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Reisen in das Orientalische Indien. Produktion, Zirkulation und Vermittlung von Wissen um 1600Dorothee Schmidt
Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden in Europa große Reisesammlungen, die von unterschiedlichen Standpunkten aus einen globalen Imaginationsraum für die Wahrnehmung außereuropäischer Welten organisierten. Diese Sammlungen können als eigentliche Orte der Wissensproduktion und zugleich als Wissensspeicher der europäischen Kultur in dieser Zeit gelten. Sie zeichnen sich – und dies ist charakteristisch für Sammlungen des 16. Jahrhunderts – durch Vielfalt und damit zugleich durch Mehrdeutigkeit aus.
Die in eine westliche und östliche Hemisphäre geteilte Reisepublikation „Reisen in die Occidentalischen und Orientalischen Indien“ (1590-1630) aus dem Frankfurter Verlagshaus De Bry verband zugleich in neuer Weise einen globalen Anspruch mit nationalen und konfessionellen Interessen. Der von der Forschung bisher vernachlässigte Indienteil steht im Zentrum meines Dissertationsprojekts.
Mit der Indienreihe begleiteten die de Brys die niederländische Expansion nach Asien von Anfang an. Sie waren Teil eines weitverzweigten Netzwerks niederländischer Verleger, Drucker, Kartographen und Kupferstecher, die sich vornehmlich in den Zentren London, Antwerpen, Amsterdam und Frankfurt bewegten. Innerhalb dieses Netzwerks wurden Texte, Bilder, Karten und einzelne Text-/ Bildelemente intensiv und mit einer bemerkenswerten Aktualität verbreitet, transformiert und in neuen Bedeutungszusammenhängen verarbeitet. Dabei wurden Bedeutungsverschiebungen und Umwertungen, aber auch Fixierungen und dominante Stereotypisierungen vorgenommen, die das Wissen der Europäer über Außereuropa prägten.
In meiner Dissertation untersuche ich diese Zirkulations- und Transformationsprozesse und widme mich vor allem den folgenden Fragen: Wie haben die de Brys den Bild- und Wissensspeicher der Zeit zu außereuropäischen Welten genutzt und zugleich auch beliefert, erweitert und gestaltet? Welches Wissen wird in den Texten und Bildern erzeugt? Anhand der Analyse spezifischer europäischer Muster, Narrative und Vorstellungen wird dabei auch die Konzeption und Konstruktion der eigenen Wirklichkeit in den Blick genommen. In Anlehnung an Steven Greenblatt verstehe ich die Sammlung als eine unbeständige, offene, kollektive Textproduktion, in der sich Bilder und Repräsentationen wie auf einem Konto anhäufen, die nicht nur als Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse betrachtet werden können, sondern darüber hinaus auch selbst ein gesellschaftliches Verhältnis darstellen, das mit sozialen Hierarchien, Konflikten und Strukturen in anderen Bereichen der Kultur verknüpft ist. Dabei geht es mir weniger um einen rezeptionsgeschichtlichen, denn um einen rezeptionsästhetischen Ansatz; das Fortschreiten der über einen langen Zeitraum hinweg entstandenen Sammlung, die Frage nach spezifischen Effekten der Texte und der Bilder, die Untersuchung der verschiedenen Angebote, die für den Leser/Betrachter zur Verfügung gestellt werden, stehen hier als methodischer Zugang im Zentrum.