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Strategische Ignoranz als Waffe gegen das CO2-Gesetz
Strategische Ignoranz, wie sie auch die Tabakindustrie seit Langem anwendet, wird heute ausgiebig von den Gegnern eines Gesetzes zur Reduktion der CO2-Emissionen eingesetzt.
Dieser Artikel hat nicht zum Ziel, Skepsis als Motor des wissenschaftlichen Fortschritts infrage zu stellen. Es geht vielmehr darum, das Phänomen der wissenschaftlichen Manipulation zu bestimmten Zwecken zu beschreiben.
Anders als Ignoranz im üblichen Sinne (Duden: «tadelnswerte Unwissenheit, Kenntnislosigkeit in Bezug auf jemanden, etwas») wird strategische Ignoranz von Gruppen, die bei einem bestimmten Thema Unruhe stiften möchten, systematisch aufgebaut und verbreitet. Dies ist beispielsweise beim Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Klimaerwärmung der Fall oder beim Argument, dass sich klimaverträgliches Verhalten auch ohne entsprechende Gesetze rasch durchsetzen würde.
Um zielgerichtet zu beweisen, dass etwas existiert oder auch nicht, und dadurch strategische Ignoranz aufzubauen, werden die wissenschaftlichen Protokolle so manipuliert, bis sie die gewünschten Ergebnisse zeigen. So kann man wissenschaftliche Disziplinen «korrigieren», indem man neue Regeln anwendet, die nicht der Evaluation unabhängiger Personen unterliegen, mit der Kompetenz, das angewendete Protokoll zu beurteilen. Es lässt sich nicht mehr überprüfen, ob eine Arbeit eine Forschungsfrage auf neutrale Weise beantwortet. Die so erzielten Ergebnisse werden anschliessend sehr aktiv von den Lobbys, die an ihrer Entstehung beteiligt waren, verbreitet. Sie werden massiv über alle möglichen Kanäle kommuniziert und übertönen so manchmal gar die Stimme der neutralen Wissenschaft und bringen die Leute dazu, sich von dieser abzuwenden.
Dieses Vorgehen ermöglicht es Skeptikern und anderen Interessengruppen, die klassische Wissenschaft, insbesondere die Kreise, die vor Risiken warnen, als «schlechte Wissenschaft» darzustellen. Ihre Hauptmotivation ist, einfach weiterleben oder weiter Handel treiben zu können, ohne den Lebensstil, das Produkt, die Dienstleistung oder das Geschäftsmodell ändern zu müssen. Ohne zu investieren oder Innovationen voranzutreiben, unter Vermeidung jeglicher staatlichen Regelung, sei sie noch so umsichtig, und das im Namen der sakrosankten Freiheit und des ungezügelten Liberalismus, ohne Rücksicht auf das Allgemeinwohl.
Der Einsatz strategischer Ignoranz durch die Gegner einer gesetzlichen Regelung zur Reduktion von Treibhausgasemissionen wie das neue Schweizer CO2-Gesetz stiftet Unruhe in der politischen Debatte. Dazu werden falsche Argumente aufgeführt, zum Beispiel: «Je mehr CO2 vorhanden ist, desto schneller wachsen die Bäume, desto besser werden die Emissionen kompensiert», «der Grossteil der globalen Erwärmung ist nicht auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen» oder «die Vulkane stossen mehr CO2 aus als die Menschen». Die Verbreitung strategischer Ignoranz hemmt die Innovation und die Entwicklung von Mehrwert. Sie führt zu Stagnation und schliesslich zum Niedergang.
Die sozialen Medien sind der ideale Resonanzboden für Communitys von Skeptikern, die sich selbst bestätigen und neue Anhänger rekrutieren, ungeachtet der sich häufenden Fakten. Fakten haben auf den virtuellen Plattformen einen schweren Stand, denn die unabhängigen wissenschaftlichen Beweise erzeugen eine regelrechte Abwehrreaktion bei den Skeptikern, die jeweils sofort die Medien fluten.
Doch der Kampf gegen die Klimaerwärmung erfordert die Einführung von Regeln, auch in den liberalsten Ländern. Und die Schweiz hat am 13. Juni mit dem neuen CO2-Gesetz die Gelegenheit, ein klug gestaltetes, vollumfänglich mit dem Liberalismus vereinbares Gesetz anzunehmen, das Innovationen sowie wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ermöglicht. Ob es den Lobbys für die fossilen Energien und den Status quo gefällt oder nicht.
Daniel Schaller
Leiter AEE SUISSE Romandie
Weitere Informationen
Einige kommentierte Beispiele für den Einsatz strategischer Ignoranz, um während der Kampagne für das CO2-Gesetz in der Schweiz Unruhe zu stiften:
- Analyse eines Linkedin-Beitrags von einem Thurgauer SVP-Parlamentarier
- Analyse von Texten in der Zeitschrift der Interessenvertretung für die Importeure flüssiger Brenn- und Treibstoffe
Analyse:
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388040974899765249
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388040986920685568
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388040994197757953
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388040996387270656
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041001433014274
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041001433014274
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041003869876226
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041010958278658
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041016830304257
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041022270226433
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041024015151105
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041028570173444
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041036656783363
- https://twitter.com/Knutti_ETH/status/1388041043862605825
- Replik auf ein sehr ungenaues Editorial
Editorial
Analyse:
- Benzin kostet ab 2025 nicht 12 Rappen mehr. Art. 30 des neuen CO2-Gesetzes nennt eine maximale Preiserhöhung um 12 Rappen. Erstens ist die Wahrscheinlichkeit, dass die 12 Rappen erreicht werden, sehr gering. Zweitens werden für Autos immer geringere Emissionen (und damit immer geringerer Benzinverbrauch) vorgeschrieben. Auch 12 Rappen pro Liter liessen sich durch effizientere Fahrzeuge (oder gar Elektrofahrzeuge) einfach kompensieren. Es gibt keinen Anlass, Mehrkosten in dieser Höhe zu befürchten.
- Die Brennstoffabgabe wird nicht direkt zurückverteilt, aber sie ermöglicht es, unsere Gesellschaft zu modernisieren (ein guter Return on Investment also), dies via CO2-Kompensationen, die in Projekte für eine saubere Wirtschaft fliessen.
- Was die Argumente im Zusammenhang mit Gebäuden betrifft, so ignoriert Patrick Eperon vom Centre Patronal geflissentlich die Vorteile energetischer Sanierungen, die vom Gebäudeprogramm stark gefördert werden. Natürlich sind solche Sanierungen im ersten Moment teuer, aber sie sind sie rentabel genug (namentlich dank der massiven Heizöleinsparung), dass die Banken ins Auge fassen, sie über das Programm hinaus mitzufinanzieren. Eine energetische Sanierung zahlt sich langfristig aus. Die Banken denken zudem darüber nach, zur Minderung ihrer Risiken Eigentümer nicht sanierter Liegenschaften durch Hypothekarzinsen zu bestrafen (Quelle).