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Da capo für Hans Wilhelm Auer – Bundeshausarchitekt
Im Oktober wurde sie eröffnet und zwei Tage später pandemiebedingt wieder geschlossen: die Galerie-Ausstellung «Hans Wilhelm Auer – Bundeshausarchitekt». Nun ist sie im Kornhausforum Bern ab dem 2. März 2021 erneut zu sehen.
Die Ausstellung präsentiert erstmals das gesamte Werk Auers: Gebäude und Projekte in Zürich, Berlin, Wien, Liestal, Solothurn, Luzern und in Bern. Zu sehen sind Plankopien aus dem Nachlass von Hans Wilhelm Auer, zudem zeitgenössische Fotografien und grafische Blätter. Im Zentrum steht das Bundeshaus, der etwas mehr als 300 m lange, unter Denkmalschutz stehende symmetrische Gebäudekomplex in der Stadt Bern. Er gilt als bedeutendster historistischer Bau des Landes und ist im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung verzeichnet.
Projektwettbewerb mit Umwegen
Insgesamt besteht der Komplex aus drei miteinander verbundenen Gebäuden im Südwesten der Berner Altstadt. Mittelpunkt ist das Parlamentsgebäude am Bundesplatz. Ältester Teil des Bundeshauses ist das von 1852 bis 1857 erbaute Bundeshaus West (damals «Bundes-Rathaus» genannt). Ferdinand Stadler hatte den von der Stadt Bern ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen, zog sich aber aufgrund diverser Einwände zurück. Den Auftrag erhielt schliesslich Jakob Friedrich Studer zugesprochen. Das Gebäude vereinte Bundesverwaltung, Regierung und Parlament unter einem Dach.
Zur Lösung von Platzproblemen entstand von 1884 bis 1892 das Bundeshaus Ost. Alfred Friedrich Bluntschli war als Sieger aus dem Projektwettbewerb hervorgegangen, doch die Bundesversammlung setzte sich über die Entscheidung des Preisgerichts hinweg und gab dem zweitplatzierten Projekt von Architekt Hans Wilhelm Auer die Zustimmung. Ebenfalls unter Auers Leitung wurde 1894 und 1902 zum Abschluss das Parlamentsgebäude errichtet.
Eigenartiges Auftragsverfahren
Rückzug eines Preisträgers, Auftrag an den Zweitplatzierten – ein in den heutigen, seit 2009 geltenden Ordnungen SIA 142 und SIA 143 für Architektur- und Ingenieurwettbewerbe resp. Studienaufträge eher nicht vorgesehenes Verfahren. Sogar in den damals seit 1877 geltenden «Grundsätzen über das Verfahren bei öffentlichen Concurrenzen» (SIA 101) war festgehalten: «Eine ausgeschriebene Concurrenz darf nicht rückgängig gemacht werden. Die ausgesetzte Summe muss unbedingt an die relativ besten Entwürfe verteilt werden.» Damit war zwar nichts explizit über die Auftragserteilung gesagt, doch ist anzunehmen, dass es die Absicht war, den Wettbewerbsgewinner mit der Ausführung des Baus zu beauftragen.
Grosse architektonische Geste
Damit das Bundeshaus gebaut werden konnte, mussten bestehende Gebäude abgerissen werden, was zum Teil Enteignungen bedingte. An der Stelle des Bundeshauses Ost beispielsweise stand zuvor das alte Inselspital; hier war auch der «Judenkilchhof», ein 1294 aufgehobener Friedhof, zu finden. Der Platz für das Parlamentsgebäude selbst war das eine, der Raum für den Platz davor das andere. Der Bundesplatz ist zur Mitte unserer Demokratie geworden und musste und durfte schon für viel herhalten: Aufmärsche, Fackelzüge, Krawall, Konzerte, Märkte, Staatsempfänge und lange Zeit auch als völlig profaner Parkplatz.
Auer war das, was man heute als «Stararchitekt» etikettiert: Er gewann zwei Wettbewerbe für den Bundeshauskomplex, war einflussreiches Mitglied in fast allen wichtigen Jurys der damals boomenden Schweizer Architektur, entwarf die Postgebäude in Liestal und Solothurn und wurde zum Wettbewerb für den Friedenspalast in Den Haag eingeladen.
In Bern legte er Pläne für ein neues Kasino und ein Stadttheater, für Kirchen und eine Villa im Obstberg vor. Trotz seinen Erfolgen war er am Ende seines Lebens verbittert. Denn die von ihm bis in jedes Detail konsequent vertretene historistische Architektur der Neorenaissance war mittlerweile aus der Zeit gefallen und unmodern geworden.
Breite Dokumentation, weiter Blick
Die von Konrad Tobler und Massimiliano Madonna kuratierte Ausstellung wurde von der Kunsthalle Kulturhaus Palazzo Liestal übernommen, dem ehemaligen von Auer entworfenen Postgebäude also. Eingebettet ist Auers Schaffen in den Kontext seiner Zeit, etwa mit einem Blick auf die Mythenbilder des neuen schweizerischen Bundesstaats und mit einem architektonischen Blick nach Rom, Florenz, Paris, Mailand, Washington, Dresden und Zürich.
Bewusst wird so auch, dass das Parlamentsgebäude in Bern prominente Verwandte hat: die Freiheitsstatue in New York oder den Eiffelturm in Paris. Denn hinter den üppigen Fassaden der historistischen Architektur verbergen sich grandiose Eisenkonstruktionen; diese zeugen vom gewaltigen technischen und industriellen Fortschritt jener Zeit.
Zeitgeist trifft auf H. W. Auer
Die Ausstellung ist jedoch nicht ausschliesslich auf die Epoche des Historismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts fokussiert. Auers Architektur wird vielmehr gegenwärtig – und zwar in all ihrer Ambivalenz. Sie tritt in einen spannungsvollen Dialog mit Werken von zeitgenössischen Künstler/-innen wie Giro Annen, Boris Rebetez, Beat Feller, Matthias Gnehm, Christian Grogg, Thomas Hauri, Roberta Müller, Pavel Schmidt, Sibylla Walpen, Niklaus Wenger und Beat Zoderer.
Werkverzeichnis
Zur Ausstellung erschien eine umfangreiche, reich illustrierte Publikation mit einem Werkverzeichnis von Hans Wilhelm Auer. Es handelt sich nicht einfach um einen Ausstellungskatalog über Hans Wilhelm Auer, sondern um eine Dokumentation der baulichen Entwicklung Berns um 1880, über die damalige wirtschaftliche Lage und auch die bautechnischen Möglichkeiten in jener Zeit.
Auf 134 Seiten und im grosszügigen Format von 28 x 36 cm erzählt sie das Wirken Auers und die damals herrschenden bautechnischen und architektonischen Möglichkeiten und Gebräuche. Diese in jeder Hinsicht herausragende Publikation, herausgegeben von Konrad Tobler und Massimiliano Madonna, ist ausschliesslich in der Ausstellung und dort kostenlos erhältlich.
Johann Wilhelm Auer
* 26. März 1847 (Wädenswil), † 30. August 1906 (Konstanz), von Sennwald, St. Gallen, Zürich und Bern. Sohn des Johannes, Kaufmanns, und der Emma Elisa Henking. 1871 Maria Elisa Henking. In Zürich aufgewachsen, studierte A. 1865–68 am Polytechnikum bei Gottfried Semper. Nach Fortsetzung seiner Studien an der Bauakademie Wien (bei Theophil von Hansen) wirkte er 1874–84 als dessen Assistent und 1885–88 als Professor an der Wiener staatl. Gewerbeschule.
Für den Bau des Bundeshauses Ost (1888–1892) zog er nach Bern um, nachdem er 1885 im Wettbewerb um die Erweiterung des Bundesrathauses den 2. Preis (nach Alfred Friedrich Bluntschli) und den Bauauftrag erhalten hatte. 1891 obsiegte er über Bluntschli im Wettbewerb um das Parlamentsgebäude in Bern, dessen Bau er 1894–1902 leitete. Im Auftrag des Bundes baute er 1891–92 die ehem. Bahnhofpost in Liestal und wahrscheinlich noch weitere anonym gebliebene Werke. 1890–1904 lehrte er als ao. Prof. die Geschichte von Architektur und Plastik an der Universität Bern. 1891–98 Mitglied der Eidg. Kunstkommission (1897–98 Präsident). 1902 zum Ehrendoktor der Univ. Basel ernannt, baute er als SBB-Architekt noch weitere bisher anonym gebliebene Werke im Auftrag des Bundes. Ehrenbürger der Stadt Bern (1902).
(Quelle: Martin Fröhlich im Historischen Lexikon der Schweiz)
Die Ausstellung im Kornhausforum Bern ist bis 27. März 2021 zu sehen:
Di–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–17 Uhr, So/Mo geschlossen