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MARLYSE BRUNNER
Es war eine alltägliche Rolle Verbandsstoff, die Marlyse Brunner in die Hände fiel, als ihr im Verlaufe einer Weiterbildung an der Schule für Gestaltung (heute ZhdK, Zürcher Hochschule der Künste) die Aufgabe übertragen wurde, im Sinne der Arte Povera mit vorhandenen Materialien ein schöpferisches Experiment durchzuführen. Sie war fasziniert von der gleichmässigen Struktur des locker gewobenen Stoffes und realisierte, dass sie das Gewebe mit einfachen Handgriffen in eine Collage transformieren konnte. Sie schnitt mehrere identisch lange Stücke und montierte die Abschnitte zu einem horizontalen Streifenmuster auf einen schwarzen Untergrund. Die kleinen Verletzungen, die sich in der Folge der Manipulation der Gaze in Form von Verdichtungen und Durchbrüchen ergeben hatten, bildeten zusammen mit dem Streifenmuster eine abstrakte Zeichnung. Es sollte das einzige Werk bleiben, das die Künstlerin mit einem realen Stück Stoff verwirklichte. Marlyse Brunner begreift sich als Zeichnerin.
In dem Masse, wie die Handschrift freier und auch wilder wird, überwindet die Künstlerin das vorgegebene Kompositionsschema. Den Blattrand lässt sie nicht mehr als Weissraum frei, sie füllt die gesamte Fläche. Mit einer Tuschearbeit aus dem Jahr 1983 gelingt ihr ein erster Höhepunkt. Mit einem breiten Pinsel malte sie in einem Stakkato von kurzen heftigen Bewegungen Pinselstrich über Pinselstrich, um ein Allover zu realisieren, bei dem sich helle und dunkle Partien wechselseitig durchdringen. Nur gerade am oberen und unteren Blattrand, wo dem Pinsel die Farbe ausläuft, bilden sich unbemalte Zonen. Ein tänzerischer Malgestus hat die konzentrierte Linienführung verdrängt und transformiert das Gezeichnete in Malerei.
Zum konzeptuellen Durchbruch von der Zeichnung zur Malerei auf Papier – Marlyse Brunner verwendet von wenigen Ausnahmen abgesehen nahezu ausschliesslich papierene Trägermedien – trugen zwei Atelieraufenthalte in Paris bei. Dort erlebte sie eine Zeit, in der viel in Bewegung war. Der Tachismus, bei dem der Fleck, «la tache», als Ausgangspunkt für den Malprozess dient, war noch aktuell und lebendig. Zugleich kamen neue Kunstformen auf wie die Installation, die Performance und das Happening, die die Frage der Gattungen und ihrer Grenzen auf den Prüfstand beförderten. Die neuen Kunstformen und das Aufkommen der Medientechnologie brachten auch Gestaltungsweisen, bei denen man Kunstwerke mit den Händen erschafft, unter Druck. Dies galt insbesondere für die Malerei. Einige Kunstkritikerinnen und Kunstkritiker proklamierten bereits das Ende der Malerei. Hingegen emanzipierte sich das Medium der Zeichnung. Bislang galt die Zeichnung als Hilfsinstrument zum Festhalten einer Idee oder, in der Form der Bildhauerzeichnung, zum Skizzieren eines Entwurfs für eine Skulptur. Nun löste sie sich aus diesem Dienstverhältnis und etablierte sich als eigenständige, höchst differenzierte und ausdrucksstarke Gattung.
Diese neuen Entwicklungen bestärkten Marlyse Brunner, ihren eigenen informellen Ansatz auf Papier weiterzuverfolgen, und bestätigten sie in ihrer Einstellung, dass Gefühl, Emotion und Spontaneität wichtiger seien als herkömmliche Kompositionsregeln, Vernunft oder Perfektion. Sie erkannte, dass ihre abstrakt gestischen Zeichnungen autonome Kunstwerke sind. Diese Erfahrung war entscheidend. Alle Verknüpfungen an Gegenständliches vermied sie von Anfang an, obwohl sie diese Art des Zeichnens während ihrer Ausbildung gelernt hatte. Vielmehr suchte sie die Reduktion und die Unmittelbarkeit. Das Dargestellte sollte als reine Energie, als Konstellation von Kräften und einzig in der Form von Linien, Flächen und abstrakten Strukturen aufs Papier fliessen. «Die Zeichenfläche ist mein Arbeitsplatz», erklärte die Künstlerin in einem Gespräch mit der Kunsthistorikerin Sabine Arlitt und bezog sich auf ihre von der elementaren Geste geprägte künstlerische Praxis sowie auf ihr Anliegen, in ihren Werken das Authentische und Unverstellte zum Ausdruck zu bringen. Ihren Ansatz betont sie auch dadurch, dass sie fast gänzlich auf den Einsatz von Farbe verzichtet. Einige Arbeiten aus dem Jahr 1983, bei denen sie Tusche in Verbindung mit roter Gouache bringt, bilden die Ausnahme. Farbe sei verführerisch, meinte sie im selben Interview. «Farbe lenkt den Blick automatisch auf gewisse Stellen, während ich ja gerade das Zusammenwirken einzelner Kräfte erlebbar machen möchte.» Die Künstlerin setzt daher hauptsächlich auf Schwarz. Mit Techniken des Schichtens, mit Helldunkelkontrasten und Materialvielfalt erzeugt sie einen unerwarteten Reichtum an Schwarz- und Graunuancen. In der Folge realisierte sie eine grosse Anzahl expressiver Werke, bei denen sie mit Überlagerungen von Linearem und Flächigem, beziehungsweise mit Zeichnerischem und Malerischem experimentierte.
Marlyse Brunners vielschichtiges Œuvre ist aus einem steten (inneren und äusseren) Unterwegssein erwachsen. Die Künstlerin hat von Anfang an mit grosser existentieller Aufrichtigkeit an ihrem Werk gearbeitet. An den strengen Vorgaben, die sie sich gegeben hat, – nur auf Papier und allein mit der Farbe Schwarz zu arbeiten –, hat sie fast ausnahmslos festgehalten. Entstanden ist ein weitgespanntes Œuvre von grossem Detailreichtum. Ihr Werk ist geprägt vom Vertrauen in die Symbolkraft und die emotionale Direktheit der Farbe Schwarz, die sie in der ganzen Bandbreite von der heftigen Gestik bis zur subtilen Gebärde mit ganzer Sinnlichkeit und unter Einbezug aller materiellen Facetten, ausübt. Ihre Arbeit kann als Teil der langen Tradition expressiver Malerei des 20. Jahrhunderts gelesen werden, die bei den Fauves und dem Deutschen Expressionismus einsetzt und mit Schwerpunkten im Informel und Abstrakten Expressionismus bis in die aktuelle Gegenwart reicht.
Kathrin Frauenfelder
Ausschnitt aus «Selected Traces», 2019