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Spruchzitate: Funktionen und Gattungsstatus des Zitats in der neueren Aphorismendichtung von Elazar Benyoëtz
Karl-Franzens-Universität Graz
The paper tries to determine the aesthetic functions and the generic status of the author’s gnomic quotations as a part of his aphoristic poetry. This differs from traditional aphorism collections in that it consists of groups of aphoristic sayings preceded by a title and presented, like certain modern poems, in centered short lines, instead of in prose. Modified in the same way, the quotations approach, albeit not in a generic sense, the poetic character of these aphorisms. Quoting does not reduce the author’s discretionary power, because not only does he choose the passages, but he also gives them a Jewish religious interpretation established by the surrounding aphorisms. The main function of the quoted sayings within these mixed poems can be, for instance, that of leading the reader from the initial aphorism to the final one or that of confirming statements expressed in the aphorisms.
Schon vor einigen Jahren war mir in neueren Bänden des als Aphoristiker bekannten Autors das zwar nur partielle, aber gleichwohl programmatische Zurücktreten der Autorinstanz hinter frühere Autoritäten als Glossator, zitierender Kommentator und Philologe aufgefallen,1 und das ist in der essenziell auktorialen Gattung des Aphorismus kein unbedeutender Rollenwechsel. Es geht dabei nicht um die aus der Gattungsgeschichte bekannten modifizierenden Zitate, wie sie im Deutschen etwa bei Nietzsches Sprichwortkorrektur: „Müßiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre Psychologie – ein Laster?“2 oder Karl Kraus: „Wir Menschen sind doch bessere Wilde“3 als Parodie von Johann Gottfried Seumes „Wir Wilden sind doch bess’re Menschen“ zu finden sind, in denen die Souveränität des Autors gegenüber den Modellen besonders stark zum Ausdruck kommt, sondern um solche, die als Wahrheiten aus fremdem Mund in die eigenen Reflexionen übernommen werden.4 Das Glossieren, das ebenfalls bestätigend an einem Modell arbeitet, rechne ich inzwischen dem zitierenden Verfahren zu.
Dass die Zitate für das eigene Gattungsverständnis des Autors seit Langem keine Nebensache sind, zeigt sich schon statistisch an ihrem beachtlichen und zudem chronologisch zunehmenden Textanteil: Im Durchschnitt weist fast ein Drittel aller Seiten der Sammlungen seit 2000 ein oder auch mehrere Zitate mit Anführungszeichen und Autorangabe auf, in Scheinhellig, Feindeutig und Fazittert sind es noch mehr. In den erweiterten Neuauflagen der Sammlungen Die Zukunft sitzt uns im Nacken und Finden macht das Suchen leichter im Verlag Königshausen & Neumann (2020) zeigt sich gegenüber den Erstauflagen bei Hanser die gleiche Entwicklung. Die Zitate treten innerhalb der Bände in Schüben auf, sind also nicht gleichmäßig über die Aphorismentexte verteilt. Eine durchaus gewichtige Rolle spielen auch die den einzelnen Bänden oder Abschnitten vorangestellten Motto-Zitate. Der Band Das Feuer ist nicht das ganze Licht, in dem vier Lesungen zusammengefasst sind, enthält einen Vorspann (11–16) aus nicht weniger als 34 kurzen Prosazitaten mit Erkenntnissen zu Sprache, Stil, Poetik und verwandten Gegenständen. Das alles scheint mir Grund genug, die Implikationen dieser Neubestimmung der Autorrolle in der Gattungsreflexion wie in der literarischen Praxis an jüngeren Texten genauer zu untersuchen5 und dabei vor allem das Binnenverhältnis zwischen den vom aktuellen Autor stammenden Aphorismen und den von ihm neu ins Blickfeld gerückten Zitaten zu betrachten, die bei allen internen Unterschieden beide gemeinsam dem isolierten Prosa-Aphorismus gegenüberstehen.
Nun ist aber zunächst ein Wort über die Eigentümlichkeiten der Benyoëtz’schen „Aphorismendichtung“ zu sagen, in die die Zitate integriert werden, um den gattungspoetisch befremdlichen Terminus überhaupt erst zu begründen. Seit mehreren Jahrzehnten – Harald Weinrich hat sich schon 1988 darüber erfreut gezeigt (Aw 117) – werden die Aphorismen, wie der Autor sie weiterhin nennt, nicht einfach gereiht wie in einer herkömmlichen Aphorismensammlung, sondern komponiert zu kleineren, meist als Seiteneinheit realisierten Gruppen von thematisch mehr oder weniger zusammengehörenden, aber nicht durch syntagmatische Substitution, etwa durch Pronominalisierung, aufeinander bezogenen kurzen Einzelreflexionen, die durch größeren Zeilenabstand voneinander getrennt sind. Die erste Reflexion – oft auch nur der Anfangsteil einer solchen oder eine elliptische Eingangsformulierung – ist in den jüngeren Sammlungen in anderem Schriftschnitt gesetzt, meist kursiv (teilweise auch halbfett), und dadurch als eine Art Gesamttitel ausgewiesen; ein Schlusspunkt oder ein anderes Satzschließungssignal am Ende der einzelnen Reflexionen fehlt. Mit einigen Ausnahmen – besonders stark im Band Scheinhellig, der die Prosaform der einzelnen Reflexionen oft bewahrt hat – sind diese zudem meist nicht mehr in durchgehender Prosa im Blocksatz gedruckt, sondern in rhythmisierte kurze Sprechzeilen aufgelöst und symmetrisch um die Mittelachse geordnet,6 ohne ihren Reflexionscharakter einzubüßen. Durch das locker-strophisch und fast gedichtartig wirkende Druckbild nähert sich die so umgestaltete Aphorismengruppe dem Spruchgedicht. Wollte man von Epigrammen sprechen, müsste man diesen historisch bestimmten Begriff ebenso erweitern wie den des Aphorismus. Die Einzelzeilen sind meist so kurz, dass sie syntaktisch erst als Gruppe Aphorismusqualität haben. Die Präsentationsweise in Sprechzeilen anstelle des vom Leser als stumm gelesen gedachten Prosa-Aphorismus ist wohl die größte formale Neuerung in Bezug auf die Gattung; sie trägt entscheidend zum poetischen oder „lyrischen“7 Charakter dieser Aphorismen bei.
Im Allgemeinen lassen sich in der Abfolge der Aphorismengruppen verschiedene thematische Schwerpunkte erkennen,8 oft konzentriert in eigenen Abschnitten mit thematischen Überschriften. Wieweit sich bei alldem neben dem gnomischen auch ein poetischer Gesamteindruck ergibt, kann nur die Detailanalyse zeigen. Die umfassendste Texteinheit ist nicht mehr der Aphorismus, sondern die komponierte Aphorismengruppe oder das Spruchgedicht; der Einzelaphorismus behält darin aber doch noch ein starkes Eigengewicht. Das zeigt sich etwa daran, dass bestimmte Kenn-Aphorismen – etwa die Modelle „Alle Siege werden davongetragen“, „Die deutsche Sprache war der Juden Loreley“ oder „Ohne Sprache gäbe es alles und weiter nichts“ – in verschiedenen Konstellationen wie Leitmotive mehrfach verwendet werden und dabei im Rahmen der Gruppe auch unterschiedliche Rollen einnehmen können, und dies nicht nur in Lesungen, sondern auch in Sammlungen, die primär für den Druck gedacht sind. Der Autor hat die neue Kategorie der Aphorismengruppe im Abschnittstitel Der Aphoristiker / und seine Seitensprüche (Sa 236) auch thematisiert, indem er den Neologismus als Paronomasie tarnt. Man kann auch hier innerhalb der aphoristischen Gesamttradition durchaus von einer Neuorientierung sprechen.
Wie wird der Übergang des Aphorismus von der vereinzelten Prosaform zum Teil einer als poetisch charakterisierten Aphorismengruppe vom Autor begründet? In der Erstausgabe der Sammlung Die Zukunft sitzt uns im Nacken (2000), in der bereits die Form der Aphorismengruppe dominiert und nur noch wenige Reflexionen in Prosaschreibung vorkommen, gibt es einen poetologisch geprägten Abschnitt mit dem Titel „zeilenbaufällig oder: zum verwechseln, jedoch nicht ähnlich“, der von drei Zitat-Motti eingeleitet wird, deren erstes lautet (ZN 130):
Der Lyriker spricht von Zeilen,
der Prosaist von Seiten
Sahadutha
Bei dieser Zuordnung, die später wiederholt wird (Fe 118), fällt auf, dass die kurze Form, die grundsätzlich weiterhin dominiert, schon hier von der Zeile als einer lyrischen Kategorie bestimmt ist, während der Prosaist offensichtlich mit der Langprosa verbunden wird. Der Prosa-Aphorismus kommt in dieser Opposition gar nicht mehr vor, weil er jenseits dieser Opposition steht. Ich habe den Eindruck, dass sich hier bereits die Konzeption des poetischen Aphorismus ankündigt, die im Band Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, in dem die poetische und die Prosaschreibung noch annähernd gleichgewichtig nebeneinanderstehen, dann auch explizit gemacht wird. Hier endet ein Spruch über den „Einsatz“ mit einer definitorischen Zeilentrias, in der – wiederum in gebundener Form – die Hybridität dieser Variante zwischen Prosa und Poesie benannt wird:
Aphorismus –
eine prosaselige
Gedichtzeile (BK 144)
Auch diese Formulierung wird später (O 331) wieder aufgegriffen. Sie stützt poetologisch das Selbstverständnis des Aphoristikers als Dichter, der aber trotz einer gewissen Formbindung dem Geist der kurzen Reflexionsprosa treu bleiben möchte.
Dieser gegenüber dem Hauptstrang der Gattungstradition bereits beträchtlich modifizierte Aphorismusbegriff, bei dem immerhin Kürze, Pointierung und die semantischen Konventionen der Reflexionsprosa grundsätzlich erhalten sind, wird nun dadurch noch weiter gedehnt, dass innerhalb der Gruppe an die Stelle eigener Aphorismen vielfach Zitate treten, die durch Anführungszeichen und eine Autorangabe unmittelbar nach dem Zitat bereits innerhalb der Textgruppe deutlich als solche markiert sind.9 Die Gesamtzahl der zitierten Quellen ist groß (ich habe in den untersuchten Bänden über dreihundert gezählt), wobei einige häufiger angeführt werden: aus der Bibel immer wieder Kohelet, Hiob und die Psalmen, aber auch das Johannesevangelium mit „Im Anfang war das Wort“-Zitaten (Joh. 1.1), gern in pathetischer Anfangs- oder Endstellung (S 205, Fa 127, U 60)10, dazu zahlreiche Modellautoren der Literatur und der Reflexionsprosa unterschiedlichen ästhetischen Anspruchs von der Antike bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts: etwa Seneca, Montaigne, La Rochefoucauld, Moses Mendelssohn, Hamann, Lichtenberg, Hölderlin, Wilamowitz-Moellendorff, Simmel, Ricarda Huch, Valéry, Margarete Susman, Eugen Rosenstock-Huessy, Ludwig Wittgenstein, Jacob und Carl Jacob Burckhardt, um nur einige häufiger Genannte zu nennen. Stark vertreten sind jüdische Denker aller Zeiten, und auch einige der in der Shoah Ermordeten (Gertrud Kolmar, Etty Hillesum) kommen zu Wort. Elazar Benyoëtz lebt nachweislich in starkem Maß aus und mit den wieder und wieder gelesenen Autoren und ihren literarischen Zeugnissen. Einen Sonderfall von Zitaten, die vielfach in Motti-Reihen dominieren, aber auch in den Aphorismengruppen erscheinen und den Fremdzitaten spielerisch gleichgeordnet werden, bilden die Selbstzitate unter Heteronymen: Sahadutha (nach dem aramäischen Titel seines Erstlingswerks), Lazarus Trost, Kosal Vanit (Akronym aus Kohelet-Salomon-Vanitas) oder seinem bürgerlichen Namen Paul Koppel, in denen er in bestimmten Rollen spricht und fast wie ein Fremdautor behandelt wird. In den jüngeren Werken werden Fremdzitate und heteronyme Selbstzitate oft gemischt.
*
Warum greift der Aphoristiker so stark und so bestätigend auf Zitate zurück? Schon dass die meisten jüngeren Bände einen eigenen Abschnitt zum Wesen des aphoristischen Zitats enthalten, zeigt, für wie gewichtig er diese Neuerung hält; aber auch außerhalb dieser Abschnitte gibt es einschlägige Bemerkungen. Betrachten wir zunächst eine Reihe solcher Äußerungen, wobei ich um der leichten Darstellbarkeit willen auswählen, nach Argumenten und nicht nach der Chronologie gliedern und mich bei den Belegen oft auf Einzelaphorismen beschränken werde,11 also nicht immer ganze Aphorismengruppen als komponierte Kunstwerke würdige, sondern nur Gedankengänge oder Thesen referiere.
Schon in der Erstauflage des Bandes Die Zukunft sitzt uns im Nacken findet sich eine Reihe von Reflexionen zum Zitat, bei denen man erst am literarischen Niederschlag erkennt, dass sie insgesamt eine Apologie des Spruchzitats als Element aphoristischer Gedichte darstellen. In einem eigenen Abschnitt (ZN 123–128) folgen hier auf zwei kurze Selbstzitat-Motti unter dem Namen Sahadutha vier Aphorismengruppen zum Lob des Zitierens als Erkenntnismittel, die bald emphatisch hoffnungsfroh, bald als letzte Hilfe erscheinen:
Zitat
Keim und Kern
des Denkbaren (ZN 125)
Wirklichkeit
erschließt sich am einfachsten
zitatenweise
Zitate
beleuchten unsere Lage
und setzen uns zugleich
in ein besseres Licht (ZN 126)
Mit zunehmender Ausweglosigkeit
werden Zitate
zur eigentlichen Poesie (ZN 127)
Woraus sich diese hohe Erwartung speist, wodurch Zitate uns in ein besseres Licht setzen und was das bedeutet, bleibt vorläufig ebenso im Dunkeln wie das, was hier jeweils zitiert werden soll, heißt es doch kryptisch im zweiten Selbstzitat-Motto:
Das Zitat
muß nicht passen,
aber glücklich gefunden sein (ZN 124)12
und vor den Zitatnachweisen in einem weiteren Sahadutha-Selbstzitat:
Nicht seine Evidenz,
seine Zitierbarkeit
ist die Seele des Satzes (ZN 274)13
Unmittelbar danach steht dagegen als letzte Eintragung des Bandes überhaupt ein nicht weniger rätselhafter Aphorismus in traditioneller Prosaschreibung, der die Zitierbarkeit anscheinend doch mit einem gewissen Wahrheitsindex versieht: „Wahre Sätze kommen schon als Zitate zur Welt und können nicht oft genug widerlegt werden; sie sind des Bleibens Bleibe“ (ZN 274). Nach diesem Auftakt reißen die Sätze zur Verteidigung des Zitierens in den jüngeren Werken nicht mehr ab, wobei sich neben variierenden Wiederaufnahmen auch weitere Differenzierungen zeigen. Ich gebe hier nur eine kleine Auswahl wieder.
In einem Mischtext aus gebundener und ungebundener Rede wird später auch ein individueller Grund für die neue Zitatverwendung genannt:
Mit meinen Zitaten
läuft die Geschichte wieder an
Ich musste mir den deutschen Raum selber schaffen, das sind die Zitate.
Ich schaffe mir meine Zeit und suche mir meine Zeitgenossen aus, das geschieht unfehlbar, weil ich nichts bezwecke, und weil ich mein Gehör rein ausbilden und freihalten kann – in Jerusalem, durch keine Gegenwart verwirrt oder daran verhindert. Ich kann Bücher schreiben, die ganz deutsch sind, weil ich im Hebräischen zu Hause bin und keine Ansprüche habe. Nur was ich weiß und kenne, gehört mir, und darauf reflektiert niemand. So bin ich Großerbe und Herr mancher Schätze, die mir abgestritten, aber nicht abgesprochen werden können, da sie in meine Sprache eingegangen sind. Ich muss nicht wetteifern; ich habe keine Rivalen und bin auch nicht zu beneiden (Fe 65)
Diesen autobiographischen Ansatz bekräftigt der Autor, indem er die Deutung der Schriftstellerin Anna Mitgutsch, dass er sich „der Sprache wieder bemächtigt, aus der er vertrieben wurde, dass er sein geraubtes Erbe zurückholt mitsamt seinen literarischen Manifestationen“, als Zitat seinem Bekenntnis voranstellt (Fe 64). Als Wiederaneignung im Deutschen ist wohl auch das Phänomen zu sehen, dass er die Weltliteratur, auch die fremdsprachige Lyrik, durchgehend in der deutschen Übersetzung seiner eigenen Lektüre zitiert. Diese autobiographische Entscheidung ist zugleich mit einer neuen Poetik des Aphorismus verbunden, der trotz der lokalen und biographischen Vereinzelung des Autors zugleich von der Autorengemeinschaft der von ihm als Erbe angenommenen Tradition getragen wird. Getreu der Warnung vor der gedanklichen Verengung durch Isolation, die sich wohl auch im Aphorismentitel „Mit eigenen Gedanken gelangt man zu höchster Inkompetenz“ (Fe 66) äußert, versteht er sein zitierendes Eingehen auf das früher von anderen Autoren Formulierte als Fortführung einer literarischen Tradition: „Zitieren – ins Nachleben rufen“ (ZN 128), denn was nicht zitiert wird, ist für die Leser nicht mehr da.
Das Zitieren wird geradezu als Auftrag verstanden, den ihm die Zitatgeber erteilen:
Was ich gesagt habe, kann ich mit anderen Worten
nicht sagen,
aber mit Worten anderer, die mich auffordern,
sie in Erinnerung zu rufen (BK 68)
Vor dem Hintergrund der neugewonnenen Traditionskette müssen all die Lobeshymnen gelesen werden, die dem Zitieren in immer neuen Strophen gesungen werden:
Auch das geringste Zitat ist noch ein Stück Dankbarkeit (BK 163)
Auch Zitate sind Blumen,
durch die man seine Liebe besser erklärt (N 105)
Das Zitat ist eine Liebeserklärung
oder eine Kampfansage (Fa 54)
Der Bücherwurm wies mir den Weg
zum Zitat
Das Zitat – die kleinste Erbschaft,
die größte Ernte (Fa 153)
Dass der Autor bei der Alternative in Fa 54 grundsätzlich für die erste Möglichkeit optiert, ist offensichtlich. Der Blick auf das eigene Zitatenwerk und die es begründende autobiographische Situation ist zwar nicht immer frohgemut:
Ich habe versucht, die Toten,
viele von ihnen ins Leben zu rufen
und in mein Werk hinein.
Nun kommt es mir selber
wie ein Massengrab vor
Mein Deutsch,
mein Jerusalemdeutsch,
als Massengrab gedacht –
für mich allein (U 11–12)
Doch solche düsteren Anwandlungen sind nicht von Dauer. Die „Toten“ sind ja nicht tot, sondern sprechen, indem sie zitiert werden. Aufs Ganze überwiegt der Trost, sich durch Zitate in einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten zu wissen, deren Werk jederzeit vernehmbar werden kann, auch wenn sie selbst nicht mehr am Leben sind. Ebenso erwartet der Aphoristiker, dass einst Spätere ihrerseits ihn zitieren und damit ins literarische Leben rufen:
Werde ich zitiert,
habe ich etwas gesagt (Sa 161)
Wir haben zu erfüllen,
was geschrieben steht,
um selbst zitierbar zu werden (G 54)
Damit erhellt sich auch der oben zitierte Spruch aus ZN 126 vom besseren Licht: Erst wenn der Schriftsteller zitiert wird, steht er im Licht und ist für die Nachwelt erkennbar.
Der Aphoristiker büßt durch das Zitieren nichts an Souveränität ein. Zunächst einmal ist er grundsätzlich darin souverän, dass er es ist, der die Zitate auswählt – einschließlich seiner Entscheidung für die Verwendung aller fremdsprachigen Zitate in deutscher Übersetzung – und sie damit als wertvoll anerkennt. Das Selbstporträt des zitierenden Autors klingt denn auch bei aller Dankbarkeit keineswegs kleinmütig.
Ich mache das Zitat,
das Zitat ruft mich hervor:
Zitieren heißt Enteignen,
aber nach eigener Wertschätzung (Sa 228)
Zitat – ein Wort,
dem sein Platz angewiesen
werden muss (N 13)
Umdenken verlangt
ein Auswechseln der Zitate
Zitieren –
die besseren Zeugen
ins Buch hineinholen (U 138)
Die Achtung des Autors ist den so Zitierten sicher, aber deren Stellung ist grundsätzlich veränderlich. So erklärt sich vielleicht auch ein noch in Prosa geschriebener poetologischer Aphorismus, der eine etwas andere Hierarchievorstellung präsentiert, als man es nach den bisher referierten Äußerungen erwarten würde: „Meine Zitate wollen nichts belegen und nichts beweisen, sie müssen sich auch nicht behaupten, aber unentwegt um ihren Rang ringen, um ihre Ordnung kämpfen“ (BK 164). Obwohl dabei die Hierarchieverhältnisse zwischen den Zitaten und dem Autor wie im Zitat Sa 228 ambivalent bleiben, scheint im Licht der übrigen Belege sicher, dass hier vor allem die Freiheit des Autors betont wird.
Ohnehin verändert der souveräne Aphoristiker das von ihm Zitierte, ohne seinen Wortlaut anzutasten, bereits gegenüber dem Original. Jedes Herausgreifen kürzerer Passagen aus umfangreichen theoretischen, nicht auf rhetorische Pointierung abzielenden Reflexionstexten bedeutet eine Neufokussierung und einen Gattungswechsel. Außerdem modifiziert der Autor die Präsentationsform der Prosazitate ebenso wie seine eigenen Aphorismen durch die Druckanordnung: während zitierte Gedichtzeilen als solche erhalten bleiben (besonders viele sind es in Gottik), wandelt er die zitierte Reflexionsprosa immer stärker zu Textgruppen in Kurzzeilen oder Sprecheinheiten um, sucht sie also mit der neuen, poetischen Darstellungsform seiner eigenen Aphorismen weitgehend zu homogenisieren. Das ist nicht nur vom einheitlichen Druckbild her, sondern auch von der damit verbundenen impliziten Leseanweisung eine tiefgreifende Veränderung der oft längeren und durchaus prosaischen, argumentativen essayistischen Diktion der zitierten Autoren in Richtung gebundener Rede. So finden sich in den Bänden immer wieder – teilweise lange – Zitate aus Wissenschaftsprosa, die durch die Druckanordnung zu Spruchgedichten transformiert und allein schon dadurch dem neuen poetisch-aphoristischen Habitus angenähert sind.14 Nur wenige längere Prosa-Äußerungen bleiben, warum auch immer, in den jüngsten Bänden als solche im Blocksatz erhalten.
Überdies interpretiert der Autor das Zitierte in Richtung auf die ihm angemessen erscheinende semantische Funktion innerhalb der Aphorismengruppe, der er es anschließt. Auch das wird bereits frühzeitig in den poetologischen Reflexionen ausformuliert, und zwar auffallend zuversichtlich getönt:
Ein Zitat
ist immer Interpretation,
selten eine unglückliche (ZN 127)
Oder: „Die Richtung des Zitats ist eine ihm eingegebene, nicht entnommene“ (ZN 128), und das heißt offenbar: vom zitierenden Autor eingegeben. In der Neuauflage klingt die Aneignungsthese noch selbstsicherer:
Es zitierend,
befreie ich das Wort
von der Tyrannei
eines bestimmten Textes
Meinen Sprachleib annehmend,
gibt das Zitat seinen Geist nicht auf
und wird vernehmlich (ZN² 175)
Im verwegenen Eingangsbild wird deutlich, dass der Autor seine Zitate von vornherein als isolier- und generalisierbare Reflexionen, nicht als Teil eines größeren Texts wahrnimmt, und in der „Sprachleib“-Metapher wird auch die neue poetische Umformung erkennbar.
*
Wie die interpretative Funktion der Zitate in der aphoristischen Praxis des betrachteten Zeitraums im Detail aussieht, zeigt sich erst bei der Analyse einiger Aphorismengruppen als Einheiten. Hier tun sich natürlich zwei Probleme auf: das der angemessenen Typisierungsbasis von mehreren hundert „Seitensprüchen“ und das der Repräsentativität weniger Beispielanalysen. Beim ersten Problem wird das zentrale Kriterium die leichte Objektivierbarkeit einiger Typen sein, beim zweiten die relative Kürze der zu betrachtenden Beispiele und ihre Aussagekraft über die Funktion der Zitate und den Grad der Homogenisierung eigener und zitierter Texte. Als pragmatisch günstiges Typisierungskriterium hat sich die Position der Zitate innerhalb der Aphorismengruppen erwiesen, die zwei Haupttypen ergibt: 1. die Mittelstellung der Zitate, das heißt ihre Rahmung durch eigene Aphorismen, die in der einfachen Form als triadische Abfolge von eigenen und fremden (über das Zitieren angeeigneten) Texten mit zweifachem Autorwechsel wahrgenommen wird, aber auch als mehrfaches Alternieren realisiert sein kann; 2. die Endstellung der Zitate, also eine dyadische Form mit einfachem Autorwechsel, bei der die Anzahl und die Verteilung der Zitate ebenfalls unterschiedlich sein kann. Es gibt aber auch weitere Varianten. Sehen wir einmal, welche Funktionen und welcher Gattungsstatus den Zitaten in den verschiedenen Typen und Varianten zuwächst und wie eng jeweils die Korrelationen zwischen den beiden Textsorten ‚(eigener) Aphorismus‘ und ‚Spruchzitat‘ sind. Die Analysen beziehen sich natürlich nur auf wenige, möglichst kurze Einzelfälle; dennoch hoffe ich, ein nicht allzu verengtes Bild der wichtigsten Kompositionsverfahren zu zeigen.
1. Die Grundform des triadischen Typus besteht aus einem ersten aphoristischen Urteil, das selbst als Titel fungiert oder dem ein kurzer, oft elliptischer Titel vorangestellt ist, einem nachfolgenden Zitat und einem zweiten Urteil, das – oft auch nur: dessen pointiertes Schlussfazit – in Scheinhellig gern durch die Formel Credo eingeleitet wird. Ich beginne mit zwei Gruppen, die vom gleichen Begriffspaar ausgehen:
Nach Zukunft duftet,
was nach Erinnerung schmeckt
„Zukunft war mir immer ein merkwürdiges Wort,
weil es das auf uns Zukommende,
also schon Vorhandene bezeichnet.“
Wir bedürfen der Zukunft,
um auf unsere Endlichkeit
zurückkommen zu können
Credo: Keine Zukunft könnte unsre Gegenwart aushalten (S 85)
Der rätselhafte Titel präsentiert die Opposition von Zukunft und Erinnerung über zwei Verben der Sinneswahrnehmung in einer valorisierten poetisch-metaphorischen Aura. Durch das Zitat, das aus einem Brief Carl J. Burckhardts an Werner Heisenberg stammt (S 250), aber durch die Untergliederung in drei Sprechzeilen als poetisch markiert ist (das gilt auch für alle folgenden Beispiele) und damit dem Duktus der Autorrede angenähert wird, tritt die Kritik des Zukunftsbegriffs in den Mittelpunkt, während die Erinnerung aus der Textoberfläche verschwindet. Die Replik des Autors führt also nur die eine Hälfte des Begriffspaars weiter und mündet in ein Urteil, das die Zukunft verteidigt, es bleibt aber offen, ob auch als Wort oder nur als Sache. Im ersten Fall wäre es eine Reaktion auf das Zitat, die durch die gemeinsamen ‚Kommen‘-Komposita gestützt wird; im zweiten, bei dem es nur um den notwendigen Wechsel der Perspektive ginge (‚Blick in die Zukunft‘ vs. ‚Rückblick aus der Zukunft in die Gegenwart‘) und der wohl auch noch das Credo prägt, würde in der neuen Blickrichtung das stille Weiterleben der Kategorie ‚Erinnerung‘ und damit die Titel-Opposition bestätigt. Je nach der Deutung hat man die Motivkohärenz der Gruppe einzuschätzen, die in keinem Fall vollständig ist: Ein blindes Teilmotiv bleibt immer erhalten und soll das wohl auch. Das Schlussfazit ist nicht weniger hermetisch als der Titel: Damit ist das ganze Gedicht hinreichend verdunkelt, um eine Rätsellektüre anzuregen.
Einige Jahre später entwickelt der Autor die Opposition über ein neues Zitat in eine weitgehend andere Richtung:
Aus den Tagen in die Jahre kommend
Zukunft –
das Eintreffen der Erinnerung
„Nur Menschen, die lange leben,
können sagen,
wie kurz das Leben ist.“
Friedrich Kawe
Das Vergessen
deckt das ganze Menschengedenken
und hütet es (Fe 27)
Auf den elliptischen Titel, der mit einer idiomatischen Wendung die Situation des Altwerdens einführt, folgt ein erster Aphorismus, der die Form einer paradoxen Definition hat (ausgerechnet die Zukunft führt in die Vergangenheit), und im Zitat, dessen autobiographische Situierung in den Anmerkungen genannt wird, eine formal ebenso paradoxe, wenn auch jedem einsichtige Bestätigung der Altersgedanken, die aber von der Erinnerung auf das traditionelle Nachbarmotiv vita brevis umlenkt. Der Schlussaphorismus nimmt die Bewegung auf, die von der Fülle des Lebens wegführt zu seiner Reduktion, übersetzt deren Resultat in die ursprüngliche Bildlichkeit der Erinnerung zurück und landet bei deren Negation, dem Vergessen, geht aber durch den totalisierenden Begriff ‚Menschengedenken‘ zugleich über die individuelle Erinnerung und ihre Vernichtung im Tod hinaus und schreibt dem generalisierten Vergessen im letzten Prädikat überraschend eine positive ontologische Qualität zu. Hier vollzieht sich zwischen zwei kurzen Aphorismen eine gewaltige Gedankenbewegung, deren Auslöser die konkurrierende Paradoxie im Zitat jenes unbekannten Aphoristikers ist, obwohl sie als Motiv später nicht mehr auftaucht.
Betrachten wir noch eine weitere Variante des Binnenzitats:
Nicht das Erklärliche
gilt es zu verstehen
„Schneller ist nichts
als der Übergang
vom Guten zum Bösen!
Ich habe es erfahren,
wie schnell er ist!
Ich habe es erfahren.“
Gotthold Ephraim Lessing
Frage nicht,
wie konnte das geschehen?
es konnte nicht,
es geschah;
frage nicht,
wie kann das sein?
es kann nicht (U 166)
Hier ist der Titel nicht die Einstimmung auf ein Thema, sondern bereits ein aphoristisches Urteil, allerdings auch dieses als Negation elliptisch, erwartet man doch danach ein „sondern“, das indessen bis zum Schluss nicht kommt. Wohl aber tritt als Deutungshilfe das Zitat ein, das den Bereich des Unerklärlichen auf die Frage nach dem Ursprung des Bösen einengt, ohne sich auf eine vorschnelle theologische Lösung festzulegen. Dass der Autor dieser Lesart offenbar in seinen eigenen moralistischen Überlegungen folgt, auch wenn sie inhaltlich abstrakt bleiben, spricht dafür, dass er ein ähnliches metaphysisches Objekt von Anfang an selbst im Sinn hatte. Das Zitat gibt ihm auch das Nescimus vor, dem er folgt: Es ist im elliptischen Schluss versteckt, der sich nur als erklärungsloses „es ist“ ergänzen lässt. In diesem dicht durchkomponierten Gedankengedicht sind die eigenen Aphorismen und das Zitat weitgehend homogenisiert; ob man das Ganze noch aphoristisch nennen soll, ist demgegenüber eine müßige Frage.
Dass die Erhellungskraft des Zitats auch ihre Grenzen hat, zeigt sich am letzten Beispiel dieses einfachen Typus:
Im Anfang war das Wort;
kein Wort kommt darüber hinaus
„Was ich denke,
steht sogleich in Worten da,
untermischt mit Bildern,
die es zerstören,
ausgebreitet in Rhythmen,
die etwas anderes sind.
Über die Mühsal,
mich selber wieder zusammenzusetzen,
habe ich mich zerstört.“
Fernando Pessoa
Im Anfang war das Wort;
kein Wort kommt darüber hinaus (N 88)
Hier wird das Eingangsurteil des Autors, das sich auf das interne Zitat aus Joh. 1.1 gründet, durch das Pessoa-Zitat im Unterschied zu den übrigen triadischen Beispielen am Schluss gerade nicht verändert, weil es eben ein non plus ultra postuliert: Der identische Schluss ist also die performative Realisierung dieses Lehrsatzes. Zugleich ist offensichtlich, dass es sich dabei um ein Spiel handelt, bei dem zwar durch die Wiederholung des zentralen Lexems ‚Wort‘ in Pessoas „Worten“ formal ein Isotopieeffekt eintritt, der die beiden Texte scheinbar miteinander verknüpft, dass aber in Wirklichkeit zwischen den „Worten“ des Zitats und dem Logos des Johannesevangeliums keine Nähebeziehung besteht außer dem gleichen Wortkörper. Indirekt bestätigt auch dieser Sonderfall die Regel, dass das Zitat zwischen zwei aphoristischen Äußerungen des Autors vermittelt, hier eben aus einem besonderen Grund zwischen A und A.
Noch vielfältiger sind naturgemäß die triadischen Formen mit mehreren, thematisch oft weit auseinanderliegenden Zitaten, weil der Autor in seinen Schlussaphorismen hier aus schwer zu erkennenden Anlässen bald stärker auf das eine, bald auf das andere reagiert, gelegentlich auch auf beide – und das scheinen mir die interessantesten Fälle, wobei die Beziehungen zwischen ihnen entweder über Isotopien oder über unerwartete begriffliche Gemeinsamkeiten hergestellt werden. Für die erste Variante mag die Aphorismengruppe mit dem Titel Es kommt mir vor, / ich komme nicht nach (Sa 187) stehen, die zwei Binnenzitate aufweist und ihre semantische Homogenität bis in das Fazit hinein aus den Lexemwiederholungen von ‚Stimme‘ und ‚Ton‘ gewinnt; für die zweite die folgende Gruppe, die mit ihren rhetorischen Mitteln ökonomischer umgeht:
„Im Anfang war das Wort“:
Die angemessene Sprache
ist die angemaßte
„Es werde Licht!“
Der Schöpfer
„Ich bin die Musik der Welt“
Alfred Mombert
Was immer ich denke,
es ist bibliophil gedacht (U 152)
Dieses aphoristische Gedicht verdankt seine Konzision nicht nur der Kürze seiner drei Zitate,15 sondern zum einen seiner Abstraktionshöhe, die mühelos per analogiam Gott als Schöpfer des Buchs der Welt und des Buchs der Bücher unter die Autoren einreiht, zum andern seiner autobiographischen Selbstdeutung, die zugleich signalisiert, dass der Aphoristiker, und besonders der zitierende, zuallererst aus seinen Lektüren lebt, wie es schon oben der „Bücherwurm“-Aphorismus (Fa 153) signalisiert hat. Das hyperbolische Mombert-Zitat, das von der Seite des Mikrokosmos und der Musik als Nachbarkunst der Literatur her an diese Analogie anschließt, wird im Schlussaphorismus nicht aufgegriffen.
2. Der dyadische Typus mit einfachem Autorwechsel schließt meist einen Titel und einen oder mehrere Aphorismen des Autors mit der zitierten Äußerung eines anderen Autors ab. Hier nur zwei relativ kurze Beispiele, um Varianten anzudeuten:
Was in den Sternen steht,
hat man in der Hand
Das fehlende Wort –
der ausgebliebene Eindruck
Solange man sich nicht verständlich macht,
kann man vieles erklären
Erkläre ich mich,
falle ich meinen Gedanken
in den Rücken
„Wenn man es zu machen versteht,
hat man nicht nötig,
es verständlich zu machen.“
Paul Cézanne (Fe 17)
Hier scheint zunächst die Funktion des als ästhetische Maxime einsichtigen Schlusszitats die nachträgliche Bestätigung der eigenen Aphorismen über das Unangebrachtsein von Erklärungen anstelle des allenfalls intuitiv Einsichtigen: Es handelte sich danach um eine aphoristisch ausformulierte Ästhetik des Aphorismus, die von einem bewusst dunkel-paradoxen Titel-Aphorismus eingeleitet würde. Plausibel ist das aber nur für die unmittelbar vorausgehende Trias, während sich die Wissenskonzepte im ersten und dritten Zeilenpaar und die im zweiten beklagten Defizite kaum schlüssig der Opposition von diskursiv vs. intuitiv zuordnen lassen. Isotopien zwischen dem eigenen und dem übernommenen Text finden sich durchaus, sie bleiben aber als Spiele mit Idiomatismen aus der Sicht der oben referierten Lesart semantisch unspezifisch bis widersprüchlich, da der Fokus der vier eigenen Aphorismen wenig einheitlich scheint. Die Funktion, die man dem Zitat beilegt, hängt also direkt vom jeweils angenommenen Homogenisierungsgrad der Aphorismen ab. Da immerhin die beiden in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden Triaden semantisch ausreichend homogen wirken, darf zumindest für sie die Bestätigungshypothese aufrechterhalten werden. Bestätigenden Charakter als Schlusszitate haben öfter Gedichtzeilen.16
Anders verteilt sind die Gewichte der beiden Textsorten im zweiten, exemplarisch knappen Textpaar:
Auch das Nichts
spricht durch die Blume
„Nur auf dem unendlichen Umweg
über den Körper
ist die Seele Seele
und die Seele Sprache.“
Rudolf Kassner (Fe 181)
Der Titel ist hier mit dem Autor-Aphorismus identisch. Er ist trotz der Form des Allurteils kürzer und durch seinen redensartlich-metaphorischen Charakter vager als das Urteil des Zitats und scheint eher die Aufgabe zu haben, dieses als den semantisch reicheren Haupttext poetisch zu präsentieren und im Vorgriff zu generalisieren. Der Nexus zwischen beiden Teilen scheint die metaphorische Verwendung von Sprache und Sprechen.
Noch geringer ist der Textanteil des Autors, wenn er sich auf einen Titel beschränkt, in dem er eine ihm wichtige Gemeinsamkeit ausgewählter und zu Kurzzeilen umgestalteter Zitate aphoristisch ausformuliert und den einzelnen Zitaten als Deutung voranstellt; aber auch dann bleibt es durch Aneignung und formale Angleichung sein Aphorismengedicht. So erscheint etwa der Titel Die Schlüssel sind dir gegeben, die Tore musst du selber finden (U 299) als vorweggenommenes Fazit der drei ihm folgenden Zitate aus Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“, Jakobs Himmelsleiter-Traum aus Gen. 28 und einer Hamann-Reflexion.
Die beiden Haupttypen können auch mit vertauschten Rollen auftreten, indem in der dyadischen Form ein Zitat-Titel den eigenen Aphorismen vorausgeht17 und von ihnen nur kommentiert wird oder zusammen mit dem Schlusszitat die eigenen Aphorismen einrahmt (Sa 365), also eine umgekehrte Trias mit doppeltem Fremdanteil bildet. Noch größer wird bei dieser letzten Form das Gewicht der Tradition dort, wo nicht nur Titel und Schluss aus Zitaten bestehen, sondern dazwischen noch weitere Mitautoren zu Wort kommen, denen sich der Aphoristiker nur mit einem kurzen Statement an unbedeutender Stelle zugesellt (Fa 329, U 32).
Beim zweiten Grundtypus kommt es wie beim ersten durch doppelten Wechsel zwischen eigenen Aphorismen und Zitaten auch zu erweiterten Formen. Sie nähern sich dem erweiterten triadischen Typus, weil das mehrfache Alternieren zwischen den Textsorten im Allgemeinen als stärkeres Strukturelement erscheint als die Tatsache, dass ein Zitat und nicht der Autor das letzte Wort hat. Wenn mehrere Zitate in einer Spruchgruppe vorkommen, stammen sie übrigens nicht selten aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Kulturen: da stehen nebeneinander Christian Morgenstern und Nikolaus von Cues (Sa 142), Marc Aurel und Erich Fried (Fe 24), Max Dauthendey und Catull (Fa 258), Vergil und Joachim Ringelnatz (Fa 319) und manches andere überraschende Paar. Das scheint anzudeuten, dass die zitierten Urteile weniger als historische Positionen denn als Elemente eines zeitlosen Zitatenschatzes aufgefasst werden.
Es gibt schließlich auch Einzelzitate und Zitatreihen ohne jeden Autorkommentar als selbstständige Texteinheiten, ganz überwiegend in Kurzzeilen als Sprecheinheiten aufgelöst und zentriert gesetzt, sodass auch hier ein gedichtartiger Eindruck entsteht, auch wenn sie ursprünglich aus ganz anderen Gattungen stammen: meist aus längerer Reflexionsprosa verschiedener Art ohne besondere rhythmische Qualität.18 Der Autor ist hier ganz zum Präsentator der Zeugen geworden.
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Die Funktion der Zitate in ihrer neuen Umgebung ist außerordentlich vielgestaltig, wie wohl schon diese wenigen Beispiele gezeigt haben. Die Skala reicht von der Bestätigung einer eigenen Deutung (vermutlich oft bei endständigen Zitaten) und der Modifikation einer ursprünglichen Auffassung (in vielen triadischen Beispielen erkennbar beim Vergleich zwischen dem Titel oder Eingangsaphorismus und dem Schlussaphorismus unter dem – bisweilen unerwartet selektiven – Einfluss des Zitats) bis zum scheinbaren anything goes einer skurrilen Abweichung von exegetischen Normen, die immerhin auch etwas von der Wahrheit enthalten mag: „Alle Deutungen, auch die ganz falschen, hinterlassen einen Zeigefinger“ (S 176, in rhythmisierter Zeilenschreibung Fa 51). Bei einer Erweiterung der Beispiele wären vermutlich mehr Überlagerungen ganz unterschiedlicher Funktionen zu erkennen als klare Zuschreibungen. Jedenfalls tragen aber die Zitate in all ihren Funktionen zum aphoristischen Erkenntnisprozess innerhalb der jeweiligen Texteinheit entscheidend bei und wirken daneben auch als wohltuende Abwechslung vom aphoristischen Monolog.
Durch ihre aphoristische Umgebung in der Textgruppe werden auch die Fremdzitate oft neu eingefärbt. Die dominante Deutungsquelle ist das Vermächtnis der religiösen jüdischen Tradition mit gewissen individuellen Vorlieben für bestimmte Gestalten und Szenen. Das bringt für einige Zitate von Autoren, die einer solchen Zielrichtung unverdächtig scheinen, eine erstaunliche Umfokussierung: der Antisemit Paul de Lagarde bestätigt die religiöse Ernsthaftigkeit der Juden (BK 56), Baudelaire empfiehlt das Abendgebet (Sa 55) und wird auch selbst in einer Beter-Rolle zitiert (G 118), der Skeptiker Sextus Empiricus optiert für die Gotteserfahrung (Sa 99), der materialistische Philosoph Ludwig Feuerbach erscheint als Genesis-Interpret (Sa 89) und der erklärte Atheist Helvétius in einem Binnenzitat zwischen zwei Aphorismen zum Lob des Gebets geradezu als religiöser Reformer (Sa 90). Vor dem Hintergrund dieser Befunde darf man beim Bekenntnis der eigenen Abhängigkeit von der religiösen und literarischen Tradition – „erst im Zitat komme ich zum Ausdruck“ (BK 68) – den Satzakzent getrost auch auf das Subjekt legen. Andererseits bleibt sogar bei einem so gezielten Einsatz von Zitaten vieles semantisch dunkel und soll offenbar auch dunkel bleiben, denn die Wahrheit, um die es dem Autor geht, ist nicht einfach aussprechbar, schon gar nicht begrifflich.
Die Spruchzitate, die von ihren Quellen her ganz überwiegend keine isolierte kurze Reflexionsprosa sind, werden nicht einfach selbst zu Aphorismen, sie werden aber durch ihre quasi-poetische Präsentation und ihre diskursive Nähe zu den sie umgebenden poetischen Aphorismen diesen generisch angenähert.
Auch der Autor, der seine Zitatquellen in den Bänden mit wenigen Ausnahmen im Anhang belegt – die der Heteronyme mit Phantasieangaben, damit auch das Spiel nicht zu kurz kommt –, bleibt von alldem nicht unberührt. Er ist hier neben seiner Rolle als Schöpfer von Texten, die wir einschließlich der angeeigneten Spruchzitate aus anderen Werken mit ihm immer noch ‚aphoristisch‘ nennen wollen, zunehmend als Philologe und Kommentator präsent, übernimmt also Aufgaben, die sich von seiner ersten Rolle fundamental unterscheiden. In den hier betrachteten Bänden dürfen wir das vom aphoristischen Korpus aus noch als Para- und Metatexte ausgliedern. Erst im „Nachbuch“ Olivenbäume, die Eier legen, in dem die Grenze zwischen Primär- und Sekundärliteratur überschritten ist, gehört das alles und noch viel mehr gleichermaßen zum Text: als Mixtum compositum eines Autors und der von ihm zitierten Kritiker und Mitautoren, das sich seinen Gattungsstatus erst noch erkämpfen müsste.
Helmich, „Wahrheitsarbeit“.⬑
Nietzsche, Werke, Bd. 2, 943.⬑
Kraus, Aphorismen, 387.⬑
Eines der seltenen entlarvenden Zitate bei Benyoëtz stammt von dem Antisemiten Victor Hehn und steht im Band Fazittert (Fa 182; zu den Titelkürzeln vgl. das Siglenverzeichnis am Ende des Beitrags). Es wird im Text sarkastisch beantwortet und in den Anmerkungen (Fa 377f.) ausführlich kommentiert.⬑
Ich beschränke mich auf die umfangreicheren Aphorismenbände der beiden letzten Jahrzehnte einschließlich der Neuauflagen ZN² und FS². Zum Thema sei vor allem auf Heyden, „Schreiben“ und Frettlöh, „Am Anfang“, zur früheren aphoristischen Praxis des Autors auf Grubitz, Benyoëtz und Dausner, Schreiben verwiesen.⬑
Linksbündig nur noch in der historischen Anthologie Fraglicht. Ich folge in meinen Zitaten bis auf die Halbfett-Schreibung genau den formalen Vorgaben des Autors.⬑
So Fricke, „Lyrische Aphoristik“.⬑
Es gibt auch weitgehend monothematische Sammlungen: Scheinhellig und Gottik enthalten ganz überwiegend religiöse Reflexionen und Exegesen, Nadelind ist stark um das Thema ‚Liebe‘ zentriert.⬑
Abweichend auch hier die Sammlung Scheinhellig, in der die Autoren nur in den Zitatnachweisen am Schluss des Bandes genannt werden.⬑
Meine Stellenangaben nennen angesichts der Wiederholungstechnik des Autors oft nur eine von mehreren Belegstellen, ohne damit eine Hierarchie behaupten zu wollen.⬑
Sofern sie im Original ohne Schlusspunkt syntaktisch abgeschlossen sind, auch ohne Auslassungspunkte, um sie nicht fälschlich als Torso erscheinen zu lassen.⬑
Die befremdliche Lizenz findet sich in anderem Zusammenhang in geänderter Zeilenanordnung auch in G 305.⬑
In Aw 43, N 122 und Fe 62 ist nur die Ausdrucksweise modifiziert: „Nicht seine Evidenz beflügelt den Satz, sondern seine Zitierbarkeit“ (in drei unterschiedlichen Zeilengliederungen).⬑
Exemplarisch angeführt seien hier etwa die Kurzzeilen-Zitate N 110 von Eugen Rosenstock-Huessy oder Fa 50 aus Jacob Burckhardts Wissenschaftsprosa, die beim besten Willen nicht als latent aphoristisch gelten können.⬑
In Scheinhellig gibt es eine Variante (S 205), deren erste vier Zeilen mit den oben zitierten übereinstimmen, aber dann durch ein anderes Drittzitat in der Isotopie des Anfangs festgehalten werden. Ihr Schlussurteil „Im Anfang war das Wort, / den Anfang machte Abraham“ nähert sich dem Kyklos-Charakter von N 88, führt aber zugleich durch die neue Opposition von Sein und Machen darüber hinaus in die Geschichte.⬑
So etwa G 150, U 24 oder Fa 266.⬑
Etwa FS 175, Sa 222, Sa 275 oder G 286.⬑
So in Sa 152, G 35, G 41, G 194, G 277, ZN² 25, ZN² 59, ZN² 364, Fa 59, Fa 129, Fa 271 und anderweitig.⬑
|Aw||Aberwenndig. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001.|
|BK||Die Eselin Bileams und Kohelets Hund. München: Hanser, 2007.|
|Fa||Fazittert. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2020.|
|Fe||Feindeutig. Eine Lesung. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2018.|
|FS||Finden macht das Suchen leichter. München/Wien: Hanser, 2004.|
|FS2||Finden macht das Suchen leichter. Würzburg: Königshausen & Neumann, 22020.|
|G||Gottik. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019.|
|N||Nadelind.Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019.|
|O||Olivenbäume, die Eier legen. Wien: Braumüller, 2014.|
|S||Scheinhellig. Variationen über ein verlorenes Thema. Wien: Braumüller, 2009.|
|Sa||Sandkronen. Eine Lesung. Wien: Braumüller, 2012.|
|U||Der eingeschlagene Umweg. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2020.|
|ZN||Die Zukunft sitzt uns im Nacken. München/Wien: Hanser, 2000.|
|ZN²||Die Zukunft sitzt uns im Nacken. Würzburg: Königshausen & Neumann, 22020.|
Dausner, René. Schreiben wie ein Toter. Poetologisch-theologische Analysen zum deutschsprachigen Werk des israelisch-jüdischen Dichters Elazar Benyoëtz. Paderborn: Schöningh, 2007.
Frettlöh, Magdalene L. „‚Am Anfang war Sahadutha‘. Vom bleibend Fremden im Eigenen beim Zitieren und Bezeugen“. In Zitat und Zeugenschaft. Eine Spurensuche im Werk von Elazar Benyoëtz, herausgegeben von Magdalene L. Frettlöh und Matthias Käser-Braun, 53–60. Uelzen: Erev-Rav, 2017.
Fricke, Harald. „Lyrische Aphoristik. Laudatio auf Elazar Benyoëtz“. Lichtenberg-Jahrbuch 2004: 185–189.
Grubitz, Christoph. Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz. Tübingen: Niemeyer, 1994.
Helmich, Werner. „Wahrheitsarbeit. Ein Tauchgang in die neuere Poetik von Elazar Benyoëtz“, in Elazar Benyoëtz. Korrespondenzen, herausgegeben von Bernhard Fetz, Michael Hansel und Gerhard Langer, 59–72. Wien: Paul Zsolnay, 2014.
Heyden, Katharina. „Verdichtete Zeugenschaft. Zitieren als Prinzip im Werk von Elazar Benyoëtz“. In Zitat und Zeugenschaft. Eine Spurensuche im Werk von Elazar Benyoëtz, herausgegeben von Magdalene L. Frettlöh und Matthias Käser-Braun, 37–50. Uelzen: Erev-Rav, 2017.
Kraus, Karl. Aphorismen (=Schriften, Bd. 8), herausgegeben von Christian Wagenknecht. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1986.
Nietzsche, Friedrich. Werke in drei Bänden, herausgegeben von Karl Schlechta. München: Hanser, 1966.