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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (19.09.2006)
Georges Delnon läutete seine Intendanz als Nachfolger von Michael Schindhelm am Theater Basel mit Prokofjews surrealistischer Märchenoper «Die Liebe zu den drei Orangen» ein.
«On commence» heisst es nach dem Prolog. Aber da begann nichts. Nur Tumult im Orchestergraben: Armin Jordan, der 74-jährige Dirigent war auf dem Podium zusammengebrochen. Georges Delnon entliess das Publikum in eine halbstündige Pause, dann Entwarnung: Jordan hatte keinen Herzinfarkt, sondern einen Kreislaufkollaps. Er wurde ins Spital gebracht, sein Zustand war stabil (Ausgabe von gestern).
Dirigieren konnte Jordan natürlich nicht mehr, aber mit Lutz Rademacher, dem Korrepetitoren und zweiten Dirigenten der Produktion war der beste denkbare Ersatz zur Stelle. Er machte seine Sache ausgezeichnet: Niemals erwuchs auch nur der kleinste Eindruck von Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit im feinen Gespinst zwischen Orchester, Bühne und Sängern. Und mehr noch: Die heiklen Temporelationen und die subtilen Klangfarbenmischungen von Prokofjews Partitur waren beim 37-jährigen Deutschen in zuverlässigen und souverän gestaltenden Händen. Kleine Pointe noch zum Thema: «Tout s'écroule» (Alles bricht zusammen) heisst es am Ende vom zweiten Akt, und der König stürzt ohnmächtig zu Boden.
Witzig-verspielte Märchenoper
Zu diesem Zeitpunkt lief die Eröffnungspremiere von Delnons Intendanz bereits auf Siegeskurs: Die französischen Regie-Zwillinge Patrice Caurier und Moshe Leiser hatten eine überaus farbige, witzig-verspielte Märchenoper zum Laufen gebracht, die ihre Wirkung niemals verfehlte. So wie sich Prokofjew, angestachelt von den Theater-Idealen Meyerholds, um ein neues, von Wagners Musikdramen wie vom Verismo Puccinis unabhängiges Musiktheater bemühte, so gelang dem Ausstattungsteam (kunterbunt-märchenhafte Kostüme von Agostino Cavalca, Bühne von Christian Fenouillat) ein ganz eigenes Theatermärchen, das sich jederzeit auf die Wirkung seiner Farben, Theater-Gags, Karikaturen und Witzfiguren verlassen konnte.
Prinzessinen, Prinzen, ein deprimierter König und schusselige Hofschranzen, gute Zauberer und abgrundtief böse Hexen, allerlei Wunderfiguren wie eine megastarke Köchin mit Zauberlöffel und weiblichen Bedürfnissen, wachsende Orangen mit eingeschlossenen Prinzessinnen, eine veritable Schlamm-Catching-Orgie und viel Situationskomik: Caurier/Leiser sparten nicht mit theatralischen Mitteln. Man mag monieren, dass das eine oder andere Detail in der Personenführung nicht ganz stimmig ablief, aber wirklich ins Gewicht fiel das nie.
Bravouröse Leistung
Viele Darsteller des Basler Theaters zeigten sich zu dieser Eröffnungspremiere im besten Licht. Es war eine tolle Ensembleleistung, in der es bis zu den marginalen Partien keine Schwachstellen gab. Alle sangen und spielten auf der Höhe ihrer Aufgaben bis hin zum darstellerisch sehr geforderten, aber nie überforderten Chor: eine bravouröse Leistung.
Ein wunderhübsches Märchenspiel zu wirkungsmächtiger Musik hat Delnon als Markstein zu Beginn seiner Intendanz auf die Bühne gestellt. Wenn man wieder mal kunterbuntes Opern-Theater sehen will, wenn man farbenverspielte Märchen liebt, wenn man mit Kindern in die Oper will: Das ist ein idealer Anfang!