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Vernissage des Schweizer Pavillons an der Reformations-Weltausstellung in Wittenberg
Zuerst danke ich dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, dass er uns eingeladen hat, hier als Mitgastgeber teilzunehmen. Seine Initiative nehmen wir mit Freude und Dankbarkeit an.
Als er die Schweiz 1984 besuchte, sagte Papst Johannes Paul II., dass wir die Geschichte der Reformation zusammen schreiben sollten. Dies ist wichtig, damit wir uns nicht damit begnügen, die anderen aus unseren eigenen Perspektive zu sehen. Im Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus wird das Grundprinzip formuliert, dass man „den anderen“ so darstellen soll, dass er sich selber in unserem Porträt von ihm erkennen kann (vgl. Unitatis Redintegratio § 4). Aus den anderen eine Karikatur zu machen, fördert die Gewalt.
Der Anlass unseres Zusammenkommens ist nicht ganz glücklich. Wir glauben alle, dass eine Reform der Kirche nötig war. Sie war das offizielle Ziel – vielleicht nicht das wahre Ziel – des Fünften Laterankonzils, kurz vor der Reformation. Wir sind aber traurig darüber, dass die angestrebte Reform zu einer Spaltung führte. Schuld daran hatten Personen aller Seiten. Wir sind hier, weil wir die Einheit wollen, die Christus fordert.
Wir präsentieren in diesem gemeinsamen Pavillon eine Übersetzung der Bibel auf Deutsch, die in Zürich um 1300 wahrscheinlich von einem Dominikaner mit dem Schweizer Namen Biberli durchgeführt wurde. Diese Tatsache zeigt, dass die Reformation in einer gewissen Kontinuität geschehen ist: Der Wunsch, das Wort Gottes allen zu bringen, war älter; er hat sich aber bei den Katholiken nach der Reformation verlangsamt. Hier erkennt man die unglückliche Auswirkung von Konfliktsituationen: jeder verzichtet auf etwas, das er tun könnte, um nicht wie „der andere“ zu sein — und alle verlieren etwas. Dialog macht es uns möglich, diese selbstauferlegten Einschränkungen zu überwinden.
Ich schließe mit einer persönlichen Geschichte. Ich habe 15 Jahre in Rom gelebt. Eines Abends habe ich ein Taxi genommen. Der Fahrer begann über den Glauben zu sprechen. Am Ende, als wir neben seinem Taxi stehend weitersprachen, fragte er mich, ob ich ihm ein Buch für die Vertiefung seines Glaubens anbieten könne. Ich schlug ihm vor, das Evangelium zu lesen. Total überrascht rief er: „Ich hätte nie geglaubt, dass mir ein katholischer Priester so etwas vorschlagen würde!“ Es gibt also etwas Wahres in einigen protestantischen Karikaturen der Katholiken, und wir haben alle Raum für Verbesserungen…