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«Wir müssen uns abgrenzen in unserem Beruf», sagt Tenzing Lirgyatsang. Die Sozialarbeiterin arbeitet seit einem Jahr bei SOS Beobachter. «Ich lese täglich fünf bis zehn Schicksale, da muss ich eine gewisse Distanz bewahren.» Doch einige Geschichten wird sie nie vergessen. Zum Beispiel die von Dinesh Rajendran.
Mit 14 tuckert er in Sri Lanka zusammen mit 40 Kindern auf der Schulreise in einem alten Bus zur Heiligen Stadt Anuradhapura. Ein Lehrer hat eine Kamera dabei. Dinesh Rajendran will unbedingt ein Bild von sich haben, aber der Lehrer verlangt zehn Rupien. Zu viel. Später erzählt er seinem Vater, der in der Schweiz lebt, am Telefon davon. «Weisst du was», sagt der, «das nächste Mal machst du deine eigenen Fotos.» Kurz darauf schenkt er seinem Sohn eine kleine Samsung-Kamera. Seither zieht sich die Fotografie durch Dinesh Rajendrans Leben wie ein roter Faden.
«Mein Vater war aus politischen Gründen geflohen, als ich ein Jahr alt war», sagt Rajendran. Das erste Mal Kontakt mit ihm hat er mit 13, als der Vater aus Europa anruft und verspricht, Mutter und Sohn zu sich zu holen. Es dauert weitere vier Jahre, bis Rajendran an einem Freitag Ende Dezember 2013 als 17-Jähriger am Flughafen in Zürich landet und seinen Vater sieht. Die Mutter kommt zwei Jahre später nach.
In der Schweiz ist für Rajendran alles fremd: die Kultur, die Umgebung, das Alphabet, auch sein Vater. Die einzige Verbindung mit ihm ist die alte Samsung-Kamera. Er zeigt ihm die Bilder, die er in Sri Lanka aufgenommen hat. Sein Vater ist begeistert und kauft ihm eine neue Kamera, eine Canon 7D Mark II.
Doch statt der Kamera muss er sich bald Deutschbüchern widmen, und als Rajendran eine Lehre als Verkäufer bei einer Basler Avec-Filiale beginnt, verstaut er sie auf dem obersten Brett eines Regals. Da bleibt sie liegen, bis er an einer Hochzeit einen Fotografen kennenlernt. Der bietet ihm an, in seiner Firma in Zürich auszuhelfen. Als Rajendran seine Canon vom Regal nimmt, fällt sie zu Boden. Das Gehäuse ist zerstört.
«Ich habe sie mittlerweile reparieren lassen», sagt Rajendran jetzt und zieht sie aus seinem olivgrünen Rucksack, schraubt den Gehäusedeckel ab und zeigt auf den silbernen Ring in der Mitte: «Hier ist aber noch immer etwas verbogen.» Man könne das Objektiv nicht mehr richtig aufsetzen.
Drei Jahre lang fährt Rajendran, wann immer er kann, nach Zürich ins Fotogeschäft. Er saugt jedes technische Detail über Kameras, Objektive und Adapter auf, fotografiert alles, was ihm vor die Linse kommt. Und übernimmt mit der Zeit erste Fotoaufträge.
«Ich mache die Ausbildung nicht, weil sie mir Spass macht. Es ist mir wichtig, einen richtigen Abschluss zu haben.»Dinesh Rajendran
Die Canon 5D, die zweite Kamera, die er nun aus seinem Rucksack nimmt, ist nur geliehen. «Ich arbeite zwar nicht mehr für die Firma, aber wenn ich einen Auftrag habe, kann ich da eine Kamera ausleihen.» Er zahle dann jeweils eine Gebühr pro Klick, also für jedes Foto. Für einen Geburtstag seien das um die 20 bis 50 Franken.
Nicht sehr viel, aber für Rajendran zählt jeder Rappen. Erst recht, seit sein Vater vor drei Jahren bei der Arbeit schwer verunfallt ist. Er musste mehrmals operiert werden und kann seither nicht mehr arbeiten.
Weil das Geld zu knapp ist, bricht Rajendran die Lehre ab und nimmt einen Job bei einer Bäckerei in der Basler Altstadt an. Mit seinem Lohn kann er immerhin die Miete für die gemeinsame 2,5-Zimmer-Wohnung in Muttenz BL bezahlen, aber am Ende des Monats bleibt nichts übrig. Mit Corona spitzt sich die Lage der Familie weiter zu.
Als sich seine Eltern bei der Sozialhilfe anmelden, kann Rajendran eine neue Lehre anfangen. Wieder im Verkauf, dieses Mal bei der Migros. Das RAV unterstützt ihn, zahlt aber nur das Nötigste. «Ich mache die Ausbildung nicht, weil sie mir Spass macht. Aber es ist mir wichtig, einen richtigen Abschluss zu haben.»
Anders ist es bei der Fotografie. Sobald er eine Kamera in der Hand hält, kann Rajendran richtig abschalten. «In diesen Momenten bin ich in meiner eigenen Welt.» Irgendwann, sagt er, möchte er von der Fotografie leben. Jeder Traum habe einen Anfang. In seinem Fall ist es eine eigene Kamera.
Ein Mitarbeiter der Freiplatzaktion Zürich erzählt ihm von der Stiftung SOS Beobachter. Rajendran stellt ein Gesuch für eine Kamera, inklusive Objektiv. Es landet bei Tenzing Lirgyatsang. «Sein Gesuch hat mich sofort tief berührt», sagt sie. Dinesh Rajendran habe viel durchmachen müssen. «Die Fotografie ist für ihn ein wichtiger Zufluchtsort geworden.»
Sie prüft sein Gesuch eingehend, stellt Rückfragen, spricht mit der Freiplatzaktion, macht Vorschläge für günstigere Kameras. Letztlich einigt man sich auf ein Modell, und Lirgyatsang kann Rajendrans Gesuch gutheissen.
Rajendran ist überglücklich, fährt sofort ins Fotogeschäft. «Ich hatte die Kamera reserviert, ein Mitarbeiter hat sie trotzdem verkauft.» Er muss Ersatz suchen und findet Mitte Mai die perfekte Kamera: eine gebrauchte Canon R.
Nächstes Jahr will er seine Lehre abschliessen. Und sich dann voll und ganz auf die Fotografie konzentrieren.
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