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Aharon Appelfeld hat seine deutsche Muttersprache als Kind verloren. «Ich habe bis zum Alter von acht Jahren Deutsch gesprochen», erzählt der israelische Schriftsteller. Doch dann nahm sein behütetes Leben als Einzelkind in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Czernowitz (heute Ukraine) ein jähes Ende.
Seine geliebte Mutter wird nach dem Einmarsch der Deutschen ermordet und der Junge, der damals noch Erwin heisst, kommt mit seinem Vater ins Ghetto. Später kann er aus einem Lager fliehen und überlebt auf abenteuerliche Weise in den Wäldern, bei Bauern und später als Küchenjunge bei der Roten Armee.
Als er nach dem Holocaust als 13-Jähriger per Schiff nach Palästina kommt, hält Aharon Appelfeld sich für einen Vollwaisen. «Die Deutschen haben meinen Vater und mich 1941 getrennt», erzählt der Autor in seiner Wohnung im gediegenen Viertel Rechavia in Jerusalem.
Den Vater wieder gefunden
Aharon Appelfeld ist einer der produktivsten und angesehensten Schriftsteller Israels. 46 Bücher hat er bisher geschrieben, sie wurden in 35 Sprachen übersetzt, darunter auch in Deutsch. Der Junge, der in Czernowitz nur die erste Klasse abgeschlossen hatte, wird in Israel Literaturprofessor und gründet eine Familie mit drei Kindern.
«Nach dem Krieg hatte ich eigentlich gar keine Sprache», sagt er leise. Doch die fremde Welt wird allmählich zur neuen Heimat. «Hebräisch ist dann nach und nach zu einer Art neuen Muttersprache geworden.» Die Liebe zum Deutschen aber ist geblieben. «Ich verstehe bis heute jedes Wort.»
Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg trifft Aharon Appelfeld den totgeglaubten Vater wieder. Als er das dramatische Wiedersehen beschreibt, wird der wortgewaltige Schriftsteller still. Das Thema ist heikel, ihm ist anzumerken, dass er sich nicht von seinen Gefühlen überwältigen lassen will.
Appelfeld findet den Vater, der einen Monat zuvor aus Wien nach Israel eingewandert war, 1954 in einem Aufnahmezentrum, wo dieser bei der Ernte eingesetzt wurde. «Er hat mich wiedererkannt, ich ihn nicht», erzählt der alte Mann mit den wachen Augen von dem ersten Treffen. Als er den verlorenen Sohn sieht, fehlen dem Vater die Worte. «Er hat geschwiegen.»
Über den Holocaust schreibt er kaum
Hauptthemen seiner Werke sind das jüdische Leben vor dem Holocaust und Kindheitserinnerungen aus Osteuropa. Über die Gräuel der Judenvernichtung selbst schreibt er aber kaum. «Das sind nur Leichen, Leichen, Leichen, Tod, Tod. Das ist ein einziges Grauen, das man nicht beschreiben kann.» Er könne die Realität nicht ändern, betont Appelfeld, aber er versuche immer noch, «sie zu verstehen, zu lernen».
In seinen Werken beschwört er immer wieder die Welt seiner Kindheit und Jugend herauf. Die versunkene Welt von Czernowitz, einer multikulturellen Stadt mit einer jüdischen Mehrheit, lebt in seinen Gedanken weiter. «Meine früheste Erinnerung ist, wie ich als kleiner Junge mit meiner Mutter am Fluss Pruth entlanggehe.»
«Ich bin in gewisser Weise ein mitteleuropäischer Schriftsteller», sagt Aharon Appelfeld, der mit ruhiger, bedächtiger Stimme spricht. «Meine Helden sprechen eigentlich Deutsch, obwohl die Bücher auf Hebräisch verfasst sind.»
Menschliche Wärme erfährt er nach dem Holocaust von anderen Überlebenden, die zum halbkriminellen Milieu gehören. «Sie haben mir die Liebe zum Menschen, zum Leben zurückgegeben», sagt Appelfeld über die Mitglieder seiner ‹zweiten› Familie, die bei Tel Aviv in Zelten lebten. «Sie schmuggelten Zigaretten, tauschten Geld.» «Auf gewisse Weise war es logisch. Leute, die das Lager überlebt hatten, konnten nicht als Beamte arbeiten, auf dem Sessel sitzen und Zeitung lesen.»
Bücherauswahl von Aharon Appelfeld
‹Geschichte eines Lebens›
‹Tzili›
‹Blumend der Finsternis›
‹Der eiserne Pfad›
‹Alles, was ich liebte›
‹Elternland›
‹Badenheim›
‹Zeit der Wunder›
‹Der unsterbliche Bartfuss›
(sda dpa/Sara Lemel/ew)