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Tom Lüthi in die MotoGP-WM? Kaum: Der Kurswert seiner Aktie tendiert bei den Chefs der grossen Teams gegen Null. Weil er den Schwefelgeruch der Feigheit nicht mehr aus dem Lederkombi bringt.
Die Frage taucht jedes Jahr vor der Sommerpause wieder auf und sorgt für Medien-Gesprächsstoff. Wie eine fünfte Jahreszeit. Wie ein Ritual. Fährt Tom Lüthi nächste Saison in der Königsklasse der Töff-WM, der MotoGP-Kategorie?
Auf den ersten Blick scheint klar: Tom Lüthi müsste schon längst eine Chance in der wichtigsten Töff-WM bekommen. Er ist ein Stilist für schwere Bikes: ein «weicher», runder Stil, aber eine intensive Fahrweise. Er ist ein guter Analytiker und liefert seinen Technikern brauchbare Informationen. Alles in allem der perfekte MotoGP-Pilot. Sind die Teamchefs der grossen Teams eigentlich blind? Wann erkennen sie endlich, wie gut unser aller Tom ist?
Beim GP von Deutschland brauste Jonas Folger (23) auf den zweiten Platz. Der erste Podestplatz eines Deutschen in der Königsklasse bei einem GP von Deutschland seit 1957 (3. Walter Zeller).
Jonas Folger war in seinen drei Jahren in der Moto2-WM in jeder Beziehung eine Nummer kleiner als Tom Lüthi. Er kam «nur» auf drei Siege und die WM-Schlussklassierungen 15 (2014), 6 (2015) und 7 (2016). Warum haben fast alle Moto2-Stars ihre Chance ganz oben bekommen (u.a. Elias, Redding, Abraham, Bradl, Marquez, Iannone, Smith, die Espargaro-Brothers, Kallio, Zarco, Folger, Dovizioso, Vinales, Rins, Lowes) und nur Lüthi nicht? Auch Moto2-WM-Leader Franco Morbidelli hat für nächste Saison bereits seinen Platz in der«Königsklasse». Fahrer kommen in die Moto2-WM und gehen nach oben. Nur Tom Lüthi bleibt.
Der Drang in die «Königsklasse» ist logisch und entspricht der Dynamik des Leistungssportes. Jeder Pilot strebt in die höchste aller Weltmeisterschaften. Tom Lüthi will nach wie vor unbedingt in die «Königsklasse». Auch wer in der MotoGP-Klasse auf den hinteren Plätzen herumfährt, geniesst im Fahrerlager ungleich mehr Prestige als die Sieger und Weltmeister der Moto2-WM.
Wir sehen Tom Lüthi in der Schweiz als globalen Töff-Star. Als einen der besten Motorrad-Rennfahrer der Welt. Diese Einschätzung ist an und für sich richtig. Aber entscheidend ist, was die grossen Teamchefs und die Bürogenerale von Dorna, dem spanischen Besitzer aller Rechte im GP-Zirkus denken. Und dort ist die Wahrnehmung eine ganz andere.
Lüthi ist dort längst gewogen und für die MotoGP-Klasse als zu leicht befunden worden. Sein «Verfalldatum» ist abgelaufen. Gesucht werden in den MotoGP-Teams junge Piloten, die ihre Zukunft vor sich haben und von denen spätestens in der zweiten Saison gute Resultate erwartet werden können. Die alles riskieren und keine Frage stellen. Die «wilden Jungen».
Tom Lüthi wird im September bereits 31. Er wäre aufgrund seiner Erfahrung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Lage, auf Anhieb so zu fahren wie Jonas Folger. Aber das sehen die grossen Teamchefs anders. Für sie ist Lüthi ein «ewiger» Moto2-Pilot und die Auskunft bei Nachfrage ist immer die gleiche: er habe Jahre gebraucht, um in der Moto2-WM ein absoluter Spitzenfahrer zu werden. Tatsächlich fährt Tom Lüthi seit 2007 in der zweithöchsten Kategorie (250 ccm, seit 2010 Moto2). Keiner traut ihm deshalb zu, sich auf Anhieb in der MotoGP-Klasse zurechtzufinden. Und dann folgt gleich der spöttische Trost, Lüthi werde ja sicherlich nächste Saison doch noch Weltmeister. Und es wird darauf verwiesen, dass er ja seine Chance hatte und nicht nutzte.
Tatsächlich hatte sein Freund und Manager Daniel Epp im Sommer 2009 das «Projekt MotoGP» unterschriftsreif ausgearbeitet. Honda war bereit, die Werks-Maschine zu finanziellen Vorzugsbedingungen zu liefern, Dorna sicherte einen Platz zu und die Finanzierung war aufgegleist. Aber ausgerechnet damals steckte Tom Lüthi in seiner grössten fahrerischen Depression. Nur ein Podestplatz in zwei Jahren und die 250er-WM-Schlussränge 11 (2008) und 7 (2009). Der Weltmeister von 2005 (125 ccm) verzichtete. Manager Epp erinnert sich: «Wir haben schliesslich das ganze Projekt aufgegeben. Tom war verunsichert und zu diesem Zeitpunkt zu wenig gut. Es hätte keinen Sinn gemacht.» Offiziell wurde der Verzicht mit fehlenden finanziellen Mitteln begründet. Daniel Epp setzte in der Saison 2010 statt Tom Lüthi den Japaner Hiroshi Aoyama (250er-Weltmeister von 2009) in einem eigenen Team mit einer Werks-Honda ein (10. WM-Rang).
Noch heute leidet Tom Lüthis Ruf unter diesem Rückzug. Die grossen Teamchefs haben ihre Meinung gemacht und rücken davon nicht mehr ab: Der Schweizer habe Angst vor der grossen Herausforderung gehabt. Den Schwefelgeruch der Feigheit bringt er bei den wichtigen Teamchefs und den Dorna-Bossen nicht mehr aus dem Lederkombi. Der grosse Traum ist damals verraten worden.
Die bequeme Ausrede, Lüthi sei halt Schweizer und der helvetische Markt sei in jeder Beziehung zu unbedeutend, ist bei Lichte besehen also nichts als eine Ausrede und nicht die ganze Wahrheit. Richtig ist, dass ein Schweizer besser sein muss als ein Italiener, Spanier, Japaner, Franzose, Deutscher, Engländer, Amerikaner oder Australier. Wenn er das ist, bekommt er seine Chance. Tom Lüthi war und ist in den Augen der grossen Töffgeneräle ganz einfach nicht gut genug, nicht besser als die besten Italiener, Spanier, Japaner, Franzosen, Deutschen, Engländer, Amerikaner oder Australier. Nicht gut genug, um in der wichtigsten Töff-WM der Welt einen Platz unbesehen von markttechnischen und töffpolitischen Überlegungen zu bekommen. Und wenn in einem so konservativen Geschäft wie dem internationalen Töff-Business die Meinungen gemacht und die Vorurteile zementiert sind, dann wird es ganz schwer.
In den Teams der grossen Motorradwerke (Honda, Yamaha, Suzuki, Ducati) wird Tom Lüthi keinen Platz mehr bekommen. Die Möglichkeit, als MotoGP-Star durch einen Vertrag mit den grossen Werken und Teams Millionen zu verdienen, gibt es für ihn nicht mehr.
Wird also Tom Lüthi nie in der «Königsklasse» fahren? Nun, es bleiben zwei Wege: Ein eigenes Team bilden oder sich in ein Team einkaufen. Erstklassiges Material oder Vorzugsbedingungen wird es so oder so nicht geben. Eine Saison mit einem eigenen Team würde mindestens drei Millionen Franken kosten – wenn es denn überhaupt einen Platz geben würde. Die Plätze sind vergeben und die Chancen, dass Dorna einem Schweizer Team mit einem Schweizer Piloten einen der begehrten 24 Plätze gibt, sind gleich null.
Möglich wäre es hingegen, dass sich Lüthi in ein bestehendes «Hinterbänkler-Team» einkauft. Diese Teams sind zur Finanzierung darauf angewiesen, dass ein Pilot Geld bringt. Auch diese Variante kostet mehr als zwei Millionen Franken – für eine Saison auf zweitklassigen Bikes. Daniel Epp sagt: «Das ist zur Zeit nicht realistisch.» Das alles gilt auch für Dominique Aegerter (24). Lüthi ist der MotoGP-Klasse nicht näher als sein Rivale.
Tom Lüthi ist als Siegfahrer, Star und «ewiger» Titelanwärter in der Moto2-WM einer der populärsten Schweizer Einzelsportler und kann Jahr für Jahr über eine halbe Million Franken verdienen. Diese komfortable Situation für den Traum MotoGP aufzugeben, macht keinen Sinn. Als «Hinterbänkler» ohne jede Chance auf Siegplätze würde er massiv an Medienpräsenz, Einkommen und sporttechnischem Ansehen verlieren.
Manager Epp hat es einmal auf den Punkt gebracht und gesagt, vielleicht könne sich Lüthi einmal als Krönung der Karriere doch noch eine MotoGP-Saison leisten. Das bedeutet im Klartext: eine Saison in der «Königsklasse» nicht mehr um der ultimativen sportlichen Herausforderung willen, nicht mehr um eine neue Karrierestufe zu erreichen. Sondern um einfach einmal dabei gewesen zu sein. Diese Variante ist ab 2019 durchaus denkbar.
Aber eigentlich haben wir lieber den Spatz der Moto2-WM in der Hand als die MotoGP-Taube auf dem Dach. Und die schöne Illusion, unser Tom hätte Valentino Rossi & Co. ganz schön eingeheizt – wenn man ihm doch nur einmal eine Chance gegeben hätte …