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Am östlichsten Punkt Sibiriens, dort, wo gleich jenseits der Beringstrasse Alaska liegt, befindet sich das Dorf Uelen. im Autonomen Kreis der Tschuktschen. Der Kreis hat die mehr als 17-fache Fläche der Schweiz und 50,000 Bewohner.
Das Gebiet um Uelen ist seit mehreren tausend Jahren besiedelt. Dort treffen die Völker der Yupik und Tschuktschen aufeinander. Die Yupik leben beiderseits der Beringstrasse. Zwischen 1865 und 1867 versuchte die Western Union Telegraph Expedition eine Telegraphenverbindung von San Francisco nach Moskau einzurichten.
Der Schweizer Künstler Trautmann Grob war dabei und hinterliess einige Zeichnungen aus Alaska und Sibirien, die sich heute im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen befinden.
Mehr als 20 Jahre später sammelte der Schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld während eines langen Winteraufenthaltes auf der Vega-Expedition von 1878 bis 1879 etwas weiter westlich mehr als 1,100 Gegenstände der Tschuktschen, darunter mehr als 400 Elfenbeinfiguren. Sie befinden sich heute im Etnografiska museet in Stockholm. Weil die zahlreichen kleinen Dörfer in Ostsibirien von der Sowjetunion in den 1950er Jahren als unwirtschaftlich angesehen wurden, wurden ihre Bewohner auf verschiedene grössere Ortschaften konzentriert, eine davon Uelen. Hier hatte sich schon in den 1920er Jahren eine „Schule“ der Elfenbeinschnitzer entwickelt, die seit 1931 institutionalisiert ist. Über mehrere Jahrzehnte waren die Schnitzereien eine wichtige Einnahmequelle.
Heute hat der Ort etwa 750 Bewohner und steht vor neuen Herausforderungen. Das Elfenbein ist ein Beiprodukt der Subsistenzjagd der Bewohner von Uelen. Doch mit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen von 1973 wurde nach und nach der internationale Handel mit Walrosselfenbein beschränkt und kam letztlich praktisch zum erliegen. Alternativen mussten gesucht werden. Es fanden mehrere Workshops mit Teilnehmern von beiden Seiten der Beringstrasse statt.
2004 reiste der Kanadische Künstlers und Druckers Paul Machnik aus Montreal nach Uelen und leitete dort einen Workshop. Zwölf Künstler aus Uelen fertigten 20 Drucke an, die in limitierte Auflage in Montreal gedruckt wurden. Jedes Motiv erschien in einer Auflage von 30 Stück, die von Hand signiert, und nummeriert, teils auch betitelt wurde. Analog zu den Druckwerkstätten der Inuit.
Das Ziel war, auch in Uelen eine solche Druckwerkstatt zu etablieren. Aus verschiedenen Gründen ist dies bis heute nicht erfolgt. Es blieb bei den 20 Drucken von 2004. Inspiration für die Motive lieferten die reiche mythologische Tradition, das Alltagsleben und die Lokalgeschichte. Der Stil ist sehr eng an die Schnitzereien aus Walrosszahn angelehnt. Gut erkennbar an einem Druck der Künstlerin Lubov Eynes, der die Legende der Seehundfrau darstellt.
Der Künstler Sergei Nikitin schuf im Jahr 2000 eine Walrosszahnfigur der Walrossfrau. Neben der Jagd auf Robben, Walrosse und Wale ist auch die Rentierzucht ein wichtiger Ernährungsfaktor. Somit finden sich mehrere Drucke, die dies widerspiegeln. Stanislav Il’key stellt in zwei Drucken („Sommer“ und „Herbst“ die Arbeit mit den Rentieren dar.
Lubov Eines produzierte neben den Drucken mit mythologischem Inhalt auch solche mit Jagddarstellungen. Die Ausstellung „Arctic: Culture and Climate“ am British Museum zeigte einige der Drucke aus Uelen, sie kamen als Leihgaben des Anchorage Museum in Alaska nach London. Das Museum Cerny besitzt mehrere komplette Sätze der Serie und darüber hinaus auch Prüfdrucke, die vorab gedruckt wurden.
Uelen ist bereit. Künstler und Maschinen sind vor Ort. Doch es bedarf einer Initialzündung. Ein internationales Projekt widmet sich derzeit den Tschuktschensammlungen in Museen weltweit. Es bleibt zu hoffen, dass ein solches Projekt Uelen Anregung liefern kann, sich mit Kunsthandwerk wieder einen internationalen Markt zu erschliessen, der durch den Bann des Elfenbeinhandels verloren ging.
Martin Schultz, Museum Cerny