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TEIL 2
Karotten, Kirschtomaten, Champignons, Äpfel, Vollmilch, Vollmilch, Toppas, Lion Cereal, Vollkorntoast, Reis, Honig, Bonne Maman Rhabarber-Konfitüre, Fruchtzwerge, Joghurt mit der Ecke mit Schokoballs, Paula Schoko-Pudding mit Vanille-Flecken, Magerquark, Crème fraîche, Sahne, Gouda-Käse, Rotkäppchen-Camembert, Wurstwaren, Caprisun Multivitamin, Geo Mini. Ich spiele nicht, sage »48,99 Euro«, schaue hoch und sehe das Gesicht der Mutter. Sie lächelt mich freundlich an. Neben ihr steht ein kleiner Junge mit einer angegessenen Wurstscheibe in der Hand. Wenn der wüsste, was er für ein Glück hat.
Bevor mein Vater gegangen ist, war ich oft mit Mama einkaufen, und die Wurstscheibe, die ich an der Wursttheke bekam, war natürlich der Höhepunkt. Manchmal waren wir nach dem Supermarkt sogar noch beim Metzger in der Altstadt, wo ich von der Verkäuferin einen Doppeldecker bekam – eine Scheibe Lyoner, eine Scheibe Salami, zusammengerollt.
4 Stunden später lege ich die Mirácoli-Variante von Mirácoli-Nudeln, Cini Minis, Dr. Oetker Vanillesoße, Paula Schoko-Pudding mit Vanille-Flecken, Lyoner und Salami auf das Band. »9,27 Euro«, sagt Frau Bach, ich zahle, stopfe die Sachen in meinen Rucksack und renne zum Bahnhof.
Ich weiß nicht genau, was ich empfinde, als ich durchs Fenster der Unibibliothek die Studenten auf der Wiese liegen und sitzen sehe, und würde gern ganz kurz empfinden, was sie empfinden. Auf jeden Fall ist da nicht nur eine Fensterscheibe zwischen uns. Ich muss ein Forschungsvorhaben und eine Gliederung für meine Masterarbeit vorbereiten, die ich in dem Kolloquium vorstellen muss, aber ich habe noch kein konkretes Forschungsvorhaben, nur eine Richtung, in die ich gehen möchte. Ich will die stochastischen Navier-Stokes-Gleichungen untersuchen und habe das Gefühl, dass ich eine gute Idee habe, aber irgendwie komme ich gerade nicht weiter. Es ist alles noch viel zu vage. Meine These muss richtig stark sein, auch wegen Berlin. Nachher entscheide ich mich für Berlin, und dann entscheidet Berlin sich gegen mich. Aber mein Kopf will heute kein Forschungsvorhaben ausarbeiten, solange ich das Wichtigste vor mir herschiebe. Mein Kopf denkt an Ida, die die letzten Tage erschreckend gut drauf ist und das mit Mama seltsam gut weggesteckt hat. Wäre da nicht ihre Backe, die jeden Tag ihre Farben wechselt, würde ich fast vergessen, was passiert ist. Als wir am Donnerstagmorgen in Bambi-Schlafanzug und Nike-Trainingsanzug auf dem Nachhauseweg waren, fragte sie in der Fröhlichstraße: »Haben wir große Müllsäcke?«
Ich: Kommt drauf an. Was hast du vor?
Ida: Ich will mein Zimmer aufräumen.
Und so verschwand sie in unserer Wohnung schnurstracks mit den Säcken in ihrem Zimmer und räumte auf. Ich wusste nichts mit mir anzufangen, ging in die Küche, die so aussah wie am vorherigen Tag, noch immer kein Abendbrottisch, ging ins Wohnzimmer, wo Mama lag und schlief, stand über ihr und betrachtete sie, wie sie da einfach nur lag und schlief. Immer wieder bin ich aufs Neue geschockt, wie friedlich, unschuldig und vor allem kindlich sie aussieht, wenn sie schläft. Einzelne Haare kleben an ihrer verschwitzten Stirn, ihre Wange ist oft auf ihre zusammengefalteten Hände gebettet, manchmal liegt ein angedeutetes Lächeln auf ihren Lippen. Wut setzte meinen Körper in Brand. Ida hatte mir noch immer nicht erzählt, was passiert war. Ich klopfte an Idas Tür, ging rein, setzte mich aufs Bett und schaute ihr ein paar Minuten dabei zu, wie sie die ganzen Schulmaterialien in einen der Säcke warf.
Ich: Ida, was ist eigentlich gestern passiert?
Sie hielt kurz inne, schmiss dann weiter die Hefte in den Sack und sagte sehr leise: »Sie wollte, dass ich Wodka kaufen gehe.«
Fuck. So was in der Art hatte ich erwartet. Ich kann es mir immer noch genau vorstellen, wie Ida den Kopf schüttelt und sagt, dass sie zu jung sei, wie Mama daraufhin wütend wird, weil Ida so leise spricht und so ängstlich ist, und sie auffordert, den Wodka einfach zu klauen, wie Ida daraufhin stumm den Kopf schüttelt und wie Mama dann noch wütender wird. Und dann.
Ich: Soll ich helfen?
Ida: Nein.
Sie schleppte den 1. vollen Sack vor die Tür.
Ida: Geh doch schwimmen.
Ich: Nein, ich bleib heute hier.
Ida: Nein, geh doch. Ich brauch hier noc