Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03456.jsonl.gz/136

Auf Gletschern und in hochalpinen Regionen - vor 150 Jahren
Zum Gedächtnis des Vortrages von Louis Agassiz am 24. Juni 1837 J.P. Portmann, Neuchâtel En hommage à Pierre Vaney'Der Herkunft nach Waadtländer, der Geburt nach Freiburger ( Môtier-Vully ), traf Agassiz in Neuchâtel in den Jahren 1832 bis 1846 auf ( seiner würdige Herzen und Geister, was bewirkte, dass die Anerkennung gegenseitig war ». Nachdem er Amerikaner geworden war, galt er als einer der grössten Bürger seiner Wahlheimat und einer der erfahrensten Naturwissenschaftler seiner Zeit.
2 La Pierreabot steht seit 1838 unter Schutz. Der Stein trägt eine Inschrift mit den Namen der Pioniere der Gletscherkunde und der Geologie des Quartär: Louis Agassiz, Edouard Desor, Arnold Guyot, Léon Du Pasquier.
3 Den Ausdruck moutonné für von Gletschern modellierte Felsoberflächen hat Horace Benedict de Saussure als erster benutzt. Er dachte dabei wohl kaum an aneinanderge-drängte Schafsrücken ( mouton = Schaf ), sondern an die Allongeperücken des Barock, die eine ähnliche Oberfläche zeigen.
In seinem interessanten Artikel Die Eiszeittheorie - Geburt mit vielen Wehen ( DIE ALPEN QH IV/86, S. 215-229 ) hat Friedrich Röthlisberger gezeigt, wie schwer sich neue Ideen durchsetzen. Er erinnert an die Verdienste von Louis Agassiz ( 1807-1873der in seinem berühmten Vortrag vom 24. Juni 1837 vor der Naturforschenden Gesellschaft von Neuchâtel die Theorie einer einstigen grösseren Ausdehnung der Gletscher verkündete. Die Gletscher haben tatsächlich vor mehr als 12000 Jahren das Mittelland und die Hänge des Jura bedeckt, und man kann noch abgeschliffene Felsen entdecken, ebenso erratische Blöcke. Unter diesen nennt Agassiz La Pierreabot2 ( Le Bloc-crapaud ), einen Block von mehr als 1000 m3, den der einstige Rhonegletscher vom Montblanc-Massiv bis in das Gebiet oberhalb von Neuchâtel transportiert hat. Von den abgeschliffenen und gerillten Felsen hatte man im Juni 1834 jenen selbst besichtigt, der noch heute oberhalb von Le Landeron zu sehen ist und in der Gegend genannt wird.
Die heftige Opposition, die sich gegen die revolutionären Ideen Agassiz'bildete, veranlassten ihn, die bestehenden Gletscher an Ort und Stelle, quasi
Der Sommer 1839 diente der Erkundung der Region Monte Rosa und Matterhorn. Vom Riffelberg aus entdeckte man das grossartige weite Alpenpanorama. In der Nähe eines Gletschers zeigt Agassiz seinem Berner Kollegen Bernhard Studer, der die Gletschertheorie nicht anerkennt, abgeschliffene und gerillte Felsen. Der Bergführer Brantschen aus Zermatt bemerkt sofort ganz selbstverständlich, nur Eis könne die Felsen in dieser Art abschleifen.
Studer erklärt schliesslich, er sei überzeugt, und ruft aus:
Auf der mittleren, durch das Zusammentreffen des Lauteraar- und des Finsteraargletschers gebildeten Moräne, rund zehn Kilometer westlich der Grimsel, wurde das berühmte ( Hôtel des Neuchâtelois ) errichtet. Ein sehr pompöser Name für diesen kunstlosen, unter 4 Eine 30 x 5 cm grosse Inschrift in einem Stein am alten Grimselweg ( Helle Platten 667/161, 1510 m ) besagt ( 1838 L. Agassiz Eisschliffe> und erinnert damit noch heute an diese Exkursion.
5 Der Unteraargletscher scheint aus gletscherkundlicher Sicht besonders auserwählt: 1737 wurde er von Horace Benedict de Saussure und Theodore Bourrit aufgesucht; 1827 hat der Solothurner Franz Joseph Hugi dort seine ersten Beobachtungen gemacht. Hugi scheint übrigens der erste gewesen zu sein, der - mit seiner Tour zur Strahlegg 1832 - eine Wintertour in den Alpen unternommen hat.
einem Glimmerschieferblock eingerichteten Unterstand, der durch das Vorrücken des Gletschers bald zerstört wurde, in der Welt der Gletscherforschung aber berühmt bleiben wird.6 Daraufhin wurden auf der Seitenmoräne und auf dem Absatz am Fuss des Rothorns nacheinander verschiedene Hütten gebaut. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass der Gletscher vor 150 Jahren sehr viel umfangreicher war, länger und breiter, und dass seine Oberfläche der Lauteraarhütte ( Pavillon Dollfus ) sehr viel näher lag; darum auch die heutigen Metalleitern.
Edouard Desors Chroniken Excursions et séjours dans les glaciers et les hautes régions des Alpes de M. Agassiz et de ses compagnons de voyages ( 1844 ) und Nouvelles excursions et séjours... ( 1845 ) ebenso wie die Berichte von Carl Vogt ( 1843 ) erzählen von den zahllosen unvorhersehbaren Ereignissen während der gletscherkundlichen Unternehmungen des letzten Jahrhunderts, von 1838 bis 1844. Es gibt darin eine Unzahl von Anekdoten. Wenn man sie liest, kann man sich eine Vorstellung von der gesellschaftlichen Zusammensetzung dieser Gruppe von Naturforschern, von der Durchführung der Forschungsarbeiten und von den besonderen Ideen dieser Pioniere machen. Man muss ihre Geschicklichkeit bewundern und ebenso die Fähigkeiten und Leistungen der Bergführer. Die glorreichen Ereignisse, die kühnen Aufstiege, die Erstbesteigungen fesseln unsere 6 In seinen 1844 erschienenen Voyages en zigzag hat Rodolphe Toepffer bemerkt:
Die Namen, die Agassiz und seine Gefährten den umgebenden Gipfeln gaben, sind eine Ehrung für die Vorkämpfer der Erforschung der Alpen und der Gletscherkunde: Scheuchzerhorn, Altmann, Grunerhorn, Studerhorn, Escherhorn, Agassizhorn, Agassizjoch, Desorstock, Hugisattel.
Aufmerksamkeit. Da die Gletscherstudien von Sommer zu Sommer immer gründlicher und spezialisierter wurden, kam es zu stets ausgedehnteren Exkursionen, die zu immer höheren Gipfeln führten: Siedelhorn, Jungfrau, Lauteraarhorn, Wetterhorn.
Erwähnen wir in der Reihe der besonderen Leistungen die Tour, die Agassiz, Desor und ihre getreuen Bergführer im Februar 1841 zum unternahmen, das unter dem Schnee schwer zu finden war. Nach einer peinvollen Nacht auf der Grimsel sind sie wieder nach Meiringen hinuntergezogen und am nächsten Morgen nach Rosenlaui aufgestiegen. Diese Tour gehört, zusammen mit der von Franz Joseph Hugi aus Solothurn zur Strahlegg im Jahr 1832, zu den frühesten auf dem Gebiet des Winteralpinismus.
Durch ihre Intuition, ihren wissenschaftlichen Verstand und ihre geduldigen, scharfsinnigen Beobachtungen, auch durch ihren Mut, legten Agassiz und seine Gefährten'die Grundlagen für Gletscherforschung. Agassiz leitete diese wissenschaftlichen Unternehmungen, dieses grosse alpine Abenteuer dank seiner Begabung eines Anregers, seiner ansteckenden Kühnheit und seiner ungewöhnli-hen Fähigkeiten. Im ersten Anlauf unternahm er seine Forschungen in grossem Stil und mit bis dahin ungewöhnlichen Mitteln, sicherte sich dabei die Mitarbeit von Spezialisten wie dem Topographen Jean Wild, den Ingenieuren Otz und Stengel, dem Bohrtrupp von Koehli aus Biel; er lud sogar den Physiker J. D. Forbes aus Edinburgh ein, sich ihm anzuschliessen.
Jeder hatte sein eigenes wissenschaftliches Ziel. Nach der Beschreibung der erratischen 7 Unter den Gefährten von Agassiz seien hier genannt: Célestin Nicolet, Apotheker in La Chaux-de-Fonds, Carl Vogt aus Bern, François de Pourtalès und Henri Coulon aus Neuchâtel.
Arnold Guyot, ein enger Freund von Agassiz, unternahm bereits 1838 eine Forschungsreise auf den Gletscher. Er hat als erster die lamellenförmige Struktur des Eises festgestellt. Der Ruhm dieser Entdeckung kam ihm nicht zugute, denn seine Beobachtungen wurden erst 1883 in Porrentruy veröffentlicht. Guyot nahm an den Campagnen auf dem Unteraargletscher nicht teil, denn er war andernorts damit beschäftigt, die Spuren von erratischen Blöcken auszumachen, um die Begrenzungen der einstigen Gletscherbecken anhand der Charakteristika des Gesteins zu bestimmen ( Gneis von Arolla, Gabbro vom Allalin, soweit es sich um den Rhonegletscher handelt ).
Phänomene, der Formen und von ihnen gebildeten Depots ging man zum Studium des Gletschers selbst über. Agassiz erfasste sofort die Rolle der Temperatur; Messungen wurden an der Oberfläche und ebenso in der Tiefe sowohl während des Tages als auch in der Nacht vorgenommen. Während der Campagne von 1842, der bedeutendsten von allen, erreichte eine Bohrung 60 Meter Tiefe; man benutzte die Gelegenheit, um unter anderm auch Temperaturmessungen vorzunehmen. Ausserdem befasste man sich gründlich mit der Frage der Wasserzirkulation im Gletscher. Der Wasser-ausstoss im Verhältnis zu den meteorologischen Bedingungen wurde gemessen. Die Re-tentionsfähigkeit der Gletschermasse konnte bewiesen werden. Die Struktur des Eises8, seine Dichte und seine Porosität wurden sehr detailliert untersucht. Ebenso hat man sehr aufmerksam auf das Vorhandensein von Haarrissen im Eis geachtet und sie sogar durch Einfüllen gefärbter Flüssigkeit sichtbar gemacht.
Schon 1844 wurden Versuche unternommen, um ( die Art, in der die verschiedenen Körper, indem sie das Eis schützen, das Abschmelzen behindern ), beurteilen zu können. Schon nach wenigen Tagen traten deutlich Unterschiede zutage zwischen Oberflächen, die von einer Moränenschicht, einem Schneehaufen, einer Grasnarbe, hohem Gras bedeckt oder von einer Wolldecke oder einem aufgespannten Regenschirm geschützt waren. Man schlug auch Pfähle ins Eis, um Tag für Tag zu beobachten, wie sie durch den Schmelzvorgang freigelegt wurden.
Schon sehr früh waren die Bergbewohner sich der Situation bewusst und beobachteten, dass sich die Gletscher bewegen und Schwankungen unterworfen sind. So hat bereits 1773 ein junger Hirt aus Grindelwald, dessen Name für alle Zeit unbekannt bleiben wird, 8 Es sei daran erinnert, dass die Umwandlung von Schnee in Eis 1843 in Neuchâtel durch Henri Ladame - auch er ein Pionier- aufs sorgfältigste beobachtet wurde ( Bulletin de la Société neuchâteloise des sciences naturelles 1847, S. 267, Sitzung vom 17. Mai 1843 ).
mit Hilfe von Markierungen, die er an Ort und Stelle anbrachte, die Veränderungen des Gletschers beobachtet. Es war das Verdienst von Agassiz und Konrad Escher von der Linth, solche Beobachtungen systematisch durchzuführen. Im Jahr 1841, gleich zu Beginn der Campagne, stellten sie fest, dass sich das ( Hôtel des Neuchâtelois ) innerhalb eines Jahres um mehr als 60 Meter talwärts verschoben hatte. Sie beschlossen darauf, Fluchtlinien aus Blöcken zu errichten, dann auch quer über den Gletscher Pfähle einzutreiben. Auf diese Weise gelang es ihnen, die Ortsveränderung jeder einzelnen Markierung exakt zu messen. Sie konnten feststellen, dass die Geschwindigkeit in der Mitte der Gletscherzunge grösser ist als an ihren Rändern. Entsprechend den klimatischen Bedingungen, vor allem den Niederschlägen und den sommerlichen Temperaturen, fliessen die Gletscher wie ein Strom mit grösserer oder geringerer Geschwindigkeit; ausserdem stossen sie mehr oder weniger weit vor, schwellen an, nehmen sowohl in der Breite als auch in der Dicke zu. Wenn sie abnehmen, spricht man von Gletscherschwund oder Rückzug.
Bereits 1842 begann Agassiz in seiner Korrespondenz die Möglichkeit einer
Während seiner Reisen, die ihn durch Nord-und Südamerika führten, traf er überall auf Gletscherspuren, die er beschrieb.
Agassiz hat 14 Jahre, von 1832 bis 1846, in Neuchâtel gelebt; aus dem jungen Arzt, der sich für die Naturgeschichte begeisterte, wurde einer der grössten Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts.9 Er hat beachtliche Leistungen vollbracht; mit ausserordentlichen Fähigkeiten begabt, von ungewöhnlichem Willen und einer ebensolchen Leidenschaft beflü- 9 Zum Thema seiner glaziologischen Beiträge sei hier das 1847 erschienene Werk Nouvelles études et expériences sur les glaciers actuels, leur structure, leur progression et sur leur action physique sur le sol genannt, eine wissenschaftliche Arbeit ersten Ranges, die ein Klassiker geworden ist.
gelt, hat er das Ziel erreicht, das er mit 22 Jahren seinem Vater gegenüber genannt hatte: ( Brief vom 14. Februar 1829 aus München ).
Kurzbibliographie Portmann, Jean-Pierre: Louis Agassiz ( 1807-1873 ). Les débuts de sa carrière, d' après quelques lettres. In: Le Petit Rameau du Sapin ( Neuchâtel ) 1974, 45/3, S. 19-24.
Portmann, Jean-Pierre: Louis Agassiz ( 1807-1873 ) et l' étude des glaciers. In: Mémoires de la Société helvétique de sciences naturelles 1975, 89, S. 117-142.10 10 Die Dokumente, die sich auf die Geschichte der Naturwissenschaften in Neuchâtel im allgemeinen und auf Louis Agassiz im besondern beziehen, befinden sich in der Bibliothèque publique et universitaire, Neuchâtel. Sie werden von Mme M. Schmidt-Surdez, Konservatorin der Handschriften, mit grosser Sorgfalt betreut. Ihr sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.
Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.