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Als der 23-jährige Nikola Pašić im Jahr 1868 aus Belgrad in Zürich eintraf, wäre er am liebsten gleich wieder abgereist. Mit einem Stipendium der serbischen Regierung sollte er sich am Polytechnikum zum Bauingenieur ausbilden lassen, doch Pašić hatte Mühe mit dem Schweizerdeutschen und hätte seine rudimentären Deutschkenntnisse lieber im benachbarten Süddeutschland aufgebessert, was das zuständige Ministerium jedoch ablehnte. So blieb er in Zürich und begann sein Studium an der späteren ETH.
In Zürich gab es damals bereits eine grosse Kolonie russischer Studierender (Männer und Frauen), zu der sich nun auch serbische Studierende gesellten. Pašić war ein aktiver Teil dieses radikalen, revolutionären, im weitesten Sinn sozialistischen Milieus. Eine besonders enge Freundschaft verband ihn mit Svetozar Marković (1846-1875), der ebenfalls an der ETH studierte (wenn auch nur als Fachhörer) und sich als erster Serbe publizistisch mit dem Thema Sozialismus auseinandersetze. Pašić organisierte in Zürich regelmässige Treffen der serbischen Studierenden und hielt in dieser Runde selbst Referate zu so verschiedenartigen Themen wie Bewusstsein, Ehrlichkeit oder die Schädlichkeit des Fluchens. Zudem arbeitete Pašić in einer Druckerei, die sozialistische Propaganda-Broschüren herstellte, die dann nach Serbien geschmuggelt wurden.
Der langjährige serbische Ministerpräsident Nikola Pašić
(Wikicommons, Petrović: Serbia, Her People, History, and Aspirations, London 1915)
Nach sechs Semestern Bauingenieur-Studium verliess Pašić die ETH ohne einen regulären Studienabschluss. Nach einem kurzen Praktikum beim Bau der Eisenbahnlinie Wien-Budapest, wandte er sich endgültig der Politik zu. Nach 30 turbulenten Jahren gelang es ihm 1903, nach dem Putsch im Zusammenhang mit dem Mord am serbischen König, sich permanent an der Spitze des serbischen Staates zu etablieren. Er war Parteipräsident der Radikalen Volkspartei (Bauernpartei) und amtierte bis zu seinem Tod 1926 immer wieder als Ministerpräsident oder Aussenminister (oder gleich beides).
Mit Beginn der Ära Pašić verschlechterten sich die Beziehungen zum Nachbarn Österreich-Ungarn zusehends, während sich die Kontakte zu Russland verfestigten. Innenpolitisch wurde Pašić immer stärker in einen Machtkampf gegen eine Gruppe von Offizieren verwickelt, die mit terroristischen Mitteln die Schaffung eines „Großserbien“ zu beschleunigen versuchten. Im Frühjahr 1914 verdichteten sich die Pläne dieser (mehr oder weniger geheimen) Organisationen, einen Mordanschlag auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand zu verüben. Pašić selbst wusste wohl mehr über diese Attentatspläne, als ihm lieb war.
Die „Princip-Brücke“ in Sarajevo in einer Aufnahme von 1936, heute wieder „Lateiner-Brücke“.
In der Nähe der Brücke gab Gavrilo Princip die tödlichen Pistolenschüsse auf Thronfolger Franz Ferdinand ab.
(ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia 247-09656, Fotograf: Leo Wehrli)
Nach der Ermordung des Thronfolger-Ehepaares in Sarajevo am 28. Juni 1914 unterliess Pašić eine Untersuchung der Verbindungen der Attentäter zur serbischen Staats- und Militärführung. Seine ablehnende Antwort auf das österreichisch-ungarische Ultimatum war zwar diplomatisch formuliert, bedeutete jedoch einen weiteren Schritt in Richtung Krieg. Wie für viele andere serbische Nationalisten stand auch für Pašić fest, dass letztendlich nur ein Krieg die Träume von „Großserbien“ verwirklichen konnte.
Pašić gehört somit zu den Hauptakteuren der europäischen Krise im Sommer 1914 und damit auch zu den „Schlafwandlern“, die „wachsam, aber blind“ (Christopher Clark) den Ersten Weltkrieg auslösten.
Gedenktafel am Seilergraben Nr. 9 in Zürich,
wo Pašić während seiner Studienzeit am Polytechnikum gewohnt hatte.
(Hochschularchiv der ETH Zürich, 2014, Lisa Oberli)
In Zürich erinnert noch heute eine Gedenktafel an Nikola Pašić und seine Studienzeit in Zürich. Gestiftet hatte die Tafel 1939 der schweizerisch-jugoslawische Verein, unterstützt von ETH-Professoren, allen voran Leopold Ružička (1887-1976), der noch im selben Jahr den Nobelpreis für Chemie entgegennehmen konnte.
Im Hochschularchiv der ETH Zürich findet sich die Matrikel von Nikola Pašić.
Im Stadtarchiv Zürich finden sich Informationen zur Gedenktafel am Seilergraben.
Sofija Skorić: „The Populism of Nikola Pašić: The Zürich Period.” East European Quarterly, 14, 4, 1980, S. 469-485.
Žarko Milošević: Mladi Pašić. Beograd 1994
Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. München 2013