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Geschichte | Geographie | Wirtschaft | Gesellschaft
Claudia Hagger, 1998 | Kreuzlingen, TG ‹
Meine Maturaarbeit handelt von einer psychischen Störung: die Dissoziative Identitätsstörung (DIS), auch bekannt als Multiple Persönlichkeitsstörung. Nach dem aktuellem Forschungsstand spaltet sich die Persönlichkeit durch schwerwiegende traumatische Ereignisse auf, die in der Kindheit oder Jugend geschehen sind. Bisher gibt es kein spezifisches Therapiekonzept für DIS-Betroffene oder detaillierte Informationen wie die Persönlichkeitsstruktur bei DIS-Betroffenen aussieht. Bis heute weiss man, dass es zwei Kategorien an Persönlichkeitsanteile gibt, die eine übernimmt, nur während des traumatischen Erlebnisses die Kontrolle über den Körper, um zu überleben und die andere versucht ausschliesslich den Alltag zu meistern und hat keine Kenntnisse von erlebten Gewalterfahrungen. Die Sexualität in Kombination mit Trauma ist kaum erforscht und mit DIS gibt es bisher keine Anhaltspunkte. Wegen der Unwissenheit in diesen relevanten Fachgebieten entschied ich mich einen Selbsthilferatgeber für DIS-Betroffene zu erstellen.
Fragestellung
Meine drei Fragestellungen, mit denen ich mich auseinandersetzte, sind: (I) Was führt dazu, dass eine DIS entsteht? (II) Wie sieht die Persönlichkeitsstruktur von DIS-Betroffenen aus? (III) Was sind die aktuellen Therapiekonzepte?
Methodik
Die meisten Informationen entnahm ich aus Fachbüchern über DIS, Trauma und Sexualität. Als Fallbeispiel für die Maturaarbeit hatte ich zwei Betroffene mit einer Dissoziativen Identitätsstörung. Sie füllten den selbsterarbeiteten Fragebogen eine Woche, bevor ich sie interviewte, aus. Ich nahm es mit der App «Record» von meinem Mobiltelefon auf, so konnte ich es zu einem späteren Zeitpunkt transkribieren.
Ergebnisse
Menschen können eine DIS entwickeln, wenn sie im Kinds- oder Jugendalter emotionalen oder/und physischen Missbrauch erleben. Die traumatischen Erfahrungen werden über einen längeren Zeitraum von der Täterperson zugefügt. Damit das Kind nach solchen Erlebnissen so wie zuvor im Alltag teilnehmen kann, entsteht eine Persönlichkeit für traumatische Ereignisse, welche man eine emotionale Persönlichkeit (EP) nennt. Die im Alltag funktionierende Persönlichkeit nennt man Angenommene Normale Persönlichkeit (ANP). Es kann sowohl mehrere ANP als auch mehrere EP geben, die die Aufgaben aufteilen. Was bei den EP auffällt ist, dass sich ihre Charakterzüge nach ihrer entwickelten Überlebensstrategie wie Kampf, Flucht, Erstarrung und Unterwerfung formt. Aktuell gibt es kein spezifisches Therapiekonzept für DIS-Patienten. Es gibt drei Punkte, die zur Therapie gehören, die ich im Selbsthilferatgeber vertiefte: Stabilisierung, Trauma-Exposition und die innere Kommunikation mit den verschiedenen Persönlichkeiten lernen. Beide Betroffene entwickelten selbständig Strategien, um mit sich, den Flashbacks und den verschiedenen Persönlichkeiten einen Umgang zu finden. Zum Beispiel wenden sie Skills an, die ursprünglich Verwendung für Menschen mit einer Borderline-Störung finden.
Diskussion
Die Interviews mit Mara und Anna verliefen grundsätzlich gut und auf die Schwierigkeiten war ich ausreichend vorbereitet. Eine davon ist, dass sie Mühe mit dem Interview hatten, weil sie abschweiften, switchten oder getriggert wurden. Das Interview mit einem Zeitrahmen von 15min, dauerte schlussendlich bei beiden etwa drei Stunden. Zusätzlich widersprachen sich die Antworten beim Fragebogen und im Interview. Daraufhin telefonierte ich nochmals mit ihnen und stellte diese Fragen nochmals, um herauszufinden, was der Tatsache entspricht. Beim Gespräch kam manchmal heraus, dass auch beide Antworten stimmen, aber es kommt auf die Persönlichkeit an. Ich bemerkte, dass ein freundschaftliches Verhältnis von Vorteil ist. Je grösser das Vertrauen ist, desto ehrlichere Antworten bekommt man in einem Gespräch. Das Interview sollte einem Gespräch ähneln, bei dem man zwischendurch Fragen reinschmuggelt. Die Fragebogen sollten klein ausfallen und jeder sollte mehrfach ausgefüllt werden. Je nach Persönlichkeitsanteil widerspricht sich die Antwort und die unterschiedlichen Persönlichkeiten können erfasst werden.
Schlussfolgerungen
Es gibt zwei kaum angetastete Forschungsbereiche; DIS, sowie wie die Sexualität im Zusammenspiel mit Trauma und DIS. Bei der Datenerhebung mit DIS-Patientinnen und Patienten ist es wichtig, ein Interview zu führen, wenn eine Vertrauensbasis vorhanden ist, um aussagekräftigere Antworten zu erhalten. Im Selbsthilferatgeber habe ich mich drei Kapitel gewidmet; Trauma und ihre Folgen, Dissoziative Identitätsstörung und Sexualität.
Würdigung durch den Experten
Dr. Martin Amstutz
Die Arbeit zur Dissoziativen Identitätsstörung verfolgt einen klaren Fokus mit dem Ziel eines Selbsthilferatgebers zur Selbst-Diagnose und Ansätzen zur Selbst-Therapie. Die theoretischen Grundlagen werden präzise dargestellt auf Basis der aktuellen Literatur. Aufgrund des Einbezugs von Betroffenen durch Interviews sowie aufgrund eigener Betroffenheit vermittelt die Autorin das Thema lebens- und praxisnah mit anschaulichen Darstellungen. Schwerpunkte sind den unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen und der Sexualität gewidmet. Im Ausblick werden zukünftige Forschungsthemen genannt.
Prädikat:
sehr gut
Pädagogische Maturitätsschule, Kreuzlingen
Lehrerin: Boos