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Das Reisen scheint eindeutig eine generationenübergreifende Faszination zu sein. Vielleicht lag es allein daran, dass sich der Raum im Kirchgemeindehaus an der Frutigenstrasse bis auf den letzten Platz füllte, als «und» das Generationentandem gestern, am 28.08.2014, zu einem Vortragsanlass über Südamerika lud. Vielleicht trieb aber auch die Hoffnung, dem Regen und der Kälte des Schweizer Sommers kurz zu entfliehen und sich in Gedanken in südlichere Gefilde zu begeben, viele zum Anlass in Thun.
Von Schiffbrüchen, polnischen Ingenieuren und einer Schweizer Lodge
Karin Mulder (75) bereiste Chile 1997 mit ihrem Mann vom Wasserweg aus. Dies nachdem ihr Schiff auf einer Arktisreise kurz vorher auf Grund gelaufen und in Schräglage geraten war. Die Reederei hatte Erbarmen mit ihren Passagieren, die erst nach fünf Tagen aus ihrer misslichen Lage befreit werden konnten und stattete ihnen die gesamten Reisekosten zurück. So buchten die beiden kurzerhand die nächste Kreuzfahrt, welche sie von Valparaíso ganz in den Süden von Chile ans Kap Horn, in die Antarktis und schliesslich nach Buenos Aires führte.
Barbara Tschopp (63) machte sich 1986 mit einer Gruppe von fünf Studenten und zwei Mitarbeitern der technischen Universität in Polen, an der die Ingenieurin und Geotechnikerin damals arbeitete, auf Exkursionsreise nach Peru. Mit wenig Geld, einem Rucksack voller Esswaren und einem Benzinkocher im Gepäck begab sich die achtköpfige Reisegruppe auf die Spuren der polnischen Ingenieure. Diese reisten Ende des 19. Jahrhunderts, nach der peruanischen Unabhängigkeit, in grosser Zahl ins lateinamerikanische Land, um es beim Aufbau fehlender Infrastrukturanlagen, wie Eisenbahnschienen oder Strassen, zu unterstützen.
Isabelle Schlatter (20) entdeckte im Globetrotter-Magazin eine Stellenausschreibung, die sogleich das Fernweh in ihr auslöste und bewarb sich erfolgreich. Mit der gymnasialen Maturität in der Tasche flog sie 2013 nach Chile, um in der von einem Schweizer gegründeten Suizandina Lodge ganz im Norden Patagoniens mit anzupacken. Von den insgesamt neun Monaten, die sie in Lateinamerika verbrachte, reiste sie noch 4 Monate auf eigene Faust durch Chile, Argentinien, Peru und Bolivien.
Von duftenden Märkten, magischen Orten und Naturspektakeln
Allen drei Frauen blieben die lebhaften Märkte Lateinamerikas in Erinnerung, die unendlich vieles anboten, was sie auf dem Thuner Wochenmarkt noch nie gesehen hatten. Neben duftenden Gewürzen oder schönen, aber unglaublich kratzenden Pullis aus Alpakawolle, erlebte besonders Isabelle, dass auch noch ganz anderes feilgeboten wurde. Als Touristin traute sie sich aber nicht, die «Hexen» auf dem Markt im bolivischen La Paz nach den Zutaten ihrer Wundermittel zu fragen. Wozu aber Lamaföten angeboten wurden, war ihr bereits gesagt worden: Sie dienen als Opfergabe an Mutter Erde, wenn neue Häuser gebaut werden. Dadurch sollen deren Bewohner Glück erfahren. In Erstaunen zu versetzen vermochte auch die verborgene Stadt Machu Picchu. Während Barbaras Reisegruppe die letzten 650 Höhenmeter zur Ruinenstadt der Inkas vor gut 30 Jahren noch zu Fuss oder alternativ auf dem Rücken eines Maultiers erklimmen musste, fahren heute Busse im Halbstundentakt bis ganz nach oben. Dort oben zu stehen sei ein ganz besonderes Gefühl, berichten die beiden. Für Isabelle hat sich die magische Stimmung des Ortes trotz vieler Touristen erhalten. Unvergesslich blieben für Isabelle und Karin auch ihre chilenischen Gletschererlebnisse. Von einer Landzunge oder vom Boot aus wagten sie sich so nahe wie möglich an die 40-70 Meter hohen, blauen Eiswände heran, die etwa im Halbstundentakt hausgrosse Blöcke kalberten.
Von hohen Wellen, militärischen Panzern und bebender Erde
Die Frage, ob sie als Frauen auf ihrer Südamerikareise nie in bedrohliche Situationen gekommen waren, konnten die reiselustigen Frauen glücklicherweise verneinen. Barbara verwies auf ihre fünf männlichen Bodyguards, welche die einheimischen Männer mindestens um eine Kopfgrösse überragten. Karin war vor Dieben gewarnt worden, machte aber mit keinem Bekanntschaft. Isabelle wurde in einem Hostel ihr Reiserucksack gestohlen, aber da sie vorsichtig und nachts nie alleine unterwegs war, kam es sonst nie zu unangenehmen Zwischenfällen. Trotzdem liess das eine oder andere Reiserlebnis wohl manch einen Vortragsbesucher aufhorchen. Barbara erzählte vom Panzeraufkommen in der peruanischen Hauptstadt Lima, die von der linksextremen Terrorgruppe Sendero Luminoso («leuchtender Pfad») 1986 in Angst versetzt wurde, für ihre Reisegruppe aber keine Gefahr darstellte. Karin hatte nur ein wenig mit dem hohen Wellengang am Golfo de Penas («Sorgengolf») zu kämpfen und Isabelle spürte zwar eines der beiden Erdbeben, die in Chile Schaden anrichteten, befand sich aber weit genug weg von den Epizentren. Auch durften sich die drei Frauen, abgesehen von leichten Magenverstimmungen, bester Gesundheit wähnen.
Die wunderschönen Bilder weiter, unberührter Natur, mit denen die Referentinnen ihren Vortrag untermalten, lösten wohl auch in einigen Vortragsbesuchern Fernweh aus – auch wenn es an einigen Orten Patagoniens durchaus sieben von acht Tagen regnen kann.
«und» mehr dazu
«und»-online berichtete vor dem Event am 28. August bereits über die drei Frauen und ihre Reisen.
Isabelle Schlatter und Karin Mulder führten für «und»-online einen Maildialog zu ihren Reisen in Südamerika.
In der Herbstausgabe von «und»-print lesen sie noch mehr über Isabelle Schlatter, Karin Mulder und Barbara Tschopp. Die Ausgabe können Sie hier bestellen.