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Brüder und Schwestern im Herrn
Das Fronleichnamsfest geht auf eine Vision der heiligen Juliana von Lüttich zurück (1193-1258). Sie sah eine Mondkugel in vollem Glanz, nein, ich muss genau sagen, in beinahe vollem Glanz. Denn am Rande entdeckte sie eine dunkle Stelle. Diese Mondkugel wurde ihr als Sinnbild des Kirchenjahres gedeutet. Der Fleck am Rande der Kugel wäre ein Zeichen für den Mangel eines Festes zur Verehrung des Allerheiligsten Sakramentes des Altares. Ein solches Fest müsste eingeführt werden, um dem Allerheiligsten Sakrament die gebührende Ehrfurcht entgegenzubringen. Auf Grund dieser Vision wurde 1246 in Lüttich ein Feier- und Sühne-Tag zu Ehren des Allerheiligsten Sakramentes begangen. Knappe 20 Jahre später, nämlich 1264, ordnete Papst Urban IV. an, am Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag das Fest Fronleichnam zu begehen, das Allerheiligste Sakrament zur Verehrung in Prozession in die Öffentlichkeit zu tragen und den Segen, der von diesem Sakrament ausging, auf das ganze Land auszubreiten.
Was könnte der Fleck am Rande der Mondkugel in einer zeitgenössischen Vision bedeuten, also heute? Ich könnte mir vorstellen, dass der Fleck in einer heutigen Vision den Mangel an Glauben und damit auch den Mangel an Liebe zum Allerheiligsten Sakrament und an Ehrfurcht vor ihm bedeuten könnte. Aus dem Mangel an Glauben geht der Mangel an Liebe und an Ehrfurcht hervor. Vielleicht würde eine Vision in heutiger Zeit sogar eine Teilfinsternis anzeigen, nicht nur einen Fleck. – „Wo liegt die Ursache?“, fragen wir uns. Der Mangel an Liebe und an Ehrfurcht haben als Ursache den Mangel an Glauben an die wahrhafte, wirkliche und wesentliche Gegenwart unseres Herrn im Allerheiligsten Sakrament des Altares.
Was wollen die drei Ausdrücke festhalten? Ein Wort zum ersten Ausdruck: Jesus ist im Allerheiligsten Sakrament des Altares wahrhaft gegenwärtig. Hinter dem Ausdruck wahrhaft steht das lateinische Wort vere. Dieses vere steht dem Ausdruck in signo – im Zeichen, zeichenhaft, bildhaft – gegenüber. Brot und Wein wären dann nur ein Zeichen für Jesus, wie zum Beispiel der Adler ein Zeichen ist für den Evangelisten Johannes. Er erinnert an Johannes, ist aber nicht Johannes. Oder das Beispiel der Taube: Die Taube erinnert an den Heiligen Geist, ist aber nicht der Heilige Geist. Nein, sagt uns der Glaube der Kirche im Bezug auf das Allerheiligste Sakrament, Brot und Wein sind nach der Konsekration wirklich – vere – Leib und Blut unseres Herrn. Sie sind nicht nur ein Zeichen für eine geistige Gegenwart. Sie erinnern uns nicht nur an Jesus.
Ein Wort zum zweiten Ausdruck. Jesus ist wirklich gegenwärtig. Hinter dem Ausdruck wirklich steht das lateinische Wort realiter. Dieses Wort realiter steht wiederum dem Ausdruck in figura – in der Vorstellung, als Abbild – gegenüber. Das Sakrament wäre in diesem Fall mit einem Standbild zu vergleichen. Das Standbild stellt zum Beispiel einen König dar oder irgend einen Helden. Aber das Standbild ist ohne Leben. Es ist nicht wirklich der König oder der Held, auch wenn es ihn bis in Einzelheiten genau darstellt. Der Glaube der Kirche sagt uns im Bezug auf das Allerheiligste Sakrament: Nein, es ist nicht so. Im Allerheiligsten Sakrament des Altares ist Jesus selber unter uns. Er selber ist wirklich unter uns.
Schließlich ein Wort zum dritten Ausdruck. Jesus ist wesentlich gegenwärtig. Hinter dem Ausdruck wesentlich steht das lateinische Wort substantialiter. Dieses Wort steht dem Ausdruck in virtute – geistigerweise, der Kraft nach – gegenüber. Heute könnten wir dafür vielleicht den Ausdruck virtuell (scheinbar, simuliert) gebrauchen. Der Glaube der Kirche sagt uns aber im Bezug auf das Allerheiligste Sakrament: Nein, Jesus ist nicht nur geistigerweise gegenwärtig. Es ist nicht nur die Gnade Jesu, welche im Allerheiligsten Sakrament wirksam ist wie zum Beispiel in der Taufe. Jesus ist in seiner Person gegenwärtig. Er ist als Gott und Mensch gegenwärtig, in seinem ganzen Sein und Wesen. Es ist keine Kraft aus der Ferne, welche im Sakrament wirksam wird, es ist der Herr selber in den Gestalten von Brot und Wein, der Herr selber gleichsam hinter dem Schleier von Brot und Wein.
Wenn wir vor dem Allerheiligsten Sakrament versammelt sind – sei es nach der Konsekration in der heiligen Messe, sei es vor einem Tabernakel, wo das Allerheiligste Sakrament aufbewahrt wird, sei es vor einer Monstranz, welche uns die konsekrierte Hostie zeigt – immer dürfen wir mit den Worten des Evangelisten Johannes bekennen: „Es ist der Herr“ (Joh 21,7). Dieses Bekenntnis weckt in uns Andacht, Ehrfurcht und Liebe.
Amen.
Brüder und Schwestern im Herrn