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Bücherräumereien (V): Eine gelegentliche Rubrik aus dem bücherraum f
Jetzt ist die «neutralität» beinahe vollständig. Aus dem Nachlass eines befreundeten Ehepaars besass der bücherraum f bislang ein Set, in dem etwelche Nummern fehlten, quer durch die Jahrgänge hindurch. Nun haben wir verdankenswerterweise ein umfangreicheres Set aus «Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte» bekommen. Die Bestände aus dem unvergleichlichen Panoptikum suchen ja gegenwärtig einen neuen Platz in verschiedenen Bibliotheken und Archiven. Im bücherraum f beginnt die «neutralität» jetzt also mit der Nummer 1 aus dem Juli 1963, und alle Hefte sind in schönen Schubern untergebracht, handgefertigt von der Familie Gretler. Nur, mäkelt eine Kollegin, die beim Einordnen hilft und aus einem Druckereibetrieb stammt, die Zeitschrift selbst ist unregelmässig beschnitten, zuweilen einen Millimeter höher, und das mindert gelegentlich den optischen Eindruck, wenn man die Hefte vor sich ausbreitet. Lässliche Sünde.
Die «neutralität» wurde 1963 vom damals 24-jährigen Paul Ignaz Vogel als «kritische schweizer zeitschrift für kultur und politik» gegründet. Gegen die verhockte Lage im Kalten Krieg und die fraglose Einordnung der Schweiz ins antikommunistische Lager bringt Vogel vier Stichworte in Anschlag: «gesunder menschenverstand», «toleranz», «demokratie und neutralität» sowie «internationaler Horizont». In der ersten Nummer heisst ein Beitrag etwa: «kann man mit den russen sprechen?», geschrieben von Erich Müller-Gangloff, Leiter der evangelischen Akademie in Berlin – die Titel der Zeitschrift setzt Vogel jeweils in konsequenter Kleinschreibung, während die Artikel in normaler Orthografie daherkommen. Daneben wird ein Bericht über Probleme beim Aufbau des jungen algerischen Staats abgedruckt oder einer über «das negerproblem in den usa». Die Neutralität der «neutralität» ist zuweilen noch unsicher. Ein Beitrag eines indischen Politologen über «die zukunftsaussichten des kommunismus in südasien» analysiert scharfsinnig die «Stalinisierung» der chinesischen Kommunisten, die nationales und soziales Interesse kurzschlössen, beklagt aber, kurz vor der US-Intervention in Vietnam, die Neutralität des USA und fordert, wohl aus indischer Sicht, ein schärferes Vorgehen gegen China. Vogel druckt auch Beispiele bildender Kunst ab und installiert einen «Jazzcorner», in dem Musiker wie John Coltrane, Sonny Rollins und Pierre Favre auf ihre innovative Kraft abgehorcht werden.
Bereits in Nummer 2 kommt Arnold Künzli zu Wort, der bald regelmässiger Mitarbeiter wird. In Nummer 3 gibt es ein Interview mit dem «Chefideologen» der Schweizer Kommunisten, Konrad Farner, insbesondere zu China. Und einen «brief an einen freund jenseits der grenze» von Heinrich Böll. Den zweiten Jahrgang Mitte 1964 nimmt man immer noch in beengten finanziellen Verhältnissen aber doch guten Mutes in Angriff, denn es geht aufwärts, und schon bald kann die «neutralität» auf die wichtigsten Autoren aus der Schweiz zählen.
Die «neutralität» wird zu einem Organ des Nonkonformismus. Diese lose Bewegung ist von Fredi Lerch in seinem Buch «Muellers Weg ins Paradies. Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre» (Rotpunktverlag 2001) umfassend aufgearbeitet worden; auch es steht im bücherraum f. Neben jüngeren Autoren äussern sich auch Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt; in einem Heft von 1966 finden sich zum Beispiel ökumenisch Karl Jaspers und Sergius Golowin nebeneinander. Die Zeitschrift geht zahlreiche Tabuthemen an: die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die Armee, eidgenössischer Waffenhandel, Vietnam, Fremdarbeiter, der Jurakonflikt. Im Maiheft 1968 werden 55 «freie Mitarbeiter» aufgelistet: ein Who is Who der schweizerischen (und ein wenig der deutschen) Kulturszene – allerdings ist eine einzige Frau vertreten. 1969 legt sich Vogel mit Bundesrat Ludwig von Moos an. Er wirft diesem vor, er sei in den 1930er-Jahren dem völkischen Antisemitismus nahe gestanden, und fordert seinen Rücktritt, was Vogel im politischen Establishment endgültig zur persona non grata macht, Später stellt sich heraus, dass er seit 1962 fichiert worden war.
Kurz vor und im Gefolge von 68 wird die alternative Presselandschaft vielfältiger, verfestigt sich allerdings parteipolitisch. Paul Ignaz Vogel versucht ab 1970 eine Zusammenarbeit mit der SP, zugleich mit der 1968 gegründeten Literaturzeitschrift «drehpunkt». Das Experiment mit der SP scheitert bald; der «drehpunkt» setzt sich seinerseits ab, während die «neutralität» ins finanzielle Trudeln gerät und im November 1974 eingestellt wird.
Für das geistige und politische Klima der sechziger Jahre bleibt sie ein unverzichtbares Dokument. In die kleinen, handlichen Hefte kann man sich jetzt im bücherraum f vertiefen. In beinahe alle. Es fehlen weiterhin zehn Nummern, je eine aus dem ersten und dem sechsten Jahrgang, und ein paar gegen Schluss, als die «neutralität» ihre Dringlichkeit verlor. In einem im Internet zum Kauf angebotenen Konvolut fehlen jene beiden Nummern aus den früheren Jahren ebenfalls. Diese Spurensuche geht also weiter.
sh
Die «neutralität» befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum im Buchgestell rechts unter dem Sigel Z (Zeitschriften).