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Die Herbstkonzerte stehen schon vor der Tür und wir stellen Ihnen gerne unser neues Programm mit dem Werkbeschreib von Iris Eggenschwiler vor.
Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 – 1893)
Violinkonzert D-Dur Op. 35
Violine: Elea Nick
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Sinfonie Nr. 4 B-Dur Op. 60
Leitung: Marc Urech
Chaotische Zustände
Ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört, fragte der Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick 1881 in der Neuen Freien Presse, nachdem die Uraufführung von Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Violinkonzert in einem Tumult geendet hatte. Laut dem Solisten Adolph Brodsky sollen sich dabei Befürworter und Gegner des Stücks heftige Wortgefechte geliefert haben, die sich in die Presse weitertrugen und sich in wilde nationale Klischees ergossen. Die Rede ist von «wildestem russischen Nihilismus», Hanslick sieht sich im Finale «in die brutale und traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt», spricht von «wüsten und gemeinen Gesichtern», «rohen Flüchen», sogar «den Fusel» meint er zu riechen. Bei der russischen Erstaufführung in Moskau 1882 erzielte das kontroverse Stück dann aber einen grossen Erfolg und ist seither eines der bekanntesten und wichtigsten Violinkonzerte.
«Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine zerzaust, gerissen gebläut. Ob es überhaupt möglich ist, diese haarsträubenden Schwierigkeiten rein herauszubringen, weiß ich nicht, wohl aber, daß Herr Brodsky, indem er es versuchte, uns nicht weniger gemartert hat, als sich selbst.»
Eduard Hanslick, Neue Freie Presse, Wien, 1881
Entstanden war das Werk in Clarens am Lac Léman, wo sich Tschaikowsky von seinem dreimonatigen Ehefiasko erholte, auf das er sich trotz seiner Homosexualität eingelassen hatte. Begleitet vom Bruder Modest und dem Kompositionsschüler und Violinisten Iosif Kotek, der den Komponisten spieltechnisch beriet, schrieb Tschaikowsky, nach überstandener Krise vom «unerklärlichen Feuer der Inspiration» erfüllt (so der Komponist an die Mäzenin Nadeschda von Meck), das Werk in rund drei Wochen nieder.
Ludwig van Beethoven schrieb seine 4. Sinfonie während eines Sommeraufenthalts auf Schloss Grätz bei Troppau (Opava) bei seinem Gönner Karl von Lichnowsky. Der Auftraggeber war der befreundete Graf Franz von Oppersdorf, der im schlesischen Oberglogau (Głogówek) eine Sommerresidenz besass, wo ihn Beethoven mehrmals besuchte. Mit dem Fürsten Lichnowsky geriet der Komponist in dieser Zeit in einen grossen Streit, als jener von ihm verlangte, vor französischen Offizieren zu spielen.
«… wenn nicht Graf Oppersdorf und einige andere gewesen wären, so wäre es zu einer derben Schlägerey gekommen, denn Beethoven hatte den Stuhl schon aufgehoben, um ihn auf des Fürsten Kopf in seinem eigenen Hause zu zerbrechen, nachdem der Fürst die Zimmerthür die Beethoven nicht aufmachen wollte, zertreten hatte, wenn Oppersdorf ihm nicht in die Arme gefallen wäre.»
Ferdinand Ries an Franz Gerhard Wegeler, Frankfurt 1837
Graf Oppersdorf war, wie jeder Adelige, der etwas auf sich hielt, ein grosser Musikliebhaber und unterhielt ein eigenes Orchester, das richtig gut gewesen sein muss, denn die Vierte stellt grosse Anforderungen an die Virtuosität und das Zusammenspiel der einzelnen Orchestermitglieder – sogar für die Pauke hat Beethoven im 2. Satz ein augenzwinkerndes Solo geschrieben. Zwischen den beiden «Nordlandriesen» (Robert Schumann), der Eroica (Nr. 3) und der «Schicksalssinfonie» (Nr. 5) stehend, schlägt die Vierte im Gegensatz zu diesen einen über weite Strecken unbeschwerten, ausgelassenen Ton an. Wie später die Fünfte oder die Neunte bringt auch die Vierte einen inszenierten Durchbruch von Moll nach Dur, aber nicht erst im Finale, sondern bereits im Kopfsatz: die geheimnisvolle, sich im Mollbereich bewegende langsame Einleitung führt dabei in ein heiteres B-Dur, das vor Haydnscher Eleganz und Humor fast überschäumt. Ob Beethoven im Stillen an die Vorstellung des Chaos in Joseph Haydns berühmtem Oratorium Die Schöpfung gedacht hat?
Iris Eggenschwiler