Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03171.jsonl.gz/1861

«Alle sind gleich, nur manche sind gleicher»
Am 8. März wurde er wieder gefeiert, der Internationale Frauentag. Doch im Moment scheint das Thema zumindest in Zürich nicht sehr präsent. Grund genug, die Inhalte in Erinnerung zu rufen. Eine kleine historische Annäherung.
8. März 2024 — Dagmar Schräder
Heute ist ein ganz besonderer Tag. Denn am 8. März wird der internationale Frauentag gefeiert – und das bereits seit mehr als 100 Jahren. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nutzen Frauen diesen Tag, um ihre Errungenschaften zu feiern, sich für ihre Rechte einzusetzen und darauf aufmerksam zu machen, dass es nach wie vor einiges zu tun gibt, um eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen. Wie aber ist dieser Tag überhaupt entstanden?
Starke Textilarbeiterinnen
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Frauen und an erster Front die Textilarbeiterinnen, vor allem in den USA, sich vermehrt für ihre Interessen einzusetzen und Ungleichheiten anzuprangern. Damals galten hier Arbeitsbedingungen, die heute unvorstellbar sind: Die Näherinnen leisteten Wochenschichten von 75 Stunden zu einem minimalen Lohn. 1909 traten deshalb 20’000 Näherinnen in New York in den Streik, um sich für bessere Arbeitsbedingungen, gerechtere Löhne und kürzere Arbeitszeiten zu wehren.
Gleichzeitig traten in den USA und auch in Grossbritannien die «Suffragetten» in Erscheinung, eine Bewegung, die insbesondere von Frauen aus dem Bürgertum getragen wurde und sich für die Einführung des Frauenwahlrechts einsetzte.
Eine im Zusammenhang mit dem Frauentag wichtige Figur in Europa war die deutsche Frauenrechtlerin Clara Zetkin, die sich neben der Einführung des Wahlrechts ebenfalls für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Frauen einsetzte.
Auf der ersten internationalen sozialistischen Frauenkonferenz im Jahr 1907 forderte sie erstmals die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts, ein Wunsch, der damals noch nicht in Erfüllung gehen sollte. Doch ihr Vorschlag auf der zweiten internationalen Frauenkonferenz im Jahr 1910, einen internationalen Frauentag einzuführen, fand Gehör: Ein Jahr darauf wurde die Idee von Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA in die Tat umgesetzt, damals noch am 19. März.
Einige Jahre später wurde das Datum des Frauentags auf den 8. März geändert – als Erinnerung an den Streik der Textilarbeiterinnen in Petersburg im Jahr 1917, der sich zu grossen Demonstrationen ausweitete und als einer der Auslöser der «Februarrevolution» in Russland gilt.
1975 wurde der Tag von den Vereinten Nationen schliesslich offiziell zum internationalen Frauentag erklärt. In insgesamt 26 Ländern gilt er mittlerweile sogar als gesetzlicher Feiertag, wobei die mitteleuropäischen Länder nicht dazu gehören. Das sind vielmehr Länder wie Angola, Eritrea, Kasachstan, Nordkorea, Sambia, Uganda und Vietnam. Doch auch in zwei Bundesländern Deutschlands dürfen Frauen und andere am 8. März ausschlafen: in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern.
Wahlrecht für Frauen
Und was passierte in der Schweiz? Das Wahlrecht für Frauen lag zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekanntermassen noch in weiter Ferne. Zwar sicherte die neue Bundesverfassung der Eidgenossenschaft von 1848 allen Schweizern allgemeines und direktes Stimm- und Wahlrecht zu. Doch die Frauen waren damit nicht mitgemeint.
Noch 1928 antwortete der Bundesrat auf die Anfrage von Léonard Jennis nach der Einführung des Frauenstimmrechts folgendermassen: «Wenn man nun behauptet, dass der Begriff auch die Schweizer Frauen in sich schliessen sollte, so überschreitet man die Grenzen der zulässigen Interpretation und begeht damit einen Akt, der dem Sinne der Verfassung widerspricht. […] Die Beschränkung des Stimmrechts auf die männlichen Schweizer Bürger ist ein fundamentaler Grundsatz des eidgenössischen öffentlichen Rechts.» Soweit, so klar.
Bis sich die männliche Stimmbevölkerung dazu durchringen konnte, den Schweizer Frauen das Wahlrecht zu gewähren, dauerte es dann tatsächlich noch eine ganze Weile: erst am 7. Februar 1971 wurde das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene angenommen – 53 Jahre nach Deutschland, 52 Jahre nach Österreich und 27 Jahre nach Frankreich. Und bekanntermassen liessen sich einzelne Kantone für die Einführung dieses Rechts noch ein wenig länger Zeit: 1991 konnte sich als letzter Kanton auch Appenzell Innerrhoden dazu durchringen, den Frauen die Entscheidungsfreiheit zu gewähren.
In Bezug auf die Gleichbehandlung der Geschlechter wurde 1981 der Grundsatz der Gleichstellung in der Bundesverfassung verankert. Und seit 1996 verbietet das Gleichstellungsgesetz Diskriminierung aufgrund des Geschlechts.
Und heute?
Doch Gesetze alleine bedeuten selbstverständlich nicht, dass nun in allen Punkten Gerechtigkeit herrscht und es keine Gründe mehr gibt, sich für die Rechte der Frauen einzusetzen. Es finden sich nach wie vor unzählige Bereiche, in denen Frauen auch heute noch aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden. Gewalt gegen Frauen, Partizipation in politischen Ämtern, Gleichstellung im Erwerbsleben und Menschenhandel sind nur einige der Punkte, die etwa «Humanrights» nach wie vor als Brennpunkte im Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter hervorhebt.
Hierzu nur einige Stichworte: Alleine in Deutschland wird nach Angaben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend etwa jede dritte Frau Opfer von physischer oder sexualisierter Gewalt. In der Schweiz wurden nach Angaben des Departement des Inneren im Jahr 2022 über 19 000 Delikte von häuslicher Gewalt polizeilich erfasst. Frauen sind hierbei in über 70% der Fälle die Opfer.
Gewalt gegen Frauen als kulturelle Praktik ist global gesehen nach wie vor ein grosses Problem: Rund 200 Millionen Frauen leiden weltweit nach Angaben der Vereinten Nationen Frauen unter den Folgen von Genitalverstümmelung.
In punkto strukturelle Benachteiligungen von Frauen hat sich nachweislich in den vergangenen 100 Jahren einiges getan. Doch es gibt auch Rückschläge: In Ländern wie Iran oder Afghanistan etwa hat sich diese Benachteiligung der Frauen in den letzten Jahren massiv verschlechtert.
Und schliesslich ist das Thema der Lohndifferenz zwischen Mann und Frau ein Punkt, der weiterhin auch in den westlichen Industrienationen nicht wegzuleugnen ist. So zitiert der heutige «Tagesanzeiger» etwa eine Auswertung des Gewerkschaftsdachverbands «Travailsuisse», die Löhne in rund 200 Unternehmen genauer untersucht haben. Im Schnitt verdienen Frauen hier durchschnittlich rund 2.9 Prozent weniger als Männer.
Wohin am 8. März?
Gründe genug also, am 8. März aktiv zu werden. Wo aber kann Frau Zürcherin (selbstverständlich auch in Begleitung von Herrn Zürcher) sich heute politisch beteiligen, mit anderen austauschen oder einfach nur den Tag zelebrieren? Durchforstet man das Internet nach lokalen Veranstaltungen zum Frauentag, sind die Ergebnisse eher ein wenig dürftig. In Höngg findet sich keine Veranstaltung, die sich dem Thema widmet.
Die Frauenzentrale Zürich organisiert im «X-Tra» am Limmatplatz einen FemBazar mit Musik, Essen und 50 Ständen verschiedenster von Frauen geführter Label. Im «Hive» finden neben einer Buchvorstellung und einer Ausstellung zum Thema Vulva auch Yogakurse, eine Diskussionsveranstaltung und ein kleiner Markt statt. Mit einem «Lachbankett» und anschliessender Party wird der Abend abgeschlossen. Und das «Sphères» lädt zu der Vernissage des Buchs «Mein Sex. Frauen erzählen» ein, in dem 17 Frauen von ihrer Sexualität berichten.