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Roland Blaettler, Andreas Heege 2019
Im 19. Jahrhundert gab es am rechten Zürichseeufer nicht weniger als vier Fayencemanufakturen: In Kilchberg die Fabrik Nägeli (aktiv im Schooren zwischen 1802 und 1857) und die Fabrik Scheller (aktiv von 1820 bis 1869, zuerst im Böndler und ab 1835 im Schooren), im Kilchberg benachbarten Rüschlikon arbeiteten die Manufaktur von Jakob Fehr von 1832 bis 1866 und jene der Gebrüder Abegg von 1836 bis 1842. Die Produktion dieser Betriebe ist bezüglich Formen und Dekor sehr ähnlich, so dass wir beim Stand unseres Wissens noch immer nicht vollständig in der Lage sind, die Erzeugnisse der verschiedenen Unternehmen klar zu unterscheiden.
Kilchberg-Schooren, Manufakturen Neeracher, Nägeli und Staub
In Schooren kaufte Matthias Neeracher im Jahr 1792 die alte Fayence- und Porzellanfabrik und widmete sich im Folgenden ausschliesslich der Herstellung von Steingut und Fayence. 1802 kam die Manufaktur in die Hände von Hans Jakob Nägeli und im Jahr 1830 ging sie an dessen Sohn Johann Jakob Nägeli über. Vermutlich wurde bereits 1804 die Steingutproduktion wieder eingestellt. 1849 schloss Johann Jakob Nägeli die Fabrik wegen mangelnder Rentabilität. Es folgte eine Übergangsphase unter Louise Nägeli (1849–1858). Diese verkaufte die Fabrik schliesslich an Johann Jakob Staub, der sie bis zu seinem Tod 1897 betrieb. 1907 legten die Erben die Fabrik definitiv still. Die Firmengebäude wurden 1919 zu einem Landsitz umgebaut und 2002 ohne Genehmigung gesprengt (Matter 2012, 14–17).
Fayencen aus Kilchberg und Rüschlikon
Die grosse Produktion der vier Manufakturen am Zürichsee bietet besonders in Hinblick auf die Unterscheidung ihrer einfachen, fast identischen Grundformen noch viele Probleme. Die komplexeren Formen der Suppenschüsseln zeigen dagegen formale Eigenheiten, die erlauben, sie verschiedenen Fabriken zuzuweisen. So ist es Rudolf Schnyder überzeugend gelungen, typische Formen der zwei wichtigsten Manufakturen Nägeli (HMO 8689; AF Nr. 28) und Scheller zu definieren (AF Nr. 25; AF Nr. 73; HMO 8149) (Schnyder 1990).
Nägeli
Scheller
Diese erste Unterscheidung nach formalen Kriterien erlaubt zwar, die Dekore auf den Erzeugnissen der beiden sich konkurrenzierenden Unternehmen zu vergleichen, nicht aber endgültig dem einen oder andern Betrieb zuzuweisen. Die Dekorfrage bleibt problematisch, weil man weiss, dass die Maler einmal in dieser, einmal in jener Fabrik arbeiteten. Schnyder hat auch auf Formen von Suppenschüsseln hingewiesen, die als Modelle von Fehr oder Abegg in Rüschlikon in Frage kommen; doch sind deren Erzeugnisse seltener und die Zuweisungen noch weitgehend hypothetisch (KMM 225; MBS 1944.93; HMO 8141; SFM 113; SFM 111; SFM 112; AF Nr. 74).
Bei den Fayencen von Kilchberg und Rüschlikon haben wir auf Vergleiche und vertiefte Studien zu jedem Objekt verzichtet. Eine präzisere Zuordnung haben wir nur in Fällen vorgenommen, die klar erscheinen, vermerken aber auch von Rudolf Schnyder gemachte Vorschläge zu Produkten von Rüschlikon. Der Begriff «Kilchberg» bezieht sich auf Stücke, die Nägeli im Schooren oder Scheller im Böndler vor seinem 1835 erfolgten Umzug nach Schooren produzierten. «Kilchberg-Schooren» aber bezeichnet Objekte von Nägeli oder Scheller von nach 1835. Es ist durchaus möglich, dass es unter den hier «Kilchberg» und «Kilchberg-Schooren» zugewiesenen Fayencen auch Exemplare gibt, die, wenn wir einmal klarer sehen sollten, sich dereinst als Erzeugnisse von Rüschlikon erweisen.
Bibliographie
Blaettler/Schnyder 2014
Roland Blaettler/Rudolf Schnyder, CERAMICA CH II: Solothurn (Nationales Inventar der Keramik in den öffentlichen Sammlungen der Schweiz (1500–1950), Sulgen 2014, 42–43
Matter 2012
Annamaria Matter, Die archäologische Untersuchung in der ehemaligen Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren. Keramikproduktion am linken Zürichseeufer 1763–1906 (Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 43), Zürich 2012.
Schnyder 1990
Rudolf Schnyder, Schweizer Biedermeier-Fayencen, Schooren und Matzendorf. Sammlung Gubi Leemann, Bern 1990.