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Die Geschichte des Café ODEON zeigt all die politischen und wirtschaftlichen Wirren der letzten 9 Jahrzehnte. Sie wurden mit mehr oder weniger Standfestigkeit überstanden und sind gleichzeitig ein Spiegel für verschiedenste Einflüsse. Hier wurde Politik diskutiert und künstlerisches Geschehen fand eine Wiege. Menschen verschiedenster Völker, Kulturen und Religionen suchten hier Zuflucht oder Ablenkung.
Der Kaufmann Julius Uster, ehemaliger Oberst der Schweizer Armee liess an der "Ecke Sonnenquai" und Rämistrasse den "Usterhof" bauen. Im mehrstöckigen Bau mit Tuffsteinfassade (Kalkstein) entstand ein Café im Stil der Wiener Kaffeehäuser.
1911
Am Sonntag, den 1. Juli 1911, um 18.00 Uhr öffnete das "Grand Café ODEON" seine Türen.
Ein prächtiges Jugendstil Kaffeehaus mit eigener Konditorei im Keller und einem Billardraum im 1. Stock. Entsprechend für den Jugendstil war es ein sehr grosser, hoher Raum, mit grossen Fenstern, Kronleuchtern, Messingverkleidungen (vegetabile-lineare Ornametik) und Marmor verkleideten Wänden. Dieser grossartige Stil ist auch heute noch das Kennzeichen der Café Bar ODEON. Die damalige Eröffnung fand unter der Leitung vom Münchner Restaurateur Josef Schottenhaml statt, der das ODEON viele Jahre führte und seine berühmten Gäste persönlich kannte.
Die Namen aller Schriftsteller, Dichter, Maler und Musiker aufzuzählen, die im ODEON ein- und ausgingen, ergäbe sicherlich einen lückenlosen Querschnitt durch die musische Prominenz von weit mehr als einem halben Jahrhundert. Nur einige seien hier genannt, welche sich hier die Klinke in die Hand gaben und dem ODEON den Ruf eines Intellektuellentreffpunktes vermittelten: Franz Werfel, der österreichischer Lyriker und Erzähler war 1918 zum Aufführen des Stückes "die Troerinnen" nach Zürich gekommen. Das Stück hatte zu nie vorher erlebten Friedensdemonstrationen geführt. Stefan Zweig, Frank Wedekind und Karl Kraus, Verfasser der "Fackel" sowie William Sommerset Maugham, Verfasser von Theaterstücken und Kurzgeschichten oder Erich Maria Remarque, der Autor des Antikriegsromans "Im Westen nichts Neues". Weiter: Kurt Tucholsky, Ernst Rowohlt, Klaus Mann und Alfred Kerr. Der irische Autor James Joyce verbrachte insgesamt rund 5 Jahre in Zürich, unzählige Stunden davon im ODEON. In seinen Werken tauchten immer wieder Namen von Zürcher Strassen und Plätzen, Lokalen oder Personen in verschlüsselter Form auf. Ein Vertrauensmann der Emigranten und Stammgast im ODEON war Dr. Emil Oprecht, Verleger und Buchhändler in der Rämistrasse. Er half vielen Schriftstellern, indem er deren Werke druckte und auf den Markt brachte.
1915
1915 verwirrte eine Gruppe junger Bohemiens mit seltsamen Tischgesprächen das Servicepersonal und die Gäste. Der Bildhauer und Dichter Hans Arp und seine Freundin, die Tänzerin, Kunstgewerbelehrerin und Künstlerin Sophie Taeuber sowie der Schriftsteller Tristan Tzara, der Schauspieler und Dramaturg Hugo Ball, seine Freundin, die Diseuse und Dichterin Emmy Hennings, der Dichter und Maler Richard Huelsenbeck und der Bildhauer Marcel Janco schlugen im Odeon ihr Stammquartier auf – und verschafften dem Café den lang anhaltenden Ruf, die Wiege des Dadaismus zu sein. Die Dadaisten protestieren in ihren Thesen und Parolen nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen alle gesicherten bürgerlichen Überzeugungen.
Berühmte Musiker, die im ODEON einkehrten waren Wilhelm Furtwängler, Franz Léhar, Arturo Toscanini und Alban Berg. Auch Wissenschaftler wie Albert Einstein, der hier gerne mit einer Schar Studenten der Eidgenössischen Technischen Hochschule diskutierte, gehörte zu den Stammgästen. Benito Mussolini, damals noch feuriger Anarchist und Lenin, der sich ganz der Zeitungslektüre widmete sowie Trotzki seien stellvertretend für die Politiker genannt.
Ein langjähriger Stammgast war Ferdinand Sauerbruch, Direktor der chirurgischen Klinik des Kantonsspitals. Er erregte bei den Zürchern Anstoss wegen seines Champagnerkonsums. Nach getaner Arbeit pflegte er allabendlich eine Flasche zu sich zu nehmen. Vermeintlich schwor er unter dem Druck der öffentlichen Meinung dieser Gewohnheit ab. Doch er war nur diplomatischer geworden: Die riesige Kaffeekanne, aus der ihm Ober Mateo augenzwinkernd einschenkte, verbarg nicht dampfenden Kaffee, sondern prickelnden Champagner.
In den Jahren bis zum ersten Weltkrieg konnte man hier die ganze Nacht sitzen, Polizeistunde war ein Fremdwort. Im Zeitungsregal stapelten sich viele internationale Blätter, daneben war noch Platz für ein Konversationslexikon und eine Benzindose zum Auffüllen der Feuerzeuge. Dicker Rauchdunst gehörte in ein echtes Wiener Café so wie die versierten Kellner und die verschiedenen Spiele. Schach wurde im ODEON grossgeschrieben, und jeden Freitag erschien Oberst Wille, der spätere General, zu einer kleinen Jassrunde.
1930
In den dreissiger Jahren und während des Krieges war das ODEON Drehscheibe und gleichzeitig Heimat einer geistigen, politischen und gesellschaftlichen Elite, die vor dem damals grassierenden Faschismus in Europa auf der Flucht sein musste.
1950
Nach dem zweiten Weltkrieg blieb das ODEON zentraler Treffpunkt einer jungen Generation, die den Aufschwung und die Zukunft der fünfziger Jahre plante. Als junger Mensch besass man damals höchstens ein Zimmer in Untermiete; so blieb das ODEON weiterhin für viele ein Fast-Zuhause und eine Stätte der Begegnung.
1970
Anfangs der siebziger Jahre wählten Elemente, die sich das Zerstörerische zum Lebensinhalt machten, das Bellevue zum zentralen und damit publikumswirksamsten Ort ihres destruktiven Einsatzes. Durch die damit verbundene Drogenszene wurde das ODEON ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen. Randalierer zerstörten teilweise die Jugendstil-Einrichtung und das Lokal musste renoviert werden. Aus Gründen besserer Überschaubarkeit und Kontrolle wurde gleichzeitig die Restaurantfläche verkleinert und das ODEON konnte fortan nur noch durch den westlichen Eingang betreten werden. Mit diesen baulichen und weiteren rigorosen Massnahmen war es möglich, die Drogenszene endgültig aus dem ODEON zu verbannen.
2000
Die Zeiten haben sich geändert – die Tradition ist geblieben. Das ODEON ist aus unserer Stadt nicht mehr wegzudenken. Gäste jeden Alters und aus allen gesellschaftlichen und beruflichen Schichten kommen heute ins ODEON. Am Morgen sind es vorwiegend Geschäftsleute, die hier ihre Kunden treffen oder ihrem täglichen Kaffeeritual frönen und in Ruhe die Zeitung lesen. Dieser morgendlichen Tradition des Kaffeetrinkens halten wir die Treue und fördern sie sogar. Doch viele Gäste kommen nicht nur wegen des wohlfeilen Morgenkaffees, sondern wegen seiner anerkannten, guten und stets gleichbleibenden Qualität.
Mittags werden täglich wechselnde Menüs angeboten. Nach zwölf Uhr trifft man im ODEON meist Angestellte aus dem umliegenden Geschäfts- und Ladenviertel sowie Studenten aus der nahen Universität. Man verpflegt sich gerne hier, weil die Qualität gut und ihren Preis wert ist.
Das ODEON war in Zürich das erste Lokal, in welchem Champagner – das einstige Luxusgetränke der Reichen – glasweise im Offenausschank serviert wurde. Das "Cüpli" ist heute längst eine gastronomische Selbstverständlichkeit und liegt nach wie vor im Trend. Ebenso war das ODEON seinerzeit ein bekannter Treffpunkt für Homosexuelle. Dies ging in den letzten Jahren etwas zurück, jedoch ist auch heute noch jedermann im ODEON herzlich willkommen.
Nicht zu vergessen ist das stadtbekannte, äusserst beliebte Boulevard-Restaurant mit seiner typischen Bistrobestuhlung. Vom frühen Frühling bis zum Spätherbst lädt es zum Verweilen und zum sehen und gesehen werden. Die Passanten, die im Sommer nicht bunter, interessanter und internationaler sein können, lässt man hier beobachtend vorbeiflanieren, geniesst das schöne Wetter und wähnt sich für eine Weile in Paris oder Rom.
Für Nachtschwärmer und jene, die ihren Feierabend erst beginnen können, wenn die meisten den Tiefschlaf bereits hinter sich haben, gibt es durchgehend warme Küche bis eine Stunde vor Geschäftsschluss.
Über neun Jahrzehnte Kaffee-Geschichte – dies verdanken wir auch unseren Gästen von heute, die uns täglich – teilweise seit Jahrzehnten – die Treue halten. Wir werden uns weiterhin verpflichten, das ODEON als gastfreundlichen Ort der Begegnung im Herzen der Stadt Zürich (und der Zürcher) zu pflegen, damit es ganz im Sinne dieser Tradition fortdauern möge.
2016
2016 feiert die Stadt Zürich 100 Jahre Dada. Das nimmt die Anagramm-Agentur zum Anlass, Dada mit Anagrammen zu verbinden. Zwar haben sich die Dadaisten trotz ihrer Verliebtheit in Dekonstruktion und Collage nur wenig mit Anagrammen befasst. Salomo Friedlaender, der sich in einem rückläufigen Anagramm Mynona (=Anonym) nannte, hat in einem Brief von 1917 einige sinnfreie und lautmalerische Anagramme des Wortes „Kombinatorik“ hinterlassen, aber ansonsten gibt es keine Hinweise auf eine systematische Auseinandersetzung mit der Permutation. Der Dadaismus suchte ja nicht den Sinn „hinter den Wörtern“, sondern vielmehr den Unsinn durch sie.
Trotzdem machte sich die Anagramm-Agentur auf, verschiedenste Dada-Zitate, Dada-Orte und Namen anagrammatisch zu verändern, was neue, unerwartete Einblicke in den Dadaismus ermöglicht. Das Anagramm als ernsthaftes Spiel und dekonstruktive Methode im Umgang mit der Sprache gleicht der dadaistischen Lust, mit der vor hundert Jahren die Dada-Bewegung die Sprache in ihren Lautgedichten neu erschuf.
Lassen Sie sich entführen in den höheren Sinn, entdecken Sie Anagramme im Café Odeon auf Spiegel geschrieben oder im wöchentlichen Turnus unter https://www.facebook.com/OdeonZuerich. Erfahren Sie dort, wie Sophie Taeuber das runde Quadrat erschuf oder was für ein Mensch ein Dadaist ist. Und sagen Sie mit Dada: Ich will meinen eigenen Unfug.
Nachzulesen sind die Anagramme im eben erschienen Buch der Anagramm-Agentur 'Blau dies Lachen' und auf Postkarten, die Text und Gestaltung verbinden, beides im Café Odeon erhältlich und in jeder Buchhandlung. Auf Stadtrundgängen verbinden sich Anagramme mit Dada-Orten. Daten und weitere Informationen finden Sie unter www.anagramm-agentur.ch.
1911