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Narwale — die «Einhörner der Meere» — sind gut darin, sich menschlichen Blicken zu entziehen und ihre Erforschung zu einem Geduldsspiel zu machen. Doch mehr Wissen über diese seltenen Wale mit dem Stoßzahn ist essentiell, um die Tiere in Zukunft besser schützen zu können. Viel Geduld mussten auch russische Forscher erweisen, die im Jahr 2019 das «Projekt Narwal» starteten, mit dem Ziel, mehr über die Ökologie der Wale in der russischen Arktis zu erfahren. In diesem Jahr unternahmen die Wissenschaftler die zweite Expedition und kehrten Ende Juni mit erfreulichen Ergebnissen zurück.
Narwale sind im Arktischen Ozean zuhause, fast ausschließlich im Atlantischen Sektor von Kanada und Grönland über Spitzbergen bis zu den russischen Archipelen Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja. Während der Sommermonate halten sie sich in küstennahen, eisfreien Gewässern auf und ziehen mit Beginn des Winters, sobald das Meer zufriert, tief ins Packeis hinein nach Norden, wo sie sich an temporären Kanälen mit offenem Wasser oder Eislöchern aufhalten.
In der russischen Arktis rund um Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja werden die ikonischen Tiere gelegentlich gesichtet, es war jedoch nicht bekannt, ob die Wale regelmäßig bestimmte Gewässer aufsuchen. Das «Projekt Narwal», das vom russischen Mineralölkonzern Gazprom Neft organisiert und 2019 in Zusammenarbeit mit dem A.N. Severtsov Institut für Ökologie und Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften umgesetzt wurde, soll mit einer umfassenden Studie Licht ins Dunkel bringen. In diesem Jahr wurde Gazprom Neft vom Ministerium für Naturressourcen und Umwelt der Russischen Föderation und der Nordischen Abteilung des Föderalen Dienstes für Hydrometeorologie und Umweltüberwachung unterstützt. Laut der Pressemitteilung von Gazprom Neft sind die Ziele des Projekts die Beurteilung des Status der Narwalpopulation in der westlichen russischen Arktis, die Bestimmung der Größe und der sozialen Struktur der Gruppen sowie die Erarbeitung eines Gesamtprogramms zum Schutz der Art und ihres Lebensraums.
Während der ersten Expedition im Juni 2019 an Bord des Forschungsschiffs «Mikhail Somov» entdeckte das Forscherteam Gruppen von bis zu 30 Narwalen im nördlichen Franz-Josef-Land-Archipel bei den Inseln Karl-Alexander und Jackson. In der Hoffnung, die Tiere in derselben Region wiederzufinden, steuerten sie in diesem Jahr direkt Jackson Island an und wurden belohnt. Sie beobachteten erneut Narwalgruppen mit bis zu 30 Individuen. Wie auch schon 2019 waren unter den Narwalen auch Jungtiere. Anhand ihrer Beobachtungen kommen die Wissenschaftler zu der ersten Schlussfolgerung, dass sich die Narwale regelmäßig saisonal in diesem Gebiet aufhalten und auch ihre Jungen dort zur Welt bringen. Zudem konnten sie anhand von Videoaufnahmen erstmals die Hypothese der Koexistenz von Narwalen und Belugawalen belegen.
«Das Timing der wissenschaftlichen Feldarbeit im Franz-Josef-Land-Gebiet war extrem eng. Trotzdem haben wir es geschafft, die Tiere an der gleichen Stelle wie 2019 anzutreffen – in der Nähe von Jackson Island», beschreibt Expeditionsleiterin Olga Shpak, promovierte Biologin und Forscherin am A.N. Severtsov Institut für Ökologie und Evolution. «Die prompte Entscheidung, im Gebiet der nordöstlichen Inseln weiter nach Narwalen zu suchen, erwies sich als richtig! Narwale, Belugawale, Walrosse, Eisbären und Grönlandwale wurden in den Buchten an der Südspitze von George’s Land und in der Meerenge zwischen George’s Land und den Mabel- und Bell-Inseln angetroffen. Wir haben Messungen vorgenommen und so viel Material wie möglich gesammelt. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um die Beobachtungen zu verarbeiten, und wir sind der festen Überzeugung, dass die Forschung fortgesetzt werden sollte.»
Gazprom Neft unterstützt eigenen Angaben zufolge im Rahmen ihres «Home Towns» Corporate Social Responsibility Programms unter anderem Bildung, Wissenschaft und Umweltprojekte. «Die Arktis ist eine einzigartige Region in Bezug auf ihre klimatischen Bedingungen und ihre Natur – und eine strategische Region für Gazprom Neft. Das Unternehmen hat freiwillig zusätzliche Verpflichtungen zum Schutz der Artenvielfalt dieser wenig erforschten Gebiete übernommen. Das Narwal-Projekt umfasst eine Reihe von Expeditionen, laufende Forschungen und Bildungswege und bringt eine Reihe von institutionellen Arktis-Partnern zusammen. Dieser Ansatz hebt die Erforschung des Narwals auf eine neue Ebene. Bei der zweiten Expedition im Rahmen dieses Projekts haben wir nicht nur die geplante wissenschaftliche Forschung durchgeführt, sondern auch eine noch nie dagewesene Menge an visuellen Inhalten über dieses einzigartige arktische Tier gesammelt», so Mikhail Bergart, Leiter des Narwal-Projekts bei Gazprom Neft.
Julia Hager, PolarJournal