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W. sind beständige, schildförmige und farbige Repräsentationszeichen einer Person, Fam., Körperschaft oder Institution. Sie sind im 2. Viertel des 12. Jh. als Unterscheidungsmerkmale der durch ihre Rüstung unkenntlich gewordenen Ritter entstanden und wurden allgemein verbreitet durch die Kreuzzüge, wo sie als Ordnungs- und Erkennungszeichen notwendig waren und nach arab. Vorbildern weiterentwickelt wurden. Darum wurde Grün als Farbe des Propheten Mohammed in den abendländ. W. vermieden, ausser für die Darstellung von Pflanzen und der ländl. Dreiberge. Als vornehmste Wappenfarben gelten die Metalle Gold und Silber (gelb und weiss), welche nicht aufeinander liegen dürfen. Die übrigen sind Rot (häufigste), Blau und Schwarz. Inhaltlich ergeben sich die sog. Heroldsbilder aus den Teilungen des Schildes -- z.B. senkrecht (gespalten) wie beim Luzerner, waagrecht (geteilt) wie beim Freiburger, schräg geteilt wie beim Zürcher W. -- oder Figuren wie Himmelskörper, Tiere, Pflanzen, Fabelwesen und Artefakte.
Unter der Tieren galt der Adler als das älteste und vornehmste, weil einzig er gegen die Sonne fliegen könne. Darum wurde er für das Röm. Reich übernommen. Häufigstes Wappenzeichen war der Löwe. Unter den Pflanzen waren Lilie und Rose, beide stilisiert, am beliebtesten. Ursprünglich auf dem Schild, von dem sie die Form behielten (weshalb die Wappenseite aus Träger- und nicht aus Betrachtersicht bezeichnet wird), wurden die W. bald auch auf dem Waffenkleid und auf Fahnen angebracht.
Wie in den umgebenden Ländern wählte auch im Gebiet der Schweiz der Adlige sein W. selbst. Vom 12. Jh. an wurden W. auch auf Siegeln als Beglaubigungszeichen angebracht. So nahmen sich ausser dem Adel kirchl. Institutionen (Bistümer, Klöster, Stifte usw.) W., ferner nach Autonomie strebende Körperschaften wie Zünfte, Städte und Länderorte. Diese übernahmen oft W. ihrer Herrschaft, so den Stab des Bf. von Basel (z.B. die Stadt Basel, später die Kt. Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Jura), die Löwen der Kyburger (z.B. Thurgau, Winterthur, Diessenhofen) oder den österr. Bindenschild (z.B. Zug). Andere sind von Kirchenpatronen herzuleiten (Fridolin für Glarus, Schlüssel Petri für Ob- und Nidwalden). Wieder andere wählten sich redende W. zum Namen wie Bern (Bär), Schaffhausen (Schafbock) oder das Kloster Muri (Mauer). Die Zünfte nahmen mit Vorliebe Gegenstände oder Tiere aus ihren Handwerken in ihre W. Vom Ende des 12. Jh. an setzten Adlige und Fürsten Diener ein, welche beim Turnier ordnend einzugreifen hatten, deshalb die W. kennen mussten und Wappenregister anlegten. Vom 14. Jh. an wurden diese Amtsträger Herolde genannt. Aus ihrem Amtsnamen entwickelte sich die Bezeichnung Heraldik für die wiss. Wappenkunde.
Ausser dem Schild wurde im 13. Jh. der Helm in seinen zeitl. Erscheinungsformen mit Helmdecke und Helmzier (Zimier) zum Bestandteil des Vollwappens. Geistl. Personen und Institutionen verwendeten statt des Helms die Kopfbedeckung (Mitra, Quastenhut) und den Stab ihres Rangs im Oberwappen. Die Verbindung von Fam. oder Herrschaften drückte man aus, indem man die betreffenden Wappeninhalte in einem Schild vereinigte bzw. quadrierte.
1260-64 verfasste der Zürcher Kantor Konrad von Mure mit dem "Clipearius Teutonicorum" die älteste Wappenbeschreibung im deutschsprachigen Raum (73 W. des dt. Hochadels). Aus der Übung, bei festl. Anlässen die Wappenschilde der Gäste aufzuhängen, wurden W. dekorativ an Decken und Wände gemalt. Erhalten sind z.B. die W. an den Balken über dem Kaminhut im Caminata-Haus auf Valeria bei Sitten (wohl 1224), die Balkendecken mit Adelswappen aus der jeweiligen Region im Schönen Haus zu Basel (letztes Drittel des 13. Jh.) sowie in Zürich Wappenbalken aus dem Haus zum Loch (1306) und Wappenfriese im Haus zum langen Keller (um 1300). Einzigartig ist der Fries von ursprünglich 80 hochadligen W., hauptsächlich aus dem süddt.-schweiz. Raum, mit hebr. Beschriftung im Haus Brunngasse 8 in Zürich (1. Hälfte des 14. Jh.). Aus derselben Zeit stammen die bedeutendsten ma. Wappensammlungen: Die Wappenrolle von Zürich ist um 1340 wohl in Konstanz, St. Gallen oder Pfäfers entstanden. Diese wichtigste Wappensammlung des MA enthält auf einem 4 m langen (aus 13 Stücken zusammengenähten) und ca. 12,5 cm breiten Pergamentstreifen 559 W. des hohen und niederen Adels, besonders aus dem Süden des Reichs, sowie 28 Banner dt. Bistümer. Ebenfalls zahlreiche W. enthalten die Manessische Handschrift und die Weingartner Liederhandschrift. Zahlreiche jüngere Wappenbücher finden sich in kant. und städt. Archiven, Bibliotheken und Museen.
Im Zug der Autonomiebestrebungen versahen sich in der alten Eidgenossenschaft schon im SpätMA auch Bürger und Bauern mit W. Sie übernahmen selbst den Helm, wählten aber für den Inhalt häufig Haus- und Handwerkszeichen oder Gebrauchsgegenstände. Als älteste Sammlung schweiz. Bürgerwappen gilt das "Wappenbüchlein der Pfisterzunft zu Luzern" (1408). Bald wurden die W. in der Schweiz zum Hauptelement der kommunalen, korporativen und privaten Selbstdarstellung, wobei oft eine Mauerkrone die Städtewappen zierte. Die ital. Republiken nachahmend, führte Bern zudem den Herzogshut im Oberwappen. Die W. der erworbenen Gebiete schmücken seit dem 15. Jh. das Deckengewölbe der kleinen Ratsstube (heute Regierungsratssaal) im Berner Rathaus, während im Basler Rathaus die W. der eidg. Bundesgenossen aussen und innen mehrmals angebracht wurden.
Mit der Verbreitung der Fensterverglasung im 15. Jh. kamen die Wappenscheiben (Kabinettscheiben) auf. Auf diesen wurden den Stifterwappen mit ihren Wappenhaltern oft religiöse, mytholog. oder hist. Szenen beigegeben. Die W. der eidg. Orte wurden gewöhnlich doppelt (gegengleich) unter dem Reichsadler als Wappenpyramide gruppiert. Nach der Loslösung vom Reich 1648 verschwand der Reichsadler allmählich, z.T. erst im 18. Jh.
Schon im 15. Jh. wurde es in der Schweiz Sitte, dass Städte, Klöster, Zünfte, Schützengesellschaften und Private Fenster mit Wappenscheiben zur Ausstattung neu errichteter Rat-, Zunft- und Schützenhäuser, Kirchen, Kapellen, Klöster und Schlösser schenkten. Diese Sitte bewirkte eine besondere Blüte der schweiz. Glasmalerei. Im Basler Rathaus oder im ehem. Kloster Wettingen sind solche Fensterreihen noch in ursprüngl. Lage erhalten. In Anlehnung an die grossen Münzen liessen sich die regierenden eidg. Orte sog. Ämterscheiben anfertigen, auf denen die W. ihrer Vogteien und Ämter meist kreisförmig um die Wappenpyramide herum angeordnet wurden.
Ebenfalls kreisförmig sind die sog. Wappenrosen; jene von Hans Bildstein von 1651 hängt noch im grossen Appenzeller Ratssaal. Um eine Gerichtsszene angeordnet sind die Fahnen der Rhoden und die W. der damals regierenden Ratsherren. Eine ganze Reihe solcher Wappenrosen der Solothurner Zünfte vom 16. bis 19. Jh. hütet das Hist. Museum Blumenstein in Solothurn.
Die ausnehmende Beliebtheit der W. in der Schweiz zeigt sich auch in den Schilten, d.h. den W. als Farbzeichen auf den deutschschweiz. Spielkarten. Diese Kartenbilder entstanden um die Mitte des 15. Jh. in Basel und waren einst in der gesamten Eidgenossenschaft verbreitet, ehe sie im 18. Jh. durch die franz. Farbzeichen nach Osten zurückgedrängt wurden. Obschon in der alten Eidgenossenschaft stets Wappenfreiheit herrschte, liessen sich Jungadlige gerne durch ausländ. Monarchen gegen teures Geld W. verleihen, bestätigen oder aufbessern.
Gegen Ende des 17. Jh. nahm die Wappenfreudigkeit allmählich etwas ab, doch behielten die W. ihren Stellenwert auch während der Revolutionszeit. Das vorher verpönte Grün wurde nun als Farbe der Freiheit bevorzugt und in die W. der neuen Kt. Waadt, Neuenburg, St. Gallen und Thurgau aufgenommen (im Letzteren kombiniert mit den kyburg. Löwen, jedoch heraldisch unkorrekt Gold auf Silber). Die alten Kantone mit gleichnamigem Hauptort (sowie Obwalden und Sarnen) teilen das W. mit diesem, mit Ausnahme von Freiburg und Schaffhausen. In den übrigen alten und in allen neuen Kantonen, ausser Genf, führen der Hauptort und der Stand versch. W. Im 19. und 20. Jh. versahen sich die bisher wappenlosen alten und die zahlreichen neu entstandenen Gem. mit W., sodass 1939 jede Schweizer Gem. mit ihrem W. an der Landi vertreten war. Die alte Eidgenossenschaft besass kein gemeinsames W., da jeder Kanton souverän war. Das Schweizerkreuz wurde erst 1815 zum Schweizer W.
Heraldik wird in Europa, ausgehend von Frankreich und insbesondere geprägt durch die grundlegenden Arbeiten von Philipp Jacob Spener in Strassburg, seit dem 17. Jh. als Lehrfach unterrichtet. Gefördert durch die Mittelalterbegeisterung der Romantik wurde sie in der Schweiz im 19. Jh. zur Wissenschaft ausgebaut. Ihre besondere Pflege begann 1860 mit der Faksimile-Publikation der Zürcher Wappenrolle durch die Antiquar. Gesellschaft Zürich. 1887 begründete der Neuenburger Maurice Tripet die Zeitschrift "Archives héraldiques et sigillographiques Suisses" (später "Archives héraldiques suisses"), die zum Keim der 1891 gegr. Schweizerischen Herald. Gesellschaft und 1892 zu deren Organ wurde, seit 1897 mit dem dt. Paralleltitel "Schweizer Archiv für Heraldik". 1954-87 publizierte die Schweizerische Herald. Gesellschaft zudem vierteljährlich das internat. Bulletin "Archivum heraldicum". Die Heraldik befasst sich mit der Blasonierung, d.h. der fachsprachl. Beschreibung der W., mit der Geschichte und den Regeln ihres Gebrauchs, mit Entwurf und Darstellung des W.s sowie mit dem Wappenrecht. Nach wie vor darf in der Schweiz jede Person ein W. führen und muss es nicht registrieren lassen. Jedoch geniesst das W. wie der Name den Schutz der Persönlichkeitsrechte nach Art. 28 und 29 des ZGB. W. erloschener Fam. anzunehmen, ist nicht gern gesehen. An den Schweizer Universitäten wird Heraldik im Rahmen der Historischen Hilfswissenschaften gelehrt.
Archive
– SLM
Literatur
– SAHer, 1887-
– P. Ganz, Gesch. der herald. Kunst in der Schweiz im 12. und 13. Jh., 1899
– Die Wappenrolle von Zürich, hg. von W. Merz, F. Hegi, 1930
– H. Hablützel, H. Hess, Monumenta heraldica Helvetiae, 1944
– L. Mühlemann, W. und Fahnen der Schweiz, 1977
– D.L. Galbreath, L. Jéquier, Hb. der Heraldik, 1989, (franz. 1942)
Autorin/Autor: Peter F. Kopp