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In seiner Form ist der Heimatort, der juristisch zum Wohnort keinerlei Bezug hat, eine Schweizer Eigenart, die man so im benachbarten Ausland nirgends antrifft. Bis vor wenigen Jahrzehnten hatte er eine grosse, für viele Leute überlebenswichtige Funktion. Wurden Menschen armengenössig, was noch vor Einführung der AHV (1959) gerade bei alten Leuten sehr oft der Fall war, so trug in der Regel der Heimatort die Last, ihr absolutes Existenzminimum zu sichern. Heute sind diese Aufgaben längst an den Wohnort und bestimmte kantonale Stellen übergegangen. Weiter war ein Heimatberechtigter oder Bürger auch berechtigt, gemeinsame Weiden für sein Vieh oder Wälder fürs Holzschlagen zu nutzen. Im Gegenzug verpflichtete ihn die Obrigkeit zu Verteidigungs- oder Froneinsätzen für die Gemeinschaft oder die Obrigkeit. Generell stand der Heimatort in den Zeiten mit wenig Migration für die Gemeinde, in der schon die Vorfahren gelebt hatten und sich mit Aufgaben und Vorteilen ihre Heimatrechte gesichert hatten - auch für die Nachkommen.
Doch wann gelangt der Heimatort in der Gegenwart noch immer zum Einsatz, und wie erlangt man ihn oder gibt ihn weiter?
- Zuallererst gelangen Schweizerinnen und Schweizer auf ihrem Pass oder der Identitätskarte in Kontakt mit dem Heimatort. Während bei den meisten Bürgern anderer westlicher Staaten der Geburtsort in den Identitätspapieren aufgeführt wird, ist es in der Schweiz noch immer der Heimatort. Verschiedentlich versuchen Vorstösse dies zu ändern - eben weil die Bedeutung des Heimatortes im Alltag verschwindend klein geworden ist . Doch bisher setzten sie sich noch nicht durch.
- Woher erhält ein Kind den Heimatort? Durch die Geburt oder eine Adoption. Wenig überraschend bei einem uralten Verwaltungsinstrument bildet der Heimatort eine der letzten Bastionen der männlichen Herrschaft. Jedes Kind erbt bei verheirateten grundsätzlich den Heimatort des Vaters, sofern dieser überhaupt einen aufweist. Nur falls nicht oder wenn keine Ehe vorliegt, käme jener der Mutter zum Zug.
- Gibt es überhaupt etwas, was man mit Erlangen des Heimatorts in Händen hält? Ja, den Heimatschein sollte man erhalten respektive zuerst die Eltern. Dazu sollte er (meistens gegen eine Gebühr) häufig noch am Heimatort wieder bezogen werden können. Aber Achtung: Seit 2004 führen Gemeinden nicht mehr obligatorisch die Familienregister mit den wichtigen Papieren (etwa auch Familienbüchlein, generell neben Heimatrechten alles zu Geburt, Heirat und Tod) für ihre mit Heimatrecht ausgestatteten Bürger. Ein zentralisiertes Personenregister übernimmt diese Aufgaben heute (System Infostar).
- Wozu braucht es einen Heimatort heute noch? Weil mit den Fürsorgeleistungen auch Ausbildungsbeiträge und anderes an den Wohnort und -kanton übergegangen ist, bliebt zuerst einmal ein ideeller Wert übrig. Bei den in vielen Familien irgendeinmal aufs Tapet kommenden Nachforschungen nach (Ur-)Ahnen ist er allerdings häufig ein zentrales Instrument: Oft ermöglicht er es durch seine Register, fremde von eigenen Familienstämmen zu unterscheiden, wenn man sich an die Aufzeichnung von Familiengenealogien macht und Stammbäume zeichnet.
- In einem Fall zahlte sich das Heimatrecht in einer Gemeinde bis jetzt allerdings noch aus: Wenn jemand in einem anderen Kanton und einer dortigen Gemeinde noch nicht zwei Jahre ansässig war (oder überhaupt keinen Wohnsitz hatte) und Fürsoge- respektive Sozialleistungen bezog, so kam zuerst zwar auch die Wohngemeinde für diese auf. Doch danach trieb sie das Geld von der Heimatgemeinde (sofern die Person eine hatte und sie bekannt war) aber wieder ein. Der oder die Unterstützte bekommt von diesem Geldtransfer zugunsten seiner Leistungen aber üblicherweise gar nichts mit. Zudem wollen breite Politikerkreise in der nächsten Sessionen auch diesen alten Zopf abschneiden.
- Von deutlich grösserer Bedeutung ist eine Heimatgemeinde für Ausländer, die das Schweizer Bürgerrecht beantragen. Dieses wird hierzulande generell zuerst auf der Ebene der Gemeinden und damit erst indirekt auf jener der Kantone gewährt, erst davon abhängig schweizweit. Dies führt zur oft diskutierten Tatsache, dass die einen Kantone, aber auch bestimmte Wohnorte, ganz unterschiedliche Dauer an ununterbrochener Ansässigkeit in derselben Gemeinde voraussetzen, um überhaupt einen Antrag zu stellen und damit Chancen zu haben. Daneben unterscheiden sich auch sonstige juristischen Voraussetzungen mindestens zwischen den Kantonen. Der Kanton Zürich zum Beispiel diskutiert derzeit über eine Gesetzesänderung, die es künftig Ausländern mit den Ausweisen B oder F verunmöglichen würde, überhaupt einen Antrag stellen zu können.
- Früher war die Heimatgemeinde auch zuständig für die wichtigen rechtlichen Fragen ihrer Bürger, speziell für Klagen gegen dieselben. Diese Zuständigkeiten sind längst an die Einwohnergemeinde übergegangen.
- Wie bereits angetönt, beschäftigte die Gemeinden noch im 19. und an der Schwelle zum 20. Jahrhundert primär die Aufgabe, für arme Bürger aufzukommen. Die in der Regel dazumal ebenfalls klammen Gemeinden versuchten sich mit der Bezahlung einer Schleppergebühr (in vereinzelten Fällen) oder mit bescheidenen Ausreisehilfen (mindestens der Bezahlung der Schiffsreise) an die Bürger, Arme per Schiff nach Übersee, speziell in die USA, loszuwerden.
- Vielerorts besteht neben der üblichen Einwohner- noch immer eine Bürgergemeinde, die für die Pflege und Fragen der Heimatberechtigten zuständig ist. Nicht zu verwechseln ist diese mit den weit kleineren Zirkeln der alten Burgergemeinden. Dort verbanden sich die Alteingesessenen der meist besseren Gesellschaft. Noch im Mittelalter und danach bedeutete das verliehene oder erlangte Burgerrecht etwa den Schutz innerhalb der alten Burgmauern einer Stadt bei Angriffen.
Neben ihrer ursprünglichen Heimatgemeinde Feuerthal ist Stadtpräsidentin Corine Mauch mittlerweile auch Bürgerin von Zürich.
Autor: Reto Meisser