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Das literarische Leben geht auch nach Flauberts Tod weiter. Die Dîners an verschiedenen Orten in unterschiedlicher Zusammensetzung ebenfalls. Allerdings rücken in den hier zusammen gestellten Jahren 1881 bis 1885 diese Dîners in den Hintergrund, ebenso wie der nach wie vor stattfindende Salon einer – gemäss dem Lästermaul Edmond – alternden und über dieses Altern erbosten und schlecht gelaunten Prinzessin Mathilde. Die jungen in die Dîners nachrückenden Leute hält Edmond de Goncourt noch immer allesamt für Karrieristen. Es sind auch unter den Namen, die er aufzählt, keine, die der Nachwelt etwas sagen, wenn diese Nachwelt nicht auf die Geschichte der jungen Dritten Republik spezialisiert ist. Was ich nicht bin.
Im Übrigen schliesst sich Edmond de Goncourt immer enger an das Ehepaar Daudet an. Daudet schreibt in diesen Jahren seinen – ausser Tartarin de Tarascon und den Lettres de mon moulin – heute bekanntesten Roman: Sappho. Doch das in den vorhergehenden Jahren freundliche und heitere Gemüt des Südfranzosen, ein Gemüt, das dem depressiven Edmond so oft Erleichterung verschaffte – dieses Gemüt wird selber verdüstert. Es stellen sich bei Daudet Schmerzen in den Beinen ein, die dieser ganz richtig als erste Zeichen einer einsetzenden Paralyse deutet – einer Paralyse als Spätfolge einer nie behandelten Syphilis-Erkrankung. Folgerichtig erkundigt sich Daudet auch immer wieder bei Edmond de Goncourt nach den Symptomen und dem Krankheitsverlauf bei Jules. Daudet macht Notizen zu seinem Krankheitsverlauf, zu seinen Schmerzen, was Edmond weiss. (Das Buch wird erst 1930 erscheinen.)
Das „Dîner der Fünf“ wird zunächst ohne Flaubert fortgesetzt, also nur Turgenjew (der wieder zurück in Paris ist), Zola, Daudet und Goncourt. Später werden dann die „jungen Realisten“ hinzugezogen: Guy de Maupassant, Joris-Karl Huymans, Henry Céard, Léon Hennique und Paul Alexis. Auch hier vertiefen sich die Beziehungen – am wenigsten vielleicht zu Guy de Maupassant, der ständig unterwegs ist und deshalb seltener an den Dîners auftaucht. Dafür bleiben Goncourts (und Daudets!) Beziehungen zu Zola gespannt; Zola ist es mittlerweile zu Ohren gekommen, dass ihm Goncourt verschiedene Plagiate vorwirft. (Die Kommentare zu Edmonds Tagebucheinträgen relativieren diese Vorwürfe etwas – die Parallelen sind meist geringer, als der hitzige Edmond glaubt.) An prominenten Gästen der Dîners ragt Oscar Wilde heraus, mit dessen zweifelhaftem Geschlecht Goncourt allerdings Mühe bekundet. Bei aller künstlerischen Freiheit, die er Wilde zubilligte, war Edmond de Goncourt halt immer noch der typische, heterosexuelle Mann des 19. Jahrhunderts, mehr theoretisch denn praktisch tolerant. Lesbische Liebe oder vermeintlich lesbische Liebe (Goncourt nennt sie im Jargon der Zeit tribadisch) fasziniert ihn; Wildes männliche Homosexualität irritiert ihn.
1883 stirbt Turgenjew in der Nähe von Paris. Edmond baut den Dachboden seines Hauses aus (die ehemaligen Räume seines Bruders), um dort jeweils sonntags Gesellschaft empfangen zu können. Neben den bereits Genannten wird auch Anatole France regelmässig dort erscheinen, auch wenn ihm Edmond nach wie vor nicht grün ist. France hat vor ein paar Jahren sehr schlecht über seine und Jules‘ Bemühungen zur Installierung einer neuen Art von Literatur geschrieben, was ihm Edmond nicht verzeihen kann.
De Goncourt schreibt weiterhin und publiziert auch weiterhin. Seine Romane haben Erfolg, aber es bleiben Achtungserfolge. Ein ‚Best-Seller‘ gelingt ihm nicht. Dafür wird er nun – ähnlich wie Goethe! – sich im Alter selber historisch. Er betrachtet seine Roman-Produktion als abgeschlossen und veröffentlicht nur noch im weitesten Sinne Autobiografisches: La maison d’un artiste – eine Beschreibung seines eigenen Wohnsitzes in Auteuil (gleichzeitig aber auch eine kulturgeschichtliche Abhandlung) oder Briefe seines Bruders Jules. 1883 liest er Daudet zum ersten Mal aus den alten Tagebüchern vor. Er will seinen und seines Bruders Namen verewigen und tüftelt an einer eigenen Akademie herum, da die Académie Française Spielball persönlicher und politischer Interessen ist und nicht auf die schriftstellerische Qualität eines Autors Rücksicht nimmt. 1885 dann veröffentlicht Edmond de Goncourt erste (redigierte und purgierte!) Auszüge aus dem Journal. Die Konterfeiten waren wenig erbaut.