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Die Nachfolge Hans Stettbachers war ein wichtiger Schritt für die disziplinäre Verselbstständigung der Pädagogik und wurde nicht nur von der Fakultät und dem Erziehungsrat genaustens geprüft, sondern auch von Lehrerkreisen und interessierten Einzelpersonen gespannt mitverfolgt und öffentlich diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass teils sehr unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen zwischen den Parteien herrschten, besonders was die Kandidaten betraf.
Als die Emeritierung von Professor Hans Stettbacher, Ordinarius ad personam für Pädagogik, auf Ende des Sommersemesters 1948 näher rückte, begann ein langer und umstrittener Prozess der Nachfolgesuche.
Folgende Lehraufgaben mussten neu vergeben werden:
Eine Hauptvorlesung über allgemeine Pädagogik und Übungen dazu im Umfang von vier bis fünf Wochenstunden, pädagogisch-geschichtliche Vorlesungen und Übungen von vier bis fünf Wochenstunden sowie eine Vorlesung über Didaktik des Sekundarschulunterrichts im Umfang von zwei Wochenstunden (UAZ AL.7.080 3.6.1948).
- Abb.1.: Aufgabenübersicht aus UAZ AL.7.075 o.D.
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Da die allgemeine Pädagogik ihre enge Verbindung zur Philosophie nicht verlieren sollte und gleichzeitig die Ausbildung der Sekundarlehrpersonen in den Aufgabenbereich von Stettbacher gefallen waren, sollten idealerweise zwei Extraordinariate geschaffen werden, vorzugsweise für je einen Philosophen und einen Sekundarlehrer. Die Philosophische Fakultät suchte für die Besetzung der Stellen bewusst nach Schweizern in einem nicht zu hohen Alter mit grosser pädagogischer Forschungserfahrung. Mehrere Personen, darunter mit der bei Eberhard Grisebach promovierten Lehrerin Emilie Bosshart auch eine Frau, wurden zunächst in Betracht gezogen. Schlussendlich blieben nur noch zwei Kandidaten in der engeren Auswahl: Leo Weber und Walter Guyer (UAZ AL.7.080 3.6.1948).
Weber sollte das gesamte Lehrgebiet der allgemeinen Pädagogik und der Geschichte der Pädagogik übernehmen, während für Guyer die Gebiete der Pestalozzi-Interpretation und der schweizerischen Schulgeschichte sowie die Didaktik der Sekundarlehramtsschule und die Betreuung derer Lehramtskandidaten vorgesehen waren. Beide Extraordinariate sollten sich auf dieselbe Anzahl Wochenstunden belaufen (UAZ AL.7.080 3.6.1948).
Guyer war damals zwar als Persönlichkeit und aufgrund seiner Stellung die bekanntere Figur und wurde von der Fakultät auch als sachlich-nüchterner Mensch mit praktisch ausgerichteter Betrachtungsweise beschrieben, doch wurde seine energische Vortragsweise mit mangelnden Begründungen und seine sprachlichen Formulierungen bemängelt. Weber wurde eine "erheblich tiefere, reichere und differenziertere Betrachtungsweise" (UAZ AL.7.080 15.11.1948, S. 5) als Guyer zugeschrieben. Die Fakultät sah Weber demnach als den "umfassenderen und entwicklungsfähigeren Geist" (UAZ AL.7.080 3.6.1948) und würde ihn bei Vergebung nur einer Anstellung bevorzugen.
Der Erziehungsrat hingegen vertrat mehrheitlich die Meinung, Guyer sei Weber in wissenschaftlicher Hinsicht überlegen und kritisierte die negativen Äusserungen Webers über das zürcherische Lehrerbildungssystem, da er sich gegen eine Trennung von Allgemein- und Berufsbildung stark machte (vgl. Müller 2005).
Doch nicht nur die Fakultät und der Erziehungsrat interessierten sich für die Nachfolge Stettbachers. Auch die Presse griff das Thema auf. Den Beginn der öffentlichen Debatte bildete der 1948 erschienene Artikel im Tages-Anzeiger mit dem Titel: Universität und Volk. Warum keine ordentliche Professur für Pädagogik an der Hochschule der Pestalozzistadt? In dem lediglich mit dem Pseudonym Helveticus unterschrieben Beitrag ging es darum, dass eine ordentliche Professur für Pädagogik sowie ein pädagogisches Zentrum gefordert wurden. Dabei müsse der Lehrstuhl auch mit der richtigen Person besetzt werden und diese sei, laut Artikel, Walter Guyer. Es wurde ihm gutgeschrieben, dass er es wage, "Dinge zu sagen, die nicht gerne gehört werden" und eine klare und eindeutige Haltung bewies. Weber wurde darauf reduziert, "Gewesenes zu sezieren, ohne es wieder zum zusammenfassenden Ganzen zu fügen, ohne es durch eine eigene Stellungnahme lebendig werden zu lassen" und als lebensferner Wissenschaftler abgestempelt. Allgemein wurde das Weltfremde und "pseudowissenschaftliche Kauderwelsch" an der Uni bemängelt. Für die Zwingli- und Pestalozzistadt wollte der Helveticus zudem lieber einen Protestanten wie Guyer und keinen Christ-Katholiken wie Weber (vgl. UAZ Anmerkungen zum Artikel, 1.12.1948). Die Fakultät schrieb dabei ausdrücklich in ihrem Protokoll: "Die Arbeit zeigt, dass für Weber als philosophisch-wissenschaftlichen Theoretiker die konfessionelle Zugehörigkeit ohne Einfluss ist und dass er sich durch sie auf keine Weise in der Sachlichkeit als dem alleinigen Bestimmungsgrund seiner Überlegungen beirren lässt." (UAZ AL.7.080 15.11.1948, S. 7).
Die Redaktion des Tages-Anzeigers musste nach diesem Artikel auf verschiedene Anfragen hin erklären, dass Guyer mit dem Artikel nichts zu tun hatte und weder Veranlassung dazu gab, noch den Autor kannte. Guyer "bedauert ausdrücklich, dass in dieser Angelegenheit sein Name genannt wurde" (UAZ Anmerkungen zum Artikel "Universität und Volk" 1.12.1948).
Es folgten ähnliche Artikel, beispielsweise von Theseus in der Zeitung Volksrecht, der im Artikel Die Olympier an der UZH in drei Teilen ebenfalls ein Ordinariat für Pädagogik, die Berufung von Guyer und die Verbindung des Oberseminars mit der Universität forderte. (vgl. UAZ Theseus "Die Olympier an der UZH" Teil 1-3 3., 4. und 5.2.1949). Besonders in Lehrerkreisen beschäftigten sich viele mit dem Thema. Eine Resolution der Volksschullehrerschaft Zürich (Schulkapitel Zürich) forderte die Verschiebung der Wahl, um genügend Zeit für eine Stellungnahme zu erhalten sowie das Fach der Pädagogik in seinen Grundlagen zu überprüfen. Eine gleichgesinnte Motion wurde ebenfalls von der sozialdemokratischen Fraktion des Kantonsrates (Motion Gerteis) eingereicht, doch es folgte keine Stellungnahme der Fakultät. (vgl. UAZ Theseus "Die Würfel sind gefallen" Teil 1&2 28. & 29.4.1949).
Stettbacher hatte sich bereit erklärt, die Vorlesungen noch so lange zu übernehmen, bis eine Nachfolge geregelt worden sei, was auch dem Erziehungsrat entgegengekommen wäre, der keine überstürzte Wahl treffen wollte (vgl. UAZ Helveticus "Eine unverständliche Wahl" 19.4.1949). Doch der Regierungsrat drängte zu einer baldigen Entscheidung. Die Wahl fand am 13.4.1949 statt. Beide Kandidaten wurden gewählt – allerdings mit einem je unterschiedlichen Profil: Weber für die allgemeine Pädagogik und Geschichte der Pädagogik und Guyer für Schweizer Pädagogik und die Ausbildung der Sekundarlehrpersonen (vgl. UAZ AL.7.075 23.4.1949). Während Weber seine neue Stelle annahm, lehnte Guyer ab. Hauptgrund für den Verzicht Guyers war die Zuteilung der systematischen Pädagogik zu Weber. Es ist auch möglich, dass Guyer sich dem jüngeren Weber in keiner Weise unterstellen wollte, die ihm zugeteilte Stelle aber aus seiner Sicht weniger Prestige beinhaltete (vgl. Müller 2005).
Nach Abschluss der Wahl bezog die Fakultät in neun Punkten Stellung gegenüber der Presse und erläuterte, dass sie während des Wahlvorgangs unter Schweigepflicht stand und Guyer in vielen Belangen entgegengekommen seien, er aber schlussendlich trotzdem auf keinen ihrer Vorschläge eingehen wollte. Das Dokument schliesst mit: "Die gegenwärtige Situation präjudiziert einen weiteren Ausbau der pädagogischen Disziplinen an der Universität in keiner Weise." (UAZ AL.7.075 23.4.1949).
Daraufhin meldete sich der Helveticus erneut im Tages-Anzeiger mit dem vielsagenden Titel Eine unverständliche Wahl. Er schrieb: "Der Regierungsrat hat damit durch eine Art Gewaltstreich eine öffentliche Diskussion zum Schweigen bringen wollen, die ihm offensichtlich unbequem und unangenehm ist." Weber wurde dabei als "keineswegs hervorstechende geistige Persönlichkeit" beschrieben und als "Gegner der heutigen Lehrerbildung im Kanton Zürich" bezeichnet. "Weber ist, um es auf eine kurze Formel zu bringen, alte Schule, Guyer neue Schule." (UAZ Helveticus "Eine unverständliche Wahl" 19.4.1949).
Kurz nach der Antrittsvorlesung Webers zum Thema die Aufgabe der theoretischen Pädagogik im Erziehungsganzen, wurden zwei Artikel von Walter Furrer, einem Sekundarlehrer und Journalisten, veröffentlicht. Dabei wurden mehrere Stellen der Antrittsvorlesung abgedruckt und mit einem Artikel von Willhelm Flitner verglichen, um aufzuzeigen, dass Weber sich dort wohl einige Formulierungen geliehen hatte, ohne dies zu vermerken (vgl. UAZ "Eine interessante Antritts-Vorlesung" Teil 1&2 27.&28.4.1950).
Es entstand erneut eine öffentliche Debatte, in der die Artikel zu diesem Thema von verschiedenen Zeitungen aufgegriffen und kommentiert wurden. Die NZZ verteidigte dabei die Vorlesung Webers (vgl. UAZ "Eine unfaire Polemik" 7.1.1950), während der Tages-Anzeiger und der Landbote Artikel gegen Weber veröffentlichten.
Auf Furrers zwei Artikel hin erfolgte eine Erwiderung Webers in einem sieben Seiten umfassenden Brief. Darin ging er detailliert auf einzelne Punkte der Kritik ein, die er allesamt als nicht berechtigt ansah. Nur die Übernahme einzelner Stellen, die nicht als Zitat gekennzeichnet wurden, bedauere er sehr (vgl. UAZ AL.7.075 o.D.).
Auch die Philosophische Fakultät nahm zu den "Angriffen" Furrers Stellung. Es wurde dabei deutlich, dass die Fakultät hinter Weber stand und bezüglich des Plagiatsfalles wurde geschrieben: "Ohne die Angelegenheit bagatellisieren zu wollen, möchte sie [die Fakultät, N.H.] darauf hinweisen, dass die von Prof. Weber entlehnten und am Anfange seiner Rede verwendeten Stellen Einsichten in die Erziehungswirklichkeit zum Ausdruck bringen, die sich wohl jedem reifen Menschen aufdrängen würden." (UAZ AL.7.078 29.6.1950, S. 2).
Die Nachfolge Stettbachers führte jedoch nicht nur zu einer Debatte in den Schweizer Zeitungen, sondern auch zur disziplinären Verselbstständigung der Pädagogik. Das starke Interesse der Öffentlichkeit sowie die bereits erwähnte Motion Gerteis, führten dazu, dass Webers Stelle von einem Extraordinariat in ein Ordinariat umgewandelt wurde und die Pädagogik somit einen eigenen Lehrstuhl besass (vgl. StAZH MM 24.67 KRP 1954/117/0847).
Literatur und Quellen
Müller, Walter. (2005). Walter Guyer, Leben - Werk - Wirkung. Diss. Universität Zürich.
Staatsarchiv Zürich (StAZH):
MM 24.67 KRP, 1954/117/0847, Bericht und Antrag zur Motion Nr. 731.
Autorenschaft
Nina Hüsler
Zeitmarke
1948