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Was ich schon seit vielen Jahren theoretisiere, habe ich mir in einer vollen Aula von Tim K. Wiesendanger am 10. April 2018 im Rahmen der Vorträge des IQS (Institute for Queer Studies der Universität Zürich) bestätigen und untermauern lassen. Tim stellte seine Hintergrundforschungen und seine Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxiserfahrung vor, die in sein Buch „Abschied vom Mythos Monogamie“[1] eingeflossen sind.
Ausgangspunkt seiner Arbeit war unter anderem das Buch „Sex at dawn“ (in Deutsch erschienen bei Kindle, 2016, „Sex – Die wahre Geschichte“) von Christopher Ryan und seiner Frau Cacilda Jathá aus dem Jahr 2010. Sie gehen von den Menschen als nomadische Jäger und Sammler aus, die das Gejagte und Gesammelte innerhalb der grösseren Menschengruppe, der sie zugehören, teilen. In seiner Gruppe lebte er polysexuell/polymourös[2], die Kinder wurden in der Gruppe aufgezogen. Erst als die Menschen zu Ackerbauern und sesshaft wurden, machten sie Besitz geltend (mein Werkzeug, meine Ernte, meine Frau, meine Kinder usf.) und teilen wurde kostenpflichtig, Mensch hatte für das Erhaltene zu bezahlen. Bei Frau (ev. Mann) und Kindern ging/geht das nicht so gut, weil sie ja auch ihren eigenen Willen entwickelt hatten, wofür sich aber in der Prostitution und den Zuhältern Alternativen fanden.
Gleichzeitig vergleichen die Autoren das Verhalten von bestimmten Tierarten in ihren Gruppen. Dass nur wenige unter ihnen monogame Paarbeziehungen pflegen, ist weitherum bekannt. Bemerkenswert ist beim Blick auf die nahen Menschenverwandten, dass sie den Sexualakt unterschiedlich einsetzen: Der männliche Schimpanse zur Erhaltung seiner Vormachtstellung, der männliche Bonobo zum gleichmässigen Stressabbau innerhalb der Gruppe.
Die Schlussfolgerung der beiden Autoren ist also, dass die Natur des Menschengeschlechts ebenfalls nicht grundsätzlich und ausschliesslich monoamourös angelegt ist. Das Monogamiekonzept entwickelte sich zur Besitzerhaltung. Besitz bedeutet Macht. Folglich dient Monogamie in patriarchalen Gesellschaften der Besitz- und Machterhaltung des Mannes über die Frau/die Frauen (nur in seltenen matriarchalen Völkergruppen der Frau über den/die Männer (siehe zu Polyandrie https://de.wikipedia.org/wiki/Polyandrie ).
Mit diesen Erkenntnissen spürt Tim der Frage nach, wie sich das (widernatürliche) Konzept der Monogamie festgesetzt hat, sich von Generation zu Generation (buchstäblich) fortpflanzt und „uns“ konditioniert. Er legt dar, wie das Bewusstsein über die Anima (Streben nach Intimität) und den Animus (Streben nach Autonomie), die allen Menschen innewohnen, „bei bewusstem Umgang zu einem wesentlichen Mehrwert für die Lebensgestaltung beitragen“ können (ebenda S. 70) und den wünschbaren Ausgleich zwischen Herz- und Sexualenergie begünstigen. Wichtig ist ihm, dass jemensch sowohl Anima als auch Animus hat, aber zu unterschiedlichen Anteilen, die in den Beziehungen zu den Ander*en unterschiedlich wechselwirken und in non-binären Menschen besonders zum Tragen kommen. Wenn jemensch die eigenen polyamourösen Empfindungen und polysexuellen Erfahrungen ernst nimmt und sie nicht den Vorurteilen der gesellschaftlichen Wünschbarkeit (Diktat) unterstellt, kann er authentisch leben. Polyamorie heisst in der Lebensgestaltung also, dem Wunsch Platz geben, dass „ich mich sexuell mit verschiedenen Partnern einlassen [möchte]“. Dabei verhindern „Schuldgefühle“ und „schlechtes Gewissen“ dieses „authentische Leben“. Allerdings schützt dieses Bewusstsein manchmal nicht vor dem Griff zum „Giftschrank Eifersucht“. Wie dann die „serielle Monogamie“ (für mich wäre es eher die serielle Polyamorie) einzustufen ist, bleibt dahingestellt.
Tim K. Wiesendanger ist betont ein schwuler Psychotherapeut und der Auffassung, dass die Lesben und Schwulen (ob nun cis oder non-binär) aus ihren persönlichen Erfahrungen heraus besonders geeignet sind, ja die Aufgabe haben, den „Mythos Monogamie“ aufzuweichen und zu widerlegen. Das kann „uns“ nur gelingen, wenn „wir“ uns nur unserer polyamourösen Neigungen bewusst sind und verantwortungsvoll damit umgehen.
Wie die Menschen seit Beginn der Ackerbaugesellschaft, also seit Jahrtausenden, dann in Tat und Wahrheit mit dem Konzept Monogamie umgegangen sind und wie sie es offen oder versteckt umgangen haben und immer noch umgehen, hätte den Rahmen seines Werkes bei weitem gesprengt. Aber es wäre beispielhaft und umfassend zu erforschen.
Dass ich mich mit dem Meisten in Tim Wiesendangers Buch identifiziere und mich in meinen Auffassungen bestätigen lassen konnte, dürfte jetzt kein grosses Geheimnis mehr sein. Ob sich dann „Eros“ erst in der Verbindung zwischen Herz- und Sexualenergie (oder umgekehrt?) einstellt, wird wohl jemensch unterschiedlich sein. Für mich ist Eros die Urkraft, die jemensch ausserhalb gegebener gesellschaftlicher Umstände dazu führt, Kontakt, und sei es auch nur Blickkontakt, mit Mensch aufzunehmen.
Der Griff zum Buch und sich darin vertiefen, lohnt sich für alle.
Max Krieg
Weitere Werke von Tim K. Wiesendanger:
- Befreiter schwuler Eros – Unbewusstes beim Sex, BoD, Norderstedt, 2014
- Das Kind im schwulen Mann – In seelischen Krisen zum wahren Selbst finden, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2010
- Vertieftes Comin-out – Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005
- Gleich und doch anders – Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Angehörigen (gemeinsam mit Udo Rauchfleisch et ak,) Klett-Cotta, Suttgart 2002
- Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung – Ein Wegweiser, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001
[1] Abschied vom Mythos Monogamie, Tim K. Wiesendanger, 2018,Querverlag GmbH, Berlin
[2] Meine Entwirrung der Begriffe (ohne Anspruch auf wissenschaftliche/terminolische Korrektheit):
Monogamie=ausschliessliche verbriefte (Ehe, eingetragene Partnerschaft) oder unverbriefte (Konkubinat) Paarbeziehung (mit sexueller Treue)
Polygamie=Vielweiberehe
Polyandrie=Vielmännerehe
Polyamorie, polyamourös=erotische Empfindungen für mehrere Partner*innen, die in polysexuelle Erlebnisse münden kann
polysexuell=sexuelle Erlebnisse mit mehreren Partner*innen
monosexuell, monoamourös=auf ein*e einzige Partner*in ausgerichtetes erotisches Empfinden, sexuelles Erleben.