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Ildiko Wissler
09. Juli 2023
Wissen Sie woher das Wort Komfort stammt? Tatsächlich stammt dieser Ausdruck aus dem 19. Jahrhundert, «Confortable» aus dem altfranzösischen und bedeutet Trost, Stärkung bringend. Das Wort «Zone» schlich sich im 18. Jahrhundert in die deutsche Sprache ein und kommt aus dem lateinischen resp. griechischen und bedeutet Gürtel. Einzug hielt «Zone» vor allem während der Zeit des Deutschen Reichs. Damals war die Rede von Besatzungszonen, was bis Mitte der 40-er Jahre des letzten Jahrhunderts dauerte. Wir erinnern uns. Komfortzonen ist also eine Mischung aus Trost, Stärkung und Gürtel. Während Trost und Stärkung ausschliesslich zu positiven Assoziationen verhelfen, führt Gürtel nicht zwangsläufig zu einem ähnlichen Empfinden. Im Lichte der Einführung des Begriffs «Zone» in die deutsche Sprache, könnte diesem sogar Gewalt angehängt werden. Dazu jedoch später. Wie auch immer - ich empfinde eine gewisse Ambivalenz und Unsicherheit. Jedenfalls führt die Verknüpfung von Komfort und Zone zu einem Begriff der in Managementkreisen, von Chefs und der Beratung für Motivationszwecke gerne genutzt wird. Aktuell wird Komfortzone als Modell verkauft, entwickelt sich zu einer Lebensphilosophie und gilt als Schlagwort. Letztere sind prägnant, an Emotionen appellierend, leicht verständlich und dienen Propagandazwecken. Kurz: jeder weiss was damit gemeint ist und es entsteht sofort das Gefühl der Beklemmung. Kann ich mithalten?
«33 Challenges für den Alltag»; «Komfortzone verlassen, deutlich erfolgreicher werden» oder «das Leben beginnt ausserhalb deiner Komfortzone» - und endet, wenn Sie mich fragen, plakativ gesagt mit dem Tod. Dennoch die Komfortzonenberatungsindustrie boomt. Allesamt gehen wir in Höchstleistungen auf mit der Suggestion uns selbst etwas Gutes zu tun, viel mehr aus uns herauszuholen. Der Ausdruck «das Verlassen der Komfortzone» wird oberflächlich gesehen erstaunlicherweise in manchen Kreisen positiv wahrgenommen. Wer seine Komfortzone sichtbar verlässt, gilt als leistungsfähig, belastbar, erfolgreich und vielleicht sogar gutaussehend. Heute ist es schick die eigene Komfortzone zu verlassen und die gemachten Erlebnisse in der Hoffnung auf Anerkennung mit seinem Umfeld zu teilen. Warum sollten wir das sonst tun?
Vorfahre der Komfortzone ist meines Erachtens – ich habe hierzu keine gesicherten Erkenntnisse - die Lebensweisheit des Dichters Hans Sachs aus dem 15. Jahrhundert. Aus seiner Feder stammt: «Wagen gewinnt und wagen verleust», heute bekannt als Sprichwort in der verneinten Form «wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Schon damals haben wir gewagt und Einsatz geleistet oder unsere Angst vor einer grossen Aufgabe überwunden. Wagte ich mich vor 1000 Jahren nicht in den Wald, um ein Wildschwein zu erlegen, weil ich Angst hatte das Risiko einzugehen vom Wildschwein aufgespiesst zu werden, hatte ich Hunger oder ich gab mich mit wenig sättigendem, kargem Grünzeug zufrieden oder ich dachte gar nicht darüber nach. Der anerkannte Vegetarismus entwickelte sich erst später. Nicht zu wagen war also keine Option und das Raubtier in mir verlangte gierig nach Fleisch. Es war schlicht harte Arbeit.
Und heute? Zwischenzeitlich sind wir so bequem und gelangweilt geworden, dass wir uns nach mittelalterlichen Zuständen sehnen, in der selbst die Nahrungsbeschaffung herausfordernd war – mit dem Unterschied, dass wir das früher souverän und ohne das Komfortzonengedöns gemeistert haben.
Das Fleisch auf unserem Teller liefert uns heute wohl mehrheitlich der Metzger. Einst freuten wir uns über die erfolgreiche Jagd. Heute haben wir vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen. Aus diesem Grund gibt es ja auch die Vegetarier, Veganer, nur Fallobstgeniesser resp. Frutarier und sonstige Grünzeugverwerter. Im Laufe der Jahrhunderte haben wir unsere Ansichten über Risiken aber auch unsere Einstellung dazu geändert. Sicher half auch unser permanentes Bestreben, uns unser Leben komfortabler und bequemer zu gestalten. Das ist Fortschritt. Heute haben wir aber auch schlicht andere Bedürfnisse und wir haben Ängste. Jagen ist gefährlich. Das dürfen nur ganz wenige. Wir bevorzugen in der Regel ein für uns überbehütetes und bequemes Leben, sehen zahlreiche Gefahren und reglementieren sie. Wir verbieten, weil wir Angst haben. Wir verweisen uns mit samt unseren Vorschriften in die Schranken der Komfortzone. Wildschweinjagen früher lebenserhaltend, heute wohl für die meisten von uns ausserhalb unserer Komfortzone oder können Sie sich vorstellen mit einer Winchester 308 in den Wald zu ziehen? Nein? also gehen wir doch lieber zum Metzger.
Einmal dort gelandet, wissen wir im Wohlfühlambiente der Komfortzone heute aus lauter Langeweile oder vielleicht aus Innovationslust oder ich will mir selbst etwas beweisen-Druck nicht mehr was uns noch so einfallen soll. Aus diesem Unvermögen unsere Energie sinnbringend einzusetzen entwickelt sich ein neuer Lifestyle und ein ständiges Bestreben lieb gewordenes und gewohntes dauernd ändern zu müssen. Lieb gewonnene Gewohnheiten sind langweilig. Und genau dort finden wir sie die Komfortzonenausbrecher. Sie wollen den inneren Schweinehund überwinden oder ihre Angst (vielleicht vor dem Wildschwein) besiegen und sie sind stolz darauf und fordern dafür Anerkennung. Jeder der was auf sich hält und erfolgreich ist oder zu sein glaubt, weiss in diesem Bereich von Grenzerfahrungen zu berichten. Der Erfolg der Verkaufsargumente ist sichtbar: Zahlreiche Jünger begeben sich auf die Pilgerreise und die Suche nach dem, was nach Verlassen der Komfortzone kommt. Nach den Worten sollen zum Beweis sichtbare, überprüfbare Taten folgen. Versprochen – dein Leben ist nach dem Verlassen deiner Komfortzone abwechslungs- und erfolgreicher und freier, ohne deine bisher durch Gewohnheiten gelebten Einschränkungen. Gewohnheiten werden leider oft verwechselt mit negativen Angewohnheiten, wie z.B. Rauchen oder Alkohol. Aber wer macht schon einen Unterschied?
Warum aber brauchen wir sie trotzdem die Gewohnheiten? Unser Gehirn wäre ohne Gewohnheiten aufgrund des permanent erhöhten Energiebedarfs unter Dauerdenkstress. Gewohnheiten geben Sicherheit, Ruhe und bewahren uns vor Überforderung – genauso wie unsere Komfortzone. Wir schätzen unsere Gewohnheiten, weil wir wissen was kommt und wissen, dass sie guttun. Zusammen mit den Gewohnheiten sind wir in unserer Komfortzone sicher. Nur keiner von uns würde das zugeben, sonst wären wir ja alles Langweiler.
Zur Aufrechterhaltung des ich möchte aus meiner Komfortzone-raus-Gefühls greift die Komfortzonenberatungsindustrie für die Verbreitung der Ideologie, Werbung und zur Sicherung ihrer finanziellen Einnahmen nach dem grauen Schleier des Belächelns. Mit Kniefall gehuldigt und aufs Treppchen gehoben wird die heldenhaft erreichte Veränderung und der Ausbruch aus dem bisher vermeintlich erfolglosen, trägen, alten, langweiligen und öden Leben. Dabei ist die Analyse des einzelnen Individuums durchwegs und ausschliesslich zukunftsgerichtet. Das Heute ist garantiert schlechter als das Morgen. Morgen werden wir von der Sonne des Erfolgs belohnt. Aber warum tun wir das? Ein möglicher Treiber ist zweifellos die nicht zu unterschätzende menschliche Ureigenschaft der Neugier und der permanente Wunsch neues zu erleben und sich selbst herauszufordern und zu messen. Wo stehe ich eigentlich?
Schwierig so eine Definition. Ich versuch’s jetzt mal. Die Komfortzone ist im Grunde eine individuelle Einschätzung, Empfindung, ein Gefühl, oder ein Zustand der nicht allgemeingültig für jeden harmonisiert und einheitlich festgelegt oder beschrieben werden kann. Was für mich bequem und einfach ist, ist für jemand anderen bereits eine Herausforderung oder gar unmöglich. Das aber ist nur meine eigene Auslegung und Ansicht, denn wissenschaftliche Artikel über die Komfortzone sind selten. Für mich bleibt es also beim Gefühl.
In den 20-er Jahren wurde der Begriff Komfortzone im Zusammenhang mit der Raumtemperatur benutzt. In den 90-er Jahren ist der Begriff in der Organisationspsychologie und Erlebnispädagogik wiederaufgetaucht und wird seither kommerziell erfolgreich vermarktet. Im Zuge meiner Recherchen bin ich auf das sogenannte Komfortzonenmodell aus dem Bereich der Erlebnispädagogik gestossen, was auch einigermassen verständlich dokumentiert ist. Bei diesem Modell ist die Komfortzone ein Kreis, der von zwei weiteren Kreisen umrandet wird. Direkt an die Komfortzone in der Mitte schliesst die Lern- und Wachstumszone an. Dort erleben wir Herausforderung, Stress und begegnen dem Risiko. Um das Lernen anzustossen, müssen wir gemäss dem Modell die Mitte verlassen. Übertreiben wir es, so landen wir in der Panikzone dem äussersten und dritten Kreis des Modells. Dort sind wir überfordert. Wir lernen nicht mehr und konzentrieren uns nur noch aufs Überleben.
By the way: die Antagonisten propagieren das Finden der eigenen inneren Mitte. Das soll Gleichgewicht und langweilige Ruhe bringen. Ein eigener Erwerbszweig der hauptsächlich von den Yogis beansprucht wird. Und zurück zu unseren Kreisen: Mit Verlassen des inneren Kreises verlassen wir unsere innere Mitte und kippen unser Gleichgewicht über Bord. Wir straucheln.
Nach der Komfortzonenausbruchsphase folgt die Burnoutzoneneinbruchsphase. Einmal dort gelandet, habe ich es wohl übertrieben. Ich habe den äussersten, den Panikkreis betreten. In dieser Phase kommen wir also zur Erkenntnis, dass das Verlassen unserer Komfortzone und negieren unserer lieben Gewohnheiten bildlich gesehen mit einem Sprung ins Haifischbecken vergleichbar ist. Das hätte ich wohl besser sein lassen. Vielleicht fehlt mir ein Bein, ein Arm oder mein Gehirn spielt nicht mehr mit. Aus der Komfortzone, aus dem Gleichgewicht. Nichts mehr ist so, wie es einmal war. Die Welt steht Kopf. Erinnern Sie sich? Einleitend sprach ich von Gewalt. Voilà. Das Betreten oder je nach Sichtweise Verlassen der «Zone» kann für den einzelnen zu gewaltvollen Erfahrungen und zu Selbstschädigungen führen. Wir sehen also, der Begriff «Zone» wird ihr schlechtes Image nicht richtig los. Ich frage die Frage nicht, warum wir gewaltvolle Erfahrungen in Kauf nehmen, denn des Menschen Wille sei sein Himmelreich. Ich muss auch nicht alles verstehen. Vieles haben wir bisher nicht verstanden, tun es trotzdem und werden es auch weiterhin tun. Doch einmal in die Burnoutzone katapultiert, dreht das Karussell weiter und mit Sitz am Rand durch die Rotations- und Schwerkraft immer schneller. Und jetzt - wie weiter?
Zur Wiederherstellung unserer Komfortzone empfiehlt sich die Gesundheits- und Pflegeindustrie und daraus folgend die Abwälzung steigender Krankenkassenprämien auch auf die Komfortzonen-Liebhaber oder einfacher gesagt die trägen und zufriedenen Langweiler. Nachdem wir den Trost und Stärkung bringenden Gürtel aus unserer ausgeglichenen Mitte verbannt haben und in der Burnoutzone gelandet sind, wünschen wir uns den üblicherweise verpönten Rückfall in die Komfortzone. Endlich wissen wir’s: Das Gestern war doch besser als das Heute.
Zwecks Stabilisierung suchen wir Trost, Stärkung und den Gürtel resp. die Zone, die uns wieder zusammenflickt und danach auch zusammenhält. Was anfänglich beengend wahrgenommen wurde, bringt im Nachhinein heilende Wirkung.
Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen unsere jüngste Lebensweise zu hinterfragen, wenn wir das nur wollen.
Antworten liefern entschleunigende Freizeitbeschäftigungen wie zum Beispiel die Resilienzbewegung. Dort lernen wir Krisen zu bewältigen und greifen auf unsere persönlichen Stärken zurück. Selbstverständlich wird uns auch dabei die persönliche Entwicklung garantiert. Wir suchen unsere persönliche neue alte Komfortzone, in der unser Organismus wieder funktioniert. Auch eine Achtsamkeitstherapie oder Yoga sei empfehlenswert. Letztere erlebte ihre Geburtsstunde vor rund 3'500 Jahren. Ob es im Jahre 5523 die Komfortzoneverlassendogmatiker immer noch geben wird, ist aktuell fraglich.
Was also haben wir bis jetzt gelernt?
Der «Begriff Komfortzone» ist ein Modewort und eine Erfindung von cleveren Geschäftsleuten mit dem Bestreben Geld zu verdienen, auf deren Konzept wir reingefallen sind. Mit dem Übergang von der Komfort- in die Bournoutzone stellen wir interessierten Unternehmen in Form von Patienten lukrative Kundschaft zur weiteren Bearbeitung zur Verfügung. Es ist wie an einem Fliessband. Was der eine vorne kaputt macht, muss der andere hinten wieder flicken. In diesem Sinne hoffe ich, dass der Begriff Komfortzone grundsätzlich nur noch im Zusammenhang mit Temperaturschwankungen oder Matratzen für Aufsehen sorgt und ihre bisherige Schlagwortbedeutung und damit Beklemmung auslösende Wirkung verliert. Und zum Schluss: arbeiten Sie und geniessen Sie ihr Leben aber übertreiben sie beides nicht.