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Die drei Stadien der Chan-Meditation
Auszug aus der Übersetzung eines 1977 geschriebenen Artikels von Meister Sheng Yen.
1. Stadium: Körper und Geist ausbalancieren, um mentale und physische Gesundheit zu erlangen
Wir zeigen und korrigieren die Haltungen des Körpers im Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen. Gleichzeitig lehren wir verschiedene Methoden körperlicher Übungen. Es sind einzigartige Methoden, welche indisches Hatha Yoga und chinesisches Tao-Yin verbinden und welche sowohl körperliche Gesundheit als auch gute Resultate in der Meditation bringen können. So wird jemand, der Chan mit guten Resultaten praktiziert, bestimmt einen starken Körper haben, der fähig ist, Härte zu ertragen. Im Geist vermindern wir Ungeduld, Argwohn, Ängstlichkeit, Furcht und Frustration, um einen Zustand von Selbst-Vertrauen, Entschiedenheit, Optimismus, Frieden und Stabilität zu erreichen. Nach fünf bis zehn Lektionen wird ein guter Schüler das erste Stadium erreichen und fähig sein, in den oben erwähnten Bereichen Fortschritte zu machen (…).
In der ersten Lektion jeder Klasse frage ich die Studierenden immer einzeln, aus welchem Grund sie Chan lernen möchten, ob sie hofften, körperlich zu profitieren oder Hilfe für den Geist erwarten. Die Antworten zeigen, dass Letzteres häufiger ist. Das zeigt, dass westliche Menschen in der gegenwärtigen Umgebung extremem Druck ausgesetzt sind und dass viele ihre mentale Ausgeglichenheit verloren haben. Einige sind so verspannt, dass sie zum Psychiater gehen müssen (…).
Die Methode des ersten Stadiums ist sehr einfach. Sie verlangt vor allem, alle Muskeln und Nerven des ganzen Körpers zu entspannen und die Aufmerksamkeit auf die gerade gelernte Methode zu richten. Weil die Spannung Ihrer Muskeln und Nerven mit der Aktivität des Gehirns zusammenhängt, ist dies der Schlüssel, um die Belastung Ihres Gehirns zu reduzieren. Wenn Ihre wandernden Gedanken und Illusionen abnehmen, wird Ihr Gehirn allmählich etwas ruhiger. Da sein Blutbedarf reduziert ist, wird mehr Blut durch den ganzen Körper zirkulieren. Derweil entspannen sich wegen der Entspannung des Gehirns auch alle Muskeln; so werden die Blutgefässe weiter, Sie fühlen sich überaus wohl, Ihr Geist ist frisch und regsam und Ihre mentalen Antworten werden natürlicherweise leichter und lebhafter.
Wenn unser Ziel lediglich ist, physisches und mentales Gleichgewicht zu erreichen und nicht die eigentliche Meditation zu lernen, wird man wahrscheinlich empfinden, dass es genügt, das erste Stadium zu absolvieren; doch viele Studenten sind damit nicht zufrieden und einige streben von Beginn an nach dem Ziel des zweiten Stadiums.
2. Stadium: Vom Gefühl des kleinen „Ich“ zum grossen „Ich“
Das erste Stadium hilft, die Konzentration auf unseren verwirrten Geist zu lenken; aber wenn Sie Geistes-Sammlung üben, erscheinen immer neue zerstreute Gedanken in Ihrem Geist – manchmal viele, manchmal wenige. Das Ziel Ihrer Chan-Praxis ist ein mentaler und physischer Gewinn. In diesem Stadium sind Ihre Konzepte selbst-zentriert. Es geht nicht um philosophische Ideale und religiöse Erfahrung. Wenn Sie das zweite Stadium erreichen, werden Sie fähig, sich von der engen Sicht des „Ich“ zu befreien. Im zweiten Stadium treten Sie in das Stadium der Meditation ein. Wenn Sie gemäss der Methode Ihres Lehrers praktizieren, werden Sie die Perspektive des kleinen „Ich“ erweitern, bis es mit Zeit und Raum übereinstimmt. Das kleine „Ich“ wird eins mit dem ganzen Universum, formt mit ihm eine Einheit. Wenn Sie nach innen sehen, ist die Tiefe ohne Begrenzung; wenn Sie nach aussen blicken, ist die Weite grenzenlos. Da Sie sich mit dem Universum verbunden haben und mit ihm eins geworden sind, existiert die Welt Ihres eigenen Körpers und Geistes nicht mehr. Es existiert das Universum, das in Tiefe und Weite unbegrenzt ist. Sie selber sind nicht nur ein Teil des Universums, Sie sind sein Ganzes.
Wenn Sie diese Erfahrung in Ihrer Sitz-Meditation erreichen, werden Sie verstehen, was in der (buddhistischen) Philosophie mit Prinzip oder grundlegender Natur gemeint ist und was die Existenz von Phänomenen ist. Alle Phänomene sind die fliessende Oberfläche oder die wahrnehmbare Schicht der grundlegenden Natur. Aus einer oberflächlichen Sichtweise zeigen die Phänomene unzählige Varianten und eine jede hat verschiedene Charakteristika; in Wirklichkeit behindern die Unterschiede zwischen den Phänomenen die Ganzheit der grundlegenden Natur nicht. Zum Beispiel gibt es auf dem Planeten, auf dem wir leben, unzählige Arten von Tieren, Pflanzen, Mineralien, Dämpfen, Flüssigkeiten und festen Stoffen, die unaufhörlich entstehen, sich verändern und vergehen. Sie bilden die Phänomene dieser Erde. Von einem anderen Planeten aus gesehen ist die Erde jedoch nur ein einziger Körper. Wenn wir Gelegenheit haben, uns von den Fesseln des Selbst oder der subjektiven Sichtweise zu befreien, den objektiven Standpunkt des Ganzen einzunehmen und alle Phänomene als zusammenhängend zu betrachten, können wir entgegengesetzte und sich widersprechende Sichtweisen fallen lassen. Nehmen Sie zum Beispiel einen Baum. Aus der Sichtweise des einzelnen Blattes oder eines Zweiges gibt es Unterschiede zwischen ihnen und sie können sich aneinander reiben. Aus der Sichtweise der Stammes und der Wurzeln gehören alle Teile ohne Ausnahme zum einen, vereinten Ganzen.
Im Laufe des zweiten Stadiums werden Sie realisieren, dass Sie nicht nur eine unabhängige individuelle Existenz haben, sondern auch eine universale Existenz, zusammen mit diesem unbegrenzt tiefen und weiten Kosmos, und daher existiert die Gegenüberstellung zwischen Ihnen und Ihrer Umwelt nicht mehr. Unzufriedenheit, Hass, Liebe, Verlangen – in andern Worten die Bereitschaft, zurückzuweisen und zu ergreifen, verschwindet ganz natürlich und Sie empfinden ein Gefühl von Ruhe und Befriedigung. Weil Sie das selbst-süchtige kleine „Ich“ losgelassen haben, sind Sie fähig, alle Menschen und alle Dinge so zu sehen, als ob sie aus Ihrer eigenen Natur entstandene Phänomene wären und so werden Sie alle Menschen und Dinge auf die gleiche Art lieben, wie Sie Ihr kleines „Ich“ geliebt und behütet haben (…).
3. Vom grossen „Ich“ zum „Nicht-Selbst“
Auf der Höhe des zweiten Stadiums realisiert man, dass das Konzept des „Ich“ nicht mehr existiert. Doch hat man nur das kleine „Ich“ verlassen und das Konzept der grundlegenden Natur oder der Existenz Gottes nicht negiert. Sie können es Wahrheit nennen, das Eine oder Gott, der Allmächtige, das unveränderliche Prinzip oder sogar Buddha. Wenn Sie es als real denken, dann sind Sie noch immer im Bereich des grossen „Ich“ und haben die Sphäre der Philosophie und Religion nicht verlassen.
Ich muss betonen, dass der Gehalt von Chan erst im dritten Stadium erscheint. Chan ist unvorstellbar. Es ist weder ein Konzept noch ein Gefühl. Es ist unmöglich, Chan in abstrakten oder konkreten Begriffen zu beschreiben. Obwohl Meditation normalerweise der richtige Weg zu Chan ist, wenn Sie am Tor von Chan angelangt sind, wird sogar die Meditation nutzlos. Es ist, wie wenn Sie auf einer langen Reise unterschiedliche Transportmittel verwenden. An der Endstation angekommen, finden Sie eine steile Klippe direkt vor sich. Sie ist so hoch, dass Sie die Spitze nicht sehen können und so breit, dass Sie die Ränder nicht finden. Nun kommt eine Person von der anderen Seite der Klippe, um Ihnen zu sagen, dass auf der anderen Seite die Welt von Chan liegt. Wenn Sie die Klippe überwinden, werden Sie Chan erreichen. Und die Person sagt Ihnen, dass Sie sich auf kein Transportmittel verlassen sollen, um darüber zu fliegen, sie zu umgehen oder zu durchdringen, weil die Klippe die Unbegrenztheit selbst ist, und es keinen Weg gibt, sie zu überwinden.
Auch ein hervorragender Chan-Meister, der den Schüler bis hierher bringen konnte, kann ihm jetzt nicht mehr helfen. Obwohl er auf der andern Seite war, kann er Sie nicht mitnehmen, genauso wie das Speisen und Trinken einer Mutter den Hunger des Kindes, das selber zu essen und zu trinken verweigert, nicht stillt. Jetzt besteht die einzige Hilfe, die er Ihnen geben kann, darin, Sie anzuweisen, all Ihre Erfahrung, Ihr Wissen und alle Dinge und Ideen, die Sie als verlässlich, wunderbar und wirklich ansehen, einschliesslich Ihrer Hoffnung, die Welt von Chan zu erreichen, fallen zu lassen. Es ist, als ob Sie in ein heiliges Gebäude eintreten möchten. Zuvor sagt Ihnen die Wache, dass Sie keine Waffe tragen dürfen, dass Sie alle Kleider ausziehen sollen und dass Sie nicht nur völlig nackt sein müssen, sondern auch Ihren Körper und Ihre Seele zurücklassen müssen. Dann können Sie eintreten.
Weil Chan eine Welt ist, in der kein Selbst existiert, ist es unmöglich, mit Chan übereinzustimmen, wenn es noch ein Anhaften in Ihrem Geist gibt. Daher ist Chan das Gebiet der Weisen und der Mutigen. Wenn man nicht weise ist, kann man nicht glauben, dass eine andere Welt vor uns erscheint, nachdem man alles Anhaften abgelegt hat. Wenn man nicht mutig ist, wird man es sehr hart finden, alles loszulassen, das man in diesem Leben angesammelt hat – Ideen und Wissen, spirituelle und materielle Dinge.
Wenn Sie erfahren, dass Phänomene unreal sind, sind Sie befreit vom Konzept selbst und andere, richtig und falsch und Sie werden frei sein von den Geistestrübungen der Gier, des Hasses, der Sorgen und des Stolzes. Sie werden nicht nach Frieden und Reinheit suchen müssen, und Sie werden üble Geistestrübungen und Unreinheit nicht verabscheuen müssen. Auch wenn Sie in der Welt der phänomenalen Realität leben, wird Ihnen jede Umgebung als das Reine Land Buddhas erscheinen. Für nicht erwachte Personen sind Sie eine gewöhnliche Person. Für Sie sind alle gewöhnlichen Menschen identisch mit Buddha. Sie werden Ihre eigene Selbst-Natur als mit derjenigen Buddhas identisch empfinden und die Eigen-Natur Buddhas als universell in Zeit und Raum. Sie werden spontan Ihre Weisheit und Ihren Reichtum anwenden und allen Lebewesen überall in Zeit und Raum frei geben (…).
Eine soeben erwachte Person ist jedoch noch im Anfangsbereich von Chan. Sie ist wie jemand, der gerade seinen ersten Schluck Wein getrunken hat. Er weiss jetzt wie er schmeckt, aber der Wein wird nicht immer in seinem Mund bleiben. Die Absicht von Chan ist nicht, nur gerade einen Schluck zu nehmen, sondern ganz mit dem Wein zu verschmelzen und sich in ihm aufzulösen, bis Sie ihre Existenz und den Wein vergessen. Nachdem Sie den ersten Schluck von Selbst-Losigkeit geschluckt haben, wie weit müssen Sie dann noch reisen?
Welche Dinge bleiben noch zu entdecken?
Ich werde es Ihnen sagen, wenn ich dazu Gelegenheit habe.