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Es geht um folgendes: Beim Buch von Malle/Schmickl gibt es ja mindestens einen Punkt, der schwer erklärbar ist, und über den wir hier auch immer mal wieder diskutiert haben:
Das Abtrennen immer bei 91°C, egal bei welcher Anfangsalkoholstärke im Kessel. Selbst bei einem Geist mit nur 12%igem Wein im Kessel, wo der Destillatsfluß ja theoretisch erst bei einer höheren Temperatur als bei 91°C beginnt. Und trotzdem das Erreichen von Mittellaufausbeuten von 65-75% des eingesetzten oder erzeugten Alkohols.
Jetzt könnte man sagen, das ist klar falsch und somit für einen erledigt. Aber neulich hat Schmickl persönlich in seinem Forum zu einer entsprechenden Frage eine Begründung formuliert. Das ist natürlich interessant:
Frage hat geschrieben: in Ihrem Buch, auf Seite 75, beschreiben Sie die Durchführung einer Destillation, auf Seite 80 (Tabelle 2) geben Sie die Richtwerte für Beginn den Edelbrandes bei verschiedenen Brenngütern an.
Nach Tabelle soll bei einer Maische mit 12%vol der Edelbrand bei ca. 81°C starten und bis 91°C durchgeführt werden, laut eines Siedediagrammes (Alkohol/Wassergemisch) beginnt ein 12% Alkoholgemisch aber erst bei 91,5°C zu sieden, der Alkoholgehalt im Dampf sind dann ca. 59%vol.
Ok, zuerst zur Frage: Ich sehe keinen Fehler an der Frage, außer daß der Beginn des Destillationflusses bei 12% im Kessel durchaus früher sein kann als bei 91.5°C, da die Destille anfangs kalt ist und dadurch Rektifikation stattfindet und da man anfangs noch Luft im Dampf hat. Das Siedediagramm bezieht sich auf rektifikationslose Destillationen ohne Reste von Luft im Dampf.Schmickl hat geschrieben: Das ist der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Diese Idealkurven werden unter Idealbedingungen mit einer "Idealdestille" erstellt. Ja, der Kurvenverlauf hängt auch von der Konstruktion der Destillationsanlage, also von eventuellen Einbauten, Kolonnen (Höhe, Form, Füllkörper), Helm (Höhe, Form), Füllhöhe im Kessel (oder andersrum: Leerraum im Kessel), Destillationsgeschwindigkeit usw. usf., ab.
Jedenfalls wird zum Erstellen dieser Kurven nicht Schnaps gebrannt, sondern eine definierte Alkohol-Wasser-Mischung zum Kochen gebracht, der Dampf kondensiert und wieder zurückgeleitet (!), damit sich während der Destillation der Alkoholgehalt keinesfalls verändert, so wie dies beim Schnapsbrennen ja bekanntlich der Fall ist. Außerdem spielt auch der Kesselinhalt selbst eine große Rolle, z.B. ob es sich um eine reine Flüssigkeit oder um eine breiige Maische mit Feststoffen handelt.
Kurzum, auch wenn Sie diese Kurven selbst quasi nachkochen, wird dies für Sie nicht wirklich aussagekräftig sein, weil Sie beim nächsten Mal einen anderen Feststoffgehalt haben oder ein wenig weniger einfüllen als vorher (Leerraum im Kessel!) und damit die Kurve erst wieder nicht stimmt.
Zu Schmickls Antwort:
Siedediagrammdaten (meist VLE-Daten genannt, Vapor Liquid Equilibrium) werden tatsächlich mit extra dafür gebauten Destillen gemessen. Und Schmickl hat das Umlaufprinzip auch richtig beschrieben. Aber natürlich werden diese Destillen nicht verwendet, um irgendwelche Werte abseits der Praxis zu bekommen. Destillieren ist eine wirtschaftlich sehr bedeutende Technik. Diese Messungen wurden gemacht, um praktische Ergebnisse vorhersagen zu können. Wären andere Destillen dafür besser geeignet, hätte man andere Destillen verwendet oder zumindest dann die Kurven mit Werten aus der Praxis nachkorrigiert.
Ich selber habe zahlreiche Messungen mit einer normalen Destille gemacht. Und so unterschiedlich sind die Ergebnisse nicht verglichen mit VLE-Daten gewonnen aus VLE-Destillen: viewtopic.php?t=758
Bei allen Messungen hatte ich ein weitaus besseres Thermometer als hier üblich und die Alkoholstärken wurden mit einem Pyknometer und Feinwaage gemessen, was auch wesentlich besser ist als hier sonst üblichen Methoden.
Ich sehe daher keinen Anlass, an der Eignung des Siedediagramms für die Praxis grundsätzlich zu zweifeln.
Sein Argument mit der Konstruktion der der Destille (Kolonne, Helm, Füllhöhe usw):
Gerade seine Destillen vermeiden aber ja solche Einflüsse. Genau das ist ja der Zweck einer Schmickelschen Destille ohne Steigrohr und mit abfallendem Geistrohr: Daß es zusätzlich zum Siedediagramm keine weitere Erhöhung der Alkoholstärke bzw Erniedrigung der Dampftemperatur gibt.
Und eigentlich ist das doch ein Argument für das Gegenteil, nämlich daß man eben nicht mit jeder Destille immer bei 91°C abtrennen sollte, und sogar je nach Füllstand unterschiedlich.
Außerdem verwenden seine Destillen ja ein Dampfthermometer, kein Kesselthermometer. Das bedeutet, eventuelle Abweichungen vom Siedediagramm werden dadurch ja automatisch korrigiert. Also das Thermometer misst ja das Ergebnis nach der Rektifikation, also trotz eventueller Rektifikation die korrekte Dampftemperatur, also die korrekte Alkoholstärke.
Wo wir bei seinem Argument mit den Feststoffen wären: Das Thermometer ist im Dampf. Und da gibt es keine Feststoffe. Und die Feststoffe im Kessel haben auch keinerlei Auswirkung auf das Verhältnis von °C und vol% im Dampf, höchstens vom Verhältnis im Kessel.
Die Frage ist, wie sollen Feststoffe im Kessel bewirken, daß man trotz niedrigen Kessel-vol% eine viel längere Zeit unter 91°C im Dampf bleibt als ohne Feststoffe?
Es ist mir in der Praxis noch nie passiert, daß die Temperatur so weit und so lange untengeblieben ist, wie das im Buch als Regel beschrieben wird. Abgetrennt nach dieser Regel hätte ich bei 12%igen Geisten oft nur Mittellaufausbeuten von 10 oder 20% gehabt.
Und die Frage ist, warum er das in seinem Buch so anders erklärt als im Forum. Im Buch ein Siedediagramm abbildet und damit seine Methode begründet, und aber, wenn es dann im Forum gerade nicht passt, das Diagramm für praxisferne reine Theorie erklärt.