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Während der napoleonischen Ära benötigte Frankreich ständig neue Soldaten. Die Schweiz als damaliger Marionettenstaat hatte jedoch alle Mühe, ihr Kontingent zu stellen. Luzern versuchte es erst mit List, und dann mit Geld. Als auch das nicht fruchtete, kam es zu Zwangsrekrutierungen. Man führe so «Leichtsinnige auf den richtigen Weg», führt unsere neuer Damalsblogger in seinem ersten Beitrag aus.
Man hört es immer wieder: Zu viele junge Männer drücken sich vor dem Militärdienst. Gründe dafür finden sich viele. Was sich in der heutigen Zeit als «Veloständerproblem» abtun lässt, war jedoch in früheren Zeiten eine Sache von höchster Wichtigkeit. Die Rekrutierung von Soldaten für den Kriegsdienst war eine schwierige Sache, vor allem wenn man sich noch nicht auf eine umfassende Bürokratie oder die mitreissende Wirkung des Nationalismus verlassen konnte.
Noch schwieriger wurde es, wenn man Rekruten für eine fremde Sache gewinnen musste. In dieser Lage fand sich die Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Europa – wieder einmal – in Flammen stand. Mit dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 kam es in Europa zu einer Serie blutiger Kriege, als eine Koalition europäischer Monarchien nach der anderen gegen Frankreich in den Krieg zog. Fast nahtlos ging ein Krieg in den nächsten über.
Die Schweiz als Satellitenstaat
In den Wirren dieser Kriege kam es auch zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft, welche 1798 praktisch widerstandslos von Französischen Revolutionstruppen eingenommen wurde. Die Helvetische Republik, aufgebaut nach dem Beispiel der französischen, war jedoch nur kurzlebig. Nach fünf Jahren wurde die Mediationsakte eingeführt, die eine Vielzahl der Änderungen rückgängig machte. Der Status eines De-facto-Marionettenstaates blieb jedoch bis zum Untergang Napoleons, und als solcher sollte sich die Schweiz auch an den Kriegen Napoleons beteiligen.
Anfangs forderte Frankreich 16’000 Mann von der Schweiz. Dann 12’000. Die (neue) Eidgenossenschaft hatte allerdings grösste Mühe, selbst diese Zahl zu erreichen. Krux dabei war, dass diese Soldaten allesamt, und darauf bestand Frankreich, freiwillig in den Dienst eintreten mussten. Neueste Quellen gehen davon aus, dass bis zum Ende der Kriege insgesamt 6’000 bis 9’000 Schweizer in Napoleonischen Diensten kämpften. Die Aufgabe der Rekrutierung war den (damals 19) Kantonen überlassen, welche ihrerseits die Aufgabe an die Gemeinden weitergaben.
Schwierigkeiten beim Rekrutieren von Soldaten
Die jährlich zu rekrutierenden Soldaten wurden proportional auf die Kantone aufgeteilt. Der Kanton Luzern beispielsweise musste 1806 genau 896 Männer für den Kriegsdienst aufbieten.
Doch wie schon seit Menschengedenken stelle sich die Aufgabe der Rekrutierung als schwieriger heraus als gedacht: Da im ganzen Kanton (wie auch in den meisten anderen Kantonen) zu keiner Zeit die geforderten Truppenkontingente aufgeboten werden konnten, wurde zuerst eine kleine Rekrutierungsprämie eingeführt, für die die Gemeinden jeweils aufkommen mussten.
Da es keine Einheitsprämie gab, führte dies unter den Gemeinden zu einem Konkurrenzkampf um die wenigen Rekruten, so dass die Prämien immer weiter stiegen.
Doch selbst Prämien und später eingeführte Anbringgelder führten noch nicht zur gewünschten Zahl an freiwilligen Rekruten. Eine neue Idee musste her: Zwar musste die Rekrutierung freiwillig geschehen, doch stand im Befehl wohl nichts zur Enthusiasmus verschaffenden Wirkung von Tanz, Wein, Bier und Alkohol.
Normalerweise war dazumal in den Wirtshäusern das Tanzen nur während der Fastnachtszeit und von September bis Advent erlaubt. Doch die ebenfalls unter Druck stehende Polizeikammer erteilte den Wirtshäusern eine ausserordentliche Tanzbewilligung. Wer im Rausch oder sogar nur im Scherz sich verpflichtete, wurde eingezogen, ohne Wenn und Aber.
Mangel an Soldaten trotz intensiver Rekrutierungsbemühungen
Trotz dieser Massnahmen fanden sich noch immer nicht genügend Freiwillige. Selbst zehn Jahre Steuerbefreiung, höhere Löhne und bessere Verpflegung führten nicht zu Durchbrüchen. Am 31. Dezember 1806 wurde das Subordinationsgesetz vom Luzerner Grossen Rat erlassen, welches die Zwangsrekrutierung von unliebsamen Schweizern zuliess. Dazu gehörten Schläger, Diebe, Arbeitslose und Bettler.
Der in den Akten meistgenannte Grund für eine Zwangsrekrutierung waren jedoch Vaterschaftsklagen (Väter unehelicher Kinder). Zudem finden sich in den Akten auch Begründungen wie Müssiggänger, Verschwender, Ruhestörer und Ketzer. Es ist anzunehmen, dass wohl auch eine beträchtliche Zahl unschuldiger Männer zwangsrekrutiert wurde.
Alle Zwangsrekrutierten mussten zwar den Dienstvertrag (die Militärkapitulation) «freiwillig» unterzeichnen und konnten theoretischen Rekurs innert 24 Stunden beim Kleinen Rat einreichen. Doch Unwillige wurden oftmals mehrfach verhört und dann, ohne Vertrag, einem Rekrutentransport übergeben. In der Soldatenbiografie von Müller-Eng findet sich ein Eintrag, welcher die oftmals nicht ganz lautere Behandlung der Schweizer pointiert aufzeigt:
«Kaspar Schärli, von der Stadt Luzern, 24 Jahre alt, Junggeselle, erklärt, dass, als er vor das Militärdepartement vorgeladen war, der Herr Präsident ihn gefragt habe, ob er sich anwerben lassen wolle, und dass er, als er seine Erklärungen verneint habe, anschliessend in das Gefängnis überführt wurde, wo er acht Tage gehalten wurde, bis ihn die Stadtwache vor das Stadttor geführt habe und er dem Rekrutentransport übergeben wurde (Weitere Soldatenbiografien finden sich hier).»
Anwerbung löste auch Kritik aus
Der Kanton wurde zwar mehrfach vom Landammann für das Subordinationsgesetz gerügt, doch der Kleine Rat argumentierte, dass damit «Leichtsinnige auf den richtigen Weg» geführt würden und dass ja andere Kantone ähnliche Massnahmen ergriffen haben.
Trotz aller Massnahmen erreichte der Kanton Luzern die gewünschten Zahlen bei weitem nicht. Die mangelnden Zahlen erklärte der Kleine Rat mit schlecht gewähltem Werbepersonal und mangelnden Geldern Frankreichs.
Zudem sei der Kanton Luzern ja kein wohlhabender Kanton und würde nicht über die gleichen Mittel verfügen wie die reicheren Kantone, welche mit ihren hohen Prämien Rekruten abwerben würden.
Quellenhinweis: Ein Grossteil dieses Artikels stützt sich auf die Funde von Dr. med. vet. Cornelius Müller-Engi (1921–2011), der in jahrelanger Arbeit das Quellenmaterial zu den (Zwangs)rekrutierungen für die napoleonischen Dienste im Kanton Luzern bearbeitete.
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