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Mit der Migros fing alles an, damals. Und mit «Bananera Libertad»: Der Schweizer Dokumentarfilm zeigte auf, was der günstige Preis von Bananen hierzulande mit der Armut von Arbeitern in Zentralamerika zu tun hat. Es war das Jahr 1973, und die Frauen waren in der Schweiz erst seit zwei Jahren stimmberechtigt. Die Frauenfelder Pfarrersgattin Ursula Brunner war bereits Mutter von sieben Kindern, pflegte ein offenes, solidarisches Haus, wie sie es von ihren Eltern her kannte und «wie es zu meinem Bild einer Pfarrersfrau passte». Über eine Bekannte wurde sie auf das Bananenthema aufmerksam. Es sollte ihr weiteres Leben beherrschen – bis heute.
Es ist ein warmer Dezembertag kurz vor Weihnachten und auch kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Ursula Brunner bittet in ihrer Wohnung im reformierten Kirchgemeindehaus mitten in Frauenfeld an den Stubentisch, an dem sie und die anderen Bananenfrauen einst ihre nächsten Schritte beraten haben. Ihre hellen Augen fokussieren auf das Gegenüber, die Gedanken und Worte sind schnell und präzise. Man traut ihr locker zu, in einer «Arena»-Sendung alle an die Wand zu argumentieren – vor allem, wenn es ums Thema fairen Handel geht.
Brunner und weitere Frauen schrieben der Migros einen Brief
Die Geschichte mit der Migros erzählt Ursula Brunner genüsslich. Sensibilisiert durch den Dokumentarfilm von Peter von Gunten traute sie ihren Augen nicht, als die Genossenschaft 1973 in einem Inserat mitteilte, dass sie den ohnehin schon günstigen Bananenpreis noch mehr senken werde, von Fr. 1.50 pro Kilo auf nur noch Fr. 1.35. Die Migros sprach von einem Geschenk an die Kunden, nannte die Preisreduktion «das Bananenwunder» und begründete dieses mit dem Fall des Dollarkurses. Für Brunner und weitere sensibilisierte Frauen in Frauenfeld war klar: «Das stimmt nicht, das ist kein Geschenk an die Kunden! Das ist Geld, das den Leuten in den Plantagen fehlen wird, die für weniger Geld mehr arbeiten müssen.»
Sie beschlossen, der Migros einen Brief zu schreiben, einen Appell, die 15 Rappen auf den Bananen zu belassen und die 10 Millionen «Gewinn» am Ende des Jahres in ein Bananen produzierendes Land zu schicken, zugunsten eines sozialen Projekts, etwa zum Bau eines Spitals oder eines Schulhauses.
Die Migros antwortete, man sei keine Wohltätigkeitsinstitution, sondern ein Unternehmen. Und in einem Artikel im «Brückenbauer» schrieb Migros-Vizepräsident Pierre Arnold, er verkenne die guten Absichten der Frauen nicht, aber sie würden keine Probleme lösen. Das war lange, bevor in der Migros die erste Max-Havelaar-Banane verkauft wurde und somit die erste aus fairem Handel, wie sie heute in jeder Filiale angeboten wird.
Das Engagement von Frauen galt damals als reichlich exotisch
Nicht nur war politisches Engagement von bürgerlichen Frauen zu jener Zeit reichlich exotisch, man traute insbesondere Müttern und Hausfrauen auch schlicht nicht zu, wirtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen. Zusammen mit den anderen Frauen fing sie an, den (Bananen-)Handel zu studieren. Bald verstand sie in aller Klarheit, was sie störte (und bis heute stört): «Dass wir Reichen billige Ware bei armen Leuten einkaufen, ist ein Affront, de facto bedeutet es, dass wir Reichen auf Kosten dieser Armen leben.»
«Es kann doch nicht sein, dass wir Reichen sogar mit dem Label des fairen Handels an den Armen verdienen.»
m Herbst 1973 zogen die Frauenfelder Bananenfrauen mit 600 Kilogramm Bananen in Leiterwagen, mit Plakaten, einer eigenen Zeitung und begleitet von den Medien durch Frauenfeld, um den Leuten zu sagen, welchen Unterschied 15 Rappen pro Kilo Banane für das Leben der Bananenarbeiter macht. Die Aktion war erfolgreich, die Botschaft schlug landesweit ein.
Schliesslich reiste Ursula Brunner ab 1976 jedes Jahr in die Bananen produzierenden Länder Zentralamerikas. Sie sah die Armut aus nächster Nähe. «Unser Traum war, dass die Arbeiter für die Bananen einen Lohn erhalten, von dem sie leben können.» Ein schwieriges Unterfangen, wo doch der ganze Bananenmarkt von drei US-Unternehmen beherrscht war. Aber sie erkämpfte sich Zugang zu höchsten Regierungskreisen und fand Verbündete auch bei europäischen Früchtegrosshändlern. Sie gründete die Gebana AG mit, eine weltweit tätige Fair-Trade-Organisation, die es heute noch gibt. Und sie wurde mit Preisen bedacht, kürzlich etwa mit dem «Women’s Business Award 2014», verliehen von der Hochschule Luzern. Das waren späte, aber wichtige Anerkennungen für die Thurgauerin, die ihr ganzes Erwachsenenleben dem Engagement für eine gerechtere Welt gewidmet hat.
I«Heute», bedauert sie, «können sich Frauen kaum noch freiwillig und unentgeltlich für Gerechtigkeit und die Allgemeinheit einsetzen. Sie müssen bereits Familie und Arbeit bewältigen, da bleibt kaum noch Zeit für etwas anderes.»
Die Pionierin des fairen Handels, die sich als «zähe Wurzel» bezeichnet, ist diesbezüglich aber kaum altersmilde geworden. «Dieses System ist in unseren Köpfen entstanden und nicht bei den Produzenten, denen es zugutekommen sollte.» Sie wünscht sich, dass die Leute bei uns zu niedrigeren Löhnen im fairen Handel arbeiten würden, «weil es doch nicht sein kann, dass wir Reichen sogar unter dem Label des fairen Handels an den Armen verdienen».
Dennoch: «Gerechtigkeit ist ein Prozess», sagt Ursula Brunner. «Wichtig ist, dass wir uns darauf hinbewegen. Und dass wir erkennen, dass kein Schritt zu klein ist, um ihn nicht zu machen.»
Autor: Esther Banz
Fotograf: Ursula Meisser