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Warum Leser sich nicht einig sind
Der Schriftsteller und Literaturkritiker Tim Parks, meine Damen und Herren, entwickelt in seinem jüngst erschienenen Band «Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen» einen interessanten Gedanken zum individuellen Literaturgeschmack: dass die Art, wie wir auf Romane reagieren, vor allem etwas mit der Art von «System» oder «Gesprächen» zu tun haben könnte, mit denen wir aufwuchsen und innerhalb derer wir uns eine Position suchen und eine Identität aufbauen mussten.
Parks bezieht sich auf die systemische Psychologie, die davon ausgeht, dass Persönlichkeiten und ihre Werte durch den sozialen Kontext, beispielsweise die Familienaufstellung, strukturiert würden, und er geht hier von vier Polaritäten oder Dichotomien aus, die eine soziale Gruppe prägen können:
Gut vs. Böse
Mut vs. Angst
Gewinnen vs. Verlieren
Zugehörigkeit vs. Ausschluss
Je nachdem, welche Polarität für ihre Sozialisation dominant war oder ist, werden sich Menschen für jene Autoren interessieren, deren Werk schwerpunktmässig auf ebendiese Polarität Bezug nimmt, also Dostojewski zum Beispiel auf die Dichotomie von Gut und Böse, oder Charles Dickens auf Zugehörigkeit und Ausschluss oder James Joyce auf Gewinnen/Verlieren.
So weit Tim Parks. Es ist eine interessante Frage, ob sich dieses Schema auf den Konsum auch anderer Medien erweitern liesse. Und selbstverständlich würde auch Parks nicht behaupten, dass es keine objektiven Kriterien für die Qualität von Literatur gebe. Er sagt nur, richtigerweise: Wenige Werke der Kunst können universellen Reiz ausüben.