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24.11.2017 | Universität | Geist & Gesellschaft
Prekäre Arbeit, prekäres Leben
Wie wirken sich ökonomischer Druck und politische Einmischung auf Wissenschaft und Arbeitsbiografien von Forschenden aus? Diese Fragen diskutierte die Vereinigung der Europäischen Sozialanthropologinnen und Sozialanthropologen EASA an ihrer Jahresversammlung, zu der das Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern am 16. und 17. November 2017 geladen hatte.
Von David Loher
In jüngster Vergangenheit haben Beispiele in verschiedenen Ländern gezeigt, wie gefährdet die akademische Freiheit gegenüber politischer Einmischung ist. In der Türkei wurden kritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entlassen, die den Friedensappell («Academics for Peace») unterzeichneten. Die ungarische Regierung versuchte die «Central European University» per Dekret zu schliessen. Und in den USA ging nach der Wahl von Präsident Donald Trump unter Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern die Angst um, dass öffentliche Klimadaten nicht mehr für die Forschung zur Verfügung stehen könnten.
«Gefährliches Wissen»
An der Jahresversammlung der EASA «On Politics and Precarities in Academia. Anthropological Perspectives» zeigten sich direkt die Effekte von politischer Einflussnahme: Die für den ersten Workshop zum Thema «Politics and Precarious Lives» eingeladene, türkische Sozialwissenschaftlerin musste per Videokonferenz zugeschaltet werden. Sie war von der Universität entlassen worden, nachdem sie sich im Unterricht zur Gewalteskalation in den kurdisch geprägten Gebieten des Landes geäussert hatte. Ihr Reisepass wurde in der Folge annulliert und seither kann sie das Land nicht mehr verlassen.
Eine Assistenzprofessorin von der Aristoteles-Universität Thessaloniki analysierte in ihrem Beitrag das Zusammenspiel von ökonomischer und politischer Prekarisierung: Viele griechische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden nach Ausbruch der Griechenland-Krise und der darauffolgenden Austeritätspolitik eine Anstellung an staatlichen und privaten Universitäten in der Türkei. Nach dem versuchten Staatsstreich im Juli 2016 und der Schliessung ganzer Institute und Universitäten verloren sie erneut ihre Stelle und mussten wieder nach Griechenland zurückkehren.
Die Keynote Lecture knüpfte an dieses Thema der Verschränkung von ökonomischer und politischer Prekarisierung an. Basierend auf ihren Feldforschungen in den kurdisch dominierten Gebieten der Türkei untersuchte die Referentin die Frage, wie unter den Vorzeichen von Gewalt sozialanthropologische Forschung überhaupt noch möglich sei.
Neoliberalisierungstendenzen
Der zweite Workshoptag fokussierte auf die fortschreitende Neoliberalisierung und ihre Auswirkungen auf die Wissenschaft, wie sie unter anderem von den beiden Sozialanthropologinnen Cris Shore und Susan Wright in den 90er-Jahren am Beispiel der britischen Hochschullandschaft untersucht worden waren. In den Workshop-Beiträgen zu diesem Themenfeld analysierten die Teilnehmenden die Auswirkungen dieser Neoliberalisierungstendenzen auf individuelle Arbeitsbiografien von Forschenden, die sich insbesondere in der Form von kurzfristigen, unterbezahlten Arbeitsstellen, einer hohen Flexibilisierung und transnationaler Mobilität manifestieren. Eine Referentin von der University of Leeds untersuchte beispielsweise die Effekte des Restrukturierungsprogramms an irischen Universitäten auf Arbeitsbiografien von Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Karrierestufen.
Das Abschlusspanel brachte diese beiden Perspektiven zusammen und fragte danach, wie politische und ökonomische Prekarisierungstendenzen zusammenhängen: Beide sind Formen einer (Selbst-)Disziplinierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, so das Fazit. Die Gefahr der Prekarisierung liegt insbesondere darin, dass sie das höchste Gut von Wissenschaft – die akademische Freiheit – angreift. Diese Freiheit ermöglicht aber überhaupt erst die akademische Wissensproduktion.
JAHRESVERSAMMLUNG DER EASA
Das Annual General Meeting (AGM) Seminar der European Association of Social Anthropologists (EASA) fand am 16. und 17. November an der Universität Bern statt. Organisiert wurde die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern, der PrecAnthro Group und der Swiss Anthropological Association.
INSTITUT FÜR SOZIALANTHROPOLOGIE
Das Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern lehrt die Sozialanthropologie in ihrer ganzen Breite und setzt Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Migration, Anthropologie des Staates, ökonomischer und ökologischer Anthropologie sowie Medienanthropologie. Ein Bachelorprogramm sowie drei Masterprogramme bieten den Studierenden eine solide Grundausbildung und Möglichkeiten der Spezialisierung. Auf Doktorats- und Post-Doc-Ebene ist das Institut an mehreren interdisziplinären und interuniversitären Postgraduiertenprogrammen beteiligt.
ZUM AUTOR
David Loher PhD forscht und lehrt am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Migrationsanthropologie, der Anthropologie des Staates und der Rechtsanthropologie.
Kontakt:
Dr. des. David Loher
Universität Bern
Institut für Sozialanthropologie
Telefon direkt: +41 31 631 35 74
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