Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/1430

Brüchige Knochen sind bei alten Menschen ein grosses Problem, führen sie doch oft zur Pflegebedürftigkeit oder zum Übertritt in ein Alters- oder Pflegeheim. Dort hören die Knochenbrüche aber nicht auf, im Gegenteil: Etwa 30 Prozent aller Hüftbrüche ereignen sich bei Senioren, die in Alters- oder Pflegeheimen leben.
Ob und wie gut gerade sie von Medikamenten gegen Osteoporose (brüchige Knochen) profitieren, ist offen. Denn die Wirksamkeit wurde bei über 80-Jährigen kaum in Studien untersucht.
Eiweiss- und Calciumaufnahme erhöht
Angesichts dessen haben australische Wissenschaftler einen anderen Weg versucht. Sie teilten 60 Altersheime mit insgesamt rund 4’000 Senioren per Los in zwei Gruppen ein. In der einen Gruppe erhielten alle Heimbewohnerinnen und -bewohner ihre gewohnte Kost. Die Heime in der anderen Gruppe servierten den Senioren hingegen neu Mahlzeiten, die mehr Eiweiss und Calcium enthielten. Wer keine Milch vertrug, erhielt lactose-freie Produkte.
Eiweiss ist ein wichtiger Baustein für die Muskeln, die im Alter mit jedem Jahrzehnt dünner werden. Weniger Muskeln, mehr Stürze, so die Faustregel. Das zusätzliche Calcium sollte die Knochen stärken.
Einfache Rezepte
Vor dem Experiment nahmen die Senioren in allen Heimen im Durchschnitt täglich rund 700 Milligramm Calcium zu sich und 57 Gramm Eiweiss. Mit Beginn der Studie bekamen die Senioren in den Heimen, die nun anders kochten, pro Tag mehr als 1000 Milligramm Calcium und 69 Gramm Eiweiss (entsprechend 1,1 Gramm pro Kilo Körpergewicht) serviert 1.
Mit Milchpulver angereicherte Mahlzeiten, mehr fermentierte Milchprodukte wie Joghurt oder Käse und milchbasierte Desserts anstatt süsse Backwaren – mit diesen Massnahmen erhöhten die Heime in der Versuchsgruppe die Eiweiss- und die Calciumaufnahme bei ihren Bewohnern.
Nach drei Monaten: Weniger Stürze
Nach drei Monaten war der erste Unterschied feststellbar: Die Senioren in der Versuchsgruppe stürzten etwas weniger als jene in der Vergleichsgruppe. Im Verlauf der zwei Jahre dauernden Studie kam es in der «Eiweiss- und Calciumgruppe» zu rund 1’900 Stürzen, in der Vergleichsgruppe, die wie gewohnt ass, hingegen zu etwa 2’400.
Der Unterschied schlug sich nach fünfmonatiger Versuchsdauer auch in der Anzahl der Knochenbrüche nieder: 121-mal brachen sich Versuchsteilnehmende während der Studie einen Knochen, 203-mal passierte dies bei Personen in der Vergleichsgruppe. Bis auf einen Knochenbruch waren alle Frakturen auf Stürze zurückzuführen.
Mit relativ wenig Aufwand und Kosten hatten die Heime so eine 33-prozentige Reduktion aller Knochenbrüche erreicht, 46 Prozent weniger Hüftbrüche und 11 Prozent weniger Stürze. Das sei vergleichbar mit der Wirkung, die gängige Medikamente gegen Osteoporose in Studien erbracht hätten, berichten die Studienautoren im «British Medical Journal». Die Versuchsteilnehmer, die durchschnittlich 13 Monate lang an der Studie teilnahmen, hätten durch die eiweiss- und calciumreichere Kost auch keine Verdauungsprobleme bekommen.
Schwache, aber positive Effekte auf die Knochen nachgewiesen
Obwohl alle Senioren etwa gleich viele Kalorien assen, nahmen die Personen in der Vergleichsgruppe durchschnittlich 1,4 Kilo ab. Ein Teil davon war durch den Verlust an Muskelmasse bedingt. Auch das könnte die Unterschiede erklären.
Bei einer kleinen Stichprobe der Heimbewohnerinnen und -bewohner verglichen die Wissenschaftler die Knochendichte und den Knochenstoffwechsel anhand verschiedener Blutwerte. Der Befund: Schwache, aber positive Effekte.
Joghurt oder Brokkoli
Die Forschenden anerkennen, dass mehr pflanzliche Nahrung umweltverträglicher gewesen wäre als mit Milch(-produkten) angereicherte Mahlzeiten. Um auf dieselbe Menge Calcium zu kommen wie in vier Portionen eines Milchprodukts müsste ein Senior aber zum Beispiel vier Kilo Brokkoli essen, geben sie zu bedenken. Das sei eine Herausforderung, zumal alte Menschen im Durchschnitt weniger als zwei Kilo Nahrung täglich verzehren würden.
Einige frühere Studien haben die Frage aufgeworfen, ob Milch womöglich schadet und bei Erwachsenen zu höherer Sterblichkeit führt. Der Milchkonsum an sich sei in beiden Gruppen gleich gewesen, betonen die Autoren, und die Gesamtsterblichkeit – bei einem durchschnittlichen Alter von 86 Jahren – ebenso.
_____________________
1 In beiden Gruppen erhielten etwa 19 Prozent der Teilnehmenden Medikamente gegen Osteoporose.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.