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Die Tränenfadenharfe
Zwischenspiel mit flammenden Tränen
... Die zweite Formel zur Gewinnung von Tränenflüssigkeit, die der jüdische Privatgelehrte Sebulon entwickelte, bestand in einer Arznei, die schon sein Vorfahre Anaï kannte, der mit ihr - alten Dokumenten zu Folge - lange Wachsfäden aus den Augen rinnen liess. Dann gerinnen sie und verfügen über kuriose Resonanzen. ...
... Sobald sich die lacrymale Flüssigkeit verfestigt hat, hängt er die wächsernen Tränenfäden an eine Art Leier, die er dem Wüstenwind aussetzt. Sie erzeugen ein unnachahmliches Timbre. ...
Der Wind streicht achtmal über die Saiten der Tränenfadenharfe:
dunkelblau - als leichte Brise (4 – 6 Knoten)
hellblau - als schwache Brise (7 – 10 Koten)
blaugrün - als mässige Brise (11 – 15 Knoten)
grün – als frische Brise (16 – 21 Knoten)
gelb – als starker Wind (22 – 27 Knoten)
orange – als steifer Wind (28 – 33 Knoten)
rot – als stürmischer Wind (34 – 40 Knoten)
purpurrot – als Sturm (41 – 47 Knoten)
Die Tränenfadenharfe spielt über Palästina
... Eigentlich hätte Sebulon zur Vollendung des Experiments nach Palästina gehen müssen, um besondere Winde durch die Harfe streifen zu lassen, aber Boudet kann (…) mit einer Wind-Aufzeichnungsmaschine ähnliche Verhältnisse herstellen.
... Sebulon erzeugt im künstlichen Wüstenwind das unnachahmliche Timbre seines Vorfahrens. Sebulon und Meister Boudet lauschen stundenlang den zufälligen Rhythmen der Winde.
... Vom Ergebnis sind sie bis auf die Knochen berauscht. Sie werden süchtig nach dem wollüstigen Schauer der Windharfe.
Ein stürmischer Wind über dem nordatlantischen Ozean bewegt die Tränenfadenharfe
Schwache Winde über der Schweiz streichen durch die Tränenfadenharfe
Die Tränenfadenharfe spielt über Basel und Tashkent
für Käthi Gohl und Roland Moser zum Geburtstag 26./16.4.2013
Khong-dek-len
Khong-dek-len schwimmt in der Aqua-micans
Als nächstes Ziel hatte der Meister eine Art Riesendiamant gewählt, der in Wirklichkeit nichts anderes als ein riesiger mit Wasser gefüllter Behälter war. …
Die Aqua-micans – so nannte der Meister das funkelnde Wasser … - besass … verschiedene aussergewöhnliche Eigenschaften; so konnten vor allem reine Landlebewesen in seinen Wogen furchtlos atmen.
Kam man näher, so vernahm man allmählich einen wunderbaren Effekt, eine unbestimmte Musik, die aus einer seltsamen Folge von Läufen, Arpeggien sowie steigenden und fallenden Tonleitern bestand.
In der Mitte (des Behälters) … stand eine anmutige schlanke junge Frau … Ihr prächtiges blondes, im Wasser weit ausgebreitetes Haar stieg über ihr auf, ohne jedoch die Oberfläche zu erreichen. Bei der geringsten Bewegung schwappten flüssige Schichten hin und her und brachten jedes einzelne Haar zum Vibrieren, das … so eine Saite bildete, die je nach Länge einen mehr oder weniger hohen Ton hervorrief.
Zuweilen zog ein erstaunliches Lebewesen an ihr vorüber, das den riesigen Wasserbehälter, munter umherschwimmend, erforschte – ein irdisches Wesen ganz gewiss, denn es hatte die Gestalt eines krallenbewehrten Vierfüsslers. Rosig und ohne alle Behaarung, verwirrte seine eindrucksvolle Haut den Beobachter; aber die Augen gaben genauen Aufschluss über seine Natur, denn sie gehörten ungezweifelt einer Katze, … die uns Canterel unter dem Namen Khong-dek-len vorstellte.
Solo-Gesang: Cheeky (weiblich, *2009)
Khong-dek-len spielt mit der Sauternes-Sonnenkugel in der Aqua-micans
Nachdem er die Ruhe wieder hergestellt sah, begann Khong-dek-len, der während des rasenden Rennens im Hintergrund geblieben war, die glänzende Sonnenkugel wie einen flüchtigen Ball zu verfolgen, dem er, mutwillig und sanft zugleich, ohne Unterlass anmutige Pfotenhiebe versetzte.
Solo-Schnurren: Ginger (weiblich, *2009)
Shakespeares Rippe
Nun, wenn der Westwind wehte, verwandelten sich all diese gleich ausgerichteten Rippen in sonore Klanghörner und verbreiteten seltsame Töne. (… ) Und diese Töne waren die Stimmen der Toten, die sprachen. (…)
Ein Gemurmel, zugleich klagend und grandios, entwand sich diesen Tausenden Rippen, die wie Blashörner über dem Boden verteilt waren. Je nachdem, ob der Wind anschwoll oder abflaute, kam es zu einem unheimlichen Crescendo oder zu einem beklemmenden Diminuendo, samt und sonders gleichermassen düster und verstörend. Es war in der Tat ein Chor aus dem Jenseits, und man konnte nicht verhindern, dass man bis in die Tiefe seines Seins fröstelte. Wenn man dieser makaberen Musik lauschte, die nicht ihresgleichen kannte.
Rippenfeld und Hamlet-Rippen
für Peter Schweiger zum Geburtstag 6.1.2014
Kursive Text-Zitate aus: Raymond Roussel. Locus solus. Von Stefan Zweifel entziffert, kommentiert und aus dem Französischen übertragen. Die Übersetzung durch Cajetan Freund hat Stefan Zweifel revidiert.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Copyright AB - Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin 2012
Locus solus - ein virtueller Hör-Park
Das Projekt Locus solus ist inspiriert vom gleichnamigen Roman des französischen Autors Raymond Roussel (1877 - 1933). Die verschiedenen Studien und Klangbilder sind nur auf dieser Website publiziert und werden laufend durch Neues ergänzt.