Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03349.jsonl.gz/2558

© Fuldera Müller
Der Artenreichtum an Brutvögeln, aber auch an Tagfaltern, Heuschrecken und Gefässpflanzen ist in den inneralpinen Tälern und in den Südalpen besonders hoch. Viele Arten sind von einer extensiv betriebenen Landwirtschaft abhängig. Bewässerungsprojekte, die in jüngster Zeit vermehrt installiert wurden, führen zu Konflikten mit dem Vogelschutz. Viele Kulturlandvogelarten, besonders aber Bodenbrüter wie das Braunkehlchen, können durch das Bewässern der Wiesen und die daraus folgende frühere Schnittnutzung ihren Lebensraum verlieren. Ausserdem verarmt die Pflanzenwelt und Tagfalter, Heuschrecken und andere Insekten finden schlechtere Lebensraumbedingungen vor.
Deshalb hält die Schweizerische Vogelwarte in Gebieten mit wichtigen Kulturlandvogel- Vorkommen Bewässerungen für fragwürdig und verlangt, dass zumindest die Einhaltung der folgenden Rahmenbedingungen erfüllt wird:
Der Artenreichtum an Brutvögeln, aber auch an Tagfaltern, Heuschrecken und Gefässpflanzen ist in den inner alpinen Tälern und in den Südalpen besonders hoch. Dieser Umstand ist unter anderem der Leistung der Landwirte zu verdanken, die auch zahlreiche Grenzertragsflächen bewirtschaften. Die Bestände mehrerer einst weit verbreiteter Brutvogelarten des Kulturlandes (z.B. des Braunkehlchens) sind im Mittelland, im Jura und in den Nordalpen verschwunden oder stark dezimiert. Das zukünftige Vorkommen dieser Arten in der Schweiz ist deshalb vom Weiterbestand der naturnah praktizierten Berglandwirtschaft in den Zentral- und Südalpen abhängig. Deshalb setzt sich die Schweizerische Vogelwarte seit Jahren für eine traditionell produzierende und wildtierfreundliche Berglandwirtschaft ein.
Ebenso wie die Kulturlandvögel ist auch die naturnahe Berglandwirtschaft in den Zentral- und Südalpen gefährdet. Die Verwaldung im Tessin und die Aufgabe von Teilen der einzigartigen Kulturlandschaft im Wallis beweisen dies. Zum wirtschaftlich schwierigen Umfeld, in welchem sich die Berglandwirtschaft befindet, gesellen sich die Auswirkungen des Klimawandels: Zwar gibt es in den inneralpinen Tälern und im Tessin seit je Trockenjahre – ihre Frequenz hat sich jedoch in letzter Zeit erhöht, und diese Tendenz wird sich vermutlich weiter verstärken. Trockenjahre führen zu stark vermindertem Graswuchs, so dass die Landwirte mit grossen Ertragsschwankungen konfrontiert sind. Die in vielen Berggebieten beobachtete Aufstockung der Viehbestände, welche unter anderem durch die staatlichen Tierhaltungsbeiträge gefördert wird, führt anderseits zu einem erhöhten Bedarf an eiweissreichem, qualitativ hochwertigem Raufutter. Dieser kann in vielen von Natur aus trockenen Regionen nur durch vermehrte Bewässerung der Grünland-Parzellen befriedigt werden. So wurden denn auch in den letzten Jahren verschiedene Trockengebiete der inneren Alpen neu mit modernen Bewässerungsanlagen versehen, teilweise wurden diese von einzelnen Landwirten in Eigeninitiative errichtet, teilweise entstanden sie in Zusammenhang mit Meliorationen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich nur auf Bewässerung mittels moderner Anlagen, nicht auf die traditionell übliche Bewässerung mittels Bewässerungsgräben.
Durch Bewässerung wird eine Wiese schneller schnittreif, der Schnittzeitpunkt kann vorverschoben werden. Neue Erntetechniken, insbesondere die Silage, werden möglich, eventuell kann sogar ein Schnitt mehr geerntet werden. Negative Folgen davon sind:
Bei unsorgfältiger Planung oder Bewässerungspraxis werden, wie mehrere Beispiele zeigen, nicht nur die Zielflächen, nämlich die Heuwiesen, sondern auch umliegende Strukturen und Randzonen von Naturschutzflächen (Steinriegel, Mauern, Hecken, Trockenwiesen, Felsensteppen) bewässert. Dadurch werden nicht nur darin befindliche Bruten von Vögeln beeinträchtigt, sondern auch geschützte Insekten-, Reptilien-, und Pflanzenarten werden ihres Lebensraums beraubt.
Ein weiteres, allerdings nicht primär den Vogelschutz betreffendes Problem, sind illegale Wasserentnahmen aus kleinen Fliessgewässern zu Zeiten mit geringer Wasserführung. Der Lebensraum der Gewässerfauna wird dadurch je nach Ausmass beeinträchtigt oder vernichtet. Auch der Wasserhaushalt der von Gewässern abhängigen Feuchtgebiete kann dadurch gestört werden.
|Gilde||Beispiele||Art der Beeinträchtigung|
|Bodenbrüter der spät geschnittenen Heuwiesen.||Wachtelkönig, Wachtel, Feldlerche, Braunkehlchen||Diese Arten sind direkt gefährdet, denn übermässige Beregnung der Nester kann zu Brutverlusten führen. Weil das Gras mit Beregnung früher reif wird, kann der Schnittzeitpunkt vorverschoben werden – die Nester werden ausgemäht; durch häufigere Mahd und verändertes Mikroklima in den Wiesen (es wird kühler und feuchter), nimmt die Insektenvielfalt und –menge und damit die Nahrungsbasis für Brutvögel ab. Bedingt durch dichteren Graswuchs in den bewässerten Wiesen ist die Beute zudem schwerer erreichbar.|
|Arten des ungenutzten oder extensiv beweideten trockenen Grünlandes (zum Beispiel der Felsensteppen).||Steinhuhn, Heidelerche, Baumpieper, Brachpieper, Steinrötel, Steinschmätzer Zippammer, Ortolan||Diese Arten sind vor allem indirekt gefährdet: Durch die verbesserte Ertragslage in den bewässerten Wiesen wird die Nutzung der meist steilen Trockenstandorte für den Landwirt weniger interessant, sie verganden und verbuschen und können letztlich nicht mehr als Brutbiotop genutzt werden. Bei unsorgfältiger Projektplanung oder Bewässerungspraxis kann es zudem vorkommen, dass die Trockenrasen mitbewässert werden und degradieren.|
|Arten, die in Strukturen (zum Beispiel Hecken, Wälder, Mauern, Saumstreifen) der Umgebung brüten, und/oder in trockenen Heuwiesen und Trockenstandorten ihre Nahrung suchen.||Kuckuck, Zwergohreule, Wiedehopf, Wendehals, Grünspecht, Schwarzkehlchen, Neuntöter, Rotkopfwürger, Alpenkrähe, Goldammer, Zaunammer||Die Nahrungsbasis dieser Arten wird geschmälert, denn durch häufigere Mahd und verändertes Mikroklima in den bewässerten, dichteren Wiesen (es wird kühler und feuchter) nimmt die Insektenvielfalt und –menge (zum Beispiel der Tagfalterraupen, Grossheuschrecken) sowie deren Erreichbarkeit ab.|
|Arten, die in xerothermen Heckenlandschaften brüten, aber die umliegenden Trockenwiesen kaum zur Nahrungssuche benutzen.||Sperbergrasmücke, Dorngrasmücke, Orpheusspötter||Diese Arten leiden vor allem bei unsorgfältiger Projektplanung oder mangelhafter Bewässerungspraxis. Wenn sehr dichte Heckenlandschaften bewässert werden, ist es fast unumgänglich, dass auch die Gehölze zeitweise beregnet werden. Dies führt zur Minderung des Bruterfolgs.|
Die Vogelwarte hält Bewässerungsprojekte für fragwürdig. Zumindest die folgenden Bedingungen müssen aus unserer Sicht erfüllt sein: