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August 2012.
Im östlichen Teil Thessalonikis liegen die Viertel Kalamaria und Nea Krini direkt am Meer. An sommerhellen Tagen zaubert die Sonne Lichtreflexe aufs Wasser. Flaneure mit Sonnenbrillen sitzen in Cafés und Tavernen. An diesem Augusttag zieht es den Malermeister Dimitris Triantafyllou zum Palataki, das in einer leichten Ausbuchtung der Hafenpromenade liegt. Ende der 1950er Jahre gebaut, war dieser neoklassizistische Palast mit dem dazugehörigen Park einmal der Sitz der griechischen Königsfamilie, wenn sie sich im Norden des Landes aufhielt. Später residierten hier hochrangige Politiker.
Dimitris steht vor dem verlassenen Palast, der einen trostlosen Anblick bietet. Von den grünen Sonnenrouleaus blättert die Farbe ab, eines hängt schief im Rahmen. Unterhalb der ausladenden Balkone ist Feuchtigkeit ins Mauerwerk eingedrungen und hat sich ausgebreitet. Der halboffene Eingangsbereich wird durch Säulen gestützt, die Wände sind in Rosso antico gehalten. Mit seinem nikotingefärbten Zeigefinger kratzt Dimitris die Farbschicht ab, die sich vom Mauerwerk schält. Zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls Anstreicher ist, hat er die Anlage vor zwanzig Jahren renoviert.
«Damals war ich 28 und konnte nicht wissen, dass dies mein schönster Auftrag überhaupt sein würde.» Mit Begeisterung, Liebe zum Detail und viel Sachkenntnis arbeiteten die Brüder hier während Monaten. Dimitris ist ein gutaussehender schwarzhaariger Mann mit einem leichten Hang zum Übergewicht. Das Rauchen solle er bleibenlassen, hat ihm der Arzt gesagt. Vor zwei Jahren hatte er einen schweren Herzinfarkt. Wenn es nur die Gesundheit wäre. Er tritt zurück und schüttelt den Kopf. Die salzhaltige Meeresluft setzt den Gebäuden schwer zu. Der Palast müsste wegen der Feuchtigkeit und des Salzfrasses alle paar Jahre saniert werden. Das einst stolze Gebäude ist verkommen. Aber das Ministerium von Makedonien und Thrakien, das für das Palataki zuständig ist, scheint grössere Sorgen zu haben als die Instandsetzung des verwaisten Anwesens.
Seit sieben Monaten hat Dimitris keine Arbeit mehr. Er hat gehört, dass Handwerker wie er im Ausland bei einem Unternehmen angestellt sind. In Griechenland gibt es so etwas nicht. Dimitris ist selbständig. Die Bauindustrie, einst einer der wichtigsten Erwerbszweige des Landes, ist völlig eingebrochen. Auch seine Freunde und Berufskollegen sind arbeitslos. «Und wenn gebaut wird, dann werden Albaner oder Russen für 20 Euro am Tag schwarz beschäftigt», sagt er. Ein einziges Mal hat sein Telefon in diesem Sommer wegen eines Auftrags geklingelt: Im Juli konnte er einem Arzt die Wohnung renovieren. In guten Jahren verdiente er 150 Euro am Tag. Seine 44jährige Frau Despina ist Sekretärin beim Gericht. Auch ihr Monatsgehalt von 1450 Euro wurde im Frühjahr 2011 auf 1000 Euro gekürzt. Dimitris hat früher das Geld mit vollen Händen ausgegeben – heute ist er froh, dass er in eine Pensionskasse einbezahlt hat und jetzt eine kleine Rente bekommt. «Irgendwie kriegen wir es hin», sagt er. «Aber wie schön war früher das Gefühl, aufzustehen und zur Arbeit gehen zu können! Heute sind alle Tage gleich, und dazwischen schleicht sich die Depression.»
Sein 16jähriger Sohn Triantafyllos geht in die zweite Klasse des Gymnasiums. Im Sommer 2011 nahm Dimitris ihn mit auf einige Baustellen. Dem Maler ist die Einstellung vieler Griechen zuwider, dass ihre Kinder unbedingt die Universität besuchen müssen. Vor der Krise gingen 85 Prozent aller jungen Leute an die Universität. «Ich hungere gern, wenn mein Kind dafür studieren kann», hiess es im Volksmund. Heute sind die Hochschulabgänger arbeitslos. Wenn Triantafyllos ein vernünftiges Handwerk lernen würde, wäre der Vater zufrieden. Gelegentlich geht er noch in seinem Heimatdorf Anchialos bei Volos fischen, der Sohn begleitet ihn dann.
Bei den Wahlen im Juni 2012 hat Dimitris die Partei Syriza gewählt, in der sich linksradikale Gruppen zusammengeschlossen haben – «alle anderen Politiker sind korrupt». Sie kam auf 27 Prozent der Stimmen und wurde damit hinter der konservativen Nea Dimokratia die zweitstärkste Partei im Parlament.
Dimitris wirft einen letzten Blick auf das Palataki, schliesst das riesige schmiedeeiserne Tor und lässt das Vorhängeschloss zuschnappen. Ganz nutzlos ist das Anwesen nicht geworden. Wo einst Königin Friederike, König Paul und ihre Kinder Konstantin und Sophia unbeschwerte Tage verbrachten, finden noch gelegentlich Konzerte statt. Im Mai 2011 brachte die Rockband Deep Purple mit «Smoke on the Water» Leben in die Bucht beim verfallenden Palast.
März 2013.
Seit unserem letzten Treffen hat Dimitris seine Meinung über die Syriza geändert. Reihenweise wechselten ehemalige Abgeordnete der Pasok-Partei (Panhellenische Sozialistische Bewegung) zur neuen Syriza, um ihre Privilegien und ihre Position zu retten. Darum ist auch diese Partei bei Dimitris unten durch.
In jedem Klagelied vermischt sich Trauer mit Nostalgie. Wenn Dimitris sein Leben überdenkt, kommt er unweigerlich auf die unfähigen Politiker zu sprechen, die die Krise zu verantworten haben. Als er als mittelloser 16jähriger 1980 aus seinem Heimatdorf am Piliongebirge nach Thessaloniki kam, schuftete er von morgens bis abends. Dass er nach einigen Jahren einen Kredit bekam, ermöglichte ihm die Pasok-Partei. Denn Kredite waren zuvor nur an Sympathisanten der regierenden Rechten vergeben worden. Als linker Hungerleider aus der Provinz brachte er es durch die Pasok zu bescheidenem Wohlstand. Über 25 Jahre war er der Partei treu, bis vor fünf Jahren der Albtraum begann.
Sein Leben und das seiner Familie bescheiden zu nennen wäre übertrieben. Er steht vor seiner Wohnung in der Oberstadt von Thessaloniki. Der Verkehr quält sich durch enge Strassen. Einst war dies ein verträumtes Stadtviertel, dessen Gassen sich zu stillen Plätzen hochwanden, hier und da plätscherte ein osmanischer Brunnen. Gegenüber sieht man noch ein paar wenige alte türkische Holzhäuser. Dimitris wohnt mit Frau und Sohn in einer Dreizimmerwohnung. Die 460 Euro Monatsmiete können sie nur bezahlen, wenn das Gehalt seiner Frau, 1000 Euro, und die Behindertenrente, die er seit dem Herzinfarkt erhält und die bereits auf 496 Euro im Monat gekürzt wurde, nicht weiter beschnitten werden. Es ist eine altmodische Wohnung mit Ölofen und einem Cheminée im Wohnzimmer. Den ganzen Winter über haben sie nur das Cheminée benutzt, weil das Heizöl unbezahlbar wurde. «Ich mache es immer gegen 15 Uhr an. Wenn Despina von der Arbeit und Triantafyllos von der Schule kommt, so gegen 17 Uhr, ist es schön warm hier.» Viele Bekannte und Freunde haben im Winter gar nicht geheizt.
Seinen letzten Auftrag hatte Dimitris vor einem halben Jahr, im November 2012. Da hat er ein Häuschen auf dem Dorf gestrichen. Um die Ecke steht sein Auto, ein schwarzer Ford Focus, acht Jahre alt. Er fährt ihn nur noch einmal in der Woche, um den Sohn zum Fussballtraining in den Stadtteil Charilaou zu bringen – das Benzin ist zu teuer geworden. Früher hatte Dimitris jeden Tag 20 Euro als Taschengeld zur Verfügung, jetzt muss er damit eine Woche lang auskommen. «Einen Kaffee pro Tag gönne ich mir und eine Packung Old-Holborn-Cigarillos pro Woche, das sind die günstigsten.» Er sollte ja sowieso nicht rauchen.
Barbara Spengler-Axiopoulos ist freie Journalistin; sie lebt in Heidelberg und Thessaloniki.