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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch IV.
48.
Neben ihm, dem Knienden nämlich, befindet sich, wie er sagt, auf beiden Seiten die Lyra und die Krone; er selbst aber beugt das Knie und hält beide Hände ausgestreckt, als ob er Sünden bekennte. Die Lyra ist ein Musikinstrument, erfunden vom Logos in seinem frühesten Kindesalter; der Logos aber ist der Hermes der Griechen. Aratos nun sagt1 von der Verfertigung der Lyra:
„Sie hat, als Kind in der Wiege,
Hermes gebohrt und geboten, man solle Lyra sie heißen.“
Sie hat sieben Saiten und bedeutet durch ihre sieben Saiten die ganze Harmonie und den vom Einklang beherrschten Bau der Welt. In sechs Tagen war die Welt geschaffen, und am siebenten ward geruht. Wenn nun Adam bekennt und den Kopf des Untiers nach Gottes Gebot beobachtet, ahmt er die Lyra nach, d. i. er gehorchte dem Worte (Logos) Gottes, d. i. gehorsam dem Gesetze wird er die neben ihm liegende Krone erhalten. Wenn er aber sich nicht darum kümmert, wird er mit dem Untier unter ihm hinabgeworfen werden und seinen Anteil mit dem Untier haben. Es scheint ferner der Kniende nach beiden Seiten seine Hände auszustrecken und sowohl die Lyra als auch die Krone zu fassen und zu bekennen, wie man es an der Figur selbst sehen kann. [S. 82] Seine Krone wird jedoch zu gleicher Zeit von einem anderen Untier bedroht und an sich gezogen, einem kleineren Drachen, dem Jungen dessen, der vom Knienden mit dem Fuße bewacht wird. Ein Mensch2 aber steht dort, der die Schlange mit beiden Händen kräftig würgt und von der Krone zurückreißt und das gewaltig drängende Untier nicht den Kranz berühren läßt. Schlangenhalter nennt ihn Aratos, weil er die anstürmende Schlange zurückhält, die zum Kranz zu kommen sucht. Der Logos aber in Menschengestalt ist es, der das Untier hindert, zum Kranz zu kommen, aus Barmherzigkeit gegen den, der vom Drachen und dessen Jungen zugleich Nachstellungen erfährt. Die Bärinnen aber, die aus sieben Sternen bestehen, sind zwei Siebenzahlen, Gleichnisse der beiden Schöpfungen. Die erste Schöpfung nämlich ist die nach Adam, die in Mühen; sie deutet der Kniende an. Die zweite Schöpfung aber, die nach Christus, durch die wir wiedergeboren werden, das ist der Schlangenhalter, der mit dem Untier kämpft und es nicht zu der Krone kommen läßt, die dem Menschen bereitet ist. Der große Bär aber, die Schnecke, ist ein Sinnbild der großen Schöpfung; nach ihr richten sich die Griechen bei der Seefahrt, d. h. nach ihr unterweisen und richten sie sich auf ihrer Fahrt durch die Wogen des Lebens; diese Schöpfung oder Lehre oder Weisheit sei spiralförmig und bringt diejenigen, die dieser Schöpfung folgen, rückwärts; denn eine Art Umkehr und Zurückdrehung nach demselben Ausgangspunkt scheint das Wort Schnecke zu bedeuten. Der andere Bär aber ist etwas Kleines, gleichsam ein Abbild der zweiten nach Gott geschaffenen Schöpfung; denn wenige sind es, die durch den engen Weg gehen3; eng aber ist die Kynosuris (Hundeschweif), nach der dem Aratos zufolge4 die Sidonier ihre Fahrt richten. Sidonier aber nennt synekdochisch Aratos die Phönikier, weil die Weisheit der Phönikier bewundert wird. Die Phönikier aber sollen sich vom Roten Meer her nach den [S. 83] Erzählungen der Griechen in dem Lande angesiedelt haben, in dem sie jetzt noch wohnen; so nimmt Herodot an5. Kynosuris aber ist dieser Bär, die zweite Schöpfung, die Kleine, der enge Weg und nicht die Schnecke. Denn sie bringt nicht rückwärts, sondern führt, die ihr folgen, gerade vorwärts, da sie zu einem Hunde gehört. Denn der Logos ist ein Hund, der einerseits die von den Wölfen bedrohte Herde behütet und bewacht und seit der Schöpfung die Untiere jagt und vernichtet, andererseits das Weltall erzeugt und davon schwanger6 ist, d. i. es erzeugt. Deshalb hat Aratos, da er vom Aufgang des Hundssternes redet, gesagt7: „Bei des Hundssterns Aufgang haben die Saaten nicht mehr getäuscht.“ Seine Meinung ist aber diese: die in die Erde gelegten Samen haben bis zum Aufgang des Hundssternes oft, ohne Wurzeln zu schlagen, Blätter hervorgebracht; auch lassen sie die Betrachter ihre zukünftige Fruchtbarkeit vermuten und scheinen lebendig, ohne wurzelhaftes Leben in sich zu haben; wenn aber der Aufgang des Hundssternes erfolgt, wird vom Hunde das Lebende vom Toten geschieden, denn wirklich welkt dann alles, was keine Wurzeln geschlagen hat. Dieser Hundsstern nun, der ein göttlicher Logos ist, ist zum Richter der Lebendigen und der Toten bestellt; wie der Hundsstern auf die Schöpfung der Pflanzen sieht, so sieht der Logos auf die himmlischen Pflanzen, die Menschen. Aus diesem Grunde nun ist die zweite Schöpfung, die Kynosuris, ein Abbild der Schöpfung des Logos am Himmel; in der Mitte der beiden Schöpfungen dehnt sich die Schlange aus, die das, was von der großen Schöpfung herkommt, hindert, zur kleinen Schöpfung zu kommen, und das, was wie der Kniende in der Schöpfung ist, bewacht und beobachtet, welcher Art jedes Ding in der kleinen Schöpfung ist. Sie wird aber auch selbst am Kopfe vom Schlangenhalter beobachtet. Dies Abbild steht am Himmel und ist eine Lehre für die, welche sehen können. Sollte es aber in dieser Hinsicht dunkel [S. 84] sein, lehrt die Schöpfung durch ein anderes Sinnbild Weisheit; von ihm sagt Aratos:
„Auch nicht des Kepheus, des Jasiden bekümmerte Tochter“8.
1: V 268, 269.
2: V 75 ff.
3: Matth. 7, 14.
4: V 39.
5: I 1.
6: Hund und schwanger im Griech. homonym.
7: V 332–335.
8: V 179.