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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Der Originaltitel des französischen Films von Stéphane Brizé heisst: „Je ne suis pas là pour être aimé“ („Man muss mich nicht lieben“). Der Streifen wurde erstmals im Juni 2007 in London gezeigt, obschon er aus dem Jahr 2005 stammt. Ich sah ihn mir am letzten Tag, an der letzten Abendvorstellung im Chelsea in London an, zusammen mit Lily. Ich streife hier den Verlauf dieses psychologisch verwickelten Films:
Mit müden, schleppenden Schritten besteigt der Schuldeneintreiber die Treppen einer Mietskaserne und händigt das amtliche Dokument an die Mieterin im obersten Stock aus. Das beschnauzte Gesicht des hageren Manns von 51 Jahren ist zerfurcht und ausdruckslos. Er gleicht einem Leichenbestatter. Er hat dieses verpönte Geschäft von seinem Vater übernommen. Viele Treppen hat er im gleichen Alltagstrott erklommen. Wie viele Beschimpfungen musste er einstecken, wenn er Schulden eintrieb oder Enteignungen einleitete? Das ist er gewohnt, ist Teil seines Geschäfts. Als Beobachter beschatte ich ihn, den wortkargen, verkrusteten Jean-Claude Delsart. Es fällt mir schwer, ihn zu bedauern. Jean-Claude ist geschieden und hat eben damit begonnen, seinen Sohn ins Geschäft einzuführen. Im Beisein seiner Sekretärin entkorkt er eine Flasche Champagner zum Wohl seines Sohns. Er hat ihm nichts zu sagen und verweist ihn nach langer Verlegenheitspause in die Abstellkammer für die Schulddokumente, mit dem Hinweis, sie zu ordnen, ehe er ihm den Rücken kehrt. Abends nach dem eintönigen Arbeitstag erklimmt er ermattet die Treppen zu seinem Logis.
Der Arzt hatte ihm angeraten, etwas Sport zu betreiben, um seinen geschwächten Kreislauf zu stärken. Einst hatte er wacker Tennis gespielt und dabei viele Trophäen gewonnen. Tennis aber kommt für ihn nicht mehr in Frage. Was soll es sein: Velofahren oder Gymnastik? Tangomusik lockt ihn ans Fenster seines Büros. Im Gebäude gegenüber ist Betrieb in einer Tanzschule: Tango wird dort eingeübt. Jean-Claude verfolgt den Unterricht durchs offene Fenster, strafft seine Schultern und versucht ungelenk, einige der Tango-Schritte, sogar einen Dreh, auf der knarrenden Diele.
Jean-Claude nimmt am Tanzkurs teil und übt die kniffligen Schritte mit starrem Ausdruck. Er wechselt die Tanzpartnerinnen teilnahmslos. Sie sind ihm bloss Randfiguren, die seinen Kreislauf fördern. Das Drehbuch wollte es, dass ihn Françoise schliesslich zu ihrem bevorzugten Tanzpartner erwählt, sehr zum Neid eines anderen Tänzers, der sich vergeblich um Françoise bemühte. Sie speist ihn mit dem Hinweis ab, dass sie verlobt sei und demnächst heiraten werde. Es ist eine Kaprize des Lebens, die der Komik selten entbehrt, wenn sich ein so ungleiches Paar wie Jean-Claude und Françoise findet. Kaum feststellbar taut Jean-Claudes erfrorenes Gemüt auf – ähnlich wie im ebenfalls fesselnden Film „Das Leben der Anderen“ – aufgedeckt (siehe Blog vom 13.5.07).
Der von seinem Vater eingeschüchterte Sohn will seinen Abschied vom Geschäft einreichen, aber es ist wie verhext: Trotz seiner wohlvorbereiteten Rede gelingt es ihm nicht, dies seinem Vater ins Gesicht zu sagen. Er verheddert sich und bittet ihn stattdessen um Erlaubnis, einen Teil seiner Sammlung von Topfpflanzen in der Abstellkammer unterzubringen.
Jeden Sonntag besuchte Jean-Claude pflichtbewusst seinen eigenen Vater im Altersheim zum Kartenspiel und erduldet dabei dessen Schmähungen und Tobsuchtsanfälle. Er ist ja an derartige Ausbrüche als Schuldeneintreiber gewöhnt. Aber einen Heidenzorn packt Jean-Claude dennoch, nachdem sein Vater ihm grobschlächtig gesagt hat, dass er den alten Plunder – die Tennistrophäen – einfach fortgeschmissen habe. Jean-Claude ist wieder einer Gefühlsregung fähig. Sogar Jean-Claudes eigener Sohn erfuhr dies, als er ihm eines Tages sagte: „Diese Arbeit ist nichts für dich. Du gehst besser mit Pflanzen um.“ Der Sohn umarmte ihn erlöst und verliess stracks seinen verhassten Arbeitsplatz.
Jean-Claude beschloss, Françoise zu beschenken, und lässt sich in einer Parfümerie beraten. Er beschnuppert allerlei Parfums, bis er eines findet, das zu ihr passen könnte. „Und wie heisst es?“ fragt er die Verkäuferin. „Passion Intense“, antwortet sie. Er wählte zuletzt ein Parfum mit einem weniger verfänglichen Namen. Alles ist nach der Tanzstunde bestens bestellt. Draussen will er ihr sein Geschenk überreichen. Doch der abgeblitzte Neidhammel gesellt sich zu ihnen im Lift und fragt Françoise mit böswilliger Absicht, wann sie heiraten werde. Jean-Claudes Gefühl für Françoise zerstiebt schlagartig, und ihr Erklärungsversuch kommt zu spät und prallt wirkungslos an ihm ab. Klipp und klar gibt er ihr zu verstehen, dass er sie nie mehr sehen wolle.
Im Altersheim ist sein Vater gestorben. Jean-Claude sammelt die Kleidungsstücke und faltet sie ordentlich in den Koffer. Ehe er das Zimmer verlässt, bemerkt er den verschlossenen Schrank. In der Kitteltasche seines Vaters findet er den Schlüssel. Im Schrank liegen, auf Hochglanz poliert, alle Trophäen aneinander gereiht …
Verlassen steht er am Fenster seines Büros und ihr Bild erscheint ihm: Sie lächelte ihm zu, und er will auf sie zugehen. Zu spät.
Hinweis auf weitere Blogs mit Bezug zum Thema Film
23.06.2005: Stimmfilmcabaret in Zürich: „Doppellaut zu dritt“