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Abruzzen-Braunbär - Ursus arctos marsicanus
Tyrrhenischer Rothirsch - Cervus elaphus corsicanus
© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Mit dem ständigen Anwachsen der menschlichen Bevölkerung wird der Platz für die übrigen Lebewesen auf unserem Planeten immer enger. Weltweit schrumpfen die Naturlandschaften auf breiter Front, weil der Mensch unablässig neue Gebiete rodet und trockenlegt, besiedelt und kultiviert. Unweigerlich werden die wildlebenden Tiere und Pflanzen dadurch in immer begrenztere Rückzugsgebiete abgedrängt. Besonders stark leiden unter dieser Entwicklung in der Regel die Grosssäugetiere, denn einerseits benötigen sie zum Überleben relativ viel Platz, und andererseits geraten sie verhältnismässig häufig in Konflikt mit dem Menschen, sei es als «Viehdiebe» und «Ernteschädlinge» oder sei es einfach als willkommene Jagdbeute.
So gesehen ist es erstaunlich, dass es hier und dort dennoch einigen Grosssäugetieren gelungen ist, in dicht besiedelten Gebieten und in der unmittelbaren Nachbarschaft des Menschen bis in unsere Zeit hinein zu bestehen. Dies gilt im besonderen für Europa, wo der Mensch schon seit Tausenden von Jahren ganze Landstriche nach seinen Vorstellungen umgestaltet und welches heute - hinter Südostasien - der Erdteil mit der höchsten menschlichen Bevölkerungsdichte ist. Zu diesen «Überlebenskünstlern» gehören der Abruzzen-Braunbär (Ursus arctos marsicanus)
und der Tyrrhenische Rothirsch (Cervus elaphus corsicanus)
, welche beide in Italien - der Bär auf der Apenninenhalbinsel, der Hirsch auf Sardinien - vorkommen. Zwar sind ihre Bestände überaus klein, und noch vor kurzem sah ihre Zukunft recht düster aus. Wohl überlegte Schutzmassnahmen haben aber im Lauf der vergangenen 25 Jahre beachtliche Erfolge erzielt und geben heute zur Hoffnung Anlass, dass die beiden Grosssäugetiere den Unbilden des 20. Jahrhunderts doch entrinnen werden.
Der Abruzzen-Braunbär - im Zentralapennin zu Hause
Der Braunbär (Ursus arctos)
war einst in den bewaldeten Regionen Italiens weitverbreitet und kam südwärts bis nach Sizilien vor. Mit der Urbarmachung des Landes durch den Menschen - ein Prozess, der lange vor unserer Zeitrechnung begann - verschwand der Braunbär jedoch nach und nach aus den meisten Bereichen seines angestammten Verbreitungsgebiets.
Schon um das Jahr 1500 n.Chr. lebten grössere Braunbärenbestände lediglich noch in den Alpen, ganz im Norden Italiens, und im Zentralapennin östlich von Rom, in den Regionen Abruzzo und Molise. In den folgenden 400 Jahren wurden diese Restbestände in dem Masse immer weiterzurückgedrängt, wie die Abholzung der Berggebiete in Italien voranschritt und die Bejagung der Braunbären zunahm. In den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts waren schliesslich die beiden Braunbärenbestände im Norden und im Zentrum Italiens auf winzige Reste von je unter 100 Tieren zusammengeschrumpft.
Nachdem bekannt geworden war, dass die italienischen Braunbären kurz vor der Ausrottung standen und nur durch sofortige Schutzmassnahmen noch zu retten waren, wurden sie 1939 unter strikten gesetzlichen Schutz gestellt. Es ist jedoch eine alte Weisheit, dass jedes Gesetz nur so gut ist wie sein Vollzug. Dies bewahrheitete sich in der Folge einmal mehr anhand der Braunbären in den italienischen Alpen: Ihr Bestand nahm durch Wilddieberei weiterhin stetig ab, so dass heute nur noch etwa ein Dutzend «Alpenbären» (in der Region Trentino) übrig sind, deren Fortbestand sehr ungewiss ist.
Der Braunbärenpopulation im Zentralapennin erging es dank des unermüdlichen Einsatzes der italienischen Naturschützer besser. Sie umfasst gegenwärtig wieder gut 100 Individuen, deren Schicksal eng verknüpft ist mit dem Abruzzen-Nationalpark, Italiens ältestem Nationalpark.
1923 war der Abruzzen-Nationalpark gegründet worden, umfasste damals aber lediglich 5 Quadratkilometer eines Gebiets, das zwischen 1872 und 1913 als königliches Jagdreservat gedient hatte. Dass die Nutzung des Gebiets dem König vorbehalten war, hatte der lokalen Tierwelt ein verhältnismässig grosses Mass an Schutz zukommen lassen. Grosssäuger wie der Wolf (Canis lupus)
, die Gemse (Rupicapra pyrenaica)
und der Braunbär konnten hier überleben, während sie aus den meisten anderen Bereichen der Apenninenhalbinsel längst verschwunden waren. (Ganz lückenlos war der Gebietsschutz allerdings nicht gewesen. Das beweist die Tatsache, dass sowohl der Rothirsch (Cervus elaphus)
als auch das Reh (Capreolus capreolus)
damals im ganzen Apennin ausstarben. Beide Huftiere konnten jedoch in jüngerer Zeit erfolgreich wiedereingebürgert werden.)
Selbstverständlich konnten 5 Quadratkilometer niemals genügen, um grössere und damit langfristig überlebensfähige Wildtierpopulationen zu beherbergen. Aus diesem Grund wurde das Gebiet nach und nach - im Rahmen der politischen und finanziellen Machbarkeit - vergrössert, bis es schliesslich die heutigen 440 Quadratkilometer umfasste. Mit dem Management des Parks haperte es allerdings zu gewissen Zeiten, und das natürliche Ökosystem des Parks erlitt während dieser Perioden der Vernachlässigung grössere Schäden. Ende der sechziger Jahre wurde klar, dass dringend etwas geschehen musste, wenn der Abruzzen-Nationalpark nicht nur dem Namen nach weiterbestehen sollte. Leitung, Bewachung und Unterhalt des Parks wurden in der Folge stark aufgewertet. Unproblematisch war der Schutz des Gebiets aber weiterhin nicht - und wird es wohl auch in Zukunft nicht sein. Denn wo Mensch und Natur in direkter Nachbarschaft existieren wollen, da ist für Konfliktstoff stets gesorgt.
Der Abruzzen-Nationalpark ist keineswegs eine unberührte Wildnis, wie man vielleicht denkt. Es gibt nicht weniger als fünf Dörfer innerhalb der Parkgrenzen, und weitere 13 Ansiedlungen befinden sich in unmittelbarer Parknähe. Die Bewohner aller dieser Dörfer praktizieren traditionelle Landwirtschaft. Dazu gehören der Anbau von Feldfrüchten in den Talsohlen, das Weiden der Nutztiere auf den Bergwiesen während der Sommermonate und die Imkerei in Feld und Wald. Unglücklicherweise schaffen alle diese traditionellen Formen der Landnutzung zusätzliche Nahrungsgrundlagen für den Abruzzen-Braunbären, auf die er bei Bedarf gern zurückgreift: Im Frühling macht er sich manchmal über die Bienenhäuschen her, im Sommer überfällt er hin und wieder Schafe und Ziegen auf den Bergweiden, und im Herbst plündert er mitunter die Gemüsepflanzungen in den tieferen Tallagen.
Dass er sich damit bei der ansässigen Bevölkerung keine Freunde schafft, versteht sich von selbst. Um der daraus resultierenden Missstimmung entgegenzuwirken, wurde 1970 mit der Zahlung von Entschädigungen für von Bären verursachte Schäden an Hab und Gut der Dorfbewohner begonnen. Diese Kompensationszahlungen wurden anfänglich vom Welt Natur Fonds (WWF) entrichtet; heute ist die Nationalparkbehörde dafür zuständig. Die Vergütungen erfüllten ihren Zweck bemerkenswert gut: Von wenigen Zwischenfällen abgesehen werden die Abruzzen-Braunbären von der ansässigen Bevölkerung seither nicht mehr verfolgt. Ja, man ist heute sogar stolz auf «Meister Petz» vor der Haustür.
Ein anderes Problem im Zusammenhang mit der Erhaltung der Abruzzen-Braunbären ist der Umstand, dass das Verbreitungsgebiet der Bären nur zum Teil mit dem Abruzzen-Nationalpark übereinstimmt. Gemäss den Untersuchungen der beiden Zoologen Franco Zunino und Stephen Herrero liegt lediglich die Hälfte des regelmässig genutzten, rund 500 Quadratkilometer messenden Bärengebiets auf Nationalparkboden. Vom seltener genutzten, etwa 400 Quadratkilometer messenden Bärengebiet liegt sogar der Grossteil ausserhalb des Parks. Dort lassen sich jedoch die menschlichen Aktivitäten sehr viel schwieriger überwachen als im Gebiet selbst, und zudem ist der Lebensraum der Bären ausserhalb der Nationalparksgrenzen vor Schädigungen nicht gefeit.
Um die unbefriedigende Situation zu verbessern, wurde 1990 der Abruzzen-Nationalpark um 40 Quadratkilometer erweitert, welche einige wichtige Lebensraumstücke der Bären enthielten. Ferner wird gegenwärtig eine 600 Quadratkilometer grosse Pufferzone rund um den Park herum eingerichtet, in welcher die Jagd und andere Aktivitäten des Menschen gewissen Beschränkungen und Kontrollen unterworfen sind. Man hofft, dass dadurch auch die «Randexistenzen» unter den Abruzzen-Braunbären angemessenen Schutz erhalten. Alles in allem kann man feststellen, dass die Nationalparkbehörde grosses Geschick bewiesen und beachtlichen Erfolg dabei erzielt hat, die doch recht gegensätzlichen Bedürfnisse der heimischen Grosssäuger, der ansässigen Bevölkerung und der jährlich etwa eine Million Parkbesucher unter einen Hut zu bringen. Die Zukunft der Abruzzen-Braunbären sieht heute wenn auch nicht rosig, so doch vielversprechend aus.
Der Tyrrhenische Rothirsch - auf Sardinien heimisch
Auf den ersten Blick scheint es wesentlich leichter zu sein, einen geselligen Pflanzenfresser wie den Rothirsch (Cervus elaphus)
zu schützen als ein einzelgängerisches «Raubtier» wie den Braunbären. Dies umsomehr, als der Rothirsch sich unter günstigen Bedingungen relativ rasch zu vermehren vermag, während der Braunbär von allen europäischen Grosssäugetieren die geringste Nachzuchtrate hat. Die Geschichte des Tyrrhenischen Rothirschs, einer verhältnismässig kleinen Rothirsch-Unterart, deren angestammtes Verbreitungsgebiet die beiden im Tyrrhenischen Meer liegenden Inseln Sardinien und Korsika sind, zeigt, dass dies durchaus nicht immer der Fall sein muss.
Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts war der Tyrrhenische Rothirsch in den immergrünen Wäldern und Buschwäldern («Macchie») Korsikas und Sardiniens weit verbreitet gewesen. Die Erschliessung der beiden Inseln durch den Bau von Eisenbahnlinien und Strassen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts hatte jedoch dazu geführt, dass vormals schwer zugängliche Inselbereiche nun auch für die Jäger weit offen standen, worauf der masslose Abschuss der Wildtiere seinen Lauf nahm.
Besorgnis über den Fortbestand der Tyrrhenischen Rothirsche auf dem zu Italien gehörenden Sardinien wurde erstmals 1918 geäussert. Es dauerte aber noch gute zwanzig Jahre, bis die Tiere endlich unter strikten gesetzlichen Schutz gestellt wurden (1939). Auch hier war der Vollzug allerdings mangelhaft: Wilderer wurden selten gestellt, und zudem waren die Bussen für Wilddieberei lächerlich gering. Der an sich wichtige Schritt auf dem Papier trug deshalb wenig dazu bei, den weiteren Niedergang der Rothirsche auf Sardinien zu verhindern. 1969 waren nurmehr ein paar klägliche Restbestände im Inselsüden übriggeblieben, welche gesamthaft weniger als 300 Individuen umfassten. Im benachbarten, zu Frankreich gehörenden Korsika war der Tyrrhenische Rothirsch 1969 sogar vollends ausgestorben.
Den gezielten Schutzbemühungen der italienischen Naturschützer ist es zu verdanken, dass es den Tyrrhenischen Rothirsch auf Sardinien heute noch gibt. Die verbleibenden Restbestände leben in drei separaten Gebieten in der Provinz Cagliari. Das wichtigste davon misst ungefähr 200 Quadratkilometer, befindet sich im Bereich der Capoterra-Berge im Südwesten der Provinz und beherbergt rund 120 Hirsche. Weitere ungefähr 100 Hirsche überleben in einem Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern im Bereich der Settefratelli-Berge im Osten der Provinz. Und ein winziger Restbestand von wahrscheinlich weniger als 20 Tieren findet sich in der Gemeinde Arbus. Neben diesen drei wildlebenden Beständen von Tyrrhenischen Rothir schen gibt es noch zwei kleine Herden, welche in Halbgefangenschaft in zwei Schutzgebieten im Inselsüden leben, an deren Errichtung der WWF Italien massgeblich beteiligt war.
Leider bildet die Wilderei bis auf den heutigen Tag eine arge Gefahr für den Fortbestand der letzten Tyrrhenischen Rothirsche. Vorsichtigen Schätzungen zufolge fielen noch in den siebziger Jahren 30 bis 40 Hirsche jährlich der Wilderei zum Opfer - meist als willkommene «Zugabe» im Rahmen legaler Wildschwein- und Vogeljagden. Einzig in ein paar privaten Jagdreservaten, welche genügend überwacht wurden, und in einigen von Wildwarten gut betreuten Wildschutzgebieten vermochten die Hirsche zu überleben. Dort erhielten sie zumindest ein gewisses Mass an Schutz vor Wilddieben.
Im Versuch, der lästigen Wilderei endlich Herr zu werden, wurden dann in den achtziger Jahren die Bussgelder für illegale Hirschabschüsse auf rund 4000 US-Dollar angehoben. Das dürfte doch manchen Wilderer von seinem unseligen Tun abgehalten haben. Leider wurde gleichzeitig auch ein Gesetz erlassen, wonach die privaten Jagdreservate abzuschaffen waren. Dadurch wurde die Schutzsituation einiger der wichtigsten Restbestände der Tyrrhenischen Rothirsche auf Sardinien entscheidend geschwächt.
Tatsächlich waren die Aussichten für den Fortbestand der Tiere vorübergehend wenig erfreulich. Überraschend gelangte dann aber 1985 eines der Gebiete, welche zuvor als Jagdreservate gedient hatten (Monte Arcosu in den Capoterra-Bergen), zum Verkauf - und konnte vom WWF Italien erworben werden, der es in der Folge in ein striktes Naturschutzgebiet umwandelte. Das 30 Quadratkilometer grosse Gebiet beherbergt jetzt einen Bestand von mindestens 100 Tyrrhenischen Rothirschen, die vor Wilddieben und anderem Ungemach weitgehend sicher sind.
Bleibt anzumerken, dass heute nicht nur die Zukunft der Tyrrhenischen Rothirsche auf Sardinien wieder etwas erfreulicher ausschaut. 1985 wurde auch ein erster Schritt zur Wiedereinbürgerung der hübschen Huftiere auf der Nachbarinsel Korsika getan: Vier Hirsche wurden von Sardinien in ein 38 Hektar grosses Freigehege innerhalb des korsischen Regionalparks verbracht. Dort scheinen sie sich wohlzufühlen, und vorausgesetzt, der Wilderei kann Einhalt geboten werden, sollten es die Tyrrhenischen Rothirsche eigentlich schaffen, auch auf dieser Insel wieder heimisch zu werden, der sie ihren wissenschaftlichen Namen verdanken.
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