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Canterbury – im Herzen von Kent
Canterbury in der traditionellen englischen Grafschaft Kent verfügt über nicht viel mehr als 42’000 Einwohner und ist damit fast eine Kleinstadt. Trotzdem ist der Ort im Südosten Englands weit über die Grenzen Grossbritanniens hinaus bekannt. Als Sitz des Erzbischofs von Canterbury bildet die Stadt das Zentrum der Anglikanischen Kirche und der Anglikanischen Gemeinschaft weltweit.
Canterbury ist alt, seine Ursprünge sind sagenhaft. Um 900 v. Chr. soll hier der Ort Caerkent – Stadt von Kent – angelegt worden sein. Unter römischer Herrschaft entstand unter der Bezeichnung Durovernum Cantiacorum ein Verwaltungszentrum. Im angelsächsischen Königreich Kent wurde Canterbury Königsresidenz und nach der Annahme des Christentums Bischofssitz. Augustinus von Canterbury, der Apostel der Angelsachsen, wurde um das Jahr 600 n. Chr. zum ersten Erzbischof ernannt, er baute einen Vorläufer der heutigen Kathedrale.
Die Bischofskirche ist das unübersehbare Wahrzeichen Canterburys. Die Kathedrale in ihrer jetzigen Erscheinung ist ein Meisterwerk der Gotik. So einheitlich sie stilistisch auf den Betrachter auch wirken mag, der Bau vereint in sich unterschiedliche Epochen mit immer wieder erfolgten Umgestaltungen. Die ältesten Teile stammen aus dem 12. Jahrhundert. Danach folgten Erweiterungen mit zahlreichen Um- und Neubauten. Am jüngsten ist der nördliche Westturm aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Modell für andere Kathedralbauten
Die Kathedrale ist in der Form eines Doppelkreuzes mit zwei Querschiffen errichtet. Diese britische Besonderheit wurde in Canterbury erstmals verwirklicht und sollte noch bei manch anderem Kathedralbau in Grossbritannien Nachahmung finden. Das dreischiffige Langhaus mit seiner reich gestalteten Chorschranke gilt als eine der formvollendetsten Schöpfungen der Gotik. Seine Westfenster stammen ebenso wie Fenster in den Querschiffen noch aus dem 12. Jahrhundert. An das Langschiff und den Chor sind eine Reihe von Seitenkapellen angebaut, ebenso ein Kreuzgang mit Kapitelsaal. Der nach seiner grossen Glocke Bell Harry genannte Vierungsturm bildet den Hauptturm der Kirche.
Ein berühmter Mordfall
Die Kathedrale von Canterbury ist der Schauplatz eines der berühmtesten Morde in der englischen Geschichte. Er hat viele Literaten und Künstler beschäftigt. Am 29. Dezember 1170 wurde hier Thomas Becket, der damalige Erzbischof von Canterbury, getötet. Becket war zuvor Lordkanzler und Berater des englischen Königs Heinrich II. gewesen und damit ein einflussreicher Politiker. Mit seiner Ernennung zum Erzbischof wandte er sich ganz seiner geistlichen Aufgabe zu und es kam zu einem langjährigen Zerwürfnis mit dem König, zu dem zuvor ein sehr enges Verhältnis bestanden hatte. Der Mord war die Tat von vier Rittern, die sich durch eine königliche Äusserung dazu inspiriert sahen.
Becket wurde nach seinem Tod heiliggesprochen, die Kathedrale daraufhin zu einem der bedeutendsten englischen Pilgerorte. Die Pilgerfahrten zum goldenen Schrein mit den Gebeinen Beckets wurden in den bekannten „Canterbury Tales“ des Dichters Geoffrey Chaucer verarbeitet. Sie gehören zu den zentralen Werken der englischen Literatur. In rund 120 Erzählungen werden von einer imaginären Pilgergruppe auf dem Weg nach Canterbury alle Themen des menschlichen Lebens wie Liebe, Habsucht und Verrat behandelt.
Die Kirche von England
Becket sollte in seiner Kathedrale keine Ruhe finden. Unter Heinrich VIII., der die Trennung von Rom vollzog, wurde der Schrein entfernt und zerstört. Fortan war der englische König das Oberhaupt der Kirche von England, der Erzbischof von Canterbury nahm den höchsten geistlichen Rang ein. So ist es bis zum heutigen Tage geblieben. In der Vergangenheit der Stadt und der Kathedrale spiegelt sich daher auch in einzigartiger Weise die englische Geschichte wider.
In und um Canterbury
Auch ausserhalb seiner Bischofskirche hat Canterbury Besuchern einiges zu bieten. Mit den Ruinen der Abtei St. Augustinus und der St. Martin’s Church, die bis auf die christliche Anfangszeit im 6. Jahrhundert zurückgeht, verfügt Canterbury über zwei weitere bedeutende sakrale Bauwerke. Sie gehören zusammen mit der Kathedrale seit 1988 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auf die normannische Eroberung weisen noch die Reste von Canterbury Castle hin. Ausserdem sind noch grosse Teile der historischen Stadtmauer erhalten, davon bildet das Westgate aus der Zeit Richards II. das einzige noch existierende Stadttor.
In der Altstadt gibt es trotz Zerstörungen durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg viele alte Fachwerkhäuser im typisch englischen Stil. Eine altehrwürdige Einrichtung ist die King’s School, heute eine vornehme Privatschule, die als älteste noch betriebene Bildungseinrichtung der Welt gilt. Ihre Gründung erfolgte 597 n. Chr.
Auch die Umgebung von Canterbury hat schöne Ziele. So gibt es in der Grafschaft Kent einige besonders sehenswerte Garten- und Parkanlagen. Berühmt ist zum Beispiel der Garten von Sissinghurst Castle. Auch bis zu den berühmten Kreidefelsen von Dover ist es von Canterbury aus nicht weit. Selbst wer Badevergnügen sucht, wird hier fündig. Die Strände von Herne Bay und Whitstable liegen unweit nördlich der Stadt und bieten Bademöglichkeiten ebenso wie Gelegenheit zum Segeln, Surfen und für anderen Wassersport.
Oberstes Bild: Fluss Stour in Canterbury (© DAVID ILIFF, Wikimedia, CC)