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«Der Wald ist ein riesiger Organismus»
Die Basler Biologin und Sachbuchautorin Florianne Koechlin befasst sich mit Pflanzenkommunikation. Sie ist fasziniert vom WWW – vom Wood Wide Web: Bäume tauschen Informationen und Nährstoffe aus.
Interview: Usch Vollenwyder
Was fühlen Sie, wenn Sie im Wald unterwegs sind?
Ich bin umgeben von einem ständigen Wispern und Flüstern. Ich kann es zwar nicht verstehen – aber ich weiss, dass es da ist: Über mir stehen Baumkronen und Blätter in einem ständigen Kontakt; unter meinen Füssen sind Baumwurzeln und Pilzfäden in einem permanenten Austausch. Das gibt mir ein Gefühl von Zugehörigkeit: Ich bin Teil dieses Beziehungsnetzes.
Kommunizieren Bäume miteinander?
Mit Duftstoffen warnen sie sich gegenseitig, senden SOS-Signale aus, locken Nützlinge an und koordinieren ihr Verhalten. Der herrliche Duft im Wald ist Teil dieser Kommunikation. Unter dem Boden verbinden sich Baumwurzeln und Pilzfäden zu einem riesigen, vielschichtigen Netz namens Mykorrhiza. Die Pilze helfen den Wurzelspitzen, aus der Erde Nährsalze und Wasser aufzunehmen. Als Gegenleistung spendet der Baum ihnen Kohlenhydrate. Neu ist die Erkenntnis, dass die Bäume mithilfe dieses Netzes untereinander auch Nährstoffe und Informationen austauschen – wie in einem unterirdischen Internet. Die Wissenschaft nennt es WWW – Wood Wide Web: Der Wald ist ein riesiger Organismus.
Welche Fähigkeiten haben Pflanzen?
Pflanzen erinnern sich an vergangene Ereignisse und sind lernfähig. Sie unterscheiden Licht und Schatten und passen ihr Verhalten veränderten Bedingungen an. Sie reagieren auf Erschütterungen, Berührungen und Schallwellen. Solche wissenschaftlichen Erkenntnisse stellen das Pflanzenbild vom Kopf auf die Füsse: Die Pflanze ist ein handelndes Wesen.
Nennen Sie ein paar Beispiele?
Erbsen, die zu trocken haben, schliessen ihre Blattöffnungen und animieren Erbsen in unmittelbarer Nähe dazu, dies in Erwartung einer Trockenperiode ebenfalls zu tun – selbst wenn sie noch genug Wasser haben. Oder: Wenn das Ulmenblattkäferweibchen mit seinem Leim die Eier an den Blättern der Ulme befestigt, reagiert diese sofort: Sie sondert einen Duftstoff ab, der die Kleine Schlupfwespe anzieht – ein Nützling, der Ulmenkäferlarven frisst. Und: Erbsenwurzeln in einer trockenen Umgebung wachsen in die Richtung von rauschendem Wasser – sie nehmen die Schallwellen des Wassers wahr.
Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?
Pflanzen sind Lebewesen. Wir haben ihnen gegenüber eine Verpflichtung. Ein Umdenken vor allem in der Landwirtschaft ist dringend nötig: Weg vom masslosen Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden, die den Boden kaputt machen. Hin zu sich selbst regulierenden und schützenden Mischkulturen, hin zu mehr Vielfalt.
Sehen Sie solche Ansätze?
Ein gewisses Umdenken hat bereits begonnen: Zum einen gibt das grosse Insektensterben und das Verschwinden der Artenvielfalt den Menschen zu denken. Zum anderen wird eine umweltbezogene, nachhaltige Landwirtschaft langsam ein Thema bis hinauf in die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen. Hoffnungsfroh stimmt mich die Tatsache, dass die Natur sehr widerstandsfähig ist und die Pflanzen selber ein grosses Potenzial haben, sich zu regenerieren.
Wie kann man den Wald vor Zerstörung schützen?
Der Wald ist angewiesen auf eine sanfte Form der Nutzung: Schwere Waldmaschinen verdichten den Boden und zerstören das Mykorrhiza-Geflecht. Dadurch sterben die Kleinstlebewesen im Boden ab, und Fäulnisbakterien nehmen überhand. Was durch Baumaschinen in kurzer Zeit zerstört wird, braucht hundert Jahre, um sich zu erholen. ❋
Buchtipp
Florianne Koechlin, Denise Battaglia: Was Erbsen hören und wofür Kühe um die Wette laufen. Verblüffendes aus der Pflanzen- und Tierwelt. Lenos Verlag, Basel 2018, 263 S., ca. CHF 31.90. www.floriannekoechlin.ch