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Roger Martin, Georg Engels, seit 2021 hat eine Machbarkeitsstudie der Stadt Romanshorn die Nutzung von Seewasser zur Energiegewinnung untersucht. Was sind deren wichtigsten Erkenntnisse?
Georg Engels: Der Bodensee ist für alle Gemeinden am See eine nutzbare erneuerbare Energiequelle. Da die Energie vor Ort produziert und verbraucht wird, fallen Transportwege weg. Die Studie zeigt auf, dass auch in Romanshorn gute Aussichten bestehen, mit dem Aufbau eines Seewasser-Wärmenetzes die Klimabelastung nachhaltig zu reduzieren.
Weshalb wurde das Potenzial des Bodensees bis jetzt nicht genutzt?
Roger Martin: Das Seewasser als Energiequelle zu nutzen, ist eine relativ neue Heizvariante. Neben der Machbarkeit sind aber besonders auch die Auswirkungen auf die Umwelt, das heisst Flora und Fauna relevant. Die Initiative wurde vom Kanton Thurgau ergriffen, der in seiner Studie das Potenzial des ganzen Bodensees untersuchte. Darauf baut die Machbarkeitsstudie der Stadt Romanshorn auf.
Können Sie erläutern, wie das Wasser aus dem See gepumpt wird und schliesslich bei den Energieverbrauchern landet?
Georg Engels: In 20 bis 40 Metern Tiefe wird Wasser aus dem See ans Ufer gepumpt. Über einen Wärmetauscher wird die Wärmeenergie des in dieser Tiefe 4 bis 10 Grad warmen Seewassers auf ein Kältemittel in einem separaten Kreislauf übertragen. Das Seewasser wird nach dem Durchlaufen des Kreislaufs sauber und unversehrt wieder zurück in den See geleitet. Das Kühlmittel zirkuliert in einem geschlossenen Kreislauf. Es kommt weder mit dem Seewasser noch mit dem Heiz- und Brauchwarmwasser in Berührung. Das im Wärmetauscher temperierte Kühlmittel verdampft und erhöht seine Temperatur beim Durchströmen eines Kompressors. In einem weiteren Wärmetauscher gibt das Kühlmittel die Wärmeenergie an das Heiz- und Brauchwarmwasser weiter. Dieses wird so auf die gewünschte Temperatur erhitzt und dann in die angeschlossenen Haushalte geleitet. Dasselbe Prinzip – nur umgekehrt – wird übrigens bei der Kühlung angewendet.
Welche Auswirkungen hätte die Umsetzung für die Stadt Romanshorn?
Roger Martin: Es handelt sich um ein ehrgeiziges Projekt, das umfangreiche Bauarbeiten mit sich bringt, da in zentralen Stadtzonen ein neues Wärmenetz eingebaut werden muss. Gleichzeitig kann an diesen Orten auf Ölheizungen verzichtet und das Gasnetz reduziert, umgenutzt oder rückgebaut werden.
Wie viele Hausbesitzer müssten sich für diese Heizvariante entscheiden, damit das Projekt vorangetrieben werden kann?
Roger Martin: Dies hängt stark davon ab, an welchen Orten Gebäude mit welchem Wärmebedarf angeschlossen werden können. Aber es ist klar, dass eine hohe dreistellige Zahl von Bauten hilft, einen wirtschaftlichen Betrieb zu erreichen.
Warum ergibt es keinen Sinn, das ganze Stadtgebiet mit Seewasserwärme zu erschliessen?
Georg Engels: Wenn die Distanzen zu gross und das Absatzpotenzial zu gering sind, kann kein wirtschaftlicher Betrieb garantiert werden. Auch die für den Bau benötigte graue Energie steigt dann überproportional.
Wo liegen die grössten Vorteile dieser Heizart?
Roger Martin: Der Bodensee ist ein grosser Energiespeicher, dessen Potenzial bisher heute bei Weitem nicht ausgeschöpft wurde. Er kann wirtschaftlich, ökologisch und energieeffizient zu Heiz- und Kühlzwecken genutzt werden. Er unterstützt die Energiestrategie 2050 und die damit verbunden Klimaziele der Schweiz, die Treibhausgasemissionen auf Netto-null zu senken, vermehrt erneuerbare Energien sowie die Erhöhung der Energieeffizienz und Reduktion der CO2-Emissionen. Neben der erneuerbaren Energie ist die Nutzung des Bodensees als Energiequelle eine innovative Technologie, die eine bedarfsgerechte und flexible Energielieferung gewährleistet. Zudem wird Energie lokal produziert und genutzt, was kurzer Lieferwege entspricht.
Ist dieser Prozess nicht bedenklich für das Seewasser?
Georg Engels: Nein, da lediglich ein Bruchteil der potenziell verfügbaren Energien aus dem Bodensee genutzt wird. Den Kundennutzen darf man auch nicht vergessen – Seewärme ist für jeden einzelnen Nutzer attraktiv, platzsparend und bequem. Sie bräuchten keinen Öltank, kein Pelletsilo, keinen Kaminfeger mehr. Sie bräuchten keine teure Erdsondenbohrung, keinen grossen Heizungsraum, keine eigene Wärmepumpe. Die Nutzwärme käme quasi fertig ins Haus.
Und wo liegt die grössten Herausforderungen beim Projekt?
Roger Martin: Einerseits braucht es den politischen Willen der Stadt inklusive den Stimmberechtigten, die Anlaufphase zu unterstützen. Andererseits müssen Hausbesitzer überzeugt werden, mitzumachen und sich zum richtigen Zeitpunkt für die Seewärme zu entscheiden. Rein technisch gesehen sind die Herausforderungen nicht gross, handelt es sich doch um eine bekannte und bewährte Technologie.
Anfang Oktober erschien in der NZZ ein Artikel über die Lage an den Gasmärkten. Am Fusse des Berichts konnte man den Gaspreis pro Kilowattstunde verschiedener Schweizer Städte einsehen. Auf dieser Liste war Romanshorn mitunter als eine der teuersten Gemeinden der Schweiz aufgeführt. Weshalb?
Georg Engels: Im Artikel der NZZ wurden die Preise aus der Datenbank des Preisüberwachers zitiert. Weder im Artikel noch in der Grafik war allerdings sichtbar, dass die Preisangaben einiger Gasversorger nicht aktuell waren. Die Gasversorgung Romanshorn AG hat hingegen jede Preiserhöhung dem Preisüberwacher mitgeteilt. Mittlerweile hat sich die Meldedisziplin offenbar verbessert: Ein kürzlich erschienener Artikel zeigt auf, dass aktuell die Gaspreise in Romanshorn im Mittelfeld des Thurgaus und der Schweiz liegen.
Wegen des Krieges in der Ukraine stiegen die Gaspreise massiv. Was darf man von der Preisentwicklung im Jahr 2023 erwarten?
Georg Engels: Momentan entspannt sich die Situation. Die Gründe dafür sind die gut gefüllten europäischen Speicher und der milde Winter. Die drohende Gasmangellage ist nicht eingetroffen. Die Gasversorgung Romanshorn AG hat ein Grossteil der benötigten Gasmengen beschafft, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Daher wirkt sich eine Veränderung der Marktpreise zeitverzögert auf die Gaspreise aus. Aber der nächste Winter kann je nach Wetterlage bezüglich Stroms und Gas nochmals kritisch werden.
Wie geht es nun weiter mit dem Projekt Seethermie?
Roger Martin: Die Machbarkeitsstudie muss jetzt in verschiedenen Bereichen vertieft werden, um in Richtung eines konkreten Projekts zu gehen, über das die Stadt Romanshorn entscheiden kann.
Text: Miryam Koc
Bild: Thomas Hary, zVg