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Serien gehörten in ihren Anfangstagen zum Familienprogramm, und sie thematisierten genau das: Familie, Heimat, Zugehörigkeit. Diese DNA tragen auch die meisten der seit den 1990ern, genauer gesagt seit "Twin Peaks", unter dem Stichwort "Quality-TV" laufenden Produktionen. Es ist kein Zufall, dass es auch in "Twin Peaks" um ein kleines Örtchen, einen familiären Mikrokosmos geht. Das Muster findet sich in vielen der erfolgreichsten Serien wieder, die seither gestreamt worden sind. Das gilt selbst dann, wenn der Familienverband öfter mal die Location wechselt, wie etwa der "The Walking Dead"-Clan unter der Führung des Übervaters Rick Grimes an der Seite von Übermutter Carol Peletier. Sie müssen sich auf dem Höhepunkt der Serie gegen ihr negatives Pendant, den dysfunktionalen Familienvorstand Negan, behaupten.
From (Paramount+)
Auch "From" trägt die DNA von "Twin Peaks" und "The Walking Dead" in sich. Die Serie wird vom MGM-Pay-TV-Sender Epix produziert und ist bei uns über Paramount+ zu sehen, was vielleicht erklärt, warum sie etwas unter dem Radar geblieben ist. Kürzlich lief dort die zweite Staffel an, die auf zehn Folgen angelegte dritte Season wurde bereits angekündigt und soll wohl 2024 starten. Das Setting kombiniert auf ziemlich originelle Weise Motive aus "Lost" und "The Dome" mit "The Walking Dead"-Gore, angereichert mit einigen Fantasy-Elementen. Eine US-Kleinstadt im wahrsten Sinne des Wortes im Nirgendwo wird für einige offenbar zufällig aus allen Landesteilen zusammengewürfelte Normalbürger zur tödlichen Falle: Sie können den Ort nicht mehr verlassen, da sie die Strasse rätselhafterweise immer wieder zurückführt. Damit nicht genug, werden die so auf einer Art Insel mitten in den USA Gesperrten jede Nacht von blutrünstigen Phantomen heimgesucht.
Die Grundidee der nächtlichen Besucher, die eine ganze Kleinstadt in Schach halten, stammt vom amerikanisch-neuseeländischen Spielfilm "30 Days of Night" von 2007, der seinerseits auf den sehr lesenswerten Graphic-Novels von Steve Niles und Ben Templesmith beruht. Sie erschienen auf Deutsch zunächst bei Infinity, Cross Cult brachte später einen Sammelband auf den Markt. Sorgt in Neuseeland die Polarnacht für einmonatige Finsternis, wird es in "From" zwar tagsüber hell, sodass die Phantome in der Phase Ruhe geben. Hier ist es allerdings die völlige Ausweglosigkeit der Situation, die eine bedrückende Atmosphäre verursacht. Solange sich die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit in ihre Häuser zurückziehen, geschieht niemandem etwas. Aber die nur scheinbar wie harmlose Zeitgenossen aussehenden Monster finden immer wieder Wege, ihre Opfer aus der Deckung zu locken. Was mit ihnen dann geschieht, hat einen hohen Gore-Faktor, wobei Splatter-Effekte zwar weitgehend ausgespart bleiben, die blutigen Resultate aber recht explizit veranschaulicht werden.
Den Familienvater mimt hier der 1963 geborene New Yorker Harold Perrineau, Jr., der skurrilerweise auch in "Lost" und im Sequel von "30 Days of Night" mitspielte. In "From" ist er als Sheriff Boyd Stevens zu sehen, dem die unfreiwilligen Bewohner nahezu blind vertrauen und der, wie könnte es anders sein, auch Familienvater ist. Das ist ebenso eine weitere Hauptfigur, nämlich der Achterbahndesigner (sic!) Jim Matthews, den es mit Frau und zwei Kindern in diesen Provinzalbtraum verschlägt. Er wird gespielt von Eion Bailey, der neben Perrineau aus unserer Sicht die beste Performance abliefert und für den sich "From" durchaus als Karrieresprungbrett erweisen könnte. Er hat in gewisser Weise ebenfalls Insel-Erfahrung, war er doch in "Mindhunters" (2004) als Profiler-Azubi zu sehen, der an der Seite von Val Kilmer und LL Cool J auf einem einsamen Eiland von einem Mörder bedroht wurde. Wenn wir an dieser Stelle etwas viele merkwürdige Koinzidenzen ausmachen, kann das durchaus daran liegen, dass die Serie uns mit ihren zahlreichen Rätseln und Querverweisen etwas paranoid gemacht hat.
Im Fokus des Ganzen, und hier schliesst sich der Kreis, stehen jedenfalls Familienkonflikte. So müssen sich alle Bewohner anfangs zwischen WG und Einfamilienhaus entscheiden, wobei jede dieser Optionen ihre ganz spezifischen Vorteile und Tücken hat. Dazu gibt es jede Menge "Twin Peaks"-Mystik, Okkultismus und eine Prise Sci-Fi, sodass tatsächlich nicht vorauszusehen ist, wohin das Ganze führen wird. Leider hat man von "Lost" auch eine oder zwei eklatante Schwächen übernommen. Wie in dem Klassiker scheint die Bevölkerung bei Bedarf recht beliebig zu wachsen oder zu schrumpfen, und dass jederzeit sprichwörtlich alles passieren kann und dabei auch gern mal Prämissen über den Haufen geworfen werden, sorgt ebenfalls nicht gerade für Stringenz in der Handlung. Bleibt zu hoffen, dass man für das trotzdem sehr sehenswerte "From" ein sinnvolleres und vielleicht auch etwas früheres Ende findet als für das offenkundige Vorbild.