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Das Freskenbild mit der Verkündigungsszene auf der Südwand neben der Kanzel stammt aus den Jahren 1470/80. Es wurde ebenso wie die Fresken der Ostwand während der Innenrestaurierung 1930-32 entdeckt und freigelegt. Maria kniet in blauem Mantel in einem gotisch übergiebelten Gehäuse vor ihrem Lesepult. Im Freien steht der Engel Gabriel. Sein Spruchband flattert durch eine Öffnung ins Innere des Zimmers. In gotischen Minuskeln steht darauf die lateinische Fassung des Grusses: ave maria[gratia] plena dominus [tecum] – «Gegrüsst seist du, Maria, voller Gnade, der Herr ist mit dir!»
Aurelius Augustinus ist der Lehrer der freien und unverdienten Gnade. Er hat sich in einer seiner Weihnachtspredigten diese Szene ausgemalt. Wir lauschen dem Dreigespräch zwischen ihm, dem Boten Gottes und der Mutter des Erlösers. Augustin fragt: «Wer bist du? Wie hast du das verdient? Warum wird in dir Gestalt annehmen, der dich geschaffen hat? Warum gerade du?» Maria antwortet ihm: «Du fragst mich, weshalb das gerade mir zukommt? Glaube an den, an den ich geglaubt habe. Du willst wissen, weshalb das gerade mir zuteil wird? Darauf möge dir der Engel antworten.» – «Sag mir, Engel, weshalb wird dies Maria zuteil?» Der Engel antwortet: «Ich habe es schon im Gruss gesagt: ‘Du bist voll der Gnade!’»
Die Szene steht in der Kindheitsgeschichte. Dort erzählt sie der Evangelist Lukas ganz knapp als Dialog zwischen dem Engel und dem jungen Mädchen. Maria erschrickt über die Ankündigung ihrer Schwangerschaft und Geburt. Obwohl sie der wachsende Bauch in Verruf und Lebensgefahr bringen wird, bescheidet sie dem himmlischen Boten: «Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast!»
Die Darstellung dieser Begebenheit in unserer Kircherahmt ein mit Eichenblättern umwundener Stab. Eichenlaub symbolisiert Standhaftigkeit und Unsterblichkeit, Treue und Ehrlichkeit. Als Kranz ziert es die Siegerin. Die kassettierte Decke in Marias Zimmer erinnert an die Innenraumdarstellung der Katharinenkappelle von Wiedlisbach. Maria ist eine von uns hier am Jurasüdfuss. Unter der Verkündigungsdarstellung kniet ein Mann in Mönchskutte mit einem nicht mehr lesbaren Schriftband. Wahrscheinlich zeigt sie den Stifter des Bildes. Vielleicht den Propst Hans Schürpf – oder einen der Überlebenden des Schiffsunglücks von 1480? Ein von Solothurn kommendes Boot mit Eidgenossen aus Baden, Glarus und Zug zerschellte damals an einem Pfeiler der Wangener Brücke. Zwischen 120 und 200 schwer gerüstete oder betrunkene Söldner ertranken in der reissenden Aare.Freie und unverdiente Gnade liess andere überleben.Auch heute lehrt uns die Weltgeschichte Gnade. Anders können wir doch unsere Bewahrung vor Unglück, Krieg und Not nicht verstehen. Denn verdient haben wir es nicht mehr als unsere Nachbarn.
Kommen Sie in unsere Advents- und Weihnachtsfeiern und schauen Sie sich das Fresko mit der Verkündigungsszene aus der Nähe an. Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen und Freunden ein friedliches Fest der freien und unverdienten Gnade.
Pfr. Roland Diethelm