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Lao She, geboren 1899 in Peking, zählt zu den am häufigsten übersetzten modernen chinesischen Schriftstellern und gilt neben Lu Xun als einer der bedeutendsten Autoren seines Landes. Seinen literarischen Weltruhm begründete er mit dem Roman Rikschakuli. Als die Kulturrevolution ausbrach, schied Lao She aus dem Leben, er ertränkte sich am 24. August 1966 im »See des großen Friedens«.
Die Japaner hatten den Nordosten Chinas seit 1931 annektiert, und der Krieg lag seit Längerem in der Luft. Trotzdem überraschte der Überfall der Japaner auf die Marco-Polo-Brücke bei Peking am 7. Juli 1937, der den Krieg gegen das ganze Land einleitete, viele Chinesen, darunter auch Lao She, der in Qingdao als freischaffender Schriftsteller lebte. Erst ein Jahr vor Ausbruch des Krieges gab Lao She seine Lehrtätigkeit an der Shandong-Universität in Qingdao auf, um sich endlich ganz der Schriftstellerei widmen zu können. Denn bisher schrieb er meist nur unter großen Mühen und Zeitdruck in den Semesterferien. Dieses eine Jahr war seine bislang erfolgreichste Zeit, er vollendete mehrere Romane und hegte große Pläne für die Zukunft, der Gipfel seiner Wünsche schien nahe. Dem war ein entbehrungsreiches Leben vorangegangen.
Geboren 1899 in Peking in einer armen Manzhu-Familie, wuchs Shu Qingchun, so sein eigentlicher Name, in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater unterlag als Angehöriger des Manzhu-Volkes (das das Kaisergeschlecht der Qing stellte) noch der lebenslänglichen Wehrpflicht, er war Bannermann der untersten Stufe, Soldat der Palastwache, und kam beim Einfall der Acht Alliierten Mächte 1900 in Peking ums Leben. Die Mutter brachte die Familie mit Wäschewaschen, Nähen, Putzen durch. Nur durch Zufall erhielt der Jüngste die Möglichkeit, ab 1906 eine Privatschule zu besuchen und die Grundschule abzuschließen.
Von 1913 bis 1918 besuchte Lao She das Pekinger Lehrerseminar, das bei freier Kost und Logis kein Schulgeld erhob, und nahm sofort nach Abschluss eine Tätigkeit als Lehrer bzw. Direktor einer kleinen Schule auf. Daneben belegte er als Gasthörer an der Peking-Universität das Fach Englisch. Dadurch ergab sich 1924 die Möglichkeit, als Chinesisch-Lektor nach England zu gehen, an die School of Oriental Studies in London. Während seines fünfjährigen Englandaufenthalts begann er zu schreiben, Einsamkeit, Heimweh und die Lektüre vieler Werke der Weltliteratur regten ihn dazu an (u. a. entstand der Roman Eine Erbschaft in London; dt. 1984). Die Heimreise führte ihn im Sommer 1929 drei Monate durch Europa (Frankreich, Deutschland, Italien), von Marseille reiste er per Schiff nach Singapur, wo er Chinesisch unterrichtete, um das Geld für die Weiterreise zu verdienen. 1930 kehrte er im März über Shanghai nach Peking zurück und wurde im Juli nach Jinan, Hauptstadt der Provinz Shandong, an die Universität als Professor für Literatur berufen. Im Sommer 1931 heiratete er Hu Jieqing in Peking, sie zogen nach Jinan, wo sie an einer Mittelschule Chinesisch unterrichtete.
Neben seiner Lehrtätigkeit veröffentlichte Lao She Essays und wissenschaftliche Artikel in der Universitätszeitschrift, schrieb Romane und Erzählungen. Die Stadt der Katzen (dt. 1985) erschien in Fortsetzungen, er arbeitete an dem Roman Die Blütenträume des Lao Li (dt. 1984), beide erschienen 1933 in Buchform. 1934 wurde die erste Sammlung seiner Erzählungen Hastiggeschriebenes publiziert. Im September 1934 wechselte er an die Shandong-Universität in Qingdao. Zwei Jahre später erfüllte er sich den lang gehegten Wunsch und kündigte sein Lehramt, lebte aber mit der Familie weiter in Qingdao. Der Roman Der Rikschakuli (dt. 1947, 1979 und 1984) entstand hier unter für ihn einmaligen ruhigen Bedingungen. Doch schon im Juli 1937 brach der Krieg aus, Lao She musste mit der Familie (inzwischen war gerade das dritte Kind geboren) Qingdao verlassen, ging zurück nach Jinan an die Universität, aber die Japaner rückten schnell näher. Mitte Oktober musste er auch aus Jinan flüchten, allerdings Frau und Kinder zurücklassen. Er gelangte über Wuhan nach Chongqing ins Landesinnere, wohin sich die Guomindang-Regierung zurückgezogen hatte.
Lao She gehörte zur Generation der Schriftsteller, die im Gefolge der Vierten-Mai-Bewegung von 1919 die chinesische Umgangssprache zur Literatursprache erhob, was in der chinesischen Literaturgeschichte einer Revolution gleichkam. Er selbst beteiligte sich nie an den heftigen politischen und theoretischen Kontroversen der verschiedenen Gruppierungen, legte aber unter dem Eindruck der Bedrohung durch die japanische Invasion seine bisherige politische Abstinenz ab und engagierte sich für den Widerstand und einen breiten Zusammenschluss aller patriotischen Kräfte. Als im März 1938 in Wuhan (Hankou) der Gesamtchinesische Verband der Literatur- und Kunstschaffenden zum Widerstand gegen den Feind gegründet wurde, war Lao She einer der Initiatoren und stand viele Jahre an dessen Spitze.
Der Krieg, die mangelhafte Ernährung und häufige Krankheit schwächten seine Kräfte erheblich. Da er darauf angewiesen war, täglich ein bestimmtes Pensum zu schreiben und an Verlage zu liefern, verschlechterten sich seine Existenzbedingungen weiter. Ende 1943, als sich seine Frau mit den Kindern aus Peking zu ihm nach Chongqing durchschlug und von der japanischen Besatzung erzählte, konzipierte er einen großen Roman zu diesem Thema. Doch seine angeschlagene Gesundheit erlaubte ihm kein kontinuierliches Arbeiten. Ende 1946 erschienen zunächst die ersten beiden Teile von Vier Generationen unter einem Dach. Nach Kriegsende blieb Lao She noch in Chongqing, arbeitete weiter im Verband, der als Dachorganisation für Literatur- und Kunstschaffende immer noch bestand. Im März 1946 erhielt er eine Einladung in die USA (gemeinsam mit dem Dramatiker Cao Yu). Er unternahm mehrere Reisen, lebte aber vor allem in New York und schrieb weiter am dritten Teil des Romans Vier Generationen unter einem Dach, den er 1948 hier beendete.
Nach Gründung der Volksrepublik kehrte er 1949 nach China zurück, wurde im Dezember in Peking auch offiziell herzlich begrüßt und übernahm zahlreiche politische und kulturpolitische Funktionen, beharrte jedoch auf Schreiben als seiner wichtigsten Arbeit. Als einer der wenigen chinesischen Schriftsteller, der aus armen Verhältnissen stammte, setzte Lao She große Hoffnungen auf den Aufbau eines neuen, von Rückständigkeit und Armut freien China, das auch internationale Anerkennung genoss. Er schrieb Essays, Reportagen, volkstümliche Gesänge und vor allem Schauspiele, in denen er den Wertewandel und den Aufbau einer neuen Gesellschaft gestaltete (u. a. 1951 Der Drachenbartgraben; 1957 das historische Drama Das Teehaus; dt. 1980; 1958-1960 vor allem Schauspiele zu Themen der aktuellen Tagespolitik). Über den Boxeraufstand und den Einfall der Acht Allierten Mächte schrieb er 1961 ein Stück zu einem Thema, das ihn seit seiner Kindheit beschäftigte und ihn schließlich, als er nach 1962 zunehmend verstummte, zu einem autobiografisch gefärbten Roman über diese Zeit »verleitete«, den er jedoch verheimlichte und auch nicht vollendete.
Er begab sich 1964 und 1966 noch einmal aufs Land, an die »Basis« des neuen Lebens, doch die Ergebnisse waren eher tragisch: Verse im Stile »kuaiban«, ähnlich dem Bänkelgesang, über Schweinezucht. Als die »Kulturrevolution«, ein Machtkampf innerhalb der chinesischen Führung, für den unwissende Jugendliche missbraucht wurden, im Sommer 1966 mit unglaublicher Gewalt losbrach, gehörte er zu den Ersten, die als »reaktionäre Machthaber« des Kulturbereichs gedemütigt und brutal misshandelt wurden. Am 24. August 1966 schied Lao She aus dem Leben, er ertränkte sich im »See des großen Friedens«.
Irmtraud Fessen-Henjes