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Auf eine Darstellung der Trunkenheit
Einführung: Clemens Schlip (traduction française: David Amherdt/Kevin Bovier). Version: 10.02.2023.
Entstehungszeitraum: 1555/1556.
Ausgaben: In imaginem ebrietatis carmen, Zürich ohne Jahr [1556], Froschauer junior; eventuell auch in Wittenberg (Jahr unbekannt; wohl auch um 1556).
Metrum: elegisches Distichon.
In imaginem ebrietatis stellt in 250 Versen plastisch die Schrecknisse der Trunksucht vor Augen. Das Gedicht präsentiert sich als grosse ausdeutende Bildbeschreibung der Darstellung auf dem einprägsamen Titelblatt, das sich der emblematischen Tradition zurechnen lässt. Davon ausgehend wird mit Hinweisen auf Alltagserfahrungen, aber auch mit biblischen, historischen und mythologischen Beispielen demonstriert, dass der Alkoholismus ein Übel ist. Unsere ausgewählten Textpassagen vermitteln einen guten Eindruck von Vorgehen und Charakter des Gedichts. Sie machen auch deutlich, dass für den Dichter der Alkoholismus auch aus religiösen Gründen abzulehnen ist: als Gefährdung des ewigen Heils. Die Schlussverse des Gedichtes (V. 241-250) – ein Gebet – machen noch einmal das theologische Konzept deutlich, welches dahinter steht: Nüchternheit wird hier in biblischer Tradition auch als religiöse Verpflichtung verstanden (was nicht mit einer Forderung nach vollständiger Alkoholabstinenz zu verwechseln ist).
Der Autor, Rudolf Ambühl/Collinus (1533-1592), war der gleichnamige Sohn eines ungleich berühmteren Vaters, des bekannten Zürcher Griechischprofessors (1499-1578), dessen Autobiographie wir auf diesem Portal an anderer Stelle präsentieren. Rudolf Ambühl Junior wurde 1555 gemeinsam mit seinem ebenfalls zum Theologenberuf bestimmten Bruder Theodor (1535-1604) vom Vater zum Studium nach Strassburg und Marburg geschickt. Wegen finanzieller Schwierigkeiten wollte der Vater die beiden aber schon bald aus Strassburg heimrufen. Er änderte jedoch seinen Entschluss und liess sie zusammen mit ihrem Freund Heinrich Bullinger, einem Sohn des berühmten Reformators, nach Wittenberg ziehen, wo sie im Sommer 1555 eintrafen. Es ist bemerkenswert, dass die jungen reformierten Theologen in der Welthauptstadt des Luthertums studierten. Wie das untenstehende Widmungsgedicht an den Vater belegt, muss unser Gedicht während des dortigen Aufenthalts entstanden sein. Es ist interessant, dass der Reformator Bullinger seinen Sohn Heinrich während dessen Wittenberg-Aufenthalts auch vor übermässigem Alkoholkonsum warnte, wobei er aber zugleich erkennen liess, dass er von den beiden Zürcher Studienkameraden keinen schlechten Einfluss befürchtete: «Lass dich ja nicht von deinen Kameraden verleiten, damit du nicht ein Schlemmer und Biersäufer werdest. Deine speziellen Freunde, die Brüder Collin, sind mir ganz recht. Grüsse sie von meinetwegen. Ich werde ihre Liebe und Freundschaft für dich zu vergelten wissen.» Unser Gedicht legt nahe, dass in dieser Hinsicht von den Gebrüdern Ambühl wirklich kein nachteiliger Einfluss zu befürchten war.
Im Herbst 1556 kehrte Rudolf nach Zürich zurück, während sein Bruder und der junge Bullinger noch nach Marburg zogen. Daheim wurde Rudolf Ambühl Junior, der den Magistergrad erlangt hatte, 1556 ordiniert und Pfarrer in Hirzel, zwei Jahre später in Witikon. 1563 bis 1565 war er daneben auch Provisor am Zürcher Fraumünster. 1565 wurde er dortselbst Grammatiker. Neben dem vorliegenden Gedicht verfasste er auch Epicedia.
Das Gedicht passt gut zu den Klagen des Vaters, Rudolf Ambühl Senior, über die zu seiner eigenen Studienzeit in Wien verbreitete Trunkenheit im zweiten Kapitel seiner Autobiographie. Man wird in der Ablehnung des übermässigen Alkoholkonsums durch Rudolf Ambühl Junior also vielleicht eine familiäre Prägung erkennen können.
Der Text muss in seiner Beziehung zu anderen literarischen und auch legislativen Initiativen gegen das im 16. Jahrhundert verstärkt auftretende (oder zumindest stärker wahrgenommene) Problem eines weit verbreiteten Alkoholismus betrachtet werden. Aufgrund der besonders in den Städten schlechten Trinkwasserqualität waren bereits im Mittelalter Wein und Bier zu verbreiteten Grundnahrungsmitteln geworden, da bei ihnen aufgrund ihres Alkoholgehalts das Infektionsrisiko niedriger war. In der frühen Neuzeit gelangte der Alkoholkonsum gerade in Mitteleuropa auf einen Höhepunkt. Auch deshalb ist das 16. Jahrhundert in der Forschung als «Sauf- und Freßjahrhundert» bezeichnet worden. Dazu trug besonders die häufig als strikte gesellschaftliche Verpflichtung verstandene Sitte des «Zutrinkens» bei; sich ihr zu entziehen, konnte für Männer erhebliche soziale Konsequenzen nach sich ziehen. Auch in der Autobiographie des Humanisten Thomas Platter des Älteren wird diese Sitte mit deutlicher Ablehnung erwähnt.
Nicht zufällig entstand in der Folge im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum eine spezielle Trinkliteratur, in der der Alkoholgenuss entweder getadelt oder verteidigt wird (entweder in parodistischer Absicht oder tatsächlich, sofern es sich um massvollen Konsum handelt). Das sich in solchen Schriften aussprechende verstärkte Interesse am Problem des übermässigen Alkoholkonsums kann man auf auch auf den Humanismus und Reformation zurückführen: «Die Humanisten hatten die Eigenverantwortung des Menschen entdeckt», und das schloss das Verhältnis zum Alkohol mit ein. Auch die Reformation mit ihrer Betonung menschlicher Eigenverantwortung lässt sich als Faktor geltend machen – wobei nicht zu vergessen ist, dass auch katholische Autoren wie Thomas Murner und Erasmus von Rotterdam gleichfalls die Trunksucht verurteilten, wie dies etwa der Prediger Geiler von Kaysersberg schon vor der Reformation getan hatte. Umgekehrt wurde die im Protestantismus zentrale Idee der «evangelischen Freiheit» von manchen als Freibrief für allgemeine Hemmungslosigkeit auch im Alkoholkonsum aufgefasst. Das bekannteste Werk ist der gegen die Trunksucht gerichtete Sendbrief «Wider den Saufteuffel» (Leipzig 1552) des Görlitzer (lutherischen) Pfarrherrn Matthäus Friderich. Zu dieser Literaturgattung lässt sich unzweifelhaft auch unser Gedicht rechnen. Nicht zuletzt zeigt sich bei vollständiger Lektüre, dass in seiner langen Aufzählung der üblen Folgen der Trunkenheit die vier für die Antitrunkenheitsliteratur typischen Themenfelder abgedeckt sind, nämlich «die Schäden an der Seele, der Ehre, dem Gute und dem Leibe». Auch den Ärzten war die Problematik eines übergrossen Alkoholkonsums natürlich bewusst.
Gegenreaktionen von staatlicher Seite blieben – im Rahmen der in der frühen Neuzeit zunehmenden Disziplinierung des einzelnen im Rahmen der «Guten Policey» nicht aus: Ab dem Wormser Reichsabschied von 1495 ergingen auf den Reichstagen bis 1577 regelmässig Abschiede gegen das Zutrinken, die allerdings in der Praxis wenig Wirkung zeigten; auch auf landesrechtlicher Ebene, in den Städten und in Kirchenordnungen wurde das Zutrinken verboten.
Gerade auch im Kontext der Reformation wurde das Alkoholismusproblem angegangen; dies gilt sowohl für das Luthertum als auch für die reformierten Kirchen Calvins und Zwinglis, wobei ersterer in Genf 1546 besonders streng vorging, alle Wirtshäuser aufhob und durch streng reglementierte «Abteien» (die nach Art von Klubhäusern funktionierten) ersetzte (bereits nach einem Vierteljahr wurde diese Massnnahme indes wieder rückgängig gemacht). Mit Hinblick auf unser Gedicht sind aber die Zürcher Verhältnisse interessanter. So wurde 1530 in Zürich eine Wirtshausgesetzgebung beschlossen, welche die Zahl der Wirtschaften (durch Ausschaltung der sogenannten «Winkelwirtshäuser») drastisch reduzierte; bei dieser Gelegenheit wurde auch das Verbot des übermässigen Zutrinkens erneuert und weitere Massregeln erlassen, wie das Verbot des Ausschanks vor der sonn- und feiertäglichen Predigt und nach neun Uhr abends. Aber damit wurde das grundsätzliche Problem nicht gelöst. Noch 1561 musste der Rat auf Bullingers Vorschlag hin beschliessen, jeden Pfarrer zu entlassen, der einmal durch Trunkenheit aufgefallen war. Es muss jedoch für diese wie alle ähnlich gearteten Bemühungen im protestantischen Bereich festgehalten werden, dass Luthers, Calvins und Zwinglis Wirken und Predigen gegen den Alkoholismus weitgehend erfolglos blieb. Dabei hatten es die drei Reformatoren nur auf einen massvollen Konsum abgesehen. Der Gedanke einer vollständigen Abstinenz kam nicht in den protestantischen Grosskirchen auf, sondern in den nebenkirchlichen Strömungen; ihm stehen letztlich auch verschiedene Bibelstellen entgegen (z. B. Ps 103,15 [Vulgata]: vinum laetificat cor hominis ad exhilarandam faciem; oder Joh 2,1-12: die Hochzeit zu Kana).
Weniger aufgrund seiner poetischen Qualitäten – denn letztlich wirkt die unentwegte Wiederholung eines recht simplen Grundgedankens ermüdend auf den Leser, allen Variationsbemühungen des Autors in Ausdruck und Argument zum Trotz –, sondern als interessantes geistes- und kulturgeschichtliches Zeugnis verdient dieses Gedicht des jüngeren Rudolf Ambühl somit vielleicht mehr Aufmerksamkeit, als ihm bisher zuteilgeworden ist.
Es verdient abschliessend Erwähnung, dass in dem Sammelwerk Delitiae poetarum Germanorum..., (pars V, Frankfurt a. M., N. Hoffmann, 1612, S. 215) ein Gedicht von Johannes Posthius (1537-1597) abgedruckt ist, das ein Bild beschreibt, welches mehrere Elemente aufweist, die wir auch in der Illustration unseres Textes finden. Wir stellen diesen kurzen Text (mit Übersetzung) daher an das Ende dieser Einführung.
In Ebrietatis imaginem
Quis typus hic? Stolidae vera Ebrietatis imago est.
Cur ea veste caret? demens secreta revelat
Quid gladius? caedes et vulnera. Cornua quidnam
Designant? reddit petulantes. Illa corona
Quid sceptro suspensa? adimit nempe ista Monarchis.
Cur velati oculi? occaecat quia lumina mentis.
Auf ein Bild der Trunkenheit
Was für ein Bild ist das? Es ist ein Porträt der törichten Trunkenheit.
Warum trägt sie keine Kleidung? Die Wahnsinnige enthüllt ihre geheimen Körperpartien.
Was bedeutet das Schwert? Gemetzel und Wunden. Was bedeuten die
Hörner? Sie macht die Leute mutwillig. Was jene Krone, die
An dem Zepter aufgehängt ist? Diese Dinge raubt sie den Monarchen.
Warum sind ihre Augen verhüllt? Weil sie das Verstandeslicht verdunkelt.
Überhaupt wäre es vielleicht eine lohnende Aufgabe, die Beziehungen des Collinschen Gedichtes zu anderen (besonders auch zeitlich früheren) Texten der Trinkliteratur zu prüfen; dies kann hier nur angeregt, nicht aber geleistet werden.
Bibliographie
Blanke, F., «Reformation und Alkoholismus», Zwingliana 9 (1942), 75-89.
Daly, M. P. (Hg.), Companion to Emblem Studies, New York, AMS Press, 2008.
Dejung, E./Wuhrmann, W. (Hgg.), Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952, Zürich, Schulthess & Co. AG, 1953.
Furrer, K., «Rudolf Collin. Ein Charakterbild aus der schweizerischen Reformationsgeschichte», Zeitschrift für Wissenschaftliche Theologie 5 (1862), 337-399.
Hauffen, A., «Die Trinklitteratur in Deutschland bis zum Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts», Vierteljahresschrift für Litteraturgeschichte 2 (1889), 481-516.
Henkel, A./Schöne, A. (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XII. Jahrhunderts, Stuttgart/Weimar, Metzler, 1996.