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John Lennons Ermordung
George Martins Rückkehr und Aufnahmen in Montserrat
die Wings werden flügellahm
von Metaphern, der Rasse und von Hits
die weiteren Songs
die Videoclips
die Versionen
Rezeption und Statistik
«Die Musik machte grossen Spass und wir tagen das, was wir machen wollten. Und dann noch mit all den Gästen zu spielen, das war der grosse Bonus», erinnert sich Paul McCartney in der «Archive Collection» an die Aufnahmen zu «Tug Of War». Für die Produktion engagierte er zum ersten Mal seit «Live And Let Die» Beatles-Produzent George Martin. «Ich mag ihn wirklich als Produzenten und wenn du mit Leuten arbeitest die wirklich gut sind, ist es viel einfacher», so Paul einem anderen Interview.
Dass er zum ersten Mal seit den Beatles-Tagen wieder ein Album mit George Martin aufnahm, half McCartney bestimmt, besser mit den hohen Erwartungen an ihn und sein erstes Album nach John Lennons Tod umzugehen.
John Lennons Ermordung
Um 22.48 h lokaler Zeit am 8. Dezember 1980 feuerte Mark David Chapman mehrere Schüsse auf John Lennon ab. Das Attentat geschah vor dem Eingang des Dakota an der Ecke 72nd Street/Central Park West in New York, worin John Lennon und Yoko Ono ein Appartement besassen und in dem Yoko Ono heute noch lebt. Am Nachmittag, als Lennon das Haus verliess, um ins Record Plant Studio zu fahren, hatte Chapman bereits auf ihn gewartet, John signierte ihm die LP «Double Fantasy». Als die Polizei am Tatort eintrafen, entschieden die beiden Beamten, nicht auf die Ambulanz zu warten, zu kritisch war Lennons Zustand, sondern fuhren ihn im Streifenwagen ins Roosevelt General Hospital, wo er kurz nach Einlieferung um 23.07 Uhr, gut zwanzig Minuten nach den Schüssen, verstarb.
Eines der letzten Fotos von John Lennon zeigt, wie er seinem späteren Morder Mark David Chapmans ein Autogramm gibt.
In Europa ging es bereits auf die Morgenstunden zu, so dass viele, auch Familie McCartney, den Tag begannen, ohne etwas von der Tragödie vernommen zu haben. Als Linda McCartney die Kinder zur Schule gebracht hatte und zur heimischen Farm bei Rye in Sussex zurückgekehrt war, tigerte Paul vor der Haustür auf und ab.
«Schon als ich ihn sah, wusste ich, dass etwas schreckliches passiert sein musste», erinnerte sie sich. «Ich habe ihn noch nie zuvor so gesehen, er war verzweifelt, weinte.» Pauls Manager Peter Shrimpton hatte angerufen und Paul die traurige Nachricht überbracht. Linda führte Paul in die Küche, wo er schon bald von einer Panikattacke heimgesucht wurde: Er wäre bestimmt der nächste. Und noch viel schlimmer, jemand könnte es auf Linda und die Kinder abgesehen haben.
Es war wiederum das Telefon, das zur Normalität rief. George Martin war am Apparat:
«Paul, du möchtest heute verständlicherweise nicht arbeiten, oder?», fragte er. Doch am Nachmittag sassen sie in Martins AIR Studio in London und versuchten mit Arbeit über den Schock hinweg zu kommen. Auch George Harrison regierte ähnlich. Er nahm an diesem Tag in seinem Heimstudio in Firar Park neue Musik auf. Einer seiner Begleitmusiker an diesem Tag war Schlagzeuger Dave Mattacks, der ein paar Wochen bei Paul spielen sollte.
Neben gelegentlichen Besuchen von den McCartneys bei den Lennons war es am 28. März 1974 im Record Plant Studio in Los Angeles zu einer letzten Jamsession gekommen von John Lennon und Paul McCartney gekommen, bei der auch Steve Wonder mitgewirkt hatte. Es war das letzte Mal, dass die beiden miteinander musiziert hatten. Die nächsten Jahre blieben sie in Kontakt. Paul erzählte in mehreren Interviews, dass er und John Frieden geschlossen hatten und bei ihrem letzten Telefonat über ihre Kinder sprachen und Brotrezepte austauschten.
George Martins Rückkehr und Aufnahmen in Montserrat
Nach dem Ende der Beatles hat Paul McCartney bisher einzig 1972 wieder mit George Martin gearbeitet, nachdem Albert J. Broccoli bei ihm anfragen liess, ob er den Song zum neuen James Bond Film «Live And Let Die» schreiben würde. Martin hatte 1964 «Goldfinger» von Shirley Bassey produziert. «Live And Let Die» ist ein Song Paul und Linda McCartney, eine Verbindung von Hard Rock und Reggae. Paul und George Martin erarbeiteten zusammen das Orchester-Arrangement des Songs. Basierend auf dem Song komponierte Martin die übrige Filmmusik. «Live And Let Die» stand sowohl bei den Grammies als auch bei den Oscars auf der Shortlist der Nominationen. Es blieb die einzige Zusammenarbeit von McCartney und Martin in den 1970er-Jahren, die meisten Aufnahmen der Wings sollte Paul alleine produzieren.
Das Studiohandwerk und das Produzieren lernte Paul McCartney von George Martin. Dieser hatte zu Beginn der Aufnahmen Bedenken und konfrontierte Paul mit folgender Bedingung:
«Wenn es wirklich funktionieren soll, wirst du von mir einige harte Kritiken einstecken müssen, was dir nicht gefallen wird, denn du warst eine lange Zeit dein eigener Chef.» Paul akzeptierte die Regeln.
«Ich habe immer gerne mit George gearbeitet. Er war eine grosse Hilfe bei den Beatles-Aufnahmen von Anfang bis zum Ende und ich hatte immer eine gute Beziehung zu ihm, vermutlich, weil wir begannen gemeinsam Sachen zu orchestrieren. (…) Du gibt ihm deine Ideen, er bringt seine ein und dann notiert er die Sachen. Ich fand ihn immer inspirierend», erinnert sich Paul in Archive Collection.
Der Schüler und sein Meister: Paul McCartney und George Martin im Studio während den Aufnahmen zu «Tug Of War». Foto: Linda McCartney; paulmccartney.com
1979 hatte George Martin auf der Karibikinsel Montserrat einen Ableger seiner Air-Studios eröffnet, Martin hatte die Insel Mitte der 70er-Jahre kennen und lieben gelernt. In einem Bungalow mit eher knappen 27 Quadratmetern Fläche hatte George Martin eines der damals modernsten Studios weltweit mit einem eigens dafür angefertigten Nieve-Mischpult mit 24 Spuren und 56 Kanälen eingerichtet. Zudem konnte man digital abmischen. Es war das erste Mal, dass Paul digital produzierte, der klarere Sound überzeugte ihn aber schnell davon. In den 1970er-Jahren pflegten die McCartneys in wärmeren Gefilden zu überwintern. Paul nutzte diese Urlaube für das Songwriting. Fernab grosser Touristenströme und einem Flugplatz, worauf nur Propellerflugzeuge landen konnten und dessen Piste dem Vulkan abgetrotzt werden musste, war Montserrat ein idealer Ort, um nach dem Trubel nach John Lennons Ermordung ungestört arbeiten zu können.
Im Air Studio Montserrat wurden einige der wichtigsten Alben der 1980er-Jahre eingespielt, insgesamt 76, von The Police, Lou Reed, den Rolling Stones, Elton John, Eric Clapton, Phil Collins, Dire Straits, Duran Duran, Marvin Gaye oder Black Sabbath. 1989 wurde es jedoch durch den Hurrikan Hugo zerstört.
die Wings werden flügellahm
Die Wings waren ein lockeres Gebilde, das den Mitgliedern die Möglichkeit gab, eigene Projekte zu verfolgen. So veröffentlichte Paul im Mai 1980 «McCartney 2». Im Juli und Oktober 1980 machte Paul mit Band weitere Aufnahmen für das Langzeitprojekt «Hot Hits And Kold Kuts», das unveröffentlichten Songs aus früheren Sessions und neues Material enthalten sollte. Die Aufnahmen waren aber unproduktiv. Im «Daytrippin» Beatles-Magazin erinnerte sich Gitarrist Laurence Juber: «Es war Material, das nicht richtig zu einer Rockband passte (…) es ist ein reiferer Sound und es ist ein Künstler, der sich in einer Solo-Karriere einrichtete. (…) Wir hatten eine Bandidentität entwickelt, und es fühlte sich mehr nach einem Soloprojekt von Macca an.»
Mit Gitarrist Laurence Juber flogen die McCartneys in die Provence und trafen Ringo Starr in Cannes. Vom 11. bis 21. Julis arbeiteten sie in den Super Bear Studios in Berre-les-Alpes an Ringos Album «Stop And Smell The Roses». In diesem Studio hatten Pink Floyd «The Wall aufgenommen». Paul produzierte fünf Songs, darunter «Private Property» und «Attention», die er für Ringo geschrieben hatte. Laurence Juber in «Daytrippin»: «Ich sitze im Studio schaue Paul und Ringo bei der Arbeit zu. (…) Sie haben einen sechsten Sinn für einander.»
Screenshot aus dem Video zu «Ebony And Ivory».
Nach der Rückkehr nahmen Paul und Linda mit Denny Laine in Pauls Heimstudio in Sussex die Demoversionen von 15 Songs auf, von denen neun auf den Alben «Tug Of War» und «Pipes Of Peace» erschienen. Die Demos von «Hear Me Lover» und «Stop, You Don't Know Where She Came From» wurden 2015 auf der Bonus Audio Disc im Rahmen der «Archive Collection» veröffentlicht.
Die ersten Aufnahmen mit George Martin führte Paul im Oktober und November durch, er nahm «We All Stand Together» auf, den Song zum 1984 veröffentlichten Zeichentrickfilm «Rupert And The Frog Song». Bei diesen Aufnahmen war niemand von den Wings involviert, McCartney nahm mit den King’s Singers und dem Chor der St Paul’s Cathedral auf. Bei den Aufnahmen im Dezember 1980, den ersten, die für das neue Albumprojekt stattfanden, nahm von den Wings einzig Denny Laine teil. Die letzten Aufnahmen mit seiner 70er-Jahre Band Wings führte McCartney im Januar 1981 durch, sie nahmen den Song «Same Time Next Year» ein.
Es war offensichtlich, ausser mit Denny Laine brachte Paul mit seiner Band zurzeit keine neuen Songs mehr zustande. Nach zehn Jahren und sieben verschiedenen Bandbesetzungen waren die Wings am Ende angekommen. Laurence Juber analysierte 2012 in einem Interview dem «Something Else Magazin» das Ende der Wings plausibel: «Ich denke, Paul hatte diese wirklich coole Rock Band gegründet und dann aber realisiert, dass er sie überhaupt nicht braucht – oder er wollte sie nicht brauchen, da er sich zum Familienmenschen entwickelt hatte, was eine andere Richtung war. Sein kreativer Impetus hat sich verschoben.»
Laine wirkte bei den Aufnahmen in Montsterrat im Februar und März 1981 mit, doch das Ende der zehnjährigen Zusammenarbeit folgte unmittelbar danach. Denny Laine war 1980 enttäuscht, dass wegen McCartneys Verhaftung bei der Einreise in Japan Anfang 1980 die Tour abgesagt werden musste und die Wings 1980 keine weiteren Konzerte geben wollten. Als sich 1981 abzeichnete, dass sich Paul nach John Lennons Ermordung ins Plattenstudio zurückziehen würde, verliess Denny Laine die Wings auf eigenen Wunsch, weil er Konzerte geben wollte. Mit George Martins und Paul McCartneys Entscheidung, für die Aufnahmen auf die Wings zu verzichten, bedeutete Denny Laines Abschied das Ende der Band. Laine nahm mit eigener Band das Album «Anyone Can Fly» auf und ging damit auf Tour.
Im «Club Sandwich» #24, dem Fan Club Zeitschrift, wünscht Paul Denny Laine im Sommer 1981 alles Gute nach seinem Abschied von den Wings.
von Metaphern, der Rasse und von Hits
Der Titel «Tug of War» bedeutet im Englischen Seilziehen. Für Paul drückt er auch Gegensätze wie Ja und Nein, Oben und Unten, Mann und Frau oder Schwarz und Weiss aus. Über die Dualität zwischen schwarzen und weissen Menschen schrieb er «Ebony And Ivory». Die Inspiration kam ihm, als er Spike Milligan die Musikerweisheit aus den Zwanzigerjahren sagen hörte: «Black notes, white notes, and you need to play the two to make harmony, folks!». Paul verwendete die harmonische Anordnung der schwarzen und weissen Klaviertasten als Metapher: «Ebony and ivory live together in perfect harmony / Side by side on my piano keyboard, oh Lord, why don't we?» In der Strophe fährt er fort, dass die Menschen überall dieselben wären und in jedem Gut und Böse steckt. Und schliesst in typischem McCartneyschem Optimismus: «We learn to live, we learn to give each other what we need to survive together alive».
Paul hat sich damit nicht zum ersten Mal der Rassenthematik angenommen. 1964, bei der ersten US-Tour der Beatles durch die Südstaaten, hatte sich die Band geweigert, aufzutreten, bis die Rassentrennung im Stadion aufgehoben wurde. Zwischen der Beziehung mit seiner Verlobten Jane Asher und seiner späteren Frau Linda war McCartney 1968 mit der schwarzen Francine Schwartz zusammen. Zu dieser Zeit schrieb er «Blackbird». Schwarze Musiker prägten auch die Beatles, von Chuck Berry und Little Richard, dessen Gesangsstil McCartney bestens imitiert, bis zum Motown Sound aus Detroit. Während den «Tug Of War»-Sessions arbeitete Paul mit Michael Jackson zusammen, von 1991-1993 war der schwarze Blair Cunningham sein Schlagzeuger, 2015 produzierte Paul einige Songs des Rappers Kanye West und veröffentlichte zusammen und veröffentlichte mit West und Rihanna «FourFive Seconds».
Von Anfang an plante Paul, «Ebony And Ivory» mit einem schwarzen Sänger einzuspielen, seine liebste Wahl war Steve Wonder, den Paul und Linda gemeinsam bewunderten. Auf der Hülle von «Red Rose Speedway» (1973) liess Paul in Braille-Schrift «Love You Baby» für Steve Wonder drucken. Paul schätzt Steve Wonders Humor und seine rhythmische Exaktheit. Als sie bei «Ebony And Ivory» in die Hände klatschten, sagte Steve Wonder: «You’re out of the pocket», und meinte damit, dass Paul etwas hinter dem Takt wäre. Sie wiederholten es so lange, bis sie synchron waren. Im Studio lachten und scherzten sie sehr viel. Vor allem machte Steve Wonder immer wieder Witze über seine Blindheit: Wenn er einen Fehler machte und von Paul McCartney oder George Martin darauf hingewiesen wurde, pflegte er zu sagen: «Now, I see it.»
Paul und Steve Wonder Ende Februar 1981 in George Martins AIR Studio in Montserrat. – Foto: Linda McCartney
Eine andere Eigenschaft Steves ertrug McCartney mit Engelsgeduld: Wonders chronische Unpünktlichkeit. «Er ist ein zuverlässiger Mensch. Er kommt immer, wenn er mit dir abgemacht hat. Bloss nicht zu vereinbarten Zeit», erinnert sich Paul. Steve Wonders Ankunft wäre am 21. Februar geplant gewesen, doch er begann drei Tage zuvor ein eigenes Album einzuspielen. Schlussendlich landete er mit fünf Tagen Verspätung am 26. Februar auf Montserrat. Auch zu den Dreharbeiten für das Video von «Ebony And Ivory» erschien Steve Wonder pünktlich. Aber vier Tage zu spät.
Der zweite Song, den Paul und Steve Wonder auf «Tug Of War spielen, ist die Funk-Nummer «What’s That You’re Doing». Diese entstand aus einer von Wonder initiierten Jamsession. «Er ging an den Synthesizer und fing an rumzuklimpern. Dabei kam ein tolles Riff raus und ich ging schliesslich ans Schlagzeug», erinnert sich Paul. Am Ende der Session begann Steve Wonder den alten Beatleshit «She Loves You» zu singen.
Im Titelsong «Tug Of War» benützt Paul das Seilziehen als Metapher: «Für mich ist es ein Lied über das Leben an sich, das ein Seilziehen darstellt. In einer idealen Welt könnten wir uns um eine einfachere Existenz bemühen.» McCartney schreibt: «We expected more / But with one thing and another / We were trying to outdo each other in a tug of war.» Und sinniert danach, wie viel besser es in einem anderen Leben sein würde: «In another world we could / stand on top of the mountain with our flag unfurled.» In den Middle-Eight klingt ein erstes Mal Pauls Engagement für den Umweltschutz durch: «In years to come they may discover / what the air we breathe and the life we lead are all about», und resigniert: «But it won't be soon enough / Soon enough for me.»
Paul McCartney und Steve Wonder bei der Aufnahme von «Ebony And Ivory». Foto: Linda McCartney, paulmccartney.com
Musikalisch ist der Song ein weiteres Beispiel für die Symbiose von Paul McCartney mit George Martin, der das Arrangement komponiert hat. Zunächst beginnt Paul «Tug Of War» solo, danach kommen Schicht um Schicht die akustische Gitarre, der Bass, das Schlagzeug, die Streicher und die Bläser hinzu, bis in der Mitte, wenn Paul von der besseren Welt singt, das Orchestertutti über die Akkorde einer elektrischen Gitarre spielt. «Tug Of War» zeigt Paul als gereiften Texter, auf der Höhe seiner Kompositionskunst und mit seinen vierzig Jahren ist seine Stimme noch voll im Saft, weshalb der Song zu den Höhepunkten in seinem Katalog zählt. Das «Rolling Stone» verglich den Song gar mit John Lennons «Imagine».
die weiteren Songs
Am 7. Dezember 1980 arbeiteten Paul, Linda und Denny Laine an «Ballroom Dancing», «Keep Under Cover» und dem bis heute unveröffentlichten Song «All The Love Is There», anderentags an «Rainclouds» und «Ode To A Koala Bear». Für den 9. war eine Session mit Paddy Moloney von der irischen Gruppe The Chieftains gebucht. Auch er hatte von John Lennons Tod erfahren, weshalb er sich vergewisserte, ob er noch nach London fliegen solle und wurde gebeten, den Termin einzuhalten. «Um etwa zwei Uhr war ich im Studio in der Nähe des Oxford Zirkus. Es waren nur etwa vier oder fünf Leute anwesend. Paul und ich sprachen miteinander. Er sagte, dass sein Haus belagert würde und es für ihn eine Erlösung sei, ins Studio zu fahren und von zu Hause fortzukommen, weil dort so viele Leute wären. Es wurden viele Tränen vergossen an diesem Tag.» Paul und George Martin hörten sich die vorangegangenen Aufnahmen an und erinnerten sich vor allem an John. «George (Martin) schätzte es sehr, dass ich gekommen war, wie auch Paul, in Georges Gesicht sah ich, dass er geschockt war», erinnert sich Paddy Moloney.
Moloney war für «Rainclouds» gebucht, ein gemeinsamer Song von Paul und Denny Laine, der wie ihre gemeinsamen Songs auf «London Town» ein Folksong ist. «Ich habe den Song ‹Rainclouds› zum ersten Mal im Studio gehört, bin aber war mit vielen Ideen angekommen. Paul sagte: ‹Nur zu, spiel das›.» Am Nachmittag rief Paul Johns Witwe Yoko Ono an und kondolierte. Am Abend flog Paddy Moloney, den Paul seit 1962 kennt, wieder zurück nach Dublin. Paul und George Martin setzten die Arbeit am Album vorläufig aus. Obwohl Paul eine Woche später in seinem Heimstudio weiter an «Ballroom Dancing» und dem Demo zu «Ebony And Ivory» feilte.
Paul mit Steve Gadd (rechts hinten) und Ringo Starr im AIR Montserrat Studio im Februar 1981. – Foto: Linda McCartney.
Denny Laine war nach Montserrat mitgeflogen, und so spielte Paul mit ihm und dem Schlagzeuger Dave Mattacks «Dress Me Up As A Robber» und «The Pound Is Sinking» ein. Ferner «Average Person», das Paul auf «Pipes Of Peace verwenden sollte», sowie «Hear Me Lover», ein Song, den Paul später mit «The Pound Is Sinking» verband. Als letztes spielten sie den bis heute unveröffentlichten Track «Dennys Song» ein. Am 8. Februar löste Steve Gadd Dave Mattacks ab. Zusätzlich stiess der Jazz-Bassist Stanley Clarke zur Band. Man arbeitete an «Somebody Who Cares», «Hey Hey» (veröffentlicht auf «Pipes Of Peace») und «No Values», ein Song, den Paul 1984 in seinem Spielfilm «Give My Regards To Broad Street» verwendete.
Am 15. Februar stiess – zur Freude von Pauls Kindern, Onkel Ringo – Ringo Starr zu den Aufnahmen. Er spielte gemeinsam mit Steve Gadd auf verschiedenen Songs Schlagzeug und Perkussion, einzig «Take It Away» wurde veröffentlicht, auf dem beide simultan spielen und den so den satteren Drumsound kreierten. «Ich hatte ein paar Songs für Ringo geschrieben», erzählt Paul. «Doch dann dachte ich, dass mir ‹Take It Away› besser stehen würde, beispielsweise wegen des Chorus.»
Paul nennt Rockabilly Urgestein Carl Perkins den grössten Einfluss auf die jungen Beatles, sie hatten sieben seiner Songs in ihrem Repertoire, George Harrison vergötterte ihn. Am 21. Februar landete Perkins auf Montserrat und blieb für eine Woche. Paul spielte mit ihm das Duett «Get It» ein. Dabei verwendet Paul geschickt den Rockabilly Rhythmus, spielt ihn aber auf akustischen Instrumenten. Im Refrain kommt der alte Optimist zum Vorschein: «You’ve got to get it and you’ve got to get it good.» Da sich Perkins bei den Aufnahmen mit den Kopfhörern schwertat, spielten sie den Song schlussendlich wie in den 1950er-Jahren live ein. Carl Perkins gefiel der Aufenthalt in Montserrat so sehr, dass er hier für Paul McCartney den Song «My Old Friend» schrieb und aufnahm.
Scherenschnitt eines Seilziehens, der auf der Coverrückseite der Single «Tug Of War» verwendet wurde.
Steve Wonder reiste am 2. März nach einer nächtlichen Jamsession ab. Die McCartneys reisten zwei Tage später nach England zurück. Nach der Rückkehr von Montserrat verliess Denny Laine die Aufnahmen. Paul engagierte als Ersatz den Gitarristen und Multiinstrumentalisten Eric Stewart von 10cc. Stewarts Spezialität war das mischen von Hintergrundchören bei den Overdubs. Vom 11. März an bis in Dezember arbeitete Paul mit Unterbrüchen weiter im Londoner AIR Studio am Album. In den ersten zwei Wochen nahm Paul einige bis heute unveröffentlichte Songs auf, darunter «Newt Rack», der seinen Weg auf Bootlegs fand. In der letzten Märzwoche arbeitete weiter an den in Montserrat eingespielten Songs. Ende März endeten die Hauptaufnahmen, Paul hatte 20 Songs eingespielt.
Ebenfalls im März nahm George Harrison seinen Song «All Those Years Ago» auf, den über John Lennon geschrieben hatte. Ringo Starr spielte das Schlagzeug und Paul und Linda McCartney besuchten George und nahmen die Hintergrundstimmen auf. Im Mai 1981 besuchte Michael Jackson Paul McCartney. Sie schrieben zusammen «Say Say Say» und «The Man» und nahmen die Songs mit George Martin auf. Beide wurden im folgenden Jahr auf «Pipes Of Peace» veröffentlicht. Während des Sommers wurden vorallem die Songs abgemischt, da das Album ursprünglich im Oktober 1981 hätte veröffentlicht werden sollen. Da es aber noch nicht fertig war, wurde es mehrmals verschoben, bis es schlussendlich im April 1982 veröffentlicht wurde.
Im August 1981 nahm Paul im ersten Obergeschoss in der Windmühle von Hog Hill bei Rye in Sussex den Song «Here Today» auf – Paul sanierte später die Mühle und richtete darin sein eigenes Studio ein. Zu «Here Today» erzählt Paul: «Ich fühlte, dass ich irgendetwas (zu Johns Ermordung) schreiben musste, aber das schlimmste wäre gewesen, etwas zu sentimentales zu machen. So versuchte ich, meine Gedanken in Worte zu fassen.» Es wurde das Gespräch, dass Paul und John nie führen konnten. Paul beginnt mit der Frage: «And if I said I really knew you well / What would your answer be?» und gibt die Antwort: «Well knowing you / You’d probably laugh and say / That we were worlds apart». Paul spielt die akkustische Gitarre. Mit George Martin komponierte er das Arrangement für ein Streicherquartett. Von der Machart erinnert der Song an «Yesterday». «Wir machten uns Gedanken über Alternativen zu ein Streicherquartett, aber je mehr ich darüber nachdachte kam ich zum Schluss, dass es dumm sei. Es ist albern, dieses frühe Streicherquartett zu verdammen, nur weil wir es mal bei einem berühmten Song verwendet haben.» Seit 2001 ist «Here Today» fester Bestandteil in Pauls Konzerten, ebenso auch eine Hommage an George Harrison.
An Pauls 40. Geburtstag wurde in den Elstree Studios der Videoclip zu «Take It Away» gedreht. Linda und Eric Stewart und Ringo sind hinter Paul, George Martin am E-Piano und dunkel im Vordergrund Steve Gadd. – Foto: paulmccartney.com
Die Aufnahmen dauerten mehr als ein Jahr, weil sich Paul auf die Music konzentrieren wollte. So entschieden er und Produzent George Martin, das Album erst zu veröffentlichen, wenn sie es als fertig betrachten und setzten sich kein Veröffentlichungsdatum, z.B. das Weihnachtsgeschäft. In einem Interview mit «Nationwide» im Januar 1982 sagte Paul: «Ich würde es wieder so machen, selbst wenn ich nichts dabei verdienen würde.»
Brian Clarke in seinem Atelier. Mit Linda McCartney arbeitete er bis zu ihrem Tod 1998 zusammen. So ist das Cover von «Flowers In The Dirt» eine weitere Kollaboration der beiden. – Foto: Linda McCartney; paulmccartney.com
Die Videoclips
2x Ebony, 1x Take und 1x Tug.
die Versionen
«Tug Of War» erschien am 19. April 1982 in England und Europa bei Parlophone, Odeon und EMI Electrola und eine Woche später, am 26. April in den USA bei Columbia. Veröffentlicht wurde das Album in zwei Formaten, der LP und der Musikassette. In den USA wurde es erstmals am 29. Februar 1984 auf CD veröffentlicht. In Europa und Übersee am 4. Februar 1985. «Tug Of War» wurde noch auf analogen Geräten aufgenommen, gemischt und produziert wurde es bereits digital. Dennoch erschien es 1993 in Europa digital remastered in der «Paul McCartney Collection», ohne Bonus Tracks. 2007 wurde das Album erstmals als Download im iTunes-Store angeboten, als Bonustrack war Pauls Soloversion von «Ebony And Ivory» erhältlich.
2015 wurde «Tug Of War» in der «Archive Collection» neu gemischt veröffentlicht. Die Wiederveröffentlichung umfasste die Standardversion mit dem 2015er-Remix des Albums und einer Bonus Disc mit Demos, Outtakes und den Single B-Seiten, dies als CD und auf Vinyl. Sowie eine Deluxe Version mit DVD, worauf die Videoclips und ein Makeing-Of des Videos von «Take It Away» ist. Der remixte Single Edit des Songs ist als Gratis-Download auf paulmccartney.com verfügbar.
Die das Boxset der Deluxe Version der «Archive Collection» Wiederveröffentlichung von 2015.
Die Singles: Ebony, Take und Tug
Für die Kompilation «The McCartney Years» 2007 wurden die Videos von «Tug Of War», «Take it Away» und «Ebony And Ivory» von Keith Mac Millan verwendet. in der «Archive Collection» sind zusätzlich die zweiten Videos von «Tug Of War» und «Ebony And Ivory» erhältlich.
Rezeption und Statistik
Stephen Holden schrieb im «Rolling Stone», dass «Tug Of War » das Meisterwerk sei, das man von Paul McCartney erwarten dürfte. An dieser Rezeption hat sich die letzten vierzig Jahre nichts geändert. Robert Palmer von der New York Times fand das Album exquisit, kritisierte jedoch Pauls Texte als manchmal klischeehaft. Beatles Archivar Mark Lewisohn bezeichnet «Tug Of War» als das bessere Album als «Band On The Run». Dass ihm heute viele Kritiker, vor allem auch auf YouTube, nicht automatisch folgen, liegt daran, dass das Album als zu perfekte, kitschige Popmusik bewertet wird – und McCartney stets seine Credibility als Rockmusiker zu beweisen hat.
Mit Blick auf die globalen Verkaufszahlen war «Tug Of War» auf Jahrzehnte McCartneys erfolgreichstes Album nach den Beatles, «Band On The Run» erreichte in 12 Ländern in Nordamerika, Europa, Japan und Australien die Top 20. «Tug Of War» war in 15 Ländern in den Top 5. Erst «New» (2013), «Egypt Station» (2018) und «McCartney III» 2020 sollten diese Zahlen toppen mit mindestens zwei Dutzend Chartnotierungen pro Album.
«Tug Of War» war das siebte und bis «Egypt Station» 2018 das letzte Nummer 1 Album McCartneys in den amerikanischen Billboard Charts. In den britischen Charts war «Tug Of War» das fünfte Nummer 1 Album McCartneys und nach «McCartney II» das zweite in Folge in den 1980er-Jahren. In Deutschland war «Tug Of War» Pauls erstes und Album an der Top-Position in der Hitparade – bis ebenfalls mit «Egypt Station». Weitere Top Positionen erreichte «Tug Of War» in Kanada, Holland, Italien, Japan, Norwegen und Schweden, in Frankreich, Österreich, Israel, und Spanien klassierte sich das Album auf Rang zwei, in Belgien Platz drei.
«Ebony And Ivory» war ein weltweiter Erfolg, in Kanada, Deutschland, Norwegen, Japan, England und den USA erreichte der Song die Chartspitze, in Schweden und Australien Platz zwei. Es war die am viertmeisten verkaufte Single des Jahres 1982.
«Take It Away», das einen amerikanischen Touch hat, erreichte Platz 10 in US-Charts, in England Platz 15. Top-Ten Platzierungen meldeten Kanada (Rang 2) und Norwegen (Rang 7), in Luxemburg resultierte ein 11. Platz, in Australien RAng 18. Irland meldete Rang 26, Flandern Rang 28 und Holland Platz 43.
Die Single «Tug Of War» erreichte sowohl in England wie Amerika Platz 53. Hinter dem Eisernen Vorhang meldete Polen einen 11. Platz.
In der Schweiz konnte sich das Album «Tug Of War» trotz des weltweiten Erfolges nicht klassieren. «Ebony And Ivory» erreichte den 2. Platz in den Schweizer Single Charts. Es war nach «Another Day» 1971 und «Mull Of Kintyre »1977 McCartneys dritter helvetischer Single-Erfolg nach den Beatles und wird heute noch am Radio gespielt. Die beiden anderen Singles konnten sich auch nicht platzieren.
Das Album «Tug Of War» und «Ebony And Ivory» wurden zusammen für fünf Grammy nominiert, aber nicht ausgezeichnet. 2017 ereilte das neuaufgelegte Boxset der Archive Collection dasselbe Schicksal. Zwei Nominationen gab es bei den American Music Awards 1983, ebenfalls ohne Auszeichnung. In England wurden Paul und George Martin bei den Brit Awards drei Mal nominiert, Paul gewann als bester britischer Künstler und die Sony Auszeichnung für technische Expertise, die George Martin ebenso verdient hätte, aber in der Sparte bester britischer Produzent nur auf der Shortlist blieb. In Frankreich, Kanada, Japan und Spanien erzielte das Album eine Goldene Schallplatte, in den USA Platin.
Promofoto von 1982, aufgenommen beim Videodreh für «Ebony And Ivory» von Linda McCartney.

Tracklist:
Tug Of War
Take It Away
Somebody Who Cares
What's That You're Doing?
Here Today
Ballroom Dancing
The Pound Is Sinking
Wanderlust
Get It
Be What You See (Link)
Dress Me Up As Robber
Ebony And Ivory
Cover Paul McCartney Collection, Remaster 1993:
Bonus Track
iTunes 2007:
Ebony And Ivory (Solo Version)
Archive Collection 2015:
CD1: Originalalbum
2015 Remix
CD 2: Bonus Audio
Stop, You Don’t Know Where She Came From (Demo)
Wanderlust(Demo)
Ballroom Dancing (Demo)
Take It Away (Demo)
The Pound Is Sinking (Demo)
Something That Didn’t Happen (Demo)
Ebony and Ivory (Demo)
Dress Me Up As a Robber/Robber Riff (Demo)
Ebony and Ivory (Solo Version)
Rainclouds
I’ll Give You a Ring
Deluxe Edition
Archive Collection:
CD 3: Originalalbum
Original Mix 1982
Bonus DVD:
Tug Of War Video 1
Tug Of War Video 2
Take It Away Video
Ebony And Ivory Video
Fly TIA – Behind The Scenes On Take It Away
Singles 1982:
Ebony And Ivory
Single:
Ebony And Ivory
Rainclouds
Maxi Single:
Ebony And Ivory
Rainclouds
Ebony And Ivory (Solo Version)
Take It Away
Single:
Take It Away
I'll Give You A Ring
Maxi Single:
Take It Away
I'll Give You A Ring
Dress Me Up As A Robber
Tug Of War
Tug Of War
Get It
Gratis Download
paulmccartney.com 2015:
Take It Away:
Tracklist:
Take It Away (Single Edit); (2015 Remix)
Promotion 1982
US-Promsingle, 1982:
A Sample From Tug Of War
Ebony Ivory
Ballroom Dancing
The Pound Is Sinking
Diese Maxi erschien auf weissem Vinyl.
Inserat aus dem New Musical Express, das mit dem Slogan: Zwei Seiten die uns näher zusammenbringen wirbt (oben) und Aushang für die Plattenläden mit allen bis dato erschienenen Alben McCartneys (unten).
Songbook 1982:
80 Seiten, Music Sales Ltd.