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«Bei erster Gelegenheit wünsche zu erhalten»
Briefgeschichten Ein Oltner Buchhändler bestellt Fachliteratur beim Aarauer Verlag Sauerländer.
Von: Urs Amacher
Wenn wir eine Rechnung oder einen Brief per Post versenden, stecken wir das Blatt Papier in ein Kuvert. Dabei ist die Erfindung des Briefumschlags noch gar nicht so alt. Zudem ist es sprachlich bemerkenswert. Das Wort «Kuvert» ist eine deutsche Schreibweise des französischen «couvert», abgeleitet vom Verb «couvrir» für bedecken. In Frankreich bezeichnet ein «couvert» jedoch das Gedeck, also das Besteck auf dem Wirtshaustisch. Und unser Briefkuvert heisst dort «enveloppe».
Auch das Wort «Brief» hat sich auf seinem Weg durch die Zeit verändert und verästelt. Am Anfang steht das lateinische Eigenschaftswort «brevis» für «kurz». Eine «littera brevis» war zuerst eine kurze schriftliche Festlegung, eine einfache Urkunde. Und diese Bedeutung blieb erhalten im Brevet als Ernennungsurkunde, im Bundesbrief, im Schuld- und Gesellenbrief oder in der Redewendung «etwas mit Brief und Siegel», mit Garantie, geben. Aus dieser Urkunde bildete sich über den Erlass schliesslich der Brief als Sendschreiben allgemein.
Vorformen des Couverts gab es schon im 17. Jahrhundert, als man den eigentlichen Brief mit einem zweiten Blatt Papier schützte. Doch eine kommerzielle Herstellung von Briefumschlägen erfolgte erst ab 1820 in England.
Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet man noch eine weitere Bedeutung des Wortes Brief, nämlich «zusammengelegtes papier, kleines paket, tüte». Tatsächlich erhalten wir zum Café crème ein Briefli Zucker und auf Wunsch ein Zündholzbriefchen. Und damit schlagen wir den Bogen zum vorliegenden Brief.
Er besteht aus einem rechteckigen Stück Papier, das zuerst links und rechts und anschliessend unten und oben nach innen gefaltet ist. Dieses Päckchen wurde mit einem Prägestempel «IM» versiegelt und auf der Vorderseite von Hand mit der Adresse des Empfängers beschriftet. Adressat ist Herrn H. R. Sauerländer, Buchhändler in Aarau. Unterzeichner des Schreibens ist Jacob Michel, Buchhändler, der den Brief, eine Bestellung, am 2. August 1839 abschickte.
Buchhandlung an der Hauptgasse 23
Jacob Michel führte die erste Buchhandlung in Olten. Sein Laden befand sich im Haus Hauptgasse 23. Er hatte zwei Söhne, von denen Johann Alfred Michel (1835–1886), der ältere, ebenfalls Buchhändler wurde, sich aber auch als Verleger betätigte. August Michel (1837–1904) gründete eine Buchdruckerdynastie. Jacob Michel verstarb bereits im Jahre 1850.
Der Inhalt des Briefes ist banal. Jacob Michel bestellte Bücher: «Bei erster Gelegenheit wünsche zu erhalten: 1 Exemplar ‹Elemente der technischen Chemie›, von Ernst Ludwig Schubart. Berlin: 2 Bde. 1 Exemplar Jöns Jacob Berzelius, ‹Lehrbuch der Chemie›: 8 Bde. Leipzig; ferner erwarte die früher bestellte ‹Encyclopädie für Kaufleute und Fabrikanten›. In welcher Erwartung Sie freundschaftlich grüsst, Jacob Michel».
Es handelte sich also ausnahmslos um Fachliteratur, um nicht zu sagen Standardwerke mit der neuesten Forschung. Der Adressat, Heinrich Remigius Sauerländer, ein Immigrant aus Frankfurt, eröffnete 1803 in Aarau eine Buchhandlung mit Buchdruckerei und Zeitschriftenverlag. Damit legte er den Grundstein für einen der bedeutendsten Schweizer Verlage, der bis 2001 selbständig blieb.