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Tierische Spurensuche im Geschäftsarchiv Wenk
Arlette Schnyder
Was ist das Tier dem Menschen? Ist es Transportmittel, Futterlieferant, Verwerter oder Freund und Begleiter? Anhand von Rechnungen für Tierfutter im Archiv Wenk-Madoery aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird sichtbar, ab wann in Riehen Geld für das Futter von bestimmten Tieren ausgegeben wurde und wie sich die Bedeutung der Haustiere für den Menschen geändert hat.
Am 27. Oktober 1910 erhielt der Riehener Kaufmann Jonathan Wenk-Weber eine Lieferung von 50 Kilogramm Fleischfaser-Hundekuchen aus Rummelsburg-Berlin von der Spratt’s Patent Aktien-Gesellschaft, dem Lieferanten der Kaiserlich Königlichen und Fürstlichen Hofjagdämter. Wer dieses Produkt begehrte, wird aus der Rechnung nicht ersichtlich, es scheint aber, dass die Hundekuchen gut abgesetzt wurden, da einen Monat später eine weitere Lieferung erfolgte. Nach einer Lieferpause von zirka zwei Jahren wurde Wenk im Herbst 1913 von einem Vertreter aus Berlin besucht und bestellte daraufhin wieder Spratt’s Hundekuchen. Der Werbebesuch hatte sich gelohnt. Nachdem die Firma im Dezember 1913 zusätzlich mit einem Kalender um die Gunst des Verkäufers geworben hatte, bestellte Wenk im Januar 1914 mit einer Karte eine weitere Lieferung und erhielt umgehend die Antwort, man biete die Hundekuchen wieder für 24 Franken pro 50 Kilogramm an.1 1918 waren in Riehen rund 159 Hunde registriert.2 Die wenigsten von ihnen erhielten Berliner Hundefutter vorgesetzt. Denn ein Hofhund frass kein gekauftes Futter, er war Verwerter dessen, was für ihn übrigblieb. Der Hund sollte ja nicht dem Menschen das Essen streitig machen, sondern sich als Wächter nützlich erweisen und Abfälle verwerten; zudem ist er kein reiner Fleischfresser.3 Der Hofhund auf dem Fischerschen Bauernbetrieb erhielt noch in den 1950er-Jahren das, was nicht gegessen wurde – auch Suppe oder Gemüse.4 Es ist deshalb anzunehmen, dass die Hundebiskuits bei Wenk vor allem für Jagdhunde bestellt wurden sowie für die Hunde begüterter Städter – die oftmals zugleich Jagdreviere hatten. Mit Spratt’s Hundekuchen bestellte Wenk ein extravagantes und modernes Produkt für Reiche. Die ‹Patented Meat Fibrine Dogcakes›, das erste industriell hergestellte und vertriebene Tierfutter überhaupt, wurden 1860 vom amerikanischen Unternehmer James Spratt in England entwickelt – exklusiv für die Jagdhunde der Britischen Superreichen.
EXQUISITE HUNDEKUCHEN – EIN NEUER VERKAUFSSCHLAGER
Dieses Unternehmen hatte eine Marktlücke entdeckt, war schnell erfolgreich und warb aggressiv. Spratt’s Patent war die erste Firma, die grosse und farbig bedruckte Plakate zu Werbezwecken aufstellte. Bald expandierte Spratt’s mit Niederlassungen in Amerika und Deutschland.5 1894 errichtete die deutsche Tochtergesellschaft in Rummelsburg bei Berlin eine eigene Fabrik.6 Hier bestellte Johannes Wenk-Weber seine Produkte. Um sie abzusetzen, musste ein neues Bedürfnis geschaffen werden: für das eigene Haustier extra Geld auszugeben. Deshalb suchte Spratt’s auch neue Wege im Verkauf. Die Fabrik in Rummelsburg schickte Wenk im Februar 1914 drei 25-Kilogramm-Säcke mit Hundekuchen, Hühner- und Kükenfutter zu vergünstigten Konditionen – ohne vorher gefragt zu haben, ob der Verkäufer an diesen Produkten interessiert war. Wenk reagierte mit Befremden auf diese Werbelieferung. Obwohl die Firma versicherte, dass Wenk ein «bedeutendes Geschäft» machen würde, wenn er die Säcke ins Schaufenster stelle, wies Wenk die Säcke zurück.7 Erst nach längerer Korrespondenz und mit der Erkenntnis, dass ihm keine Mehrkosten entstehen, stellte Wenk die Werbesäcke wie gewünscht aus. Ohne Erfolg: Im Mai sandte er sie an den Verteiler in Aarau zurück und die Summe der unverkauften Ware wurde ihm gutgeschrieben.8 Spratt’s kam in Riehen bei den reichen Hundebesitzern an – nicht aber in der Geflügelhaltung. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten die Futterlieferungen nicht mehr lange weitergeführt werden. Zunächst beruhigte die Firma ihre Kundschaft, sie könne zum selben Preis liefern, da sie grosse Mengen auf Lager habe. 1914 erhöhte sich der Preis erstmals: Wenk erhielt am 25. September zwei Säcke Hundekuchen à je 25.25 Franken. Bereits im Oktober stieg der Preis wieder, zunächst um 1.50 Franken pro 50 Kilogramm, im November dann um 2 Franken, sodass der Sack 27.50 Franken kostete. Am 11. November 1914 teilte Spratt’s mit, dass sich der Preis für 50 Kilogramm um 4 Franken erhöhe. Die «garantiert reinen Ingredienzien», die zur Herstellung verwendet würden, seien «überhaupt nur in ganz kleinen Mengen zu erhalten und für diese haben wir so ausserordentlich hohe Preise zu bezahlen», dass der Firma eigentlich fast nur Mehrkosten entstünden.9 Falls die Bestellung aber bis zum 20. November eintreffe, sei Spratt’s gerne bereit, die gesamte Lieferung günstiger abzugeben. Wenk reagierte umgehend. Am 16. November 2014 erhielt er das Vierfache seiner üblichen Bestellmenge, ganze 200 Kilogramm Hundekuchen, für 27.75 Franken pro 50 Kilogramm. Dass Wenk diese grosse Menge trotz höherem Preis bestellte, zeigt, dass die Riehener Abnehmer weiterhin kauften – es gab kein ähnliches Produkt auf dem Markt und Geld spielte ganz offensichtlich keine Rolle. Ab November 1914 stellte Spratt’s die Lieferungen ein. Bei Wenk lagerten nun sechs Säcke Hundekuchen, eine Menge, die sicher für ein Jahr reichte und mit der wohl zunächst gute Geschäfte gemacht werden konnten. Spratt’s Hundefutter tauchte erst 1946 wieder in Form von ‹Spratt’s Ovals› und ‹Spratt’s Dog Cakes› in Wenks Rechnungen auf. Die Firma war inzwischen rein britisch. Der Versand der Produkte fand nun über die Firma Haubensack und Söhne in Basel statt, die Wenk auch Futter für freilebende Vögel verkaufte.
GELD FÜR TIERFUTTER
Hunde sind seit vielen Jahrhunderten Begleiter des Menschen. Eine mögliche Definition dessen, was ein Haustier ausmacht, ist die Kontrolle der Haltung sowie die Überwachung der Fortpflanzung des Tieres durch den Menschen und die Erwartung eines Nutzens vom Tier.10 Demnach werden Haustiere nicht als Gegensatz zu land- und forstwirtschaftlichen Nutzieren verstanden, sondern umfassen diese als Oberbegriff, zusammen mit allen domestizierten Heimtieren, die von Menschen gehalten werden. Im Jahr 1881 lebten in Riehen 49 Hunde, 1918 wurden 159 gezählt.11 1970 stieg die Anzahl der Hunde auf 998. Zwischen 1888 und 1920 verdoppelte sich die Wohnbevölkerung von Riehen von 2145 auf 4227 Personen, bis 1970 stieg die Zahl auf 21 026 Personen an.12 Betrachtet man das Verhältnis von Wohnbevölkerung und Hunden, kommt 1 Hund auf etwa 43 Menschen um 1881. Im Jahr 1920 verändert sich das Verhältnis auf 1 zu 26. 1970 kommt dann 1 Hund auf zirka 21 Menschen. Je dichter das Dorf bewohnt wurde, desto mehr stieg auch die Anzahl Hunde pro Einwohner. Interessanterweise ging die Zahl ab 1980 zurück, als 1026 Hunde in Riehen registriert waren. Sie hält sich seit 1990 bei rund 800.13 Die Tatsache, dass in der Firma Wenk vor über hundert Jahren so exklusives Tierfutter verkauft wurde, verweist auf einen neuen Zugang der Riehener Oberschicht zu ihren Tieren: Wer es sich leisten konnte, fütterte den Hund mit exquisiten Biskuits – ganz ohne materiellen Nutzen. Beabsichtigt war ein emotionaler Nutzen – weil das Tier einen begleitete. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ernährte sich ein grosser Teil der Riehener Bevölkerung wenn immer möglich mit dem, was im Garten wuchs und was die Kleintiere hergaben. Waren sie Bauern, so produzierten sie in einem geschlossenen Kreislauf fast alles, was sie selbst brauchten. Im Jahr 1905 zählte Riehen noch rund 105 Landwirtschaftsbetriebe.14 Tiere spielten eine wichtige Rolle – als Nahrungslieferanten, als Motoren, als Wächter und als Verwerter. Eingekauft wurde nur, was man nicht selbst herstellen oder produzieren konnte. Um Tierfutter verkaufen zu können, mussten im Dorf Tierbesitzer leben, die selbst kein Futter produzierten. Eine Familie, die viele Kinder durchzufüttern hatte, schaffte sich keinen Hund an, wenn sie keinen direkten Nutzen aus diesem Tier ziehen konnte. Noch viel extremer war es bei Pferden: Wer eines hatte, musste entweder Zugang zu Futter haben oder dieses kaufen, was sehr kostspielig war. Dazu gehörten private Pferdebesitzer, die ihr Land nicht landwirtschaftlich nutzten, aber Pferde als Zugoder Reittiere hielten. Aus den Jahren 1918 und 1919 sind Listen erhalten, wer bei Wenk Pferdefutter bezog – als die Futtermittel rationiert waren und die Abgabe streng kontrolliert wurde. Aus diesen Listen wird ersichtlich, dass Wenk für rund hundert Pferde Futter verkaufte. In seinen grossen Lagerräumen waren nebst Futtermitteln auch Säcke mit Lebensmitteln, Schindeln und Brennmaterialien zu finden.15
KÜHE DES KLEINEN MANNES
Die Hundekuchen in Wenks Sortiment waren ein früher Vorbote für eine Entwicklung, die in Riehen noch relativ lange auf sich warten liess. Der Kauf von Tierfutter blieb bis in die 1950er-Jahre fast durchgehend gleich: Wenk verkaufte in den 1930er- und 1940er-Jahren grosse Mengen von Mahlabfällen wie ‹Ausmahleten und Chrüsch› (Mastmehl und Kleie) für Pferde sowie Trockenfutter für Hühner. In den 1930er-Jahren tauchten erstmals Rechnungen für Kaninchenfutter auf. Das ist ein Indikator dafür, dass der Platz im Dorf enger wurde: Riehen wuchs und in den neu entstehenden Genossenschaften und den ersten Wohnblocks gab es keinen Platz für Schafe oder gar eine Kuh – ‹Chüngel› konnte man aber selbst auf dem Balkon halten und sie brauchten weniger Platz als Hühner. Das Kaninchen war die Kuh des kleinen Mannes – ‹Tablarchieh› nannte man sie auch.16 Sie ergaben relativ schnell gutes Fleisch, zudem konnten aus dem Fell Mützen und Handschuhe genäht werden. Es ist nicht erstaunlich, dass gerade während des Zweiten Weltkriegs Kaninchenfutter besonders begehrt zu sein schien. 1939 lieferte die Futtermittelhandlung Siegfried Sollberger an Wenk nebst Hafer, Trockenfutter und Maismehl auch dreimal 75 Kilogramm Kaninchenfutter. Im Januar 1941 waren es sechsmal 25 Kilogramm sowie viermal 50 Kilogramm. Bereits im Oktober desselben Jahres bestellte Wenk wiederum sechsmal 25 Kilogramm. Rechnungen für grosse Bestellungen an Kaninchen- und Hühnerfutter blieben bis in die 1960er-Jahre relativ konstant. Danach verschwanden diese Bestellungen nach und nach bei Wenk. Die grossen Säcke mit ‹Chrüsch und Ausmahleten› machten Produkten Platz, die neuen Interessen besser entsprachen. Dieser Blick in das Bestellwesen der Firma Wenk betreffend Tierfutter zeigt: Erste Anzeichen des Wandels vom Haustier als Nutztier zum Haustier als emotionalem Begleiter finden sich in Riehen zwar schon vor über hundert Jahren. Das Haustier bleibt aber bis zum wirtschaftlichen Aufschwung in den 1950er-Jahren in den normalen Haushalten in Riehen vor allem ein Nutztier: Als Huhn, als Kaninchen ist es Nahrungslieferant. Nur die wenigen Wohlhabenden, die sich Reitpferde leisten konnten und Jagdhunde hielten, begannen sich für exquisite Produkte zu interessieren und scheuten für ihre Tiere auch keinen finanziellen Aufwand. Die 875 Hunde, die 2018 in Riehen gemeldet sind, haben kaum mehr die Funktion von Wach- und Hütehunden.17 Die meisten von ihnen sind Familienmitglieder, treue Freunde und Begleiter oder Sportpartner. Vielleicht aber erhält der eine oder andere auch mal Reste vom Tisch – auch wenn wohl fast alle gekauftes Hundefutter kennen.
1 Vgl. Archiv Wenk-Madoery.
2 Michael Raith: Gemeindekunde Riehen,
2., überarbeitete und aktualisierte Aufl.,
Riehen 1988, S. 58.
3 Vgl. Annette Liesegang: Stichworte zur
Hundeernährung, www.tierer.uzh.ch/dam/
jcr:ffffffff-a7e2-a269-0000-000005796424/
Stichworte_Hundeernaehrung.pdf, Zugriff:
06.08.2018.
4 Gespräch mit Willi Fischer-Pachlatko am
06.08.2018.
5 Vgl. zur Firma Spratt’s en.wikipedia.org/wiki/
Spratt%27s; www.gracesguide.co.uk/
Spratt%27s_Patent, Zugriff: 06.08.2018.
6 Vgl. zu Spratt’s Patent Aktien-Gesellschaft in
Berlin www.flanieren-in-berlin.de/bezirke/
lichtenberg/hundekuchen-und-perlonstruempfe.
html, Zugriff: 06.08.2018.
7 Korrespondenz Jonathan Wenk-Weber mit
Spratt’s Patent Aktien-Gesellschaft, Brief vom
21.02.1914, Archiv Wenk-Madoery.
8 Korrespondenz Jonathan Wenk-Weber mit
Spratt’s Patent Aktien-Gesellschaft, Brief vom
30.05.1914, Archiv Wenk-Madoery.
9 Korrespondenz Jonathan Wenk-Weber mit
Spratt’s Patent Aktien-Gesellschaft, Brief vom
11.11.1914, Archiv Wenk-Madoery.
10 Vgl. Haustiere, in: Historisches Lexikon der
Schweiz (HLS), online-Version, www.hls-dhs-dss.
ch/textes/d/D16223.php, Zugriff: 05.07.2018.
11 Raith 1988, S. 58.
12 Arlette Schnyder: Wohnstadt im dörflichen
Kleid, in: Arlette Schnyder et al. (Hg.):
Riehen – ein Portrait, Basel 2010, S. 103.
13 Statistisches Amt Basel, Hundebestand
1980–1990 und Hundebestand ab 1991.
14 Daniel Hagmann: Das grüne Kapital, in: Arlette
Schnyder et al. (Hg.): Riehen – ein Portrait, Basel
2010, S. 134.
15 Sibylle Meyrat: Von der Spezereihandlung zum
Haushaltcenter, in: z’Rieche 2005, S. 146–153;
Kurzer Rückblick auf die Entstehung und
Entwicklung der Firma Paul Wenk-Löliger,
Riehen, 1862–1937, Archiv Wenk-Madoery.
16 Gespräch mit Willi Fischer-Pachlatko am
06.08.2018.
17 Statistisches Amt Basel, Hundebestand ab 1991.