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Heute erinnert in Lausanne eine Strasse noch mit Namen und Vornamen an Ingenieur Adrien Pichard (1790-1841). Eindrücklich war seine zweistöckige Brücke über das Tal des Flon. Einst hiess sie Pont Pichard, wurde später umbenannt in Grand Pont und erscheint jetzt, seitdem der Flon eingedeckt ist, als einfacher Bogenviadukt. Dieses Bauwerk ist Teil der «Ceinture Pichard», einer Ringstrasse als Umfahrung der mittelalterlichen Stadt, wie sie andernorts im 19. Jahrhundert auf niedergelegten Stadtbefestigungen angelegt werden konnte. In der Schweiz war dieses Konzept neuartig und in einer Topographie wie in Lausanne eine besondere Herausforderung. Doch das Gesamtwerk des Urhebers ist so vielfältig, dass der Kunsthistoriker Paul Bissegger eine ebenso reichhaltige Biographie von über 750 Seiten verfasste. Nach mehrjähriger Arbeit ist sie 2019 erschienen.
Die Vorfahren von Adrien Pichard stammten aus Lausanne, wo er 1790 geboren wurde. Sein Vater war Pastor, Professor für Theologie an der Akademie von Lausanne und dort Rektor. Ein Onkel, Auguste Pidou, war ebenfalls Pastor, schlug aber eine politische Karriere ein, wurde 1803 Staatsrat und stand dem Kanton Waadt mehrmals als Landammann vor. Nach den Schulen in Lausanne bestand Pichard als 17jähriger die Aufnahmeprüfung für die Ecole Polytechnique in Paris. Er war der erste Schweizer, dem dieser Schritt gelang. Sein Vater hatte es ihm ermöglicht, indem er ihn zur Vorbereitung für acht Monate nach Genf in Privatkurse gesandt hatte. Die Ausbildung an dieser Eliteschule Frankreichs dauerte zwei Jahre. Sie umfasste Darstellende Geometrie, Chemie, Physik, Zeichnen, Literatur, Bautechnik, Festungsbau, Mechanik und insbesondere Architektur. Pro Jahr zählte man damals 150 Absolventen, die dann je nach Bedarf aufgeteilt wurden auf eine Ecole d’application (Génie militaire, Ponts et Chaussées, Mines, Géographie, Vaissaux, Artillerie). Pichard bewarb sich für weiterführende zwei Jahre an der Ecole des ponts et chaussées. Als Schweizer war ihm nur die Zulassung als Hörer gestattet. Zu seiner Ausbildung gehörten dort mehrmonatige praktische Arbeiten beim Kanalbau in der Picardie.
Weitere berufliche Erfahrung verschaffte sich Pichard ab 1812 in Belgien beim Kanalbau unter dem Chefingenieur des Departements de Jemappes. 1813 wurde er nach Südfrankreich an den Canal du Midi versetzt. Dort leitete er im Kreis Castelnaudary während vier Jahren als «aspirant provisoire ingénieur» den Unterhalt von 300 km Strassen. Der Posten war für ihn als Ingenieur keine intellektuelle Herausforderung. So machte er sich während dieser Zeit ernsthafte Gedanken über seine Zukunft, sowohl für eine Rückkehr in die Schweiz wie auch für eine Karriere in Frankreich. Abseits der Kriege erlebte er den Untergang des Kaiserreichs von Napoleon und erwarb die französische Staatsbürgerschaft, stand also im Dienst des Königs Ludwig XVIII. Gleichzeitig blieb er in Kontakt mit Lausanne und erfuhr 1817, dass der Kanton Waadt eine sehr gut dotierte Stelle als «ingénieur adjoint au Conseil d’Etat» geschaffen hatte. Pichard, inzwischen bereits zum «Ingenieur zweiter Klasse» promoviert, nahm dieses Angebot an und liess sich in Frankreich vom Dienst beurlauben.
Entstanden war der Kanton Waadt 1803 aus der Mediation, als die Vertreter der Schweiz in Paris von Napoleon, damals Erster Konsul von Frankreich, eine neue Verfassung entgegennahmen. Zuvor war das Waadtland seit 1536 ein Untertanengebiet der Berner des Ancien Régimes. Nach dessen Zusammenbruch und nach der Eroberung durch Frankreich gehörte es als Canton Léman zur Helvetik. In der ab 1803 neu geordneten Schweiz bildete es einen der sechs neuen Kantone neben den dreizehn bisherigen. Gemäss eigener Verfassung wählte nun das Volk seinen Grossen Rat von 180 Mitgliedern zwecks Gesetzgebung (Legislative). Aus dessen Mitgliedern wurde der Kleine Rat gebildet, später Staatsrat genannt (Exekutive). Die kantonale Verwaltung gliederte sich ab 1814 in vier Departemente (Justiz und Polizei, Inneres, Militär und Finanzen). Ihre Vorsteher waren je eine Kommission von bis zu drei Staatsräten, die sich periodisch abwechselten. Das öffentliche Bauen war dem Militärdepartement unterstellt.
Als Adrien Pichard im Mai 1818 die neue Stelle antrat, hatte die Regierung seine Aufgabe zu einem Drittel als Ingenieur und zu zwei Dritteln als Bauinspektor des Kantons festgelegt. Für die Strassen zuständig war die Commission des ponts et chaussées unter dem Vorsitz des Staatsrats. Das Kantonsgebiet war wie schon zur Zeit der Berner Herrschaft zweigeteilt in eine Division Nord und Midi, geleitet von den erfahrenen Strasseninspektoren Louis Voruz (1768-1824) und Jean-Henri Sterchi (1760-1819). Pichard war in dieser Kommission als zugeteilter Ingenieur, hatte aber bloss administrative Aufgaben, was ihn nicht befriedigte. Er forderte eine Revision der Verwaltung, wurde ab 1826 «ingénieur des ponts et chaussées» (Kantonsingenieur) und war nun den Strasseninspektoren vorgesetzt. An dieser Stelle übernahm er die Verantwortung für Projektierung und Abrechnungen, was nicht ohne Konflikte verlief. Ab 1833 wurde ihm gestattet, ein Büro mit einem Mitarbeiterstab aufzubauen.
Mit der Stelle eines Bauinspektors hatte der junge Kanton erstmals die Zuständigkeit für seine Gebäude in einem eigenen Dienst zusammengefasst. Pichard begann mit einer systematischen Aufnahme der Liegenschaften, regelte die Buchhaltung, klassierte die Bauten und vereinheitlichte die Korrespondenz. Diese Zentralisierung erzeugte Widerstand bei den Betroffenen und belastete seine Gesundheit, sodass er 1833 von diesem Amt entlastet wurde. Es waren 15 zermürbende Jahre. 1835 übernahm Achille de la Harpe (1807-87) diese Stelle, allerdings nur für kurze Zeit.
Neben den Neubauprojekten brauchte Pichard als kantonaler Bauinspektor einen grossen Teil seiner Zeit für die Bauaufnahmen. Er führte Dossiers zu Rathäusern, Kirchen, zu einem Gestüt, Postgebäude, Kantonsspital und einer Turnhalle. Sie nützten bei Gutachten zu Renovation, Umbau oder Kauf. An Neubauten ausgeführt wurden seine Projekte für die Kunstschule in Lausanne (1818-23), die Zollstation mit Polizeiposten in L’Arzillier bei Bex (1821-23) und bei Ballaigues (1822-26), das Rathaus Epalinges (1822-24), das Direktorenhaus der Salinen Les Dévens in Bex (1825-27) soswie die Kirche La Chaux in Les Granges, Sainte-Croix (1825-28). Eindrücklich ist sein Hauptwerk, die Strafanstalt von Béthusy in Lausanne (1819-26). Sie entstand in der Diskussion um den Strafvollzug und fand deshalb gesamtschweizerische Beachtung.
In der Commission de Ponts et Chaussées lag die Initiative anfänglich bei den beiden Strasseninspektoren. Pichard als «ingénieur adjoint» bewirkte eine systematische Erhebung der Strassenabschnitte zwecks genereller Planung der Strassen. Dazu besorgte er einheitliche Pläne von Geometern und Daten von Statthaltern. Sie dienten bei einzelnen Objekten im Konflikt zwischen Forderungen des Parlaments und Antworten der Regierung, wobei er als Projektverfasser in Konkurrenz zu den Strasseninspektoren stand. Beispiele sind Planung und Bau der Brücke von Orbe (1822-31) sowie die Strasse von Nyon nach Les Rousses über Saint Cergue (1824-30).
In seiner Stellung als Kantonsingenieur leistete Pichard ab 1826 einen wesentlichen Beitrag an den Ausbau des Strassennetzes und damit an den wirtschaftlichen Aufschwung des sonst auf die Landwirtschaft ausgerichteten Kantons. Er selbst nahm jetzt die Vorschläge der Strasseninspektoren entgegen, wählte die günstigsten Lösungen aus und erarbeitete mit seinem Büro die Projekte. Wichtigste Strecken sind Yverdon-Sainte-Croix-Pontarlier (1832-49), Lausanne-Oron-la-Ville (1833-46), Aigle-Les Ormonts-Le Sépey (1834-39) und Vevey-Châtel-Saint-Denis (1835-41). Der Strassenbau folgte nun einem generellen Programm, das dem Parlament mit Priorität und Kostenfolgen periodisch zur Beratung und Genehmigung vorgelegt werden konnte.
Als Lausanne zur Hauptstadt des neuen Kantons wurde, hatte sie als ehemalige Bischofsstadt nicht viel mehr als einen mittelalterlichen Kern mit seiner Kathedrale. Unter der Herrschaft der Berner war sie eine einfache Landstadt geblieben, die jetzt etwa 10’000 Einwohner zählte. Sie lag auf Hügeln zwischen den Tälern des Flon und der Louve. Gleichwohl war sie ein Zentrum alter Verkehrswege, wo Verbindungen aus Deutschland, Frankreich und Italien, aus Genf und Bern und aus dem Wallis zusammenliefen. Auf den engen, teils steilen Strassen der Altstadt wurden die Verhältnisse zunehmend prekär. Seitens der Strasseninspektoren kamen verschiedene Verbesserungsvorschläge. Ab 1830 machte Kantonsingenieur Pichard verschiedene Studien, die schliesslich zu einer ringförmigen Umfahrung der hügeligen Altstadt ohne grössere Gefälle führten. Das Gesamtkonzept wurde 1838 angenommen und etappenweise in den Jahren 1836-1864 ausgeführt. Markante Kunstbauten sind der erwähnte Viadukt Grand-Pont (1836-44) und der Tunnel de la Barre (1850-59). Pichard konnte deren Vollendung nicht mehr erleben, er verstarb bereits 1841. Fortgesetzt wurde seine Arbeit von William Fraisse (1803-85), der seit 1837 im Büro des Kantonsingenieur tätig war.
Als kantonaler Beamter wirkte Pichard ebenfalls bei den Gewässerkorrektionen und Hafenbauten mit. In Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten hatte er die Oberaufsicht. Für technisch-wissenschaftliche Publikationen blieb ihm nicht viel Zeit, doch er war Mitglied der Société vaudoise d’utilité publique zur Förderung der Wirtschaft, die er 1835-37 präsidierte. Seit seiner Zeit in Südfrankreich hatte sich der Ingenieur philosophische Notizen gemacht. Beeinflusst von Saint-Simon an der Ecole polytechnique und von dessen Schülern verfasste er ein zweibändiges Werk »Ebauche d’un essai sur les notions radicales», das er 1834 in Paris drucken liess. Darin legte er dar, wie er seine Gedanken aus wenigen, teils cartesischen Grundideen zu einem kohärenten System ausformulieren konnte, und mündete in Glaubensansichten seiner Herkunft.
Wie seine Vorfahren fühlte sich Ingenieur Pichard dem Dienst an der Öffentlichkeit verpflichtet. Mit seinem dünnhäutigen Charakter war er eher zurückhaltend, seine Projekte immer wieder überarbeitend, nicht immer geschätzt, peinlich genau dokumentierend und gewissenhaft in der Realisierung. Paul Bissegger stützt die Schilderung der Person auf eine reiche Korrespondenz, vor allem mit der Mutter, und gibt einen kurzen Einblick in das Privatleben. Von der Ehe hatte Pichard eine Idealvorstellung, die er verwirklichen und auch mit der Projektierung seines eigenen Hauses ausdrücken konnte. Tragisch ist leider, dass keines seiner vier Kinder die Eltern überlebte. Zwei von ihnen starben wie er selbst an Tuberkulose.
An der Ecole Polytechnique hatte Adrien Pichard die militärische Disziplin erlebt und Napoleon bewundert. Infolge seiner Staatsstelle in Südfrankreich war er aber nicht zu Militärdienst eingezogen worden, was ihn möglicherweise das Leben gekostet hätte. So konnte er im jungen Kanton Waadt seine Stelle, obwohl dem Militärdepartement unterstellt, als zivile Funktion aufbauen. Mit dessen «Ponts et pensées» führt Paul Bissegger im Detail zum Bau der kantonalen Infrastruktur und erschliesst damit das gestaltende Wirken der ersten Ingenieure bei der Entstehung des neuen Kantons.