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William Hollinger an der Reinacherstrasse: Aromen, Lebensmittelfarben und Email
Isabel Koellreuter
In schlichten roten Buchstaben aus Metall, die sich von der hellgrauen Fassade etwas abheben, ist zur Reinacherstrasse hin deutlich der Firmenname «Hollinger» zu lesen. William Hollinger steht vor dem Eingang seiner Firma, ein gepflegter älterer Herr mit einem feinen Lächeln.
William Hollinger (Foto: Daniel Spehr)
Das Gebäude aus dem Jahr 1934 sieht von aussen alterslos aus, eingeschossig, mit einem Satteldach. Beim Betreten steht man zuerst in einem quadratischen, eher engen Eingangsbereich mit einem Lavabo, in das seit geraumer Zeit kein Wasser mehr geflossen ist, und drei Türen. Herr Hollinger öffnet uns die Tür ganz rechts und bittet uns in ein kleines, aufgeräumtes und vollgestelltes Büro, wo unsere Gespräche über die Firmengeschichte stattfinden werden. Das Büro hat sein Vater Adolf Hollinger nach der Fertigstellung des Gebäudes 1934 eingerichtet. William Hollinger hat kaum etwas daran verändert: Neue Bürogeräte sind im Laufe der Zeit dazugekommen und das Mikrowellengerät der Sekretärin, die sich darin jeweils ihr Mittagessen wärmte. Irgendwann hat er ein Fenster zur Strasse hin einbauen lassen. Aber alles andere, die Bücherregale, die Tische, der mächtige Tresor, stehen seit über 80 Jahren da, unverändert. Mit dem Eintritt in das Gebäude begeben wir uns auf eine Zeitreise.
Im Büro wurde alles Administrative der Firma Hollinger erledigt. (Foto: Daniel Spehr)
Die Anfänge
Gründer der Firma Hollinger, Fruchtessenzen und giftfreie Farben war William Hollingers Vater Adolf. 1925 war er 25 Jahre alt, hatte bereits während einiger Jahre als Vertreter für Bäckereiprodukte gearbeitet und dabei die ganze Schweiz mit einem Motorrad durchquert. Auch mit seiner eigenen Firma war er weiterhin als Vertreter für Bäckereiprodukte tätig, aber im Gegensatz zu früher nun als freier Vertreter. Er arbeitete für die Dresdner Firma Oehme & Baier, bezog aber auch Rohstoffe von anderen Lieferanten. Domiziliert war der Betrieb zuerst in Basel, in einem Hinterhof an der Gotthelfstrasse 106, in der Nähe seiner Wohnung. Ein paar Jahre nach der Gründung begann sich Adolf Hollinger zusammen mit seinem Bruder Otto für die keramische Industrie zu interessieren. Die Emailproduktion bot den beiden die Möglichkeit, ein zweites, vielversprechendes Geschäftsfeld zu eröffnen. Bloss eignete sich diese Produktion mit ihren grossen Maschinen und dem damit verbundenen Lärm nicht für einen Beitrieb inmitten einer Wohngegend. Das Angebot der Christoph Merian Stiftung (CMS), Land für den Bau eines Produktionsbetriebs auf dem Dreispitzareal mieten zu können, fernab von Wohnhäusern und vor allem mit Bahn- und Strassenanschluss, kam genau zur richtigen Zeit. 1934 konnten die beiden Brüder das nach ihren Plänen errichtete Gebäude beziehen.
Raum für die Emailproduktion
Das Gebäude wurde im Hinblick auf die beiden Geschäftsfelder gebaut. Der grössere äussere Teil des Hauses war der Emailproduktion vorbehalten. Im Gang wurden die einzelnen Werkstoffe gelagert, die per Bahn ankamen: Quarz in grossen Säcken aus Fontainebleau, Feldspat, Kryolith aus Norwegen, Borax aus Arizona. Menge und Zusammensetzung der verschiedenen Ingredienzien variierten je nach Auftrag, je nach Farbe. Musste das Email säurefest sein oder musste es einen Schmelzpunkt von 820 Grad haben? Sollte es blau, weiss oder gesprenkelt sein? War es für die Oberfläche einer Waschmaschine, eines Ofens oder einer Schüssel bestimmt? Nach dem Abwägen der verschiedenen Substanzen wurden in der grossen Halle, dem eigentlichen Hauptraum des Gebäudes, die beiden Rundöfen aus Eisen befüllt und in Gang gesetzt.
Rotierender Emailschmelzofen. Illustration aus: Ludwig Stuckert: Die Emailfabrikation. Ein Lehr- und Handbuch für die Emailindustrie. Zweite, vollständig neubearbeitete Auflage. Berlin 1941.
Nun wurden die Ingredienzien während zwei Stunden auf rund 800 bis 900 Grad erhitzt. Der flüssige Inhalt des Ofens wurde anschliessend in kaltes Wasser abgelassen, dabei formte sich das Email zu einer popcornartigen Masse. Diese sogenannte Fritte musste vor der weiteren Verarbeitung getrocknet werden. Dafür gab es im Betrieb einen Eisentisch – und wenn die Abwicklung des Auftrags eilte, wurde unter dem Tisch eine Gasflamme entzündet. Die trockene Fritte wurde anschliessend in zylinderförmigen Mühlen unter Beigabe von weissen, harten Kugeln aus Steatit während zwei Tagen zu einem feinen Pulver verarbeitet.
Das Geschäft mit Email lief gut an, trotz Wirtschaftskrise. Email fand in der Verarbeitung von Blechgeschirr Verwendung, Reklameschilder wurden aus Email gefertigt, es gab emaillierten Schmuck, und vor allem wurden Haushaltsgeräte mit einer Emailschicht bezogen: Gasherde, Bleche, später auch Waschmaschinen und Kühlschränke. Adolf und Otto Hollinger hatten 1934 bereits Arbeit für zwei Angestellte, während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten gar acht Personen bei ihnen. In den vom Krieg betroffenen Ländern war die Produktion von Email grösstenteils zum Stillstand gekommen. Damals waren die zwei Öfen der Firma Hollinger voll ausgelastet, immer wieder wurden Güterwagen zum Hintereingang bestellt, die in kurzer Zeit beladen werden mussten. Als in den 1950er-Jahren die Emailproduktion in den ehemaligen Kriegsländern wieder anlief, und das auf dem modernsten Stand der Technik, wurden sie für Hollinger zu einer harten Konkurrenz. Gleichzeitig begann Plastik das Emailgeschirr abzulösen und Chromstahl die keramischen Abdeckungen in der Küche. Ab 1956 wurde bei Adolf Hollinger kaum mehr Email nachgefragt. Und so brachen Hollingers in den 1960er-Jahren die beiden Rundöfen schliesslich ab.
Gelegentlich allerdings liess sich William Hollinger auch später noch von einer französischen Firma nach seinen Rezepturen Emailfritten herstellen, die er an der Reinacherstrasse mahlte und nach Wales für die Beschichtung von Schneidemaschinen für Ziegel aus Schiefer schickte.
Für das Mahlen der Emailfritte stehen in einem Nebenraum zwei Mühlen, die mit Transmissionsriemen angetrieben wurden. Die Fritte wurde zwei Tage lang unter Beigabe von weissen Steatitkugeln zu einem feinen Pulver gemahlen. (Foto: Daniel Spehr)
Veilchen, Bittermandel und Orangenblüten
Was der Firma Hollinger allerdings blieb, war der Handel und wenig später die Produktion von Aromen und Lebensmittelfarben. Und das riecht man auch, wenn man das Haus an der Reinacherstrasse betritt. Es riecht nach Zitrusfrüchten, nach Orangen, nach Bergamotte, für unsere ungeübten Nasen sogar ein wenig nach Weihnachten. «Wir haben Aromen für Lebensmittel gemacht. Also für Glacé, für Bonbonfabriken, für Konditoreien. Da gibt’s eine ganze Palette, von Ananas bis Zitrone.» William Hollinger muss lachen, als wir ihn fragen, ob er die Aromen, die er hergestellt und vertrieben hat, beziffern könne. «Hunderte!» Es gab Standardrezepte, Standardaromen, Aromen, die man für Kunden extra ausgearbeitet hat, und Aromen, die sich nie durchsetzen konnten.
Haselnuss, Erdbeer und Himbeer, Zitrusfrüchte gehörten zum Standardsortiment. Dann gab es Aromen, die saisonspezifisch bestellt wurden, das Lebkuchenaroma zum Beispiel, das von Bäcker-Konditoren jeweils ab August bezogen wurde. Es gab auch regionenspezifische Nachfragen: Vanillejoghurt wird bis heute in der Westschweiz häufiger gegessen als in der Deutschschweiz; Fior di Sicilia wird vor allem bei der Herstellung von Panettone verwendet, die grössten Mengen wurden entsprechend an die Jowa Sant’Antonino geliefert, eine Tessiner Fabrik.
Karminrot: Die Farbe wird aus Läusen gewonnen, sie wird in Indien hergestellt. «Ein guter Artikel», sagt William Hollinger. Da es eine natürliche Farbe ist, wird sie auch in Milchprodukten eingesetzt. (Foto: Daniel Spehr)
Und dann kam es auch vor, dass ein Bonbonfabrikant mit dem Auftrag kam, ein spezielles Aroma zu komponieren, wie zum Beispiel den Geschmack für ein erfrischendes Hartzucker-Bonbon oder für ein gefülltes, weiches Karamellbonbon. So entstand beispielsweise das Eisbär-Täfeli, eine Mischung aus Bergamotte, einer aromatischen kleinen Birne aus Italien, und Menthol, das einen kühlenden Effekt hat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in der Schweiz 64 Confiseriefabriken, zu denen Disch, Ricola, Ziele oder auch Klein in Münchenstein gehörten. Es gab Pastillen für Raucher gegen den Rauchgeschmack, gegen den Geruch nach Bier, Lebenswecker, Veilchenbonbons, die dunklen Anis-Fenchel-Briketts, Lakritze, Anis-Dragées, verpackt in dekoraktive Blechdöschen. Von den 64 Betrieben sind gerade mal 12 übriggeblieben. Dennoch: Die Nachfrage nach Hollingers Aromen blieb bestehen, denn «das Aroma ist das Tüpfelchen auf dem i», sagt William Hollinger: Kauft man heute eine Himbeerkonfitüre, so schmeckt sie vermutlich identisch derjenigen, die man von derselben Firma im Monat zuvor erstanden hat, wenngleich die Himbeeren vielleicht nicht aus derselben Region stammen, nicht am selben Tag geerntet oder verarbeitet wurden. Die Beigabe von Aroma macht’s aus. Und wie mit dem Aroma, so verhält es sich auch mit den Farben: Die Konfitüren leuchten alle im selben satten Rot. Kaum einer würde ein «Carac» kaufen, würde es nicht grün leuchten, sondern läge einfach weiss und bleich in der Auslage einer Konditorei, davon ist William Hollinger überzeugt.
Seine Aromen und Lebensmittelfarben stehen in beinahe jeder Schweizer Konditorei, er hat auch schon mal eine Flasche grüner Farbe in der Küche eines edlen Restaurants entdeckt.
Die einzelnen Aromen und Essenzen wurden von überall her in hochkonzentrierter Form bezogen und dann in der Firma auf dem Dreispitz verdünnt, verdampft, mazeriert, nach den gewünschten Rezepturen gemischt und abgepackt. In grossen Korbflaschen, wie wir sie bei unserem Rundgang im Eingangsbereich entdecken, wurden sie den Kunden zugeschickt, 600 Kilogramm Heidelbeeraroma zum Beispiel oder Bittermandelaroma, zweieinhalb bis drei Tonnen für die jährliche Amarettiproduktion der Zürcher Jowa. Waren die Flaschen leer, so sandten die Kunden sie wieder zurück, bei Hollingers wurden sie gründlich gereinigt und wiederverwendet. Irgendwann löste Plastik das Glas ab.
Die Bestellungen kamen hauptsächlich aus der Schweiz, vereinzelt allerdings auch aus Deutschland, Frankreich, Italien oder gar Hongkong.
Familienbetrieb
William Hollinger war der jüngste von drei Brüdern. In den Ferien halfen sie ab und zu im Betrieb aus, lieferten mit ihren Fahrrädern in der Region kleinere Bestellungen aus und verdienten sich so einen Batzen. Er erinnert sich, wie er als kleiner Junge vom Vater motiviert wurde, mit den verschiedenen Pülverchen im Labor zu spielen, Farben zu mischen. Er fand das lustig, und der Plan des Vaters ging auf, William Hollinger biss an. Nach dem Handelsdiplom stieg er 1967 im Alter von 24 Jahren in den Betrieb ein. Er arbeitete überall in der Produktion und im Büro mit. 18 Jahre später schliesslich trat der Vater 1985 im Alter von 85 Jahren aus der Firma aus und William Hollinger übernahm den gut laufenden Betrieb vollumfänglich. Viel hat sich seither nicht verändert. Der Sohn machte im Gegensatz zum Vater, der privat kaum je verreiste, vielleicht ein bisschen mehr Ferien. Er richtete das Labor in einem etwas helleren Raum ein, der zuvor für die Emailproduktion genutzt worden war.
Die 4’000 Konditoreien, die es nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz gab, reduzierten sich im Laufe der Jahre bis heute auf rund 1’600. Dafür konnte Hollinger neue Kunden gewinnen, wie Agrano beispielsweise, einen Betrieb für Konditoreibedarfsartikel. Zwei neue Maschinen allerdings schaffte er an: eine Abfüllmaschine und eine Farbmühle. Überhaupt erhielt der Bereich Farben mehr Gewicht, vor allem die flüssigen Farbstoffe liefen gut. Lange Zeit war William Hollinger der einzige Anbieter von Farben im Lebensmittelbereich in der Schweiz. Als er im Frühjahr 2019 seinen Betrieb im Alter von 76 Jahren schloss, verkaufte er seinen Kundenstamm, das Geschäft mit Aromen und Farben, an die Firma Günter Aroma AG. Die 30-jährige Farbmühle, die bis zu 12 Kilogramm Pulverfarbe mischen kann, ist immer noch in Betrieb, mittlerweile in Beinwil am See.
Das Gebäude an der Reinacherstrasse leert sich seither allmählich. Vor unseren beiden Besuchen hatte William Hollinger seinem Nachfolger bereits etliche Utensilien gegeben, einiges auch schon entsorgt und vieles zentralisiert: Auf einem Tisch beispielsweise lagen 85 Jahre Bürotechnologie, von den ersten Telefonapparaten, Schreibmaschinen aus verschiedenen Zeiten bis hin zur Diskettensammlung.
Noch ist offen, was mit dem 80-jährigen Gebäude geschehen wird. Wird William Hollinger den gemieteten Boden der CMS so zurückerstatten müssen, wie ihn der Vater 1934 von der Stiftung übernommen hatte? Wird er das Gebäude abreissen lassen? Oder wird es die CMS als Eventhalle mit neuem Leben füllen?
William Hollinger wurde 1943 als dritter Sohn von Adolf und Jacqueline Hollinger-Zaugg in Basel geboren. Nach dem Handelsdiplom stieg er 1967 in das väterliche Geschäft ein. 1985 übernahm er das Geschäft vom Vater, der sich mit 85 Jahren aus dem Betrieb zurückzog. Er führte das Geschäft bis Frühjahr 2019.
Grundlage dieses Textes bildeten zwei Gespräche (23.10.2019 und 12.02.2020) mit William Hollinger, geführt in seinem ehemaligen Büro an der Reinacherstrasse 271.