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In Nunavut, Kanadas halbautonome Region in der Arktis, sind Rentiere ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung. Denn Rind und andere Fleischsorten sind oft zu teuer für die lokale Bevölkerung. Die Jagd auf Rentiere ist aber geregelt, um die verschiedenen Populationen nicht zu sehr zu belasten. Doch in den vergangenen Jahren sind die Zahlen der Rentiere an verschiedenen Orten massiv zurückgegangen und verschärfte Jagdrestriktionen mussten erlassen werden. Nun ist auch der Westen Nunavuts betroffen und die Behörden haben einen Notfallerlass zum Schutz der Tiere ausgesprochen.
Jäger dürfen nach den Angaben der Behörden nur noch insgesamt 42 Tiere seit Anfang September erlegen. Von den Jagdbeschränkungen sind rund 4’000 Menschen betroffen, die in Cambridge Bay, Kuglutuk und anderen Gemeinden leben. Die regionale Wildtierbehörde wird die 42 Tiere auf die verschiedenen Gemeinden entsprechen verteilen und Abschussgenehmigungen erteilen. Dies ist ein Novum für die Bewohner. Noch letztes Jahr konnten die Jäger in derselben Region zwischen 150 und 200 Tiere erlegen, wie ein Vertreter der Jagd- und Fallensteller-Organisation in Cambridge Bay gegenüber den Medien erklärte.
Als Grund für die starke Einschränkung geben die Behörden an, dass die Zahl der Rentiere in der Dolphin-Union-Strait-Population von knapp 18’000 auf unter 4’000 Tiere in drei Jahren gefallen ist. Damit wäre eine Quote wie noch letztes Jahr nicht mehr tragbar. Die Wildtierbehörde von Nunavut gibt verschiedene Faktoren für den Rückgang an. «Wir wissen, dass Zyklen in der Vergangenheit geschehen sind. Doch nun kommen andere Faktoren ins Spiel, die auf die Karibuherden gegenwärtig einwirken», erklärt Drikus Gissing, der Leiter der Wildtierforschungsabteilung gegenüber CBC News. «Dazu gehören die industrielle Entwicklung, die grössere Bevölkerung, die mehr Jagd auf diese Populationen macht.»
Für die Experten der Abteilung ist jedoch der Klimawandel einer der Hauptgründe für den massiven Rückgang, besonders der Dolphin-Union-Strait-Population. Diese Herde hat ihren Namen von der Wasserstrasse, die sie im Laufe ihrer Wanderungen zweimal jährlich durchqueren muss. Und da liegt auch das Problem, denn die Strasse taut immer früher auf und die Rentiere müssen durch halbgefrorenes Wasser schwimmen, was einen Ausstieg auf das Eis oder an Land beinahe unmöglich macht. Da die Tiere im Frühjahr bereits durch die Fastenzeit im Winter geschwächt sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass sie bei der Durchquerung ertrinken. Dies wurde von lokalen Jägern in den vergangenen Jahren vermehrt beobachtet.
Die Jagdbeschränkung ist zwar für die lokale Bevölkerung ein Novum, doch keineswegs für Nunavut und andere kanadische Regionen in der Arktis. Bereits seit einigen Jahren mussten verschiedene Populationen durch Jagdeinschränkungen geschützt werden, weil ihre Grössen dramatisch zurückgegangen waren. Der Notfallerlass ist auch nur ein erster Schritt. Weitere Massnahmen werden Anfang Oktober bei einem Treffen zwischen den Behörden und der Bevölkerung diskutiert. Auf die Frage, warum die Massnahmen erst jetzt eingesetzt werden, obwohl der Rückgang der Population schon seit zwei Jahren bekannt sei, erklärt Drikus Gissing, dass durch den letztjährigen Hackerangriff der Bericht aus der Zählung verloren gegangen war und erst spät wiederhergestellt werden konnte. Doch nachdem eine zweite Meinung zu den Ergebnissen eingeholt worden war, kamen die COVID-Lockdown-Massnahmen und verzögerten die ganze Sache weiter. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht noch weitere negative Konsequenzen für die Rentiere in der Region hatte. Eine neue Zählung ist zurzeit in Planung.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal