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Dumpf hatten die Trommeln die ganze Nacht über gedröhnt. Wenn sie einmal schwiegen, hörte man jene der fernen Nachbardörfer. Was auch immer sie einander übermittelten: Es schien ausserordentlich wichtig zu sein.
Wir waren inzwischen drei Tagesreisen mit dem Jeep von Fort Lamy, dem heutigen N’djaména, entfernt und durchfuhren den Steppengürtel des südlichen Niger gegen Norden hin. Unser Ziel war L’Arbre du Ténéré, jener Ort in der Mondlandschaft der Ténéréwüste, wo ein einzelner Baum steht. Dort würden wir eine Salzkarawane einholen, die auf dem Weg in den Norden war. Sie sollte unsere Unicef-Crew sicher in die Dörfer des Djado weisen, wo wir Entwicklungsprojekte zu überprüfen hatten.
Abwarten und Trommeln hören
Ich selbst war dieser Gruppe als Hilfsschreiber zugeteilt. Eine winzige «Hermes-Baby» in meinem Gepäck war das kostbare Gut, das ich zu bewachen, zu pflegen und zu bedienen hatte. Wann immer ich die Schreibmaschine in den Dörfern auspackte, bildete sich sofort ein Kreis staunender Kinder und Erwachsener um mich herum, und ich wurde in diesem Moment zur wichtigsten Person der Equipe. Jean-François, ein Franzose und Leiter unserer Gruppe, hatte sich inzwischen einige Male nach dem Grund des Dauergetrommels erkundigt und immer ganz unterschiedliche Auskünfte erhalten.
Nur eines stimmte überein: Es war stets von einem tanzenden Weissen die Rede. «White man dancing», sagte Ibo, unser Führer, mit geheimnisvoll kehliger Stimme. Zwar konnten wir uns darauf überhaupt keinen Reim machen, beschlossen aber gleichwohl, nicht mehr nachzufragen und einfach mal abzuwarten. Dies ist ohnehin eine der wichtigsten Regeln, die ein Fremder in Afrika befolgen sollte. Sie galt damals in den sechziger Jahren – und sie gilt auch heute noch.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dröhnendem Kopf weiter und erreichten nach zwei Tagen Mazalet am Ausgang der Wüste von Ténéré. Die nächtliche Trommlerei hatte noch nicht aufgehört. Unsere Nerven lagen blank, und wir beschlossen, einige zusätzliche Stunden bei Tag zu ruhen. Dafür belegten wir die überdachten Balkone eines Hotels, da uns ein einziger Blick in die Zimmer von deren Benützung abhielt.
Es mochten etwa 30 Minuten vergangen sein, als erneuter Lärm uns aus unserer verdienten Ruhe aufschreckte. Unten auf der Strasse drängten sich kreischende Kinder und johlende Erwachsene rund um einen einzelnen Weissen in einem altmodischen, eierschalenfarbenen Tropenanzug. Erneut war an Erholung nicht mehr zu denken. Wir schauten neugierig über die Brüstung, und Jean-François schrie plötzlich: «It’s Danny Kaye!»
Er arbeitete hier offenbar als Botschafter der Unicef. Schon rollten wir unsere Schlafsäcke zusammen und folgten der bunten Menschenmenge zum Marktplatz von Mazalet. Dort hatte sich die Menge rund um eine kleine Bühne postiert und verfolgte nun mit uns einen Auftritt des Hollywoodstars und Entertainers.
Show-Ereignis des Jahrzehnts
Was in den nächsten 45 Minuten ge-schah, habe ich bis heute nicht vergessen. In der One-man-Show zog Mr. Kaye die Zuschauerinnen und Zuschauer in seinen Bann. Mit einfachen Requisiten, pointierten Gesten, Urlauten und grotesken Verrenkungen verwandelte er sich in Sekundenschnelle in einen Gorilla, eine dicke Dame, einen Zauberer, einen Hund… «White man dancing», das ist Danny Kaye, sagte unser Leiter. Nun verstanden wir, weshalb die Trommeln die ganzen Nächte über geschlagen wurden. Für die Menschen im Niger war Kayes Besuch das Ereignis des Jahrzehnts.
Nach der Vorstellung machte uns der Entertainer seine persönliche Aufwartung. In einer riesigen Eisenpfanne kochte er für uns Auberginen nach chinesischer Art. Die Zutaten dafür hatte er sich an den Marktständen zusammengesucht. Für eine kleine Privatvorstellung hatten ihm die Marktfrauen die Auberginen zu einem Spezialpreis abgegeben.
Einen Tag später drangen wir endgültig in die Öde von Ténéré ein. Die Trommeln verstummten – und wir vermissten sie.