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Das Phänomen der Globalisierung ist entwicklungspolitisch sehr bedeutsam, da es die Spielregeln und Mechanismen der Entwicklung entscheidend prägt. Es wird dabei weiterhin sehr unterschiedlich beschrieben und bewertet. Die einen verstehen unter Globalisierung insbesondere eine Liberalisierung der Märkte, andere – sie werden von den Liberalisierern als Globalisierungskritiker bezeichnet – setzen sich für eine „alternative Globalisierung“ ein Wieder andere für eine „Globalisierung der Gerechtigkeit“ und (wie der Schreibende) für eine „selektive Globalisierung“ (vgl. dazu den Vortrag unter www.christophstueckelberger.ch/deutsch/dokumente). Die folgenden Neuerscheinungen helfen alle aus unterschiedlicher Sicht zu einer Differenzierung der Debatte.
Hübner, Jörg: Globalisierung – Herausforderung für Kirche und Theologie. Perspektiven einer menschengerechten Weltwirtschaft, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003, 350 S.
„Globalisierung ist eine Intensivierung der Verflechtung von Menschen, Kapital. Waren, Dienstleistungen, Institutionen, Staaten und Organisationen in einem räumlich und zeitlich entgrenzten Raum; diese Verflechtung orientiert sich nicht mehr an nationalstaatlichen Grenzen; ... Sie bewirkt der Möglichkeit nach eine aktive Beteiligung einer immer grösser werdenden Zahl von Menschen an den wirtschaftlichen, technischen, kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen der Weltgesellschaft.“ (S.40). Auf der Basis dieser Definition werden differenziert die Dimensionen und negativen und positiven Auswirkungen der Globalisierung beschrieben. In einem ausführlichen zweiten Teil wird sehr aufschlussreich die Antwort der ökumenischen Bewegung auf die Internationalisierungstendenzen der letzten hundert Jahre aufgezeigt. Die positive Haltung der Kirchen zur Globalisierung in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jh. Wird der Tendenz der letzten zwanzig Jahre, Kirche primär als Gegengesellschaft zu sehen, kritisch entgegengestellt. Sein eigenes Konzept baut der Theologe in dieser Habilitationsschrift auf dem ökumenischen Konzept der „verantwortlichen Gesellschaft“ (ÖRK Amsterdam 1948) und der „Globalisierung der Menschenrechte“ auf. An diesem Massstab misst er die Globalisierung kritisch. Als Konsequenz daraus leitet er die Forderung nach einer Regulierung der globalen Märkte, besonders der Transnationalen Unternehmen und der Finanzmärkte ab und betont die Bedeutung des Globalen Lernens! Im letzten Teil skizziert er die Rolle der Kirchen als Ökumenische Bewegung, als kirchliche Hilfswerke und als Lokalgemeinden für eine menschengerechte Globalisierung. Ein recht gut verständliches und gerade für kirchliche Akteure sehr anregendes und weiterführendes Buch.
Für die Globalisierung der Gerechtigkeit. Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn als Teil der weltweiten ökumenischen Bewegung, Policy des Synodalrates 2003, 26 S.
Handlich auf nur 26 Seiten und graphisch ansprechend präsentiert die Kantonalkirche Bern-Jura-Solothurn ihre Standortbestimmung zur Globalisierung. In acht Thesen wird die „Globalisierung der Gerechtigkeit“ als kirchliches Anliegen entfaltet, je eine konkrete Forderung gestellt und je mit kurzen Beispielen erläutert: So soll z.B. der „Dominanz der Finanzmärkte“ mit einem Insolvenzrecht für verschuldete Staaten und mit einer Devisentransaktionssteuer begegnet werden. Am Schluss werden Handlungsvorschläge in Kirche und Gesellschaft gemacht. Die Forderungen entsprechend weitgehend dem, wofür sich Brot für alle entwicklungspolitisch einsetzt.
Kesselring, Thomas: Ethik der Entwicklungspolitik. Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung, C.H. Beck, München 2003, 323 S.
Globalisierung ist aus Sicht des Berner Philosophen Kesselring ein uraltes Phänomen, neu hingegen sei die globale ökologische Gefährdung und die Entstehung global tätiger Organisationen (S.130). Der Autor stellt die Globalisierungsdebatte in den Zusammenhang der entwicklungspolitischen Konzeptdiskussionen der letzten vierzig Jahre, die er aus philosophischer Sicht darstellt: im ersten Teil des Buches stellt er Entwicklungsethiken aus dem Utilitarismus, der Pflicht-, Rechts- und Gerechtigkeitsethik dar. Im zweiten Teil kommentiert er Trends von Zentrum und Peripherie, von Freihandel und Protektionismus, der Umwelt und der Entwicklungszusammenarbeit. Als roter Faden orientiert er sich selbst am Grundwert der Gerechtigkeit, genauer der Verteilungsgerechtigkeit. Das Buch ist für Nichtphilosophen im ersten Teil nicht leicht verständlich, der Autor bringt aber besonders im zweiten Teil viele konkrete (manchmal etwas zufällige) Beispiele aus der entwicklungspolitischen Praxis. Im Zentrum des Buches steht eindeutig die Entwicklungsthematik, das Phänomen der Globalisierung bildet den Rahmen dazu, ohne dass es tiefer analysiert würde. Die kritisch-positive Auseinandersetzung mit der Entwicklungszusammenarbeit führt ihn am Schluss (S. 249ff) zu anregenden Forderungen nach Prioritäten der Entwicklungspolitik, die an den Grundbedürfnissen zu orientieren seien.
Le monde diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung, taz Verlag, Berlin 2003, 191 S.
Kommunikation, Wirtschaft, Rüstung, Technik, Umwelt, Demokratie und Konflikte sind die Themen, zu denen im vorliegenden A4-grossen „Atlas“ zahlreiche aktuelle Graphiken zur Entwicklung der Welt präsentiert werden. Im zweiten Teil kommen die hauptsächlichen geographischen Gebiete wie USA, EU, Japan und deren Politik zur Sprache. Eine sehr reichhaltige, anregende Sammlung von Fakten, durch die Graphiken einprägsam vermittelt. Dass heute alles unter dem Begriff Globalisierung dargestellt werden muss, was früher einfach Atlas der Weltentwicklung hiess und wie sie jahrelang z.B. von Verlagen wie Hammer, Fischer und Rowohlt herausgegeben wurden, ist mehr dem Marketing als der Sache der Globalisierung zuzuschreiben.
Walden Bello: Deglobalization. Ideas for a New World Economy, London 2002, 132 S.
Deglobalization (Entglobalisierung) meint für den bekannten philippinischen Globalisierungskritiker „nicht Rückzug aus der internationalen Wirtschaft, es bedeutet vielmehr Umorientierung der Volkswirtschaften weg von der Betonung der exportorientierten Produktion hin zur Produktion für den lokalen Markt.“ (S. 113, Übersetzung CS). Er setzt sich insbesondere mit der Entwicklung der multilateralen Organisationen (UNO-System, Bretton Woods, WTO) auseinander und fordert eine „Deconstruction“, einen Kompetenzabbau bei IWF und Weltbank und bei der WTO die Abkehr vom Prinzip der Einstimmigkeit der Beschlüsse (was für die Entwicklungsländer allerdings auch negativ sein könnte!). Entglobalisierung heisst für ihn im übrigen Regulierung des Marktes durch demokratische Beschlüsse, Stärkung der nationalen gegenüber der internationalen Entscheidungsebene und Beschränkung der Wirkungsmöglichkeit transnationaler Konzerne.
Christoph Stückelberger, Zentralsekretär Brot für alle