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Thingvellir – Nationalpark und Parlamentsort auf Island
Etwa 40 Kilometer östlich von Reykjavík liegt Thingvellir – ein fast mythischer Ort isländischer Geschichte und heute als Nationalpark und UNESCO-Welterbe eines der beliebtesten touristischen Ziele auf der Vulkaninsel.
Hier tagte über Jahrhunderte der Althing, das Parlament der Isländer, und bestimmte die Geschicke des Landes. Über die wild-herbe Schönheit seiner Landschaft hinaus ist Thingvellir daher auch ein Ort nationaler Identität. Übersetzt bedeutet der Name „Ort der Volksversammlung“.
Uralte Parlamentstradition
930 kam der Althing erstmals an diesem Ort zusammen und tagte jedes Jahr, bis er Ende des 18. Jahrhunderts von der dänischen Regierung aufgelöst wurde. Er bildete damit eines der ältesten Parlamente der Welt. Seine Abgeordneten waren die sogenannten Goden, Vorsteher regionaler Bezirke, die hier gemeinsam mit ihrer Gefolgschaft über Fragen von übergeordneter Bedeutung berieten und entschieden. Auch Recht wurde gesprochen und Urteile vollstreckt. Zudem wurden hier entscheidende Weichen isländischer Geschichte gestellt. So beschloss man im Jahre 1000 die Annahme des Christentums, und 1944 wurde in Thingvellir die unabhängige Republik Island ausgerufen. Thingvellir wurde bewusst als Tagungsort gewählt, denn die Ebene war von ganz Island aus gut erreichbar. Am Thing-Platz gab es ausserdem gute Voraussetzungen, um zu lagern.
Am Thingvallavatn-See
Wer hierherkommt, sucht vergeblich nach so etwas wie einem Parlamentsgebäude, bildet doch das markanteste und fast einzige Gebäude eine kleine Holzkirche. Stattdessen präsentiert sich dem Besucher eine weite Ebene, die von Felsspalten und Rissen durchzogen ist und von Bergen, die zu den umliegenden Vulkansystemen gehören, umgrenzt wird. Auch Wasser gibt es hier reichlich. Der See Thingvallavatn als Teil der Ebene ist mit einer Fläche von rund 83 Quadratkilometern einer der grössten Islands. Die riesige Fläche wird ausserdem vom Fluss Öxará durchströmt, der sich in der sogenannten Allmänner-Schlucht in einem Wasserfall tiefer ergiesst. Der Fall wurde wahrscheinlich künstlich angelegt, um die Besucher des Althing mit Frischwasser zu versorgen.
Der Lögberg in der Allmänner-Schlucht
Die Allmänner-Schlucht am Rande des Thingvallavatn bildete die Kulisse der Althing-Versammlungen. An ihrem Fuss lag der Thing-Platz mit dem Lögberg, dem Gesetzesberg, auf dem der Gesetzessprecher die Gesetze verlas. Die Wände der Schlucht dienten dabei der Verbesserung der Akustik. Heute erinnert die isländische Flagge auf dem Lögberg an die einstige Bedeutung des Platzes. Der Althing tagte jedes Jahr zwei Wochen lang rund um die Sommersonnenwende in freier Natur. Während der Sitzungsperiode lebten die Althing-Mitglieder und die vielen Besucher in Zelten. Zahlreiche Buden waren aufgebaut und es wurde auch gehandelt. Neben dem politischen und juristischen Zweck der Althing-Sitzung hatte die Veranstaltung somit wohl auch Volksfest-Charakter.
Ein geologischer Hotspot
Dies alles lässt sich heute nur noch erahnen. Besucher erleben stattdessen eine wildromantische ursprüngliche Naturlandschaft. Vegetation gibt es hier nur begrenzt, vereinzelt verlieren sich einige Bäume an geschützten Stellen. Ansonsten ist nur spärliches Grün vorhanden, stattdessen dominiert vulkanisches Felsgestein. Thingvellir ist geologisch gesehen ein spannender Ort. Quer durch die Ebene verläuft nämlich die Grenze zwischen der Eurasischen und der Nordamerikanischen Erdplatte. Sie driften jährlich etwa ein bis zwei Zentimeter auseinander. Diesen geologischen Bewegungen verdankt die Ebene ihre Risse und Spalten. Im Bereich der Allmänner-Schlucht und am östlichen Seeufer sind die Auswirklungen deutlich zu erkennen. Der Thingvellir ist damit nicht nur ein historisch bedeutender Ort, er weist auch auf die einmalige geografische Lage Islands an der Nahtstelle zwischen zwei Kontinenten auf dem mittelatlantischen Rücken hin: Thingvellir– ein geologischer Hotspot.
Oberstes Bild: Der Nationalpark Thingvellir auf Island (© El Coleccionista de Instantes, Wikimedia, CC)