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Zu schön wäre die Illusion gewesen: Treibstoffgewinnung aus Pflanzen (beispielsweise Raps). Damit würde nicht nur ein Teil des frei werdende Kohlendioxid wieder gebunden, sondern so könnte man die Verfügbarkeit von Erdöl etwas “strecken”, auch wenn man den derzeitig Treibstoffverbrauch nicht durch Biosprit ersetzen kann (5-10% Biosprit-Beimischung gelten mittelfristig als realistisch). Ein kleiner Nebeneffekt wurde jedoch bis vor einigen Monaten vernachlässigt: Wenn die Treibstoffpreise steigen, wird der Anbau des Biosprits für die Bauern lukrativer als der Anbau von Nahrungsmitteln – wer wird dann noch Weizen, Reis, Kartoffeln usw. anbauen wollen?
Das grundlegende Problem liegt im steigenden Ölpreis (siehe Graphik links). Seinen Ursprung hat er in der höheren Nachfrage (unter anderem durch die zunehmende Nachfrage in China und Indien), welche nicht mehr durch ein steigendes Angebot ausgeglichen werden kann (die OPEC entschied anfangs März, dass sie die Förderquote nicht erhöhen wird). Alle, die beim letzten Satz zustimmend nicken, anerkennen die Grundlage des “Peak Oil“. Diese Theorie ist nicht neu, wurde aber erst durch den Hirsch-Report (Februar 2005) detaillierter in Hinblick auf die Treibstoffversorgung der USA untersucht. Bereits der Hirsch-Report nimmt die Problematik des Biosprits auf:
Grain ethanol provides only a modest net energy gain because of the energy required to produce it. USDA calculated a net energy gain of 34% for a modern corn to ethanol plant, but there is considerable controversy over the real efficiency of the process. Most of the energy used to produce ethanol comes from natural gas and electricity. The production of ethanol uses only about 5% of the corn crop in the US. Significant expansion is possible but at some point there might be an impact on food prices. (Robert L. Hirsch, Roger Bezdek und Robert Wendling, “Peaking of World Oil Production: Impact, Mitigation & Risk Management“, Februar 2005, 87)
Dank staatlichen Subventionen werden heute in den USA 30% des Getreide zur Herstellung von Biosprit verwendet (Quelle: Simon Roughneen, “The global food fight“, ISN Security Watch, 14.04.2008). Ein Resultat dieser Agrarpolitik sind höhere Getreidepreise, welche bereits im Februar 2007 zu den “Tortillia-Protesten” in Mexiko führten. Die hohen Ölpreise an und für sich führten im August 2007 in Indonesien, im September 2007 in Burma, im Oktober 2007 in China (Provinz Henan), im November 2007 in Nepal und im Dezember 2007 in den Philippinen zu Ausschreitungen. Steigende Ölpreise können also unter bestimmten Umständen für die in den Entwicklungs- und Schwellenländern an der Macht stehenden Regierungen verheerende Folgen haben. (Quelle: Richard Baillie, “The $100 question”, Jane’s Intelligence Review, Februar 2008, 8-13). So ist es nicht erstaunlich, dass auch die Entwicklungs-, Schwellen- und Agrarländer den Anbau von Biosprit gefördert haben (beispielsweise Indonesien). Nicht nur, dass sie angesichts der steigenden Treibstoffpreisen ein lukratives Geschäft witterten, sondern weil die Regierungen an möglichst stabilen Ölpreise im eigenen Land interessiert waren und so Ausschreitungen vorbeugen wollten (vgl. “Rising Food Prices Threaten Poverty Reduction“, Pressemitteilung der Weltbank, 09.04.2008). Aber auch Länder, die eigentlich höhere Treibstoffpreise ökonomisch verkraften könnten, wie beispielsweise Deutschland, verfielen der Bio-Illusion des “sauberen” Kraftstoff. Mittlerweile verwarf Deutschland diese Pläne wieder – die Gründe lagen jedoch in der Unverträglichkeit des Bio-Treibstoff-Gemisch für eine Vielzahl von Personenwagen. Die EU derweilen hält am Biosprit fest. Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel sieht jedoch nicht nur beim Anbau der “Energiepflanzen” die Ursache für die höheren Nahrungsmittelpreise:
Die grosse Konkurrenz findet nicht statt zwischen Biomasse zur Energiegewinnung und Nahrungsmitteln, sondern zwischen Futtermitteln und Nahrungsmitteln. (Quelle: News.ch)
Das Argument von Gabriel ist nicht von der Hand zu weisen: Zunehmender Wohlstand in den Schwellenländer führt zu einem höheren Konsum von Fleisch, dessen Produktion im Verhältnis zu den beinhalteten Kalorien überproportional viel Futtermittel und Wasser benötigt. Die Liste der Ursachen lässt sich jedoch noch weiter führen: Steigender Nahrungsmittelbedarf in China und Indien durch das Bevölkerungswachstum, fatale Fehler in der Landwirtschaftspolitik vieler Entwicklungs- und Schwellenländer, welche zu ungenutzten bzw. falsch genutzten Feldern führten usw. Trotzdem, es gibt Untersuchungen die festhalten, dass 30 bis 70 Prozent der Nahrungsmittel-Preissteigerungen auf den forcierten Anbau und die Verwendung von Pflanzen für Kraftstoffe zurückgehen. (Quelle: Spiegel). Wie auch immer, ein Punkt ist Fakt: Die Nahrungsmittelpreise sind im Steigen begriffen. Nach Angaben der Weltbank kletterten die Nahrungsmittelpreise in den vergangenen drei Jahren um 83 Prozent, für Weizen sogar um 181 Prozent. In den letzten Wochen kam es in Bangladesch, Indonesien, Peru, Mauretanien, Jemen, Burkina Faso, Bolivien und Uzbekistan zu Unruhen, in Ägypten und Haiti (siehe Bild links oben) gab es sieben bzw. vier Tote und in Kamerun im Februar sogar 40 Tote (Quelle: Simon Roughneen, “The global food fight“, ISN Security Watch, 14.04.2008). Mit einer vom Staat subventionierten Anbau von Bio-Treibstoffen (beispielsweise in den USA und in der EU), mit dessen Verkauf der Bauer höhere Erlöse erzielen kann, als dies beim Anbau von Nahrungsmitteln der Fall ist, wird das Problem zusätzlich verschärft. Ein Ausweg könnte in einigen Jahren Bio-Treibstoffe der zweiten Generation darstellen, die keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion darstellen, beispielsweise die Nutzung der Zelluloseanteile von Nutzpflanzen die bei der Ernte übrig bleiben, die Nutzung von Algen, Bakterien usw. (siehe Dokumentation unten). Derzeit ist der Wirkungsgrad der Bio-Treibstoffe der zweiten Generation jedoch noch schlecht.
The poor are not just facing higher food prices but also higher energy costs, which is a worrying combination — Danny Leipziger, World Bank Group Vice President for Poverty Reduction and Economic Management (PREM)
Die Dokumentation “Was tanken wir in Zukunft?” (Quarks & Co, WDR, 11.03.2008) gibt einen guten Einblick in die Biosprit-Problematik:
Weitere Informationen
- “Die Wut der Armen“, Spiegel Online, 14.04.2008.
- “Wissenschaftler warnen vor Biosprit“, Spiegel Online, 31.03.2008.
- “The List: The World’s Most Dangerous Food Crises“, Foreign Policy, April 2008.
- Kurzinterview mit Josette Sheeran, Executive Director des U.N. World Food Program in Foreign Policy, April 2008