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Hintergrund
Der Begriff der Heimat ist schlillernd. Es scheint nicht in jeder Sprache ein geeignetes Wort zu geben, das man verwenden könnte, um diesen Begriff zu bezeichnen. Die Konnotationen, die sich mit ihm verbinden, reichen von völlig trivialen bis hin zu solchen, die normativ extrem aufgeladen sind. Man vergleiche für das eine Extrem etwa den Begriff des ‘Heimatortes’, wie er in der Schweiz in Ausweisen und Zivilstandsurkunden aufgeführt wird: Hier kann ‘Heimat’ etwas bedeuten, das gar keinen Zusammenhang mehr zu der Person hat, um deren ‘Heimat’ es geht. Es ist ja keine Seltenheit, das man den eigenen Heimatort noch nie mit eigenen Augen gesehen hat. Am anderen Ende des Spektrums lassen sich Verständnisweisen finden, nach denen Heimat z.B. mit einer emotional besetzten Landschaft odern mit (nicht selten verlorenen oder bedrohten) Sitten und Gebräuchen gleichgesetzt wird. Es ist in solchen gewissermassen identitätsgesättigten Zusammenhängen, dass dem Begriff der Heimat eine politische Dimension zukommt, die vielfach sehr problematischen Charakter hat. Man denke etwa an die von Rassismus durchsetzten Heimat-Diskurse in der Nazi-Zeit oder den unverbesserlichen Revisionismus der deutschen ‘Heimatvertriebenen’. Gerade weil dem Begriff der Heimat solch eine politisch problematische Dimension innezuwohnen scheint, lohnt sich die Frage, ob ’Heimat-Haben‘ zwangsläufig mit konservativen Haltungen einhergeht oder ob es nicht auch ein Verständnis von ‘Heimat’ gibt, das auf eine andere Weise wertvoll ist. Um diese Problematik in den Blick zu bekommen, müssen wir darauf reflektieren, was mit dem Begriff der Heimat gemeint sein kann. Recht offensichtlich ist hierbei die lokal-geographische Interpretation, nach der mit Heimat immer der Ort gemeint ist, von dem man stammt. Doch schon die beiden Wörter ‘Ort’ und ‘stammt’ bereiten Probleme. Reicht es irgendwo geboren zu sein, um dort die Heimat zu haben? Muss man irgendwo zur Schule gegangen sein? Existentielle Erfahrungen gemacht haben? Und sind wichtige Erfahrungen nicht vielleicht sogar zentraler für Heimat, als die Tatsache, dass man irgendwo geboren wurde? Ist der ‘Ort’ der Heimat immer eine Stadt? Ein Landstrich? Eine topographische Besonderheit? Ein Nationalstaat? Oder vielleicht noch abstrakter: Eine bestimmte Staatsform?
Gedankenexperiment
In der Schweiz wird ein neues Gesetz eingeführt: Familien, die neu Kinder bekommen haben, müssen alle sechs Monate in einen neuen Kanton umziehen. Dies geht so lange, bis die Kinder das 18. Lebensjahr erreicht haben. Die Kinder müssen dementsprechend, so bald sie genug alt sind, ständig den Kindergarten und die Schule wechseln. Auch ihre Freund*innen wechseln permanent. Allerdings verlassen sie nie die Schweiz und es wäre, mit grosser Anstrengung möglich, die alten Freund*innen wieder zu treffen, oder an zu den alten Häusern zurückzukehren. Nach einer gewissen Zeit wird das ganze aber doch anstrengend und die Kinder sehnen sich nach einem Zuhause, nach einer Heimat. Was aber macht diese aus: sind es die Orte, oder die Häuser, die sie bewohnten, oder doch das Land, vielleicht der Dialekt oder die Sprache, oder doch die Freund*innen?
Reflexion
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