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Man hatte beinahe das Gefühl, es wäre nie etwas gewesen. Demonstrativ herzlich wurde EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Montag vom britischen Premierminister Rishi Sunak in Windsor empfangen, dem pittoresken Städtchen unweit von London samt imposantem Schloss. Dort traf sich von der Leyen später zur «Tea Time» mit König Charles.
Fast vergessen wirkte der zeitweise bittere Scheidungskrieg, den sich das Königreich und die Europäische Union nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 geliefert hatten. Er endete mit dem definitiven Austritt Ende 2020. Danach trat ein vom damaligen Premier Boris Johnson ausgehandelter Freihandelsvertrag in Kraft, samt Sonderregel für Nordirland.
Um Kontrollen an der Grenze zur Republik Irland zu verhindern, die den seit 25 Jahren bestehenden, aber immer noch fragilen Frieden in der britischen Provinz gefährdet hätten, blieb Nordirland faktisch im EU-Binnenmarkt. Dafür entstand eine Zollgrenze in der Irischen See, also innerhalb des Königreichs, was die probritischen Loyalisten zur Weissglut trieb.
Ihre grösste Partei, die Democratic Unionist Party (DUP), blockiert seit Monaten die Bildung einer Regionalregierung in Belfast. Sie forderte ultimativ die Aufhebung des sogenannten Nordirland-Protokolls. Premier Johnson regte ein Gesetz an, das eine einseitige Änderung des Vertrags ermöglicht hätte, was ein Verstoss gegen internationales Recht gewesen wäre.
Der heutige Regierungschef Sunak hatte 2016 für den Brexit gestimmt. Er ist im Gegensatz zu Johnson und seiner Kurzzeit-Vorgängerin Liz Truss aber ein Pragmatiker und hat mit der EU einen neuen, am Montag mit von der Leyen präsentierten Deal ausgehandelt. Er trägt den Namen «Windsor Framework», also Windsor-Rahmenvertrag.
Bei dieser Bezeichnung dürften manche Schweizer hellhörig werden. Sie erinnert an das institutionelle Rahmenabkommen, das nach zähem Ringen mit der EU ausgehandelt und vom Bundesrat vor bald zwei Jahren nach ebenso zähen Konsultationen im Inland beerdigt wurde, einseitig und ohne Rücksprache mit dem Parlament und den Kantonen.
Seither ringen die Schweiz und die EU um einen Neustart. Die Gespräche verlaufen, nun ja, zäh. Neue Verhandlungen sind nicht spruchreif. Der wichtigste Grund für das Scheitern des Abkommens war die Rolle des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg. Brüssel verlangte, dass er im Streit um die Anwendung von EU-Recht das letzte Wort hat.
Die politischen Parteien mit Ausnahme der Grünliberalen bekämpften deshalb den Rahmenvertrag. Die Gewerkschaften fürchteten um die flankierenden Massnahmen gegen Lohndumping, die Bürgerlichen um die Souveränität der Schweiz. Für die EU aber ging es ums Prinzip. Für sie ist der EuGH die höchste Instanz bei der Auslegung von EU-Recht.
Dieser Tatsache konnten sich die Briten nicht entziehen. Zwar lassen sich Grossbritannien und die Schweiz nicht direkt vergleichen. «Die Briten wollen die Scheidung, während wir mit der Schweiz eine eingetragene Partnerschaft anstreben», brachte es die Sprecherin des früheren EU-Kommissionschefs Jean-Claude Juncker gegenüber watson auf den Punkt.
Im Grundsatz aber geht es in beiden Fällen um die Anwendung von EU-Recht, ob in Nordirland oder bei den bilateralen Verträgen mit der Schweiz. Zwar machte die EU den Briten in einigen Bereichen Zugeständnisse. Der Rahmenvertrag enthält sogar ein Vetorecht für die nordirische und die britische Regierung bei der Anwendung von neuen EU-Gesetzen.
Diese nach dem Sitz der nordirischen Regierung «Stormont Brake» genannte Notbremse soll aber nur unter bestimmten Vorgaben und «ganz aussergewöhnlichen Umständen» gezogen werden. Und Ursula von der Leyen betonte am Montag, der Europäische Gerichtshof bleibe «der einzige und letztendliche Streitschlichter, wenn es um EU-Recht geht».
Dies könnte zu Diskussionen führen, entspricht jedoch ziemlich genau der Regelung im Rahmenabkommen mit der Schweiz. Die meisten Parteien, mit Ausnahme der SVP, anerkennen, dass man den EuGH bei der Streitschlichtung nicht vollständig ausschliessen kann, wie es die Brexit-Hardliner und die DUP für Nordirland eigentlich angestrebt hatten.
Mit dem Windsor-Rahmenvertrag aber liegt ein Präzedenzfall vor, dem sich die Schweiz nur schwer wird entziehen können, allen Unterschieden zum Trotz. Rishi Sunak versuchte am Dienstag in Belfast, die Auswirkungen kleinzureden. Nur etwa drei Prozent des EU-Rechts würden in Nordirland zur Anwendung kommen. Seine Rolle sei «klein und beschränkt».
Gleichzeitig musste der Premierminister einräumen, dass es weiterhin Zollkontrollen zwischen Nordirland und Grossbritannien (diese Bezeichnung gilt eigentlich nur für die Hauptinsel) geben werde, wenn auch in deutlich reduziertem Umfang. Dennoch waren die ersten Reaktionen selbst in rechtslastigen, EU-feindlichen Zeitungen tendenziell positiv.
Rishi Sunak will den Vertrag mit einer starken Mehrheit seiner Konservativen durch das Unterhaus bringen. Beobachter interpretierten den Auftritt mit Ursula von der Leyen als Indiz dafür, dass er diese auf sicher hat. Boris Johnson, der hinter den Kulissen gegen seinen als führungsschwach verschrienen Nachnachfolger intrigiert, hat sich noch nicht geäussert.
Manche EU-Skeptiker in der Schweiz mögen insgeheim hoffen, dass der Windsor-Vertrag am Ende scheitern wird. Allerdings macht die britische Wirtschaft Druck, die ohnehin unter den Folgen des Brexits leidet. Ausserdem erhält Grossbritannien den vollen Zugang zum Forschungsprogramm Horizon Europe, von dem die Schweiz weiter ausgeschlossen bleibt.
Am 15. März wird Maroš Šefčovič, der Vizepräsident der EU-Kommission, einen Vortrag an der Universität Freiburg halten. Der Slowake ist zuständig für die Beziehungen mit der Schweiz und wird bei dieser Gelegenheit Aussenminister Ignazio Cassis treffen. Im besten Fall könnten beide Seiten sich auf die Aufnahme offizieller Verhandlungen einigen.
Es war die EU, die auf ein Treffen gedrängt hatte, während die Schweiz auf der Bremse stand. Auf grosse Zugeständnisse aus Brüssel wird sie weiterhin nicht hoffen können. Denn Maroš Šefčovič war auch EU-Chefunterhändler beim «Windsor Framework».
Mit Mitteln aus einem Klimafonds sollen künftig mehr Solarpanels gebaut, Gebäudesanierungen vorangetrieben, der ÖV ausgebaut und der Erhalt von Lebensräumen und der Artenvielfalt gefördert werden. SP und Grüne haben eine entsprechende Volksinitiative eingereicht.