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Als Uwe Schlupp, der Creative Director der Werbeagentur Publicis beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich, eines Morgens kurz vor Weihnachten 2002 zur Arbeit kommt, staunt er. An der Eingangstür zur Agentur hängt etwas, das fast so aussieht wie das «Bugsy»-Plakat, das die Agentur letzthin für Swisscom gemacht hatte. Das Original zeigte den Rumpf eines Metzgers hinter einem Tisch mit grobem Holzbrett, die rechte Hand hielt ein Metzgermesser, die linke im Nacken gepackt das Kaninchen «Bugsy». Darüber gross: «Metzgen oder freilassen?», darunter eine Aufforderung zur Abstimmung per SMS.
Und nun hängt eine professionell ausgeführte Parodie an der Tür: Metzgerrumpf, Tisch, Brett und rechte Hand mit Messer wie auf dem Original. Aber die linke drückt den Nacken einer jungen Frau auf das Holzbrett, die mit grossen fragenden Augen auf den Betrachter blickt. Darüber gross: «Grafikerlehrstelle oder nicht?», darunter: «Dein SMS kann Laura retten». Dem Creative Director ist sofort klar: Wer so etwas kann, den muss man sich näher ansehen. Er schickt an die angegebene Handynummer ein SMS mit dem Satz: «Vielleicht kann Publicis Laura retten.»
Wie gute Werbung funktioniert
Als Vorbereitung für eine Lehre als Grafikerin ist Laura Gomez im August 2002 in Zürich in den Vorkurs der Hochschule für Gestaltung und Kunst eingetreten. Die Frage, die sie dort bald intensiv beschäftigt: Wie finde ich eine Lehrstelle? «Ich habe gewusst: Ich muss mir etwas einfallen lassen.» Die Idee, die sie schliesslich realisieren will, hält sie vor ihren Lehrern geheim: «Diese Sache wollte ich allein machen.»
Sie fragt in der Metzgerabteilung einer Migros-Filiale, ob sie ein Arbeitshemd und eine Schürze ausleihen könne. Sie beschafft sich ein Metzgermesser und ein grobes Holzbrett. Sie überredet einen Bekannten, den Metzger zu spielen und stellt mit ihm das «Bugsy»-Plakat möglichst exakt nach. Sie montiert die Digitalkamera auf ein Stativ, legt den Kopf aufs Holzbrett und jemand zu finden, der dann noch abgedrückt hat, sei das kleinste Problem gewesen. Dem Bild verpasst sie anschliessend am Bildschirm den leichten Blaustich des Originals, sie sucht die gleiche Schrift und baut das Layout möglichst getreu nach der Vorlage.
Vom fertigen Plakat macht sie Postkarten und A3-Abzüge. Die Postkarten adressiert sie an die Werbeagenturen, bei denen sie gerne eine Grafikerlehre machen würde. Nachdem sie die Postkarten eingeworfen hat, geht sie nachts bei diesen Agenturen vorbei und behängt die Eingangstüren mit den A3-Abzügen ihres Plakats, «manchmal mehrere, damit es der Erste, der am nächsten Morgen zur Arbeit kommt, sicher sehen würde». Bereits morgens um neun hatte sie das SMS des Publicis-Creative Director auf dem Handy: «Ich habe gleich angerufen, wir haben abgemacht, und ich bin mit meiner Arbeitsmappe vorbei gegangen.»
Um alle Chancen auszuloten, wiederholt sie die Aktion eine Woche später bei anderen Agenturen. Sie erhält Rückmeldungen sogar von Betrieben, die keine Lehrstelle haben, aber zur guten Idee gratulieren wollen. Aus den Angeboten, die sie erhält, entscheidet sie sich schliesslich die Publicis: «Ich habe gewusst, dass Publicis eine gute und sehr grosse Werbeagentur ist. Und ich kannte verschiedene Kampagnen, die mich beeindruckt hatten.»
Wie der Traumjob zum Alltag wird
Im August 2003, nach dem Abschluss des Vorkurses, hat Laura Gomez ihre Lehre als Grafikerin bei Publicis angefangen. Seither besucht sie an anderthalb Tagen pro Woche die «Berufsschule für Gestaltung Zürich – medien form und farbe». Ein ganzer Tag ist für die Fachausbildung, ein halber für die allgemein bildenden Fächer reserviert.
In der Publicitis-Agentur ist man arbeitsteilig kreativ: Die ersten Ideen kommen, erzählt Laura Gomez, von den Creative Directors, den Art Directors oder den Texterinnen und Textern. Die Grafikerinnen und Grafiker der Kreationsabteilung versuchen diese Ideen dann umzusetzen. Liegt ein fertiger Entwurf vor, geht er weiter an die Desktop-Publishing-Abteilung, die das handwerklich perfekt ausführte Produkt herstellt, das schliesslich öffentlich wird. Ob sie denn als Erstlehrjahr-Stiftin bisher bloss Übungsstücke gestaltet habe oder bereits selber Aufträge ausführe? «Keine Übungsstücke!», sagt sie: «Ziemlich genau so, wie ich etwas am Bildschirm entworfen habe hängt es später in der Stadt.»
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Lieber kreativ als intellektuell
Sie ist in Zürich geboren und aufgewachsen, 18jährig und lebt bei ihren Eltern. Über den spanischen Vater ihrer Mutter ist sie Spanierin trotz dreier schweizerischer Grosseltern. Weil sie ihren EU-Pass nicht abgeben will, hat sie bisher darauf verzichtet, sich in der Schweiz einbürgern zu lassen.
In der sechsten Klasse hat sie die Aufnahmeprüfung in das Gymnasium bestanden, ist aber bald freiwillig in die Sekundarschule zurückgekehrt: «Dieser Leistungsdruck – das hätte ich nicht geschafft.» Nach zwei Jahren Sek besteht sie die Prüfung zum zweiten Mal und schafft es wieder nicht. Nach Abschluss der Sekundarschule und einem prüfungsfreien Übertritt läuft sie schliesslich zum dritten Mal auf: «Das Gymi war wirklich nicht mein Ding.»
Im November 2001 macht sie die Vorkurs-Prüfung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich und besteht. In der Zeit, die bis zum Vorkursbeginn bleibt, jobbt sie für ihren Vater, der an der Expo 02 als Medienkünstler für die «Arteplage mobile du Jura» arbeitet. Im Frühsommer 2002 kreuzt sie deshalb als Mitarbeiterin auf dem Arteplage-Schiff zwischen Biel, Neuchâtel, Yverdon und Murten hin und her.
Nach Abschluss des Vorkurses hat sie im August 2003 die Grafiker-Lehre bei der Publicis Werbeagentur AG in Zürich aufgenommen. Sie verdient im ersten Lehrjahr brutto 650 Franken. Auf die Frage, ob sie in einer Gewerkschaft sei, fragt sie lachend zurück: «Was ist das, eine Gewerkschaft?»