Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03347.jsonl.gz/1506

Gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf belegt die Schweiz hinter Luxemburg den zweiten Platz der reichsten Länder der Welt. Doch wie sieht es aus, wenn man die sogenannte Kaufkraftparität mitberücksichtigt? Diese bezeichnet denjenigen Wechselkurs, bei welchem die untersuchte Gütermenge gleich teuer wäre.
Die einfachste Kaufkraftparität betrachtet nur den Preis eines Gutes. Wenn zum Beispiel 1 Kilogramm Aprikosen in der Schweiz 6.60 Franken kostet, in Spanien dagegen 2 Euro, ist bei einem Wechselkurs von 1.10 Franken/Euro der Schweizer Marktwert zwar dreimal so hoch – der Gebrauchswert dürfte aber praktisch identisch sein. Die Kaufkraftparität läge aus Schweizer Sicht somit bei 3.30 Franken/Euro.
Ein bekanntes Mass, das nur ein Gut berücksichtigt, ist der Big-Mac-Index der Zeitschrift «The Economist». Er basiert darauf, dass der doppelstöckige Cheeseburger der US-Kette McDonald’s bezüglich Inhalt und Vertrieb weltweit praktisch identisch vermarktet wird. Im Juli 2021 war der Big Mac mit 6.50 Franken in der Schweiz von allen 57 untersuchten Ländern am teuersten. In den USA kostete er 5.65 Dollar, was eine Kaufkraftparität von 1.15 Franken pro Dollar ergibt. Der tatsächliche Wechselkurs lag aber bei 0.92 Franken, also knapp ein Viertel unter der Big-Mac-Kaufkraftparität. Gegenüber dem Euro war der Franken gemäss dem Big-Mac-Index sogar um 40 Prozent überbewertet.
Qual der Wahl
Für repräsentativere Kaufkraftparitäten werden die Preise von jeweils über 10’000 Gütern und Dienstleistungen pro Land herangezogen. Die Daten liefern die nationalen statistischen Ämter; die Berechnungen werden von internationalen Organisationen wie Eurostat, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie vom Internationalen Vergleichsprojekt der Weltbank durchgeführt. Dabei ist eine repräsentative Auswahl der zu berücksichtigenden Güter und ihrer Gewichte schwierig. Denn nicht alle Güter sind überall erhältlich, und die in den jeweiligen Ländern gehandelten Mengen können erheblich variieren. So ist etwa der Absatz von Meeresfischen in Küstenländern zumeist höher also in Binnenländern, der von Wollpullovern höher in kälteren Regionen als in wärmeren. Hinzu kommen kulturelle Vorlieben und Tabus. Beispielsweise wird Rindfleisch in Indien aus religiösen Gründen kaum gegessen und ist daher nur schwierig erhältlich.
Für internationale Preisniveauvergleiche sind deshalb sorgfältige Berechnungen erforderlich.[1] Grundsätzlich gilt: Je stärker sich die typischerweise konsumierten Güter und Dienstleistungen zweier Länder ähneln, desto aussagekräftiger ist ein Vergleich. Gemäss Weltbank-Daten aus dem Jahr 2017 betrug die Übereinstimmung der Ausgabenanteile des Schweizer Warenkorbs mit den übrigen 174 Ländern des Internationalen Vergleichsprojekts im Durchschnitt 51 Prozent. Am stärksten war die Übereinstimmung mit den USA (89%), gefolgt von Deutschland (88%) und Belgien (85%). Am Ende der Liste stehen mit Sierra Leone (11%), dem Tschad (10%) und Guinea-Bissau (8%) Länder südlich der Sahara, die zu den ärmsten der Welt gehören.
Teures Gesundheitswesen
Aus Schweizer Sicht sind insbesondere die Kaufkraftparitäten gegenüber anderen europäischen Ländern bedeutsam. Gemäss der EU-Statistikbehörde Eurostat betrug die Schweizer Kaufkraftparität im Jahr 2020 gegenüber dem EU-Schnitt 1.71 Franken/Euro, wenn man das BIP betrachtet. Gegenüber dem Euroraum lag sie bei 1.56 Franken/Euro, also deutlich über dem tatsächlichen Wechselkurs in der Nähe von 1.10 Franken/Euro.
Das Preisniveau war im vergangenen Jahr in der Schweiz 58 Prozent höher als im EU-Schnitt. Betrachtet man nur den Individualverbrauch, so waren die Preise sogar 80 Prozent höher. Am grössten ist die Differenz bei den stationären Gesundheitsdienstleistungen: Hier waren die Schweizer Preise mehr als dreimal so hoch wie denjenigen der EU. Dahinter folgen das Bildungswesen (knapp 2,7-mal höher), die individuellen Dienstleistungen (gut 2,4-mal höher) und Fleisch (knapp 2,4-mal höher). Günstiger als im EU-Durchschnitt, wenn auch nur ganz knapp (1%), war einzig die Gütergruppe «audiovisuelle, fotografische und informationsverarbeitende Geräte».
Hohe Löhne und Abschottung
Warum ist das Preisniveau in der Schweiz so hoch? Einerseits verfügt die Schweiz über eine wettbewerbsfähige Exportwirtschaft. Diese richtet überdurchschnittliche Löhne aus, was auf dem Arbeitsmarkt auch zu hohen Löhnen in weniger produktiven Sektoren führt. Wenn Letztere im Wettbewerb mit dem Ausland stehen, verschwinden sie vom Markt, wie sich zum Beispiel in der Textilindustrie zeigte.
Branchen und Dienstleistungen hingegen, die vor ausländischer Konkurrenz geschützt sind, können die hohen Löhne auf die Konsumentinnen und Konsumenten überwälzen. So kostet ein Haarschnitt in der Schweiz deutlich mehr als im Ausland. Dasselbe trifft auf im Prinzip international handelbare Güter wie Lebensmittel zu, die aber durch Zölle und nicht tarifäre Handelshemmnisse geschützt sind. Auch der Detailhandel gehört zu den vor ausländischer Konkurrenz geschützten Branchen, wenn man von den Geschäften in Grenznähe absieht. Nicht zu vergessen die Bodenpreise, die sich direkt in den Wohn- und Geschäftsmieten niederschlagen. Kurz: Preistreiber sind vor allem die nicht international gehandelten Güter.
China hat USA bereits überholt
Betrachtet man bei internationalen Vergleichen statt des Marktwerts die Kaufkraftparitäten, ändern sich die Verhältnisse zum Teil markant. So ist beispielsweise bekannt, dass die Rolle der USA als grösste Volkswirtschaft der Erde mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Volksrepublik China zu Ende geht. Wann genau das der Fall sein wird, ist noch offen, denn das BIP der USA ist nominal immer noch um 40 Prozent höher als jenes von China. Betrachtet man jedoch das kaufkraftadjustierte BIP, so zeigt sich, dass die chinesische Wirtschaft die USA bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen bereits im Jahr 2017 überholt hat (siehe Abbildung 1).
Abb. 1: USA versus China – BIP in Mrd. Dollar (2021)
Anmerkung: Für die USA sind gemäss Weltbank-Daten das nominale und das Kaufkraftparitäten-adjustierte BIP identisch, da alle Kaufkraftparitäten relativ zu den USA ausgewiesen sind.
Quelle: World Development Indicators (21.07.2021) / Die Volkswirtschaft
Auch für die Schweiz kommt man mit kaufkraftadjustierten BIP-Vergleichen zu interessanten Einsichten. Wie eingangs erwähnt ist die Schweiz gemessen am BIP pro Kopf eines der reichsten Länder der Welt. In der Tat verzeichneten den Daten der Weltbank zufolge im Jahr 2019, dem letzten Jahr vor der aktuellen Pandemie, nur Monaco, Bermuda, Luxemburg, die Kaiman-Inseln und die Sonderwirtschaftszone Macao höhere Werte. Wenn wir diejenigen Zwergstaaten, deren Wirtschaften durch Spielbanken oder Beihilfe zur Steuervermeidung geprägt sind, aus der Betrachtung herausnehmen, liegt nur Luxemburg vor der Schweiz. Auf den nächsten Plätzen folgen Irland, Norwegen, Island und Singapur.
Berücksichtigt man die Kaufkraftparitäten, ändert sich das Bild: Der Vorsprung Luxemburgs gegenüber der Schweiz vergrössert sich erheblich, und Singapur und Irland überholen die Schweiz (siehe Abbildung 2). Auch bei EU-Staaten wie Dänemark und den Niederlanden verringert sich der Abstand zur Schweiz. In der Schweiz werden also deutlich weniger Güter und Dienstleistungen gehandelt, als der internationale Vergleich des BIP mit den jeweiligen Wechselkursen impliziert, denn das hohe Preisniveau treibt den Marktwert der Güter und Dienstleitungen in die Höhe. Für Ländervergleiche ist es also zumeist angezeigt, die Kaufkraftparität zu berücksichtigen.
Abb. 2. BIP pro Kopf nominal und nach Kaufkraftparität (2019)
Anmerkung: Ohne Zwergstaaten, Steuerparadiese, Sonderwirtschaftszonen und ölexportierende Golfstaaten.
Quelle: World Development Indicators, 21.07. 2021 / Die Volkswirtschaft
- Vgl. BFS (2012) und Feenstra et al. (2015).