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Schadet die weltweite Finanzkrise dem Klimaschutz ?
Nicholas Stern: Nein. Die Finanzkrise lässt uns erkennen, dass es noch wichtiger geworden ist, etwas gegen die Klimaveränderung zu unternehmen. Wir sind in den letzten 15 oder 20 Jahren salopp mit Risiken umgegangen. Wir entwickelten komplizierte Derivate, die wir nicht wirklich verstanden. Jetzt erleben wir die Konsequenzen aus diesem Handeln. Die Risiken des Klimawandels zeigen sich zwar etwas später als jene des Immobilienmarkts, aber sie sind viel, viel grösser. Die Finanzkrise sollte uns gelehrt haben, uns frühzeitig dieser Risiken anzunehmen.
Wäre es nicht besser zu warten, bis wir ganz sicher sein können, dass der Klimawandel stattfindet?
Stern: Wenn Holland unter Wasser steht, ist es bereits zu spät. Wenn man Treibhausgase ausstösst, sammeln sich diese in der Atmosphäre an, und es wird sehr schwierig, die Konzentration wieder zu senken. Zwar können wir nicht mit Genauigkeit voraussagen, was die Zukunft bringt. Wenn jemand aber denkt, dass in 60 bis 70 Jahren der Temperaturanstieg nur 2,5 bis 3 Grad betragen wird und dass das gar nicht so dramatisch ist, dann macht er zwei Fehler. Erstens besteht eine sehr ausgeprägte Wahrscheinlichkeit, dass der Temperaturanstieg deutlich höher sein wird ? mit dramatischen Folgen für die Erde. Und wenn wir, zweitens, während 60 oder 70 Jahren nichts tun, wird es extrem schwierig, für die darauffolgenden Jahrzehnte noch Massnahmen zu finden, die den Klimawandel rückgängig machen. Das sind die Denkfehler, die Klimaerwärmungs-Skeptiker wie Bjørn Lomborg begehen.
Die Welt gleitet in eine Rezession. Könnte die umweltfreundliche Technologie ein Wachstumsmotor sein?
Stern: Wir brauchen Wachstumsmotoren, aber sie sollten keine Hirngespinste wie komplizierte Finanzprodukte oder Dotcom-Blasen sein. Wir müssen einen langfristigen Wachstumstreiber finden, der sehr realen Nutzen bringt, sowohl finanziell als auch für unsere Gesellschaft. Dieser Treiber wird die grüne Technologie sein.
Sind strengere Gesetzesvorschriften nötig oder reicht ein Emissionshandelssystem?
Stern: Es braucht beides. Bei der Elektrizität wird es wahrscheinlich ziemlich gut funktionieren, wenn man von den Produzenten einen hohen Preis für den Ausstoss von CO2 verlangt. Damit kann man ungefähr 40% der Treibhaus-Emissionen beeinflussen. Bei den Gebäuden ist es komplizierter. Heute weiss man zwar, wie man Bauten energieeffizienter macht, und vielfach lohnen sich diese Aufwendungen theoretisch auch finanziell. Aber ein Investor hat kaum Interesse daran, solche Massnahmen umzusetzen, weil er die Miete nicht erhöhen kann. Hier braucht es einen gewissen Grad an Regulierung.
Trotzdem: Klimamassnahmen kosten. Machen da die Menschen mit? In der Schweiz wurden gerade Strompreiserhöhungen angekündigt, und Bürger und Wirtschaft laufen fast Amok.
Stern: Eine weltweite CO2-Steuer würde zum Beispiel rund 12 Rp. auf 1 l Benzin ausmachen oder 15% höhere Elektrizitätspreise bedeuten. Diese Extrakosten für den Klimaschutz würden nur einmal anfallen. Die Kosten sind nicht sehr hoch wenn man bedenkt, was unsere Gesellschaft dafür erhält.
Beim Kampf gegen den Klimawandel wird es Länder geben, die Geld verdienen. Auch die Schweiz?
Stern: Es wird alle Arten von Ingenieurskunst brauchen, von der Steuerung einzelner Gebäude mit guten Thermostaten bis hin zum Bau von grossen Kraftwerken oder zu Techniken wie der CO2-Speicherung. Die Schweizer Wirtschaft ist in all diesen Gebieten stark.
Sehen Sie auch eine Zukunft für die Nuklearenergie?
Stern: Wir werden alle Mittel zur Energieerzeugung benötigen. Ich würde dem Unternehmergeist, den Ingenieuren und dem Markt die Entscheidung überlassen, welche Techniken sich durchsetzen.
Hier würden Ihnen viele Atomkraftgegner widersprechen. Sie behaupten, dass uns das Geld für Wind- oder Solarenergie fehlt, wenn wir in eine Technologie wie die Atomkraft investieren.
Stern: Energieinvestitionen ? ob sie nun von privater Seite oder von der öffentlichen Hand kommen ? müssen wettbewerbsfähig sein. Ich würde diesen Wettbewerb zulassen. Ich weiss nicht, was die richtige Strategie für die Schweiz ist. Deutschland und Frankreich haben in dieser Frage völlig unterschiedliche Vorgehensweisen gewählt. Und das ist gut so, denn so können wir voneinander lernen. Ich würde nicht dogmatisch sein.
In Kopenhagen soll 2009 eine Nachfolgevereinbarung zum Kyoto-Vertrag ausgearbeitet werden. Wie optimistisch sind Sie, dass eine Lösung gefunden wird?
Stern: Ich bin heute in Sachen Klima optimistischer, als ich es noch vor einem oder zwei Jahren war. Europa beschäftigt sich bereits mit den praktischen Fragen des Klimaschutzes. Die USA sind in den letzten Jahren transformiert worden, was die Ökologie betrifft, der neu gewählte Präsident hat eine sehr klare Haltung in dieser Frage. Und es ist bemerkenswert, wie sich auch in Indien und China die Diskussion verändert hat. Ich behaupte nicht, dass es einfach sein wird. Aber wir haben eine Chance.
Der Mann, auf den alle hören
Und dieser Mann soll die Welt retten? Nicholas Stern ist klein, seine Stimme ist leise, manchmal nuschelt er fast. Doch Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, ist zwei Jahre vor der wichtigen Klimakonferenz in Kopenhagen der bedeutendste Experte in der globalen Klimaschutzdiskussion, ein Mann, dem die Mächtigen dieser Welt alle Türen öffnen.
Grund für Sterns Ausnahmestellung ist sein fast 700 Seiten starker, 2006 erschienener «Stern Review». Stern beschäftigte sich im Auftrag der britischen Regierung mit den ökonomischen Mechanismen hinter dem Klimawandel. Als wohl erster Ökonom von Weltrang legte er im Detail dar, warum der Klimawandel eine Gefahr ist. Und er entwickelte seine These, es sei billiger, jetzt zu handeln, als zu warten, bis irreversible Schäden auftreten. Der Kampf gegen den Klimawandel ist für Stern schlicht ein kluger Umgang mit Risiken.
Stern beweist im persönlichen Gespräch nicht nur einen scharfen Intellekt, sondern Humor, ja Bissigkeit. Der faktenbezogene und neutrale Professor scheint es schlecht verwunden zu haben, dass man ihn nach der Publikation seines Berichts der Panikmache bezichtigte. Wenn er heute seine Gegner in den Senkel stellt, blitzen seine Augen leidenschaftlich unter den buschigen Augenbrauen hervor. Den Klimawandel-Skeptiker Bjørn Lomborg zum Beispiel nennt Stern einen «lustigen Kerl»; Lomborg scheint für ihn der intellektuelle Hofnarr all jener zu sein, die sich noch gegen Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels wehren. (mju)