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Nach dem Tod von 43 KleinschürferInnen in einer Glencore-Mine in der Demokratischen Republik Kongo will die lokale Bevölkerung den Staat und die Grosskonzerne zum Handeln zwingen.
Die Verzweiflung ist riesig in Kolwezi. Die Stadt im Südosten des flächenmässig grössten Landes Afrikas, der Demokratischen Republik Kongo (DRK), müsste eigentlich einer der reichsten Orte der Welt sein. Die rund 500 000 EinwohnerInnen Kolwezis leben über einem Schatz, der im Zuge der Erderhitzung immer wertvoller wird: Kobalt. Das Metall ist Teil jeder wiederaufladbaren Batterie; in einem Mobiltelefon kommen davon einige Gramm zum Einsatz, in einer Elektroautobatterie rund acht Kilogramm.
Militär gegen die Verzweiflung
Letztes Jahr kamen 72 Prozent des weltweit geförderten Kobalts aus der DRK, ein Grossteil davon aus der Provinz Lualaba (Katanga), wo auch Kolwezi liegt. Doch die Menschen in der Stadt und den umliegenden Dörfern profitieren kaum vom Boom, der den Kobaltpreis innerhalb weniger Jahre vervielfachen liess. Die grossen Minen, in denen ursprünglich Kupfer abgebaut wurde, waren einst in staatlicher Hand und beschäftigten praktisch die ganze Stadt. Der damalige Minenbetreiber Gécamines war aber nicht frei von Missmanagement und musste vor Jahrzehnten grosse Anteile seiner Minen an multinationale Unternehmen verscherbeln. So auch die Kamoto-Mine, die von Glencore kontrolliert wird. Der Baarer Rohstoffgigant trieb die Mechanisierung voran und geriet vor vier Jahren selbst in finanzielle Schwierigkeiten. Beides führte zu einem bedeutenden Stellenabbau.
Viele Menschen versuchen deshalb, als selbstständige KleinschürferInnen ein Auskommen zu finden. Allein in Kolwezi sind es bis zu 150 000. Weil es für sie indes kaum freie Abbaugebiete gibt, dringen die meisten in die riesigen Konzessionen der Multis ein. Ziemlich leicht ist dies bei der Kamoto-Mine, einem Tagebau, der sich über viele Kilometer erstreckt, wie Emmanuel Umpula Nkumba, der Direktor der kongolesischen NGO Afrewatch, bestätigt: «Tausende Kleinschürfer bestechen die Wachmänner von Glencore, holen sich das herumliegende kobalthaltige Gestein und verkaufen es anderswo.»
Vorletzte Woche geriet in der Kamoto-Mine eine Gruppe von KleinschürferInnen in einen Bergsturz, mindestens 43 von ihnen starben. Nach dem Unfall entlud sich in der Bevölkerung die Wut, es kam zu teils gewalttätigen Protesten. «Die Demonstranten fordern den Rücktritt des für die Minen zuständigen Ministers», sagt Umpula, «und sie fordern, dass ihnen der Staat endlich Abbaugebiete bereitstellt.» In der über 1300 Kilometer entfernten kongolesischen Hauptstadt Kinshasa entschied man sich hingegen, nicht anders als bei früheren Vorfällen, die Armee zu schicken. Ende vergangener Woche vertrieben Soldaten sämtliche KleinschürferInnen aus der Kamoto-Mine und lösten die Demonstrationen auf.
Und wo liegt die Verantwortung des Glencore-Konzerns, der die Mine kontrolliert? Der Schweizer Multi trage für diesen Unfall sehr wahrscheinlich keine direkte Schuld, sagt Chantal Peyer von Brot für alle. Schon seit langem setzt sich der Entwicklungsdienst der reformierten Kirchen der Schweiz für die Rechte der lokalen Bevölkerung und KleinschürferInnen in Lualaba ein. Glencore half bei der Bergung der Verschütteten und rief die Armeeführung auf, sich zurückzuhalten und Menschenrechtsstandards einzuhalten.
«Im Allgemeinen nimmt Glencore aber viel zu wenig Verantwortung wahr», sagt Peyer. Zwar habe die Umweltbelastung durch die Mine unter zivilgesellschaftlichem Druck abgenommen, aber noch immer leide die Bevölkerung unter schädlichem Feinstaub, und viele der im Rahmen der «Corporate Social Responsibility» angekündigten Projekte kämen bestenfalls schleppend voran. «Vor allem aber hat Glencore genauso wenig eine Vision für die Kleinschürfer, wie es der kongolesische Staat hat», sagt Peyer.
Gutmütiger Monopolist
Als mögliches Vorbild erwähnt Peyer Trafigura – den grossen Gegenspieler von Glencore mit Hauptsitz in Genf. Der Rohstoffhändler hat sich letztes Jahr mit dem von Dubai aus kontrollierten Unternehmen Chemaf einen Deal gesichert, um noch stärker vom Kobaltboom zu profitieren. Chemaf betreibt ebenfalls in der Nähe von Kolwezi eine Mine. Anders als Glencore – der Konzern duldet eigentlich keine «illegalen» SchürferInnen auf seinem Gelände – anerkannte Trafigura-Chef Jeremy Weir letztes Jahr an einer Konferenz zumindest, dass die KleinschürferInnen in Lualaba eine Realität seien, die man sich «nicht wegwünschen kann».
Deshalb sollen diese in der von Chemaf betriebenen Mine in Kooperativen organisiert werden, eine Ausbildung und Schutzausrüstung erhalten und gemäss Angaben von Trafigura «fair bezahlt» werden.
Der Direktor von Afrewatch ist von der Umsetzung aber nicht begeistert. «Das Projekt muss noch stark verbessert werden», fordert Emanuel Umpula. «Die Kleinschürfer sind gezwungen, das Kobalt dem Minenbetreiber zu verkaufen.» Ausserhalb der Minen, bei den meist chinesischen KäuferInnen, würden sie die Konkurrenzsituation ausnutzen und einen besseren Preis aushandeln können. Chemaf hingegen könne den Preis für das Kobalt willkürlich selbst bestimmen. Letztlich scheint Trafigura vor allem deshalb in die KleinschürferInnen zu investieren, um dadurch noch mehr vom geschürften Material zu erhalten.
Die Bevölkerung von Kolwezi und anderswo in der DRK wird wohl noch länger gezwungen sein, um ihre Rechte und Interessen zu kämpfen. Eigentlich, sagt Umpula, sei es klar, dass dies eine staatliche Aufgabe wäre. «Doch es ist leider auch klar, dass der kongolesische Staat die Interessen der Unternehmen vertritt.»