Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03561.jsonl.gz/1235

Unter einem Gondoliere verstehen wir normalerweise einen singenden Venezianer, der stehend eine Gondel durch die Kanäle von Venedig rudert und einen auffälligen Strohhut träg. Aber es gibt auch ganz andere Gondolieri, die ihre Arbeit weitab von venezianischen Wasserläufen verrichten. Gemeint sind die Gondelführer in den Luftseilbahnen des Alpenraums. Ihre Tätigkeit ist weniger pittoresk als die ihrer italienischen Kollegen. In der Regel stehen sie neben der Kabine der Luftseilbahn, bis sich diese gefüllt hat. Sind alle Passagiere eingestiegen, schliessen die Gondelführer mit ihrem Vierkantschlüssel erst ein Zugangstor und dann die Kabinentüre. Anschliessend stellen sie sich in der Kabine vor eine Schaltanlage mit verschiedenen Knöpfen und melden der Zentrale, dass ihre Gondel fahrbereit ist. Nur selten, etwa dann, wenn die Gondel lange nicht losfährt, suchen die Blicke der Reisenden den Gondelführer. Der steht dann unauffällig am Rand der Gondel und wartet, bis sich die Kabine in Bewegung setzt.
Es ist offensichtlich, dass der Gondelführer nicht aktiv dazu beiträgt, dass die Gondel fährt. Er steht einfach da, um mittels Knopfdruck zu melden, dass seine Kabine fahrbereit ist. Am Ende der Fahrt wartet er erneut auf ein akustisches Zeichen, um die Türen zu öffnen und die Gäste ins Freie zu entlassen. In den wenigen Minuten unterwegs verhalten sich die Gondelführer freilich recht unterschiedlich. Manche schauen in die Landschaft, manche sind auf die Schalttafel fokussiert, und einige wenige suchen das Gespräch mit den Mitreisenden. Einem Laien ist nie ganz klar, ob die Gondel auch ohne den Gondelführer fahren könnte. Doch schon die Anwesenheit eines Mannes, auf dessen Jacke das Logo der Bahn aufgedruckt ist, gibt ein Gefühl von Sicherheit.
Zufällig kam ich in den letzten Wochen in den Genuss diverser Gondelfahrten in verschiedenen Berggegenden der Schweiz. Im Wallis traf ich auf einen eher diskreten Gondelführer, dessen Anwesenheit ich beinahe schon vergessen hätte. Im Appenzellerland führte ein älterer Mann die Gondel, der die Namen der Berggipfel nannte und allerlei Anekdoten zum Besten gab, so dass einem die Talfahrt viel kürzer erschien als die Bergfahrt, bei der uns Stunden zuvor ein introvertierter Kollege des Geschichtenerzählers begleitet hatte. Im Berner Oberland fuhr ein Gondoliere mit, der seine Augen hinter einer verspiegelten Brille versteckt hielt und seinem Publikum während der ganzen Fahrt demonstrativ den Rücken zukehrte.
Interessant war dafür das Auftreten eines Gondelfahrers einer Luftseilbahngesellschaft in Graubünden. Der Mann trug seine Zipfelmütze mit jener Nonchalance, die nur urtümlichen Bergbewohnern eigen ist. Sein dunkler Bart sah aus, als habe er sich in allerhand Schneestürmen bewähren müssen. Zwischen seinen Lippen steckte der gelöschte Stummel eines Rio-6-Stumpens. Auf seiner Faserpelzjacke waren Spuren von Sägemehl sichtbar, so dass es wenig Phantasie brauchte, sich vorzustellen, dass dieser Gondelführer im Nebenberuf als Holzfäller oder Zimmermann arbeitete. Als ihn eine Touristin auf die kälter werdende Witterung ansprach, nickte er vielsagend, ohne den Mund zu öffnen. Auch als ihn wenig später ein Ausflügler fragte, ob die Wintersaison gut angefangen habe, war seine Antwort ein bedächtiges Nicken.
So sind sie, die echten Bergler, dachten wohl einige der Mitreisenden, schweigsam, ernst, aber auf ihre Art freundlich. Mir selbst fiel beim Beobachten des Kabinenchefs ein, dass ich einmal irgendwo gelesen hatte, die Landschaft forme den Charakter der Menschen. Und weil dieser Mann hier offenbar zwischen steilen Felsen und unweit des ewigen Eises aufgewachsen war, verhielt er sich seiner Umgebung entsprechend. Bestimmt kennt er jeden Pfad in dieser Gegend, ging es mir durch den Kopf, während ich auf seine soliden Bergschuhe schaute. Selbst als die Kabine mitten auf der Strecke unvermittelt stoppte und sich einige der Passagiere sorgenvoll umsahen, blieb der Mann seelenruhig. Und als etwas später über den Funk die Stimme eines Kollegen zu vernehmen war, bewegte unser Gondelführer den Kopf auf und ab, als sei er überzeugt, dass seine Kopfbewegung vom Funkgerät übertragen wird.
Wir alle, die wir an jenem Vormittag in besagter Gondel reisten, hätten diesen Prototyp eines Bergbewohners wohl längst vergessen, hätte der Gondoliere am Ende der Fahrt nicht ein kleines Mikrofon zur Hand genommen, um sich in einem bühnenreifen Hochdeutsch bei allen Mitreisenden für ihre Geduld zu bedanken.
Wo er herkomme, fragte ich den Bärtigen, als alle andern sich schon aufgemacht hatten, das Panorama zu bewundern. Er stamme aus Westfriesland, sagte er, dies sei seine erste Saison in der Schweiz. Er müsse sich noch ein wenig an die ungewohnte Berglandschaft gewöhnen, aber sonst beginne er sich allmählich einzuleben. Dann zündete er seinen halb gerauchten Stumpen an und wartete auf die Passagiere für die Talfahrt.