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Ida ist sofort bereit, mir ihre Geschichte zu erzählen. Ich lerne die Vierzigjährige im provisorischen Kindergarten im Flüchtlingscamp von Balaroa kennen. Es liegt etwas erhöht am Rande der Stadt. Vor einem Monat lebten hier einige wenige Bauern. Nun befindet sich auf deren Feldern das Camp mit emsigem Treiben. Die 300 Familien, die hier leben, haben alles verloren. Sie haben keine Verwandten, bei denen sie Unterschlupf finden könnten. Sie alle kommen aus einem Quartier weiter unten in der Stadt, keine drei Kilometer entfernt. In diesem Quartier wurden über 1000 Häuser auf einem halben Quadratkilometer durch Erdverflüssigung zerstört.
Mittlerweile ist das Camp ausgerüstet mit provisorischen Toilettenhäuschen, es gibt ein Gesundheitszelt, ab und zu wird mit einem Lastwagen Wasser geliefert. Verschiedene Organisationen und auch das Militär sind vor Ort und leisten Hilfe. Für IBU, die Partnerorganisation von Caritas Schweiz bei der Nothilfe auf Sulawesi, steht nach der Erstversorgung nun die psychosoziale Betreuung der Kinder im Vordergrund. In provisorischen Kindergärten können die Kinder spielen und lernen, ihre Erlebnisse durch kindergerechte Trauma-Methoden zu verarbeiten.
«Vor der Katastrophe lebten wir Haus an Haus. Jetzt Zelt an Zelt.»
Ida nimmt ihren dreijährigen Sohn an der Hand und wir gehen zu ihrem Zelt. Schon auf dem Weg dorthin wird klar, dass Ida, wie viele der Menschen, die ich in diesen Tagen kennenlerne, ihre Herzlichkeit und ihr Lachen nicht verloren hat. Sie bittet mich in ihr Zelt: «Ich würde dir gerne Tee anbieten. Aber leider kann ich das nicht, weil ich keine Küche habe.»
Ihr Zelt besteht aus einigen Holzpfosten, über welche Plastikplanen gespannt sind. Es ist gross und sehr leer. Ida konnte nichts retten. Von den Hilfsorganisationen hat sie eine Matte, eine Decke und sonst einige wenige Gegenstände erhalten. Sie gibt zu, dass sie morgens jeweils eine Weile benötigt, um ihre Knochen nach der harten Nacht auf dem Boden wieder zu richten. Sie fürchtet sich vor der Regenzeit, die dieser Tage beginnen wird.
Ihr fünfzehnjähriger Sohn gesellt sich zu uns. Muhammed ist ein Sekundarschüler und sein Schulenglisch erlaubt es ihm, das Gespräch zu übersetzen. Aus den umliegenden Zelten kommen weitere Menschen und setzen sich zu uns. Es wird gelacht und gescherzt, trotz der schwierigen Umstände. Ida erklärt: «Wir haben hier unsere Nachbarschaft wiederaufgebaut. Vorher lebten wir Haus an Haus. Jetzt Zelt an Zelt. Der Zusammenhalt hilft uns sehr!»
Ida und ihre zwei jüngeren Söhne entkommen ganz knapp dem Unheil
Ida beginnt zu erzählen, was sich am späten Nachmittag des 28. Septembers zugetragen hat. Der dreijährige Sohn lauscht und beginnt zu weinen. Jemand nimmt ihn hoch und geht mit ihm nach draussen.
Am Abend des Erdbebens war Ida mit den zwei jüngeren der drei Söhne daheim im Haus. Der siebzehnjährige Sohn war bei Freunden. Der Vater verkauft in den Bergdörfern Kleider und war ausserhalb der Stadt unterwegs. Kurz nach 18 Uhr begann es ohne Ankündigung stark zu Beben. An den Wänden bildeten sich sofort Risse. Ida wollte mit Muhammed und dem kleinen Jungen aus dem Haus flüchten, aber die Tür war schon verklemmt. Panisch rissen sie an der Tür, bis sie so weit geöffnet war, dass sie sich durchzwängen und nach draussen kriechen konnten. Wegen der Erschütterung war es unmöglich, sich auf den Beinen zu halten. Kaum waren sie aus dem Haus, stürzte es in sich zusammen.
Rundherum versuchten ihre Nachbarn, sich in Sicherheit zu bringen. Risse sprangen in den Strassen auf. Ida beobachtete, wie ein Nachbar in einen Spalt in der Strasse stolperte, der sich sofort wieder schloss und das Bein des Nachbarn einklemmte.
Alles verloren
Die Familie schaffte es zu einem offenen Feld. Andere versuchten, in der Moschee Schutz zu suchen. Die Moschee kollabierte. In der Nacht fand Ida auf dem Feld ihren ältesten Sohn, von dem sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, ob er noch am Leben war. Sie weinten vor Erleichterung. In der Früh kehrten sie zu ihrem Haus zurück. Die Häuser in ihrer Strasse waren nicht nur vom Erdbeben zerstört, sondern in der Nacht auch noch ausgebrannt. Das Feuer wurde durch einen elektrischen Kurzschluss oder durch austretendes Gas verursacht.
In diesem Moment realisierte Ida, dass sie alles verloren hatte, alles. Ihr selbst gebautes Haus mit vorgelagertem Kiosk, mit dem sie zum Einkommen ihrer Familie beitrug. Ihr Motorrad. Ihr Geld. Ihre geerbten Wertsachen und den Familienschmuck. Da stand sie mit ihren Kindern mit nichts als den dreckigen, zerrissenen Kleidern am Leib. Sie konnte nicht einmal ihren Mann anrufen, weil sie kein Telefon mehr hatte. Ein Bankkonto mit Ersparnissen besitzen Familien aus einfachen Verhältnissen nicht. Ihre ganze materielle Existenz war vernichtet.
Das Wichtigste ist die Zukunft der Kinder
In den ersten Tagen fanden sie in der kleinen Wohnung der Grossmutter Unterschlupf, deren Wohnung unversehrt geblieben war. Ida zog dann mit dem kleinsten Sohn und ihrem Mann ins Camp. Die grösseren Kinder leben noch immer bei der Grossmutter. Der Weg vom Camp zur Schule wäre sonst zu weit. Die Schule steht zum grössten Teil noch. Die Klassen sind in den intakten Zimmern zusammengerückt und der Schulbetrieb wurde bald wieder aufgenommen. Muhammed wünscht sich eine neue Schuluniform, damit er nicht in normalen Kleidern zur Schule muss.
Gefragt nach der Zukunft zuckt Ida die Schultern. «Unser Quartier ist nun Sperrzone, es wird nie mehr bewohnbar sein.» Ida rechnet nicht damit, vom Staat neues Land und ein Haus zu erhalten. «Nun starten wir von Null.» Sie betont: «Ich will nicht hier sein. Ich will nicht abhängig sein. Es ist kein Leben. Aber ich kann nicht von hier weg, solange wir kein Geld haben. Mein Mann muss Geld verdienen. Vielleicht können wir irgendwann einmal neues Land und ein neues Haus errichten. Priorität hat aber vorerst, dass die Kinder zur Schule gehen und diese abschliessen. Ihr Leben liegt noch ganz vor ihnen. Ihnen zuliebe müssen wir an die Zukunft glauben und unsere Zuversicht bewahren.»
Text und Bilder: Ethel Grabher, Caritas Schweiz
Bild ganz oben links: Das Flüchtlingscamp von Balaroa - eines von ca. 900 solcher Camps auf Sulawesi. 27.10. 2018.
Bild oben rechts: Ida und ihre Familie leben nun in einem Zelt.
Video: Zerstörung des Hauses von Ida und ihrer Familie
Bild unten rechts: Von ihrem Hab und Gut ist ihnen nichts geblieben.
Ethels Bericht aus Sulawesi, Oktober 2018
Nach Balaroa ist Ethel Grabher ins kleine Dorf Loli Tasiburi weitergereist, wo sie die Lehrerin Mei getroffen und Kinder im «Goldenen Haus» besucht hat: