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René Schickeles Sils Maria
«Der Schnee war ausgefahren und verharscht. Die Bretter rasselten und schlugen, und als ich die wüste Fahrt angesichts des Waldes, auf den ich in voller Fahrt losschoß, mit einem vorzeitig angelegten Schwung bremsen wollte, rutschte ich querab auf knarrenden Brettern bis vor die ersten Bäume. Hier, fünf Schritte weiter im Wald, genau in meiner Fahrtrichtung, lag Angelica und warf mir schmerzverzerrten Gesichtes Kußhände zu. Die Skier, mit den Schuhen daran, lagen neben ihr. ‹Ich habe mindestens ein Bein gebrochen›, stammelte sie. ‹Außerdem können meine Füße erfroren sein. Ich habe die Schuhe aus-, aber nicht mehr anbekommen. O je!› Sie schlug mit den Armen, schüttelte heftig den Kopf. Und schlotternd, mit zuckendem Gesicht, mit angstvoll kreisenden Augen, versuchte sie, laut zu lachen. Ach! es war ein gepeitschter Kreisel, der so zu springen versuchte.»
René Schickele: Symphonie für Jazz (1929)
Am 4. Januar 1918 erhielt René Schickele, seit 1915 im Schweizer Exil, einen Anruf von seinem Freund und Verleger Paul Cassirer. Er solle von Bern aus ins Engadin reisen, er lade beide, den Dichter und dessen Frau, zu Ferien im Schnee ein.«Ich bin ausser mir vor Freude, singe und tanze im Abteil. In Filisur schmeckt eine warme Wurst wie Götterspeise, und ein Glas roten Veltliners, das ich in der Sonne funkeln lasse, erwärmt wie warmer Wind durch den ganzen Körper», notiert Schickele.
Die Lichtfülle im Engadin versetzte ihn in ein Hochgefühl, das ihn sogar zu sportlicher Betätigung animierte. Der asthmageplagte Schriftsteller fühlte sich bald fit genug, um erste Versuche auf den Ski zu unternehmen, anfangs «purzelten wir herum wie tölpelige Engel». In seinem Tagebuch ist auch von Stürzen zu lesen: «Ich bin, Kopf voraus, in den Schnee geflogen und lag, mit verquerten Skiern, das Gesicht nach unten, seltsam gekreuzigt auf dem Schnee, ohne mich rühren zu können (...).»
Für Angelica, eine Figur aus Schickeles Roman «Symphonie für Jazz», verläuft ein solcher Sturz im Engadiner Schnee tödlich (Zitat). Nicht sofort, sondern nach einigen qualvollen Fiebertagen und -nächten in einem Hotel in Sils Maria: «In ihrem klaren Mädchengesicht stieg ein zweites, dunkles Gesicht auf und verschluckte das erste.» Der ihr beisteht ist Jan, die Hauptfigur des Romans, und ihr Vater. Aber darüber hat er erst volle Gewissheit, als das Mädchen schon tot ist: «Die Fenster wurden hell. Noch einmal wohnte ich dem Sterben meines Kindes bei. Sonnenlicht überströmte das Zimmer. Sie hieß Angelica. Acht Wochen wie eine Minute, so lange hatte ich sie gekannt. In weißer und goldener Höhe. Am Rand des Himmels ... Welch unübersehbares Glück! Sie hieß Angelica. Kam, um bei mir zu sterben, nachdem sie mir acht Wochen, die acht langen, strahlenden Wochen ihres Lebens geschenkt hatte. Wie dankt man für so etwas – wie?» (BP)
Sils Maria im Oberengadin liegt malerisch eingebettet zwischen dem Silsersee und dem Silvaplanersee am Tor des Fextals. Vom Hausberg Furtschellas ist es nicht weit zum höchsten Punkt von Sils, dem Piz Corvatsch mit 3.451m über Meeresspiel. Von dort führen zahlreiche Wanderrouten und 120 sportliche Pistenkilometer zurück ins Tal. Sils Maria wird von vielen, die es dort hingezogen hat, als «Kraftort» beschrieben. Der Philosoph Friedrich Nietzsche, der Schriftsteller Hermann Hesse, der Künstler Joseph Beuys und Musiker wie David Bowie kamen, um sich von der Silser Weite inspirieren zu lassen.