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| Athanasius (295-373) - Über die Beschlüsse der Synode von Nizäa (De decretis Nicaenae synodi)

31.
Demnach wäre es besser und richtiger gewesen, Gott nach dem Sohne zu bezeichnen und Vater zu nennen, als ihn nach den Werken allein zu benennen und unentstanden zu heißen. Denn diese Benennung weiset auf die Werke hin, welche nach Gottes Willen durch das Wort gemacht wurden; der Name des Vaters aber deutet das eigene Erzeugniß aus seiner Wesenheit an. So sehr aber das Wort von den gemachten Dingen verschieden ist, eben so sehr und noch mehr verschieden ist es, Gott Vater zu nennen, und ihn unentstanden zu heißen. Denn diese Benennung steht nicht in den Schriften, sie ist verdächtig und hat eine mannigfaltige Bedeutung; der andere Name dagegen ist einfach, steht in den Schriften, ist mit der Wahrheit [S. 240] übereinstimmender, und deutet den alleinen Sohn an. Ueberdieß ist die Benennung „unentstanden“ von den Heiden, welche den Sohn nicht kennen, erfunden, der Name „Vater“ aber ist von unserm Herrn selbst anerkannt und gegeben worden. Denn er selbst, der wohl wußte, wessen Sohn er sey, sagte:1 „Ich bin in dem Vater, und der Vater ist in mir;“ und:2 „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater;“ und:3 „Ich und der Vater sind Eins.“ Nirgends aber nennt er den Vater unentstanden. Ja selbst auch, da er uns beten lehrte, sagte er nicht: Wenn ihr betet, so saget: „Unentstandener Gott!“ sondern vielmehr: Wenn ihr betet, so sprechet:4 „Unser Vater, der du im Himmel bist!“ Auch wollte er, daß der Inbegriff unseres Glaubens dahin abziele. Denn er befahl nicht, daß wir im Namen des Unentstandenen und des Entstandenen, noch auch, daß wir im Namen des Unerschaffenen und des Erschaffenen, sondern daß wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes getauft werden sollten. Denn auf diese Weise eingeweiht, werden wir eines Theils wahrhaft Kinder Gottes, andern Theils erkennen wir, wenn wir den Namen des Vaters aussprechen, aus diesem Namen auch das Wort, welches in dem Vater ist. Obschon er aber will, daß wir seinen eigenen Vater auch unsern Vater nennen, so dürfen wir uns doch deßwegen dem Sohne der Natur nach nicht gleichstellen. Denn er wird vermittelst des Sohnes so von uns genannt; weil nämlich das Wort unsern Körper angenommen, und unter uns geweilt hat, diesem zu Folge wird Gott wegen des Wortes, welches bei uns ist, auch unser Vater genannt. Denn der Geist des Wortes, welcher in uns ist, nennt durch uns seinen eigenen Vater gleichsam unser. Und dieses ist auch die Meinung des Apostels, wenn er sagt:5 „Gott hat [S. 241] den Geist seines Sohnes in euere Herzen gesandt, der da ruft: Abba! Vater!“
1: Joh. XIV, 10.
2: Joh. X, 30.
3: Joh. X, 9. u. 30.
4: Matth. VI, 9.
5: Gal. IV, 6.