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«Leben retten dank Snus und Nikotinbeutel» – wie die Nikotinindustrie die öffentliche Meinung manipuliert
20.12.2022
Die Nikotin- und die Tabakindustrie setzen bei der Vermarktung ihrer Nikotinbeutel auf die gleichen Tricks, die sie bei Zigaretten angewandt haben. Sie nutzen von der Industrie finanzierte Studien, fragwürdige Experten, versteckte Finanzierungen und gefälschte Berichte, um die Debatte über die sogenannte «Schadensminimierung» (engl. Harm Reduction) zu manipulieren und den europäischen Markt für Nikotinbeutel zu öffnen. In diesem Artikel möchten wir veranschaulichen, wie das Argument der «Schadensminimierung» allein den Interessen der Tabakindustrie dient und der öffentlichen Gesundheit zuwiderläuft.
von Luciano Ruggia
Eine neue «Studie»? Wer bezahlt die Expertinnen und Experten?
In einer Pressemitteilung von Snusmarkt.ch, die von der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone SDA am 18. Oktober 2022 aufgegriffen wurde, wird behauptet, dass die Zulassung von Nikotinbeuteln in der EU bis zu 210’000 und in der Schweiz bis zu 3’400 Leben retten könnte. Diese Pressemitteilung bezieht sich auf eine neue «Studie» von Sundén (2022) mit dem Titel «Mit alternativen Nikotinprodukten das Rauchen bekämpfen», die im September 2022 veröffentlicht wurde.[i]
Das Ziel der Studie sei, «das Potenzial von Snus und Nikotinbeuteln als Mittel zur Verringerung der durch das Rauchen verursachten Gesundheitsschäden in der EU zu bewerten. Konkret untersucht die Studie, inwieweit diese Produkte die Krebsinzidenz und die Zahl der rauchbedingten Todesfälle verringern». Die Autoren weisen darauf hin, dass die Ergebnisse nicht als Argument für die Zulassung des Snus-Verkaufs in der EU interpretiert werden sollen. Vielmehr seien die Ergebnisse als eine Bewertung möglicher langfristiger Auswirkungen neuer und weniger schädlicher Nikotinprodukte wie Nikotinbeutel und E-Zigaretten auf die öffentliche Gesundheit zu sehen. Das eigentliche Ziel der Studie ist jedoch klar: Sie soll das Argument der «Schadensminimierung» missbrauchen, um den EU-Markt für Nikotinbeutel zu öffnen.
Quelle: https://tobaccotactics.org/wiki/nicotine-pouches/
Snus und Nikotinbeutel in der Schweiz
Der Verkauf von Snus wurde 1992 in der EU verboten, mit Ausnahme Schwedens, wo das Produkt bereits traditionell konsumiert wurde.[ii] Die Schweiz folgte der EU im Jahr 1995 und verbot Snus. Nach einem Urteil des Bundesgerichts aus dem Jahr 2019 ist Snus jedoch wieder frei auf dem Schweizer Markt erhältlich. In der EU ist Snus bis heute verboten, Nikotinbeutel hingegen sind erhältlich. In der Schweiz übertreffen die Verkaufszahlen der beliebten Nikotinbeutel die von Snus deutlich. Die Nikotinbeutel scheinen vor allem bei Jugendlichen beliebt zu sein, da sie unauffällig konsumiert werden können.[iii] Obwohl klare Überwachungsdaten fehlen, ist die Marketingstrategie unmissverständlich: Die Werbung für Nikotinbeutel zielt auf junge Menschen ab, insbesondere an sportlich aktive. Darüber hinaus hat die Zunahme von Online-Shops mit unwirksamen Altersbeschränkungen den Verkauf weiter angekurbelt.
Der Konsum von Snus und Nikotinbeuteln führt häufig zum Konsum anderer Nikotin- oder Tabakprodukte oder wird in Kombination mit anderen Produkten konsumiert (AT Infoblatt Snus). Bisher gibt es in der Schweiz keine Belege dafür, dass die Einführung von Snus oder Nikotinbeuteln den Verzicht auf Zigaretten gefördert hat. Die Erfahrungen auf dem Schweizer Markt zeigen, dass der uneingeschränkte Verkauf von Snus und Nikotinbeuteln, anders als vielleicht in Schweden, keine Vorteile für die öffentliche Gesundheit bietet, sondern eher den Doppel- oder Mehrfachkonsum zu erhöhen scheint.
Die Studie von Sundén (2022) basiert auf einer sehr einfachen, rein mathematischen Hochrechnung. Die Autoren gehen davon aus, dass andere Länder, wenn sie ihren Markt für Snus geöffnet hätten – mit einer ähnlichen Politik und Preisstruktur wie in Schweden –, die gleiche Raucherprävalenz und die gleiche Sterblichkeitsrate aufgrund des Rauchens wie Schweden aufweisen würden. Diese Hypothese mag in ihrer Einfachheit charmant erscheinen, vernachlässigt jedoch die unterschiedlichen Gegebenheiten in den verschiedenen EU-Ländern, sowohl in Bezug auf die Tabakkontrollpolitik als auch auf die kulturelle Einstellung zum Tabakkonsum.
Methodische Schwächen
Die von Sundén (2022) verwendete Vorgehensweise berücksichtigt drei Arten von Indikatoren: 1) ökonomische Instrumente (Besteuerung von Zigaretten); 2) administrative Instrumente (z. B. Einheitspackungen, die wir als nicht aussagekräftig betrachten; das Verbot von schwedischem Snus in der EU seit 1992; und ein Rauchverbot im öffentlichen Raum, das im Schweizer Kontext keine Auswirkungen auf die Raucherprävalenz hatte); und 3) informationsbasierte Instrumente wie Gesundheitswarnungen auf Zigarettenpackungen. Die Analysekriterien scheinen vom Autor willkürlich gewählt zu sein, und seine Wahl führt dazu, dass die gesamte Aufmerksamkeit auf einen einzigen relevanten Unterschied gelenkt wird: In Schweden wird Snus verkauft, in der EU nicht. Die Verwendung eines solchen Analyserahmens vermittelt den Eindruck, dass eine Liberalisierung des Verkaufs von Snus oder Nikotinbeuteln positive Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit in der EU haben würde. In der Studie wird nicht erörtert, warum gerade dieser Analyserahmen gewählt wurde anstatt beispielsweise jener, der von der «European Tobacco Control Scale» festgelegt wurde.[iv]
Auch andere methodische Elemente der Studie von Sundén (2022) sind undurchsichtig. Oft sind Quellen unzureichend referenziert, z. B. lediglich «Lakeville», was die wissenschaftliche Qualität der Studie zusätzlich in Frage stellt. Der Autor achtet darauf, gewisse Einschränkungen der Studie offen zu benennen, wie etwa die Tatsache, dass seine Berechnung nur für Männer gilt. Dabei tut der Autor jegliche Überlegungen zur Gesundheit von Frauen ab – mit dem blossen Argument, dass der Mangel an Daten über Frauen eine Schlussfolgerung erschwere. In Norwegen ergab eine Studie, dass Frauen, die während der Schwangerschaft Snus konsumiert hatten, ein erhöhtes Risiko für Totgeburten, Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht, mehr Kaiserschnitte, neonatale Arrhythmien, Missbildungen der Mundspalte und neonatale Apnoe hatten.[v] Die möglichen Auswirkungen von Snus auf die Gesundheit von Frauen nicht zu berücksichtigen, nur weil Snus von Frauen weniger konsumiert wird und die Daten weniger entwickelt sind, ist inakzeptabel. Für den Autor kann dies jedoch – neben anderen Elementen – nur dazu führen, dass die «positiven» Auswirkungen der neuen Nikotinprodukte auf die öffentliche Gesundheit unterschätzt werden. Unser Gesamteindruck ist jedoch der einer sehr unvollständigen und voreingenommenen Analyse, die einer unabhängigen Peer Review niemals standhalten würde.
"Die Annahme von Sundén (2022), die schwedische Politik zu kopieren und davon auszugehen, dass sie auch in anderen Kontexten wirksam wäre, lässt historische oder kulturelle Unterschiede in Bezug auf die Rauchgewohnheiten ausser Acht."
Die Schlussfolgerung der Studie ist eindeutig: «Eine EU-Politik, die den Verkauf von Snus – und indirekt auch neuer Nikotinprodukte – zulässt, würde die Zahl der durch Rauchen bedingten Todesfälle bei Männern um rund 210’000 pro Jahr verringern. Die Zahl der auf das Rauchen zurückzuführenden Todesfälle durch Lungenkrebs dürfte um rund 75’000 und die Zahl der auf das Rauchen zurückzuführenden neuen Krebsfälle um 175’000 pro Jahr zurückgehen. Diese Berechnungen setzen voraus, dass Snus bei den europäischen Männern in gleichem Masse auf Anklang stösst und durch Snus ersetzt wird wie in Schweden». Obwohl die Studie mit Warnungen und Einschränkungen versehen ist, ist ihre Schlussfolgerung unmissverständlich: Die schwedische Snus-Politik funktioniert in ihrem Kontext, weil ein grosser Teil der schwedischen Männer Snus konsumiert.
Einige Länder wie Irland haben eine sehr fortschrittliche Tabakkontrollpolitik, die höhere Steuern auf Zigaretten, aber keinen legalen Verkauf von Snus oder Nikotinbeuteln vorsieht. Irland ist es gelungen, die Raucherprävalenz in der erwachsenen Bevölkerung auf 18 % im Jahr 2021 zu senken, wobei die Ergebnisse bei den Jugendlichen sogar noch besser waren (in der Schweiz liegt die Raucherprävalenz weiterhin bei mindestens 27 %). Dies ist immer noch weit entfernt von der historisch niedrigen schwedischen Raucherprävalenz von 6 % bei Erwachsenen. Die Annahme von Sundén (2022), die schwedische Politik zu kopieren und davon auszugehen, dass sie auch in anderen Kontexten wirksam wäre, lässt historische oder kulturelle Unterschiede in Bezug auf die Rauchgewohnheiten ausser Acht.
Fehlende Fakten
Wenn man sich die Daten/ Fakten ansieht, die in der Studie von Sundén (2022), auf die sich die Pressemitteilung von Snusmarkt.ch stützt, nicht berücksichtigt wurden, stellt sich die Frage nach den Motiven für diese Nichtberücksichtigung.
Die Studie versäumt es, aktuelle und solide Beweise für die Gefahren des Snus-Konsums zu erwähnen. Der Snuskonsum von Männern steht in positivem Zusammenhang mit einer erhöhten Gesamtmortalität, kardiovaskulärer Mortalität, Tod durch andere Ursachen und möglicherweise mit einer erhöhten Krebsmortalität.[vi]
Darüber hinaus stellen diverse Studien den Nutzen des Snuskonsums zur Schadensminimierung in Frage und zeigen auf, dass der gleichzeitige Konsum von Snus und Zigaretten dazu führt, dass Jugendliche noch mehr rauchen.[vii] Der sogenannte Doppel- und sogar der Mehrfachkonsum unter Jugendlichen scheint in den nordischen Ländern zuzunehmen, aber dieses Risiko wird in der Studie nicht berücksichtigt.[viii] In der Schweiz zeigte eine Längsschnittstudie, dass der Snus-Konsum die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen zu beginnen und weiter zu rauchen, deutlich erhöht.[ix]
Neue Nikotinbeutel scheinen alarmierende Mengen gefährlicher Substanzen zu enthalten. Eine kürzlich durchgeführte Studie kam zu dem Schluss, dass Nikotinbeutel zwar möglicherweise eine weniger riskante Alternative für Zigarettenrauchende oder Konsumierende gewisser anderer oraler Tabakerzeugnisse darstellen, der Nikotingehalt einiger Beutel jedoch alarmierend hoch war. Insbesondere die in den Nikotinbeuteln enthaltenen krebserregenden tabakspezifischen Nitrosamine (TSNA) geben Anlass zu Besorgnis.[x] Auch in Deutschland hat eine kürzlich durchgeführte Analyse der Gesundheitsrisiken von Nikotinbeuteln deutliche Zweifel am Einsatz dieser Produkte zur Raucherentwöhnung aufkommen lassen. [xi]
Eine weitere umfassende Forschungsstudie, die im Bericht von Sundén (2022) nicht erwähnt wird, ist der 2019 veröffentlichte Bericht «Health risks from snus use» (Gesundheitsrisiken durch Snuskonsum) des norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit.[xii] Darin wird erläutert, dass der in Norwegen zunehmende Konsum von schwedischem Snus mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden ist, beispielsweise mit signifikanten Auswirkungen auf die psychische Gesundheit.[xiii]
Nikotinbeutel enthalten eine breite Palette von Geschmacksrichtungen und es werden entsprechende Marketingstrategien eingesetzt. Eine Strategie ist die Vermarktung gewisser Produkte als «ohne Aromastoffe zugelassen». Dies kann bei den Konsumentinnen und Konsumenten den falschen Eindruck erwecken, dass die zuständige Behörde diese Nikotinbeutel als Produkte ohne Aromastoffe eingestuft hat und sie daher anderen Richtlinien unterliegen als Produkte mit Aromastoffen. Man könnte auch sagen, dass die Hersteller versuchen, ihre Produkte als sicher – im Gegensatz zu den bedenklichen Aromen anderer Produkte – und von einer Behörde genehmigt darzustellen. In den USA, Kanada und der Europäischen Union werden derzeit Massnahmen erwogen, die den Verkauf von Produkten mit Geschmacksrichtungen, einschliesslich Menthol, in anderen Tabakerzeugnissen einschränken. Ein besonderes Augenmerk sollte auf Marketingtricks gelegt werden, die als Präzedenzfall für die Einführung ähnlicher neuer oraler Nikotinprodukte, E-Zigaretten oder brennbarer Tabakerzeugnisse verwendet werden und die Gesundheit junger Menschen gefährden könnten.[xiv]
Diese kurze Übersicht erhebt nicht den Anspruch, eine systematische Analyse der Risiken von Snus und Nikotinbeuteln zu sein. Die hier genannten Studien sind jedoch neueren Datums, die älteste stammt aus dem Jahr 2019, online leicht zugänglich und wurden von unabhängigen Stellen durchgeführt, die keine Interessenkonflikte mit der Snus- oder Nikotinindustrie haben. Damit drängt sich die Frage auf, warum keine von ihnen in der Studie von Sundén (2022) erwähnt wurde. Die Studie scheint auf eine altbewährte, klassische Methode zu setzen: Es werden nur Studien herangezogen, die von der Tabakindustrie finanziert wurden, und nur die Erkenntnisse berücksichtigt, die ihre Ansichten und Lobbying-Strategien untermauern.
Zweifelhafte Experten und verdeckte Finanzierungen
Diese Studie wurde von der schwedischen Beratungsfirma Lakeville durchgeführt.[xv] Das Beratungsunternehmen scheint seine «Forschung» nach dem bekannten Muster ähnlicher Institutionen durchzuführen, die als undurchsichtige, ultra-wirtschaftsliberale Denkfabriken bekannt sind und unter anderem von der Tabakindustrie finanziert werden.[xvi] Ein bekanntes Beispiel ist das Institute of Economic Affairs (IEA). Die Zigarettenindustrie finanzierte die IEA und andere sogenannte Forschungsinstitute, um Analysen und Studien zu erstellen, welche die Massnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums in Frage stellen.[xvii] An der Studie von Sundén (2022) waren gut bezahlte Berater beteiligt, die eine voreingenommene und unvollständige Analyse erstellten, um Beweise zur Unterstützung der Lobbyarbeit zu schaffen. Anschliessend wurde dieser Bericht an die Medien weitergegeben und landete schliesslich in politischen und regulatorischen Debatten, bei denen nicht mehr erkennbar ist, dass er vollständig von der Industrie finanziert wurde. Studien dieser Art sind subtile Verstösse gegen die Richtlinien zur FCTC (engl. Framework convention on tobacco control), namentlich Art. 5.3 «Schutz gesundheitspolitischer Massnahmen vor den kommerziellen Interessen der Tabakindustrie». Es gilt die folgende Verpflichtung einzuhalten: «Bei der Festlegung und Durchführung ihrer gesundheitspolitischen Massnahmen in Bezug auf die Eindämmung des Tabakgebrauchs die Vertragsparteien diese Massnahmen in Übereinstimmung mit innerstaatlichem Recht vor den kommerziellen und sonstigen berechtigten Interessen der Tabakindustrie schützen».[xviii] Die EU ist selbst ein Vollmitglied des FCTC. Im November 2018 bestätigte der Europäische Gerichtshof das Verbot von Snus in der EU.[xix] Aktuell wird jedoch erneut ein Rechtsstreit geführt, in dem es darum geht, das Verbot zu kippen.
Quelle: Die Snusmarkt.ch-Webseite: Günstige Preise und Rabatte (23.10.2022)
In der Studie wird angemerkt, dass die Haypp Group AB Lakeville beauftragt hat, das Potenzial von Snus als Instrument zur Verringerung der durch das Rauchen verursachten Gesundheitsschäden in der EU zu bewerten, doch dieser Hinweis ist nicht leicht zu finden. Die Haypp-Gruppe ist ein grosses schwedisches E-Marketing-Unternehmen, das sich auf die Vermarktung und den Verkauf von Snus und Nikotinbeuteln konzentriert.[xx] Haypp hat nach eigenen Angaben 131 Angestellte, ist in sieben Ländern vertreten (Schweden, Norwegen und die USA werden auf der Website erwähnt, nicht aber die Schweiz) und bedient laut eigener Webseite «mehr als 680’000 aktive Kunden» mit E-Shops für Snus und Nikotinbeuteln. In der Schweizer Pressemitteilung wird die Präsenz dieser Gruppe etwas anders formuliert: Sie behauptet, in 30 Ländern mit acht E-Commerce-Marken präsent zu sein und 500’000 Kunden zu haben. In der Schweiz ist die Haypp-Gruppe über Snusmarkt.ch präsent, eines der wichtigsten Schweizer Webportale für den Onlinehandel dieser Produkte.[xxi] Laut Snusmarkt.ch stieg der Verkauf von Nikotinbeuteln im Jahr 2021 um 37 % im Vergleich zu 2020, während Snus um 15 % zurückging, was den Übergang vom klassischen Snus zu Nikotinbeuteln widerspiegelt.
"Doch wer steckt hinter der Haypp-Gruppe? Alle namhaften Nikotinbeutel werden von den klassischen Tabakriesen hergestellt: Epok, Lyft und Velo gehören zu BAT; Skruf und ZoneX zu Imperial Tobacco; LD und Nordic Spirit zu Japan Tobacco; und General und Zyn zu Swedish Match, das grösstenteils PMI gehört."
Doch wer steckt hinter der Haypp-Gruppe? Alle namhaften Nikotinbeutel werden von den klassischen Tabakriesen hergestellt: Epok, Lyft und Velo gehören zu BAT; Skruf und ZoneX zu Imperial Tobacco; LD und Nordic Spirit zu Japan Tobacco; und General und Zyn zu Swedish Match, das grösstenteils PMI gehört.[xxii]
Die Studie von Sundén (2022) als voreingenommen zu bezeichnen, wäre eine grobe Untertreibung. Diese Studie ist ein klassisches Beispiel für wissenschaftliche Manipulation, die von der Tabakindustrie finanziert wird, um die öffentliche Gesundheitspolitik zu beeinflussen.
Eine Kommunikationskampagne
In der Schweiz warb Snusmarkt.ch mit einer Pressemitteilung für die Studie, die nur von Keystone aufgegriffen wurde, so dass sie in den Medien kaum Beachtung fand. Snusmarkt veröffentlichte eine verzerrte mathematische Interpretation der Studie und behauptete: Würden die Schweizer Männer Snus wie die Schweden konsumieren, hätte die Schweiz denselben Anteil an tabakbedingten Todesfällen wie in Schweden – was bedeuten würde, dass 3'400 Menschenleben gerettet würden (während hierzulande die jährlichen, direkt auf den Tabakkonsum zurückzuführenden Todesfälle auf 9'500 geschätzt werden).[xxiii] Snusmarkt vergisst zu erwähnen, dass seit der Einführung von Snus und Nikotinbeuteln, die seit 2018 in der Schweiz legal verkauft werden, kein Rückgang der Raucherprävalenz zu verzeichnen ist und dass der Verkauf von Zigaretten im Jahr 2020 sogar um 4 % gestiegen ist, was ein erheblicher Anstieg darstellt.[xxiv]
Die Behauptung, Snus sei ein Instrument zur Schadensminderung des Tabakkonsums in der Schweiz, ist eine Strategie, die die Industrielobby einsetzt, um die Politik zu beeinflussen, insbesondere in der Debatte über die Besteuerung. Wir mussten nicht lange warten, um zu sehen, wie die von der Industrie durchgeführte «Forschung» von Politikern, die der Tabaklobby nahestehen, genutzt wird. Ein Schweizer Nationalrat reichte am 29. September 2022 eine parlamentarische Frage ein. Er will vom Bundesrat wissen, wie dieser künftig dem Grundsatz der schadensangepassten Differenzierung in der Tabakregulierung gerecht werden will.[xxv] Dieser Nationalrat greift nicht nur den Bundesrat an, weil er die am 13. Februar 2022 angenommenen Volksinitiative «Kinder und Jugendliche ohne Tabakwerbung» für alle tabak- und nikotinhaltige Produkte gleichermassen anwenden will, sondern behauptet auch, dass rund 66 % derjenigen, die in der Schweiz online Nikotinbeutel bestellen, früher Zigaretten geraucht haben und dank dem Umstieg damit aufhören konnten, und dass Snus um rund 95 % weniger krebsfördernd sei als Zigaretten. Dabei stützt er sich auf eine Schweizer «Studie» des Online-Händlers Snusmarkt.ch.
Snusmarkt.ch argumentiert, dass ihre «Daten» zu einer Besteuerung von Snus und Nikotinbeuteln führen müssten, die (noch) niedriger ist als die Besteuerung von elektronischen Zigaretten. Snusmarkt.ch führt also eine «Studie» durch, und auf der Grundlage dieser «Studie» verfassen sie einen Vorstoss, der von einem «befreundeten» Politiker im Parlament eingereicht wird, um die Regulierungs- und Steuerpolitik zu beeinflussen, von der in erster Linie – und in hohem Masse – Snusmarkt.ch profitieren würde. Ein deutlicheres Beispiel für Manipulation und Lobbying zur Förderung der finanziellen Interessen einer Industrie auf Kosten der Gesundheit der Schweizer Bevölkerung lässt sich kaum finden.

Luciano Ruggia ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz, der zentralen schweizerischen Nichtregierungsorganisation, die sich für die Bekämpfung und Prävention des Tabakkonsums einsetzt. Herr Ruggia hat Abschlüsse in Politikwissenschaften, internationalen Beziehungen und im Bereich Public Health. Er arbeitete mehrere Jahre beim Bundesamt für Gesundheit und wechselte dann ans Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern, wo er eine Forschungsstelle innehat. Zudem ist er Fellow der Swiss School of Public Health.
Er war einer der ersten in Europa, der vor den elektronischen Einwegzigaretten gewarnt hat, deren Konsum sich unter Jugendlichen in Europa und mehreren anderen Ländern ausbreitet.
[i] Sundén, David (2022): Fighting smoking with alternative nicotine products. Exemplified by the public health effects of Swedish snus. Lakeville Economic Consulting. Available online at https://hayppgroup.com/app/uploads/2022/08/Fighting-smoking-with-alternative-nicotine-products.pdf. and Haypp Group (9/23/2022): A ‘YES’ from the EU to oral nicotine would save 210,000 lives. Press release.
[iii] Ruggia, Luciano (2021): Les nouveaux produits du tabac: évolutions et conséquences. In Bull Med Suisses. DOI: 10.4414/bms.2021.20096.
[iv] Joossens, Luc; Feliu, Ariadna; Fernandez, Esteve (2020): The Tobacco Control Scale 2019 in Europe. Association of European Cancer Leagues. Brussels.
[v] Vist, Gunn Elisabeth; Grimsrud, Tom Kristian; Valen, Håkon; Becher, Rune; Brinchmann, Bendik Christian; Elvsaas, Ida-Kristin Ørjasæter; Alexander, Jan (2020): Er helserisikoen ved snus undervurdert? In Tidsskrift for den Norske laegeforening : tidsskrift for praktisk medicin, ny raekke 140 (9). DOI: 10.4045/tidsskr.19.0746.
[vi] Byhamre, Marja Lisa; Araghi, Marzieh; Alfredsson, Lars; Bellocco, Rino; Engström, Gunnar; Eriksson, Marie et al. (2021): Swedish snus use is associated with mortality: a pooled analysis of eight prospective studies. In International journal of epidemiology 49 (6), pp. 2041–2050. DOI: 10.1093/ije/dyaa197. See also https://www.stop-tabac.ch/e-cigarette/autres-produits-du-tabac/snus-avec-ou-sans-tabac-snuff-tabac-a-priser-tabac-a-chiquer/snus-snuff-et-risques-pour-la-sante/
[vii] Grøtvedt, Liv; Forsén, Lisa; Ariansen, Inger; Graff-Iversen, Sidsel; Lingaas Holmen, Turid (2019): Impact of snus use in teenage boys on tobacco use in young adulthood; a cohort from the HUNT Study Norway. In BMC Public Health 19 (1), p. 1265. DOI: 10.1186/s12889-019-7584-5.
[viii] Raitasalo, Kirsimarja; Bye, Elin K.; Pisinger, Charlotta; Scheffels, Janne; Tokle, Rikke; Kinnunen, Jaana M. et al. (2022): Single, Dual, and Triple Use of Cigarettes, e-Cigarettes, and Snus among Adolescents in the Nordic Countries. In International journal of environmental research and public health 19 (2). DOI: 10.3390/ijerph19020683.
[ix] Gmel, Gerhard; Clair, Carole; Rougemont-Bücking, Ansgar; Grazioli, Véronique S.; Daeppen, Jean-Bernard; Mohler-Kuo, Meichun; Studer, Joseph (2018): Snus and Snuff Use in Switzerland Among Young Men: Are There Beneficial Effects on Smoking? In Nicotine & tobacco research : official journal of the Society for Research on Nicotine and Tobacco 20 (11), pp. 1301–1309. DOI: 10.1093/ntr/ntx224.
[x] Nadja Mallock; Thomas Schulz; Sebastian Malke; Nadine Dreiack; Peter Laux; Andreas Luch (2022): Levels of nicotine and tobacco-specific nitrosamines in oral nicotine pouches. In Tobacco control. DOI: 10.1136/tc-2022-057280.
[xi] Bundesinstitut für Risikobewertung (2022): Health Risk Assessment of Nicotine Pouches: Updated BfR Opinion No. 023/2022 of 7 October 2022. With assistance of Bundesbehörden und Einrichtungen im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).
[xii] Norwegian Institute of Public Health (2019): Health risks from snus use. Norwegian Institute of Public Health. Available online at https://www.fhi.no/en/publ/2019/health-risks-from-snus-use2/, updated on 4/4/2022, checked on 4/4/2022.
[xiii] Tjora, Tore; Skogen, Jens Christoffer; Sivertsen, Børge (2022): Establishing the association between snus use and mental health problems: A study of Norwegian college and university students. In Nicotine & tobacco research : official journal of the Society for Research on Nicotine and Tobacco. DOI: 10.1093/ntr/ntac208.
[xiv] Tackett, Alayna P.; Barrington-Trimis, Jessica L.; Leventhal, Adam M. (2022): 'Flavour ban approved': new marketing strategies from tobacco-free nicotine pouch maker Zyn. In Tob Control. DOI: 10.1136/tobaccocontrol-2021-057222.
[xvii] Horel, Stéphane (2018): Lobbytomie. Comment les lobbies empoisonnent nos vies et la démocratie. Paris: La Découverte (Cahiers libres).
[xix] WHO (2003): WHO Framework Convention on Tobacco Control. Geneva: World Health Organization. and World Health Organization: WHO Framework Convention on Tobacco Control. Guidelines for Implementation of Article 5.3 Articles 8 to 14. 2013th ed. Geneva (Documents for Sale).
[xxiii] «So ist zum Beispiel die Zahl der männlichen Raucher in der Schweiz rund fünfmal so hoch wie in Schweden (31% vs. 6%). Das Resultat anhand eines Beispiels: Würden in der Schweiz gleich viele Männer von Zigaretten auf weniger schädliche Snus und Nikotinbeutel wechseln wie in Schweden, wäre es gemäss der Studie möglich, rund 3'447 Leben zu retten.», Snusmarkt.ch (10/18/2022): Leben retten dank Snus und Nikotinbeutel: Szenarien für die EU und die Schweiz. Press release.