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Vorbemerkung: Das vorliegende Forschungsprojekt stellt den zweiten Teil eines Gesamtprojekts dar. Der erste Teil umfasst den Zeitraum zwischen 1880 bis 1950 (vgl. SNF-Projekt Nr.100013-112309; Laufzeit 2006-2008). Der zweite Teil des Forschungsprojekts rekonstruiert die Ausdifferenzierung und Hierarchisierung der kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Bildungsgänge in der Schweiz für die Zeit zwischen 1950 bis in die Gegenwart. In diesem Zeitraum entstehen im Bereich des beruflichen Bildungswesens neue Qualifikationsmöglichkeiten, die in Anlehnung an das allgemeine Bildungswesen (Stichwort Gymnasium und Universität) in vertikaler Richtung ausgestaltet werden. Zu diesen neuen Ausbildungsmöglichkeiten gehören insbesondere die Berufsmittelschule bzw. die Berufsmaturität, die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule bzw. die Fachhochschule für Wirtschaft.
Die nachobligatorische Bildung –also die Bildungszeit nach der Volksschule– ist in der Schweiz gesellschaftlich etabliert und politischer Mainstream. Individuen verbinden mit ihr berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, bessere Erwerbschancen, Prestigegewinn, Zugang zu spannenden Arbeitsmöglichkeiten und Aussichten auf Selbstverwirklichung. Politisch wird die nachobligatorische Bildung als Kraft gegen Armut und Arbeitslosigkeit gelobt und als Innovationspotential für die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben und Nationen gepriesen. Die gesellschaftliche Präsenz und Wertschätzung der genannten Qualifizierungsmöglichkeiten kontrastiert merkwürdig mit den geringen Kenntnissen über Genese und historische Ausdifferenzierung der Bildungsmöglichkeiten. Das Forschungsprojekt ist bestrebt, diese Wissenslücke zu verkleinern und die komplexe Logik nachobligatorischer Bildung in der Schweiz besser zu verstehen.
Das nachobligatorische Bildungswesen entwickelt sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts aus einer Fülle von zumeist lokalen Bildungskursen, wenigen Vollzeitschulen und einzelbetrieblichen Lehren zu einer verrechtlichten Architektur von Bildungstypen (=Bildungssystem). Betrachtet man Anfang und heutiger Stand dieser Entwicklung, so drängt sich die Frage nach den Zwischengliedern, den Antriebskräften und Widerständen auf, die aus den stark fragmentierten, multioptionalen lokalen Bildungseinrichtungen des 19. Jahrhunderts einen stark strukturierten nationalen Bildungsraum formten. Diese offenen Fragen werden am Beispiel der kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Qualifikationsmöglichkeiten untersucht, da sie Teil des sich ausdifferenzierenden nachobligatorischen Bildungswesens sind. Sie etablieren sich sowohl auf der Sekundarstufe II und im Tertiärbereich, wie auch im Berufsbildungs- und allgemeinen Bildungswesen in Form der beruflichen Grundbildung, der Handelsschulen, als gymnasialer wie beruflicher Maturitätstyp und schliesslich in Form von Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten in ihrer ganzen Breite.
Folgende historische Dimensionen des kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Bildungswesens stehen ganz besonders im Fokus des Forschungsprojekts:
- die Entstehungs- und Ausdifferenzierungsprozesse, in denen Bildungstypen, Übergänge wie auch Abgrenzungen zwischen den einzelnen kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Ausbildungseinrichtungen geschaffen werden (=Interaktion);
- die Formen- und Normenübernahme zwischen kaufmännischen und nicht-kaufmännischen Bildungseinrichtungen bzw. die Einpassung ins gesamte Bildungssystem (=Adaptation);
- die äussere Organisation und Verteilung der Kompetenzen auf die unterschiedlichen Verantwortungsträger (=Steuerung);
- die vergleichende Rekonstruktion der Abschlüsse und Berechtigungen (=Qualifikation);
- Aspekte der durch kaufmännisch-betriebswirtschaftliche Bildungsgänge vermittelten Bewegungsprozesse von Individuen oder Gruppen zwischen beruflichen Positionen bzw. sozialen Lagen (=soziale Mobilität).
Das Gesamtprojekt zielt entsprechend darauf ab, (a) die Entstehung der Qualifikationsmöglichkeiten für das Berufsfeld Wirtschaft und Verwaltung zu rekonstruieren, (b) einen Beitrag für das Gesamtverständnis der Veränderungsdynamik des schweizerischen Bildungs- und dabei insbesondere auch des Berufsbildungswesens zu leisten sowie (c) unterschiedliche Ausprägungen der nachobligatorischen Bildungsorganisation in den verschiedenen Regionen der Schweiz herauszuarbeiten und zu erklären.
Das Projekt ist interdisziplinär angelegt, berücksichtigt unterschiedliches Quellenmaterial und kombiniert verschiedene Methoden der Datenauswertung. Es ist über die unmittelbare Kenntniserweiterung hinaus bestrebt, (a) getrennte Forschungstraditionen (hie Berufsbildungsforschung, da Erziehungswissenschaften) zusammenzuführen sowie (b) alternative Gesichtspunkte zur laufenden Diskussion über die internationale Positionierung des schweizerischen (Berufs-)Bildungswesens beizutragen.