Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03266.jsonl.gz/352

Nehmen wir eine übliche Szene aus dem Büroalltag. Der Product Manager hat seine Powerpoint-Präsentation fertiggestellt. Aber er braucht noch etwas Hilfe, weil Orthografie nicht seine Stärke ist. «Könntest du meine Präsi nochmals durchlesen?», fragt er darum die Chefsekretärin. «Und was bekomme ich dafür?», fragt sie lächelnd zurück. «Eine Flasche Moët & Chandon ist mir das schon wert», antwortet er.
Eine Flasche Moët & Chandon kostet etwa vierzig Franken. Stellen wir uns einmal vor, unser Product Manager hätte auf die lächelnde Frage der Chefsekretärin – «Und was bekomme ich dafür?» – diese Antwort gegeben: «Vierzig Franken sind mir das schon wert.» Peinlich, so was.
Der Deal zwischen dem Product Manager und der Chefsekretärin ist das klassische Beispiel eines Tauschhandels. Eine Leistung und eine Gegenleistung. Wie bei jedem Tauschhandel fliesst kein Geld.
Tauschhandel ist älteste Form des Kapitalismus
Der Tauschhandel ist die älteste Form des Kapitalismus. Der Kapitalismus konnte erst entstehen, als die Menschheit vor etwa 10 000 Jahren sesshaft wurde. Dadurch entstand die neue Errungenschaft des Privateigentums, das zuvor in den herumziehenden Nomadenstämmen unbekannt war.
Vorher galt strikter Kommunismus, denn der gemeinsam erlegte Büffel gehörte zwingend dem Kollektiv und nicht einem Einzelnen. Erst mit der Sesshaftigkeit wurde dann das selber gezüchtete Schaf zum Besitztum eines Individuums.
Das Privateigentum führte dann direkt zum Tauschhandel. Was hat den gleichen Wert wie ein neuer Pflug? Zwei Schafe oder drei Schafe?
Lange glaubte man, dass solches Dealmaking der entscheidende Unterschied zwischen Menschen und Tieren sei. Kapitalismus galt als Beleg für die Überlegenheit des Homo sapiens gegenüber der Fauna.
Handelstätigkeit gibt es auch im Tierbereich
Adam Smith, der Vater der modernen Ökonomie, formulierte es so: «Der Mensch ist ein Tier, das Geschäfte macht. Kein anderes Tier tut das – kein Hund tauscht Knochen mit einem anderen.»
Smith täuschte sich. Der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen, das Geschäfte macht. Kapitalismus und Handelstätigkeit sind auch im Tierreich verbreitet.
Ratten etwa suchen sich ein anderes Tier zur Fellpflege, etwa um lästiges Salzwasser aus dem Pelz zu bekommen. Im Gegenzug revanchieren sie sich bei der anderen Ratte mit Futter. Delfine säubern ihren Pool und tauschen die Fundstücke am Beckenrand gegen Fische.
Bei Kapuzineraffen kommt der Tauschhandel schon sehr nahe an den Umgang mit Geld heran. Wenn sie etwa Plastikchips oder Metallscheiben als Spielgeld bekommen, lernen sie sehr leicht, das Geld gegen Futter einzutauschen. Sie erkennen auch schnell den Wert einer Ware. Für eine Gurkenscheibe zum Beispiel bezahlen sie weniger als für eine Weintraube.
Der Tauschhandel war bis ins Mittelalter die übliche kapitalistische Form. Das Münzwesen setzte sich allmählich durch, weil die wachsenden Söldnerheere entlöhnt werden mussten. Sie konnten mit einem Sack Weizen als Zahlungsmittel nichts anfangen.
Sympathische Version des Geldgeschäfts
Bis heute aber ist der Tauschhandel populär geblieben. Er ist die freundliche und sympathische Version des kühlen und distanzierten Geldgeschäfts. Denn beim Tauschhandel muss, anders als beim Kauf mit Geld, immer verhandelt und dadurch kommuniziert werden. Oft wird gelacht dabei. Der Tauschhandel funktioniert erst, wenn zwei sich einig geworden sind. Es gibt nie Streit ums Geld.
Eine Flasche Moët & Chandon ist darum etwas ganz anderes als vierzig Franken.