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Der Vorläufer aller Tierschutzgesetze dürfte der "Cruelty to Animals Act" gewesen sein. Dieses Gesetz hat sich mit der Tierquälerei, v.a. bei Versuchstieren, beschäftigt und wurde 1876 vom Parlament des Vereinigten Königreichs verabschiedet. Seit 1924 kümmert sich die "World Organisation for Animal Health"(OIE,Office International des Epizooties) in Paris um Tierschutzbelange. Es ist die einzige staatliche Organisation, die in diesem Bereich weltweit tätig ist.
Die Gründung der OIE war aber nicht ethisch, sondern seuchenpolitisch motiviert. Auslöser war ein Ausbruch der Rinderpest im Jahr 1920 in Belgien, bei dem Zebus auf ihrem Weg von Indien nach Brasilien die Seuche nach Antwerpen schleppten. Seit rund 10 Jahren beschäftigt sich die OIE auch mit Fragen des Tierwohls.
Seuchenpolitisch motiviert war auch das 1968 vom Europarat in Strassburg verabschiedete Übereinkommen Über den Schutz von Tieren auf internationalen Transporten. Ihm folgte 1976 das Übereinkommen zum Schutz von Tieren in landwirtschaftlichen Tierhaltungen, 1979 das Übereinkommen über den Schutz von Schlachttieren, 1986 das Übereinkommen zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Wirbeltiere und 1987 das Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren.
In der Schweiz war der Tierschutz bis 1978 lediglich im Strafgesetzbuch geregelt. In Artikel 264 stand damals: "Wer vorsätzlich ein Tier misshandelt, arg vernachlässigt oder unnötig überanstrengt, wer Schaustellungen veranstaltet, bei denen Tiere gequält oder getötet werden, insbesondere wer derartige Tierkämpfe oder Kämpfe mit Tieren oder Schiessen auf zahme oder gefangengehaltene Tiere abhält fällt unter Strafe."
Es ging also nicht in erster Linie darum, das Leiden des Tieres zu verhindern, sondern eher darum den unschönen Anblick aus der Welt zu schaffen. Die Basis für einen ethisch motivierten Tierschutz und den Schutz des Tieres um des Tieres willen, legte vermutlich Albert Schweitzer 1923 mit seiner Forderung nach "Ehrfurcht vor dem Leben".
In den Tierschutzgesetzen Deutschlands (1972), der Schweiz (1978) und Österreichs (2004) sind ähnlich lautende Grundsätze verankert. So heisst es, z.B. dass Tieren "keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden dürfen" (Deutschland, Schweiz, Österreich), dass sie nicht "in Angst versetzt" werden dürfen (Schweiz, Österreich) und dass man ihnen "nicht ungerechtfertigt" Leiden zufügen darf (Schweiz, Österreich), bzw. nicht "ohne vernünftigen Grund" (Deutschland).
Das Schweizer Tierschutzgesetz
Tierwohl beruht auf der Freiheit von Hunger und Durst, physischen Belastungen, von Schmerz, Verletzungen und Krankheiten, Furcht und Gefahr sowie der Freiheit, normales artgemässes Verhalten zeigen zu können. Eine Schlüsselstellung nimmt dabei die Tiergesundheit ein. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch Auswirkungen auf den Menschen haben kann. Wenn Stressfaktoren und eine nicht artgerechte Tierhaltung die Tiere krankheitsanfälliger machen, steigt gleichzeitig das Risiko, dass Krankheitserreger wie Salmonellen, Campylobacter und E.coli verbreitet werden und in Lebensmittel gelangen.
Seit 1973 ist der Tierschutz in der Schweiz auf Ebene Bundesverfassung verankert: Art. 80 BV weist dem Bund die Kompetenz zu, Vorschriften zum Schutz von Tieren zu erlassen. Dabei geht es insbesondere um die Tierhaltung und Tierpflege, Tierversuche und Eingriffe am lebenden Tier, die Verwendung von Tieren, Einfuhr von Tieren und tierischen Erzeugnissen, den Tierhandel, Tiertransporte und das Töten. Dem Verfassungsauftrag ist der Gesetzgeber mit dem Erlass des Tierschutzgesetzes (TSchG) und der darauf basierenden Tierschutzverordnung (TschV) nachgekommen.
1992 hielt die Würde der Kreatur in die Bundesverfassung Einzug. Art. 120 Abs. 2 lautet: "Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten."
Präzedenzfall Hornkuh-Beitrag?
Die Hornkuh-Initiative verlangt kein Enthornungs-Verbot, sondern Direktzahlungen für jene Halterinnen und Halter von Kühen, Zuchtstieren, Ziegen und Zuchtziegenböcken, die laut Initiativtext "die Würde der Tiere nicht verletzen" und ihnen die Hörner lassen - so sie welche haben. Über die Höhe der Direktzahlungen sagt die Initiative nichts.
Falls die Initiative angenommen würde, könnte es zu einem Präzedenzfall kommen. Bisher wurden Direktzahlungen stets mit Mehraufwand oder Mindereinnahmen begründet. Mehraufwand entsteht z.B. beim RAUS-Programm, wenn die Tiere regelmässig auf die Weide gelassen werden. Deshalb müssen die Weide gezäunt, die Tiere geholt, beaufsichtigt und die Weide in Stand gehalten werden. Mindereinnahmen entstehen z.B., wenn von extensiven Wiesen (=Biodiversitätsförderflächen) weniger Heu geerntet wird als bei einer intensiven Bewirtschaftung möglich wäre. Bei horntragenden Tiere in einem Laufstall lässt sich ein Mehrbedarf an Platz und folglich höhere Kosten ausmachen. Wenn die horntragenden Tiere in einem Anbindestall gehalten - und dort befindet sich die Mehrheit der horntragenden Tiere - trifft weder das eine noch das andere Kriterium zu. Im Gegenteil: Es werden die Kosten der Enthornung eingespart, ohne dass Mehrkosten entstehen.
Tiere, die von Natur aus hornlos sind, würden zudem diskriminiert. Ihre Halter würden von den Beiträgen ausgeschlossen, obwohl sie die Würde ihrer Tiere ebenfalls nicht verletzen. So gesehen dürfte die Umsetzung der Initiative, falls sie angenommen wird, für die Politik eine ziemliche Herausforderung darstellen.
Heimtiere und Nutztiere
Wildtiere leben in erster Linie in der Wildnis. Haustiere leben dagegen in der Nähe von Haus und Hof. Zu den Haustieren im Sinne der Gesetzgebung gehören alle domestizierten Tiere der Pferde-, Rinder-, Schweine-, Schaf- und Ziegengattung (ausgenommen exotische Arten); domestizierte Yaks und Wasserbüffel; Lamas und Alpakas; Hauskaninchen, Haushunde und Hauskatzen; Haustauben sowie Hausgeflügel wie Haushühner, Truthühner, Perlhühner, Hausgänse und Hausenten. Zu den Wildtieren gehören alle Wirbeltiere (ausser Kopffüssern und Panzerkrebsen), die von der Verwendung her nicht unter die Haustiere fallen
Die Tierschutzverordnung unterscheidet bei den Haustieren zwischen Heim- und Nutztieren. Nutztiere werdenin irgendeiner Form wirtschaftlich genutzt. Sie liefern Fleisch, Milch, Wollfasern, Fell, Fett, Eier oder werden als Zug- und Lasttiere eingesetzt. Im weitesten Sinn kann ihr Nutzen auch nur darin bestehen, dass sie Gras fressen und Grünland so vor der Verwaldung schützen und die Landschaft offenhalten.
Heimtiere werden laut Tierschutzverordnung dagegen "aus Interesse am Tier oder als Gefährten im Haushalt" gehalten. Dazu kommt im Gesetz die dritte Kategorie Versuchstiere. Die Einteilung in Nutz-, Versuchs- und Heimtiere hat nichts mit der Tierart an sich zu tun, sondern mit ihrer Funktion. Ob z.B. ein Pferd ein Heimtier oder ein Nutztier ist, entscheidet allein sein Besitzer. Die Einteilung ist auch kulturell bedingt: Ein Hund wird in der Schweiz als Heimtier gehalten, während er in anderen Ländern zu den Fleischlieferanten und damit den Nutztieren zählt.
Nicht alles was kreucht und fleucht fällt unter die Tierschutzgesetzgebung. Die Tierschutzverordnung regelt nur den Umgang mit Wirbeltieren, Kopffüssern (Cephalopoda) und Panzerkrebsen (Reptantia). Seit dem 1. September 2008 werden auch Fische durch die Tierschutzgesetzgebung geschützt. Wirbellose Tiere wie Schnecken, Würmer oder Insekten - auch wenn diese neuerdings für die Produktion von Lebensmitteln verwendet werden können - fallen nicht unter das Tierschutzgesetz.
Tierschutz beginnt vor der Haltung
Tierschutz beginnt bereits weit vor der eigentlichen Haltung, nämlich bei der Züchtung. Bei der Heimtierhaltung sind die Zuchtziele wenig fassbar, sie erfolgen teilweise nach rein optischen Merkmalen, was in der Vergangenheit zu diversen Qualzuchten geführt hat. In der Nutztierzüchtung sollte das Ziel eigentlich auf gesunde und leistungsfähige Tiere abstellen, die in einem gegebenen Lebensraum das verfügbare Futter mit hohem Wirkungsgrad in dienstbare Leistungen und Produkte für den Menschen umwandeln können.
Doch auch in der Nutztierhaltung werden die Grenzen zur Extremzucht gestreift. Merinoschafe haben z.B. die Fähigkeit Hautfalten zu bilden. Diese Eigenschaft wurde züchterisch so sehr forciert, dass die Falten rund um den Schwanz vielerorts prophylaktisch und ohne Betäubung weggeschnitten werden (Mulesing), nur damit sich in den Hautfalten am Hinterteil keine Fliegen einnisten.
Kühe der Rasse Weissblauen Belgier setzen so viel Fleisch an, dass sie nicht mehr selbst kalbern können, sondern per Kaiserschnitt entbunden werden müssen. In der Schweiz ist deren Haltung in Reinzucht verboten. Bei Truten wurde das Wachstum unter Berücksichtigung eines hohen Brustfleischanteils so sehr gesteigert, dass das Skelett der Tiere in der Entwicklung nicht mehr mitkommt. Die Tiere leiden unter Beinschwächen bis hin zu Skelettschäden.
Tierschutz beginnt also schon vor der Geburt. Und er hört erst mit dem Tod auf: Mit Vorschriften zum Tiertransport und der Schlachtung. In diesen Bereichen gab es bei der Betäubung, besonders der Elektro- und CO2-Betäubung, einige Fortschritte. Weniger positiv sieht es mit den Transportdistanzen aus. Diese werden immer grösser, weil die Schlachthöfe zentralisiert wurden, was letztlich eine Folge des hohen wirtschaftlichen Drucks auf die Schlachthöfe ist, die zudem hohen Schlachtfrequenzen mit sich führen.
In der Schweiz müssen Wirbeltiere vor dem Töten/Entbluten wirksam betäubt werden. Das Schächten von Tieren ist in der Schweiz bereits seit mehr als 125 Jahren verboten - die einzige Ausnahme bildet das Geflügel. Dieses muss grundsätzlich zwar auch betäubt werden, doch Ausnahmen für rituelle Schlachtungen sind in diesem Fall erlaubt. Koscheres und Halal-Fleisch dürfen mit Zollkontingenten in die Schweiz eingeführt werden. In Schweden, Norwegen, Island, Dänemark und den Niederlanden ist das Schächten ebenfalls verboten, in nahezu allen anderen Ländern sind Ausnahmegenehmigungen erhältlich.
Strafverfahren und Sanktionen
Der Wandel im Umgang mit dem Tier spiegelt sich auch in der Anzahl Strafverfahren. Gesamtschweizerisch landeten laut der "Stiftung für das Tier im Recht" in den vergangenen zehn Jahren fast viermal so viele Tierschutzvergehen vor dem Gericht. Im Jahr 2016 wurde mit 2'397 Fällen ein neuer Höchstwert verzeichnet. Meistens ging es um Heimtiere, in rund jedem vierten Fall waren Nutztiere involviert.
In 1'426 Fällen waren Hunde betroffen, auf 1'000 Hunde entfielen schweizweit 2,8 Strafverfahren. In zehn Prozent der Fälle handelte es sich allerdings nur um mangelhafte Beaufsichtigung eines Hundes und in der Hälfte der Fälle um einen fehlenden Sachkunde-Nachweises (der heute gar nicht mehr erforderlich ist).
In der Nutztierhaltung kamen auf 1'000 Stück Rindvieh 0,22, auf tausend Schweine 0,06 Strafverfahren. Das kann man als Zeichen der Professionalität in der Nutztierhaltung und als Beweis für weitgehend funktionierende Kontrollen werten. Die Stiftung Tier im Recht sieht die tiefe Beanstandungsrate jedoch als ein Zeichen für eine höhere Dunkelziffer an.
Nicht jeder Verstoss ist ein Fall fürs Gericht. Im Gegensatz zu Heimtierhaltern können Nutztierhalter nämlich sanktioniert werden, zumindest wenn sie direktzahlungsberechtigt sind. Laut den Acontrol-Daten wurden im Jahr 2016 auf rund 14'800 Landwirtschaftsbetrieben Tierschutzkontrollen durchgeführt.
Bei 3'100 (19 Prozent) kam es zu einem oder mehreren Verstössen, bei den Kontrollen der Tierwohlprogramme auf 15'200 Landwirtschaftsbetrieben wurden rund 1'100 Verstösse gemeldet (7 Prozent). Deshalb wurden den betroffenen Betrieben die Direktzahlungen um rund 3 bis 4 Millionen Franken gekürzt.
Lücken im Kontrollsystem?
In den letzten Monaten wurden in den Medien über Quälhöfe, Gammelhöfe, Vernachlässigung von Tieren berichtet und im Parlament die Frage gestellt, wie es möglich ist, dass solche Fälle nicht umgehend geahndet werden. Ein Grund dafür liegt im System: Der Tierverkehr auf den Höfen wird über die Tierverkehrsdatenbank lückenlos dokumentiert, bei den Kontrollergebnissen ist das jedoch nicht der Fall.
Bis vor wenigen Jahren wurden die Ergebnisse der Tierschutzkontrollen aufgrund von Jahresberichten der Kantone zusammengestellt und publiziert. Diese Berichterstattung wurde durch die zentrale Bundesdatenbank Acontrol abgelöst, in der die Kantone alle Kontrollen der Primärproduktion erfassen oder dahin übermitteln müssen. Diese Datenbank weist bei einigen Kantonen Lücken auf.
Die Bundesämter für Landwirtschaft (BLW) und für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sind daran, diese Datenlücken zu beheben, so dass eine Veröffentlichung von Daten ab 2018 möglich sein sollte. Der Bundesrat will den Anteil unangemeldeter Grundkontrollen sowie deren Kontrolltiefe und -inhalt nochmals überprüfen.
Mit der Einführung der Direktzahlungen Mitte der 1990er-Jahre wurde der Nutztierschutzvollzug dem Bundesamt für Landwirtschaft und den kantonalen Landwirtschaftsbehörden übertragen. Davon ausgenommen sind Nutztierhaltungen in nicht-direktzahlungsberechtigten Betrieben, z.B. Käsereien mit Schweinemast/-zucht, Hobbytierhalter oder Betriebe mit Betriebsleitern, die älter als 65 Jahre sind.
Bei Betrieben, die gegen die Label-Vorschriften verstossen, werden zudem Sanktionen vom Label-Inhaber ausgesprochen. Diese können bis zum Lieferstopp oder zur Kündigung der Zusammenarbeit gehen. Der Kontrolldienst des Schweizer Tierschutzes führt im Auftrag von Coop und Migros/IP-Suisse für die Label Naturafarm (Coop) und TerraSuisse (Migros/IP-Suisse) auch schweizweit Tiertransport- und Schlachthof-Kontrollen durch.
Kontroll-Konzept wird überprüft
Es gibt Grundkontrollen und risikobasierte Kontrollen. Grundkontrollen für das Einhalten der Tierschutzgesetzgebung werden auf Bio- und IP-Suisse-Betriebe jährlich, auf allen anderen Betrieben mindestens alle drei Jahre durchgeführt. Werden Mängel festgestellt, so wird geprüft, ob der Betrieb einer von drei Risikostufen zugeordnet werden muss. Die Kontrolltätigkeit wird entsprechend verschärft und es werden Massnahmen angeordnet.
Für die Tierschutz- und Tierwohlkontrollen sind die Kantone zuständig. Sie führen diese Kontrollen entweder selber durch oder übertragen sie privaten Stellen, die akkreditiert sein müssen. Die Kantone müssen die Kontrolltätigkeit der privaten Kontrolleure stichprobenweise überprüfen. Die Kontrollpersonen, auch von beauftragten privaten Kontrollstellen, müssen die Weiterbildung zum amtlichen Fachassistenten bzw. zur amtlichen Fachassistentin absolvieren.
Die meisten staatlichen Kontrollen finden auf Voranmeldung statt, damit Tierhalter und Tiere tatsächlich anwesend sind. Mindestens 10 Prozent der Kontrollen müssen unangemeldet erfolgen. Die kantonalen Veterinärdienste, die für die Kontrollen zuständig sind, führen in den landwirtschaftlichen Tierhaltungen noch weitere Kontrollen durch, wie zum Beispiel Nachkontrollen, risikobasierte Kontrollen und Kontrollen auf Grund von Meldungen Dritter. Diese zusätzlichen Kontrollen erfolgen praktisch immer unangemeldet. Wenn man diese Kontrollen berücksichtigt, fanden letztes Jahr über alle Kantone hinweg rund 60 Prozent aller Kontrollen in Nutztierbetrieben unangemeldet statt.
Aktuell wird ein neues Kontrollkonzept mit einer vermehrt risikobasierten und gleichzeitig verkürzten Grundkontrolle geprüft. Ziel ist der effizientere Vollzug. Zudem sollen auf diese Weise künftig mehr Ressourcen für Nachkontrollen und Mängelbearbeitung bei Risikobetrieben eingesetzt werden können.
Laut der Verordnung über Informationssysteme im Bereich der Landwirtschaft (ISLV) müssen die Kantone seit dem 1. Januar 2015 ihre Kontrolldaten mindestens monatlich, teilweise wöchentlich, in Acontrol erfassen. Doch diese Erfassung erfolgt bis jetzt nicht reibungslos. Im Sommer 2018 will das BLW nun stichprobenmässig die Datenlieferungen des laufenden Jahres auf Vollständigkeit und Plausibilität prüfen um Probleme frühzeitig zu erkennen.
Schweizer Tierwohl-Programme
Die Schweiz zeichnet sich im internationalen Vergleich mit den beiden freiwilligen Tierwohl-Programmen für "Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme" (BTS) und dem "Regelmässigen Auslauf im Freien" (RAUS) aus. Die Beiträge werden dabei pro Grossvieheinheit (GVE) bezahlt, wobei eine GVE einem Tier mit einem Lebendgewicht von 500 kg entspricht.
Im Jahr 2016 war mehr als 75 Prozent des Tierbestandes (in GVE) im RAUS-Programm angemeldet und 57 Prozent im BTS-Programm. Die höchste BTS-Beteiligung ist beim Geflügel, dort werden 92% in BTS-Ställen gehalten. Ab 2020 sollen für die Garantiemarke Suisse Garantie alle Legehennen Zugang zu einem geschützten Aussenklimabereich haben, auch bei Bodenhaltung.
Den tiefsten BTS-Anteil gibt es bei der Pferdegattung: Dort sind es nur gerade 18%. Die grundsätzlich guten Zahlen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verbreitung von BTS und RAUS bei einzelnen Tierarten in der Schweiz noch tief ist: So liegt z.B. der BTS-Anteil bei über 30 Monate alten Hengsten unter 12%. Bei den Zuchtebern sind es keine 20% und bei Zuchthennen- und -hähnen kommen 33% in den Genuss eines solchen Haltungssystems.
Nachfrage stimmt teils nicht
Vom RAUS-Programm profitieren zwar sehr viele Rinder, Pferde, Ziegen und Schafe, aber kaum säugende Zuchtsauen (5% RAUS), Mastpoulets (<7% RAUS) und Zuchthühner (< 15% RAUS).
Das liegt daran, dass bei diesen Tierkategorien der Markt nicht spielt, sprich: Keine Nachfrage nach Produkten aus tierfreundlicher Haltung besteht. Rund 50% des in der Schweiz konsumierten Fleisches läuft über den Gastrokanal - und dort wird eher selten die Frage gestellt, wie das Tier gehalten wurde, das auf dem Teller serviert wird. Dort zählt in erster Linie der Preis.
Spitzenposition der Schweiz
Bei der Verbreitung der Weidehaltung dürfte die Schweiz im Vergleich mit den umliegenden Ländern führend sein. Auch bei der Beteiligungsrate an privatrechtlichen Label-Programmen nimmt die Schweiz eine Spitzenposition ein. So werden z.B. zwei Drittel der Mastschweine in Label-Ställen mit Mehrflächen-Buchten, Auslauf und eingestreuter Liegefläche gehalten.
Doch das Ausland schläft nicht. In Teilbereichen wurden die Schweiz in den letzten Jahren sogar überholt: So werden in der Schweiz rund 53 Prozent der Milchkühe im Anbindestall gehalten, während es in Deutschland deutlich weniger sind. Das hat in erster Linie arbeitswirtschaftliche Gründe: Ein Freilaufstall ist bei grösseren Tierbeständen arbeitstechnisch von Vorteil und so klein wie in der Schweiz sind die Tierbestände fast nirgends.
Das Stallsystem allein sagt nur begrenzt etwas über das Tierwohl aus. Eine Milchkuh, die ganzjährig im Laufstall gehalten wird, aber nie weiden kann, fühlt sich nicht unbedingt wohler als eine Kuh im Anbindestall, die im Sommer mindestens 26 Tage Weidegang im Monat hat und im Winter an mehr als 13 Tagen pro Monat Auslauf bekommt. Es kommt auch auf Platz und Licht an und nicht zuletzt hat die Tier-Betreuung einen wesentlichen Einfluss auf das Tierwohl. Dazu kommt, wie oben bereits angesprochen, die Züchtung.
In letzter Zeit kamen BTS-Betriebe für die Poulet- und Trutenmast in die Kritik, weil die auf Fleischzuwachs gezüchteten Tiere nicht zur Vorstellung eines tierfreundlichen Haltungssystems passen. Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun. In einem BTS-Stall liessen sich auch langsam wachsende Rassen mästen. Aber nicht zum selben Preis.
Masse steht nicht vor Klasse
Noch hat sich hierzulande eine bäuerlich geprägte Tierhaltung halten können. Weil auf einem Hof meistens mehrere Tierkategorien gehalten werden, sind die Tierzahlen pro Stall resp. Betrieb nach wie vor moderat. Zudem ist die Futterfläche und der Hofdünger-Anfall relativ gut aufeinander abgestimmt, da Schweizer Bauern eine Nährstoffbilanz vorweisen müssen.
Im Ausland verlief der Spezialisierungs- und Konzentrationsprozess in der Tierhaltung dagegen ungebremst. Massentierhaltungen und Tierfabriken mit zehntausenden Schweinen und hunderttausenden Hühnern sind nicht nur in den USA, Brasilien und anderen Ländern gang und gäbe, sondern gehören auch in verschiedenen Regionen der EU zum Alltag.
Hohe Tierbestände sind zwar nicht per se tierschutzwidrig, sie haben aber meistens unerwünschte Folgen. Zum Beispiel, dass das Risiko von Krankheiten und Seuchen steigt. Die Nutztierbestände in der Schweiz haben nicht zuletzt deshalb einen hohen Gesundheits-Status, weil sie klein sind und gut betreut werden. Grosse Tierbestände ziehen zudem einen hohen Tierverkehr und -handel nach sich. Damit steigt das Seuchen- und Krankheitsübertragungs-Risiko an.
Grosse Tierzahlen bedeuten aber auch eine Massierung der Tiere um den Stall herum mit der entsprechenden Überdüngung, sowie einer Verschlämmungs- und Verwurmungsgefahr. Derart hohe Tierbestände führen deshalb entweder zum Verzicht auf Auslauf - und entsprechend weniger Tierwohl - oder zu einem vermehrten Medikamenteneinsatz, was dem Tierwohl auch nicht förderlich ist. So ist beispielsweise eine Freilandhaltung von Legehennen oder Masthühnern mit 50'000 oder mehr Tieren aus ethologischen, ökologischen und hygienischen Gründen nicht vertretbar. Hühner bewegen sich nämlich nie mehr als 50 bis 100 Meter von ihrem Stammbereich weg.
Small ist nicht nur beautiful
Was ebenso gegen übergrosse Betriebe spricht, ist die Tatsache, dass häufig die Mensch-Tier-Beziehung leidet. Der modernste Freilaufstall und die grosszügigste Freilandhaltung ist fürs Tier stets nur so gut wie der Tierhalter, der zum Wohl und der Gesundheit der Tiere schaut.
Eine intensive Mensch-Tier-Beziehung ist nebst einer artgerechten Haltung das A und O in jeder Nutztierhaltung. Diese ist in einer professionell geführten bäuerlichen Tierhaltung mit überschaubaren Einheiten eher gewährleistet als in Massentierhaltung. Allerdings nur, wenn die Tierhalter sich die Zeit zur Tierpflege nehmen, oder vielmehr, wenn sie es sich leisten können, sich diese Zeit zu nehmen. Der häufigste Grund für Tier-Vernachlässigung ist der Stress.
Es ist zu einfach, das Tierwohl auf die Bestandes-Grösse zu reduzieren. Zwar wird in grossen Beständen die Betreuung der Tiere häufig an (günstige) Arbeitskräfte delegiert, die vielfach nicht über eine sachgerechte Ausbildung für eine optimale Tierbetreuung verfügen. Ansonsten kann man jedoch davon ausgehen, dass in grösseren Tierbeständen die Tiere professioneller betreut werden.
Das Tierwohl hat dann als Leistungskomponente einen höheren Stellenwert als in kleinen Tierbeständen, wo diese Professionalität mitunter weniger gegeben ist. Wenn der Betriebsleiter oder die Betriebsleiterin aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen sind, den ganzen Tag auswärts zu arbeiten, mangelt es sowohl an Zeit für die Tierbetreuung als auch an Zeit für fachliche Weiterbildung. Beides kann sich negativ aufs Tierwohl auswirken.
Das ideale Mass dürfte nach wie vor der Familienbetrieb im Haupterwerb darstellen, der nicht mehr Tiere hält, als die Familie als Team betreuen kann. Aber auch nicht viel weniger, damit die Professionalität hochgehalten wird.
K(l)eine Massentierhaltung
Obwohl die Schweiz im europäischen und weltweiten Vergleich kleine Tierzahlen pro Betrieb hat steht eine Initiative gegen Massentierhaltung in den Startlöchern. Als Massentierhaltung wird darin jede Form von Tierhaltung bezeichnet, in denen das Tierwohl systematisch verletzt wird. Was genau darunter zu verstehen ist, ist unklar. Die Initianten orientieren sich offenbar an den Bestandesgrössen der Richtlinien von Bio Suisse.
Davon wäre vor allem die Geflügelhaltung betroffen. Hier sind in den Bio-Suisse-Richtlinien sowohl für Legehennen wie auch in der Poulet-Vormast maximal 2'000 Tiere erlaubt. Bei Legehennen sind höchstens zwei Ställe gestattet, bei den Poulets "mehrere Stalleinheiten", wobei in der Ausmast nur noch 500 Tiere in einem Stall gehalten werden dürfen. Die Höchstbestandes-Verordnung des Bundes sieht bei Legehennen einen Höchstbestand von 18'000 Tieren pro Betrieb vor. Für Mastpoulets gilt in der Ausmast (36. bis 42. Tag) eine Obergrenze von 21'000 Tieren. Zwei Drittel der Schweizer Mastpoulets leben in Hallen mit 8'000 bis 18'000 Tieren.
Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt ist das klein: In der EU und weltweit sind Betriebe mit mehreren 100'000 Tieren keine Seltenheit. In Deutschland leben z.B. 37 Prozent der Legehennen auf Betrieben mit mehr als 100'000 Tieren. Das gilt auch für alle anderen Tierkategorien. In den USA werden z.B. 60 % aller Schweine in Betrieben mit mehr als 5'000 Tieren gehalten. In der Schweiz sind gemäss Höchstbestandesverordnung max. 1'500 Mastschweine erlaubt.
Die Forderung nach einer Begrenzung der Tierbestände ist nicht neu. Ende der 1970er Jahre wurde die Höchstbestandesverordnung für Betriebe mit Schweinezucht, Schweinemast, Legehennenhaltung, Pouletmast, Trutenmast und Kälbermast in Kraft gesetzt.
Dabei hatte man nicht unbedingt das Tierwohl im Fokus, sondern wollte vor allem drohende Überschüsse in der Fleisch- und Eierproduktion verhindern. Die Kompetenz, Höchstbestände festzulegen, liegt beim Bundesrat. Er kann höhere Bestandesgrössen erlauben, wenn ein Betrieb zu einem Grossteil Abfälle der Lebensmittelindustrie, wie z.B. Schotte von Käsereien, verfüttert.
Quelle: BLW / HBV / Bauernzeitung
Bescheidener Marktanteil von Labels
In Zukunft dürfte das öffentliche Interesse am Tierschutz eher noch zunehmen. Trotzdem ist auch in der Schweiz das strengste und damit tierfreundlichste Label gleichzeitig das Label mit dem geringsten Marktanteil: Weniger als 150 meist kleinere Betriebe wirtschaften nach den Vorgaben von Kagfreiland. Beim Labelfleisch Bio Suisse oder IP-Suisse sieht es besser aus. Den grössten Marktanteil hat weiterhin QM-Schweizer Fleisch, das Produktionssystem, das keine über das Tierschutzgesetz hinausgehenden Anforderungen stellt.
Bio ist oft besser
Bei der Entwicklung des biologischen Landbaus stand das Tierwohl nicht an oberster Stelle. Nutztiere wurden in erster Linie als Düngerlieferanten angesehen, sie waren für das Schliessen der Kreisläufe auf dem Hof wichtig. Deshalb finden sich auch im Biolandbau-Regelwerk weniger Vorschriften fürs Tierwohl, als z.B. für die Biodiversität. Allerdings ist RAUS bei allen Tierarten in Biobetrieben zwingend. Zudem gibt es auch innerhalb von Bio noch weitergehende Programme, wie z.B. Bio-Weidebeef. Auch bei der Weideschlachtung, der Suche nach Zweinutzungshühnern oder muttergebundener Aufzucht, geht Bio Suisse mit guten Beispielen voran.
Die Crux mit den Labeln
Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen der bei Umfragen deklarierten Zahlungsbereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten für tierfreundlich hergestellte Produkte und dem Kaufverhalten. Das liegt zum Teil daran, dass viele Label-Produkte mit sehr grossen Preisaufschlägen auf den Markt kommen. Damit wird die Zahlungsbereitschaft vieler Tierschutz-Interessierter überschritten.
Die umfangreiche deutsche Studie "Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung" stellt hier ein Funktionsproblem des Marktes fest. In der Wurstproduktion, der Herstellung von Fertigprodukten und der Gastronomie werden höhere Tierwohlstandards kaum nachgefragt. Deshalb können stets nur bestimmte Teile eines Tieres zu höheren Preisen abgesetzt werden. Der Konsument muss die anderen Teile "quersubventionieren", was die Preisaufschläge für Frischfleischprodukte um den Faktor zwei bis drei erhöht.
Dazu kommt, dass die Mengen in manchen Marktsegmenten so gering sind, dass es zu hohen Mehrkosten für Schlachtung, Verarbeitung und Handel kommt. Hinzu kommen hohe Kosten durch die konsequente Warentrennung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette und das Interesse des Handels möglichst viel Wertschöpfung abzuschöpfen. Die Autoren schliessen daraus, dass Label-Produkte nur einen begrenzten Beitrag zur Verringerung der gesellschaftlichen Konflikte um die Nutztierhaltung leisten können.
Quelle: Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung
Importiertes Tierwohl oder Tierleid
Die Konsumenten wollen tierische Produkte aus tierfreundlicher Haltung. Sie wollen aber nicht unbedingt mehr dafür bezahlen. Einen vermeintlichen Ausweg aus dieser Zwickmühle sehen viele Marktakteure darin, dass sie Produkte aus Ländern importieren, in denen die Produktionskosten deutlich tiefer sind als in der Schweiz, diese aber zu CH-Standard produzieren lassen. Seit vielen Jahren bietet kein Detaillist mehr importierte Käfig-Schaleneier an. Im Jahr 2015 machten der Lebensmittelhandel dem STS gegenüber folgende Angaben:
Coop: 50 % der Import-Poulets entsprechen entweder der TSchV oder gar BTS; 97 % des Import-Trutenfleisches entsprechen BTS oder BTS/RAUS; 100 % des Import-Gänse- und -Entenfleisches stammen aus Freilandhaltungen. Der Rindfleischimport aus Übersee soll mittelfristig gestoppt werden. Stattdessen werden im Baltikum Mutterkuh- und Weidemastbetriebe aufgebaut.
Migros: Rund 63 % der Importpoulets entsprechen der TSchV, 5 % davon RAUS; 100 % des Import-Trutenfleisches entsprechen BTS; 100 % der Import-Geflügel-Charcuterie entsprechen BTS; 30 % der italienischen Charcuterie erfüllen die TSchV.
Manor: 60 % der Importpoulets, 13 % des Import-Trutenfleisches, 20 % der Import-Perlhühner und 20 % der Import-Enten/Gänse werden nach den Vorschriften von Label rouge produziert. 100 % des Import-Rindfleisches sollen von EU-Tieren kommen, die in der Vegetationsperiode geweidet werden.
Lidl: 100 % des Import-Kaninchenfleisches sollen aus BTS-Haltungen stammen. 2017 sollen alle Import-Poulets auf tierschutzkonforme Herkünfte umgestellt werden.
Aldi: 100 % des Import-Rindfleisches und rund 15 % der Import-Poulets sollen die TSchV erfüllen. 2017 sollen alle Import-Poulets auf tierschutzkonforme Herkünfte umgestellt werden.
Denner: 95 % der Import-Poulets, 100 % des Import-Rindfleisches und 100 % des Import-Schweinefleisches sollen die TSchV erfüllen.
Das Bild, das den Konsumenten damit vorgegaukelt ist ist zweischneidig. Auf der einen Seite werden die Minimalvorgaben des Schweizer Tierschutzgesetzes bei Importen lobend erwähnt, während sie bei inländischen Produkten wohlweisslich nicht die Rede wert sind. Auf der anderen Seite wird den Konsumenten gegenüber der Eindruck erweckt, diese Vorschriften seien auch bei Importen der Standard. Dass dem nicht so ist, zeigen diverse Studien aus Europa (siehe Textbox: Tierschutzprobleme in Europa).
Skandale fördern das Umdenken
Nachdem 2013 Aufnahmen über die tierquälerische Praxis bei der Pferdefleisch-Produktion in Kanada über den Bildschirm flimmerten, startete die Migros ein konkretes Projekt zur Verbesserung des Tierwohls. Damals bezog sie 92% des Pferdefleischs von einem einzigen Lieferanten aus dem Ausland, der Firma Bouvry in Kanada. Eine unangemeldete Kontrolle durch eine unabhängige Kontrollstelle, die durch Vertreter der Migros begleitet wurde, ergab jedoch, dass es mit der Umsetzung diverser Vorgaben haperte, insbesondere bei der Herkunft der Pferde und der Tierpflege. Die Migros verzichtet seither auf die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Bouvry und bezog eine Zeitlang sämtliches Pferdefleisch ausschliesslich aus der Schweiz. Aktuell bietet sie wieder Pferdefleisch aus dem Ausland an, diesmal aus Spanien.
Coop hat ebenfalls reagiert. Da die Betriebe in Übersee die Anforderungen ans Tierwohl nicht garantieren konnten, setzt Coop seit 2013 ausschliesslich auf Pferdefleisch aus der Schweiz, Spanien und Frankreich. Die Lieferanten im Ausland werden nach Handbuch VPI kontrolliert, welches vergleichbar mit dem Schweizer Tierschutzgesetz ist.
Pauschale Angaben bei der Migros
Der Schweizer Detailhändler Migros verspricht im Rahmen der Nachhaltigkeitskampagne Generation M, dass bis 2020 sämtliche tierischen Importe der Migros mindestens die Vorgaben der Schweizer Tierschutzverordnung erfüllen. Die Migros arbeitet dabei eng mit externen Partnern wie dem Schweizer Tierschutz (STS) zusammen. Die Truten-Produktion wurde bereits angepasst. Erstens, weil die Produktions-Bedingungen bei dieser Tierkategorie stark kritisiert wurden und zweitens, weil die Migros rund 75% des frischen Trutenfleisches importiert. Inzwischen hat die Migros zusammen mit ihren Partnern in Ungarn Ställe nach Schweizer Vorgaben umgerüstet oder neu gebaut.
Für die betroffenen Truten ist das zweifellos eine Verbesserung. Sie haben u.a. mehr Platz, Tageslicht im Stall und Zugang zu einem Wintergarten. Doch das Engagement für das Wohl der Truten hat eine weniger löbliche Vorgeschichte: Bis Mitte 2007 wurden nämlich jährlich 350'000 Truten für die Migros in der Schweiz produziert - und zwar genau nach dem Standard, den die Migros nun ihren ungarischen Truten-Produzenten vorschreibt. Mitte 2007 hatte die Micarna SA allen 52 Schweizer Trutenmästern den Vertrag gekündigt, für viele überraschend. Die Kündigung erfolgte aus rein wirtschaftlichen Gründen, die Micarna schob die Schuld auf den Systemwechsel bei den Fleischimporten und die anhaltend hohen Futterkosten. Fakt ist aber auch, dass sie nicht in die Erneuerung ihrer Truten-Schlachtanlage investieren wollte. Rentabilitätsprobleme hat die Migros bei der Trutenproduktion in Ungarn vermutlich keine: Selbst mit Schweizer Standard sind die Produktionskosten dort deutlich tiefer, allein schon wegen der niedrigeren Lohnkosten.
Der hohe Anteil an Label-Fleisch in der Migros-Statistik trügt: Die Zahlen gelten nämlich nur für Frischfleisch. Die Angaben für Convenience und Charcuterie erfasst die Migros laut Mediensprecherin Alexandra Kunz nicht.
Anteile am Umsatz Migros 2016
Schweizer Tierschutz-Verordnung
TerraSuisse
M-Bio (Bio Suisse)
Importe
Rind
42%
39%
9%
10%
Kalb
14%
82%
4%
Schweine: Frischfleisch
43%
54%
1%
2%
Truten: Frischfleisch
25%
75% nach CH-TSchG
Poulet: Frischfleisch
80%, davon 96% Optigal
1%
1%
18% nach CH-TSchG
Milch
-Molkereiprodukte
89%
2% (Wiesenmilch)
9%
1%
- Käse
64%
5%
32%
Eier
29% Bodenhaltung plus 38% Freiland
22%
10% (Bodenhaltung)
Kaninchen:
Frischfleisch 23% Inland, 77% Importe nach CH-TschG aus Ungarn, via Kyburz
Lamm:
Frischfleisch 16% TerraSuisse, 85% Importe
Quelle: Fachdossier Tierwohl, MGB, 2017
Mehr Transparenz bei Coop
Die Coop-Tochter Bell hat die Schweizer Truten-Produktion für Coop aus denselben wirtschaftlichen Gründen wie die Migros eingestellt. Sie war damit sogar noch etwas früher dran. Nun bemüht sich Coop, die Produktionsstandards im Ausland an den Schweizer Tierschutz Standard mit zusätzlich erhöhten Sitzgelegenheiten im Stall sowie Auslauf in einen Wintergarten (analog dem Schweizer BTS-Programm) anzupassen. Erste Ställe im Ausland (Truten: Deutschland und Frankreich, Poulet: Slowenien) wurden offenbar bereits umgebaut und erfüllen heute diese Anforderungen.
Bei den Enten hat Coop die gesamte Beschaffung auf das zertifizierte französische Label Rouge umgestellt. Diese Enten wachsen in kleinen Gruppen auf, haben helle und gut gelüftete Ställe und erhalten Zugang ins Grüne, sobald sie vollgefiedert sind. Die Richtlinien der Label-Rouge-Haltung werden laut Coop regelmässig von unabhängigen Zertifizierungsstellen kontrolliert. Bei der Entenbrust hat Coop gemeinsam mit einem Lieferanten in Ungarn eine Zucht mit Auslauf ins Freie und freiem Wasserzugang zum Schwimmen aufgebaut.
Coop schreibt in seinem Tierwohl-Report ausserdem: "Wir verkaufen keine Produkte aus tierquälerischer Haltung wie Enten- und Gänsestopfleber oder Froschschenkel. Käfigeier kommen bei uns nicht in die Regale, und wir garantieren, dass die Eier in verarbeiteten Produkten nicht aus Käfighaltung stammen. Wir verbieten das Mulesing-Verfahren (Entfernen der Haut rund um den Schwanz von Schafen) genauso wie den Lebendrupf bei Daunenprodukten. Zudem untersagen wir die Verwendung von Reptilienleder sowie von Materialien bedrohter Tierarten für unsere Produkte. Weiter ist der Einsatz von in der Schweiz verbotenen Hormonen oder Leistungsförderern im gesamten Sortiment verboten."
Was Produkte aus tierquälerischer Haltung angeht steht Volg Coop nicht nach, auch Volg bietet solche Produkte nicht an. Die Migros hat dagegen im Tessin und in der Romandie Stopfleber weiter im Angebot, ebenso die Migros-Tochter Denner. Am meisten Qualprodukte bietet nach wie vor Manor an. Hier findet man Stopfleber, Froschschenkel und lebendigen Hummer (diese müssen seit Anfang März 2018 vor dem Kochen betäubt werden) für jene gutbetuchte Kundschaft, die sich problemlos Produkte aus vorbildlicher Tierhaltung leisten könnte.
Anteile am Umsatz Coop 2016
Die Angaben in den Tabellen beziehen sich jeweils auf das das ganze Sortiment der genannten Bereiche, inkl. Markenprodukte
Schweizer Tierschutz-Verordnung
Coop Naturafarm
Coop Naturaplan (Bio Suisse)
Import
Rind
zusätzlich 1% Baltic Grasland Beef
- Frischfleisch u. Tiefkühl
22%
50%
7%
19%
Kalb
- Frischfleisch
31%
60%
7%
1%
- Charcuterie
78%
12%
9%
1%
Schweine
zusätzlich im Herbst Pro-Montagna-Alpschweine
- Frischfleisch
33%
64%
3%
-
- Tiefkühl
-
100%
-
-
- Charcuterie
97%
k.A.
k.A.
3
- Convenience
95%
k.A.
k.A.
5%
Truten
- Frischfleisch
2%
2%, plus 91% Import BTS u. 6% Import Label Rouge
- Tiefkühl
100%
- Charcuterie
95%, plus 5% Import BTS
- Convenience
100%
Poulet
- Frischfleisch
68% (BTS)
11%
6%
6% plus 3% CH-TschG, plus 5% BTS, plus 1% Label Rouge
- Tiefkühl
52%
1%
48%
- Charcuterie u. Convenience
74% (mind.BTS)
26%
Lamm
- Frischfleisch
13%
2%
85
Milch
- Frischmilch
72%
28%
- Milchprodukte
73%
3%
12 % plus 20% Bio
- Käse
61%
9%
28% plus 2 % Bio
Eier
- frisch
27%
31%
35%
6%
- Verarbeitungseier
3%
12%
6%
9% plus 55% Import Freiland plus 9% Bio
Kaninchen:
Ausschliesslich CH-BTS
Pferdefleisch:
Schweiz, Spanien und Frankreich
Fisch:
64,8 Prozent der Fische aus Wildfang MSC-Standard.
32,6 Prozent der Zuchtfische Bio Suisse
Quelle: Coop Tierwohl Report 2016
Alle Macht den Konsumenten?
Es ist irgendwie verrückt: Von den hiesigen Bauern wird die Einhaltung hoher Tierwohlstandards verlangt. Der Handel darf aber weiterhin Produkte aus tierquälerischer Haltung im Sortiment führen. Für die Produktion von Froschschenkeln dürfen sogar lebende Frösche importiert werden, ein Vorgehen, das der Schweizer Tierschutz geradewegs als heuchlerisch bezeichnet. Ein Vorstoss für ein Importverbot tierquälerisch erzeugter Produkte wurde zwar im Sommer 2017 im Nationalrat angenommen, im Herbst desselben Jahres aber vom Ständerat wieder verworfen.
Stopfleber, Froschschenkel etc. dürfen folglich weiterhin in die Schweiz eingeführt werden. Und das werden sie, weil es "Gourmets" gibt, die diese Produkte kaufen. Eine halbe Million Enten/Gänse werden jährlich für die 300 Tonnen Stopfleber "Foie gras" auf Schweizer Tellern zwangsgestopft. Schweizer Delikatessen-Essern zuliebe werden fast zwei Millionen Fröschen jährlich die Beine amputiert. Der Preis spielt dabei für einmal keine Rolle, denn es geht ja um den "Genuss" oder um "Tradition".
Das Tierschutzgesetz und das Landwirtschaftsgesetz würden es dem Bundesrat grundsätzlich erlauben, tierschutzwidrige Importe zu verbieten. Doch solange sich mit diesen Produkten Geld verdienen lässt, will er genauso wenig von einem Importverbot wissen wie der Ständerat. Die Initiative "Für gesunde sowie umweltfreundlich und fair hergestellte Lebensmittel" (Fair-Food-Initiative) setzt an diesem Punkt an: Sie fordert die Einhaltung von Standards für Importprodukte. Produkte aus industrieller Massenproduktion oder tierquälerischer Haltung sollen vom Schweizer Markt fern gehalten werden.
Der Bund müsste bei einer Annahme der Initiative die Anforderungen an die Standards festlegen und sicherstellen, dass Importprodukte diesen genügen. Dazu könnte er Einfuhrzölle anheben. Für stärker verarbeitete und zusammengesetzte Lebensmittel sowie für Futtermittel müsste er Ziele anstreben. Gleichzeitig sollten die Folgen von Transport und Lagerung für die Umwelt sowie die Verschwendung von Lebensmitteln reduziert werden.
Quelle: LID, Schweizer Tierschutz, Wortprotokolle Parlament.ch