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Karl Popper: Wissenschaft als Wahrheitssuche
Karl Raimund Popper
1902 in Wien geboren, 1994 in der Nähe von London gestorben. Emigrierte 1937, lehrte in für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre an der London School of Economics und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Akademien. 1965 wurde er von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben.
aus: Denkanstöße 2004 - Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft, herausgegeben von Angela Hausner, Piper München Zürich Printed in Germany ISBN 3-492-23897-1
Wissen und Sprache
…
Die Menschen sind fürchterlich suggestionsbedürftig, und das gefährliche Suggestionsbedürfnis der Menschen ist heute eines meiner Hauptthemen. Mein Thema ist groß. Ich habe hart, aber gern gearbeitet, um es so einfach wie möglich darzustellen. Ich fürchte, daß es mir nicht ganz gelungen ist, und ich bitte Sie um Ihre aktive Mitarbeit.
Aber ich bitte Sie auch: Lassen Sie sich nur nichts von mir suggerieren! Glauben Sie mir, bitte, kein Wort! Ich weiß, das ist zuviel verlangt, denn ich will ja nur die Wahrheit sagen, so gut ich sie kenne. Aber ich warne Sie: Ich weiß nichts; oder fast nichts. Wir alle wissen nichts oder fast nichts. Das ist, wie ich vermute, eine Grundtatsache unseres Lebens. Wir wissen nichts, wir können nur vermuten: Wir raten. Unser bestes Wissen ist das groL~artige naturwissenschaftliche Wissen, das wir in 2500 Jahren geschaffen haben. Aber die Naturwissenschaften bestehen eben nur aus Vermutungen, aus Hypothesen.
Im Griechischen, im Lateinischen, im Englischen und im Deutschen gibt es einen klaren Gegensatz zwischen
(1)
Wissen # Vermutung
ich weiß # ich vermute.
Der Unterschied ist ganz einfach:
(2)
Wissen impliziert sichere Wahrheit
also: Wissen impliziert Sicherheit, Gewißheit.
Daher kann man in diesen Sprachen nicht ernsthaft sagen:
'Ich weiß, daß heute Freitag ist, aber ich bin nicht ganz sicher.'
Die Antwort darauf wäre:
'Wenn du nicht ganz sicher bist, so weißt du es eben nicht, sondern du vermutest es nur.'
Meine erste These ist also:
(3) Das sogenannte naturwissenschaftliche Wissen ist kein Wissen, denn es besteht nur aus Vermutungen oder Hypothesen — wenn auch zum Teil aus Hypothesen, die durch ein Kreuzfeuer von genialen Überprüfungen hindurchgegangen sind. In Kürze:
(4) Wir wissen nicht, sondern wir raten. Obwohl das naturwissenschaftliche Wissen kein Wissen ist, ist es das beste, das wir auf diesem Gebiet haben. Ich nenne es Vermutungswissen — mehr oder weniger, um die Leute zu trösten, die sicheres Wissen wollen und glauben, es nicht entbehren zu können.
Das sind nämlich die gefährlich suggestionsbedürftigen Menschen, die Menschen, denen der Mut fehlt, ohne Sicherheit, ohne Gewißheit, ohne Autorität, ohne einen Führer zu leben. Man könnte vielleicht sagen: Es sind die Menschen, die im Kindesalter steckengeblieben sind.
Die anderen mögen Freunde brauchen, Vertraute; oder Menschen, zu denen man aufsieht, weil man in ihnen ein Vorbild sehen kann; oder vielleicht, weil sie Außerordentliches geleistet haben. Wenn sie einen Kranken betreuen, mögen sie oft nach einer Autorität — einer medizinischen Autorität — seufzen. Aber die gibt es nicht; denn Wissen — sicheres Wissen — ist ein leeres Wort.
Wissenschaft ist Wahrheitssuche. Aber Wahrheit ist nicht sichere Wahrheit.
(5)
Wahrheit # sichere Wahrheit
Wahrheit # Gewißheit.
Was Wahrheit ist, weiß jeder. Es ist die Übereinstimmung eines Satzes mit jener Wirklichkeit, über die der Satz etwas aussagt:
(6)
Wahrheit = Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
oder vielleicht
Wahrheit = Übereinstimmung des ausgesagten Sachverhalts mit dem tatsächlichen Sachverhalt.
Aber Definitionen sind unwichtig. Und Wortklaubereien sind eine Pest.
(7) Wir können oft genug die Wahrheit sagen, die Wahrheit erreichen. Aber wir können nie Sicherheit erreichen. Denn wir wissen — in dem Sinn von Vermutungswissen —‚ daß es Menschen gibt, die sich einbilden, daß sie Einstein sind oder eine Wiedergeburt von Goethe. So sage ich vermutlich die Wahrheit, wenn ich sage, daß ich soeben einen Vortrag in Zürich halte. Aber nach meiner Erfahrung mit jenen Menschen kann ich nicht absolut sicher sein, daß ich nicht in einem fürchterlichen Irrtum befangen bin.
Doch nur absolute Sicherheit würde echtes Wissen bedeuten. Wir kommen, außer vielleicht mit Trivialitäten, nicht über Vermutungen hinaus — wenigstens nicht in den Naturwissenschaften. (Vielleicht steht es anders in der Mathematik oder in der Formalen Logik; aber darüber will ich heute nicht sprechen.)
Die Wissenschaft ist Wahrheitssuche, nicht Sicherheitssuche. Wie arbeitet sie?
(8) Der Wissenschaftler arbeitet, wie alle Organismen, mit der Methode von Versuch und Irrtum. Der Versuch ist eine Problemlösung. Der Irrtum, oder genauer die Irrtums-korrektur, ist in der Evolution des Pflanzen- oder Tierreichs gewöhnlich die Ausmerzung des Organismus; in der Wissenschaft die Ausmerzung der Hypothese oder der Theorie.
Der Prozeß ist also eine Darwinsche Auslese. Frage: Was entspricht im Tierreich dem sogenannten Wissen, also der Vermutung, der Hypothese? Antwort: die Erwartung. Genauer: ein Zustand des Organismus, in dem sich der Organismus auf eine Änderung in seiner Umwelt vorbereitet (oder auch darauf, daß sich nichts ändert). Wenn die Blumen kommen, so erwarten sie, in diesem Sinn, FrühlingsWetter: Sie haben die Hypothese, die Theorie eingebaut, daß es wärmer wird. Oft genug ist die Theorie falsch, und die Blüten erfrieren.
(9) In diesem Sinn gibt es unendlich viel angeborenes Wissen in Pflanzen und Tieren. Ein Kind erwartet nach seiner Geburt, gehegt und gestillt zu werden; und kurz nachher erwartet es, angelächelt zu werden. Es erwartet diese Dinge nicht nur, es braucht sie. Angeborene Bedürfnisse sind angeborene Theorien.
(10) Alle Organismen sind dauernd höchst aktiv. Sie erforschen aktiv ihre Umwelt, sie suchen nach besseren Lebensbedingungen, nach einer besseren Welt. Und sie selbst verbessern aktiv ihre Lebensbedingungen.
(11) Das Leben verbessert die Umwelt für das Leben. Es hat das seit Millionen von Jahren getan, und wir sind die glücklichen Erben.
Da dieser Prozeß durch Versuch und Irrtumselimination vor sich geht, gibt es auch viele Fehler in unserer Welt.
(12) Mit dem Leben entstehen Probleme; und Probleme gibt es nur, wenn es Werte gibt: Bewertungen, zum Beispiel von Lebensbedingungen.
Ich komme nun zum Schluß dessen, was ich hier über die Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie ausführen möchte.
(13) Die Wissenschaft beginnt mit Problemen. Sie versucht, sie durch kühne, erfinderische Theorien zu lösen. Bei weitem die meisten Theorien sind falsch und/oder unüberprüfbar. Die wertvollen überprüfbaren Theorien werden nach Irrtümern abgesucht. Wir suchen, Irrtümer zu finden und zu eliminieren. So ist die Wissenschaft: Sie besteht aus wilden, oft unverantwortlichen Ideen, die sie unter eine scharfe Kontrolle der Fehlerkorrektur setzt.
Frage: Das ist ja ganz ähnlich wie bei der Amöbe oder ähnlichen niederen Organismen. Wo ist der Unterschied zwischen der Amöbe und Einstein? Antwort: Die Amöbe wird eliminiert, wenn sie Fehler macht. Falls sie Bewußtsein hat, wird sie sich vor Fehlern fürchten. Einstein sucht nach Fehlern. Er kann das, weil seine Theorie nicht ein Teil von ihm selbst ist, sondern weil sie ein Objekt ist, das er untersuchen und bewußt kritisieren kann. Er verdankt das der spezifisch menschlichen Sprache, und insbesondere auch ihrer Tochter, der menschlichen Schrift. Einstein sagte irgendwo: »Mein Bleistift ist gescheiter, als ich es bin.« Das, was ausgesprochen oder, noch besser, niedergeschrieben ist, ist ein Objekt geworden, das wir kritisieren können und dessen Fehler wir untersuchen können. So wird die sprachlich formulierte Theorie etwas Ähnliches, aber wiederum ganz anderes als die in den Organismen eingebauten tierischen oder pflanzlichen Erwartungen.
(14) Die Methode der Naturwissenschaft ist die bewußte Suche nach Fehlern und die Fehlerkorrektur durch bewußte Kritik. Diese Kritik sollte — im Idealfall — unpersönlich sein und sich nur auf die vorgelegten Theorien oder Hypothesen richten.
Damit beende ich meine Bemerkungen zur Erkenntnistheorie und wende mich der Theorie der tierischen und der spezifisch menschlichen Sprache zu. Es ist der zweite Teil meiner Vorlesung. Der dritte Teil ist dem Suggestionsbedürfnis gewidmet. [...j
Ich beginne mit einem Schema, das ich dem großen Psychologen Karl Bühler verdanke. Bühler unterscheidet drei Funktionen der Sprache. Die ersten beiden finden sich bei vielen Tieren und allen Menschen; die dritte nur beim Menschen.
Die niederste Funktion ist die Ausdrucksfunktion, die im Mienenspiel, in Schwanzbewegungen, in Schreien bestehen kann. Diese Ausdrucksbewegungen können als Symptom für den inneren Zustand des Organismus betrachtet werden.
(Nebenbemerkung: Die Materialisten und die Behavioristen haben das nicht gern. Sie wollen keinen inneren Zustand annehmen, sondern schlagen vor, sich auf das Verhalten, auf englisch »behaviour«, zu beschränken. Daß das ein Fehler ist, kann man aber sehr schnell zeigen. Ein Thermometer zeigt durch sein »behaviour« nicht nur die äußere Temperatur, sondern vor allem seinen inneren Zustand an:
Die schwingenden Moleküle, deren Amplituden zunehmen, führen zur Verlängerung eines Metallstabes. Wenn die behavioristische Ideologie richtig wäre, dürften wir diese inneren Zustände nicht hereinbringen und zur Erklärung der Verlängerung des Stabes durch Erhitzung verwenden.)
Das Tier kann seinen Zustand durch sein Mienenspiel und Schwanzspiel ausdrücken, auch wenn kein anderes Tier da ist, um darauf zu reagieren. Wenn aber ein anderes Tier auf die Ausdrucksbewegung reagiert, dann wird sie zur Kundgabe. Die Kundgabe-Funktion, die nach Bühler die zweite Funktion ist, kann eine Signalfunktion werden, und wenn sie gegenseitig stattfindet, haben wir Kommunikation zwischen Tieren. Natürlich können das auch Menschen sein — zum Beispiel Kinder, bevor sie die menschliche Sprache erlernt haben; oder Menschen, die keine gemeinsame spezifisch menschliche Sprache haben, sich aber dennoch durch Mienen, durch Zeichen, durch Deuten verständigen wollen.
Bühlers dritte Funktion, die Darstellungsfunktion, ist der spezifisch menschlichen Sprache vorbehalten, in der es Sätze gibt, die Sachverhalte beschreiben oder, wie Bühler sagt, darstellen.
Eine These Bühlers ist, daß die höhere Funktion immer von der niedrigen begleitet wird. Wenn ein Vogel einen Warnruf ausstößt, so dient dieser Ruf nicht nur der sozialen Kommunikation, sondern er ist gleichzeitig auch Ausdruck eines inneren Zustandes. Je höher wir in den Funktionen der Sprache hinaufsteigen, um so komplexer wird die Sprache.
Ich möchte kurz darauf hindeuten, daß nur wenige Sprachtheoretiker so weit gegangen sind wie Bühler. Die meisten sprechen von Ausdruck, einige auch von sozialer Kommunikation (die natürlich sehr praktische Funktionen haben kann, wie das Beispiel der Warnrufe zeigt). Auch Befehle oder Aufforderungen gehören hierher. Aber die wenigsten haben gesehen, daß es für die menschliche Sprache und ihre Wunder entscheidend ist, daß sie Sachverhalte beschreiben kann und daß ein solcher beschreibender Satz wahr oder falsch sein kann. Erst durch diesen ungeheuren Schritt wird die Objektivierung des Gesagten möglich, so daß sachliche Kritik einsetzen kann. Kritik ist rationale Kritik nur dann, wenn es nur um die Wahrheit oder Falschheit von Sätzen oder Theorien geht.
Damit beende ich meine kurze Darstellung eines wichtigen Teils von Bühlers Theorie der Sprache.
Ich habe selbst noch einige Funktionen der Sprache zu denen Bühlers hinzugefügt, vor allem die kritische Funktion, das heißt, die kritische Diskussion über die Wahrheit oder Falschheit von Sätzen. Und ich habe auch ihre ungeheure Wichtigkeit schon betont, als ich davon sprach, wie Einstein sich von der Amöbe unterscheidet.
Auch habe ich schon oft betont, daß der kritischen Stufe des menschlichen Sprachgebrauchs aus logischen Gründen eine dogmatische Stufe vorangehen muß. Erst wenn ein Dogma als eine Art von Hintergrund etabliert ist, kann man beginnen zu kritisieren, und erst später kann das Dogma, der Hintergrund der kritischen Diskussion, selbst in die Kritik einbezogen werden. Man braucht zuerst einen festen Rahmen. Später kann man verschiedene solcher Rahmen konfrontieren und zur kritischen Diskussion der Rahmen fortschreiten.
Ich komme jetzt zum dritten Teil.
Ich beginne mit meiner 14. These:
(14) Die Tiersprachen, einschließlich der Menschensprachen, setzen sehr viele angeborene Bedürfnisse voraus; zum Beispiel das Bedürfnis, sich aktiv auszudrücken, das Bedürfnis, mit anderen in Kommunikation zu treten, und das Bedürfnis, auch in diesen Dingen durch Versuch und Irrtum zu lernen. Ohne solche angeborenen Bedürfnisse und ohne das aktive Lernen durch Versuch und Irrtum (das Herumrennen von jungen Katzen ist ein gutes Beispiel) wäre es für höhere Tiere nicht möglich zu überleben.
(15) Sowohl das angeborene Wissen der Tiere und Menschen wie auch das durch aktives Lernen erworbene Wissen
besteht aus Erwartungen. Unerfüllte Erwartungen werden als Schwierigkeiten, als Probleme erlebt, die zu Versuchen führen, also wieder zum aktiven Lernen — zum Forschen.
(16) Das aktive Lernen sowohl der Tiersprache wie auch der Menschensprache setzt einen sehr hohen Grad von Suggestivität voraus. Nachahmungsfähigkeit genügt nicht. Es handelt sich auch um mehr als um Nachahmung zusammen mit Einfühlung, obwohl das der Sache schon näher kommt. Es handelt sich um ein angeborenes, tiefes Bedürfnis, mit den Wünschen und Bewertungen der kommunizierenden Artgenossen übereinzustimmen. Nur so kann man die Massenwanderungen der Heringe oder das Schwärmen der Bienen oder auch nur einen Mückenschwarm erklären. Und wir wissen (im Sinne von Vermutungswissen), wie suggestionsanfällig gewisse Tiere sind. Ein Huhn kann mit einem Kreidestrich hypnotisiert werden.
(17) Die menschlichen Sprachen beruhen auf angeborenen Bedürfnissen, eine Sprache zu lernen, zu sprechen, dar-zustellen, mitzuteilen. Alles das beruht zum großen Teil auf einem angeborenen, spezifisch mit der Sprache verbundenen Suggestionsbedürfnis.
(18) Dies ist auf das engste verknüpft mit dem starken Bedürfnis, unsere Umwelt zu entdecken, über sie zu lernen, also zu wissen. So kommt es in den Menschenverbänden zu Mythen, zu Medizinmännern, zu Priestern. Und so kommt es zu einem inneren Konflikt, der das alles verstärken kann:
zu dem nicht eingestandenen Gefühl dafür, daß wir ja in Wirklichkeit nichts oder nur sehr wenig wissen. Da das Bedürfnis nach Sicherheit — oder nach Sicherung durch die Kameraden, die Helfer — stark ist, wird das Bedürfnis stark sein, ein gemeinsames Dogma zu haben und sich gegenseitig die Wahrheit dieses Dogmas zu suggerieren. Es ist ein Bedürfnis nach Suggestion, ein Suggestionsbedürfnis. Die Unsicherheit wird gefürchtet, und das Dogma wird zum fanatischen Glauben.
So kam es zur Kriegspsychose, zur Kriegsbegeisterung am Anfang des Ersten Weltkriegs.
Wie ich die Philosophie nicht sehe
Ich will jetzt eine Liste von neun Auffassungen von der Philosophie und von Tätigkeiten aufstellen, die häufig als charakteristisch für die Philosophie angesehen werden, meiner Ansicht nach aber unbefriedigend sind. Für diesen Abschnitt möchte ich den Titel wählen: ‘>Wie ich die Philosophie nicht sehe.«
Erstens: Die Aufgabe der Philosophie ist nicht das Auflösen von Mißverständnissen, obwohl solche Auflösungen manchmal notwendige Vorarbeiten sein können.
Zweitens: Ich halte die Philosophie nicht für eine Galerie von Kunstwerken, von verblüffenden und originellen Weltbildern oder von klugen und ungewöhnlichen Beschreibungen der Welt. Ich glaube, wir tun den großen Philosophen schweres Unrecht, wenn wir die Philosophie so verstehen.
Die großen Philosophen verfolgten nicht rein ästhetische Ziele. Sie wollten nicht Baumeister scharfsinniger Systeme sein. Sie waren vor allem Wahrheitssucher, ebenso wie die großen Wissenschaftler. Sie suchten nach Lösungen von echten Problemen. Ich sehe die Geschichte der großen Philosophien ganz wesentlich als einen Teil der Geschichte der Wahrheitssuche, und ich lehne ihre rein ästhetische Beurteilung ab, obwohl ich zugebe, daß Schönheit in der Philosophie wie in der Wissenschaft von großer Bedeutung ist.
Ich bin sehr für intellektuellen Wagemut. Wir können nicht intellektuelle Feiglinge und Wahrheitssucher zugleich sein. Wer die Wahrheit sucht, muß es wagen, weise zu sein:
Sapere aude! Er muß es wagen, ein Revolutionär auf dem Gebiete des Denkens zu sein.
Drittens: Ich betrachte die Geschichte der philosophischen Systeme nicht als eine Geschichte von intellektuellen Bauwerken, an denen alle möglichen Ideen ausprobiert werden und in denen die Wahrheit vielleicht als ein Nebenprodukt zum Vorschein kommt. Ich glaube, wir tun den wahrhaft großen Philosophen der Vergangenheit unrecht, wenn wir auch nur einen Moment lang daran zweifeln, daß jeder von ihnen sein System aufgegeben hätte, wenn er sich davon überzeugt hätte, daß es vielleicht brillant sei, aber keinen Schritt in der Richtung auf die Wahrheit hin darstellte. (Das ist übrigens der Grund, warum ich Fichte oder Hegel nicht für große Philosophen halte: ich mitraue ihrer Wahrheitsliebe.)
Viertens: Ich halte die Philosophie nicht für einen Versuch zur Analyse oder »Explikation« von Begriffen, Worten oder Sprachen.
Begriffe oder Worte sind bloß Werkzeuge zur Formulierung von Aussagen, Annahmen oder Theorien. Begriffe oder Worte als solche können weder wahr noch falsch sein. Sie dienen nur der beschreibenden und begründenden menschlichen Sprache. Es sollte nicht unser Ziel sein, Bedeutungen zu analysieren, sondern nach interessanten und bedeutsamen Wahrheiten zu suchen; das heißt, nach wahren Theorien.
Fünftens: Ich halte die Philosophie nicht für ein Mittel zu zeigen, wie gescheit man ist.
Sechstens: Ich halte die Philosophie nicht für eine Intellektuelle Therapie (wie Wittgenstein), für eine Tätigkeit, durch die man die Leute aus ihren philosophischen Verwirrungen befreit. Meiner Ansicht nach hat Wittgenstein — in seinem späteren Werk — nicht der Fliege den Weg aus der Flasche gezeigt (wie er hoffte). Vielmehr halte ich die Fliege, die nicht aus der Flasche kann, für ein treffendes Selbstporträt Wittgensteins. (Wittgenstein war offenbar ein wittgensteinischer Fall, so wie Freud ein freudischer Fall und Adler ein adlerischer Fall war.)
Siebtens: Ich sehe in der Philosophie nicht das Bestreben, sich präziser oder exakter auszudrücken. Präzision und Exaktheit sind keine intellektuellen Werte an sich, und wir sollten nie versuchen, präziser und exakter zu sein, als es das vorliegende Problem erfordert.
Achtens: Daher halte ich die Philosophie nicht für das Bemühen, die Grundlagen oder den begrifflichen Rahmen zur Lösung von Problemen zu liefern, die in der näheren oder ferneren Zukunft auftreten mögen. Das tat John Locke; er wollte einen Essay über Ethik schreiben, und dazu hielt er es für nötig, begriffliche Vorarbeiten zu leisten. Sein »Essay« besteht aus diesen Vorarbeiten; und die englische Philosophie ist seitdem mit wenigen Ausnahmen — etwa einigen der politischen Essays von Locke und Hume — in diesen Vorarbeiten steckengeblieben.
Neuntens: Ich verstehe die Philosophie auch nicht als Ausdruck des Zeitgeistes. Das ist eine Hegelsche Idee, die der Kritik nicht standhält. Es gibt allerdings Moden in der Philosophie wie in der Wissenschaft. Aber wer ernsthaft nach der Wahrheit sucht, wird nicht der Mode folgen, er wird vielmehr den Moden mißtrauen und sie sogar bekämpfen.
Die Verantwortung der Intelektuellen
Wir haben also vier Gründe, die zeigen, daß auch heute die Sokratische Einsicht »Ich weiß, daß ich nichts weiß, und kaum das« hochaktuell ist — vielleicht noch aktueller als zur Zeit des Sokrates. Und wir haben Grund, zur Verteidigung der Toleranz aus dieser Einsicht jene ethischen Konsequenzen zu ziehen, die von Erasmus, Montaigne, Voltaire und später von Lessing gezogen wurden. Und noch weitere Konsequenzen.
Die Prinzipien, die jeder rationalen Diskussion zugrunde liegen, das heißt jeder Diskussion im Dienste der Wahrheitssuche, sind recht eigentlich ethische Prinzipien. Ich möchte drei solche Prinzipien angeben.
1. Das Prinzip der Fehlbarkeit: Vielleicht habe ich unrecht, und vielleicht hast du recht. Aber wir können auch beide unrecht haben.
2. Das Prinzip der vernünftigen Diskussion: Wir wollen versuchen, möglichst unpersönlich unsere Gründe für und wider eine bestimmte, kritisierbare Theorie abzuwägen.
3. Das Prinzip der Annäherung an die Wahrheit. Durch eine sachliche Diskussion kommen wir fast immer der Wahrheit näher; und wir kommen zu einem besseren Verständnis; auch dann, wenn wir nicht zu einer Einigung kommen.
Es ist bemerkenswert, daß alle drei Prinzipien erkenntnistheoretische und gleichzeitig ethische Prinzipien sind. Denn sie implizieren unter anderem Duldsamkeit, Toleranz: Wenn ich von dir lernen kann und im Interesse der Wahrheitssuche lernen will, dann muß ich dich nicht nur dulden, sondern als potentiell gleichberechtigt anerkennen; die potentielle Einheit und Gleichberechtigung aller Menschen sind eine Voraussetzung unserer Bereitschaft, rational zu diskutieren. Wichtig ist auch das Prinzip, daß wir von einer Diskussion viel lernen können; auch dann, wenn sie nicht zu einer Einigung führt. Denn die Diskussion kann uns lehren, einige der Schwächen unserer Position zu verstehen.
Es liegen also der Naturwissenschaft ethische Prinzipien zugrunde. Die Idee der Wahrheit als das grundlegende regulative Prinzip ist ein solches ethisches Prinzip.
Die Wahrheitssuche und die Idee der Annäherung an die Wahrheit sind weitere ethische Prinzipien; ebenso auch die Idee der intellektuellen Redlichkeit und die der Fehlbarkeit, die uns zur selbstkritischen Haltung und zur Toleranz führt.
Sehr wichtig ist auch, daß wir im Gebiet der Ethik lernen können.
Das möchte ich noch am Beispiel der Ethik für die Intellektuellen aufzeigen, insbesondere der Ethik für die intellektuellen Berufe: der Ethik für die Wissenschaftler, für die Mediziner, Juristen, Ingenieure, Architekten; für die öffentlichen Beamten und, sehr wichtig, für die Politiker.
Ich möchte Ihnen einige Sätze für eine neue Berufsethik unterbreiten, Sätze, die mit den Ideen der Toleranz und der intellektuellen Redlichkeit eng zusammenhängen.
Zu diesem Zweck werde ich zuerst die alte Berufsethik charakterisieren und vielleicht auch ein klein wenig karikieren, um sie dann mit der neuen Berufsethik, die ich vorschlage, zu vergleichen.
Beiden, der alten und der neuen Berufsethik, liegen, zugegebenermaßen, die Ideen der Wahrheit, der Rationalität und der intellektuellen Verantwortlichkeit zugrunde. Aber die alte Ethik war auf die Idee des persönlichen Wissens und des sicheren Wissens gegründet und damit auf die Idee der Autorität; während die neue Ethik auf die Idee des objektiven Wissens und des unsicheren Wissens gegründet ist. Dadurch ändert sich die unterliegende Denkweise grundlegend, und damit auch die Rolle der Ideen der Wahrheit, der Rationalität und der intellektuellen Redlichkeit und Verantwortlichkeit.
Das alte Ideal war, Wahrheit und Sicherheit zu besitzen, und die Wahrheit, wenn möglich, durch einen logischen Beweis zu sichern.
Diesem auch heute noch weitgehend akzeptierten Ideal entspricht das persönliche Ideal des Weisen — natürlich nicht im Sokratischen Sinn, sondern das Platonische Ideal des Wissenden, der eine Autorität ist; des Philosophen, der gleichzeitig ein königlicher Herrscher ist.
Der alte Imperativ für den Intellektuellen ist: Sei eine Autorität! Wisse alles in deinem Gebiet!
Wenn du einmal als Autorität anerkannt bist, dann wird deine Autorität von deinen Kollegen beschützt werden, und du mußt natürlich die Autorität deiner Kollegen beschützen.
Die alte Ethik, die ich beschreibe, verbietet es, Fehler zu machen. Ein Fehler ist absolut unerlaubt. Daher dürfen Fehler nicht zugegeben werden. Ich brauche nicht zu betonen, daß diese alte professionelle Ethik intolerant ist. Und sie war auch immer schon intellektuell unredlich: Sie führt zum Vertuschen der Fehler um der Autorität willen; insbesondere auch in der Medizin.
Ich schlage deshalb eine neue Berufsethik vor; vor allem, aber nicht nur, für Naturwissenschaftler. Ich schlage vor, sie auf folgende zwölf Prinzipien zu gründen, mit denen ich schließe.
1. Unser objektives Vermutungswissen geht immer weiter über das hinaus, was ein Mensch meistern kann. Es gibt daher keine Autoritäten. Das gilt auch innerhalb von Spezial-fächern.
2. Es ist unmöglich, alle Fehler zu vermeiden oder auch nur alle an sich vermeidbaren Fehler. Fehler werden dauernd von allen Wissenschaftlern gemacht. Die alte Idee, daß man Fehler vermeiden kann und daher verpflichtet ist, sie zu vermeiden, muß revidiert werden: Sie selbst ist fehlerhaft.
3. Natürlich bleibt es unsere Aufgabe, Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. Aber gerade um sie zu vermeiden, müssen wir uns vor allem klar darüber werden, wie schwer es ist, sie zu vermeiden, und daß es niemandem völlig gelingt. Es gelingt auch nicht den schöpferischen Wissenschaftlern, die von ihrer Intuition geleitet werden: Die Intuition kann uns auch irreführen.
4. Auch in den am besten bewährten unter unseren Theorien können Fehler verborgen sein; und es ist die spezifische Aufgabe des Wissenschaftlers, nach solchen Fehlern zu suchen. Die Feststellung, daß eine gut bewährte Theorie ‘oder ein viel verwendetes praktisches Verfahren fehlerhaft ist, kann eine wichtige Entdeckung sein.
5. Wir müssen deshalb unsere Einstellung zu sunseren Fehlern ändern. Es ist hier, wo unsere praktische ethische Reform beginnen muß. Denn die alte berufsethische Einstellung führt dazu, unsere Fehler zu vertuschen, zu verheimlichen und so schnell wie möglich zu vergessen.
6. Das neue Grundgesetz ist, daß wir, um zu lernen, Fehler möglichst zu vermeiden, gerade von unseren Fehlern lernen müssen. Fehler zu vertuschen ist deshalb die größte intellektuelle Sünde.
7. Wir müssen daher dauernd nach unseren Fehlern Ausschau halten. Wenn wir sie finden, müssen wir sie uns einprägen; sie nach allen Seiten analysieren, um ihnen auf den Grund zu gehen.
8. Die selbstkritische Haltung und die Aufrichtigkeit werden damit zur Pflicht.
9. Da wir von unseren Fehlern lernen müssen, so müssen wir es auch lernen, es anzunehmen, ja, dankbar anzunehmen, wenn andere uns auf unsere Fehler aufmerksam machen. Wenn wir andere auf ihre Fehler aufmerksam machen, so sollen wir uns immer daran erinnern, daß wir selbst ähnliche Fehler gemacht haben wie sie. Und wir sollen uns daran erinnern, daß die größten Wissenschaftler Fehler gemacht haben. Ich will sicher nicht sagen, daß unsere Fehler gewöhnlich entschuldbar sind: Wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Aber es ist menschlich unvermeidbar, immer wieder Fehler zu machen.
10. Wir müssen uns klarwerden, daß wir andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen (und sie uns); insbesondere auch Menschen, die mit anderen Ideen in einer anderen Atmosphäre aufgewachsen sind. Auch das führt zur Toleranz.
11. Wir müssen lernen, daß Selbstkritik die beste Kritik ist; daß aber die Kritik durch andere eine Notwendigkeit ist. Sie ist fast ebensogut wie die Selbstkritik.
12. Rationale Kritik muß immer spezifisch sein: Sie muß spezifische Gründe angeben, warum spezifische Aussagen, spezifische Hypothesen falsch zu sein scheinen oder spezifische Argumente ungültig. Sie muß von der Idee geleitet sein, der objektiven Wahrheit näher zu kommen. Sie muß in diesem Sinne unpersönlich sein.
Ich bitte Sie, meine Formulierungen als Vorschläge zu betrachten. Sie sollen zeigen, daß man, auch im ethischen Gebiet, diskutierbare und verbesserbare Vorschläge machen kann.