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von Dr. rer. publ. W. Wüthrich
Vor ungefähr fünfzig Jahren begann die dritte industrielle Revolution mit dem Einsatz von Computern, mit der Erfindung neuartiger, weltumspannender Kommunikationsmittel und ganz allgemein mit der Digitalisierung der Wirtschaft und grosser Teile des Lebens. Das binäre Prinzip 0 und 1 wurde zum Schlüssel für eine neue Welt – in einem Ausmass, wie das anfänglich niemand gedacht hat. Es begann in der Schweiz wie in vielen Ländern mit der Sorge um die Zukunft des «Werkplatzes», der sich vermehrt global auszurichten begann. Ganze Industriebereiche änderten ihr Gesicht. Der Anteil der industriellen Arbeit verringerte sich ganz allgemein, während vermehrt Dienstleistungsbetriebe gegründet wurden. Manche Fabrik schloss ihre Tore für immer (oder verlegte ihre Produktion ins Ausland). Innert Kürze gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren. Grosse Traditionsunternehmen wie Alusuisse, Brown Boveri BBC, Saurer oder von Roll gerieten in Schwierigkeiten. Am stärksten war jedoch die Uhrenindustrie betroffen. Dies hatte besondere Gründe:
Am Ende der 1960er Jahre hatten Forscher der Uhrenfirmen und der ETH die Quarztechnologie und die digital funktionierende Uhr erfunden, die neu über eine Batterie angetrieben wurde. Ihre Kollegen in Japan machten ungefähr zur selben Zeit die gleiche Erfindung. Während in der Schweiz die praktische Bedeutung dieser neuen Technik jedoch als gering eingeschätzt wurde und die Uhrenfirmen weiterhin fast ausschliesslich mechanische Uhren bauten, mit denen sie den Weltmarkt über viele Jahrzehnte beherrscht hatten, setzten japanische Unternehmen wie Seiko, Casio und andere voll auf die Quarztechnik, und die Japaner begannen, den Weltmarkt mit Massen von präzisen, aber viel preiswerteren Uhren zu überschwemmen. Die Folgen waren für die Schweiz katastrophal. Während in den 1960er Jahren weltweit noch acht von zehn Uhren aus der Schweiz kamen, sank der Anteil in den 70er Jahren auf 10 %. Die Folgen waren dramatisch. Mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in der Schweizer Uhrenindustrie gingen verloren, und manche Auguren prophezeiten bereits deren Untergang.
Soll der Staat in dieser schweren Zeit der Krise eingreifen – so ähnlich, wie er es in der grossen Krise der 30er Jahre gemacht hatte? 1978 schlug der Bundesrat vorerst ein Impulsprogramm vor: Der Bund sollte die angewandte Forschung, die technikbezogene Ausbildung und die Entwicklung in den Betrieben finanziell fördern. Das Parlament arbeitete ein Programm aus mit «Massnahmen zur Milderung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten». Parallel dazu sollte die Ansiedlung neuer Industrien in wirtschaftlich bedrohten Landesgegenden gefördert werden – vor allem in der Krisenregion Jura, dem Zentrum der Uhrenindustrie.
1983 verstärkte der Bundesrat seine Bemühungen in Richtung einer staatlichen Industriepolitik. Bundesrat Furgler schlug die Einführung einer «Innovationsrisikogarantie (IRG)» vor. Sie sollte den Unternehmern das finanzielle Risiko, das mit jeder Forschung verbunden ist, mindestens zum Teil abnehmen. Ökonomen lehnten das Projekt des Bundes ab und forderten lediglich «günstige Rahmenbedingungen» für die Unternehmen. Die «Innovation» und das damit verbundene Risiko jedoch sei allein Sache des Unternehmers. Es bahnte sich ein wichtiger Grundsatzentscheid in einer schwierigen Situation an. In der direktdemokratischen Schweiz konnte allein das Volk die Weichen stellen.
Es gelang Bundesrat Furgler, im Parlament eine Mehrheit für sein Projekt «Innovationsrisikogarantie» zu gewinnen – nicht jedoch im Volk. Am 22. September 1985 setzte der Souverän – trotz wirtschaftlicher Malaise – ein deutliches Zeichen gegen eine staatliche Industriepolitik und lehnte die Innovationsrisikogarantie des Bundes mit 57 % Nein-Stimmen klar ab. Gleichzeitig wehte aber bereits ein neuer Wind in der arg gebeutelten Uhrenindustrie – vorerst allerdings nur ein laues Lüftlein.
Der Unternehmensberater Nicolas Hayek machte vor, was mit unternehmerischer Initiative aus eigener Kraft erreicht werden kann. Er tat sich zusammen mit Ingenieuren der ETH und der Uhrenbranche. Schweizer Banken halfen bei der Finanzierung. Am 1.10.1983 hatte er der Presse die erste Swatch (Swiss Watch) vorgestellt, und zwar gleich mit zwölf poppigen Modellen – eine Schweizer Qualitätsuhr mit Quarztechnologie für 50 Franken. Das war erst der Anfang. Mit geschickter Marketing-Strategie begannen er und seine Mitarbeiter die Welt zu erobern. Die neue Uhr sollte zu einem Mode-Accessoire werden, und jede Frau und jeder Mann konnte mehrere Uhren haben, die sowohl zu den Jeans wie auch zum Abendkleid passten. Zudem sollte die Swatch ein Objekt der Kunst und ein Sammelobjekt werden. Es gelang, bekannte Künstler dafür zu gewinnen. 5 Jahre später waren bereits 1 Million Stück verkauft. Die Erfolgsgeschichte war damit noch lange nicht zu Ende. Im Jahr 2008 (danach wurden keine Zahlen mehr publiziert), dem 25. Geburtstag der Swatch, waren weltweit bereits 381 Millionen Stück verkauft worden. Nicolas Hayek hielt an der Tradition fest, ausschliesslich in der Schweiz zu produzieren. Auch die anderen Uhrenmarken liessen sich von der Aufbruchstimmung anstecken. Vor allem im Luxussegment setzten sie zu wahren Höhenflügen an. Die mechanische Uhr wurde neu «erfunden», und sie präsentierte sich in der «Schönen Neuen Quarzwelt» als etwas Spezielles und besonders Wertvolles. So wurde die mechanische Uhr bald wieder auf der ganzen Welt wie zu den besten Zeiten in grosser Stückzahl verkauft. – Heute hat die einst arg gebeutelte Uhrenindustrie die Krise mehr als überwunden, und von staatlicher Industriepolitik spricht niemand mehr.
Die Abstimmung über die Innovationsgarantie und das Beispiel von Nicolas Hayek machen es deutlich, dass das Volk in der Schweiz viel Vertrauen in die Arbeit der Unternehmen hat und für ihre Arbeit günstige Rahmenbedingungen befürwortet – wie zum Beispiel gute Schulen, eine gute berufliche Fachausbildung, moderate Steuern und ähnliches mehr. Es lehnt es aber ab, dass der Bund den Unternehmen das Risiko und die Verantwortung für ihre Arbeit abnimmt und selber aktiv Industriepolitik betreibt. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Frankreich – es waren die Jahre von François Mitterand – ist dies ganz anders verlaufen.
Das Volk hat 1985 wirtschaftspolitische Weichen gestellt. Es gibt in der Schweiz bis heute keine Wirtschaftsregierung, die mit starker Hand das Wirtschaftsgeschehen lenkt – ausser im Bereich des Service public. Sondern der Souverän hat mit diesen und weiteren Abstimmungen einen Ordnungsrahmen gesetzt, der für Eigeninitiative und Eigenverantwortung viel Raum lässt und den dezentralen Föderalismus bewahrt. Die Schweizer Uhrenindustrie ist dafür ein Musterbeispiel. •
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