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Die Urbanisierung ist das grosse Thema des 21. Jahrhunderts – das ist die Hauptthese Ihres Bestsellers «Arrival City». Wie kommen Sie darauf?
Ganz einfach: die Verstädterung, die sich in den entwickelten Ländern seit 200 Jahren abspielt, schreitet auch im Rest der Welt unaufhaltsam voran. Ich betone: unaufhaltsam. Wir haben den Punkt erreicht, an dem auch in den sich entwickelnden Ländern – der Ausdruck gefällt mir besser als «Entwicklungsländer» – der Hauptteil der Bevölkerung mittlerweile in Städten lebt. Wir sind Zeugen der grössten Wanderungsbewegung aller Zeiten, und sie wird noch einige Jahrzehnte andauern. Es wird die grösste Massenwanderung gewesen sein, weil die Leute erst in der Stadt zur Ruhe kommen, hier erst die Geburtenrate sinkt. Urbanisierung bedeutet im besten Fall: wachsender Wohlstand, mehr Lebenschancen, Stärkung der Stellung der Frauen, politische Stabilität.
Von welchen Zahlen sprechen wir, wenn wir von einer globalen Massenwanderung ausgehen? Können Sie die Bewegungen näher quantifizieren?
Ein Drittel aller Menschen ist in diesem Jahrhundert in Bewegung, zieht vom Dorf in die Stadt. Am Ende des 21. Jahrhunderts werden drei Viertel aller Menschen in Städten leben. Es gab nicht nur noch nie so viele Menschen wie heute, sie lebten auch noch nie in so geballten Räumen wie heute und schon gar nicht wie in der Zukunft. Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung lässt sich mit einem einfachen Vergleich illustrieren. Nehmen wir China und Polen: In beiden Ländern wird heute mehr Geld von den Städten in die Dörfer überwiesen, als in den Dörfern mit Landwirtschaft generiert wird. Die Verstädterung wird unser aller Leben radikal verändern.
Wer im Westen wohnt, gewinnt den Eindruck, hier sei die Bewegung hin zu Städten mittlerweile zum Stillstand gekommen, zumal das konzentrierte Wohnen auch Probleme verursacht. Stimmt der Eindruck?
Der Westen ist zu 70 bis 90 Prozent urbanisiert, wobei natürlich Leute aus ländlichen Gegenden anderer Weltteile nach wie vor versuchen, in die westlichen Städte zuzuwandern. Die Verstädterung schreitet hier also voran, nur kommen die Leute von ausserhalb. In Südamerika hat die grosse Bewegung in Richtung Stadt in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren stattgefunden. Das ist der Grund, weshalb wir heute tendenziell weniger von Unterdrückung und Diktatur und mehr von Wachstum, Wohlstand und Demokratie lesen, wenn es um südamerikanische Länder geht. Gegenwärtig findet die Urbanisierung vor allem im asiatischen und afrikanischen Raum statt. In einigen Ländern vollzieht sich dieser Wandel rasant schnell wie zum Beispiel in Bangladesch.
Städte wachsen in der Regel, indem sie sich Aussenbezirke einverleiben, also in das Stadtgebiet aufnehmen. Sie nennen diese urbanen Randzonen «Arrival Cities». Wie genau würden Sie Bedeutung und Funktion einer Ankunftsstadt definieren?
Sie ist das Gegenteil einer etablierten Stadt. Die Ankunftsstadt trägt viele Namen, und die arrivierten Städter rümpfen oftmals die Nase über sie: Slum, Favela, Barrio, Bustee, Ashwaiyyat, Urban Village. Die Idee ist im Grunde ganz einfach: Menschen ziehen nie wahllos vom Land in eine Stadt oder von einem Land in ein anderes. So findet Migration nirgendwo statt. Sie verläuft über bestehende interpersonelle Netzwerke. Es verhält sich so, dass Menschen einer bestimmten ländlichen Umgebung in eine spezifische, neue, urbane Region ziehen, in der sie ihre eigene Wirtschaft etablieren können. Die Bewohner Nord- oder Westlondons kommen nicht aus dem Nirgendwo, sondern aus ländlichen Clusters Schlesiens bzw. Südwestpolens; die Bewohner im Süden von Los Angeles stammen nicht von irgendwo aus Südamerika, sondern aus klar lokalisierbaren ländlichen Gebieten Guatemalas, Salvadors und Honduras’.
Familienbande bilden also die Struktur dieser Migrationsflüsse?
Im weiteren Sinne, ja. Es geht hier um bestehende Netzwerke, die regionen- und länderübergreifend funktionieren und in neuen Kontexten justiert werden – Know-how, Wohnungen, Kredite, alles Mögliche wird unter Leuten getauscht und vermittelt, die sich vertrauen. Viele Migranten kommen zunächst oftmals, um…