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Er hat das Orchester im Griff. Mit einer unglaublichen Intensität erklärt Valery Gergiev den Musikern, wie er eine bestimmte Stelle interpretiert haben will. Er erklärt, gestikuliert, rollt mit den Augen, singt, brüllt, springt in die Luft. Seine Augen glühen vor Begeisterung, wenn er über das Stück spricht. Er lockt und lobt, bis die Musiker so spielen, wie er es will. Und dann freut er sich wie ein kleiner Junge, strahlt über das ganze Gesicht, die Sonne geht auf. Der Mann arbeitet hart. Schon während der Proben fliesst der Schweiss, nein, er spritzt; und dann erst im Konzert – man wähnt sich auf dem Sportplatz und nicht im Konzertsaal. Gergiev holt das Letzte aus dem Orchester, er schont niemanden. Am wenigsten aber sich selbst. Davon kann sein Kirow-Orchester ein Lied singen. Legendär ist unter den Musikern die «verrückte Tour», auf der in sieben Tagen vier Opern in sechs Städten aufgeführt wurden. Kein Zweifel: Gergiev ist ein Superstar unter den heutigen Dirigenten; wer mit ihm arbeiten kann, nimmt so manches auf sich.
Dirigieren ist gefährlich
Doch Dirigenten, wie wir sie heute kennen, gibt es erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Früher war der Komponist gleichzeitig auch Dirigent. Bach, Händel, Vivaldi leiteten die Aufführungen ihrer Werke noch im Sitzen, vom Cembalo oder der Violine aus. Es gab auch Kapellmeister, die den Takt mit einem massiven Holzstab auf den Boden klopften. Der bekannteste, Jean-Baptiste Lully, war Kapellmeister des Sonnenkönigs. Berühmt wurde er, weil er sich im Dirigiereifer seinen Taktstock versehentlich in den Fuss rammte und schliesslich an Wundbrand starb. Der erste Fall von Dirigieren mit Todesfolge.
Massgeblich beteiligt am Entstehen des modernen Dirigenten war Richard Wagner. Er war ausser Stande, die komplexe Partitur seiner 1859 vollendeten Oper «Tristan und Isolde» selbst zu dirigieren. Bevor er sein Meisterwerk in einer Schublade vergammeln liess, suchte er einen begabten Musiker, dem er sein Werk anvertrauen konnte. Und fand ihn in Hans von Bülow, einem ihm treu ergebenen Jünger. Von Bülow wurde zum ersten bedeutenden hauptberuflichen Dirigenten. Er bezahlte dies jedoch teuer: Wagner spannte ihm die Gattin aus – die spätere Cosima Wagner.
«Verwünschtes Hölzchen»
Mit den Dirigenten kam auch der Taktstock in seiner heutigen Form auf. Dieses neue Werkzeug stiess jedoch nicht überall auf positives Echo. Ein Zeitgenosse Mendelssohns wetterte nach einem Opernbesuch im Leipziger Gewandhaus, ihm habe «von jeher der verfluchte weissbuchene kleine Taktstock Ärgernis gegeben». Das Zeitalter der Tyrannei des «verwünschten Hölzchens» war angebrochen. In «Masse und Macht» schreibt Elias Canetti, es gebe «keinen anschaulicheren Ausdruck für Macht als die Tätigkeit des Dirigenten». Der Dirigent sei allwissend, denn während die Musiker nur ihre Stimmen vor sich liegen hätten, habe er die vollständige Partitur im Kopf oder auf dem Pult.
Viele grosse Dirigenten des zwanzigsten Jahrhunderts herrschten über ihre Orchester, ohne Widerspruch zu dulden. Arturo Toscanini, bekannt für seine legendären Wutanfälle bei Proben, war der erste absolutistische Herrscher unter den Dirigenten. Sein grösstes musikalisches Anliegen war die absolute Werktreue: Die Partitur war Gesetz. Der Dirigent sollte «nicht schöpferisch tätig sein, sondern ausführen». In der Romantik etwa war es durchaus üblich, dass der Dirigent die Partitur seinen persönlichen Neigungen anpasste. Hans von Bülow arbeitete Beethoven-Symphonien um, mit der Begründung, der ertaubte Komponist könne das nicht so beabsichtigt haben. 30 Jahre nach Toscaninis Tod stellte sich heraus, dass auch der werktreue Maestro Retouchen an Beethovens letzten Symphonien vorgenommen, dies aber tunlichst geheim gehalten hatte.
Karajan: geschäftstüchtig und abergläubisch
Auch Herbert von Karajan war ein autokratischer Herrscher. In Toscanini hatte er nicht nur ein musikalisches Vorbild gefunden, sondern verstand es wie dieser, sich stets ins rechte Licht zu rücken. Gerne pflegte er das Bild des Lebemannes, liess sich immer wieder am Steuer seiner Yacht oder seines Privatjets ablichten. Karajan war nicht nur ein genialer Musiker, der auf der ewigen Suche nach dem absoluten Klangideal seine Musiker zu Höchstleistungen peitschte, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann und Marketingstratege. Von keinem anderen Dirigenten gibt es denn auch so viele Aufnahmen. Zu seinen Lebzeiten entstanden fast 900 Schallplattenaufnahmen. Immer den heiligen Gral des perfekten Klanges vor Augen, war er auch massgeblich an der Entwicklung der CD beteiligt. Der Technikfreak hatte aber auch seine abergläubische Seite. Walter Stenz, langjähriger Orchesterwart des Schweizerischen Festspielorchesters, erinnerte sich einmal, dass er Karajan jeweils vor dem Auftritt einen Tritt versetzen musste: «Einmal habe ich ihm einen solchen Tritt versetzt, dass er vorne bei der Tür landete.»
Bernstein knallte seine Zähne aufs Pult
Mit Leonard Bernstein starb 1990 der letzte «Titan des Taktstocks». Waren Toscanini und Karajan Alleinherrscher am Dirigentenpult, so war der egomanische Exzentriker Bernstein der Popstar unter den Dirigenten. Er betrachtete Musik als eine demokratische Kunst, die er auch einem breiteren Publikum zugänglich machen wollte. Unbescheiden bezeichnete er sich als «grössten Erfolg seit Jesus Christus» oder als «Reinkarnation von Gustav Mahler». Mit einer erstaunlichen Distanzlosigkeit duzte er jedermann, verteilte freizügig Küsse, wenn ihm gerade danach war. Seine Begeisterungsfähigkeit trieb auch skurrile Blüten: Bei einer Probe zu Sibelius’ Zweiter Symphonie soll er vor Entzücken seine dritten Zähne auf das Pult geknallt haben. Während Plattenaufnahmen brach er bei rührenden Stellen in Tränen aus oder setzte bei Höhepunkten zum berühmten «Lenny Leap», zu einem Luftsprung, an. Bernstein war neben aller Exzentrik ein begnadeter Lehrer und setzte dieses Talent in seiner TV-Show «The Young People’s Concerts» auch telegen um. Er machte E-Musik auch einem jungen Publikum zugänglich und entstaubte das Image der klassischen Musik.
Tobende Maestros sind passé
Die Zeit der autokratischen Orchesterleiter ist vorbei. Das wurde bei der Wahl des Nachfolgers von Herbert von Karajan deutlich. Die Berliner Philharmoniker kürten Claudio Abbado 1989 zum neuen Chefdirigenten und Nachfolger Karajans. Mit Karajan hatten sie jahrelang einen imperialen Herrscher; nun wählten sie mit Abbado einen Demokraten, der das genaue Gegenteil verkörperte. Dirigenten wie Franz Welser-Möst, Simon Rattle oder Esa-Pekka Salonen gehört die Zukunft. Experten sind sich einig: Die Zeit der tobenden Maestros ist vorbei. Heute ist Zusammenarbeit angesagt. Vielleicht ebnet dieser Paradigmenwechsel bald auch einmal mehr Frauen den Weg ans Dirigentenpult. Auch wenn Musikerinnen wie Julia Jones (1998 – 2002 war sie Chefdirigentin an der Oper Basel, heute dirigiert sie an den wichtigsten Häusern Europas) oder die junge estnische Dirigentin Anu Tali (sie leitet das estnisch-finnische Symphonieorchester) antreten, um das Gegenteil zu beweisen: In führenden Positionen bleiben Frauen die Ausnahme. Das deutsche Magazin «Das Orchester» rechnete in seiner Ausgabe vom Mai 2005 aus, dass an den 79 deutschen Opernhäusern nur drei Generalmusikdirektoren weiblich seien, was 2,5 Prozent entspricht. Viel mehr Frauen sind auch in den höchsten wirtschaftlichen Positionen nicht vertreten. It’s a man’s world. Die französische Komponistin und Dirigentin Nadia Boulanger (1887–1979), eine der einflussreichsten Musikerinnen des 20. Jahrhunderts, antwortete auf die Frage nach ihrer Arbeit als Dirigentin und ihrer Stellung als Frau in einer von Männern dominierten Welt: «Wenn ich zum Dirigieren aufstehe, denke ich nicht darüber nach, ob ich ein Mann oder eine Frau bin. Ich mache meine Arbeit.»
Aus: Bulletin Spezial «World Orchestra for Peace», Juli 2005