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Ein Lehrstück ohne Lehre oder das Parabeltheater
Der literarische Begriff „Parabel“ entstammt der Epik und bezeichnet eine Art Gleichniserzählung. So wird die Parabel einer lehrhaften, also didaktischen Erzählweise zugeordnet. Meistens geht es um Formen des menschlichen Zusammenlebens und der Kritik dazu. Der Leser wird aufgefordert die Bilderwelten der Erzählung in sein eigenes Leben zu übertragen, ähnlich wie bei der Fabel. Auch im Parabeltheater soll der Zuschauer die Handlung sinnbildlich auf sich selbst und die Gesellschaft übertragen. So erwartet der Bühnenautor eine Veränderung im Verhalten des Publikums gegenüber der Gesellschaft. Der Begriff Parabeltheater geht urspünglich auf Anmerkungen von Brecht zurück. Die Parabel macht oft den Kern seiner Stücke und Dramaturgie aus. Während Brecht aber von einer wirklichen historischen Sitaution ausgeht, baut Frisch soziologische Gefüge, die in die Wirklichkeit übertragen werden können. Als Grundmuster wählt auch Frisch den „Zirkelschluss-Charakter“, das Ende mündet im Anfang. Aus diesem Grund nennt Frisch sein Stück im Untertitel ein Lehrstück ohne Lehre.
Fragwürdig wie alles, was wir treiben, ist auch die Selbstkritik. Ihre Wonne besteht darin, daß ich mich scheinbar über meine Mängel erhebe, indem ich sie ausspreche und ihnen dadurch das Entsetzliche nehme, das zur Veränderung zwingen würde …(Max Frisch)
Wiederaufnahme Stadttheater:
Fr,06.März 2015, 19:30
Mi,11.März 2015, 19:30
Do,19.März 2015, 19:30
Fr,27.März 2015, 19:30
Gruppenbestellungen können Sie direkt in unserem Jungen Terminkalender machen.
Arbeitsvorschläge:
1. Fragen an Gottlieb Biedermann:
Theaterfiguren können durch Fragestellungen ergründet werden. Die vielleicht wichtigsten Fragen, die man an eine Theaterfigur stellen kann sind:
1. Wer bin ich?
2. Woher komme ich?
3. Wie bin ich dahin gekommen, wo ich heute bin?
4. Wohin gehe ich?
Man kann weiter auch Fragen aus Max Frisch‘ Fragebogen verwenden:
1. Hätten Sie lieber einer anderen Nation/Kultur angehört und welcher ?
2. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
3. Warum nicht, wenn es Ihnen wichtig scheint.
4. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
5. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
6. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
7. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Wählt eine Person aus der Gruppe als „Gottlieb Biedermann“ aus. Stellt mündlich Fragen an die Figur. Die Figur antwortet mündlich auf die Fragen. Versucht dadurch ein Bild zu schaffen von der Figur und ihrem Konflikt. Wechselt die Person aus und stellt weitere Fragen. Nun ist es vielleicht möglich die Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ aufzuschlüsseln. Schreibt einen kurzen Text zum vorliegenden Parabeltheater und stellt dieses in Bezug zu unserer heutigen Welt.
Was fehlt uns zum Glück?
Die Schriftsteller Alexander Kluge und Jonathan Franze geben Antwort auf Fragen von Max Frisch (Beitrag vom 15.05.2011, Frankfurter Allgemeine)
2.Warum ist es sinnvoll vorauszuschauen?
Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun (Molière, Komödiendichter und Schauspieler, 1622-1679)
1. Wie ist Molières Zitat im heutigen globalen Kontext zu verstehen?
2. Reporter der Zeit. Verfasst einen Zeitungskommentar zu folgender Frage: Sind wir nicht alle zu Biedermännern geworden? Und wenn JA, warum?
3. Minitheater: Erfindet und schreibt eine einfache Szene, die folgende Frage zum Mittelpunkt hat: Warum ist es sinnvoll vorauszuschauen? Versucht den im Text oben erwähnten „Zirkelschluss-Charakter“ in das Minitheater einzubauen. Spielt euch die Szenen gegenseitig vor.
3. Zum Chor der Feuerwehrmänner
Schwerlich durchschaut er, was eben geschieht
Unter dem eigenen Dach…
Ungern durchschaut er`s, denn sonst …
Aber der Chor, „der nämlich zusieht von außen,
Leichter begreift er, was droht.
Feststellung: Der Chor der Feuerwehrmänner steht zwischen dem Publikum und den Figuren.
1. Was ist die Position des Chores?
2. Was ist die Funktion des Chores?
3. Wie ist die Sprache des Chores?
Was jeder lange genug voraussah,
der nimmerzulöschende Blödsinn,
„Schicksal genannt“,
geschieht am End – nichts ist sinnloser als diese Geschichte …
Dreimal Wehe!
4. Untersucht im Gespräch die Begriffe „Schicksal“ und „tragischer Konflikt“. Wie könnte man die Verbindung der beiden Begriffe grafisch darstellen?
5. Die letzte Frage im Interview mit Claudia Mayer (Punkt 4) handelt vom Chor der Feuerwehrmänner. Was tut sie mit dem Chor. Wird er auch in dieser Inszenierung weggelassen, wie es oft schond der Fall war in Inszenierungen von Biedermann und die Brandstifter?
4. Alpträume unter der Spitze des Eisbergs
Ein Interview mit Claudia Meyer, Regisseurin von Biedermann und die Brandstifter am Konzert Theater Bern
Welche politische Kraft kann Theater heute noch haben?
Politik im Theater heisst für mich nicht, wegen eines Aktualitätsbezugs z.B. aus den Brandstiftern Ausländer zu machen. Politik heisst, das Zusammenleben zu ordnen. Davon handelt auch Frischs Stück. In einer politisch brisanten Zeit soll Kunst Kunst bleiben dürfen und sich nicht der Plakativität beugen müssen.
Du hast gesagt, dass Du dieses Stück nicht politisch interpretieren willst. Was genau meinst Du damit?
Ich meinte damit, dass ich in meiner Inszenierung keine tagespolitischen, konkreten Bezüge oder Anspielungen einarbeiten möchte, sondern eher im Gegenteil die Distanz zwischen dem, was man auf der Bühne sieht, und dem, was man aufgrund der aktuellen Ereignisse von Frischs Stück vielleicht erwartet, noch vergrössern möchte. Mein Anliegen ist es, das Stück sozusagen über die Tagespolitik zu erheben; es zu überhöhen, mit den Verzauberungs- und Verstörungskräften des Theaters zu arbeiten und so den Zuschauern die Denk- und Entschlüsselungsarbeit zu übertragen. Die Zuschauer die Bezüge zum Hier und Heute selber herstellen zu lassen – das ist mein Ziel. Ich möchte, dass die Leute wachsam werden. Ein Mensch, der wachsam ins Theater geht, bzw. im Theater «erwacht», wird Verlustängste – die vielleicht seinen erarbeiteten Wohlstand oder seinen gesellschaftlichen Status betreffen – als ein wichtiges Motiv für das Zustandekommen eines solchen Abstimmungsresultates, wie wir es gesehen haben, ausmachen. Das ist die Macht, die das Theater hat, so hoffe ich –genau wie Musik und andere Künste. Diese Macht wird aber leider untergraben, wenn Stücke und Inszenierungen immer eindimensionaler und vereinfachender werden. Theater muss unangepasst bleiben.
Biedermann und die Brandstifter ist ja ein Stück, das jeder zu kennen meint, das viele auch aus der Schullektüre noch in Erinnerung haben. Wie hast Du Dich diesem vielmals inszenierten Klassiker genähert?
In diesem Stück gibt es das grosse Paradoxon, dass Biedermann sich gegen das, was ihm am meisten schadet, nicht wehrt, obwohl es ein Leichtes für ihn wäre. Man könnte sagen, das ist vielleicht unrealistisch, Traumlogik, aber für genau solche Verhaltensweisen gibt es Beispiele in der Realität. Es gibt diese Phänomene und Tabus. Slavoj Žižek beschreibt z.B., dass man in China die offenkundige Tatsache nicht aussprechen darf, dass es sich dort schon lange nicht mehr um ein kommunistisches, sondern um ein durch und durch kapitalistisches System handelt. Es geht sogar so weit, dass es tabu ist, auszusprechen, dass dieser Gedanke tabu ist. Auch die Staatssicherheit in der DDR, aus der ich stamme, war so ein in sich geschlossenes System, dessen Machenschaften und Auswirkungen jedem bewusst waren, aber kaum einer hat es gewagt, zu rebellieren. Das Problem ist offenbar so monströs, dass es zu einem blinden Fleck wird. Die eigene Angst ist so stark, dass man sich nicht weiter damit auseinandersetzt, man verdrängt das Augenscheinliche. Ich finde wichtig für das Stück, dass es diese Dinge auch in der Realität gibt: kollektive Träume, Traumata, sogar kollektive Wahnvorstellungen, einen Traum, den alle träumen.
Du hast gesagt, Du seist Dir sicher, dass Max Frisch mit diesem Stück einen Alptraum beschrieben hat? Warum?
Ein Zitat von Fernando Pessoa dazu finde ich sehr treffend «Wir verwirklichen uns nie. Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der den Himmel anstarrt.» Für mich stellt Frisch auch ein Stück weit die Frage, was Realität überhaupt ist. Realität und Traumlogik vermischen sich in dem Stück miteinander. Ist es ein Traum? Oder geträumte Realität? Tagträumerei, sehen wir dabei nur zu? Wer träumt diesen Traum, vielleicht wir alle? Oder sind wir nur Zaungäste? Für mich persönlich könnte das offen bleiben.
Eine sehr philosophische Frage
Ja, Max Frisch stellt einen unaufgelösten Widerspruch auf die Bühne: Das, was ist, definiert sich über das, was es nicht ist, über sein Gegenteil. Der Widerspruch ist ein Motor, der Realität erzeugt. Im Traum wird man sich dessen gewahr, dass die Dinge ihr Gegenteil mit sich bringen, dass sie den Widerspruch in sich tragen. Im Wachzustand scheint es vollkommen unmöglich, das Gegenteil von dem zu tun, was man eigentlich tun will; im Traum hingegen ist das Gegenteil das Nächstliegende. Was im einen Denken ein «blinder Fleck» ist, ist im anderen das alles Begründende. Das ist der Widerspruch, der »blinde Fleck» von Biedermann: dass er nichts gegen die Eindringlinge tun kann. Das ist von Anfang an ein Knoten, der nie gelöst wird. Es ist ein Problem, dem sich zu stellen die Angst zu gross ist, und Biedermanns Angst ist irrational stark. Stattdessen verdrängt er sie und versucht, um das Problem herum zu leben. Jede seiner Handlungen ist eigentlich nur noch von dieser Angst bestimmt. Einer der Verdrängungsversuche, den Biedermann immer wieder unternimmt, ist das Moralisieren. Er moralisiert, um sich selbst zu verleugnen. Er redet sich damit heraus, dass er ja moralisch handeln müsse, man müsse doch Vertrauen haben usw. Gleichzeitig ist er aber unglaublich brutal gegen seinen Mitarbeiter Knechtling, den er ausnutzt, entlässt, und schliesslich in den Selbstmord treibt.
Du zeigst in Deiner Inszenierung Gottlieb Bidermann als Gefangenen und Getriebenen einer (Alp-) traumhaften Situation und hast Dich dafür im Vorfeld mit philosophischen Konzepten von Traumata beschäftigt…
Ja, Biedermanns Angst ist sein «blinder Fleck», und seine Angst ist so stark, dass sie für ihn zu einem Trauma wird. Das Trauma ist ein Leerpunkt. Das Problem ist aber, dass sich dieser Punkt nicht zeigt, er zeigt sich nur in der Einschränkung alles anderen. Er ist wie ein umgekehrter Magnet, den man nicht sieht, der aber Bewegungen um sich herum von sich abstösst. Auch Biedermanns Denken zieht sich auf einen Punkt zusammen. Und dieser Punkt ist ausdehnungslos, nicht greifbar, eine Leerstelle: ein Trauma, also eine seelische Irritation, die so weit geht, dass sie das realistische Wahrnehmen der Welt ausser Kraft setzt. Egal, wie sehr sich Biedermann bemüht, seiner Lage Herr zu werden und den blinden Fleck in den Blick zu bekommen: Es gelingt ihm nicht. Noch mehr: Je stärker er sich bemüht, umso verzweifelter wird er und umso verzweifelter wird seine Lage. Seine Selbstverleugnung beginnt und wirkt fast wie ein äusserer Zwang auf ihn. Er ist gebrochen. Biedermann beginnt, seine Selbstverleugnung zu glauben. Das ist die einzige Entwicklung in Biedermanns Charakter, die sich feststellen lässt.
Das Stück trägt den Untertitel «Ein Lehrstück ohne Lehre», was eine ironische Anspielung auf Brecht ist und bedeutet, dass man aus dem Stück keine Ideologie ableiten soll. Siehst Du dennoch eine Handlungsaufforderung?
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Frage, wie man jetzt eigentlich noch moralisch handeln könne. Diese Frage hat auch Max Frisch umgetrieben. Biedermann beruft sich ständig auf «Menschlickeit». Aber wie Max Frisch in seinen Tagebüchern schreibt, ist ihm das zu wenig. Bei Biedermann sieht man, wie sein Sich-berufen auf «Sittlichkeit», «Vertrauen» usw. geradezu auf absurde Weise falsch ist. Inwieweit zu moralischem Handeln gehört, dass man sich nicht selbst verleugnet, oder ob die Aufrichtigkeit zu sich selbst nicht sogar die wichtigste Voraussetzung für moralisches Handeln ist, ist eine wichtige Frage. Vielleicht ist Biedermanns Behauptung, dass er moralisch handle, nur die Spitze des Eisbergs, die verstandesmässig formulierte Spitze. Vielleicht muss all jenes, was darunter liegt, kanalisiert werden, aber gerade dadurch entsteht der Widerspruch seines Handelns: Er treibt den einen in den Selbstmord, aber behandelt diejenigen, die ihn in den Ruin treiben, wie Könige. Durch diesen moralischen Widerspruch entsteht seine grosse Angst, sein Trauma – und sein Alptraum.
Der Chor der Feuerwehrleute wird ja oft gestrichen; bei Dir tritt er auf und singt. Welche Rolle spielt der Chor, spielt die Musik in dieser Inszenierung?
Mit dem Chor der Feuerwehrleute spielt Max Frisch auf die griechische Tragödie an. Niemand weiss heute, ob der Chor in der griechischen Tragödie gesungen oder gesprochen hat. Frischs Chortext ist ausgesprochen musikalisch geschrieben. Für mich verkörpert der Chor die innere Stimme Biedermanns, sein Gewissen, das ihn plagt. Der Chor ist Wächter der Seele, also jene Instanz, die uns versucht zu kontrollieren und uns sagt, dass das, was wir tun, richtig oder falsch ist. Der Chor repräsentiert für mich auf symbolische Art die Stimme der Vernunft, die wir als Publikum auch verstehen können. Aber bei Max Frisch funktioniert diese <> nicht mehr, die Vernunft ist erschüttert, sie äussert sich ironisch, schadenfroh, als böses schlechtes Gewissen. Ihre Kraft ist gebrochen, sie hat keinen Einfluss mehr. Aber will sie diesen überhaupt noch? Sie wird zur Musik, sie tanzt Biedermann auf der Nase herum, äussert sich nur noch in antikisierenden Versen, so als käme sie aus einer ganz anderen, archaischen Zeit. Die Idee ist, dass über den singenden Chor der Zuschauer mit der inneren Stimme Biedermanns in einem fliessenden Übergang in den Traum gezogen wird. Als reiner Sprechchor, der eine Kommentarfunktion ausübt, wäre das Publikum immer auf Distanz zum Geschehen. Vermutlich wird auch aus diesem Grund der Chor oft gestrichen. Ich bin den Weg gegangen, den Chor durch eine Vertonung zu überhöhen und dadurch die Grenzen der Realitäten, die auf der Bühne entstehen, verschwimmen zu lassen.
(Das Gespräch führte Karla Mäder mit Claudia Bauer am 16.März 2014)