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Macht es China heute besser als die USA damals?
Letzte Woche hat ein Bericht der EU-Handelskammer über das geschäftliche Umfeld in China für grosse Aufmerksamkeit gesorgt. Das starke Medienecho war berechtigt, denn es geht in diesem Bericht um existenzielle Fragen der europäischen Wirtschaft und um die Zukunft des Welthandelssystems.
Zwei Botschaften wurden besonders hervorgehoben:
- Grosse Teile des chinesischen Marktes sind nach wie vor durch vielerlei Barrieren von der Konkurrenz der ausländischen Firmen abgeschottet.
- Viele chinesische Firmen sind technologisch auf demselben Niveau wie die europäischen.
Diese Art von Wirtschaftspolitik erinnert stark an den Aufstieg der USA im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Auch Washington versuchte damals mit protektionistischen Massnahmen seinen Binnenmarkt zu schützen und übernahm die europäische Technologie zu seinen Gunsten. Die folgende Tabelle zeigt den rasanten Spurt zwischen 1880 und 1910. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war die US-Wirtschaft grösser als die beiden grössten Volkswirtschaften Europas (Deutschland und Vereinigtes Königreich) zusammen.
|BIP in Millionen Dollar (kaufkraftbereinigt)|
|1880||1910|
|Frankreich||82’792||122’238|
|Deutschland||86’626||210’513|
|Vereinigtes Königreich||120’395||207’098|
|USA||160’656||460’471|
|Quelle: Maddison.|
Auch nach dem Ersten Weltkrieg, als die wirtschaftliche Überlegenheit der USA noch grösser war, während die europäischen Länder unter den Folgen des Krieges litten, blieb Washington protektionistisch eingestellt. Statt den Binnenmarkt zu öffnen, errichtete man zusätzliche Barrieren:
- Der Fordney–McCumber Tariff Bill von 1922 erhöhte alle Agrarzölle.
- Der Smoot–Hawley Tariff Act von 1930 erhöhte die Agrar- und Industriezölle.
Letztere Massnahme war besonders schädlich, weil seit 1929 eine schwere Rezession ohnehin eine Schrumpfung des Welthandels herbeigeführt hatte. Die meisten Länder reagierten mit Vergeltungszöllen und verschlechterten so zusätzlich die Lage.
Erst nach 1945 übernahmen die USA die Rolle eines freihändlerischen Hegemonen – das heisst, es dauerte etwa fünfzig Jahre, bis sich die wirtschaftliche Überlegenheit in der Weltpolitik widerspiegelte. Das war eine lange Periode. Vor allem die Weigerung Washingtons, nach dem Ersten Weltkrieg die Führungsrolle zu übernehmen, hatte negative Folgen.
Strategie des Trittbrettfahrens
Wie wird sich nun China verhalten? Wird das Land ebenfalls fünfzig Jahre warten, bis es den multilateralen Freihandel unterstützt?
Chinas Rhetorik deutet darauf hin, dass bald eine Änderung erfolgen wird. Die effektiven Massnahmen deuten hingegen in eine ganz andere Richtung. Das Projekt einer neuen Seidenstrasse führt auf ein Tributsystem hin. Der Mechanismus läuft über die Finanzen: Staaten, die chinesische Infrastrukturleistungen beziehen wollen, verschulden sich beim chinesischen Staat und geraten so in eine dauerhafte Abhängigkeit.
Auch die Initiative «Made in China 2025» lässt vermuten, dass China weiter an seiner wirtschaftlichen Dominanz arbeitet, bevor es politische Verantwortung auf globaler Ebene übernimmt. Es ist immer noch die Strategie des Trittbrettfahrens, die hier durchschimmert.
Jedenfalls gibt es bisher wenig Anzeichen, dass sich China heute wesentlich anders verhält als die USA vor hundert Jahren. Bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt, kann es also durchaus noch Jahrzehnte dauern.