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SIA-Masterpreis Architektur 2017: «Idea Store»
Projekt von Kai Peter
Masterarbeit ETH Zürich | Professur Marc Angélil
Städtische Situation
Der Bauplatz für den Idea Store ist eine Parzelle im Herzen von Zürich im Kreis 5. Der Bauplatz bildet die Grenze zwischen einem Wohn- und einem Industriequartier. Zwei Bahnlinien auf zwei Höhen, die über einen Viadukt aus dem 18. Jahrhundert von Zürichs Hauptbahnhof her laufen, teilen sich kurz vor der Parzelle und begrenzen diese nach Nordost und Südwest.
Durch einen Wettbewerb von 2004 wurde dem Viadukt eine neue Nutzung gegeben. Die niedrigere der beiden Bahnlinien wurde stillgelegt und in einen erhöhten Fussgängerweg mit dem Namen Lettensteig umfunktioniert, der nun den Quartierpark Josefswiese mit der Freizeitanlage Oberer Letten verbindet. Die Bögen unter dem Viadukt wurden für verschiedene kommerzielle Nutzungen umgenutzt und münden in der Markthalle, einer grösseren Überbauung, die zwischen den beiden sich teilenden Viadukten gespannt ist.
Die Projektarbeit vervollständigt diese Achse und führt sie bis zum Sihlquai fort, wo sie in eine Fussgängerbrücke über die Limmat nach Wipkingen mündet. Hierzu wird ähnlich der Markthalle die gesamte Parzelle zwischen den beiden Bahnlinien gefüllt. Ein derzeitig bestehender Bahndamm, der die noch genutzte Bahnlinie trägt, wird abgetragen und durch eine Brückenstruktur ersetzt, die aus dem projektierten Gebäude herauswächst. Dieser Platz bildet eine neue Zwischenstation auf der Flaniermeile.
Im Süden schiebt sich das Gebäude unter den bestehenden Lettensteig und öffnet auch die südwestlich angrenzende Fläche als Passage und Anlieferungszone für den Idea Store. Durch die Öffnung der beiden Seiten situiert sich das Gebäude inmitten eines neuen städtischen Kontexts und kann – ähnlich der Markthalle – von Passanten und Anwohnern umflossen werden.
Gebäudekonzept Erdgeschoss
Das Erdgeschoss ist als massiver Sockel ausformuliert, der das filigrane Obergeschoss sowie das Dach trägt. Hierbei wird eine moderne Version von Bögen verwendet. Während die Bögenzwischenräume entlang der nordwestlichen Fassade massiv ausformuliert sind, um die darüber verlaufende Bahnlinie zu tragen, sind sie im restlichen Gebäude raumhaltig. Dies ermöglicht, neben Räumen mit Nebennutzung auch die vertikale Erschliessung in Form von Treppen und Liften unterzubringen.
Das bestehende Silo bleibt in seiner Funktion erhalten und schneidet sich durch das Gebäude in allen Geschossen. In Boxen, die in die Bögen eingeschoben sind, befinden sich die Werkstätten.
Der Innenraum des Erdgeschosses ist durch die grosse Spannweite der Bögen sowie die orthogonalen Durchbrüche vielfältig nutzbar und kann durch Märkte, Messen oder Ausstellungen bespielt werden. An der südöstlichen Fassade befindet sich die Bibliothek mit einer internen Verbindung über eine Galerie ins Obergeschoss.
Gebäudekonzept Obergeschoss
Das Obergeschoss ist in einer filigranen, generischen Stützen-Platten-Bauweise gehalten und steht damit im Kontrast zur Massivität des Sockels. Hier ordnen sich alle Funktionen um zwei zentrale Achsen, die das ausgeschnittene Silo, den daran angrenzenden Ausstellungsbereich und einen zentralen Hörsaal umschliessen. Orthogonal von ihnen spreizen sich Erschliessungsgänge, die eine Umkehrung der massiven Bögenzwischenräume im Erdgeschoss bilden. Durch die Absenkung der Decke über diesen Erschliessungsgängen wird der Raum dort abgesenkt, wo eine hohe Raumhöhe nicht unbedingt notwendig ist, zugleich werden Oberlichtbänder für die angrenzenden Räume generiert, die bis tief ins Gebäude hinein weiterhin Tageslicht erhalten.
Die Bogenarchitektur des bestehenden Viadukts wird aufgenommen und im Erdgeschoss fortgeführt. Dieses ist als eine Reihung von Tonnengewölben gestaltet, die sich zum Platz im Nordosten hin öffnen. In den Öffnungen angrenzend zum Platz werden die Werkstätten angesiedelt, die diesen beleben sollen.
Der Asphaltbelag auf der Flaniermeile zieht sich bis ins Erdgeschoss des Gebäudes und stärkt dessen Charakter als öffentlichen Raum. Gleichzeitig ziehen sich Kiesstreifen am Boden als Verlängerung der Bogenachsen des Gebäudes über den Platz, lediglich ein schmaler Weg direkt am Gebäude wird frei gelassen. Dies hat den Effekt, dass Passanten, die direkt am Gebäude entlang laufen, ihren Weg auf der Achse fortsetzen, während Menschen, die auf den Platz treten, durch die subtile Änderung des Bodenbelags abgebremst und in das Gebäude hineingezogen werden.
Statisches Konzept
Zum Einsatz kommt eine Betonbogenstruktur, die durch eine gekreuzte Schottenstruktur gebildet wird. Des Weiteren bestehen die Bogenzwischenräume aus jeweils zwei massiven Wänden, die durch ihre Höhe von 6 m grosszügige Öffnungen ermöglichen. An ihnen aufgehängt befinden sich wiederum bogenförmige Schotten. Dieses zweite Schottensystem ermöglicht eine Spannweite von über 12 m und öffnet damit das Erdgeschoss, das so zum öffentlich zugänglichen, multifunktionalen Raum wird. Zudem trägt es das darüberliegende Obergeschoss.
Das Stützenraster im Obergeschoss ist halb so gross (7.8 m auf 7.8 m) wie das Achsmass der Schotten im Erdgeschoss. Es bietet eine ökonomische Nutzung des Stützen-Platten-Systems und eine möglichst hohe Flexibilität. Durch eine minimale statische Höhe der Bogenschotten von 60 cm im Bogenscheitel und durch ihre häufige Kreuzung ist ein sparsamer Umgang in Bezug auf die Wandstärken der Schotten als auch der Tonnengewölbe möglich.
Während im Erdgeschoss hauptsächlich die gekreuzten Wandscheiben die Tragstruktur aussteifen, übernehmen diese Funktion zum einen die Stützpfeiler der Bahnbrücke, zum anderen die drei gleichmässig im Gebäude verteilten Liftkerne.
SIA-Masterpreis Architektur
Der SIA-Masterpreis Architektur, den der SIA seit den 1960er-Jahren jährlich verleiht, zeichnet Abschlussarbeiten der drei universitären Hochschulen Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) und der Accademia di architettura di Mendrisio (AAM) aus. 80 bis 130 Masterprojekte werden pro Prüfungssession eingereicht. An der ETH finden jedes Jahr zwei Sessionen statt, an EPFL und AAM eine. Für jede Schule gibt es eine Jury aus sechs Architektinnen und Architekten: dem Präsidenten des Fachvereins Architektur und Kultur (A & K) sowie je einem Vertreter/einer Vertreterin des A & K aus den drei Sprachregionen, der Berufsgruppe Architektur (BGA) und der SIA-Sektion des Kantons der Hochschule, also Waadt, Zürich oder Tessin.