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Krisen existieren nicht per se. Sie werden von uns gemacht. Wir oder andere rufen eine Krise aus oder wir glauben, in einer Krise zu sein. Krisen sind etwas sozial Gemachtes, etwas Konstruiertes.
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Auf die Konstruktion von Krisen haben Medien einen starken Einfluss, zumal dann, wenn etwas Neues, Überraschendes eintritt. Die Medien deuten das Problem als erste und legen damit fest, was für ein Problem es ist, und sie benennen es als «Krise». Medien Medien framen das Ereignis. Und mit diesem Framing beeinflussen sie – für eine gewichtige Zeitspanne – den weiteren Verlauf dieser Krise. Wobei die Medien, zumal bei einem komplexen und überraschend eintretenden Ereignis, hochselektiv agieren.
Otfried Jarren
Aber das müssen sie, weil sie das Thema in Nachrichten und Sonderberichtsformaten behandeln. Dadurch verdichten sie aber auch – oft in einem Übermass. Bei Corona zum Beispiel, einem an unterschiedlichen Orten wie zu unterschiedlichen Zeiten vorkommenden globalen Ereignis, reduzieren sie die Komplexität auf eine Ereigniskette – China, Italien, Spanien. Zudem reduzieren sie das Phänomen auf Bilder. Schlüsselbilder: Bergamo und Militärfahrzeuge. Oder Kolonnen von Arbeitern in Asien, vermummt, dahinter ein Sprühfahrzeug, das desinfiziert. Bilder aus Spitälern in Spanien oder Leichenkühlhäusern in New York.
Auch sprachlich wird reduziert: «Wir wollen keine italienischen Verhältnisse!» Und es werden die von Politkern eingesetzten Metaphern vermittelt, wie zum Beispiel die Kriegsmetaphern des französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron. Und so wird das natürliche Ereignis einer Pandemie bis heute noch unter Kriegsfolgen thematisiert, zum Bispiel wenn die EU von einem «Wiederaufbauprogramm» spricht – und die Medien dies unbesehen übermitteln.
Nun hat diese aktuelle Krise aber eine ganze Reihe von Besonderheiten, die unter den mediatisierten Bedingungen übersehen und in den Medien zu wenig diskutiert wurden:
- Die Corona-Pandemie ist ein natürliches Ereignis. Es ist ein natürlicher Vorgang, keine von Menschen zu verantwortendes «Problem» wie ein GAU in einem Atomkraftwerk oder ein Terroranschlag. Nein, es ist schlicht die Natur, die bei uns anklopft. Für so etwas haben wir kein Verantwortungsstruktur. Man kann das Virus nicht verhaften. Man kann es nicht behaften, und man kann ihm keine Urteile zustellen. Wir können es auch nicht ausweisen. Wir können eigentlich gar nichts tun, ausser uns individuell vorsorglich zu verhalten. Bei anderen Ereignissen gibt es immer menschliche Verantwortung, und man weiss, an wen man sich wenden muss. Man weiss auch, wie man das Problem löst. Und zumeist gibt es eine Versicherung, die zahlt.
- Die Krise war nicht erwartbar. Besser: Eine Pandemie war erwartbar, wurde aber nicht als ernsthafte Gefahr angenommen. Erwartbare Krisen gibt es, wenn Dinge sich hochschaukeln: politische oder militärische Konflikte treten meist nicht überraschend ein. Etwas anders ist es bei Bergrutschen, Bränden, Grossunfällen, punktuellen Anschlägen – aber da sind wir sensibilisiert, da gibt es Rettungsorganisationen, Pläne. Diese Fälle hat man geübt. Wir wissen wie man damit umgehen kann. Auf nicht erwartete und nicht erwartbare Dinge reagieren wir hingegen oft mit einem Schock. Zumal dann, wenn man uns nicht sensibilisiert hat. Zwar rechnen die Behörden mit einem Blackout – einem flächendeckenden Stromausfall – als einer wahrscheinlichen Krise, aber sind wir dafür sensibilisiert?
- Die Krise ist nicht sichtbar. Zerstörte Strassen, Kriegseinwirkungen, lahmgelegte Verkehrsstrecken, die sieht man. Da weiss man, wo man hin muss, wo man wegräumen muss. Das Virus hingegen ist nicht direkt sichtbar. Es existiert allenfalls in Form einer Grafik in unseren Köpfen. Mit Unsichtbarem tun wir uns aber sehr schwer. Und die meisten von uns haben keine Eigenerfahrung mit diesem Virus. Ab und an sehen wir Bilder von Genesenen, zumeist von Personen mit einem schweren Krankheitsverlauf, die von ihren Erfahrungen erzählen. Diese Berichte, die Fernsehbilder machen für uns das Virus sichtbar. Dies ergibt eine Form der Fremdvermittlung, auf die wir wenig Einfluss haben. Wir sind, mehr als sonst, auf Medien angewiesen: Bilder, Erklärungen, Empfehlungen. Das Ereignis, die Ereignisse, sind ebenso wie die Folgeprozesse hochgradig mediatisiert.
- Die Krise ist manifest. Der Klimawandel, könnte man sagen, ist eine latente Krise. Sie hat extrem viele Folgen auf alle möglichen Dinge, aber sie hat zu viele Gesichter: Überschwemmungen, Gletscherschmelzen, Dürren. Davon sehen wir gelegentlich etwas. Aber die Klimaerwärmung bleibt eher diffus, zudem meist recht weit weg von uns. Und die Folgen sind nicht unmittelbar, sie treffen uns vielleicht, und nichtpersönlich. Also tangieren sie uns eher am Rande – vielleicht auch erst in oder zwei Generationen. Aber dieses Virus ist jetzt da, es könnte jeden einzelnen persönlich treffen. Jetzt oder Morgen. Das verstört.
- Die Krise ist global. Die Corona-Pandemie hat deswegen eine besondere Dimension, weil sie global ist. Sie tritt in verschiedenen Regionen der Welt auf, nicht zeitgleich und auch nicht als für uns erwartbare Welle, sondern – viel schlimmer – ungleichzeitig auf. Wenn wir in ein Land reisen mit Gesundheitsrisiken, so kennen wir diese. Auch die jährliche Grippewelle überrascht uns nicht. Darum ist die örtliche, zeitliche und soziale Unberechenbarkeit der Corona-Pandemie eine Herausforderung. In der Regel trifft eine Krise einen Ort, eine Region und zu einer definierbaren Zeit. Die Corona-Krise aber ist räumlich unbegrenzt und sie dauert an. Dadurch kann sie nicht mehr von uns allein – also von uns in der Schweiz – bewältigt werden, sondern wir sind darauf angewiesen, dass andere ebenso handeln wie wir. Was tut wer in welchem Land? Die Massnahmen, welche die Amerikaner, die Japaner, die Südkoreaner oder die Chinesen ergreifen, haben für uns alle vielfältige Folgen: Reisen, Lieferketten. Und man fragt beständig, ob und was man von China oder Italien, die vor uns betroffen waren, gelernt hat. Und erst jetzt sehen wir, wie sehr Risikobewertung und der Umgang mit Risiken kulturell geprägt sind. Südkorea und Singapur machen es anders als Brasilien und die USA.
- Die Krise trifft alle sozialen Schichten. Natürlich kann man sagen, die Älteren sind eher betroffen. Aber auch Junge kann es treffen. Das macht Corona besonders unberechenbar – und beschäftigt darum alle gleichermassen.
- Die Krise hat kein klar absehbares Ende. Krisen sind in der Regel zeitlich abgegrenzt. Ein Bergsturz oder Unfall ist passiert. Man räumt auf, diskutiert, fragt wer die Verantwortlichen sind. So kennen wir das auch von der saisonalen Grippe. Wir sehen eine Statistik, bekommen einen Bericht und wissen, das hat wie erwartetet stattgefunden. Die Corona-Pandemie aber hat deshalb keinen Abschluss, weil sie durch die Massnahmen, die man zu ihrer Bewältigung ergriffen hat, höchstwahrscheinlich Folgewirkungen haben wird, die als Krise mit Corona in Verbindung gebracht werden. Dies zumal dann, wenn politische Hilfsmassnahmen explizit nach dem Virus benannt werden: Die Banken vergeben Covid-Kredite. Einerseits hat die Corona-Pandemie Folgen, die wir nur begrenzt abschätzen können. Andererseits haben die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie Auswirkungen, die wir noch weniger abschätzen können. Es bestehen also zwischen der eigentlichen Ursache und den Massnahmen zur Bekämpfung der Folgen komplexe Beziehungen – die Krise dauert an und wirkt fort. Und dies erwartbar über längere Zeit. Das verunsichert zusätzlich.
Wettbewerb der Systeme
Die Corona-Pandemie ist also eine ganz spezifische und in dieser Form sehr selten vorkommende Krise. Aus ihr ergeben sich verschiedene Folgen wie Konsequenzen. Sie hat zu einem nationalen wie globalen, politischen Wettbewerb geführt, der in Machtkämpfen gipfelt. Welches System ist besser für die Bewältigung geeignet? Ist es China, Schweden, oder wer? Wer hat als erster den Impfstoff? Und wer hat die Startvorteile, wenn wir wieder aus der Krise herauskommen? Welche Wirtschaft kann sich besser erholen und dann vielleicht auch durchsetzen. Ob in den USA, in Italien oder Frankreich: Parallel finden politischen Macht-, Wahl- wie Führungskämpfe statt – Ausgang offen.
Instabile Dynamiken
Die Krise weist Merkmale von instabilen Dynamiken auf, weil alle gesellschaftlichen Systeme, vom Gesundheitssystem und der Wirtschaft über die Kultur bis hin zum Sozialsystem, direkt wie indirekt betroffen sind. Zudem gibt zwischen ihnen vielfältige Formen an Rückwirkungen. Kultursystem: Künstler können nicht auftreten, verlieren Einkommen, es mangelt an Perspektiven. Gesundheitssystem: Überlastung wie Unterfinanzierung finden gleichzeitig statt.Die gewohnte Stabilität scheint verschwunden, etablierte Routinen helfen nicht immer, die Planungssicherheit ist verloren. Zudem kommen Gefühle von Über- oder Unterversorgung auf. Wir haben ständig Angst, etwas ist jetzt oder zukünftig nicht da – und verhalten uns dann in der Erwartung der Unter- oder Überversorgung – Stichwort «Hamsterkäufe». Die Tourismusbranche kann die verlorene Frühjahrssaison 2020 nicht nachholen, Menschen haben geplante Ferien- wie Auszeiten verloren. Kann das wieder eingeholt, kann alles ausgeglichen werden?
Auswirkungen auf die Medien
Auch auf die Medien hat die Krise Auswirkungen. Das Bildmedium Fernsehen ist zurück, sogar als Leitmedium. Es ist das Lagerfeuer, wir kommen zu den Sendungen zusammen, wir erleben dort Gemeinschaft, wir gehen dort auch wieder hin, weil wir schauen wollen, was man als Herr oder Frau Schweizer wissen sollte. Dieses virtuelle Zusammensein stabilisiert uns, es gibt uns Hoffnung, es zeigt uns Möglichkeiten. Dort aber sehen wir auch – wiederkehrend sogar – die Bilder, die uns Angst machen. Mit wem sprechen wir darüber jenseits der Home-Office-Gemeinschaft? Alte Menschen, vielfach allein: Wer spricht mit ihnen über die Pandemie, über Sorgen und Befürchtungen? Die «Stay at home»-Zeit war lang. Die weiteren Austauschmöglichkeiten begrenzt.
Wichtig sind die Social Media. Man kann gemeinsam teilen, man kann miteinander trauern, man kann sich Mut zusprechen, man kann sich austauschen. Doch dort sind vor allem die Jungen, nicht die Alten aktiv.
Die Corona-Pandemie ist ein komplexes und für die unterschiedlichen sozialen Gruppen wohl auch ein jeweils besonderes Medienereignis. Daten wie Bilder werden wieder und wieder gebracht. Ständige Berichterstattung, ständige Wiederholungen – in den Massenmedien wie auf den Social-Media-Kanälen. So erhält die Krise eine Art von Eigenleben.
Gleichzeitig die Medien-Krise
Aus dieser Krise sollten wie lernen: Für die Vermittlung von Krisen, Krisenereignissen, Krisenbildern braucht es von Beginn an Pluralität. Wir müssen politische wie kulturelle Unterschiede beachten: China und chinesische Lösungen – Vorbild für wen, oder was? Schwedische Massnahmen als Vorbild – für wen, oder was? Wir brauchen ein breites Spektrum an fachlichen Kompetenzen im Medien- und Journalismusbereich. Das setzt eine gute Grundlagenfinanzierung voraus, damit die Medien und Journalisten in der Lage sind, diese Art von Vorsorge zu leisten.
Investitionen in Medien wie Journalismus sind ein Beitrag für unsere individuelle wie gemeinsame Vorsorge. Denn mitten in dieser Krise, wo diese grossen Reichweiten der Medien ja da sind, hat sich die strukturelle Medien- und Journalismuskrise beschleunigt.
Journalismus vermittelt die Aussenperspektive
Die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie zeigen zudem, wie wichtig die Trennung zwischen Staatskommunikation und der Fachkommunikation gegenüber Journalisten ist. Und der Journalismus muss stets deutlich machen, wer in den Berichten für was steht und für wen spricht. Was wir uns nicht erlauben dürfen, ist eine Vermischung von Kompetenzen und Zuständigkeiten. Verwischungen: Dann wirkt plötzlich die Wissenschaft so, als würde sie auf der Staatsseite stehen, und der Staat erscheint so, als würde er sich auf die Wissenschaft berufen, um seine politischen Entscheidungen wissenschaftlich begründet durchzusetzen. Wissenschaft analysiert und bewertet nach ihren Regeln. Der Journalismus vermittelt nach seinen Normen. Und allein die Politik hat zu entscheiden.
Die unterschiedlichen Rollen wie Aufgaben dürfen nicht vermischt werden. Wir haben gesehen, dass vor allem das Fernsehen als Bildmedium einerseits zu wenig die Rollen- wie Funktionsunterschiede betont und andererseits durch Personalisierung Formen von (Medien-)Prominenz schafft, die mit bestimmen Rollen – so bei Wissenschaftlern – zu Problemen führen. Der aktuelle deutsche Fall mit Prof. Christian Drosten sollte Anlass sein, dass vor allem die Medien über ihre Verantwortung nachdenken. Die Berichterstattung wie der Gebrauch der Social Media-Plattformen bedarf der vertieften Analyse, um daraus zu lernen, was man zukünftig anders machen sollte – auf Seiten der Medien, aber auch von Seiten von Wissenschaft und Politik.