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Frau F., eine nicht unattraktive, solariumgebräunte Mittvierzigerin, Mutter zweier kleiner Kinder, ein Auftreten mit einer Mischung von verlorengegangener Entschlossenheit und bekümmerter Müdigkeit, war gerade aus einem relativ kurzen Erholungsaufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ausgetreten und hatte von dort als Empfehlung mit auf den Weg bekommen, sich einer ambulanten Hypnosetherapie zu unterziehen. Diese sollte ihr helfen, den schädlichen Gebrauch von Alkohol, der sie in den letzten Monaten zunehmend in Besitz genommen hatte, durch die Macht wirksamer Suggestionen unter Kontrolle zu bringen… Folgsam aber nicht restlos überzeugt war sie zu mir gekommen. Dass sie schon psychotherapieerfahren war, offenbarte sie damit, dass sie mich gleich über eine alte, überwundene Anorexie mit entsprechenden, langdauernden Behandlungen unterrichtete. Erst dann schilderte sie mir die aktuelle, aussichtslose Leere in ihrem Leben als mittelständige, unterbeschäftige Hausfrau, in einem modernen Eigenheim mit kleinem Garten wohnend, im Abseits eines ländlichen Dorfes, und mit einem leidlich erfolgreichen Aussendienstmitarbeiter verheiratet, der folglich viel unterwegs war.
Nicht genau wissend, was ich von dieser Situation halten sollte – besonders wenn im Hintergrund eine mögliche Suchtthematik schwelte – zog ich es vor, nicht sofort mit einer gezielten Hypnose zu beginnen, sondern ihr zuerst eine Selbsthypnosetechnik zu zeigen. Dies würde mir schon einiges über ihre autonomen Selbststeuerungspotentiale Aufschluss geben. Tatsächlich zeigte sie sich motiviert, sie hatte regelmässig geübt und… sie erzählte mir folgenden, kurzen Traum. Es war also in der zweiten Sitzung, sie bezeichnete ihn als den „Unfalltraum“ und konnte ihn mit dem besten Willen nicht verstehen.
«Ich fahre mit meinem Wagen in Richtung Zentrum der Stadt und muss an einer bestimmten Stelle die Tramschienen überqueren. Doch der Übergang ist hoffnungslos blockiert, weil genau dort ein Unfall stattgefunden hat, in welchem zwei Strassenbahnen ineinander gefahren und miteinander verkeilt sind. Ich habe es aber eilig, werde nervös und erwache mit pochendem Herzen.»
Sogleich beginne ich mit dem geschilderten Vorgehen, notiere alles genau, frage nach, lese nochmals vor, lade die Patientin ein, in Trance zu gehen, erzähle ihr den Traum in ihre Trance hinein und nehme dabei die notwendigen sprachlichen Justierungen vor, ich lasse ihr Zeit, damit ihr Unbewusstes das von ihm ausgesuchte Element in den Fokus bringen kann – und warte auf eine Rückmeldung. Es kommt aber keine. Sie verweilt einige Minuten schweigend – aber sichtlich nicht eingeschlafen – um schliesslich unversehens die Hypnose ganz autonom zu verlassen. Sie öffnet die Augen und berichtet ganz aufgeregt, es sei „total spannend gewesen“: Das Wichtige war nicht mehr der Unfall, sondern… die Schienen. Diese seien der neue Fokus geworden: Sie hätten sich in zwei helle, orange-leuchtende Lichter verwandelt, die sich in einen langen Tunnel hineingezogen hätten. Dort habe eine Fahrt in schwindelerregender Geschwindigkeit begonnen, und es habe sie herumgewirbelt. Dann habe sich der Tunnel aufgelöst, hell leuchtende Delphine hätten sich wie tanzend in der Luft geschwungen. Daraus seien wunderbare Vulkane und Lavaströme entstanden. Deren Urkraft wurde in ihr körperlich spürbar. „Das ist meine Energie“, wurde ihr klar, und sie spürte, dass sie lernen müsse, mit ihr zu spielen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde sie ganz ruhig, eine blaue Ruhe. Schliesslich tauchte eine goldene Kugel auf, sie nahm sie gleich in ihren Schoss auf, im Wissen, dass sie in Zukunft innig zu ihr gehöre.
Zwei Wochen später sehe ich die Patientin wieder. Was ist mit der goldenen Kugel passiert? Die Patientin hat sich von ihrem Mann ziemlich abrupt getrennt – eine nach ihren Aussagen überfällige Entscheidung. Sie beschreibt nun einige konkrete Problemkreise ihrer Ehe, welche die Notwendigkeit dieser Trennung nachvollziehbar machen. Sie fühlt sich erleichtert, hat ihre Energie wieder gefunden. Alkohol ist kein Thema mehr.
Eindrücklich – und typisch für die hypnotische Traumamplifikation – ist, wie aus einem «Unfalltraum» der «goldene Ball-Traum» wurde, wie also aus einer problemfokussierten Betrachtungsweise ohne irgendwelches, intellektuelles Zutun eine unerwartete Ressource aktiv wurde. Wie lange hätten wir diskutieren müssen, um in den beiden Strassenbahnen, die den Weg versperrten, die Ehethematik zu erkennen, und wie viel Zeit hätten wir ohne Hypnose gebraucht, um die Verspieltheit der Delphine, die vulkanische Erdkraft und den Zugang zu ihrer innersten Weisheit zu aktivieren?