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Selbst in der akuten Phase seien etwa 60 Prozent der älteren Menschen noch selber einkaufen gegangen, wie Angela Bearth, Verhaltenspsychologin am ETH-Lehrstuhl für Consumer Behavior, sagte. Das zeige, dass sich viele ältere Menschen bevormundet fühlten, wenn sie nicht mehr selber einkaufen gehen dürften.
Auch offenbaren die Befragungen, dass 20 Prozent der älteren Menschen ihre Enkelkinder selbst während des Lockdowns getroffen hätten. Unsere Daten zeigen, dass die Social-Distancing-Massnahmen eher schwierig umzusetzen waren, zum Beispiel weil soziale Kontakte für das menschliche Wohlbefinden immens wichtig sind und ältere Menschen vielleicht weniger Möglichkeiten hatten, diese mit digitalen Kommunikationsmitteln zu kompensieren, sagte Bearth im Interview. Die Hygienemassnahmen seien insgesamt aber gut eingehalten worden, wobei das Risikobewusstsein bei Menschen mit einer Vorerkrankung deutlich höher gewesen sei.
Insgesamt führten die Forschenden parallel zwei Erhebungen durch. Im Rahmen der ersten Erhebung haben sie rund 1500 Personen zwischen 18 und 69 Jahren insgesamt vier Mal zu ihrem Verhalten während der Coronakrise befragt, erstmals gleich zu Beginn des Lockdowns Mitte März, letztmals nach der Einführung der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr.
Die zweite, gleichzeitig durchgeführte Erhebung konzentrierte sich auf die Hauptrisikogruppe der über 59-Jährigen. Diese wurden von den ETH-Forschenden insgesamt drei Mal zu ihrem Verhalten befragt.
Beide Erhebungen zeigen, dass über 40 Prozent der Befragten denken, sie seien weniger gefährdet als der Durchschnitt. Eine Rolle hierfür könnte der sogenannte optimistische Bias sein, wie die Verhaltenspsychologin Bearth erklärte. Die Herausforderung läge künftig denn auch vor allem darin, das Risikobewusstsein in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.
In Bezug auf Masken zeigen die Daten, dass die 20- bis 34-jährigen eher einen Mund-Nasen-Schutz tragen als die 35- bis 49-jährigen. Bemerkenswert ist laut Bearth ebenfalls, dass Nicht-Maskenträger viel häufiger als Maskenträger denken, Masken seien nicht wirksam. Ausserdem fänden erstere eher, eine Maskenpflicht sei angesichts der tiefen Fallzahlen überflüssig. Weil im öffentlichen Verkehr die Pflicht nun gelte, tragen dort aber inzwischen viele Masken. Der Grund: Den meisten Menschen ist es unangenehm, wenn sie in der Menge auffallen.
Ein Grund für die unterschiedlichen Einstellungen zu Masken könnte die Kommunikation zu Beginn der Coronazeit gewesen sein: Wenn man am Anfang der Krise argumentiert, Masken seien aus Sicht der Wissenschaft unwirksam, dann bleibt das hängen, sagte Bearth.
Laut Bearth achteten sie und ihre Kollegen zwar auf eine repräsentative Verteilung der Geschlechter und Altersgruppen in den Umfragen. Allerdings seien die Gruppen tendenziell etwas besser gebildet als der Durchschnitt. Auch liessen sich die Resultate nicht unbedingt auf die Westschweiz und das Tessin übertragen, da dort die Erfahrungen anders waren als in der Deutschschweiz.
Deshalb bezeichnet Bearth die Erhebungen nicht unbedingt als repräsentativ, aber sie würden ein gutes Bild der Situation abgeben. Die Studie ist jedoch noch nicht von Fachkollegen begutachtet worden.
(sda)