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Während einigen Milliarden Jahren nur hatte das Leben auf der Erde die Gelegenheit, Intelligenz hervor zu bringen – und wie es scheint, hat es diese Chance gerade noch genutzt. Was uns das über die Häufigkeit von ausserirdischen Zivilisationen lehrt…
Von Supertankern und Frühlingsgesängen
Anders gefragt: was haben die Lebensdauer der Sonne (bzw. die Zeit, in der sie die Entwicklung intelligenten Lebens auf der Erde zulässt) und die Geschwindigkeit, mit der die Evolution auf der Erde eine intelligente Spezies hervor bringt, miteinander zu tun? Genau, gar nichts. Wäre die Lebensdauer der Sonne grösser oder kleiner, man würde nicht erwarten, dass dies die Geschwindigkeit der Entwicklung intelligenter Spezies auf der Erde beschleunigt oder gebremst hätte. Auch umgekehrt nicht: die Geschwindigkeit, mit der sich eine intelligente Spezies entwickelt, hat keinerlei Einfluss auf die Lebensdauer der Sonne. Und doch dauern beide offenbar ähnlich lange: etwa 4-5 Milliarden Jahre.
Ein Zufall? Vielleicht. Aber die Chance, dass zwei beliebige Prozesse, die nichts miteinander zu tun haben, ausgerechnet im gleichen Tempo ablaufen, ist sehr klein. Man würde nicht erwarten, dass der Bau eines Supertankers und die erste Frühlingsmelodie einer Blaumeise gleich lang dauern. Oder die Lösung eines durchschnittlichen Sudoku-Rätsels und der Zerfall von 10% eines 10-Gramm-Stücks Technetium. In der Regel liegen die Zeitspannen von Prozessen, die nichts miteinander zu tun haben, um einige Grössenordnungen (10 Mal, 10000 Mal, 10 Millionen Mal…) auseinander. Doch was heisst das für die Lebensdauer der irdischen Biosphäre (bzw. der Sonne) und der Dauer, bis sich intelligentes Leben entwickelt?
Wenn wir davon ausgehen, dass die beiden Prozesse nichts miteinander zu tun haben, und deshalb auch „eigentlich“ unterschiedlich lange dauern sollten, gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entweder, die Zeit, die es braucht, bis sich in einer Biosphäre intelligentes Leben entwickelt, dauert im Schnitt sehr viel weniger lang als die Lebensdauer des Sterns oder der Biosphäre des Planeten. Oder aber, es dauert im Schnitt sehr viel länger.
Im ersten Fall wäre es also so, dass sich auf der Mehrheit aller lebensfreundlichen Planeten im Universum Leben in kürzester Zeit bildet und eine intelligente Spezies hervor bringt. Bereits nach wenigen Millionen Jahren (um irgend eine Zahl zu nennen, man könnte sie auch grösser oder kleiner ansetzen), wäre bereits eine intelligente Spezies da. Dann müsste es im All nur so wimmeln von intelligenten Spezies. Die Entwicklung auf der Erde wäre eine sehr seltene Form der stark verzögerten Entwicklung, hier dauerte es einfach ausserordentlich lange (ganze 4.5 Milliarden Jahre), bis sich intelligentes Leben entwickelte. Natürlich wäre dieses Szenario möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich: dass wir ausgerechnet zu jenen paar wenigen intelligenten Spezies gehören, die (im Vergleich mit den anderen) so extrem lange gebraucht haben, bis sie sich entwickelt haben, die Chance dafür ist sehr klein. Wir sind mit grosser Wahrscheinlichkeit „typisch“, und dieses Szenario dürfte deshalb nur mit einer sehr kleinen Wahrscheinlichkeit eintreten.
Wie wäre es aber im zweiten Fall? In diesem Fall würde die Entwicklung intelligenter Spezies im Schnitt sehr viel länger als 4.5 Milliarden Jahre dauern, sagen wir, vielleicht 10 Billiarden Jahre. So alt ist das Universum definitiv noch nicht, womit die Entwicklung hin zum intelligenten Leben auf der Erde erstaunlich schnell, ja mit geradezu rasender Geschwindigkeit geschehen wäre. Nun könnte man die Argumentation oben wieder aufgreifen und einwenden, „ha, aber warum hat es bei uns denn so viel weniger lang gedauert? Ist das nicht auch einfach unwahrscheinlich?“ Das Problem ist, es gibt keine Sterne, die so extrem lange stabil leuchten. Nach allem, was wir von der Erde wissen, hängt ihre Lebensfreundlichkeit zudem nicht nur von der Sonne, sondern auch von ihr selbst ab: So gäbe es wohl kein Leben auf der Erde ohne die Plattentektonik: nur die stetige Erneuerung von Oberflächengesteinen führte überhaupt zur Bildung von Kontinenten und stellt sicher, dass diese von der Erosion nicht einfach wieder in den Ozean „gewaschen“ werden. Nur dank der Plattentektonik wird die Erdatmosphäre konstant erneuert und mit lebensotwendigem Kohlendioxid angereichert. Doch die Plattentektonik ist aus geologischer Sicht nichts anderes als der Versuch der Erde, überschüssige Wärme aus dem Inneren loszuwerden. Diese Wärme kommt aus dem Zerfall radioaktiver Elemente sowie aus der Entstehungszeit der Erde und baut sich langsam ab. Vermutlich würde die irdische Biosphäre auch ohne zunehmende Sonnenaktivität irgendwann kollabieren, nämlich dann, wenn die Erde soweit ausgekühlt ist, dass die Plattentektonik zusammenbricht und sich die Kruste rund um die Erde für alle Zeiten verfestigt. Das heisst, das Fenster für intelligentes Leben steht nur einige Milliarden Jahre lang offen, sowohl von Seiten unserer Sonne als auch von Seiten der geologischen Rahmenbedingungen her. Intelligenz tritt somit nur auf jenen Planeten auf, auf denen sie zufälligerweise innert der wenigen Milliarden Jahre, die dafür zur Verfügung stehen, auftritt. Auf den allermeisten anderen lebensfreundlichen Planeten wird dies nicht der Fall sein.
Abschied von der zwangsläufigen Entwicklung von Intelligenz
Wir Menschen haben die Tendenz, in der Entwicklung von Bakterien über Vielzeller, erste Landtiere und schliesslich Menschen eine gewisse zielgerichtete Entwicklung zu sehen, ein Fortschritt der mit uns seinen Abschluss oder zumindest seine vorläufige Krönung gefunden hat, als ob die Entwicklung von Intelligenz irgendwie zwangsläufig wäre. Doch die Evolution zeigt uns, dass dieses Bild absolut falsch ist. Der grösste Teil der biologischen Aktivität auf unserem Planeten wird von Bakterien ausgemacht, weit abgeschlagen folgen kleine Insekten und Plankton, und erst unter „ferner liefen“ gibt es auch noch einige grosse komplexe Mehrzeller (Tiere, Pflanzen…) an Land und zu Wasser. Doch die Natur kennt keinen Massstab, an dem sich „Fortschritt“ messen liesse: die höhere Komplexität erkaufen sich diese Mehrzeller mit hohen Ansprüchen an die Stabilität der Umwelt. Kein Wunder also, dass diese komplexen Mehrzeller auch mal durch Asteroideneinschläge und Vulkanausbrüche mimosenhaft aussterben, während Bakterien unbehelligt weiterexistieren. Die Entwicklung von biologischen Merkmalen (sowohl innerhalb der Bakterien als auch innerhalb der Mehrzeller) wird durch zufällige Mutation und nachfolgender Auslese bestimmt. Die Chance, dass sich ein ganz bestimmtes Merkmal entwickelt, ist für sich genommen winzig klein. Zu behaupten, Intelligenz müsse sich zwangsläufig entwickeln, ist etwa so abwegig wie die Behauptung, auf jedem Planeten, auf dem es Mehrzeller gibt, müsse sich zwangsläufig früher oder später ein Pfauenrad entwickeln. Oder Walgesang. Oder Känguru-Beuteltaschen (man beachte, dass die Entwicklung von Intelligenz vermutlich sehr viel komplexer war und mehr Mutationen erforderte als all diese vergleichsweise simplen Entwicklungen).
Wir denken, weil wir denken können
Die Situation wird zusätzlich durch das sogenannte „anthropische Prinzip“ verkompliziert. Eine Zivilisation, die in der Lage ist, über ihre eigene Existenz nachzudenken, kann nur unter ganz bestimmten Bedingungen entstehen – sie darf sich deshalb nicht wundern, wenn bei ihrer Entstehung sehr viel „Glück“ im Spiel war, das heisst, wenn sich heraus stellt, dass ihr Heimatplanet etwa in vielerlei Hinsicht „extrem“ ist im Vergleich mit anderen Planeten. Die Erde ist genau richtig weit von der Sonne entfernt, nicht zu nah, nicht zu fern. Sie hat genau die richtige Menge Wasser, um Ozeane und Kontinente aufzuweisen. Ihr Mond ist gerade gross genug, um ihre Achse zu stabilisieren, aber doch klein genug, dass die Rotation der Erde dadurch nicht allzu stark gebremst wurde. Der Planet ist gerade gross genug, um über Plattentektonik und damit über einen aktiven Kohlendioxidzyklus zu verfügen, aber doch klein genug, um nicht als vulkanische Treibhauswelt wie die Venus zu enden. Wohin wir auch schauen, unser Planet scheint in jederlei Hinsicht ideal dafür abgestimmt, um irgendwann intelligentes Leben hervorzubringen: aber genau das würde man erwarten, denn der Planet HAT ja tatsächlich intelligentes Leben hervorgebracht (wem nicht sofort klar ist, wer hier mit „intelligentes Leben“ jeweils gemeint ist: Der Mensch 🙂 ). Da wir wissen, dass es viele andere Planeten geben muss, erstaunt diese Beobachtung nicht: wir sitzen logischerweise auf genau jenem unter vielen Myriaden von Planeten, der uns hervorbringen konnte – und das auch in der notwendigen Geschwindigkeit tat. Eine ähnliche Beobachtung der genausten Feinabstimmung von Naturkonstanten, die nötig war, um ein „lebensfreundliches“ Universum hervorzubringen, legt nahe, dass unser Universum nur eines von vielen ist – wir leben in jenem, das uns hervorbringen kann, und dieses erscheint uns dann genaustens abgestimmt (dazu ein anderes Mal mehr).
Viel Platz für die Menschheit
Das Ergebnis dieser Überlegungen ist, dass Leben im Universum durchaus häufig sein kann, ja auch komplexes Leben kann realtiv häufig auftreten – aber da Intelligenz nur eines unter vielen Zigillionen denkbaren biologischen Merkmalen ist, sollte es uns nicht verwundern, wenn ausserirdische Zivilisationen selten sind. Natürlich, bei der fast unermesslichen Weite des Alls bedeutet das immer noch, dass es da draussen viele Millionen Zivilisationen geben könnte – aber eben nicht in unserer Milchstrasse, nicht direkt vor unserer Haustür, sondern viele Millionen Lichtjahre entfernt, in fernen Galaxien und weit ausserhalb der Reichweite von SETI. Die Beobachtung, dass raumfahrende Aliens offenbar rar sind, genauso wie das Fermi-Paradoxon lassen sich so gut erklären: es gibt einfach zu wenig Intelligenz, zu wenig Zivilisationen, zu wenig raumfahrende Zivilisationen da draussen im All, zu viel Zeit und Raum zwischen ihnen, als dass wir ihnen demnächst (oder jemals) begegnen könnten. Das All ist wüst, leer und unberührt, nicht, weil sich da jemand vornehm zurückhalten würde, sondern weil schlicht und einfach zu wenige von ihnen da sind, als nötig wäre, um dieses Bild zu ändern.
Die Menschheit ist nicht allein im Universum, aber sie hat enorm viel Platz zur Verfügung. Hoffen wir, dass sie ihre Zeit nutzen wird.