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Als Feind der Herrschaft des Menschen über den Menschen war der Staat in seinen Augen "die schreiendste Verneinung des Menschentums". (1)
Bakunin war sowohl ein glühender Staatsfeind, als auch ein Liebhaber vorzüglichen Essens und guter Musik.
Eine schöne Anekdote diesbezüglich beschreibt Madeleine Grawitz in ihrem Prachtband "Bakunin. Ein Leben für die Freiheit" (2):
Am Palmsonntag 1849 hatte Bakunin ein Konzert in Dresden besucht. Gespielt wurde Beethovens Neunte Symphonie.
Und die begeisterte den polizeilich Gesuchten so sehr, dass er anschliessend vor das Orchester trat, um zu erklären, "dass, wenn alle Musik bei dem erwarteten grossen Weltenbrande verloren gehen sollte, wir für die Erhaltung dieser Symphonie mit Gefahr unseres Lebens einzustehen uns verbinden wollten".
"Höre mit Schmerzen"Wir wissen nicht, ob Bakunin auch die Musik der Einstürzenden Neubauten gefallen hätte. In den frühen 1980er Jahren hat der bombastische "Krach" dieser experimentierfreudigen Kapelle schliesslich das ein oder andere Trommelfell zum Reissen gebracht. Vielleicht hätte Bakunin diesen "Lärm" mit Schmerzen gehört?
Was womöglich im Sinne der Neubauten gewesen wäre?
Wir wissen es nicht. Was wir aber sagen können, ist, dass diese 1980 von Blixa Bargeld, NU Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel in Berlin gegründete, dadaistisch und "anarchistisch geprägte" (3) Band offensichtlich von den Ideen Bakunins beeinflusst wurde. Nicht umsonst steht ihre 1983 erschienene LP "Zeichnungen des Patienten O.T." unter einem bakunistischen Slogan: "Destruction is not negative, you must destroy to build".
Die Anti-Pop-Band kommt aus der Punk- beziehungsweise Post-Industrial-Bewegung. Um ein apokalyptisches Klanggewitter zu inszenieren, das die eindringlichen Blixa Bargeld-Schreie und seinen Gesang untermalt, benutzt sie ein schrilles Instrumentarium aus (oft verstimmten) E-Gitarren, Bass, Megaphon, Alltagsgegenständen und Schrott: elektrisch verstärkte Stahlspulen, Fässer, Bohrmaschinen, Hämmer, Sägen, Rasierapparate, ausrangierte Flugzeugtriebwerke, ...
Das Bakunin-Motto "Die Zerstörung ist eine schaffende Kraft" zieht sich dabei als schwarz-roter Leitfaden durch die aussergewöhnliche "Noise-Music" der Combo. Während in den frühen 1980er Jahren die Grenzen zwischen Musik und Lärm ausgelotet wurden, sind die Stücke seitdem allerdings melodiöser geworden.
"Spätestens seit 1985 jedoch, als Depeche Mode sie für 'People are People' sampelten, waren die Neubauten berechenbar geworden: Sie poltern auf der documenta und der XII. Biennale 1982 in Paris herum. Feuilleton und Boulevardpresse entdecken die Band; das Goethe-Institut schickt sie 1986 zur Expo nach Vancouver. Die Einstürzenden Neubauten werden deutsches Kulturgut", konstatiert Ronald Galenza auf der Internetseite des Goethe-Instituts. (4)
Auch der Autor dieser Zeilen konnte sich am 18. Mai 2008 im Kölner E-Werk davon überzeugen, dass mensch heute ruhigen Gewissens ein Konzert der Rockband besuchen kann, ohne auf Ohropax angewiesen zu sein. Ihr im Oktober 2007 erschienenes "Alles Wieder Offen"-Album klingt bisweilen eher nach Rio Reiser und Ton Steine Scherben und nur noch selten nach den "alten" Neubauten. Das ist - auch aus libertärer Sicht - keineswegs verwerflich. Ton Steine Scherben sind schliesslich seit den frühen 1970er Jahren aus gutem Grund die wohl einflussreichste anarchistische Rockband in Deutschland. Und sie waren ein Vorbild auch für die Neubauten, wie Blixa Bargeld zum Beispiel Ende August 1996 in seinem, im SPIEGEL veröffentlichten, sensiblen Nachruf auf Rio Reiser (1950-1996) bekannt hatte. "Die Scherben waren die ganze Zeit über ein grosser Einfluss", bestätigt Alexander Hacke, der seit 1980 Neubauten-Mixer, Gitarrist und Bassist ist. (5)
"Die Neubauten sind, natürlich inspiriert durch Blixa und freudig aufgenommen von den anderen Bandmitgliedern, Anarchisten. Blixa ist durch und durch ein Anarchist. Es geht ihm um eine radikale Freiheit, um ein radikales Zerstören, es geht ihm radikal darum, neue Dinge zu erschaffen" (6), so Fritz Brinckmann, Fotograf und Grafiker, der u.a. die Cover zu den Neubauten-Alben "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala", "Haus der Lüge", "Tabula Rasa" und "Ende Neu" gestaltet hat.
Anders als einst der christliche Anarchist Rio Reiser, neigt Blixa Bargeld zur Blasphemie, zur Beschimpfung von "Gottes unendlichem Hoden" (7).
Auch darin ist er dem libertären Atheisten Michail Bakunin näher als z.B. dem christlichen Anarchopazifisten Leo Tolstoi (1828-1910), für den die Bergpredigt ein Grundpfeiler seiner gewaltfrei-libertären Ethik war.
In seinem in den 1870er Jahren entstandenen Standardwerk "Gott und der Staat" stellte Bakunin dagegen fest: "Die Gottesidee enthält die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit in sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und führt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen, in Theorie und Praxis. (...) Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden auf, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man wählen." (8)
Offensichtlich haben die Einstürzenden Neubauten gewählt. Ihr 1989 entstandenes "Haus der Lüge"-Album gehört vielleicht zu den musikalisch interessantesten Werken, die nach Beethovens Neunter in diesem Lande entstanden sind. Anders als gelegentlich beim grandiosen Hofmusiker Beethoven fehlt bei den Werken von Blixa Bargeld und Co. das religiöse Pathos. Stattdessen finden wir eine ebenfalls oft pathetische, aber explizit atheistische und herrschaftsfeindliche Metaphorik, an der Genosse Bakunin zweifellos seinen Spass gehabt hätte.