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17.03.2012, Zürich
Kvod Harabanim
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Freunde
Ich freue mich ausserordentlich, der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich die herzlichsten Glückwünsche des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes zum 150-jährigen Bestehen zu überbringen. Dass gerade mir diese Ehre zufällt, beglückt mich ausserordentlich, bin ich doch selbst mit dieser Gemeinde aufs Engste verbunden – dies schon als Kind beim regelmässigen Gang in den Religionsunterricht, den „Unzgi“, hier an der Lavaterstrasse und beim etwas unregelmässigeren Gang in die Synagoge an der Löwenstrasse, und später dann als Mitglied. Sie werden deshalb verstehen, dass mich diese Feier, ganz unabhängig davon, dass die ICZ ein wichtiges Mitglied unseres Dachverbands ist, persönlich sehr berührt.
Über die grosse Bedeutung der ICZ haben wir heute schon viel gehört. Ich möchte Sie deshalb vielmehr zu einer kurzen Zeitreise einladen, zurück in die Zeit des Gründungsjahres 1862.
In Amerika tobt der Sezessionskrieg, und Abraham Lincoln verkündet mit der Emanzipationserklärung das Ende der Sklaverei in den Südstaaten der USA. In Preussen wird Otto von Bismarck Ministerpräsident. Unter dem Eindruck der kriegerischen Ereignisse zwischen Österreich, Piemont-Sardinien und Frankreich veröffentlicht Henri Dunant sein Buch „Eine Erinnerung an Solferino“. Damit wird der Grundstein zur Schaffung der Genfer Konvention gelegt. In London findet eine Weltausstellung statt. Victor Hugo veröffentlicht seinen Monumentalroman „Les Misérables“. Arthur Schnitzler und Claude Debussy werden geboren. Die UBS, die Automarke Opel und die Staatskellerei Zürich werden gegründet. Auch der Kinderumzug des Zürcher Sechseläutens wird 1862 zum ersten Mal durchgeführt.
In den meisten europäischen Staaten, so auch in der Schweiz, werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, letztlich als Folge der Aufklärung, Kulturkämpfe ausgetragen – Etappen im Prozess der Säkularisierung von Staat und der bürgerlichen Gesellschaft, die zu einer Verringerung des Einflusses der Kirche führen. In diesem Umfeld wird den Schweizer Juden 1866, nach Jahrhunderten von Ausgrenzung, ja Verfolgung und Vertreibung, und nach Jahrzehnten ungleicher Behandlung, endlich die Niederlassungsfreiheit und die volle Ausübung der Bürgerrechte gewährt.
Im etwas fortschrittlicheren Kanton Zürich erfolgt dieser Schritt bereits im Jahr 1862. Nur drei Wochen nach diesem Entscheid gründen zwölf Zürcher Juden, wie wir bereits gehört haben, die ICZ. Und der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte...
Diese Geschichte, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde, zeugt von unserer blühenden Gemeinschaft von den Anfängen bis heute. Bereits 1920 lebten um die 6‘000 jüdische Menschen in Zürich, etwa ebenso viele wie heute. Die ICZ als grösste jüdische Gemeinde in der Schweiz vereinigt aktuell gegen 1‘500 Mitglieder oder rund 2‘500 Menschen in ihrem Kreis. Ganz im Sinne einer echten Einheitsgemeinde sind hier Juden und Jüdinnen verschiedener religiöser Ausrichtungen unter einem orthodoxen Rabbinat vereint, die sich gegenseitig respektieren, das Gemeinsame über das Trennende stellen und damit zum Wohl der Gemeinde beitragen.
Drei neue Gemeinden sind aus der ICZ hervorgegangen – 1898 die Israelitische Religionsgesellschaft IRG, 1912 die Agudas Achim und 1978 die Jüdisch-Liberale Gemeinde Zürich. Drei Gemeindemitglieder der ICZ, der Sprechende eingeschlossen, wurden zu Präsidenten des SIG, der erst 42 Jahre nach der ICZ ins Leben gerufen wurde.
Angesichts der Bedeutung dieser Gemeinde erstaunt es nicht, dass schon der erste SIGPräsident, Hermann Guggenheim, aus der ICZ kam und seither eine grosse Zahl von ICZ-Mitgliedern stets wichtige Funktionen in der Geschäftsleitung des SIG wahrnahmen und das Centralcomité präsidierten. Mit ICZ-Mitglied David Farbstein wurde übrigens 1922 auch erstmals in der Schweiz ein Jude in den Nationalrat gewählt. Im Jahr 2007 erfolgte die wichtige verfassungsrechtliche Anerkennung der ICZ durch den Kanton Zürich. Last but not least möchte ich auch noch erwähnen, dass es ein ICZ-Mitglied ist, das auch im SIG Centralcomité Einsitz nimmt, welches uns im letzten Jahr wichtige Anregungen gegeben hat, die dann zur Schaffung der Arbeitsgruppe „Zukunft“ geführt haben. Hier wurden in den letzten Monaten wichtige Schritte definiert, um den SIG für junge Leute attraktiver zu machen und in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.
Zum Gemeindeleben in der ICZ tragen vielfältige religiöse und kulturelle Veranstaltungen, unsere Synagoge, der Religionsunterricht, ein professionell arbeitendes Sozialressort und vor allem auch unser frisch renoviertes Gemeindehaus mit einem schönen Restaurant bei. Und nicht zu vergessen: ein engagierter Vorstand, mit dem der SIG, auch wenn es bisweilen unterschiedliche Interessen auszutragen gilt, eine enge und konstruktive Zusammenarbeit pflegt.
Als Vertreter des SIG bin ich den Repräsentantinnen und Repräsentanten der ICZ, wie auch den Generationen vor ihnen, für ihren engagierten Einsatz zum Wohle ihrer Mitglieder, aber darüber hinaus viel weitergehend für die jüdische Gemeinschaft im Raume Zürich, sehr dankbar. Ich möchte Ihnen aber auch persönlich danken für die vielen schönen Stunden, die ich hier erleben durfte und noch erleben werde. Im Kreise der ICZ, meiner ICZ, fühle ich mich wohl und zuhause.
Nochmals herzliche Gratulation und beste Wünsche für eine gedeihliche Fortentwicklung in den nächsten 150 Jahren.
Ich danke Ihnen