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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
In unserem Haus, eine Eigentümergemeinschaft mit 36 Wohnungen, lebt mehr als die Hälfte der Bewohner seit dem Entstehen des Hauses vor mehr als 40 Jahren zusammen. Besonders bei denjenigen, die allein wohnen, weil die Ehe in die Brüche gegangen ist, die Kinder inzwischen ausgezogen sind oder der Partner verstorben ist, achten die Mitbewohner aufeinander. Es fällt auf, wenn ein Nachbar, der keine Reise angekündigt hat, ein paar Tage hintereinander nicht mehr zu sehen ist.
Bei einem Nachbarn war das schon auffällig. Er wohnte im obersten Stockwerk. Seine Wohnung war zum Parkplatz und zum Zugangsweg hin ausgerichtet. Seit ein paar Jahren, d. h. seitdem seine Frau gestorben war, lag er über Tag normalerweise am Fenster und beobachtete die Bewegungen auf dem Parkplatz und alle, die ins Haus gingen oder es verliessen.
Einige der Hausbewohner, so auch ich, sandten immer, wenn wir zum Auto gingen oder ausstiegen, einen Blick nach oben in den 8. Stock. Wenn er zu sehen war, wurde er mit einem nach oben gestrecktem Arm gegrüsst, und er grüsste zurück.
Es war also zu vermuten, dass etwas nicht stimmte. Am Samstagmorgen wurde mit der Polizei und dem Beirat die Wohnung geöffnet; man fand ihn tot auf dem Boden liegen.
Mir fiel das Lied von Simon and Garfunkel aus dem Jahre 1965 ein, geschrieben von Paul Simon:
„He was a most peculiar man…“
Die zweite Strophe lautet:
„He was a most peculiar man.
He lived all alone within a house,
Within a room, within himself,
A most peculiar man.“
Eine Strophe beginnt mit:
„He died last Saturday.“
Ja, er war schon „peculiar“, was man mit „seltsam, merkwürdig, sonderbar, befremdlich, eigentümlich“ übersetzen kann. Der Haushalt war immer von seiner Frau erledigt worden. Er selbst war in seinem Berufsleben Busfahrer gewesen. 4 Kinder soll er gehabt haben, nie sah man, dass er Besuch bekam. Angeblich hatten sie sich alle von ihm abgewandt.
Eines Tages, einige Zeit nach dem Tod seiner Frau, erzählte er von einem kleinen Unfall, den er verursacht hatte, weil er plötzlich kurzzeitig nichts mehr sehen konnte. Sein Führerschein wurde eingezogen. Er verkaufte seinen Wagen und fuhr danach nur noch mit dem Stadtbus. Ab und zu bat er Nachbarn, manchmal auch mehrere gleichzeitig, ihm bei Versicherungs- und Behördenpapieren zu helfen, oder fragte um Rat bei einer Rechnung. Er erzählte, dass er im Falle seines Todes alles mit einem Beerdigungsunternehmer geregelt hätte, auch das Finanzielle. Er klingelte einfach an der Tür, wollte sich nicht hineinbitten lassen.
So richtig vertraute er niemandem. Er liess auch keinen in seine Wohnung. Obwohl er zugab, dass er mit der Waschmaschine nicht zurecht kam, wollte er sich die Handhabung nicht erklären lassen. Kochen konnte er nach eigenen Angaben auch nicht, und so lebte er wohl tagelang von kalten Speisen. Während der Woche fuhr er morgens mit dem Bus in die Stadt, manchmal sah man ihn in einem der Cafés, gelegentlich im Gespräch mit älteren Damen.
Er lief ein paar Mal am Tag über das Treppenhaus die 8 Stockwerke nach unten und fuhr dann mit dem Lift wieder nach oben. Immer hinterliess er seinen speziellen Geruch, und seine Kleidung war meistens schmuddelig und fleckig. Manchmal sprach ihn jemand darauf an, dann wechselte er auch schon mal seine Kleidung.
Er rollte auch gern Silberpapier zu Kügelchen zusammen und schnippte sie aus seinem Fenster nach unten. Sie fielen dann auf andere Balkone oder auf die Begrünung am Haus.
Zeitweise rauchte er auch, während beim Fenster lag und warf die Zigarettenstummel nach unten.
Er liess niemanden in seine Wohnung. Als seine Frau noch gelebt hatte und doch einmal ein Nachbar in der Wohnung war, zeigte er ihm den Wohnzimmerschrank, der voll von Porno-Videos war.
Später liess er dann regelmässig einschlägige Magazine im Haus liegen, was Nachbarn mit Kindern nicht akzeptierten und sich beschwerten. Er versprach dann, es zu unterlassen.
Wenn ein Hausbewohner sein Licht am Auto angelassen hatte und dieses nicht automatisch ausging, klingelte er bei ihm und meldete es.
So ganz einverstanden mit den türkischstämmigen Mitbewohnern war er nie. Standen einmal mehrere Schuhe vor der Korridortür, klingelte er und brummelte etwas von Türken. Überhaupt verstand ich ihn nicht gut; er sprach das örtliche Platt, und das nicht immer klar.
Ein richtiges Gespräch mit ihm zu führen, war unmöglich. Die Nachbarn bekamen den Eindruck, er sei nicht sehr intelligent, eher dümmlich.
Das letzte Jahr lief er immer mühseliger und benutzte einen Stock zum Abstützen. Er habe unter Diabetes gelitten, wusste eine Hausbewohnerin.
Ja, „he was a most peculiar man“.
Er war unser Nachbar, er gehörte zur Hausgemeinschaft, mit allen seinen Eigenheiten.
Nie wieder wird er bei dem fast automatischen Blick nach oben an seinem Fenster zu sehen sein. Auch sein Geruch wird nie wieder im Haus zu bemerken sein. Er ist einfach nicht mehr da. Nie mehr.
Hinweis auf weitere Blogs über das Sterben von Gerd Bernardy
06.04.2012: Leben und Tod in Indien: Übergang in neue Existenzform