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Unberührte Wälder, tiefe Schluchten und reissende Flüsse: In den Südwest-Karpaten in Rumänien befinden sich einige der letzten Wildnisgebiete Europas, wo natürliche Prozesse weitgehend ohne menschlichen Einfluss ablaufen. Meist liegen diese Gebiete in bereits bestehenden Naturschutzgebieten. Derzeit gibt es Pläne, die Wildnisgebiete unter besonderen Schutz zu stellen. Dazu braucht es aber die Akzeptanz und die Unterstützung der Bevölkerung. Was hat sie für eine Einstellung zur Wildnis? Und was hält sie von den bestehenden Naturschutzgebieten in ihrer Region? Im Rahmen eines WWF-Projekts führte die WSL in fünf rumänischen Naturschutzgebieten zwei Umfragen durch. Eine fand 2014 statt, die andere 2016 nach einer
Informationskampagne des WWF Rumänien mit Dokumentarfilmen, Workshops vor Ort und Flyern zum Thema Wildnis und deren Schutz.
Ursprünglich plante Nicole Bauer, Leiterin der WSL-Untersuchung in Rumänien, die Befragungen schriftlich per Post durchzuführen. «Uns wurde schnell abgeraten. Entweder gibt es keinen Postdienst in diesen Regionen, oder man kann sich nicht auf ihn verlassen», sagt sie. Zudem sind viele ältere Leute wenig geübt im Lesen und Schreiben. Der WWF Rumänien organisierte deshalb Sozialwissenschafter aus Rumänien, die in die entlegenen Gebiete reisten und die Interviews vor Ort durchführten.
Wilde Natur ist erwünscht
Die Befragten lassen sich in zwei Gruppen einteilen: die «modernen Naturfreunde», die der Natur ihren freien Lauf lassen möchten, und die «traditionellen Naturnutzer», die oft Land besitzen und für ihr Einkommen von der Natur abhängen. Beide Gruppen hatten bereits vor der WWF-Kampagne eine positive Einstellung zur Wildnis: Sie verbinden damit Gefühle der Freude, Freiheit oder Faszination. Beide Gruppen würden jedoch Beweidung zulassen, befürworten Windturbinen und wünschen sich mehr Infrastruktur wie Strassen in der Wildnis. Zu einem ähnlichen Resultat kam eine Umfrage, die die WSL vor mehr als 10 Jahren in der Schweiz durchgeführt hatte. Auch hier hatten die Befragten eine positive Einstellung zur Wildnis, wünschten sich darin aber mehr Infrastruktur in Form von Sitzbänken und Abfallkübeln.
Geht es um die bestehenden Naturschutzgebiete, unterscheiden sich die beiden Gruppen. Die «modernen Naturfreunde» bewerten sie wesentlich positiver als die andere Gruppe und sehen in ihnen einen grösseren Nutzen für die touristische und wirtschaftliche Entwicklung der Region. Die «traditionellen Naturnutzer» verbinden die Schutzgebiete eher mit Einschränkungen im täglichen Leben.
Offene Kommunikation ist wichtig
Ein direkter Vergleich vor und nach der WWF-Kampagne ist nicht möglich, da nicht die gleichen Personen zweimal befragt werden konnten. Die Teilnehmenden der zweiten Umfrage sind aber auch positiv gegenüber der Wildnis eingestellt. Sie sehen in den Schutzgebieten zudem eher einen Vorteil als die zwei Jahre zuvor Befragten. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den fünf Regionen: Die Auswirkungen des jeweiligen Schutzgebiets auf das tägliche Leben werden unterschiedlich bewertet, und die Befragten der fünf Regionen fühlen sich unterschiedlich gut über den jeweiligen Park und die Massnahmen der Parkverwaltung informiert. Dies zeigt, dass die Entstehungsgeschichte eines Schutzgebiets und die Kommunikationsmassnahmen vor Ort einen grossen Einfluss auf die Akzeptanz der Bevölkerung haben.
Die Empfehlungen, die die Forschenden aufgrund ihrer Befragungen in Rumänien abgeben, sind aus der Schweiz bekannt: Sollen neue Schutzgebiete eingerichtet werden, muss die betroffene Bevölkerung von Anfang an miteinbezogen werden. Entscheidend ist, dass mögliche Einschränkungen durch das neue Schutzgebiet klar kommuniziert werden. Doch das ist keine Garantie für Akzeptanz: Im Falle des geplanten Parc Adula, des zweiten Schweizer Nationalparks, hätten bei der Abstimmung im November 2016 mindestens 13 von 17 Gemeinden das Projekt annehmen müssen – es waren aber nur neun. Trotz gegenteiliger Beteuerung der Parkpromotoren überwog die Sorge vor Einschränkungen. In einer Umfrage der WSL 2013 gab knapp die Hälfte der Befragten an, dass sie das neue Nationalparkprojekt befürworten. (Lisa Bose, Diagonal 1/17)