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Das Dampfzeitalter erweckt Basel im 19. Jahrhundert aus dem Dornröschenschlaf. Dampfschiffe bringen fahrplanmässig Passagiere nach Basel - ab 1837 von Strassburg und ab 1841 von Mannheim. Schon 1845 garantiert die Elsässerbahn täglich fünf Zugsverbindungen zwischen Basel und Strassburg. 1852 besteht eine durchgehende Bahn-/Schiffsverbindung zwischen London und Basel! 1855 erreicht die Badische Bahn unsere Stadt. Drei Jahre später eröffnet die Centralbahn die Strecke Basel-Olten und damit die Verbindung zu den Städten zwischen Jura und Alpen. Basel spielt damit eine bedeutende Rolle im Nord-Süd-Personenverkehr. Ein kleines aber wichtiges Rädchen beim nun einsetzenden Tourismus ist der Hotelomnibus.
Was vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, unsere Firma war und ist mit dem Tourismus eng verbunden und dies schon vor der Firmierung unter dem heutigen Namen. So transportiert bereits Henri Imhoff, der Gründer des Basler Rösslitrams, von 1860 bis 1882 Reisende mit seinem Post-Kurierdienst zwischen den Bahnhöfen und der Reisepoststation im Stadthaus. 1892 übernehmen die Gebrüder Settelen die Basler Droschkenanstalt (gegründet 1853) und kaufen damit unter anderen neun Hotelomnibusse, darunter drei Zweispänner mit der Inventarbezeichnung «trois rois & sauvage». Damit kommt die Firma zu einer Sparte, der sie bis 1937 treu bleiben wird.
Der Hotelomnibus - Amtsdeutsch: «Gasthofomnibus» - ist das Kind des Eisenbahnverkehrs. Die neu zu erstellenden Bahnhöfe baut man an der Peripherie der Städte, ganz im Unterschied zu den Reisepoststationen, die in den Zentren liegen. Und hier liegen die Gasthöfe, die meist auch über Stallungen verfügen. Denn bis anhin reist man zu Fuss, zu Pferd, mit der Reisepost oder mit eigener Equipage. Abgesehen von Emigrantenzügen, ausgelöst durch Kriege, Hungersnöte und Seuchen, nehmen nicht sehr viele Zivilisten lange Strecken unter die Füsse. Der Siegeszug der Eisenbahn ändert dies drastisch. Die Bahn fördert nicht nur die Industrialisierung von Gebieten, die über keine eigenen Rohstoffe verfügen, sondern sorgt für einen ständig steigenden Austausch von Gütern und Menschen und lässt viele Städte aus den Nähten platzen. Die Einwohnerzahl Basels verdreifacht sich in den ersten 50 Jahren des Eisenbahnzeitalters auf gegen 100'000 Menschen. Die Industrialisierung lässt aber auch eine neue gesellschaftliche Schicht entstehen. Diese ist nicht nur Geld- sondern auch bildungshungrig. Damit ist der erste kleine Schritt zum Massentourismus getan!
Indiz für die sich anbahnende Entwicklung liefert z. B. das «Basler Tagblatt» vom 12. August 1851 auf der Titelseite. Das «Verzeichnis der in den Gasthöfen logierenden Fremden» listet die Übernachtungszahlen des Vortages auf: «Zu den drei Königen» (140 Gäste), «Im Storchen» (53 Gäste), «Im Wildenmann» (32 Gäste), «In der Krone» (34 Gäste), «Im Kopf» (20 Gäste), «Im Schwanen» (11 Gäste), «Im Schiff» (15 Gäste), «Im weissen Kreuz» (18 Gäste); dazu im Kleinbasler «Bären» (11 Gäste), total 334 Personen in neun Hotels. Nur 7% der Gäste kommen aus der Schweiz, das grösste Kontingent stellt Grossbritannien, es folgen Deutschland, USA und Frankreich. Italien hingegen ist noch schwach vertreten, der Gotthardtunnel wird bekanntlich erst 1882 eröffnet. Die Tatsache, dass am 10. Dezember des gleichen Jahres nur 131 Gäste übernachten, deutet an, dass der so genannte Freizeittourismus bereits eingesetzt hat.
1860 vereinigt der neu erstellte «Centralbahnhof» die Geleise der Hauensteinlinie und der Elsässerbahn. Rund um den Centralbahnplatz wachsen ein halbes Dutzend Hotelbauten aus dem Boden. 1864 und 1865 werden die Erstklasshäuser «Schweizerhof» und «Euler» eingeweiht. Basel, einziger schweizerischer Grenzbahnhof bis 1860, ist das unbestrittene Eisenbahntor der Schweiz. Billig sind Bahnreisen nicht, dafür strapaziös. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit auf Überlandstrecken von wenig über 50 km/h unterbricht man gerne die Reise, um sich vom Russ der Loks zu befreien, sich zu verpflegen und auszuruhen. Wenn die alteingesessenen Gasthöfe am Aufschwung teilhaben wollen, müssen sie die Gäste direkt auf den Bahnsteigen abholen. Für diesen Zweck stellen die Hotels mit ihrem Namen versehene Omnibusse vor den Bahnhöfen auf. Ein livrierter Angestellter des Hotels, Conducteur genannt, begleitet das Gespann. Auf dessen Mütze prangt in grossen Lettern der Name des Hotels. Seine Aufgabe ist es, die Gäste auf dem Perron in Empfang zu nehmen und den Transport und Verlad des oft umfangreichen Gepäcks mittels so genannter Dienstmänner zu organisieren.
Welcher lokale Handwerker auch immer diese Hotelomnibusse baut, alle sehen sich gleich: Offener Kutschbock über der Vorderachse; ein verglaster Wagenkasten mit gepolsterten Längsbänken sitzt tief zwischen den sehr hohen Hinterrädern; der Einstieg der Passagiere erfolgt über einen Klapptritt an der Rückseite des Wagens. Das Kastendach dient als Gepäckträger. Sechsplätzer werden mit einem Pferd bespannt, Zwölfplätzer mit deren zwei. Wer einen Omnibus vor einem der Bahnhöfe aufstellen will, muss eine Konzession lösen. 1865 erteilt die Stadt 19, 1894 sogar 41 Gasthofomnibus-Konzessionen. Mit Einführung des Trams im Jahre 1895 reduziert sich deren Zahl schon bald wieder auf das Niveau von 1865. Die Hoteliers mieten die Omnibusse häufig jahresweise samt Bespannung und livriertem Kutscher bei einem Fuhrhalter. Für einen Sechsplätzer verrechnet Settelen 1899 eine Jahresmiete von Fr. 2420.-, für einen Zwölfplätzer Fr. 3360.-.
Anekdotisch wirkt der Eintrag ins Gästebuch durch den berühmten dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Er verweilt viel und lange in der Schweiz. Am 4. Juni 1868 angereist, schreibt er ins Gästebuch: «Wir waren so viele, die in den drei Königen absteigen wollten, dass wir zwei Omnibusse füllten.»
Aus der Frühzeit der Firma finden sich sehr wenige Unterlagen zu diesem Thema. Sie bedient unter anderem die Hotels «Baur au Rhin», «Europäischer Hof» und «Weisses Kreuz». Hauptkunde während eines halben Jahrhunderts ist das erste Haus auf dem Platz - das «Drei Könige». Am 29. Mai 1910 nimmt Settelen den ersten motorisierten Hotelomnibus der Stadt, einen achtplätzigen Renault 10/14HP, in Betrieb. Basis ist ein Achtjahresvertrag vom 1. Februar 1910 mit dem Besitzer des «Trois Rois», Lucien A. Bossi. Der blau lackierte Wagen mit rotem Chassis und Rädern wird vom bekannten Basler Wagenbauer Wolf karossiert. Trotz der bescheidenen Jahresleistung von 10500km muss dem Aufbau bereits im Januar 1914 ein neues Renault 12/16HP-Chassis verpasst werden.
Während des Ersten Weltkrieges dürfte der Wagen wegen Pneumangels und der fehlenden internationalen Kundschaft über viele Monate aufgebockt sein. Zwischen 1920 und 1928 fährt er täglich 14 bis 20 Mal zu einem der Bahnhöfe. Im Frühjahr 1929 ersetzt ein Saurer 2 BHP-Schnelllastwagenchassis mit einem Vierzylinder 24/52 PS-Motor den in die Jahre gekommenen Renault. Im geräumigen Aufbau des renommierten Basler Karossiers Heimburger finden zehn Personen in grau gepolsterten Fauteuils bequem Platz. Der seitlich offene Führersitz ist vom Fahrgastraum abgetrennt und der daneben liegende Klappsitz für den Conducteur reserviert. Die schweizerische Hotelindustrie, die sich von den Folgen des Ersten Weltkrieges nie richtig erholt hat, ist von der Weltwirtschaftskrise besonders hart betroffen. Viele Hotels gehen Pleite oder werden von den Banken und der öffentlichen Hand mehr schlecht als recht über die Runden gebracht. Am 18. März 1932 bedankt sich Herr Bossi bei Settelen für die Reduktion der vertraglich vereinbarten Ausfallentschädigung und fährt fort: «Die momentane allgemeine Lage scheint noch zu verschwommen, um eine Betriebsaufnahme per April vorzunehmen und entscheiden wir uns definitiv für den 1. Mai 1932. Ob dann eventuell im Oktober noch gefahren werden kann, wird sich im Laufe der Saison leichter überblicken lassen.» Mit Vertragsablauf im November 1937 endet die Geschichte der Settelen-Hotelomnibusse.
Der Saurer 2 BHP wird zum Schnelllastwagen umfunktioniert. Dem legendären Saurer-Qualitätsruf gerecht werdend, scheidet er erst 1954 aus der Settelen-Flotte aus. Seine solide Heimburger-Karosserie dient noch mehrere Jahre als Geräteraum in einem Gemüsegarten in Bottmingen!