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Sherlock Holmes hätte sorgfältiger gearbeitet. Doch leider war der Detektiv nach dem Mord an Marion Gilchrist nicht in ihrer Wohnung, um Beweise sicherzustellen, noch wurde er von der schottischen Polizei herangezogen, um die Indizien zu bewerten. Holmes war zudem nur eine fiktive Figur. Doch sein Erfinder, der in Edinburgh geborene Arthur Conan Doyle, sollte in dem Fall noch eine wichtige Rolle spielen.
Was war geschehen? Im Dezember 1908 wurde die 83-jährige, alleinstehende Marion Gilchrist in ihrer Glasgower Wohnung überfallen und eines Teils ihres Schmucks beraubt. Ihr Dienstmädchen hatte zuvor das Haus verlassen, aber nur für zehn Minuten. Diese reichten dem Täter knapp aus. Da er von Nachbarn gestört wurde, blieb ihm nur Zeit, eine einzige Brosche mitzunehmen.
Rasch ins Visier der Ermittler geriet ein deutscher jüdischer Einwanderer, der als Hehler und Zuhälter bekannt war. Oscar Slater hatte sich verdächtig gemacht, als er einen Pfandschein für eine Brosche zu verkaufen versuchte, freilich eine ganz andere als der aus der Wohnung entwendeten. Zudem hatte er sich nach New York abgesetzt, Hals über Kopf, wie die Polizei es sah.
Der Pfandschein stellte sich bald als falsche Fährte heraus, die Abreise nach New York hatte Slater bereits seit längerem geplant. Dies hielt den Richter, einen snobistischen, voreingenommenen und vermutlich ebenso fremden- wie judenfeindlichen Lord Charles John Guthrie nicht davon ab, das Verfahren so zu leiten, dass am Ende nur ein Schuldspruch dabei herauskommen konnte.
Slater wurde zuerst zum Tode (von neun gegen sechs Geschworenen) verurteilt, dann erwirkten seine Anwälte eine Begnadigung zu lebenslanger Zwangsarbeit. Davon saß der Delinquent 19 Jahre ab, im Zuchthaus Peterhead im äußersten Nordosten Schottlands.
Das Urteil ließ auch andere nicht ruhen. Ein Jahr nach der Tat brachte der Anwalt und Hobbydetektiv William Roughead ein Buch auf den Markt, das den Fall neu aufrollte. Über einige Umwege erreichte das Werk Conan Doyle. Auch der damals schon sehr populäre Schriftsteller veröffentlichte ein Buch zum selben Thema und erregte wesentlich mehr Aufsehen als Roughead, obwohl inzwischen fast vier Jahre seit dem Verbrechen ins Land gezogen waren. Doch es passierte – nichts.
Zu einer Revision bedurfte es des Beitrags eines weiteren Journalisten Mitte der 1920er Jahre sowie eines dadurch ausgelösten erneuten Appell Doyles. Wenigstens kam Slater nun frei, wenn auch nur durch eine Begnadigung, also einen weiteren herablassenden Akt einer zumindest bornierten, wenn nicht gar rechtsbeugenden Justiz.
Wie es mit dem Fall weiterging, bis in unser Jahrhundert übrigens, schildert der Herausgeber in einem sehr lesenswerten, spannenden und kenntnisreichen Schlusskapitel. Michael Kleins Nachwort reiht sich somit wunderbar ein in dieses vom Morio Verlag liebevoll aufgemachte Buch über einen nie gesühnten Mord. Zu Conan Doyles Lebzeiten war die Tat nicht einmal ansatzweise geklärt, was den Autor zu dem bitteren Fazit veranlasste, "die Justiz" sei "wahrscheinlich der größte Serienmörder" in seinem Land.