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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Mit «Im Flug» hat er die erste wissenschaftliche Geschichte der Schweizer Luftfahrt geschrieben, mit «Nach Ohio» seinen ersten Roman veröffentlicht. Bei higgs erzählt er in der «Zeitreise» jeden Sonntag Episoden aus der Geschichte der Schweiz. Von den Wanderungen der Helvetier bis Erasmus von Rotterdam, vom Mord in Augusta Raurica bis zu Catherine Reponds tragischem Ende und von Henri Dunant bis zu Iris von Roten.
Alte Gemäuer sind oft wunderschön. Das Steinacher «Gredhaus» ist es nicht. Dafür erzählt das Lagerhaus vom Bodenseehandel – und von der Rivalität zwischen Stadt und Kloster St. Gallen. Die Klöster waren im Früh- und Hochmittelalter zu grosser Macht und ausgedehntem Besitz gekommen. Im Spätmittelalter jedoch verloren sie angesichts von Bevölkerungswachstum und zahlreichen Stadtgründungen an Bedeutung. Jenes von St. Gallen musste in den Appenzellerkriegen (1400 – 1429) empfindliche Niederlagen einstecken – die Stadt stellte sich damals auf die Seite der Aufständischen.
Auch wirtschaftlich schwächelte das Kloster. 1438 verkaufte es deshalb dem St. Galler Bürger Hugo von Watt Land und Rechte in Steinach. 1459 gelangte beides in den Besitz der Stadt und diese baute Hafenanlagen sowie 1473 ein Lagerhaus: das Gredhaus («Gred» ist ein altes Wort für eine Lagerfläche). Via Steinach intensivierten die St. Galler den Warenaustausch über den See. Dieser war in Zeiten dichter Wälder und schlechter Strassen eher Verbindung als Grenze und St. Gallens Kontakte mit dem Bodenseeraum waren deutlich enger als etwa jene in Richtung Zürich. Südwärts wurde vor allem Getreide verschifft, nordwärts Käse, Wein und Butter. Die Arbeitsteilung war für St. Galler, Thurgauer und Appenzeller lukrativ – sie rächte sich aber später mehrfach bei Hungersnöten. Auch viele mit Tuch, Leinwand und Stickereien beladene Schiffe stachen im Lauf der Jahrhunderte in Steinach in den See.
Zurück zum Gredhaus. Dieses hatte seine Funktion bereits einige Zeit erfüllt, als die Rivalität zwischen Stadt und Kloster St. Gallen erneut eskalierte. Daraufhin beschloss der Abt, das Kloster nach Rorschach zu verlegen und begann 1487 mit dem Bau einer Anlage. Der drohende Wegzug stellte die Stadt vor Probleme: Das Kloster war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und St. Gallen befürchtete, dass das kleine Rorschach zur ernsten Konkurrenz werden könnte. Im Juli 1489 stürmten deshalb St. Galler, Rheintaler und Appenzeller die Baustelle und steckten sie in Brand.
Der «Rorschacher Klosterbruch» war keine besonders kluge Aktion. Der Abt rief die Eidgenossen zu Hilfe und diesen hatten die Aufständischen nichts entgegenzusetzen. Die Stadt musste Schadenersatz leisten, verlor Rechte und Gebiet und damit unter anderem auch das Gredhaus. Das Kloster hingegen sicherte sich die Macht über den grössten Teil des heutigen Kantonsgebiets für weitere 400 Jahre. Das Rheintal ging als «Gemeine Herrschaft» an die Eidgenossenschaft. Und so erreichten die Schweizer im geschichtsträchtigen Jahr 1491 zwar nicht die Neue Welt – aber immerhin das Ufer des Bodensees.
Digital in die Vergangenheit
Der Blog des Schweizerischen Nationalmuseums publiziert regelmässig Artikel über historische Themen. Diese reichen von den Habsburgern über Auslandschweizer bis hin zu heimischer Popmusik, die es zu Weltruhm gebracht hat. Der Blog beleuchtet viele Facetten der Landesgeschichte in den Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch. Mehr dazu gibt es unter: blog.nationalmuseum.ch