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Wir alle tragen unseren Rucksack. Hinter unseren Gesichtern verbergen sich viele Geheimnisse, grossartige und bittere Erfahrungen. Es ist tragisch, dass wir dieselben Worte verwenden, um unsere kleinen und grossen Schmerzen und unsere tiefen Wunden zu beschreiben und auszudrücken. Wer weiss, vielleicht verstehen wir deswegen das Leiden der anderen nicht und ignorieren es einfach. Wir brauchen dringend neue Wörter, Musik, Klänge oder gar Geräusche, die uns helfen, unsere Gefühle so auszudrücken, wie sie sind.
Ich erinnere mich, wie ich sie im Park auf einer Bank sitzend sah. Wie ihre Haare aussahen, überliess sie dem Wind, denn ihre Gedanken liessen ihr keine Zeit dafür. Sie wusste nicht, wohin sie gehörte. Sie wusste nicht mehr, ob sie dasselbe Mädchen war, das in ihrem Dorf barfuss, mit roten, langen, ungekämmten Haaren hin und her rannte, oder eine junge staatenlose Frau im Exil, die mit Schuhen, blasser Gesichtsfarbe und nach wie vor ungekämmten Haaren hin und her rannte, um ihrem Leben einen Sinn zu geben. Permanent redete sie mit sich selbst – in ihrer verbotenen Muttersprache, die sie nicht gut beherrschte. Wer bin ich, wo ist mein Zuhause? In meiner Heimat oder im Exil? Ihre Identität war für sie immer ein Thema und irgendwann eine Krise. Sie gehört zu einer nicht existierenden Nation, hat die illegale Sprache gesprochen und ist mit verbotenen Wünschen und Träumen aufgewachsen.
Als sie in der dritten Klasse war, hörte ihre Lehrerin, wie sie sich während der Pause mit anderen Kindern auf Kurdisch unterhielt. Die Lehrerin kam auf sie zu und fragte, ob sie sich nicht schäme, Kurdin zu sein. Und so wurde ihr klar, dass sie neben ihren unerfüllten Träumen und ihren schlechten Noten noch andere beschissene Dinge umgaben. Vielleicht war dieser Tag der Wendepunkt ihres Lebens. Sie fand den Mut, sich zu fragen, wer sie sei. Sie lernte Wut kennen, bevor sie die Gelegenheit hatte, zu lieben und geliebt zu werden. Und Wut breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, als sie ihre Träume mitnahm und flüchtete, lange, bevor sie die Liebe erlebte.
Ich kenne sie, ich kenne ihre Traurigkeit, ihre dunklen Tage. In ihren Augen sehe ich die Träume, die sie in den Tiefen ihrer Seele zurückgelassen hat. Ihre ungekämmten Haare und ihre blasse Gesichtsfarbe. Aber an diesem Tag konnte sie ihr Lächeln nicht verbergen. Sie nahm mich mit, sie wollte mir den Ort zeigen, wo ihre Liebe besiegelt wurde. Der Ort, der sie umarmt und ihre Wunde heilt. Ich konnte ahnen, wohin. Zu dem Ort, wo sie ein Teil ist und einen Teil hat: als Frau, als Kurdin, als Mensch. Ihre Art, ihren Schmerz zu erzählen, bringt mich ausser Atem und tut mir weh. Wir starrten uns einen Moment lang an und wünschten uns ein rasches Ende dieses Schmerzes. Wir starrten uns an und wollten diesen Schrei nicht länger hinunterschlucken. Wir schrien laut, zu laut, sodass alle taub wurden. Doch ich glaube, sie waren schon längst taub und blind. Niemand hat uns gehört oder gesehen. Wir haben uns voneinander getrennt und beide haben wir einen anderen Weg genommen.
Auf meinem Weg sang ich das Lied von Şivan Perwer: «Dîsa got: Lo lo keko; Belaheq negotine; Welatê mirovan sêrîntir e; Ger hindikek azadî hebûya; Birçîbûna welatê me; Ji têrbûna welatê xelkê bi rûmetir e.» – «Hätte ich Freiheit in meinem eigenen Land, hätte ich überhaupt ein Land, wäre Hunger in meiner Heimat süsser als Sättigung im Exil.»