Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/1605

Mit dem Titelverteidiger Remco Evenepoel, dem Alleskönner Wout van Aert und dem Topsprinter Jasper Philipsen haben die Belgier gleich drei Fahrer zur Verfügung, die bei fast jeder anderen Nation als alleiniger Leader gesetzt wären.
Wohl inspiriert vom vergangenen Jahr, als Evenepoel im australischen Wollongong mit einem langen Solo-Ritt für den ersten belgischen WM-Titel seit 2012 (Philippe Gilbert) gesorgt hatte, entschloss sich Belgiens Nationaltrainer Sven Vanthourenhout, alle seine flämischen Stars aufzubieten.
Evenepoel mit Sieg an die WM
Denn auf wen hätte Vanthourenhout in seinem Aufgebot verzichten sollen? Sicher nicht auf Remco Evenepoel. Der 23-Jährige ist der Titelverteidiger - und zugleich in glänzender Form. So hat Evenepoel heuer alle drei Eintagesrennen, die er bestritt, auch gewonnen. Ende April entschied er Lüttich-Bastogne-Lüttich auf höchst dominante Weise zu seinen Gunsten, im Juni wurde er belgischer Meister und vor Wochenfrist siegte er ein weiteres Mal beim Klassiker in San Sebastian.
Einen Fahrer vom Kaliber Wout van Aerts zuhause zu lassen? Geht als Nationaltrainer auch nicht. Der 28-Jährige, unter anderem neunfacher Etappensieger an der Tour de France und Mailand-Sanremo-Sieger 2020, kann fast auf jedem Parcours gewinnen. Wobei es mit dem Gewinnen in dieser Saison haperte, nur zweimal stand «WvA» zuoberst auf dem Podest. 14 weitere Male resultierte für ihn jedoch eine Top-5-Platzierung.
Und ebenso wenig wollte Vanthourenhout Sprintstar Jasper Philipsen nicht dabei haben. Der 25-Jährige war im Juli an der Tour de France in Massensprints fast nicht zu schlagen und gewann gleich vier Etappen. Einzig beim Bergauf-Sprint in Limoges sah sich der enorm endschnelle Belgier, der auch in kürzeren Steigungen mithalten mag, vom Dänen Mads Pedersen ganz knapp bezwungen.
Aufschrei in Belgien
Philipsen sorgte am Rande der Frankreich-Rundfahrt allerdings für eine belgische Kontroverse, weil er sich in einem Interview dahingehend äusserte, dass er in Glasgow nicht nachführen würde, falls Mathieu van der Poel vorne fahren würde. Dieser fährt zwar wie Philipsen für das Team Alpecin. Doch als Niederländer ist er für die Belgier und deren Fans der natürliche «Erzfeind», an einem Titelkampf erst recht.
Nach den teils heftigen Reaktionen aus Belgien entschuldigte sich Philipsen schnell. «Er hat seine Aussage bedauert, damit ist es für mich erledigt», sagte auch Sven Vanthourenhout, der in Schottland auf keinen seiner Stars verzichten wollte. «Sollten wir das Weltmeister-Trikot nicht verteidigen können, wäre ich enttäuscht.» Aber vor allem, so der belgische Nationalcoach, dürfe man am Sonntagabend nicht enttäuscht sein, «wie wir das Rennen taktisch gefahren sind».
Ein Circuit für Van der Poel
Während die Belgier mit dem Luxus-Problem von gleich drei Stars im Team zu kämpfen haben, ist die Rolle des Leaders bei anderen Nationen schon im Vorfeld restlos geklärt worden. Im niederländischen Team setzt man voll und ganz auf Mathieu van der Poel. Der Klassiker-Spezialist und glänzende Techniker, heuer Sieger bei Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix, könnte sich fast keinen besseren Parcours als denjenigen in Glasgow wünschen.
Und sollte es am Sonntag sogar noch regnen, würde dies dem fünffachen Radquer-Weltmeister auf dem verwinkelten und extrem kurvigen Circuit noch zusätzlich passen. Gleiches gälte in diesem Fall aber auch für seinen langjährigen Konkurrenten Wout van Aert.
Pogacar als Spielverderber
Obwohl ihm die 271 km lange Strecke zumindest auf dem Papier nur halbwegs entgegenkommt, entschloss sich auch Tadej Pogacar zur WM-Teilnahme. Einen wie ihn gilt es immer zu beachten. Im Frühling zeigte sich der Slowene auch in Eintagesrennen dominant, ehe er sich beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich das Handgelenk brach.
An der Tour de France gewann Pogacar dann zwar zwei Etappen, doch den angestrebten dritten Gesamtsieg verpasste er gegen Jonas Vingegaard deutlich. Dieser gehört in Glasgow wie der Slowene Primoz Roglic zu den Abwesenden. Die Leaderrolle bei den Dänen hat mit Pedersen der Weltmeister von 2019 inne.