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Der berühmteste Tipp zum Schreiben ist der härteste. Es ist der Rat von William Faulkner: «Kill your darlings». Und natürlich soll man seine Lieblinge töten. Wenn eine Formulierung das Argument überstrahlt, eine Szene von der Story ablenkt, gehört sie gekillt. Egal, wie gut sie ist.
Vor den Lieblingen allerdings sollte man sich um seine Feinde kümmern. Stil entsteht weniger durch Einfälle, sondern dadurch, dass man keinen Unfug schreibt. (Zu Theorie und Praxis des Scheiss-Detektors: Siehe hier, hier und hier.)
Noch genauer gesagt: Stil entsteht dadurch, dass man Unfug nicht stehen lässt. Denn beim Schreiben unterlaufen einem so viele Peinlichkeiten wie im Leben. Nur dass man sie streichen kann.
Hier meine private schwarze Liste: Wonach ich beim Redigieren in eigenen Texten suche, um es ins Nichts zu befördern.
1. Schwere Sätze
Das wichtigste Ziel: Sätze, die unnötig komplex sind. Sie unterlaufen einem andauernd. Denn es sind Sätze, die leicht schreibbar, aber schwer lesbar sind. Meist Sätze mit eingeschobenem Bauchladen oder stehengelassenem Schwänzchen. Etwa:
Dieser Satz, als stünde er in der NZZ, ist unnötig komplex.
Hier zum Beispiel schneidet der Nebensatz das Schwänzchen, das hinten übrig bleibt, ab.
Solche Sätze muss man systematisch umstellen oder trennen, falls man nicht bei der NZZ als Feuilletonchef enden will. Denn Nebensätze sind vorne manchmal exquisit, hinten immer okay, in der Mitte nur mit einer wirklich guten Begründung tragbar.
2. Dreimaster
Einer der schwierigsten Jobs, die ich je hatte, war mein Phil-I-Studium wieder zu vergessen. Und die Wirtschaftsbücher, die ich später las. Das Problem war der ansteckende Schwurbel im Ton. Also Wörter wie:
Paradigmenwechsel, a impliziert b, Realitäten, Herausforderungen, strukturell, Leadership, etc.
Jargon aus Wissenschaft und Wirtschaft aus eigenen oder fremden Texten zu entfernen, ist leichter gesagt als getan. Es braucht oft eine grössere Operation, weil Schwurbel für seinen Verfasser einen Vorteil hat, der auch sein Nachteil ist: Die Worte klingen professionell, sind aber nicht präzis. Um klar und konkret zu werden, muss man meistens erst Klarheit in den eigenen Kopf bringen. Das dauert oft demütigend lang.
Überhaupt ist beim Durchlesen jedes längere Wort verdächtig. Gute Wörter sind kurze Wörter: Herz, Zorn, Kuss, Tod, Kind, Kick, Stop. Bei Wörtern wie:
ausdiskutieren, Grundgedanke, zweifelsfrei, Hintergrundswissen, etc.
sollte man an Schopenhauer denken, der solche Wörter «Dreimaster» nannte, bei denen «man den dritten Mast zur Beförderung der Seetüchtigkeit kappen soll». Also:
diskutieren (oder: darüber reden), Gedanke, ohne Zweifel, Wissen.
Im schlimmsten Fall schreibe man bei Tankerwörtern den Satz neu, um auf kurze zu kommen.
Ein letzter Fall sind Eigennamen, etwa von Institutionen oder Firmen. Die sind oft so lang wie hässlich. Hier ist die saloppe, kurze Form die bei weitem bessere. Korrekt heisst der Konzern zwar «SAir Group». Trotzdem schreibt man vernünftiger: «Swissair». (Massenweise Beispiele in diesem sehr coolen Geständnis «Jeder Satz ist falsch» von Sebastian Heiser.)
3. Salglarismus
Neulich, in einem Portrait über den Ökonomen Kenneth Rogoff, schrieb die «Welt»:
Schach ist noch immer seine Leidenschaft, und noch heute baut er viele Denkstrategien auf das aus Nordindien stammende Figurenspiel auf, das im Zuge der Expansion islamischer Staaten im 13. Jahrhundert weltweit bekannt wurde.
Die Technik, die hier verwendet wird, taufte Umberto Eco Salglarismus. Dies nach dem italienischen Abenteuerschriftsteller Salgaris, berüchtigt wegen seiner gnadenlosen Exkurse. Seine Helden fliehen im tropischen Urwald, einen hungrigen Stamm von Kannibalen im Nacken, stolpern über eine Baobabwurzel:
und schon suspendiert der Autor die Handlung, um uns einen Vortrag über Affenbrotbäume zu halten.
Der Salglarismus ist eine tägliche Plage im Journalismus. Und zwar deshalb, weil er sich kaum vermeiden lässt, weil man für höchst verschieden informierte Leser schreibt. So ist etwa schon unklar, ob man «George W. Bush» schreiben kann oder «der ehemalige amerikanische Präsident George W. Bush» schreiben muss. Die Entscheidung zwischen Tempo und Klarheit ist jedes Mal heikel.
Man kann sich im obigen Fall so oder so entscheiden – je nachdem, ob die Information für das Verständnis der Story wichtig ist oder nicht. Was man auf keinen Fall tun sollte: Offensichtlich unnötige Information im Text stehen lassen. Zu schreiben «der 43. amerikanische Präsident, George W. Bush» oder «der texanische Ex-Präsident George W. Bush».
4. Tantentunke
Die zweitwichtigste Tugend im Journalismus ist Fleiss. Die wichtigste, ihn zu verbergen. Jeder seriöse Journalist hat ein Coolness-Problem. Denn er ist ja nichts als ein kleiner Streber, der alles Mögliche zusammengelesen hat, um die Leute zu beeindrucken. Das sollte man gut verstecken, falls man es nicht verhauen werden will. (Dieser Blog beispielsweise ist ja ein klassischer Streberblog und ich verwende viel Mühe darauf, dass er kaltschnäuzig aussieht.)
Kein Wunder, liegt vielen Journalisten die Versuchung aller Streber nahe, nicht nur sämtliches Wissen auszubreiten, sondern auch Zensuren zu geben. Deshalb schleichen sich besonders in unkonzentriert geschriebenen Kommentaren oft Formulierungen ein, die ins Onkel- oder Tantenhafte kippen, wie:
Es ist abzulehnen… wäre zu empfehlen… sei ins Stammbuch geschrieben … Es sei darauf hingewiesen... notabene ... Die Partei XY müsste... man erinnere sich... ratsam wäre...
Kein Zufall, dass dies fast immer Passivkonstruktionen sind: Die meisten davon gehen von einer allgemeinen Moral aus, gegen die verstossen wurde, worauf das Abweichende automatisch zu tadeln ist. Fast immer wird dieser Tadel dann nur flüchtig begründet – er versteht sich von selbst.
Auf solchen Konstruktionen kann man halbe Zeitungen aufbauen: Etwa den FAZ- oder den NZZ-Wirtschaftsteil, deren Kern daraus besteht, dass die Wirklichkeit getadelt wird, wenn sie nicht dem Lehrbuch entspricht.
Das Problem vieler Redaktionen ist, dass sie gesellschaftlich so durchmischt sind wie Südafrika vor Ende der Apartheid. Die Mehrheit und die Chefs in einer Zeitungsredaktion sind männlich, mittleren Alters, weiss, einheimisch, Mittelklasse. Deshalb sollte man nicht allzu viel auf die universale Gültigkeit ihrer Urteile geben.
Andererseits ist es in Kommentaren der Job, zu urteilen. Was tun? Entdeckt man Tantentunke im eigenen Text, ist die beste Variante, sie durch eine wesentlich härtere Formulierung zu ersetzen. Also:
Das ist Unfug. Das hat keine Logik. Das ist eine Lüge. Das ist eine Gemeinheit. Das ist schlecht gedacht.
Denn nach so einem Satz muss man eine klare Begründung finden. Man spielt zwar immer noch mit den Karten, die einem Herkunft, Milieu und Vorurteil in die Hand gegeben haben. Aber wenigstens offen.
5.
Unnötige Adjektive
«Für das Eigenschaftswort gilt: Wo es nicht zwingend ist, ist es falsch», schrieb der Journalismusprofessor Wolf Schneider. «Strenge Zurückhaltung gegen das Adjektiv gehört zu jedem klassischen Stil.» Und tatsächlich sind sich hier alle in der Branche einig: Adjektive sind für Schreiber dasselbe wie Pubertätspickel. Anfangs sind sie überall, aber eines fernen Tags verschwinden sie. Gott sei Dank.
Hier ein Set von Faustregeln:
a) Redundante Adjektive streichen:
Die
strahlendeSonne
Die
dunklenStrassen der Nacht
Die
langweiligeNeujahrsansprache
b) Keine Adjektive für unwichtige Dinge:
In der Ecke stand ein
dunkler, hölzerner...
In seinen Taschen fanden sich ein
blauesFeuerzeug, ein zerknülltesTaschentuch, ein zerfleddertesNotizbuch und ein kleiner, böser Trommelrevolver.
c) Adjektive sind klasse, wenn sie dem Substantiv widersprechen:
Sie zeigte ein böses Lächeln.
Ein mageres Schwein
d) Adjektive würzen einen Satz wie süsssaure Sosse, wenn sie sich widersprechen:
Michael Kohlhaas war einer der rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.
6. Organisation von Blabla
Zitiert man Leute, ist die Passivkonstruktion fast immer die schwächste Lösung. Die Sätze werden kompliziert, das Zitat klingt gedämpft wie sein eigenes Echo. Die stärkste Technik ist dagegen, ein Zitat direkt aus dem Mund in Anführungsstriche zu packen. Das ist leider nicht immer möglich, etwa wenn man eine längere Rede zusammenfasst. Hier empfiehlt sich eine Formulierung wie:
Im Kern sagte XY folgendes:
... und dann die Argumente in aktiven Sätzen.
Ein weiteres lästiges Problem, ist klarzustellen, wer spricht. Es gibt hier je nach Standpunkt viele oder keine Variante, also:
erwiderte, antwortete, gestand, merkte an, protestierte, motzte, ächzte, orgelte, ätzte, bellte, gurgelte, etc.
Fast immer sind diese Wörter schlechter als das simple «sagte». Und fast immer ist dieses «sagte» besser als das «sagte + Adverb». Letzteres ist nur vernünftig, wenn sich Inhalt und Ton widersprechen:
«Du Hundesohn», sagte sie freundlich.
Im letzten Fall ist es klüger, den Ton vor dem Zitat bekannt zu geben, als es im Nachhinein einzufärben.
Also: Sie sagte kühl: «Guten Morgen, Liebling.»
Statt: «Guten Morgen, Liebling», sagte sie kühl.
7. Gesuchte Synonyme
Ein Grund, warum «sagte» so oft durch Schlechteres ersetzt wird, ist des Deutschlehrers Stilbuch. Dort stand, dass es schlechter Stil sei, zwei Mal dasselbe Wort zu benutzen. Diese Regel führt dazu, dass Zeitungen aus Schweizern Eidgenossen, aus Ungarn Magyaren oder aus Deutschen Teutonen machen. Und aus einem Elefanten wird ein Jumbo, ein Dickhäuter, Viertönner, Rüsseltier, grauer Kinderfreund oder das Tier, dem man hundert Liter Botox spritzen müsste, bis seine Haut endlich straff ist.
Synonyme sind deshalb oft Unfug, weil ihr Ton und die Assoziationen dazu ganz andere sind als beim nüchtern gebrauchten Wort. Schreibt man sie versehentlich hin, ist es klug, sie wieder zu streichen.
8. Ironiezeichen
Irgendwo in seinen Sudelbüchern bemerkt Lichtenberg, dass die Schrift zwar ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen hervorgebracht habe, aber kein Ironiezeichen.
Seitdem wird daran gearbeitet. Die erste Lösung sind defensiv gebrauchte Anführungsstriche. Alles Exotische wird in diese gepackt: Ironie, Saloppes, aber auch ein Fremdwort, ein Fachausdruck oder ein Stück Dialekt. Doch diese Distanzierung ist ein sicheres Zeichen für schwachen Stil. Und eine biedere Haltung. Denn das Wort oder die Pointe muss stark genug sein, um auch ohne Ankündigung verstanden werden zu können.
Kurz: Anführungsstriche gehören um ein Zitat und um sonst nicht.
Ein ähnlicher Fall sind die drei Pünktchen... Früher wurden sie gern für unanständige Romane benutzt, für den Titel des Werks: «Und er küsste sie auf den M...» Heute folgen die Pünktchen in Provinztexten gern als schriftliches Schmunzeln nach einer Pointe oder einer Kalenderweisheit. Das ist ähnlich unsicher wie jemand, der eine Beifallspause einlegt. Eine Lady oder ein Gentleman servieren ihre Pointe oder ihre Banalität trocken...
Deshalb mag ich auch Emoticons nicht. Auch sie sind nichts für Profis. Also Zeichen der Unsicherheit. Sie spannen quasi ein Sicherheitsnetz hinter Scherze, Freundlichkeiten oder Angriffe. Nope.
9. Abgegriffene Metaphern
Abgegriffene Metaphern haben etwas Trauriges – sie zeigen, dass nichts bleibt. Auch Ideen sterben. In der Tat sind abgegriffene Metaphern tote Geniestreiche der deutschen Sprache. Sie waren funkelnd, als sie vor Jahrhunderten jung waren, aber durch langen Gebrauch sind sie zu bürokratischen Formeln versteinert.
Kein Wunder sind vor allem Körpermetaphern, da naheliegend, völlig unbrauchbar geworden. Also etwa:
… sorgt für rote Köpfe. … mit Kopfschütteln … reibt sich die Hände … leckt sich die Lippen … mit glänzenden Augen (noch widerlicher: Äuglein)… läuft das Wasser im Mund zusammen … mit ausgestreckter Hand … tritt mit Füssen … mit Naserümpfen … reibt sich die Augen … mit gesenktem Kopf… mit Zeigefinger … streut sich Asche übers Haupt … böse Zungen sagen, dass … ist in aller Munde... etc.
All das ist ehemals lebendiges, heute totes Deutsch. Erstens, weil abgenutzt. Zweitens, weil die Beobachtung sich oft nicht mehr stimmt. Dass sich jemand bei etwas Erstaunlichem «verwundert die Augen reibt», dass jemand «etwas mit Kopfschütteln zur Kenntnis nimmt», dass sich jemand einen «roten Kopf» bekommt, sieht man eigentlich nur noch in Boulevardtheatern.
Besonders bescheuert ist, wenn etwas Abstraktes oder Bürokratisches mit einer Körpermetapher zusammengebracht wird. Nur ein einziges, typisches Beispiel (zufällig aus der NZZ):
Restwasser sorgt für rote Köpfe
Was tun? Die vernünftigste Lösung für schlanke Sprache ist, die Metaphern systematisch herauszustreichen. Und durch nüchterne Formulierungen zu ersetzen. Also die geriebenen Augen durch «war überrascht», das Kopfschütteln durch «mochte nicht» und die roten Köpfe durch «Restwasser ärgert Politiker».
Das ist die schlanke Lösung. Die romantische Lösung ist, die Toten wieder zum Leben zu erwecken. Und in den längst erstarrten Formeln wieder den Witz zu finden, der sie einst geboren hat. Also etwa über einen gescheiterten Visionär zu schreiben:
Er sah vor lauter Bäumen die Blätter nicht mehr.
Das macht Spass, aber man sollte es nicht zu oft tun. Tote werden auch in der Wirklichkeit nur sparsam erweckt, denn noch ist nicht der Jüngste Tag.
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So - und hiermit wird dieser Blog für drei Wochen Form und Charakter ändern. Sonntag fliege ich nach New York, um eine 3-Wochen-Schnellbleiche in investigativem Journalismus zu bekommen. Von dort schreibe ich die neuesten Erkenntnisse hier öfter in ein Notizbuch – umredigiert, voller stilistischer Peinlichkeiten.