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Als Antwort auf steigende Nahrungsmittelpreise und blockierte Getreideexporte aus der Ukraine mehren sich Stimmen, die eine Abkehr von Nachhaltigkeitsbestrebungen und stattdessen eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft verlangen. Die SVP fordert gar, dass im Rahmen einer «Anbauschlacht 2.0» Massnahmen zur Förderung der Biodiversität rückgängig gemacht werden. Diese kurzfristige Sichtweise würde die Probleme jedoch nicht lösen, sondern im Gegenteil weiter verschärfen.
Das Problem ist nicht, dass zu wenig produziert würde
Tatsächlich nimmt der Hunger seit 2016 weltweit wieder zu, vor allem durch Konflikte und Wetterextreme als Folge der Klimakrise sowie aufgrund der Corona-Pandemie. Ostafrika durchlebt gerade die schlimmste Dürrekrise seit 40 Jahren. Die steigenden Nahrungsmittelpreise verschärfen dieses Problem, insbesondere für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen in Ländern, die stark von Lebensmittelimporten abhängig sind. Ihre Ernährungssicherheit ist jedoch nicht durch eine mangelnde globale Produktion gefährdet, sondern primär durch die Ungleichheit in Einkommen und Verteilung. Weltweit werden pro Tag und Kopf 4‘600 Kalorien Nahrung produziert – mehr als doppelt so viel, wie wir bräuchten, um die Menschheit zu ernähren.
Allerdings werden rund 40% der globalen Ackerfläche derzeit für die Produktion von Tierfutter verwendet, 10% des weltweiten Getreides für Biotreibstoffe. Ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel landet nicht auf dem Teller, sondern im Abfall. Bei einer temporären Knappheit an produzierten Lebensmitteln ist es viel wirksamer, hier anzusetzen als eine ohnehin schon zu intensive Produktionsweise weiter zu intensivieren. Allein eine Reduktion der Verwendung von Getreide als Tierfutter um 8% in der EU würde den erwarteten Rückgang an Getreideexporten aus der Ukraine vollumfänglich kompensieren. Auch in der Schweiz liesse sich der Selbstversorgungsgrad deutlich erhöhen, wenn statt Tierfutter vermehrt Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Gemüse angebaut würden. Gleichzeitig wäre dies ein wirksamer Beitrag zu einer gesunden und klimaverträglichen Ernährung.
Investitionen in Bildung und Gesundheit statt in Kunstdünger und Pestizide
Nicht nur die Preise für Nahrungsmittel steigen zurzeit stark an, sondern auch die Preise für fossile Energieträger. Damit verteuern sich die Transporte und die Kosten von Kunstdünger und synthetischen Pestiziden. Eine auf lokalen Kreisläufen und vorwiegend lokalen Absatzmärkten beruhende nachhaltige, diversifizierte Produktion ist davon weitgehend unabhängig. Dies ist insbesondere für Länder mit geringeren Einkommen relevant, die einen gewichtigen Teil ihres Bruttoinlandsproduktes für solche Importe aufwenden. Eine Umstellung auf agrarökologische Anbauformen würde ihnen nicht nur ermöglichen, die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig zu erhöhen, sondern auch ihre knappen finanziellen Ressourcen in sinnvollere Bereiche wie Bildung und Gesundheit zu investieren, anstatt wie bisher Düngemittel zu subventionieren.
Es verwundert nicht, dass Agrarchemiekonzerne versuchen, die Krisensituation zur Verteidigung ihres Geschäftsmodells zu nutzen. Erik Fyrwald, CEO von Syngenta, einer Tochtergesellschaft des chinesisch kontrollierten Agrarmultis ChemChina, behauptete unlängst sogar, dass Menschen in Afrika hungern würden, weil wir hier immer mehr Bioprodukte essen. Die Aussage ist so absurd wie durchschaubar: Industrielle Anbauschlachten sind nicht Teil der Lösung, sondern im Gegenteil Mitverursacher der Ernährungs- wie der Klimakrise. Technische «Wunderlösungen» wie etwa die Gentechnologie haben sich bisher als leere Versprechen entpuppt – zumindest was die Nachhaltigkeit betrifft. Sehr effektiv waren sie darin, den Absatz von Herbiziden und damit die Gewinne der Agrarkonzerne zu steigern.
Agrarindustrie ist mitschuldig an der Hungerkrise
Die Folgen des Ukraine-Kriegs führen uns die Risiken der globalisierten Agrarindustrie vor Augen. Für die Menschen in Afrika ist die Abhängigkeit von Getreide- und Düngemittelimporten fatal. Die Preisanstiege bei Getreide und Kunstdünger werden zusätzlich durch Spekulationen und eigennützige Exportbegrenzungen angeheizt, wie ein im Mai 2022 publizierter Bericht des internationalen Expertenpanels IPES-Food aufzeigt. Biovision-Präsident Hans Rudolf Herren, selbst Mitglied dieses Expertenrates, sagt in diesem Zusammenhang: «Der Preisanstieg in den vergangenen Wochen beruht zu grossen Teilen auf Spekulation am Weltmarkt. So wird ein künstlicher Mangel kreiert und es werden riesige Mengen an Getreide zurückgehalten in der Hoffnung, dass der Preis steigt und man später teurer verkaufen kann. Ich finde es unglaublich, dass man mit Ernährung spekulieren darf.»
Die globalisierte, agrarindustrielle Landwirtschaft ist mitschuldig an der steigenden Zahl von Hungernden. Die aktuelle Krise mit noch mehr Monokulturen und noch mehr Kunstdünger und Pestiziden lösen zu wollen, ist nicht zu Ende gedacht. Viel klüger wäre es, die höheren Marktpreise für Nahrungsmittel und Kunstdünger als Chance für eine agrarökologische Transformation der Ernährungssysteme zu nutzen, im Norden wie im Süden. Eine diversifizierte, nachhaltige Landwirtschaft wäre nicht nur zukunftsfähiger, sondern auch resilienter gegenüber dem Klimawandel sowie wirtschaftlichen und sozialen Krisen.
Unzählige Praxisbeispiele und Studien in Subsahara-Afrika und anderswo (s.u.a. Buch «Transformation of our food systems» rechts/unten von Biovision-Präsident Hans R. Herren) haben gezeigt, dass eine vielseitige ökologische Landwirtschaft mit Fruchtfolgen und organischer Düngung die Ernährungssicherheit und die Einkommen der Bauern und Bäuerinnen nachhaltig verbessert. Und dabei oft sogar mehr und ausgewogenere Nahrung erzeugt als in konventionellen Monokulturen.