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Presse/Rezensionen
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Die Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie08.12.2016, Der Bund, überBand 107, «Bei Kaisern und Königen», von Simon WältiDie Kanonen-Pioniere und das verkannte Genie
Wie Schweizer ihren Erfindungsreichtum für fremde Armeen einsetzten
Schweizer kämpften nicht nur während Jahrhunderten in fremden Armeen, findige helvetische Geister konstruierten auch Waffen für diese Armeen. Der neuste Band der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» porträtiert unter dem Titel «Waffentechniker und Strategen von Weltruf» Schweizer Auswanderer, die als Berater und Ingenieure Geschichte geschrieben haben.
Berner sind darunter stark vertreten, zum Beispiel mit der Giesser-Familie Maritz, die ihre Wurzeln in Burgdorf hatte. Der 1680 geborene Johannes Maritz erfand 1714 ein revolutionäres maschinelles Bohrverfahren für Geschützrohre. Unter anderem führte dies zu einer grösseren Präzision beim Schiessen und zu einem geringeren Gewicht, wie der Autor Hans R. Degen schreibt.
Zusammen mit seinem Sohn Jean übernahm Johannes Maritz 1734 eine Giesserei in Lyon. Ein zweiter Sohn, Samuel, entwickelte das Genfer Wasserpumpwerk und betätigte sich auch als Glockengiesser. Samuel Maritz war es auch, der ab 1751 für den Kanton Bern mehr als 300 Geschütze produzierte. Sogar Kaiser Joseph II. von Österreich soll sich 1777 bei seinem Besuch in Bern brennend für die Kanonen interessiert haben. In Frankreich waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts 26 Maritz-Bohrmaschinen installiert, 3000 Geschütze wurden so hergestellt, die später auch von Napoleon auf den Schlachtfeldern Europas verwendet wurden. Eine originale Kanone aus dem Jahr 1759 befindet sich heute im Schlossmuseum Burgdorf. In der Emmestadt ist auch eine Strasse im Neumattquartier nach der Giesser-Dynastie benannt. Das Andenken wach hält zudem die Maritz-Batterie, welche in historischen Uniformen an Gedenkveranstaltungen für Geknalle und Pulverdampf sorgt.
«Der Vater des Hinterladers»
Samuel Johann Paulis Geschichte dagegen ist die eines verkannten Genies. Seine Familie stammte aus Vechigen, er selber dürfte aber 1766 in Bern geboren worden sein. Er arbeitete als Wagenbauer und Mechaniker in der Werkstatt seines Vaters. Im Kampf gegen die Franzosen verstiess Pauli 1798 nach der Schlacht am Grauholz gegen das Kriegsrecht. Während der Übergabeverhandlungen feuerte er noch eine Salve ab, welche zwei Franzosen niederstreckte.
1803 reiste er nach Paris. Pauli sei dort, so heisst es im Band, die wohl bedeutendste Waffenerfindung des frühen 19. Jahrhunderts gelungen. Er entwickelte das erste Hinterladergewehr mit Patrone, die durch einen Schlagstift gezündet wurde. Pauli konnte seine bahnbrechende Waffe Offizieren der französischen Armee demonstrieren, ein Minister und General empfahl sie sogar mit begeisterten Worten; doch die zuständige Kommission blieb trotz überzeugenden Versuchen skeptisch und lehnte die Beschaffung ab.
«Die Waffe sei zu anspruchsvoll für die meist kaum geschulten und zwangsweise rekrutierten Bauern, die Napoleons Massenheere bevölkerten», schreibt Degen dazu. Pauli zeigte sich bitter enttäuscht über den Misserfolg. Die hochwertige Waffe konnte jedoch nicht massenhaft hergestellt werden und war entsprechend kostspielig. Pauli ging aber als «Vater des Hinterladers» in die Geschichte der Waffentechnik ein. Seine Erfindung kann als Vorläufer der modernen Schusswaffen angesehen werden.
1814 versuchte Pauli sein Glück in London. Er nannte sich nun Samuel John Pauly und verfolgte sein früheres Projekt für ein steuerbares Luftschiff weiter, das zehn Passagieren Platz bieten sollte. Er wollte ein Luftverkehrsnetz zwischen London und dem Kontinent einrichten. Die Hülle seines Dolphin genannten Fluggeräts bestand offenbar aus den Gedärmen von 70’000 Ochsen und war rund 37 Meter lang.
Auch hier schien der Berner der Zeit voraus zu sein. Seine Visionen wurden erst später realisiert, Lob und Erfolg heimsten andere ein. Napoleon selber soll über Paulis Waffen gesagt haben: «Erfindungen, die ihrer Zeit vorangehen, bleiben ungenutzt, bis das Allgemeinwissen dasselbe Niveau erreicht hat.» Der Berner verstarb 1821 in Armut, er wurde auch schon als Berner Leonardo da Vinci bezeichnet.
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Die Männer und die böse Linth19.09.2016, Tages-Anzeiger, überBan 82, Herren über wildes Wasser, Thomas WidmerDie Männer und die böse Linth
Alois Negrelli ist einer der grossen Linth-Ingenieure. Auch in Zürich hinterliess er Grosses, zum Beispiel die Münsterbrücke.
Die wilde Linth treibt im Ancien Régime eine Landschaft zum Wahnsinn: Ihr Geschiebe bringt die angeschlossenen Gewässer durcheinander. Weesen ist fast unbewohnbar, Walenstadt massiv bedroht. Auch die Schifffahrt vom Walensee zum Zürichsee leidet; allein schon deswegen hat man auch in Zürich ein vitales Interesse, das Problem in den Griff zu bekommen.
Ein Name, der hier fallen muss: Hans Konrad Escher. Geboren 1767 in eine grossbürgerliche Zürcher Familie, wird er die zentrale Figur der Linth-Sanierung mit Linthkanal und Escherkanal. Das Ensemble aller baulichen Vorrichtungen nennt man Linthwerk. Es ist eine Art bundesstaatliche Leistung, bevor es einen Bundesstaat gibt.
Freilich ist dieses Linthwerk nie vollendet, wie auch uns Heutigen klar ist angesichts verheerender Hochwasser-Episoden vor Jahren. Im 19. Jahrhundert ist der berühmte Escher einer aus einer ganzen Reihe von Figuren, die mit der Linth beschäftigt sind. Eine neue Publikation behandelt alle diese historischen Kommissäre, Funktionäre und vor allem Ingenieure, die sich damals der Daueraufgabe Linth widmeten. Weil es mit Escher neun sind, darf man getrost vom «Neunerclub» reden.
Einige waren Zürcher, Salomon Hegner etwa aus Winterthur oder Heinrich Pestalozzi aus Zürich. Die interessanteste Gestalt neben Escher freilich war Habsburger. Doch auch dieser Alois Negrelli, 1799 bis 1858, ist eng mit Zürich verbunden. Und eben mit der Linth.
Zuerst zur Linth. Ingenieur Negrelli ist in seiner Zeit mit dem Sinken des Walensee-Wasserspiegels befasst. Damit verbunden ist ein juristisches und politisches Problem: Wem gehört das Neuland? Negrelli muss prognostizieren, wie sich die Uferlinie in der nächsten Zeit verändern wird. Und auch sonst leistet er viel für das Werk. 1840 lobt die Linthverwaltung, er habe seine Aufgaben erfüllt mit «einer bewundernswürdigen Aufopferung von Zeit und Mühe».
Spektakulär ist, was Negrelli in seinen Jahren in der Schweiz sonst so verwirklicht. Von St. Gallen aus erweitert er den Hafen Rorschach. Dann wirkt er ab 1836 in Zürich. Auf ihn geht die Münsterbrücke zurück. Aber auch die Ladengalerie aus Quintner Kalk unterhalb des Grossmünsters. Viel beachtet auch die Kornhalle auf dem Sechseläutenplatz, die später zur Tonhalle umgerüstet wurde, um 1896 abgebrochen zu werden. Ab 1845 wird unter Negrelli die erste Bahnstrecke der Schweiz gebaut, die Spanisch-Brötli-Bahn.
Negrellis Wichtigkeit spiegelt sich darin, dass in der Gegenwart die neue Fussgängerverbindung über die Geleise nah dem Zürcher Hauptbahnhof Negrellisteg heissen sollte. Allerdings ist das Projekt zurückgestellt. Macht nichts, der Mann ist ohnehin unvergessen.
Daniel Speich, «Herren über wildes Wasser. Die Linthingenieure als Bundesexperten im 19. Jahrhundert». Schriftenreihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik», 88 S., viele Abbildungen. Ca. 27 Fr., Verein für wirtschaftshistorische Studien. www.pioniere.ch
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Mit den Waffeln einer Frau10.09.2016, Thurgauer Zeitung, überBand 106, Pionierinnen der modernen Schweiz, von Inge StaubMit den Waffeln einer Frau
Elisabeth Wegeli-Studer hat die «Gottlieber Hüppen» erfunden. Ihre Pioniertat wird jetzt in einem wirtschaftshistorischen Buch gewürdigt. Die Leser begegnen darin einer couragierten und pflichtbewussten Frau.
Ihre Erfindung ist weit über den Thurgau hinaus bekannt: «Gottlieber Hüppen». Wer in die süssen Röhrchen beisst, denkt dabei wohl kaum an Elisabeth Wegeli-Studer. Dies könnte sich jetzt ändern. Denn in dem Buch «Drucken, Backen, Forschen», welches der Verein für Wirtschaftshistorische Studien herausgegeben hat, wird sie als Hüppen-Pionierin gewürdigt. In diesem Band werden drei Unternehmerinnen porträtiert, die Druckerei-Gründerin Emma Stämpfli-Studer, die Landwirtin Mina Hofstetter-Lehner und Elisabeth Wegeli-Studer.
Über das Leben der Hüppenbäckerin Wegeli hat die Journalistin Claudia Wirz recherchiert. Unter dem Titel «Eine Waffel für die Welt» präsentiert sie nicht nur eine spannende Unternehmensgeschichte. Sie gibt auch Einblick in das Leben von Thurgauer Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Leser begegnen couragierten Personen mit einem klaren Bekenntnis zur Familie und zur Pflichterfüllung. Auch wenn die Quellenlage über die frühen Jahre von Elisabeth Wegeli dünn ist, so gelang es der Autorin dennoch, ein faszinierendes Bild dieser Frau zu zeichnen.
Sie kam aus Unterschlatt
Elisabeth Wegeli erblickte 1871 als Elisabeth Studer in Unterschlatt das Licht der Welt. Sie heiratete den Diessenhofer Lehrer, Notar und Politiker Jakob Wegeli, der für die freisinnig-demokratische Partei dem Grossen Rat angehörte.
Im April 1921 wurde die Mutter von vier Töchtern unerwartet im Alter von knapp 50 Jahren Witwe. «Von der Frau an Jakob Wegelis Seite, Elisabeth, hören wir in all den Diessenhofer Jahren nichts. Ihr Bild bleibt auch in späteren Jahren, als sie Unternehmerin in Gottlieben ist, blass», gesteht Claudia Wirz. Das sei nicht ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Frau in aller Regel ihren Platz in der «Unsichtbarkeit des schönen Heims» zugewiesen bekam.
Für Elisabeth Wegeli war der Tod ihres Mannes ein schwerer Schlag. In welchen wirtschaftlichen Verhältnissen sie lebte, ist nicht bekannt. 1926 zog sie mit ihrer Tochter Hanny nach Gottlieben. Denn dort lebte bereits ihre älteste Tochter Gertrud mit ihrem Mann Walter Brauchli und ihren Kindern. Diesem Umzug ist die Entstehung der «Gottlieber Hüppen» zu verdanken. Denn wie Claudia Wirz in Erfahrung brachte, hatte die Gottlieberin Frieda Weber ihre neue Nachbarin Elisabeth Wegeli überredet, Hüppen zu backen. Frieda Weber soll dies als Gattin eines privilegierten Beamten nicht gestattet gewesen sein. Sie verkaufte ihre beiden Waffeleisen an Elisabeth Wegeli. Autorin Claudia Wirz betont: «Es war das Jahr 1928 und es war, soviel steht fest, die Geburtsstunde der ‹Gottlieber Hüppen›».
In der Stube gebacken
Mit Tochter Hanny bäckt die Witwe fortan Hüppen in ihrer Stube – die beiden Waffeleisen brauchten nicht viel Platz. Über die ersten Hüppen-Jahre und ob die beiden davon leben konnten, konnte die Autorin nicht viel in Erfahrung bringen. Immerhin gelang es Elisabeth Wegeli schon 1931, zu expandieren und die Gerbe, ein Haus direkt am Seerhein, zu kaufen. 1931 starb Hanny. Die andere Tochter, Berty, die zu dieser Zeit als Privatlehrerin in Kenia Deutsch, Französisch und Musik unterrichtete, kehrte in die Heimat zurück. Sie trat in die Fussstapfen ihrer Schwester. Zunächst aus Pflichtgefühl und auch um die Mutter zu unterstützen. «Aber auch Gottlieben, die Hüppenbäckerei und die Gottlieber Einwohner wuchsen ihr bald ans Herz. Mit dem ganzen Stolz einer zufriedenen und durchaus selbstbewussten Unternehmerin habe sie sich fortan als das «‹Fräulein Wegeli von der Hüppenbäckerei› vorgestellt, wenn sie nach Kreuzlingen zum Einkaufen ging», erinnert sich Grossneffe Urs Brauchli.
Die gefüllten hohlen Röllchen
Seit 500 Jahren wurden bereits Hüppen in der Schweiz gebacken – zunächst als Armenspeise, später als süsses Gebäck für die Oberschicht. Doch in all dieser Zeit kam keinem in den Sinn, dass man die hohlen Röllchen auch füllen könnte. Bis spätestens 1938. Als sich ennet der Grenze das Unheil für ganz Europa und die Welt anbahnte, machten Mutter und Tochter Wegeli eine Innovation, die für die Zukunft ihres Unternehmens wegweisend sein sollte. Es ist nicht zweifelsfrei erwiesen, ob die beiden tatsächlich die Erfinderinnen der mit Crème gefüllten Hüppen waren, aber sie gehören laut Claudia Wirz «mit Bestimmtheit zu den allerersten», die auf die Idee kamen, die hohlen Röhrchen mit Haselnusscrème zu füllen.
Feine Thurgauer Spezialität
In den ersten Jahren übernahm die Kreuzlinger Schokoladenfabrik Bernrain das Abfüllen der Hüppen. Es kam zum Zerwürfnis. Mutter und Tochter füllten ihre Hüppen selbst. Die süsse Masse fürs Innere lieferte die Firma Felchlin aus Schwyz. Mit Inseraten machte Berty Wegeli auf ihre Hüppen aufmerksam: «Gefüllte Gottlieber Hüppen -die feine Thurgauer Spezialität – jetzt auch in Zürich erhältlich.»
Elisabeth Wegeli starb 81jährig im September 1952. Ihre Tochter Berty führte das Unternehmen mit Unterstützung ihres Neffen Walter Brauchli weiter. Nach der Übernahme des Betriebs im Jahre 1959 leitete er schrittweise die Technisierung der Manufaktur ein. 1977 wurde mit dem Eintritt von Brauchlis Sohn Urs die Weiterführung des Betriebs in der Familie sichergestellt. Er verkaufte ihn dann 2008 an den Frauenfelder Unternehmer Dieter Bachmann.
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Pionierinnen der modernen Schweiz20.06.2016, Neue Zürcher Zeitung, überBand 106, Drucken – Backen – Forschen, von Hans CommondoPionierinnen der modernen Schweiz
Ein grosszügig bebilderter Band stellt rund dreissig Frauen vor, die mit ihrem selbstbestimmten Lebensstil die weibliche Emanzipation der Schweiz vorangetrieben haben
Die Frauen dieses Landes haben lange kämpfen müssen, um in den Besitz der gleichen politischen Rechte wie die Männer zu gelangen; ökonomisch, etwa hinsichtlich des Lohns, sind sie diesen noch immer nicht gleichgestellt. Hätten sich die Frauen im 20. Jahrhundert nicht über die weltanschaulichen und sozialen Grenzen hinweg zusammengeschlossen, wäre die Gleichberechtigung wohl nicht zustande gekommen.
Wirtschaft, Kultur, Recht
Ein von Avenir Suisse herausgegebenes Buch würdigt nun rund dreissig «Pionierinnen», die mit ihrem «freiheitlichen» und selbstbestimmten Leben den Weg zur «modernen Schweiz» geebnet hätten, je mit einem knappen Porträt. Ergänzt werden diese mit einem Dutzend Fotografien beruflich erfolgreicher Frauen von heute. Im Vordergrund stehen also nicht wie üblich politische Kämpferinnen – eine Bundesrätin sucht man vergebens –, sondern Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Juristinnen meist bürgerlicher Herkunft.
Die beiden Herausgeberinnen des reichlich bebilderten Buchs, Verena Parzer Epp, Redaktorin bei Avenir Suisse, und NZZ-Redaktorin Claudia Wirz, sind bei der Auswahl der Frauen grosszügig vorgegangen. Neben Marie Heim-Vögtlin, Emilie Kempin-Spyri, Iris von Roten und Marthe Gosteli etwa, die man zu den Klassikerinnen der Emanzipation zählen kann, würdigen sie auch Ursula Andress, Elisabeth von Wetzikon, im 13. Jahrhundert Fürstäbtissin des Zürcher Fraumünsters, als es schlicht keine Vorstellung von «individueller Freiheit» gab, Regula Engel-Egli, die ihrem Mann, einem Söldner Napoleons, quer über die Schlachtfelder Europas folgte (allerdings in Uniform), und die fast zur gleichen Zeit äusserst erfolgreiche Malerin Angelika Kaufmann.
Die breite Palette hat den Nachteil, dass der Titel des Buchs strapaziert wird. Einigen der Porträtierten dürfte die «moderne Schweiz» mit ihren Individualrechten ziemlich egal gewesen sein, zum Beispiel einer Meta von Salis, die zwar eine Frauenrechtlerin, aber auch eine aristokratische Antidemokratin war. Der Vorteil der breiten Auswahl: Die zum Teil überraschenden Porträts mit ihren höchst unterschiedlichen, zum Teil mutig nonkonformen Lebenswegen verleihen dem Buch eine frische Note. Dazu tragen besonders Claudia Wirz‘ pointierte Texte bei, die inhaltlich wie stilistisch herausragen.
Individuen in der Geschichte
Einleitend kritisieren die Herausgeberinnen die heutige Geschlechterforschung, weil sie die Geschichte und besonders jene der bürgerlichen Pionierinnen zu wenig berücksichtige. Tatsächlich fehlt der Sozialforschung oft das Bewusstsein dafür, wie langwierig und verschlungen historische Prozesse sind. Dass die Gleichstellung der Geschlechter sich nicht einfach einführen lässt, zeigen gerade die Kämpfe der – von der Geschlechtergeschichte schon länger und bestens erforschten – bürgerlichen Frauenbewegung. Der Vorwurf fällt indes teilweise auf die Herausgeberinnen zurück: Der kollektive Aspekt der historischen Emanzipation kommt in den Individualporträts zu kurz. Allein hätten die Frauen der Schweiz – und schon gar nicht die aus den Unterschichten – ihre Freiheiten nicht erringen können.
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Pistor treibt die Branche voran29.01.2016, Neue Luzerner Zeitung, über100 Jahre Pistor, von Maurizio MinettiPistor treibt die Branche voran
Immer mehr Bäckereien müssen schliessen. Der Zulieferer Pistor kann trotzdem zulegen. Wie geht das auf?
Der Trend ist nicht neu: Traditionelle Bäckereien, die nicht bereit sind, ihr Geschäftsmodell an neue Gegebenheiten anzupassen, sterben aus. Ungefähr 50 Bäckereien verliere man pro Jahr als Kunden, sagte gestern Markus Lötscher, CEO des Rothenburger Bäckereien-Zulieferers Pistor. Seine Kunden sehen sich zunehmender Konkurrenz von Supermärkten oder Tankstellen ausgesetzt.
Gastro-Umsatz gesteigert
Und trotzdem schafft es Pistor, beim Umsatz zuzulegen. Im vergangenen Jahr setzte die Einkaufsgenossenschaft mit 478 Mitarbeitenden 622 Millionen Franken um und damit 1,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Das macht Pistor hinter Coop zum schweizweit zweitgrössten Lebensmittelgrossisten. Der Umsatz mit Bäckereien sank dabei aber um 2,4 Prozent auf 374 Millionen Franken. CEO Lötscher zeigt sich zuversichtlich, den Umsatz mit Bäckereien künftig halten zu können; Illusionen macht er sich aber nicht: «Wir müssen uns auf ein Nullwachstum einstellen.» Oder anders gesagt: In einem rückläufigen Markt ist selbst Stagnation ein Erfolg. Während Pistor im traditionellen Geschäft schrumpft, konnte das Unternehmen in der Gastronomie zulegen. Hier wuchs der Umsatz im Jahresvergleich um 7,5 Prozent auf 248 Millionen Franken. Laut Lötscher ist Pistor insbesondere im Bereich von Altersheimen und Spitälern stark – in diesen Bereichen gebe es künftig viel Wachstumspotenzial. Angesichts der Tatsache, dass der Gastro-Bereich wachse und das Geschäft mit Bäckereien schrumpfe, könne er sich gut vorstellen, dass dereinst beide Bereiche gleich viel Umsatz zur Gruppe beisteuern.
Müesli in der «Beck»
Künftig könnte es immer weniger Sinn machen, die beiden Geschäftsbereiche zu unterscheiden. Denn Bäckereien sind heute auch Gastro-Betriebe. Sandwiches, Birchermüesli oder ganze Menüs: Bäckereien haben in den letzten Jahren gelernt, ihr Sortiment auszuweiten und sich so erfolgreich neu zu positionieren. Pistor habe massgeblich dazu beigetragen, den Wandel voranzutreiben, sagte gestern Damian Hänggi, der mit seiner gleichnamigen Bäckerei in Rothenburg Genossenschafter und Kunde von Pistor ist. «Pistor hat schon früh erkannt, dass im Gastro-Bereich die Zukunft der Bäckereien liegen kann. Vor 20 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, Birchermüesli zu verkaufen – heute ist es eine Selbstverständlichkeit», sagte Hänggi gestern. In der Bäckerbranche bleibt der Preisdruck derweil gross. Insbesondere Betriebe in der Grenzregion müssen ihre Preise nach unten anpassen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Pistor hat nicht den Ruf, der günstigste Anbieter zu sein. «Wir sind nicht Preisführer, das stimmt», sagt CEO Markus Lötscher. Das wolle man auch nicht sein. «Wir sehen uns als Logistikpartner und Berater für unsere Kunden», so Lötscher. Pistor-Mitarbeiter Pan Jampatong macht im Warenumschlagscenter in Rothenburg eine Lieferung fertig.
Buch zum 100-Jahr-Jubiläum
Pistor mit Sitz in Rothenburg beliefert Bäckereien und Gastro-Betriebe mit Halbfabrikaten, Frischprodukten und Rohstoffen. Letztes Jahr lieferte das Unternehmen mit über 80 Camions 105 100 Tonnen Ware aus. Gegründet wurde die Einkaufsgenossenschaft vom Schweizerischen Bäcker- und Konditorenverband am 27. Juni 1916 im Restaurant Hirschen in Zug. Luzern setzte sich schon bald als Firmenstandort gegen Zürich und Bern durch. Seit 1983 ist Pistor in Rothenburgstationiert.
Eine Firma wie eine Rockband
Zum 100-Jahr-Firmenjubiläum plant Pistor dieses Jahr diverse Anlässe wie die erste Pistor-Expo auf dem Luzerner Messegelände Anfang Juni. Ausserdem hat der Wirtschaftshistoriker Bernhard Ruetz ein Jahr lang in den Archiven von Pistor gewühlt und eine 127 Seiten dicke Firmenchronik verfasst. Im Buch «Vom Lieferanten zum Logistikdienstleister» (ISBN 978-3-909059-68-3) geht Ruetz auf die wichtigsten Meilensteine ein und erklärt, warum Pistor seiner Meinung nach Analogien zur Rockband Status Quo aufweist: Es geht um Konstanz, Verlässlichkeit und Professionalität.
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Schweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet26.08.2013, Tages-Anzeiger Blog,, überBand 100, Schweizer Erfolgsgeschichten, von Tobias StraumannSchweizer Pioniere: jung und gut ausgebildet
Zum Wohlstand eines Landes tragen alle bei, aber eine Gruppe sticht dabei besonders hervor: die Unternehmerinnen und Unternehmer. Die politischen Rahmenbedingungen können noch so ideal und die Belegschaft noch so motiviert sein, die Wirtschaft entwickelt sich nur, wenn es immer wieder Leute gibt, die etwas riskieren und Innovationen zum Erfolg führen.
Die schweizerische Unternehmensgeschichte wird seit 1955 vom Verein für wirtschaftshistorische Studien dokumentiert. Die historischen Porträts reichen von den Mönchen des Mittelalters und den Textil- und Uhrenindustriellen des 16. und 17. Jahrhunderts bis zum Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler und dem Filmpionier Heinrich Fueter im 20. Jahrhundert.
Mittlerweile sind 99 Bände erschienen und 272 Personen porträtiert worden. (hier eine Übersicht über alle Porträts) Für wirtschaftshistorisch Interessierte ist die Reihe eine wahre Fundgrube. Im Gegensatz zu akademischen Geschichtsbüchern, die grossen Wert auf die Beschreibung von überpersönlichen Kräften legen, kann man hier nachverfolgen, wie einzelne Personen Geschichte geschrieben haben.
Der hundertste Band, von Joseph Jung herausgegeben, versucht nun, gemeinsame Merkmale der 272 porträtierten Schweizer Pioniere herauszuarbeiten. Die historische Auswertung ist aufschlussreich. Am bemerkenswertesten ist zweifellos, dass die meisten grossen Unternehmen, die heute im Swiss Market Index (SMI) aufgeführt sind, im jungen Bundesstaat (von 1848 bis Ende der 1860er-Jahre) gegründet wurden. Jung spricht von einem «wirtschaftsliberalen Zeitfenster», in dem die «Voraussetzungen für den heutigen Erfolg» geschaffen wurden.
Es war die Zeit des Eisenbahnbaus, der ETH-Gründung und des „Systems Escher“. Wie kein anderer vor oder nach ihm dominierte der Zürcher Alfred Escher (1819-1882) Politik und Wirtschaft. Es gab keine direkte Demokratie und keine Verbände, kein Verbot gegen Ämterkumulation und keine Karenzfristen. Die Wirtschaftsliberalen hatten freie Bahn. Ende der 1860er Jahre kam diese Epoche an ihr Ende. Die „Demokraten“ opponierten mit Erfolg gegen das „System Escher“ und setzten die direkte Demokratie durch, zuerst in einigen Kantonen, dann auf Bundesebene. Auch die Gründung von staatlichen Kantonalbanken war ein wichtiges Anliegen, das die Demokraten mit Erfolg durchsetzten. 1874 kam es zu einer grossen Verfassungsrevision auf eidgenössischer Ebene. Jung: „Die politische Kultur in der Schweiz hatte sich grundlegend geändert.“ Es ist die politische Schweiz, die wir heute kennen.
Diese hohe Konzentration von Gründungen in den 1850er- und 1860er-Jahren bringt es automatisch mit sich, dass der Anteil von reformierten Männern besonders hoch war, Zürich als Standort für Unternehmensgründungen dominierte und viele Unternehmer Politiker waren und im Militär Karriere machten. Im jungen Bundesparlament waren liberale Abgeordnete, die in der Wirtschaft tätig waren, sogar in der Mehrheit. Heute bilden sie nur noch eine kleine Gruppe.
Unternehmenspionierinnen gab es durchaus, etwa Susanna Orelli-Rinderknecht (1845–1939), die massgeblich an der Gründung des Zürcher Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl (heute ZFV-Unternehmungen) beteiligt war. Aber ihr Anteil war lange Zeit sehr klein. Auch das hat sich mittlerweile geändert.
Von zeitloser Gültigkeit dürften hingegen folgende Ergebnisse sein: Die Pioniere stammten aus allen sozialen Schichten, waren nicht selten Einwanderer, genossen meist eine gute Ausbildung (d.h. mindestens eine Berufslehre) und begannen ihren Erfolgsweg in jungen Jahren. 35 Prozent gründeten ihr Unternehmen, als sie zwischen 20 und 30 Jahre alt waren, und 41 Prozent, als sie zwischen 30 und 40 Jahre alt waren. Ein Pionier hat sein Unternehmen sogar im Alter von 16 Jahren gegründet: Armand Dufaux (1883-1941). Zusammen mit seinem älteren Bruder entwickelte er einen leichten Explosionsmotor, der wie eine Tasche an eine Fahrrad an ein Velo montiert werde konnte („Motosacoche“).
Fazit: Die Gründung von Pionierunternehmen ist nicht nur einigen wenigen Privilegierten gelungen. Im Prinzip haben alle eine Chance, wenn sie sich gut ausbilden lassen und früh genug anfangen.