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LuhmannGG866
Selbstbeschreibungen:
Unser Ausgangspunkt ist, das keine Gesellschaft sich selbst mit ihren eigenen Operationen erreichen kann. Die Gesellschaft hat keine Adresse. Sie ist auch keine Organisation, mit der man kommunizieren könnte. Dies ist, empirisch gesehen, ein wohl unbestreitbarer Sachverhalt.
Auch die Erklärung bereitet uns keine Schwierigkeiten. Wir können uns auf die Analyse des Mediums Sinn berufen, dass mit jeder kommunikativen Verwendung neue Möglichkeiten reproduziert, die das verändern, was als Gesellschaft vorausgesetzt werden muss.
Boe: vgl. Semiotik Peirce: Semiose
866
Einen anderen Zugang bietet die Mathematik selbstreferentieller Systeme. Wenn das Gesellschaftssystem die Differenz von System und Umwelt nicht nur erzeugt, sondern sich außerdem noch daran orientiert, liegt ein Fall eines „re-entry“ einer Form in die Form (einer Unterscheidung in die Unterscheidung) vor, der das System in den Zustand einer „unresolvable indeterminacy“ versetzt. „Unresolvable“ heißt,
dass die normalen mathematischen Operationen der Arithmetik und der Algebra nicht mehr zu eindeutigen Ergebnissen führen.
Das System braucht imaginäre Zahlen oder imaginäre Räume, um sich weiterzuhelfen.
Boe: vgl. G.Spencer Brown, Sylvia Taraba
867
Die Erkenntnis sucht intersubjektive Gewissheit auf der Seite des Subjekts und setzt stabile Objekte voraus. Wir wissen, das die Physik aus mehrfachen Gründen diese Annahmen gesprengt hat.
Für die Soziologie stellt sich die Frage, ob nicht das Subjekt/Objekt- Schema einerseits ein Produkt gesellschaftlicher Sinnmanipulation ist. Wäre dies der Fall, dann hätten wir es mit einem Zirkel zu tun: das Kognitionsschema ist ein Aspekt des Objekts, das mithilfe dieses Schemas erklärt werden soll. Das muss nicht auf ein Desaster hinauslaufen speziell für die Gesellschaftstheorie führt dies aber vor die Frage, ob und in welchem Sinne sie sich als Kommunikation eines Subjekts begreifen kann, dass ein Objekt erkennt.
Boe: Selbstbeschreibung = imaginäre Konstruktion
867
Mit dem Begriff der imaginären Konstruktion = Selbstbeschreibung haben wir eine Position vorbereitet, auf die man übersetzen kann, wenn man auf das Kognitionsschema Subjekt/Objekt verzichtet.
868
II. Weder Subjekt noch Objekt
Als Subjekt bezeichnet man nicht eine Substanz, die durch ihr bloßes Sein alles andere trägt, sondern Subjekt ist die Selbstreferenz selbst als Grundlage von Erkennen und Handeln.
870
All das mitbedacht, muss man dem Subjektbegriff, wenn er den mit Einmaligkeitsprätentionen auftritt, die Frage stellen, von was das Subjekt sich selbst unterscheidet: von der Welt? Von Objekten? Von anderen Subjekten? Oder nur von sich selbst, vom Nicht-Ich.
871
Das Subjekt strebt nach „Selbstverwirklichung“ – und erreicht dies über ein Copieren von Individualitätsmustern, die es im Leben und vor allem in der Literatur vorfindet.
Es operiert bewusst, braucht aber, um dies tun zu können, eine unbewusste Grundlage, die all das aufnimmt, was nicht bewusst werden kann.
Boe: Beobachtung 0. Ordnung, vgl. Egidy
871
Diese Zwei-Seiten-Form reagiert bereits genau auf das Problem, das uns unter dem Stichwort Selbstbeschreibung beschäftigen soll.
Eine Selbstbeschreibung kann gar nicht anders als: etwas bezeichnen und anderes im Unberzeichneten belassen. Sie legitimiert und delegitimiert sich selbst in einem Zuge.
Dies kann zwar noch bemerkt, aber nicht „aufgehoben“ werden; denn das Bemerken ist nur noch autologisch möglich, es vollzieht selbst die Differenz, die es bemerkt.
Wahrscheinlich liegt hier der verborgene Grund, der dann auch die zugelassenen Subjekt-Unterscheidungen in Schwierigkeiten bringt. Wenn es um die kognitiven Operationen des Beobachtens und des Beschreibens geht, wird man in der Tradition vermutlich die Unterscheidung von Subjekt und Objekt heranziehen. Dem Subjekt kann zugemutet werden, diese Differenz in sich selbst zu reflektieren und sie (und sich) auf diese Weise herzustellen. Das Subjekt bestimmt sich als Subjekt im Unterschied zum Objekt, und genau dies ist die Weise, in der es den Unterschied zum Objekt erzeugt.
Dann bleibt allerdings der Status von Welt unbestimmt und vor allem der Unterschied eines Subjekts von anderen unberücksichtigt.
Boe: Umwelt (Es) - Mitwelt (Du) - vgl. Günther, Taraba ,
vgl. LuhmannGG1114
Ein solches Subjekt kann weder in der Welt vorkommen, denn das würde heißen, dass die Welt sich selbst reflektiert, noch könnte es ein Individuum sein, das sich von anderen Individuen unterscheidet.
Boe: vgl. George Spencer Brown, LoF 105: Thus we cannot escape the fact that the world we know is constructed in order (and thus in such a way as to be able) to see itself. This is indeed amazing. Not so much in view of what it sees, although this may appear fantastic enough, but in respect of the fact that it can see at all.
But in order to do so, evidently it must first cut itself up into it least one state which sees, and it least one other state which is seen. In this severed and mutilated condition, whatever the sees is only partially itself. We may take it that the world undoubtedly is itself (i.e. is indistinct from itself), but, in any attempt to see itself as an object, it must equally undoubtedly, act* (actor, antagonist. We may note the identity of action with agony.) so as to make itself distinct from, and therefore false to, itself. In this condition it will always partially elude itself.
873
Was „zugrundeliegt“ ist demnach die Benutzung einer Unterscheidung zur Differenzierung von gleichzeitig praktizierter Selbst- und Fremdreferenz. (Fussnote13: Darauf würde man auch mit einer Dekonstruktion im Sinne Derridas stoßen, nämlich mit einer Dekonstruktion von Asymmetrieannahmen, die das Objekt nur als „supplément“ des Subjekts führen, während in Wahrheit das Subjekt ohne Objekt (ohne die andere Seite der Form) gar kein Subjekt sein könnte - so wie die Philosophie ohne Schrift keine Philosophie.)
Die Benutzung einer Unterscheidung zur Bezeichnung ihrer eigenen (und nicht der anderen) Seite ist aber immer eine nur momenthaft aufblitzende Operation, die aufhört, sobald sie zu Stande kommt.
Das legt es nahe, das Problem der Erkenntnis einer unabhängig von ihr bestehenden Welt in die Zeitdimension aufzulösen.
Die Realitätsgarantie kann nur in der Art und Weise liegen, in der ein System die Zeitdifferenzen seiner eigenen Operationen überbrückt, und dies gleichzeitig mit dem, was es als Umwelt voraussetzt. Wenn es aber dies ist, was die „Gleichartigkeit“ (Kant) des Erkenntnisverfahrens mit der Gegenstandswelt, die es konstruiert, sichert:
was spräche dagegen, nach anderen empirischen Systemen mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion zu suchen?
Boe: the universe, Sinn-Systeme: psychische Systeme - Bewusstsein, soziale Systeme? autopoietische - selbstreferentielle Systeme
875 Mit dem Verzicht auf die Unterscheidung Subjekt/Objekt vermeiden wir auch die leichtfertige Gleichsetzung von „subjektiv“ und „willkürlich“. In der Realität gibt es keine Willkür, die gleichsam am Subjekt haftet. Der Begriff kann zwar beibehalten werden, aber nur zur Bezeichnung der begrenzten Kompetenz externer Beobachter. Wir können es deshalb vermeiden, einer vermeintlichen Objektivität oder entsprechend: eine Intersubjektivität Willkürkontrollfunktionen zuzuschreiben.
Wir kommen aus mit der Beschreibung von Systemverhältnissen auf der Ebene der Beobachtung erster beziehungsweise zweiter Ordnung, und „Willkür“wird damit zu einem Beschreibungsnotbehelf.
Boe: Reflexion der Reflexion - Reflexion der Reflexion der Reflexion
875
Wir haben also einen Fall, den die Subjektphilosophie nicht zu berücksichtigen brauchte, den Fall, dass alle Kognition über Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung gesteuert wird. Auf eine kompetente (wenn auch eigensinnige) externer Beobachtung muss man verzichten. Das System selbst muss auch die Beobachtung seines Beobachtens, die Beschreibung seiner Beschreibungen leisten. Es kann deshalb weder als Subjekt noch als Objekt im klassischen Sinne dieser Unterscheidung begriffen werden.
Boe: Beobachtung 1. Ordnung - Beobachtung 2. Ordnung - Wann erscheint die "Notwendigkeit" von Beobachtung 0. Ordnung (Grund, Basis, Ausgangslage?) und Beobachtung 3. Ordnung ( Matrix - Sinn - Reflexion der Reflexion?) ?
Boe: Re-entry
877
Wenn es zu Beschreibungen gesellschaftlicher Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibung kommt, muss dem Rechnung getragen werden. Das sich selbst beschreibende System befindet sich stets nur auf der einen Seite einer Differenz, die es selber erzeugt hat. Es kam die Unterscheidung ja nur durch Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite aktualisieren. Es muss daher die Differenz in das durch sie getrennte auf einer der Seiten wieder eintreten lassen.
Es muss in den Begriffen von Spencer Brown ein „re-entry“ der Form in die Form, der Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene, des Unterschiedes von System und Umwelt in das System vollziehen. Und damit verwandelt sich der unbestimmte Ausgangszustand, der „unmarked state“ Spencer Browns, in den „imaginären Raum“, von dem man zumindest dies sagen kann: dass er Selbstbeobachtungen und re-entries vorkommen lässt. vorkommen und also beobachtbar werden lässt!
878
Wenn wir das Subjekt durch den Beobachter ersetzen und Beobachter definieren als Systeme, die sich selbst durch die sequenzielle Praxis ihres Unterscheidung erzeugen, entfällt jede Formgarantie für Objekte.
Es kann bei allem Identischsetzen immer nur darum gehen, die Unterscheidungen zu unterscheiden, die ein Beobachter benutzt. Es geht, anders gesagt, um Wiederholungen, um eine kondensierende und konfirmierende Praxis, die immer mit Bezug auf die Systeme zu beschreiben ist, die sie operativ durchführen (was auch für den Beobachter dieser Beschreibungen und seine Objekte gilt). Objekte konstituieren sich, so gesehen, nur im Kontext einer Beobachtung zweiter Ordnung.
Dass diese Überlegungen in schwierige logische und theorietechnische Probleme führen, besonders wenn man einsehen muss, dass sie nicht einfach durch Verlagerung der Analyse auf eine Meta-Ebene logischer oder linguistische Art (Russell, Tarsky) zu lösen sind, sei zugestanden. Aber entsprechende Probleme werden inzwischen auch in den Naturwissenschaften und in den Maschinentheorien so allgemein diskutiert, dass man sich dadurch nicht sollte entmutigen lassen.(Heinz von Foerster, Francisco Varela, Fritz B. Simon, Lars Löfgren).
Speziell in der Soziologie gibt es sehr ähnliche Vorstellungen in einer einfachen nicht erkenntnistheoretisch ausformulierten Fassung. So zeigt Anthony Giddens, dass alles Handeln reflexiv in Strukturen und Kontexte, darunter in durch Handlungen erzeugtes Wissen eingebunden ist.
Man könnte auch von einem zirkulären Verhältnis von Handeln und Wissen sprechen: „Social knowledge spirals in and out of the universe of social life, reconstructing both itself and that process as an integral part of that process.”
Und die Folge sei, dass es in den Sozialwissenschaften keine Wissensakkumulation gebe und dass mehr Wissen nicht, wie nach der klassischen Erkenntnistheorie, zu mehr Sicherheit führe, sondern zu mehr Unsicherheit.
Boe: Weisheit der Unsicherheit - zirkulären Verhältnis von Handeln und Wissen: Wären da nicht auch Günthers Argumente zu Erkennen und Wollen einzubeziehen? - und die mystischen Reisen im "imaginären Raum" von G. Spencer Brown - vgl. auchTaraba
Die abstrakten Fragen eines dafür angemessenen autologischen Theoriedesigns lassen sich im Moment zwar nicht befriedigend beantworten.
Boe: angemessenes autologisches Theoriedesign? vgl. auchTaraba
LuhmannGG879
III. Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung
Ein laufendes Beobachten anhand der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz kondensiert die entsprechenden Referenzen und verdichtet sie zur Unterscheidung von System und Umwelt.
Das ermöglicht eine Selbstbeobachtung neuen Stils, nämlich die Zurechnung von Themen auf das System selbst im Unterschied zu seiner Umwelt. Das System reflektiert seine eigene Einheit als Bezugspunkt für Beobachtungen, als Orientierungsgesichtspunkte für ein laufendes Referieren.
880
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts besetzt der Begriff der Kultur den Platz, an dem Selbstbeschreibungen reflektiert werden. Kultur im modernen Sinne ist immer die als Kultur reflektierte Kultur, also eine im System beobachtete Beschreibung.
Kultur kann durchaus so verstanden werden, dass die Selbstbeschreibungen die Beschreibung der Welt, in der sie stattfindet, keineswegs ausschließt, vielmehr über die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz gerade einbezieht.
Kultur ist dann gleichsam die in der Gesellschaft verankerte expressive Form einer Weltdarstellung, die in anderen Gesellschaften andere Formen annehmen könnte. Kultur ist, wie man oft liest, gelerntes Verhalten.
883
Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen der Gesellschaft sind immer kommunikative Operationen, existieren also nur im Ereigniszusammenhang des Systems. Sie müssen voraussetzen, dass das System schon vorliegt, sind also nie konstitutive, sondern immer nachträgliche Operationen, die es mit einem bereits hoch selektiv formierten Gedächtnis zu tun haben.
Das gilt auch für die Anfertigung und Benutzung von Texten. Das System kann seine eigenen Geschichtlichkeit nicht entrinnen, es muss immer von dem Zustand ausgehen, in den es sich selbst gebracht hat. Gerade weil dies so ist und gerade weil die zeitliche Sequenz der Operationen irreversibel ist, haben Strukturen im allgemeinen und Texte im besonderen die Funktion, Wiederholbarkeit und in diesem Sinne Reversibel lität zu gewährleisten. Man kann, aber auch dies geschieht nur, wenn es geschieht, auf sie zurückgreifen. Reflexion ist, und das kann man doppelsinnig (strukturell und prozessual) verstehen, „das Resultat des Resultates“.
Boe: Mythen = Erzählungen für wiederholten Gebrauch -
Sind Theorien nicht auch "Erzählungen für wiederholten Gebrauch"?
883
Auch Gesellschaften, die nicht über Schrift verfügen, fertigen Selbstbeschreibungen an. Sie produzieren Erzählungen für wiederholten Gebrauch und setzen bei der Erzählung voraus, dass die Erzählung bekannt ist und nur das Beiwerk, wie Ausschmückung, das Geschick des Erzählers überraschen. So können auch Mythen über das Menschengeschlecht, den Stamm, den ersten Ahnen usw. fixiert werden, in denen die Gesellschaft in der Gesellschaft repräsentiert wird.
Im täglichen Gebrauch, in der mündlichen Rede genügen jedoch „indexical expressions“ deren Referenz sich von selbst versteht. Erst Schrift hebt diese Unmittelbarkeit des „Wir“-sagen-Könnens auf und führt damit in ein Referenzproblem. Denn wenn der Leser liest, was geschrieben ist, ist der Schreiber längst mit anderem beschäftigt oder gar gestorben. Erst mit der Schrift entsteht ein Bedarf für begrifflich elaborierte Selbstbeschreibungen, die zu fixieren versuchen, worüber kommuniziert wird, wenn in der Gesellschaft über die Gesellschaft kommuniziert wird.
LuhmannGG912
V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
912 V. Die Semantik Alteuropas II: Das Ganze und seine Teile
Für jede Beschreibung von Selbstbeschreibungen (wie für jede Beobachtung von Beobachtungen) ist es wichtig, darauf zu achten, mit welchen Unterscheidungen gearbeitet wird. Zu den wichtigsten Unterscheidungen, mit denen im Anschluss an Aristoteles (und an eine vermutlich umfangreiche Diskussion seiner Zeit) die alte europäische Gesellschaft sich selber beschreibt, gehört die Unterscheidung des Ganzen von seinen Teilen.
923
Im Zusammenhang einer religiösen Weltbeschreibung wird wichtig, dass das Ganze/Teile- Schema auch die Unterscheidung von sichtbaren und unsichtbaren Teilen inkorporieren kann - und wieder: ohne die Frage nach der Einheit des Sichtbaren und des Unsichtbaren zu stellen. Dies kann bedeuten, dass die unsichtbaren Teile nur verehrt, aber nicht begriffen werden können. Dabei mochte es der Ausdifferenzierung und den Legitimationsbedürfnissen einer Oberschicht besonders entgegenkommen, wenn gelehrt wurde, dass man auf die Gnade Gottes angewiesen sei und nicht durch gute Werke allein, sondern nur durch den rechten Glauben das Seelenheil gewinnen könne.
LuhmannGG923
925
Für lange Zeit garantiert die Religion in ihrer theologischen Fassung eine einheitliche Weltbeschreibung mit hoher Inkonsistenzbewältigung. „Diversitas“ wird geradezu zum Synonym für Perfektion, weil Gott die Welt zur Gleichung. Verschiedenartig gewollt hat, dass damit menschliches begreifen ausgeschlossen ist.
Inkonsistenzerfahrungen tauchen wohl erstmals mit Schrift auf, also mit der Möglichkeit, Texte nebeneinander zu halten und zu vergleichen, und die zu bewundernde Vielfalt der Erscheinungen scheint die Lösung für dieses Problem zu sein. Erst nachdem auch theologische Texte inkonsistent werden, also seit dem Hochmittelalter, und erst nachdem der Buchdruck dies auch zum Bestandteil einer Laienkulturwerten lässt, wird die Einheit trotz Inkonsistenz zu einem Problem, das schließlich in unserem Jahrhundert selbst das Verhältnis von Ontologie und Logik tangieren wird.
926
Ein solches Zeitschema steckt auch in der kantischen Unterscheidung von ummündig/mündig und in Vorstellungen über Aufklärung oder Emanzipation.
Die Zeitdifferenz dient deutlich der Auflösung einer Paradoxie: was man nicht zugleich sein kann, muss man nacheinander sein. Aber die Paradoxie bleibt als Zielvorstellung erhalten, sie werden nur in eine Idee, in eine allenfalls Abdrucks immer tiefer erreichbare Zukunft ausgelagert, in die Sehnsucht, als Individuum Mensch zu sein. Und nichts aufgeben zu müssen!
Die Paradoxie, um die es letztlich ging, ist aber immer noch die des aus Teilen bestehenden Ganzen.
Während die Figur des sinngebenden Schöpfergottes und dann, auf sie folgend, die Apotheose des Menschen im Menschen dieser Weltbeschreibung für die, die sie benutzen, abschließen, müssen wir, die wir diese Beschreibung beschreiben, einen Schritt darüber hinausgehen und nach ihren logischen und ontologischen Grundlagenfragen.
Boe: Zweiwertige Logik
Entscheidend sowohl für die Struktur dieser Semantik als auch für die Art und Weise in der sie Paradoxien behandelt ist die fraglose Geltung einer zweiwertigen Logik.
Diese Logik akzeptiert ihrerseits eine Unterscheidung und gewinnt damit ihre spezifische Form, nämlich die Unterscheidung der logischen Werte positiv und negativ. Für die Einschätzung dieser Errungenschaft ist deshalb wichtig, dass man Unterscheidungen gewinnen und Formen markieren kann, bevor man über die Operation des Negierens verfügt; denn die Negation verdankt sich selbst der Form und nicht umgekehrt, sie ist nur möglich dank einer Unterscheidung, deren andere Seite die Position ist.
(Fussnote 105: Es ist anmerkenswert, dass die Logiker dieses Fundierungsverhältnis umgekehrt sehen und meinen, man könne nur mit Hilfe einer Negation unterscheiden. Wir dagegen können sehen, das hier ein wichtiger Fall der Evolution eines autopoietischen Systems vorliegt: das Unterscheiden ist schon lange in Gebrauch, bevor die Sprache codiert wird und sich die Logik entwickelt. Nur deshalb kann Logik evoluieren.
Das Logiksystem dreht dann aber das Fundierungsverhältnis um und gewinnt damit einen autonomen Zugang zur Welt, der es erlaubt alles und auch das Unterscheiden im Duktus der Zweiwertigenlogik zu beschreiben. So erklärt sich im Übrigen auch der Einbau der Negation in die Prämissen aller klassischen und modernen Logiksysteme. Und im Übrigen weiß man ja auch, dass mit dieser Prämisse keine widerspruchsfreie Selbstbegründung der Logik gelingen kann. Will man das ändern, muss man mit Wittgenstein Sprache oder mit Spencer Brown den mathematischen Kalkül der Logik vorordnen)
Boe: Sprachspiele, Protologik
927
Einschneidende Beschränkungen sind dagegen durch die zweiwertige selbst auf erlegt. Die zweiwertige Logik hat nur einen Wert, den positiven Wert, wie die Bezeichnung des Seins zur Verfügung, und einen zweiten Wert für die Selbstkorrektur des Beobachters, für die Kontrolle von Irrtümern.
Legt man zusätzlich die Unterscheidung von Denken und Sein zu Grunde, kann man das Sein als eine Form betrachten, deren andere Seite das Nichtsein ist. Man kann dann Sein und Nichtsein als Beobachter richtig beziehungsweise unrichtig bezeichnen. Damit sind die Möglichkeiten einer zweiwertigen Logik erschöpft.
Boe: aletheia/doxa; Statik/Dynamik, Ontologie/Autopoiesis
928
Das Resultat einer solchen logisch- zweiwertigen Weltbeschreibung erscheint als Ontologie und in den Begründungsbemühungen als ontologische Metaphysik.
Danach hat das Sein nur die Möglichkeit, zu sein oder nicht zu sein; und das Denken nur die Möglichkeit, dass Sein beziehungsweise das Nichtsein zutreffend beziehungsweise unzutreffend zu bezeichnen.
Boe: absolute Wahrheit - Glauben - Autorität - Herr-schaft
Das Denken muss als „Repräsentation“und Kunst muss als „Imitiation“ des Seins begriffen werden, denn anderenfalls müsste es als Fehlleistung aufgefasst werden. Eine Mehrzahl von Beobachtern wird folglich angewiesen, im Beobachten übereinzustimmen. Sie beobachten gemeinsam das Sein, sei es zutreffend, sei es unzutreffend. Und da es nur eine zutreffende Repräsentation des einzigen Denken geben kann, gibt es Autorität. Wer es richtig sieht, dann die anderen belehren. Das Beobachten des Beobachtens hat hier keine andere Funktion als das Ausfiltern von Erkenntnisfehlern. Auch die anderen Beobachter sind, wenn man sie beobachtet, Objekte. Sie haben eine Sachqualität wie jedes andere Ding. Auch über sie können daher Beobachter seinsrichtige und seinsunrichtige Meinungen haben.
LuhmannGG1109
XXI. Der “unmarked state” des Beobachters und seine Verschiebungen
1110 Wir haben am Beginn dieses Kapitels bereits darauf hingewiesen, dass Beschreibungen Beobachtungen sind, die sich als unterscheidende Bezeichnungen aktualisieren müssen. Das aber hat den Doppeleffekt, dass die Welt als unmarked space konstituiert wird und dass die Operation des Beobachtens (und mit ihr der Beobachter selbst im Vollzug seiner Operation) unbeobachtbar bleibt.
Es gibt in allen gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen mithin zwei Blindheiten, die miteinander korrespondieren: die alle Unterscheidungen transzendierende Welteinheit und der jeweils fungierende Beobachter.
Wenn wir von historischer Semantik sprechen, dann ist dies vorausgesetzt. Wir können deshalb fragen (und könnten unser Material nochmals durchgehen mit der Frage), wie die Semantik denn das Absichern ihrer Immanenz und das Verdecken ihrer Transzendenz vollziehen. Oder: welche Mystifikationen eingebaut sind, damit man nicht sieht, dass man nicht sieht, was man nicht sieht.
Wir können diese zweite Analyse hier nicht durchführen. Es ist klar, dass sie, was Welt betrifft, auf religiöse Grundlagen führen würde, und, was den Beobachter betrifft, auch auf die Axiome der zweiwertigen Logik, deren Evidenz ihre Setzung als Instrument der Beobachtung und damit den Beobachter verdeckt.
Es ist klar, dass dies zu einer Kritik der Tradition bestimmenden (sogar ihre Kritik bestimmenden) ontologischen Metaphysik im Hinblick auf ihre „Unterlassungen“ führen würde - zu einer Aufgabe, derer sich heute vor allem Jacques Derrida angenommen hat. Auch für die Darstellung der Gesellschaft durch die Massenmedien würde gelten, dass die bekannte unsichtbare Selektion der Tatsachen und Meinungen verdeckt, dass die Welt nicht nur ein „Undsoweiter“ von noch mehr Tatsachen und noch mehr Meinungen ist, sondern, wie Theologen von Gott sagen würden: etwas ganz anderes.
1111
Zwei Aspekte dieser Beschreibung sind in unserer Perspektive bemerkenswert. Das Wissen über ökologische Zusammenhänge nimmt dank forcierter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse rapide zu. Mehr als jede Gesellschaft zuvor sind wir in dieser Hinsicht komplexitätbewusst. Mehr als für jede andere Gesellschaft liegen auch Erfolg versprechende Forschungsmöglichkeiten bereit.
Zugleich steigt aber damit auch das Nichtwissen, und zwar überproportional. Mathematik und Simulationstechnik werden dem angepasst - nur um Unprognistizierbarkeiten zu bestätigen. Die Gesellschaft kann sich bei steigendem Wissen (und nicht obwohl, sondern weil ihr Wissen zunimmt) nicht mehr über Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und Umweltveränderungen informieren. Weder die alten Naturgesetze noch die Erfahrungen mit Technik helfen. Es geht nicht um strikt, sondern um lose gekoppelte Sachverhalte, die sich aber sprunghaft verändern könne. Was früher als wohlgeordneter „kosmos“ erschien, wird heute als Bereich möglicher Katastrophen dargestellt - das eine und das andere eine Form, den unmarked space plakativ zu verdecken.
Ein Beobachter, der solche Beschreibungen vorträgt, sieht sich selbst als Warner, ohne aber diese Rolle reflektieren zu können. Er bleibt bei einer zweiwertigen Logik: die Gesellschaft wird sich selbst auslöschen, wenn sie sich nicht radikal ändert. Entweder/oder.
1112
Die Thematisierung der Gesellschaft unter dem Gesichtpunkt selbstindizierter ökologischer Probleme verdeckte mithin eine Differenz, die sich anderenfalls aufbringen würde, nämlich die vom Kommunikationssystem auf der einen und organischen beziehungsweise psychischen Systemen auf der anderen Seite. Es ist nicht mehr nur das Problem weiterer Entwicklung und weiteren Wachstum, das in erster Linie Sorge bereitet. Auch die ökologische Gesellschaftsbeschreibung steht unter dem Zeichen der Sorge.
Gerade dies höchst moderne Gemisch von Wissen und Aufregung vermag unsere These der doppelten Invisibilisierung belegen. Im unmarked space dessen, was nur mit fiktiven „Scenarios“ und mit Interessen bedingten Annahmen über wahrscheinliches und unwahrscheinliches beschrieben werden kann, etabliert sich eine Gesellschaftsbeschreibung, die darauf mit Selbstinvisibilisierung reagiert.
Die Zweiwertigkeit ihrer Kodierung, sei sie logisch, sei sie moralisch, sei sie in den Prognosen bifurkativ, verdeckt die Einheit der eigenen Position. Und dies ist weder ein Vorwurf noch eine Äußerung zur Sache selbst, um die es hier geht. Sondern behauptet werden nur: es ist anders gar nicht möglich. Denn Beobachten ist unterscheidendes Bezeichnen.
1113
Zum Glück ist diese unvermeidliche Invisibilität der Welt und des jeweils operierenden Beobachters keine ontologisches Faktum. Es handelt sich nicht um eine Eigenschaft bestimmter Dinge oder Dinggesamtheiten. Das Problem liegt jeweils im Rücken, und es lässt sich verschieben, wenn sich Beobachter finden, die andere Beobachter beobachten.
Die Verschiebung kann auf der Zeitdimension und auf der Sozialdimension erfolgen. Man sieht später, dass bei früheren Beobachtungen ausgeblendet war, oder andere sehen es. Auch für die Beobachtung zweiter Ordnung gilt natürlich, dass für jede Beobachtung gilt. Aber eben deshalb kann es auch hier wieder zu Verschiebungen, displacements, différance kommen.
Das Problem liegt also eher in der gesellschaftlichen Institutionalisierung der Praxis des Beobachtens zweiter Ordnung. Dass dies in der modernen Gesellschaft üblich geworden ist, lässt sich vielfältig und vor allem für die verschiedensten Funktionssysteme belegen. Es bleibt nur zu erkennen, dass hier eine Alternative zum metaphysischen Letztbegründungen - schon etabliert ist.
Boe: Selbstbeobachtung der Welt - LoF 105
1114 Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der modernen Weltdarstellung, dass man die Frage stellt, wie die Welt sich selbst beobachten könne.
1114 Mit dem Zurücktreten der religiösen Weltsetzung war die Frage, wie die Welt in der Welt beobachtet werden könne, also wie die Welt sich selbst beobachte, freigegeben.
Damit kam diese Aufgabe auf den Menschen zu, der sich daraufhin „Subjekt“ nannte, um seiner Weltbeobachtung trotz aller empirischen Verschiedenheiten der Menschen Selbstgewissheit und Einheitlichkeit zu garantieren. Fast unvermeidlich tendierte dieser Denkfigur dazu, für das Subjekt einen „transzendentalen“, wenn nicht „extramundanen“ Standpunkt zu reklamieren. Das konnte jedoch nicht befriedigen. Wir müssen deshalb zu der radikaleren (weil paradoxieträchtigen) Frage zurückkehren, wie die Welt sich selbst beobachten könne. Und für den soziologischen Blick ist klar, dass dieses Frageschema zugleich als Vorlage dienen kann für die Frage, wie die Gesellschaft sich selber beobachten könne.
1115
Für die Physik dieses Jahrhunderts ist klar, dass die Selbstbeobachtung der Welt auf physikalische Instrumente, darunter lebende Physiker, angewiesen ist, die die Operation der Selbstbeobachtung erst ermöglichen - und zugleich irritieren. Diese Erfahrung - man kann es so nennen - bestätigt und überbietet alles, was die Subjektphilosophie und die Sprachphilosophie ins Auge gefasst hatten. Als von der Selbstbeschreibungen erfordert sie Mathematik, die sich dieser Aufgabe anpassen muss.
Als Form der Reflexion erfordert sie ein Beobachten des Beobachtens, ein Beobachten zweiter Ordnung.
1117
Bei allen Schwierigkeiten und bei allen, bei weitem nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Korrektur müssen wir mit der Gesellschaft zurechtkommen, die als Resultat von Evolution entstanden ist. Und selbst der Utopiebedarf ist noch dieser Gesellschaft zuzurechnen.
Die Beobachtung solcher Sachlagen erfordert eine Position dritter Ordnung, die sich jedoch nicht prinzipiell (sondern nur in ihrer Reflektiertheit) von einer Position des Beobachtens zweiter Ordnung unterscheiden.
Boe: Wie beschreibe ich die
"Reflektiertheit" von Beobachtung 0., 1., 2., 3. Ordnung?
Batesons Lernen I, Lernen II, Lernen III ?
Wie haben lebende Systeme (Organismen) das Lernen gelernt?
das "Reflektieren"?, das Denken des Denkens?
vgl. LuhmannGG1117 - 1122: Beobachtung 1. und 2. Ordnung - Begriff der Beobachtung - latent structure analysis - autologische Theoriekomponente - radikal konstruktivistisch
LuhmannGG1122
pg 1122
Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems
Was Selbstbeschreibungen des Gesellschaftssystems angeht, also des Systems, das in sich selbst Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung ermöglicht, führt der Übergang von der ersten zur zweiten Ebene dazu, die Realität als kontingent, als auch anders möglich zu beschreiben.
Die Selbstbeschreibung endet für den Beobachter erster Ordnung mit Angaben über invariante Grundlagen, über die Natur und über Notwendiges. Heute nimmt der Wertbegriff, der Superunbezweifelbares symbolisiert, diesen Platz ein.
Für den Beobachter zweiter Ordnung erscheint die Welt dagegen als Konstruktion über je verschiedenen Unterscheidungen. Ihre Beschreibung ist infolgedessen nicht notwendig, sondern kontingent, und nicht mit Bezug auf Natur richtig, sondern artifiziell.
Sie ist selbst ein autopoietisches Produkt. Dabei wird (und darin liegt die autologische Komponente) die Differenz von notwendig/kontingent und von natürlich/artifiziell nochmals reflektiert und auf die Unterscheidung von Beobachtung erster und Beobachtung zweiter Ordnung zurückgeführt.
1123
Der Beobachter erster Ordnung beobachtet mit Hilfe von Werten. Seine jeweiligen Werte machen für ihn den Unterschied, der sein Erkennen und Handeln steuert.
Der Beobachter zweiter Ordnung bezieht die Semantik der Werte auf ihre Verwendung in der Kommunikation. Er kann zum Beispiel erkennen, daß über die Bezugnahme auf Werte weder Entscheidungen abgeleitet noch Konflikte vermieden werden können. Vor allem aber sieht er, wie die Unbezweifelbarkeit der Werte in der Kommunikation produziert wird, nämlich dadurch, daß nicht direkt, sondern indirekt, nicht über sie, sondern mit ihnen kommuniziert wird.
1124
Was die Soziologie zusätzlich tun kann, ist: die strukturellen Bedingungen für ihre Position als Beobachter zweiter Ordnung zu reflektieren. Sie liegen, wie leicht zu sehen, in der funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems.
Durch funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems wird jedem Funktionssystem die Einrichtung einer eigenen Autopoiesis ermöglicht. Zugleich wird die Position eliminiert, die als die »herrschende« für alle sprechen konnte. Dadurch entsteht jener logische Strukturreichtum, der, wenn man ihn an traditionalen Erwartungen mißt, als Relativismus oder als Pluralismus beschrieben wird.
1126
Hierzu könnte man schließlich Überlegungen heranziehen, die in der Semiotik und der Texttheorie entstanden sind. Linguistische, konstruktivistische und dekonstruktivistische Techniken der Textanalyse sind inzwischen so weit fortgeschritten, daß sie einer Soziologie gefährlich werden könnten, die ihren Realitätsbegriff über metaphysische Prämissen festlegt.
Der Ausgangspunkt dieser Kritik war die Problematisierung der Möglichkeit einer Beziehung von Zeichen zur Außenwelt gewesen. Das hat zur Reformulierung des Realitätsbegriffes geführt.
Wenn Realität nach wie vor als Widerstand gegen beliebige Thematisierungen begriffen werden soll - und welchen anderen Realitätsbegriff hätten wir? - dann muß es sich um Widerstand von Zeichen gegen Zeichen, von Sprache gegen Sprache, von Kommunikation gegen Kommunikation handeln. Das heißt: um rekursiv gebildete Komplexität. Das System testet, so gesehen, an selbsterzeugter Ungewißheit und an selbsterzeugtem Widerstand im laufenden Operieren das, was es von Moment zu Moment als Eigenwert behandeln kann. Will man dem innerhalb soziologischer Theoriekonstruktionen Rechnung tragen, muß auch die Gesellschaftstheorie auf Selbstreferenzkonzepte umgestellt werden.
1127
Und während die alte Welt meinte, sich mit den Augen des Primärbeobachters Gott beobachten oder, wenn dessen Kriterien (unterscheidet er überhaupt?) nicht deutlich wurden, in Spiegeln auf Besseres hin beobachten zu können, ist die moderne Gesellschaft vor allem mit ihrer eigenen Misere beschäftigt. Sie kann sich nur selber zu Hilfe kommen. Aber sie kommt im Beobachten ihres Beobachtens immer nur auf den Punkt, an dem etwas auszusetzen ist - und sei es schließlich auf den Zentralpunkt, an dem das Gute und das Schlechte fusionieren: daß man beobachten kann, daß der Beobachter nicht beobachten kann, wie er beobachtet.
Die eigentümliche Ausnahmslosigkeit dieser Struktur präsentiert sich nicht mehr in der Ferne, nicht mehr in der Form eines unbedingt existierenden Wesens. Sie liegt für uns in der Operation des Beobachtens selber, in der Angewiesenheit auf Sinn als Medium, das nur selektiv, nur für Formbildung, nur mit Hinweis auf etwas anderes benutzt werden kann.
LuhmannGG1136
1134 Alles Beobachten (Erkennen und Handeln) ist paradox fundiert, da es auf Unterscheidungen angewiesen ist, die es operativ einsetzen, aber nicht als Einheit reflektieren kann. Wenn eine solche Reflexion versucht wird, wird sie mit einem Paradox bestraft: Das Unterschiedene ist Dasselbe. Und dies gilt, um es nochmal zu wiederholen, für Erkennen und für Handeln und für Beobachten erster wie für Beobachten zweiter Ordnung.
Die europäische Tradition des rationalen Erkennens und Handelns hatte nach letzten Gründen, nach Prinzipien, nach unbestreitbaren Maximen gefragt. Würde man sie fortsetzen, müsste man eine Selbstbeschreibung der Gesellschaft abliefern mit der Erklärung: dies sei die richtige. Man müsste Autorität in Anspruch nehmen, und sei es nur die Unterstellung, man könne weiterer Gründe anführen und solange argumentieren, bis ein jeder überzeugt sei. Aber wenn eine solche Rezension beobachtet (und das heißt immer: in der Gesellschaft beobachtet) wird, ist sie schon nicht mehr das, was sie zu sein meinte. Sie hatte im Bereich ihres Beobachtens unterschieden und bezeichnet; aber nun wird sie selber unterschieden und bezeichnet.
Boe: die Umschrift - von "Tradition des rationalen Erkennens und Handelns - Suche nach letzten Gründen, nach Prinzipien, nach unbestreitbaren Maximen" - auf "zugrundeliegende Paradoxien:
Die Welt, die Gesellschaft ist als Bedingung der Möglichkeit des Unterscheidens für die Beobachter dieselbe - und nicht dieselbe insofern, als sie je nach der Unterscheidung, von der man ausgeht, anders gespalten und daher in anderer Weise zum Paradox wird.
Wenn man Selbstbeschreibung der Gesellschaft als eine ihrerseits in der Gesellschaft beobachtbare und beschreibbare Operation auffasst, kommt man nicht umhin, alles Beobachten und Beschreiben als Verdecken und Entfalten des Einheitsparadoxes aufzufassen; und dann versteht es sich von selbst, dass dies auf verschiedene Weisen geschehen kann.
1136 Damit ist etwas über die Selbstbeschreibung zugängliche Form der Selbstbeschreibung ausgemacht, aber noch nichts über bestimmte Unterscheidungen, also noch nichts über bestimmte Theorien. Jeder Schritt darüber hinaus kann nur als kontingente (was keineswegs heißt: beliebige Wahl einer Form, einer Unterscheidung, einer Kontextur vollzogen werden.
Wir gehen davon aus, dass alle Kommunikation im Medium Sinn operieren muss.
1140 In der Sozialdimension schließlich wird jede Selbstbeschreibung die Bindemittel betonen (sei es Moral, sei es Vernunft, seien es Werte, sei es Verständigung oder wünschenswerter Konsens), während die soziologische Analytik davon ausgeht, dass jede Kommunikation die Ja/Nein-Bifurkation eröffnet, weil ohne sie die Autopoiesis nicht fortgesetzt werden könnte, und erst von da aus Präferenzen erklärt werden können, die auf eine Steigerung der Akzeptanzwahrscheinlichkeit abzielen.
Boe: Wiederbeschreibung der Beschreibung - vgl. Stefan Weber Nicht-dualistische Mediebtheorie
Eine solche Wiederbeschreibung der Beschreibung führt weder zu einer positiven noch zu einer negativen Charakterisierung der Gesellschaft. Sie formuliert die Identität des Systems nicht als Wert und schon gar nicht als Norm, nach der man die Gesellschaft oder das Verhalten in ihr beurteilen könnte. Sie lässt es nicht zu, zwischen progressiven und konservativen Einstellungen zu wählen. All das würde einen externen Beobachter voraussetzen, nachdem man sich richten kann, oder eine interne Position für einzig-richtiges Beobachten, dass den anderen nur noch mitzuteilen hätte, was von ihr aus zu sehen ist.
Solche Annahmen ersetzen wir durch die These, dass die Gesellschaft sind schlechthin konstituiert dadurch, dass sie sich im Mediums Sinn als Form produziert und reproduziert. Und alle Kriterien für gut oder schlecht, wahr oder unwahr, rational oder irrational, funktional oder dysfunktional müssen in der Gesellschaft der Kommunikation erzeugt werden, und das heißt: in einer Weise, die beobachtet werden kann und die Möglichkeiten des Annehmens oder Ablehnens eröffnet.
Das bedeutet auch, dass die Form der Selbstbeschreibung sich ändern muss. Diese Veränderung hat eine ähnliche Radikalität wie der Übergang zu funktionaler Differenzierung, die auf die Gleichheit der ungleichen Systeme hinausläuft und gesellschaftlicher Ordnungsvorgaben in weitestem Umfang zurücknimmt; eine ähnliche Radikalität auch wie der evolutionäre Kollaps der Differenzierung von Stabilisierung und Variation mit der Folge, dass ein nicht- stationäres Gesellschaftssystem entsteht.
Im Kontext der Selbstbeschreibung des Gesellschaftssystems scheint eine gleichermaßen radikale Veränderung anzulaufen. Sie liegt im Übergang von einer Beobachtung erster Ordnung zu einer Beobachtung zweiter Ordnung.
Nach wie vor muss, wenn überhaupt von Selbstbeschreibung die Rede sein soll, das "Selbst" der Selbstbeschreibung identifizierbar sein; und das heißt immer auch unterscheidbar bleiben. Auch wenn es eine Mehrzahl von Selbstbeschreibungen der Gesellschaft in der Gesellschaft gibt, gibt es deshalb noch nicht mehrere Gesellschaften (so als ob jeder Beobachter ein anderes Objekt beobachtete). Aus diesem Grund kann bei polykontexturalen Beschreibungen die Einheiten nur in der Form der Beobachtung zweiter Ordnung zum Ausdruck kommen - eben dadurch, dass jeder Beschreiber in seiner Beschreibung einbezieht, das andere Beschreiber anders beschreiben.
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... die stationären Gesellschaften der alten Welt hatten sich als Objekte beschrieben, etwa mit Begriffen wie Sein, Wesen, Natur, Gattung. In diesem strukturellen und semantischen Rahmen waren Möglichkeiten der Evolution nicht ausgeschlossen; aber deren Beobachtung und Beschreibung konnte an der Oberfläche bleiben und mit dem anschaulichen Begriff der Bewegung arbeiten, der als Begriff etwas Festes voraussetzt wie der Fluss die Ufer.
Die moderne Gesellschaft beobachtet sich als Beobachter, beschreibt sich als Beschreiber; und erst das ist in einem logisch strengen Sinne Selbstbeobachtung beziehungsweise Selbstbeschreibung. Nun erst ist das „Selbst“ der Beobachtung der Beobachter, das „Selbst“ der Beschreibung der Beschreiber selbst.
1148
Eine gleichermaßen radikale, postontologische Thematisierung von Zeit scheint dem Formenkalkül von George Spencer Brown zugrundezuliegen.
Form wird hier als Markierung einer Unterscheidung begriffen, also als eine Einheit mit zwei Seiten, von denen nur die eine bezeichnet wird und die andere unmarkiert bleiben muss. Der Übergang zu anderen Seite (das crossing) erfordert eine zweite Operation, setzt also Zeit voraus. Dies wird spätestens dann deutlich, wenn das Kalkül seine eigenen Voraussetzungen einzuholen versucht und zwischen marked und unmarked space zu oszilieren beginnt.
Während die klassische Formtheorie Form als statische Gestalt begriffen hatte, die nach gelungen/nichtgelungen zu beurteilen sei, wird Form jetzt als Dispositiv eines Beobachters begriffen und als Regulativ für die Entscheidung, zu bleiben, wo man ist, (sich zu wiederholen ) oder zur anderen Seite überzugehen. Ein Primat der Form gegenüber Instanzen, die in der Tradition Vernunft und Wille (Freiheit) genannt worden, scheint eine Temporalisierung der Formen zu erfordern.
Boe: Das "Selbst" der Beobachtung - Dynamis/Zeit - Prozessdenken - Wir-Bewusstsein (vgl.Fuchs Die Methapher des Systems)
Umschrift-Material