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Im Streit um die Bedeutung der Schlacht von Marignano geht es um Fakten versus Mythen. Die Historiker berufen sich auf die «Fakten», die es zu respektieren gelte, die Politiker dagegen auf die «Mythen», die für die Identität der Nation ebenso grosse Bedeutung hätten. Dabei gibt es keine rein faktische, politik- und mythenlose Geschichtsschreibung, weil die Historiker ihr Quellenmaterial immer unter bestimmten Gesichtspunkten ihrer Gegenwart auswählen. Es ginge darum, dass die Historiker sich ihrer Motive bewusst sind und jene des Politikers aufdecken, der die Geschichte für seine Politik instrumentalisiert.
Eine Bedingung für das Feiern historischer Jubiläen ist, dass man sich die historische Zeit als linearen Verlauf vorstellt. Das Mittelalter kannte diese Vorstellung nicht. Das Fanal für die Abfolge von Epochen und Jahrhunderten, für die Vorstellung von Geschichte als gestaltbarem Prozess gab 1789 die Französische Revolution.
Es war der liberale Historiker Paul Schweizer (1852–1932), der am Ende des 19. Jahrhunderts behauptete, die Schlacht von Marignano sei der Anfang der Schweizer Neutralität gewesen und nicht der Wiener Kongress von 1815. Er verteidigte dabei die Schweiz gegen die grossen monarchischen Mächte, die der Schweiz drohten, ihr den 1815 verliehenen Status der Neutralität zu entziehen, weil die junge Republik sozialistische Flüchtlinge aufnahm. Nach Paul Schweizer war die Neutralität viel älter und somit nicht zu entziehen. Heute soll Marignano die Unabhängigkeit der Schweiz belegen, als eines Landes, das sich aus der internationalen Politik heraus- und von Europa fernhält. In diesem politischen Vergangenheitsbezug wird die Zeit aufgehoben: Was die Schweiz war, soll sie bleiben, heute und morgen und übermorgen. Ähnliches geschieht aber auch, wenn die Geschichtsschreibung sich auf «Fakten» beruft, die sie gegen die Mythen ins Feld führt.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum DIG-26916