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Eine Wohltat für Herz, Körper und Geist
Dass sich Sport und körperliche Aktivität positiv auf das allgemeine Wohlbefinden und die körperliche Gesundheit auswirken, muss heute nicht mehr bewiesen werden. Die spezifischen, positiven Effekte auf die psychische Gesundheit sollten hingegen besser erklärt werden. Das ist umso wichtiger, als Störungen der psychischen Gesundheit weltweit stark verbreitet sind und Rang zwei bei Krankheiten nach Herz- und Kreislauferkrankungen belegen.
In einem 2020 veröffentlichten Dokument der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Thema körperliche Aktivität lautet die erste zentrale Botschaft: Körperliche Aktivität tut Herz, Körper und Geist gut. Ein Artikel von Gabrielle Zosso und Othman Sentissi, der 2019 in der Fachzeitschrift Swiss Archives Neurology, Psychiatry and Psychotherapy erschienen ist, verweist darauf, dass körperliche Aktivität Symptome von Depressionen, Psychosen und Angststörungen mildern kann und dazu beiträgt, das allgemeine Wohlbefinden und soziale Kompetenzen zu verbessern. Zudem wirkt sie sich positiv auf die Neuroplastizität und damit auf das Gedächtnis und die Lernfähigkeiten aus. Die Effekte können präventiv sein, insbesondere bei Depressionen oder zur Stressbewältigung, aber auch therapeutisch.
In einem Artikel von 2021 im Swiss Medical Forum zeigen Emanuel Brunner und Kolleginnen auf, dass körperliche Aktivität neben Psycho- und Pharmakotherapie eine wirksame Behandlungsoption bei psychischen Erkrankungen darstellt. Standardisierten Messungen zufolge hat sie wichtige antidepressive Effekte sowie eine moderate angstlösende Wirkung. Wer den Empfehlungen der WHO nachkommt und 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche betreibt, hat ein um 22 beziehungsweise 28 Prozent reduziertes Risiko, eine Depression oder eine Angststörung zu entwickeln. Die französische Gesundheitsbehörde HAS kommt in einer Studie von 2019 zum selben Schluss. Dort heisst es auch, dass die Effekte der körperlichen Aktivität bei leichten bis moderaten Depressionen besser und nachhaltiger sein können als eine Psychotherapie. Kommt noch hinzu, dass die Rückfallquote bei Depressionen niedriger ist, wenn eine Trainingstherapie angeboten wurde. Psychische Gesundheit ist ein Kontinuum, das von optimal bis weniger gut reicht. Emmanuel Poirel erläutert dieses 2017 in der Fachzeitschrift Santé mentale au Québec und betont, körperliche Aktivität sei dem allgemeinen Wohlbefinden zuträglich, weil sie die Verwirklichung unseres vollen Potenzials fördere und die psychischen Ressourcen stärke, die uns helfen, den normalen Schwierigkeiten des Lebens zu begegnen.
Körperlich aktiv zu sein heisst, in Bewegung zu sein. Das kann in Form von Sport geschehen, aber auch im Alltag (Haushalt, Gartenarbeit, Treppensteigen), unterwegs (zu Fuss, mit dem Fahrrad), im Beruf (bewegtes Büro) und in der Freizeit. Zudem sollten wir maximal 45 bis 60 Minuten am Stück im Sitzen verbringen, unabhängig davon, welche körperlichen Aktivitäten wir ausüben. Menschen mit psychischen Problemen wie Depression, Angststörungen, Burnout oder übermässigem Stress tendieren jedoch stärker dazu, sich zurückzuziehen und zu Hause zu bleiben, wenn sie nicht professionell dabei unterstützt werden, in Bewegung zu kommen. Körperliche Aktivität sollte also angeregt oder verschrieben und selbstverständlich begleitet und unterstützt werden.
Verschreibung durch Fachleute
Trotz überzeugender Vorteile einer Trainingstherapie wird diese nicht oft genug verschrieben. In der Schweiz wird körperliche Aktivität häufig noch nicht als selbstverständlicher Bestandteil einer Behandlung auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit angesehen. Damit sich diese Lage bessert, müssen Fachleute mit Information versorgt werden. Wichtig ist auch, das Bewusstsein in der Bevölkerung für diese positiven Wirkungen und somit für den Zusammenhang zwischen seelischem Wohlbefinden und körperlicher Aktivität zu schärfen. Es gibt Bewegungsempfehlungen für jede Altersgruppe, die von den Schweizer Behörden verbreitet werden und auf der Website des Bundesamts für Gesundheit (BAG) nachzulesen sind. Unterlagen für Fachleute, Patienten und Patientinnen, darunter auch eine Vorlage für ein Bewegungsrezept, stehen auf der Website www.paprica.ch zum Download bereit.
Mathieu Saubade, Sportarzt und Bewegungstherapeut am Universitätsspital Lausanne (Chuv) und bei Unisanté, verschreibt Bewegung seit Jahren bei chronischen Erkrankungen, die in den meisten Fällen mit einem depressiven Zustand einhergehen. In einem Interview mit uns hat er erklärt, wem, warum und wie er Bewegung verschreibt (Anm. der Red.: Das vollständige Interview findet sich auf der Plattform www.psychodusport.ch). Mathieu Saubade ist überzeugt, dass «Bewegung die beste Medizin überhaupt» ist, mit langfristigen Effekten. Wie er hinzufügt, gehört Bewegung zum Grundsatz der allgemeinen Gesundheit, genau wie Ernährung, Stressmanagement und Schlaf.
Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass Bewegung dort immer öfter verschrieben zu werden scheint, um die Genesung bestimmter körperlicher und psychischer Krankheiten zu fördern. Die französische Gesundheitsbehörde HAS hat 2019 einen Leitfaden zur Förderung, Beratung und Verschreibung von körperlicher Aktivität und Sport für die Gesundheit herausgegeben, den Guide de promotion, consultation et prescription médicale d’activité physique et sportive pour la santé. Der Leitfaden umfasst die erforderlichen Schritte für eine ärztliche Verschreibung und für Massnahmen, die Patientinnen und Patienten helfen sollen, sich mehr zu bewegen. Ein weiteres Dokument ergänzt den Leitfaden spezifisch zum Thema Depression. In Kanada fördert das bereits 2007 vom American College of Sport Medicine ins Leben gerufene Programm «Exercise is medicine» die ärztliche Verschreibung von Bewegung. Der Quebecer Verband für Sportmedizin und Bewegung (AQMSE) hat seinerseits eine Rezeptvorlage erstellt, die von der Website des Verbands heruntergeladen werden kann.
Damit die Empfehlung oder Verschreibung Wirkung zeigt, ist darüber hinaus wichtig, dass die Fachleute im Gesundheitswesen selbst von den positiven Effekten überzeugt sind. In einem 2020 in den Cahiers du savoir erschienenen Artikel erklärt Paquito Bernard, dass Fachleute im Gesundheitswesen, die selbst körperliche oder sportliche Aktivitäten ausführen, überzeugender sind und eher dazu tendieren, eine sportliche Betätigung als Teil der Behandlung anzuregen.
Patientinnen und Patienten unterstützen
Körperliche Aktivität zum integralen Bestandteil des Lebensstils von Patientinnen und Patienten zu machen, erfordert fachübergreifende Zusammenarbeit von Ärztinnen, Psychologen, Physiotherapeutinnen und sonstigen Fachleuten im Gesundheitswesen. Die Veränderung von Gewohnheiten erfolgt durch einen Veränderungsprozess, der von vielen Variablen abhängt, wie der Motivation, eigenen Werten, Zielen und Coping-Strategien, dem individuellen Unterstützungsnetz sowie der jeweiligen Persönlichkeit. Um seine Patientinnen und Patienten und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen, nimmt Mathieu Saubade erst die Anamnese auf, macht sich ein Bild von den jeweiligen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und führt eine klinische Untersuchung durch. Dann hilft er Patientinnen und Patienten, selbst die Aktivität zu finden, die zur Gewohnheit werden soll, statt diese von sich aus festzulegen.
Das Transtheoretische Veränderungsmodell der Psychologen James O. Prochaska und Carlo C. Di Clemente kann helfen zu ermitteln, in welcher Phase der Veränderung sich Patientinnen und Patienten jeweils befinden. Techniken der motivierenden Gesprächsführung ermöglichen eine Begleitung hin zu einer nachhaltigen Veränderung von Gewohnheiten. So geht Mathieu Saubade bei seinen Patientinnen und Patienten vor. Seine eigene Einstellung trage massgeblich dazu bei, ob eine Veränderung angegangen wird oder nicht; den Menschen müsse die Möglichkeit gegeben werden, im Jetzt aktiv zu werden. Er arbeitet mit Handlungs- und Ergebniszielen, passt sich dem Tempo im Einzelfall an, versucht herauszufinden, was Freude bereitet, und durchbricht Gewohnheiten, um eine Veränderung hervorzurufen. Er betont auch, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema gut auszukennen, und fügt an, dass die körperlichen Aktivitäten der jeweiligen Person und ihrem Krankheitsbild angepasst sein müssen.
Die nebenstehende Grafik (Siehe PDF) orientiert sich am Modell von James O. Prochaska und Carlo C. Di Clemente. Sie soll psychologischen Fachleuten helfen zu ermitteln, in welcher Phase sich die jeweilige Person befindet und was benötigt wird, um mehr Bewegung in ihren Alltag einzubauen. Ziel ist, eine Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft in Bezug auf Motivierung, Zielsetzungen und Gewohnheitsänderungen zu ermöglichen.
Die Autorinnen
Laurence Chappuis ist Sportpsychologin, Psychotherapeutin und Mentaltrainerin. Sie arbeitet am Chuv im Centre SportAdo und in privater Praxis in Lausanne.
Mélanie Hindi ist Sportpsychologin und Mentaltrainerin. Sie arbeitet am Hôpital de la Tour in Meyrin und in privater Praxis in Lausanne.
Maayke van der Pluijm ist Sportpsychologin und Mentaltrainerin. Sie arbeitet im Kenzen Centre in Nyon und in privater Praxis in Lausanne.
Die drei Verfasserinnen sind Mitgründerinnen der Plattform Psycho&Sport.
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