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Vor langer Zeit lebte ein starker Mann namens Wilhelm. Er wohnte in einem kleinen Häuschen am Waldrand irgendwo in der Schweiz. Wilhelm war sehr bekannt, weil er so nett war.
Eines Tages klopfte es an seiner Tür. «Einen Moment, ich komme gleich», rief er. Vor der Tür stand ein alter Mann, der offensichtlich sehr arm war, denn er hatte nur eine alte, zerschlissene Hose und eine schäbige Jacke an. «Ich heisse Hans-Ruedi», stellte er sich vor. «Du hast nicht zufällig etwas zu essen für mich?» Wilhelm hatte Mitleid mit ihm: «Komm doch herein. Du siehst müde aus.» Der Alte dankte ihm und trat ein. «Sehr gemütlich hast du es hier», bemerkte er.
Nachdem Hans-Ruedi genug gegessen hatte, sprach er zu Wilhelm: «Weil du mich so nett aufgenommen hast, will ich dich belohnen. Diese Karte zeigt dir den Weg zu einer Quelle. Wer davon trinkt, kann fliegen. Doch Vorsicht, ein Schluck reicht nur für fünf Minuten und achtunddreissig Sekunden!» Plötzlich stieg Rauch auf und als er sich lichtete, war der alte Mann verschwunden. Doch die Karte lag immer noch auf dem Tisch. Also hatte Wilhelm nicht geträumt. Voller Tatendrang machte er sich auf und nahm nur das Nötigste mit: Etwas zu Essen, eine Decke, einen Kompass, Pfeil und Bogen und natürlich die Karte. Laut Kompass ging es nach Südosten, immer weiter in Richtung Berge. Wilhelm lief bis in die Dämmerung hinein. Alsdann suchte er Schutz in einer Höhle, welche von ein paar Fledermäusen bewohnt war, die jedoch das Weite suchten, als er eintrat. «Sehr gemütlich», dachte er. Nachdem er ein Stück Brot gegessen hatte, schlief er schon bald ein. Am nächsten Morgen wurde er von einem Winseln geweckt.
Vor der Höhle stand ein Wolf, welcher offensichtlich eine verletzte Pfote hatte. Als Wilhelm näherkam, machte der Wolf keine Anstalten zu fliehen, sondern blieb ruhig stehen. Wilhelm untersuchte und verarztete die Wunde. Danach gab er dem Wolf etwas zu fressen. «Ich nenne dich Lupo», verkündete Wilhelm. Lupo gab im Recht, denn er kläffte zufrieden. So liefen sie weiter, bis sie zu einem Haus mitten in der Wildnis kamen. Wilhelm klopfte an und eine alte, kleine Frau öffnete. «Was willst du denn hier, mitten im Wald?», erkundigte sie sich. «Ich suche die Quelle des Fliegens», antwortete er. «Komm rein», erwiderte sie. «Ist dir jemand gefolgt?» «Nein, niemand», versicherte er. Die alte Frau fuhr fort: «Ich erzähle dir die Legende von der Drachenhöhle, also hör gut zu: Es war einmal ein Bergbauer, der auf einer Alp in der Nähe der Quelle wohnte. Eines Tages hörte er ein markerschütterndes Geheul und das Dach seines Hauses brannte lichterloh. Die Tür stand bereits in Flammen und so verbrannte er elendig.»
«Das ist ja schrecklich», fand Wilhelm. Er bedankte sich bei ihr und zog weiter, bis er zum ersten Mal ein Gebrüll hörte. Doch er zögerte keine Sekunde und ging in die Richtung, aus der der Schrei kam. Er erblickte das Ungeheuer und ging darauf los. Es wurde ein langer und harter Kampf; keiner dachte auch nur daran, aufzugeben. Doch Wilhelm hatte noch mehr Energie als der Drache und so rammte er ihm das Schwert ins Herz. Er musste noch eine halbe Stunde suchen und dann hatte er sie endlich gefunden: Die Quelle des Fliegens. Jubelnd rannte er darauf zu und sprang ins kühle Nass. Als er darin rumplantschte, wurde er plötzlich ganz leicht. «Ich kann fliegen!», schrie er, dass es sogar die alte Frau in ihrem Häuschen noch hörte. Er fühlte sich wie ein Vogel. Doch nach fünf Minuten und achtunddreissig Sekunden wurde er wieder schwerer und plumpste wie ein Stein zu Boden. Tja, wer nicht hören will, muss fühlen.