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Im Jahre 1743 machte sich ein mittelloser Talmudschüler aus Dessau auf den Weg in die Hauptstadt des ehemaligen Königreiches Preussen. Mutmasslich barfuss, marschierte er durch das Rosenthaler Tor, welches als einziges für Vieh und Juden zugelassen war, nach Berlin hinein. Damals durften sich nur wenige reiche Juden dort niederlassen; in seltenen Fällen auch ein Gelehrter. Auf die Frage des Torwärters, womit er handle, soll er einer Überlieferung zufolge geantwortet haben: „Vernunft“. (Aus: Amos Elon – Zu einer anderen Zeit. Portät der jüdisch-deutschen Epoche 1743 – 1933)
Der erste Teil dieser zweiteiligen Serie kann hier gelesen werden.
von Michelle Wolf
Zwei Jahrzehnte später war Moses Mendelsohn einer der bedeutendsten Philosophen und Literaturkritiker seiner Zeit, und damit der erste Jude, der in der christlich-geprägten Gesellschaft Preussens Anerkennung fand. Sein Leben lang setzte er sich für die soziale Gleichstellung der Juden ein. Sein Ziel war es, durch Werke wie der Übersetzung der Tora, die jüdischen Gemeinden, die damals abgeschottet und als isolierte Randgruppen lebten -meist nicht einmal die deutsche Sprache beherrschten – der modernen, weltlichen Gesellschaft zu öffnen. Unbeabsichtigt wurde er dadurch der Wegbereiter zur jüdischen Assimilation, in der es zum status-quo wurde, den jüdischen Glauben auf reformierte Weise zu praktizieren oder sogar ganz abzulegen. Mendelssohn selbst hielt sich bis zu seinem letzten Tag streng an die biblischen Gesetze. Für ihn war Vernunft dem religiösen Glauben nicht entgegengesetzt, sondern vielmehr ein Geschenk Gottes.
80 Jahre nach seinem Tod, in 1866, wurde die Neue Synagoge als Hauptsynagoge und Symbol der aufstrebenden jüdischen Gemeinde Berlins eingeweiht. Damals lebten 28.000 Juden in Berlin allein, das sind fast so viele, wie heute die drei grössten jüdischen Gemeinden Deutschlands (Berlin, München und Frankfurt a. M.) Mitglieder zählen. Die Bauleitung stand unter den zwei renommierten deutschen Architekten Eduard Knoblauch und Friedrich August Stüler, der ‚Architekt des Königs’. Das Aussergewöhnliche war die Ansicht von aussen: die normalen, durchschnittlichen Häuserfassaden um die Synagoge herum wurden überkront von drei maurisch gestalteten, aus goldenen Rippennetzen umzogenen Kuppeln. Inspiriert war die Baute von der Stadtburg Alhambra in Südspanien. Diese Gestaltung, fremd für Preussen, demonstrierte das jüdische Selbstbewusstsein während dieser (vergleichsweise) toleranten Epoche: genauso, wie das Gebetshaus nach vorne auf die Strasse glänzte, anstatt, wie von früher gewohnt, versteckt und unauffällig gelegen zu sein, zeigten die Juden sich im Vordergrund der Gesellschaft. Die Synagoge in der Oranienburgerstrasse fand in der Öffentlichkeit den ebenbürtigen Eindruck. Die Illustrierte Berliner Morgenzeitung schwärmte: „Es ist ein Gebäude, welches mitten in die moderne prosaische Welt die Wunder des Orients uns vor das Auge zaubert, das Bethaus unserer Berliner Mitbürger mosaischer Religion.“
Doch ganz so ein Ammenmärchen war es nicht. Theodor Fontane bezeichnete die Synagoge als prachtvoller denn alle christlichen Gotteshäuser der Stadt. Das war wohl eher spottend als zusprechend gemeint, denn privat bekennte er sich zutiefst antisemitisch, und warf den Juden Schuld und grenzenlosen Übermut vor. Nur 5% aller Einwohner entstammten eines jüdischen Hauses, und doch erwarben sie ein Fünftel aller Hochschulabschlüsse. Begriffe wie ‚Judenparasitenökonomie’ und ‚Judenweltherrschaft’ bürgerten sich ein. Kleriker und Akademiker sprachen sich öffentlich gegen die jüdische Verbreitung auf deutschem Boden aus. Gegen diese modernere Form des Antisemitismus sollte auch die ansteigende Zahl an Konvertiten nicht helfen – es schien, je mehr die Juden versuchten, sich anzupassen, desto mehr wurden sie verachtet. Ein niedergeschlagener Aktivist konkludierte: „vergebens gelebt und gearbeitet!“
Schon einige Jahre vor der Entstehung der Neuen Synagoge in Berlin wurde die Idee aufgegriffen, ein jüdisches Gebetshaus orientalisch zu verzieren. Die Grosse Synagoge in Budapest wurde 1854-1859 von einem österreichischen Architekten konstruiert. Mit knapp 3.000 Sitzmöglichkeiten besteht sie als grösstes jüdisches Gebetshaus in Europa und zweitgrösstes der Welt (nach dem Tempel Emanu-El in New York). Ebenfalls durch maurische Architektur inspiriert, mag die Konstruktion an die Interpretation des salomonischen Tempel erinnern. Im Inneren imponiert eine bis ins Detail geschmückte Renovierung; von aussen ist die Synagoge in der ‚Dohány utca’ (Tabakgasse) als beige-rötlich gestreiftes Bauwerk mit Zwillingstürmen zu bestaunen, welche die Position der damaligen ungarisch-jüdischen Gesellschaft widerspiegelte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Juden von immer mehr Diskriminierungsgesetzen freigesprochen und fanden auch in Ungarn ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft. Sie stellten in Bereichen wie der Medizin, Jura, Journalismus und Wirtschaft die Hälfte aller Beschäftigten.
Als Antwort auf die rapide Modernisierung wurden zwei konkurrierende Ströme innerhalb der jüdischen Gemeinde Ungarns populär: das neologe sowie das chassidische Judentum. Ersteres ist eine speziell ungarische Emanzipationsbewegung, die von der Ausrichtung zwischen liberal und orthodox steht. Chassidismus sieht eine streng orthodoxe Ideologie vor, die neben der strikten Einhaltung der Gesetze auf spirituelle, mystische Weise das religiöse Erlebnis in den Mittelpunkt stellt. In Ungarn liessen sich zahlreiche Anhänger finden, und so entstand das wichtigste chassidische Zentrum seiner Zeit in Bratislava (damals Teil des Königreiches). Nach einem allgemeinen jüdischen Kongress – 1868 von der Regierung einberufen – wurde beschlossen, die Gemeinden zu spalten.
Ein Jahr nach der Fertigstellung der Dohány Synagoge wurde Theodor Herzl 1860 in eine reformjüdische Familie geboren. Sein Vater, Direktor der Hungariabank, pflegte es, ihn als Kind in ebendieses Gebetshaus mitzunehmen, doch seine Mutter erzog ihn grundsätzlich durch die österreichisch-ungarische Kultur. Nach den antisemitischen Erfahrungen, die er in seinen jungen Jahren in Wien und dem ‚noch so aufgeklärten’ Paris machen musste, widmete er sein Werk und Leben der Judenfrage. Sein wichtigstes Buch „Der Judenstaat“ erklärt den Versuch, sich der christlichen Mehrheitsgesellschaft zu öffnen, für gescheitert und plädiert für eine nationale Heimstätte sowie das Selbstbestimmungsrecht der Juden als einzige Lösung. „Nur die sichtbaren Ghettomauern sind gefallen“, stellt der Begründer des politischen Zionismus fest. „Wir sind ein Volk – der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängnis stehen wir zusammen, und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat, zu bilden. […]“
Die Berliner Synagoge wurde im Zuge der Reichspogromnacht ausgeraubt und 1943 wurden die Kuppeln durch Bomben zerstört. In den 90er Jahren wiedererbaut, dient die historische Stätte heute als Stiftung mit Archiven, Sammlungen und kulturellen Veranstaltungen. Die Synagoge in Budapest überlebte den Holocaust, da sie als Grenze zum jüdischen Ghetto fungierte – der damalige Garten ist heute der Friedhof von 2.600 ermordeten Juden. Neben der Synagoge und Gedenkstätte befindet sich dort ein jüdisches Museum, sowie, in unmittelbarer Nähe, das Elternhaus von Theodor Herzl.