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Die Familie Joyce zog in Zürich mit einer mehr als odysseischen Schnelligkeit um. Bei ihrer Ankunft im Juni 191 nahmen sie kurz und um das Wiedersehen zu feiern im Gasthaus Hoffnung Aufenthalt, wo Joyce und Nora schon 1904 nach ihrer Flucht aus Dublin abgestiegen waren. Nach ein oder zwei Wochen fanden sie dann eine spärlich möblierte Zweizimmerwohnung in der Reinhardstraße 7. Da sie nach dem Krieg nach Triest zurückkehren wollten und dort immer noch ihre Möbel hatten, waren sie in Zürich auf möblierte Wohnungen angewiesen. Die nächste befand sich im dritten Stock in der Kreuzstraße 10, wohin sie am 15. Oktober 1915 umzogen. Im März 1916 zogen sie wieder um, diesmal in die Seefeldstraße 54, wo sie eine Küche, ein Wohn- und zwei Schlafzimmer, wovon das eine sehr klein war, für 40 Schweizerfranken monatlich bewohnten. Es gefiel ihnen dort nicht, aber sie blieben bis Anfang 1917.
Da er nun über seine Zeit verfügen konnte, lebte Joyce so ungeregelt, wie er sich nur wünschen konnte. Er blieb bis spät nachts in Cafés und Restaurants und stand am Morgen spät auf. Während des Tages gab er gelegentlich Stunden und arbeitete am Ulysses. Durch seine Bemühungen um die Aufführung der Verbannten und durch seine ausgedehnten geselligen Abende lernte er bald eine ansehnliche Zahl Leute in Zürich kennen, genau so wie er fast jedermann in Triest gekannt hatte. Einer seiner bevorzugten Treffpunkte war das Restaurant zum Roten Kreuz, am Anfang der Seefeldstraße. Dort pflegte sich einmal in der Woche eine Gruppe zutreffen, die sich Club des Etrangers nannte. Joyce befreundete sich mit den Mitgliedern, besonders mit Paul Phokas [Phokas übersetzte am 14. März 1917 Joyces Gedicht "Sleep Nows" ins Neugriechische], der seinem Bedürfnis nach einem griechischen Freund entsprach und mit dem er seine Arbeit besprechen konnte. Unter ihnen befanden sich auch ein Polk namens Czernowic, der einen Zigarettenladen führte, der Weinhändler Paul Wiederkehr und ein Deutscher, Marquis, der in einem Chor mitsang. Durch den Club des Etrangers fand Joyce gelegentlich einen Schüler, und einer von diesen, Paul Ruggiero, wurde ein naher Freund. Ruggiero, an einer Bank angestellt, war ein schlichter, bescheidener Mann und fand auch Joyce schlicht und einfach. Sie sprachen italiethch miteinander und manchmal auch griechisch, denn Joyce hatte sich in Triest ein paar Brocken dieser Sprache angeeignet, und Ruggiero hatte mehrere Jahre in Griechenland verbracht. Joyce bedauerte seine Unkenntnis des klassischen Griechisch; später während seines Zürcher Aufenthaltes sagte er Frank Budgen, der ebenfalls über seinen Mangel an klassischem Griechisch klagte: «Aber nun stell dir doch nur vor, ist das nicht gerade die Welt, in die ich ganz besonders eindringen sollte?» Seine unzulänglichen Kenntnisse in dieser Sprache dienten jedoch dem nützlichen Zweck, daß er wilde und gewagte etymologische Spekulationen anstellte, eines seiner Lieblingsthemen im Gespräch mit Ruggiero und Phokas. Etwa um diese Zeit hörte er von der Behauptung, die Victor Bérard zum erstenmal zu Beginn des Jahrhunderts formuliert hatte, die Odyssee habe semitische Wurzeln und alle ihre Ortsnamen bezeichneten wirkliche Orte, die man oft herausfinden könne, wenn man ein dem griechischen ähnliches hebräisches Wort ausfindig mache. Diese Theorie paßte ausgezeichnet zu seiner eigenen Konzeption von Bloom als Odysseus.
Der Club des Etrangers lernte Joyce gut kennen. Zuweilen erzählte er in düsterer Stimmung Ruggiero von Seinen Veröffentlichungsschwierigkeiten, der ihm dann antwortete: «Courage!» Meist aber war er fröhlich und gab im Restaurant zum Roten Kreuz oder im Café Terrasse einen glänzenden Trinkkumpan ab. Er lachte immer noch ungehemmt laut heraus, mit offenem Mund und in den Nacken gelegtem Kopf, und das ganze Zimmer widerhallte. Ab und zu begann er «I am going to New York City, / But I will come back to you» (Ich geh' nach New York City, / aber ich komm' zu dir zurück) zu singen oder hatte, wenn keine weiblichen Personen anwesend waren, ein ziemlich anzügliches französisches Chanson vorzutragen:
Connaissez-vous l'histoire
D'un vieux curé de Paris,
D'un vieux cu-, d'un vieux cu-
D'un vieux curé de Paris?
Il aimait la botanique,
Il en cultivait les fleurs,
Il en cul-, il en cul-,
il en cultivait les fleurs...
Im Januar 1917 klagte Joyce bei Ruggiero, er sei seiner Wohnung in der Seefeldstraße 4 überdrüssig. Sie sei zu stickig und klein. Ruggiero sagte: «Na gut, dann nehmen Sie doch die alte Wohnung meines Vaters.» Sein Vater war soeben aus einer großen Dreizimmerwohnung in der Seefeldstraße 73 ausgezogen; deshalb bezog sie nun Joyce, obwohl seine Miete dadurch auf 120 Franken anstieg, dreimal soviel, wie er bisher bezahlt hatte. Hier wohnte die Familie weniger unbequem und hatte zwei große Zimmer, die auf die Straße blickten. Es gab jedoch einen Nachteil. Die beiden Zimmer bildeten einen Teil einer Fünfzimmerwohnung mit einem einzigen Eingang, deren übrige drei Räume von einem anderen Mieter bewohnt wurden. Das war Philipp Jarnach, Sekretär und Hilfskapellmeister von Ferruccio Busoni, dem berühmten Komponisten, Pianisten und Dirigenten.
Jarnach, der die Gewohnheit hatte, an den Vormittagen zu komponieren, war erstaunt, kurz nach Joyces Einzug eine Tenorstimme zu hören, die nur ein paar Meter entfernt den ganzen Morgen lang sang, wenn auch nicht immer in der richtigen Tonhöhe. Mit dem harten Urteil des unfreiwilligen Zuhörers sagte er, Joyces Stimme sei «außerordentlich kräftig, aber rauh» (während sich alle anderen Zeugen einig sind, sie sei wohllautend und schwach gewesen), und zudem mißfiel ihm die Begleitung auf dem verstimmten Klavier. Er ertrug den Lärm, so lange er konnte, klopfte dann verzweifelt an die Türe seines Nachbarn und stellte sich vor. Ob der Herr vielleicht einem Abkommen zugänglich sei, das die Stunden festlegte, wann er singen dürfe? Joyce war sehr vernünftig und bat Jarnach einzutreten. Ihr Gespräch besänftigte den jungen Komponisten so sehr, daß er daraufhin Joyce einen Brief schrieb und sich für die Umstände ihrer Begegnung entschuldigte und seiner Bewunderung für die Geistesgaben Ausdruck gab, die er an Joyce bemerkt hatte. Er hoffte, sie würden Freunde werden, was auch zutraf, besonders als sie im folgenden Jahr getrennte Wohnungen bezogen. Joyces witziger Skeptizismus gefiel Jarnach, obgleich er ihn auch ein wenig verwirrte. In der Musik ging ihr Geschmack weit auseinander. Joyce interessierte sich theoretisch für moderne Musik, aber die Komponisten, über die er diskutieren wollte - Donizetti und Bellini - kamen Jarnach altmodisch vor. Joyce besuchte Busonis Konzerte, machte sich aber immer wieder lustig über das, was er «Orchesterbetriebe» zu nennen beliebte.
Eines Tages brachte Jarnach Busoni und Joyce in der Kronenhalle am Bellevueplatz zusammen, aber die beiden lagen einander nicht. Joyce eröffnete das Gespräch mit seinem alten Thema, Shakespeare sei kein Dramatiker, sondern ein hervorragender Dichter. Busoni versetzte ungehalten: «Sie leugnen seinen wesentlichsten Vorzug und schreiben ihm einen kleineren zu. [Später jedoch, nach reiflicherer Überlegung, äußerte er sich gegenüber Jarnach, Joyce sei eine grösse Persönlichkeit]
Obgleich Joyce und Nora das schwüle Zürcher Klima nicht behagte, konnten sie doch nicht umhin, die Stadt interessant zu finden. Sie war voller Flüchtlinge, einige davon Spekulanten in Währungen oder Waten, andere politisch Verbannte, und wieder andere Künstler. Die Atmosphäre des literarischen Experiments stärkte Joyces Vertrauen in seinen Ulysses. 1915 wurde im Café Voltaire in der Altstadt die surrealistische Bewegung durch Tristan Tzara, Hans Arp und andere geschürt, und diese Gruppe, mit der Joyce manchmal irrtümlich zusammengebracht wurde, sollte nach dem Kriege nach Paris weiterziehen wie er. Es gab auch viele politische Aufregungen. Im Café Odeon, das Joyce oft besuchte, war Lenin regelmiäßig Gast, und einmal sollen sich die beiden auch getroffen haben. Im März fuhr der Russenzug, der Lenin in einem versiegelten Wagen nach Rußland zurückbrachte, vom Zürcher Bahnhof ab, und später pflegten sich die Leute dann zu erinnern, wie damals niemand darauf geachtet hatte. Im April sah Joyce zum erstenmal das Fruchtbarkeitsfest, das «Sächsilute, ein Zürcher Fest, das die Verbrennung des Winters feiert. Nach dem Sächsilute (Sechseläuten) läuteten die Glocken um sechs statt um sieben Uhr zum Angelus. Zwei Stunden lang zieht sich ein großer berittener Zug durch die Stadt, und die Zünfte versuchen einander an Pracht ihrer Insignien auszustechen. Punkt sechs Uhr abends hatten sie sich auf dem Bellevueplatz versammelt, auf dessen Mitte der Bögg oder Winterdämon aufgerichtet worden war.[...]
Einige Tage später [nach einer Vorstellung von Walküre] hatte er noch einmal Gelegenheit, seine vorübergehende Abneigung gegen die Musik zur Schau zu stellen. Er besuchte mit Weiss zusammen ein Konzert des Tonhalleorchesters, das Ferruccio Busonis Indianisches Tagebuch spielte. Busoni befand sich persönlich im Saal. Um das Interesse von Weiss für Busonis Musik zu verspotten, gefiel sich Joyce darin, die obszönen Nebenbedeutungen eines Musikinstrumentes nach dem anderen zu beschreiben. Weiss konnte das Lachen nicht mehr verbeißen und geriet in Verlegenheit, da Busoni sie böse anstarrte. [Joyces Herabsetzung der Musik hinderte ihn aber nicht daran, sich im Juli mit einem weiteren Projekt zu beschäftigen. Der führende Bariton am Stadttheater war Augustus Milner, ein gebürtiger lre, und Joyce ermöglichte es ihm, in der Tonhalle ein Konzert mit irischer Musik zu geben. Als es aber stattfand, - hatte er Zürich bereits verlassen.] [...]