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Zu Gast im Reich der Mitte
Unsere Gastschreiberin Rebekka Steiger ist in der Altstadt aufgewachsen. Als Kunstmalerin tätig, war sie die letzten zwei Jahre in Peking. Ein für drei Monate geplanter Aufenthalt in der Schweiz ist wegen des Coronavirus auf unbestimmte Zeit verlängert worden.
Das erste Mal, als ich nach Peking kam, holte mich der Fahrer meiner Galerie am Flughafen ab. Obwohl ich im Vorfeld drei Monate lang intensiv Mandarin gelernt hatte, verstand ich kaum ein Wort von dem, was der Fahrer sagte, so sehr unterscheidet sich das Hochchinesisch auf der CD von dem rauen Pekinger Akzent. So sass ich schweigend daneben, während mich der mürrische Glatzköpfige mit einem langen kleinen Fingernagel und Lederjacke in mein zukünftiges Zuhause brachte. Anstatt wie alle anderen im Stau zu stehen, raste er im Karacho auf dem Abstellstreifen an ihnen vorbei. Ein paar Tage später, mit entsprechendem Vokabular ausgerüstet, sagte ich ihm, dass er Auto fahre wie ein Verrückter – sehr zu seiner Belustigung. Ich lernte wenig später, dass sein Fahrstil nicht besonders aussergewöhnlich ist in Peking.
Sprachbarriere überwinden
Das kleine Dorf im fünften Ring Pekings namens Caochangdi besteht zum einen aus einstöckigen barackenartigen Gebäuden, zum andern aus Backsteinhäusern, in denen Galerien und Künstlerstudios zu finden sind. In so einem backsteinigen Gebäudekomplex war auch ich untergebracht.
Während der ersten Monate war ich, vor allem mangels sprachlicher Kenntnisse, auf Hilfe der Galerie angewiesen. Dass kaum jemand ein Wort Englisch konnte, war einerseits ein Vorteil, da ich nicht umhin kam, die Sprachbarriere nach und nach zu überwinden. Allerdings konte ich Materialbeschaffung und sonstige organisatorische Vorhaben zunächst unmöglich alleine bewältigen.
Das änderte sich im Verlauf der Zeit nicht zuletzt deswegen, weil die Fortbewegung in Peking hauptsächlich über das chinesische Äquivalent der Uber App DIDI stattfindet. Dank dieser konnte ich recht bald auf die Dienste des Fahrers der Galerie verzichten, da der Zielort auf der App eingegeben wird und einen der Taxifahrer also nicht absichtlich missverstehen oder ein bisschen auf teure Umwege mitnehmen kann. Während der oft langandauernden, für Fahrer wie Fahrgast langweiligen «Stauhocketen» lernte ich nicht nur den bei Fahrern häufig stark ausgeprägten Pekinger Akzent zu verstehen, sondern begann trotz meines mageren Wortschatzes und der Sorge die Tonhöhen nicht zu treffen, selbst gesprächig zu werden.
Anschluss gefunden
Mein grosses Glück war, dass ich über Kontakte der Galerie Anschluss an einen Freundeskreis im künstlerischen Umfeld fand. Der Hauptkern dieser Gruppe sind rund dreissig Personen, die sich zwei Mal die Woche zum Badmintonspielen treffen und danach zusammen zu Abend essen. An diese Treffen ging ich ab meiner zweiten Woche in Peking regelmässig. Ich war erstaunt, mit welcher Offenheit und Neugier mich die Gruppe aufnahm. Dass ich zu Beginn kaum mit jemandem ein Wort wechseln konnte, spielte mir und ihnen keine Rolle – die einzige Bedingung war, dass ich mit Leidenschaft mitspielte. Im Anschluss an das Spiel war es der Badmintongruppe ein Vergnügen, mir die diversen Gerichte der chinesischen Küche anzubieten und noch ein Grösseres, als ich auch mutig genug war, die für Schweizer exotischen Delikatessen, wie Schweine- und Hühnerfüsse, Quallen oder ganze Hasenköpfe auszuprobieren. Tatsächlich entwickelte ich für Ersteres und Letzteres eine richtige Vorliebe, während ich Quallen auf dem Teller fast genauso wenig mag wie im Meer.
Während der zwei Jahre, die ich an den Badmintontreffen teilnahm, fand ich es immer wieder bemerkenswert, wie meine Freunde bis zu dreissigköpfig an einem runden Tisch sitzen und miteinander diskutieren konnten. Nicht etwa so wie bei uns, wo sich in einer grossen Menge meist kleinere Gruppen bilden, die separate Gespräche verfolgen. Nein, es wurde abgewechselt, aufmerksam zugehört und alle, die zu Wort kommen wollten, bekamen ihre Gelegenheit. Und dies in einer Gruppe von Leuten, deren gesellschaftlicher Status von manchen der erfolgreichsten Künstler des Landes bis zu den absolut Unbekannten reichte.
Ich selbst nahm nur selten teil an der Diskussion, die Geschwindigkeit und die komplizierten Thematiken blieben bis zuletzt über meinem Niveau.
Trotzdem feierte ich nach und nach die kleinen Erfolge meiner zunehmenden Selbständigkeit. Sobald ich mich in der Dorflädeliszene etwas bekannt gemacht hatte, konnte ich mir etwa meine liebsten Zigaretten bestellen oder frischeres Fleisch bekommen. Irgendwann war ich auch imstand, mein Material für die Malerei selbst zu besorgen und mir zuliefern zu lassen. Der Malereibedarf-Händler kannte mich und wusste auch gleich, wo sich meine bevorzugten Artikel befanden. Wohl niemand sonst hatte in so kurzer Zeit so teure Materialien in so rauen Mengen bei ihm besorgt.
Chinesische Gerichte kochen
Später entdeckte ich zum ersten Mal in meinem Leben so richtig das Kochen. Unter den Fittichen eines ausgezeichneten Hongkong-chinesischen Kochs, der häufig Freunde aus dem Badmintonkreis bei sich zu Hause empfing, versuchte ich mich in der kulinarischen Kunst. Von ihm lernte ich die exotischsten Zutaten und auch deren Namen und Funktion, sei es in Bezug auf Geschmack, Anwendung oder die chinesisch-medizinische Wirkung kennen. Darunter mir unbekanntes Gemüse, Pilze und vor allem, was typisch für die kantonesische Küche ist, getrocknete Lebensmittel in allen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen.
Der erste und ausschlaggebendste Arbeitsschritt des Kochens ist natürlich das Einkaufen. Deshalb war ich besonders stolz, als mich der Koch in meinem zweiten Jahr in Peking für ein kantonesisches Abendessen mit verschiedensten Gerichten alleine auf den Markt schickte.
Er schärfte mir etwa ein, dass ich bei den Krebsen nach besonders eireichen Exemplaren fragen musste. Und in die Beine der lebenden Tiere zu kneifen, um zu schauen, ob sie auch schön frisch und fest sind oder schon zu lange im Wasser lagen.
Die noch grössere Herausforderung war es, ganz ohne meinen Lehrer für meine Freunde zu kochen. Als alleinige Köchin mit sieben Gästen stellte sich vor allem die Frage: Wie schaffe ich es organisatorisch, acht Gerichte in möglichst schneller Abfolge zu Tisch zu bringen, so dass nichts zu schnell kalt wird? In welcher Reihenfolge sollen die Gerichte kommen? Kommt der Fisch vor dem Reis? Kommt die Suppe am Anfang oder am Schluss?
An der Gelassenheit eines erfahrenen Kochs fehlt es mir allerdings noch. Bis ich selbst so weit war, mich zu den anderen an den Tisch zu setzen, war ich nudelfertig und etwas betrunken, da ich während der Kocherei nur dazu gekommen war, an meinem Wein zu nippen.
Aber der Aufwand hatte sich gelohnt, die Rückmeldung der Gäste war überschwänglich.
Wichtige Freundschaften
Freundschaften zählen viel in China. Nebst der Familie bilden sie ein Netz der Sicherheit in einem Land, in dem sich die Dinge schnell verändern können. So kann man, wie eine Freundin von mir, von einem Tag zum nächsten aus der Wohnung geschmissen werden oder der Markt, den man letzte Woche noch besuchte, kann in der nächsten Woche vom Erdboden verschluckt sein. Auch Caochangdi wurde in den kurzen zwei Jahren, die ich dort verbrachte, stets umgemodelt. Mehr als einmal wurde der Teer aufgerissen und wieder neu gemacht. Einmal kam ich nach drei Wochen zurück und plötzlich waren sämtliche Strassenstände verschwunden, die behelfsmässigen Anbauten, da offenbar illegal, abgerissen. In solchen Situationen ist die Anpassungsfähigkeit der Chinesen beachtlich und auf ihre sozialen Netzwerke zurückzuführen. Innert Kürze fand meine Freundin eine neue Bleibe, die beliebten Marktstände fanden sich an einem andern Markt wieder und die Take-Away-Buden aus Caochandi brachten sich irgendwo im Innenbereich unter. Mich selbst hat es erst kürzlich getroffen: Seit diesem Winter existiert mein Pekinger Studio nicht mehr und Freunde von mir mussten in meiner Abwesenheit mein Hab und Gut zusammenpacken und bei sich unterbringen. Welch ein Einsatz für eine «waiguoren» (Mandarin für AusländerIn)!
Bestimmt wird das Wiedersehen mit der Badmintongruppe, egal wie lange es dauert, bis ich zurückreisen kann, genauso sein, wie wenn ich bloss ein paar Tage weg gewesen wäre.
Rebekka Steiger
Unsere Gastschreiberin
Rebekka Steiger (geb. 1993) ist in der Altstadt aufgewachsen, wo sie die Primarschule besuchte. An der Kanti Wiedikon erlangte sie die musische Matura und trat danach in die Hochschule Luzern Design und Kunst ein, wo sie 2016 mit dem Bachelor im Studiengang Fine Arts abschloss. Ausserdem machte sie eine Pilates-Ausbildung.
Als sie ihre Bilder ausstellen konnte, wurde ein Galerist auf sie aufmerksam, der vorwiegend chinesische Kunstschaffende im Programm hat. Durch ihn kam sie 2018 zu einem Atelieraufenthalt in Peking. Aus geplanten sieben Monaten sind dann zwei Jahre geworden. Derzeit wohnt sie in Wollishofen und hat ein Atelier in Luzern.
Foto: EM