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23.03.2015 - Eva Caflisch
23.03.2015
Eva Caflisch
Wegbereiter der klassischen Moderne
Das Kunstmuseum Winterthur zeigt das Frühwerk von Otto Meyer-Amden
Im Zentrum der Ausstellung steht das Ölbild auf Papier Der Gärtnervon 1911. Drei Figuren von jungen Männern, eine zu Pferd sind in einer kaum angedeutenden Landschaft mit Tannen dargestellt. Die Komposition ist in hellen Farben, gleichsam lichtdurchflutet, Akzente setzen die dunkelhaarigen Köpfe der drei Jünglinge. Das Bild war ein Auftragswerk für den Zürcher Kaufmann Hermann Reiff, wobei Meyer klar war, dass er die Wünsche des Käufers niemals erfüllen würde können. Dieser erwartete eine Komposition „nach der sichtbaren Natur“, während Meyer sich mit der Abstraktion der Dinge und der Idee dahinter malerisch und zeichnerisch auseinandersetzte.
Der Gärtner, 1911. Ölfarben auf Papier, Kunsthaus Zürich
So gross die Enttäuschung des Seidenfabrikanten Reiff blieb, so grossartig fand es Meyers bester Freund aus der Stuttgarter Zeit, Oskar Schlemmer. Die beiden Künstler setzten sich zeitlebens auseinander über Kunst im allgemeinen und ihre jeweiligen Arbeiten im Besonderen, ein Briefwechsel zeugt davon. Sie schätzten sich, hatten ein Grundverständnis füreinander. Schlemmer bezeichnete Meyer gar als einen Stuttgarter Picasso, während Meyer der Meinung war, er habe jenem seinen Weg zur Malerei zu verdanken. Trotz ihrer Verschiedenheit gibt es Gemeinsames: die Abstraktion in einfachen, bisweilen geometrischen Formen und die Verbindung derselben mit einem geistigen, auch mythischen Inhalt.
Stuttgart war die letzte Station von Meyers Ausbildung im Künstlerberuf, bei dem er bleiben müsse, weil er in dem, was er einst erlente, nicht mehr auf der Höhe des technischen Fortschritts sei, klagte Meyer, im Hinterkopf seine ständigen Geldsorgen. Aber er mochte auch nicht ausstellen und nur selten rang er sich zu Verkäufen seiner Werke durch.
Das Frühwerk (1903 bis 1914), welches mit über hundert teils kaum bekannten Zeichnungen, Aquarellen, Lithos und Gemälden in Winterthur gezeigt wird, umfasst auch erste Arbeiten aus der Zürcher Zeit, darunter das Selbstporträt, welches er Eugen Zeller schenkte, der mit ihm auf der Zürcher Kunstschule war.
Otto Meyer geboren in Bern und (als Halbwaise) Zögling des Burgerwaisenhauses liess sich Zürich zum Lithografen ausbilden, wo er abens die Kunstschule besuchte. Das ermöglichten ihm Stipendien, die er von der Stiftung des Berner Waisenhauses bekam. Es folgten Lehrjahre an den Kunstakademien von München und Stuttgart, und dazwischen eine Studienreise zu Fuss über Strassburg nach Paris, wo er von Paul Cézannes Werken bleibende Eindrücke mit nach Stuttgart brachte. Wie schon in München legte er sich auch in Stuttgart mit seinen Professoren an, doch diese erkannten das Ausnahmetalent und förderten ihn auch dann, wenn er seine Aufgabe – bekannt ist die Verweigerung, einen lebensgrossen Akt zu malen – nicht erfüllte. Die Stuttgarter Zeit scheint auch eine gute Zeit gewesen zu sein. Er fand in Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und anderen Freunde, die mit ihm einen kontinuierlichen Diskurs über Kunst, Künstler und künstlerische Ziele führten.
Amdener Landschaft, 1913. Tempera auf Karton. Staatsgalerie Stuttgart
1912 besuchte er seine Künstlerfreunde Willi Baumeister und Hermann Huber in Amden. Sie hatten sich dort niedergelassen. Als sich die Künstlerkolonie in dem Bergdorf hoch überm Walensee auflöste, lebte Otto Meyer, der sich nun Meyer-Amden nannte, bis 1928 weiterhin dort. Gestorben ist er fünf Jahre später in Zürich. Berühmt wie seine Freunde Oskar Schlemmer oder Willi Baumeister wurde er nicht, aber für viele Künstler war er prägend, zu Lebzeiten und bis heute.
Zarte, durchscheinende Farben, ätherische Figuren und immer wieder Bildnisse von Knaben und Jünglingen durchziehen das Werk von Otto Meyer-Amden. In Winterthur ist anhand der Zeichnungen und Gemälde von den Anfängen bis 1914 der Werdegang des Malers, dessen Werk noch kaum erforscht ist, nachgezeichnet. Sein Suchen nach Transzendenz, nach höherem Sinn in der Abstraktion fasst er selber so in Worte: „Ziel meines Schaffens ist die Vermählung von Kosmos und Vierecke – die Durchdringung von Konstruktion und Intuition.“ Ausdruck davon sind unter anderen die in Winterthur präsentierten Sinnbilder, für den Betrachter verrätselte Kompositionen, deren Inhalte letztlich ein Geheimnis bleiben.
In Amden entstehen Landschaftsbilder, nicht zuletzt auch weil diese sich besser verkaufen liessen. Aber Amden ist auch der Ort, wo der Maler das realisiert, was ihn umtreibt: den realen Gegenstand, oder auch die reale Szene und deren mythischen Hintergrund; abzulesen in den Intérieurs, die er inspiriert von seinen bäuerlichen Nachbarn komponiert, beispielsweise Kartenspieler in Amden, wovon zwei Varianten zu sehen sind.
In der Ausstellung sind neben den ureigenen Kompositionen auch Kopien nach alten Meistern zu sehen. Otto Meyer hoffte, damit eher sein tägliches Brot verdienen zu können als mit dem, was ihn wirklich umtrieb. Aber er entzog sich der kunstinteressierten Öffentlichkeit immer wieder. So brachte ihn Oskar Schlemmer mit viel Überzeugungskraft dazu, in seinem Kunstsalon am Neckartor in Stuttgart auszustellen. Meyer wusste genau, wie seine eingelieferten Blätter zu hängen seien und liess seinerseits nicht locker, bis er sein Ziel erreichte. Dafür musste seine Wand namenlos bleiben. Der Schwäbische Merkur schreibt darüber: „Sehr bestechend für den Berichterstatter ist ein Künstler, der nicht genannt sein will. Die unendlich zart, teilweise mit Silber getönten Blättchen, die von einer mystischen Poesie sind, haben sich uns um so tiefer eingesprägt, als kein Name zu merken war.“
Das ist eine der Geschichten aus dem Katalog zur Ausstellung. Ein Katalog, der mit Aufsätzen von Dieter Schwarz, dem Museumsdirektor, Christian Klemm, Kenner des Gärtnerbilds, und Elisa Tamaschke, welche an der Herausgabe des Briefwechsels Schlemmer-Meyer arbeitet, eine neue, erhellende Sichtweise auf Leben und Werk von Meyer-Amden, dem Schweizer Wegbereiters der Moderne bietet.
bis 26. April 2015
Informationen: Kunstmuseum Winterthur
Übrigens: Wenn schon ein Besuch im Kuntmuseum Winterthur: ein Besuch der Sammlung, eine der wichtigsten der Moderne vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ist zu empfehlen.