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3.2.2 Die Um- Welt nicht-sinnorientierter Systeme
Die Frage, was die Welt in der Umwelt von Systemen zu suchen hat, warum man also nicht einfach von einer Um-Gebung, einem Drumherum, einer enveloppe spricht, wird man heute (wie wir es auch gleich tun werden) von Sinnsystemen her zu beantworten versuchen, Systemen also, die intern eine Innen/außen Unterscheidung nicht nur praktizieren, sondern auch noch beobachten, mithin für sich selbst so ein Innen sind, daß sie Innen/Außen in sich noch einmal unterscheiden.
Für solche Systeme ist (um mit der berühmten Definition Batesons zu spielen) eine Information nicht einfach ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Sie ist ein Unterschied, der unterschieden wird. Sie ist der Unterschied als Unterscheidung, die sich von anderen Unterscheidungen unterscheiden lässt171.
171 Vgl. aber zu dem Versuch, einen Informationsbegriff für sinnfreie Systeme zu schaffen, M. Bastide, A. Lagache und C. Lemaire (Information erster Ordnung), von dem Fall, daß eine Unterscheidung einen Unterschied macht (Information zweiter Ordnung). Und sagen dann: daß Sinnsysteme Informationen zweiter Ordnung prozessieren.
Sinnsysteme sind unterscheidende Systeme. Sie beobachten Unterscheidungen, und unter anderem unterscheiden sie in sich selbst Innen und Außen, und selbst diese Unterscheidung können sie, ohne es zu müssen, noch einmal unterscheiden, wie wir es gerade tun.172
172 Das sind sehr voraussetzungsvolle Leistungen. Siehe zu Mutmaßungen über den Erwerb dieser Fähigkeit bei Säuglingen Fuchs, Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, a. a. O. Vgl. zur Annahme, daß Beobachtungen »logisch mächtig genug« sein müssen, um diesen re-entry zu vollziehen, N. Luhmann, Soziologische Aufklärung, Bd. 6, OpIaden 1995, S.48.
Sie schreiben, wie man sagen könnte, in die Welt der Unterschiede eine eigene Welt der Unterscheidungen ein. Nur sie unterscheiden Unterschiede. Sie sind in dieser Hinsicht konkurrenzlos.173
173 So könnte man jedenfalls damit beginnen, die Unterscheidung von Natur und Kultur zu reformulieren. Natur wäre dann nach der Schellingschen Wendung die Indifferenz gegenüber Identität und Differenz, und wir würden sagen: Sie wäre die Unterscheidungslosigkeit, wieviel an Unterschieden auch immer ein sinngeführter Beobachter an ihr unterscheiden kann. So hat im übrigen schon die spanische Kabbala optiert,wenn sie Gott umschrieb als große Wirklichkeit, als indifferente Einheit, also als EnErleben erleben.
Nur Sinnsysteme lassen die Frage zu, wie die Umwelt von ihnen unterschieden wird. Und nur für sie gilt, daß die Antwort tautologisch ist: Sinnförmige Systeme spannen sinnförmige Umwelten auf. Sie können, was immer sie beobachten, nur in der Form der Wahl aus Uberschüssen registrieren.
Fatal ist, daß ausschließlich diese Form für Weltbeobachtung zur Verfügung steht. Beobachtete Welt hat ihre Epiphanie in der konditionierten Koproduktion psychischer und sozialer Systeme, auch dann, wenn die Beobachtung sich auf Gegebenheiten bezieht, die von Sinnsystemen her als nicht sinnförmig operierend begriffen werden: auf Steine, Viren, Krokodile, Schreibtischlampen, Computer, auf die nicht sinnförmig gedachte (aber nur in der universalen Kategorie des Sinns bezeichenbare) Staffage jener Koproduktion.174
174 Daß man dann Sinn verlassen müßte unter dem Gesichtspunkt einer totalen Abstraktion und dorthin zu gehen hätte, wo die Nicht-Prädikation, die Prä-Signifikation herrscht, über den Saum des Sinns hinaus, das ist das Gotthard Günthersche Projekt. Vgl. J. Ditterich und R. Kaehr »Einübung in eine andere Lektüre. Diagramm einer Rekonstruktion der Güntherschen Theorie der Negativsprachen«, in: Philosophisches Jahrbuch 86, 2 (I979), S. 386.
Nicht-Sinn (also auch das nicht sinnförmige System) begegnet immer nur sinnförmig, begegnet unterscheidenden Beobachtern, für die Unterschiede nicht (sozusagen reißverschlussförmig) einfach in Unterschiede einhaken, sondern unterschieden werden. So kann man denken (oder darüber reden), daß es Hinter-Sinn-Schichten des Seins gebe, das indifferente Spiel der Natur, einen Saum des Nichtsinnhaften175, der den Horizont des Sinns trägt und erhält, ohne selbst Sinn zu sein, die Domäne des Präsignikativen176, aber man denkt (und redet) auch dies: in der Form von Sinn.
175 Siehe zur Metapher des Saumes (der dann das Leben bezeichnet, insofern es über die Sphäre des Intellektes hinausschwillt): H. Bergson Schöpferische Entwricklung, Jena 1912, S. 52
176 Ebd.
Daran scheint sich nichts zu ändern, wenn der System - und damit auch der Beobachtungsbegriff so abstrahiert wird, daß er es gestattet, über (allopoietische oder autopoietische) Systeme, die nicht sinnförmig operieren (zum Beispiel lebende Systeme, Maschinen im weitesten Sinn etc.) Aussagen zu treffen. Auch dies geschieht in der Form von Sinn, in der Form von Überschuß und Selektion oder, wie wir lieber sagen, in der einzigartigen Form des zeitlichen Nachtrags, in der das, was aktuell geschieht, erst geschehen ist, wenn es durch ein weiteres Ereignis identifiziert wird, in der Ereigniskonstruktion post festum, in der différance. Wir könnten dies die Eventualität solcher Systeme nennen.177
177 Ein altes Motiv, das für William James auch die Begründung dafür liefert, daß Introspektion ein immer zu spät ankommendes Verfahren ist. »Whilst alive they are their own property; it is only post
Um für diese Zeitstruktur einen bündigen Ausdruck (eine handhabbare Unterscheidung) zu haben, kann man die Sinnzeit von der Naturzeit unterscheiden.178 Die Sinnzeit ist retrokonstruktiv, in jeder Aktualität die Produzentin jenes fundamentalen Aufschubs, der Identität und Differenz different hält und kein Ereignis mit seiner Aktualität zusammenklappen lässt. Die Sinnzeit ist die Zeit des Zu-Spät. Und des Immer-zu-Spät.179
178 Angeregt durch F. W. J. Schelling, »Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie«, in: ders., Schriften von 1799-Indifferenz von Identität und Differenz. Ich komme noch ausführlicher darauf zurück. Auch Nietzsche hat Natur wohl ähnlich gedacht. »Es gibt weder ein Naturrecht, noch ein Naturunrecht«, formuliert er in Menschliches, Allzumenschliches, in: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München/Berlin/New York 1980, Bd. 2, S. 563.
179 Wundervoll paradox bei P. Handke, Die Geschichte des Bleistifts, Salzburg/Wien I982, S. 29: »Kurz bevor der Schmerz tatsächlich einsetzte, wurde er schon gedacht, an der späteren Schmerzstelle.«
Weder sozial noch psychisch (also auch nicht: für die konditionierte Koproduktion, die letztlich unser Thema ist) gibt es ein hic et nunc, ein hic Rhodos, hic salta.180 Jede Gegenwart ist für Sinnsysteme konstruierte Gegenwart.181
180 Siehe als einschlägige Analyse Fuchs, Das Unbewußte in Psychoanalyse und Systemtheorie, a. a. 0.
181 Das neuronale System, das selbst nicht als Sinnsystem gilt, liefert in jeder Aktualität das, wofür das Bewußtsein immer zu spät kommt. Siehe etwa M. Carrier und J. Mittelstraß, Geist, Gehirn, Verhalten. Das Leib-Seele Problem und die Philosophie der Psychologie, Berlin/New York 1989, S. 238. Die Konstruktion der Gegenwart für bewußte Sinnsysteme kann im Grenzfall durch ein Erleben der Parousie ersetzt werden, wofür dann aber der Wegfall des Selbst erforderlich ist. Für diese Annahme jedenfalls vgl. H.G. Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1972, S. 122.
Und es gibt keine Aktualität, die für solche Systeme anders als in dieser Konstruktion beobachtet werden könnte.182 Die Folge ist, daß nicht-sinnförmige Systeme in sinnförmiger Beobachtung nur verkannt auftauchen.183 Oder, um uns die hier mögliche Referenz auf ein Original zu ersparen, das verkannt werden könnte: Es gibt keinen Zugriff auf nicht-sinnförmige Systeme.184 Auch nicht, wie man vielleicht hinzufügen sollte, auf das, was an sinnförmigen Systemen die nicht-sinnförmige Bedingung ihrer Möglichkeit ist. Darüber können wir nachdenken, darüber lässt sich reden, aber eben nur dies, nie etwas anderes.185
182 Jeder Versuch, ohne Beobachtung zu beobachten (das hieße: ohne Konstruktion), würde sinnhafte Existenz auslöschen. Wir erzeugen eine Existenz, indem wir die Elemente einer dreifachen Identität auseinandernehmen. Die Existenz erlischt, wenn wir sie wieder zusammenfügen. Jede Kennzeichnung impliziert Dualität, wir können kein Ding produzieren, ohne Koproduktion dessen, was es nicht ist, und jede Dualität impliziert Triplizität: Was das Ding ist, was es nicht ist, und die Grenze dazwischen.« Spencer-Brown, Gesetze der Form, a. a. O., S. XVIII.
183 Dies, scheint mir, gilt auch für die subatomare Physik, jedenfalls immer dann, wenn sie die Paradoxien, auf die sie trifft, dem Gegenstandsbereich zuordnet und nicht sich selbst als sinnlimitierter Beobachterin. Bei den Nuern tritt an die Stelle der Verschiebung oder Verkennung (also für das nicht Bezeichenbare) die Bezeichnung »kwoth« ein. Vgl. dazu A. Schäfer, Unbestimmte Transzendenz. Bildungsethnologische Betrachtungen zum Anderen des Selbst, Opladen 1999, S.161.
184 Das klingt kontraintuitiv, aber auch der Kontakt mit dem Körper wird bewußt unterschieden. Der Schmerz ist nicht einfach nur ein Unterschied. Wir wissen nicht, wie es ist, bezeichnungsfrei zu leiden, Lust zu empfinden oder zu sterben. Wir beobachten Tiere (oder wir reden darüber) und denken, sagen, sie hätten Schmerzen oder Lust oder Todesangst. Aber worauf es hier ankommt, ist, daß wir dies nicht wissen - außer in der Form von Sinn. Das für mich wichtigste Beispiel ist in diesem Kontext Franz Kafkas »Die Verwandlung«, eine der schönsten und hier instruktiven Stellen darin: »Trotz aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.« Wir haben es mit dem Lächeln eines ungeheuren Ungeziefers zu tun, ein Lächeln jenseits jeder Vorstellung - und gleichwohl auf der Basis von Sinn gesagt. Vgl. dazu C. Schlingmann, »Die Verwandlung«, in: R. Hirschauer und A. Weber (Hg.), Interpretationen zu Franz Kafka, München I973. Siehe zum Gegenwärtig-Werden der Welt am Körper (allerdings im Kontext impliziten Wissens): M. Polany, Implizites Wissen, Frankfurt am Main I985, S. 23 f.
185 Dagegen könnte Wahrnehmung eingewandt werden. Aber soweit ich sehe, kann man heute von nicht sinnförmigen Wahrnehmungen kaum sinnvoll reden. Der Wolf sieht kein Rotkäppchen, der Hund wittert kein Kaninchen, die Katze spielt nicht mit der Maus. Der Wolf ist kein Wolf, der Hund kein Hund, die Katze keine Katze, und die Maus keine Maus - für eine Wahrnehmung, die die Registratur von Unterschieden oder die Projektion einer bezeichnungsfreien Nahwelt ist - und nicht aufgeladen mit Signifikation im Medium Sinn. Übrigens gelten diese Sätze selbst nur aus der Sinnwelt heraus. Nichts lässt sich gegenwärtig darüber sagen, ob es in psychischen Systemen von Wölfen (was immer das sein mag) Sinnäquivalente gibt. Impulse dazu müßte man aus der AI-Forschung beziehen können, die genau aus dem Grund darniederliegt, daß sie all die bizarren Überlegungen, die wir uns gerade gönnen, nicht nachvollzieht. Im übrigen würden eine eingehendere Analyse auf den Übergang zwischen nicht-sinnförmiger und sinnförmiger Wahrnehmung auf die Husserlsche Apperzeption stoßen.
Zum selben Ergebnis kommt man, wenn man Spencer-Browns Existence is a selective blindness sehr genau nimmt.186
186 Spencer
Existenz kommt ins Spiel durch den Einsatz von Unterscheidungen, bei denen jeweils eine Seite stärker in Anspruch genommen wird als die andere. Gesehen wird das Loch, nicht das Nicht-Loch, die Masche, nicht die Nicht-Masche oder, im Beispiel Spencer-Browns: Wir spülen nicht das Geschirr, sondern kratzen das Universum ab, »um dem Geschirr eine saubere Grenze zu geben«.187
187 Ebd., S. 191, Anmerkung :Spencer-Brown wählt zwar ein ökotrophologisches Beispiel, aber im Versteck dieses Beispiels sagt er auch, daß es keine Tätigkeit gibt, die nicht das Universum moduliert. Ich finde darin etwas sehr Tröstliches. Im übrigen sind weder die Beispiele Spencer Browns noch meine sonderlich originell:
Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe:
Durch ihr Loch in der Mitte
wird das Rad brauchbar.
Forme Ton und bilde ein Gefäß:
Es ist die Leere, die es brauchbar macht.
Schneide Tür und Fenster aus, damit ein Raum entsteht:
Es sind die Löcher, die ihn brauchbar machen.
Also kommt Gewinn durch das, was da ist,
Brauchbarkeit durch das, was nicht da ist.«
Lao-Tse, zitiert nach Watts, Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus, a. a. O., S. 48 f.
Würde dafür Aufmerksamkeit abgezweigt (würde die Aufmerksamkeit gleich verteilt), würde man also versuchen können, gleichzeitig Loch/Nicht-Loch, Masche/ Nicht-Masche, Geschirr/Nicht-Geschirr zu beobachten, verschwände die Grenze, gäbe es keine Unterscheidung mehr, löste sich Innen und Außen auf.188 Die Welt schnurrt auf die Nicht-Unterscheidung zusammen.189
188 Ich zitiere aus diesem unglaublichen Last word, a.a.O., S. 194: »We do exactly the same with ourselves. When we die the self-boundary eventually disappears. Before it did so, we ascribed a huge value to what we called >inside< of ourselves, and comparativeley little value to what we called >outside<. The death experience is thus ultimatley the loss of the selective blindness to see both sides of every distinction equally. This by definition is absolute knowledge or omniscience, which is mathematically impossible except as equated with no knowledge at all. In the ascription of equal values to all sides, existence has ceased altogether, and the knowledge of everything has become knowledge of nothing.« Von hier aus lässt sich auch eine Theorie gewinnen, die die Logik der Auflösung von Symptomen nachzeichnet als Logik einer Unterscheidungsvernichtung.
189 Siehe auch die Studie über Zen-Buddhismus in Luhmann/Fuchs, Reden und Schweigen, a. a. O. Der abstrakte Expressionismus verlangt bei den Ergebnissen des action painting, daß der Beobachter ganz nahe an die Bildfläche herangeht. Das Reale entsteht dann als Nahezu-Löschung der Unterscheidungsfähigkeiten des Beobachters, als Angriff, als Befall des Vermögens zur Unterscheidung. Vgl. S. Zizek, Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur (Wo Es war, I), Wien I992, S. 66, Anm.19. Wenn die Nicht-Unterscheidung geschähe, hätte man es mit dem Großen Tod zu tun, der Auflösung jeder Zentrik, etwas Positivem in den buddhistischen Traditionen, natürlich auch in der chinesischen Philosophie. Die Symbole Yin und Yang stehen für eine Polarität ein, in der nicht eine Seite der Unterscheidung verschwinden kann, ohne daß die andere verschwindet.
In James Joyce' Erzählung »The Dead« (Die Toten/The Dead, Frankfurt am Main 1990, S.115) heißt es am Ende: »A few light taps upon the pane made him turn to the window. It had begun so snow again. He watched sleepily the flakes silver and dark, falling obliquely against the lamp
Diese Einschätzung kann man kaum noch tiefer legen, allenfalls festhalten, daß sie für die Sinnwelt gilt, in der Unterscheidungen und Bezeichnungen vorgenommen werden, in der den Anweisungen Spencer-Browns gefolgt werden kann, so dass sich auch sagen liesse Meaning is a selective blindness.190 Aber das ist selbst sinnförmig gesagt und fällt deshalb unter das eigene Gesetz. Der Satz formuliert seine eigene Blindheit. Er sagt nicht, wogegen er sich unterscheidet (eher schon, wogegen er sich entscheidet), und wollte man auf dieses Wogegen die Aufmerksamkeit gleichzeitig richten, verschwände sein Sinn.191
190 Ich fülle meine Welt bis zum Rand aus; mein Gesichtsfeld als universales Seinsmilieu, formuliert M. Merleau-Ponty, Die Prosa der Welt, München I993, S. 151.
191 In gewisser Weise schützt Sinn vor Realität. Auf deren Destruktionseigenschaften komme ich zurück. Das Sinn-Verschwinden kann religiös geschätzt werden. »Das ganze Sein hat sich auf dieser Stufe in einen ausgedehnten, grenzenlosen Raum der Leere verwandelt, in dem nichts als etwas Bestimmtes begriffen werden kann. Der Mensch erfährt in dieser Situation unmittelbar die ganze Welt des Seins als Nichts«, kann im Rahmen des Zen formuliert werden. Vgl. T. Izutsu, Philosophie des Zen-Buddhismus, Hamburg I 979, S. 35.
Wir folgern, daß der Weltbegriff (also auch der Um-Weltbegriff) auf Sinnsysteme bezogen werden muß, auf soziale und psychische Systeme. Jenseits von Sinn macht der Systembegriff keinen Sinn, gibt es keine Unterscheidungen, ist schiere Indifferenz gegenüber Identität und Differenz.192 Uber alles da draußen, darunter, dahinter läft sich reden - auf der Innenseite von Sinn.193
192 Dies ist nicht selbst wieder eine ontologische Aussage. Sie beschreibt den Effekt sinngeladener Operationen. Ich komme auch darauf zurück.
193 Wir können damit (aber ohne entsprechend weitreichende Ambitionen) sagen, daß die geistige Situation einer Zeit ihre Sinn-Situation ist und die Sinn-Situation die konditionierte Koproduktion sozialer und psychischer Systeme. Damit ließe sich K. Jaspers, Die geistige Situation der Zeit, 5., zum Teil neu bearbeitete Auflage, Berlin I933, entschieden schärfer stellen.
Wir schränken damit den Systembegriff entschieden ein, und nur deshalb können wir über eine Um-Welt reden. Strenggenommen behaupten wir damit, daß der Satz: Es gibt Systeme nur dann Sinn macht, wenn er selbst selektiv blind, also sinnhaft ist. Er müßte lauten: Es gibt Sinnsysteme.194 Und nur Sinnsysteme beobachten. Denn nur sie sind blind-in-Hinsicht-auf: Der Rest ist Weder-Noch: weder tot noch lebendig, weder innen noch außen.195
194 Dies ist nur eine leichte Zuspitzung dessen, was Luhmann (Soziale Systeme, a. a. O., S. 283 f.) selbst dazu sagt.
195 Auch solche Formulierungen sind nicht neuartig. Ich denke, weil es sich in dieser Arbeit so fügt, an den mittleren Weg der achtfachen Verneinung der japanischen Sanron-Schule, hier zitiert nach L. Brüll, Die japanische Philosophie. Eine Einführung, Darmstadt I989, S. 30:
»Weder Entstehen noch Aufhebung
Weder Vernichtung noch Ewigkeit -
Weder Einheit noch Vielheit -
Weder Kommen noch Gehen-«.
Die Nirvana-Idee ist nicht anders: »Es gibt, ihr Mönche, einen Bereich, wo weder Festes noch Flüssiges ist, weder Hitze noch Bewegung, weder diese Welt noch jene Welt, weder Sonne noch Mond. Das, ihr Mönche, nenne ich weder ein Kommen noch ein Gehen, noch ein Stillestehen, weder ein Geboren Udana VIII, zit. nach F. Kraus, »Erlösung durch Erleuchtung«. Einführung zu Daisetz Teitaro Suzuki, Der Weg zur Erleuchtung. Die Übung des Koan als Mittel, Satori zu verwirklichen oder Erleuchtung zu erlangen, Baden-Baden, S. 7»Ich habe gesehen die Leiber, nicht die Leiber; ich will sagen die Körper, nicht die Körper; ich will sagen die Beiner, nicht die Beiner; ich will sagen den Staub, nicht den Staub ...«, formuliert Abraham a Santa Clara, hier zitiert nach H. Waldenfels, »Zen und Philosophie«, in: Zen Buddhism Today. Annual Report of the Kyoto Zen Symposium, published by the Kyoto Seminar for Religious Philosophy, No. 2 (1984) S. 1-28. Das ist nicht nur, wie Brüll (ebenda) sagt, ein Substitut für die Totalität aller Verneinungen, sondern die Verneinungsverneinung schlechthin. Dieses Weder/Noch scheint in der Logik als »Nicodscher Junktor« (aber auch als Peirce-Pfeil) aufzutauchen. Vgl. dazu Ch. Mann, »A universe comes into being«, in: Mind &Logic, Colour, Vagueness. Semiotics, Acta Analytica 10 (1993) S. 93-