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Sie war Astronautin, Chirurgin, Chefin eines Fernsehsenders, Marine, Sportlerin, Basketballspielerin, Präsidentin, Präsidentschaftskandidatin und natürlich Model. Letzterer Beruf war übrigens auch ihr erster. Das erste Mal lernten wir Barbie 1959 kennen, als sie ihr Debüt auf einer Spielzeugmesse in New York gab.
Ihr Debüt, das muss gesagt werden, war kein erfolgreiches. Barbies Schöpferin Ruth Handler war die einzige, die an ihren Erfolg glaubte. Aber beginnen wir von vorn. Es heisst, dass Ruth ihre Tochter Barbara beim Spielen mit ihren Freundinnen beobachtete und feststellte, dass die Mädchen häufig Erwachsenenrollen imitierten. Die Babypuppen der damaligen Zeit liessen ihnen jedoch nicht viel Spielraum. Man konnte die Puppe wickeln, füttern, zum Schlafen bringen und mit ihr spazieren gehen, aber das war’s. Die Mädchen fanden das nach einer Weile langweilig.
Ein paar Jahre zuvor hatten Herr und Frau Handler eine Europareise unternommen, die sie auch in die Schweizer Alpen führte. Hier sah Ruth die Puppe einer Figur, die ihr als Inspiration diente: Lilli sah aus wie eine echte Frau und trug die unterschiedlichsten Kostüme – die Kleider selbst konnten jedoch nicht gekauft werden. Denn die geheimnisvolle Lilli war keine Figur, die für Kinder gedacht war. Erfunden wurde sie von Reinhard Beuthien, einem deutschen Autor von Cartoons, der sie für die Bild-Zeitung zeichnete.
Barbies Geburtsstunde
Der Comic erzählte von den Abenteuern einer (für damalige Verhältnisse) attraktiven Frau – Lilli –, die meist spärlich bekleidet die unterschiedlichsten Personen in zweideutige Gespräche verwickelte. Der Comic war bei den Lesern (weniger bei den Leserinnen) so beliebt, dass die Bild beschloss, daraus Kapital zu schlagen. Das Unternehmen begann, alle möglichen Dinge zu verkaufen, die mit dem Comic zusammenhingen, darunter auch ein plastisches Abbild der Hauptfigur – eben jener Lilli-Puppe, der Ruth Handler erstmals in der Schweiz begegnete.
Ruth entschied, ein paar anatomische Details leicht zu verändern und auf zusätzliche Gadgets für die Puppe zu setzen – Kleidung, Schuhe, Alltagsgegenstände, Häuser usw. –, die separat gekauft werden konnten. Ein Name für die neue Puppe war schnell gefunden: Barbie ist die Verkleinerungsform von Barbara, also Ruths Tochter. Auch der Preis war nicht exorbitant. Barbie kostete genau drei Dollar und sollte für jedes Kind in den USA und später auf der ganzen Welt erhältlich sein.
Doch wie schon gesagt, war Barbies Verkaufsstart wenig erfolgreich, trotz einer teuren Werbekampagne. In den Lagern der Spielzeugfirma Mattel, die Ruth 1945 mitgegründet hatte, stapelten sich die Barbie-Puppen, und Ruth machte sich Sorgen, wie es weitergehen sollte. Doch schon ein paar Monate später änderte sich die Situation schlagartig und die Telefone bei Mattel liefen heiss. Was war passiert? Das Schuljahr war zu Ende und die Kinder verbrachten mehr Zeit vor dem Fernsehen und sahen die neuartige Puppe in der Werbung.
Der Rest ist Geschichte: Barbie avancierte zur begehrtesten Puppe des 20. Jahrhunderts. Bereits 1963, nur vier Jahre nach ihrer Markteinführung, schätzte die New York Times, dass sie die erste Puppe der Welt war, die kleine Mädchen nicht als ihr Kind, sondern als ihr zukünftiges Ich betrachteten. Im Jahr 2003 zeigten die Berechnungen des Unternehmens, dass alle drei Sekunden jemand auf der Welt eine Barbie kauft.
Life in plastic, it’s fantastic
Doch fast jeder Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Die Popularität von Barbie zeigt dies exemplarisch. Während Mädchen auf der ganzen Welt mit ihr spielen und sich selbst als Erwachsene darin sehen, stellt sich die Frage: Was sehen sie wirklich? Die Barbie-Figur spiegelt das Ideal des weiblichen Körpers wider, das von den Medien und der Gesellschaft in den 1950er- und 1960er-Jahren geschaffen wurde. Doch ist dieses Ideal in der Realität überhaupt erreichbar – und erwünscht?
Seit einigen Jahren gibt es im Zusammenhang mit der beliebtesten Puppe der Welt beunruhigende Erkenntnisse. Ein aufschlussreicher Blick auf dieses Thema warf Mary F. Rogers in ihrem Buch Barbie Culture. Darin rechnet sie vor:
Würde man ihre Masse auf einen weiblichen Körper übertragen, wäre Barbie etwa 175 cm gross (die Hälfte davon sind Beine), hätte eine Oberweite von 84 cm Umfang, eine Taille von 46 cm Umfang und eine Hüfte von 80 cm Umfang und würde nie mehr als 52 kg wiegen.Barbie hätte also mit Magersucht zu kämpfen. Und das ist der schwerwiegendste und am häufigsten wiederholte Vorwurf gegen die Schöpferin der Puppe: Sie habe mit ihrem Produkt ein unrealistisches weibliches Körperbild verstärkt und ein Schönheitsbild aufrechterhalten, das für Mädchen (und Frauen) toxisch ist.
Der stets perfekt geschminkten und tadellos gestylten Barbie wurde zudem – gerade auch in den 1960er-Jahren in der Schweiz – vorgeworfen, eine Konsumkultur zu fördern und dem Luxus zu frönen. Im Laufe der Zeit kamen weitere Anschuldigungen hinzu. 1992 brachte Mattel eine Reihe sprechender Puppen heraus. Leider hatte Barbie nichts zu sagen ausser Phrasen wie «Mathe ist schwer», «Ich gehe gerne shoppen» und «Lasst uns feiern». Die sprechende Barbie verschwand rasch wieder vom Markt. Doch betrachten wir nun die andere Seite der Medaille.
Barbie – eine Feministin?
In Barbies «perfekt» zugeschnittenen Welt hat auch ihr Langzeitgeliebter Ken seinen festen Platz, der sich ihr rund ein Jahrzehnt nach ihrem Debüt anschloss. Allerdings wurde er nie ihr Ehemann und das Traumpaar gründete nie eine traditionelle Familie (d. h. Mann, Frau und Kinder). Auch war Barbie nie die typische «Hausfrau» der 1950er- und 1960er-Jahre. Schliesslich war sie von Anfang an unabhängig und hat immer wieder den Beruf gewechselt und sich in Metiers versucht, die kulturell männlich konnotiert waren oder sind (z. B. der Beruf des Astronauten, den sie bereits 1965 ausübte; in den 1980er-Jahren wurde sie eine unabhängige Geschäftsfrau und 1992 Präsidentschaftskandidatin). Abgesehen davon sind alle Spielzeug-Gadgets, wie etwa Autos, Barbies Eigentum. Ken ist im Wesentlichen auf das Wohlwollen seiner Partnerin angewiesen. Wenn sie sich von ihm trennen würde (was 2004 geschah), könnte Ken nirgendwo hin.
Barbie ist eine selbständige, unabhängige Frau, die für sich selbst entscheidet. Sie muss niemanden um etwas bitten, ganz im Gegenteil. In der realen Welt galten (und gelten in manchen Kreisen immer noch) solche Frauen als egoistisch. Barbie nie. Kommt hinzu, dass wir in unzähligen Buchreihen und Animationsfilmen immer wieder von den vielen Situationen erfahren, in denen sie anderen selbstlos geholfen hat.
Wir lernen auch ihre Vergangenheit, ihre Familie, ihre Freund:innen und ihre Haustiere kennen. Der erste Film mit der Puppe, der von DIC Entertainment und Saban Capital Group entwickelt wurde, entstand bereits 1987. Barbie and the Rockers: Out of this World zeigte uns Barbie als Frontfrau einer Rockband. Seit 2001 bringt das Label Mattel regelmässig Spielfilme mit Barbie in der Hauptrolle heraus, wie z. B. Barbie in: Der Nussknacker (2001) oder in jüngerer Zeit Skipper und das grosse Babysitting-Abenteuer(2023). Vor wenigen Wochen erschien der Kassenschlager Barbie unter der Regie von Greta Gerwig mit Margot Robbie als Barbie und Ryan Gosling als Ken in den Hauptrollen.
Und wie steht’s um die Diversität?
Barbie hat nicht nur einen Geliebten, sondern auch drei beste Freundinnen, die mittlerweile in ihren Sechzigern sind: Midge, Francie und Christie. Mattel erkannte früh die Macht seiner Puppe und begann, sie zu nutzen, um die Vielfalt hervorzuheben. Das Unternehmen reagierte bereits in den 1960er-Jahren, als in den Vereinigten Staaten der Kampf gegen die Rassentrennung im Gange war. Zwei von Barbies drei Freundinnen haben dunkle Haut. Francie wurde zwischen 1966 und 1976 in zwei Versionen verkauft, darunter eine mit dunklem Teint, und 1968 erschien Christie, eine Afroamerikanerin mit dunkler Haut, braunen Augen und schwarzem Haar.
Zur gleichen Zeit, 1976, fand die Puppe auch ihren Weg in die US-Zeitkapsel, die in einem Jahrhundert, im Jahr 2076, geöffnet werden soll. 1985 fertigte der Popart-Künstler Andy Warhol sogar ein Porträt von Barbie an. Die 1990er-Jahre wiederum waren nicht einfach für die Puppe mit Weltruhm. Der Song Barbie Girl der Band Aqua, der sich offen über das Phänomen der Puppe lustig machte, wurde ein Hit. Mattel verklagte die Musiker:innen (beziehungsweise das Label), aber die Klage wurde abgewiesen. Doch es kam noch schlimmer.
Im Jahr 2003 verbot Saudi-Arabien den Verkauf der Puppe, weil das Land Barbie für unvereinbar mit den islamischen Werten hielt. Ein Jahr zuvor passierte Ähnliches im Iran, wo die Sittenpolizei begann, Kindern ihre Barbie wegzunehmen. Rasch brachte ein syrisches Unternehmen eine muslimische, Barbie-ähnliche Puppe, die Fulla, auf den Markt. Schon früher, im Jahr 1996, hatte ein amerikanisches Unternehmen die Razanne lanciert, die sich vor allem an die muslimische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten richtete. Fulla hatte jedoch die grössere Ähnlichkeit mit Barbie was die Garderobe und die Gadgets betraf. Sie bekam auch Freundinnen – Nada und Jasmin – und Geschwister – Bruder Badir und Schwester Nur. Vor allem aber bekam sie Kleidung. Die Art von farbenfroher Kleidung, die Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien und anderen muslimischen Ländern zu Hause tragen dürfen, sowie Kleidung für draussen, den Hijab (Kopfbedeckung) und den Jilbab (langes Obergewand).
«Du kannst alles sein, was du willst»
Das Motto, das Barbie begleitet und das auch im 21. Jahrhundert noch stark nachhallt, lautet: Du kannst sein, wer du sein willst. 2015 wurde das Projekt «Barbie Shero» ins Leben gerufen, eine Serie von Puppen, die starken, kreativen Frauen aus der echten Welt nachempfunden sind und Mädchen inspirieren sollen. Darunter sind: Amelia Earhart, die erste Frau, die den Atlantik überflog; die mexikanische Malerin Frida Kahlo; Ibtihaj Muhammad, die amerikanische Fechterin und Muslimin, zu deren Ehren die erste Barbie mit Hijab geschaffen wurde; Katherine Johnson, die Mathematikerin und erste dunkelhäutige Frau, die bei der NASA arbeitete; Nicola Adams, die britische Boxerin, die olympisches Gold gewann, sowie die italienische Fussballspielerin und Meisterin Sara Gama.
Und auch bei den Körperformen tut sich was. Im Jahr 2016 brachte Mattel eine Barbie mit mehr Rippenpolster sowie eine grosse und eine sehr kleine Barbie heraus. Kinder können auch mit Barbies mit verschiedenen Hautfarben spielen. Im Jahr 2022 kam zudem eine Barbie-Version auf den Markt, die der Transgender-Schauspielerin Laverne Cox nachempfunden ist, die sich seit vielen Jahren für LGBT+-Rechte einsetzt. 2023 kam eine Barbie mit Down-Syndrom in den Handel. Etwas früher gab es bereits eine Barbie im Rollstuhl oder mit Prothesen, aber auch eine haarlose Puppe, die auf das Thema Krebs anspielte.
Dieses Thema lag Barbies «Mutter» Ruth übrigens sehr am Herzen, da sie 1970 die Diagnose Brustkrebs erhielt. Nachdem sie sich einer Mastektomie unterzogen hatte, interessierte sie sich für Brustprothesen. Da sie die auf dem Markt befindlichen Prothesen als zu hart und künstlich empfand, entwarf sie kurzerhand ihre eigene, moderne Prothese aus Kunststoff.
Puppen zum Sammeln
Barbie wurde mit jedem Jahr mehr in den gesellschaftlichen Wandel einbezogen und musste sich mit neuen Erwartungen und Verantwortlichkeiten für das, was sie repräsentiert, auseinandersetzen. Die Frage stellt sich: Für wen sind Barbie-Puppen also gedacht? Der erste Gedanke: für Kinder. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Auch Erwachsene lieben sie, wie Mattel sehr wohl weiss. Seit Jahren produziert das Unternehmen für Sammlerinnen und Sammler Puppen, die von den Werken Klimts oder van Goghs inspiriert sind, in viktorianischen Kleidern oder im Stil bestimmter Musik- und Filmstars. Wir können (auch wenn es nicht einfach ist) eine Barbie bekommen, die Tina Turner, Cher, Cate Blanchett, Helena Bonham Carter und Ken als Clark Gable darstellt. Diese, ebenso wie ältere Barbie-Modelle, erzielen auf Online-Auktionen wahrhaft schwindelerregende Preise.
Mattel ist auch in der Lage, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, wie sich zuletzt während der weltweiten Covid-19-Pandemie zeigte. Im Jahr 2021 ehrte das Unternehmen mehrere Frauen, die einen besonderen Beitrag zur Bekämpfung des Virus geleistet hatten, mit speziellen Puppenmodellen. Etwa die britische Professorin für Vakzinologie Sarah Gilbert, die den Covid-19-Impfstoff entwickelt hatte, oder die brasilianische Biologin Dr. Jaqueline Goés de Jesus.
Was ist falsch mit dieser Barbie?
Heute ist die berühmteste Puppe der Welt wieder im Kommen, weil sie für Mädchen und Jungen gleichermassen zum Vorbild werden kann. Das verdankt sie der Tatsache, dass sie sich zusammen mit der Gesellschaft, in der sie geschaffen wurde, verändert. Sie fördert Werte, die uns gesellschaftlich wichtig sind, zeigt Vielfalt, lehrt Toleranz. Früher war sie ein blondes Mädchen mit körperlich unmöglichen Ausmassen, das wenig zu sagen hatte. Heute ist sie vielfältig wie wir: klein, gross, rothaarig, dunkelhaarig, dunkelhäutig, mit Hijab oder ohne Haare, im Rollstuhl, mit einer Prothese und und und. Barbie verändert sich mit der Welt um sie herum, und durch diese Veränderungen zeigt sie, was uns wichtig ist.
Dieser Artikel erschien erstmals auf dem polnischen Online-Portal «Kosmos dla dziewczynek».
Übersetzung aus dem Polnischen: Martina Polek