Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/2377

Nach seinen surrealistischen Anfängen in Paris setzte Luis Buñuel (1900–1983) ab 1946 seine Regietätigkeit in der mexikanischen Filmindustrie fort. In den anfänglich eher kommerziellen, billigen Produktionen wird zunehmend eine persönliche Weltsicht spürbar. Der zweite Teil unserer Retrospektive ist diesen Filmen gewidmet sowie jenen Werken, die er nach seiner Rückkehr nach Europa realisierte und die das europäische Filmschaffen der sechziger und siebziger Jahre prägten.
1946 war Luis Buñuel mit seiner Familie nach Mexiko gezogen und hatte dort eine Menge kommerzieller, billiger Filme gedreht. Die Produzenten liebten ihn, denn er arbeitete extrem schnell. Das lag daran, dass er sich bereits 1928, also noch vor seinem Regiedebüt Un chien andalou, Gedanken über das Drehbuchschreiben gemacht hatte. Entscheidend sei die Gliederung, schrieb er in einem Aufsatz, dank ihr verwandle sich «das Geschriebene aus etwas Literarischem in Kino». Wenn Buñuel zu drehen begann, hatte er bereits den fertigen Film im Kopf. Kaum ein Regisseur verbrauchte so wenig Filmmaterial wie er, so genau waren seine Vorstellungen. Er wollte weder atmosphärische noch sonst wie «schöne» Bilder oder gar spektakuläre Kamerabewegungen, weswegen er auch mit berühmten Kameraleuten zunächst immer Konflikte hatte, denn die buñuelsche Nüchternheit ging gegen ihren Berufsstolz. Doch hatten sie einmal begriffen, was sein Ziel war, arbeiteten sie immer wieder gern mit ihm. Am Set herrschte eine fröhliche, ja «euphorische Stimmung», wie Catherine Deneuve von der Arbeit an Tristana (1969) berichtete. Und Jean-Claude Carrière, sein wichtigster Drehbuchmitarbeiter, erzählte, ein Tag, an dem er nicht gelacht hätte, wäre für Buñuel ein verlorener Tag gewesen. Der Regisseur selbst wunderte sich immer wieder, warum das Publikum in seinen Filmen nicht öfter lache, und tatsächlich ist schwarzer Humor eines der Kennzeichen seiner Werke. Ein anderes ist seine Vorliebe für Rätselhaftes. «Das Mysterium, ein wesentlicher Bestandteil jedes Kunstwerks», schrieb er, «fehlt allgemein in den Filmen.» Deswegen hatte er auch wenig für den italienischen Neorealismus übrig: Die Wirklichkeit, die dieser zeigte, war dem Surrealisten Buñuel zu platt, er vermisste die Dimension des Unbewussten, der Träume. Genau dieses Rätselhafte, nicht Auflösbare bewirkt, dass man sich Buñuels beste Filme immer wieder anschauen kann. Er selbst hat sich stets geweigert, irgendwelche Deutungen zu geben. Das sollten die Zuschauer bitte selbst tun, und ihm seien alle Interpretationen recht.
Gott sei Dank ein Atheist Wie schwer zu fassen seine Filme sind, zeigte sich an Viridiana (1961). Der Film war eine spanisch-mexikanische Koproduktion und wurde als offizieller spanischer Beitrag am Festival von Cannes eingereicht. Stolz nahm der oberste spanische Filmbürokrat die Goldene Palme und den Preis der französischen Filmkritik entgegen. Erst als Viridiana vom Vatikan als «blasphemisch» gegeisselt wurde, nicht zuletzt wegen einer Orgie von Bettlern, deren Posen plötzlich zu jenen auf Leonardo da Vincis «Abendmahl» erstarren, begriff man in Spanien, was für einen Film man da koproduziert hatte. Der Filmbürokrat wurde sofort entlassen, Viridiana konnte erst 1977 nach dem Tod des Diktators Franco in Spanien gezeigt werden. In der Folge arbeitete Buñuel vor allem in Frankreich. Der grosse kommerzielle Erfolg von Belle de jour (1966) erlaubte ihm, La voie lactée (1969) zu drehen, worin es einzig und allein um christliche Dogmen und Ketzereien geht. Sein Leben lang kämpfte Buñuel gegen die Kirche, war mit Priestern befreundet und sagte: «Gott sei Dank bin ich noch immer Atheist.» Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Fellini gelangen Buñuel am Ende seiner Karriere drei seiner allerbesten Werke: Le charme discret de la bourgeoisie (1972), Le fantôme de la liberté (1974) und Cet obscur objet du désir(1977). Statt wie in seinem Frühwerk wutschnaubend gegen das Bürgertum anzurennen, liess er nun dieses sich selbst lächerlich machen. Ausserdem sind die drei Filme von einer umwerfenden formalen Kühnheit und Eleganz. Danach entstanden im Gespräch mit Jean-Claude Carrière seine Memoiren «Mon dernier soupir» (1982), ein ebenso weises wie lustiges Buch. Als Luis Buñuel am 29. Juli 1983 in Mexiko-Stadt starb, schrieb das ehemalige Monty-Python-Mitglied Michael Palin in einem Nachruf: «Was immer Monty Python gemacht haben, hatte Buñuel schon vorher gemacht. Sollten Sie sich angesichts der Öde, Langeweile und Heuchelei, die als zivilisiertes Leben gelten, frustriert und hilflos fühlen, machen Sie sich nichts draus. Schauen Sie sich einen Buñuel-Film an, und es wird Ihnen besser gehen. Er hatte den Schwarzen Gürtel in Humor.»
Thomas Bodmer
Thomas Bodmer ist Herausgeber, Journalist und Übersetzer und war lange Jahre Mitglied der Filmredaktion des «Züritipp». Den ersten Teil seiner Einführung könnten Sie online oder im Oktober-November-Heft nachlesen.