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Der Gleichgewichtssinn ist unser sechster Sinn. Er hilft uns bei der Orientierung im Raum. Mehrere Informationsströme werden dabei vom Gehirn verarbeitet: die Signale der Augen, der Muskeln, der Gelenke, der Haut und jene des Gleichgewichtsorgans im Innenohr.
«Der sechste Sinn ist für uns so selbstverständlich, dass wir ihm in der Regel keine grosse Beachtung schenken», sagte UZH-Neurologe Dominik Straumann an der Veranstaltung des ZIHP in der vergangenen Woche im voll besetzten Hörsaal des Careums. «Erst wenn wir unter Schwindel leiden, machen wir uns Gedanken über unseren Gleichgewichtssinn.»
Standfestigkeit prüfen
Bei Schwindel führt der Arzt in der Regel einen Balance-Test mit dem Patienten durch. Der Patient wird aufgefordert, mit zusammenstehenden Füssen aufrecht zu stehen und dann die Augen zu schliessen. Schwankt er stark oder steht er ruhig? Dann schubst der Arzt den Patienten in alle Richtungen, um zu überprüfen, inwieweit er ausgleichen kann. Gelingt das nur schlecht, könnte es auf eine Schädigung des Innenohrs, der Nerven oder des Kleinhirns hinweisen.
Die häufigste Form des Schwindels ist der so genannte plötzliche gutartige Lagerungsschwindel. Mindestens jeder fünfte Patient, der unter Schwindel leidet, hat diese Erkrankung. Die Patienten klagen beim Hinlegen, beim Drehen des Kopfes, beim Hoch- oder Runterschauen über kurze Schwindelattacken, die selten länger als 30 Sekunden dauern.
Mismatch zwischen Hirn und Ohr
Um die Ursachen zu verstehen, muss man wissen, dass das Innenohr aus zwei Teilen besteht: der Hörschnecke und dem Gleichgewichtsorgan. Es können sich nun kleine Kalziumkristalle im Inneren des Gleichgewichtsorgans lösen und in die Bogengänge des Innenohrs geraten. Die Kristalle bewegen sich hier bei entsprechenden Kopfbewegungen hin und her. Die Folge ist, dass das Gehirn eine Meldung über eine Bewegung erhält, die von anderen Sinnessystemen, etwa dem Auge, nicht gemeldet wird. Das Ergebnis sind widersprüchliche Informationen im Hirn (Mismatch), die zu Schwindel führen.
Warum sich die Kristalle – die kleiner sind als Sandkörner – ablösen, ist bis heute nur teilweise erforscht. Studien legen nahe, dass es Teil des normalen Alterungsprozesses ist, aber auch nach Anstossen des Kopfes, langem Liegen oder nach Entzündungen der Gleichgewichtsnerven können sich die Kristalle ablösen. Was viele nicht wissen – die Kristalle lassen sich durch eine einfache Lagerungstechnik zum Verschwinden bringen.
Befreiungsmanöver
«Zunächst muss man herausfinden, welches Ohr betroffen ist», sagte Schwindel-Experte Straumann. Der Patient trägt dabei die 15 Dioptrien starke Frenzel-Brille. Durch diese erkennt der Arzt ein charakteristisches Augenzittern, wenn er gezielt die Kopfposition des Patienten verändert. So kann er auch herausfinden, in welchem Ohr und in welchem Bogengang sich die Kristalle hin- und herbewegen.
Die Spezialbrille unterstützt die Diagnose auch bei anderen Formen von Schwindel. Ob dieser etwa vom Klein- oder Stammhirn ausgeht oder auf einem einseitigen Ausfall des Gleichgewichtsorgans im Innenohr oder einer Augenmuskellähmung beruht, verrät oft schon diese Untersuchung allein.
Ist klar, welches Ohr von der Kristallbewegung betroffen ist, ist die Therapie einfach, wie Dominik Straumann anhand eines im Publikum Anwesenden demonstrierte: Man legt den Kopf des Patienten auf die betroffene Seite in eine bestimmte Position und dreht ihn dann um fast 180 Grad. Dadurch fliessen die Kristalle aus dem Bogengang heraus und lösen sich mit der Zeit auf. Das Manöver habe eine Erfolgsrate von 90 Prozent und ist die erfolgreichste therapeutische Massnahme überhaupt, sagte Straumann. «Paradoxerweise gibt es nicht einmal Taxpunkte dafür, obwohl man damit unnötige Abklärungen von mehreren Tausend Franken verhindert», sagte Straumann.
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