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Fritz Güttingers fast fünfzigjährige Übersetzung von Henry David Thoreaus Lebensbericht "Walden" in einer neuen überarbeiteten Fassung im Manesse-Verlag erlaubt es, den angeblich versponnenen solitären Waldgänger in Neu-England zu vergessen und ihn Menschen mit einem breiten Wissen über die Welt zur Kenntnissen zu nehmen.
Von Aurel Schmidt
Seit diesem Jahr liegt auch die alte Übersetzung Güttingers in einer "überarbeiteten Neuausgabe" vor. Es ist nach wie vor die am besten lesbare Textfassung, die jedoch diverse Mängel aufweist. Güttinger, Lehrer in Winterthur, Übersetzer von Melville und anderen Autoren sowie Filmtheoretiker, hatte sich verschiedene Freiheiten erlaubt.
Die Stelle, wo Henry David Thoreaus „cabin“ stand.
Durch die Bäume schimmert der Walden Pond.
Copyright Aurel Schmidt
Zu den Fussnoten. Die meisten beziehen sich auf historische Ereignisse und geben Textquellen an. Vielleicht muss die "Mayflower" nicht ausdrücklich erklärt werden, aber sie kann es. Gemeint ist damit das Schiff, mit dem 1620 die ersten "Pilgerväter" in Plymouth landeten. Die ersten Religionsflüchtlinge aus England weren so bezeichnet, die mit der Absicht gekommen waren, sich dauerhaft in Nordamerika niederzulassen. Deren Nachkommen waren bald in einen Ausrottungskrieg mit der indianischen Bevölkerung begriffen.
Wer aber war zum Beispiel John Evelyn, den Thoreau zweimal zitierte? Es war ein englischer Gartenbaumeister, mit dessen Anschauungen über Baum- und Waldpflege, Düngung und Betretungsrechte Thoreau sich auseinandersetzte.
Auch Emmerich und Fischer weisen minimale Fussnoten auf, Ziha verzichten vollständig darauf. Zum Vergleich: Philipp Van Doren Stern führt in seiner Edition "The Annotated Walden" (1970) 1010 Fussnoten auf. Der Hinweis auf viele Quellen, auf die Thoreau sich bezog, legt nahe, dass er alles andere als ein "Zivilisationsverweigerer" war, als was er oft gern abgestempelt wird, sondern im Gegenteil ein Mensch von umfassender Bildung. Er hatte am Harvard College, aus dem später die Harvard University hervorging, studiert und war in der Lage, Homer und Aeschylus im griechischen Original zu lesen.
Mit Bedacht leben
Ein Verweigerer war er also bestimmt nicht, ein Zivilisationskritiker dagegen schon. Sein Lebensziel war, so zu leben, wie es ihm passte. Von einem irischen Bahnbau-Arbeiter hatte er eine "shack" (Bretterbude, Baracke), oft auch als "cabin" (Holzhütte) bezeichnet, erworben und umgebaut und darin am Ufer des Walden Pond in der Nähe von Concord, Massachusetts, von 1845 bis 1847 gewohnt (oder eher "gehaust"). Die dort verbrachte Zeit ist in "Walden" beschrieben. Die Umstände erlaubten ihm, allen unwürdigen Nebensächlichkeiten aus demWeg zu gehen und sich so ausschliesslich wie nur möglich an das Essentielle im Leben zu halten. Er schreibt:
„Ich bin in den Wald gegangen, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, es nur mit den Grundtatsachen des Daseins zu tun zu haben und zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben.“
Bedauerlich ist es, dass man in der verstümmelten, inzwischen überarbeiteten Übersetzung der alten Manesse-Ausgabe des Buchs lesen musste: "Ich möchte nicht zu denen gehören, die einen Nagel in Lattenwerk und Verputz einschlagen; dergleichen würde mich nicht schlafen lassen. Man schlage einen Nagel so fest ein, dass man nachts aufwachen und mit Genugtuung an seine Arbeit denken kann. Nur dadurch hält er die Welt für Dich zusammen" (leicht gekürzt wiedergegeben).
Im Original folgt direkt anschliessend der Zusatz: "Jeder Nagel sollte eine Niete im Getriebe des Universums sein." Diese Ergänzung hat Güttinger weggelassen. Warum, bleibt unerklärlich. Erst damit bekommt die Aussage überhaupt eine erweiterte, schon fast universelle Bedeutung. In der Manesse-Ausgabe 2020 ist der Originalwortlaut wiederhergestellt. Übrigens steht im Original an Stelle von "Getriebe des Universums": "the machine of the Universe". Das Universum als Maschine ist eine Interpretation, mit der Thoreau seiner Zeit weit voraus war – vorausgesetzt, dass man mit der Geschichte der Maschinenmetapher nicht schon bei René Descartes oder noch früher beginnt. Auch bei Ziha ist von "Getriebe" die Rede, während Emmerich und Fischer mit "Maschine des Weltalls" übersetzen.
Noch ein letzter Hinweis auf Güttingers Übersetzung. In der alten Fassung steht: "Unser Leben ist wie ein Staatenbund, zusammengesetzt aus lauter Kleinstaaten mit ständig schwankenden Grenzen, so dass kein Mensch sagen kann, wie sie in einem gegebenen Augenblick verlaufen." In der neuen Manesse-Ausgabe heisst es jetzt in Übereinstimmung mit dem Original: "Unser Leben ist wie ein deutscher Staatenbund, zusammengesetzt aus lauter Kleinstaaten, mit ständig wandelbaren Grenzen, so dass noch nicht einmal ein Deutscher sagen kann, wo sie zu einem gegebenen Zeitpunkt verlaufen."
Diese und diverse weitere, inzwischen behobene Ungenauigkeiten zeigen, dass der solitäre, angeblich leicht verschrobene Waldgänger über die damaligen politischen Kleinstaaten-Verhältnisse im fernen Deutschland, denen ab 1871 Bismarck ein Ende bereitete, bestens Bescheid wusste. Warum also diese und andere Eingriffe? Schwer zu sagen. Fest steht nur, dass die Manesse-Ausgabe 2020 einen Thoreau eröffnet, dessen geistiger Horizont jetzt so angemessen gewürdigt werden kann, wie er es verdient.
Die Manesse-Ausgabe 2020 von Henry David Thoreau, "Walden" umfasst 596 Seiten und ist mit einem ausgezeichneten Nachwort von Susanne Ostwald versehen.
14. August 2020