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Hélène Cixous ist eine der bekanntesten Gegenwartsintellektuellen Frankreichs. Die 1937 in Algerien geborene Schriftstellerin aus jüdischer Familie, die väterlicherseits aus Oran, mütterlicherseits aus Osnabrück stammt, ist Autorin von annähernd 100 Büchern – darunter Prosa, Dramen, Essaysammlungen, Kunstkritik und Wissenschaftliches. Seit den 1960er-Jahren erfahren die Arbeiten der promovierten Anglistin, deren akademisches Werk mit einer Studie zu James Joyce begann, Beachtung weit über Frankreich hinaus.
Mit dem 1969 erschienenen Roman «Dedans» setzte Cixous’ literarische Karriere ein. Ihr sechs Jahre später veröffentlichter Essay «Das Lächeln der Medusa» – dessen deutsche Übersetzung fast vierzig Jahre auf sich warten liess – eröffnete ihre Beschäftigung mit dem Feminismus, der sich seither kontinuierlich durch ihr Werk zieht. Am experimentellen Studiumzentrum Vincennes, später Université de Paris 8, die Cixous mitgegründet hat, dachte sie in den 1970er-Jahren in legendären Lehrveranstaltungen über die «écriture féminine» nach. Dies meint eine Schreibweise, die konventionelle Romanstrukturen unterlaufen soll. Es folgte die Zusammenarbeit mit Antoinette Fouque (1936–2014), einer der Schlüsselfiguren der Frauenbewegung in Frankreich, sowie mit dem Théâtre du Soleil der Regisseurin Ariane Mnouchkine. Zudem war Cixous über Jahrzehnte mit dem Philosophen Jacques Derrida (1930–2004) eng verbunden, auf den der heute missverständlich benutzte Begriff «Dekonstruktion» zurückgeht.
Beim Interview in ihrer Wohnung in Paris, das sich über mehrere Stunden erstreckt, verknüpft die heute 85jährige Cixous sanft, aber konzise viele autobiografische, politische und publizistische Stränge. Wir trinken Kaffee, während sich die drei Katzen in ein anderes Zimmer verziehen.
Madame Cixous, akademisch inspirierte Aktivisten von heute – ob in Frankreich, Grossbritannien, Deutschland oder in den USA – geben vor, für den Feminismus zu streiten, meinen damit jedoch etwas ganz anderes als Sie.
Absolut. Manchmal gemahne ich an Frankreichs Geschichte, um dieses Phänomen zu deuten. Die Revolution fand zwar 1789 statt, verschwand jedoch wieder und wieder, um durch die zurückgekehrte Monarchie ersetzt zu werden. Es dauerte 150 Jahre, bis aus 1789 etwas wurde! Ähnliches gilt für viele andere historische Situationen. Man setzt zu einem «grossen Sprung» an, wie die Chinesen sagen, und husch … es folgt kein Rückschlag, sondern Vergessen. Nach den 1970er-Jahren rückte eine weibliche Generation nach, die meinte, dass die feministischen Ziele erreicht worden seien. Abtreibung war legal, andere rechtliche Fortschritte waren gemacht. Die Töchter der Protagonistinnen der Neuen Frauenbewegung interessierte all das nicht mehr. Nun meint eine noch jüngere Generation, alles neu zu erfinden, was längst erfunden worden ist, indem sie einfach auf eine neue Sprache setzt und anders auftritt.
Haben Sie hierfür ein Beispiel?
Sicher. Denken Sie etwa an den französischen Begriff «feminicide», «Femizid» auf Deutsch. Die heutigen Aktivisten werfen damit um sich, als ob es sich um etwas radikal Neues handle, obwohl er aus den 1970er-Jahren stammt!
Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff «Dekonstruktion», der mittlerweile mit Agitation verwechselt wird.
Identitätspolitisch bewegte Aktivisten von heute, die zwischen 20 und 25 Jahre alt sind, dürften Jacques Derrida nie gelesen haben.
Natürlich nicht – die lesen überhaupt nicht. Das ist eine ganz andere Welt. Schauen Sie nur auf das Thema trans. Die Literatur war diesbezüglich stets allem voraus. Freiheit, Metamorphose, das Erfinden aller denkbaren Formen, ein Mensch zu sein: In der Fiktion hat es das immer gegeben, von Shakespeare bis Proust. Echte Literatur, die diesen Namen wirklich verdient, ist eine freie Welt, auf die die Menschheit nicht verzichten kann.
«Echte Literatur, die diesen Namen wirklich verdient, ist eine freie Welt, auf die die Menschheit nicht verzichten kann.»
Zeugt die gegenwärtige Debatte um «kulturelle Aneignung» nicht vom Wunsch, genau darauf zu verzichten?
Korrekt. Heute kann man keinen Schauspieler mehr auf die Bühne schicken, um etwa die Rolle eines kanadischen First-Nation-Angehörigen zu spielen, wenn dieser nicht selbst…