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Poetry Slam entstand Mitte der 1980er-Jahre in Chicago. Im deutschsprachigen Raum hielt die Dichterschlacht erst Mitte der 1990er-Jahre Einzug. Wie und wann seid ihr in die Szene «reingerutscht»?
Jennifer Unfug: Ich habe schon immer für mich geschrieben. Per Zufall bin ich dann irgendwann auf eine Veranstaltung im Talhof in St. Gallen gestossen. Obwohl ich sehr nervös war und meinen Text erst zwei Tage vor der Veranstaltung fertig hatte, ist der Auftritt gut gelaufen. Seither stand ich immer wieder auf der Bühne und nahm letztes Jahr zum zweiten Mal an den Schweizer Meisterschaften teil.
Patrick Armbruster: Ich war in einer Schriftstellergruppe mit dem Namen «Gruppe 02». Mit ihr hatte ich ab 2001 diverse Auftritte, unter anderem an Orten, an denen auch Slams stattfanden. An einer Lesung fand Etrit Hasler, einer der Pioniere der Schweizer Slam Poetry, ich solle doch auch mal an einem Slam mitmachen.
Lara Stoll: Von einem Freund habe ich erfahren, dass es dieses Format gibt. Ich war neugierig und habe mir einen Poetry Slam in Schaffhausen angesehen und beschlossen, das nächste Mal auch teilzunehmen. Ich trug einen fürchterlich klischierten Text über Montage vor und wurde Drittletzte. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Gerade in den Anfangszeiten des Poetry Slams kamen viele herausragende Poetinnen und Poeten aus der Ostschweiz. Warum?
Patrick: Tatsächlich stammten damals viele Slammer aus der Ostschweiz. Dasselbe gilt heute für Bern und andere Städte – das dürfen wir nicht vergessen. In der Schweiz spielt die Region, aus der man kommt, eigentlich keine Rolle. Alles ist so nah, dass man schnell die ganze Szene kennt.
Lara: Irgendwo habe ich mal gelesen, das sei so, weil die Ostschweizer eben schneller reden (lacht). Nein, ernsthaft, es war früher nicht so viel los im Westen der Schweiz. Damals waren es die Städte St. Gallen und Schaffhausen, Frauenfeld und auch Winterthur, in denen regelmässig Slams veranstaltet wurden. Es gibt nur dort Nachwuchs, wo gesät wird.
Jennifer, du kommst ursprünglich aus dem Osten. Spielt die geografische Nähe zu Deutschland, der Hochburg des deutschsprachigen Poetry Slams, eine Rolle, weshalb die Dichtkunst in dieser Region so populär ist?
Jennifer: Ja, auf jeden Fall. Man ist vertrauter mit der deutschen Sprache, wenn man nahe an der Grenze lebt. Viele Texte werden in der Schweiz in Schriftsprache vorgetragen.
Lara, mittlerweile bist du in Zürich zuhause. Welchen Bezug hast du noch zu Winti?
Lara: Ich liebe Winti. Verdammt, ich bin jetzt seit über vier Jahren aus der Stadt weggezogen und sie wärmt immer noch mein Herz. Ich glaube, das wird auch immer so sein. Zwar liebe ich auch Zürich – aber eher aus pragmatischen Gründen. Rot und Wiis, es Läbe lang. Damn!
Winterthur hat sich als Poetry Slam-Stätte etabliert. Warum denkt ihr, ist das so?
Jennifer: Der Dichtungsring im Albani spielt sicher eine grosse Rolle. Dieser findet schon seit Jahren statt. Ausserdem hat man von überall her gute Verbindungen nach Winterthur. Und der Ruf der Kulturstadt bestätigt sich einmal mehr: Die Winterthurerinnen und Winterthurer sind alternativ und offen für Kultur.
Patrick: Egal ob im Kraftfeld, Albani oder Casinotheater – Winterthur ist ein Anlaufpunkt, auf den man sich verlassen kann. Etrit und ich veranstalten hier seit 2002 regelmässig Anlässe, was der Szene zu einer grossen Stabilität verholfen hat.
Lara: In Winterthur leben einerseits viele junge Leute, Studentinnen und Studenten, die vor allem den wiederaufgenommenen Open-List-Slam im Albani besuchen. Auf der anderen Seite gibt es das Theater-Publikum, welches eher den Casino-Slam besucht. Die Winterthurerinnen und Winterthurer sind sich viel Kultur irgendwie gewöhnt. Man geht hin.
Wie bereits angesprochen, veranstaltest und moderierst du, Patrick, seit 2002 den Open-List-Slam «Dichtungsring». Kein Wunder, giltst du als Urgestein der Szene. Was hat sich seit deinen Anfängen verändert?
Patrick: Ab 2005 ist die Szene dank den U20-Meisterschaften gewachsen und hat sich verjüngt. Die grösste Veränderung ist aber, dass es mehr regelmässige Slams gibt, während es früher mehr einzelne Veranstaltungen gab. Die neue Regelmässigkeit führt zu einem stärkeren Zusammenhalt in der Szene.
Stellst du heute generationsbedingte Unterschiede fest?
Patrick: Youtube hatte in den letzten Jahren einen gewaltigen Einfluss. Im Jahr 2002 gab es keine Möglichkeiten, Slams ausserhalb einer Veranstaltung zu hören oder zu sehen. Es gab in dem Sinne keine Vorbilder, deren Auftritte man sich immer und immer wieder ansehen konnte. Heute merke ich, dass die Leute mit dem Format vertrauter sind: Man kennt die Dichterbattles aus dem Internet.
Auch du, Lara, bist schon lange dabei. Seit über zehn Jahren nimmst du an Slams teil und hast schon mehrere Preise gewonnen. Welche Veränderungen hast du beobachtet?
Lara: Es gibt immer wieder mal Trends, was den Inhalt und den Vortrag auf der Bühne betrifft. Momentan neigt man in Deutschland wieder eher dazu, kritischere Themen aufzugreifen und trägt auswendig vor. In der Schweiz dominieren zurzeit eher Wortspieltexte oder schnelles und sarkastisches «Storytelling». Ob die Beobachtungen immer noch zutreffen, weiss ich aber nicht: Ich komme leider nicht oft dazu, Slams zu besuchen.
Kann sich die Szene noch weiterentwickeln? Oder ist der Peak erreicht?
Lara: Ich denke nicht, dass es in der Schweiz solch krasse Ausmasse annimmt wie beispielsweise in Hamburg. Ich glaube auch nicht, dass es nochmals eine Poetry-Slam-Sendung im Fernsehen geben wird (das hat das WDR mal gemacht). Ich mache mir allerdings keine Sorgen um das Format. Solange die Slammer unterhalten, unterhalten sie. Darum geht es.
Mit der Nebeneinander-Poetry Slam Show gibt es seit ein paar Monaten einen neuen Open-List-Slam in der Reflection Bar. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen gibt es dort aber keine Gewinnerin und keinen Gewinner. Als Veranstalterin sagst du, Jennifer, von dir selber, dass du Wettbewerbe hasst. Ist Poetry Slam ohne Wettbewerb nicht einfach ein Poesie-Abend?
Jennifer: Als ich den Nebeneinander-Slam aufgezogen habe, gab es einige Diskussionen. Mit dem Begriff Slam Show hatte man dann aber einen Konsens gefunden. Klar, der Name «Slam» impliziert den Wettbewerb. Trotzdem ist der Begriff meiner Meinung nach auch beim «Nebeneinander» berechtigt: Der Ablauf, die Regeln und die Leute, die auftreten sind dieselben. Ausserdem ist Slam Poetry mehr als nur ein Wettbewerb. Ich hätte das Ganze natürlich auch Lesebühne nennen können – nur, dann wären wahrscheinlich praktisch keine Leute gekommen (lacht).
Mit dem neuen Format gibst du eine Gegensteuer zum wettbewerbsorientierten Charakter des Poetry Slams. Kritikerinnen und Kritiker bemängeln an der Szene oft, dass die Kunst eventisiert wird. Durch das Wettbewerbs-Prinzip verlieren die Slams an Variationen, weil bewusst darauf fokussiert wird, das Publikum zu überzeugen.
Jennifer: Der Raum ist eng geworden für ernste Texte an den Wettbewerben. Die Leute mögen leicht Verdauliches, deshalb gewinnen an den Wettbewerben oft die lustigen Texte. Wir haben aber nicht den Anspruch, das System umzustürzen oder den Wettbewerb aus der Szene zu verbannen. Es wird immer Leute geben, die sich messen wollen und das ist auch gut so. Beim «Nebeneinander» werden oft Texte vorgetragen, die bei einem Slam nie gewinnen würden. Das Format bietet daher eine neue Plattform.
Patrick: Popularisieren der Kunst? Das ist ein Kompliment! Merci vielmals. Bevor der Slam in der Schweiz ankam, war die nationale Live-Literaturszene unheimlich langweilig. Literarisch ansprechende Texte werden vom Publikum tatsächlich nicht immer belohnt. Slam ist aber eine Mischform von Literatur und Entertainment – was eine Kunst für sich ist. Beim Slam bekommt man ein direktes Feedback, Anerkennung, Applaus etc. Das macht ihn für viele Poetinnen und Poeten verführerisch. Klar ist die Versuchung gross, seine Texte dem Geschmack des Publikums anzupassen, um diese positive Rückmeldung zu erhalten. Wenn man aber nur das macht, ist es mit der Zeit den meisten zu «unerfüllend».
Lara: Ich verstehe das Problem nicht. Es ist ja nicht so, dass Poetry Slam eine andere Literatur-Form verdrängt. «Die Räuber» wird ja immer noch aufgeführt, oder?Jede und jeder soll die Kunst machen können, die für sie oder ihn am besten passt. In der Zeit, in der sich jemand darüber Gedanken macht oder sich aufregt, hätte sie oder er schon längst einen schreibenden Klodeckel, der «die Räuber» mit viel «Tiefe» neuinterpretiert, erfinden können – und stünde morgen damit im Feuilleton der NZZ.
Sind Slams eine Art Startrampe für anspruchsvollere literarische Kultur?
Patrick: Das Gewinnen eines Slams – wie zum Beispiel den Dichtungsring – führt nicht sofort zu etwas Grösserem. Jeden Monat gibt es eine neue Gewinnerin oder einen neuen Gewinner. Es gibt auch kein Ligaformat. Bis auf die Schweizer Meisterschaften wird der Wettkampf nicht wirklich ernst genommen. Das heisst, ein Sieg katapultiert dich nicht in andere Gefilde. Meiner Meinung nach waren die Leute, die zum Poetry Slam kommen, schon vorher an Literatur interessiert und haben nicht erst nach 20 Slams den Anspruch, einen Roman zu schreiben.
Dennoch ist Poetry Slam manchmal der Startschuss für eine grosse Karriere: Hazel Brugger und Renato Kaiser beispielsweise sind mittlerweile schweizweit bekannt und können sich mit ihrer Kunst den Lebensunterhalt verdienen. Auch du, Lara, hast eine steile Karriere hingelegt und feierst mit anderen Projekten wie deiner Punkband «Pffff» und der Sendung «Bild mit Ton» Erfolge. Welche Türen hat dir der Poetry Slam geöffnet?
Lara: Einerseits habe ich gelernt zu schreiben und Leute zu unterhalten. Bei Auftritten bekommst du es schnell zu spüren, wenn dein Text langweilig ist. Andererseits habe ich für die neuen Projekte einiges an medialer Aufmerksamkeit bekommen. Das macht es mir leichter, Publikum anzuziehen, wenn ich einen Film präsentiere oder einen Auftritt mit der Punkband habe. Mittlerweile habe ich mich aber etwas von der Slam Poetry emanzipiert, trotzdem kenne ich aber meine Wurzeln sehr genau und verdanke dem Format enorm viel.
Die Frauenquote ist im Poetry Slam immer noch sehr tief. Warum ist das so?
Jennifer: Als Veranstalterin und Moderatorin bin ich noch mehr in der Unterzahl denn als Slammerin. Hier gibt es definitiv noch einen grossen Aufholbedarf. Das Aussehen scheint bei Frauen leider immer noch eine Rolle zu spielen. Hübsche Frauen kommen nach wie vor besser beim Publikum an, als solche die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Bei Männern ist es egal, wie sie aussehen. Dieser Schönheitsdruck ist natürlich «kacke». Der Grund für die tiefe Frauenquote ist aber meiner Meinung nach der Umstand, dass Frauen grundsätzlich weniger geltungsbedürftig sind. Allgemein gibt es zurzeit aber einen Trend, dass mehr Frauen ihre Texte vor Publikum vortragen.
Lara: Es braucht nun mal ein bisschen Überwindung, auf die Bühne zu stehen. Man muss glauben, dass man in der Lage ist, einen unterhaltsamen Text (ernst oder lustig ist egal) zu produzieren und das Publikum von sich zu überzeugen. Männer überschätzen ihre Fähigkeiten eher, während Frauen sich tendenziell zu wenig zutrauen. Das liegt daran, dass Mädchen und Jungen immer noch unterschiedlich erzogen werden. Ich betreibe zwar keine Nachwuchsförderung, rate aber den Frauen dringendst, nicht zu viel nachzudenken und einfach anzufangen. Es gibt nicht viel zu verlieren.
Patrick: Ich komme aus einer Zeit, in der Poetry Slam noch eine absolute Männerdomäne war. Es bessert sich. Eine Weile lang habe ich frustriert beobachtet, wie in der U20-Szene 90 Prozent der Teilnehmenden Frauen waren, danach aber nur die 10 Prozent der Männer weitermachten. Dass Frauen weniger Geltungsbedürfnis haben als Männer, glaube ich jedoch nicht. Im Bereich Singer/Songwriter ist das Verhältnis zum Beispiel ausgewogen.
Was muss eine gute Slammerin, ein guter Slammer können?
Jennifer: Das Allerwichtigste ist, dass man vom eigenen Text voll und ganz überzeugt ist. Zudem haben eloquente Wortwahl, Gestik und Mimik grosse Bedeutung. Auswendig vortragen zu können, finde ich schön, aber nicht unbedingt nötig. Von Vorteil ist es auch, wenn man dem Publikum etwas Neues bieten kann.
Lara: Die Mischung aus Textinhalt und Präsentation muss stimmen. Das kann alles Mögliche heissen. Eine in schlechtem Hochdeutsch vorgelesene Auflistung aller Affenarten kann genauso gut ankommen wie eine schön gereimte Ode an den Geisteszustand von Schiller, als er «die Räuber» geschrieben hat. Slam Poetry ist etwas komplett Individuelles: Man muss herausfinden, was für ein Typ man ist, was man gut kann, welche Form sich natürlich anfühlt, und dann heisst es: arbeiten.
Patrick: Drei Sachen: guter Text, gute Stimme und vor allem gutes Timing. Du musst es schaffen, dass die Leute das grosse Finale eines Textes erkennen.
Patrick, du bist Slammer und Moderator. Viele Leute kommen, weil der Unterhaltungswert der Moderation hoch ist. Was unterscheidet einen guten Moderator von einem guten Slammer?
Patrick: Der Moderator sollte sich zurückhalten und wissen, dass an diesem Abend nicht er, sondern die Poeten und Poetinnen im Zentrum stehen. Was auch hilft, ist, die Szene zu kennen. Was nicht in die Moderation mit einfliessen sollte, sind persönliche Vorlieben, was den Stil eines Textes angeht.
Hat Poetry Slam einen politischen Einfluss?
Patrick: Ja, insofern, dass es immer wieder mal Slammer gibt, die ein politisches Thema neu beleuchten. Das ist zwar selten, aber kommt dennoch immer wieder mal vor. Ob das einen konkreten Einfluss auf Abstimmungen hat, weiss ich jedoch nicht. Die Szene an sich ist eher politisch, es wird viel diskutiert.
Jennifer, deine Texte sind oft sehr politisch. Was hat das für Gründe?
Jennifer: Mit Poetry Slam kann man Perspektiven eröffnen: Die Leute hören dir sechs Minuten lang zu und sind auch offen für das Gehörte. Da bleibt einem mehr, als wenn man einfach einen Artikel überfliegt. Mit Sprache kann man Aha-Effekte erzeugen. Es geht aber nicht in erster Linie darum, jemanden umzustimmen oder zum Umdenken zu bewegen. Poetry Slam ist nicht Aktivismus, aber die Texte sind vielleicht Aufrufe im Kleinen was zu verändern.
Was habt ihr als nächstes geplant?
Jennifer: Das «Nebeneinander» wird weiterhin monatlich stattfinden, abgesehen von der Sommerpause, weil es in unserem Untergeschoss einfach zu heiss ist (lacht).
Patrick: Neuerungen beim Dichtungsring gibt es nicht, der läuft weiter wie bisher. Wir hoffen aber, dass die Kulturstadt Winterthur noch mehr Slammer hervorbringt!
Lara: Wir sind dabei unseren ersten Langspielfilm zu drehen. Parallel dazu plane ich ein neues elektronisches Musikprojekt. Ein neues Soloprogramm wird es auch bald geben. Beziehungsweise, es wird eine stündige Lesung mit seltsamen Liedern geben, die ich versuche mit meiner Gitarre zu vertonen.