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Chronische Schmerzen berechtigen nicht mehr automatisch zu einer IV-Rente. Ralf Pfeifer, Leiter des Schmerzzentrums in Interlaken, findet dies teilweise berechtigt. In vielen Fällen kommt er aber zu einem anderen Schluss als die IV.
Herr Pfeifer, wie einfach ist es für einen Patienten, Schmerzen zu simulieren?
Ralf Pfeifer: Auf den ersten Blick ist es sehr leicht. Es gibt bestimmte Schmerzsymptome, die man sehr leicht simulieren kann. Aber es gibt sehr gute Möglichkeiten, um als Arzt die Echtheit der Schmerzen zu überprüfen. Ich halte es fast für unmöglich, über Jahre bei jedem Spezialisten konsequent das gleiche Schmerzbild zu simulieren.
Demnach dürfte es auch keine Scheininvaliden geben.
Eigentlich nicht. Das sind dann wahrscheinlich Leute, die nicht ausreichend abgeklärt wurden. Ich hatte schon Patienten bei mir, die auf Grund von Entscheidungen von maximal zwei Ärzten eine IV-Rente erhalten haben. Wenn zum Beispiel ein psychiatrisches und orthopädisches Gutachten erstellt worden ist, aber kein neurologisches oder kein schmerztherapeutisches, ebenso wie umgekehrt, ist den Kollegen eventuell etwas entgangen.
Heisst das, dass Leute ungenügend abgeklärt wurden und zu Unrecht eine IV-Rente erhalten?
Das kann ich mir durchaus vorstellen. Ich erinnere mich spontan an zwei Patienten, bei denen ich sehr erstaunt war, dass sie eine IV-Rente erhalten haben. Ich kenne allerdings das Abklärungsverfahren nicht und weiss nicht, ob zwischen dem IV-Entscheid und der Vorstellung in meinem Zentrum eine Besserung der Symptomatik eingetreten ist.
Erhalten diese beiden Leute immer noch eine IV-Rente?
Das weiss ich nicht. Ich habe beiden gesagt, ich sähe keinen Grund, sie zu behandeln. Der eine war ein psychiatrischer Fall, den ich an die Fachstelle verwiesen habe. Beim anderen Fall konnte ich einfach nichts feststellen und vermochte die angeblichen Schmerzen nicht nachzuvollziehen.
Ist einer Person mit chronischen Schmerzen zuzumuten, einer Arbeit nachzugehen?
Grundsätzlich ja, aber mit gewissen Einschränkungen. Es kommt darauf an, wie ausgeprägt die Schmerzstörung ist. Somatoforme Schmerzstörungen zeigen ein buntes Bild. Es sind dies vereinfacht gesagt Schmerzstörungen, für welche sich keine nachweisbaren Ursachen finden lassen. Man muss als Arzt herausfinden, worunter der Patient zusätzlich noch leidet. Diese Patienten sind oftmals nicht in der Lage, einer Arbeit nachzugehen.
In den vergangenen Jahren wurde die Gerichtspraxis verschärft. Die Bundesrichter sagen, Schmerz allein berechtigt nicht zu einer IV-Rente. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich teile die Einschätzung dann, wenn es sich um einen Schmerz handelt, den man behandeln kann – beginnend von medikamentösen und psychotherapeutischen bis hin zu invasiven Verfahren. In solchen Fällen wird der Patient auch bei anfänglich relativ starken Schmerzen in der Lage sein zu arbeiten. Aber es gibt immer wieder Patienten, die an einen Punkt kommen, wo sie nicht nur wegen der Schmerzen leiden, sondern auch eine psychische Entwicklung durchmachen, sodass sie nicht mehr in der Lage sind, einer geregelten Arbeit nachzugehen.
Sie sind seit 2003 in der Schweiz. Konnten Sie feststellen, dass die IV die Schraube angezogen hat?
Auf der einen Seite werden weniger Verfahren genehmigt. Die IV hat die Schraube sicherlich angezogen. Insbesondere für Patienten mit psychischen Störungen ist es schwieriger geworden, eine Rente zu erhalten. Auf der anderen Seite wird heute besser abgeklärt als früher. Es werden mehrere Kollegen konsultiert. Die Verfahren laufen schneller an. Es ist mir aufgefallen, dass seit anderthalb Jahren alles sehr schnell geht. Das finde ich positiv.
Wie viele Arztberichte verfassen Sie im Auftrag der IV?
Zwei bis drei pro Woche.
Werden Ihre Empfehlungen meistens befolgt?
Nein. Das liegt daran, dass die Schmerztherapie in der Schweiz einen sehr geringen Stellenwert besitzt. Das sieht man immer wieder. Es gibt in der Schweiz, im Unterschied zu anderen Ländern, keine entsprechende Facharztausbildung. Eine Angestellte der IV hat mir mal geschrieben, ich hätte von psychischen Erkrankungen keine Ahnung, deshalb würde sie auf meinen Bericht gar nicht eingehen.
Wie oft kommt es vor, dass Sie einen Patienten als erwerbsunfähig beurteilen und er dann trotzdem keine Rente erhält?
Spontan würde ich mal sagen: Bei 10 bis 15 Berichten pro Jahr bin ich anderer Meinung als die IV. Dies ist im zu erwartenden Bereich. Ich berichte als behandelnder Arzt und nicht als neutraler Gutachter.
Was passiert mit diesen Leuten? Werden sie in den Arbeitsprozess eingegliedert?
In der Regel landen sie in der Sozialhilfe. Ich kann mich an wenige erinnern, die regelmässig einer Arbeit nachgehen konnten. Eine Patientin, die mir gerade einfällt, ist jetzt wieder krankgeschrieben. Sie hatte seit dem negativen Bescheid der IV schon zweimal den Job auf Grund ihrer schmerzbedingten Fehlzeiten verloren.
Wie ist es eigentlich in Deutschland, wo Sie ja auch Schmerzzentren geleitet haben?
In Deutschland werden Schmerzstörungen bei der Beurteilung der Anspruchsberechtigung einer Invalidenrente stärker berücksichtigt als in der Schweiz.
Ralf Pfeifer leitet im Spital Interlaken das Schmerzzentrum mit elf Angestellten. Er hat das Zentrum im Jahr 2003 gegründet. Vorher leitete er drei Schmerzzentren in Deutschland. Ralf Pfeifer ist 1964 in Mannheim geboren und studierte in Heidelberg Biologie und Humanmedizin.
Erschienen in der BZ am 22. September 2009