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Es war der erste Höhepunkt der Saison: Die «Hong Kong International Races» auf der Galopprennbahn Sha Tin im Norden von Hongkong. Und es sollte auch der Höhepunkt der Karriere von Blond Me werden, der Stute der Zürcherin Barbara Keller. Doch im «Hong Kong Cup», dem mit umgerechnet knapp
3,2 Millionen Franken am höchsten dotierten Rennen des Tages, hatte sie alles gegen sich. Zuerst wurde sie am Start weggedrückt und dann war das Rennen auch noch komplett verbummelt. Vor rund 95000 Zuschauern endete am vergangenen Sonntag auf der Galopprennbahn «Sha Tin» Blond Me auf dem letzten Platz. «Das Rennen war viel zu langsam, das mag sie nicht», sagte die sichtlich enttäuschte Zürcherin. Blond Me kam nie vom Ende des Feldes weg. «Aber die Hauptsache ist ja, dass sie gesund aus dem Rennen gekommen ist», so Keller. Jockey Oisin Murphy ergänzte: «Sie hat mir grossartige Erlebnisse gegeben. Aber heute konnte sie sich bei der langsamen Fahrt nie vom Schluss lösen.» Den Sieg holte sich nach einer taktischen Meisterleistung seines Jockeys Zac Purton der vierjährige in Hongkong trainierte Wallach Time Warp vor dem heimischen Favoriten Werther und dem Japaner Neorealism. Purton hatte vorne das Tempo verschleppt und dann schlagartig gesteigert, da kam der Rest nicht mit. In den vier Gruppe-I-Prüfungen wurden 83 Millionen Hongkongdollar, etwa elf Millionen Schweizer Franken, ausgeschüttet. Rund 95000 Zuschauer waren auf die Bahn gekommen. In den zehn Rennen der Tageskarte wurden Wetten für 1,6 Milliarden Hongkong-dollar – etwa 200 Millionen Franken – angelegt.
Barbara Keller (r.) mit ihrem Jockey Oisin Murphy.
Moore schlägt Guyon
Zum ersten Mal in dieser Woche hatte sich die Sonne erfolgreich durch den Dunst gekämpft und garantierte sommerliche Temperaturen. Im ersten der vier Cuprennen, der mit 18 Millionen Hongkongdollar dotierten «Hong Kong Vase», zeigte der vom irischen Meistertrainer Aidan O‘Brien betreute Highland Reel auch bei seinem siebten Erfolg auf Gruppenebene die gewohnten Kämpferqualitäten, als er unter Ryan Moore den starken Angriff von Talismanic (Andre Fabre/Maxime Guyon) erfolgreich konterte und sich noch sicher freimachte. Auf Rang drei landete der Japaner Tosen Basil (Haito Fujiwara/Joao Moreira). Der «Hong Kong Sprint» (18,5 Millionen) wurde erwartungsgemäss eine klare Sache für die einheimische Brigade. Pferde aus Hongkong belegten sogar die ersten fünf Plätze. Der Favorit Mr. Stunning (John Size/Nash Rawiller) setzte sich nach Kampf gegen den Stallgefährten DB Pin durch, auf dem Olivier Doleuze alles versuchte, aber nicht an Mr. Stunning vorbeikam. Blizzard sicherte sich unter Gerard Mosse mit starkem Schlussakkord Rang drei. Peniaphobia und Once I A Moon hatten für ein Höllentempo auf den ersten 1000 Metern gesorgt, landeten aber im geschlagenen Feld. Auch in der «Hong Kong Mile», hier ging es um 23 Millionen Hongkong-dollar, waren die Hausherren favorisiert. Mit Beauty Generation (John Moore/KC Leung) setzte sich nach einem Rennen von der Spitze aber nicht das gemeinte Pferd durch. Mit dem Riesenaussenseiter Western Express (John Sice/Sam Clipperton) auf Rang zwei und dem Mitfavoriten Helene Paragon (John Moore/Tom Berry) dahinter füllten die Einheimischen die Dreierwette. Die europäische Hoffnung Lancaster Bomber (Aidan O‘Brian/Ryan Moore) klappte am Start nach und musste deshalb früh schon einiges tun. Am Schluss fehlten dann die Reserven, sodass es nur zu Rang fünf reichte.
«Hong Kong Cup» als Saisonziel
Es ist schon ein ambitioniertes Unternehmen, bei grossen Rennen in Hongkong zu starten. Doch Keller hatte den «Hong Kong Cup» zusammen mit dem englischen Trainer Andrew Balding, in dessen Quartier Blond Me steht, als Saisonziel und gleichzeitiger Final der Rennkarriere der Stute schon Anfang des Jahres ausgesucht. Sie geht jetzt nach Frankreich in die Zucht. Kellers Leben ist seit jeher eng mit dem Galopprennsport verbunden. Sie war die erste Europäerin, die einen Job als Arbeitsreiterin bei einem australischen Trainer bekam. Das war kein Geringerer als der legendäre Bart Cummings. Danach ging sie nach Irland, wo sie zusammen mit ihrem verstorbenen Mann Patrick Clarke das renommierte Cleaboy Stud leitete. Beim White Turf in St. Moritz war sie mit grossem Erfolg für Auslandskontakte zuständig und so kam auch eine Städtepartnerschaft mit Newmarket zustande. Jetzt züchtet Keller in ihrem Gestüt «Hasenacher Stud & Farm» in Herrliberg mit Erfolg Schecken-Sportpferde. Blond Me ist nicht der einzige Star, der ihre Farben vertreten hat. Die eisenharte Gruppe-I-Siegerin Odeliz, bei Karl Burke in England im Training gewesen, der englische Sandbahnkönig Dansant oder im Hindernissport Translucid, von Christian von der Recke trainiert, sind Pferde, die man auch international kennt.
Barbara Kellers Blond Me unter Jockey Oisin Murphy bei der Parade vor dem Rennen.
Bowman bester Jockey der Welt
Der Renntag in Sha Tin war das sportliche Highlight der vergangenen Woche, doch der erste Mittwoch im Dezember bietet auf der Hongkonger Rennbahn Happy Valley seit 1998 ein soziales Event der besonderen Art: die «International Jockey Championship». Acht Reiter der absoluten Spitzenklasse aus Hongkong und dem Rest der Welt kämpfen um Ehre und umgerechnet 125000 Franken. Diesmal setzte sich vor knapp 26000 Zuschauern mit Zac Purton ein Vertreter der heimischen Jockeygilde durch. Dabei hatte es nach den ersten beiden Wertungsläufen so ausgesehen, als würde der zweifache englische Jockeychampion Silvestre de Sousa triumphieren können. Er musste sich aber mit Rang zwei zufrieden geben. Ryan Moore, der diesen Wettbewerb schon zweimal gewonnen hatte, hatte diesmal keine Chance. Auch nicht der Australier Hugh Bowman, der am Freitagabend bei der Gala im «Convention Center» in Hongkong zum besten Jockey der Welt gekürt wurde. Die Rennbahn liegt mitten in der Stadt, eingebettet in einen Halbkreis aus riesigen Wolkenkratzern, zum Teil bleistiftdünn – Baugrund ist extrem rar und teuer. Der Name der Galopprennbahn Happy Valley, der andere Galoppkurs des Hong Kong Jockey Clubs (HKJC), ist Programm. Hier wird Party gemacht, mit Liverockmusik und Misswettbewerben. Die Rennen sind Sport der eher zweiten Güte, aber mit mindestens 150000 Franken dotiert. Der Umsatz ist astronomisch hoch. 1,3 Milliarden Hongkong-dollar, 165 Millionen Schweizer Franken, gingen am WM-Tag in den Toto.
218 Milliarden Wettumsatz
Die schicke Tribüne mit ihren nach VIP-Status unterteilten sieben Ebenen erstreckt sich über fast die ganze Zielgerade. Dort speist man erstklassig: Hummer, Jakobsmuscheln, Wildlachs und Rinderfilet gibt es «à discrétion». Unten in den Biergärten werden Zweiliterkannen mit japanischem Bier ausgeschenkt. Der Riesenkrug kostet umgerechnet 28 Franken. Die Rennen sind immer ein Spektakel. Geritten wird mit hohem Tempo von Beginn an und mit harten Bandagen. Der HKJC ist weltweit der Umsatzkönig unter den Veranstaltern von Pferderennen. Dazu hat er das Monopol auf Wetten aller Art in Hongkong. Das Geld wandert ausschliesslich in den Toto. Die Umsatzzahlen des Clubs, der seit 1998 vom Kölner Winfried Engelbrecht-Bresges als CEO geführt wird, erreichen auch deshalb astronomische Höhen. In der Saison 2016/17 waren es 218 Milliarden Hongkongdollar (etwa 27 Milliarden Schweizer Franken), zehn Prozent mehr als in der Saison davor. 117,4 Milliarden Hongkong-dollar wurden dabei auf Pferde gewettet, gut die Hälfte davon via Handy und iPad. 84,5 Prozent gehen als Gewinne an die Wetter zurück. Vom Rest wird unter anderem der laufende Betrieb der Organisation finanziert – alleine 6500 festangestellte Mitarbeiter arbeiten hier. An grossen Renntagen sind es gut das Doppelte. Derzeit wird im Norden von Sha Tin, dort ist die andere Bahn des HKJC, ein gigantisches neues Stall- und Trainingsgelände gebaut, da das bisherige aus allen Nähten platzt. Mit 21,7 Milliarden Dollar wurde zudem aktuell das Hongkong-Steuersäckel gefüllt, was den HKJC zum grössten Zahler dort macht. 7,6 Milliarden Hongkong-dollar steckte der Club, eine Non-Profit-Organisation, in der vergangenen Saison in lokale soziale Projekte. Man baut und finanziert Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen oder Altersheime. Dazu floss fast die gleiche Summe in einen Charity Trust. Die sozialen Aufgaben der Stadt wären ohne den HKJC nicht in annäherndem Masse zu finanzieren. Das weiss auch die Regierung in Peking, und so lässt man den Jockey Club bisher in Ruhe. Und falls sich das mal ändert und Peking nach dem HKJC greift? «Dann stiften wir vorher unser gesamtes Vermögen für soziale Zwecke», sagt der CEO. Da kann man direkt darauf wetten.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 49/2017)