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5.1 Der lange und steinige Weg zur staatlichen Anerkennung des Biolandbaus
"Die Bauern, die organisch-biologisch wirtschafteten, hatten in der Pionierzeit nicht nur wirtschaftliche Schwierigkeiten. Anfang der 50er Jahre kam die politisch-gesellschaftliche Isolierung hinzu, allein schon weil sie bei der Jungbauernbewegung mitmachten. Als Abweichler vom helvetischen Normverhalten provozierten sie innerhalb der Landwirtschaft gehässige Reaktionen. Aber auch die Eidgenössische Landwirtschaftliche Versuchsanstalt Zürich-Oerlikon war den Bio-Pionieren gegenüber äusserst feindlich eingestellt. Sie führte ab 1948 einen fünfjährigen Versuch mit Urgesteinsmehl durch und publizierte 1953 ihre vernichtenden Ergebnisse: Qualitätsmässig sei bei der Verwendung von Urgesteinsmehl kein Mehrwert erzielt worden und vergleiche man den quantitativen Mehrertrag mit den Kosten für das Urgesteinsmehl, so sei dies ein unwirtschaftliches Dünge- und Bodenverbesserungsmittel. Der AVG-Geschäftsführer Hans Hurni brachte begründete Kritik am Versuch an, aber die Versuchanstalt Zürich-Oerlikon sass am längeren Hebel. 1958 klagte sie den AVG-Geschäftsführer mit Erfolg beim Richteramt Laupen ein, weil er organisch-biologisch gezogene Kartoffeln als "Saatkartoffeln" zum Verkauf angeboten hatte, ohne die vorgängig notwendige behördliche Feldbesichtigung. Die AVG bezahlte die Busse und verhielt sich nachher vorschriftsgemäss.
Erst Ende der 60er, anfangs 70er Jahre wurden die Bio-Bauern auch von ausserhalb der Landwirtschaft kritisiert, als langsam die negativen Auswirkungen der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion mit vermehrten Inputs an Dünger und Pestiziden von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Paradoxerweise wurden die Bio-Bauern nicht gefragt, ob sie eventuell umweltschonender wirtschafteten, sondern die Seriosität der Bio-Bauern wurde von vornherein in Frage gestellt. In der Bundesverwaltung wollte man Ende der 60er-Jahre das Wort "biologisch" für Nahrungsmittel nicht mehr zulassen, weil die Gefahr einer Täuschung der Konsumenten bestehe.
Es war deshalb höchste Zeit für die Biobauern und ihre Organisationen, den Begriff "biologischer Landbau" endlich genau zu definieren. Die Schweizerische Gesellschaft für biologischen Landbau hatte zwar schon ein eigenes "Gütezeichen", und auch der aus dem "Verein für biologisch-dynamische Landwirtschafts-Methoden" hervorgegangene "Produzentenverein für biologisch-dynamische Landwirtschaft" konnte 1954 die DEMETER-Schutzmarke beim Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum eintragen und schützen lassen; eine staatliche Kontrolle war aber nicht möglich. Die organisch-biologisch wirtschaftenden Bauern beabsichtigten 1958 zwar, sofort ein Gütezeichen zu schaffen. Aber erst 15 Jahre später, 1968, drängte Hans Müller Hans Peter Rusch, eine verbindliche Definition der Begriffe "organisch" und "biologisch" zu liefern, da er befürchtete, das Eidgenössische Gesundheitsamt könnte mit seinen Bestrebungen, den Begriff "biologisch" zu verbieten, Erfolg haben. Nach der Veröffentlichung des Artikels "Organisch-biologischer Landbau – Name und Begriff" in der Zeitschrift Kultur und Politik drehte Müller den Spiess um: 1971 änderte die AVG ihre Firmenbezeichnung in "Bio-Gemüse Galmiz" um, und im Oktober 1971 stellte Müller bei der Eidgenössischen Ernährungskommission den Antrag, der biologische Landbau sei rechtlich anzuerkennen und damit zu schützen. Wie schon in Kapitel 3.2 erwähnt, kam diese Kommission 18 Monate später zum Schluss, eine wissenschaftliche Charakterisierung sogenannt ‹biologischer› und ‹nicht biologischer› Erzeugnisse sei nicht möglich; der «Begriff ‹biologisches Produkt› im Zusammenhang mit Lebensmitteln sei deshalb zu verbieten». Dieselbe Kommission nahm 1974 abschliessend Stellung zum Antrag Müllers: der Begriff "biologisch" könne nach Ansicht der Experten auf Grund der Lebensmittelverordnung nicht geschützt werden, denn eine wissenschaftliche Charakterisierung sogenannt ‹biologischer› und ‹nicht biologischer› Erzeugnisse sei heute nicht möglich – somit seien als "biologisch" angepriesene Produkte auch nicht überprüfbar. Nach diesem Null-Entscheid begannen die verschiedenen Organisationen des biologischen Landbaus, wie in Kapitel 3.2 schon beschrieben, selbst Richtlinien für den biologischen Land- und Gartenbau zu erarbeiten. Sie versuchten aber weiterhin zu erreichen, dass in der Lebensmittelverordnung definiert werde, was unter Produkten "aus biologischem Anbau" genau zu verstehen sei.
Ein erster Antrag für eine entsprechende Verordnung wurde 1978 von der Schweizerischen Gesellschaft für Umweltschutz zusammen mit dem FiBL ans Bundesamt für Gesundheitswesen gerichtet. Und obwohl der SP-Nationalrat und Konsumentenschützer Alfred Neukomm das Anliegen mit einer Motion zusätzlich unterstützte und die fünf Organisationen des biologischen Landbaus, die 1980 die Vereinbarung betreffend Richtlinien über Verkaufsprodukte aus biologischem Anbau unterzeichnet hatten, diese demselben Bundesamt mit dem Gesuch einer Regelung in der Lebensmittelverodnung einreichten, passierte nach dem Einsatz einer Arbeitsgruppe, die einen Richtlinien-Entwurf formulierte, gar nichts mehr – wie schon gehabt. Die VSBLO hatte sich unterdessen durch den Ausbau der Richtlinien und des Kontrollwesens sowie der Mitarbeit in der Internationalen Dachorganisation IFOAM als kompetent positioniert, so dass sie zum Ansprechpartner für die Behörden in Sachen biologischer Landbau wurde.
Die definitive Anerkennung verlief schrittweise und zuerst über kantonale Aktivitäten. Einzelne Kantone begannen, die Arbeit des FiBL finanziell zu unterstützen. Andere erklärten die Beratung und Weiterbildung im Bereich des biologischen Landbaus als Kantonsaufgabe und/oder gewährten Bauern Umstellungsbeiträge.
Die staatlich-gesellschaftliche Anerkennung des Biolandbaus setze sich trotz weiterer feindlicher Reaktionen von seiten gewisser Behörden und vor allem der Chemischen Industrie de facto Ende der 80er Jahre durch. Das FiBL wird seit 1985 mit einem Bundesbeitrag an die Forschung unterstützt. In der Lebensmittelverordnung wurde eine Formulierung aufgenommen, die dem biologischen Landbau eigene Sortiervorschriften zugesteht. Beim Brotgetreide wurden die Bio-Bauern 1990/91 von der Beteiligung an den Verwertungskosten für überschüssiges Brotgetreide befreit. 1992 erfolgte die formal-rechtliche Anerkennung durch Bund und Kantone, als bei der Revision des Artikels 31b neben der Integrierten Produktion auch der biologische Landbau als förderwürdige Produktionsform im Landwirtschaftsgesetz aufgenommen wurde (nach 2)".
5.2 Akkreditierung von Bio Suisse durch den Bund und die EU
Die EU kam mit der "Verordnung 2092/91 des Rates vom 24. Juni 1991 über den ökologischen Landbau und die entsprechende Kennzeichnung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Lebensmittel", am 24. Juli 1991 erlassen und 1.1.1993 in Kraft gesetzt, dem Bio-Pionierland Schweiz zuvor. Um wie bis anhin Bio-Produkte in den EU-Markt exportieren zu können, musste sich die VSBLO nach den neuen EU-Bio-Richtlinien akkreditieren lassen. Dazu war es notwendig, ihre Richtlinien in einigen Punkten, wie beispielsweise den zusammengesetzten Produkten, anpassen. Gleichzeitig wurde die Schweiz als Drittland in Brüssel angemeldet und die VSBLO musste sich beim Eidgenössischen Amt für Messwesen als Kontroll- und Zertifizierungsorganisation akkreditieren lassen.
5.3 Die erste Schweizerische Bio-Verordnung – "Bundes-Bio"
Mit Inkraftsetzung der eidgenössischen "Verordnung über die biologische Landwirtschaft und die entsprechende Kennzeichnung der pflanzlichen Erzeugnisse und Lebensmittel (Bio-Verordnung)" am 1. Januar 1998 wurde die Biolandwirtschaft auf Bundesebene nach langen Jahren des Ringens um staatliche Anerkennung vollständig anerkannt und geregelt. Die Bio-Verordnung basiert zur Hauptsache auf den Bio Suisse-Richtlinien, die in abgeschwächter Form integriert wurden.