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Prince pulverisierte die Grenzen: Musikalische Grenzen, sexuelle Grenzen, Hautfarben lösten sich umgehend auf, wenn der Popstar sang. Sang er nicht, schien es, als sei er nicht ganz von dieser Welt.
Nach seinem Tod werden auf Facebook Fotos, Videoclips und Liebeserklärungen gepostet: mein schönstes Prince-Erlebnis. So weit, so normal, wenn ein Popgenie abtritt. Bemerkenswert ist auch, wie viele Songtexte von Prince herumgeschickt werden: «Du musst nicht schön sein, um mich anzuturnen, du musst nicht reich sein, um mein Mädchen zu sein, du musst nicht cool sein, um meine Welt zu regieren …»
So einfach ist das manchmal. Weniger populär ist der Refrain aus «Baltimore»: «Hört uns jemand beten für Michael Brown oder Freddie Gray? Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden!» Prince’ Kommentar zur Endlosserie von tödlicher Polizeigewalt gegen schwarze AmerikanerInnen wird begleitet von Retrosoul. Der Song ist schon ein paar Monate alt, und niemand kann überrascht sein, dass «Baltimore» nicht zum Soundtrack einer neuen Bewegung geworden ist. Nicht, weil es die antirassistische Bewegung nicht gäbe, sondern weil Prince längst den Zugang zu den ganz grossen Verteilern verloren hat. Den haben heute Leute wie Beyoncé oder Kanye West, und sie nutzen ihn für zeitgemässe digitale Interventionen mit all ihren inneren Widersprüchen.
Mit hochgepitchter Stimme
Auf der Höhe der Zeit und ihr meistens voraus war Prince in den Achtzigern, im produktiven Wettlauf mit Madonna und Michael Jackson, alle Jahrgang 1958. Mit dem Doppelalbum «Sign O’ the Times» kostet Prince 1987 seine damals noch vorhandenen künstlerischen Freiheiten auf triumphale Weise aus. Der Titelsong beginnt so: «In Frankreich starb ein dünner Mann an einer grossen Krankheit mit einem kleinen Namen, seine Freundin benutzte seine Spritze, und bald starb auch sie.» Zum ersten Mal wird Aids in einem weltweiten Pophit erwähnt.
Auf «Sign O’ the Times» erscheint auch «If I was your girlfriend»: «Wenn ich deine Freundin wäre, dürfte ich dich anziehen, dürfte ich deine Klamotten auswählen, bevor wir ausgehen? Wenn ich deine Freundin wäre, dürfte ich dich nackt sehen?» Dazu pitcht Prince seine Stimme auf Girlhöhe. Für Songs wie diesen halten ihn viele wie etwa der Musiker und Autor Justus Köhncke für «transgressiver als Bowie». Prince steht für eine freie und entgrenzte Sexualität.
«Heterosexualität ist nicht normal, sie ist bloss gewöhnlich.» Der Satz könnte von Prince sein, stammt aber von der US-amerikanischen Schriftstellerin Dorothy Parker. Die Dorothy in Prince’ «Ballad of Dorothy Parker» wiederum ist keine Schriftstellerin, sondern Kellnerin, gross, hübsch, blond. Zu einem maximal zurückgelehnten Elektrofunk flirtet Prince mit dieser Dorothy. Die schaltet das Radio ein und ruft: «Oh, mein Lieblingslied! Joni singt ‹Help me I think I’m falling›.»
Prince singt diesen Refrain in bester Joni-Mitchell-Tonlage. Darüber, dass Prince, der 29-jährige schwarze Funk-Soul-Sänger, die 44-jährige weisse Singer-Songwriterin Mitchell liebt, wird sich bloss wundern, wer der Musikindustrielogik aus Formatierung und Segregation folgt. Für ein paar Jahre ist Prince die wahr gewordene Utopie der Pulverisierung von Grenzen. Musikalische Grenzen, sexuelle Grenzen, Hautfarben lösen sich umgehend auf, wenn das 1,58-Meter-Wesen den Mund aufmacht. Warum sollte ich mich auf einen Stil festlegen, wenn ich alle beherrsche? Warum sollte ich mich auf eine Sexualität festlegen, wenn ich alle beherrsche? Warum sollte ich mich auf eine Hautfarbe festlegen lassen, wenn ich …
Hip-Hop blieb ihm fremd
Integration statt Segregation – Prince ist Funk und Soul, Rock und Elektropop, schwarz und weiss, Mädchen und Junge. So viel Uneindeutigkeit, so viel polymorphe Perversion ist bald nicht mehr gefragt. «Es spielt keine Rolle, ob du schwarz bist oder weiss», sang Michael Jackson, um festzustellen, dass es eben doch eine Rolle spielt. Black Lives Matter. Eine weitere von vielen gespenstischen Gemeinsamkeiten der ewigen Rivalen: Weder Jackson noch Prince gelingt es, Hip-Hop in ihr System zu integrieren. Die populärste Spielart sogenannter schwarzer Musik bleibt ihnen ebenso fremd wie die dort propagierte Hypermaskulinität mitsamt ihrer alternativlosen Heterosexualität.
Prince umgibt sich zeit seines musikalischen Lebens mit Frauen: von Wendy & Lisa, Sheila E., Apollonia und Vanity 6 bis hin zu seiner letzten Begleitband 3rd Eye Girl. Alle sind sie Musikerinnen in taktgebender Funktion, nicht bloss dekorativer Blickfang.
Ein Blickfang ist auch Prince. Der «Mann in Pfauenkleidern» («taz»), der androgyne Prinz zieht Blicke auf sich, aber er lässt nicht jeden an sich ran. Auf die Frage, was ihn wirklich nervt, antwortet Prince in einer Talkshow, flüsternd: «Wenn Fremde meine Haare berühren. Viele Leute werden aufdringlich.» So expressiv, ekstatisch und transgressiv seine Musik, so zurückhaltend und bisweilen rätselhaft ist die öffentliche Figur Prince, auch das verbindet ihn mit Michael Jackson. Beide begeistern mit ihrer Musik diese Welt, beide sind aber auch nicht ganz von dieser Welt. Am Todestag von Prince erstrahlen die Niagarafälle in Purpurrot. Zu Ehren von … nein, nicht zu Ehren von Prince. Der Niagara Purple Rain gilt Königin Elisabeth, zu ihrem 90. Geburtstag. Die Queen lebt, der Prince ist tot.