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Titel
Schießpulver,
[* 2] inniges Gemenge aus Kalisalpeter, Schwefel und Kohle. Man benutzt chemisch reinen Kalisalpeter, gereinigten sizilischen Stangenschwefel und Kohle von Laubhölzern, die reicher an Cellulose sind als Nadelhölzer. [* 3] In Deutschland [* 4] werden die höchstens 40 mm starken Äste vom Faulbaum, für Geschützpulver von Elsenholz, welche vor ihrem Gebrauch rindenfrei mindestens ⅓ Jahr unter Dach [* 5] lagern müssen, in Österreich [* 6] Hundsbeere, Haselstrauch, Erle, in der Schweiz [* 7] Haselstrauch, in Frankreich Faulbaum, Haselstrauch, Pappel, Linde, Spindelbaum, in Italien [* 8] nur Hanfstengel, in England Weide, [* 9] Kornelkirsche, Faulbaum, Erle benutzt.
Die Verkohlung geschieht jetzt meist in eingemauerten oder (wie in Spandau) [* 10] in die Ummauerung auf Rollen [* 11] einzuführenden Cylindern aus Eisenblech unter Luftabschluß und Ableitung der gasförmigen Produkte zur Feuerung (destillierte Kohle). Die Kohle erhält, je nach dem gesteigerten Grade der Verkohlung und der dabei angewendeten Temperatur, eine vom Rötlichen durch Rotbraun bis zum tiefen Schwarz gehende Farbe und eine derselben entsprechende Entzündlichkeit, welche abnimmt, je schwärzer die Kohle ist.
Bei 270° C. erhält man Rotkohle, die Farbe wird dunkler bis zu 340°, von da an schwarz (Schwarzkohle); bis 432° ist sie noch als Pulverkohle verwendbar. Der Gewinn an Kohle nimmt ab mit der Verkohlungstemperatur und sinkt bei 280-1500° von 36 auf 15 Proz. Diese Thatsache ist zur qualitativen Bezeichnung der Kohle benutzt worden; es ist hiernach 25proz. Kohle solche, welche dem Gewicht nach 25 Proz. des zur Verkohlung verwendeten lufttrocknen (10 Proz. Feuchtigkeit) Holzes beträgt. In Deutschland wird zu Gewehrpulver 27,5-, zu Geschützpulver 25proz.
Kohle verwendet. Da der Verkohlungsgrad auf die Offensivität des
Schießpulvers ohne Einfluß ist, so wird in
Spandau zur
genauern Temperaturmessung ein
Pyrometer
[* 12] von
Bronze
[* 13] verwendet. Der in Esquardes und
Wetteren bei
Gent
[* 14] im
Betrieb befindliche
Apparat von
Violett, in welchem die Verkohlung durch in den Verkohlungscylinder geleiteten überhitzten
Wasserdampf geschieht, liefert einen größern
Ertrag an
Rot-, nicht aber an
Schwarzkohle als die Cylinderverkohlung.
Nach dem stöchiometrischen
Verhältnis, welches auf die Molekulargewichte der drei
Stoffe basiert ist, sollte
das Mischungsverhältnis des
Schießpulvers 73,9
Salpeter, 14,6
Kohle und und 11,5
Schwefel sein, ist aber in
Deutschland M/71
(1883) zu 76
Salpeter, 15
Kohle (30proz.), 9
Schwefel, in
Österreich zu 74
Salpeter, 16
Kohle und 10
Schwefel, in
England und Rußland
für Gewehrpulver zu 75
Salpeter, 15
Kohle, 10
Schwefel, in
Frankreich für Kriegspulver und in
Nordamerika
[* 15] zu 75
Salpeter, 12,5
Kohle und 12,5
Schwefel angenommen worden.
Dem Jagdpulver gibt man unter Verwendung von Rotkohle in der Regel mehr Salpeter, ebenso in neuerer Zeit zur Erhöhung der Sprengkraft dem Sprengpulver. Die einzelnen Bestandteile des Pulvers müssen zunächst, um eine höchst innige Mischung zu ermöglichen, sehr fein pulverisiert werden. Dies geschah früher meist mit dem Mengen und Dichten zugleich in Stampfmühlen (1435 in Nürnberg) [* 16] oder unter Hämmern (wie noch jetzt in der Schweiz), ähnlich den Frischhämmern der Eisenwerke, später (schon 1540, in Schweden [* 17] 1684) in Walz- (Koller-) Mühlen [* 18] (s. unten, Läuferwerk); jetzt wendet man meist Trommeln an. Die Salpeterkleintrommel in Spandau besteht aus Eisenblech, hat 1 m Durchmesser und ist an der innern Mantelfläche mit sechs Holzleisten versehen. Der Salpeter wird mit einem gleichen ¶
mehr
Gewicht Bronzekugeln von 13 mm Durchmesser bis 3 Stunden lang gekleint. Die Kleintrommel für Schwefel und Kohle aus Eichenholz
von 2,3 m Durchmesser ist an der innern Mantelfläche mit Sohlleder und 24 Holzleisten bekleidet. Das Kleinen geschieht mit
etwa dem doppelten Gewicht von Bronzekugeln. In einer ganz ähnlichen Trommel geschieht unter Zusatz von
Pockholzkugeln das Mengen der Pulvermaterialien. Zur Anfertigung des grobkörnigen u. prismatischen Pulvers ist eine Erhöhung des
spezifischen Gewichts des
Schießpulvers und, um diese durch Pressen zu erreichen, eine Brechung der
[* 20] Elastizität der Materialien,
namentlich der Kohle, erforderlich.
Man bringt deshalb den gemengten Satz noch in ein Läuferwerk (Kollermühle), dessen mühlsteinartige Läufer aus Hartgußeisen von etwa 5300 kg durch eine horizontale Achse verbunden sind, die von einer senkrechten Welle in wagerechter Ebene gedreht wird, wobei die Läufer auf dem Boden einer flachen Schale aus Hartgußeisen rollen, auf welchem der mit 8 Proz. Wasser angefeuchtete Pulversatz ausgebreitet ist. Ein Pflug [* 21] von Bronze schiebt den auseinander gedrückten Satz wieder vor die Läufer.
Die Bearbeitung dauert unter mehrmaligem Anfeuchten 1½-2½ Stunden. Die von den Läufern genommenen kleinern und größern Kuchenstücke kommen in das Quetschwerk, das aus je zwei Paar übereinander liegenden, geregelten, sich gegeneinander drehenden Bronzewalzen besteht. Zum Pressen des Pulvers dienen hydraulische Pressen oder Walzen, welche durch Hebelwerke unter einem ganz bestimmten Druck aneinander gepreßt werden. In der hydraulischen Presse [* 22] werden 40 auf den Preßtisch zwischen Segeltuch u. Kupferplatten aufeinander gelegte, 20 mm dicke Pulverschichten mit einem Druck von 120-130 kg auf das QZentimeter gepreßt.
Die Walzenpressen bestehen aus einem System von Trieb- und Druckwalzen, zwischen welche der Pulversatz durch eine Umlaufbahn (Tuch ohne Ende) geführt wird. Der Hebeldruck beträgt in Spandau 30,000 kg. Die aus der Presse hervorgegangenen Pulverkuchen kommen, gröblich zerstoßen, in die Körnmaschine, deren zur Zeit zwei Arten im Gebrauch sind. Die ältere, von Lefebvre [* 2] (Fig. 1), besteht aus einem in kupfernen Stangen oder Tauen an der Zimmerdecke beweglich aufgehängten Holzrahmen D, der an seinem Umfang 8-12 Siebe B trägt, deren jedes mehrere Böden von verschiedener, den zu gewinnenden Körnergrößen entsprechender Maschenweite hat.
Der obere, aus starkem Messingblech mit großen Löchern, hat zwei Öffnungen mit einer bis nahe zum untern Siebboden reichenden Schaufel, auf welcher durch die Zentrifugalkraft [* 23] die zu großen Körner wieder nach oben gelangen, wo sie durch eine mit ihnen rotierende Holzscheibe mit Bleieinguß weiter zerrieben werden. Auf das obere Sieb führt ein Aufschütttrichter A mit Schlauch und von jedem Siebboden ein Schlauch C nach unten in Kasten. Die Welle mit Exzenter versetzt den Rahmen mit 74 Umdrehungen in der Minute in rüttelnde Bewegung. Neuerdings ist zum Körnen der härter gepreßten Pulverkuchen für grobkörniges Pulver, wozu die Lefebvresche Maschine [* 24] nicht hinreicht, eine Walzenkörnmaschine eingeführt. Sie besteht aus mehreren sich gegeneinander drehenden bronzenen Walzenpaaren, deren Man-
[* 2] ^[Abb.: Fig. 1. Pulverkörnmaschine von Lefebvre.] ¶
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tel längs und quer gereifelt ist. Zwischen ihnen werden die Körner nach und nach immer kleiner gebrochen und fallen dann auf Siebe mit Rüttelbewegung. Das gekörnte S. trocknet man bis zu einem gewissen Feuchtigkeitsgrad, poliert es dann zur Vermehrung seiner Dauerhaftigkeit in einer hölzernen Trommel mit 3000-3600 Umdrehungen und trocknet es, auf Rahmen ausgebreitet, mittels erwärmter Luft von 72° vollständig. Sodann wird es im Staubhaus durch eine Welle mit Staubflügeln, an welchen man die etwa halb mit Pulver gefüllten Staubsäcke befestigt, ausgestaubt. Hierauf folgt das Sortieren nach Körnergrößen. In Spandau verwendet man hierzu ein geneigtes Cylindersieb mit Achsendrehung, dessen Mantel am Füllende mit dem engen, am andern mit dem weiten Siebe bekleidet ist. Die so gewonnenen Pulversorten werden dann in den einzelnen Tagesablieferungen sowie eine Anzahl Tagesablieferungen unter sich vermengt, um ein möglichst gleichmäßiges Fabrikat zu erhalten.
Je feinkörniger und weniger dicht das S. ist, um so schneller brennt es ab, um so größer ist der momentan erzeugte Gasdruck, welcher bei großen Ladungen eine solche Höhe erreichen kann, daß die Waffe gefährdet wird. Man hat daher schon früh feineres Pulver für Gewehre und gröberes für Geschütze [* 26] angewandt. Da nun in gezogenen Geschützen das Geschoß [* 27] in seiner Bewegung einen gewissen Widerstand findet, so durfte man bei dem gewöhnlichen S. nur geringe Ladungsverhältnisse anwenden und erzielte dem entsprechend geringe Geschoßgeschwindigkeiten.
Als dann die Artillerie vor der Aufgabe stand, den Panzer zu besiegen, mußte man auf ein langsamer verbrennendes S. bedacht sein, welches mehr drückend als stoßend wirkte und dem Geschoß, solange es noch im Geschütz weilte, eine steigende Geschwindigkeit erteilte und somit auch eine Vergrößerung der Ladung gestattete, indem sich der Gasdruck nicht auf den hintern Teil des Rohrs konzentrierte, sondern sich auf das ganze Rohr verteilte. Es war also ein weniger »offensives« S. aus andern Bestandteilen oder das bisherige S. durch andre Anfertigung weniger offensiv herzustellen.
Man betrat den von den Amerikanern bereits eingeschlagenen Weg, welche bei Ausbruch des Sezessionskriegs den gemengten Pulversatz für Ladungen zu Kartuschen [* 28] und Patronen preßten, günstige Resultate aber erst erzielten, als sie diese Pulverkörper längs und quer durchbohrten. Der amerikanische Kapitän Rodman wurde durch seine Untersuchungen zu der Vermutung geführt, daß der Gasdruck grobkörnigen Pulvers in Geschützen geringer sei als der des feinkörnigen, woraus hervorgehen würde, daß man mit ersterm bei gleichem Gasdruck eine größere Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse erzielen könne, oder daß bei gleicher Leistung ersteres das Rohr weniger anstrenge als letzteres. Die Richtigkeit dieser Ansicht bewies Rodman 1860 durch seinen Gasdruckapparat, bei welchem ein Kolben D [* 25] (Fig. 2) ein Messer [* 29] C gegen die durch die Schraube A gehaltene Kupferplatte B preßt und in letzterer um so tiefere Kerben erzeugt, je stärker der Gasdruck im Rohr ist.
Rodmans Versuche führten zur Darstellung des ersten grobkörnigen Geschützpulvers, des sogen. Mammutpulvers, dessen unregelmäßige Körner 15,6-26 mm Durchmesser haben. Die großen Zwischenräume und die ungleichmäßige Lagerung dieses Pulvers in den Ladungen führten dann zum prismatischen Pulver. [* 25] Fig. 3 zeigt ein solches Korn, welches nach dem Vorgang Rußlands als »prismatisches Pulver C/68« für die deutschen 15-26 cm Ringkanonen eingeführt ist. Das aus Geschützpulver gepreßte Korn mißt über Eck 40, der Kanal [* 30] 4,5 mm, ist 24,8 mm hoch und wiegt 40,5 g bei einem spezifischen Gewicht von 1,66. Bei der Vergrößerung der Kaliber mußte aber ein noch langsamer verbrennendes Pulver zur Verwendung kommen, und man führte daher für die 28 cm und größern Kanonen ein Korn von 1,75 spez. Gew. und den äußern Abmessungen des vorigen, aber mit nur einem Kanal von 15 mm Weite als »prismatisches Pulver C/75« ein. Es wird mittels Pressen hergestellt, deren Konstruktion von Wischnigratzki angegeben wurde.
Ein von den vereinigten rheinisch-westfälischen Pulverfabriken und der Aktiengesellschaft Rottweil-Hamburg 1882 hergestelltes braunes S. gibt als prismatisches Pulver bei schweren Geschützen sehr günstige Resultate. Es verbrennt langsamer und erzeugt also geringern Gasdruck als das schwarze Pulver, so daß durch Vergrößerung der Ladung wesentlich größere Anfangsgeschwindigkeit und Stoßkraft der Geschosse erzielt wurde. Das Pulver ist auch haltbarer, weniger gefährlich und verbrennt unter geringerer Rauchentwickelung.
Das deutsche prismatische Pulver C/82 ist identisch mit dem braunen S. der Fabrik Rottweil-Hamburg, besteht aus 78 Salpeter, 19 brauner Kohle und 3 Schwefel und hat das spez. Gew. 1,86-1,87. Das deutsche Sprengladungspulver hat Körner von 6-10 mm Größe und gewährt große Sicherheit gegen die Entzündung der Geschoßladung im Geschützrohr. In England benutzt man seit 1860 für die Armstrong-Geschütze ein Pulver von der Korngröße von Haselnüssen; später wurde das Kieselpulver (pebble powder, kieselsteinähnlich) von 1,8 spez. Gew. und neben diesem 1867 für größere Kaliber das Cylinderpulver (Pellet-Pulver) eingeführt, dessen Körner 18 mm dick und 12 mm hoch sind, 6,43 g wiegen und 1,65-1,7 spez. Gew. haben.
Mit den Fortschritten der Kalibergröße hat man auch eine entsprechende Vergrößerung des Pulverkorns eintreten lassen. Die Gewehre von kleinem Kaliber (8 mm etc.) fordern ein S., welches wenig Rückstand hinterläßt, möglichst wenig Rauch gibt und aus kleinstem Raum eine große Kraft [* 31] entwickelt. Man benutzte ein grobkörniges, sehr festes Pulver oder verdichtete die ganze Ladung über einen Dorn, mischte auch die Ladung aus verschieden schnell verbrennendem S. (Progressivladung). Andre benutzten ein Pikratpulver (Bruyère) oder Mischungen von Schießbaumwolle, S., Salpeter etc.; doch scheint bis jetzt (1888) die Frage noch nicht zu einem befriedigenden Abschluß gelangt zu sein.
Die Untersuchung des
Schießpulvers bezieht sich auf 1) seine chemische Zusammensetzung, 2) seine Beschaffenheit und 3) seine
ballistische Wirkung. Bei der Anfertigung tritt eine, wenn auch unbedeutende, Veränderung des Mischungsverhältnisses durch
Ver-
[* 25] ^[Abb.: Fig. 2. Rodmans Gasdruckmesser.
Fig. 3. Prismatisches Pulverkorn.] ¶
Im Meyers Konversations-Lexikon, 1888
Schießpulver.
[* 2] Das anfänglich beim französischen Gewehr M/86 angewendete rauchlose S. mußte wegen mangelnder chemischer Beständigkeit aufgegeben werden. Es soll das Pikratpulver von Brugère, bestehend aus 54 pikrinsaurem Ammoniak und 46 Kalisalpeter, gewesen sein. Gegen Mitte des Jahres 1888 wurde das von Viville erfundene rauchlose S. bekannt, durch welches nunmehr diese Frage in Fluß kam, da aus taktischen Gründen kein Heer dem rauchlosen S. gegenüber ein rauchendes beibehalten konnte.
Als gegen Ende des Jahres 1888 in Frankreich das neue S. auch mit Erfolg auf Geschütze aller Kaliber übertragen wurde, bemächtigte sich die chemische Industrie allerorts mit größtem Eifer der Erfindung von rauchlosem S. und von Explosivstoffen. Fast alle nahmen in Äther gelöste Nitrocellulose zur Grundlage, welcher sie irgend ein Sauerstoff entwickelndes Salz in [* 32] verschieden großer Menge beimischten, je nach dem beabsichtigten Grade der Schnelligkeit des Verbrennens des Explosivstoffs.
Abgesehen von der zweifelhaften chemischen Beständigkeit dieser Präparate, hat schon Abel in Woolwich darauf hingewiesen, daß die Rauchlosigkeit nur bei einem Explosivstoff rein organischen Ursprungs erreichbar ist. Gemische aus organischen Substanzen und sauerstoffreichen Salzen, wie Salpeter, Kaliumchlorat etc., können nie rauchlos sein, weil sie nie vollständig vergast werden können, denn im Pulverrauch sehen wir die von deren Gasen fortgetragenen, fein zerstäubten, nicht vergasbaren Bestandteile des Schießpulvers.
Zwei Gruppen von Substanzen kommen beim rauchlosen S. in Betracht, Nitroverbindungen und Salpetersäureäther verschiedener Alkohole. Das Prototyp der erstern ist das Trinitrophenol, bekannt unter dem Namen Pikrinsäure. Da die letztere jedoch zu ihrer vollständigen Verbrennung zu Kohlensäure nur etwa die Hälfte des erforderlichen Sauerstoffs besitzt, so werden ihr 40-55 Proz. kräftiger Oxydationsmittel, z. B. Chlorate oder Nitrate, beigemischt. Alle diese Mischungen sind aber nicht haltbar, weil die Pikrinsäure die Salpeter- oder Chlorsäure aus ihren Verbindungen verdrängt.
Deshalb sind alle bisherigen Versuche mit Pikratpulvern erfolglos geblieben. Reine Pikrinsäure ist beständig und durch einen starken Detonator aus Knallquecksilber explodierbar, wobei sich dann aber nicht Kohlensäure, sondern Kohlenoxydgas bildet. Da hierbei der Sauerstoff die doppelte Menge Kohlenstoff oxydiert, so sind Beimengungen sauerstoffreicher Salze entbehrlich. Nach Turpins Vorschlägen ist reine geschmolzene Pikrinsäure, gemischt mit ungeschmolzener Pikrinsäure, zu Sprengladungen von Granaten [* 33] geeignet und hier von großer Wirkung.
Die neuern rauchlosen Pulverarten haben Nitrocellulose zur gemeinsamen Grundlage, und zwar benutzt man die niedrigern Nitrate, welche die Kollodiumwolle bilden, die in einem Gemisch von 7-8 Teilen Äther und einem Teil Alkohol zu Kollodium löslich ist und bei ihrer Vergasung in Kohlensäure, Kohlenoxyd, Stickstoff und Wasserdampf zerfällt, also keine festen Verbrennungsprodukte hinterläßt.
In den Jahren 1885-88 sind in England, Frankreich und Deutschland Patente auf rauchlose S. erteilt worden, welche dem Celluloid ähnliche Stoffe sind. Sie enthalten teils zur Herabminderung der Offensivität, teils zur Verbrennung des Kampfers sauerstoffliefernde Salze. 1888 wurde ein Patent Nobels bekannt, nach welchem Kollodiumwolle in Äthermischungen zu einer Pasta aufgelöst wird, die nach dem Trocknen und Pressen eine celluloidähnliche Masse ergibt, welche gekörnt wurde.
Aus diesem ist das zuerst von Krupp im Juli 1889 mit überraschendem Erfolg versuchte Nobelsche S. Patent Nr. 51,471 hervorgegangen, welches, von den »Vereinigten [* 34] Köln-Rottweiler Pulverfabriken« angekauft und verbessert, als rauchloses S. C/89, von Italien unter dem Namen Ballistit eingeführt wurde. Es besteht aus Kollodiumwolle und der gleichen Gewichtsmenge Nitroglycerin. Nobel ging von der Sprenggelatine aus, einer Lösung von 7-10 Proz. Nitrocellulose in Nitroglycerin, und fand, daß mit dem größern Gehalt an Nitrocellulose die Offensivität der Sprenggelatine sich vermindert, da aber die Lösung der Kollodiumwolle in Nitroglycerin auf gewöhnlichem Wege nur durch Zusatz flüchtiger Stoffe, wie Kampfer, erreichbar ist, welche später verdunsten und damit die Zusammensetzung des Explosivstoffes ändern, übergoß Nobel die Nitrocellulose bei +6 bis 8° mit einem Überschuß von Nitroglycerin, machte, um eine möglichst gründliche Durchtränkung zu erzielen, den Raum, in welchem die Mischung sich befand, luftleer und beseitigte das überschüssige Nitroglycerin in einer Zentrifuge [* 35] oder Presse so weit, bis das dem Erzeugnis zugedachte Mischungsverhältnis erreicht war.
Bei der nunmehrigen Erwärmung des Gemisches auf 60-90° beginnt die Gelatinierung, welche um so langsamer von statten geht, je mehr Nitrocellulose vorhanden ist. Nach beendeter Gelatinierung wird die Masse unter Innehaltung der hohen Temperatur in einer erwärmten Presse zu 1-2 mm dicken Platten zusammengedrückt und zwischen erwärmten Walzen zu etwa 0,1 mm dicken Blättern ausgewalzt. Nach dem Trocknen bilden dieselben eine hornartige, celluloidähnlich durchscheinende Masse.
Diese Blätter werden in entsprechender Anzahl aufeinander gelegt und bei +80° zu Platten von gewünschter Stärke [* 36] zusammengepreßt, aus welchen Streifen und der Plattendicke entsprechende Würfel geschnitten werden. Zur Sicherung der chemischen Beständigkeit werden bereits vor der Gelatinierung 1-2 Proz. Diphenylamin zugesetzt. Krupp und das Grusonwerk haben mit dem rauchlosen S. C/89 eingehende Versuche angestellt und gefunden, daß es eine dreimal größere Verwertung als die ältern Pulversorten ergibt. Es entwickelt schwach bräunliche Nebel, die so dünn sind, daß unmittelbar nach dem Schuß wieder gerichtet werden kann.
Selbst bei starkem Regenwetter verziehen sich die Nebel innerhalb 3 Sekunden vollständig. Es hinterläßt so wenig Rückstand, daß die Seele der Waffe fast ganz rein bleibt. Die Erwärmung des Rohres ist geringer als beim Schwarzpulver. Die Versuche ergaben, daß Gasdruck und Anfangsgeschwindigkeit in den verschiedenen Kalibern nach Belieben durch die Korngröße regulierbar ist, so daß man durch geeignete Wahl der Körnergröße bei geringstem Gasdruck die größte Anfangsgeschwindigkeit erzielen kann. Das S. C/89 wird in ¶
mehr
Würfeln von verschiedener Seitenlänge (vorläufig 1-15 mm) verwendet. So ergaben z. B. bei der 7,5 cm Schnellfeuerkanone des Grusonwerkes 600 g 3 mm Würfel 503 m Anfangsgeschwindigkeit bei 1936 Atmosphären, 650 g 4 mm Würfel 498 m Anfangsgeschwindigkeit bei 1604 Atmosphären Gasdruck; 725 g 4 mm Würfel ergaben 546 m Anfangsgeschwindigkeit bei 2089 Atmosphären, dagegen 1,5 kg grobkörniges S. C/86: 538 m Anfangsgeschwindigkeit bei 2547 Atmosphären.
In Schweden befindet sich ein vom Ingenieur Skoglund erfundenes rauchloses S. im Versuch, welches Hafergrütze ähnlich sieht und seiner Farbe nach Graupulver genannt wird. Nach der Patentbeschreibung besteht es aus einem Nitrat, dessen brisante Wirkung durch Zusatz eines Salzes (vermutlich salpetersaures Ammoniak) herabgemindert wird. Es soll, wie durch nächtliche Schießversuche festgestellt wurde, beim Schießen [* 38] keine Flamme [* 39] geben, wenig Wärme [* 40] entwickeln und geringen Rückstoß haben. In England ist ein seines bindfadenförmigen Aussehens wegen Kordite genanntes rauchfreies S. unter der Bezeichnung E. X. E. als Geschützpulver eingeführt worden. Es hat außerordentlich glänzende Feuererscheinung und stärkern Knall als Schwarzpulver; es wird in Waltham-Abbey gefertigt. In Österreich ist beim Gewehr 88 ein vom Major Schwab in der Dynamitfabrik zu Preßburg [* 41] angefertigtes rauchfreies S. im Gebrauch, welches sehr befriedigt. Libbrecht, Direktor der Gesellschaft von Copal u. Co. in Wetteren (Belgien, [* 42] Ostflandern), hat Mitte 1890 ein rauchloses Pulver erfunden, Körner von 2 cm Seitenlänge, welches bei Schießversuchen in Caulille sich gut bewahrte.
Vgl. Abel, Smokeless explosives, in »Chemical News and Journal of Physical Science«, Nr. 1582 und 1583, März 1890.
Die Anwendung des rauchlosen (rauchschwachen) Schießpulvers übt einen bedeutenden Einfluß auf die Taktik aus. Durch den Fortfall des Rauches beim Schießen geht das wesentlichste und oft einzige Merkmal verloren, den Feind im Gelände zu entdecken, seine Stellung in ihrer ganzen Ausdehnung [* 43] zu übersehen; aber es geht dadurch auch der feuernden Truppe die Deckung der eignen Bewegungen verloren, die der Pulverrauch gegen feindliche Beobachtung gewährt. Anderseits ist dadurch das wesentlichste Hindernis scharfen Zielens, wie zur Beobachtung des eignen Feuers und seiner Wirkung beseitigt. Es handelt sich nun darum, theoretisch und, soweit es die Übungen gestatten, auf Grund praktischer Anschauungen und Erfahrungen die Grenzen [* 44] dieses Einflusses auf beiden Seiten sowie diejenigen Maßnahmen festzustellen, mit deren Hilfe man in den verschiedenen Kampfverhältnissen den Nachteilen dieses Einflusses begegnen und seine Vorteile ausbeuten kann.
Die Ausübung des Sicherheits- und Aufklärungsdienstes wird bedeutend erschwert, da die weithin sichtbare Kavallerie von der Infanterie mit ihrem weittragenden Gewehr beschossen werden kann, ohne daß sie zu entdecken vermochte, woher das Feuer kam. Daraus folgt, daß das neue Pulver die Möglichkeit erfolgreicher Überfälle vermehrt. Alle zu Fuß kämpfenden Truppen, also auch die abgesessen kämpfende Reiterei, werden vom Spaten den ausgiebigsten Gebrauch machen, um sich Deckung zu verschaffen, denn der gute Schütze kommt bei der Übersehbarkeit des Schlachtfeldes mit seiner ausgezeichneten, weittragenden Schußwaffe heute viel mehr zur Geltung als je. Die Infanterie wird deshalb schon auf größern Entfernungen sich zum Gefecht formieren müssen; ihre eigentliche Kampfform ist die aufgelöste Ordnung, die Schützenlinie.
Die Reiterei findet für ihre Attacken, deren Erfolg nicht selten von ihrer überraschenden Ausführung abhängt, nicht mehr den deckenden Pulverdampf und wird daher mit Sorgfalt in größern Entfernungen durch das Gelände gedeckte Aufstellungen suchen müssen und dadurch zu viel weiter ausgreifendem, oft verlustreichem Anlauf [* 45] gezwungen sein. Den größten Gewinn vom neuen S. hat die Feldartillerie, deren Wirksamkeit von ununterbrochener, klarer Beobachtung und scharfem Richten abhängt.
Sie ist nicht mehr gezwungen, bei der Wahl ihrer Aufstellung Rücksicht auf die Windrichtung zu nehmen, sondern geht dahin, wo sie die beste Feuerwirkung erwarten kann und, wenn möglich, gedeckt ist. Das französische Reglement sagt: vor allem sehen; sodann, wenn möglich, nicht gesehen werden! Das deutsche: jede Rücksicht auf Deckung muß derjenigen auf Feuerwirkung nachstehen. Um das Krepieren ihrer Geschosse besser beobachten zu können, wird die Artillerie sich stark rauchender Sprengladungen bedienen. Im Festungskrieg wird die Artillerie, noch viel mehr als bisher, ihre Erfolge vom Wurffeuer zu erwarten haben, da das für das Demontieren notwendige Erkennen der feindlichen Geschützstellung wegen Mangels an Raucherscheinung nur ausnahmsweise gelingen wird.
Vgl. v. Löbell, Jahresberichte über Veränderungen und Fortschritte im Militärwesen (1890,2. Teil);
die anonymen Broschüren: »Das rauchlose Pulver und sein Einfluß auf die Gestaltung des Gefechts im allgemeinen sowie auf das Gefecht der einzelnen Waffengattungen« (Berl. 1889),
»Das rauchfreie Pulver. Ergebnisse seiner Anwendung im Manöver« (das. 1889),
»Wird das rauchschwache Pulver die Verwendbarkeit der Kavallerie beeinträchtigen?« (das. 1890);
Wiebe, Das rauchschwache Pulver und seine Bedeutung für den Festungskrieg (das. 1890);
»La poudre sans fumée et ses conséquences tactiques, par le colonel B.« (Par. 1890);
Moch, La poudre sans fumée et la tactique (das. 1890; deutsch im »Militär-Wochenblatt« Berl. 1890, Nr. 21 ff.);
»Der Einfluß des rauchfreien und schwach knallenden Pulvers auf die Taktik« (in den »Jahrbüchern für die deutsche Armee und Marine«, das. 1889).