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Johann August Suter, geboren 1803 im badischen Kandern nördlich von Basel, Schweizer Bürger, verliess nach einem Bankrott Heimat, Frau und Kinder. Im Jahr 1839 erreichte er das heutige Kalifornien, überzeugte den mexikanischen Gouverneur, ihm im Tal des Sacramento Rivers Land zu geben, gründete die Kolonie Nueva Helvetia, die heutige kalifornische Hauptstadt Sacramento und zahlreiche Unternehmen, baute 1841 ein Fort und nannte sich fortan General John Sutter.
Im Januar 1848 entdeckte der Zimmermann James W. Marshall beim Bau einer Mühle auf Sutters Land im Fluss Gold. Obschon die beiden Männer den Fund geheim zu halten versuchten, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile – nota bene mehr als 150 Jahre vor der Erfindung der Social Media. Sutters Land wurde von Hunderten Goldjägern überrannt. Sutter verlor all seine Besitztümer. Während des Rests seines Lebens versuchte er vergeblich, seine Ansprüche auf das Land beim jungen amerikanischen Staat geltend zu machen. Er starb 1880 in Washington.
Abenteurer und von Not Getriebene
Die Entdeckung des Goldes bei Sutter’s Mill war Auslöser des sogenannten Gold Rush, einer von Hoffnung getriebenen Völkerwanderung in den Westen des Kontinents. Vier Jahre später hatte die Goldausbeute am westlichen Abhang der Sierra Nevada ihren Zenit bereits überschritten und war 1859 praktisch ganz zum Erliegen gekommen. Hunderte von ehemaligen Goldsuchern – Abenteurer oder von der Not Getriebene – verfolgten danach ihr Glück anderswo, so auch W. S. Bodey, der von Poughkeepsie, New York, in den Westen gekommen war und nach dem Ende des Gold Rush auf der andern, östlichen Seite der Sierra weiter nach Gold suchte. In einem kleinen Tal am Rande der abflusslosen Senke des Mono Lake wurde er fündig. Doch nur wenige Monate später, noch bevor der Goldabbau begann, starb er in einem Schneesturm.
Verschiedene Bergbaufirmen versuchten in den folgenden Jahren Bodeys Fund auszuwerten, doch der Erfolg blieb mässig, bis 1875 beim Einsturz eines Schachtes eine an Gold reiche Gesteinsformation freigelegt wurde. In kürzester Zeit entstand im kleinen Tal eine Stadt, welche drei Jahre später 7’000 bis 8’000 Einwohner zählte und alles beherbergte, was damals Luxus bedeutete: Hotels und Restaurants, ein Theater, eine eigene Zeitung, über sechzig Saloons, eine China Town, wo Opium konsumiert wurde, die Bonanza Street mit zahlreichen Bordellen, aber auch zwei Kirchen, einen Friedhof und eine Schule und schliesslich sogar eine eigene Bahnlinie.
Ende der Bonanza
Doch bereits 1881 waren die Goldadern weitgehend ausgebeutet. Viele Bergbaufirmen zogen sich zurück oder gingen Bankrott, und die Siedlung entvölkerte sich fast so rasch wie sie gewachsen war. Zwei grosse Feuersbrünste zerstörten bis in die 1930er-Jahre 90 Prozent der Häuser. Im Jahre 1942 wurde der Bergbau ganz eingestellt.
Doch einige Bewohner hielten der sterbenden Stadt die Treue. Der letzte grössere Landbesitzer, James S. Cain, versuchte mit seinen Helfern die Stadt vor Plünderern und Vandalen zu schützen. Die California State Parks übernahmen im Jahre 1962 das, was von den Gebäuden noch übrig geblieben war (1). Sie sind seither bestrebt, die Substanz zu bewahren, ohne etwas an jenem Zustand zu ändern, in dem sie die Stadt übernommen hatte. Dies unterscheidet Bodie – wie die Stadt wegen eines Schreibfehlers des Entdeckernamens Bodey getauft worden war – von andern Ghost Towns, zum Beispiel Galico nördlich von Los Angeles, das in eine Art Disneyland verwandelt worden ist, wo kostümierte Bewohnerinnen und Bewohner und restaurierte Gebäude die zeitliche und kulturelle Nähe zu schaffen versuchen.
Als meine Frau und ich Bodie kürzlich besuchten, waren State Park Rangers damit beschäftigt, ein Dach soweit zu reparieren, dass die Gebäudekonstruktion nicht weiteren Schaden nehmen kann und auch die manchmal heftigen Winterstürme übersteht (2). Einige Gebäude sind soweit hergerichtet worden, dass die Rangers dort während des ganzen Jahres leben können.
Aber die anderen Gebäude sehen noch so aus wie damals, als nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Bewohner die Stadt verlassen hatten. Riesige Dampfmaschinen, Stahlkabel und Umlenkrollen, Teile der Aufzüge, mit denen die Bergleute in die senkrechten Schächte abgestiegen waren, liegen neben den staubigen Strassen. Auch einige Fabrikhallen mit grossen Mühlen, welche für die Zerkleinerung des aus dem Berg geholten Gesteins dienten, stehen noch. All dieses Material musste bei der Gründung der Stadt zum Teil von mit bis zu 14 Pferden bespannten Wagen ins abgelegene Tal transportiert werden, genau wie das Holz für den Bau der Gebäude, die Esswaren, das frische Gemüse, Bier, Wein und Meeresfrüchte, nach denen die zu raschem Geld gekommenen Bergleute verlangten.
Menschennatur zwischen Kain und Abel
Vor fast fünfzig Jahren, als ich als Forscher am Scripps Institution of Oceanography in La Jolla weilte, führte mich eine wissenschaftliche Studie an den Mono Lake. (Der See, der damals durch den unersättlichen Wasserbedarf von Los Angeles vom Austrocknen bedroht war, wird Gegenstand eines eigenen Berichtes sein.) Die Fahrt auf der US 395 durch das Owens Valley, nahe vorbei sowohl am höchsten Punkt der USA ausserhalb von Alaska (Mount Whitney, 4421m) als auch am tiefsten (Death Valley, -86 m) hat mich damals fasziniert.
Ich hatte leider keine Zeit gefunden, die abgelegene und damals nur über eine Naturstrasse erreichbare ehemalige Goldgräberstadt zu besuchen. Aber ich spürte auch in den nicht „vergeisterten“, weit auseinander liegenden Siedlungen entlang der Route 395 (Lone Pine, Independence, Bishop, Lee Vining) die Spannung der Bewohner zwischen Unterwegssein und Sesshaftigkeit, zwischen Verweilen und Abschiednehmen, zwischen Abel, dem herumziehenden Hirten, und Kain, dem sesshaften Bauern. Der Kampf zwischen den jedem Menschen innewohnenden Naturen, dem Unabhängigkeitsdrang des Nomaden und der Sehnsucht nach Geborgenheit des Siedlers, hat nicht zufällig zum ersten überlieferten Totschlag der Menschheit geführt.
Wenn man durch das heutige Bodie geht, durch die verschmutzten Scheiben der übrig gebliebenen Gebäude schaut, wo die Dinge noch herumliegen, als ob ihre Bewohner erst gestern ausgezogen wären, oder sich in einer der beiden Kirchen für einen Augenblick auf eine Bank setzt, kommt man nicht darum herum sich zu fragen, ob die Goldgräber – oder zumindest einige von ihnen – damals auch weiter gezogen wären, wenn die Goldfunde nicht so rasch wieder versiegt wären. Und umgekehrt denkt man an Leute wie James S. Cain, den letzten Vertreter der Sesshaftigkeit, welcher mit der Stärke des Verzweifelten an seiner endlich gefundenen Scholle festgehalten hatte, bis er, viele Jahre nach der Übernahme der Stadt durch den Staat Kalifornien, auf dem Friedhof von Bodie beerdigt wurde.
Gerade in unserer Zeit erleben wir es quasi vor den Toren von uns Sesshaften: ein Teil der Menschheit ist und war immer unterwegs, meistens nicht freiwillig, sondern auf der Flucht vor Armut und Gewalt. Überwiegt also heute die Sehnsucht nach Sesshaftigkeit, und ist unsere zweite Natur, diejenige des Nomaden, definitiv verdrängt oder gar verschüttet? – Ich weiss, der Luxus-Nomade, als den ich mich gerne gebe, gerade auch in dieser Rubrik von Journal 21, kann sich, in der Kirche von Bodie sitzend, dieser Frage ohne Gefahr stellen. Aber vielleicht ist sie tatsächlich mehr als eitle Spielerei. Nach einer mehrwöchigen Reise durch die USA kommt es mir vor, als ob dieses Land dem Nomadentum noch nähersteht als wir Europäer. Darüber später mehr.
(1) https://en.wikipedia.org/wiki/Bodie,_California
(2) https://www.youtube.com/watch?v=i32GGKP2pj0
Fotos: J21, Dieter Imboden