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Sie werden Fritz Suter wahrscheinlich nicht kennen. Das macht nichts. Er gehört zu den originellsten Menschen, denen ich im Leben begegnet bin. Er war engagierter Präsident eines Fischereivereins und führte jeweils wortmächtig, humorvoll und einfallsreich durch die Jahresversammlungen. Vor über 30 Jahren sagte er den Kormoranen und gleichzeitig der seiner Regierung den Kampf an, weil die gefrässigen Vögel die Fische aus der Reuss frassen. Die Kormorane suchten damals in Hundertschaften den Zugersee heim und unternahmen in Gruppen Raubzüge zur Reuss, wo sich das Herrschaftsgebiet Fritz Suters befand. Den Kormoranen genügten die Weissfische im Zugersee nicht, sie hatten es auch auf die Edelfische im Fluss abgesehen, die sie mit unerhörter Raffinesse zu fangen wussten, und zwar nicht wenige, mehr als ein halbes Pfund am Tag. Fritz Suter zog den Harnisch an und das bekam auch der in dieser Frage etwas nachlässige Vorsteher der Fischerei seines Kantons zu spüren. Fritz bot mir damals als Gast der Sitzung das Vergnügen, ihm bei seinen kraftvollen Angelwürfen zuzuhören.
Nun lebt Fritz im Altersheim. Vor Tagen bekam ich Post von ihm und wurde einmal mehr in meiner Ansicht bestätigt, dass jemand, der im Leben eine Sache pflegt, sie bis ins hohe Alter weiter ausführt. Fritz pflegte eine herrlich ausführliche Sprache, mit der er seine Auftritte bestückte und anekdotisch vertiefte. Vor ein paar Tagen schickte er mir also drei Seiten seines aktuellen Tagebuchs, in dem er mich erwähnt. Staunend las ich seine Notizen. Sie erheiterten und erfreuten mich so sehr, dass ich einige davon zitieren möchte. Ich fühle mich dazu aus zwei Gründen legitimiert: zum Einen, weil wir uns freundschaftlich zugeneigt waren, und zum Andern, weil Fritz den Notizen die Kopie meiner Kolumne «Jupiter und die Ochsen» beigelegt hatte. Er liest offenbar das «Seniorweb».
Mitte Juli notierte er also:
«Zuerst meine Freude. Eine Pflegerin bringt mir von ihrer 7-jährigen Tochter eine Zeichnung mit dem Gedanken: ‹Glaube an das, was noch nicht ist, damit es werden kann.›»
Und: «Schlafen verbirgt ein Geheimnis, das ich mit goldenem Schlüssel öffnen darf…Träume schenken kurze Augenblicke einer Traumwelt, aus der ich ungern vertrieben werde. So geschehen: Letzthin im Traum sind wir zu viert beisammen. Jeder erhält eine Aufgabe. Verantwortlich bin ich für die Zeit. Zum Aufgabenstart schaue ich auf die Traumuhr, die Zeiger stehen auf 7 Uhr. Unbemerkt bin ich anscheinend vom Schlafen ins Wachsein gewechselt und ich bin überrascht, die Zeit stimmt überein, auch in der Wirklichkeit lese ich 7 Uhr. Um die Wärme zu geniessen, zieh ich die Decke über die Schultern. Freudig, denn es bleibt noch 1 Stunde Schlaf. Die Moral dieser Geschichte: Träume sind Schäume, davon kann ich nie genug bekommen.» Dann notiert er: «Du bist weniger vom morgigen Tag abhängig, wenn du den heutigen in die Hand nimmst.» Oder: «Wer Träume hat, der hat auch Ziele. Wir wachsen nicht mit dem Alter, sondern mit den Aufgaben.»
Offensichtlich freut sich Fritz an einer Pflegerin, die Bär heisst. «Bärenspuren in meinem Zimmer, ein Märchen der Gebrüder Grimm? Auf dem Kissen ein Stoffbärli, auf dem Tisch das Buch ‹Beginn jeden Morgen mit einem guten Gedanken.› Jetzt öffne ich das Rätsel, dahinter steckt die Pflegerin (mit Namen Bär).» Ein sympathischer Herr möchte punktgenau das Frühstück um neun Uhr auf dem Zimmer. «Die Bärin freut sich, wenn sie ihm als erste das Morgenessen servieren darf. Es ist schon bekannt und alle Kolleginnen lächeln darüber. «Warum», fabuliert der Autor weiter, «geht die Bärin so gerne zu diesem Herrn? Meist sitzt er schon an seinem Tischchen und wartet… Dann strahlt er und die Konversation beginnt… Mit ein paar Minuten und der Tag startet mit Elan und Freude für beide.»
In einer weitere Notiz ist zu lesen: «Auf dem Weg zum Postfach grüsst mich eine Bewohnerin: ‹Kannst du mir einen Liebesbrief schreiben?› Retour: ‹Hab keine rosaroten Kuverts.› Schluss. Ende. Später beim Meditieren nimm ich die Spur wieder auf. Unzufrieden mit meiner schlagfertigen Antwort. Mit Gefühlen spielt man nicht… In meinen Gedanken versuche ich mich damit zu rechtfertigen, in einer halben Stunde danach hat sie ja doch alles vergessen. Nicht ich, denn zum Lernen ist es nie zu spät.»
Das ist die erste Version dieses Vorfalls, in der zweiten erinnert er sich, dass dieser Wunsch früher in ihm einen wahren Sturm der Gefühle ausgelöst hätte.
Es tut mir leid, dass ich hier abbrechen muss, an Fritz Suters Tagebuchnotizen würden sich sicher viele älteren Herrschaften wunderbar ergötzen. Mir zeigen sie, dass die Liebe zur Sprache und zum Sprachwitz bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Danke Fritz!