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Leben mit Covid-19 im Kanton Waadt
Auch wenn biologische Faktoren wichtig sind, um Unterschiede in der Virusübertragung zu verstehen, können die Ausbreitung der Krankheit und die Anwendung von Schutzmassnahmen nicht richtig erfasst und bewertet werden, ohne die sozialen Lebensbedingungen in lokalen Kontexten zu berücksichtigen.
Hintergrund
Die Covid-19-Pandemie hat deutlich gemacht, dass jede Person und Gemeinschaft unterschiedlich betroffen ist. Es hat sich gezeigt, dass das alltägliche Umfeld, d. h. die Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie die familiären und sonstigen sozialen Beziehungen, eine entscheidende Rolle für das Risiko der Exposition, der Virusübertragung und der Schutzmassnahmen spielen. In unserem Projekt untersuchten wir qualitativ, wie die Lebensbedingungen diese Faktoren beeinflussen.
Ziel
In diesem medizinisch-anthropologischen Projekt untersuchten wir, wie die Lebensbedingungen - also das alltägliche Umfeld, die sozialen und wirtschaftlichen Umstände und die physische Umgebung - das Risiko der Exposition und der Virusübertragung sowie die Anwendung von Schutzmassnahmen in drei Bevölkerungsgruppen beeinflussen: in der Allgemeinbevölkerung, bei Beschäftigten in Dienstleistungen der Grundversorgung und bei Asylsuchenden.
Resultate
Auf der Grundlage von Interviews beschreiben wir den "flexiblen Einschluss" in der Schweiz als ein Governance-Regime, das auf dem Prinzip der individuellen Verantwortung beruht (Bühler et al. 2022). Die Ergebnisse bestätigen die Bedeutung der Verfügbarkeit von Raum bei der Aushandlung von Risiko und Schutz.
Die meisten Pflegetätigkeiten wurden weiterhin an weibliche Familienmitglieder delegiert. Die Rolle der Männer veränderte sich, da sie eine grössere moralische Verantwortung für den Schutz der Familien übernahmen (Bühler et al. 2021). Unsere Studie zeigt die Notwendigkeit konkreter Massnahmen zur Bewältigung der moralischen Verantwortung der Pflege und der Belastung im täglichen Leben. Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen, dass Anbieter von Betreuungsdiensten materielle und emotionale Unterstützung erhalten sollten, um geschlechtsspezifische Ungleichheiten abzumildern.
In Bezug auf Asylsuchende haben wir gezeigt, dass geteilte Wohnräume eine Quelle der Besorgnis war und Schutzmassnahmen als Verstärkung der sozialen Isolation wahrgenommen wurden. (Morisod et al. 2023). Unsere Studie zeigt die Auswirkungen der Pandemie auf Asylsuchende und wie wichtig es ist, Massnahmen auf ihre Bedürfnisse und Lebensbedingungen abzustimmen.
Für die Beschäftigten in der Grundversorgung haben wir die Bedeutungen des Risikos und die Verhandlungen über die Virusexposition zwischen der beruflichen und der privaten Sphäre beleuchtet. Dies bestätigt, dass Risiko als eine relationale und situierte Kategorie verstanden werden muss. Unsere Studie zeigt, dass das Risiko einer viralen Exposition durch das Risiko eines finanziellen Einkommensverlustes gewichtet wird. Wir haben untersucht, wie "wesentliche Arbeit" während der Pandemie verstanden und erlebt wurde, und wir haben die Beziehung zur Arbeit beleuchtet, die eine Schutzfunktion hat und Stress und Druck aufgrund der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen erhöht.
Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Pandemie
Gemeinsam mit den Akteuren erarbeiteten wir Empfehlungen. Das Risikomanagement im gemeinsamen Raum sowie Stress wurden als wesentliche Probleme identifiziert. Weitere wichtige Erkenntnisse aus dem Projekt sind Probleme in der Kommunikation, mangelnder Kontakt von Gesundheitsfachpersonen und der Bevölkerung, sowie die Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit. Eine wichtige Empfehlung lautet, dass bereits zu Beginn einer Krise für Unterstützung bei psychologischen Problemen gesorgt werden sollte.
Originaltitel
Daily life experiences of Covid-19: an ethnographic exploration of viral exposure, protective practices and the making of vulnerabilities through the lens of living conditions in Canton de Vaud