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Ernährungsprobleme im Hobbysport
Mein Nachbar ist Geschäftsführer eines beachtlichen Unternehmens, meistens arbeitet er vierzehn Stunden am Tag, zudem hat er Familie. Als er seinen 45. Geburtstag feierte, nahm er sich vor, wieder öfter Sport zu treiben und zehn Kilo abzunehmen. Regelmässig joggte er dann um 5 Uhr in der Früh los, kam eine Stunde später zurück und nach wenigen Wochen hatte er sichtlich abgenommen und sah etwa zehn Jahre jünger aus. Ich fragte ihn dann einmal, ob er etwas esse, bevor er sein Training starte. Er antwortete: «Nein, ich esse nichts, ich trinke einen Kaffe, rauche dazu zwei Marlboro Gold, dann laufe ich gemütlich los.»
Gut, seine Antwort nahm ich leicht irritiert zur Kenntnis. Aber wenigstens war sie endlich mal etwas anderes. Was das Essen vor dem morgendlichen Training anbelangt, dominieren für gewöhnlich zwei Standpunkte, die diametral auseinanderliegen. Die Sportwissenschaftler sind sich uneinig, die Ernährungsexperten ebenfalls und die Sportler sowieso. Eine Fraktion sagt: Unbedingt vor dem Training essen. Man könne es danach zwar nicht besser, aber länger. Ausserdem mache es keinen Spass, mit knurrendem Magen zu trainieren und es bestehe die Gefahr, dass man nach dem Training in einen Hungerast gerate und wahllos reinschaufle. Die andere Fraktion sagt: Vor dem Morgentraining bloss nichts essen, nur so lerne der Körper auf die Fettreserven zurückzugreifen, was wichtig sei, um länger durchzuhalten. Kohlenhydrate seien zu schnell aufgebraucht, also unnütz.
Die berühmte Banane
Nun versuchte das Magazin «Outside» Licht in dieses «Wischiwaschi» zu bringen. Es schreibt, die allgemeine Verunsicherung sei deshalb entstanden, weil sich die meisten wissenschaftlichen Studien, die in Publikationen wie «Fit for Fun» und «Men’s Health» besprochen werden, darauf fokussieren, wie man am meisten Fett verbrenne, also am effektivsten Körpergewicht verliere. «Outside» verwies auf eine Studie, die zum Schluss kam, dass es keine Rolle spielt, ob man zu Gunsten der Fettverbrennung vor oder nach einem 60-Minuten-Lauf esse. Trotzdem liess es eine Ernährungsexpertin zu Wort kommen, die schon fast hysterisch rät, man solle vor dem Morgentraining unbedingt etwas essen, mindestens eine Banane. Wer in der Frühe nichts zu sich nehmen könne, solle stattdessen ein isotonisches Getränk ohne Kohlensäure trinken.
Aus meiner eigenen, langjährigen Erfahrung bin ich der Überzeugung, dieses Vor-dem-Frühsport-Ernährungs-Wischiwaschi existiert einzig deshalb, weil es in dieser Frage weder ein Richtig noch ein Falsch gibt. Jeder Mensch funktioniert individuell und sollte deshalb auf seinen Körper und seine Leistungsfähigkeit mit oder ohne Essen vor dem Sport achten und sich entsprechend daran halten.
Ernährung wird im Hobbysport überbewertet
Ich selber jogge nicht, um abzunehmen oder mein Gewicht unter Kontrolle zu halten, sondern weil ich meinen Körper fit halten will und einen Ausgleich zu meinem Bürojob brauche. Ausserdem bin ich grundsätzlich keine Frühstückerin, esse im Alltag selten vor 12 Uhr. Laufe ich morgens, trinke ich davor zwei Glas Wasser und eine Tasse Kaffee. Die berühmten Bananen mag ich nicht und würde ich mir eine solche vor dem Morgenlauf antun, wäre mir für den Rest des Lebens schlecht. Übel wird mir auch, wenn ich nur schon an ein isotonisches Getränk denke.
Mein Morgentraining ziehe ich immer mit nüchternem Magen durch, auch Intervalleinheiten und Bergläufe. Schwindlig ist mir noch nie geworden und einen Hungerast bekomme ich danach auch nicht. Im Gegenteil. Wenn ich hart trainiert habe, kommt der Hunger frühestens zwei, drei Stunden später, langsam und ohne plötzlichen Ast. Einzig im Hochgebirge, wenn ich viele steile und anstrengende Stunden vor mir habe, einen schweren Rucksack trage und eisige Temperaturen herrschen, dann zwinge ich mich, vorher ein Stück Brot und Käse runterzuwürgen.
Aber im Flachland im ebenen Gelände joggen? Sicher ist es eine Frage der Veranlagung und vor allem Gewohnheit respektive Training. Aber es bricht doch keiner zusammen, wenn er morgens vor einem 60-Minuten-Lauf nichts gegessen hat. Das Abendessen liegt ja nicht sehr lange zurück – und wer ist während der Nachtruhe schon so aktiv, dass er diese letzte Energieaufnahme bereits verbraten hat?
Im Leistungssport und vor Wettkämpfen erachte ich einen durchklügelten Ernährungsplan als sinnvoll und wichtig. Aber im Hobbysport wird meines Erachtens die Ernährung definitiv überbewertet, es werden Probleme herbeigeführt, die gar keine wären. Bei manchen funktioniert es offenbar sogar mit zwei Marlboro Gold vorher.