Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03210.jsonl.gz/1335

Die Oscarverleihungen begannen als intimes Dinner 1929. Es sollte die Beziehungspflege innerhalb der Filmbranche verbessern. Bereits damals gab die Robe zu reden.
Als beste Schauspielerin wurde Janet Gaynor für gleich drei Filme ausgezeichnet. Doch sie hatte sich für den Anlass inmitten der pelz- und diamantenbewehrten Anwesenden schlicht zu schlicht gekleidet.
Im zweiten Jahr kam es besser: Da rührte Schauspielerin Mary Pickford mächtig die Werbetrommel für den neuen Preis. Sie lud sogar zu einem Wettbewerb, bei dem man ein Kostüm aus ihren Filmen gewinnen konnte. Ob dies alles den Glamourfaktor der Academy Awards begründete?
Kleider machen Filme – und Filmstars
«Mode als Kommunikationsmedium ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der Filmsprache», schreibt die australische Modejournalistin Dijanna Mulhearn in ihrem Buch «Oscars. Glamour auf dem Roten Teppich».
«Ein erfolgreicher Auftritt auf dem roten Teppich kann Akteurinnen und Akteuren Superstar-Status einbringen, den Namen eines Modelabels weltberühmt machen, und die nächste begehrenswerte Filmrolle einbringen.»
Die Geschichte der Oscar-Mode
Dabei streift Mulhearn alle Oscarverleihungen bis 2022: Sie greift einzelne Momente heraus und verbindet sie mit den Ereignissen des jeweiligen Jahres und der Entwicklung der Filmindustrie. Fotos der Stars illustrieren ihre Beobachtungen.
Dabei wird klar: Erst trugen die Schauspielerinnen und Schauspieler, was sie besassen. Dann sprangen die Hollywood-Kostümbildnerinnen und -bildner in die Bresche, bis Modedesignerinnen und -designer sie ablösten.
Die Verleihung der begehrten Trophäe war früh auch ein Ort des Protestes. So fühlte sich 1935 Bette Davis von den mächtigen Studiobossen übergangen. Als sie im Folgejahr doch ausgezeichnet wurde, trug sie demonstrativ ein Kleid aus ihrem Film «Housewife». Wie eine Hausangestellte wollte sie inmitten des ganzen Pomps aussehen.
1940 wurde die erste afroamerikanische Schauspielerin Hattie McDaniel mit dem Oscar ausgezeichnet. Obwohl elegant gekleidet, musste sie die Preisverleihung durch den Nebeneingang betreten. Dass People of Colour bei der Vergabe der Goldmännchen oft übergangen werden, ist seit dem Hashtag #OscarsSoWhite von 2016 bis heute Thema.
Ein roter Teppich für die Selbstinszenierung
Doch zurück: Mit der ersten Oscarverleihung, die ab 1953 im Fernsehen übertragen wurde, gewann die Abendgarderobe nochmals an Bedeutung. Als 1961 erstmals der rote Teppich ausgerollt wurde, war eine weitere Bühne gegeben.
Jetzt hatten alle Geladenen die Möglichkeit zur Inszenierung: «Der rote Teppich der Oscar-Verleihungen scheint mir seit jeher der Ort zu sein, an dem Mode, bildende Kunst und Theater sich überschneiden», schreibt die Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett im Buch.
Ein Kleid ist ein Kleid ist ein Statement
Die Glamourmode bei der Verleihung ist immer auch zeitgeschichtlicher Kommentar. Besonders ikonisch war das Jahr 2001: Julia Roberts erschien in einem Vintage-Kleid von Valentino und holte die Nachhaltigkeitsdebatte in die Luxusmode.
Gleichzeitig schritt Björk im skulpturalen Schwanenkleid über den Teppich und legte dabei ein Ei. Kunst verschmolz mit Popkultur.
Und die Männermode? Die war jahrelang kaum erwähnenswert. Bis Schauspieler Billy Porter 2019 einen Knalleffekt setzte: Mit einer Kreation von Christian Siriano, oben männlicher Frack, unten weibliche Robe. Jetzt war auch die Geschlechterdebatte bei den Oscars auf dem roten Teppich angekommen.
Buchhinweis
Dijanna Mulhearn: «Oscars. Glamour auf dem Roten Teppich. Eine Fashiongeschichte der Academy-Awards», Prestel 2023.