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Der 22jährige Skiakrobat, Pirmin Werner, spricht über seine Erfahrungen an den Olympischen Spielen in Peking, den alles entscheidenden Sprung im Einzelwettkampf, den schwierigsten Sprung in seiner Sportart mit drei Saltos und fünf Schrauben und die undankbaren vierten Plätze. Kurz vor dem Saisonende blickt er bereits auf die kommende Saison, die Ukraine-Hilfsaktion der Freestyle-Szene und spricht über die Entwicklungen in seiner Sportart.
Pirmin Werner, an den Olympischen Spielen hast Du im Team-Wettkampf einen Sprung mit drei Saltos und fünf Schrauben gezeigt, mit 5.0 der höchste Schwierigkeitsgrad in Deiner Sportart. Wie hast Du diesen Moment erlebt?
Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Carol Bouvard kurz vor den Olympischen Spielen, der nominell stärksten Schweizer Springerin, die für den Mixed-Teamwettbewerb gesetzt war, wussten wir, dass der Finaleinzug für uns schwierig werden wird. Wir hatten entsprechend nichts zu verlieren. In Absprache mit dem Trainer habe ich mich dann entschieden, den Sprung mit drei Saltos und fünf Schrauben zu zeigen, auch im Hinblick auf das Einzelspringen, gewissermassen ein Test unter Wettkampfbedingungen. Dies hat funktioniert und wir sind eher überraschend als viertes Team in das Olympia-Finale eingezogen. Als Viertplatzierter in der Qualifikation mussten wir dieses eröffnen. Wir wussten, dass die Amerikaner und die Chinesen die ersten beiden Plätze wohl unter sich ausmachen werden und haben uns entsprechend auf einen Zweikampf mit den Kanadiern um Bronze eingestellt. Das kanadische Team konnte im Finale nicht seine besten Leistungen abrufen. Die Tür zur Bronzemedaille wäre für uns offen gestanden. Leider konnten auch wir die Leistungen aus der Qualifikation nicht mehr bestätigen. Am Schluss blieb der undankbare vierte Platz, was aber – mit einer gewissen zeitlichen Distanz betrachtet – dennoch ein Erfolg war.
Du hast es angesprochen, die nominelle Nr. 1 der Frauen im Schweizer Team, Carol Bouvard, verletzte sich kurz vor den Olympischen Spielen. Hätte es mit ihr zu einer Medaille im Teamwettkampf gereicht?
Am Schluss fehlten uns nur etwas mehr als 14 Punkte zur Bronzemedaille. Wenn man dies auf die Sprünge von drei Athleten aufteilt, ist dies eine sehr geringe Differenz. Wenn Noé oder ich im Finale bessere Sprünge gezeigt hätten, hätte es wohl zur Bronzemedaille gereicht. Andererseits konnte auch das kanadische Team im Finale nicht die beste Leistung abrufen, somit ist es müssig, darüber zu spekulieren.
Das russische Team, das zu den Favoriten zählte, ist im Mixed-Team-Wettkampf früh ausgeschieden. Maxim Burov, der grosse Dominator des Weltcups, schaffte es im Einzelspringen nicht einmal in das Finale. Was ist da vorgefallen?
Ich weiss es auch nicht genau. Zum einen hatte Maxim Burov Corona und konnte nicht am Mixed-Teamwettkampf teilnehmen. Er ist erst ein Tag später in Peking gelandet. Das russische Team ist stark von ihm abhängig. Dennoch kam das Ausscheiden eher überraschend. Im Einzelspringen war es im Training zur Qualifikation windstill. Maxim Burov hatte da seine gewohnten Sprünge gezeigt. Im Wettkampf kam dann aber Wind auf. Aufgrund des Rückenwinds haben wir im Schweizer Team den Anlauf nach unten korrigiert, sind rund 1.5 Meter tiefer losgefahren. Der russische Coach hat trotz Rückenwind den Anlauf von Maxim Burov nicht korrigiert, was sich dann im ersten Sprung zu seinem Nachteil ausgewirkt hat. Im zweiten Sprung war sein Sprung nicht schlecht. Aber die Landung war nicht gut und die Kampfrichter haben an den Olympischen Spielen allgemein die Landung punktemässig stark gewichtet. Allgemein war das sportliche Niveau in der Qualifikation an den Olympischen Spielen ungemein hoch. Es war wohl der hochkarätigste Wettkampf im Aerials, den ich jemals erlebt habe.
Im Einzelwettbewerb lief es Dir in der Qualifikation ebenfalls sehr gut, am Schluss resultierte ein undankbarer vierter Platz. Wie hast Du diesen Wettbewerb erlebt?
Es lief in der Qualifikation nicht planmässig. Ich war beim ersten Sprung überraschend wenig nervös, konnte mich mit diesem Sprung dann aber nicht direkt für das Finale qualifizieren, was das eigentliche Ziel war. Entsprechend viel Druck und Nervosität verspürte ich beim zweiten Sprung. Es ging glücklicherweise gut. Als ich mich für das Finale der besten 12 Athleten qualifiziert hatte, wusste ich, dass alles möglich war. Die beiden Finaldurchgänge und das Superfinale fanden erst am nächsten Tag statt. Meine Nervosität stieg als ich realisierte, dass ich um die Olympiamedaillen springen werde. Mein erster Sprung im Finale brachte mir dann 126,24 Punkte ein. Mit einer solch hohen Punktezahl kann man ein Weltcup-Springen gewinnen. Ich wusste, dass ich mich damit mit höchster Wahrscheinlichkeit für das Superfinale der besten sechs Springer qualifiziert hatte und nutzte den zweiten Sprung als Trainingssprung. Im Superfinale konnte ich als zweitletzter Athlet starten. Leider hat dann dieser Sprung nicht mehr so gut funktioniert. Ich hatte im Anlauf das Gefühl, ich sei zu schnell unterwegs, es fehlte mir dadurch im Absprung das letzte Vertrauen und dann eine Rotation in der Luft. Ich musste die Beine anziehen, was mich dann in der Beurteilung wichtige Punkte gekostet hatte.
Vor Deinem entscheidenden Sprung bekundeten auch andere Athleten sehr viel Mühe ihre Leistung abzurufen. Die Tür zur Olympiamedaille schien offen zu sein. Hast Du Dir einen Moment überlegt, einen «sichereren» Sprung mit einem tieferen Schwierigkeitsgrad zu wählen, um Dir eine Medaille zu sichern?
Nein, ich wollte um Gold springen. Hätte mein Sprung mit den drei Saltos und den fünf Schrauben wie beim Teamwettkampf funktioniert, hätte ich an diesem Tag olympisches Gold gewonnen. Ich wusste, dass es möglich war. Entsprechend gross war dann die Enttäuschung, dass es nicht geklappt hatte. Zumal der Bronzemedaillengewinner Ilja Burov den falschen Sprung zeigte und gemäss Reglement eigentlich auf Rang sechs hätte zurückversetzt werden müssen. Er hatte mit der Doppelschraube am Ende des Sprungs zu früh begonnen, so dass er die grosse Schwierigkeit dieses Sprungs, ohne Sicht zu landen, umgangen hatte. Die anderen Athleten und auch mein Coach hatten dies sofort gesehen. Leider kann man in unserer Sportart keinen Rekurs einlegen. Einige Tage später von meinem Coach mit den Videobildern konfrontiert, mussten die Kampfrichter ihren Fehler einsehen. Dies nützt mir leider nichts.
Hast Du während des Sprungs bereits realisiert, dass er nicht wie gewünscht funktionieren wird?
Man realisiert bereits beim Absprung, sprich auf den letzten zwei Metern der Schanze, wenn die Skispitze keinen Schnee mehr unter sich hat, ob der Sprung funktionieren wird oder nicht. Wenn man mit 65 km/h in die Schanze fährt, muss der ganze Körper mit der Schanze mitgehen, idealerweise in einem 90 Grad Winkel. Wenn man zu schnell ist, neigt man den Oberkörper leicht nach vorne, um dies im Hinblick auf die folgende Rotation auszugleichen. Wenn man zu langsam ist, entsprechend nach hinten, um mehr Rotation zu gewinnen. Wenn es Wind auf der Schanze hat, dann wird es schwierig in unserer Sportart. Dann kann man sich täuschen. Ich wäre bei meinem entscheidenden Sprung eigentlich mit der richtigen Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Es fühlte sich einfach anders an.
Als Dein vierter Platz feststand. Was ging dann in Dir vor?
Erst war es eine riesige Enttäuschung. Zumal die anderen Athleten und auch mein Coach sofort gesehen hatten, dass der Drittplatzierte den falschen Sprung zeigte, ohne dass dies die Jury bemerkt hätte. Entsprechend war ich noch mehr enttäuscht und es fiel mir in den ersten Tagen schwer, dieses Resultat zu akzeptieren. Ich bin nach Peking mit der Einstellung gereist, auch einen vierten Platz anzunehmen, wenn an diesem Tag drei Athleten besser springen als ich. Aber es waren an diesem Tag nur zwei besser. Mein Ziel war das Superfinale. Dieses Ziel habe ich erreicht. Mit ein wenig Distanz stellt sich die Gewissenheit ein, dass in meiner Sportart die Erfahrung einfach sehr wichtig ist. Seit die Skiakrobatik olympisch ist, war in den vergangenen 12 Jahren jeder Olympiasieger über 28 Jahre alt. Der chinesische Olympiasieger von Peking, Qi Guangpu, ist bereits zweifacher Weltmeister und mehrfacher Weltcupsieger. Der Zweitplatzierte Oleksandr Abramenko aus der Ukraine war in Pyeongchang Olympiasieger und der Drittplatzierte Ilja Burow gewann in Südkorea bereits Olympia-Bronze. Alle sind um die 30 Jahre alt, mit 22 Jahren bin ich der Jüngste. Der chinesische Olympiasieger zeigte diesen Sprung mit den fünf Schrauben vor rund zehn Jahren das erste Mal und seither unter den verschiedensten äusseren Witterungsbedingungen und Drucksituationen immer wieder. Ich springe seit rund einem Jahr fünf Schrauben. Konstanz, Erfahrung und mentale Stärke sind in unserer Sportart entscheidend wichtig. Entsprechend bin ich sicher, dass ich bei den nächsten Olympischen Spielen in vier Jahren noch mehr bereit sein werde.
Nun sind einige Tage seit Olympia vergangen. Was für Gefühle und für einen Eindruck haben die Olympischen Spiele bei Dir hinterlassen?
Es war ein unglaubliches Erlebnis. Es war alles massiv grösser als im Weltcup. Es wurden uns Athleten in Peking optimale Bedingungen geboten. Die Sprunganlage war perfekt. Ich habe alles sehr genossen. Wir haben uns die Buckelpisten-Rennen angeschaut und die Slopestyle-Qualifikation. Da wir am Nachmittag und Abend stets trainierten, verfolgten wir die meisten Wettkämpfe am TV in der Unterkunft. Die Kälte in Peking war extrem und kostete uns Athleten sehr viel Energie, so dass wir uns so wenig wie möglich diesen Bedingungen aussetzten.
Wie sieht nun Dein Programm bis Ende Saison aus?
Die letzten beiden Weltcup-Springen in Russland wurden abgesagt. Wir waren mit dem Team bereits in Russland und sind dann am Samstag vor einer Woche nach Hause zurückgekehrt. Als die russische Invasion der Ukraine begonnen hat, entschieden wir uns im Team, sofort zurückzureisen. Die FIS hat danach die Wettkämpfe abgesagt. Am 18./19. März finden in Airolo noch die Schweizermeisterschaften und Europacup statt und danach ist die Saison zu Ende.
Euer Trainingsstützpunkt im Sommer, das Jumpin in Mettmenstetten, hat eine medial vielbeachtete Hilfsaktion für die Ukraine lanciert. Kannst Du uns ein wenig mehr darüber erzählen?
Das Schicksal unserer ukrainischen Kollegen macht uns sehr betroffen. Der Geschäftsführer des Jumpin, Andreas Isoz, hat eine Hilfsaktion lanciert. Ziel war es, 10'000 Franken zu sammeln. Wir Athleten haben die Aktion dann in den sozialen Medien unterstützt und geteilt. Das Ganze nahm immer grössere Züge an. Auch die nordamerikanische Freestyle-Szene hat sich dann engagiert. Dies zeigt einmal mehr den Zusammenhalt in unserer Sportart. Nun sind wir bei über 180'000 Franken angekommen. Letzten Samstag ist das Team vom Jumpin mit unserem Nationaltrainer Michel Roth mit fünf Lieferwagen in Richtung Ukraine losgefahren. Unser Cheftrainer ist seit über 30 Jahren in dieser Sportart tätig und kennt viele Athleten und Trainer im Osten. Sie haben vor Ort den ukrainischen Cheftrainer getroffen und die Hilfsgüter übergeben. Dann sind sie nach Ungarn zurückgekehrt und haben mit dem restlichen Geld noch einmal Nahrungsmittel und weitere Hilfsgüter eingekauft und auch diese Güter noch einmal an die Grenze gebracht. Nun sind sie auf dem Heimweg, mittlerweile in Österreich angekommen. Wir sind beinahe täglich im Austausch mit unseren ukrainischen Kollegen, die glücklicherweise fast alle im Westen in Sicherheit sind.
Wie muss man sich Dein Leben nach dem Saisonende vorstellen. Gibt es da nun eine längere Pause oder folgt bald wieder die Vorbereitung auf die nächste Saison?
Nach Saisonende haben wir bis Ende April meistens frei. Im Mai beginnt dann wieder das Konditionstraining und damit die Grundlagenarbeit. Mitte Mai sind wir dann bereits wieder in der Wassersprunganlage in Mettmenstetten und trainieren rund viermal wöchentlich bis anfangs September. Im Sommer nehmen wir meist auch noch an diversen Wettkämpfen auf der Wasserschanze teil, um das Wettkampfgefühl nicht ganz zu verlieren. Dann haben wir im September meist drei Woche Pause. Anschliessend trainieren wir anfangs Oktober das erste Mal auf Schnee in Saas Fee auf dem Gletscher und dann beginnt der Weltcup wieder von vorne.
Was für einen Aufwand betreibst Du für Deine Sportart?
Im Sommer sind es rund 25 Stunden wöchentlich. Daneben arbeite ich noch 40% in einem Treuhandgeschäft. Ich habe das Glück bei meinem Arbeitgeber Springermarkt.ch einen sehr sportbegeisterten Vorgesetzten zu haben. Ich kann dabei vom Sport abschalten und mir gleichzeitig ein Standbein für die Zukunft aufbauen. Im Winter betreibe ich dann ausschliesslich Skiakrobatik. Der zeitliche Aufwand ist da witterungsabhängig. Meistens versuchen wir drei Tage zu springen und machen dann einen Tag Pause. Man wird in meiner Sportart im Vergleich zu anderen Sportarten sicherlich nicht reich. Ich hadere aber nicht damit. Aerials ist meine Leidenschaft. Wenn man etwas gerne macht, ist man auch bereit, etwas zu investieren. Ich habe das Glück, dass ich zusätzlich von der Sporthilfe, der Stiftung Fritz Bösch und der Fritz-Gerber-Stiftung unterstützt werde. Bis zu den Olympischen Spielen hat mich auch noch Sport Heart unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin.
Wie wird sich die Skiakrobatik in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Wird die fünffache Schraube bald zum Standard gehören? Zeichnen sich weitere neue spektakuläre Sprünge am Horizont ab oder anders gefragt, was wird der nächste grosse Sprung werden?
Es gibt Anzeichen dafür, dass gewisse Athleten an Sprüngen mit sechs Schrauben arbeiten. Im Wasser wurden solche Sprünge bereits gezeigt. Ich weiss nicht, ob sich Sprünge mit sechs Schrauben und drei Saltos letztlich durchsetzen werden. Dies ist schon irgendwo Wahnsinn. Wenn es so sein wird, werde ich mich auch damit auseinandersetzen müssen. Ich hätte sicherlich die Technik dazu. Aber für einen solchen Sprung muss alles zusammenpassen.