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geb. 20.07.1924 in Stettin (D) – gest. 10.04.1945 in Bad Mergentheim (D)
von Eugen Hinder (2012)
Die Angaben stammen von Frau Olena Ott-Skoropadsky, zum einen aus Gesprächen, die ich mit ihr führen durfte und zum anderen aus ihrem Buch „Familiengeschichten und Erinnerungen“. Frau Ott war mit Gerd Hinder verheiratet.
Gerd Hinder ist der Enkel von Wassili Pankratjewitsch Hinder (vgl. sein Portrait), welcher Gartenbaudirektor bei General Peter Pawlowitsch Durnovo in St. Petersburg war. Olena Ott-Skoropadsky ist die Enkelin dieses P. P. Durnovo. Gerd Hinder ist der einzige Nachkomme von Johanna (Annie) Piedboeuf und Carl (Carluscha) Hinder (vgl. sein Portrait). Um 1931 zog die Familie nach Berlin, wo sie in einem eigenen Haus in „Am Sandwerder“ lebten. Am Sandwerder ist ein Villenviertel oberhalb des Wannsees. Hier wohnte auch die Familie von Pawlo Skoropadsky im Exil, dem Hetman der Ukraine. Gerd Hinder und Olena Skoropadsky verbrachten seit seinem 12. bzw. ihrem 13. Lebensjahr jeweils viel Zeit miteinander, wenn er aus dem Internat in die Ferien kam, oder später aus dem Arbeitsdienst oder Militär.
Gerd Hinder, so Frau Ott-Skoropadsky, sei sehr einseitig begabt gewesen: Gut in Technik, Sport und Zeichnen, schlecht in allem, was mit Sprache zusammenhing. Die letzten Schuljahre absolvierte er am Realgymnasium in Potsdam. In der letzten Klasse vor dem Abitur (Frühjahr 1939) sei ihm gesagt worden, er werde das Abitur nicht schaffen. Aber wenn er sich freiwillig für zwei Jahre zum Arbeitsdienst verpflichte, dann bekomme er das Abitur geschenkt. Ohne lange zu überlegen willigte er ein, weil er später Elektrotechnik studieren wollte. Aber im September 1939 begann der Krieg und so wurde er automatisch vom Arbeitdienst in die Wehrmacht versetzt. Er durfte nicht sagen, dass er nebst der deutschen Staatsbürgerschaft auch Schweizerbürger ist, weil sonst sein Vater die Stelle verloren hätte. Er kam als Funker nach Russland an die Front, wo er den ganzen Schlamassel mitgemacht habe. Im November 1943 sei er nach langer Zeit auf Urlaub gekommen: Aus ihm sei ein strahlender, sehr gut aussehender Mann geworden und sie habe sich ihn verliebt. Gerd sei schon vorher in sie verliebt gewesen. 1944 hätten sie sich brieflich verlobt, beide Familien seien sehr zufrieden gewesen. Im April 1994 bekam er eine Woche Extraurlaub, weil er auf dem Rückzug aus Russland bis zum letztmöglichen Moment weiter gefunkt habe; dafür wurde er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Die Hochzeit sei für August 1944 geplant gewesen. Da sie staatenlos war, habe sie Volksdeutsche werden müssen, um ihn heiraten zu können. Es sei sehr mühsam gewesen mit all den Ämtern. Gerd kam auf Urlaub. Der Standesbeamte habe gesagt, sie könnten nicht heiraten, es fehle die Genehmigung vom Reichsführer der SS. Der Grund war, dass nach dem Attentat auf Hitler am 20.07.1944 eine neue Verfügung erlassen wurde, dass alle Eheschliessungen von Wehrmachtsangehörigen vom Reichsführer SS, also von Heinrich Himmler, dem gefürchtetsten Mann des Dritten Reiches genehmigt werden mussten. Ihr Vater, Pawlo Skoropadsky, habe einige Verbindungen mit den „Mächtigen des Dritten Reiches“ gehabt und erreichte, dass Himmler persönlich die Genehmigung erteilte und ein entsprechendes Telegramm schickte. Die zivile Trauung erfolgte am 3. September 1944, vier Tage später als geplant. Nach der Hochzeit seien sie vier Tage zusammen gewesen. Auf den Weg nach Russland habe Gerd die Meldung bekommen, dass er in den Westen verschoben würde, zu Fallschirmtruppen in der Nähe der holländischen Grenze. Durch geschicktes Palaver sei es ihm gelungen, bei der Durchreise durch Berlin noch drei Urlaubstage herauszuschlagen. Danach habe sie ihn nur noch im Lazarett gesehen, d.h., sie seien insgesamt lediglich 7 Tage verheiratet/zusammen gewesen. Nach wenigen Wochen sei Gerd mit einer schweren Herzmuskelentzündung in ein Lazarett in Westfalen eingeliefert worden, später kam er nach Bad Mergentheim. Sie habe in der Nähe Arbeit gefunden, ihn so oft wie möglich besucht und war auch in den allerletzten Stunden bei ihm, bis er am 10. April 1945 in ihren Armen starb. Er wurde zusammen mit zwei weiteren Soldaten auf dem Soldatenfriedhof beerdigt. Sehr schwierig sei es gewesen, einen Sarg aufzutreiben. Die katholische Beerdigung sei sehr schlicht gewesen: Der Priester habe nur die Namen, sowie das Geburts- und Todesdatum verlesen, es gab keine Predigt und auch keine Lebensläufe. An seinem Todestag zogen die Amerikaner ein und brachten Penizillin mit, das Gerd vielleicht das Leben gerettet hätte. Nichts habe mehr funktioniert, weder die Post noch die Eisenbahn. Deswegen habe sie Gerds Eltern erst im August 1945 vom Konsulat in Frankfurt aus per Telegramm informieren können.
Die Skoropadskys kommen aus dem Kosakenadel. Gerd Hinders Schwiegervater war Pawlo Skoropadsky. 1918 wurde er Hetman des Ukrainischen Staates, also Staatsoberhaupt seines Landes. Gerd Hinders Schwiegermutter, Oleksandra Petrowna Durnowo, war die Tochter von Petro P. Durnovo. Die Durnowos waren ein altes Geschlecht, dessen Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurück reichen. Oleksandra P. Durnowos Mutter war eine Kotschubey, ein altes Geschlecht in der Ukraine mit tatarischem Ursprung.
Nachfolgend eine verkürzte Stammtafel von Gerd Hinders Ehefrau, Olena Skoropadsky:
Literatur
Ott-Skoropadsky, Olena (2004). Familiengeschichten und Erinnerungen. Lviv: Verlag Litopys.