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Giessen: Psychosozial-Verlag; 2019
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Herausgegeben und kommentiert von John Steiner.
189 Seiten.
Preis: Euro 29,90.
ISBN: 978-3-8379-2886-0.
Die lange unentdeckt gebliebenen Vorlesungen, 1936 verfasst und in der Folge wiederholt in der British Psychoanalytical Society vorgetragen, werden in diesem Band durch das Transkript der Tonbandaufnahme eines Seminars aus dem Jahr 1952 ergänzt von John Steiner herausgegeben und kommentiert. Die gute Übersetzung lieferte Antja Vaihinger. Michael Feldman schrieb das Vorwort. Darin hebt er meines Erachtens folgendes zu Recht hervor:
«Klein erarbeitet und erläutert auch einige wichtige theoretische Ideen, die, obwohl sie schon 1936 formuliert wurden, sehr modern klingen und eine neue und frische Qualität haben. An keiner anderen Stelle formuliert sie ihre Ideen so klar und explizit wie hier, und die Einbeziehung detaillierten klinischen Materials trägt zur Anschaulichkeit und Klarheit ihrer Sichtweisen bei.»
Ich möchte aus meiner Rezeption dieser Texte unterstreichen, dass sie nicht etwa wie eine von der allgemein akzeptierten Auffassung der Psychoanalyse abweichende Schulmeinung, sondern als gründlich verstandene, «moderne» (wie Feldman sagt) Auffassung und Erklärung der Psychoanalyse imponieren. Es ist aus heutiger Perspektive kaum mehr verständlich, dass die Klein-Schule noch bis vor kurzem seitens der sogenannten Ich-psychologischen Psychoanalyse geradezu verteufelt wurde.
Kleins kritische Bemerkungen zur damals oft vertretenen Technik sind aus heutiger Sicht ganz zutreffend. Sie kann überzeugend die Notwendigkeit des Deutens begründen, sobald Ängste aufkommen, die das besonnene Arbeiten verunmöglichen würden. Dass Deutungen auch Angst auslösen können, ist mehr Vor- als Nachteil; denn damit und mit entsprechender Deutung tritt neues Material zutage, was alles zur Vertiefung der Analyse führt.
Ich weiss nun, wo die argentinischen Kolleginnen und Kollegen den Terminus der «emergencia» herhaben: Klein sagt, man müsse «am Punkt der grössten Dringlichkeit deuten» (S.126): Bei ihrer Arbeit mit Kindern ergab sich die «Notwendigkeit des rechtzeitigen … auch des tiefführenden Deutens».
Es gilt zu erkennen, was für «Angst-und Schuldgefühle» vorliegen, die mit dem Material inhaltlich verknüpft sind, und in welcher Tiefenschicht diese aktiviert wurden. «Die analytische Situation herzustellen» heisst für M. Klein, mittels Deutung «den Punkt des stärksten latenten Widerstandes»anzugreifen «und am Abbau der vehementesten, im Vordergrunde stehenden Angst zu arbeiten». Die Deutung habe an einem dringlichen Punkt des in der Übertragung aufgetauchten unbewussten Materials anzusetzen. Dieser zeige sich «an der Häufung und Wiederholung, in der, oft in variierter Form, derselbe unbewusste Inhalt dargestellt wird». Oft spiegle «sich der dringliche Punkt auch in der Intensität der mit diesen Darstellungen einhergehenden Gefühle wieder» (S. 127 f.).
Es liegt Melanie Klein daran, ihren Studenten klarzumachen, «wie wichtig es ist, die Phantasien in der Übertragungssituation zu analysieren» und «dass das nur dann effektiv ist, wenn mithilfe der Deutungen die Impulse, aus denen heraus die Phantasien entstehen, wiederbelebt und damit für den Patienten real werden». «Zusätzlich müssen wir dann die Phantasien und die Emotionen mit den frühen Situationen, in denen sie erlebt wurden, verknüpfen» – dies führt sie anhand der klinischen Beispiele aus.
Zur analytischen Haltung gehört selbstverständlich das Interesse des Analytikers am Patienten mit all seinen Problemen und Aspekten; Klein rät ausdrücklich dazu, «dem Patienten reichlich Gelegenheit (zu) geben, seine Gefühle loszuwerden und seine Gedanken zu dem Thema, das ihn gerade so besonders beschäftigt, zum Ausdruck zu bringen». Der Analytiker soll auch «zu dem, was der Patient ihm erzählt hat, etwas sagen» – das muss nicht schon eine Deutung sein. Die Deutung ist «eine Aktion, die definitiv an einer Stelle Zusammenhänge herstellt, wo sie aus unbewussten Gründen unterbrochen wurden» (S.129).
In den zwei Jahre vor ihrem Tod (1958) aufgezeichneten Gesprächen mit einer Gruppe renommierter Analytikerinnen und Analytiker erweist sie sich als taktvolle, bescheidene, aber ihrer Sache dank ihrer Erfahrung und solider Kenntnis der Theorie sichere Kollegin. Ihre Einstellung zur Verwendung der Gegenübertragung für das Verständnis der Patienten verteidigt sie gegen die damals modische Überbetonung ihres Nutzens für die Analyse. Sie kann überzeugend darlegen, dass die Gegenübertragungsgefühle im Analytiker dessen eigene Probleme anzeigen und nicht unbesehen dem Analysanden quasi angelastet werden sollten. Die (stille) Bearbeitung der Gegenübertragung macht den Analytiker für die Probleme der Analysanden wieder empfänglicher. Dass die Entwicklung der Psychoanalyse es mit der Zeit erlaubt hat, auch schizophrene beziehungsweise wahnhafte Patienten erfolgreich zu behandeln, beruht darauf, dass die analytische Haltung des Analytikers auch von schwer gestörten Patienten wahrgenommen und verstanden werden kann, manchmal nur ganz untergründig, während an der Oberfläche der Analytiker zum Beispiel als gefährlicher Verfolger erlebt wird.
Dem Psychosozial-Verlag gebührt Dank für die Herausgabe dieses wertvollen Buches. Es rückt nicht nur historisch einiges ins rechte Licht, vielmehr kann es dem praktizierenden Analytiker eine grosse Hilfe sein. Die Sprachliche Form, die nicht auf wissenschaftliche Anerkennung, sondern aufs Verständlichmachen der praktischen Vorgehensweise zielt, ist nicht nur für die Anfängerin und den Anfänger eine Wohltat.
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