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Im März 2017 besuchten Kurt und ich die Kaffeebauern im nördlichen Sumatra. Wir wurden am Flughafen von Medan, der grössten Stadt Sumatras, sehr nett empfangen. Auf dem Programm stand der Besuch des Orang-Utan Schutzprojektes nahe Medan und eine Reise zu den Kaffeebauern in der Provinz Ace, etwa 400km nördlich von Medan.
Wir fuhren zum Leuser National Park, vier Fahrtstunden westlich von Medan, zum Orang Utan Project in Bukit Lawang. Die von Regina Frey ins Leben gerufene Paneco Stiftung betreibt dort eine Eco-Lodge, von der aus die Orang-Utans auf Dschungel-Trekkings in freier Wildbahn beobachtet werden können.
Die Fahrt war lang und die Strasse voller Schlaglöcher. Der Verkehr in Medan war enorm – ein täglicher Dauerstau von 6-22 Uhr abends! Ausserhalb der Stadt wurde einem schnell klar, was die Haupteinnahmequelle dieser Region ist: Palmöl.
Soweit das Auge reicht, reiht sich Palme an Palme. Diese Plantagen sind bereits 30 Jahre alt und deshalb sind die Palmen erstaunliche 20 Meter hoch. Die Farmen reichen bis zum Fusse der Berge, an deren Hängen sich Palmöl wohl aufgrund der steilen Topografie kaum mehr ökonomisch anbauen lässt. Die Vermutung lieght nahe, dass dies der Grund war, warum an diesen Berghängen der 8000 km2 grosse Leuser National Park kreiert wurde. In diesem Park leben die noch letzten schätzungsweise 5000 freilebenden Orang-Utans.
Es war bereits dunkel, als wir das Dorf Bukit Lawang erreichten und zu Fuss auf einer Hängebrücke einen breiten Fluss überquerten, um die auf der Urwaldseite liegende Eco-Lodge zu erreichen. Bereits am nächsten Morgen sollten wir die ersten Tiere zu Gesicht bekommen: Schon nach fünf Minuten entdeckten wir die ersten beiden Orang-Utans, eine Mutter mit ihrem vierjährigen Jungen. Am auffälligsten war das ockerfarbene Fell, welches sich kontrastreich gegen das hellgrüne Laub der Bäume abhob. Die beiden hingen etwa zehn Meter über uns im Geäst. Das Junge hangelte sich sehr neugierig an Lianen über unseren Köpfen hin und her. Ein unglaublich friedliches Bild. Nach wenigen hundert Metern erwartete uns bereits die nächste Begegnung mit einem Orang-Utan. Ein Männchen mit eindrücklichen Gesichtslappen und sehr langem, zotteligem Fell rumorte in den Bäumen. Unser Guide wurde aufmerksam und drängte uns auf dem Pfad vor sich her. Promt kletterte der Orang-Utan vom Baum herunter und lief uns zu meiner Überraschung auf allen Vieren hinterher. Nun stolperten wir schon bald im Trab durch den Dschungel und waren sehr erleichtert, als sich das Männchen wieder auf einen hohen Baum zurückzog. Besonders beeindruckend war die Ruhe, mit der sich die Tiere an ihren unglaublich langen Armen (Spannweite bis zu 2.5m) wie fast in Zeitlupe durch den Wald hangelten. Wir begegneten auch Pavianen und Thomas-Äffchen, die sich uns frech näherten. Der feuchte Wald mit seinen riesigen Bäumen, dem Gezirpe, den Affenrufen, dem Vogelgezwitscher und plätschernden Bächen war ein Riesenerlebnis!
Nach einer langen und rumpligen Fahrt erreichten wir am Nachmittag in einem abgelegenen Flusstal die Orang-Utan Quarantäne-Station. Hier nahmen vor 45 Jahren alle Projekte von Regina ihren Anfang. Ziel dieser Station ist es, Orang-Utans, die in Gefangenschaft gelebt haben, medizinisch zu versorgen, langsam wieder zu sozialisieren und hoffentlich wieder auszuwildern. Was uns erwartete, war erschütternd: Die meisten der 52 Orang-Utans in den Käfigen waren Jungtiere, die auch heute noch bei Leuten zuhause als „Haustiere“ gehalten werden. Oft werden deren Mütter beim Versuch, die Jungen zu fangen, abgeschossen. Da ein Orang-Utan als Jungtier sehr „süss“ aussieht, sich sehr lustig bewegt und menschliche Gebärden zeigt, haben offenbar viele Leute den Wunsch, einen Orang-Utan bei sich zuhause zu halten. Schon nach wenigen Jahren entwickeln die Tiere jedoch eine unglaubliche Kraft und werden den Besitzern schnell zur Last – und enden dann in dieser Station. Andere Tiere werden von der Polizei beschlagnahmt, weil sie verkauft wurden. Auch in anderen asiatischen Ländern gibt es eine Nachfrage nach Jungtieren. Leider wird der Handel und die Haltung dieser Tiere kaum sanktioniert.
Die Tiere kommen zuerst in Einzelhaltung und werden medizinisch untersucht. Dabei testet man sie auf Hepatitis, Tuberkulose oder Malaria. Falls nötig werden die Affen auch operiert. Hierfür steht ein blitzsauberer OP zur Verfügung. Anschliessend kommen die jüngeren Tiere gemäss ihrem Alter in ein Gruppengehege, wo sie soziale Eigenschaften und Aktivitäten wie ein Nest bauen und die Futterbeschaffung erlernen sollen. Ab sechs Jahren werden die Tiere in Vierergruppen durch Pfleger im Leuser Nationalpark in der Provinz Aceh ausgewildert. Tiere mit schweren Gebrechen wie Blindheit oder Verstümmelungen werden möglichst würdevoll gehalten und später hoffentlich im Orang-Utan Heaven, einem nächsten Projekt von Regina, auf einer Insel in einer Art Zoo ihren Lebensabend verbringen können.
Dann gingen wir auf einen Kaffee los! Die Fahrt dauerte über elf Stunden.
Takengon (400’000 Einwohner) liegt auf 1200 Metern an einem See. Die Stadt besteht aus dem üblichen Gewirr aus rohen Betonbauten, Schuhschachtelgeschäften und Märkten; der grösste Wirtschaftszweig der Region ist klar der Kaffeeanbau und die Verarbeitung der Bohnen. Zu unserer Überraschung stieg mir sofort der Geruch von frisch geröstetem Kaffee in die Nase. Direkt neben unserem einfachen Hotel befand sich eine gegen die Strasse offene Kaffeerösterei mit einem 5 kg Röster. Später entdecken wir etliche Coffeeshops, die sich auch bei uns durchaus in die Third-Wave-Coffee-Szene hätten einreihen können.
Am nächsten Morgen wurden wir von Yenni, der Agronomin von Orang Utan Coffee, begrüsst. Sie war extra per Bus über Nacht aus Medan angereist. Sie hatte offenbar ihr ganzes örtliches Team aufgeboten: Hanifan, der Agronom vor Ort, und der sehr sympathische Kaffeebauernleiter Mulyadi, selbst ein Kaffeebauer, wurden uns vorgestellt. Dann besichtigten wir die Drymill und die Sortierungsanlage in der Vorstadt (mit dem Erlös unseres Crowdfunding-Projektes möchte Orang Utan Coffee mit dem Bau einer eigenen Anlage beginnen können). Andy, der Leiter der Anlage, die von Orang Utan Coffee nur gemietet wird, erklärte uns jeden einzelnen Schritt der Verarbeitung der Bohnen.
Verarbeitung von Orang Utan Kaffee: Kleinbauern, in Bauerngruppen organisiert, pflücken die reifen Kaffeekirschen ihrer 1-2 Hektaren grossen Kaffeeplantagen. In einem Wasserbad schwimmen die defekten Kirschen oben auf und werden abgeschöpft, während die verwertbaren Kirschen auf den Grund des Beckens sinken. Diese Kaffeekirschen werden in einer einfachen Mühle gequetscht, wodurch die Bohnen vom Fruchtfleisch getrennt werden. Zuweilen werden diese Mühlen von Hand, oder aber auch von einem rasenmäherähnlichen Motor betrieben. Anschliessend werden die Bohnen kurz gewaschen und in einer verschlossenen Plastiktüte über Nacht fermentiert. Dabei zerfressen Bakterien das schleimige Fruchtfleisch, welches noch an den Bohnen haftet. Später werden die Bohnen auf den Vorplätzen der Wohnhäuser oder direkt auf den steilen Betonstrassen an der Sonne getrocknet. Die Bohnen werden auf Plastikplanen ausgebreitet, die sofort mitsamt dem Kaffee darauf zusammengefaltet und eingerollt werden, wenn ein Regenguss droht.
Sobald der Feuchtigkeitsgehalt in den Bohnen auf 40% reduziert ist, wird der Kaffee nach Takengon in die „Drymill“ transportiert, wo das „Parchment“ entfernt wird. In einem weiteren Trocknungsprozess auf Plastikplanen, die auf dem riesigen Trocknungsplatz ausgebreitet werden, reduziert sich der Feuchtigkeitsgehalt auf 12%. Daraufhin beginnt der Sortierprozess. Mittels einer Rüttelmaschine werden Dreck, Steine und schlechte Bohnen separiert. Danach sortieren Frauen von Hand die „Defects“ (Bohnen, die von Insekten befallen wurden, halbe Bohnen, verfärbte Bohnen und verfaulte Bohnen) aus. Eine Frau schafft in einem Tag die unglaubliche Menge von 60kg, was einem Sack Grünkaffee entspricht. Nach dem Handverlesen wird der Kaffee der einzelnen Bauern gewogen und registriert, dann mit den Bohnen der Bauerngruppe gemischt und in einem abschliessenden Durchgang in der Sortiermaschine noch ein letztes Mal aussortiert. Der Kaffee minderer Qualität wird nicht fortgeworfen, sondern für den lokalen Markt verwendet.
Anders als in allen anderen Kaffeeländern wird der Orang-Utan-Kaffee nach dem „Drymill“-Prozess fertig getrocknet.
Am Nachmittag fuhren wir zu Muyladis Dorf Wih Bersih (1300-1600m) und besuchten dort seine 1.5 ha grosse Kaffeeplantage. Eine Bauerngruppe aus diesem Dorf begann 2012, Kaffee unter dem Label Orang Utan Coffee zu produzieren. Mittlerweile sind es fünf Dörfer, deren Bauern ihren Kaffee nach indonesischen Biorichtlinien anbauen und zudem weitere Orang Utan Coffee-spezifische Richtlinien erfüllen müssen. Auch hier konnte ich Reginas Einfluss spüren. Es wird kein künstliches Düngemittel gestreut und kein Pestizid oder Herbizid versprüht. Die Bäume werden mit Kompost, der aus den Fruchtschalen der Kaffeekirschen und Grünabfall besteht und mit Mikroorganismen angereichert wird, genährt. Anders als zum Beispiel in Afrika oder Südamerika werden die Bäume hier auch schirmartig gestutzt. Der Stamm wird nie ganz abgeschnitten; der Baum wird auf einer Höhe von 1.8m gehalten.
Die Bauern bereuen die Teilnahme am Projekt offenbar nicht. Muyladi beteuerte, dass ihm und seiner Familie die zusätzlichen Prämien, die Orang Utan Coffee generiert, sehr geholfen hätten, um seinen Lebensstandard zu verbessern. Für jedes Kilo Grünkaffee bezahlt Orang Utan Coffee 1 EUR in Prämien, davon kommen 0.50 EUR dem Orang-Utan Schutzprogramm zugute, 0.25 EUR erhält der Bauer direkt und 0.25 EUR gehen in die gemeinsame Kasse der jeweiligen Bauerngruppe.
Kurt und ich waren von der Gesamtheit des Projektes und den netten Leuten dahinter beeindruckt und freuen uns sehr, diesen Kaffee bei uns im Sortiment zu haben.
Zum Abschied bewirtete uns Muyladi vor seinem Haus am steilen Hang mit Orang Utan Coffee, den er auf einfachste Weise wie für ein Cupping zubereitet hatte. Der Kaffee war kräftig und weckte Erinnerungen an unseren Kaffee in Eglisau.