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Wahrheit und Lüge der Bilder
Es ist das erste Mal, dass dieser Preis nicht für Literatur, sondern für Fotografie verliehen wurde. Die Entscheidung für Sebastião Salgado zeigt, dass der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der den Preis vergibt, sehr genau wusste, was er tat. Denn Sebastião Salgado hat sich in seinem Werk voller Anteilnahme mit den Schattenseiten des Lebens auseinandergesetzt.
Legendär sind seine Ausstellungen und Bildbände zum Thema Migration und der Arbeit unter für westliche Augen unvorstellbaren Bedingungen. Nachdem er aber in Ruanda Zeuge des Völkermordes geworden war, wurde er davon gemütskrank und wollte die Fotografie ganz aufgeben.
Am Ende tat er es nicht. Erst einmal aber begann er zusammen mit seiner Frau, auf einer Farm in einer ehemals zerstörten Landschaft Brasiliens Bäume zu pflanzen. Daraus entstand das „Instituto Terra“. Zweieinhalb Millionen Bäume gehen auf dessen Aktivitäten zurück, und Salgado hat inzwischen seine Aktivitäten zum Schutz Amazoniens ausgeweitet. Die Natur habe ihn, wie Salgado sagt, geheilt. In der Begründung für die Preisvergabe hat sich der Börsenverein ausdrücklich auch darauf bezogen.
Als fotografischen Kontrapunkt hat Salgado nach seiner seelischen Genesung angefangen, die Welt als „Schöpfung“ zu fotografieren. Der Bildband, der daraus entstand, trägt den Titel „Genesis“. Der Filmregisseur Wim Wenders hat vor Jahren einen beeindruckenden Film über die Stationen von Sebastião Salgado unter dem Titel, „Das Salz der Erde“, gedreht. In der Frankfurter Paulskirche, dem traditionellen Ort der Preisverleihung, hielt er die Laudatio.
Das alles ist so stimmig, dass man an der glücklichen Wahl dieses Jahres keine Zweifel haben kann. Doch es bleibt ein unlösbares Problem, das Sebastião Salgado selbst angesprochen hat: Tragen Bilder wirklich zum Frieden bei? Im Vorfeld der Preisverleihung hat er nüchtern konstatiert: „Die Fotografie kann nichts ändern“, um dann fortzufahren, „aber wir alle zusammen können es.“
Diese Nüchternheit aus berufenem Munde ist wohltuend. Denn es gibt eine Lebenslüge jener Fotografie, die Gewalt, Krieg und Tod dokumentiert. Man wolle damit, so heisst es wieder und wieder, einen Beitrag dazu leisten, „dass sich solches nicht wiederholt“. Wäre das keine Heuchelei, müssten wir nach Jahrzehnten exzessiver Kriegsfotografie schon längst auf dem denkbar friedlichsten Planeten leben. Das Gegenteil aber ist der Fall.
Es scheint neben dem Abstumpfungseffekt, den schon die amerikanische Essayistin Susan Sontag konstatiert hat, auch eine heimliche Lust am Betrachten des Leids anderer zu geben. Auch das hat Sontag schon ausgesprochen. Und Kritiker werfen Sebastião Salgado vor, mit seinen Bildern Not und Leid unzulässig zu ästhetisieren. An diesem Vorwurf ist etwas dran. Aber er trifft nicht nur die Fotografie. Auch die Literatur, die bildende Kunst, das Theater, die Musik und andere können gar nicht anders, als den Abgründen des Menschlichen eine ästhetische Form zu geben, die „ankommt“ oder „anspricht“. Der Mensch ist eben anders gestrickt, als er in seinen besseren Momenten glauben möchte.
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