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Monte Verità, Ascona – Eine Chronologie von Harald Szeemann
Drei betagte Männer sitzen im September 1936 auf dem Monte Verità oberhalb Ascona im Garten der Casa Ca’al Sass, das von der Photographin Margarethe Fellerer und dem Maler Ernst Frick in der Mitte der zwanziger Jahre über dem Fundament des sogenannten Liebetreuturmes, benannt nach M. Liebetreu, Direktorin des Hotels, der vegetarischen Pension und des Erholungsheimes Monte Verità und unglückliche Geliebte des Besitzers des Monte Verità, Henri Oedenkoven, erbaut wurde. Die Photographie ist ein Schlüsselbild für die Geschichte nicht nur des 25 000 m2 grossen Luftparks sondern auch für eine Summe mitteleuropäischer Lebensentwürfe. Die Namen der drei Männer lauten:
Ernst Frick, Metallgiesser, Redaktor der anarchistischen Zeitschrift «Der Weckruf» in Zürich, Anarchist, Bildhauer, Kunstmaler, Archäologe, 1906 erstmals in Ascona;
Max Nettlau, «Herodot der Anarchie», Biograf Michail Bakunins, Enrico Malatestas, Elisée Reclus’, Historiograf der antiautoritären Gruppe um Bakunin in der Ersten Internationale, Ersteller der Bibliografie des Anarchismus; seine Sammlung bildet den Grundstock an Originaldokumenten des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam, er besucht bereits vor 1900 die Aufenthaltsorte Bakunins im Locarnese. 1936 ist er auf der Durchreise nach Spanien, wo ihm die Republikaner die Archive zum Studium der Geschichte der Ersten Internationalen öffneten, zu Besuch in Zürich bei Dr. Fritz Brupbacher, Arzt und Anarchist, und in Ascona bei Dr. Raphael Friedeberg, Arzt und Anarchist, sowie beim grossen Mäzen der Anarchisten, Schriftsteller und Künstler, dem Brüsseler und seit 1914 Zürcher Pelzhändler Bernhard Mayer.
Der dritte auf dem Bild ist schliesslich Dr. Raphael Friedeberg, Sohn des Rabbiners von Tilsit, wegen sozialistischer Umtriebe von der Universität Königsberg relegierter Student der Geschichte, Hauslehrer bis zur Aufhebung der Sozialistengesetze in Deutschland, Studium der Medizin, Mitreorganisator der Krankenkassenbewegung, SPD-Stadtverordneter in Berlin, wegen anarchistischer Tendenzen (Antiparlamentarismus und Befürwortung des Generalstreiks als kulturelles Kampfmittel) 1907 aus der Partei ausgeschlossen, seit 1909 Rückzug von der anarchistischen Bewegung, 1904 erstmals als Patient auf Monte Verità, seit 1908 Amtsarzt von Ascona und im Sommer Badearzt in Bad Kudowa (Schlesien).
Die Photographin Margarethe Fellerer kam 1910 aus ihrer Heimatstadt Linz zur Gesangsausbildung in die Schule der Langvara nach Ascona, 1920 verliebt sie sich in Ernst Frick. Dieser verlässt Frieda Gross-Schloffer, die Gattin von Otto Gross, dem genialen Grazer Psychiater, laut Freud der neben Jung einzige originelle Denker seiner Schüler.
Mitte der dreissiger Jahre beginnt Margarethe Fellerer zu photographieren; ihre ersten Aufnahmen schickt sie C.G.Jung zur Begutachtung, der seit 1933 jährlich in Ascona-Moscia zu den von Olga Froebe-Kapteyn initiierten Eranos Tagungen kommt, deren Photographin bis in die fünfziger Jahre die Fellerer bleibt. Beliebig könnte das Bezugsnetz der Personen vor und hinter der Kamera ausgeweitet werden, von Frick zu seinen Malerfreunden Arthur Segal, Marianne von Werefkin, Alexej Jawlensky, zu den Schriftstellern Emil Ludwig und Ignazio Silone, von Friedeberg zu August Bebel, Karl Kautsky, zum preussischen Ministerpräsidenten Otto Braun, zu Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, um nur einige weitere noch nicht genannte Namen anzuführen, die Ascona und seine Collina für kürzere oder längere Zeit und aus verschiedensten Motiven (Krankheit und Erholung, Arbeit im gepriesenen Süden, Verwirklichung einer Utopie) aufsuchten. Wieso gerade Ascona? Zufall? Schicksal? Absicht?
Bermuda-Dreieck des Geistes
Ascona ist um 1900 in zweifacher Hinsicht Gegenwelt, im lokalen und im internationalen Rahmen. Locamo ist seit 1870 ein aufstrebender und bekannter Kurort, und als um 1900 die Lebensreformer ins Locarnese kommen, ist dort der Boden für eine kooperative Landkommune bereits rar geworden. Sie weichen nach Ascona aus, das nach einer grossen künstlerischen Vergangenheit im 16. und 17. Jahrhundert ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Und wie unsere Lebensreformer notieren, hatte man in Locarno schon Unterstützung, es gab dort bereits vegetarische Pensionen und «Langhaarige», und es gab den theosophischen Nationalrat Alfredo Pioda, der den Plan fasste, auf dem Gelände des heutigen Monte Verità ein theosophisches Kloster zu gründen.
Damit sind wir bereits im internationalen Bereich und bei der Landschaft am obern Langensee als kulturgeschichtlichem Bedeutungsträger. In dieser ahistorischen, pädagogischen Landschaft wurde seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein ungeheures Potential an Utopien und neuen Lebensentwürfen proklamiert, erprobt, durchlebt und durchlitten. Die Stichworte wurden erwähnt: Anarchie, vor allem die «philosophische» Anarchie, Theosophie, Lebensreform, Psychoanalyse im Dienste der Revolution und Psychologie im Dienste der Verständigung von Morgenland und Abendland, Kunst, Literatur, Neuer Tanz. Alle diese Modelle zwischen den Polen des sozialen Engagements für die klassenlose Gesellschaft, der beispielhaften Ich-Verwirklichung und der dadurch angestrebten Ich-Verjüngung stehen hier unter dem Leitstern des Glaubens, dass nur über die Absonderung und dem damit erneuten Tritt fassen mit der Natur «Gemeinschaft» wieder möglich sein könne.
Die Summe dieser intendierten, gelungenen und misslungenen Sprünge vom Ich zum Wir ist heute noch auf dem Berg der Wahrheit, einem landschaftlich und klimatischen Mikroparadies, das Teil einer umfassenden Reformkulturlandschaft ist, spürbar. An Erklärungen für dieses Bermuda-Dreieck des Geistes hat es nicht gefehlt. Ein neuerdings erstelltes geologisches Gutachten führt die magnetische Anomalie im Räume von Ascona auf die Massierung ultrabasischer Gesteine mit stark erhöhtem Magnetismus zurück, wobei allerdings der Zusammenhang möglicher Einflüsse der im Untergrund nachweisbaren magnetischen Anomalien auf das menschliche Magnetfeld noch kaum geklärt ist. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir Ascona und seine Collina und ihre Anziehungskraft als kulturgeschichtliche Gegebenheit anzunehmen.