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Um 1900 hatte sich Paris zur Weltstadt entwickelt, die ein enormes wirtschaftliches und demographisches Wachstum erlebte. Auf den grossen Boulevards, wo das Strassenleben zum Spektakel geworden war, entstanden moderne Warenhäuser und unzählige attraktive Geschäfte. Unterhaltungsetablissements wie Music-Halls, Eispaläste, Café-Concerts, Theater und Cabarets schossen aus dem Boden, und bald galt Paris als "Metropole des Vergnügens". Das Ende des 19. Jahrhunderts war jedoch nicht nur die "Belle Epoque", wie man diese Zeit später nannte. Das Paris der Dritten Republik wurde immer wieder von Streiks, anarchistischen Bombenanschlägen und gewalttätigen Demonstrationen erschüttert, die für viele Bürger grosse Ängste heraufbeschworen. Das Leben in der Grossstadt mit seinen sozialen Spannungen und den Überreizungen durch wachsende Menschenmassen und zunehmenden Verkehr führte überdies bei zahlreichen Stadtbewohnern zu Depressionen und Neurosen. Für die Nabis und für Toulouse-Lautrec war das moderne Paris zwischen Vergnügen und Bedrohung zu einem herausfordernden Thema geworden.
Entsprechend der Verschiedenartigkeit der einzelnen Künstlerpersönlichkeiten fand dies unterschiedliche Ausprägungen und Gewichtungen. Pierre Bonnard, der "peintre de la vie moderne", wie ihn sein Freund Maurice Denis in Anlehnung an Baudelaire nennt, beobachtet als unermüdlicher Flaneur die gewöhnlichen Alltagsszenen auf den Strassen von Paris mit oft amüsiertem Blick. In dem Bestreben, die Anonymität der Grossstadt zu überwinden, greift er zuweilen einzelne Gestalten beim flüchtigen Vorübergehen heraus und hält die blitzartige Beziehung ohne die Möglichkeit einer echten Begegnung fest. Mit dem Aneinandervorbeigehen von Passanten und Passantinnen, die von ungewöhnlichen, oft grotesk übersteigerten Bewegungshaltungen geprägt sind, verbildlicht er in neuer Weise den vibrierenden Rhythmus des Grossstadtlebens. Die Tendenz zu neuartigen Bewegungen, mit denen Bonnard ein modernes Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, äussert sich auch in den gleichzeitigen populären Unterhaltungskünsten, wie dem Schattentheater, der Pantomime oder dem Marionettentheater.
Félix Vallotton verschliesst die Augen nicht vor den gesellschaftlichen Veränderungen des modernen Lebens; er sieht die Stadt als Schauplatz von Massenszenen. Vor allem in seinen sozialkritischen Holzschnitten schildert er die chaotisch auseinanderstrebende Grossstadtmenge in ihrer Gleichförmigkeit und Gesichtslosigkeit mit oft beissender Ironie. In seinem Paris-Zyklus "Bords de Seine" von 1901 wählt er Stadtansichten, in denen die Kehrseite der glänzenden Entwicklung der modernen Grossstadt, nämlich die zunehmende Industrialisierung und Technisierung, ins Bild kommt.
Edouard Vuillard fühlt sich weniger von der Geschäftigkeit des modernen Strassenlebens angezogen; er bevorzugt die Ruhe und Erholung versprechenden Plätze und Parkanlagen, die seit der Umstrukturierung der Stadt durch Baron Haussmann neu geschaffen wurden. In diesen künstlichen Oasen beobachtet er die sitzenden und schwatzenden Kindermädchen und Mütter mit ihren herumtollenden Zöglingen. Mit besonderer Aufmerksamkeit schildert er das quirlige Reich der Kinder, das für ihn so etwas wie das verlorene Paradies seiner Kindheit heraufbeschwört.
Das Hauptthema von Henri de Toulouse-Lautrec bilden die Tanzbälle und deren Stars auf dem Montmartre, der sich Ende der achtziger Jahre zum Zentrum der Vergnügungsindustrie entwickelt hatte. In immer neuen Varianten stellt er die Tänzerinnen beim Vorführen des "Cancan" und dessen volkstümlicherer und derberer Form, des "Chahut", dar. Im Mittelpunkt stehen dabei La Goulue, die sich zu einer der beliebtesten Chahut-Tänzerinnen entwickelt hatte, und ihr Partner Valentin, den man den Schlangenmenschen nannte. Er wurde zum Inbegriff der damals populären Körperverrenkungen, schienen doch seine hagere Gestalt und seine langen Glieder aus Gummi zu sein. Toulouse-Lautrec gibt allerdings nicht nur das berauschende Spektakel wieder, er deckt in seinen Bildern auch die Schattenseiten des modernen Lebens auf, indem er die Klassenunterschiede, die Prostitution und die Einsamkeit der Menschen zeigt.
Mit den selten ausgestellten Photographien von Pierre Bonnard, die uns das Musée d’Orsay Paris als Leihgabe zur Verfügung stellte, ist es uns gelungen, das neue Medium der Photographie in unsere Ausstellung einzubeziehen. Nachdem 1888 die ersten tragbaren Kameras von Kodak auf den Markt gekommen waren, bedienten sich immer mehr Künstler der neuen Technik. Wie in seinen Bildern und Zeichnungen war Bonnard auch in der Photographie an der Darstellung von Bewegungen interessiert. Da die neue Kodak Belichtungszeiten bis zu einer Fünfzigstelsekunde erlaubte, wurde es ihm möglich, Momentaufnahmen zu machen und den Bewegungsablauf von Menschen und Tieren zu erfassen. Dabei faszinierte ihn die Bewegung als Ausdruck eines neuen Lebensgefühls und einer neuen Beziehung zum Körper. In manchen Arbeiten nähert er sich sogar der Filmsprache, die er durch die 1895 zum ersten Mal öffentlich vorgeführten Filme der Brüder Lumière kennengelernt hatte.
Die Villa wird ab Herbst 2018 umfassend renoviert und erweitert, weshalb bis zur Wiedereröffnung 2022 keine Ausstellungen gezeigt werden können. Die Werke der → Hahnloser/Jaeggli Stiftung sind vorübergehend im Kunstmuseum Bern zu sehen.
Der Trägerverein Flora organisiert Veranstaltungen, begleitet die Renovationsphase und wird die Aktivitäten der Villa Flora vor und nach der Wiedereröffnung ideell und finanziell tatkräftig unterstützen. Helfen Sie mit, werden Sie Mitglied.