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“Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.”
Silvia Davi: Liebe Theres, wie kam es zu deiner ersten literarischen Publikation und den weiteren?
Theres Roth-Hunkeler: Ich schrieb lange Zeit still für mich. Mitte der 80er-Jahre begann ich, erste Texte in Literaturzeitschriften und Zeitungen zu publizieren. 1991 wurde ich zur Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen, wo ich das 3sat-Stipendium gewann. Das erleichterte mir, für mein fertiges Roman-Manuskript “Die Gehschule” einen Verlag zu finden. Seither schreibe ich weiter. Langsam. Ich unterrichte auch und arbeite journalistisch.
Silvia Davi: Ist es ein Zufall, dass von deinen vier Romanen, dein erster “Die Gehschule” und dein bis jetzt jüngster “Was uns blüht” 2009 im Pro Libro Verlag erschienen sind? Ersterer als Nachdruck, 17 Jahre nach seinem Erscheinen im Lenos Verlag, letzterer als Neuerscheinung? Stehen die beiden Romane in einem Zusammenhang?
Theres Roth-Hunkeler: Peter Schulz von Pro Libro hat mir vor längerer Zeit offeriert, den Roman “Die Gehschule” in die Reihe “Kultur in der Zentralschweiz – Literatur des 20. Jahrhunderts” aufzunehmen und wieder aufzulegen, was mich sehr gefreut hat. Einige Zeit später suchte ich einen Verlag für “Was uns blüht” und fand bei Pro Libro auch für diesen Roman offene Türen – in der Reihe “Literatur des 21. Jahrhunderts”. Die beiden Bücher stehen inhaltlich in keinem Zusammenhang, meine ich, aber vielleicht finden Leserinnen und Leser etwas in diese Richtung heraus.
Silvia Davi: In “Was uns blüht” spielen nicht nur engere Beziehungen zwischen Mensch und Tier eine grosse Rolle, sondern auch Island. Lesend lernt man das Land und seine Menschen kennen, was sehr reizvoll ist. Wie bist du zu Island gekommen? Hast du dort Freunde? Sprichst du Isländisch?
Theres Roth-Hunkeler: Eines meiner drei Kinder hat über Jahre für Island geschwärmt und war mit 17 Jahren während des Gymnasiums für ein sogenanntes Austauschjahr dort – und kam ziemlich ernüchtert zurück! Seine Islandbegeisterung aber habe ich übernommen. Ich habe das Land bereist, abseits der Touristenpfade, habe sehr viel gelesen über die Insel, über Landschaft, Geologie und Tektonik, aber auch zahlreiche belletristische, zeitgenössische Werke, die ich nur empfehlen kann. Leider spreche ich kein Isländisch, die Sprache ist sperrig, ich habe ganz wenige Bekannte in Island, keine nahen Freunde, kenne aber mittlerweile viele Menschen, vor allem Künstlerinnen und Künstler, die mit Island verbunden sind. Und natürlich habe ich die wirtschaftspolitischen Ereignisse der letzten beiden Jahre verfolgt.
Silvia Davi: Rauchende spielen schon in “Die Gehschule” eine gewisse Rolle, aber erst recht in “Was uns blüht”. Es ging uns ja mit den aktuellen Rauchverboten auch ein kleines zwischenmenschliches Stück Kultur verloren. Das Anbieten einer Zigarette, Feuergeben, Distanz gewinnen, im Rauch einer Zigarette sich wohlfühlen. Nichts gegen das Verbot, aber ein bisschen Nostalgie wird beim Lesen geweckt. Ist das beabsichtigt, bist du selbst Raucherin?
Theres Roth-Hunkeler: Raucher führen oft interessante Gespräche in einem kleinen Zirkel auf dem Balkon oder draussen – das merke ich als Nichtraucherin, die während dessen das Geschirr abräumt usw.! Ich suche im Schreiben nach Verbindungen unter den Figuren, ich muss ja Verbindungen herstellen. Zusammen eine Zigarette rauchen kann so eine Verbindung oder eine erste Annäherung fördern. Rauchend erzählt man sich oft Dinge, die man sich sonst nicht sagt. Das erinnere ich aus jenen Phasen, in denen ich selbst, manchmal heftig, geraucht habe. Seit sieben Jahren ist Schluss damit – obwohl ich in meiner Familie von Rauchenden umgeben bin!
Silvia Davi: Mir gefällt in beiden Romanen, nebst dem Inhalt, deine lebendige Sprache sehr, hie und da sprichst du durch die Protagonisten auch darüber. “Je älter man wird, desto verschrobener führt sich die Sprache auf. Macht plötzlich neue Vorschriften. Stellt präzisere Forderungen. Beuge mich.” – sagt dein Protagonist Dottore. Siehst du das auch so?
Theres Roth-Hunkeler: Sprache entwickelt sich. Sprache gehört zu mir. Sie ist persönlich. Ich verändere mich. Ich werde älter. Und sie mit mir. Menschen, die mit Schreiben anfangen, glauben, sie hätten eine Sprache zur Verfügung, die sie beliebig formen, verbessern oder gar traktieren könnten. Vielleicht verhält es sich umgekehrt: Vielleicht formt mich die Sprache, fliesst durch mich, schleift an mir, versickert manchmal und strömt unterirdisch.
Silvia Davi: Wie heissen deine ursprünglichen literarischen Vorbilder? Hast du heute andere, immer wieder neue?
Theres Roth-Hunkeler: Ich habe früh Wilhelm Genazino gelesen und mit ihm intensiv korrespondiert, als er noch fast nicht bekannt war. Die Heftigkeit von Helen Meier hat mir sehr gefallen. Die Texte von Anna Felder. Die Gedichte von Karl Krolow. Von Michael Krüger. Von Robin Fulton. Überhaupt Lyrik. Ich lese sehr viel Lyrik, auch in Übersetzungen. Eine Neuentdeckung: Dorothea Grünzweig. Denn Lesen war mein Weg zum Schreiben. Ich lese immer, gerne auch Prosa von Autorinnen und Autoren, die eine Generation jünger sind als ich.
Silvia Davi: Du unterrichtest an der HKB. Dein Herbst-Semesteratelier 2009/10 für literarisches Schreiben stand unter dem Titel “– Im Anfang war –”, kannst du uns darüber berichten, wie deine Studenten auf diesen interessanten Aspekt ihrer Ausbildung reagierten?
Theres Roth-Hunkeler: Das Thema, glaube ich, hat sich bewährt. Fragen wie “Wann beginnt ein Text? Was ist vor dem Anfang? Was geschieht, bevor ein erster Satz, eine erste Zeile auf dem Bildschirm stehen?” eignen sich gut für Studierende, die sich entschlossen haben, eine Ausbildung in literarischem Schreiben zu machen. Und dann gibt es ja Tausende von Möglichkeiten, eine Erzählung, einen Roman zu beginnen. Am Anfang steht alles offen, aber schon nach den ersten Sätzen verengt sich die Anlage. Das zu verfolgen an eigenen und fremden literarischen Texten ist spannend – jedenfalls haben die Studierenden sehr viel zu diesen Themen gearbeitet.
Silvia Davi: Nicht von ungefähr kommen in “Was uns blüht” nebst den beiden Hauptprotagonisten in mittleren Jahren auch junge Menschen zwischen 23 und 30 Jahren vor. Es wird gekocht, gewandert, gesimst, geemailt, eine Homepage gestaltet und vieles mehr. Dein ganzes Romanpersonal ist mir äusserst sympathisch, nie klischeehaft. Du lässt die drei Hauptprotagonisten in je verschiedenen Perspektiven sprechen, schreiben oder erzählen, schwenkst mitunter, für den Leser kaum bemerkbar, in die auktoriale Erzählweise über. Kam es beim Schreiben vor, dass sich deine Figuren gelegentlich verselbständigten oder hattest du immer die Kontrolle über sie?
Theres Roth-Hunkeler: Ich bin eine assoziative Schreiberin. Ich hatte viel Material zu jeder einzelnen Figur gesammelt und jeder von ihr Handlungen und vor allem ganz bestimmte Sätze zugeordnet, z.B. Sätze für den jungen Fab oder für die mittelalte Alma. Daraus ergaben sich auch Dialoge. Das Wichtigste war mir, für jede Figur einen eigenständigen Ton zu finden. Natürlich bekamen die Figuren während des Schreibens ein Eigenleben. Literarische Figuren lassen sich so ungern kontrollieren wie reale Menschen! Im Ernst: Es gibt im Buch ja eine Frauenfigur, die Bibi heisst. Für sie hatte ich nur einen kleinen Auftritt “geplant”, aber Bibi nahm dann im wahrsten Sinne des Wortes plötzlich ziemlich viel Raum ein und bereitete mir grosses Kopfzerbrechen. Sie hat mir aber ermöglicht, die Figur des Fab vielschichtiger und schwankender zu zeigen.
Silvia Davi: Dein Roman “Was uns blüht” hatte durchwegs gute Kritiken, deiner Lesung an den Solothurner Literaturtagen folgte ein grosses, begeistertes Publikum. An den Zentralschweizer Literaturtagen in Willisau wurde “Was uns blüht” von der Literaturkritikerin Beatrice Eichmann-Leutenegger als “eines der vier beliebtesten Bücher der letzten Saison” vorgestellt, und es entstand mit den drei weiteren Literaturkritikern eine angeregte Diskussion. Einige hätten sich, wenn ich mich richtig erinnere, die Beziehung zwischen Alma und dem Dottore etwas intensiver gewünscht oder wären gespannt auf eine Fortsetzung des Romans. Könntest du dir das vorstellen? Oder arbeitest du bereits an einem völlig neuen Romanprojekt?
Theres Roth-Hunkeler: Ich arbeite momentan in verschiedene Richtungen, probiere wieder Töne aus, ordne Notizen, schichte sie um, dünne sie aus – es ist fast wie Gartenarbeit! Ich weiss, etwas entsteht, kündet sich an, mehr kann ich noch gar nicht sagen dazu. Ich bin langsam und gründlich. Aber dass “Was uns blüht” weiter gehen könnte, daran habe ich noch nie gedacht. Wer weiss!
Silvia Davi: Herzlichen Dank – Theres Roth-Hunkeler – für die Beantwortung meiner Fragen!
Theres Roth-Hunkeler: www.roth-hunkeler.ch
Copyright Bild: Theres Roth-Hunkeler
Datum: 31. Mai 2010
Interview: Silvia Davi www.silviadavi.ch
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