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Als Kind staunte ich über den Dialog «Geht es Ihnen wieder gut?» – «Nein, aber besser!» Dass die Steigerungsform «besser» etwas bezeichnete, was schlechter war als «gut», erschien mir als Paradox.
Daran denke ich regelmässig, wenn ich gefragt werde, ob das Finanzsystem heute sicherer sei als 2008. Das Finanzsystem ist heute wohl sicherer als 2008, aber deshalb ist es noch lange nicht sicher – jedenfalls nicht so sicher, wie Bürger und Steuerzahler es verlangen müssen.
Im Herbst 2008 war man sich einig, dass die Regulierung des Finanzsektors gründlich reformiert werden müsste. Was ist daraus geworden? Über Basel III, die Reform des Basler Abkommens zur Bankenaufsicht, schrieb die «Financial Times»: «Basel: Die Maus, die nicht brüllte!» Der Swiss Finish für Schweizer Banken geht über Basel III hinaus, aber nicht sehr viel.
Stellen Sie sich vor, die Geschwindigkeitsbegrenzung für Lastwagen, die gefährliche Chemikalien von Basel nach Mailand transportieren, liege bei 150 km/h. Eines Tages gibt es einen Unfall im Gotthardtunnel, und die Ladung eines solchen Wagens explodiert. Viele Menschen kommen um, der Tunnel wird beschädigt und kann lange nicht benutzt werden. Alle sind sich einig, dass die gefährliche Raserei aufhören muss. Aber die Lobby warnt, eine Begrenzung auf 80 km/h würde die Kosten deutlich steigern, die Unternehmen schädigen und das Wirtschaftswachstum hemmen. Daher wird die Geschwindigkeitsbegrenzung nur um 10 km/h herabgesetzt, auf 140 km/h. Aber man verabschiedet auch neue Vorschriften zur Begrenzung des Benzinverbrauchs bei Geländewagen.
Sind die gefährlichen Transporte damit sicherer? Bei 140 km/h sind die Risiken geringer als bei 150 km/h. Aber sie sind nicht so gering, wie sie sein sollten. Und der Benzinverbrauch von Geländewagen hat mit den Risiken der Gefahrentransporte nichts zu tun. Die Politik ist das eigentliche Problem nicht angegangen. Stattdessen hat sie die Gelegenheit genutzt, ein anderes Anliegen voranzutreiben, das ihr schon lange am Herzen lag.
Das Beispiel ist völlig unrealistisch? Natürlich, denn bei gefährlichen Transporten lassen wir uns nicht auf laxe Regeln ein. Da nehmen wir lieber in Kauf, dass die Unternehmen höhere Kosten haben und vielleicht das Wirtschaftswachstum leidet. Das Beispiel vermittelt aber, wie die Finanzregulierung sich seit 2008 entwickelt hat. Vieles von dem, worauf Politiker und Behörden stolz sind, ist irrelevant. Strengere Regeln für Hedge-Funds und das Verbot von Leerverkäufen bedienen ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Spekulanten, haben aber nichts mit der Krise zu tun. Dasselbe gilt für die Finanztransaktionssteuer, die viel politische Energie absorbiert. Und die Einführung neuer Aufsichtsbehörden in der Europäischen Union hat mehr mit der Integrationsagenda der Europäischen Kommission zu tun als mit der Krise.
Andere Themen, so die Regeln für Boni oder die Trennung von Handelsaktivität und Einlagengeschäft, sind relevant, werden aber wenig zielführend diskutiert. Und die zentralen Punkte, Eigenkapital, Liquidität und Vernetzung, werden nur sehr zögerlich angegegangen.
In Europa zeigt man gerne mit dem Finger auf die USA. Dort wurden die toxischen Finanzprodukte entwickelt, dort wurden massenhaft faule Hypothekenkredite vergeben, und dort hatte die Aufsicht die Praktiken toleriert, die das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds brachten. Aber warum war Europa so stark betroffen? Warum brachte die amerikanische Krise die schweizerische UBS, die deutschen Landesbanken, die französische Bank Dexia oder die grossen niederländischen Banken in solche Schwierigkeiten?
Im «Global Financial Stability Report» des Internationalen Währungsfonds vom Oktober 2008 wurden die Verluste auf Verbriefungen von (minderwertigen) Subprime-Hypotheken in den USA auf 500 Milliarden Dollar geschätzt. Um so viel seien die Marktwerte der Papiere gesunken. Dieser Verlust kann nicht allein erklären, warum das globale Finanzsystem aus den Fugen geriet. Ähnliche Verluste oder Verlusterwartungen gab es Anfang der 1990er Jahre bei den amerikanischen Sparinstituten und bei den japanischen Banken, ohne dass wir das in Europa bemerkt hätten. Und die Wertverluste bei Aktien nach dem Platzen der Technologieblase 2000 waren zehnmal so gross.
Dass die Krise von 2008 so schlimm war, beruhte auf extrem hoher Verschuldung, Fristentransformation und Vernetzung der Finanzinstitute. Die Krisen der frühen 1990er Jahre blieben in ihrer Wirkung beschränkt, weil die Institute wenig vernetzt waren. Und das Platzen der Technologieblase traf vor allem Investmentfonds und Investoren, die wenig verschuldet waren.
Die Vernetzung hat in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen, vor allem weil die Banken in grossem Umfang Derivate verwenden, um Risiken aus ihren Büchern zu nehmen. So verwendete die UBS Kreditversicherungen als Schutz vor den Risiken der Hypothekenverbriefungen, die sie selbst hielt. Das Risiko, dass der Versicherer nicht zahlen könnte, wurde übersehen. Aber wenn der Versicherer viele solcher Verträge verkauft und die Ausfälle korreliert sind, kann dieses Risiko sehr gross sein. Die Derivate lassen die Risiken nicht verschwinden, sondern verschieben sie nur – und niemand weiss dann, wo sie stecken.
Banken sind auch über Marktzusammenhänge vernetzt, denn sie müssen Wertpapiere in ihrem Handelsbuch zu den jeweiligen Marktpreisen bewerten. Wenn eine Bank Wertpapiere verkaufen muss und dieser Verkauf die Preise der Papiere drückt, muss eine andere Bank, die solche Papiere ebenfalls hält, deren Bewertung anpassen und einen Verlust ausweisen. Der Verlust kann diese zweite Bank veranlassen, ihrerseits Wertpapiere zu verkaufen und so die Spirale weiterzudrehen. Dieses Wechselspiel von Preisrückgängen, Buchverlusten, Wertpapierverkäufen und neuerlichen Preisrückgängen prägte die Entwicklung von August 2007 bis Oktober 2008.
Es begann mit einer drastischen Neubewertung der hypothekenbesicherten Papiere im August 2007. Banken, die diese Papiere hielten, hatten zumeist nur wenig Eigenkapital, um die Verluste aufzufangen, und mussten alsbald reagieren: neues Eigenkapital aufnehmen oder Vermögenswerte verkaufen. Einige Banken, die diese Papiere ohne Einsatz von eigenen Mitteln über Briefkopffirmen abseits ihrer Bilanz gehalten hatten, mussten sie in die eigenen Bücher übernehmen, da die Finanzierung der Briefkopffirmen zusammenbrach. Sie hatten dann auch zu wenig Eigenkapital und versuchten, ihre Verschuldung zu reduzieren, indem sie Wertpapiere abstiessen. Das verstärkte den Druck auf die Preise, und die Abwärtsspirale kam in Gang.
In dieser Entwicklung spielte die hohe Verschuldung der Banken eine wichtige Rolle. Bei grossen europäischen Banken lag die Verschuldung bei 96 bis 98 Prozent der Vermögenswerte, die eigenen Mittel nur bei 2 bis 4 Prozent. Bei diesen Relationen wirkt der beschriebene Mechanismus besonders drastisch. Wenn die eigenen Mittel nur 2 Prozent der Vermögenswerte ausmachen, vernichtet ein Verlust von 1 Prozent der Vermögenswerte die Hälfte des Eigenkapitals. Um die Relation von 2 Prozent wiederherzustellen, muss man die Hälfte der Vermögenswerte, das heisst das Fünfzigfache des Verlustes, abstossen.
Dann dauert es auch nicht lange, bis die Solvenz der Institute in Zweifel kommt. Wenn das Gespenst der Insolvenz erscheint, ziehen die Gläubiger ihre Mittel ab, so bei Bear Stearns im Frühjahr und bei Lehman Brothers im September 2008. Bear Stearns wurde mit Staatshilfe von JPMorgan Chase übernommen, Lehman Brothers ging in die Insolvenz. Als ein Geldmarktfonds, der Lehman Brothers Geld geliehen hatte, dann Verluste meldete, kam es zu einem Run der Kunden auf Geldmarktfonds. Diese sahen sich gezwungen, ihre Gelder von den Banken abzuziehen, in Europa wie in den USA. Die Banken kamen in Zahlungsschwierigkeiten und mussten Wertpapiere verkaufen. Weltweit brachen die Börsen ein, die Verluste der Banken wurden noch viel grösser, und die Panik war nur durch das Eintreten der Steuerzahler zu beruhigen.
Die Banken hatten extreme Fristentransformation betrieben und mit täglich fälligen Schulden langfristige Anlagen finanziert. Fristentransformation gehört zum Bankgeschäft; schon immer wurden Mittel aus Kundeneinlagen für mittel- oder langfristige Kredite verwendet. In den Jahren vor der Krise aber hatte man dieses Spiel auf die Spitze getrieben. Da viele der langfristigen Anlagen nicht Kredite waren, sondern Kreditverbriefungen, hatte man sich selbst eingeredet, es gebe gar keine Fristentransformation, denn die Verbriefungen könne man jederzeit verkaufen. Im August 2007 erwies sich das als Illusion. Die Märkte für Verbriefungen brachen zusammen, weil alle gleichzeitig verkaufen wollten und niemand kaufen wollte.
Dass die Krise so viel schlimmer war als frühere Krisen, lag weniger an den Anfangsverlusten als an der Systemdynamik, der hohen Verschuldung, Fristentransformation und Vernetzung. Als Lehman Brothers in Konkurs ging, kam hinzu, dass es kein Verfahren gab, bei einer derart komplexen Bank mit Tochtergesellschaften in anderen Ländern die Systemschäden des Konkurses zu begrenzen.
Politiker und Regulierer haben seit 2008 viel Aktionismus an den Tag gelegt, die Kernprobleme sind sie aber nicht wirklich angegangen. Wie eingangs erwähnt, haben viele Massnahmen mit der Krise so viel zu tun wie der Benzinverbrauch von Geländewagen mit dem Katastrophenrisiko von Chemietransporten durch den Gotthardtunnel.
Beim Umgang mit Banken in Schieflage hat sich nichts Wesentliches geändert. Einige Länder haben die gesetzlichen Verfahren verbessert; die Europäische Union arbeitet daran. Jedoch ist keines der neuen Verfahren geeignet, grenzüberschreitend tätige Banken systemschonend zu restrukturieren oder abzuwickeln. Solche Banken und ihre rechtlich unabhängigen Tochtergesellschaften unterstehen jeweils den Behörden der Sitzländer; diese arbeiten mit unterschiedlichen rechtlichen Regeln und gehen unabhängig voneinander vor. Dadurch werden die unternehmerischen Zusammenhänge von Müttern und Töchtern zerstört, etwa das gemeinsame Cash Management oder die gemeinsame Nutzung von IT-Systemen. Bei Lehman Brothers stellten die englischen Behörden an jenem Montag fest, dass im Rahmen des integrierten Cash Managements vor dem Wochenende alles Bargeld nach New York gegangen war, so dass es in der Londoner Bank überhaupt kein Bargeld mehr gab. Die systemrelevanten Funktionen von Lehman London waren nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Verhandlungen über gemeinsame Interventionen der Behörden verschiedener Länder sind bisher nicht weit gediehen. Selbst in den skandinavischen Ländern wird eine Übereinkunft verhindert aus Sorge darüber, wie am Ende die Verluste aufgeteilt werden. Auch bei der Vernetzung hat sich kaum etwas geändert. Regulierungsbedingte künstliche Anreize zur Nutzung von Derivaten bestehen nach wie vor. Ob die Risiken dadurch wirklich verringert werden oder ob sie nicht nur vertuscht werden, ist kaum untersucht worden.
Die indirekte Vernetzung über Marktzusammenhänge besteht weiter. Das Zusammenspiel von Preisänderungen, Buchverlusten, Wertpapierverkäufen usw. kann jederzeit wieder aufleben. Zuletzt war das in Europa im zweiten Halbjahr 2011 zu beobachten. Und schliesslich spielen auch die Geldmarktfonds weiter eine grosse Rolle bei der Finanzierung von Banken durch kurzfristige Kredite. Zu den Turbulenzen von 2011 trug auch die Abhängigkeit der Banken von kurzfristigen Krediten von Geldmarktfonds bei; diese Abhängigkeit ist immer noch sehr gross.
Dass die Banken vor der Krise so hoch verschuldet waren, lag unter anderem daran, dass die internationalen Regeln für die Eigenkapitalanforderungen ihnen die Möglichkeit gaben, Eigenkapital «einzusparen», indem sie die Risiken ihrer Anlagen kleinrechneten. Wenn eine Bank verkündet, sie habe 10 Prozent Kernkapital, bezieht sich das nicht auf ihre gesamten Anlagen, sondern nur auf die «risikogewichteten» Anlagen. Vermögenswerte, die wenig riskant sind, werden nur bruchteilhaft berücksichtigt, so etwa Staatsanleihen, Hypotheken oder Bankanleihen. In der Krise allerdings machten viele Banken existenzgefährdende Verluste auf Vermögenswerten, die sie als risikolos eingeschätzt hatten. Empirische Untersuchungen zeigen, dass das Verhältnis der eigenen Mittel zu den gesamten Anlagen ein deutlich besserer Indikator für die Robustheit der Banken in der Krise war als das Verhältnis der eigenen Mittel zu den risikogewichteten Anlagen.
An diesem System hat sich nichts Wesentliches geändert. Basel III verlangt, dass die eigenen Mittel 7 Prozent statt wie früher 2 Prozent der risikogewichteten Anlagen ausmachen (bei grossen Banken bis über 10 Prozent), aber das hat bisher nur wenig Einfluss gehabt. Viele Banken erfüllen die neuen Regeln schon heute – vor allem mit Hilfe von «Verbesserungen des Risikogewichtsmanagements»; sie haben einfach das Schönrechnen von Risiken noch weiter verfeinert. Gemessen an den Vermögenswerten insgesamt liegen die eigenen Mittel der grossen europäischen Banken nach wie vor bei 2 bis 4 Prozent. In den USA sind sie etwas höher, nach europäischen Rechnungslegungsregeln bei 4 bis 6 Prozent.
Um den Missbrauch der Risikogewichte einzuschränken, sieht Basel III eine Schuldengrenze vor. Danach muss eine Bank unabhängig von ihren Risiken zu mindestens 3 Prozent eigene Mittel einsetzen. Das ist der Prozentsatz, den Lehman Brothers aufwies, ehe die Bank in den Konkurs ging. Und die europäischen Banken haben erreicht, dass für die Berechnung der Schuldengrenze die amerikanischen und nicht die europäischen Buchhaltungsregeln gelten!
Zur Beschränkung der Fristentransformation sollen in Zukunft neue Regeln sorgen. Gegen die Einführung dieser Regeln gibt es erheblichen Widerstand, insbesondere in der Europäischen Union. Und so arbeitet man daran, sie zu verwässern. Eine dieser Regeln verlangt, dass die Banken immer genügend liquide Mittel haben müssen, um die Verbindlichkeiten zu erfüllen, die in den nächsten 30 Tagen anfallen. Aber was sind liquide Mittel? Natürlich Bargeld – aber darauf bekommt man keine Zinsen, und die Bank möchte doch Geld verdienen. Also auch Staatsanleihen! Wie das Beispiel Griechenland gezeigt hat, sind die ja immer liquide. Und dann auch Pfandbriefe! In Dänemark hat man die ja immer zu den liquiden Mitteln gezählt. Aber wenn man Pfandbriefe zulässt, muss man auch Hypothekenverbriefungen zulassen, sonst wäre das ja eine Diskriminierung zulasten der Amerikaner, bei denen Pfandbriefe keine Rolle spielen. Und so behandelt man heute die amerikanischen Hypothekenverbriefungen als liquide – als ob es den Sommer 2007 nie gegeben hätte.
Das Übermass an Fristentransformation vor der Krise hatte auch damit zu tun, dass es im Finanzsektor insgesamt zu viel Kapazität gibt. Dass die deutsche Hypo Real Estate etwa und die französische Dexia Hypothekenkredite und Staatsanleihen mit täglich fälligen Krediten von Geldmarktfonds finanzierten, lag auch daran, dass sie in einem übersetzten Markt anders gar nicht hätten überleben können. Hätten sie sich langfristig finanziert, wären sie kaum noch im Geschäft gewesen. Der Preiswettbewerb in ihren Märkten war vor 2008 so intensiv, dass sie überhaupt nur mit extremer Fristentransformation überleben konnten.
Jedoch hat es nach der Krise kaum eine Marktbereinigung gegeben. In Teilen des Finanzsystems, gerade in Europa, gibt es weiterhin erhebliche Überkapazitäten. Einiges ist zurückgefahren worden, kann aber jederzeit wieder aufgebaut werden. Nur wenige Banken wurden geschlossen. Nach Lehman Brothers wurde zunächst einmal jede Bank vom Staat gerettet. Das Grundproblem besteht nach wie vor, dass die Banken bei übermässigen Kapazitäten auf Dauer nur Geld verdienen können, wenn sie sehr hohe Risiken eingehen.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass es viele Altlasten gibt: Verluste aus der amerikanischen Krise, aus der irischen und spanischen Immobilienkrise, aus den südeuropäischen Staatsschuldenkrisen oder aus der Krise in der Seeschifffahrt, die alle noch nicht offengelegt wurden. Zombies – Banken, die eigentlich insolvent sind, das aber verschleiern, indem sie so tun, als gäbe es die Verluste nicht – sind für die Volkswirtschaft gefährlich. Entweder fangen sie an zu zocken, um im Erfolgsfall wieder gut dazustehen – so die amerikanischen Sparinstitute in den 1980er Jahren. Oder sie vergeben zu wenig Kredite an neue Unternehmen und zu viele an marode alte Kunden, um die Verluste zu vertuschen – so die japanischen Banken in den 1990er Jahren (und einige südeuropäische Banken heute!). Eine Bereinigung ist dringend notwendig, findet aber nicht statt.
Die politische Diskussion über die Struktur des Finanzsektors konzentriert sich auf das Verhältnis von Eigenhandel und Einlagengeschäft. Dahinter steht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als das Glass-Steagall-Gesetz in den USA für eine Trennung zwischen Einlagengeschäft und Investmentbanking sorgte. Volcker, Vickers, Liikanen, die neuen Vorschläge der EU-Kommisison – sie alle versuchen, diese Trennung ansatzweise wiederherzustellen. Man will die Einleger – und letztlich die Steuerzahler – vor den Risiken der Wertpapierspekulation der Banken abschirmen.
Dabei unterliegt man zwei Illusionen. Zum einen war die alte Zeit nicht so gut, wie die Nostalgie suggeriert. Das Trennbankensystem in den USA ist verschwunden, weil es in einer Welt, in der es auch Geldmarktfonds gibt, nicht mehr funktionierte: Die Krisen der 1980er Jahre gingen darauf zurück. Und die Krisen der 1990er Jahre zeigten, dass auch das Kreditgeschäft nicht ganz ungefährlich ist.
Zum anderen unterstellt man, dass es beim Investmentbanking kein «Too big to fail»-Problem gebe. Aber Lehman Brothers war eine Investmentbank, AIG eine Versicherungsgesellschaft, LTCM ein Hedge-Funds, und Hypo Real Estate eine Pfandbriefbank. Keines dieser Institute hatte Einlagen. Auch hier demonstriert die Politik lieber Aktionismus, statt dass sie die Probleme identifiziert und angeht.
In unserem Buch «Des Bankers neue Kleider» schlagen Anat Admati und ich vor, die Reformdiskussion auf die Eigenmittelanforderungen zu konzentrieren und die Anforderungen auf 20 bis 30 Prozent der gesamten Anlagen der Banken anzuheben. Das ist deutlich mehr, als selbst der Swiss Finish für Schweizer Banken vorsieht. Eine solche Anhebung, das heisst eine Beschränkung der Verschuldung auf 70 bis 80 Prozent, würde viele andere Regulierungen erübrigen. Die Verzettelung und Verschwendung politischer Energie in einer Vielzahl von Debatten liesse sich so vermeiden.
Eine deutlich höhere Eigenfinanzierung hätte nicht nur den Vorteil, dass die Banken Verluste leichter absorbieren könnten, ohne in eine Schieflage zu kommen. Darüber hinaus würden auch die oben beschriebenen Systemzusammenhänge abgeschwächt, die massgeblich mitverantwortlich für das Ausmass der Krise waren. Der Druck, nach Verlusten Vermögenswerte abzustossen, wäre um vieles kleiner. Der Verdacht der Insolvenz würde nicht so bald aufkommen, dementsprechend geringer wäre das Risiko eines Wegbrechens kurzfristiger Kredite. Vielleicht am wichtigsten: Da die Banken bei höherer Eigenmittelfinanzierung Verluste besser absorbieren können, ohne dass der Steuerzahler oder die Zentralbank helfen muss, wird auch die Haftung besser funktionieren, das heisst, die Verantwortlichen werden mit Risiken besser umgehen. Das Denkmuster «Zahl – ich gewinne; Kopf – die Nationalbank hilft» wird wieder verschwinden.
Die Banken lehnen diesen Vorschlag strikt ab. Jedoch haben die meisten ihrer Argumente so viel Substanz wie des Kaisers neue Kleider in Andersens Märchen, von dem wir den Titel unseres Buchs entliehen haben. So warnte der britische Bankenverband 2010, Basel III würde die britischen Banken zwingen, zusätzliche 700 Milliarden Pfund «in Eigenkapital zu halten», und diese 700 Milliarden würden nicht für Kredite zur Verfügung stehen. Das ist Unsinn, denn Eigenkapital ist eine Form der Finanzierung und nicht eine Barreserve. Wenn Sie ein Haus kaufen mit einem Eigenbeitrag von 20 Prozent, geht dieses Eigenkapital in den Kauf des Hauses und nicht in eine Barreserve.
Vor allem steht die Drohung der Banker im Raum, höhere Eigenmittelanforderungen würden dazu führen, dass es weniger Bankkredite geben und das Wirtschaftswachstum leiden werde – so etwa Josef Ackermann in einem Interview 2009. Dazu Paul Volcker, der frühere Präsident der amerikanischen Zentralbank: «Bullshit!» Den schärfsten Einbruch der Bankkredite und des Wirtschaftswachstums seit den 1930er Jahren gab es im vierten Quartal 2008 – verursacht durch die Krise und mittelbar durch die hohe Verschuldung, Fristentransformation und starke Vernetzung der Banken. Jeder, der vor den negativen Wirkungen höherer Eigenkapitalanforderungen warnt, sollte erklären, wie seine Warnung zu dieser Erfahrung passt. Finanzkrisen sind nicht wie Erdbeben, die man nicht verhindern kann. Sie entstehen, weil die Beteiligten hohe Risiken eingehen und weil sie es versäumen, die Auswirkungen dieser Risiken auf Dritte zu begrenzen.
Eine hohe Kreditvergabe der Banken ist kein Wert an sich. Uns allen würde es bessergehen, wenn die Banken vor der Krise weniger Kredite vergeben hätten, dafür aber bessere; weniger Immobilienkredite in den USA, Irland oder Spanien, weniger Kredite an andere Banken und an Staaten, weniger Schiffskredite. All diese Kredite wurden übrigens durch das System der Risikogewichtung begünstigt, Unternehmenskredite dagegen benachteiligt – sie eignen sich nicht für das Risikogewichtsmanagement.
In den Bilanzen der grossen europäischen Banken macht das traditionelle Bankgeschäft – Kundeneinlagen und Unternehmenskredite – durchweg weniger als die Hälfte des Gesamtgeschäfts aus. Der überwiegende Teil sind Derivate und Wertpapierspekulationen – wie bei einem Hedge-Funds. Allerdings sorgen bei einem Hedge-Funds die Gläubigerbanken dafür, dass die Schulden nicht mehr als 70 Prozent der Vermögenswerte ausmachen; bei den grossen Banken sind es nach wie vor 96 bis 98 Prozent.
«Aber Eigenkapital ist teuer!» Gewiss verlangen die Aktionäre eine höhere Rendite als die Gläubiger. Schliesslich tragen sie mehr Risiko. Aber die Differenz, das heisst die Risikoprämie, hängt davon ab, wie hoch das Risiko ist. Wenn mehr Eigenkapital eingesetzt wird, ist das Risiko je eingesetzten Franken, Dollar oder Euro niedriger und daher auch die Risikoprämie. Eigenkapital ist teurer als Fremdkapital, aber das Eigenkapital selbst wird billiger, wenn man mehr davon einsetzt. Die beiden Effekte können einander kompensieren. Im Normalfall tun sie das allerdings nicht, weil Schulden staatlich gefördert werden durch die steuerrechtliche Behandlung und durch «Too big to fail»-Garantien. Insofern ist Eigenkapital tatsächlich teuer – für die Banken. Nicht aber für die Gesellschaft. Für die Gesellschaft hilft höheres Eigenkapital der Banken, den Steuerzahler zu entlasten und vor allem die Risiken von Schäden für das Finanzsystem und die ganze Volkswirtschaft zu begrenzen.