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Der emitierte Philosophieprofessor Georg Kohler hat die Studentenproteste vor 50 Jahren an der UZH selbst miterlebt. In einem Essay denkt er über das Erbe von 1968 nach.
Über «1968» scheint alles gesagt und das Gegenteil ebenso. Weshalb also Weiterlesen? Vielleicht dann, wenn versucht wird, ein Stück weit über das nachzudenken, was im Schatten bleibt, wenn lediglich die Tumulte, Protagonisten, die Strassenproteste von Westberlin und Paris besprochen werden.
Dabei sollte von vornherein klar sein: «1968» ist der Titel eines primär kulturellen, nicht eines politischen Umbruchs. Dessen Effekte waren – und sind – sehr schnell im Alltag sinnlich erfahr- und hörbar geworden. Überall da und dort, wo man den Sound von Jimi Hendrix, Janis Joplin, den «Doors», aber auch von Joan Baez, Leonard Cohen und deren Nachfolgern kannte und kennt.
Wer von «68» redet, darf die Ambivalenzen nicht verschweigen, die Naivitäten und Verrücktheiten dieser Zeit – und nicht den blutigen Terror, der aus dem grössenwahnsinnigen Furor antikapitalistischer Eiferer erwuchs. Um «1968» zu diskreditieren, wird nur zu gerne auf diese Zusammenhänge verwiesen. Übersehen werden dabei aber zwei Dingen: Erstens, dass es sich bei RAF, Brigate Rosse, Action directe um Splittergruppen handelte, deren Einfluss auf die Gesellschaft im umgekehrten Verhältnis zu ihrer medialen Präsenz stand; und zweitens, dass die Verwandlung von 68er-Impulsen in politisch stabile Engagements auf anderen als auf rechtsstaatsfeindlichen Feldern stattfand, nämlich in der Form massenwirksamer Bewegungen zugunsten ökologischer und pazifistischer Anliegen.
So oder so: Geht man davon aus, dass die kurze Periode zwischen den ersten Unruhen an der Universität im kalifornischen Berkeley und der Schliessung der Universität Zürich 1970 – um einen hiesigen Endpunkt zu setzen –, eine tiefgreifende Veränderung der kollektiven und persönlichen Selbstverständigungsverhältnisse bewirkte, dann ist «68» ein psychosoziales Epochendatum von grösster Bedeutung. Es markiert die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht weniger als der Mauersturz von «89».
Gut aussehen statt auffallen
Als ich im Spätherbst 1964 mein Studium an der Universität Zürich begann, waren Krawatten – die heute selbst bei Dozenten nur noch selten zu entdecken sind – ein gebräuchliches Accessoire männlich-studentischer Selbstdarstellung. Damen in Jeans waren möglich, jedoch keineswegs die Regel. Im über Mittag emsig bevölkerten Lichthof der Uni sorgten divers platzierte Statuen aus der Glyptothek neben Palmbäumchen in grossen Kübeln, allerlei Modeschmuckglitzern und Hermèsfoulards, sowie einigermassen sorgfältig gestalteten Coiffuren für das Ambiente einer grossen Pariser Passage, wie es Walter Benjamin evoziert – den um diese Zeit freilich kaum jemand kannte. Richtig auffallen wollte jedoch niemand, nur «gut aussehen».
Eine Ausnahme bildete allenfalls Fritz Angst alias «Zorn», der zehn Jahre später, in den Siebzigern, als letal am Krebs Erkrankter, mit «Mars» – der messerscharf verzweifelten Attacke gegen «Zureich-Zürich» – ein Buch schrieb, das nach seinem Tod zum grandios erfolgreichen europäischen Bestseller wurde. Angst alias Zorn spielte den kuriosen Dandy, der aussehen wollte wie ein spanischer Hamlet, aber bloss einer als Gondoliere verkleideten Gouvernante glich.
Ich sehe ihn noch jetzt, wie er, unbestreitbar extravagant, am Fuss der grossen Eingangstreppe beim «Rondell» steht, mit schwarzspanischem Tellerrandhut, rotem Halstüchlein, einen bauchigen Regenschirm am Arm, mit ungeschützt sehnsüchtigem Blick denen nachschauend, die anscheinend längst wussten, wie man sich zurecht findet in der Konkurrenz um Anerkennung und die besten Plätze auf der Vanity Fair des Lebens.
Selbstverständlich ging es auch damals ums Prestige, um «Freunde» und das Ranking im Aufmerksamkeitswettbewerb. Anders freilich waren die Formen, in denen das ausgetragen wurde. Es galt noch immer der Stil der Fünfzigerjahre, der selber in vielem die Codes der ersten Moderne nach 1920 fortsetzte. Was nicht zuletzt Konventionen umfasste, die unübersehbar auf Herkommen und ökonomische Ressourcen verwiesen. Der Alltagsbetrieb der Vor-68er-Studierenden war geprägt von den Erwartungen und Ansprüchen sehr bürgerlicher Milieus. Wer sie nicht beherrschte, musste sie wenigstens imitieren. Und nur wenige taten es nicht.
Das Verschwinden von Kleidervorschriften ist seit jeh ein Symptom des Wandels. Dazu ein letztes Beispiel. Noch in den Siebzigern war es verpönt, in kurzen Hosen, barfuss oder mit Flip-Flops in die Vorlesung zu kommen. Es ging einfach nicht. Ich will nicht sagen, dass es allein die Kulturrevolution von 68 gewesen ist, die solche und viele andere Zwänge gelöscht hat. Unzweifelhaft ist aber, dass mit ihr jene enorme Veränderung in den Ausdrucksweise individueller Identität, Differenz und Rollenerfüllung begann, den zu erkennen der zeitgeschichtlich breite Blickwinkel eines halben Jahrhunderts am leichtesten ermöglicht.
Mehr als Krawall
Das zentrale Motiv von «1968» wird häufig unter dem Titel des Antiautoritären erfasst. Das passt; aber es trifft nicht den normativen Kern der Bewegung. Es ging ihr um mehr als um Krawall und um die Verwirklichung von Jugendtrotz. «1968» war für die Generation der zukunftsgläubigen Nachkriegskinder – wozu schon damals auch die urbanen Schichten des mitteleuropäischen Ostens zählten – das Versprechen einer wahrhaft besseren und gerechteren Welt. Die Hoffnung auf die nie zu tilgende Idee, dass es mehr geben muss, Mächtigeres und Strahlenderes als das «Schöner leben, mehr haben» der 1950er Jahre, das die Eltern befriedigte.
Zugleich realisierte sich in der rabiat vorgetragenen Kritik – zuerst am Vietnamkrieg, später am «eindimensionalen» Konsumglück – die Einsicht, dass selbst der Westen, dem anzugehören man die Chance hatte, Herrschaftsstrukturen besass und verteidigte, die so überhaupt nicht mit dem übereinstimmten, was man in der Schule als selbstverständlich gültig gelernt hatte.
Die Diskrepanz zwischen den Ansprüchen, die die Identität der «freien Welt» bestimmen sollten und deren gesellschaftlicher Realität konnte für die regierenden Funktionseliten an vielen Brennpunkten manifest werden: In der Rassensegregation der Südstaaten der USA, die so gar nicht den menschenrechtlichen Prinzipien der amerikanischen Verfassung entsprach, oder in den Dokumenten eines nicht zu rechtfertigenden Krieges in Südostasien – und sogar im vergleichsweise harmlosen Widerstand der alten Ordinarien Universität gegen die fälligen Reformen von Lehrplan und Organisation.
Alles vorbei?
Das alles ist vorbei – doch hoffentlich nicht ganz. Denn es mag pathetisch klingen und trotzdem richtig sein: Die hohen Ideale, die den Geist von «68» gegen das Einverständnis mit einer schlechten Wirklichkeit inspirierten, bleiben unverzichtbar, heute so gut wie vor fünfzig Jahren. Individuelle Selbstbestimmung, humane Solidarität, ungehinderte Erkenntnissuche, sie waren und sind es, die damals als Erbe der Aufklärung erneuert wurden; sie waren gemeint von den unzähligen Diskussionen, Meetings, Auftritten, Protesten und Provokationen, die die herrschenden Meinungen erschütterten.
Ohne die Erinnerung an diese Werte und ihre moralische Kraft ist der seismographisch gewaltige Stoss nicht zu begreifen, den die wenigen Jahre der Revolte dem damaligen Selbstbewusstsein versetzten. Und ohne den offenen Blick auf die normativen Grundprinzipien ist nicht zu verstehen, warum es nicht nur traurig, sondern vor allem falsch ist, wenn man die Primäreffekte der «Kulturrevolution von 1968» allein an Kleiderordnungen und der anhaltenden Präsenz von rockenden Opas demonstrieren wollte.
Georg Kohler
Der emeritierte Professor für Politische Philosophie an der Universität Zürich war 1968 Redaktor des «Zürcher Studenten», absolvierte seinen ersten WK als Leutnant der Gebirgsfüsiliere, studierte Philosophie, vertiefte sich in die Texte des berühmten Positivismusstreits in der deutschen Soziologie und begann eine intensive Marcuse-Lektüre. Verliebt war er in eine Medizinstudentin, die fleissig fürs Propi lernte und in ihrer Freizeit am liebsten Rock’n Roll tanzte.
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