Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03187.jsonl.gz/1780

Wenn sich heute Abend Volley Düdingen und Neuenburg im ersten Playoff-Halbfinalspiel gegenüberstehen, wird eine Spielerin unter ganz spezieller Beobachtung stehen: Cassidy Pickrell. Die 24-jährige Amerikanerin ist am Donnerstag aus Polen zu den Power Cats gestossen, wo sie die verletzte Topskorerin Danielle Harbin ersetzen soll. Keine leichte Aufgabe, denn durchschnittlich 28 Prozent aller Punkte, die Düdingen in der Regular Season pro Spiel erzielt hat, gingen jeweils auf das Konto von Harbin. «Ich weiss, dass die Erwartungen an mich hoch sind», sagt die neue Hoffnungsträgerin. Nervös sei sie deswegen aber nicht. «Ich werde alles geben, um die Erwartungen zu erfüllen. Ich bin gekommen, um zu gewinnen.»
Eine Spätzünderin
Aufgewachsen ist Pickrell in Coppell, einer Stadt mit rund 40 000 Einwohnern in der Nähe von Dallas. Die Texanerin ist das beste Beispiel dafür, dass man im Volleyball auch als Spätzünderin erfolgreich sein kann. Ihre ersten Gehversuche mit dem Hallensport machte die Texanerin erst als 14-Jährige, davor spielte sie Football und war als Leichtathletin erfolgreich. Mit 18 entschied sie sich, ganz auf Volleyball zu setzen und mit den anderen Sportarten aufzuhören. Dank harter Arbeit und guten athletischen Voraussetzungen schaffte es die 185 cm grosse Angreiferin ins Team der Arizona State University.
Nach dem Abschluss ihres Studiums mit dem Major in Sportjournalismus lancierte Pickrell 2017 ihre Profikarriere im Ausland. Beim Neuenburg UC stand sie eine Saison unter Vertrag, ehe sie im vergangenen Sommer nach dem Trainerwechsel den Verein wieder verlassen musste. Sie wechselte in die polnische Liga, die insgesamt etwas stärker einzuschätzen ist als die Schweizer NLA, zu DPD Legionovia Legionowo. Beim Tabellenzehnten kam Pickrell regelmässig zum Einsatz, zur Starting Six gehörte sie allerdings nur selten. Nun ist die Angreiferin zurück in der Schweiz. Zwar ist die Meisterschaft in Polen noch nicht vorbei, da ihr Verein aber nur noch ein Klassierungsspiel zu absolvieren hat, liess er seine Ausländerin vorzeitig zu Düdingen ziehen.
Wie Captain Marvel
Nicht nur der Werdegang als Spätzünderin ist bei Pickrell ungewöhnlich, sie pflegt auch einige nicht ganz alltägliche Hobbys. «Ich bin ein riesiger Fan von Star-Wars- und Marvel-Filmen», verrät die Amerikanerin. Dass Science-Fiction-Sagas und Comic-Superhelden sonst eher Männer ins Schwärmen bringen, stört sie nicht. «Ich schlafe in einem Marvel- T-Shirt, habe Marvel-Poster im Zimmer aufgehängt, und kürzlich habe ich zum x-ten Mal alle Marvel-Filme in chronologischer Reihenfolge angeschaut, um mich auf den neusten Kinofilm vorzubereiten», erzählt Pickrell mit einem Lachen.
Captain Marvel heisst die neuste Superheldin, und mit ihr kann sich die Fantasy-Liebhaberin bestens identifizieren. «Captain Marvel ist sehr unabhängig, hat viel Vertrauen in sich selbst und lässt sich von niemandem beirren. Sie steht ein für Freiheit und die guten Dinge im Leben, genauso wie ich.» Ihre Faszination für die Marvel-Helden habe sie schon seit jüngsten Jahren, erzählt Pickrell. «Mir gefällt die Vorstellung, in einem anderen Universum zu leben. Die ganzen Heldenfiguren sind sehr nerdy, ich mag Leute, die unkonventionell denken. Ich wäre auch ganz gerne ein Nerd, aber ich denke, dafür bin ich nicht intelligent genug.»
«God first»
Beim Interview hinterlässt die neue Power Cat durchaus einen intelligenten Eindruck. Pickrell wählt ihre Worte mit Bedacht, gibt eloquente und reflektierte Antworten. Man merkt ihr an, dass sie sehr belesen ist. «Ich lese tatsächlich alles, was mir in die Finger kommt», sagt sie. Momentan lägen gleich zwei Bücher auf ihrem Nachttisch. Eines davon stammt vom irischen Schriftsteller C. S. Lewis (1898–1963) und heisst «Screwtape Letters» – «Dienstanweisung für einen Unterteufel» lautet der deutsche Titel. «Es ist ein christliches Buch, in dem ein Dämon einem anderen in Briefen Ratschläge gibt, wie er einen jungen englischen Gentleman auf die schiefe Bahn bringen kann», erklärt die Leseratte.
Dass sie ein religiöses Werk liest, ist kein Zufall. Gott hat in ihrem Leben einen grossen Stellenwert, «God first» ist auf Pickrells Instagram-Konto zu lesen. «Wann immer möglich, lese ich in der Bibel», verrät sie. Sie sei auch Teil einer Bibelstudium-Gruppe. «Ich rede oft mit Gott, frage ihn Dinge oder spreche über Sachen, die gerade in meinem Leben passieren. Gott gibt mir Kraft. Er ist für mich der Ort von Sicherheit, Trost und Liebe. Jeden Tag strebe ich danach, so zu werden wie er.»
Kein Eins-zu-eins-Ersatz
In den kommenden Tagen und Wochen werden bei Cassidy Pickrell aber auch irdische Dinge wie Volleyball einen wichtigen Platz einnehmen. In der Playoff-Halbfinalserie gegen Neuenburg wird die Texanerin kein Eins-zu-eins-Ersatz für die verletzte Topscorerin sein. Während Harbin ein sehr physischer Typ ist, hoch springt und hart schlägt, ist Pickrell eher der technische Typ. «Ich denke, ich sehe das Feld gut und finde so die Lücken, wo ich hinschlagen muss», sagt die 24-Jährige, die sowohl als Diagonalspielerin als auch als Aussenangreiferin eingesetzt werden kann. «Zu meinen Stärken gehört sicherlich auch die Defensive.»
Immun gegen Gifte und toxische Mittel ist Pickrell nicht, und sie kann auch nicht wie Captain Marvel fliegen oder dank einem uneingeschränkten sechsten Sinn die Zukunft vorhersagen. Aber auch ohne diese Fähigkeiten kann die 24-Jährige in Düdingen zur Superheldin werden. Dann nämlich, wenn sie die Power Cats heute zum Sieg gegen Neuenburg führt.
«Ich schlafe in einem Marvel- T-Shirt, ich habe Marvel-Poster im Zimmer aufgehängt, und ich schaue regelmässig Marvel-Filme.»
Cassidy Pickrell
Volleyballspielerin
Zur Person
Cassidy Pickrell
Geburtsdatum: 18. Oktober 1994
Nationalität: USA
Geburtsort: Coppell, Texas
Grösse: 185 cm
Gewicht: 74 kg
Position: Aussen und Diagonal
Schlaghand: rechts
Vereine: UC Irvine (Kalifornien), Arizona State University Sun Devils, Neuenburg UC, DPD Legionovia Legionowo (Polen)
Playoff-Halbfinal
Cassidy Pickrells Feuertaufe gegen Neuenburg
Für Volley Düdingen beginnt heute Abend (20 Uhr, Leimacker) die Playoff-Halbfinalserie (best of 3). Gegner ist der Neuenburg UC, der sich mit einem souveränen 2:0-Erfolg gegen Lugano für die Runde der letzten vier qualifiziert hat.
Vierzehn Punkte hatten die Power Cats in der Regular Season mehr gesammelt als NUC. Doch so deutlich, wie es die nackten Zahlen suggerieren, ist der Niveauunterschied zwischen den beiden Teams nicht. Düdingen hat zwar die ersten beiden Qualifikationsspiele gegen Neuenburg mit 3:1 gewonnen, das letzte Duell ging allerdings mit 1:3 verloren. Es war eine Niederlage, die schmerzte, war es doch die erste nach 14 Siegen in Serie.
Das Team von Lauren Bertolacci ist ausgeglichen, es verfügt auf der Zuspielposition mit Sarah Troesch und der Freiburgerin Méline Pierret über zwei fast gleichwertige Optionen. Mit Tia Scambray hat Neuenburg zudem die beste Scorerin der abgelaufenen Qualifikation in seinen Reihen.
Kurze Akklimatisierungszeit
Für die Power Cats gilt es, sich auf die eigenen Stärken zu fokussieren: die solide Annahme, die variantenreiche Spielverteilung, clevere Angriffe, druckvolle Services und das starke Blockspiel. Mitentscheidend wird sein, wie sich Harbin-Ersatz Cassidy Pickrell ins Düdinger Team einfügen kann. Die Akklimatisierungszeit war mit fünf Tagen nur kurz. Die Zeit, um die 24-jährige Amerikanerin ins Team zu integrieren und um neue Automatismen aufzubauen, war knapp. «Ich bin sehr gut aufgenommen worden», sagt Pickrell. «Mir gefällt das Team, es herrscht eine gute Stimmung, der Umgang untereinander ist sehr respektvoll, und es wird hart und gut gearbeitet.» Sie erhalte im Training sehr viele Bälle, so dass sie sich bereits gut habe eingewöhnen können, sagt die Neuverpflichtung. «Die Abstimmung mit Passeuse Kristel Marbach und mit den anderen Spielerinnen klappt schon ziemlich gut und wird immer besser.»ms
Playoff-Halbfinal. Best of 3. 1. Spiel: TS Volley Düdingen – Neuenburg UC heute 20.00 (Sporthalle Leimacker). 2. Spiel: Neuenburg UC – TS Volley Düdingen Do., 4. 4., 20.00. Evtl. 3. Spiel: TS Volley Düdingen – Neuenburg UC So., 7. 4., 16.30 (Leimacker).