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Flurin Condrau, Roger Stephan, die Corona-Pandemie, die vermutlich durch ein Virus verursacht wurde, das vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, zeigt, wie eng die Gesundheit von Mensch und Tier verzahnt ist. Sie forschen an dieser Schnittstelle. Die Verbindung von Tier- und Humanmedizin wird heute als One Health – eine Gesundheit – bezeichnet. Weshalb braucht es diesen Forschungsansatz?
Flurin Condrau: Der Begriff One Health ist relativ neu. Der Gedanke, der dahintersteht, ist aber schon alt. Es gibt ihn schon seit der griechisch-römischen Antike. Der antike Mediziner Galen etwa unterschied nicht zwischen Menschen und Tieren. Seine Vier-Säfte-Lehre galt für beide. Das war in der Medizin bis ins 18. Jahrhundert so.
Roger Stephan: Seit Menschen und Tiere zusammenleben, gibt es Erkrankungen, die beide betreffen oder von einer Spezies auf die andere übertragen werden. Solche Gesundheitsprobleme lassen sich nicht aus einer Einzelperspektive lösen. Wichtig für die Entwicklung des One-Health-Gedankens in der Neuzeit war der deutsche Pathologe Rudolf Virchow (1821–1902), der im 19. Jahrhundert parasitäre Erkrankungen erforschte. Er stellte den Zusammenhang von Schweinen, Schweinefleisch und der Erkrankung von Menschen an Trichinellose fest, die von Trichinen ausgelöst wird. Trichinen sind Fadenwürmer, die mit dem Schweinefleisch auf den Menschen übertragen werden können. Ein wichtiger Motor für den One-Health-Gedanken im 21. Jahrhundert war eine internationale Konferenz 2007 in Neu Dehli. Hintergrund dazu war die damals grassierende Geflügelgrippe. An der Konferenz wurde deutlich zum Ausdruck gebracht, dass solche gesundheitlichen Herausforderungen nur im Zusammenspiel von Veterinär- und Humanmedizin gemeistert werden können.
Condrau: Im Zusammenhang mit Covid-19 werden oft Parallelen zur Spanischen Grippe von 1918 gezogen. Interessanterweise hat sie die Entwicklung des One-Health-Gedankens auch beeinflusst. Denn über die Auslöser der Spanischen Grippe wurde damals viel spekuliert. Doch das Virus, das die Grippe ausgelöst hat, wurde erst in den 1930er-Jahren gefunden. Lange ging man davon aus, es werde von Mensch zu Mensch übertragen. Erst in den 1970er-Jahren hat man verstanden, dass es sich dabei um eine Zoonose handelt: Die Influenzaviren sind also von Tieren auf den Menschen übergesprungen. Spätestens damit wurde klar, dass eine Pandemievorsorge nicht ohne Einbezug der Tierwelt funktionieren kann. Dennoch gibt es disziplinäre Traditionen, die die Zusammenarbeit von Veterinär- und Humanmedizinern erschweren. Vor allem von der Humanmedizin sind hohe Mauern hochgezogen worden.
Inwiefern?
Stephan: In der aktuellen Covid-19-Task-Force des Bundes vermisse ich zum Beispiel die Veterinärmedizin. Aber auch in der Forschungsförderung fehlen bislang die Gefässe, die eine Zusammenarbeit der Human- und der Veterinärmedizin zwingend fordern.
Condrau: Das stimmt. Dabei hätten die Veterinärmediziner viel einzubringen – etwa bei der Meldepflicht. Sie haben viele Erfahrungen und auch die technischen Instrumente, um mögliche Tierseuchen zu eruieren. Das Bundesamt für Gesundheit blieb dagegen technisch in den 1980er-Jahren stehen, was die Tatsache belegt, dass zu Beginn der Krise die Covid-Fälle noch immer auf Fax-Geräten gemeldet wurden. Gerade was die verbesserte Pandemieerkennung und -planung anbelangt, haben die Veterinärmediziner ein grosses Knowhow, das für die Zukunft wichtig ist. Wir sind momentan in der Phase, in der wir Lehren aus der Corona-Pandemie ziehen. Eine davon ist, Expertengremien vor der Pandemie zusammenzustellen und nicht erst mittendrin. Und da gehören die Veterinärmedizinerinnen und -mediziner dazu. Denn um Zoonosen wie das Coronavirus zu verstehen, braucht es die Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizin.
Drei Themen sind für die One-Health- Forschung besonders wichtig: Zoonosen, Antibiotikaresistenzen und die Lebensmittelsicherheit. Weshalb?
Condrau: Bei diesen Themen wird der enge Zusammenhang von Tier und Mensch, Landwirtschaft, Umwelt, Veterinär- und Humanmedizin besonders deutlich. Zoonoseerreger springen von Tieren direkt oder indirekt auf den Menschen über. Die Lebensmittelkette ist eine Drehscheibe dafür. Auch antibiotikaresistente Bakterien zirkulieren zwischen Menschen, Tieren und der Umwelt. Im Zusammenhang mit Medikamenten hört man immer wieder den Spruch: «Nützts nüt, so schadts nüt.» Bei den Antibiotika ist er sicher falsch, weil durch deren Einsatz die Selektion von resistenten Bakterien in allen Bereichen – bei Mensch, Tier und Umwelt – angekurbelt wird.
Bleiben wir bei den Antibiotika. Diese wurden in der Tiermast lange Zeit als Leistungsförderer eingesetzt. Mittlerweile weiss man, dass das problematisch ist, und verzichtet zumindest in der Schweiz seit über 20 Jahren darauf. Wird in der Landwirtschaft heute genug getan, um den Antibiotikaverbrauch zu senken?
Condrau: Die Nutztierwirtschaft wurde seit dem Zweiten Weltkrieg konsequent auf Leistung getrimmt. Das ist ein wichtiger Grund für den grossen Antibiotikaeinsatz. Lange Zeit wurden auch in der Schweiz grossflächig Antibiotika verfüttert, zur Leistungsförderung auch an gesunde Tiere. 1956 etwa waren das bereits 56 Tonnen pro Jahr. Der Einsatz zur Leistungsförderung ist heute in der Schweiz nicht mehr erlaubt, im Gegensatz zu den USA. Das heisst, das schöne US-Ribeye-Steak kann nach wie vor mit Hilfe von Antibiotikaverfütterung produziert werden. Klar ist: Resistenzen sind ein klassisches One-Health-Problem, das sich nur lösen lässt, wenn die Veterinärmedizin einbezogen wird und mitmacht. Doch auf den Höfen ist die Veterinärmedizin nach wie vor eine Leistungsmedizin, die ihre Aufgabe darin sieht, die Erträge aus den Tieren möglichst hoch zu halten.
Stephan: Meines Erachtens wird noch zu wenig in die präventive Gesunderhaltung von Tierbeständen investiert. So ist es in der Schweiz immer noch schwierig, die präventive tierärztliche Arbeit auf landwirtschaftlichen Betrieben kostendeckend abzurechnen. Immer noch zu häufig wird erst dann gehandelt, wenn die Tiere krank sind und dann zum Beispiel mit Antibiotika behandelt werden müssen. Deshalb braucht es Anreizsysteme, die die Prävention und damit die Gesundheit fördern. Etwa über die Vergabe von Subventionen.
Wie stellen Sie sich das vor?
Stephan: Die Tiergesundheit sollte ein Kriterium für die Höhe von Subventionen sein. Diese könnte unter anderem daran gemessen werden, wie viel Antibiotika auf einem Hof eingesetzt werden. Sind die Tiere gesund, braucht es weniger Antibiotika.
Was können wir selbst tun, um die Entstehung von Antibiotikaresistenzen zu vermeiden?
Stephan: Die Konsumenten spielen, gerade wenn es um die Lebesmittelproduktion geht, eine wichtige Rolle. Hohe Standards im Bereich Tierschutz, Produktelabel in der Tiermast, Investitionen in die präventive Gesunderhaltung von Nutztierherden, all das hat seinen Preis. Die Konsumenten müssen beim Kauf von Lebensmitteln bereit sein dies mitzutragen.
Condrau: Ich finde eine völlige Transparenz bei diesem Thema wichtig. So sollte beim Konsum von Fleisch ein Besuch im Schlachthof Teil des Menüs sein. Und die Daten, die heute bei den Bauern über die Verschreibung von Antibiotika erhoben werden, sollten veröffentlicht werden. Es sollte sichtbar gemacht werden, was wo und unter welchen Bedingungen produziert wird.
Herr Condrau: Sie sind Medizinhistoriker und erforschen die Geschichte von One Health. Was interessiert sie daran?
Condrau: Die jüngere Medizingeschichte lässt sich ohne One Health gar nicht schreiben. Es ist wichtig, zu verstehen, wie die Veterinärmedizin den Weg auf die Höfe gefunden hat und welche Rolle sie dort spielt. Wie angesprochen eben nicht nur als heilende Medizin, sondern auch als Mittel zur Produktionsoptimierung. Das Beispiel, das wir uns hier anschauen, ist Optigal, die Geflügelmarke der Migros. Bei Optigal wurde die Hühnermast in den 1960er-Jahren nach den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung optimiert. Vordergründig wurde suggeriert, es handle sich dabei um tierfreundliche Haltung. Doch eigentlich war das Hauptziel die Steigerung der Produktion. Wir müssen uns bewusst sein, dass der Einsatz von Antibiotika nicht nur ein Problem ist wegen der Resistenzen. Er wirkt sich auch auf die landwirtschaftlichen Produkte aus.
Herr Stephan, die Forschung im Bereich One Health gehört zu den strategischen Grundsätzen der UZH. Was wird konkret getan?
Stephan: Wir haben an der Vetsuisse-Fakultät auf das aktuelle Herbstsemester ein überarbeitetetes Curriculum eingeführt. In diesem neuen Curriculum ist das One-Health-Konzept an ausgewählten Beispielen als Modul im Masterstudiengang fest verankert. Das ist ein erster Kristallisationspunkt. Nun arbeiten wir daran, diesen Bereich weiter zu vernetzen, mit dem Ziel, gemeinsam mit den anderen Fakultäten ein übergreifendes Lehrangebot zu schaffen. Und wir versuchen eine schlagkräftige interdisziplinäre Gruppe aufzubauen, die bei der nächsten Ausschreibung der universitären Forschungsschwerpunkte mit einem Konzept für einen UFSP «One Health» ins kompetitive Rennen steigt.
Condrau: Ein grundsätzliches Problem ist, dass der Grossteil der medizinischen Forschung auf die Therapie von Krankheiten fokussiert ist. Dafür gibt es auch das meiste Geld. Dabei ist die Prävention mindestens so wichtig. Denn, wenn Menschen und Tiere nicht krank werden, muss man sie auch nicht therapieren. Trotzdem sind die Präventionsbudgets viel zu klein. So gab es seit Aids in der Schweiz keine grosse Präventionskampagne mehr. Hier fehlt es heute an Knowhow und an Infrastruktur. Das hat sich bei der Corona-Pandemie ausgewirkt. Im Windschatten dieser Pandemie sollten wir die Prävention neu denken.
Wie?
Condrau: Gesundheit wurde von der WHO seit 1948 sehr breit definiert: Sie ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit, sondern der Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Auch in der Menschenrechtsdiskussion wurde intensiv über ein Menschenrecht auf Gesundheit gesprochen. Dazu gehört sicherlich auch der Zugang zur medizinischen Versorgung, aber im Zentrum steht eigentlich die Gesundheitspflege als Voraussetzung für die Partizipation am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Darum scheint mir eine Stärkung des Gesundheitsschutzes für Mensch und Tier zentral, weil damit die Grundlagen für ein möglichst hohes Gesundheitsniveau gelegt werden.
Was kann die One-Health-Forschung dazu beitragen, künftige gesundheitliche Probleme von Menschen und Tieren zu lösen?
Stephan: One Health erforscht die Schnittstellen zwischen Mensch, Tier und Umwelt. Nur wenn wir verstehen, was an diesen Schnittstellen geschieht, also beispielsweise wie ein Erreger vom Tier auf den Menschen überspringt oder wie krankmachende Keime zwischen Tier, Mensch und Umwelt zirkulieren, kann gezielt interveniert werden. Das ist schlussendlich unser Ziel: das Wissen bereitzustellen, um am richtigen Ort mit den geeigneten Mitteln und kosteneffizient einzugreifen, um so beispielsweise den Kreislauf der Ausbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien besser zu unterbinden.
Condrau: Für mich ist wie bereits gesagt wichtig, dass der Therapiefokus der Medizin ergänzt werden muss durch neu gedachte Prävention. Da kann One Health eine wichtige Rolle spielen, weil so auch andere Akteure mit am Tisch sitzen. Wenn es stimmt, dass die Veterinärmedizin eine Leistungsmedizin ist, dann stimmt das wohl auch für die Humanmedizin. Beides scheint mir problematisch. Eine Funktion der sogenannten Medical Humanities ist es, über Gesundheit und Krankheit breiter nachzudenken. Seit hundert Jahren etwa problematisiert die Medizingeschichte etwa die politischen Dimensionen der Gesundheitspolitik. Also gehören für mich insgesamt Sozial- und Geisteswissenschaften mit an den Expertentisch, wenn über die Zukunft der Medizin nachgedacht wird.
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