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Coopzeitung: Haben Sie eine Erklärung für die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zur Aufteilung der Hausarbeit?
Eisabeth Joris: Eine Erklärung nicht, aber Vermutungen: Durch die Finanzkrise fühlten sich vielleicht viele Männer stärker unter Druck, sich nur für die bezahlte Erwerbsarbeit einzusetzen. Die Aufteilung der Hausarbeit wurde noch stärker zum Randthema. Wesentlicher erscheint mir die allgemeine Entwicklung über die letzten Jahrzehnte: Während Frauen mehr und mehr in der Erwerbswirtschaft tätig wurden, haben sich Männer nicht in vergleichbarem Umfang an der Versorgungswirtschaft beteiligt. Die Belastung der Frauen nahm dadurch zu.
Ist die Idee, Erwerbsarbeit und Hausarbeit gleichmässig auf Mann und Frau zu verteilen, unrealistisch?
Das ist nicht unrealistisch. Ich und mein Lebenspartner praktizieren das seit bald 40 Jahren, und ich kenne weitere Paare, die das so handhaben. Allerdings sind alle in relativ gut bezahlten Berufen tätig. Als allgemeines Modell bleibt die Idee so lange unrealistisch, wie viele Frauen weniger verdienen und vielen Männern Teilzeitarbeit verweigert wird. Ich denke, dass es am Willen fehlt, etwas zu ändern – auch dem politischen. Der nicht bezahlten Hausarbeit wird kein Wert zuerkannt. Dabei ist ihre Wertschöpfung enorm. Die Basler Ökonomin Mascha Madörin verglich 2004 unbezahlt geleistete Arbeit – dabei dominiert die Haus- und Betreuungsarbeit – mit bezahlter Arbeit. Der jährliche Zeitaufwand in der Schweiz betrug knapp 8500 Millionen Stunden für unbezahlte Arbeit, fast 20 Prozent mehr als für bezahlte Arbeit. Die Bruttowertschöpfung durch unbezahlte Arbeit betrug im selben Jahr 64 Prozent – das fünfeinhalbfache des Finanzsektors. Und der Wert der von Frauen geleisteten unbezahlten Pflege von Kindern, Kranken und Gebrechlichen entspricht in etwa den gesamten Vermögens- und Einkommenssteuern aller natürlichen Personen.
Warum werden Hausmänner heutzutage immer noch von vielen Leuten nicht ganz ernst genommen?
Weil eben die Hausarbeit als Ganzes keine Anerkennung geniesst, sondern als notwendiges Übel gilt. Allerdings muss hier noch differenziert werden: Wenn Hausarbeit Selbstinszenierung ermöglicht, sind Männer heute sehr wohl aktiv – in der Küche, wenn es ums «grosse» Kochen geht. Da kann man(n) zeigen, was man(n) kann. Das gilt als Kür. Anders als das Windelnwechseln, Badezimmer putzen und andere Arbeiten, die repetetiv oder schmutzig sind. Das sind Bereiche, die auch als bezahlte Arbeit keine Anerkennung finden.
Auch männliche Jugendliche übernehmen weniger Aufgaben im Haushalt als gleichaltrige Mädchen. Die Rollenbilder haben sich offenbar kaum verändert.
Es hat sich vieles verändert und gleichzeitig wenig. Ich habe 40 Jahre lang Jugendliche unterrichtet. Schon lange wird kaum mehr ein Junge blöd angeschaut, wenn er einen Besen in die Hand nimmt. Er wird sogar ausgelacht, wenn er sich abschätzig über Hausarbeit als Frauenarbeit äussert. Aber sexy ist Putzarbeit nicht, Anerkennung erhält ein Schüler dafür nicht. Und so engagiert er sich eher als Präsident der Schülerorganisation, während seine Kolleginnen Kuchen backen, das Klassenzimmer dekorieren und soziale Verantwortung übernehmen. Zwar ist es für alle Schülerinnen heute, im Gegensatz zu früher, selbstverständlich, dass sie später als Mütter berufstätig sein wollen. Ebenso selbstverständlich zählen sie auf die Hilfe ihres zukünftigen Lebenspartners bei der Hausarbeit. Dass diese gleichmässig verteilt wird, erwartet aber kaum eine. Schon bei der Berufswahl überlegen Mädchen, wie sie Erwerbstätigkeit und Versorgungstätigkeit unter einen Hut bringen können. Das tun männliche Jugendliche nicht, und es wird auch nicht erwartet.
Vielleicht sind wir Frauen selber schuld, dass so viele Hausarbeiten an uns hängen blieben? Im Sinne von: «Wenn ich es selber mache, geht es schneller und ich weiss, dass es richtig gemacht wird.»
Ja, dem ist oft so, aber es ist kaum allein der entscheidende Faktor. Wenn Männer darauf beharren würden, einen Teil zu übernehmen, und zwar verlässlich, nicht nur, wenn es gerade passt, würden die meisten Frauen loslassen. Es könnte ausgehandelt werden, wie die Arbeit gemacht wird, dass es für beide stimmt.
Auch Frauen investieren weniger Zeit in Hausarbeiten als früher. Sind wir schlampiger geworden?
Schlampiger ist das falsche Wort. Da die meisten Frauen neben der Hausarbeit auch Erwerbsarbeit leisten, messen sie sich selber nicht mehr primär am perfekten Haushalt. Ausserdem gibt es einige technische Errungenschaften, die die Hausarbeit erleichtern. Die wesentlichen sind allerdings seit Jahrzehnten verbreitet: die Waschmaschine, der Staubsauger und das elektrische Bügeleisen. Zeitgewinn bringt vor allem das Konsumgut Konfektion: geflickt, genäht und gestrickt wird kaum noch.
Historisch gesehen gibt es die Hausfrau ja noch nicht so lange …
Der Begriff «Hausfrau» taucht in der Schweiz effektiv erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. Er geht von der Vorstellung der Kleinfamilie aus, in der die Ehefrau vorwiegend für die Haus- und Betreuungsarbeit zuständig ist und keine Erwerbsarbeit leistet. In einem gewerblichen Haushalt und noch viel mehr in einem bäuerlichen Haushalt war dies nie der Fall, da überlagerte sich Hausarbeit immer mit Erwerbstätigkeit. Der Begriff «Hausfrau» hängt mit der Trennung von Wohnen und Erwerbsarbeit zusammen, im Arbeiter-, Beamten- und Angestelltenhaushalt, auch zunehmend bei den Unternehmern und Bankiers.
Die Mehrheit der «Hausfrauen» war aber noch weit ins 20. Jahrhundert zu Hause erwerbstätig: als Heimarbeiterinnen, als Krankenkassenverwalterinnen, Kost- und Logisgeberinnen, als Buchhalterinnen des ehemännlichen Geschäfts, Klavierlehrerinnen ... Doch das wurde nicht wahrgenommen. Nach aussen hiess es: «Mini Frau gaht nöd go schaffe.» Effektiv waren erst die 1950er-/1960er-Jahre die goldenen Jahre der Hausfrau: Die Hochkonjunktur machte es möglich, dass eine Mehrheit von verheirateten Frauen auf Erwerbstätigkeit verzichten konnte, und zu einem bedeutenden Teil auch wollten. Anderseits waren es auch die Jahre, in denen sich der Mittelstand keine «Dienstmädchen» mehr leisten konnte.
Was halten Sie davon, wenn man Hausarbeiten delegiert – etwa an eine bezahlte Putzkraft?
Warum soll Hausarbeit nicht genauso delegiert werden können wie das Ausfüllen der Steuererklärung? Niemand findet es komisch, wenn ein männlicher Single seine Hemden in die Wäscherei bringt oder eine bezahlte Arbeitskraft seinen Haushalt reinigt. Die Frage zeigt, dass Hausarbeit noch als Frauenarbeit gilt: Hausarbeit ist Dienst an der Familie, und diesen hat die Frau selber zu leisten. Dennoch setze ich ein Fragezeichen hinter die Delegation der Hausarbeit: Auch wenn in den letzten Jahren in Sachen Sozialversicherung, insbesondere der AHV, einiges an gesetzlicher Regelung erreicht wurde, ist die bezahlte Hausarbeit immer noch vielfach Schwarzarbeit. Wie die Soziologin Anni Lanz und ihre jüngere Kollegin Sarah Schilliger unabhängig voneinander aufgezeigt haben, birgt das eine grosse Gefahr der Ausbeutung. Virulent ist dies vor allem im der Betagtenbetreuung. So verdienen Migrantinnen zum Teil für die Rund-um-die-Uhr-Betreuung 1200 bis 1500 Franken im Monat plus Kost und Logis. Darüber sollte öffentlich diskutiert werden, auch was das bezüglich gesellschaftlicher Wertschätzung von unbezahlter Frauenarbeit bedeutet.