Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/238

Bibelarmut in Zahlen
Das Internationale Jahr der einheimischen Sprachen im Januar 2019 eröffnete Michel Kenmogne, der internationale Geschäftsführer von SIL, mit folgender Rede:
«Obwohl ich etwa fünf Sprachen ziemlich fliessend spreche, ist es meine Sprache Ghomálá’, in der ich fühle. Sie hat meine Weltanschauung und meine Wertvorstellungen geprägt. Deshalb sind diese Feierlichkeiten des Internationalen Jahres der einheimischen Sprachen sehr wichtig für mich.
SIL International, die Organisation, die ich leite, war in den letzten 85 Jahren weltweit an vorderster Front im Kampf für die Erhaltung einheimischer Sprachen. Wir haben einheimische Sprachen dokumentiert, geholfen, Schriftsysteme dafür zu entwickeln und wir haben uns für Spielregeln stark gemacht, die es den Sprachgemeinschaften erlauben, für ihre Rechte zu kämpfen. Wir arbeiten auch mit ihnen zusammen, wenn sie sich mit Mehrsprachigkeit und dem tatsächlichen Sprachgebrauch in der heutigen globalisierten Welt auseinandersetzen müssen. Wir arbeiten derzeit unter 1650 einheimischen Sprachgruppen auf der ganzen Welt. Wir haben traditionelle Schriftsysteme digitalisiert und verschiedenste Sprachsoftwares entwickelt. Diese ermöglichen es uns, die Sprachen der Welt zu beschreiben und zu dokumentieren.
Die Feier des Internationalen Jahres der einheimischen Sprachen vermittelt mir Hoffnung, aber nicht nur mir, sondern auch meinen 4500 Kollegen weltweit, die wir uns für eine nachhaltige Entwicklung der einheimischen Sprachen einsetzen. Warum ist dies so wichtig? Etwa 75% der Weltbevölkerung sprechen nur 8% der Sprachen, die es gibt. Diese 8% entsprechen etwa 580 Sprachen. Sie sind recht beständig, denn sie sind geschützt durch die Institutionen und die Infrastruktur, die es erlauben, diese Sprachen als Bildungssprache und in der Literatur zu verwenden. Diese 8% der Sprachen der Welt sind also nicht gefährdet. Hingegen sprechen 25% der Weltbevölkerung 92% der übrigen Sprachen der Welt. Das entspricht etwa 1,8 Milliarden Menschen, die etwas mehr als 6000 Sprachen sprechen. Wenn wir über Sprachen sprechen, geht es nicht nur um Zeichen und Symbole, sondern es geht um wirkliche Menschen – 1,8 Milliarden Menschen. Deshalb ist es für uns als Versammlung von Organisationen und Regierungen wichtig, dieser Feier Bedeutung beizumessen.
Die Weltgemeinschaft hat den Verlust der biologischen Vielfalt als ein grosses Problem identifiziert, das unsere Lebensqualität gefährdet. Ich möchte heute die Behauptung aufstellen, dass die wirkliche globale Katastrophe, die die Menschheit bedroht, eine kulturelle Katastrophe ist, wenn immer mehr sprachliche Vielfalt auf der Welt verloren geht. Was geschieht, wenn die Welt weiterhin Kulturen und Sprachen verliert? Die Lebensqualität geht auch verloren, denn Sprache ist unzertrennbar verknüpft mit unseren Gefühlen, unserer Identität, ja, allen Bereiche unseres sozialen, politischen und ökonomischen Lebens. Der Grund ist, dass alles mit Sprache verknüpft ist. Wir werden nicht fähig sein, unsere grundlegenden Probleme als Weltgemeinschaft anzupacken, wenn wir nicht bei der Sprache, – bei den vielen autochthonen Sprachen der Welt ansetzen.
Ich hoffe und wünsche, dass wir als weltweite Gemeinschaft in diesem Internationalen Jahr der einheimischen Sprachen unsere Synergien entdecken und uns mit vereinten Kräften für die Zukunft einsetzen. Diese Generation soll in Erinnerung bleiben, als eine, die sich für die Sprachen der Welt eingesetzt und damit die Sprachlandschaft und die kulturelle Vielfalt erhalten hat. Nur so bleibt diese Welt lebenswert!
Quelle für Text und Foto: sil.org