Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/560

Madeline Woker passt mit ihrem internationalen Werdegang und ihrer interdisziplinären Offenheit bestens ans Collegium Helveticum, dem Institute for Advanced Studies von UZH, ETH Zürich und ZHdK.
Woker interessieren die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Geschichte und Politik. Die letzten zwei Jahre forschte sie als Assistenzprofessorin in Cambridge (GB) zur Geschichte von Steueroasen und deren kolonialem Ursprung, über rassistischen Kapitalismus und wie sich Steuergerechtigkeit weltweit entwickelt hat.
Woker ist international unterwegs. Sie ist zwar Schweizerin, lebte bisher aber vorwiegend im Ausland. Ihre Doktorarbeit schrieb sie in New York an der Columbia University, über die ungerechte Steuerpolitik Frankreichs in seinen Kolonien beziehungsweise über den Widerstand der Bevölkerung dagegen. Ihre Quellensuche führte sie in fünfzehn Archive in Asien, Europa, Afrika und Amerika, und sie hat Arabisch und Vietnamesisch zu lernen begonnen. Den Postdoc machte sie an der Brown University (USA). «Wegen der Covid-19-Pandemie musste das leider vorwiegend online geschehen», bedauert sie.
Und wie kam sie nach Zürich? «Meine Eltern wohnen in der Nähe von Interlaken und wurden vor kurzem pensioniert; ich wollte gern näher zu ihnen ziehen», erzählt Woker. Sie suchte in Cambridge nach einer Möglichkeit, in der Schweiz als Postdoc zu ihren Schwerpunkten Kapitalismus- und Sozialgeschichte zu forschen und ihr Buch über die koloniale Steuerpolitik Frankreichs fertigzuschreiben.
Auf das Collegium Helveticum stiess sie letztes Jahr eher zufällig auf Twitter (heute X), durch einen Tweet zu einem Anlass, der sie interessierte und den eine frühere Bekannte organisierte. Der glückliche Zufall wollte es ausserdem, dass sie im gleichen Jahr von UZH-Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann an eine Konferenz über den renommierten Ökonomen Edwin Seligman eingeladen wurde, einen Pionier auf dem Gebiet der Besteuerung und der öffentlichen Finanzen, über den auch Woker geschrieben hatte. «Die Konferenz zu Seligman war inspirierend», erinnert sich Woker, «ich traf so viele interessante Leute, die ich bisher nur aufgrund ihrer Publikationen kannte. Damals merkte ich: Zürich wäre ein grossartiger Ort, um zu arbeiten.»
Woker fragte Straumann um ein Empfehlungsschreiben an und bewarb sich beim Collegium Helveticum für ein Fellowship – mit Erfolg. So kam es, dass sie im September 2023 von Cambridge nach Zürich wechselte. Dass sie im Collegium Helveticum am richtigen Ort ist, findet auch Direktor Sebastian Bonhoeffer: «Madeline Woker hat eine herausragende akademische Laufbahn vorzuweisen, und sie legte einen originellen Projektvorschlag vor, der von grosser gesellschaftlicher Relevanz ist und sich ideal für den interdisziplinären Diskurs eignet, den wir im Collegium fördern.»
Zürich ist ein grossartiger Ort, um zu arbeiten.
Madeline Woker schätzt die Qualitäten des Fellowship sehr: «Hier habe ich den nötigen geistigen Freiraum und die Zeit, um mein Buch fertigzuschreiben.» Ihre Publikation beleuchtet Frankreichs ungerechte Steuerpolitik in den Kolonialländern: Die Steuern dienten vor allem der Finanzierung der französischen Expansionspolitik und wurden kaum je in das Gemeinwesen der kolonialisierten Länder investiert.
Dank ihrem Associate Fellow Tobias Straumann, der als UZH-Professor ebenfalls disziplinenübergreifend zu Wirtschaft und Geschichte forscht und lehrt, lernt sie rasch Forschende kennen, die an verwandten Themen arbeiten, zum Beispiel die Professor:innen Matthieu Leimgruber (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte), Debjani Bhattacharyya (Geschichte des Anthropozäns), Martin Dusinberre (Globale Geschichte) und Monika Dommann (Historisches Seminar). «Das Collegium Helveticum bietet mir das, was Forschende nach dem Postdoktorat am meisten brauchen: Zeit für den eigenen Forschungsschwerpunkt und für den Aufbau eines Beziehungsnetzes», freut sich Woker.
Woker arbeitet am liebsten vor Ort in ihrem Büro in der umfunktionierten ehemaligen Sternwarte in Zürich, wo das Collegium Helveticum seinen Sitz hat und wo die Fellows in administrativen Belangen und mit einer guten Infrastruktur unterstützt werden – ein Umfeld, das Woker nach der Covid-19-Pandemie enorm schätzt.
Die anderen Fellows am Collegium Helveticum forschen zu ganz unterschiedlichen Themen. «Das finde ich extrem bereichernd», sagt Woker. In den Räumlichkeiten an der Schmelzbergstrasse laufen sich Soziolog:innen, Künstler:innen, Politikwissenschaftler:innen, Ökonom:innen, Ärzt:innen und Biolog:innen aus den verschiedensten Ländern über den Weg, «und mit allen lassen sich interessante Diskussionen führen – zum Beispiel, was gerechte Steuern sind», erzählt Woker. «Steuern sind wie das Wetter ein universelles Thema. Alle – ob aus dem globalen Süden oder Norden – haben Erfahrung damit und waren mit der Steuerpolitik ihres Herkunftslandes konfrontiert.»
Jeweils am Donnerstag treffen sich die Fellows zum Lunch, und am Nachmittag stellt eine:r von ihnen seine Arbeit vor. Die Präsentationen sind freiwillig, alle sind willkommen und können Fragen stellen. «Ich bin begeistert von diesen Donnerstagen», sagt Woker.
Es ist das erklärte Ziel des Collegium Helveticum, vielversprechende Nachwuchsforschende aus der ganzen Welt zusammenzubringen – wenn sie danach in Zürich bleiben wollen und eine Anstellung finden, ist der Zweck mehr als erfüllt. Wie schätzt Woker die Möglichkeit ein, in Zürich zu bleiben? «Das akademische Umfeld ist in Zürich mit der UZH und der ETH sehr reich und bereichernd», antwortet Woker. «Ich möchte aber in der ganzen Schweiz Kontakte knüpfen.» Zum Beispiel arbeitet sie für eine Konferenz Ende Mai auch mit der Fondation Dubois in Genf, dem Schweizerischen Nationalfonds und mit einer Kollegin vom Graduate Institute Geneva zusammen.
Auch wird sie nächstes Jahr eine Festanstellung als Assistenzprofessorin an der University of Sheffield antreten. Die Möglichkeit, in der Frühphase einer akademischen Karriere eine feste Anstellung zu erhalten, biete das Schweizer System leider höchst selten, hat sie in Erfahrung gebracht. «Man muss meist ziemlich lange warten, bis man vielleicht einmal auf eine Professur berufen wird, und geht von einer Kurzanstellung zur nächsten – gut bezahlt, aber unsicher.»
Die internationale Ausrichtung des Collegium Helveticum hingegen zahlt sich rasch für alle Beteiligten aus. So hat Woker letzten Freitag eine Panel-Diskussion organisiert mit dem renommierten Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman, der den viel beachteten «Global Tax Evasion Report 2024» herausgegeben hat. «Zucmans Forschung trifft den Nerv unserer Zeit», sagt Woker. «Er erforscht Steueroasen weltweit und konnte zeigen, wie viele Steuergelder von wem aus welchen Ländern abgezogen werden und wie sich Steuerhinterziehung auf die betroffenen Staaten auswirkt.»
Gabriel Zucman hat zusammen mit mehr als hundert Forschenden weltweit untersucht, wie sich die Steuersituation in den verschiedenen Ländern in den letzten zehn Jahren entwickelt hat – als zahlreiche Regierungen unterschiedliche Massnahmen gegen Steuerumgehung trafen. Zucmans Forschung erlaubt nun erstmals eine Bilanz, wo die Steuerhinterziehung effektiv gesunken ist und wo nicht.
Woker beeindruckt, wie Zucman seine herausragende Forschung mit der Öffentlichkeit teilt. «Er hat das EU Tax Observatory ins Leben gerufen und stellt damit seine Forschungsresultate als Entscheidungsgrundlage für Regierungen zur Verfügung», sagt Woker. Das EU Tax Observatory ist ein unabhängiges Forschungszentrum an der Paris School of Economics; es hat unter anderem auch die frei zugängliche Online-Plattform «Atlas of Global Tax Evasion» publiziert. «Das schätze ich sehr an Zucman», sagt Madeline Woker, «er setzt seine hervorragende wissenschaftliche Expertise dazu ein, dass die Steuerpolitik weltweit gerechter gestaltet werden kann.» Denn eine möglichst gerechte Steuerpolitik ist «der wichtigste gewaltfreie Weg, um Ungleichheit in einer Gesellschaft nicht überhandnehmen zu lassen», ist Woker überzeugt.