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Plattform für den Austausch innovativer Organisationsformen
Solidar Suisse hat eine Plattform für informell und prekär Beschäftigte geschaffen, damit sie sich auf regionaler Ebene und über verschiedene wirtschaftliche Sektoren und Ländergrenzen hinweg überinnovative Organisationsmodelle und -strategien austauschen und voneinander lernen können, um Zugang zu menschenwürdiger Arbeit zu erhalten und ihre Verhandlungsmacht zu stärken. Denn für Wanderarbeiterinnen, Selbständige, Heimarbeiter und Plattformarbeiterinnen ist es nicht einfach, eine Gewerkschaft zu gründen, zu registrieren oder einer solchen beizutreten.
Aktiv an der Plattform beteiligt sich in Kambodscha die inzwischen offiziell anerkannte Independent Democracy of Informal Economy Association (IDEA), die 2005 von informellen Arbeitnehmer*innen aus verschiedenen Bereichen – Tuk-Tuk-, Taxi- und Mototaxifahrer*innen, Strassenhändlerinnen, Hausangestellte, Müllsammler und im Service Tätige – gegründet worden ist. Für ihre Mitglieder ist in Städten wie Phnom Penh der Strassenverkauf die Haupteinnahmequelle. 75 Prozent der 16 419 Strassenhändler*innen sind Frauen. Sie sind gesetzlich nicht geschützt, sozial nicht abgesichert und der Willkür von korrupten Polizeibeamt*innen, die Geld von ihnen verlangen, schutzlos ausgeliefert. IDEA will die Lebensbedingungen ihrer 10 000 Mitglieder verbessern, indem sie diese über ihr Recht auf Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz sowie auf Interessenvertretung informiert. Informell Beschäftigte organisieren sich auch in diversen nicht offiziell anerkannten Gruppen, die andere Ziele haben als den Kampf um Rechte, Bewusstseinsbildung oder Verhandlungen mit den Arbeitgebenden. Sie reichen von Freizeit- und religiösen Gruppen über Frauenorganisationen und Menschen, die Spenden sammeln, um verunfallte Kolleg*innen zu unterstützen, bis hin zu Gruppen, die arbeitsbezogene Tipps und Informationen austauschen.
Kollektives Handeln
In Indonesien und Thailand gibt es Fahrer*innengemeinschaften (Transport- oder Lieferdienste), welche die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. Sie können durch schnelle Interaktion über Stadtgrenzen hinweg kollektiv handeln, was konventionelle Gewerkschaften kaum tun. Ihre informelle und flexible Organisationsstruktur erleichtert es den Fahrer*innen, sich zu vernetzen. «Weil wir eine Vereinigung haben, können wir kollektiv handeln. Wir verhandeln zum Beispiel mit Leasingfirmen über bessere Bedingungen und den Verzicht auf Ratenzahlungen, wenn ein Mitglied finanzielle Schwierigkeiten hat. Und wir waren an der jüngsten Regierungsverordnung über Plattformunternehmen beteiligt», erzählt Agus Setiawan* von der Fahrer*innenvereinigung Asosiasi Driver Online in Jakarta stolz. Ermöglicht wird die neue kollektive Praxis der Arbeitnehmenden in der Gig Economy auch dadurch, dass sie aufgrund ihrer digitalen Arbeit permanent online sind und sich koordinieren können. Dazu kommen tägliche Treffen an ihren Rastplätzen. Daüber hinaus bedienen sie sich traditioneller gewerkschaftlicher Formen, um ihr Recht auf Tarifverhandlungen einzufordern, und versuchen, das bestehende Arbeitsgesetz zu nutzen. Um ihre Gemeinschaften und die kollektive Handlungsfähigkeit zu stärken, organisieren sie Versammlungen, in denen sie sich über die Arbeitsbedingungen austauschen und über ihre Rechte informieren. Die etablierte Gewerkschaftsbewegung sollte darüber nachdenken, wie sie diese prekär Beschäftigten, die vom Schutz ihrer Arbeitsrechte ausgeschlossen sind, einbeziehen und sich systematischer mit ihren Anliegen auseinandersetzen kann.
*Name geändert