritt ins gleiche Internat ein, verliebt sich in eine Mitschülerin und komponiert eine Rockoper. Seine Krise ist aber nicht ausgestanden: Er hat sich mit dem Schulleiter angelegt und soll nun von der Schule gewiesen werden.
Komponist und Nebendarsteller Tino Ulrich gelang mit dem wiederholt eingespielten Titelsong ein Stück Adoleszenten-Pop, das durchaus authentisch wirkt. Daneben sind es vor allem zwei Dinge, die Utopia Blues zu einem gelungenen Debüt werden lassen. Haupt, von Haus aus Theaterpädagoge, kann Schauspieler führen, und das Drehbuch ist, wenn auch nicht völlig frei von Mängeln, ausgesprochen gut gearbeitet, für einen Erstling zumal. Eine Geschichte über einen Jugendlichen, der vom Erfolg als Rockstar träumt, kann leicht misslingen. Man kann die Figur als Vehikel eigener Träume benutzen, und die Geschichte wirkt lächerlich. Man kann sich bei der Figur und der Altersgruppe anbiedern, die sie repräsentiert, und der Film wirkt aufdringlich. Man kann sich über die unrealistischen Aspirationen der Figur lustig machen, und der Film kippt ins Zynische. Stefan Haupt tappt in keine dieser Fallen. Sein Film hält zu seiner Figur respektvolle Distanz und findet eine feine Balance zwischen Empathie und Beobachtung. Mit dem gleichen Respekt begegnet Haupt auch seinen Nebenfiguren und schafft so die Voraussetzung für jene Anteilnahme, die psychologische Kinospielfilme fürs Publikum interessant macht: für das abwägende Einnehmen verschiedener Perspektiven auf Figuren und ihre Motivation. Eine reife Leistung und ein Versprechen für die Zukunft.