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Barrot
(spr. -ro), Camille Hyacinthe Odilon, franz. Politiker, geb. zu Villefort (Lozère), trat nach vollendeten Studien als Advokat auf und erwarb sich durch die Verteidigung mehrerer politisch Angeklagten große Popularität und durch die Unerschrockenheit, womit er das Recht der Protestanten, die am Fronleichnamsfest ihre Häuser zu schmücken sich weigerten, vor Gericht wahrte, allgemeine Achtung. Ursprünglich ein Anhänger der Bourbonen, wurde er denselben durch die schroffe Reaktion besonders Karls X. entfremdet und in die Reihen der Opposition gedrängt. 1827 ward er Mitglied des Vereins »Aide-toi« und 1830 Präsident desselben. Er half die Julirevolution vorbereiten, ward 28. Juli Mitglied der Munizipalkommission, begleitete, als der Herzog von Orléans [* 2] zum konstitutionellen König berufen wurde, Karl X. als einer der drei Kommissare nach Cherbourg, [* 3] erhielt nach seiner Rückkehr die Präfektur des Seinedepartements und ward zugleich Mitglied des Staatsrats.
Indessen gab er seine Präfektur schon nach einigen Monaten auf und, als das Ministerium Laffitte dem Ministerium Périer weichen mußte, auch seine Stelle im Staatsrat. Hierauf als Deputierter in die Kammer gewählt, machte er zwar dem Hof [* 4] und der Politik Périers, Guizots und Molés eine entschiedene Opposition, hielt sich aber auch von der republikanisch gesinnten Linken fern. Sein Grundsatz war der von Lafayette im Juli 1830 ausgesprochene: »ein volkstümlicher Thron, [* 5] umgeben von republikanischen Institutionen«. So ward er der Führer der ¶
forlaufend
sogen. dynastischen Opposition, welche die Aufrechterhaltung der Orléansschen Dynastie, aber auch die freisinnige Entwickelung
der Verfassung erstrebte. Von hoher Bedeutung ward
Barrots Wirksamkeit, als 1847 die auf die Erweiterung des Wahlrechts gerichtete
Reformbewegung begann.
Barrot unterzeichnete im Februar 1848 die Einladung zum Reformbankett und die Anklageschrift gegen Guizot.
Trotz der entschiedenen Abneigung, die der König gegen
Barrot empfand, berief er ihn, hauptsächlich
auf Thiers' Drängen, 24. Febr. zum Ministerpräsidenten.
Als solcher bewies
Barrot sogleich seine Unfähigkeit, indem sein erster Schritt darin bestand, in Gemeinschaft mit Thiers den König
zum Zurückziehen der Truppen zu bewegen, was dem Julithron den letzten Stoß gab. Nach der Flucht des Königs
beantragte in der letzten Sitzung der Deputiertenkammer die Regentschaft zu gunsten des Grafen von Paris,
[* 7] wurde aber damit zurückgewiesen.
Er schloß sich nun der Republik an, ward für das Departement Aisne Mitglied der konstituierenden Nationalversammlung, dann
der Legislative und bei der Bildung des ersten Ministeriums Ludwig Bonapartes, Präsident des Ministerrats
und Siegelbewahrer. Um Ruhe und Ordnung herzustellen, sprach er gegen Amnestie, unterdrückte die Klubs, beschränkte die Preßfreiheit
und das Vereinsrecht. Er dankte ab, erkannte aber die Pläne Napoleons nicht, ließ sich durch den Staatsstreich
völlig überraschen und wurde verhaftet, doch bald wieder in Freiheit gesetzt.
Während des zweiten Kaiserreichs nahm er kein Staatsamt und kein Abgeordnetenmandat an. Nachdem er 1870 bei dem liberalen
Umschwung in der Regierung des Kaiserreichs den Vorsitz in der Dezentralisationskommission übernommen hatte, wurde er bei
der Wahl des neuen Staatsrats im Juli 1872 gewählt und durch Dekret vom 27. Juli zum Vizepräsidenten des
Staatsrats ernannt. Er starb in Bougival bei Paris. Nach seinem Tod erschienen »Mémoires posthumes« (Par. 1875-76, 4 Bde.).
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Barrot hatte zwei jüngere Brüder, Adolphe (geb. 1801, gest. welcher in den
diplomatischen Dienst eintrat und zuletzt 1858-64 Gesandter in Madrid
[* 8] war, und Victorin Ferdinand (geb. 1806), der sich Napoleon
III. anschloß und nach dem Rücktritt seines Bruders Odilon Minister des Innern, 1850 Gesandter in Turin,
[* 9] dann Mitglied
des Staatsrats und Senator wurde und von 1877 bis zu seinem Tod wieder lebenslängliches Mitglied
des Senats war.