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Autorin
Prof. Dr. Iman Attia lehrt an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihre Schwerpunkte sind Geschichte, Theorien und Empirie zu Rassismus und Migration, Interrelation machtförmiger Differenzierungen und Diskriminierung, kritische Soziale Arbeit im Kontext von Rassismus, Migration und Flucht.
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«Wer integriert ist, erlebt keine Diskriminierung»: Diese gängige Annahme steht im Widerspruch zur Tatsache, dass Menschen, die Teil dieser Gesellschaft sind, aufgrund von Religion, Kultur, Aussehen oder Hautfarbe dennoch als fremd wahrgenommen werden. Iman Attia beleuchtet im nachfolgenden Beitrag Rassimus als eines von mehreren gesellschaftlichen Machtverhältnissen.
Rassismus ist eines von mehreren gesellschaftlichen Machtverhältnissen, die moderne Gesellschaften strukturieren und hervorbringen. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse beziehen sich aufeinander, sind miteinander verwoben und gehen unterschiedliche und vielfältige Wechselwirkungen miteinander ein. In westlichen, modernen Gesellschaften sind ausser Rassismus wesentliche Machtverhältnisse wirksam und konstitutiv – dies etwa im Zusammenhang mit Geschlecht, Sexualität, Klasse, Alter und Behinderung wirksam und konstitutiv. Keines dieser Machtverhältnisse kommt alleine aus, keines bringt die Gesellschaft alleine hervor, keines ist in sich gradlinig, eindeutig oder unveränderlich.
Rassismus kann insofern nur zeitlich und räumlich konkret für einen spezifischen gesellschaftlichen Kontext und nur in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Machtverhältnissen bestimmt werden. Gleichwohl ist Rassismus nicht beliebig oder einmalig. Vielmehr schöpft Rassismus aus historischen Traditionen, bezieht sich auf Diskurse, Bilder und Assoziationen, auf vermeintliches «Wissen» aus unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Kontexten. Gleichzeitig überschneidet sich Rassismus mit Diskursen, Bildern und Assoziationen anderer gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Das macht die Komplexität von Rassismus aus und oft auch die Schwierigkeit, ihn als solchen zu erkennen. Denn Rassismus kann sich kreuzen mit Argumenten, die sich auf Geschlecht, Sexualität oder Alter beziehen. Dann wird behauptet, dass «arische» Frauen vor jüdischen oder schwarzen Männern geschützt werden sollen, Schwule vor Muslimen, Kinder in Romafamlien vor ihren Eltern usw. Diese Argumentationen beziehen sich auf rassistische Diskurse und meinen, bestimmte Gruppen vor anderen zu schützen, also gegen Diskriminierung zu sein. Sie reduzieren gesellschaftliche Komplexität und vernachlässigen die Wechselwirkungen, Gleichzeitigkeit und Verwobenheit von Machtverhältnissen. Von Emanzipation, (Meinungs-)Freiheit und Fortschritt kann aber nur dann die Rede sein, wenn sie nicht für eine Gruppe auf Kosten einer anderen zu erreichen versucht werden.
Rassismus als gesellschaftliches Machtverhältnis (unter anderen) zu definieren, bedeutet den Umstand zu benennen, dass die Gesellschaft auf Rassismus aufbaut und darauf in ihrem aktuellen Funktionieren angewiesen ist. Diese Sichtweise unterscheidet sich von solchen, die Rassismus als blosses Vorurteil, also als Einstellung von Personen über Personengruppen definiert, die meist als Relikt aus der Vergangenheit oder als unüberlegte Redeweisen gedeutet werden. Als gesellschaftliches Machtverhältnis definiert, wird Rassismus auf allen relevanten Ebenen analysiert, also auch auf der Ebene der Äusserungen und Handlungen einzelner Personen, aber darüber hinaus auf der Ebene des Zugangs zu Ressourcen wie Bildung, Arbeit, Wohnen und zu gesellschaftlichen Debatten sowie auf der Ebene von Gesetzen und Regelungen. Auf allen Ebenen gilt, dass nicht nur offene, aggressive und abwertende Zuweisungen auf rassistischen Diskursen beruhen, rassistische Unterscheidungen treffen und entsprechende Folgen haben. Vielmehr können auch nett, mitleidig oder neutral formulierte Redeweisen und Regelungen in Rassismus verstrickt sein bzw. ihn wirksam werden lassen.
Ein Beispiel für Rassismus, der nicht offen formuliert und dennoch bedeutungsvoll und wirksam ist, stellen die Neutralitätsgesetze in Deutschland dar. Im Anschluss an den sogenannten Kopftuchstreit haben einige Bundesländer Gesetze erlassen, die regeln, ob und welche religiösen Symbole in staatlichen Einrichtungen verboten sind. Dabei wurden in einigen Bundesländern christliche Symbole als kulturelle Selbstverständlichkeiten definiert und ausdrücklich zugelassen, während das Kopftuch verboten wurde. Kopftuch tragende Frauen können demnach entweder ihren Beruf oder aber ihre Religion nicht ausüben.
Das Beispiel zeigt, dass Rassismus nicht mit so etwas wie «Rasse» zusammenhängt. Es gibt keine Rassen, weder entlang von Hautfarben, Religionen, Kulturen, Ethnien noch Nationen. Dennoch wurde über die Jahrhunderte jede dieser Dimensionen in einer Weise thematisiert, dass daraus «Rassen» wurden: Es wurden jeweils biologische (Hautfarbe, Nasenform, Stirnhöhe, Haarstruktur, Gene, Erscheinung usw.) und kulturelle und soziale Aspekte miteinander in Verbindung gebracht, die so dargestellt wurden, als seien sie diesen Gruppen eigen und würden selbst nach einer räumlichen oder zeitlichen Verschiebung im Wesentlichen so bleiben. Es werden also bestimmte (tatsächliche oder fiktive) Merkmale herausgegriffen und zu wesentlichen Gruppenmerkmalen konstruiert. Um sie herum werden andere Merkmale gruppiert, die belegen sollen, dass innerhalb einer Gruppe gemeinsame Merkmale oder Verhaltensweisen vorzufinden seien und diese von anderen Gruppen zu unterscheiden seien. Diese Zuweisungen beziehen sich teilweise auf tradierte Bilder über «uns» und «die Anderen», die aktualisiert werden (z.B. dass das Kopftuch muslimischer Frauen ein Symbol für ihre Unterdrückung sei). Es kommen jedoch auch neue Bilder hinzu, die sich auf Aspekte beziehen, die im jeweiligen Kontext relevant sind; z.B. wurde «Orientalen» vor einigen Jahrhunderten eine ausschweifende gleichgeschlechtliche Sexualität nachgesagt, während ihnen heute Homophobie vorgeworfen wird. Auch können Merkmale, Bilder oder Assoziationen, die einer Gruppe zugewiesen waren, auf eine andere Gruppe übertragen werden; z.B. der Vorwurf der Weltverschwörung, der nicht mehr nur Juden, sondern nun auch Muslimen entgegengebracht wird.
Rassismus ist demnach nicht nur mit anderen gesellschaftlichen Machtverhältnissen verwoben, sondern auch die Dimensionen von Rassismus sind komplex und miteinander verwoben. Häufig kann nicht klar getrennt werden, ob es nun eindeutig um Nation, Ethnie, Kultur oder Religion geht. In der Argumentation vermischen sich die Dimensionen. Dann «sieht man» jemandem an, dass er «Araber» ist und das führt dazu, dass er als «Muslim» wahrgenommen wird, so dass sein Verhalten mit einer anderen «Kultur» begründet wird. Dies gilt auch dann, wenn diese Person hierzulande geboren und aufgewachsen ist, hier zur Schule und in den Sportverein gegangen ist, die hiesige Staatsbürgerschaft hat, sich nicht als «Araber» versteht, nicht gläubig ist usw. Die Folge seiner Wahrnehmung als «Araber» und «Muslim» könnte aber sein, dass er häufiger in Kontrollen gerät, weil er Terrorist sein könnte, insbesondere wenn er die Staatsbürgerschaft hat, Akademiker ist und integriert wirkt – das kann ihm als Täuschungsmanöver angelastet werden. Seinem Kind könnte ein Kindergartenplatz verwehrt werden, weil Ärger mit der Grossfamilie oder den anderen Eltern angenommen wird. Seine Familie könnte Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche bekommen, weil sie als mittellos, unzuverlässig, laut und unbeherrscht gelten. In allen Beispielen hat die Assoziationskette Aussehen-Kultur-Religion Folgen für den Alltag dieses Menschen, der als fremd markiert ist. Seine vermeintliche Fremdheit wird auf ein Bündel an Dimensionen zurück geführt, deren Eindeutigkeit und Selbstverständlichkeit so allgegenwärtig sind, dass sie in der Regel nicht hinterfragt werden.
Die Dimensionen gehen ineinander über und überlappen sich, weil es keine klar definierten und voneinander abgegrenzten Gruppen gibt. Menschen leben in unterschiedlichen Zusammenhängen, beziehen sich mal auf den einen Aspekt ihres Lebens, mal auf einen anderen, verhalten sich in unterschiedlichen Kontexten verschieden. Diese Gleichzeitigkeit, Pluralität und Komplexität versucht jedoch der Rassismus eindeutig zu machen und zu vereinfachen. Aus diesem Grund setzt Rassismusanalyse und – kritik nicht daran an, der einen, als falsch identifizierten Zuweisung eine richtige entgegen zu setzen. Es geht also nicht darum, Religion durch Nation oder Kultur zu ersetzen oder eine negative durch eine positive Wertung. Vielmehr geht es darum, die Komplexität einer Situation und die Verwobenheit der Dimensionen herauszuarbeiten, die in einem spezifischen zeitlichen und räumlichen Kontext eine Rolle spielen können.
Dieser Kontext wurde eingangs durch die westliche, moderne Gesellschaft umschrieben. Auch sie ist keine in sich abgeschlossene, allein aus sich heraus zu verstehende, gradlinig verlaufende Gesellschaftsform. Vielmehr ist die westliche Moderne in Relation und in der Verwobenheit zu anderen Modernen und zu anderen Gesellschaften entstanden. In den Kolonien wurden etwa verschiedene Entwicklungen erprobt, bevor sie in den sogenannten Mutterländern eingeführt wurde. Satellitenstädte, wie wir sie heute weltweit kennen und für europäisch oder westlich halten, sind in den Kolonien in die Wüste gebaut worden, um zu erproben, ob auf diese Weise Wohnraum und soziales Leben organisiert werden kann. Medikamente werden heute noch vielfach in afrikanischen Ländern erprobt, bevor sie auf dem hiesigen Markt zugelassen werden. Ehemalige Kolonien sind aber auch Absatzmärkte für Produkte, deren Erträge «uns» zu Gute kommen und lokale Ökonomien zerstören. Die sogenannte Armutsmigration hängt damit zusammen, dass Lebensgrundlagen in der sogenannten Peripherie zerstört wurden, um moderne Gesellschaften zu ermöglichen. In modernen Gesellschaften übernehmen Migrant/innen vielfach Arbeiten, die für die Aufrechterhaltung des Lebensstandards und die Selbstverwirklichung, den beruflichen Aufstieg, die freie Entfaltung und die Emanzipation der Geschlechter notwendig sind: Migrant/innen pflegen Kinder, alte, kranke und beeinträchtigte Personen, versorgen den Haushalt, ernten Spargel und Wein, arbeiten auf dem Bau usw.
Rassismus hat in diesen Verhältnissen die Funktion zu legitimieren, warum einige privilegiert werden und andere benachteiligt, warum einige partizipieren dürfen und andere nicht. Mit Hilfe von Rassismus wird also im modernen Nationalstaat begründet, wer dazu gehört und wer nicht. Im Unterschied zu anderen Gesellschaftsformen geschieht dies über eine nationale Identität, die zwar Abstammung und Hautfarbe nach wie vor mitdenkt, dies aber in Debatten über unterschiedliche Kulturkreise verhandelt, die religiös begründet werden: Von einer «christlichen» Prägung «unserer Leitkultur zu sprechen, ist demnach die Voraussetzung dafür, bestimmten Bürger/innen Bürger/innenrechte vorzuenthalten, sie immer wieder als Fremde anzusprechen und ihnen zu signalisieren, dass sie nicht dazugehören, sie offen oder versteckt zu diskriminieren bzw. gar nicht erst ins Land zu lassen.
Westlich-moderne Gesellschaften können demnach nur «modern», «fortschrittlich» und «emanzipiert» sein in Relation zu Gesellschaften und zu Personen, die ihnen dies ermöglichen. Rassismus kommt dabei die Funktion zu, die Grenzziehung zu rechtfertigen zwischen privilegiert und dazu gehörend auf der einen Seite und ausgebeutet und als äusserer oder innerer Fremder definiert auf der anderen Seite.