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«Im Sommer sind die Schatten blau», Mara Meiers erster Roman, zeichnet die Geschichte einer Solothurnerin nach, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Mut aufbrachte, ihr Leben selbständig zu gestalten.
Auf dem Titelbild blickt uns eine ernste, jüngere Frau entgegen, mit grossen, aufmerksamen Augen, in schwarzem Spitzenkleid, die Arme überkreuzt, als wollte sie ganz bei sich bleiben. Ein Selbstportrait, auf dem sich Amanda Tröndle-Engel sehr treffend darstellt. Mara Meier schildert in ihrem Buch die wichtigsten Lebensstationen dieser Künstlerin, die zu sich selbst findet, Selbstbewusstsein als Frau und Malerin entwickelt und sich vor unkonventionellen Entscheidungen nicht scheut. Die Autorin nennt ihr Buch Romanbiografie, das bedeutet, sie hält sich an die Fakten, die sie zum Leben und Wirken von Amanda Tröndle recherchiert hat, und verbindet sie zu einem Roman.
Der Titel des Buches lehnt sich an die Aussage eines deutschen Kunstpädagogen an, Adolf Hölzel, der in Dachau bei München lehrte, wo Amanda Tröndle ca. 1904/5 seine Kurse besucht und diesen Satz notiert hatte: «Die Schatten in der Natur sind im Herbst violetter und im Sommer blau.» Adolf Hölzel gilt bis heute als hervorragender Farbtheoretiker, dessen Prinzip später am Bauhaus weiterentwickelt wurde und von da an Grundlage des bildnerischen Kunstunterrichts in aller Welt wurde. Bis Amanda bei Hölzel Unterricht nimmt, dauert es aber noch ein Weilchen.
Wir begegnen zunächst dem Ehepaar Amanda und Arnold Amiet im Jahre 1900. Den Verlockungen der Pariser Weltausstellung können die beiden nicht widerstehen. Arnold Amiet, geachteter Oberrichter in Solothurn, ist gern bereit, seiner Frau damit eine Freude zu machen. Amanda interessiert sich besonders für die Gemäldeausstellung, unter anderem für die grossen Werken von Ferdinand Hodler und Cuno Amiet. Letzter ist entfernt mit ihrer Familie verwandt, sieben Jahre jünger als Amanda. In seiner Kindheit hat Amanda ihn im Zeichnen unterrichtet.
Die Liebhaberin aller Künste
Zeichnen und Malen ist seit jeher ihre Leidenschaft. Zu ihrem Glück wurde sie darin schon von ihrer Familie gefördert. Auch ihr Mann unterstützte sie in ihrem Bestreben, künstlerisch voranzukommen, und ermöglichte ihr einen Studienaufenthalt in Paris. Nun, im Sommer 1900, steht sie in der Pariser Weltausstellung vor den berühmten Malern und hört später Gesprächsfetzen hinter sich: «Paris . . . diese akademische Malerei ist passé . . . kein Sinn für Farben . . . München, da lernt man etwas . . . die Künstlerinnenschule . . . « – Geschickt spurt die Autorin den Weg vor, den Amanda gehen wird.
Kurze Zeit, nachdem das Ehepaar aus Paris zurückgekehrt ist, erkrankt Arnold am damals noch verbreiteten Typhus und stirbt im Alter von 43 Jahren. Amanda muss nun ihr Leben neu gestalten, vor allem muss sie mit viel geringeren Einkünften zurechtkommen. Sie vermietet einige Zimmer ihres Hauses an Pensionsgäste, zumeist Studenten; und sie bietet Mal- und Zeichenunterricht in ihrem Haus an. Einer ihrer Pensionsgäste erhält eines Tages Besuch von einem nach Paris reisenden Freund: Oskar Tröndle. – Ein weiterer Faden ihrer Biographie wird da gesponnen, sehr lose und noch keineswegs dauerhaft.
Eine eloquente Nichte
Schon im nächsten Kapitel erscheint der Wegweiser für Amandas kommenden Lebensweg: Sie besucht ihre Schwester in Rapperswil SG und lässt sich von ihrer Nichte Martha, ebenfalls künstlerisch begabt, dazu jung und unternehmungslustig, überreden, sie nach München an die Künstlerinnenschule zu begleiten. – Es braucht eine gewisse Zeit, bis Amanda sich dazu durchringen kann. Ihr Wunsch, sich zu entwickeln, die begrenzten materiellen Gegebenheiten, dazu die Verpflichtungen gegenüber ihrer Mutter, all das macht ihr die Entscheidung nicht leicht.
Im Oktober 1901 treffen Amanda und Martha schliesslich in München ein. Die Autorin beschreibt anschaulich, dass es für zwei alleinstehende Frauen, die zudem genügend Platz für ihre Malarbeiten brauchen, nicht leicht ist, geeignete und bezahlbare Wohnräume zu finden. Amanda zieht mehrmals um, vor allem bleibt sie nie das ganze Jahr über in München. Als sie zu Adolf Hölzel in den Unterricht kommt, sucht sie sich eine Unterkunft in Dachau, einem damals beschaulichen ländlichen Ort, wo sich diejenigen Künstler aufhalten, die gern in der Natur – dem Dachauer Moos – arbeiten.
In München und Umgebung blühen die Künste
In München treffen sich Amanda und Oskar Tröndle wieder, sie wandern und malen zusammen, wohnen dann in Dachau im gleichen Haus. Amanda betrachtet ihn als einen guten Freund. Sie scheut sich vor einer näheren Beziehung zum 22 Jahre jüngeren Oskar. Am Ende wird sie Oskar um elf Jahre überleben. Amanda Tröndle-Engel, geboren 1863, stirbt 1956 im hohen Alter.
Im Oktober 1904 kommt der Wendepunkt für Amanda: Oskar erleidet eine akute Blinddarmentzündung – sie galt damals als lebensbedrohlich. Er wird noch rechtzeitig operiert und wieder gesund. In diesen bangen Wochen klären sich Amandas Gefühle: Sie weiss nun, dass sie sich gegen die Konventionen und für den liebenswerten Oskar entscheiden will, der sie schon einige Male gebeten hat, sie zu heiraten. Was ihrem Herzen guttut, findet in ihrer Umgebung nicht überall Verständnis. Auch Oskars Familie ist gespalten. Immerhin versteht sich Amanda mit Oskars Vater gut. Aber Oskars Mutter hatte sich für ihren Sohn eine andere Frau gewünscht.
Mara Meier (Foto: Carole Lauener, Biel/Bienne 2021)
Mara Meier, 1959 in Zürich geboren, verbrachte einen grossen Teil ihres jungen Erwachsenenlebens als Botanikerin in Chile. Seit 2009 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zentralbibliothek Solothurn. Dort befand sie sich an der Quelle zu allen Dokumenten, die ihrem Roman zugrunde liegen. Wie sorgfältig sie vorgegangen ist, beweist sie im Epilog und im Nachwort, in dem sie ihren Ansatz und ihr Vorgehen erläutert, sowie im Personenverzeichnis, das erkennen lässt, wie viele historische Personen sich in diesem Buch verstecken.
Bei all diesen Angaben muss noch einmal hervorgehoben werden, dass der vorliegende Roman zwar historisch korrekt, aber in keinem Moment langweilig oder umständlich geschrieben ist. Im Gegenteil! Frisch und lebendig wirken die Dialoge, Amandas innere Monologe berühren. Es sei noch einmal betont: Es geht nicht um Kunstgeschichte, sondern um die Entwicklung einer Frau zu einer selbständigen, unabhängigen Persönlichkeit.
Nachzutragen ist: Amanda Tröndle-Engel, ebenso wie Oskar Tröndle haben ihren Platz in der Solothurner Gesellschaft erhalten. Einige von Amandas Werken befinden sich im Besitz der beiden Kunstmuseen in Solothurn und Olten.
Titelbild: “La Mujer”, Frauen vor dem Pavillon von Italien; aus einem Buch zur Weltausstellung 1900 in Paris / commons.wikimedia.org