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Beobachter: Was bezwecken Philip Morris und Co. mit den neuen Heat-not-burn-Produkten?
Stanton A. Glantz: Möglicherweise verdienen sie damit ja Geld. Ich glaube aber, dass gerade Ersatzprodukte wie das Heat-not-burn-Gerät IQOS von Philip Morris dazu dienen sollen, den Markt für herkömmliche Zigaretten zu schützen.
Beobachter: Schützen vor weiteren Regulierungen?
Glantz: Vor allem vor Versuchen der Regierung, Rauchen unattraktiv zu machen. In Kalifornien, wo ich lebe, bewegt sich die Raucherquote unter Erwachsenen bei knapp über zehn Prozent, bei Jugendlichen im einstelligen Bereich. Das liegt an der sehr aggressiven Anti-Raucher-Kampagne Kaliforniens. Tabakunternehmen haben in den USA bereits Schwierigkeiten, gute Leute zu finden, weil niemand für einen Haufen Gangster arbeiten will.
Beobachter: Das heisst also, Produkte wie IQOS oder Ploom dienen auch dazu, Marktanteile zu halten und im Geschäft zu bleiben?
Glantz: Genau. Wenn es den Tabakkonzernen ernst wäre mit der Gesundheit ihrer Kunden, würden sie einfach aufhören, Zigaretten zu verkaufen. Stattdessen tun sie das, was sie seit Jahrzehnten tun, wenn sie in politische oder juristische Schwierigkeiten geraten – sie erfinden sich einfach neu. Dann sagen sie zum Beispiel: «Wir sind jetzt die netten Tabakfirmen. Wir akzeptieren, dass es mit unseren bisherigen Produkten möglicherweise ein paar Probleme gab. Aber jetzt arbeiten wir an besseren Produkten.»
Beobachter: Frühere Versuche, weniger schädliche Zigaretten herzustellen, sind gescheitert.
Glantz: Das war in den sechziger und siebziger Jahren. Die Idee war damals, dass man einfach ein paar wenige schädliche Chemikalien eliminieren müsse. Man schaffte es tatsächlich, Zigaretten herzustellen, die weniger der damals bekannten Schadstoffe enthielten. Aber indem man diese Anteile herunterschraubte, stiegen andere Schadstoffwerte an.
Beobachter: Was halten Sie von der Behauptung, dass Heat-not-burn-Produkte 95 Prozent weniger toxisch seien als herkömmliche Zigaretten?
Glantz: Meiner Meinung nach ist das schlicht nicht wahr. Philip Morris versucht in den USA gerade, eine Zulassung für IQOS zu bekommen, und dazu mussten sie der Aufsichtsbehörde ein Dossier einreichen, das öffentlich einsehbar ist. Das Dossier ist aber so unglaublich gross, dass die Leute, die es beurteilen müssen, unter Dokumentenbergen begraben wurden. Doch meine Kollegen und ich sind Nerds, wir haben uns durchgewühlt.
Beobachter: Und? Haben Sie etwas gefunden?
Glantz: Dass von 24 gemessenen Parametern 23 keine grundlegenden Unterschiede zu den herkömmlichen Zigaretten aufweisen.
Beobachter: Sie behaupten also…
Glantz: Das ist keine Behauptung von mir. Das steht alles in den Daten von Philip Morris. Ich musste nicht einmal allzu lange nach den kritischen Punkten suchen. Ich habe dann in meinem Blog darüber geschrieben, den Kommentar in der öffentlichen Anhörung zum Zulassungsverfahren eingereicht und auf den juristischen Gegenschlag gewartet.
Beobachter: Und was geschah?
Glantz: Nichts. Philip Morris hat sich bisher mit keiner Silbe dazu geäussert. Die haben offensichtlich keine Antwort, weil alle Daten aus ihren eigenen Studien stammen.
«Ich habe das Glück, dass meine Universität hinter mir steht. Aber lustig ist das nicht.»
Stanton A. Glantz, US-Arzt
Beobachter: Aber Sie kennen sich mit juristischen Problemen aus…
Glantz: Oh ja. Meine Universität wurde wegen meiner Arbeit schon zweimal von grossen Tabakkonzernen eingeklagt. Man hat auch versucht, mir Forschungsgelder zusammenzustreichen, und natürlich werde ich in den Medien bei jeder sich bietenden Gelegenheit angegriffen. Ich habe das Glück, dass meine Universität hinter mir steht. Aber lustig ist das nicht.
Beobachter: Jetzt hat Philip Morris eine Stiftung für eine rauchfreie Welt gegründet. Damit droht Ihnen der Verlust eines Ihrer Lieblingsfeinde.
Glantz: Genau, und heute Nachmittag dankt Donald Trump als Präsident ab. (Lacht) Im Ernst: In den neunziger Jahren dachte man bei Philip Morris schon einmal darüber nach, aus dem Tabakgeschäft auszusteigen, weil man so grossen juristischen Ärger hatte. Aber letztlich haben sie einfach zu viel Geld damit verdient, um einfach aufzugeben.
Stanton A. Glantz, 71, begann seine Karriere mit einem Abschluss als Weltraumingenieur, bevor er sich der Medizin zuwandte.
Heute ist er Kardiologe und Biostatistiker und gilt als einer der profundesten Kenner der Auswirkungen des Rauchens und der Strategien der Tabakkonzerne.
Glantz ist Autor mehrerer Bücher und Direktor des Center for Tobacco Control Research and Education an der University of California in San Francisco.