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Sollten Sie demnächst nach London kommen, über etwas Zeit verfügen und selber sehen wollen, wie es um die britische Linke bestellt ist, dann gehen Sie die zwei Minuten vom Bahnhof King’s Cross in die Caledonian Road. Dort finden Sie Housman, die älteste linke Buchhandlung im Land, in deren Hinterzimmer sich wie sonst nirgendwo die Medienvielfalt und -eintönigkeit einer Linken studieren lässt, die grossteils noch immer den Sturm aufs Winterpalais probt. Hier stehen die Zeitungen und Magazine von Organisationen wie der Socialist Party, der Socialist Labour Party, der Socialist Workers’ Party, der Socialist Equality Party, der Communist Party of Britain, der Communist Party of Great Britain, der New Communist Party of Britain, der Communist Party of Britain (Marxist-Leninist), der Revolutionary Communist Party of Britain (Marxist-Leninist) und einem weiteren Dutzend Gruppierungen - und alle haben meistens gleich lautende Schlagzeilen: «Raus aus dem Irak!», «Generalstreik sofort!», «Nieder mit Blair!».
Beim Durchblättern dieser Parteiblätter werden Sie sich fragen, wie es die ohnehin kleine revolutionäre Linke geschafft hat, sich dermassen in die Bedeutungslosigkeit zu spalten - und wieso auch die Labourlinke gleich drei Blätter braucht: «Tribune», das Debattenmagazin des linksliberalen Flügels, «Campaign News», das Organ der radikalen Labour-Abgeordneten, und «Labour Briefing», die Zeitschrift von linken BasisaktivistInnen. Aber so ist das halt, wenn man vor allem auf sich selber fokussiert, einer Partei- und Fraktionslinie folgt und nur die eigene Klientel ansprechen will. Ein paar Ausnahmen gibt es natürlich, so zum Beispiel das selbstverwaltete Schwerpunktmagazin «New Internationalist» und das weiterhin einflussreiche, renommierte Quartalsjournal «New Left Review». Aber auch diese kommen über eine minimale Auflage nicht hinaus. Massenhafte Verbreitung finden aufgrund der Vertriebsstrukturen - Kioskketten und zunehmend auch Supermärkte entscheiden über das Sortiment - nur Mainstream-Zeitungen. Und die erwähnen - vom linksliberalen «Guardian» abgesehen - selbst Grossereignisse wie das Europäische Sozialforum in London 2004 oder die derzeit laufende Mobilisierung gegen den G8-Gipfel im schottischen Gleneagles mit keinem Wort.
Keine grosse Reichweite hat auch das Monatsmagazin «Red Pepper» (Untertitel: «Zur Steigerung der politischen Temperatur»). Der Rote Pfeffer (redpepper.org.uk) ist das Printprodukt einer linksalternativen, parteiungebundenen Initiative, die aus der Solidaritätsbewegung mit den streikenden Bergarbeitern (1984/85) entstanden war, sich immer wieder neu gruppierte, zwischenzeitlich eine Zeitung namens «Socialist» herausgab (die jedoch bald scheiterte) und schliesslich 1994 das Magazin lancierte. Unterstützt von viel Prominenz wie etwa dem Schriftsteller Harold Pinter, dem Journalisten John Pilger, dem Musiker Billy Bragg, definiert sich das Magazin als offenes Forum für eine debatten- und handlungsbereite Linke, die eine andere Gesellschaft will.
Mit Reportagen über Gefängnislager für Flüchtlinge und das Elend in den Grossstädten, mit Hintergrundberichten über Arbeitskonflikte und die linke Opposition gegen die EU, mit Nachrichten über Labours vielfältige Einschränkung bürgerlicher Freiheiten und neue Initiativen von unten kommen die vier bezahlten Angestellten (zwei davon in der Redaktion), die rund zwanzig freiwilligen MitarbeiterInnen und die vielen ProfijournalistInnen, die gratis für «Red Pepper» schreiben, diesem Anspruch ziemlich nahe. Herausgegeben wird das Magazin (Verkaufspreis: umgerechnet sechs Franken) von einer GmbH, in die viele Linke investierten. Die Auflage liegt bei 5500 Exemplaren, 4000 davon gehen an AbonnentInnen. Und, gibt es Bettelkampagnen? «Nein, wir führen keine Kampagnen», sagt die Redaktion, «wir leben von der Hand in den Mund, wir betteln ständig.» Seit der Gründung von «Red Pepper» vor elf Jahren zahlen rund tausend AbonnentInnen freiwillig den doppelten Abopreis.