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Ueberblick über das Excursionsgebiet
Ueberblick über das Excursionsgebiet
Von
J. Coaz.
Die Generalversammlung des schweizerischen Alpenclubs bezeichnete in Lausanne, den 25. August 1872, als Excursionsgebiet für das Jahr 1874 denjenigen Theil des Bündner-Ober landes, welcher die Sectionen 408, Truns, 409, Ilanz, 412, Greina und 413, Vrin, des schweizerischen Atlasses, Blatt XIV enthält. Diese 4 Blätter, im Massstab von 1: 50,000, als Excursionskarte zu einem Kartenblatt vereinigt, stellen ein Rechteck dar von 5 Stunden Breite, 7,29 Stunden Länge und 36 □Stunden Fläche, dessen Mittelpunkt unterm 6° 44'10 " östlicher Länge von Paris und unterm 46° 40'15 " nördlicher Breite liegt.
Mit Ausnahme eines kleinen Theils der Excursionskarte, nämlich 2,59 □Stunden, welcher das Quellgebiet des Brenno bildet, gehört die Landfläche derselben zum Bündner Oberland und zum Flussgebiet des Kheins.
Halten wir uns fest an die Grenze unserer Karte, so liegt der höchste Punkt derselben im P. Medel mit 3203 M. ü. M., gehen wir aber etwas über dieselbe hinaus, zur orographischen Begrenzuug, so besitzt der Tödi mit 3623 M. die bedeutendste Erhebung. Die tiefste Oertlichkeit ist diejenige an der Einmündung des Glenner in den Rhein, 691 M., zu hinterst der s. g. Grub ( Foppa ).
Es zeigt sich somit ein Höhenunterschied zwischen dieser Stelle und dem P. Medel von 2512 M., der Tödi aber liegt 2932 M., der P. Yal Rhein 2707 M. höher. An den sonnseitigen Thalgeländen der tiefsten Lagen unseres diesjährigen Excursionsgebietes reift an Spalieren noch die Traube, der Mais gedeiht vorzüglich und der Obstbau ist nicht unbedeutend, so dass wir uns innert einem Höhengürtel bewegen werden, der beinahe bis in die Region des Weinstocks hinunterreicht und anderseits weit in die Region des ewigen Schnees emporsteigt.
Es wird angemessen sein in der Einleitung zum rtinerarium, mit dessen Bearbeitung mich das Central-Comité betraut, zunächst das Bündner-Oberland, von dem unser Excursionsgebiet einen Theil bildet, als Ganzes in Betracht zu ziehen und dann erst in letzterem uns genauer umzusehen.
Das Bündner-Oberland fällt beim ersten Blick auf eine Schweizerkarte sofort in die Augen, gleich dem Rhonethal ( Wallis ), zu dem es ein schönes Seitenstück bildet, am gleichen Nagel, dem Gotthard, befestigt. Selbst dem Thalknie bei Martigny entsprechend findet sich im Rheinthal dasjenige bei Chur und wenn man zum Vergleich noch den Genfer- und Bodensee heranzieht, so haben wir das Bild einer Schalenwage vor uns, die ihren Stützpunkt am St. Gotthard hat, ihre Hebelarme in den beiden Thalachsen, und ihre, durch Zeit und Umstände allerdings etwas breitgedrückten und excentrisch hängenden Schalen in den beiden Seebecken.
Eine so grosse Aehnlichkeit in Gestalt und Richtung des Rhein- und Rhonethaies lässt auf noch weitere verwandtschaftliche Verhältnisse schliessen und in der That zeigen beide Thäler eine grosse Uebereinstimmung in ihrem geologischen Bau, in der Gestaltung ihrer Gebirgsketten und Seitenthäler, im Laufe und in der Wirkung ihrer Gewässer,_und selbst die Flora und Fauna beider Thäler stehen sich nahe, wenn man nur das Oberwallis von gleicher Höhenlage mit dem Oberland in Vergleich zieht.
Lassen wir uns auf diesen Vergleich etwas weiter ein.
Die Richtung beider Thäler ist diejenige von SW. NO., entsprechend der Hauptachse der Central-Alpen, aber mit entgegengesetztem Letzteres beträgt im Rhonethal vom Fuss des Rhonegletschers ( 1743 M. ) bis Martigny ( 462 M. ) auf eine Längenausdehnung von circa 118,800 M. circa 1,08 °/o, im Rheinthal vom Fuss der Oberalp ( Alp Milez 1700 M. ) bis Chur ( 570 M. ) auf eine Längenausdehnung von circa 69,000 M. circa 1,63 °/o.. In beiden Thalschaften fallen die sie nördlich begrenzenden Seitenthäler steiler ab als die gegenüberliegenden und die Hauptflüsse, Rhone und Rhein, fliessen hart am Fusse ihrer Südhänge hin, so dass sich nach dieser Seite nur kurze, schmale Seitenthälchen mit schwachen Bächen bilden konnten, die in raschem Laufe in 's Hauptthal stürzen.
Gehen wir auf den Nordhang des Rhein- und Rhonethals über, so ist dieser viel breiter als der Südhang, die Thäler sind länger und weiter, mit schwächerem Gefäll, die Bäche wasser- und materialreicher, bilden daher grössere Rüfekegel und drängen den Haupfluss an den Fuss der jenseitigen Gebirgswand hin. Während das längste Thal der linken Thalseite des Oberlandes, das Panixerthal, circa 10,000 M. misst, hat dasjenige des Glenner, vom Leiita-Gletscher bis in den Rhein, bei Ilanz, eine Länge von 34,800 M. Die grösste Breite der rechten Thalseite im Wallis, vom Mönch bis Grengiols, misst circa 21,000 M., diejenige der linken, in der Richtung des Visperthales, 42,500 M.
Während in der Finsteraarhorn- und der Tödikette eigentlich nur 2 Hauptgebirgsstöcke mit kristallinischem Gestein, diejenigen, die diesen Ketten ihren Namen geben, sich erheben und den regelmässigen Verlauf der Ketten und die ursprünglichen Lagerungsverhältnisse der geschichteten Formationen mehr oder weniger störten, haben wir deren in der gegenüberliegenden Kette mehrere, welche den Grat dieser Gebirgszüge zu zahlreichen Ein- und Ausbiegungen zwangen und dem kristallinischen Gestein eine allgemeinere Verbreitung gaben.
Die ausgebreitetste Formation, die diesem Nordhange in Bünden und im Wallis anliegt, ist diejenige der noch nicht genau bestimmbaren und daher systematisch noch nicht eingereihten, s. g. grauen oder Bündnerschiefer. Im Rheinthal läuft diese Grenze ganz auffallend längs des Rheinbettes hin und dies von zu hinterst im Tavetsch bis hinunter nach Chur, Maienfeld und weiter, im Wallis eine weite Strecke längs der Rhone hin, ohne auf das rechte Ufer derselben überzuspringen.
Am Südhang beider Thäler haben wir die Jura- und Kreideformation und ferner ( im Wallis hauptsächlich am Nordhang ) den noch ziemlich räthselhaften Verrucano.
Gleichsam als ein Vereinigungsglied zwischen dem Vorderrheinthal und dem Rhonethal zieht sich durch die Thalsohle von Urseren, mitten durch kristallinisches Gestein, ein Band von Belemniten führendem grauen Schiefer hin und legt den Gedanken nahe, dass vor der Gestaltung unserer Alpen die beiden grossen Längsthäler sich, wenn auch in ganz anderer Form, näher gestanden.
Gehen wir zu einer jüngeren Periode der Erdbildung, zu derjenigen der grossen Gletscher über, so mussten die, in ihrer Form und ihren Gebirgsformationen so ähnlichen Thäler des Rheins und der Rhone, auch ähnliche Gestaltung in ihren Gletscherströmen zeigen, die bis in eine Höhe von ca. 2100 M. an den Hängen hingleiteten und von denen der eine seine Eismassen durch das Becken des Bodensees bis an die jetzige Wasserscheide zwischen Rhein und Donau sandte, der andere das Becken des Genfersees ausfüllte, am Jura sich staute und weit in 's heutige Rhonegebiet sich hinunterzog.
Die Wirkungen dieser Gletscher mussten bei der Aehnlichkeit des Gesteins, welches die Gebirge der beiden Thäler zusammensetzt, begreiflicherweise auch die gleichen sein; das Rhone- und Rheinthal sind die interessantesten Gebiete für die Studien der erratischen Bildungen und der sonstigen Spuren der alten Gletscher in der Schweiz, Wallis hatte aber das Glück, durch seinen scharfen Beobachter, Venetz, zuerst diese Spuren erkannt und in richtiger Deutung auf die Gletscher zurückgeführt zu haben.
An diese Gletscherperiode anschliessend, erlaube ich mir noch der Hügel Erwähnung zu thun, welche sich in der Gegend von Bonaduz bis Chur, der bedeutendsten Erweiterung des bündnerischen Rheinthals, aus dem angeschwemmten Land der Thalsohle einzeln und in Gruppen erheben.
Eine ähnliche Erscheinung findet sich im Wallis bei Siders und Sitten.
Heutigen Tags sind es die Gewässer, welche das Rhone- und Rheinthal gewaltig bearbeiten, sich erodirend tiefer graben, die Erdschichten der Seiten wände unterwaschen und zum Abrutschen veranlassen, das Material, das in ihre Betten geräth, weiter thalabwärts tragen, hier wieder ablagern und dadurch dem Bewohner des Wallis und Rheinthals gleiche Gefahren und gleiche Noth bereiten und zur Anwendung der gleichen Schutzmittel, Verbauung, Aufforstungen und Flusscorrectionen zwingen.
Es wäre nicht uninteressant auch noch einen Vergleich zwischen der Flora und Fauna und den Bewohnern beider Thäler etc. zu ziehen, es würde mich dies aber über die Grenze einer Einleitung hinausführen. Wir verlassen daher das Wallis und ziehen uns aufs Excursionsgebiet zurück, denn das Bündner-Oberland im allgemeinen ist von Theobald in seinem Werkchen über dieses Thal und für den Touristen in Tschudi's Schweizerführer so gründlich behandelt, dass es überflüssig wäre auf dasselbe hier noch näher einzutreten. Ich theile hier nur noch mit, dass das Oberland 54,59 QStd. oder 349,373 Juch. misst, wovon:
Juch.QStd.
Wald43,3076,77
Sonstiger productiver Boden 224,288 35,04
Unproductiver'Boden81,778 12,78
Zus. 349,373 54,59 Das Excursionsgebiet ( die 4 Kartenblätter ) enthalten:
Juch.Std.
an Wald29,5604,62
« sonstigem productiven Boden 164,031 25,63 « unproductivem Boden39,6256,19
Zus. 233,216 36,44 !)
Das Hauptthal des Rheins durchschneidet das Excursionsgebiet von SW.NO. auf eine Länge von 30,200 M. oder circa 6 Stunden in einer Höhe von 691—1048 M. und mit einem Gefäll von l,18°/o. Dadurch wird das Gebiet in eine rechte und linke Rheinseite getheilt, welch'letztere jedoch nur circa 28,500 Juchart misst. Die Hauptfläche des Excursions-Gebietes hat somit im Allgemeinen eine nördliche Lage und die Thäler und Gebirgsausläufer nehmen, von den Gebirgsstöcken Medels und Adula und ihren Verbindungsgliedern ausgehend, eine Richtung ein, die von S. nach N. oder von SSW. nach NNO. geht. Es sind dies die Seitenthäler des Medelser- oder Mittelrheins, des Safierbaches ( Rabiusa ). Den längsten Lauf hat der Valserbach mit seiner Fortsetzung im Glenner, dann folgt die Rabiusa, drittens der Glenner; der Medelserrhein und der Somvixerbach haben einen fast gleich langen Lauf. Auf der linken Rheinseite sind es das kurze Rusein- und Puntaiglas-Thal, welche noch in 's Excursionsgebiet fallen.
. ' ) Nach Angabe des Hrn. Held, Ingenieur im eidg. Stabsbüreau.
Coaz.
Folgende Tabelle gibt uns eine Uebersicht über Höhen, Länge und Gefäll dieser Thäler:
Gewässer.
Anfangspunkt.
Höhe.
Endpunkt.
Höhe.
Länge.
Rhein Disentis 1048 Ilanz 691 30200 357 l,u Mittel-Rhein St. Maria 1840 Disentis 1048 14500 792 5,43 ( Medelser ) Rusein Fuss des Sand- Einmündung alp-Passes 2188 in den Rhein 950 9600 1238 12,90 Somvixerbach Alp Sutglet- Surrhein scher 1400 880 8700 520 6,00 Valserbaeh Zervreila 1780 Furth 874 18300 906 4,95 Glenner St. Giusepp 1402 ditto 874 10800 528 4,88 ditto bei Furth 874 Ilanz 691 9500 183 1,95 Safierbaeh Contnäseher- Einmündung ( Rabinsa ) Hof 1800 in den Rhein 641 25200 1159 4,60
Die Rücken der Gebirgsausläufer, welche diese Querthäler bilden, senken sich in ihrer ganzen Erstreckung nirgends tief ein.
Zusammenstellung der Ilölien der Gebirgsrücken und Einsattlungen:
Zwischen dem Medelser- und Somvixerthal:
Gipfel.Sättel
P. Medel, 3203 M.
Lavaz, 2509 M.
P. Caschleglia, 2937 M. L P. Muraun, 2899 M. A
2513 «
La Garvèra, 2371 «
Zwischen dem Somvixerthal-Greina und Lugnetz-Yrin:
Gipfd.Sättel.
P. Terri, 3151 M. A
P. Güda, 2844 M. A
t,\ OQKQ TVT a Diesrut, 2424 M. P. tgietschen, 2858 M. A
GipfelSättel.
P. Cavel, 2944 M.
P. Nadeis, 2793 « 2619 M
P. Miezdi, 2742«
Zwischen Vrin und Vais: Gipfel.
P. Scharboden, 3124 M. Frunthorn, 3034 M. A P. Aul, 3124 M. A
Zwischen Vals-Lugnetz und Safien: GipfelSättel
Bärenhorn, 2932 M.
? 2^41 M Weisssteinhorn, 2949 M. A
? 2846 M. A2417 *
Plankhorn. 2584 M.2455 "
P. Fess, 2874 M. Günerkrenz, 2482 M.
P. Riein, 2752 M. A
Die durchschnittliche Höhe obiger Gipfel beträgt 2875 M., der Sättel 2495 M., der Total-Durchschnitt
2758 M.
Auffallend ist es, dass mehrere dieser Gebirgsrücken gegen ihr Ende nochmals zu ansehnlicher Höhe ansteigen, um dann steil in die Thäler sich abzusenken, so der P. Aul und der P. Fess.
Aus der bezeichneten Beschaffenheit des Längenprofils der Gebirgsverzweigungen in unserm Excursionsgebiet ergibt sich, dass die relative Höhe der Gräte über den Thalsohlen eine verhältnissmässig bedeutende ist und dass die Verbindung der einzelnen Thäler miteinander durch die schwachen Einsattlungen der Gebirge erschwert wird.
Im Allgemeinen sind die westlichen und nordwestlichen Thalhänge steiler, als die entgegengesetzten östlichen und südöstlichen, letztere desshalb denn auch* von den Gewässern nicht so stark durchfurcht, weiden-reicher und stärker bewohnt. Es ist dies ganz besonders in Saßen, dann auch im Lugnetz der Fall. Der Aufsteig von dieser Seite auf die Gebirge ist desshalb auch leichter und man findet im Allgemeinen bessere Unterkunft.
Eine Ausnahme von dem erwähnten Charakter der Gebirge des Excursionsgebietes macht der Ausläufer des P. Mundaun, der sich in nur bescheidene Höhen erhebt, wenige Felspartien enthält, bis auf seine höchsten Gräte berast ist und beidseitig zahlreiche Alpen und Dörfer trägt.
Die Terrassenbildungen in einigen Thälern des Excursionsgebietes, besonders im Hauptthal des Rheins und im Lugnetz, verdienen besondere Beachtung. Im Hauptthal nehmen diejenige von Brigels und die ihr entsprechend gegenüberliegende von Obersaxen in ungefähr gleicher Höhe von 1300 M. ü. M. nicht unbedeutende Flächen ein, dann folgen die etwas tieferen Terrassen von Waltensburg und Flond, circa 1050 M. ü. M. Die Rheinvertiefung dazwischen, im Mittel circa 750 M. ü. M., liegt somit 300 bis 550 M. unter erwähnten Terrassen, und ist wohl ein Resultat der Erosion, in den obern Lagen im Kalk und Schiefer, in den tieferen im Verrucano. Die Thalerweiterung von Trons bildete in früheren Zeiten wahrscheinlich einen See, ganz unzweifelhaft aber die Grub unter Ilanz. Die Hügel zwischen Sagens, den Waldhäusern und dem Khein, durch einen Bergsturz entstanden, schwellten den See der Grub so lange, bis der Rhein sich auf das Niveau des Seebodens durchgefressen hatte.
Dieser gewaltige Bergsturz fand nach der Gletscherzeit statt, denn auf den Trümmerhügeln findet sich kein erratisches Gestein yor.
Im Lugnetz entsprechen den Terrassen an der rechten Glennerseite, auf denen die Ortschaften Riein, Pitasch, Duvin, Camuns liegen, diejenigen am linken Thalhang, Cumbels, Villa, Igels etc., mit einer durchschnittlichen Höhenlage von circa 1150 M. ü. M. Die tiefe, zerrissene Kluft, welche diese sonnigen Terrassen jetzt trennt und die Verbindung so sehr erschwert, hat der Glenner im Laufe der Zeiten ausgegraben und das Material in das tiefere Rheingebiet und den Bodensee gespült. Dass der Glenner mehr sein rechtes Ufer ab-schrotet und da fast senkrechte Felswände bildet, liegt in der Lagerung des dortigen Bündnerschiefers, dessen Schichten südöstlich fallen, so dass am rechten Ufer die Schichtenköpfe zu Tage treten, das linke dagegen die glatten Schichtenflächen dem Glenner darbietet, der hiedurch und durch die beständigen Erdabsetzungen von dieser Seite an das rechte Ufer gedrängt wird.
Auch die Atmosphärilien greifen die steilere, blos- gelegtere West- und Nordwestseite mit ihren Schichtenköpfen mit mehr Erfolg an, als die gegenüberliegende, weniger steile Seite, deren Schichten meist durch eine starke Bodendecke vor rascher Verwitterung geschützt sind.
Es kann uns nach dem Gesagten und bei der an sich leichten Verwitterbarkeit des Bündnerschiefers nicht mehr auffallen, dass die rechtseitigen Thalhänge derjenigen Thäler unseres Excursionsgebietes, welche diesem Gebirge angehören, so zahlreiche, tiefeingerissene Tobel enthalten und dass die Gewässer dieser Thäler bei Hochwasser so verheerend auftreten.
Der Glenner ist einer der gefährlichsten Wildbäche der Schweiz und seine Yerbauung erfordert gediegene Fach-kenntniss und grosse Geldmittel ;). Die festeren meta-rnorphisch-krystallinischen Gesteine im Gebiete des Medelser Stocks und Adula vermögen der Verwitterung eher zu widerstehen, die Hänge sind desshalb von Tobein nicht so durchfurcht, nicht so zerrissen, und die Gewässer führen zwar gröberes, aber nicht so massenhaftes Material und sind weniger verheerend.
An Seebecken ist das Excursionsgebiet arm. Kleine Seechen von circa 100 und mehr Fuss Länge kommen zwar hie und da vor, wie zu hinterst in Yal gronda, am Greina, am Pass zwischen V. Diesrut und V. Blengias, der Selva- und Curaletseh-See in Yals, die Seen auf dem Grat zwischen Safien und Duvin, und überraschen den Clubisten, wenn noch so klein und untief, immer aufs Angenehmste. Der grösste ist der Lago Retico, beim Uebergang vom V. Cristallina nach Camadra mit 30 Juch. Flächen ausdehnung.
Reicher ist das Excursionsgebiet an Wasserfällen, aber begreiflich vorherrschend im härteren, krystallinischen .Gebirge und im Yerrucano. Einen hohen und
J ) Ich verweise diesfalls auf den Bericht über die Yerbauung des Glenner von Oberingenieur A. v. Salis und auf meine Vorträge über das Hochwasser 1868 im bündnerischen. Eheiügebiet.
schön zwischen Waldungen herunterstürzenden Fall bildet der St. Petersbach, der, von Obersaxen herkommend, in den Rhein sich ergiesst. Zu den prachtvollsten Wasserfällen der Schweiz gehört derjenige bei der Alp Carpett, der in den mannigfaltigsten Formen über die dortigen Gneisplatten in die Sohle des Somvixerthales schäumend hinunterbraust. Wildromantische Wasserfälle stürzen sich ferner durch die Felsenklüfte des V. Lavaz und durch die Thalenge, welche Vals von Lugnetz trennt. Auch in Safien bildet der Gletscherbach einen hohen, schönen Wasserfall.
Nach diesem Ueberblick über die Gebirgsgestal-tungen und Gewässer des Excursionsgebietes wollen wir auf den geologischen Bau desselben näher eintreten. Wir thun dies an der Hand unseres verstorbenen Freundes Theobald in seinem bündnerischen Oberland, wo er Seite 190 sagt:
« Der Granitgneis, der in Cristallina und überhaupt in der Mitte von Medels auftritt, streicht etwa in hora 8 durch die Mittelrheinstöcke über den St. Gotthard. Die Schiefer-, Kalk- und Gypsbildungen des Scopi und des Lukmanier-Passes streichen ungefähr ebenso westlich über Airolo und die Quellen des Tessin und Wallis, östlich immer breiter werdend über die Greina und den Diesrut-Pass nach Lugnetz. V. Cadelim liegt noch ganz in den krystallinischen Bildungen. Jene Schiefer, Kalke und Dolomite des Lukmaniers sind also die Ausfüllung einer muldenförmigen Vertiefung, welche die Schieferbildungen des Wallis mit denen von Graubünden verbindet. Dass die, welche durch das Vorderrheinthal etc. gegen die Furka streichen, eine ganz analoge Bildung sind, ist leicht einzusehen.
Ein breiter Rücken von krystallinischem Gestein schiebt sich zwischen beide, verspitzt sich nach und nach und endigt am P. Miezdi und Cavel, so dass er die Thalsohle von Lugnetz nicht erreicht. Gegenüber Disentis steigen die Schiefer noch hoch vor den krystallinischen Gesteinen des Medelser Gletschers auf; eine Linie von Curaglia nach dem Tenigerbad, das noch in Schiefer liegt, bezeichnet ungefähr den Verlauf der Grenze, auf welcher die gewöhnlichen Mittelbildungen, sowie etliche Kalkstreifen liegen1 ).
« Der Eingang des Somvixer-Thales besteht folglich auch aus Schiefern, und jenseits der Alp Nadeis treten auch wieder die Mittelbildungen und der Kalkstreifen ( Röthikalk ) auf. Was von diesen nach dem grauen Schiefer hin liegt, gehört zu Lias und Jura, was dagegen nach dem Gneis zu liegt, ist zum Lias etc. zu ziehen. Man ist oft in Verlegenheit, ob man ein Gestein VeiTücano oder Gneis nennen soll, je nach der mehr oder weniger fortgeschrittenen Umwandlung. Talkschiefer, talkige, gelbe Kalkschiefer und Rauchwacke liegen dann gewöhnlich unter dem Röthikalk. Wo die Formationen aneinander grenzen, sind oft die Fundorte von allerlei Erzen, namentlich von Bleiglanz, Fahlerz, Blende.
« Die Grenze des krystallinischen Gesteins, ohne deutlich entwickelten Verrucano, ist nicht weit ob dem Tenigerbad. Die Felsen, über welche die Wasserfälle von
. ' ) Siehe Carte géologique de la Suisse de M. M. B. Studer et A. Escher v. d. Linth. Carpett kommen, sind Gneis, der, wie überall, mit Glimmerschiefer wechselt, auch eine starke Bank Hornblendegestein liegt schon vorher dazwischen.
Oben auf der Höhe angelangt, befindet man sich bald auf den Schiefern, deren Anwesenheit der Greina- und Diesrut-Pass ihr Dasein verdanken; Kalk- und Rauchwacke kommt mit ihnen vor, aber schon der Hintergrund des V. Motterascio ist Gneis, sowie die südlichen Hörner, die auf der Grenze von Vrin stehen, während der hohe P. Terri noch dem Schieferstreifen angehört. Jene zuletzt genannten krystallinischen Partien sind Anhängsel des Rheinwaldgebirges, das grösstenteils aus solchem Gestein besteht.
« Bei Ringgenberg, Truns gegenüber, tritt der auf der linken Seite des Rheins vorherrschende Verrucano auf die rechte über und bildet die von da bis nahe vor Ilanz fortlaufende Terrasse, die sich bei Meierhof in Obersaxen zu einer zweiten aus demselben Gestein bestehenden erhebt. Am besten ist diese Formation eben da und dann bei Ilanz, Schnaus gegenüber, ent- wickelt. Hier folgen die Gesteine von unten auf, wie folgt:
« 1. Verrucano in verschiedenen Abänderungen. 2. Kalk mit viel Quarz und mit Talk auf den Schichtenflächen. 3. Gelbe Rauchwacke. 4. Gelber Kalk. 5. Dolomit. 6. Quarziger Talkschiefer und Sandstein. 7. Gelblichweisser Talkschiefer. B. Rother und. grauer Thonschiefer. 9. Rothe, quarzige Schiefer. 10. Chlori-tische Schiefer mit Magneteisen, Fahlerz, Malachit. 11, Verschieden gefärbte Schiefer, die nachgerade übergehen in 12. Grauen Bündnerschiefer bis zur Spitze des P. Mundaun.
2 « Aus Obigem geht hervor, dass die bunten Unter-juraschiefer, die auf den Kalkbildungen liegen, in den Bündnerschiefer übergehen, der daher zu dieser Formation zu ziehen ist, besonders da weiterhin Jurakalk aufliegt.
Mit einigen Modificationen ist dieses der Bau der Terrasse von Obersaxen und überhaupt aller Stellen in jener Gegend, wo die Durchschnitte tief genug gehen, um bis auf den Yerrucano oder Gneis zu kommen. Gegen den Glenner sinken die untern Formationen unter die Thalsohle, die bunten Schiefer aber stehen hier und am Eingang von Lugnetz an.
« Am Frauenthor ist der Schiefer grau, seideglänzend, aber gelber und rother liegt darunter; bei Cumbels und Morissen ebenso; unten beim Bad Peiden stehen mächtige Gypsstöcke in der Nähe der Sauerquelle an, und diese Gypsformation scheint sich auch weiter nach beiden Seiten fortzusetzen. Die Signinastöcke bestehen aus grauem Schiefer, doch erscheinen am P. Fess grüne Gesteine; von diesem aus fallen die Schichten nach Norden, während sie von jenseits südöstlich ihnen ent-gegenfallen, wesshalb gerade die höchsten Punkte dieses Bergstockes eine Mulde bilden. Aus grünen Schiefern besteht der grösste Theil der Safierkette vom P. Fess an. Sonst ist das ganze vordere und mittlere Lugnetz grauer Bündnerschiefer, aber von Vrin aus folgt der Grenze der krystallinischen Felsarten eine breite Zone grüner Schiefer, welche von da nach Camps in Vais übersetzt, sich dann verschmälert und auf der rechten Seite des Peilthaies hinauf über den Valserberg bis Hinterrhein und Nufenen läuft. Diese grünen Schiefer werden hier Ton Kalkschichten begleitet, welche oft in weissen Marmor übergehen.
Sie streichen vorzugsweise an den Grenzen der krystallinischen Felsarten hin und stellen das mehrerwähnte Kalkband vor, welches wir als Röthikalk bezeichneten. Auf der Fanellakette und in Zavreila hängen sogar solche Kalk- und Schiefer- lappen auf dem Gneis oder sind in ihn eingelagert, wie dies auch anderwärts vorkommt. Auf der rechten Seite von Vals bestehen die Berge zum Theil auch aus grünem Schiefer, der auch in Safien auftritt.
« Folgen wir dem Safierthal aufwärts, so steht, nachdem bei Sculms die Kalkdecke abgeworfen ist, mit grosser Einförmigkeit Bündnerschiefer zu beiden Seiten an 1 ). Der ganze Heinzenberg ist daraus zusammengesetzt, sowie auch die untern Lagen des P. Beverin. Aber gleich hinter diesem beginnt Kalk und Dolomit ( Mitteljura ) in stark gebogenen Massen sich aufzu- legen, erlangt zwischen dem hintern Safien und dem Hinterrhein eine ungewöhnliche Mächtigkeit und nimmt wilde Formen an. Sie liegen vom Beverin bis zum Safier-Pass nach Splügen auf Bündnerschiefer. Aus solchem besteht auch die Passhöhe und das Bärenhorn ( P. Tomil ), sowie der ganze jenseitige Abhang bis Splügen hinab, wo er anfängt metamorphische Formen anzunehmen.
« Solche finden sich dann auch im hintern Thalkessel von Safien. Wir haben schon gesehen, dass der grüne Schiefer von Vals herüberstreicht. Aus ihm besteht hier grösstenteils der Grat zwischen den beiden Thälern,
. ' ) Zur Kenntniss der Bündnerschiefer, von Theobald, im V. Jahrgang 1858/59 des Jahrbuches der naturforschenden Gesellschaft Graubündens, Seite 23.
und bei Thalkirch finden wir ihn auch in der Thalsohle. Hier nun müssen die spilitischen Gesteine und ein schöner Dioritporphyr gesucht werden, die als Geschiebe in der Rabiusa vorkommen und deren Stammort noch nicht ermittelt ist. »
Als seltene Mineralien führt Theobald auf; Sphen ( Titainte ) bei Somvix, Rusein, Disentis; Granaten in letzterer Gegend; Axinit ebenda und in Medels, wo auch Granat und Staurolith gefunden wird; Anatas, Rutil, Epidot, Asbest, Turmalin bei Disentis, Truns, Somvix; Bergkrystall vielerorts.
Der Bergbau war in gewissen Zeitperioden, die weit zurückgehen, an verschiedenen Orten des Excursionsgebietes sehr lebhaft, gegenwärtig steht aber keines der Werke in Betrieb. Ob Truns, im Val Puntaiglas, kommen auf beiden Seiten im grünen chloritischen Schiefer Magneteisenerze, Schwefel- und Kupferkiese vor.
Am rechten Rheinufer, gegenüber Ruis, finden sich drei Gruben, sind aber von geringer Bedeutung. Blei- und Kupfererze wurden hier mehr versuchsweise gebrochen.
In Obersaxen, im Walde unter Viver, ist ein uralter Schacht mit Schlegel und Eisen in den Verrucano getrieben. Es wurde hier silberhaltiges Bleierz gewonnen.
Bei Platenga sind Eisengruben.
In der Alp Nadeis wurde auf Bleiglanz und gelbe Zinkblende gegraben1 ).
. ' ) Näheres in den Beiträgen zur Geschichte des bünd- nerischen Bergbauwesens von Friedr. v. Salis in den Jahresberichten der naturf. Gesellschaft Graubündens und in Theobald's Bündner Oberland.
Zu hinterst im Somvixerthal, hoch oben im steilen Hang des Hintergrundes, ist ein 30 M. langer Stollen in Glimmerschiefer gemeiselt, von dem gar keine geschichtlichen Ueberlieferungen auf uns gelangt sind.
An die geologische Uebersicht über das Excursionsgebiet wollen wir diejenige über die Gletscher desselben knüpfen.
Die grösste Gletschergruppe innerhalb des Rahmens der Excursionskarte liegt im Medelserstock. der drei Gletscherflüsse in 's Medelserthal und vier nach V. Lavaz ( zum Somixerthal gehörend ) entsendet. Gegen Cristallina, Camadra und la Greina hängen breite Gletscherlappen hinunter. Im Y. Cristallina liegt ( im Seitenthal Ufiern ) dem P. Garina ein kleiner Gletscher an, grössere der la Bianca ( in Casaccia ) und dem Scopi.
Auf la Greina ist die nördliche Seite des P. Coroi mit dem kleinen Gletscher von Rialpe bedeckt und das Becken, nördlich von P. Güda und westlich von Terri, gab dem Gletscher seinen Ursprung, der sich theils nach V. Blengia, theils gegen la Greina ( Canal ) hinunterzieht. Auch hinten in Valle Luzzone und in Vrin, am Terri, Scharboden, Frunthorn, Faltschonhorn und P. Aul erhalten sich kleine Gletscher, ferner am P. Nadeis im Somvixerthal, am P. Caschleglia, am P. Fess und hinten in Safien. Mancher Clubist wird aber auch noch die Gletscher des Adula- und Tödigebietes mit in seinen Reiseplan einschliessen, so dass sich die so anziehende Gletscherwelt in unserem Excursionsgebiet und unmittelbar an dasselbe anschliessend gut vertreten findet.
Ein sehr reiches Forschungsfeld findet derjenige, der mit den Spuren der alten Gletscher sich befassen will, die einst die Thäler des Rheingebietes ausgefüllt. Zur Erhaltung der GletscherschlifFe, Rundhöcker etc. sind zwar die Schiefergebirge, die hauptsächlich das Excursionsgebiet zusammensetzen, nicht günstig, dagegen ist das Studium des erratischen Gesteins durch den Umstand, dass der Hintergrund der Thäler geognostisch anders beschaffen ist als ihr äusserer Theil, wesentlich erleichtert.
Auf den früher erwähnten Plateaux im Lugnetz, Obersaxen, Waltensburg und Brigels findet sich eine vollständige mineralogische Sammlung des Oberlandes vor und von einer Menge der interessantesten Findlinge kennt man die Felsen noch nicht, von denen sie losgebrochen. Es finden sich hie und da solche von sehr bedeutenden Dimensionen vor; eine Menge wurden beim neuen Strassenbau in 's Lugnetz aufgedeckt, zum Theil gesprengt und zu Randsteinen ( Parricarri ) verwendet. Das Material, meist Granit, Gneis und Hornblende, ist in den Gegenden der Schiefergebirge seiner Härte wegen zum Bauen sehr beliebt. So stecken einzelne Findlinge in den Mauern der Kapelle auf St. Carl, am P. Mundaun, 1600 M. ü. M., aber die oberste Grenze der damaligen Gletscher ging hier noch 400 bis 500 M. höher.«
Das erratische Gestein der einstigen Lugnetzer-, Somvixer- und Medelser-Gletscher findet sich aber nicht nur inner den Grenzen dieser Thäler und des Hauptthals des Oberlandes, sondern wurde durch das ganze Rheinthal und sogar noch eine weite Strecke über den Bodensee hinausgetragen,wie ich oben bei Besprechung des Rheingletschers bereits gesagt.
Die Heilquellen, die aus dem Innern der Erde dringen und der chemischen Zusammensetzung ihres Sickergebiets und der Temperatur desselben ihre Eigenschaften verdanken, werden wohl am passendsten hier ihren Platz finden.
Die bedeutendste derselben, der Stahlsäuerling von Peiden ( im Ganzen drei Quellen ) im Lugnetz, am Ufer des Glenner, ist leider beim Hochwasser vom Jahre 1868 verschüttet und seither nur eine, die Luziusquelle, und zwar erst kürzlich wieder aufgedeckt worden1 ).
Bei St. Peter, in Vals, befindet sich eine Gyps- therme von 24° C. im Besitz des Hrn. Rathsherr Peter Bener in Chur mit einfachem Badehaus.
Das Somvixer- oder Tenigerbad im Somvixerthal hat eine reine Stahlquelle, die Badeinrichtungen sind aber leider sehr primitiv und nicht im besten Zustande.
Mehrere unbedeutendere Mineralwasser entquellen noch hie und da dem Boden unseres Excursionsgebietes, die wir übergehen, mit Hinweisung auf « die Heilquellen und Kurorte der Schweiz von Dr. Meyer-Ahrens », welches Werk auch'über Obige Näheres enthält.
Zur Pflanzendecke des Oberlandes im Allgemeinen ist in der botanischen Uebersicht im Bündner Oberland
l ) Das Hochwasser vom Jahre 1868 von J. Arpagaus. Die Mineralquellen und Kuranstalt zu Peiden im bündnerischen Alpenthal Lugnetz, von Dr. J. M. v. Rascher und Dr. Ad. v. Planta.
von Professor G. Theobald, S. 194, für den Botaniker das Nöthige enthalten, mit Angabe der selteneren Pflanzen in den einzelnen Thälern. Zu bemerken ist nur noch, dass das, aus Bündnerschiefer zusammengesetzte Gebirg eine merkwürdige Einförmigkeit in seiner Flora zeigt und dass dieselbe an ihren Grenzen, sei es gegen Kalk- oder kristallinisches Gestein, auffallend rasch wechselt und einen verschiedenen Charakter annimmt. Der Botaniker thut daher gut, diese Grenzen zu verfolgen und wird hauptsächlich auf der geologisch mannigfaltigen Südseite des Tödi-Rusein-gebietes mit befriedigendem Erfolg sammeln.
In den Waldungen des Oberlandes bildet die Fichte ( Rothtanne ) den Hauptbestand. Die Lärche, die z.B. im Oberengadin weit vorherrscht und grosse, reine Bestände bildet und in den Fichtenwaldungen Bündens überhaupt häufig eingesprengt vorkommt, trifft man im Oberland nicht stark verbreitet und merkwürdiger Weise häufiger in den tiefern als in den höhern Gegenden. In der Grub und weiter thalaufwärts stehen kleine Wäldchen und Horste, meist auf Hügeln und Gebirgsvorsprüngen ( Vogelstationen ), bei Valendas, Laax, Ladir, Ruschein, Ruis und dann wieder auf der rechten Thalseite bei Flond und in Vrin, dann im Lugnetz bei Pitasch, Camuns, Tersnaus und Obercastels und ferner in Medels. In Safien kommt die Lärche nicht vor und eben so wenig in dem hochgelegenen Tavetsch.
Die Arve ist im Oberland ebenfalls selten und nur noch in Vais, Vrin, Medels und in V. Cornera, einem Seitenthal des Tavetsch, in wenigen Exemplaren vorhanden.
Die Weisstanne ist der Fichte bis hinauf in die Gegend von Truns beigemengt, einzelne Exemplare finden sich sogar noch hinter Disentis.
Verbreiteter ist die gemeine Kiefer, besonders an der sonnseitigen linken Thalwand, wo sie hinter Somvix, unmittelbar an der Strasse, noch in kolossalen und höchst malerischen Bäumen vertreten ist, übrigens bis Disentis hinaufsteigt. Ihre nächste Verwandte, die Bergkiefer, zieht die trocknen Kalkgebirge dem frischen Schiefergebirg vor und hat sich daher an den Kalkwänden ob Truns, Flims, Andest angesiedelt, ist aber im Excursionsgebiet seltener.
Die Rothbuche kommt bei Flims in einzelnen Prachtexemplaren vor, steigt dort bis über Fidaz hinauf, im Hauptthal des Vorderrheins bis Surrhein und im Somvixerthal bis über Val, ca. 1300 M. ü. M. Im Gebiet des Glenner fehlt sie gänzlich.
Die Eiche bildet bei Truns, Ruschein und Tavanasa kleine, alte, eingehende Bestände und kommt hie und da auch einzeln vor.
Die Weisserle hat sich längs Flussufern und Bächen häufig angesiedelt und ebenso die Alpenerle an schatt- seitigen Gebirgshängen der Alpen.
Die Birke ist sehr verbreitet und bildete noch vor wenigen Jahren in den Waldungen von Pardella, unter Obersaxen, grosse Bestände, die jetzt grossenteils von der nachgewachsenen Fichte unterdrückt und zum Theil ausgehauen sind.
Auch der Ahorn ist im Oberland einzeln bis in ziemliche Höhen verbreitet, im Somvixerthal bis an die Ausmündung des V. Lavaz, ca. 1430 M., durch 's Lugnetz bis nach Campo ( Vais ), ca. 1200 M. ü. M. Geschichtlich berühmt ist der Trunser Ahorn1 ), von dem aber gegenwärtig nur noch der fast gänzlich ein-gefaulte Stock vorhanden ist. indem ein Sturm den 28. Juni 1870 ( Nordwind ) die alten, morschen Stamm-theile gebrochen.
Es sagt übrigens schon Kasthofer in seinen Bemerkungen auf einer Alpenreise 1822 ( S. 186 ): « Der über 6 Fuss lange Stammtheil ist hohl, die Krone verschwunden und wenige grünende Aeste erhalten noch die Lebenskraft des heiligen Baumes. » Er hat seither noch 49 Jahre in ziemlich gleichem Zustande fortvegetirt, sein Alter muss aber auf wenigstens 550 Jahre angenommen werden, denn als der graue Bund unter seinem Laubdach geschworen wurde, muss er doch schon ein stattlicher Baum mit weit ausragender Beastung gewesen sein. Das hohle Stammstück ist in der kantonalen Holzsammlung in Chur aufbewahrt; die Asttheile wurden von verschiedenen Familien in Truns als geschichtliche Reliquien gesammelt.
Hart am -Stocke des abgestorbenen Ahorns steht jetzt ein junges Stämmchen, ein direkter Abkömmling des alten. Ich liess nämlich, als bündnerischer Forstbeamter, vom alten Baum Mitte Oktober 1863 Samen sammeln und Herr Forstadjunkt Seeli, damals Kreisförster in Truns, erzog aus demselben mehrere Pflänzlinge, von denen das schönste Exemplar den elterlichen Platz einnehmen durfte.
Es wäre sehr zu wünschen, dass die Mauer, welche
. ' ) Acer Pseudo-Platanus. L. den Ahorn umgibt, ein eisernes Geländer, zum Schutz desselben gegen vagierende Ziegen, erhielte und der ganze Platz in einen seiner geschichtlichen Bedeutung und Erinnerung würdigen Zustand versetzt würde.
Die ausländischen Holzarten ( Rosskastanie, italienische Pappel etc. ), mit denen man die Umgebung des Ahorns zu schmücken meinte, passen entschieden nicht dahin.
Ausser den genannten Holzarten kömmt auch noch die Esche an Wegen und in Gütern bis Schlans und Somvix hinauf vor und wird, wie auch der Ahorn, auf Schneidelstreii benutzt. Im Lugnetz stehen sehr schöne und starke Exemplare bei Tersnaus und Pleif ( 1211 M. ü. M. ) Herr Ingenieur Held gibt eine Esche von 2x/2 Fuss Durchmesser bei Daigra, V. Camadra, 1450 M. ü. M., an.
Linden ( Tilia grandifolia. Ehrh. ) stehen am Eingange in 's Lugnetz, dann bei Surcasti und bis St. Martin, ca. 1000 M. il. M., ferner im Hauptthal an mehreren Orten.
Ulmen ( Ulmus campestris L. ) finden sich ebenfalls am Eingang in 's Lugnetz und ( nach Prof. Brügger ) in Lunschanaia, ca. 1100 M. ü. M.
Die Eibe ( Taxus baccata. L. ) kommt als vereinzeltes Unterholz in Waldungen von Truns, Flims, Ilanz, Ruis vor.
Ein kleiner Sammelherd von Holzarten ist die Ruine Jörgenberg bei Waltensburg, 945 M. il. M., wo folgende 17 Holzarten auf ganz kleinem Raum beisammen vorkommen: Fichte, Lärche, Wintereiche, Kirschbaum, Ulme, Esche, Aspe, Birke, Weisserie, Salweide, Mehlbeerbaum, Hasel, Faulbaum ( Rhamnus frangula L, ), Schlehdorn, Hornstrauch ( Cornus sanguinea L.)T gemeine Heckenkirsche ( Lonicera xylosteum L. ), gemeiner Wachholder.
Die Gebirgsunterlage besteht aus Verrucano. Jörgenberg steht auf einem scharfen Felsenvorsprung und ist daher eine stark besuchte Vogel-station, der sie ihren botanischen Garten verdankt.
Noch bemerke ich, dass der Liebling der Touristen, die Alpenrose ( Rhododendron ), und zwar die rostfarbene und behaarte, im Excursionsgebiete nicht fehlen, obwrohl sie nicht so überaus häufig vorkommen, wie in andern Gegenden Rhätiens ' ).
Ueber Blüthezeit der Holzarten werden folgende Angaben genügen: In Surrhein ( ca. 900 M. ü. M. ) blühen die Fichte, Buche und der Ahorn um Mitte Mai, die Lärche in den ersten Tagen dieses Monats. Die Ulme traf ich den 13. April auf dem sonnigen Jörgenberg ( 945 M. ) schon etwas verblüht; den 27. Mai standen bei Trons ( ca. 900 M. ) in voller Blüthe der Kirschbaum, die Traubenkirsche ( Prunus Padus ) und der Berberizenstrauch; den 28. Mai im Somvixertobel ( ca. 1060 M. ) die gemeine Heckenkirsche, der Trauben-hollunder und die Bergerle.
Die Ausdehnung der Waldungen haben wir für 's ganze Oberland und auch für 's Excursionsgebiet bereits angegeben, für Ersteres „ zu 43,307 Juch., was 12,4°/o der Gesammtfläche und 18°/o des produktiven Bodens, für Letzteres zu 29,560 Juch., was 12,6°/o
l ) Die übrigen Holzarten des Oberlandes finden sich, mit Ausnahme der Gesträucher, ziemlich vollständig in der Beschreibung der Gemeinde Flims, Jahresbericht der naturforschenden Gesellschaft Graubündens, 1870, aufgeführt.
der Gesammtfläche und 19,3 °/o des produktiven Bodens ausmacht.
Dieser Percenttheil ist sehr klein, entschieden zu schwach für ein, den Wasserverheerungen so sehr ausgesetztes Gebirgsland, und ganz besonders sollte auf stärkere Bewaldung des Lugnetz hingewirkt werden.
Es wird die Clubgenossen freuen, diesfalls zu vernehmen, dass laut Beschluss der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft */a des zu Aufforstungen und Verbauungen im Hochgebirg von Professor Escher von der Linth testamentarisch bestimmten Kapitals von Fr. 15,000 zur Anlage eines Waldes im Lugnetz verwendet werden soll, wozu vorläufig eine Weidfläche auf Gebiet der waldarmen Gemeinde Morissen, unmittelbar hinter der Kapelle St. Carl, ca. 1600 M. ü. M., ausersehen ist. Mit einem Beitrag aus dem eidgenössischen Schutzbautenfond und aus der Hülfs-Million, in ungefährem Betrag obigen Beschlusses ( Fr. 5000 ), können wenigstens 100 Jucharten bewaldet werden. Zweifelsohne wird man mit den Kulturen schon nächstes Frühjahr beginnen, so dass die Clubisten zur Excur-sionszeit dieses gemeinnützige Werk in seiner Grund-legung besichtigen können. Die Waldvegetationsgrenze geht durchschnittlich nicht über 1800 bis 1900 M., bei Travesasch ( Vals ) und Pass la Buora ( Medels ) steigt sie bis 2100 M. ( Held ).
Die Kultur des Obstbaumes ist am stärksten in der Grub vertreten, steigt aber bis nach Somvix und Disentis ( 1100 M. ), im Lugnetz bis Surcasti und St. Martin ( 1000 M. ), in Cumbels bis 1145 M. ( Aepfel, Birnen, Kirschen ).
Herr Held traf letztes Jahr, ira Juli, hinter der Kapelle von Miraniga ( Obersaxen ) 1434 M. ü. M. einen blühenden Apfelbaum, bezweifelt aber mit Recht die Fruchtreife.
In Ladir, ca. 1277 M. ü. M., habe ich letzten Herbst vollständig durchgereifte, sehr schmackhafte Birnen gegessen. Herr Förster Camenisch sucht dort mit lobenswerthem Eifer die Obstzucht zu heben.
Der Kirschbaum steigt mehrorts bis 1400 M. ü. M.
Der Nussbaum ( Juglans regia L. ) geht bis Waltensburg und im Lugnetz bis St. Martin, etwas über 1000 M.
Von ausländischen Zierbäumen und Gesträuchern stehen z.B. im Garten des Herrn Kommandant Demont in Cumbels, ca. 1145 M. ü. M.: der Essigbaum ( Rhus cotynus L. ), die Rosskastanie ( Aesculus Hippocastanum L. ), die Akazie ( Robinia Pseudo-Acacia L. ), der Klee-baum ( Cytisus laburnum L. ) und der Flieder ( Syringa vulgaris L. )
In Bezug auf das Thierreich im Excursionsgebiet verweisen wir wiederholt auf Theobald's Bündner Oberland ( S. 203 ) und bemerken nur, dass das Reh, dessen Jagd in Bünden seit einer Reihe von Jahren gänzlich verboten ist, sich in den Waldungen des untern Oberlandes ( Flims, Sculms etc, ) in einzelnen Rudeln aufhält. Die besten Reviere für die Gemsjagd sind das Somvixerthal, Duvinertobel, die Gebirge der Lenta-iind Lampertschalp und am Brigelser Hörn. Herr Held traf letztes Jahr auf dem Lavaz-Gletscher ein Rudel von 43 Stück.
Eine im Oberland vorkommende, eigenthümliche Schafrace, die man auf das Torfschaf zurückführt, ist dem Aussterben nahe;
es war vor zwei Jahren schwierig, ein charakteristisches Stück für die Ausstellung in Bern zu erhalten. Dagegen ist die Schweinerace, die ebenfalls als Abkömmling des Torfschweines angenommen wird, noch gut vertreten und von den Clubisten im Sommer um die Alphütten, im Herbst auf den Feldern in voller Freiheit den Boden aufwühlend zu treffen * ).
Die Freunde des Fischfanges finden an Herrn Lang in Ilanz, die Bienenzüchter an Herrn Pfarrer Huonder in Platten ( Medels ) praktische Fachkundige.
Kommen wir nun zur Bevölkerung des Excursions- gebietes. Umstehender Auszug aus der eidgenössischen Volkszählung vom 1. Dezember 1870 gibt uns einen statistischen Ueberblick über diejenige des Oberlandes. Aus dieser Zusammenstellung geht hervor, dass wir auf unseren diesjährigen Clubfahrten mit einer vorwiegend romanischen, katholischen Bevölkerung in Berührung treten werden. Obersaxen und Vals bilden zwei deutsche Colonien mitten unter der romanischen Bevölkerung. Letztere spricht übrigens meistens auch deutsch, besonders die jüngeren Leute und mischt sehr viele deutsche Ausdrücke mit dem Romanischen, das beste Anzeichen, dass die deutsche Sprache die romanische immer mehr verdrängt.
Jenseits des Greina-Passes treffen wir in der Gemeinde Ghirone eine italienisch sprechende, katholische Bevölkerung von ca. 122 Einwohnern.
. ' ) Die Fauna der Pfahlbauten in der Schweiz von Prof. r. L. Rütimeyer. Basel 1861.
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I
Auszug
aus der
eidgenössischen Volkszählung vom 1.
Dezember 1870.
Politische
nden.
»e bß « g p« 5
tungen.
Geschlecht.
Konfessior
L.
Sprach-verhältniss ( Haushaltgn. ).
Einteilung.
CD 1
Hausha '
lnännl.
weibl.
kathol.
protest.
übrige.
deutsch.
roman.
andere.
III. Bezirk Glenner.
1. Kreis: llanz. 2. „ Lugnetz
17
15
4906 3737
1107 833
2333 1768
2573 1969
2040 3613
2865 124
1
281 178
« 22 ,654
4 1
Inbegr. Fellers, Kästris, Laax, Ladir, Kuschein, Sagens, Schleuis, Valendas u. Versam.
3.uis.
6
2039
493
975
1064
1662
375
2
165
328
—
Inbegr. Andest, Panix, Seth.
XIV. Bez. Vordcrrlieiii
Kreis: Disentis.
7
5954
1381
2895
3059
5946
8
—
7
1367
7
Inbegr. Tavetsch, welche Ortschaften schon über der örenze der Excursionskarte liegen.
16636
3814
7971
8665
13261
3372
3
631
3171
12
13
6
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