Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/2756

An einem Tag wie diesem, dem 290. im Jahr, kann viel – oder auch nichts – passieren. An Herbsttagen wie diesem scheint zumindest manchmal die Sonne, und manchmal regnet es, oder der Wind weht durch die Gassen der Stadt. Fast ist es still an diesem 27. September. Die Zeit der Gewitter ist vorbei, und der Sommer grüsst nur noch von weitem. Die Dunkelheit breitet sich langsam aus und die Kastanien fallen zu Boden, ungefragt und ohne dass sie damit etwas sagen wollen.
Zu einem Tag wie diesem notierte Thomas Brasch in flüchtiger Lyrik: «Ich habe keine Zeitung gelesen». Bald möchte ich, als zu spät geborener, ergänzen: Haben die Zeitungen doch zum Massenmord an den Juden geschwiegen.
Denn: An einem Tag wie diesem spricht der im kalifornischen Exil weilende Thomas in seiner monatlichen Radiosendung zu den deutschen Hörern der BBC. Seine Ansprache wurde auf einer Schallplatte aufgezeichnet, die nach New York gebracht, wo sie abgespielt und ihr Klang über eine Telefonleitung nach London überstellt wurde. So konnte er die Hörer der BBC erreichen: «Wisst ihr es? Und wie findet ihr es?», fragte er seine Hörer.
Am Sonntag, dem 27. September 1903 rollten die Räder schneller als sie hätten rollen sollen. Der Zug fuhr, entgegen der Richtlinie auf jener Strecke, mit voller Geschwindigkeit gegen Süden mit Ziel Spencer in North Carolina. Der Lokführer, Steve Broady, wird wie die Briefe in seinem Zug das Ziel nie erreichen. Plötzlich liegt er tot, unten am Fluss neben den Briefen und seinem Zug. Dort, neben dem Fluss verstummten die Worte, weil sie nie zu Stimmen in den Köpfen ihrer Leser wurden. Die Worte und wovon sie erzählen sollten, ganz gleich ob von alltäglichen Banalitäten, grosser Politik oder Offizielles verlautbarend, sie alle blieben auf der Strecke an diesem Septembertag im Jahr 1903. So lagen die Briefe da neben Old 97 unter der Brücke am Fluss. Einfach so. Als Folge eines Zugunglücks.
Mann sprach zum ersten Mal öffentlich vom Massenmord an den Juden: 700’000 starben allein im Jahr 1941 im Warschauer Ghetto. Nicht wie Broady am Fluss, der seine Würde widerherstellen wollte und sein Leben eben dadurch verlor. Nein. Sie starben beraubt aller Menschlichkeit und zum Objekt degradiert, in Ghettos, vergast und vergessen in Konzentrationslagern, dabei wurden sie von einem ganzen Kontinent im Stich gelassen. An diesem Septembertag 1942 hat es Thomas benannt. Und leider blieben die Steine trotz Manns mahnender Worte liegen.
Was gibt es noch zu sagen, Thomas, zu dem Tag, dem schönen 27. September? Du schriebst an einem Tag wie diesem: Ich habe nicht über mich nachgedacht. Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und mit keinem über neue Zeiten.
Was gibt es noch zu sagen zu diesem Tag, an dem du keinem einen guten Tag gewünscht hast, aber der grösste Internetkonzern der seine Nutzer dazu ermahnt, nichts Böses zu tun, seinen Geburtstag feiert. Am Tag als der digitale Kapitalismus seinen Siegeszug antrat. Das Internet, das den Brief und das Radio verschlang, beide in Nullen und Einsen übersetzt, hat vor allem eines verändert: den Blick in den Spiegel.
Was gibt es zu sagen, drei Tage nachdem die Faschisten wieder in den Bundestag einzogen und die AfD fortan als drittstärkste Partei im Reichstag politisieren wird. Ermöglicht durch den digitalen Kapitalismus wie einst die Nazis durch das Radio. An einem Tag wie diesem habe ich nicht in den Spiegel geschaut, aber mich gegoogelt. Und ich war fasziniert von mir. Statt mit grossen Fragen beschäftigte ich mich mit meiner eigenen kleinen Welt. So wie du, Thomas. Aber im Internet. Statt über neue Zeiten zu sprechen, schwieg ich über alte und wünschte keinem einen guten Tag. Und natürlich hab’ ich den Frauen nachgesehen, im Internet. Und auch den virtuellen Briefkasten hab’ ich gecheckt.
Gewiss, du konntest nicht absehen, was an diesem 27. September alles passieren wird. Aber die Frage bleibt: Was gibt es noch zu sagen – zu diesem schönen 27. September?
Hätt’ ich bloss in den Spiegel gesehn und hätt’ ich bloss über neue Zeiten gesprochen. Dann hätt’ ich vielleicht einen Stein ins Rollen gebracht. Denn noch immer fallen die Kastanien zu Boden. Beim Aufprall der Frucht auf dem Boden, springt der braune Kern heraus. Das ist auch an diesem 27. September noch so, Thomas.