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Das Verschwinden der Alpengletscher wird die Wasserkraftproduktion in der Schweiz nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil, es wird Möglichkeiten bieten, neue Dämme und Stauseen in den Bergen zu bauen und die Energiespeicherkapazität in den Alpen zu erhöhen, prognostizieren Forscher.
Die Idee lässt Umweltschützer schaudern: Die mit Atomenergie erzeugte Wärme zum Schmelzen von Gletschern nutzen und mit dem Schmelzwasser Strom erzeugen. Der Zürcher Ingenieur Adolf Weber schlägt tatsächlich vor, ein solches Wasserkraftwerk in der Jungfrauregion, im Herzen der Schweizer Alpen, zu bauen.
Ein Unsinn? Auf jeden Fall. Dies hinderte die Schweizer Regierung jedoch nicht daran, das Projekt den zuständigen Stellen und Instituten zur Stellungnahme vorzulegen. Beruhigend ist einzig die Tatsache, dass der Vorschlag aus dem Jahr 1945 stammt. Physiker und Ingenieure waren damals fasziniert von der Energiemenge, die durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki freigesetzt worden waren, und sie wetteiferten um Ideen für die Nutzung von Kernenergie in Friedenszeiten, wie Historiker Guido Koller erklärt. Am Ende der Konsultationen sei der Vorschlag zum Einsatz von Kernenergie für die Nutzung der Wasserkraft als "unrationell" eingestuft worden, schreibtexterner Link Koller.
Warum Gletscher wichtig sind
Von den Gipfeln der Alpen bis hinunter ins Flachland – die Artikelserie von swissinfo.ch veranschaulicht die Folgen des Abschmelzens von Gletschern in einer bestimmten Höhenlage und stellt die Anpassungs- und Schutzstrategien der Schweiz vor.
1000 - 2000 Meter: Produktion von Wasserkraft
0 - 1000 Meter: Wasserressourcen (Veröffentlichung im November)Infobox Ende
4% des Stroms aus Gletschern
Mehr als siebzig Jahre später verfügt die Schweiz über fünf Kernkraftwerke, alle im Flachland, und Wasser ist die wichtigste erneuerbare Energiequelle für die Stromerzeugung. Fast 60% des Stroms stammt aus Wasserkraft, der höchste Anteil in Europa nach Norwegen.
Schweizer Wasserkraftwerke werden hauptsächlich durch Regen und Schneeschmelze gespeist. Seit Jahrzehnten aber auch mit Wasser von der Gletscherschmelze, die durch den Klimawandel bedingt ist, sagt Bettina Schaefliexterner Link, Professorin für Hydrologie an der Universität Bern. Die Forscherin schätztexterner Link den Beitrag aus der klimatisch bedingten Gletscherschmelze auf durchschnittlich 1,4 TWh pro Jahr, was 4% der gesamten Wasserkraftproduktion des Landes entspricht.
Das Abschmelzen der Gletscher ermögliche es, die Alpenbecken zu füllen, wenn es im Winter nicht genügend Schnee gegeben habe erklärt Stuart Lane, Professor für Geomorphologie an der Universität Lausanne. "Bis 2040 werden die Gletscher so weit geschmolzen sein, dass sie diese Rolle nicht mehr spielen können", so Lane, der diese Aussichten für beunruhigend hält.
Der Energiedienstleistungskonzern Axpoexterner Link, der grösste Wasserkraftproduzent der Schweiz, scheint hingegen nicht beunruhigt zu sein. "Es könnte sein, dass in den Stauseen je nach Lage nach 2050 etwas weniger Wasser zum Turbinieren zur Verfügung stehen wird. Unklar ist allerdings, ob diese Reduktion des Zuflusses durch veränderte Niederschläge (vermehrte Starkregen, etc.) infolge des Klimwandels kompensiert wird", schreibt Axpo-Sprecher Ueli Walther in einer Mail an swissinfo.ch.
Das Verschwinden der rund 1500 Alpengletschern wird laut Bettina Schaefli die nationale Stromproduktion nicht gefährden. Im Gegenteil, es werde neue Möglichkeiten für Wasserkraftbetreiber und die Entwicklung erneuerbarer Energien im Allgemeinen bieten. In der Schweiz wie in Europa.
Herausforderungen der Wasserkraft
Die Schweiz bietet dank ihrer Topographie, der hohen Anzahl von Wasserläufen und den zahlreichen Niederschlägen ideale Bedingungen für die Nutzung der Wasserkraftexterner Link. Die wichtigsten Produktions-Kantone sind das Wallis (27% der Landesproduktion), Graubünden (22%), das Tessin (10%) und Bern (9%).
Die grössten Herausforderungen für die Wasserkraftbetreiber sind sinkende Strompreise, strengere Anforderungen an Restwasserexterner Link und der Widerstand der Umweltverbände gegen den Bau bestehender Dämme und neuer Kraftwerke in Gebieten von ökologischer Bedeutung.Infobox Ende
Elektrische Batterie für Europa
In den Schweizer Bergen gibt es rund 200 Wasserspeicher- und Pumpwerke. Die meisten von ihnen liegen zwischen 1000 und 2000 Metern über dem Meeresspiegel. Die künstlichen Seen können mit Wasser gefüllt werden, das dann zur Stromerzeugung in Zeiten der Knappheit anderer Quellen abgelassen wird. Bei Überproduktion von Energie wird das Wasser gepumpt und im See gespeichert.
Dieses zyklische System ist nützlich für die Regulierung der Stromerzeugung in der Schweiz und scheint die ideale Lösung zu sein, um Schwankungen der erneuerbaren Energien (Sonne und Wind) auf europäischer Ebene auszugleichen. Die Speicher- und Pumpwerke in den Alpen – das grösste der Schweiz befindet sich im Kanton Glarus – könnten nach Angaben der Schweizer Regierung als elektrische Batterie für Europa dienen.
Neue Staudämme in den Alpen?
Durch ihren Rückzug geben die Gletscher neue Gebiete frei, die ideal für den Bau von Dämmen und Stauseen sein können. Zum Beispiel an der Gletscherzunge. Gemäss einer Studieexterner Link der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich gibt es in den Schweizer Alpen rund sechzig solcher Standorte, von denen sieben besonders vielversprechend sind.
Die neuen Anlagen könnten die Wasserkraftproduktion im Winter erhöhen und damit zur Erreichung der Ziele der Energiestrategie 2050 beitragen, glauben die Forscher. Künstliche Seen könnten auch das Risiko von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Murgängen verringern und im Falle einer Dürre als Wasserreserven dienen. "Diese neuen Speicher müssen multifunktional sein und nicht nur die Produktion von Wasserkraft, sondern auch die Bewässerung der Felder gewährleisten", sagt Bettina Schaefli von der Universität Bern.
Es gibt jedoch ein Hindernis: Fast alle potenziellen Wasser-Reservoirs befinden sich in Naturräumen von nationaler Bedeutung oder von der UNESCO geschützt, was den Bau grosser Infrastrukturen erschwert. Ausgenommen ist der Trift-Gletscher in den Berner Alpen, wo die Elektrizitätsgesellschaft Oberhasli (KWOexterner Link) ein neues Reservoir für 400 Millionen Franken projektiert hat. Aber auch hier gibt es Widerstand, trotz der Zustimmung von Pro natura und WWF, weil die letzten alpinen Landschaften erhalten werden sollen.
Unsichere Investitionen
Unabhängig von diesen Diskussionen investiert Axpo lieber nicht in die energetische Nutzung von Gletscherseen. Obwohl ein gewisses energetisches Potenzial bestehe, gestalte sich die Realisierung solcher Projekte als schwierig, schreibt Pressesprecher Ueli Walther. "Grund dafür sind in erster Linie – notabene trotz Förderbeiträgen – die fehlende Investitionssicherheit und die fehlende Wirtschaftlichkeit: So ist zum Beispiel die Entwicklung der Strompreise mittel- und längerfristig nicht vorhersehbar, während sich die Amortisationsdauer auf 60 bis 80 Jahre beläuft."
Da die "unrationelle" Idee, Kernenergie zur Steigerung der Wasserkraftproduktion zu nutzen, verworfen wurde, werden in Zukunft tragfähige Modelle zur Sicherstellung der Stromversorgung der Schweiz benötigt. Insbesondere ab 2050, dem Jahr, in dem die Kernkraftwerke des Landes endgültig eingestellt werden.
(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi)