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«Alle Menschen glauben an irgendetwas oder irgendjemandem.» Diese Behauptung führen insbesondere religiöse Menschen gerne ins Feld. Sie wehren sich damit gegen den Vorwurf irrational oder unaufgeklärt zu sein: «Die einen glauben an die Evolutionstheorie, andere an die Schöpfungsgeschichte. Wissen kann man das eh nicht.» Zum Glück stimmt das nicht. Gleichzeitig ist es aber auch nicht ganz falsch.
Glaube und Fakten
Vieles, von dem wir uns leiten lassen, ist nicht unser eigenes Wissen. Es gibt einen Glauben, der sich auf Autorität bezieht. Wenn beispielsweise eine führende Medizinerin auf dem Gebiet der Epidemiologie Empfehlungen zum Händewaschen und Maskentragen abgibt, dann folge ich diesen Empfehlungen, ohne überhaupt erklären zu können oder begriffen zu haben, was eigentlich ein Virus genau ist. Ich verlasse mich dabei auf ihre Expertise und v.a. darauf, dass ihre Ergebnisse innerhalb der Scientific-Community kritisiert, geprüft und bewertet werden. Die Autorität der Medizinerin gründet also nicht nur in ihrer Person, ihrer Kenntnis und ihren wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch in einem Verfahren innerhalb der Wissenschaft, das ihre Ergebnisse beurteilt.
Innerhalb dieses Verfahrens gibt es gewisse Spielregeln:
- Objektivität: Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung müssen objektiv nachvollziehbar sein: Ein Versuch muss wiederholt werden können. Eine Studie muss ihre Daten offen legen. Eine These muss ihren Argumentationsgang mitführen. Könnte eine andere Forscherin unter identischen Bedingungen zu derselben Aussage kommen?
- Reliabilität: Wie verlässlich ist die Datenbasis, welcher der Schlussfolgerung zu Grunde liegt? Wie genau ist die Messung? Diese Fragen müssen transparent beantwortet werden und dienen der Einschätzung der Verlässlichkeit wissenschaftlicher Aussagen.
- Validität: Hat die Untersuchung das gemessen, über das die Studie Aussagen trifft?
Und ganz grundsätzlich gilt: Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind falsifizierbar: Es gibt Bedingungen unter denen eine Aussage als falsch oder als sehr unwahrscheinlich beurteilt werden kann.
Wissenschaftliche Aussagen gründen demnach in einem transparenten Verfahren, das die Unterscheidung von Wissen und falschen Aussagen sicherstellen soll.
Deshalb ist der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse kein eigentlicher Glaube, sondern höchstens ein Vertrauen in die gewissenhafte Arbeitsweise derjenigen, die an den Forschungsprozessen beteiligt sind. Niemand muss der Wissenschaft glauben. Theoretisch wären alle wissenschaftlichen Ergebnisse überprüfbar. Und tatsächlich werden wissenschaftliche Ergebnisse auch ständig überprüft. Nur nicht durch jeden einzelnen Menschen, sondern durch spezialisierte Forscherinnen und Forscher. Darin liegt der wichtige Unterschied zwischen einem «Glauben» an wissenschaftliche Ergebnisse und weltanschaulichen oder religiösen «Wahrheiten».
Weltanschauung
Nun gibt es aber wichtige Bereiche menschlichen Lebens, in denen uns Wissenschaft nicht unmittelbar orientieren und aufklären kann.
Die Wissenschaften können uns nicht darüber aufklären, was ein gutes Leben ist, wieviel ein Menschenleben wert ist, wozu wir leben und ob hinter und in dieser Welt ein liebender Gott steckt oder ein blindes Schicksal.
Das liegt nicht daran, dass die Wissenschaften noch zu wenig geforscht hätten. Wissenschaften werden diese Fragen nicht beantworten. Die Frage nach dem guten Leben setzt Wertungen und Massstäbe voraus, die nicht aus der Beschreibung der Welt abzuleiten sind, sondern unter bestimmten Perspektiven die Welt deuten und beurteilen.
Ob es einen Gott gibt oder nicht und wieviel ein Mensch wert ist, sind keine Fragen, auf die es eine richtige Antwort gibt.
Das liegt daran, dass Wert nicht etwas ist, dass in der Welt vorhanden ist und das wir messen oder zählen könnten, sondern von Deutungen und Zuschreibungen, von kulturellen Massstäben abhängt. Auch das Gute ist nichts, was es gibt, sondern eine menschliche Idee, die alles, was positiv ist, unter einen Begriff bringen möchte. Genauso entzieht sich auch Gott der wissenschaftlichen Beschreibung. Man kann religionswissenschaftlich untersuchen, was sich Menschen unter Gott vorstellen oder man kann theologiegeschichtlich zeigen, wie sich ein Gottesgedanke entwickelt. Aber die Behauptung «Es gibt einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat.» ist nicht falsifizierbar. Es gibt schlicht nichts zu messen.
Wissenschaft hilft
Trotzdem hilft hier Wissenschaft weiter. Nämlich dadurch, dass sie eine entscheidende Grenze markiert:
Über Gott, den Wert eines Menschen oder das Gute, darf nie so gesprochen werden, als ob wir uns dabei auf etwas beziehen, das es in der Welt gibt und auf das sich alle von einem objektiven Standpunkt her verständigen könnten.
Wo das geschieht, handelt es sich bestenfalls um einen Irrtum, meistens aber um eine Ideologie. Wer über Gott oder Werte spricht, vertritt dabei immer eine Weltanschauung. Bei Weltanschauungen geht es aber nicht darum, ob sie wahr sind. Das ist nicht überprüfbar. Es geht darum, ob sie wahrhaftig vertreten werden.
Wenn eine Verfassung behauptet, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, dann misst sich die Wahrhaftigkeit dieser Behauptung daran, ob die Gesellschaft unter dieser Verfassung sich auch dort zu dieser Würde bekennt, wo diese unsichtbar bleibt: Auf Guantanamo, im Prozess gegen Mörderinnen und Vergewaltiger, in der staatlichen Zuwendung an diejenigen, die nicht (mehr) die Kraft haben, ihre eigene Würde in Form eines gesellschaftlichen Wertes auszudrücken. Wir können dann fragen: Verhalten wir uns in unserer Lebenspraxis kohärent zu den Überzeugungen unserer Weltanschauung? Und falls nicht: Wollen wir lieber unsere Weltanschauung oder unsere Praxis ändern?
Nicht ganz falsch
Darin liegt die Teilwahrheit der Behauptung, dass alle irgendetwas oder an irgendjemanden glauben. Wir verhalten uns nämlich lebenspraktisch so, als ob wir gewisse Dinge glaubten. In der Regel geschieht dies fast automatisch. Wir müssen nicht darüber nachdenken, ob eine Handlung zu unserem Weltbild passt. Meistens ist das Weltbild internalisiert und steuert unser Urteilen und Handeln wie von selbst. Aber zwischen Weltbild und Handeln besteht keine Einbahnstrasse! Beide prägen sich durch Wechselwirkung:
Man verhält sich nicht nur grosszügiger, wenn Grosszügigkeit im eigenen Weltbild wichtig ist, sondern sie wird auch wichtiger, indem man sich grosszügig verhält.
Das ist in der Religion nicht anders: Wir beten nicht einfach, weil wir wissen, dass das Gebet ein wichtiger Teil der Religion ist, sondern die Gebetspraxis wird uns wichtig, wenn und insofern wir beten. Wir beten nicht zu Gott, weil wir wissen, dass sie existiert, sondern wir glauben an die Existenz Gottes, weil wir beten. Wir sagen nicht die Wahrheit, weil uns geboten ist, nicht zu lügen, sondern wir verachten die Lüge, weil und wenn wir uns daran gewöhnt haben die Wahrheit zu sagen.
Als Menschen sind wir demnach immer ein vorläufiges Ergebnis unserer Angewohnheiten, die – ob ausgesprochen oder nicht – zu unserem Weltbild werden.
Was wir sein werden
Auf dieser Ebene ist Religion von anderen Weltbildern nicht unterscheidbar. Aber Religionen – mindestens diejenigen die ich kenne – bieten einen wichtigen Zusatz an. Sie haben Abschlussbegriffe gebildet – z.B. Gott, Ewigkeit, Gerechtigkeit, Friede, Barmherzigkeit, Mitleid, Jenseits – die den eigenen Standpunkt und die eigene Weltanschauung relativieren. Religionen sind kulturelle Relativierungsmaschinen. Diese haben eine doppelte Wirkung:
- Sie lassen uns eine Transzendenz denken, angesichts derer wir hoffen könnten: Jesus kann im Blinden eine Gelegenheit für Gottes Wirken, Buddha im Leiden eine Möglichkeit zur Verwandlung, Mohammed im bösen Feind einen Aufruf das Gute zu tun und Jakob im Kampf seinen Segen erkennen. Religionen bieten die Chance sich angesichts der Wirklichkeitserfahrung zu transformieren und das eigene Weltbild praktisch zu erweitern. Jeder Mensch, ob tot oder lebendig, alles was geschieht, kann jederzeit von einer Transzendenz her neu bestimmt und anders gedacht werden.
- Sie symbolisieren eine Transzendenz, welche die eigene Begrenztheit und Fallibilität mitdenkt: Gott, das Wahre, die Liebe, das Mitleid oder die Hoffnung sind weiter, grösser und anders als unser Urteil. Vor ihnen ist menschliches Denken Stückwerk.
Im Johannesbrief kommt beides ganz verdichtet zum Ausdruck: «Meine Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Und noch ist nicht erschienen, was wir sein werden.»
Was Glaube kann
Glaube, als religiöser Glaube, ist unter den Weltanschauungen kein Fremdkörper. Wenn er der Versuchung widersteht, sich als Wissenschaft zu inszenieren, Objektivität zu behaupten und das Transzendente zu vergegenständlichen, kann er in vielen Formen und Facetten hoffnungsvolle Lebenspraktiken freisetzen. Denn ein Glaube, der nicht behauptet Wahrheiten zu haben, sondern darauf setzt sich wahrhaftig in eine Wahrheit einzuleben, vermag beides: Orientierung leisten und Freiheit stiften.
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