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Mit dem Entscheid, Komplementärmedizin bei den Leistungen der Krankenkassen der Schulmedizin gleichzustellen, schwimmt die Schweiz gegen den Strom. Handelt es sich hier um einen Fall, bei dem der Wille des Volkes über die Wissenschaft siegte?
"Absurd," "Nicht akzeptabel," "Erstaunlich," "Verschwendung von Steuergeldern...": So lauteten diverse Kommentare auf Facebook, als swissinfo.ch Ende März über den Entscheid der Regierung berichtete, dass die obligatorische Krankenversicherung auch in Zukunft für die Kosten bestimmter alternativer Heilmethoden aufkommen soll.
Homöopathie in der Schweiz
1999 gab das Innenministerium bekannt, dass die obligatorische Krankenversicherung die Kosten für gewisse alternative Heilmethoden (inklusive traditionelle chinesische Medizin und Homöopathie) für eine Pilotphase von sechs Jahren übernehmen werde.
2005 wurden dann verschiedene Methoden der Komplementär- und Alternativmedizin wieder von der Liste gestrichen, weil sie den gesetzlichen Anforderungen der Wirksamkeit nicht entsprechen konnten. Als Antwort auf die Volksinitiative "Ja zur Komplementärmedizin" legte die Regierung 2009 einen leicht abgeschwächten Gegenvorschlag vor, der von einer Mehrheit der Stimmenden angenommen wurde.
Als Folge vergütet die obligatorische Krankenpflegeversicherung die Kosten für komplementär-medizinische Behandlungsmethoden nun seit 2012 provisorisch (bis 2017) wieder. Am 29. März 2016 gab das Innenministerium nun bekannt, dass vier komplementär-medizinische Methoden, darunter die Homöopathie und die traditionelle chinesische Medizin, den anderen, konventionellen medizinischen Fachrichtungen gleichgestellt und ihre Kosten weiterhin von der Grundversicherung vergütet werden sollen. Die neue Verordnung soll im Mai 2017 in Kraft treten.
Die massgeblichsten medizinischen Organisationen der Schweiz zeigten sich jedoch mit dieser Kritik nicht einverstanden. Nach Abschluss eines Anhörungsverfahrens, an dem politische Parteien und Experten teilnahmen, unterstützten die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) und die Vereinigung der Schweizer Ärzte und Ärztinnen (FMH), aber auch die wichtigsten Parteien den Entscheid des Innenministeriums.
Nicht mehr als ein Placebo?
Homöopathie ist in der Schweizer Bevölkerung die am meisten genutzte Form komplementärer und alternativer Heilmethodenexterner Link. Nach einem gemeinsam veröffentlichten Bericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO)externer Link belaufen sich die Ausgaben für homöopathische Behandlungen und Arzneimittel pro Jahr auf 50 respektive 31 Mio. Franken. Tendenz steigend.
"Das Geheimnis der Homöopathie ist ihr Placebo-Effekt", sagte Luojin LYU, ein renommierter populärwissenschaftlicher Autor und Arzt, der für verschiedene chinesische Medien schreibt. Er arbeitete als praktizierender Arzt in China, Japan und in den USA. Seinen Aussagen zufolge sind kranke oder gebrechliche Menschen oft so verzweifelt, dass sie bereit sind, alles zu versuchen.
LYU hat das Preis-Qualitäts-Verhältnis in der Homöopathie untersucht. "Die medizinischen Kosten für Homöopathie sind extrem niedrig. Wenn ein Kind in den USA Fieber hat und notfallmässig medizinische Hilfe braucht, sind 600 bis 700 Dollar eine konservative Schätzung. Aber mit nicht mehr als 20 Dollar kann man in Supermärkten eine Packung mit homöopathischen Pillen kaufen."
Homöopathische Medizin hat praktisch keine Nebenwirkungen. "Der grundlegende Bestandteil ist Wasser. Die einzige Nebenwirkung ist das Risiko, dass eine Krankheit nicht rechtzeitig richtig behandelt wird."
Ein Mitglied aus LYUs Familie, das an einer ernsthaften Erkrankung litt, hatte sich zunächst der alternativen Komplementärmedizin zugewandt, was zu einer Verschlimmerung der Symptome führte, weil die Behandlung erst verspätet aufgenommen wurde. "Wenn sie Patienten Arzneimittel verschreiben, sollten Ärzte bedenken, dass das wichtigste Kriterium nicht die Nebenwirkung des Medikaments ist, sondern dessen Wirksamkeit", sagte LYU.
Wie kann man Wirksamkeit beweisen?
Meta-Analysen und Forschung über die Wirksamkeit der Homöopathie dauern an. In einem 2012 veröffentlichten Schweizer Berichtexterner Link wurde die Homöopathie als eine "wertvolle Ergänzung der konventionellen medizinischen Landschaft" bekräftigt. Medizinische Wissenschaftler in anderen Ländern stellten diese Schlussfolgerung aber in Frage und bezeichneten die Ergebnisse als haltlos, weil sie nicht auf den gleichen randomisierten, kontrollierten klinischen Studien zur Evaluation und Validierung fussten wie herkömmliche Therapien.
Homöopathie weltweit
Nach Angaben der Weltgesundheits-Organisation (WHO) sind homöopathische Behandlungen in mehr als 80 Ländern weltweit stark verbreitet. Mehr als 20 Staaten anerkennen alternative klinische Methoden.
Zu den Ländern, deren Krankenversicherungs-Systeme die Kosten für solche Behandlungsmethoden übernehmen, gehören etwa Grossbritannien, Frankreich und Luxemburg. In Ländern wie Belgien und Österreich hingegen übernehmen die Krankenversicherungen Kosten für homöopathische Behandlungen nicht, weil deren Wirksamkeit nicht bewiesen sei.
Die Nahrungsmittel- und Arzneimittelbehörde der USA (Food and Drug Administration, FDA) erlaubt den Verkauf homöopathischer Arzneimittel, auch wenn kein schlüssiger Beweis für deren Sicherheit und Wirksamkeit vorliegt. Die Medikamente, um die es hierbei geht, sind Arzneimittel mit denen "selbstlimitierende, akute Erkrankungen" oder Beschwerden wie Erkältungen, Verstauchungen oder Allergien behandelt werden können.
Aus Sicht der westlichen Medizin betrachtet, sind gross angelegte klinische Versuche die anerkannteste Form für wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Homöopathie-Studienexterner Link des Nationalen Rats für Gesundheit und medizinische Forschung der australischen Regierung (National Health and Medical Research Council, NHMRC) von 2013 und 2015 werden als die massgeblichsten Untersuchungen zum Thema betrachtet.
Der Grund dafür ist laut LYU, dass die Studien eine beträchtliche Anzahl Proben erfassten und eine breite Palette von Regionen abdeckten. "Es wurden verschiedene Gesundheitszustände von Patienten und unterschiedliche Nationen erforscht", fügte er hinzu. Der NHMRC kam schliesslich zu folgendem Schluss: "Leute, die sich für Homöopathie entscheiden, könnten ihre Gesundheit gefährden, wenn sie Behandlungen ablehnen oder hinauszögern, für deren Sicherheit und Wirksamkeit gute Beweise vorliegen."
SantéSuisse, die Dachorganisation der Schweizer Krankenkassen, argumentiert, dass standardisierte Methoden, die genutzt würden, um konventionelle Behandlungsmethoden zu untersuchen, nicht auf die Homöopathie angewandt werden könnten.
"Es wäre gegenüber der Homöopathie nicht fair, zur Abklärung ihrer Wirksamkeit die gleichen Vorgehensweisen anzuwenden wie bei konventionellen Behandlungsmethoden. Es besteht potentiell ein Risiko, dass diese systematischen und international anerkannten Methoden der biomedizinischen Wissenschaft den der Homöopathie zugrunde liegenden Prinzipien zuwiderlaufen", erklärte SantéSuisse-Sprecher Christophe Kämpf.
Hat die Demokratie die Wissenschaft besiegt?
Das Bundesamt für Gesundheit hatte in seiner Presseerklärungexterner Link von Ende März eingeräumt, dass "der Nachweis aussteht, dass die Leistungen der vier komplementär-medizinischen Fachrichtungen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind".
Daniel Dauwalder, ein BAG-Sprecher, erklärte, der Entscheid, dass die obligatorische Krankenpflegeversicherung komplementär-medizinische Leistungen weiterhin übernehmen solle, "reflektiert den Volkswillen" des Referendums von 2009.
"Im System der Krankenpflegeversicherung werden die Kosten der alternativen Therapien aufgrund des Vertrauensprinzips abgedeckt werden", erklärte Dauwalder. Wenn aber fraglich sei, ob eine Leistung den Kriterien von Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit genüge, habe SantéSuisse das Recht, die Abgeltung nach einer Überprüfung allenfalls abzulehnen.
Umsetzung
Die Wirksamkeit der Komplementär- und Alternativmedizin ist jedoch nicht der Kern der Sache. Vielmehr geht es darum, wie die Politik der Regierung umgesetzt werden soll. Darum, wie sichergestellt werden soll, dass der Gesundheitszustand von Patienten nicht durch unqualifizierte, selbsternannte Ärzte beeinträchtigt wird, während gleichzeitig wirksame Behandlungsmethoden gefördert werden. Und wie die Krankenkassen mit den potentiellen Herausforderungen umgehen sollen.
Tatsächlich ist es nicht so, dass alternative Behandlungsmethoden von der obligatorischen Krankenversicherung, die jeder Einwohner, jede Einwohnerin des Landes abschliessen muss, bedingungslos abgedeckt werden. Nur Kosten für Leistungen, die von zertifizierten Ärzten erbracht werden, werden zur Abgeltung in Betracht gezogen. Andernfalls können entstandene Kosten nur abgegolten werden, wenn die betroffene Person eine Zusatzversicherung abgeschlossen hat, die alternative Methoden abdeckt.
(Übersetzung aus dem Chinesischen: Yi Dong, aus dem Englischen: Rita Emch)