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Judith Arnold
Im Folgenden wird ein kurzer Abriss über die laufende Forschungsarbeit vorgestellt. Es handelt sich um eine Weiterführung und Vertiefung der zentralen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse meiner Lizentiatsarbeit: "Eidgenössische Abstimmungsplakate. Quantitative Inhaltsanalyse (1891-1990) und rhetorische Fallstudien", eingereicht am 31. Juli 2005.
Thema der Forschungsarbeit ist die Rhetorik des Abstimmungsplakats. Ausgehend von den Vorarbeiten der Semiotiker Roland Barthes (1964) und Umberto Eco (1972) soll ein Analyse-Instrument entwickelt werden, das es erlaubt, das Abstimmungsplakat in seiner Grundstruktur zu beschreiben. Dabei wird angenommen, dass sowohl dem Text als auch dem Bild auf Abstimmungsplakaten eine rhetorische Struktur zugrunde liegt und sich die Text- und Bild-Botschaften zu einem Enthymem verdichten lassen. Ziel der Forschung ist es, diese Thesen zu prüfen und die Struktur des Abstimmungsplakats zu erhellen. Die sprachwissenschaftliche Relevanz der Forschung liegt in der theoretischen Weiterentwicklung einer visuell/verbalen Rhetorik sowie in der methodischen Herausforderung, ein verlässliches Instrument für die Analyse von Plakaten zu entwickeln. Die theoretisch fundierte und am Material erprobte Methode kann, falls sie sich bewährt, der Untersuchung verwandter Textsorten dienen.
Zuerst wird das Abstimmungsplakat in seinem historischen und politischen Kontext beschrieben und als Textsorte bestimmt. Anschliessend folgt eine knappe Beschreibung der Plakatbestände und des Untersuchungskorpus nach Kontext (zeitpolitische Periode, politischer Akteur), Inhalt (Politikfeld, Abstimmungsvorlage, Position Pro/Contra) und Form (Text- und Bildanteil, Darstellung).
Anschliessend folgt die Ausführung der theoretischen und methodischen Zugänge für die
rhetorische Plakatanalyse. Zentral für die Herleitung der Hypothesen und die Entwicklung des Analyse-Instruments sind die Reklame-Analysen von Roland Barthes (1964) und Umberto Eco (1972).
Um die Thesen zu erhärten, werden zuerst reine Textplakate nach Aufbau, Stil und Argumentation untersucht. Die Analyse soll zeigen, inwiefern das Abstimmungsplakat als schriftliches Derivat der politischen Rede (genus deliberativum) gelten kann (These 1).
Anschliessend werden reduzierte Textplakate einer rhetorischen Analyse unterzogen, um darzulegen, welche rhetorischen Elemente sich im Vergleich zu den umfangreichen Textplakaten erhalten haben. Hier wird der erste Versuch unternommen, eine enthymematische Struktur nachzuweisen (These 2). Dazu werden längere Textpassagen auf ihre Kernaussage verdichtet, elliptische Satzkonstruktionen ergänzt und die paraphrasierten Aussagen in eine enthymematische Beziehung zueinander gesetzt.
Um das Verhältnis der Text- und Bild-Botschaften in Abstimmungsplakaten zu ergründen, werden die Varianten von Text-Bild-Relationen geklärt. Denn das Bild kann Dekoration, Illustration oder Bestandteil der Plakataussage sein. Für unsere Fragestellung ist nur der letzte Fall von Interesse.
Um sicher zu gehen, dass das Bild ein integrierter Bestandteil der Plakataussage bildet, werden für die folgenden Analysen von Bildplakaten nur solche ausgewählt, die nicht mehr als drei sprachliche Botschaften enthalten. Analog zu Barthes (1964: 43, 1990: 33) werden zuerst die sprachlichen Botschaften und dann die bildlichen Botschaften analysiert. In Abgrenzung zu Barthes werden aber beide Typen, die sprachlichen und die bildlichen, auf ihre denotative und konnotative Bedeutung untersucht. Dazu wird der Text erneut in seiner Aussage verdichtet oder ergänzt, und das Bild wird verbalisiert, damit es in seiner Kohärenz mit dem Text gelesen werden kann. Nach einer schrittweisen Verdichtung und Abstrahierung der konnotativen Bild- und Textbotschaften wird überprüft, ob sie sich syntagmatisch zu einem Enthymem verbinden lassen (These 3).
Zum Schluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und bewertet, inwiefern das rhetorische Analyseverfahren dazu dienen konnte, eine Grundstruktur des Abstimmungsplakats zu erkennen.
Zum Abstimmungsplakat als Untersuchungsgegenstand:
Roland Barthes (1964: 40, 1990: 28f.) wählt für seine rhetorische Bildanalyse ein Werbeplakat, weil es mit Sicherheit intentional ist und seine Signifikate so klar wie möglich vermitteln will. Es ist anzunehmen, dass politische noch mehr als kommerzielle Werbeplakate um eine klare Botschaft bemüht sind, da es gilt, das Wahl- oder Stimmvolk von einem politischen Programm oder einer Vorlage zu überzeugen. Das Abstimmungsplakat bietet sich also für die weiterführende Forschung geradezu an, da es mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Komplexität reduziert und argumentativ strukturiert ist. Das Abstimmungsplakat hat gegenüber dem Werbeplakat auch den Vorteil, dass es sich nach Inhalt und Kontext zweifelsfrei bestimmen lässt. Schliesslich kann der Zusammenhang von Sprache und Bild idealtypisch untersucht werden, da sowohl reine Textplakate als auch Bildplakate zu ein und demselben Thema vorliegen. Dadurch lassen sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Text- und Bildrhetorik exemplarisch herausarbeiten.
Zu den Analyse-Ebenen:
Nach Roland Barthes (1964: 40, 1990: 29) weist das exemplarisch analysierte (Plakat-)Bild drei Botschaften auf: eine sprachliche Botschaft (message linguistique), eine buchstäbliche Botschaft des Bildes (message littéral) und eine symbolische Botschaft des Bildes (message symbolique).
Die konnotative Ebene der Sprache wird von Barthes vernachlässigt. Dabei könnte die Sprache wie das Bild gleichermassen auf der denotativen und auf der konnotativen Ebene betrachtet werden. Damit würden sich für die Analyse vier statt nur drei Botschaften ergeben. Diese Erweiterung der Analyse-Ebenen hätte den Vorteil, dass der Text analog zum Bild untersucht werden könnte. Vor allem wäre nicht nur das Bild, sondern auch der Text einer rhetorischen Analyse zugänglich, was eine Vergleichbarkeit von Text- und Bildplakaten schaffen würde. Die Rhetorik des Bildes bei Barthes wäre also mit der Rhetorik des Textes zu ergänzen, um die Rhetorik des Plakats insgesamt beschreiben zu können.
Zu den Analyse-Kategorien:
Umberto Eco (1972: 272ff.) hat für jede rhetorische Analyse-Kategorie eine eigene Analyse-Ebene geschaffen (z.B. die tropologische Ebene für die Tropen und die topische Ebene für die Schlussregeln). Die Abgrenzung ist allerdings nicht immer zweifelsfrei (vgl. Eco 1972: 270f.). Beispielsweise kann eine Analogie (tropologische Ebene) eine argumentative Funktion haben und wäre somit gleichzeitig als Analogieschluss (topische Ebene) zu identifizieren. Hinzu kommt, dass sich vermutlich nicht alle Analyse-Ebenen und -Kategorien in jedem Plakat wieder finden lassen. Damit erscheint das Analyse-Instrument von Eco insgesamt als differenziert, aber wenig trennscharf und zu schwerfällig. Auch läuft er in seiner Differenziertheit Gefahr, die Kohärenz der einzelnen Botschaften aus den Augen zu verlieren.
Dabei wäre es nach Barthes (1964: 43, 1990: 32f.) gerade das Ziel der spektralen (Plakat-)Bild-Analyse, die Struktur des Bildes auf kohärente und einfache Weise zu beschreiben. Dazu müsste man gemäss Barthes die Text- und Bild-Botschaften zuerst in ihrer Allgemeinheit untersuchen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass es letztlich darum geht, die Beziehung der Botschaften untereinander und damit die Struktur des Bildes in seiner Gesamtheit zu begreifen.
Die verschiedenen Analyse-Ebenen des Bildes bei Eco sollten daher in der konnotativen Bild-Ebene von Barthes zusammengefasst werden. Diese konnotative Ebene würde das ganze rhetorische Inventar umfassen, also Figuren, Tropen und Schlussregeln. Diese wären aber nicht als Kategorien, sondern als Variablen zu begreifen, da sie nur fallweise auf den Plakaten vorhanden sind. Auf diese Weise wäre eine Überkomplexität in der Kategorisierung vermieden und das Problem der Trennschärfe behoben. Zudem würde damit bereits der nächste Analyseschritt vorbereiten, der die Konnotatoren (connotateurs) in ihrer Gesamtheit betrachtet, um die Ideologie hinter der Rhetorik des Bildes (rhétorique de l'image) zu erfassen (vgl. Barthes 1964: 49f., 1990: 44).
Eine erschöpfende Interpretation kann nicht das Ziel der Analyse sein. Vielmehr wird es um die Erkennung der globalen Aussagen gehen, um die Kohärenz zwischen Bild und Text zu erfassen. Bevor das verbale und visuelle Register zusammengeführt werden können, bedarf es also noch einer Verdichtung und Abstrahierung des Text- und Bildmaterials. Barthes (1990: 34) geht davon aus, dass der Text aufgrund seiner Konnotation unter Umständen auf nur ein globales Signifikat zurückgeführt werden kann. Ebenso redet er bei den konnotativen Bildbotschaften von globalen Werten (1990: 31), von einer Chiffre oder von einer reinen Vorstellung (1990: 42). Entsprechend soll der Text auf seine Kernaussagen verdichtet und das Bild verbalisiert und auf seine Kernidee (l'idée la plus pure, 1964: 49) reduziert werden.
Nebst der Bestimmung von Gemeinplätzen wie Sprichwörtern wird es im Rahmen der
Text- und Bild-Interpretation ein unabdingbarer Teil der Forschung sein, ein
Inventar der politischen Semantik und Bildsymbolik anzulegen, gewissermassen
eine Topik der politischen Kultur in der Schweiz.
In Anlehnung an Eco (1972: 271) soll schliesslich versucht werden, das visuelle und das verbale Register syntagmatisch miteinander zu verknüpfen. Dabei soll sich erweisen, ob in der Text-Bild-Relation eine enthymematische Struktur festgestellt werden kann (vgl. Eco 1972: 274f.,277f.,291).
© Judith Arnold, Zürich
Druckversion vom 09.01.2007: http://www.medienheft.ch/literatur/bibliothek/rhetorik_des_abstimmungsplakats.pdf
Aktueller Stand der Forschung: http://www.arsrhetorica.ch (work in progress)
Literatur:
Arnold, Judith (2005): Eidgenössische Abstimmungsplakate. Quantitative Inhaltsanalyse (1891-1990) und rhetorische Fallstudien. Lizentiatsarbeit, eingereicht am 31. Juli 2005 an der Universität Zürich.
Barthes, Roland (1964): Rhétorique de l'image. In: Communications 4, S. 40-51.
Barthes, Roland (1990): Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Frankfurt am Main, S. 28-46.
Eco, Umberto (1972): Einführung in die Semiotik. Übersetzung von Jürgen Trabant. München, S. 271-292.