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Mascha
Die feinen Schweissperlen auf der Oberlippe glitzerten und wurden immer grösser.
Bald würden sie sich berühren, sich küssen und in einem feinen Rinnsal, der tiefen Nasolabialfalte entlang, zum Kinn laufen und dann über die Kante stürzen. Es sei denn, sie würden noch früh genug abgefangen. Obwohl sich die Frau mit der Grundierung ihres Gesichtes sichtlich bemüht hatte, konnte man die Ansätze eines leichten Damenbartes erkennen. Die wahrscheinlich erst am Morgen rasierten Härchen versuchten sich bereits am frühen Nachmittag wieder ins Rampenlicht zu drängen. Ebenfalls konnte man unter der dicken Schicht tiefe Aknenarben erkennen. Sie hatten zu früheren Zeiten wüste Krater in die Haut gegraben. Wie sehr musste sie deswegen in der Schule gehänselt worden sein? Sicher hatte dies nebst Trauer und Wut auch Verbitterung nach sich gezogen. Und die würde sie jetzt zu spüren bekommen. Sie konnte es fühlen. Die Frau nickte Ihrem Kollegen zu. Es musste das Startzeichen sein.
«Frau Eliana Andrejewna Winogradowa, geboren 17. 3. 1973 in Minsk. Tochter von Magdalena Winogradowa, geborene Wagner, Vater Andrej Sergejewitsch Winogradow?»
Die Frau sah sie fragend an.
« Korrekt.»
«Sie wissen, weshalb Sie hier sind? Wurden Sie über die aktuelle Angelegenheit ausreichend informiert?»
«Ja.»
Eliana blickte die Frau an. Sie mochte gegen die sechzig zugehen. Schien in Anbetracht der Körperfülle nicht sonderlich viel Sport zu treiben. Wahrscheinlich war sie einsam und stopfte abends vor dem Fernseher lauter ungesunden Mist in sich hinein. Um sich zu trösten oder was auch immer zu kompensieren. Sicher hatte sie viel in die Karriere investiert, es war selten, dass Frauen bei der Kriminalpolizei eine so hohe Stellung für sich beanspruchen konnten. Immer noch. Und sie sah nicht danach aus, als hätte sie sich für den Posten hochgeschlafen. ‚Generalmajor Olga Dimitrowna Basajeva‘ stand auf dem Schild. Die harte Arbeit und wenig Schlaf und vielleicht das Leben ganz allgemein schienen ihr zugesetzt zu haben. Daher wohl der verhärmte Gesichtsausdruck. Nichtsdestotrotz schien ihr ein gepflegtes Äusseres wichtig zu sein. Die dichten, schwarz gefärbten Haare waren sauber zu einem perfekten Dutt hochgesteckt. Schlichtes, graues Kostüm. Die zu kleine Bluse spannte über den üppigen Brüsten.
Sie spürte, wie ihr der Kopf hämmerte. Ihre Mutter hatte ihr oft diese Frisur gemacht. Gnadenloser, strenger Dutt. Unzählige Male. Kein Haar durfte während dem Ballettunterricht hinausrutschen. Sie rieb sich die Schläfe, als könnte sie den Schmerz damit einfach wegradieren. Hör auf. Sie griff den Pappbecher und trank einen Schluck Wasser. Olga fuhr fort.
«Eine Person wird seit einigen Wochen vermisst. Männlich. 72 Jahre alt. Sagt Ihnen der Name Jevgeni Nikolajitsch Petrow etwas?» Olga blickte sie an.
«Ja.»
«Inwiefern?» Eliana nahm noch einen Schluck. Als könnte sie damit das Unumgängliche einfach wegspülen. Reiss dich zusammen, Herrgott nochmal!
«Er war mein Klavierlehrer. Während der Zeit am Gymnasium. Von der fünften bis zur elften Klasse.» Ihr Herz schlug zu schnell. Sie war eine kleine, zierliche Frau, feingliedrig und seit jeher viel zu dünn. Für eine Ballettkarriere gerade richtig. Der lange Schwanenhals thronte schier majestätisch auf ihrem schlanken Körper. Auf den sie immer stolz gewesen war.
Er zeugte von strenger Disziplin und harter Arbeit. Nur jetzt gerade, hätte sie sich ein bisschen mehr subkutanes Körperfett im Halsbereich gewünscht. Wer sie genau beobachtete, würde die pochende Halsschlagader unter der blassen Haut erkennen. Den rasenden Puls. Olga würde es als Warnsignal deuten und sofort mit Stress oder Angst in Zusammenhang bringen.
«Wann haben sie Herrn Jevgeni Nikolajitsch Petrow das letzte Mal gesehen?»
Die Stimme klang ebenso emotions-wie ausdruckslos. Vielleicht hatte sie den schnellen Herzschlag nicht registriert. Und wenn, würde sich Olga nichts anmerken lassen. Vorerst.
«Das war, als ich das Gymnasium verlassen habe. Nach dem Abschlusskonzert. Wir hatten damals ein Schulorchester.»
«Haben sie sich nach der Schulzeit noch weiter getroffen? Ich meine, er war lange Zeit Ihr Klavierlehrer. Sie trafen ihn über viele Jahre einmal die Woche. Da entsteht doch sicher eine Freundschaft.» Der Versuch, freundlich zu wirken schlug fehl.
Du scheiterst gerade kläglich, Olga Dimitrowna Basajeva! Meinst, du kannst mich ködern mit deiner hämisch grinsenden Fratze. Freundschaft. Was weisst du schon. Gar nichts weisst du! Und bildest dir ein, ich würde auf diesen Zug aufspringen. Tja. Wird leider nichts daraus. So ein Pech aber auch!
«Ich habe Jevgeni Nikolajitsch Petrow das letzte Mal am Abschlusskonzert gesehen. Wie ich eben schon sagte.» Atme. Ruhig. Lüg.
«Ja. Das sagten sie bereits. Es scheint mir nur etwas aussergewöhnlich», sie räusperte sich. «Immerhin waren Sie doch auch mit seiner Tochter befreundet. Mascha?» Wieder dieser gekünstelt freundliche Gesichtsausdruck. Aber deine Augen sind kalt, Olga. Du bist nicht die wohlwollende mütterliche Freundin, die du gerade vorgibst zu sein.
«Da waren sie doch sicher auch nach der Schulzeit noch öfters zu Besuch?»
«Mascha war während der Zeit am Gymnasium meine Freundin. Ja. Ich habe dann ein Stipendium erhalten für ein Medizinstudium in England. Aber das wissen Sie ja sicher, immerhin haben Sie meine Akte studiert. So wie es sich gehört.» Der letzte Satz kam ein bisschen zu zynisch daher. Das realisierte sie erst, als es zu spät war.
«Danach bin ich nach London gezogen. Der Kontakt zu Mascha hat sich irgendwann verloren. Wir hatten andere Interessen. Andere Pläne.» Lüg weiter.
«Sie wollte Minsk nicht verlassen. Ihre Mutter war schwer erkrankt. Also ist sie geblieben. Aber das wissen Sie ja sicher auch.» Sie ist geblieben.
Säure bildete sich in ihrem Mund. Galle stieg auf. Sie konnte es fühlen. Den bitteren Geschmack schmecken. Sie schluckte den Schwall hinunter. Ihre Kehle brannte.
Disziplin, meine Liebe. Du weisst, wie es geht.
«Wussten Sie, dass gegen Jevgeni Nikolajitsch Petrow ein Verfahren lief? Eine seiner früheren Klavierschülerinnen hat ihn angezeigt. Der sexuellen Belästigung beschuldigt.»
Olga nahm einen Schluck Kaffee aus der alten weissen Emailletasse. Sie behielt Sichtkontakt.
«Das war vor zwei Jahren. Das Verfahren wurde eingestellt. Aus Mangel an Beweisen. Das hat seiner Karriere geschadet. Er konnte seitdem keinen Unterricht mehr geben, keine Konzerte. Das hat ihm schwer zugesetzt. Er lebte sehr zurückgezogen, hatte nur noch sporadischen Kontakt zu seinem Sohn.»
Oh- wie traurig, dass Jevgeni Nikolajitsch Petrows Karriere den Bach runterging. Wirklich herzzerreissend.
«Meine Mutter hat es mir erzählt. Dieser Skandal stand ja wohl in allen Zeitungen.»
Jevgeni Nikolajitsch Petrow wurde seit sieben Wochen vermisst. Als ihn sein Sohn mehrere Tage lang telefonisch nicht erreichen konnte, alarmierte er die Polizei. In der Wohnung wurde nichts Verdächtiges gefunden. Sie war aufgeräumt und das Bett gemacht. Nur in der Küche hatten sich ein paar Fruchtfliegen über dem Früchtekorb versammelt. Da die Angelrute nicht zu finden war, vermutete man, dass er allenfalls zum Angeln gefahren war. Man hatte den gesamten Bezirk rings um den Zaslavsky Stausee abgesucht. Während mehreren Tagen suchten Polizeitaucher in Taucheranzügen den See ab. Ohne Ergebnis. Jevgeni Nikolajitsch Petrow war verschwunden.
«Eliana. Ich möchte Sie etwas fragen. Etwas persönliches. Wenn es Ihnen lieber ist, schicke ich meinen Kollegen raus.»
«Fragen Sie.» Bringen wir es hinter uns.
«Haben Sie während Ihrer Zeit bei Jevgeni Nikolajitsch Petrow etwas ähnliches erlebt? Ein unangemessenes Verhalten vielleicht?»
«Nein.» Ein sachliches klares Nein. Keine Emotionen.
«Wir vermuten, dass es vielleicht noch andere Betroffene geben könnte. Es haben sich noch zwei Schülerinnen gemeldet nach der Anzeige. Jevgeni Nikolajitsch Petrows plötzliches Verschwinden könnte allenfalls damit zusammenhängen. Wir vermuten einen Suizid. Ein Verbrechen kann aber nicht ausgeschlossen werden. Wir haben weder die Leiche noch eine Spur zu einem Verdächtigen. Falls Ihnen also doch noch irgendetwas einfallen sollte, dann zählen wir auf Ihre Mithilfe.»
«Hören Sie. Wie gesagt war Jevgeni Nikolajitsch Petrow mein Klavierlehrer. Ein aussergewöhnlicher, wunderbarer Mensch. Ein begnadeter Pianist. Er war mein Vorbild und Mentor. Ich habe ihn bewundert und verehrt.»
Diesmal dauerte es einige Sekunden, bis sie die Galle wieder hinunterschlucken konnte.
Um ein Haar hätte sie sich auf den Aktenordner übergeben. Dieser Kraftakt, den Brechreiz zu unterdrücken, liessen ihr Tränen in die Augen schiessen. Nur ein Wimpernschlag später rollten sie über ihre Wangen und tropften auf die smaragdgrüne Leinenhose.
«Es macht mich gerade sehr traurig» Atme. «Dass er verschwunden ist oder ihm gar etwas Schlimmes zugestossen ist. Ich hoffe wirklich sehr, dass Sie ihn bald finden.» Schluchze.
Die Tränen leisteten das Übrige. Ein dicker Schleimtropf aus der Nase drohte abzustürzen.
Sie wischte ihn mit dem Handrücken weg.
Olga reichte ihr ein Taschentuch. «Sollen wir eine Pause machen?»
«Nein.»
Das Gespräch dauerte noch eine halbe Stunde. Weitere Fragen folgten. Ihr Leben in London, das abgebrochene Medizinstudium, die abgebrochene Karriere als Balletttänzerin, Freundeskreis, Beziehung zu den Eltern, Kontakte in Minsk. Belangloses Zeug. Olga drückte ihr beim Rausgehen die Visitenkarte in die Hand.
«Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.»
«Das mache ich.» Jetz raus hier.
Sie stürzte förmlich die Treppe hinunter zum Parkplatz, wo der alte Lada wartete. Ihre Eltern hatten ihr den Wagen zum 19. Geburtstag geschenkt. Zu oft war sie per Anhalter gefahren und das bereitete ihnen Sorgen. Den Wagen hatten sie sich praktisch vom Mund abgespart.
Das wusste sie zu schätzen. Sie stieg ein und liess sich auf das alte Lederpolster fallen. Obwohl sie keine Luft bekam, zündete sie sich eine Zigarette an und zog gierig daran. Auf dem Beifahrersitz lag das alte Prepaidhandy. Sie klappte es auf. Und tippte Maschas Nummer.