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Häusliche Holzarchitektur
Die französische Stadt Le Creusot ist von ihrer Industrie- und Arbeitervergangenheit geprägt. Mit 31 neuen Sozialwohnungen hinterfragt der Architekt Patrice Mottini die Konventionen des Wohnungsbaus und setzt den Baustoff Holz pragmatisch ein.
Die Siedlung befindet sich in einem heterogenen städtischen Umfeld: Im Süden hat eine Geschäfts- und Gewerbezone, die über eine Reihe dekorierter Verkehrskreisel erschlossen wird, einen alten Wald ersetzt. Im Norden bildet ein Arbeiterviertel den äusseren Rand der bestehenden Stadt. Dazwischen stehen kleine Wohnblöcke unter einer dichten Vegetationsdecke. Inmitten dieser gewöhnlichen Landschaft am Stadteingang, auf einem langen, geneigten Grundstück, bilden 31 unterschiedlich hohe, holzverkleidete Häuser mit überhängenden Dächern ein neues städtebauliches Ensemble – eine Erweiterung der bestehenden Wohngebiete, aber auch eine neue Grenze zur Gewerbezone. Die gewählten Setzungen, Typologien und Bauweisen der Neubauten müssen im Zusammenhang mit der Stadtgeschichte betrachtet werden.
Von den Arbeiterwohnungen …
In Le Creusot sind Städtebau, Architektur und Atmosphäre stark von der industriellen Vergangenheit geprägt. Die heutige Stadt ist fast ganz das Werk der Familie Schneider, die hier Mitte des 19. Jahrhunderts ein Werk aufbaute, das sich zum Juwel der französischen Metall- und Stahlindustrie entwickelte. Um die Hauptstrasse, die über einen Viadukt an der Fabrik im Zentrum vorbeiführt, offenbart sich ein wahres Geschichtslexikon der Industriearchitektur. Massive Mauern markieren die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Bereich. Hier und da ragen Schornsteine aus den grossen, strengen, aus einfachen Materialien errichteten Bauvolumen. Die Arbeiterquartiere wurden um die riesige Industrieenklave herum organisiert. Die Dächer und Schuppen ragen in die privaten Gärten mit ihren üppigen Bäumen. Hier gibt es nichts Prunkvolles, sondern nur bescheidene häusliche Architektur.
... zum sozialen Wohnungsbau
Mottinis Projekt interpretiert subtil Typologie und Morphologie dieser Arbeiterstadt, ohne sie zu imitieren. Ein Weg teilt das Gelände in zwei schmale Streifen. Im Osten bilden 16 Häuser, «Villen» genannt, vier Vierergruppen. Im Westen sind 15 Gartenhäuser entlang einer Allee angelegt, zudem durchkreuzen eine Strasse und zwei Erschliessungsgassen das Gelände. Die Bauten der «Gartenstadt» öffnen sich nach Süden und verfügen über zwei bis fünf Zimmer. In jedem Haus gibt es einen zusätzlichen Raum, der nach Bedarf genutzt werden kann; in einem der Häuser zum Beispiel dient er im EG als begehbares Wohnzimmer für ein Kind mit Körperbehinderung. Der Wohnungstyp passt sich der Lebenssituation an – nicht umgekehrt. Wie beim Arbeiterquartier im Norden sind die meisten Häuser ein- oder zweistöckig. Einige dreistöckige Häuser, von den Bewohnern «Turmhäuser» genannt, erinnern an die Siedlung Frugès, die Le Corbusier anfangs des 20. Jahrhunderts bei Bordeaux erbaut hatte. Zufall oder Referenz? Jedenfalls zeigt Mottinis Projekt, dass alte Arbeitersiedlungen wie die in Le Creusot immer noch als Vorbild dienen können, vor allem in periurbanen Gebieten.
Holz – eine primär konstruktive Wahl
Neben der formalen Umsetzung wirkt die Siedlung durch die Verwendung von Holz für Fassaden und Dächer einheitlich. Es kommt aber nicht in erster Linie zum Einsatz, um die Häuser uniform erscheinen zu lassen, sondern wegen seiner konstruktiven Eigenschaften. Die Vorhangfassaden auf der Südseite der Häuser bestehen aus Brettschichtholzrahmen. Die tragenden Aussenwände sind gemauert, aussen isoliert und mit Holz verkleidet; die Dächer wurden als vorgefertigte Holzelemente auf die tragenden Wände gesetzt. Die Holzbauweise hatte mehrere Vorteile. Zum einen erlaubte die Vorfertigung der Elemente im Werk die Trockenmontage vor Ort. Zum anderen konnte dank dem schichtweisen Aufbau der Hülle die Anzahl der Anschlussdetails auf der Baustelle minimiert werden. Und schliesslich konnten verschiedene Unternehmer gleichzeitig arbeiten, was die Arbeitszeit auf der Baustelle wesentlich verkürzte.
Die ausdrucksstarke Sparsamkeit und der Pragmatismus der Konstruktion belegen, dass Holz sich über seine sinnlichen Qualitäten hinaus auch als gewöhnlicher Baustoff für qualitativ hochstehenden sozialen Wohnungsbau eignet – und die Architektur durchaus bereichern kann.
Am Bau Beteiligte
Bauherrschaft: OPAC, Saône-et-Loire
Architektur: Agence Patrice Mottini Architecte, Urbaniste, Paris
Statik: A. VAL Consultants, Soisy-sur-École
Holzbau Dach: SMJM, Replonges
Fassade: Boulicault, Farges-lès-Chalon
Innenausbau Holz: Labillie Menuiserie, Chalon-sur-Saône
Gebäude
Grundfläche: 3339 m2 und 578 m2 Garagen/Keller
Wohnungen: 31
Label: BBC (Bâtiment de Basse Consommation)
Holz und Konstruktion
Fassadenverkleidung: Rottanne
Dach/Sparren: Tanne
Stürtze: OSB
Unterkonstruktion: Brettschichtholz
Daten
Fertigstellung: Juli 2015
Kosten: 4.2 Mio EUR
Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Stadt aus Holz IV – Megatrends als treibende Kräfte», ein Projekt im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) und in Zusammenarbeit mit Wüest Partner. Weitere Artikel zum Thema Holz haben wir in einem E-Dossier zusammengestellt.