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Niedersächsische Lehrerzeitung, 1. April 1954, nr. 6
Gemäßigte kleinschreibung
Seit mehreren jahren schreibe ich in gemäßigter kleinschreibung (große anfangsbuchstaben nur bei satzanfängenr eigennamen und anredewörter der höflichkeitsform) und möchte davon nicht lassen. Man gewöhnt sich an die kleinschreibung schneller, als man es vorher denkt. Ein besonders erfreuliches ergebnis ist die erhöhte geschwindigkeit beim maschineschreiben. Bisher habe ich noch jeden brief mit kleinschreibung beantwortet bekommen. Es hat niemand derart anstoß daran genommen, daß mir erstaunen oder verwunderung darüber ausgesprochen ist. Auch beim schriftverkehr mit behörden bediene ich mich der gemäßigten kleinschreibung: kreisverwaltung, finanzamt, bundesbahn usw. Eine ausnahme mache ich bei meiner mir vorgesetzten behörde, der schulbehörde. Sie kann meines erachtens von mir als ihrem beamten erwarten und verlangen, daß ich im amtlichen schriftverkehr mit ihr die vorgeschriebene amtliche schreibweise beachte.
In diesem zusammenhang sei ein nicht uninteressanter vorfall aus dem jahr 1929 mitgeteilt. In einer stadt des Rheinlandes reichte, wie die „Juristische Wochenschrift“ berichtete, ein rechtsanwalt eine klage bei dem landgericht ein, die mit der schreibmaschine geschrieben war und große anfangsbuchstaben nur bei der anschrift, beim satzbeginn und bei eigennamen aufwies. Wegen dieser nichtamtlichen schreibweise weigerte sich das landgerichtr eine verhandlung anzuberaumen. Daraufhin beschwerte sich der rechtsanwalt beim Oberlandesgericht Köln, und dieses kam zu folgendem beschluß: „Aus dem grundsatz des paragraphen 184 des gerichtsverfassungsgesetzes“ „Die gerichtssprache ist deutsch“ folgt nicht, daß die in deutscher sprache verfaßten schriftsätze den jeweils geltenden regeln der deutschen rechtschreibung entsprechen müssen und daß sie, wenn sie nicht orthographisch richtig geschrieben sind, zurückgewiesen werden können. Eine zurückweisung wäre höchstens dann zulässig, wenn die schreibweise von der herrschenden rechtschreibung so weit abwiche, daß dadurch die lesbarkeit und das verständnis des schriftsatzes in frage gestellt wäre. Das ist aber hier nicht der fall. Der gebrauch der kleinen anfangsbuchstaben beeinträchtigt nicht die lesbarkeit und verständlichkeit der klageschrift.“
R.
Und was sagt Dr. Konrad Duden dazu?
Wir kennen wohl alle ziemlich genau den „Duden“, unser maßgebendes wörterbuch, gewissermaßen die „regel und richtschnur“ oder das freilich nichtamtliche „gesetzbuch“ unserer rechtschreibung. Dieses buch wird als das lebenswerk des 1911 verstorbenen geheimrats Dr. Konrad Duden, des direktors der Klosterschule Hersfeld, mit fug und recht gepriesen. Aber es ist einmal entstanden aus einem anderen lebenswerk dieses tüchtigen und befähigten mannes, nämlich aus seiner arbeit für die vereinfachung der deutschen rechtschreibung im vorigen jahrhundert.
Dr. Konrad Duden gehört in die reihe der reformer, die mit Jakob Grimm beginnt. Als 1876 in Berlin die erste rechtschreibkonferenz stattfand, erhielt Dr. Duden, damals 47 jahre alt, den auftrag, einen kommentar zu den verhandlungen zu schreiben, dem er den titel gab: „Die Zukunftsschreibung“. Seine hauptsächlichsten ansichten und forderungen lauteten kurzgefaßt:
1. Der lautliche (phonetische) gesichtspunkt ist in den vordergrund zu stellen gegenüber dem geschichtlichen. Denn der zweck der schrift ist die wiedergabe des gesprochenen wortes. Die schrift soll nichts weiter, als „treu und ohne mühe das gesprochene wort wiedergeben.“ Doch ist von einer in alle einzelheiten gehenden lautlichen schreibung abzusehen, da diese schreibung unmöglich ist.
2. Es ist größere folgerichtigkeit in der bezeichnung der länge und kürze der laute zu verlangen (dehnungsfrage).
3. Die zahl der bestehenden unterschreibungen ist einzuschränken.
Schon auf dieser rechtschreibkonferenz von 1876 hatte die mehrheit unter führung von Dr. Konrad Duden den wegfall des dehnungs-h hinter den selbstlauten a, o und u und ihren umlauten beschlossen, Infolge nachträglicher starker widerstände und ränke der widersacher Dudens wurde dieser beschluß leider nicht durchgeführt. Duden meinte damals: „Insbesondere dem dehnung-h geht es wie so oft den menschen, wenn ihr seliges ende naht. Auf einmal will sie jedermann liebgehabt haben, der sich bisher gar nicht um sie gekümmert hat. Vergeblich habe ich in allen zu meiner kenntnis gelangten schutzreden für das h, selbst solchen, die von männern mit großen und verehrten namen herrührten, nach irgendeinem grunde gegen unsere beschlüsse gesucht, der nicht schon in den sitzungen der kommission selber vorgebracht und erledigt worden wäre. Manche menschen mögen eben den mit saurem schweiß erworbenen besitz der rechtschreibkenntnisse nicht gern fahren lassen. Das sind allerdings zumeist dieselben, die auch das dehnung-h samt dem th mit schrecken schwinden sehen und eine rechtschreibung im anzug erkennen, die „jeder“ richtig handhaben kann, eine rechtschreibung „für das volk“, um mit einem großen grammatiker zu reden.“
Was Duden damals und in den späteren jahrzehnten erstrebte, fand eine kleine erfüllung in der von ihm geleiteten zweiten rechtschreibkonferenz im juni 1901, die ihn in ihrem umfange selbst am wenigsten befriedigte. Aber das hauptergebnis der 1901 geschaffenen rechtschreibvereinfachung war jedenfalls die tatsache, daß sie die einheit der rechtschreibung für alle länder deutscher zunge brachte (Österreich, Schweiz, Auslandsdeutschtum). Man sollte es heute kaum für möglich halten, daß es vor dieser zeit in fast allen deutschen staaten besondere regel- und wörterbücher mit oft von einander abweichenden schreibungen gab, z. b. sogar ein Sachsen-Altenburgisches Regel- und Wörterbuch!
Was brachte diese reform? Sie beseitigte das th in allen wörtern deutschen ursprungs (Thal, Thor, Noth)t sie wandelte das ph in f in vielen lehnwörtern (Elephant, Sopha, Westphalen), sie brachte die anwendung deutscher lautbezeichnungen in fremdwörtern: k und z statt c (Kaffee statt Caffee, Zentrum statt Centrum, Konzert statt Concert), sch statt ch (Schokolade statt Chocolade, Schikane statt Chicane), i statt y (Kristall statt Krystall, Silbe statt Sylbe). Endlich legte sie fest, daß in stehenden verbindungen der hauptwörter mit tätigkeitswörtern, in denen das hauptwort gar nicht mehr als solches empfunden wird, also in seinem ursprünglichen bedeutungsinhalt verblaßt und verkümmert ist, das hauptwort klein geschrieben wird (es thut Noth, er thut mir Leid, er ist Willens), desgleichen bei hauptwörtern in stehenden verbindungen mit einem tätigkeitswort und einem verhältniswort (zu Grunde gehen, im Stande sein, jemandem etwas zu Liebe oder zu Leide tun).
Hat nun die sprache, die lebendige deutsche sprache, irgendwie darunter gelitten: die treffsicherheit einer ausdrucksweise, die lebendigkeit einer erlebnisdarstellung, die schönheit einer naturschilderung, die innigkeit des gefühls in einer erzählung? Nie und nimmer, wie sie auch bei einer künftigen reform ganz gewiß darunter nicht leiden wird! Lebendige sprache und schreibung haben eben nicht den unlösbaren zusammenhang, wie es die reformgegner behaupten.
Und was sagt Dr. Konrad Duden über die reform von 1901 und eine künftige reform? Vor mir liegt ein „Duden“ der siebenten auflager nämlich der ersten auflage nach 1901. Im vor wort zu dieser auflage schildert Dr. Duden das zustandekommen der rechtschreibkonferenz und ihre wesentlichen ergebnisse und fährt dann fort: „Daß die so entstandene deutsche rechtschreibung weit davon entfernt ist, ein meisterwerk zu sein, das weiß niemand besser, als wer daran mitzuarbeiten berufen war. Wenn ich dennoch von einem „fortschritt“ spreche, deute ich schon an, daß nach der meinung derer, die an dem zustandekommen der neuen, einheitlichen rechtschreibung mitgearbeitet haben, jetzt keineswegs für alle zeiten ein stillstand eintreten soll. Nur ein zwischenziel ist erreicht worden. Es fehlt auch nicht an wegweisern, die auf ein ferneres ziel hindeuten. Wann ein neuer schritt dahin getan werden soll, darüber braucht sich jetzt (1901) noch niemand den kopf zu zerbrechen ... Dabei können die theoretischen erörterungen der anhänger einer durchaus lautgetreuen schreibung über die beste rechtschreibung und die kritik der jetzt für längere zeit gültigen ruhig ihren gang weiter gehen. Das kann zwar für den augenblick (1901) nicht helfen, aber doch für die zukunft nützlich sein.“
Alles in allem: Dr. Konrad Duden würde, wenn er noch am leben wäre und mitwirken könnte, voll und ganz für eine gründliche vereinfachung unserer rechtschreibung eintreten! Ein halbes jahrhundert seit 1901 ist aber wahrlich zeit genug, daß die allgemeinheit zu der erkenntnis kommen sollte, die Dr. Konrad Duden schon vor der jahrhundertwende in sich trug und verfocht.
H. Ringeln, Wennigsen/Deister, Lutterbrinkstraße 21
Abdruck von Hans Ringeln: