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Die Innenstadt von Peking ist leblos. Alle Läden sind zu, die Strassen gesperrt und die Polizisten nervös. Während Panzer und Luftabwehr-Raketen über den Tiananmen-Platz dröhnen, herrscht anderswo in Peking Stille. Chinas Führer haben der Hauptstadt eine ganze Palette an Sicherheitsmassnahmen verordnet. Die Wirtschaft stottert und Präsident Xi Jinping muss Stärke markieren. Da darf nichts schiefgehen.
Die U-Bahn Linie 1 ist ausser Betrieb und 20 Stationen im Stadtzentrum sind zu. Mehr als zehn Spitäler empfangen ausser in Notfällen keine Patienten mehr – eine ganze Woche lang. Das Staatsfernsehen strahlt keine Reality-Shows mehr aus. Statt «The Voice of China» flimmern anti-japanische Kriegsdramen über den Bildschirm. Trainierte Makaken und Falken halten den Himmel vogelfrei, damit die Turbinen der neuen Kampfjets keine Tiere einsaugen.
Die Militärparade ist kein öffentlicher Event. Die Anwohner an den gesperrten Strassen dürfen während der Parade nicht ans Fenster stehen. Wer Zutritt zur Parade selbst hat, bestimmt die Führungsriege, minutiös, und der Rest der Bevölkerung sollte das Ereignis am Fernsehen mitverfolgen.
Ich helfe, um mein Land erfolgreicher und einflussreicher zu machen.
Auch Li Xuerong, 75-jährig, schaut die Parade heute am Fernsehen. Obwohl sie Tag für Tag freiwillig einen Beitrag zu deren Organisation leistet. Gestern noch sass sie mit einer Flasche Grüntee auf dem Trottoir der Gongren Tiyuchang Road. Sie ist eine von 850'000 «capital security volunteers», die für die Parade aufgeboten wurden.
«Ich helfe, um mein Land erfolgreicher und einflussreicher zu machen», sagte sie. «Der 70. Jahrestag des Zweiten Weltkriegs ist ein weltweites Ereignis. China ist ein kleiner Teil davon, aber der Sieg über Japan ist also einer der wichtigsten Teile des ganzen anti-faschistischen Kriegs.»
Li und ihre Kolleginnen, die alle fünfzig Meter am Strassenrand sitzen, haben alle patriotische Herzen. Ihr Antworten sind politisch korrekt und, so scheint es ob deren Ähnlichkeit, die Phrasen viele Male wiederholt worden. Für drei Franken am Tag harrte Li gestern in der harten Sonne aus. Organisiert von den so genannten Nachbarschafts-Komitees sitzt sie Wache an einer von Pekings Verkehrsschlagadern.
«Die Militärparade sollte die Erinnerungen an die Märtyrer der Revolution pflegen, die Stärke des Landes und seine jugendliche Frische zeigen», sagte sie. Anlässe wie Militärparade, offiziell «Gedenkfeier zum 70. Geburtstag des Sieges im Widerstands-Krieg des chinesischen Volkes gegen japanische Aggression und des weltweiten antifaschistischen Kriegs» genannt, bringt den Freiwilligen, meistens Pensionierte, eine Lebensaufgabe.
«Die Parade stärkt die Ambitionen der Chinesen und jagt den imperialistischen Ländern Angst ein», sagt ein 81-jähriger Freiwilliger, der seinen Namen nicht nennen will. «Wenn Invasoren uns angreifen, wird China hart zurückschlagen. Der Sieg wird unserem Land gehören.»
Überwachungsstaat bis zur Haustüre
Die Nachbarschaft-Komitees organisieren die Schichten und Zeiten der Freiwilligen-Armee. Die kommunistische Regierung gründete im Jahr 1954 solche Komitees, die etwa ein Dutzend Leute umfassen, welche sich dann wiederum um ein knappes tausend Bürger kümmern. Sie sind verantwortlich für Ruhe und Ordnung, das Publizieren von Regierungsinformationen, Konfliktlösung, aber auch Rückmeldungen zurück zur Regierung.
Den Augen und Ohren der Komitees entgeht nichts. Sie sind die letzte, niedrigste Stufe der Administration der Regierung und bringen den chinesischen Überwachungsstaat an die Haustüre der Bürger. 5000 Komitees existieren in Peking und Freiwillige wachen über die Nachbarschaft, auch im Normalfall. Sie sind die Ameisen, die Informationen zur Zentrale tragen.
Polizei sorgt für Sicherheit
«Ich habe sonst nichts zu tun», sagt eine 68-jährige Pensionärin, «also helfe ich den lokalen Nachbarschafts-Komitees mit der öffentlichen Sicherheit. Das hat einen abschreckenden Effekt, glaube ich.» Sie arbeitet nach einem klaren Stundenplan: Morgens von neun bis elf, und nachmittags von zwei bis vier.
Über Mittag, lösen sich die hunderttausenden Freiwilligen, die in hellblauen Polos auf ihren Klappstühlen alle wichtigen Strassen besetzen, in Luft auf. Auch Überwachung muss mal Mittagspause machen. Für die wirkliche Sicherheit ist die Polizei zuständig. Die Komitees sind mehr eine ständige Erinnerung daran, dass der Staat überall ist. Oder eine willkommene Hilfe für Monsteranlässe wie die heutige Militärparade.
So mühsam die Parade für viele Städter sein mag, für die Pekinger Bevölkerung von bringen die zwölf Tage Ausnahmezustand immerhin etwas Gutes: Zwölf Tage klare Luft und einen Himmel in Blau- statt Grautönen. Für die Parade hat die Regierung 10'000 Fabriken im Umland von Peking schliessen lassen.