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| Tertullian († um 220) - Die zwei Bücher an seine Frau (Ad uxorem)

1. Buch
8. Tugend im Witwenstande zu üben, ist schwieriger als in der Jungfrauschaft, und darum Gott besonders wohlgefällig. Witwen müssen in der Wahl ihres Umganges vorsichtig sein.
In Betreff der Ehren, welche der Witwenstand beim Herrn genießt, haben wir gleich einen seiner Aussprüche, den er durch seinen Propheten gibt, zur Hand: „Handelt gerecht gegen die Witwe und den Unmündigen, alsdann kommet und wir wollen rechten, spricht der Herr1". Den Schutz dieser beiden Klassen übernimmt der Allvater, da sie in Ermanglung menschlicher Hilfe in entsprechendem Masse der göttlichen Barmherzigkeit überlassen sind, Siehe, wie er den Wohltäter der Witwe mit sich auf eine Linie stellt! Wie angesehen muss die Witwe sein, da ihr Verteidiger mit dem Herrn rechten soll! So viel ist, glaube ich, den Jungfrauen nicht eingeräumt. Obwohl ihre gänzliche Unversehrtheit und vollständige Heiligkeit das Angesicht Gottes ganz aus der Nähe sehen soll, so ist doch der Witwenstand etwas mühevolleres, da es leicht ist, nicht zu begehren, was man nicht kennt, und zu verschmähen, was man niemals gewünscht hat. Ruhmvoller dagegen ist eine Enthaltsamkeit, die ihr Recht kennt, die weiß, was sie gesehen hat. Die Jungfrau könnte man allenfalls für glückseliger halten, dann aber die Witwe für strebsamer, [S. 72] weil erstere das Gute immer gehabt, letztere aber, was ihr gut ist, gefunden hat; in jener wird die Gnade, in dieser die Starkmut gekrönt. Manche Dinge sind nämlich Früchte der göttlichen Freigebigkeit, andere aber unseres Strebens. Was vom Herrn verliehen ist, wird durch seine Gnade geleitet, was vom Menschen ergriffen wird, das erhält durch den Eifer seine Vollendung. Beeifere Dich also um der Tugend willen der Enthaltsamkeit, welche die Sittsamkeit befördert, der emsigen Tätigkeit, welche das müßige Umhergehen abschneidet, und der Bedürfnislosigkeit, welche die Welt verachtet. Suche Umgang und Gespräche, welche Gottes würdig sind, eingedenk des Sprüchelchens, das durch den Apostel geheiligt ist: „Böse Gesellschaften verderben gute Sitten"2. Umgang mit Klatschsüchtigen, Schwätzerinnen, Müßiggängerinnen, Trinkerinnen und Neugierigen steht dem Vorsatze der Witwenschaft am meisten im Wege. Durch die Geschwätzigkeit finden Worte, die der Schamhaftigkeit entgegen sind, Eingang, durch den Müßiggang halten sie vom Ernst ab, bei den Trinkgesellschaften flüstern sie alles mögliche Böse ein, durch neugierige Klatscherei tragen sie Stoff für die lüsterne Eifersucht zusammen. Keine Frau dieser Art versteht zum Lobe der einmaligen Verheiratung ein Wort zu sprechen. Ihr Gott ist nach den Worten des Apostels der Bauch3, mithin auch das, was dem Bauche zunächst liegt.
Dieses, meine teuerste Mitdienerin, lege ich Dir schon jetzt ans Herz, indem ich es nach dem Vorgange des Apostels etwas weiter ausgeführt habe. Doch werden Dir diese Zeilen auch zum Tröste gereichen, indem Du, wenn es so kommen sollte, mittels ihrer das Andenken an mich erneuern wirst.
1: Is. 1,17f.
2: 1 Kor. 15,33. Ursprünglich ist dies ein Vers des Menander.
3: Phil. 3,19.