Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03321.jsonl.gz/2064

Tracey Rose
WhoreMoans, MEGLADONN & Lassoing with the Postcolonial Gauchos (2017)
Dieses Video in drei Kapiteln, das 2017 im Auftrag der Documenta 14 entstand, wurde über mehrere Monate hinweg gedreht, und zwar in der südafrikanischen Provinz Gauteng, die als Wiege der Menschheit gilt, in Los Angeles («Stadt der Engel») und in Durban am Indischen Ozean an der Ostküste Südafrikas. Die Komplexitäten der postkolonialen Krisen, die derzeit auf der ganzen Welt zu beobachten sind, werden an den verschiedenen Orten anschaulich und von einer skurrilen Mischung exzentrischer Individuen verkörpert.
Den Anfang macht der Trailer für einen alsbald – oder unmöglich – zu produzierenden Pornofilm mit einer historischen Erzählung, wobei Roses Langzeitkollaborateur Chris Martin in die Rolle der Kleopatra schlüpft. Als nächstes folgt ein Musikvideo, mit MEGLADONN in der Hauptrolle, in dem kosmische Konzepte und Afro-Consciousness in einem Identitätenmix miteinander verquirlt werden. Schliesslich spielen der Sohn und die Mutter von Tracey Rose die Hauptrollen in einem kontrastreich beleuchteten, in der Komposition nahezu mittelalterlichen Tableau. Wie so oft bringt Rose hier Figuren zusammen, um sie zu abstrakten Zusammenhängen zu formieren; demonstriert wird aber auch der Zusammenprall von seriöser Ernsthaftigkeit und absurdem Humor, der Roses Werk seine Schlagkraft verleiht. Die Künstlerin selbst übernimmt die Rolle einer lebenden, schreienden Karyatide. In Form von vier roten Pfeilern hatte Rose die Karyatiden eigens für die Ausstellung in Athen im selben Jahr entworfen.
Der Hauptteil ist eine Erzählung um Kleopatra, die als Schwarze Dragqueen in Südafrika wiedergeboren wurde. Kleopatra ist in einem Käfig gefangen, sie gebärdet sich wild und zornig. Der Ausspruch ‚Cleopatra was a black bitch‘ ist eine Pointe aus einem berühmten Sketch des afroamerikanischen Comedians Paul Mooney, in dem dieser die so absurde wie anmassende Gepflogenheit dekonstruiert, die ägyptische Königin in westlichen Kulturkreisen als weisse Frau zu portraitieren.
Die Geschichte greift aktuelle Verschwörungstheorien zur weissen Überlegenheit ebenso wie christliche Weltuntergangsprognosen auf: das Zeitalter des Wassermanns als Ende der Menschheit oder Armageddon, Gerüchte über die Geburt eines Messias und Verweise auf die Schwarze Madonna und deren Bezug zum Tierkreiszeichen Jungfrau lassen sich finden. Während sich die eigentliche Erzählung auf Königin Kleopatra als Schwarze Afrikanerin konzentriert, spielt das Video auch an auf Martin Bernals Black Athena (Schwarze Athene), eine alternative These über die Ursprünge der klassischen Zivilisation.