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Musikpodium
Zeitgeist und Gegenwart
Werkkommentar
Meinrad Schütter: Medea
Das Jahr 1939 verbrachte Meinrad Schütter vermittels eines kleinen Stipendiums in Rom, ein Jahr, das zu einer der intensivsten Schaffensphasen in seinem Leben gehört. Es entstanden in dieser Zeit zahlreiche Skizzen zu grösseren Werken, so auch der Oper "Medea". Ihr war die Lektüre von Grillparzers grosser Trilogie "Das Goldene Vlies", darunter "Argonauten" und "Medea", vorangegangen.
Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs zwang den Komponisten zur Rückkehr in die Schweiz. Erste Niederschriften der Oper fallen in seine Zeit als Grenzsoldat am San Bernardino-Pass zwischen 1941 und 1943. Dabei entschloss er sich zu einer selbstverfassten Textcollage, die er den Medea Dichtungen von Euripides, Grillparzer, Anouilh und Apollonius Rhodius entnahm.
Meinrad Schütter schrieb die Oper ohne Auftrag aus einem tiefen Äusserungsbedürfnis heraus in einem europäischen Umfeld von Krieg, Zerstörung und Untergang - dem sich anbahnenden Kollaps der Zivilisation. Die Oper ist kompositionstechnisch beeinflusst von den damals neuen Entwicklungen nach Arnold Schönberg, der Neuen Wiener Schule.
Die gleichzeitige Nähe zu traditioneller Melodik jedoch lassen tonale Zusammenhänge erkennen. Nach mehreren Überarbeitungen wurde sie ca. 1952 beendet. In der Bearbeitung der konzertanten, gekürzten Fassung für Klavier, vier Solisten und Sprecher (Ute Stoecklin und Peter Niklaus Steiner) kam die Rolle des Sprechers als Vermittler des Geschehens neu hinzu.
In der Gebirgslandschaft seiner Kindheit, den schroffen Felsabstürzen des Montalin und Calander, hatte Meinrad Schütter Klangfarben, Linearität und rhythmische Strukturen vorgezeichnet
erlebt. Es war wiederum die Landschaft der kargen Urnatur des Gesteins am San Bemardino-Pass, die zur wesentlichen Quelle der Inspiration wurde. Hier entwarf er sein Bild dieser grossartigen wie tragischen und furchtbaren Frauengestalt der Antike, der Medea, die sowohl die Urtypik menschlicher Konflikte als auch die Problematik des Unerreichbaren in sich vereint.
Biographie
Meinrad Schütter
Meinrad Schütter, am 21. September 1910 in Chur geboren, gehört zu den Künstlerpersönlichkeiten, die sich auf Grund ihrer Eigenart und Eigenwilligkeit am Rande einer Kulturszene bewegten, die der wechselvollen Geschichte eines turbulenten Jahrhunderts unterworfen war, den Abgründen von Krieg und Zerstörung und nicht zuletzt auch Umwälzungen wie jenen von der Schrift- zur Digitalkultur. Der zweite Weltkrieg bedeutete eine Zäsur, und die sieben Kriegsjahre für die damals junge Komponistengeneration eine Zeit der Isolation, die sie vom europäischen Musikgeschehen abschnitt. So war es das Los der Schweizer Komponisten, die vordem ersten Weltkrieg geboren waren, trotz anfänglicher Erfolge später wenig Beachtung zu finden oder in Vergessenheit zu geraten. Dieses Schicksal widerfuhr neben Othmar Schoeck, Wladimir Vogel, Erich Schmid und anderen auch Meinrad Schütter, der erst in den letzten zehn Jahren wieder zunehmend auch internationale Anerkennung erfährt.
Um eigenen Ruhm und öffentliche Anerkennung war Meinrad Schütter zudem wenig besorgt gewesen. Er befand sich als ausgeprägte, introvertierte Musikerpersönlichkeit eher zwischen "Flucht und Engagement". Von der Peripherie her, gewissermassen aus einer Beobachtungsposition heraus, nahm er als politisch denkender Mensch höchst engagiert Anteil am Weltgeschehen wie an den Tendenzen der zeitgenössischen Musikentwicklung, der er sich mit der ihm eigenen Neugier und wachen Kritik nie verschloss. Eine Stellung "am Rand der Zeit" (Walter Mehring), die ihm aber auch die Flucht in die Abgeschlossenheit seiner eigenen Welten erlaubte.
Hierzu schrieb Alexander Schaichet, ein namhafter Dirigent der späten Dreissigerjahre, der auch das erste sinfonische Werk Meinrad Schütters mit dem Zürcher Kammerorchester uraufgeführt hatte, in einem Brief an den Komponisten, dass er ihn "beneide um seine Fähigkeiten des Träumens und Verweilens" (1939).
Meinrad Schütter verstand es, sich zu entziehen. Er beherrschte die Kunst, sich nicht stören zu lassen. Sein langes Leben vollzog sich in der Zurückgezogenheit und recht eigentlich unspektakulär als das in seinem Sein und Wirken leise Leben eines ungewöhnlichen Menschen, Er kann dabei zurückblicken auf ein umfangreiches musikalisches Schaffen, das Werk eines unermüdlichen, schöpferischen Geistes.
Es umfasst alle Gattungen, mit einem Schwerpunkt im vokalen Bereich. Als herausragend sind hier zu nennen die Oper "Medea", die "Grosse Messe für Chor, Soli und Orgel", ein bemerkenswertes Chorwerk und 60 Klavierlieder, die in der Nachfolge Hindemiths, Schoecks und der Neuen Wiener Schule stehen.
Meinrad Schütter entstammte einem musizierenden und musikliebenden Elternhaus. Neben Klavier- und Orgelunterricht erhielt er bereits als Schüler Theoriestunden bei Antoine Cherbuliez. Nach dem Musikstudium am Konservatorium Zürich folgten Reisen im In- und Ausland als konzertierender Begleiter sowie weiterführende Studien während des Krieges bei Willy Burkhard und von 1950 bis 1954 bei Paul Hindemith an der Universität Zürich.
Eine dreissigjährige Tätigkeit am Opernhaus Zürich als Ballettkorrepetitor und Beleuchtungsdirigent wurde Brotberuf neben der kompositorischen Arbeit. Seit 1976 lebte Meinrad Schütter freischaffend in Küsnacht. Dort starb er am 12. Januar 2006 im hohen Alter von 95 Jahren.
Ute Stoecklin: Präsidentin der Meinrad Schütter Gesellschaft