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Die Tollwut der Hunde kommt in zwei Formen, als rasende und stille Wut, vor; nicht selten geht die erste in die zweite über, meist
aber besteht die eine Form des Leidens während der ganzen Dauer desselben. Beide Formen sind gleichmäßig
ansteckend, und die eine kann die andre hervorrufen. Die Tollwut beginnt mit verändertem Benehmen der Hunde; die Tiere werden mürrisch,
hastig, weniger folgsam und verkriechen sich oft. Der Appetit ist vermindert, und bald wird die Aufnahme von Nahrungsmitteln
ganz verschmäht.
Dagegen zeigt sich gewöhnlich eine Neigung, ungenießbare Gegenstände zu benagen und selbst herabzuschlucken.
Auch plätschern die wutkranken Hunde zuweilen mit der Zunge in kaltem Wasser. Die Ansicht, daß die Hunde in der Tollwut Scheu vor
dem Wasser hätten, ist unrichtig. Die Neigung, zu beißen, ist zunächst am meisten gegen andre Hunde und gegen
Katzen gerichtet. Nicht selten werden aber auch größere Haustiere und Menschen schon in der ersten Zeit der Krankheit angegriffen.
Im weitern Verlauf der Tollwut streben die Hunde, sich aus ihrem etwanigen Gewahrsam zu befreien und von der Kette loszumachen.
Sie laufen ohne erkennbare Veranlassung fort, schweifen nicht selten in entfernte Gegenden, kehren aber
zuweilen noch an demselben oder am folgenden Tag wieder zurück. Sie verkriechen sich dann an abgelegenen Orten, um nach kurzer
Ruhe abermals zu entlaufen. Gegen ihnen bekannte Personen benehmen sie sich oft freundlich, während sie fremde Personen und
Tiere anfallen. Sie beißen gewöhnlich Menschen und Tiere nur ein- oder einigemal, worauf sie weiterlaufen.
Zuweilen ist aber die Beißwut so groß, daß der Hund auf alles, was ihm in den Weg kommt, losfährt und selbst in leblose
Gegenstände sich mit den Zähnen einige Zeit lang festbeißt.
Die Lähmung des Körpers nimmt zu, u. der Tod erfolgt in der Regel nach 5-7 Tagen. Über elf Tage sah man bis jetzt keinen Hund
bei Tollwut leben bleiben. Bei der rasenden Wut tritt unter den vorstehenden Erscheinungen besonders hervor: die große Unruhe,
die Neigung zum öftern Entlaufen, die große Beißsucht, das häufige eigentümliche Bellen und die kürzere
Dauer der Krankheit. Bei der stillem Wut sind sehr bemerkenswert: die Lähmung (Herabhängen) des Unterkiefers, Schwäche und
Lähmung des Hinterteils, mehr ruhiges Verhalten, geringere Beißsucht, das Verkriechen an dunkeln Orten und im allgemeinen
eine längere Krankheitsdauer.
Die Meinung, daß tolle Hunde immer geradeaus laufen, den Schwanz hängen lassen oder ihn zwischen die
Beine ziehen, und daß bei ihnen Speichel aus dem Maul abfließt, ist irrig. Erst später, wenn die Kreuzlähmung sich einstellt,
hängt der Schwanz schlaff herab, das Maul aber ist bei tollen Hunden mehr trocken als feucht. Das eigentümlichste
und wichtigste Zeichen der Tollwut ist die Veränderung der Stimme und der Art des Bellens. Die Töne sind bald höher, bald tiefer
als im gesunden Zustand, immer etwas rauh und heiser, und der erste Anschlag des Bellens geht allemal in ein kurzes Geheul
über.
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Die Ursachen der primären Erzeugung der Tollwut sind nicht bekannt; ist eine solche überhaupt möglich, so erfolgt
sie jedenfalls sehr selten, sekundär entsteht die Krankheit durch Einimpfung des Speichels, an welchen das Kontagium hauptsächlich
gebunden ist, in die Bißwunde. Bei hoher Entwickelung der Krankheit findet sich das Kontagium aber auch
im Blut, Harn und andern Säften des Hundes. Die Verdauungsorgane und die unverletzte Haut
[* 7] scheinen keine besondere Empfänglichkeit
für dasselbe zu besitzen.
Dies geschieht am wirksamsten durch möglichst hohe Hundesteuer. Nach dem deutschen Viehseuchengesetz ist von
jedem Fall von Tollwut der Polizei sofort Anzeige zu machen. Hunde, welche der Tollwut verdächtig sind, sind sofort zu töten oder bis
zu polizeilichem Einschreiten abgesondert in einem sichern Behältnis einzusperren. Letzteres, soweit es ohne Gefahr geschehen
kann, besonders dann, wenn der verdächtige oder an der Tollwut erkrankte Hund einen Menschen oder ein Tier gebissen
hat.
Ist die Tollwut festgestellt, so ist der Hund sofort zu töten, ebenso alle Hunde und Katzen, welche von demselben gebissen worden
sind. Ist ein erkrankter oder verdächtiger Hund frei umhergelaufen, so ist die Festlegung aller Hunde des gefährdeten Bezirks
für drei Monate anzuordnen. Dasselbe gilt für Katzen. Kadaver toller Hunde sind vorsichtig an abgelegenem
Ort mindestens 2 m tief zu vergraben. Die Berührung mit der bloßen oder gar mit verletzter Hand
[* 9] ist sorgfältig zu vermeiden.
Alles, was mit dem tollen Hund in Berührung gekommen war oder von ihm besudelt wurde, ist zu verbrennen oder
auszuglühen. GrößereMassen von Geifer, Blut etc. übergießt man mit starker Seifensiederlauge, Chlorkalklösung oder Schwefelsäure.
[* 10] Die Hundehütte ist zu verbrennen, der Stall gründlich zu reinigen und zu desinfizieren, und niemals darf vor Ablauf
[* 11] von zwölf
Wochen ein neuer Hund in denselben gebracht werden. Pferde,
[* 12] Rinder,
[* 13] Schafe,
[* 14] Ziegen, Schweine,
[* 15] Vögel, die von
einem wutkranken Tier gebissen wurden, sind sobald wie möglich tierärztlicher Behandlung und zugleich einer Beaufsichtigung
zu unterwerfen.
In Preußen
[* 16] erkrankten und fielen an Tollwut oder wurden deshalb getötet 1884-85: 352, 1885-86: 326, 1886-87: 386 Hunde. Die steigende
Zahl der getöteten Hunde, welche mit tollkranken in nähere Beziehung gekommen oder von solchen gebissen worden waren (759,
822, 1247), zeigt, daß diese Maßregel eine ihrer Wichtigkeit entsprechende Beachtung gefunden hat.
Von den tollwutkranken ortsangehörigen Hunden entfällt ein so großer und beständig steigender Prozentsatz (bis 86,79 Proz.)
auf die östlichen Provinzen, und von diesen ist wieder ein so großer Teil von herrenlos umherschweifenden tollwutkranken
Hunden gebissen worden, daß man wohl annehmen darf, die steigende Verbreitung der Tollwut in
den östlichen preußischen Provinzen sei auf stets erneute Einschleppung aus Rußland zurückzuführen. Jedenfalls aber ist
der Verbreitung der Seuche in diesen Provinzen förderlich, daß hier häufiger als anderwärts viele nutzlose, schlecht gepflegte
und wenig beaufsichtigte Hunde gehalten werden. Ferner sind von 1884 bis 1887 in Preußen an Tollwut erkrankt
und gefallen, bez. getötet worden: 23 Pferde, 348 Rinder, 80 Schafe und 52 Schweine.
Sie haben heftigen Durst, aber Widerwillen gegen jedes Getränk. Mitunter tritt schon beim Anblick des
Getränks oder doch nach Genuß von wenig Wasser das Gefühl heftiger Zusammenschnürung im Hals oder ein Wutanfall ein, während
feste Speisen noch geschlungen werden können. Im dritten Stadium, etwa 1-2 Tage später, tritt Lähmung ein, der Speichel läuft
aus dem Mund oder in den Schlund und erregt Erstickungsnot, der Atem wird schnell und röchelnd, der Puls
klein, die Stimme rauh und heiser, und der Tod erfolgt in einem Anfall oder ruhig nach einem solchen. Dies Stadium dauert nur
wenige Stunden, und so verläuft die ganze Krankheit in 3 Tagen, oft in 24 Stunden. Die Sektion ergibt nichts
Besonderes, nur die Schwellung der Milz und der lymphatischen Gebilde ist bemerkenswert. Die Prognose der ausgebrochenen Tollwut ist
ganz ungünstig, dagegen sind überhaupt nur wenige Bisse eines tollen Hundes ansteckend, die Mehrzahl der Gebissenen erkrankt
nicht. In Preußen starben 1884-87 an Tollwut
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sechs Personen. Die Behandlung muß mit energischem Ausblutenlassen der Wunde durch tiefe Einschnitte und aufgesetzte Schröpfköpfe,
Ätzungen der Wunde mit Alkalien und rauchender Salpetersäure beginnen. Kleinere, vielfach zerfleischte Glieder
[* 21] sind zu amputieren.
Außerdem ist eine umsichtige, beruhigende psychische Behandlung unendlich wichtiger als alle Arzneien. In der Diät ändere
man wenig und lasse nur die bei jeder Wunde schädlichen Dinge vermeiden.
Gegen die Krankheit selbst sind allerlei Mittel empfohlen worden, die sich aber als nutzlos erwiesen haben. Man beschränkt
sich daher auf Morphiumeinspritzungen und Chloroformeinatmungen, sucht bei Wutanfällen zu verhindern, daß der Kranke sich
oder andern schaden kann, und wendet dabei möglichst geringen Zwang an. Alles, was den Kranken erregen
könnte, namentlich auch das Aufdringen von Flüssigkeiten, ist zu vermeiden. Als Ersatz des Getränks sind nasse Brotkrume,
Apfelsinenscheiben, Eisstückchen, Klystiere zu empfehlen, doch nur dann, wenn sie keine Krämpfe erregen. In neuerer Zeit
hatPasteur auf theoretische Annahmen hin ein Impfverfahren ersonnen, welches die Empfänglichkeit für
das unbekannte Wutgift selbst bei schon gebissenen Personen beseitigen soll und bei Tieren, auch in mehreren Fällen bei Menschen
erprobt wurde. Er arbeitet mit dem getrockneten Rückenmark tollwutkranker Kaninchen
[* 22] und benutzt dies zu präventiven Impfungen.
Dabei erreichte er, daß ein geschütztes Tier ohne Schaden mit solchem frischen Rückenmark geimpft werden
konnte, welches bei ungeschützten Tieren in sieben Tagen Tollwut erzeugte. Thatsache ist, daß alle Personen, welchePasteur geimpft
hat, die Impfung
[* 23] ohne Schaden ertrugen, und daß keine derselben, obwohl sie von verdächtigen Hunden gebissen worden waren,
an Tollwut erkrankte. Ein Urteil über den wahren Wert dieser Impfungen läßt sich aber bis jetzt nicht fällen,
denn erstens ist die Methode nicht frei von erheblichen Einwänden, ferner ist bei mehreren der geimpften Personen sehr zweifelhaft,
ob der Hund, welcher sie biß, wirklich an Tollwut litt, endlich lehrt die Erfahrung, daß viele Menschen, welche von unzweifelhaft
wutkranken Tieren gebissen wurden, niemals an Tollwut erkranken.