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Wenn Frau will, steht die Seidenfabrik still!
7. Juni 2019 von Lina Gisler
Online seit
7. Juni 2019
Printausgabe vom
13. Juni 2019
1897 geschah in Höngg etwas, was in der Schweizer Gewerkschaftsgeschichte zuvor nur selten vorgekommen war: Die Textilarbeiterinnen einer Höngger Seidenfabrik streikten, um gegen die schlechten Arbeitsbedingungen zu protestieren. Ihre konkrete Forderung, eine Reduktion der Arbeitszeit, wurde dann allerdings nur teilweise erfüllt.
In der Geschichte der Gewerkschaften tauchen arbeitende Frauen nur selten auf. Gewerkschaften hatten lange Zeit kein grosses Interesse an weiblichen Mitgliedern. Zum einen hatten Frauen kein Stimmrecht und konnten die Gewerkschaften also politisch nur wenig stärken, zum anderen kontrollierten meist der Vater oder der Ehemann die Ausgaben des tiefen Lohns der Frauen. Zudem setzten Arbeitgeber die Frauen oftmals als Machtmittel ein: Sie galten als Lohn drückend, denn nicht selten entliess man die Männer und behielt die Frauen aufgrund ihrer niedrigeren Löhne. Als Reaktion darauf forderten Gewerkschaften wiederholt ein Verbot von Frauenarbeit.
Um die Jahrhundertwende ereigneten sich im Textilsektor mehrere Streikbewegungen, an denen fast ausschliesslich Frauen beteiligt waren. So forderten Seidenweberinnen der Firma Henneberg in Wollishofen 1896 sowohl eine Lohnerhöhung als auch eine Reduktion der täglichen Arbeitszeit. 1897 gab es in Burgdorf einen Streik von Weberinnen für eine Einführung des Zehnstundentags. Im gleichen Jahr legte auch rund die Hälfte der insgesamt 800 Arbeiterinnen der Seidenstoffweberei «Baumann älter» (Fabrik am Wasser) in Höngg die Arbeit nieder. Die Arbeiterinnen verlangten eine Kürzung der täglichen Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden. Während Männer mit Streiks in der Regel einen höheren Lohn erzwingen wollten, machten sich Frauen für eine kürzere Arbeitszeit stark. So konnten sie sich weiteren Arbeiten widmen, die zu Hause auf sie warteten.
Höchste Konzentration
Für die Arbeiterinnen war die lange Arbeitszeit nur eines der vielen Übel. Der grössere Teil der Belegschaft wohnte nicht in Höngg selber, sondern kam von auswärts: Von Wipkingen, Altstetten oder Affoltern mussten diese Arbeiterinnen täglich zu Fuss über den Hönggerberg wandern. Absenzen oder Zuspätkommen hatten Lohnkürzungen zu Folge, was wiederum Hunger bedeutete. Nicht nur der Weg, auch die Arbeit selber war alles andere als angenehm. Die vielen, eng aneinander gereihten Webstühle erzeugten einen infernalischen Lärm, der Geruch des Maschinenöls erschwerte die Atmung. Gleichzeitig musste während der elf Arbeitsstunden volle Konzentration aufgebracht werden: Kleine Unaufmerksamkeiten führten zu Webfehlern, die wiederum Lohnabzüge nach sich zogen. Zusätzlich erhöhte sich die Gefahr der schlechten Behandlung durch die Vorgesetzten, wenn, wie in diesem Fall, grosse Gruppen von Arbeiterinnen zusammenarbeiteten.
Die angestrebte Verbesserung der Umstände, eine Verkürzung der Arbeitszeit, wurde nur teilweise umgesetzt: Die Arbeitgeber reduzierten die Arbeitszeit lediglich um eine halbe Stunde von elf auf zehneinhalb Stunden täglich. Das war weniger, als die Frauen gefordert hatten.
Diese Massnahme war jedoch nicht die einzige Folge des Streiks: Die rund 200 der 400 streikenden Arbeiterinnen gründeten den «Verein der Seidenarbeiterinnen, Sektion Höngg», eine der ersten Frauen-Gewerkschaften der Schweiz überhaupt. Die damalige Prognose des «Grütlianers», eine der wichtigsten Arbeiterzeitungen dieser Zeit, lautete: «Der Verein wird wachsen. Wenn in allen Seidengeschäften so vorgegangen wird, so dürfte man da über kurz oder lang ohne Revision des Fabrikgesetzes zum Zehnstundentag kommen. Andere Sektionen des Vereins sind im Entstehen begriffen.» Demnach spielte dieser Streik eine erhebliche Vorreiterrolle im Erstreben kürzerer Arbeitszeiten. Es ist jedoch anzumerken, dass eine solche Verkürzung den Arbeiterinnen meist gar nichts brachte. Denn die Produktion selber nahm nicht zwingend ab, die Verkürzung bedeutete kaum eine Entlastung, sondern eine Zunahme der Arbeitsintensität. Mit einer grösseren Anzahl Webstühlen pro Arbeiterin wurde die geforderte Leistung sogar noch erhöht. Trotzdem hatten die Arbeiterinnen der Seidenfabrik mit ihrem Streik ein klares Zeichen gesetzt, dem viele weitere folgten.
Quellen
Ortsgeschichte Höngg
Artikel «Frauen in der Geschichte der Schweizerischen Gewerkschaften: ein Teufelskreis» aus «Emanzipation: feministische Zeitschrift für kritische Frauen»
Der Grütlianer: Organ für die Interessen des Grütlivereins
Yvonne Pesenti: «Beruf: Arbeiterin»
Aufruf
Genauere Informationen über den Streik in Höngg und die darauf gegründete Gewerkschaft sind schwer zu finden. War Ihre Grossmutter vielleicht daran beteiligt, oder haben Sie sonst irgendwelche weiteren Informationen dazu? Dann melden Sie sich unter <email-pii>, oder rufen Sie an auf 044 340 17 05.