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Viele Bäche und Flüsse im Kanton Zürich wurden begradigt oder verlegt. Dies geschah einerseits im Zusammenhang mit der „Anbauschlacht“ während des Zweiten Weltkrieges als in der ganzen Schweiz Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln auf Brachen und in öffentlichen Parks angebaut wurden, um die Selbstversorgung zu sichern. Andererseits waren die umfangreichen Meliorationsprojekte für die Veränderungen verantwortlich. Der Begriff Melioration steht für grundlegende Eingriffe in die Landschaft, zum Beispiel sind dies Be- oder Entwässerungssysteme, Eindeichung von Überschwemmungsgebieten sowie die Urbarmachung von Ödland. Diese Landschaftsveränderungen hängen eng mit dem Wachstum von Bevölkerung, Industrie, Landwirschaft und Verkehr zusammen.
Zürich-Nord, Ausschnitt aus der Historischen Gewässerkarte des Kantons Zürich, Blatt 6 (1991)
Roland Brändli hat anfangs der 1990er-Jahre 12 Kartenblätter zur Entwicklung der Gewässer im Kanton Zürich erstellt. Die Karten zeigen auf, wie sich Fliessgewässer, Feuchtgebiete und Seen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Kanton Zürich stark verändert haben. Die Karte oben zeigt den nördlichen Teil der Stadt Zürich. Zu sehen ist der Milchbuck mit seinem Irchelpark, Teile vom Zürichberg sowie Oerlikon und Wipkingen. Die grün gepunkteten Linien zeigen eingedolte Bäche; die grüne Linie verweist auf neu angelegte oder entstandene Gewässer; die roten Linien sind heute verschwundene Gewässer, die entweder versiegt oder umgeleitet wurden; die blauen Linien sind Gewässer, die in ihrem Verlauf seit 1850 unverändert bestehen.
Eindrücklich sind die statistischen Daten zu den Landschaftsveränderungen, welche Brändli im Begleitheft zu seinen Karten aufführt:
- Von den 7’989 Hektaren ursprünglicher Riedgebiete im Kanton Zürich wurden seit 1850 rund 75% entwässert. Besonders betroffen sind ehemalige Moore in den Gebieten Zürich-Nord, Zürich-Altstetten, Winterthur, Greifensee, Pfäffikersee, Gebiete rund um den Flughafen Kloten u.a.
- Weit mehr als 50% der Flüsse erfuhren massive Korrekturen, sind heute eingedolt und grösstenteils Nutzbringer für die Landwirtschaft.
- Die Aufschüttungen an den Ufern des Zürichsees reichen 20 bis 70 Meter in den See hinaus, in der Stadt Zürich bis 200 Meter. Sie erfolgten vor allem zum Ausbau der beiden Seestrassen und der Eisenbahnlinien.
- Durch die Verlandung verloren Seen wie der Pfäffiker- oder Greifensee an erheblicher Fläche. Von den etwa 450 Seen und Kleingewässern des 19. Jahrhunderts verschwanden fast zwei Drittel. Künstliche Teiche und Weiher wurden sukzessive neu angelegt, ersetzen aber kaum den ökologischen Wert von natürlichen Kleingewässern.
Dank der Einsicht, dass zu viele Eingriffe in die Natur die Artenvielfalt und den ökologischen Kreislauf gefährden, werden heute immer mehr Projekte unterstützt, welche die früher erfolgten Eingriffe an Fliessgewässern wieder revidieren wollen und den Flüssen ihren natürlichen Lauf zurückgeben. Das Amt für Gewässerschutz und Wasserbau des Kantons Zürich zeigt seit einigen Jahren, wie Fliessgewässer revitalisiert werden können. Die Wiederbelebung der Reppisch oder die Tössabstürze in Rorbas und in Hard-Wülflingen sowie der Nefbach bei Neftenbach seien hier erwähnt. Diese Revitalisierungsprojekte machen wohl bald eine revidierte neue Ausgabe der „Historischen Gewässerkarte“ notwendig.