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Vielleicht ist die Erde doch eine Scheibe. Dieses Gefühl wird man auf der Insel Fogo vor Kanadas Ostküste an einem der vier offiziellen Enden der Welt einfach nicht los.
Kennst du Erich von Däniken? Wenn wir ehrlich sind, dann geben wir zu, dass uns seine Ausserirdischen und ihre Ufos schon ein wenig faszinieren. Oder irgendeinmal in unserem Leben fasziniert haben. Und was ist eigentlich mit all diesen wundersamen Verschwörungstheorien? Haben die Amerikaner die Mondlandung in Tat und Wahrheit bloss in einem Hollywood- Studio inszeniert? Sind die Anschläge vom 11. September bloss ein gigantischer Versicherungsbetrug? Lebt Elvis Presley? Ist Barack Obama in Kenia zur Welt gekommen?
Natürlich glauben wir zu wissen, dass Erich von Dänikens Ausserirdische nicht existieren, die Amerikaner auf dem Mond waren und auch sonst alle diese Verschwörungstheorien Unsinn sind. Aber was, wenn es doch anders wäre? Und was, wenn die Erde nicht rund, sondern eine Scheibe ist? Die Erde eine Scheibe! Das ist nun wirklich barer Unsinn! Längst hat die Wissenschaft bewiesen, dass wir auf einer Kugel, oder genauer gesagt auf einem Rotationsellipsoid leben. Es behauptet im 21. Jahrhundert niemand mehr im Ernst, dass wir auf einer Scheibe wohnen.
Falsch. Das wird sehr wohl behauptet. Die Flat Earth Society lehrt heute noch, dass die Erde keine Kugel ist. Die moderne Bewegung zur Propagierung der Ansicht, dass die Erde flach sei, wurde von Samuel Rowbotham (1816 – 1884) gegründet. Er berief sich auf die Bibel, die sage, die Erde sei flach. 1849 legte er seine Theorie (die sog. Zetetic Astronomy) in einem 430-seitigen Buch dar.
Nach Rowbothams Ansicht ist die Erde eine flache Scheibe mit dem Nordpol im Zentrum, die von einem Eiswall umgeben ist. Sonne, Mond und Sterne bewegen sich einige hundert Kilometer darüber, die Sonne, die nur einen Durchmesser von 60 Kilometern hat, in einer Höhe von 4880 Kilometern. Er verweist auf insgesamt 76 Stellen in der Bibel, die angeblich seine Theorie stützen und erinnert daran, dass schon die alten Griechen davon überzeugt waren, dass die Erde eine Scheibe ist und sich diese Lehre bis ins Mittelalter gehalten hat.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte ein langsamer Niedergang seiner Bewegung ein. Aber sie lebt in der International Flat Earth Society weiter. Die Fotos aus dem Weltraum, welche die Kugelgestalt unserer Erde zweifelsfrei beweisen, werden als Fälschungen und Verschwörung gegen biblische Wahrheiten abgetan, und die Unfälle der Raumfahrt als Gottes Strafe für den Versuch, ins Himmelreich einzudringen.
Natürlich wird die Theorie laufend weiterentwickelt. Selbst die «Flat-Earther» haben das Mittelalter hinter sich gelassen. Möglicherweise ist es so, dass wir nicht einfach auf einer Scheibe leben. Sondern auf der Hochfläche eines riesigen Kegels oder einer Pyramide. Eventuell verbringen wir unser Leben auch auf einer Art Generationenschiff oder den Überresten eines zerborstenen Planeten. Ufos überfliegen regelmässig unsere flache Erde.
Jede Ansicht ist willkommen, ausser dem Fakt, dass die Erde ein Globus mit 12'742 km Durchmesser ist. Inzwischen amtet Daniel Shenton in London als Präsidenten der «Flat Earth Society» und seit 2009 wird auf einer eigenen Webseite um Mitglieder geworben. Zurzeit sind es über 500.
Ich hatte irgendeinmal während eines Langstreckenfluges über diese seltsame Gesellschaft gelesen und hätte das ganze wieder vergessen. Aber in dieser Theorie über die flache Erde werden konkret die vier Enden (oder Ecken) der Welt genannt. Diese vier Enden befinden sich gemäss der «Flat Earth Society» auf den Inseln Neuguinea und Fogo, auf den Bermudas sowie im griechischen Hydra.
Dabei wird gleich die Erklärung für das seltsame Verschwinden von Flugzeugen und Schiffen rund um die Bermudas (im sogenannten «Bermuda-Dreieck») geliefert: Sie sind ganz einfach über das Ende der Welt hinaus geraten. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen und schliesslich habe ich mich entschieden, einmal in den Ferien an einem dieser vier Enden der Welt nachzusehen, was eigentlich an dieser Theorie dran ist.
Wir haben die Insel Fogo gewählt. Es gibt zwei Inseln, die den Namen des Feuers tragen. Fogo kommt aus dem Portugiesischen und steht für Feuer. Eine gehört zu den Kapverdischen Inseln und besteht fast nur aus einem aktiven Vulkan. Die andere, auf der eben eines der vier Weltenden liegt, gehört zu Neufundland und liegt hoch im Norden vor der kanadischen Ostküste. Leicht zu erreichen mit einem Flug von Zürich über Montréal nach Gander und von dort mit Auto und Fährschiff.
Der Flughafen von Gander galt einst als «Crossroads of the World» («Kreuzung der Welt») und zählte in den 1950er-Jahren vor dem Aufkommen der Düsen-Pasagierflugzeuge sogar während einer kurzen Zeit zu den verkehrsreichsten der Welt. Gander war also so etwas wie ein Mittelpunkt der Welt. Von hier aus waren die meisten Städte in Westeuropa und an der US-Ostküste erreichbar, hier legten die meisten Flüge von Europa nach Nordamerika einen Zwischenstopp ein. Denn ein Nonstop-Flug von Europa nach Nordamerika war technisch für die zivile Luftfahrt noch nicht machbar.
1959 wurde gar ein neuer Terminal gebaut, in den 1960er Jahren folgte mit dem Aufkommen der Düsenflugzeuge allerdings ein rascher Niedergang. Und doch behielt Gander eine ganz besondere Bedeutung: Passagierflugzeuge aus dem sozialistischen Osteuropa und der Sowjetunion nutzten auf dem Weg nach dem ebenfalls sozialistischen Kuba den Flughafen Gander als Zwischenstopp.
Heute ist Gander ein vergessener internationaler Provinzflughafen am Ende der Welt mit einem ähnlichen Grove und sogar geringerem Verkehrsaufkommen als Bern-Belp. Was den Charme einer Reise ans Ende der Welt noch erhöht.
Aber zurück zu Fogo: Die 254 km² grosse Insel ist auf jeden Fall eine Reise wert. Das für Inseln oft so typische entschleunigte Leben ist gut für die Erholung. Wir hatten nicht erwartet, dass irgendeiner der freundlichen Bewohner je etwas davon gehört hat, dass sich hier eines der vier Enden der Welt befinden soll. Aber wir würden den Spuren nachgehen.
Umso grösser und erfreulicher die Überraschung: das erste Café, bei dem wir nach der Überfahrt mit dem Fährschiff anhalten, heisst «Flat Earth Café». Es liegen sogar Anmeldeformulare für die «Flat Earth Society» auf – und inzwischen ist dort sogar ein entsprechendes Museum eingerichtet worden.
Bald haben wir herausgefunden, dass es hier den besten Kaffee auf der ganzen Insel gibt. Und bald wissen wir, wo hier das Ende der Welt zu finden ist: Auf dem «Brimstone Head» («Schwefelkopf»). Ein dramatisch aufragender Tafelberg am Hafen der Ortschaft Fogo, die der Insel den Namen gibt. Auf der ganzen Insel gibt es keine einzige ähnliche Felsformation. Ist es vielleicht doch das leicht erreichbare Ende der Welt?
Tatsächlich lässt sich dieser Berg bequem besteigen. Eine hölzerne Treppe führt hinauf zur Aussichtsplattform und es fehlt unterwegs nicht die Warnung auf einer Tafel, dass man hier die Erde auf eigene Verantwortung verlässt. Wir sind heil wieder zurückgekehrt.
Könnte nun etwas dran sein, an der Theorie über die flache Erde? Nun, es braucht nicht viel Phantasie, um sich oben auf der Aussichtsplattform auf dem Brimstone Head vorzustellen, dass die Erde tatsächlich nicht rund ist. Und beim Blick hinaus aufs Meer, wo weit draussen Eisberge vorbeiziehen (zur Erinnerung: die Theorie sagt ja, die flache Erde werde von einem Eiswall begrenzt) ist der erste Gedanke halt schon, dass dort draussen am Horizont tatsächlich das Ende der Welt sein könnte.