Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/161

An den Stränden der Region Odesa, wo sich bis vor kurzem Urlauber:innen vom Krieg erholten, liegt Schrott im Sand. Ein Kühlschrank, ein Fernseher. Ein Hausdach. Daneben fallen die Panzersperren, die an manchen Küstenabschnitten installiert worden sind, nach eineinhalb Kriegsjahren kaum mehr auf.
Beim Stadtstrand von Odesa klettert eine Frau in blau-weissem Bikini und mit Sonnenbrille über die Klippen. Es ist ein Mittwoch Mitte Juni, etwas mehr als eine Woche nachdem 200 Kilometer weiter östlich der Kachowka-Staudamm geborsten ist. Immer wieder bleibt Jaroslawa Schubrikowa stehen, bückt sich und hebt etwas auf. Heute hat sie nicht nur Plastikmüll gefunden, sondern auch eine kleine Schildkröte, die mit der Flutwelle vom Fluss Dnipro ins Schwarze Meer gespült und von der Strömung hierher getrieben worden ist. Im Salzwasser, in diesen Tagen eine braungrüne Brühe, kann das Tier nicht überleben.
600 Quadratkilometer Zerstörung
Sie habe die Tragödie von Anfang an miterlebt, sagt Schubrikowa, die seit fünfzehn Jahren in der Einmillionenstadt lebt. Nach dem Dammbruch habe sie eines Morgens unzählige Gegenstände im Wasser treiben gesehen. «Zuerst habe ich gedacht, dass da überall kleine Inseln im Wasser sind oder Boote. Erst nach einiger Zeit habe ich verstanden, dass das alles durch die Flut aus Cherson zu uns gekommen ist», erzählt die 44-Jährige, die in einer Gärtnerei arbeitet. Seit der Flut verbringt sie einen Grossteil ihrer Freizeit am Strand.
Schubrikowa rettet Lebewesen, die hier nicht sein sollten. Die Mündung des Dnipro liegt rund hundert Kilometer östlich von Odesa. «Mir tun diese Tiere leid», sagt Schubrikowa, während die Schildkröte auf ihrer Hand herumklettert. Dann legt sie sie zurück in ein Wasserglas. Die Schildkröte werde überleben, versichert Schubrikowa, sie werde sie in einem Teich in der Nähe ihrer Wohnung freilassen.
Unzählige andere Tiere hatten weniger Glück. Die Flut habe der Artenvielfalt in der Südukraine enorm geschadet, sagt Wladislaw Balynskyi, ein in Odesa lebender Meeresbiologe. Überall an den Ufern seien gestrandete Tiere gefunden worden, darunter zum Beispiel über 200 Molche, 55 davon lebend. «Das Problem ist, dass diese Tiere nirgendwohin zurückkehren können, weil ihr Lebensraum zerstört wurde.»
Dabei seien die tatsächlichen Auswirkungen der immensen Meeresverschmutzung noch nicht wirklich absehbar, sagt Balynskyi. Er zählt auf: die Pestizide aus dem Agrarsektor, die Schadstoffe aus den Fabriken, die Abfälle aus Kanalisationen und Viehzucht. Müll, Plastik, Bauschutt. Und dann seien da noch die überfluteten Friedhöfe. «Es könnte eine ganze Reihe von Krankheitserregern ins Wasser gelangt sein», sagt Balynskyi. Neben der Ukraine dürften auch Russland, die Türkei, Rumänien und Bulgarien betroffen sein. Und neben der Verschmutzung brachte die Flut eine weitere Gefahr vom Kriegsgebiet in die Küstenregionen: Minen. Nördlich von Odesa haben die Behörden die Strände deshalb mit Stacheldraht abgesperrt. Katastrophenschutz und Soldat:innen sind hier im Einsatz.
Die Auswirkungen der Flut seien in ihrem Ausmass schwer zu beschreiben, sagt Kateryna Filiuta von der «Ukrainischen Gruppe für Naturschutz». «Wir sprechen von einem über 600 Quadratkilometer grossen Gebiet, das vollständig überflutet oder, weil es oberhalb des Staudamms liegt, entwässert wurde», sagt die Expertin. Doch aufgrund der Kampfhandlungen und der russischen Besetzung mancher Gebiete, zu denen unabhängige Beobachter:innen keinen Zugang haben, seien konkrete Untersuchungen derzeit unmöglich. «Wir können nichts tun, solange wir unsere Gebiete nicht befreit haben», sagt Filiuta.
Umweltschützer:innen wie sie und selbst der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sprechen von einem «Ökozid». Denn durch die russische Aggression und die Kampfhandlungen sei nicht nur der Staudamm zerstört und eine humanitäre Katastrophe verursacht, sondern auch das pflanzliche und tierische Leben angegriffen worden. Aber eine Aufarbeitung der Ereignisse, der Schutz der Umwelt oder auch Massnahmen zur Eindämmung langfristiger Schäden – all das scheint eine unlösbare Aufgabe zu sein, solange der Krieg andauert.
Tragödie auf Tragödie
In Cherson stehen die Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Mehr als acht Monate haben sie im letzten Jahr unter russischer Besetzung gelebt, bevor die ukrainische Armee die Stadt am Dnipro im November wieder befreite. Mit der Flutwelle ist die nächste Tragödie gekommen.
Während das Wasser langsam aus Cherson zurückweicht, werden die Schäden sichtbar: Eingestürzte Dächer, umgeknickte Bäume, am Strassenrand liegt ein ertrunkener Hund. Im am stärksten von der Flut betroffenen Stadtteil will Anatoli Solohub, ein 76-jähriger Pensionär, nachschauen, ob er sein Haus betreten kann. In der Hand trägt er eine Plastiktasche.
«Wissen Sie, im Grossen und Ganzen fühle ich gar nichts», sagt Solohub mit leerem Blick. «Ich habe mein Dach über dem Kopf verloren, alles ist ruiniert. Meine Kleidung, mein Werkzeug. Alles ist nass, alles ist in einem Zustand der Verwahrlosung. Wie kann ich fühlen? Ich habe diese Tasche in der Hand, und das wars.» Das Wasser geht zwar zurück, aber die russischen Soldaten befinden sich noch immer auf der anderen Seite des Flusses, und die Stadt steht weiterhin unter Beschuss. «Ich will nur, dass diese Monster rausgeschmissen werden, damit wir friedlich leben und alles wieder aufbauen können», sagt Solohub.
Wie so viele Ukrainer:innen hat er für die russischen Truppen nur noch Hass übrig. Überall entlang des Dnipro stellten Landwirtschaft und Fischerei die Lebensgrundlage der Menschen dar. Nach Uno-Angaben könnte nun die Trinkwasserversorgung von mehr als 700 000 Menschen, vor allem in den von Russland besetzten Gebieten, beeinträchtigt werden. Denn der Stausee oberhalb von Kachowka, eigentlich einer der grössten Europas, ist zu grossen Teilen ausgetrocknet. Das zeigen Satellitenaufnahmen. Und in anderen Gebieten drohe die Verschmutzung des Grundwassers, erklärt Igor Kotowski, ausserordentlicher Professor der Abteilung für Geografie und Ökologie an der staatlichen Universität von Cherson.
Der 81-jährige Kotowski ist im südostrussischen Oblast Amur zur Welt gekommen, sein ganzes Erwachsenenleben hat er aber in der Ukraine verbracht. Vor seinem Haus weht eine ukrainische Flagge, in einem Käfig bellt ein schwarzer Hund. Mit einem Hauch von Trotz erzählt er, dass er Cherson seit Kriegsbeginn nie verlassen habe – und dass er das auch in Zukunft nicht vorhabe.
Dann breitet er, ganz Professor, Landkarten aus und zeigt die Gebiete, die er in den vergangenen Jahrzehnten studiert hat: die Küsten von Cherson, Odesa, der Krim und des Asowschen Meeres. «Wir sprechen hier von einer Katastrophe auf dem Niveau von Tschernobyl», sagt Kotowski und erzählt von den zerstörten Bewässerungskanälen, dem Risiko, dass die Felder austrocknen und zu einer Wüste werden könnten, wie es sie hier in der Südukraine bereits gibt. «Wenn wir es richtig machen, dann können wir die Natur in den nächsten Jahren wiederherstellen», sagt Kotowski. «Aber dafür müssen wir erst den Krieg beenden.»
Einige seiner Nachbarhäuser liegen in Ruinen, weil sie bei nächtlichen Drohnenangriffen zerstört wurden. Dennoch ist der Wissenschaftler bemüht, Optimismus zu wahren – für seine Enkelkinder, die mittlerweile in anderen Landesteilen leben. «Ich glaube, dass meine Urenkelkinder hier wieder unter normalen Umständen leben werden», sagt Kotowski.
Mittlerweile sind etwas mehr als drei Wochen vergangen, seit der Kachowka-Staudamm zerstört wurde, und bereits hat das internationale Interesse an der Katastrophe nachgelassen. «Ich bin überrascht, dass die Weltgemeinschaft und die führenden Politiker nicht reagieren», schreibt Jaroslawa Schubrikowa, die in Odesa noch immer angeschwemmte Tiere findet, via Telegram. «Ich habe das Gefühl, dass viele sich die Folgen gar nicht vorstellen können.»
Und noch weniger vorstellbar ist, dass man sich vor Ort sogar vor einer noch grösseren Katastrophe fürchten muss: «Wir haben Angst, dass die Russen das Atomkraftwerk Saporischschja in die Luft jagen werden», sagt Schubrikowa. Dieses befindet sich etwa 230 Kilometer nordöstlich von Cherson unter russischer Kontrolle. Erst am Wochenende hat Kyrylo Budanow, Chef des Militärgeheimdiensts, davor gewarnt, dass die Situation noch nie so ernst gewesen sei wie jetzt.