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Augsburg, um 1530 (Spielsteine)
Basel, 2. Hälfte 16. Jh. (Futteral)
Holz, gedrechselt; Reliefauflagen aus Vergoldermasse, farbig gefasst
H. 15 cm, B. 19 cm (Futteral, geöffnet)
Dm. 2,5–2,6 cm (Spielsteine)
Inv. 1870.1021.
Kostbare Spielbretter und -steine gehören zu den üblichen Bestandteilen einer Kunstsammlung der Spätrenaissance. Die Beispiele in der Kunstkammer von Schloss Ambras, die umfangreichen Bestände im Pommerschen Kunstschrank in Berlin und im Arbeitstisch der Kurfürstin Magdalena Sibylle in Dresden legen davon in beeindruckender Weise Zeugnis ab (Mundt 2009, S. 225–259). Die Wiedergabe bedeutender historischer Personen, wichtiger Ereignisse oder die Abbildung von Emblemata machten – kombiniert mit aufwendiger oder technisch neuartiger Herstellungsweise – diese kunstvollen Kleinobjekte zu reizvollen Gegenständen des gelehrten Sammelns. Ein Abglanz dieser fürstlichen Prachtentfaltung findet sich auch in den Basler Sammlungen: Die «Sieben und zwantzig höltzene Brettstein mit Römischen Köpfen», die im Inventar C (1772) des Museums Faesch erwähnt werden, lassen sich mit den 27 geprägten Spielsteinen aus der Nürnberger Werkstatt von Lienhard Danner aus der Mitte des 16. Jahrhunderts identifizieren (Inv. 1880.153.). Aus dem Amerbach-Kabinett stammen 30 Brettsteine einer Augsburger Werkstatt mit männlichen und weiblichen Profilköpfen (Inv. 1874.65.).
Auch die 30 kleinen, farbig gefassten Spielsteine mit Reliefporträts aus der Zeit um 1530, die in einer buchförmigen Lade präsentiert werden, gelangten aus einer Basler Kunstkammer in das Historische Museum. Lange Zeit war vermutet worden, dass auch diese Serie aus dem Amerbach-Kabinett stamme (Landolt 1984a, S. 84). Doch Raphael Beuing erkannte, dass eine Angabe im Münzbüchlein des Basler Kaufmanns Andreas Ryff, das er ab 1594 verfasste, auf diese Spielsteine zu beziehen ist (s. S. 66). Im Text erwähnt Ryff ausserdem die Herkunft dieses Objekts aus dem Besitz von Jacob Hoffmann, womit vermutlich der Basler Goldschmied Hans Jacob II. Hoffmann (1544–1599) gemeint ist. Das buchförmige Behältnis entstand einige Zeit später als die Brettsteine. Möglicherweise ist der Vorbesitzer, der Goldschmied Hans Jacob II. Hoffmann, für die Montage in dem buchförmigen Futteral und für die silbernen Bestandteile verantwortlich. Durch Beschläge, Schliessen und golden gefasste Seitenteile, die an den Goldschnitt von Büchern denken lassen, ist das Futteral wie ein kostbarer Bucheinband gestaltet. Doch welch eine Überraschung muss es für den Betrachter gewesen sein, wenn er in diesem vermeintlichen Gebetbuch nicht einen frommen Text, sondern etwas überaus Weltliches vorfand: 30 kleine Spielsteine mit sehr fein gearbeiteten, farbig gefassten Porträtauflagen füllen in dichter Anordnung die beiden Seiten. Ursprünglich waren sie, wie aus Klebespuren hervorgeht, in der kleinen Lade fixiert. Burckhardt sprach 1892 noch von Spielsteinen ohne Inschriften (Burckhardt 1893, S. 35); offenbar waren damals die Rückseiten der Steine, auf denen jede dargestellte Person benannt ist, nicht sichtbar. Zu einem unbekannten späteren Zeitpunkt wurden die Spielsteine vom Hintergrund gelöst. Die ursprüngliche Anordnung lässt sich nicht mehr rekonstruieren, doch dürfte die gleiche Zusammenstellung der dunklen Steine mit den männlichen Porträts links und den hellen Steinen mit weiblichen Porträts auf der rechten Seite gewählt worden sein. Die museale Präsentation als geöffnete Lade erlaubt das lose Einlegen der Steine. Die Verwendung als Scheinbuch mit Überraschungseffekt hingegen benötigte die Fixierung der Steine, wenn man nicht das Herausfallen der Steine mit den empfindlichen Reliefauflagen riskieren wollte.Diese Porträts wurden mit Modeln ausgeformt, von denen zwei vor einigen Jahren vom Germanischen Nationalmuseum erworben wurden (Bachner 1997). Als Material für die Reliefs diente extrem feine Vergoldermasse, die alle Details des kleinformatigen Negativs wiedergeben kann. In den Sammlungen von München und Wien sowie im Historischen Museum Basel selbst haben sich Vergleichsbeispiele aus der gleichen Werkstatt erhalten (Himmelheber 1972, S. 65–71; Kat. Wien 1998, S. 211–213; Landolt/Ackermann 1991, S. 75–76); sie variieren in Grösse, Bemalung und Ausrichtung. So ist die Serie aus Schloss Ambras im Figurenprogramm zwar weitgehend mit dem Set aus der Amerbach-Sammlung identisch, doch sind die Ambraser Steine kleiner und seitenverkehrt zu der Amerbach-Serie.
Noch zierlicher und zudem mit lebhafter Farbfassung präsentieren sich die Spielsteine aus der Sammlung des Andreas Ryff in ihrem buchförmigen Futteral. Ihre Kostbarkeit wird durch die feine, mit goldenen Details bereicherte Bemalung, wie sie auch an anderen Beispielen aus dieser Werkstatt belegt ist, noch gesteigert. Und nicht zuletzt verstärkt die überraschende Präsentation in der buchförmigen Schaulade das Entzücken des Betrachters. Mit dieser Montage verloren die Spielsteine ihre ursprüngliche Funktion und wurden zu reinen Schau- und Sammlungsstücken. Das geschah aber nicht etwa, weil die Serie unvollständig und daher zum Spielen nicht mehr geeignet gewesen wäre. Es handelt sich nach wie vor um einen vollständigen Satz: 30 Steine benötigte man für das Trictrac-Spiel, nur 16 für das Damespiel, und «Mühle» spielte man mit 18 Steinen.
Die Dargestellten sind entweder auf der Vorder- oder Rückseite der Steine namentlich bezeichnet. In allen Serien finden sich neben den Porträts von Fürsten des 16. Jahrhunderts auch Angehörige wohlhabender schwäbischer Patrizierfamilien. Die Häufung von Angehörigen der Familien Fugger legt die Entstehung in Augsburg, dem Zentrum der Frührenaissance nördlich der Alpen, nahe. Dafür spricht auch, dass einige der als Vorlagen anzunehmenden Porträtmedaillen von Augsburger Künstlern wie Friedrich Hagenauer und Hans Daucher geschaffen wurden (Habich 1929, Taf. LXX, 2, 4, 7). Bei der Übernahme konnte es zu neuen Benennungen kommen: So wurde aus einer 1526 datierten Daucher-Medaille des englischen Königs Heinrich VIII. auf dem Spielstein eine Darstellung des Ottheinrich von Neuburg (Habich 1929, Taf. VI, 10). Die Darstellung der Lucrezia auf einem der hellen Spielsteine stellt in formaler und ikonografischer Hinsicht eine Durchbrechung der Porträtserie dar. Ihr liegt eine Bronzeplakette im Berliner BodeMuseum in der Art des Hans Daucher zugrunde (Kastenholz 2006, S. 344–347).
Als ein besonderer Glücksfall muss angesehen werden, dass sich zwei unterschiedliche Serien dieser hochstehenden Produktion in Basel erhalten haben.