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Bereitsin jungen Jahren begann Karl Geigy-Hagenbach, angeregt von einem Mitschüler in Neuenburg, Autographen zu sammeln. Die Leidenschaft für die handschriftlichen Kostbarkeiten begleitete ihn sein Leben lang; seine Sammlung betrachtete er nie als abgeschlossen. Zielstrebig vermehrte er sie im Laufe der Jahrzehnte immer weiter und arbeitete parallel dazu daran, sie zu strukturieren und zugänglich zu machen. Insgesamt vier Kataloge zeugen von seinem Engagement zur fachkundigen Durchdringung des Gegenstandes, das seiner Sammelleidenschaft durchaus ebenbürtig war.
Diese Schatzkammer Basels, Schatzkammer auch der Schweiz und darüber hinaus der ganzen kunstfreudigen Welt ist die Handschriftensammlung Karl Geigy-Hagenbachs, die universellste vielleicht und die kultivierteste, die ein Privatmann in Europa besitzt und durchaus im Range den jahrhundertealten, den großen Sammlungen der öffentlichen Bibliotheken gleichzustellen und sie sogar an Geschlossenheit des Aufbaus fast ausnahmslos übertreffend.Stefan Zweig
Schon während seiner Lehrjahre wurde Karl Geigy-Hagenbach vom Sammelfieber für handschriftliche Schriftzeugnisse bedeutender Persönlichkeiten gepackt. Dank dem grossen wirtschaftlichen Erfolg des Basler Unternehmens J.R. Geigy, das sein Ururgrossvater gegründet hatte, konnte er seine universell konzipierte Autographensammlung zeit seines Lebens immer weiter ausbauen und auch teure und seltene Stücke erwerben. Systematisch studierte er Auktions- und Antiquariatskataloge und bot regelmässig bei Versteigerungen mit. Nachdem er im Jahre 1925 seinen Posten als kaufmännischer Leiter der Firma J.R. Geigy AG aufgegeben hatte, widmete er sich intensiv seiner Sammlung. Ankäufe tätigte er nun vorwiegend noch zu deren Komplettierung, während neu Katalogisierung, Erschliessung und publizistische Tätigkeit im Vordergrund standen.
Karl Geigy-Hagenbachs Sammlung umfasst Autographen des hohen europäischen Adels, von Politikern und Feldherren sowie von Dichtern, Gelehrten, Wissenschaftlern, Erfindern, Komponisten und Künstlern. Besonders hervorzuheben ist die Vollständigkeit Heerführer des Dreissigjährigen Krieges. Eine weitere, ebenfalls umfängliche Gruppe von Autographen versammelt französische Persönlichkeiten, insbesondere solche der Französischen Revolution (z.B. Richelieu, Mazarin, Colbert, Louvois). Auf dem Gebiet der deutschen Literatur finden sich neben Goethe und Schiller nicht nur zahlreiche weitere Autographen aus der Weimarer Klassik und den folgenden Jahrzehnten, sondern auch aus dem deutschen Barock. Als weiteres Verdienst von Karl Geigy-Hagenbach als Sammler sei der Erwerb von Autographen bekannter Komponisten der vorklassischen, klassischen und romantischen Epoche genannt; bei denen es sich nicht selten um Musikhandschriften handelt (z.B. Bach, Mozart, Beethoven). Aus der italienischen Renaissance finden wir neben den wichtigen bildenden Künstlern eine Reihe weiterer Persönlichkeiten (z.B.. Machiavelli, Poggio, Lucrezia Borgia, Papst Julius II.) Und last not least fungieren in der Sammlung auch viele wichtige Basler*innen und Persönlichkeiten aus der Schweizer Geschichte.
Die Leidenschaft für das Sammeln von Autographen teilte Karl Geigy-Hagenbach mit vielen Persönlichkeiten seiner Zeit. Zu den bekanntesten gehört der prominente Schriftsteller Stefan Zweig. Zwischen ihm und Geigy-Hagenbach entwickelte sich eine enge Brieffreundschaft: Sie informierten einander über kommende Auktionen und besondere Sammlerstücke, tauschten sich aber auch über ihre Begeisterung und die Freude an ihren Schätzen aus. Im Nachlass von Geigy-Hagenbach sind über 260 Briefe und Postkarten des Schriftstellers erhalten. Zum Geigy-Hagenbachs siebzigstem Geburtstag verfasste Zweig für das Fachorgan "Philobiblon" einen Text über seinen Freund, den Sammler und Autographenjäger. Darin schrieb er unter anderem:
«Geheimnisvoller Gedanke: in diesem einen Hause, in diesem einen Schrank, sind die in der Schrift erhaltenen Lebensspuren beinahe all der Menschen vereinigt, die jemals im Raume unserer abendländischen Geschichte und Kultur gewirkt haben, Freunde und Feinde, Heilige und Schurken, Krieger und Philosophen, Maler und Musiker – wer immer das Schicksal unserer Welt tätig mitbestimmt hat und auf welche Art immer seinen Namen ruhmvoll aus dem Vergänglichen ins Unvergängliche erhoben, von dem ist hier ein Bildnis seines Wesens in der charakteristischen Form seiner Handschrift zu finden.»
Stefan Zweig: Karl Geigy-Hagenbach und seine Sammlung. Zum siebzigsten Geburtstage, in: Philobiblon 9/4, 1936, 125–129, hier 125.
Im 19. Jahrhundert wurden die seit der Renaissance beliebten Wunderkammern mit ihrer Vielfalt an Objekten wie Büchern, Präparaten, Artefakten und Bildern immer mehr durch besser kuratierte Spezialsammlungen abgelöst. In Basel gingen daraus verschiedene eigene kulturelle Institutionen hervor, z.B. das Kunstmuseum und auch die Universitätsbibliothek. Auch Autographensammlungen wurden gemäss diesem Ordnungsdenken neu arrangiert. Man überlegte sich, gemäss welchen systematischen Kategorien man Autographen sammeln und ablegen solle. Es wurden Sammlungsprofile erstellt und Hierarchien innerhalb der Sammlungen gebildet. Nicht selten werden Autographen nach sozialer Rangordnung, Titeln und Tätigkeiten gegliedert; Frauen spielten bei solchen Ordnungsbemühungen leider nur selten eine Rolle. Als Karl Geigy-Hagenbach 1925 als kaufmännischer Leiter der J.R.Geigy AG zurücktrat, widmete er fortan seine Zeit und Energie vorwiegend der Vervollständigung, Katalogisierung und publizistischen Präsentation seiner Autographensammlung.
Als Dokumentation seiner Sammlung publizierte Karl Geigy-Hagenbach einen Katalog und insgesamt fünf Nachträge. Im ersten, 1929 erschienenen Katalog teilte er seine Sammlung in neun Kategorien ein, die je wiederum nach Ländern unterteilt waren:
- Fürsten
- Päpste und katholische Geistlichkeit
- Staatsmänner
- Feldherren
- Gelehrte
- Schriftsteller
- Schauspieler
- Musiker
- Maler
In den Nachträgen differenzierte er mit neuen resp. präziseren Kategorien weiter:
- Reformatoren
- Deutsche Dichter und Schriftsteller
- Fremde Literaturen
Nach dem Tod von Karl Geigy-Hagenbach 1949 entschieden zwei seiner drei Erben, ihre Anteile aus der Sammlung in Form einer Stiftung in die Obhut der Universitätsbibliothek Basel zu geben. Der dritte Anteil der Kollektion wurde jedoch 1961 u.a. durch die Firma J. A. Stargardt (Marburg) in einer Auktion versteigert. Dank grosszügigen Zuwendungen konnte die Universitätsbibliothek Basel bei dieser Auktion zahlreiche Lose erwerben und anschliessend wieder in die Sammlung eingliedern. Die Auktion selbst, durchgeführt im grossen Saal des Marburger Kurhotels Ortenberg, wurde von den Medien aufmerksam verfolgt und kommentiert und gilt als grösste Autographen-Versteigerung im deutschen Sprachraum in der Nachkriegszeit.