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Geht es so weiter wie beim GP von Katalonien, dann hat Dominique Aegerter (27) nächste Saison keinen Platz mehr im GP-Zirkus.
Was nun? So ratlos, lustlos und traurig wirkte Dominique Aegerter noch nie seit er im Herbst 2006 in Estoril seinen ersten GP (26.) bestritten hat.
Der sonst so charismatische junge Mann resigniert: «Äs geit eifach nüt me.» 20. ist er im Moto2-Rennen geworden. «Ich bin bloss hinterhergefahren und Überholmanöver sind mir keine gelungen. Ich kann mich nicht an ein ähnlich schwaches Rennen erinnern.» Im Laufe der beiden Trainingstage ist er gleich dreimal gestürzt. Normalerweise fällt er während einer ganzen Saison nicht viel öfters aus dem Sattel. 2017 waren es vier und 2016 bloss drei Stürze.
Der Töffhimmel ist über ihm eingestürzt. Zum ersten Mal ist er diese Saison nicht in die WM-Punkte (Top 15) gefahren. Selbst vor 14 Tagen, beim ersten Rennen nach seinem Trainingsunfall reichte es wenigstens zum 12.Rang. Aegerter räumt ein: «Ich bin zwar noch nicht ganz fit.» Aber die Chancenlosigkeit habe nichts mit seiner körperlichen Verfassung zu tun. «Ich wäre auch sonst nicht weiter nach vorne gefahren.»
Das Problem ist nicht Dominique Aegerters Fahrkunst, nicht die Motivation, nicht die Fitness, nicht die Leidenschaft, nicht der Mut zum Risiko. Es geht um die Technik. Er kommt mit der neuen KTM einfach nicht zurecht. So wie er einst auch mit der Suter, mit der Kalex und nach der Rückkehr erneut mit der Suter nicht mehr klar gekommen ist. Nun ist es wieder da, der verflixte «Pferde-Komplex», der sich wie ein roter Faden durch seine Karriere zieht.
«Pferde-Komplex?» Einer seiner ehemaligen Cheftechniker hat es einmal so erklärt: «Wenn ich mit einem Fahrer über die Abstimmung der Maschine spreche, dann ist das so, wie wenn sich zwei Tierärzte über die Behandlung eines Pferdes unterhalten. Wenn ich aber mit Aegerter über die Abstimmung der Maschine rede, dann ist das so, wie wenn ein Tierarzt mit dem Pferd über die Behandlung spricht.»
So viel Talent, so viel Mut, so viel Leidenschaft – aber einfach keine tragfähige Beziehung zur Maschine. Logisch also, dass Dominique Aegerter sagt: «Ich spüre einfach die Maschine nicht.» Eine Maschine, die so schlecht nicht sein kann. Miguel Oliveira ist mit dem österreichischen Kraftrad hier in Barcelona auf den 2. Platz gerauscht und vier KTM klassierten sich in den Top Ten.
In der zweiten Saison mit der Mannschaft von Jochen Kiefer ist Dominique Aegerter schon vor Halbzeit der Saison am Limit. «Wir haben zu wenig Geld. Ich muss immer wieder aus eigener Tasche technische Extras bezahlen und verdiene gar nichts mehr.» Und trotzdem geht es technisch nicht vorwärts. «Wir haben am Freitag auf einem recht guten Niveau das erste Training angefangen. Dann haben wir nur noch rückwärts geschraubt. Wir sind einfach alle ratlos.» Im letzten Herbst ist Stefan Kiefer – er war Herz und die Seele des Unternehmens – überraschend an einem Herzversagen gestorben. Sein Bruder Jochen, eigentlich ein Techniker, führt nun das Team. Eine Aufgabe, die ihn überfordert.
Was tun? Aegerters Manager Robert Siegrist wollte diese Saison das Team administrativ führen und managen. Aber aus familiären und beruflichen Gründen kann der vielbeschäftigte Anwalt aus Zürich diese Aufgabe nun doch nicht übernehmen. «Domi» ist praktisch auf sich alleine gestellt. Statt sich ganz auf das Fahren zu konzentrieren, muss er sich nun auch um seine Zukunftsplanung kümmern. Er hat vorgestern hier in Barcelona auch bei Daniel Epp Rat gesucht. Aber der Freund und Manager von Tom Lüthi sagt: «Ich kann ihm nicht helfen.» Epp hat selber genug zu tun: Lüthi ist erneut gestürzt. Zum dritten Mal in den letzten vier Rennen.
Die Geldbeschaffung ist schwierig genug. Aber jetzt geht es um mehr. Dominiques Bruder Kevin versucht inzwischen, Kontakte zu anderen Teams zu knüpfen. Wohl wissend, dass die Plätze in den guten Teams bis Ende Juli vergeben sind. Aber mit dieser Aufgabe ist er überfordert. Zumal er noch andere Verpflichtungen hat: Soeben hat er als Trainer das Team von YF United in Huttwil von der 5. in die 4. Liga geführt. Nun obliegt es ihm, die Mannschaft für die kommende Saison zu verstärken. Dem Bruder in der Not als Manager ein Team in der zweitwichtigsten Töff-WM suchen und ein Fussballteam aufrüsten – das alles ist ein bisschen viel.
Für Dominique Aegerter geht es um die Zukunft wie nie zuvor. Er muss für nächste Saison ein Team finden mit dem er die Moto2-WM bestreiten kann – und er hat Konkurrenz aus der Schweiz. Daniel Epp schliesst nicht aus, dass Tom Lüthi (31) nächste Saison in die Moto2-WM zurückkehrt. Jesko Raffin (22) dominiert die aktuelle Moto2-EM und arbeitet als Co-Kommentator für unser staatstragendes Fernsehen. Er sagt: «Mein Ziel ist die Rückkehr in die Moto2-WM. Ganz klar. Entweder schaffe ich das oder ich gebe meine Karriere auf.» Für diese Saison hatte er keine Zulassung zur Moto2-WM erhalten. Mit ein Grund: Für die spanischen GP-Vermarkter (Dorna) genügt ein Schweizer in der Moto2-WM. Sie werden nächste Saison vielleicht zwei, aber kaum drei Schweizer zulassen.
Bei der aktuellen Konstellation hätte Dominique Aegerter 2019 keinen Platz mehr in der Moto2-WM. Zwei andere Schweizer würden ihm vor der Sonne stehen. Tom Lüthi hat als Weltmeister von 2005 (125 ccm) und WM-Zweiter von 2016 und 2017 (Moto2) einen Platz auf sicher wenn er zurückkehren will, und wenn Jesko Raffin die Moto2-EM gewinnt, kann ihm die WM-Zulassung nicht mehr verweigert werden.