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Kindermusik
Ausstellung der Zentralbibliothek Zürich im Opernhaus Zürich, 2008/2009
Kinderkram?
Mitnichten. Oder würden Sie Dido und Aeneas von Henry Purcell als Kinderkram bezeichnen? Denn dieses Werk, dessen erste dokumentierte Aufführung in einer Mädchenschule in Chelsea stattfand, gilt als erste Schuloper. Oder wie sieht es aus mit Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel, Sergej Prokofieffs Peter und der Wolf oder mit der Kindersinfonie von Leopold Mozart? Auch so gegensätzliche Werke wie Claude Debussys Children's Corner mit der charmant-selbstironischen Widmung "A ma chère petite Chouchou, avec les tendres excuses de son Père pour ce qui va suivre" und Anny Roth-Dalberts Trio für Querflöte, Violine und Klavier, das sie im Alter von 91 Jahren für Ihre Urenkel Res, Barbara und Michi komponiert hat, lassen sich ebenso wenig als "Kram" abtun.
Musik für Kinder?
Da steigen sofort die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit auf. Wer hat nicht schon im von Tomi Ungerer illustrierten Grossen Liederbuch geblättert. Und wohl jedes Kind hat Alle meine Entchen gesungen. Die in der Ausstellung gezeigte Edition von 1927 verbindet die Illustration mit unterschwelliger Pädagogik: Die Entlein bilden den Melodieverlauf in Höhe und Tondauer nach, so stehen grosse Enten für Viertelnoten, kleine Entchen für Achtelnoten. Die von der European String Teachers Association ausgezeichneten Wasserspiele von Alfred Felder bringen Kindern die zeitgenössische Musik nahe.
Für den Schulgebrauch gedacht ist die Synopsis von Johannes Fries, die mit einer heutigen Einführung in die Musiktheorie von Josef Röösli und Walter Keller-Löwry (1975) verblüffende Gemeinsamkeiten aufweist. Auch die Lieder von Hans Georg Nägeli, der Pestalozzis Ideen im musikalischen Bereich umsetzte, sind ebenso für die Schule komponiert wie die heutigen Schulgesangbücher, die in der Schau in mehreren Generationen vertreten sind, oder Mir gönd in Zoo. Letzteres wurde von der Zürcher Liederbuchanstalt publiziert und vom Cabaret Rotstift mit den Schlieremer Chind eingespielt. Prägende Erfahrungen verbinden sich sicher auch mit dem von Rudolf Schoch geförderten Blockflötenunterricht oder dem Orffschen Instrumentarium.
Musik von Kindern?
An Musikalien für Kinder haben diese oft selber mitgewirkt, so sind bei Mir gönd in Zoo die Illustrationen von Schülern gezeichnet, in Der Hahn fliegt auf das Dach finden sich zehn Kanons auf Texte von Kindern. Dass die Kinder und Jugendlichen dabei auf ihnen nahe stehende Themen zurückgreifen, zeigt sich in der ersten Oper von Othmar Schoeck, der als ca. 15-Jähriger Karl Mays Schatz im Silbersee vertonte. Das Libretto dazu hat sein Bruder Walter verfasst. Die Vielseitigkeit der kindlichen Talente, die noch nicht auf eine Sparte festgelegt sind, spiegelt sich darin, dass sich auf der Ausstellungstafel der Kinderkomponisten die späteren hauptberuflichen Komponisten in der Minderheit befinden. Neben dem Pianisten und Komponisten Wladimir Vogel, dem Beethovenforscher Willy Hess und dem Germanisten Emil Staiger ist gleich eine ganze Dirigententrias - Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer und Hermann Hans Wetzler - vertreten.
Musik von Kindern für Kinder?
Kinder musizieren aber nicht nur im Spiel oder in der Schule, sondern treten auch als Interpreten vor (Kinder-)Publikum auf. Sei es unter dem Weihnachtsbaum, sei es in einer Schuloper, oder moderner, einem Musical. Eine lange Tradition führt hier von Henry Purcell über u.a. Wolfgang Amadeus Mozart, Benjamin Britten und Paul Hindemith zu heutigen Komponisten. Zu den Schlieremer Chind gesellen sich in der Ausstellung Klecks und das Katzenfest im Schulhaus von Alfred Felder und das Weihnachtsspiel Liecht uf de Erde von Dieter Jordi.
Musik von Kindern für Kinder und Erwachsene!
Dieser Streifzug durch die Kindermusik hat also nicht nur Kindern, sondern gerade auch Erwachsenen Einiges zu bieten. Lassen Sie sich in Ihre Erinnerungen entführen.
Ausstellungskonzept: Angelika Salge