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MA-Seminar (Problématiser) : zweisprachig/bilingue: Überwachen und fichieren. Vor welchen Gefahren schützt die Bundesanwaltschaft die Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert?» / « Surveiller et ficher: contre quelle menace le Ministère public fédéral protège-t-il la Suisse aux XIXe et XXe siècles?
UE-L15.02024
|Dozenten-innen: Cottier Maurice, Heiniger Alix
|Kursus: Master
|Art der Unterrichtseinheit: Seminar
|ECTS: 9
|Sprache-n: Zweisprachig, Französisch, Deutsch
|Semester: SP-2024
Die Schweizerische Bundesanwaltschaft (BA) entstand schrittweise in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Erst 1889 wurde eine ständige Stelle für einen Bundesanwalt geschaffen, welcher von nun an zwei Aufgaben hatte: einerseits war er staatlicher Ankläger und anderseits stand er der Bundespolizei vor.
Die Bundespolizei war zu Beginn hauptsächlich damit beschäftigt, die Aktivitäten anarchistischer und sozialistischer Gruppen sowie von Syndikalisten zu überwachen, um zu verhindern, dass die Nachbarstaaten eigene Agenten zur Erfüllung dieser Aufgabe in die Schweiz entsandten. Ausserdem diente BA als Ansprechpartnerin als für die Polizeidienste anderer Staaten im Kampf gegen internationale kriminelle Netzwerke. Sie verfügte über keine operativen Kräfte und muss sich auf den Einsatz der Kantonspolizeistellen vor Ort stützen. Die Organisation der Bundesanwaltschaft wurde 1957 im Zusammenhang mit der Ulrich/Dubois-Affäre in Frage gestellt. Doch der Bundesrat sah davon ab, eine Reform in Angriff zu nehmen. 1991, im Zuge der Kopp-Affäre, enthüllte eine parlamentarische Untersuchung die Existenz von 900’000 ‘Fichen’, die von einer grossangelegten Überwachung politischer (vor allem linker) Aktivitäten zeugten. Die Bundespolizei arbeitete dabei eng mit kantonalen Dienststellen zusammen.
Dieses zweisprachige Seminar wird sich mit den beiden Dimensionen der Arbeit der Bundesanwaltschaft befassen: der politischen Überwachung der Bevölkerung und der Bekämpfung der internationalen Kriminalität. Dieser Fokus eröffnet mindestens drei Zugänge zur schweizerischen und internationalen Zeitgeschichte. (1) Es wird möglich, zu untersuchen, welche Tätigkeiten und Akteure von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten als Gefahr für Staat und Gesellschaft angesehen wurden und wie sich dies über die Zeit veränderte. (2) Der Staatsschutz und die Verbrechensbekämpfung hatten stets eine transnationale Dimension und tangierten Fragen der nationalen Souveränität. Der Bundesrat leitete Reformen häufig erst nach internationalem Druck ein. Eine Beschäftigung mit der BA eröffnet daher einen Zugang zur Geschichte der internationalen Verflechtung und Zusammenarbeit der Schweiz. (3) Da die Tätigkeiten der Bundesanwaltschaft immer wieder auf vielschichtige und unterschiedliche Kritik stiess, lässt sich auch der Widerstand gegen diese historisch untersuchen. Anhand der Kritik an der BA lässt sich daher nachzeichnen, wie sich Rechtsempfindungen und die Wahrnehmung der Rolle des Staates in der Zivilgesellschaft veränderten.
Die Studierenden verfassen im Rahmen des Seminarthemas selbstständig eine schriftliche Arbeit. Während des Seminars wird das Forschungsprojekt mündlich präsentiert. Zudem moderieren die Teilnehmenden die Diskussion zu einem Lektüretext.
Lernziele
Lernziele:
- kritische Lektüre von Quellen
- Erarbeitung einer Fragestellung anhand eines Archivkorpus
- Durchführen einer eigenen Recherche
- Kenntnisse der sozialen und politischen Geschichte der Schweiz
- Kenntnisse der Geschichte und der Archive der Bundesanwaltschaft und der sie betreffenden Kontroversen
- Fähigkeit, sich an Diskussionen in einem zweisprachigen Umfeld zu beteiligen