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Die Gerechtigkeit hat einen neuen Glanz erhalten. In ihrem Namen gehen überall auf der Welt Zigtausende auf die Strasse. Aber wie kommt man von der abstrakten Vision zur konkreten Praxis?
Kann es eine umfassende Gerechtigkeit geben, dieses zentrale Ziel zahlreicher Bewegungen, Aufstände, Revolutionen von den arabischen Ländern bis hin zur Occupy-Bewegung? Ist so ein vollkommener Zustand überhaupt erreichbar?
Nein, diese Fragen interessieren Amartya Sen nicht, denn sie führen nur in abstrakte Diskussionen über Definitionen und Konzepte. Den Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen andere, praxisnähere Themen: Wie kann Ungerechtigkeit weltweit überwunden werden? Und was haben die gängigen Theorien bisher dazu beigetragen? Die «Idee der Gerechtigkeit», so seine Hauptthese, ist kein ethisch vollkommener Zustand, sondern ein Prozess zur Verbesserung der Lebensmöglichkeiten aller Menschen, für den öffentliche und rationale Diskussionen und aktives Engagement unabdingbar sind.
Genügt ein Glücksgefühl?
Amartya Sen ist einer der international bedeutendsten Denker. In den achtziger Jahren entwickelte er mit anderen Ökonomen aus Asien den Human Development Index, einen Wohlstandsindikator, den die Uno seither jährlich veröffentlicht. 1998 wurde er für sein Werk mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. In seinem neuesten Buch, das seit einiger Zeit auch auf Deutsch vorliegt, richtet er den Fokus auf die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit. Ausführlich setzt er sich mit der einflussreichsten Gerechtigkeitstheorie der Gegenwart auseinander, die sein Lehrer John Rawls 1971 entwickelt hat – und die davon ausgeht, dass Gerechtigkeit ideale Institutionen voraussetzt. Rawls̓ Ansatz dominiert bis heute die politische Philosophie und beeinflusst erkennbar das Verhalten führender PolitikerInnen. Wie sonst lässt es sich erklären, dass die einigermassen korrekte Abhaltung formal-demokratischer Wahlen in Krisenstaaten als Beweis für deren Demokratisierung gewertet wird – unabhängig davon, wie die sozialen Verhältnisse aussehen und ob sie auch nur im Geringsten verbessert werden?
Ohne die Bedeutung demokratischer Institutionen zu leugnen, hält Sen dieser Auffassung die realen Lebensumstände und Verhaltensweisen der Menschen entgegen; er postuliert ein radikales Umdenken in der Theorie der Gerechtigkeit. Leitmotiv ist seine aus der frühindischen Rechtslehre abgeleitete Unterscheidung von «Niti» (die Korrektheit von Organisationen und Verhaltensweisen) und «Nyaya» (die verwirklichte Gerechtigkeit).
Doch wie kann man – abseits institutioneller Postulate – Ungleichheiten beseitigen und Gerechtigkeit herstellen? Das beschreibt Sen in acht spannenden Kapiteln, die es den LeserInnen erlauben, ihm quasi beim Denken zuzuschauen. Sein Ansatz ist global, er durchstreift die Weltgeschichte und liefert aus deren Fundus eine Fülle an Material.
Ein Schwerpunkt ist der mit Martha Nussbaum entwickelte «Fähigkeitsansatz», der Gerechtigkeit an den Fähigkeiten der Menschen misst und an ihren Chancen, einen ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechenden Lebensweg zu wählen. Individuelles Wohlergehen oder Glücksempfinden, so Sen, können dabei allerdings nicht Massstab für die Gerechtigkeit einer Gesellschaft sein, denn Gefühle sind subjektiv. Eindringlich schildert er, wie sehr sich Menschen den gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen und noch in grösstem Elend ein individuelles Glücksgefühl suchen.
Drehbuch für den Widerstand?
Daraus, so argumentiert er, dürfen die Herrschenden jedoch nicht das Recht ableiten, die Menschen in ihrer – oft miserablen – Lage zu belassen. Im Gegenteil. Aufgabe eines wirklich demokratischen Gemeinwesens sei es, die Lebenschancen und die Wahlfreiheit der gesamten Bevölkerung zu erweitern. Dafür brauche es insbesondere eine freie und rationale öffentliche Diskussion über bestehende Ungleichheiten und darüber, wie Ungerechtigkeit zu beseitigen wäre. Wie das gehen kann, zeigt Sen etwa am Beispiel der Frauenbewegung, deren beharrliches öffentliches Auftreten auch in Indien die tief verwurzelte Diskriminierung der Frauen aufbrechen konnte.
Entscheidend für einen solchen öffentlichen Diskurs sind unabhängige und aktive Medien. Deren wichtigste Aufgabe sei die Vermittlung und Stabilisierung umfassender demokratischer Werte, zu denen Pluralität, Mitgefühl und Toleranz gehören. Aktuell lässt sich das am Beispiel Norwegens nachempfinden, wo das öffentliche Eintreten für Liebe statt Hass, für Offenheit statt Abkapselung die Polarisierung der Gesellschaft nach dem Breivik-Massaker verhinderte. Allerdings, so belegt Sen anhand vieler Beispiele, sind diese Werte nicht westlicher Provenienz – sie müssen anderen Völkern nicht beigebracht werden.
«Die Idee der Gerechtigkeit» bietet keine konzise Theorie. Aber das Buch liefert einen Fundus an wissenschaftlich hochkomplexen Abhandlungen, empirischen Untersuchungen und differenzierten Überlegungen. Die Kapitel über Rawls’ Ansatz sind für an der Theorie interessierte LeserInnen ein Muss; wem es eher um Sens Vorstellungen zur Praxis der Gerechtigkeit geht, sollte nach der Einleitung die «Materialien der Gerechtigkeit» lesen. Dort finden sich aktuelle Anleitungen zum Handeln. Fast könnte man meinen, er habe das Skript für die Revolte auf dem Tahrirplatz und die Occupy-Bewegung verfasst. Schade nur, dass das Buch nicht ganz adäquat übersetzt wurde; auch ein strengeres Lektorat hätte nicht geschadet.