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Selbstreflexion
Inhaltsverzeichnis
Bedeutung für die Erziehung
Die Fähigkeit, über sich selbst und sein Denken und Handeln nachzudenken, entwickeln Kinder in der Regel erst mit der Pubertät. Zuvor, insbesondere während den ersten Jahren, leben Kinder noch voll im Hier und Jetzt und machen sich kaum Gedanken darüber, wie sie wirken. Wichtig ist dieser Umstand vor allem dann, wenn Sie mit Ihren Kindern auf der sogenannten Metaebene kommunizieren wollen: Bevor das Kind nicht über sich selbst reflektieren kann, würden Sie es damit nämlich überfordern.
Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)
Während der Phase der Vertrauensbildung fühlt sich das Kind noch weitergehend eins mit seiner Umwelt und lebt voll im Hier und Jetzt, es interessiert sich weder für das, was gerade war, noch für das, was später sein könnte. Zudem hat es ausschliesslich Grundbedürfnisse, die möglichst immer und sofort befriedigt werden sollten. Es nützt deshalb nichts, wenn Sie ihm zum Beispiel sagen, es solle doch seinen Hunger zügeln oder es solle nicht so schreien, da sonst alles nur noch schlimmer würde. Das Kind kann in diesem Alter solche Anweisungen noch gar nicht verstehen und würde sich bloss abgelehnt fühlen. Auf Hunger müssen Sie also mit Stillen oder Essen geben reagieren und auf das Schreien mit Trost, und zwar bedingungslos und sofort, alles andere wäre in diesem Alter bloss kontraproduktiv.
Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)
Auch wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, ist es noch nicht fähig, über sein eigenes Handeln zu reflektieren. Es ist deshalb höchst kontraproduktiv, wenn Sie es zum Beispiel vorwurfsvoll fragen, ob es eigentlich nicht merke, dass es Sie mit seinem Lärm stört. Kinder machen sich in diesem Alter tatsächlich keinerlei solche Gedanken, weil sie dazu noch gar nicht fähig sind. Stattdessen müssen Sie Grenzen setzen, wenn Sie der Meinung sind, dass das Kind zu weit geht, indem Sie zum Beispiel laut und deutlich "Nein!" sagen. Das versteht jedes Kind!
Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)
Spätestens wenn das Kind in die (Vor)Schule kommt und sich folglich in einer Gruppe ausserhalb der Familie behaupten muss, wird es sehr schnell spüren, dass sein Verhalten auch auf seine Kameraden wirkt, wenn es zum Beispiel einem anderen Kind Beschimpfungen nachruft und dieses handgreiflich wird. Es erfährt so einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen seinem Handeln und der Reaktion eines Gegenübers. Diesen Zusammenhang können Sie dem Kind erklären und es wird ihn auch verstehen. Hingegen wird es nicht verstehen, wenn Sie ihm zum Beispiel erklären wollen, es sei übergriffig oder würde die Persönlichkeit von Fremden nicht respektieren. Mit derartigen "Psychologisierungen" ist das Kind überfordert. Einfache Spielregeln wie "Wie Du mir, so ich Dir!" genügen vorläufig vollkommen.
Irgendwann wird das Kind aber von sich aus Erklärungen zu zwischenmenschlichen Fragen fordern und Sie zum Beispiel fragen, weshalb Sie gerade so wütend reagiert hätten, oder es beklagt sich beim Lehrer, dass es in der Pause gehänselt worden sei. Idealerweise arbeiten die (Vor)Schulen in solchen Situationen mit Konfrontationsgesprächen und ähnlichem, um Konflikte zwischen Kindern anzugehen. So kann das Kind im Rahmen der Sozialisation bereits erfahren, wie sein Verhalten auf andere wirkt und sich Gedanken dazu machen. Je nach Reife können solche Konfrontationen noch eine grosse Herausforderung für ein Kind sein und bedürfen einer geschulten Begleitung durch die Lehrer.
Spätestens mit der Pubertät werden Jugendliche darüber nachzudenken beginnen, wie sie auf andere wirken. Nutzen Sie die Gelegenheiten, wenn sie bereit sind, die Gedanken mit Ihnen zu teilen. Die Diskussionen können richtig spannend werden und es ist wichtig, dass Sie Ihre Kinder dabei nicht allein lassen, denn das Infragestellen der eigenen Persönlichkeit kann in diesem Alter sehr schnell existenzielle Züge annehmen, bis hin zur Frage, was das Leben überhaupt soll. Um solche Fragestellungen beziehungsweise Infragestellungen aushalten zu können, brauchen Jugendliche ein gesundes Selbstvertrauen und einen starken Willen. Beides sollten sie im Wesentlichen in den beiden ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung entwickelt haben. Sie können als Eltern denn auch kaum mehr etwas nachholen, da sich Jugendliche ihre Vorbilder nun ausserhalb der Familie suchen. Sie dürfen sich vielmehr auf das verlassen, was Sie in den ersten Jahren an Erziehungsarbeit geleistet haben. Und Sie sollten offen sein für allfälliges Feedback dazu. Dabei werden Sie vermutlich staunen, was an Ihrer Erziehung gut oder schlecht angekommen ist, denn das Erleben des Kindes wird sich nicht immer mit Ihrem Erleben decken! So ist es gut möglich, dass Sie sich gewisser Erziehungsfehler bewusst werden, von denen das Kind nicht die geringste Ahnung hat - und umgekehrt! Wenn Sie genügend Grosszügigkeit und Gelassenheit haben, können Sie damit umgehen und sich auf eine spannende Diskussion einlassen, ohne dass es gleich zur Konfrontation kommen muss.
Erwachsenwerden (etwa 16 bis 25 Jahre)
Selbstreflexion kann und soll natürlich ein lebenslanges Thema sein. Es ist allerdings irgendwann nicht mehr die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder dazu aufzufordern, ganz abgesehen davon, dass derartige Forderungen sowieso schnell ins Leere laufen oder gar das Gegenteil des Erhofften bewirken können.
Weiterführende Themen
Übergeordnete Prinzipien
- Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)
- Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)