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Der Praktiker
Gerrit Rietveld mit diesem Namen verbindet man heute vor allem das Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht (1924) und den Entwurf des Rot-Blauen Stuhls (1918/1923). Die aktuelle Ausstellung «Gerrit Rietveld. Die Revolution des Raums» in Weil am Rhein legt den Fokus auf Rietveld selbst, den gelernten Tischler, der Architektur in Abendkursen bei P.J.C. Klaarhamer in Utrecht studierte.
Die Ausstellung empfängt den Besucher mit jener Ikone der Stijl-Bewegung, die eigentlich keine ist, entstand sie doch vor den ersten Kontakten des Designers und Architekten mit De Stijl 1918: der Lattenlehnstuhl, später bekannt als Rot-Blauer Stuhl, unbehandelt aus dunklem Holz. Dass sich Rietveld nicht von Theorien leiten liess, sondern im handwerklichen Ausprobieren die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen seiner Zeit suchte, macht die Ausstellung deutlich. Auch dass er in seinen Entwürfen gegen die gängige Mode die Form reduzierte, mit den Bauteilen spielte und daraus eine eigene Sprache entwickelte. In Weil am Rhein sind die Arbeiten daher nicht nur zueinander in Bezug gesetzt, sondern auch in den Kontext von Werken zeitgenössischer Architekten und Designer gestellt.
Form und Material
Neben der naturbelassenen ist somit nicht nur die rot-blaue Version des Lattenlehnstuhls zu sehen, sondern auch Entwürfe von Zeitgenossen, die Rietveld bekannt waren, so etwa ein Stuhlentwurf Frank Lloyd Wrights für die Hill Side Home School von 1904. Der Umgang mit Flächen, das Fügen der Elemente beider Objekte zeigt eine gewisse Verwandtschaft. Von Rietveld wird das Verbinden der Latten mit den Sitz- und Lehnflächen jedoch weitergeführt: So handwerklich die Umsetzung als klassische Tischlerarbeit ist, mit den in den Raum greifenden Flächen wird der Stuhl zum Objekt. In den folgenden Räumen kann man dieses Ausloten von Möglichkeiten, das Spielen mit den Bauteilen weiter studieren: ob beim Zickzackstuhl (1932) oder später dem ersten gebogenen Sperrholzstuhl, der vor Verner Pantons Entwurf für den S-Stuhl (1956) entstand. Das Zusammenführen von Tragen, Sitzen und Lehnen in einer gefalteten Fläche, das Experimentieren mit der Form führt Rietveld mit unterschiedlichen Materialien weiter. So arbeitet er nicht nur bei der Garage mit Chauffeurswohnung (1928) in Utrecht bei der er vorfabrizierte Zementplatten in bemalte Stahlträger einsetzt mit Stahl und Metall, sondern auch bei seinen Entwürfen zu den Stahlrohrmöbeln (1930 38) sowie beim Aluminium-Armchair (1942), dessen Flächen sich aus einem gestanzten Stahlblech falten lassen.
In der Ausstellung werden die Möbel- und Architekturentwürfe den Skizzen, Plänen, Prototypen und Modellen gegenübergestellt. Die Entwürfe sind ebenso einfach wie wegweisend, man kann sie verstehen, könnte sie sogar nachbauen und kann erkennen, wie Rietveld sie weiterdenkt. Dass er im Ausprobieren optimieren wollte, zeigt auch die Anleitung zum Selbstbaumöbelsatz, die der Niederländer für die im deutschen Kleve ansässige Möbelfirma Metz & Co. lange vor Ikea entwickelte. Rietveld hatte sie mit der Aufforderung versehen, Verbesserungsvorschläge einzureichen.
Klappen, Schieben, Falten
Auch bei seinem bekanntesten Bau, dem gemeinsam mit der Anwaltswitwe Truus Schröder-Schräder konzipierten und realisierten Haus Rietveld-Schröder in Utrecht (1924), zeigt sich der Handwerker in den Details. Etwa dann, wenn er Fensterelemente zweckentfremdet und als flexiblen Abschluss des Treppenauges im Obergeschoss nutzt. So offensichtlich wie in Weil am Rhein war dies selten. Die bahnbrechende Raumkonzeption des Obergeschosses im Rietveld-Schröder-Haus, der offene, vielfältig wandelbare Raum, zoniert durch farbige Flächen, ist zu wesentlichen Teilen aus der Zusammenarbeit Rietvelds mit Truus Schröder entstanden, die auch für seine späteren Werke entscheidende Anstösse gab. Das Experimentieren mit minimalen Flächen verfolgten beide gemeinsam weiter, so bei den Entwürfen für ein transportables Sommerhaus von 1937 oder bei dem Projekt zum Umbau einer Villa in Haarlem zu 15 Einzimmerwohnungen, bei denen Küche, Ess- und Schlafplatz auf engstem Raum kombiniert sind. Das Schieben und Klappen, das Falten und Zonieren sind wiederkehrende Themen, die auch Rietvelds Spätwerk, das mit seiner Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk-Museum 1951 begann, prägen. Dieser Zeit ist ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet.
Handwerk
Die unzähligen, zum Teil originalen Pläne, Skizzen und Modelle, die in Weil am Rhein zusammengetragen sind, bieten dabei einen idealen Zugang. In den feinen Linien der Handzeichnungen, den eingestrichelten Faltmechanismen der Klapptüren etwa oder den Formteilmustern für den Aluminium-Chair, lässt sich jener Praktiker erahnen, der Rietveld zeit seines Lebens geblieben ist. Und so steht am Ende der Ausstellung der Steltmann-Stuhl (1964), dessen Spiel mit Flächen, mit Tragen und Stützen anknüpft an den Lattenlehnstuhl verblüffend einfach, eindrücklich in der Wirkung.