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(Schweizer Monatshefte – Heft 5, 1997 – Seite 1)
EDITORIAL
Der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies hat zwischen emotional geprägten Gemeinschaften und rational begründeten Gesellschaften unterschieden. Diese Gegenüberstellung ist theoretisch sinnvoll, scheitert aber an der Komplexität der real existierenden Kollektive. Die zwei Komponenten sind bei Individuen und Gruppen unentwirrbar aufeinander bezogen, und niemand kann mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit sagen, wieviel Rationales im sogenannt Emotionalen und wieviel Emotionales im sogenannt Rationalen verborgen ist. Dies ist auch der Grund, warum Anthony de Jasays Frage «Ist national rational?» (Schweizer Monatshefte, Nov. 1996) nicht eindeutig zu beantworten ist. Offen bleibt auch die Bewertung der Rationalität und der Emotionalität bezüglich ihrer gemeinschaftsstiftenden oder -zerstörenden Potentiale. «Wir müssten uns unserer schönsten Taten schämen, wenn wir deren wahre Motive kennen würden» heisst es bei La Rochefoucault, und diese Aussage gilt unabhängig davon, ob wir eine friedlichere Weltordnung von «mehr Gefühl» oder von «mehr Kalkül» oder von einer besseren Kombination der beiden Komponenten erwarten. Eine andere Zweiteilung von politischer Zugehörigkeit geht auf Rousseau zurück: Citoyen und Bourgeois. Der Citoyen zeichnet sich aus durch die Tugend der Identifikation mit der Gemeinschaft und durch den Anspruch auf Mitbestimmung, der Bourgeois kalkuliert als Kunde staatlicher Infrastruktur und staatlicher Ordnungsgarantie, ob diese den Preis der Steuern wert ist, und möchte im übrigen nach Möglichkeit in Ruhe gelassen werden: zwei Spielarten des Kalküls von Kosten und Nutzen, und zwei Spielarten des Gefühls der gemeinsamen Geborgenheit. Sowohl die Rationalität als auch die Emotionalität haben eine konstruktive und eine destruktive Komponente. Je grösser eine Gruppe ist, desto höher wird ihr Bedarf an gesellschaftsbegründender Rationalität. Das Emotionale kann seine gemeinschaftsstützende Funktion dann am besten entfalten, wenn sich Menschen persönlich begegnen und aktiv auseinandersetzen. Ob sich aus diesen Thesen eine Stufentheorie überlappender Gemeinschaften und Gesellschaften entwickeln lässt bis hin zu einer weltweiten Bürgergesellschaft? Zu warnen ist jedenfalls vor einer Überforderung der Bereitschaft, ein Gefühl der Zugehörigkeit auf allzu grosse Gruppen auszudehnen. Sie provoziert den Rückzug auf den krassen Egoismus, ein Gefühl, das sich — insgesamt beurteilt — auch als Kalkül nicht bewährt.
ROBERT NEF