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26. November 1994: 41:17 lautet die deutliche Führung der John Tyler High School gegen die Plano East drei Minuten vor Spielende. Mit vier Touchdowns drehen die «Panthers» aus Plano die Partie dann aber auf dramatische Weise – und gehen dennoch als Verlierer vom Feld.
Es ist mehr als nur ein High-School-Football-Spiel – wobei das Adverb «nur» bei den Amerikanern im Football sowieso nicht existiert. 20'000 Zuschauer sind im Texas Stadium, um die Begegnung zwischen der John Tyler High School, den «Lions», und der Plano East Senior High School, den «Panthers», live zu verfolgen. Sie alle erleben ein Spiel, das sie nie mehr vergessen werden und in der ganzen USA für Aufmerksamkeit sorgen wird.
Onside-Kick: Ein schwieriger Versuch, den Kick-off (Anstoss) absichtlich kurz auszuführen, um das Leder sofort zurückzugewinnen. Wird meist nur eingesetzt, wenn die Mannschaft gegen Ende des Spiels noch punkten muss und die gegnerische Offensive mit ihrer Serie die Spielzeit auslaufen lassen könnte.
Touchdown: Der Gewinn von 6 Punkten, indem der Ball in die gegnerische Endzone getragen oder dort gefangen wird.
Anschliessend können in einem Zusatzversuch ein oder zwei weitere Punkte erzielt werden.
Point after Touchdown: Ist ein erfolgreicher Kickversuch von der 3-Yard-Linie nach einem Touchdown.
Two-Point Conversion: Ist eine Alternative zum Point after Touchdown. Mit einem Lauf- oder Pass-Spielzug können zwei weitere Zusatzpunkte erzielt werden.
Das enorm grosse Interesse schon vor der Partie hat einen guten Grund: Beide Mannschaften stehen in der aktuellen Saison noch ohne Niederlage da, als es zum grossen Showdown im Halbfinale kommt. Die Stärke der Teams? Die überragende Defensive. Die John Tyler gibt im Schnitt nur 14 Punkte an den Gegner, die Plano East sogar weniger als 9.
Die Partie verläuft einseitiger als erwartet, den Lions der John Tyler High School gelingt 3:03 Minuten vor Ende mit einem Touchdown das 41:17. Die Sache ist gegessen, die texanische Kuh gemolken. Viele Fans verlassen bereits das Stadion.
«Bingo, Bango, Bongo», sagt Kommentator Denny Garver vom parteiischen «Plano Tele Cable», welches das Spiel live überträgt, als sich kurz vor Schluss eine Gelegenheit zum Anschluss ergibt.
Immerhin, wenig später, 2:36 Minuten vor Ablauf der Spielzeit, gelingt der Plano East ein Touchdown. Nur noch 23:41 – Resultatkosmetik, wie man so schön sagt.
Den Plano East gelingt es anschliessend, das Ei nach einem Onside-Kick sofort wieder zu erobern. Es folgt ein weiterer Touchdown inklusive erfolgreicher «two point conversion». Dank der acht Punkte steht es nur noch 31:41, 89 Sekunden bleiben auf der Uhr.
Etwas mehr als eine halbe Minute später schaffen es die Panthers tatsächlich erneut, nach einem Onside-Kick den Ball abzufangen. Die Kommentatoren erheben die Stimme. Kehrt da etwa der Glaube an das Wunder zurück?
Die Panthers können das Leder wiederum weit nach vorne tragen, der nächste Touchdown ist praktisch nur noch Formsache. «Yes, it's not over yet!», es sei noch nicht vorbei, schreien die Kommentatoren ins Mikrofon. Die «two point conversion» gelingt diesmal zwar nicht, trotzdem steht es nur noch 37:41!
Es bleiben noch 56 Sekunden, um Sportgeschichte zu schreiben. Das Rezept bleibt das gleiche: Ein Onside-Kick als Kick-off und zum dritten Mal in Serie gelingt das schwierige Unterfangen, den Ball sofort zurückzuerobern. Im praktisch letzten Angriff der Partie gelingt tatsächlich nochmals ein Touchdown mit erfolgreichem Extrapunkt. Die Panthers führen 24 Sekunden vor Schluss mit 44:41!
Denny Garver und seine Assistenten am Mikrofon drehen jetzt völlig durch. «They got it, they got it, they got it! Good gosh almighty, the greatest comeback of all time. I done wet my britches.»
Nun bleibt den Lions ein letzter Angriff, den Spiess nochmals umzudrehen. Die Panthers kicken das Ei beim Anstoss weit nach vorne, wo es Roderick Dunn hinter der eigenen 10-Yard-Linie abfängt.
Der «Kickoff Returner» der John Tyler High School muss den vor fünf Monaten ins Kino gekommenen «Forrest Gump» im Hinterkopf haben: Dunn läuft und läuft und läuft. Die Gegner kommen, Dunn rennt weiter an allen vorbei. Die Kommentatoren ahnen schon Böses: «Oh no, oh no, oh my gosh, no!»
Schlussendlich legt Roderick «Forrest» Dunn 97 Yards (88 Meter) zurück und rennt mit dem Ball in die Endzone. Touchdown! «I don't believe it. God bless those kids, I am sick, I want to throw up», sagt Gast-Kommentator Mike Zoffuto nach dem entscheidenden Punktgewinn. Die John Tyler High School übersteht die restlichen elf Sekunden und gewinnt die Partie doch noch mit 48:44!
Die Partie wird später sogar mit dem «Showstopper of the Year ESPY Award» ausgezeichnet. Die Lions schafften es anschliessend, die «1994 State Championship in 5A Division II» zu gewinnen – eine Randnotiz. In Erinnerung bleiben wird das unglaubliche Spiel gegen die Plano East Senior High School mit dem grössten Comeback aller Zeiten, das gar keines war.
In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
29. August 1987: Werner Günthör stösst die Kugel in Rom mit Urgewalt auf 22,23 Meter und verteilt anschliessend als erster Schweizer Leichtathletik-Weltmeister Kusshändchen an das aufgebrachte Italo-Publikum.
Er esse alles gerne – «ausser Chinesisch», erklärt der 26-jährige Werner Günthör vor seinem Abflug an die Leichtathletik-WM 1987 in Rom. Wer dem Kugelstoss-Giganten einmal persönlich gegenüberstand, mag diesen Worten gerne Glauben schenken. Zwei Meter gross, 127 Kilogramm Körpergewicht, Schuhgrösse 46 – es sind alles nur Zahlen, die seine imposante Erscheinung nicht einmal ansatzweise erfassen können.
Und dann sind da die blonden Strähnchen, die irgendwie gar nicht ins Bild passen wollen, …