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Der Tierbräutigam | Abschlussarbeit Teil 6|8
von dorastochter
Tierbräutigam (AT 425)
"Amor und Psyche"
Das Motiv vom Tierbräutigam trägt im Aarne-Thompson-Index (AT) die Nummer 425. Allgemein wird in der Erzählforschung davon ausgegangen, dass mit „Amor und Psyche“ in der Aufzeichnung von Apulejus aus dem 2. Jahrhundert, die erste schriftliche Fassung eines Tierbräutigam-Märchens vorliegt - ein Stoff, der ursprünglich aus dem alexandrinischen Kulturkreis mit Unter-Ägypten, Syrien, Kleinasien und Athen als seinen Hauptorten zu stammen scheint.1 Allerdings mutet "Amor und Psyche" durch seine literarische Überformung und Allegorisierung oft eher wie ein Kunstmärchen an. Die mythologische Tiefenstruktur des Tierbräutigammärchens dürfte dagegen sehr viel weiter zurück reichen. Gerade für dieses Motiv liegt eine Fülle von Varianten vor. Nach der Typologie fassen sich die Charakteristika wie folgt zusammen:
Zusammenfassung für AT 425
„Ein Ungeheuer (Schlange, Drache, Esel, Bär, Wolf, Hund, Pferd, Rabe, Kröte, Igel, Krebs, Spinne, Lindwurm etc.), mitunter von menschlichen Eltern geboren, wird der Gatte meistens der jüngsten und schönsten von drei Schwestern, entweder durch ihr eigenes Versprechen oder das des Vaters. Das Ungeheuer nimmt nachts menschliche Gestalt an. Die Neugierde wird für die Gattin zu gross. Sie befolgt den Rat ihrer Verwandten oder eines Unheilstifters und versucht, den Namen des Gatten zu erfahren oder ihn bei Licht zu sehen. Mitunter erhält sie den Rat, seine Tierhaut zu verbrennen. Der Gatte entschwindet, und sie zieht (in Eisenschuhen) aus, ihn zu suchen. Sie erhält Hilfe und Zaubergaben, z.B. Kästchen oder Nussschale, von klugen alten Frauen, von verschiedenen Winden oder Sternen (Sonne, Mond) – den ,drei wegweisenden Instanzen‘ – und kommt über oder durch den Glasberg endlich zum fernen Ort, wo sich ihr Gatte aufhält. Dieser hat jedoch eine andere (dämonische) Braut. Die Heldin bietet der zweiten Frau ihren Dienst an und erkauft mit ihren kostbaren Gaben (goldenes Spinngerät, silbernes, goldenes, sternenbestücktes Kleid etc.), die aus dem Kästchen bzw. der Nuss wunderbar hervorkommen und die sich ihre neidische Herrin, als sie die Dinge entdeckt, in ihrem Besitz wünscht, drei Nächte im Schlafzimmer des Mannes. Dieser hat jedoch von der dämonischen Braut einen Schlaftrunk erhalten, so dass er die Erinnerungsversuche der ersten Frau nicht wahrnimmt. Erst als er in der dritten Nacht den Trunk verschüttet (oder eine Maus ihn am Ohr beisst), bleibt er wach und hört die Geschichte seiner früheren Braut. Darauf folgt das Schlüsselgleichnis oder eine magische Flucht vom Zauberort der zweiten Frau.“ (Online-Märchenlexikon, Edition Amalia)
„Das Borstenkind“, Märchen aus Siebenbürgen
Erste Sequenz
Durch die unbedachten Worte, die seine Mutter beim Schälen eines Apfels spricht, wird ein Königssohn in ein Schweinchen verwandelt. Er springt davon und wächst bei Zieheltern auf. Zum Eber herangewachsen freit er um die Tochter des Königs und löst die Heiratsaufgaben, die dieser stellt. In der ersten Nacht versilbert er wie gewünscht dessen Schloss. In der zweiten Nacht erbaut er unweit davon ein zweites Schloss aus purem Gold. In der dritten Nacht gelingt es dem „Borstenkind“ auch die dritte Aufgabe zu lösen und zwischen den beiden Schlössern eine Brücke ganz aus Diamantkristallen zu bauen. Der Vater will sein Versprechen zunächst nicht einlösen, aber die Tochter drängt darauf, dass dieses gehalten wird und heiratet den Eber. Der wirft nachts seine Borstenhaut ab und ist ein schöner Jüngling. Er vertraut der Königstochter an, dass seine Erlösung nun in ihren Händen liegt. Tags muss er noch als Eber gehen, nachts darf er aber bereits wieder Menschengestalt annehmen. Sie soll sein Geheimnis gut hüten und bald würde die Zeit ihrer beider Prüfung vorüber sein. Auf die schwere Sorge ihrer Mutter hin, verrät die Tochter aber das Geheimnis und gibt deren Drängen nach – in der Hoffnung, ihr Mann würde fortan immer in Menschengestalt bleiben, verbrennt sie seine Borstenhaut. Wie er es bemerkt, wehklagt er, dass er nun verwünscht sei ans äusserste Ende der Welt, da sie nicht habe warten können. Und sogleich ist er verschwunden.
Zweite Sequenz
Die Prinzessin fasst sich ein Herz, lässt sich sieben lederne Kleider anfertigen, sieben Paar eiserne Schuhe und macht sich auf die Suche nach ihrem Mann. Nach langer Wanderung gelangt sie zu einem Häuschen. Der Wind der darin wohnt, nimmt sie freundlich auf und schenkt ihr einen kleinen Käfig mit einem Mäuschen. Die Königstochter bedankt sich bei ihm und reitet auf seinem Flügelross zum Mond. Auch der Mond weiss nicht, wo sie das äusserste Ende der Welt finden kann, schenkt ihr aber eine silbern glänzende Nuss und leiht ihr sein Flügelross, damit sie zur Sonne reiten kann. Die Sonne leiht der jungen Frau ihren Sonnenwagen mit den vier Sonnenrossen, damit sie zum Abendstern reisen kann und schenkt ihr eine golden glänzende Nuss. Der Abendstern wohnt in einem Häuschen am Rande des Meeres und bringt sie in seinem Kahn zu der Insel, wo ihr Mann nun die Tochter des Königs vom Weltende heiraten soll. Er gibt ihr guten Rat mit auf den Weg und schenkt ihr eine Nuss, dunkel wie die Nacht und mit glitzernden Kristallen übersät wie der Sternenhimmel. In ihrer Not öffnet die Prinzessin die silbern glänzende Nuss und findet darin ein Kleid, das wie silbernes Mondlicht strahlt. Damit kann sie die Trauung aufschieben und sich von der zweiten Braut eine Nacht bei ihrem Mann erkaufen. Die zweite Braut gibt ihm aber einen Schlaftrunk und verstopft ihm die Ohren mit Wachs, so dass er das Wehklagen seiner Frau nicht hört. Anderntags öffnet sie die golden glänzende Nuss und zieht daraus ein Kleid hervor, das so strahlend leuchtet wie die helle Sonne. Damit erkauft sie sich eine zweite Nacht bei ihrem Mann. Doch er bemerkt ihr Wachen wieder nicht. Am Tag darauf öffnet sie die Nuss, die sie vom Abendstern erhalten hat, darin liegt ein Kleid, dunkel wie der Nachthimmel, aber über und über mit Diamanten besät, die wie Sterne strahlen. Damit erkauft sie sich von der zweiten Braut die dritte Nacht. Wieder wehklagt sie, ihr Mann möge sich ihrer erbarmen, doch wenigstens um des Kindes willen, das sie unterm Herzen trägt. Da, in ihrer grössten Not fällt ihr das Mäuschen ein, dieses nagt auch gleich die Wachsstöpsel durch und beisst den Königssohn so fest ins Ohr, dass dieser endlich erwacht. Er freut sich über alle Massen, seine liebe Frau zu sehen und ist nun vollends erlöst. Im Schutz der Dunkelheit machen sie sich heimlich davon. In der Hütte des Abendsterns bringt die Prinzessin einen Jungen zur Welt, dessen Gesicht silberweiss leuchtet wie der Mond, der Locken trägt so leuchtend wie die Sonne und Augen hat, so klar wie die Sterne. Von den Gestirnen und dem Wind geleitet gelangen sie schliesslich glücklich heim in das Königreich der Prinzessin. (Vollversion hier)
Gut erkennbare matriarchale Symbolik
Wir haben hier ein Märchen vor uns, in welchem die matriarchale Symbolik ziemlich offen zu Tage tritt und die Göttin-Heros-Struktur vollständig erhalten geblieben ist. Natürlich hat auch dieses Märchen eine lange Reise hinter sich und ist nicht völlig unverändert. Auch hier haben wir es mit viel Beiwerk, Ergänzungen und Veränderungen zu tun. Wenn wir uns aber auf die aussagekräftigen Symbole konzentrieren und uns der Tiefenstruktur entlang tasten, können wir die matriarchale Mythologie, die sich darin verbirgt, gut erkennen.
Die besondere Symbolik des Apfels
Es beginnt schon damit, dass die Mutter, die ihren Sohn durch ein „unbedachtes“ Wort „verzaubert“, beim Apfelschälen ist. Der Apfel ist ein sehr komplexes Symbol und nicht nur Liebes- sondern auch Todesapfel. In der matriarchalen Mythologie ist es die Alte Frau, die Greisingöttin, die den Tod bringt, sie wird aber auch als Mutter verstanden, weshalb es gar nicht so erstaunlich ist, wenn der Held den Tod durch die „Mutter“ empfängt. Bereits Propp ist der Ansicht, dass die Verwandlung in ein Tier mit der Vorstellung verbunden ist, dass sich ein Mensch bei seinem Tod in ein Tier verwandelt. Und auch Derungs sieht Verwandlung und Rückverwandlung oder Verzauberung und Entzauberung als Erfahrungen von Tod und Wiederkehr.2 Diese Symbolik ist in Märchen immer wieder anzutreffen. Dabei fällt auf, dass der Mann der in ein Tier verwandelt ist, stets von einer Frau erlöst wird – sei es nun von seiner Braut, wie in den Tierbräutigam-Märchen oder von seiner Schwester, wie in den verwandten Schwester-Brüder-Märchen, in welchen die ursprünglichen matriarchalen Verwandtschafts-Beziehungen noch deutlich erkennbar sind.3 Und auch der Schlaf zeigt im Märchen häufig einen jenseitsartigen Zustand an, wie wir in Märchen wie „Dornröschen“ oder „Schneewittchen“ sehen können.
Initiation und Heiratsaufgaben
Nach der „Verzauberung“ erfährt unser Held auch bald schon die Initiation, indem er die ihm gestellten Heiratsaufgaben löst. Ursprünglich dürften diese von der Prinzessin selbst oder von deren Mutter gestellt worden sein, denn wie wir oben gesehen haben, gab es in matriarchalen Gesellschaften keinen Vater in unserem Sinn. Dass das Borstenkind ein Schloss versilbert, eines aus Gold und schliesslich eine Brücke aus Diamantkristallen baut, ist gewiss kein Zufall. Dieselbe Symbolik treffen wir später mehrfach in Bezug auf die Prinzessin an, deren Reise durch den Kosmos führt, wo sie Mond, Sonne und Sternen (Abendstern) begegnet. Das heisst, die Symbolik des Heros korrespondiert wunderschön mit der Symbolik der Göttin, auf die sie bezogen ist. Das können wir hier sehr gut sehen. In Varianten wie etwa dem Froschkönig, ist noch die erotische Aufforderung erkennbar, wenn die Prinzessin dem Frosch einen goldenen Ball zuwirft, denn hinter diesem verbirgt sich der Liebesapfel; im Märchen vom „Borstenkind“ ist das nur noch vage angedeutet, indem die Prinzessin darum besorgt ist, dass das gegebene Versprechen gehalten wird und die Hochzeit stattfinden kann.4 Soweit die erste Sequenz.
Der Initiationsweg der Prinzessin
Die zweite Sequenz beginnt mit der Entrückung des Tierbräutigams. Offensichtlich versteht die Prinzessin noch nicht genau, worum es geht, denn sie vermag das Geheimnis ihres Mannes nicht zu wahren und verbrennt die Tierhaut zu früh. Erst durch den langen Weg, der sich auch als ein Initiationsweg verstehen lässt, kann sie das kultisch-magische Wissen erwerben, das sie braucht, um ihren Mann vollständig erlösen zu können, denn erst jetzt ist sie in die tiefen Mysterien von Tod und Leben eingeweiht. Durch dieses Wissen gleicht sie sich auch an die Göttin an, die hier als Schöpferin des Universums erscheint – wir können das daran erkennen, dass die Königstochter ein Kleid trägt, das wie silbernes Mondlicht strahlt, dann eines, in welchem sie wie die Sonne leuchtet und schliesslich eines, in welchem sie wie der Nachthimmel selbst erscheint. Durch diese drei Kleider kann sie sich von der falschen Braut auch die drei Nächte erkaufen, um die Wiedererkennung und die Erlösung ihres Mannes zu erwirken.
Die Göttin-Heros-Struktur im vorliegenden Märchen
Dabei trägt sie schon das Kind in sich, in welchem sie dem Heros Wiedergeburt und neues Leben schenkt. So, wie sich die Königstochter der Göttin angleicht, als deren mythologische Tochter sie nun gilt, können wir an diesem Kind symbolisch die Angleichung des Heros an die Göttin ablesen. Durch seine Jenseitsreise hat auch er magisches Wissen erworben, was wir an seinem neuen, verjüngten Gesicht, das wie der Mond silberweiss leuchtet, an den sonnengleich leuchtenden Locken und den Augen, die so klar wie Sterne sind, erkennen können. Die Aspektive haben wir bereits kennen gelernt, daher können wir davon ausgehen, dass wir hier nicht die bürgerliche Kleinfamilie vor uns haben, sondern die Göttin, die um die beständige Wiederkehr des Lebens besorgt ist und das neue Leben von neuem zur Welt bringt. Der Heros erfährt in diesem Märchen also den Tod durch die Göttin in ihrer dritten Gestalt (Todesgöttin) und wird von ihr in ihrer ersten Gestalt (Mädchengestalt) wieder zum Leben erweckt. Dazwischen liegen Initiation und Heilige Hochzeit, ohne die seine glückliche Wiedergeburt nicht möglich wäre, womit wir die gesamte Göttin-Heros-Struktur vor uns ausgebreitet haben.5
„Das Federchen von Finist, dem edlen Falken“, Märchen aus Russland
Zusammenfassung
Das Märchen von Finist dem edlen Falken erzählt kurz gefasst von der Jüngsten von drei Schwestern, die sich von ihrem Vater eine Feder von Finist dem edlen Falken wünscht. Als er das Geschenk beim dritten Versuch endlich mitbringen kann, verwandelt sich das Federchen in einen schönen Jüngling, der seine Geliebte von nun an heimlich jede Nacht besucht. Die neidischen Schwestern kommen ihnen auf die Schliche, bespicken das Fenster mit Messerschneiden und Glasscherben, worauf Finist sich verletzt und entschwindet. Sowie die Jüngste erwacht, befolgt sie den Rat, den Finist ihr noch geben konnte und macht sich auf die Suche nach ihm, hinter die dreimal neun Länder in das dreimal zehnte Zarenreich. Dabei soll sie drei Paar eiserne Schuhe durchlaufen, drei eiserne Wanderstöcke zerbrechen und drei steinerne Opferbrote essen. Unterwegs begegnet sie drei Baby-Jagi, die ihr Zaubergaben schenken. Von der ersten erhält sie ein silbernes Spinnbänkchen und eine goldene Spindel, von der zweiten eine silberne Schale und ein goldenes Ei und von der dritten einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Endlich gelangt sie zum fernen Ort, wo sich ihr Gatte aufhält und verdingt sich im Haus, in welchem er nun mit seiner neuen Braut wohnt, als Magd. Die Heldin erkauft mit ihren kostbaren Gaben von der zweiten Frau drei Nächte im Schlafzimmer von Finist. Dieser hat jedoch von der zweiten Braut einen Schlaftrunk erhalten, so dass er die Erinnerungsversuche der ersten Frau nicht wahrnimmt. Erst als in der dritten Nacht eine ihrer Tränen auf seine Wange fällt wird er wach und erkennt seine frühere Braut. Die beiden kehren zurück in ihr Elternhaus, wo sich Finist zunächst nicht zu erkennen gibt, bis er schliesslich Menschengestalt annimmt und das prächtige Hochzeitsfest stattfindet. (Vollversion hier)
Besonderheiten von "Das Federchen von Finist, dem edlen Falken"
Was an diesem Märchen auffällt ist, dass der Tierbräutigam anders als in anderen Tierbräutigam-Märchen nicht explizit aus seiner Tiergestalt erlöst wird. Vielleicht geht es tatsächlich weniger um die Wiederverwandlung als um den Geliebten, der als Vogel alle Distanzen überwinden kann, um seine Liebste zu besuchen. Dieses Motiv ist besonders im Orient weit verbreitet. Dennoch gleicht das Märchen dem langen Typ des Tierbräutigam-Märchens, denn es enthält durchaus viele Motive daraus, darunter etwa das Motiv von der Suche und Wanderung der Heldin, dem Wiederfinden des Helden und die Bedrohung durch die falsche Braut, sowie die endgültige Rückführung in die diesseitige Welt.6 Ich halte es für möglich, dass sich hier zwei Typen von Märchen zu einem Tierbräutigam-Märchen (im Stil von AT 425) verbunden haben, wobei gewisse Merkmale des Motivs vom Geliebten in Vogelgestalt beibehalten wurden. Das würde auch erklären, warum die Tiergestalt von Finist als so selbstverständlich erscheint und seine Erlösung in erster Linie darin zu sehen ist, dass seine erste Braut ihn findet und zurück in die Welt der Lebenden führt, nicht aber in der Rückverwandlung in einen Menschen, die zumindest nicht erwähnt wird.
Göttin-Heros-Struktur im vorliegenden Märchen
Dennoch erachte ich dieses Märchen als besonders interessant, denn in ihm ist der Initiationsweg der Heldin durch die Einweihung bei den drei Baby-Jagi noch deutlicher zu erkennen als im Märchen vom „Borstenkind“. In den Baba-Jagi dürfen wir nichts weniger als eine alte archaische Göttin vermuten, eine Art Schwester der Frau Holle, in deren Zuständigkeitsbereich auch die Initiation der jungen Mädchen und Knaben fällt. Zudem hat sich auch im Märchen vom „Federchen von Finist, dem edlen Falken“, die Göttin-Heros-Struktur nahezu vollständig erhalten. Warum Finist in Vogelgestalt umhergeht und die Heldin sich explizit ein Federchen des Falken Finist wünscht (in einer Variante eine Purpurblume) wissen wir nicht. In vielen Varianten erfahren wir aber, dass der Jüngling von einer alten „Hexe“ (Froschkönig, Deutschland), durch ein unbedachtes Wort der Mutter (Borstenkind, Siebenbürgen) oder von der Stiefmutter (Östlich der Sonne und westlich vom Mond, Norwegen) verzaubert wurde. Wie bereits erwähnt, ist es für das vorliegende Märchen schwierig zu klären, ob die Tierverwandlung eher im Zusammenhang des Vogelgeliebten zu sehen ist oder ob wir es hier mit Weglassungen zu tun haben. Auf jeden Fall gelangt Finist auf wundersamen Wegen zu seiner Liebsten und besucht sie jede Nacht in ihrem Schlafzimmer. Damit ist eine Vereinigung angedeutet, die wir als Heilige Hochzeit auffassen können. Danach verletzt sich Finist (Tod) und erfährt seine Entrückung an einen fernen Ort (Jenseitsreise), woraufhin seine Braut aufbricht, um ihn zu suchen und ihn zu erlösen, was schliesslich auch gelingt. So wie im Mythos der Heros von der Göttin wiedergeboren wird, wird Finist von der Heldin erlöst und ins diesseitige Leben zurück geholt. Dabei zeigt sich der Weg des Mädchens wiederum als Initiationsweg.7
Die Baba-Jaga
Die Baba-Jaga kommt in unzähligen russischen und slawischen Märchen vor und zeigt im Gegensatz zur „bösen Hexe“, die wir aus deutschen Märchen kennen, äusserst ambivalente Seiten. Sie ist wild und reist in einem Mörser, den sie mit einem Stössel antreibt, durch die Luft. Sie wohnt in einem Häuschen, das auf Hühnerbeinen steht, sich um sich selber dreht und nur durch den richtigen Spruch zum Stehen gebracht werden kann. Dazu wird sie durch ihren häufig verwendeten Beinamen „knöchernes Bein“ und begleitende Symbole wie beispielsweise Totenschädel oder einen Zaun aus Menschenknochen („Vasilisa die Wunderschöne“) mit dem Tod in Verbindung gebracht. Sie kann vernichtend sein, hilft den Märchenheldinnen und -helden aber meistens weiter. Im Märchen „Vasilisa die Wunderschöne“ ist sie ganz klar für die Initiation des jungen Mädchens verantwortlich. Ähnlich wie die Goldmarie durch Frau Holle in die matriarchalen Künste (Ackerbau) und in magisches Wissen (Wettermachen) eingeweiht wird, erfährt Vasilisa bei der Baba-Jaga ihre Initiation und wird ebenfalls in die Geheimnisse des Ackerbaus und in magisches Wissen eingeführt. Später wird sich Vasilisa als kunstvolle Spinnerin und Weberin hervortun und ihr Glück in der Liebe finden. Als Ahne bzw. Göttin in ihrem dritten Aspekt, trägt die Baba-Jaga die Verantwortung für die Initiation, bei der die Frauen als ihre irdischen Repräsentantinnen in das Geheimnis des Kreislaufs von Leben und Tod eingeweiht werden.8
Zaubergaben
Im Märchen vom „Federchen von Finist, dem edlen Falken“ tritt die Baba-Jaga in dreifacher Gestalt, in Form von drei Schwestern auf, worin vielleicht ein Hinweis auf ihre ursprüngliche Dreifaltigkeit zu sehen ist, die im Laufe der Patriarchalisierung auf den dritten Aspekt reduziert wurde. Die Initiation des Mädchens wird hier in den Zaubergaben deutlich, die aufs engste mit Spinnen, Weben und Sticken verbunden sind. Die erste der drei Baby-Jagi schenkt dem Mädchen ein silbernes Spinnbänkchen und eine goldene Spindel, womit sie Flachs zu Gold verspinnen kann. Die zweite eine silberne Schale und ein goldenes Ei (in Varianten einen goldenen Webrahmen, der von selbst silbernes Gewebe webt), die dritte einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel, die von selber sticken. Alle diese Gegenstände haben offensichtlich magische Kräfte, mit deren Hilfe die junge Frau ihren Bräutigam schliesslich auch erlösen kann.
Lebens- und Schicksalsfaden
Schicksalsfaden und Spindel sind Symbole die wir nicht umsonst so häufig in enger Verbindung mit der Greisingöttin sehen. Ein Faden kann gesponnen, aber auch durchtrennt werden, wovon die Idee vom Lebens- und Schicksalsfaden wohl ursprünglich abgeleitet ist. Die Zaubergaben, die unsere Märchenheldin von den drei Baby-Jagi erhält, sind also nicht zufällig gewählt. Es geht hier nicht allein um die praktische Verarbeitung von Flachs zu tragbaren Kleidern, sondern allem voran um das kultisch-magische Wissen, das mit dem Lebensfaden und dem Lebensgewebe verbunden ist. Die Symbolik des Schicksalsfadens tritt auch im magischen Knäuel hervor, das über den Boden rollt und der Heldin den Weg zeigt, bis sie schliesslich zu Finist gelangt. Das goldene Ei weicht hier nur auf den ersten Blick ab, denn auch das Ei ist ein Symbol, das etwas mit der Magie des Lebens zu tun hat. In der Mythologie (z.B. die Schöpfungs-Mythe von Eurynome) quillt aus dem Ei alles Leben hervor. Dieselbe Symbolik finden wir mit dem Osterei verbunden, das mit den Riten um das neue Leben im Frühling verwoben ist. Ursprünglich meint die Suche nach dem Ei, die im Brauchtum bis heute erhalten ist, die rituelle „Jagd“ nach dem neuen Leben, das noch so jung und neu ist, dass es erst gesucht und angelockt werden muss, ehe Gewissheit darüber besteht, dass es wirklich Frühling wird. Wie bereits im Märchen vom „Borstenkind“ sehen wir auch hier, dass die Heldin erst ein vertieftes magisches Wissen um die Zusammenhänge von Leben und Tod erwerben muss, ehe sie in der Lage ist, ihren Mann zu erwecken und in die diesseitige Welt zurückzubringen.
Literatur =>
1 Online-Märchenlexikon
2 Derungs 1998, S. 177 f.
3 Vgl. Göttner-Abendroth 2011b, S. 180 ff.
4 Vgl. Göttner-Abendroth in Derungs 2010, S. 349 ff.
5 Vgl. Göttner-Abendroth in Derungs 2010, S. 333 ff. und S. 355 ff.
6 Online-Märchenlexikon
7 Schönbacher 2006, S. 161 ff.
8 Schönbacher 2006, S. 100 ff.