Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03660.jsonl.gz/117

Sozialer Aufstieg - Emazipation der Frauen? Überlegungen anhand des Lebenslaufes von Linda Bögli (1858-1941)
Originaltitel: L'ascension sociale, une émancipation pour les femmes? Réflexions autour du parcours de Lina Bögli (1858-1941)
In diesem Artikel werden einige Bedingungen des Lebenslaufes von Lina
Bögli (1858-1941) kritisch hinterfragt. Die aus kleinbäuerlichem Milieu stammende Bernerin hatte um die Jahrhundertwende eine Weltreise unternommen und dabei ihren Lebensunterhalt mit Unterricht in Mädchenpensionaten bestritten. Im Verlag Huber erschien 1905 unter dem Titel «Vorwärts» der Bericht dieser Reise, die über Australien und Amerika rund um die Welt geführt hatte. Die Geschichte dieser Frau, die ohne Geld in die Weite zieht, liest sich zuerst einmal wie die Story einer Frauenemanzipation. Doch die Publikation des Buches brachte Lina zudem solchen materiellen und gesellschaftlichen Erfolg, dass man auch den sozialen Aufstieg als analytische Kategorie mit einbeziehen sollte.
Im ersten Teil des Aufsatzes geht es darum, im Rahmen einer biographischen und geschlechterspezifischen Betrachtung auf jene Kategorien zu verweisen, die die Interpretation des Lebenslaufes beeinflussen können. Stellt man das Geschlecht in den Vordergrund, bewegen wir uns in erster Linie in der Problematik der Frauenemanzipation. Betrachtet man aber die soziale Mobilität, kann man, mit jener der Männer vergleichend, ein typisch weibliches Karrieremuster erarbeiten. Die Synthese beider Ansätze schliesslich zeigt, wie um die Jahrhundertwende sozialer Aufstieg und Emanzipation ineinandergreifen können.
Schliesslich stellt sich die Frage nach den normativen Freiräumen des Individuums, die, wie im Falle Lina Böglis, mit Hilfe einer Reise und mit gesellschaftlichem Erfolg erweitert werden. Lina kann sich diese Freiräume schaffen dank der sozialen Differenzierung im Bildungswesen, die den beruflichen Aufstieg begünstigt. Hinzu kommen dann, mit der Publikation ihrer Erlebnisse, öffentliche Anerkennung und soziales Prestige.
Erschienen in: traverse, 1995/2, S. 66.