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In der Regel braucht Kunst einen geschützten Rahmen. Früher waren das Höhlen oder Kirchen. Heute sind es Museen und Galerien. Ihre weissen Räume halten vom Kunstwerk alles fern, was die Tatsache, dass der gezeigte Gegenstand Kunst ist, stören könnte. Der leere Raum ist die Umgebung, in welcher das Werk seine Aura entfalten kann, wo es erst seine Bedeutung erhält. In ihm wird jeder Gegenstand potenziell zum Kunstwerk, auch wenn es bloss ein Stuhl ist, der dort steht.
Anders wird das, wenn die Kunst dieses in sich geschlossene Wertesystem des Museums oder der Galerie verlässt. Im öffentlichen Raum tritt sie in Beziehung zu allem, was dort vorhanden ist. Um wahrgenommen zu werden, setzen Künstler oft auf Grösse oder Schrillheit. Es gibt aber auch andere Strategien, um in einer Stadt künstlerische Zeichen zu setzen.
Das Stadtbild von Basel wird seit vierzig Jahren von einem solchen Zeichen geprägt. Es ist wahrscheinlich dasjenige Kunstwerk, das, obwohl täglich von Tausenden gesehen, von Wenigen als Kunst wahrgenommen wird. Die rot-weisse Markierung am Kamin des Fernkraftwerks Volta scheint auf den ersten Blick einfach ein Warnsignal für Flugzeuge zu sein.
Es sind jedoch überdimensionierte Wegzeichen. «Hier geht es lang!», rufen sie dem Wanderer zu, egal, aus welcher Himmelsrichtung er sich nähert. Wo es aber weitergeht, bleibt unklar. Ins Elsass oder in den Schwarzwald? Dem Rhein nach Richtung Nordsee oder Richtung Süden in die Alpen?
Eine Hommage an die Basler Ur-Bevölkerung
Der Künstler, der dieses Wegzeichen 1979 mitentworfen hat, lebt heute in Mathon, einem Bergdorf mit 50 Einwohnern, das sich an den Schamserberg schmiegt, hoch über Andeer und Zillis , der A13 und dem Hinterrhein. Geboren ist Hannes Vogel 1938 in Chur.
Nach einer Grafikerlehre, dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Zürich und einem Aufenthalt in Paris liess er sich 1959 in Basel nieder. Hier lernte er Elsbeth Öhl kennen, eine Baslerin, ausgebildet als Möbeldesignerin und Innenarchitektin. Seit 1966, seit der Heirat mit Hannes, nannte sie sich Petruschka Vogel. Das Paar zog nach Village-Neuf, wo in einem Haus mit Stall Platz für ein Atelier war. Drei Kinder wuchsen heran, Petruschka arbeitete als Bauplanerin und vermehrt auch als künstlerische Partnerin ihres Mannes.
Hannes Vogel machte sich in den Achtzigerjahren einen Namen als Pionier der Schweizer Videokunst. Die Kunst im öffentlichen Raum interessierte ihn jedoch ebenso. «Den ersten öffentlichen Wettbewerb in Basel gewann ich nicht», erzählt der heute 81-Jährige. Aber der Zuständige habe ihn animiert, es wieder zu versuchen.
Bein zweiten Mal kam Vogel zu seinem ersten grossen Auftrag. Eine Arbeit für den Kamin des Fernkraftwerks Volta war gefragt. Nach einer Besichtigung des Turms im Rohbau und einem Rundblick vom Gerüst, sei ihm und seiner Frau klar gewesen, dass sie etwas finden wollten, das sowohl mit der Weite der Landschaft als auch mit dem konkreten Ort zu tun hatte.
Es war dann auch Basler Geschichte, welche das Thema «Wanderung» nahelegte. Zwar ist die Theorie heute überholt, aber damals in den Siebzigerjahren gingen die Historiker davon aus: Die Ur-Basler, damals Rauriker genannt, wollten 58 vor Christus nach Gallien auswandern, wurden von Caesar bei Bibracte jedoch geschlagen und mussten wieder heimwandern. Bei der Rückkehr gründeten sie ihr neues Dorf auf dem Münsterhügel. «Diese Wanderbewegung wollten wir mit unserem Zeichen wiedergeben», erklärt Vogel.
Der Beginn einer künstlerischen Laufbahn
Die Wegzeichen am Kamin waren auch für das Paar wegweisend. Der Künstler und die Architektin spezialisierten sich auf solche Aufträge. Bald unterschrieben sie gemeinsam für die Werke. 1989 erhielten sie den Auftrag, den Kamin der Kehrichtverbrennungsanlage im Norden von St. Johann ebenfalls zu gestalten. Seither umrundet dort der Schriftzug «Basel» den Schlot.
1991 platzierten sie drei Fenster über der Ausgrabungsstätte Murus Gallicus auf dem Münsterhügel. Zwei Jahre später entwarfen sie das künstlerische Konzept für die Staatsanwaltschaft und das Untersuchungsgefängnis an der Heuwaage. Es folgten Aufträge in Zürich, Graubünden, Salzburg oder Graz.
Das Haus in Mathon wurde dem Paar und seiner Familie seit Mitte der Achtzigerjahre zur zweiten Heimat. 2004 zogen die Beiden endgültig nach Graubünden. 2014 wurden sie dort mit dem grossen Kulturpreis geehrt. Im Sommer 2019 verstarb Petruschka.
Die Wegzeichen am Kamin über dem Rhein verblassen langsam. Vogel erzählt, es habe schon zwei Initiativen gegeben, den Kamin anders zu gestalten. Bisher erfolglos. Den Künstler stört es nicht, dass seine Zeichen verwittern. Das sei bei ihm in den Bergen ja genauso.
Auch in diesem Sinne ist die Kunst im öffentlichen Raum ein Stück näher beim Leben, als diejenige im Museum. Dort draussen darf sie altern und langsam wieder verschwinden.