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Kompetenz ist allenthalben gefragt, in der Wissenschaft und in der Politik, beim Ingenieur und beim Unternehmer. Die "Kompetenz" in der Einzahl bezeichnet ein fach- und sachbezogenes Urteilsvermögen, die "Kompetenzen" in der Mehrzahl umschreiben die Entscheidungsbefugnisse; man spricht von einer Sachkompetenz im Sinne des Sachverstandes oder von einer Sprachkompetenz im Sinne der Sprachbeherrschung. Hier, wo die Sprache die Sache ist, kommen die beiden zusammen, und da sind wir schon ganz bei der Sache.
Im Französischen und im Englischen steht neben der compétence beziehungsweise der competence, der "Kompetenz", noch die compétition beziehungsweise die competition, die "Konkurrenz". Bleiben wir zunächst beim Zweiten. Die beiden lateinischen Verben, die sich in dieser compétition oder competition und in dieser "Konkurrenz" ein Stelldichein geben, stehen selbst sozusagen in Konkurrenz zueinander. Das gemeinsame lateinische Kopfstück com- oder je nach dem Folgelaut auch con- entspricht unserem "zusammen-"; das eine damit verbundene Verb petere bedeutet "auf etwas losgehen, auf ein Ziel zustreben", das andere Verb currere bedeutet "laufen": Die compétition oder competition bezeichnet eigentlich ein "Zusammen-auf-etwas-Losgehen, -auf-etwas-Zustreben"; die "Konkurrenz" bezeichnet eigentlich ein "Zusammenlaufen" und so, wie wir die "Konkurrenz" verstehen, ein "Miteinander-um-die-Wette-Laufen": Wer als erster durchs Ziel geht, hat den Auftrag in der Tasche.
Anders sieht die Sache aus, wenn einem dieser Konkurrenten irgendwo auf halber Strecke die Wettbewerbsfähigkeit oder sagen wir hier einmal: die Konkurrenzkompetenz oder kurz der Schnauf ausgeht und er "Konkurs" anmelden muss. Auch der lateinische concursus mit dem Genitiv concursus bezeichnet eigentlich ein "Zusammenlaufen", und in diesem Falle des "Konkurses" hat das alte Wort seinen alten Sinn bewahrt: Hier laufen nicht die Konkurrenten hübsch auf parallelen Bahnen miteinander um die Wette; hier laufen vielmehr die Gläubiger von allen Seiten aufeinander zu, zentri-"petal" auf das Zentrum "zustrebend", um dem in Konkurs gegangenen Unternehmer mit ihren Rechtsansprüchen die Buchhaltung und einander wechselseitig die Köpfe einzurennen. Hier gilt: Wer als erster am Ziel ist, kann vielleicht noch etwas retten.
So zentri-"petal" aufeinander zu läuft es auch bei der "Kompetenz", nur sind es hier nicht die "Kompetenten" untereinander, die da ihre Eierköpfe aneinanderschlagen, sondern hüben die Personen und drüben die Sachen. Das lateinische Verb competere mit der Grundbedeutung "zusammenstreben, zusammenkommen" begegnet bereits in Ciceronischer Zeit in der zukunftsträchtigen Bedeutung "einer Sache gewachsen sein", und seine bis heute fortlebenden Ableitungen, das Partizip Präsens Aktiv competens mit dem Genitiv competentis - daher "kompetent" - und das Substantiv competentia - daher "Kompetenz" - datieren bereits aus der klassischen Antike. Von daher verstanden, bezeichnet die "Kompetenz" das "Zusammenstreben, Zusammenkommen" von Person und Sache, einen im eigentlichen Sinn der Worte "zureichenden", "hinlänglichen" Sachverstand. Um's drastisch zu sagen: so zureichend, so hinlänglich, dass diese Person keinen Zehenspitzentanz aufführen muss, um mit den Fingerspitzen zu der Sache hinzureichen, zu ihr hinzulangen.
Auch eine politische oder juristische "Petition" geht ja auf etwas los, und eine akademische "Repetition" tut dies sogar zum wiederholten Male, von einem Perpetuum mobile, wortwörtlich: einem "Durchgehend strebend Beweglichen", gar nicht erst zu reden. Am geläufigsten ist dieses lateinische petere bei Tische geblieben: Wenn wir mit Vossens Homer "die Hände zum lecker bereiteten Mahle erheben" und uns dazu fröhlich einen "Guten Appetit" wünschen, wünschen wir uns eigentlich nichts anderes als ein gutes "Ran-" und "Drauflos-Gehen". Cicero hätte seine Freude daran: Er hatte den appetitus mit dem Genitiv appetitus neu geprägt, als ein Uebersetzungslehnwort für die griechische hormé im Sinne eines inneren "Dranges" und "Antriebs", und seine eigene Zeit hatte auf diesen neu geprägten appetitus offensichtlich noch keinen grossen Appetit verspürt.
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Ebenfalls bei Philipp von Zabern erschienen: Wie Berenike auf die Vernissage kam. 77 Wortgeschichten, 3. Auflage, Mainz 2004, Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.