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Philip, ein Freund aus den USA, konnte es kaum glauben. Wo denn mein Auto sei? «Ich habe keins.» Unvorstellbar in Amerika, wo die Distanzen riesig und die öffentlichen Verkehrsmittel oft mangelhaft sind. Jede Familie in Iowa, Kentucky, Louisiana besitzt vier, fünf Autos, in South Dakota fahren schon 14-Jährige mit dem eigenen Wagen zur Schule. Philip und seine Söhne, zu Besuch in der Schweiz, wollten im Juli Schnee sehen. Also mussten sie per Bahn mit mir nach Engelberg fahren. An beinahe jedem Halt zeigte ich zum Zugfenster raus auf ein rotes Gefährt: «There’s my car.» Mein Auto stehe vor dem Bahnhof. Was sie erst recht nicht begriffen.
Ich meinte die Autos der Genossenschaft, deren Mitglied ich seit über 25 Jahren bin. «Autoteilet» nannten wir das früher. Neudeutsch heisst es Carsharing. Ich tätige online eine Reservation, verschaffe mir mittels Chipkarte Einlass, und es ist für Stunden «mein Auto». Nur läuft, sobald ich den Motor zünde, nie mein Sender. Sondern es donnert eine texanische Stimme aus den Boxen, die mich zu sündenfreiem Lebenswandel ermahnt. Offenbar stellt in dem Wagen, den ich in einem Zürcher Aussenquartier übernehme, immer wieder jemand die Station mit dem evangelikalen Prediger ein, der mit Bibelversen um sich wirft und vor Strafen warnt, denn Gott kenne kein Erbarmen, «Amen!».
Mir ist nicht klar, wie er den düsteren Bibel-Sender an «unserem» Autoradio programmieren konnte. Er? Es muss ein Mann sein, ja. Ich male sie mir immer aus, die Personen, die vor mir das Auto benutzt haben: die rothaarige Französin – ich schätze sie auf 45 –, die immerzu France Culture hört. Den Unihockey-Coach, der Radio Sunshine bevorzugt. Und, eben, den bärtigen Frömmler. Unterwegs höre ich SRF4 News und den «Nachtexpress». Und wenn ich das Auto nachts um zwei Uhr an seinen Stammplatz bringe, stelle ich zuletzt möglichst laut einen möglichst struben Sender mit Heavy Metal ein. Um den Frömmler ein wenig zu erschrecken, sollte er am nächsten Morgen das Auto übernehmen. Denn für mich gibt es keinen strafenden Gott, höchstens einen lieben. Einen mit Humor.
Philip und seine Söhne wollten es mir bis zum Abend nicht glauben. Ich musste ihnen beweisen, dass der rote Combi beim Vorstadtbahnhof wirklich «mein Auto» war. Wir fuhren zu mir nach Hause und bestellten Pizza. Clive, Philips Älterer, wollte unbedingt eine mit Peperoni. Doch er war dann furchtbar enttäuscht, weil er unter «Pepperoni» eine scharfe Wurst versteht und keine Gemüseschote. Wir leben in ziemlich anderen Welten.
Bänz Friedli zeigt sein neues Programm «Was würde Elvis sagen?» in Zürich, Theater am Hechtplatz, 27. 2. bis 5. 3.