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Nachdem ich gefühlte zig-1000 Mal in den letzten paar Jahren dieselben Erziehungs-Situationen erlebt habe, bin ich etwas desillusioniert, was Erziehung angeht. Bringt es überhaupt was, wenn wir unsere Kinder erziehen? Können wir uns den Stress sparen?
Solange ein Kind gegenüber meinen Interventionen und Erklärungsversuchen keine Einsicht zeigt, gibt es keine Verhaltensveränderung, ausser über Zwang & Gewalt, aber dies ist definitiv nicht anzustreben.
Was ist Erziehung?
„Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme.“ Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka definiert Erziehung als „Handlungen […], durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten“ (Wikipedia).
Mit Erziehung bezwecken Erwachsene ein Kind, seine Psyche, gezielt zu beeinflussen oder gar zu verbessern. Dies impliziert, dass ein Kind ein unfertiges Wesen ist, das durch Erwachsene optimiert werden muss. Diese Optimierung ist abhängig von den Werten und Normen der Eltern und der jeweiligen Gesellschaft. Ein Kind soll so geformt werden, dass es passt.
Erziehung ist kein Handwerk
Dabei wird aus meiner Sicht vernachlässigt, dass das Kind kein Tonklumpen ist, der sich nach den Wünschen und Vorstellungen des Töpfers modellieren lässt. Der Ton (Kind) hat ein Eigenleben – Er formt sich selber und wiedersetzt sich dem Töpfer.
Ich habe in den letzten acht Jahren keine Gebrauchsanweisung für Erziehung und das Formen von Kindern gefunden. Was beim einen Kind Einsicht fördert, bewirkt beim Anderen nicht die kleinste Reaktion. Nach meiner Ansicht gibt es keine allgemein gültige Anleitung, wie ein Kind erzogen werden kann, auch wenn uns Ratgeber eines Anderen belehren wollen.
Der Widerstand der Kinder ist ihr Segen
Das ist zwar anstrengend und herausfordernd für Erwachsene, aber für die Kinder ist es ein Segen. Dadurch, dass sich Kinder unseren Wünschen widersetzen und Dinge tun, die sie gerne tun möchten, sind sie sich selber nah. Diese Achtsamkeit gegenüber sich selber, vermissen ganz viele Erwachsene und müssen sie mühsam wiederentdecken (Vielleicht, weil sie uns aberzogen worden ist?). Darum überlege ich mir, ob ich Erziehung im oben definierten Sinne weiterhin anwenden will. Will ich dies meinen Kindern antun, dass sie mir und der Gesellschaft entsprechen müssen und sich selber unterdrücken sollen?
Dazu habe ich folgende Literatur bestellt:
- Alice Millers, Das wahre Drama des begabten Kindes & Am Anfang war Erziehung
- Ekkehard von Braunmühl, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung
Meine Theorie ist noch in keiner Art und Weise ausgereift. Meine Gedanken kreisen darum, dass es Regeln braucht, die das Zusammenlegen ermöglichen (Hannah Arendt) zudem braucht es eine neue Art der Beziehungsgestaltung (Paulo Freire), Wertschätzung der Gefühle (Alice Millers) undeine grosse Portion Verhandlungskompetenz (Robert Selman). Wenn ich weiter überlegt habe, werde ich einen weiteren Text schreiben.
Falls dich das Thema auch interessiert und du dir auch schon mal überlegt hast mit dem Erziehen aufzuhören, dann freue ich mich über deinen Kommentar.
Ich wünsche dir eine gesegnete Adventszeit und vielleicht schenkst du dir zu Weihnachten die Erziehung (oder allenfalls mal eine Erziehungspause)!