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Ein neues Arbeitsinstrument zur privaten Bibliothek Katia Manns im Thomas-Mann-Archiv
Dieses Kochbuch ist nun wirklich nicht repräsentativ für Katia Manns Bibliothek, nur schon, weil es das einzige darin ist. Es weist einige Gebrauchsspuren auf und es gibt Einlagen, eine davon aus Silberfolie. Es stammt von 1941 und somit, wie der englische Titel schon vermuten lässt, aus der amerikanischen Zeit der Familie Mann.
Es ist zudem aber auch nicht aussagekräftig für das Leben von Katia Mann (1883-1980).
Katia Mann 97, Foto: TMA
Da es in ihrer Kindheit noch kein Mädchengymnasium gab, machte sie 1901, nachdem sie bis dahin zu Hause unterrichtet worden war, ihr Abitur als Externe und erste Frau an einem Münchner Gymnasium und begann an der Universität als eine der ersten Frauen Vorlesungen zu besuchen, in Mathematik und Physik.
Das Haus ihrer Eltern, Hedwig und Alfred Pringsheim, galt als gesellschaftlicher Mittelpunkt Münchens. Zu den Gästen bei den verschiedensten Anlässen zählten Intellektuelle und Künstler und Katia Mann wurde durch die dort herrschende Atmosphäre, nicht zuletzt auch durch ihre Grossmutter, die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, für ihr Leben geprägt. Nach eigenen Aussagen hatte sie überdies immer leicht gelernt und sprach mehrere Sprachen fliessend.
Die Junge Katia bei der Lektüre im Garten, um 1900, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_1036
Katia Mann beendete ihr Studium für die Heirat mit Thomas Mann 1905 und verzichtete auf eine wissenschaftliche Karriere. Obwohl als Managerin des Literaturbetriebs Thomas Mann und des immer grösser werdenden Haushalts, den sie organisierte, recht gefordert, hatte sie nach der Heirat auch Pläne zu eigener «geistiger Beschäftigung». Thomas Mann fragt bereits 1907 bei seinem Bruder Heinrich für Katia an, ob sie für die deutsche Flaubert-Ausgabe, die Heinrich herausgab, einige Bände übersetzen könnte. Die Ausgabe kam nicht zustande und auch spätere Pläne in der Art zerschlugen sich für Katia Mann.
In der Villa der Manns in München in der Poschingerstrasse gab es neben der Bibliothek im Arbeitszimmer Thomas Manns ein Bibliothekszimmer mit dem Schreibtisch Katias darin, ganz so, wie sie es aus ihrem Elternhaus kannte. Wie die umfangreiche Korrespondenz Katia Manns in den Beständen des Thomas-Mann-Archiv zeigt, war sie zudem eine eifrige Briefeschreiberin. Es sind fast 5000 Briefe von und an Katia Mann erhalten und in der Archivdatenbank erfasst.
Katia Mann 1915 in der Poschingerstrasse, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Friedrich Müller / Theodor Hilsdorf / TMA_1042
Die nachgelassene Privatbibliothek Katia Manns im Thomas-Mann-Archiv ist seit einigen Jahren im Bibliothekskatalog verzeichnet und es kann darin online recherchiert werden. Sie umfasst 421 Titelaufnahmen mit 428 Bänden.
Für die Öffentlichkeit steht nun neu ein Verzeichnis zu dieser Bibliothek zur Verfügung. Parallel zu der im Projekt «Thomas Mann Nachlassbibliothek» entstandenen öffentlichen Gesamtliste, die Lesespuren und andere Phänomene in seiner Bibliothek dokumentiert, wurden die Lesespuren und vor allem die vielen Widmungen der Katia Mann-Bibliothek in einer vergleichbaren öffentlichen Gesamtliste erfasst.
In dieser 428 Bände umfassenden Liste kann durch die verschiedenen Filter und Recherchemöglichkeiten gezielt nach bestimmten Informationen gesucht werden. Darunter auch solche, die im Bibliothekskatalog nicht verzeichnet oder abfragbar sind, wie z.B. die Widmungsverfasser. Zu einem späteren Zeitpunkt werden zudem die Widmungstexte aufgeschaltet werden. Diese konnten, bedingt durch den Corona Lockdown, noch keiner abschliessenden Endkontrolle unterzogen werden.
Liste Katia Mann-Bibliothek, Ausschnitt: TMA
Fast die Hälfte der Bände tragen Widmungen an Katia Mann (191 von 428) und nur knapp ein Viertel (95) der Bücher stammen aus der Lebenszeit von Thomas Mann (1875-1955) und davon nochmals der grösste Teil aus den 50er Jahren.
Man kann also annehmen, dass es sich bei dem Bestand nicht um die gesamte und ursprüngliche Bibliothek Katia Manns handelt, sondern eher um den Teil aus ihrem Leben nach Thomas Manns Tod. Viele der Bücher wurden ihr zudem geschenkt, was die Widmungen zeigen. Diese stammen überdies zum grösseren Teil aus den späteren Lebensjahren Katia Manns.
Die Widmungen der Katia Mann-Bibliothek wurden während des Projektes «Thomas Mann Nachlassbibliothek» von Dr. Anke Jaspers anhand der Metadaten aus dem Bibliothekskatalog aufgenommen, transkribiert und dem Thomas-Mann-Archiv zur Verfügung gestellt. Ein Tagungsbeitrag, den Anke Jaspers dazu verfasst hat, wird im Sommer 2020 erscheinen. Dort können Sie sicher noch spannende Details zu Katia Manns Bibliothek nachlesen:
Anke Jaspers: (Frau) Thomas Manns Bibliothek? Überlegungen zu Konzeptionen einer Nachlassbibliothek, in: Randkulturen. Lese- und Gebrauchsspuren in Autorenbibliotheken des 19. und 20. Jahrhunderts, Wallstein Verlag, Veröffentlichung geplant Juli 2020.
Literatur zu Katia Mann:
Mann, Katia: Meine ungeschriebenen Memoiren, hrsg. von Elisabeth Plessen, 4. Auflage, Frankfurt am Main: Fischer 2001 (= Fischer-Taschenbuch, Bd. 14673),187 S.
Jens, Inge und Jens, Walter: Frau Thomas Mann: das Leben der Katharina Pringsheim Jens, 7. Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2003, 352 S.