Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03184.jsonl.gz/1011

Über Judith Le Soldat
Judith Le Soldat mit dem Buick Invicta auf dem Weg nach Odessa.
"Ich brauchte Zeit. Ich sehnte mich nach meinem Kühlen Kopf. Nach Geschwindigkeit. Ich dachte mein Gleichgewicht zurückgewinnen, indem ich mich der Queen, der Invicta, der sommerlichen Hitze und den kleinen Sorgen überliess - wo ich essen, wo ich schlafen würde ... Ich schämte mich und wusste nicht recht wofür." (Judith Le Soldat, Land ohne Wiederkehr)
Die Psychoanalytikerin Judith Le Soldat (geborene Szatmary) ist am 29. Juli 1947 in Budapest geboren und wuchs in Budapest, Wien und Zürich auf. Von 1967 bis 1974 studierte sie an der Universität Zürich Psychologie, Philosophie und Nationalökonomie (Informatik). Nach ihrem Lizentiat promovierte sie 1978 an der Universität Zürich im Fachbereich Klinische Psychologie bei Prof. Dr. Ulrich Moser über das Thema «Wohlbefinden. Entwurf einer psychoanalytischen Theorie und Regulationsmodell». Am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ an der Tellstrasse 31, später an der Quellenstrasse 25) bildete sie sich zur Psychoanalytikerin aus. Ihre Lehranalytiker waren Fritz Morgenthaler und Paul Parin. Ab 1978 bis kurz vor ihrem Tod am 22. Mai 2008 arbeitete sie als Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Zürich. Ihre Spezialgebiete waren die Behandlung von Depressionen, Borderline-Störungen sowie Kreativitätshemmungen.
Neben ihrer Tätigkeit als Psychoanalytikerin war Judith Le Soldat auch Supervisorin, Lehranalytikerin, Dozentin am Psychoanalytischen Seminar Zürich und - wie ihr wissenschaftliches Werk belegt - insbesondere auch Theoretikerin und Forscherin.
In ihrem 1994 erschienenen Hauptwerk «Eine Theorie menschlichen Unglücks» entwirft Judith Le Soldat eine Neukonzeption der psychoanalytischen Theorie des Ödipuskomplexes. Diese unterscheidet sich von der klassischen, auf Sigmund Freud basierenden Theorie im Wesentlichen durch die Annahme, dass sich der zentrale ödipale Konflikt nicht um die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater dreht, sondern um etwas viel Heftigeres: um Raub, Mord und Verrat; Aktionen, die – auch wenn es sich «nur» um phantasierte und dann vergessene, ins Unbewusste verdrängte Taten handelt – für die psychische Entwicklung des Kindes von Bedeutung sind.
Aus dieser Neukonzeption des Ödipuskomplexes ergeben sich weitreichende, klinisch und theoretisch bedeutsame Folgen hinsichtlich weiterer psychoanalytischer Konzepte wie dem Kastrationskomplex oder dem psychoanalytischen Verständnis der weiblichen und der männlichen Entwicklung. In der «Theorie menschlichen Unglücks» impliziert sind auch die Grundlagen für eine triebtheoretisch begründete, psychoanalytische Gender-Theorie.
Aufbauend auf den triebtheoretischen Erkenntnissen, die Judith Le Soldat in der THEORIE MENSCHLICHEN UNGLÜCKS (1994) vorgelegt hatte, formulierte sie als deren Weiterentwicklung eine neue Theorie der Homosexualität. Vorgestellt hatte sie diese Theorie erstmals in einer Vorlesung, die sie im Wintersemester 2006/2007 auf Einladung des Kompetenzzentrums Gender Studies an der Universität Zürich hielt. In der Ankündigung zur Vorlesung stand:
"In der wissenschaftlichen Landschaft der Gender Studies bezeichnet die Homosexualität einen Gebirgsgiganten, an dem sich das Konzept der sozialen und kulturellen Konstruktion von Geschlecht im Feld des menschlichen Trieblebens zu bewähren hat. Wie man sich zu diesem Koloss stellt, ob man ihn einzuebnen sucht oder wohlwollend idealisiert, seine Tücken aber unterschätzt, hat weitreichende, wenn auch nicht sofort erkennbare Konsequenzen für die Auffassung der Geschlechtertheorie.
Die vorliegende Veranstaltung vermittelt neuere psychoanalytische Forschungsergebnisse und stellt eine psychoanalytische Theorie vor, welche eine eigengesetzliche, normale Entwicklung zur Homosexualität postuliert.“
Diese „Vorlesungen zur Homosexualität“ liegen als Bd. 1 der Judith Le Soldat-Werkausgabe in publizierter Form vor.
Judith Le Soldat plante eine weitere Publikation mit dem Titel DIE AMERIKANISCHE PARZE. BORDERLINE, MULTIPLE PERSÖNLICHKEIT. In einem Eintrag auf ihrer Website kündigte sie das Buch folgendermassen an:
„Nach der speziellen oedipalen Triebtheorie (1994) und der Studie über Homosexualität bildet die Untersuchung über die psychischen Symptome, welche gewöhnlich als Borderline und multiple Persönlichkeit zusammengefasst werden, den dritten und allgemeinen Teil der angestrebten Revision der Triebtheorie. Auf einem scheinbar abgelegenen Gebiet gelingen Einsichten, denen zufolge die klassische oedipale Entwicklung, aber auch der eigenständige Weg zur Homosexualität sich als Spezialfälle einer überraschenden, allgemeinen Gesetzmässigkeit erkennen lassen. Es wird ein neuer Ansatz zur Auffassung psychischer Prozesse vorgestellt.“
Obwohl sie diese „Borderline“-Theorie gedanklich fertig ausgearbeitet hatte und in Supervisionen vermittelte, finden sich nach aktuellem Kenntnisstand dazu keine Aufzeichnungen im Nachlass.