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Matthäus 5, 6
Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten; denn sie werden satt werden.
Die vierte Seligpreisung lässt nochmals die in den einleitenden Bemerkungen schon angeführte Frage aufkommen, in welchem Verhältnis die Seligpreisungen im Lukas- und Matthäusevangelium zu einander stehen. Bei Lukas lautet der entsprechende Satz nämlich: “Glücklich zu preisen seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden.” (Lukas 6, 21) Das führt zu der von Wengst exemplarisch entfalteten Vorstellung, wonach bei Lukas die ältere, ursprünglichere Version zu finden sei. Sie richte sich konkret an Menschen, die unter Mangel an Nahrung leiden. Matthäus habe diese Fassung “ethisiert”, das heisst, er habe beim Niederschreiben seines Evangeliums seine damalige Gemeinde vor Augen gehabt. Diese habe aus Menschen bestanden, die zwar in einfachen Verhältnissen lebten, aber nicht direkt an Hunger litten. Deshalb habe Matthäus die Seligpreisung interpretierend ergänzt: “Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten…”, was dann so zu verstehen sei, dass sie sich engagieren dafür, dass Hungernde satt werden. Diese Anpassung durch Matthäus sei nicht ein zu verurteilender Eingriff in den Text, sondern eine lobenswerte Aktualisierung desselben.1) Gerechtigkeit soll also gemäss dieser Interpretation nicht für sich selbst erwünscht, sondern für andere, Benachteiligte und ungerecht Behandelte, erstrebt werden. Wengst beruft sich dabei auf Traditionen des Almosengebens im Judentum, d.h. Liebeswerke, die auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit abzielen2).
Gerechtigkeit – das scheint auf jeden Fall ein Schlüsselbegriff in der Bergpredigt zu sein. In den Seligpreisungen taucht er in Vers 10 nochmals auf. Wie ist diese Gerechtigkeit aber zu verstehen? – Geht es dabei um ein menschliches Verhalten, eine praktizierte Tugend? Oder ist eher die uns von Gott geschenkte Gerechtigkeit, die uns von der Sünde frei macht, gedacht? – Etwas salopp (und auch vorschnell) formuliert, könnte man das erste als “katholische”, das zweite als “protestantische” Interpretation bezeichnen. Interessant ist allerdings, dass offenbar die meisten alten Kirchenväter und tendentiell auch die ersten Reformatoren diese Seligpreisung im Sinne der ersten Deutung verstanden haben. Erst die zweite Generation der Reformatoren hat die Gerechtigkeit eindeutig als von Gott geschenkte Gabe verstanden. Hungern und dürsten würde dann unsere Sehnsucht nach dieser Gabe bildlich umschreiben. Eine ausführliche und eindrückliche Auslegung auf dieser Linie findet sich bei D. Martyn Lloyd-Jones in seiner Predigt zur Stelle unter dem Titel “Gerechtigkeit und Segen”.3)
Versteht man hingegen die Gerechtigkeit im Sinne eines menschlichen Verhaltens, kann “hungern und dürsten” danach nicht mehr nur eine Sehnsucht umschreiben, sondern muss im Sinne von “sich mühen um” verstanden werden können. Luz weist nach, dass dies möglich ist und er schliesst sich deshalb der altkirchlichen Deutung an.4) Ich folge ihm darin, denn Stellen wie die folgenden, legen ein aktives Verständnis dieser Gerechtigkeit nahe:
– Bei der Taufe sagt Jesus zum zögernden Johannes: “Lass es jetzt zu! Denn so gehört es sich; so sollen wir alles tun, was die Gerechtigkeit verlangt.” (Matthäus 3, 15)
– In der Bergpredigt, nach den Seligpreisungen, deklariert Jesus: “Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.” (Matthäus 5, 20) Die Ausführungen dazu, wie diese bessere Gerechtigkeit dann aussehen soll, folgen in den Abschnitten danach, die wiederum auf Verhaltensweisen abzielen.
Wichtig ist auch hier wieder der Bezug zum Alten Testament. Von dort her lässt sich prägnant festhalten: “Gerechtigkeit ist das von Gott in seinem Bund seinem Volk gebotene Verhalten”.5)
Susanne Schmid nimmt für das Verständnis dieser Art von Gerechtigkeit unseren Ausdruck “jemandem gerecht werden” zu Hilfe. Sie betont den Aspekt der Beziehung, der in diesem Verständnis von Gerechtigkeit enthalten ist. “Gerecht sein”, bedeutet demnach, den Ansprüchen des jeweiligen Gemeinschaftsverhältnisses gerecht zu werden.
Ich denke nicht, dass damit ein Sehnen nach der von Gott geschenkten Gerechtigkeit durch Jesus Christus ausgeschlossen ist. Im Gegenteil: Das intensive Fragen nach einer gerechten Welt, das Erwarten der Vollendung der Erlösung, das Verlangen nach Veränderung, auch nach Heil und Heiligung des persönlichen Lebens, all das gehört ja auch zum Leben als Christenmensch. Aber ein nur passives Warten darauf würde nicht zu den Intentionen der Berpredigt passen.
Bei aller Bemühung um die zutreffende Interpretation des Anfanges dieser Seligpreisung soll der Nachsatz nicht vergessen werden: Dieses Mühen um und auch Sehnen nach Gerechtigkeit soll nicht vergeblich sein. Es trägt die Verheissung der Erfüllung in sich. Diese ist allerdings in der Zukunftsform gegeben. Und doch blitzt sie immer wieder auf, insbesondere da, wo Jesus diese Gerechtigkeit aufrichtet und seine Gemeinde in seiner Nachfolge sich daran orientiert.
Bleibt noch die zuerst erwähnte Frage nach dem, was Jesus gesagt und was Lukas oder Matthäus allenfalls daraus gemacht haben. Was ich persönlich nicht glaube: Dass Matthäus willkürlich und eigenmächtig Aussagen von Jesus in seinem Sinne verändert hat. Wenn die Bibel – was ebenfalls meinem Glauben entspricht – Gottes Wort an uns ist, dann hat sein Geist auch darüber gewacht, dass es uns seiner Absicht gemäss erreicht. Wenn man sich die Seligpreisungen als zusammenfassende Thesen aus Reden von Jesus vorstellt, dann könnte es sein, dass er – ganz modern – unterschiedliche “Milieus” mit unterschiedlichem Akzent angesprochen hat, die Bettelarmen anders als die, welche genug zum Leben hatten, und dass Lukas und Matthäus je einen anderen Schwerpunkt festgehalten haben. Mache ich es mir zu einfach damit? – Der Blog gibt Raum zur Reaktion!
1)Wengst, a.a.O., S. 35f
2)a.a.O.. S. 45
3)Lloyd-Jones, a.a.O., S.89ff
4) Luz, a.a.O, S. 210f
5) a.a.O, S. 211