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Die buddhistischen Wahrheiten
Die buddhistische Lehre ist eine mögliche Antwort auf die Frage wie man leben soll, die Frage, welche – gemäss Kant – im Zentrum der praktischen Philosophie steht. Sie ist aber auch eine therapeutische Philosophie mit einem starken normativen Anspruch. Die Vier edlen Wahrheiten können als Diagnose, Ätiologie, Prognose und Rezept gedeutet werden und stellen eine detaillierte Anleitung für die Befreiung vom Leiden dar. Das buddhistische Ideal der Selbstlosigkeit steht jedoch in Konflikt mit dem westlichen Streben nach Selbstverwirklichung.
Die Socrethics Studie
Socrethics ist eine Verbindung von Socrates und ethics und bezieht sich auf die sokratische Denkweise. In der sokratischen Tradition werden die buddhistischen Wahrheiten als Thesen betrachtet, die offen sind für eine Diskussion. Im Gegensatz zur Antike verfügt die aktuelle Philosophie jedoch über zahlreiche Wissenschaften zur Überprüfung von Hypothesen und Argumenten. Die Studie verfolgt zwei unterschiedliche Strategien:
- Die Überprüfung der buddhistischen Wahrheiten mit Hilfe von empirischen Daten.
- Die Abbildung der buddhistischen Ethik auf zeitgenössische Ethik. Die Kritik an der letzteren gilt dann auch für die erstere.
Überprüfung mit empirischen Daten
Die Grundlage jeder Therapie ist das Wissen um die Entstehung und Verbreitung des Leidens. Eine zeitgemässe Beschäftigung mit diesem Thema führt zu einer unangenehmen Entdeckung: Die Intensität und das Ausmaß des Leidens nehmen zu im Laufe der biologischen Evolution und scheinen nicht begrenzt zu sein.
Es gibt viele Parallelen zwischen der biologischen und kulturellen Evolution. In manchen Bereichen wirkt die Technologie wie ein Verstärker der biologischen Mechanismen. Haben die buddhistischen Wahrheiten vielleicht doch eine naturgesetzliche Grundlage?
Die Lehre von Karma und Wiedergeburt und der damit verbundene Glaube an kosmische Gerechtigkeit wird durch die Erkenntnisse der modernen Biologie erschüttert. Die Studie untersucht u.a. eine wissenschaftliche Version der Wiedergeburtslehre, aus der man ein säkulares Gerechtigkeitskonzept ableiten kann.
Abbildung auf zeitgenössische Ethik
Der Buddhismus ist ein komplexes kulturelles Phänomen, das im Volksglauben, in der Mythologie und in der philosophischen Analyse eine unterschiedliche Funktion und Denkweise hat. Eine philosophisch-analytische Deutung der buddhistischen Ethik ist der «Konsequentialismus des Mitgefühls» bzw. der negative Utilitarismus.
Der traditionelle Buddhismus steht in der Kritik, die Welt negativ zu bewerten. Bei dieser Kritik spielen Umfragen zur subjektiven Lebenszufriedenheit eine wichtige Rolle. Die Studie untersucht, ob die buddhistische Bewertung ein Ausdruck von Risiko-Aversion ist, oder ob die Risiken von der Mehrheit unterschätzt werden.
Welchen Unterschied macht es, ob die globalen ethischen Prioritäten auf dem positiven Utilitarismus (z.B. dem Kopenhagener Konsens) oder dem negativen Utilitarismus beruhen? Die in diesem Aufsatz diskutierten Prioritäten sind ein Versuch, altruistische Alternativen zur spirituellen, rückzugs-orientierten Lebensweise der frühen Buddhisten zu finden.
Der Buddhismus kann auch als Tugendethik interpretiert werden. Die Tugendethik wird wegen ihres Universalitätsanspruchs und ihrer mangelnden Authentizität kritisiert. Möglicherweise ist der Achtfache Pfad nicht in jeder historischen Zeit und in jedem Umfeld die beste Therapie des Leidens, insbesondere nicht die beste Therapie für jedermann