Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/2077

Eine kleine Geschichte des Lumpensammelns
von Katrin Graf
sph-Kontakte Ausgabe Nr. 107| Januar 2020
Abb. 1 Chiffonnière, kolorierter Kupferstich von Adrien Joly, Paris um 1813
Heutzutage ist die Annahme verbreitet, der Beruf des Lumpensammlers sei seit jeher von den Ärmsten der Armen der Gesellschaft ausgeübt worden. Diese Vorstellung basiert weitgehend auf Bildern des 19. Jahrhunderts, die zerlumpte Gestalten zeigen, welche mit einem Stock, versehen mit einem Haken, Strassenabfälle in ihre Hutten laden. Die allermeisten solcher Darstellungen des Elends stammen aus Paris, der damals modernsten Stadt Europas (Abb. 1). Diese Leute nannte man «chiffonniers» oder «chiffonnières» – in deutschsprachigen Städten «Haderlumpenmänner» oder -«weiber». In Wirklichkeit waren sie aber AbfallsammlerInnen, die ausser Textilien auch viel anderes zusammenlasen – wie Knochen, Glasscherben, Tierkadaver1, Metall oder Altpapier –, um dies alles zu sortieren und zu verkaufen. Neben den Papierfabrikanten hatten sie viele andere Kunden. Da der Papierverbrauch zu Beginn des 19. Jahrhunderts enorm angestiegen war, musste der immer knapper werdende Rohstoff bis zum letzten, noch so schmutzigen Fetzen zusammengesammelt werden. Erst die allgemeine Einführung des Holzschliffs um die Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte die Situation.
Dass Lumpensammeln jedoch in früheren Zeiten in einem weit besser gestellten sozialen Umfeld ausgeübt wurde, zeigen uns die sogenannten «Ausrufbilder». Bei diesen handelt es sich um Bilderfolgen, die StrassenhändlerInnen darstellen, welche ihre Waren oder Dienstleistungen durch lautes Rufen anpreisen, oder ausrufen, dass sie etwas kaufen wollen. Ihre Rufe sind in den Bildlegenden festgehalten. Die ältesten Darstellungen, die wir heute kennen, sind die «Cris de Paris» aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.2 Eines dieser Bilder zeigt einen ordentlich gekleideten Händler mit einem Sack auf dem Rücken und einem Henkelkorb am Arm mit Gegenständen aus Metall (Abb. 2). Was der Sack enthält, verdeutlicht der Begleittext: «Le Patalagueille3. Jachepte vieux fer: vieux drapeaux Aussi la mesnagere sage En ramassant petits lambeaux Fait tout servir a son mesnage». (Der Ruf des Lumpensammlers: Ich kaufe Alteisen, alte Tücher. So verwertet die kluge Hausfrau alles für ihren Haushalt, indem sie kleine Fetzen sammelt.) Sowohl die Berufsbezeichnung (Lumpensammler, nicht Alteisensammler!) als auch die Argumentation weisen darauf hin, dass Lumpen eine sehr viel begehrtere Ware waren als Altmetall. Sie lagen nicht auf der Strasse, sondern mussten direkt von den Haushalten gekauft werden. Und dies konnte nicht billig gewesen sein: Aus der Betriebsrechnung einer Zürcher Papiermühle des 16. Jahrhunderts geht hervor, dass die Kosten für die Lumpen das Zweieinhalbfache der Löhne für 15 Angestellte betrugen! Noch aus dem 18. Jahrhundert sind vergleichbare Preise überliefert. Deshalb wundert es nicht, wenn auch spätere Ausrufbilder LumpensammlerInnen nicht als Elendsgestalten zeigen. So hat zum Beispiel der Zürcher Kupferstecher und Verleger David Herrliberger um die Mitte des 18. Jahrhunderts zwei sehr erfolgreiche Bilderfolgen veröffentlicht: die Zürcher und die Basler Ausrufe.4 In beiden findet sich eine junge Lumpensammlerin, ordentlich in Tracht gekleidet, die einen Sack mit sich trägt (Abb. 3). Dass Herrliberger die soziale Realität in diesen Bildern nicht schönt, zeigen andere dargestellte HändlerInnen, darunter auch Kinder, die zerlumpt und barfüssig ihre Ware verkaufen.
Abb. 2 Lumpen- und Alteisenhändler, kolorierter Holzschnitt, Paris, 1. Hälfte 16. Jahrhundert.
Abb. 3 Lumpenhändlerin in Basel, kolorierter Kupferstich, Zürich, Mitte 18. Jahrhundert.
Die Schweizer Ausrufe von Herrliberger waren keine Ausnahme. Ausruf- oder Kaufrufbilder entstanden damals in zahlreichen Städten Europas, von London, Madrid, Neapel über Wien bis Sankt Petersburg. Mit der Zeit bildeten sich volkstümliche Typen heraus, zu denen auch die LumpensammlerInnen gehörten. Allerdings geschah diese Typisierung auf Kosten der Abbildung sozialer Realität.
Anders in Paris: Dort wurden Lumpensammler nicht nur innerhalb der «Cris de Paris» dargestellt, sondern auch, wie oben erwähnt, als Verkörperung sozialen Elends. Und nur in Paris gelangte das Motiv auch in die politische Karikatur. Die frühesten solcher Blätter entstanden kurz nach der Französischen Revolution: Sie zeigen einen Jakobiner mit phrygischer Mütze, Hutte und Hakenstock, der in einem Papierhaufen wühlt: «Membre du Comité de recherche» steht darunter. Gemeint ist die jakobinische Zensurbehörde. Das Motiv wird in der Folge auf andere Situationen übertragen: Ein Kleriker sucht als Lumpensammler an einem Eckstein nach seinen verlorenen Privilegien, und später, um 1815, sucht Napoleon, im kaiserlichen Ornat, nach seiner Krone (Abb. 4). Das Bild trägt den Titel «La violette chiffonnier cherchant sa couronne dans les ordures des faubourgs de Paris» (Das Veilchen Lumpensammler sucht seine Krone in den Abfällen der Vorstädte von Paris). Den Übernamen «père violette» erhielt Napoleon während seiner Verbannung auf der Insel Elba, als er verkündete, er werde nach Frankreich zurückkehren «au temps des violettes» – er meinte den Frühling – , was ihm dann auch gelang, weil er von vielen Franzosen enthusiastisch empfangen wurde. Auf der Karikatur fischt er seine Kaiserkrone aus einem Abfallhaufen an einem Eckstein und fordert «seine Kinder» auf, ihm dabei zu helfen. Diese, die Unzufriedenen der Restauration, sind seine Anhänger. Hoch aufgerichtet versichert ihn ein ganz in Blau gekleideter Mann mit einer roten Schärpe um den Bauch seiner Unterstützung. Es scheint sich um einen ehemaliger Soldaten zu handeln: «Wir sind deine schwarzen Musketiere»5, sagt er zu Napoleon. Bedeutet der Sack auf seiner Schulter, dass dieser ehemalige Soldat zum Lumpensammler geworden ist? Jedenfalls sind solche Schicksale häufig überliefert.
Abb. 4 Napoleon als Lumpensammler, kolorierter Kuspferstich, Paris 1815.
Links im Bild ist ein Plakatkleber im Begriff, Napoleons Rückkehr öffentlich bekannt zu machen, und ein kniender Laternenanzünder schlägt vor, die Royalisten an die Laterne zu hängen. Hinter Napoleon beschreibt ein Zündholzverkäufer die Unzufriedenheit des Volkes mit einem Wortspiel: «Les […] alumettes souffrent, mais ne se plaignent pas»6 (Die […] Zündhölzer leiden, aber beklagen sich nicht). Dass der Karikaturist selbst kein Anhänger Napoleons war, verdeutlicht die rechte Bildhälfte: Mit Riesenschritten heraneilend fasst eine graue, nach höfischer Mode gekleidete, klapperdürre Gestalt Napoleon am Umhang, einen Sarg mit sich tragend, gefolgt von Scharen weissgekleideter Toter, deren vorderster sich ironisch an Napoleon wendet: «Unsere blosse Anwesenheit wird den Feind in die Flucht schlagen.» Die Trikolore am oberen rechten Bildrand trägt einen Totenkopf. Im Hintergrund stehen Massen blau gekleideter Männer in Zivil. Handelt es sich ebenfalls um ehemalige Soldaten?
Eine neue, wiederum überraschende Dimension erhält das Thema des Lumpensammlers in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit also, als die Einführung des Holzschliffs die wirtschaftliche Bedeutung der Lumpen als Rohstoff geschmälert hatte und die Industrialisierung fortgeschritten war. In den 1860er-Jahren hatte die grundlegende städtebauliche Umgestaltung von Paris durch Georges-Eugène Haussmann die Armenviertel zerstört und ihre Einwohner vertrieben. Diese zogen in die sogenannte «Zone», ursprünglich ein staatlich kontrolliertes Gebiet rund um Paris, auf dem aus militärischen Gründen nicht gebaut werden durfte. Dieses «terrain vague», das nun von den Vertriebenen – darunter zahlreiche LumpensammlerInnen – bevölkert wurde, zog bald die Aufmerksamkeit zeitgenössischer romantischer Künstler auf sich. Victor Hugo z. B. beschreibt die «Zone» in seinem sozialkritischen Jahrhundertroman «Les Misérables» von 1862 als Ort melancholischen Träumens und Flanierens:
«Errer songeant, c’est-à-dire flâner, est un bon emploi du temps pour le philosophe ; particulièrement dans cette espèce de campagne un peu bâtarde, assez laide, mais bizarre et composée de deux natures, qui entoure certaines grandes villes, notamment Paris […] De là, dans ces lieux peu attrayants, et marqués à jamais par le passant de l’épithète triste, les promenades, en apparence sans but, du songeur. – Celui qui écrit ces lignes a été longtemps rôdeur des barrières à Paris.»7
(«Träumend Umherirren, das heißt Flanieren, ist eine guter Zeitvertreib für den Philosophen; besonders in dieser Landschaft, die einige große Städte, insbesondere Paris, umgibt: eine Art Bastard, ziemlich hässlich, aber bizarr und aus zwei Naturen zusammengesetzt […] Von dort aus – an diesen unattraktiven Orten, die für immer vom Passanten den Beinamen traurig erhalten werden – die scheinbar ziellosen Spaziergänge des Nachdenklichen. – Der diese Zeilen schreibt, ist lange ein Umherziehender vor den Toren von Paris gewesen.»)
In dieser von Victor Hugo geschilderten melancholischen Landschaft stellt der zu seiner Zeit berühmte Pariser Künstler Jean-François Raffaëlli seine LumpensammlerInnen dar. Seine grossformatigen Ölbilder trugen ihm den Übernamen «le Raffaël des chiffonniers» ein. Raffaëlli hebt weder die extreme Armut noch die Mühseligkeit der Arbeit hervor. Seine «chiffonniers» sind nicht zerlumpt, sondern ihre Kleider sind geflickt. Die Natur, die sie umgibt, kontrastiert mit den rauchenden Schornsteinen im Hintergrund, welche auf die dort im Takte der Maschinen schuftenden ArbeiterInnen hinweisen. Die «chiffonniers» dagegen werden innehaltend, nachsinnend oder ruhig dahinziehend gezeigt (Abb. 5). Ihre Gemächlichkeit erinnert an Victor Hugos «scheinbar ziellose Spaziergänge des Nachdenklichen». Einige befinden sich auf dem Heimweg, mit leeren Hutten oder Säcken, alle immer im Freien, in einer fast leeren Landschaft. Als Überlebende einer besseren, älteren Zeit ziehen sie durch die Welt. Ihre Einsamkeit bedeutet nicht Ausgeschlossensein, sondern Freiheit, das verlorene Ideal eines von der Industrialisierung geknechteten Proletariats, das nun, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, zur neuen Verkörperung sozialen Elends wird. Als Beispiel sei Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx zitiert:
«Wie Christus, die leidende Verkörperung der Sklaverei des Altertums, erklimmt unser Proletariat, Männer, Frauen und Kinder, seit einem Jahrhundert den rauen Kalvarienberg der Leiden; seit einem Jahrhundert bricht Zwangsarbeit ihre Knochen, martert ihr Fleisch, zerrüttet ihre Nerven: seit einem Jahrhundert quält Hunger ihren Magen und verdummt ihr Gehirn.»8
Abb. 5 Jean François Raffaëlli: Lumpensammler der Pariser «Zone», Ölgemälde, Paris um 1890
Anmerkungen
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den die Autorin an der Jahrestagung 2019 der Schweizer Papierhistoriker in Engelberg gehalten hat.
1 Dies ist auf Abbildung 1 zu sehen.
2 Vgl. das Digitalisat der Bibliothèque Nationale de France : https://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb436878594. <
3 Im waadtländischen Patois bezeichnet «Pattaì» den Lumpensammler.
4 Vgl. das Digitalisat der «Basslerischen Ausruff-Bilder» auf www. e-rara.ch und den Nachdruck der «Zürcherischen Ausruffbilder», Zürich 2007.
5 Es handelt sich um eine königliche Eliteeinheit. Bekannt wurde sie im 19. Jahrhundert durch den Roman von Alexandre Dumas: «Die drei Musketiere».
6 souffrir = leiden, le souffre = der Schwefel
7 Victor Hugo : «Les Misérables» I, III, v.
8 Paul Lafargue : Das Recht auf Faulheit. Wiederlegung des «Rechts auf Arbeit» von 1848 [1891], Hamburg 2001, S. 56.
Literatur
– James Cannon: The Paris Zone. A Cultural History 1840– 1944, Farnham, Surrey 2015
– Antoine Compagnon: Les chiffonniers de Paris, Paris 2017 – Hubert Kaut: Kaufrufe aus Wien. Volkstypen und Strassenszenen in der Wiener Graphik von 1775 bis 1914, Wien und München 1970
– Wolfgang Kos (Hrsg.): Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit. Katalog der Sonderausstellung des Wien Museums, 25. April bis 6. Oktober 2013, Wien 2013
– Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, [1891], Hamburg 2001