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Luigi Rossi: die Kraft liege in seiner Schlichtheit
Matteo Bianchi
“Rossi ist ein Sonderfall. Da ist dieser mitteleuropäische Geist im lombardischen Umfeld seiner Lehrjahre, etwas Unbestimmtes, das ihn den regionalen Schulen fernbleiben lässt, in einem schwierigen figurativen Esperanto isoliert”. Dieses Zitat nimmt den synthetischen Schluss eines im ersten Gemäldekatalog von 1979 enthaltenen Aufsatzes wieder auf, den Rossana Bossaglia diesem “europäischen Künstler” widmet und in dem sie die Frage nach Rossis Identität aufwirft.
Felice Cameroni hatte dieses Thema schon 1899 berührt, als er sich “an den Schweizer-Mailänder-Pariser Rossi” wandte, eine Formulierung, mit der er die Grundzüge einer Identität erfasste, deren Entwicklung sich erst aus der zeitlichen Distanz klar abzeichnet; erst heute lassen sich die vielfältigen poetischen Beweggründe dieses aufrichtigen, sich selber stets treu bleibenden Künstlers nachvollziehen, der zu seinem Stil gefunden hat; eines Künstlers, der, gebildet und spontan zugleich, eine gewisse Spannung in eine, wenn auch schwierige Gelassenheit zu übersetzen suchte, in der Schwebe “zwischen Vorsicht und Ungeduld”, wie Jean Soldini 1985 schrieb.
Entwicklungsmässig lässt sich die komplexe Identitäts - werdung in zwei Momente gliedern, die zunächst mit dem Verhältnis des Künstlers zu den öffentlichen Institutionen zusammenhängen, vor allem aber mit Verschiebungen innerhalb seines Gesamtwerks.
Luigi Rossis Anfänge liegen – von den naturalistischen Landschaften über die Porträts im Stile der “Scapigliatura”, und ganz besonders in den Genreszenen veristischer und sentimentaler Prägung – in der bildnerischen Kultur der Lombardei, die ihm einen Platz unter den an die erste Biennale von Venedig 1895 eingeladenen italienischen Künstlern zuweist. Rossi ist an der Ausstellung mit Scuola del Dolore vertreten, einem Werk, das von der italienischen Königsfamilie erworben wurde, während 1911 an der Mostra del Cinquantenario in Rom Arcobaleno zu sehen ist, ein später vom Bund erworbenes Gemälde.
Von 1890 bis um das Jahr 1910 vollzieht sich in Rossis Werk der Übergang vom Realismus zum Symbolismus: das Zentrum seiner Poetik atmet nun den Geist von Lucini, dessen Wort Rossis bildnerischem Ausdruck entspricht. Es folgen im Wechsel Werke symbolistisch-sozialer und symbolistisch-jugendstilhafter Prägung, die bald im Dienste humanitärer Ideale stehen, bald eine Kunst der Vorstellungskraft unterstützen. Gegen 1895 malt der Künstler L’armée du travail und Rêves de Jeunesse, während um das Jahr 1910 zwei sozial und allegorisch gefärbte Werke entstehen, angelegt als ideelles Diptychon, in dem der geschlossene Raum der mit eisernen Balkongeländern versehenen Stadthäuser (Alveare) mit dem auf eine weite und kalte Alpenlandschaft geöffneten Raum kontrastiert (Canto dell’aurora). Getragen von der Liebe zu den Sujets seiner Malerei – etwa wenn er als “Humorist bis zur Traurigkeit” die subtil-melancholische, mit leiser Ironie durchzogene Stimmung der Illustrationen für Werke seiner französischen Schriftstellerfreunde Alphonse Daudet und Pierre Loti übernimmt – ist Luigi Rossi gefeit vor den “Ismen” seiner Zeit, denen er das Prinzip der Schlichtheit vorzieht, die seine Sprache erreicht, wenn er abseits der herrschenden Konventionen seine Vorstellungen frei umsetzt.
Symbolische Korrespondenzen beleben seine “idealen Figurationen” und sein Werk steht im Zentrum des Austauschs von Wort und Darstellung: als Leser und Illustrator übersetzt er Werke von Daudet und Loti ins Bild, als Maler inspiriert er Lucini, der seine Gemälde in Verse überträgt. Seiner besonderen, eigenständigen und zugleich autonomen Position gegenüber dem System entspricht die Entwicklung einer gelassenen, bei aller Vielfalt nüchternen Sprache, die sich dennoch stets den unterschiedlichsten Lösungen anzupassen vermag. Mit Recht erklärt Rossana Bossaglia, die Kraft liege in seiner Schlichtheit, während die “Vorstellungskunst”, die Grubicy aus Rossis Werken liest, aufrichtig bemüht ist, zu übersetzen, was – um es mit den Worten des Künstlers zu sagen – “die Augen des Geistes sehen”.