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Stella* ist sechs Monate alt. Das quicklebendige Mädchen kann noch nicht sprechen, aber sie verfolgt ihre Umgebung mit grossem Interesse. Ihre Mutter und ihren Vater kennt sie bereits genau. Sie weiss auch, was die beiden tun. Ihre täglichen Handgriffe sind ihr vertraut. So wird zum Beispiel das Tellerchen auf den Tisch gestellt, eine Banane wird mit der Gabel zerdrückt, das Lätzchen wird umgebunden, ein Löffel dazu gelegt. Alles wird täglich nach einem bestimmten Muster durchgespielt.
Doch was passiert, wenn die Mutter diese Abläufe ändert und zuerst die Banane auf dem Tisch zerdrückt, dann den Löffel hinlegt und zum Schluss den Teller auf den Brei stellt? Stella nimmt diese Veränderungen wahr, das zeigt die Gehirnaktivität in ihrem vorderen Kortex.
Reaktion auf Störung im Handlungsablauf
Laura Maffongelli, Katharina Antognini und Moritz Daum vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters haben untersucht, ob alle Kinder – so wie Stella – bereits im Alter von sechs bis sieben Monaten Veränderungen in Handlungssequenzen erkennen können und darauf reagieren.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Forschenden konnten mit ihrer Studie zeigen, dass Babys auf eine Manipulation der Reihenfolge einer Handlungssequenz ähnlich reagieren wie man es aus der Sprachforschung mit älteren Kindern oder Erwachsenen kennt. Den Babys wurden Fotos gezeigt, die eine normale Handlungsabfolge in kleinen Schritten wiedergaben.
Dabei wurden die Bilder entweder in korrekter Reihenfolge gezeigt, oder zwei Bilder wurden vertauscht, so dass die Handlung eigentlich nicht mehr zum Ziel führen konnte. Sprachlich können die Kleinen sich noch nicht ausdrücken, doch ihre Gehirnaktivität zeigt, dass sie wissen, was „richtig“ wäre. Die erstaunlichen Ergebnisse wurden Mitte Juni in der Fachzeitschrift «Developmental Science», veröffentlicht.
Die Gehirnaktivität der Babys haben die Forschenden mit Elektroenzephalographie (EEG) gemessen. «Die Resultate zeigen eindeutig, dass die Babys die Veränderung der Handlungssequenz wahrnahmen», sagt Professor Moritz Daum. Interessant sei, dass das Aktivitätsmuster im Gehirn der Säuglinge bereits jenem der Erwachsenen ähnelt.
Visuelles Begreifen
Daums Forschungsgebiet kreist um die sozial-kognitive Entwicklung insbesondere in Bezug auf die Interaktion von verbaler und nicht-verbaler Kommunikation. Besonders interessant an der Studie seien die Rückschlüsse, die sich auf die Sprachentwicklung ziehen lassen. «Sprachentwicklung und sozial-kognitive Entwicklung stehen in Interaktion», sagt Daum, und fährt fort: «Wenn kleine Kinder, die das Geschehen noch nicht mit Worten benennen können, Handlungsmuster erkennen, zeigt dies, dass Säuglinge strukturelle Gesetzmässigkeiten visuell erfassen.».
«Ab etwa einem Jahr können Kinder die Welt in Worte fassen und zum Beispiel das gelbe, längliche, gut schmeckende Objekt als Banane bezeichnen. Das können Kleinkinder mit sechs Monaten noch nicht.» Die Frage ist: Wie und wann fängt das nicht-verbale Interpretationssystem mit dem verbalen Interpretationssystem an zu interagieren? An diesen spannenden Forschungsfragen wird Moritz Daum weiter arbeiten.
*Name geändert
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