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Mit diesen Worten leitete Friedrich Glauser im März 1934 einen
kurzen Lebenslauf zuhanden seiner opulenten Krankengeschichte ein. Seit zwei Jahren hielt
man ihn schon in psychiatrischen Kliniken und Strafanstalten fest und eben erst war ein
Antrag auf Entlassung abgelehnt und dafür die unbefristete Internierung bestätigt
worden. Dennoch bekundete Glauser mit scheuer Zuversicht, dass er die Frage der
Anpassung" wohl lösen werde, wenn es ihm nur gelinge, konzentriert zu schreiben und
seine vielfältigen Erfahrungen zu verwerten".
Im Jahr 1934 blickt der 38jährige Glauser auf ein unstetes Leben zwischen
adminstrativer Versorgung" und zivilem Ungemach zurück: in Wien geboren und
ohne früh verstorbene Mutter aufgewachsen, in der Schweiz für drei Jahre ins
Landerziehungsheim Glarisegg gesteckt, dann Rausschmiss und Matura in einer Privatschule
sind die ersten Stationen eines schwierigen Lebens, das bald in die
Liederlichkeit" abrutschte. Früh schon geriet Glauser in die verhängnisvolle
Spirale von Flucht, Sucht, Diebstahl, Haft und neuerlicher Flucht und wurde deshalb 1918
auf Betreiben des eigenen Vaters entmündigt.
Seiner Herkunft wohnt die Heimatlosigkeit inne. Die seltenen Tondokumente, die es von
Glauser gibt, lassen eine eigenwillige Sprache hören: einen wienerisch gefärbten
Schweizer Dialekt, der bei französischen Wendungen keine Mühe kennt. Von Vaters Seite
her war er bilingue; ein Talent, das er auch seinem knorrigen Wachtmeister Studer mitgab.
Diese hörbare Eigenheit verkörpert das gebrochene Verhältnis zu seiner Heimat. Glauser
wunderte sich einmal, warum gerade er als Schweizer auf die Welt gekommen" sei
und nun Schweizer Romane schreibe, die gar nicht schweizerisch sind,
weil alles von aussen gesehen ist und ich eigentlich wenig innere Beziehung habe zu den
Menschen, von denen ich schreibe".
Einen wesentlichen Grund besass diese Heimatlosigkeit im frühen Tod der Mutter.
Weisst, das einzige, worüber ich mich manchmal beklagen möchte, ist, dass meine
Mutter gestorben ist, wie ich vier Jahre alt war." Mit diesen Worten beschrieb
Glauser der Freundin Berthe Bendel seine empfindliche Stelle". Neben der
Prinzipienstrenge des Vaters und all seiner amtlichen Stellvertreter gerann die vermisste
Mutter zum Idealbild, das seinen Schatten gleichsam auf alle Frauen warf. Sie linderten
die ungestillte Sehnsucht und das ewige Alleinsein".
Allem Anschein nach hat der sensible, kluge Aussenseiter Glauser auf Frauen durchaus
Eindruck gemacht. Im Kreise von Kunst-Bohemiens und Anthroposophen lernte er 1919 in
Ascona die faszinierende Tänzerin Mary Wigman kennen. Wenig später trat an ihre Stelle
Liso Ruckteschell, dann kreuzten Trix Gutekunst, Miggi Senn oder die mütterliche Martha
Ringier seinen Lebensweg.
Keine von ihnen konnte Glauser jedoch weder von der Sucht noch von seinem Mutterideal
wegbringen. Glauser selbst sperrte sich dagegen, denn kaum nahm eine Beziehung
ernsthaftere Formen an, reagierte er mit ängstlichem Zaudern, als ob seine Treue zur
Mutter dadurch gefährdet wäre. Ihrem Ideal am nächsten kam wohl die ehemalige Pflegerin
Berthe Bendel. 1933 lernte sie Glauser in der Anstalt Münsingen kennen, weswegen sie
später den Dienst quittieren musste. Die Beziehung aber hielt stand.
In seiner Zeit mit Berthe hat Glauser den grössten Teil seiner Werke geschrieben. In
ihr erkannte er einen sicheren Punkt in meinem unsicherem Leben". Berthe
verstand und akzeptierte seine Launen, doch zur geplanten Hochzeit am 7. Dezember 1938
sollte es nicht kommen. Am Abend zuvor brach Glauser unter ungeklärten Umständen
zusammen und verstarb kurz danach. Eine Flucht im letzten Moment, um der Mutter die Treue
zu bewahren?
Selbst Berthes Fürsorglichkeit vermochte letztlich also Glauser nicht zu
retten". Seine Versuche, vom Morphium loszukommen, scheiterten schon deshalb,
weil Glauser die Droge brauchte, um der seit Mitte der dreissiger Jahre gestiegenen
Nachfrage nach seinen Texten gerecht zu werden. Einen Grossteil seiner 150 Erzählungen
und sieben Romane rang er sich in phasenweise hektischer und ungeordneter Produktivität
innert weniger Jahre ab.
Vor allem die fünf Kriminalromane um den rührigen Wachtmeister Studer begründeten in
dieser Zeit auch seinen Ruhm, der bis heute vorhält. Mit gutem Recht. Allerdings
überzeugen sie weniger durch ihren kriminalen Plot als durch ihre eigentümliche
Schreibweise. Zudem darf ihretwegen nicht vergessen werden, dass Glauser anderes mehr:
das Wichtigste" wie er sagt, geschrieben hat. Zum Beispiel den grossen Roman
"Gourrama" (1928-29), in dem er seine Jahre in der Fremdenlegion (1921-23)
schildert. "Gourrama" ist eine bedrückende, packende Studie über
Randexistenzen, die ihrem alten Leben den Rücken kehren und im Trupp der Trostlosen
Zuflucht suchen. Eine grell vibrierende Parabel für eine Existenz, in dem die Grenzen
zwischen Überdruss, Erschöpfung und Gewaltausbruch versengen und zerfliessen.
Erlebnisse aus der Legion hat Glauser auch in Erzählungen beschrieben
(Kif"). Direkter als die Romane vermitteln uns diese kürzern Arbeiten das Bild
eines Autors, der auf erzählerischem wie autobiographischem Feld suchte und die beiden
Felder miteinander verknüpfte. Das literarische Werk spiegelt eigenes Erleben, ist
gleichsam lebensgeschichtliche Inventur, und sucht dafür nach Stilformen, die ihr gerecht
werden können. "Damals in Wien" schildert die Jugendjahre und gibt ein Bild des
Vaters, der seinen Sohn nur als Versager wahrnahm; "Dada" und "Ascona"
schildern die wilden Zehnerjahre, als Glauser mit Dadaisten und Anthroposophen
Bekanntschaft schloss. "Morphium" befasst sich mit der Sucht, und
"Störenfriede" reflektiert die fürsorgliche Unterwerfung unter Psychiatrie und
Vormundschaft.
Zwei Schlüsselerzählungen - Im Dunkel", Unten" - versuchen
schliesslich die eigene kriminelle Biographie näher zu begründen. Diese beiden Texte
ragen heraus, weil sie das Aussenseitertum definieren und dessen Selbstbild entwickeln.
Der "unten" lebt, misstraut denen oben: den Stützen der Gesellschaft, den
autoritären Statthaltern der väterlichen Macht, an denen nie eine Schuld kleben bleibt.
Diese pragmatische Skepsis teilt auch der Wachtmeister Studer. Er bringt zwar Ordnung in
die Verhältnisse, doch heisst dies nicht, dass er die Täter um jeden Preis der Justiz
ausliefert. Aus eigenem Erleben kennt er die Biegsamkeit der Gesetze im Vollzug. Deshalb
hört er bei seinen Ermittlungen lieber auf sein untrügliches "Gspüri" und
zeigt hin und wieder sehr viel Verständnis für lässliche Rechtsbrüche von seiten der
armen Cheiben", die ohnehin verstossen, ausgenutzt und verdächtigt werden, ob
sie schuldig sind oder nicht.
Nirgends lässt Glauser seine künstlerische Meisterschaft heller aufblitzen, als wenn
er mit wenigen Worten und knappen Gesten ihre Charaktere und ihr Lebensumfeld skizziert.
In solchen Momenten wird die schwindelnde, klamme existentielle Angst, die allenthalben
umgeht und die armen Cheiben" zur Dummheit" verführt, fast
handgreiflich spürbar. Auch der ausgestossene Bürgersohn Glauser erfuhr sie, doch im
Unterschied zu jenen vermochte er sie zu beschreiben und so ein Stück weit von sich
wegzuschreiben. Was blieb, war seine Solidarität mit jenen, die dem bürgerlichen
Ordnungssinn mit ihrer subproletarischen Widersetzlichkeit trotzten.
Allein wie soll dies geschildert werden? Anders gefragt: Dürfen wir vom
Schicksal nur dann sprechen, wenn es glattgebügelt aussieht wie eine Hose? " Glauser
gab in seinen Geschichten die Antwort gleich selbst: inhaltlich wie formal. Sie
demonstrieren das Ringen um Formulierungen und Dramaturgien, das durchaus nicht immer
gelingen wollte. Oft steckt viel "Knorz" und Unausgegorenes in diesen Texten.
Gerade ihr sperriger, erdiger, dialektgefärbter Stil aber weist Glauser als grossartigen,
vollendeten Erzähler aus, dem ungeheuer dichte und wunderbar exakte Beobachtungen
gelingen; als einen, der, wie Bichsel schreibt, immer das Erzählen selbst erzählt und
"als einziger so erzählen kann, wie die schlechten Erzähler erzählen". Ihre
Lektüre vermittelt so stets auch Einblicke in einen zähen Produktionsprozess.
Gerade darin liegt ein Stück jener "Vermenschlichung" der Literatur, die
Glauser einmal gefordert hatte. Wie anders hätte der bevormundete, immer wieder
internierte, sensible, morphiumsüchtige, intellektuell unterschätzte Dichter seine
Geschichten aus der Untiefe des verpfuschten Lebens heraufholen sollen, wenn nicht
stockend, ohne Pathos und falschen Glanz? So brilliert dieser sonderliche Schriftsteller
Friedrich Glauser gerade durch sein anrührendes, spannendes Scheitern.