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Giancarlo de Carlo debattiert mit Gianemilio Simonetti zusammen mit protestierende Studenten an der Triennale von Mailand, Mai 1968, Italien
Collegi per l’Università von Urbino
Das ist das Finale einer italienischen Reise, die ich hier rückwärts schildere, um mich möglichst nahe an das Erlebte heranzutasten. Also hier in Urbino sind wir gestartet, eigentlich um in die Abruzzen zu kommen, wegen Daniele Di Giacinto. Nach Urbino wollte ich auch, weil Hans-Peter Bysäth schon länger eine Reise anregte, die dann aber nicht stattfand, auch weil Jürg Schweizer im Rahmen der Arbeiten für die Nationale Stelle für Städtebau und Baukultur immer wieder von Urbino erzählte. Dazu mehr später.
Ich brauchte einige Zeit, bis ich mir den Namen Giancarlo De Carlo merken konnte, der „Zweimal-Carlo“. Zuvor war er mir unbekannt. Weshalb eigentlich? Eigenartig wie gewisse Namen im Bewusstsein sind, andere nicht. Für Italien sind es bei mir Giuseppe Terragni und Carlo Scarpa, auch sein Zeitgenosse Libero Cecchini, den wohl niemand kennt.
Teil 10. URBINO III: Nach dem Rundgang im Istituto Statale d’Arte (siehe hier) wollten wir die Universitätsinstitute im Stadtzentrum von Urbino anschauen. Das Magisterio (Lehramt), das Rektorat und die juristische Fakultät. Kein Weg, Lokdown!
Die „Collegi“ liegen ausserhalb der Stadtmauern, 10 Minuten zu Fuss vom Mercatale entfernt. Mit dem Piano Regolatore von Giancarlo De Carlo wurde 1964 die Zone festgelegt, wo die Studentenwohnungen entstehen sollten. Es dauerte 20 Jahre und immer wieder wurde eine weitere Etappe der Unterkünfte mit zugehörigen Freizeit- und Verpflegungseinrichtungen gebaut. Die „Collegi“ haben klingende Namen: del Colle, Tridente, Serpentine, Aquilone, Vela.
Zuerst wurde das Collego del Colle gebaut. An der Hangkante liegen die Gemeinschaftsanlagen (Restaurant, Konferenzsaal, Studierzimmer) in zylinderförmigen Bauten mit begehbaren Dachterrassen, rampenförmige Treppen, die um die Zylinder nach unten führen. Sie schliessen an ein verästeltes Wegnetz aus Treppen, die zu den Unterkünften führen. Das Ganze ist wie ein Baum, dessen Krone von drei Hauptästen getragen wird, die auf einem knorrigen Stamm hocken. In diesem Baum haben 150 Studenten ihre „Horste“. Das gemeinschaftliche Leben spielt sich auf den Wegen zu den Nestern ab, die in vielfältigster Weise der Topographie angepasst, durch hangparallele Vorzonen und Laubengänge verbunden sind. Ein System aus Adern und Zellen.
Ständiges Pulsieren oder Bewegungen wie Ebbe und Flut sind ein sinnhaftes Bild für ein gesundes Ganzes, das sich selbst reguliert und nährt. Im Collego del Colle ist genau das der Fall. Die Wege sind das zentrale Element! Sie funktionieren als öffentlicher Raum, der alles zusammenhält, ähnlich den Strassen oder Gassen einer Stadt. Daran sind die zweigeschossigen Bauten aus Backstein, die Vorzonen und die Laubengänge aus feinstem Ortbeton angeschlossen. Dazwischen die Wiesen des steil abfallenden Hanges, nicht angetastete Natur. In anderen Collegi hat Giancarlo De Carlo die Wege im Innern der Bauten zu Gemeinschaftszonen weiter entwickelt, mit Bänken und Tischen, mit Stufen und Leitern, welche die unterschiedlichen Ebenen miteinander verbinden und mit einer Architektur, welche das Tageslicht auf sanfte Weise in diese Bereiche leitet.
Jetzt ist das Collego del Colle 55ig jährig. Ein sorgfältig erarbeiteter „Conservation Plan“, welcher mit Unterstützung der Getty Foundation publiziert wurde, würdigt die Bauten und zeigt Wege und Methoden der Pflege auf (siehe hier).
Was für ein Architekt muss Giancarlo De Carlo gewesen sein? Einer der sich für die Fragen des Lebens interessierte, einer der den Menschen näher war, als seinen eigenen Theorien, einer der die Debatte liebte, auch einer der vieles in Bewegung gesetzt hat? Und einer der sich nicht scheute Aussagen zu machen. „L’architettura è troppo importante per essere affidata agli architetti - die Architektur ist zu wichtig, als dass man sie Architekten anvertrauen könnte.“ Viele haben ihm diese Aussage nicht verziehen. Viele tragen aber sein Engagement noch heute weiter, zum Beispiel im „International Laboratory of Architecture & Urban Design ILAUD“, das von Giancarlo De Carlo 1976 gegründet wurde.
Weshalb kennen wir Architekten den CIAM „Congrès Internationaux d’Architecture Moderne“, der von 1928–1956 vor allem von Le Corbusier geprägt wurde, nicht aber den ILAUD? Jedenfalls mir ging es so, bis ich in Urbino war. ILAUD steht nach eigener Darstellung für „the issues dealt with by ILAUD were also those elaborated by De Carlo within Team 10, particularly the reading of context, history and territory as well as social issues such as participation and reuse of historic sites and buildings.“
Damit schliesst sich der Kreis der Gedanken die mich in diesem Jahr nach Urbino brachten, ohne dass ich ahnte, was wir vorfinden werden. Jetzt steht Giancarlo De Carlo für mich als leuchtendes Beispiel eines Architekten, der für Menschen bauen wollte. Deshalb war er bereit zuzuhören. Und er wollte seine Erfahren weitergeben, mit ILAUD und mit der Zeitschrift „Spacio e Società“, die er zusammen mit seiner Frau Giuliana Baracco von 1978 bis 2001 herausgab.
Städtebau, Bauen im Kontext, das Weiterverwenden historischer Bauten, Partizipation und eine Architektur, welche auf soziale Fragen antwortet waren für Giancarlo De Carlo wichtig. Themen, die wir im Rahmen der Arbeiten für die Nationale Stelle für Städtebau und Baukultur seit zwei Jahren besprechen. Es war Zeit Giancarlo De Carlo in seinem Werk zu begegnen. Ti ringrazio tanto, Giancarlo!
Ich frage mich, wie wir künftig vermehrt Orte in Städten und Dörfern finden und gestalten können, die uns nähren und die zu unserem Wohlbefinden beitragen? Ich würde mich freuen über einen Austausch zu dieser Fragen.
Vorgestellt von: Patrick Thurston