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Antinomisch: Kommt von Griechisch "antinomia" und bedeutet ursprünglich "Widerspruch des Gesetzes mit sich selbst".
Die antinomische Tradition
Das antinomische Prinzip hat in der Geschichte der Pädagogik eine lange Tradition. Stellvertretend seien hier für die jüngste Vergangenheit Rainer Winkel (1988) oder Johannes Gruntz-Stoll (1999) erwähnt.
Winkel (1988, S.15) umschreibt es so: "Im Widerstreit von zwei Aussagen (Thesis und Antithesis), die sich beide gleich überzeugend begründen lassen, so Aristoteles, liegt das Antinomische begründet."
Zur langen pädagogischen Tradition des Denkens in Widersprüchen gehören für Winkel u.a. Comenius (1592-1670), Schleiermacher (1768-1834) und Litt (1880-1962). Mit seiner 1927 erschienenen Schrift "Führen oder Wachsenlassen" umreisst Litt das Spannungsfeld von Disziplin. Disziplin benötigt sicher den Akzent des Führens, aber pausenlose Führung ohne Verschnaufpausen, ohne den Gegenpol des Wachsenlassens grenzt an Diktatur.
"Freiheit und Bindung" ist für Winkel eine zentrale moderne Antinomie:
«Der nur auf die Freiheit, die Selbstregulierung und Selbstbestimmung setzende Pädagoge wird unfreie Menschen heranziehen: Kinder als Knechte ihrer Launen; Schüler als Sklaven ihrer neurotischen Bedürfnisse; Jugendliche, denen Freiheit dasselbe ist wie Rücksichtslosigkeit. Umgekehrt: wo nur Bindung gelehrt und gelebt wird, erstickt jede Eigenaktivität, verkrüppelt der junge Mensch, werden Kopfnicker oder Revoluzzer grossgezogen. Und auch hier treten alte Dogmen in modernen Gewändern auf: "Operationalisierung" ist auf das eine - rosarot - gestickt, auf das andere die bekannten "mutigen" Werte. Dass man Grenzen, Bindungen, Schranken ebenso erfahren muss wie Selbstbestimmung, Freiheit und Autonomie, wird nur der diese Widersprüche durchhaltende Lehrer und Erzieher akzeptieren können - dem Ungeduldigen, dem Atemlosen und dem Puristen ist diese Antinomie ein Greuel.» (Winkel 1988, S.17)
Disziplin, Bildungstheorie und antinomisches Prinzip
Wenn jetzt ein Bezug zwischen Disziplin und dem antinomischen Prinzip hergestellt worden ist, soll damit auch eine Verbindung zwischen Disziplin und Bildungstheorie angestrebt werden. Es wäre gefährlich, Disziplin in der Schule rein technologisch ohne Rückbindungen zu Bildungsvorstellungen, zur Bildungstheorie sowie zur Psychologie zu behandeln.
Ohne diese Rückbindung an Bildungstheorie laufen Überlegungen und Aussagen zur Disziplin Gefahr, die längerfristige Zielsetzung aller pädagogischen Massnahmen, nämlich die Förderung von Autonomie und Selbstdisziplin aus dem Auge zu verlieren und zu unterordnenden, bürokratischen Dressurakten zu verkommen.
Im Anschluss an Klafki wird Bildung als übergeordnetes Beurteilungskriterium für sämtliche pädagogische Massnahmen, somit auch für disziplinarische betrachtet. Klafkis grundlegende Einstellungen und Fähigkeiten "Kritikbereitschaft und Kritikfähigkeit", "Argumentationsbereitschaft und -fähigkeit" sowie "Empathie" (Klafki 1991, S.63) sind für einen sinnvollen Umgang mit Disziplin von grosser Bedeutung. Empathie zum Beispiel ist eine zentrale Voraussetzung, um dem zu disziplinierenden Schüler, der zu disziplinierenden Schülerin verständnisvoll zu begegnen, so dass diese ihre Rechte und Würde als gewahrt betrachten und auf Hinweise und Forderungen leichter eingehen. Wer "Kritikfähigkeit" schätzt, wird die Anwendung dieser Fähigkeit auch der Schülerin, dem Schüler zugestehen und Disziplinfragen argumentativ und begründend angehen.
Mit dem antinomischen Prinzip ist soeben eine Verbindung zwischen Disziplin und Bildungstheorie angestrebt worden. Das Thema "Disziplin in der Schule" bedarf der Rückbindungen an die Bildungstheorie. Ebenso unerlässlich ist eine Rückbindung an die allgemeine Psychologie , weil diese u.a. für Disziplinfragen so wichtige Bereiche wie Entwicklung oder Motivation systematisch untersucht.