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Die Scheidungswelle in den Industriestaaten und deren Auswirkungen auf die kommenden Generationen hat Fachleute aus Justiz, Sozialarbeit und Psychologie überzeugt, nach neuen Lösungs- und Verhandlungswegen mit höherer Verträglichkeit und Nachhaltigkeit zu suchen. Eine neue Kultur im Umgang mit Konflikten wurde angestrebt und in der Mediation gefunden.
In den Siebzigerjahren wurden in den USA die ersten ‚Family Mediation Centers’ gegründet und bald fand die Mediation in den USA auch Eingang in die Gesetze. In Kalifornien beispielsweise ist bei Streitigkeiten um Sorge- und Besuchsrecht seit 1981 Mediation vorgeschrieben.
DER BEGINN DER FAMILIENMEDIATION IN DER SCHWEIZ
Am 1. Oktober 1988 hat „Parents for ever“ in Genf ein internationales Kolloquium über die Familienmediation organisiert an dem ca. 300 Personen teilgenommen haben. Teilnehmerin war auch Eliane Colin aus Neuenburg, die von diesem neuen Konfliktlösungsmodell fasziniert war. Sie hatte sofort den Wunsch, in der Schweiz die Förderung der Mediation zu initiieren. In dieses Projekt hat sie Hans Lehmann aus Genf involviert und ihn gebeten, Personen zu kontaktieren, die an einer alternativen Konfliktkultur interessiert waren. Eliane Colin ist kurz darauf nach Kanada zu einem internationalen Mediationskongress gereist, der vom Anwaltsverband Québec, dem Justizdepartement und dem Departement für das Sozialwesen organisiert war. In Kanada hatte sie Laura Cardia-Vonèche, Soziologin an der Universität Genf getroffen, die von der französischen Regierung ein Mandat erhalten hatte, über die Familienmediation zu forschen. Laura Cardia-Vonèche war sofort interessiert, bei der Etablierung der Mediation in der Schweiz mitzuwirken. Sie war eine wertvolle Quelle in der Forschung über die familiäre Wandlung.
Im November 1989, nach vielen einleitenden Schritten und mit der Unterstützung von Eliane Colin, Valentine Lenoir-Degoumois, Mitglied verschiedener Organisationen betreffend familiärer Probleme, Hans Lehmann, Laura Cardia-Vonèche u.a. wurde le groupe romand pour la médiation familiale gegründet.
Am 14. und 15. November 1991 hat das Schweizerische Institut für Rechtsvergleichung in Zusammenarbeit mit der Rechtsfakultät von Genf eine Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „Mediation als alternative Konfliktlösungsmöglichkeit“ durchgeführt, an der Fachleute aus der ganzen Welt teilnahmen.
Am 9. Juni 1992 hat in Olten eine erste Sitzung zur Planung des künftigen Vereins für Familienmediation stattgefunden, die von Josef Duss-von Werdt initiiert worden ist. An der Sitzung nahmen an der Familienmediation interessierte Personen aus allen Landesteilen der Schweiz teil.
Am 22. Juni 1992 wurde in Neuchâtel in Anwesenheit eines Vertreters des Justizdepartements des Kantons Neuenburg und von Frau Ruth Reusser, Vertreterin des EJPD der
Schweizerische Verein für Familienmediation (SVFM)
gegründet. Frau lic.iur. Marianne Galli-Widmer wurde zur Präsidentin und Herr Dr. iur. Peter Balscheit, Präsident des Bezirksgerichts von Sissach als Vizepräsident gewählt. Peter Balscheidt war dafür bekannt, dass er schon damals in seinen Scheidungsurteilen auf Antrag der Eltern das gemeinsame elterliche Sorgerecht aussprach, obschon diese Möglichkeit im Zivilgesetzbuch noch nicht existierte. Er vertrat die Meinung, dass zum Schutz des Kindeswohls die Eltern die Verantwortung zur Erziehung der Kinder auch im Scheidungsfall weiterhin gemeinsam wahrnehmen müssen. Es handelt sich dabei um eine weitere Priorität der Scheidungs- und Trennungsmediation. Der erste Vorstand setzte sich aus 14 Mitgliedern zusammen, die aus den 3 Landesteilen stammten. Als Sekretärin wurde Frau Eva Känzig, Sekretärin des Centre de recherches familiales et systémiques in Neuenburg gewählt. Sitz des Vereins war und ist auch heute noch das Cerfasy in Neuchâtel.
DIE ERSTE MEDIATIONSAUSBILDUNG IN DER SCHWEIZ
Ab 1992 wurden die ersten Mediationsausbildungen in der Schweiz am CEFOC und am INPER in Lausanne unter der Leitung der Psychologin und Familienmediatorin Sylvie Monnier angeboten. Der Haupttrainer war der Pionier Aldo Morrone aus Kanada, der Kurse in vielen Ländern Europas, den USA und Südamerika hielt. Er hat eine Grundausbildung als Psychotherapeut und arbeitete seit über 20 Jahren als Familienmediator am Zivilgericht in Montréal.
Die Ausbildung dauerte 200 Std., inkl. 40 Stunden Supervision, und musste mit einer Fallbearbeitung und einer theoretischen Arbeit zu einem Thema über die Mediation abgeschlossen werden. Die Ausbildung entsprach den zukünftigen Standards des europäischen Forums über Familienmediation.
Die Familienmediation erlebte insbesondere im Bereich der Scheidungen einen raschen Aufschwung und dehnte sich gleichzeitig auch immer mehr auf andere Gebiete, wie Wirtschaft, Schule und den öffentlichen Bereich aus.
1998 beschliessen der Vorstand des SVFM und ihre Mitglieder eine Öffnung. Das Bestreben des SVFM war offen zu sein für weitere Fachtitel in zusätzlichen Mediationsfeldern. Der Schweizerische Verein für Familienmediation (SVFM) wurde zum
Schweizerischen Verein für Mediation (SVM)
Im Mai 2000 gründete der SVM gemeinsam mit weiteren Vereinen und Organisationen, wie das Institut für Mediation (IEF), das Mediationsforum Schweiz, das Groupement pro Médiation, die Schweizerische Friedensstiftung (SFS) und das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) den
Schweizerischen Dachverband Mediation (SDM)
Der SVFM war jedoch die einzige Mitgliedsorganisation, welche seit ihrer Gründung einen Fachtitel erteilte, was im historischen Kontext verständlich wird: Der zu dieser Gründungszeit des SDM geschaffene Titel ‚Mediator/Mediatorin SDM’ machte es damals möglich, die Berufsbezeichnung ‚Mediator SDM’ zu schützen.
Ab dem Jahr 2013 leitete der SDM in Zusammenarbeit und im Auftrag seiner Mitgliedsorganisationen einen Strategieprozess ein.
Im Zuge dieser Strategieentwicklung wurde immer deutlicher, dass der SVM als Verein sich neu oder erneut positionieren muss. Wenn sich der SVM als Verein für die Familienmediation für die Belange der Familienmediation einsetzen und die fachspezifische Diskussion vorantreiben und politisch für die Familienmediation einsetzten will, so muss der SVM auch als solcher erkennbar sein und wahrgenommen werden.
Am 18. März 2016 anlässlich seiner Mitgliederversammlung beantragte der Vorstand – nach einer eingehenden Diskussionen an seiner Retraite im November 2015 – die Namensänderung des Schweizerischen Vereins für Mediation SVM zurück zum ursprünglichen Namen
Schweizerischer Verein für Familienmediation (SVFM)
Der Vorstand war und ist überzeugt, dass mit dieser Namensänderung eine Schärfung der Identität des Vereins erwirkt und damit das Gewicht verstärkt in die fachspezifische wie auch politische Diskussion gelegt werden kann.
Am 17. April 2017 anlässlich seiner Mitgliederversammlung beantragte der Vorstand des SVFM die Änderung bzw. Umbenennung des Titels und zwar ‚Mediator/-in SDM mit Spezialisierung in Familienmediation’. Gleichzeitig wurde in Übereinkunft mit dem SDM die Erteilung der Anerkennung an den SDM übertragen. Der SVFM definiert weiterhin die Kriterien für die Anerkennung als Mediator/-in SDM mit Spezialisierung in Familienmediation. So wurde sichergestellt, dass der SVFM seine Schirmherrschaft über die Spezialisierung in Familienmediation behält und diese inhaltlich weiterentwickeln kann.
Abschliessend Gedanken zu Theorie und Praxis:
DIE THEORIE WIRD VON DER PRAXIS GELEITET UND NICHT UMGEKEHRT
Die Mediation ist in erster Linie ein praktisches Phänomen. Es handelt sich um eine praktische Bewegung und eine Erneuerung gegenüber dem kontradiktorischen System, das immer mit Gewinnern und Verlierern endet, oder oft auch nur mit Verlierern. Die Tatsache, dass Lösungen erarbeitet werden, die von den Medianden gewollt sind und so auch in der Zukunft in der Praxis Stand halten können, ist sicher die grösste Errungenschaft der Mediation.
Die Geschichte der Mediation in Europa ist die Geschichte der Wiederentdeckung der Mediation im institutionellen Rahmen und als neuen Beruf. Johan Deklerck, Lovania, Mediator und internationaler Trainer in Strafmediation und Sepp Duss-von Werdt beschreiben in seinem „Homo Mediator“ bis zu 2600 Jahren zurück die Mediation als kommunikatives Verfahren.
Die Qualität und Flexibilität sowie die Professionalisierung und das Festlegen von Ausbildungsstandards haben die Implementierung der Familienmediation und die Mediation im allgemeinen gefördert. Wichtig zur Qualitätssicherung sind die Transparenz der Gestaltung der Verfahrensphasen und die seriöse interdisziplinäre Ausbildung der Mediator/-innen, ohne dabei in zu strikte Regeln zu verfallen.
Quelle: z.T. Auszüge und in Anlehnung an das Referat von Marianne Galli-Widmer, Familienmediatorin SVM, Mediatorin SDM, Mediatorin SAV zum 20. Jubiläum des SVM anlässlich der Schweizerischen Impulstage Mediation SDM (heute: Schweizerischer Kongress der Mediation SDM) am 8./9. Juni 2012 in Pfäffikon/SZ.
Das Referat im Original kann nachgelesen werden: LINK