Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/2410

von Danièle Beringer
Vergleicht man die Volksschulgesetze verschiedener Kantone miteinander, so findet man überall denselben Grundgedanken und Erziehungsauftrag, nämlich, die Volksschule habe die Kinder zu «lebensbejahenden, tüchtigen und gemeinschaftsfähigen Menschen» und «nach den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates zu verantwortungsbewussten Menschen und Bürgern» zu erziehen (Volksschulgesetz des Kantons St. Gallen, Art. 3) und «Die Volksschule erzieht zu einem Verhalten, das sich an christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen orientiert.» (Volksschulgesetz des Kantons Zürich, Art. 2)
Der Lehrer hat also die Verpflichtung gegenüber dem Staat, in seinen Schülern den Grundstein der christlich-humanistischen Grundwerte wie Einstehen für den Nächsten, Verantwortung für das Wohlergehen der Gemeinschaft im Kleinen wie im Grossen, Leistungsbereitschaft und Pflichtbewusstsein zu legen. Er soll seine Schüler zu eigenständigem Denken und Handeln im Sinne der Humanität und der Toleranz anleiten, kurz: Er hat den Auftrag, im Zusammenwirken mit dem Elternhaus seine Schüler zu lebenstüchtigen, lebensbejahenden und gemeinschaftsfähigen Menschen heranzubilden, die später im Leben als mündige Menschen und Bürger ihre Verantwortung in Familie, Gemeinde und im Staat übernehmen.
Davon ausgehend, dass der Mensch ein soziales Lebewesen ist, fähig zu verantwortungsvollem, sozialem Fühlen, Denken und Handeln, sehe ich es als meine vornehmste Aufgabe an, neben dem ebenso bedeutungsvollen Vermitteln von Kenntnissen und Fähigkeiten auch den Grundstein für das Mitgefühl und das Streben nach Wahrheit, Offenheit und Freiheit und die Befähigung zur Selbsterziehung zu legen.
Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, formulierte diesen Bildungsauftrag folgendermassen: «Es genügt nicht, als Mensch geboren zu werden, man muss lernen, als Mitmensch zu leben.»
Der Lehrer hat in seiner Klasse eine zentrale Bedeutung, gerade weil die Natur des Menschen sozial ist. Das Schulkind kommt nicht als vereinzeltes Individuum zur Schule. Es ist von seiner Natur her auf den Mitmenschen ausgerichtet, möchte sich mit ihm zusammentun und im tiefsten Innern seines Herzens in gutem Einvernehmen mit dem Lehrer und seinen Mitschülern sein. Der Lehrer hat die anspruchsvolle Aufgabe, diesen Urwunsch eines jeden Kindes zum Erblühen zu bringen. Dies kann er in jeder Situation tun, sei es in der Mathematikstunde, in der Deutschstunde, der Turnstunde, in der Pause, auf der Schulreise, egal wo. Immer hat der Lehrer tausendfach die Gelegenheit, bei seinen Schülern die Grundlagen des sozialen Menschseins zu legen.
Am Beispiel einer Klassenlektüre möchte ich aufzeigen, wie ich mit meiner Klasse gearbeitet habe und wie ich versuchte, jeden Schüler da abzuholen, wo er gerade steht, um ihm – eingebettet in die Klassengemeinschaft – eben diese Grundlagen des sozialen Menschseins zu vermitteln.
Dazu muss ich noch erwähnen, dass ich an einer Privatschule unterrichte. In dieser Schule werden viele Schüler entweder vom Schulpsychologischen Dienst oder durch die Gemeinde angemeldet, weil sie in der öffentlichen Schule nicht mehr «tragbar» sind, dort für zuviel Unruhe gesorgt haben oder mit den Mitschülern nicht zurechtkamen, gemobbt wurden oder sonst Schwierigkeiten bestanden. Oder aber sie werden durch ihre Eltern angemeldet, weil diese nicht wollen, dass ihr Kind in eine Stufe absinkt, in der sie es nicht haben wollen.
Von jeher habe ich gerne mit meinen Schülern gemeinsam ein Buch gelesen. In der heutigen Zeit, in der schon die jüngsten Schüler ein eigenes Smartphone besitzen, mit dem sie sich in ihrer Freizeit eingehend beschäftigen, haben viele keine Vorstellung davon entwickeln können, wie bereichernd und erfüllend das Lesen ist, wieviel Emotionen, Informationen und Freude einem das Lesen bereiten kann, wenn man sich in seiner freien Zeit mit einem Buch auseinandersetzt und unsere Kultur über die Literatur erfahren kann. Wenn ich mal ein lesendes Kind antreffe, so ist es garantiert mit einem Phantasiebuch beschäftigt, wie z.B. «Harry Potter» oder anderen Phantasiegestalten. In der heutigen Kinder- und Jugendliteratur findet man vor allem Phantasiegeschichten, die von Hexen, Zauberern, Vampiren und Monstern handeln oder von Menschen mit phantastisch überhöhten Fähigkeiten. Die lesenden Kinder werden damit nicht mehr auf das reale Leben vorbereitet, ihr Mitgefühl wird nicht mehr angesprochen, sondern ihnen wird eine Scheinwelt vorgegaukelt, in der Hass, Gewalt und Zauberei das Denken der Kinder vernebeln und sie von der Realität wegführen.
Ich sah mich also vor die Aufgabe gestellt, für meine bunt zusammengewürfelte Schülerschar ein Buch zu finden, für das ich sie begeistern konnte und das gleichzeitig den Schülern eine Werteorientierung im Sinne der christlich-abendländischen Kultur zu vermitteln vermochte.
Dabei stiess ich auf das wunderschöne Buch von Werner Laubi, «Albert Schweitzer, der Urwalddoktor». Ich las es mit zunehmender Faszination zunächst mal selber. Seine ganze Lebensgeschichte ist darin jugendgerecht in einer einfachen, einprägsamen, gut lesbaren Sprache dargestellt. Die charakterbildenden Erlebnisse und Ereignisse, die aus dem kleinen Albert das formten, was er im Erwachsenenalter dann war, sind in diesem Buch so nachvollziehbar und eingängig beschrieben, dass jeder Schüler etwas damit anfangen kann.
Zunächst fragte ich die Schüler, ob ihnen der Name Albert Schweitzer ein Begriff sei. Keiner wusste darauf eine Antwort. Da begann ich ihnen zu erzählen, wer er war, was er getan hat, wie er zur Zeit meiner Kindheit in aller Munde war und wie alle Menschen voller Achtung und Ehrfurcht von diesem Mann sprachen und dass ich ihnen jetzt gerne diesen Mann und sein Lebenswerk vorstellen würde. Die Schüler bemerkten sogleich mein persönliches Engagement und meine Hochachtung für Albert Schweitzer. Sie hörten mir gebannt zu. Meine Stimmung übertrug sich auf die Klasse, und sie freuten sich, als ich jedem von ihnen ein Buch aushändigte. Wie schön ist es doch, auf diese Art und Weise eine Lektüre zu beginnen, im Klassenverband, mit allen Mitschülern und dem Lehrer zusammen. Das Lesen wird zu einem gemeinsamen Erlebnis, das dabei Gefühlte und Gedachte kann ausgetauscht werden. Das Erlebnis, wie ein Klassenkamerad von einer Szene berührt wird, wie er darüber spricht, die Gedanken, die er dazu äussert, regt jeden Schüler zu eigenem Denken an. Jeder wird mitgenommen, ob er nun ein guter oder ein schwacher Leser ist. Mal liest er selber mit, mal hört er nur zu, aber ein jeder hat gelesen und kann an der gemeinsamen Auseinandersetzung über das Gelesene teilhaben und dabei die Erfahrung machen, dass Lesen wunderbar sein kann und einem ganze Welten eröffnet.
Bevor wir nun mit der Lektüre begannen, erteilte ich den Schülern sozusagen einen Forschungsauftrag. «Versucht herauszufinden, an welchen Stellen man schon in Albert Schweitzers Kindheit erkennt, dass dieser Mann später etwas Gutes tun wird.» Sie waren gespannt und begannen zu lesen.
Bereits mitten im ersten Kapitel beschreibt Werner Laubi, wie Albert – er ging noch nicht zur Schule – von einer Biene gestochen wurde. Lauthals begann er zu weinen. Und als er merkte, wie alle Mitleid mit ihm hatten, gefiel ihm dies arg gut. Und so weinte er weiter, auch als der Stich nicht mehr schmerzte. Der Autor fährt fort: «‹Du willst dich nur wichtigmachen, Albert!› sagte eine Stimme in ihm. Da hatte Albert sich ganz fest vor sich selber geschämt.» (S. 4)
Am Ende des ersten Kapitels fragte ich die Schüler, ob sie denn bereits etwas entdeckt hätten, woran man erkennen könne, dass Albert Schweitzer einmal viel Gutes tun werde. Sofort schnellten einige Arme in die Höhe. Ja, bestätigten sie, das mit dem schlechten Gewissen, weil er mit dem Stich so übertrieben habe, da liege doch bereits etwas drin. Wir sprachen eine Weile miteinander über dieses Thema. Einige Schüler berichteten, wie sie selber auch schon übertrieben hätten, weil die Fürsorge so schön gewesen sei, und wie dies eigentlich nicht recht sei. Ich war mit den Antworten der Schüler mehr als zufrieden und freute mich auf die weitere Lektüre.
Jedes Kapitel dieses Buches barg mindestens eine solche Perle wie die im ersten Kapitel, und meine Schüler fanden alle Perlen. Nicht auf eine einzige musste ich sie mit der Nase stossen. Sie lasen mit Begeisterung in diesem Buch und konnten nicht genug davon bekommen.
Im vierten Kapitel wird ein Ereignis beschrieben, das vielen, die sich mit Albert Schweitzer befasst haben, bekannt sein wird. Albert wurde von einem Klassenkameraden aufgefordert, mit ihm auf einen Hügel zu kommen und dort oben mit der Steinschleuder auf Vögel zu schiessen. Albert hatte einen inneren Widerwillen gegen diesen Plan, traute sich aber nicht abzulehnen, aus Angst davor, als Feigling ausgelacht zu werden, hatte er doch als vergleichsweise begüterter Pfarrerssohn unter armen Bauernbuben eh einen schweren Stand. Er ging also mit. Auf dem Hügel angekommen, wurde er aufgefordert, seine Steinschleuder hervorzuholen und auf die Vögel zu schiessen, die auf den noch kahlen Ästen eines Baumes sassen und ihr Lied in den Morgen hinaus sangen. Trotz einer inneren Stimme, die Albert dringend davon abriet, auf die Vögel zu schiessen, zog er seine Steinschleuder aus der Hosentasche. In diesem Augenblick begannen die Kirchenglocken von Günsbach zu läuten. Das war für Albert ein «Zeichenläuten». Er sprang auf, verscheuchte die Vögel und rannte den Hang hinunter. Sein Herz klopfte zwar zum Zerspringen. Aber Albert war so froh wie schon lange nicht mehr: «Ich habe nicht gemacht, was ein anderer mir befohlen hat! […]Ich habe das gemacht, was mir mein Gewissen gesagt hat.» (S. 27)
Diese Stelle ist auch für mich jedes Mal wunderbar, gehaltvoll, berührend. Ich habe dieses Buch schon mit verschiedenen Klassen gelesen. Alle, ausnahmslos alle, haben darauf sehr angesprochen. Die Schüler sprudelten nur so, jeder wollte von einem Erlebnis berichten, wo er selber sich noch nicht traute, auf seine innere Stimme zu hören, oder von einem Erlebnis, wo er sich eben schon traute. Wir diskutierten jeweils bis tief in die Pause hinein, das Gespräch wollte gar nicht mehr aufhören.
Ein Mädchen ist mir dabei speziell in Erinnerung geblieben. Es kam in der Pause zu mir: «Sie, Frau B., wissen Sie noch, wie Sie mich vor bald einem Jahr fragten, weshalb ich die Freundschaft zu Dominic so abrupt abgebrochen habe? Ich bestritt damals, dass ich etwas abgebrochen habe, aber, wissen Sie, Sie hatten schon recht. Viele Buben lachten mich wegen meiner Freundschaft zu Dominic aus. Und da war ich nicht so mutig wie Albert Schweitzer. Ich traute mich nicht, auf meine innere Stimme zu hören.» «Das ist sehr gut, dass du jetzt darauf zurückkommst», sagte ich zu ihr. «Jeder von uns begeht mal einen menschlichen Fehler, einen, der einem andern sehr weh tut. Wenn man sich aber traut, den Fehler anzuschauen und dann etwas daraus lernt, dann begeht man ihn nicht mehr, das ist sehr wichtig. Und dann kann man sich Gedanken darüber machen, wie man den Fehler wieder in Ordnung bringt und zumindest dem andern ein Signal geben, dass man seinen Fehler einsieht und dass es einem leid tut. Was hast du dir gedacht, was willst du tun?» «Ich will mit ihm auf einen Spaziergang gehen und ihm mein Verhalten erklären und mich entschuldigen. Wissen Sie, es tut mir wirklich sehr leid.» Daraufhin suchte das Mädchen den Jungen, und die beiden verliessen gemeinsam das Schulhaus.
Als sie zurückkamen, war das Mädchen erleichtert. Es meinte zu mir: «Es macht den Fehler nicht ungeschehen, aber er weiss jetzt wenigstens, dass es mit ihm nichts zu tun hatte, sondern dass es meine Feigheit war, die mich so handeln liess.»
Hätten wir dieses Buch nicht als Klassenlektüre gelesen, wäre so eine Reaktion wohl kaum zustande gekommen. Dieses Mädchen war ergriffen von der gemeinsamen Lektüre, vom Klassengespräch und vom Inhalt des Buches, sie war von meiner Begeisterung und meiner Achtung für Albert Schweitzer angesteckt und liess sich voll und ganz auf die Bedeutung des gelesenen Textes ein. Sie verarbeitete ihn altersgemäss und setzte ihn für ihr Leben um. Sie machte sich eigenständig Gedanken dazu und verfestigte ihre Werteorientierung. Und so kam sie in die Lage, ihren Fehler zu reflektieren und wieder in Ordnung zu bringen.
Kenner Albert Schweitzers wissen, dass ihn das Problem des Krieges sehr beschäftigte. Er wollte nicht einfach hinnehmen, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten. Seine christliche Ethik, seine tiefe Liebe für die Menschen, die Tiere und die Natur liessen dies nicht zu. Und so sann er nach einem Satz, der, wenn die Menschen ihn hören und darüber nachdenken würden, Leid und Krieg auf der Welt verringern könnte. Eines Tages fand er den Satz: «Ehrfurcht vor dem Leben». Mit jeder Klasse gab es viel darüber zu diskutieren. Ich liess anschliessend an diese Gespräche die Schüler jeweils einen Aufsatz zum Thema «Ehrfurcht vor dem Leben» schreiben, was ein anspruchsvolles Thema nicht nur für Fünft- und Sechstklässler ist. Die Schüler bemühten sich redlich um dieses Thema.
Mit jeder Klasse, mit der ich Albert Schweitzers Lebensgeschichte las, konnte ich beim Lesen dieses Buches viele berührende Erlebnisse machen. Ein letztes möchte ich noch anfügen. Nach Beendigung des Buches erzähle ich den Schülern jeweils noch, was nicht im Buch steht. Bei Ausbruch der Kuba-Krise 1962 schrieb Albert Schweitzer sowohl an Nikita Chruschtschow (damaliger Staats- und Parteichef der Sowjetunion) als auch an John F. Kennedy (damaliger Präsident der USA) einen Brief, in dem er eindringlich vor dem Ausbruch eines atomaren Krieges warnte. Ich las Abschnitte dieser Briefe den Schülern vor, und sie waren immer tief beeindruckt von dem Gehörten.
Ein Mädchen – es besuchte im darauffolgenden Schuljahr die Bezirksschule – kam mich im ersten Schulsemester besuchen. Ihr Geschichtslehrer habe ihnen den Auftrag erteilt, zu jedem Buchstaben des Alphabetes den Namen eines Menschen zu finden, der für die Menschheit von Bedeutung gewesen sei. «Sie können dreimal raten, welchen Namen ich bei S wählte», fuhr das Mädchen fort, «natürlich Albert Schweitzer. Und wissen Sie was?» Sie schaute mich entrüstet an. «Der wusste nicht einmal, wer Albert Schweitzer war. Und da habe ich ihm gesagt, dass das der Mann war, der mitgeholfen hat, einen Atomkrieg zu verhindern.»
Diese Klassenlektüre ist ein Beispiel für Ethik-Unterricht, für Werte-Erziehung. Werte-Erziehung kann nur im beziehungsvollen Wechselspiel zwischen Lehrer und Schülern stattfinden, denn nur so kann der Schüler emotional etwas aufnehmen und verankern. Der Schüler braucht das Vorbild des Lehrers, er orientiert sich an ihm. Er braucht seine Unterstützung. Und er braucht auch den Klassenverband. Indem er hört, wie seine Mitschüler denken und fühlen, traut er sich, auch eigene Gedanken zu entwickeln, diese den andern zu unterbreiten und im Klassengespräch seine Gedanken zu formen und zu festigen. Jeder Schüler, egal ob gut oder schwach, wird durch den Gedankenaustausch mit seinen Mitschülern zu weiteren Gedanken angeregt, seine Wertehaltung wird dadurch geformt und mit dieser, als innerem Massstab, kann er seine weiteren Handlungen bemessen, reflektieren und am Gemeinwohl ausrichten. •
Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.