Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03314.jsonl.gz/3265

Ist es frivol, ein kleines Buch über Nazis zu schreiben?
Man könnte Geschichte, oder genauer: Historie, also Geschichtsschreibung, dem Geist dieser Konsumkolumne entsprechend auch als Gebrauchsliteratur definieren, meine Damen und Herren. Denn auch die Historie ist eine Narration, eine Erzählung. Die Frage ist: Ist sie damit ebenfalls Fiktion? Beziehungsweise: Sind Erzählungen ohne Fiktionalisierung möglich?
Der französische Autor und Filmemacher Eric Vuillard erzählt Geschichte auf eine ganz eigene Weise, nämlich nach der rhapsodischen «Methode Vuillard»: In seinem jüngsten, viel beachteten Buch «L’ordre du jour», auf Deutsch: «Die Tagesordnung», im letzten Herbst mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet, wird die Etablierung des Nationalsozialismus in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg berichtet, sozusagen das Präludium einer Menschheitskatastrophe, fokussiert auf wenige Momente in den Jahren zwischen 1933 und 1938.
Unerheblichkeiten werden zu Geschichte
Einige dieser Momente sind bekannt, andere weniger, gleichsam sogar relativ unerheblich auf den ersten Blick. Doch all diesen Schlüsselaugenblicken ist gemeinsam, dass sich in ihnen die Mechanismen der Macht mit den Potenzialen und Begrenztheiten der Akteure und nicht zuletzt dem blanken Zufall zu dem verschränken, was die Nachwelt dann Geschichte nennt.
Vuillards lediglich knapp 120 Seiten zählendes Buch ist kein Roman, sondern eine Erzählung der Historie, basierend auf profundem Quellenstudium. Die erzählerische Freiheit liegt dabei nicht in den Figuren oder Dialogen, sondern im Prinzip der Komposition: Episoden, in denen sich das Geschehen gleichsam verdichtet, werden in quasi filmischer Weise gegeneinandergeschnitten.
Banalität und Macht
Ist das frivol? Weil dabei auch das Banale, gar Slapstickhafte von solchen Aktionen wie dem sogenannten Anschluss Österreichs im März 1938 gezeigt wird? Vuillard zitiert Chaplins Film «Der grosse Diktator» von 1940, wissend, was alle wissen: dass Chaplin in seiner Autobiografie von 1964 schrieb, dass er diesen Film nie gedreht hätte, wäre ihm damals schon das tatsächliche Ausmass des Nazihorrors bekannt gewesen.
Anderseits gilt ebenfalls das, was ein anderer Autor, nämlich der unter ständiger Lebensgefahr in seinem Heimatland Syrien verbleibende Khalid Khalifa, in seinem jüngsten Roman «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» schreibt: «Banalität war schon immer Teil der Aura der Macht.» Und der Schriftsteller Michael Köhlmeier hat jüngst in seiner Rede beim Gedenkakt des österreichischen Parlaments für die Opfer des Nationalsozialismus gesagt: «Zum grossen Bösen kamen die Menschen nie in einem Schritt, sondern in vielen kleinen.» In diesem Sinne ist das Banale eben gerade nicht per se frivol, wenn man sich mit der Rekonstruktion von Vergangenheit befasst. Oder wie Eric Vuillard in «Die Tagesordnung» schreibt: «Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens.»