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Love me or leave me to die: Das ist die Zeile, mit der Iouri Podladtchikov sein Blog überschreibt. Liebe mich, oder überlass mich dem Tod. Es folgen Posts mit Fotografien von Frauen, manche voller Traurigkeit, andere voller Lebenslust. Alle voller Jugend und Schönheit.
Die Frauen posieren für Podladtchikov, den Fotografen. Also für Podladtchikov, den Snowboarder. Denn was nach Zerstreuung ausschaut, ist die perfekte Ergänzung zum Sport.
Marco Bruni, sein Trainer, sagt es so: «Wenn Iouri morgen einen Kreuzbandriss hätte und die Karriere beenden müsste, er wüsste übermorgen, was er stattdessen tun würde.»
Und Ursina Haller, eine seiner Teamkolleginnen, sagt es so: «Die Beschäftigung mit der Fotografie ist ein Teil von Iouris Strategie. Er nimmt Druck vom Sport weg.»
Und Podladtchikov sagt: «Der am meisten Erfolg versprechende Zustand ist der, in dem du nichts zu verlieren hast. Der, in dem du am Start stehst und weisst, dass du den Sieg nicht brauchst.»
Es gibt Sportler, die sehen es andersrum. Sie sagen, sie seien am besten, wenn vom Ergebnis des Wettkampfs schier ihr Leben abhänge. Podladtchikov sagt: «Mein Leben ist nach dem Sport nicht zu Ende. Ich werde auf demselben Niveau weiterschweben wollen.» So wie sich Shaun White als Musiker und neuerdings als Inhaber einer Wettkampfserie zu diversifizieren versucht, versucht sich Podladtchikov als Fotograf.
Und obwohl er für die Fotografie schon jetzt jede freie Minute aufwendet – und auch mal die eine oder andere Minute, die er in den Sport investieren könnte –, gibt sie ihm die Chance, sich vielleicht zum ersten Mal in seiner Karriere tatsächlich als Sportler zu begreifen. Er hat sich immer dagegen gesträubt, nur Snowboarder zu sein, er fand, die Beschreibung erfasse ihn nicht in seiner Ganzheit. Er stiess hier ein Projekt an und dort, und 24 Stunden später hatte er eine neue Idee, stets auf der Suche nach etwas, das ihn vervollständigt. Und nun, da er die Fotografie gefunden hat und darin zunehmend Bestätigung erfährt, kann er das Glück, das ihm der Sport vermittelt, gelöster annehmen.
Wobei er sehr wohl weiss, dass die Anerkennung als Fotograf vorderhand noch von der Bekanntheit als Sportler herrührt. «Es gibt Tausende guter Fotografen, denen nicht meine Möglichkeiten zur Verfügung stehen.» Schon vor zwei Jahren durfte er in Zürich ausstellen, Bilder seiner Reisen, Bilder von Frauen. Zudem ist er Werbebotschafter des Kameraherstellers Leica. Und diesen Frühling beauftragte ihn sein Snowboardsponsor mit einem Shooting für eine Kleiderlinie, im Dezember wurden die Arbeiten in einer Boutique präsentiert, Freunde kamen und viele Frauen, schlank, gross, elegant. Just zur gleichen Zeit publizierte das in der Szene recht angesehene amerikanische Mode- und Kunstmagazin «Milk Made» sechs Bilder von ihm, dazu seine Gedanken. Und wenn er sich, wie im November, an den Fashion Days in Zürich aufhält, kommt es schon mal vor, dass ihn der Marketingleiter einer grossen Automarke anspricht und ihm seine Bewunderung kundtut für die Art, wie er sein Leben führe und daraus erzähle. Podladtchikov sagt, ein schöneres Kompliment könne er sich nicht vorstellen. Und am Tag darauf sitzt er am Catwalk in der ersten Reihe.
Und dann findet er sich zum Gespräch ein, das sich um Sport hätte drehen sollen, und redet ohne Punkt und Komma von einem «neuen Stern am Schweizer Modehimmel», wie er es ausdrückt, der 15-jährigen Vivienne Rohner, er ist hin und weg von ihrem raumgreifenden Schritt. «Andere gehen einfach von A nach B. Aber sie geht über den Laufsteg, als würde sie durch ihr Leben laufen.» Und man merkt, dass es dabei doch auch um Sport geht: Podladtchikov möchte mit derselben Zauberkraft durch die Halfpipe fliegen, mit der ihn das Model gepackt hat. Er referiert über die Ansprüche, denen die Models gerecht werden müssen, einige von ihnen sind seine Freundinnen geworden, und einige seiner Freundinnen sind durch ihn zu Models geworden. Er erzählt von den Designern, «diesen Psychos», und der Brutalität dieser Welt, «die Frauen müssen liefern, ausgehungert und praktisch nackt stehen sie im Scheinwerferlicht», riesige Angriffsfläche. Ohne es zu merken, fängt er von sich zu reden an, von den Begehren seiner Sponsoren, die ihn in Anspruch nehmen, «aber ich sage ihnen die Meinung, wenn mir etwas nicht passt, ich kann mir das zum Glück leisten, denn eigentlich wollen sie ja den Iouri in Bestform, und der Iouri in Bestform wäre der ganz ohne Verpflichtungen». Und schliesslich spannt er gleich selber den Bogen, von sich zurück zur 15-Jährigen, der es «scheissegal» sei, was die Designer ihr anziehen, «sie geht einfach über den Laufsteg, und das macht sie unsterblich schön».
Andere Male kommt er zum Gespräch und schwärmt von der Kamera, die er sich soeben gekauft habe. Oder vom Traum, nach den Olympischen Spielen nach Paris zu ziehen, «ich bin nicht vollkommen, solange ich nicht in Paris gelebt und fotografiert habe», eine Stadt wie eine einzige grosse Phantasie. Oder er sagt, er habe keine Zeit zum Trainieren gefunden, weil er eine Idee für eine neue Fotoserie gehabt habe, «und wenn ich etwas im Kopf habe, muss ich gleich los und alles organisieren, was ich brauche». Zum Beispiel einen Topf Farbe und ein Samurai-Schwert wie für das jüngste Projekt. Arbeitstitel: «Vulnerable Power» – die Gegensätzlichkeit von Verletzlichkeit und Macht, die ihn begleitet. Auf dem einen Bild eine Frau, die sich mit Pinsel und Farbe die Brust anmalt, auf dem anderen eine Frau, die im Schritt ein Schwert hält, die Köpfe fehlen beide Male, «Gesichter wären zu persönlich», sagt er.
Podladtchikov fotografiert, weil er es als Bereicherung empfindet, Menschen in ihrer Schönheit festzuhalten. Und er fotografiert vornehmlich Frauen, weil er Frauen für «das Wesentliche» hält. Und auch, weil er sich mit dem Blick durch die Linse und auf die Frau selber besser erkennt. Denn die Frau, die Frau ganz im Allgemeinen, macht ihn unsicher. «Frauen und meine Liebe zu ihnen – das ist das Thema, das mich am meisten zum Zweifeln bringt.»
Möglich, dass Podladtchikov bisweilen wie ein Aufreisser daherkommt oder wie ein Herzensbrecher, aber in Wahrheit ist es ebenso oft umgekehrt. Das mit den Frauen, sagt er, das klappe einfach nicht, «meine Beziehungen scheitern immer», wobei die längste immerhin drei Jahre gedauert hat, eine Schulkollegin am Sportgymnasium, und die letzte führte ihn nach London, «ich flog sicher 30 Mal hin und zurück», in einem Jahr. Er frage sich, ob er die Frauen zu sehr beeindrucken wolle. «Wäre ich interessanter, wenn ich mich auf mich konzentrieren würde?» Und bei einer anderen Gelegenheit sagt er: «Ich glaube, Frauen haben es nicht gern, wenn sich Männer umknicken lassen.» Er überlegt. «Aber ich will kein verliebter Roboter sein, sondern ein verliebter Vogel, der in seinem Rausch nur knapp nicht in die Scheibe fliegt, weeeew!»
Und irgendwann versteht man, woran seine Freunde und sein Trainer denken, wenn sie sagen, sie hofften, dass sich Podladtchikov bis Sotschi nicht verliebe. Und Podladtchikov versteht es auch. «Wenn es meiner Freundin gut geht, fliege ich höher denn je. Aber wenn es ihr nicht gut geht, bin ich am Boden, und alle Energie ist weg.» Und dann, «fuuuuuck», dann kann er Sotschi auch gleich fernbleiben.
Das ist, was er meint mit: Love me or leave me to die.