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| Hieronymus († 420) - Zur Erinnerung an die Witwe Marcella, an die Jungfrau Principia. (Epistula 127)

7.
Als auch mich einmal eine wichtige kirchliche Angelegenheit mit den heiligen Bischöfen Paulinus und Epiphanius, von denen der eine die Gläubigen zu Antiochia in Syrien, der andere die zu Salamis auf Cypern leitete, nach Rom brachte, ging ich ehrfurchtsvoll den Blicken vornehmer Frauen aus dem Wege. Doch sie verfuhr mit mir gemäß dem Apostelworte: "Gelegen oder ungelegen"1 , so daß sie durch ihren Eifer meine Schüchternheit überwand. Und da man von mir glaubte, daß ich ein gewisses Urteil in exegetischen Dingen besitze, kam sie niemals mit mir zusammen, ohne irgendeine auf die Heilige Schrift bezügliche Frage zu stellen, nicht um sich dabei zu beruhigen, sondern im Gegenteil, um neue Fragen anzuregen; nicht um zu streiten, sondern um durch ihre Fragen die Lösung der möglichen Einwände kennen zu lernen. Ich scheue mich auszusprechen, welche Tugenden, welchen Geist, welche Heiligkeit, welche Reinheit ich bei ihr entdeckt habe, um nicht die Grenze der Glaubwürdigkeit zu überschreiten, auch um dir keinen allzu großen Schmerz zuzufügen, wenn du dir bewußt wirst, wieviel des Guten du verloren hast. Nur eines will ich noch anfügen. Was ich mir in langem Studium gesammelt habe, was mir durch tägliche Beschäftigung gleichsam zur zweiten Natur geworden ist, das hat sie aufgenommen, das hat sie gelernt und zu ihrem geistigen Eigentum gemacht. Und wenn nach meiner Abreise über irgendeinen Schrifttext eine Meinungsverschiedenheit entstand, dann ließ man sie entscheiden. Weil sie nun überaus klug war und jene Gabe besaß, welche die Philosophen τὸ πρὲπον, d. h. Takt nennen, so antwortete sie auf die Fragen in der Weise, daß sie auch ihre eigenen Gedanken entweder für die meinigen oder die eines anderen ausgab, so daß sie auch bei dem, was ihr geistiges Eigentum war, tat, als ob sie es von anderen gelernt hätte. Sie kannte eben das Wort des Apostels: "Aber zu unterrichten gestatte ich der Frau nicht"2 . Sie wollte das männliche Geschlecht, zuweilen selbst Priester, die sie über dunkle und zweifelhafte Stellen um Rat fragten, ihre Überlegenheit nicht fühlen lassen.
1: 2 Tim. 4, 2.
2: 1 Tim. 2, 12.