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Vorhersagen, die dadurch, dass sie gemacht werden, dazu führen, dass sie sich erfüllen, stellen ein wiederkehrendes Motiv in der gesamten Literaturgeschichte dar. Neben klassischen Fällen wie dem antiken Sagenkreis rund um Ödipus lassen sich auch neuere Beispiele finden, wie in J.K. Rowlings Harry Potter:
Der Bösewicht Lord Voldemort erfährt von einer Prophezeiung, die bezeugt, dass ein Ende Juli geborener Junge zu seinem Untergang führen wird. In der Überzeugung, dass es sich bei dem besagten Jungen um Harry Potter handelt, versucht er, die Gefahr zu beseitigen und Harry umzubringen. Er scheitert jedoch und schafft dadurch die Bedingungen, damit Harry für ihr später ausgerechnet zu der Gefahr wird, vor der er sich gefürchtet hatte.
Viele der selbsterfüllenden Prophezeiungen (SEP) entsprechen einer spezifischen Art von Kausalschlaufe. In ihrem Artikel Self-Fulfilling Prophecies unterzieht Stephanie Rennick diese SEP einer philosophischen Betrachtung und fragt nach ihren Ursprüngen und Eigenschaften.
Kausalschlaufen
Bevor wir uns eingehender mit SEP auseinandersetzen, werde ich zunächst in die Idee der Kausalschlaufen einführen. Im Alltag sind diese zumeist aus Filmen und Büchern zu Zeitreisen bekannt. Eine solche Schlaufe ist im Prinzip wie eine Kausalkette, bei der jedes Ereignis mindestens einen Grund hat – mit dem Unterschied, dass man irgendwann wieder am Anfang ankommt.
Abbildung 1: R. Schinner
Die orangen Punkte stehen für Ereignisse und die blauen Pfeile zeigen ihre kausalen Beziehungen auf. Wie die Grafik zeigt, können auch Pfeile von der Schlaufe weg oder in die Schlaufe hinein führen.
Ein klassisches Beispiel für eine solche Schlaufe, das Rennick in ihrem Artikel verwendet, geht auf C. Brown und Peter French1 zurück:
Ein Archäologe findet ein uraltes Skelett und möchte daraufhin unbedingt wissen, woher es stammt. Zu diesem Zweck reist er Tausende von Jahren zurück. Im Verlauf dieses Unterfangens stirbt er und wird zum besagten Skelett.
Warum ist dies eine Kausalschlaufe? Die Existenz des Skeletts, das der Archäologe findet, bringt ihn dazu, in der Zeit zurückzureisen, um dessen Herkunft zu klären. Die Tatsache, dass er zurückreist führt aber wiederum dazu, dass er stirbt. Letzteres hat die Existenz des Skeletts zur Folge, das er gefunden hat (oder findet…).
Abbildung 2: angelehnt an figure 4 (Rennick, 2021)
Selbsterfüllende Prophezeiungen
Die Frage ist nun, inwiefern SEP solche Kausalschlaufen verursachen können. Stephanie Rennick charakterisiert erstere folgendermassen: Was sie ausmacht, ist, dass das Bewusstsein («awareness») und der Glaube («belief») an den Inhalt der Prophezeiung dazu führt, dass sie sich erfüllt. Um diese Idee zu veranschaulichen, beruft sie sich auf ein Beispiel von Gottes Vorherwissen:
Nehmen wir an, Gott weiss heute, dass eine seiner frommen Anhängerinnen nächsten Mittwoch stirbt. Er entscheidet sich, die Person zu warnen, damit sie im Vorfeld ihr Leben noch in Ordnung bringen kann. Infolge der Warnung gerät die Anhängerin jedoch dermassen in Panik, dass sie eine Herzattacke erleidet und stirbt.
Das Beispiel illustriert, wie eine Entscheidung (Warnung) auf einer Überzeugung (Frau stirbt) basiert, die von einem zukünftigen Ereignis abhängt (Herzattacke), welches selbst wiederum von der ursprünglichen Entscheidung abhängt – wir haben eine Kausalschlaufe.
Ich werde im Folgenden versuchen, einige Charakteristika von selbsterfüllenden Prophezeiungen, die auch Kausalschlaufen sind und auf die Rennick in ihrem Artikel eingeht, darzustellen.
Zunächst hat zumindest eine Person des SEP-Szenarios (der Prophet oder die Person, von der die Prophezeiung handelt) eine wahre Überzeugung in Bezug auf die Zukunft. Wenn ausserordentlich viel Zufall involviert ist, können aber auch Beispiele gefunden werden, bei denen das nicht der Fall ist2.
Damit eine Kausalschlaufe entsteht, muss zudem die Information über die Zukunft (die Gegenstand einer Prophezeiung sein kann) ihren Grund im tatsächlichen Ereignis haben. Gott weiss, dass seine fromme Anhängerin stirbt, WEIL sie stirbt. Ein Beispiel, in dem diese Kausalität nicht gegeben ist, zieht Rennick aus «The Fortuneteller»:
Eine Wahrsagerin sagt einem alten Mann, dass er am Tag, an dem er seine wahre Liebe treffen wird, rote Schuhe tragen wird. Dies stellt sich als korrekte Vorhersage heraus, aber nicht, weil die Wahrsagerin tatsächlich etwas über die Zukunft gewusst hat, sondern weil der Mann aufgrund ihrer Aussage jeden Tag rote Schuhe trägt.
Abbildung 3: angelehnt an figure 2 (Rennick, 2021)
Neben der kausalen Verbindung vom zukünftigen Ereignis zur Prophezeiung ist auch von Bedeutung, dass diese Prophezeiung tatsächlich gemacht wird. Es reicht nicht, dass Gott weiss, dass seine Anhängerin stirbt, er muss es ihr auch mitteilen, damit sein Vorwissen den selbsterfüllenden Effekt hat (diese Bedingung fällt weg, wenn die Person mit dem Vorwissen dieselbe Person ist, die es betrifft).
Abbildung 4: angelehnt an figure 3 (Rennick, 2021)
Zudem muss die gemachte Prophezeiung einen Einfluss auf die Handlung des betreffenden Menschen haben. Hätte die Anhängerin Gottes Vorhersage keinen Glauben geschenkt oder sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen, hätte sich diese nicht selbst erfüllen können (die Anhängerin wäre womöglich trotzdem an einer Herzattacke gestorben – aber der Grund dafür wäre nicht Gottes Warnung gewesen).
Oftmals ist es so, dass die Prophezeiung eine Person entweder dahingehend beeinflusst, dass sie danach handelt, weil sie bereits weiss, dass sie so handeln wird, oder dass sie versucht, deren Erfüllung zu verhindern und dadurch das Gegenteil bewirkt (wie bei Ödipus3 oder Voldemort).
Rennick diskutiert in ihrem Artikel einige Probleme, die sich für SEP, sofern sie Kausalschlaufen sind, möglicherweise stellen könnten. Ich möchte im Sinne eines Ausblicks auf eines davon eingehen.
Ungeklärte Herkunft
Ein klassisches Problem in der philosophischen Literatur über Zeitreisen besteht darin, dass in manchen Kausalschlaufen Objekte oder Informationen aus dem Nichts entstehen. Diese Schlaufen nennt Rennick CEN-Schlaufen (content ex nihilo). Die Problematik wird am besten an einem Beispiel aufgezeigt. Dies ist Rennick’s Version, die an David Lewis angelehnt ist:
Ein Zeitreisender reist zurück zu seinem jüngeren Selbst und spielt diesem Pläne zu, um eine Zeitmaschine zu bauen. Letzteres wird älter, baut tatsächlich diese Maschine und reist damit zurück, um seinem jüngeren Selbst die Pläne dazu zu geben.
Die relevante und rätselhafte Frage ist nun, woher die Pläne überhaupt erst gekommen sind? Der Wissenschaftler verfügt über die Pläne, weil er eine Maschine danach gebaut hat. Die Maschine hat er bauen können, weil er die Pläne hatte. Jedes Element der Schlaufe hat eine Erklärung, aber die Existenz der Pläne kann nicht von ausserhalb der Schlaufe erklärt werden.
Dieses Beispiel war keine selbsterfüllende Prophezeiung und Rennick betont in ihrem Artikel, dass sie sich nicht sicher ist, ob SEP generell CEN-Schlaufen sind (zumindest einige scheinen es zu sein). Falls dies aber der Fall sein sollte, möchte sie Gründe anführen, dass diese Unerklärbarkeit der Herkunft gewisser Informationen oder Objekte kein Grund zur Sorge darstellt4.
Zunächst wird die logische Möglichkeit von CEN-Schlaufen gemäss Rennick im Allgemeinen von Philosophen nicht bezweifelt. Sie sind jedoch aus anderen Gründen möglicherweise unangenehm5. Trotz ihrer logischen Möglichkeit haftet der Vorstellung einer CEN-Schlaufe eine gewisse Absurdität an. Dies ist jedoch womöglich kein grosses Problem. Ein interessantes Argument dafür, das Rennick im Text anführt, stammt von Margarita R. Levin6. Sie versucht zu zeigen, warum CEN-Schlaufen den Eindruck erwecken, problematisch zu sein, dies aber in Wirklichkeit im Vergleich zu anderen Erklärungsmustern nicht unbedingt sind. Das Argument besagt, dass die Frage nach dem Ursprung von Objekten oder Information nicht grundsätzlich verschieden ist von beispielsweise der Frage nach dem Ursprung von Atomen. Deren Existenz geht entweder ewig zurück, oder sie haben irgendwann einfach angefangen zu existieren. In beiden Möglichkeiten stellt sich die Frage nach ihrem Ursprung als unbeantwortbar heraus, im selben Sinn wie dies für die Information oder das Objekt in Kausalschlaufen der Fall ist. Für uns scheint es lediglich deshalb für letztere problematischer, weil wir da die gesamte Schlaufe sehen. Dies führt dazu, dass wir erwarten, den Ursprung bestimmen zu können, während dies in Bezug auf die Atome anders aussieht. Unabhängig von unserer Betrachtung besteht aber keine grundsätzliche Differenz zwischen diesen Fällen.
Fazit
Selbsterfüllende Prophezeiungen stellen ein interessantes philosophisches Betrachtungsobjekt dar. Vielleicht sind sie gleichermassen unerklärlich und unwahrscheinlich wie vertrautere Arten von Kausalschlaufen aus der Zeitreiseliteratur. Rennick sieht jedoch vielversprechende Hinweise darauf, dass bedeutend weniger erforderlich ist, damit sie entstehen. Zudem hat sie sich in ihrem Artikel mit Wissen und Überzeugungen beschäftigt. Es könnte sein, dass noch andere zukunftsorientierte mentale Zustände Kausalschlaufen generieren können. Das wird sich zeigen.
Fussnoten
[1]siehe French, P.A.; Brown, C. Time Travel. In Puzzles, Paradoxes and Problems
[2] hierzu siehe das Beispiel “A Comedy of Cellars” in “Self-Fulfilling Prophecies”
[3] Ödipus wird prophezeit, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Beim Versuch, dies zu verhindern, sorgt er unwissentlich dafür, dass sich die Prophezeiung erfüllt.
[4] Falls doch, betont sie, dass damit SEP gar unproblematischer sind als viele andere Arten von Kausalschlaufen.
[5] Unteranderem wird angenommen, dass CEN-Schlaufen für jede Sichtweise, die sie erlauben, hohe theoretische Kosten verursachen. Damit ist gemeint, dass sie oftmals sehr kontraintuitiv oder sehr unwahrscheinlich sind.
[6] siehe Levin, M.R. Swords’ Points.
Literaturverzeichnis
Rennick, S. Self-Fulfilling Prophecies. Philosophies 2021, 6, 78. https://doi.org/10.3390/philosophies6030078