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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (21.09.2009)
Gioachino Rossinis «Mosè in Egitto» im Zürcher Opernhaus.
Der Stoff ist bekannt: die Hebräer in ägyptischer Gefangenschaft, Moses, der schreckliche Plagen über das Land heraufbeschwört, um sein Volk zu befreien, am Ende der Zug durch das Rote Meer, das danach die Verfolger verschlingt. Doch die «Azione tragico-sacra», die Gioachino Rossini für das Teatro San Carlo von Neapel geschrieben hat, wo während der Fastenzeit nur Opern nach biblischen Stoffen aufgeführt werden durften, wird heute kaum mehr gespielt. (In der für Paris komponierten Zweitfassung war sie jüngst allerdings bei den Salzburger Festspielen und 2003 im Luzerner Theater zu sehen.)
Gegensätzliche Kulturen
An der Handlung, die Rossini und sein Librettist operngemäss mit einer Liebesgeschichte verknüpft haben – Osiride, der Sohn des Pharao, liebt die Hebräerin Elcìa und hintertreibt die vom Vater mehrmals versprochene Freilassung ihres Volkes, um sich nicht von ihr trennen zu müssen –, am Plot also kann es nicht liegen, dass dieses Werk in Vergessenheit geraten ist. Im Gegenteil, die Verdi-Opern «Nabucco» und «Aida» haben es mit ähnlicher Thematik zu grösster Popularität gebracht. Doch die Eindringlichkeit von Verdis Melodien, die Wucht seiner Chöre sucht man in «Mosè in Egitto» vergeblich. Rossini arbeitet eher – und manchmal ziemlich schematisch – mit dem Zeichenstift als mit dem Pinsel, erzeugt Kontrastwirkungen durch den Wechsel von Dur und Moll, dunklem und hellem Kolorit, rezitativischen Teilen und grossen Ensembles und lässt einzelne Instrumente kunstvoll heraustreten. Bei Paolo Carignani und dem Orchester der Oper Zürich wie auch bei dem von Jürg Hämmerli geleiteten Chor ist diese Partitur in besten Händen, engagiert und in gutem Einvernehmen zwischen Orchester und Bühne wird sie zum Klingen gebracht, wobei aus dem Bemühen um dramatische Zuspitzung öfters eine wenig strukturierte Klangmassierung resultiert.
Die Handlung im Zeichen heutiger Kultur- und Religionskonflikte, Terrorismus- und Existenzängste zu aktualisieren, liegt auf der Hand. Moshe Leiser und Patrice Caurier (Regie) tun es im Verein mit dem Ausstatterteam Christian Fenouillat (Bühne) und Agostino Cavalca (Kostüme) auf ihre Art. Nicht der Nahostkonflikt, sondern der Kulturkonflikt zwischen einer reichen, materialistischen und einer fundamentalistisch religiös orientierten Gesellschaft bildet den Ansatzpunkt ihrer Interpretation. Die Finsternis, die zu Beginn über Ägypten hereinbricht: das ist der Börsencrash; Licht wird, wenn die Bildschirme wieder flimmern und vor den Aktienkursen Plus- statt Minuszeichen stehen.
Politisches, Privates
Der politischen steht die private Handlungsebene gegenüber, und um diese darzustellen, führt uns Fenouillat nicht nur ins Fernseh- und Schlafzimmer Osirides, sondern auch in die Küche des Pharao, wo dieser persönlich das Frühstück für sich und den Sohn zubereitet (der Gattin bleibt der Abwasch). Unspektakulär, doch wirkungsvoll gestaltet sich der Schluss, wenn die Marmorwand auf der Rückseite der Bühne mittels Videoprojektion zu Wasser wird, sich kurz hebt für die Flucht der Hebräer und dann die ägyptischen Verfolger unter sich begräbt. Es sind ausnahmslos klar lesbare, logisch entwickelte Bilder, und die Kostüme der Börsianer, Flüchtlinge, Fundamentalisten, Überfallkommandos, Traumgestalten und Partygäste helfen mit, die unterschiedlichen Milieus zu konkretisieren. Im Ganzen wirkt die Inszenierung aber dennoch eklektisch, wie die Summe von Bildern, die man alle schon allzu oft gesehen hat. Verstärkt wird dieser Eindruck durch eine vielleicht zeichenhaft gemeinte, aber hilflos und stereotyp anmutende Gestik.
Eigencharakter gewinnen vor allem die Figuren, und dies sowohl aufgrund der darstellerischen wie der vokalen Charaktere. Dem eleganten, bei allem Wankelmut machtbewussten, auf Stil bedachten Pharao von Michele Pertusi steht in Erwin Schrott ein junger, unpathetisch kraftvoller Moses gegenüber, dessen Bass jedoch nicht nur grobkörnig und rau, sondern auch mangelhaft fokussiert klingt. Aufgehellt wird die Palette tiefer, dunkler Männerstimmen weniger durch den kühlen, zu Schärfe neigenden Sopran von Eva Meis Elcìa als durch den Tenor von Javier Camarena (Osiride), der zu seiner brillanten Höhe erstaunliche dramatische Kraft hinzu gewonnen hat, ohne seine Agilität und seinen Schmelz einzubüssen. Warm und rund klingt der Sopran von Sen Guo in der Rolle der mit den Hebräern sympathisierenden Pharaonen-Gattin Amaltea, und durch den resonanzreichen Tenor von Reinaldo Macias erhält auch Aronne, der Bruder des Mosè, ausgeprägtes Profil. – So verdienstvoll diese Rossini-Ausgrabung sein mag: Sie erinnert auch daran, dass das biblische Brüderpaar Moses und Aaron noch in einem anderen, epochalen Bühnenwerk nachlebt, Schönbergs «Moses und Aron», und dass dieses seit seiner szenischen Uraufführung 1957 im Zürcher Stadttheater hier nicht mehr gespielt worden ist.