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Dr. Eckart Ruschmann, 26.03.2021
Die Frage, ob wir Menschen uns frei entscheiden können oder auf irgendeine Weise ‚gebunden‘ sind, war in der (abendländischen) Philosophie ein Thema von Beginn an – vor allem auch in der Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des griechischen Mythos, nach denen der Mensch schicksalhaft in ein kosmisches Geschehen eingebunden ist, symbolisiert in dem ‚Lebensfaden‘, der von den Schicksalsgöttinnen, den Moiren, gesponnenen wird.
Auch im Judentum und den (späteren) beiden anderen monotheistischen Religionen, Christentum und Islam, lässt die Vorstellung eines allmächtigen Gottes wenig Spielraum für den freien Willen, am deutlichsten noch in der christlichen Konzeption einer von Gott gegebenen menschlichen Freiheit, die sich auch gegen den göttlichen Willen richten kann, und so das Gegenteil des „guten Willens“ repräsentiert, um den von Immanuel Kant geprägten Begriff zu verwenden. Damit wird dann negatives menschliches Verhalten („das Böse“) erklärt und kann nicht Gott angelastet werden.
Sobald nun dem Menschen eine gewisse Entscheidungsfreiheit zuerkannt wird – und das ist spätestens bei den beiden großen Gestalten der antiken Philosophie, Platon und Aristoteles, der Fall – stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien der Mensch sich entscheiden kann bzw. sollte. Damit geht es um Gut und Böse, um richtig und falsch, das Thema der Ethik, die in der Philosophie von Anfang an eine zentrale Rolle eingenommen hat.
Wenn wir Menschen uns – zumindest in gewissem Maße - frei entscheiden können, warum tun wir dann nicht einfach „das Gute“? In Platons Weltbild nimmt die Idee des Guten die höchste Stelle im Seinsgefüge ein, die oberste, göttliche Ebene.
Ohne eine Unterscheidung bestimmter ‚Instanzen‘ oder „Kräfte“ im menschlichen Seelenleben kann man sich diesem Problem nicht angemessen nähern. So entsteht bei Platon eine Psycho-Logie, eine ‚Lehre von der Seele‘ und ihren Aspekten – das vernünftige Denken ermöglicht die Erkenntnis des Guten, das ‚Muthafte‘ (der ‚gute Wille‘) gibt die Kraft, es zu verwirklichen, das begierdehafte Wollen als ‚Habenwollen‘ strebt nach dem oberflächlich Anziehenden, Lustvollen, das dann auch – wenn es führt - ungünstige, destruktive Handlungen nach sich zieht, für andere, letztlich aber auch für einen selbst. So können (potentielles) Wissen und Wollen in Konflikt geraten.
Nachdem dann später die christliche Religion im Abendland die dominante Rolle eingenommen hatte, standen Theologie und Philosophie in einem engen Verhältnis und so wurde das Thema der Willensfreiheit ganz in die Spannung zwischen göttlichem Willen und menschlichem Wollen gestellt. Mit der Aufklärung beginnt dann eine kritische Auseinandersetzung zwischen den beiden Disziplinen der Theologie und Philosophie, und sie ringen um die Vorherrschaft. Der „arme Wille“ (so benennt ihn der Philosoph Jürgen Mittelstraß) gerät in der Folge in eine zwiespältige Position – von der idealistischen Philosophie teilweise überhöht, bis hin zu Schopenhauers Konzeption der „Welt als Wille und Vorstellung“ auf der einen Seite, andererseits abgewertet im entstehenden naturalistischen, reduktionistischen Denken und seinem Menschenbild, das keinen freien Willen mehr kennt, sondern nur noch Reaktionsmuster, ähnlich wie man es bei den Tieren annimmt.
Zunehmend übernimmt die Wissenschaft die Rolle, das Material für die persönlichen weltanschaulichen Perspektiven der Menschen bereitzustellen, sie ist jedoch selbst in vielen Aspekten in der Gefahr, blind gegen weltanschauliche Hintergrundannahmen zu sein. Beispielhaft zeigt sich das in der Psychologie bzw. Psychotherapie. Auf der einen Seite entstand im 20. Jahrhundert mit der Psychoanalyse eine Richtung, in der – zumindest in den Anfängen – die menschliche Freiheit kaum eine Rolle spielte, während unbewusste Prozesse als lenkende Faktoren angenommen und in der therapeutischen Arbeit „aufzuhellen“ versucht wurden.
Vor einem ganz anderen Menschenbild und mit anderen Prozess-Annahmen kam der Behaviorismus zu ähnlichen Ergebnissen und reduzierte den Menschen auf etablierte und weitgehend vorhersehbare Reiz-Reaktions-Muster.
Diese Positionen fanden in der Humanistischen Psychologie ab den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wichtige Gegenimpulse, mit einer starken Betonung von Freiheit und Verantwortlichkeit. Das hat im psychotherapeutischen Feld zu viel Bewegung geführt, die Extrempositionen werden heute so nicht mehr vertreten, die Unterschiede zwischen den Schulen sind geringer geworden.
Dafür hat sich ein neues Feld aufgetan, es gibt Versuche, mit Bezug auf neurowissenschaftliche Ergebnisse eine kausale Beziehung zwischen Handlungsentscheidungen und neuronalen Prozessen herzustellen. Dann wäre Willensfreiheit eine Illusion, nachträglich ‚verliehen‘. Solche Zuschreibungen zu bestimmten neuronalen Prozessen sind höchst fragwürdige Interpretationen, die in starkem Maße von den jeweiligen Hintergrundannahmen geleitet sind, die empirischen Daten selbst geben dafür keine verlässliche Grundlage.
Was ergibt sich nun aus all diesen unterschiedlichen Perspektiven und Annahmen? Deutlich scheint mir, dass man bei dem, was man im weiten Sinn unter „Wille“ versteht (heute fällt das in der Psychologie eher unter den Oberbegriff der Motivation), zwischen verschiedenen Abläufen und Prozessen bzw. Ebenen unterscheiden muss. Es kann jemand primär von starken Gefühlen des Habenwollens oder Ablehnens geführt werden, so wie schon von Platon als „begierdehafter Teil“ der Seele beschrieben. Oft geschieht das unreflektiert, geführt von mustergebunden, automatisierten Reaktionen. Sich aus solchen ego-zentrierten Mustern zu lösen, bedarf einer Bewusstheit, Achtsamkeit und Reflexion der Abläufe, dann erst entsteht eine gewisse Freiheit des Wollens. Voraussetzung ist dazu, dass überhaupt ein tatsächliches Wissen vorhanden ist, was jemand ‚wirklich‘ will; oft dominieren Vorstellungen darüber, was man ‚eigentlich‘ tun müsste, was die anderen erwarten usw.
Wenn es stimmt – und davon gehe ich persönlich aus – dass eine gründlich reflektierte Willensentscheidung stets an Werten orientiert ist, an dem, was für den Betreffenden „das Gute“ bedeutet, dann stellt sich die Frage, ob es überhaupt einen Widerspruch geben kann zwischen dem, was ich als Individuum für mich will und dem, was auch für die anderen Menschen gut und angemessen ist.
Viele Menschen suchen heute einen Weg, Zugang zu einer tieferen Dimension der Wirklichkeit zu finden. Sie bezeichnen ihre erfahrungsorientierte Ausrichtung, sich der Transzendenz zu öffnen, vielfach eher als ‚spirituell‘ denn als ‚religiös‘. Es gibt Erfahrungen, in denen der Zugang zu einer persönlichen tiefen, spirituellen Ebene den Gegensatz zwischen Eigenwollen und einem umfassenderen, göttlichen Willen aufhebt – auch Mystiker haben Ähnliches mitgeteilt. Für Meister Eckhart war jedenfalls der göttliche Wille und die höchste menschliche Freiheit kein Gegensatz.
Der italienische Psychotherapeut Roberto Assagioli entwickelte schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen therapeutischen Ansatz, der die spirituelle Dimension mit einbezieht und den er „Psychosynthese“ nannte, in Abgrenzung zur Psychoanalyse. Er spricht dabei von der Vertiefung des personalen Willens in den transpersonalen Bereich – für ihn gibt es auch einen transpersonalen Willen, der ein Ausdruck des höheren Selbst ist und von überbewussten Stufen der Psyche aus arbeitet.
Insofern stehen menschliches Wollen und Handeln in einem Kontinuum von Gebundenheit bis hin zu wirklicher Freiheit. Wir können in Aspekten ganz unfrei sein, gefangen von Begierden, Wünschen, festgelegt durch automatisierte Muster und vorprogrammierte Abläufe. Wir können uns aber auch – durch Bewusstheit und Reflexion – einem immer größeren Bereich der Freiheit nähern. Das bedeutet jedoch keineswegs eine „Willkürfreiheit“, vielmehr wächst – so möchte ich es formulieren - durch zunehmendes Wertebewusstsein eher auch die Verantwortlichkeit für sich und andere und die Bezogenheit auf das größere Ganze, je freier und bewusster die eigene Entscheidung wird.
Herr Dr. Ruschmann, wir danken Ihnen herzlich für Ihre spannenden Ausführungen. Daraus ist eine ganze Palette weiterführender Fragen entstanden. Schön, dass Sie sich bereit erklärt haben, dieses Thema weiter auszuführen. Es freut mich, dass ich nun melden kann: Fortsetzung folgt!
Verena Lüthi, Redaktion
Herrn Ruschmann ist es meiner Meinung nach gelungen, eine treffende Zusammenfassung über die verschiedenen historischen Anschauungen zum Thema Willensfreiheit abzufassen. Er beschreibt darin verschiedene Entwicklungen und kommt zum Schluss, dass wir Menschen und wohl in einem Kontinuum zwischen Gebundenheit bis hin zu wirklicher Freiheit befinden. Dem kann ich mich gerne anschliessen, denn ich kenne weder einen einzigen ausschliesslich fremdbestimmten Menschen, noch einen völlig freien. Wir sind alle in eine Gesellschaft eingebunden, eine Ursprungsfamilie, eine eigene Familie, welchen unsere Werte zugrunde liegen und derentwegen wir auch bereit sind, freiwillig oder gezwungenermassen Kompromisse zu machen.
Maximale Freiheit bedeutet immer auch gleichzeitig grosse Verantwortung – für mich und mein Verhalten, aber auch für die potentiellen Auswirkungen auf andere und das grössere Ganze. Das verpflichtet, insbesondere, wenn diese Verantwortung nicht elegant auf Gott, das Schicksal, etc. abgewälzt werden kann. Bin schon gespannt auf den Fortsetzungsartikel zu dieser Frage.
Freiheit hat für mich viele Aspekte. Auf geistiger Ebene frei sein, ist wohl das höchste Gut, ebenso kann, so denke ich, absolute Freiheit nur auf geistiger Ebene stattfinden. Physisch sind wir durch unsere Prägungen schon "zu voreingenommen" um noch als absolut frei gelten zu können, respektive wirklich freie Handlungen tätigen zu können (auch wenn uns diese "Unfreiheit" so gar nicht bewusst ist, respektive auch nicht negativ behaftet sein muss). Den eigenen Lebensimpuls aus der Freiheit heraus zu erfassen, die Kraft der Liebe in uns entstehen zu lassen, aus der Freiheit heraus, dies sind für mich erstrebenswerte Aspekte.
Um wirklich frei zu sein, braucht es zudem ein Bewusstsein, eine ICH-Identität. Ein Wissen von mir selber ist die Grundlage meiner ICH-Identität.