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Wie erstellt man die Klimagasbilanz für ein Unternehmen?
14.07.2023
Um in einem Unternehmen die Klimagase zu bilanzieren, muss man natürlich zunächst wissen, durch welche Prozesse solche Emissionen entstehen. Das ist chemisches Expertenwissen. Die hauptsächlichen Quellen von Klimagas-Emissionen sind Verbrennungsprozesse von kohlenstoffhaltigen Materialien, insbesondere von Erdölprodukten (Benzin, Diesel, Heizöl), Erdgas und Kohle. Auch das Brennen von Kalk, die Produktion von Zement oder das Entweichenlassen von Kältemitteln und Isoliergasen führt zur Emission von Treibhausgasen. Ebenso das Halten von Tieren in der Landwirtschaft oder der Einsatz von Düngemitteln usw. Es geht also beim Aufstellen der Klimagasbilanz zunächst einfach darum aufzulisten, wie viel Brenn- und Treibstoffe verbrannt werden, wie viele Tiere gehalten werden, usw. und mit diesen Angaben und dem erwähnten Expertenwissen dann die Emissionen auszurechnen. Pro 1000 Liter verbranntes Heizöl entstehen beispielsweise 2,65 Tonnen CO2 usw. Die Emissionen, die das Unternehmen selber direkt verursacht, nennt man direkte Emissionen oder Scope-1-Emissionen. Wenn ein Unternehmen eine CO2-Zielvereinbarung mit dem Bund abschliesst, interessieren nur diese, denn dies sind die Emissionen, die das Unternehmen selber direkt beeinflussen kann.
Das Erstellen von Klimagasbilanzen hat aber Spielregeln und Normen. Die meisten dieser Normen sehen vor, dass auch gewisse indirekte Emissionen in die Bilanz eingerechnet werden sollen. Diese indirekten Emissionen entstehen nicht beim Unternehmen selber, sondern bei seinen Lieferanten oder bei seinen Kunden. Sie werden vom Unternehmen dadurch mit beeinflusst, dass das Unternehmen Roh- und Hilfsstoffe einkauft, bei deren Produktion Emissionen entstanden sind oder indem die Kunden Emissionen verursachen, wenn sie die Produkte des Unternehmens verwenden. Diese Emissionen werden als Scope-2-Emissionen bezeichnet, wenn Energie (z. B. Strom) eingekauft wird. Bei allen anderen Gütern werden sie als Scope-3-Emissionen bezeichnet.
Wenn man Scope-2- oder Scope-3-Emissionen bilanzieren will, braucht man Datenbanken, in welchen verzeichnet ist, mit wie viel Emission nun bestimmte Güter (beispielsweise eine Tonne Aluminium, ein Kilogramm PVC usw.) im Durchschnitt belastet sind. Eine der bekanntesten und vollständigsten dieser Datenbanken stammt aus der Schweiz und wird laufend an die aktuellen Produktionsbedingungen angepasst. Zum Bilanzieren der Scope-2- oder Scope-3-Emissionen im Unternehmen muss man zusätzlich zu den oben erwähnten Daten auch noch die wichtigsten Flüsse von Roh- und Hilfsstoffen, Abfällen usw. sowie die Stromverbräuche erfassen und diese Datenbanken für das Umrechnen in Emissionen benutzen.
Beim Erstellen einer Klimagasbilanz für ein Unternehmen fallen somit folgende Arbeiten an:
- Festlegen des Bilanzierungsperimeters
Zuallererst muss definiert werden, was genau in die Bilanz des Unternehmens einfliessen soll. Dies geschieht gemeinsam in einem Workshop mit den Sachverständigen des Unternehmens und dem Beratungsbüro.
- Welche Gebäude, Anlagen, Tätigkeiten sollen dazu gehören? Wo ist die Grenze der Bilanz? Sollen z. B. der Arbeitsweg der Mitarbeitenden oder die Kantine mitbilanziert werden oder nur die Geschäftstätigkeiten?
- Welche Scope-3-Emissionen sollen erfasst und einberechnet werden? Keine? Nur die wichtigsten Rohstoffe? Roh-, Hilfsstoffe und Abfälle sowie Transporte?
- Welche Klimagase müssen erfasst werden? Nur CO2? Oder auch Methan, Lachgas, Freone?
- Welche Genauigkeit soll die Bilanz am Schluss haben? Sollen bestimmte Normen für die Bilanzierung angewendet werden (z. B. ISO 14064 oder das Greenhouse Gas Protocol)?
- Erfassen der Sachbilanz-Daten
Mit der Kenntnis des Perimeters erstellt das Beratungsbüro eine Erfassungsmaske für alle Daten, die für das Erstellen der Bilanz benötigt werden. Diese wird an das Unternehmen übermittelt. Die Fachpersonen des Unternehmens suchen dann die erforderlichen Daten zusammen (Energie- und Materialverbräuche, Einkaufsmengen bestimmter Güter, Abfallmengen usw.) und füllen die Datenmaske aus.
- Errechnen und Darstellen der Klimagasbilanz
Das Beratungsbüro rechnet alle Sachbilanz-Daten in CO2-Emissionen um und stellt die Bilanz in geeigneter Weise dar, so dass man gut erkennt, wo die bilanzierten Emissionen herkommen. Die Bilanz ist ja kein Selbstzweck, sondern soll dazu dienen, die Emissionen mit der Zeit zu vermindern. Also soll sie möglichst viele Hinweise darauf geben, was verschiedene Prozesse und Quellen zur Emission beitragen. Die Abbildung auf dieser Seite zeigt ein Beispiel einer Klimagasbilanz, die als Säulendiagramm darlegt, aus welchem betrieblichen Prozess und aus welcher CO2 -Quelle die Emissionen stammen.
Eine Klimagasbilanz ist keine Hexerei. Je nach Grösse, Komplexität und Ansprüchen des Unternehmens kann sie einfacher oder detaillierter gestaltet werden. In den darauf folgenden Schritten sollen die gefundenen Emissionen mit Hilfe von Massnahmen vermindert werden. In einem Emissionsminderungs-Massnahmenplan wird festgehalten, wie und wann dies geschehen soll. Wechsel des Energieträgers, Beschaffung von CO2-armer Elektrizität und von Gütern mit geringer «grauer» CO2-Belastung, aber auch Prozess-Änderungen stehen hier im Vordergrund. Die Minderungs-Massnahmenpläne können «freihändig» aufgestellt werden oder bestimmten Normen wie z. B. den «Science-Based Targets» folgen. Das Fernziel ist, durch kontinuierliches Vermindern und durch Kompensieren der unverminderbaren Emissionen mit CO2-Senken schliesslich zu «CO2 netto null» zu kommen. Die Klimagasbilanz ist der erste Schritt dazu.
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14.07.2023
Jürg Liechti