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D’Aciel Arbogast, 1897
2020 wurden im Nachlass Arbogast die Notizen zu einem Vortrag von d’Aciel Arbogast I. gefunden. Es ist nicht bekannt, wo er diesen hielt. In einer Randnotiz auf der ersten Seite steht “Begrüss. Walon?“. Es ist daher möglich, dass er den Vortrag vor dem kollegium der Universität in Brüssel gehalten hat.
In dem Vortrag beschreibt Arbogast die Wichtigkeit des Handwerks in der Nienetwiler Kultur, und welchen Bezug sie dazu haben.
Die Nienetwiler Kultur ist ohne das Handwerk gar nicht denkbar. Der Homo nienetwilensis, wie ihn mein Kollege Nussquammer ab und an zu nennen pflegt, lebt ein vom Homo sapiens gänzlich verschiedenes Leben und die schöpferische Tätigkeit steht ihm am höchsten.
Es ist ja nicht unbekannt, dass ich selber aus diesem Volk stamme, und es wird Sie daher nicht überraschen, wenn ich in dieser Schriftenreihe einige Aspekte unserer Kultur erkläre.
Als Charles Darwin vor zwanzig Jahren seine Theorie über die Abstammung des Menschen veröffentlichte, ging ein Aufschrei um die Welt. Es war ein schockierter Schrei, in dem Angst und Zorn mitschwangen. Wie konnte es dieser Brite wagen, uns mit Affen zu vergleichen?
In den Kreisen der Skandaj, also meines Volkes, war dagegen nichts dergleichen zu hören. Weshalb? Weil wir, im Gegensatz zu Ihnen, werte Leserin und werter Leser, einen gänzlich anderen Bezug zur Welt haben. Wir sehen uns weder anderen Menschen noch Tieren noch Pflanzen noch Dingen überlegen. Sie alle sind wie wir einfache Akteure in einem ungeheuerlich grossen und komplizierten Kosmos. Anders als der moderne Mensch sehen wir auch nicht den Verstand als das wichtigste Zeichen des Menschseins. Jedenfalls nicht so, wie Sie das verstehen. Der Verstand ist für uns kein in eine Knochenschale eingepferchtes und dort einer grauen Masse entspringendes Wunderwerk. Der Verstand ist lediglich ein Werkzeug, das uns ermöglicht, etwas zu erledigen, was wir, sagen wir einmal, mit dem Gefühl oder dem Daumen oder einer Wolke nicht tun können. Auch arbeitet unser Verstand anders. Nicht weil unser Hirn anders gebaut wäre, sondern weil wir aus einer anderen Kultur kommen. Sie sagen, dieser Tisch ist ein Tisch aus Holz, wir sagen, da hätte ich gerne mitgesungen, wobei singen bei uns nicht grundsätzlich eine musikalische Lautäusserung sein muss. Das Wort Singen bedeutet, wenn einer schöpferischen Tätigkeit nachgegangen wird, bei der wir mit dem Material, mit dem zusammen wir etwas erschaffen, also in ein Zwiegespräch zu treten. Es ist quasi unser Geist, also das Zusammenkommen von Körper, Verstand und Gefühl, das sich auf ein gegenseitiges Beeinflussen einlässt und sich dabei bewusst ist, dass es nicht nur befähigt ist, ein Material zum Beispiel zu bearbeiten, sondern dass erstens dieses Bearbeiten unseren Geist verändert und zweitens das Bearbeitete sich verändert, während es auch uns verändert. Und da wir uns dessen bewusst sind und uns die Möglichkeiten, die uns das bietet, erfreuen, singen wir dann auch mit unserer Kehle.
Die Nienetwiler Kultur kann an den Anfang des vor einigen Jahren durch Eugène Dubois in «Paleontologische onderzoekingen op Java» klassifizierte Gattung Homo erectus zurückverfolgt werden. Aus diesem Homo erectus sind später verschiedene Arten entstanden, so etwa der Neandertaler und der Homo sapiens. Es ist eine leider noch weitgehend unbewiesene Theorie – die aber durch verschiedene Indizien als richtig gewertet werden darf –, dass sich im Lauf der Zeit ein Teil dieser Art abgespaltet hat und sich zum Homo nienetwilensis entwickelte.
Sie hat sich körperlich gleich entwickelt wie der Homo sapiens, jedoch umweltbedingt gewisse Eigenarten ausgebildet, die sich aber nicht körperlich, sondern in ihrer Kultur niederschlug.
Unsere Art blieb also für gut zweihundertfünfzigtausend Jahre weitgehend für sich. Es gab zwar Austausch mit den anderen Arten, dieser kam aber erst in der letzten Eiszeit mit den Neandertalern, und später, als auch dieser sich in Zentraleuropa ansiedelte, mit dem Homo sapiens in Gange. Was immer die Anthropologie und die Archäologie noch zutage fördern wird und unabhängig davon, wie dann die «Familienverhältnisse» aussehen werden, eines ist unbestritten: Der Homo nienetwilensis hat all sein Wissen und all seine Fertigkeiten seit Anbeginn bis auf den heutigen Tag festgehalten und tradiert.
Seine Kultur unterscheidet sich in krasser Weise von der anderer Völker. So kennt er zum Beispiel keine Hierarchien und auch das Konzept Religion ist ihm gänzlich fremd.
Unser Verhältnis zur Welt ist dergestalt, dass wir nichts anhäufen wollen. Materieller Reichtum hat in unserer Sprache nicht einmal ein Wort. Auch sehen wir unsere Tätigkeiten, egal worum es sich handelt, jeweils, wie oben bereits erwähnt, als ein Singen, und Werkzeuge sind uns nicht einfach leblose Dinge, mit denen wir anderen leblosen Dingen eine Form aufzwingen, sondern sind vielmehr als Vermittler zwischen unserem Lied und dem Lied des Gegenübers zu verstehen. Dieser «Vermittler» zeigt uns die Möglichkeiten auf, die sich durch eine Zusammenarbeit von uns mit dem Gegenüber ergeben. Es wird sozusagen eine Sammlung an Möglichkeiten erstellt. Es muss hinzugefügt werden, dass auch die Hand, der Mund oder Geist, ja unser ganzes Selbst sowie das Selbst und Potenzial eines Selbst aller uns umgebenden Dinge als Vermittler gesehen werden, also als Teil einer Sammlung von Einflüssen und Möglichkeiten. Stehe ich also mit einem Stück Eisen an einem Amboss, so sind daran verschiedene Akteure beteiligt: Das Eisen ist in diesem Fall quasi der Hauptdarsteller, denn es hat ein Potenzial, das es vielleicht freigeben will, zum Beispiel das Potenzial, eine Axt zu werden.
Der Amboss, obwohl er still dasteht, ist hierbei keineswegs passiv, denn er verfügt, wie wir anderen Beteiligten, über viele Möglichkeiten, wie er mit uns in Interaktion treten kann. Der Hammer ist ebenfalls aktiv und ist ganz und gar nicht einfach ein in meiner Hand liegendes Ding, das woanders draufschlägt. Damit er sein Lied singen kann, müssen jedoch Amboss, Eisen, er und ich zusammen alle Möglichkeiten sammeln und einander vermitteln. Die Rolle des Schmiedes, also meine, besteht darin, die verschiedenen Möglichkeiten zu erkennen und für die Akteure zu sprechen, wo sie es nicht selber tun können. So formen wir gemeinsam aus einem Eisen eine Schaufel und haben in dieser Zeit vier neue Leben geschaffen, denn unsere alten sind mit diesem Lied vergangen und haben einem neuen, reicheren Platz gemacht.
In diesem Kontext ist leicht zu verstehen, dass wir auch das Handwerk weitgehend anders verstehen als der moderne westliche Mensch (von anderen kann ich nicht ausschliessen, dass sie unser Begreifen teilen).
Das Erschaffen eines Objekts wird, wie meiner obigen Ausführung zu entnehmen ist, also nicht als ein rein technischer Akt oder ein schöpferischer Akt im Sinne der christlichen Lehre gesehen, sondern als ein sich miteinander dem Potenzial aller Beteiligten annäherndes Handeln, bei dem alle ihrer Sammlung neue Möglichkeiten hinzufügen können.
Interessanterweise gibt es im Alaju kein Wort für Handwerk. Es gibt das Tun, im Sinne von etwas erledigen, das wir «tet» nennen, oder es gibt das Wort «wep», welches Sie im Wort «weben» wiederfinden werden und das bei uns so viel bedeutet wie «etwas, das mehr wird als die daran getane Arbeit», und wir haben das Wort «Skandi», welches das oben erläuterte Handeln ausdrückt. Es bedeutet «Singen», aber auch «Leuchten» und «Hand» zugleich und ist das Wort, nachdem wir uns selber benennen.
In diesem Zusammenhang ist es zwar nicht wichtig, aber ich will es dennoch ergänzend anmerken, dass wir mehrere verschiedene Namen für uns benutzen. Meinen wir unser Volk, also die ihm angehörenden Menschen, so sagen wir «Skandaj», meinen wir unser Volk als ein Gefäss für eine Idee oder Gesellschaftsform, dann sagen wir «Tekaj», was in etwa «die Zusammenführenden» bedeutet.
die weitere Eigenbezeichnung «Skai» ist kaum mehr geläufig. Sie ist eine Urform von SkanaJ, welche jedoch noch auf unsere Wurzel als mit Steinwerkzeug Arbeitende hindeutet.
Aber für Handwerk in dem Sinne, wie es in der deutschen Sprache verwendet wird, gibt es, obwohl es uns so wichtig ist, kein Wort.
Ich konnte Ihnen in diesem kurzen Abriss vielleicht eine Ahnung davon vermitteln, wie die Nienetwiler Kultur funktioniert und welchen Stellenwert das «Skandi» bei uns hat. Es wäre mir eine Freude, wenn Sie etwas davon in Ihr Leben mitnehmen möchten und die Welt – wenn nicht völlig anders, doch wenigstens ein bisschen – belebter und spannender erleben würden.
AA, 87
(Abschrift aus Notiz KaLU N CH 1.16.1.jpg, 22.6.2020)
- Inhaltsverzeichnis CRN 1-2020-1
- Einleitung der Herausgeber
- Vorwort
- Das Nienetwil-Projekt
- Was ist «visionäre Vergangenheitsforschung»?
- Biografie von d’Aciel Arbogast I.
- Die Stellung des Handwerks und Werkzeugs in der Nienetwiler Kultur
- Biografie Amot Nussquammer sen.
- Einführung in die Nienetwiler Kultur von Amot Nussquammer sen.
- Briefverkehr zweier Freunde und Streithähne
- Ursprung der Nienetwiler Kultur
- Biografie Nomis Arbogast
- Fundbeschreibung und eine kleine Zeitreise in die Nienetwiler Kulturgeschichte
- Ausblick CRN Nr. 2
- Impressum-Autoren CRN 1-2020-1