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Peter Schaber: «Die Ressource Solidarität ist begrenzt»3 min read
Was bedeutet es solidarisch zu sein? Solidarität wird als Rückgrat der Gesellschaft bezeichnet, aber wie gelingt deren Standhaftigkeit? Für Peter Schaber, Professor für angewandte Ethik an der Universität Zürich liegt das grösste Potential im Individuum. Den Kapitalismus sieht er nicht als Verursacher eines vermuteten Verfalls der Solidarität.
Wir trafen Herrn Schaber, Professor für angewandte Ethik an der Universität Zürich nach der Podiumsdiskussion zum Thema Solidarität im Neubad Luzern, organisiert von SolidarMed. Die Organisation verbessert die medizinische Grundversorgung im ländlichen Afrika und in Indien gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung.
Im Gespräch mit Peter Schaber
frachtwerk: Herr Schaber, was ist eigentlich Solidarität?
Peter Schaber: Die Formen und Motive variieren. Die klassische Form ist, sich mit einer politischen Bewegung oder einer Demonstration zu solidarisieren. Das ist die Solidarität, wie sie aus der Arbeiter:innenbewegung bekannt ist.
frachtwerk: Da schwingt viel Revolutionsromantik mit. Hat heute Solidarität nicht viel mehr mit Geld zu tun?
Peter Schaber: Natürlich kann Solidarität auch bedeuten, Organisationen mit Geldspenden zu unterstützen.
frachtwerk: Das klingt nach Solidarität, die vom Schreibtisch aus geschieht. Sind Sie auch ein Schreibtischtäter?
Peter Schaber: Tatsächlich bin ich immer am Ende des Monats solidarisch. Da zahle ich Rechnungen und überweise auch Beträge an Organisationen wie Amnesty International oder Médecins sans frontière.
frachtwerk: Welche Motivlagen verstecken sich hinter Solidarität?
Peter Schaber: Das häufigste Motiv würde ich vermuten, ist eine direkte oder indirekte Betroffenheit durch ein Problem. Direkte Betroffenheit zeigt sich im Nachgang von Erfahrungen. Menschen, die Armut erfahren, werden viel eher etwas dagegen unternehmen wollen als jene, die nie mit deren Konsequenzen konfrontiert wurden.
Ganz klar gibt es auch jene, die mit Geldspenden ihr schlechtes Gewissen beruhigen.
frachtwerk: Was sind Gründe dafür sich nicht zu solidarisieren?
Peter Schaber: Sicherlich eine gewisse Gleichgültigkeit. Viele interessieren sich nicht für Fragen der internationalen Solidarität. Menschen erachten es aber häufig einfach als fruchtlos, sich zu engagieren.
frachtwerk: Solidarität gilt als Rückgrat der Gesellschaft. Kann dieses Rückgrat standhaft sein in einem kapitalistischen System?
Peter Schaber: Solidarität wird ja praktiziert von vielen Menschen. Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus diese Bereitschaft untergraben würde. Es gibt solche Tendenzen, aber neben der individuellen Solidarität existieren auch jene sozialen Institutionen, die vom Staat getragen werden. Diese institutionelle Solidarität dürfen wir nicht unterschätzen.
frachtwerk: Hat Solidarität ein Verfallsdatum?
Peter Schaber: Irgendein Gesetz des Verfalls wäre mir nicht bekannt. Es kommt sicher darauf an um welche Problematik es sich handelt. Auch die Beziehung mit den Menschen, mit denen man sich solidarisiert, spielt eine Rolle.
frachtwerk: Wie schätzen sie die Solidarität im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ein?
Peter Schaber: Ich denke, die Solidarität wird weiter bestehen und sehe nicht wieso diese bröckeln sollte. Manche Leute meinen, dass es so eine Art Ermüdungserscheinung in der Wahrnehmung von schlechten Nachrichten gibt. Deswegen wird die Solidarität aber nicht zurückgehen.
frachtwerk: Dann ist Solidarität also grenzenlos?
Peter Schaber: Nein, das würde ich nicht sagen. Es gibt ganz klar Grenzen. Dies hat nicht nur zu tun mit einem kapitalistischen Staat, sondern auch mit begrenzten Solidaritätskapazitäten von uns als einzelne Individuen. Leider gibt es Grenzen davon, was wir dann bereit sind für andere zu tun. Die Ressource Solidarität ist begrenzt, das ist klar.
Bild: Olivier Brandenberg