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Seine melodiöse Aussprache und sein warmer Ton sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der im südfranzösischen Antibes geborene Frédéric C. noch ein anderes, bedrohlicheres Gesicht hat. Dieses zeigte der Franzose beispielsweise im Frühling 2013, als er in dringender Mission in ein Flugzeug nach Jacksonville, Florida stieg, um Mamadie Touré zu treffen, die vierte Ehefrau des mittlerweile verstorbenen guineischen Präsidenten Lansana Conté, der von1984 bis Dezember 2008 regierte. Er wollte Mamadie Touré dazu bringen, belastende Dokumente in ihrem Besitz zu vernichten.
«Es muss ein Ort gefunden werden, um die Unterlagen zu entsorgen, um sie zu vernichten, sie vollständig zu vernichten, zu verbrennen [...] Alles, was ich dir sage, kommt direkt von Beny [...] Wenn du ihnen sagst, ja ich habe Geld erhalten [...], dann wirst du ein sehr grosses Problem haben, kein kleines Problem, sondern ein sehr, sehr grosses Problem», drohte Frédéric C. und riet Mamadie Touré, die amerikanische Justiz zu belügen. Falls sie nicht einwillige, stellte er ihr eine «juristische Schlacht» mit der Beny Seinmetz Group Resources (BSGR) in Aussicht. Trotz dieser Einschüchterungsversuche landete er schliesslich selbst in den Fängen des FBI. Denn Mamadie Touré war verkabelt und befand sich in einem Zeugenschutzprogramm. Dieses Gespräch vom 14. April 2013 endete mit dem Ruf: «Aufstehen! Hände hinter den Rücken!»
Unterlagen gerettetGlücklicherweise landeten die belastenden Unterlagen weder im Feuer noch im Aktenschredder. Sie gehören zu den wichtigsten Schriftstücken des historischen Prozesses, der im Januar 2021 vor dem Genfer Strafgericht stattfand. Das Verfahren erlaubt einen Einblick in die Geschäftspraktiken der internationalen Korruption, wobei in diesem Fall mit Guinea eines der ärmsten Länder der Welt betroffen ist. Guineas riesige, noch nicht erschlossene Eisenvorkommen wecken seit Jahrzehnten Begehrlichkeiten bei diversen Bergbaukonzernen.
So flossen zwischen 2006 und 2012 knapp 10 Millionen US-Dollar Bestechungsgelder an Mamadie Touré. Im Gegenzug sollte sie die Geschäfte der Beny Steinmetz Group Resources (BSGR) fördern, wie die Genfer Staatsanwaltschaft nach sechs Jahren Ermittlungen feststellte. Zwischen 2006 und 2010 sicherte sich die BSGR 20 Explorations- und Fördergenehmigungen für das gigantische Eisenvorkommen Simandou und die Lagerstätte Zogota im Südosten Guineas.
Im Juli 2008 entzog ein Dekret des todkranken Präsidenten Conté dem anglo-australischen Bergbaukonzern Rio Tinto, der seit den 1990er Jahren in Guinea tätig war, die Konzessionen für Block 1 und 2 von Simandou-Nord. 51% dieser Bergbaukonzessionen, die im Dezember 2008 in die Hände der BSGR gelangten, wurden 2010 an den brasilianischen Konzern Vale weiterverkauft. Dieser zahlte dafür 2,5 Milliarden US-Dollar, während die BSGR lediglich 170 Millionen US-Dollar investiert hatte. Ein kolossaler Mehrwert, erzielt auf Kosten der guineischen Bevölkerung.
Seltenheitswert hat, dass sich die drei Hauptfiguren dieser massiven Korruptionsaffäre tatsächlich vor Gericht wegen «Bestechung fremder Amtsträger» und «Urkundenfälschung» verantworten müssen. Zum einen handelt es sich um den französisch-israelischen Milliardär Beny Steinmetz, Drahtzieher der gleichnamigen Firma. Mitangeklagt ist Frédéric C., ein Mittelsmann und Abenteurer, der infolge seiner Mission in Florida bereits 22 Monate wegen «Behinderung der Justiz» in den USA hinter Gittern sass. Die dritte Angeklagte ist Sandra M.H., die treue Verwalterin, die aus Genf das Tagesgeschäft der BSGR leitete und alle Anträge ohne mit der Wimper zu zucken durchwinkte.
«Dies ist der Inbegriff eines Korruptionsfalls», empörte sich der erste Staatsanwalt Yves Bertossa in seinem Plädoyer.
«Ein regelrechter Fortsetzungsroman», doppelte Staatsanwältin Caroline Babel Casutt nach. Ihr wurde es bei der Durchsicht der Tausenden von Dokumenten keine Sekunde langweilig, berichtete sie. E-Mails, Verträge, Vereinbarungen und Protokolle füllen ganze 250 Bundesordner. «Die Unterlagen erzählen die ganze Geschichte der Korruption in Guinea», obwohl die Tricks zur Vertuschung des «Korruptionspakts» teils «grauenhaft kompliziert» seien.
Staatsanwalt Claudio Mascotto zeichnete in seiner nüchtern gehaltenen Anklageschrift den Weg der 8,5 Millionen US-Dollar nach, die auf Mamadie Tourés Konten in Miami und Conakry (der Hauptstadt von Guinea) eingegangen sind, zusätzlich zu den 2 Millionen, die sie nach eigenen Angaben in bar erhalten hat. Um diesen Zahlungen einen legalen Anschein zu geben, wurden verschiedene Konstrukte und Briefkastenfirmen gegründet. Es wurden falschen Rechnungen ausgestellt, um den Kauf von Zucker oder Baumaschinen vorzutäuschen. Auch fiktive Yachtmieten und Beratungsverträge tauchen auf diesen Rechnungen auf. Der Genfer Staatsanwalt konnte sich auf die ab 2013 eröffneten Verfahren in Guinea, Israel und den Vereinigten Staaten stützen.
Ein Teil dieser Machenschaften wurde nun in Genf enthüllt. Wegen Corona fiel die Zeugenanhöhrung ins Wasser. Die elf geladenen Personen, darunter die Hauptzeugin der Anklage Mamadie Touré, erschienen nicht zur Gerichtsverhandlung. Sehr frei nach Cicero klagte Marc Bonnant, der Anwalt von Beny Steinmetz, der Staatsanwaltschaft fehle es an «Testikeln», da sie nur «schwache Zeugen» habe, und verlangte eine Vertagung des Prozesses. «Wenn unsere schwach sein sollen, so sind Ihre inexistent», konterte Staatsanwalt Yves Bertossa. Ahnungslose Verwalterin
Als erstes kam die Angeklagte Sandra M.H. dran. In Genf war die sympathische 50-jährige Direktorin der Onyx Financial Services SA. In einem kleinen Büro in der Zollfreizone des Flughafens arbeitete sie zunächst alleine, später mit zwei Sekretärinnen, und verwaltete 200 bis 400 Firmen der BSG und ihres Bergbauzweigs BSGR. «Ich habe etwa 200 E-Mails pro Tag empfangen und bearbeitet», erklärt sie mit müder, teils kaum hörbarer Stimme.
Sie kann sich an nichts erinnern. Das einzige, das sie noch weiss, ist, dass Beny Steinmetz nichts von den Geschäften in Guinea wusste. Persönlich hat sie ihn drei- oder viermal im Jahr getroffen, um «seine Kunstsammlung und seine Genfer Wohnung zu betreuen». Dass er sie an die Hochzeit seiner Tochter eingeladen hat, war für sie eine «schöne Überraschung».
Es war Sandra M.H., die im Oktober 2005 eine Firma namens Pentler Holding Ltd (registriert auf den Britischen Jungferninseln) an Fréderic C. und seine beiden Partner Michaël Noy und Avi Lev Ran verkaufte. Dabei handelte es sich um jene Firma, die laut der Staatsanwaltschaft zum wichtigsten Vehikel im ganzen Korruptionsfall wurde. «Ich wusste nicht, dass es um ein Projekt in Guinea ging. Mir war klar, dass wir so schnell wie möglich eine Gesellschaft brauchten», erklärte Sandra M.H. der Präsidentin des Strafgerichts Alexandra Banna. Es kam ihr auch nicht komisch vor, dass eine Tochtergesellschaft der BSGR namens BSGR Guinea am 20. Februar 2006 der Firma Pentler 17,65% ihres Kapitals anbot. Mit Aussicht auf einen Bonus von 19,5 Millionen US-Dollar - offiziell als Belohnung für die zukünftige Arbeit in Guinea. Am selben Tag unterzeichneten BSGR Guinea und die Republik Guinea eine Vereinbarung, die einige Monate später den Weg für den Erhalt der ersten Schürfrechte in Simandou-Süd und -Nord ebnete.
Dank diesem Konstrukt konnte Mamadie Touré 2007 über ihre Firma Matinda 33% der Anteile an Pentler erwerben, zudem erhielt sie eine kostenlose Beteiligung von 5% am künftigen Projekt von BSGR in Simandou. «Ich hatte mit vielen Firmen zu tun und habe nicht genau hingeschaut», sagte Sandra M.H.
«Und wenn es sich um Drogendealer oder Terroristen handeln würde, überprüfen Sie als Verwalterin da auch nichts?», fragte Staatsanwalt Bertossa.
«Ich hatte immer volles Vertrauen in sie. Alle bei BSGR sind hochkompetente Fachleute», antwortete sie nach einer Weile mit matter Stimme. Laut ihrer Anwältin wusste Sandra M.H. nichts und konnte auch nichts entscheiden. Sie war nur ein «Instrument» in der komplizierten Struktur der BSGR-Gruppe.
Magische KorruptionBeny Steinmetz ist eine schlanke Gestalt mit schmalem Gesicht. Er spielt die Rolle, sich als einfacher «Berater» der BSGR zu präsentieren, der mit der ganzen Affäre nicht das Geringste zu tun hat. Er und seine Familie sind die alleinigen Begünstigten von Balda, einer diskreten Stiftung. Diese war Mitte der 1990er Jahre in Liechtenstein registriert worden, und zwar von Marc Bonnant, demselben Anwalt, der Beny Steinmetz in Genf vor Gericht vertrat. Balda ist Eigentümerin aller Firmen in Umfeld der BSG. Rechtlich gesehen ist Steinmetz weder Direktor noch Aktionär irgendeines dieser Unternehmen, noch spielt er eine operative Rolle innerhalb der Gruppe. Seine einzige Funktion liege in der «strategischen Beratung», zudem fungiere er als Botschafter für die Gruppe und habe dadurch «in den letzten zehn Jahren etwa 100 Präsidenten, Premierminister und Minister getroffen», räumte er ein.
Er will erst im Frühling 2008 über die Geschäfte in Guinea informiert worden sein, obwohl es sich um ein strategisches Dossier handelte. Zu diesem Zeitpunkt war die BSGR gerade dabei, sich die Schürfrechte, die Rio Tinto gehört hatten, zu sichern. Auch führte die Gruppe schwierige Verhandlungen, um die erwähnte Beteiligung von 17,65%, die Pentler an BSGR Guinea besass, zurückzukaufen. Hier war die Mitwirkung von Beny Steinmetz gefragt. Im März wurde denn auch eine Vereinbarung über insgesamt 34 Millionen US-Dollar unterzeichnet. Laut der Anklageschrift generierte diese Transaktion die Mittel, die für die Zahlung der Bestechungsgelder an Mamadie Touré benötigt wurden.
Warum wurde ein Teil des Betrags, der 2010 an Pentler gezahlt wurde – nämlich 22 Millionen US-Dollar – in den Büchern der BSGR unter «Kauf eines Stahlwerks in Baku» erwähnt? Und warum taucht diese Zahlung im 2010 unterzeichneten Vertrag mit dem Bergbaukonzern Vale nicht auf?
Beny Steinmetz hat darauf keine Antwort: «Ich weiss es nicht», sagt er und verweist auf die «chinesische Mauer», die zwischen ihm und dem Geschäft der Gruppe bestanden haben soll.
Als am 20. Februar 2006 vier Verträge unterzeichnet wurden, darunter jener zwischen Pentler und Mamadie Touré, befand sich der Privatjet von Beny Steinmetz jedenfalls in Conakry.
In ihrer eidesstattlichen Aussage in den Vereinigten Staaten hatte die junge Frau angegeben, dass sich Beny Steinmetz 2006 zweimal mit Präsident Conté getroffen habe, bevor das Geschäft der BSGR in Guinea Fahrt aufnahm. Er selbst räumte nur ein einziges Treffen mit dem Potentaten im Jahr 2008 ein, das unter einem Baobab-Baum stattgefunden haben soll. Erst zu diesem Zeitpunkt habe er von der Existenz «seiner Affäre» Mamadie Tourés erfahren, behauptet er. Diese würde seiner Meinung nach «viele Lügen» erzählen. Demgegenüber betont Staatsanwältin Caroline Babel Casutt die Konsistenz der Aussagen von Mamadie Touré, die durch zahlreiche Dokumente belegt sind.
Die Gerichtspräsidentin erwähnte eine E-Mail vom 18. September 2007, die Asher Avidan, Direktor von BSGR Guinea, an Beny Steinmetz geschickt hat, in der er ihn über ein bevorstehendes Treffen mit einigen Schlüsselpersonen informiert: «The Lady» und der Präsident. Wer ist «The Lady»? «Ich weiss es nicht, es geht mich nichts an», antwortete Beny Steinmetz vor Gericht. Staatsanwalt Yves Bertossa reagierte mit Ironie auf diese unglaubwürdigen «Ausflüchte»:
Nein, laut dem Anwalt von Beny Steinmetz ist dieser kein Bestecher, sondern im Gegenteil ein «pro-afrikanischer Wohltäter», der die Mittel bereitstellt, damit «ärmere Menschen ihre Bodenschätze fördern können». Doch die guineische Bevölkerung hat bis heute nicht von diesen glänzenden Geschäften profitiert. Abenteuerliche Schilderungen
In der Rolle des Vermittlers glänzte auch Frédéric C. nicht durch die Klarheit seiner Antworten. Da er «auf Anraten seiner amerikanischen Anwälte» sechs Jahre lang geschwiegen hat, konnte er in Ruhe seine Version der Dinge austüfteln. Demnach war er ein harmloser Windel- und Pharmahändler in Afrika, der eines Tages beschloss, in den Bergbausektor in Guinea einzusteigen. Dabei begegneten ihm drei «lokale Partner». Dazu gehörte unter anderem Ibrahima Sory Touré, der Frédéric C. Ende 2005 mit seiner Schwester Mamadie Touré bekannt machte. Der Franzose schilderte diese als eine Art Hexe, die in einem baufälligen Haus lebt und «regelmässig Hühner und andere Tiere, sogar Kühe, opfert». Dies sei «Lichtjahre entfernt von der Vorstellung, die man von einer Präsidentengattin hat», sagte er vor Gericht.
Diese abenteuerliche Schilderung sollte die wichtigste Verteidigungsthese stützen, die seit Beginn des Prozesses vorgebracht wird, nämlich dass Mamadie Touré eine Lügnerin sei. Sie sei nie mit Lansana Conté verheiratet gewesen, und könne in keiner Weise als «ausländische Amtsträgerin» gelten. Allerdings ist ihr Status als Ehefrau des Präsidenten in ihrem Diplomatenpass ausdrücklich vermerkt. Eine Woche nach dem Treffen mit Mamadie Touré durfte Fréderic C. ein erstes Mail beim Potentaten vorsprechen. Im Januar 2006 folgte ein zweites Treffen unter Beteiligung eines Vertreters der BSGR.
Und Anfang Februar erhielt die BSGR die ersten Schürfrechte für Simandou. Pentler Holdings, die Firma von Frédéric C. auf den Britischen Jungferninseln, wird wie vereinbart mit 17,65% des Kapitals von BSGR Guinea belohnt, mit Aussicht auf einen Bonus von 19,5 Millionen US-Dollar für den Erhalt weiterer Abbaugenehmigungen in Simandou. Soviel zur offiziellen Version, denn die Staatsanwaltschaft ist der Meinung, dieses Arrangement habe hauptsächlich zur Zahlung von Bestechungsgeldern gedient. Worin bestand die Leistung von Pentler? Frédéric C. behauptete, er habe Tag und Nach geschuftet und sich «in Conakry mit Malaria angesteckt». Nicht zuletzt soll er seine Hosen dabei komplett abgenutzt haben.
Der Mittelsmann erklärte zudem, er habe Guinea Ende 2006 verlassen. Alles, was danach geschah, soll ohne seine Beteiligung entschieden worden sein. Doch im Herbst 2011, als Alpha Condé, Guineas neuer Präsident, eine Offensive gegen die BSGR startete, war Frédéric C. wieder ein gefragter Mann. Die grosse Anwaltskanzlei DLA Piper, die mit Georges Soros verbunden ist, wurde beauftragt, die Anfänge von BSGR in Guinea zu untersuchen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Rede von Korruption. Anwälte und Privatdetektive traten auf den Plan. Frédéric C. kümmerte sich leidenschaftlich um den Fall, angeblich aus eigenem Antrieb und mit der Aussicht auf ein kleines Entgelt seitens der BSGR. Mit bekanntem Ergebnis: Ein katastrophaler Trip nach Florida, wo er wie ein Anfänger in die Falle der Behörden tappte.