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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

18. Buch
44. Die Schwierigkeit, die sich aus der Unstimmigkeit zwischen dem hebräischen Text und der Septuaginta bezüglich der Frist für den Untergang von Ninive ergibt, die der hebräische Text auf vierzig Tage, die Septuaginta auf nur drei Tage sich erstrecken läßt.
Da könnte man freilich sagen: Was hat nun eigentlich der Prophet Jonas den Niniviten angekündigt? Hat er gesagt: „Drei Tage noch, und Ninive wird zugrunde gehen“1 , oder hat er gesagt: „Vierzig Tage noch“? Beides zumal kann der Prophet offenbar nicht gesagt haben, der eigens ausgesandt war, die Stadt zu schrecken durch die Drohung mit dem bevorstehenden Untergang. Sollte ihr Untergang am dritten Tag eintreten, so eben nicht am vierzigsten; und wenn am vierzigsten, so eben nicht am dritten. Nun gut, wenn man mit der Frage an mich kommt, ob Jonas so oder so gesagt hat, so würde ich mich eher für den hebräischen Text entscheiden, der die Lesart hat: „Vierzig Tage, und Ninive wird zugrunde gehen.“ Die viel späteren siebzig Übersetzer konnten mit ihrer abweichenden Angabe etwas anderes sagen wollen, was gleichwohl zur Sache gehört und auf den gleichen Sinn, wenn auch unter einem anderen Bild, hinausläuft und den Leser mahnt, keine der beiden Autoritäten zu verachten und sich von dem geschichtlichen Inhalt aus zur Erforschung dessen zu erheben, was der geschichtliche Vorgang bedeutet und seine Aufzeichnung bezweckt. Diese Begebenheiten haben sich ja in Ninive zwar wirklich zugetragen, aber sie haben auch etwas zu sinnbilden gehabt, was nicht in die vier Mauern dieser Stadt gebannt ist; gerade so wie sich der Prophet wirklich drei Tage im Bauche eines Ungeheuers befand und doch damit auf einen anderen hinwies, der sich in der Tiefe der Unterwelt drei Tage aufhalten sollte, auf den Herrn der Propheten. Nun sieht man mit Recht unter jener Stadt die Heidenkirche in prophetischer Weise vorgebildet, wie sie von Grund aus umgekehrt worden ist durch die Buße, so daß sie nicht mehr ist, was sie war; und weil diese Umkehr durch Christus bewirkt worden ist in der Heidenkirche, deren Sinnbild Ninive war, so ist es immer ein und derselbe Christus, der durch die Zahl der Tage bezeichnet wird, ob man von drei oder von vierzig Tagen spricht; mit den vierzig Tagen ist er gemeint, weil er diese Zahl von Tagen nach seiner Auferstehung und bis zur Himmelfahrt mit den Jüngern zubrachte, und mit den drei Tagen, weil er am dritten Tag auferstanden ist; es ist, wie wenn die siebzig Übersetzer und zugleich Propheten den Leser, der nur an dem geschichtlichen Verlauf der Begebenheit hängen bleiben möchte, vom Schlaf aufrüttelten zur Erforschung einer verborgenen Weissagung und ihm gleichsam zuriefen: „Suche hinter den vierzig Tagen einen, in welchem du auch die drei Tage zu entdecken vermagst; die eine Zeitspanne wirst du in seiner Auffahrt, die andere in seiner Auferstehung finden.“ Sonach konnte Christus, da beide Zahlen vortrefflich auf ihn passen, mit jeder davon angedeutet werden, und die eine ist durch den Propheten Jonas, die andere durch die Prophetie der siebzig Übersetzer, jedoch hier wie dort von ein und demselben Geiste angegeben worden. Ich muß alle Weitläufigkeiten meiden; sonst könnte ich zum Beweis dafür noch viele Fälle anführen, in denen die siebzig Übersetzer, wie man meint, vom hebräischen Text abweichen, während sie sich, richtig verstanden, in Übereinstimmung damit darstellen. Darum habe auch ich, in aller Bescheidenheit den Fußtapfen der Apostel folgend, die ja auch aus beiden Textüberlieferungen, aus der der Juden und aus der der Septuaginta, prophetische Zeugnisse angeführt haben, die eine wie die andere Autorität heranziehen zu dürfen geglaubt, weil es bei beiden ein und dieselbe und die göttliche ist. Doch nun weiter, zu dem, was noch zu erledigen ist.
1: Jon. 3, 4.