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33 Jahre lang trägt Emel Zeynelabidin den Hijab, das islamische Kopftuch. Dann legt sie es ab. Sie hat begonnen, ihre Religion kritisch zu hinterfragen.
Emel Zeynelabidin mit und ohne Kopftuch. Bild: Gaby Gerster.
Die Diskussionen um die Verhüllung muslimischer Frauen brechen nicht ab. Im Spannungsfeld der Debatten um kopftuchtragende Schülerinnen und Initiativen für Burkaverbote werden deshalb viele eine Frau wie Emel Zeynelabidin für eine Rebellin halten und sie bewundern für ihren Mut. Andere werden sie als Gottlose beschimpfen. Wiederum andere werden in ihr einfach eine Frau sehen, die sich aufgemacht hat, ihren Weg zu gehen.
Emel Zeynelabidin (55) kam als Baby aus Istanbul nach Lehrte, einer kleinen Stadt bei Hannover, wo ihr Vater seine Ausbildung als Chirurg begann. Sie lebte so, wie es von ihr erwartet wurde: Als die Periode einsetzte, verhüllte sie sich, mit zwanzig heiratete sie einen Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, sie bekam sechs Kinder, studierte Anglistik, Islam- und Erziehungswissenschaften, wurde Vorsitzende eines islamischen Frauenvereins, gründete in Berlin islamische Kindergärten und eine islamische Schule.
Doch dann, im Alter von 44 Jahren, kam die Wende: Die Kopftuchdebatte in Deutschland wurde für sie zum Anlass, die Verhüllungsverse im Koran zu hinterfragen. Gleichzeitig begegnete sie einem Mann, in den sie sich verliebte. Nach einer langen Auseinandersetzung mit ihrem, wie sie sagt, "erlernten Glauben", den Gefühlen der Liebe und vor allem mit sich selbst, legte Emel Zeynelabidin ihr Kopftuch, ihren Hijab, ab. Ihre neuen Erfahrungen und Erkenntnisse hielt sie in verschiedenen Essays fest, die sie 2013 als Buch herausgab. Für ihren mutigen Schritt wurde sie 2007 mit dem Lutherpreis "Das unerschrockene Wort" ausgezeichnet.
Inzwischen ist Emel Zeynelabidin geschieden und baut sich in Marburg eine neue Existenz auf. Sie ist im Ortsbeirat ihres Stadtteils eines von sieben Mitgliedern, schreibt für verschiedene Medien, spricht an Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, "um der Welt zu erklären, wie unterschiedlich die Innenwelten von Muslimen und Nichtmuslimen sein können, wenn die einen an ein erstrebenswertes Jenseits glauben und die anderen an ein lebenswertes Diesseits.”
Ich führte das vorliegende Interview mit Emel Zeynelabidin vor zweieinhalb Jahren für die Schweizer Zeitschrift annabelle. Seither sind Emel und ich miteinander in Kontakt. Da der Inhalt des Interviews noch immer unvermindert aktuell ist, haben wir uns dazu entschlossen, es erneut zu publizieren, haben es aufdatiert und um einige Fragen ergänzt. Die Fotografin Gaby Gerster hat mir freundlicherweise erlaubt, die Bilder von Emel Zeynelabidin für diese Webseite wieder zu verwenden.
Und ja, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Emel und ich uns in Marburg in einem verwinkelten Altstadtcafé zum Gespräch trafen. Denn mir fielen auf Anhieb drei Dinge auf: ihr direkter Blick, ihre sonore Stimme – und ihre Locken.