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Über Geldbeziehungen
Geld ist die universale Ware, die mit allem getauscht werden kann. Jedes Ding und jede Arbeit kann durch Geld im Wert beziffert werden. Dadurch lässt sich alles in eine Beziehung zueinander setzen. Dies führt aber zum Verlust der Physiognomie der Dinge, denn der Charakter des Geldes hat einen Zwang zur Nivellierung durch Abstraktion in sich.
Wenn ich z.B. ein Kunst-Buch für 180 CHF und für den gleichen Betrag einen Rasierapparat kaufe, sind beide Dinge im Geldwert gleich, sie werden vergleichbar, jedoch hat jedes seine Eigenheit verloren. Dabei wird vom konkreten Interessenten abstrahiert, denn für eine Person könnte subjektiv das eine einen viel höheren, das andere kaum einen Wert haben (hier stossen objektive und subjektive Werturteile aufeinander). Geldverhältnisse erzeugen also Beziehungen, stellen Vergleichbarkeit her, jedoch auf Kosten von Singularität und qualitativer Besonderheit.
Im Allgemeinen werden dem Geld drei Funktionen zugeschrieben:
Geld erscheint in einer modernen Volkswirtschaft stets als ein «dokumentiertes Wertversprechen allgemeiner Geltung» (Günter Schmölders). Der Wert beruht auf der Anbindung an Edelmetalle, er kann auch vom Staat proklamiert und bestätigt werden, basiert jedoch wesentlich auf dem Vertrauen, das die Wirtschaftssubjekte in dieses Versprechen setzen. Wertschwankungen kann es durchaus auch bei der Wertdeckung durch Edelmetalle geben.
Alexander dem Grossen wird nachgesagt, dass er eine Inflation erzeugt habe, indem er den persischen Goldschatz zu Münzen schlagen liess und in Umlauf brachte. Von solch künstlichen Geldvermehrungen machen in unserer Zeit Regierungen oder Zentralbanken Gebrauch, wenn sie die Wirtschaft steuern wollen.
Am Beginn von Goethes «Faust II», in der Szene in der «Kaiserlichen Pfalz», wird im Staatsrat der staatliche Notstand infolge Staatsverschuldung verhandelt. Mephisto als Narr empfiehlt, die Schätze aus der Erde zu heben und damit den Staat zu sanieren:
«Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld. Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen; doch Weisheit weiss das Tiefste herzuschaffen. In Bergesadern, Mauergründen ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden, Und fragt ihr mich, wer es zu Tage schafft: Begabten Mann’s Natur- und Geisteskraft.»
Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1858-1918), einer der bedeutendsten gesellschaftswissenschaftlichen Theoretiker der Moderne, ging in seinem Hauptwerk «Philosophie des Geldes» (1900) davon aus, dass nicht die Substanzen, sondern die Relationen das Kennzeichen der modernen Welt sind. Die Beziehungen zwischen den Dingen, ihr Verhältnis im Wechsel der Entwicklungen machen die Realität aus. Der beste Ausdruck dafür ist das Geld.
Die Grossstadt mit ihren Geschwindigkeiten, ihrem raschen Wechsel der Eindrücke, dem flutenden Verkehr, der bewegten Menschenmenge ergibt ein Bild unzähliger Beziehungsverhältnisse zwischen den Personen und Dingen. Das Geld macht solche Verhältnisse fass- und berechenbar. Im Mythos der Moderne, der Grossstadt, wird Geld zu einer Metapher aller Relationen zwischen den bewegten Körpern und Waren.
Geld zählt zu den flüssigen Mitteln, die den Kreislauf der Wirtschaft durch ihre Zirkulation beleben und antreiben. Wie der Blutkreislauf zum Körper, so gehört der Geldkreislauf zum Wirtschaftsleben. Durch dieses Zirkulationsmittel erfolgt eine soziale Differenzierung in Schichten und Klassen; es bringt Armut und Reichtum hervor. Geld hat allerdings nichts mehr mit Geltung zu tun, obwohl der Gleichklang es nahelegt. In archaischen Kulturen gab es noch das «Hortgeld» als Machtsymbol und das «Schmuckgeld» als Mittel zur Auszeichnung.
Aus dem Verhalten gegenüber Geld können als habituelle Extreme Geiz und Verschwendung hervorgehen. In der Literaturgeschichte tritt der Geizige stets im Gewande des Alters auf (Geiz wird ursächlich auf Todesangst oder Impotenz zurückgeführt), der Verschwender dagegen in der Maske des jungen Menschen. Literarische Beiträge zu diesem Thema sind «Der Geizige» (1667) von Molière und die Posse «Der Verschwender» (1834) von Ferdinand Raimund.
In Molières Komödie «L’Avare (Der Geizige)» (1668) wird nicht zufällig der Besitz mit erotischen Bedürfnissen und Liebesbeziehungen in ein wort- und spannungsreiches Verhältnis gesetzt. Der betuchte Geizkragen Harpagon untergräbt alles, was seinen Kindern Lebenslust bedeutet. Er hat nur Sinn für seine im Garten versteckte Geldkassette. Diese ist das eigentliche Objekt seiner Begierde und einzig greifbarer Gegenstand seines Glücks. Als alter Verliebter will er heiraten, während seine Kinder an die verkuppelt werden sollen, die auf Mitgift verzichten. Seine panische Angst vor einem Verlust zeigt einen Charakter, der Besitz im ökonomische wie im erotischen Sinne gleichermaßen missversteht. Harpagon wurde zum Sinnbild der Habsucht, der Knauserei und der Geldgier. Den verhängnisvollen Geiz einer Frau hat der Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić in seinem meisterhaften Roman «Das Fräulein» – durchaus mit inzestuösen Implikationen – subtil beschrieben.
Wird Geld angelegt oder investiert, erhält es einen anderen Sinn: Es wird zum Kapital. Und dessen prosaische Funktion ist die Akkumulation, die Anhäufung. Einer solchen Auffassung hat der amerikanische Industrielle und Automobilkönig Henry Ford nachdrücklich widersprochen: «Der oberste Zweck des Kapitals ist nicht, mehr Geld zu schaffen, sondern zu bewirken, dass das Geld sich in den Dienst der Verbesserung des Lebens stellt.»
Die Akkumulation ist danach nicht der eigentliche Zweck des Geldes, sonst würde es – statt Mittel zu sein – zum Selbstzweck. Der Zweck des Geldes kann nicht das Geld sein, nämlich seine blosse Anhäufung, denn die grosse Zahl allein ergibt noch keinen rationalen Zweck. Das Streben nach den Millionen hat Mark Twain einmal launig so kommentiert: «Ich habe was gegen Millionäre, aber wenn ich die Chance hätte, einer zu werden, könnte ich für nichts garantieren.»
Das Schicksal des Lydierkönigs Kroisos, der die Ermahnungen Solons zur Mässigung – dabei auch das Ende zu bedenken – missachtet, die Orakel falsch interpretiert, die Götter mit Gold und Silber bestechen will und schliesslich aus Gier alles verloren hat, wurde durch die «Historien» des Herodot (ca. 484 – 424 v. Chr.) zu einem Exempel der ungezügelten Anhäufung des Reichtums und der imperialen Expansion der Macht, die in der Zerstörung endet. Kroisos will Persien, bevor es als Konkurrent zu stark und zu mächtig wird, seinem Herrschaftsbereich einverleiben – gewissermassen eine historisch frühe feindliche Übernahme im Zeichen der Globalisierung, jedoch noch mit wenig subtilen Mitteln.
Die Bedeutung der Münzen und Scheine oder der Buchungen liegt für viele Menschen darin, dass Geld ihnen eine bestimmte Verfügungsmacht verleiht. Dies kann sogar so weit gehen, dass die vollständige Käuflichkeit als die Zweckbestimmung aller Geldmittel angesehen wird.
Wer arbeitet, hat oft weniger Geld als derjenige, der das Geld für sich arbeiten lässt. Einst stand dem das Zinsverbot entgegen, heute ist es eine respektable Quelle, die zuweilen nur vor dem Finanzamt verborgen wird – sofern es überhaupt noch einen Zins gibt.
Gold hat Glanz, Gold ist Zeichen der Aura und des Heiligen – es wurde gezeigt und ins Licht gestellt. Die Goldreserven und Deckungsmittel werden heute hingegen vor dem Blick versteckt, in dunklen Tresoren verschlossen. Übrig geblieben ist vom ursprünglichen Goldglanz nur der trübe Schein abgegriffener Münzen oder beschädigter Banknoten. Dadurch verliert das Geld seine ästhetische Valenz und seinen sinnlichen Charakter, bei E-Banking vollends.
Dass das Geld ästhetischen Ansprüchen genügen muss, liegt darin begründet, dass es ursprünglich ein Mittel im Rahmen von religiösen Kulthandlungen war. Geld war längst, bevor es zu einem Zahlungsmittel in der Tauschwirtschaft wurde, ein Opferersatz. Wenn nämlich kein Tier für den Opfergang bereitstand, wurden stattdessen Gold- und Silbermünzen auf die Opferstätte gelegt. Auf den ältesten Münzen sind deshalb neben den Götterbildern die Opfertiere, zumeist ein Stier, abgebildet. Das Wort «Obolus» («seinen Obolus entrichten»), das heute noch Verwendung findet, bezeichnete den Spiess, mit dem das Opfertier dargebracht wurde.
Aus dem religiösen Bedürfnis nach Abstufung der Opfergaben – je nach Rang der numinosen Macht – entsteht eine Wertvorstellung und ein Wertmassstab, der schon viele Gemeinsamkeiten mit dem späteren Geld aufweist. Auf einen Beinamen der Göttin Juno, in deren Tempelbezirk die Münzen geprägt wurden, geht das lat. moneta zurück, aus dem das englische «money» und das französische «monnaie» sowie unser umgangsprachliches «Moneten» hervorgegangen sind. Bei den Römern hiess Geld «pecunia», was so viel wie Viehherde bedeutet, weil in der alten Naturalwirtschaft das Vieh ein wichtiger Wertmassstab war. Später, als Geld vorwiegend ökonomischen Zwecken diente, wurden dann die Götterbilder durch weltliche Motive abgelöst, indem Porträts von Königen und Fürsten oder ihre Wappentiere die Münzen schmückten.
Während die erste Münzprägung vermutlich im 7. Jhd. v. Chr. in Kleinasien (Lydien) stattfand, wurde das Papiergeld erst im 18. Jahrhundert in Europa zu einem gebräuchlichen Wertkorrelat. Dabei kam es ebenfalls auf dessen besondere Gestaltung an. Übrigens: Die Herstellungskosten der eidgenössischen Banknoten sind doppelt so hoch wie die der Euro-Scheine.
In der Perspektive der Psychoanalyse wird die Geldbeziehung eines Menschen in der analerotischen Phase festgelegt. Seit Sigmund Freud werden – schematisch dargestellt – drei Phasen der sexuellen Entwicklung unterschieden: die orale, die anale und die genitale Phase. Die orale Phase zeigt sich, wenn ein Kind immer wieder Gegenstände in den Mund nimmt und dabei ein Vergnügen empfinden. Die zweite Phase markiert dessen Umgang mit den eigenen Ausscheidungen, dem Kot, die dritte schliesslich die Lusterfahrung in der sexuellen Vereinigung. Im Märchen gibt es den Dukatenesel, der Geldstücke fallen lässt – als Ausscheidung. Das «Non olet», dass Geld nicht stinke, geht auf Kaiser Vespasian zurück. Dieser Kaiser hatte auf öffentliche Bedürfnisanstalten eine Abgabe erhoben, worauf ihn sein Sohn kritisierte. Vespasian hielt diesem das Geld unter die Nase mit der Frage, ob es denn stinke. Deshalb: Non olet!
Vom vermeintlichen «Duft» des Geldes werden viele angezogen und verspüren dabei einen sinnlichen Reiz. Gewisse Damen küssen die Geldstücke, bevor sie diese im Dekolleté verschwinden lassen. Geld und Erotik gehen nicht nur hier eine Verbindung ein. Auch Ehen werden zuweilen wegen des Geldes geschlossen. In seinem «Narrenschiff» (1494) – einem damaligen aufklärerischen, satirischen Buch über menschliche Unzulänglichkeiten – hat Sebastian Brant vor Eheschliessungen aus pekuniären Gründen gewarnt. Dies führe zu Zank und Hader, nicht zu Glück, sondern zu Leid.
Die meisten tragen ihr Geld zur Bank, um es vor sich selbst in Sicherheit zu bringen. Etwa, um die eigene Freiheit zu bewahren. Geld ist aber nicht unbedingt «geprägte Freiheit», wie Dostojewskij meinte. Vor einer undifferenzierten Auffassung hatte bereits Jean-Jacques Rousseau in seinen «Bekenntnissen» gewarnt: «Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft.» Oder wie Gretchen im «Faust» den Zwang zur Geldvermehrung bedauert: «Nach Golde drängt,/Am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!»