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“Der Mann, in dem ich mich verliebte, war ein Werwolf”
Die Wolfskinder Ame und Yuki (Ōkami Kodomo no Ame to Yuki), der neueste Film von Mamoru Hosoda (Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, Summer Wars), für den letztes Jahr eigens ein kleines Studio gegründet wurde, ist am 21.Juli in den japanischen Kinos gestartet. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um ihn in einem Multiplex auf Grossleinwand zu sehen. Hier mein erster Eindruck.
Die Handlung wird aus dem Off erzählt von Yuki, dem älteren der beiden Wolfskinder:
Als die junge Studentin Hana ihn an der Uni während einer Vorlesung erblickt, wird sie neugierig und sucht seine Bekanntschaft. Er, grossgewachsen und still, will zunächst nichts von Hana wissen, aber bald werden beide ein Paar. Eines Winterabends vertraut er ihr ein grosses Geheimnis an: Er ist ein Werwolf, der Letzte seiner Art. Hana hat keine Angst vor ihm und bleibt weiterhin an seiner Seite. Dann wird sie schwanger…
Hana gebärt ihr erstes Kind, Yuki, ein Mädchen, zuhause während einer schneereichen Winternacht. Das zweite Kind, Ame, folgt ein Jahr später während eines Regentags. Yuki entwickelt sich rasch zu einem energischen, aufgeweckten und neugierigen Kind. Ihr jüngerer Bruder Ame hingegen ist schüchtern und bleibt vorwiegend in der Nähe seiner Mutter. Ame und Yuki sind Wolfskinder und können ihre Gestalt auf Anhieb verändern – von Mensch zu Wolf und umgekehrt, was Hana allerlei Sorgen bereitet. Besonders Yuki verursacht mit ihrem Temperament ein Chaos in der Wohnung, und beide knabbern Dinge an so wie es junge Welpen auch gerne tun.
Trotz der anstrengenden Betreuung ist Hana glücklich mit ihrer Familie, doch plötzlich stirbt der Vater während eines tragischen Unfalls. Hana ist nun auf sich alleine gestellt und bekundet zunehmend Mühe mit der Betreuung ihrer Kinder: Die Nachbarn regen sich ab dem Lärm auf, die Behörden werden auf die versteckten Kinder aufmerksam, und sie können sich in der Grosstadt nicht frei herumbewegen. Eines Tages beschliesst Hana, zusammen mit ihren Kindern aufs Land zu ziehen. Sie findet ein altes Landhaus in den Bergen, in unmittelbarer Nähe des Waldes weit weg von der Zivilisation, und macht sich daran, den Garten zu beackern, was ihr zunächst nicht gelingt. Hilfe kriegt sie von einem mürrischen alten Bauern und von der einheimischen Bevölkerung des nächsten Dorfes.
In dieser Umgebung wachsen Ame und Yuki auf ohne Angst zu haben, von Menschen entdeckt zu werden und schreiben sich später in der Grundschule ein. Aber beide müssen sich entscheiden, entweder als Mensch oder als Wolf weiterzuleben. Wie werden sie sich entscheiden? Wie steht ihnen Hana bei ihrer Entscheidung zur Seite?
Meinung:
Ōkami Kodomo no Ame to Yuki ist ein etwas waghaltiger Versuch von Mamoru Hosoda, ein möglichst breites Publikum anzusprechen: Kinder sollen Freude am märchenhaften Aspekt der Geschichte haben, junge Erwachsene, allen voran Frauen, sollen sich mit der Liebesgeschichte zwischen der Studentin Hana und dem mysteriösen Wolfsmann anfreunden und Eltern sich mit der Geschichte um Hana als alleinerziehende Mutter identifizieren. Ist Hosodas Experiment gelungen? Ich denke Jein.
Die einzelnen Aspekte des Films sind an und für sich gut erzählt und erlauben einen ruhigen, durch lange Musikpassagen unterlegten intimen Einblick in eine kleine Familie mit lebensfrohen Kindern, die die Welt allmählich entdecken und einer alles für ihre Kinder aufopfernden Mutter, die nie verzweifelt. Freilich ist der Film nicht ganz frei von Kitsch und Pathos, was sich vor allem dann bemerkbar macht, wenn die Kinder mit ihrer Mutter in der idyllischen Natur herumtollen oder wenn im späteren Verlauf der Handlung die Probleme der heranwachsenden Ame und Yuki und die darausfolgenden Konsequenzen behandelt werden.
Das Hauptproblem des Films ist, dass die Geschichte über einen Zeitraum von 13 Jahren erzählt wird und es unter anderem dadurch keinen einzelnen Handlungsbogen gibt, der eine klare Botschaft vermittelt und der es den Zuschauern erlaubt, den Film zur eigene Orientierung auch zu klassifizieren. Ist Ōkami Kodomo no Ame to Yuki ein tragischer Liebesfilm zwischen zwei jungen Erwachsenen, was auch erklärt, dass man deren Rollen mit den prominenten Schauspielern Aoi Miyazaki und Osawa Takao besetzt hat? Ist es ein Drama über Mutterliebe und Aufopferung, ein moderner Verschnitt des „Haha-Mono“? Ist es ein Loblied auf die Natur und die Hilfsbereitschaft der Nachbarschaft? Oder ist es doch eher ein märchenhafter Film über das Heranwachsen zweier unterschiedlicher Kinder und Fragen zu ihrer Identifikation, so wie es das letzte Drittel des Films einen nahelegt?
Ōkami Kodomo no Ame to Yuki will alle Sachen zugleich sein, was doch etwas zuviel des Guten ist und ihn in meinen Augen nicht ganz auf der gleichen Stufe stellt wie Hosodas beide anderen Filme, Tokikage Shoujo und Summer Wars. Nichts desto trotz lohnt es sich, den Film wenigstens einmal zu sehen, schon alleine wegen den teils überzeugenden Animationen der Wolfskinder und der Erwachsenen (von hässlichen CGI-Personen im Hintergrund zu Beginn des Films und teils etwas bizarre Character Designs von Sadamoto Yoshiyuki einmal abgesehen), der grossartigen Leistung der Synchrosprecher (allen voran Yukis Sprecherin im jungen Kindealter, Ōno Momoka), der leichtherzigen Atmosphäre des Mittelteils mit kleinen humoristischen Einlagen und den detailierten Hintergründen der japanischen Natur. Empfehlenswert mit Vorbehalten.
Offizieller Trailer:
http://www.youtube.com/watch?v=SnliVCC3DRo