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Ein Laborvirus wird flügge
Seit den Achtzigerjahren ist er ein treuer Feind der hiesigen Kastanienwälder: der Kastanienrindenkrebs. Neu will man behandelte Bäume sich selbst überlassen – sie sollen sich selbst wehren.
Seit den Achtzigerjahren ist er ein treuer Feind der hiesigen Kastanienwälder: der Kastanienrindenkrebs. Neu will man behandelte Bäume sich selbst überlassen – sie sollen sich selbst wehren.
Von Silja Lippuner
Man sagt, der Kastanienrindenkrebs sei durch eine asiatische Kastanienart eingeführt und verbreitet worden. Die amerikanische Kastanie hatte er Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Die europäischen Kastanienarten sind widerstandsfähiger, werden aber bei einem Befall empfindlich geschwächt.
Das Virus schwächt den Pilz
Die lokale Bekämpfung des Kastanienrindenkrebses ist Teil eines langfristig angelegten Projektes in Zusammenarbeit mit der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL, mitfinanziert vom Kanton St. Gallen. Das im Labor gezüchtete Hypovirus* soll den Pilz schwächen und so der Kastanie helfen, sich selber gegen den Befall zu wehren.
Das Virus wird mittels zweier Methoden ausgesetzt: klassisch, indem es unter die Rinde injiziert wird, oder indem ein mit dem Virus infiziertes Stück Kastanienholz nahe an der befallenen Stelle festgebunden wird. Nach zwei bis drei Jahren sieht man verlässliche Resultate. Die befallenen Patienten stehen während der ganzen Zeit unter Beobachtung. Regelmässig werden Proben entnommen und untersucht.
Nur noch kontrollieren
Im Kastaniendorf Murg ist das Projekt an einem Wendepunkt angelangt. Ab jetzt will man in den Kastanienwäldern nicht mehr eingreifen, sondern nur noch kontrollieren. Man hat nämlich beobachtet, dass das zur Bekämpfung gezüchtete Hypovirus anfängt, sich selbstständig weiter auszubreiten – zusammen mit dem Pilz.
Wie die WSL in einem Merkblatt beschreibt, bildet der Kastanienrindenkrebs auf der befallenen Rinde zweierlei Fruchtkörper: Pyknidien (eher selten) und Perithezien. Erstere können die Virusinfektion mit den Sporen weiterverteilen. So wird die «harmlose» Variante des Krebses verbreitet.
Etwa 300 «Krebse» behandelt
«Seit 2007/2009 wird das Virus in Murg auch in unbehandelten Krebsen immer wieder gefunden, was auf eine spontane Ausbreitung hinweist», so der Bericht der WSL. Mit anderen Worten: Der biologische Kreislauf wurde um einen Teilnehmer erweitert. Er hilft nun den Kastanienbäumen, mit dem Schädling fertigzuwerden, indem er ihn schwächt.
«Seit den ersten Hypovirus-Behandlungen 2001 wurden in Murg insgesamt etwa 300 Krebse (…) klassisch behandelt», heisst es im Bericht weiter. Die meisten der behandelten Krebse seien mit der Zeit ausgeheilt, was die hemmende Wirkung des Virus bestätige. Und: Untersuchungen von Krebsproben hätten gezeigt, dass sich das Virus in vielen Krebsen etabliert habe. Dies ist auch das Ziel der Behandlungen: das Virus stabil «auszuwildern» und so den Krebs zu kontrollieren.
«Es wird immer Befall geben»
«Es wird immer befallene Bäume geben», sagt Josef Kühne, der Revierförster von Murg. Allerdings werden diese Bäume mithilfe des Virus in der Lage sein, dem Pilz Paroli zu bieten. Die nächsten Kontrollen werden zeigen, wie die «Cheschtänä» und das Virus ohne menschliche Hilfe zugangekommen. Man muss dem Baum Zeit lassen, um zu sehen, ob er sich selber auskurieren kann. «Dazu bin ich auch bereit, hie und da eine Kastanie zu opfern», sagt Kühne.
Bereits sind erste «Patienten» sich selber überlassen. Auf einer Stippvisite besucht Josef Kühne einen von ihnen und prüft, wie er sich macht. Der Förster ist nur halb zufrieden. Der Krebs ist zwar kleiner geworden, jedoch zu wenig, als dass man positive Prognosen stellen könnte. Aber es ist ja erst der Anfang des «Ablöseprozesses».
Das Hypovirus kommt in manchen Regionen auch in der Natur vor. Es konnte als natürlicher Gegenspieler beobachtet und nachgezüchtet werden.