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Mit seiner Stimme berührte Joseph Schmidt Millionen. Der Tenor starb 1942 am Ende seiner Flucht vor dem Naziregime im Zürcher Oberland. Das Schicksal des jüdischen Sängers bewegt auch heute noch.
Das Grab auf dem jüdischen Friedhof Friesenberg Zürich trägt die Nummer 2331. «Ein Stern fällt…» ist auf dem schwarzen Grabstein zu lesen. Darunter: Joseph Schmidt. Kammersänger. 1904 – 1942. Es ist das Grab eines jüdischen Flüchtlings, dessen Leben in der friedlichen Schweiz im Zweiten Weltkrieg tragisch endete.
Alfred A. Fassbind beschäftigt sich seit seiner Jugend mit dem Schicksal von Joseph Schmidt. Der Zürcher hat eine Biografie über den berühmten Sänger verfasst und liefert die wichtigsten Informationen zur Vita des deutschen Tenors: Joseph Schmidt wird am 4. März 1904 in Davideny bei Czernowitz geboren. Die Gegend hatte ein wechselvolles Schicksal hinter sich und gehörte damals zu Österreich-Ungarn, später für kurze Zeit zu Rumänien, heute zur Ukraine. Czernowitz beherbergte eine bunte Mischung von Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen, es war stark von jüdischen Traditionen geprägt, die deutsche Sprache spielte eine wichtige Rolle. Joseph Schmidt fiel schon als Kind wegen seiner Musikalität auf und habe in der Synagoge mitgesummt statt mitgelesen. «Den singenden Joschi nannte man ihn, und als Wunderkind von Davideny wurde er von den Nachbargemeinden eingeladen», schreibt Fassbind.
Joseph Schmidt fiel schon als Kind wegen seiner Musikalität.
Porträt von Joseph Schmidt, Czernowitz, 1934. (Foto: Joseph Schmidt Archiv)
Die Eltern von Joseph Schmidt ermöglichten ihrem Sohn trotz bescheidener finanzieller Verhältnisse Musikunterricht, später konnte er sich seinen grossen Traum erfüllen und in Berlin Musik studieren. Eine Karriere in der Oper war für Schmidt aber nicht möglich – er war zu klein für die Opernbühne. Aber das junge Medium Radio eröffnete ihm eine Traumkarriere und der Tenor wurde in wenigen Jahren zur bekanntesten Stimme des Rundfunks.
Sein grösster Erfolg erzielte Joseph Schmidt beim damals noch jungen Tonfilm mit der Titelmelodie des gleichnamigen Films «Ein Lied geht um die Welt», der im Schicksalsjahr 1933 in die Kinos kam. Er war der Höhepunkt und gleichzeitig das Ende seiner Karriere in Deutschland. Die Nazi-Presse schäumte und der Völkische Beobachter schrieb: «Das Lied, das heute durch Deutschland klingt, hat anderen Rhythmus, hat schärferen Marschtritt, hat aufpeitschendere Melodien, kommt aus ehrlicherem Herzen als das, was wir in dem Film hörten...»
Das junge Medium Radio eröffnete ihm eine Traumkarriere.
Noch dachte Schmidt aber nicht ans Auswandern und verlegte seine Tätigkeiten nach Österreich, später nach Frankreich. In die Jahre vor dem Krieg fallen triumphale Konzerttourneen. Schmidt sang in Holland, Belgien, mehrmals in der Schweiz und absolvierte eine grosse Reise durch die USA. Der Sänger merkte aber, dass die Lage für ihn immer bedrohlicher wurde und fasste Kuba als künftigen Wohnsitz ins Auge. Die Überfahrt wurde jedoch abgesagt, als die USA 1941 in den Krieg eintraten.
Schmidt blieben nicht mehr viele Optionen und so entschloss er sich zur Ausreise in die Schweiz – zusammen mit einer Gruppe von jüdischen Flüchtlingen, darunter Selma Wolkenheim deren Bruder Julius von Orlow in Zürich Direktor der Sullana Zigarettenfabrik war. Schmidt, der bei seinen früheren Auftritten in Zürich im Hotel Schweizerhof abstieg, logierte in der bescheidenen Pension Karmel an der Löwenstrasse, unweit der Zürcher Synagoge.
Joseph Schmidt (rechts) mit dem Komponisten Hans May im belgischen Le Zoute, 1937. (Bild: Joseph Schmidt Archiv)
Der berühmte Sänger war krank und geschwächt. Die Behörden wollten ihn in ein Lager für internierte Juden schicken. Julius von Orlown setzte sich für ihn ein – sein Angebot mit 10’000 Schweizer Franken zu bürgen und damit Joseph Schmidt den Gang ins Internierten-Lager zu ersparen, stiess jedoch auf taube Ohren. Im Lager Girenbad im Zürcher Oberland traf Schmidt auf einen Lagerleiter, der eine ausgesprochen sadistische Ader zu haben schien. Immerhin: Die Lagerinsassen erfuhren Sympathien aus der Bevölkerung, auch wenn ein direkter Kontakt verboten war.
Als sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, schickte man Joseph Schmidt ins Kantonsspital nach Zürich. Für Chefarzt Professor Brunner war die Sache einfach: Der Arzt hielt ihn für einen Simulanten, der dem Lagerleben entrinnen wollte und schickte ihn zurück nach Girenbad.
An die Sullana Zigarettenfabrik am Zürcher Sihlquai erinnert nur noch diese Reklame. Der Besitzer der Fabrik, Julius von Orlow, setzte sich 1942 für Joseph Schmidt ein und bot den Behörden an für die Unterkunfts-Kosten aufzukommen. (Foto: Wikimedia)
«Eine Schande für die Schweiz» titelten die Zeitungen.
Joseph Schmidt wurde zurückgebracht, nunmehr ein Schatten seiner selbst und kaum mehr in der Lage allein zu stehen. Er starb am 16. November 1942 in der Stube des Restaurants Waldegg, wohin man ihn Stunden vorher gebracht hatte. Die «Neue Zürcher Zeitung» vermeldete seinen Tod einen Tag später als Kurznachricht. Kritischer waren die sozialdemokratischen Zeitungen: «Eine Schande für die Schweiz» titelten die Basler –und Thurgauer-Arbeiterzeitung.
Gedenktafel aus Girenbad bei Hinwil im Zürcher Oberland. (Foto: Wikimedia)
Auch nach dem Krieg erscheinen Millionen von Schallplatten mit seiner Stimme. Sein Name ist unvergessen und in seiner Heimatstadt Czernowitz, in Berlin und auch im Zürcher Oberland erinnern Gedenktafeln an den berühmten Sänger und sein tragisches Schicksal. 2019 beschäftigt sich der Schweizer Romanautor Lukas Hartmann mit dem Schicksal und widmete dem 1942 verstorbenen Tenor Joseph Schmidt einen historischen Roman mit dem Titel «Der Sänger». Die schönste Würdigung erfährt er aber vom Astronomen Freimut Börngen, der 2008 einen Kleinstern nach ihm benannte.
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