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In der Übersicht
Während mit der Bildungsexpansion um 1970 in Deutschland eine Verwissenschaftlichung der Musikpädagogik einherging, blieb die Weiterentwicklung der Schulmusik in der Deutschschweiz eine Angelegenheit von Praktikern, die keine abgeschlossene Konzeptionen vorlegten, sich jedoch regelmässig in einschlägigen Zeitschriften vernehmen liessen. Ziel des Projekts war die Systematisierung solcher schriftlichen Äusserungen, um damit Grundlagen für eine Theorie der deutschschweizerischen Ausprägung der Schulmusik zu schaffen. Dazu wurde ein Korpus von insgesamt rund 1600 Dokumenten, die sich mit (musik)pädagogischen Fragen auseinandersetzen und Äusserungen zu Inhalt und Legitimierung des Faches sowie zum Berufsverständnis der dafür zuständigen Lehrpersonen enthalten, mit einer an Foucaults Diskurstheorie geschärften Brille analysiert. Anhand von Schlüsseltexten liessen sich zentrale Deutungsmuster herausarbeiten, die den schulmusikalischen Diskurs zwischen 1970 und 2010 bestimmten.
Zentraler Befund des Projekts ist, dass die Frontstellung während der ganzen Untersuchungsperiode entlang der Achse Praxis – Wissenschaftlichkeit verläuft und den Diskurs bestimmte, wobei der Primat der Praxis als unhintergehbar gesetzt und strategisch durchgesetzt wird. Pragmatisches Denken und Vorgehen wird im Diskurs als eine spezifisch schweizerische Eigenschaft und Stärke betont und gegenüber allzu theoretischen (deutschen) Zugängen in Anschlag gebracht, was sich auch in der Forderung nach einer für Praktiker*innen verständlichen Sprache äussert. Dieser Befund ist bedeutsam für die bildungspolitische Entscheidung, die gesamte Lehrerinnen- und Lehrerbildung zu akademisieren. Denn ohne Ausbildung eines differenzierten Professionsverständnisses, das die besonderen Qualitäten des Praxiswissens mit forschenden Zugängen verbindet, wird es hier weiterhin zu Reibungsverlusten und Widerständen kommen. Weiter zeigte sich, dass im frühen 21. Jahrhundert der inhaltliche Diskurs zugunsten einer politischen Stossrichtung weitgehend verstummte und dabei mit überkommenen Deutungsmustern wie beispielsweise Transfereffekten operiert wurde. Genährt ist dieser Diskurs, der die reproduktive musikalische Praxis herausstreicht, von der Befürchtung, dass im bestehenden Hochschulsystem eine Fachlichkeit für die obligatorische Schule nicht aufrechterhalten werden kann.
Die Ergebnisse des Projekts bieten vielfältige Anschlussmöglichkeiten für die fachdidaktische Ausbildung von Musikehrpersonen. Zudem wurden die systematischen Grundlagen für weitere Forschungen im Feld erarbeitet, die wiederum in die Praxis zurückfliessen sollen. Ein entsprechendes Projekt, das Interviewstudien mit Unterrichtsanalysen verbindet, liegt beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) zur Begutachtung.