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Der Unternehmer Giorgio Behr hat ein Imperium geschaffen. Doch was passiert damit, wenn der mächtigste Mann der Region eines Tages nicht mehr da ist? Zu Besuch bei ihm – und bei seinen Söhnen.
«Die erste Generation schafft Vermögen,
die zweite verwaltet Vermögen,
die dritte studiert Kunstgeschichte,
und die vierte verkommt vollends.»
(Otto von Bismarck)
Auf dem Bürotisch in Giorgio Behrs Villa stehen drei Papierstapel. Da sind die aktuellen Termine (alles, was dazu gehört, wird laufend einsortiert); da sind die dringenden Pendenzen (dünner Stapel, eines von Behrs Mottos lautet: «Tu es – jetzt!»); und da ist der Stapel mit den weniger dringenden Themen (Behr mistet ihn ab und an aus, seine Erfahrung besagt, dass sich zwei Drittel der Probleme mit der Zeit von selber erledigen).
Die wichtigsten Papiere aber lagern in einem Mäppchen, fein säuberlich thematisch sortiert: Handballclub Kadetten, Stiftung Benessere, Museumsbahn, Handelskammer, Vermögensanlagen … Das Mäppchen ist die Gebrauchsanweisung für Behrs Vermächtnis, die Versicherung für den Fall, dass ihm etwas zustösst.
Giorgio Behr kam früh in Kontakt mit dem Tod. Die Schwester starb, als er 14 war; bald darauf folgte der Vater, der als Armengenössiger in Ramsen aufgewachsen war; wenig später die Mutter. Schon als junger Mann organisierte er viele Beerdigungen. Und seit seinem unerwarteten Herzinfarkt mit nur 46 Jahren (Behr ass Trennkost, schnürte fast täglich im Morgengrauen die Laufschuhe, der Ruhepuls lag bei 50) dürfte er sich auch Gedanken darüber machen, was nach ihm sein wird.
2013 kürte die Zeitschrift Bilanz Behr mit einem Vermögen von 450 Millionen Franken wie jedes Jahr zum reichsten Schaffhauser, und sie schrieb: «Mit 65 Jahren leitet Giorgio Behr die Übergabe der Behr Bircher Cellpack (BBC) an die nächste Generation ein.» 2015 wurde im Industriekonzern dann tatsächlich ein neuer starker Mann installiert: Andreas Gisler, ein Lokaler natürlich (Behr wehrt sich mit Händen und Füssen gegen den «Ausverkauf der Heimat»), langjähriger CEO des Traditionsbetriebs IVF Hartmann in Neuhausen. Doch der Neue wusste nicht zu überzeugen: «Meine Geduld ist so …» (Behrs Hände gehen langsam auseinander) «… sehr lang … aber irgendwann ist sie zu Ende.» (Die rechte Hand saust nach unten.) 2018 war es soweit. Der in Ungnade Gefallene bekam natürlich eine gute Abfindung. Er könne sich Grosszügigkeit leisten, sagt Giorgio Behr.
Doch wie soll es nun weiter gehen? Übermorgen, Samstag, wird Behr 73 Jahre alt, und er sagt über den gescheiterten Versuch der Stabübergabe: «Ich bin aus der Erfahrung klüger geworden.» Was er danach in bester Laune unter einer Laube in seinem Garten in Buchberg skizziert, bedeutet nichts weniger als einen Paradigmenwechsel für den Industriekonzern, den der Arbeitersohn über Jahrzehnte aus dem Nichts aufgebaut hat.
Doch auch für seine anderen Engagements stehen Umbrüche an. Den Abgang des mächtigsten Mannes wird die Region zu spüren bekommen. Fragt sich bloss: wie?
Um über diese Frage zu diskutieren, muss man nicht nur Giorgio Behr zum Gespräch treffen, sondern auch die, die seine Nachfolge dereinst übernehmen sollen: seine Kinder.
Die Söhne dürfen alles werden – ausser Sohn
Giorgio und Anne-Marie Behr haben vier Söhne, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Erstgeborene kam mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt. Benessere, die Wohngruppe in Behrs altem Elternhaus an der Hochstrasse in Schaffhausen, gibt es nur wegen ihm, Giorgio Behr ist Initiator und Stiftungspräsident. Es passt zu seinem Selbstverständnis als eigenverantwortlich-freiheitlicher, aber auch sozial denkender Mensch: «Erst wenn du Geld hast, kannst du sozial handeln und nicht nur sozial reden. Wenn Sie eine Person in der Region kennen, die mehr Geld für Soziales ausgibt, müssen Sie es ihm sagen.»
Der jüngste Sohn, Jean-Marc, hat vor ein paar Monaten eine Firma im Schaffhauser Handelsregister eingetragen: die JMB Productions GmbH. Seinem Pseudonym DjemoGraphic folgen auf Youtube 44 000 Menschen und schauen seine Reisevideos aus aller Welt an. Man sieht da einen grossen 32-Jährigen im roten Shirt mit Schweizerkreuz, dem Vater aus dem Gesicht geschnitten, dasselbe Lächeln, das dieselben Fältchen um die Augen wirft. DjemoGraphic produzierten feinsten Influencer-Content, Berührungspunkte mit dem öffentlichkeitsscheuen Rechnungslegungsprofessor Giorgio Behr: auf den ersten Blick wenige.
Alle Behrs betonen immer wieder: Die Söhne müssen selber entscheiden, was sie machen wollen. Sie dürfen alles werden – bloss nicht Sohn. Das sind bestimmt keine leeren Phrasen, und doch hat die Kinderstube natürlich Spuren hinterlassen.
Giorgio im Angriff, Jean-Marc im Tor
Giorgio Behr ist der Mann, der den Handball in der Schweiz gross gemacht und seine Mannschaft, die Kadetten Schaffhausen, in die Champions League geführt hat. Er war Nationalliga-A-Spieler, Spielertrainer, Trainer. In den 90er-Jahren stand der Verein vor dem Ruin, dann übernahm Behr das Präsidium, baute für zweieinhalb Millionen Franken eine neue Halle. 2011 steckte er weitere 25 Millionen in die BBC-Arena (22 Millionen Franken bezahlte er selber; dass die Stadt sich in einer Volksabstimmung dagegen entschied, sich finanziell zu beteiligen und das «private Hobby» eines Millionärs zu finanzieren, nagte lange am Unternehmer mit dem Selbstverständnis des Wohltäters).
Der kleine Jean-Marc aber hatte mehr Lust auf die defensive Kampfkunst Aikido. Bis Vater Giorgio ihn fragte, ob er es nicht doch nochmal mit dem Handball versuchen wolle. Bald spielte Jean-Marc in der Regional-Auswahl und in der U-17-Nationalmannschaft. Die Spezialität seines Vaters waren spektakuläre, schmerzhafte Fallwürfe, Jean-Marc wurde Torwart. Bei den Kadetten wurde er von Mitspielern gefragt: «Und, wieviel hat der Vater dafür bezahlt, dass du bei uns spielen darfst?» Er merkte: Der Sohn von Giorgio Behr zu sein, ist ein zweischneidiges Schwert. Irgendwann landete er beim Nationalliga-A-Verein Endingen im Surbtal, ausserhalb des Einflussgebietes des Vaters. «Da war ich einfach der Jean-Marc, das war genial.»
Jetzt sitzt er im Garten der Stube in Rüdlingen, einem Restaurant, das Giorgio Behr gerettet und sehr aufwändig saniert hat. Zum gedämpften Fisch möchte er Reis und Spinat. Jean-Marc kommt gut vorbereitet, auf einem Zettel hat er notiert, was er sagen will. Sein Vater habe ihm beigebracht, dass es eine gewisse Lockerheit brauche, auch wenn es mal nicht so gut laufe im Leben. Jetzt läuft eigentlich alles wie geschmiert, doch der 32-Jährige wirkt trotzdem etwas angespannt. Vielleicht ist die Last des grossen Namens doch grösser als gedacht.
Droht den Kadetten dasselbe wie dem FCS?
Neben dem Handball studierte er an der ETH Materialwissenschaften. Als er abgeschlossen hatte, sagte der Vater: Jetzt geh mal die Welt erkunden, du hast noch nie eine grössere Reise gemacht. Jean-Marc antwortete: Das geht nicht, wegen dem Handball. Doch der Vater sagte: Geh einfach, mindestens zwei Monate. Jean-Marc ging und blieb sechs Jahre, doktorierte in Singapur, erfand ein künstliches Blutgefäss, forschte für eine chinesische Firma an Herzimplantaten. Dabei hatte sein Vater gesagt: Ein Jahr Auslanderfahrung ist genug.
Heute ist Jean-Marc an den Wochenenden und nachts in seinem Schneideraum DjemoGraphic, tagsüber arbeitet er als Entwicklungsingenieur bei einer Medizinalfirma in Frauenfeld, gerade wohnt er wieder bei den Eltern in Buchberg, pendelt mit dem Elektro-Auto.
Ob er das Erbe seines Vaters antreten wolle? Im Moment gehe es darum, Erfahrungen zu sammeln, sagt er. «Man muss zuerst zuhören, bevor man sich äussert.» Das sei in jedem Verein so, in jeder Mannschaft, in jeder Firma.
Man darf annehmen, dass Vater Giorgio mit 32 Jahren anders geredet hätte. Jean-Marc sagt, er könne sich aber vorstellen, im Handball dereinst eine Rolle zu spielen, da kenne er sich aus, kenne die Leute.
Doch: Wird das reichen? Wen man auch fragt, alle sagen: Die Kadetten waren die grosse Leidenschaft von Giorgio Behr. Seine Ausbrüche an der Seitenlinie: legendär. Ohne ihn wäre der Club heute eine Randnotiz. Und was passieren kann, wenn die prägende Figur eines Vereins nicht mehr da ist, erlebt derzeit gerade in voller Härte der einst von Aniello Fontana hochgejazzte FC Schaffhausen.
Vater Giorgio sagt, alle Söhne sollen mitwirken im Kosmos Behr, Jean-Marc sei gut vernetzt in Asien, spreche viele Sprachen, diesbezüglich könne er sicher seinen Teil beitragen. Aber er sei nicht unbedingt ein Zahlenmensch. Es ist unschwer zu erkennen, dass er Jean-Marc nicht als Thronfolger sieht, der die Firma künftig leiten soll. Gleichzeitig sagt er: «Unter meinen Söhnen gibt es mehr als nur einen, der das Präsidium übernehmen kann.»
Und zwei bleiben noch: Pascal und Dominik.
Dominik zu erreichen ist schwierig. Bekannte sagen, man könne davon ausgehen, dass er nicht erreicht werden wolle, er sei «sehr privat». Gemäss Giorgio Behr ist Dominik ETH-Ingenieur. Doch die Leidenschaft des zweitjüngsten Sohnes ist die Ökologie, er doktorierte am Institut für Evolutionsbiologie, forschte über Windhunde, machte geachtete Studien über die Akzeptanz des Wolfs in der Schweiz, gewann Tierfotografie-Preise. Dass er das Erbe seines Vaters annehmen wird – zum heutigen Zeitpunkt ziemlich unwahrscheinlich.
Vielleicht aber ist die Frage nach einem Thronfolger gar nicht schwierig zu beantworten. Vielleicht ist sie falsch gestellt.
Schrumpft das Imperium nun zusammen?
Nachdem die Konzern-Übergabe 2018 gescheitert war, disponierte Giorgio Behr um. Die Behr Bircher Cellpack BBC AG ist ein Industrie-Mischkonzern mit sechs Divisionen, die nur bedingt zusammenpassen. Der Konzern produziert heute Türautomationssysteme ebenso wie Schoggipapierli. Das ist historisch bedingt: Der erste Coup des jungen Wirtschaftsprüfers und Sanierers Giorgio Behr war ab 1991 der private Kauf des maroden Apparatebauers Bircher in Beringen (er rettete damit 250 Stellen und diverse hiesige KMU). Danach verleibte er sich nach und nach weitere marode Firmen ein, sanierte oder filetierte sie – die Meinungen gehen da auseinander. Mitunter bewegte er sich an der Grenze der Legalität, rief die Finanzmarktaufsicht Finma auf den Plan, zahlte nach der versuchten Übernahme eines Schleifmittel-Herstellers eine Abfindung von 1 Million Franken (gleichzeitig verdiente er damit rund 35 Millionen).
Die Fehde mit Martin Huber, dem damaligen Chef von Georg Fischer, war ein Hahnenkampf. Behr hatte nach einem Kurseinbruch von Georg Fischer praktisch über Nacht Aktienpakete von über 6 Prozent gekauft, war zum grössten Einzelaktionär aufgestiegen und hatte die GF-Spitze frontal angegriffen. Man nannte ihn «Fuchs im Hühnerstall.» Ein Weggefährte und Freund sagt gegenüber der AZ, Behr sei vielmehr eine Klapperschlange. Seine wohl grösste Stärke ist sein untrügerisches Gespür für die Essenz eines Problems, das er lösen und sich dadurch einen Vorteil verschaffen kann. Die BBC Gruppe jedenfalls ist nicht auf dem Reissbrett entstanden, sie ist die firmengewordene Behr’sche Biographie.
Das hat Nach-, aber auch Vorteile. Da die Divisionen des Konzerns nicht passgenau aufeinander abgestimmt sind, können konjunkturelle Schwankungen aufgefangen werden. Und es sei künftig möglich, einzelne Divisionen zu veräussern, sagt Behr.
Das lässt aufhorchen. Wird die Post-Giorgio-Ära eine Zeit sein, in welcher der Konzern nach einem kompromisslosen Expansions-Kurs wieder schrumpft? Eine Zeit, in der sein Motto «Wenn du alles unter Kontrolle hast, fährst du einfach nicht schnell genug» keine Gültigkeit mehr besitzt?
In den vergangenen Jahren hat Giorgio Behr die BBC neu aufgestellt, breiter: Die einzelnen Divisionen bekamen praktisch eigene Geschäftsführer, im Verwaltungsrat sitzen nur noch Leute, die selber Bereiche operativ betreuen. Der Patron sagt, er habe die BBC Gruppe über Jahrzehnte aufgebaut, habe sich langsam hineindenken können. Einer, der von aussen dazukomme, könne sich niemals in der selben Tiefe in das Konstrukt hineinarbeiten. «So, wie es jetzt ist, brauche ich eigentlich gar keinen Nachfolger.»
Was es nicht gibt, braucht es nicht – versucht Giorgio Behr, aus der Not eine Tugend zu machen?
Handkehrum: Braucht es überhaupt noch eine Klapperschlange, die sich aufbäumen, drohen, notfalls auch zubeissen kann, wenn der Vater die Gegner bereits unterworfen hat?
Das heutige El Dorado ist die Tech-Branche
Ein Montagmorgen, ein schmuckloses Bürogebäude in Glattbrugg, der Sitz der 2009 gegründeten Cytosurge. Das ETH-Spin-off stellt Spritzen her, 500 mal kleiner als der Durchmesser eines Haares. Mit den Nanospritzen lassen sich Wirkstoffe in einzelne Zellen spritzen, um Krebsmedikamente zu testen. Cytosurge hat Preise gewonnen, 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten hier in den Labors, gerade wird ausgebaut. So sieht er aus, der wahr gewordene Wunschtraum für den Werkplatz Schweiz.
Einer der Gründer ist Pascal Behr – der letzte Kandidat. Der 37-Jährige empfängt am späteren Morgen und wirkt noch etwas verschlafen, von Anspannung keine Spur. Als Kind war er mal der schnellste Schaffhauser Bölle (sehr zur Freude von Vater Giorgio), heute schnürt er die Laufschuhe nur noch selten. Im Gegensatz zu Bruder Jean-Marc weicht er schon optisch vom Vater ab.
Giorgio Behr polarisiert, er hat viele Feinde, auch wenn er durchaus charmant sein kann. Ein AZ-Porträt aus dem Jahr 2013 trug den Titel «Bewundert, aber nicht geliebt». In Sohn Pascal erkennt man einen anderen Typen. Fragt man ihn, ob sein Vater härter sei als er, antwortet er mit einer Gegenfrage: «Was bedeutet härter? Es ist einfach eine andere Zeit.» Giorgio Behr wurde in einer Zeit mächtig, als die Erdölkrise der 70er-Jahre eklatante strukturelle Probleme in vielen grossen Konzernen aufzeigte, die von der Hochkonjunktur bisher kaschiert worden waren. Es herrschte Goldgräberstimmung für hungrige und risikobereite Buchprüfer wie Giorgio Behr.
Das heutige El-Dorado ist die Tech- und IT-Branche.
Wie seine Brüder hat Pascal Behr doktoriert. Für die Doktorarbeit an der ETH standen zwei Themen zur Wahl, und er konnte sich nicht entscheiden. Also sagte der Vater, er solle jenes Thema nehmen, mit dem er später ein Patent anmelden könne. «Ich war gerade zwei Monate am Trampen in Australien, an eine eigene Firma habe ich noch nicht gedacht», sagt Pascal Behr. Doch er hat auf den Vater gehört und sich für die hohlen Nadeln für Rasterkraft-Mikroskope entschieden. Heute sagt er, eigentlich mache er dasselbe wie der Vater: Schauen, wo es ein Problem gibt – und es dann lösen. Vielleicht nicht unbedingt in Unternehmensstrukturen, aber in der Technologie.
Vater Giorgio investierte schon ganz zu Beginn in Cytosurge, heute sitzt er im Verwaltungsrat. Und auch in einem weiteren preisgekrönten Zukunfts-Start-up seines Sohnes, das künstliche Intelligenz in die Fertigungsindustrie bringt, ist er involviert. Das Tool wird heute auch von der BBC Cellpack vewendet, wo Pascal Behr seit fast zehn Jahren im Verwaltungsrat sitzt.
Pascal Behr ist der Kronprinz. Niemand will es aussprechen, aber wenn einer den Thron von Giorgio Behr übernehmen wird, dann er.
Als die Bilanz 2020 die reichsten Jungen kürte, tauchte auch der Name Pascal Behr auf der Liste auf. Als Startup-Gründer mit einem geschätzten Vermögen von 5 bis 10 Millionen Franken. Geführt wurde er, zu seinem Ärger, in der Kategorie «Erben». Heute lacht er darüber. Offenbar fügt er sich seinem Schicksal.
Pascal wird «intensiv» vorbereitet
2019 lernte Pascal Behr an einer Wirtschaftsdebatte der Handelsschulverbindung Commercia in Schaffhausen den ehemaligen GF-Kadermann und Industriellen Erwin Gfeller aus Stetten kennen. Der 73-Jährige suchte einen Nachfolger für sein Verwaltungsratsmandat bei der Migros Ostschweiz. Heute sagt Gfeller gegenüber der AZ, dieser Pascal Behr sei ihm ins Auge gestochen. Er bringe alles mit, was es brauche, um den Kanton im VR zu vertreten: Er sei lokal verwurzelt, komme aus einer international tätigen Unternehmerfamilie («er ist in einem Umfeld gross geworden, wo nicht nur über Rasenmäher geredet wird»), aber er segle nicht im Windschatten des Vaters. Viele solcher Kandidaten gebe es in der Region nicht. Und die Wahl des neuen Verwaltungsrats habe sich bewährt, Pascal Behr habe sich gut in das hochkomplexe Milliardenunternehmen Migros Ostschweiz eingearbeitet.
Gfeller sagt, Behr werde «intensiv» auf seine Zeit als BBC-Chef vorbereitet. Dieser selber sagt, über das Mandat beim Detailhändler Migros könne er vieles lernen, was ihm auch hinsichtlich der Firmen im BBC-Portfolio helfen könne.
Im Gegenzug wurde er in die Migros geholt, weil er das Gremium verjünge und neue Ansätze hineinbringe. Er sagt, man könne ein Unternehmen heute nicht mehr top down führen, wie es sein Vater noch getan habe. Pascal ist Vater von zwei kleinen Kindern, seine Ehefrau hat selber mehrere Unternehmen gegründet, die Rollenteilung ist nicht so klar wie im Elternhaus in Buchberg. Bei der BBC bringe er auch Themen wie Kinderbetreuung ein, sagt er. «Ich bin eher der Innovator.»
Innovation bedingt manchmal aber auch, alte Zöpfe abzuschneiden.
Giorgios Abgang – ein Vakuum für Schaffhausen
Giorgio Behr sagt, seine ehrenamtlichen Engagements (Industrievereinigung, Stiftung Schweizersbild, Museumsbahn …), die werde er in zwei, drei Jahren abgeben. Da sei alles «eingetütet». Am längsten bleiben werde er bei den Kadetten, bei der Stiftung Benessere, wo sein Sohn wohnt, und bei der BBC.
Doch was ist etwa mit dem Schaffhauser Bock?
Sein Freund Erwin Gfeller sagt, es habe zu Giorgio Behrs Selbstbild gehört, dass er als Machtmensch eine Zeitung besitzen müsse (eine andere Geschichte besagt, er habe den Bock gekauft, weil er sich von den Schaffhauser Nachrichten schlecht behandelt fühlte). Der Schaffhauser Publizist und ehemalige Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier sagt, Behr verstehe sehr viel von Medien, er pflege gute Kontakte zu Schweizer Verlegern, interessiere sich stark für die Branche. Klar ist auch: Ohne Mäzen wird es für den Bock kritisch. Und die Söhne, die sind in Schaffhausen weniger verankert als der Vater.
Sohn Pascal sagt: «Mein Vater hatte stets das Gute für die Region im Kopf. Ich habe immer gestaunt, wie stark er an Schaffhausen hängt, obwohl ihm nicht viel Liebe entgegengebracht wurde.» Er selber wohnt in Eglisau und wird sich kaum so stark für die Region einsetzen wie der Vater. «Schaffhausen könnte das Vakuum, das mein Vater hinterlässt, schon zu spüren bekommen.» Der Bock jedenfalls, der gehe an der Jungmannschaft «völlig vorbei».
2019 erschien in der AZ eine Reportage vom IVS-Schiff, das lokale Wirtschafts- und Politeliten zum Networking über den Rhein gondelte. Alle waren da, geladen hatte Giorgio Behr, und alle tanzten nach seiner Pfeife. Als das Schiff anlegte, um ein paar Journalisten auszuladen, rief Behr: «Dass mir kein Regierungsrat abhaut!» Alle Regierungsräte blieben brav an Bord.
Solche Rufe werden bald nicht mehr ertönen.