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Tutorial für Newsletter Dezember 2019
Thema: Ankern
Von: RYA Yachtmaster und Sailteam.ch Skipper Dan Sennhauser
Ankerbucht auf Cap Verden
Was gibt es Schöneres als vor Anker den Sonnenuntergang zu geniessen?
1. Planung des Ankermanövers
Wenn wir beschlossen haben in einer Bucht zu ankern, machen wir vorgängig folgende Überlegungen und informieren uns entsprechend den Törnführern und Hafenhandbüchern sowie allem was uns sonst noch zur Verfügung steht:
1. Ist die Bucht gut geschützt?
Wir ankern immer in einer Bucht, welche auf der Leeseite einer Insel, Küste, Landzunge, Hafenmauer oder was auch immer liegt.
2. Wir informieren uns, ob es in dieser Bucht viel Schwell (Grundwellen) hat.
3. Wir informieren uns, ob es in dieser Bucht viel Berufsverkehr (v.a. Fähren/Fischer) hat, welche in der Regel viel Schwell verursachen und viel Platz zum Manövrieren brauchen.
4. Wir wollen wissen, ob es in der Bucht gefährliche Untiefen oder Riffs hat.
5. Wir informieren uns über die Platzverhältnisse in dieser Bucht (hat es genügend Platz zum Schwojen?)
6. Wir müssen wissen, ob in dieser Bucht evt. viele Mooringketten für Bojen, Fischerboote, Bojen etc. auf Grund liegen.
7. Wir müssen wissen, welcher Seegrund/Ankergrund uns erwartet (Sand?
Schlick? Fels? Steine? Seegras?)
Ankergrund:
Schlick und oder schwerer Sand hält natürlich am besten. Seegras hält oft sehr schlecht, da der Anker gerne darauf rutscht. Steine und Felsen halten gut, aber es besteht grosses Risiko, dass wir den Anker nicht mehr bergen können, weil er sich zwischen den Steinen verklemmt!
8. Ist diese Bucht bei andern Yachties sehr beliebt und müssen wir deshalb mit vielen anderen Booten rechnen?
9. Wir wissen vorgängig, wo genau in der Bucht das Ankern geeignet ist
10. Wir wissen, ob das Ankern überhaupt erlaubt ist. Gibt es einzelne Ankerverbotszonen? (z.B. im Fischerhafen oder dort wo Unterwasserkabel durchgehen etc.)
11. Wir kennen den Wetterbericht und v.a. den Windbericht! Könnte es sein, dass die Windrichtung in den nächsten Stunden und/oder in der Nacht dreht? (entsprechend genügend grosser Schwojkreis)
12. Müssen wir wegen den engen Platzverhältnissen eine Landleine spannen?
13. Wir müssen uns entscheiden, auf welcher Wassertiefe wir den Anker setzen wollen
14. Müssen wir in der Nacht (z.B. falls wir übernachten wollen) mit drehenden Winden oder mit Fallwinden rechnen?
15. Gibt es Strömungen in der Bucht?
16. Werden wir in dieser Bucht und bei den herrschenden Wetterverhältnissen eine Ankerwache organisieren müssen?
17. Brauchen wir zur Sicherheit evt. einen Zweitanker und/oder wollen wir verkatten?
18. Wir müssen vorher überlegen, wieviel Kette wir geben wollen/können (alles je nach Wassertiefe, Grundbeschaffebenheit und Platzverhältnissen!)
19. Gezeitengewässer: Kettenlänge unbedingt den Gezeiten anpassen – wir wissen also, wieviel der aktuellen Wassertiefe von der Gezeitenhöhe stammt. V.a. wissen wir, wie weit das Wasser beim nächsten Niedrigwasser noch sinken wird!
Gezeitenberechnung genauso, wie wir das im Hochseescheinkurs gelernt haben!
20. Gibt es je nach Wind und Wetter Einschränkungen, die für uns relevant sein können?
(z.B. kann im Törnführer stehen: „Bei SE – Winden ungeeignete Bucht – bei aufkommendem SE – Wind Bucht verlassen!“)
21. Welcher Fluchtweg steht uns zur Verfügung, falls wir Probleme haben – Fluchtkurs notieren!
22. Können wir in dieser Ankerbucht unser Schiff alleine lassen (Kriminalität?) Ist diese Bucht problemlos? Müssen wir unsere Wertsachen mitnehmen, wenn wir das Schiff verlassen?
2. Die Vorbereitung des Ankermanövers
Nachdem wir im uns im Klaren sind, wo und wie wir ankern, beginnen wir mit der Vorbereitung:
Üblicherweise wird unter Motor geankert. Unter Segel nur bei sehr guten Platzverhältnissen und
mässigem Wind. Auch zum Anker werfen unter Segel muss der Motor laufen! (Die Ankerwinsch (englisch: „Windlass“) verbraucht sehr viel Batteriestrom – deshalb immer unbedingt den Motor mitlaufen lassen – im Neutralgang die Drehzahl erhöhen.)
2.1. Anker klar?
- Ankersicherung am Elektropanel geprüft und eingeschaltet („Windlass“)
(oft gibt es eine zweite Ankerhauptsicherung: Bei der Schiffsübernahe haben wir uns erkundigt, wo sich diese genau befindet!
b) Sicherungsleine gelöst? Anker leicht ausgefahren? (Anker hängt frei über das Ankergeschirr und muss bei Auslösung sofort fallen können)
c) Kette kontrolliert: Läuft sie frei?
d) Ankerbedienungsgerät eingesteckt und Funktion kontrolliert?
e) Handhebel zur Handauslösung und Handbremsung des Ankers bereit?
f) Ankerhandschuhe (müssen bereit sein, falls irgendwelche Probleme an der Kette oder an Ankerwinsch auftreten
h) Evt. Hahnepott bereit?
2.1.Die Trippleine
Bei felsigem oder steinigem Untergrund ist es sinnvoll, eine Trippleine am Anker (nicht am Ankerschaft) festzumachen. So kann der Anker beim Bergen, falls er zwischen 2 grossen Steinen oder einer Felsspalte eingeklemmt ist, mit Hilfe dieser Tripplein rückwärts herausgezogen werden.
Auch bei vielen Nachbar- Ankerliegern sinnvoll: Der nächste Nachbar, der neben uns ankern will, sieht wo unser Anker liegt. Er wird bemüht sein, seine Ankerkette nicht über unsere zu legen. Als Schwimmkörper eignet sich am besten ein „Kugel“ wie sie die Fischer für ihre Fischernetze benutzen – ein kleiner Fender – aufgeblasene Kinder-Schwimmflügeli! – oder einfach nur ein gut verschlossener Wasserbidon oder was auch immer!
Trippleinen sind aber bei den andern
Seglern und Motorbötlern oft nicht beliebt, denn dann hängen noch mehr Leinen
in der Bucht herum auf welche man aufpassen muss!
2.2. Crew klar ?
- Wer bedient den Anker, resp. das Ankerbediengerät (Nicht verwechseln: „down“, „up“!)?
- Wer hält Ausguck in der Bucht?
- Wer kontrolliert die gegebene Kettenlänge? (Oft ist die Kette mit farbigen Markierungen alle 10 Meter markiert) – sonst gegebene Kettenlänge schätzen.
(man kann vorgängig auch selbst Markierungen anbringen: mit farbigen Kabelbindern um die Kettenglieder alle 10 Meter)
- Wer steuert das Boot?
- Wer kontrolliert laufend die Wassertiefe auf dem Echolot (und meldet diese laufend laut und deutlich?
- Zeichensprache verabreden: Dann muss weniger rumgebrüllt werden! Die Kommunikation vom Bug bis zum Steuermann ist oft schwierig – wegen Wind und der lärmenden Ankerwinsch)
Beispiel von Zeichensprache:
Daumen nach oben: Anker bereit aber noch oben
Daumen waagrecht: Anker ist am Fallen
Daumen nach unten: Anker liegt am Boden
Nach oben zeigen: Ankerkette kürzer nehmen
Nach unten zeigen: Ankerkette verlängern
10 Finger aufstrecken: Nochmals 10 m Kette geben
Nach vorne zeigen: Etwas Vorwärtsschub geben
Nach retour zeigen: Etwas Rückwärtsschub geben.
- Wer ist „Übersetzer“?
Da man, wie oben erwähnt, oft vom Ankermann/frau zum Steuermann nichts versteht, macht es Sinn, eine/n Frau/Mann in die Mitte des Bootes zu platzieren, damit diese/dieser die Worte der/des Ankerfrau/manns zum Steuermann/frau und umgekehrt weiterleiten kann.
3. Das Ankermanöver
- Ankerplatz ungefähr auslesen ( Wassertiefe, Platzverhältnisse, Windrichtung, … etc., siehe Kapitel 1 und 2 : Planung und Vorbereitung)
- Schwojkreis um den ausgelesenen Ankerplatz abfahren und mit Echolot ausloten
- Auf Ankerplatz zurück, Bug in den Wind
- Wenn Boot stillsteht: Anker fällt (Kettenlänge: ca. 2 x Wassertiefe) (Steuermann/frau meldet vorgängig, wieviel Kette gegeben werden soll – alles mit Handzeichen)
- Ankermann/frau meldet sobald der Anker am Boden liegt und sobald die verlangte Kettenlänge draussen ist.
- Ankerkette mit ganz schwachem Retourschub (evt nur vom Wind treiben lassen)strecken und Anker ganz fein einfahren!
Falls starker Wind herrscht und der Bug seitlich abgetrieben wird: Drehung des Boots evtl. mit kurzem kräftigem Vorwärtsschub und Steuer voll nach Luv eingeschlagen abschwächen, sonst zieht es zu fest an der Ankerkette und kann der Anker evtl. nicht fassen!)
- Nochmals gleich viel Kette geben (wieder langsam mit Retourfahrt Ankerkette streckenund Anker mit langsam etwas mehr Touren (ca. 700 – 1000) fein einfahren.
- Je nach Wassertiefe und Platzverhältnissen nochmals Kette geben und dann mit mehr Touren ( ca. 1200) einfahren
- Wenn sich Kette streckt und nicht mehr zittert (mit Hand spüren!): Anker hält!
- Je nach Platzverhältnissen: nochmals Kette geben und jetzt Anker definitiv prüfen:
(Einfahren mit 1600 -1800 Touren während ca. 1 -2 min: Wenn jetzt Stillstand und Kette steif und starr: Der Anker hält!
Total Kette: Sollte mindestens 5 x Wassertiefe sein, besser mehr!(Bis 7 x Wassertiefe,je
nach Platzverhältnissen, Schwojkreisgrösse und Gesamtlänge unserer Kette)
4. Verkatten
Wir wissen, dass in unserer Bucht der Ankergrund nicht besonders gut ist, wir wissen, dass in der Nacht starker Wind aufkommen kann oder wir merken spätestens beim zweiten Versuch, dass der Anker zu wenig gut hält: Wir rutschen rückwärts!
Da gibt es nur eine Antwort: Zweitanker!
- Zweitanker bereit machen. Tripleine an Zweitanker (nicht an Schaft) mit einfachem Schwimmkörper
- Mit einer Leine sicher am Erstanker oberhalb der Schaufeln (nicht am Schaft!) festmachen
(gesicherter Roringstek, grosser Schäkel oder mehrfach gesicherter Palstek)
- Leine von Zweitanker: Wenig mehr als Wassertiefe
- Von Hand ins Wasser werfen – dann: Hauptanker fällt!
- Boot schon jetzt langsam zurückziehen – ab nur soviel, dass Hauptanker die Leine vom Zweitanker leicht streckt.
- Ankermanöver wie oben beschrieben.
Die Gefahr, dass mit Verkatten ein Anker nicht hält, ist sehr gering!
Nachteil: Es braucht mehr Platz in der Bucht und muss von Hand geborgen werden
Bild: sailteam.ch
Andere Methoden: vermuren
mit Dingi und langer Leine einen zweiten Anker auslegen: Leine ca. gleich lang wie Kette, Winkel
zum Erstanker ca. 30 °
5. Kontrollen und Protokoll nach Ankermanöver
Evt.
GPS Position von Anker beim
Ankerpunkt festhalten. Es gibt diverse Anker-Apps,
welche man als „Ankerwache“ benutzen
kann. Auch der Kartenplotter hat
eine Funktion: „Alarm→Anker“. Es
muss GPS – Position vom Anker, Wassertiefe und Kettenlänge eingegeben werden.
Vorsicht mit diesen Apps: Oft Fehlalarm, wenn man sie nicht genau zu bedienen weiss!
5.1.
Peilungen notieren:
Achtung: Je nachdem, wie das Boot schwojt, ändert sich die Peilung!… deshalb mehrere Peilungen notieren. Es müssen immer zwei Peilungen gleichzeitig notiert werden.
Beispiel : Rechtweisende Peilung (rwP) von Steuerstand aus über die Wante bb. zum Seezeichen Reddevitzer Höft beträgt 354°, gleichzeitig beträgt die rwP von Steuerstand über die Wante stb. Zum nahen Berggipfel mit Sendeturm 98°
Bild : sailteam.ch
So kann jederzeit kontrolliert werden, ob der Anker hält oder ob wir nach hinten gerutscht sind!
5.2.
Fluchtweg notieren: Falls wir mitten in der Nacht oder bei aufkommendem Nebel den Ankerplatz unerwartet verlassen müssen, sind wir sehr froh, zu wissen, auf welchem Kompasskurs wir die Bucht sicher und gefahrlos verlassen können!
6. Hahnepot
Nun müssen wir noch die Ankerwinsch („Windlass“) und das Ankergeschirr entlasten, damit der Zug der Ankerkette, welcher bei stärkerem Wind oder bei Wellen sehr stark sein kann, nicht direkt auf diese wirkt.
Dies tun wir, indem wir entweder eine Leine mit einer Kralle oder eine Leine mit einem Stopperstek oder Mastwurf an der Kette ca. 1 – 2 m unterhalb vom Bug festmachen. Diese Leine wird nun zu einer Bugklampe geführt und dort so festgemacht, dass die Ankerkette entlastet wird. Dies bewirkt auch, dass das Boot weniger schwojt!
Hahnepot
beidseits – Beste Methode:
Kette auf beiden Seiten entlasten.
Leine auf beide Bugklampen / mit Stopperstek oder Mastwurf um Ankerkette ca.1- 2 m von Ankergeschirr entfernt belegen.
7. Ankern – unter Segel
Natürlich ist das Ankermanöver unter Segel
etwas schwieriger als unter Maschine.
Die Grundsätze bleiben aber alle dieselben.
Unterschiede:
Der Schwojkreis kann kaum abgefahren werden
Wir segeln mit möglichst wenig Fahrt zu unserem Ankerpunkt, am besten nur mit kleinem Vorsegel.
Kurz vor dem Ankerpunkt schiessen wir in den Wind und werfen die Schoten los.
Sobald Boot still steht: Anker fällt!
Wir lassen unser Boot vom Wind rückwärts treiben, spannen so die Kette und fahren den Anker langsam in den Grund ein. Wenn möglich, nachher mit Motor testen!
Dan Sennhauser, sailteam.ch, RYA Yachtmaster
Beim nächsten Tutorial von sailteam.ch beschäftigen wir uns mit unserem Dingi, der Überfahrt mit dem Dingi, dem Ankerbergen sowie dem An- und Ablegen zu und von der Boje.