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Die Schneebergers sind eine Familie auf Achse. Der Vater macht Karriere als Kadermitarbeiter in einem multinationalen Ölkonzern. Seine Frau und die zwei Kinder reisen mit ihm von Kontinent zu Kontinent. Der älteste Sohn Sebastian wird in Deutschland geboren. Als er drei Monate alt ist, zieht die Familie nach Australien, danach lebt sie in Neuseeland, später in England, Schottland, Nigeria, Saudi-Arabien und Bahrain. Sebastian und sein Bruder gehen auf nationale und internationale Schulen. Die Mutter Helga kann in der Fremde einen Lebensstil führen, der in Deutschland so nicht finanzierbar wäre. Dank des guten Verdienstes und Auslandszulagen sind die Kosten für internationale Schulen kein Thema.
Sebastian und sein Bruder wachsen in verschiedenen nationalen und transnationalen Kulturen auf. Doch inwieweit öffnet diese Lebensweise ihren Horizont? Werden aus den jungen Männern Kosmopoliten, die sich überall auf der Welt so selbstverständlich zurechtfinden, wie Fische in den Weltmeeren?
Kulturelles Chamäleon
Heute ist Sebastian 23 Jahre alt und erzählt der Soziologin Claudia Vorheyer, wie er seine Kindheit und Jugend erlebt hat und was er für seine Zukunft plant. Sebastian ist für die Wissenschaftlerin der Universität Zürich interessant, weil er ein typischer Vertreter der «Transnational Mobiles» ist. Da er von Kindheit an in unterschiedlichen Kulturen gelebt hat, bezeichnen Soziologen ihn auch als «Third Culture Kid».
Was geschieht, wenn sich Zugehörigkeit nicht mehr an einem Ort festmachen lässt? Die Kindheit in Afrika hat Sebastian als bunt und aufregend erlebt. Nach einem Urlaub bei den Grosseltern in Deutschland hiess es plötzlich: Wir gehen nicht mehr zurück. Das war sehr bitter für den damals Zehnjährigen, er konnte sich von seinen Freunden nicht verabschieden. Nach dem warmen Afrika ging er in London zur Schule. Alles war grau und kalt, erinnert er sich.
Hinzu kam, dass seine englischen Schulkameraden ihn als Deutschen betrachteten, obwohl er sich selbst kaum so wahrnahm, hatte er doch nur die ersten drei Monate seines Lebens in Deutschland verbracht. Erst als er eine andere Schule besucht, in der Kinder vieler Expat-Familien untergebracht sind, lebt er wieder auf. Sebastian ist sprachbegabt und gewandt, sozusagen ein kulturelles Chamäleon. Weilt er im Ausland, lernt er schnell die örtlichen Dialekte. Er fühlt sich in transnationalen Kontexten wohl und spielt mit dem Gedanken, später ein Unternehmen in Saudi-Arabien zu gründen.
In vielen Ländern zu Hause
Bisher gibt es wenig gezielte Untersuchungen über diese modernen Nomaden, die in vielen Ländern der Welt zu Hause sind. Man weiss zwar, dass sie in der Regel besser ausgebildet sind und mehr verdienen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Wenig ist jedoch darüber bekannt, wie sich die nomadisierende Lebensweise auf die Identität und die Einstellungen zum Fremden und zur Heimat auswirkt.
«Grenzüberschreitungen erweitern einerseits die Erfahrungswelten, bringen Vielfalt und Heterogenität mit sich, gehen andererseits aber auch mit Unsicherheiten einher», sagt Vorheyer, Oberassistentin am Soziologischen Institut der UZH. Sie hat die nomadisierenden Kosmopoliten zu ihrem Forschungsschwerpunkt gemacht und richtet dabei den Fokus auf Personen, die aus freien Stücken von Land zu Land ziehen.
Angesichts einer immer mobileren, global verflochtenen Welt werde die kosmopolitische Fähigkeit zu einem grenzüberschreitenden Leben zukünftig an Bedeutung gewinnen, ist die Soziologin überzeugt. Das heute noch vorherrschende Bild der national begrenzten Gesellschaft und ihrer sesshaften Normalbürgerinnen und -bürger werde in der globalisierten Welt längst in Frage gestellt.
Die «Transnational Mobiles» sehen sich selbst nicht als Migranten und sind auch nicht unter dieser Kategorie zu fassen, sagt Vorheyer. Migranten wechseln zwischen Heimat und Fremde. «Transnational Mobiles» leben dagegen in mehr als drei Ländern, dadurch potenzieren sich die kulturellen Erfahrungen. Doch wie wirken sie sich auf die Lebenseinstellung aus, wie prägen sie die Identität?
Heimatgefühle der Weltenbürger
Um dem auf die Spur zu kommen, arbeitet die Soziologin mit biografischen Interviews. Nur so könne sie verstehen, in welchen räumlichen und sozialen Zusammenhängen die «Transnational Mobiles» aufgewachsen sind und inwieweit sie durch Vorerfahrungen von Mobilität und Migration geprägt sind. Sie will auch herausfinden, welcher Kultur sie sich zugehörig fühlen und inwieweit sie ihre Lebensweise so geprägt hat, dass sie sich als Kosmopoliten verstehen.
Die Soziologin hat bei allen Interviewten – trotz unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher Biografie – festgestellt, dass sich die «Transnational Mobiles» an der Frage zur nationalen oder kulturellen Identität reiben. Sebastian zum Beispiel fühlt sich keiner Nation zugehörig. «Ich gehöre überall oder nirgendwo hin», sagt er. Als typisches «Third Culture Kid» kann er sich nicht national verorten, er sieht sich als Weltbürger, was bei ihm mit einer grossen Offenheit gegenüber anderen Kulturen einhergeht. Doch nicht alle «Transnational Mobiles» sind Kosmopoliten, die offen für andere Kulturen sind, stellt Vorheyer fest. Trotz bewegter Biografien fühlen sich die einen als Europäer oder als Weltbürger, andere dagegen betonen ihre Verbundenheit mit dem Geburtsland.
Man kann verschiedene Formen des Kosmopolitismus unterscheiden: moralische, kulturelle oder politische. Die einen zeigen ein starkes Interesse an anderen Kulturen oder betonen, dass alle Menschen gleich sind, andere entwickeln eine globale politische Perspektive, fühlen sich aber trotzdem selbst einer Nation zugehörig.
Leben in der Expat-Bubble
Claudia Vorheyer unterscheidet zwischen banalem und reflexivem Kosmopolitismus. Reflexiv sind diejenigen, die sich aktiv mit Land und Leuten auseinandersetzen, die Interesse an der jeweiligen Kultur zeigen, die fremde Sprache lernen. Sie bewerten Unterschiede eher als positiv und schauen kritisch auf die eigene Nation. Es komme aber auch zu negativen Stereotypisierungen, und nicht immer sei die Möglichkeit und Bereitschaft da, sich mit dem jeweiligen Land und dessen Kultur vertieft auseinanderzusetzen.
Leben mit Haushaltshilfe und Chauffeur
Zum banalen Kosmopolitismus gehöre beispielsweise eine Konsumhaltung, die Länder nach ihrem Warenangebot bewertet, sagt Vorheyer. Als kulturell bereichernd würden dabei typische Speisen, Reiseattraktionen oder Freizeitaktivitäten wahrgenommen. Dies ist auch bei Christine der Fall. Die 58-jährige Hausfrau begleitet ihren Gatten, einen Manager, der in einem internationalen Chemieunternehmen tätig ist. Nach Portugal leben Christine und ihr Mann in Algerien, Pakistan und den Arabischen Emiraten. Christine beschreibt diesen Weg als «Hocharbeiten» – von wenig attraktiven in bessere Länder.
Sie schätzt das bequeme Leben mit Haushaltshilfe und Chauffeur und sucht Kontakt fast ausschliesslich in der Expat-Gemeinde. Obwohl sie so viele Länder gesehen hat, lebt sie aber letztlich doch in ihrer eigenen kleinen Welt und bewertet andere Länder und Kulturen nur aus ihrer eigenen Perspektive.
Bereitschaft, immer wieder aufzubrechen
Von allen «Transnational Mobiles», die Claudia Vorheyer interviewt hat, leben nur zwei Personen wieder in ihrem Herkunftsland. Generell lässt sich feststellen, dass bei diesen Menschen die Bereitschaft, immer wieder aufzubrechen, gross ist.
«Wenn man nach langen Auslandsaufenthalten zurückkommt, ist man nicht mehr dieselbe Person, aber auch das heimische Umfeld hat sich verändert», sagt Vorheyer. Deshalb ziehe es viele immer wieder ins Ausland. Das Nomadentum wird zum Bedürfnis, auch wenn damit Anstrengungen verbunden sind. Das Unterwegssein wird zum Lebensprinzip.
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