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Wenn das Publikum am Tag der offenen Tür am Sonntag ab 10 Uhr das Foyer oder den grossen Theatersaal besichtigt, wird es dort kaum auffällige Veränderungen entdecken. Anders sieht dies allerdings hinter den Kulissen, in den verschiedenen Werkstätten, im Ballettsaal oder in den Garderoben der Künstlerinnen und Künstler aus.
Dort waren die Zustände vor der Sanierung teilweise prekär: Arbeitsrechtliche Vorschriften konnten nicht eingehalten werden, etwa weil in den Theaterwerkstätten das Tageslicht fehlte. Im Probesaal konnte das Ballett keine Hebefiguren üben, weil sich die Tänzerinnen und Tänzer an der niedrigen Decke den Kopf angestossen hätten.
Die Technik war marode. Für die defekte Steuerung der Hebebühnen waren keine Ersatzteile mehr lieferbar. Die Bodenheizung im Foyer konnte nicht mehr in Betrieb genommen werden, weil sie nicht mehr dicht war.
Abstimmung 2018
50 Jahre lang war der Bau aus Sichtbeton des Zürcher Architekten Claude Paillard ohne grosse Renovationen ausgekommen. Im März 2018 bewilligten dann aber die St. Galler Stimmberechtigen mit rund 62 Prozent Ja-Stimmen einen Kredit von 48,6 Millionen Franken für eine umfassende Sanierung. Die Arbeiten begannen im Herbst 2020.
Der Theaterbetrieb ging trotzdem weiter, statt im Stammhaus mit 780 Plätzen im nahen Provisorium, einem neu erstellten Holzbau mit rund 500 Sitzen. Nicht alles lief in der dreijährigen Sanierungsphase problemlos.
Wegen der Covid-19-Pandemie mussten der Theater- und Konzertbetrieb über Monate eingestellt werden. Im Betonbau kam Asbest zum Vorschein, der zu einer Verlängerung der Arbeiten um ein halbes Jahr führte. Mehrkosten fielen an, weil die Erneuerung der Audio-, Video- und Kommunikationstechnik sowie der Theaterscheinwerfer im Projekt nicht eingerechnet waren. Der Kantonsrat musste einen Zusatzkredit von drei Millionen Franken genehmigen.
Als sich das Ende der Sanierung abzeichnete, entwickelte sich ein längeres Hin-und-Her um die Zukunft des Provisoriums. Unter den St. Galler Gemeinden gab es gleich mehrere Interessenten wie Goldach oder Altstätten, die dann aber doch verzichteten. Danach sah es lange so aus, als würde das Ersatztheater wie ursprünglich geplant abgebrochen und die Bauteile wiederverwendet werden.
Ersatzbau nach Bayern
Dann fand sich aber doch noch eine passende Lösung: Wie das St. Galler Tagblatt zuerst berichtete, wird der Holzbau nun in Ingolstadt D landen. Das dortige Theater ist ebenfalls sanierungsbedürftig und soll durch das St. Galler Provisorium ersetzt werden. Das Parlament von Ingolstadt bewilligte diese Woche den Kredit für Abbau, Transport und Wiederaufbau in der Höhe von 5,9 Millionen Euro.
Für den Kanton sei die Übergabe definitiv, bestätigte das St. Galler Bau- und Umweltdepartement auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Abbrucharbeiten könnten bereits im November oder Dezember beginnen.
Zuvor startet nun aber die neue Spielzeit im renovierten Betonbau. Nach dem Besuch von Räumlichkeiten wie der Schneiderei, der Schreinerei, dem Malsaal oder der Werkstatt für die Requisiten am Vormittag, wird das Publikum am Abend wieder vor den Kulissen im grossen Saal Platz nehmen.
Geboten wird mit der Oper «Lili Elbe» eine Auftragsarbeit des amerikanischen Komponisten Tobias Picker. Es sei «weltweit die erste grosse Oper für eine Person mit trans Hintergrund», kündigte das Theater an.