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Ein Ruf nach Diversität
Crispin Thurlow
Professor für Englische Sprache und Kommunikation
Prof. Dr. Crispin Thurlow ist Ausserordentlicher Professor für Sprache und Kommunikation und Direktor am Institut für Englische Sprachen und Literaturen (100%). Er ist verheiratet mit Jürg Koch, freiberuflicher Tanzkünstler (50%), und hat zwei Kinder (10 und 13 Jahre).
Inwiefern sind Sie nicht ein «typischer» Akademiker?
In mancher Hinsicht ist meine Karriere und bin auch ich selber sehr typisch; in anderer Hinsicht überhaupt nicht. Ich bin ein weisser, nicht behinderter Mann, mittleren Alters, aus der Mittelklasse. Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass ich einen Weg durch mein Leben und meine Karriere als offen schwuler Mann finden musste – zudem als ein schwuler Mann mit einem Ehemann und zwei Kindern im Schulalter.
Es gibt, da bin ich mir sicher, viele Institutionen und viele Länder, in denen Leute wie ich keine Stelle bekommen und sich nicht willkommen fühlen würden. Tatsächlich war es nur dank der grossen Unterstützung durch den Institutsleiter und die Dekanin möglich, dass ich 2003 in die USA ziehen konnte. Wenn mein Ehemann damals nicht auch eine akademische Stelle angeboten bekommen hätte, wäre es uns nicht möglich gewesen, als Familie in die USA einzureisen. Diese Option war auch nicht verfügbar – oder wurde überhaupt erwähnt – als wir in die Schweiz zogen, wo, wie es scheint, keine solchen Jobangebote für Ehegatten bestehen.
Was denken Sie über die Grenze zwischen beruflichem und privatem Leben?
Universitäten haben eine besonders problematische Einstellung zur Abgrenzung zwischen professionellem und persönlichem Leben. Ich habe viele Akademiker*innen kennengelernt, die glauben, man könne nur «wissenschaftlich» sein, indem man «neutral» und «objektiv» sei. Das bedeutet normalerweise, nie zu persönlich, emotional oder offen zu sein. Das bedeutet oft auch, das Arbeitsleben strikte vom übrigen Leben zu trennen. Dies kann besonders für Gelehrte, deren Forschung auf Probleme der sozialen Gerechtigkeit und Diskriminierung fokussiert ist, schwierig sein: Wir wissen, dass es keine klare Grenzziehung gibt zwischen der Person, die man ist und dem, was man macht.
Die akademische Welt kann auch ein überraschend (oder vielleicht nicht!) hierarchischer, normativer Ort sein. Man muss ziemlich mutig sein, um aus der Reihe zu tanzen, eine Autorität anzufechten oder die konventionelle Art, wie Dinge erledigt werden oder wie man über Dinge denkt, in Frage zu stellen. Als schwuler Mann fand ich mich oft im Widerspruch zu intellektuellen und bürokratischen Konventionen. Es gibt einen besonderen Arbeitsstil – eine Art, ein «Wissenschaftler» zu sein – der sich hartnäckig hält. Oft ist er sehr individualistisch, sehr kompetitiv und, wenn ich so sagen darf, sehr machohaft. Ich bin sicher, dass auch Kolleginnen Mühe damit haben. Es ist eine Arbeitsweise, die mir fremd ist und die für mich von Natur aus unangenehm ist. Eine Herausforderung für viele Lesben, Transsexuelle und Schwule, also LGBTQ-Menschen, besteht darin, dass man sich nicht immer sicher fühlt, wenn man am Arbeitsplatz «geoutet» ist. Ich möchte betonen: Meine jetzigen Kolleg*innen und die Arbeitsumgebung sind wunderbar und ich fühle mich sehr willkommen. Ich glaube sogar, dass sich auch andere Leute mitunter nicht vollkommen wohl dabei fühlen, sich selbst zu sein bei der Arbeit. Universitäten können in dieser Hinsicht schwierig sein, denn sie haben den Anschein, sich mit höheren Dingen zu beschäftigen – wie «Bildung» und «Wissenschaft» – aber können dabei genauso engstirnig und Normen verhaftet sein wie jede andere Institution.
Welchen Rat können Sie «LGBTQ» Personen in der Akademie geben?
Eine der wichtigsten Überlebensstrategien für alle Akademiker*innen ist, sich ein gutes Netzwerk auch ausserhalb des unmittelbaren Instituts aufzubauen. Das ist wichtig für das intellektuelle und wissenschaftliche Leben, aber es ist unabdingbar, wenn man zum Beispiel Black, Queer oder eine Professorin mit einer Behinderung ist. Viele meiner Kolleg*innen haben sich im Laufe der Zeit in Unterstützungsgruppen organisiert. Ich fand es sehr wertvoll, andere LGBTQ Akademiker*innen ausfindig zu machen und mich mit ihnen durch unsere gemeinsamen Forschungs- und Lehrinteressen, aber auch auf menschlicher Ebene, zu verbinden. Diese Art kultureller Politik war in den USA viel sichtbarer und wurde konkret unterstützt. Hier in der Schweiz liegen wir ziemlich weit zurück in der proaktiven Unterstützung aller Arten von Diversität und Unterschiedlichkeiten.
Als Tipp für jene, die von ausserhalb der Norm kommen, würde ich sagen: Es ist sehr wichtig, sich selber treu zu sein. Ich habe Homophobie am Arbeitsplatz erlebt: Orte, wo ich das Gefühl hatte, das Einstellungsprozedere werde zu meinem Nachteil gestaltet; wo Kollegen abweisend wurden, wenn ich mein Privatleben erwähnte; wo Studierende wenige Tage nach meinem «coming out» meinen Kurs verliessen; und Situationen, wo meine Art Dinge anzugehen als zu «weich», «sensibel» oder «persönlich» kritisiert wurde. Ein grosser Teil des akademischen Lebens dreht sich nicht darum, die klügste Person zu sein und die grössten Publikationen zu haben. Vielmehr geht es darum, ein anständiger Kollege zu sein und offen zu sein gegenüber anderen Ideen und anderen Menschen. Man muss irgendwie einen Weg finden, mit der Lage zurechtzukommen: etwas Strategie und viel Selbstschutz.
Was für strukturelle Veränderungen wünschen Sie sich?
Ich würde gerne sehr viel mehr materielle Unterstützung sehen für kollaborative und interdisziplinäre Forschung. Universitäten sind sehr gut darin, über solche Dinge zu sprechen, aber nicht sehr gut darin, die Voraussetzungen für diese Arbeitsweise zu verbessern. Wir schätzen immer noch die individuellen Autor*innen und Wissenschaftler*innen sehr hoch. Meiner Meinung nach sind diese Konventionen in einer etwas patriarchalen Arbeits- und Denkweise verankert. Ein Geist der Kollaboration und Interdisziplinarität sollte stattdessen in unsere Klassenzimmer und Forschung einziehen.
Ich würde es gerne sehen, dass die Dozierenden die Diversität der Studierenden besser repräsentieren. Es ist gut für die Studierenden, wenn sie die Frauen und Männer vorne im Vorlesungssaal als Leute sehen, die sind wie sie selber. Ebenso würde ich gerne ein viel grösseres Engagement sehen, um die Bedeutung der Diversität in Forschung und Lehre zu verstärken – und ich meine das volle Spektrum sozialer Unterschiede wie Behinderung, Alter, Ethnie/Rasse, Sexualität und, im Besonderen, Klassenzugehörigkeit.
Schliesslich würde ich gerne sehen, dass Schweizer Universitäten viel bessere Karrierestrukturen für jüngere Akademiker*innen schaffen. Momentan ist es sehr schwierig für Leute, die eben ein Doktorat abgeschlossen haben, eine erste Stelle zu finden. Es gibt sehr wenige Einstiegsstellen und wenige Stellen mit eingebautem Beförderungssystem oder fester Anstellung. Ich verstehe, weshalb viele junge Wissenschaftler*innen glauben, dass die akademische Laufbahn kein einfacher oder sicherer Weg sei. Das ist zwar traurig, aber so ist es. Wie alles andere auch, kann das jedoch geändert werden.