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Das Thema der Jüngerschaft in den vier Evangelien enthält sehr unterschiedliche Aspekte, und zwar entsprechend dem Charakter jedes Evangeliums. Dies zu betrachten, ist beeindruckend und zugleich von grosser Bedeutung für das praktische Leben als Christ. Und wie könnte es anders sein, als dass sich diese unterschiedlichen Aspekte nach der Person richten, der es nachzufolgen gilt?
Im Matthäus-Evangelium
Im Matthäus-Evangelium wird uns der Herr Jesus als der Messias, der König Israels vorgestellt, d.h. in Verbindung mit seinen Anrechten. Doch wie wir aus diesem Evangelium wissen, hat sein Volk Ihn nicht angenommen, ja, sie haben Ihn verworfen und umgebracht. Trotzdem hat Er in mehreren Predigten die Grundsätze seines Königreichs aufgezeigt. Dabei wurde schon sehr bald deutlich, dass dieses Königreich einen verborgenen Charakter annehmen würde. Die grosse Wende finden wir in Kapitel 13, wo nach dem Gleichnis vom Sämann die ersten sechs Gleichnisse des Reiches der Himmel aufgeführt sind. Die übrigen finden wir in den Kapiteln 18; 20; 22 und 25. Die grosse Belehrung, die sich aus diesen Abschnitten für uns heute ergibt, ist der Gedanke der Verwaltung (vgl. Mt 16,19 und 18,18) Der König ist ausser Landes gereist und hat die Verwaltung des Reiches seinen Knechten übertragen (Lk 19,12.13).
Die beiden wichtigen Aspekte in diesem Evangelium sind also erstens, an der Seite des Herrn seinen Platz der Verwerfung mit Ihm zu teilen. Damals waren es vornehmlich gottesfürchtige Juden, die innerhalb ihres Volkes diesen Platz mit ihrem Herrn einnahmen (Mt 5,11.12). Heute dürfen wir das tun, und zwar in einer Welt, die den Herrn Jesus ebenfalls verwirft. Zum zweiten ist es die Aufgabe eines Jüngers, hier als Verwalter dem König gegenüber treu zu sein und Ihm zu gehorchen (Mt 10,24.25). Es ist kostbar zu sehen, dass dabei die Gedanken über die Versammlung und die Praxis des Zusammenkommens, die wir nur in diesem Evangelium finden, einen wichtigen Platz einnehmen.
Der Auftrag am Schluss des Evangeliums ist deshalb darauf ausgerichtet, alle Nationen zu Jüngern zu machen, d.h. ihnen nicht nur die Bekehrung vorzustellen, sondern sie auch dahin zu führen, dass sie durch die Taufe den Platz der Verwerfung mit ihrem Herrn einnehmen und als Untertanen des Königs Ihm gehorchen.
Im Markus-Evangelium
Im Markus-Evangelium wird der Herr Jesus in besonderer Weise als der wahre Diener, als Knecht Gottes gezeigt, d.h. in Verbindung mit seinem Dienst. Massgebend für das, was Er tat und redete, war nicht die Reaktion des Volkes, sondern der Wille seines Vaters. Obwohl Er sich als der allmächtige Schöpfergott auf die Stufe eines Geringen auf der Erde, eines Dieners, herabgelassen hatte, kommt es doch unmissverständlich zum Ausdruck, dass es sich bei diesem vollkommenen Diener um den Sohn Gottes selbst handelt (Mk 1,1.11; 9,7). Bei seinem Dienst bestand ein grosser Teil seiner Tätigkeit in der Belehrung der Volksmengen. Diese Lehre hatte ihre Besonderheit darin, dass sie durch unzählige Werke, ja, durch das ganze Leben des Herrn Jesus begleitet und bezeugt wurde (Mk 1,22).
in diesem Evangelium besteht die Unterweisung im Blick auf die Jüngerschaft darin, diesen treuen Dienstknecht, also Den, der der Täter des Wohlgefallens des Vaters war, nachzuahmen. Dabei geht es offensichtlich nicht darum, möglichst viel zu tun, sondern das zu tun, was der Wille Gottes für jeden Einzelnen von uns ist, und das auf eine Art und Weise, dass die Menschen um uns her sehen können, dass dieser Dienst seinen Ursprung in Gott selbst und in der Gemeinschaft mit Ihm findet. Dieser Gedanke nimmt auch einen zentralen Platz am Schluss dieses Berichtes ein. Wohl wirkt der Herr heute nicht mehr in derselben Weise mit wie damals in der Übergangsphase vom Judentum zum Christentum. Aber es wird doch klar, dass unsere Worte nicht unabhängig von unseren Werken sind. Durch den Heiligen Geist möchte der Herr unseren Worten Kraft verleihen. Das kann Er jedoch nur tun, wenn unser Wandel und unsere Werke in Übereinstimmung mit Ihm sind.
Im Lukas-Evangelium
Im Lukas-Evangelium wird der Herr Jesus als der Sohn des Menschen, als der wahre Mensch beschrieben. Es betont auch, dass Er der Mensch vom Himmel mit einer himmlischen Gesinnung war. Entsprechend seinem Charakter bildet dieses Evangelium gewissermassen die Einleitung zu den Briefen des Apostels Paulus. Das wird dadurch deutlich, dass in dem Augenblick, da der Herr Jesus verworfen wird, und mit Ihm auch alle jene, die Ihm nachfolgen, die eigentliche christliche Hoffnung offenbart wird. Den Wendepunkt in diesem Evangelium finden wir in Kapitel 9,51. (In Lk 6,20-49 wird weniger von den Grundsätzen des Königreichs gesprochen, als eher von den allgemeinen Kennzeichen des Reiches Gottes. Dem Grundsatz nach sind es dieselben Belehrungen wie in Matthäus, aber unter einem anderen Gesichtspunkt dargestellt.)
Der Unterschied zum Matthäus- und Markus-Evangelium besteht darin, dass es hier darum geht, wie sich die auf der Erde verhalten, die mit dem himmlischen Menschen, Jesus Christus, verbunden sind. Die Gläubigen sollen in ihrer Verantwortung Gott gegenüber auf eine Weise leben, die seinen Gedanken über den Menschen entspricht. Es geht in diesem Fall weniger um die Seite der Untertanen des Königs oder die des Dieners, obwohl wir das natürlich auch sind. Nur hier im Lukas-Evangelium finden wir die Aufforderung, dass wir uns darüber freuen sollen, dass unsere Namen in den Himmeln angeschrieben sind (Lk 10,20). Diese himmlische Gesinnung, die uns prägen soll, ist auch das Thema in den Briefen des Apostels Paulus (z.B. Kol 3,1-4; Phil 3,20). In den folgenden Abschnitten finden wir einige wichtige Belehrungen zum Thema Jüngerschaft unter dem besonderen Aspekt des Lukas-Evangeliums:
- Lukas 9,51-62: das Teil und die Gesinnung des Jüngers
- Lukas 12,31-34: der wahre Reichtum des Jüngers
- Lukas 14,25-35: der Jünger in seinen irdischen Beziehungen
Auch der Auftrag am Schluss dieses Buches ist typisch für seinen Charakter. Er lautet ganz einfach, Zeugen zu sein durch ein Leben, das zu einem Segenskanal für die Menschen in unserer Umgebung wird, und die frohe Botschaft vom grossen Heil Gottes allen Nationen zu verkündigen.
Das Johannes-Evangelium
Im Johannes-Evangelium wird uns der Herr Jesus von seiner vornehmsten und herrlichsten Seite gezeigt, nämlich als der Sohn des Vaters, der Sohn Gottes, also in Verbindung mit seiner Herkunft. Das grosse Thema in diesem Evangelium ist die Offenbarung des Vaters durch Den, den Er gesandt hat, d.h. durch seinen Sohn. «Das Wort», das mehrere Male genannt wird, beinhaltet all das, was der Vater ist (Joh 8,31; 17,8.14). Es wird auch «das Wort des Lebens» genannt, wobei das Wort eher von der Offenbarung des Vaters durch den Sohn spricht und das Leben mehr davon, dass uns «das ewige Leben, das bei dem Vater war», offenbart worden ist (1. Joh 1,1.2). Dieser Ausdruck enthält sowohl das, was der Vater selbst ist, als auch das, was der Vater geben will.
So erhaben, wie dieses Evangelium über die Person des Herrn Jesus berichtet, so erhaben sind auch die darin enthaltenen Gedanken über das Thema Jüngerschaft. Der Hauptpunkt ist wohl der, dass der Herr Jesus seinen Jüngern alle diese Worte des Vaters nicht nur mitgeteilt, sondern sie ihnen gegeben hat (Joh 17,8.14). Er hat ihnen nicht nur vom ewigen Leben erzählt, sondern ihnen dieses Leben geschenkt. Alles, was Er als Mensch gewordener Sohn vom Vater empfangen hat, will Er mit seinen Jüngern teilen. (Nur das ist ausgenommen, was Er als Sohn Gottes von Ewigkeit her besessen hat.) Das kommt in Kapitel 15,15 sehr schön zum Ausdruck, wo Er seinen Jüngern sagt, dass Er sie nun nicht mehr Knechte, sondern Freunde nennen würde, weil Er sie völlig in diese Beziehung mit dem Vater miteinbezogen hat. Dieser Gedanke steht in deutlichem Gegensatz zum Matthäus- und Markus-Evangelium. Seine Liebe hat Er uns geschenkt (Joh 16,27; 17,23-26), seinen Frieden uns gegeben (Joh 14,27); seine Herrlichkeit, die Er vom Vater empfangen hat, hat Er uns gegeben (Joh 17,22) und seine Freude uns geschenkt (Joh 17,13). So lautet auch der Auftrag am Schluss des Johannes-Evangeliums: «Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch.» Wie wunderbar!
In diesem Sinn sagt uns Philipper 2,15 ebenfalls, was wir sein sollten: «Unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchem ihr scheinet wie Lichter in der Welt, darstellend das Wort des Lebens.» Es geht hier darum, dass wir in unserem praktischen Christenleben die Wesenszüge unseres himmlischen Vaters offenbaren, gerade so, wie der Herr Jesus das getan hat.
Wahre Jüngerschaft zielt also dahin, den Herrn Jesus selbst besser kennen zu lernen, um Ihm besser nachfolgen zu können!