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| Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

55. Gottes Erbarmen mit den Menschen.
Bei solchem Zustand der menschlichen Dinge hat Gott sich unser erbarmt und in der Menschwerdung sich uns geoffenbart. Er hat uns durch sein eigenes Beispiel den Weg gezeigt, auf dem wir zu Gottesfurcht, Treue, Keuschheit und Barmherzigkeit gelangen sollen; er hat uns gelehrt, den Irrtum des früheren Lebens abzulegen. und mit Gott zugleich uns selbst kennen zu lernen, nachdem uns die Gottlosigkeit in Zwietracht versetzt hatte; er hat uns mit eigenem Munde das göttliche Gesetz verkündigt, das die irdischen Dinge mit den himmlischen verbindet, ein Gesetz, das die sämtlichen Irrtümer, die uns umstrickt hielten, samt den nichtigen und ruchlosen Götterdiensten beseitigen sollte. Die Pflichten nun aber, die wir dem Nebenmenschen schulden, schreibt uns das nämliche göttliche Gesetz vor; denn es lehrt uns, daß wir die Dienste, die wir dem Nebenmenschen erweisen, Gott erweisen. Indes die Wurzel der Gerechtigkeit und die gesamte Grundlage der Billigkeit ist der Satz, daß man dem Nächsten nicht zufüge, was man selbst nicht erleiden will, daß man nach sich selbst bemesse, wie es [S. 197] dem Nebenmenschen zumute ist. Wenn es bitter ist, Unrecht zu ertragen, und wenn der als ungerecht erscheint, der es zufügt, so brauchst du nur, wie es dir ums Herz ist, auf den Nebenmenschen zu übertragen, und das Urteil, das du über den Nebenmenschen fällst, auf dich selbst anzuwenden; dann wirst du sofort einsehen, daß du nicht minder Unrecht tust, wenn du dem Nächsten schadest, als der Nächste, wenn er dir schadet. Wenn wir dies im Herzen erwägen, so werden wir an der Schuldlosigkeit festhalten, und dies ist gleichsam die erste Stufe, auf der die Gerechtigkeit steht.
Das erste ist, daß wir nicht schaden, das nächste, daß wir nützen. Bevor man auf unbebautem Erdreich mit dem Säen anfängt, muß man zuerst das Dorngestrüpp ausreuten und sämtliche Wurzeln der Staudengewächse abschneiden und so das Ackerland reinigen; in gleicher Weise müssen auch wir aus unseren Herzen zuerst die Laster ausrotten und dann erst die Tugenden pflanzen, damit in uns durch den Samen des Wortes Gottes die Früchte der Tugend erwachsen.