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Susanne und Peter Scheiner konnten im letzten Jahr das 50-jährige Bestehen ihrer Dokumentarfilmproduktion AVA in Zürich feiern.
Ist Filmen ein Traumberuf? «Eigentlich nicht», antwortet Susanne spontan. Filme haben sie seit ihrer Jugend interessiert, aber: «Es waren die Studiofilme, die mich in den 68er-Jahren faszinierten. Alles, was uns damals beschäftigte, wurde darin ausgedrückt, deshalb hätte ich gerne ein Studiokino eröffnet.»
Peter hat sein Leben lang nichts anderes gemacht. Schon im Gymnasium begann er zu filmen. Nach Schulabschluss hätte er gerne an der Filmhochschule in Prag studiert, wurde aber drei Mal abgewiesen, denn er war nicht proletarischer Abstammung, ausserdem Jude, und er gehörte der ungarischen Minderheit an. Sein Ziel war, Filmjournalist zu werden. Dann kamen 1968 die sowjetischen Panzer und beendeten den kurzen Prager Frühling. Peter floh nicht nur vor den drohenden repressiven Zuständen, sondern besonders, weil er die Panzer gefilmt hatte und deshalb zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Peter Scheiners Familie stammte aus einem kleinen Ort in der Südslowakei, er spricht Slowakisch und Ungarisch, aber Deutsch lernte er erst in der Schweiz.
Susanne und Peter Scheiner (Foto privat)
Um vom Filmen sein Leben bestreiten zu können, «aus Notwendigkeit», entschied sich Peter, nach seiner Emigration in die Schweiz, Auftragsfilme zu machen. Im Rückblick sieht er darin eine einmalige Gelegenheit, «alles Mögliche auszuprobieren, von der Nähmaschine bis zum Apfelsaft».
In seinem Leben hat er alle neueren Entwicklungen des Filmens erlebt, von Super 8 und Videokamera bis zur digitalen Kamera, sagt er lächelnd und fügt hinzu: «Bis wir uns mit der Technik, die wir brauchten, vertraut gemacht hatten, war sie schon veraltet. Heute benutzt man den Laptop für die Montage und Fertigstellung eines Films.»
Im Vordergrund Peters allererste Kamera (Foto mp)
Auf Peters Bitte übernahm es Susanne, ein Drehbuch für einen Industriekunden zu schreiben. Als Romanistin, Lehrerin an einem Zürcher Gymnasium, in Zürich aufgewachsen, war sie mit Sprache vertraut und verstand diese Aufgabe mit Bravour zu lösen. Das zeigte sich beim ersten gemeinsamen Film. Die Zusammenarbeit der beiden mit einer Maschinenfabrik war über Jahre erfolgreich,– und mit dem Kommunikationschef der Firma sind sie heute noch befreundet.
Das Drehbuch – das Fundament
Wie ein Drehbuch aussieht, erklärt Susanne mir: Jede Seite hat zwei Kolonnen, links steht das Bild (die Bildsequenz), rechts die Beschreibung, der Text bzw. der Dialog, d.h. alles, was gesprochen wird, und was Ambiance schafft, die Geräusche, die Musik. Das Drehbuch ist die Basis aller Filmarbeit. Beide stellen fest, dass die Arbeit daran allgemein verkannt wird. Zu Unrecht wurden bis vor kurzem Drehbuchautoren bzw. -autorinnen sehr selten erwähnt. Hinzu kommt noch, dass vielerorts die Vorurteile gegenüber Frauen nicht verschwunden sind. Oft genug behandelte man Susanne als Sekretärin.
«In Bezug auf das Thema lassen wir unsere Fantasie walten», sagen beide, denn daran arbeiten sie gemeinsam. Der Erfolg einer Produktion ist darin begründet, dass ein komplexer Gegenstand in Bild, Wort und Ton überzeugend und gut verständlich dargestellt wird. Auftragsfilme sind nicht mit Werbefilmen gleichzusetzen, dennoch besteht ein gewisser Zwang, die Produkte positiv darzustellen. Daran hat sich Susanne zuweilen gestört, gesteht sie und meint dann: «Interessant war stets, eine passende Form für einen Auftrag zu finden, da hatten Krimielemente ebenso Platz wie Spielfilmsequenzen.»
Aufträge, aber viel Freiheit der Gestaltung
Vieles in ihren Auftragsfilmen ist heute noch hochaktuell, Themen wie Erdöl und Energie, ihr Film «Die Energiebank» entstand schon vor Jahrzehnten. Es ging ums Energiesparen, die Ratschläge waren die gleichen wie heute. Zum Thema Schweinehaltung haben Scheiners einen lustigen Film mit Jörg Schneider gedreht – keineswegs veraltet. Oder eine der Arbeiten vor 30 Jahren: «Wie funktioniert die Schweizer Demokratie», eine Tonbildschau, die Peter produziert hat. Heute schmunzelt er, dass ausgerechnet er als Flüchtling aus der damaligen CSSR diesen Auftrag erhalten hatte. Als Drehbuchautor verpflichtete er zudem einen ehemaligen Flüchtling aus Ungarn.
Zu Zeiten, als Susanne und Peter Filme für Auftraggeber produzierten, entstanden durchaus vielfältige Arbeiten: Corporate Videos für bestimmte Firmen oder Wirtschaftszweige, Schulungsfilme für verschiedene Branchen. Themen, die Scheiners persönlich am Herzen liegen, mussten zurückgestellt werden. 2001 konnten sie den Film «Erinnerungen für die Zukunft» herstellen. Er spielt in Peters ursprünglichem Heimatort. Dieser und weitere Filme behandeln Themen zur Aufarbeitung des Holocaust, dazu ein Film über einen Verwandten aus Susannes Familie. Susannes Grosseltern mütterlicherseits stammten aus Galizien, dem ursprünglichen Kronland der Donau-Monarchie. Heute liegt es in der Ukraine. Der letzte Film in der Reihe Holocaust und Zweiter Weltkrieg ist «Johannes und seine Gedenkstätte».
Mit offenen Augen die Vergangenheit sichtbar machen
Dokumentarfilme zu drehen, war Peters Ziel seit seiner Jugend. Er hat aus finanziellen Gründen «zu spät» vom Auftragsfilm zum Dok-Film umgesattelt. «Mit 60 oder 65 ist es zu spät, sich als Dokumentarfilmer zu etablieren», stellt er resigniert fest. Im Business haben die Älteren keinen Platz mehr.– Dabei sind die Zuschauerinnen und Zuschauer vorwiegend im Seniorenalter. Es kommt vor, dass er das Gefühl hat, gegen Windmühlenflügel kämpfen zu müssen. Besonders, wenn es darum geht, einen Film mit unangenehmen Themen an die Öffentlichkeit zu bringen. «Im Filmgeschäft gegen den Strom zu schwimmen, ist schwer», sagt er etwas resigniert.
Dass die wichtigen eidgenössischen Institutionen zögerten, sich mit der Aktualität des Holocausts zu beschäftigen und Arbeiten wie ihre Filme zu fördern, enttäuschte ihn. Grundsätzlich problematisch sind die gängigen Vorgaben zur Unterstützung von Dokumentarfilmen: Das Vorgehen, zuerst ein fertiges Drehbuch zu verlangen, bevor ein Sponsorenbeitrag gesprochen wird, ist nach Peters Meinung überholt. Für solche Filme dürfe es keine solchen Vorbedingungen geben. Im Dokumentarfilm muss vielmehr das Unvorhersehbare möglich sein, nur so entsteht Authentizität.
Mit offenen Augen weitergehen
Ihrer Arbeit ist jedoch die verdiente Wertschätzung zuteil geworden: Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH hat ihre Industrie- und Wirtschaftsfilme sowie diejenigen für staatliche Institutionen in seinen Bestand aufgenommen. Peter sagt das ganz schlicht, es ist jedoch für die Arbeit beider eine wichtige Anerkennung. Übrigens hängen im Gang vor ihrem Büro zahlreiche Urkunden von Preisen – zumeist 1. Preise – für ihre Auftragsfilme.
Wie erwähnt, wollen sich Scheiners in ihren kommenden Projekten nicht mehr auf die Vergangenheit fixieren. Der Holocaust und seine Folgen lasten beiden aufgrund der Geschichte ihrer Familien auf den Schultern. Susanne hat vor, eventuell. einen Film über das Älterwerden zu drehen. Peter hat einen Film in Arbeit, in dem er einen langjährigen Freund in dessen Heimat, den Iran, begleitete und hofft, dieses Werk bei Änderung der politischen Verhältnisse fertigzustellen. – Wenn ich den beiden zuhöre, merke ich: Ihre Freude an der Filmarbeit lebt.
Titelbild: Ein nostalgischer Blick zurück auf eine ausrangierte Kamera. / Bild Remigiusz Petrykowski / pixabay