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Verlässt man den Lift im Dachgeschoss und betritt das Hamlet, das von einem Garten umschlossen ist, gerät man in eine entrückte Welt. Die Aussicht durch die große Glasfläche auf die bunte Nachkriegszeitssiedlung gemahnt eher an Berlin, denn an Zürich. Der Himmel ist weit. In der Galerie selber sind Fragmente aus dem hiesigen Stadtmobiliar zu sehen. Eine massive Beton-Bank (Today Years Old, GTSM Piazza Sipo, ca. 1984) und eine rote aus Holz sowie mehrere aus Drahtgitter und Gips gefertigte Skulpturen in Form der lokalen Mülleimer, den Abfallhaien, stehen in den Räumen. Die Bank aus Beton im ersten Raum ist ein Readymade – sie stammt von der Quartierstrasse, an welcher der Künstler aufwuchs. Diffuse Tonspuren strömen durch das Hamlet. Die Sounds haben mehrere Quellen, die sich im Rundgang durch die drei Räume sukzessive erschließen. Zunächst nimmt man den Klangkörper jedoch als eine viskose, trübe Masse wahr. Der Saaltext leitet an, die Ausstellung als Ansammlung biografischer Sedimente anzusehen. «Summer» handelt von Gelebtem, Vergessenem, Unterdrücktem und falsch Abgelegtem.
Hinter einer Schicht Hart-Plastik laufen Youtube-Videos auf einem Screen (Untitled, 2020) – die Playlist konstituiert sich aus Bernhard Hegglins (*1989) eigenem Suchverlauf. Die Plastikfolie, die man aus der Produktverpackung kennt, weißt jene typische Ausstanzung auf, mit der Produkte im Supermarktregal an Stangen gehängt werden. Der Look der Arbeit erinnert an Seth Prices Vacuum Forms. Im Text Redistribution (2007-), in dem Price diese Arbeiten kontextualisiert, arbeitet er einen Aspekt des Plastiks heraus, der im Kontext von «summer» produktiv ist:
«Anything that is completely elastic, however, will wind up in the garbage before long. That’s built into the material and the expectations we have of it. It may start its life as oil, as the accumulated sediment of millions of years of dead organisms, but it will pass through many different functions and forms before it comes to rest once more in the waste heaps and middens of history.»
Das Ruinenhafte haftet dem Plastik auf der Ebene des Materials an, einerseits aufgrund der hohen Entropie aber auch weil das Material für eine präkulturelle, vorgeschichtliche Zeit steht. Dieser enorme Kontrast zwischen der Zeitlichkeit der Entstehung des Öls und dem kurzlebigen Plastik, wie auch die schier endlosen Nutzungs- und Bedeutungsverschiebungen, die dieses Material durchlaufen kann, geben ihm eine psychotisch-traumatische Konnotation. (Aus dem Warenzyklus ausgeschieden, hat es zudem eine zerstörerische Wirkung auf die Umwelt.) Für Price ist Plastik der Werkstoff des Kapitalismus, der für das freie Spiel der Signifikanten steht. Die steten Bedeutungsshifts eröffnen ästhetische Möglichkeiten und haben zugleich eine destabilisierende Wirkung auf das Subjekt. In der Verschweißung liesse sich auch eine Geste der Mumifizierung sehen, das kollektive Strandgut der Massenmedien wird hier hinter einer Schutzschicht verstaut und in Schach gehalten.
An der Wand nebenan – wir befinden uns noch im ersten Raum – läuft aus einem der drei Speakers, die Hegglin gefertigt hat, eine komplementäre Soundspur – sie entstammt dem Game-Design. Es ist eine Radiostation, die man bei The Sims, dem Lebenssimulationsspiel, einstellen kann. Die eine Playlist ist einem spezifischen Subjekt zugeordnet, aber algorithmisch beeinflusst, die zweite ist gänzlich generisch. Alle Skulpturen außer der Sitzbänke bestehen aus Gips, einem Material, das ebenfalls seinen Zerfall in sich trägt wie der Plastik. Der Künstler arbeitet seit Beginn seines Schaffens mit Gips und gewinnt diesem dumpfen Material eine Vielzahl an Erscheinungsformen ab. Der Gips gibt in der Schau mimetisch Metall, Bauschaum und Marmor wieder. Die filigrane und gleichsam liebevolle Ausarbeitung der Eimer- und Soundboxen-Skulpturen geben der Ausstellung eine Wendung. Man ist nicht gänzlich in einem dystopischen Albtraum gefangen, in einer Welt bestehend aus Musikkonserven und Eimern. Wer adornitischen Kulturpessimismus sucht, kommt nicht voll auf seine Kosten.
Im zweiten Raum auf dem roten Bänklein ist der eigens für die Ausstellung gezeichnete, wortlose Comic ausgelegt. Drei Phantome treffen sich in einer Skihütte, einer erzählt einen Witz über Fuchs, Hase und Bär und ihre Süchte – ein allseits bekanntes Witzegenre. Die Eule will sie auf den rechten Weg bringen: Sie sollen doch Subsistenzwirtschaft betreiben, ihren eigenen kleinen Garten bewirtschaften (ich muss an Voltaires Candide denken), dem Handy, den Parties und Drogen abschwören. In diesem Bildband ergibt sich keine Pointe - vom Saaltext bleibt mir der Begriff des Proto-Narrativs hängen. Ein Gefühl des Unaufgelösten, der Beklemmung bleibt bestehen.
Die Show scheint wie ein verkaterter Samstag, verstrichen am Laptop. Die Umwelt erscheint schemenhaft, elastisch. Im letzten Raum erklingt Robin Williams Stimme, chopped and screwed, auch er erzählt einen Witz, eine abgestandene Erinnerung. Man ist auf einem Dérive, eben auf der Skipiste und den verdrogten Tieren, nun lauscht man der Stimme des berühmten Feelgood-Schauspielers und Komikers, der sich das Leben nahm. Auf dem Weg nach Hause erinnere ich mich, dass eine frühere Arbeit von Hegglin BMOML (Best Moment of My Life) hiess. Heute ist der erste Herbsttag, eine graue hohe Wolkendecke hängt über der Stadt, doch eine drückende Restschwüle der jüngst vergangenen Jahreszeit hält sich noch in der Luft.
Bernhard Hegglin: summer, Hamlet, Zürich
29. August – 4. Oktober 2020
Bilder courtesy Hamlet and the artist
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