Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03423.jsonl.gz/1731

Denksport mit Herrn Poe
Die Geschichte des Detektivromans beginnt mit einem Doppelmord in der Pariser Rue Morgue. Die Opfer, Mutter und Tochter, sind bestialisch zugerichtet. Aber nichts wurde gestohlen, Tür und Fenster sind von innen verschlossen. Auch die Zeugenvernehmung bringt die Polizei nicht weiter, der Fall scheint unlösbar. Nur der geniale Auguste Dupin kann aus den widersprüchlichen Aussagen, die er aus der Zeitung erfährt, die richtigen Schlüsse ziehen und durch logisch-rationales Denken das Rätsel lösen.
Als Edgar Allen Poe (1809–1849) im Jahr 1841 mit «The Murders in the Rue Morgue» die literarische Figur des Detektivs erfand, arbeitete er für verschiedene Zeitschriften. Neben Erzählungen publizierte er auch Texte zur Kryptografie und interessierte sich für die Entschlüsselung von Geheimcodes. Seine drei Kriminalgeschichten mit Dupin – nach dem Erfolg der ersten folgten «Das Geheimnis um Marie Rogêt» und «Der entwendete Brief» – sind raffinierte Leserätsel: Frei von jeder Moral oder Sozialkritik und ohne Bezug zur Realität wird hier Lesen zum reinen Spiel.
Eins allerdings, bei dem man gegen Superhirn Dupin keine Chance hat. Die Fähigkeiten dieses Spinners, der seine Tage im abgedunkelten Haus verbringt, sein Wissen aus philosophischen und wissenschaftlichen Büchern hat und sich nur für Verbrechen interessiert, weil er sich über die Unfähigkeit der Polizei lustig machen will, überschreiten jedes Mass: «Was ist denn bei der Entwirrung des Gewebes in ‹Murders in the Rue Morgue› so genial, wenn man selbst (als Autor) dieses Gewebe gesponnen hat, eben um es dann entwirren zu können?», spottete Poe über die beeindruckten LeserInnen.
Genial ist eben nicht Dupin, sondern der Autor, der eine Welt konstruiert, in der es so rational zugeht wie in einem Computer – und in der alle Spuren zu einer einzigen Schlussfolgerung führen müssen. Es ist ein grosses Vergnügen, Dupin bei dem zu beobachten, was er «Deduktion» nennt und was nur dort funktioniert, wo er lebt: in Poes Fiktion.
Werner Morlang lädt im Zürcher Schauspielhaus zu «Fantastischen Fahrten» mit Poe ein. Es liest Jan Bluthardt in: Zürich Pfauen (Kammer), Donnerstag, 21. März 2013, 20.30 Uhr.
Eine szenische Lesung «Doppelmord in der Rue Morgue» präsentiert das Theater Parfin de Siècle in: St. Gallen Mühlensteg 3, Dienstag, 26. März 2013, Freitag, 5., und Mittwoch, 24. April 2013, 20 Uhr.