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Ein Weiser aus dem Tal der Blumen
von Swami Rama
Dies ist ein Auszug aus dem Buch “Unter Meistern im Himalaya” von Swami Rama (siehe Bücher von Swami Rama)
Es gab nicht viel Literatur über die Blumen und die Ökologie des Himalaya, aber was ich bekommen konnte, das studierte ich. Ein britischer Autor hatte ein Buch über die Blumentäler des Himalaya geschrieben. Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, empfand ich brennende Sehnsucht in meinem Herzen. Im Himalaya gibt es zahllose Arten von Lilien, Rhododendren und anderen Blumen, aber ich wollte unbedingt ein bestimmtes Tal sehen.
Es gab einen Weisen, der in der Region des Himalaya, wo sich das Blumental befand, ständig unterwegs war. Ich kannte ihn gut. Er war sehr stark und gesund, ungefähr achtzig Jahre alt und sehr ungewöhnlich. Er trug ständig eine eigenartige Decke bei sich. Sie war sehr schwer, ungefähr achtzig bis hundert Pfund: Er nähte jedes Stück Stoff, das er auf seinen Reisen fand, auf diese Decke. Er nannte sie Gudari, das heisst „Decke aus Flecken“, und die Leute nannten ihn Gudari Baba.
Auf meine Bitte sagte er: »Wenn du wirklich das Tal der Blumen sehen und mir folgen willst, dann musst du diese Decke tragen.«
Ich stimmte zu, aber als ich die Decke über meine Schulter legte, ging ich unter ihrem Gewicht in die Knie.
Er fragte: »Wie kann ein so junger Mann, wie du es bist, der gesund zu sein scheint, so schwach sein?« Er hob die Decke hoch und sagte: »Siehst du, wie leicht sie ist?« Dann legte er sie wieder auf meine Schulter. Er kannte meinen Meister und erlaubte mir deshalb, ihm in das Tal der Blumen zu folgen.
Auf dem Weg sagte der Weise: »Niemand kann sein Gedächtnis bewahren, wenn er in der Blütezeit durch das Tal der Blumen geht. Wir sollten all die trotzigen Kinder wie dich hierherbringen und ihnen den Kopf zurechtrücken. Die Leute, die mit uns intellektuell argumentieren, sollten hierhergebracht werden, so dass sie unseren Wert begreifen.«
Ich sagte: »Aber ich folge dir.«
Er sagte: »O ja. Du argumentierst die ganze Zeit und hörst nicht aufmerksam zu. Ich kann nicht lesen und nicht schreiben. Du bist gebildeter als ich. Du hast Bildung, aber ich habe Kontrolle über meinen Geist.«
Ich sagte ihm: »Ich habe auch Kontrolle.«
»Das werden wir sehen.«
»Sir, nehmen Sie bitte zuerst Ihre Decke von meinen Schultern, sie ist mir zu schwer.«
Er stöhnte: »Oh, die Kinder dieser modernen Zeit!« Er nahm mir die Decke ab und begann, sich mit ihr zu unterhalten. »Meine geliebte Decke, niemand versteht das Geringste von dir. Niemand weiss, dass du eine lebendige Decke bist.«
Ich schaute ihn an und dachte: »Dieser Mann ist wirklich verrückt!«
Am nächsten Morgen stiess ein japanischer Mönch zu uns. Er war genauso erpicht darauf, das Tal der Blumen zu sehen. Dieser japanische Mönch dachte auch, dass Gudari Baba verrückt war. Er fragte mich: »Rama, kannst du mir erklären, warum dieser Mann so eine schwere Last trägt?« Wir unterhielten uns darüber, und ich tauschte gerne meine Erfahrungen mit ihm aus.
Der Mönch hatte Angst, allein ins Tal der Blumen zu gehen. Jemand hatte ihm gesagt, wenn ein Reisender in dieses Tal kommt, dann vergisst er alles, und seine Sinne können Objekte nicht mehr koordiniert wahrnehmen. Der Reisende verliert sein Gedächtnis und lächelt die ganze Zeit. Er sagte, dieser Baba sei der Richtige, um uns zu führen, weil er diese Gegend mit all ihren Pfaden gut kenne.
Am folgenden Tag hatte der japanische Mönch Schüttelfrost und Fieber. Er hatte im Dschungel von Burma gelebt und war dort an Malaria erkrankt. Er hatte an die vierzig Grad Fieber und sein Puls raste. Der Baba sagte zu ihm: »Du hast zu diesem Jungen gesagt, ich sei verrückt. Möchtest du die lebendige Kraft meiner Decke kennenlernen? Weisst du, dass diese Decke nicht einfach eine Decke ist, sondern eine lebendige Kraft? Möchtest du gesund werden? Dann knie dich hin und sei demütig!« Der Baba deckte den Japaner mit der Decke zu.
Der Mönch sagte: »Sie zerdrückt mich. Sie ist so schwer, und ich bin ein kleiner Mann.«
Der Baba sagte: »Sei still!« Nach ein paar Minuten nahm er dem Mönch die Decke ab. Jetzt war es die Decke, die zitterte. Der Baba fragte den Mönch: »Was ist mit deinem Fieber geschehen?«
Er sagte: »Sir, ich habe kein Fieber mehr.«
Der Baba sagte: »Diese Decke ist sehr grosszügig und freundlich. Sie hat dir dein Fieber abgenommen.« Der Baba schaute mich an und fragte: »Möchtest du, dass dein Fieber für immer geheilt ist?«
Ich sagte: »Ja bitte.«
Der Baba sagte: »Aber er sagt, dass ich verrückt bin. Ich glaube, er verdient meine Hilfe nicht.«
Ich sagte: »Die Weisen sind liebevoll und gross, und sie vergeben immer.«
Der Baba lächelte und sagte: »Natürlich werde ich ihm helfen.« Wir reisten fünfzehn Tage lang zusammen, und der japanische Mönch war von seinem Fieber kuriert.
Neun Meilen vor Badrinath gibt es einen Seitenweg, der zum Tal der Blumen führt, wo es einen kleinen Guru Dwara (einen Tempel der Sikhs) gibt. Wir assen zusammen. Die Leute von diesem Tempel kannten Gudari Baba sehr gut. Wir ruhten uns den ganzen Tag im Tempel aus und reisten erst am nächsten Tag zum Tal der Blumen in Richtung Hemkund weiter.
Die Blumen waren in voller Blüte, soweit das Auge reichte. Die ersten paar Stunden war der Anblick beruhigend für die Sinne und stimulierend für den Geist. Aber allmählich bemerkte ich, dass mir mein Gedächtnis abhanden kam. Nach fünf oder sechs Stunden fragte der Baba: »Hey, du! Kannst du mir sagen, wie du heisst?«
Wir hatten beide jedwede Orientierung verloren und konnten uns nicht an unsere Namen erinnern. Wir hatten sie völlig vergessen. Ich wusste nur noch, dass ich existierte, und hatte eine neblige Vorstellung davon, dass noch zwei andere Leute da waren. Das ist alles. Der Duft dieser Blumen war so stark, dass wir nicht mehr vernünftig denken konnten. Unsere Fähigkeit zum logischen Denken funktionierte nicht mehr. Unsere Sinne waren betäubt. Wir hatten eine blasse Vorstellung von unserer Existenz und der Gegenwart der Dinge, die uns umgaben. Was wir zueinander sprachen, ergab keinen Sinn. Wir lebten eine Woche lang in diesem Tal. Es war der reinste Genuss. Der Baba machte sich ständig über uns lustig und sagte: »Eure Bildung und eure Stärke haben keinen Wert.«
Als wir das Tal der Blumen wieder verlassen hatten, sagte der Baba: »Eure Freude kam durch den Blumenduft. Ihr habt nicht meditiert. So wirken auch Marihuana und Haschisch auf die Leute, und sie denken, sie würden meditieren. Schaut mich an. Der Duft dieser wilden Blumen hatte keine Wirkung auf mich. Ha, ha, ha! Ihr seid ins College gegangen und habt viele Bücher gelesen. Bisher habt ihr nur von den Meinungen anderer gelebt. Heute hattet ihr eine gute Gelegenheit, direktes Wissen zu erwerben und mit dem sogenannten Wissen, das nichts anderes als Imitation ist, zu vergleichen. Bisher sind die Meinungen, die ihr habt, eigentlich die Meinungen von anderen. Wer von den Meinungen anderer lebt, wird nie fähig sein, sich seine eigene Meinung zu bilden und zum Ausdruck zu bringen. Jungen, dieses Informationswissen halten wir nicht für wirkliches Wissen. Selbst wenn ihr versteht, dass nur direktes Wissen Gültigkeit besitzt, habt ihr keine Kontrolle über euren Geist. Die Erziehung, die moderne Kinder bekommen, ist sehr oberflächlich. Ohne Disziplin kann man keine Kontrolle über den Geist erlangen, und ohne Kontrolle über den Geist gibt es keine direkte Erfahrung.«
Der japanische Mönch reiste weiter nach Bodhi Gaya, und ich lebte noch fünfzehn Tage mit dem Baba. Als freier Geist durchstreifte er diese Gegend, und alle Pilger haben schon von ihm gehört. Um aus erster Hand zu lernen, ist es für einen, der der Welt entsagt, wichtig, mit solchen Weisen zusammen zu leben, die direkte Erkenntnis der Werte des Lebens mit seinen Strömungen und Gegenströmungen haben.
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