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(Kt. Graubünden,
Bez. Vorderrhein).
Kreis; einer der Verwaltungs- u. Gerichtskreise des Kantons Graubünden,
der in seiner Ausdehnung mit dem Bezirk Vorderrhein
zusammenfällt. Er umfasst die Gemeinden Tavetsch, Medels, Disentis, Somvix, Truns, Schlans und Brigels und zieht sich in einer
Länge von 35 km, vom Oberalp Pass und Lukmanier das Vorderrheinthal herunter bis unterhalb der Ortschaft
Tavanasa. Die Zahl der meist katholischen und romanisch sprechenden Einwohner beträgt 5917. Im Munde der romanischen Einwohner
heisst der Kreis ausschliesslich Cadi (Gotteshaus) nach dem Stift Disentis, nicht zu verwechseln mit dem seltener vorkommenden
Cadè, unter welcher Bezeichnung der Gotteshausbund verstanden wurde.
Die Geschichte des Kreises Disentis
ist eng verknüpft mit derjenigen des KlostersDisentis;
bis im Jahre 1851 bildete er das Hochgericht Disentis.
30 km von der Station Ilanz, der künftigen Linie Chur-Ilanz der Rätischen Bahn. Postbureau, Telegraph; tägliche Postverbindung
mit Ilanz einerseits und Tavetsch andererseits, im Sommer auch mittels der Oberalppost mit Göschenen (37 km) u. über den Lukmanierpass
mit Biasca (40 km). Die Gemeinde zählt mit Rueras, Segnes, Mompè Medel, Mompè Tavetsch, Disla, Cavardiras
und Acletta 221 Häuser, 1359 zur grossen Mehrzahl katholische Ew. romanischer Zunge; das Dorf: 42 Häuser, 400 Ew. Die Mehrzahl
der Bewohner nährt sich von der Landwirtschaft, hauptsächlich Wiesen- und Alpwirtschaft verbunden mit Viehzucht. Mehr oder
weniger hat auch die Fremdenindustrie daselbst Eingang gefunden. 766: Desertina; 846: Cœnobium Desertinense;
so genannt, weil das Thal zur Zeit der Gründung des Klosters eine nahezu menschenleere Einöde war.
Das Kloster Disentis ist das älteste gegenwärtig in der Schweiz noch bestehende Benediktinerstift. Seine Anfänge datieren
in die Zeit der Merowinger zurück. Die Sage bezeichnet Columbans Schüler Sigisbert als dessen Gründer
und gibt als Gründungsjahr 614 an. Durch die Vergabungen des aus vornehmem rätischen Geschlechte stammenden Placidus gelangte
es früh zu ansehnlichem Besitz. Viktor I., damals Präses von Rätien, raubte dem Kloster viele seiner Besitzungen; dasselbe
gelangte jedoch durch weitere Schenkungen, namentlich auch durch die des Bischofs Tello von Chur (766;
eines Nachkommen Viktors), zu neuem Besitz und Reichtum.
Die deutschen Könige und Kaiser hatten ihr Interesse daran, das am Fusse zweier Alpenpässe, des Lukmanier und der Oberalp,
gelegene Kloster Disentis zu begünstigen, da es zur Zeit, als die deutschen Heere so oft nach Italien ziehen mussten, von
grosser militärischer Bedeutung war. Von Anfang an übte das Kloster eine kolonisatorische Tätigkeit,
die sich bis nach Ursern, das bis 1718 im Lehensverhältnis mit Disentis blieb, und ins Medelserthal hinein erstreckte. Schon
von der ersten Zeit seines Bestehens an hatten hier die Mönche eine Schule gegründet, die für das Land von Wichtigkeit
war.
Als 1424 der Obere oder GraueBund zu gegenseitigem Schutz gegründet wurde, war der damalige Abt Peter von Pontaningen ein Hauptförderer
desselben. Die Reformation brachte die Abtei der Gefahr der Auflösung nahe. Abt Martin Winkler nahm mit noch drei Konventualen,
darunter Joh. Fabritius (dem spätern Pfarrer von Davos), 1536 die neue Lehre an und verliess das Kloster.
Von seinen Nachfolgern zeichnete sich Abt Christian von Castelberg (1566-1584) durch grosse Energie und Tatkraft aus; als
ein Werkzeug des Kardinals Carlo Borromeo war er mit Erfolg für die Gegenreformation tätig und hob das Kloster zu neuem
Ansehen und neuer Blüte empor.
Während der folgenden Zeit sehen wir, dass das Kloster Disentis stetsfort die spanische und die österreichische
Partei in Graubünden
begünstigte u. sich an die katholischen Orte der Schweiz anlehnte. Am schlugen die Männer des obern
Oberlandes zusammen mit einer daselbst stationierten österreichischen Besatzung eine unter Loison von der
Oberalp her anrückende französische Heeresabteilung. Trotz dieses Erfolges musste sich jedoch Disentis am 9. März dem
französischen General Demont ergeben und in der Folge eine Kontribution von 100000 Fr. leisten.
Nach dem österreichischen Siege bei Stockach bereitete sich in Disentis eine
Erhebung vor, die am 1. Mai zu blutigem Ausbruch
gelangte, bei dem eine grosse Anzahl französischer Gefangener erschlagen wurde; hierfür übten die Franzosen, als sie wieder
Herr der Situation wurden, schreckliche Vergeltung: am 6. Mai wurden Dorf u. Kloster in Brand gesteckt, wobei 7 Personen in den
Flammen umkamen und - ein für die Landesgeschichte unersetzlicher Verlust - viele wertvolle Handschriften
verbrannten.
Schon 1387 und 1514 war das Kloster abgebrannt, und am wiederholte sich nochmals dasselbe Schicksal an ihm. Von
1832-1846 war das Kloster Disentis Sitz der katholischen Kantonsschule; eine Klosterschule bestand daselbst auch noch nachher,
bis sie 1880 infolge Verarmung des Stiftes aufgehoben und dafür das Kloster pflichtig erklärt wurde,
einen angemessenen Beitrag an eine neu zu errichtende Kreisrealschule zu leisten. Diese ist seither wieder gänzlich zur
Klosterschule geworden, die Gymnasium und Realschule umfasst und ca. 60 Schüler zählt. Unter den Konventualen des Klosters
ist namentlich hervorzuheben Pater Placidus a Spescha (1740-1799), ein namhafter Naturforscher und erster
Besteiger einer Reihe von umliegenden Hochgipfeln. An der Ruseinbrücke ist ihm eine Denktafel gestiftet worden. Die Bevölkerung
von Disentis und Umgebung repräsentiert in anthropologischer Hinsicht den durchaus reinen brachycephalen Keltentypus, der
daher in der Schweiz als Typus von Disentis bekannt ist.
[S. Meisser.]
Vergl. Theobald, G. DasBündner Oberland. Chur 1861. - Theobald, G. Naturbilder aus den rätischenAlpen... 3. Aufl.
von Chr. Tarnuzzer. Chur 1893. - Cahannes, Joh. Das Kloster Disentis vom Ausgang des Mittelalters bis zum Tode des Abtes Christianv.Castelberg. Stans 1899. - Wettstein, Em. Zur Anthropologie und Ethnologie des Kreises Disentis. 1902 (unter
der Presse).