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Wie das Beispiel von Karl Lieblich exemplarisch zeigt, verbergen sich in den über 900 Laufmetern Akten des Bestandes PD-REG 3a (Personen- und Sachdossiers der Fremdenpolizei) Unterlagen von interessanten Persönlichkeiten, die auf eine Entdeckung und Aufarbeitung warten. Unter der Archivsignatur PD-REG 3a 25674 findet sich das schmale Fremdenpolizeidossier über Dr. Karl Lieblich, eine interessante Schriftsteller- und Juristenpersönlichkeit, die kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Basel war. Es ergänzt die übrigen Archivbestände; so befindet sich sein literarischer Nachlass im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Karl Lieblich wurde am 1. August 1895 als Sohn eingewanderter Ostjuden in Stuttgart geboren. Nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Schulzeit im Jahre 1913 begann er in Strassburg Jura zu studieren, nachdem er zuvor einen kurzen Abstecher in Medizin und Philosophie gemacht hatte. Später führten ihn seine Studien nach Leipzig und Tübingen, wo er im Herbst 1920 sein juristisches Staatsexamen ablegte. Sein Studium wurde allerdings durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, zu dem er sich als Kriegsfreiwilliger gemeldet hatte, und der ihn unter anderem nach Russland, Frankreich und Flandern geführt hatte.
Der Schriftsteller
Lieblich betätigte sich bereits während seiner Schulzeit schriftstellerisch, indem er Gedichte schrieb, die allerdings nicht veröffentlicht wurden. Dies änderte sich 1914 mit der Veröffentlichung eines Gedichtbandes, der von Bertolt Brecht in verschiedenen Zeitungen wohlwollend rezensiert wurde. Auch während seiner Militärdienstzeit betätigte sich Lieblich schriftstellerisch, indem er für verschiedene Zeitungen Kriegsberichte und Gedichte veröffentlichte. Allerdings fielen diese teilweise der Zensur zum Opfer.
Seine ersten Berufserfahrungen nach dem juristischen Staatsexamen im Herbst 1920 sammelte Lieblich in Stuttgart, wo er als Referendar arbeitete. 1921 promovierte er beim Tübinger Rechtsprofessor Arthur Benno Schmidt und 1923 eröffnete er eine eigene Anwaltskanzlei in der Stuttgarter Königsstrasse. Daneben berichtete er für verschiedene Tageszeitungen über das städtische Kulturleben und versuchte sich als Schriftsteller zu etablieren.
Ein wichtiger Meilenstein in seiner schriftstellerischen Laufbahn erfolgte 1923, als Lieblich das Novellenbändchen Die Traumfahrer im Jenaer Eugen-Diederichs-Verlag veröffentlichen konnte. Es folgten 1924 im selben Verlag die Novellensammlung Die Welt erbraust und 1926 das Buch Das proletarische Brautpaar. Sein 1928 eingereichtes Manuskript Rausch und Finsternis, das die Pogrome in der Ukraine und das Leiden der dortigen jüdischen Bevölkerung während des Russischen Bürgerkriegs zum Thema hatte, wollte der Verlag jedoch nicht veröffentlichen. Die Begründung dazu lautete: Der Stoff sei für das Verlagsprogramm zu entlegen.
Umschlag des Novellenbändchens Die Traumfahrer.
Jüdische Identität
Dass sich Lieblich in dieser Novelle mit einem Thema aus der jüdischen Geschichte beschäftigte, kommt nicht von ungefähr und hängt mit der Wiederentdeckung seiner eigenen jüdischen Identität in jenen Jahren zusammen, die unter anderem auch eine Folge des erstarkenden Antisemitismus in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg war. Der Stuttgarter Schriftsteller wurde, wie der russische Historiker Simon Dubnow in seinem als Entwicklungsroman konzipierten Buch des Lebens treffend bemerkte, vom Antisemitismus ans jüdische Ufer geschwemmt. Lieblich beschäftigte sich in der Folge intensiv mit dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, mit dem er über einen längeren Zeitraum auch korrespondierte.
Lieblichs Auseinandersetzung mit dem Judentum floss in mehrere Vorträgen und Abhandlungen ein, die sich mit den Fragen auseinandersetzten, die die jüdische Öffentlichkeit in Deutschland in jenen Jahren stark beschäftigte. So setzte sich Lieblich mit dem Antisemitismus auseinander und versuchte die Gründe dafür zu erläutern. Ausserdem beschäftigte er sich mit der sogenannten Judenfrage. Dabei entwickelte er ein eigenes Gesellschaftsmodell, das die Diaspora der Juden als natur- und gottgegeben betrachtete und das jüdische Volk als sogenanntes Gürtel- und Mörtelvolk zwischen den übrigen Völkern definierte. Lieblich orientierte sich bei seinen Überlegungen an den kulturellen Minderheitenkonzepten in Ost- und Mittelosteuropa, welche auf den von den beiden Austromaxisten Karl Renner und Otto Bauer entwickelten Theorien der personalen Autonomie basierten und welche anlässlich der Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg insbesondere in jüdischen Kreisen heftig diskutiert wurden. Konkret forderte Lieblich von der internationalen Staatengemeinschaft die völkerrechtliche Anerkennung des jüdischen Volkes als interterritoriale Nation.
Umschlagbild der Schrift: Was geschieht mit den Juden. Öffentliche Frage an Adolf Hitler, von 1932.
Den kultur- und gesellschaftspolitischen Visionen Lieblichs war allerdings kein durchschlagender Erfolg beschieden. Die zu diesem Thema in Stuttgart gehaltenen Vorträge blieben ein regionales Ereignis und warfen über den lokalen Raum hinaus kaum grössere Wellen. Ausserdem kamen seine Bemühungen zur Verbreitung seiner Ideen nicht über ein Anfangsstadium hinaus, trotz der Gründung des sogenannten Bundes für Neues Judentum. Ein wenig mehr Resonanz erhielt Lieblich erst mit der Veröffentlichung des Sammelbandes Wir jungen Juden. Drei Untersuchungen zur jüdischen Frage im Jahre 1931 und Was geschieht mit den Juden? Öffentliche Frage an Adolf Hitler im Jahre 1932. Die Rezensenten urteilten jedoch fast durchwegs negativ und lehnten die von Lieblich gemachten Vorschlägen mehrheitlich ab.
Spuren im Staatsarchiv
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 verschlechterte sich die Situation der Juden in Deutschland rapide, und Lieblich sah sich genötigt, über eine Auswanderung aus Deutschland nachzudenken. 1935 konkretisierten sich diese Pläne, als Lieblich eine Studienreise nach Kolumbien machte, um dort die Verhältnisse für eine etwaige Auswanderung zu evaluieren. Es folgten Reisen unter anderem nach Holland, Belgien, Frankreich, England, Italien und in die Schweiz, welche der Vorbereitung seiner Emigration aus Deutschland und der Erweiterung seiner beruflichen Tätigkeit dienten.
Anmeldeformular vom 7.1.1937. Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG 3a 25674
Dies zeigen die verschiedenen Aufenthalte von 1937 in Basel, die durch die Unterlagen der Basler Fremdenpolizei recht gut dokumentiert sind. So reiste Lieblich am 3. Januar jenes Jahres nach Basel, um eine Auswanderung in die Schweiz zu prüfen. Dies bot sich insofern an, als Lieblich mit Paul und Rudolf Lieblich zwei Vettern in der Region Basel hatte, die einen Eier- und Früchteimport betrieben. Allerdings konnte er sich wie die meisten jüdischen Flüchtlinge nicht dauerhaft in der Schweiz niederlassen, das heisst, er erhielt wegen sogenannter Überfremdung nur eine Aufenthaltsbewilligung zwecks vorübergehender Wohnsitznahme. Seinen temporären Wohnsitz hatte er gemäss den Unterlagen der Basler Fremdenpolizei bei einem gewissen Karl Trächslin an der Steinenvorstadt 12. Knapp zehn Tage später verliess Lieblich Basel jedoch bereits wieder und kehrte nach Stuttgart zurück, vermutlich auch darum, weil sein Pass am 16. Januar ablief. Ende Februar reiste er mit einem Touristenvisum nach Brasilien, wo er sich nach seinen eigenen Angaben definitiv niederlassen konnte. Voraussetzung für eine Niederlassungsbewilligung in Brasilien war allerdings eine technische Ausbildung und ein gewisses Vermögen, eine Bedingung, die Lieblich mit der Gründung einer eigenen Druckerei zu erfüllen suchte. Zu diesem Zweck kehrte der Stuttgarter Schriftsteller am 30. September des gleichen Jahres nach Basel zurück, wo er zunächst die hiesige Gewerbeschule besuchen wollte. Per Zufall lernte er jedoch «einen Herrn kennen, der den Wunsch hatte, nach Übersee auszuwandern» und der auch bereit war, die technische Leitung seines zukünftigen Betriebes in Brasilien zu übernehmen. Aus diesem Grund hielt es Lieblich für sinnvoll, sich «in dessen Einrichtung bzw. in der seiner geschiedenen Frau auf [seinen] zukünftigen Beruf soweit vorzubereiten, als es die Kürze der Zeit erlaubt».
Im brasilianischen Exil
Am 12. Dezember schliesslich verliess Lieblich die Schweiz definitiv und reiste über Genua nach Brasilien zurück, wo er am 30. Dezember Santos im Bundesstaat São Paulo erreichte. Seine Familie konnte hingegen erst im Frühjahr 1938 nach Brasilien emigrieren: Nach einer fast zwei Monate andauernden und nervenaufreibenden Reise erreichten seine Frau Olga Lieblich und die Kinder im Juli 1938 schliesslich ebenfalls die Hafenstadt Santos.
Mit den im Herbst 1938 aus Europa eingetroffenen Druckmaschinen und Schnellpressen gründete Lieblich eine kleine Buchdruckerei, die allerdings kaum Gewinn abwarf. Aus diesem Grund veräusserte er die Druckmaschinen, gründete ein grafisches Importunternehmen und versuchte sich als Immobilienmakler. Diese Aktivitäten erwiesen sich als erfolgreich und warfen ab 1944 genügend Gewinn ab, um sich und seiner Familie in Brasilien ein Mittelstandsleben zu ermöglichen. Allmählich fand Lieblich auch wieder Zeit, sich der Schriftstellerei zu widmen, wobei er allerdings nichts veröffentlichen konnte. Inspirieren liess er sich dabei von seiner brasilianischen Umwelt, wie die zahlreichen Manuskripte im Deutschen Literaturarchiv Marbach bezeugen.
Nachkriegsjahre
Bereits 1948 kehrte Lieblich wieder nach Stuttgart zurück. Trotz verschiedener Bemühungen konnte er nicht mehr an seinen bescheidenen literarischen Erfolg aus den Zwischenkriegsjahren anknüpfen, und seine Bestrebungen um eine Neuveröffentlichung seiner Werke blieben erfolglos. Dies war wohl auch der Grund, warum er seinen um das Jahre 1982 entstandenen religionsphilosophischen Vortrag Die Geheimnisse des Maimonides in dem kleinen Stuttgarter Verlag seines Schwiegersohnes veröffentlichen ließ. Darin schlug Lieblich eine Brücke zu jenen drei Vorträgen, die er zwischen 1928 und 1930 in Stuttgart gehalten und 1931 unter dem Titel Wir jungen Juden. Drei Untersuchungen zur jüdischen Frage veröffentlicht hatte.
Karl Lieblich starb am 1. März 1984 im Alter von 88 Jahren in Stuttgart. Die Schriftstellerin Käte Hamburger würdigte ihn in einem Nachruf als einen Dichter von erstaunlicher sprachlicher Kraft. Eine pointierte Aussage, die sich durch die Lektüre seiner Werke von jedem überprüfen lässt.