Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03198.jsonl.gz/1403

Eine Szenerie wie ein Stilleben.
To get a Google translation use this link.
Da ist ein Haus – ach was, ein Haus: ein leidlich ausgebauter Schafstall. Die gemauerten Außenwände sind nur verputzt, durch die kleinteiligen drei Fenster kommt wenig Licht nach drinnen. Eine einfache Bretterwand macht aus einem Raum zwei „Zimmer”, eine Wohnküche mit Herd und großem Brettertisch, hinter der Wand stehen ein Schrank und ein altes Bauernbett im Schlafzimmer. Eine nackte Glühbirne über dem Tisch läßt scharfe Schatten entstehen. Mit Feuerholz und Kohle wird der herrschenden Temperatur nach sparsam umgegangen. Am Brettertisch sitzt ein Mann, über dessen Alter sich vortrefflich spekulieren ließe. Grau sind die wenigen kurzen Haare auf dem Kopf, grau sind die erkennbaren Bartstoppeln, die Augenbrauen aber sind noch schwarz. Eine Brille mit kleinen runden Gläsern sitzt weit vorn auf der Nase. Über einem grauen Pullover trägt der Mann eine Weste aus Schaffell; deren Leder ist im Laufe der Zeit schon ein wenig speckig geworden.
Unvermittelt beginnt er, mit kleinen Buchstaben in ein vor ihm liegendes Schulheft zu schreiben. Sechs, sieben Zeilen sind schon gefüllt, dann wird das letzte notierte Wort energisch durchgestrichen. Kurz denkt der Mann nach, man sieht es ihm an. Er schreibt weiter, streicht auf der zweiten Seite eine ganze Zeile aus und schreibt weiter. Ehe er eine dritte Seite beginnt, steht er auf, schürt die Glut im Ofen, legt zwei kleine Scheite Holz und drei Brikett nach. Die Ofentüre schließt er erst, als Flammen aus dem Holz züngeln. Dann sitzt er wieder am Tisch, schreibt er weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.
So vergehen eine und eine dreiviertel Sunde, ohne daß der Mann davon weiß. Nichts stört ihn in seiner Tätigkeit, niemand betritt das Haus. Keine Uhr tickt. Wozu sollte er auch eine Uhr haben? Wenn es hell ist, ist es Tag, ist es finster draußen, ist es Nacht. Zeit zum Essen ist, wenn er Hunger hat. Dann gibt es Brot oder Graupen oder Spiegeleier, was eben gerade im Haus ist. Der Weg zur Arbeit ist nicht weit: Vom Bett oder vom Herd zum Tisch. Zum Schreiben. Endlich legt der Mann den Stift zur Seite, reckt sich kurz und liest, was er da notierte. Nickt dabei ein- oder zweimal. Ob er zufrieden ist? So sicher ist er sich dessen nicht, aber er ist nicht unzufrieden. Also holt er ein Ungetüm von Schreibmaschine hinter der Bretterwand hervor, stellt sie vor sich auf den Tisch und spannt einen Bogen des mitgebrachten Papier ein. Er hämmert, was er eben noch aufschrieb, mit zwei Fingern in die Tasten. Die vollgetippten Seiten legt er zu den anderen in eine dicke, rote Mappe.
Da ist ein Haus – ach was, ein Haus: ein leidlich ausgebauter Schafstall. Und darinnen entstehen bisher ungesehene, wundervolle Welten, in denen sich Menschen verlieren und wiedererkennen können, wenn sie die Bücher des Mannes lesen. Und das tun sie …
Erinnerung des Tages:
Die hatte ich, als ich an einem ganz bestimmten Haus im Dorf vorbeiging und an die dachte, die darin wohnt.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 1. April 2024 mit dem Osterbrot zum Frühstück, mit der nur schwerlich angelaufenen Phantasiemaschine, mit einem kleinen Rundgang im Dorf.
© 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).