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Im Zusammenhang mit einer längeren Rechnung fragte ich kürzlich einen meiner Studenten, was die Wurzel aus sei. Er antwortete „“. Als ich fragte, wo die 2 geblieben sei, hat er lange versucht, mich mit ausweichenden Antworten zufrieden zu stellen. Er übersah partout die Wurzel aus 2. Nach einigem Ringen hatte er es verstanden und ging in sich, um herauszufinden, warum er es nicht gleich richtig gemacht hat. Er kam dann mit der Erklärung, dass er sich gegen die Wurzel gewehrt hatte, weil er sie nicht in seiner Rechnung haben wollte.
Am besten, man übersieht unangenehme Kleinigkeiten generös
Das scheint mir ein verbreitetes Verhalten zu sein. In der Mathematik (oder Programmierung) lassen sich solche unangenehmen Kleinigkeiten nicht einfach unter den Teppich kehren. Das fällt auf, die Rechnung stimmt nicht oder das Programm läuft nicht.
In Politik und Wirtschaft hingegen sind die Sachlagen noch komplizierter als mathematische Aufgaben und vor allem diffuser. Unangenehme Kleinigkeiten lassen sich unter diesen Voraussetzung vorzüglich ausblenden und verleugnen, was aber fatale (Langzeit-) Folgen haben kann. Dabei ist es den Entscheidern oft nicht einmal bewusst, dass sie wichtige Tatsachen ausblenden. Warum erwarten wir, dass vor allem in Krisenzeiten die Regierung sofort präsent ist, eine starke Hand zeigt und dezidierte Lösungen anbietet? Besser wäre vielleicht, wenn die Entscheider sich zunächst zurück ziehen und fragen, was eigentlich los ist, um auszuschliessen, dass keine Tatsachen verdrängt werden, die für die Entscheidungen massgebend sein können.
Ein gutes Weltbild ist etwas praktisches
Die Heuristik des Verleugnens unangenehmer Tatsachen lässt sich auch ganz gut für jede Art von Polemik missbrauchen. In diffusen und komplizierten Situationen können Details, die aber nichtsdestotrotz wichtige Konsequenzen zur Folge haben, unbemerkt weggelassen werden. Das fällt weder den Entscheidern, noch den Betroffenen auf. Beispielsweise können radikale Bewegungen und Organisationen unter dem Vorwand, sich um das Gesamtwohl zu kümmern, Argumente anführen, die auf den ersten Blick stechen, aber eben Details verleugnen, die das fundamentalistische Weltbild möglicherweise einstürzen lassen würden.
Dietrich Dörner nannte dies reduktive Hypothesenbildung (1). Er schreibt:
Die Tatsache, dass solche reduktiven Hypothesen Welterklärungen aus einem Guss bieten, erklärt vielleicht nicht nur ihre Beliebtheit, sondern auch ihre Stabilität. Wenn man einmal weiss, was die Welt im Innersten zusammenhält, so gibt man ein solches Wissen ungern auf …. Mittel, um einmal aufgestellte Hypothesen gegen Falsifikationen zu verteidigen und gegen jede Erfahrung aufrechtzuerhalten, gibt es viele.
Ich hüten mich vor allzu glatten Argumenten und Weltanschauungen. Mir sind Suchende lieber, als solche, die die Weisheit mit Löffeln gefressen haben wollen.
(1) Dietrich Dörner. Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Rowohlt Taschebuch, Reinbek b. Hamburg 1992