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Recensione
di Ruth Gantert
Pubblicato il 23/08/2016
Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre greise Mutter und ein guter Freund unbedingt sterben wollten und am Telefon, in Briefen oder Mails resolut Hilfe bei ihrem Vorhaben einforderten? Würden Sie bedauernd mitteilen, Ihr Revolver sei gerade verrostet, eine Maxirolle Klebeband verschicken (günstig an der Ostsee erhalten) für das gewissenhafte Abdichten der Wohnung vor dem Gebrauch dreier Holzkohle-Grills, ein Kissen als Geschenk mitbringen, inspiriert von der «Kissenmord-Mode» am Fernsehen? – Ihre Reaktion wäre das vielleicht nicht, wohl aber diejenige der Hauptfigur in Zschokkes neuem Buch. Es handelt sich um einen Mann in fortgeschrittenem Alter, der sich sinnigerweise Roman nennt. Roman lebt mit seiner Geliebten zusammen in Berlin. Er schreibt, sie «vergleicht Literatur». Er verlässt die Stadt nur selten, um seine Mutter in der Schweiz zu besuchen oder um in die Ferien zu fahren. Ansonsten geht er jeden Tag zur gleichen Zeit aus dem Haus, trifft dabei die gleichen Nachbarn, kauft die gleiche Zeitung, trinkt «Cafe Latte Klein» im gleichen Café wobei es einen Ersatz gibt, falls das Stammcafé geschlossen ist. Wer sich jetzt fragt, ob dies genug Erzählstoff biete für (einen) Roman, der spricht ein Problem des Buches und seiner Hauptfigur an.
Das ist doch immer das Problem: was soll man einander erzählen? Grundsätzlich. Darunter leide ich immer und überall. Das Wetter ist schnell durch, Ferienberichte langweilen, Kinder, Haustiere...? Politik ist heikel – und schon ist Schluss.
Natürlich gibt es, neben den erwähnten Themen, die im Text tatsächlich vorkommen, doch einiges andere zu erzählen. Wie ein früherer Held Zschokkes ist Roman ein «Mann mit zwei Augen», der seinen Blick sowohl in den Himmel, zum Horizont, auf den Boden, als auch auf Menschen und Tiere richtet und dabei die feinsten Beobachtungen macht. So beschreibt er beispielsweise die Art, wie Leute sich verhalten, als ob sie Filme nachstellten, die sie gesehen haben. Über die Natur fallen so schöne Sätze wie «Das Grau des Himmels ist manchmal von erschlagender Größe», oder «Das Meer lag matt in seinem Bett».
Was der unaufgeregte, scheinbar unbeholfen dahinmäandrierende Erzählduktus fast verborgen hätte, bleibt doch festzustellen: dass eigentlich ganz viel passiert in dem Buch. Vor allem wird gestorben, immer wieder, mit und ohne äussere Einwirkung oder eigenes Zutun. Und wer noch nicht stirbt, erlebt den Zerfall des eigenen Körpers, das Scheitern der Freundschaften und der Pläne, den sozialen und finanziellen Abstieg.
Dies könnte düster sein und ist es auch, und doch kommt es leicht und humorvoll daher. Die allgegenwärtigen Todesmotive sind oft so dargestellt, dass sie einen zum Lachen bringen: vom lebensmüden Opossum, das eingeschläfert wird, über die Beschreibung einer fürchterlich hilflosen Beerdigung bis hin zur Bewunderung für ein «Erdmöbel», einen im Schaufenster eines Seemannsheims ausgestellten Sarg, den Roman am liebsten für sich selbst kaufen würde. Vielleicht ist der unsentimentale Stil, frei von Mitleid wie auch von Selbstmitleid, als Antwort zu verstehen auf eine weitere Frage, die in dem Buch mehrmals gestellt wird: die Frage nach der Kunst, «es mit uns selbst auszuhalten». Ja, wie hält man es mit sich aus, mit der Scham, wenn man sich unmöglich benimmt, mit den eigenen Ticks und Unzulänglichkeiten und mit dem Lebensüberdruss? Vielleicht so, wie sich der Text bewegt, in der Schwebe zwischen Melancholie und Galgenhumor, zwischen Müdigkeit und Wachheit, zwischen Illusionslosigkeit und kleinen Glücksmomenten.
Gekonnt vereint das Buch verschiedene Genres und präsentiert sich doch in einem Guss. Roman schreibt und liest, er wechselt Mails, Briefe und Postkarten, aus denen zitiert wird, doch nach Lieber Niels und Die strengen Frauen von Rosa Salva verlässt Zschokke die Form des «Mailromans» und findet zu einer neuen Erzählweise, im Wechsel zwischen der ersten und der dritten Person. Gedichtzeilen, essayistische Betrachtungen, kurze Stadt- und Naturszenen finden sich ebenso wie Dialoge in direkter oder indirekter Rede. Sogar eine Abwandlung der Märchenformel ist in wiederkehrenden Anfangs- und Schlusssätzen zu erkennen: Statt «Es war einmal...» heisst es jeweils «Gestern...» und statt des optimistischen «und wenn sie nicht gestorben sind» folgt ein zwischen Trost und Resignation schwankendes «es geht der Wind drüber». Der letzte Teil des Buches schliesslich ist einem Theaterstück im irrealen Konjunktiv der Vergangenheit gewidmet. Ein durch Geldmangel verunmöglichter Film wird zu einem Theaterprojekt, das eine tragische Verkettung von Umständen ebenfalls verhindert. Kurzerhand erzählt Roman die Aufführung des Stückes, wie er sie sich vorgestellt hätte. Es nimmt die vorherigen Motive wieder auf: den Tod, die Freundschaft, den Verlust, den das Vergehen der Zeit mit sich bringt. Und die Liebe? Tatsächlich kommt es auch zu einer Liebeserklärung – an einen Schlafenden, der aufwachend mit «Sei nicht kindisch» reagiert.
Mit Zschokkes Büchern geht es einem wie Roman mit den Folgen einer amerikanischen Kriminalserie am Fernsehen, in denen ein «kontaktscheuer, ordnungsfanatischer freigestellter Inspektor» (Liebhaber werden Monk erkennen) mit einem «nicht weniger eigenartigen» Polizeikommissar zusammenarbeitet: Man verpasst keines davon, führt sie sich sogar mehrmals zu Gemüte, und ist jedes Mal von Neuem bezaubert von den sprunghaft-nachdenklichen Sätzen, dem ironisch-skurrilen Blick auf die Welt und das Leben.