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Sklaverei und koloniales Gebaren haben auch Zürchern zu Wohlstand verholfen. Eine Ausstellung im Heimatschutzzentrum wirft ein Schlaglicht auf einen von ihnen. Carl Fürchtegott Grob verdiente sein Geld mit unrühmlichen Methoden.
Auf diesem Gruppenbild von Tabakpflanzern aus dem Jahr 1872 ist ganz rechts stehend Carl Fürchtegott Grob abgebildet.
Mitte des 19. Jahrhunderts muss dies ein Männertraum gewesen sein: auswandern nach Sumatra, günstig ein Stück Dschungel erwerben und abholzen lassen, eine Armee von armen Schluckern als Tabakpflanzer engagieren, sexuelle Freiheiten geniessen und vor allem viel, viel Geld verdienen. Diese Vision haben damals etliche Schweizer und unter ihnen eine Handvoll Zürcher wahr gemacht.
Ausbeuterisches System
Anhand der Lebensgeschichte von Carl Fürchtegott Grob lässt sich das Geflecht eines kolonialen Geschäftsmodells erkennen, das den Zürcher Bäckerssohn zum Millionär machte. Ein bis heute sichtbares Zeichen seines Reichtums ist die von ihm erbaute Villa Patumbah im Seefeld, in der sich das Heimatschutzzentrum des Schweizer Heimatschutzes befindet. Grob gehörte nach seiner Rückkehr von Sumatra zu den fünf reichsten Bürgern der Stadt Zürich.
Wer sich heute von der Pracht der Villa Patumbah und der Schönheit des Gartens blenden lässt, würde kaum denken, dass der Erbauer sein Geld einst als mächtiger Kolonialherr und ausbeuterischer Besitzer von Tabakplantagen gemacht hat. Wie «grob» die Praktiken genau waren, die er in Analogie zu seinem Namen anwandte, um seine Angestellten gefügig zu machen, ist nicht überliefert.
Es ist aber anzunehmen, dass Grob kein wesentlich feinerer Herr war als seine europäischen Zeitgenossen, die auf Sumatra zu Wohlstand kamen. In einer der wenigen Beschreibungen, die es über ihn gibt, wird er als kratzbürstig und unsympathisch beschrieben.
Grob war 39 Jahre alt, als er 1869 nach Sumatra reiste. Die zu Indonesien gehörende Insel war damals eine niederländische Kolonie. Schon bald waren Carl Fürchtegott Grob und Hermann Näher, sein Compagnon, Besitzer von Tabakplantagen und Patrons einer Mannschaft von Kontraktarbeitern, die hauptsächlich aus China und Java stammten. Die Arbeiter wurden mit hohen Geldbeträgen auf die Plantagen gelockt, erhielten Vorschüsse und verpflichteten sich für drei Jahre. Sie waren nicht frei, denn wenn sie zu fliehen versuchten, wurden sie bestraft.
Gewalt auf den Plantagen
«Keine Sklaverei, aber eine Form des Arbeitszwangs», nennt der Historiker Andreas Zangger diese Angestelltenverhältnisse. Zangger hat Grobs Geschichte und die Aktivitäten weiterer Schweizer auf Sumatra recherchiert und den Heimatschutz bei der derzeitigen Ausstellung beraten. Er sagt: «Die Plantagenbesitzer suchten in Südostasien neben schnellem Reichtum auch männliche Selbstbehauptung. Sie konnten sich wirtschaftlich und sexuell frei entfalten, ohne an gesellschaftliche Grenzen zu stossen.»
Der Lebensentwurf vieler Kolonialisten auf der Insel sah laut Zangger so aus, dass sie auf herrschaftlichen Anwesen lebten. Manche beschäftigten junge, weibliche, meist javanische Hausangestellte und unterhielten mit ihnen sexuelle Beziehungen. «Dabei kam es zu Konflikten mit den Arbeitern, wenn einem von diesen plötzlich die Frau abhandenkam.»
Die Arbeiter wurden beim Sortieren des Tabaks von Aufsehern beobachtet. Das Bild stammt von 1898.
Gewalt war auf den Plantagen offenbar alltäglich, nicht nur gegenüber den Arbeitern. Auch mit den auf Sumatra ansässigen Malaien und Bataks kam es zu Konflikten. Zangger erklärt: «Diese reagierten auf die zunehmende Vereinnahmung ihres Lebensraums durch die Plantagenwirtschaft. Sie drohten den Plantagenbesitzern mit Brandstiftung. Erpressungsschreiben wurden in Form von sogenannten Brandbriefen an den Scheunen angebracht, in denen die Tabakblätter getrocknet und fermentiert wurden.
Spuren von Sumatra-Rückkehrern in Zürich
Sumatra-Tabak galt zu Grobs Zeiten als Luxusprodukt; die Blätter eigneten sich dank ihrer Elastizität besonders gut als Deckschicht für Zigarren. Die Eigentümer der Plantagen liessen es sich gutgehen. Sie posierten in weissen Kleidern und mit Waffen vor Fotografen und demonstrierten ihre Männlichkeit. Nicht selten sind auf den Fotos – von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind – auch erlegte Elefanten, Nashörner oder Sumatra-Tiger abgebildet.
Carl Fürchtegott Grob trennte sich rechtzeitig von seinem Besitz am Sehnsuchtsort Sumatra, bevor ihm das Geld zwischen den Fingern zerrann. Just vor der Tabakkrise 1890/91 verkauften sein Compagnon Näher und er ihre Plantagen. Schon vorher war Grob nach Zürich heimgekehrt, wo er heiratete und Vater zweier Töchter wurde.
Die Villa Patumbah, die Carl Fürchtegott Grob an der Zollikerstrasse in Zürich erbauen liess, um 1889.
Die Villa Patumbah liess Grob in den Jahren 1883 bis 1885 erbauen. Sie fügt sich ein in eine ganze Reihe von ähnlichen Häusern, die in Zürich von Sumatra-Rückkehrern erstellt wurden, zum Teil aber nicht mehr existieren. So hat die Sumatrastrasse ihren Namen einem Auswanderer zu verdanken, der dort eine Villa besass.
Von anderen Zürcher Bürgern ist bekannt, dass sie Bezüge zur Sklaverei hatten; eine Gruppe von Historikern hat diese Beziehungen im Auftrag der Stadt Zürich untersucht und in einem Bericht aufgelistet. Auch die Rolle der Familie von Alfred Escher, der Sklavenhandel vorgeworfen worden war, wird in dem Bericht beleuchtet.
Der Sumatra-Abenteurer Carl Fürchtegott Grob konnte seine Villa an der Zollikerstrasse nicht lange geniessen, denn er starb 1893 im Alter von 63 Jahren. Bekannt ist laut dem Historiker Zangger, dass er bereits krank aus Südostasien heimgekehrt war. An welcher Krankheit er gelitten habe, wisse man nicht genau. Malaria habe es damals noch kaum gegeben, doch Syphilis sei verbreitet gewesen. Der Historiker meint: «Es wäre nicht aussergewöhnlich, wenn auch Grob auf Sumatra seine Frauengeschichten gehabt hätte.»
«Patumbah liegt auf Sumatra», Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah, Zollikerstrasse 128, 8008 Zürich. Mittwoch, Freitag und Samstag 14–17 Uhr, Donnerstag und Sonntag 12–17 Uhr. Bis 31. Mai 2021.