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Vor langer Zeit gab es auch in der Schweiz schreckliche Fabelwesen in tierischer Gestalt. Eines davon lebte in der Aareschlucht im Berner Oberland.Dieser Inhalt wurde am 19. Mai 2003 - 08:44 publiziert
Während Jahren terrorisierte dieser "Tatzelwurm" die Leute der Umgebung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er sogar fotografiert.
In der kollektiven Volksfantasie gilt der Drache als Meister. Von China bis Mexiko kennt jede Kultur ihr "Tiermonster", ihre fantastische Kreatur, unbesiegbar und gefürchtet, Quelle von Furcht, Aberglaube und von Legenden.
Im Fernen Osten wird der Drache gleichgesetzt mit Blitz und Donner und mit fruchtbarem Regen. Bei den Azteken in Mittelamerika wird der Drache dargestellt als gefiederte Riesenschlange. Und in der germanischen Nibelungensage badet sich Sigfried im Blut des getöteten Drachen, um unverwundbar zu werden.
Ausserdem lebt das berühmte Monster von Loch Ness weiter, als fantomatischer "Wassersaurier" im gleichnamigen Schottischen See. Auch in der Schweiz lebten einst geflügelte Schuppentiere, die sich mit Vorliebe in die Alpen zurückzogen.
Seit dem 15. Jahrhundert wimmelt es vor allem in der Zentralschweiz von Drachen in den unterschiedlichsten Varianten.
Monster in Schweizer Gewässern
Wenn er nicht gerade Feuer spuckt oder sich in den dunklen Abgründen der Erde versteckt, über die Berge fliegt oder gar die Sonne verdunkelt, lebt der Drache im Wasser.
Um das Jahr 1480 versichert ein Chronist, dass in der Umgebung von Zofingen an der Aare von Zeit zu Zeit eine Art Riesenschlange mit vier Füssen auftauche.
Am 26. Mai 1499 "schwimmt ein enormes Drachen- und fürchterliches Schlangentier" im Wasser des Vierwaldstättersees. Ein entsetzter Augenzeuge berichtet, es sei "zwanzig Meter lang" und sehe aus "wie ein Kalb mit grossen Ohren".
Ende des 18. Jahrhunderts versichert ein Mann namens Hans Fuchs, vor zwei Drachen gestanden zu sein. Er kommt kaum dazu, das vorgefallene seiner Familie zu beschreiben. Vom Schrecken derart gezeichnet stirbt er an Herzstillstand genau an dem Ort, wo er auf die beiden Monster traf.
Furcht vor den Schluchten
Vielleicht spricht 1814 der Berner Historiker Samuel Studer vom gleichen Fantasie-Untier: "Von der Aareschlucht wird berichtet, dass dort ein Schlangentier hause, mit einem fast runden Kopf und sehr runden Tatzen. Dieses Untier zeige sich von Zeit zu Zeit."
Die Wildheit der Natur in der Aareschlucht mit ihrem tosenden Wasser gibt ein ideales Szenario ab für die Legende eines Wassermonsters. 1817 vergleicht Rudolf Wyss, Autor des Buches "Reise ins Berner Oberland", die Aareschlucht sogar mit Dantes Beschreibung des unterirdischen Todesflusses Acheron aus der griechischen Mythologie.
Die Schlucht liegt zwischen den beiden Orten Meiringen und Innertkirchen. Sie entstand, als sich der Aaregletscher zurückzog, und windet sich durchs Haslital, einem der grössten Quertäler des Alpenmassivs, das vom Grimselpass bis zum Brienzersee reicht.
Eindrückliche Wassermassen zwängen sich zwischen steilen und engen Felsabhängen in einem gleichermassen magischen wie dunklen Ambiente. Seit Jahrhunderten zwar bekannt, hatte man sie immer aus Angst gemieden.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts konnten die Wassermassen ausschliesslich mit einem Boot überwunden werden: Ein mühsames Unterfangen, zu schwierig und sehr selten machbar.
1890 beschreibt Josef Viktor Widmann, ein weiterer Autor, die Schlucht mit den folgenden Worten: "In Richtung Ausgang wölbt sich eine Art Nische oder Grotte, aus dem Felsen gehauen. Sozusagen auf Mass gemacht, um ein Wesen zu beherbergen, das diesen Ort symbolisiert. Wahrscheinlich beziehen sich die Drachenbilder der Legende darauf."
Das Geheimnis des Tatzelwurms
Im 20. Jahrhundert wuchs mit dem Aufkommen des Fremdenverkehrs in den Alpen auch das Interesse an den mysteriösen Aareschluchten. Die Gemeinde entschied deshalb, über dem Wasser Laufstege zu errichten.
Doch auch in diesen aufgeklärten Zeiten blieb der Mythos des Schluchtenmonsters und der Drachenschlange lebendig. Genannt wurde es Tatzelwurm, weil es einem Riesenwurm ähnlich sah.
1935 geschah in der Aareschlucht etwas völlig aussergewöhnliches, und ganz Europa nahm daran teil. Einem Fotografen russischer Abstammung gelang es, das Monster zu fotografieren. Er publizierte das Bild in der "Berliner Illustrierten".
Existiert demnach wirklich ein Tatzelwurm? Das Foto beseitigt jeglichen Zweifel: Das Monster hat ein Maul wie ein Haifisch, ein fürchterliches Gebiss, eine Nase wie ein Affe und seitliche Mandelaugen.
Monsterhysterie
Nach der Veröffentlichung des Bildes schickt die Redaktion der "Berliner Illustrierten" zweimal Mitarbeiter ins Haslital, um die Umgebung zu durchsuchen. Ein Preisgeld von tausend Reichsmark wird ausgeschrieben für den Fang des Tatzelwurms.
Sogar die seriöse und angesehene "Neue Zürcher Zeitung" widmet der Monsterhysterie mehrere ganze Seiten. Doch das Untier bleibt unauffindbar, und seither hat es niemand mehr gesehen. Das Preisgeld wurde nie vergeben, und die Echtheit des Fotos wurde angefochten.
Doch der Zweifel bleibt: Vielleicht gab es wirklich einst eine Spezies Tatzelwurm, die inzwischen ausgestorben ist.
Beim Eingang zur Aarschlucht, inzwischen Ziel von tausenden von Besuchern, erinnert eine Holzskulptur des Tatzelwurms an die Legende.
Und in den Konditoreien von Meiringen warten kleine Süss-Monster, mit Schokolade überzogen und einer Marzipanzunge, auf die vielen Kinder, um selbst verspeist zu werden. Zum Andenken an den Tatzelwurm aus fernen Zeiten - ohne Furcht.
In Kürze
Die Aareschlucht liegt im Berner Oberland in der Nähe von Meiringen. Die suggestive Landschaft, die Wasserfälle und die Bäche sind eine bekannte Touristenattraktion. Die "junge Aare" stürzt sich durch Grotten, Mulden und über steile Felshänge.
Die Besucher können dem Verlauf des Wassers auf hölzernen Laufstegen auf einer Länge von einem Kilometer folgen. Diese sind an gewissen Stellen nicht breiter als ein Meter. Während Jahrhunderten wagte sich niemand in diese Schlucht, aus Furcht vor dem Unbekannten und aus Angst, dem Tatzelwurm zu begegnen, dem Monster der Aareschlucht.
Fakten
Länge der Aareschlucht: 1,4 km
Tiefe: 200 m
Geöffnet von April bis Oktober
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