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Wie ich in der Einleitung zu diesem Projekt bereits erwähnt habe, geht es mir in diesem ersten Beitrag darum, etwas über den Hintergrund des philosophischen Wochenbuchs zu erzählen. Für mich ist es in erster Linie eine Möglichkeit, neue Formen des philosophischen Schreibens auszuprobieren, was mir wichtig scheint, da im universitären Alltag die Auswahl möglicher Textformen eingeschränkt ist: Der wissenschaftliche Artikel oder – in späteren Stufen des akademischen Werdegangs – die Monografie stellen die zentralen Formate philosophischer Arbeit dar – ein Umstand, der in starkem Kontrast zur historischen Vielfalt philosophischen Schaffens steht. Gedichte, Erzählungen, persönliche Essays, Dialoge und vieles wurde von Philosoph:innen als Mittel zum Festhalten und Darstellen ihrer Gedanken verwendet.
Zu meiner Vorliebe für alternative Textformen, die ich auch in anderen Projekten, wie beispielsweise Fluchtgeschichten, versuche zu verwirklichen, bin ich nicht einfach so gekommen. Neben einem grundsätzlichen Interesse an Literatur begann ich mich während meines Bachelorstudiums mit Philosophien zu beschäftigen, in welchen die Form der Darstellung eine zentrale Rolle einnimmt. So kam ich durch Seminare von Arvi Särkelä mit der Kritischen Theorie in Kontakt, deren Autor:innen – allen voran vermutlich Theodor W. Adorno1 – versuchten, durch die Darstellungsform des Textes Dinge auszudrücken, die sich nur schwer in klare, wissenschaftliche Worte fassen lassen. Das führt bei einigen Vertreter:innen dieser Schule zwar dazu, dass ihre Texte nur schwer verständlich sind. Doch wurde bei mir die Vorstellung geweckt, dass Philosophie nicht nur ein Akt des Nachdenkens und der wissenschaftlichen Problemlösung ist, sondern in hohem Masse auch eine Praxis des Schreibens und Herausarbeitens von Ideen darstellt – nicht dass sich diese Überzeugung in irgend einer Form in der Qualität meiner (ersten) Hausarbeiten widergespiegelt hätte.
Während meines Masterstudiums haben sich diese Vorstellungen noch verstärkt. Dies hing wohl in erster Linie mit dem Unterricht von Michael Hampe zusammen, welcher sich in seiner Forschungsarbeit mit Texten auseinandersetzt, die durch ihr Format bei der Leserschaft eine Wirkung hervorrufen sollen, welche rein argumentative Abhandlungen nicht zu bewirken vermögen. Ein eindrücklicheres Beispiel stellt Nagarjunas Mūlamadhyamakakārikā dar, welche die Loslösung von begrifflichem Wissen thematisiert. Die poetische Struktur des Textes soll dazu beitragen, diese Ideen nicht nur zu vermitteln, sondern stellt durch die wiederholte Lektüre eine meditative Lebenstechnik dar, durch welche die Distanznahme vom begriflichen Wissen und Denken praktisch erreicht werden soll.2 Die Form des Textes wird hierbei zu einem Instrument, das direkt in die Gewohnheitsstrukturen des Alltags eingreift und praktische Veränderungen zu bewirken versucht.
Das Experimentieren mit alternativen Darstellungsformen entspringt für mich nicht nur aus einem Interesse an ähnlich vorgehender Philosophie, sondern ist eng mit deren Anspruch verknüpft, einen Einfluss auf die Gestaltung des Lebens auszuüben. Dies hängt für mich mit der Frage zusammen, was die Aufgabe der Philosophie in der Gegenwart sein kann, da ihr althergebrachtes, rein wissenschaftliches Projekt unter Druck zu geraten scheint. Damit meine ich, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass durch reines Nachdenken und Logik Aussagen über die Beschaffenheit der Welt gemacht werden können, die erfolgreicher sind als die empirischen Wissenschaften.3
Ein möglicher Ausweg für die philosophische Tätigkeit wäre es, sich vor allem als eine die anderen Wissenschaften reflektierende zu verstehen, die wichtige Begriffsarbeit und -klärung leisten kann. Und solche Projekte scheinen durchaus ihren Wert zu besitzen. Das möchte ich nicht bestreiten.
Eine andere Möglichkeit wäre es, sich vollständig auf die Dimensionen des Normativen zu beschränken: Also keine Aussagen darüber zu treffen, wie die Welt beschaffen ist, sondern erarbeiten, wie sie beschaffen sein sollte. Solche Projekte scheinen gerade in einer Zeit, wo vor allem die Messbarkeit von Dingen im Zentrum der (wissenschaftlichen) Aufmerksamkeit steht, wichtig zu sein.
Eine letzte Möglichkeit, die sich bis zu einem gewissen Grad an einem normativen Projekt orientiert, allerdings mit einem weniger wissenschaftlichen Anspruch auftritt, ist die Vorstellung einer Philosophie, welche sich als eine Lebenstechnik versteht. Philosophie soll sich, vielleicht ausgehend von Reflexionen wissenschaftlicher Erkenntnis oder normativen Überlegungen, aber auch alltäglichen und gesellschaftlichen Problemstellungen, zum Ziel setzen, in die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens einzugreifen. Dafür muss Philosophie aber in der Öffentlichkeit anschlussfähiger werden, was, zumindest teilweise, mit dem Verlassen klassischer, wissenschaftlicher Publikationsformen zusammenhängt.
Natürlich wäre es völlig übertrieben und vermessen anzunehmen, dass das „Philosophische Wochenbuch“ einem solchen Anspruch gerecht werden kann. Es stellt lediglich ein kleines Experiment mit solchen alternativen philosophischen Praktiken dar. Ich erhoffe mir dabei, dass Philosophie vielleicht dadurch einem grösseren Publikum zugänglich wird, dass die Überlegungen, Wünsche und Hoffnungen, die mit gewissen Ideen verknüpft sind, öffentlich gemacht werden. In der Philosophie und Geschichte der Wissenschaft ist es mittlerweile ein verbreitetes Konzept, dass Wissenschaften, die einen Einfluss auf die Gesellschaft haben wollen, dies am besten erreichen, wenn Wissenschaftler:innen ihre Ergebnisse zusammen mit ihren Motivationen, Überlegungen und Werten präsentieren, als einfach sogenannte „harte“ Fakten mitzuteilen.4 Etwas ähnliches wäre wohl auch für die Philosophie interessant.
Literatur
1 Beispielsweise Adorno, Theodor W. 2018 [1951]. Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a.M.
2 Nagarjuna. 1995 [ca. 150 u.Z.] The Fundamental Wisdom of the Middle Way. Nagarjuna’s Mūlamadhyamakakārikā. Übers. Jay L. Garfield. New York/Oxford.
3 Siehe auch Hampe, Michael. 2016. Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Berlin.
4 Siehe etwa Oreskes, Naomi. 2019. Why trust Science?. New Jersey/ Oxfordshire.