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Die Schweiz im 18. Jahrhundert in den Briefen eines englischen Reisenden
Von
G. Meyer von Knonau ( Sektion Uto ).
In der Form von Briefen wurde, in der letzten Zeit vor der durch das Jahr 1798 für die schweizerische Eidgenossenschaft bedingten tiefgreifenden Umänderung, durch einen scharf beobachtenden und wohlwollend urteilenden Reisenden eine Fülle von Erfahrungen niedergelegt. Der Verfasser war der englische Historiker William Coxe, der als Begleiter des Grafen von Pembroke vom Jahr 1775 an eine große Reise durchführte. Dabei lernte er vom Juli bis Oktober 1776 ein erstes Mal die Schweiz kennen. Von Donaueschingen her wurde zuerst Schaffhausen betreten, und dann ging es durch alle Teile des Landes, durch Nordsavoyen bis nach Genf, und hernach über Basel hinaus. 1779 wurde im Juli von Corno her Graubünden besucht und darauf durch die mittlere Schweiz im Oktober der Rückweg genommen. 1785 und 1786 endlich holte Coxe auf zwei Reisen, indem er zumeist schon früher besuchte Plätze wieder besichtigte, vieles nach, was er vorher nur kurz kennen gelernt hatte.
Die Ergebnisse dieser Reisen schilderte er in dem Werke: „ Sketches of the natural, civil and political state of Switzerland ", das zuerst 1779 erschien und bald auch eine französische Übersetzung erlebte. In deutscher Sprache wurde das Werk unter dem Titel „ Briefe über den natürlichen, bürgerlichen und politischen Zustand der Schweiz " in Zürich in drei Bänden von 1781 bis 1792 veröffentlicht, und zwar so, daß der dritte Band einzig der Schilderung der Reise durch Graubünden eingeräumt wurde. Aber auch sonst unterscheiden sich die einzelnen Teile nicht unwesentlich voneinander. Die in dem ersten Bande abgedruckten Briefe, die der Gräfin von Pembroke gewidmet waren, bringen den frischen Eindruck, den der Reisende in sich aufnahm, während im zweiten Bande größere Ergänzungen und umfassendere Übersichten gegeben sind, denen die gewisse Naivetät der erstmaligen Darstellung abgeht. Dagegen sind in den zwei späteren Bänden anhangsweise wissenschaftliche Ausführungen, Literaturübersichten beigefügt.
Zur Würdigung der hauptsächlichen Eigentümlichkeiten des Coxeschen Werkes ist demnach das Gewicht auf den ersten und daneben auf die Schilderungen Graubündens im dritten Bande zu legen.
Schon gleich im Anfang des ersten Briefes spricht Coxe aus, was ihn in der Schweiz am meisten interessieren werde. Es sei „ die sonderbare Verschiedenheit der Regierungsform des Landes und seine ganz eigentümlichen Schönheiten der Natur ", und ähnlich heißt es an einer späteren Stelle: „ In der Theorie würde es kaum möglich sein, die Aristokratien und Demokratien in so viele verschiedene Gattungen abzuteilen, als man wirklich in der Schweiz findet ". So hat denn der Verfasser sich vorgesetzt, von verschiedenen Personen aller Stände soviel Erkundigungen einzuziehen, als ihm nur möglich war, und er hatte kaum den Boden der Eidgenossenschaft betreten, als ihm über einen Punkt Klarheit wurde, der anfangs für einen Fernerstehenden Schwierigkeiten bieten konnte, daß es nämlich in der Schweiz zweierlei Landvogteien gebe, einesteils die von Regierungen einzelner Kantone bestellten Verwalter von Bezirken, und solche Gebiete, die mehreren Kantonen gemeinsam untertänig seien. Er war nach Walenstadt, einer Ortschaft, die innerhalb einer dieser acht regierenden Orten angehörenden Landvogteien lag, gekommen, und da ließ er sich nunmehr gerne in seinem Gasthaus vom Wirt, der ihm auf seine Fragen sehr bestimmte Antworten gab, unterrichten. „ Dies ist nicht zu bewundern; denn die Wirte in der Schweiz sind meistenteils Bürger und öfters Mitglieder des höchsten Rats, und ohne das bringt die ganze Natur ihrer Regierung mit sich, daß die Schweizer überhaupt von allem, was auf ihre besonderen Einrichtungen Bezug hat, sehr genau unterrichtet sind ". Auf diese Weise machte es Coxe möglich, in einer geradezu überraschenden Vollständigkeit die politischen Einrichtungen und die Verwaltung der so vielfach voneinander abweichenden Bestandteile der damaligen Schweiz eingehend richtig zu schildern, und dabei wandte er sein Augenmerk gleich sehr den größeren Staaten, wie den ganz kleinen selbständigen Gemeinwesen zu. Die winzige Republik Gersau bot ihm den Anlaß zu einer anmutigen Ausführung: „ Ein Republikchen, in einem dunkeln Winkel versteckt, kaum außer seinem engen Bezirke dem Namen nach bekannt, muß in den Augen eines stolzen Politikers, der die Staaten nur nach ihrer Ausdehnung und Stärke schätzt, ein sehr unerhebliches Ding sein; aber denen, welche den wahren Wert der Freiheit und Unabhängigkeit kennen und überzeugt sind, daß die politische Glückseligkeit nicht in den großen Reichtümern und einer ausgedehnten Herrschaft besteht, muß das kleinste Fleckchen Landes, wo bürgerliche Freiheit eine Kapelle hat, lieb und wert sein ".
Daß nun der Briefschreiber, der selbst als Geschichtsschreiber auf verschiedenen Feldern tätig war, bei gegebener Gelegenheit gerne historische Abschnitte einflocht, versteht sich von selbst. So handelte er eingehend von den Altertümern des Römer- platzes Aventicum, oder bei Basel fesselte der Kampf bei St. Jakob an der Birs seine Aufmerksamkeit, bei Murten der Krieg gegen Karl den Kühnen von Burgund; im Wallis führte ihn die Persönlichkeit des Kardinals Schinner auf die Schlacht von Marignano. In höchster Bewunderung spricht er von Zwingli: „ Zwingli verdient vor allen Reformatoren vorzügliche Hochachtung ". Bei dem Besuch der Urschweiz kam er selbstverständlich auf die Tellgeschichte zu sprechen, und er vergißt nicht zu erwähnen, daß die Geschichtlichkeit dieses „ besonderen Abgotts des großen Haufens " in neuerer Zeit in Zweifel gezogen worden sei, worauf die von einem Berner verfaßte Schrift in Uri das Schicksal öffentlicher Verbrennung erfahren habe. Coxe meint: „ Solche National-Vorurteile, wenn sie diesen Namen wirklich verdienen, sind in diesem Falle verdienstlich und ehrwürdig ". Er schloß da auch gleich die Erwähnung an, daß er bei seiner Landung zu Flüelen sehen konnte, wie stark die Armbrust noch im Gebrauche sei. Als er drei nach einer Scheibe schießenden Knaben einen Preis aussetzte und der dritte anfangs fehlte, ließ er ihn so lange schießen, bis er endlich ebenfalls das Schwarze traf.
Solche Versuche, sich mit der Bevölkerung in Verbindung zu setzen, waren bei Coxe um so mehr anzuerkennen, weil er bei der erstmaligen Ankunft in der Schweiz die deutsche Sprache noch nicht beherrschte. Alsbald im Appenzeller-Lande bedauerte er das sehr: „ Ich sah mitten in der ursprünglichen Einfachheit des Hirtenlebens einige ehrwürdige Figuren mit langen Bärten, ganz wie alte Patriarchen; es tut mir recht weh, daß ich nicht deutsch sprechen kann. Die natürliche Freimütigkeit und der ganz eigentümliche Ton von Gleichheit, wozu sie das Gefühl ihrer Unabhängigkeit stimmt, verspräche mir eine sehr interessante Unterhaltung mit ihnen ". Kurz darauf hatte Coxe wieder die Gelegenheit, zu erfahren, wie sehr ihn die Nichtkenntnis des Deutschen hindere. Er ritt im Kanton Glarus und war, wie er schreibt, durch den Zauber der ihn umgebenden Szenen so eingenommen, daß er alle Augenblicke stille hielt, um sich der hohen Bewunderung zu überlassen. Allein der Begleiter schrieb solchen Stillstand der Trägheit des Pferdes zu und weckte den Reiter jeden Augenblick aus seiner Entzückung auf, indem er das arme Tier unbarmherzig schlug, und so mußte durch Zeichen begreiflich gemacht werden, daß der Reisende absichtlich stille halte und seines eigenen Ganges Herr und Meister zu sein wünsche. Ein glücklicher Umstand war dabei, daß Coxe italienisch sprach und dergestalt beispielsweise von jenem Gastwirt in Walenstadt auf seine Fragen in dieser Sprache Auskunft erhalten konnte; das kam daher, daß wegen der Durchfuhr von Waren durch die Landvogtei Sargans häufig italienische Kaufleute diese Straße benutzten. Aber als hernach der Engländer auf seiner letzten Reise in die Schweiz kam, hatte er sich inzwischen mit der deutschen Sprache bekannt gemacht.
Schon gleich von Anfang an hatte Coxe, wie schon erwähnt, sich vorgesetzt, in der Schweiz neben der Erforschung der politischen Verhältnisse ganz besonders auch an den Naturschönheiten sich zu erfreuen, und an manchen Stellen bringt er von lebhafter Freude erfüllte Schilderungen der so gewonnenen Eindrücke.
Schon gleich das erste Bergland, das er betrat, Appenzell, gefiel ihm im hohen Grade: „ Das ganze Land — die nackten Felsen ausgenommen — in der Tat ein einziges zusammenhängendes Dorf, ein schöner Hof dicht an dem andern, und dies stellt den allerliebsten Anblick dar, den man sich nur ersinnen kann ". Oder er freut sich über „ die Gefilde der reizenden Landschaft " von Zug: „ Sie war so dicht mit Obstbäumen besetzt, daß das Land an manchen Plätzen wirklich ein ununterbrochener Baumgarten ist ". Die Schönheit der majestätischen, mannigfaltigen, erstaunlichen Szenen des Weges von der Grimsel bis nach Meiringen wagt er gar nicht zu schildern: „ Sie sind über alle Abbildungen, über alle Macht des Dichters und Malers erhaben, und so müssen die Schönheiten dieses Feenreiches nicht nach den schwachen Skizzen, die ich zu zeichnen versucht habe, beurteilt werden ". Vorzüglich lebhaft werden überall die Wasserfälle beschrieben. Schon gleich im Eingang nimmt der Rheinfall einen breiten Platz in einem Briefe ein; den Staubbach 1 ) bewunderte Coxe so sehr, zumal da die Sonne darin „ einen außerordentlich glänzenden Regenbogen im kleinen " erzeugte, daß er so nahe heranging, daß er bis auf die Haut naß wurde, und an einer anderen Stelle, wo er vom Pisse-Vache redet, sagt er geradezu: „ Diese Bäche sind mir über alles; aber sie kommen vielleicht in meinen Briefen zu oft vor ". Sehr gut sind die Darstellungen der Paßübergänge, beispielsweise über die Gemmi: „ Es ist die sonderbarste Erscheinung von der Welt; denn wie sich der Weg immerfort schlängelt, so wird die Szene auch immerfort verändert, so daß wir diesen Augenblick eine ausgedehnte Aussicht hatten, den nächsten Augenblick aber in nackte Steine eingeschlossen waren ". Eine fast schauerliche Beschreibung ist in der ersten Reise vom Übergang über die Furka gegeben, zumal da einer der begleitenden Bedienten am Rande eines Abgrundes in panischen Schrecken geriet und unter erbärmlichem Geschrei erklärte, weder vor noch hinter sich gehen zu können, so daß er tatkräftigen Beistandes bedurfte. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, daß sich der Reisende auch im Hochgebirge mehr an den anmutigen, als an den großartigen Partien erfreute. So gab er einmal ein anschauliches Bild einer „ Vegetationsleiter ", wie er sich ausdrückt: „ Wir gingen durch alle Stufen des Pflanzenreiches. Im Tal und den Fuß des Berges hin fanden wir Korn und fette Wiesen, dann Lärchen- und Fichtenwälder, dann kurzes Gras mit verschiedenen Kräuterarten, die für das Vieh das beste Futter sind, dann verschiedene Gattungen von Moos und endlich nackte Felsen und Schnee ".
Dergestalt unterscheidet sich allerdings dieser englische Reisende des vorletzten Jahrhunderts sehr wesentlich von seinen Landsleuten der Gegenwart, die die Schweiz besuchen. Aus Grindelwald schrieb er von seiner ersten Reise: „ Darf ich sagen, daß ich ein wenig bin angeführt worden und daß eine nähere Besichtigung des Gletschers der Ermüdung und Beschwerlichkeit der Expedition nicht ganz wert war? Die Vorstellung, die wir uns aus den übertriebenen Beschreibungen Anderer von dieser abenteuerlichen Landschaft gemacht haben, ist nicht ganz erreicht worden; auch war es der Mühe, so weit zu klettern, nicht wert. Alles übertraf unsere Erwartungen in der Schweiz, nur die Gletscher ausgenommen ". Immerhin fügt dann Coxe alsbald bei: „ Und doch sind die Gletscher in der Tat die erhabenste und interessanteste Erscheinung in der Natur im ganzen Lande ". Auch noch zehn Jahre später äußerte sich Coxe, wenn er auch gestand, daß ihm diese Erscheinung jetzt weit mehr Vergnügen und Bewunderung erregte, dennoch etwas kühl darüber. Aber er nimmt jetzt doch in seine Berichte Mitteilungen über Bergbesteigungen auf, die zwar nicht von ihm selbst gemacht sind, von deren Durchführung er jedoch Kenntnis erhielt. So schob er bei Engelberg die Beschreibung der in den Tagen seiner Anwesenheit durchgeführten Besteigung des Titlis ein, die dem Klosterarzt Feierabend gelang, wobei allerdings die irrtümliche Ansicht mit aufgenommen wurde, zwar nicht ohne leise Anzweifelung, daß der Titlis „ das höchste Gebirge " in der Schweiz sei. Auch bei Chamounix verweilte Coxe nunmehr 1786 viel länger, als das zehn Jahre früher der Fall gewesen war; denn jetzt blickte man schon auf die gelungene Überwindung des Montblanc hin und sprach mit Bewunderung von dem Genfer de Saussure, dessen eigene Besteigung bald folgen sollte. Auch Coxe hatte selbst hier eine größere Exkursion unternehmen wollen, war dann aber durch eine Beschädigung am Fuß gehindert, so daß er sich damit begnügen mußte, die Beschreibung seines Freundes über dessen Ausflug einzuschalten.
Es bleibt demnach dabei, daß Coxe mehr den menschlichen Ansiedelungen und Einrichtungen, als der Gebirgswelt der Schweiz sein Augenmerk schenkte.
Das erscheint schon gleich in der ersten Reise beim Eintritt in die Schweiz. Schaffhausen macht ihm einen äußerst angenehmen Eindruck, die Stadt als solche, Gesetze und Verwaltung: „ Vielleicht können Sie sich einen Begriff von der Sicherheit der Herren Schweizer machen, wenn ich Ihnen sage, daß Schaffhausen eine Grenzstadt ist und doch keine Besatzung hat ". Außerdem spricht er mit höchster Anerkennung von „ der berühmten Brücke über den Rhein ", die der Appenzeller Grubenmann nicht lange vorher errichtet hatte. Zwar glaubte Coxe nachher, 1786, seine frühere Meinung etwas einschränken zu müssen. Grubenmann hatte nämlich die Brücke so gebaut, daß der Steinpfeiler, den man im Strom hatte stehen lassen, entbehrlich sei, und das war wirklich anfangs der Fall, wenn auch nachträglich das Hängewerk sich etwas senkte und so auf die Mauer zu sitzen kam; bei seinem zweiten Besuche fand nämlich Coxe wegen einer Hauptverbesserung die Brücke mit Pfählen unterstützt, und so glaubte er deswegen seine erste Behauptung nicht festhalten zu können. In scharfen Gegensatz gegenüber solchem Lob von Schaffhausen stellte nun ein nächster Brief die Stadt Constanz, die trotz ihrer anmutigen und günstigen Lage damals den „ öden Anblick einer ehemals blühenden Handelsstadt " darbot, was in kundiger Weise der Historiker aus der Einbuße der Reichsfreiheit ableitet: „ Die in ihr gegenwärtiges Nichts gefallene Stadt macht mit einigen benachbarten Schweizer-Kantonen einen für diese lehrreichen Kontrast, der sie ihre eigene unschätzbare Glückseligkeit in dem Genuß von Freiheit und des Fleißes doppelt fühlen läßt ". Doch zehn Jahre später, bei einer abermaligen Betretung von Constanz, fand Coxe die Lage wesentlich verbessert, weil durch die von Kaiser Joseph II. angesiedelten Genfer Emigranten industrielle Manufakturen entstanden waren. Hinwider war die im Jahr 1776 nunmehr zunächst nach Constanz erreichte schweizerische Stadt so recht geeignet, in überraschender Weise wieder ein Gegenstück darzustellen: „ Hier in St. Gallen war alles voll Leben; alles hatte das Gepräge des Fleißes und der Tätigkeit. Die Industrie der Einwohner und eine sehr weitläufige Handlung, die hauptsächlich in ihren Manufakturen von Leinwand, Mousselin und Seidenzeugen bestehen, machten die Stadt so blühend ". In ähnlicher Weise wird dann auch das gleich hernach betretene Appenzellerland gerühmt: „ Der Fleiß der Einwohner ersetzt die Härten des Bodens reichlich. Das Volk ist dabei nüchtern und arbeitsam; sein Eigentum ist sicher, und es weiß nichts von drückenden und willkürlichen Abgaben ".
Es versteht sich von selbst, daß Coxe länger in den großen Städten der Schweiz verweilte. Zuerst kam er da nach Zürich und anerkennt in vollen Worten dessen Bedeutung: „ Zu Zürich herrscht mehr origineller schweizerischer Freiheitsgeist, als in anderen großen Städten dieses Landes. Die Herren vom Rate sind weniger von dem Einfluß fremder Höfe und von Bestechung gefesselt und haben mehr den Vorteil ihres Kantons und der ganzen Eidgenossenschaft vor Augen. Zürich hat auf der allgemeinen Tagsatzung sehr viel Einfluß, nicht so fast durch seine Macht, als durch das feste Zutrauen der anderen auf seine Rechtschaffenheit. Man betrachtet es als den unabhängigsten redlichsten Kanton ". Aber auch der Stadt Bern wird das Lob nicht versagt: „ Bei meinem Eintritt in Bern fiel mir die ganz außerordentliche Reinheit und Schönheit des Ortes sehr auf. Ich erinnere mich nicht, Bath allein ausgenommen, eine Stadt gesehen zu haben, welche beim ersten Anblick eine so angenehme Wirkung auf das Aug'hätte ". Zehn Jahre später hob dann der Reisende auch den gesellschaftlichen Umgang in Bern sehr hervor: „ Fremde, welche ununterbrochen gemischte Gesellschaften einem ruhigeren stillen Umgang vorziehen, werden Bern vor jeder anderen Stadt in der Schweiz zu ihrem Aufenthalt wählen ". Das wird dann noch weiter ausgeführt, besonders daß das Tanzen in Bern ein sehr gewöhnlicher Zeitvertreib sei, alle vierzehn Tage öffentlicher Ball und im Winter beinahe täglich, in den Sommermonaten noch unterhaltender, weil man sich dann in einem Garten nahe bei der -Stadt versammle, und im Anschluß hieran sucht der gelehrte Historiker den Lieblingstanz, den Walzer, zu beschreiben, der ihn, als einen Fremden, durch die rasche Lebhaftigkeit in Erstaunen setzt. Bei Luzern nahm schon bei der Annäherung der herrliche Anblick der Stadt, die in Hinsicht auf Schönheit der Lage Zürich noch vorzuziehen sei, Coxe völlig ein. In Basel erlebte er sogleich beim Eintritt in die Stadt die Überraschung, daß alle Glocken eins schlugen, während es doch erst zwölf Uhr sein sollte, und er mußte sich belehren lassen, daß die Basler Uhren eine Stunde früher, als die übrigen in Europa, gingen. Er hebt dann die schöne Lage am Rhein, die Betriebsamkeit der Einwohner, die große Menge von Manufakturen, den weitläufigen und vorteilhaften Handel der vornehmeren Kaufleute hervor; doch nach der hier wieder gegebenen einläßlichen Schilderung der Verfassung vergißt er auch nicht zu bemerken, daß nirgends in der Schweiz das Betragen der Staatshäupter freier und schärfer durchgehechelt werde, als in Basel. Ebenso nimmt nach Neuenburg und Lausanne Genf in diesen Berichterstattungen einen ansehnlichen Raum ein. Schon gleich beim Betreten des Gebietes der Stadt war Coxe auf das angenehmste überrascht: „ Der jähe Sprung von der savoyischen Armut in den Wohlstand und die Reinlichkeit des dasigen Volkes, die Bevölkerung des Landes, die Menge Landhäuser, welche, wie in England, über das Gefilde zerstreut sind: Alles das setzte mich in ein angenehmes Erstaunen ". Allein noch mehr erfreute ihn die große geistige Regsamkeit: „ Da ist Gelehrsamkeit von aller Pedanterie entkleidet, und Philosophie sieht man mit Weltkenntnis gepaart. Das Vergnügen der Gesellschaft ist mit Literatur und das tiefste Forschen mit Eleganz und Artigkeit vermischt. Wissenschaften sind hier nicht ein ausschließliches Monopolium von Professionsgelehrten, und in keiner Stadt von Europa sind die Kenntnisse unter den Einwohnern so allgemein ausgebreitet ". Ein Jahrzehnt später _93 freilich nehmen dann die heftigen politischen Bewegungen, welche Genf in Unruhe stürzten, die Aufmerksamkeit zumeist in Anspruch.
Schon aus diesen lebhaften Lobsprüchen für das geistige Leben in Genf geht hervor, daß Coxe dem Betrieb der Wissenschaften in der Schweiz sein Augenmerk nachdrücklich zuwandte. Überall ging er den Bibliotheken nach und war entzückt, schon in St. Gallen, einem Ort, wo alles Handlung ist, Künste und Wissenschaften in der schönsten Blüte und die Literatur im besten Ansehen zu finden, so daß neben der sehr zahlreichen und in guter Ordnung stehenden Bibliothek der Abtei auch eine solche der Stadt vorhanden sei. Nicht weniger werden bei Zürich und Bern, bei Basel und Genf die Bibliotheken gelobt, und 1786 freute sich der Reisende, nun auch in Solothurn, durch das Verdienst eines einsichtsvollen Geistlichen, Herrmann, eine öffentliche Büchersammlung vorzufinden. Daß bei Zürich, wo sich seit der Reformation in allen Arten von Wissenschaften Gelehrte vom ersten Rang bekannt gemacht haben, volle Anerkennung sich einstellt, daß Basel gelobt wirdEs ist selbst unter der geringeren Klasse von Handwerkern gar nichts Ungewöhnliches, daß sie sich in müßigen Stunden mit Lesen des Horaz, Virgil und Plutarch beschäftigen " —, ist selbstverständlich. Dagegen fand Coxe, daß in Luzern die Wissenschaften wenig aufgemuntert werden, und auch bei Bern gewann er den Eindruck, daß nach dieser Seite die Stadt hinter Zürich zurückstehe.
Bei dieser Hochschätzung, die der Rektor zu Bemerton den einzelnen Stätten wissenschaftlichen Lebens in der Schweiz entgegenbrachte, war es nun ganz begreiflich, daß er einzelnen Persönlichkeiten dieses geistigen Lebens näher zu treten suchte, und er bietet zutreffende Schilderungen dieser Männer, die einer wohlwollenden Gesinnung entsprungen sind. In Zürich sah er den als Dichter und Künstler gleicherweise berühmten Salomon Gessner und Lavater, der ihn besonders durch seine Physiognomik anzog: „ Lavater drückte sich nicht fertig französisch aus; aber aus seinem Gesicht und aus seinen Geberden leuchtete eine angenehme Wärme und Lebhaftigkeit hervor, als er auf seine Lieblingsmaterie zu sprechen kam ". In Bern bedauerte er, den greisen Haller nicht besuchen zu können, weil derselbe seinem Ende schon nahe war; dagegen hat er dann nach zehn Jahren dem Verstorbenen einen langen Nachruf gewidmet, und ebenso interessierte er sich nun auf das lebhafteste für die ornithologische Sammlung Sprüngli's und für die naturgeschichtlichen Studien und ein merkwürdiges Kabinet des Berners Wyttenbach, vergaß aber nicht, beizufügen, daß er auch in Zürich die kräftig erwachsende physikalische Gesellschaft kennen gelernt habe. In Basel zog ihn die Gemäldesammlung des Künstlers von Mechel an, und wie sehr ihn die große Zahl der Genfer Gelehrten fesselte, ganz voran de Saussure, auf dessen Bekanntschaft er stolz zu sein gestand, ist schon angedeutet. Allein auch einem ferne von seiner Vaterstadt gestorbenen berühmten Genfer schenkte Coxe die eingehendste Aufmerksamkeit, und so füllte er einen ganzen Brief mit der Charakteristik Rousseau's, den er allerdings auch als „ einen sonderbaren Mann " bezeichnet. Die Erkundigung, die er bei einem Besuch der Petersinsel bei dem Verwalter über den Aufenthalt Rousseau's einziehen konnte, daß es für diesen eine Hauptbeschäftigung gewesen sei, „ nichts zu tun ", konnte ihn nur darin bestärken. Aber andrerseits war auch für den Engländer Rousseau's Nachwirkung so stark, daß ihm, wo er auf den Genfersee zu sprechen kam, stets Ciarens durchaus nur in der Umrahmung der „ Nouvelle Héloïse " entgegentrat.
Noch ist auf zwei Männer hinzuweisen, die Coxe besuchte. Der eine war General Pfyffer, den er neben dem Gelehrten Balthasar als den Vertreter der Wissenschaft in Luzern anerkannte. Bei seinen Besuchen in Luzern nahm er wiederholt das zuerst noch in der Anfertigung stehende, nachher vollendete große Relief der Gebirgswelt in Augenschein und ließ sich dabei durch dessen Schöpfer gerne belehren, wobei er allerdings auch die Kunde von der angeblichen Statue St. Dominik am Pilatus entgegenzunehmen hatte. Die andere Berühmtheit seiner Tage war der Bergdoktor zu Langnau im Kanton Bern, der kluge und erfahrene Bauer Michael Schüppach, der auch Coxe volles Vertrauen einflößte, wie er denn auch der Überzeugung Ausdruck gab, der große Ruhm sei dem wackeren Helfer der kranken Menschheit ungesucht zugeflogen.
Schon hier im Emmental war der Reisende in das Haus eines nicht gelehrten Mannes eingetreten; allein auch sonst macht es geradezu einen Reiz seiner Briefe aus, daß er ungeachtet der Schwierigkeiten, bei der Nichtkenntnis der Sprache; mit den Leuten in Verkehr zu treten, nach seinem Vorsatz möglichst viel sich zu unterrichten sucht. Wie bei jenem Gasthausbesitzer in Walenstadt, hat er in Biel durch seinen Wirt Interessantes erfahren: „ Ich habe Ihnen schon oft bemerkt, daß das gemeine Volk in der Schweiz viel belehrter ist, als die nämliche Klasse von Leuten in anderen Ländern. Ich bat deswegen gestern Abend meinen Wirt, mit mir zu Nacht zu speisen, und ich fand an ihm einen Mann, der wohl zu nichts weniger, als zu einem stummen Gaste gemacht war. Er gab mir sehr umständlichen Bericht von der Ceremonie, welche vor kurzem bei der von dem neuen Bischof von Basel den Bürgern abgenommenen Huldigung hier vorfiel. Mit Vergnügen hörte ich ihm zu, wie er mit rechter Begeisterung des Nationalstolzes sich über die Schönheit und Größe des Auftrittes, über die Pracht des Aufzugs, die Menge der Zuschauer, sowohl fremder als einheimischer, und über die bei diesem Anlaß gegebenen Gastereien und Bälle verbreitete ". Eine ähnliche Erfahrung hatte Coxe auch in Glarus gemacht: „ Unser Wirt ist ein offenherziger, ehrlicher Schweizer. Er kam mit seinem Krug Wein, setzte sich zu uns an den Tisch und schwatzte ohne alle Komplimente. Es gibt eine gewisse Zudringlichkeit von dieser Art, die mir unausstehlich ist, wenn sie nur eine impertinente Neugierde oder dienstfertige Schmeichelei verrät; aber diese Art offener Vertraulichkeit, die offenbar das Gefühl der natürlichen Gleichheit und die Äußerung einer Seele ist, welche keine willkürlichen Unterscheidungen fesseln, gefällt mir außerordentlich, wie ich denn überhaupt den einfachen Gang der unverfälschten Natur allen Künsteleien und falschen Verzierungen vorziehe ". An einer Stelle hatte sich Coxe allerdings bei der ersten Reise darüber beschwert, daß es so beschwerlich sei, Pferde zu bekommen — es handelte sich in Flüelen um den Weg zum St. Gotthard —, und daß man sie mit unerschwinglichem Lohne bezahlen müsse. Zehn Jahre später hatte nun bei der gleichen Reise in Uri der Wirt sich, sobald er erfuhr, daß Coxe der Verfasser der Briefe über die Schweiz sei, ängstlich bemüht, diesem Übelstande abzuhelfen. Eine Begegnung auf dem Wege im Ober-Wallis brachte Coxe die Überraschung, „ daß ein gemeiner und gewöhnlicher Bauer ", mit dem er in ein Gespräch kam, ihn über den Stand des Krieges zwischen Großbritannien und den Kolonien in Amerika in Anfrage setzte; aber noch mehr befremdete ihn, daß der Mann etwas von Konstantinopel wußte: „ Der Bauer fragte uns, wie uns das Land gefiele, deutete auf die Berge, und sagte: „ Das sind unsere Festungen, und sie sind stark genug; Konstantinopel ist nicht so stark befestigt ". Im Kanton Appenzell war Coxe ebenfalls in entsprechender Weise zu einer Bekanntschaft gekommen. Das Dorf Teufen interessierte ihn als Geburtsort des Erbauers der Schaffhauser Brücke, Ulrich Grubenmann, der allerdings schon seit einigen Jahren tot war. Da aber seine Geschicklichkeit in der Baukunst sozusagen ein erbliches Eigentum in der Familie war, geschah die Frage nach einem Bruder oder Neffen, den man dann wirklich im Wirtshaus traf: „ Er ist dem Äußerlichen nach ein plumper Mann, von schlichtem Ansehen, ein gemeiner Bauer, doch mit einem feurigen, durchdringenden Auge und daneben ein sehr guter Gesellschafter. Als wir ihm sagten, wir hätten nicht durchreisen wollen, ohne einen Mann zu sehen, der sich durch seine Geschicklichkeit einen solchen Namen gemacht habe, schlug er mit den Worten auf seine Brust: „ Hier seht Ihr halt einen Bauern !" Gleich nachher geschah eine ähnliche Begegnung: „ Bei Appenzell sahen wir einen alten Mann, dem seine ehrwürdigen weißen Locken auf die Schultern fielen und der einem unserer ersten Freisaßen gleich sah; er fragte uns mit einem herrischen Ton, doch mit aller Höflichkeit, wer wir wären, und als wir seinetwegen die nämliche Frage an unseren Wegweiser taten, erfuhren wir, daß es der Landammann oder das Haupt der Republik war. Glückliches Volk, dessen Land von der Natur und seiner Regierungsverfassung gegen die Pest des Luxus auf das stärkste vermauert istAnmutig ist ferner die Beschreibung des Pfarrhauses in Lauterbrunnen, wo das Absteigequartier genommen werden mußte: „ Der Geistliche und sein Weib, die uns beherbergen, sind liebe Originale. Beide sind Schwätzer im höchsten Grad, aber dabei die Gutherzigkeit und Leutseligkeit selbst und so dienstfertig, uns mit allen möglichen Bequemlichkeiten zuvorzukommen, daß sie einen mit ihrer Höflichkeit in die äußerste Enge treiben. Das ging uns wirklich sehr nahe, als wir erfuhren, daß die gute schwangere Frau die ganze Nacht aufblieb, um Brot und Kuchen zu backen, auch sonst noch Proviant, den wir auf den Weg nehmen sollten, zurecht zu machen ". Das Nachtessen, das den Reisenden dargeboten wurde, enthielt nach Coxe's Urteil den besten Schinken, den er je gekostet hatte. Doch überhaupt wußte er die Landesprodukte wohl zu schätzen, und er schrieb im Juli 1776: „ Ich habe soeben mit etwas Brot und Käse Mahlzeit gehalten; sie war mir köstlich, weil ich sie wohl verdient hatte; denn ich ging, allerdings in der Wärme, drei Stunden über die Berge von Appenzell ". Sehr erfreut äußert sich auch Coxe über die ihm mehrfach erwiesene Gastfreundschaft. So hatte er im Bad Leuk Gäste aus Bern, aus Neuenburg und noch aus andern Orten kennen gelernt: „ Die Leute sind alle so außerordentlich artig und verbindlich, daß uns verschiedene von ihnen eingeladen haben, sie in ihren Wohnungen zu besuchen, und diese Einladung war mit all der offenen und ungezierten Freimütigkeit begleitet, welche die Schweizer so auffallend auszeichnet. Wir schlugen demzufolge ihr gastfreies Anerbieten um so weniger aus, als wir vollkommen überzeugt waren, daß wir ihnen damit ein wahres Vergnügen machen ". Wirklich ist denn auch nachher in einem Briefe aus Neuchâtel berichtet, daß in Colombier diese Einladung benützt worden sei: „ Wir brachten bei diesen liebenswürdigen Leuten einen angenehmen Abend zu und wurden von ihnen mit der freien ungezierten Gefälligkeit aufgenommen, die das Kennzeichen der wahren Höflichkeit ist. Ich kann wirklich von der herzlichen, ungekünstelten und ganz eigenen Höflichkeit des Schweizer Adels nicht Gutes genug sagen ".
Aber auch sonst zeigt der fremde Reisende den Willen, das Leben, die Einrichtungen des von ihm besuchten Landes zu verstehen. Als von einem seiner Bedienten bei dem Anblick von Felsenreihen das Wort fiel, Steine genug wären da, alle Häuser im ganzen Lande zu bauen, so daß es schwer zu begreifen sei, weshalb der Holzbau vorgezogen werde, wies Coxe darauf hin, daß für die Beschaffenheit des Klimas und auch wegen der leichteren Erstellung die hölzernen Häuser weit vorzuziehen seien. Oder an einer anderen Stelle ist die Wichtigkeit der Wälder als Schutzwehr gegen die Lawinen hervorzuheben: „ Es ist kaum ein Dorf, das nicht von einem Walde gedeckt ist, wenn es am Fuß eines Berges liegt, und die Einwohner erhalten ihn in besonderer Ehrfurcht als ihren gemeinsamen Beschützer. So ist eine der vorzüglichsten Schönheiten des Landes zugleich der stärkste Schutz des Volkes ". Allein ganz besonders wird auch überall die industrielle Tätigkeit, die den Wohlstand hebt, beispielsweise die erst seit einiger Zeit im Neuenburger-Jura betriebene Uhrmacherei, betont. Freilich ist dabei nicht verschwiegen, daß durch den reichlicheren Verdienst auch der Luxus sich eher einstelle: „ Ein Einwohner von Locle hat mir einen merkwürdigen Beweis davon gegeben, da er mir sehr ernstlich klagte, daß es nun gar nichts Seltenes mehr sei, daß ein Hausvater seine Frau nach Besançon führe, um eine Komödie zu sehen, und daß jetzt wenigstens zehn Friseurs zu Locle ansässig seien, da man doch vor einigen Jahren nur einen im Ort und im ganzen Bezirk gehabt habe ".
Überhaupt stellt Coxe in seinem Urteil neben die lebhafte Anerkennung auch freimütige, tadelnde Äußerungen. Die Gesetze gegen den Luxus, die er an manchen Orten sehr streng fand, billigt er durchaus: „ Nie würden diese gothischen Verordnungen über Seidenzeuge, Spitzen, andere Waren, über den Kopfputz der Frauenzimmer in England aufgenommen werden! Und, wie ich erfahre, sind diese Gesetze nicht, wie die unsrigen von der Art, leere Buchstaben; sondern sie werden genau befolgt ". Doch muß an einer anderen Stelle gesagt werden — es ist da von Bern die Rede —, daß die dortige Reformationskammer in einigen Fällen für gut befunden habe, etwas von der Strenge der Gesetze nachzulassen: „ Wirklich findet man durch die ganze Schweiz Spuren von den Riesenschritten, welche der Luxus in unserem Jahrhundert gemacht hat, und nirgends in diesem Land war sein Fortgang schneller als in Bern ". Allerdings fand dagegen Coxe die zürcherischen Sitten „ einfach und vielleicht nicht nach dem neuesten Ton ", so daß „ das zurückhaltende Wesen der Damen erst nach und nach einem gesellschaftlicheren Tone Platz zu machen anfängt. Einige wenige Familien, welche eine angenehme gemischte Gesellschaft ausmachen, werden, weil von den gewöhnlichen Landesgebräuchen abweichend, mit dem Namen der französischen Gesellschaft bezeichnet ". Bemerkenswert hiefür ist auch noch eine Unterhaltung des Reisenden in Leuk „ mit einem sehr scharfsinnigen, wohlunterrichteten Herrn aus hiesigem Lande ". Coxe hatte gesagt, er könne nicht begreifen, daß man nicht mehr für eine bequemere Einrichtung tue und so zahlreichere Fremde heranziehe. Ihm wurde geantwortet, daß einige ansehnliche Personen im Wallis „ aus einem Grundsatz der lykurgischen Politik " sich dagegen setzten: man fürchte, ein Zusammenfluß von Fremden würde nur dazu dienen, Luxus unter die Einwohner zu bringen und die Einfalt der Sitten zu verderben.
Eine andere, teils zustimmende, teils zuwidergehende, Beobachtung Coxe's bezog sich auf die militärischen Verhältnisse der Schweiz.B.esonders Bern schien ihm da im Zeughaus sehr wohl ausgestattet und überhaupt militärisch gut gerüstet zu sein, und zwar beziehe sich das nicht bloß auf diesen allerdings voranstehenden Kanton: „ Die Schweiz hat zwar keine stehende Armee; aber in verschiedenen Kantonen ist das Militär so gut reguliert, daß die Regierung in einem Wink eine sehr ansehnliche Mannschaft auf den Beinen hat ". Dagegen kann er sich mit dem fremden Kriegsdienst der Schweizer nicht vollkommen einverstanden erklären: „ Lange hat man gestritten, ob die Schweiz dabei gewinnt oder verliert, daß sie so viele Landeskinder in fremden Sold gibt ". Die Erwägungen hierüber werden nun einander entgegengestellt; doch der einsichtige Beurteiler kommt zum Schluß: „ Ich denke, daß genügende Gründe beweisen, es sei eine übel verstandene Politik der Schweizer, ihre Truppen in fremde Dienste zu geben. Aber das Übel ist zu tief eingewurzelt, als daß man ihm geschwind abhelfen könnte ".
Auch noch anderen Fragen der staatlichen Einrichtungen widmet der Verfasser sein Augenmerk. Er hält es für eine kleinliche Staatskunst, daß die Bürgerrechte geschlossen seien, daß selten oder nie neue Bürger angenommen würden. Dabei fällt ihm auch bei Zürich besonders auf, daß die Bürger der Hauptstadt das ausschließliche Recht für die Betreibung von Manufakturen inne hätten. Er stellt dem den allerdings „ unkaufmännischen Geist " der Berner Regierung gegenüber, durch welchen solche Einschränkungen ausgeschlossen seien, so daß also hier allen Untertanen klüglich solche Ausübung von Gewerbe gestattet sei und damit ihr Wohlstand gefördert werde: „ Man kann die Anhänglichkeit an die Regierung, welche man besonders in den deutschen Distrikten bemerkt, mit Recht als eine natürliche Folge dieser Anordnungen betrachten ".
Eine auffallende Eigentümlichkeit der Basler Einrichtungen mußte den Tadel des fremden Besuchers auf sich ziehen. Das war die Anwendung des Loses für die öffentlichen Stellen, so daß sogar die Professuren an der Universität so besetzt wurden und, wie als Beispiel erwähnt wird, zwei Söhne aus der Familie Bernoulli, selbst treffliche Mathematiker, nicht zu den Stellen, für die sie befähigt waren, gelangen konnten. Noch 1786 schrieb sich Coxe aus einer lateinischen Grabinschrift eines Basler Rechtsgelehrten heraus, daß dieser fortwährend durch das Los von akademischen Ämtern und öffentlichen Diensten ausgeschlossen geblieben sei. Aber auch bei Neuenburg hat Coxe, wieder 1786, einen Einwand zu erheben. Er freute sich zwar, daß aus der großen Hinterlassenschaft des edeln Bürgers der Stadt Pury schon Bedeutendes geschaffen worden sei; allein er könnte noch mehr Ratschläge hierüber erteilen: „ Besonders ist zur Beschützung und Aufmunterung der Wissenschaften ein großes Feld offen; denn selbst in Hinsicht auf den wichtigen Artikel der Erziehung ist dieser Ort so mangelhaft, daß man kaum sagen kann, er habe ein einziges Seminarium. Folglich haben die Einwohner, obschon sie lebhaften Geistes und voll Fähigkeiten sind, weit weniger Kenntnisse als in anderen reformierten Städten der Schweiz ". So meint er, daß das nachgeholt werden müsse, so daß künftige Geschlechter freudig auch nach dieser Seite den Namen „ Pury " wiederholen würden.
Ein eigentümlich scharfes Urteil fällt Coxe über das Wallis, so sehr er die Naturschönheiten des schönen und mannigfaltigen Landes hervorhebt. Er sagt: „ Manufakturen gibt es hier keine von Bedeutung, und die allgemeine Unwissenheit des Volkes ist ebenso merkwürdig als seine Trägheit. In Kultur und Wissenschaften stehen die Walliser im Vergleich mit den eigentlichen Schweizern, die eine sehr aufgeklärte Nation sind, noch einige Jahrhunderte zurück ". Vielleicht mag der Anblick der „ außerordentlich vielen kröpfigten und blödsinnigen Menschen " ihn zu diesem Urteil bewogen haben; denn die Frage der Crétins beschäftigte ihn auf das lebhafteste, und er suchte nach den Ursachen dieser Erscheinung. Auch noch 1786, wo er das Wallis neuerdings besuchte, war er bemüht, nach der Ursache der Kröpfe zu forschen, und da meint er, sie aus der kalkartigen Materie, die im Trinkwasser enthalten sei, am wahrscheinlichsten erklären zu können.
Vielleicht hing das abschätzige Urteil über die Walliser auch mit einer gewissen, mehrfach hervortretenden Einseitigkeit des Verfassers zusammen. Er ist von einer spürbaren Abneigung gegen die römische Kirche erfüllt und sagt beispielsweise an einer Stelle über die Urschweiz: „ Hier herrscht ausschließlich die römische Kirche, und das Volk überhaupt ist bigott, abergläubisch und intolerantdabei fügt er allerdings sogleich bei, daß in den protestantischen Kantonen auch eine völlige konfessionelle Ausschließlichkeit herrsche. Nicht ohne einen gewissen Spott erwähnt er, daß Oswald; einer der alten britischen Könige, Stadtpatron der Stadt Zug sei: „ Eigensinn und Aberglaube können die Einwohner von Zug gereizt haben, einen Heiligen zu verehren, dessen Name in seinem eigenen Vaterlande mit Not bekannt ist ". Aber daneben wirkt es nun fast belustigend, daß der Engländer mehrmals auch der Gastfreundschaft schweizerischer Klöster sich erfreute. So speiste er einmal mit den Kapuzinern in Rapperswil, und im Hospiz auf dem St. Gotthard ließ er sich von den dortigen Kapuzinern ein Mittagsmahl, bei dem vortreffliche Forellen den Hauptplatz einnahmen, gerne vorsetzen, wie es ihm dann auch erwünscht war, daß ihn hier nach zehn Jahren der Bruder Franz sogleich wieder erkannte und mit großer Freude empfing. Auch schon auf der ersten Reise hatte Coxe, als er von Constanz aus die Insel Reichenau besuchte, von „ dem ungemein artig ihn grüßenden Pater Superior " zwei Flaschen vorzüglichen Weines sehr gern entgegengenommen. Übrigens fordert die Gerechtigkeit, nicht zu übergehen, daß Coxe, wo er schöne Wirkungen klösterlichen Lebens vorfand, das vollkommen aussprach. Er lobt den um die Hebung des kleinen von ihm beherrschten Klostergebietes sehr verdienten Abt von Engelberg, Leodegar Salzmann, dem die Reisenden auch für die ausgezeichnet höfliche Aufnahme sich verpflichtet fühlten. Ebenso wird im hohen Grade anerkannt, was durch die Benediktinerabtei Bellelay im Jura, des Bistums Basel, durch den Abt Nikolaus de Luce zustande gebracht worden war: „ Es ist eine merkwürdige Erscheinung, mitten in Wäldern und zwischen Felsen innerhalb der Mauern eines Klosters eine Militärakademie zu finden und Prämonstratenser zu sehen, die, statt ihre Zeit in mönchischer Unwissenheit und Aberglauben zu verschwenden, sich zu Wohltätern der menschlichen Gesellschaft machen ".
Der dritte Band der deutschen Ausgabe der Briefe ist, wie schon erwähnt, der Beschreibung der 1779 ausgeführten Reise in Graubünden ausschließlich eingeräumt.
Wenn Coxe den politischen Einrichtungen der alten Eidgenossenschaft eine so große Aufmerksamkeit schenkte, so mußte ihn die Republik Graubünden in ihrem eigentümlichen Aufbau ebensosehr anziehen, und so stellte er denn gleich dem Bande eine Übersicht der Einteilung der drei Blinde in die zusammen 26 Hochgerichte und hinwiderum dieser Hochgerichte in die 59 Gerichte oder Gemeinden voran. Überall trat er weiterhin im Verlauf der Darstellung bei sich ergebender Gelegenheit auf einzelne Punkte ein, so auf das eigentümliche Verhältnis der Herrschaft Maienfeld, weil die Einwohner dieses „ merkwürdigsten Hochgerichtes in dem ganzen Bündnerlande " zugleich Regenten und Untertanen, „ in sonderbarer Mischung von Freiheit und Unterwürfigkeit ", waren. Coxe besuchte auch das Schloß Räzüns, das mit seinem kleinen Gebiete Österreich angehörte, daneben aber doch zugleich mit dem „ Grauen Bund " in Verbindung stand. Der österreichische Gesandte bei Graubünden hatte da gewöhnlich seinen Wohnsitz, und so wurde Coxe da zum Mittagessen eingeladen, wo auch ein Kapuziner zur Tischgesellschaft zählte. Es war außerdem dem Reisenden sehr erwünscht, der Ceremonie der Ablegung des Eides durch den neuen Bundespräsidenten vor der Bundesversammlung auf dem Rathaus zu Chur beiwohnen zu können, und da knüpfte er als Engländer eine Bemerkung im Hinblick auf sein eigenes Land an: „ Diejenigen Theoristen, welche so gern eine Reform des englischen Unterhauses bewirken möchten, indem sie dem Volk insgesamt die Wahl seiner Stellvertreter im Parlament auftragen, könnten sich wohl, wenn sie die Beschaffenheit der allgemeinen Bundesversammlung in Graubünden mit Aufmerksamkeit betrachten, törichterweise einbilden, daß eine jährliche Versammlung, bei deren Wahl jede Mannsperson in dem Staate eine Stimme haben sollte und welche in allen wichtigen Vorfällen sich der Leitung ihrer Konstituenten unterwerfen muß, notwendig die heiligste Schutzwehr gemeiner Freiheit sein müsse ". Aber Coxe bekennt sich keineswegs zu dieser Ansicht, da er überzeugt ist, daß Bestechung und Einfluß bei dieser Nationalversammlung eine große Rolle spielten. Solche Erkenntnis gewann Coxe aus einer ausgedehnten Vertiefung in die Geschichte des Landes, die für den Historiker eine große Anziehungskraft ausüben mußte.Vorzüglich zog er da auch die historischen Verhältnisse des bündnerischen Untertanenlandes Veltlin heran, die wild bewegten Vorgänge, die einen Teil der Geschichte des dreißigjährigen Krieges ausmachen 1 ). Er ist dabei billig genug, so sehr er die fürchterliche Tat des einläßlich von ihm erzählten Veltliner Mordes von 1620 verurteilt, anzuerkennen, daß bei den parteiischen Widersprüchen der zeitgenössischen Berichte das Urteil dahin ausfallen müsse, es sei damals auf beiden Seiten die Religion zum Deckmantel der abscheulichsten Taten mißbraucht worden, wobei durch diese Zeugnisse von Seite der herrschenden Graubündner ihr tyrannisches Verfahren, von den Veltlinern aus ihre blutige Empörung gerechtfertigt werden sollte. Coxe hat selbst diese Untertanengebiete im Addatal von Bormio abwärts bereist, die vielfache Schönheit des Landes bewundert; aber er meinte, es gebe kein Land, wo die Bauern unglücklicher seien. Auch hier wieder konnte Coxe bei einem Gastwirt die besten Erkundigungen einziehen. Der bündnerische Podestà von Bormio war erst kürzlich in sein Amt eingetreten, und Coxe konnte aus einem Gespräch den Schluß ziehen, daß dieser mit den Einrichtungen des Landes noch völlig unbekannt sei, während der Wirt, sichtlich ein Mann von großem Gewicht in Bormio, bei allen Fragen sich bis auf die kleinsten Umstände bewandert erwies.
Für die bündnerische Geschichtschreibung hegte Coxe überhaupt eine vollkommen berechtigte große Hochschätzung. Das Werk des Ulrich Campell aus dem 16. Jahrhundert, die zeitgenössischen Schilderungen der Geschichtschreiber Guler und Sprecher des 17. Jahrhunderts sind ihm sehr wohl bekannt. Für den Pfarrer a Porta in Scanfs, den er persönlich besuchte, spricht er seine aufrichtige Bewunderung aus: „ Ich betrachtete diesen gelehrten Schriftsteller mit Ehrfurcht " 1 ), und besonders gewann er von ihm auch viele Belehrung über die romanische Sprache. Diese Eigentümlichkeit des rätischen Landes zog Coxe in hohem Grade an, und er widmete der Frage einen ganzen langen Brief, in den er auch Sprachproben einrückte. Ganz genau unterschied er dabei die zwei Hauptdialekte, des Oberlandes und des Engadins.
Die aufrichtige Teilnahme, die Coxe Pfarrer a Porta zuwandte, führte ihn auch auf die Beobachtung, daß die Bündner reformierten Geistlichen auf eine sehr geringe Pfründe angewiesen seien: „ Ich habe im Unterengadin verschiedene Geistliche bemerkt, die selbst mit dem Einsammeln ihres Korns beschäftigt waren ". Aber während im ganzen aus den angeführten Ursachen des armseligen Einkommens die Kandidaten des Predigtamts äußerst unwissend seien, fand der Reisende zwei oder drei sehr ehrenvolle Ausnahmen, von Herrn a Porta noch ganz abgesehen. Als er durch Bevers ritt, lud ihn der Pfarrer in sein Haus ein und zeigte ihm seine Bibliothek, neben Büchern in romanischer Sprache auch einige englische Werke.
Wie bei seinen Besuchen in der Schweiz, machte Coxe in Graubünden ebenfalls die angenehme Erfahrung gastfreundlichen Empfanges. Der Podestà Planta in Morbegno im Veltlin empfahl ihn zuerst an seinen Onkel in Zernez, wo Coxe nicht im Wirtshaus bleiben durfte, sondern seine Wohnung bei Herrn Planta nahm. Aber ebenso fand dann der Reisende in Morbegno wieder bei dem Podestà gastfreie Aufnahme, und es war ihm eine aufrichtige Freude, von allen Seiten zu vernehmen, daß dieser Ortsvorsteher zu den wenigen gehöre, die in diesem Lande der Erpressungen nach Grundsätzen der Ehre und Rechtschaffenheit handelten. Auch ein Nonnenkloster im Veltlin, bei Sondrio, öffnete sich nach einer höflichen Einladung der Äbtissin für Coxe, und der Engländer fühlte sich angenehm berührt, daß die geistlichen Frauen in ihren ungezwungenen Fragen sich auch nach seinem Heimatlande erkundigten; besonders machte eine schöne junge Nonne, die nach einer unglücklichen Liebe den Schleier genommen hatte, einen lebhaften Eindruck auf ihn.
Anschauliche Schilderungen bieten die Briefe selbstverständlich in Bezug auf die landschaftlichen Reize des von dem Reisenden nahezu in allen Teilen betretenen Gebietes. Schon vor der Erreichung der bündnerischen Grenze konnte er das nur von drei Soldaten bewachte mailändische Fort Fuentes besichtigen, froh, den aus den umgebenden Sümpfen aufsteigenden pestilenzialischen Dünsten rasch entfliehen zu können. Dann aber strebte er gleich nach dem Engadin, das er in seiner ganzen Länge kennen lernte. Er war überrascht, alsbald von der Grenze des Tales an am Maloja eine vortreffliche Landstraße vorzufinden, die dann allerdings, wo Unter- engadin begann, ein plötzliches Ende fand, wie er meinte, weil Intriguen der Bürger von Chur sich der Durchführung der Straßenverbesserung entgegengesetzt hatten. Überhaupt stellt Coxe das untere Tal weit unter Oberengadin: „ Die Einwohner von Oberengadin sind aufgeklärter, wohlhabender, höflicher als ihre Nachbarn; unedle Vorurteile und kleine Bestechungen haben also weit weniger Einfluß auf sie ". Er glaubte diesen Unterschied darauf zurückführen zu können, daß die Oberengadiner viel mehr auswanderten, auf diese Weise mit Fremden in Umgang kamen und dann beträchtliche Einnahmen in die Heimat mit zurückbrachten. Von Davos, das durch seine Fruchtbarkeit und zahlreiche Ansiedelungen das Wohlgefallen des Reisenden erweckt hatte, stieg er über einen äußerst steilen und rauhen Abhang, so daß das Pferd verlassen werden mußte, nach Klosters hinunter und nahm dann den weitern Weg durch das Prättigau: „ Seit geraumer Zeit habe ich keinen angenehmem, fruchtbarem und volksreichern Strich Landes gesehen ". Von Maienfeld wurde dann auch noch das Bad Pfävers besucht, und Coxe macht eine schauerliche Darstellung von seinem hinter den „ nicht nur bequemen, sondern prächtigen Badegebäuden " angetretenen Gang nach der Quelle; er schreibt: „ Der Gang durch diese Spalte ist ganz schrecklich und mein Kopf schwindelt beinahe bei der bloßen Erzählung !" Die Wirksamkeit des Bades schlägt er sehr hoch an und ist der „ gemeinen Meinung ", daß das Wasser ein wenig Gold enthalten müsse. Im Gegensatz zu dieser schreckensvollen Erinnerung an die Pfäverser Schlucht fühlte sich der Reisende in der Via Mala angenehm enttäuscht: „ Verschiedentlich sind so schreckliche Beschreibungen von dieser Straße gegeben worden, daß ich glaubte, es müsse der schlimmste Weg sein, den ich bisher auf meinen Reisen angetroffen. Vielleicht mag die besondere Dunkelheit des Tals, durch welches die Straße läuft, mit beigetragen haben, Leute, die an Alpengegenden nicht gewohnt sind, auf solche fürchterliche Vorstellungen zu bringen ".
Der Geschichtskundige zeigte das größte Verständnis für die politische Entwicklung des von ihm bereisten Landes. Allein für dessen zahlreiche Kunstdenkmäler des Mittelalters hatte er kein Verständnis. Er urteilt über die Churer Domkirche: „ In der bischöflichen Kirche sah ich keinen Gegenstand der Neugier ". Dagegen hatte er doch bei seiner frühem Reise für die gerade zu jener Zeit neu erstellte St. Ursuskirche zu Solothurn: „ Sie ist ein edles Gebäudeeine eingehendere, sehr anerkennende Schilderung übrig. Immerhin darf andrerseits auch wieder gesagt werden, daß er dort bei Basel den Satz einschob: „ Der Dom ist ein schönes gothisches Gebäude, aber durch eine Sudelei von rosenfarbenem Anstrich über und über abscheulich verunstaltet ".
Der englische Reisende hat dem Lande, das er so vielfach durchstreift und beschrieben hat, aufrichtig freundschaftliche Gesinnung entgegengebracht, und an einer Stelle gab er ihr zusammenfassend noch einen besondern Ausdruck: „ Kein Teil von Europa faßt in dem nämlichen Umfang so viele unabhängige Gesellschaften und so viele verschiedene Regierungsformen, als man in diesem merkwürdigen und reizenden Lande findet. Dennoch ward der helvetische Bund mit so viel Weisheit gegründet, und die spätern Eidgenossen hatten so wenig Eroberungssucht, daß seit der vollkommenen Befestigung ihrer allgemeinen Vereinigung sie kaum je einmal - Gelegenheit hatten, ihre Waffen gegen einen auswärtigen Feind zu kehren, und sehr bald alle Gährungen unter ihnen selbst glücklich wieder unterdrückten. Vielleicht hat weder die alte noch die neue Geschichte ein Beispiel von einem kriegerischen Volk, das in kleine unabhängige Freistaaten eingeteilt ist, die hart zusammengrenzen und also natürlich in ihren Interessen gelegentlich kollidieren müssen, und das durch so lange Zeit eine fast ununterbrochene Ruhe genossen hat. Allgemeine Einfalt der Sitten, ungezwungene Offenherzigkeit und den unbezwungenen Geist der Freiheit kann man mit Grund als Eigenschaften annehmen, welche den Nationalcharakter der Schweizer adeln und unter den europäischen Völkern rühmlich auszeichnen ".