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London and New York: Rutledge; 2017.
262 Seiten.
Preis: 157.35 Euro.
ISBN: 978-1-138-24225-8.
Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in die Anwendung des Tavistock-Modells der Paartherapie in der psychoanalytischen Praxis. Es enthält eine grosse Anzahl von Ideen über die Paarbeziehung und die Paartherapie aus der Perspektive der Objektbeziehungstheorie und bietet Instrumente zum vertieften Verständnis der intimen Paarbeziehung und zur Arbeit mit der Komplexität dieses Feldes. Die einzelnen Kapitel und ihre jeweils anschliessende Diskussion sind eine reiche Quelle von Materialien für Leser(inn)en, die bisher noch nicht mit der Theorie und Praxis der psychoanalytischen Psychotherapie vertraut sind. Und sie bringen eine erweiternde und vertiefende Sicht für jene, die sich bereits befasst haben mit dem Tavistock-Modell, das auf den Arbeiten von Klein, Bion, Winicott und ihrer Bindungs- und Objektbeziehungstheorie aufbaut. Die einzelnen Kapitel behandeln unter anderem folgende Themen: unbewusste Überzeugungen, psychotische und depressive Formen der Paarbeziehungen, romantische Verbindungen und Brüche, Sexualität und gemeinsames Altern als Paar. Jedes Kapitel enthält sowohl theoretische Erläuterungen wie auch klinische Erfahrungsberichte, die aufzeigen, wie theoretische Überlegungen zum Verständnis von Schwierigkeiten in Paarbeziehungen beitragen können, und wie die Praktiker(inn)en mit den Herausforderungen der analytischen Arbeit im Dreiersetting arbeiten.
Die Quintessenz dieses Buchs lässt sich gut mit einem Zitat von Grier (S.126) wiedergeben: « […] an einer idealisierten Beziehung [festzuhalten ist] zerstörerisch für eine libidinöse, liebende Beziehung. Die vom Paar geteilten Ideale sind oft eine Abwehr gegen Erfahrungen von Verletzlichkeit oder Abhängigkeit, die verleugnet oder kontrolliert werden müssen. Es ist ein Zeichen eines wichtigen Entwicklungsschritts, wenn ein Paar beginnt, sich seiner Idealisierungen bewusst zu werden und sie kritisch hinterfragt.»
«Couples on the Couch» ist eine Aufsatzsammlung, der ein originelles dialogisches Konzept zugrunde liegt: Jeder Beitrag der Autor(inn)en aus dem Umfeld des Tavistock Center for Couple Relations (TCCR), London, wird durch einen Beitrag eines nordamerikanischen Autoren kommentiert und ergänzt. Dieser transatlantische Dialog eröffnet einen Denkraum, in dem der Leser sich mit seinen eigenen Gedanken einbringen kann, nicht unähnlich der therapeutischen Triade zwischen den beiden Partnern eines Paars und ihres Therapeuten.
Die einzelnen Beiträge enthalten sowohl theoretische Überlegungen wie auch Praxisbeispiele und Analysen von Paarbeziehungen aus der Literatur, wie z.B. der Beziehung zwischen Lady Macbeth und ihrem Gatten und deren gemeinsamer Halluzination.
In der Einführung gibt Shelley Nathans einen gerafften Überblick über die theoretischen Wurzeln des Tavistock-Paartherapie-Modells. Die psychoanalytische Theorie, die diesem Buch zugrundeliegt, geht von der Annahme aus, dass frühe Objektbeziehungen der beiden Partner die Partnerwahl und die gemeinsame Beziehung beeinflussen. Im besten Fall ist ihre Beziehung und sind sich die beiden Partner gegenseitig Schutz- und Resonanzraum («Containment», Bion) für die Verarbeitung ihrer verstörenden inneren und äusseren Impulse, und sie eröffnet einen gemeinsamen Raum des Denkens, Verstehens und Verarbeitens. Im schlechtesten Fall war in der frühen Kindheit niemand als Container verfügbar, und die destruktiven Mechanismen des Splittings und der Projektion tauchen besonders in Stresssituationen immer wieder auf.
Zu den Themen des Buchs gehören z.B. die unbewussten Überzeugungen und Idealisierungen darüber, was eine Partnerschaft ausmacht. Weil sie unbewusst sind, sind sie nicht reflektier- und verhandelbar und stehen manchmal auch im Gegensatz zu den geäusserten Meinungen. Sie erschliessen sich allenfalls in der Therapie über das konkrete Verhalten und können durch den Therapeuten durch Interpretation ins Bewusstsein geholt werden. Wenn diese unbewussten Überzeugungen als Phantasien, als Wünsche oder als Befürchtungen entlarvt werden und wenn sich zeigt, dass es keine Fakten sind, so beginnt oft ein schmerzhafter Prozess der Ent-täuschung, der oft Widerstand provoziert, bevor die Trauer einsetzen kann.
Wenn ein Paar zum Paartherapeuten kommt, bringt es meist eine Reihe von Klagen mit, was an ihrer Beziehung nicht oder nicht mehr rund läuft. Selten ist sich das Paar darüber einig, worunter sie in ihrer Beziehung leiden, und oft ist auch die Intensität des Leidens asymmetrisch verteilt. Viele Paare haben nur eine vage Idee davon, was denn eine gesunde Paarbeziehung ausmacht. Die meisten werden sagen, sie möchten halt, dass es wieder so wird, wie es früher war zu Beginn ihrer Beziehung.
Im Unterschied dazu, haben die Therapeut(inn)en, die sich am Tavistock-Modell orientieren, eine sehr explizite Vorstellung einer gesunden Paarbeziehung: Ihr Markenzeichen sei das gegenseitige Engagement von zwei Individuen, die ein ausgeprägtes Gefühl für ihre Eigenständigkeit haben. Ziel der Therapie sei es, die Fähigkeit des Paars zu entwickeln, Differenz zu tolerieren und Neugier für diese Differenzen zu fördern (Nathans, S. 16). Wenn die Therapie gelingen solle, bedeute dies, Abschied zu nehmen von idealisierenden Überzeugungen, z.B. dass ein Paar in Harmonie und Übereinstimmung in all seinen Bedürfnissen und Interessen lebt und in der Lage ist, sich gegenseitig diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Die Beiträge im Buch sind stark auf das Zielpublikum der Psychoanalytiker/innen in freier Praxis ausgerichtet: mittelständische, weisse Paare aus dem westlichen Kulturkreis mit guter Ausbildung und regelmässigem Einkommen in einer selbstgewählten Beziehung. Deren Herkunftsfamilien haben zwar Einfluss noch als Beziehungsmodelle, an denen sie sich bewusst oder unbewusst orientieren oder von denen sie sich abgrenzen. Im Alltag jedoch leben diese Paare in Kleinfamilien oder, nachdem die Kinder ausgeflogen sind, in einem Zweipersonenhaushalt.
Das ist aber nur ein kleines Segment aller Paarbeziehungen. Von den Eltern vermittelte Ehen, aus Zwangsheiraten hervorgegangen Beziehungen oder vorwiegend ökonomisch begründete Haushalte, wie sie in bäuerlichen Verhältnissen oder bei Migranten vorkommen, gehören nicht zur Klientel der Verfasser/innen. Paare aus Mehrgenerationenhaushalten leben in einem erweiterten psychosozialen Raum, der im besten Fall als Containment für die Verarbeitung von äusseren und inneren disruptiven Störungen dienen kann, aber selbst auch eine Fülle von Störungspotential und unverarbeiteten Mikrotraumata enthält und wenig Raum lässt für die Entwicklung der Paarbeziehung. Es wäre interessant, das Tavistock-Modell auch auf diese Ehetypen ausserhalb der mittelständischen Norm zu übertragen.
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