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Am Freitag, dem 4. Januar 2013, an einem schönen chilenischen Sommerabend, begrüssen Werner Luchsinger, 75, und seine Frau wie gewohnt die letzten rosigen Sonnenstrahlen auf dem ewigen Schnee des mächtigen Vulkans, weit über ihrem Landgut. Zufrieden blicken sie auf das umfangreiche Gehöft: Weizenfelder, so weit das Auge reicht, riesige Weiden, Speicher, Tannen-, Eukalyptuswälder und Pappelreihen. Orion und das Kreuz des Südens leuchten auf und die Luchsingers ziehen sich in ihr Haus zurück. Es wurde vergrössert, stammt aber noch aus Grossvater Adams Zeiten, der aus der Schweiz gekommen war, um sich hier niederzulassen. Wie jeden Abend legt Werner eine Browning 7,65 x 17 mm auf seinen Nachttisch.
Um zu verstehen, wieso diese Geschichte schlecht ausgegangen war, machte ich mich zuerst auf den Weg nach dem zu Recht Engi genannten Dorf, dem schweizerischen Herkunftsort der Luchsingers, im hinteren Teil eines blinden Tals. Im Telefonbuch fand ich dort neunmal den Namen Luchsinger, darunter einen Automechaniker und einen Hüttenwächter, die weiteren ohne Berufsangabe, jedoch mit den typisch glarnerischen Vornamen Kaspar, Willy, Peter und Hans.
Mit dem Zug aus Genf reiste ich über Zürich bis Schwanden, durch ein Tal zwischen steilen Berghängen. Das Postauto fuhr noch eine halbe Stunde, bis wir in Engi ankamen, vor der Kirche, einem mittelalterlichen Bau aus dicken Mauern mit einer Holzdecke, offener Tür und umgeben von Grabsteinen. Es war ein Herbsttag mit roten Blättern an den Bäumen. Neben dem Eingang, auf einem Stapel Psalter, lag die Zeitung der Kirchgemeinde mit «Asylanten kochen für unsere Gemeindemitglieder» auf der ersten Seite. Ich setzte mich auf eine helle Holzbank und hörte auf die Geräusche der Umgebung: das Muhen einer Kuh, der Motor eines Einachsers am Hang, der klagende Schrei eines Bussards. Draussen beobachtete ich die Reihe der Gräber: eine Serie senkrecht aufgereihter Rechtecke, aus dem leicht zu bearbeitenden regionalen Schieferstein. Der Name Luchsinger kam mehrmals vor.
Ich setzte meine Nachforschungen mit Hilfe des Kirchenbuches fort. Dort sind seit 1689 Söldner der Familie Luchsinger erwähnt, die im Auslanddienst ihr Leben gelassen haben. Es beginnt mit dem im Alter von 35 Jahren gefallenen Adrian Luchsinger. 1709 folgt Friedlis Tod in einer Schlacht im Ausland, mit 24. 1812 sterben Fridolin und die Geschwister Martin sowie ein anderer Fridolin in Russland unter Napoleon, während ihr Cousin David an der spanischen Front im Kampf gegen die Truppen Napoleons ums Leben kommt. 1854 stirbt noch Peter mit 28 Jahren in Neapel.
Zu jener Zeit wurde der fremde Dienst vom Bund verboten, was für die Luchsingers – zu zahlreich, zu viele hungrige Münder in einem so kleinen Dorf – die Auswanderung bedeutete. Sie erkundigten sich und erfuhren, dass die Regierung in Chile die Mapuche-Indianer in den Süden vertrieben hatte und die Niederlassung von europäischen Neuansiedlern mit phantastischen Bedingungen förderte. So zahlte der chilenische Staat den neuen Siedlern aus Europa die Reise- und Niederlassungskosten, zwei Jahre Lohn und jedem 40 Hektar guter Erde, zuzüglich 20 Hektar pro Kind.
Ich kann mir denken, dass man auch in Engi wusste, dass dieses Land den Indianern gehörte. Da diese jedoch keine Eigentumsurkunden besassen…