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Fleur Jaeggy
Die seligen Jahre der Züchtigung
Nachschrift jugendlicher Zeiten in einem Appenzeller Mädchenpensionat – Anziehung und Zurückweisung zwischen Adoleszenten, Aufbegehren und Disziplinierung ‹besserer Töchter›.
Fast drei Monate waren vergangen, das zweite Trimester näherte sich dem Ende, und ich hatte Frédérique im Stich gelassen. Jeden Abend wenn ich in meinem Bett lag und die Deutsche schlief, ihre Ohrringe schön auf dem Kissen drapiert, durchlief ich die Zeit mit Frédérique; sie und ich gingen spazieren, und manchmal sprach ich laut, ohne es zu merken. Ich nahm mir vor, am nächsten Morgen zu ihr zu gehen. Alles würde wieder so sein wie früher. Am nächsten Morgen gab ich meine Vorsätze auf. Wenn ich sie auf dem Gang traf, lächelte sie mir zu, ohne stehenzubleiben. Sie gab mir nicht einmal die Chance, mit ihr zu sprechen. Sie wich mir aus wie ein Schatten; wenn wir im selben Raum waren, gelang es mir nicht mehr, mit Micheline zu lachen, und ich hörte nicht auf, Frédérique anzustarren, in der Hoffnung auf eine Reaktion oder ein Zeichen. Aber sie liess sich nicht beirren.
Frédérique hat mich in diesen Monaten nie gesucht. Eher war ich es, die versuchte, mich mit meinen Greisenhänden an ihr festzuklammern. Eines Tages kam die Nachricht, dass ihr Vater gestorben sei. Und dass Frédérique abreisen werde. An dem Tag geriet ich in Panik. Es war etwas Unwiderrufliches. Ich rannte in ihr Zimmer. Sie sprach sehr freundlich zu mir, sie werde zur Beerdigung ihres Vaters fahren und nicht mehr ins Bausler-Institut zurückkehren. Ich begleitete sie zu dem kleinen Bahnhof von Teufen. Warm war es, der Himmel war blau, in der Ferne verschleierte ein Dunst die Unendlichkeit. Die Landschaft war berückend. Es war drei Uhr nachmittags. Sie sprach kaum, sie ging schnell. Ich hatte Angst, ich ging hinter ihr und lief immer wieder, um sie einzuholen.
Ich erklärte mich, erklärte ihr meine Liebe. Mehr als an sie wandte ich mich an die Landschaft. Der Zug wirkte wie ein Spielzeug, er fuhr ab. Ne sois pas triste. Sie hatte mir noch ein Briefchen in die Hand gedrückt. Ich hatte das Wichtigste in meinem Leben verloren, der Himmel war immer noch blau, ungerührt, alles sehnte sich nach Frieden und Glück, die Landschaft war idyllisch, wie die idyllische und verzweifelte Jugend. Die Landschaft schien uns zu schützen, die kleinen weissen Appenzeller Häuser, den Brunnen, die Inschrift ‹Töchterinstitut›, es schien ein von den menschlichen Deformationen unberührter Ort. Ist es möglich, sich in einer Idylle verloren zu fühlen? Eine Katastrophenstimmung breitete sich über die Landschaft. Das Unwiederbringliche traf mich an einem der schönsten und klarsten Tage des Jahres. Ich hatte Frédérique verloren. Ich nahm ihr das Versprechen ab, mir zu schreiben. Sie gab es mir, aber ich spürte, dass sie es nicht halten würde. Ich schrieb ihr sofort einen leidenschaftlichen Brief, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagte. Ich wartete auf eine Antwort. Ich spürte, dass sie mir nie schreiben wurde. Das passte nicht zu ihr. Frédérique verschwindet.
Und so war es, sie ist verschwunden. Ich kehrte ins Internat zurück und verbrachte die Zeit damit zu leiden, was auch eine Form des Zeitvertreibs ist. Ich las das Briefchen, das sie mir am Bahnhof gegeben hatte, zwei kleine karierte Blätter, sieben Zentimeter lang. Auf der papiernen Wand schlief ihre Handschrift wie auf einem Grabstein. Ich hatte schon begonnen, ihre Schrift nachzuahmen, ich übte geduldig, bis ich die Perfektion perfektionierte, in der Strenge der Falschheit. Ich las die Blätter wie ein Ornament. Wellen. Sie sprach von metaphysischen Dingen, nicht eine einzige Andeutung unserer Freundschaft. Diese Ermahnung, dieser Betrug, dieser anonyme Ton, ökumenisch und klösterlich, eignete sich für jeden. In der letzten Zeile umarmte sie mich herzlich: eine förmliche Redewendung, eine tote Geste. Wir haben einander nie umarmt, auch von Zuneigung war zwischen uns nie die Rede. Ihr Brief war in gewisser Weise eine Predigt, sie sprach mir bestimmte Qualitäten zu und zugleich einen gewissen Hang zur Zerstörung. Ich bewahrte die zwei Blätter weder wie eine Reliquie auf, noch zerriss ich sie im ruhelosen, düsteren Frühling, um sie ins Nichts zu streuen. Eine Zeitlang trug ich sie in einer Tasche mit mir herum, dann zerknitterten sie, das Papier wurde mürbe und zerfiel, die Tinte verblasste. Frédériques Worte gingen ihrer Beerdigung entgegen. Manche Worte konnten wir mit einem Kreuz und einer Karteikarte markieren.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 176–177.
Erstpublikation: Fleur Jaeggy: Die seligen Jahre der Züchtigung. Novelle. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Schaden. Berlin: Berlin Verlag, 1996. S. 76–79.