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Der niedrige Erdölpreis trifft die Opec-Staaten hart und bremst ihr Wachstum. Gleichzeitig ist auch eine schnelle Erholung beim Erdölpreis unwahrscheinlich, da weder ein Angebotsrückgang noch ein starker Nachfrageanstieg in Sicht ist. Wollen die Opec-Staaten für die Zukunft solche Situationen vermeiden, gibt es nur eine Lösung: Sie müssen die zum Teil groteske Anhängigkeit vom Erdöl reduzieren – und sich modernisieren.
Der Erdölpreis zeigt seit Juni 2014 praktisch nur in eine Richtung. Damals kostete ein Fass der Sorte Brent knapp 115 $, heute sind es etwas über 30 $. Preisrückgänge signalisieren immer einen Angebotsüberhang. 2013 lag das Angebot pro Tag 200 000 Fass unter der Nachfrage, 2014 überstieg es die Nachfrage täglich um mehr als 1 Mio. Fass – und in den ersten drei Quartalen 2015 übertraf es die Nachfrage täglich um über 2 Mio. Fass. Ob dieser Überhang durch eine Ausweitung des Angebots oder einen Rückgang der Nachfrage zustande kam, sieht man den Preisen aber nicht an.
Opec-Staaten unter Druck
Der Internationale Währungsfonds ist überzeugt, dass vor allem das Angebot die Preise gedrückt hat. Die USA konnten ihre Produktion zwischen 2014 und 2015 um rund 800 000 Fass pro Tag erhöhen und wurden durch den Preiszerfall nicht vom Markt gedrängt, weil ihre Produzenten die Effizienz deutlich steigern konnten. Saudiarabien versuchte mittels einer Produktionserhöhung dem erwarteten Aufschwung des Erzfeinds Iran nach der Aufhebung der Sanktionen entgegenzuwirken. Demgegenüber hatten die Abkühlung der Weltwirtschaft oder die Steigerung der Energieeffizienz geringeren Einfluss.
Die Grafiken zeigen anhand der Exporte, wie sehr die Opec-Staaten vom Erdöl abhängen und wie stark der Preiszerfall sie trifft. In einer ganzen Reihe von Staaten (Angola, der Irak, Kuwait, Libyen, Nigeria und Venezuela) stammen über 90% der Exporteinnahmen aus dem Erdölgeschäft, in Saudiarabien sind es immerhin über 75%. Die Einbussen aufgrund des Erdölpreis-Rückgangs entsprechen in einigen dieser Länder mehr als 30% des Bruttoinlandproduktes (BIP). Gegenüber 2013, also dem Zeitpunkt vor dem Einsetzen der Abwärtsbewegung, hat sich der durchschnittliche Preis der Rohölsorten der Opec-Länder nämlich mehr als halbiert. Multipliziert man diesen Rückgang mit den 2015 geförderten Rohölmengen, erhält man die Einnahmeneinbusse in absoluten Grössen.
Das BIP schrumpft als Folge solcher scharfen Rückschläge zwar nur um einige Prozentpunkte, denn es stellt ja die Summe der Wertschöpfungen, nicht die Summe der Umsätze dar. Trotzdem: Man stelle sich Ähnliches in einem europäischen Staat vor. Vermutlich wären Revolutionen und Diktaturen die Folge. Für die restlichen Opec-Staaten und Russland machte der Preisrückgang immerhin zwischen 7% und 17,5% aus, und er führte auch dort zu BIP-Schrumpfungen.
Nur die USA sind ein Sonderfall. Die Einnahmeneinbusse wegen des Preiseinbruchs entsprach dort nur 1,1% des BIP. Da die USA trotz der grossen Erdölproduktion Nettoimporteur von Erdöl sind, überkompensierte die belebende Wirkung tiefer Energiepreise die bremsenden Effekte eines unter Druck geratenen Erdölsektors. Allerdings sagen Anteile am BIP für sich allein wenig aus. Die Einbussen werden dort zum Schock, wo Erdöl die einzige grössere Einnahmequelle ist und der Einbruch auf schwache Wirtschaftsstrukturen trifft.
Grotesk hohe Abhängigkeit
Saudiarabien stellt sich diesbezüglich noch relativ vorteilhaft dar. Zwar kostete der Erdölpreis-Zerfall das Land fast 100 Mrd. $ Währungsreserven allein zwischen Oktober 2014 und Oktober 2015 und verursachte ein Budgetdefizit (2015) von rund 20%. Doch die Devisenreserven betragen noch immer fast 650 Mrd. $. Ein verheerendes Beispiel ist dagegen Venezuela. Der Präsident hat den Notstand ausgerufen, die Teuerung beläuft sich gemäss offiziellen Zahlen auf über 140% (2015), und das BIP brach bis zum dritten Quartal 2015 gegenüber dem Vorjahresquartal um 7% ein.
Dazu kommt, dass Versorgungsengpässe herrschen und vieles importiert werden muss. Die Währungsreserven Venezuelas liegen auf dem tiefsten Stand seit fünfzehn Jahren und reichen nur noch, um Importe für fünf Monate zu finanzieren. Bei einem durchschnittlichen Erdölpreis von 40 $ wäre das verkraftbar. Die Erdölexporte brächten 2016 fast 40 Mrd. $ ein, wovon über ein Viertel für den Schuldendienst eingesetzt werden müsste. Aber wer sagt, dass der durchschnittliche Erdölpreis wieder steigt, statt noch weiter zu sinken?
In der Einschätzung der Weltbank ist ein schneller Anstieg unwahrscheinlich, da weder ein Angebotsrückgang noch ein starker Nachfrageanstieg in Sicht ist. Iran, einst die Nummer zwei der Opec, möchte nun nach dem Ende der Sanktionen Marktanteile zurückgewinnen und die Produktion steigern. Natürlich könnte eine Verschärfung der Spannungen zwischen Saudiarabien und Iran den Preis nach oben drücken, aber solange der Konflikt nicht gänzlich eskaliert, drückt dieser den Preis nach unten, weil ein koordinierter Abbau des Überangebots verhindert wird.
Was sind die Lehren aus der dramatischen Entwicklung? Erstens: Die Abhängigkeit vieler Opec-Staaten vom Erdöl ist grotesk hoch; das kann sie innert kürzester Zeit wieder sehr viel ärmer machen. Zweitens: Viele dieser Staaten haben es versäumt, ihre Wirtschaft zu diversifizieren; sie sind auf Gedeih und Verderb den Launen des Erdölpreises ausgesetzt. Drittens: Der Zerfall des Erdölpreises ist nicht zuletzt eine Folge davon, dass das einst mächtige Opec-Kartell nicht mehr funktioniert. Viertens: Der Preiszerfall führt da und dort zu Reformdruck; die Erkenntnis, dass es Strukturwandel und Modernisierung braucht, wächst etwa auch in Russland – zumindest auf dem Papier.
Dieser Artikel erschien in der «Neue Zürcher Zeitung» vom 30. Januar 2016.
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.