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Propst OA von Rohr 1682–1730
und Lateranensischer Abt 1715–1730
Familie
Der am 15. August 1648 geborene Sohn aus der «Illustri Familia de Heydon»[1] in Straubing erhält den Namen Franz Wilhelm. Er wird später als Abt Patritius von Rohr bekannt. Nur von zwei seiner Geschwister, Johann Nikolaus[2] und Johann Ludwig[3], sind wenige Daten überliefert. Auch die Ausbildungswege von Franz Wilhelm bis zu seinem Eintritt mit 23 Jahren in Rohr liegen völlig im Dunkeln.[4]
Konventuale in Rohr 1671–1682
1671 tritt Heydon ins Augustiner-Chorherrenstift Rohr ein. Am 25. Januar 1672 leistet er mit dem Klosternamen Patritius unter dem Propst Gregor Altmann Profess.[5]. Noch ist das Kloster vom Dreissigjährigen Krieg gezeichnet, noch immer liegen Klosterhöfe öde und die kriegszerstörten Gebäude sind noch nicht vollständig wiederhergestellt. 1672 wird P. Patritius auch zum Priester geweiht. Er muss das theologische Studium also noch vor dem Klostereintritt begonnen haben. 1672 bis 1674 ist er Pfarrvikar im zwei Wegstunden entfernten Semerskirchen, dann ein Jahr Pfarrvikar der Wallfahrtskirche auf dem Laaberberg. 1676 bis 1678 wird er Stiftsdekan und Pfarrvikar des Marktes Rohr. 1678 bis 1680 ist er wieder Pfarrvikar in Semerskirchen. Er wird 1680 Stiftskastner. 1682 resigniert der seit 1675 regierende Propst Augustin Pauhofer.[6] Am 18. November 1682 wird der 34-jährige Heydon als Patritius II. zum neuen Propst gewählt.
Propst in Rohr 1682–1730
Fünf Monate später erhält der neugewählte Propst in der Benediktinerabtei Prüfening bei Regensburg von Weihbischof Franz Weinhart Benediktion und Pontifikalien.[7] Er nimmt sich sofort der Klosterökonomie an, deren Finanzen er als Kastner schon vor seiner Wahl zum Propst verwaltet. Noch vor der Jahrhundertwende erreicht er eine Konsolidierung und kann schon bald nach seiner Wahl mit Baumassnahmen in den Klosterpfarreien und mit Bauten für die Klosterökonomie beginnen. Früh beginnt er auch mit dem Wiederaufbau der im Dreissigjährigen Krieg zerstörten Bibliothek. 1686–1695 ist er Landsteurer und 1695–1730 Landschafts-Verordneter der bayerischen Landschaft.[8] Er hält sich als Verordneter jedes Jahr rund einen Monat in München auf und kann hier ein immenses Beziehungsgeflecht knüpfen. Der 1702 durch den Kurfürsten mit der Einnahme Ulms deklarierte Krieg gegen Österreich und die Alliierten trifft ihn nicht nur als Politiker, sondern auch familiär. Sein Bruder, Obristwachtmeister in kurfürstlichen Diensten, wird 1703 in Mittenwald hingerichtet, nachdem er angesichts der verheerenden Niederlage des Kurfürsten Max II. Emanuel im Feldzug gegen Tirol die kurz vorher eroberte Feste Ehrenberg wieder dem «Feind» übergeben hat. Propst Patritius eilt sofort ins Heerlager von Mittenwald, um beim Kurfürsten um Begnadigung zu bitten, ohne Erfolg, denn nach seiner ersten grossen Niederlage will dieser ein Exempel statuieren. Die anschliessende österreichische Besetzung Bayerns von 1704 bis 1714 scheint für Rohr unproblematisch zu verlaufen, denn selbst der Chronist Dalhammer widmet ihr 1784 keine Zeile.[9] Die umfangreichen Baumassnahmen dieser Jahre weisen auf ein solides Finanzpolster und eine erfolgreiche Diplomatie von Propst Patritius hin. Auch der Konvent erstarkt in dieser Zeit. 1715 zählt die Gemeinschaft 21 Mitglieder. In diesem Jahr tritt Rohr der Lateranesischen Kongregation regulierter Chorherren bei.[10] Nun beschliesst Propst Patritius auch den Neubau der Klosterkirche, den er 1717 beginnt und deren Einweihung 1722 der Weihbischof von Regensburg, Gottfried Langwerth von Simmern vornimmt. 1722 kann er auch sein goldenes Priesterjubiläum feiern.[11] Er lässt sich jetzt vermehrt vertreten.
Am 25. August 1730 stirbt er 83-jährig in Rohr. Er wird in der neuen Annakapelle neben dem Chor begraben und erhält ein Marmor-Epitaph. Auf ihm wird er als «alter noster fundator» geehrt.
Patritius II als Bauherr
Erfassbar wird das Wirken von Propst Patritius vor allem in seinen Bauten. Die Pfarrkirche von Semerskirchen scheint sein erstes Werk zu sein, die Barockisierung ist dort schon 1688 abgeschlossen.[12] 1696 lässt er den Kirchturm der Stiftskirche aufstocken und mit neuen Glocken ausstatten. Er erteilt den Auftrag an den Wessobrunner Maurermeister und Stuckateur Joseph Bader,[13] der 1695 in Rohr die Tochter eines Brauers und Senators heiratet. 1701 baut der Propst Mühle und Pfisterei im Klosterareal neu. Eindrücklich sind seine Bauten während der österreichischen Administration im Spanischen Erbfolgekrieg. Wichtigster Neubau dieser Zeit ist die Wallfahrtskirche auf dem Laaberberg 1703–1711. Wieder ist Joseph Bader Planer und Baumeister.[14] 1707 lässt Propst Patritius in Samerskirchen den neuen Pfarrhof bauen und den dortigen Kirchturm 1710 mit einem oktogonalen Glockengeschoss und Zwiebelhaube versehen. Fast gleichzeitig wird die Kirche in Obereulenbach von Baumeister Bader bis 1712 barockisiert und verlängert. Erst nach dem Friedensschluss 1714 befasst sich Propst Patritius ernsthaft mit seinem Hauptwerk, dem Neubau der Stiftskirche. Sein Mitwirken an der Planung, die 1716 einsetzt, wird völlig unterschätzt, und dafür dasjenige von Egid Quirin Asam[15] viel zu hoch veranschlagt. Der bewährte Baumeister Bader, der die neue Kirche bis 1719 im Rohbau fertigstellt und «dem alles zu dirigieren war anvertraut», dürfte eher nach Vorgaben von Propst Patritius als nach Entwürfen von Asam eine römische Basilika geplant haben.[16] Der grosse Verdienst des Propstes liegt aber nicht nur in dieser sicheren Planungsvorgabe, sondern im Beizug des jungen Freskanten, Stuckateurs und Bildhauers als zweiten Planer. Immerhin kann weder Egid Quirin noch sein Bruder Cosmas Damian zu diesem Zeitpunkt ein von ihnen geplantes Gebäude bezeichnen. Die Kontakte des Propstes zu den frühen Förderern der Brüder Asam dürften deshalb ausschlaggebend sein.[17] Mit der Einweihung 1722 und der Fertigstellung der Ausstattung der Stiftskirche bis 1725 ist das bauliche Lebenswerk des verdienstvollen Propstes abgeschlossen.
|Wappen

Wir finden das persönliche Wappen des Propstes Patritius II. von Heydon in Kombination mit den Klosterwappen auf verschiedenen Stichen (Porträt 1687, Wening 1701, Ex-Libris) und auch in seinen Pfarrkirchen.
|Als Einzelschild ist es an der Emporenbrüstung der Stiftkirche von Rohr zu sehen. Egid Quirin Asam ist der Schöpfer dieser aussergewöhnlichen Wappenkartusche, deren Haupt eine lächelnde Schönheit mit Zöpfen und bekrönender Haube schmückt. Beidseitig ist die Kartusche von Füllhörnern flankiert, aus denen züngelnde Blätter und Schalmeien wachsen. Sie fassen das gespaltene Wappen Heydon. Es zeigt vorne in Blau einen doppelschwänzigen goldenen Löwen und hinten in Rot einen schwarzen, aufgerichteten und linksgewendeten Ziegenbock.|
|Foto: Bieri 2019|
Pius Bieri 2019
|Literatur

Dalhammer, Patritius: Canonia Rohrensis. Ratisbona 1784.

Demleitner, Josef: Eine Hinrichtung in Mittenwald, in: Blätter des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde. München 1939.

Zeschick, P. Johannes OSB: Kloster in Rohr. Rohr 1986.
Anmerkungen
[1] Falls Forschungen zu dieser Familie vorliegen, sind sie nicht zugänglich veröffentlicht. Die Taufbücher von St. Jakob und St. Peter zu Straubing wären vorhanden, über die Familienherkunft Heidon oder Heydon wird trotzdem gerätselt. Schon Maximilian Gritzner in: «Standeserhebungen und GnadenActe deutscher Landesfürsten…» (1880) setzt Fragezeichen. Bei seinem Eintrag der Erteilung des bayerischen Freiherrenstandes im Jahre 1697 für die Brüder Johann Nikolaus und Johann Ludwig de Heydon zu Gartenried vermerkt der Autor: «Woher der Adel?». Johannes Zeschick in «Kloster in Rohr» (1986) nennt den Namen des Vaters Johann Nikolaus Freiherr von Heydon, was aber eine Verwechslung mit dem gleichnamigen Bruder von Patritius sein dürfte. Ein Gregor Carl von Heydon stirbt 1712 als Kanonikus am Stift der alten Kapelle Regensburg. Ist dies ein weiterer Bruder oder ein Cousin?
[2] Johann Nikolaus von Heydon zu Gartenried (*um 1654–nach 1724), 1691-1701 Dragoner-Hauptmann, 1701–1719 Obristwachtmeister und Pfleger in Abbach und Neustadt, wohnhaft in Pfreimd, übergibt 1719 das Amt an seinen Sohn Franz Karl Ignaz von Heydon auf Niederulrain.
[3] Johann Ludwig von Heydon, Obristwachtmeister, ist im verunglückten Tiroler Feldzug vom 1703 kurzzeitig Festungskommandant der 1703 von den Bayern eroberten Feste Ehrenberg bei Reutte, die er angesichts der vorangegangenen schnellen bayrischen Niederlage gegen die Tiroler und nach zehntägiger Belagerung wieder den alten Besitzer übergibt. Durch den für den Feldzug verantwortlichen Kurfürst Max II. Emanuel wird er wegen Feigheit vor dem Feind zum Tode verurteilt und am 16. August 1703 im Feldlager zu Mittenwald enthauptet. Sein Bruder, der Rohrer Propst Patritius von Heydon, eilt zwar nach Mittenwald, erreicht aber beim Kurfürsten keine Begnadigung.
[4] Anzunehmen ist ein Studium im Jesuitenkolleg Straubing.
[5] Gregor Altmann (1627–1675) aus Kraiburg am Inn. Profess 1652, Propst in Rohr 1668–1675. 1668 zählt die Klostergemeinschaft nebst dem Propst wieder sieben Patres und einen Laienbruder. Sie vergrössert sich in seiner Amtszeit auf elf Mitglieder.
[6] Augustin Pauhofer (1637–1695) aus Neustadt an der Donau. Profess 1657, Primiz 1663. Propst in Rohr 1675–1682. Seine Resignation erfolgt offenbar aus Gründen von Selbstzweifeln. Er lebt noch 13 Jahre in Rohr.
[7] Rohr ist dem Bistum Regensburg zugehörig. Zur Zeit der Wahl von Propst Heydon beginnen sich die Wittelsbacher diesen Bischofssitz zu sichern. Fürstbischof von Regensburg ist 1652–1685 Albrecht Sigismund von Bayern, der auch Fürstbischof von Freising ist und ausschliesslich in Freising residiert. Er hat keine Priesterweihe. Weihbischof ist 1663–1686 Franz Weinhart. Seit 1595 haben die Pröpste das Recht auf die Pontifikalien, das heisst auf die infulierte Mitra, das Brustkreuz und den Krummstab.
[8] Er ist als Verordneter Deputierter der bayerischen Landschaft in München. Der ehemals mächtige Landtag wird nach 1669 nicht mehr einberufen und ist bis zur Auflösung 1808 durch die landständische Vertretung der Landschaftsverordnung präsent. Die Vertretung der Landschaft wird von vier Prälaten, acht Adeligen und vier Bürgerlichen wahrgenommen. Diese 16 Deputierten sind das eigentliche Finanzorgan Altbayerns und vom Kurfürsten unabhängig, obwohl sie nach 1720 vor allem mit den Schulden des Kurfürstlichen Hofes konfrontiert sind (1726 betragen die kurfürstlichen Schulden 26 Millionen Gulden oder 700 Prozent der Staatseinnahmen). Die Verordneten treffen sich jedes Jahr für ungefähr einen Monat zum «Universale» in München. Auf seinem Epitaph wird Patritius II. als «deputatus senior» bezeichnet, weil er 1695–1730 einer der vier Verordneten Bayerns aus dem Prälatenstand ist. Im Nekrolog werden 44 Jahre genannt, und damit die ersten Jahre 1686–1695 als Landsteurer dazugezählt. Der Stich von 1687 nennt ihn deshalb «Steurarum Director».
Mehr zu diesen Ämtern Kurbayerns siehe im Einschub.
|Die bayerische Landschaftsverordnung zur Zeit der Kurfürsten|
[9] Die Landschaftsverordnung wird von den österreichischen Besatzern mit gleichen Kompetenzen als dienendes Organ weitergenutzt. Das Stillschweigen aller Chronisten Rohrs über diesen Zeitraum ist erstaunlich, weil die schon vorher wirtschaftlich geschwächte Bevölkerung von Ober- und Niederbayern unter unerträglichen Zusatzabgaben der österreichischen Administration leidet, die 1705 auch zu einem Bauernaufstand führen.
[10] Die Kongregation der Lateranensischen Augustiner-Chorherren hat den Ursprung im römischen Stift San Giovanni in Laterano. Die bayerischen Chorherrenstifte bemühen sich Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts alle um den Anschluss an die in Italien im 17. Jahrhundert weitverbreitete Kongregation. General-Prokurator der Kongregation ist seit 1696 der Abt von Vercelli, Callisto Magnoni, der die Aufnahme-Urkunde für Rohr ausstellt. Nicht dokumentiert ist die Bewerbung und Kontaktaufnahme von Propst Patritius mit dem in Rom residierenden Magnoni. Ist der Propst nach Rom gereist? Die Lateranesische Chorherren-Kongregation stellt im Gegensatz zur 1684 gegründeten bayerischen Benediktinerkongregation keinen Verbund der Stifte dar. Grund zum Anschluss dürfte eher der Titel des «Lateranensischen Abtes» sein, den nun alle Pröpste Rohrs führen können.
[11] Die Predigt von P. Marquard Dirrheim SJ liegt gedruckt vor.
[12] 1688: Weihe des Hochaltars. 1710: Oktogonaler Turmaufbau mit Zwiebelhaube.
[13] Joseph Bader († 1721) aus Wessobrunn, wird in Rohr nach der Heirat 1695 sesshaft. Mit Maria Ursula Ändrl, der Tochter des Senators und Brauers Johann Wilhelm Ändrl, hat er 16 Kinder. Die Söhne Martin und Florian führen nach 1721 die Werkstatt weiter. Ein eigenständiges Bauwerk von Joseph Baader ist die Wallfahrtskirche Laaberberg (1703–1711). 1712 beginnt er die Umbauten der Pfarrkirchen Obereulenbach und Allersdorf. 1716 ist er in Weltenburg tätig.
[14] In der Webseite (2019) des Klosters Rohr wird Egid Quirin Asam als Planer bezeichnet. Als die Kirche 1702 geplant wird, ist Egid Quirin 10-jährig! Der Asamzentrismus treibt in Rohr seltsame Blüten!
[15] Egid Quirin Asam (1692–1750) aus Tegernsee, Freskant und Stuckateur, beginnt 1711 in München eine Bildhauerlehre und wird 1716 freigesprochen. Der immer wieder angeführte Romaufenthalt während dieser Zeit kann ausgeschlossen werden. Er arbeitet allerdings während der Bildhauerlehre relativ selbständig und bewirbt sich zusammen mit seinem Bruder schon 1713 für den Bau der Fürstenfelder Stiftskirche, was von einer grossen Selbstsicherheit der beiden Brüder zeugt. Praktische Kenntnisse in Baukunst, etwa im Gewölbebau, müssen nämlich bei beiden Brüdern zu dieser Zeit ausgeschlossen werden. In Rohr ist er sicher seit 1717 Gestalter des Innenraums, vielleicht auch mit grösseren Eingriffen in die Planungen von Propst Heydon und Joseph Bader. Trotzdem ist die Aussage, dass der «Bau der heutigen Kirche durch Egid Quirin Asam» ausgeführt sei (Kunstführer 2015) eine grobe Vereinfachung, und die Behauptung, er sei «als Architekt der Kirche gesichert» nur dann richtig, wenn man anstelle «Architekt» die Bezeichnung Innengestalter setzt. Siehe zu Egid Quirin die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.
[16] Dazu mehr im Baubeschrieb der Kirche Rohr in dieser Webseite. Rohr ist eine verkleinerte Ausgabe der Theatinerkirche Sant’Andrea della Valle in Rom (Giacomo della Porta und Carlo Maderno), die schon Vorbild der Theatinerkirche in München (Agostino Barelli und Enrico Zuccalli) ist. Die Pläne zu Sant’Andrea sind seit 1683 in einem Stichwerk veröffentlicht und sicher dem Propst und auch dem Baumeister Bader bekannt.
[17] Hauptförderer sind der Freisinger Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechteneck sowie die zwei früher in Freising wirkenden Patres Wolfgang Rinswerger OSB (seit 1707 Abt in Michelfeld) und Karl Meichelbeck OSB.
Porträt des Propstes Patritius von Heydon
|Patritius II. von Heydon (1648–1730), Propst OA in Rohr|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|15. August 1648||Straubing Niederbayern D||Kurfürstentum Bayern|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Probst OA in Rohr||1682–1730|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|25. August 1730||Rohr in Niederbayern D||Kurfürstentum Bayern|
|Kurzbiografie|
|Propst Patritius von Heydon ist der eigentliche barocke Bauprälat des Chorherrenstifts Rohr. Das Kloster, nach dem Dreissigjährigen Krieg völlig zerstört, ist bei seiner Wahl 1682 noch nicht vollständig wiederaufgebaut. Noch immer ist die Klosterökonomie von den Kriegsfolgen gezeichnet. Patritius von Heydon nutzt die beginnende Erholung bis zur Jahrhundertwende mit der ökonomischen und personellen Konsolidierung des Stiftes. Noch während des Spanischen Erbfolgekrieges beginnt er mit Neubauten von Kirchen, Pfarrhöfen und Ökonomiegebäuden. Nach Friedensschluss wagt er sich an den Kirchenneubau, der dank seinen Vorgaben und des frühen Beizugs von Egid Quirin Asam zu einem Meisterwerk des süddeutschen Barocks wird.|
|PDF (nur Text)||Biografie||Porträt||Bildlegende|
|Vom Prälaten sind mehrere Porträts vorhanden. Am aussagekräftigsten ist der wahrscheinlich auch als Grundlage weiterer Porträts verwendete Stich von Johann Caspar Gutwein, den dieser 1687 herausgibt. Im Bruststück-Ovalbild stellt Gutwein den um 35-jährigen Propst als Prälat mit Halsbeffchen und in Chorrock dar. Einziges Rangabzeichen ist das mit auffälliger Kette getragene Brustkreuz. Auf den bis zur Achsel fallenden Haaren trägt er ein Scheitelkäppi, den Pileolus. Leicht rechts gedreht blickt er zum Betrachter. Eine ausgeprägt scharfe Nase prägt sein hohes und hageres Gesicht. Der schmale Oberlippenbart zeigt, wie schon bei der natürlichen Haarpracht, dass er als Prälat nicht mit der neuen europäischen Hofmode mithalten will. Diese schreibt inzwischen Allonge-Perücke mit bartlosem Gesicht vor.[1]

Unter dem Ovalporträt ist das Wappenschild mit den zwei Klosterwappen[2] über seinem persönlichen Wappen zu sehen. Die Inschrift bezeichnet ihn als niederbayerischen «Steurarum Director» des Prälatenstandes für das Rentamt Straubing.
|Kupferstich, bezeichnet «Joan Caspar GutWein. del: et Sc». Bildquelle: www.bildarchivaustria|

Anmerkungen:
[1] Mit fast den gleichen Worten habe ich auch einen Stich des Salzburger Erzbischofs Johann Ernst Thun-Hohenstein kommentiert, der ebenfalls 1687 erscheint. Die beiden Prälaten haben offenbar Ähnlichkeiten.
[2] Die Klosterwappen werden im Beschrieb des Klosters Rohr in dieser Webseite vorgestellt.
Die bayerische Landschaftsverordnung zur Zeit der Kurfürsten
Landschaft und Landtag
Wie in allen gefürsteten Ländern des Alten Reichs bilden sich im Spätmittelalter auch in den Teilherzogtümern Ober- und Niederbayern Zusammenschlüsse der drei Stände (Prälaten, Adel, Städte und Märkte)[1] der Landschaft zur Wahrung ihrer Interessen gegenüber den Landesfürsten. Sie organisieren sich in den sogenannten Landständen. Zwar haben sie auch nach der Wiedervereinigung des Herzogtums Bayern 1505 noch immer grossen Einfluss auf die Regierungsgewalt, aber im weitern Verlauf des 16. Jahrhunderts versuchen die Herzöge, diese Einflussmöglichkeiten systematisch zu unterbinden. Als der bayerische (und erste) Kurfürst Maximilian I. im Dreissigjährigen Krieg die Oberpfalz erwirbt, schafft er sofort die dortigen Landstände ab. Nur in Altbayern bleiben ihre Strukturen erhalten. Sie sind derart effizient, dass sie von den frühen Kurfürsten nicht in Frage gestellt und selbst von der zehnjährigen österreichischen Administration während des Spanischen Erbfolgekriegs als unabhängiges Gremium übernommen werden. Obwohl die Einberufung eines Landtags unter Kurfürst Maximilian nur noch 1605 und 1612 erfolgt und unter Kurfürst Ferdinand Maria 1669 gar der letzte Landtag im Kurfürstentum abgehalten wird, nutzen die Landschaftsverordneten die neue Situation von 1704–1714 nicht, um mit österreichischer Hilfe alte Privilegien zurückzuholen. Zu stark ist inzwischen ihre Bindung an das absolutistische Kurfürstentum, das am Anfang des 19. Jahrhunderts die Landschaft in mehreren Schritten als mitbestimmendes Gremium abschafft.
Gliederung der Landschaft
Die Landstände Altbayern gliedern sich in die je zwei Rentämter des Ober- und Unterlands (Oberbayern und Niederbayern). Rentämter des Oberlands sind München und Burghausen, Rentämter des Unterlands sind Landshut und Straubing.
Die Landschaftsverordnung
Sie ist trotz des Namens keine Verordnung, sondern ein Leitungs- und Entscheidungsorgan der Landschaft, wie die Vertretung der Stände gegenüber dem Landesfürsten genannt wird. Der Landschaftsverordnung werden am letzten Landtag von 1669 alle Kompetenzen der Landschaft übertragen. Die Verordnung besteht aus 16 Mitgliedern. Jedes Rentamt ist durch zwei Mitglieder des Prälatenstandes, vier Adeligen (auch Ritterstand genannt) und zwei Mitgliedern der Städte und Märkte vertreten. Sie treffen sich jedes Jahr zum «Universale» in München. Die Session dauert im Normalfall einen Monat.
Die Verordneten der Landschaft sind das eigentliche Finanzgewissen der Kurfürsten. Sie beschliessen alle Finanzausgaben. Für die beiden Kurfürsten Max II. Emanuel und seinen Sohn Karl Albrecht ist es vor allem die Schuldenverwaltung.[2] Ihre Treue zu den Kurfürsten ist allerdings derart, dass sie sich zwar gegen die Finanzpraktiken der beiden Schuldenmacher und Kriegstreiber wehren, aber in Staatsinteresse dann immer einen Kompromiss suchen. Die Landschaft wird so zum wichtigsten Bankier des Kurfürsten. Dieser Kooperationsbereitschaft der Landschaft ist es zu verdanken, dass Bayern und seine Kurfürsten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts überhaupt kreditwürdig und damit politisch handlungsfähig bleiben.[3]
Herkunft und Wahl der Verordneten
Am ersten Tag der «Universale» in München finden die Neuwahlen statt. Sie sind eher ein Nachrückvorgang, denn fast immer werden bereits als Land- oder Standsteurer tätige Personen an den Platz von verstorbenen (bei Prälaten auch resignierten) Mitgliedern gewählt. Dies, weil das Vorschlagsrecht beim Orden, respektive bei der Familie des Verstorbenen liegt. Selbst versuchte Beeinflussungen durch den Kurfürsten haben in der Regel keinen Erfolg. Die Laufbahn zum Verordneten beginnt deshalb beim Land- oder Standsteurer.
Land- und Standsteurer
Das Kollegium der Land- und Standsteurer ist der Landschaftsverordnung untergeordnet. Ihre Zuständigkeit erstreckt sich nur auf das jeweilige Rentamt. Jedem Rentamt sind vier Vertreter in gleicher Zusammensetzung wie in der Landschaftsverordnung zugeordnet. Der Landsteurer ist für die direkten Steuereinnahmen der nicht privilegierten Bevölkerung des jeweiligen Rentamts gemäss den Beschlüssen der Landschaftsverordnung verantwortlich. Der Standsteurer ist für die privilegierten Stände der Prälaten (Prälatensteurer), der Adeligen (Rittersteuer), sowie der Städte und Märkte zuständig. Die Steuereinnahmen der Stände betragen kaum einen Fünftel derjenigen des Landes. Das Amt des Standsteurers bedeutet die unterste Stufe der landschaftlichen Karriere, die via Landsteurer in das Gremium der Landschaftsverordnung führen kann. Es ist deswegen und auch wegen der Besoldung von rund 300 Gulden sehr gesucht. Die Wahl erfolgt durch die Landschaftsverordnung und unterliegt strengen Kriterien. Absolute Voraussetzung ist die Begüterung in einem Rentamt, bei Prälaten und Stadtbürger zudem die Ausübung eines Vorsteheramts. Entscheidend für die Aufnahme dürfte bei den vielen Bewerbungen in fast allen Fällen die Empfehlung wichtiger Persönlichkeiten, vorzugsweise aus den die Mehrheit bildenden Adelskreisen sein.
Pius Bieri 2019
|Literatur:|
|Hüttl, Ludwig: Max Emanuel, der Blaue Kurfürst. München 1976.|
|Paringer, Thomas: Die bayerische Landschaft. München 2007.|
|Igelsbacher, Alois: Die staatliche Finanzkontrolle in Bayern. München 2012. Onlinefassung.|
Anmerkungen:
[1] Die drei Stände bilden keineswegs eine demokratische Vertretung der Bevölkerung. Sie repräsentieren nur den Herrschaftsbesitz. Der Prälatenstand verfügt über 56 Prozent des gesamten Eigentums an Grund und Boden Altbayerns und übt Herrschaftsrechte über 50,4 Prozent aller in Bayern ansässigen Familien aus. Der Adel verfügt zwar nur über 26 Prozent des Bodens und entsprechend weniger direkter Untertanen, ist aber in der «Landschaft» trotzdem mit 50 Prozent vertreten. Die Städte und Märkte (um die 14 Prozent) vertreten nebst den Untertanen und Stadtbürgern die regierenden Patrizierfamilien und die Zünfte. Von den 34 Städten und 74 Märkten sind im 18. Jahrhundert nur die Städte Burghausen, München, Landshut und Straubing durch ihre Bürgermeister vertreten. Der Kurfürst selbst verfügt lediglich über 10 Prozent des Eigentums an Grund und Boden. Von den 1,1 Millionen Einwohnern Altbayerns (inklusive der Oberpfalz) sind zudem rund 700 000 Bauern, denen jegliches Mitspracherecht abgesprochen wird. Sie dienen ausschliesslich der Sicherstellung des Lebensstandards der Standespersonen und werden von Teilen des Adels dem Vieh gleichgestellt. Quelle: Ludwig Hüttl. Die Zahlen betreffen das dritte Viertel des 18. Jahrhunderts.
[2] Kurfürst Max II. Emanuel erbt 1680 von Kurfürst Ferdinand Maria einen schuldenfreien Staat. Schon 1687 muss die Landschaft einen Staatbankrott wegen seiner immensen Aufwendungen für die Türkenkriege abwenden und Zwangsanleihen verfügen. Dauernd in Kriegszügen abwesend und 1692–1701 mit doppelter Hofhaltung in Brüssel und München, übernimmt sich der Kurfürst weiterhin. Österreich begleicht während der zehnjährigen Besatzung Bayerns selbstverständlich keine seiner Schulden, führt alle bayerischen Einnahmen nach Wien ab und belegt die gutgläubigen Stände und damit die Bevölkerung mit neuen hohen Abgaben. Der Verzweiflungsaufstand der Bauern von 1705 ist eine Folge dieser Belastungen. Nach seiner Rückkehr 1715 vergrössert der Kurfürst die Schuldenlast, die 1720 schon 20 Millionen Gulden beträgt, nochmals. Er ist jetzt finanziell völlig von der Landschaft abhängig und eher Bittsteller als Landesfürst. Das neue Schuldentilgungswerk der Landschaft führt aber nur dazu, dass der Hofstaat die zur Tilgung vorgesehenen Beträge sofort für die Neuaufnahme weiterer Schulden an die Kreditgeber verwendet. So hinterlässt Max II. Emanuel seinem Sohn Karl Albrecht 26 Millionen Gulden an Staatschulden, was 700 Prozent der Staatseinnahmen bedeutet. Das landschaftliche Tilgungswerk erleidet nach dem grössenwahnsinnigen Kaiserabenteuer von Karl Albrecht 1742 einen Rückschlag. Erst unter seinem Nachfolger Max III. Joseph, der sich aus allen Kriegsabenteuern heraushält, können die Schulden Karl Albrechts von inzwischen 35 Millionen Gulden auf 9 Millionen getilgt werden. Diese Summen können nur verstanden werden, wenn man das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Handwerkermeisters von 100 bis 200 Gulden (brutto) in Vergleich zieht. Mehr zum damaligen Geldwert siehe im Glossar «Geld und Mass» in dieser Webseite.
[3] Nach Thomas Paringer in: «Die bayerische Landschaft».