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Zurück in die Zukunft: Bald nur noch Strom von der Sonne
- Montag, 24. August 2015, 19:09 Uhr
Utopie oder realistische Prognose? Markt- und Technologieforscher Tony Seba der Universität Stanford sieht eine schöne neue Welt, die mit Sonnenenergie angetrieben wird, in der der Autobesitz obsolet wird und es in den Städten viel mehr Platz hat.
Die US-Regierung, die Internationale Energie Agentur, sogar die Umweltschutzverbände: Sie alle täuschten sich, was die Dynamik der Solartechnologie angeht. Dieser Meinung ist Tony Seba: «Der Markt für Solarenergie hat sich seit dem Jahr 2000 alle zwei Jahre verdoppelt.»
Das exponentielle Wachstum begeistert Jungunternehmer und Financiers im Silicon Valley. Hier studiert der Elektroingenieur und Computerwissenschaftler Seba diese Art von schnell wachsenden Geschäftszweigen. «Disruptive» werden sie genannt, das heisst zerstörerisch oder revolutionär. Sie verbreiten sich in Windeseile und zerstören herkömmliche Geschäftsmodelle.
Tony Seba ist Elektroingenieur und Computerwissenschafter. Als Lehrbeauftragter an der US-Universität Stanford studiert er Technologien, welche sich exponentiell ausbreiten. Seba hat mehrere Bücher geschrieben.
Tony Seba ist sicher: Die Solartechnologie ist eine solche Technologie. «Die Solarenergie wird laufend günstiger und ist bereits heute in hunderten von Märkten auf der Welt ohne Subventionen billiger als der herkömmliche Strom.» Auf Hawai sei das der Fall, in Australien, und Chile.
Ab 2030 nur noch Solarstrom
In den nächsten paar Jahren werde der Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gebe. «Bis 2020 wird Solarenergie, die auf dem Dach von Gebäuden erzeugt wird, billiger sein als die Kosten für die Übertragung des Stromes.»
Das heisst, auch wenn ein Elektrizitätswerk Strom gratis produziert, wird er nicht konkurrenzfähig sein. Dann werde sich die Solartechnik noch rascher ausbreiten. Nach dem gleichen Muster, wie sich etwa Computer- und Mobiltelefonie verbreitet haben.
Verdoppelt sich die Installation von Solarenergie weiter wie bisher alle zwei Jahre, so wird im Jahr 2030 die ganze Energieversorgung solar sein. Tony Seba zieht Parallelen zu der Mobiltelefonie: «Auch hier hatten wir zu Beginn staatliche Konzerne mit Monopolen. Diese wehrten sich gegen die Handys. Doch es war eine revolutionäre Technologie. Heute haben wir sechs Milliarden Mobiltelefone auf der Welt bei sieben Milliarden Menschen. Das gleiche wird mit der Solartechnik geschehen.»
Batterien speichern Sonnenenergie
Aber die Sonnenenergie bringt auch Probleme mit sich. So fällt sie nur dann an, wenn die Sonne scheint. Wie soll dann die gesamte Energieversorgung solar erfolgen können?
Kein Problem, meint Tony Seba. Denn auch die Batterien würden sich rasant verbessern, was es möglich mache, kostengünstig den Strom zu speichern. «Bis 2020 wird ein Haushalt für einen Dollar genügend Strom für einen ganzen Tag speichern können. Und Solarenergie wird fünf Cent pro Kilowattstunde kosten, weniger als der Strom ab Netz. Das wird das Geschäftsmodell, mit dem Strom zentral erzeugt wird, zerstören.»
Kohle, Kernkraft, Erdöl ausgedient
Die einzigen Energiequellen, die in einer solchen Welt bestehen könnten, wären Wind, Solar und Wasserkraft. Denn nur sie können ohne zusätzlichen Kosten Strom erzeugen. Kohle, Kernkraft, Erdöl und Gas hätten ausgedient.
Der bis vor kurzem grösste deutsche Stromkonzern EON hat bereits reagiert, verkauft die Atom, Kohle, Gas und Wasserkraftwerke und konzentriert sich auf erneuerbare Energie, Netze und Kundendienstleistungen.
Fragt sich, weshalb weder die Internationale Energie-Agentur noch die meisten Energieversorger diese Entwicklung sehen. Dazu meint Seba: «Das menschliche Gehirn denkt nicht exponentiell. Deshalb verpassen Menschen solche Umstürze, kurz bevor sie geschehen.»
Dazu erzählt er eine Anekdote: Der US-Telekomkonzern hat einzelne Komponenten der Handys mitentwickelt. Er fragte in den neunziger Jahren die Beratungsfirma McKinsey, wie gross der Markt für die Mobiltelefonie in den USA im Jahr 2000 sein werde. Sie antworteten: 900'000. Folglich liess ATT&T dieses Geschäft fallen. In Tat und Wahrheit gab es im Jahr 2000 in den USA 100 Millionen Handys. Der Telekomkonzern hatte ein Milliardenbusiness aufgegeben.
Auch der Verkehr solar angetrieben
Was wie ein Wunschtraum für Klimaschützer tönt, untermauert Seba mit zahlreichen Daten und Grafiken. Er ist derzeit ein gefragter Redner an Konferenzen, in Wirtschaftskreisen und an Universitäten.
Seine Prognosen gehen aber noch weiter: Ab 2030 würden alle neuen Fahrzeuge mit Sonnenenergie fahren. Auch hier basiert er seine Überlegungen auf der Kostenentwicklung der Elektrofahrzeuge der letzten fünfzehn Jahre.
In wenigen Jahren werde ein Elektroauto rund 21‘000 Dollar kosten. Die Kosten für Wartung und Antrieb seien aber um ein vielfaches tiefer als jene eines benzinangetriebenen Autos. «Das wird die Hersteller herkömmlicher Autos zerstören und ebenso die Erdölindustrie», sagt der Lehrbeauftragte der Universität Stanford.
Autobesitz macht keinen Sinn mehr
Hiermit ist er mit vielen Beobachtern im Silicon Valley einig. Und die Zukunftsvisionen gehen noch weiter. Es finden laut Beobachtern drei «disruptions» als Umstürze gleichzeitig statt, welche die Mobilität radikal verändern werden: Die Elektrofahrzeuge, die Selbstfahrtechnik, das Car-sharing.
Die Zukunft würde demnach folgendermassen aussehen: Autos werden durch die Städte kurven und Menschen abholen und dorthin bringen, wo sie fahren wollen. Seba sagt: «Es wird zehn Mal teurer sein, ein Auto zu kaufen, als ein selbstfahrendes Auto zu nutzen, wenn man es braucht. Es wird keinen Sinn mehr machen, ein Auto zu besitzen.»
Mehr Platz in den Städten
Autos werden heute 96 Prozent der Zeit auf einem Parkplatz stehen gelassen. Wenn sie alle fahren und Leute abholen würden, die irgendwohin wollten, dann bräuchte es viel weniger Autos. Neunzig Prozent weniger im Extremfall. Das hiesse: viel mehr Platz. In Los Angeles zum Beispiel ist ein Drittel der Fläche mit Parkplätzen übersät. Ohne sie würde sich die Stadt verwandeln.
Markt- und Technologieforscher Tony Seba erklärt: «Zum ersten Mal seit einem Jahrhundert werden wir die Gelegenheit haben, unsere Städte neu zu gestalten. Aus Parkplätzen können grüne Parks werden, Restaurants, Geschäfte, oder irgendetwas. Es wird aufs Mal viel Platz geben.»
Wird also die Technologie uns retten? Das alles tönt nach einem kalifornischen Traum. Tony Seba der Universität Stanford im Silicon Valley denkt, dass es so kommen wird. Und die schöne neue Zukunft wird laut seinen Prognosen so rasch da sein, dass wir bald sehen werden, ob sie zutreffen oder nicht.