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In seinem Roman «Der Bildverlust» erinnert sich Peter Handke an den traurigen Don Quijote. Er zitiert dessen Erfinder Miguel de Cervantes und gelangt mit dessen Hilfe zu einer romantischen Beweglichkeit von Sprache und Sprachsinn, indem er die Wanderung seiner besonnenen Heldin – einer Wirtschaftsagentin – durch die Sierra de Gredos im Herzen von Spanien beschreibt. Es handelt sich um eine Bildungs- und Entwicklungsreise, wie man sie – wenn man höhergreift – seit den Tagen «Wilhelm Meisters» nicht mehr erfahren hat. Dabei bedient sich Handke, den man nicht von ungefähr einen «Mönch ohne Kloster» nennen kann, eines Sprachstils, der von der Spannung zwischen dem ganz Averbalen – dem Blick – und dem rein Verbalen – den Wörtern – lebt. Diese Spannung prägt seinen Erzählstil. So können zwischen dem «Sprach-Ich» und der Welt verschiedene Beziehungsmuster bestehen: Stummheit, Widerhall, eigenes Erzählen und, als Höhepunkt, etwa im Stadium der «klaräugigen Müdigkeit», jene Welt, die «unter Schweigen, vollkommen wortlos, sich selber erzählt».
Handke, an der österreichischen Grenze zu Slowenien in einem Gelände voller Höhlen und Grotten aufgewachsen, hat seinen Erzählstil als ein Stocken, als begriffsstutzig und als Bild gegen die Bilderflut bezeichnet. «Die Bilder sind nicht am Ende», heisst es in «Mündliches und Schriftliches», einer 2002 erschienenen Aufsatzsammlung. Als Erzähler will Handke das Wahrgenommene zur Sprache bringen, durch «umwegiges» Sprechen, in grenzüberschreitenden Bildwelten und Formulierungen. So denkt er in seinem «Versuch über den geglückten Tag» (1991) nicht über den glücklichen, sondern über den geglückten Tag nach. Alles bleibt bei ihm im Fluss, alles wechselt das Gesicht; Episode reiht sich an Episode. Vom glücklichen Tag unterscheidet sich der geglückte Tag in der Weise, dass er eine Tätigkeit einschliesst. Aber es bleibt offen, ob es sich um die Tätigkeit des Autors handelt, der sich an den Tag verschenkt. «Je älter ich werde», bekannte Handke einmal, «desto mehr gehe ich Verästelungen, Seitensträngen nach. Es ist schön, wenn der Bleistift so schwingt, es gibt dem Leser, glaube ich, auch Vertrauen, dass ich kein Conférencier des Schreibens sein will, einer, der den Stoff nur aufbereitet, sondern ein Autor, der sucht, aufpasst, stilistisch, dass der Kopf klar bleibt. Wie sagt Goethe: Den edlen Seelen vorzufühlen, ist wünschenswerter Beruf.»
Auf dem Weg zum Weltruhm
1966 erschien Handkes erster Roman «Die Hornissen». Im selben Jahr wurde sein Schauspiel «Publikumsbeschimpfung» uraufgeführt. Bei der Tagung der «Gruppe 47» im amerikanischen Princeton sorgte er für Aufsehen, als er den zeitgenössischen deutschen Schriftstellern «Beschreibungsimpotenz» vorwarf. Seit diesem klassischen Popauftritt sind seine Romane und Erzählungen in der Öffentlichkeit so präsent wie kaum ein anderes Werk der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Sie verknüpfen das Handeln mit dem Anschauen, die Unmittelbarkeit des Erkennens mit dem Reflektieren.
Als im Februar 2002, elf Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens und den nachfolgenden Kriegen, in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof der Prozess gegen Slobodan Milosević wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord, Kriegsverbrechen und Angriffskrieg begann, erklärte Handke das einstige jugoslawische Staatsoberhaupt für «nicht schuldig im Sinne der Anklage». Im Sprechen und Schreiben über das ehemalige Jugoslawien verrannte sich Handke dann ins Verquere, wenn er im Diktator jemanden sah, der «notgedrungen» zum «kleinen tragischen Schurken» geworden sei.
In solchen Momenten zeigt sich, dass der Schriftsteller in einer Welt von magischer und allegorischer Wirklichkeit verharrte. Es ist eine Welt, die den hohepriesterlich raunenden Sprechdenker Handke zur Einsicht kommen liess, dass nichts am Ende der Ratlosigkeit entrinnen kann. Seiner Mutter schrieb er in jungen Jahren: «Ich werde sicher weltberühmt.» Und in der Tat wurde Handke für seine Theaterstücke, Romane und Erzählungen mit Literaturpreisen überhäuft, 2019 sogar mit dem Nobelpreis. Gleichwohl blieb er dem frühen Ruhm von Beginn an skeptisch gegenüber. «Wenn ich nicht Ich wäre, dann würde ich die ganze Sache mit dem Handke wohl auch sehr übertrieben und sehr zweifelhaft finden.»
Es gibt eine «Grundspannung» im Dasein dieses Dichters, die sein ganzes Leben beherrscht und auch in seinem Familiendrama «Immer noch Sturm» (2010) von zentraler Bedeutung ist. Bei Handke ist es die Schuld der Vaterlosigkeit, die er abzutragen versucht. In ihr wurzelt seine Ortlosigkeit, die er gegen die Mutter richtet, als er sie in seiner halbautobiografischen Schrift «Wunschloses Unglück» von 1972 einsam an Krebs sterben und Hand an sich legen lässt. In «Immer noch Sturm» versammelt der Jüngste der Familie seine Vorfahren zu einer Art Familientreffen, zu einem Traumspiel, das sich nie ereignet hat. Und auch hier treibt Handke das Spiel vom Fragen weiter – bis ins Eingemachte, wenn es um die Möglichkeiten des Dichtens geht.
Unheilvolle Gemeinschaft
Nach dem Erscheinen von «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (1994), den wirren Touren zur Drina in «Eine winterliche Reise» (1996) und der pathetischen Grabrede zu Ehren von Slobodan Milosević (2006) hätte man von Handke so etwas wie eine Denkpause, ein Innehalten, eine Selbstbefragung erwarten können. Aber das war ein Trugschluss. Die Anstrengungen, die er seinen Kritikern abverlangte, schlugen sich in einem neuen Werk nieder, das den Namen einer indischen Göttin trägt, sich aber auch auf ein Kalibergwerk im Salzkammergut beziehen könnte: «Kali» von 2007. Wie bei Handke üblich, beliess er es bei einer mythisierten Topografie, die in dieser «Vorwintergeschichte» als Land der Kindheit – im «Toten Winkel» – begriffen werden will, ein Land der Sehnsucht, wie von Novalis ersonnen, von Handke aber als Mikrokosmos irgendwo in Europa, dem «vereinten Europa», angelegt. Eben eine Handke-Gegend, ein Traumland, wie man es aus etlichen seiner Bücher kennt.
Hier leben jedenfalls – in diesem «Toten Winkel» – Auswanderer aus verschiedenen Ländern in einer unheilvollen Gemeinschaft zusammen, mit einer Kirche, einer Pastorin, in einer Opfergemeinschaft, die von morgens bis abends betet und nebenbei im Salzbergwerk arbeitet. Der Erzähler oder Beobachter folgt hier einer Sängerin, die das Konzerthaus in der Nacht – «nach dem letzten Konzert vor dem Winter» – verlassen hat. Das beginnt irgendwo in einer grösseren Stadt, in Wien, Zürich, Innsbruck oder Perpignan. Die Sängerin macht sich auf zum Kalibergwerk, trifft auf einen Dorfbewohner, wird womöglich mit ihm ein Liebespaar, was sich aber nicht genau feststellen lässt. Jedenfalls sagt sie zu ihm: «Du wärst mein Körper gewesen.» Was er mit der Antwort quittiert: «Und du der meine.» Zugegeben, das ist kein sonderlich origineller Dialog.
Aus der mysteriösen Gemeinschaft ist ein Kind namens Andrea verschwunden. Die Sängerin recherchiert und findet es, und plötzlich, während die Gemeinde der leicht ekstatischen Predigt ihrer Pastorin lauscht, erscheint am Eingang der Kirche das wieder gefundene Kind. Ein Raunen geht durch die Gemeinde, und die Pastorin jubiliert: «Und es ist da. Ich und es sind da. Das Leben ist neu erschienen. Die Träume sind zurückgekommen. Schaut, schaut – hört, hört.»
Ein Wanderer im Unwegsamen
Haben wir es bei Handke mit einem Dichter zu tun, der vom Schamanentum nicht weit entfernt ist? «Ich wäre liebend gern ein Böser!», sagte er in einem Interview, nachdem er in Stockholm mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden war. Viele haben damals gegen die Preisverleihung protestiert – und nehmen ihm noch heute seine Verteidigung von Milosević übel. Aber der «sprachgeladenste Dichter seiner Generation» (so der Dichterkollege Botho Strauss) sieht sich nicht im Unrecht. Im Gegenteil. «Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur.» Ihn habe vor allem der souveräne Ton überzeugt, in dem sich Milosević in Den Haag verteidigt habe, erklärte Handke seinerzeit.
Der Dichter, seit je «Wanderer im Unwegsamen», fühlt sich ohnehin nur seinem Genius gegenüber verpflichtet. Schliesslich komme er – so bekundete er in einem Interview mit der «Zeit» – von Homer, Cervantes und Tolstoi her. «Manchmal», so sinniert Peter Handke, «habe ich eine Zuversicht, es könnten mir noch die Augen und Ohren nicht nur in Katastrophen aufgehen.»