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„Ratgeber" für Ganzsachensammler (III)
Fortsetzung aus Nummer 7
10. Warum stehen Telegraphenganzsachen nicht im Katalog?
Dr. Ascher: In manchen Ländern ist Post und Telegraphie nicht wie bei uns unter einer Verwaltung vereint, sondern völlig getrennt. Dies dürfte wohl der Grund der bisherigen Vernachlässigung sein. Ich halte zum mindesten alle diejenigen für sammelberechtigt, deren Wertstempel zugleich die Telegrammgebühr darstellt. Leiderfehlte es bisher an systematisch geordnetem Material. Nachdem aber die Telegraphenmarken wieder in die Kataloge aufgenommen worden sind, hoffen auch wir in der „Ganzsache" demnächst aus der Feder des besten Kenners dieser Stücke, Herrn Geheimrats Dr. Kalckhoff, ein Verzeichnis hiervon bringen zu können, das dann wohl auch in einen neuen Katalog übergehen wird.
Hürlimann: Die Hoffnungen Dr. Aschers haben sich erfüllt. Im Welt-Ganzsachenkatalog von Higgins & Gage (USA) und im Europa-Ganzsachenkatalog von Michel (Deutschland) sind die Telegrafenganzsachen katalogisiert.
11. Was ist wertvoller, gebraucht oder ungebraucht?
Dr. Ascher:.Das ist ganz verschieden und richtet sich nach der Grosse des Landes, dem mehr oder weniger grossen Gebrauch der einzelnen Ganzsachen, der Länge ihrer Laufzeit, ferner danach, ob bei Einführung neuer Wertzeichen die alten aufgebraucht oder ausser Kurs gesetzt wurden, und schliesslich, ob grössere Bestände von Händlern während der Kurszeit oder als Restbestände aufgekauft worden sind. Bei den grossen Staaten mit grossem Verkehr und langer Laufzeit wurden alte Ausgaben in der Regel aufgebraucht; dann sind die gebrauchten Stücke meist viel billiger; niemand hat daran gedacht, sich diese Sachen ungebraucht hinzulegen. So sind z.B. alte deutsche Postkarten ungebraucht viel seltener als oft angenommen wird. Auch kurze Zwischenausgaben, besonders aus neuerer Zeit, die oft erst später entdeckt werden, findet man vielleicht gebraucht in Korrespondenzen, aber ungebraucht sind sie schwer aufzutreiben. Bei den altdeutschen Umschlägen sind die älteren Ausgaben ungebraucht dann viel teurer, wenn sie aufgebraucht und nicht aus dem Verkehr zurückgezogen wurden (z.B. PreussenJ. Blieben später aber grosse Restbestände übrig, die dann in Händlerhände übergingen, so sind die gebrauchten in der Regel ungleich seltener; besonders ist dies der Fall bei Umschlägen, die erst kurz vor Auflösung dieser Landespost ausgegeben wurden.
Bei vielen kleineren überseeischen Ländern sind in der Regel die gebrauchten Stücke wesentlich seltener; die Bestände gingen fast restlos in Händlerhände über (Seebeckj, während gebrauchte Stücke mancher Werte oft gar nicht vorkommen. Weiter spielt auch eine Rolle, ob es sich um ernstgemeinte Neuausgaben handelt, oder um solche, die infolge staatlicher oder privater Spekulation geschaffen wurden; schliesslich, ob die Restbestände später durch Aufdrucke weiter verbraucht wurden. Die gestellte Frage lässt sich allgemein und in kurzem keinesfalls beantworten, da zuviel verschiedene Umstände hier mitsprechen, und auch im Einzelfalle kann nur der beste Kenner dieses Gebietes ein entscheidendes Urteil abgeben.
Hürlimann: Dem ist nichts hinzuzufügen.
12. Soll man ungebraucht oder gebraucht sammeln?
Dr. Ascher: Der Anfänger wird sich am besten nicht auf das eine oder das andere festlegen, sondern stets das Billigere von 15 beiden aufnehmen. Der fortgeschrittene Sammler dagegen soll beides sammeln. Eine Sammlung ungebrauchter Stücke sieht wohl schmuck und adrett aus; die gebrauchten Stücke bieten aber in der Abgangs-, Durchgangs- und Auskunftsstempeln soviel des Interessanten, dass ich sie nicht missen möchte. Vor allem aber werden den meisten Sammlern manche Stücke ungebraucht (z.B. Mecklenburg-Schwerin, U. 4a) andere dagegen gebraucht (z.B. Ceylon U. 2—10) kaum erreichbar sein.
Hürlimann: Das ist zweifellos in erster Linie eine Preisfrage. Es gibt unter den schweizerischen Ganzsachen eine ganze Anzahl, die ungebraucht nur schwer erreichbar sind, andererseits aber recht viele, die gebraucht kaum zu finden sind. Eine gebrauchte Ganzsache besitzt eine hohe philatelistische Aussagekraft, vergleichbar einem Ganzbrief mit einer losen ungebrauchten Briefmarke, und ihr Sammelreiz ist höher, weil es mehr Mühe bereitet, ein gebrauchtes Stück in sauberer Erhaltung mit klarem Abgangsstempel, deutlicher Adresse und möglichst noch ebenso sauberem Ankunftsstempel zu finden.
13. Was sind „Gefälligkeitsstempel" und wie sind sie zu bewerten?
Dr. Ascher: Vielfach finden sich gefällige Postbeamte, die dem Käufer Marken und Ganzsachen abstempeln, die dieser „gebraucht" zu besitzen wünscht. Dieser Unfug ist in einigen Staaten verboten, in ändern geduldet, in vielen aber wird das Gefälligkeitsstempeln sogar amtlich von der Postbehörde betrieben. Meist wird der Tagesstempel hierzu benutzt; es kommen aber auch Rückdatierungen vor. Schliesslich soll der Stempel doch ein Beweis dafür sein, dass die Ganzsache am Abstempelungstage noch kursfähig war; dieser Schluss ist bei Gefälligkeitsstempeln aber unmöglich; es gibt überall gefällige Postbeamte, die - aus Unkenntnis oder aus falschem Entgegenkommen - auch die ältesten Stücke noch abstempeln - oft sogar, wie erwähnt, mit zurückgestelltem Datum. Ein ernsthafter Sammler wird Gefälligkeitsstempel nur so lange in seiner Sammlung dulden, bis er ein einwandfrei gebrauchtes Stück gefunden hat. Über die Bewertung dieser Stempel besteht kaum ein Zweifel: Ein Gefälligkeitsstempel macht eine Ganzsache niemals wertvoller als ein ungebrauchtes Stück. Als „gebraucht" kann man nur ein Stück ansehen, das auch tatsächlich von der Post befördert ist.
Hürlimann: Dr. Aschers Begriff des Gefälligkeitsstempels ist unklar. Eine Ganzsache ist unklar. Eine Ganzsache mit einem rückdatierten Stempel gehört in eine Fälschungssammlung. Was wir heute allgemein als Gefälligkeitsabstempelung bezeichnen, betrifft eine richtig datierte Stempelung auf einer kursgültigen Ganzsache, die nicht durch die Post befördert worden ist, sondern des Stempels wegen am Postschalter vorgelegt wird. Seit Dr. Aschers Ausführungen hat sich die Zahl der schweizerischen Sonderstempel auf das Zehnfache jährlich erhöht, und sie sind zu einem beliebten Sammelgebiet geworden. Ersttagabstempelungen sind bei Philatelisten äusserst populär geworden. Beide dieser Sammelgebiete haben mit wirklicher Bedarfspost wenig zu tun, denn alle ihre Belege sind mehrheitlich zu Sammelzwecken geschaffen worden. Dies beeinflusst unsere heutige Beurteilung von Gefälligkeitsstempeln. Welches Sammlerherz würde sich nicht erfreuen an einer Ganzsache mit einem entsprechenden, motivgleichen Stempel?
14. Woran erkennt man Ganzsachen mit Gefälligkeitsstempeln?
Dr. A scher: Es ist gerade der grosse Vorteil des Ganzsachensammelns, dass diese Erkennung - im Gegensatz zu den Marken - in vielen Fällen möglich ist. Zuerst fehlt meist die Adresse. Diese könnte ja 16 nun nachträglich aufgeschrieben sein, derartige Stücke sind sogar recht häufig. Aber tatsächlich stellt eine solche nachträgliche Aufschrift einen Betrug dar (die Juristen werden es wohl als Fälschung einer Privaturkunde bezeichnen), mit dem meist ein widerrechtlicher Vermögensvorteil verbunden ist. Oft wird diese Fälschung nicht nachzuweisen sein, aber - Betrug bleibt Betrug, auch wenn er nicht erkannt wird. Bei älteren Umschlägen, Karten und Kartenbriefen gibt es aber ein sicheres Kennzeichen. Früher war es Vorschrift, dass auch die Postanstalt des Bestimmungsortes die Stücke mit einem Ankunftsstempel versah; auch Übergangsstempel beim Passieren dritter Länder und Stempel der Transportanstalten (Seepost, Eisenbahn) waren vielfach vorgeschrieben. In Deutschland wurden die Ankunftsstempel am 1. April 1909 abgeschafft; bei den Einschreibebriefen aber wurden sie nach kurzer Zeit wieder eingeführt, so dass bei diesen der Charakter des Abgangsstempels noch heute zu prüfen ist. Während des Krieges und zum Teil noch in der Nachkriegszeit bieten die Zensurstempel eine gewisse Gewähr für die postalische Verwendung der Ganzsachen. Aber auch diese findet man, wenn auch nicht so häufig, aus Gefälligkeit auf unbeschriebenen Stücken aufgedruckt.
Es gibt auch Gefälligkeitsstempel, die gewisse Kennzeichen tragen (z.B. Liechtenstein). Es ist dies eine Wissenschaft für sich; in vielen Fällen wird der sachverständige Prüfer die Entscheidung treffen können; in anderen Fällen ist es aber kaum möglich, die Spreu vom Weizen zu scheiden.
Hürlimann: Das trifft heute noch zu.
Einzelfrankatur ZU-Nr. 127 mit Frühdatum (siehe Artikel auf Seite 18)
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