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"L'essence est née de l'érosion des mots", ein Wortspiel von Jean Baudrillard auf Amerika gemünzt, steht am Anfang dieser anregenden Lektüre eines Newcomers aus Bordeaux. Im Französischen kann "essence" nämlich sowohl "Sinn" als auch "Benzin" bedeuten. An beidem ist unser Tankwart in jedem Fall nahe dran.
Alexandre Labruffe, der in Paris schon zahlreiche künstlerische Projekte, vor allem am Theater und fürs Kino realisiert hat, zeigt in seinem ersten Roman "Erkenntnisse eines Tankwarts", wie nahe ein Tankwart am eigentlichen Weltgeschehen dran ist. Denn tatsächlich dreht sich in unserem heutigen Leben in der moderne alles ums Benzin oder um die Essenz, je nachdem.
Sein Protagonist Beauvoire ist aber nicht nur Tankwart, er ist auch Soziologe und Philosoph, Detektiv und gar Rebell, vor allem aber ein guter Beobachter. Nebenher lässt er amerikanische B-Movies laufen und beschäftigt sich auch mit Lesen, träumt im flackernden Schein der Neonröhren von Amerika, telefoniert mit seinem Freund Ray auf Malta, spielt Dame mit Nietzland und wartet auf die Ablösung durch Jean Pol. Beauvoire spricht eines Tages endlich die verführerische japanische Stammkundin an und lehnt sich gegen seinen Chef auf, indem er wilde Ausstellungen im Verkaufsraum organisiert. In China sei die Zahl 5 die Zahl des Wu, des Nichts, der Leere, Anfang und Ende aller Dinge. 5 sei die Zahl des Nicht-Handelns, des Nicht-Seins, des Tankwarts, lässt Labruffe ihn denken, während Mad Max über den Bildschirm flackert. Aber die Tankstelle als Nicht-Ort ist auch ein Ort des anonymen Konsums, ein "Sprungbrett aller Instinkte", er verkaufe im Grunde ein bestimmtes Weltbild, dämmert ihm bald, "eine Welt komplett an der Nadel" und der wichtigste Dealer dabei ist er selbst. Das Fundament der modernen Gesellschaft: die Tankstelle.
189 Eintragungen sind es, die Beauvoire festhält. Am Ende werden aus den Zahlen Buchstaben und es reicht von A-I. Seine Beobachtungen sind ebenso demokratisch wie die Tankstelle selbst, denn hier, am Rande von Paris, im Niemandsland, sind alle gleich. Die Porschefahrer ebenso wie die R4 brauchen ihn, den Tankwart. Aber als er seinen USB aus Versehen einem Obdachlosen spendet, braucht auch er die Welt und schaltet eine Annonce zur Wiederauffindung seines USB. Schon immer fand Beauvoire die Filme mit Louis de Funès wahnsinnig traurig, noch trauriger sei nur der erste Superman von Richard Donner, 1978: "Es gibt nichts Unerträglicheres als Superman-Melancholie, seine verzweifelte Einsamkeit. Seine nutzlose Ewigkeit." Der Beton ist dem Gebäude, was die Seele dem Menschen ist, lautet eine der letzten Eintragungen. Doch dann tritt auch in das Leben des Tankwarts eine große Veränderung. Die Liebe ist bei ihm keine Fiktion, sondern eher eine Science-Fiction, französisch ausgesprochen. Ein herrlicher Roman, der die herkömmliche Auffassung dieses Genres sprengt und gleichzeitig äußerst unterhaltsam ist. Die Sommerlektüre schlechthin.