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Krieg in der UKRAINE
Menschen, die den Zugverkehr am Laufen halten
Lwiw, Ukraine – Das ukrainische Eisenbahnnetz befindet sich mitten in der russischen Schusslinie. Alan Chin, ein unabhängiger Fotojournalist für die amerikanischen Medien Business Insider, Newsweek und New York Times, hat die Verantwortlichen der ukrainischen Eisenbahnen begleitet. Eine Reportage.
Seit dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine sind die Prioritäten klar: Zivilist:innen und verwundete Soldat:innen so schnell wie möglich evakuieren sowie humanitäre Hilfe und militärische Hilfsgüter bereitstellen. Zu Beginn der Invasion mussten die Führungskräfte der Ukrainischen Eisenbahnen ihren Hauptsitz in Kiew verlassen. So begann ihre Reise kreuz und quer durch das Land.
Ich treffe Oleksandr Pertsovskyj am Haupteingang des Bahnhofs von Lwiw (Lemberg), einem imposanten Jugendstilbau aus dem Jahr 1904, als die Stadt noch Teil der Österreich-Ungarischen Monarchie war. Als Leiter des Personenverkehrs der Ukrsalisnyzja – der Ukrainischen Eisenbahnen – ist Pertsovskyj einer der Menschen, welche den Bahnverkehr im Land am Laufen halten.
Tausende Menschen befinden sich nach ihrer Ankunft aus Kiew, Charkiw und anderen angegriffenen Gebieten dicht gedrängt im und um das Gebäude herum. Die meisten von ihnen warten auf Züge nach Polen, das 70 Kilometer westlich liegt. 10 000 Menschen werden jeden Tag über die Grenze transportiert. Vor Ort haben mehrere hundert Freiwillige Zelte errichtet. Sie stellen heisse Suppe, Kaffee, Tee und Decken zur Verfügung. Draussen, wo sich die Temperaturen um den Gefrierpunkt bewegen, versammeln sich die Menschen an Feuern, um sich aufzuwärmen.
Eine radikal neue Arbeitswelt
Zu den Aufgaben von Pertsovskyj gehört normalerweise die Vermarktung von «Jazzfestivals und sonstigen Feierlichkeiten». Aber am 24. Februar um 5 Uhr morgens, als russische Luft- und Raketenangriffe in Kiew und in der ganzen Ukraine den Beginn eines vollumfänglichen Angriffs an mehreren Fronten signalisierten, «veränderte sich mein Job und der jedes einzelnen Eisenbahnmitarbeiters im Land radikal», sagt er. Er entschuldigt sich und spricht mit mir und einem anderen Journalisten gleichzeitig, während sein Handy pausenlos klingelt und vibriert. «Jede Minute, Kinder, Essen, Tiere … Wenn mir der Akku ausgeht, werden Hunderte Menschen ...» Pertsovskyj muss einen weiteren Anruf annehmen, bevor er den Gedanken beenden kann.
Stationsleiter:innen, Beamt:innen, Helfer:innen und Diplomat:innen, sie alle wollen etwas von ihm. Jede Anfrage ist dringend. Mittlerweile ist rund ein Viertel der Menschen in der Ukraine auf der Flucht – in einem Land grösser als Frankreich. Es ist eine der grössten Vertreibungen von Menschen in jüngster Zeit. Es wird erwartet, dass noch viel mehr Menschen fliehen werden, denn die Situation verändert sich ständig.
Einige haben das Land mit dem Auto verlassen. Andere fürchteten, dass ihnen der Treibstoff ausgehen könnte oder dass sie von russischen Streitkräften umzingelt werden. Und die meisten Leute besitzen kein Auto. Foglich zwängen sich die Leute in die Züge der Ukrsalisnyzja. Der Bahnhof von Lwiw hat normalerweise ein Passagieraufkommen von 5000 bis 6000 Menschen pro Tag, aber in den letzten Tagen waren es bis zehnmal so viele. Nach Möglichkeit fuhren die Züge mit Hilfsgütern zurück in den Osten, in Richtung Kiew und zum Rest des Landes. «Viele unserer Züge fahren sowieso nach Polen. Es wäre eine Verschwendung von Ressourcen, sie leer zurückzubringen», sagt Pertsovskyj. «Also beladen wir sie.»
«Früher habe ich Tourist:innen befördert»
Das Eisenbahnnetz der Ukraine ist umfangreich, und laut Pertsovskyj lassen sich bis zu 6000 Reisende in einem einzigen Zug unterbringen. Auch das reguläre Ticketsystem wurde ausgesetzt. Ausserdem erzählt er: «Letzte Nacht bekam ich einen Anruf von einem Intercity-Zug – der schnellste und zuverlässigste Weg, um aus Kiew und Lwiw herauszukommen –, der vor beschädigten Gleisen halten musste.» Glücklicherweise konnte das Problem behoben werden, doch die Züge mit der höchsten Kapazität sind Doppeldecker. Pertsovskyj befürchtet, sie könnten aufgrund ihrer Grösse zu Angriffszielen werden.
Pertsovskyj ist 36 Jahre alt, spricht mehrere Sprachen und ist Vater eines kleinen Kindes. Er wuchs in der Stadt Sjewjerodonezk in der umkämpften Region Luhansk in der Ostukraine auf. Er erhielt ein Fulbright-Stipendium und studierte an der Brandeis University in der Nähe von Boston, später lebte und arbeitete er in Singapur. Schliesslich kam er zurück, «weil sich die Ukraine zu verändern begann. Ich hätte weit weg von all dem sein können.»
Er fügt hinzu: «Heute wurde der erste Eisenbahnmitarbeiter getötet.» (Seit dem Kriegsausbruch sind mind. 33 Eisenbahner:innen getötet worden, A.d.R.) Während eines besonders schwierigen Telefonats aus Charkiw unter Beschuss dreht sich Pertsovskyj zu uns um und sagt: «Früher habe ich Tourist:innen befördert.»
Ein mobiles Kommando
In einem kleinstädtischen Bahnhof kommt eine Gruppe bewaffneter Eisenbahner mit Helmen und Körperpanzern an. Bald darauf steigen wir in einen Zug, um Oleksandr Kamyschin zu treffen, den CEO von Ukrsalisnyzja. Ein grosser Mann in einer schwarzen Jacke, eine auffällige Erscheinung. Er ist Vater von zwei kleinen Söhnen und erst seit sechs Monaten im Amt, immer noch ohne offiziellen Vertrag oder Gehalt. Zuvor studierte er am INSEAD in Frankreich, besass ein grosses Medienunternehmen und war Investmentmanager für die SCM-Gruppe des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow.
Kamyschin sitzt neben dem Lokführer vorne im Zug und berät sich mit verschiedenen Abteilungsleitern, während der Zug teilweise mit 160 km/h durch die Landschaft donnert.
Die Karte auf dem Tisch
Kamyschin legt eine grosse Karte auf einen Tisch und beschreibt, was die Eisenbahn seit Kriegsbeginn sechs Tage zuvor erlebt hat. «Offiziell gab es einen Evakuierungsprozess aus Luhansk und Donezk [die seit Längerem umkämpften Gebiete in der Ostukraine]. Als die Bombenangriffe in Kiew begannen, wurde inoffiziell keine Evakuierung angekündigt. Aber allein aus den zehn grössten Städten der Ukraine, darunter Kiew, Charkiw, Odessa, Dnipro und Saporischschja, haben wir über 900 000 Menschen mit Hunderten von Zügen evakuiert. An Bord wurde es sehr unbequem, weil wir sie alle reingelassen haben, die Züge waren zur doppelten und dreifachen Kapazität gefüllt. Dafür brachten wir die Menschen in Sicherheit. Wir haben Teams gegründet, die sich im ganzen Land bewegen. In den letzten zwei Tagen war ich an mehr als zehn Orten. Ich habe 231 000 Angestellte. Es geht ihnen gut und sie sind bereit, ohne Schlaf zu arbeiten, aber ich muss ihnen zeigen, dass ich bei ihnen bin.»
Kamyschin berichtet direkt an den Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakow und an Präsident Selenskij: «Als wir nach Kiew fuhren, kamen wir unter Beschuss; es flogen Raketen über die Gleise. Wir hatten Glück. Er sagte uns, dass die Armee und die Eisenbahnen derzeit die wichtigsten Strukturen der Ukraine stellen.» Kamyschin sagt, dass militärische und zivile Züge streng getrennt gehalten werden, aber sie teilen sich die gleichen Gleise, und das Militär hat Vorrang bei Lokomotiven, Rollmaterial und Fahrplänen.
Kamyschin stellt einige Mitglieder seines Teams vor und tut dies fast wie ein Bandleader, der für jeden Musiker nach seinem Solo eine Lobesrede bereithält: Slava Babak für Sicherheit und Vernetzung, Viacheslav Yeromin für Fracht und Warentransport, ladimir Krot für Sicherheit, Natalia Zapolska, die Personalleiterin, und viele andere, die nicht benannt werden möchten.
Die Teammitglieder haben die unterschiedlichsten Hintergründe. Sie kommen aus der ganzen Ukraine, manche aus Regionen, die derzeit angegriffen werden, und sie sprechen abwechselnd Ukrainisch und Russisch. Während Kamyschin und Pertsovskyj typische Vertreter einer aufstrebenden jungen, westlich orientierten Ukraine sind, repräsentieren die anderen die eher traditionelle Berufsgruppe der langjährigen Eisenbahner:innen. Sie tragen khakifarbene Uniformen, nicht Zivilkleidung, ihre Gesichter verdüstern sich, wenn sie ein neuer Bericht über ein Problem erreicht.
Yeromin, der für den Warentransport verantwortlich ist, versucht mit aller Kraft, die Treibstoffversorgung zu sichern, sowohl für den Bahnbetrieb als auch für das gesamte Land. «Zuvor stammten 80 % unseres Gases und Treibstoffs aus Belarus und Russland. Jetzt müssen wir es mit Lieferungen aus Europa ersetzen.» Natürlich stehen auch Lebensmittel ganz oben auf der Liste, und zwar nicht nur der Import, sondern auch der Export. «Zuvor hatten wir 2000 Container pro Tag mit Getreide gefüllt, die zu den Seehäfen fuhren, weil 90 % unseres Getreides für den Export bestimmt sind. Nun sind die Häfen geschlossen, sodass auch die Logistik nach Europa verlagert werden muss.» Er erzählt, wie sie Kohle in Kraftwerke liefern und Hilfsgüter aus Kattowitz und Krakau verteilen müssen.
«Ich bin dafür verantwortlich, dass sich alle Züge sicher bewegen», sagt der Sicherheitsbeauftragte Krot, «aber uns fehlen die gewohnten, einfachen Möglichkeiten, Dinge zu reparieren. Gleise werden durch Einschläge beschädigt, Brücken werden gesprengt, Signalsysteme beeinträchtigt. Kugeln haben Lokomotiven getroffen, es gab Todesopfer. Dies alles sind direkte Gefahren für den Transport, doch wir haben die Kontrolle über die technische Infrastruktur aufrechterhalten.» Babak, ein ehemaliger Militäroffizier, sagt: «Meine grösste Sorge ist, dass ein Personenzug getroffen wird und Menschen sterben.»
Während eines kurzen Stopps in Ternopil, wo Kamyschin eine Telefonkonferenz mit den Direktoren der sechs Regionalbahnen der Ukraine hat, sieht Babak seine Frau und seine Kinder für ein paar Minuten. Sie waren 48 Stunden lang unterwegs, nachdem sie der heftigen Schlacht in Charkiw entflohen waren. Als es Zeit ist, zu gehen, beobachte ich, wie Babak alle von ihnen nacheinander auf dem Bahnsteig umarmt. Dann klettert er wieder an Bord und winkt ihnen vom Fenster der Zugtür zu, bis sie ausser Sichtweite sind. Er verweilt eine Zeit lang am Fenster, während der Zug beschleunigt und unsere Reise durch die Winterlandschaft fortsetzt, durch ein Land im Krieg um seine Existenz.
Nerven aus Stahl
«Das ist die Geschichte jedes einzelnen Eisenbahnmitarbeiters», sagt Kamyschin. «Wir sind strukturiert, wir sind diszipliniert und behalten die Kontrolle. Ich habe keinen einzigen Mitarbeiter und keine einzige Mitarbeiterin die Kontrolle verlieren sehen. Wir haben Nerven aus Stahl.»
«Ich bin hier, um meinem Land zu helfen», sagt die Personalleiterin Zapolska. Sie wird von einem jungen Zugbegleiter unterstützt, der ihr bei der Zubereitung von Tee und Kaffee und beim Aufwärmen von Mahlzeiten hilft. «Ich möchte, dass mein Kind eines Tages keine Angst vor Explosionen haben muss. Es bricht mir das Herz, das alles mitanzusehen.»
Es ist spät in der Nacht, als wir in Schmerynka aussteigen, einer kleinen Stadt im Zentrum der Ukraine, mehrere hundert Kilometer von dem Ort entfernt, wo wir losgefahren sind. Kamyschin und sein Team verschwinden in Richtung ihrer nächsten unbekannten Destination. Es fängt an zu schneien, als der lichterlose Zug durch die Dunkelheit rast, die nur gelegentlich von Lichtern an den Gleisen unterbrochen wird. Für einen Augenblick beleuchten sie die Schneeflocken und die Staubwolken am Boden.
Eisenbahn in der Ukraine
Die Ukrsalisnyzja, die ukrainische Eisenbahngesellschaft, wurde 1991 gegründet und zählte 2021 375 900 Mitarbeitende. Die Gesellschaft verfügt über rund 4000 Lokomotiven, 1800 Automotoren, 6000 Personen- und 180 000 Gütertransport-Wagen.
Im Jahr 2021 war die Ukraine mit ihrer Eisenbahn beim Personenverkehr weltweit auf Platz 6. Im Warentransport belegte sie Platz 7 und bezüglich der Länge des Streckennetzes war sie mit ihren 23 000 km (russischer Gleisabstand von 1520 mm) auf dem 13. Platz (europaweit auf Platz 3). In der Ukraine gibt es über 1600 Bahnhöfe.
Menschen auf der Flucht
Gemäss Schätzungen des UNHCR vom 25. März sind rund zehn Millionen Menschen in der Ukraine vertrieben worden, etwa ein Viertel der Bevölkerung. Davon sind fast 3,7 Millionen ins Ausland geflohen. Bis Redaktionsschluss sind über 16 000 von ihnen in die Schweiz gekommen.
Geografie
Die Ukraine ist nach Russland das zweitgrösste Land Europas. Das Land wurde mit der Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 unabhängig und zählt ungefähr 44 Millionen Einwohner:innen. Am 24. Februar 2022 griff das russische Militär auf Anordnung von Wladimir Putin die Ukraine an.