Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03105.jsonl.gz/861

Jahrzehnte, bevor man sie online bestellen konnte, wurden exotische Tiere von ‘exotischen‘ Händlern in die Welt hinausgetragen. Im Falle des Euscorpius italicus (Italienskorpion) konnte man entweder direkt Skorpionsöl kaufen oder lebendige Tiere erstehenden und sie selber ‘verarbeiten‘. Man nahm eine Flasche, gab einige Skorpione dazu, und füllte sie mit Olivenöl auf. Dann stellte man das ganze an die Sonne. Wie lange die Skorpione um ihr Überleben kämpften, ist nicht überliefert. Sicher ist jedoch, dass einige den Weg in die Flasche gar nicht erst gefunden haben. Wo es warm genug war, konnten sich Populationen etablieren. Die meisten dieser Populationen findet man im Tessin. Aber auch im Bündnerland und im Wallis gibt es einige (jetzt noch) örtlich begrenzte Populationen.
Die höchstgelegene Fundstelle von einem Skorpion in Europa befindet sich oberhalb der Alp Terza auf einer Höhe von 2250 Metern“ Matt Braunwalder, Allegra Nr. 8, 2001
E. italicus ist mit Abstand die grösste der drei in der Schweiz ‘heimischen‘ Arten. Obwohl die Körperlänge der ausgewachsenen, adulten Tiere meist nur um die 4 cm fasst (in Gefangenschaft bis zu 5 cm), scheinen sie deutlich grösser. Der charakteristische Skorpionsschwanz mit der Giftblase am Ende und die beiden Scherenhände (Pedipalpen) verlängern sie optisch ums doppelte.
Ungefährliche Begegnung
Falls Sie im Tessin schon einmal einem Skorpion begegnet sind, dann - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - einem Euscorpius italicus. Die anderen beiden Arten Euscorpius alpha und Euscorpius germanus findet man im Wald und in Steinbrüchen - wenn man Steine umdreht. Der Italienskorpion aber verirrt sich gerne in Rusticos. Natürlicherweise hält sich der Italienskorpion am liebsten in Trockenmauern auf. Dort sitzt er mit offenen Pedipalpenscheren in einer Ritze und wartet darauf, dass ein Beutetier in die Nähe kommt. Mit Hilfe der Trichobothrien - feinen Härchen am Bauch - nimmt der Skorpion kleinste Erschütterungen wahr. Kommt ein Insekt nahe genug, schnappen die Scheren zu.
Alle drei in der Schweiz heimischen Skorpionsarten verwenden ihren Giftstachel nur im äussersten Notfall. Zum Beispiel wenn man sich erfrecht, den eigenen Fuss in den von einem Skorpion als Unterschlupf genutzten Schuh zu stecken. Die Produktion von Gift ist energieintensiv, deshalb wird es nicht verschwendet. Zudem ist ihr Gift nicht sehr potent. Man sagt, ein Stich sei ungefähr so schmerzhaft wie ein Wespenstich; nur bei Allergikern kann er ernsthafte Konsequenzen haben. Weil Italienskorpione zu den Skorpionen zählen, die vorwiegend mit ihren Scheren jagen, sind diese dafür kräftig entwickelt. Bei Sammlern beliebte Skorpione der Gattungen Androctonus, Parabuthus sowie Hottentotta sind meist hochgiftig; sie weisen ausgeprägte Giftblasen auf, hingegen nur schlanke Scheren.
Aufgepumpte Skorpione
War der Skorpion auf der Jagd erfolgreich, dehnen sich die weichen Häute zwischen den harten Panzerplatten. Der harte Panzer, der das weiche Innenleben schützt, lässt allerdings nur einen bestimmten Spielraum. Wie alle anderen Spinnentiere müssen sich die Skorpione während des Wachstums öfters häuten. Die ersten paar Stunden nach der Häutung ist der Skorpion noch gräulich und weich. In dieser Zeit pumpt er verschiedene Körperbereiche mit Hilfe seiner Hämolymphe –einer Art Blutflüssigkeit – auf, um sie grösser als zuvor werden zu lassen. Ausgehärtet ist der Panzer erneut dunkelbraun.
Wenn Sie das nächste Mal in einer Sommernacht im Tessin unterwegs sind, nehmen sie sich einen Moment Zeit, gehen sie zur nächsten Steinmauer und leuchten sie mit einer UV-Lampe hinein. Wenn Sie ein wenig Geduld haben und es das Wetter gut mit Ihnen meint, ist die Chance ziemlich gross, dass sie mit Geisterbahnfeeling belohnt werden. Der komplette Panzer aller Skorpione reflektiert UV-Licht – ‘quietschgrün‘ wird das Schwarzlicht zurückgeworfen.