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Die Schlange faucht den Fotografen an, den Kopf kampfeslustig in Rücklage, da kippt sie den Hang hinab, ihr Körper peitscht durchs Kraut an mir vorbei, und der Fotograf ruft: «Cool! Eine Schlange! Was war das für eine?» – «Keine Ahnung», keuche ich, «jedenfalls war sie schwarz.» Von da an klettere ich nicht mehr hoch, ich stampfe.
Der Aufstieg. Brutal.
Es ist Mittag, als wir in Biasca ankommen. Der Chauffeur begrüsst seine Ablösung mit «Ciao, Carissimo!», bevor er zum Pranzo wechselt, zum Mittagessen. Die Tür schliesst sich, wir fahren zu fünft nach Lodrino. Der Ort liegt auf etwa 300 Metern Höhe. Der Fluss Ticino hat ein breites Bett in den Granit gefressen und Hunderte Meter hohen, schorfigen Fels übrig gelassen, der immer wieder bedrohlich bröckelt.
Wenn es regnet, spritzt das Wasser die Hänge hinab, es sammelt sich in den schrundigen Schluchten und reisst alles mit, was nicht in den Stein gebohrt wurde. In der Talsohle gibt es Häuser, die Rücken und Flanken dem Wetter zukehren und sich nur auf eine einzige Seite hin öffnen wie ein Hirtenmantel.
Die berühmten letzten Worte
Die Menschen von Lodrino nutzten das Wasser für ihre Mühlen. Daran erinnert die Via dei Mulini, die Strasse der Mühlen, die wir zum Val di Lodrino hochsteigen. Mulini gibt es keine mehr, dafür jede Menge Gneis, den man in Stücke fräst und zu Bodenplatten portioniert. Oder zu Grabsteinen.
Wir steigen den linken Talschenkel hoch. Birken beissen sich an den Flanken fest, aber nicht einmal das bewahrt sie vor dem Umfallen oder Abrutschen. Der Weg wird immer steiler und gefährlicher, wir blicken dem Verderben ins Auge. Das liegt ein paar hundert Meter weiter unten, in der Talsohle, aber die sehen wir nicht.
«Ein falscher Tritt, und ich bin Geschichte», sage ich und male mir aus, wie ein Forensiker mich anhand der Plomben im Gebiss identifiziert, man kennt das ja vom Fernsehen. «Was wären deine letzten Worte?», frage ich den Fotografen. «Danke für alles, es war schön. Und deine?» – «WuaaaaaaAAAAAAAA!»
Wer zu zweit in die Berge geht, schweigt. Oder spricht über Themen wie Essen, Trinken, Beziehungen, Wünsche, Ängste, Tod.
Putzig, die schmalbrüstige Terrasse mit ihrer Handvoll Häuser aus Granit. Ihre Kanten so scharf wie das Schweizerkreuz an der Fassade. Die Flagge zeigt: Die Bewohner sind da. Wie Käseharfen teilen die Starkstromleitungen den Himmel. Es surrt. Letzte Zeichen von Zivilisation.
Ein Brünnlein wie aus Grimms Märchen «Brüderlein und Schwesterlein» zieht mich an. «Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf», flüstert mir das Brünnlein zu, «oder bekommt Durchfall!» – «Egal», sage ich und fülle die PET-Flasche.
Nach einem Cervelat wird es richtig abschüssig. «Tritt aufs Moos», rät der Fotograf. Ich bin ausgeglitten, der Rucksack hat mich hin zur Schlucht gerissen.
Etwas weiter unten, beim Canyon, ist ein Einheimischer beim Angeln abgestürzt. Er hat mit Knochenbrüchen und einer Gehirnerschütterung überlebt.
Der Fels.
In alten Zeiten war es nicht unüblich, dass Menschen sich vor ihm fürchteten und ihn als steingewordene Gottheit anbeteten. In der Urbibel wird Gott mit einem Fels verglichen. Griechische Übersetzer machten daraus Kraft oder Stärke, um die Möglichkeit auszuschliessen, Gott könnte als Fels angebetet werden.
Lodrino liegt an der lärmigen Gotthardroute, zwei Dörfer südlich von Biasca, wo der Zug hält und man den Bus nimmt.
Lärm? Nur das Knacken vermooster Äste und das beleidigte Knirschen der Kiesel, wenn man auf sie tritt. Ein Krächzen. Eine Bergdohle? Ein Eichelhäher? Manchmal hämmern die Schläfen. Und selten die Knattertöne eines Helikopters.
Die Schlange, die es auf die bleiche Wade des Fotografen abgesehen hatte, war eine Zornnatter. Die Tessiner nennen sie Ratèra. Sie beisst heftig zu, aber giftig ist sie nicht.
«Nimm einen Regenhut mit!» – «Nie!»
Drei Tage vor dem Abenteuer der Schuhkauf bei Transa in Zürich. Die Verkäuferin sagt: «Aha, 44, also eine halbe Schuhnummer grösser, weil die Füsse anschwellen.» – «Nur gut eingelaufene Schuhe», sagt der Freund, der mich begleitet. «Auf die Schnürung kommt es an!», meint die Verkäuferin, «und stutz dir die Zehennägel. Zumindest die grossen.» – «Warum?» – «Die werden sonst beim Abstieg blau.» – «Kauf dir dänische Blasenpflaster!» – «Nimm Climbing Tape mit!» – «Was ist das?» – «Pflaster für die Füsse.» – «Die Socken solltest du drei Tage lang eintragen!» – «Starte leicht unterkühlt!» – «Wie mache ich das?» – «Zieh dich aus!» – «Pack ein Ersatzleibchen ein. Nein, besser zwei!» – «Nimm einen Regenhut mit!» – «Niemals!» – «Es sieht dich keiner!» – «Trotzdem!»
Das Val di Lodrino war nie ein gemütliches, nie ein fruchtbares Tal. Und es wird immer einsamer.
7 Regeln für die Einsamkeit
- Unkundige sind nicht allein unterwegs.
- Trauen Sie keiner Wetter-App, in den Bergen kann das Wetter jederzeit umschlagen.
- Braucht jemand Hilfe, leistet man sie, ohne zu zögern. Man weiss nie, wann man selber Hilfe braucht.
- In der Abgeschiedenheit gilt das Du. Falls Sie überhaupt jemanden antreffen.
- Die Stirnlampe ist auf einer einsamen Wanderung ein genialer Begleiter. Möglicherweise setzt die Dämmerung ein, bevor man es nach Hause geschafft hat.
- Weisses Kletterpflaster nicht vergessen. Nichts ist schlimmer als Wandern mit wundgescheuerten Füssen oder Wundblasen.
- Wer erschöpft ist und das Ziel in Sichtweite vor Augen hat, wird fahrlässig. Beim Abstieg deshalb besonders vorsichtig sein.
Früher flackerten am 1. August ein Dutzend Höhenfeuer, nun noch drei oder vier. Im Tal wohnt das Jahr über keiner mehr.
Auch Jolanda, Aldo und ihr Sohn Igor nicht. Die Eltern verbringen im Sommer ein paar Wochen in der Einsamkeit, dort, wo das Val di Lodrino sich spreizt. Sie drücken den Fremden ungefragt ein Bier in die Hand.
Aldo sitzt auf einer Steinbank. Er ist 85 und beobachtet mit dem Fernglas Gämsen. «Die erste schoss ich mit 17», sagt er. «Zum Jagen brauchts kein Patent. Zum Jagen brauchts eine Flinte.»
Würde Igor nicht mit Kollegen das Gras kappen und Bäume und Büsche stutzen, wären die Wege längst vergandet. «Wisst ihr, wie lange ich mit diesem Mann verheiratet bin?», fragt Jolanda. Sie zählt laut, mit gespreizten Fingern: «Zehn, zwanzig, dreissig, vierzig, fünfzig …» Sie hält die Luft an und stösst sie wieder aus: «Achtundfünfzig Jahre! Heute halten die Paare kaum zwei Wochen durch!»
«Als Bub ging ich den Weg jeden Tag mit der Kräze auf dem Rücken von Lodrino hoch und mit der Butter von der Alp zurück», erzählt Aldo. «Barfuss. Die Steine und Stacheln der Kastanienfrüchte störten mich nicht.» Er brauchte für die Strecke hinauf und hinab eine gute Stunde. Wir hatten nach zwei Stunden erst die Hälfte.
«Das nächste Mal übernachtet ihr bei uns», sagt Jolanda, «noch ein Bier?» Die Menschen im Val di Lodrino sind von einer steinerweichenden Herzlichkeit.
Einst schleppte man Silikat von der Quarzgrube aus dem Tal ins Dorf hinab, zermalmte es, schmolz es in Hochöfen zu Glas und zog daraus Fensterscheiben.
Die Glaserei ist längst zu.
Kurzbeinige, zähe Kühe, als Kälber ans Abschüssige gewohnt, rupften das hinterste Gräslein aus und füllten ihre kleinen Euter mit Milch.
Die letzte Kuh stieg 1958 hinab.
Aus den Rustici spriessen die Birken
In den wenigen Rustici tanzten die Mäuse, bis das Dach einstürzte. Wenn bloss noch die Mauern zum Himmel starren, darf ein Rustico nicht mehr zum Ferienhäuschen umgebaut werden. Und so wachsen Birken zwischen dem Gemäuer, wo Menschen Zuflucht fanden, wenn Blitze sie zusammenzucken liessen. Die Stämme sind so dick, dass eine Hand nicht ausreicht, um sie zu umschliessen.
Hirten mit Geissen finden sich hier längst keine mehr. Nur etwas oberhalb des Dorfes weidet ein knappes Dutzend dieser behänden Tiere im Wald. Sie scharren streitlustig mit den Hufen, kreuzt ein Fremder ihren Weg.
Als Schmuggelpfad eignete sich das Tal nicht. Es stösst nicht an Italien.
Bäume gibt es, so weit das Auge reicht. Man verkokelte ihr Holz und verkaufte die Kohle den Nachbarn im Süden. Von den Köhlereien sind nur Grundmauern übrig. Dafür findet sich ab und zu ein Jäger, der im Gehölz eine Gämse schiesst und zu Hause im Merlot beizt.
Am frühen Abend ziehen Wolken auf. Dann trommeln fette Tropfen auf die Blätter der Laubbäume und hüpfen uns in den Nacken. Die Dämmerung hat längst eingesetzt, die Wolken drücken aufs Tal. Wenn wir in der nächsten Stunde keine Unterkunft finden, müssen wir unter freiem Himmel schlafen. Die nächstgelegene Hütte liegt auf der anderen Talseite. Wir sehen sie von weitem. Ob sich der anschwellende Bach überqueren lässt? Wenn nicht, sind wir zwischen wilden Wassern gefangen.
Auf dem Weg zum Bach ein altes Metallkreuz mit der Inschrift: B D 7-X 09. Der Hirt Bernardi hatte seine Schweine ins Tal getrieben, da drängte sich eine Sau zwischen seinen Beinen hindurch und brachte ihn zu Fall. Der Hirt blieb mit zerschmetterten Knochen unten auf den Felsen hängen.
Sein Bruder, ein Pater, stieg zu ihm ab. Er betete die ganze Nacht lang neben ihm und hoffte auf Rettung. Tage später fand man die Brüder leblos. Sie waren in der Nacht zum 7. Oktober 1909 erfroren.
Die Besitzer der Hütte haben hoch über dem Bach eine Brücke montiert. So sind wir in weniger als einer Stunde oben.
Selbstverständlich könnten wir im Stall übernachten, sagt Eliano, der Sohn des Besitzers, als er uns eine Dose Bier in die Hand drückt. Es ist seine letzte Nacht in der Hütte, zehn Tage lang haben er und seine Freundin keine Menschenseele gesehen.
Kaum haben wir Brot und Käse und Salsiz ausgepackt, öffnet der Himmel seine Schleusen. Wir nippen dankbar am heissen Kaffee, rollen im Stall hinter der Hütte unsere Schlafsäcke aus und löschen die Stirnlampen.
Eben noch ein Rinnsal, tost jetzt der Bach
Am nächsten Morgen sind unsere Gastgeber fort. Der Fotograf und ich packen die Sachen und folgen ihrem Weg, gestützt auf frisch geschnitzte Stecken. Es nieselt nur noch, aber der Berg sieht nach Rüfen aus. Der eine oder andere Baum, der am Tag davor noch aufrecht stand, hängt hilflos über dem Abgrund.
Schon das erste Rinnsal auf unserem Weg ist über Nacht zu einem Bach geworden, der vor Kraft schäumt. Trockenen Fusses werden wir nicht auf die andere Seite gelangen, das ist uns klar. Man muss einen Schuh ins Wasser setzen und springen. Hier darf nichts schiefgehen. Es geht «gäch s Loch ab».
Der Fotograf wagt es. Ohne Rucksack. Auf der anderen Seite des Bachs gibts ein Stahlseil – und einen Stein im Wasser. Den muss man erwischen, sonst wird man weggespült.
Er schafft es. Und springt zurück – um zu fotografieren.
Ich tu es ihm nach, bleibe aber drüben. Dann wirft er mir den Rucksack zu.
Der Abstieg ist so kernig wie der Aufstieg. Der «Chnüüschnäpper» bleibt aber aus. Wer dem Ziel zustrebt, wird fröhlich. Und fahrlässig. Wir gleiten zweimal auf den Grasnarben aus.
Im Dorf warten wir bei der Post auf den Bus.
Schweigend.
Rot die Köpfe, salzig die Haut.
Wir sehen zum Felsen hoch.
«Wenn du wieder an so einen Ort gehst», sagt der Fotograf, «dann komm ich mit.»
Dann trinken wir beim Bahnhof von Biasca ein kühles Bier.
Und schweigen weiter.
Val di Lodrino: Im Niemandsland
Lodrino ist quasi Anfang und Ende: Man kommt von Biasca mit dem Bus – und dann gehts nur noch zu Fuss weiter. Das Val di Lodrino gehört zu den sogenannt remoten Flecken der Schweiz. Das heisst: Dort lebt niemand, und eine touristische Infrastruktur, etwa eine Bergbahn, fehlt. Oft sind die Wege weder markiert noch auffindbar, und das Handy schweigt. Im Val di Lodrino gibt es elf weitverstreute Hütten ohne Wart, zu manchen wandert man von Lodrino aus acht Stunden und länger.