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Rosalind Franklin – die dunkle Dame der DNA
Die Engländerin Rosalind Franklin widmete sich zeitlebens und leidenschaftlich der Naturwissenschaft. Ihre grösste Errungenschaft war die Fotografie der menschlichen DNA. Dank dieser Aufnahme kennen wir heute die Doppelhelix-Struktur des menschlichen Erbguts. Die Lorbeeren für ihre Arbeit in Form eines Nobelpreises heimsten jedoch ihre männlichen Kollegen ein. Aus der Serie «Aussergewöhnliche Frauenbiografien».
Obwohl Rosalind Elsie Franklin nur 37 Jahre alt wurde, war sie eine der bedeutendsten Pionierinnen der Naturwissenschaft. Doch davon erfuhr die Öffentlichkeit erst nach ihrem Tod. Denn drei Männer aus ihrem akademischen Umfeld stahlen Franklins Forschungsergebnisse und gaben sie als ihre eigenen aus. Maurice Wilkins, Francis Crick und James Watson gewannen den Nobelpreis für die Entdeckung der Struktur der menschlichen DNA. Die wissenschaftliche Grundlage dafür hatte Rosalind Franklin über Jahre hinweg erarbeitet. Doch sie wurde von den drei Forschern nicht einmal erwähnt. Als Watson später seine persönlichen Erinnerungen an die 50er-Jahre und die DNA-Forschung veröffentlichte, beschrieb er Franklin als schlecht gelaunte und sture Frau. Die immense Bedeutung ihrer wissenschaftlichen Arbeit verschwieg er weiter.
Franklin wurde 1920 in eine wohlhabende jüdische Familie in London geboren. Bereits in der Primarschule interessierte sie sich für Naturwissenschaften, mit 17 begann sie ihr Physik- und Chemiestudium an der Universität von Cambridge. Sie widmete sich insbesondere der Kristallforschung und der physikalischen Chemie, welche sich mit dem Verhalten von Atomen und Molekülen befasst. Sie schloss ihr Studium mit Bestnote ab, doch da sie eine Frau war, gestaltete sich ihr akademischer Werdegang von Anfang an kompliziert. Im Buch «Die dunkle Dame der DNA», in der die amerikanische Schriftstellerin Brenda Maddox die Biografie Franklins aufarbeitet, heisst es: «In Cambridge wurden Frauen nicht als Universitätsangehörige akzeptiert und man betrachtete sie nicht als vollwertige Studenten. Sie hatten nur nominell Anspruch auf einen Titel.» So beendete Franklin ihr Studium 1941, erhielt aber keinen offiziellen Abschluss.
Während der Kriegsjahre arbeitete sie fürs britische Kohlenforschungsinstitut (British Coal Utilisation Research Association), an dem sie ihre Dissertation abschloss. Doch als Jüdin betraf sie der Zweite Weltkrieg auch persönlich. Sie half deutschen Juden bei der Flucht nach Grossbritannien. Im akademischen Umfeld erlangte sie immer mehr Anerkennung. Insbesondere ihre Methode, Röntgenstrahlen so zu beugen, dass diese Kristalle durchdrangen und so deren Struktur sichtbar machten, erregte grosse Aufmerksamkeit. 1947 wurde sie als Postdoktorandin ans «Laboratoire Central des Services Chimiques de l’Etat» nach Paris eingeladen, wo sie weiterforschte und unter anderem lernte, ihre Methode auf andere Substanzen anzuwenden, zum Beispiel auf organische Stoffe. Dies führte schliesslich dazu, dass sie am King's College London zusammen mit Maurice Wilkins die molekulare Struktur der DNA erforschte und die heute allgemein bekannte Form der Doppelhelix entdeckte.
«Frauen wurden nicht als vollwertige Studenten akzeptiert.»
Am King's College ärgerte sie sich darüber, dass Frauen der Zutritt zum Aufenthaltsraum der Männer nicht erlaubt war. Im Januar 1953 gab Wilkins, mit dem sie sich nie gut verstanden hatte, eine DNA-Fotografie von Franklin ohne ihre Erlaubnis an James Watson weiter, der zusammen mit Francis Crick ebenfalls zur Struktur der DNA forschte. Als Watson das Foto sah, soll er gesagt haben: «Mir fiel die Kinnlade herunter und mein Puls begann zu rasen.» Tatsächlich stellte diese Abbildung die Grundlage für das DNA-Modell von Watson und Crick dar, welches sie im März 1953 veröffentlichten und für das sie schliesslich 1962 den Nobelpreis erhielten. Sie wiesen lediglich in einer Fussnote darauf hin, dass ihre Forschung «durch die allgemeine Kenntnis» von Franklins und Wilkins’ Arbeit angeregt worden sei.
Rosalind Franklin beschwerte sich nie öffentlich über diese unrechtmässige Aneignung ihrer Forschungsergebnisse. Dennoch widmete sie sich zeitlebens und leidenschaftlich der Wissenschaft und wollte auch keine Familie gründen. Als sie mit nur 37 Jahren an Eierstockkrebs starb, bevor sie ihre Forschung abschliessen konnte, war sie zwar eine anerkannte Wissenschaftlerin, und dennoch wurde sie übergangen und ignoriert. Im Jahr ihres Todes fand John Desmond Bernal, einer der bekanntesten zeitgenössischen Forscher, deutliche Worte: «Als Wissenschaftlerin zeichnete sich Miss Franklin durch extreme Klarheit und Perfektion in allem, was sie unternahm, aus. Ihre Fotografien gehörten zu den schönsten Röntgenaufnahmen, die je von einer Substanz gemacht wurden.»
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Nicole Maron (*1980) aus Zürich ist Journalistin und Buchautorin. Seit 2017 lebt und arbeitet sie in Bolivien und Peru. Ihre Schwerpunkte sind umwelt- und sozialpolitische Themen wie Flucht und Migration, globale Gerechtigkeit, Konzernverantwortung und Menschenrechte.
Von Nicole Maron ist zuletzt erschienen: «Daphne und die Sonne – eine uralte Geschichte von Liebe und Tod. Kollektiv Pacha, 2019. 108 Seiten, Fr. 11.90 (inkl. Porto) / E-Book Fr. 3.–. ISBN: 978-3-750-42491-3