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Wenn wir wählen müssten, ob wir lieber in einem toleranten oder in einem intoleranten Umfeld zu leben hätten, würde sich zwar vermutlich kaum jemand von uns für das intolerante Umfeld entscheiden. Allerdings dürften wir sehr wohl auch der Meinung sein, dass manches eben nicht zu tolerieren ist. Beispielsweise sollte Mord, Vergewaltigung, Erpressung u.v.m. klarerweise nicht toleriert werden. Selbst wenn wir also geneigt wären, uns für das tolerante Umfeld zu entscheiden, so würden wir doch gerne noch etwas mehr über die auch hierin enthaltene Grenze der Toleranz erfahren. Was soll als noch tolerierbar und was als nicht mehr tolerierbar gelten? Wo die Grenzen der Toleranz mit guten Gründen zu ziehen sind, ist außerordentlich umstritten.
Die Sache wird zudem dadurch verkompliziert, dass zunächst einmal unklar ist, was Toleranz eigentlich genau heißt.1 Wer toleriert, und wer oder was wird toleriert? Handelt es sich bei einer staatlichen Praxis der Toleranz um dasselbe Phänomen wie bei der persönlichen Haltung der Toleranz? Werden Personen als solche toleriert oder nur manche ihrer Eigenschaften, Überzeugungen oder Handlungen? Und handelt es sich dann um eine bloß zähneknirschende Duldung dessen, was eigentlich abgelehnt wird, oder geht es um anspruchsvollere Vorstellungen der Akzeptanz, wie sie sich etwa in Respekt, Anerkennung oder gar Wertschätzung zeigen?
Selbst wenn wir also lieber in einem toleranten als in einem intoleranten Umfeld leben würden, so könnten wir es durchaus als respektlos und erniedrigend erleben, wenn wir als Person lediglich geduldet und damit im Grunde abgelehnt werden. „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“, wie es bereits bei Goethe heißt.2 Und selbst wenn es „nur“ um manche unserer Eigenschaften, Überzeugungen oder Handlungen als Gegenstand der bloß duldenden Toleranz geht, so wird uns das vermutlich kaum beruhigen, wenn uns diese lieb und teuer sind. Wir erwarten voneinander keineswegs bloße Duldung, sondern eine fundamentale Anerkennung als Personen mit (moralischer) Würde und einem (moralischen) Recht auf eigene Überzeugungen, Werte und Praktiken.
Ein wichtiger Gesichtspunkt an dieser Stelle besteht darin, aus welchen Gründen Toleranz geübt wird. Ergäbe sich das tolerante Umfeld beispielsweise daraus, dass der Staat oder die Mehrheit der BürgerInnen uns und unsere Praktiken zwar ablehnen und verurteilen, uns aufgrund eigeninteressierter Nutzenüberlegungen jedoch nicht verfolgen und unterdrücken, weil dies mit zu viel Aufwand und Risiko verbunden wäre, so würden wir uns als so verstandene Tolerierte vermutlich nicht sonderlich wohl und sicher fühlen. Ein solches tolerantes Umfeld mag zwar besser sein als ein intolerantes. Es ist aber noch weit entfernt von einem respektvollen Umgang miteinander. Erst wenn sich Toleranz aus (moralischen) Gründen speist, anderen mit Respekt zu begegnen und sie und die ihnen wichtigen Überzeugungen, Werte und Praktiken anzuerkennen, auch wenn man diese für sich selbst ablehnt, ist ein moralisch akzeptables tolerantes Umfeld erreicht. „Respektiert wird die Person des Anderen, toleriert werden seine Überzeugungen und Handlungen“, wie es Rainer Forst formuliert.3
Ein solches anerkennend-tolerantes Umfeld zu bieten ist ausdrücklich das Ziel liberaler Staaten und Gesellschaften, und zwar gerade unter der pluralistischen Voraussetzung, dass die BürgerInnen unterschiedliche und teils konfligierende Werte und Lebensweisen vertreten bzw. verfolgen. Der liberale Staat soll durch seine Institutionen eine anerkennende Toleranz zeigen und all seinen BürgerInnen einen rechtlich verbürgten hinreichenden Freiraum für ihre unterschiedlichen Werte und Lebensweisen gewähren, der mit derselben Freiheit aller anderen vereinbar ist. Die liberale Gesellschaft wiederum, d.h. die einzelnen BürgerInnen, soll dies durch die ebenso anerkennende oder gar wertschätzende Haltung der Toleranz im Umgang miteinander weiter mit Leben füllen. Auf dieser Basis soll idealerweise schließlich gemeinsam und durch den Austausch von Gründen festgelegt werden, wo genau nun die Grenze der Toleranz gezogen werden sollte, d.h. was als nicht mehr tolerierbar gelten soll.
Lässt man sich von dieser idealen Ebene allerdings in die Niederungen des tatsächlichen Lebens – oder auch der philosophischen Detailargumentation – herab, so wird schnell klar, dass der anvisierte Austausch von Gründen keineswegs so einfach zu klaren und eindeutigen Lösungen führt. Sollte beispielsweise das sich aus dem (moralischen) Respekt vor der Person speisende hohe Gut der Meinungs- und Redefreiheit dazu führen, dass auch solche öffentlichen Meinungsäußerungen noch zu tolerieren sind, die andere beleidigen und in ihren Wertvorstellungen verletzen (könnten)? Oder sollte aus ebenfalls Gründen des (moralischen) Respekts aller BürgerInnen diese Freiheit beschnitten werden, und falls ja, in welchem Umfang? Der bloße Hinweis auf die allseits – und mit guten Gründen – geforderte anerkennende Toleranz hilft hier (noch) nicht entscheidend weiter. Er ist insofern keineswegs Endpunkt der Debatte, sondern, indem Toleranz in ihrem weiteren Verständnis und Umfang selbst umstritten bleibt, vielmehr ein Zwischenschritt in der philosophischen und gesellschaftlichen Debatte um ein wechselseitig anerkennendes, tolerantes Miteinander.