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Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, ist sie auf einem Bauernhof aufgewachsen! Als sie am 6.10.96, ca. 7-8 Monate alt, auf den Katzenhof kam, merkte man ihr an, dass sie niemals, auch nur von Weitem, mit Erziehung in Berührung gekommen war.
Ein Bekannter von mir besitzt, etwas abgelegen vom nächsten Wohngebiet, auf einem alten Fabrikareal, Werkstatträume. Angrenzend gibt es sogar noch ein kleines Wäldchen. Alles wie geschaffen für herrenlose, ausgesetzte oder auf Bauernhöfen zu viel gewordene Katzen. Der Vater meines Bekannten hatte dort schon jahrelang hungrige Katzen gefüttert. Der mittlerweile längst erwachsene Sohn führte diese "Suppenküche" für Katzen, ab und zu kommen auch Igel, weiter.
Die Tiere können sich darauf verlassen, dass täglich zur ungefähr gleichen Zeit Trocken- und Dosenfutter serviert wird.
Schwierig wird es immer dann für meinen Bekannten, wenn einer seiner Kostgänger krank oder schwer verletzt ist.
Es ist sehr schwer verwilderte Streuner einzufangen um sie tierärztlich behandeln oder kastrieren zu lassen, denn das gehört dort auch zum kostenlosen Service.
Im Sommer 1996 tauchte an der Futterstelle eine ausgesprochen hübsche Schildpattkatze auf und verschlang heisshungrig alles was sie erwischen konnte. Schildpattkatzen sind immer weiblich. Deshalb, und weil sie mager und ungepflegt (meistens ein Indiz für eine heimatlose Katze) aussah, redete ich meinem Bekannten immer wieder zu, die Kätzin zu mir auf den Katzenhof zu bringen. Der erste Wurf einer Kätzin besteht in der Regel zum Glück nur aus 2-3 Jungen. Das würde aber immerhin heissen, dass aus einer herrenlosen Katze wenigstens 3-4, weil draussen aufgewachsen, verwilderte ebenfalls herrenlose Katzen würden, die sich ihrerseits fleissig weiter vermehren, vermehren, vermehren.............
Josephine war relativ schnell zutraulich geworden. Es handelte sich bei ihr, im Gegensatz zu den anderen Tieren dort, nicht um eine verwilderte Katze. Ein weiterer Grund sie nicht draussen zu lassen. Wie sich herausstellte, hatte sie schon seit längerer Zeit, fast verzweifelt versucht, bei den Leuten in der Umgebung, Anschluss zu finden.
Vor Einbruch des Winters kam Josephine auf den Katzenhof. Als erstes musste sie das ganze Programm durchlaufen, was keiner aufgegriffenen Katze erspart bleibt. Kontrolle der Ohren auf Ohrenmilben Flohbehandlung Wurmkur (mit "drontal" komb. Mittel gegen Band- und Spulwürmer) Gewichtskontrolle und vorsichtshalber Temperaturmessen (normale Katzentemperatur ist 37,5° C - 39° C) Als nächstes war der erste Tierarztbesuch für die Kastration fällig. In der dafür nötigen Vollnarkose wird Blut für einen Leukose- und einen FIV-Test genommen. Zum Glück waren bei Josephine alle Befunde negativ, was hiess, dass sofort die ersten Impfungen, Katzenseuche/-Schnupfen und Leukose, gemacht werden konnten. Beide Impfungen müssen, für die sogenannte Grundimmunisierung, nach ca. 3 Wochen wiederholt werden.
Selbstverständlich war sie am Anfang in der neuen Umgebung, mit den unbekannten Umgebungsgeräuschen und bei neuen Menschen, etwas scheu und ängstlich. In einem kleineren Raum separiert, konnte sie sich erst einmal von den ganzen Strapazen erholen, und vor allem ohne Konkurrenz am Futterteller, sich satt essen. In den ersten Tagen verdrückte sie bis zu drei Mahlzeiten täglich. Sie entpuppte sich schnell als besonders freundliche, verschmuste Katze. Trotzdem passte Josephine bei aller Anpassungsbereitschaft und Gutmütigkeit in kein Schema. Die ersten drei Monate nur im Haus, hat sie gerade noch akzeptiert. Schwierig wurde sie, als sie am Tag in den Garten durfte. Abends kam sie zwar pünktlich um ca. 18.00 Uhr zum Essen nach Hause, wollte aber nicht einsehen, dass ordentliche Katzen nachts zu Hause bleiben.
Wochenlang führten wir einen Kampf. Ich liess sie nach der abendlichen Fütterung nicht mehr heraus, sie pinkelte und kotete mir aus Wut, demonstrativ über Nacht das Haus voll. Nach zwei Monaten hatte ich genug und erklärte ihr, jetzt meinerseits wütend, dass sie sich meinetwegen nachts überfahren oder irgendwie anders massakrieren lassen könne. Schweren Herzens liess ich sie auch nachts gehen, immer mit der Angst, sie am nächsten Morgen schwer verletzt, oder gar nicht mehr, vorzufinden. Katzen haben alle einen mehr oder minder stark ausgeprägten Jagdtrieb. Der sich darin äussert, dass sie von Zeit zu Zeit eine Maus fangen, sie töten und als Geschenk ihren Menschen vor die Haustür legen, oder einfach so herumliegen lassen. Josephine killt täglich wenigstens eine Maus, die sie dann mit Stumpf und Stiel aufisst. Von Zeit zu Zeit vergisst sie auch mich und die übrigen Katzen bei ihren Jagdzügen nicht. Sie legt uns, meistens gleich mehrere tote Mäuse, damit wir alle satt werden, vor oder hinters Haus. Trocken- und Dosenfutter morgens und abends verschlingt sie zusätzlich. Josephine's Methode, wenn schon Tiere sterben müssen, sie dann auch aufzuessen, ist mir wesentlich sympathischer, als die Praxis der anderen Katzen, sie nur als sichtbare Jagdtrophäen herumliegen zu lassen. Der Nachteil ist, dass Mäuse Bandwürmer übertragen und Josephine deshalb dauernd verwurmt ist.
Bei Sturm, strömendem Regen, Schnee und Kälte, zieht sich jede normale Katze ins Haus aufs Sofa oder, wenn es erlaubt ist, aufs Bett zurück. Wenn man ihnen bei solchen Wetterlagen Tür oder Fenster öffnet und ihnen bedeutet, dass zwischendurch etwas frische Luft und Bewegung gesund wären, schütteln sie angeekelt die Vorderpfoten, drehen sich mit einem empörten Blick um und marschieren zurück auf Bett oder Sofa. Nicht so Josephine. Ein Wetter was sie veranlassen könnte im Haus zu bleiben gibt es nicht. Sie hat schon mehrfach bei Wolkenbrüchen und Gewitterregen vor der Haustür gesessen. Das Wasser lief ihr wirklich in Strömen über ihr Katzengesicht. Selbstverständlich öffnete ich ihr so schnell ich konnte die Tür. Josephine rührte sich nicht vom Fleck. Vielleicht will sie diese Gelegenheiten nutzen, zusätzlich zur täglichen Katzenwäsche, auch einmal ein Bad zu nehmen.
Vor einigen Jahren hatten wir einen ausgesprochen schneereichen Winter. (Boppelsen liegt 600 m hoch). Man musste sich aus der Haustür schaufeln. Seit Tagen hat keine Katze eine Pfote vor die Tür gesetzt. Selbst mein Hund "Cyrus" weigerte sich zum Pipi machen, in den Garten zu gehen. Ich musste erst einen Weg freischippen. Wie immer, Josephine war anders. Mein Haus besitzt rundherum wenigstens 50 cm Dachvorsprung. Sie könnte sich trockner Pfote am Haus entlang bewegen, macht sie aber nicht. Mit olympiareifen Sprüngen, bei jedem Sprung verschwindet sie komplett im tiefen Pulverschnee, kämpft sie sich durch ihr Gebiet. Dass sie durch solche Verrücktheiten krank wird, braucht man bei ihr nicht zu befürchten. Sie hat sich einen richtigen Bärenpelz zugelegt. Kein Tropfen Wasser erreicht ihre Haut. Ich kenne keine andere Katze, die so ein dickes, dichtes, leicht gefettetes Fell besitzt. Bei tieferen Temperaturen plustert sie ihren Pelz auf. Die Luft zwischen den feinen Haaren bildet dann eine wärmende Isolationsschicht. Trotz wiederholter Versuche meinerseits, sie zu einer häuslicheren, zivilisierteren Katze zu machen, entwickelte sie sich, im Gegenteil, immer mehr zu einer Herumtreiberin.
Eine Zeit lang bin ich nachts, mit dem Hund, Josephine war auch mit von der Partie, ca. eineinhalb Stunden bis ans andere Ende vom Dorf und zurück spazieren gegangen. Am Tag fehlt mir dafür die Zeit. Jede normale Katze bewegt sich in einem mehr oder minder klar abgegrenzten Gebiet. Man merkt das gut, wenn sich einem die Familienkatze auf einem Spaziergang anschliesst. Sie geht in der Regel nur soweit mit, wie ihr Gebiet reicht. Kommt man an den Punkt, wird sie nervös, miaut jämmerlich, ist zwischen dem Wunsch ihrem Menschen zu begleiten, andererseits ihre Reviergrenze nicht zu überschreiten, hin und her gerissen.
Meine kluge Kätzin "Chenay" setzte sich in solchen Fällen dort unter einen Busch und wartete, bis wir auf dem Rückweg wieder vorbeikamen und begleitet uns nach Hause. Für Josephine scheint ein festes Revier überhaupt nicht zu existieren. Sobald sie gehört hat, dass der Hund und ich losgingen , war sie neben, vor oder hinter uns und durch nichts zu bewegen, nicht mitzugehen. Nachts sind oft angetrunkene oder betrunkene Autofahrer unterwegs. Auch die nüchternen Fahrer rasen um diese Zeit mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Dörfer. Kein Tier hat da keine Chance. Den Hund kann ich am Halsband nehmen und über die Strasse führen, ausserdem ist er praktisch immer neben mir. Anders Josephine, sie bummelte hinter uns her, verschwindet in Gärten um plötzlich wieder aufzutauchen. Sie schien sämtliche Abkürzungen und Querverbindungen im Dorf, überhaupt das ganze Dorf, zu kennen. Eigentlich sollten die nächtlichen Spaziergänge dem Hund Bewegung und mir Entspannung verschaffen. Stattdessen schleppte ich die schwere Katze durch die Gegend, weil ich furchtbare Angst hatte, dass sie angefahren oder überfahren werden könnte. Meine Versuche, sie vor dem Losgehen im Haus einzusperren, klappten genau zweimal, dann blieb sie einfach verschwunden. Erst wenn wir schon eine oder zwei Strassen weiter waren, tauchte sie auf, begrüsste den Hund und mich mit erfreutem Gemaunze und marschierte mit.
Ihre schlimmste Verrücktheit ist, dass sie vom Frühling bis Herbst immer wieder für Wochen oder sogar einen ganzen Monat am Stück verschwindet. Mich darüber aufzuregen habe ich mir schon lange abgewöhnt, bin aber jedesmal heilfroh, wenn sie unbeschädigt wieder auftaucht. Ich darf dann die 25-35 Zecken von ihr ablesen, die sie regelmässig von ihren Exkursionen mit nach Hause bringt, eine Heidenarbeit. Wenn sie im Haus bleibt, dann liegt sie meistens eng an meinen Hund "Cyrus" gekuschelt, laut schnurrend im Hundebett. Dass hat sie schon bei seinem Vorgänger "Samson", einem Mastino Napolitano, beide so gross wie Kälber, gemacht. Hunde liebt sie über alles, Katzen interessieren wie wenig bis gar nicht.
Ein Fest für alle zum Haus gehörenden Katzen, vor allem aber für Josephine und den Hund, waren früher die Samstage. Ich erinnere mich, dass Josephine da praktisch immer zu Hause war, weil der besagte Bekannte dann mit Leckerbissen an Bord seines Kleinlasters angefahren kam. Der Hund bekam ein grosses Stück rohes Fleisch oder eine ganze Wurst. Die Katzen gebratenes Poulet, Wurstabschnitte, Cervelats usw. Streicheln und schmusen gehörte auch zum Verwöhnprogramm. Satt und zufrieden machten dann immer einige ein Nickerchen im offen stehenden Transporter. Als die Samstags-Überraschungen abrupt aufhörten, war das vor allem für den Hund "Cyrus" und Josephine ziemlich schlimm. Sie haben unverdrossen fast ein halbes Jahr jeden Samstag gewartet. Als Reaktion war die gutmütige, immer freundliche Josephine lange Zeit regelrecht aggressiv und launisch zu Tier und Mensch. In der Zeit hat sie auch ihre Funktion als Empfangschef kaum noch wahrgenommen. Normalerweise begrüsst sie die auf dem Katzenhof ankommenden Besucher, wenn sie nicht gerade auf Tour ist und begleitet sie vom Parkplatz zur Haustür. Wenn sie wieder gehen, werden sie umgekehrt wieder von ihr zum Auto zurück gebracht.
Zum Glück gibt es so chaotisch lebende Katzen in Menschenobhut sehr, sehr selten. Eine Katze, die so wie Josephine lebt, lebt extrem gefährlich. Aus diesem Grund habe ich mich nie getraut, sie zu vermitteln. Trotz ihres leichtsinnigen Lebenswandels hat sie es immerhin geschafft 6 Jahre im Raum Boppelsen zu überleben. Ab und zu schicke ich ein Stossgebet zum Himmel und hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.
copyright Isabella R. Kern