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Céline Schwarz,
Autor
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News, 09.08.2022
«Underbiking» bezeichnet einen Gegentrend zum Ausrüstungskult des Radsports. Erfunden wurde der Begriff 2002 vom Chef eines kalifornischen Unternehmens. Doch auch hierzulande fühlen sich viele von der Idee angesprochen.
Grant Petersen hat einen bemerkenswerten Hintergrund. Nachdem er sechs Jahre lang Radrennen fuhr, arbeitete er eine Zeit lang als Designer und Vermarkter bei Bridgestone, Japans grösstem Velohersteller. Als das Unternehmen sein Büro in den USA schloss, eröffnete er 1994 sein eigenes Geschäft Rivendell Bicycle Works in Kalifornien. Das gleichnamige von ihm herausgegebene Magazin «The Rivendell Reader» ist «eine Art Manifest für Retro-Muffel», wie die New York Times es beschreibt. «Rivendells bestes Material ist ein erfrischendes Gegenmittel zum unerbittlichen Hype der Fahrradindustrie.»
Um diesen Hype geht es auch in einem 2002 erschienenen Essay. Darin stellt Petersen seine Theorie der «Underbikes» und «Overbikes» vor. Die Idee dahinter erfuhr in den letzten Jahren immer mehr Resonanz, insbesondere in den USA.
Ein Underbike ist demnach ein Velo, das der Fahrt vermeintlich nicht gewachsen ist, also beispielsweise ein Rennrad auf einem holprigen Trail. Ein Overbike ist ein «offensichtlicher Overkill», etwa ein Mountainbike mit doppelter Federung auf einer asphaltierten Strasse. «Nach heutigen Massstäben war jedes Fahrrad, das zwischen 1869 und 1945 gefahren wurde, ein Underbike; und fast jedes Fahrrad, das heute gefahren wird, scheint ein Overbike zu sein», schreibt Petersen, in Anspielung auf das immer breitere Angebot der Fahrradindustrie und auf spezifische Nutzungen optimierte Velomodelle.
In den darauffolgenden Abschnitten legt er dar, weshalb das Fahren eines Underbikes – obwohl es zum Teil gefährlich und frustrierend sein könne – «nicht nur dumm ist».
«Ein Underbike ermutigt zu langsamerem Fahren, wodurch man mehr Zeit auf dem Trail verbringt.» Und diese Zeit auch anders nutzt. «Mit einem Underbike fühlt man sich dem Land mehr ausgeliefert, also kooperiert man stärker mit der Natur. Man fährt, wo sie einen fahren lässt. Man verlässt sich stärker auf seine wachsenden Fähigkeiten als auf die neueste Technologie.»
In seinem 2012 erschienenen Buch «Just Ride» führt Petersen seine Gedanken weiter aus. Er zeigt sich darin generell kritisch gegenüber spezieller Kleidung beim Velofahren. Zwar ist er pro Ständer und pro Schmutzfänger. Auch einen breiten, bequemen Sattel findet er in Ordnung. Allerdings sieht er nicht ein, warum jemand mehr als acht Gänge braucht. Und er behauptet, superschmale Reifen seien für fast alle unpraktisch. Kapitel für Kapitel rechnet er mit der Fahrradindustrie ab, von der er selbst ein Teil ist.
Das Ziel, sagt er, bestehe darin, Kindern und anderen «Unracern» nachzueifern, die zum Spass Velo fahren.
Gegen Schluss seines Essays relativiert Petersen seine Idee schliesslich: «Es geht nicht darum, mit anderen Velofahrenden zu konkurrieren, um zu sehen, wer das schwächste Fahrrad auf dem unwegsamsten Gelände fahren kann. Es ist kein Wettbewerb!» Er wolle nur in Erinnerung rufen, dass das Besteigen eines Velos nicht an teure Gadgets gebunden sei.
Auch der Autor Erik Bassett betont, dass sich Underbiking nicht grundsätzlich gegen die Fahrradtechnologie stellt. «Wie beim Singlespeed-Fahren geht es darum, den einfachsten Weg zu finden, unsere Umgebung zu geniessen, ohne sich von den neusten Technologien abhängig zu machen.»