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«Eine Rede lebt davon, dass man Fehler macht»
Herr Skipwith, haben Sie schon einmal eine 1.August-Rede gehalten?
Thomas Skipwith: Ich habe schon viele Reden gehalten, auch an Rhetorikwettbewerben. Eine 1.-August-Rede ist allerdings nicht auf meinem Palmares. Wenn ich das Angebot bekomme, dann nehme ich das an.
Worüber würden Sie reden?
Ich würde das aktuelle Geschehen studieren und dann schauen, dass ich dies einbeziehen kann. Ich würde aber auch etwas von mir persönlich einfliessen lassen. Etwas, das mich bewegt.
Haben Sie jemanden gecoacht, der am 1. August eine Rede hielt?
So konkret ist das noch nie vorgekommen. Es kommen aber viele zu mir, die an einem Kongress eine Rede halten müssen. Ein Kunde von mir ist nach Kuala Lumpur eingeladen worden als Fachexperte und dann haben wir den Vortrag gemeinsam erarbeitet.
Geben Sie in so einem Fall auch Themeninput?
Ja, teilweise schon. Es kommt immer auf den Kunden an. Es gibt solche, die sind etwas besser vorbereitet als andere. Und da ich früher in einer Unternehmensberatung gearbeitet habe, kann ich auch von der unternehmerischen Seite aufs Thema schauen. Ich habe auch schon jemanden gecoacht, der eine Rede hielt weil er Leute entlassen musste. Da konnte ich Fragen stellen, Sparring-Partner sein und Tipps geben, wo man noch etwas umformulieren muss. Immer auch im Hinblick darauf, wie das Publikum eingeschätzt wird.
Der Inhalt der Rede sollte aufs Publikum angepasst sein?
Das ist ein ganz wichtiger Faktor, sei es am 1. August oder bei einem anderen Anlass: Wer sitzt im Publikum? Meinem Kunden, der in Kuala Lumpur eine Rede halten musste, habe ich zum Beispiel empfohlen, nichts über Flughafen oder Flugzeugerlebnisse zu erzählen. Kurz vorher ist ein Flugzeug der Malaysian Airlines abgestürzt.
Sie haben gesagt, das Thema muss zum Publikum passen. Muss es auch zum Redner passen?
Ja, idealerweise passt es auf beide. Das heisst aber nicht, dass es auch Situationen gibt, wo man als Gegenpol zu einer Veranstaltung eingeladen wird. Beispielsweise als SVPler bei der SP oder umgekehrt. Dann ist das ja so gewollt, das Publikum ist entsprechend vorbereitet und dann geht das auch.
Gibt es Themen, die am 1. August nicht thematisiert werden sollten?
Grundsätzlich würde ich sagen: Behalten Sie die Rede in einem positiven Rahmen. Es sollte keine Wutrede sein. Man kann sicher auch kritische Punkte aufbringen. Es ist ja eine Geburtstagsfeier und da würde ich aber dafür plädieren, dass man positiv bleibt. Man könnte zum Beispiel die gute Leistung der Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-WM in Russland erwähnen. (Das Interview fand kurz nach dem Achtelfinal statt. Anmerk. d. Red.)
War die Leistung der Schweizer Nati denn wirklich gut?
Naja, gewisse finden, nicht. Wenn aber ein kleines Land wie die Schweiz mit nur 8 Millionen Einwohner regelmässig an Europa- und Weltmeisterschaft teilnehmen kann und es dann erst noch bis ins Achtelfinale schafft, dann ist das doch schon mal eine super Leistung. Klar ist es ärgerlich, wenn man nicht weiterkommt. Andererseits glaube ich, und das könnte ja für den 1. August auch ein Thema sein, man kann das Ausscheiden analysieren und sich verbessern. Eine Analogie für die Qualität der Schweizer. Man schleift an diesem Diamanten, dass er noch mehr glänzt und noch schöner wird.
Haben Sie auch Lampenfieber?
Auf jeden Fall. Das ist auch gut so. Jedes Mal, wenn ich Lampenfieber bekomme, denke ich «Vielen Dank lieber Gott – oder wen immer man anbetet – super, dass du mir diese Energie schickst, um diese Bestleistung zu bringen.» Eine Rede ist nicht einfach ein Spaziergang in einem Park. Das ist eine Leistung, die man vollbringt. Da gibt man auch viel, da soll Energie fliessen. Die Nervosität gibt mir diese Energie. Ich sage immer: Es ist wie Funkensprühen. Ich bemühe mich, dass das Feuer überspringt. Ohne Funken wird kein Feuer entfacht. Ich will bewegen, emotional berühren.
Trotzdem darf das Lampenfieber nicht überhandnehmen und mich blockieren. Was mach ich dagegen?
Da ist es gut, zu üben. Viele Reden halten, dann bekomme ich das in den Griff. Übung macht den Meister. Und sollte es dann doch zu einem Blackout kommen, dann muss ich mir überlegen, was ich dann mache. Ich sage immer: Als erstes läufst du dahin, wo deine Notizen sind. Dort ist das, was du sagen wolltest. Und auch bei einem Blackout kannst du noch lesen. Du läufst also zu deinen Notizen oder du ziehst deine Notizen aus dem Jacket. Und dann geht’s weiter mit der Rede.
Haben Sie schon einmal Blackout gehabt?
Hatte ich auch schon. Weil ich aber sehr geübt bin im Reden, sage ich dann: «Übrigens, wo war ich denn jetzt gerade?» Ich frage also das Publikum, damit es mir sagt, wo ich gerade war. Wenn dieses gut aufgepasst hat, kann es mir genau sagen, wo es weitergeht. Vorteil: Dies ist eine schöne Interaktion mit dem Publikum. Und es zeigt, dass ich nicht perfekt bin und nichts auswendig gelernt habe. Eine Rede lebt davon, dass man mal Fehler macht.
Sie sprechen ohne Notizen und frei.
Idealerweise ja. Das ist das Höchste der Gefühle. Ich kann frei reden, ohne Notizen und kann dann umso mehr Blickkontakt machen. Ich will im Dialog sein mit dem Publikum, ich will das Publikum anschauen, sehen können, ob jemand nickt. Oder ob jemand mit verschränkten Armen dasitzt, auf den Boden starrt oder auf dem Handy herumtippt. Heutzutage ist das Handy die grösste Konkurrenz für den Redner. Wobei auch dort: Es ist eine Sache der eigenen Einstellung. Ich sage mir, wenn einer auf dem Handy herumtippt, dass er einen guten Satz von mir aufnimmt und irgendwo postet. Positives Denken hilft.
Wenn sie jemanden Coachen, welche Fragen werden gestellt?
Eine Frage, ist die nach der Nervosität. Eine andere Frage ist die nach dem Aufbau, der Struktur. Häufig wird auch gefragt, wie man anfangen soll. Wie man aufhören soll, wird selten gefragt. Das ist in meinen Augen ein Fehler. Der Schluss ist ein ganz wichtiges Element. Das hinterlässt den letzten Eindruck und das bleibt auch am stärksten im Gedächtnis haften – oder auch nicht.
Was macht eine gute Rede aus?
Das höchste Gebot der Rhetorik ist: Du darfst nicht langweilen. Wenn es monoton ist, dann wird es langweilig. Wenn einer immer mit der gleichen Stimme spricht, wenn er keine Melodie hat, wenn er immer die gleiche Person anschaut, oder 90 Prozent der Zeit auf den Boden, dann hat das zu wenig Abwechslung. Oder wenn jemand einfach 45 Minuten lang Folien zeigt und noch schlimmer, davon abliest, dann pennt man schon nach 3 Minuten ein. Eine gute Rede bringt Abwechslung. Monotonie ist der Tod von jeder Rede. Und bei der Frage nach der Gestaltung, da kann man dann wieder sehr kreativ werden. Das ist dann abhängig von Publikum, von der Situation und von einem selber. Ob ich am 1. August fahnenschwingend reinkomme oder nicht, das hat mit mir selber zu tun. Kann ich das überhaupt? Wenn ich das kann, dann kann das ein super Einstieg sein. Wenn ichs nicht kann, dann lass ich das mit dem Fahnenschwingen vielleicht besser sein.
Wer ist der beste Redner?
Doris Leuthard ist gut. Ich bin der Meinung, sie hat Freude an dem, was sie macht. Oder das kommt zumindest bei mir so an. Sie strahlt, sie hat ein schönes Lachen und sie wirkt sehr sympathisch. Sie hat Energie, sie hat eine Sprachmelodie, sie spricht flüssig. Johann Schneider-Ammann ist bei den Bundesräten das Gegenteil. Für mich ist er zu monoton. Ich würde ihn gerne mal coachen. Allerdings: Durch sein Markenzeichen, eben die Monotonie, hat es Johann Schneider-Ammann als Youtube-Star zu millionenfachen Klicks geschafft.
Was sagen Sie zur Bündnerfleischaffäre von Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz?
Wunderbar. Es macht den Redner sympathisch, wenn er über sich selber lachen kann. Das Leben ist ernst genug. Die besten Scherze sind, wenn man sich über sich selber lustig macht. Wenn ich über Veränderungen spreche, greife ich an die Glatze, und dann lachen viele. Mir macht es nichts aus, die anderen finden es lustig: Win-Win-Situation.
Also wenn Witze, dann Witze über sich selbst.
Genau, die sind die Besten und ungefährlich. Es macht mich menschlich und sympathisch, wenn ich meine Schwächen herausstelle. Ich hatte mal einen Coachee, der sprach perfekt. Ihm habe ich ein paar Fehler eingebaut. «Machen Sie mal ein ähh», habe ich gesagt. «Das klingt sonst zu perfekt. Das geht nicht. Das Publikum wird Ihnen sonst extrem skeptisch gegenüber stehen.» Man muss keine Angst davor haben, dass man nicht perfekt ist. Man sollte Angst haben, dass es wegen Monotonie langweilig ist. Und da kann jeder etwas dagegen machen.
Gibt es No-Gos in Reden? Wovon sollte man die Finger davon lassen?
Ein No-Go ist, vorne zu stehen, ohne Funken zu sprühen. Man spürt nicht, dass sich die Person für das Thema interessiert. Das zweite No-Go ist, wenn die Person alles abliest. Dann kommt kein Dialog zustande. Dritter Punkt: Wenn die Rede schlecht strukturiert, schlecht vorbereitet ist. Eine Rede muss so einfach sein, dass mir klar ist, was die Hauptbotschaft des Redners ist.
Stimmt es, in der Kürze liegt die Würze?
Vielfach ja. Und in diesem Sinn muss man sich kurz halten oder sogar kürzen. Gerade auch im Hinblick auf eine 1. August-Rede stellt sich die Frage: Wie lange soll das Ganze dauern? Wieviel Aufmerksamkeits-Energie hat das Publikum? Eine 1. August-Rede sollte 10 Minuten, 15 Minuten dauern. Wenn sie wirklich gut ist, dann darf sie auch länger sein. Ich habe Gerhard Schröder schon mit Vergnügen 45 Minuten lang zugehört. Aber der kann richtig gut reden. Andreas Glarner, finde ich, spricht auch gut. Oder auch Christoph Blocher. Ich war jeweils froh, dass er hinter dem Rednerpult blieb und nicht gleich ins Publikum sprang. Das hat mich beeindruckt.
Haben Sie auch schon das Gegenteil erlebt, also eine richtig schlechte Rede?
Ich habe auch schon selber eine gehalten bzw. ein richtig schlechtes Training geleitet. Ich hatte eine Gruppe Personen, bei denen ich spürte, dass sie sich entfernen. Also habe ich mir gesagt, ich muss da etwas aufdrehen, mehr Gas geben. Da meldete sich eine Teilnehmerin und hat ein Time-Out verlangt, um in der Meta-Ebene über das Training zu sprechen. Sie fühle sich nicht wohl. Sie fand, dass ich für sie viel zu energetisch war. Sie hätten es viel ruhiger haben wollen.
Wenn Sie im Publikum sitzen und eine schlechte Rede hören, was machen Sie dann?
Dann überlege ich mir, was ich anders machen würde. Früher dachte ich immer: «Oh, ist der schlimm», «so schlecht» oder «wie lange geht’s noch?» So viele negative Gedanken. Ich habe meine Einstellung geändert. Ich sitze ja sowieso da. Wenn ich mich ärgere, dann habe ich nichts davon. Also überlege ich mir, was er anders machen könnte. Und vielleicht ist etwas dabei, das ich gut finde, das er auch weiterhin so machen könnte oder ich übernehmen könnte.
Neben Johann Schneider-Ammann, wen würden Sie auch gerne mal beraten?
Top-Manager, die an oberster Stelle stehen. Da hat es einige dabei, die ich gerne mal coachen würde. Am Wef ist es immer wieder spannend zu beobachten: Da hat es gute Redner, aber auch schlechte. Der kanadische Premier Justin Trudeau kommt für mich sehr sympathisch rüber. Vielleicht würde ich ihn in eine ähnliche Schublade schieben wie Doris Leuthard. Er macht auf mich einen offenen Eindruck, hat ein Lächeln drauf, Dynamik. Ja, ich habe den Plausch, ihm zuzuhören. Er hat eine sehr schöne Wortwahl, macht Analogien. Da hat es Salz in der Suppe. Das fehlt bei vielen und dann ist es sehr fad.
Können Sie ihr Redner-Coach-Ohr abschalten?
Das ist schwierig. Vor allem auch, weil ich nachher ja häufig auch gefragt werde, wie es mir gefällt. Dann muss ich schon etwas sagen können.
Zum Schluss noch mal zum Nationalfeiertag: Welche Rede hören Sie am 1. August?
Ich habe mich noch nicht entschieden. Ich höre sicher die Rede des Bundespräsidenten. Und dann werde ich schauen, was auf Youtube auftaucht. Ich lasse mich überraschen.
ZUR PERSON
Thomas Skipwith ist in Luzern in der Nähe des Verkehrshauses aufgewachsen. Durch seinen amerikanischen Vater hat er erfahren, dass man auch gute Reden halten kann. Während seiner Zeit an der HSG in St. Gallen hat er deshalb als studentische Initiative das Rhetorikcenter mitgegründet. In sieben Jahren als Unternehmensberater hat er seine Leidenschaft für Sprechen und Schulen entdeckt und diese beiden Leidenschaften im Rahmen seiner Selbstständigkeit zusammengeführt. Seit 16 Jahren führt er sein Institut Descubris, das sich als eines der wenigen Unternehmen in der Schweiz auf die Schulung von Reden und Präsentationen spezialisiert hat. Das Institut hat seinen Sitz am Wohnort von Thomas Skipwith. Er lebt mit seiner Lebenspartnerin und den vier gemeinsamen Kindern in Obewil-Lieli.
Thomas Skipwith ist Mitgründer von vier Rhetorikclubs und dem Debatierclub Aargau, vierfacher Rhetorik-Europameister sowie mehrfacher Schweizermeister.
Zehn (nichtabschliessende) Tipps für eine gelungene 1.-August-Rede von Thomas Skipwith
1 Ohne Vorbereitung gibt es keine gute Rede. Mach so früh wie möglich ein kleines Brainstorming und ergänze es im Laufe der Zeit. So starrst du am 31. Juli nicht auf ein weisses Blatt.
2 Wer dich nicht hört, wird zum Störfaktor. Es reicht, wenn ein paar Zuschauer miteinander tuscheln und man hört oft gar nichts mehr. Bei mehr als 40 Zuschauern empfehle ich ein Mikrofon. Am besten eines zum Anstecken oder ein Headset.
3 Der Anfang soll Lust auf mehr machen. Fange so an, dass dir die Zuschauer von Anfang an ihre Aufmerksamkeit schenke. Sei es bei der Begrüssung oder mit einer persönlichen Anekdote.
4 Wähle den Inhalt so, dass er zu dir, zum Anlass und zum Publikum passt. Du darfst gerne über die Schweiz sprechen, immerhin wird am 1. August der Geburtstag der Schweiz gefeiert. Ein persönliches Erlebnis oder die Geschichte von jemandem und was du daraus gelernt hast, macht die Rede merk-würdig. Sie wird in Erinnerung bleiben.
5 Der Schluss ist das Pünktchen auf dem i. Eine kurze Zusammenfassung, den Bezug zum Anfang herstellen und /oder einen Appell an Publikum richten. Mutige bringen zum Schluss einen passenden Witz. Am besten übst du den letzten Satz vorher mehrmals laut.
6 Du brauchst ein klares Ziel vor Augen. Entscheide dich für eine klare Hauptbotschaft, die auch mehrmals wiederholt werden darf. Am 1. August könnte sich die Hauptbotschaft auf eine Tugend beziehen wie Mut, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, liebe Ausdauer. Wie wäre es mit «Die Welt gehört den Mutigen», «Steter Tropfen höhlt den Stein» oder «Ich bin stolz auf die Schweiz.»
7 Die Abwechslung macht das Leben süss. Wechsle ab zwischen Ernst und Leichtigkeit. Es darf gelacht werden. Was andere schon x-fach gesagt haben, darauf kann verzichtet werden. Ausser es ist dir so wichtig, dass du es ebenfalls wiederholen willst.
8 Sprich so, dass man dich versteht. Entscheide nach einer Publikumsanalyse, ob du auf Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen willst. Falls du dich für Hochdeutsch entscheidest, solltest du die Rede besonders oft üben. Den meisten Deutschschweizern fällt es schwerer Hochdeutsch als Schweizerdeutsch zu sprechen.
9 In der Kürze liegt die Würze. Halte es wie Mark Twain: «Eine gute Rede hat einen guten Anfang und ein gutes Ende – und beide sollten möglichst dicht beieinander liegen.»
10 bis 15 Minuten reichen meist. 10 Sag ihnen, wer du bist. Die Zuhörer wollen wissen, wer da spricht. Ich empfehle dir, das nicht trocken und wie eine Aufzählung zu machen, sondern auf das Mittel der Geschichte zurück zu greifen. Ich könnte beispielsweise erzählen, wie ich mich noch gut erinnere, wie ich in Luzern neben dem Verkehrshaus aufgewachsen bin und was ich im Zuge dessen alles erlebt habe.