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Barbara Bleisch tut etwas, was man unbedingt vermeiden sollte: In der falschen Gewichtsklasse boxen.
Nun gut, sie ist keine Boxerin, sondern prügelt auf die Philosophie ein. Die musste zwar schon vieles ertragen, aber wieso sie alle paar Wochen in den Organen von Tamedia misshandelt wird, bedürfte wohl einer tiefenphilosophischen Analyse.
Aber machen wir es banal-verständlich, denn Banalisierungen sind Bleischs Steckenpferd. In ihrer neusten Kolumne gründelt sie über der Frage, ob impfen vernünftig sei oder nicht. Das Ergebnis ist absehbar: «Sich impfen zu lassen, ist sicher vernünftig. Und wer will schon mit Zwang zur Vernunft gebracht werden, wenn er aus eigenen Stücken vernünftig sein kann?»
Das ist eine gute Frage; versuchen wir, sie am Beispiel Bleisch zu beantworten. Allerdings ist sie weder aus eigenen Stücken vernünftig, noch dürfte es Sinn machen, sie mit Zwang zur Vernunft zu bringen.
Ein Paradoxon aus der Spieltheorie: Gehen Sie ins Gefängnis. Gehen Sie nicht über Los.
Denn sie verheddert sich auf dem Weg zu dieser Schlussfolgerung einmal mehr rettungslos in halb verstandenen, halb verdauten philosophischen Begriffen. Sie behauptet kühn, dass der Einzelne das geringste Risiko trage, wenn sich alle anderen impfen und er von der Herdenimmunität profitieren könne, ohne sich selbst der Gefährdung einer Impfung auszusetzen.
Aber wenn alle so denken würden, gäbe es keine Herdenimmunität. Soweit banal trivial richtig. Nun ist das aber noch viel zu kurz, um die Kolumne zu füllen. Daher muss Bleisch noch ein paar Raketen steigen lassen. Die Impfung sei «der klassische Fall eines Paradoxons, das aus der Spieltheorie bekannt» sei.
Eigentlich ist das nicht bekannt, es ist auch kein Paradoxon, und die Spieltheorie befasst sich nicht mit banalen Dingen wie «Mensch ärger dich nicht». Sondern sie befasst sich mit Situationen, in denen verschiedene Subjekte miteinander interagieren, kooperativ oder nicht-kooperativ. Das wird dann ziemlich schnell sehr mathematisch und sehr komplex.
Natürlich darf Immanuel Kant nicht fehlen
Also nichts für Bleisch. Die kann sich offenbar dunkel daran erinnern, dass die Entwicklung der Spieltheorie mal etwas mit dem «homo oeconomicus» zu tun hatte, also mit dem postulierten Wirtschaftssubjekt, das rundum informiert zweckrational nur die besten Entscheidungen für sich fällt. War zwar nur Quatsch, damit der Faktor Mensch in die schönen Algorithmen passte, mit denen die Voodoo-Meister der Ökonomie alles erklären wollten.
Ist längst als Schwachsinn entlarvt und ad acta gelegt. Nur nicht für Bleisch. Die behauptet: «Die Spieltheorie baut auf einen Vernunftbegriff, der sich gänzlich am Eigeninteresse orientiert.» Das ist leider so falsch, dass nicht mal das Gegenteil richtig ist. Der Spieltheorie geht es vielmehr darum, an Beispielen wie dem berühmten Gefangenendilemma aufzuzeigen, dass kooperatives Verhalten erfolgreicher ist als nicht-kooperatives.
Nachdem Bleisch einen unsinnigen Vernunftbegriff eingeführt hat, fällt es ihr nicht schwer, ihm Unsinn, bzw. ein «schweres Defizit» vorzuwerfen: Er halte «uns für ausschliesslich eigeninteressierte Individuen». Das sei natürlich falsch. Das sage übrigens nicht nur Bleisch, sondern, in solchen Zusammenhängen immer gern genommen, das sage auch Immanuel Kant.
Der – schüttel – «moralische Impf-Imperativ»
Nun hat Kant tatsächlich ziemlich viel gesagt, und das auch nicht gerade leicht verständlich formuliert. Er hat es aber ganz sicher nicht verdient, dass Bleisch aus seinem grossartigen kategorischen Imperativ einen «moralischen Impf-Imperativ» macht. Spätestens damit hat sie den Boxkampf gegen die Philosophie nicht nur nach Punkten, sondern durch k.o. gewonnen.
Wo soll das alles enden? Tamedia stellt eine neue Literaturleiterin ein, die wohl Günter Grass nicht von Heinrich Böll unterscheiden kann, die keine Ahnung hat, wer Gregor von Rezzori oder Robert Neumann war, wie viele Pseudonyme Tucholsky benützte, wie man den Unterschied zwischen Heinrich und Thomas Mann auf den Punkt bringen könnte oder welche Schreibtechnik Alfred Döblin verwendete. Nein, «Berlin Alexanderplatz» ist nicht von Rainer Fassbinder.
Und dann schlägt eine Westentaschenphilosophin eins ums andere Mal die Philosophie nieder, als sei sie ein Punchingball für Flachdenker. Woraus das Publikum den falschen Schluss zieht: Literatur und Philosophie, das kann man doch vergessen, wer braucht schon solchen Quatsch.