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Lexikon Das Kompendium der Ernährungsverwirrungen
Wir haben ein Nachschlagewerk für Foodies, Diät-Junkies und Steinzeit-Veganer zusammengestellt. Es sind Begriffe, die jeder zum Thema Food kennen muss.
Flet|cher|-Diät, die; (englisch)
«Schlank durch Kauen». Auch bekannt als dogmatische Kau-Diät. Jeder Bissen wird mit gesenktem Kopf 32-mal gekaut. Den entstandenen Brei lässt der Abnehmwillige mit zurückgelegtem Kopf in die Speiseröhre fliessen. Die noch im Mund verbleibenden Reste haben ihr Aufenthaltsrecht im Körper verwirkt und werden ausgespuckt. Der 1919 verstorbene Amerikaner Horace Fletcher entwickelte das Abehmprogramm, nachdem ihn eine Krankenkasse wegen Übergewicht abgelehnt hatte. Mit schätzungsweise 32 Millionen Kauvorgängen verlor er danach 40 Kilo Körpergewicht.
Food|porn, kein Artikel; (englisch)
Dabei handelt es sich um Fotografien von Lebensmitteln – vorzugsweise einzelner Gänge in Sterne-Restaurants –, die in sozialen Netzwerken geteilt werden. Die Absender wähnen sich weltgewandt. Meist wirkt F. vulgär. Menschen, die ihr Essen in der Öffentlichkeit fotografieren, weisen in der Regel Persönlichkeitsstörungen auf, sind taktlos und unhöflich. Die löbliche Ausnahme von der Regel ist unter dem Hashtag «We want plates» auf Twitter zu verfolgen. Dort beschweren sich Restaurantbesucher mittels Bildbeweis über die Unsitte, in Szenelokalen das Essen in allerlei unmöglichen Gegenständen (bspw. Hüttenschuhe als Brotkörbe) zu servieren.
Fru|ta|rier, der; (englisch)
«Fruitarian». Versprengtes Grüppchen, das eine Ernährung anstrebt, die keine Beschädigung der Pflanzen, von der sie stammen, zur Folge haben. Obst wird also nur verzehrt, wenn die Frucht von selbst vom Ast in den Paradiesgarten gefallen ist. Die liebevoll auch «Fruganer» genannten Essgestörten sind mit Vegetariern verwandt. Der berühmteste Frutarier war Mahatma Gandhi. Er musste das frugane Schnabulieren wegen einer Rippenfellentzündung nach fünf Jahren aufgeben. Steve Jobs soll das frutarische Konsumieren von Obst zum Firmennamen Apple inspiriert haben.
Gran|der-|Wass|er, das; (deutsch)
belebtes Wasser. Der Tiroler Alpöhi Johann Grander ist der Schutzheilige von levitiertem, vitalisiertem oder informiertem Wasser. Mit seinen abenteuerlichen Apparaturen soll Wasser potenziert werden können. Die Anleitung zur Konstruktion bekam er vom Heiland höchstpersönlich – «bei vollem Bewusstsein», wie Grander betont. So erhält der Lebensquell wunderliche Eigenschaften. Damit bewässerte Pflanzen sollen mehr Ertrag liefern, Badeanstalten weniger Chlor benötigen usw. Noch sperrt sich die Belebungstechnologie dem wissenschaftlichen Nachweis. Dessen ungeachtet, setzen dutzende Schweizer Gemeinden Steuergeld ein, um den Hokuspokus zu fördern.
Licht|nah|rung, die; (deutsch)
«Prana». Ellen Greve, auch bekannt als Medium Jasmuheen (Duft der Ewigkeit), pries Licht als Nahrungsquelle fürs neue Jahrtausend an. Probanden beschrieben Prana als wenig sättigend. Das grösste Risiko des 21-tägigen «Prozesses» ist es, zu verdursten. Es wird empfohlen, die ersten sieben Tage weder zu essen noch zu trinken. Nach drei Tagen ohne Flüssigkeitszufuhr droht die Dehydration. Ohne Nahrung können normalgewichtige Menschen 50 bis 80 Tage überleben, adipöse länger. Greve glaubte offenbar auch nicht so recht an ihre Theorie. Dem Vernehmen nach wurde sie am Rande einer Veranstaltung beim Fast-Food-Essen ertappt.
Or|tho|rexia| nerv|osa, die; (griechisch)
von «richtig» und «Begierde», «Appetit». Das nicht anerkannte Krankheitsbild wurde in Anlehnung an Anorexia nervosa respektive Magersucht 1997 vom Arzt Steven Bratman geprägt. Betroffene wollen sich möglichst gesund ernähren, wobei es in erster Linie gilt, ungesundes Essen und Trinken zu vermeiden. Das geht meist mit Schuldgefühlen und missionarischem Eifer einher. Zwanghafte Persönlichkeitszüge begünstigen O. n. Fachleute beschreiben das Phänomen als Individualisierungsstrategie von Selbstdarstellern. Food werde so vom Lebensmittel zum Stilmittel erhoben und Ausdruck einer Ideenfindung über sich selbst.
Pe|gan|er, der; (deutsch)
Steinzeit-Veganer. Person, die die strengen Regeln des Veganismus durchlöchert. P. kombinieren die Ernährungsstile Veganismus (keine Fleisch- und Tierprodukte) und Paleo-Diät (Ernährung wie in der Altsteinzeit – ohne Mammutfleisch). Die Kombination besteht darin, dass Peganer auch Fleisch essen dürfen, solange es vom Wild stammt und nur 25 Prozent einer Mahlzeit ausmacht. Damit dürfen sich Steakliebhaber mit gutem Gewissen als eine Gattung der «-aner» bezeichnen. Erfunden hat den Ernährungsstil der US-Mediziner Mark Hyman, Ernährungscoach von Hillary Clinton.
Star|-Diät, die; (deutsch)
«abnehmen wie die Stars. Wer es an die Spitze der Pop-Charts schafft oder wem in Hollywood der Durchbruch gelingt, für den sollte abnehmen Nasenwasser sein. Doch weit gefehlt. Auch Stars und Sternchen schauen mitunter ungläubig auf die Körperwaage. Abhilfe schafft gemäss Model-Mami Heidi Klum Sauerkrautsuppe, Size-Zero-Girl Victoria Beckham setzt auf Beeren und Sushi, Heulsuse Mariah Carey auf pinkfarbene Lebensmittel (Lachs, Grapefruit), Ex-Fussballerfrau Cheryl Cole auf Zigaretten und Zitronensaft, It-Girl Sienna Miller auf Wodka. Die Säulenheilige aller Essgestörten, Gwyneth Paltrow, verzichtet auf so ziemlich alles, was zum Essen Spass macht – sprich Fleisch, Fisch, Eier, Kohlenhydrate und Milchprodukte.
Vi|sion|-Diät, die; (deutsch)
schlank durch Einbildung. Visuelle Selbsttäuschung, die wie ein Magenband wirkt. Die V.-D. setzt auf eine spezielle Brille mit blauem Glas als Hilfsmittel für Abnehmwillige. Die Brille färbt das vor dem Hungrigen liegende Essen blau. Die Farbe soll im Gegensatz zu Rot oder Gelb, mit dem die meisten Lebensmittelmarken werben, den Appetit nicht anregen. Eine andere Version der aus Japan stammenden V.-D. ist eine Vergrösserungsbrille. Indem ein Schnitzel auf die Grösse einer Pizza vergrössert wird, soll das Gehirn früher als sonst keine Lust mehr auf die Essensmassen haben.
(Die Liste wird fortlaufend erweitert.)
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