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62. Professor Burckhardt und die germanische Kultur Aus «Staatsmann im Sturm»
Am Mittwoch, 14. August, schreibt der General einen ausführlichen «persönlichen und geheimen» Brief an den Chef du Département militaire, R. Minger. Guisan stellt darin fest, dass angesichts der Hegemonie der Achsenmächte auf dem Kontinent die Schweiz von «überholten Methoden» wegkommen müsse:
In der entscheidenden Zeitspanne, die auf den Waffenstillstand folgte und die unter anderem durch die Fliegeraffäre gekennzeichnet war, ist es unserem diplomatischen Vertreter in Berlin nicht gelungen, an die hauptsächlichsten Autoritäten heranzukommen und musste sich begnügen, mit den Kanzleien zu verhandeln, die bindenden Instruktionen gehorchen.
Dies heisst im Klartext: Frölicher hat keinen Zugang zu Hitler, Göring, Ribbentrop etc. und kann bloss mit Weizsäcker reden. Guisan fügt hinzu:
Vielleicht ist dieser Eindruck nicht unbeteiligt an der Misstrauensstimmung, die in gewissen Kreisen gegenüber der Führung unserer Aussenpolitik herrscht. Und die der Bundespräsident selber [Gespräch vom 3. August] hervorgehoben hat.
Seither seien die deutsch-schweizerischen Wirtschaftsverhandlungen am 9. August erfolgreich abgeschlossen worden. Diese rein wirtschaftlichen Gespräche scheinen dem General zu begrenzt. Er schlägt einen «Meinungsaustausch von anderem Umfang» vor, der auf «politische, kulturelle, soziale, touristische etc.» Fragen ausgeweitet würde:
Anders gesagt, man müsste jetzt eine schweizerische Prestige- und Propagandapolitik in die Wege leiten, die in erster Linie bezwecken würde, in Deutschland angewandt zu werden.
Frölicher ist in den Augen Guisans der falsche Mann dafür. Sollte man «unsern gegenwärtigen Minister aus Gründen, die der Armeekommandant nicht kennen muss, für eine gewisse Zeit noch auf seinem Posten belassen», sei zu prüfen, ob nicht eine ausserordentliche «Botschaft» errichtet werden könnte, die einem «neuen» Mann anvertraut würde, der mit zeitlich beschränkten Missionen bei der Regierung des Führers beauftragt würde. Guisan denkt an M. C. J. Burckhardt, ex Haut-Commissaire de la S.d.N à Dantzig, membre du Comité International de la Croix-Rouge, et Professeur à l’Université de Genève:
Dank seiner Bildung und seiner Kultur, die im Wesentlichen germanisch ist, ist Herr Burckhardt in der Lage, die Männer, die Ideen und die Zivilisationsströmungen zu verstehen, die sich heute durch das Dritte Reich hindurch als eine der charakteristischsten Erscheinungsformen der germanischen Zivilisation und Macht beweisen.
Mehr noch:
Dank der persönlichen Beziehungen, die er in den letzten Jahren mit den Führungspersonen des Dritten Reichs angeknüpft hat – mit dem Führer, mit Herrn von Weizsäcker, mit Marschall Göring etc. –, könnte Herr Burckhardt heute mit diesen neue Gespräche führen, die sich ausserhalb des Kaders der Kanzleien abspielen würden.
Der General zählt andere Eigenschaften auf, die Burckhardt zur idealen Besetzung für die vorgeschlagene Sondermission machen:
Durch die Tätigkeit, die er zugunsten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ausgeübt hat – eine von Kanzler Hitler geschätzte Institution – würde Herr Burckhardt unter einer unumstrittenen Flagge auftreten. Schliesslich wäre er wegen seinen psychologischen Fähigkeiten und seiner Neugier für die neuen «Werte» in der Lage, zu ermessen, was am Geist des Dritten Reichs gut, nützlich, wichtig sein kann. Gleichzeitig könnte er uns über seine Entwicklungen und seine neuen Tendenzen belehren.
Die Präsenz des parteiungebundenen Burckhardt in Berlin würde dem Dritten Reich zeigen, dass unser Land fähig sei, sich «von einem gewissen Routinegeist zu lösen, der heute unzeitgemäss und mesquin (kleinlich) erscheint»:
In einem Wort, dass wir am Morgen einer neuen Ära eine Geste tun, die gleichzeitig konkret und symbolisch ist. Zu den verschiedenen Fragen, die von Herrn Burckhardt behandelt werden könnten, gehörten unter anderem weitgehende kulturelle, künstlerische und touristische Austausche. Auf dem besonderen Gebiet der Presse, wo zwischen unseren beiden Ländern seit Beginn des Kriegs ein unablässiger und oft vergifteter Kampf geliefert wird, wäre Herr Burckhardt besonders qualifiziert, um ein apaisement zu suchen und eine Zusammenarbeit einzuleiten.
Guisan weiss, wie man eine Mission Burckhardt der kritischen Schweizer Öffentlichkeit schmackhaft machen könnte:
Wenn das Prinzip dieser «ambassade» angenommen wäre, könnte man untersuchen, auf welche Weise sie «camouflé» (getarnt) werden könnte, wenn man dies, zumindest am Anfang, für nötig erachten würde. In diesem Sinne könnte das Rote Kreuz als paravent (Wandschirm) dienen.
Zum Autor
Hanspeter Born, geb. 1938, Schulen in Bern, Dr. phil. hist.; Redaktor beim Schweizer Radio, USA-Korrespondent; Auslandchef der Weltwoche (1984–1997);Autor von Sachbüchern, darunter «Mord in Kehrsatz», «Für die Richtigkeit –Kurt Waldheim» sowie (mit Benoit Landais) «Die verschwundene Katze» und «Schuffenecker’s Sunflowers».
Was hat den General am 14. August veranlasst, Minger den Vorschlag einer Sondermission Burckhardt zu machen und diesen sehr detailliert zu begründen? Wieso schreibt er Minger vertraulich und persönlich und nicht zuhanden des Bundesrats? Was verspricht sich Guisan von einer Entsendung Burckhardts nach Berlin?
Noch während seiner Unterredung mit Pilet und Minger am 3. August traf ein Telegramm Frölichers ein. Die Depesche sprach von einer «starken Missstimmung gegen General wegen kürzlichem Armeebefehl» und erwähnte, dass angeblich in Frankreich die «Armeeleitung belastende Dokumente» gefunden wurden. Guisan sah das Telegramm und wusste nun, dass seine Stellung gefährdet war. Am 13. August erhielt Etter von Köcher die deutsche Note, in der die Rütlirede als «unzeitgemässe Demonstration » des «Herrn General» verurteilt wird. Etter wird Guisan unverzüglich über den Inhalt der Note orientiert haben. Jetzt war die Situation für Guisan wirklich ernst geworden. Er braucht einen Fürsprecher in Berlin. Professor Burckhardt ist der richtige Mann, der bei den Nazigrössen ein gutes Wort für ihn einlegen könnte.
Guisan weiss auch, dass der Gedanke an eine Vermittlungsmission Burckhardt nicht neu ist. Im November 1939 berichtete Justizberater Oberst Logoz dem damaligen Generalstabschef Labhart, Göring habe Burckhardt zu einer Jagd eingeladen. Leider habe Burckhardt wegen «Arbeitsüberhäufung» verzichten müssen. Labhart schrieb damals in sein Tagebuch:
Ich bin der Meinung, dass eine nächste Einladung nicht mehr abgesagt werden sollte, da unter Umständen Göring Friedensfühler ausstrecken will und es für unser Land von Vorteil wäre, solche vermitteln zu können.
Der General wird erfahren haben, dass die Idee einer Mission Burckhardt im Bundeshaus neuerlich wieder herumspukt. Pilet hat am 29. Juli Korpskommandant Wille unverbindlich gefragt, was er von einer allfälligen Entsendung Burckhardts nach Berlin halte.
Wenn Guisan nicht selber auf den Namen Burckhardt gekommen ist, dann wird Barbey ihn darauf gebracht haben. Es ist erwiesen, dass Barbey den vom 14. August datierten Brief an Minger geschrieben hat und sich dabei auf eine eigene Notiz vom 12. August stützte.
Weshalb aber brachte Barbey schon in seiner Notiz vom 12. August – also noch vor dem Eingang der für Guisan bedrohlichen deutschen Note – Burckhardt ins Spiel? Es gibt einleuchtende Anhaltspunkte, wonach es C. J. Burckhardt selber war, der Barbey von der Nützlichkeit einer von ihm selbst unternommenen Sondermission nach Berlin überzeugte.
Der IKRK-Vizepräsident weiss, dass Bernard Barbey auf seinen Chef Guisan starken Einfluss hat. Als Burckhardt in den Zwanzigerjahren seine Richelieu-Biogaphie schrieb, hat er den neun Jahre jüngeren Romancier Barbey in Paris getroffen. Beide sind Literaten, Schöngeister, Musikliebhaber. Sie gehören der gleichen gehobenen sozialen Schicht an. Burckhardt kommt aus dem Basler Daig, Barbeys Vater ist ein Waadtländer Gutsherr, sein Grossvater der Genfer Banquier Alexis Lombard. Nach Kriegsausbruch haben Burckhardt und Barbey – dieser jetzt als Verbindungsmann Guisans zur französischen Armeeleitung – sich verschiedentlich getroffen, um Informationen auszutauschen.
Der Brief Barbey/Guisan an Minger deutet darauf hin, dass anfangs August eine neuerliche Begegnung zwischen dem IKRK-Chef und Guisans Stabschef stattgefunden hat. Die im Schreiben enthaltene Bemerkung über Hitlers Wohlwollen für das IKRK – institution estimée par le Chancelier Hitler – kann Barbey einzig von Burckhardt selber gehört haben. Wann und wo sich Burckhardt und Barbey trafen, ist nicht bekannt. Barbey hat fast alle Tagebucheinträge zwischen dem 31. Juli und dem 14. August – dem Datum des Briefs an Minger – verbrannt.
- Hier gehts zum Nachwort.
- Jeweils sonntags wird der Roman «Staatsmann im Sturm» auf zeitlupe.ch fortgesetzt.
- Diese Kapitel sind bereits erschienen
«Staatsmann im Sturm»
Hanspeter Born, Staatsmann im Sturm. Pilet-Golaz und das Jahr 1940. Münster Verlag 2020, gebunden, mit Schutzumschlag, 540 Seiten, CHF 32.–. ISBN 978-3-907 146-72-, www.muensterverlag.ch
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagsgestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld
Umschlagsbild: KEYSTONE-SDA / Photopress-Archiv