Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03644.jsonl.gz/2143

Wechselfieber
(kaltes Fieber, Malaria, Febris intermittens), Fieber, bei welchem in mehr oder weniger regelmäßigen Perioden die mit Frost, Hitze und Schweiß verbundenen Anfälle sich wiederholen, während sich der Patient in den fieberlosen Zwischenräumen verhältnismäßig wohl befindet. Der Verlauf der Krankheit ist folgender. Nach mehrtägigem allgemeinen Unbehagen, abwechselndem Frösteln und Heißwerden, Störung des Appetits und der Verdauung, Ziehen in den Gliedern etc., oder auch ohne daß solche Vorboten vorhergegangen sind, tritt der erste Fieberparoxysmus ein, indem der Kranke unter rascher Erhöhung der Temperatur des Rumpfes von einem heftigen Schüttelfrost befallen wird.
Zugleich stellen sich heftiger Kopfschmerz, Brustbeklemmung, kleiner, beschleunigter Pulsschlag ein;
der Frost steigert sich zum Schütteln des ganzen Körpers;
die Haut [* 2] fühlt sich kalt an, ist bleich, von Gänsehautbeschaffenheit;
Lippen und Nägel [* 3] sind blau, Hände und Füße kalt, der Harn blaß.
Gleichzeitig ist objektiv eine zunehmende Schwellung der Milz nachzuweisen. Dies Froststadium dauert ½-3 Stunden. Allmählich verbreitet sich nun ein lebhaftes Hitzegefühl vom Gesicht [* 4] und von den obern Körperteilen nach den untern und über die ganze Haut;
es tritt Röte, Wärme [* 5] und Schwellung der Haut ein;
der Puls wird voller, der Harn dunkler, der Kopfschmerz heftiger;
der Kranke klagt über Brustbeklemmung und Durst.
Nachdem dies Stadium trockner Hitze eine bis mehrere Stunden gedauert hat, bricht Schweiß aus, der Kopfschmerz legt sich, das Atmen wird leicht, das Hitzegefühl schwindet, nur der Durst dauert fort; der erregte Puls beruhigt sich, der Harn wird noch dunkler und gesättigter; häufig versinkt der Kranke in einen wohlthätigen Schlaf, aus dem er mit verhältnismäßigem Wohlbefinden erwacht. Nachdem der ganze Fieberanfall 3-12 Stunden gedauert hat, folgt unter allmählicher Abschwellung der Milz ein mehr oder weniger fieberfreier Zwischenzustand, der nur durch Mattigkeit, Appetitlosigkeit und Verdauungsstörung die Fortdauer des Übels anzeigt.
Denn nur ausnahmsweise beschränkt sich dasselbe auf einen einzigen Fieberanfall; meist tritt nach einer gewissen Zeit unter erneuter Anschwellung der Milz ein zweiter, nach gleicher Zwischenpause ein dritter, ein vierter etc. Anfall ein. Kehrt der Fieberanfall genau oder annähernd alle 24 Stunden wieder, so nennt man das Fieber eintägig, Quotidianfieber; tritt er alle 48 Stunden oder jeden dritten Tag auf, so heißt das Fieber dreitägig, Tertianfieber; erfolgt er jeden vierten Tag, so bezeichnet man das Fieber als viertägiges, Quartanfieber.
Sind die
Perioden nicht genau 24-, 48stündig etc., so nennt man das
Fieber anteponierend, wenn es um eine oder mehrere
Stunden
zu früh, postponierend, wenn es um dieselbe Zeit zu spät eintritt. Das
Wechselfieber ist eine
endemische, d. h. in gewissen Gegenden, vornehmlich in wasserreichen
Niederungen, an den
Ufern langsam fließender, häufig
austretender
Flüsse,
[* 6] an Flußmündungen, wo sich Seewasser und Flußwasser vermischen, in eigentlichen Sumpfgegenden etc.,
einheimische
Krankheit; in der heißen
Zone namentlich ist es von immenser Verbreitung; zuweilen zieht es als
weitverbreitete
Epidemie über ganze
Länder hinweg
¶
mehr
und verschont dann auch solche Gegenden nicht, wo es sonst ganz unbekannt ist. Es ist zwar keine ansteckende, d. h. von Kranken auf den Gesunden übergehende Krankheit; wohl aber scheint die Disposition dazu eine allgemeine und weder durch Alter noch Geschlecht, auch nicht durch sonstige Körperkonstitution bedingt zu sein. Wahrscheinlich entsteht die Krankheit durch belebte Infektionsstoffe, welche, aus dem Boden stammend und der Luft sich mitteilend, in den menschlichen Körper eindringen.
Muß man sich in einer Gegend, wo das
Wechselfieber einheimisch ist, aufhalten, so nehme man soviel wie möglich
die Lebensweise der Eingebornen an, trinke an der Weichsel Branntwein, im Banat Slibowitz und in Italien
[* 8] viel
Limonade und schwarzen Kaffee, lege des Abends wärmere Kleidung an, schütze sich möglichst vor der Nachtluft, schlafe nie bei
offenen Fenstern, vermeide den Aufenthalt in der Nähe von Sümpfen, aber auch alle Diätfehler und sonstigen Exzesse, genieße
kein frisches Obst, keine rohe Milch etc., hüte sich vor Durchnässung und Erkältung, bade und schlafe
nicht im Freien, besonders nach Sonnenuntergang.
Was die Behandlung anbetrifft, so gilt das Chinin als souveränes und geradezu spezifisches Heilmittel. Außerdem bekämpft
man das
Wechselfieber mit Arsenik, Salicylsäure, Antifebrin etc. Um Rückfällen sicher vorzubeugen, wechsele man nötigen Falls die Wohnung
oder selbst den Aufenthaltsort. Merkwürdig ist, daß die Empfänglichkeit für das
Wechselfieber sich durch wiederholtes
Überstehen der Krankheit vermehrt. Wird die Krankheit nicht gründlich geheilt, so verbindet sich mit der zunehmenden Vergrößerung
der Milz eine bleibende Funktionsstörung dieses Organs;
Schwäche und Blutarmut des Kranken steigern sich;
in der Leber und den Nieren entwickeln sich allmählich bleibende Gewebsstörungen;
es entsteht Unheilbares Siechtum mit schließlich tödlichem Ausgang (Malariakachexie).
Während das gewöhnliche
Wechselfieber eine nicht gerade direkt lebensgefährliche Krankheit ist,
kommen in heißen Ländern endemische oder epidemische Formen desselben vor, welche durch besondere Steigerung der Symptome,
sei es seitens des Hirns oder des Darmkanals oder der Brustorgane, vielfach den Tod zur Folge haben; diese
werden als perniziöses
Wechselfieber bezeichnet.