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Der Punkt, der den «Fall Lötscher» juristisch so heikel macht: Er ist vor 15 Monaten von einer betrunkenen Automobilistin überfahren worden. Lötscher ist gut versichert: Die Kosten für seinen Heilungsprozess und sein Salär bis zum Ablauf seines Vertrages mit dem SC Bern im nächsten Frühjahr stehen nicht zur Debatte.
Was aber ist nach dem Ablauf dieses Vertrages? Zum Zeitpunkt des Unfalls war Kevin Lötscher einer der besten Schweizer Stürmer ausserhalb der NHL. Beim 5:3-Sieg gegen die USA im letzten WM-Spiel am 9. Mai 2011 steuerte er zwei Treffer bei. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einen Zweijahresvertrag beim SCB unterzeichnet.
Lötschers Karriere-Potenzial zum Zeitpunkt des Unfalles: Postur und Talent für die NHL. Drei bis fünf Jahre in der nordamerikanischen Profiliga waren zu diesem Zeitpunkt nicht unmöglich. Er hätte in diesem Falle bis zu 15 Millionen Franken verdienen können. Sicher war eine NLA-Karriere von gut und gerne zehn Jahren Dauer, einem Jahressalär zwischen 300 000 und 700 000 Franken und damit einem Hockey-Gesamteinkommen von rund fünf Millionen Franken.
Wenn Kevin Lötscher im nächsten Frühjahr wieder sein bestes Eishockey spielen kann, dann ist der Fall erledigt. Was aber ist, wenn sich bei Vertragsablauf herausstellt, dass er das Niveau von 2011 noch nicht erreicht hat oder nie wieder erreichen kann? Wenn er weder beim SCB noch anderswo einen neuen Vertrag erhält und seine Karriere als Hockey-Profi beenden muss? Oder wenn er nur noch als Viertlinienstürmer mit entsprechend geringerem Salär qualifiziert wird?
Grundsätzlich kommt die Auto-Haftpflichtversicherung für den erlittenen Schaden auf. Theoretisch müsste also die Auto-Haftpflichtversicherung des Unfallwagens Lötscher mit einer siebenstelligen Summe für eine entgangene Hockey-Karriere entschädigen. In diesem Falle drohen der Unfallverursacherin Regress-Forderungen der Haftpflichtversicherung. Zurzeit liegt noch kein Urteil gegen die fehlbare Lenkerin vor.
Praktisch ist der Fall aber nicht so eindeutig. Es gibt zwei extreme Sichtweisen. Aus der Sicht der Haftpflichtversicherung: Das Ende der Profi-Karriere oder die Rückstufung zum Viertlinienspieler stehen in keinem Zusammenhang mit dem Unfall. Aus der Sicht Lötschers: Meine Karriere ist durch den Unfall beeinträchtigt worden und dafür muss mich die Haftpflichtversicherung entschädigen.
Die Haftpflichtversicherung kann argumentieren, das Ende seiner Profikarriere habe nichts mit dem Unfall zu tun. Er sei ja medizinisch wieder gesund und nun habe sich eben herausgestellt, dass er nicht gut genug sei für die grosse Karriere. Überdies sei keineswegs sicher, dass er tatsächlich eine lange Karriere vor sich gehabt habe – es gebe viele Faktoren, die im unberechenbaren Spitzensport Karrieren beeinträchtigen. Es gebe nichts zu entschädigen. Es sei nach Ablauf der Taggeldversicherung allenfalls Sache der IV, nach Abbruch der Sportlerlaufbahn eine Umschulung für den Einstieg ins Berufsleben zu finanzieren.
Die Anwälte von Kevin Lötscher müssen dann den Nachweis erbringen, dass ein allfälliger Karriere-Knick tatsächlich mit dem Unfall in direktem Zusammenhang steht. Es droht ein langer Weg durch die Mühlen der Gutachten und der Justiz. Dabei könnte der Bekanntheitsgrad des SCB-Stürmers hilfreich sein: In die Medien zu geraten, fürchten die Versicherungsunternehmen wie der Teufel das geweihte Wasser.
Die Schlüsselfrage, die sich nun jeden Tag auch für die Versicherungs-Juristen stellt: Wie gut ist Kevin Lötscher? Wann kann der Fall abgeschlossen werden? Wegen der hochheiklen juristischen Lage lassen sich Auskunftspersonen entweder nicht zitieren oder hüten sich vor Prognosen. Wohl wissend, dass jedes Wort später juristische Folgen haben kann. Beim SCB gibt es nur von Sportchef Sven Leuenberger Einschätzungen. SCB-General Marc Lüthi sagt, ansonsten gebe es keine Statements. «Das ist mit allen Beteiligten so abgemacht.»
Sven Leuenberger sagt, Lötscher sei eigentlich wieder gesund und könne ein normales Leben führen. «Er hat jetzt die besseren Werte als zuletzt in Biel und bei der WM 2011. Er kann also Vollgas trainieren und spielen und er kann auch checken.» Man könne durchaus sagen, er sei wohl so fit wie noch nie. «Er hat uns mit seinem Heilungsprozess positiv überrascht. Er kann in ein Eistraining mit der ersten Mannschaft integriert werden.» Das heisse aber noch lange nicht, dass Kevin Lötscher auch problemlos mitspielen könne. «Es ist unmöglich, eine Prognose zu machen, wann oder wie er wieder NLA-Eishockey spielen kann.» Kevin Lötscher hat nach wie vor Schwierigkeiten, die Übersicht und die Ruhe in einem Spiel zu finden. Er hat Mühe, wenn er gleichzeitig die Scheibe annehmen, die Gegenspieler und die freien Mitspieler im Auge behalten muss. Und das auf Junioren- und Testspielniveau. Ganz offensichtlich sind diese Schwierigkeiten, die im schlimmsten Falle die Karriere beenden können, die Folgen des Unfalles. Lötscher ist noch sehr weit vom Niveau entfernt, auf dem er 2011 gespielt hat. Aber ist das alles juristisch auch beweisbar?
Lötschers Vater Martin war Nationalstürmer und ist heute erfolgreicher Versicherungs-Unternehmer. Die Angelegenheit kommentiert er versicherungstechnisch nicht, sagt aber, er sei froh, dass Kevin beim SC Bern unter Vertrag stehe. «Der SCB tut wirklich alles für Kevin. Und zwar viel, viel mehr als nur die professionelle Betreuung.»
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Kevin Lötscher kämpft auf dem Eis mit bewundernswerter Leidenschaft um seine Karriere. Spielt der 24-Jährige aber bis Saisonende nicht wieder sein bestes Hockey, beginnt der Kampf um Entschädigungund Gerechtigkeit.
Der Punkt, der den «Fall Lötscher» juristisch so heikel macht: Er ist vor 15 Monaten von einer betrunkenen Automobilistin überfahren worden. Lötscher ist gut versichert: Die Kosten für seinen Heilungsprozess und sein Salär bis zum Ablauf seines Vertrages mit dem SC Bern im nächsten Frühjahr stehen nicht zur Debatte.