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Der I. - arab. Ergebung, Hingabe (an Gott) - versteht sich als Religion der ergebungsvollen Unterwerfung unter den souveränen Willen Gottes. Zusammen mit dem Judentum und dem Christentum bildet der I. die sogenannt abrahamit. Religionen. Sie sehen in der bibl. Gestalt Abrahams den Typus eines wahrhaft glaubenden und allen Glaubensprüfungen widerstehenden Menschen schlechthin. Das hl. Buch und zugleich die wichtigste Glaubens- und Rechtsquelle des I. ist der Koran (wörtlich: Rezitation). Daneben bildet die mündl. Tradition (Hadith) von Aussprüchen und Handlungsweisen des Propheten Muhammad (570-632) die zweitwichtigste Glaubensquelle. Der I. sieht sich als endgültige und reine Form des Eingottglaubens und seinen Gründer Muhammad als den letzten Propheten in der langen Reihe der Prophetengeschichte. Rund 85-90% der Muslime sind Sunniten (sunna: die verbindl. Norm oder Tradition des Propheten), die zweite Konfessionsgruppe besteht aus den Schiiten (shiat Ali: die Partei Alis). Das für alle Muslime weltweit verbindl. Kernstück ihrer Religion bilden die sog. fünf religiösen Pflichten, auch die fünf Pfeiler oder fünf Säulen des I. genannt, nämlich das Glaubensbekenntnis, das rituelle Pflichtgebet (fünfmal täglich), das Fasten im Monat Ramadan, die Pflichtabgabe für die Armen und die Wallfahrt nach Mekka. Zwischen Marokko und Indonesien, dem heute grössten muslim. Land, hat sich der I. besonders stark ausgebreitet, ausserdem ist er in weiten Teilen Zentralasiens und Schwarzafrikas vorherrschend. Durch Migrationsströme wird er seit der 2. Hälfte des 20. Jh. auch in Westeuropa und Amerika heimisch.
Zu den ersten belegten Kontakten zwischen den Muslimen und den Menschen im Gebiet der heutigen Schweiz kam es im 10. Jh. In den 920er Jahren fielen erstmals Sarazenen ins Wallis ein und drangen im darauffolgenden Jahrzehnt bis nach Churrätien vor. Die Ende des 11. Jh. in Europa ausgelöste Bewegung der Kreuzzüge gegen die arab.-islam. Welt erfasste auch Gebiete der heutigen Schweiz. Zahlreiche Adlige und Geistliche aus der burgund. und alemann. Schweiz nahmen 1096-1291 an den einzelnen Kreuzzügen ins Hl. Land teil. Auch an den späteren Feldzügen gegen das expandierende Osman. Reich, v.a. nach dem Fall Konstantinopels 1453, waren Eidgenossen beteiligt. Während dieser Zeit war die Wahrnehmung des I. im gesamten Abendland von einer apokalypt. Endzeitstimmung geprägt. Insbesondere in reformator. Kreisen wurde der I. als ein Phänomen der Endzeit gedeutet.
In der Schweiz entwickelte sich der I. in den letzten 30 Jahren des 20. Jh. kontinuierlich zur drittstärksten Religionsgemeinschaft hinter den beiden christl. Landeskirchen. 1970 lebten hier 16'353 Muslime, 1980 waren es 56'625 und 1990 152'217. In der Volkszählung 2000 wurden über 320'000 Muslime aus 105 Staaten gezählt. Dabei handelte es sich überwiegend um Migranten, die entweder ab den 1960er Jahren von der Schweizer Wirtschaft als Arbeitskräfte angeworben worden, oder als Flüchtlinge und Asyl Suchende gekommen waren.
Muslime in der Schweiz bilden weder ethnisch noch kulturell oder sprachlich eine Einheit. 2000 waren 11% von ihnen Schweizer, die durch Einbürgerung, Heirat oder Konversion zum I. kamen. 21% stammten aus der Türkei, 58% aus dem ehem. Jugoslawien (Albaner aus dem Kosovo und Mazedonien sowie Bosniaken), 4% aus Schwarzafrika und Asien, 4% aus den Maghreb-Staaten und 2% aus dem Nahen Osten. Rund drei Viertel waren Sunniten, gefolgt von rund 20'000 Schiiten, 10-15% türk. Aleviten und Sufis (Anhänger des myst. I.).
Entsprechend ihrer Herkunft sind die Muslime in 120-160 versch. kulturellen und auf unterschiedl. Volksgruppen bezogenen Moschee-Vereinen organisiert, die nach wie vor eine starke Bindung zum jeweiligen Ursprungsland haben. Sie setzen sich v.a. für die Einführung des islam. Religionsunterrichts an öffentl. Schulen, die Gründung einer deutsch- bzw. französischsprachigen islam. Fakultät zur Ausbildung der Geistlichen, den Bau der religiösen Infrastrukturen, die Errichtung eigener Friedhöfe und für die öffentl.-rechtl. Anerkennung ein (2003 im Kt. Zürich abgelehnt). Um diese Anliegen besser durchzusetzen, gründeten sie in der Schweiz in den letzten Jahren mehrere sprach- und kulturübergreifende Dachverbände: 1989 in Zürich die Gemeinschaft islam. Organisationen der Schweiz (Gios, später in der Kios aufgegangen), 1992 die Comunità Islamica nel Canton Ticino, 1994 die Ligue des Musulmans de Suisse (LMS), 1997 die Vereinigung islam. Organisationen Zürich (Vioz), 2000 in Bern die Koordination islam. Organisationen der Schweiz (Kios), 2002 in Luzern die Vereinigung islam. Organisationen des Kt. Luzern (Viokl), 2003 den Dachverband islam. Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) und 2005 ebenfalls in Luzern die Islam. Gemeinschaft Luzern (IGL).
Die jüngste Bemühung um die Etablierung einer gesamtschweiz. Dachorganisation stellte die Gründung der Föderation Islam. Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) im März 2006 dar. Die Organisation erhebt den Anspruch, verschiedene islam. Dachverbände und ihre Anliegen hauptsächlich gegenüber den Bundes-, Kantons- und Gemeindebehörden sowie gegenüber weiteren Institutionen in der Schweiz zu vertreten. Unter den in der Schweiz lebenden Muslimen gibt es unterschiedl. Meinungen und Vorstellungen darüber, welche Art des I. - sowohl in organisatorischer wie auch in doktrinärer Hinsicht - sich in der Schweiz etablieren soll. Davon zeugt nicht zuletzt die Gründung des Forums für einen fortschrittl. I. (FFI) in Zürich 2004.
Die meisten Muslime treffen sich zum Gebet in ehem. Wohnungen oder in Gewerberäumen. Bislang gibt es in der Schweiz zwei von aussen als Moscheen erkennbare Sakralstätten der Muslime, eine in Zürich (seit 1963) und eine in Genf (seit 1978). In Le Petit-Saconnex wurde 1978 auch der erste islam. Friedhof errichtet. Weitere folgten 2000 in Basel und Bern, 2002 in Lugano und St. Gallen, 2004 in Zürich und 2006 in Luzern. Verstorbene werden hier nach islam. Ritus bestattet.
Der I. ist in der Schweiz auf der Basis von privatrechtl. Vereinen ohne Steuerrecht organisiert. Muslim. Verbände streben mittelfristig jedoch eine Anerkennung des I. als Körperschaft des öffentl. Rechts an, wofür gegenwärtig auf polit. Ebene und in der Bevölkerung noch keine Zustimmung besteht. Mit Ausnahme der Islam. König Faysal Stiftung in Basel und der Fondation culturelle islamique in Genf, die von Saudi Arabien finanziell unterstützt werden, sind alle Lokalitäten der Muslime in der Schweiz fast ausschliesslich auf die finanzielle Unterstützung ihrer jeweiligen Mitglieder angewiesen. Rund zwei Drittel der ca. 120-160 Moschee-Vereine haben 2006 einen ständigen Imam. Während rund vierzig bosn., alban. und türk. Imame über ein Arbeitsvisum verfügen, halten sich die Übrigen jeweils mit einem Touristenvisum in der Schweiz auf. Letzteres gilt v.a. für Imame aus dem arab. Raum. In den letzten Jahren forderten Vertreter muslim. Dachvereine die Gründung einer deutsch- bzw. französischsprachigen Ausbildungsstätte für die künftigen Imame in der Schweiz. Mit Ausnahme des Kt. Luzern, wo seit 2002 an zwei staatl. Schulen (Kriens und Ebikon) der islam. Religionsunterricht auf Deutsch erteilt wird, wird die religiöse Unterweisung für muslim. Kinder und Jugendliche innerhalb der Moschee-Vereine und in der Sprache der jeweiligen Migrantengruppen angeboten.
Infolge der Terroranschläge vom 11.9.2001 in den USA und weltweiter Radikalisierungstendenzen innerhalb des I. ist das Interesse am I. sowohl im positiven wie im negativen Sinn auch in der Schweiz gestiegen. Aufgrund ihrer Herkunft vertritt und praktiziert die Mehrheit der Muslime in der Schweiz einen gemässigten I. Einzelpersonen und kleinere Gruppen pflegen Kontakte zu islamist. Bewegungen. Muslime z.B. arab. Ursprungs fordern gelegentlich von den balkanstämmigen Muslimen eine strengere Auslegung des I.
Literatur
– V. Segesvary, L'Islam et la Réforme, 1977
– K. Versteegh, The Arab Presence in France and Switzerland in the 10th Century, 1990
– C.P. Baumann, C.J. Jäggi, Muslime unter uns, 1991
– «Muslime in der Schweiz», in Tangram, 1999, Nr. 7
– Muslime und schweiz. Rechtsordnung, hg. von R. Pahud de Mortanges, E. Tanner, 2002
– Muslime in der Schweiz, 2003
– M. Schneuwly Purdie, Être musulman en Suisse romande, Diss. Freiburg, 2006
Autorin/Autor: Samuel M. Behloul