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Mitten in Moskau hat die Gattin des Oligarchen Roman Abramowitsch das grösste private Museum für zeitgenössische Kunst errichtet. Wird da auch provokative Kunst einen Platz haben? Die alternative Kunstszene hofft es, auch wenn sie zur Eröffnung nicht eingeladen wurde.
Folgt man dem Fluss Moskwa Richtung Gorki-Park, taucht zwischen den Bäumen ein langgestreckter Bau auf. Auf seiner lichtdurchlässigen Hülle schimmern und reflektieren die Farben des Himmels und der Umgebung. Einst war das ein sowjetisches Ausflugsrestaurant, mitten in Moskau. Dann hat die russische Kunstmäzenin Darja Schukowa 2012 den niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas engagiert, um mit den Überbleibseln von damals ein neues Gebäude zu entwerfen, ein Museum für zeitgenössische Kunst.
Der Umbau hat rund 25 Millionen Euro gekostet, finanziert durch die von Darja Schukowa gegründete Iris-Foundation. Deren grösster Nettozahler wiederum ist der Oligarch Roman Abramowitsch, mit dem Schukowa liiert ist. Verglichen mit dem FC Chelsea und den Jachten mit Hubschrauber-Landeplätzen, die sich Abramowitsch sonst geleistet hat, war das Museumsprojekt geradezu ein Schnäppchen. Die guten Kontakte des Oligarchen waren gewiss hilfreich. Ihnen dürfte auch die zentrale Lage des Museums zu verdanken sein.
Eröffnet wurde die «Garage», wie das Museum heisst, im Jahr 2008, damals noch in einem ehemaligen Busdepot in einem Moskauer Aussenbezirk. 2012 folgte der Umzug in ein Provisorium im zentralen Gorki-Park. Die «Garage» präsentierte über die Jahre Werke von Künstlern wie Mark Rothko, Marina Abramović und John Baldessari. Als grösstes Privatmuseum für zeitgenössische Kunst ist die «Garage» in Russland heute einzigartig.
«Es geht hier um Kunst»
Vor diesem Hintergrund scheint das, was Darja Schukowa an der Medienkonferenz zur Eröffnung zu sagen hat, reichlich banal: «Zeitgenössische Kunst ist wichtig, weil sie den Moment reflektiert, in dem wir leben.» Kurz kommt Unruhe auf, als eine Journalistin der Kunstmäzenin eine Frage zu ihrem Kleid stellt.
Darja Schukowa, Kunstmäzenin und Gattin des Oligarchen Roman Abramowitsch, und der niederländische Architekt Rem Koolhaas bei der Eröffnung der «Garage». (Bild: Krsto Lazarevic)
Schukowa geht freundlich, aber bestimmt darüber hinweg, während aus Rem Koolhaas die Empörung herausbricht. Es gehe hier um Kunst, grummelt er. «Diese Frage ist wirklich unangemessen.» Das stimmt. Angemessen wäre die Frage gewesen, ob die «Garage» selbst mehr ist als ein Mode-Accessoire für reiche Russen, die sich mit internationaler zeitgenössischer Kunst schmücken wollen.
Direktor der «Garage» ist seit 2010 Anton Below. Am Eröffnungsabend legt er eine fast jungenhafte Freude an den Tag, streift im schmal geschnittenen Anzug und mit 50er-Jahre-Brille durch die Menge der VIP-Gäste. Bei Antritt seines Postens vor fünf Jahren war Below gerade mal 26 Jahre alt. «Wir verändern die Gesellschaft», sagt Below in die Mikrofone der Journalisten. «Wir spüren keine Grenzen und bauen eine Zukunft, an die wir glauben.»
Konservative Kräfte
Das Team rund um Museumschef Below ist jung. Viele verkörpern den global-urbanen Lebensstil, wie man ihn aus Tokio, Berlin oder New York kennt, und sind jung genug, um die Sowjetunion nur noch aus Erzählungen zu kennen. Doch inzwischen scheint sowieso die jüngste Vergangenheit die Herausforderung zu sein, vor welcher die Anhänger zeitgenössischer Kunst in Russland stehen. Da sind der konservative Kulturminister Wladimir Medinski, die orthodoxe Kirche, die immer häufiger als Sittenpolizei auftritt, und eine nationalistische Bewegung, die sich auf die Tradition der Kosaken berufen, um ultrakonservative Werte hochzuhalten. Immer wieder kommt es zu Angriffen auf kritische Ausstellungen, Filme und Bühnenproduktionen. Zuletzt wurde eine «Tannhäuser»-Inszenierung in Nowosibirsk wegen angeblicher Blasphemie abgesetzt, und der zuständige Intendant verlor seinen Posten.
In einer Zeit, in der die Kalte-Krieg-Rhetorik zurückgekehrt ist und der Graben zwischen Ost und West wieder tiefer und tiefer wird, hat es sich die «Garage» zum Ziel gesetzt, Russland näher an die internationale Kunstszene heranzurücken. Einer, der die Hürden auf diesem Weg gut kennt, ist Andrej Jerofejew. Zum Gespräch kommt der 66-jährige Kurator in Hemd, Jacket und mit einem Rucksack auf den Schultern. Das Haar ist schütter, die Brille schwarz umrandet und das leise Lächeln lässt erahnen, dass sich hinter seinem unscheinbaren Äusseren eine kompromisslose Haltung verbirgt. Er sei glücklich, sagt Jerofejew und erzählt von seiner neuen Arbeit als Kunstkritiker und freier Kurator.
Man sieht es ihm nicht auf den ersten Blick an. Aber Kurator Andrej Jerofejew Herz schlägt für radikale Kunst. (Bild: Krsto Lazarevic)
Bis 2008 leitete Jerofejew in der renommierten staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau die Abteilung für Gegenwartskunst. Zuvor hatte er die erste Sammlung zeitgenössischer Kunst im Land überhaupt aufgebaut. Doch dann wurde ihm eine Ausstellung im Moskauer Sacharow-Zentrum zum Verhängnis, als er auf Zensur und Selbstzensur im russischen Kunstbetrieb aufmerksam machen wollte. Dazu konzipierte er unter dem Titel «Verbotene Kunst – 2006» eine Ausstellung über Kunstwerke, die von Museen und Galerien in Moskau abgelehnt worden waren. Zu sehen waren Werke von Künstlern wie Ilya Kabakov, die Jesus als Mickey Mouse oder Lenin am Kreuz zeigten. Aktivisten der orthodoxen Laienorganisation «Volkskonzil» klagten Jerofejew an, so auch den Direktor des Sacharow Museums. Sie fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. 2010 wurden beide zu Geldstrafen verurteilt. Da hatte Jerofejew seinen Job in der Tretjakow-Galerie längst verloren.
«Der Staat sieht es nicht als notwendig an, die Entwicklung zeitgenössischer Kunst zu fördern», kritisiert Jerofejew. Seit Jahren wird über einen Neubau für das Staatliche Zentrum für zeitgenössische Kunst diskutiert, doch das Projekt immer wieder verschoben. Zuletzt wurde eine Eröffnung für Ende 2018 angekündigt.
Wo sind die Radikalen?
Jerofejew zuckt mit den Schultern. Aus seinem Rucksack zieht er einen schmalen Kunstkatalog. Auf dem Cover: Eine junge Frau mit pinkfarbener Wollmaske und erhobener Faust vor einem der Stadien für die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Der Katalog stammt aus dem letzten Jahr, als Jerofejew für ein schwedisches Kunstmuseum eine Ausstellung über russische Protestkunst machte. Titel: «Pussy Riot und die Kosaken».
Russlands zeitgenössische Kunst der Gegenwart hat ihre Wurzeln in der Untergrundkunst der Sowjetunion. Aus jener Generation stammt der Künstler Erik Bulatow, inzwischen 81-jährig. Bei ihm haben die Macher der «Garage» für die Neubaueröffnung zwei Arbeiten in Auftrag gegeben. «Kommt alle in die Garage!» steht in überdimensionalen Lettern über dem Eingang. Schnörkellose Buchstaben erheben sich über einer aufgehenden Sonne in den Himmel. Das Werk erinnert an Plakate aus den Anfängen der Sowjetunion in den 1920er-Jahren. In kritischer Distanz zum sowjetischen Staat hat Bulatow die Ikonografie des Sozialismus immer wieder ironisch überhöht und wurde dafür von den Offiziellen verschmäht.
Pavillon der «Garage», Russlands grösstes privates Museum für zeitgenössische Kunst. (Bild: Krsto Lazarevic)
Diesem Untergrundkünstler hatte einst auch Kurator Jerofejew eine Ausstellung gewidmet, seine zweite Ausstellung in der Tretjakow-Galerie. Doch das war 2003, sagt er, und blättert durch den Katalog zur Ausstellung in Schweden. Offenbar sind ihm Künstler wie Bulatow nicht mehr radikal genug.
In den Jahren nach 1991 hatte es die zeitgenössische Kunst nicht unbedingt einfacher als noch zu Sowjetzeiten: Es fehlte an Geld, Galerien und Verständnis. Dennoch gab es enorm viel Aktivitäten. In einer provokativen Performance lebte Oleg Kulik eine Woche wie ein Hund in einem Käfig. Später provozierte die Blue Noses Group mit ihrem Foto, auf dem sich Polizisten küssten. Und aus Protest gegen den Bau eines Hochhauses in der St. Petersburger Altstadt malte die Gruppe Wojna einen überdimensionalen Penis auf eine der vielen Zugbrücken der Stadt. Vor vier Jahren schliesslich inszenierten Pussy Riot ihr Punk-Gebet in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.
«Und heute?», fragt Kurator Jerofejew, um sich gleich selbst die Antwort zu geben. «Alle bekannten Künstler aus den 90er-Jahren sind untätig, schweigen oder haben das Land verlassen.»
In der Künstler-WG
Alisa Joffes Bilder sind gross wie Plakatwände und haben eindeutige Botschaften: «Fuck the system» steht neben einer mit breiten schwarzen Pinselstrichen angedeuteten Frau, die ihre rechte Faust zum kommunistischen Gruss erhoben hat. «Wir brauchen grosse Bilder», sagt Joffe, «weil überall riesige Werbetafeln hängen, die für Waren werben, die keiner braucht. Oder patriotische Slogans verbreiten.»
Die 28-Jährige redet schnell, fährt sich immer wieder mit gespreizten Fingern durch die kurz geschorenen Haare. «In die ‹Garage› wurden wir bisher noch nicht eingeladen», sagt sie und lacht laut auf. Wir, das sind die Künstler, mit denen sie das Atelier in einer ehemaligen Reifenfabrik teilt. Am Vormittag war gerade eine Delegation aus dem New Yorker MoMa zu Besuch, und danach haben sie ein bisschen gefeiert. Zwei Kollegen hängen in den Sofas mitten in der Fabriketage. Es riecht nach Cannabis.
Die WG-Stimmung täuscht: Hier sind einige der wichtigsten zeitgenössischen Künstler aus Russland versammelt. Darunter David Ter-Oganyan (ganz links) und Alisa Joffe (stehend). (Bild: Krsto Lazarevic)
Von der Atmosphäre einer Studenten-WG sollte man sich aber nicht täuschen lassen. Einer der beiden Kollegen ist David Ter-Oganyan. 2011 gewann der damals 30-Jährige den Henkel Art Award für seine aktivistische Kunst, die sich mit der politischen Realität in Russland auseinandersetzt. Sein Thema: Gewalt und die daraus resultierende Notwendigkeit des Widerstandes. Doch heute hat er keine grosse Lust durch das Atelier zu führen. Stattdessen blättert er stolz durch seine Werkschau. In Russland ist der Katalog verboten, weil er als Propaganda für Homosexualität eingestuft wird.
Alternative Richtungen
Alisa Joffe führt um eine weiss gestrichene Gipswand herum, die kleine Ateliers vom Hauptraum trennt. Ihre letzte Bilderserie hat sie der russischen Punkband «Punk Fraktion der Roten Brigaden» gewidmet. Die Roten Brigaden sind eine kommunistische Untergrundorganisation Italiens, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren für mehr als 70 Mordanschläge verantwortlich war. Die Frau auf dem Bild mit der erhobenen Faust ist eine ihrer Anführerinnen, Margherita Cagol. Natürlich sei sie eine politische Künstlerin, erklärt Joffe. Allein dadurch, dass sie nicht in die gleiche Richtung wie alle anderen gehe. «Wir wollen so leben, dass die Jugend versteht, dass man auch anders denken und leben kann.»
Alisa Joffe posiert vor Margherita Cagol, Anführerin der italienischen Brigatte Rose. (Bild: Krsto Lazarevic)
Zwischen der linken Systemkritik Joffes und der «Garage» liegen Welten. Trotzdem sagt sie: «Wir bräuchten hier in Russland Tausende Häuser wie die ‹Garage›. Sie können den Kindern zeigen, was zeitgenössische Kunst ist und dass sie etwas Gutes ist.» Sie redet begeistert über das Haus, zu dessen Eröffnung sie und ihre Kollegen nicht eingeladen waren. Russland mangle es an Verständnis für zeitgenössische Kunst und es fehle ein Markt für Bilder wie die ihrigen. «Die Elite versteht nicht, dass sie Geld in die Kunst investieren muss», sagt sie. Doch mit der «Garage» könne sich das ändern.
Yayoi Kusamas «Dot Obsession» in der aktuellen Ausstellung der «Garage». (Bild: Krsto Lazarevic)
In der aktuellen Ausstellung der neuen «Garage» sucht man provokante russische Kunst vergeblich. Ein Gang durch das Werk «Infinite Theory» der japanische Künstlerin Yayoi Kusama ist wie ein Spaziergang durch eine rote Lavalampe, die mit weissen Punkten dekoriert wurde. In einem ebenfalls von ihr gestalteten Raum mit Tausenden kleinen Lichtern fühlt man sich kurz, als sei man von Sternen umgeben. Der Tscheche Julius Koller ist mit einer Fotoschau vertreten, während die in Berlin lebende Künstlerin Katharina Grosse ein begehbares Gemälde ausstellt.
Das begehbare Gemälde «Yes No Why Later» von Katharina Grosse in der «Garage». (Bild: Krsto Lazarevic)
Spricht man mit Museumschef Below, bewirbt er sein Haus als eine Art Bildungseinrichtung. Neben Ausstellungen plant sein Team Workshops, Vorträge über zeitgenössische Kunst und Diskussionsrunden. Das Museumsarchiv sammelt erstmals Kunstwerke der alternativen Szene in der Sowjetunion aus den 1950er bis 1980er-Jahren. In Zusammenarbeit mit einem Verlag sollen zahlreiche Bücher über zeitgenössische Kultur ins Russische übersetzt werden.
Doch würde er auch politische Kunstaktivisten wie David Ter-Oganyan oder Alisa Joffe einladen? «Wir haben bereits Arbeiten von Pussy Riot und Wojna gezeigt», betont Below. Wichtig sei allerdings, diese Arbeiten in den Kontext zu stellen. Sein Haus präsentierte Videos der Kunstaktivisten im Rahmen einer Retrospektive über russische Performance-Kunst der vergangenen 100 Jahre. «Unsere Aufgabe ist es, Kunst zu erklären», so der Museumsdirektor.
Er wirft einen Blick auf ein Mosaik, das Architekt Koolhaas aus dem ursprünglichen Sowjetbau gerettet hat: Eine Frau mit wilden Haaren und sowjetisch-heroischer Geste ist umgeben von den Früchten des Feldes. Es wirkt wie eine Erinnerung an das Erbe des Landes. Doch Kunst in Russland steht auch heute noch unter Druck, und wer in der «Garage» ausgestellt werden möchte, sollte nicht zu sehr über die Stränge schlagen.
Ein gerettetes Relikt aus vergangenen Zeiten. Davor die Medienkonferenz zur Eröffnung der neuen «Garage». (Bild: Krsto Lazarevic)
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Die Recherche zu diesem Text fand im Rahmen einer von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und dem Journalistennetzwerk n-ost finanzierten und organisierten Recherche-Reise statt.