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Eine Skizze
Als Fiktion wurde bereits beschrieben, was wir am 13. März 2013 real erleben durften: Wir haben einen Papst, der sich Franziskus nennt. 1999 kam in Mailand ein Roman von Don Paolo Farinella mit dem Titel «Habemus Papam: Francesco» heraus, der 2012 mit einem neuen Untertitel wieder aufgelegt wurde: «HABEMUS PAPAM. La legenda del papa che abolì il Vaticano» (Gabrielli Editori). In ihm wird das franziskanische Lebensprogramm auf die Kirche und ihre Strukturen übertragen.
Der Roman
Bevor ich einiges zur Aktualität des Franziskus im Blick auf die Erneuerung der Kirche sage, möchte ich ganz kurz den Inhalt des Romans darstellen. Da gibt es ein Konklave, das sich dem Heiligen Geist öffnet und einen einfachen Priester, der sich an der Bibel orientiert und dem Volk nahe ist: Giovanni Battista Sciaccaluga. Er wird zum Papst gewählt und gibt sich den Namen Franziskus. Zuerst aber muss er sein Programm finden. Darum geht er zunächst längere Zeit ins Gebet, um es von Gott zu erbitten, dann berät er sich mit zwei einfachen Leuten aus dem Volk, mit Dom Helder Camara (+ 1999), dem wirbligen Erzbischof von Recife, der die Solidarität mit den Armen konsequent lebt und eine wichtige Bezugsperson der Befreiungstheologie ist, mit Bernhard Häring (+ 1998), dem weltbekannten Moraltheologen, der aus dem Geist Jesu die ethische Antwort auf moderne Fragen zu geben versucht, und mit dem Jesuiten Jacques Dupuis (+ 2004), der sich mit den Glaubensfragen im modernen Kontext des religiösen Pluralismus beschäftigt. Aus diesem erlesenen Kreis von fünf Personen geht sein päpstliches Programm hervor. Im Einzelnen sieht es unter anderem so aus: – Papst Franziskus gibt den Vatikanstaat in die Hände von Laien. Er entpolitisiert sein Amt radikal, er reist privat durch die Welt und besucht die Menschen, um sie und ihre Fragen kennen zu lernen, er lehnt dabei staatliche Unterstützung ab.
– Papst Franziskus verlässt die vatikanischen Prunkbauten und wohnt bei den Armen. Er legt all seine Insignien ab, schafft die Kurie ab, weil er einsieht, dass sie sich zu einer Macht emporgeschwungen hat, die die päpstliche übertrifft. «Transeant papae, curia permanet – Die Päpste gehen, die Kurie bleibt». Die Geschichte darf sich nicht verfestigen.
– Papst Franziskus fasst sofort die dringlichsten Beschlüsse: unter anderem, dass Priester verheiratet sein dürfen. Er beruft für das Jahr 2005 ein Konzil nach Jerusalem ein, an dem alle Schwesternkirchen mit gleichem Recht wie die katholische teilnehmen können, sofern sie das wollen. Themen sollen sein: das Frauenpriestertum, die Ökumene, die zukünftige Funktion des Papstes, die Kirchenrechtsreform …
Franziskanische Postulate
Selbstverständlich handelt es sich bei dem beschriebenen fiktiven Papstprogramm um eine Utopie, die kaum in die Realität umzusetzen ist. Trotzdem sollte sich der neue Papst an dieser eindrücklichen Fiktion orientieren. Wenn man sich auf Franz von Assisi beziehen will, dann muss man den ganzen Franziskus in seiner historischen Gestalt in Betracht ziehen. Da gibt es Perspektiven, welche in die kirchliche Praxis überführt werden müssen. Im Einzelnen möchte ich – in meine Sprache und ins Heute übersetzt – nennen: 1. Gegen die dogmatische Erstarrung, wie sie trotz gegensätzlicher Absichten des Zweiten Vatikanischen Konzils die heutige Kirche prägt, geht es um eine lebendige Verflüssigung des Evangeliums in konkreten Lebensvollzügen. Es geht nicht um Sätze und Lehren, sondern um konkrete Spuren eines Weges, den Jesus hinterlassen hat und den der Christ bzw. die Kirche gehen muss. Vor allem geht es darum, in das Geheimnis Jesu einzutauchen, der uns eine besonders dichte Gotteserfahrung vermittelt: Gott ist bedingungslose Liebe, voraussetzungslose Gnade, zugewandte Gegenwart, auf die man froh und dankbar antwortet: «Ejus qui nos multum amavit, multum es amor amandus – die Liebe dessen, der uns so sehr geliebt hat, müssen wir mit grosser Liebe lieben», fasst Franziskus seine Spiritualität zusammen. Das Evangelium darf nicht als Gesetz oder Forderung gelesen und erst recht nicht als erstarrtes Lehrsystem vermittelt werden. «Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig», zitiert Franziskus den Apostel Paulus (2 Kor 3,6) und fügt hinzu: «Jene Ordensleute sind vom Buchstaben getötet, die nicht dem Geist des göttlichen Buchstabens folgen wollen, sondern mehr danach streben, einzig die Worte zu wissen und sie anderen zu erklären» (Erm 7). 2. Gegen die Absonderung kirchlicher Amtsträger und den Individualismus setzt Franziskus sein Konzept der Geschwisterlichkeit und des Gehorsams (= Ge-hor-sam). Die gegenseitige Beziehung auf gleicher Ebene ist dermassen wichtig, dass auch die notwendigen Dienstfunktionen in der Kirche und in den Gemeinschaften in den Gehorsam eingebettet sind. Da muss jeder und jede an seinem bzw. ihrem Ort hellhörig ausgerichtet sein: auf das eigene Innere, auf das Du, das einem begegnet, auf die Gruppe, die Gemeinschaft, die Gemeinde, die Kirche, der man angehört, auf die Menschheit insgesamt, ja auch auf die ganze Schöpfung, sogar auf die «Bestien und wilden Tiere» (GrTug). Letztlich geht es darum, alles, was ist, als Offenbarungsort Gottes wahrzunehmen: In allem und durch alles spricht Gott zu uns. Zudem geht es auf allen Ebenen auch der Kirche darum, Jesus als privilegierten Ort der Kundgebung Gottes anzuerkennen und jeden Tag intensiv hellhörig zu sein für seine Gegenwart in Kirche und Orden. Auch die Personen, welche da eine besondere Verantwortung des Dienens innehaben, müssen sich primär als Hörende begreifen und ebenso hellhörig auf die einzelnen Gläubigen ausgestreckt leben. Sie dürfen keinen Gehorsam verlangen, den sie nicht selbst vollziehen. Aber kann man bei einem solchen Gehorsamsverständnis überhaupt noch Gehorsam verlangen? 3. Gegen Habgier und Besitzdenken setzt Franziskus seine radikale Armut. Er erkennt, dass Gott ein Geheimnis der Armut ist: Gott ist Liebe, die nicht an sich festhält: Liebe, die sich hingibt und als dauernd hingegebene Liebe in Jesus Christus zugänglich ist und als überfliessende Liebe unsere Gedanken und Herzen prägen will. Verbundenheit in der Liebe, Solidarität mit den Armen, geteiltes Leben mit allen, Verzicht auf Vorrang und Privilegierung, die Kunst der Reduktion der Besitzstände sind nicht nur als Ideal zu verherrlichen, sondern müssen die konkrete Praxis der Kirche bestimmen. Das verlangt eine alternative Ökonomie und einen anderen Umgang mit Geld und Besitz. 4. Gegen jede rassistische, nationale, geschlechtliche und anthropologische Einengung setzt Franziskus sein universales Denken, das im Sonnengesang seinen dichterischen Ausdruck fand. Bruder/ Schwester ist nicht bloss der Volksgenosse, nicht bloss der Christ, nicht nur der andere Mensch, sondern auch jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier. Jedes Wesen hat ein individuelles Gesicht, das es zu erkennen gilt. Alles trägt ein Geheimnis in sich, vor dem man sich ehrfürchtig neigen muss. Jedes Geschöpf hat einen eigenen Wert, den Gott in es hineingelegt hat. Deshalb entzieht sich alles dem blossen Gebrauch, dem Konsum, dem verbrauchenden Zugriff. Eine Ökonomie, die nicht ökologisch ist, ist ein Verbrechen. Schonung, Gewaltlosigkeit, Behutsamkeit und Friedfertigkeit müssen alles Handeln prägen. 5. Gegen eine konfuse Religiosität setzt Franziskus seine Kirchlichkeit. Wobei diese sich nur in zweiter Linie auf die Institution bezieht. Primär geht es um eine mystische Erfahrung: Der unzugängliche Gott macht sich in seiner Menschwerdung in Jesus zugänglich bzw. in seinem Wort und in den Zeichen seiner bleibenden Gegenwart: im Wasser, in das wir eintauchen; im Brot, das wir essen, und im Wein, den wir trinken, in den heiligen Schriften, die wir meditieren … In der Taufe und in der Eucharistie setzt sich der auferstandene Christus selbst gegenwärtig, sofern das Wort diese Zeichen heiligt. Darauf kommt es an: dass wir in den Worten und in den Zeichen der Lebendigkeit Jesu begegnen. Das authentische Wort und die wahren Zeichen der Gegenwart Jesu gibt es aber nur im Rahmen der Kirche. Wenn aber die Institution zwar wichtig ist, aber nur der Rahmen einer möglichen mystischen Erfahrung darstellt, dann müssen auch andere Akzente gesetzt werden: die lokale Kirche, die Gemeinschaft am Ort, in deren Mitte uns der Auferstandene erreichen will. Dass diese Kirche dann auch die vier ersten Punkte des franziskanischen Programms erfüllen muss, dürfte sich von selbst verstehen. Die Kirchlichkeit ist also durch eine mystische Grunderfahrung begründet. Papst Franziskus hat sich mit seiner Namenswahl auf etwas Spannendes eingelassen, das ihn und uns alle fordern wird!