Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03532.jsonl.gz/1342

Bei der Sanierung und Nachverdichtung der 1972-74 erstellten Siedlung Tüfwis in Winkel schufen Zita Cotti Architekten ein starkes Ensemble aus bestehenden und neuen Bauten rund um einen hochwertigen und identitätsstiftenden Aussenraum. Unerlässliche Grundlage für das Projekt bildete ein mehrjähriger kooperativer Prozess.
Welches Ziel bezweckte das Bauvorhaben?
Die Siedlung Tüfwis wurde 1972-1974 nach den Plänen von Georges Berger durch die Swissair für ihr Personal erstellt. Später wurde das Ensemble von der Swissair Pensionskasse in die Anlagestiftung Turidomus übertragen. Nach über 40 Jahren wurde nicht zuletzt aufgrund des hohen Verbrauchs an Heizöl eine Erneuerung der inzwischen stark veralteten Liegenschaften immer dringlicher. Wir durften diese Aufgabe seit dem Gewinn des 2016 für die Siedlung durchgeführten Architekturwettbewerbs begleiten.
War ein Abbruch jemals ein Thema? Wenn ja, weshalb wurde er verworfen?
An diesem zentralen Standort stellte sich für die Eigentümerschaft neben der energetischen Verbesserung auch die Frage nach einer möglichen baulichen Verdichtung. In den ersten Studien im Jahr 2012 war bereits ein kompletter Abbruch geprüft worden, um hier möglichst viele moderne, barrierefreie und energetisch nachhaltige Wohnungen bauen zu können. Bald zeigte sich aber, dass der Abbruch des grössten Bestandsbaus, der mit seinen bis zu sechs Geschossen die Hälfte der Wohnungen beherbergte, nicht nur viel graue Energie und finanziellen Wert vernichtet, sondern auch das gewachsene soziale Gefüge in diesem beliebten Wohnquartier gefährdet hätte; preisgünstiger Wohnraum wäre in der relativ hochpreisigen Gemeinde Winkel verloren gegangen. Die Idee, die flacheren Gebäude mit Aufstockungen zu versehen, scheiterte daran, dass sich der hierfür notwendige Lifteinbau als nicht verhältnismässig erwies. Die Anlagestiftung Turidomus, vertreten durch die Pensimo Management AG, entschied sich daher für den Erhalt und die Sanierung der 41 Wohnungen im Bestandsbau an der Tüfwisstrasse 11 – 19. Die andere Hälfte der Wohnungen in den kleineren Bauten sollte dagegen abgebrochen und durch deutlich grössere Neubauten ersetzt werden.
Gibt es Qualitäten im Bestand, inkl. Aussenraum, die das Projekt beeinflusst haben?
Das Siedlungsmuster der Gemeinde Winkel ist trotz der Nähe zum Flughafen geprägt durch Bauten bäuerlichen Ursprungs sowie durch Ein- und Mehrfamilienhäuser, welche sich an dieser Gebäudeform orientieren. Innerhalb dieser Baustruktur wirkte die Siedlung Tüfwis seit jeher als Besonderheit. Ihre ausgeprägte volumetrische Erscheinung, der architektonische Ausdruck, der starke Landschaftsbezug und der identitätsstiftende, parkartig gestaltete Aussenraum gaben ihr einen spezifischen Charakter. Der grösste Bestandsbau war zwar in einem schlechten Erhaltungszustand, verfügte aber über grosszügige und gut nutzbare Wohnungsgrundrisse und liess im Inneren wie am Äusseren eine hochwertige Gestaltung erkennen.
Wie gross war die Eingriffstiefe? Welche Bauteile wurden wie instandgesetzt, ertüchtigt oder ersetzt?
Der markanteste der bestehenden Baukörper, der bis zu sechsgeschossige, in Höhe und Fassadenflucht gestaffelte Bau im Nordwesten des Areals, wurde erhalten und im bewohnten Zustand umfassend saniert. Die gut geschnittenen Wohnungen erhielten neue Küchen und Bäder und bewahrten ihre ausgewiesenen Qualitäten. Die Fassade mit ihrer charakteristischen Formensprache wurde im Sinne des ursprünglichen architektonischen Ausdrucks neu artikuliert und mit einer Aussendämmung mit einem hochwertigen mineralischen Verputz versehen. Die markanten Betonbrüstungen konnten erhalten und aufgefrischt werden. So bleibt die Fassade für die ganze Siedlung weiterhin prägend. Die bestehende Tiefgarage wurde erhalten und ergänzt. Die Haustechnik wurde komplett erneuert und alle Alt- und Neubauten können heute dank nachhaltiger Wärme- und Stromerzeugung durch Wärmepumpen/Erdsonden und Photovoltaik nahezu CO2-neutral betrieben werden. Die im Wettbewerb von uns vorgeschlagene Aufstockung dieses höchsten Baukörpers der Siedlung konnte aus baurechtlichen Gründen (Festlegungen in den Sonderbauvorschriften: «Jede neue Wohnung muss behindertengerecht erschlossen werden») jedoch nicht verhältnismässig umgesetzt werden.
Worin bestand die grösste Herausforderung?
Die Herausforderung bestand darin, die in Winkel allseits geschätzte Siedlung aus den 1970er Jahren mit dem Ziel der Innenverdichtung in umfassendem Sinne nachhaltig in die Zukunft zu führen und ihr eine neue zeitgemässe Identität zu verleihen. Dieses Ziel verfolgten wir mit einem am Bestand anknüpfenden, auf den Ort zugeschnittenen städtebaulichen Ansatz. So orientiert sich der realisierte Entwurf für die Neubauten einerseits am städtebaulichen und architektonischen Konzept der ursprünglichen Siedlung und „strickt“ dieses weiter: Vier neue, winkelförmige und in der Höhe gestaffelte Neubauten fassen zusammen mit dem bestehenden Bau einen leicht abfallenden grosszügigen Aussenraum, welcher aufgrund der entspannten Setzung der Baukörper mit den Freiräumen rund um die Siedlung verflochten bleibt. Zu den 41 bestehenden Wohnungen gesellen sich 112 neue 2.5- bis 5.5-Zimmer-Wohnungen, eine grosse Pflegewohnung und eine Kita. Dabei entsteht zugleich ein neuer, klar artikulierter Siedlungsrand. Andererseits entsteht durch die neue Setzung ein identitätsstiftender, zentraler Freiraum, auf den fast alle zweiseitig ausgerichteten bestehenden wie auch neuen Wohnungen ausgerichtet sind.
Auch architektonisch galt es, an das Gestaltungsprinzip des Bestandes mit seiner vertikalen Gliederung anzuknüpfen und für die Neubauten in Materialität, Farbgebung und Detailierung so weiterzuentwickeln, dass ein neues charakteristisches Ensemble entsteht. Der murale Ausdruck der Bestandsbauten wurde bei den Neubauten durch eine hochwertige und langlebige Klinkerfassade noch gesteigert. Analog zum Bestand wurde diese kombiniert mit sandgestrahlten Betonelementen für die Balkonbrüstungen und die Sturzelemente, was Alt und Neu stark verbindet.
Welche Erkenntnisse haben Sie bei der Arbeit an diesem Projekt gewonnen?
Bauen mit dem Bestand schafft eine starke Identität und ermöglicht Kontinuität; die Siedlung Tüfwis lebt in neuer, den heutigen Bedürfnissen und Anforderungen entsprechender Form weiter. Der markante Baukörper aus der Ursprungszeit bleibt als transformierter Zeitzeuge innerhalb der Siedlung erkennbar und wird gleichzeitig Teil eines neuen Ganzen.
Mit der gewählten Strategie – Teilerhalt und Teilersatz – wurde es möglich, auf der einen Seite die Hälfte der bestehenden Wohnungen und dadurch nicht nur einen grossen Teil grauer Energie, sondern auch einen beachtlichen Teil des sozialen Gefüges zu erhalten. Auf der anderen Seite ermöglichte die Innenverdichtung eine Steigerung der Anzahl Wohnungen von 80 auf 153 und die Schaffung eines identitätsstiftenden, gemeinschaftlichen und vollständig barrierefreien Aussenraums. Aktuelle Bedürfnisse an die Wohnungsgrundrisse und an ergänzende Nutzungen konnten ebenso verwirklicht werden. Die Suche nach Synergien schaffte zusammen mit einer sorgfältig angegangenen Transformation Akzeptanz und Zufriedenheit bei allen Beteiligten.
Welche Vorarbeiten wurden geleistet, bevor das Vorprojekt beauftragt wurde?
Die Siedlung Tüfwis befand sich in einer Quartiererhaltungszone, für die keine Verdichtung vorgesehen war. Zudem lagen mitten im Areal der Turidomus zwei fremde Parzellen mit einem Einfamilienhaus und einem Kindergarten. Da somit die Entwicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt waren, wählte die Eigentümerschaft von Anfang an den Weg eines kooperativen Prozesses. In zahlreichen über Jahre geführten Gesprächen mit der Gemeinde, der Schule und der Nachbarschaft ― moderiert durch extra beauftragte Expertinnen für Immobilien-Kommunikation ― suchte man bereits vor der Ausschreibung des Architekturwettbewerbs Synergien zwischen den verschiedenen Nutzern und fand gemeinsam Lösungen: Der bestehende Doppelkindergarten war veraltet und zu klein, sodass der Schulgemeinde ein neuer und wesentlich grösserer Kindergarten auf einer anderen Parzelle am Rande des Areals angeboten wurde; Alterspflegeplätze und eine Kindertagesstätte sollten die in Winkel sehr gefragten Mietwohnungen für Bewohner:innen jeden Alters ergänzen. Gemeinderat und Bevölkerung waren dank der guten Kommunikation überzeugt vom geplanten Vorgehen mit Sanierung und Teilersatz, sodass die dafür notwendige Teilrevision der Bau- und Zonenordnung mit neuen Sonderbauvorschriften an der Gemeindeversammlung 2015 angenommen wurde.
Dieser bauherrenseitig sehr verantwortungsvoll initiierte und sorgfältig strukturierte Prozess bildete die Basis für die erfolgreiche und zügige Umsetzung unseres Bauprojektes. Sobald der ungefähre Umfang feststand, ging der enge Austausch mit regelmässigen Updates für die Bewohner, die Nachbarschaft und die Gemeinde kontinuierlich weiter. Es gab immer noch viele Punkte auszuhandeln und zu regeln, sei dies der Landabtausch mit der Schulgemeinde, von der wir für das neue Kindergarten- und Hortgebäude beauftragt wurden, oder mit der politischen Gemeinde betreffend der Strasse, welche wir in unser Aussenraumkonzept als Spielstrasse einbezogen hatten. Dank des über Jahre erarbeiteten Wohlwollens in der Bevölkerung gingen weder beim Gestaltungsplan noch bei der Baueingabe Einsprachen ein.
Gab es Vorbilder/Referenzobjekte, an denen Sie sich orientiert haben?
Konkrete Vorbilder gab es keine für uns, aber die ursprüngliche Siedlung, insbesondere der zu erhaltende Bau aus den 1970er Jahren, bildete städtebaulich und architektonisch den Ausgangspunkt für die konzeptionelle Weiterentwicklung der Siedlung.
Was würden Sie oder die Bauherrschaft rückblickend anders machen/angehen?
Der bei diesem Projekt durchgeführte kooperative Prozess und die sorgfältige Abwägung verschiedener Interessen war zwar zeitintensiv, aber der daraus hervorgegangene Entscheid für einen Erhalt und Teilersatz führte schliesslich zum Erfolg und zu allgemeiner Zufriedenheit, sodass diese Vorgehensweise auch bei weiteren baulichen Vorhaben der Pensimo zum Vorbild wurde.
Kennwerte der Wohnüberbauung Tüfwis
|Mengen, nach SIA 416*||vorher||nachher|
|Gebäudevolumen (GV), m³||37'223||66'427|
|Geschossfläche (GF), m²||12'684||22'636|
|Hauptnutzfläche (HNF), m²||7'380||13'170|
|Funktionale Einheiten (FE), Stk.||80||153|
|BKP 1 Vorbereitungsarbeiten||2'287'440|
|BKP 2 Gebäude||45'522'136|
|BKP 4 Umgebung||3'286'023|
|BKP 5 Baunebenkosten||1'709'640|
|BKP 1-9, CHF||52'805'239|
|BKP 2, CHF/m³ GV||690|
|BKP 2, CHF/m² HNF||3'460|
|BKP 2, CHF/Stk. FE||297'530|
|BKP 1-9, CHF/m³ GV||790|
|BKP 1-9, CHF/m² HNF||4'010|
|BKP 1-9, CHF/Stk. FE||345'130|
|Energiebezugsfläche EBF, m²||4'646||4'646|
|Heizwärmebedarf Qh, kWh/m²a||60||38|
|Grenzwert Qh,li für Umbauten, kWh/m²a||43||43|
|Heizwärmebedarf Qh, in % des Grenzwertes||140||88|
|Elektrizität, inkl. Wärmepumpe (falls vorhanden), kWh/m²a||34||28|
|Gesamtenergiebedarf (Heizwärmebedarf + Elektrizität), kWh/m²a||94||66|
|Energieerzeugung||Öl||Luft-Wasser-Wärmepumpe

& Gas *
|Eigenenergieversorgung erneuerbare Energie (PV, SK, Umweltwärme), kWh/m²a||8.8|
|Art der erneuerbaren Energie||Photovoltaik|
|Lüftungskonzept: |
|Luftschallschutz Decke Di, dB |
(mind. ≥ 52.0 dB nach SIA 181)
|k.A.|
|Trittschallpegel Boden L', dB |
(max. ≤ 55.0 dB Umbau gemäss SIA 181)
|k.A.|
|In welchem Umfang sind Bauteile ertüchtigt worden?|
|Musste eine massgebliche Reduktion beantragt werden?||Nein|
|Erfüllungfaktor αeff nach SIA 269/8 oder gem. Merkblatt SIA 2018||47 - 60%||47 - 60%|
|nach welcher Norm berechnet?||SIA 2018||SIA 2018|
|Nachhaltigkeitslabel||GEAK G / E||GEAK B / B|
|Wohnungszugänglichkeit gem. BEHIG?||0%||7%|
|Wohnungen vollständig behindertengerecht anpassbar?||-||-|
Eckdaten
|Bauwerkname||Wohnüberbauung Tüfwis|
|Ort||Tüfwisstrasse 11, 13, 15, 17 (Sanierung)|
Tüfwisstrasse 19, 21 Spichergasse 1-9, 4-10 (Neubau)
8185 Winkel
|Auftragsart||Projektwettbewerb|
|Jahr der Fertigstellung||2019/2021|
|Baujahr Bestand||1972/74 (Architektur: Georges Berger Architekt SIA)|
|Bauweise||Massivbau|
|Bauherrschaft||Anlagestiftung Turidomus|
Vertretung: Pensimo Management AG
Kommunikation: S2R GmbH, Zürich
|Architektur||Zita Cotti Architekten AG, Zürich|
Mitarbeit: Jan Hellhammer, Nadja Keller, Radoslava Palukova, Julian Ganz, Stephan Grosch, Manuel Moraña, Severine Grau, Christoph Karl
|Bauleitung||Totalunternehmer: HRS Real Estate AG, Zürich|
|Fachplaner||koepflipartner Landschaftsarchitekten, Luzern|
APT Ingenieure GmbH, Zürich (Bauingenieur)
Gruenberg + Partner AG, Zürich (HLS-Planer)
Mettler+Partner AG, Zürich (Elektro-Planer)
Mühlebach Partner AG, Winterthur (Bauphysik/Bauakustik)
|Spezialisten||Andrea Burkhard, Zürich (Farbgestaltung)|