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Das Piccolo - historische Quellen
12. Jahrhundert: Herkunft aus dem Osten • 1511: Sebastian Virdung • 1528 und 1545: Martin Agricola • 1555: Clément Janequin • 1588: Thoinot Arbeau • 16. Jahrhundert: Militärflöte • 1619/20: Michael Praetorius • 1636: Marin Mersenne • 18. Jahrhundert: Änderung der Quellenlage • 18. Jh.: Piccolo im deutschen Raum • Ende 19. Jh.: Piccolo an der Fasnacht • Trommeln im Historischen Museum Basel
1588: Thoinot Arbeau
Das nicht unbedingt nur ein einzelner fifre, sondern dass ein oder zwei Instrumente zur Trommel spielen können, teilt uns 1588 Thoinot Arbeau mit: Mais pourquoy est ce tambour accompagné d'un ou deux flutteurs?
Die Trommel bei Arbeau
Mit Thoinot Arbeau liegen uns die frühesten Informationen über aufführungspraktische Fragen und über Instrumentenmasse vor. So lesen wir auf fol. 7r, dass die in Frankreich (und wohl nicht nur dort) verwendete Trommel aus Holz gebaut ist und dass die Masse von Reifdurchmesser und Zargenhöhe mit je etwa zweieinhalb Fuss (ca. 75 cm!) einander entsprechen.
Auf beiden Seiten des Trommelkörpers ist ein Pergament angebracht, das mittels Seil und Schleifen gespannt und mit zwei Schlegeln geschlagen wird, was viel Lärm verursache: Le tambour duquel usent les françois [assés cogneu par un chacun] est de bois cave long d'environ deux pleds & demy, estoupé d'un cousté & d'aultre de peaulx de parchemin, arrestées avec deux cercles denviron deux pleds & demy de dlametre, bandées avec cordeaux affin qu'elles soient plus roides; & gaict [comme vous pouvez avoir ouy plusieurs fois] un grand bruit, quand lesdictes peaulx sont frappées avec deux battons que celluy qui les bat tient en ses mains. Die Schnarrsaite erwähnt er mit keinem Wort; wahrscheinlich ist daraus zu schliessen, dass «seine» Trommel ohne Saite war, denn keine seiner Abbildungen von grossen, d.h. den üblichen Trommeln, die zum fifre gespielt werden,zeigen eine Schnarrsaite.
Das Spannen des "Seils"
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Schleifen, die Arbeau zum Spannen des Seils abbildet. Kaum eine Darstellung aus der Zeit zeigt die Befestigung der Schleifen und den Spannmechanismus so deutlich, der hier - im Unterschied zu den späteren, jüngeren Bildquellen -nicht mit einer, sondern mit zwei Reihen von Schleifen arbeitet:
Möglicherweise hängt dies auch mit der Instrumentengrösse zusammen, indem dieses System für die grossen Kessel einfacher und wirksamer ist als jenes mit nur einer Schleife. Wohl um diese genau darstellen zu können, dürfte die Anzahl Bahnen bei ihm wenig verbindlich sein; dafür müssen wir uns dem Spieler rechts zuwenden, dessen Trommel etwa 12 Bahnen aufweist. Auch hier - wie schon bei Virdung - ist das Seil um die Reife geschlungen, während es bei den beiden im Historischen Museum Basel erhaltenen Trommeln aus den Jahren 1571 (die älteste datierte überhaupt) und 1575 durch eiserne Haken geführt wird, die an den Rändern der Reife eingehängt werden.
Die Trommel von 1571 weist einen Felldurchmesser von 50 cm und eine Zargenhöhe von 55 cm auf, jene von 1575 einen nur um 1 cm grösseren Felldurchmesser, hingegen eine Zargenhöhe von 64 cm. Leider wurde die ältere im Laufe der Zeit «gestutzt» (kürzer gemacht), während die jüngere wohl in ihrer originalen Grösse erhalten ist. Wie von zahlreichen früheren Bildern bekannt, ist auch bei Arbeau hier die seitliche Spielhaltung zu beobachten. (Siehe Trommeln im Historischen Museum Basel).
Der Querpfeifer
Weiter unten beschreibt Arbeau den fifre als eine kleine Querpfeife mit sechs Löchern, die vor allem von den Deutschen und den Schweizern gespielt werde: Nous appellons le fifre une petite flutte traverse à six trouz, de laquel!e usent les Al!emandz & Suysses, & d'aultant qu'el!e est percee bien estroictement... el!e rend un son agu... Wie ist nun die Bezeichnung petit flutte traverse zu verstehen? Nur allzuschnell wäre man hier bereit, auf einen Vorläufer des Piccolos zu schliessen, doch lässt sich dies weder durch weitere Angaben Arbeaus noch durch erhaltene Instrumente hinreichend beweisen. Wohl am ehesten könnte es sich um das Diskantinstrument der Querpfeifenfamilie handeln, wie wir sie bei Agricola kennengelernt haben, das jedoch seine Bedeutung in Frankreich zu der Zeit bereits verloren hatte. Das Instrument klingt jedenfalls verhältnismässig hoch (agu = aigu): was nicht zwangsläufig auf ein kleines, hohes Instrument hinweist, sondern etwa auch auf das Spiel in hoher Lage auf einem tieferen Instrument, denn gerade diese wird durch die engere Bohrung begünstigt. Doch allein die Tatsache, dass er diese und die damit verbundene schlankere Erscheinungsform gegenüber den nicht zur Trommel gespielten Querflöten erwähnt, deutet erstmals eine Loslösung der spezifischen Militärpfeife von den in anderen Musizierbereichen verwendeten Querpfeifen an, die - viel klarer - im frühen 17. Jahrhundert, bei Michael Praetorius, vollzogen zu sein scheint.
Aufführungs-praktische Hinweise bei Arbeau
Arbeaus Ausführungen beschränken sich nicht allein auf die Instrumente und ihre Funktionen, sondern er vermittelt uns auch aufführungspraktische Hinweise. So gibt er für die einzelnen Trommelrhythmen zahlreiche Beispiele, die jeweils durch bestimmte Silben beziehungsweise Silbenfolgen festgelegt sind; diese üben gleichzeitig eine Hilfsfunktion für das Gedächtnis des Trommlers aus und erleichtern das Memorieren. Die Schweizer Tambouren verwenden einen eigenen, besonderen Schlag mit der Silbenfolge colin tan plon. Auch für den fifre-Spieler werden Artikulationssilben mitgeteilt. Dabei sei für den kriegerischen Charakter der Musik das sogenannte jeu teté dem jeu rollé vorzuziehen, weil es schriller und heftiger sei. Die Zungenbewegung des Spielers entspricht dabei den Silben té té té oder tere tere tere: ...vous vous souviendrez qu'il y a deux manieres de fluttet; I'une en tetant, l'aultre en rollant, au premier la langue du Ioueur faict té té té, ou tere tere tere, & au second ieu rollé la langue du Ioueur faict relé relé relé ... la pronunciation du ieu té té est plus aigre & rude, & consequemment plus convenable au son guerrier; que n'est celle du ieu rollé.