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Lage
Der Gurdwara (‹Tor zum Guru›) der Sikh-Gemeinde in Däniken findet sich unauffällig im Gewerbequartier, wenige Gehminuten vom Bahnhof Däniken entfernt und unmittelbar an der Grenze zur Nachbargemeinde Gretzenbach. Umgeben ist er von Autowerkstätten, gegenüber liegt eine Fabrik für Betonelemente. Der Tempel ist von der Schachenstrasse leicht zurückgesetzt, vorgelagert sind Parkplätze. Die etwa 1.5 Meter hohe Mauer lässt das Gebäude noch diskreter erscheinen. Von der Strasse her sichtbar sind zwei auf das Flachdach platzierte Ecktürmchen mit der für Sikh-Tempel typischen zwiebelförmigen goldfarbigen Kuppel. Sie lassen erahnen, dass dies kein Industriegebäude sein kann. Weitere Indizien dafür sind die religiösen Symbole der Sikhs: das Khanda, das die Fassade ziert, und der Nishan Sahib, die wimpelförmige Fahne an der Stange im Vorhof des Tempels. Hinter dem Tempel, von oben bewacht von zwei weiteren Zwiebeltürmchen, befinden sich zusätzliche Parkplätze für die Besucher. Am Ende des Grundstücks beginnt die Landwirtschaftszone: Unübersehbar ragt einen Kilometer entfernt der Kühlturm des Kernkraftwerkes Gösgen auf.
Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung
1986 wurde in Basel die Sikh-Gemeinde gegründet. Aus persönlichen Gründen bildeten sich schon bald zwei Gruppen, welche an verschiedenen Orten je einen Gurdwara errichteten. Anfang Oktober 2002 wurde der Verein Sikh Gemeinde Schweiz gegründet. Dieser konnte das Grundstück an der Schachenstrasse 39 kaufen. Die Sikhs bauten die ehemalige Autowerkstatt mit grosser Halle, Küche und Eingangsbereich so um, dass sie als Tempel genutzt werden konnte. In der Gründungsphase war Karnail Singh, der heutige Präsident des Vereins, eine wichtige Kraft.
Kurz vor dem 10-jährigen Jubiläum 2012 wurde der Architekt Arjuna Adhihetty beauftragt, ein Projekt zum Jubiläumsanlass zu präsentieren. Schon vorher waren Pläne für einen neuen Tempel diskutiert worden, die sich aber als nicht durchführbar erwiesen hatten. Der neue Anlauf war erfolgreicher. Adhihetty legte das Projekt für ein Gebäude mit einem trapezförmigen Grundriss und insgesamt drei Stockwerken vor. Bis zum ersten Spatenstich am 9. April 2014 dauerte es allerdings seine Zeit, denn Entscheidungen wurden «basisdemokratisch» ermittelt, wie der Architekt in seiner Rede anlässlich der Einweihung berichtete. Für den Verein war es laut dem Sprecher Jorawar Singh wichtig, dass die Mitglieder der Sikh-Gemeinde Däniken mit einbezogen wurden in die Entscheidungen und ihre Wünsche und Vorstellungen einbringen konnten. Auf diese Art konnten sich die Mitglieder auch mit dem Tempel identifizieren. Vielleicht gerade deshalb waren sie bereit, bei der Finanzierung des Tempels mitzuhelfen, sei es durch Spenden, zinslose Darlehen oder durch Fronarbeit.
Gesicht zum Gebäude
Karnail Singh kam 1988 in die Schweiz und beantragte wegen der Unruhen in Indien Asyl. Er ist der Vorsitzende des Parbandak Committee, des Vorstands des Vereins Sikh Gemeinde Schweiz. Er ist meistens im Tempel anzutreffen, vertritt die Gemeinschaft gegen aussen und legt grossen Wert auf ein gutes Einvernehmen mit der Nachbarschaft.
Jorawar Singh verliess Indien 1992 ebenfalls wegen der dortigen Unruhen und weil es für einen Sikh schwierig war, dort zu studieren. Sein Bruder lebte schon in der Schweiz und so lag es für ihn nahe, auch hierher zu kommen. Jorawar Singh studierte Wirtschaftswissenschaften. Während der Planungs- und Bauphase des Gurdwaras war er die Schnittstelle zwischen den Vereinsmitgliedern, den verschiedenen Behörden und dem Architekten. Er ist auch der Ansprechpartner für die Medien.
Nachbarschaft und Konflikte
Die Sikh-Gemeinde in Däniken legt grossen Wert darauf, dass sie in der Bevölkerung akzeptiert ist und keine Konflikte entstehen. Sprecher Jorawar Singh erläutert: «Wir wollten ein integratives Objekt schaffen, nicht irgendetwas Spezielles, wie zum Beispiel in Indien, das eine fremde Kultur darstellt.» Dass es sich um einen Tempel handelt, sollte nur symbolisch erkennbar sein. Die vier zwiebelförmigen Türmchen an den Ecken erfüllen diesen Zweck. Beim Bau wurde vor allem auf die Funktionalität geachtet. So sind etwa für die Sikh-Gemeinschaft grosse Räume wichtig.
Die Gemeinschaft ist besonders stolz darauf, dass es im Bauverfahren keine Einsprachen seitens der Bevölkerung gab. Einzig eine Einsprache aus der unmittelbaren Nachbarschaft bezüglich Parkplatzbenutzung war zu behandeln.
Wie gut die Sikh-Gemeinde Schweiz akzeptiert ist, zeigte sich auch anlässlich der Einweihungsfeier am 19. April 2015. Zahlreiche geladene Gäste aus der Politik und Diplomatie waren anwesend. So gratulierten neben anderen Persönlichkeiten der indische Botschafter in der Schweiz M. K. Lokesh und der Solothurner Regierungsrat Remo Ankli der Sikh-Gemeinde Schweiz mit ihren Grussbotschaften zum gelungenen Gurdwara Tempel.
Die Sikh-Gemeinde hält auch Kontakt zur Nachbarschaft und ist um einvernehmliches Verhältnis bemüht. So sucht Präsident Karnail Singh regelmässig das Gespräch mit den Nachbarn.
Religiöse Tradition
Die Sikh-Religion entstand durch das Wirken von Guru Nanak (1469-1539) in Nord-Westindien, im Punjab. Er verstand sich als Reformer einer seiner Meinung nach «sinnentleerten, ritualisierten Hindu-Tradition» und eines «erstarrten Islams», nicht aber als Gründer einer neuen Religion. Nanak sah seine Aufgabe darin, eine Synthese von hinduistischer Frömmigkeitspraktik, Sufi-Frömmigkeit und muslimischem Eingottglauben zu schaffen: «Gott ist weder Hindu noch Muslim, und der Weg, dem ich folge, ist Gott», wird Nanak zitiert (1499). Er lehnte das Kastenwesen und asketische Weltentsagung ab, vertrat jedoch die Wiedergeburt und einen bildlosen Monotheismus. Das religiöse Ziel eines Sikhs ist die Befreiung aus dem Geburtenkreislauf durch ein auf Gott gerichtetes, tatkräftiges Leben und seine Gnade, um so die Vereinigung der Seele mit Gott zu erreichen. Das Wort «Sikh» heisst «Schüler» (von Hindi «shishya»). Kennzeichnend für die Herausbildung der Sikh-Gemeinschaft ist die Abfolge von zehn Gurus. Guru Gobind Singh als zehnter Guru setzte das heilige Buch, den Ādi Granth («Erstes Buch»), als Guru ein, benannte ihn um zu «Guru Granth Sahib» und begründete die verbindliche Gemeinschaft Khalsa Panth. Er setzte fünf Kennzeichen der Sikh-Gemeinschaft der «Reinen» (khalsa) ein mit ungeschnittenem Haar, Kamm, Schwert, Armreif, knielange Hosen. Mit der Aufnahme in diese engere Gemeinschaft, die sich einer ethisch-moralischen Lebensführung verpflichtet, erhalten Männer den Nachnamen Singh (Löwe) und Frauen den Nachnamen Kaur (Prinzessin; grammatikalisch richtig Prinz).
Männliche Sikhs sind vor allem an ihren grossen, oft farbigen Turbanen und langen, zumeist gebundenen Bärten zu erkennen, während die meisten Frauen keine besonderen Kennzeichen tragen. Sikhs kamen nach Unruhen im Punjab ab 1984 in den Westen, grosse Gemeinschaften bestehen in Grossbritannien und Kanada.
Der Verein Sikh-Gemeinde Schweiz hat einen Vorstand (Parbandak Committee), der sich statuarisch aus fünf Mitgliedern zusammensetzt. Nicht nur die Fünfzahl ist religiös begründet. Die Mitglieder des Vorstandes als Zugehörige zur khalsa müssen strikt nach den Sikh-Grundsätzen leben: Sie dürfen sich unter anderem nicht die Haare schneiden, nicht rauchen und keinen Alkohol trinken. Ihr Lebenswandel soll als Vorbild dienen. Ein Beirat (Advisory Committee) aus neun bis elf Mitgliedern unterstützt und kontrolliert den Vorstand gleichzeitig in allen Belangen. Wichtig ist auch das Langar Committee, das für die Küche und Verpflegung der Gäste zuständig ist. Gastfreundschaft ist bei den Sikhs zentral: Jedermann ist im Tempel willkommen, egal welchen Glaubens und wird bewirtet, niemand soll hungrig weiterziehen. Der Tempel ist an jedem Tag geöffnet.
Bevor der Gurdwara betreten wird, müssen die Schuhe ausgezogen und der Kopf bedeckt werden. Wer Alkohol getrunken hat oder Rauchwaren bei sich trägt, darf den Tempel nicht betreten. Zentrum der Aufmerksamkeit im Gurdwara ist das Podest unter dem Baldachin (palki) als Zeichen der Würde. Auf ihm liegt der Guru Granth Sahib, das heilige Buch der Sikh, auf Kissen und kostbaren Tüchern. Besucher erweisen ihm beim Eintreten ihre Ehrerbietung, indem sie sich vor ihm verneigen und oft auch eine kleine Opfergabe geben. Diese ist für den Unterhalt des Tempels bestimmt. Die Besucher sitzen am Boden und symbolisieren damit die Gleichheit aller Menschen. Dem heiligen Buch dürfen weder der Rücken zugewendet noch die Füsse entgegengestreckt werden.
Im Tempel lebt meistens eine Gruppe Ragi Jatha, religiöse Musiker, welche aus Indien eingeladen werden. Sie bleiben für drei Monate in der Schweiz und werden danach durch eine neue Ragi Jatha abgelöst. Jeden Morgen um fünf Uhr tragen sie das heilige Buch feierlich herein, öffnen es und lesen aus ihm. Abends wird zum letzten Mal aus ihm gelesen und anschliessend wird es wieder zur Nachtruhe zurückgelegt.