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Bereits im Dezember und Januar lag die mittlere Temperatur jeweils zwischen 1 und 3 Grad über dem langjährigen Mittel. In der ersten Februarhälfte auf der Alpennordseite sogar 3 bis 6 Grad darüber. Viele geniessen die Frühlingswärme. Vielen Wildtieren setzt der Klimawandel jedoch zu, bestätigt der Berner Oberländer Wildhüter Kurt Schweizer. Es gibt jedoch nicht nur Verlierer unter den Wildtieren – es gibt auch Gewinner. Zu ihnen zählen auch welche, die uns Menschen auf Trab halten.
SRF: Warme Winter, wie dieser war, gibt es immer mehr. Was bedeutet das für die Wildtiere, die im Berggebiet leben?
Kurt Schweizer: Für Tiere in höheren Lagen bedeutet der milde Winter, dass die natürliche Bestandsregulation nicht stattfindet. Das heisst: Ältere und schwächere Tiere überleben den Winter und das möchte man nicht. In einem strengen Winter, bei Frost und Schnee, gibt es einen energetischen Flaschenhals. Ältere und schwächere Tiere überleben den Winter nicht. Der Winter selektiert. Wenn die schwächeren und älteren Tiere den Winter überleben, pflanzen die sich zum Teil fort. Dass solche Tiere an der Fortpflanzung teilnehmen, möchte man nicht.
Also man kann sagen, dass beispielsweise die Population der Steinböcke insgesamt immer kränker wird?
Es ist etwas, das nicht wünschenswert ist, weil die Weitergabe des Erbguts den Gesündesten und Stärksten überlassen sein sollte.
Wie ist es bei den Tieren, die keine Winterruhe machen und immer wieder erwachen? Ein Murmeltier zum Beispiel. Sind die in einem milden Winter wach, anstatt dass sie schlafen?
Ja, das Murmeltier gerät durch die wärmeren Temperaturen und die milden Winter zunehmend unter Druck. Man hat herausgefunden, dass die Tiere wärmebedingt vor dem Winterschlaf immer weniger Fettreserven anlegen. Das kann sich tödlich auswirken. Haben sie zu wenig Fettreserven, überleben sie unter Umständen den Winterschlaf nicht.
Wenn es in Zukunft immer weniger Tage mit Frost gibt, der Schnee nicht mehr liegen bleibt, er schmilzt und die Winter kürzer werden – was bedeutet das im Allgemeinen für die Wildtiere?
Es gibt Tiere, die auf den Winter hin ihr Kleid wechseln. Etwa der Schneehase, das Hermelin oder das Schneehuhn. Für sie ist es fatal, wenn es einen milden Winter mit wenig Schnee gibt. Der Schneehase in einer braunen Landschaft wird von seinen Fressfeinden gesehen. Sei es vom Fuchs oder von den Greifvögeln. Er ist so leichte Beute. Beim Schneehuhn ist das Problem, es kann nicht mehr weiter in die Höhe fliehen – sein Lebensraum wird immer enger und immer kleiner. Das kann sich tödlich auswirken.
Kann man sagen, dass die Tiere allgemein gestresster sind oder ist das übertrieben?
Nein. Das kann man gut so sagen. Die Tiere werden gestresster und gerade im Winter sollte man Stress vermeiden, damit die Wildtiere ihre Fettreserven, die sie zum Überleben haben, nutzen können.
Gibt es in der Natur auch Gewinner oder Gewinnerinnen des Klimawandels?
Die gibt es. Ein Gewinner der Klimaerwärmung ist zum Beispiel das Schwarzwild. Also Wildsauen. Bei denen hat man festgestellt, dass milde Winter den Populationsanstieg vergrössern. Sie produzieren mehr Nachwuchs. Das Schwarzwild ist ein grosser Gewinner der Klimaerwärmung. Zecken gehören auch zu den grossen Gewinnern. Die kleinen Tiere, die wir alle lieber nicht möchten. Wenn es zu wenig kalt ist, fallen sie nicht in eine Winterstarre. Sie überleben den ganzen Winter und sind dauernd aktiv.
Das Gespräch führte Christine Widmer.