Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/1154

Das stark gegliederte und mit Wäldern, Sümpfen und kleinen Seen durchsetzte Moränengebiet, in dem die Herrschaft Wädenswil lag, war schon im Mittelalter für die Einzelhof- und Streusiedlung besonders geeignet. Neben den Dörfern Wädenswil und Richterswil, die als mehr oder weniger geschlossene Siedlungen auf kleinen Schwemmkegeln hart am See und damit an der Wasserstrasse lagen, entstanden zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert – meist auf gerodetem Land – eine Reihe von Neuhöfen. Viele von ihnen waren Lehenhöfe des Johanniterhauses Wädenswil und gegen festen Grundzins zur Bewirtschaftung an Bauern und deren Erben verliehen. Urkunden, Urbare, Zinsrödel und Zehntpläne geben Aufschluss über die Lage und die Grösse der Güter. Spätmittelalterliche Hofsiedlungen sind im Bereich der heutigen Gemeinden Wädenswil, Richterswil (z. B. 1268 Mülenen), Schönenberg (z. B. 1268 Stollen, 1316 Mülistalden, 1416 Nussbäumen) und Hütten (z. B. 1268 Segel, 1278 Laubegg) nachweisbar.
Vorerst ist von den Siedlungen im Raum des heutigen Dorfes und der Au die Rede, anschliessend von den älteren Höfen im Wädenswiler Berg. Wenn ein Hof in dieser Zusammenstellung nicht aufgeführt ist, heisst dies nicht, dass er damals nicht existierte, sondern lediglich, dass darüber keine frühen Nachrichten bekannt sind. Der Name Lutringen, der in den Urkunden des 13. und 14. Jahrhunderts häufig erwähnt wird, ist ausgestorben. Es ist aber sicher, dass das Gebiet der heutigen Eichmühle früher diese Bezeichnung getragen hat. 1568 ist nämlich die alte und die neue Benennung gleichzeitig überliefert, indem von Hans Diezinger, dem Müller zu Lutringen unter den Eichen die Rede ist1. Der gegenüber der Burg Wädenswil gelegene Hof Lutringen war ursprünglich Eigengut der Freiherren von Wädenswil und wird als solches 1270 erstmals bezeugt2. Als sich Katharina von Wädenswil mit dem Edlen Peter von Hünenberg verheiratete, erhielt sie von ihrem Vater Rudolf den Hof Lutringen als Mitgift. Witwe und Nonne geworden, vermachte Katharina ihr einstiges Heiratsgut im Jahre 1281 dem Kloster Frauenthal, in das sie eingetreten war3. 1302 verkaufte Frauenthal den Hof dem Johanniterhaus Bubikon, und mit der Errichtung der selbständigen Komturei Wädenswil im Jahrzehnt 1322–1332 wurde Lutringen Lehenhof des Hauses Wädenswil. Wann auf Lutringen eine Mühle eingerichtet worden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Ein Jakob Müller unter den Eichen wird 1551 bezeugt4. 1568 erhielt Hans Diezinger die Mühle Lutringen, die in späterer Zeit ausschliesslich «Mühle unter den Eichen» oder Eichmühle genannt wurde, vom Haus Wädenswil zu Lehen. Zur Liegenschaft gehörten damals ausser Haus und Hofstatt drei Mahlwerke samt Relle, Bläue, Stampfe und Säge, ferner ein weites Ausgelände mit Äckern, Wiesen und Weiden. Als Grenzen werden genannt die Eichmatte des Hauses Wädenswil, die Hubersehe Moosmatte, das Burgmoos, der «bach, so den burgrein scheidet» (Reidbach) und das Tann5.
Der Hof Unter Eichen
Wie der Hof Lutringen bildete auch der Hof Unter Eichen ursprünglich einen Teil des Eigengutes der freiherrlichen Familie von Wädenswil. Und wie Lutringen kam auch «Underdieneiken» als Mitgift des Brautvaters an Katharina von Wädenswil und Peter von Hünenberg, 1281 ans Kloster FrauenthaI und 1302 an Bubikon6. Um 1330 wurde auch dieser Hof unbestrittener Besitz des Hauses Wädenswil. Im Jahre 1496 war der Hof «under Eychen» an Rudi Isler von Wädenswil und seine Erben verpachtet. Der Inhaber des Erblehens musste sich verpflichten, das Haus und die Scheune in gutem Zustand zu halten, den Hof nicht zu teilen und nichts davon zu verkaufen oder zu versetzen. Als Grenzen der Liegenschaft werden genannt: der Meierhof und der Gerlispergerhof, die Weid auf Lantersbühl, der Beichlenhof und das Feld7. 1510 wird erwähnt, dass der Hof unter den Eichen an die Liegenschaft des Uli Huber grenze, der «unnder den obern Eichen» sesshaft war8. Ein 1729 entstandener Plan des mehr als 125 Jucharten grossen Lehenhofes Unter Eichen9 orientiert über die genaue Lage: der Hof, der sich vom Brüsch und Sunft über Beichlen bis an den Meierhof hinzog, ist in seinem Kern identisch mit den Zollingerhüsern, die diese Bezeichnung erst seit dem 18. Jahrhundert tragen.
Die Mühle «underm Giessen»
Schon im ausgehenden Mittelalter hatte das Wasser des Giessbachs, des Unterlaufs des Reidbachs, die Räderwerke der Giessenmühle zu treiben. Diese Mühle wird erstmals 1408 erwähnt und gehörte laut Steuerrodel von 1468 dem «Heiny Müller underm Giessen». 1550 erscheint als Inhaber Ulrich Minner und 1555 Jakob Taler. Als der Hof 1659 auf öffentlicher Gant an Christian Diezinger überging, umfasste er ein Wohnhaus mit Hofstatt, Garten und Hanfland, eine Scheune, die Mühle mit einer Relle, zwei Mahlwerken, einer Haberdarre, einer Wergreibe und einer Schleife, ferner eine Säge in gesondertem Bau10.
Unterer und Oberer Meierhof
Der Flurname Meierhof, der in vielen zürcherischen Gemeinden vorkommt, bezeichnet den Ort, wo im Mittelalter ein Beamter des Grundherrn hauste und in dessen Auftrag Steuern und Zinsen einzog. Auch die Freiherren von Wädenswil hatten einen solchen Verwaltungsbeamten. Von zirka 1255 bis 1275 erscheint in Wädenswiler Urkunden sechsmal ein Ammann Ulrich; 1286 und 1294 tritt ein Ammann Heinrich auf11. Unter den Johannitern muss der Meierhof seinem Zwecke nach und nach entfremdet worden sein. Der Hof wurde Erblehengut und war nun ein gewöhnliches Bauernheimwesen, das vom Lehenmann bewirtschaftet und genutzt wurde. Schon vor 1400 war der grosse Liegenschaftskomplex in zwei kleinere Heimwesen unterteilt worden: in den näher beim Dorf gelegenen unteren oder niederen Meierhof und in den oberen oder äusseren Meierhof, der identisch ist mit dem späteren Gut «Boller». Der niedere Meierhof gehörte im Jahre 1431 dem «Hansen Buocher» und seinen Erben12 und ging im Verlaufe des 16. Jahrhunderts an die Familie Wild über, welche in der Folge während mehrerer Generationen die Geschicke des Hofes bestimmte.
Der Obere Meierhof wurde um 1400 vom Lehenbauern Uli Hafler bewirtschaftet; 1413 sprach der Johanniterkomtur Hugo von Montfort «das gut uff dem obern meigerhaff» dem Heini Schmid von Wädenswil zu13, dann war die Familie Bachmann über ein Jahrhundert lang Inhaber des Lehenhofes. Das Heimwesen grenzte dorfwärts an das Ausgelände des unteren Meierhofes, stiess südlich und östlich an den Hof Unter Eichen, das Tann und das Reidholz und dehnte sich seewärts bis zur Giessenmühle und zur Rothausmatte aus. Im Jahre 1600 zog im Oberen Meierhof ein neuer Lehenbauer ein: Bartli Boller. Nach ihm oder seinen Nachkommen wurde der äussere Meierhof in «Boller» umbenannt14.
Der Hof auf Lein (Unterer Leihof)
Die ganze Gegend zwischen Leigass und Leihof bis hinauf gegen Mülibach und Geren und hinüber zur Fuhr hiess ursprünglich «uff lein» oder «am leime». Auch dieses Bauerngut, zu dem ausgedehnte Rebberge an der Leimhalde gehörten, war ein Lehenhof. Er war im Jahre 1357 Eigentum des Klosters Kappel15 und ging noch vor 1400 an den Johanniterorden über. Als Pächter sind 1357 Peter Meier, 1417 Cuoni Strub, 1457 Claus Kamb, 1487 Heini Buwman und 1568 Wernli Blattmann bezeugt16. Im weiten Gebiet «uff ley» entstanden im Verlaufe des 15. bis 17. Jahrhunderts weitere Höfe. In der Folge unterschied man unter anderem zwischen Oberem und Unterem Leihof. Und nach der Familie Rellstab, die im 1615 «uff ley» ansässig wurde, nannte man den Unteren Leihof auch «Rellstaben-Häuser»17.
Unterer Lehmhof, Wohnhaus Rellstab, 17. Jahrhundert. In der südöstlichen Giebelfront grosses Windentor, Stube mit fünf gereihten Fenstern und Falläden.
Gottfriedhaus an der Lehmgasse, benannt nach dem Besitzer Gottfried Hauser, um 1860. Erbaut von Caspar Blattmann-Schärer, Datierung 1726 im Westgiebel, Brettläden mit Ornamenten, bemalte Dachuntersichten, Hausspruch.
Die Höfe Rütiboden, Untermosen, Fuhr, Büelen, Holzmannsrüti
Auch der Hang, der sich vom Oberdorf gegen Herrlisberg hinaufzog, war mit einzelnen Höfen durchsetzt. Schon im 15. Jahrhundert wird «Rütiboden» bezeugt, ein Landstück, auf dem spätestens im 17. Jahrhundert der Hof Rötiboden entstand18. Älter ist das Gut, «das man nämppt undermossen». Es wird schon 1505 als Besitz von Welti Blattmann erwähnt19. Auch auf Bühl (bueol) – im Raume Rotweg/Untere Weidstrasse/Schützenmattstrasse – gab es um 1505 zwei Bauernhöfe: Rudi Horgers Bühlgut und Heini Kellers «gut uf büol»20. Die beiden Heimwesen finden sich noch in Voglers Quartierkarte von 1748.
Dreiteiliges Riegelhaus «Bühl» mit gemauerter Westwand. Türsturz mit Datierung 1717 und Allianzwappen Blattmann/Isler. Bemalte Dachuntersichten, Schnitzereien, Falläden, Freitreppe mit schmiedeeisernem Geländer.
Bauernhaus Untermoosen, erstellt um 1680. Freitreppe, Kellertüre mit Rundbogen und verwitterter Datierung 1687.
Büelenhaus. Kombination von Block- und Steinbau, schwach geneigtes Dach. Im Innern gekehlte Fenstersäule aus Sandstein mit Datierung 1542.
Riegelhaus Letten mit gemauertem Erdgeschoss. Grosses Windentor in der seeseitigen Giebelfassade; in der südöstlichen Längswand gereihte Fenster mit Fälläden. Türsturz (Kopie von 1949) mit Datierung 1748 und Initialen HCH AH.
Der Name Fuhr fehlt indessen. Schon 1555 wird in den Kirchenurbaren zwar ein Acker «uff der Fur» genannt; die Bauernhöfe auf der Vorderen und auf der Hinteren Fuhr entstanden aber erst später. Weiter westlich wird 1451 der Letthof (Letten) und 1481 das Gut des Heini Guggenbühl auf «Buölwies» (Büelen) bezeugt21. Dass Büelen eine alte Siedlung ist, dokumentiert noch heute das aus dem Jahre 1518 stammende Büelenhaus, das älteste Bauwerk des Dorfes und eines der frühesten in der ganzen Zürichsee Gegend. Seine Wände bestehen zum Teil aus übereinandergeschichteten Balken, die sich an den Ecken durchdringen und ein sogenanntes «Gewett» bilden. Auch die Trennungswände im Innern des Hauses bestehen zum grössten Teil aus Blockwerk. Das unterste Wohngeschoss ruht auf einem verhältnismässig hohen Keller, so dass als Zugang zur Haustüre eine Freitreppe nötig war. Das Dach ist im Vergleich zu jüngeren Häusern auffallend schwach geneigt. Die zugehörigen, heute abgerissenen Wirtschaftsgebäude standen vom Haus getrennt. Wenn auch der Bau im Laufe der Jahrhunderte wohl manche Veränderung erfahren hat, so ist er als Ganzes doch äusserst bedeutsam. Er weist darauf hin, dass im 16. Jahrhundert am unteren Zürichsee noch Baumaterialien und Konstruktionsweisen verwendet wurden, die wir heute nur noch am Alpenrand und im inneralpinen Gebiet finden.
Haus zur vordern Fuhr, erbaut 1784. Ansicht von Osten.
Die schwache Dachneigung erinnert daran, dass in früherer Zeit auch in dieser Randzone des Alpengebietes die Dächer mit Brettschindeln gedeckt wurden, welche man lose auf die Dachlatten legte und mit Steinen und waagrecht verlaufenden Stangen beschwerte. Diese Bedachungsart verlangte eine schwache Dachneigung, da sonst die Schindeln abgerutscht wären. Mit gutem Grund darf das Büelenhaus als Frühform des Weinbauernhauses am Zürichsee angesprochen werden. Durch seinen hohen Keller unterscheidet es sich vom Viehzüchterhaus, und durch die Trennung von Wohnhaus und Wirtschaftsgebäuden hebt es sich vom Ackerbauernhaus ab.
In einem Gültbrief von 1491 steht, dass der Bauer UIi Hofmann den Johannitern zinsen müsse für das Lehengut «Holzmans Rüti» , das an das Holz «in Gulman» grenzte.
Haus zur vordern Fuhr. Türsturz mit Datierung 1784 und den Initialen HRH SW (Hans Rudolf Hauser, Susanne Wüest), Schmiedeeisernes Oberlichtgitter.
Die auf den Familiennamen Holzmann zurückgehende Bezeichnung wurde erst in späterer Zeit in Holzmoosrüti umgedeutet22.
Der Hof zu Gebisholz
In der Gegend des heutigen Oberorts und der Rietliau dehnte sich im Mittelalter das Gebisholz aus, ein Wald, der sich vom Seeufer hangaufwärts und gegen das Gwad hinüberzog. Das Gehölz wird im Wettinger Zinsrodel um 1250 erstmals erwähnt23. Die Schreibweise variierte in späterer Zeit oft. So treffen wir 1286 Gebelholz, 1484 Gibinsholz und 1555 Gäbisholz. Noch bevor die Waldung gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit andern Wettingergütern in den Besitz des Johanniterordens überging, wurde ein Teil des Forstes gerodet. Auf dem Neuland entstand in der Folge die Hofsiedlung Gebisholz, die in den Steuerbüchern des 15. Jahrhunderts bezeugt ist. 1455 war zu Gebisholz ein Cläwy Blattmann sesshaft, 1468 dessen Sohn Ueli24. Der Bauernhof trug noch den Namen Gebisholz, als der Wald, der einst zur Benennung Anlass gegeben hatte, schon längst vollständig gerodet war. Im 17. Jahrhundert war indessen die Bezeichnung sinnentleert, und so ersetzte man sie durch die verständliche Neuschöpfung «Oberort».
Der Gwadhof
Im südöstlich des Gebisholzes gelegenen Gwad waren im ausgehenden Mittelalter die Herren von Heidegg begütert. 1454 waren ihre Rechtsnachfolger, die Herren von Seengen, im Besitze des Gutes «Gwatt»25. Der Name Gwatt oder Gewat, wie das Gebiet 1484 im Erblehensbrief um die Au genannt wird, weist auf die Bodenverhältnisse hin: auf sumpfiges Gelände. Das Terrain war lange Zeit siedlungsfeindlich. Die ältesten Höfe lehnten sich an den Hang. Sie standen im Ober Gwad, während das Untere Gwad, durch das sich zwar die Landstrasse zog, vorerst als Streuland und nach erfolgter Drainage landwirtschaftlich genutzt wurde. Ein Hof im Gwad wird im Jahre 1555 erwähnt. Er grenzte an das Bauernheimwesen zu Gebisholz26.
Der Hof Schoren
Zu den alten Höfen im Au-Gebiet ist auch der Hof Schoren zu zählen, der im Erblehensbrief um die Au vom Jahre 1484 erstmals erwähnt wird27. Er stiess unten an den Zürichsee, im Südosten an den Hof zu Gebisholz, im Nordwesten an die Au. Im 17. Jahrhundert ist für den Namen Schoren auch die Schreibweise «im Schären» belegt28.
Der Hof Opfisau (Brunnenhof, Mittelort)
Die Gegend oberhalb des Ausees – beim heutigen Brunnenhof – hiess um 1256 «Ophangesowa» , später Opfensowe und Opfisau. 1342 ist von Gütern die Rede, «die man nennet des Brunnens Guot ze Opfensowe»29. Auch dieser Hof war Lehen des Johanniterhauses Wädenswil. Als Inhaber werden 1342 Johannes Scherer, 1432 Heini Keller und Ullmann Tollinger genannt. Sie mussten ausser dem jährlichen Zins respektable Mengen von Zürichsee Fischen ins Johanniterhaus liefern. Dafür hatten die Erblehensbauern das Recht, in den zum Hof Opfisau gehörenden Wäldern sämtliches Holz für ihren Eigenbedarf zu schlagen. Das Grundprotokoll von 1694 nennt mehrere Gebäude: das Wohnhaus, die Trotte, einen Schopf und eine Scheune. Zum Umgelände gehörten auch zwei Jucharten Reben. Im 17. Jahrhundert setzte sich die schon 1342 nachgewiesene Bezeichnung Brunnenhof durch, die ursprünglich wohl auf die Familie Brun zurückgeht30.
Doppelwohnhaus Oberortweg 6, Riegelbau, Türsturz mit Jahrzahl 1687.
Wohnhaus Haldenhof, Rundbogen mit Datierung 1679 und Allianzwappen Suter/Eschmann.
Der Hof in der Au
Die Halbinsel Au wird in einer Urkunde vom Jahre 1316 als «Owe: erstmals genannt31. Der zu jener Zeit noch grösstenteils bewaldete Hügel war Eigentum des Johanniterordens, der in der Unteren Au ein landwirtschaftliches Gut besass, welches Arnold Rebmann zu Lehen hatte. 1484 kam dieser Hof – er umfasste Haus, Hofstatt, Scheune, Baumgarten, Ackerland, Wiesen, Reben und den Ausee (Seewadel) – als Erblehen an Hans in der Au32. Von den Nachkommen ging die Liegenschaft 1569 an Heinrich Scheller über, und ums Jahr 1650 gehörte sie dem Wädenswiler Bauern und Grosskäser Hauptmann Streuli. Dieser verkaufte das Gut dem Zürcher Obersten Johann Rudolf Werdmüller, der 1650 verärgert aus venetianischen Diensten zurückgekehrt war und nun einen Landsitz suchte, auf dem er sich seinen Liebhabereien widmen konnte. Werdmüller liess eine Villa in venezianischem Stil erbauen (1928 abgebrochen) und legte einen ausgedehnten Park und einen heizbaren Wintergarten an33.
Verdeckter Riegelbau im Unterort, um 1702 gebaut.
Doppelwohnhaus Steinacker, erbaut 1730. Südlich der Liegenschaft Wüstung des alten Steinackerhofes.
Die Höfe zu Naglikon
Das ursprüngliche Naglikon ist nicht identisch mit der heutigen, direkt am See gelegenen Gebäudegruppe. Das mittelalterliche «Naglinchoven» lag an der Landstrasse Horgen – Wädenswil, da wo heute der Weiler Unterort liegt, der diese Flurbezeichnung erst seit dem Ende des 17. Jahrhunderts trägt. Der Name ist in Beziehung zu setzen zu den Herren von Naglikon, auf die bereits in einem früheren Kapitel hingewiesen worden ist. Nur an wenigen Orten innerhalb der Herrschaft Wädenswil haben Grund und Boden im Mittelalter so häufig die Hand gewechselt wie in Naglikon34. Neben den Herren von Naglikon war hier im 12. Jahrhundert auch das Kloster St. Martin auf dem Zürichberg begütert. Im 13. Jahrhundert treten das Kloster Rüti, das Kloster Wettingen und das Johanniterhaus Bubikon als Grundeigentümer auf. Nach dem Aussterben des Geschlechtes von Naglikon vergabte die Alleinerbin im Jahre 1231 ihre väterlichen Güter der Zürcher Fraumünsterabtei. Der Steuerrodel von 1455 nennt die zu Naglikon wohnhaften Zinsleute der Johanniterkomturei Wädenswil. Die Siedlung Naglikon zählte damals etwa dreissig bis vierzig Personen in neun Haushaltungen35.
Die Siedlungszonen im Wädenswiler Berg
Obwohl der Wädenswiler Berg eine vielfach sumpfige und eine stark bewaldete Gegend war – die Leute hiessen noch bis Ende des 17. Jahrhunderts «Berg- oder Waldleute»36 – finden sich auch hier alte Siedlungszentren. Im Gegensatz zu den Höfen auf den näher am See gelegenen Siedlungsterrassen entstanden die Einzelhöfe im Wädenswiler Berg wohl ausschliesslich auf Rodungsboden. Die Waldrodung muss schon im 13. Jahrhundert eingesetzt haben und vor allem durch das Zisterzienserkloster Wettingen betrieben worden sein, dessen Güter Biberegg, Aesch, Rechberg, Stollen, Mugeren, Gisenrüti, Herrlisberg und Wolfbüel schon um 1250 genannt werden. Auf die Rodungstätigkeit, die bis ins 17. Jahrhundert angehalten hat, deuten auch die Flurnamen hin, so Langrüti, Gisenrüti, Ödischwänd, Stocken und Rüti. Besonders im 15. Jahrhundert häufen sich die Namen von Neuhöfen in der Bergzone zwischen Beichlen und Burstel37. Wir wollen auch hier die bedeutendsten herausgreifen und die wichtigen Kristallisationspunkte lokalisieren.
Die Höfe Beichlen und Himmeri
Ein Hof genannt «im Bennkli» war im Jahre 1448 Eigentum des Johanniterhauses Wädenswil und Lehen von UIi Hiestand am Wädenswiler Berg38. Dieser Hof – 1483 auch «Benchlen» und 1566 «Bennchli» geheissen – war noch im 18. Jahrhundert über hundert Jucharten gross. Ein Plan von 1729 gibt Aufschluss über die Ausdehnung des Gutes39. Er zeigt auch den Beichlensee, ein ovales Gewässer von etwa 130 Metern Länge und rund 75 Metern Breite. Der Beichlensee, der schon auf Hans Konrad Gygers Kantonskarte von 1667 eingezeichnet ist, verlandete zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollständig. Das Beichlenriet, das sich an seiner Stelle ausdehnte, wurde in den Jahren 1943/44 trockengelegt.
Ungefähr zur gleichen Zeit wie der Beichlenhof mag auch der Hof im Himmeri entstanden sein. Er wird ebenfalls im Jahre 1448 erstmals erwähnt, und zwar als «gut im Himelrich». 1521 war Heini Isler auf «Himmelsrych» sesshaft40; 1729 hiess der Hof «Himmelreich». Die erst seit dem 19. Jahrhundert nachweisbare Form Himmeri ist eine Entstellung des ursprünglichen Namens. Die Bezeichnung «im Himmelrich» ist auch in andern Gemeinden üblich, beispielsweise in Uster. In der Regel werden erhöht gelegene Grundstücke oder besonders fruchtbare Äcker so genannt.
Herrlisberg und Furthol
Altes Siedlungsgebiet ist der Herrlisberg. Ein Gut «Hergesperch» erscheint bereits im Zinsrodel über die in der Herrschaft Wädenswil gelegenen Wettingergüter aus der Zeit um 125041. Auch die mit den Freien von Wädenswil verwandten Herren von Hünenberg nannten Güter auf «Hergisperg ihr Eigen. Der Herrlisberg diente ihnen sogar als Gerichtsstätte, wie eine Urkunde vom 5. Februar 1347 beweist42. Auf den Hünenbergerhöfen im Herrlisberg sassen die Hünenbergerleute, die im Jahre 1408 frei wurden. Schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts gab es auf Herrlisberg auch vereinzelte Güter, die freien Bauern gehörten. So war 1357 Peter Meier in der Lage, seinen Eigenhof Hergisberg gegen den Leihof des Klosters Kappel einzutauschen43.
Der Flurname «Hergesperch» galt ursprünglich für die ganze Gegend zwischen Wändel und Stocken. Im 15. Jahrhundert entstanden in diesem Raum neue Höfe, die aber noch lange den alten Zunamen «auf Hergesperch» weiterführten. So verliehen die Johanniter am 14. Juni 1483 dem Heini Fuchs ihren auf Herrlisberg ob Wädenswil gelegenen Hof genannt Furthof44; schon 1450 hatte «Hans Blattman ab Hergisperg» vom Johanniterorden den Hof und das Gut übernommen, «so man nempt die Widen, uff dem Hergisperg gelegen»45.
Bauernhaus im Herrlisberg, Blockhüttenkonstruktion, Firstbalken eingeknickt.
Furthof: Blockbau des 16. oder 17. Jahrhunderts mit gemauerter Westwand und gereihten Fenstern.
Widen und Oedischwänd
Das Widumgut, das Hans Blattmann im Jahre 1450 von den Johannitern zu Lehen empfing, war ebenfalls ein grosser Bauernhof. Es gehörten Scheunen dazu, ferner Äcker, Matten, Wunn und Weid. Interessant sind die Flurnamen, die im Lehenrevers aufgeführt werden, heute aber mit Ausnahme von Furthof, Oedischwänd und Stocken verschwunden sind: in der Berföly, Bachtal, Lustuon, Kilchweg, underm Langen Lo, Stadmans boen, zuo der Griessgruben, Bifang, Grund, Kriechboms Acker, nider Lachen, Fad, Kesern.
Verschwunden ist auch der Flurname «Sant Catharinen Bachtobel», der in den Kirchenurbaren von 1555 erscheint und jenes Tobel bezeichnet, das sich vom Furthof gegen Untermoosen hinunterzieht. Der Name weist auf ein vorreformatorisches Heiligtum hin, auf eine kleine Kapelle oder einen Bildstock zu Ehren der heiligen Katharina von Alexandrien. Das «Helgenhüsli lag am Kirchweg, der vom Wädenswiler Berg durch das Rötibodenholz ins Dorf hinunterführte. Der Flurname «St. Katharina Kapelle» erscheint letztmals in der Wildkarte des Kantons Zürich, um 1850.
Kurz vor dem Tode ihres Vaters – um 1494 – teilten die Söhne des Hans Blattmann den Erblehenhof Widen in verschiedene kleine Güter auf, was rechtswidrig war und 1521 rückgängig gemacht werden musste46. Vom Widumshof abgeteilt wurde möglicherweise auch Oedischwänd. Dieses Gut war ein Bestandteil innerhalb des alten Hofes Widen. Im ersten Anhau hatte man seinen Boden wohl geschwendet, hernach aber nicht bebaut, sondern öd liegen lassen. Noch auf der Gygerkarte von 1667 ist deutlich zu erkennen, dass der Platz für den 1483 genannten Hof Oedischwänd mitten aus dem Wald herausgehauen worden ist. 1498 war Heini Blattmann Inhaber der Oedischwänd, Es scheint, dass er seinen älteren Hof Luggenbüel verkauft hat und auf die Oedischwänd gezogen ist47.
Hintere Widen, 17. Jahrhundert. Kombination von Block- und Riegelbau, gereihte Fenster mit Falläden.
Oedischwend, 17. Jahrhundert oder älter. Seeseitige Giebelfront in Riegelwerk südliche Längswand in Holzkonstruktion über gemauertem Erdgeschoss. Gereihte Fenster mit Falläden, Schiebefenster mit Butzenscheiben, durch das ganze Haus hinaufführender Rauchfang.
Luggenbüel, Stocken, Schründlen
Auch der Hof LuggenbüeI war ein Lehengut der Johanniterkommende Wädenswil. 1424 war das Heimwesen dem Welti Ross verliehen. 1516 nennen die Urkunden einen Bernhard Ryff als Pächter von Haus und Hof zu «Lugenbühl», eines Gutes, das an den Hof in Stocken, an den Hof in Schründlen, an Pfisters Weid in der Rüti und an Cuni Hofmanns Oettischwend
grenzte48. Zwei Nachbarhöfe. Schründlen und Stocken, waren auch ältere Heimwesen. «Scrundeln» wird schon 1310 erwähnt49; der Hof Stocken, 1464 von Peter Höhn bewirtschaftet, wird 1413 erstmals genannt50.
Bauernhaus Stocken, wohl 17. Jahrhundert. West- und Nordseite gemauert, Ost- und Südseite in Ständerbaukonstruktion. Kellerzugang mit geschweiftem Posten, die das einführen der Fässer erleichtern.
Bauernhaus Vordere Rüti, über hölzernem Torbogen mit 1654 datiert. Geschnitzte Pfettenhölzer, Reihenfenster, gemalte Fälläden.
Gisenrüti, Mugeren, Kotten, Burstel
In einem weiter bergwärts verlaufenden Siedlungsstreifen finden sich ebenfalls alte Höfe: Gisenrüti, Mugeren, Kotten und Burstel. Gisenrüti und Mugeren erscheinen bereits im Wettinger Zinsrodel um 1250. Der «Hof zu Giselrüti war noch um 1380 Eigen der Herren von Hünenberg51. 1555 wird Hans Bürgi «uff Gysirüti» erwähnt. Im 17. und 18. Jahrhundert ist dann – vielfach im Zusammenhang mit der dort eingerichteten Hochwacht – auch von Geissrüti oder Geissenrüti die Rede52.
Der Hof Kotten war 1450 ein Erblehengut der Johanniter. Er wurde damals von Welti Ross bebaut, der offenbar vom Hof Luggenbüel hierher gezogen war. 1520 erwähnen die Urkunden einen Rudi Egger von Wädenswil, sesshaft «zu dem Koten»53.
Als interessanter alter Hof, dessen Geschichte nicht lückenlos geklärt ist, darf Burstel bezeichnet werden. Der Name Burstel deutet auf eine Burgstelle hin, deren Standort aber nicht mehr auszumachen ist. Jakob Pfister hat 1924 die Ansicht geäussert, dass der Name Burstel auf die Wohnung eines Verwaltungsbeamten der Herren von Wädenswil hinweise, deren Güter und Waldungen hier lagen54. Güter «ze Burgstal ze Wediswile» werden schon 1318 in Zinslisten der Zürcher Fraumünsterabtei erwähnt55. Mit Sicherheit können wir feststellen, dass es von 1343 bis 1371 im Burstel auch eine Mühle gab. 1509 war der Hof im Besitz von Heini Knecht. 1555 bestanden zu «Burstall» bereits zwei Bauernheimwesen. jenes von Ulrich Stutz und das Gut von Heini Schmieds Kindern.
Bauernhaus Burstel, Südostfassade mit Klebedächern. An der Nordwestfassade zwei Rundbogenfenster mit Initialen. Datiert 1690 und den Wappen Haab und Höhn.
Wohnhaus Hinter Mugeren. Südliche Giebelfront in Riegelwerk, gereihte Fenster, Klebedach.
Peter Ziegler
Anmerkungen
StAZH = Staatsarchiv Zürich
ZUB = Urkundenbuch von Stadt und Landschaft Zürich
1 StAZH, C II 14, Nr. 144.
2 ZUB IV, Nr. 1440.
3 ZUB V, Nr. 1789 und 1968.
4 StAZH, F III 38 a.
5 Diethelm Fretz, Die Blattmann, Bd. 2, Zürich 1938, S.343–347.
6 Vgl. die entsprechenden Belege bei Lutringen.
7 StAZH, C II 14, Nr. 117.
8 StAZH, F II a 429, S. 90.
9 StAZH, Plan B 407 und B 408.
10 StAZH, C I 2821. – Peter Ziegler, Aus der Geschichte der Siedlung Giessen, Wädenswil 1961.
11 Diethelm Fretz, Studien zur mittelalterlichen Wirtschaftsgeschichte der Gemeinden Wädenswil und Richterswil, Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Wädenswil für 1951, S. 33/34. – ZUB VI, Nr. 2298.
12 StAZH, C II 14, Nr. 53. – StAZH, F II a 428, S. 12.
13 StAZH, C II 15, Nr. 3.
14 Peter Ziegler, Im Meierhof und auf dem Boiler, Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee, 31.8.1960.
15 StAZH, C II 5, 1, Nr. 40.
16 StAZH, C II 15, Nr. 8.
17 StAZH, Plan O 73.
18 StAZH, C II 15, Nr. 49.
19 StAZH, C V 3, 6 d.
20 StAZH, C V 3, 6 d.
21 StAZH, C II 14, Nr. 66 a und Nr. 96.
22 StAZH, C II 14, Nr. 112.
23 Abgedruckt bei Albert Keller, Aus der Geschichte der Herrschaft Wädenswil, Wädenswil 1930, S. 43/44. – Ferner: Werner Schnyder, Urbare und Rödel, Zürich 1963, S. 74.
24 Diethelm Fretz, Die Blattmann, Bd. 1, Zürich 1934, S. 159–162.
25 StAZH, Urkunden Almosenamt, Nr. 54 und 56.
26 StAZH, F lIc 87, Kirchenurbare 1555.
27 StAZH, C II 14, Nr. 100.
28 Jakob Pfister, Die Ortsnamen der Pfarrei Wädenswil, Wädenswil l924, S. 109.
29 StAZH, Urkunden Oetenbach, Nr. 332 und 344.
30 Peter Ziegler, Geschichte der Au, Wädenswil 1966, S. 12/13.
31 ZUB XII, Nr. 3399 a.
32 StAZH. C II 14, Nr. 97 und 100.
33 Peter Ziegler, Aus der Geschichte der Halbinsel Au, Zürcher Taschenbuch 1960.
34 Zürcher Taschenbuch 1960, S. 30–33.
35 Zürcher Steuerbücher, Bd. 3, S. 144.
36 Jakob Pfister, Ortsnamen, S. 26.
37 Alfred König, Zur Wirtschaftsgeschichte von Wädenswil im ausgehenden Mittelalter, Neujahrsblatt der Lesegesellschaft Wädenswil für 1955, S. 56–63.
38 StAZH, C II 15, Nr. 145.
39 StAZH, Plan B 403.
40 StAZH, C II 14, Nr. 126; C II 15, Nr. 143.
41 Vgl. Anmerkung 25.
42 StAZH. C II 14, Nr. 22.
43 StAZH, C II 5, 1, Nr. 40.
44 StAZH, C II 15, Nr. 91. – StAZH, F II a 429, S. 1.
45 StAZH, C II 14, Nr. 62.
46 StAZH, C II 14, Nr. 127.
47 StAZH, B VI 312, S. 108.
48 StAZH, C II 15, Nr. 155 und 166.
49 ZUB VIII. Nr. 334.
50 StAZH, C II 14, Nr. 46. – StAZH, F II a 429, S. 265.
51 StAZH, B VI 304, S. 46.
52 Jakob Pfister, Ortsnamen, S. 100.
53 StAZH, C II 14, Nr. 60; C II 15, Nr. 125.
54 Jakob Pfister, Ortsnamen. S. 37.
55 Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, II/2. Aarau 1943, S. 255. StAZH, F II a 429, S. 96. StAZH, F II a 429, S. 309. StAZH, F Il c 86.