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Roberto Canessa war leidenschaftlicher Rugbyspieler und im ersten Jahr seines Medizinstudiums. Er wusste, welche Proteine und Vitamine der menschliche Körper benötigt, um zu überleben.
Je mehr Tage vergingen, desto knapper wurde die verbleibende Nahrung und desto schwächer ihre Körper. Dem damals 19jährigen wurde klar: Die Lösung lag direkt neben ihnen – ihre verstorbenen Freunde. Ihre Körper enthielten jene Nährstoffe, die ihn und die restlichen Überlebenden vor dem Verhungern retten konnten.
Die zivilen Regeln galten nicht mehr
Die Welt hatte sie für tot erklärt. Die Hoffnung auf Rettung schwand mit jedem Tag. Dafür stieg die Notwendigkeit, einen neuen Weg zu finden, um unter diesen extremen Umständen überleben zu können.
Der Überlebende Roberto Canessa sagt heute: «Man musste etwas tun, das ganz und gar unzivilisiert war.» Gleichzeitig aber hätte die zivilisierte Gesellschaft sie für tot erklärt. Jedenfalls sei es nicht mehr möglich gewesen, sein altes Leben weiterzuführen.
Ein anderer Überlebender ist Daniel Fernandez Strauch. In seiner Wohnung in Montevideo bewahrt er in einem Karton jene Jacke auf, die ihn in der ersten Nacht vor dem Erfrieren rettete, sowie die Sonnenbrille, die ihn tagsüber vor dem Erblinden schützte. Beides gehörte dem Piloten Julio Verradas, der bereits kurz nach dem Absturz verstarb.
Strauchs Blick schweift in die Ferne, er erinnert sich an den Moment, als er zum ersten Mal Menschenfleisch ass: «Du wusstest genau, was es war, doch mit der Zeit wurde es zu einem normalen Nahrungsmittel. Man verroht allmählich.»
Den Pilot verzehrten sie als ersten. Es war Daniel Fernandez Strauch, der in der neuen «Schnee-Gesellschaft» für das Zubereiten der Körper verantwortlich war.
Der Glaube gab den Männern Kraft
30 Jahre schwieg Daniel Fernandez Strauch. Seine heutige Frau Amalia Ruiz erfuhr über die Medien, dass ihr damaliger Freund Dank der Körper seiner Freunde überleben konnte. Während die gesamte Medienwelt sich vor allem auf diesen einen Aspekt in ihrer Berichterstattung über das Unglück der Anden stürzte, versuchte Amalia Ruiz urteilsfrei damit umzugehen.
«Es hat mich schon geschockt. Ich habe aber Daniel nie Fragen gestellt, ich habe ihm immer die Freiheit gelassen, mir das von der Geschichte zu erzählen, was er erzählen wollte und wann er es wollte. Und Daniel hat die ersten 30 Jahre nicht darüber gesprochen», erklärt sie. Ihr Blick schweift zu ihrem Mann. Ein Blick voller Liebe und Zuneigung. Er sitzt am Fenster und schaut dem Rauch seiner Zigarette nach.
Es war der katholische Glaube, der den jungen Männern die Kraft gab, mit ihrer Entscheidung zurechtzukommen. So habe auch Jesus sein Leben und Körper anderen geschenkt, damit diese überleben können, erklärt Carlos Paez Rodriguez. Er feierte damals am Absturzort seinen 19. Geburtstag.
Heute ist Rodriguez ein gefragter Motivationsredner, der auf internationalen Konferenzen seine damaligen Erfahrungen erzählt. «Das Heiligste, was wir hatten, war das Recht auf Leben. Aber wir mussten dafür ein universelles Tabu brechen. Einen Präzedenzfall gab es nicht.»
Damals war es Nando Parrado, der auf eine letzte Expedition drängte: Er wollte Rettung finden. Seine 16jährige Schwester und seine Mutter waren an Bord der Maschine. Seine Mutter überlebte den Absturz nicht, seine Schwester Susana starb in seinen Armen. Mit den Tagen und Wochen rückte jener Zeitpunkt näher, als auch die weiblichen Körper zur überlebensnotwendigen Nahrung für die 16 jungen Männer würden.
Rettung durch einen Maultiertreiber
Nando Parrado konnte diese Vorstellung nicht ertragen. Er drängte darauf, gegen Westen nach Chile zu marschieren. Roberto Canessa sollte ihn begleiten. Die beiden waren die Kräftigsten unter den Überlebenden, alle Hoffnungen ruhten fortan auf ihren Schultern.
Die 14 Zurückgebliebenen gaben ihnen ihre Ration Nahrung, ihre Schuhe und Jacken mit auf diese letzte Expedition. Zehn Tage brauchten Nando Parrado und Roberto Canessa, um bis nach Chile zu kommen, wo sie ein Maultiertreiber fand. Sie waren gerettet. Es war der 22. Dezember 1972.
Ein Rugby-Ball war der Lebensretter
Daniel Fernandez Strauch verbrachte Weihnachten im Schoss seiner Familie. Die zivilisierte Welt war ihm fremd geworden. Die Mädchen im Bikini am Strand von Montevideo, denen er früher Komplimente hinterherrief, wirkten jetzt seltsam auf ihn. Bei jedem Bus, der vorbeifuhr, zuckte er zusammen – für seine Ohren hörte es sich an wie eine Lawine, die sich vom Hang löste.
Einen Rugby-Ball schaut der heute 66jährige mit anderen Augen an. Es war ein Rugby-Ball, der nachts im kalten Flugzeugrumpf zu ihrer Urin-Flasche wurde. Jeder wollte den Ball einige Minuten länger an seinem Körper halten. Der Spielball der uruguayischen Rugby-Mannschaft hatte sich zu einer lebensnotwendigen Wärmflasche verwandelt. Er hatte sie vor dem Erfrieren bewahrt.