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Whitepaper der ETH schönt die Kosten des Klimaschutzes
Abbildung 1: Tausendernoten (Bildquelle).
8. Juni 2023
In einem pünktlich zum Abstimmungskampf zum Klimaschutzgesetz publizierten Whitepaper der ETH Zürich wird für die Kosten des Klimaschutzes eine Bandbreite von 380 bis 600 CHF pro Person und Jahr angegeben. Diese im Vergleich zu realistischen Studien fünf- bis siebenfach zu niedrigen Zahlen basieren jedoch auf verzerrenden Durchschnittskosten und einer selektiven Auswahl genehmer Szenarien unter Verwendung unveröffentlichter und provisorischer Ergebnisse.
Im Abstimmungskampf um das Klimagesetz wird mit harten Bandagen gekämpft. Die von der SVP aus einer Studie von ETH-Professor Andreas Züttel zitierten Mehrkosten von 6’600 CHF pro Person und Jahr bezeichnet der äusserst aktive Klimaschutzgesetzbefürworter, ETH-Professor Reto Knutti in einem Interview mit der Sonntagszeitung als «schlicht Schwachsinn» und beziffert die «wahren Mehrkosten» auf 300 bis 600 CHF pro Person und Jahr. Diese Bandbreite von 380 bis 600 CHF findet sich auch im pünktlich zum Abstimmungskampf von der Expertengruppe Versorgungssicherheit der ETH publizierten Whitepaper.
Wie kommen solch riesige Unterschiede von mehr als einem Faktor zehn in zwei Studien ein und derselben ETH zustande?
Ein Grund ist die Tatsache, dass es DIE Kosten des Klimaschutzes nicht gibt. Sie können je nach Ausgestaltung des zukünftigen Energiesystems sehr stark variieren.
Um dies zu illustrieren, kann eine Studie des Labors für Energieanalyse des PSI herangezogen werden. Es handelt sich dabei um die umfassendste, unabhängige Studie zur zukünftigen Energieversorgung der Schweiz. Die in der Studie ausgewiesenen Mehrkosten im Jahr 2050 reichen von 1’500 CHF für ein Szenario CLI, das weitgehend dem Basisszenario der Energieperspektiven 2050+ des Bundes entspricht, über 2’500 CHF für ein Szenario mit hoher Versorgungssicherheit (SECUR) bis zu 3’800 CHF pro Jahr und Person für ein Szenario mit konservativeren Annahmen bezüglich der erreichbaren Energieeffizienzsteigerungen (ANTI). Da der internationale Flugverkehr in den genannten Szenarien nicht enthalten ist, kommen für das zu importierende Synthesekerosin weitere 600 CHF pro Jahr und Person hinzu.
Die resultierenden Kosten von 2’100 bis 4’400 CHF sind bereits etwas tiefer als die 6’600 CHF der SVP, aber wie kommt man auf die 380 bis 600 CHF des Whitepapers?
Ein Trick dafür heisst Durchschnittskosten. In Abbildung 2 sind beispielhaft verschiedene Investitionspfade für das Szenario ANTI mit jährlichen Mehrkosten von 3’800 CHF pro Person (ohne die Kosten des internationalen Flugverkehrs) abgebildet. Wenn angenommen wird, dass am Ende der Nutzungsdauer von 28 Jahren die gleichen Kosten für den Ersatz der Infrastruktur aufgewendet werden müssen wie für ihre erstmalige Erstellung, dann fallen auch nach 2050 jährliche Kosten von 3’800 CHF an. Die Kosten des Jahres 2050 sind somit die aussagekräftige Referenz.
In vielen Studien werden aber statt dieser Referenz die Durchschnittskosten von heute bis 2050 angegeben. Diese hängen aber stark vom angenommenen Investitionspfad ab. Die Durchschnittskosten für den linearen Investitionspfad in Abbildung 2 belaufen sich auf 1’968 CHF pro Person und Jahr. Das ist lediglich etwa die Hälfte des wahren Wertes. Je mehr die Investitionen nach hinten geschoben werden, desto tiefer werden die Durchschnittskosten. Bem Investitionspfad gemäss dem ANTI-Szenario belaufen sie sich auf 1’390 CHF, bei einer exponentiellen Zunahme auf 532 CHF und wenn angenommen wird, dass alle Investitionen im Jahr 2050 stattfinden, auf 267 CHF.
Abbildung 2: Beispiele für Investitionspfade für das Szenario ANTI (Annualisierte Investitionskosten, Realzins 1,6%, Nutzungsdauer 28 Jahre).
Wir sehen: Mit einer geschickten Wahl des Investitionspfades kann somit jede Zahl zwischen 3’800 und 267 CHF generiert werden.
In der PSI-Studie reduzieren sich dank der Mittelwertbildung die Kosten des Szenarios CLI von 1’500 auf 530 CHF, diejenigen des Szenarios SECUR von 2’500 auf 1’160 CHF und des Szenarios ANTI von 3’800 auf 1’390 CHF (jeweils ohne die Kosten des internationalen Flugverkehrs).
Die Zahlen der PSI-Studie sind mit 530 bis 1’390 CHF aber immer noch deutlich höher als die im Whitepaper angegebene Bandbreite von 380 bis 600 CHF.
Um dieser letzten Abweichung nachzugehen, müssen die im Whitepaper der EZH referenzierten Kostenstudien genauer analysiert werden. Es sind insgesamt fünf. Zwei davon, die Energieperspektiven 2050+ des Bundesamtes für Energie und die Energiezukunft 2050 des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, haben bekannte Schwächen, die ich in meinem letzten Blog-Beitrag bereits diskutiert habe. Weiter wurde im Whitepaper eine ältere Version der oben erwähnten PSI-Studie zitiert. Aus dieser Studie wurden aber nur die tiefen Kosten des CLI-Szenarios in das Whitepaper übernommen. Die in der Studie ebenfalls aufgeführten höheren Kosten der Szenarien SECUR und ANTI wurden nicht berücksichtigt.
Bei den verbleibenden beiden im Whitepaper referenzierten Kostenstudien führen die im Paper angegebenen Links zu keinem überprüfbaren Dokument. Einer der Links führt zu einer Kurzbeschreibung eines Projektes mit einem anderen Namen und ohne weiterführende Angaben. Der Zweite führt zu einem Foliensatz mit vielen unkommentierten Grafiken, aber ohne die im Whitepaper zitierten Zahlen.
Fazit
Die im Whitepaper angegebene Kostenbandbreite von 380 bis 600 CHF pro Person und Jahr basiert nicht nur auf verzerrenden Durchschnittskosten, sondern darüber hinaus auf einer selektiven Auswahl genehmer Szenarien unter Verwendung unveröffentlichter und provisorischer Ergebnisse. Pikanterweise zitiert das Whitepaper auch realistische Studien, lässt aber darin aufgeführte, unliebsame Ergebnisse unberücksichtigt.
Realistische jährliche Mehrkosten von 2’100 bis 4’400 CHF pro Person und Jahr werden auf diese Weise um einen Faktor von 5 bis 7 herunter gerechnet. Wenn in einer nicht genehmen Studie die Kosten um 30% zu hoch angegeben werden, dann wird das als «Schwachsinn» bezeichnet. Wenn aber im Gegenzug im ETH-Whitepaper mit um 86% zu tiefen Kosten argumentiert wird, dann ist das natürlich kein Schwachsinn sondern «breiter wissenschaftlicher Konsens».