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Dichterisch leben: Das Gedicht leben. Eine Arbeit und Aufgabe wie jene des Schienenlegers, der Kassiererin, des Mathematikprofessors, des Poliers, des Müllmanns, der Laborantin, der Testmaus, der Hausfrau, der Kleinkinderzieherin oder Hebamme, der 5. Klässlerin, des Rentners, der Milchbäuerin, des Metzgers, der Drehteilelieferantin, des Bettlers und der Bankerin - nur schreibe ich Gedichte.
Gedichte lassen sich nicht bezahlen. Gedichte sind nicht dinglich, obwohl sie manifest und konkret sein können. Gedichte kommen vom Rande her. Gedichte entstehen am Rande. Gedichte sind der Abgrund unserer Gegenwart. Gedichte sind notwendig.
Gedichte verdeutlichen, wer wir sind. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein könnten. Gedichte verdeutlichen, wer wir sein werden.
Gedichte benutzen die Sprache, wie wir sie nicht benutzen: wir brauchen Aussagen; Gedichte kommen mit dem Sagen aus.
Ich selbst lebe in der Unmöglichkeit, mich auszudrücken. Aber in den unzähligen Gedichten, die ich jeden Tag zu schreiben oder zu schreiben beginnen bemüht bin, gebe ich meiner Gegenwart - und mit ihr auch eurer Gegenwart - eine Ausdrucksmöglichkeit und eine Vielfalt an sprachlichen Möglichkeiten, die unsere Gegenwart sonst nicht hat.
Überhaupt geht es mir eigentlich nur um die Möglichkeiten. Nicht um die Potenzen, die Wahrscheinlichkeiten, die Taten oder Tatsachen, die Fakten: ich schaffe mit Möglichkeiten Tatsachen: jetzt und hier im Gedicht.
Heisst das - leben? Es ist eine - meine Möglichkeit. Ich will sie keinesfalls verstreichen lassen.
Rinn unterdess, o Leben.