Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/2819

| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ACHTES BUCH. Zunächst wird gezeigt, daß in Gott eine Person nicht größer ist als drei zusammen, weit eine nicht mehr Wahrheits- und Seinsbesitz hat als drei. Dann wird dargetan, wie man die Natur Gottes aus dem Begriff des Guten und der Gerechtigkeit erkennt, zugleich woher diese Begriffe selbst ihren Ursprung haben. Zur wahren Erkenntnis Gottes führt die Liebe, In der Liebe offenbart sich zugleich eine Spur der göttlichen Dreieinigkeit.
5. Kapitel. Wie kann die noch nicht erkannte Dreieinigkeit geliebt werden?
[S. 25] Diesem Begriffe gemäß wird unser Gedanke geformt, wenn wir glauben, daß Gott für uns Mensch wurde, um ein Beispiel der Demut zu geben und Gottes Liebe gegen uns zu beweisen. Ist es doch für uns von Segen, zu glauben und fest und unerschütterlich im Herzen zu bewahren, daß die Demut, in welcher Gott von einer Frau geboren und von Sterblichen durch große Schmach hindurch zum Tode geführt wurde, das größte Heilmittel ist, durch welches die Aufgeblasenheit unseres Hochmutes geheilt wird, und ein hohes Geheimnis, durch welches die Fessel unserer Sünde gelöst wird.
So glauben wir vom allmächtigen Gott, weil wir wissen, was Allmacht ist, auch den Machterweis seiner Wunder und Auferstehung, und gemäß den Arten und Gattungen von derartigen Vorgängen machen wir uns auf Grund der angeborenen Natur oder der gesammelten Erfahrungen bestimmte Vorstellungen, auf daß unser Glaube ungeheuchelt sei. So kennen wir ja nicht das Antlitz der Jungfrau Maria, aus welcher Christus wunderbar geboren wurde, ohne daß sie von einem Manne berührt oder in der Geburt selbst verletzt worden wäre. Ebenso haben wir nicht gesehen die leibliche Erscheinung des Lazarus, ebenso nicht Bethanien, auch nicht das Grab und jenen Stein, den er wegbewegen ließ, als er ihn auferweckte,1 auch nicht das neue Grabmal, welches im Felsen ausgehauen war,2 aus dem er selbst auferstand, auch nicht den Ölberg, von dem aus er in den Himmel aufstieg.3 Wir alle, die wir diese Dinge nicht gesehen haben, wissen gar nicht, ob unsere Vorstellungen von ihnen der Wirklichkeit entsprechen; ja es dünkt uns sogar wahrscheinlicher, daß sie ihr nicht entsprechen. Wenn nämlich unseren Augen die äußere Erscheinung [S. 26] eines Ortes oder eines Menschen oder irgendeines Körpers begegnet, welche vorher dem Geiste allem begegnete, dann erleben wir, da wir uns von ihr, bevor wir sie sahen, eine bestimmte Vorstellung gemacht hatten, keine geringe Überraschung: so selten oder fast niemals stimmt unsere Vorstellung. Trotzdem haben wir den festesten Glauben an diese Dinge, weil wir uns von ihnen gemäß dem Art- oder Gattungsbegriff, der uns gewiß ist, eine Vorstellung machen. Wir glauben nämlich, daß der Herr Jesus Christus aus einer Jungfrau, die Maria genannt wurde, geboren wurde. Was aber eine Jungfrau ist, was geboren werden, was ein Eigenname ist, das glauben wir nicht, sondern das wissen wir ganz genau. Ob aber Maria jenes Aussehen hatte, das unserer Seele bei dem Gespräch oder bei der Erinnerung an diese Ereignisse vorschwebt, darüber haben wir keinerlei Wissen, das gehört auch nicht zum Glauben. Hier darf man daher, ohne den Glauben zu verletzen, sagen: Vielleicht hatte sie ein solches Aussehen, vielleicht hatte sie es nicht. Niemand aber darf, ohne den christlichen Glauben zu verletzen, sagen: Vielleicht ist Christus von der Jungfrau geboren.
8. Weil wir also die Ewigkeit und Gleichheit und Einheit der Dreieinigkeit, soweit es uns gewährt wird, einzusehen wünschen, bevor wir sie aber einsehen, glauben und sorgfältig darauf achten müssen, daß unser Glaube ungeheuchelt sei — eben diese Dreieinigkeit müssen wir ja genießen, um glückselig zu leben; wenn wir aber von ihr Falsches glauben, dann wird eitel sein unsere Hoffnung und nicht lauter unsere Liebe —, wie können wir da diese Dreieinigkeit, die wir nicht kennen, gläubig lieben? Etwa nach einem Art- oder Gattungsbegriff, wie wir den Apostel Paulus lieben? Wenn dieser auch nicht das Aussehen hat, das uns beim Gedanken an ihn vorschwebt, und wenn wir darüber auch in völliger Unkenntnis sind, so wissen wir doch, was ein Mensch ist. Wir brauchen gar nicht weit zu gehen: Wir [S. 27] selbst sind ja Menschen. Es ist offenkundig, daß er das gleiche war und daß seine Seele mit einem Leib verbunden war und ein sterbliches Leben führte. Das also glauben wir von ihm, was wir an uns finden, entsprechend der Art oder Gattung, welche jede menschliche Natur in gleicher Weise umfaßt. Was sollen wir also sagen? Haben wir von jener erhabenen Dreieinigkeit einen Art- oder Gattungsbegriff, gleich als ob es viele solche Dreieinigkeiten gäbe, von denen wir einige aus Erfahrung kennen, um von ihnen aus nach dem Gesetze der Ähnlichkeit gemäß dem uns eingeprägten Art- oder Gattungsbegriff zu dem Glauben zu kommen, jene Dreieinigkeit sei auch so, und so den Gegenstand, den wir glauben und noch nicht kennen, auf Grund der Gleichheit mit jenem Gegenstand, den wir kennen, zu lieben? So verhält sich die Sache sicherlich nicht. Oder können wir, wie wir am Herrn Jesus Christus lieben, daß er von den Toten auferstand, obwohl wir niemals jemanden von den Toten auferstehen sahen, so auch die Dreieinigkeit, die wir nicht sehen und dergleichen wir nie sahen, gläubig lieben? Indes was sterben ist, was leben ist, das wissen wir sicherlich. Wir leben ja selbst und haben schon einmal Tote oder Sterbende gesehen und wissen also darum aus Erfahrung. Was heißt aber auferstehen anderes als wieder lebendig werden, das heißt vom Tode zum Leben kommen? Wenn wir also sagen und glauben, daß es eine Dreieinigkeit gibt, so wissen wir, was Dreieinigkeit ist, weil wir wissen, was drei ist. Aber das lieben wir nicht. Denn das können wir, wo wir wollen, leicht haben, etwa um anderes zu übergehen, beim Spiel mit den drei Fingern.4 Oder aber lieben wir nicht jede Dreiheit, sondern die Dreieinigkeit-Gott? Dann lieben wir also an der Dreieinigkeit, was Gott ist. Aber wir haben doch auch keinen anderen Gott gesehen [S. 28] und kennen keinen anderen, da es nur den einen Gott gibt, jenen allein, den wir noch nicht gesehen haben und gläubig lieben. Dann ist aber eben die Frage, von welcher Ähnlichkeit und Vergleichung bekannter Dinge her wir glauben, so daß wir auch den noch nicht bekannten Gott lieben.
1: Joh. 11, 17 ff.
2: Mark. 15, 46.
3: Apg. 1, 2.
4: Micare digitis tribus: die Finger schnell ausstrecken und andere ihre Zahl raten lassen, ein bei den Römern beliebtes Spiel.