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Wieso ist Dante laut Benedetto Varchi der bessere Dichter als Homer? Wieso schreibt Sperone Speroni: “per altezza d’ingegno non siamo punto inferiori agli antichi”? Wieso „besiegt“ Michelangelo laut Vasari die „unvergleichlich berühmten Künstler der Antike“? Anders gesagt: Wie kommen einige Autoren der italienischen Renaissancen zu der Ansicht, bestimmte moderni können mit den antiqui in Wettbewerb treten und in einigen Fällen „sogar“ besser sein?
August Buck deutete die sogenannte Querelle des Anciens et des Modernes als „konstantes Phänomen der europäischen Geistesgeschichte“, das jeweils dort auftritt, „wo ‚antiqui’ und ‚moderni’ einander gegenübergestellt werden und sich dabei das Selbstbewusstsein der Nachantike gegen die Autorität der Antike auflehnt.“ Das vorliegende Projekt unternimmt den Versuch, die Auseinandersetzung über die Querelle des Anciens et des Modernes als eine Disposition wissenschaftsstrategischer Innovation zu untersuchen. Die hier zu behandelnden Diskurse bezogen sich fast ohne Alternative auf die klassische Antike, deren Vorbildcharakter im Kontext der Renaissance- und Humanismusdebatten als unabweisbar gelten musste. In einer Übergangsphase zwischen den kanonisch bestimmten Endgrenzen der Renaissance und des Humanismus in Italien und dem Anfangspunkt der französischen Querelle, befindet sich das Material dieses Projekts, das die Frage nach den Gemeinsamkeiten, Unterschieden und möglichen gegenseitigen Einflüssen dieser Begriffe und Phänomene stellt.
Im ersten Teil dieses Projekts werden zwei Autoren betrachtet, welche einen wichtigen Beitrag zur sogenannten questione della lingua geleistet haben: Sperone Speroni und Benedetto Varchi. Das vermeintlich konventionelle Thema des Vergleichs zwischen der lingua volgare und den klassischen Sprachen bietet eine spannende Ausgangslage für einen Wettbewerb zwischen den Verteidiger der antiqui und den Fürsprecher der moderni. Die Verteidigung der lingua volgare und die damit verbundene Legitimation der modernen Autoren stösst hier mit dem humanistisch-klassischen Bild einer unübertrefflichen Antike zusammen.
Im zweiten Teil steht Giorgio Vasari im Zentrum. Hinter seinen Begriffen von rinascita und progresso steckt die deutliche Form einer kunstliterarischen Querelle. In der Vorstellung einer Loslösung von einem (künstlerischen) Zeitalter („età“) der Finsternis sowie in der großen Lust, wieder aufzuerstehen („rinascere“, „risorgere“), artikulieren sich nicht nur Wertungen ästhetischer Natur sowie Haltungen gegenüber einer wiederentdeckten Antike, sondern – wenn auch implizit – Konzepte und Dispositionen künstlerischer Erneuerung und Modernisierung. In Vasaris Viten werden Künstler dementsprechend immer wieder an der Antike vergleichend gespiegelt; durch dieses Verfahren erst, durch den Wettbewerb mit den „antichi“, entsteht auch der „moderne“ Künstler, der in diesem Wettstreit letztlich siegt: Michelangelo.
Im dritten Teil des Projekts wird Giambattista Vico betrachtet. In seinem De nostri temporis studiorum ratione formuliert dieser Autor eine substantielle und direkte Kritik an der kartesianischen rationalen Axiomatik, die mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor dem europäischen Denken eine neue Richtung gegeben hatte. Die hier anhebende Debatte zwischen Szientismus und Humanismus erweist sich möglicherweise als eine Variante des Paradigmas der Querelle und findet ihren deutlichen Niederschlag in Vicos Schrift De nostri. Vico transponiert die Debatte der Querelle auf eine wahrnehmungsphilosophische und zugleich methodologische Ebene, in der sich wissenschaftliche und humanistische Dispositionen der Erkenntnis verbinden lassen.
In diesem Projekt wird nicht nur eine Art Querelle vor der Querelle untersucht, sondern wird auch ein Emanzipations-, Legitimations- und Modernisierungsprozess analysiert, der die Basis für die von Koselleck konzipierte „Sattelzeit“ bietet.