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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998 von Peter Ziegler
Die Gründerformation mit Dirigent Max Ringeisen, 1899.
UNTER DER LEITUNG VON MAX RINGEISEN (1898-1907)
1895
Der seit einem Jahr in Wädenswil lebende Musiker Max Ringeisen (1863-1945) trägt sich mit dem Gedanken, hier ein Orchester mit sinfonischer Besetzung zu gründen. Mehrere Mitglieder des Musikvereins Harmonie erklären sich bereit, Streichinstrumente spielen zu lernen. Die Sache schlummert aber wieder ein.
1898
Max Ringeisen wagt einen neuen Versuch, nachdem ihm Brauereibesitzer Fritz Weber-Lehnert (1870-1955) seine Unterstützung zugesichert hat. 28 Musikfreunde aus Kreisen von Industrie, Handel und Gewerbe schreiben sich in die Interessentenliste ein. Man will schon zur Vereinsgründung schreiten, da kommt es zum Zerwürfnis mit der Harmoniemusik, welche die Abwanderung von Aktivmitgliedern befürchtet. Fritz Weber kann die Wogen glätten. Am 4. November findet im «Engel» die von 25 Aktiv- und 9 Passivmitgliedern besuchte Gründungsversammlung statt, welche den Vorstand bestellt und Paul Blattmann (1869-1947) zum Präsidenten und Max Ringeisen zum musikalischen Leiter bestimmt.
Max Ringeisen, Dirigent von 1898 bis 1907.
1899
Vierzehn Tage vor Ostern gibt der junge Orchesterverein im «Engel» das erste Konzert. Es schliesst mit dem «Landesmuseum-Marsch», den Max Ringeisen zur Eröffnung des Museums komponiert hat. Am Ostermontag findet ein zweites Konzert statt, und zwar zu Gunsten des Instrumentenfonds. Es folgen zwei Sommerabend-Konzerte im «Du Lac»-Garten, ein Auftritt am Bundesfeiertag und ein von 600 Personen besuchtes Herbstkonzert mit Abendunterhaltung.
1900 - 1906
Als besondere Höhepunkte und Überraschungen an Konzerten des Orchestervereins Wädenswil gelten die Kompositionen des Musikdirektors und Kapellmeisters Max Ringeisen: 1900 der Margarethen-Marsch und der Marsch «Hoch die Schweiz», 1901 der dem Artilleriechef der Gotthardbefestigungen, Oberst v. Tscharner, gewidmete Marsch «Die Wacht am St. Gotthard», 1903 der neue Marsch «Heimkehr der Schützen», 1904 Ringeisens Walzer «Die Grethl am See», 1905 der Marsch «Üetliberg hell!» und 1907 der Walzer «Am Vierwaldstättersee».
UNTER DER LEITUNG VON JOHANN HEINRICH MÜLLER (1907-1933)
1907
Mit dem Frühjahrskonzert beendet Max Ringeisen die Dirigententätigkeit beim Orchesterverein. Nachfolger wird Johann Heinrich Müller (1879-1959), seit 1902 Direktor des Musikvereins Harmonie Wädenswil.
1909
Für musikalische Anlässe steht fortan die neue Turn- und Konzerhalle Glärnisch zur Verfügung. Orchesterverein und Harmonie sind hier am 16. Mai unter J. H. Müllers Stabführung mit Orchester- und Militärmusik erstmals zu hören.
1910
Für das Frühjahrskonzert zieht der Orchesterverein zur Verstärkung einige Mitglieder des Tonhalle-Orchesters Zürich zu, und am Kirchenkonzert vom Dezember wirken aus eigenen Reihen die Solisten Martha Hug (Violine), Walter Hauser (Tenor) und Gustav Ammann (Orgel) mit.
J.H. Müller, Dirigent von 1907 bis 1933.
1913
Über das Herbstkonzert schreibt der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee»: «Die Zuhörer füllten das Lokal vollständig an. Sie zeigten durch den jeder Nummer folgenden Beifall an, dass sie die Schaffenslust der Musiker und die zielbewusste und verständnisvolle Arbeit des nimmermüden Hrn. Musikdirektor Müller zu schätzen und zu würdigen wissen.» Am Weihnachtskonzert tritt die Altistin Mina Blattmann (1895-1936), die Tochter des Gründungspräsidenten Paul Blattmann, erstmals mit dem Orchesterverein vor einheimisches Publikum.
1914-1918
Der Orchesterverein bekommt die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs zu spüren. Eine grössere Anzahl Streicher und Bläser haben Aktivdienst zu leisten. Das erschwert den Probenbetrieb; verschiedene Konzerte und die Generalversammlung 1917 müssen ausfallen. Wegen der Grippe-Epidemie stellt der Verein seine Tätigkeit auch 1918 für mehrere Monate ein. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich zwei Kompositionen von Johann Heinrich Müller: 1914 der Marsch «Treu zur Fahne» und 1916 der Marsch «Für Freiheit die Waffen».
1919
Am 31. März findet ein Konzert zum Jubiläum «Zwanzig Jahre Orchesterverein Wädenswil» statt. Mit der Aufführung der Leonoren-Ouvertüre und dank der Mitwirkung des einheimischen Tenors Bernardo Bernardi bedeutet es einen Markstein in der Vereinsgeschichte.
1920
An der 20. Generalversammlung im «Hirschen» rügt der Präsident die Aktivmitglieder, die sich «wie gewohnt durch schlechten Probenbesuch» auszeichneten.
1922
Der Wädenswiler Robert Haab ist Bundespräsident. An der Feier, welche die Heimatgemeinde zu seinen Ehren veranstaltet, wirkt auch der Orchesterverein mit.
1923
Der Orchesterverein beteiligt sich am Maifestspiel aus Anlass des 50jährigen Bestehens der X-Gesellschaft Wädenswil und an der Jubiläumsfeier «75 Jahre Turnverein».
1924
Auf Antrag von Direktor Müller beschliesst die Generalversammlung, jedes Aktivmitglied habe mit Unterschrift zu bestätigen, dass es an den Konzerten mithelfe und alle Proben besuche. Ein Sommernachtsfest auf der Halbinsel Au hilft die Vereinskasse füllen.
1925
An der 25. Generalversammlung tritt Präsident W. Huber aus dem Vorstand zurück. Nachfolger wird Dr. Louis Sträuli (1891-1962). Der Gemeindepräsident lädt den Orchesterverein ein, das Bankett zum 60. Geburtstag von Bundesrat Robert Haab musikalisch zu umrahmen.
1926
Die Generalversammlung beschliesst eine Statutenrevision. Neu eintretende Mitglieder haben fortan eine Aufnahmeprüfung abzulegen.
1927
Der Verein zählt 34 Aktiv- und 182 Passivmitglieder. Das Sommernachtsfest auf der Halbinsel Au muss zweimal verschoben werden. Um Inseratkosten zu sparen, wird die Durchführung des Festes mit einer Fahne am Turm der reformierten Kirche angezeigt.
1928
Mit Dr. S. Schellenberg-Stiefenhofer wird erstmals eine Frau in den Vorstand des Orchestervereins gewählt.
1929
Wie die Weltwirtschaft steuert auch der Orchesterverein Wädenswil einer Krise entgegen. Die Vereinstätigkeit flacht ab, der Probenbesuch ist schlecht, die Musik stellt zu hohe technische Anforderungen an die Spielenden. Schlossermeister Jules Theiler löst Dr. Louis Sträuli im Präsidium ab.
1930
Der Orchesterverein tritt im Rahmen der in Wädenswil stattfindenden Zürichsee-Ausstellung «Arbeit und Fortschritt» auf.
1931
Die Generalversammlung beschliesst eine Reorganisation des Vereins und wendet damit den Rücktritt von Musikdirektor J. H. Müller ab.
Orgelkonzert mit Marcel Dupré in der reformierten Kirche.
1936
Herbstkonzert mit der Solistin Stefi Geyer. Mitwirkung an der Jahrhundertfeier der Sekundarschule Wädenswil-Schönenberg.
1937
Herbstkonzert mit der Solistin Else Stüssi. Mitwirkung an der Einweihung der Abdankungshalle auf dem Friedhof.
Heinrich Funk, Dirigent von 1933 bis 1954.
1938
Frühjahrskonzert mit der Solistin Maria Stader (Sopran) und Herbstkonzert mit einem Beethoven-Programm zum 40jährigen Bestehen des Orchestervereins.
1939
Das Frühlingskonzert wird schlecht besucht, da am Vortag in Zürich die Schweizerische Landesausstellung eröffnet worden ist.
1940
Mitwirkung bei der Einweihung des Kirchgemeindehauses Rosenmatt und an der Soldatenweihnacht des Füsilier Bataillons 76 in der reformierten Kirche.
1941
Wegen Brennstoffmangel kann die Konzerthalle Glärnisch nicht geheizt werden. Das Herbstkonzert fällt aus.
1942
Da der Verein das Risiko eines Fliegeralarms nicht übernehmen will, verzichtet er auf die Benützung der Konzerthalle während der Verdunkelungszeit.
1945
Am 8. Mai geht der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Damit fallen lange Militärdienstzeiten für die Aktivmitglieder und manche Einschränkungen durch kriegswirtschaftliche Anordnungen weg. Der Orchesterverein kann wieder seine frühere rege Tätigkeit entfalten.
1946
Am Frühlingskonzert ist die Solistin Marguerite Dupré aus Paris zu Gast, am Herbstkonzert die Solistin Margherita Perras von der Staatsoper Wien.
1948/49
Der Orchesterverein blickt auf 50 Jahre seines Bestehens zurück, feiert dies aber erst mit dem Jubiläumskonzert vom 20. März 1949, an dem der Weltklasse-Solist Wilhelm Backhaus (Klavier) auftritt, und Anfang Oktober mit einem Sauserbummel nach Rafz.
1950
Das Vereinsjahr steht im Zeichen des 200. Todestages von Johann Sebastian Bach.
1951
An einem prächtigen Sommerabend gibt der Orchesterverein im Schlosshof der Eidgenössischen Versuchsanstalt ein Serenadenkonzert, an dem Emmy Hürlimann und André Jaunet als Solisten auftreten.
1952
Anstelle eines Herbstkonzerts lädt der Orchesterverein zu einem Abend mit Weihnachtsmusik ins Kirchgemeindehaus Rosenmatt ein.
UNTER DER LEITUNG VON RUDOLF SIDLER (1954-1976)
Heinrich Funk, seit 1942 als Organist und Musiklehrer in Zürich tätig, attestiert dem Orchesterverein Wädenswil sinkendes Niveau und gibt 1954 die musikalische Leitung ab. Auch die Konzermeisterin Else Stüssi (Frau Bösch) tritt zurück. Mit der Wahl von Rudolf Sidler (1914-1978) als Dirigent beginnt ein neuer Abschnitt in der Vereinsgeschichte.
In den 1950er Jahren wandelt sich der einstige Orchesterverein allmählich zum heutigen Kammerorchester Wädenswil, einer reinen Streicherformation, die nach Bedarf Contrabassist, Bläser und Cembalo- oder Orgelspieler beizieht. Bewusst strebt man andere Ziele an als die Vorgänger. Damit zieht man nicht zuletzt die Konsequenzen aus neuerer technischer Entwicklung. Der Besuch erstklassiger Konzerte in der Stadt Zürich ist durch immer bessere Bahnverbindungen erleichtert worden. Langspielplatte und in den 60er Jahren die Tonbandkassette haben in den meisten Haushaltungen Eingang gefunden und erlauben es, jederzeit Werke von höchster Tonqualität abzuspielen.
1965
Mit einer Statutenänderung wählt der Verein den heutigen Namen «Kammerorchester Wädenswil».
Rudolf Sidler, Dirigent von 1954 bis 1976.
1967
Zum 200-Jahr-Jubiläum der reformierten Kirche Wädenswil gibt das Ensemble ein Festkonzert.
1971
Ende der 60er Jahre bahnt sich eine Krise an, die 1971 zu einem eigentlichen Orchesterkrach führt. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Opposition jüngerer Spieler gegen ältere bei der Werkwahl, unterschiedliche Begabung der Mitspielenden, Meinungsverschiedenheiten mit dem Dirigenten, zu wenig straffer Probenbetrieb, viele Absenzen, Unzufriedenheit wegen hoher Gagen für auswärtige Zuzüger, Austritte aus dem Orchester, Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Finanzen... Präsident Hermann Treichler-Keller reicht auf die Generalversammlung 1971 seinen Rücktritt ein. Man diskutiert die Auflösung des Kammerorchesters. Ein neuer Vorstand unter dem Präsidium von Oskar Schudel entschliesst sich für die Weiterarbeit.
1976
Rudolf Sidler, dessen Gesundheit angeschlagen ist, übergibt die musikalische Leitung des Kammerorchesters dem bisherigen Konzertmeister Felix Schudel.
UNTER DER LEITUNG VON FELIX SCHUDEL (SEIT 1976)
Felix Schudel verzichtet vorerst darauf, technisch allzu anspruchsvolle Musikliteratur aufzuführen. Mittlerweile haben sich allseits Stereoanlagen durchgesetzt, und damit will und kann man nicht konkurrieren. Der junge Dirigent verfolgt bewusst andere Ziele: längerfristig gesteckt und mit pädagogischer Ausrichtung. Er wählt von Musikverlagen neu herausgegebene Werke für Streicherformationen aus, welche nicht die Domäne grosser Berufsorchester bilden. Dabei hält er einerseits an den bisherigen Aufgaben - Veranstaltung von Kirchenkonzerten und Mitwirkung im Gottesdienst - fest. Andererseits beschreitet das Orchester unter Felix Schudels musikalischer Leitung neue Wege.
1978
Eine Konzertreise nach Vezia bei Lugano zum 80jährigen Bestehen des Orchesters stellt in der Vereinsgeschichte ein Novum dar. Das Kammerorchester lädt zur ersten Sommer-Serenade ins «Simongut», das Schulungszentrum des Kantons Zürich, auf der Vorderen Au ein.
Heinrich Funk, Dirigent von 1933 bis 1954.
1979
Eine Revision der Statuen von 1965 definiert Aufnahmebedingungen und Pflichten der Aktivmitglieder sowie die Aufgaben des Dirigenten genauer.
1983
Mitglieder des Kammerorchesters und des Kirchenchors führen in der Reformierten Heimstätte Gwatt am Thunersee erstmals eine Musikwoche durch und begründen damit eine Tradition.
Serenade im Schloss Au, anlässlich der Bezirksfeier «700 Eidgenossenschaft». Seither tritt das Kammerorchester hier alljährlich mit Serenaden an die Öffentlichkeit.
1994
Nach 23jähriger Amtszeit als Präsident tritt Oskar Schudel zurück, um junge Kräfte und neue Ideen in der Vereinsführung zum Zuge kommen zu lassen. Nachfolgerin im Amt wird Marlis Gut.
1995
Durch Statutenrevision wird der Zweckartikel wie folgt neu gefasst: «Durch regelmässige Probenarbeit und Auftritte wie Orchesterkonzerte, Mitwirkung an Chorkonzerten und an Gottesdiensten etc. pflegt es (das Kammerorchester) die Orchesterliteratur aus verschiedensten Epochen.»
1996
Konzert mit Kurt Meier, dem Oboen-Virtuosen von Weltformat.
1998
Am 28. Juni feiert das Kammerorchester in der reformierten Kirche das 100-Jahr-Jubiläum. Felix Schudel leitet ein glanzvolles Programm mit Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur sowie der Uraufführung einer «Sinfonia concertante per organo e orchestra», einem Kompositionsauftrag für und von Pater Theo Flury, Stiftsorganist in Einsiedeln. Die Festgemeinde dankt mit gewaltigem Applaus und einer Standing ovation.
Peter Ziegler
Die Mitglieder des Kammerorchesters vor dem Kirchgemeindehaus «Rosenmatt» Wädenswil, 1997.
Jubiläumskonzert vom 28. Juni 1998 in der reformierten Kirche Wädenswil.
Zum Hundert-Jahr-Jubiläum hat das Kammerorchester Wädenswil eine bebilderte Vereinschronik herausgegeben, welche ausführlicher über die Vereinsgeschichte informiert, alle aufgeführten Werke auflistet und die Mitwirkenden im Jubiläumsjahr 1998 verzeichnet.