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Rückblick: Starke Gewitter mit Sturmböen und Hagel
Eingelagert in einer starken südwestlichen Höhenströmung zogen gestern Abend mehrere heftige Gewitter über die Schweiz. Diese waren teils von grossem Hagel von bis zu 5 cm und Sturmböen von lokal über 100 km/h begleitet. Heute Nachmittag folgen bereits die nächsten, teils kräftigen Gewitter. Die Intensität ist im Allgemeinen aber nicht vom gleichen Ausmass wie am gestrigen Sonntag.
Die folgende Radaranimation gibt einen guten Überblick über die Zugbahn und den Schwerpunkt der Gewitter von gestern Sonntag, 20. Juni. Abgebildet ist die maximale Radarreflektivität. Die Uhrzeit ist in UTC angegeben, um die Lokalzeit zu erhalten müssen Sie 2 Stunden addieren:
Bereits am frühen Nachmittag zogen die ersten Gewitterzellen von Südwesten her über die Schweiz. Dabei stach auf dem Radar eine lehrbuchmässige Superzelle hervor (Erklärungen zu Superzellen finden Sie hier), welche sich durch eine deutlich höhere Intensität auszeichnete. Das Gewitter bildete sich im französischen Rhonetal und zog unter Verstärkung Richtung Genfersee. Superzellen können sehr langlebig sein und fallen oft durch eine nach rechts abweichende Zugbahn (relativ zur Strömungsrichtung) auf. Dies war auch gestern der Fall, so zog die Zelle vom Genfersee über die Waadtländer Alpen Richtung oberes Aaretal. Von da aus verlagerte sich das Gewitter rasch weiter entlang den Voralpen in die Zentralschweiz bis hin zur Albiskette. Von da an hin hinderte eine schwache Föhnströmung die weitere Verlagerung nach Osten. In der Folge änderte die Zelle ihre Zugbahn und zog unter vorübergehender Abschwächung vom zentralen Mittelland in Richtung Schaffhausen nach Deutschland ab.
Hinter dieser ersten Welle von Gewittern konnte sich in den späteren Nachmittagsstunden besonders im Westen nochmals die Sonne durchsetzen. Durch die erneute Einstrahlung wurde die Atmosphäre über dem Jura und im westlichen Mittelland nochmals labilisiert. In der Folge konnte sich in der Westschweiz eine zweite markante Gewitterlinie formieren (im Fachjargon auch als «Squall-Line» bekannt), welche in der Westschweiz nochmals verbreitet stürmische Böen im Gepäck hatte (siehe auch Teaserbild). Als diese im Laufe des Abends die zentralen Landesteile erreichte, schwächte sich das Gewittersystem jedoch rasch ab, womit sich die Situation auf der Alpennordseite rasch beruhigte. Im Süden bildeten sich in den Abendstunden weitere Gewitter von mässiger Intensität. Betroffen waren hauptsächlich die westlichen und nördlichen Teile des Tessins.
In den folgenden Absätzen ziehen wir kurz Bilanz bezüglich Hagel, Niederschlag und Wind. Zuerst jedoch ein paar Impressionen von den Gewittern zum "durchwischen":
Impressionen
Hagel
Für Hagel sorgte in erster Linie die oben erwähnte Superzelle. Das Gewitter hinterliess zwischen etwa 12 und 17 Uhr einen Hagelzug von gut 300 km Länge, welcher von der Region Lyon über den Genfersee bis in den Kanton Zürich reichte. Auf Internetforen (beispielsweise im Sturmforum), sowie auf diversen Medienportalen wurden Hagelgrössen von rund 4 bis 5 cm gemeldet und dokumentiert. Dies wird so auch von unseren Radarmessungen bestätigt. Mit Hilfe der Radarreflektivität kann die maximal erwartbare Hagelgrösse abgeschätzt werden. Die Werte sind erfahrungsgemäss oft etwas höher, als was in Realität wirklich beobachtet wird.
Gebietsweise kräftige Niederschläge in kurzer Zeit
Auf dem Moléson wurden mit dem Durchzug der Superzelle innert 10 Minuten 17,8 mm registriert. Das entspricht einem Ereignis mit einer Wiederkehrperiode von über 100 Jahren. Allerdings darf bei diesem höher gelegenen Messstandort der Einfluss des Windes nicht ausser Acht gelassen werden, der beim Eintrag des Niederschlags ins Messgerät eine grosse Rolle spielen kann. Die kräftige regionale Niederschlagsentwicklung wird jedoch durch den Messwert von Plaffeien bestätigt. Hier fielen innerhalb von 10 Minuten 16,4 mm, was an diesem Messstandort nur alle 10 bis 25 Jahre zu erwarten ist. In Aigle ist der gefallene 10-Minutenwert von 11,6 mm alle 5 bis 10 Jahre zu erwarten, und in Payerne ergibt die Analyse für den registrierten 10-Minutenwert von 13,8 mm eine Wiederkehrperiode von 3 bis 8 Jahren.
In der Nordschweiz meldeten die Messstandorte Leibstadt, Beznau und Würenlingen 10-minütige Niederschlagssummen zwischen 11,7 und 14,5 mm. Solche 10-Minutensummen sind an hier alle 3 bis 8 Jahre zu erwarten. Der kräftige Niederschlag hielt in dieser Region jedoch länger an. So registrierte Beznau innerhalb einer Stunde knapp 30 mm, Würenlingen sogar 34 mm Niederschlag. In Beznau ist ein solcher Stundenwert nur alle 10 bis 20 Jahre, in Würenlingen sogar nur alle 30 bis 50 Jahre zu erwarten. In Hallau im Kanton Schaffhausen gab es innert Stundenfrist 28,8 mm, was einer Wiederkehrperiode von 5 bis 10 Jahren entspricht.
Länger schüttete es auch in Kiesen zwischen Thun und Bern. Die gefallene Stundensumme von knapp über 30 mm ist hier ebenfalls alle 5 bis 10 Jahre zu erwarten. Dieselben Wiederkehrperioden ergeben sich auf der Alpensüdseite an den Messstandorten Simplondorf mit einer Stundensumme von 21,6 mm und Biasca mit einer Stundensumme von 38,4 mm.
Teils sehr starke Böenspitzen, klimatologisch jedoch nicht aussergewöhnlich
Die höchste registrierte Windböe in den Niederungen der Schweiz fegte über Grenchen hinweg. Sie erreichte 118 km/h, was hier alle 3 bis 8 Jahre zu erwarten ist. Diese Böe kam im Zusammenhang mit der abendlichen Gewitterlinie zustande.
Hallau meldete als Maximum knapp 108 km/h und Aigle 103 km/h. Für Hallau ist auf Grund der kurzen Messreihe keine Analyse zu der Wiederkehrperiode verfügbar. Aigle erlebte ein Windereignis mit einer Wiederkehrperiode von 5 bis 10 Jahren. Die höchste Windspitze des Tages meldete der Grosse St. Bernhard mit 139 km/h. Solche Windspitzen sind an diesem hochalpinen Messstandort regelmässig zu erwarten. Die Wiederkehrperiode liegt zwischen 1 und 3 Jahren.
Ausblick auf heute Nachmittag
Heute Vormittag zierten erst noch Restwolken der gestrigen Niederschläge den Himmel, danach setzte sich auf der Alpennordseite rasch die Sonne durch. Da wir uns weiterhin auf der Vorderseite eines Tiefs über Frankreich befinden und die Luftmasse weiterhin feucht und labil geschichtet ist, bilden sich jedoch auch heute Nachmittag verbreitet Quellwolken und bald auch Gewitter. Diese können stellenweise wiederum kräftig sein und lokal für stürmischen Wind und teils intensiven Niederschlag sorgen. Das Unwetterpotential ist im Vergleich zu gestern jedoch im Allgemeinen geringer.
Neben unserem Gewitteroutlook läuft ausserdem noch eine Hochwasserwarnung für einige alpennahe Gewässer (Wallis, zentraler und westlicher Alpennordhang). Grund dafür sind in erster Linie jedoch nicht die lokalen, meist schnellziehenden Gewitter, sondern die aussergewöhnlich hohe Schneeschmelze der vergangenen Tage.