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Die Wahlen in den den USA waren nailbiting — zum Nägel kauen. Gewohnt an Schweizer Effizienz beim Auszählen von Wahlen und Abstimmungen, fragte ich mich: Warum dauert das so lange? Bis jetzt (13 Tage nach der Wahl) ist das Auszählen der Stimmen noch in keinem einzigen Bundesstaat abgeschlossen. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgte die Tatsache, dass vielerorts zuerst die Stimmen aus den Wahlurnen und dann die brieflichen Stimmen gezählt wurden, was dazu führte, dass Trump lange vorne lag. Um so grösser war meine Erleichterung, als vorletzen Samstag klar wurde, dass Biden gewinnt.
Swing States
Zuerst wollte ich eine ähnliche Analyse der US-Wahlen machen wie vor vier Jahren: In Wenn Karten täuschen habe mich darüber geärgert, wie undifferenziert die Karten mit den Wahlergebnissen sind. Aufgrund des Winner-take-all-Prinzips, das in 48 von 50 Bundesstaaten gilt, werden die Staaten entweder demokratisch blau oder republikanisch rot eingefärbt, was zwar korrekt ist, aber einen falschen Eindruck vermittelt, denn in den USA wählen grosse Städte und dicht besiedelte Gebiete demokratisch, während Landstädte und dünn besiedelte Gebiete v.a. im mittleren Westen republikanisch wählen. Obwohl Clinton fast 3 Millionen Stimmen mehr bekam, waren bis auf wenige Clinton-blau eingefärbte Staaten sind die meisten Staaten Trump-rot. Diesmal täuschen die Karten noch krasser: Obwohl Donald Trump die Wahl mit 232 zu 306 Electoral Votes verloren und über 5 Mio. Stimmen weniger als Joe Biden bekommen hat, sind die USA immer noch überwiegend rot eingefärbt, denn nur fünf Swing States haben die Farbe gewechselt: Arizona, Wisconsin, Michigan, Pennsylvania und Georgia.
Und ich bin nicht der einzige, der sich über diese Wahlkarten ärgert:
Wesentlich differenzierter wirkt folgende Darstellung von engaging-data.com: Anders als obige Karte von CNN (die sich übrigens interaktiv auf County-Ebene verfeinern lässt) sind die über 3000 Counties als Kreise dargestellt, deren Grösse proportional zur Bevölkerung ist und die je nach Stimmenanteil bläulich bis dunkelblau für Biden oder rosa bis rot für Trump eingefärbt sind. Je kräftiger die Farbe, desto höher ist Stimmenanteil des jeweiligen Kandidaten.
Auf dieser Karte überwiegt die Farbe blau. Chris von engaging-data.com hat’s ausgerechnet: 59.4 % der Kreisflächen sind blau. Switcht man auf die flächenproporzionale Darstellung der Counties sind nur noch 23.1 % der Kreisflächen blau.
Stadt-Land-Graben
Auffällig ist, dass die grossen Kreise — also die grossen Städte — ausnahmslos blau sind. What Is It Exactly That Makes Big Cities Vote Democratic?, fragte sich Richard Florida, Professor an der University of Toronto’s School of Cities, im Bloomberg CityLab in einer Analyse der Obama-gegen-Romney-Wahl von 2012. Bevölkerung, Dichte und Bildung spielten eine Rolle, schreibt er im Lead des Artikels. In seiner Analyse stellt er fest, dass
- die durchschnittliche Obama-Metropole mit über einer Million EinwohnerInnen mehr als doppelt so gross ist wie die durchschnittliche Romney-Metropole,
- Amerika aufgeteilt ist in Städte des Wissens und der Skills und den grossen Rest, der diese wissensbasierten Zentren als elitär und von der Regierung verhätschelt wahrnimmt, sich der wachsenden Kluft bewusst ist und weiss, dass er an Boden verliert,
- wohlhabende High-Tech-Metropolen der kreativen Klasse — grosse wie New York und LA, High-Tech wie San Jose, Seattle, Boston und San Francisco sowie kleinere Universitätsstädte wie Boulder, Madison und Ann Arbor — grösstenteils blau sind, während weniger bevorteilte, weniger hochqualifizierte, kleinere Städte im Sun Belt und im Mittleren Westen zunehmend rot wählen,
- sich schliesslich dieser Graben nicht nur wirtschaftlich und geografisch, sondern auch parteibezogen auftut. Amerikas polarisierte Politik ist ein Produkt seiner tief eingeätzten Geografie der Klasse.
Ich glaube, dass sich diese Analyse 1 zu 1 auf die Biden-gegen-Trump-Wahl übertragen lässt und sich der wirtschaftlich-geografische Graben zwischen den Parteien noch tiefer ist als vor acht Jahren.
Swing Counties
Mit der interaktiven County-Kreise-Karte habe ich folgendes Experiment gemacht: Ich habe die Optionen „Show Population Circles“ (die Flächen sind weniger interessant) und „No County Overlap“ (die Kreise rücken auseinander und überdecken sich nicht mehr) gewählt. Keinen Haken habe ich bei „Color by Margin“ gemacht, was dazu führt, dass Counties nicht farblich abgestuft dargestellt werden, sondern rot oder blau. Switcht man dann zwischen 2016 und 2020 hin und her, wechseln etwa 60 Counties die Farbe — meist von rot zu dunkelviolett zu blau. Um diese Swing Counties herauszufiltern habe ich während des Übergangs einen Screenshot gemacht und die dunkelvioletten Swing Counties gelb eingefärbt:
One Man — One Vote
Folgende Grafik ist eine Übersicht über die letzten zehn US-Wahlen (1980 – 2016): Die Farbgebung reicht von fest in demokratischer bzw. republikanischer Hand (blau bzw. rot, 9 oder 10 mal gewonnen) über meist demokratisch bzw. republikanisch (hellblau bzw. rosa, 7 oder 8 mal gewonnen) bis zu den Swing States (grau, je 4 bis 6 mal gewonnen).
Während 25 von 50 Bundesstaaten plus/minus republikanisch sind, wählten 16 Bundesstaaten und der Federal District of Columbia (Washington D.C. ist kein eigener Bundesstaat) vorwiegend demokratisch. Nur neun Swing States haben in den letzten zehn Wahlen mal so, mal anders gewählt. In diesen Battleground States kommt es auf jede Stimme an. Demokratische WählerInnen, die z.B. in North Dacota registriert sind, können das Wählen auch gleich bleiben lassen — ihre Stimmen haben wegen des Winner-take-all-Prinzips keinen Einfluss auf den Ausgang der Wahl. Das gilt umgekehrt auch für die RebulikanerInnen, die im benachbarten Minnesota leben, auch wenn es diesmal relativ knapp wurde und Joe Biden mit einem Anteil von 52.5% und einem Vorsprung von 233’000 Stimmen gewonnen hat. Die hohe Wahlbeteiligung von über 66% zeigt, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten, ihr Wahlrecht trotz allem wahrnehmen (vgl. Berechnung des Tagesanzeigers vom 7.11.2020: Nur 24 Prozent stimmten für Biden).
Meiner Ansicht nach, sollten die USA ihr Wahlrecht reformieren und das Winner-take-all-Prinzip abschaffen, so dass jeder (wahlberechtigte) Mensch eine Stimme hat, die tatsächlich auch zählt *). Dass Donald Trump, der vor vier Jahren 3 Millionen Stimmen weniger bekommen hat als Hillary Clinton, dennoch Präsident werden konnte, ist nur mässig demokratisch, aber dass er nun mit einem Rückstand von über 5 Millionen Stimmen immer noch behaupten kann, ihm würde die Wahl gestohlen, ist eine Ungeheuerlichkeit. Abgeschafft gehört in meinen Augen auch das Gerrymandering, das Zurechtschnipseln von Wahlbezirken, das der vorherrschenden Mehrheit erlaubt, zusätzliche Sitze zu gewinnen. Und dann wäre ein effizienteres Auszählen wünschenswert, denn nicht nur in den USA, sondern auf der halben Welt wurden eine Woche lang Nägel gekaut **).