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Der Begriff der Selbstorganisation wird mit verschiedenen Bedeutungen verwendet. Viele Leute verstehen unter Selbstorganisation auch Selbstmanagement, Selbstregulierung oder Selbstbestimmung. Dann wird Selbstorganisation so quasi zum Gegenteil von hierarchischer Führung. Z.B. schreibt Stefan Hagen im PM-Blog:
Management sollte in jedem Fall anstreben, dass es obsolet wird und dass die Managementfunktion von den Mitgliedern des Systems wahrgenommen (= Selbstorganisation)1
Selbstorganisation in dynamischen Systemen
Und ein Kommentar zu diesem Blog-Eintrag schreibt:
Selbst-Organisation hat immer etwas mit den Aufbau von Hierachien zu tun
und meint damit ganz eindeutig autoritäre Hierarchien, wo wenige Individuen den Ton angeben. Wenn eine Gruppe von Individuen mit einer Aufgabe sich selbst überlassen ist, dann werden ein oder zwei Individuen die Initiative ergreifen und die Gruppe führen. Das hat aber nichts mit der Selbstorganisation zu tun, die die Theorie der dynamischen Systeme kennt.
In einem (sozialen) System ist nie alles exakt und steril. Es gibt stets kleine Abweichung und Ungenauigkeiten, die aber vom System automatisch korrigiert werden. Ist die Abweichung von der Art, dass jemand etwas Neues versucht oder gar gegen Bestehendes protestiert, wird es vom System zunächst unterdrückt. Das kennen alle, die beruflich mit sozialen Systemen zu tun haben. Neues wird z.B. mit der Bemerkung abgetan „Das haben wir noch nie so gemacht“ oder „das kann bei uns nicht funktionieren“. In diesem Fall kann meist auch eine Hierarchie nichts erreichen. Man holt externe Changeberater und hofft, dass diese die Mitarbeiter von der Notwendigkeit einer Veränderung überzeugen.
Selbstorganisation entsteht, wenn lokale Störungen das ganze System erfassen
Refomationsbestrebungen, die aus der Gesellschaft kommen, werden zunächst mundtot gemacht, später mit der Polizei nieder geknüppelt. Manchmal können die Abweichungen und Störungen jedoch so stark werden, dass sie „durchzudringen“ vermögen. Die Hierarchie hat sie nicht mehr im Griff (1968 oder 1989). Während Veränderungen von der Hierarchie manchmal nicht durchgesetzt werden können, kann sie andere Male nicht verhindern, dass Veränderungen geschehen, die sie nicht beabsichtigt hat2.
Das ist Selbstorganisation. Auch die einzelnen Individuuen können nichts dafür. Einzelne Individuuen können bloss kleine „Störungen“ erzeugen und versuchen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, diese zu erweitern. Sie können dabei höchstens in ihrem nächsten Beziehungsnetz Nachahmer finden und hoffen, dass diese auch ihr Beziehungsnetz „anstecken“, usw. Wenn die Störung schlummernde Hoffnungen weckt, kann sie sich instantan auf das ganze System ausbreiten. Man spricht von einer Mode. Die meisten Menschen denken beim Begriff Mode nur an Kleidermode. Das ist in der Tat ein gutes Beispiel, aber es ist lange nicht die einzige Mode.
Selbstorganisation erzeugt Moden
Kleidermode wird nicht in erster Linie von Modeschöpfern gemacht. Sie wird von allen Leuten gemacht, ohne dass sie sich absprechen. Das ist Selbstorganisation. In der Theorie der Selbstorganisation sagt man, dass eine Mode das System „versklave“. Der Begriff ist ziemlich unglücklich, aber er hat sich eben nun mal so eingebürgert. Er ist zur einer Mode geworden, die die Theorie der Selbstorganisation versklavt…. Wir sehen, dass z.B. auch ein Familienunternehmen mit einem starken Patron der Selbstorganisation unterworfen sein kann. Wenn der Patron etwas bestimmt, das sofort umgesetzt werden muss, dann hat das nichts mit Selbstorganisation zu tun, da sind sich wohl alle einig. Aber wenn die Werte und das Denken aller Beteiligten – Belegschaft und Patron – langsam in eine Ecke driften, in welcher alle spüren, dass etwas geschehen muss, und der Patron daraufhin die Initiative wahrnimmt, dann kann das Selbstorganisation sein, obwohl „es“ befohlen wurde. Die neue Denke ist zur Mode geworden, die das System, inklusive Patron, versklavt hat.
Ich würde mir wünschen, dass alle, die über Selbstorganisation sprechen, mindestens einmal das Bierspiel gespielt und dabei die Kraft einer Mode verspürt haben, die durch das individuelle Bestreben aller Mitspieler erzeugt wurde.