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1976 drehte der Norddeutsche Rundfunk einen Serienkrimi, in dem Nastassja Kinski nackt zu sehen war. Sie war fünfzehn. Heute klagt sie gegen den Sender. Auch andere Schauspieler wehren sich nachträglich gegen Nacktdrehs.
Vor einem Jahr haben Olivia Hussey und Leonard Whiting geklagt. Nun klagt auch Nastassja Kinski. Der Vorwurf ist der gleiche: Nacktszenen, die gedreht wurden, als die Darsteller noch minderjährig waren. Sie hätten ihre Einwilligung dazu nie gegeben, sagen die Kläger. In beiden Fällen liegt die Sache lange zurück. Franco Zeffirellis «Romeo and Juliet», der Film, den Hussey und Whiting beanstanden, kam 1968 in die Kinos. Bei Nastassja Kinski geht es um die «Tatort»-Folge «Reifezeugnis», die im März 1977 auf ARD zum ersten Mal gezeigt wurde.
Beide Filme waren Riesenerfolge. «Romeo and Juliet» war für vier Oscars nominiert. «Reifezeugnis» wurde bei der Erstausstrahlung von 25 Millionen Zuschauern gesehen, stand am Anfang von Kinskis Schauspielkarriere und ist bis heute eine der berühmtesten Folgen des Sonntagabendkrimis. Auch für den Regisseur Wolfgang Petersen war sie ein Markstein. Vier Jahre später schaffte er mit «Das Boot» den internationalen Durchbruch.
Ohne Begleitung am Set
Fast fünfzig Jahre nach der Erstausstrahlung wird die «Tatort»-Folge noch immer gesendet. Allein in den vergangenen fünf Jahren stand sie bei verschiedenen Sendern insgesamt neunmal auf dem Programm. Zuletzt am Neujahrstag dieses Jahres beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).
Nastassja Kinski spielt in «Reifezeugnis» Sina, eine siebzehnjährige Schülerin, die eine heimliche Affäre mit ihrem Lehrer hat. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war sie selbst erst fünfzehn Jahre alt. Explizite Sexszenen gibt es im Film keine, aber Kinski ist in mehreren Einstellungen mit nacktem Oberkörper zu sehen. Auch in Szenen, in denen dies dramaturgisch nicht zwingend scheint. Etwa, wenn sie im Wohnzimmer ihres Elternhauses telefoniert.
Eine rechtswirksame Einwilligung zum Drehen der Nacktszenen habe nie vorgelegen, sagt Kinskis Anwalt. Seine Mandantin sei damals minderjährig und «faktisch ohne Begleitung» am Set gewesen. Sie selbst hätte die Einwilligung gar nicht geben können. Ob ihre Eltern die Nacktdrehs erlaubten, ist unbekannt. Coachs, die bei erotischen Szenen die roten Linien abstecken, gab es noch nicht. Weder für erwachsene Darsteller noch für Jugendliche. Nach heutigen Vorstellungen war der von Nastassja Kinski beanstandete Dreh sexueller Missbrauch.
Unter welchen Voraussetzungen die Nacktszenen gedreht wurden, ist allerdings nur das eine. Das andere ist die Art, in der der NDR den Film auf seiner Website charakterisiert. Da wird der Fernsehfilmchef des Senders, Christian Granderath, mit der Aussage zitiert, «Reifezeugnis» sei «in den Siebzigern eine sexuelle Initiation für sehr viele männliche Jugendliche» gewesen: «Auch deswegen ist dieser Tatort zur Legende geworden.»
Noch immer traumatisiert
Das Zitat stammt aus dem März 2017. #MeToo kam erst ein halbes Jahr später. Trotzdem ist es irritierend, mit welcher Selbstverständlichkeit ein Serienkrimi mit einer minderjährigen Hauptdarstellerin als erotisches Erweckungserlebnis gefeiert wird. Das wurde auch dem NDR bewusst. Allerdings erst im Zuge von Nastassja Kinskis Klage. In einem vor zwei Tagen eingefügten Nachtrag auf der Website hält Granderath fest, das Zitat verstehe sich als zeitgeschichtliche Einordnung, nicht als Bewertung.
Nastassja Kinski will erreichen, dass der Film nicht mehr ausgestrahlt wird. Oder wenn, dann ohne die Nacktszenen. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der die Folge produzierte und die Rechte daran hält, klärt die Sache zurzeit juristisch ab. Weitere Ausstrahlungen seien vorderhand nicht vorgesehen, lässt die Pressestelle verlauten.
Entschieden ist über den Fall noch nicht. Zu «Romeo and Juliet» hat das Gericht sein Urteil bereits gesprochen. Im Mai vergangenen Jahres entschied eine Richterin in Kalifornien, die beanstandeten Szenen seien sexuell nicht so anzüglich, dass man sie als illegal betrachten könne. Nacktszenen seien noch lange keine Pornografie. Olivia Hussey und Leonard Whiting haben vor wenigen Tagen eine weitere Klage eingereicht. Beide sind heute zweiundsiebzig. Aber sie seien ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen noch immer traumatisiert, sagen sie.