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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Mein Freund zeigte mir 2 Fotos. Es war offensichtlich: Auf beiden waren dieselben Personen, aufgereiht auf einer Bank, und ich erkannte sofort meinen Freund, jedenfalls auf dem neueren Foto.
Mein Freund sagte: „Du weisst, ich habe 3 Geschwister: eine Schwester und 2 Brüder. Die Schwester ist die älteste von uns, der eine Bruder ist 2 Jahre älter und der Andere 5 Jahre jünger als ich.“
Die Fotos zeigten enorme Altersunterschiede. Auf dem einen Foto hatten die Geschwister alle dunkelblondes Haar, nur der jüngere Bruder hatte mittelblonde. Die Haare waren bei allen lang bis fast auf die Schultern und am unteren Ende gelockt. Mein Freund hatte einen dünnen Schnurrbart.
„Du hattest wohl keine Lust, fotografiert zu werden“, sagte ich, denn mein Freund zeigte ein Stück seiner Zunge, aber bei geschlossenem Mund.
„Kann sein“, erwiderte er, „ich war das schwarze Schaf in der Familie, ich ging meinen eigenen Weg.“
„Sogar mit schwarzem Pullover“, scherzte ich.
Auf beiden Fotos trugen die Vier Stricksachen: auf dem Foto, das die Geschwister vor langer Zeit zeigte, der jüngere Bruder einen ärmellosen Pullover über einem blauen Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren, der ältere Bruder einen dunklen, mit roten auffälligen Rauten, durch die 2 Striche in Kreuzform gingen, die Schwester einen Pullover mit breiten weissen und schmalen schwarzen Längsstreifen. Auf dem Foto neueren Datums trugen 3 der Geschwister Strickwesten.
„Wie viele Jahre liegen zwischen den beiden Fotos?“
Ich war nun doch neugierig geworden.
„Ziemlich genau 40 Jahre“, kam die Antwort.
Auf dem neueren Foto sahen die Geschwister gut genährt aus, nicht unbedingt dick, obwohl bei dem jüngsten Bruder ein kleiner Wohlstandsbauch sichtbar war. Die Gesichter waren frischer, nicht so blass wie auf dem älteren Foto, allerdings auch etwas faltiger.
Am auffälligsten war der Unterschied bei der Haarfarbe zu sehen: der jüngere grau mit dunklen Strähnen, der ältere Bruder und mein Freund grau-weiss, und die Schwester hatte gefärbte blonde Haare mit einigen dunklen Strähnen dazwischen. Auch die Länge der Haare hatte sich verändert; sie waren bei den Männern auffallend kurz geworden, bei keinem war nicht einmal ein Ansatz einer Glatze zu sehen.
Auf beiden Fotos blickte so richtig nur der ältere Bruder in die Kamera, die anderen nach unten oder zur Seite.
4 Jahrzehnte! Etwa die Hälfte des Lebens, mit allem, was in unserer Zeit so geschehen konnte:
Es kamen Kinder, Enkel und ein Urenkel, Scheidungen, Berufswechsel und Krankheiten, die überstanden waren. In 40 Jahren kann viel passieren, viele Erfahrungen und Erlebnisse, Urlaubsfahrten, der Tod der Eltern, Onkel und Tanten, dachte ich.
Auffallend, weil etwas ungewöhnlich, war der Lebenslauf des jüngsten Bruders. Als das 40 Jahre alte Foto geschossen wurde, war er bereits mit Anfang 20 verheiratet und hatte 2 Kinder. Danach wurde er noch einmal Vater, war zwischendurch Stiefvater und lebt jetzt nach 3 Scheidungen in der 4. Ehe, die allerdings seit bereits 12 Jahren hält. Im Alter von 40 Jahren war er bereits Grossvater, inzwischen ist er Urgrossvater.
Der jüngere Bruder und mein Freund hatten zeitweise im Ausland gelebt und dort gearbeitet. Die älteren waren, bis auf Urlaubszeiten, nie länger aus Deutschland weg gewesen, ja die beiden wohnten immer noch in dem Ort, in dem alle aufgewachsen waren.
Ich fragte mich: Was macht das Leben aus? Unsere Generation war nach dem 2. Weltkrieg geboren und hatte nie einen Krieg erlebt. Mein Freund und seine Familie hatten keine Verwandten in der Deutschen Demokratischen Republik, sondern nur in Westdeutschland. Es gab also keine verwandtschaftlichen Bezüge zum anderen Teil des geteilten Deutschland, das jetzt wiedervereinigt war. So war es auch bei mir. Der so genannte Kalte Krieg berührte uns nicht direkt.
Es war die Zeit des Wiederaufbaus. Satt wurden alle, wenn auch nicht alle das „Wirtschaftswunder“ am eigenen Leib erlebt hatten. So leben heute die Geschwister alle in einem bescheidenen Wohlstand, verglichen mit den Kindertagen ohne Auto, Fernseher und Computer. Alle Vier hatten ihr Berufsleben ohne Arbeitslosigkeit bewältigt; nur der jüngste Bruder arbeitet noch.
Niemand der Geschwister hatte sich vor 40 Jahren vorgestellt, dass nach so langer Zeit wieder ein Foto der Vier gemacht werden würde.
„Weisst du, was auffällig an den beiden Fotos ist?“, fragte ich meinen Freund.
Er schaute mich gespannt an.
„Ihr sitzt nach 40 Jahren wieder in der gleichen Reihenfolge wie damals, von links gesehen, der jüngere neben dem älteren Bruder, dann die Schwester und rechts aussen bist du, also die jüngeren Geschwister umrahmen die älteren.“
„Ist das nicht seltsam?“, fragte mein Freund.
„Als ob ihr euch vorher das alte Foto angesehen hättet!“, sagte ich.
„So war es aber nicht!“, betonte er.
Die Frau meines Freundes meinte: „Warte mal, ich habe noch irgendwo ein Foto der 4, das zeitlich genau dazwischen gehört!“
Sie holte einen alten Schuhkarton und wühlte, bis sie es gefunden hatte.
Triumphierend hielt sie es hoch: „Hier ist es, und ihr werdet es nicht glauben!“
Mein Freund und ich starrten auf das Foto. Und wirklich: Sie sassen wieder in derselben Reihenfolge!
Ist das nun Zufall oder genetisch? Ob sie in 10 oder 20 Jahren wieder so sitzen werden? Wer weiss das schon?
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