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Die Burg Bran, sie scheint einem Märchen entschlüpft zu sein, wird zu Werbezwecken als Dracula’s Schloss verkauft.
Nahe bei diesem castelul wurde Noah, unser Enkelsohn, am ersten heissen Julisamstag getauft.
Vor der Taufe, sie war auf 12 Uhr angesetzt, stärkten wir uns mit herrlichem Kartoffelbrot, Eier, Käse, Aufschnitt, Tomaten und Gurken.
Während wir vor der Kirche warteten, erkundete ich die Familiengräber auf dem anliegenden Friedhof.
An oberster Stelle der Kreuze stehen die Namen, das Geburts- und Todesdatum der Verstorbenen.
Dann folgen die Namen und Geburtsdaten der noch lebenden Familienmitglieder und ein leeres Feld, welches unausweichlich einmal beschriftet sein wird.
Um 11:59 Uhr brauste der Priester, bekleidet mit einem weissen Gewand, in einem Geländewagen an und scheuchte alle Wartenden in das Gotteshaus, wo wir uns einen Stehplatz suchten.
In allen orthodoxen Kirchen, welche wir auf unserer Reise besichtigten, gab es sehr wenige Sitzgelegenheiten.
Noah auf dem Arm seiner Mutter, seine Taufpatin und sein Taufpate verharrten im Eingangsbereich, den Rücken der Taufgesellschaft zugewandt.
Der Priester las im Schnellzugstempo die ersten Passagen des Tauftextes vor.
Noah’s Vater wartete in der Kirchenmitte neben dem Taufbecken, welches vom Sigrist nach und nach mit Wasser gefüllt wurde.
Bevor der Täufling ausgezogen und dreimal bis zur Brust ins Becken getaucht wurde, umrundeten die Tauffamilie, Gotte und Götti dreimal das Taufbecken, dem Priester folgend.
Das Gebrüll von Noah nach der unerwarteten Erfrischung verunsicherte den Priester nicht wirklich.
Er schien Übung mit Kindern zu haben. In der Orthodoxen Kirche werden auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht. Nach der Priesterweihe sind ledige Männer hingegen zum Zölibat verpflichtet.
Sanft trug der Geistliche Noah an einzelnen Körperstellen Öl auf und schnitt ihm ein wenig Kopfhaar ab. Dieses legte er in ein Schächtelchen, welches jetzt im Besitz der Taufeltern ist.
Niemand störte sich daran, dass es einem Anwesenden nicht gelang, einen eingehenden Zoom-Anruf zu unterbinden.
Meine Blicke schweiften immer wieder ab. Die Farbenpracht der orthodoxen Kirche faszinierte mich.
Jeder Zentimeter der Wände und Decken leuchtete, biblische Motive darstellend.
Ein mächtiger Leuchter liess die vergoldete Wand vor dem Altarraum und die angebrachten Ikonen strahlen.
Zwischendurch sang der Priester, ein Mann mit einem wunderbaren Bass antwortete ihm. Mit geschlossenen Augen genoss ich den langsamen Zwiegesang.
Durch eine kleine Türe schritt die Taufgemeinschaft schlussendlich in den Altarraum der Kirche, wo Noah einen winzigen Schluck Wein, stellvertretend für das Blut von Jesus Christus, erhielt.
Derweilen schöpfte der Sigrist das Wasser aus dem Taufbecken langsam zurück in den Kessel.
Auf Wunsch der Tauffamilie dauerte die symbolreiche Zeremonie weniger als eine Stunde. Zwei bis drei Stunden sind ansonsten die Regel.
Vor dem folgenden Fotoshooting wurde Noah neu eingekleidet, ganz in Weiss lächelte er engelhaft in die Kamera.
Um 13:30 Uhr genehmigten sich die Männer Pàlinka, Obstschnaps. Er soll, so erklärte mir Dumitru, den Appetit anregen und die Verdauung fördern. Gerne erprobte ich den destillierten Wundertrank.
Danach wurden gefüllte Paprika, Käse, Fleischbällchen, gefüllte Krautwickel und Reis als erster Gang serviert.
Fisch und Kartoffeln folgten um 18:30 Uhr. Als letzter Hauptgang erhielten wir um 20 Uhr Fleisch und Polenta.
Der Taufkuchen wurde um 22 Uhr angeschnitten.
Um möglicher Unterzuckerung vorzubeugen, stand während der gesamten Festivität auf separaten Tischen köstliches Naschwerk zur Verfügung.
Gastfreundschaft geht durch den Magen, Rumänien ist foarte gastfreundlich.
Zwischen jedem Gang wurde ausgiebig und fröhlich zu Pop- und Folkloremusik getanzt. Immer wieder reihten wir uns in die traditionellen Kreistänze ein.
Noah verzauberte die Festgesellschaft mit seinen strahlend blauen Augen, mit seinem Lächeln und dem grünen Gehörschutz.
In Rumänien ist es Tradition, dass die Eingeladenen den Eltern des Täuflings Geld in einem Couvert übergeben.
Ich genoss diesen reichen Tag. Dumitru, der Schwiegervater von Joshua, entschuldigte sich hingegen bei mir für den seiner Meinung nach einfachen Anlass.
Scheinbar dauern solche Festlichkeiten oft zwei bis drei Tage.
Am folgenden Morgen wurde ein leichtes Frühstück serviert, bestehend aus Suppe, Eier, Käse, Aufschnitt, Tomaten, Gurken und köstlichem Kartoffelbrot.
An der Pàlinka-Runde nahm ich nicht teil.
20. Juli 2023