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Ein aktueller Bericht aus dem Land, das schwer von Covid-19 getroffen wurde und nun versucht, arme Familien und ihre Kinder übers Fernsehen zu erreichen.
Normalerweise müssen Eltern ihre Kinder vom Fernseher losreissen, damit diese ihre Hausaufgaben machen. In Mexiko werden Kinder in diesen Tagen dazu aufgefordert, sich vor den Fernseher zu setzen, um den Unterricht nicht zu verpassen.
Dass sich die Klassenzimmer – wie jetzt in der Schweiz – wieder füllen, ist in Mexiko im Moment undenkbar. Dort wurden schon mehr als 60'000 Todesfälle – die drittmeisten weltweit – im Zusammenhang mit der Krankheit Covid-19 registriert, und weiterhin kommen jeden Tag viele hinzu.
Nachdem der Präsenzunterricht wegen der Pandemie im März abgebrochen wurde, ging es, wie in anderen Ländern auch, zuerst per Internet weiter – die Regierung stellte auf einer Website Material zur Verfügung.
Allerdings drohten dabei viele Schüler auf der Strecke zu bleiben. Nur etwas mehr als die Hälfte der Haushalte in Mexiko hat nach einer Statistik der Regierung Zugang zum Internet, noch weniger einen Computer. 95 Prozent hingegen haben einen Fernseher.
Also hat sich das Bildungsministerium mit vier privaten Sendergruppen zusammengetan, um 4550 Fernseh- und 640 Radiosendungen zu produzieren – einige davon in 20 indigenen Sprachen. Das neue Schuljahr hat am Montag begonnen. Die Programme laufen seitdem in mehreren Kanälen montags bis freitags zwischen 7.30 Uhr und Mitternacht. Für jede Klassenstufe gibt es täglich zwei bis drei Stunden Unterricht.
Das sieht so aus: Im Kanal für Kinder im Kita-Alter singen zwei Frauen und zwei Männer Lieder über Suppe, Gorillas und Kitzeln und tanzen dazu. Einen Kanal weiter läuft ein kurzer Zeichentrickfilm über einen Riesen mit einem Garten. Hinterher steht auf dem Bildschirm: «Wer sind die Hauptfiguren? Beschreibe sie.»
In einem anderen Sender hält ein etwa zehnjähriger Junge einen Vortrag über Melodie, Harmonie und Rhythmus, und ein Orchester spielt den Titelsong der «Familie Feuerstein». Anschliessend demonstrieren zwei Kinder eine traditionelle Webkunst.
Im nächsten Kanal stellen zwei Jugendliche im Schnelldurchlauf die Geschichte der Philosophie vor. Die Kamera springt unruhig zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her, begleitet von einem schnellen Elektro-Beat.
Immer wieder werden zwischendurch Dehnübungen von Sportlern wie dem Wasserspringer Rommel Pacheco vorgeführt. Keiner trägt eine Maske.
Yudith Ruiz – Mutter von zwei 14 Jahre alten Zwillingstöchtern und einer Sechsjährigen – ist nach dem ersten Eindruck nicht zufrieden. Klassische Schulfächer wie Mathematik, Spanisch und Englisch kämen zu kurz. So falle ihr die Verantwortung zu, ihren Töchtern vieles selbst beizubringen.
Die von der Regierung zur Verfügung gestellten Textbücher für ihre Zwillinge habe sie an deren Schule abholen können, erzählt Ruiz. Wann auch die Bücher für die Kleine da sind, sei unklar. Ungewiss bleibt zudem, wie die Schüler geprüft und benotet werden sollen.
Erika Valle, die eine vierjährige Tochter und einen sechs Jahre alten Sohn hat, ist froh, dass ihre Kinder durch den TV-Unterricht eine Beschäftigung haben. «Es ist schwierig, sie die ganze Zeit zu Hause zu haben», sagt sie. «In unserer Wohnung haben wir auch nicht so viel Platz, dass sie viel machen könnten.»
Die TV-Einheiten seien aber ziemlich kurz. «Wenn man von der Musik und den physischen Übungen absieht, ist der Unterricht sehr eingeschränkt.» Sie wünsche sich, dass die Inhalte typischen Schulstunden näher kämen. «Als Eltern können wir uns um Sachen wie Musik und Spiele selbst kümmern.»
Zum Ende des vergangenen Schuljahres, nach Ausbruch der Pandemie, habe die Lehrerin ihres Sohnes ihnen noch viele Schulunterlagen geschickt, erzählt Valle. Im neuen Schuljahr habe er aber eine neue Lehrerin, die das nicht mache.
Internetzugang hat die Familie nur per Handy. Sie hatten einen Imbiss – in einem als gefährlich geltenden Teil von Mexiko-Stadt, in dem sie auch wohnen –, mussten ihn wegen der Corona-Krise aber schliessen. Eine Tante von Erika Valle ist an Covid-19 gestorben.
Etwa elf Prozent der rund 30 Millionen Schüler in Mexiko gehen auf Privatschulen. Ihre Eltern können es sich leisten, dass sie über das Internet lernen. Nicht nur deshalb meint die Gewerkschaft CNTE, der mehr als eine halbe Million Lehrer angehören, dass der Fernsehunterricht Kinder aus armen Familien benachteiligt.
Wenn die Eltern arbeiten gehen müssen, um über die Runden zu kommen – so das Argument – wer sorgt dann dafür, dass die Kinder die Sendungen gucken? Ein Problem hätten auch Familien mit weniger Fernsehern als Kindern sowie die fünf Prozent der Haushalte ohne Fernseher.
Wie der Beginn des neuen Schuljahres für manche Kinder mexikanischer Familien mit begrenzten Mitteln aussieht, war am Montag in einem Bericht des Fernsehsenders Imagen zu sehen: Er zeigte zwei kleine Geschwister, über ein Smartphone gebeugt, das mit einem öffentlichen Hotspot verbunden ist. Sie sitzen an einem Strassenrand in der Hauptstadt, wo ihre Eltern Tacos verkaufen, und versuchen, in der Schule nicht den Anschluss zu verlieren.
(dsc/sda/dpa)