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José Cordeiro, schon immer war es der Traum der Menschen, ewig zu leben. Derzeit leben wir aber nur etwa 100 Jahre, sogar Wale und Schildkröten leben länger. Ist das gerecht?
Verschiedene Arten können sehr unterschiedliche Lebensspannen haben. Es gibt Bäume, die Tausende von Jahren alt werden können, auch einige Algen. Bei den Tieren gibt es Muscheln, die 700 Jahre alt sind, Haie, die 500 Jahre alt sind – wir haben sogar Harpunen aus dem Mittelalter in einem lebenden Hai gefunden. Wale und Schildkröten werden über 200 Jahre alt. Andererseits haben wir kleine Mäuse, die nur zwei Jahre alt werden. Wir sind anderen Säugetieren biologisch sehr ähnlich, teilen etwa 90 Prozent des Genoms mit ihnen. Aber eine Maus lebt nur zwei Jahre, während ein Wal 200 Jahre alt wird.
Ist es gelungen, Tiere länger leben zu lassen?
Mit Experimenten konnten wir die Lebensdauer von Mäusen verdoppeln; es gibt jetzt einige Mäuse, die fünf Jahre alt werden, was einem 200jährigen Menschen entsprechen würde. Fliegen wie die Drosophila melanogaster leben jetzt viermal so lange, was einem 400jährigen Menschen entsprechen würde. Bei den Methusalemwürmern hat sich die Lebenszeit um den Faktor 10 vervielfacht – das entspräche einem 1000jährigen Menschen. Diese Fortschritte haben sich in den letzten Jahren vollzogen, und das ist erst der Anfang.
Wie funktioniert diese Lebensverlängerung?
Wissenschafter haben entdeckt, dass Altern flexibel ist und dass es rückgängig gemacht werden kann. Im Jahr 2012 wurde der Nobelpreis für Medizin an den japanischen Wissenschafter Shinya Yamanaka verliehen, der unter mehr als 20 000 Genen bei Mäusen vier Gene entdeckte, welche die Alterung steuern. Es ist nun möglich, diese Gene zu verändern, um die Alterung zu beschleunigen, zu stoppen oder umzukehren. Yamanaka gelang es 2006, die Alterung auf zellulärer Ebene umzukehren, und andere Wissenschafter der Harvard University konnten dies 2020 auf der Ebene von Organen erreichen und zeigen, dass es möglich ist, die Augen von Mäusen zu verjüngen.
Lässt sich dies auch auf den Menschen übertragen?
Es gibt mehrere Biotech-Forschungsunternehmen – zum Beispiel Altos Labs, das von Milliardär Jeff Bezos finanziert wird –, die das Ziel verfolgen, Zellen, Organe und schliesslich ganze Organismen zu verjüngen. Es ist viel los derzeit: Wissenschafter experimentieren u.a. mit Gentherapien, Zelltherapien, Organtransplantationen, dem 3D-Druck von Organen, mit Nanorobotern im Kreislaufsystem, Jungbluttransfusionen oder Immuntherapien. Es gibt auch andere Behandlungen, die bereits gezeigt haben, dass sie sowohl die Gesundheit als auch die Lebensspanne von Modelltieren wie Würmern, Mücken und Mäusen verlängern.
Peter Thiel sagte1: «Die Stammzellen sterben nicht, sie vermehren sich, aber wir, die Träger, sterben. Das ist einerseits schockierend und andererseits aufregend.» Tragen Organismen bereits einen Funken Unsterblichkeit in sich?
In der Tat gibt es biologisch unsterbliche Zellen, und es gibt auch biologisch unsterbliche Arten – in dem Sinne, dass sie nicht altern.
Eine Quallenart namens Turritopsis dohrnii scheint unsterblich zu sein.
Ja, und es gibt Hydras und Medusen, die zwar immer noch sterben oder getötet werden können, aber biologisch nicht altern. Wie alle mehrzelligen Organismen hat auch der Mensch Zellen, die nicht altern – es sind unsere Fortpflanzungszellen, die Keimzellen, die bei Männern Spermien und bei Frauen Eizellen produzieren. Wenn wir sterben, sterben die Keimzellen mit uns, aber nicht, weil sie altern. Auch Krebszellen altern nicht: Sie sind Mutationen alternder Zellen, die das Altern gestoppt haben. Wenn der Krebs also herausgefunden hat, wie er das Altern stoppen kann, und die Unsterblichkeit entdeckt hat, werden wir das auch tun. All diese Zellen beweisen, dass Unsterblichkeit möglich ist.
Möglich ist aber auch der Tod.
Nun ja, wenn Ihnen ein Klavier auf den Kopf fällt, werden Sie trotzdem sterben. Wie heute auch wird es Unfälle, Morde und Selbstmorde geben. Die Unsterblichkeit wird kein Fluch sein. Denn niemand wird gezwungen, unsterblich zu sein.
«Die Unsterblichkeit wird kein Fluch sein. Denn niemand wird
gezwungen, unsterblich zu sein.»
Was sind die Auswirkungen auf die Gesellschaft? Wird es sexuell attraktive 120-Jährige geben, die ein aktives Sexualleben führen?
Ja. Die meisten Menschen werden sich wahrscheinlich für ein menschliches Alter zwischen 20 und 25 entscheiden. Jung, gesund und sexuell aktiv zu sein, ist fantastisch! Wenn sie es sich aussuchen können, werden die Menschen ein besseres und gesünderes Leben führen wollen. Und warum nicht: ein sexuelles Leben.
Die Welt wird also mit 20- bis 25-Jährigen überfüllt sein. Noch mehr, wenn sie sich fortpflanzen.
Ich glaube nicht, dass das ein Problem sein wird. Vor 230 Jahren sagte Thomas Malthus, dass die Menschheit untergehen würde, weil London eine Million Einwohner hatte und England zehn Millionen. Heute leben zwölf Millionen Menschen in London.
Im Bevölkerungswachstum sehen Sie kein Problem?
Ganz im Gegenteil. Eigentlich müssten wir mehr Menschen haben, weil ihr Gehirn, die fortschrittlichste Struktur im bekannten Universum, so mächtig ist. Wir kennen nichts, was komplexer ist als das menschliche Gehirn. Es ist der Grund, warum wir in den letzten zwei Jahrhunderten so grosse Fortschritte gemacht haben, und es nicht das Ende war, als Malthus das sagte. Wir brauchen mehr menschliche Gehirne.
Die Menschen werden sich die Unsterblichkeit auch für ihre Katzen und Hunde wünschen.
Wahrscheinlich ja, und das ist auch gut so. Wir wollen, dass unsere Haustiere ewig leben, genauso wie wir es für unsere Familien und unsere Freunde wollen. Eine Sache, die sich ändern muss, ist die Ehe. Derzeit heisst es «bis dass der Tod uns scheidet». Aber mit der Verjüngung wird die Ehe nicht enden, es sei denn, einer bringt den anderen um. Ich bezweifle, dass viele Menschen eine Million Jahre lang mit ein und derselben Person verheiratet sein wollen.
Was ist mit der Religion? Wird sie verschwinden?
Die Religionen, die wir jetzt haben, werden verschwinden. Der Tod des Todes impliziert den Tod der traditionellen Religionen, denn sie benötigen den Tod. Der Islam, das Judentum und das Christentum erklärten den Tod durch ein Leben nach dem Tod – man stirbt, wird aber wieder auferweckt. Hinduismus, Taoismus und Buddhismus glauben an die Reinkarnation – aber man muss zuerst sterben.
Wer wird gegen die Unsterblichkeit ankämpfen?
Die Sozialisten werden besorgt sein, weil die Unsterblichkeit anfangs teuer sein wird. Aber sie wird sehr schnell demokratisiert werden, und jeder wird unsterblich sein können, nicht nur Milliardäre. Manche Menschen wollen vielleicht aus religiösen, philosophischen, ethischen oder moralischen Gründen keine Unsterblichkeit. Zum Beispiel die Amischen: Sie benutzen keine Telefone, Autos oder Flugzeuge, daher werden sie diese Technologie wahrscheinlich nicht übernehmen. Lasst sie sterben. Es steht ihnen frei zu sterben, wenn sie es wollen.
Aber Sie haben nicht vor zu sterben, richtig?
Ich habe nicht vor zu sterben, und ich möchte in Zukunft jünger sein. Ich mache gerne Fotos von mir, wie ich heute bin, damit ich mich, wenn ich mir diese Bilder im Jahr 2045 ansehe, daran erinnern kann, wie alt ich war. Im Jahr 2045 werden wir darauf zurückblicken, wie primitiv wir im Jahr 2023 waren, dass wir Menschen sterben liessen. Wenn wir so kurz davor sind, das Altern zu heilen, ist dies wirklich die schönste Zeit, um am Leben zu sein und so lange am Leben zu bleiben, wie man will.
«Im Jahr 2045 werden wir darauf zurückblicken, wie primitiv wir im Jahr 2023 waren, dass wir Menschen sterben liessen.»
Damit wird die Sicherheit noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Als Anhänger der Freiheit habe ich grosse Angst vor Menschen, die eine zu 100 Prozent sichere Welt wollen, denn das wäre eine totalitäre Welt. Wie wirkt sich die Unsterblichkeit auf die persönliche Freiheit aus?
Als Libertärer vertrete ich drei wichtige Grundsätze: Freiheit, Eigentum und das Streben nach Glück. Die Langlebigkeit wird es uns ermöglichen, all diese Prinzipien auszuweiten. Wir bewegen uns auf eine Welt des Überflusses zu und werden die Welt der Knappheit hinter uns lassen, da wir immer mehr mit immer weniger produzieren. Dies wird den Lebensstandard verbessern und den Menschen die Freiheit geben, das zu tun, was sie wollen.