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Hintergrund:
Erleiden Patienten nach der Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 einen schweren Krankheitsverlauf, so sind sie nicht selten über einen längeren Zeitraum auf eine intensivmedizinische Behandlung einschliesslich einer Beatmung angewiesen. Eine solche Behandlung auf der Intensivstation über Wochen und Monate bleibt für viele Organe, die Blutgefässe und das Nervensystem nicht ohne Folgen.
So entwickelten Patienten, die längere Zeit auf Intensivstationen betreut wurden (z.B. auf Grund von Sepsis, Multiorganversagen und Langzeitbeatmung) eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, durch die eine ausgeprägte Formen von Muskelschwäche (Muskelatrophie) entstehen kann. Diese Komplikation, die sogenannte Critical-Illness-Polyneuropathie repräsentiert ein neurologisches Krankheitsbild, welches seit Jahrzehnten bekannt ist, jedoch lange Zeit falsch eingeschätzt wurde. Die Studie von Prof. Dr. med. André Reitz untersuchte erstmalig, ob sensorische und motorische Bahnen, die die Funktion der unteren Harnwege kontrollieren, von der Krankheit betroffen sind.
Das klinische Bild der Critical-Illness-Polyneuropathie umfasst eine schlaffe und meist symmetrische Muskelschwäche, die Verminderung oder den Verlust der tiefen Sehnenreflexe sowie den Verlust der Schmerz-, Temperatur- und Vibrationsempfindlichkeit in der Körperperipherie. In schweren Fällen entstehen Entwöhnungsprobleme von der Beatmung durch eine Beteiligung der Zwerchfellnerven und des Zwerchfells und der Atemmuskeln (Bolton et al., 1984; Roelofs 1991; Witt et al., 1991; Zochodne et al., 1987). Zieht man Funktionsstörungen des autonomen Nervensystems bei anderen Arten einer Polyneuropathie wie dem Guillain-Barre-Syndrom (Sakakibara et al., 2009) in Betracht, so schien es wahrscheinlich, dass auch Patienten mit Critical-Illness-Polyneuropathie Funktionsstörungen der unteren Harnwege oder des Darms haben können. Berichte über autonome Funktionen bei Patienten mit Critical-Illness-Polyneuropathie waren zuvor in der medizinischen Literatur nicht verfügbar. Diese Studie von Prof. Dr. med. André Reitz ist der erste Bericht über die unteren Harnwege.
Methodik:
Die Studie von Prof. Dr. med. André Reitz berichtet über eine Kohorte von 28 Patienten mit Critical-Illness-Polyneuropathie, die einer umfassenden neurourologischen Untersuchung unterzogen wurden. Mit Hilfe der neurologischen Untersuchung, der Urodynamik, der Elektromyographie des Beckenbodens und Bildgebung der unteren Harnwege wurden bei diesen 28 Patienten mit Critical-Illness-Polyneuropathie die Blasen- und Darmfunktion evaluiert.
Untersuchungsergebnisse:
Bei einem Patienten (4 %) war das die Sensibilität der Haut im Becken- und Dammbereich beeinträchtigt. Die Beckenreflexe fehlten bei 8 Patienten (30%). Der Ruhetonus des Analsphinkters war bei 3 Patienten (12%) vermindert. Die willkürlichen Kontraktion des Analsphinkters vermindert oder fehlend bei 8 Patienten (30%). Urodynamische Befunde waren Detrusorüberaktivität und Detrusorüberaktivitätsinkontinenz bei 9 (37,5 %), unvollständige Entleerung bei 8 (30 %), abnormale Sphinkteraktivität bei 4 (16 %), abnormales Harndranggefühl bei 4 (16 %) und Detrusorakontraktilität bei 2 Patienten (8,3%). Morphologische Anomalien der unteren Harnwege hatten 10 Patienten (41,6%).
Diese Vorstudie spiegelt nur eine kurze Nachbeobachtungszeit nach Ausbruch der akuten Erkrankung wider. Die Aussagekraft der Ergebnisse muss in einer größeren Patientenpopulation mit längerer Nachbeobachtung weiter evaluiert werden.
Schlussfolgerung:
Die Ergebnisse der neurourologischen Untersuchungen legen nahe, dass auch sensorische und motorische Bahnen des Beckens, die die unteren Harnwege und den Beckenboden kontrollieren, von einer Critical-Illness-Polyneuropathie betroffen sein könnten. Bei urodynamischen Untersuchungen wurden sowohl Speicher- als auch Entleerungsstörungen festgestellt. Morphologische Anomalien des Harntraktes waren in der untersuchten Population häufig.Durch die Corona-Pandemie werden aktuell vermehrt Patienten intensivstationspflichtig. Viele sind so schwer erkrankt, dass sie dort über mehrere Wochen intensivmedizinisch betreut werden müssen. Die Zukunft wird zeigen, ob Corona-bedingt auch mehr Critical-Illness-Polyneuropathie-Patienten unter einer Beeinträchtigung der Blasen- und Darmfunktion leiden werden.
Link zum Journal
Reitz, A. NeuroRehabilitation, vol. 33, no. 2, pp. 329-336, 2013