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Am Montag entschied der Internationale Eishockey-Verband (IIHF) bei einem virtuellen Treffen, den im Herbst geplanten Kongress in St. Petersburg abzusagen. Da eine physische Versammlung wegen der Coronavirus-Pandemie nicht möglich ist, folgte der Kongress dem Vorschlag, die Neuwahlen zu verschieben und das Mandat der derzeitigen Führungsriege um den Präsidenten René Fasel bis 2021 zu verlängern.
Im Interview mit den FN erklärt der nunmehr seit 26 Jahren mächtigste Mann im Eishockey, wie es zu seiner Karriere als Sportfunktionär kam, und spricht über seine Beziehung zu Wladimir Putin.
René Fasel, wegen Corona bleiben Sie entgegen Ihren Plänen ein weiteres Jahr IIHF-Präsident. Das passt zu einer früheren Aussage von Ihnen, dass vieles im Leben auf Zufällen beruht.
Das stimmt. Ich denke etwa an meine Karriere als Schiedsrichter, die ein Zufall war. Die Funktion als Schiedsrichter-Obmann beim Schweizer Eishockey-Verband habe ich auch nicht gesucht, so wie später das Amt des Präsidenten auch nicht. Was hingegen kein Zufall ist, ist die Leidenschaft für das Eishockey. Die gibt mir heute noch Energie, und diese Leidenschaft werde ich auch nicht verlieren, wenn ich meine Funktion als IIHF-Präsident abgeben werde.
Warum hat es eigentlich damals nicht für eine Karriere als Spieler gereicht?
Ich war schlicht zu wenig gut. Ich begann erst mit 15 Jahren mit dem Eishockey und hatte zwar ein grosses Herz, aber wenig Talent. Ich konnte zwei, drei Spiele mit dem Fanionteam von Gottéron bestreiten, aber es hat nicht gereicht. Der damalige Sportchef Benedikt Zablonier wollte mich dann zu Düdingen transferieren, aber ich wollte nicht in der 2. Liga spielen. Weil ich in den Trainings oft nicht Teil einer Linie war, habe ich viel gepfiffen. Da habe ich Lust bekommen, Schiedsrichter zu sein.
Als Referee starteten Sie dafür umso schneller durch.
Für mich war das ein anderer Weg, um im Eishockey bei den Top-Leuten sein zu können. Ich konnte sehr gut Schlittschuhlaufen und kannte die Regeln. So hatte ich einen Vorteil gegenüber den anderen. In meinem vierten Jahr konnte ich bereits Nationalliga-Spiele pfeifen.
1985 wurden Sie Präsident des Schweizer Eishockey-Verbands. Wie kam es dazu?
In diesem Jahr fand in Freiburg die B-WM statt. OK-Präsident Anton Cottier fragte mich, ob ich helfen könne, weil ich als internationaler Schiedsrichter die Leute kenne und gut Englisch sprechen könne. Ich war dann 14 Tage voll dabei als Zahnarzt, Schiedsrichter-Obmann und vieles andere. Es war eine tolle Zeit. Die Schweiz stieg allerdings nicht auf, und der Verband hatte interne Probleme. Niemand wollte Präsident werden. Eines Tages rief mich Peter Bosshart (damaliger Präsident des EHC Arosa – Red.), der immer ein Dilemma mit den Schiedsrichtern hatte, an und sagte mir, er müsse mich sehen. Ich zog nicht mal eine Krawatte an und entgegnete ihm zunächst, dass er spinne, als er sagte, ich solle das Präsidentenamt übernehmen. Dann jedoch habe ich mir gesagt, warum nicht? So wurde ich 1985 Verbandspräsident. Kurze Zeit später hatte ich in Moskau mit dem IIHF-Präsidenten eine Auseinandersetzung, dann wurde ich in Colorado in den Kongress des Weltverbands gewählt. So begann die internationale Karriere.
Die Sie 1994 bis an die Spitze des internationalen Eishockey-Verbands führte und ein Jahr später zum Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Was steckt hinter Ihrer langen Karriere als Sportfunktionär?
Ich kann nicht schweigen. Wenn ich das Gefühl habe, etwas ist nicht fair, muss ich einfach den Mund aufmachen. Oft wurde gesagt: Wenn du es besser weisst, dann mach es doch selber – und so kam es.
Sie waren einst auch Grossrat im Kanton Freiburg. Warum war die Politik langfristig nichts für Sie?
Auch hier war es Anton Cottier, der mich überzeugt hatte, mich auf die CVP-Liste zu setzen. Ich kam als Seiteneinsteiger in die Politik und habe den einen oder anderen Fehler gemacht. 1991 war ich Nationalratskandidat und war der Erste auf der Ersatzliste, habe dann aber verzichtet. Die Politik ist eine spezielle Welt, das begreife und respektiere ich. Es war eine sehr lehrreiche Zeit. Wenn ich heute den IIHF-Kongress führe, ist das auch wie ein Parlament. Die Erfahrungen aus der Politik mit Motionen oder Vorstössen haben mir dabei wahnsinnig geholfen.
Ihre Offenheit zeichnet Sie aus, trotz Ihrer Position ist der Zugang zu Ihnen völlig unkompliziert …
Ich mag die Menschen, ich höre ihnen zu. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb die Leute auch mich gerne haben. Auch wenn ich nun 25 Jahre weg bin, spreche ich noch immer den Sensler Dialekt, obwohl ich hier in Zürich oft nicht verstanden werde (lacht). Ich bin so, wie ich bin. Und ich hatte viel Glück in meinem Leben, war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.
Sie zählen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der von vielen kritisch gesehen wird, zu Ihren Freunden. Sie kennen den Menschen Putin. Wie nehmen Sie ihn wahr?
Man sollte prinzipiell immer den Menschen sehen. Während des Zahnarzt-Studiums hat einer meiner Professoren gesagt – und das werde ich nie vergessen –, dass am Zahn, den man behandelt, ein Mensch dranhängt. Putin ist ein ganz anderer, als er in unseren Medien beschrieben wird. Er geht sehr respektvoll mit den Leuten um, da habe ich schon ganz andere kennengelernt. Man darf nicht vergessen, Russland ist das grösste Land der Erde, es ist dort sehr kompliziert. So ein Land zu führen, ist nicht einfach. Man kann Russland nicht mit dem Verstand verstehen, nur mit dem Herzen. Russland ist speziell. Ich habe das Land schon immer gemocht, auch weil meine Mutter oft mit mir über Russland gesprochen hat.
Es überrascht deshalb nicht, dass Sie sich vorstellen können, Ihr Wissen und Ihre Kontakte künftig den Russen zur Verfügung zu stellen …
Mein Ziel ist tatsächlich, richtig Russisch zu lernen. Ich habe viele Freunde dort und könnte helfen, wenn ich die Möglichkeit dazu bekomme. Ich verstehe mich als Brückenbauer, das war ich schon als Zahnarzt. Heute versuche ich es auf dem diplomatischen Weg, indem ich probiere, die Menschen zusammenzubringen. So wie es uns an den Olympischen Winterspielen 2018 gelang, als Nord- und Südkorea ein gemeinsames Frauenteam stellten, oder aber mit den Olympia-Teilnahmen der NHL-Spieler. Wenn es einen Streit zwischen Verbänden gibt, stehe ich immer bereit, um zu schlichten.
Sie haben vor fast einem Vierteljahrhundert ihre Heimat und die Stadt Freiburg verlassen. Werden Sie jemals zurückkehren?
Ich möchte zu meinen Wurzeln zurückkehren, aber dafür ist es noch ein wenig zu früh, zuerst wartet noch Russland auf mich. Aber es ist so: Freiburg ist meine Stadt. Bis es so weit ist, habe ich zusammen mit meinem Bruder dafür gesorgt, dass wir ein paar Sitzplätze im neuen Freiburger Eishockey-Stadion haben. Ich freue mich sehr darauf, mit ihm ein paar Gottéron-Spiele zu besuchen.
Zur Person
Schiedsrichter, Zahnarzt, Funktionär
René Fasel, geboren am 6. Februar 1950 in Freiburg, ist verheiratet und hat vier Kinder. 1977 schloss er sein Studium in Zahnmedizin erfolgreich ab, anschliessend praktizierte er in seiner eigenen Praxis im Perolles. Der einstige Gottéron-Junior schaffte den Sprung in die erste Mannschaft nicht und beendete seine Spielerkarriere 1972. Er wechselte die Seiten und wurde Schiedsrichter – mit zahlreichen Einsätzen bei internationalen Spielen. Von 1982 bis 1985 war er Vorsitzender der Schiedsrichter-Kommission im Schweizer Eishockey-Verband (SEHV). 1985 folgte die Wahl zum SEHV-Präsidenten. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied vom Kongress des Internationalen Eishockey-Verbands (IIHF). 1994 stieg er zum IIHF-Präsidenten auf. In dieser Funktion ist der Freiburger seit 1995 auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees.
Die Pandemie und der Sport
«Sonst gibt es eines Tages einen grossen Knall»
Sein Ziel sei es gewesen, sein Amt als IIHF-Präsident im September in St. Petersburg abzugeben, sagt René Fasel. «Mit der Pandemie wäre es aber nicht möglich gewesen, dass Vertreter aus 81 Ländern nach Russland reisen. Da war es logisch, dass wir auf Nummer sicher gehen und die Wahlen um ein Jahr verschieben.» Er wolle jedoch nicht den Eindruck vermitteln, dass er unbedingt weitermachen wollte. «Aber natürlich mache ich die Arbeit gerne weiter. Es ist kein Müssen, sondern ein Dürfen.»
Für den IIHF habe die Absage der diversen Weltmeisterschaften, allen voran die A-WM in der Schweiz, zum Glück finanziell keine Konsequenzen. «Wir haben vor Jahren eine Risikoanalyse gemacht, weil die Weltmeisterschaften unsere Haupteinnahmequelle sind. Wir haben den Rat befolgt, eine Versicherung abzuschliessen. Damals stand nach verschiedenen Anschlägen eigentlich der Terrorismus im Vordergrund, den Fall einer Pandemie nahmen wir per Zufall mit rein», erklärt Fasel. Dass das einmal eintreffen werde, daran habe man nie gedacht. So erhielt der IIHF eine beträchtliche finanzielle Entschädigung. Geld, das auch an Landesverbände ging. «Das wurde sehr geschätzt.»
Für einen Salary Cap
Sorge bereitet Fasel, dass etwa auch in der Schweiz viele Clubs wegen der Pandemie in arge finanziellen Nöte geraten sind, weil viele Vereine von der Hand in den Mund leben. «Dieses Problem ist schon lange bekannt. Viele Clubs leben über ihren Verhältnissen. Sie könnten nicht überleben, hätten sie nicht einen Mäzen im Hintergrund.» Die Corona-Krise sei die Gelegenheit, über die Bücher zu gehen. Fasel begrüsst deshalb die Bestrebungen in der National League, einen Salary Cap zu installieren. «Ich höre immer die Ausrede, dass das rechtlich nicht möglich sei. Das stimmt nicht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»
Als Beispiel führt Fasel die französische Liga an, die wie die KHL bereits mit einem solchen Modell operiere. «Die Zahlen in Frankreich sind natürlich ganz anders, dort liegen die Budgets zwischen zwei und drei Millionen Euro. Und dennoch hat die Schweiz an den Weltmeisterschaften Mühe gegen die Franzosen. Qualität ist keine Sache der finanziellen Möglichkeiten.» Die Ausgangslage in der Schweiz sei eine andere als in Schweden oder Finnland, wo offensichtlich vorsichtiger mit dem Geld umgegangen werde. Ganz grundsätzlich prangert der Freiburger an, dass in der Schweiz nicht genug Geld in den Nachwuchs investiert werde. «Er ist die Zukunft, das geht allzu oft vergessen.»
Überhaupt sei der Mensch vergesslich. Darum steht Fasel skeptisch der These gegenüber, die besagt, dass sich der Sport durch die Krise nachhaltig verändern und demütiger werde – gerade was die teils horrenden Summen anbelange. «Das sieht man schon jetzt während der Pandemie. Ich war letztes Wochenende einkaufen, und die Leute haben sich so verhalten, als ob nichts passiert sei. Ich weiss nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll.» Er hoffe, dass die Verantwortlichen im Sport dennoch ihre Lehren aus der Krise ziehen. «Sonst gibt es eines Tages einen grossen Knall.»