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Vor einigen Tagen war der Berner Lokalpresse zu entnehmen, das Stadttheater Bern beabsichtige, all jene seiner Garderobieren zu entlassen, die das Pensionsalter überschritten haben. Ohne nun hier auf die Frage einzugehen, ob diese Entlassungen gerechtfertigt sind, will ich die Meldung zum Anlass nehmen, auf den oft unterschätzten Beruf der Garderobiere einzugehen. Ich tue dies mit unmittelbarer Kenntnis der Materie, habe ich doch als Student während Jahren in der Garderobe eines Nachtklubs pflichtbewusst meinen Dienst verrichtet.
«Was lesen Sie gerade?»
Gerne will ich allerdings zugeben, dass die Garderobe, an der ich die betreffende Berufserfahrung sammelte, nicht direkt mit einer Theatergarderobe zu vergleichen war. Bei der Kleiderabgabestelle des Nachtklubs handelte es sich um eine Nische vor dem Notausgang, in der eine einzige Person knapp Platz fand. Bevor die Gäste kamen, wirkten die Platzverhältnisse nicht alarmierend, doch sobald sich die Haken an den beiden Seitenwänden mit Kleidungsstücken zu füllen begannen, wurde es prekär. – Die Basisarbeit war einfach. Wer einen Mantel, eine Tasche, einen Schirm abgab, bezahlte einen Franken und bekam dafür eine Metallplakette mit einer Nummer. Der routinierte Garderobenwart, der ich damals war, hängte die Textilien nicht entsprechend der numerischen Reihenfolge an die Haken. Vielmehr bemühte ich mich, die schwersten und dicksten Mäntel schön gleichmässig auf die untersten Reihen zu verteilen. Denn die technische Herausforderung an besagter Nachtklub-Garderobe bildete die Anordnung der Hakenreihen. Kleiderbügel gab es keine. Dafür waren auf jeder Seite fünf Reihen mit Aufhängehaken stufenweise angebracht – und zwar so, dass die unterste Reihe direkt an der Wand angeschraubt war und jede höhere Reihe ein paar Zentimeter weiter von der Wand herausragte. So füllten sich die beiden Seiten im Laufe einer Nacht, bis sich die Jacken in den beiden obersten Reihen in der Mitte des Raums fast berührten, so dass der Dienstleister für die Kundschaft kaum noch zu sehen war.
Da Nutzerinnen und Nutzer von Nachtklubs in der Regel nicht den Ehrgeiz haben, besonders früh einzutreffen, verliefen die ersten Arbeitsstunden in der Garderobe meist beinahe ereignislos. Diese Zeit nutzte ich als Student zur vertieften Lektüre mehr oder weniger relevanter Literatur. Dies wiederum hatte zur Folge, dass ich von praktisch jedem eintreffenden Gast nach meiner Lektüre gefragt wurde. Um nicht fünfzig Mal an einem Abend die gleiche Frage beantworten zu müssen, legte ich jeweils einen Zettel auf den Tresen, auf dem Titel und Autor des Buches in gut leserlicher Schrift angegeben waren. So konnte ich im Bedarfsfall stumm mit dem Finger auf den Zettel zeigen und ungestört weiterlesen.
Kurz vor Mitternacht trafen die Tanzlustigen jeweils in Scharen ein, als hätten sie sich abgesprochen, möglichst gleichzeitig vor der Eingangskasse und der Garderobe anzustehen. Für mich war dies die Zeit des intensiven und konzentrierten Aufhängens von Kleidungsstücken aller Art. Normalerweise war die Garderobe nach ungefähr einer Stunde voll. Von da an konnte ich weiterlesen und alle potenziellen Neukunden auf einen weiteren Zettel aufmerksam machen, auf dem geschrieben stand, die Garderobe sei ausgebucht. Unterbrochen wurde meine Lektüre freilich trotzdem, und zwar von Leuten, die mich baten, bei Nummer 12 in der einen Innentasche nach einer Packung Kaugummis zu suchen oder bei Nummer 8 in allen Aussen- und Innentaschen nachzusehen, ob das Mobiltelefon allenfalls noch in der Jacke steckte. Einem nicht nachvollziehbaren Gesetz folgend, betrafen derartige Anfragen ausnahmslos Jacken, die in der untersten Reihe hingen. Also musste ich mich mit einer Taschenlampe im Mund in den Kleidern eingraben, bis ich die betreffende Nummer im Stoffberg ausmachen konnte.
Ausser den Fragen nach meiner Lektüre oder danach, ob tatsächlich kein einziger Haken mehr frei sei, gab es noch einen dritten Standardsatz, den ich mir in der Garderobe allabendlich ungezählte Male anhören musste. Es handelte sich dabei nicht um eine Frage, sondern um die überflüssige Feststellung, ich hätte ja unglaublich wenig Platz zwischen diesen Kleiderreihen. Um dieser Bemerkung zu begegnen, brauchte ich keinen Zettel, es genügte ein affirmatives Kopfnicken, verbunden mit einem resignierten Lächeln.
Freundlich bleiben
Die Herausgabe der Kleider am Ende eines Abends war dann wieder eine Kunst für sich. Als Garderobier brauchte ich hierfür eine spezielle Art von Geduld, gemeint ist die Geduld derer, welche die Ungeduld der anderen ertragen müssen, ohne unfreundlich zu werden.
In aller Regel blieben am Ende eines Abends noch zwei oder drei Kleidungsstücke übrig. Das hiess dann, dass ich mich umsehen musste, ob irgendwo im Klub noch ein schlafender Gast lag. Anschliessend hatte ich entweder den Betreffenden zu wecken und einzukleiden oder die übrig gebliebene Jacke im Büro einzuschliessen.
Rückblickend bleibt festzuhalten, dass die Tätigkeit an einer Garderobe wohl einfach scheint, aber dennoch ein paar arbeitstechnische Haken aufweist.