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Die Scheibenwelt
Und nicht nur ist sie eine Scheibe, sie wird auch von der kosmischen Schildkröte Gross A’Tuin durch das All getragen, genauer, auf Gross A’Tuins Rücken stehen vier gigantische Elefanten, die wiederum die Scheibenwelt tragen und durch deren Beine ab und an eine kleine Sonne um die Welt ihre Kreise zieht.
Natürlich, Cognoscienti haben schon lange erkannt, dass hier nicht (nur) von Covid-Impfskeptiker:innen die Rede ist, sondern von den Büchern des 2015 viel zu früh verstorbenen Sir Terry Pratchett.
Genauer, nicht von allen Büchern, sondern nur von seinen Scheibenwelt-Romanen, von denen er immerhin auch 41 geschrieben hat. Meine Lieblings- Einstiegsquelle Wikipedia bietet sogar eine grobe Einteilung nach den jeweiligen Hauptfiguren an:
- die Zauberer-Geschichten,
- die Rincewind-Geschichten,
- die Unsichtbare-Universität-Geschichten,
- die Hexen-Geschichten,
- Oma-Wetterwachs-Geschichten,
- Tiffany-Weh-Geschichten,
- die Tod-Geschichten,
- die Ankh-Morpork-Geschichten,
- die Stadtwache-Geschichten,
- die Unsichtbare-Universität-Geschichten,
- die Feucht-von-Lipwig-Geschichten und
- sonstige Romane.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Scheibenwelt-Romane, 2.09.21)
Anselm Grün schrieb in seinem schon 2002 erschienen Buch «Weihnachtlich Leben»:
«Gott hatte einen Traum. Er träumte die Schöpfung. Und er schuf sie. Er schuf den Himmel und die Erde, die Blumen und Gräser, die Bäume und Wälder, die Berge und Hügel, die Fische und Vögel, die Insekten und die Säugetiere. Aber es fehlte etwas an seinem Traum. Da träumte er den Menschen, der nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen ist.» - und wenn er Terry Pratchett gekannt hätte, wäre das eine treffende Beschreibung der Leistung, die Pratchett über viele Jahre hinweg immer wieder erbracht hat – und noch mehr sogar, denn in Grüns Schöpfungsgeschichte fehlt der Humor, der bei Pratchett fast eine eigenständige Romanfigur ist. Wenn es ihn autark gäbe, wäre es eigentlich keine Überraschung, gibt es doch auch den Tod, den Weihnachtsmann, die Zahnfee und viele andere menschliche Projektionen in seinen Texten in Person und mit ihren eigenen Geschichten.
Was alle Romane von Pratchett verbindet, ist zu einem die schier endlose Fabulierkunst verbunden mit einer genauso unendlichen und dazu skurrilen Fantasie, eine Kenntnis der menschlichen Schwächen und Wünsche, denen in einer geradezu liebevollen Art in ihrer Beschreibung gleichzeitig die Absolution erteilt. Ohne Pratchett wüssten wir nicht, wie die Dampf-Eisenbahn entstanden, wie Hollywood mit seinem Entertainment so faszinierend werden konnte, wie sich die Jazz- und Bluesmusik entwickelte konnte und er gab uns die Idee, dass Supermärkte mit ihren Einkaufwagen-Soldaten schon lange im Geheimen einen Krieg gegen die Stadtzentren führen mit dem erklärten Ziel der totalen Isolation und Zentralisierung von Shopping Malls an den Aussengrenzen der Städte.
«Diversity» ist seit einiger Zeit ein beliebtes Thema von Management-Seminaren und erschöpft sich doch meistens in einer Reduktion auf Gender und Hautfarbe und stellt sich oft selbst ein Bein mit Kursen wie «Queer Career Management» oder «Feminine Empowerment», bei denen sich mir die Frage stellt, wieso bloss weil man ein Mitglied der LGBTQ+-Community ist, man ein Career Management brauchen sollte oder wieso man Frauen einen Kurs zum Empowerment anbieten sollte, das können die hervorragen allein, man muss es nur wirklich zulassen. Und wieder hätten alle von Pratchett lernen können, die «City Watch», also die Stadtpolizei, von Ankh-Morpork vereint Menschen, Zwerge, Kobolde, Trolle, Zombies zu einer bunten Truppe von Stadtpolizist:innen, die durch ihre speziellen Fähigkeiten und Charakteristika zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in Ankh-Morpork beitragen.
Pratchett hat in einer Kombination von Licht-Morsecode und Flaggensignalen das Internet vorweggenommen (mit den «Clacks»), mit Hilfe derer die Staaten der Scheibenwelt untereinander Nachrichte austauschen können. Die Betreiber der Clacks von Ankh-Morpork aus haben zum Gedächtnis all derer, die zum Bau der Signal-Leitungen beigetragen haben, ihrer aller Namen in die Codes der Clacks-Kommunikation eingefügt, damit sie für immer digital am Leben bleiben können.
Als er 2015 starb haben Fans dies mit Website-Code ebenso gemacht, der in HTML-Form in Header eingefügt werden, man sieht ihn also erst, wenn man den Code einer Website öffnet, was in jedem Browser geht. Ein Charakter in seinem Roman «Going Postal» bemerkte:
«If you had to be dead, it seemed a lot better to spend your time flying between the towers than lying underground.”
Einen besseren Tribut hätte sich Sir Terry Pratchett sicher nicht wünschen können.
Und für mich ist es jetzt Zeit, bei den 41 Romanen mal wieder vorn anzufangen.