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Im Kongobecken ist der Tropenwald noch relativ intakt. Greenpeace warnt davor, dass dieser Schatz schon bald geplündert werden könnte.
Der Flug von Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo (DRK, früher Zaire), rund 1600 Kilometer quer in östlicher Richtung übers Land nach Goma an der Grenze zu Ruanda dauert über sechs Stunden. Dabei, so erinnert sich ein Uno-Soldat, fliegt man «stundenlang über Tropenwälder, so dicht und kompakt wie Broccoli». Doch in dieses dichte System werden immer mehr Schneisen geschlagen: Vergangene Woche präsentierte Greenpeace International einen alarmierenden Bericht, wonach für Grossteile des Regenwaldes in der DRK zweifelhafte Konzessionen zum Holzschlag vergeben worden sind.
Bisher noch verschont
Der Regenwald im Kongobecken im Herzen von Afrika ist das zweitgrösste zusammenhängende Stück Tropenwald der Welt nach dem Amazonasgebiet und vor den indonesischen Wäldern. In Brasilien und Indonesien wurden in den vergangenen Jahrzehnten grosse Waldgebiete vor allem für neue Palmöl- und Sojaplantagen oder für die Rinderzucht zur Fleischproduktion gerodet. Davon und von industrieller Holzausbeutung blieben die in der DRK liegenden zwei Drittel des noch intakten zentralafrikanischen Regenwalds weitgehend verschont. Zwar wurden um den Rohstoffreichtum des Landes - Diamanten, Gold, Kupfer, Kobalt und das für die moderne Kommunikations- und Unterhaltungselektronik bedeutende Koltan - in den neunziger Jahren und bis 2002 Kriege geführt und von diesen Bodenschätzen auch finanziert: Regierung und Rebellenbewegungen in der DRK wie auch die Nachbarländer haben sich an diesen relativ leicht zu plündernden Schätzen bereichert und damit ihre Ausrüstung bezahlt. Die unsichere Situation hat dagegen den logistisch aufwendigeren Holzschlag im grossen Stil behindert.
Mit zunehmender politischer Stabilisierung und nach den Wahlen vom Juli des vergangenen Jahres droht sich dies nun radikal zu ändern. Die internationalen Forstunternehmen sind in den Startlöchern und haben sich längst Holzschlaglizenzen gesichert. Sie haben in der Kriegszeit vorsorglich die Holzschlagrechte für knapp drei Viertel der 600 000 Quadratkilometer (60 Millionen Hektaren) Regenwald in der DRK erkauft - also für eine Fläche, elfmal so gross wie die Schweiz.
Beispielhafter Erfolg ...
Als die Weltbank im Jahr 2002 nach einem kriegsbedingten Unterbruch begann, dem Land wieder Kredite zu geben, überzeugte sie die Interimsregierung unter Präsident Joseph Kabila davon, keine neuen Konzessionen mehr zu vergeben und abgelaufene nicht mehr zu verlängern. Zusätzlich zum Moratorium prüfte eine Kommission, ob die bestehenden Verträge eingehalten und die vereinbarten Abgaben bezahlt wurden. In der Folge wurden die Nutzungsrechte für mehr als die Hälfte der Fläche für ungültig erklärt - also für über 250 000 Quadratkilometer, auf denen grösstenteils noch kein Holz gefällt wurde. Das war nach Ansicht der Weltbank ein beispielhafter Erfolg, der den Schutz von weiteren Waldgebieten erlauben sollte.
... ohne Konsequenzen
Geschützt wurde seither allerdings nur wenig. Stattdessen haben Mitglieder der Übergangsregierung der DRK bis zum April letzten Jahres trotz des Moratoriums weitere Konzessionen für insgesamt 150 000 Quadratkilometer Wald vergeben. Die Weltbank führt nun - als jüngster Versuch, die Holzindustrie in der DRK unter Kontrolle zu bringen - eine juristische Prüfung von 156 Verträgen durch, die insgesamt eine Fläche von 210 000 Quadratkilometer betreffen.
Nach vergeblichem Warten auf den Weltbankbericht und angesichts der Dringlichkeit des Problems hat Greenpeace die Verträge selber unter die Lupe genommen und stellt fest:
• 107 der 156 Verträge wurden nach dem Moratorium unterzeichnet.
• Offenbar wurden nur gerade für 40 der alten Verträge die fälligen Steuern bezahlt.
• Wegen fehlender Karten ist bei 13 Verträgen nicht herauszufinden, wo die betroffenen 170000 Quadratkilometer Wald liegen.
• Die Hälfte der Rechtstitel betreffen bisher intakte Waldlandschaften, die als Kohlenstoffreserve besonders wichtig sind (vgl. Kasten weiter unten).
• Ein Drittel der vergebenen Lizenzen befindet sich in Regionen, die besonders dringlich als Schutzgebiete vorgesehen sind.
• In allen betroffenen Gegenden leben Gemeinschaften, deren Lebensgrundlage der Wald ist - zum Beispiel die Jäger und Sammlerinnen der Pygmäen-Stämme.
Dringender Korruptionsverdacht
Bei ihren Untersuchungen hat Greenpeace weiter Verdachtsmomente dafür gefunden, dass die internationalen Holzfirmen das Nichtfunktionieren der Verwaltung ausgenutzt haben und vor Bestechung nicht zurückgeschreckt sind. Sie konnten sich so auf politische Protektion durch Regierungsbeamte oder - in von Rebellen kontrollierten Gebieten - auf ihre Beziehungen mit den dortigen «Behörden» verlassen. Greenpeace drängt die Weltbank daher, ihre Vertragsprüfung voranzutreiben und diesen Punkten besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Doch bisher schaut die Weltbank nur zu und rechnet damit, dass die Steuern von der Holzindustrie dem Staat die Mittel für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Infrastruktur geben. Der exportorientierte Abbau von Tropenhölzern soll die lokale Wirtschaft ankurbeln und die Entwicklung des Landes vorantreiben. Dieses Konzept hat noch nirgends funktioniert; wo immer es angewandt wurde, gewannen Korruption und illegaler Holzabbau die Oberhand. Das Schlagen von Schneisen zu den einzelnen wertvollen Bäumen fügt dem Ökosystem schweren Schaden zu und erlaubt Wilderern und illegalen Holzfällern den Zugang in bisher unerschlossene Gebiete - nur selten sind sie wirklich nützliche Infrastruktur.
Fällrechte gegen Bier
Das 2002 von der DRK in Zusammenarbeit mit der Weltbank eingeführte Forstgesetz bestimmt, dass vierzig Prozent der Steuereinkünfte aus der Holzindustrie in die betroffenen Gebiete zurückfliessen sollten. Doch von den wenigen tatsächlich bezahlten Steuern floss bisher kein Dollar zu den regionalen Behörden. Dasselbe Gesetz sieht vor, dass die Holzfirmen die Konzessionsverträge direkt mit den lokalen Vertretungen aushandeln und ihnen abgelten sollen. Dies führte teilweise zu grotesken Resultaten: So erhielten einige Dorfgemeinschaften für die Zugangsrechte zu Tropenhölzern im Wert von mehreren Hunderttausend US-Dollar gerade mal je zwei Säcke Zucker und Salz, achtzehn Seifen und ein paar Flaschen Bier. Auf die gleichzeitig versprochenen Schulen warten einige Dörfer noch heute. Auf das Recht, die Tätigkeit der Holzfirmen mitzubestimmen, haben sie mit dem Vertrag verzichtet.
Weltbank soll handeln
Derzeit ist dank der Uno-Expertenberichte der drohende Klimawandel ins Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit geraten, und Greenpeace sieht in der DRK eine gute Möglichkeit, grosse intakte Regenwaldgebiete zu schützen. «Doch die Massnahmen müssen rasch ergriffen werden», mahnt die Umweltorganisation und verlangt, dass die Erteilung weiterer Fällrechte eingestellt bleibt, bis ein Nutzungsplan für den Regenwald im Kongobecken erstellt ist. Dieser soll die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und den Arten-, Klima- und Umweltschutz berücksichtigen. Die Weltbank als grösster Geldgeber der DRK hat dort die Gelegenheit, ihren eigenen Grundsätzen von Armutsbekämpfung, Umweltschutz und Förderung der guten Staatsführung Nachachtung zu verschaffen. Greenpeace hat den Kongobericht vor dem Frühlingstreffen der Weltbank vom vergangenen Wochenende in Washington veröffentlicht. Bewirkt hat er bisher noch nichts.
Kohlenstoffreservoir Wald
Wälder sind nicht nur die artenreichsten Lebensräume der Welt, in denen etwa zwei Drittel der bekannten Tier- und Pflanzenarten leben, sondern Lebensraum und -grundlage für etwa 1,8 Milliarden Menschen. Als natürliche Speicher regulieren sie den Wasserhaushalt und enthalten etwa die Hälfte des auf der Erde gebundenen Kohlenstoffs. Tropische Regenwälder bedecken zwar nur sieben Prozent der Erdoberfläche, sind aber von besonderer Bedeutung: Sie beherbergen die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten und halten um die Hälfte mehr Kohlenstoff als Bäume in andern Vegetationsformen. So lagern in der DRK acht Prozent der CO2-Reserven der Welt.
Das Abholzen von Regenwald dagegen verursacht den Ausstoss des Treibhausgases CO2: Schon heute ist mehr als ein Viertel des globalen CO2-Ausstosses auf Waldverlust zurückzuführen - mehr als die Kohlenstoffemissionen des gesamten Transportsektors. Während in den Industrieländern die Waldfläche zunimmt, findet der Waldverlust vor allem in den Tropen statt - Hauptursache dafür sind die Ausdehnung von Landwirtschaftsflächen und Infrastruktur sowie die Holznutzung. Jährlich verschwinden zwischen 130000 und 150000 Quadratkilometer Wald, drei- bis viermal die Fläche der Schweiz - oder 35 Fussballfelder pro Minute.
Der Tropenwald und die Schweiz
Siforco ist die zweitgrösste Holzgewinnungsfirma in der Demokratischen Republik Kongo, gemessen an den 190000 Quadratkilometern Wald unter ihrer Kontrolle. In zwei Provinzen ist sie dank ihrer Macht und ihres Geldes eine Art Staat im Staat.
Interholco ist eine Handelsgesellschaft, die Holz von verschiedenen Firmen kauft und nach Europa exportiert.
Beide Firmen tauchen im Greenpeace-Bericht auf: Siforco ist in Gebieten tätig, die im Bürgerkrieg von der «Bewegung zur Befreiung des Kongo» kontrolliert wurden, und hat laut eigenen Angaben «administrative Gebühren», aber keine Bestechungsgelder bezahlt. Interholco wird beschuldigt, mit Hölzern von Firmen zu handeln, die sich nicht um Umweltschutz und einheimische Bevölkerung scheren.
Interholco wie Siforco gehören zur Danzer-Gruppe. Dieser deutsche Familienbetrieb und internationale Holzverarbeitungskonzern hat seinen Sitz in Baar im Kanton Zug. 2004 hat sich Greenpeace Schweiz mit der Danzer-Gruppe angelegt, bezichtigte Interholco der Korruption und erhob Anzeige bei der Bundesanwaltschaft. Deren Untersuchung wurde nur wenige Monate später eingestellt.