Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03371.jsonl.gz/306

In Kniebundhosen und einem breitkrempigen Hut spaziert Professor Adam Smith durch die Strassen von Glasgow. Vertieft in ein Selbstgespräch. Ohne seine Umwelt wahrzunehmen. «Dass man einen, der so übergeschnappt ist wie der, allein rumlaufen lässt!», lästern die Marktfrauen. Smiths Gedanken kreisen um ein intellektuelles Problem. Vielleicht um den freien Handel? Oder die Folgen der Arbeitsteilung? Seine grossen, grauen Augen blicken in den Himmel. Plötzlich tritt sein Fuss ins Leere. Und unter den Rufen erschrockener Passanten stürzt er in eine Baugrube.
Adam Smith, der Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre, entspricht exakt dem Bild des zerstreuten Professors. Ihn, geistesabwesend, schüchtern und manchmal gar im Morgenrock in der Stadt unterwegs, halten viele Zeitgenossen für einen Spinner. Dass die Marktweiber sich über ihn das Maul zerreissen, muss sich Smith direkt anhören. Davon berichtet er später einem Freund. Doch wie so oft liegen Genie und Wahn nah beieinander. Und so wird Smith zu Recht der bedeutendste aller Wirtschaftswissenschaftler genannt. Sein Buch «Eine Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstands der Nationen», das 1776 erscheint, ist das erste systematische Werk der Volkswirtschaftslehre und das wohl einflussreichste überhaupt.
Das Werk wird zur Bibel der modernen Wirtschaftswissenschaft. Die grossen Themen wie Freihandel, Kritik am Protektionismus und Selbstbestimmung waren Mitte des 18. Jahrhunderts neu und revolutionär. Und doch haben sie nichts an Aktualität verloren. So schreiben sich viele Volkswirte, Unternehmer und Politiker die Ansichten Smiths auf ihre Fahnen. Seine Theorien werden an den Hochschulen und in den Plenarsälen bis heute heiss diskutiert.
Smiths Theorien zum freien Handel, zum Wirtschaftskreislauf und zum staatlichen Protektionismus zählen heute zum ökonomischen Standardwissen. Doch als er seine Thesen Mitte des 18. Jahrhunderts veröffentlichte, waren sie revolutionär. Man muss bedenken, in welcher Zeit der grosse Ökonom lebte. Ein freier Markt, wie man ihn heute kennt, existierte noch nicht – nicht einmal richtige Unternehmen. Es herrschte eine halbfeudale Ordnung.
Zu Smiths Lebzeiten setzt die industrielle Revolution zwar schon ein, aber die Landwirtschaft ist immer noch der wichtigste Sektor. Das Bürgertum strebt an die Macht. Unternehmergeist keimt auf, wird aber von Adel, Politikern und Privilegierten skeptisch beobachtet – als eine selbstsüchtige Aktivität, die auf Kosten anderer Erträge erziele.
Doch die voranschreitende Arbeitsteilung, das Entstehen von Fabriken und eines Geld- und Finanzsektors erhöhen die Komplexität des wirtschaftlichen Lebens. Smith erkennt das Bedürfnis nach einer Wirtschaftstheorie. Phänomene wie Preisbildung, Wachstum und Verteilung müssen erklärt werden. Mit der Veröffentlichung des «Wohlstands der Nationen», wie das Buch kurz genannt wird, beginnt die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften.
Die Quelle des Wohlstands ist laut Smith der Faktor Arbeit. Die Arbeitsteilung ist das Mittel zur Steigerung der Produktivität. Als Verfechter eines freien Marktes und Gegner von Zöllen und staatlichem Protektionismus wird Smith zum Schutzpatron der Anhänger der freien Marktwirtschaft. Seine Forderung nach internationaler Arbeitsteilung und einem weltweiten freien Handel macht ihn Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Vertreter der Globalisierung.
Geboren wird Smith am 5. Juni 1723 in der kleinen schottischen Küstenstadt Kirkcaldy. Sein Vater stirbt noch vor seiner Geburt. Und so wächst Smith alleine mit seiner Mutter, der Tochter eines reichen Landbesitzers, auf. Das kränkliche, anhängliche Kind benötigt sehr viel Aufmerksamkeit. Die enge Beziehung zu seiner Mutter hält bis zu ihrem Tod. Der scheue Wissenschaftler Smith bleibt sein Leben lang unverheiratet. Bei Frauen hat der grosse Denker wenig Glück. Er macht mehrere Heiratsanträge, erhält jedoch nur Körbe. Nach dem Tod seiner Mutter 1784 kümmert sich eine unverheiratete Cousine um Smith – jemand muss das tun, denn der Professor ist notorisch schusselig.
Als Kind besucht Smith die örtliche Lateinschule in Kirkcaldy. Danach studiert er an der Universität Glasgow Latein, Griechisch, Mathematik und Moralphilosophie. Einer seiner Dozenten ist der Philosoph Francis Hutcheson, der als brillanter Redner und exzellenter Lehrer bekannt ist. Hutchesons These, dass der moralische Sinn des Menschen zum Guten führe, prägt Smiths nationalökonomische Überlegungen.
Mit 17 Jahren schliesst Smith sein Studium in Glasgow mit grossem Erfolg ab. Er gewinnt ein wohldotiertes Stipendium, das ihm ein weiteres Studium am Balliol College in Oxford ermöglicht. Dort hört er Vorlesungen in klassischen Sprachen und Philosophie. Doch Smith fühlt sich an der berühmten Hochschule nicht wohl. Im Vergleich zur Universität Glasgow, die damals das Zentrum der schottischen Aufklärung ist, empfindet er Oxford als rückständig. Seine Professoren kritisiert er als faul, unfähig und borniert. Zudem ist der junge Mann den antischottischen Vorurteilen seiner Kommilitonen ausgesetzt. Dennoch übernimmt er schnell den englischen Akzent und spricht zeit seines Lebens Oxford-Englisch, das für das gesellschaftliche Ansehen von zentraler Bedeutung ist. 1746 macht Smith seinen Abschluss als Bachelor of Arts.
Sicher ist er glücklich, nach Kirkcaldy und zu seiner Mutter zurückkehren zu dürfen. Diese lässt ihre Beziehungen spielen und verhilft dem Sohn zu einer Anstellung an der Universität Edinburg. Dort hält Smith Vorlesungen in englischer Literatur, Rhetorik, Philosophie, Rechtswissenschaften und Nationalökonomie. Er ist als Dozent sehr beliebt. In seinen Vorlesungen herrscht stets ein riesiger Andrang – und das, obwohl seine Vorträge nicht Teil des offiziellen Lehrplanes sind. Einer seiner Studenten, der Schriftsteller James Boswell, schreibt später über seinen Lehrer: «Herrn Smiths Meinungen sind beachtlich, tiefsinnig und bewundernswert. Er hat nichts von der Steifheit und Pedanterie, die zu oft bei Professoren zu bemerken ist.»
Die Zahl seiner Bewunderer ist seither ständig gewachsen. Sowohl an den philosophischen als auch an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten hat Smith bis heute weltweit unzählige Anhänger.
Smiths gute Leistungen sprechen sich schnell herum. So wird er im Herbst 1751 als Professor für Logik an die Universität Glasgow berufen – mit gerade mal 27 Jahren. Seine Vorlesungen gelten als anschaulich und lebendig. Das Niveau wird als hoch eingestuft. Ein Jahr später wird Smith Professor für Moralphilosophie. Er übernimmt den Lehrstuhl seines ehemaligen Lehrers Francis Hutcheson.
In dieser Zeit entwickelt sich eine innige Freundschaft zum zwölf Jahre älteren schottischen Philosophen David Hume. Diese Bekanntschaft trägt viel zu Smiths ethischen und ökonomischen Theorien bei. Die beiden sind bis zum Tod Humes 1776 enge Freunde. Smith wacht an Humes Totenbett und schreibt einen bewegenden Bericht über die letzten Stunden des Philosophen.
Zusammen mit Hume und dem Maler Allan Ramsay gründet Smith 1754 einen Debattierclub, die Select Society. Smith liebt es, sich mit interessanten und gebildeten Menschen zu umgeben. Die Mitglieder dieser «erlesenen Gesellschaft» sind allesamt führende Männer der schottischen Aufklärung. Smith nimmt auch am Leben diverser anderer Clubs teil, obwohl er nicht besonders gut im Debattieren ist. Fremden gegenüber ist er sogar schüchtern. In Anwesenheit seiner Freunde und beim richtigen Thema kann er aber zu Höchstform auflaufen und leidenschaftlich dozieren. Smith ist grosszügig, nimmt Anteil und besitzt ein enzyklopädisches Wissen. Sehr viele schätzen daher seine Anwesenheit. Zudem ist er ein angesehener Mann der Gesellschaft. 1773 wird er Mitglied der Royal Society – die höchste Ehre, die einem Wissenschaftler jener Zeit zuteil werden kann.
Schon im Alter von 36 Jahren kommt Adam Smith zu grossem Ruhm. Sein Werk «Theorie der ethischen Gefühle» wird in ganz Europa stark beachtet. Kaum erschienen, ist es schon ausverkauft. Die Grundlage für das Buch liefern seine Vorlesungen für Moralphilosophie. Er untersucht die Frage, wie eine zivilisierte Gesellschaft freier Menschen zusammengehalten wird; warum Menschen neben dem gesunden Selbsterhaltungstrieb auch Nächstenliebe und Altruismus entwickeln. Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet Smith immer wieder als Vertreter eines Menschenbildes abgestempelt wird, das den Egoismus und die Raffgier ins Zentrum stellt. Lautet seine These doch, dass das Mitgefühl für den Mitmenschen die Grundlage der Moral bildet und die Triebfeder der menschlichen Arbeit ist. Das Buch beginnt mit den Worten: «Man kann den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen.»
Smiths guter Ruf als Dozent wird bald in ganz England bekannt. Daher wird ihm ein Posten als Privatlehrer für Henry Scott, den dritten Herzog von Buccleuch, angeboten. Er soll den jungen Adligen auf einer 18-monatigen Reise durch Frankreich und die Schweiz begleiten. Damals war es in der besseren englischen Gesellschaft üblich, dass junge Männer nach dem Schulabschluss eine längere Reise nach Kontinentaleuropa machten. Der junge Akademiker legt also seine Professur nieder und nimmt das lukrative Angebot an. Er verdient 300 Pfund pro Jahr und erhält eine lebenslange Rente in derselben Höhe. Das ist etwa doppelt so viel, wie er an der Universität verdient. Auf der Reise macht Smith die Bekanntschaft mit bedeutenden Denkern seiner Zeit und gewinnt viele neue Eindrücke, die er später in «Wohlstand der Nationen» verarbeitet. So lernt er etwa den Ökonomen und Begründer der physiokratischen Schule, François Quesnay, kennen. In Genf besucht Smith auch Voltaire, den er sehr schätzt. Die Reise wird abrupt abgebrochen, weil der jüngere Bruder des Herzogs, der mitgereist ist, schwer erkrankt.
Nach seiner Rückkehr zieht sich Smith in seine Geburtsstadt zurück, um all seine Gedanken über den Wohlstand der Nationen zu einem grossen Werk zusammenzufassen. Er arbeitet zehn Jahre daran. Während dieser Zeit führt er ein fast eremitisches Dasein. An seinen Freund Hume schreibt er: «Meine Beschäftigung ist hier das Forschen. Mein Zeitvertreib sind lange, einsame Spaziergänge am Strand. Du magst urteilen, wie ich meine Zeit verbringe. Ich fühle mich jedenfalls so überaus glücklich wie vielleicht noch nie in meinem Leben.» Das Ergebnis dieser Lebensfreude: fünf Bücher mit über 1000 Seiten zu Natur und Ursachen des Wohlstands der Nationen. Das Werk erscheint am 9. März 1776. Es ist dies die Geburtsstunde der Nationalökonomie.
Smiths Verleger William Strahan und seine Freunde sind skeptisch, ob ein solch sperriges Buch mit einem so wenig einladenden Titel viele Leser finde. Doch das Buch wird ein Bestseller. Die erste Auflage ist nach sechs Monaten ausverkauft. Die erste Übersetzung erscheint noch im selben Jahr. In ganz Europa wird es gelesen und diskutiert. Zu Smiths Lebzeiten wird es allein fünfmal neu aufgelegt. Es ist eines der einflussreichsten Bücher, die je geschrieben wurden. «Der Wohlstand der Nationen» zählt bis heute zur Pflichtlektüre jedes Wirtschaftsstudenten und ist elementarer Bestandteil in Vorlesungen der Volkswirtschaftslehre. Smiths Thesen haben auch heute noch eine hohe Relevanz.
Smith eröffnet sein Werk, indem er den Ursprung des Wohlstandes erklärt: «Die Arbeitsteilung dürfte die produktiven Kräfte der Arbeit mehr als alles andere fördern und verbessern.» Für Smith bedeutet Arbeitsteilung, dass jeder diejenige Tätigkeit ausübt, die er am besten beherrscht. Er verdeutlicht dies am berühmten Beispiel einer Stecknadelmanufaktur. Wohl jeder Student der Volkswirtschaftslehre wird sich sein Leben lang beim Anblick einer Stecknadel daran erinnern: «Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist, könnte, selbst wenn er sehr fleissig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen.» Beim Besuch einer Stecknadelmanufaktur beobachtet Smith, dass dagegen zehn Arbeiter, die sich jeweils auf einzelne Produktionsschritte spezialisieren, an einem Tag bis zu 48 000 Nadeln herstellen können. Die enormen Möglichkeiten der Produktionssteigerung führen nach Smiths Ansicht zu allgemeinem Wohlstand.
Smith wird auch heute noch oft vorgeworfen, und auch Karl Marx griff ihn an, zu wenig Anteil am Schicksal der Arbeiter zu nehmen – eine erstaunliche und unhaltbare Kritik. Die Gefahren der Arbeitsteilung sind Smith nämlich schon zu seiner Zeit völlig bewusst. Er sieht nicht nur, was Arbeiter leisten, sondern auch ihr Leiden. So beklagt er schon lange vor der Erfindung der Fliessbandarbeit die Abstumpfung der Arbeiter. Weitsichtig warnt er vor einer geistigen und körperlichen Verstümmelung. Um die Arbeitsteilung erträglicher zu machen, fordert er daher die Bildung des Volkes. Diese soll den Arbeitern mehr Lebensinhalt vermitteln.
Smiths Theorie über Preise und den Wirtschaftskreislauf ist im Prinzip simpel: Jeder soll selbst entscheiden, was, wie und wo er arbeitet, was er produziert und wie viel. Der Preis für Arbeit und Güter entsteht so ganz automatisch. Ein Bäcker wird Brötchen zu dem Preis anbieten, den seine Kunden maximal zu zahlen bereit sind. Denn der Bäcker versucht, so viel wie möglich zu verdienen. Ist sein Preis zu hoch, wird er keine Käufer finden, und der Bäcker fährt schlechter, als wenn er einen geringeren Preis verlangt. Smiths Bild von der Gesellschaft beruht auf Freiheit. So könne die Wirtschaft wachsen – nicht durch Protektionismus. So einfach lässt sich freie Marktwirtschaft erklären.
Smiths Theorie über den Eigennutzen wird oft als Raffgier missverstanden. Seine Definition ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Kaltherzigkeit: «Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.» Von Profitgier ist nie die Rede. Wohlstand für eine Gesellschaft entsteht nach Smith eben nur, wenn jeder das Ziel verfolgt, sich selbst besser zu stellen. Seinem Werk liegt die Weltanschauung des Liberalismus zu Grunde. Das Individuum steht im Vordergrund.
Bis heute hat Smiths Lehre höchste Relevanz in Wirtschaftstheorie und -politik. «Smith setzt auf Selbstverantwortung», sagt Juergen B. Donges, Direktor des Wirtschaftspolitischen Seminars der Universität Köln. «So können sowohl ökonomische als auch soziale Ziele effizient erreicht werden. Das ist sehr viel besser als das, was heute tatsächlich in der Politik praktiziert wird. Dort herrschen Regulationen und Eingriffe in den freien Markt vor.»
Berühmt wurde Smiths Metapher von der unsichtbaren Hand. Damit veranschaulicht er, dass alle Marktteilnehmer ganz unbeabsichtigt durch das Verfolgen ihres Eigennutzens zum Wohlstand der gesamten Gesellschaft beitragen. Staatliche Eingriffe in dieses offensichtliche und einfache System der natürlichen Freiheit stören und führen zu schlechteren Ergebnissen. «Der Einzelne vermag ganz offensichtlich aus seiner Kenntnis der örtlichen Verhältnisse weit besser zu beurteilen, als es irgendein Staatsmann oder Gesetzgeber für ihn tun kann, welcher Erwerbszweig im Lande für den Einsatz seines Kapitals geeignet ist und welcher den Ertrag abwirft, der den höchsten Wertzuwachs verspricht.» Heute würde man sagen: Neoliberalismus ist staatlichem Dirigismus überlegen.
Mit seinen Theorien richtet sich Smith auch gegen die zwei herrschenden Anschauungen seiner Zeit. Die Schule der Physiokraten sieht die Landwirtschaft als einzige Quelle des Wohlstands an und nicht wie Smith den Faktor Arbeit. Auf der anderen Seite kritisiert er die Lehre der Merkantilisten. Diese messen dem Geldvorrat und dem Aussenhandel eine grosse Bedeutung bei. Im Gegensatz zu Smith halten sie den Freihandel für schädlich. Sie fordern eine Förderung der Exporte, damit Geld ins Land fliesse, und umgekehrt Beschränkungen für Importe. Merkantilisten zwingen mit ihren Reglementierungen, staatlichen Privilegien und Monopolen die Wirtschaft in den Dienst des Staates. Smith hält dagegen die Staatstätigkeit in Grossbritannien für zu umfangreich und schädlich. Er spricht sich gegen Zölle und für den Freihandel aus. Damit ist er der Erste in einer Serie von grossen Nationalökonomen, die weltweiten Freihandel zum Postulat machen. Er ist wohl der erste Vertreter der Globalisierung ohne Handelsschranken.
«Smith würde heute sagen, dass offener Handel allen helfen würde», sagt Bruno S. Frey, Wirtschaftsprofessor an der Universität Zürich. «Vor allem den armen Ländern. Oft wird ja behauptet, dass die Globalisierung diesen schade, aber das ist eben nicht der Fall. In offenen Märkten können sie erst ihre Stärken aufbauen.»
«Heute sieht es doch so aus, als ob die reichen Länder ihre Produkte exportieren wollten, aber Beschränkungen für den Import forderten», fügt Juergen B. Donges hinzu. Ein Beispiel ist die Diskussion über Textilimporte aus China. «Die reichen Länder wollen den Freihandel nur zum Teil, Importe wollen sie nicht. Wie Smith schon damals erkannte, funktioniert es aber nur, wenn beide Seiten sich an den freien Handel halten.»
Zu den offenen Märkten zählt nach Smiths Ansicht auch die internationale Arbeitsteilung. Zur aktuellen Frage der Personenfreizügigkeit hätte er daher eine klare Meinung gehabt. «Er hätte Freizügigkeit gefordert», sagt Professor Frey. «In der Schweiz gibt es für bestimmte Berufe noch keine Freizügigkeit. Als Mitglied der EU hat man auf diesem Gebiet mehr Freiheit als innerhalb der Schweiz. Smith hätte das scharf kritisiert.»
Dabei forderte Smith keinen völligen Rückzug des Staats, wie ihm oft unterstellt wird. Er ist kein Verfechter eines reinen, ungeregelten Kapitalismus. Smith erklärt im «Wohlstand der Nationen», dass sich ein bestmögliches Gleichgewicht erst dann einstellt, wenn auch der Staat seine Aufgaben gewissenhaft wahrnimmt. Neben Landesverteidigung, Infrastruktur und Bildung zählt auch der Schutz jedes Mitglieds der Gesellschaft vor Ungerechtigkeit und Unterdrückung dazu. Die Überwachung von Vertrags- und Wettbewerbsfreiheit sieht Smith als in der Verantwortung der Regierung liegend.
Es ist überraschend, wie vorausschauend, fast prophetisch Smith die Entwicklung der Wirtschaft analysiert. Doch einige Probleme konnte selbst der berühmteste aller Wirtschaftswissenschaftler, wie Joseph Schumpeter ihn nennt, nicht voraussehen. So ist ihm zum Beispiel der Umweltschutz völlig unbekannt. Alle ökologischen Auswirkungen der Wirtschaft sind Smith nicht bewusst. Auch die grosse Bedeutung von Dienstleistungen ahnt er nicht. Für ihn zählen sie zur «unproduktiven Arbeit». Sie tragen seiner Meinung nach nicht viel zum Wohlstand bei und werden von der Berufsgruppe der «Geistlichen, Rechtsanwälte, Ärzte und Schriftsteller aller Art» erbracht.
Nachdem der «Wohlstand der Nationen» erschienen ist, zieht Smith 1778 nach Edinburg. Dort arbeitet er als Zollrevisor. Er freundet sich in dieser Zeit mit dem Chemiker Joseph Black und dem Naturwissenschaftler James Hutton an. Im Dezember 1787 wird Smith zum Rektor der Universität Glasgow ernannt. Die letzten Jahre seines Lebens verlaufen ruhig, und er geniesst sein Ansehen als bedeutender Gelehrter.
Adam Smith stirbt am 17. Juli 1790 im Alter von 67 Jahren. Als Zollrevisor und Privatlehrer eines schottischen Lords hatte er ein hohes Einkommen. Dennoch hinterlässt er kein grosses Erbe. Denn Smith ist zeit seines Lebens sehr wohltätig gewesen. Einen grossen Teil seines Vermögens hat er an Bedürftige verschenkt – teilweise sogar heimlich. An seiner Beerdigung erscheinen daher sehr viele Menschen. Auch solche, die man normalerweise nicht in den Kreisen des Professors erwartet hätte.
Seine unveröffentlichten Manuskripte lässt er von seinen Freunden Joseph Black und James Hutton verbrennen. Dies war der ausdrückliche Wunsch in seinem Testament. Er wollte verhindern, der Welt etwas Unfertiges zu hinterlassen.
Wichtigste Werke
«Theorie der ethischen Gefühle» (The Theory on Moral Sentiments, 1759): In diesem Werk untersucht Adam Smith den Ursprung von der Tugend der Gerechtigkeit und deren Bedeutung für die Gesellschaft. Er zeichnet ein freiheitliches und individualistisches Menschenbild, das auch seinem zweiten grossen Werk zu Grunde liegt.
«Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen» (An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776): Das Buch wird zum Wegbegleiter des Wirtschaftsliberalismus. Adam Smith behandelt in dem mehr als 1000 Seiten umfassenden Wälzer unter anderem auch die Arbeitsteilung, die Freizügigkeit im Wirtschaftsleben und die Nachteile eines staatlichen Dirigismus.
Literatur
Helen Winter / Thomas Rommel: Adam Smith für Anfänger. Der Wohlstand der Nationen. Eine Lese-Einführung. DTV, München 1999, 224 Seiten, Fr. 17.60.
David D. Raphael: Adam Smith – Einführung. Campus, Frankfurt 1991, 140 Seiten, Fr. 17.50.
Emma Rothschild: Economic Sentiments – Adam Smith, Condorcet, and the Enlightenment. Harvard University Press, London 2002, 368 Seiten, Fr. 36.60.
Samuel Fleischacker: On Adam Smith’s «Wealth of Nations». A Philosophical Companion. Princeton University Press, Princeton 2005, 352 Seiten, Fr. 35.–.
In der nächsten Ausgabe:
David Ricardo, der Vater des modernen Freihandels