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Die vielen, endlos scheinenden und sehr grauen Tage inspirierten mich, es wenigstens in meiner Lektüre mit Licht und Leuchten zu tun zu haben. Zwar sind es nur drei Bücher geworden, wovon ich eines abgebrochen habe. Dennoch habe ich mit 1004 Seiten die Tausendergrenze wieder geknackt. Einmal führte mich das Leuchten ins unerforschte Alaska im Jahre 1885, einmal in ein Bündner Bergdorf und einmal in die nicht so rosige Post-Apokalypse.
Das Leuchten am Rand der Welt von Eowyn Ivey (557 Seiten)
übersetzt von Claudia Arlinghaus und Martina Tichy
Winter 1885: Der dekorierte Kriegsheld Allen Forrester erhält einen vielversprechenden Auftrag: Für die Armee der Vereinigten Staaten soll er den Wolverine River in Alaska erforschen und kartographieren. Seine Frau Sophie, passionierte Vogelkundlerin, möchte ihn begleiten. Doch kurz vor der Abreise wird sie schwanger und muss in der Garnison in Vancouver zurückbleiben. Expeditionen dauerten damals mehrere Monate, Briefe konnten nur von bemannten Stationen abgeschickt und empfangen werden. Auf die beiden wartet also eine monatelange Trennung mit wenig Kontakt. Für Allen ist die Expedition eine Reise in eine unerforschte Wildnis, über die Grenzen der bekannten Welt hinaus und in tödliche Gefahren. Doch auch Sophie wird die Zeit der Trennung einiges abverlangen.
Das Buch beginnt in der Gegenwart mit einem Schreiben des betagten Walt Forrester an den Museumskurator Josh Sloan in Alpine, Alaska. Er möchte die Unterlagen seines Grossonkels Lieutenant Colonel Allen Forrester vor seinem Ableben sicher im örtlichen historischen Museum aufgenommen wissen. Josh ist zuerst zurückhaltend, studiert dann aber die Schriftstücke über Allens Expedition und tauscht sich mit Walt darüber aus. Der grösste Teil des Buches nehmen jedoch die Tagebucheinträge von Allen und Sophie ein.
Forrester macht sich also mit einer Handvoll Männer auf die für nahezu unmöglich gehaltene Expedition. Begleitet wird er von Sargent Bradley Tillman und Lieutenant Andrew Pruitt, mit Pruitt hat er gemeinsam in den Indianerkriegen gekämpft. Mit von der Partie ist anfangs auch der Trapper Samuelson, der die Sprache der Midnuski-Indianer spricht. Die Expedition ist gut ausgerüstet, erfährt aber schon bevor es richtig losgeht eine Verspätung. Dies bringt sie quasi bereits auf Vorrat in Gefahr, denn sie müssen eine Schlucht durchwandern können, bevor der Wolverine taut. Vieles ist nicht vorhersehbar, die Natur hat ihre eigenen Gesetze und zeigt sich den Männern in ihrer ganzen Schönheit, aber auch Brutalität. Mehr als einmal sind sie vom Hungertod bedroht, von der Kälte ganz zu schweigen, die Ausrüstung erweist sich als nicht ideal. Derweil hat Sophie in der Garnison ihre ganz eigenen Herausforderungen und Schicksalsschläge zu bewältigen, verliert zuweilen den Lebensmut und entdeckt dann aber eine neue Leidenschaft, die Fotografie.
Naturgewalten und Magie
Ivey beschreibt sehr eindrücklich, was eine Reise in die Wildnis mit Menschen machen kann. Während Forrester und seine Männer weiter und weiter durch Eis und Strom brechen, begleitet von der Indianerin Nat’aaggi und ihrem Hund Boyo, erleben sie neben den körperlichen Strapazen rätselhafte und teilweise schauerliche Dinge, die für den menschlichen Verstand unerklärlich sind. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen, wenn zum Beispiel Frauen Federflaum auf der Haut haben oder wenn der immer in schwarz gekleidete Schamane nachts in Bäumen hockt, den Männern buchstäblich Steine in den Weg legt und sich, so erzählen die Indianer, in einen Raben verwandeln kann; sie nennen ihn «Mann, der auf schwarzen Schwingen fliegt». Immer wieder fragt sich der ausgesprochen rationale Colonel, ob einiges davon denn wirklich geschieht, oder ob es nicht doch Hungerhalluzinationen geschuldet ist. Auf der anderen Seite sind da die unendlich scheinenden Landschaften, die die Männer mit ihrer Schönheit und Würde bezaubern, die Polarlichter, die Mittsommernächte, die Begegnungen mit den Indianern.
Die Geschichte, obwohl sowohl Abenteuerroman als auch Liebesgeschichte, ist ruhig erzählt, verläuft auf mehreren Ebenen und wird zusätzlich von Zeitungsartikeln, Briefen, Karten, Abbildungen von Fundstücken etc. ergänzt. Die ruhige Erzählweise widerspiegelt die langsame Art der Fortbewegung, die sich endlos aneinanderreihenden Tage des Marschierens, der Nahrungsbeschaffung, dem Auf- und Abbauen der Nachtlager. Grosse Action sollte man nicht erwarten; die Situation, in der sich die Männer befinden, ist fesselnd genug.
Gekonntes Timing
Sehr gut gefallen hat mir, dass Ivey weiss, wann sie wen dies oder jenes erzählen lassen muss, damit die Story und die Charaktere immer mehr Formen und Kanten erhalten. Ebenfalls gelungen ist der Briefwechsel zwischen Josh und Walt, der sich im Verlauf des Buches intensiviert. Er gibt der Geschichte den willkommenen Bezug zur Gegenwart. Was Sophie angeht, entwickelt sich das Buch auch zu einer Geschichte über die Anfänge der Fotografie. Leicht störend fand ich dann und wann die verwendeten Ausdrücke auf deutsch, wenn es etwa heisst: «Das ist ja zum Mäusemelken.» Das ist aber vernachlässigbar.
Die Expedition hat es tatsächlich gegeben; 1885 reiste Lt. Heny T. Allen ins Inland Alaskas. Seine Tagebücher haben die Autorin zu diesem Roman inspiriert. Die Schattenseite der Reise: Binnen zwanzig Jahren nach der Expedition und hauptsächlich aufgrund Allens Berichte, zogen die Bergwerksunternehmen und die Pelzhändler in das Tal des Wolverine. Die Auswirkungen auf die indigenen Völker kennen wir ja. Die Traurigkeit darüber ist auch im Briefwechsel zwischen Walt und Joshua zu spüren, hundert Jahre nach der Expedition.
Die Autorin hat übrigens auch Das Schneemädchen geschrieben, das ich im November gelesen habe.
Der Schatten über dem Dorf von Arno Camenisch (103 Seiten)
Zum Licht gehört auch immer ein Schatten, und so habe ich zu meinem ersten Camenisch gegriffen, einem gerade mal 103 Seiten starken Büchlein (das vom Verlag ganz selbstbewusst als «Roman» bezeichnet wird). Es handelt von einem, der in das Dorf seiner Kindheit in Graubünden zurückkehrt. Eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler geboren wurde, geschah in diesem Dorf eine Tragödie, deren Schatten noch immer allgegenwärtig ist. Bei jedem Schritt erinnert sich der Erzähler an die Geschichten und Geschehnisse, die hinter der nächsten Kurve, in jenem Haus und diesem Restaurant stecken. Er geht mal diese Strasse hinauf und schaut in diese Richtung, dann geht es wieder hinunter und schaut in die andere Richtung, betrachtet ein Haus, einen Brunnen. Dann geht es wieder in die Vergangenheit, die sich mit der Zeit für mich wie ein monotoner Singsang anhörte. Nachdem uns der Erzähler zum Beispiel berichtet hat, dass die Familie nach dem Gottesdienst immer auf den Friedhof ging, beginnen die folgenden Absätze mehrmals mit: «Nach dem Gottesdienst gingen wir also auf den Friedhof …». Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich das lesen musste, aber es war definitiv zu oft.
Schlangensätze und Dativ statt Genitiv
Diese Wiederholungen werden ergänzt durch schier endlose Sätze wie: «Er dachte daran, wie er als Drittklässler das erste Mal dort rauf durfte, was für eine Aufregung das war, und dass man danach durch die Häuser zog und bei den Mädchen Essen bekam, Fastnachtskuchen und Vanillecrème, bis man fast platzte, das war die erste Freinacht für Kinder, die Jugendlichen und die älteren Schüler hatten natürlich Schnaps mit und Zigaretten oder Zigarren, die bereits oben beim Feuer angezündet wurden, und hatte man bis dahin noch nie einen Schluck Bier genommen oder eine Zigarette hinter dem Stall der Tante geraucht, erlebten das viele in dieser Nacht zum ersten Mal, das Dorf war da etwas gelassener in dieser Nacht, zwar wurden die Eltern im Voraus dazu angehalten, mit den Kindern darüber zu reden, und die Lehrer sagten das auch noch in der Woche vor dem Brauch, sie sollen denn nicht trinken, das sei dann verboten, aber es wussten alle, dass sich nicht alle daran halten würden, und am Montag danach mussten dann einige in der Schule vor die Türe, wo sie die Lehrer in die Zange nahmen, man hätte gehört, dass sich nicht alle an das Verbot gehalten hätten.» (S. 33)
Über den Erzähler erfährt man sonst nichts, weder über sein jetziges Leben noch darüber, ob er damit zufrieden ist und was die Schatten der Tragödie mit ihm gemacht haben. Er bleibt daher selber eine Art Schattenfigur, zu der ich keinen Zugang gefunden habe.
Ganz schlimm fand ich die unzähligen falschen Dativanwendungen. Jedes Mal, wenn ich «in der Werkstatt vom Grossvater» oder «die Mutter vom vierten Kind» lesen musste, zuckte ich innerlich zusammen. Ja, der Autor ist Schweizer, und die Geschichte spielt in der Schweiz. Aber die gewählte Erzählsprache ist nun mal Hochdeutsch, und dort gibt es den vierten Fall mit Namen Genitiv. Also «in Grossvaters Werkstatt» und «die Mutter des vierten Kindes». Nicht, dass Camenisch das nicht wüsste, denn immer wieder verwendet er den Genitiv korrekt. Die falsche Anwendung ist also gewollt – vielleicht, um der Geschichte etwas Lokalkolorit einzuhauchen. Auf mich wirkte das einfach nur bemüht.
An diesem Buch konnten mich weder die Geschichte noch der Protagonist noch die Erzählweise überzeugen. Deshalb habe ich es nach 40 Seiten abgebrochen.
Das Licht der letzten Tage von Emily St. John Mandel (407 Seiten)
übersetzt von Wiebke Kuhn
Post-apokalyptische Geschichten sind eigentlich nicht mein Ding, weil die meisten davon über Gewalt, Zombies und sonstige Grausligkeiten erzählen, die nach einem solchen Ereignis entstehen könnten. Dieses Buch ist aber anders. Auch hier dezimiert ein Ereignis – eine Grippewelle – innert kürzester Zeit 99 % der Weltbevölkerung (interessant: – das Buch erschien 2014). Nur wenige überleben, und die sind nicht in der Lage, die Zivilisation, wie wir sie kennen, aufrecht zu erhalten. Es gibt keinen Strom mehr, keinen Treibstoff, Internet sowieso nicht und auch keine modernen Fortbewegungsmittel. Die ersten zwanzig Jahre nach diesem Vorfall überspringt die Geschichte, lässt aber durchblicken, dass diese Zeit nicht sehr angenehm war. Mittlerweile haben sich die Überlebenden in der Hinterlassenschaft der alten Welt irgendwie arrangiert und kleine Gemeinschaften gegründet.
Die Handlung setzt kurz vor der Katastrophe mit einer Theateraufführung von König Lear in Toronto ein. Die Hauptrolle spielt der international bekannte, alternde Star Arthur Leander. Mitten im Spiel hat er einen Herzinfarkt und kann weder vom herbeieilenden Sanitäter Jeevan noch vom Arzt gerettet werden. Kerstin, ein achtjähriges Mädchen, das in dem Stück mitspielt, beobachtet das alles. Noch in der gleichen Nacht erhält Jeevan einen Anruf von seinem Freund, einem Arzt, der ihm rät, sofort aus der Stadt zu verschwinden. Ab hier springt die Geschichte nicht nur in der Zeit hin und her, sondern wechselt auch die Personen, denen sie folgt. Einige begegnen sich nie und wissen nichts voneinander, doch alle haben irgendwie mit Arthur zu tun, manchmal nur durch Gegenstände. Puzzleartig und anfangs etwas verwirrend erfahren wir von diesen Zusammenhängen und lernen so Arthurs Leben kennen. Diese Schnipsel folgen einer eigenen Logik, was das Erzähltempo ruhig macht, wenn nicht sogar dann und wann etwas ausbremst.
Überleben allein ist nicht genug.
Zeitweise begleiten wir die sogenannte «Fahrende Symphonie», eine Theatergruppe, die umhertingelt und in verschiedenen Siedlungen, die sich nach dem Zusammenbruch gebildet haben, Shakespeare-Stücke aufführt. Dieser Gruppe gehört auch Kirsten an. Dann gibt es die Gemeinschaft rund um Arthurs ehemals besten Freund Clark, die in einem Flughafen gestrandet ist. Jeevan wiederum lebt in einer Gemeinschaft an einem See und waltet dort als «Arzt». Sie alle haben nicht vergessen, wie schön die frühere Welt war, wohingegen die jüngeren Mitglieder keine Ahnung haben, was ein Handy war oder es kaum glauben können, dass sich ein derartiges Riesending wie ein Flugzeug in die Lüfte heben konnte. Leider erfährt man von diesen Gemeinschaften nicht viel mehr als das, und mir schien es zeitweilig etwas allzu harmonisch zugegangen zu sein, denn in diesen Gruppen trafen zwangsläufig doch sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander.
Etwas mehr Einblick erhalten wir in die «Fahrende Symphonie», deren Motto gross auf einer Plane aufgemalt ist: «Überleben allein ist nicht genug.» Dieses Grüppchen von Schauspielern und Musikern, die sich Shakespeare und die klassische Musik bewahrt haben, treten im weitgehend entvölkerten Nordamerika in bescheidenen Ansiedlungen auf. Sie wählen meist die gleiche Route und kommen so ca. alle zwei Jahre in die gleichen Orte. In einem der Orte hat nun aber ein selbsternannter Prophet das Szepter übernommen und auch seine mehr oder weniger freiwilligen Anhänger gefunden. Der Prophet fühlt sich auserkoren, die verbliebene Menschheit mit einer neuen Religion zu beglücken, behauptet, er sei das Licht. Bei ihm herrschen strenge Regeln, ständig verlangt ihm nach neuen «Bräuten». Es ist vorhersehbar, dass dies Konflikte und Gewalt generiert. In diese Situation wird auch Kirsten verwickelt und muss sich endlich an die verdrängte Vergangenheit erinnern, die Zeit zwischen dem Zusammenbruch der Zivilisation und dem Jetzt. Die Tätowierungen, die sie am Handgelenk trägt, sprechen ihre eigene Sprache.
Nicht alles ganz schlüssig
Kirsten ist die einzige Figur, die eine Entwicklung durchmacht. Der Konflikt mit dem Propheten und seinen Jüngern führt zum Schluss der Geschichte auch auf einen halbwegs spannenden Showdown hin. Doch das vermag nicht die gesamte Geschichte zu tragen. Die anderen Figuren beobachten wir aus einiger Distanz dabei, wie sie sich mit der neuen Situation zurechtfinden, die innere Entwicklung bleibt meist auf der Strecke.
Beim Lesen tauchten bei mir auch Fragen auf, z.B. woher die Symphonie die Geschirre für die Pferde hatte resp. was passiert, wenn diese mal kaputtgehen. Wie ernähren sie sich? Nur von den gejagten Kaninchen? Woher haben sie Kleider, Schuhe, Decken etc. – die meisten Häuser sind geplündert, es gibt keinen Strom, keine Maschinen etc. Warum gab es unter den Überlebenden niemanden, der sein noch vorhandenes Wissen einsetzte, um zum Beispiel wieder Elektrizität herzustellen? Hier schien mir einiges nicht schlüssig. Die zweite Hauptfigur, Arthur, bleib für mich eher uninteressant; ein Junge, der auf einer Insel aufwuchs, dann nach Toronto ging, ein berühmter Schauspieler wurde und eine Ehefrau nach der anderen hatte. Und dabei unglücklich wurde.
Dennoch habe ich das Buch nicht ungern gelesen. Die Sprache ist angenehm und einfühlsam, die Situation an und für sich interessant, die Umsetzung ungewöhnlich, vielleicht sogar experimentell. Gefallen hat mir, dass sich die Autorin in erster Linie darauf fokussiert hat, wie sich Menschen nach einem derartigen Ereignis wieder aufraffen und weitermachen. Aus der Geschichte spricht viel Hoffnung, aber auch Wehmut über all die verlorenen Dinge und Menschen. Sicherlich ist die Absicht dieser Geschichte auch, uns den Wert dieser Dinge und Menschen bewusst zu machen und uns zu ermahnen, sie zu schätzen, bevor es zu spät ist.
Lesemonat Februar 2023 als PDF.