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Das neue Jahr brachte an den weltweiten Aktienmärkten überdurchschnittlich steigende Kurse. Die Stimmung hat sich trotz der steigenden Zinsen und der konjunkturellen Abkühlung merklich verbessert. John Plassard, Anlagespezialist beim Vermögensverwalter Mirabaud, hat sich in einer Notiz vom Dienstag aber folgende Frage gestellt: "Was könnte schiefgehen?"
Er verweist in seiner Analyse auf eine wachsende Zahl von Strategen, die sich bezüglich möglicher Marktrisiken auf die US-Schuldengrenze konzentrieren. Auch wenn dieses Thema heute heruntergespielt werde, könnte es äusserst schwerwiegende wirtschaftliche Folgen für die grösste Volkswirtschaft der Welt und den Rest der Welt haben. Die US-Grossbank Goldman Sachs sieht darin sogar den nächsten "schwarzen Schwan". Ein schwarzer Schwan ist dabei ein Ereignis, das völlig unwahrscheinlich ist, gänzlich überraschend eintritt und (fast) alle erstaunt.
Tatsache ist, dass US-Finanzministerin Janet Yellen Ende letzter Woche warnte, dass die USA an diesem Donnerstag die Schuldenobergrenze erreichen werden. Das Finanzministerium werde gezwungen sein, "ausserordentliche Massnahmen" zu ergreifen, um einen Zahlungsausfall zu vermeiden. Diese würden reichen, um die Rechnungen weiter bis "Anfang Juni" zu bezahlen. Yellen hat ebenso einen Brief geschrieben, in dem sie den Kongress auffordert, die Schuldenobergrenze so schnell wie möglich anzuheben.
Die Schuldenobergrenze ist die gesetzliche Obergrenze für die Gesamtverschuldung, die die US-Regierung anhäufen kann. Im Dezember 2021 wurde diese zuletzt auf 31,4 Billionen Dollar angehoben. Aktuell beläuft sich die Gesamtverschuldung auf 31,5 Billionen Dollar - die Schuldenobergrenze wurde daher schon früher als von Yellen prognostiziert erreicht.
Droht ein Wirtschafts- und ein Börseneinbruch?
Darüber, was passieren könnte, wenn der Kongress die Obergrenze nicht anhebt, gibt es eigentlich nur pessimistische Szenarien: Ende 2022 veröffentlichte Moody's Analytics einen Bericht voller alarmistischer Adjektive - "katastrophal", "unvorstellbar" und "verheerend" seien die Folgen. Die Tochter der Ratingagentur Moody’s prognostizierte ähnliche Auswirkungen wie bei der Finanzkrise 2008: Einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukt um fast 4 Prozent, den Verlust von fast sechs Millionen Arbeitsplätzen und einen Rückgang der Aktienkurse um fast ein Drittel.
Längerfristig wäre auch eine neue Unsicherheit, die sich dauerhaft in der Weltwirtschaft festsetzen würde, ein Problem. Denn das globale Finanzsystem baut auf der Grundannahme auf, dass US-amerikanische Staatsanleihen eine sichere und leicht verfügbare Anlageform sind. Wenn diese Annahme wegen einer Zahlungsunfähigkeit wegfalle, kann es laut Marc Goldwein, Ökonomieprofessor an der Johns Hopkins University, zu einer weltweiten Rezession kommen.
Goldman Sachs ist tatsächlich der Ansicht, dass ein Zahlungsausfall der US-Regierung in der zweiten Jahreshälfte 2023 zu erwarten sei: "Das Schuldenlimit stellt wahrscheinlich das grösste politische Risiko in diesem Jahr dar, und wir erwarten, dass es in einer Störung der Finanzmärkte und der Wirtschaft analog der Episode von 2011 enden wird."
2011 erfolgte der Verlust des AAA-Ratings der USA. Die blosse Erwähnung eines möglichen Zahlungsausfalls der USA löste die erste Herabstufung der Kreditwürdigkeit in der Geschichte der USA aus, wodurch der Aktienmarkt an einem Tag 7 Prozent verlor. Plassard von Mirabaud erinnert in seiner Notiz aber auch daran, dass die US-Regierung ihren Haushalt nur selten ausgeglichen gestaltet hat und ihr Haushaltsdefizit nach der Finanzkrise 2007-2008 und der Grossen Rezession explodierte.
Das Erreichen der Schuldengrenze in den USA scheint eine immer wiederkehrende Geschichte zu sein und meist wird schlussendlich eine Lösung gefunden. Aber "dieses Mal könnte es anders sein". Für den Anlagespezialisten Plassard von Mirabaud könnte die Spaltung zwischen den politischen Parteien und unter den Republikanern selbst zu ungeahnten Spannungen führen. Er fragt sich daher: "Könnte eine weitere Herabstufung der grössten Volkswirtschaft der Welt bevorstehen?"