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06. Februar 2006
We feed the world
Ein Dokumentarfilm über die Nahrungskette unserer globalisierten Welt
Sascha Badanjak
Neulich beklagte die Kinobranche einen Rückgang der Besucherzahlen. Den Grund sah sie im Umstand, dass Hollywood 2005 weniger spektakuläre Streifen für das Massenpublikum anzubieten hatte, als in den Jahren zuvor. Ein anderer Grund könnte darin liegen, dass es die Menschen langsam satt haben, sich immer nur Unwahrscheinlichkeiten anzusehen, die mit Marketing, Stars und Special Effects aufgeblasen werden. Für diese zweite These spricht der Erfolg eines Low-Budget-Dokumentarfilms, der Furore macht, scharenweise Leute ins Kino holt und die Gemüter erhitzt. Denn "We feed the world" handelt vom Hier und Jetzt und von uns allen.
Beispiel 1: Ein österreichischer Landwirt erzählt, wie der Bauernhof seines Vaters die ganze Familie problemlos ernähren konnte. Er selbst musste den Betrieb um das Sechsfache vergrössern, um denselben Lebensstandard aufrecht erhalten zu können. Sein Weizen endet dafür in einem Abfallberg von Brot, der so gross ist, dass er die ganze Stadt Graz ernähren könnte. Das Brot wäre durchaus noch geniessbar. Doch da es bereits zwei Tage alt ist, wird es von der Stadt Wien in riesigen Lastwagen entsorgt. Der Streusplitt, den der Bauer im Winter für die Strassen braucht, kostet mehr als der Weizen, den er produziert.
Beispiel 2: Der Bretonische Fischer kommt keine Minute zu spät auf seinen Kutter, denn die Fische sind pünktlich bei Sonnenaufgang zur Stelle. Dieses Leben und Arbeiten mit der Natur hat ihr absehbares Ende. Die EU-Kommissare wollen den täglichen Ertrag genau rapportiert haben, um die Zahlen zu extrapolieren und so Vorgaben für die Industriefischerei machen zu können. Diese arbeitet nicht mehr im Rhythmus mit der Natur und läuft Gefahr, den Fischbestand der Meere auszutilgen. Der Fischhändler würde die Fische aus dem Industriefischfang nicht essen, weil sie zu alt und verdorben sind, nachdem sie tagelang im Wasser gelegen sind.
Beispiel 3: In Südspanien liegt die grösste Gewächshausanlage der Welt, die ganz Europa mit Treibhaustomaten versorgt. Die Transportkosten (mit Lastwagen) machen nicht mehr als einen Prozent des Ladenpreises aus. Die Tomaten wachsen auf Steinwolle unter der Plastikhülle, das Wasser wird immer wieder desinfiziert und in Umlauf gesetzt. Die Arbeiter sind Afrikaner, die ebenso entwurzelt in Beton- und Plastikunterschlüpfen ihr klägliches Dasein fristen. Zum Teil sind es gerade jene Bauern, die in Afrika keine Lebensgrundlage mehr haben, weil auf ihrem Markt das europäische Gemüse so kostengünstig ist, wie sie es unter dem Einsatz ihrer ganzen Arbeitskraft niemals anbieten könnten.
Beispiel 4: In Rumänien wird Gemüse noch auf die traditionelle Art angebaut. Die Regierung förderte mit Subvention jedoch ein Saatgut, das jährlich neu erworben werden muss. Dieses Saatgut lässt das für den Export vorgesehene Gemüse schöner erscheinen, auch wenn es an Geschmack verliert. Seit die Bauern das Saatgut selbst bezahlen müssen, kehren sie wieder zur eigenen Herstellung zurück, aber das Ende der Tradition ist absehbar. Wo die Regierung früher Brachland forderte, muss jetzt Mais angepflanzt werden. Nicht als Nahrung, sondern als Brennstoff.
Beispiel 5: In Brasilien wird der Urwald in grossem Umfang gerodet, um Soja anzupflanzen. Dabei ist der Boden für Soja gar nicht geeignet. Nährstoffe und Pestizide sind für den Unterhalt dieser Plantagen notwendig. Brasilien ist der grösste Sojaproduzent der Welt und verkauft Soja als Masttierfutter an Europa. Darum sagt der brasilianische Biologe Vincent José Puhl, dass die europäischen Tiere den Regenwald von Amazonien und Matto Grosso auffressen. Im Nordosten Brasiliens verhungern derweil Menschen, da sie keine Arbeit, kein Einkommen und nicht einmal sauberes Trinkwasser haben.
Beispiel 6: In einer mittelgrossen österreichischen Stallung leben 35'000 Hühner auf engstem Raum. Von der Brütung bis zur Schlachtung werden sie nicht wie Tiere, sondern wie Ware behandelt. Der Geflügelzüchter Hannes Schulz sagt: "Der Einkäufer und der Konsument hat keine Ahnung mehr, wie was funktioniert und wie was gemacht wird. Weltfremder werden die Leute und brutaler und härter. Den Handel interessiert nur der Preis, der Geschmack ist kein Kriterium."
Beispiel 7: Peter Brabeck, Konzernchef von Nestlé International, hebt hervor, dass wir noch nie so gut gelebt haben wie heute. Er versteht auch nicht, warum Trinkwasser nicht seinen Preis haben sollte wie all die anderen Produkte auch, die der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern vertreibt. Einen japanischen Betrieb kommentiert er so: "Toll, wie die das hingekriegt haben, dieser perfekte Produktionsablauf und diese Maschinen - die brauchen fast keine Menschen mehr!"
"We feed the world" zeigt auf, wie die globale Vernetzung von Wirtschaftsinteressen voranschreitet und welche Folgen das für unser Leben hat. Es wird uns ein Panoptikum an Perversionen der Profitmaximierung vor Augen geführt, in dem die Reichen den Armen ihre letzte Existenzgrundlage wegnehmen. Wer weiterhin in Ruhe seine Treibhaustomate und sein Brathähnchen essen will, sollte sich den Film nicht anschauen. Der Appetit würde ihm vergehen.
Dabei geht der 45-jährige österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer nur der simplen Frage nach, woher eigentlich unser Essen kommt. Er zeigt, in welchem Kontext die Nahrung produziert, transportiert, vertrieben und verkauft wird, bis sie auf unserem Tisch landet. Wagenhofer will bewusst keine skandalösen Zustände aufdecken, sondern nur das Alltagsgeschäft aufzeigen. Der Skandal liegt darin, dass diese durchaus legale und übliche Praxis in höchstem Masse skandalös ist. Es ist völlig normal, dass im Namen der freien Marktwirtschaft einem globalen "Raubtierkapitalismus" (Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung) gefrönt wird und dass Kinder, die problemlos ernährt werden könnten, an Hunger sterben müssen. "Diese Kinder werden ermordet." (Ziegler)
Letztlich zeigt Wagenhofers Film den Kampf zwischen den kleinen Produzenten, die um ihr Überleben kämpfen, und den globalen Konzernen, die ihre Profite weiter steigern. Es ist ein Kampf wie zwischen David und Goliath. Er findet im Lebensmittelmarkt ebenso statt, wie in der Kinobranche. Dieser Kampf ist erschreckend und beängstigend. Entscheiden wird ihn der Kunde, denn er ist König.
Sascha Badanjak ist freie Journalistin, Illustratorin und Kunstmalerin. Sie hat an der Universität Zürich Ethnologie, Filmwissenschaft und Philosophie studiert.
Film:
"We feed the world", Dokumentarfilm 2006, Buch und Regie: Erwin Wagenhofer, Regieassistenz: Lisa Ganser, Kamera: Erwin Wagenhofer, Ton: Helmut Junker, Sounddesign, Helmut Neugebauer, Produktionsleitung: Katharina Bogensberger, Produzent: Helmut Grasser, Produktion: Allegrofilm, Unterstützung: Österreichisches Filminstitut Filmfonds Wien, Offizielle Website: http://www.we-feed-the-world.at, Website des Verleihers Frenetic Films mit zusätzlichen Informationen: http://www.frenetic.ch/wefeedtheworld/
Roter Faden in "We feed the world" ist ein Interview mit Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ebenfalls zu Wort kommen der Produktionsdirektor des weltgrössten Saatgutherstellers Pioneer sowie Peter Brabeck, Konzernchef von Nestlé International.
Kinostart: 9. Februar 2006
Literatur:
"We feed the world - Was uns das Essen wirklich kostet".
Jean Ziegler: Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und
Unterdrückung.