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SWI swissinfo.ch: UNO-Generalsekretär Antonio Guterres hat gesagt, der Klimawandel mache die Erde “unbewohnbar”. Wie sehen Sie die Zukunft?
Philippe Conus: Ich bin ziemlich besorgt. Ich bin nicht vom Weltuntergang besessen, aber ich habe ein Gefühl der Sorge, in gewisser Weise sogar der Angst.
Was das Klima betrifft, so geschieht genau das, was die Fachleute des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaveränderung (IPCC ) vor mehr als 30 Jahren vorausgesagt haben.
Wie fast 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung mache auch ich mir Sorgen über das, was geschieht. Dürreperioden, Rekordtemperaturen und nie dagewesene Überschwemmungen sind allgegenwärtig. Wann werden diese Sorgen problematisch?
Besorgnis ist eine normale Reaktion auf ein Problem, das schwerwiegende Folgen haben kann. Das Gleiche gilt für die Angst, also die Furcht vor etwas, das noch nicht eingetreten ist. Es ist eine Gefühlsform, ähnlich der Traurigkeit.
Problematisch wird es, wenn dieser Zustand den Alltag, die sozialen Beziehungen, das Studium oder die Arbeit beeinträchtigt. Manche Menschen, die sich besonders um das Klima Sorgen machen, können nicht schlafen, haben ständig Angst, können nicht mehr zur Arbeit gehen und versinken in Verzweiflung.
Wie kann man Klimaangst definieren?
Es gibt keine offizielle Definition, und es handelt sich nicht um eine Krankheit. Es ist ein Gefühl der Angst vor den zukünftigen Folgen des Klimawandels.
Verstärkt wird dies durch ein Gefühl der Hilflosigkeit: Die Betroffenen fühlen sich gleichzeitig schuldig an der Situation, als Opfer der Unbeweglichkeit der Politik und machtlos gegenüber dem Problem.
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die psychische Gesundheit?
Die Auswirkungen beschränken sich nicht auf Klimaangst. Da sind zunächst die direkten Auswirkungen: Menschen, die von einer zerstörerischen Naturkatastrophe betroffen sind, können Depressionen oder posttraumatischen Stress entwickeln.
Hinzu kommen die allmählichen Auswirkungen, die mit dem langsamen Fortschreiten der Folgen des Klimawandels verbunden sind: Abnahme der Bodenfruchtbarkeit, Anstieg des Meeresspiegels, Fischsterben.
Menschen, die beruflich oder für ihren Lebensunterhalt von der Umwelt abhängig sind, entwickeln Angstzustände und Depressionen, die Suizidrate nimmt zu.
Indirekte Auswirkungen sind hingegen die Klimaangst oder die Solastalgie, das heisst, die emotionale Belastung, die man empfindet, wenn man feststellt, dass sich die Umwelt, in der man aufgewachsen ist, aufgrund des Klimas oder der Umweltverschmutzung negativ verändert hat.
Entwickeln nur Menschen Störungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, die psychische Vorerkrankungen haben?
Menschen mit psychischen Störungen sind anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels.
Dies hat sowohl krankheitsbedingte als auch soziale Ursachen – psychisch Kranke sind im Durchschnitt ärmer als die Allgemeinheit und haben weniger Möglichkeiten, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.
Bei Menschen mit bipolarer Störung führen Schlafstörungen während Hitzewellen zu einer Zunahme von Krisenphasen.
Klimaangst kann bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein, je nachdem, wie der Klimawandel wahrgenommen wird. Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hängen von den Abwehrmechanismen, der Lebensgeschichte und möglichen Traumata ab.
Gemäss der grössten internationalen Studie über Klimaangst und Jugend, die 2021 veröffentlicht wurde, gaben fast 60 Prozent der Befragten an, sie seien “sehr besorgt” über die Folgen des Klimawandels, und mehr als 50 Prozent sagten, sie empfänden Traurigkeit, Wut, Hilflosigkeit und Schuld. Wie ist die Situation in der Schweiz?
Die Zahlen in der Schweiz stimmen mit der internationalen Studie überein, sie sind vielleicht sogar etwas höher.
Im Jahr 2022 haben wir an der Universität Lausanne eine Umfrage unter rund 2000 Studierenden durchgeführt: 85% gaben an, sich wegen des Klimawandels “unwohl” zu fühlen, 65% sogar “sehr unwohl”. 53% gaben an, in dieser Welt keine Kinder haben zu wollen.
Welche Therapie würden Sie jemandem empfehlen, der unter Eco Anxiety leidet?
Eine standardisierte Therapie gibt es nicht. Die Diagnose Klimaangst ist in den internationalen Krankheitsklassifikationen nicht anerkannt.
Zunächst einmal würde ich sagen, dass es normal ist, Angst zu haben. Es handelt sich nicht um eine Krankheit oder einen Zustand des Verrücktwerdens, und es gibt tatsächlich gute Gründe, ängstlich zu sein. Der Ansatz ist derselbe wie bei traumatisierten oder sexuell missbrauchten Menschen.
Denjenigen, die sich wegen des Klimas Sorgen machen, sei gesagt, dass man nicht die gesamte Freizeit negative Nachrichten im Internet oder in der Zeitung lesen sollte.
Es ist wichtig, mit der Natur in Kontakt zu bleiben und wieder Bodenhaftung zu bekommen. Denn auch wenn sie bedroht ist, gibt es die Artenvielfalt und die Natur noch.
Ich würde auch empfehlen, aktiv zu werden, sich zum Beispiel in Vereinen oder in der Politik zu engagieren. Das gibt einem das Gefühl, die Situation wieder in den Griff zu bekommen.
In schwereren Fällen können psychotherapeutische Ansätze oder sogar die Verschreibung von Anxiolytika oder gegebenenfalls Antidepressiva in Betracht gezogen werden.
Im Juli organisierten Sie in Lausanne die jährliche Konferenz der World Association for Early Intervention in Mental HealthExterner Link. Wurde dort auch über Klimaangst diskutiert?
Von den rund 500 wissenschaftlichen Postern hatten nur etwa zehn einen Bezug zu Klima und Umwelt. In meiner Rede wollte ich darauf aufmerksam machen, dass der Klimawandel zu psychischen Störungen führen kann.
Das ist ein ernstes Problem, das noch nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient. Wir müssen es unverzüglich angehen.
Aber wie?
Die negativen Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit müssen weltweit anerkannt werden. Medizinisches und Pflegepersonal muss im Umgang mit Klimaangst geschult werden, um angemessen auf Menschen reagieren zu können, die darunter leiden.
Die Rolle der Gesundheitsberufe und der Wissenschaft besteht auch darin, sich aktiv einzubringen und die Aufmerksamkeit der Politik auf dieses oft verharmloste Problem zu lenken.
Unsere Gesundheitssysteme stehen bereits kurz vor dem Zusammenbruch und werden nicht in der Lage sein, die enormen gesundheitlichen Folgen des Klimawandels zu bewältigen.
Die Bekämpfung des Klimawandels ist die beste frühzeitige und präventive Massnahme, um eine Epidemie klimabedingter psychischer Gesundheitsprobleme zu verhindern.