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Alain Claude Sulzers Hotel Giessbach
«Damit hatte Erneste nicht gerechnet. Während eines Spaziergangs zum See, es war an einem Sonntagnachmittag im Juli, fast auf den Tag zwei Monate nach seiner Ankunft in Giessbach, hatte Jakob aus heiterem Himmel seinen linken Arm um Ernestes Schulter gelegt und ihn im Gehen geküßt. (...) Jakob küßte Erneste nicht wie einen Bruder, nicht wie man Vater oder Mutter küßt. Er küßte ihn, wie ein Liebhaber küßt, unbefangen und unerschrocken, ein wenig unbeholfen auch, denn viele Gelegenheiten hatte er bislang vermutlich nicht gehabt, sich darin zu üben. Indem er Erneste küßte, tat er etwas Verbotenes, er wußte es, und dennoch tat er es. Er tat es dort, wo man überrascht werden konnte, denn da, wo sie an jenem Nachmittag standen, konnten jederzeit Hotelgäste auftauchen, es war schönes Wetter, das rechte Wetter, um vor oder nach einem Bad, mit oder ohne Kinder, Hand in Hand oder schicklich getrennt, zu Fuß zum See zu gehen und mit der Standseilbahn wieder hinaufzufahren.»
Normalerweise taugen Kellner höchstens zu Neben- und Randfiguren in Romanen. Hier steht einer im Mittelpunkt. Wir schreiben das Jahr 1934 und der diskrete, schattenhafte Monsieur Erneste umsorgt die Gäste im Grand Hotel Giessbach, auf einer Terrasse über den türkisblauen Wassern des Brienzersees, «das einen zu jeder Jahrzeit verlockte, darin zu schwimmen. Das war allerdings außer im August nicht zu empfehlen, denn das Wasser war eiskalt (...). Die meisten zogen es vor, sich unter die Bäume zurückzuziehen, wo kühle Getränke serviert wurden, leichte Weine oder bunte Cocktails.» Als der Lernkellner Jakob eintrifft und Erneste sein Ausbilder wird, kommt es zu einer leidenschaftlichen Liebesaffäre zwischen den beiden Männern. Die beiden teilen sich eine schmale Dienstbotenkammer unter dem Dach des Luxushotels und ihr Glück ist grenzenlos. Doch dann wendet sich Jakob einem anderen zu und verlässt das Giessbach-Hotel. Dreissig Jahre später trifft ein Brief aus New York ein. Er enthält eine äusserst dreiste Forderung an Erneste.
Alain Claude Sulzer, geboren 1954, lebt als Schriftsteller in Basel, Berlin und im Elsass. Mit «Ein perfekter Kellner» ist ihm der internationale Durchbruch gelungen. Der Roman ist in viele Sprache übersetzt worden, darunter auch ins Russische und ins Chinesische. Zu seinen jüngsten Publikationen gehört ein Porträt über Basel. (BP).
Aus den Hochtälern des Faulhorngebiets stürzt der Giessbach in mehreren Stufen über 500 Meter hinunter in den Brienzersee im Berner Oberland. Unter den Fällen liegt das historische Grandhotel Giessbach, erreichbar von der Schiffsstation «Giessbach See» mit der ältesten Standseilbahn Europas. Das zwischen 1873 und 1875 für ein französisches Familienunternehmen erbaute Hotel sollte 1979 durch ein modernes «Jumbo-Chalet» aus Beton ersetzt werden. Dem Landschaftsschützer Franz Weber gelang es, das Anwesen durch die «Stiftung Giessbach dem Schweizervolk» zu erwerben und unter Denkmalschutz zu stellen.