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War es Schicksal, Vorbestimmung oder einfach nur eine kurze, unbedeutende Zufallsbegegnung? Als Tina in einer dunklen Herbstnacht mit ihrem Auto um die Ecke bog, sah sie ihn. Er sass am Strassenrand, den Kopf hoch aufgerichtet und schaute in die dunkle Nacht. Seine grossen Augen blitzten in den Scheinwerfern und seine weisse Brust verlieh ihm etwas Majestätisches. Sie versuchte anzuhalten. Es war nicht leicht, denn auf dieser Schnellstrasse durfte man nicht ohne Gefahr irgendwo anhalten. Am rechten Strassenrand weiter vorne gab es eine kleine Haltemöglichkeit.
Sie verlangsamte ihr Tempo währenddem sie ihn im Rückspiegel im Auge behielt. Er durfte nicht weglaufen, sie wollte ihn genauer sehen. Noch immer sass er da, unbewegt, den Blick starr zum Himmel gerichtet.
Hoffentlich würde er sie nicht entdecken und wegrennen! Tina stieg aus und schloss leise die Wagentüre. Nun war sie etwa 20 Meter von ihm entfernt und konnte ihn trotz Dunkelheit begutachten. Er war ein richtiger Prachtkerl. Bestimmt war er recht gross und stämmig. Sie konnte genau erkennen, dass es sich um einen Langhaarkater handelte. Er hatte eine grosse, weisse Brust, die sich vom Dickicht deutlich abhob. Die Stirn war dunkel getigert und aus den Ohren lugten die langen Haare hervor, für Langhaarkatzen typisch. Die Augen waren weit geöffnet, um allfällige Gefahren schnell zu erkennen. So sass er da, unbeweglich, als sei er eine Statue.
Wo er wohl wohnte? Was hatte ihn denn in diese Wildnis geführt? Hier gab es weit und breit keine Häuser oder Bauernhöfe. Lediglich die Schnellstrasse, die dem Rhein entlang führte, verband zwei entfernte Ortschaften. Am Ufer gab es einen
kleinen wild überwachsenen Grünstreifen. Bäume und Gebüsche verunmöglichten dem Menschen ein Eindringen. Spa-ziergänger nutzten das Trottoir der anderen Strassenseite. Das Rheinufer war zu verwildert und es gab auch keinen anständigen Spazierweg. Deshalb war es hier mehr oder weniger menschenleer. Nur ein etwa 50 Meter breiter Streifen war gerodet und eingezäunt. Ein älterer Mann hatte hier in mühsamer Arbeit einen kleinen Schrebergarten angelegt, in dem er Gemüse und Salat anbaute. Ein kleiner Schuppen, in dem er sein Gerät untergebracht hatte, war der einzige Unterschlupf weit und breit. Man sah den Alten jedoch selten in seinem Garten, verständlich in dieser doch schon kühlen Jahreszeit.
Manchmal kamen Fischer des nahe gelegenen Fischerclubs zu ihrem Treffen, dem Wettfischen. Dann sassen sie stundenlang am Rheinufer und hielten ihre Angelruten ins Wasser. Sie waren sehr ruhige Leute, die mehr oder weniger unbeweglich auf einen guten Fang hofften. Sie liessen alle ihre gefangenen Fische nach dem Wägen wieder frei. Der wilde Kater hatte sie schon oft beobachtet. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, als sie ihren Fang hochhielten. Doch seine Scheu war zu gross, um näher zu kommen und um einen Fisch zu betteln. Er hatte sie nur von weitem beobachtet und sich gewünscht, sie liessen einen Fisch für ihn zurück. Stattdessen schrieben sie das Gewicht des Fanges auf einen Zettel und liessen den zappelnden Leckerbissen wieder frei. Er konnte sie nicht verstehen, denn in seinem Magen war immer Platz für einen frischen Fisch.
Er sass noch immer da und beobachtete Tina von der gegenüberliegenden Seite. Was sie da wohl suchte? Nur selten hielt hier ein Auto. Die meisten brausten mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorüber. Bis jetzt hatte ihn noch niemand entdeckt. Er wusste genau, wie man sich verstecken konnte. Mit seinem dunklen Fell war er im Dickicht kaum zu erkennen. Doch diese Frau hatte ihn gesehen. Was wollte sie von ihm? Was hatte sie vor?
Sie standen sich gegenüber, sie auf der einen, er auf der anderen Strassenseite, und schauten sich mit fragendem Blick an. Tina war noch immer auf der Suche nach ihrer entlaufenen Katzendame Wulli. Seit Monaten hielt sie überall Ausschau nach ihr. Ihrem Blick entging nichts, wenn sie unterwegs war. Es war nicht das erste Mal, dass sie irgendwo anhielt und einer Tierspur nachging. So war es auch heute Abend. Sie hatte die Katze gesehen, die Wulli enorm glich. Erst jetzt, wo sie ihn aus der Nähe sehen konnte, wusste sie, dass er nicht ihre Wulli war. Er war viel grösser und etwas heller getigert als die vermisste Katzendame. Ueber sein Gesicht zog sich das gleiche weisse Dreieck wie bei Wulli. Mund, Nase, Stirn und die ganze Brust waren strahlend weiss. Der Rest des Katers war braun getigert. Neben seinen Beinen sah man den buschigen Schwanz. Er war ein grosser und traumhaft schöner Kater. Obwohl er wild lebte, waren die Brusthaare schneeweiss, ein Zeichen dafür, dass er sich regelmässig putzt und sauber hält.
Sie schaute erst links, dann rechts, bevor sie langsam die Strasse überquerte. Dazu redete sie leise auf ihn ein. "Musst keine Angst haben, ich mach dir nichts". Er kannte solche Worte und wusste, dass die Menschen sie auch dann brauchten, wenn sie es mit den Tieren nicht gut meinten. Sie hatten ihm weh getan und ihn angelogen. Er spürte ein ungutes Gefühl. Was sollte er nur machen? Seine Angst war gross, doch die Neugier hielt ihn noch zurück.
Tina kam näher und der Kater wurde immer unruhiger. Die fremde Frau war schon sehr nahe und und Panik kam in ihm hoch. Langsam zog er sich einen Meter zurück. Sie liess jedoch nicht locker. Sie hielt etwas in ihrer Hand, die sie ihm entgegen streckte. Noch immer sprach sie mit ihm. Ihre Stimme tönte angenehm und weich, doch wusste er nicht, ob er ihr trauen konnte. Er war im Dilemma. Er hatte furchtbare Angst. In ihrer Hand roch es nach Futter. Zwischen ihren Fingern konnte er Trockenfutter erkennen. Sein Magen war leer, der Hunger gross. Viel Zeit zum Ueberlegen gab es nicht, fressen oder abhauen?
Zahlreiche Bilder aus der Vergangenheit gingen ihm durch den Kopf, Bilder, die ihn in seinen Träumen plagten. Er hatte kein Vertrauen mehr zum Menschen. Sie hatten ihn misshandelt und ihm seinen Stolz geraubt. Es hatte lange gedauert, bis er sich an die Wildnis und deren Tücken gewöhnt hatte. Nun war er ein wilder Kater geworden. Er liebte seine Freiheit. Den Menschen hatte er den Rücken gekehrt, zu sehr hatten sie ihn enttäuscht.
Nein, er durfte dieser Frau nicht trauen, auch wenn das Futter in ihrer Hand noch so gut roch. Er ergriff die Flucht und rannte hinunter zum Ufer. Hinter sich hörte er ihre Stimme, die ihm nachrief "Ich lege das Gudigudi hierher, dann kannst es dir später holen".
Als er weit genug von ihr entfernt war, hielt er inne. Er verkroch sich unter einen Busch und drehte sich nach ihr um. Sie legte das Futter an die Stelle wo er vor wenigen Minuten noch gesessen hatte. Er sah ihren suchenden Blick. Sie schaute sich überall um, doch die Nacht war zu dunkel. Sie konnte ihn nicht mehr entdecken. Enttäuscht ging sie langsam zu ihrem Auto zurück. Er schaute ihr nach bis sie weit genug weg war. Nun war der Moment da, an dem er zum Futter springen konnte. Er verschlang den Leckerbissen sofort und schaute ihr dankbar nach, als sie davonfuhr.
Beiden war nicht klar, was sie von dieser Begegnung halten sollten. Er wusste ja nicht, dass sie ihre Wulli suchte, und sie kannte seine schreckliche Vergangenheit nicht. Sie hatten sich flüchtig kennengelernt und ahnten noch nicht, dass dies der Anfang einer langen und schönen Freundschaft sein würde.
Der Kater schaute ihr noch lange nach. Eine eigenartige Frau, dachte er. Sie hatte nicht viel gesagt, ihm lediglich Futter hingelegt. Sein Bauch war nun voll und er war so satt wie schon lange nicht mehr. Es war ein gutes aber ungewohntes Gefühl. Nun musste er nicht mehr auf die Jagd gehen. Er konnte den Abend in vollen Zügen geniessen. Es war ein guter Tag gewesen.
Er kroch unter dem Zaun hindurch in den Schrebergarten, der die Wildnis vom Rheinufer trennte. Durch die kleine Luke ganz unten konnte er ohne Mühe ins Gartenhaus gelangen. Dort legte er sich auf die Bank, rollte sich in die muffige Wolldecke ein, schaute nochmals zum Himmel hoch und schlief ein.
Er versank in einen sehr tiefen Schlaf. Wie jede Nacht träumte er von den schrecklichen Erlebnissen der Vergangenheit.