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Giovanni Arrighi erstellt Satellitenbilder kapitalistischer Entwicklung. Er rückt den Niedergang der US-Hegemonie und den Aufstieg Chinas in eine historische Perspektive - und stösst auf Adam Smith.
Während wir perplex zuschauen, wie die digitalen Figuren des Finanzkapitalismus implodieren wie eine virusbefallene Powerpoint-Präsentation, stellt sich die Frage nach dem Analysemassstab. Wie diese Krise einordnen, deren Konturen erst erahnbar sind? Mit einer Perspektive von dreissig Jahren oder achtzig Jahren? Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden «Finanzialisierung» und «Globalisierung» als jüngste Phasen des Kapitalismus gehandelt. Um 1900 theoretisierten Köpfe der ArbeiterInnenbewegung mit Begriffen wie «Finanzkapital» und «Imperialismus». Besteht zwischen diesen wiederkehrenden Beobachtungen ein Zusammenhang? Könnten sie auf einen Zyklus kapitalistischer Entwicklung verweisen, der so lang und räumlich so weitreichend ist, dass wir seinen Verlauf kaum wahrnehmen?
Ein Buch, das kurz vor Ausbruch der Finanzkrise geschrieben wurde, bietet eine Möglichkeit, diese Fragen auf überraschende Weise zu denken. Giovanni Arrighi empfiehlt in «Adam Smith in Beijing», den Blick auf eine Zeitspanne von 500 Jahren und auf den ganzen Globus zu richten. Der Wirtschaftssoziologe an der Johns Hopkins University in Baltimore vertritt eine Makroperspektive, die sich an die Ideen des französischen Historikers Fernand Braudel anlehnt und Weltsystemtheorie genannt wird.
Mit «Adam Smith in Beijing» ist Arrighi erstmals in Buchlänge auf Deutsch übersetzt. Seine Hauptthese lautet, dass sich in den letzten Jahrzehnten die Balance wirtschaftlicher Macht radikal vom «Westen» in den «Osten» verschoben habe. Arrighi verknüpft diese These (die weitherum geteilt wird) mit seiner eigenen Theorie der systemischen Akkumulationszyklen.
«Ein Zeichen des Herbstes»
Dabei entsteht eine grosse Erzählung: Seit der frühen Neuzeit, als der Kolonialismus die Gegensatzpaare Westen und Osten, Zentrum und Peripherie zu formen begann, wiederholt sich ein Muster. Auf eine Phase der materiellen Expansion folgt jeweils eine Phase der finanziellen Ausweitung. Nach einer Zeit des Aufstiegs und der Herrschaft, die von einem Anstieg der Produktion geprägt ist, verlegen sich Wirtschaftsmächte auf Finanzgeschäfte.
Ein «Zeichen des Herbstes» sei dieser Prozess der Finanzialisierung, hat Fernand Braudel geschrieben. Die Wirtschaftsmacht bekommt Mühe, geeignete Bedingungen zur Akkumulation zu finden - das zuvor in der Produktion fixierte Kapital kehrt in die Geldform zurück und bläht die Finanzsphäre auf. Von dort wandert es weiter, um sich an einem neuen Ort zu materialisieren. So begann genuesisch-iberisches Kapital im 16. Jahrhundert in Amsterdam zu investieren, das im 17. Jahrhundert zum Finanzzentrum Europas avancierte - und im 18. Jahrhundert wiederum in Britannien investierte, welches mit industriekapitalistischem Schub zum Empire aufstieg, bevor es um die Jahrhundertwende seinerseits in den USA zu investieren begann.
Was hat das mit der heutigen Krise zu tun? Diese lässt sich als Ausdruck der finalen Krise der US-Hegemonie deuten. Ein erstes Signal dieses Niedergangs markierten die Niederlage in Vietnam, die Lohnkämpfe der späten sechziger Jahre sowie der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems. Die Wende zum neoliberalen Finanzkapitalismus war ein Versuch, dem Abstieg der US-Vormacht entgegenzuwirken - zeitweilig sehr erfolgreich. Umso mehr sorgen nun Irakkrieg und Finanzkrise für globale Turbulenzen. Noch etwas ist heute speziell: Mit den USA ist die führende Finanzmacht nicht mehr Investorin, sondern Schuldnerin. Am anderen Ende dieser Beziehung expandiert eine Wirtschaftsmacht, die eine eigene Entwicklung durchlaufen hat: China.
Adam Smith, der Antikapitalist
Um 1800 waren Wirtschaftsleistung und durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen in Europa und China ungefähr gleich. 1949, zur Zeit der Chinesischen Revolution, war China das ärmste Land der Welt. Um den Ursachen dieser «grossen Divergenz» nachzugehen, zoomt Arrighi auf einen Beobachter, der erstaunt über Entwicklungen in seiner Heimat Schottland - und der Welt - berichtete: Adam Smith. Der argumentierte, sagt Arrighi, für Marktwirtschaft, aber gegen Kapitalismus. Smith war vieles: Moralphilosoph, Jurist, Astronom und, soviel man heute weiss, persönlich ein recht unglücklicher Mensch. Ein Anwalt des Homo oeconomicus war er nicht. Unendliche Akkumulation kam Smith absurd vor. Märkte seien dazu da, dass Kapitalisten (und nicht ArbeiterInnen) miteinander wetteiferten. «Keine Nation (kann) blühen und gedeihen, deren Bevölkerung weithin in Armut und Elend lebt», schrieb er in «Der Wohlstand der Nationen» (1776). Wenn Kapitalisten über zu hohe Lohnkosten zeterten, lupfte es Smith die Perücke: «Über hohe Löhne klagen», schrieb er, «heisst daher nichts anderes, als über die notwendige Folge und Ursache höchster Prosperität des Landes jammern.»
Märkte sind ein Instrument für ganz unterschiedliche Herrschaftsweisen. Der historische Kapitalismus, ein System unendlicher Akkumulation, ist nur dort entstanden, wo die kapitalistische Klasse mit der Staatsmacht verschmolz. Ohne staatliche Gewalt kein Kapitalismus. «Staat» und «Markt» bilden keinen Gegensatz, wie das SozialdemokratInnen und Neoliberale gleichermassen behaupten, sondern bedingen einander: Im Moment fungiert der Staat ganz bemerkenswert als Gesamtkapitalist.
Eine nichtkapitalistische Marktwirtschaft, sagt Arrighi, habe Adam Smith in China gesehen. Eine auf die Landwirtschaft ausgerichtete Entwicklung kontrastierte mit der expandierenden europäischen Ökonomie; Militärmacht und Kolonialismus überrannten diesen Entwicklungspfad. Die Opiumkriege besiegelten eine hundertjährige chinesische Unterordnung.
Aber auch die westliche Vorherrschaft bedeutete keine Einbahnstrasse. So hat etwa die westliche Wirtschaft mit der manchmal «Toyotismus» genannten flexiblen Fertigung «östliche» Produktionsregimes übernommen. Dass nun China als grosser Zocker am Spieltisch der Globalisierung Platz nimmt, könnte, so Arrighi, eine Chance für ein gerechteres Weltsystem sein. Könnte, denn der Umschlag in die kriegerische Barbarei bleibt stets eine Option, und Arrighis historische Erzählung stellt keine Prognose auf. Er hält nur - und das ist wohl die provokanteste These seines Buchs - nicht für ausgemacht, dass China den Weg unendlicher Akkumulation eingeschlagen hat. Die Entwicklung ist offen. Was die Zukunft bringt, wird in sozialen Kämpfen entschieden. Aber das heisst nicht, dass man sich nicht die entsprechenden Fragen stellen sollte. In diesem Sinn ist Arrighis Buch ein faszinierender Ausdruck wissenschaftlicher Fantasie.