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Bis ins 19. Jh. war die L. sowohl bezüglich der Zahl der darin beschäftigten Personen (weit über 80%, Bauern) wie auch aufgrund des Anteils am Bruttosozialprodukt der mit Abstand wichtigste wirtschaftl. Sektor, der auch die Ländliche Gesellschaft wesentlich prägte. Wichtige Faktoren für die L., die gerade in der Schweiz in vergleichsweise kleinen geogr. Räumen sehr unterschiedlich ausgestaltet sein konnte, waren die naturräuml. Voraussetzungen (Klima), die Entwicklung der Bevölkerung und die Agrarverfassung.
Wohl um 5500 v.Chr. begann in der Schweiz die Umstellung auf die neolith. Wirtschaftsform (Neolithikum), deren wesentl. Bestandteil die L. war. Aufgrund der uneinheitl. archäolog. Dokumentation lässt sich der Übergang von den letzten Jäger- und Sammlergesellschaften (aneignende Wirtschaftsweise) zu den ersten neolith. Bauerngesellschaften (produzierende Wirtschaftsweise) nicht in eine allgemeingültige Theorie fassen. Gesichert scheint lediglich, dass beide Gesellschaftsformen nebeneinander bestanden haben; ihr Lebensraum waren vom Menschen noch wenig beeinflusste Wälder, in denen die Laubbäume vorherrschten. In der Gegend von Basel und Zürich sind Rodungen, der Anbau von Nahrungspflanzen wie Emmer, Einkorn und Erbsen sowie Textilpflanzen wie Lein und Mohn ab dem Altneolithikum (ca. 5500-4900 v.Chr.) belegt. Im Wallis und Tessin setzte sich vermutlich rasch eine weit entwickelte neolith. Wirtschaft durch. Ackerbau und Viehwirtschaft sowie die Herstellung von geschliffenen Steinwerkzeugen, von Keramik und Mahlsteinen waren an den altneolith. Stätten direkt miteinander verbunden.
Im Mittelneolithikum (ca. 4900-3200 v.Chr.), als die Ufersiedlungen aufkamen, intensivierten sich Bodennutzung und -erschliessung in dem Masse, wie die Bevölkerung wuchs. Auf den Feldern wurden wahrscheinlich mehrere Jahre hintereinander versch. Getreidearten angebaut (im Mittelland war Weizen die Hauptfrucht), worauf jeweils eine längere Brache folgte. Auf dem Brachland wuchs rasch ein Sekundärwald hauptsächlich mit Haselsträuchern und Birken nach, der die Menschen mit Nutz- und Brennholz sowie diversen Früchten wie Haselnüssen und Äpfeln versorgte (Sammelwirtschaft). Diese an die noch vorherrschende Waldlandschaft (Buchen- und Tannenwald) gut angepasste Anbaumethode ermöglichte eine ausreichende Bodenregeneration. Das Kulturland, welches dem Bedarf entsprechend vermutlich durch Brandrodung neu erschlossen wurde, hatte zunächst noch bescheidene Ausmasse. Im Jung- und Endneolithikum (ca. 3200-2200 v.Chr.) dehnte es sich allmählich weiter aus. Die Brache verkürzte sich, und in der Umgebung der Dörfer wurden grössere Bodenflächen bestellt. Die Intensivierung der L. verlief wohl parallel zum Bevölkerungswachstum, das für diesen Zeitraum angenommen wird.
In der Bronzezeit (ca. 2200 bis 750-700 v.Chr.) kam die Gestaltung der Kulturlandschaft durch die Bauern zu einem vorläufigen Abschluss. Bereits in der späten Bronzezeit glich sie im Mittelland, z.B. im Bodenseeraum, derjenigen des MA, in der Wiesen und bestellte Felder an bewirtschaftete Waldparzellen grenzten. Die ersten Rodungsspuren im Jura stammen aus der mittleren und späten Bronzezeit. Gerste wurde zur wichtigsten Getreideart, gefolgt von Dinkel. Der Anbau von Hirse kam auf, und die Hülsenfrüchte (Ackerbohne, Linse, Erbse) gewannen an Bedeutung. Lein und Mohn wurden weiterhin angebaut, neu dazu kam der Leindotter. Die äusserst zahlreich belegten Wiesen- und Weidepflanzen lassen auf eine Ausweitung des Grünlandes spätestens in der ausgehenden Bronzezeit schliessen. In den Alpentälern verstärkte sich der Einfluss des Menschen auf die waldnahen Bereiche, doch über die Sömmerung des Viehs vor dem MA ist nichts bekannt. Während der gesamten Bronzezeit herrschte eine agropastorale Produktionsweise vor. Auf dem Ackerland wurden die mehrjährigen Fruchtfolgen von eher kurzen Brachperioden unterbrochen, während denen das Land wahrscheinlich beweidet wurde. Der Boden wurde, wie in den Felsbildern im Val Camonica dargestellt, mit einem von Ochsen gezogenen Hakenpflug bearbeitet (Pflug). Seit dieser Zeit finden sich hinreichend Belege für Sommerfrüchte (Hirse und Hülsenfrüchte) und Winterfrüchte (Dinkel). Letztere hatten den Vorteil, dass sie früh reiften und ertragreicher waren als das Sommergetreide.
Der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit (Hallstattzeit, Latènezeit), der auf ca. 800-750 v.Chr. anzusetzen ist, fiel mit einer rund hundert Jahre anhaltenden Klimaverschlechterung zusammen. In der Eisenzeit (bis ca. 50 v.Chr.) nahmen die Rodungen zu. Die Ausbreitung der Eiche und Buche war wohl eine Folge davon, dass diese Bäume nun wegen ihrer Früchte, der Eicheln und Bucheckern, genutzt wurden. Die neu hinzugekommene Hainbuche lieferte das Holz für die Metallbearbeitung. Das Spektrum der Kulturpflanzen unterschied sich -- abgesehen vom neu angebauten Hafer -- kaum von dem der Bronzezeit. Die bedeutendsten Neuerungen sind bei der landwirtschaftl. Technik auszumachen. Das Eisenhandwerk brachte eine Diversifizierung der Arbeitsgeräte und eine Verbesserung der Hakenpflüge mit sich. Der Wechsel der Getreidekulturen mit dazwischengeschalteten kurzen Brachen ist weiterhin belegt. Auch Dünger dürfte verwendet worden sein. Bei der Bewirtschaftung des Grünlands ging man von einer extensiven Nutzung der Waldweiden zu Wiesen über, die gemäht und beweidet wurden. Die Heugewinnung steht im Zusammenhang mit der aufkommenden Stallhaltung des Viehs in Wohnstallhäusern. Bekanntlich exportierten die Helvetier neben Käse und Vieh auch Getreide, woraus sich schliessen lässt, dass ihre landwirtschaftl. Tätigkeit nicht mehr ausschliesslich der Selbstversorgung diente.
Die wichtigste agrar. Innovation der Römerzeit (50 v.Chr. bis 400 n.Chr.) war die Verbreitung neuer Kulturpflanzen: Nussbäume und Kastanien (beide erschienen gleichzeitig), Hanf, Roggen (noch selten) und wahrscheinlich Reben (Weinbau). Abgesehen von der Ausdehnung des Ackerlands, der Wiesen, Weiden und Waldweiden ist zwischen der Eisenzeit und der röm. Epoche kein wirkl. Bruch in der Vegetationsentwicklung festzustellen, was auf eine Fortdauer der agropastoralen Produktion schliessen lässt. Im Mittelland bildete Dinkel das Hauptgetreide. Es wurden vielerlei Textil- und Ölpflanzen angebaut: Lein, Hanf, Mohn und Leindotter. In Gärten und Baumgärten in der Nähe des Wohnbereichs (Römischer Gutshof) wurden Gemüse, Gewürze, Arzneipflanzen und Obstbäume, darunter der neu eingeführte Pfirsichbaum, angepflanzt. Eine grössere Veränderung der Vegetationsdecke trat nachweislich erst ab 1000 n.Chr. ein, was für die Kontinuität der landwirtschaftl. Entwicklung zwischen Römerzeit und FrühMA spricht.
Autorin/Autor: Anne-Marie Rachoud-Schneider / EM
Zur frühma. L. sind noch viele Fragen offen, da die von der Grundherrschaft schwach erfassten Bereiche der L. in den schriftl. Quellen kaum erscheinen und für den ländl. Raum auch erst wenige Resultate der MA-Archäologie vorliegen. Verschiedenenorts sind Hinweise auf bäuerl. Siedlungsbildungen im Bereich ehem. röm. Gutshöfe vorhanden (z.B. Munzach, Dietikon, Vicques). Nach gängiger Lehrmeinung kam der Viehwirtschaft im Vergleich zum HochMA eine grössere Bedeutung zu, was sich z.B. in der differenzierten Terminologie der Rechtsquellen zu Hausrind und Schwein äussert. Trotzdem ist für diese Zeit noch nicht von spezialisierten Viehhöfen (Schweighöfe), sondern vielmehr von gemischtwirtschaftl. Betrieben auszugehen, in deren unmittelbarer Umgebung ein extensiver, individuell organisierter Ackerbau betrieben wurde. Dass v.a. geistl. Grundherren die L. in ihrem Herrschaftsbereich im FrühMA nach dem System des Fronhofs organisierten, ist zum einen aus den wenigen zeitgenöss. Urkunden (z.B. des Klosters St. Gallen), zum anderen aus Überresten in hoch- und spätma. Quellen zu erschliessen.
Vom 9. bis 12. Jh. wurde im Zuge des Bevölkerungswachstums immer mehr Kulturland für den Ackerbau erschlossen. Inwieweit die Viehhaltung mit dieser Entwicklung Schritt hielt, d.h., ob sie in gleichem Mass ausgedehnt wurde, ist in der Forschung umstritten -- nicht zuletzt aufgrund der für wirtschaftsgeschichtl. Fragestellungen äusserst dürftigen Quellenlage. Seinen Höhepunkt erreichte der Landesausbau im HochMA, insbesondere im 12. bis 13. Jh.: Um die wachsende Bevölkerung ernähren zu können, wurde im schweiz. Mittelland der Getreidebau intensiviert, einerseits indem Weide- in Anbauflächen umgewandelt und die Haltung v.a. von Kleinvieh wie Ziegen oder Schafen entsprechend reduziert wurde, andererseits indem die so erschlossenen Böden durch den Übergang zur kommunal organisierten Dreizelgenwirtschaft (Dorf, Zelgensysteme) besser genutzt und mit technolog. Verbesserungen wie der Einführung des Beetpflugs die Ackererträge gesteigert wurden. Von dieser Entwicklung nicht betroffen waren Regionen mit ackerbaul. Grenzböden, wie die höher gelegenen Teile der Voralpen und Alpen. Hier, v.a. im nördl. Voralpenraum, spezialisierte sich die L. vom 14. Jh. an zunehmend auf Viehwirtschaft. Getragen wurde diese Entwicklung, zumindest in Teilen der Innerschweiz, von neuen, viehbäuerl. Führungsgruppen, die sich immer stärker an der Nachfrage der städt. Märkte v.a. Oberitaliens orientierten (Viehhandel). Die Spezialisierung innerhalb der spätma. L. bedingte eine stärkere Marktorientierung der bäuerl. Produzenten, nicht nur für den Absatz, sondern auch zur Deckung des Eigenbedarfs (Agrarmarkt). Sie förderte eine teils klein-, teils grossräumige landwirtschaftl. Regionalisierung, wie sie z.B. im Umland von St. Gallen mit dem St. Galler Rheintal (Rebbau), dem Appenzellerland (Viehwirtschaft) und dem östl. Mittelland (Getreidebau) nachgezeichnet werden konnte. Ergebnis dieses Auseinandergehens waren schliesslich die arbeitsteilig produzierenden Agrarzonen.
Grossen Einfluss auf diese Entwicklung der L. hatten spätestens vom 13. Jh. an die aufblühenden Städte. Herrschte bis dahin die Subsistenzwirtschaft vor, so verkaufte vorerst eine bäuerl. Oberschicht ihre Überschüsse vermehrt auf städt. Märkten. Gezielte Investitionen städt. Bürger liessen rings um die Städte Sonderkulturgürtel entstehen, in denen leicht absetzbare Produkte wie Wein, Fleisch, Gemüse, Obst, Flachs, Hanf und Färbepflanzen produziert wurden (Stadt-Land-Beziehungen). Begünstigt haben die angesprochene Dynamik der L. im SpätMA auch die unter dem Stichwort Krise des Spätmittelalters zusammengefassten Prozesse, namentlich die Mobilisierung der landwirtschaftlichen Besitzstrukturen infolge der demograf. Entwicklung, die unterschiedl. Preisbewegungen agrar. Produkte sowie die Ökonomisierung und Neuausrichtung der Abhängigkeiten und Beziehungen.
Autorin/Autor: Martin Leonhard
Trotz der im späteren 16. Jh. einsetzenden Protoindustrialisierung blieb der Agrarsektor über die gesamte frühe Neuzeit der bei weitem wichtigste Zweig der schweiz. Wirtschaft. Obwohl statist. Daten von hinreichender Qualität fehlen, gilt dies für alle relevanten Grössen: den Kapitalstock, Investitionen, Quantität und Wert der Produktion und schliesslich auch für die Anzahl der in der L. Beschäftigten. Die übergrosse Mehrheit der Bevölkerung lebte in und von der L., die bis ins 19. Jh. weitgehend auf den regional verfügbaren Ressourcen basierte.
Der Agrarsektor trug demnach auch wesentlich zur Finanzierung des öffentl. Haushalts bei. V.a. im "Kornland" war die L. mit der Dreizelgenwirtschaft und den Feudallasten in hohem Ausmass in die Herrschaftsbeziehungen zwischen städt. Obrigkeiten und ländl. Untertanen eingebunden. Im "Hirtenland", und im 18. Jh. auch in gewissen Gebieten des höheren Mittellandes (z.B. Zürcher Oberland), waren wirtschaftl.-soziale und herrschaftl. Beziehungen indirekter und lockerer miteinander verflochten.
Von grosser Bedeutung waren auch für die frühneuzeitl. Agrargesellschaft die kommunalen Rechts- und Normensysteme, die je nach Agrarzone eine grosse Vielfalt aufwiesen. Dazu gehörten die Organisation des Alltags der landwirtschaftl. Produktion, besonders Absprachen im Bereich kollektiver Nutzungen, ferner die Regelung des Zugangs zur Allmend, die Handhabung der Gütertransfers im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung, aber auch die Bürgerrechtspolitik, die innergemeindl. Versorgungspolitik und der Umgang mit den sozialen Gegensätzen innerhalb der Gemeinden. Dies alles spielte sich in einer Gesellschaft ab, die ganz wesentlich auf rechtl., polit. und sozialer Ungleichheit basierte.
Mit Ausnahme des stark exportorientierten "Hirtenlandes" war die frühneuzeitl. L. in der Schweiz primär an der Selbstversorgung und nur sekundär an regionalen, selten an überregionalen Märkten orientiert. Die Produktion für den Agrarmarkt war zudem meistens der wirtschaftl. Elite der ländl. Produzenten vorbehalten. Von Hochkonjunkturen im Agrarbereich, wie etwa dem Aufschwung während des Dreissigjährigen Kriegs (Exporte in die süddt. Kriegsgebiete), profitierten in erster Linie die Grossbauern. Die Mehrheit der ländl. Bevölkerung partizipierte nur marginal, z.B. als Kleinhändler, am regionalen Agrarmarkt und war für ihren Unterhalt (Nahrungsmittel und Verdienst) von der Elite der ländl. Produzenten abhängig. Während bei der ländl. Oberschicht die Ausrichtung am familienwirtschaftl. Ziel der Selbstversorgung mit Marktorientierung verbunden war, beruhte für die Mehrheit der ländl. Bevölkerung, d.h. für die Mittel- und Unterschicht, die Erreichung des Subsistenzziels auf der Verbindung der eigenen landwirtschaftl. (Klein-)Produktion mit Zusatzeinkommen unterschiedlichster Art aus Kleinhandel, Teilzeitarbeit von Frauen und Männern in Handwerk, Gewerbe oder L. (Taglöhner).
Eine grosse Herausforderung für die L. stellte das erhebl. und im europ. Vergleich überdurchschnittl. Wachstum der Bevölkerung dar, die sich 1500-1700 verdoppelte, bis 1800 fast verdreifachte. V.a. zu Beginn der frühen Neuzeit wurde zur Steigerung der Agrarproduktion viel Neuland erschlossen und bestehendes Kulturland intensiver genutzt. Bereits im ausgehenden 16. Jh. wurde am südl. Rand des Mittellands die dörfl. Zelgenwirtschaft durch eine getreideintensive Feldgraswirtschaft ergänzt, z.T. auch verdrängt. Typ. Begleiterscheinung dieser Intensivierung waren in der 2. Hälfte des 16. Jh. vermehrte Nutzungskonflikte. Zwar vermochte die Getreideproduktion in vielen Ackerbauregionen langfristig mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten -- in Luzerner Getreidebaugebieten verdreifachten sich z.B. 1500-1700 die Zehnterträge. Regionen mit vorwiegender Viehwirtschaft und Protoindustrie waren jedoch auf Getreideeinfuhren angewiesen, z.B. aus Süddeutschland oder dem Piemont. Begleiterscheinungen des starken Bevölkerungswachstums waren fortgesetzte Güterteilungen verbunden mit einer relativen Zunahme der unterbäuerl. ländl. Bevölkerung (Tauner), wiederholte Hungersnöte, Verarmung, steigende Bodenpreise und eine wachsende Agrarverschuldung.
Im Gegensatz zur Ausdehnung der Gutswirtschaft in anderen Teilen Europas stützte sich die frühneuzeitl. L. in der Schweiz weiterhin auf die bäuerl. Familienbetriebe. Mit der Ausbreitung der Heimarbeit im 18. Jh. wurden zusätzl., neuartige Verdienstmöglichkeiten geschaffen, die v.a. den Fam. der ländl. Unterschicht zugute kamen. Insbesondere die Kombination von Kleinlandwirtschaft und heimindustrieller Arbeit bot bei Ausnutzung aller familieninternen Arbeitskräfte neue Möglichkeiten für Existenzgründungen.
Während die grossen Veränderungen der L. des "Hirtenlandes" bereits im MA stattgefunden hatten, markiert die 2. Hälfte des 18. Jh. den Beginn grundlegender Veränderungen im gesamten "Kornland". Namentlich die erneute Einschlagsbewegung, die Einführung der Kartoffel, die Auflösung von Allmenden, die Bepflanzung der Brache und die Einführung der Sommerstallfütterung führten je nach Gegend in unterschiedl. Mass zur Aufweichung der traditionellen Agrarverfassung. Der Übergang von der frühneuzeitl. zur modernen L. vollzog sich zwischen 1750 und 1850 als diskontinuierl. Prozess, der nicht in chronolog., wohl aber in qualitativer Hinsicht als Agrarrevolution bezeichnet werden kann. Das Alte verblasste langsam, das Neue wuchs allmählich und uneinheitlich heran, alte und neue Bodennutzungssysteme existierten gerade im kommunalen Rahmen noch lange nebeneinander. Die grundlegenden Entwicklungen standen um 1800 erst am Anfang, waren aber unumkehrbar geworden.
Autorin/Autor: Albert Schnyder
Das 19. Jh. brachte für die schweiz. L. tiefgreifende Veränderungen. In der bereits durchlöcherten Dreizelgenwirtschaft des Kornlandes war um 1850 die erste Agrarrevolution vollendet, wobei sich die prakt. Aufhebung des Flurzwangs z.T. bis in die 2. Hälfte des 19. Jh. hinzog. Verbesserungen in der Fruchtwechselwirtschaft,sowie der Düngung, die Aufhebung der Brache und die einsetzende Mechanisierung steigerten Ertrag und Produktivität. Vieh- und Milchwirtschaft breiteten sich im Voralpengebiet aus, Käsereien auch im Flachland, zuerst in der Westschweiz. Die L. wurde zunehmend zum spezialisierten Sektor für die Nahrungsmittelproduktion in der sich entwickelnden Industriegesellschaft, von den anderen wirtschaftl. Sektoren deutlicher geschieden als bisher, gleichzeitig durch vor- und nachgelagerte Gewerbe und Industrien sowie den Markt in die Volkswirtschaft integriert.
Mit dem industriellen Wachstum wurde die L., trotz oder gerade wegen ihrer Produktivitätsfortschritte, zum schrumpfenden Sektor: Die Zahl der Beschäftigten, die 1860 etwa 0,5 Mio. ausmachte, begann ab 1880 langsam zurückzugehen. Bis 1960 war sie auf die Hälfte gesunken, und in den folgenden 20 Jahren halbierte sie sich erneut. Der Anteil der L. an der Gesamtzahl der Beschäftigten, den man für 1800 auf 60% und 1850 auf 50% schätzt, ging seit 1900 von 31% über 19,5% (1950) auf etwa 4% (2000) zurück (seit 1950 inklusive Teilzeitarbeit). Dank enormer Ertrags- und Produktivitätssteigerungen, v.a. seit den 1950er Jahren, konnte die Produktion dennoch dem Bevölkerungswachstum und den gestiegenen Ansprüchen an die Ernährung folgen, ja den Selbstversorgungsanteil des Landes sogar steigern. Die Bruttowertschöpfung des 1. Sektors stieg von jährlich ca. 0,5 Mrd. Fr. in den 1880er Jahren auf über 10 Mrd. Fr. in den 1990er Jahren, wobei ihr Anteil an der gesamtschweiz. Wertschöpfung im gleichen Zeitraum von rund 30% auf ca. 3% sank. Allerdings ist das relative wirtschaftl. Gewicht der Agrarproduktion nicht allein an den Beschäftigten und an der Wertschöpfung der L. ablesbar, denn die mit der Agrarproduktion verbundenen vor- und nachgelagerten Bereiche haben im 20. Jh. eine zunehmende Rolle gespielt.
|Betriebsgrösse||1905||1929||1939||1955||1965||1975||1980||1985||1990||2000|
|0-5 haa||Betriebe||146 452||142 306||137 359||109 425||74 799||57 509||52 665||50 083||41 093||13 764|
|Kulturfläche in ha||310 193||263 326||229 121||173 158||112 828||75 292||66 566||59 714||53 208||31 545|
|5-10 ha||Betriebe||55 467||57 236||59 044||53 267||39 954||24 580||20 158||17 489||15 543||13 149|
|Kulturfläche in ha||335 968||351 081||361 707||335 437||258 184||158 205||130 894||113 467||101 497||99 056|
|10-15 ha||Betriebe||19 763||21 130||23 911||24 925||25 503||22 395||20 455||18 669||16 852||13 812|
|Kulturfläche in ha||196 049||210 212||242 137||257 004||270 025||239 082||219 797||200 903||182 504||171 817|
|15-30 ha||Betriebe||14 744||13 885||15 492||15 891||18 907||24 133||26 406||27 201||27 928||22 846|
|Kulturfläche in ha||217 722||208 118||244 708||254 788||316 675||415 212||462 108||477 975||493 503||476 172|
|30-50 ha||Betriebe||7 284b||2 427||2 065||1 976||2 552||3 666||4 560||5 212||5 658||5 759|
|Kulturfläche in ha||139 591b||53 774||54 619||54 339||76 873||113 152||141 695||160 990||173 484||212 767|
|>50 ha||Betriebe||1 485||610||513||699||843||1 030||1 077||1 222||1 207|
|Kulturfläche in ha||40 864||33 851||30 203||41 756||50 062||59 948||60 123||67 052||81 137|
|Total Betriebe||243 710||238 469||238 481||205 997||162 414||133 126||125 274||119 731||108 296||70 537|
|Total Kulturfläche in ha||1 199 523||1 127 375||1 166 143||1 104 929||1 076 341||1 051 005||1 081 008||1 073 172||1 071 248||1 072 494|
|Durchschnittliche Betriebsgrösse in ha||4,9||4,7||4,9||5,4||6,6||7,9||8,6||9,0||9,9||15,2|
Nach den Umwälzungen der ersten Agrarrevolution setzte unter dem Druck des sich entwickelnden Weltagrarmarkts (Wegfall des Entfernungsschutzes, sinkende Getreidepreise) in den 1860er Jahren eine zweite Veränderungswelle ein, die v.a. das Mittelland erfasste: die Umstellung vom Getreidebau auf die Milchwirtschaft als zentralen Produktionszweig. Die natürl. Bedingungen waren dafür günstig, der Absatz war durch die wachsende Bevölkerung in der Schweiz und durch die Nachfrage im Ausland gesichert -- seit den 1880er Jahren ging mehr als ein Viertel der Milchproduktion in den Export. Neben neuen Käsereien entstand eine milchverarbeitende Industrie (Kondensmilch, Schokolade). Parallel dazu ging der Ackerbau zurück. Die Ackerfläche, die Mitte des 19. Jh. mit über 500'000 ha noch rund die Hälfte der landwirtschaftl. Nutzfläche beschlagen hatte, schrumpfte auf 200'000 ha vor dem 1. Weltkrieg. Zwar baute noch mehr als die Hälfte der Bauern Getreide an, aber fast nur noch für den Eigenbedarf und als Futtermittel. Auch der Rebbau ging zurück, besonders in der Ostschweiz. Obst- und Gemüsebau lieferten in die Städte und an die nach 1900 aufblühende Konservenindustrie. So entstand eine intensive, durch Bezug (Hilfsstoffe, Landmaschinen) wie durch Absatz stark in den Binnen- und den Weltmarkt integrierte, z.T. mit einer Verarbeitungsindustrie verknüpfte L., in der die Milchwirtschaft dominierte. Fast alle übrigen Zweige waren mit ihr als Nebenproduzenten (Schlachtvieh, Schweine) oder Rohstofflieferanten (Viehzucht, Ackerbau) verbunden. Dennoch blieb der schweiz. Agrarsektor regional vielfältig; der Rebbau hielt sich in der Westschweiz, der Ackerbau v.a. in den Gebieten der "verbesserten Dreifelderwirtschaft" der Nordschweiz.
|um 1885||1911||1931-40||1951-60||1971-80||1986-90||1995-98|
|Getreidebau||7,2||2,6||5,0||6,8||4,9||4,9||8,9|
|Kartoffelbau||4,5||3,7||3,1||3,1||1,9||1,8||2,4|
|Weinbau||9,1||3,3||3,4||3,7||5,3||7,3||6,7|
|Obstbau||9,1||8,1||6,7||5,3||4,8||3,8||4,2|
|Gemüsebau||4,8||7,4||5,1||5,0||3,0||3,4||5,3|
|übrige pflanzl. Produktionszweige||1,2||0,9||0,7||1,3||2,1||2,8||3,6|
|Total Pflanzenbau||35,9||26,0||24,1||25,2||22,1||24,0||31,1|
|Milch/Molkerei||32,5||38,5||35,6||34,6||31,7||33,3||35,7|
|Rindviehmast||17,7||18,2||18,3||17,4||20,7||19,3||12,9|
|Schweine||7,0||10,9||12,5||15,3||19,5||16,9||13,9|
|übrige tier. Produktionszweige||7,0||6,5||9,6||7,4||6,0||6,5||6,5|
|Total Tierproduktion||64,2||74,1||75,9||74,8||77,9||76,0||69,0|
Die Erfahrung der Versorgungsschwierigkeiten im 1. Weltkrieg sowie die Kosten der einseitigen Milchwirtschaft bei rückläufigem Käseexport veranlassten die Behörden in der Zwischenkriegszeit, die Ausdehnung des Getreidebaus auf Kosten der Milchwirtschaft zu fördern, vorerst ohne grossen Erfolg. Erst die Anbauschlacht im 2. Weltkrieg erzwang vorübergehend einen Wandel und verdoppelte die Ackerfläche annähernd auf 350'000 ha. Nach dem Krieg sank diese aber rasch wieder auf 250'000 ha, um erst in den 1980er Jahren unter dem Druck der Milchkontingentierung (seit 1977) wieder 300'000 ha zu überschreiten. Weiterhin kamen drei Viertel des Ertrags aus der Tierproduktion, wobei allerdings die Mast allmählich der Milch den Rang ablief; so übertrafen zeitweise sowohl der Rindvieh- wie auch der Schweinebestand die 2-Mio.-Grenze (Rindvieh: 1866 993'000, 1926 1'587'000; Schweine: 1866 304'000, 1926 876'000).
Herausragende Merkmale der Nachkriegszeit sind der rapide Strukturwandel sowie die enorme Steigerung der Erträge und der Produktivität (Letztere wuchs rascher als in der Industrie), welche einer neuen Agrarrevolution gleichkommen. Diese beruht v.a. auf Zuchterfolgen, einer raschen Motorisierung (1992 erreichte die Zahl der Traktoren diejenige der ständig Beschäftigten) sowie auf einem stark wachsenden Einsatz von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln. Eine Umorientierung der L. hin zu einer stärkeren Marktorientierung und vermehrter Berücksichtigung ökolog. Ziele hat in den 1990er Jahren sowohl in der landwirtschaftl. Praxis als auch in der Agrarpolitik eingesetzt.
Autorin/Autor: Werner Baumann, Peter Moser