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Medienanwältin Regula Bähler hat nordische Sprachen studiert und in Schweden gelebt – zu einer Zeit, als offiziell die Höflichkeitsform abgeschafft wurde. Später arbeitete sie für eine Zeitung, die man anrufen musste, aber nicht lesen konnte.
WOZ: Regula, du bist ja eigentlich Medienjuristin. Nun bist du aber auch bekannt dafür, bestens übers schwedische Königshaus informiert zu sein. Wie kommt das?
Regula Bähler: (Lacht.) Mich fasziniert es, seit ich in Schweden nordische Sprachen studiert habe.
Warum gerade Schweden?
Zum einen sicher wegen Astrid Lindgren. Die heile Welt in «Wir Kinder aus Bullerbü» hat mich als Kind angezogen. Anfang der siebziger Jahre versuchte Schweden dann den sogenannten dritten Weg – eine Politik zwischen Sozialismus und Kapitalismus zur Errichtung eines «Volksheims». Ich dachte mir, das muss ein von Solidarität geprägtes, freies Land sein.
Zwei Tage nach der Matura bin ich einfach losgefahren, mit Koffer, Zeugnis und einer Adresse, mehr hatte ich nicht. Ich war noch keine zwanzig und schon etwas blauäugig. Der Frau, bei der ich in Stockholm wohnen sollte, hatte ich einen Brief geschickt, sie nachher telefonisch aber nie erreicht. Also fuhr ich einfach an die angegebene Adresse. Da stand ich plötzlich vor einer schönen Villa. Ich läutete, und eine ältere Frau streckte im oberen Stock den Kopf aus dem Fenster und sagte: «Da ist ja das kleine Schweizerlein.»
Du bist auch heute noch oft in Schweden. Wie hat sich das Land verändert?
Damals war es solidarischer … Heute ist Schweden ein bürgerliches Land, fast wie jedes andere in Europa. Anfang der siebziger Jahre, als ich erstmals dort war, hatte das Land bereits vierzig Jahre sozialdemokratische Regierung hinter sich und eine sozialistische Tradition.
Wie hat sich das damals im Alltag gezeigt?
Der damalige Ministerpräsident, Olof Palme, war überall präsent mit dem Slogan «Schweden ist fantastisch». Er beschwor das Ideal einer Gesellschaft, in der alle etwas gleicher sind. Es herrschte so etwas wie ein ungebrochener Zukunftsglaube. Auf der anderen Seite wurde diese Forderung nach Gleichheit etwas gar auf die Spitze getrieben. Schon damals musste man überall anstehen und einen Nummernzettel ziehen. Vor keiner Kasse und keinem Schalter hätte sich jemand vorgedrängelt. Schwierig wurde die Situation aber auf der Notfallstation im Spital, wenn es strikt nach den Nummern ging. Noch etwas: Während der Zeit, als ich dort studierte, hat man die Höflichkeitsform abgeschafft, das war gesellschaftspolitisch ein grosser Schritt in einem Land, in dem die persönlichen Umgangsformen sehr formalisiert waren.
Man duzt seither alle?
Ja. Heute schlägt das Pendel aber wieder zurück – im Hotel und in den Läden werde ich wieder mit Sie angesprochen.
Welche Rolle spielt der Adel heute?
Politisch überhaupt keine. Das Königshaus war bis vor einigen Jahren wahnsinnig beliebt. Nicht einmal die Kommunisten hätten gewagt, die Abschaffung der Monarchie zu fordern. Dann kam Carl Gustav wegen Bordellgeschichten und Königin Silvia wegen der umstrittenen Nazivergangenheit ihres Vaters ins Gerede. Vielleicht ist der angeschlagene Ruf des Königshauses noch zu retten, wenn Carl Gustav bald einmal abdanken wird. Kronprinzessin Victoria und ihr Ehemann Prinz Daniel, ihr früherer Fitnesstrainer, der in der Öffentlichkeit ein gutes Bild abgibt, könnten es richten.
Was ist so spannend am Königshaus?
Es ist wie die «Muppet Show». Und mich fasziniert, wie ein republikanischer Staat, der versucht, die Gleichheitsideale konsequent umzusetzen, all die Jahre die Monarchie mitgezogen hat – wie eine Art Folklore, aber auch als Triebkraft der Tourismusindustrie.
Bevor du Medienanwältin wurdest, hast du fünfzehn Jahre beim Schweizer Fernsehen gearbeitet. Wie bist du dann im Journalismus gelandet?
Während des Studiums hatte ich mit anderen die «Telefonziitig» betrieben. Man konnte auf eine Nummer der PTT – der heutigen Swisscom – anrufen und täglich von einem Endlosband ein Dreiminutenbulletin mit den neusten Nachrichten sowie einen Veranstaltungskalender abhören. Einige, die bei der «Telefonziitig» mitgemacht hatten, sind dann in den richtigen Journalismus eingestiegen, beispielsweise beim Fernsehen.
Und du hast es auch versucht?
Ja. Ich rief zuerst beim «Karussell» an, das war eine Vorabendsendung. Die wollten aber keine Anfängerin. Ich bin dann beim «Kassensturz» untergekommen. Das war am Anfang ziemlich hart, weil die meisten auch da nicht auf mich gewartet hatten. Der Kameramann, der fest für diese Sendung gearbeitet hat, begegnete mir mit dem Spruch: «Da will wieder eine das Fernsehen neu erfinden.»
Anfang nächster Woche gibt es am Zürcher Theaterspektakel vier Aufführungen mit der Realinszenierung eines Gerichtsfalls zu sehen. Du musstest dafür das juristische Personal finden. Hast du die noch fehlende Richterin und den Richter inzwischen gefunden?
Ja, zum guten Glück. Nur ist inzwischen eine Staatsanwältin wegen einer Verletzung ausgestiegen …
Regula Bähler (60) ist seit 1997 Hausjuristin der WOZ. Nächste Woche wird im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels der Gerichtsfall «Please, continue (Hamlet)» mit echten Staatsanwälten, Verteidigerinnen und Richtern inszeniert. Bähler hat das juristische Personal ausgewählt. www.theaterspektakel.ch