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Was ist Ich-Bewusstsein?
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- Schön wird im Buch sichtbar, dass sich Bereiche der spekulativen Philosophie in die Naturwissenschaften verschieben. Dies wird aber immer begrenzt bleiben. Trotzdem ist offensichtlich, dass gutes Natur-Verständnis eine bessere Philosophie zumindest erlaubt.
.... Wenn nämlich Singer Recht hat und das Ichbewusstsein erst nach der Kultur entstand, müssten Menschen verschiedener Kulturen auch mit unterschiedlichen Konzepten von sich selbst ausgestattet sein.
Der Psychologe Julian Jaynes 1 ,2 aus Princeton glaubt sogar angeben zu können, wann das derzeit gültige Ichgefühl der westlichen Kulturen entstand: Zwischen den Zeiten, von denen Ilias und Odyssee künden, müsse eine Bruchlinie in der Selbstwahrnehmung der Menschen verlaufen sein.
Achilles und all die anderen Helden des Trojanischen Kriegs kannten, wie die Ilias sie beschreibt, noch keinen eigenen Willen und keine Entscheidungsfreiheit, sondern wurden von den olympischen Göttern ferngesteuert. Jene lenkenden Zurufe, die sie für Götterstimmen hielten, waren akustische Halluzinationen, glaubt Jaynes. Die trojanischen Helden aber nahmen diese Signal; die in Wirklichkeit innerhalb des Gehirns übermittelt wurden, als genauso real wahr wie Töne von außen. Denn den Unterschied zwischen innen und außen kannten die Menschen damals noch nicht.
Erst der Odysseus des zweiten, späteren Epos Homers hatte eine Ahnung davon, dass er selbst als Urheber seiner Listen für sein Handeln verantwortlich war. Von dieser Epoche an, spekuliert Jaynes, habe das Konstrukt des Ichbewusstseins gewirkt.
Die Rufe, die den Menschen der mykenischen Zeit noch in den Ohren klangen, erinnern an Wahnstimmen, wie sie jeder vom Ichzerfall bedrohte Schizophrene erlebt. Tatsächlich könne solcher Wahn Aufschluss geben über die Organisation auch des normalen Selbst, glaubt der Hirnforscher Singer. Er hat herausgefunden, dass Wahnstimmen der Schizophrenen in denselben Hirnregionen verarbeitet werden wie wirklich Gehörtes. »Vielleicht haben die Schizophrenen Recht«, sagt er, >'vielleicht erleben sie ihr Gehirn so, wie es wirklich ist - ohne das Konstrukt eines Ichs.« Und vielleicht zeige die Schizophrenie, wie überaus nützlich eine intakte Illusion des »Ichs« ist.
Wozu dieses Konstrukt taugt, hat ein Patient erfahren, den die Kartei des Magdeburger Neurowissenschaftlers Hans-Jochen Heinze als L. verzeichnet.12 L. ist nicht schizophren, sondern Opfer eines Unfalls. Er war 33 Jahre alt, erfolgreicher Ingenieur und ein liebevoller Vater einer zweijährigen Tochter, als er auf dem Fahrrad von einem Auto angefahren wurde und eine Verletzung am Vorderhirn erlitt. Sechs Tage nach dem Unfall erwachte aus dem Koma, nach ein paar Wochen waren alle körperlichen Beschwerden abgeklungen. L., der sich nut noch an ein paar wenige Begebenheiten aus der Zeit vor dem Unfall erinnern konnte, wurde als geheilt entlassen.
Erst nach ein paar Jahren fiel den Ärzten bei einer Nachuntersuchung L.s seltsam veränderte Persönlichkeit auf. Der Patient berichtete, dass alles, was er seit dem Unfall erlebt hatte, eigentlich nichts mit ihm zu tun habe — worüber er sich selbst wunderte. Eine genauere Nachprüfung seiner Hirnschäden ergab, dass ein bestimmter Trakt in der rechten Vorderhirnhälfte durch den Unfall gespalten 1st. Durch diese Verletzung wurde L. offenbar alle Fähigkeit zur Erinnerung an das eigene Tun und damit auch die Selbstwahrnehmung genommen.
L. wirkt wie von aussen gesteuert. Obwohl sein Verstand intakt ist, fehlt ihm jedes Gefühl für die Folgen des eigenen Tuns. Mit seiner Frau hat er feste Regeln vereinbart, damit er seinen Tag daheim bewältigen kann. Noch etwas stellten die Arzte Lest: Die Zeit hat für L. ihre Bedeutung verloren. Er kann sich weder mit der Vergangenheit auseinandersetzen noch für die Zukunft planen. Er kann nicht abwägen und auswählen; sein Leben erscheint ihm als blosse Folge aneinander gereihter Momente. "Er ist ein Gefangener des Augenblicks", sagt Heinze.
Existiert ein Zusammenhang zwischen den beiden Defekten? Oder umgekehrt: Hat der Mensch sich ein Ich zugelegt, um damit die Grenzen der Zeit zu überwinden? Fast alle Hirnforscher sind sich einig, dass eine wesentliche Tätigkeit des menschlichen Gehirns darin besteht, sich Ansichten über die Wirklichkeit zusammenzuzimmern. Um vorwegzunehmen, was kommen könnte, schafft es sich ein Modell von der Welt, mit dem es sich in beliebige Zeiten versetzen kann. So ist es für verschiedene Möglichkeiten der Zukunft gerüstet. Und um kalkulieren zu können, wie sich bestimmte Veränderungen auf die eigene Person auswirken würden, legt das Hirn in dieses Modell ein Abbild von sich selbst hinein - das Ich.
»Vielleicht entsteht Bewusstsein dann, wenn das Gehirn die Welt so vollständig simuliert, dass die Simulation ein Modell ihrer selbst enthalten muss«, vermutete Evolutionsbiologe Richard Dawkins schon 1978: Das Selbst gleicht einer Marionette, die in einer Kulissenwelt im Kopf herumturnt. Richtig brauchbar wird dieses Konstrukt aber erst dann, wenn das Gehirn nicht mehr ständig bewerten muss; was daran es echt ist und was erfunden - wirkungsvolle Illusionen sind als solche nicht zu erkennen. Solch ein perfektes Trugbild, dem er nun nicht mehr entkommt, habe sich der Mensch offenbar in einer sehr frühen Phase seiner Kulturentwicklung geschaffen, meint der Forscher Singer. »Das Ich«, sagt er, »ist der beste Trick, den das Hirn je erfunden hat.«