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Nachdem auch Nazi-Raubkunst in die Schweiz gelangt war, kommt ein von der Regierung in Auftrag gegeber Bericht zum Schluss, es müsse mehr getan werden, um solche Werke und deren Herkunft aufzuspüren.
In dem vom Bundesamt für Kultur veröffentlichten Bericht heisst es, der Zugang zu Ergebnissen der Herkunftsforschung sowie relevanten Archiven müsse vereinfacht werden.
"Die Information und Sensibilisierung auf allen Ebenen muss in den öffentlichen und privaten Museen verbessert werden", erklärte Benno Widmer, Leiter der Fachstelle Internationaler Kulturgütertransfer und der Anlaufstelle Raubkunst im Bundesamt für Kultur, gegenüber swissinfo.ch. "Auch die Herkunftsforschung muss intensiviert werden."
Der Bericht kam zwischen Juli 2008 und Oktober 2010 zustande in Zusammenarbeit mit den Kantonen und Museumsverbänden. Insgesamt waren Fragebogen an 551 Museen versandt worden, von denen 416 zurückkamen.
Der Bericht fasst auch die Resultate der "Holocaust Era Assets Conference" (Konferenz über Holocaust-Vermögenswerte) zusammen, die im Juni 2009 in Prag stattfand.
Raubkunst aus der Zeit des deutschen Nationalsozialismus gelangte vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg auf verschiedenen Wegen in die Schweiz. Für den Kunstmarkt ist dies ein grosses Problem, denn Museen und Kunsthändler wollen nicht länger mit Exponanten zu tun haben, deren Herkunft fragwürdig ist.
"Das Hauptproblem sind schwer zugängliche oder verschlossene Archive sowie unterschiedliche Forschungsmethodern und Standards", sagte Widmer.
"Was zur Zeit fehlt, ist eine breite Vernetzung von Informationen und professionellen Expertisen, die von zuständigen Kommissionen, interessierten Organisationen sowie privaten Forschern weiter entwickelt werden kann."
In der Schweiz gibt es rund Tausend Museen. Mit einem Museum für etwa 7500 Einwohner ist es eines der dichtesten Netze weltweit. Seit 1950 hat sich die Zahl mehr als verdreifacht. Den grössten Zuwachs gab es bei den regionalen Museen.
"Faire und gerechte Lösungen"
Auf internationaler Ebene hat die Schweiz zusammen mit 43 weiteren Staaten 1998 die Richtlinien der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nazis konfisziert wurden, und 2009 die Erklärung von Terezin verabschiedet. Aber hat sich mit diesen Abkommen wirklich etwas geändert?
"Bei den internationalen Vereinbarungen über Raubkunst handelt es sich um Absichtserklärungen. Sie unterstreichen, dass es der Wille der Schweizer Behörden und vieler weiterer Staaten ist, auf diesem Gebiet faire und gerechte Lösungen zu finden", sagte Widmer.
In Bezug auf die Menge von Nazi-Raubkunst in der Schweiz erklärte er, dass, obwohl einige von den Nazis gestohlene Kunstwerke in die Schweiz gelangten, "es aufgrund der freiwilligen Umfrage bei Museen nicht möglich ist, zu sagen, in welchem Umfang die Schweiz tatsächlich betroffen ist, solange die Herkunft der Kunstobjekte nicht feststeht".
Guter Wille
Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur und ehemaliger Leiter der Vereinigung Schweizer Kunstmuseen während mehr als zehn Jahren, bezeichnet das Problem für Schweizer Museen als "nicht so gross".
"In der Schweiz gab es nur wenige Museen, die genügend Mittel hatten, um in den 1940er- und 50er-Jahren international wichtige Kunstwerke zu kaufen", sagte er gegenüber swissinfo.ch.
Das grösste Problem sieht Schwarz darin, dass die Unterlagen zur Geschichte der Kunstwerke oder wichtige Elemente häufig fehlen, weil sie sich in privatem Besitz befinden.
Für Schwarz ist die Unterzeichnung internationaler Erklärungen ein Zeichen des guten Willens. "Die Institutionen müssen die Nachforschungen über ihre Sammlung mit eigenen Mitteln durchführen. Häufig fehlen ihnen aber die finanziellen und personellen Ressourcen dazu."
Nicht die Ersten
Kunstraub hat eine lange Geschichte. Ägyptische Pharaonen und ihre Grabmäler gehörten zu den ersten Opfern. Bei bewaffneten Konflikten wurde die Verlierer-Seite von den Siegern ausgeraubt. Fehlten Recht und Ordnung, beteiligte sich daran häufig auch die lokale Bevölkerung – dies auch nach Naturkatastrophen.
Während die Nationalsozialisten weder die ersten noch die letzten waren, die in grossem Umfang Kunstraub betrieben (über Plünderungen von Kulturgütern wurde auch in Irak und Afghanistan berichtet), wird "Raubkunst" oft mit dem Naziregime zwischen 1933 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Verbindung gebracht.
"Der grösste Massenraub aller Zeiten"
Gemäss der "Jewish Claims Conference" stahlen die Nazis rund 650'000 Kultur- und Kunstgegenstände von Juden und anderen Opfern, was als "grösster Massenraub" bezeichnet wurde.
Die Kunstgegenstände wurden ranghohen Nazis ausgehändigt, versteigert oder in Salzminen, Höhlen oder alten Schlössern versteckt, um sie vor den Bombenangriffen der Alliierten zu schützen.Einige landeten in der Schweiz. 1947 trat ein Gesetz über die Rückgabe dieser Güter an die rechtsmässigen Besitzer in Kraft.
Während des Kalten Krieges ging diese Angelegenheit vergessen, kam aber in den 1990er-Jahren wieder zutage. Ein Wendepunkt war ein Artikel des Historikers Thomas Buomberger, der aufdeckte, dass Schweizer Kunsthändler im Handel mit Nazi-Raubkunst mitgewirkt hatten. Gleichzeitig kam es zu Enthüllungen über nachrichtenlose Vermögen von Naziopfern auf Schweizer Bankkonten.
Washingtoner Erklärung
Im Dezember 1998 haben 44 Staaten die Washingtoner Erklärung über Holocaust-Raubkunst unterzeichnet.
Die Konferenz über NS-Raubkunst in Berlin fand zum zehnjährigen Bestehen der Washingtoner Erklärung statt.
Rund 300 Wissenschafter, Anwälte, Politiker und Vertreter von jüdischen Organisationen tauschten dabei Ideen aus.
Die vom deutschen Kulturministerium organisierte Konferenz beschäftigte sich mit Themen wie der Rückgabe von Kulturgütern, der Forschung und einer "gerechten und fairen Lösung".
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch