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ORTUS SANITATIS DE HERBIS ET PLANTIS
ANONYM, 1497
Von Pflanzen, Tieren und Harnschau
Dieses frühe Werk liegt in einem Wiegendruck vor. Bei dieser Drucktechnik wurde Seite für Seite mit Buchstaben und Bildern gesetzt, die Vorlage eingefärbt und auf Papier gedruckt. Wiegendrucke entstanden vom Beginn des europäischen Buchdrucks an bis um 1500. Das vorliegende Exemplar erschien in der dritten Auflage bei Johann Prüss in Strassburg 1497. Es ist unkoloriert, weist allerdings Leerräume für die Initialen auf, die nie eingetragen wurden.
Die Folge der sechs Kapitel orientiert sich an den im Titel angekündigten Themen: Zuerst werden die Pflanzen beschrieben. Mit „Tieren“ oder „animalia“ sind im allgemeinen vierbeinige Tiere gemeint, denen Reptilien, Vögel und andere fliegende Lebewesen, Fische und andere Wassertiere zugeordnet werden. Die unbelebte Materie umfasst Steine sowie Mineralien, die im Erdreich entstehen. Den Abschluss macht eine Abhandlung über die Harnschau, die damals wichtigste diagnostische Methode.
Ein grosser und ein kleiner Hortus
Zwei Hortus-Wiegendrucke waren für den späteren Buchdruck über Naturwissen wegweisend: der „Gart der Gesundheit“ des Johannes de Cuba, der auch als „Kleiner Hortus“ bezeichnet wird, und der vorliegende anonyme „Ortus sanitatis“, der entsprechend den Beinamen „Grosser Hortus“ erhielt und erstmals 1491 bei Jacob Meydenbach in Mainz gedruckt wurde.
Besondere Aufmerksamkeit erregte bereits damals die Bebilderung des Werks. Die kleinen Illustrationen beschränken sich keineswegs auf Pflanzen, Tiere und unbelebte Materie, sondern zeigen unterschiedliche Alltagssituationen oder Besonderheiten, etwa die Vorbereitung einer Blasensteinoperation. Auf den drei ganzseitigen Holzschnitten sind Studenten und Dozent im Medizinstudium, die anatomische Darstellung eines Skeletts und eine Diskussion zwischen Arzt und Apotheker dargestellt. Die Holzschnitte sind auf klare Formen reduziert und drücken die mittelalterliche Naturauffassung und Medizinkultur aus.
Die Aufteilung in ein Pflanzen-, Tier- und Erdreich prägte die nachfolgenden Naturbücher. Die unter dem Titel „Operationes“ gesondert aufgeführte Heilwirkung jeder einzelnen Substanz wurde ebenfalls von nachfolgenden Arzneibüchern übernommen.
Ein unbekannter Kompilator
Der Autor ist unbekannt. Eigentlich handelt es sich nicht um einen Schriftsteller, sondern um einen Kompilator, der aus bereits vorhandenen Texten Teile entnahm und zu einem neuen Ganzen zusammentrug. Als Quellen des Ortus sanitatis kommen die Naturenzyklopädie des dominikanischen Mönchs Vinzenz de Beauvais aus der Mitte des 13. Jahrhunderts sowie das über 600 Seiten dicke lateinische Arzneibuch des Salernitatischen Medizinlehrers und Botanikers Matthaeus Silvaticus aus dem Jahr 1317 in Frage. Immer wieder, auch für spätere Ausgaben, wird als Autor bzw. Kompilator fälschlicherweise Johannes de Cuba genannt, auf den der „Gart der Gesundheit“ 1485 zurückgeht.
Die Illustrationen in den Ausgaben von Johann Prüss wurden nur teilweise für den Druck des Ortus sanitatis hergestellt, zum Teil auch einfach von der nahen Druckwerkstätte Johann Grüningers übernommen. So stammen die drei ganzseitigen Holzschnitte aus Hieronymus Brunschwigs „Kleinem Destillierbuch“.
Nachfrage nach medizinischem Wissen
Mit der Gutenberg-Bibel von 1454 wurde eine Drucktechnik erfunden, die mit beweglichen Buchstaben aus Metall den Textdruck in grösseren Auflagen ermöglichte. Damit setzte eine neue Ära der Wissensgeschichte ein. Während die mittelalterlichen Handschriften reisenden Gelehrten nur im Original oder einzelnen Abschriften zugänglich waren, erlaubte der Druck von Büchern einer grösseren Zahl von Interessierten, die Werke selbst zu lesen.
Zu Beginn gelangten Bibeln und andere religiöse Schriften in den Druck. Nach wenigen Jahren aber erwachte bereits eine Nachfrage nach medizinischer Literatur. Die Druckwerkstätten begannen mit Aderlasskalendern, denen Arzneibücher im Stil des Ortus sanitatis folgten. Die vorliegende Ausgabe diente als Vorlage für zahlreiche weitere Schriften. Die Holzschnitte gehören bis heute zu den beliebtesten medizinhistorischen Illustrationen des damaligen medizinischen Alltags.