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Wodehouse’ Geschichten um Jeeves und Wooster sind grosso modo zwischen 1920 und 1970 erschienen – eine lange Zeitspanne, in der sich die Charaktere kaum verändert haben. Das ist die Stärke und natürlich zugleich die Schwäche dieser Geschichten.
Es wird im Grunde genommen immer in etwa dieselbe Geschichte erzählt: Bertram (genannt “Bertie”) Wooster ist Mitglied der englischen Upper-Class, irgendwann zur Regierungszeit von Edward VII. oder George V. Obwohl mit der für seine Klasse standardmässigen Ausbildung (Eton und Cambridge) versehen, zeichnet er sich nicht gerade durch hohe Intelligenz aus. Er geht offenbar keiner geregelten Arbeit nach, was ihn nicht daran hindert, genügend Geld zu haben für eine Wohnung in London, ein Automobil und häufige Reisen nach Monte Carlo, New York oder Paris. Von den Ausflügen auf die diversen englischen Landsitze seiner Tanten, unter deren Fuchtel er steht, ganz zu schweigen. Wooster ist ein bei seinen Freunden beliebter Gastgeber und Mensch; das mag vor allem daran liegen, dass ihn seine schwache Intelligenz und sein schwacher Wille immer wieder dazu bringen, für seine Freunde Dinge zu unternehmen, die er eigentlich besser lassen sollte. Er wäre wohl schon lange unter die Räder gekommen (oder unter die Haube, was für ihn dasselbe wäre und ihn dennoch nicht daran hindert, am Laufmeter irgendwelchen jungen Damen, deren Profil ihn beeindruckt, den Hof zu machen und sich mit ihnen zu verloben), wenn da nicht Jeeves wäre.
Jeeves ist sein “valet” bzw., wie er sich selber nennt, “a gentleman’s personal gentleman”. Kein Butler also, der dem Haushalt seines Arbeitgebers vorsteht, sondern ein Kammerdiener, der seinem Arbeitgeber persönlich untersteht. Im Falle des Junggesellen Bertie spielt der Unterschied zwar keine Rolle, ist Jeeves doch zugleich der einzige Angestellte. Womit er zugleich auch die Rollen eines Chauffeurs innehaben kann oder eines Kochs. Alle diese Rollen füllt er offenbar perfekt aus. Vor allem bemerkenswert ist aber sein überragende Intelligenz und Menschenkenntnis. Und so gelingt es ihm immer wieder, seinen Arbeitgeber aus den verwickeltesten Situationen zu retten.
Wodehouse’ Geschichten um Jeeves und Wooster sind Klassiker der komischen englischen Literatur. Sie beziehen ihre Komik aus dem Kontrast von hochintelligentem, stil- und auch sonst absolut sicheren Untergebenen und einem schon beinahe debil zu nennenden Vorgesetzten. Da liegt aber zugleich ihre Schwäche. Jeeves käme es nie in den Sinn, seine Intelligenz dazu zu nutzen, Wooster irgendwie auszubooten. Die erzkonservative Einstellung seines Schöpfers könnte nicht besser gezeigt werden. Trotz aller mentalen und menschlichen Defizite wird nie daran gerüttelt, dass Wooster der ist und bleibt, der das Geld hat.
Während Wooster nach dem Bild geformt ist, das sich das US-amerikanische Vaudeville machte vom englischen Lord, ist Jeeves, der intelligente Diener, eine eigenständigere Kreation. In den frühesten Geschichten setzt Jeeves seine Tricks zum Teil noch ein, um auch eigene Ziele zu erreichen, z.B., um einen Rivalen auszuschalten, wenn es um die Gunst eines Kammermädchens geht. Später wird Jeeves’ Privatleben praktisch inexistent sein. Dafür wird er immer grössere Kenntnis klassischer Schriftsteller und Philosophen aufweisen, aus deren Werken er gern zitiert. (Sehr zum Leidwesen Woosters, der solche Zitate immer nur halb richtig weiss und meist falsch einsetzt.)
Ich habe auch einen Roman gelesen über die beiden (“Thank you, Jeeves”), den aber weniger befriedigend gefunden. Die Spannung, die sich vor allem aus den Unterschieden der beiden Hauptcharaktere herleitet, vermag nicht über die Länge einer kurzen Geschichte erhalten werden. Auch so sind die Geschichten halt ein bisschen repetitiv. Zu viel Jeeves und Wooster aufs Mal – das ist wie wenn einer eine ganze Schwarzwälder Kirschtorte alleine aufessen müsste. Ein Stück (eine Kurzgeschichte) von Zeit zu Zeit ist etwas Feines; bei einem ganzen Kuchen (einem ganzen Roman) beginnt ein Punkt irgendwo leicht nördlich des Nabels zu rebellieren.