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Die Fotografie von einem verfallenen Hof im Süden Frankreichs habe ich auf einer Reise nach Cahors mitgenommen. Sie sollte mir dabei helfen, die Geschichte meines Vaters besser zu kennen. E ist ein kleines Bild in Schwarz-Weiss aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Hier weilte mein Vater während einigen Monaten auf seiner frühen Flucht aus Nazideutschland. Hier soll der ausgebildete Bankkaufmann, der eigentlich Chemie studieren wollte, zum Bauern ausgebildet werden.
Wenn ich an die feinen Hände meines verstorbenen Vaters denke, kann ich mir nicht vorstellen, dass jemals jemand ihn als Landwirt hätte bezeichnen können. Dennoch bescheinigt das Finanzamt der Stadt Augsburg am 16. Juni 1934 dem «Landwirt Ludwig Guggenheimer, Augsburg, Beethovenstrasse 1», keine Steuerrückstände zu haben. Eigentlich hätte er gerne studiert. Der Aufstieg der NSDAP hat aber sein Leben verändert. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die Augsburg nicht verlassen haben, muss er schon früh geahnt haben, wohin. es mit Deutschland gehen könnte. Im November 1933 ist der 22-Jährige von Paris her in Cahors im Süden Frankreichs angekommen, wo er bis Mitte 1934 in einem kleinen Bauernhof ausserhalb der Stadt eine kurze landwirtschaftliche Ausbildung gemacht hat. Eine Bestätigung des lokalen Polizeikommissariats, besagt, dass er deutscher Staatsbürger ohne Beruf sei. Das angeheftete Passbild zeigt einen intellektuell aussehenden, etwas scheu wirkenden jungen Mann mit Krawatte und Anzug.
Fünfzehn junge Juden aus Deutschland und Österreich haben sich in Cahors im Rahmen eines zionistischen Programms auf ein Leben in einem Kibbuz in Palästina vorbereitet. Sie haben in den Weinreben gearbeitet, sie haben in einem Stall Kühe gemolken, sie haben Gras gemäht, ein Gelände an einem Hang mit Spaten und Hacke von Steinen geräumt. Glücklich war mein Vater in diesem Bauernhof nicht. Die zionistische Theorie, mit der sich die Gruppe jeweils abends beschäftigte, muss ihn angeödet haben. Jedenfalls sagte er das Jahrzehnte später.
Vom Bauernhof an der Route de Roquebilière in Cahors ist mein Vater nach Augsburg zurückgefahren , um sich am 21 Juni 1934 bestätigen zu lassen, dass 14 000 Reichsmark aus dem Vermögen seines Vaters, des Augsburger Ledergrosshändlers Julius Guggenheimer, auf sein Konto bei der Bank H. Aufhäuser in München überwiesen worden seien. Erst jetzt konnte er Deutschland für immer verlassen. Mein Vater, der in einem Schnelllehrgang zu einem Bauern ausgebildet wurde, kam im Sommer 1934 mit dem Schiff aus Italien in Palästina an. Drei oder vier Tage bloss soll seine Zeit in der Kollektivsiedlung nahe der Stadt Rehovot gedauert haben. Weil ihm die Arbeit in der Hitze des Nahen Ostens zu hart war und weil er die zionistischen Parolen nicht mochte, verliess er den Kibbuz.. Er mag sich für Pflanzen zwar interessiert haben, aber harte körperliche Arbeit passte nicht zu ihm.
Als ich viele Jahre später in Cahors war, die Kathedrale St.Etienne, die Wehrbrücke Valentré und die schöne Altstadt sah, dachte ich, mein Vater hätte sich gewiss viel lieber mit den Schönheiten von Cahors auseinander gesetzt als mit Hacke und Spaten im Feld zu arbeiten. Ich wollte unbedingt den verfallenen Hof, von dem mein Vater eine Aufnahme besass, finden, vielleicht den Ort nochmals fotografieren, mit den Eigentümern sprechen und hören, ob ihre Eltern oder Grosseltern jemals etwas über diese seltsame Kolonie von Städtern erzählt hätten. Keiner, der mir weiterhelfen konnte. Ich besass nur diese Fotografie eines verfallenen Gebäudes in der Umgebung der südfranzösischen Stadt Cahors. “Hachschara” hiess diese Ausbildung in Hebräisch, die der Schweizer Schriftsteller Urs Faes in seinem Roman “Sommer in Brandenburg” schildert. Ich war noch ein zweites Mal in Cahors. wollte wieder herausfinden, wo genau dieses Bild aufgenommen wurde. Ohne Erfolg. “Ça peut être partout dans les environs de la ville”, hiess es.
Eingeworfen am3.3.2021