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Olympiasiegerin Leu verschwand spurlos
Eine Rolle vorwärts kostete der Schweizer Top-Skiakrobatin Evelyne Leu den Finalplatz im Springen. Die Olympiasiegerin scheiterte als 16. der Qualifikation völlig überraschend vorzeitig.
Nach dem Crash war die Enttäuschung bei normalem Verlauf des Wettkampfs nicht mehr abzuwenden. Am Ende büsste Leu auf die zwölftplatzierte Amerikanerin Ashley Caldwell über sechs Punkte ein. Ohnehin chancenlos war Tanja Schärer (19./143,46).
Spurlos verschwunden
In Turin vor vier Jahren war die Baslerin mit fabelhaften Tricks ins Rampenlicht gesprungen. Die Geschichte wiederholte sich nicht. Im Gegenteil: Leu stürzte ab. Ausgerechnet im letzten internationalen Wettkampf ihrer 16-jährigen Karriere verschwand sie auf der Schattenseite und fast spurlos von der Bühne.
"Es ist schon sehr, sehr frustrierend, auf diese Weise aufzuhören. Das ist eine schwierige Situation", rang Leu nach dem Out um erklärende Worte. Den technischen Grund für die völlig missratene Landung eruierte sie schnell: "Ich war zu kurz." Fakt war also, dass sie zu spät zur letzten Drehung angesetzt hatte.
Ein solches Missgeschick ist der vierfachen Olympia-Teilnehmerin nicht zum ersten Mal passiert. 2002, nach dem Weltrekord in der Qualifikation, schlitterte sie zweimal kopfüber durch die Landezone. "Es kommt bei mir relativ viel vor und heute zahle ich einen hohen Preis dafür."
Kein taktischer Fehler
Nach dem ersten Durchgang deutete nichts auf den vorzeitigen Abschied der Championne hin. Leu stand den schwierigen "Full Full Full" -- drei Saltos mit drei Schrauben -- ausgezeichnet und schwenkte als Fünfte mit guten 93,75 Punkten früh auf Finalkurs ein.
Der Plan, mit dem minim weniger riskanten Manöver "Lay Full Full" den Platz in den Top 12 zu sichern, missriet dann quasi ohne Vorwarnung. Obschon Leu eine Schraube weniger drehte, geriet sie in "Zeitnot" und drehte unfreiwillig einen vierten Salto -- zu ihrem grossen Nachteil aber erst im Schnee.
Michel Roth, seit bald 20 Jahren im Business, sprach in einer ersten Analyse von einer der bittersten Stunde seiner Coaching-Laufbahn: "Das tut sehr weh." Die Taktik, trotz guter Klassierung auch im zweiten Durchgang auf einen Dreifach-Salto zu setzen, sei gleichwohl richtig gewesen.
"Heutzutage braucht man bei einem Doppel-Salto drei Schrauben, um auf sicher gehen zu können. Das beherrscht Evelyne nicht", erklärte Roth. Der Einschätzung pflichtete die Athletin selber auch bei: "Mit meinem Doppel-Salto liegt überhaupt nichts drin."
Unvorbereitet gesprungen
Die Erinnerung an die Tage in der weitgehend schneefreien Zone von Cypress Mountain würde Leu wohl am liebsten so rasch wie möglich aus ihrem Gedächtnis verbannen. Die Misere begann früh. Gleich im ersten Training war sie schwer gestürzt und musste zwei Tage lang pausieren. Das Handicap wog nun doppelt so schwer.
"Mir fehlte ein kompletter Trainingstag für die Dreifachsprünge. Das ist natürlich nicht gerade ideal", führte Leu aus und sprach davon, unvorbereitet gewesen zu sein. "Ich trainierte ja gestern (Freitag) erst zum ersten Mal wieder richtig und musste sofort Gas geben."
Abschied aus dem Freestyle
Leu wird nun noch bis zum Ende der Winterspiele in Vancouver bleiben. Ob sie dem ungeliebten Berg-Resort aber nochmals einen Besuch abstatten wird, ist höchst ungewiss. "Ich weiss nicht genau, was ich jetzt tun werde. Zuerst muss ich mal diesen harten Schlag verdauen."
Mitte März ist ein letzter Auftritt in Meiringen-Hasliberg geplant. Der Europacup-Wettkampf ist zugleich auch die Derniere der während Jahren besten Schweizer Springerin. "Ich bin froh, dass es dann vorbei ist." Ein Comeback im Trainerbereich schliesst Leu kategorisch aus: "Nein, ganz bestimmt nicht."
Nach der Karriere wird Leu die Rückkehr in den beruflichen Alltag forcieren und sich zur Marketing-Fachfrau ausbilden lassen. Die Erfahrungen aus dem Sport könnten hilfreich sein, denkt sie: "Ich habe mich in Extremsituationen kennen gelernt. Das wird mich im Leben weiterbringen." (si)
Resultate:
Skiakrobatik. Springen. Frauen, Qualifikation: 1. Alla Zuper (WRuss) 195,76. 2. Li Nina (China) 192,10. 3. Guo Xin Xin (China) 189,16. 4. Cheng Shuang (China) 180,91. 5. Emily Cook (USA) 180,25. 6. Lacy Schnoor (USA) 169,51. 7. Oli Sliwez (WRuss) 169,39. 8. Xu Mengtao (China) 168,55. 9. Lydia Lassila (Au) 167,55. 10. Elizabeth Gardner (Au) 164,60. 11. Jacqui Cooper (Au) 162,99. 12. Ashley Caldwell (USA) 162,34. Ferner (und nicht im Final): 16. Evelyne Leu (Sz) 155,50. 19. Tanja Schärer (Sz) 125,73. -- Die besten 12 qualifizierten sich für den Final.