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Vor dem Deutschland-GP spricht Formel-1-Insider Alex Wurz über die Favoriten in Hockenheim, Schumi, Vettel und den "Bullen"-Zweikampf.
Alex Wurz (r.) war in der Formel 1 für Benetton, McLaren und Williams aktiv
Vom Hockenheimring berichtet Marc Ellerich
Hockenheim - Alexander Wurz wurde 1986 BMX-Weltmeister.
Berühmt aber wurde der Österreicher durch seine Karriere als Rennfahrer: 69 Grand-Prix-Starts in der Formel 1, drei Mal auf dem Podium. 1996 und 2009 siegte er beim prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Le Mans.
Für Toyota startet er 2012 in der Langstrecken-WM.
Und auch abseits der Piste hat Wurz, dessen Vater und Grossvater bereits Rennfahrer waren, eine eindrucksvolle Karriere gemacht. Er arbeitet als TV-Experte, Berater, unter anderem der FIA, und als Fachmann für Verkehrssicherheit.
Seit Februar 2012 betreut der 38-Jährige im Formel-1-Team Williams als Mentor die Piloten Pastor Maldonado und Bruno Senna.
Im SPORT1-Interview spricht Wurz über die unberechenbare Formel 1, die Schwäche von Mercedes und den Bullen-Kampf zwischen Weltmeister Sebastian Vettel und Red-Bull-Konkurrent Mark Webber.
SPORT1: Herr Wurz, wer sind beim Deutschland-Grand-Prix Ihre Favoriten?
Alex Wurz: So, wie sich die Formel 1 in diesem Jahr darstellt, kann man kaum von einem Favoriten sprechen. Hockenheim wird vielleicht interessant werden, weil die vermeintlich glatte Oberflächen-Beschaffenheit trotzdem hohe Temperaturen in den Reifen produziert. Damit werden einige zurecht kommen - oder auch nicht. Wer das genau sein wird, das lässt sich sehr schwierig vorhersagen.
SPORT1: Zur Halbzeit der Formel-1-Saison deutet alles auf einen Dreikampf zwischen den Red-Bull-Piloten Sebastian Vettel und Mark Webber sowie Fernando Alonso hin.
Red Bull hat aerodynamisch sehr aufgeholt, die haben das jetzt besser verstanden. Alonso ist vom Reifen-Management her sehr gut. Es werden wohl die üblichen Verdächtigen vorne sein. Aber wir haben das ja in diesem Jahr schon häufiger gesehen: Es dreht sich alles sehr schnell um, so dass auch ein Sauber oder ein Williams den Ton angeben kann. Es ist sehr schwierig von einem klaren Kampf zu sprechen. Wobei wir wissen, dass Ferrari oder Red Bull auch an einem schlechten Wochenende immer noch vorne dabei sind .
Viele Mercedes-Fans hoffen beim Heimspiel auf eine starke Leistung der Silberpfeile, insbesondere von Michael Schumacher. 2006 war er der letzte deutsche Sieger hier.
Im Qualifying ja, weil sie einen sehr hohen DRS-Effekt haben (das verstellbare Heckflügelsystem, das sich auf den Top-Speed auswirkt, d. Red.). Im Rennen wird's eher schwieriger, weil der Mercedes eher ein Reifen-Esser und - Verbraucher ist als andere.
Mercedes hofft auf das Strecken-Layout in Hockenheim, das weniger schnelle Kurven beinhaltet als zuletzt in Silverstone, wo beide Piloten baden gingen.
Ich glaube dennoch, dass das Reifen-Thema zu dominant ist und sie gezwungen sind, passiv zu agieren, zeitiger die Reifen zu wechseln. Gut am Anfang des Rennens können sie vielleicht mithalten. Aber hinten hinaus wird es fehlen.
Bei Red Bull scheint Mark Webber in der Form seines Lebens zu sein.
Nein, das nicht. Mit den letztjährigen Pirelli-Reifen konnte er nicht viel anfangen. Die Änderungen des Reifens und der Konstruktion kommen Mark zugute und er ist dort, wo er vor zwei Jahren war. Nämlich WM-Anwärter. Im Sport ist es so: Wenn der Teamkollege oder der unmittelbare Konkurrent Probleme hat, motiviert das den anderen. So schaukelt sich das manchmal auf. Das sieht man hier in diesem Jahr sehr schön.
Hat Webber vom Verbot des angeblasenen Diffusors vor der Saison besonders profitiert?
Das glaube ich nicht. Das hat rein mit der Kommunikation zwischen Reifen und Fahrer und seinem Fahrstil zu tun.
Und wo liegen Vettels, um es überspitzt zu formulieren, Probleme? Seine Dominanz aus 2011 ist dahin. Auch bei den Reifen?
Vettel braucht als Fahrer ein Auto, das er am Kurveneingang in ein leichtes Rutschen bringt über alle vier Räder. Und er braucht eine Aerodynamik, die da stabil ist. In den vorigen Jahren hatte er das. Aber ab Australien, ab dem neuen Aero-Paket, war es absolut sichtbar, dass er seinem Auto nicht vertraute und seinen natürlichen Fahrstil nicht umsetzen konnte. Deshalb musste er seinen Fahrstil anpassen, nachdenken, wie er das Problem der instabilen Aerodynamik an der Hinterachse umfährt. Das hat ihn auf dem falschen Fuss erwischt.
Wie löst Webber das Problem?
Mark Webber hat einen anderen Fahrstil. Er fährt eher nach Informationen, die er über die Vorderachse erhält. Er hat dieses Rutschen der Hinterachse um geschätzte zwei Grad weniger. Das Auto war dadurch nicht so instabil, da geht es wirklich um Feinheiten. In Red Bulls unsicherer Phase fiel es ihm leichter - und fällt es auch jetzt noch. Mittlerweile ist der Red Bull besser geworden. Und auch Sebastian. Aber es ist immer noch nicht der Sebastian Vettel, der mit dem Red Bull des Vorjahres total harmonisch war.
Hat Sie Ferraris Aufholjagd beeindruckt?
Ja, es ist unglaublich. Am Anfang hatten sie ein bescheidenes Auto, bei Fernando Alonsos Sieg beim Regenrennen in Malaysia hatten sie Glück und danach haben sie es ordentlich hinbekommen, Hut ab vor den Technikern. Und im Moment läuft es für Alonso und Ferrari einfach perfekt. Das Auto ist absolut konkurrenzfähig, auch im Durchschnitt aller Rennstrecken. Man sieht es aber auch an Felipe Massa, der auch wieder dabei ist.
SPORT1