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Lerntheoretische Modelle
Wie die psychodynamisch orientierten Theoretiker vertreten die Lerntheoretiker eine deterministische Auffassung des menschlichen Erlebens und Verhaltens: Unsere Handlungen sind weitgehend von unseren Lebenserfahrungen bestimmt. Die psychologischen Dimensionen jedoch, für die sich die Lerntheoretiker interessieren, unterscheiden sich deutlich von denen der Psychodynamiker. Sie konzentrieren sich einerseits auf spezifisches Verhalten, das entsteht, wenn ein Organismus auf die Reize in seiner Umwelt reagiert. Und sie konzentrieren sich andererseits auf die Gesetzmässigkeiten des Lernens, also die Prozesse, durch die sich das Verhalten als Reaktion auf die Umwelt verändert. Nach lerntheoretischer Ansicht ist der Mensch durch sein gelerntes Verhalten determiniert (Comer, 2008).
Ein grosser Teil des gelernten Verhaltens ist nützlich und adaptiv; es hilft dem Menschen, alltägliche Aufgaben zu erfüllen und sein Leben produktiv und befriedigend zu gestalten. Aber unter den entsprechenden Bedingungen können auch von der Norm abweichende und unerwünschte Verhaltensweisen gelernt werden. Gemäss lerntheoretischem Modell wird abweichendes Verhalten nach denselben Prinzipen erworben wie angepasstes Verhalten.
Das lerntheoretische oder behavioristische Modell wurde in den Labors entwickelt, in denen Psychologen — meistens mit Hunden, Katzen, Ratten und Tauben — Experimente zur Konditionierung durchführten. In diesen Experimenten wurden Reize und Belohnungen manipuliert, und man beobachtete das darauf folgende Verhalten, also wie die Reaktionen der Versuchstiere sich durch einfache Lernprozesse veränderten (Comer, 2008).
Was ist Lernen?
Aus einer evolutionären Perspektive betrachtet ist Lernen ein Produkt unserer genetischen Anlagen. Menschen, ebenso wie andere Lebewesen, bringen ein spezifisches Lernpotenzial mit in ihr Leben. Dieses Lernpotenzial unterscheidet sich je nach Art entsprechend dem genetischen Bauplan. Einige Arten, wie etwa Reptilien und Amphibien, lernen wenig aus der Interaktion mit der Umwelt. Ihr Überleben hängt davon ab, dass sie sich in einem relativ konstanten Lebensraum bewegen, in welchem ihre angeborenen Reaktionen auf spezifische Umweltereignisse sie zu dem bringen, was sie brauchen, und von dem fernhalten, was ihnen schaden könnte.
Bei höher entwickelten Tieren und beim Menschen sind die spezifischen Interaktionen zwischen Verhalten und Umwelt weniger durch die Gene festgelegt. Es besteht eine grosse Plastizität und Variabilität beim Lernen von Verhalten, das Veränderungen in ihrer Umwelt bewirken kann.
Der Mensch ist mit einem grossen Lernpotenzial ausgerüstet. Ob dieses Potenzial genutzt wird und in welchem Ausmass, hängt von den individuellen Erfahrungen ab (Zimbardo & Gerrig, 2008).
Lernen ist ein Prozess, der in einer relativ konsistenten Änderung des Verhaltens oder des Verhaltenspotenzials resultiert, und basiert auf Erfahrung. (Zimbardo & Gerrig, 2008)
Zwei Definitionen des Lernens, eine neuere von Lefrançois (2006), und die klassische Definition von Hilgard und Bower (1983):
Definition Lernen bei Lefrançois:
Alle relativ dauerhaften Veränderungen im Verhaltenspotenzial, die aus Erfahrung resultieren, aber nicht durch Müdigkeit, Reifung, Drogengebrauch, Verletzung oder Krankheit verursacht sind. Streng genommen wird Lernen natürlich nicht durch tatsächliche oder potenzielle Verhaltensänderungen definiert. Stattdessen ist Lernen das, was im (menschlichen oder nichtmenschlichen) Organismus als Resultat von Erfahrung geschieht. Verhaltensänderungen sind lediglich Belege dafür, dass Lernen stattgefunden hat. (Lefrançois, 2006, S.6)
Definition Lernen bei Hilgard und Bower:
«Lernen» bezieht sich auf die Veränderung im Verhalten oder im Verhaltenspotenzial eines Organismus hinsichtlich einer bestimmten Situation, die auf wiederholte Erfahrungen des Organismus in dieser Situation zurückgeht, vorausgesetzt, dass diese Verhaltensänderung nicht auf angeborene Reaktionstendenzen, Reifung, oder vorübergehende Zustände (wie etwa Müdigkeit, Trunkenheit, Triebzustände, usw.) zurückgeführt werden kann. (Hilgard & Bower, 1983)
Bestimmungsstücke des Lernens
Folgende drei Komponenten sind in den Definitionen des Lernens enthalten (Zimbardo & Gerrig, 2008):
Lernen hat stattgefunden, wenn man Ergebnisse vorweisen kann. Jemand kann nun z.B. Autofahren oder ein kompliziertes Gerät bedienen. Der Vorgang des Lernens ist nicht sichtbar, sondern zeigt sich in der Leistung. Man kann auch ein Verhaltenspotenzial erwerben, das sich nicht direkt in einer Leistung zeigt, sondern gewisse Verhaltensweisen und Haltungen verändert, z.B. wie man mit Problemen umgeht.
2. Eine relativ konsistente Veränderung
Um als gelernt zu gelten, muss eine Änderung des Verhaltens über verschiedene Situationen hinweg konsistent auftreten. Wenn man einmal Schwimmen oder Velofahren gelernt hat, wird man diese Fähigkeit in der Regel nicht verlernen.
3. Ein erfahrungsbasierter Prozess
Lernen findet ausschliesslich durch Erfahrung statt. Erfahrung bedeutet in diesem Zusammenhang, Informationen aufzunehmen und Reaktionen zu zeigen, welche die Umwelt beeinflussen.
Gelerntes Verhalten umfasst nicht Veränderungen auf der Grundlage physischer Reifungsprozesse, Entwicklungen des Gehirns im Zuge von Alterungsprozessen, Erkrankungen oder Gehirnschädigungen. Einige überdauernde Verhaltensänderungen erfordern allerdings eine Kombination aus Erfahrung und reifungsbedingter Bereitschaft (Zimbardo & Gerrig, 2008).
Lernen im pädagogischen Kontext:
In Bezug auf die Verwendung des Begriffs Lernen im pädagogischen Kontext schreibt Gröschke (1992): Es ist zu beachten, dass diese Definition[en] zunächst wertneutral formuliert ist. Auch Verhalten, das situativ und normativ als fehlangepasst gilt, ist in diesem Sinne gelernt. Meist meint man jedoch mit Lernen eine Verhaltensänderung, die gemessen an Entwicklungszielen, Erziehungs- und Bildungsnormen einen positiven und konstruktiven Zugewinn zu den bisher bestehenden Fähigkeiten leistet. In diesem Sinne wird Lernen dann auch zu einem pädagogisch-psychologischen Grundbegriff (intentionales und funktionales Lernen) (S. 165).