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Die Xikrin (gesprochen: Schikring) – eine Untergruppe der grossen Kayapó-Nation – legen besonderen Wert auf das Zuhören und das gesprochene Wort. Um diese beiden Qualitäten anzudeuten, durchbohren die Xikrin, schon im Kindesalter, die entsprechenden Organe (Ohren und Lippen). Zuhören steht in direkter Verbindung mit Wissen, der Aufnahme von Kenntnissen. Die Rede andererseits, ist eine hoch geschätzte gesellschaftliche Praxis, wie es bei allen Kayapó-Gruppen der Fall ist, die sich jene definieren, die gut und schön zu reden verstehen, im Gegensatz zu allen anderen Völkern, die nicht ihre Sprache sprechen. Das Talent der schönen Rede wird den Männern zugesprochen und führt oft zu flammenden Ansprachen im Zentrum des Dorfes.
Kayapó Xikrin

Andere Namen: Uxikring, Chicri, Purucarus, Purukarôt

Sprachfamilie: Jê
Population: 1.818 (2010)
Region: Bundesstaat Pará
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Sprache
Lebensraum
Kosmologie
Schamanentum
Zeremonielles Leben
Gesellschaftliche Organisation
Geschichte der Spaltungen und territorialen Besetzungen
Kontakt mit Nicht-Indios und deren Bevölkerung
Nutzung der natürlichen Ressourcen
Traditionelle Erziehung
Alle Kayapó-Gruppen nennen sich selbst “Mebengokré“ (Leute aus dem Wasserloch oder Leute aus dem grossen Wasser), wobei sie sich auf die Flüsse Tocantins und Araguai beziehen, deren Überquerung wahrscheinlich gleichbedeutend mit einer Trennung von der Gruppe ihrer Vorfahren ist. Die mündlichen Überlieferungen der Kayapó verweisen auf die Differenzierung zwischen den Jê-Völkern in der Region zwischen den Flüssen Araguaia und Tocantins – im gegenwärtigen Bundesstaat Tocantins. Nach der Legende lebten die Vorfahren der Jê-Völker in einer einzigen Gruppengemeinschaft in jenem Gebiet, bis sie eines Tages einen grossen Maisbaum entdeckten – während sie die Maiskörner ernteten, begannen sie plötzlich in unterschiedlichen Sprachen zu reden, und sie spalteten sich auf in die heute bekannten Untergruppen.
Ausser der Selbstbezeichnung “Mebengokré“ besitzt jede Untergruppe zusätzlich den Eigennamen eines ihrer Führer oder eines Ortes an dem ihr Dorf steht. Die Xikrin pflegten sich als “Put Karôt“ zu bezeichnen, bis sie die Bezeichnung “Xikrin“ von einer anderen Kayapó-Gruppe übernahmen – den “Irã-ã-mray-re“, die inzwischen ausgestorben sind. Interessant ist, dass die Xikrin in der Region des Rio Bacajá die Gruppe in der Region des Rio Catete als “Put Karôt“ bezeichnet, sich selbst jedoch nicht.
Die restlichen Kayapó bezeichnen die “Xikrin“ als “Djore“, das war der Name einer anderen ausgestorbenen Gruppe am Ufer des Rio Vermelho, einem Nebenfluss des Rio Itaciúnas. Aus der ältesten historischen Literatur kann man die Bezeichnungen Uxikring, Chicri und Purucaru oder Purukarôt für die Xikrin entnehmen.
Die Xikrin sprechen die Kayapó-Sprache (oder Mebengokré) aus der linguistischen Familie Jê, des Sprachstammes Macro-Jê. Sie erkennen die Ähnlichkeit ihrer Sprache mit der anderer Gruppen an und können auch die entsprechenden Unterschiede aufzählen. Das ist interessant, denn sie anerkennen einerseits eine linguistische Einheit und Identität, sowie andererseits die internen Unterschiede zu dieser grösseren Gruppe. Fakt ist, dass alle Mitglieder der verschiedenen Kayapó-Untergruppen sich ohne Schwierigkeiten verstehen, was jedoch in einem Kommunikationsversuch der Xikrin mit anderen Jê-Gruppen nicht der Fall ist.
Unter sich in ihrem Dorf benutzen die Xikrin ausschliesslich ihre Originalsprache. Junge Männer, die in häufigerem Kontakt mit der sie umgebenden nationalen Gesellschaft stehen, sprechen besseres Portugiesisch als die älteren Männer, Frauen und Kinder.
Erst in den letzten Jahren haben sich Linguistiker mit dem Studium der Xikrin- Originalsprache beschäftigt – unter besonderer Beachtung der Xikrin-Abweichungen von der Kayapó-Umgangssprache, die bereits von der “International Linguistic Society“ (ILS), einer seit Jahrzehnten unter diesen Indios tätigen Mission, ausgiebig dokumentiert worden ist.
Die Xikrin leben in den Indio-Territorien (ITs) Catete und Trincheira Bacajá, im Bundesstaat Pará. Das Gebiet der Xikrin der IT Catete wird von den Flüssen Itacaiúnas und Catete bewässert und befindet sich auf festem Land mit tropischem Regenwald, der in dieser Region als “Mata de Cipó“ (Lianenwald) bezeichnet wird. Er liegt im Interior des Munizips von Parauapebas, jedoch näher am Einzugsbereich der Kleinstadt Carajás. Das Gebiet ist reich an Edelhölzern und Paranussbäumen. Auf den Lichtungen gibt es grosse Konzentrationen der Babaçu-Palme, und in den sumpfigen Gegenden, im Süden, Buriti-Palmenhaine. Das grösste Dorf – mit dem FUNAI-Posten – befindet sich am linken Ufer des Rio Catete, an einem Ort, der von den Indios Pukatingró genannt wird, und der Fluss eine grosse Biegung macht – mit einem Sandstrand und einem kleinen Wasserfall. Ab 1993 haben die Xikrin ein neues Dorf angelegt, an einem Ort, den sie “Djudjê-Kô“ nennen – mit fruchtbarem Boden für ihre Felder und reich an jagdbarem Wild und Fischen.
Die Xikrin des IT Bacajá leben am linken Ufer des Mittleren Rio Bacajá, einem rechtsseitigen Zufluss des Rio Xingu, im Munizip von José Porfírio. Das Gebiet ist von dichtem Regenwald bedeckt. 1985 fand eine Spaltung der Gruppe statt, durch die ein Teil von ihr sich weiter oben am Fluss im Dorf “Trincheira“ niederliess.
Die Xikrin errichten ihre Dörfer in der Nähe eines Flusses oder einem permanent fliessenden Bach, jedoch auf trockenem Terrain mit durchlässigem Boden. Das Dorf besteht aus einem zentralen, kreisrunden Platz, um den sich die einzelnen Hütten gruppieren, rund herum begrenzt vom Regenwald, dazwischen kleine, runde Pflanzungen. Die Hütten werden nach einer bestimmten, gleichbleibenden Ordnung aufgestellt, die auch eingehalten wird, falls man ein neues Dorf gründet oder ein provisorisches Jagd-Camp im Wald anlegt. Im Zentrum des grossen Dorfplatzes befindet sich das “Haus der Männer“, ein maskuliner, politischer, gerichtlicher und ritueller Versammlungsraum.
Der Mittelpunkt der Welt wird vom Zentrum des runden Platzes repräsentiert, wo die Rituale stattfinden und sich das allgemeine Zusammenleben entwickelt. Das Symbol der Weltmitte und des Universums ist die “Maracá“ (Zeremonien-Rassel), ein rundes Musikinstrument in Form eines Kopfes, zu dessen rhythmischem Geräusch die Indios singen und tanzen, einen Kreis beschreibend, der den Lauf der Sonne begleitet. Wenn sie tanzen, so sagen sie, versetzen sie sich zurück in jene Zeit der Mythologie, erschaffen so die nötige Energie zur Kontinuität und Stabilisierung ihrer Umwelt und der nötigen Ressourcen zum Überleben, zur kontinuierlichen Reproduktion des Lebens und der unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen, die das unumgängliche Gleichgewicht für das Leben in der Gemeinschaft garantieren.
Die Xikrin unterscheiden verschiedene Bereiche der Natur: die Erde, unterteilt in Wald und Lichtungen, den Himmel, die aquatische und die unterirdische Welt. Diese Bereiche werden verstanden als Orte mit unterschiedlichen Eigenschaften und Bewohnern, und sie stehen auf verschiedene Art und Weise in Beziehung zueinander. Die Natur gestaltet die verschiedenen Bereiche, aus denen der Kosmos besteht. Der Wald ist die Wohnung unterschiedlicher Kategorien von ethnischen Feinden, der terrestrischen Tiere und auch der Pflanzen. Er ist auch der Raum für die beliebte Jagd – auf den Tapir, die Schildkröte, das Gürteltier, das Wildschwein. Aber eine ungeregelte Annäherung an das Tierreich provoziert den Zorn einer übernatürlichen Macht, der des Herrn und Beschützers der Tiere, der mit seiner Zauberkraft die Jagdaktivitäten der Menschen unter Kontrolle hat. Andererseits stammen bedeutende Eigenschaften der Xikrin-Gesellschaft aus dem Wald. Zu Zeiten ihrer Erschaffung erhielten die Indios die Macht über das Feuer und aus diesem Bereich auch ihre zeremonielle Sprache. Der Wald wird als physischer Raum betrachtet, den sich Tiere und Feinde miteinander teilen. Er ist ein aggressiver, streitbarer Raum. Im Fall einer Krankheit sollte man sich vom Wald unbedingt fernhalten.
Die Neutralisierung jener Aggressivität findet auf der Waldlichtung statt, einem Ort für ein Dorf oder die Felder, mittels Haustieren und kultivierten Pflanzen. Die Lichtung ist der Ort der familiären Beziehungen und der ehelichen Verbindungen, der Sozialisierung des Individuums, kurz, der menschlichen Definition der Xikrin. Das aquatische Reich bietet die Möglichkeit einer Stärkung der physischen und psychologischen Aspekte des Individuums. Das Wasser lässt den Geist durch Tauchrituale schneller reifen, ohne jedoch die Substanz der Persönlichkeit zu verändern. Das Wasser ist ein Element der Schöpfung, im Gegensatz zum Feuer, dem Element der Veränderung.
In diesem Bereich existiert auch ein Kontrolleur. Seine Beziehung zu den Menschen ist solidarisch und, in historischen Zeiten, bestimmte er den Beginn der Beziehungen zwischen den Menschen und den anderen Reichen der Natur. Es war der Kontrolleur der Wasserwelt, der die Menschen gelehrt hat, wie man Krankheiten heilt. Die heilenden Pflanzen gehören zum Reich der Erde, aber ihre Kenntnis, und die Regeln ihrer Nutzung zum Wohl der Menschen, wurden einst in der Wasserwelt durch einen Schamanen und seine Beziehung zum Kontrolleur dieses Reiches erst möglich. Die unterirdische Welt ist verbunden mit Blut, dem Essen rohen Fleisches, dem Kannibalismus, und repräsentiert einen anti-sozialen Zustand, in dem die Menschen Beute sind und nicht die Jäger. Der unterirdische Bereich ist alles, was ein Mensch nicht sein möchte. Im Reich des Himmels ist der Platz der Menschheit par excellence – er ist der Ort der Erschaffung der Xikrin. Sie kennen zwei uralte Legenden, von denen sie als Erdbewohner bestätigt werden – in Opposition zum Himmel (Koikwa) aus dem sie kommen, und in Opposition zu den unterirdischen Bewohnern, die sie für immer eliminieren konnten (Kuben kamrik).
Aus geografischer Sicht kennen sie zwei Himmelsrichtungen: Osten (Koikwa-krai) und den Westen (Koikwa-enhôt). Der Osten ist eine geografisch gut definierte Region, denn es handelt sich dabei um den Herkunftsort der “Mebengôkrê“, wie die Mythologie bestätigt. Der Westen ist lediglich ein konventioneller Referenzpunkt zur Unterteilung des Raumes, als Opposition zum Osten, aber weil er nicht genau definiert ist, kann auch niemand ihn genau festlegen – wie sie sagen, repräsentiert er das Ende der Welt. Das Gebiet östlich der Flüsse Araguaia und Tocantins wird als mythologischer Raum betrachtet, der von einem riesigen Spinnennetz begrenzt ist, welches vom Himmel bis zur Erde reicht. Auf der anderen Seite dieses Spinnennetzes befindet sich die Wohnung der Harpyie (Ok-kaikrit), dem Initiator und Lehrmeister der Schamanen.
In der Xikrin-Gesellschaft entwickelt sich ein Mensch zum Schamanen, nachdem er eine Grenzsituation erlebt hat, während der er ein riesiges Spinnennetz durchbrochen und den himmlischen Raum des ewigen Lichts erreicht hat und sein Genick symbolisch von einer Harpyie, dem grössten Vogel dieses Ökosystems, durchbohrt wurde. Der Schamane, ein Übermensch, der seine Macht ausserhalb der Gesellschaft erhalten hat, ist der Vermittler zwischen der Xikrin-Gesellschaft und der Natur, sowie zwischen der Xikrin-Gesellschaft und dem Übernatürlichen. Der Schamane hat die Macht, sowohl in der menschlichen Gesellschaft als auch in der Welt der Natur zu verkehren. Im Lauf ihres Lebens werden die Menschen von unterschiedlichen kosmischen Mächten beeinflusst, mittels derer sie ihren Charakter entwickeln. Der Schamane lebt, nimmt teil und kommuniziert kontinuierlich mit jenen Mächten. Er spielt die Rolle des Vermittlers par excellence. Der Schamane ist ein vollkommenes Wesen: Er lebt innerhalb der menschlichen Gesellschaft, nimmt teil an der Gesellschaft der Tiere, dem Übernatürlichen und besitzt die Fähigkeit, die verschiedenen Mächte zu manipulieren. Er kann, unter vielen anderen Fähigkeiten, zum Beispiel mit den Kontrolleuren der Tierwelt eine gute Jagd oder einen ertragreichen Fischzug aushandeln. Er wurde von der Harpyie initiiert, der Bewohnerin der himmlischen Welt, und hat so die Fähigkeit erhalten, fliegen zu können, und im Flug erhielt er eine kosmische Vision des Universums. Man sagt bei den Xikrin, dass der Schamane – ein Mensch, der auch Krankheiten vertreiben und die Seele retten kann, die sich im Körper verloren hat – befähigt ist zu “sehen“, im weitesten Sinn des Wortes: Er erkennt, was für die Menschen unsichtbar ist. Der Schamane, so glauben die Xikrin, sieht aussergewöhnlich gut, und nur er und die Vögel besitzen eine solche hoch entwickelte Eigenschaft.
Wenn eine Gesellschaft aus einer genügenden Anzahl von Personen besteht, wird auch der rituelle Zyklus kontinuierlich beibehalten. Während der Rituale erfahren die Mitglieder alles über die verwandtschaftlichen Beziehungen und die formalen Beziehungen der Freundschaft, über den Besitz eines jeden Mitglieds, das heisst, über die Aspekte der gesellschaftlichen Organisation und Reproduktion. Der Gesang, die Choreografie und der Körperschmuck, die sich einst die Männer zu Zeiten ihrer Erschaffung angeeignet haben, werden im Ritual wiederholt als Manifest der gegenwärtigen Situation der Menschheit im Kosmos. Zu den Vorbereitungen gehört auch ein Jagdausflug der Männer, über vierzehn Tage oder länger, um genügend Fleisch für die Durchführung des Rituals herbeizuschaffen. Im Wald errichten sie dann einfache Unterstände und befestigen dort ihre Hängematten. Dazu wählen sie einen Platz an einem Fluss, um dort auch zu fischen, und in der Nähe eines alten Feldes, zum Jagen und Sammeln von Früchten. In mehreren steinernen Feuerstellen rösten sie täglich das Wildfleisch, das dann fertig gegart in frische Bananenblätter gewickelt wird und bis zum Tag der Rückkehr ins Dorf in der Erde vergraben wird.
Während die Männer jagen, bereiten ihre Frauen im Dorf das Mehl aus den Maniokwurzeln zu, ernten Süsskartoffeln und unzählige Bananenrispen, die während des Rituals konsumiert werden. Die Bananen, in die Erde vergraben um zu reifen, funktionieren gewissermassen wie eine natürliche Uhr, die den Tag des Rituals anzeigt. Die beliebtesten Bananen sind die mit männlichen Namen (Bep, Takak) und die weiblichen (Bekwe, Ire, Nhiok, Payn, Koko). Ein Ritual geht oft in das andere über, wie zum Beispiel das Fest des jungen Maises oder das “Merêrêmei“ (das Schöne Fest), welches in der Übergangszeit zwischen Trocken- und Regenperiode stattfindet – die Feste, mit denen neue Mitglieder in die Gesellschaft aufgenommen werden, wie das Fest der Gürteltiere (Apieti) – das Ritual der Hochzeit oder Mattenfest – die Beerdigungsrituale und das Ritual des grossen Fischzuges mittels “Timbó“ (Lianen-Gift).
Ausserdem gibt es noch Rituale, die erst in jüngerer Zeit eingeführt wurden, wie das “Kworo-kango“ – das Fest der Maniok, das man von den benachbarten “Jurunas“ abgeschaut hat. Männer und Frauen entwickeln ihre Feste getrennt oder zusammen. Die halbwüchsigen Knaben werden mit einer Reihe von Initiationsprüfungen konfrontiert: Zum Beispiel einem Kampf gegen ein Hornissennest, welches ein feindliches Dorf darstellt – Wettläufe und Aderlass der Beine mit Piranhazähnen, um die Agilität zu steigern – Duelle mit schweren Keulen oder Wettkämpfe verschiedener Art. Zu bestimmten Jahreszeiten erreicht der rituelle Zyklus seinen Höhepunkt und entwickelt sich während einiger Tage mir grosser Intensität und in grossem Stil. Im zeremoniellen Leben gibt es auch Momente, in denen sie die Art und Weise ihrer Beziehungen mit der Welt der Weissen ausdrücken.
Die Haushalts-Gruppe, sie besteht aus Personen, die unter demselben Dach leben, ist eine Basis-Institution. Eine Frau wird geboren, verbringt ihr Leben und stirbt in demselben Haus. Die Häuser, so wie die Felder, gehören den Frauen. Nach der Eheschliessung lebt der Mann im Haus seiner Frau. Die Frauen eines Hauses entwickeln gemeinsame Aktivitäten. Ihnen obliegt die Arbeit des Bepflanzens der Felder, der täglichen Ernte von Knollenfrüchten zur Ernährung, die Versorgung des Hauses mit Brennholz und Wasser, sowie ein Teil der Ernte von Waldfrüchten und Rohmaterial für Kunsthandwerk. Die Frauen sind auch verantwortlich für die Hausarbeit, wie zum Beispiel das vorbereiten und Kochen der Nahrungsmittel und, nicht zuletzt, für die Versorgung der Kinder.
Die Frauen verwenden auch viel Zeit zur Körperbemalung, einer Aktivität, die bei den Xikrin sehr hoch entwickelt ist, sie verspinnen die Rohbaumwolle zu Fäden und sie spielen eine bedeutende Rolle bei den Ritualen. Obwohl sie noch nicht in der Ratsversammlung mitwirken, zählen ihre Stimmen bei kollektiven Diskussionen und sie entscheiden auch mit bei Ernennungen und Eheschliessungen.
Die gegenwärtige Konfiguration der Kayapó-Gruppen entstand aus einem langen Prozess gesellschaftlicher und räumlicher Mobilität, geprägt von konstanten Neubildungen politischer Parteien und Spaltungen. Die Geschichte dieser Entwicklungen voller Spannungen, Konflikte, Beschuldigungen über Hexerei und Dramen der Führung, haften in der Erinnerung der heutigen Kayapó, immer wieder dramatisch und detailliert geschildert von den Ältesten. Nach der Trennung von ihren Apinayé-Vorfahren, die etwa zu Beginn des 18. Jahrhunderts stattfand, und nachdem sie den Rio Araguaia überquert hatten, spalteten sich die Kayapó gegen Ende desselben Jahrhunderts. Die eine Gruppe verblieb in der Region von Pau d’Arco, einem Zufluss des Rio Araguaia, und die andere, mit Namen “Pore-kru“, die Vorfahren der heutigen Xikrin, begab sich nach Norden, ins Gebiet der Flüsse Rio Parauapebas und Rio Itacaiúnas. Später spaltete sich diese letzte Gruppe wiederum: in die “Kokorekré“, die im Gebiet des Rio Parauapebas verblieben, und die “Put-Karôt“, die sich ins Gebiet des Rio Cateté, am Oberen Itacaiúnas zurückzogen.
Die “Kokorekré“ begannen Tauschgeschäfte mit fahrenden Händlern aus der regionalen Gesellschaft aufzubauen, die den Rio Parauapebas hinauffuhren – prompt wurden sie Opfer von schlimmen Krankheiten und wurden ausserdem, um 1910, durch eine Strafexpedition von regionalen Siedlern stark dezimiert.
Mit der Ausbeutung des Latex verschlechterten sich die Beziehungen der “Put-Karôt“ mit den regionalen Bewohnern, und die Indios zogen sich vom Rio Cateté zurück bis an den Oberen Rio Itacaiúnas. In diesem Dorf wurden sie von den geschlagenen “Kokorekré“ aufgesucht und verbanden sich erneut mit ihnen. Etwa um 1926 wanderten sie dann zusammen weiter gegen Norden, denn sie hatten Angst vor den “Kayapó-Gorotire“, von denen sie seit längerer Zeit bedroht wurden – jetzt liessen sie sich im Gebiet des Rio Bacajá nieder. Wenig später, zwischen 1930 und 1940, spaltete sich erneut eine Gruppe von ihnen ab, der dieser Lebensraum nicht gefiel, und kehrte an den Rio Cateté zurück.
Man schätzt, dass die Xikrin das Gebiet des Rio Bacajá etwa um 1926 bis 1927 erreichten. Dort streiften sie ausgiebig an beiden Ufern umher, errichteten verschiedene Dörfer und störten die “Araweté“, die “Asurini“ und die “Parakanã“ in ihrem Alltag. Zusammenstösse mit letzteren sind den Älteren deutlich in Erinnerung geblieben.
Der erste formelle Kontakt der Xikrin vom Cateté mit Nicht-Indios fand im August 1952 statt, im Posten “Las Casas“ des SPI, in der Nähe des Dorfes Conceição do Araguaia. Ein Kontakt der Beamten des SPI mit den Xikrin vom Bacajá ergab sich am 13. November 1959, fast an der Mündung des Baches Golosa in den Rio Bacajá. Die Folge waren Epidemien mit vielen Todesopfern, erschrocken zogen sich die Indios erneut in die Tiefen der Wälder zurück.
1961 begegnete ihnen eine weitere Front des SPI am Bach Carapanã, am rechten Ufer des Rio Bacajá, wo sie ein grosses Dorf errichtet hatten. Einige Zeit später richteten sich die Xikrin beim Posten des SPI ein, der als “Posto Francisco Meirelles“ bekannt war, unterhalb des Bachlaufes “Dois Irmãos“. Endlich im Jahr 1965 wurden sie ins Gebiet ihres heutigen Dorfes verlegt, das sie “Flor de Caucho“ nennen. Es existieren keine vertrauenswürdigen Bevölkerungsdaten aus jener Epoche. Man weiss jedoch, dass viele Mitglieder beider Gruppen durch Grippe, Lungenentzündung und andere Infektionskrankheiten dahingerafft wurden. In den letzten beiden Jahrzehnten zeigen die demografischen Daten jedoch, dass die Xikrin zu einem konstanten Bevölkerungswachstum gefunden haben, aufgrund der grossen Geburtenzahlen und einer geringeren Sterbequote der Erwachsenen, sowie einer beachtlichen Reduzierung der Säuglingssterblichkeit. Erreicht wurde dies durch die Aufhebung gewisser Tabus in der Geburtenkontrolle und der Assistenz des offiziellen staatlichen Indio-Schutzorgans SPI. Die Xikrin-Bevölkerung, die im Jahr 1985 aus 472 Individuen bestand – 304 im Gebiet des Cateté und 172 im Gebiet des Bacajá, bestand 2001 aus 1.052 Individuen – 690 am Cateté und 362 am Bacajá.
Die Nutzung der natürlichen Ressourcen ist bemerkenswert vielfältig. Die Xikrin kennen und unterscheiden in Details die üppige Fauna und Flora ihres Lebensraumes. Und dabei beweisen sie nicht nur ihre Kenntnisse der biologischen Vielfalt (der Flora- und Faunaspezies), sondern auch die ökologische Vielfalt (die der Ökosysteme). Die Erhaltung der biologischen und ökologischen Diversifikation durch die Xikrin ist von ausserordentlicher Bedeutung für die Bewahrung der klassifikatorischen und symbolischen Kenntnisse, sowie der pragmatischen Nutzung der Umwelt. Die Xikrin bezeichnen sich selbst in erster Linie als Jäger, obgleich sie auch von ihren Feldprodukten abhängen. Das beliebteste Wildfleisch ist bei ihnen das vom Tapir, vom Wildschwein, vom Hirsch, dem Aguti und dem Paka. Sie fangen Schildkröten in grossen Mengen und graben Gürteltiere aus ihren Erdhöhlen aus. In letzter Zeit sind auch ein paar Vogelarten in ihre Kochtöpfe gewandert, was man eventuell mit dem Rückgang jagdbarer Tiere im allgemeinen erklären kann.
Verschiedene Arten von Fischen stehen ebenfalls auf dem Speiseplan. Sie fischen im Winter mit Nylonschnur und Haken. Im Sommer veranstaltet man grössere Fischzüge, während der man die Fische mit “Timbó“ (Lianengift) betäubt, an denen die gesamte Kommune sich beteiligt. Inzwischen hat man eine signifikante Verringerung des Fischbestandes festgestellt. Die Ursache des Problems: Alle Oberläufe der Flüsse, die das Xikrin-Gebiet am Cateté durchqueren, befinden sich ausserhalb ihres demarkierten Territoriums. Diese Flüsse durchqueren vorher ein Gebiet von Goldminen und grossen Fazenda-Arealen, in denen der Schutz von Galeriewäldern an den Ufern nicht respektiert wird und so zu einer gradativen Versandung führt. Die Indios, die früher Besitzer immenser Territorien waren, beuteten nur einen geringen Teil der ihnen zur Verfügung stehenden Natur-Ressourcen aus. Heute präsentieren sich diese Ressourcen nicht mehr als unerschöpflich.
Der Habitus, durch die Gegend zu streifen, bereichert nicht nur den Speiseplan, sondern kommt auch der Pflege der diversen Ökosysteme zugute. Viele Rituale hängen von diesen Streifzügen ab, sie sind wichtig für die Nahrungsversorgung im Fall von bevorstehenden Zeremonien und zum Sammeln von Produkten, die man im näheren Umkreis des Dorfes nicht findet. Zum Beispiel die Kalebassen zur Herstellung von zeremoniellen Rasseln, die findet man nur auf den Savannen am Oberlauf des Rio Itacaiúnas, oder Heilpflanzen, Fasern, Bienenwachs, Baumharz oder Vogelfedern, sind in der Regel die Produkte solcher Streifzüge. Ausserdem sammeln sie im Regenwald Palmito (Palmenmark), Paranüsse, Babaçu- und andere Palmfrüchte, verschiedene Honigsorten, Waldfrüchte (Açaí, Bacaba, Frutão, Cupuaçu, wildwachsenden Kakao, etc.) und Larven.
Sämtliches Rohmaterial, welches sie zur Herstellung ihres Kunsthandwerks benötigen, finden sie ebenfalls in der Natur, Holz, Lianen, Palmstroh, Muschelschalen und Schneckenhäuser, sowie die verschiedensten Samenkapseln und Fruchtkerne. Jedoch kann man feststellen, dass viele Rohmaterialien zur Anfertigung ihres Körperschmucks inzwischen von den Xikrin durch eingetauschte Industrieprodukte ersetzt werden – zum Beispiel Muschelschalen durch bunte Knöpfe, verschiedene Samenkapseln durch Glasperlen, Schalen von Hirschhufen durch Glöckchen aus Metall. Die Xikrin-Frauen produzieren mehr Babaçu-Öl, das sie bei anderen Kayapó gegen Vogelfedern eintauschen.
Trotz verschiedener drastischer und schneller Veränderungen, denen sie unterworfen sind, widmen sich die Xikrin weiterhin ihrer Feldarbeit und pflanzen verschiedene Sorten Süsskartoffeln, Inhame, Maniok, Mais, Kürbis, Bananen und Baumwolle an. Die Vorbereitung des Bodens ist in drei aufeinander folgende Phasen eingeteilt: die Rodung der Felder (zwischen Mai und Juni), das Abbrennen und das Einsäen bzw. Einpflanzen (Oktober). Weil der Boden nach ein bis zwei Jahren ausgelaugt ist, werden neue Felder angelegt, jedoch bleiben die alten noch längere Zeit Lieferanten verschiedener Produkte, die auch ohne Bearbeitung erneut auf den brach liegenden Feldern reifen, wie die Süsskartoffeln, Früchte der ehemals gepflanzten Bäume und Büsche, Jenipapo und Urucum (zur Körperbemalung), Babaçu (zur Ölproduktion) und verschiedene Heilpflanzen (die man auch rund um die Behausungen pflanzt).
Trotz sorgfältiger Demarkation ihres Territoriums, sind in den letzten Jahren immer wieder unbefugte Invasoren im Gebiet der Xikrin eingefallen – Paranuss-Sammler, Goldgräber, Fazendeiros und Holzfäller. Der Kontakt, die Veränderungen und Anpassungen bilden eine Spirale, die sich von innen nach aussen schnell erweitert und zu immer mehr Zusammenstössen führt.
1991 entschlossen sich die Xikrin vom Rio Cateté, sich nicht mehr von der regionalen Bevölkerung überreden und bestechen zu lassen, um an ihre Waldprodukte zu kommen – sie übernahmen die Kontrolle über ihr Territorium und stellten ihre traditionelle Ordnung wieder her. Mittels externer Unterstützung artikulierten und gewannen sie einen Prozess gegen Sägewerksunternehmen, die sich illegal in ihrem Territorium breit gemacht hatten. Unterstützt von Fachleuten entwickelten sie einen Plan zur Waldbewirtschaftung, dessen bedeutendste Funktion darin besteht, traditionelle Aktivitäten zur Selbsterhaltung wieder einzuführen und die traditionelle Nutzung der natürlichen Ressourcen wieder aufleben zu lassen, inklusive kommerzielle Aktivitäten, wie das Sammeln von Paranüssen und die Verwertung von Holz. Für die Verteidigung der Rechte ihres Volkes und um institutionelle Erklärungen und Partnerschaften zu erleichtern, haben die Xikrin vom Cateté 1995 die Vereinigung “Bep-Nói“ gegründet. Seine Statuten, die von der gesamten Kommune detailliert diskutiert wurden, sind ein Spiegelbild ihrer komplexen gesellschaftlichen Organisation.
Die Xikrin vom Rio Bacajá führen jährlich eine kollektive Sammlung von Paranüssen durch und verkaufen sie an Händler im Ort Altamira. In der Regel wird diese Aktivität von der FUNAI unterstützt, die den Indios neue Haumesser (zum Zerspalten der äusserst harten Aussenschale, in der sich die einzelnen Nüsse befinden), Munition, Hängematten, Moskitonetze und Kleidung liefert. Und die FUNAI kümmert sich auch um den Transport und Verkauf der Nüsse und händigt den Indios den Gewinn aus. Jedoch hat sich diese Aktivität als nicht besonders lukrativ erwiesen, trotz der zahlreichen Paranussbäume im IT Trincheira-Bacajá – der Preis für die Nüsse ist niedrig und die FUNAI zieht die Ernte gelieferten Materialien vom Gesamtgewinn ab. Rentabler, aber illegal, ist die Extraktion von Edelhölzern, besonders von Mahagoni und Zedern. In jedem Sommer werden die Xikrin von Sägewerksbesitzern bedrängt, die Abholzung dieser Bäume freizugeben. Diese Geschäftsleute haben ihren Sitz in Tucumã und bedienen sich Vermittlern, die grosse Erfahrung in Verhandlungen mit den Kayapó haben. Es ist ein paar Jahre her, seit Holzfäller eine Piste durch den Regenwald geschlagen haben, die vom Ufer des Rio Bacajá bis nach Tucumã führt, in ihrem Verlauf gibt es zahlreiche Abzweigungen. Die illegale Ausbeutung der Edelhölzer rückt nun immer näher an ihr Dorf heran und hat dem Wald unsagbaren Schaden zugefügt. Mit den Indios zu diskutieren ist eine schwierige Aufgabe – sie zeigen sich zwar einsichtig gegenüber den Risiken für den Wald und die Jagd, werden aber vom Gewinn korrumpiert. Das Holz wird in industrialisierten Lebensmitteln bezahlt, und es gibt Hinweise, dass einige Männer ein Monopol auf Bargeld haben, welches sie auf Bankkonten aufbewahren. FUNAI und Polícia Federal haben verschiedene Razzien auf jene Verbrecher organisiert, es ist ihnen jedoch nicht gelungen, dieser Umweltzerstörung einen definitiven Riegel vorzuschieben.
Die traditionelle Erziehung geschieht durch Zusammenleben und die Beobachtung durch die Teilnehmer. Die Erwachsenen orientieren, korrigieren, und manchmal erziehen sie Gruppen von Jungen und Mädchen auch auf systematische Art und Weise, in Gesängen, Choreografien und rituellen Sequenzen. Bemerkenswert ist die pädagogische Bedeutung der Wiederholung und der Beteiligung an den verschiedenen Geschehnissen. Ein Kind, mit einem bestimmten Talent für eine spezifische Aktivität, lernt in einer kontinuierlichen Art und Weise von jemandem, der als Spezialist in der entsprechenden Aktivität bekannt ist. Die Mädchen lernen die Körperbemalung zuhause, von erwachsenen Verwandten. Die Mythen werden von den Alten weitergegeben – in Form von Erzählungen, als Drama oder auch in einer politischen Redeform. Es gibt Bestrafungen, oder besser, eine Art von Druck seitens der Verwandtschaft und der Gesellschaft gegenüber dem Fehlverhalten eines “Schülers“ – indem man ihn lächerlich macht oder manchmal sogar von bestimmten Vergnügungen ausschliesst.
Die Erziehung geschieht in Etappen, die sich nach den Alterskategorien und der geschlechtlichen Aufgabenverteilung richten. Entsprechend persönlicher Talente oder Vorzügen, werden einige Individuen zu Spezialisten in Aktivitäten wie dem Schamanentum, als Sänger oder als Kunsthandwerker geschult. Der Anwärter auf eine Ausbildung zum Schamanen muss eine schwere Krankheit überstanden haben, viel träumen und von einem erfahrenen älteren Schamanen ausgebildet werden. Die Sänger werden von ihren Ernennern beerbt. Und diejenigen mit einer gewissen künstlerischen Geschicklichkeit schliessen sich den alten, erfahrenen Kunsthandwerkern an, um von ihnen zu lernen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther