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Das neue Steuerregime könnte wie folgt funktionieren: Ein Unternehmen, das seinen Sitz in einem Niedrigsteuerland wie Irland mit einem Steuersatz von 8% hat, erzielt die Gewinne in einem Land wie Deutschland, das Gewinne mit einem höheren Satz besteuert. In diesem Fall kann die Nation mit dem höheren Steuersatz (der deutsche Staat) die Steuerdifferenz geltend machen, um den neu geforderten Mindestsatz von 15% zu erreichen.
Mit der Nennung einer Mindest-Nettomarge von 10% habe die G7 in erster Linie etwa hundert der grössten und profitabelsten multinationalen Unternehmen im Visier, erklärt Charles-Henry Monchau, CIO bei FlowBank. Vom neuen Regime werden allen voran die grossen amerikanischen Technologiekonzerne wie Google, Amazon, Facebook und Apple betroffen sein. «Diese digitalen Giganten haben bisher dank Steueroptimierung von niedrigen Steuersätzen profitiert, indem sie insbesondere in Ländern ansässig sind, in denen der Körperschaftssteuersatz sehr niedrig oder sogar null ist», erklärt Monchau.
Die Auswirkung dieser Optimierung auf einige der grossen digitalen Unternehmen wird in der folgenden Grafik gut sichtbar, die die von Amazon erzielten Gewinne und die vom Unternehmen bezahlten Steuern zeigt.
Amazon zahlte 2019 Bundessteuern im Umfang von 162 Mio. Dollar auf einen Gewinn von 13,3 Mrd. Dollar, was einem effektiven Steuersatz von 1,2% entspricht. Im Jahr 2020 betrug die Steuerlast 1,8 Mrd. Dollar, der Gewinn belief sich auf 20,2 Mrd. Dollar – der effektive Steuersatz betrug 9,4%.
«In der ultrakompetitiven Welt, in der wir leben, haben viele Länder ihre Besteuerung angepasst, um den Hauptsitz grosser Unternehmen anzuziehen», so Monchau. Dies sei beispielweise in Irland und den Niederlanden der Fall, die ihre Körperschaftssteuersätze erheblich gesenkt haben (siehe Grafik). Als Folge der Pandemie haben sich die staatlichen Haushaltsdefizite und Schuldenquoten erheblich verschlechtert. Auf der Suche nach neuen Steuereinnahmen, aber auch mit dem Ziel einer gerechteren Verteilung der Vermögen, wollen die G7-Staaten nun den vier Jahrzehnte dauernden Steuersenkungswettbewerb unterbinden.»
«Es ist anzumerken, dass dieser neu einzuführende Mindeststeuersatz zwischen den G7-Ländern keinen grossen Unterschied machen wird, da sie bereits jetzt relativ hohe Steuersätze haben. Das Ziel ist es, mit der Zeit auch andere Länder in diese Vereinbarung einzubeziehen. Zunächst die G20-Staaten, dann die der OECD und schliesslich den Rest der Welt», sagt der Experte. Länder wie die Schweiz und das Vereinigte Königreich wollen Ausnahmeregelungen beantragen.
Grosse Unternehmen aus den Bereichen Technologie und Gesundheitswesen sind diejenigen, die in den letzten Jahren am meisten von der Steueroptimierung Gebrauch gemacht haben. Diese Unternehmen werden also wahrscheinlich auch am meisten von dieser neuen Vereinbarung betroffen sein. Deshalb geht Monchau davon aus, dass die Erhöhung der Steuerlast in den kommenden Jahren den Börsenwert der betroffenen Unternehmen reduzieren dürfte. «Auf den ersten Blick ist diese Ankündigung eine schlechte Nachricht für Google, Apple, Facebook und Amazon, kurz GAFA», so Monchau. Es gebe jedoch auch Hinweise, dass die Auswirkungen auf die Preise relativ begrenzt sein sollten, wie im Folgenden beschrieben wird.
Die Auswirkung auf die Wachstumsrate des Gewinns pro Aktie ist minimal
Die Umsetzung dieses Abkommens wird mit Sicherheit zu höheren Steuersätzen für grosse Unternehmen führen. Goldman Sachs hat jedoch errechnet, dass die Auswirkungen auf die Gewinne im Jahr 2022 im Durchschnitt bei lediglich 1 bis 2% liegen dürften. Für die Sektoren Technologie und Gesundheitswesen wird erwartet, dass die höhere Steuerbelastung die Gewinne im Durchschnitt um etwa 5% beeinträchtigen wird – ein relativ geringer Wert im Vergleich zu den zweistelligen Wachstumsraten der letzten Jahre.
GAFAs werden wahrscheinlich die Umsatzsteuer umgehen können
«Während diese Mindeststeuer in erster Linie US-Unternehmen betreffen dürfte, zeigte sich die Biden-Administration in den Verhandlungen sehr kooperativ, um eine Digitalsteuer auf den Umsatz grosser Technologiekonzerne einzuführen. Besonders im Fokus standen bei diesen Bestrebungen die Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Europäischen Union», erklärt Monchau. In der Tat zeichnen sich GAFAs dadurch aus, dass sie einen grossen Teil der Einnahmen in zukünftiges Wachstum reinvestieren, was zu relativ niedrigen Betriebsgewinnmargen führt. Die Lobbyisten der GAFA haben daher die US-Regierung dazu gedrängt, die Steuern auf Stufe Gewinn und nicht auf Stufe Umsatz zu erhöhen.
Kein konkretes Datum für die Einführung der Steuer bekannt
Die auf dem G7-Gipfel diskutierten Massnahmen befinden sich derzeit erst im Stadium eines «Vorschlags». Selbst wenn das geplante Steuergesetz von den Parlamenten der G7-Länder ratifiziert wird, muss es anschliessend in den 140 OECD-Ländern umgesetzt werden. Dieser Prozess dürfte weit mehr als 24 Monate in Anspruch nehmen, schätzt Monchau und spekuliert, eine genauere Agenda werde möglicherweise auf dem G7-Treffen im Juli in Venedig vorgestellt.