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Öl korrumpiert. Das zeigt sich nicht nur in der Realität, wenn für das Schwarze Gold Regime gestürzt und Kriege geführt werden. Auch für Geschichtenerzähler liefert Öl den perfekten Nährboden, um sich menschlichen Schwächen zu widmen. Ein Paradebeispiel ist «There Will Be Blood» (2007), in dem Daniel Day-Lewis gänzlich in Habgier versinkt.
Dieselbe Quelle zapft nun Martin Scorsese (80) an. Er nahm für «Killers of the Flower Moon» wahre Ereignisse als Inspiration für ein Epos über den amerikanischen Traum, der auf skrupellosem Kapitalismus und Rassismus aufgebaut ist. Im Zentrum: die Osage. Dieser Indianerstamm, der mehrfach vertrieben wurde und sich letztendlich im heutigen Bundesstaat Oklahoma niederliess, war in den 1920er-Jahren das reichste Volk der Erde. Denn in seinem Gebiet wurde Öl gefunden, und jede Osage-Familie war am Profit beteiligt.
Doch wo Geld fliesst, keimt Neid. Die weissen Nachbarn der Osage nutzen jede Chance, um sich deren Wohlstand anzueignen. William Hale (Robert De Niro) gibt sich als Indianerfreund aus, sorgt aber mit Intrigen und Gewalt dafür, dass das Öl-Geld in die «richtigen» Hände umgeleitet wird. Auch seinen Neffen Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio) spannt er dafür ein: Er soll Mollie (Lily Gladstone) verführen. Diese gehört zu einer Osage-Familie aus vier Schwestern, von denen eine schon gestorben ist, und auch die anderen kränkeln. Über eine Hochzeit käme man(n) an ihr Geld. Und wenn die Frauen nicht schnell genug sterben, wird halt nachgeholfen.
Die Sachbuchvorlage von «Killers of the Flower Moon» widmete sich primär den Ermittlungen von Tom White (Jesse Plemons) für das spätere FBI. Scorsese aber bringt dies in seinem über drei Stunden langen Film erst spät ins Spiel. Er und Co-Drehbuchautor Eric Roth («Forrest Gump», «Dune») interessieren sich mehr für die Dynamik im Osage County: für die Selbstverständlichkeit, mit der Weisse das Vermögen der Osage beanspruchen, für die Hilflosigkeit der Indianer, die zwar Geld haben, aber keinen Einfluss – und für die Tragödie in Mollies Familie, die nach und nach ausradiert wird.
Ein Film, der zum Nachdenken anregt, mit grandiosen Bildern in jene Zeit entführt und famose Darsteller auffährt. De Niro war lange nicht mehr so gut wie in dieser auf leise Art bösen Rolle. DiCaprio hätte Agent White verkörpern sollen, doch übernahm er lieber den Ernest: einen Part zwischen liebendem Gatten und gefühllosem Handlanger. Herz und Seele des Films ist jedoch Lily Gladstone. In ihrem Gesicht spiegelt sich oft die Tragik des Volkes, das – wie der Film erklärt – nur wenig redet.
Keine Frage: «Killers of the Flower Moon» ist lang, und gegen Ende franst die Geschichte etwas aus. Aber Scorsese macht jede Minute zu etwas Speziellem. Und wer nicht so lange im Kino verweilen will (wo die epischen Bilder aber hingehören), kann warten bis Ende Jahr: Dann startet er per Stream auf Apple TV+.
Thrillerdrama
Mit Leonardo DiCaprio, Lily Gladstone, Robert De Niro
USA 2023, ab 19. Oktober 2023 im Kino