Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/879

Am Ende des dritten Satzes hing der Triumph, mit dem Carlos Alcaraz Tennisgeschichte schrieb, an einem seidenen Faden. Casper Ruud hatte beim Stand von 6:5 und bei Aufschlag des Spaniers zwei Satzbälle zu einer 2:1-Satzführung. Ob Alcaraz, der in den sechs Tagen zuvor drei Fünfsätzer gewonnen hatte, noch einmal hätte zurückkommen können, bleibt offen – und ist müssig. Er wehrte beide Satzbälle brillant ab.
Mutig, wenn es am meisten zählte
«Er hat diese Punkte grossartig gespielt», musste Ruud anerkennen. «Vielleicht habe ich sie ein wenig zu vorsichtig gespielt.» Der Norweger legt den Finger auf einen wunden Punkt. Alcaraz spielt wichtige Punkte weder vorsichtig noch zurückhaltend, er nimmt das Heft in die eigenen Hände und geht volles Risiko. Er tut dies aber nicht in jugendlichem Leichtsinn, sondern weiss genau, was er tut. Deshalb zahlt es sich auch meist aus.
Die Chance für Ruud kam nicht mehr. Er spielte ein katastrophales Tiebreak und geriet im vierten Satz durch ein Break zum 2:4 unwiederbringlich ins Hintertreffen. So lag nach 3:20 Stunden Carlos Alcaraz auf dem Rücken, freute sich über einen 6:4, 2:6, 7:6 (7:1), 6:3-Sieg und liess sich von den gut 23’000 Fans im Arthur Ashe Stadium feiern. Er erreichte gleich zwei Meilensteine mit einem Schlag: den ersten Grand-Slam-Titel und die Nummer 1 der Weltrangliste – als erster Teenager der Geschichte. Der bisherige Rekordhalter Lleyton Hewitt war 2001 fast eineinhalb Jahre älter.
Fünfter Sieg in diesem Jahr
Dass Novak Djokovic wohl die Nummer 1 wäre, wenn er nicht eine ganze Reihe von Grand-Slam- und Masters-1000-Turnieren wegen seiner fehlenden Corona-Impfung verpasst hätte, braucht Alcaraz nicht zu kümmern. Er verdiente sich seinen kometenhaften Aufstieg mit fünf Turniersiegen in diesem Jahr (neben dem US Open in Miami, Madrid, Rio und Barcelona) und zwei weiteren Finals. Er hat auch deutlich grössere spielerische Möglichkeiten als Ruud, der mit einem Sieg ebenfalls die Nummer 1 geworden wäre, nach dem French Open (gegen Rafael Nadal) aber auch seinen zweiten Grand-Slam-Final verloren hat. Dennoch meinte der 23-jährige Norweger: «Das hat deutlich mehr Spass gemacht als in Paris.» Dort spielte er gegen sein Jugendidol und war völlig überfordert.
Alcaraz ist bereits das Idol einer nächsten Generation von Tenniskids. «Davon habe ich geträumt», meinte er, nachdem er sich wieder aufgerappelt und ein paar Tränen der Freude vergossen hatte. Nach einem etwas verhaltenen Start, in dem beide Spieler je einen Satz klar gewonnen hatten, boten sie den Zuschauern eine unterhaltsame Partie mit phasenweise spektakulären Ballwechseln. «All die Arbeit meiner Familie und meines Teams hat sich ausgezahlt», stellte der 19-Jährige aus Murcia fest. «Jetzt bin ich doch ein bisschen müde.»
Ruud zeigte sich als ausgesprochen fairer Verlierer, der einmal sogar einen Punkt freiwillig abgab, nachdem der Ball auf seiner Seite vom Schiedsrichter unbemerkt knapp ein zweites Mal aufgesprungen war. Punkte holten die beiden bei den amerikanischen Zuschauern auch, in dem sie am Trauertag 9/11 (Terroranschläge vom 11. September) explizit den Opfern und ihren Hinterbliebenen kondolierten. Ansonsten gab es aber fast nur zufriedene Gesichter. Spätestens an diesem geschichtsträchtigen Tag wurde klar: Carlos Alcaraz hat das Zeug, einer der ganz Grossen zu werden.