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»Unser Leben gleicht der Reise …«, und so scheint mir die Reise weniger ein Abenteuer und Ausflug in ungewöhnliche Bereiche zu sein, als vielmehr ein konzentrierte Abbild unserer Existenz: ansässig in einer Stadt, Bürger eines Landes, einem Stand oder Gesellschaftskreis verpflichtet, einer Familie und Sippe zugehörig, und verwachsen mit den Pflichten eines Berufs, den Gewohnheiten eines aus all diesen Gegebenheiten gewobenen »täglichen Lebens«, fühlen wir uns oft allzu sicher, glauben unser Haus für alle Zukunft gebaut, sind leicht verführt, an eine Beständigkeit zu glauben, die dem einen das Altern zum Problem macht, dem andern jede Veränderung äußerer Umstände als Katastrophe erscheinen lässt. […] Die Reise aber lüftet ein wenig den Schleier über dem Geheimnis des Raums – und eine Stadt magisch-unwirklichen Namens, Samarkand, die Goldene, Astrachan oder Isfahan, Stadt des Rosenöls – wird wirklich im Augenblick, da wir sie betreten und mit unserem lebendigen Atem berühren.[Die Steppe; meine Ausgabe S. 86ff]
Annemarie Schwarzenbach stammte aus einer reichen Industriellenfamilie. Eine frühe, auch finanzielle Unabhängigkeit nicht zuletzt von ihrer Familie verschaffte ihr einige Privilegien. Zum Beispiel das Privileg eines eigenen Hauses in Sils, im Kanton Graubünden. Zum Beispiel das Privileg, offen dazu zugeben zu können, dass sie auf Frauen stand. Zum Beispiel das Privileg, in den USA die Liebe Carson McCullers’ zu gewinnen, die damals gerade ihren ersten Roman veröffentlicht hatte (Schwarzenbach erwiderte die Liebe nicht, aber es entstand eine Freundschaft). Zum Beispiel das Privileg, in Berlin abhängen zu können. Zum Beispiel das Privileg, dort Klaus und Erika Mann kennen zu lernen und als Freunde zu gewinnen. Zum Beispiel das Privileg, mit den beiden Manns Ferien im eigenen Haus verbringen zu können. Zum Beispiel das Privileg, in den Zeiten des aufkommenden Nationalsozialismus sich gegen ihre Familie stellen zu können, die nach 1933 mit der Schweizer Front sympathisierte, einer Vereinigung, die eine Annäherung der Schweiz an das Dritte Reich befürwortete. Zum Beispiel das Privileg, sich eine nicht billige Rolleiflex-Spiegelkamera leisten zu können. Zum Beispiel das Privileg eines eigenen Autos. Zum Beispiel das Privileg ausgedehnter Reisen in der ganzen Welt. Zum Beispiel das Privileg, über ihre Reisen in schweizerischen Zeitungen und Zeitschriften Berichte zu veröffentlichen, ohne sich verbiegen zu müssen, weil sie auf das Honorar angewiesen gewesen wäre. Last but not least das Privileg, mit ihrem eigenen, neu und für diesen Zweck angeschafften Auto von Genf nach Kabul zu fahren.
Denn der Orient scheint sie am meisten fasziniert zu haben – drei Mal reiste sie zwischen 1933 und 1940 dorthin, zu einer Zeit also, als der Nahe Osten noch unter den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien aufgeteilt war, was – bei allen Vorbehalten gegenüber dem Kolonialismus – das Alleinreisen von europäischen Frauen wohl eher möglich machte. Schwarzenbach war sicher eine Abenteurerin – unnötige Risiken nahm sie nicht auf sich. Vor allem die Reise mit dem eigenen Auto (einem, wie sie es nannte, kleinen Ford – es gibt ihre Fotografien davon: ein Zweisitzer auf der Karosserie eines Vier- oder Fünfsitzers, statt der hinteren Sitzbank ein riesiger Kofferraum) genoss sie sehr und zog sie der Fahrt mit dem Orient-Express vor. Denn dieser raste durch die Landschaft und kannte nur vorgegebene Stopps in großen Städten; mit dem Auto konnte sie ihr Tempo selber bestimmen – und fuhr langsamer durch die Gegend.
Annemarie Schwarzenbach war eigentlich immer auf Reisen. Trotz eigenen Hauses in der Schweiz. Man kann sagen, dass sie gewissermaßen ständig in einem selbst auferlegten Exil lebte. Die Gründe dafür kann man dem dieses Aperçu einführenden Zitat leicht entnehmen: Die Angst, in einem Alltags-Trott stecken zu bleiben, kombiniert mit der Neugier auf Fremdes. Die Verführung auch durch die Namen des Fremden, die ja sicher mehr als die Hälfte der Faszination ausmachen, die die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht nicht nur auf Schwarzenbach ausübten und ausüben.
Ihre Reiseberichte zeigen es: Annemarie Schwarzenbach lebte von solchen Eindrücken. Sie lebte von den Eindrücken, die die karge Landschaft auf sie machte. Sie beschreibt diese Landschaft. Sie beschreibt das Wetter. Sie beschreibt kaum Personen. Ja, sie erwähnt kaum welche. Zumindest in meiner Ausgabe – darüber gleich mehr – erfahren wir gerade mal aus ein paar Bemerkungen und dem manchmal auftauchenden Pronomen „wir“, wenn es darum geht, dass „wir“ nun die Reise fortsetzen, erfahren wir aus diesem Pronomen, sage ich, dass Annemarie Schwarzenbach die Autofahrt in den Orient nicht alleine unternommen hat. Den Namen der Begleiterin erfahren wir von ihr nicht. (Es handelte sich um die ebenfalls aus wohlhabendem Haus stammende, selber als Reiseschriftstellerin und Fotografien bekannt gewordene Genferin Ella Maillart.) Ob die beiden mehr als nur eine gemeinsame Leidenschaft fürs Reisen und für den Orient verband, erfahren wir schon gar nicht. (Denn, wenn Annemarie Schwarzenbach auch nie ein Hehl daraus machte, lesbisch zu sein – an die große Glocke eines Zeitungsberichts hängte sie das dann doch nicht.)
Annemarie Schwarzenbach reiste, wie gesagt, drei Mal in den Orient. Das vorliegende Büchlein (es ist knappe 140 Seiten dünn) versammelt Zeitungsartikel von allen drei Reisen. Sie sind dabei nicht chronologisch geordnet, sondern sollen – vom Herausgeber Walter Fähnders bewusst so gestaltet – eine imaginäre Reise abbilden, die vom Grenzübertritt ins damalige Jugoslawien (wo Schwarzenbach befriedigt feststellt, dass sie nun die Bauern auf dem Feld nicht mehr verstehe – also nun wirklich in der Fremde ist) über Stambul (wie sie das heutige Istanbul nennt), Syrien (Damaskus), den Irak (Bagdad – das sie Baghdad schreibt), Persien bis nach Kabul. Die Heimreise über Indien und mit dem Schiff via Aden nach Italien, wird dann nur noch gestreift. Man kann Schwarzenbachs Bericht so ordnen – hilfreich beim Nachvollziehen ihrer Reisen ist es nicht. Es sind mal Leute da, mal nicht. Mal ist das Auto da, mal fliegt Schwarzenbach. Mal ist sie unterwegs zu einer archäologischen Ausgrabungsstätte (wo sie bei den Arbeiten mithalf), mal nicht.
Seltsamerweise gelingt es ihr nur ein einziges Mal, Kontakt mit muslimischen Frauen herzustellen – obwohl sie als Frau eigentlich prädestiniert gewesen wäre, auch in die Frauengemächer Einblick zu erhalten. Ihre Schilderung des einzigen derartigen Besuchs wirkt einigermaßen leb- und lieblos, ja unbeholfen. Ihr Versuch, diesen Frauen ein wenig bei der Emanzipation von ihrem Mann zu helfen, besteht schlussendlich darin, dass sie ihnen verspricht, nach ihrer Rückkehr die neuesten Schnittmuster der Pariser Mode zu schicken. Nein, Menschen waren ihre Stärke zumindest als Schriftstellerin nicht. Da enthält sogar ihre Schilderung der Buddha-Statuen, denen schon vor einem Jahrtausend von den Muslims, die die Herrschaft über die Region eingenommen hatten, und den Statuen, die sie für Abbilder fremder Götter hielten, das Gesicht und vor allem die Augen ausschlugen, mehr Leben – mehr Grauen auch.
Annemarie Schwarzenbach hatte in ihrem Leben auf Grund ihrer finanziellen Unabhängigkeit viele Privilegien, Privilegien, die sie auch ausnutzte. Ein Privileg aber konnte ihr auch Geld nicht verschaffen: das einer Unabhängigkeit von sich selber, von ihren eigenen Dämonen. Man kann küchenpsychologisch ihre ständigen Reisen als eine Flucht vor sich selber interpretieren. Man wird dann aber auch feststellen müssen, dass ihre Dämonen in Form von Depressionen sie auch auf Reisen einholten. Es gibt in der vorliegenden Ausgabe einen Bericht einer in depressiven Angstzuständen verbrachten schlaflosen Nacht irgendwo in einem kleinen Kaff in der afghanischen Steppe. Das ist literarisch nicht der beste Bericht, auf einer persönlichen Ebene aber ungeheuer intensiv geschrieben.
Im Übrigen enthält meine Ausgabe nicht nur ausgewählte Reportagen aus den drei Reisen, die Marianne Schwarzenbach zwischen 1933 und 1940 in den Orient machte, sondern auch die eine oder andere ihrer Fotografien. Neben einer anderen Anordnung der Berichte (chronologisch, nicht geografisch) hätte ich mir davon mehr gewünscht. Aber als Einführung in das impressionistisch angehauchte Reisewerk Annemarie Schwarzenbachs ist die vorliegende Ausgabe durchaus zu gebrauchen:
Annemarie Schwarzenbach: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Walter Fähnders. Berlin: ebersbach & simon, 2017.