Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/3402

Vorschlag 9
3.3.2. Bilinguale Klassen
Die Besonderheit des Kantons Freiburg und seiner zweisprachigen Bevölkerung legt nahe, dem wiederholt geäusserten Wunsch nach der Eröffnung zweisprachiger Klassen nachzukommen. Dabei kann das Potenzial an Kompetenzen, die dem Kanton zur Verfügung stehen (zweisprachige Lehrpersonen, Austausch von Lehrpersonen über die Sprachgrenze hinweg, kurze Verschiebungszeiten für Schülerinnen und Schülern...), genutzt werden, ohne grössere Veränderungen an der heutigen Schulstruktur vorzunehmen.
Auf der Grundlage der gesammelten Erfahrungen der Sekundarstufe II, wo solche Klassen bereits seit langem erfolgreich geführt werden, und in geringerem Ausmass bei den berufsbildenden Schulen, ist im vorliegenden Konzept vorgesehen, zweisprachige Klassen einzuführen, und zwar zunächst an der OS. Da eine zweisprachige Klasse mehr Lehrpersonen voraussetzt, eignet sich die OS, bedingt durch ihre Organisationsform besser für die Führung dieses Unterrichts in bilingualen Klassen. In einem zweiten Schritt wird dann die Eröffnung solcher Klassen auf der Primarstufe, ja sogar für den Kindergarten in Betracht gezogen, je nachdem, welches Interesse seitens der Schülerinnen und Schüler, ihrer Eltern und der Schulbehörden besteht, und je nach den Erfahrungen, die in der OS mit diesen Klassen gemacht werden.
Verschiedene Typen von zweisprachigen Klassen
Je nach Zusammensetzung der Klasse kann man folgende Klassentypen unterscheiden:
- Eine Klasse bestehend aus zweisprachigen Schülerinnen und Schülern, die aus den beiden Sprachgemeinschaften stammen und in einem zweisprachigen Umfeld aufgewachsen sind.
- Eine Klasse, die je zur Hälfte aus einsprachigen Schülerinnen und Schülern der beiden Sprachgemeinschaften besteht.
Diese Klassen können primär an Schulen eröffnet werden, die sich auf der Sprachgrenze oder nahe der Sprachgrenze befinden (zum Beispiel in Freiburg, Murten, Düdingen, Marly). Aus organisatorischen Gründen wird man diese beiden Klassentypen in der Praxis zweifellos vermischen. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler wird somit die Schulzeit in direktem Kontakt mit Kindern aus zweisprachigen – deutsch- und französischsprachigen – Familien verbringen. Das Programm ist so zu gestalten, dass in L1 und in L2 unterrichteten Fächer ausgewogen sind. Sobald ein genügendes Rüstzeug in der L2 erworben ist, sollten die meisten Lektionen in Form eines integrierten Unterrichts erteilt werden, also in einer der beiden Sprachen. Die Organisation und die Führung solcher Klassen erfordern jedoch seitens der Lehrpersonen eine hohe Sprachkompetenz sowie individuell angepasste Unterrichtsmaterialien, da es kaum möglich ist, für beide Sprachgemeinschaften die gleichen Lehrmittel zu verwenden. Der konsequente Gebrauch der deutschen Standardsprache ist eine Conditio sine qua non für die Aufnahme in eine solche Klasse.
- Eine Klasse, die mehrheitlich oder ausschliesslich aus einsprachigen Schülerinnen und Schülern besteht.
Solche Klassen können auf dem gesamten Gebiet des Kantons eröffnet werden. Allerdings bedingt dies, dass kompetentes Lehrpersonal eingesetzt werden kann. Aufgrund der Erkenntnisse aus den in anderen Kantonen, vor allem im Wallis, durchgeführten Versuchen geht man davon aus, dass eine Klasse zweisprachig unterrichtet wird, wenn wenigstens 30% der Unterrichtszeit in der L2 erfolgt. Genau dieser Prozentanteil wird angestrebt, so dass zwischen dem Lernaufwand für die L2 und dem gesamten Bildungsprogramm eine ausgewogene Verteilung besteht. Keinesfalls wird die Grenze von 50% der Unterrichtslektionen in L2 überschritten. Bei diesem Klassentyp sollte der Grundsatz «eine Lehrpersonen, eine Sprache» berücksichtigt werden, um zu vermeiden, dass schliesslich überwiegend die L1 verwendet wird, um mit dem Stoff schneller voranzukommen und die Anweisungen leichter verständlich zu machen. Bei der Anwendung dieses Grundsatzes sollten daher vorzugsweise die Fächer festgelegt werden, die in der L2 unterrichtet werden. Unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten wird im Prinzip unter folgenden Fächern ausgewählt: Geschichte, Geografie, Mensch und Umwelt, Staatskunde, Sportunterricht, Gestalten und Zeichnen.
- Eine Klasse, bestehend je zur Hälfte aus deutsch- und französischsprachigen Schülerinnen und Schülern, die ein 10. Partnersprachliches Schuljahr besuchen.
Die Eröffnung einer zweisprachigen Klasse, die je zur Hälfte aus deutsch- und französischsprachigen Schülerinnen und Schülern besteht (Variante b oben), würde den Lernenden, die dies wünschen, die Möglichkeit bieten, ein freiwilliges zusätzliches OS-Jahr zu absolvieren und dabei ihre Sprachkompetenzen in der L2 zu verbessern. Es handelt sich eigentlich um eine besondere Form des 10. Partnersprachlichen Schuljahrs. Dabei würden die gleichen organisatorischen Prinzipien berücksichtigt wie bei der Variante b: Ausgewogene Verteilung der in L1/ L2 unterrichteten Fächer, angepasste Unterrichtsmaterialien, Nutzen des sprachlichen Kapitals durch die Präsenz von deutsch- und französischsprachigen Schülerinnen und Schülern. Auch hier ist der konsequente Gebrauch der deutschen Standardsprache eine Conditio sine qua non für die Aufnahme in eine solche Klasse, wobei man sich bewusst ist, dass Mundartkenntnisse die künftige Eingliederung in die deutschsprachige Gemeinschaft erleichtern würden.
Zusätzliche Anmerkungen
Bei den bisher durchgeführten Versuchen mit zweisprachigen Klassen hat sich herausgestellt, dass die Einrichtung solcher Klassen eine Reihe von Problemen mit sich bringt. Die möglichen Lösungswege, die oben dargelegt werden, zeigen aber auch, dass zweisprachige Klassen nicht auf die einzige zweisprachige Zone des Kantons beschränkt bleiben müssen, sondern dass man auch über diese Zone hinaus solche Klassen einrichten kann. Somit liesse sich vermeiden, dass nur ein Exklusivangebot für diese geografische Zone geschaffen würde, wogegen das restliche Kantonsgebiet davon nicht profitieren könnte. Der Erfolg von Schülerinnen und Schülern, die solche Klassen besuchen werden, wird wesentlich von folgenden Faktoren abhängen: den Kompetenzen der Lehrpersonen, der Qualität der logistischen Unterstützung durch die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ämter für obligatorischen Unterricht, vor allem in Form der Bereitstellung von Lehrmitteln und didaktischem Material sowie der Unterstützung der Eltern und ihrem konkreten Engagement, die Lernmöglichkeiten der L2 im familiären Umfeld zu fördern. Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass diese Art des Lernens für Schülerinnen und Schüler geeignet ist, die in der Schule leicht mitkommen; Vorsicht und Zurückhaltung geboten ist hingegen bei Schülerinnen und Schülern, die bereits in ihrer Muttersprache mit dem Schulstoff Probleme haben. Zudem sollte für eine gewisse Logik des weiteren Bildungswegs – egal in welcher Form – gesorgt werden.
Die zweisprachigen Klassen bilden zweifellos die vielversprechendste und interessanteste Variante der Angebote, die ein Kanton bietet, in dem Bevölkerungsgruppen, die zwei unterschiedliche Sprachen sprechen, zusammenleben. Dieses Potenzial rechtfertigt es, dass im Bildungswesen nach guten Lösungen gesucht wird. Diese Massnahmen sind keinesfalls als elitär einzustufen.
- Bilinguale Klassen fördern.
- Es sind verschiedene Organisationsverfahren anzubieten, die den sprachlichen Kenntnissen der Schülerinnen und Schüler sowie den lokalen Gegebenheiten, insbesondere den Kompetenzen der Lehrpersonen, Rechnung tragen (siehe auch Vorschlag 3).
- Diese Neuerung ist zuerst in der OS einzuführen, die dafür aufgrund des Dispositivs der Lehrpersonen besser geeignet ist. Dieses Angebot sollte dann je nach Interesse und den erzielten Ergebnissen auf die gesamte obligatorische Schulzeit (KG, PS) erweitert werden.