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Ernest Bovet
»Ich glaube an die Vereinigten Staaten von Europa; meine Augen werden sie nicht mehr sehen, aber mein Glaube ahnt sie voraus. Und wenn dieser Tag da ist, muss die Schweiz gleichrangig unter den übrigen Nationen dastehen ... « So stand es 1909 in de Zeitschrift Wissen und Leben zu lesen, und dafür riskierte Ernest Bovet rückhaltlos seinen ganzen Einsatz: für eine selbstbewusste, einige Schweiz als Teil eines friedlich geeinten europäischen Staatenbunds.
Einunddreissigjährig war der zweisprachige Waadtländer Lehrersohn 1901 als Professor für Romanistik nach Zürich berufen worden. Durch Heirat reich geworden, hatte er seine ärmliche Jugend nicht vergessen und lehrte sein Fach auf eine den Zeitgenossen höchst suspekte, aus heutiger Sicht aber überraschend modern anmutende »tendenziöse« Weise. Dichtung war für ihn, wie im bekenntnishaften Essayband Lyrisme, Epopée, Drame (1911) zu lesen steht, »der Hoffnungsgesang einer Menschheit, die der Freiheit entgegenschreitet«. Im literarischen Text sah er vorwiegend ein Zeitdokument, im Schriftsteller den beunruhigten Repräsentanten der Ideen und Hoffnungen seiner Epoche.
Diesem sozial orientierten Idealismus war auch Bovets 1907 gegründete zweisprachige Zeitschrift Wissen und Leben verpflichtet. Sie avancierte bald schon zum bedeutendsten Diskussionsforum der schweizerischen Intelligenz und bereitete das Land geistig auf die Zerreissprobe von 1914 vor. Gemeinsam mit Seippel, Spitteler und Ragaz tat Bovet nach Kriegsbeginn alles, um den Graben zwischen Deutsch und Welsch zu überbrücken, verlor aber auch das übrige Europa nicht aus den Augen. So liess er Vertreter beider Kriegsparteien ihre Standpunkte darlegen, um dann selbst das Kriegsgeschehen unbestechlich, aber ohne Besserwisserei zu beurteilen. Als es dann um den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund ging, stand Bovet mit an der Spitze der Befürworter, obwohl das angestrebte Gebilde seinem Ideal nicht entsprach. Aber statt zu kritisieren, handelte er und übernahm 1922 das undankbare Amt eines Generalsekretärs der Schweizerischen Vereinigung für den Völkerbund. Er gab die Zürcher Professur auf und entfaltete von Lausanne aus eine unermüdliche Aktivität für die Propagierung und Vertiefung des Völkerbundgedankens. In allen grösseren Orten der Schweiz, aber auch im Ausland hielt er in seiner begeisternden Art flammende Reden - 500 waren es allein in zwölf Jahren! - und erreichte, wenn auch viele seinen Idealismus bewunderten, schliesslich bloss, dass er als »Völkerbundsapostel« und »Don Quichotte de la Société des Nations« verspottet wurde, während in der Sache selbst seine Gegner triumphieren konnten. Als er 1941 starb, gab es längst keinen Völkerbund mehr und bestimmten wieder einmal Bomben und Kanonen den Lauf der Welt. Nicht dass Bovet durch diesen Ausgang sonderlich überrascht worden wäre. Aber vielleicht ermisst sich die Grösse eines Menschen gelegentlich eben doch auch an der Grösse der Niederlage, die er in Kauf zu nehmen bereit ist.
(Literaturszene Schweiz)