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H.G. Wells vs. Stalin, und was John Maynard Keynes dazu sagt für einen Schilling
von Cedric Weidmann
Eines der Vorhaben von WRAG! war ja, offener darüber zu schreiben, was los ist. Und es ist einiges los. Da wäre der Aufenthalt in Israel, der Abschluss der 5. Ausgabe von delirium, eine Fertigstellung von zwei Schreibprojekten und das Ende des A4 gewinnt-Wettbewerbs von Jung im All. Zu allem werde ich zu gegebener Zeit Weiteres erzählen – im Moment bin ich fast vollständig damit beschäftigt eine alte, lange aufgeschobene Arbeit zur Ökonomie in der Science Fiction-Literatur abzuschliessen.
Ich bin im Moment an einem Kapitel zu H.G. Wells‘ The First Men in the Moon. Und gerade habe ich das Interview von Wells, einem klassisch britischen Gentleman mit Schnauzer und Anstand, Verfechter wissenschaftlicher Prinzipien und einflussreichster Autor der frühen Science Fiction-Bücher, und Stalin (na ja, dem Stalin) gelesen.
Das war 1934 und ist in dieser ziemlich grossartig illustrierten Broschüre abgedruckt worden („Shaw-Wells-Keynes on Stalin-Wells-Talk. One Shilling“). Das Gespräch selbst ist wunderbar intellektuell, so richtig bemüht intellektuell, aber es bringt doch ziemlich nachvollziehbar und argumentativ die Verschiedenheit zweier sozialistischer Positionen zur Geltung. Davon abgesehen, dass die beiden ein wenig aneinander vorbeireden, ist es sehr leicht zu lesen. Sie begegnen sich mit Geduld und fast ulkigen Höflichkeitsfloskeln. Das heisst nicht, dass für einige witzige Uneinigkeiten, die niemals aufgelöst werden, kein Platz wäre:
[Stalin:] But you have imperceptibly passed from a question of revolution to questions of reform. This is not the same thing. Don’t you think the Chartist movement played a great role in the reforms in England in the nineteenth century?
[Wells:] The Chartists did little and disappeared without leaving a trace.
[Stalin:] I do not agree with you.
Zentral ist für meine Arbeit natürlich die ökonomische Position von Wells („There is no need to disorganise the old system because it is disorganising itself enough as it is“ … „But under modern conditions, when the system is collapsing anyhow, stress should be laid on efficiency, on competence, on productiveness, and not on insurrection“), die so und anders auch im Roman auftritt.
Aber richtig Spass machen eigentlich erst die Antworten der drei anderen linken Intellektuellen auf das Interview, die in jener 1-Schilling-Broschüre ebenfalls abgedruckt sind. Bernard Shaw, Literaturnobelpreisträger, der deutsche Exilant und Pazifist Ernst Toller und der Wirtschaftsklassiker John Maynard Keynes äussern sich in einer hitzigen Diskussion.
Shaw hebt Stalins fundiertes Theoriegebilde und die Fähigkeit zum Zuhören hervor und zersäbelt dabei Wells:
But nothing can shake Wells’s British conviction that Stalin, being a foreigner, and having never attended a meeting of the Institute of International Affairs in St. James’s Square nor read The Round Table, has no grasp of the possibilities of Clissoldism and has had his mind destroyed by a malicious degenerate named Marx.
„Clissoldism“ fügt der Kritik noch eine Hinterhältigkeit hinzu: William Clissold heisst die Figur in H.G. Wells längstem, autobiographisch angehauchten Buch. „‚Clissoldism‘ had become in public parlance a term of ridicule, a word for the pretentious meddling of any busybody who sets out to reshape the world according to a blueprint of his own making“ (The Spinster and the Prophet)
J. M. Keynes hingegen verschont Shaw nicht mit seiner harten Kritik:
Wells is a searcher, an inquirer. But Shaw is such a dogmatist by now that it makes but little difference to his enthusiasm whether it is Stalin or Mussolini. He would have a good word for the Pope (as we see in St. Joan), if it were not that His Holiness is so mild and broadminded.
Sehr unterhaltsame Lektüre. Und ein gutes Vorbild dafür, wie intellektuelle schriftliche Debatten vielleicht wieder klug und unterhaltsam sein können