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Natürlich: Die Katastrophe ist auch hier präsent. Die Uni hat ein „Fukushima Future Center for Regional Revitalization“ geschaffen, neun Projektteams arbeiten daran, die Region wieder aufzubauen. Die Angst sei aber nach wie vor präsent. Niemand wisse, ob und wann ein weiteres Erdbeben komme.
Reiko gibt sich enorm Mühe, mir einen bestmöglichen Einblick in das Studium zur Lehrperson zu ermöglichen. So lädt sie an zwei Tagen eine Gruppe von Studierenden in ihr Büro an der Uni Fukushima ein, damit ich Fragen stellen und mir auch ein Bild aus Studierendenperspektive machen kann. Die Gespräche sind sehr interessant, auch wenn wir ab und zu an Sprachgrenzen stossen. Ich versuche, meine Notizen etwas zusammenzufassen:
Lehrerinnen- und Lehrerbildung an National Universities
Schon in Nara habe ich gehört, dass es für eine Schule wichtig sei, sowohl Absolventinnen und Absolventen einer „University of Education“ wie anderer Universitäten, die ebenfalls Lehrpersonen ausbilden, anzustellen.
Jetzt, wo ich mich intensiver mit den Lernangeboten in Fukushima befasse, leuchtet das ein.
Fukushima University ist eine nationale Universität mit verschiedenen Fakultäten. Das Angebot ist hier breiter, der Lehrberuf steht weniger im Zentrum. Auch wer Erziehung studiert, wählt vielleicht später einen völlig anderen Beruf und wer den Lehrberuf wählt, hat sich v.a. mit Zielstufe Primar oder Kindergarten, mit verschiedenen Fächern nicht sehr intensiv befasst, dafür einen breiten Horizont erworben.
Das System hat für die Dozierenden Nachteile, weil sich z.B. etwa die Hälfte der Studierenden nicht für didaktische Fragen interessieren, auch wenn sie eine entsprechende Veranstaltung belegen.
Aufnahme
Im Januar legen die Mittelschülerinnen und -schüler, die eine Universität besuchen wollen die zentrale Universitätsaufnahmeprüfung ab, die durch das Entrance Examination Center durchgeführt wird. (PDF).
Die einzelnen Universitäten legen fest, wie sie diese an der zentralen Prüfung erzielten Resultate verwenden wollen, z.B. welche in welchen Fächern die Prüfung abgelegt werden muss und welche Punktzahl nötig ist, damit man sich zur internen Aufnahmeprüfung anmelden kann.
Die Fukushima Universität verlangt mindestens 60% der 1200 möglichen Punkte, also momentan 720, während die Tokyo University etwa 1100 verlangt.
Je nach Uni werden noch Empfehlungsschreiben, Mittelschulzeugnisse usw. verlangt, danach wird man zu den universitätsinternen Prüfungen zugelassen, die einen allgemeinen und einen fachspezifischen Teil haben können.
Wer in Fukushima z.B. ein Studium an der „Faculty of Human Development and Culture“ (von dem meisten immer noch „Education“ genannt) mit dem Major Sport absolvieren möchte, hat einen Aufnahmeprüfungsteil zu bestehen, die sehr ähnlich ist wie die Fertigkeitsprüfung an der PH Zürich.
Die nationalen Universitäten haben zwei Prüfungssessionen, so dass man sich für zwei Aufnahmeprüfungen anmelden kann.
Die privaten Universitäten haben nochmals andere Prüfungstermine, man kann sich also auch dort noch für die Aufnahmeprüfung anmelden. Es gibt private Universitäten, die sehr hohe Anforderungen stellen, bei vielen ist das aber nicht der Fall und es besteht die Angst, dass diese Unis (mit dem Rückgang der Interessentinnen und Interessenten durch den Geburtenrückgang) die Anforderungen nochmals senken.
In Fukushima, wie an den meisten Universitäten hat jeder Studiengang („class“) hat eine vorher bestimmte Anzahl Studienplätze. „Sports Pursuit“ also z.B. 40, „Lifelong Sports“ 15 und „Arts and Culture“ ebenfalls 15 (vgl. die Studiengänge unten). Die Kandidierenden mit den besten Prüfungsergebnissen werden dann aufgenommen, häufig liegt die Aufnahmequote im einstelligen Prozentbereich.
Vier Fakultäten, Studiengänge mit verschiedensten Wahlmöglichkeiten
Fukushima University verfügt über vier Fakultäten:
- Faculty of Human Development and Culture. Die Fakultät hiess früher „Faculty of Education“. Bis 2005 machten auch alle, die an dieser Fakultät ein Studium absolvierten, einen Abschluss als Lehrperson. Unterdessen schliesst nur noch etwas die Hälfte der Studierenden mit einem Lehrdiplom ab.
- Faculty of Administration and Social Sciences
- Faculty of Economics and Business Administration
- Faculty of Symbiotic Systems Science (mit Symbiotic Systems Science ist eine Symbiose von Menschen, Natur und Industrie gemeint, hier werden bewusst humanwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Ansätze verbunden)
Der Uni ist es wichtig, dass Studierende einer Fakultät auch Veranstaltungen anderer Fakultäten besuchen. Wie ich heraushöre ist dass den Studierenden allerdings etwas weniger wichtig.
In der Uni-Broschüre wird das das mit folgendem Curriculumaufbau dargestellt:
- „Studium Generale“ mit z.B. Fremdsprachen, ICT, Friedenserziehung
- Selbstorganisiertes Studium, hierzu gehören z.B. selbst organisierte Praktika
- Spezialisiertes Studium, der eigentlichen Kern mit den Veranstaltungen des gewählten Fachs (es ist immer von „Major“ die Rede, die meisten wählen aber nur ein Fach, d.h. einen „Minor“ gibt es nicht)
- Lehrveranstaltungen innerhalb des Clusters (d.h. meist der Fakultät)
- Frei wählbare Veranstaltungen, die aus anderen Fächern gewählt werden sollen. Quelle: Uni-Broschüre (PDF)
Faculty of Human Development and Culture: Lehrdiplome in drei verschiedenen „Majors“
Die Fakultät, in der die Lehrerinnen- und Lehrerbildung beheimatet ist, möchte „educators“ in einem weiteren Sinn ausbilden, als auch Personen, die nachher z.B. im Personal- oder Weiterbildungswesen, als Sportlehrerinnen und -lehrer, Sozialarbeitende, Juku-Lehrpersonen, Beamte, NGO-, Bank- und Medienleute usw.
Abschlüsse als Lehrpersonen kann man erwerben für
- Kindergarten (Generalist/in)
- Primarschule (Generalist/in)
- Junior High (ein Fach)
- High School (ein Fach)
- Sonderpädagogik
Das heisst aber nicht, dass die Studiengänge den Lehrdiplomen entlang aufgebaut sind. Man kann folgende Studiengänge (Classes) wählen:
Major in Human Development
- „Learning Support Class“ (hier studieren in der Regel angehende Primarlehrpersonen)
- Education Research Class
- Human Science Class
- Special Needs Class (angehende Sonderklassenlehrpersonen. Inklusion habe ich in Nara gesehen, hier werden Kinder mit besonderen Bedürfnissen aber eher separiert)
- Child Education Support Class (v.a. von angehenden Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen belegt)
Major in Cultural Exploration
- Language and Culture Classes (auch von angehenden Jr High und High School-Lehrpersonen belegt)
- Local Community Life and Culture Classes
- Mathematical Science Class (v.a. angehende Jr High und Highschool-Lehrpersonen)
Major in Sports and Arts (hier studieren viele Studierende mit dem Ziel Primar-, Junior High, und Highschool)
- Sports Pursuit Class
- Lifelong Sports Class
- Art and Culture Class
Studienverlauf
Die ersten beiden Jahre des vierjährigen Studiums sind relativ hoch strukturiert. Ein Stundenplan kann dann etwa so aussehen.
Quelle: Uni-Broschüre (PDF)
Im dritten und vierten Jahr werden aber viel weniger Veranstaltungen besucht, das Lernen für die Abschlussprüfungen und das Schreiben der Diplomarbeit ist dann im Vordergrund, im 4. Studienjahr belegt man nur noch etwa zwei Veranstaltungen.
Die Uni schreibt vor, dass man nicht über 24 Punkte pro Semester belegen darf. 1 Punkt entspricht einer Semesterwochenstunde.
Das Semester dauert 15 Wochen, dazu kommt eine Prüfungswoche pro Semester. In den Zwischensemestern wird gelernt, z.T. gibt es Studierendenvereine, die das gemeinsame Lernen organisieren.
Die meisten Studierenden tragen etwas zur Finanzierung ihres Studiums bei, d.h. sie arbeiten z.B. zwei Mal pro Woche von 17 Uhr bis ein Uhr nachts in einem Restaurant.
Berufsziel und Studium haben einen sehr losen Zusammenhang
Beim Gespräch mit den Studierenden und Reiko wird mir klar noch klarer, was ich eigentlich wusste und nochmals in Nara erfahren habe: Auch in den erziehungswissenschaftlichen Studiengängen haben Studium und Berufsziel keinen sehr grossen Zusammenhang. Diese Tendenz ist in den „Universities of Education“ etwas weniger stark als in den „National Universities“. Für die Studierenden ist es einfach wichtig, ein Studium abzuschliessen. Während die drei Frauen, mit denen ich gestern gesprochen habe, gerne Lehrerin werden möchten, verstehen die beiden Männer heute meine Frage nicht ganz. Sie sind in der „Sports Pursuit Class“, möchten aber nach Studienabschluss in einem Privatunternehmen, z.B. einer Bank arbeiten. Studium und spätere Arbeit sind für sie nicht verbunden. Das Studium dient der Erweiterung des Horizonts, dem Verfolgen der eigenen Interessen, es ist auch eine Transitionsphase zwischen der harten Mittelschule und der wieder harten Arbeitswelt. Es ist wichtig, an einer guten Universität studiert zu haben – die Phase der Berufsfindung findet aber während des Studiums statt und nicht vorher, man studiert also nicht auf ein Berufsziel hin, sondern eher, um eigene Interessen zu verfolgen und sich klar zu werden, welchen Beruf man ergreifen möchte.
Beschäftigungsaussichten
Die Aussichten sind sowohl für Lehrpersonen (wegen des Geburtenrückgangs) wie für die übrigen Berufe (wegen der noch nicht überwundenen Wirtschaftskrise) leider nicht sehr gut, d.h. beim Übergang in den Beruf findet nochmals eine starke Selektion statt. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer absolvieren Prüfungen der Präfektur, in der sie tätig sein wollen, die angehenden Banker z.B. Persönlichkeitstests, Interviews und Assessments, bei denen die Sozialkompetenz im Vordergrund steht.
Ich könnte noch lange mit Studierenden und Dozierenden sprechen und in der Bibliothek lesen. Reiko wüsste auch, welche Vorlesung ich hier halten könnte. An Plänen für eine nächste Reise mangelt es nicht. Aber ich muss bald weiter, ich möchte das Wochenende noch in Tokio verbringen, bevor ich nach Korea, meiner letzten Station auf dieser Reise, weiterfliege.