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Rollstuhl-Innovation oder Rollstuhl-Witz?
In jedem Fall sollte man mit inklusivem Design keine Scherze machen
Vor einiger Zeit las ich auf Twitter einen Thread des Rollstuhlfahrers «Plant Queer». Er begann ihn mit den Worten: «Ich hasse Fussgänger, die Rollstühle entwerfen, so sehr ... », gefolgt von einer Vielzahl von Bildern von Rollstühlen und Mobilitätshilfen, die er als Alptraum bezeichnete. Hier einige Beispiele:
Als ich mir die Bilder zum ersten Mal ansah, dachte ich ähnlich wie Plant Queer: Diese futuristisch aussehenden Rollstühle und Mobilitätshilfen sahen in der Tat recht lächerlich und unpraktisch aus.
Aber wie sagt man so schön? «Man soll ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen.» Also suchte ich nach der Quelle dieser getwitterten Produkte, um mehr über ihr Design und ihre Funktionen zu erfahren.
Innovationen aus der Vergangenheit
Meine erste interessante Entdeckung war, dass diese futuristisch aussehenden Rollstühle und Mobilitätshilfen gar nicht so neu waren wie erwartet. Die meisten von ihnen wurden schon vor einiger Zeit entworfen oder sind sogar schon seit ein paar Jahren auf dem Markt. Ein Beispiel ist der Toyota i-REAL. Er wurde 2007 bei einer Automobilausstellung präsentiert und hatte sogar einen Auftritt bei Top Gear, der berühmten britischen TV-Motor-Sendung!
Plant Queer hat den i-REAL vermutlich mit einem elektrischen Rollstuhl verwechselt, denn er kommentierte dessen Sperrigkeit so: «Ich hoffe, ihr müsst heute nicht durch irgendwelche Türen durch.» Nein, das Teil irgendwo drinnen zu benutzen ist keine gute Idee, denn es handelt sich nicht um einen Rollstuhl, sondern um ein E-Fahrzeug, das auf der Strasse bis zu 30 km/h schnell fährt.
Verschiedene Ansichten über Rollstühle
Ich forschte weiter und fand heraus, dass sich die Erfinder um viele dieser seltsamen Rollstühle durchaus beachtliche Gedanken gemacht haben. Einige wurden zum Beispiel aus besonders leichten, langlebigen und stützenden Materialien wie Polyurethan gefertigt, so dass die Räder oder andere Teile der Mobilitätshilfen sich verformen lassen. Dadurch können die Nutzer unterschiedliches Terrain bezwingen, zum Beispiel auch Treppen.
Andere Produktideen für Menschen mit Behinderung sind kaum zu glauben und zu verstehen ohne einen Testlauf. Der Rollstuhl unten wurde beispielsweise mit dem iF Student Design Award 2015 ausgezeichnet. Sein Design ermöglicht es jungen Menschen, die von der Hüfte abwärts gelähmt sind, durch Rutschen alleine von ihrem Bett in den Rollstuhl zu transferieren.
Plant Queer konnte sich nicht vorstellen, wie man mit diesem Rollstuhl bergauf fahren oder einen Wheelie machen kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren oder hintüber zu fallen. Das Juryurteil hingegen befand das totale Gegenteil: «Ein Rollstuhl, der jungen Menschen ein Gefühl von Freiheit und Mobilität bieten soll. Die Idee ist frisch und in ihrem Ansatz überzeugend.»
Schliesslich kommentierte Plant Queer noch das folgende Produkt so: «Damit sieht man aus, als würde man zur Einrichtung gehören... ganz ehrlich, wir brauchen dieses Gefühl nicht noch mehr als man uns es ohnehin schon gibt».
Wenn inklusives Design daneben geht
Warum diese Unzufriedenheit und Enttäuschung, obwohl die Entwickler bei ihren Produkten Barrierefreiheit und Inklusion berücksichtigt haben? In einem Interview erklärte Kat Holmes, was beim inklusiven Design schiefgelaufen ist. Holmes ist Director of User Experience bei Google Ads. Zuvor hat sie sieben Jahre lang bei Microsoft gearbeitet, wo sie das Programm für inklusive Produktinnovationen leitete. Sie sagte:
«Die Herausforderung besteht darin, inklusives Design nicht als Ergebnis oder Objekt zu sehen. Inklusives Design ist ein Prozess, kein Ergebnis.»
Holmes betonte, es sei wichtig, die von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen in den Entwicklungsprozess einzubeziehen, anstatt nur zu versuchen, ihnen am Ende ein fertiges Produkt zu verkaufen. Inklusive Designs können lächerlich werden, wenn sie von Menschen entwickelt werden, die keine Erfahrung mit den Barrieren haben, welche ihre Produkte überwinden sollen. Würde man Menschen mit Behinderung in den Entwicklungsprozess einbeziehen, würde sich wirklich etwas verändern.
Inspiration aus der Rollstuhl-Community
Ein gutes Beispiel dafür ist das Morph Wheel – auch wenn Plant Queer fand, dass es unbequem aussieht.
Designer Duncan Fitzsimons erfand das Morph Wheel während seines Studiums am Royal College of Art in London. Eigentlich hatte er das Rad für Klappfahrräder entwickelt. Ihm war gar nicht bewusst, dass es einen Bedarf an faltbaren Rädern für Rollstühle gab, bis ihn viele Rollstuhlfahrer auf seine Erfindung ansprachen.
Mit Unterstützung von Experten aus vielen Bereichen, unter anderem auch aus der Rollstuhl-Community, erfand Fitzsimons das Morph Wheel: Das erste faltbare Rollstuhlrad der Welt. Das Produkt schaffte es 2008 ins Finale des Saatchi & Saatchi Award for World Changing Ideas. Heute werden die Räder immer noch von vielen Rollstuhlfahrern genutzt, weil sie auf Auto- oder Flugreisen kompakt und bequem zu verstauen sind.
Was sind Eure Erfahrungen mit inklusivem Design? Welches ist das seltsamste oder das hilfreichste Produkt, das Euch bisher untergekommen ist?