Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03460.jsonl.gz/205

Im Sommer 1841 unternahm der Geologe Arnold Escher gleich zwei mehrwöchige Exkursionen hoch hinauf ins ewige Eis der Alpen. Es galt, die ersten Hypothesen der Gletscherkunde im Feld zu überprüfen. Die Forschung widmete sich in ihren Anfängen allen nur möglichen Fragen, unter anderem der unterschiedlich schnellen Bewegung der Eismasse, der Art des Fortschreitens oder dem Abschmelzen von Schnee und Eis auf dem Gletscher. Dazu sind interessante Versuche Eschers dank seiner Tagebücher überliefert.
Feldforschung in ungewohnter Umgebung
Die Konzeption des Versuchs, eine grosse Eisfläche mit Signalstangen auszurüsten, um die Fliessgeschwindigkeit(en) zu studieren, hatte Arnold Escher bereits im Vorfeld seiner wissenschaftlichen Forschungsreise mit einigen Forscherkollegen geteilt. Beziehungsweise sie mit ihm, denn es fand ein reger Austausch über bereits zur Diskussion gestellte Erklärungsmodelle und deren Überprüfung statt. In den Briefen wurden die neusten Publikationen, insbesondere jene von Louis Agassiz, und das Forschen auf dem Eis erörtert. Einige Korrespondenten waren wohl auch mehr oder weniger direkt aufgefordert worden, am Projekt aktiv teilzunehmen. Die Untersuchungen von Louis Agassiz und seiner Mitarbeiter am Unteraargletscher, die bereits 1839/40 begonnen hatten, wurde derweil weiter fortgesetzt. Die gesichteten Antworten, die 1841 bei Escher eintrafen, berichten jedoch in erster Linie von Zurückhaltung, Absagen, ja gar Warnungen. Die gletscherkundlichen Interessen, das Gewusst-wie und die Teilnahme am bereits initiierten Diskurs sollten offenbar zuerst noch einmal besser skizziert und sorgfältig abgewogen werden.
„Dass ich mit Dir nach den Gletschern gehe, ist ja rein unmöglich.“ So schrieb zu guter Letzt aus Bern der Geologe Bernhard Studer und warnte Arnold Escher vor den Spalten im Eis. Er mahnte am 15. Juni 1841 eindringlich: „Lass Dich nur nicht etwa gelüsten, eine heldbringende Dauer vom Aletschgletscher über die Hauptbreite zu wagen und der lieben Eitelkeit oder dem Gemsentrieb Deine Haut zu opfern“. Er schloss seinen Brief mit „Glück auf und am Aletsch trinke auf das Wohl!“, was durchaus als nochmaliger Appell, als Ruf gegen zu viel Wagemut gelesen werden könnte.
Karl Lusser sandte ebenfalls Mitte Juni aus Altdorf eine Schilderung, wie stark die Witterung bei der Furka kürzlich noch winterlich gewirkt habe, „so dass der Besuch des Aletschgletschers noch gefährlich seyn dürfte wegen dem vielen neuen Schnee, den durch selben verborgenen Spalten“ und wegen den bei warmem Wetter ausgelösten „Lauinen“.
Ferdinand Keller versuchte es mit Humor. Er schmückte seinen Text mit Zeichnungen und liess am 16. Juli 1841 verlauten: „Vor allem freut es mich, dass Du wenigstens auf dem Gletscher noch in keinen Klack gerathen.“ Eine seiner nächsten Zeilen vergegenwärtigte dieses von allen Seiten beschworene Übel mit einer Skizze, in der zwei mit „Maduz“ und „Escher“ beschriftete, kopfüber in der Luft hängende Figuren, die genagelte Schuhe tragen, der Gefahr ausgesetzt sind, allenfalls von einem „Klack“, einer Spalte, verschluckt zu werden.
Keller hatte es nota bene leichter, sich bei seinen Äusserungen für eine Prise Witz zu entscheiden. Er hatte ja die ersten Lebenszeichen Eschers bereits erhalten, als er Mitte Juli seinen Brief aufsetzte.
Der Feldversuch
Arnold Escher war am 19. Juni von Zürich gestartet und über Altdorf und die Furka ins Oberwallis gereist. Auf die Route, die Besuche entlang der Wegstrecke und (mindestens) eine zusätzlich eingelegte Gipfelerstürmung soll hier nicht eingegangen werden. Auch auf die bereits in zwei weiteren Blogbeiträgen behandelten Gletscherstudien Eschers am Fieschergletscher und in Zermatt sei an dieser Stelle nur verwiesen. Die Schilderung der Expedition ab 19. Juni 1841 umfasst im Tagebuch V über 120 Seiten. Darin enthalten ist die Beschreibung der Schritte auf dem Terrain zur wissenschaftlichen Erkundung von Schnee und Firnschichten, Eis und Gletscherbewegung auf dem Aletschgletscher.
Am 4. Juli 1841 konnten Escher und sein Begleiter Johann Maduz den Erfolg verbuchen, eine Fläche auf dem Aletschgletscher mit Signalstangen ausgerüstet zu haben. Nun standen sieben Pfähle auf einer Grundlinie, je 100 Meter voneinander entfernt. Sie waren möglichst gut ins Eis gerammt worden und sollten zusammen mit fünf weiteren Reihen mit je sieben Pfählen die Antwort darauf liefern, was auf dem oder vielmehr im Gletscher vor sich ging.
Das Vorhaben, an drei Stellen, nämlich zuoberst, in der Mitte der Länge und gegen Ende des Gletschers, Pfähle anzubringen, hatte sich als zu aufwendig herausgestellt. Arnold Escher notierte sich: „Bei der Schwierigkeit, mit der die Aussteckung der Signale ohne Hülfe von sachgewohnten Männern, verbunden war (ich hatte bloss Madutz mit, der mir nicht sehr gute Dienste leistete) und dem unglaublich grossen, damit verbundenen Zeitaufwand .., abstrahierte ich davon, an drei Stellen des Gletschers, so weit oben als möglich, und in der Mitte der Länge und so nahe als möglich seinem Ende Signale aufzustellen und wollt mich begnügen, an einer Stelle ein umso grösseres Viereck abzustecken. In der Verlängerung dieser Linie sollten nun an den beidseitigen Wänden des Gletschers Signale angemahlt werden, um dann später das Vorrücken des Gletschers genau messen zu können“. (Tagebuch V, S. 183)
Somit war also eine 700 Meter breite und 500 Meter lange Eisfläche abgesteckt. Aus der weiter unten gezeigten Skizze wird ersichtlich, dass dies ungefähr auf der Höhe zwischen Eggishorn und Strahlhorn geschehen sein muss, in einem von Spalten wenig durchzogenen Bereich, bevor der Gletscher durch seine Richtungsänderung eine unruhige Oberfläche zeigt. Die Breite des Aletschgletschers misst heute rund 1500 Meter. Das ausgesteckte Feld hatte somit eine ansehnliche Grösse. Die zur Kennzeichnung notwendige Markierung am Felsen wurde auf die Grundlinie der ersten, untersten sieben Pfähle ausgerichtet. Escher hielt auch diesen Moment fest, als auf der Westseite des Gletscherufers die Kennzeichnung angebracht wurde. „Während Madutz wie ein Specht an der senkrechten Wand sich festhielt und als Zeichen einen rothen senkrechten Strich mahlte, zeichnete ich die Aussicht der Viescherhörner – vide die Skizze“.
Tagebuch und Skizzenblock
Die erwähnte Skizze der Aussicht hat sich bis heute erhalten. Sie wurde mit feinen Bleistiftstrichen ausgeführt, besteht aus vier Blättern und zeigt die Sicht vom Westufer aus, ungefähr 60 Meter oberhalb des Gletschers. Sie zeigt einen weiten Rundblick, woraus hier ein Ausschnitt abgebildet ist.
Nach der langen Arbeit im Terrain stand schliesslich noch die Traversierung zurück auf dem Programm. „Bei bereits sinkender Sonne dann so rasch als möglich wieder über den Gletscher hinüber, wozu wir indess doch volle ¾ Stunden gebrauchten, bei dem vollkommen reinen Himmel war die Aussicht des Hintergrunds des Gletschers sammt den ihn umschliessenden Eiskuppen der Jungfrau, Grünhorns, Eigers etc. unbeschreiblich schön.“
Hier findet sich Faszination und alpines Erlebnis, an einem Tag, an dem für Arnold Escher die wissenschaftliche Erschliessung der eisigen Naturgewalten oberhalb der sonst untersuchten Gesteinen ein gutes Stück vorwärts gerückt war.
Arnold Escher bewältigte in den folgenden Juli-Tagen zusammen mit Maduz ein am Wetter und an den Gletschern ausgerichtetes Mess- und Untersuchungsprogramm. Dieses dürfte im Zusammenhang mit einer Art Retraite oder Auswertung gestanden haben, die nach der Anreise vom 10. August zum Grimselhospiz niedergeschrieben wurde. Im Gebiet waren weitere Gletscherforscher unterwegs. Unter anderem begleitete Louis Agassiz den schottischen Physiker James Forbes an verschiedene Stellen, nachdem dieser ihn und sein Team für drei Wochen auf dem Unteraargletscher besucht hatte. Zuerst einmal nahm Escher allerdings an der Jahresversammlung der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft teil, die vom 2. bis 4. August 1841 in Zürich stattfand, wofür er nach dem 19. Juli vom Aletschgletscher zu weiteren Stationen abreiste, um am 28. Juli in Zürich einzutreffen. Zur zweiten Forschungsreise startete Escher am 6. August. Zuerst ging es Richtung Grimselhospiz und später ergab sich unter Begleitung von Bernhard Studer ein Abstecher zum ausgesteckten Eisfeld auf dem Aletschgletscher.
Wenden auch wir uns wieder dem Versuchsfeld auf dem Aletschgletscher zu.
Resultate und eine Bilanz
Ob Arnold Escher den Erfolg, die Messanordnung installiert und zum Abschluss eine Markierung beim Gletscher angebracht zu haben, gleich anschliessend in seinem Taschenkalender vermerkt hat, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass die Eintragung eine der wenigen Bemerkungen im Kalender für die Sommermonate von 1841 ist. Das erreichte Ziel scheint ihm also wichtig gewesen zu sein.
Aus den Tagebucheinträgen lässt sich nicht sofort eine Übersicht gewinnen, wie sich die Anteile von Erfolg und Misserfolg verteilten. Tatsache ist, dass noch zusätzliche Signalstangen zu beobachten waren. Dieses weitere Versuchsfeld bestand aus nur vier Pfählen, gruppiert als Quadrat, einen Meter tief eingerammt. An ihnen sollte das Abschmelzen beobachtet werden. Die entsprechenden Messungen fanden am 7. Juli, am 12. und am 18. Juli statt. Die Tiefe nahm immer mehr ab, am Schluss fielen die Pfähle um. Der Gletscher sei abgeschmolzen, um 0.8 m, so konnte Arnold Escher das Resultat zusammenfassen.
Doch die Versuchsanordnung, an zwei Orten Messungen durchzuführen, war eine schwierige Ausgangslage. Am 16. Juli wurden für die Distanzmessungen bei den oberen Signalen 4 Stunden aufgewendet, von 8 bis 12 Uhr. Die Resultate dieser Messungen sind auf einer zusätzlichen Seite im Tagebuch vorhanden. Eine Skizze, die wiederum äusserst fein gehalten ist und unterhalb der leeren Fläche schieren Nichts – der Vermerk hier lautet „keine Spalten“ – die gemessenen Meter per Datum aufführt (Nachmessungen vom 8. und 16. Juli).
Die doch sehr kleinen Abweichungen, eventuell nur scheinbar eingetreten, nachdem noch kaum Zeit vergangen war, erschwerten es, das Resultat zu interpretieren. Vor Ort bleiben und geduldig weiter beobachten und messen passte Escher nicht in den Terminplan dieses Sommers. Aber zurückkehren konnte er, vom Grimsel her erneut die Messung auf dem Aletschgletscher in Angriff nehmen! So besuchte Arnold Escher am 14. August, diesmal unter Begleitung von Bernhard Studer, die Signale nochmals (V, S. 217, 219). Die allermeisten Signale brachten jedoch keine Erkenntnisse mehr. Sie lagen am Boden. Bei vielen waren selbst von den Löchern keine deutlichen Spuren mehr zu sehen, „wo solche noch sichtbar, hatten sie sämtlich 3-4 Zoll im Durchmesser“.
So musste Arnold Escher notieren: „Da ich demnach, um meinen Zweck zu erreichen, die ganze Operation von neuem hätte beginnen und den ganzen Sommer darauf verwenden müssen, so zog ich vor, einstweilen diese Versuche aufzugeben.“
Ein bisschen also hörte nun Escher doch auf Bernhard Studer, der ihm in einem Brief am 11. Juni seine Skepsis zum Projekt kund getan hatte, weil „die Anstrengung, und wenn etwas noch dabei herauskommen soll, die bedeutenden Kosten mir das zu erwartende geringe Resultat nicht werth scheinen. Man weiss eben noch nicht recht, wie die Sache anzugreifen und was eigentlich zu beobachten ist und ohne klare Begriffe darüber ist es Tollheit und Verschwendung, sich auf eine längere Gletscheransiedlung einzulassen. Nun aber schreibt mir Agassiz, dass, ungefähr zur Zeit unserer Versammlung, Forbes herkommen werde, um die Gletscher zu untersuchen, und ich denke, eine Reise mit ihm und Ag(assiz) werde uns erst lehren, was noch zu thun“ sei. Nichtsdestotrotz erörterte Studer im selben Brief die Idee der einzurammenden Pfähle.
Was nach dem Hochsommer 1841 bereits erreicht war, das stellte sich Arnold Escher auf einem Blatt zusammen, das sich ebenfalls im Tagebuch V befindet.
Mitwirkung an einem neuen Ort
Arnold Escher setzte seine Studien im Feld fort. Das hiess für ihn, möglichst viele verschiedene Gletscher und die festzustellenden Phänomene besucht zu haben. In der Zeit vom 31. August bis 5. September hielt er sich auf dem Unteraargletscher bei Agassiz und seinen Mitarbeitern auf, wo mehr Material und Personal zur Verfügung stand und beteiligte sich rege an den Arbeiten (V, S. 331). Als Louis Agassiz sehr abenteuerlich auf einem Brett in ein Gletscherloch, das durch abfliessendes Wasser entstanden war, herunter gelassen werden wollte, übernahm es Arnold Escher, die Kommunikation sicher zu stellen und leitete somit wohl die Durchführung des nicht ganz ungefährlichen Unterfangens. Wie es Agassiz dabei erging, wird im Kapitel „Sommeraufenthalt 1841″ in „Agassiz geologischen Alpenreisen“ geschildert. Eine „Höllenfahrt“ nannten die anwesenden Forscher das Experiment zum Spass. Arnold Escher notierte (V, S. 336): „Sich dann in der rechten Seite der [in die Tiefe führenden] Figur hinablassend, gelangte Agassiz in 34 Meter Tiefe auf stehendes Wasser, auf dem Eisstücke umher schwammen. Damit war nun natürlich leider tieferem Eindringen das Ende gesteckt.“