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Geschichte
Herausforderungen und Vorgehen der Wehrmacht im Stadtkampf
Dem vorliegenden Band liegt eine Dissertation an der Universität Bern aus dem Jahre 2010 zugrunde, die sich unter operationsgeschichtlichen Aspekten der Frage widmet, wie die Wehrmacht in den ersten drei Kriegsjahren den Stadtkampf bewältigte und welche Lehren sie aus ihren Erfahrungen zog und wie sie diese umsetzte.
Zu diesem Zweck stellt der Autor in einem ersten Abschnitt die deutschen Erfahrungen und Gefechtsgrundsätze im Stadtkampf vor 1939 vor, wobei "Stadtkampf" hier ausdrücklich von Kämpfen in kleineren "Orten" und von "Häuserkampf" differenziert wird, so dass der Autor zur Abgrenzung auf Kampfhandlungen regulärer Streitkräfte in einer nicht kleinen bebauten Zone abstellt, wobei ein expliziter Wille zur Verteidigung der Stadt vorhanden sein muss. Es wird herausgestellt, dass diese Aspekte in den Erfahrungsberichten und Vorschriften vor 1939 keine entscheidende Rolle spielten und bestenfalls randlich behandelt wurden, da der Kampf in größeren Städten keine Rolle spielte.
Als erstes Fallbeispiel behandelt der Autor den Fall der Eroberung Warschaus im September 1939 mit kurzen Ausblicken auf weitere Stadtkämpfe in den kurzen Feldzügen 1940/41. Nach einer Schilderung des Schlachtverlaufs schließt sich ein Abschnitt über die operativen Ansätze der Wehrmacht an. Es folgen Untersuchungen der deutschen Taktik, der Führungstaktik und der Logistik.
Nach einem Überblick über die Eroberung von Städten während der Anfangsphase des Feldzugs gegen die Sowjetunion folgt als zweites Fallbeispiel die Eroberung von Dnepropetrovsk im Jahre 1941, aufgebaut entsprechend dem vorigen Beispiel Warschau. Im Anschluss widmet sich Wettstein ausführlich den deutschen Plänen zur Eroberung Leningrads in den Jahren 1941 bis 1943, bevor als drittes Fallbeispiel der Angriff auf Novorossijsk untersucht wird. Das ausführlichste Einzelfallbeispiel stellen - fast schon zwingend - die Kämpfe in und um Stalingrad dar, die gleichsam als chronologischer Schlusspunkt der Untersuchung dienen, während die Stadtkämpfe der zweiten Kriegshälfte unter der Überschrift "Stadtkampf als Untergang" nur mehr zusammenfassend behandelt werden, was aufgrund des eher defensiven Charakters der Kriegführung der Wehrmacht in diesen Fällen durchaus nachvollziehbar ist.
Im Anschluss an die Fallbeispiele untersucht Wettstein die Ausbildung und Ausrüstung der deutschen Truppen im Stadtkampf, aufgeteilt in die Abschnitte "Infanterie", "Pioniere", "Leichte Infanterie" und "Sturmgeschütze", bevor ein zusammenfassendes Schlusskapitel die Untersuchung abrundet.
Letztlich kann Wettstein in beeindruckender Manier die Probleme der Wehrmacht im Rahmen der Stadtkämpfe im Osten darstellen, angefangen von den grundsätzlichen Diskrepanzen der Anforderungen von Blitzkrieg und Vernichtungsfeldzug bis hin zur teilweise desaströsen Versorgungslage. Andererseits kann der Autor klar die Rolle herausarbeiten, die die Führungstaktiken des "Führens von Vorne" und des "Führens mit Auftrag" zum Erreichen der Ziele beigetragen haben, oft trotz widriger Umstände. Er zeigt auf, dass das Lernpotential der Wehrmacht sich als erstaunlich hoch erwiesen hat, und zwar bei Verbänden scheinbar unterschiedlicher Güte gleichermaßen, und dass diese Tatsache selbst im Falle von Stalingrad, wo die Wehrmacht von Beginn an in Unterzahl antreten musste, erstaunliche Erfolge ermöglichte.
Negativ anzumerken ist, dass der Lesefluss unangenehm gebremst wird, da die Zahl der Rechtschreib- und Grammatikfehler einen erschreckenden Umfang erreicht und manch Satz dadurch erst beim zweiten Lesen verständlich wird. Spätestens die Tatsache, dass die Artillerie konsequent "Speerfeuer" schießt und die Pioniere mit "Speeraufgaben" betreut werden, versetzt den Leser in ungläubiges Staunen. Dies ist umso bemerkenswerter, als der Autor seinerseits Fehler in den zitierten Dokumenten durchaus erkennt und mit "sic!" markiert. Der Autor konstatiert mehrfach, dass das Fehlen detaillierter Stadtpläne und/oder Aufklärungsfotos der Wehrmacht durchaus beträchtliche Probleme verursacht habe - leider lässt er den Leser die Stichhaltigkeit dieser Argumentation aber dadurch spüren, dass die Schilderungen der Kämpfe teilweise hart am Rande der Verständlichkeit sind, da er selber ebenfalls keine Detailkarten abbildet. Es wäre wünschenswert, wenn solche Mängel in einer möglichen zweiten Auflage behoben werden könnten.
Trotz der formellen Kritik soll die Leistung des Autors jedoch nicht geschmälert werden, der eine beeindruckende operationsgeschichtliche Untersuchung vorgelegt hat, wie sie leider gerade in der deutschsprachigen Literatur viel zu selten vorgelegt werden. Insofern bleibt zu hoffen, dass das von Wettstein aufgezeigte Potenzial, dass in einer solchen Untersuchung liegt, den Anlass für weitere Studien dieser Art bieten möge, und die unschönen formalen Fehler in einer möglichen zweiten Auflage berichtigt werden.