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Die Sammlung von Paul Stoecklin (1916-1999) enthält über 600 Gesangbücher aus dem 17. bis 20. Jahrhundert. Stoecklin selbst gibt in seiner «eklektisch redigierten» Biographie, wie er sie bennent, einen Einblick in sein Leben:
Während sechs Semestern studierte ich deutsche, französische und lateinische Philologie und, mit zunehmendem Interesse, Musikwissenschaft und Volkskunde. Ich empfand während des Studiums aber mehr und mehr das Fehlen eines gewissen Zusammenhangs mit dem Leben und des praktischen Wirkens. Gleichzeitig mit der geistigen Entwicklung und der Persönlichkeitsreife erkannte ich erstmals meine eigentliche Berufung: Künstlerische Äusserungen in verschiedenen Zweigen, sei es durch Zeichnen, Malen und Drucke schneiden auf der einen, Klavierspiel und Singen auf der anderen Seite, und mit 16 Jahren, als ein gewisser Höhepunkt, das autodidaktisch erlernte «Orgelschlagen». Obwohl mir mit aller Deutlichkeit klar gemacht wurde, dass allein aus finanziellen Gründen eine berufliche Ausbildung nicht in Frage komme, liess sich dieser elementare Drang zum künstlerischen Ausdruck nicht wie auf Knopfdruck abstellen. Solange mein Vater zusammen mit den beiden jüngeren Söhnen in einem Haushalt leben konnte, kam er nach Vereinbarung für den Mietzins auf. Mit unzähligen Nachhilfestunden in Deutsch, Französisch und Latein sowie mit Buch- und Konzertbesprechungen sowie Redaktionsarbeiten konnte ich mich einigermassen über Wasser halten.
Glück im Unglück bedeutete für alle drei Brüder die Unterbringung in einer Ferienkolonie; an ausgesuchten Orten in den Kantonen Graubünden und Wallis und später, zusammen mit anderen Studenten, in einem abgelegenen Walliserhaus wohnten, kochten und haushalteten sie und gerieten mit den Einheimischen auf natürliche Weise in ein gutes, ja ansprechendes Verhältnis.
Mein Ziel, mit einer Arbeit über meine bis zum Frühjahr 1939 unternommenen Forschungen zum Walliser Volkslied- und Volksmusikgut, das bereits lange Studium abzuschliessen, entsprach nicht den Vorstellungen des Musikwissenschaftlers Prof. J. Handschin. Ich musste einen Ausweg finden und entschloss mich – trotz der Verlockung, in wesentlich kürzerer Zeit Mittellehrer zu werden – zur zwei Jahre dauernden Ausbildung am Kantonalen Lehrerseminar Basel als Primarlehrer. Diese Ausbildung, welche zwar unter den erschwerenden Umständen der drohenden Kriegsgefahr und der Mobilisation litt, fand ihren Abschluss mit dem im Frühjahr 1941 erworbenen Diplom. Dann begann die Berufspraxis. Nach so viel Theorie die ersten ernsthaften Bemühungen, ein günstiges Betriebsklima zu schaffen und die mannigfachen Anliegen der Zöglinge wahrzunehmen und, wenn notwendig, klärend und fördernd einzugreifen. Während eines Jahres war ich mit Vikariaten an der Mädchen- und an der Knabenprimarschule Basel-Stadt beschäftigt. Im Frühjahr 1942 erhielt ich im Rahmen eines festen Pensums eine erste Klasse der Mädchenprimarschule Sevogel; von 1950 bis zur Neueinteilung der Schulbezirke im Frühjahr 1957 versah ich dort das Amt des Schulhausvorstehers. Mit Beschluss vom 3. April 1944 wählte mich der Erziehungsrat definitiv zu einem Lehrer der Mädchenprimarschule und Primarstufe der Sekundarschule. Eine langjährige Ausbildung in Gesang, Blockflöte, Klavier und Orgel an der Musikschule, der Schola Cantorum Basiliensis und im Privatunterricht ermöglichten mir bald auch ein intensives musikalisches Wirken.
Während die Beanspruchung durch die Mitarbeit in der Kommission für Schulgesang und in der Blockflötenkommission, beides ab 1951, sich im Rahmen der normalen Beanspruchung hielt, waren die Aufgaben als ständiges Mitglied der Kommission zur Schaffung eines neuen Primarschul-Gesangbuches ab März 1946 riesenhaft. Ich besass eine selbst zusammengesuchte, teilweise erbettelte und teilweise geschenkte Sammlung alter Lieddrucke, Liederbücher, Musikalien etc., die als private «Handbibliothek» der raschen und zuverlässigen Scheidung von ungeeigneten, brauchbaren oder auch guten und noch besseren Fassungen dienten.
Nach dem Besuch eines Kurses für Stimm- und Atemsicherung von Prof. O. Fitz in Wien 1953/54 nahm ich im Herbst 1955 gastweise, im ersten Quartal 1957 dann als beurlaubter, ordentlicher Lehrgangsteilnehmer am Stimmbildungskurs im Albert Greiner-Institut in Augsburg teil. Auf Anregung meiner damaligen Kollegin und seit Juli 1957 meiner Frau Anna geb. Hunger beteiligte ich mich auch am dreiwöchigen Stimmbildungskurs, den Prof. J. Lautenbacher aus Augsburg im September 1956 in Basel durchführte.
Einige Einzelentwicklungen, die wesentlich dazu beitrugen, meine musikalische Bildung abzurunden, dürfen nicht unerwähnt bleiben. In der Musikschule Basel genoss ich Solfège-Unterricht bei H. Schindler sowie, seit meinem elften Lebensjahr, Klavierunterricht bei D. Meerwein, S. Breil und H. Vogt. Auf Kirchenorgeln üben und spielen konnte ich während der Ferienzeit in den Kantonen Graubünden und Wallis, zum ersten Mal am 19. Juli 1931 in St. Niklaus; später bot sich diese Möglichkeit auch in Basel – in St. Marien, Vincentianum, St. Clara – sowie in Arlesheim, Pfeffingen, Mariastein und an anderen Orten. Den Gesang konnte ich von Kindesbeinen auf pflegen im Knabenchor als Solosopran und später in der Choralgruppe von A. Wenzinger und I. Lohr. Während zweier Jahre war ich Mitglied des Basler Bachchores und ich besuchte zwei Ferienkurse der Schola Cantorum in Rigi-Klösterli unter A. Wenzinger und M. Hamm-Stoecklin. Ich war Klavierpartner verschiedener Duos und Trios, darunter U. Belussi, M. Gardelli, M. Gyr, Konzertmeister Silzer, A. Gyr, F. Haff. Durch die Leitung des ehemaligen Seminarschores 1939 bis 1941 waren mir erstmals Gelegenheiten zum Dirigieren geboten; dies wurde Ende März 1957 von dem Augsburger Diplom eines Chordirigenten gekrönt.
Die Beschäftigung mit dem Volkslied wurde 1938 zu meinem eigentlichen Jagdgrund. Wiederholte Ferienaufenthalte, Militärdienst und besondere Feldforschungen mit der Unterstützung der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde haben es mir ermöglicht, eine ansehnliche Anzahl Aufnahmen deutschsprachiger und welscher Volkslieder aus dem Wallis zusammenkommen zu lassen, auf die ich zumindest als Sammler ein klein wenig stolz bin.
Paul Stoecklin