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Der Bürger als Edelmann
Molière (Jean Baptiste Poquelin) wird als Sohn eines reichen Tapissiers am 15. Januar 1622 in Paris getauft. Von 1636 bis 1641 besucht er das Jesuitenkolleg Clermont. Er tritt nicht die Nachfolge seines Vaters an, sondern geht nach Orléans und ist dort vermutlich als Advokat tätig. 1643 gründet er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Madeleine Béjart die Schauspieltruppe „L’Illustre Théâtre“. Molière verfasst Farcen und Komödien für eigene Aufführungen, steht selbst auf der Bühne und übernimmt schliesslich die Leitung der Truppe. Die erfolglosen Auftritte in Paris zwingen diese, ab dem Jahr 1645 auf Tournee zu gehen. Insgesamt zwölf Jahre lang touren sie mit Erfolg durch die Provinzen Languedoc, Provence und Lyon. 1658 kehren sie als Truppe des Herzogs von Orléans nach Paris zurück und erregen die Aufmerksamkeit von König Ludwig XIV., der sie als „Troupe du Roi“ auszeichnet und sie ihre Aufführungen im Palais-Royal präsentieren lässt. 1662 heiratet Molière Armande Béjart, die Tochter oder Schwester von Madeleine Béjart. Neben der Intendanz, der Schauspielerei und der Funktion als Autor führt Molière auch Regie. Zu Molières illustrem Freundeskreis zählen unter anderem der Dramatiker Jean Racine, der Schriftsteller Henri de La Fontaine und der Komponist Jean-Baptiste Lully, mit dem er beispielsweise 1670 „Le Bourgeois gentilhomme“ („Der Bürger als Edelmann“) zur Uraufführung brachte. Zu den berühmtesten Stücken Molières zählen bis heute „Don Juan oder der steinerne Gast“ (1665), „Amphitryon“ (1668), „George Dandin“ (1668) oder „Der eingebildete Kranke“ (1673). Trotz seines grossen Erfolges ist Molière Zeit seines Lebens der Gunst bzw. Willkür des Königs und den Zwängen der Zensur ausgesetzt: So wird sein Stück „Tartuffe“, in dem der Autor religiöse Heuchelei anprangert, am 11. August 1667 von Hardouin de Péréfixe, dem Bischof von Paris, unter Androhung der Exkommunikation für öffentliche und private Lesungen sowie Aufführungen verboten. Am 17. Februar 1673, während der vierten Aufführung von „Der eingebildete Kranke“, erleidet Molière einen Blutsturz und stirbt. Er wird am 21. Februar auf dem Friedhof Saint-Joseph als „Tapissier du Roy“ Jean Poquelin begraben.
In einer Fassung von Werner Düggelin
Regie Werner Düggelin / Bühne Raimund Bauer / Kostüme Francesca Merz / Musikalische Leitung Jürg Kienberger / Kämpfe Klaus Figge
Mit Hilke Altefrohne, Christian Baumbach, Jan Bluthardt, Rainer Bock, Ludwig Boettger, Henrike Johanna Jörissen, Jürg Kienberger, Claudius Körber, Dagna Litzenberger Vinet, Nicolas Rosat, Siggi Schwientek, Friederike Wagner
|Herr Jourdain||Rainer Bock|
|Frau Jourdain||Friederike Wagner|
|Lucile, ihre Tochter||Dagna Litzenberger Vinet|
|Cléonte, ihr Anbeter||Christian Baumbach|
|Dorimène, Marquise||Hilke Altefrohne|
|Dorante, ihr Anbeter||Nicolas Rosat|
|Nicole, Dienstmädchen bei Jourdain||Henrike Johanna Jörissen|
|Covielle, Cléontes Diener||Jan Bluthardt|
|Musikmeister||Jürg Kienberger|
|Tanzmeister||Ludwig Boettger|
|Philosoph||Siggi Schwientek|
|Schneider||Claudius Körber|
|Sänger||Florian Glaus, Rea Claudia Kost, Philipp Scherer|
|Tänzerinnen||Julia Sattler, Marie Alexis|
|Tänzer||Andrew Cummings, Ivan Blagajecevic|
|Regie||Werner Düggelin|
|Bühne||Raimund Bauer|
|Kostüme||Francesca Merz|
|Musikalische Leitung||Jürg Kienberger|
|Licht||Markus Keusch|
|Kämpfe||Klaus Figge|
|Dramaturgie||Andrea Schwieter|
|Regieassistenz||Hans-Christian Hasselmann|
|Bühnenbildassistenz||Dominik Freynschlag|
|Kostümassistenz||Mitra Karimi|
|Regiehospitanz||Barbara Fuchs|
|Souffleuse||Rita von Horváth|
|Inspizienz||Ralf Fuhrmann|
Pfauen
Premiere am 6. Februar 2014
Unterstützt vom Zürcher Theaterverein
Dem Pariser Handwerker Monsieur Jourdain missfällt sein gewöhnliches, bürgerliches Dasein: Weil er sich in die schöne Marquise Dorimène verliebt hat, will er unbedingt ein Adelsangehöriger werden. Das Projekt ist zum Scheitern verurteilt: Am Ende dieser turbulenten Satire sind alle um eine Enttäuschung reicher und sowohl Adel als auch Bürgertum in ihrer Selbstüberschätzung und ihren fehlgeleiteten Idealen blossgestellt.
Zuletzt waren am Schauspielhaus Zürich von Werner Düggelin Eugène Scribes „Das Glas Wasser“ und Jon Fosses „Schönes“ zu sehen. Mit „Der Bürger als Edelmann“ setzt er seine langjährige Auseinandersetzung mit Molière fort.
Dem ebenso wohlhabenden wie leichtgläubigen Pariser Handwerker Monsieur Jourdain missfällt sein gewöhnliches, bürgerliches Dasein: Weil er sich in die schöne Marquise Dorimène verliebt hat, will auch er unbedingt ein Adelsangehöriger werden. Um sich auf dem höfischen Parkett fehlerlos bewegen zu können, stellt er einen Musiklehrer, einen Tanzlehrer sowie einen Philosophen ein. Aber auch seine Tochter Lucile wird in den geplanten gesellschaftlichen Aufstieg hineingezwungen. Seiner Meinung nach trägt sie das Potential zu einer Marquise in sich, weshalb sich die von Lucile erhoffte Hochzeit mit dem gutbürgerlichen Kaufmann Cléonte natürlich verbietet. Am Ende dieser turbulenten, an Konflikten und Verwechslungen reichen Satire sind alle – im wahrsten Sinne des Wortes – um eine Enttäuschung reicher und sowohl Adel als auch Bürgertum auf entlarvende Weise in ihrer Selbstüberschätzung und ihren fehlgeleiteten Idealen von Überlegenheit und gesellschaftlichem Aufstieg blossgestellt.
„Der Bürger als Edelmann“ („Le Bourgeois gentilhomme“) ist eine beissende Gesellschaftssatire und wurde am 14. Oktober 1670 mit enormem Erfolg auf Schloss Chambord uraufgeführt. Neben „Tartuffe“, „Der eingebildete Kranke“ und „Der Menschenfeind“ zählt es zu den berühmtesten Werken Molières.
„Witzig, feinsinnig, melancholisch: Molières „Bürger als Edelmann“, am Schauspielhaus Zürich inszeniert von Werner Düggelin.
Eine Comédie-ballet samt Musikeinlagen zeigt Werner Düggelin, der die Molièresche Vorlage sanft modernisiert. Im Zentrum steht Rainer Bocks titelgebender Bürger als Edelmann. Grossartig.“ NZZ
„Der hinreissend immer noch spannkraftwitzige und menschenliebende, weit über achtzig Jahre alte Regisseur Werner Düggelin, ein grosser, ingeniöser Zuhörer und sanft beharrlicher Belauscher seiner Figuren, entwickelt für Molières Herrn Jourdain, der auf den Bühnen, die er sowieso nicht allzu oft betritt, sonst keine Chance hat, ausser verlacht zu werden, eine geradezu verrückte Zärtlichkeit und Sympathie. Düggelin nimmt ihn nicht beim komischen Effekt (den er keineswegs unterspielt), sondern beim ernsthaften Wünschen und Wollen. Und vor allem: Lernenwollen. So bekommt der Mann, der wild entschlossen ist, seinem Dasein die Phantasiekronen des höheren Lebens aufzusetzen, von der Regie das grosse Glück spendiert, das aus einem Leben werden kann, wenn man es ganz zu Theater macht. Und das Düggelins Bühne hier schwebeleicht und urkomisch und feinmenschlich widerspiegelt.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Werner Düggelin inszenierte, Jürg Kienberger tirilierte – und der Pfauen vibrierte; kapitulierte vor der geballten Ladung Molière, Musik und Munterkeit. Und so gab’s am Donnerstag Szenenapplausstürme, einen Beifallsorkan und stehende Ovationen.“ Tages-Anzeiger
„Wer soll da hingehen, zu Jean-Baptiste Molières (1622 1673) Ballett-Komödie „Der Bürger als Edelmann“, zu einem Musical aus dem Jahre 1670? Wer will eine Komödie sehen, in der ein Herr Jourdain um die Gunst einer Adligen buhlt und sich zum Affen macht? Wer will sich den Bauch volllachen im Plüschtheater, weil dieser vor Liebe und Adelssucht blind gewordene Bürger nicht mal den Unterschied zwischen Prosa und Vers kennt? Regisseur Werner Düggelin offenbar durchaus, er begegnet dem Werk auf der Pfauenbühne mit einem kopflastigen Lächeln und bittet vordergründig einen klassischen Abend voller Verse, Plüsch und Degen. Ja, der 84-jährige „Dügg“ ist selbst ein grosser Fechtmeister! Ein kühner Streich und schon ist ein vermeintlich langfädiger Dialog zu einem Spässchen verkürzt.“ Aargauer Zeitung
„Wir dürfen uns diesen Monsieur Jourdain als glücklichen Menschen vorstellen. Das nervende Meckern seiner Gattin tut er ab, egal, wie spitz Friederike Wagner lacht, wenn er leicht unsicher, aber stolz den violetten Tailor-Suit samt Flower-Power-Gilet vorführt, was nicht einmal geschmacklos wirkt. Düggelin meint es gut mit seinem Protagonisten, als hoffte er, dessen Flucht aus der kleinkarierten Umgebung könnte gelingen. Dazu zählt auch die Jungmannschaft: Tochter Lucile (Dagna Litzenberger Vinet, reizend), ihr Cléonte (Christian Baumbach, trotzig) und die jeweiligen Dienstboten, hier eher Kameraden (Henrike Johanna Jörissen, Jan Bluthardt). Missverständnisse im amourösen Bereich lösen sie fechtend: eine historisch augenzwinkernde Glanznummer.
Auf Raimund Bauers eleganter Theater-im-Theater-Bühne, die das goldene Pfauen-Bühnenportal perspektivisch vervielfacht, verschränken sich Jourdains Scheinwelt und bürgerliches Dasein zum Schluss in einer Maskerade. Bei Molière, der den Sonnenkönig auftragsgemäss für eine Beleidigung durch den türkischen Gesandten rächen durfte, inszenieren die jungen Männer Luciles Heirat mit dem Sohn eines erfundenen Grosstürken. Düggelin ersetzt ihn durch einen anderen Exoten: Als Papua-Prinz verkleidet und fliessend Kauderwelsch parlierend, erhält Cléonte vom berauschten und überwältigten Vater die Hand seiner Lucile. Doch nun heisst es Schluss mit lustig. Das Glück des Bürgers als Papua-Edelmann war zu schön, um wahr zu sein. Die Verkleidungen fallen. Alle Paare, frisch vereint, verduften blitzartig; Madame Jourdain folgt ihnen. Allein und verlassen sitzt ihr
Gatte da. Langsam erwacht er aus dem irren Theater-Rausch. Den Abgesang auf sein tollkühnes Traumleben, die Namen der Entschwunden, flüstert Rainer Bock mit Ungläubigkeit, Bedauern, Verzweiflung. Herzzerreissend. Hinreissend.“ NZZ
„Düggelin hat das Schlussballett mit all den Spaniern, Gascognern und Schweizern gestrichen und auch das bunte Brimborium davor beherzt zusammengekürzt. Und wo Molière seinem Auftraggeber, König Ludwig XIV., im letzten Vers das Lob souffliert: „Ach, es war wunderschön!“, herrscht bei Düggelin Schweigen. Das verzweifelte Schweigen eines Menschen, der mehr aus seinem Leben machen wollte, als in der Tretmühle des Erfolgs weiterzustrampeln, aber nicht wusste, was. Auf einmal wird die Karikatur durch tragische Züge entzerrt. So viel Verlassenheit in der raffiniert verschachtelten Welt von Bühnenbildner Raimund Bauer, die mit Proszenium, purpurnem Korridor, Hinterbühne und frech selbsttätigen Türen die ubiquitäre Flüchtigkeit und Fiktionalität exponiert!“ Tages-Anzeiger
„Wohlstand schützt vor Dummheit nicht. Monsieur Jourdain gibt hierfür das leuchtende Beispiel. In seinem Bürgerhaus haben sich Musik- und Tanzlehrer eingenistet, junge Sänger schmettern Arien, Eleven überstrecken hübsch die Glieder. Kurz, es geht zu wie bei Herzogs im Salon. Jourdain will es so. Ihm ist alles Ungeadelte zuwider, seine einfache Herkunft leugnet er glatt, er fühlt sich als „Bourgeois gentilhomme“, und unter diesem Titel setzte ihm Molière vor genau 444 Jahren ein Theaterdenkmal, das in seiner satirischen Aussagekraft erstaunlich wenig eingebüsst hat. Werner Düggelin, der in Basel und Zürich wohnt; hier zum Leben, dort zum Arbeiten; versprüht mit 84 Jahren ungebrochene Produktionslust. Aus der seinerzeit gerühmten, heute nicht so häufig gespielten Ballettkomödie hat der Regisseur eine eigene Fassung zurechtgeschliffen. Bewundernswert. „Der Bürger als Edelmann“ kommt im Zürcher Schauspielhaus in aller Kürze und Konzentration als Milieustudie eines Menschen daher, der so gern bedeutsam wäre. Von Bedeutung ist bloss die Vehemenz, mit der er sich lächerlich macht.“ Basler Zeitung
„Und wenn dann der Pseudoprinz von Papua als Indianerhäuptling aus dem Schnürboden herunterfährt und der überglückliche Jourdain sich einen Feder-Kopfschmuck aufsetzen lässt und den schönsten Traum träumt, den es überhaupt gibt: den Traum vom geglückten Leben, das sich als pures Theaterglück kostümiert – dann ist es völlig gleichgültig, ob dies das falsche Leben ist. Es ist das richtige Theater. Glückseligkeit also auf der Bühne. Und Beifallsseligkeit im Parkett.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Werner Düggelin kondensiert Molières „Der Bürger als Edelmann“ auf eine fünfviertelstündige einzig zur hellen Freude gereichende Farce und legt mit einer wie selbstverständlich wirkenden Klarheit den Blick auf die Problematik frei. Chirurgisch präzis, als wäre Regie führen bare Zauberei.“ P.S.
„Rainer Bocks Jourdan ist der Mittelpunkt eines hervorragenden, präzis agierenden Ensembles, darunter Friederike Wagner als kühle, beherrschte Madame Jourdan, Henrike Johanna Jörissen als vorlaute Zofe und Siggi Schwientek als wunderbar skurriler Philosoph.“ Die Südostschweiz
„Bis in die Ränder ist die Inszenierung von schöner Klarheit, die Führung der Schauspieler bis in die Nebenrollen aufmerksam für deren Eigenheiten, geschickt in der Organisation der Tumulte und spannend in den Dialog-Partien. Keine Spur von Schwäche. Wie etwa Siggi Schwientek als Philosoph dem Jourdain Weisheiten und Praktiken beibringt, die dieser in Wahrheit alle schon kennt, oder die Beziehung Jourdains zu seiner Frau, Friederike Wagner, der Trennung zutreibt, die Marquise, Hilke Altefrohne, ihren ruinierten Verehrer schliesslich einfach sitzen lässt, oder wie die Tochter, Dagna Litzenberger Vinet, ausser sich gerät vor lauter
Liebe – das bezeugt im Umgang mit den Schauspielern die Erfahrung und die Menschen-Klugheit dieses Theatermannes.“ Frankfurter Rundschau