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Seit der Katastrophe vom 11. März 2011 gelangen täglich geschätzte 400 Tonnen (ca. 400’000 Liter) Grundwasser unbeabsichtigt in die Kernkraftanlage Fukushima. Dieses Wasser wird nicht für die Kühlung der Reaktoren verwendet, sondern fliesst aus topographischen Gründen auf das Fukushima Gelände und wird dort verseucht. Die Wassermengen werden vorerst in riesigen Tanks gespeichert, welche heute schon zu über 80 Prozent gefüllt sind. Die Frage, was längerfristig mit den zunehmenden Wassermassen geschehen soll, ist bisher ungelöst.
Die aktuelle Lage ist besonders prekär, da im April in drei der sieben unterirdischen Wassertanks Lecke entdeckt wurden. Seitdem sind offenbar rund 120 Tonnen kontaminiertes Wasser ausgelaufen und im Boden versickert. Nachdem das System offensichtlich nicht dicht ist, sollen nun alle sieben Behältnisse, und damit Speicherplatz für 60‘000 Tonnen Wasser, ausgepumpt werden. Wie es zu den Lecken kommen konnte, ist noch unklar. Allerdings betonte ein Vertreter der nationalen Environmental Safety Group in einer japanischen Fernsehsendung, dass einige Sicherheitskomponenten bei der Abdichtung schlicht nicht berücksichtigt wurden (vgl. Videobeitrag). Die Betreiberfirma Tepco räumte daraufhin ein, dem Wasserproblem zu wenig Beachtung geschenkt zu haben und jetzt mit den nahezu zeitgleichen Pannen in drei Auffangbecken „überfordert“ zu sein. Experten nehmen an, dass bis zur kompletten Leerung der Becken weiterhin Wasser in den Boden, in das Grundwasser und schliesslich ins Meer geleitet wird.
2011 erwägte Tepco den Bau von Betonmauern, die das Grundwasser daran hindern sollten, überhaupt in die radioaktiv verseuchte Anlage zu fliessen. Dadurch hätten die jetzigen Probleme möglicherweise verhindert oder reduziert werden können! Dennoch wurden die entsprechenden Massnahmen nie umgesetzt. Endlich soll jetzt zumindest eine Art Bypass im Boden installiert werden, um einen Teil des Grundwasserflusses zurückzuhalten. Allerdings kann Tepco damit die einströmenden Wassermengen nicht gänzlich stoppen, sondern nur auf etwa die Hälfte reduzieren. Zusätzlich wird eine Reinigungsanlage gebaut, welche das Wasser von den meisten Schadstoffen befreien soll. Das radioaktive Wasserstoff-Ion Tritium kann jedoch nicht aus dem Wasser gefiltert werden. Tritium wird in geringeren Mengen auch durch natürliche Prozesse, besonders aber durch nukleartechnische Anlagen und Forschungszentren freigesetzt, da es sich durch keine Schutzmaterialien aufhalten lässt! Gemäss einer umfassenden Studie des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (bfs) wirkt das Element z.B. für Anwohner im nahen Umkreis von AKWs nachweislich krebserregend. Zudem kann es die Genstruktur von Lebewesen dauerhaft verändern. In Japan plante Tepco zunächst, das „gereinigte“ Wasser – welches immer noch sehr hohe Tritium-Werte aufweist – direkt ins Meer zu leiten. Der Widerstand aus der Bevölkerung hat die Atomkraftwerkbetreiber aber (bisher) von dieser Idee abgehalten. Bereits vor zwei Jahren hatte man in Fukushima grosse Mengen „leicht“ verseuchtes Wasser ins Meer fliessen lassen, um Platz für das neue, schwer kontaminierte Wasser zu schaffen.
Wir waren so auf die Brennstäbe und die geschmolzenen Reaktorkerne konzentriert, dass wir das Wasserproblem unterschätzt haben.
Tatsujiro Suzuki, Japanische Atomenergie-Kommission
Die Langzeitfolgen der Grundwasser- und Meeresverschmutzung sind ungewiss. Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hat in Modellrechnungen die künftige „Route“ der radioaktiven Partikel im pazifischen Ozean prognostiziert. Die Forscher erwarten, dass sich die Radioaktivität innerhalb der nächsten Jahre im ganzen Nordpazifik verteilen und schliesslich Nordamerika erreichen wird. Da die starke Kontaminierung mittlerweile durch die Strömungen erheblich „verdünnt“ wird, geben einige Politiker gerne Strahlen-„Entwarnung“. Wie der WWF-Meeresexperte Stephan Lutter betont, dürften die Meeresorganismen jedoch drastische Folgen davontragen (vgl. Interview). Die radioaktiven Partikel sammeln sich – auch wenn sie unter bestimmten Grenzwerten liegen – in den Meeressedimenten und der gesamten Nahrungskette an. Besonders langlebige Fische und Meeressäuger werden mit aller Wahrscheinlichkeit grosse nachhaltige Schäden erleiden. Je nach Halbwertszeit der radioaktiven Stoffe, können sich diese über Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende aufrechterhalten.
Vorerst wird sich das verseuchte Wasser der Fukushima-Ruine weiter in immer mehr Tanks und Behältern ansammeln. Doch selbst wenn nicht noch mehr davon – versehentlich oder absichtlich – auslaufen sollten, ist die Lagerstätte in Anbetracht möglicher weiterer Erdbeben, Unwetter oder Tsunamis alles andere als ungefährlich. Das Wasserproblem in Fukushima erinnert stark an die allgemeine Frage der Atomendlagerung und die Fahrlässigkeit der Verantwortlichen: Berge von AKW-Abfällen stehen weltweit an willkürlichen Plätzen unter freiem Himmel und warten seit Jahren darauf, halbwegs „sicher“ entsorgt zu werden…