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Es ist ein Gemeinplatz unter RezensentInnen, dass ein guter Roman nicht wie eine aufklärerische Sozialstudie daherkommen darf. Doch es gibt auch grossartige Ausnahmen: der brasilianische Favela-Roman «City of God» von Paolo Lins zum Beispiel oder der soeben im Berliner Metrolit-Verlag neu aufgelegte Roman «Blutsbrüder» von Ernst Haffner.
Der «Berliner Cliquenroman», wie Haffners Buch im Untertitel heisst, ist ein selten fesselndes Buch. 1932 in einer kleinen Auflage veröffentlicht, war der Roman achtzig Jahre lang verschollen; auch über den Autor ist wenig bekannt. Ernst Haffner, der zwischen 1925 und 1933 als Sozialarbeiter und Journalist arbeitete und, soweit man weiss, kein weiteres Buch veröffentlichte, erzählt in «Blutsbrüder» die Geschichte einer Jugendclique in der Endphase der Weimarer Republik. Die Jugendlichen sind entflohene, obdachlose Heimkinder, die sich als Bettler, Stricher oder Kleinkriminelle durchschlagen. Ihre Banden sind eine Art Familienersatz, ihr Lebensalltag kreist um die Eroberung eines Schlafplatzes oder einer nächsten Mahlzeit.
Obwohl das Anliegen, soziale Verhältnisse und das Fürsorgesystem der Weimarer Republik anzuprangern, einem aus dem Buch förmlich entgegenspringt, handelt es sich bei «Blutsbrüder» nicht um den klassischen Sozialroman. Haffner gelingt es, eine eigenständige, atemlos vorwärtstreibende Erzählung zu schaffen, in der die Figuren, obwohl nur knapp charakterisiert, ein eigenes Leben entfalten.
Kritiker haben eingewandt, dass Haffner bisweilen den Anekdoten seiner Akteure aufgesessen sei. Er habe einen pseudoauthentischen Ton angeschlagen, der das bürgerliche Sensationsbedürfnis bediene. Als Zeitdokument taugt der Roman also möglicherweise nur bedingt. Doch genau das macht ihn eben auch zur Literatur: keine Abbildung der Realität, sondern ein «Cliquenroman».