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Corbusier hängt in den Seilen, durch Knoten gesichert schwebt er im Ausstellungsraum des Migros-Museums. Es ist natürlich nicht Corbusier selber, der in BDSM-Manier von der Decke baumelt – es ist der LC2-Sessel, der in seiner pechschwarzen Strenge zum Wahrzeichen des 1965 verstorbenen Architekten geworden ist. LC2 ist Teil einer illustren Gruppe, seine Gefährten im Seilkostüm sind unter anderem ein Trampolin, eine ausgeweidete LC4-Liege und etwas, das aussieht wie eine Gehhilfe. In der Installation «Venus in Scorpio – The fear of disease» (2023) von Lauryn Youden lassen sich auf den ersten Blick keine Unterschiede zwischen den Objekten ausmachen. Sind ein berühmter Designersessel und ein Sporttrampolin etwa Objekte aus derselben Gattung?
Zumindest Teil der aktuellen Gruppenausstellung «Interdependencies: Perspectives on Care and Resilience» sind sie. Und sie werfen in der Komposition die richtigen Fragen zum Ausstellungstitel auf: Wer gehört zu wem? Wer wird von wem gehalten? Wer trägt die schwerste Last? Ein näherer Blick zeigt, dass die Seile mit verschiedenen Elementen zu einem unentwirrbaren Netz verflochten sind. Gothschmuck schlängelt sich den Knoten entlang, von den Ketten baumeln Tablettenschachteln wie Anhänger, sie erzählen von der Krankheit der Künstlerin.
Grenzen der Funktionalität
Auf Stoff gedruckte Anime-Stills verweisen auf eine Onlinecommunity von behinderten und kranken Menschen, die sich selbstironisch über Memes identifizieren. Mit «I’m so tired of everything» (mich ermüdet alles so sehr) etwa ist die im Bett liegende Figur untertitelt, die auf das Polster des LC2-Sessels grob aufgenäht wurde. Die modifizierten Teile der Installation erzählen von gegenseitigen Abhängigkeiten – sie sind schwierig zu entwirren, zu erleben, zu verstehen.
Einfacher zu entziffern ist die Kritik mit dem Zaunpfahl Richtung Funktionalismus, der Corbusiers Arbeit und die Geräte aus der Physiotherapie in ihrem Anspruch vereint: Alles soll so funktional und linear wie möglich sein, der Körper, das Design und das Individuum in einer Gesellschaft. Dass dies illusorisch ist, wurde spätestens während der Coronapandemie klar, die auch ein Ursprungspunkt der nun gezeigten Ausstellung ist. Diese Pandemie hat eine neue Sichtbarkeit der gesellschaftlichen und institutionellen Fürsorge (Care) generiert: Vielen wurde klar, dass sie fragil ist, ein einziger geöffneter Knoten reicht – und das Fürsorgenetz hält nicht mehr.
Memento ans Jetzt
«Alive, alive, alive» singt ein Chor im Hintergrund und erinnert, trotz Blick auf die verletzten Corbusier-Möbel und Gedanken an Corona, daran, dass das Leben seit 2020 irgendwie weitergegangen ist. Die Stimmen gehören zur Videoarbeit «Rafts» (2022/23) von Rory Pilgrim. Die feinfühlige Montage aus Poesie, orchestralen Aufnahmen und Reflexionen über die Klimakrise wird auf einem Flachbildschirm gezeigt. Von dort aus begleiten die Gesangsaufnahmen die Besuchenden, mal leise, mal laut, je nach Standort, durch den zweiten Stock der Ausstellung.
Die Gesänge fungieren als die titelgebenden «Rafts», als Flosse zwischen den thematisch durchmischten Arbeiten. So singt beispielsweise eine Solostimme «… grown for you …», für dich gewachsen, während man die faulenden Schnittblumen von Jesse Luke Darling in mehreren Glaskästen inspiziert. Es lässt sich erahnen, dass diese Blumen im Werk «Untitled (still life)» einmal farbig gewesen sind, jetzt strahlen sie modrig und schimmelgrau aus ihren dreckigen Vasen. Der süssliche Geruch des Zerfalls schleicht, trotz Versiegelung, bis in die Nase, Memento mori und die Stillleben aus dem Barock liegen als Bildverwandte natürlich nahe.
Ein bisschen verstaubt könnte man die Thematik finden, «Memento mori» und «Carpe diem» sind im 21. Jahrhundert nicht ohne Grund zu Tattoosujets und Namen von Frischgetränken geworden. Aktualität wird durch die Verbindung mit der individuellen Zerbrechlichkeit und der kollektiven Verantwortung trotzdem hergestellt. Dieser Blickrichtungswechsel gelingt immer wieder, besonders erlebbar ist er in «The Womb», einer Videoinstallation von Adina Pintilie. In einem schwarzen Raum stehen drei Leinwände im Dreieck, intime Szenen spielen sich ab, die Machtdynamiken wechseln in Sekundenschnelle. Voyeuristisch fühlt man sich, während man Paaren beim Sex zuschaut.
Fürsorge in der Krise
Als das Gesicht des einen Mannes im Akt auf einer zweiten Leinwand erscheint, erklärt er mit auf die Zuschauenden gerichtetem Blick, dass er sich gut fühle, wenn er sich so intim zeige, er fühle Vertrauen und spüre, dass man auch ihm vertraue. Da steigt ein Gefühl der Unsicherheit auf, das einen durch die ganze Ausstellung begleitet. Man fragt sich, ob man denn selber dieses Vertrauen und die Fürsorge besitzt, ob man sie geben kann, sich selbst, den anderen, der Gesellschaft und nicht zuletzt dem grössten «Caretaker» von allen, der Erde. Dieser Sprung vom Individuum zur globalen Gesellschaft gelingt der Ausstellung immer wieder. Sie verweist so von ungelösten Grundproblematiken von «Care» weiter auf die Zusammenhänge der grossen Krisen des 21. Jahrhunderts.
Die Ausstellung «Interdependencies: Perspectives on Care and Resilience» ist bis am 21. Januar 2024 im Migros-Museum für Gegenwartskunst zu sehen.