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Nach allen landläufigen Massstäben müsste dieses Land ein Armenhaus sein, denn es hat alle Plagen des 20. Jahrhunderts durchlebt: Kolonialismus, Besetzung im Zweiten Weltkrieg, zwei Unabhängigkeitskriege, wovon der zweite besonders blutig war, ein realsozialistisches Terrorregime und einen Krieg mit den Nachbarstaaten.
Trotzdem blüht die Wirtschaft. In den letzten 40 Jahren hat sich das reale BIP Vietnams rund verzehnfacht. Das durchschnittliche Einkommen pro Kopf beträgt heute kaufkraftbereinigt fast 9000 $, gemäss Prognosen dürfte die Erfolgsgeschichte weiter anhalten. Vietnam sprengt alle Massstäbe.
Wie war das möglich? Eine einflussreiche Erklärung betont die Rolle der Liberalisierungspolitik seit den 1980er Jahren. Ähnlich wie in der Volksrepublik China habe das kommunistische Regime die Wirtschaft schrittweise geöffnet, um von ausländischen Investitionen und Technologien zu profitieren. Diese Öffnungspolitik sei ergänzt worden durch eine Deregulierungspolitik und umfangreiche Investitionen in die Bildung und die Infrastruktur.
Die Realität ist komplizierter
Diese Erklärung hat viel für sich. Der Erfolg der vietnamesischen Wirtschaft beruht zu einem wesentlichen Teil darauf, dass das Land zu einem grossen Standort für westliche Textilproduzenten und japanische und südkoreanische Elektronikunternehmen geworden ist. Dennoch scheint mir die Erklärung zu wenig weit zu gehen. Es gibt viele Länder in Afrika und Lateinamerika, die sich ebenfalls einer Liberalisierungsstrategie verschrieben haben, aber damit kaum ausländische Hightech-Unternehmen anziehen konnten. Auch haben viele arme Länder in Infrastruktur und Bildung investiert, ohne damit nennenswerte Erfolge erzielt zu haben. Die Realität ist komplizierter.
Die kommunistische Regierung schaffte die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe ab, verpachtete das Land den Kleinbauern und hob alle Preiskontrollen für Agrarprodukte auf.
Was bei dieser Sichtweise vor allem zu kurz kommt, ist die Eigenleistung der ländlichen Bevölkerung. Wie in der Volksrepublik China begann nämlich die vietnamesische Reformpolitik Mitte der 1980er Jahren nicht mit einer schnellen Öffnung gegen aussen, sondern mit einer Landreform im Innern. Die kommunistische Regierung schaffte die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe ab, verpachtete das Land den Kleinbauern und hob alle Preiskontrollen für Agrarprodukte auf. Gleichzeitig finanzierte der Staat den Ausbau der Bewässerungssysteme für die Reisproduktion.
Beeindruckende wirtschaftliche Dynamik
Innerhalb weniger Jahre setzte auf dem Land ein Boom ein. Die Erträge der Bauernbetriebe schnellten in die Höhe, Vietnam wurde bald zu einem bedeutenden Reisexporteur. Der Aufschwung des Landwirtschaftssektors wiederum führte zu einer starken Nachfrage nach gewerblichen Gütern, worauf die kommunistische Regierung die Gründung privater Industrieunternehmen zuliess. Noch bevor die grosse Öffnungspolitik einsetzte, hatte also auf dem Land eine beeindruckende wirtschaftliche Dynamik eingesetzt.
Woher diese unermüdliche Geschäftigkeit der ländlichen Bevölkerung rührt, ist von aussen kaum zu verstehen. Es hätte genügend Gründe gegeben, angesichts der verzweifelten Situation in Resignation zu verfallen. Der zehnjährige Vietnamkrieg, der 1975 zu Ende ging, hatte verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen. Es kam zu lokalen Hungersnöten, die Inflation erreichte Mitte der 1980er Jahre 700%. Nur dank humanitärer Hilfe aus der Sowjetunion konnte ein wirtschaftlicher Kollaps verhindert werden. Aber offenbar vermochte das Elend die Lebensgeister nicht auszulöschen.
Vietnam erreicht mit viel weniger finanziellen Mitteln viel bessere Resultate.
Vorbildliche Bildungspolitik
Der enorme Leistungswille der vietnamesischen Bevölkerung zeigt sich auch beim Erfolg der Bildungspolitik. Natürlich war es entscheidend, dass der Staat viel Geld in die Hand nahm und das Schulsystem massiv ausbaute. Aber damit lässt sich nicht vollständig erklären, warum die vietnamesischen Schülerinnen und Schüler in den Pisa-Tests so gut abschneiden. Die Schweiz hat das teuerste Bildungssystem der Welt, und dennoch können rund 20% der Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit weder richtig lesen noch schreiben. Vietnam erreicht mit viel weniger finanziellen Mitteln viel bessere Resultate.
Die vietnamesische Erfolgsgeschichte ist deshalb weit mehr als ein kurioser Einzelfall. Sie zwingt uns vielmehr dazu, populäre Grosserklärungen infrage zu stellen. Kolonialismus, Krieg und Realsozialismus haben grossen Schaden angerichtet, aber in Vietnam den Aufschwung nicht verunmöglicht. Liberalisierung und öffentliche Investitionen sind unabdingbar, aber nur wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Diese Voraussetzungen wiederum lassen sich nicht so einfach durch politische Massnahmen herbeizaubern. Entweder wollen die Menschen am selben Strick ziehen – oder eben nicht.
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Dieser Artikel ist zuerst in der NZZ erschienen.