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| Augustinus (354-430) - Bekenntnisse (Confessiones)

Elftes Buch
23. Was ist die Zeit?
Ich habe einmal von einem gelehrten Manne gehört, die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Sterne seien die Zeiten; aber ich habe ihm nicht zugestimmt. Sollten nämlich nicht vielmehr die Bewegungen aller Körper die Zeit sein? Wie ferner: wenn alle Himmelslichter feierten und sich nur noch das Rad eines Töpfers drehte, gäbe es dann keine Zeit, die Bewegungen dieses Töpferrades zu messen? Könnten wir dann nicht sagen, es vollende seine Umläufe in gleichen Zwischenräumen -der wenn es sich bald langsamer, bald schneller drehte, [S. 291] die Umlaufszeiten seien bald länger bald kürzer? Oder wenn wir dies sagten, verliefe dann unsere Rede nicht in der Zeit? Oder gäbe es in unseren Worten nur deshalb lange und kurze Silben, weil jene eine längere Zeit tönten, diese eine kürzere? O Gott, verleihe du es den Menschen, daß sie am Kleinen die allgemeinen Begriffe der kleinen und großen Dinge kennen lernen! Ja auch die Gestirne und Lichter des Himmels sind Zeichen der Zeit, der Jahre und der Tage; das sind sie. Darf ich aber auch nicht die Umlaufszeit jenes hölzernen Rädchens einen Tag nennen, so darf jener Gelehrte auch nicht behaupten, dieser Umlauf sei gar keine Zeit.
Ich will zur Erkenntnis der Bedeutung und des Wesens der Zeit gelangen, mit der wir die Bewegungen der Körper messen und dann z. B. sagen, die eine Bewegung dauere doppelt so lange als eine andere. Denn ich frage danach, weil wir nicht nur den Zeitraum Tag nennen, da die Sonne über der Erde steht - danach scheiden wir Tag und Nacht -, sondern auch die Dauer des ganzen Umlaufs vom Aufgang bis wieder zum Aufgang, demgemäß wir sagen: "So viele Tage sind vorübergegangen". Wir zählen nämlich die Nächte mit, wenn wir von "so vielen Tagen" sprechen, wir zählen sie nicht etwa besonders. Wenn also der Tag durch die Bewegung der Sonne und ihren Kreislauf vom Aufgange bis wieder zum Aufgange vollendet wird, dann frage ich: Ist die Bewegung selbst der Tag, oder ist es die Dauer, in der sich diese Bewegung vollzieht, oder beides? Denn wenn die Bewegung selbst der Tag wäre, dann müßte man von einem Tage sprechen, auch wenn die Sonne ihren Lauf innerhalb einer einzigen Stunde vollendete. Wäre die Dauer der Tag, so wäre dann kein Tag, wenn es von einem Sonnenaufgang bis zum anderen nicht länger als eine Stunde währte, so daß dann die Sonne vierundzwanzigmal ihren Umlauf vollenden müßte, damit ein Tag entstehe. Wären aber Bewegung und Dauer der Tag, so könnte man es weder einen Tag nennen, wenn die Sonne ihren Kreis in der Zeit einer Stunde vollendete, noch auch, wenn die Sonne etwa feierte und darüber soviel Zeit verginge, als sie in der Regel zur Vollendung ihres ganzen Umlaufs von einem [S. 292] Morgen bis zum anderen braucht. Ich will jetzt darum nicht weiter fragen, was eigentlich der Tag, sondern was die Zeit ist; mit ihr messen wir ja den Kreislauf der Sonne und sagen, dieser Kreislauf sei in der Hälfte der gewöhnlichen Zeit vollbracht worden, wenn er in der Zeit von zwölf Stunden vollbracht wurde. Und bei einem Vergleiche beider Zeiten würden wir jene die einfache, diese die doppelte nennen, auch wenn die Sonne bisweilen ihren Kreislauf von Osten zu Osten bald in jener einfachen, bald in dieser doppelten Zeit durchliefe. Sage mir also keiner, die Bewegung der Himmelskörper sei die Zeit, weil ja auch damals, als auf eines Mannes Wunsch1 die Sonne stille stand, damit er siegreich die Schlacht vollende, nur die Sonne stille stand, die Zeit aber weiter ging. Und jene Schlacht wurde geliefert und beendigt in dem Zeitraume, der für sie genügte. Ich sehe also, daß die Zeit eine gewisse Ausdehnung ist. Aber erkenne ich es, oder glaube Ich es nur zu erkennen? Du, der du das Licht und die Wahrheit bist, du nur wirst es mich lehren.
1: Vgl. Jos. 10,2 f.