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Es begann mit einer Liebesgeschichte: Man schrieb das Jahr 1969. Als die elegante, zwanzig Jahre alte Französin Eliane Freytag aus Nizza mit ihren Eltern Ferien in Samnaun machte, stand hinter der Rezeption des Hotels Montana der fesche 26-jährige Hubert Zegg. Hubert war eins von zehn Kindern des legendären Serafin Zegg. Schon 1934 hatte dieser mit seinen Brüdern mitten im Dorf ein grosses, modernes Hotel gebaut, das «Silvretta». Sie übernahmen auch den Postkurs von Martina unten im Inntal nach Samnaun und stellten ihn von Pferdekutschen auf Motorwagen um.
So wurde Serafin Zegg, der 1973 starb, zu einem Tourismuspionier im abgelegenen Unterengadiner Bergdorf. Zwei Söhne erbten seinen Unternehmergeist: Walter Zegg ist Inhaber einer Tankstelle, einer Computerfirma sowie eines Lebensmittel- und Weingrosshandels und war lange in der Gemeindepolitik aktiv. Hubert erwarb unter anderem neben dem geerbten Hotel «Montana» von anderen Familienmitgliedern das Viersterne-Haus «Silvretta» und das Apart-Hotel «Nevada».
Erstes 5-Superior-Hotel eröffnet
Wir sitzen mit Eliane und Hubert Zegg in einem Restaurant des Relais & Châteaux-Hotels «Chasa Montana», das soeben für 20 Millionen Franken umgebaut und von einem Viersterne-superior- in ein Fünfsterne-superior-Haus transformiert worden ist. Dank 45 luxuriösen Zimmern und Suiten, distinguiertem Personal und den Kochkünsten des Küchenchefs Bernd Fabian (ein Michelin-Stern, 16 Punkte Gault-Millau) gehört das «Chasa Montana» damit zur Crème der Schweizer Hotellerie. Daniel Eisner, der das Haus mit seiner Frau Carina leitet, ist Hotelier und Sommelier und wertet das Hotel zusätzlich mit einem eindrücklichen Weinkeller auf.
Auch andere Beherbergungsbetriebe im 800-Seelen-Dorf legten zu. Das edle «Alpchalet Bellevue» wurde 2019 teilweise neu gebaut und «Das Homann» erhielt eine neue Wellness-Anlage mit Aussenpool. Das von HolidayCheck-Kunden soeben zum beliebtesten Ferienhotel der Schweiz erkorene «Appartement Panorama» steht ebenfalls in Samnaun.
Früher war das Dorf auf gut 1800 Metern vor allem bei Schnäppchenjägern beliebt: Weil es seit 1892 in einer zollfreien Zone liegt, sind hier Treibstoff, Tabakwaren und Alkoholika günstiger. Der Ort will aber auch ein gehobenes Publikum anlocken, sagt Bernhard Aeschbacher, der aus dem Berner Seeland in die Bündner Alpen gezogen ist und als Co-Direktor der Ferienregion Samnaun, Scuol, Val Müstair amtet.
Eleganz in den Bergen
Für Samnauns Attraktivität ist Eliane Zegg mitverantwortlich. Mit Hubert und Eliane hatte sich ein Paar gefunden, das man als «Power Couple» apostrophieren würde. Bald heirateten die beiden, und bis 1974 kamen drei Kinder zur Welt. Hubert war in den 1970er-Jahren an der Gründung der Bergbahnen Samnaun beteiligt, die er danach lange Jahre als Direktor führte. Fast wäre das Projekt gescheitert. Darauf hatte Eliane gehofft: «Wenn die Bergbahn nicht realisiert werden kann, zieht Hubert vielleicht mit mir nach Nizza.»
Nichts da! Teilweise finanziert von Ischgl auf der anderen, österreichischen Seite des Berges konnte die Bahn gebaut werden. Und Eliane machte sich daran, einen Wirkungskreis zu finden: «Ich musste Eleganz in die Berge bringen, wenn ich hier überleben wollte.»
Sie begann, teure Kaschmirpullover aus Frankreich einzuführen; Parfüm, Uhren, Schmuck kamen hinzu. Mit der hochkarätigen Uhrenmarke Rolex konnten die Modalitäten für eine Vertretung ausgehandelt werden. Heute besitzen Eliane und Hubert Zegg in Samnaun neben den drei Hotels acht Läden. Sohn Olivier ist in die Leitung des Unternehmens eingespannt und mittlerweile die treibende Kraft bei Investitionen und Innovationen. Eine Tochter, Tina Zegg, baute in Monaco ein Uhren- und Schmuckgeschäft mit vier, in der Sommersaison sogar fünf Filialen auf. Natascha, die zweite Tochter, führt seit 2017 das Apart-Hotel Nevada in Samnaun.
Grosse Investitionen geplant
Die Silvretta-Ski-Arena in Samnaun und Ischgl mit 45 Bergbahnen, Ski- und Sesselliften und rund 240 Pistenkilometern bis hinauf auf 2900 Meter gehört zu den weitläufigsten Skigebieten der Alpen. An Spitzentagen tummeln sich hier mehr als 20'000 Menschen im Schnee. In absehbarer Zukunft sollen noch mehr Touristen noch bequemer ins Sportgebiet transportiert werden. «Wir planen in den nächsten Jahren Investitionen von 90 bis 100 Millionen Franken», sagte Samnauns Bergbahn-Direktor Viktor Prinz in einem Interview mit travelnews.ch.
«Weit fortgeschritten ist die Planung der neuen Zehner-Gondelbahn von Samnaun-Laret hinauf auf den Muller», so Prinz. «Vom Muller können wir einen Schlittelweg hinunter nach Laret einrichten. Die Samnauner Stimmberechtigten haben bereits Ja gesagt. Wir hoffen, noch 2023 mit dem Bau beginnen zu können.» Zudem sollen eine neue Zubringerbahn von Samnaun Dorf auf den Salaaser Kopf und zwei neue Sesselbahnen zwischen Salaaser Kopf und Greitspitz gebaut werden.
Vom Elend zum Luxus
Noch vor wenigen Jahrzehnten überlebten die Menschen im Tal von Samnaun, das seit rund 1000 Jahren besiedelt ist, mehr schlecht als recht. Das erzählt Arno Jäger. Er empfängt uns in Samnaun-Plan im Talmuseum, das er führt. Das kleine Museum befindet sich in der Chasa Retica, einem rund 400 Jahre alten Haus, das als eines von wenigen im ursprünglichen Zustand erhalten ist. Bis 1970 wurde es von einer alleinstehenden Frau bewohnt. Es hatte zwar eine grosse Rauchküche, aber keine sanitären Anlagen. Die Notdurft verrichtete man bei den Rindern im Stall.
Obwohl im Tal dank eines günstigen Mikroklimas Kartoffeln und Gerste bis auf 1800 Meter über Meer angebaut werden können, war das Leben hart. Jäger zeigt uns die einfachen Räume der Chasa Retica mit vielen Kruzifixen und Madonnenstatuen, dazu in einer Kammer ein quadratisches Loch in der Decke, das nach dem Ableben eines Bewohners geöffnet wurde, damit seine Seele gen Himmel steigen konnte. (Man war und ist in Samnaun, im Gegensatz zum restlichen Engadin, katholisch.) In der angebauten Scheune der Chasa Retica sind alte landwirtschaftliche Geräte ausgestellt, die meisten aus Holz.
Welch ein Kontrast zu den eleganten Hotels und zu den Luxusgütern im heutigen Feriendorf! Eliane Zegg führt uns in die Haute Parfumerie Arcada im Erdgeschoss des Hotels «Silvretta». Nicht nur für edle Produkte, auch für Mitarbeiter hat die Französin offensichtlich einen guten Riecher: Mathias Leipold war ursprünglich Kellner im «Chasa Montana». Heute gehört er zu den international renommierten Parfümeuren und führt mit Leidenschaft die Parfumerie Arcada.
Leipolds besondere Gabe ist es, Kundinnen und Kunden blitzschnell zu analysieren und ihnen Duftkreationen zu empfehlen, die mit ihrer Persönlichkeit harmonieren. Der Preis für die exquisiten Düfte darf allerdings kein Thema sein, ebenso wenig wie im danebenliegenden Walk-in-Humidor, wo exklusive Zigarren angeboten werden. Das einstige Elend im Bergdorf ist definitiv dem Luxus gewichen.