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Interview mit dem Schweizer Zeckenspezialisten Felix Ineichen
FREIBURG - Die Klimaerwärmung fördert die Ausbreitung von Zecken in der Schweiz, wie eine Studie zeigt. Jedes Jahr werden 14'000 Fälle von Stichen dieser Spinnentiere verzeichnet. Diese Zahl ist steigend, warnt die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva). Zecken können Infektionskrankheiten wie Borreliose oder Meningitis übertragen. Gegen Borreliose, auch Lyme-Krankheit genannt, gibt es keinen Impfstoff, aber sie kann mit Antibiotika behandelt werden. Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) kann einen schweren Krankheitsverlauf haben, der zu bleibenden Schäden und Todesfällen führen kann. Es gibt eine Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), aber Antibiotika sind unwirksam. Pharmapro.ch konnte Felix Ineichen, Zeckenexperte der Suva, einige Fragen stellen.
Pharmapro.ch (Xavier Gruffat, Apotheker) – Sie erklären in einer Anfang April 2022 veröffentlichten Mitteilung: «Zecken-Risikogebiete haben zwischen 2009 und 2019 um fast zwei Drittel zugenommen». Ist bekannt, in welchen Regionen oder Kantonen der Westschweiz diese Zunahme vorwiegend verzeichnet wurde?
Felix Ineichen - Laut einer durchgeführten Studie haben sich Zeckengebiete in der ganzen Schweiz ausgedehnt. Insbesondere in den Gebieten zwischen 500 und 1000 Metern Höhe herrschen ideale Bedingungen für Zecken, sie fühlen sich dort immer wohler. Vor allem im Nordosten, im Jura und im Rhonetal ist eine deutliche Zunahme der von Zecken bevorzugten Habitate zu verzeichnen.
Gibt es eigentlich eine detaillierte Karte, wo die Zecken in der Schweiz vorkommen?
Diese Karte (s. Link) zeigt die Regionen, die geeignete Lebensräume für Zecken darstellen. Dort kann man auf das Vorkommen von Zecken schliessen.
Nachfolgend (s. Link) eine weitere Karte mit den Gemeinden, in denen ein Zeckenstich gemeldet wurde (Stich, der zu einer FSME führte).
Bild: © LASIG
In einer Pressemitteilung erklärten Sie, dass die Bedingungen in Höhenlagen zwischen 500 und 1000 Metern aufgrund des Klimawandels für Zecken günstiger geworden sind, da sie sich dort «immer wohler fühlen». Man darf aber nicht vergessen, dass Zecken genauso gut und vor allem im Mittelland (in der Ebene) leben, d. h. in Höhenlagen unter 500 m? Ist das korrekt?
Zecken kommen auch im Mittelland vor. Sie erwachen, wenn die Temperaturen im Frühjahr beginnen, mild zu werden. Im Sommer, wenn es wärmer und trockener ist, sind sie weniger aktiv.
Warum überleben Zecken in grossen Höhen nicht (z. B. 1200 m oder höher)?
Wissenschaftler haben erkannt, dass das Vorhandensein und die Aktivität von Zecken von vielen Umweltfaktoren beeinflusst wird, u. a. von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit. Zecken benötigen milde Klimabedingungen, um sich vermehren zu können. Diese Bedingungen sind in Höhenlagen ab 1500 m selten gegeben.
Weshalb liegt die Höchstzahl (Peak) der Stiche in der Schweiz zwischen Mai und Juni?
Die Monate Mai und Juni sind die Jahreszeit, in der die Menschen sich in der freien Natur bewegen. Die Temperaturen sind dann für die Vermehrung von Zecken besonders günstig. Während der wärmeren und trockeneren Sommermonate sind Zecken deutlich weniger aktiv. Wie in der Antwort auf Frage 4 erwähnt, spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, darunter Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
Welcher Personengruppe wird die Impfung gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) empfohlen?
Generell wird die Impfung allen Berufskategorien empfohlen, die in der Natur arbeiten (Holzfäller, Förster, Landwirte usw.), sowie allen Personen, die aufgrund ihrer Freizeitaktivitäten in der Natur regelmässig mit Zecken in Kontakt kommen können. Das BAG erklärt dazu: «Die Impfung gegen Zeckenenzephalitis ist eine im schweizerischen Impfplan empfohlene Impfung für Personen mit erhöhtem Expositionsrisiko; sie betrifft Erwachsene und Kinder, in der Regel ab 6 Jahren, die in einem Risikogebiet wohnen oder sich dort aufhalten» (derzeit noch alle Kantone ausser Genf und Tessin).
Ist in der Schweiz bekannt, wie hoch der Anteil der Zecken ist, die mit dem Bakterium Borrelia burgdorferi und mit dem Virus, das FSME auslöst, infiziert sind? Und ist dieser Anteil ebenfalls im Steigen begriffen?
- In der Schweiz machen Zecken, die Borreliose (Bakterium -> Lyme-Krankheit) in sich tragen, 5 bis 30 % ihrer Population aus (an manchen Orten sogar bis zu 50 %).
- Zecken, die FSME (Virus -> Zeckenenzephalitis) tragen, machen in der Schweiz ca. 05 % ihrer Population aus (zwischen 0,5 und 5 % laut einer Veröffentlichung des BAG vom Juni 2019).
Abschliessend: Welches sind die wichtigsten Massnahmen zur Vorbeugung von Zeckenstichen?
- Dickicht und Gestrüpp im Wald und im Garten meiden, um nicht mit Zecken in Kontakt zu kommen.
- Tragen Sie geschlossene Kleidung in hellen Farben. So können Zecken erkannt und entfernt werden, bevor sie ihren Wirt stechen können.
- Haut und Kleidung mit einem Zeckenspray besprühen.
- Untersuchen Sie Ihre Haut nach jeder Aktivität im Wald oder im Garten.
- Wenn eine Zecke auf der Haut sitzt, entfernen Sie sie so schnell wie möglich mit einer Pinzette oder einem Zeckenzieher.
- Die Suva empfiehlt eine Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) oder Zeckenenzephalitis, da es keine spezifische Behandlung für diese seltene, aber schwere Krankheit gibt. Der beste Weg, sie zu vermeiden, ist eine Impfung.
21. April 2022. Im April 2022 per E-Mail geführtes Interview für die Websites Creapharma.ch und Pharmapro.ch. Bildnachweis: Adobe Stock, Credit in Bild oben. Credit Infografik: Pharmanetis Sàrl (Creapharma.ch)