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Er war er als Speaker von Grossanlässen wie dem Lauberhorn-Rennen, des Eidgenössischen Schwingfestes, Fussball-Länderspielen und Cup-Finals populär und arbeitete 20 Jahre lang als Sprecher der Solothurner Regierung. Aber Dagobert Cahannes (69) war auch bei der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy zur Novartis und bei Verleihungen von Nobelpreisen mit dabei. Ein Gespräch über ein Leben vor und hinter den grossen Kulissen, über Diskretion und Nobelpreisträger.
Beginnen wir mit Ihrem heikelsten Geschäft als Kommunikations-Profi. Sie waren für die Kommunikation verantwortlich, als sich 1996 die beiden Pharmagiganten Sandoz und Ciba Geigy zu Novartis zusammenschlossen. Diese Fusion war eines der sensibelsten Geschäfte unserer Wirtschaftsgeschichte. Falls da vorher etwas bekannt geworden wäre, hätte ein Erdbeben die Börse erschüttert. Wie war es möglich, dieses riesige Geschäft geheim zu halten?
Es war in der Tat ein sehr heikles Geschäft. Wir drehten beispielsweise die Filmaufnahmen mit den Novartis-Logo unter der Woche auf dem Titlis. Die paar Touristen, die uns dabei beobachten konnten, wussten mit dem Namen «Novartis» nichts anzufangen. Die Drucksachen in Englischer Sprache liessen wir in Frankreich drucken, für die französischsprachigen vergaben wir den Auftrag nach England, damit die Mitarbeiter der Druckereien der Sache nicht auf die Spur kamen.
Sie mussten aber vorher den Eintrag im Handelsregister publizieren.
Ja, das stimmt. Doch wir liessen die Firma zuerst mit einem anderen Zweck eintragen, liessen sie also nicht als Pharmafirma erkennen. So war der Eintrag einer Firma namens «Novartis» für das Handelsregisteramt ein reines Routinegeschäft, hinter dem nichts vermutet wurde.
Ein solches «Jahrhundert-Geschäft» erfordert ja zahllose Sitzungen und Verhandlungsrunden. Es war deshalb unmöglich, diese in den Räumlichkeiten einer der beiden Firmen oder irgendwo in Basel abzuhalten. Die Führungspersönlichkeiten der beiden Firmen waren ja stadtbekannt.
Die meisten Besprechungen haben in Restaurants irgendwo im Elsass stattgefunden. Um keinerlei Aufsehen zu erregen, reisten die Verantwortlichen in alten Autos an.
Also nicht mit den üblichen Carrossen.
So ist es.
Wie schafften Sie es, zu einer Medienkonferenz einzuladen, ohne dass jemand merkte, worum es ging?
Wir verschickten die Einladungen für die Medienkonferenz an dem Tag, an dem sie stattfand, am Morgen um 05.00 Uhr, per Mail.
Schliefen Sie gut in jener Nacht?
Nicht besonders. Die Vorfreude war natürlich riesig. Und ein wenig bibberte ich schon, dass irgendwo noch was rausgeht.
Wie viele Leute wussten denn davon?
Die Verwaltungsräte beider Firmen, die Banken, die mit dem Fusionsgeschäft beauftragt waren, insgesamt dürfen es mindestens 100 Personen gewesen sein.
Und die haben alle dichtgehalten?
Nicht ganz. Damals gab es noch die Wirtschaftszeitung «Cash». Die hatten in der Ausgabe am Tag, als wir die Medienkonferenz abhielten und den Deal bekannt gaben, einen Artikel über zehn Seiten mit allen Hintergrundinformationen im Blatt. Das war kein Problem, weil wir ja am selben Tag ebenfalls damit an die Öffentlichkeit gingen. Aber da musste jemand am Tag vorher geplaudert haben.
Wer war es?
Ich habe schon einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte.
Oh, das ist aber interessant.
Der Name ist mir inzwischen entfallen.
Gerieten Sie als ehemaliger Journalist nicht auch in Verdacht?
Doch, ich wurde dazu befragt.
Sprachen Sie damals eigentlich mit Ihrer Frau über diese Fusion?
Nein, nicht einmal mit meiner Frau sprach ich darüber. Ich musste aufpassen. Ich durfte ja jeweils nicht sagen, weshalb ich schon wieder später wegen einer Sitzung nach Hause komme. Mit meinem Sohn hatte ich sowieso die klare Abmachung, dass wir daheim nicht über Geschäftliches reden.
Ihr Sohn Kevin ist heute stellvertretender Nachrichtenchef bei unserem staatstragenden Radio und war ja damals schon Journalist. Auch er ahnte also nichts?
Nein.
Diese ganze Fusion ging vor 23 Jahren über die Bühne. Wäre diese Geheimhaltung in der heutigen Zeit der sozialen Medien und Smartphones immer noch möglich?
Ich hoffe es doch.
War diese Fusion eigentlich Ihr grösstes Abenteuer?
Ja, nebst den beiden Nobelpreisen.
Davon müssen Sie uns erzählen. Sie waren ja in den 1980er Jahren in der Kommunikationsabteilung von IBM Schweiz beschäftigt und in dieser Zeit gewannen gleich zwei Schweizer den Nobelpreis für Physik.
Ja, der Nobelpreis ging 1986 an Heinrich Rohrer und Gerd Binnig und im Jahr darauf an Karl Alexander Müller und Georg Bednorz. Eine erste Herausforderung war bereits die Formulierung der Medienmitteilungen. Eine ging mit den ganzen wissenschaftlichen Erklärungen an die Fachwelt. Aber es brauchte auch eine einfache, populäre Version fürs Volk. Aber in Erinnerung bleibt mir vor allem dieser Augenblick, als Heinrich Rohrer die Nachricht am Telefon erhalten hat.
Wie das? Der Nobelpreisträger erfährt die gute Nachricht im Büro am Telefon?
Ja, so war es. Wir wussten, dass er nominiert war und dass er den Preis wohl erhalten würde. Also waren wir alle bereit. Aber ganz sicher und offiziell war es eben erst, als der Telefonanruf kam. Wir lagen uns dann in den Armen und weinten vor Freude. Daraus entstand eine Freundschaft, die mir ein paar unvergessliche Momente bescherte.
Erzählen Sie uns davon?
Ich organisierte damals in Grenchen eine Talk-Show und wir kündigten Nobelpreisträger Heinrich Rohrer als Gast an. Doch so richtig wollte mir dies niemand glauben. Wie soll denn der kleine dicke Cahannes den Nobelpreisträger nach Grenchen bringen? Viele waren überzeugt, dass ich nur einen Wirbel veranstalte, um dann kurz vor dem Veranstaltungstermin bekannt zu geben, der Rohrer hätte wegen Unpässlichkeit abgesagt. Aber der Nobelpreisträger war pünktlich vor Ort. Mächtig Eindruck machte zudem, dass er mich duzte. Das hat meiner Eitelkeit schon geschmeichelt. Er erzählte dann ein paar wunderbare Anekdoten.
Zum Beispiel?
Er war im Militär Oberleutnant. Bis zur Verleihung des Nobelpreises habe man ihn «Oberleutnant Rohrer» gerufen und gewusst, dass er irgendetwas mit Physik zu tun habe. Keines der hohen Tiere habe sich für ihn interessiert. Nach der Verleihung habe er sich vor Einladungen kaum mehr retten können. Der Divisionär, der Oberst und weiss wer noch alles wollten mit ihm essen gehen. Und von da an sei er nur noch mit «Herr Professor Rohrer» angesprochen worden.
Was war denn der Heinrich Rohrer für ein Mensch?
Er, und übrigens auch Karl Alexander Müller, der ein Jahr später den Nobelpreis gewann, waren völlig geerdete Typen. Sie hatten natürlich beide ihre Eigenheiten, aber sie waren freundlich und bescheiden. Heinrich Rohrer hat auch als Nobelpreisträger noch beim Firmenfussball mitgemacht.
So sind Sie später beim Anblick eines Solothurner Regierungsrates nicht mehr vor Ehrfurcht erstarrt.
Das bin ich nie. Darum geht es auch gar nicht. Es geht im Umgang um Respekt und ein wenig auch um Humor und Schlagfertigkeit.
Es gibt da eine Episode mit Ihnen und Sepp Blatter, dem ehemaligen FIFA-Präsidenten …
… ja, ja, ich weiss, was Sie meinen. Er wollte einmal bei einem Interview das Mikrofon selber in die Hand nehmen. Da habe ich ihn gefragt: Aber Herr Blatter, Sie sind doch Regimentskommandant? Als er bejahte, fragte ich ihn, ob er denn einem Soldaten das Gewehr ebenfalls wegnehmen würde. Wir mussten beide lachen.
Arbeiteten Sie während ihrer Zeit im Dienste der Solothurner Regierung weiterhin auch als politischer Journalist?
Nein, natürlich nicht mehr. Deshalb habe ich von da an nur noch Sport gemacht.
Sie arbeiteten während 35 Jahren als Reporter und Kommentator für unser staatstragendes Fernsehen. Aber berühmt wurden Sie eigentlich als Speaker bei zahllosen Grossanlässen. Wir haben nachgeschaut: Sie waren 21 Mal Speaker bei den Lauberhornrennen, bei 9 Eidgenössischen Schwingfesten ab 1992, bei 82 Länderspielen der Schweizer Fussball-Nati, 15 Cupfinals, 30 CSI-Reitsportanlässen in Zürich und dem CSIO St.Gallen und bei vielen anderen Sportveranstaltungen.
Ich danke für die Blumen. Das dürfte so richtig sein und ich bin tatsächlich ein wenig stolz, dass ich ein Länderspiel mehr habe als Andy Egli. Die Tätigkeit als Speaker bereitete mir sehr viel Freude. Gelernt habe ich beim legendären Karl Erb. Er war ein strenger Lehrmeister. Arm ist er bei dieser Lehrtätigkeit wahrscheinlich nicht geworden. 1500 Franken kostete damals der Kurs bei ihm, und wir waren viele Kursteilnehmer. Wie von der Kanzel herab erklärte er uns, was Sache ist.
Wo waren Sie dann zum ersten Mal Speaker?
Bei einem Satus-Turnerländerkampf Schweiz gegen Belgien im Hotel meiner Eltern in Grenchen. Für 20 Franken Honorar.
Aber die Eidgenössischen Schwingfeste oder das Lauberhorn-Wochenende machten Sie dann nicht mehr für 20 Franken.
Nein. Ich bekam anständige Spesen für die zahlreichen Besuche der Feste und Sitzungen.
Worauf legte Karl Erb bei der Ausbildung besonderen Wert?
Auf Respekt, Anstand und Korrektheit. Dazu gehört, dass der Kommentator die Namen richtig ausspricht. Ich wendete jeweils viel Zeit dafür auf, mich bei ausländischen Athleten nach der richtigen Aussprache ihrer Namen zu erkundigen. Dies wurde sehr geschätzt. Hilfreich ist auch, wenn man Fremdsprachen beherrscht. Bei mir sind dies Französisch und Englisch.
Etwas Allgemeinwissen wird auch nicht schaden.
Ein grosses Wissen ist sehr wichtig. Ich kann ja nicht ständig etwas nachschauen. Das Wichtigste muss im Kopf oder mit ganz wenig Aufwand gezielt abrufbar sein.
Wie würden Sie die Aufgabe des Speakers beschreiben?
Als Speaker bin ich der Sprecher des Veranstalters und erbringe eine Dienstleistung für die Besucher. Ich bin aber nicht ein Clown, der sich selbst inszeniert. Beim Eidgenössischen Schwingfest setzte ich beispielsweise durch, dass jeweils alle Gänge angesagt werden und von jedem Gang das Resultat durchgegeben wird, und zwar in deutscher und französischer Sprache.
Sicher hatten Sie auch als Speaker unvergessliche Erlebnisse.
Im Laufe der Zeit hat sich zwischen mir und Marco Büchel eine Freundschaft entwickelt. Bei seiner letzten Abfahrt am Lauberhorn 2011 ist er auf den 3. Platz gefahren. Wir warteten unten im Zielraum auf die Siegerehrung und kamen ins Plaudern. Ich spürte seine Emotionen in diesem Augenblick und fragte ihn, ob wir das Publikum daran teilhaben lassen wollen. Er war einverstanden. Ich schaltete das Mikrofon ein und es wurde eines der schönsten Interviews, die ich je gemacht habe. Marco hat sich später revanchiert. Als ich im Januar dieses Jahres als Speaker des Lauberhorns verabschiedet wurde, reiste er extra deswegen an. Ich freute mich riesig darüber.
Beim Lauberhornrennen kommt es manchmal auch zu schweren Stürzen. Wie geht man als Speaker damit um?
Der DJ nimmt in einem solchen Augenblick sofort die Musik raus. Wir hatten nicht nur Funkverbindung, wir hatten auch mit den Ärzten und Helfern Abmachungen. Sie machten uns entsprechende Zeichen bei der Fahrt nach unten, die wir auf den TV-Bildern sahen. Wenn sie beispielsweise die Hand hoben, wussten wir, dass es nicht schlimm ist.
Den tödlichen Unfall von Gernot Reinstadler bei der Lauberhornabfahrt 1991 miterleben zu müssen, ist Ihnen erspart geblieben?
Ja, ich bin erst im darauffolgenden Jahr Speaker am Lauberhorn geworden. Viktor Gertsch war damals OK-Chef und es hat mich beeindruckt, wie er sich auch in der Folgezeit um die Familie dieses Fahrers gekümmert hat. Er ist jedes Jahr zu einem Besuch nach Österreich gereist und es hat sich zwischen der Familie und ihm eine Freundschaft entwickelt.
Sie waren auch im Ausland hin und wieder tätig?
Ja, das stimmt. Ich bekam einmal unverhofft einen Anruf aus Budapest. Ein Herr Egertschi meldete sich. Er brauche unbedingt einen Speaker für einen Reitsportanlass. Ich erwiderte, dass ich gar kein Ungarisch könne. Doch er sagte, das mache ein Kollege, er brauchte mich für die Durchsagen in Englisch und Deutsch. Ich wurde in Budapest am Flughafen abgeholt. Es regnete in Strömen. Auch der Platz des Speakers drohte im Morast zu versinken. Ich sagte leichthin, das sei kein Problem, ich hätte schon oft den Doktor gemacht. Von diesem Augenblick an haben mich alle respektvoll mit Herr Doktor angesprochen, obwohl ich mich dagegen wehrte und erklärte, ich sei doch kein Doktor, es handle sich bloss um eine Redewendung. Alles ist dann gut gegangen.
Die Tätigkeit bei den Eidgenössischen Schwingfesten dürfte sich von allen übrigen Sportanlassen unterschieden haben?
Ja, das ist so. Die Stimmung ist von ganz anderer Qualität. Ich konnte dem Publikum auch mal etwas sagen. Ich erinnere mich noch gut an das Eidgenössische in Aarau, als nach einem Gang gepfiffen worden ist. Ich sagte spontan: «Loset, höret uf mit Pfiffe. I ha grad uf Züri telefoniert und es het dert no a paar Billie für ä Schutmatsch. Göt doch derthärä, wenn der weit pfiffe.» Diese Ansage ist mit Applaus quittiert worden. So etwas ist nur bei einem Schwingfest möglich.
Zug 2019 wäre Ihr 10. Eidgenössisches gewesen. Hat es Sie getroffen, dass Sie einer Intrige zum Opfer gefallen und abgesägt worden sind?
Das mit der Intrige und dem Absägen ist Ihre Formulierung. Aber Sie haben recht: Es hat mich schon ein wenig «möge».