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Was hat das Ganze mit Geographie zu tun? Auf den ersten Blick: Wenig. Aber dies ist auch nicht möglich, weil sich ja der vorliegende Konzeptentwurf auf ein weites Verständnis von Humanökologie bezieht, bei dem von mehr als nur Wissenschaft die Rede ist und dort, wo die Wissenschaft angesprochen wird, die Geographie bloß als eine von mehreren Disziplinen erwähnt wird. Ein engeres Verständnis von Humanökologie hätte natürlich sehr wohl mit Geographie zu tun, denn diese hat immer in der einen oder andern Form ihren Blick auf die Mensch-Umwelt-Beziehung gerichtet, auch wenn der Begriff “Humanökologie” kaum verwendet worden ist. Immerhin vertrat vor mehr als 70 Jahren der amerikanische Geograph Harlan H. Barrows die Meinung, die Geographie sei mit der Humanökologie identisch, oder aber müßte dies sein: “... the center of geography is the study of human ecology in specific areas” (1923: 9). Sein Anliegen war offenbar, einen für das Fach einzigartigen Forschungsgegenstand, eben die Mensch-Umwelt-Beziehung, festzulegen,1
Die ausschliessliche Konzentration auf diese Beziehung war dabei sehr wörtlich zu verstehen, wie etwa das vorgestellte Verhältnis von Wirtschaftsgeographie und Ökonomie illustriert: Die erstere sollte sich mit allen Aspekten der wirtschaftlichen Tätigkeiten des Menschen beschäftigen, die unmittelbar mit dem materiellen Lebensunterhalt zu tun hatten, anders gesagt, die sich auf Beziehungen zwischen Menschen und Ressourcen bzw. Gütern bezogen. Die Aufgabe der letzteren dagegen sollte sich im Gegensatz dazu auf alle die Fragen konzentrieren, die im Hinblick auf die ökonomische Organisation einer Gesellschaft mit Beziehungen von Mensch zu Mensch zu tun hatten (vgl. Barrows 1923: 5-7).
in der Befürchtung, die Geographie mit ihren vielfältigen Überlappungen mit Nachbarwissenschaften könnte sonst ihre Selbständigkeit verlieren.
Mit dem zweiten Blick kann sich allerdings der Verdacht ein¬stellen, mein Beitrag habe in einem atavistischen Sinne sehr viel mit Geographie zu tun. Schließlich ist der Schreibende von Haus aus Geograph, und wer im Geographischen Taschenbuch sein Geburtsjahr nachschlägt, kann unschwer feststellen, daß er noch zu Zeiten der klassischen Landschaftsgeographie mit ihren Ganzheitsansprüchen sein Studium absolviert haben muß. Das ist richtig, aber auch richtig ist, daß ich damals ziemlich rasch auf den Modernisierungszug aufgesprungen bin. Dies geschah allerdings in einer Weise, mit der ich tiefschürfendere Fragen über Sinn und Zweck der Geographie auf Jahre hinaus umschiffen konnte: Ich konzentrierte mich auf technisch-methodische Fragen, zuerst im Bereich der Fernerkundung und dann in dem der statistischen Methoden und der mathematischen Modellierung. Etwa 25 Jahre der Beschäftigung mit diesen Themen ließen mich aber letztlich mit einem zunehmenden Gefühl der Leere zurück und mit einem Bedürfnis, diese Leere aufzufüllen. So entstand allmählich die Idee einer Humanökologie, so wie ich sie in den vorangehenden Abschnitten skizziert habe. Bemerkenswert ist, daß dabei die Anstöße - vordergründig gesehen jedenfalls - zum vorwiegenden Teil aus Bereichen außerhalb der Geographie kamen, aus sozial- und geisteswissenschaftlicher Literatur der verschiedensten Art.2
Zur sozialwissenschaftlichen Lektüre gehörten auch Arbeiten zu kulturökologischen Fragestellungen aus dem Bereich der Kulturanthropologie. Bei diesen läßt sich allerdings eine Verwandtschaft zu Vorstellungen der klassischen Geographie finden (vgl. dazu Hard 1973: 195-200 und Steiner 1992).
Aber ich will mich nicht herausreden, und es ist natürlich möglich, Affinitäten zwischen dem hier vorgestellten Konzept und der klassischen Auffassung von Geographie zu finden, der Auffassung, die ja nicht zuletzt von Gerhard Hard (z.B. 1973 und 1983) in scharfsinnig-pointierter und gleichzeitig unterhaltsamer Weise kritisiert worden ist. Die Frage also: Wie weit gerate ich mit meinem integrativen Unternehmen einer allgemeinen Humanökologie in Gefahr, in überwunden geglaubte Zeiten zurückzufallen, in denen mit dem Begriff der “Landschaft” die utopische Idee einer Harmonie von Mensch und Umwelt beschworen wurde? Die Gefahr ist von Gerhard Hard so beschrieben worden: “Wenn man, wie üblich, auf Einheit, Ganzheit, Integration usw. abhebt, dann kommt, wie üblich, eine Chimäre heraus, z.B. eine fiktive Wunschwissenschaft von der Art einer «integrativen Umweltwissenschaft», «Humanökologie» etc. (1992: 39).” Dazu möchte ich zweierlei sagen. Erstens: Es geht sicher nicht um die Vorspiegelung falscher Tatsachen, d.h. um die Postulierung von Harmonie dort, wo sie gar nicht mehr existiert und auch nicht mehr existieren kann, sondern anders herum gesehen um die Überwindung eines Grades von Disharmonie, der nach meiner Überzeugung zur Selbstzerstörung führt, wenn wir so weitermachen wie bis anhin. Um dies weiter auszuführen werde ich unten auf eine Diskussion über die Möglichkeit von Humanökologie von Georg Picht zurückgreifen. Und Zweitens: Meiner Meinung nach hat das Denken im Stile der “alten Geographie” ein gewisses humanökologisch bedeutsames Potential, das uns als Gegengewicht zu einer übersteigert verwissenschaftlichten Haltung der Umwelt gegenüber heute von Nutzen sein könnte. Wenn wir dieses Denken in allzu radikaler Weise ablehnen, erleidet dieses Potential das Schicksal des mit dem Bade ausgeschütteten Kindes. Nach Gerhard Hard weisen Begriffe und Grundkonzepte der klassischen Geographie einen “Doppelcharakter” auf, indem in ihnen nämlich eine Mischung von Wissenschafts- und Alltagsverstand zum Ausdruck kommt, und er meint, eben dieser Umstand stelle sowohl Chance wie auch Gefährdung dar.3
Genau sagt Hard: “Eben dieser «Doppelcharakter» (nicht nur der zentralen Begriffe, sondern der gesamten Weltperspektive dieser Disziplin) machte seit Beginn der nennenswerten akademischen Existenz der Geographie (im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts) sowohl ihre wissenschaftspolitische Chance wie auch ihre Gefährdung aus, ihre Legitimation und ihre Illegitimität zugleich: Eine Chance und Legitimation in bestimmten weltanschauungsgeschichtlichen Grosswetterlagen, eine Gefährdung und stete Quelle von Legitimitätszweifeln im Kontext der übrigen modernen Einzelwissenschaften” (1983: 140). Voraussetzung dafür, daß hier von einem allenfalls nützlichen Potential geredet werden kann, ist allerdings, daß Hards Aussage über die “weltanschauungsgeschichtlichen Grosswetterlagen” (auch) in einem positiven Sinne interpretierbar ist.
Ich interessiere mich also für den Aspekt der Chance und tatsächlich habe ich ja in Abschnitt 3 auf die Notwendigkeit einer Verbindung von wissenschaftlichem Fachwissen und Alltagserfahrung hingewiesen. Im folgenden möchte ich diese beiden Anliegen noch etwas näher ausführen.
Zu Georg Picht (1979): Er fragt: “Ist Humanökologie möglich?” und meint, wenn er davon spricht, nicht eine Wissenschaft, auch nicht bloß eine umfassendere Perspektive, sondern eine konkrete, nicht-zerstörerische Lebensform des Menschen. Humanökologie in diesem Sinne ist nach Picht möglich, wenn es gelingt, die wissenschaftliche Denkform, die von sich selbst sagt, daß sie ökologische Fragestellungen untersuchen kann, dabei aber vergißt, sich selbst als Teil des Oikos des Menschen zu betrachten, in diesen Oikos zu integrieren.4
Dazu Picht: “Die ökologische Krise belehrt uns darüber, daß wir die Frage, ob die Struktur unseres Denkens mit der Struktur der Welt, in der wir leben, übereinstimmt, nicht ungestraft vernachlässigt haben. Ökologie untersucht die Struktur von Ökosystemen; sie kann nicht davon absehen, ob die Struktur der Theorien, die sie aufstellt, sich mit der ihres eigenen Ökosystems vereinbaren läßt” (1979: 31) und: “Wir können ... der Frage nicht mehr ausweichen, ob die Wissenschaft als solche, ihr Theoriemodell, ihre Axiome und die darin vorgezeichnete Stellung des Menschen zur Natur, ein Gefüge hat, das mit den Lebensbedingungen des Menschen in dieser selben Natur im Einklang steht, oder ob das Wort «Wissenschaft» eine Denkform bezeichnet, die ihrer Struktur nach in unser Ökosystem nicht integriert werden kann” (1979: 22).
Gegenwärtig ist eine solche Integration nicht vorhanden. Das Problem, so Picht, besteht darin, daß die Wissenschaft des Menschen eine Projektion seines Geistes darstellt, die nach dem Universellen, dem Absoluten, dem Zeitlosen sucht5
Wir beachten daß, indem diese Projektion dies tut, sie implizit eine metaphysische Grundlage voraussetzt, obschon ja im offiziellen Diskurs die (meisten) Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen jegliche Gedanken an Metaphysik empört von sich weisen. Jedenfalls trifft dies auf die Naturwissenschaften zu (vgl. Picht 1979: 96).
und dabei das je Besondere konkreter, offener Ökosysteme, die immer in der Zeit sind, also eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft haben, unberücksichtigt läßt. Die Existenz menschlichen Geistes leitet sich von der Tatsache ab, daß die Menschen sprachbegabte Wesen sind und Sprache eine Art kollektives Gedächtnis ermöglicht: “Das explizite Gedächtnis der Sprache eröffnet jedem Individuum, das an ihr teilhat, den Zugang zu der Erfahrung ungezählter anderer Individuen aus einer langen Kette von Generationen, deren jeweilige Umwelten sich drastisch voneinander unterscheiden können. ... Es befindet sich durch die Sprache jenseits seiner Umwelt in der unbestimmten Offenheit von Welt” (1979: 79). Es gibt also für den Menschen nicht nur eine Umwelt, sondern auch eine Welt, und zwischen beiden kann eine Diastase bestehen, was insbesondere für die wissenschaftliche Einstellung zutrifft: “... das naturwissenschaftlich-technische Denken der europäischen Neuzeit ... projiziert die Ordnung der Welt in die Umwelt und transformiert deren aus der Evolution hervorgewachsene Organisation nach den Prinzipien einer Rationalität, die sich der Diastase zwischen Umwelt und Welt dadurch entledigt hat, daß sie die Struktureigentümlichkeiten der Umwelt ausblendet und, soweit dies möglich ist, beseitigt” (1979: 82). “Solange dies so ist, kann Humanökologie nicht möglich sein. Ein Logos, dessen Wahrheit darauf beruht, daß er jenseits der Natur seinen Ursprung hat, läßt sich in diese Natur nicht integrieren” (1979: 96).6
Dazu noch eine zusätzliche Bemerkung: Daß der Mensch die Welt in Form einer Projektion sieht, die mit konkreten Umwelten im Konflikt stehen kann, trifft natürlich nicht nur auf das wissenschaftliche Weltbild zu; es ist grundsätzlich immer so. Aber längerfristig “können sich ... nur solche Schemata durchsetzen, die sich in der Evolution bewähren, weil sie eine Orientierung ermöglichen, durch die sich das Leben erhält. In diesem eingeschränkten Sinn muß jeder Ordnungsschematismus «wahr» sein; sonst sorgt die Selektion dafür, daß er verschwindet” (Picht 1979: 78). In dieser Hinsicht scheinen viele mythische Weltbilder der Vergangenheit besser als die heutige wissenschaftliche Weltsicht abzuschneiden. Das Mythische aber ist nicht verschwunden, nur verdrängt, es lebt in dem, was wir “Literatur” nennen, weiter (vgl. Picht 1979: 99-100). Offenbar hat diese eine unsere wissenschaftliche Verblendung kompensierende Funktion.
So gesehen ist mein Anliegen die Suche nach einer Humanökologie als Perspektive oder Bewußtseinshaltung, die uns der Humanökologie im Sinne einer nachhaltigen Lebensform näher bringen kann. Daß es dabei unumgänglich ist, die Vorstellung zu transzendieren, nützliches, d.h. problemlösendes Wissen werde nur von der Wissenschaft geliefert und damit müßten auch alle Umweltprobleme auf wissenschaftlicher Grundlage lösbar sein, ergibt sich folgerichtig aus den Aussagen von Picht. Wenn aber Außerwissenschaftliches gefragt ist, ist es keineswegs abwegig, sich zu überlegen, ob uns in dieser Situation nicht doch die klassische Landschaftsgeographie etwas zu sagen hat (der zweite Punkt von oben). Ist es denkbar, daß wir gerade etwa dem von Gerhard Hard kritisierten holistischen und utopischen Charakter dieser Geographie etwas Positives abgewinnen können?
Zum holistischen Charakter: Hard sagt, “daß das Kernparadigma der «klassischen Geographie» (vor allem in ihrer Ausprägung als Landschaftsgeographie) unter anderem den Versuch darstellt, an dem alten, kosmos-theoretischen Zugang zur «ganzen Natur» auch auf der Ebene der «wissenschaftlichen Vernunft» festzuhalten: zumindest im Maßstab von «Erdnatur» und «irdischem Sein»” (1983: 154). Tatsächlich hat sich die alte Geographie noch an einem holistischen Weltbild orientiert, so wie es für die Philosophie der Antike und des Mittelalters aktuell war und dann im Deutschen Idealismus im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert noch einmal auflebte. Wissenschaft in moderner Form dagegen ist nur denkbar auf dem Hintergrund seines Gegenstückes, nämlich eines atomistischen Weltbildes.7
Im holistischen Weltbild wird alles vom Ganzen her gedacht, dieses bestimmt die Teile. Im atomistischen Weltbild ist es umgekehrt: Die Teile bestimmen das Ganze. Dabei ist die Geographie nicht etwa die einzige Disziplin, in der solches Gedankengut lange Zeit überlebte. Dasselbe war, wenn auch eher in untergeordneter Weise, auch in der Biologie der Fall (siehe dazu Klaus Michael Meyer-Abich 1989).
Das eine wie das andere ist zweifellos einseitig und die Erfahrung lehrt, daß der Versuch, konträre Einseitigkeiten zu kombinieren, häufig zu einer Verbesserung führt. Im Falle der Weltbilder gelangen wir zu einer Kombination mit der Annahme, daß weder das Ganze vor den Teilen steht, noch die Teile vor dem Ganzen Vorrang haben. Genau dies scheint beim vermuteten heutigen Wandel zu einem evolutionären Weltbild zu geschehen.8
Zum Weltbildwandel im Laufe der abendländischen Kulturgeschichte siehe z.B. den kürzeren Artikel von Poser 1987 und die ausführlichere Abhandlung von Steiner 1996b.
Zum utopischen Charakter: Hard meint, “daß «Landschaft» von vornherein ein Gegen- und Sehnsuchtsbegriff war (und es auch geblieben ist) - eine Utopie ... gegen die städtisch-industrielle Welt ... (1983: 151).” Natürlich ist es richtig, daß die klassische Geographie einen utopischen Gehalt hatte und daß sie sich an Wunschbildern vorindustrieller Zustände orientierte. Doch damit kommt genau zum Ausdruck, was daran wichtig ist (ich beziehe mich dabei auf einen Vortrag von Humberto Maturana9
Humberto Maturana: The integrated scientist and the courage of utopia. Vortrag in der 3. Cortona-Woche zu "Wissenschaft und die Ganzheit des Lebens", organisiert von Pier-Luigi Luisi, ETH Zürich, 2.9.1989.
): Eine Utopie drückt nicht den Wunsch aus, etwas zu gewinnen, sondern etwas wiederzugewinnen. Es geht um die schmerzhafte Erinnerung an etwas Verlorenes.10
Es ist natürlich, daß einem etwas erst dann voll bewußt werden kann, wenn es aus den Selbstverständlichkeiten des Lebens verschwunden ist. So ist erklärlich, daß “Wunschbilder ... von vor-industriellen Lebensformen ... erst mit der großen Industrie ihre große Karriere gemacht” haben (Hard 1983: 152). Auch Hartmut und Gernot Böhme weisen darauf hin, “daß die Entdeckung von Natur [als Gegenbewegung zur beginnenden Modernisierung im 18. Jahrhundert] im emphatischen Sinne, der natürlichen Natur, nur die Kehrseite des Verlustes jedes unmittelbaren Bezuges zur Natur darstellt und daß die Zuwendung zur Natur die Spuren der Entfremdung von der Natur an sich trägt” (1985: 28).
Dem kann entgegengehalten werden, daß ja auch die vorindustriellen Gesellschaften keineswegs in harmonischer Eintracht mit der Natur gelebt hätten: Das “Wunsch- und Gegenbild «Landschaft» spiegelt ... keineswegs die Realität der vorindustriellen Gesellschaft und Natur, so wie sie vorher waren, sondern so, wie sie nachher geträumt wurden (und heute noch oder wieder geträumt werden) ...” (Hard 1983: 152). Auch dies ist richtig, wenn wir etwa an die politischen Gesellschaften der Antike und des Mittelalters denken, aber erstens können hier bereits relative Unterschiede wichtig sein - sicher haben die Menschen der genannten Gesellschaften, mindestens im ländlichen Raum, im großen und ganzen ein noch harmonischeres Verhältnis zur Natur gehabt, als wir dies heute haben - und zweitens reicht die vorindustrielle Epoche hinter die politischen Gesellschaften in die Frühzeit zurück: es könnte sein, daß wir in jener mythischen Zeit hinsichtlich einer wirklich gelebten Mensch-Natur-Harmonie fündig werden. Ich denke, Geschichten wie die der Vertreibung aus dem Paradies gibt es nicht von ungefähr.
Die in Auflehnung gegen die klassische Tradition eingeleitete sog. “Verwissenschaftlichung” der Geographie war wohl sinnvoll und notwendig, um eine gewisse Dogmatik des holistischen Gedankengutes aufzubrechen. Verfallen wir nun aber ins andere Extrem und vergessen dieses gänzlich, laufen wir reelle Gefahr, vom Regen in die Traufe zu gelangen, und es gibt abschreckende Beispiele dafür, wohin das führen kann. Nehmen wir etwa den Artikel von Richard J. Chorley aus dem Jahre 1973, dem er in sarkastischer Absicht den gleichen Titel gab, den Barrows vor genau 50 Jahren verwendet hatte: “Geography as human ecology”, und in dem der Sarkasmus im nachfolgenden Text zum Zynismus konvertiert. Chorley sagt nämlich, wir sollten das Gerede von Ökologie vergessen und uns endlich daran gewöhnen, daß wir es eben mit dem Verhältnis eines immer mächtigeren Meisters (dem Menschen) zu einem immer verletzlicheren Sklaven (der Natur) zu tun hätten, aber daß es natürlich Kurzsichtigkeit auf seiten des Meisters wäre, nicht für ein gewisses Wohlergehen des Sklaven zu sorgen, damit dieser noch effizienter ausgenützt werden kann.11
Im genauen Wortlaut: “The ecological model may fail as a supposed key to the general understanding of the relations between modern society and nature, and therefore as a basis for contemporary geographical studies, because it casts social man in too subordinate and ineffectual a role. ... Man’s relation to nature is increasingly one of dominance and control, however lovers of nature may deplore it. If the proponents of geography as a scholarly discipline wish to continue to reflect the relationships between society and nature they cannot afford to adopt models which ignore the glaring probability that this relationship is one which exists between an increasingly-numerous, increasingly-powerful and progressive, if capricious, master and a large, increasingly-vulnerable and spitefully-conservative serf. Of course it would be a foolish master who did not diligently study the characteristics of his subordinate in order to so moderate his own actions as to extract the maximum efficiency from his employee and to keep him fit for future work” (Chorley 1973: 157).
Natürlich ist es klar, daß, wenn wir die realen gegenwärtigen Verhältnisse beschreiben und erklären wollen, ein ökologisches Modell, das ausgewogene Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt voraussetzt, nicht viel taugt. In der heutigen Situation, in der wir aufgefordert sind, uns Gedanken darüber zu machen, was Nachhaltigkeit bedeuten könnte, kann aber die Wissenschaft nicht im Deskriptiven stecken bleiben, sondern muß auch den Mut zu normativen Aussagen aufbringen. Dann aber kann eine Orientierung an ökologischen Modellen durchaus angebracht, wenn nicht absolut notwendig sein. Es ist dann z.B. denkbar, daß wir die Art, wie die moderne Gesellschaft funktional differenziert ist, in Frage stellen, gerade weil in ihr in diesem Zustand eine “ökologische Kommunikation” sehr schwierig ist (vgl. Niklas Luhman 1990).12
Hard wundert sich, daß ein “Denken im klassisch-geographischen Paradigma” [wie bei Werner Bätzing, mit dem er sich auseinandersetzt] “genau das, was die heutige Sozialtheorie meist als das Prinzip der Evolution moderner Gesellschaften anbietet: die autopoietisch weiterlaufende funktionale Differenzierung der funktional differenzierten Gesellschaft” als das “fundamentalste Problem” sehen kann (1992: 43). Mit der “heutigen Sozialtheorie” ist die Systemtheorie von Luhmann angesprochen. Dieser können wir einerseits sicher einen ansehnlichen Realitätsgehalt zusprechen, gerade z.B. hinsichtlich der relativen Unmöglichkeit eines gesamtgesellschaftlich gesteuerten Diskurses über ökologische Probleme. Andererseits fragt sich, was wir davon halten sollen, wenn Luhmann die Bildung sozialer Systeme als einen evolutionären Prozeß sieht, bei dem die menschlichen Individuen (die ja nach Luhmanns Vorstellung nicht zu den Systemen, sondern zu deren Umwelt gehören) eigentlich nur eine hilflose Zuschauerrolle übernehmen können (vgl. Walter Reese-Schäfer 1992: 27 ff.). Sind wir mit dieser Vorstellung zufrieden oder wären wir vielleicht glücklicher mit einer Theorie, der wir auch Handlungsanleitungen entnehmen können? Ich denke, wir müßten uns eher in der Richtung von Giddens bewegen, der meint, die Soziologie müßte notgedrungen einen subversiven Charakter haben, “exactly because sociology deals with problems of such pressing interest to us all (or should do so) ... that it has this character” (Giddens 1986: 2).
Es ist weiter möglich, daß wir daraus ein Postulat für eine stärker territorial statt funktional differenzierte Gesellschaft ableiten, wobei auch der Bezug zu den regionalen Naturgrundlagen eine Rolle spielen soll,13
Siehe dazu z.B. die Überlegungen zu bio- oder ökoregionalen Strukturen als Gegengewicht gegen den wirtschaftlichen Globalisierungstrend in Gerhard Bahrenberg und Marek Dutkowski 1993 und Steiner 1996a.
und damit also nicht einfach als gegeben hinnehmen möchten, daß, wie Ulrich Eisel bemerkt, “das Mensch-Natur-Verhältnis in seiner industriellen Form universell und strukturell dominierend geworden ist” (1982: 136).14
Eisel sieht aber auch die Möglichkeit, wenn nicht Notwendigkeit einer regionalistischen Perspektive, allerdings einer, die unter Ausklammerung des Naturbezugs nur die gesellschaftliche (ökonomische, politische und kulturelle) Sphäre umfaßt: “nicht organische Einbindung der Kultur und Arbeit in die konkrete Natur einer Region, sondern industrielle Emanzipation, so wie sie als reale Verallgemeinerung aller Kulturen vollzogen wurde, als Bedingung der regionalen Partizipation an diesem allgemeinen Stand des «Stoffwechsels» und der «Beseitigung von Knappheit» und kulturelle Autonomie als Basis der Auflösung der «despotischen» Tendenzen der abstrakten zentralen staatlichen Herrschaft in ... Industrienationen ...” (1982: 139). Hat aber eine evolutionär-hierarchische Sichtweise, wie ich sie in Abschnitt 4 vertreten habe, Gültigkeit, kann vom regionalen Naturbestand nicht abstrahiert werden, im Gegenteil! Eine solche Sichtweise erhält heute auch von ökologischer Seite Sukkurs (vgl. dazu etwa die Überlegungen zu hierarchischen Strukturen bei C.S. Holling 1995).
Jedenfalls kommen wir um die Frage nicht herum, was wir für die Zukunft unter einer überlebensfähigen menschlichen Vernunft verstehen sollen. Kommen wir mit einer Version von ihr weiter, die sich lediglich an der Menschheit selbst orientiert? Oder ist es nicht doch angemessener, sich auf eine Variante zu besinnen, die eine Orientierung an der Mitwelt (und dies nicht nur zum Eigennutzen des Menschen) einschließt? “«Vernünftig sein» heißt ... nicht mehr nur, «die Freiheit der andern achten», sondern «vernünftig» heißt jetzt auch: «die konkreten Naturbedingungen achten»,” so charakterisiert Gerhard Hard (1992: 41) den Tenor des von ihm anhand des Beispiels von Werner Bätzing kritisierten klassischen Geographie-Paradigmas. Tatsächlich ist dieses Bild einer erweiterten Vernunft ja durchaus in Übereinstimmung mit aktuellen Forderungen der Umweltethik. Ausgehend von “den elementaren Einsichten des politischen Liberalismus, der den Freiheitsgedanken in den Mittelpunkt seines Menschenverständnisses gerückt hat, daß meine Freiheit an der Freiheit des andern ihre Grenze findet,” sagt z.B. Gerhard Huber (1984): “In der heutigen ökologischen Situation ist nun aber eine zusätzliche Bestimmung unseres Freiheitsbegriffes notwendig geworden, die zugleich dessen Eingrenzung und Ausweitung bedeutet: unser Freiheitsverständnis muß die Natur grundsätzlich einbeziehen. Die freie Selbstbestimmung des Menschen kann nur so weit Bestand haben, als sie den Fortbestand der Natur respektiert.” Natürlich bleibt, wenn es stimmt, daß unsere Art und Weise, die Welt zu sehen, immer eine Konstruktion ist, die Frage, was “konkrete Natur” bedeuten soll. Gerade deshalb aber könnte die Begrifflichkeit der klassischen Geographie, die, wie Hard anmerkt, nicht einmal eine frühere Realität widerspiegelt, sondern bloß ein “imaginäres modernes Konstrukt” ist (1983: 151-152), wichtig werden. Wenn wir sowieso nie sicher sein können, wie sich die Dinge wirklich verhalten, sind wir auf Imagination angewiesen, eine die uns z.B. Sorgfalt in der Form von Fehlerfreundlichkeit nahelegt.15
Zur Idee der Fehlerfreundlichkeit siehe Ernst Ulrich von Weizsäcker 1990.
Und es bleibt auch diese Frage: Kann das moderne Verständnis von Wissenschaft seinen jetzigen Stellenwert auch in Zukunft beibehalten? Oder sind Alternativen gefragt? Böhme versucht zu zeigen, daß eine Alternative nicht neben, sondern in der Wissenschaft gefunden werden kann, “eine Transformation als Fortsetzung der bisherigen Entwicklung” (1993: 22). Er denkt, gerade die ökologische Krise bedeute die Möglichkeit, mit einer Ausrichtung an der zugehörigen Problematik (Böhme nennt explizit den umweltbeeinflußenden gesellschaftlichen Stoffwechsel) zur lange gesuchten Überbrückung von Sozial- und Naturwissenschaften und damit zu einer “sozialen Naturwissenschaft” und zu einer “normativen Natur” zu gelangen (siehe auch Böhme und Joachim Grebe 1993). Die Mittel bleiben die gleichen, aber ihr Einsatz und ihre Handhabung ändern, so ist dies etwa zu interpretieren. Ich bin da nicht so sicher. Hard meint, wiederum mit Bezug auf das klassische Paradigma der Geographie, daß aus diesem Alternativen gar nicht abgeleitet werden könnten: “... negativ ins Gewicht fällt ..., daß das Paradigma so konstruiert ist, daß mit seinen Mitteln eine Alternativhypothese gar nicht sinnvoll formuliert werden kann” (1992: 49). Mir scheint dies nicht unbedingt ein Nachteil, sondern vielleicht sogar der entscheidende Vorteil zu sein: Tatsächlich können wir nicht erwarten, daß eine “geographieförmige integrative Umweltwissenschaft” gefunden werden kann, die auf der gleichen Art von logischer Stringenz und dem gleichen Maß an Formalisierbarkeit aufbaut, die die herkömmliche Wissenschaft auszeichnet. Dies gehört ja gerade zu ihrer gefährlich einseitigen Charakteristik.
Die entscheidende Frage scheint mir letztlich nicht die zu sein, wie wir mit unserem Wissen verfahren, sondern ob wir fähig sind, unser Nichtwissen zuzugeben, und wenn ja, wie wir damit umgehen (siehe dazu Joachim Schütz 1994). Beherzigen wir, was Nikolaus von Kues (1401-1464) vor fast 600 Jahren dazu meinte: “Da ... unser Verlangen nach Wissen nicht sinnlos ist, so wünschen wir uns ... ein Wissen um unser Nichtwissen. Gelingt uns die vollständige Erfüllung dieser Absicht, so haben wir die belehrte Unwissenheit erreicht” (zitiert nach Alfred Gierer 1991: 154).