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Schweizer Verschwörungen, die keine waren
“Die Abwahl” von Hansjürg Zumstein
Nie wurde in der Schweiz das Wort ‘Geheimplan’ öfters herumgeschleift, als vor den Nationalrats- und nach den Bundesratswahlen 2007. Sowohl zur GPK-Affäre um Bundesrat Blocher und Bundesanwalt Rorschacher als auch zur “Abwahl” Herrn Blochers produzierte das Schweizer Fernsehen je einen knapp einstündigen Dokumentarfilm.
Von Lukas Hunziker.
“Die Abwahl” konzentriert sich, wie der Untertitel verkündet, ganz auf die “Geheimoperation gegen Christoph Blocher”. Der Film versucht, die Planung der Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf und die damit verbundene “Abwahl” Christoph Blochers nachzuzeichnen. Dies geschieht vor allem über Fernsehmaterial der SF Wahlberichterstattung sowie über Interviews mit diversen Beteiligten. Als Drahtzieher kommen SP-Fraktionschefin Ursula Wyss und CVP-Präsident Christophe Darbellay zu Wort, eher neutral und sachlich äussert sich FDP-Präsident Fulvio Pelli und die Opferseite wird vertreten vom ehemaligen SVP-Präsident Ueli Maurer. Trotz seiner schon fast unheimlichen Wirkung bei den politischen Parteien fördert der Film jedoch wenig zutage, was man nicht schon in irgendeiner Zeitung hätte lesen können. “Die Abwahl” bemüht sich, die Vorbereitungen für Blochers Absetzung als Geheimplan auszugeben, setzt Nachtaufnahmen, schummriges Licht und Gruselmusik ein, um dem Ganzen die Aura eines Politskandals zu geben. Während der Film aber Widmer-Schlumpfs aktive Beteiligung an diesem “Geheimplan” nicht beweisen kann, vergisst er, einen Blick auf die Bundesratswahl-Geschichte zu werfen und Blochers Nicht-Wiederwahl mit der Abwahl von Ruth Metzler oder der Nicht-Wahl von Christiane Brunner 1993 in Beziehung zu setzen.
Und noch mal (kein) Geheimplan
Wesentlich seriöser recherchiert und weniger polemisch kommt der Bonusfilm der DVD, “Aktion Geheimplan – Wie aus Notizen Komplotte wurden” daher. Darin werden die Hintergründe des GPK-Berichts, welcher behauptet, Bocher hätte Bundesanwalt Valentin Rorschacher zu dessen Rücktritt gedrängt, erläutert. Kern des Films ist der Tumult, welcher zwischen der Entdeckung der belastenden Notizen und der Pressekonferenz von Lucrezia Meier-Schatz vom 5. September über die Bühne ging. Durch zahlreiche Interviews mit den Beteiligten wird klar, dass man bei dieser Aktion nicht von Geheimplan sprechen kann, und dass am Rummel um den GPK-Bericht vor allem die SVP Schuld war, welche mit Zeitungsinseraten vor einem Geheimplan warnten, als die Subkommission der GPK die Notizen noch kaum richtig ernst nahm. Bedenklich an der Affäre sind zwei Dinge: erstens wurden die vertraulichen Informationen über die Existenz etwaiger Bundesrat Blocher belastender Notizen irgendwie der SVP zugespielt. Entweder geschah dies auf Umwegen über die CVP (in diesem Fall wäre Meier-Schatz das Plappermaul gewesen) oder über den heutigen SVP-Präsidenten Toni Brunner, der ebenfalls in der Subkommission sass. Zweitens ist der gesamten Subkommission (mit Ausnahme des Grünen Geri Müller) vorzuwerfen, dass sie dem Druck der SVP und der Medien nachgab und mit der Affäre an die Öffentlichkeit trat, ohne dass sie auch nur einen der Vorwürfe beweisen konnte. Das Resultat ist bekannt: die SVP übernahm den Ball und dürfte einen beträchtlichen Teil ihres Wahlerfolgs dem inexistenten Geheimplan zu verdanken haben.
Sowohl “Die Abwahl” als auch “Aktion Geheimplan” sind interessante und wichtige Beiträge zum Schweizer Politdokumentarfilm. Obwohl beide zu offensichtlich mit suggestiven Filmtechniken arbeiten und “Die Abwahl” auf der SVP-Schiene fährt, welche der Wahl Widmer-Schlumpfs die Aura des Skandals aufsetzen will, sind die Filme für Politik-Interessierte ein Muss.
Seit dem 28. März 2008 im Handel.
Originaltitel: Die Abwahl (Schweiz 2008)
Regie: Hansjörg Zumstein
Darsteller: Christophe Darbellay, Ursula Wyss, Ueli Maurer, Fulvio Pelli
Genre: Politdokumentation
Dauer: 52 Minuten
Bildformat: 4:3
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Audio: Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Bonusfilm: Aktion Geheimplan
Vertrieb: Max Vision