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Alfred Adler und seine letzte Ruhestätte
Eine ungewöhnliche Geschichte
von Ruth Bärtschi
Wien, im Jahre 1870. Am 7. Februar kam Alfred Adler in einem Vorort zur Welt. Siebenundsechzig Jahre später, 1937 stirbt er unerwartet in Aberdeen, Schottland, während einer Vortragsreise. Drei Jahre zuvor war er definitiv mit seiner Familie in die USA ausgewandert. Dies um dem zunehmenden Austrofaschismus der damaligen Zeit auszuweichen.
In Schottland traf ein, wovor Alfred Adler bereits als Junge die grösste Angst hatte – den Tod selbst zu erleben.
Die Kindheit war geprägt von Krankheit
Wieso das? Alfred Adler war von frühester Kindheit an ein sehr kränkliches Kind. Er litt an Rachitis und an Stimmritzenkrampf. Daher bekam er oft beim Weinen oder Schreien schlimme Erstickungsanfälle, die den kleinen Jungen in den ersten 3 Lebensjahren, mehrmals in Lebensgefahr brachten. Nach eigenen Angaben entschloss er sich, nicht mehr zu Weinen und überwand dadurch die Anfälle[1].
Nicht viel später musste der kleine Alfred miterleben, wie sein jüngerer Bruder neben ihm im Bett starb[2]. Man kann sich diesen unauslöschlichen Eindruck gut vorstellen, den diese Erlebnisse auf das kleine Kind hatten.
Mit 5 Jahren erkrankte Alfred an einer schweren Lungenentzündung. Er erinnert sich, dass der Arzt sagte „der Bub ist verloren“. Zutiefst geschockt, schwor er sich, dass er selbst ein guter Arzt werden wolle um dem Tod entgegen zu treten.
„… seit dieser Zeit erinnere ich mich, dass ich mir stets meine Zukunft als Arzt vorgestellt habe. Das heisst, ich habe ein Ziel festgesetzt, von dem ich erwarten durfte, dass es meiner kindlichen Not, meiner Furcht vor dem Tod, ein Ende machen konnte: den Tod, die Todesfurcht überwinden… [3]
Alfred Adler wurde in seinen jungen Jahren zwei Mal auf der Strasse angefahren. Wie es dazu kam, daran erinnerte er sich nicht, nur, dass er jeweils zu Hause auf dem Sofa wieder zur Besinnung kam[4].
Weitere Ereignisse, welche ihn in seiner Todesangst bestärkten und ihn anspornten, sein Ziel, Arzt zu werden und damit gegen diese ständigen Bedrohungen selbst gewappnet zu sein, streng zu verfolgen.
Der Tod ist zu fürchten
Von der Schulzeit wird erzählt, dass in seinen Kindheitserinnerungen der Schulweg täglich über einen Friedhof führte und er sich stets davor fürchtete, diesen zu passieren. Nachforschungen ergaben, dass es dort aber gar nie einen Friedhof gab.
Individualpsychologisch gedeutet, könnte man die Annahme aufstellen, dass er sich durch die Kindheitserinnerung, im Lebensstil stets die Warnung hochhielt, dass der Tod an seinem Weg lauern kann und dieser zu fürchten ist.
Als Arzt interessierten Adler vor allem die unheilbaren Krankheiten. Er war überzeugt, dass wenn man diese nur früh genug behandelte, der Tod überwindbar sei. Als er aber miterleben musste, dass er jungen Zuckerkranken nicht helfen konnte, das Insulin war noch nicht erfunden, und er machtlos zusehen musste wie sie starben, entschied er sich das Fach zu wechseln. Das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem Tod war ihm unerträglich geworden. Deshalb wandte er sich den Nervenkrankheiten zu[5].
Der Tod war also nie ein Freund von Alfred Adler.
74 Jahre nach seinem Tod
Mit 67 Jahren musste auch Alfred Adler sich beugen. Ein Herzversagen ereilte ihn in einem Taxi auf dem Weg zu einem Vortrag in der Universität von Aberdeen / Schottland oder nach Rattner auf einem morgendlichen Spaziergang.
Ein schottisches Gesetz verbat Ausländern ohne Wohnsitz, eine Bestattung. Aus dem Land durften die sterblichen Überreste jedoch nicht oder Amerika verweigerte die Einfuhr. Alfred Adlers Urne mit seiner Asche verblieb in Schottland. Fast 74 Jahre wurde diese nicht abgeholt und galt als verschollen.
Lange ging man irrtümlich davon aus, dass sie in der schottischen Hauptstadt begraben lag. Dem war aber nicht so, man fand kein Grab oder Schriftstücke, die dies belegt hätten.
Eine Delegation aus Wiener Individualpsychologen machte sich schlussendlich im Jahr 2006 auf die Suche nach seinen sterblichen Überresten und wurde in einem Krematorium fündig. Die Urne lag sozusagen im Archiv der Vergessenen. Es gelang ihnen, 2011 die Urne nach Wien zu überführen und hier auf dem Zentralfriedhof eine würdige Ruhestätte zu finden. Die Stadt hat ihm ein Ehrengrab zugewiesen. Eine späte Ehre für diesen grossartigen Mann.
Mit an der Beisetzung war seine einzige damals noch lebende Enkelin, Margot Adler als Familienvertretung dabei.
Auch mein Mann und ich durften an diesem sonnigen Julitag (12.7.2011) in Wien an der Beisetzung dabei sein. Eine Kapelle begleitete die Reden und Laudatio von namhaften Wiener Individualpsychologen. Auch internationale Gäste waren vor Ort. Ein berührender Moment.
Wenn sich bei mir auch aus der Perspektive von Alfred Adler ein leiser Verdacht einschlich: In der Individualpsychologie ist nicht die Frage „Warum“ zentral, sondern das Wozu! Wozu also fand Alfred Adler fast 74 Jahre lang keinen Platz auf einem Friedhof?
Ob die Erinnerung mit dem „Totenacker“ seiner Kindheit, natürlich indirekt, was damit zu tun hatte? Die Abneigung und Furcht vor dem Friedhof? Am liebsten hätte er diesen Ort niemals betreten, lieber wäre er ausgewichen. Es mutet schon fast wie ein Geniestreich an, dass Alfred Adler Jahrzehnte über seinen Tod hinaus, nicht auf diesem verhassten Flecken zu liegen kam…
Sollten wir uns an dieser Stelle vielleicht sogar bei Alfred Adler entschuldigen, dass er nun doch auf einem Friedhof gelandet ist?
Die Stätte auf dem Wiener Zentralfriedhof ist jedenfalls eine Ehrerweisung an den „vergessenen Wiener“ und ein Monument für die Individualpsychologie. Eine Erinnerungsstätte und Treffpunkt für Individualpsychologen und -Berater weltweit. Der österreichische Verein für Individualpsychologie hat sich zu dieser letzten Stätte von Alfred Adler viele Gedanken gemacht und mit Bedacht gewählt.
Hierzu ein Originaltextauszug aus der Rede von Mag. Margot Matschinger-Zollner am 12. Juli 2011 an der späten Beisetzung von Dr. Alfred Adler.
Die Steinstele
Die klar umrissene Form und das im Gegensatz dazu stehende zufällig Zusammengesetzte, Bruchstückhafte, einmal Feste, einmal Weiche, manchmal Verletzte des Gesteinsmaterials ist als eine Metapher auf eine der zentralen Aussagen Alfred Adlers zu verstehen: Aus der Vielfalt der Erlebnisse und Einflüsse während der Kindheit, kreiere der Mensch unbewusst und zielgerichtet eine ganzheitlich ausgerichtete Persönlichkeit, geleitet von seinem unbewussten Persönlichkeitsideal…
…Das Bild der Urne soll „eine schmerzhafte Erinnerung“ wachhalten… soll helfen, die Geschichte des 74 jährigen Provisoriums der Urne in der Ferne und mit ihr die Erinnerung an die Geschichte um die Emigration Alfred Adlers aufrecht zu erhalten.
Link zu Alfred Adler Bio: https://akademie-individualpsychologie.ch/diplomausbildung/alfred-adler/