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Nun, als Erstes ziehe ich eine Linie von Mailand nach -Zürich, folge dabei möglichst der Bahnlinie und sorge dafür, dass sie sicher Lugano, Bellinzona und Altdorf berührt. Mailand und Zürich markiere ich mit zwei grossen schwarzen Punkten und male einen Kreis darum. Von diesen beiden Augen aus ziehe ich strahlenförmig Strichlinien: wie Blicke, die auf der einen Seite vor allem in Richtung Süden und nach Venetien gerichtet sind, auf der anderen Seite in Richtung Welschland, aber auch nach Frankreich, Deutschland und auf die Britischen Inseln. An die Gotthardlinie füge ich eine weitere Linie an, um einen Eindruck der Bewegung und des Gleichgewichts zu erzeugen. Ich denke an einen Seiltänzer, der leichtfüssig, kühn und mit eisernen Nerven über den Abgrund balanciert und dabei vermeidet, «Hilfe! Unter mir klafft ein furchtbarer Abgrund!» zu rufen, weil er weiss, dass er so ganz sicher abstürzen würde. Darum herum male ich einen schönen Sternenhimmel, und in die Sterne schreibe ich die Namen seiner Angehörigen und seiner nicht nur italienischen und nicht nur zeitgenössischen Lieblingsschriftsteller. Das ist mein Porträt von Pietro De Marchi, was meinen Sie dazu? Ich höre schon meine Tochter: Papa, man versteht nichts!
In Mailand wuchs De Marchi auf, dort studierte er und dort lebten bis vor kurzem auch seine Eltern. In Zürich, wo er seit über dreissig Jahren wohnt, setzte er seine Studien fort, gründete eine Familie und unterrichtet heute an der Universität.
De Marchis persönliche Geographie, die ich hier auf die wichtigsten Punkte reduziert habe, spiegelt sich in seinem literarischen Schaffen wider – seine Gedichte und Erzählungen sind fast immer autobiografisch, was natürlich nicht bedeutet, dass er nur über sich selbst schreibt. Wie er das Auto-biografische versteht, lässt der Satz John Bergers erahnen, den er seinem Erzählband «Ritratti levati dall’ombra» (2013) voranstellte: «Die Anzahl der Leben, die in unseres treten, ist unabsehbar.» In der vorangegangenen Gedichtsammlung, dem Band «Replica» (2006), verwendete er als Leitsatz hingegen drei -Zeilen von Jorge Luis Borges mit einer ähnlichen Aussage, aber aus der umgekehrten Perspektive: Wir träten ebenso sehr in das Leben der anderen, wie das Leben der anderen in -unseres trete.
Autobiografisches Schreiben bedeutet für De Marchi demnach eine Öffnung gegenüber anderen – einer Menschenschar, die bei der Familie beginnt und sich in Raum und Zeit so weit ausdehnt, bis sie zwar unscharf, aber immer noch präsent ist. Ein Gedicht zu diesem Thema ist beispielsweise «Il mondo» in «La carta delle arance» (2016): Anonyme Wörter und Bedeutungen, unleserlich gewordene Grabsteine, namenlose Friedhöfe, eine Unmenge von Personen und Leben, über die niemand etwas weiss, die sich gleichsam in der Welt auflösen und diese dennoch konstituieren.
Joseph Brodsky bezeichnete die uns vorausgegangene Poesie als unser Erbgut. Damit bezog er sich wohl nicht nur auf die Schriftsteller, aber im Fall von Pietro De Marchi scheint es genau so gewesen zu sein. Sein Vater war Professor für Altphilo-logie und ein neugieriger, unersättlicher…