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Lindsay Lohan für immer
Das Apollinische und das Dionysische verbinden sich in der Kunst, meine Damen und Herren, und dafür ist Lindsay Lohan ein Beispiel. Wie Sie wissen, finde ich Lindsay Lohan gut. Ich fand sie auch neulich bei Letterman wieder gut. Im Moment hat Lindsay Probleme, weil ihr das Betty Ford Center im malerischen Rancho Mirage in Kalifornien, wo sie sich für eine gerichtlich angeordnete Rehabilitationskur aufhält, die Einnahme des verschreibungspflichtigen und mutmasslich süchtigmachenden Medikaments Adderall untersagt. Adderall, in Fachkreisen liebevoll «Addy» genannt, wird in erster Linie bei Kindern eingesetzt, die an ADHD (attention deficit hyperactivity disorder) leiden, und wiewohl ja sowohl Aufmerksamkeitsdefizite wie auch Hyperaktivität dem interessierten Laien bei Lindsay Lohan durchaus plausibel erscheinen, so ist es doch gleichfalls Hollywood common knowledge, dass Adderall von Exponentinnen des Showgeschäfts wegen seiner appetitzügelnden Wirkung geschätzt und lebhaft missbraucht wird.
Lindsay will nun offenbar raus aus Betty Ford, das soll sie jedenfalls Vertrauten anvertraut haben, die das dann gleich der Klatschpresse anvertrauten. Das geht aber nicht so leicht, das mit dem Rausgehen, meine ich, denn Betty Ford ist schon die dritte Station in Lindsays letztem Rehab Hopping, das in einer Institution names Seafield Center in Westhampton Beach, New York, begann, gefolgt von einem minutenlangen Aufenthalt in einer Einrichtung mit dem hübschen Namen Morningside Recovery in Newport Beach, einem anderen malerischen Ort in Kalifornien. Wenn Lindsay jetzt Betty verlässt, kann das als Verletzung der richterlichen Auflagen gelten, und es droht ein halbes Jahr Kittchen.
Es gibt Kultursachverständige, die Lindsay Lohan und ihres Schicksals harte Wechselschläge als Teil eines popkulturellen Phänomens names «Permanent Trial» verstehen. Damit ist eine besondere Hervorbringung der Medien-Gesellschaft gemeint, die 1994 mit dem OJ-Simpson-Prozess Formen anzunehmen begann, inzwischen zirkusähnlichen Charakter hat und sich tagtäglich unter der Überschrift «Celebrity Justice» mit den Transgressionen und Versündigungen von mehr oder weniger bekannten Namen befasst, wobei die einzige notwendige Bedingung dieser Befassung darin liegt, dass der Fall mindestens eine der kritischen Zutaten postmoderner Massenkultur enthält, von Gore Vidal einst identifiziert als: Sex, Tod und Geld.
Aber Lindsay Lohan ist was anderes. Denn Lindsay Lohan hat Talent. Echtes Talent, nicht Casting-Show-Talent. Und die Leiden des Talents sind ein Archetyp. Lindsay steht stellvertretend für uns alle und erfüllt damit eine der klassischen Rollen echter Berühmtheit. Zur Untermauerung dieser Theorie würde ich gerne ein paar der Ratschläge auflisten, die Lindsay sich im Laufe ihres ganz persönlichen permanenten Verfahrens schon von Richtern anhören musste:
«Don’t drive.»
«Stay away from alcohol.»
«Stay out of trouble.»
«Live your life in a more mature way, stop the nightclubbing, and focus on your work, okay?»
«You’re no different than anyone else.»
Na? Klingt das vertraut? Eben. Das haben wir doch alle schon mal gehört. Und das genau ist der Punkt: Lindsay tut das, wofür Stars früher, als es noch Stars gab, wirklich da waren: Sie steht für uns alle – und ist doch weit weg. Gott lenkt den Menschen von sich ab, hat Nietzsche konstatiert, und führt ihn zugleich auf sich zurück, möchte ich ergänzen, und beides tut auch Lindsay Lohan, und das schliesslich ist Starqualität.
Im Bild oben: Lindsay Lohan bei der Premiere von «Scarie Movie 5» am 11. April 2013 in Los Angeles. (Keystone/Chris Pizzello)