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Wissenschaft und romantische Merkwürdigkeiten gehören in gleicher Weise zum Erscheinungsbild des Dichters und Arztes Justinus Kerner.
Justinus Kerner (1852).
Gemälde von Ottavio d'Albuzzi, einem ehemaligen Patienten Kerners.
Er war vieles in einer Person: staatlich bestellter Oberamtsarzt, Erforscher der Nachtseiten der menschlichen Natur, Schriftsteller, Lyriker, Okkultist, Romantiker, geschätzter Gastgeber, Haupt der schwäbischen Dichterschule.
Justinus Kerner
wurde am 18. September 1786 in Ludwigsburg bei Stuttgart geboren, studierte ab 1804 in Tübingen Medizin. Zu dieser Zeit bildete er den ersten literarischen Zirkel mit Ludwig Uhland
und Gustav Schwab
, und er war befreundet mit Heinrich Köstlin
, der als Theologe und Kirchenmusiker (Chorwesen) bekannt geworden ist. Als Praktikant hatte Kerner den kranken Dichter Friedrich Hölderlin analysiert. Nach der Promotion (1808) war er als Arzt in Wien, Wildbad und Welzheim tätig, bis er nach einer Zwischenstation 1819 in Weinsberg
zum Oberamtsarzt berufen wurde.
Burgruine Weibertreu über Weinsberg.
Gastfreundschaft und Asyl
Kerner, Schwab, Uhland
im Garten des Kernerhauses.
Das „Kernerhaus
“ in Weinsberg unterhalb der Burgruine Weibertreu
, das er 1822 bezog (heute Kerner-Museum), wurde zu einem beliebten Treffpunkt der unterschiedlichsten Temperamente und Köpfe. Die Gastlichkeit des Hauses und die Toleranz des Hausherrn waren damals landauf-landab bekannt. Adelige und Handwerker, Genies und Bauern, Gelehrte und Dichter, Revolutionäre und Konservative kamen hier zusammen, um zu diskutieren und um die Gastfreundschaft zu geniessen.
David Friedrich Strauss
, Hegelianer und Theologe, beschreibt die Atmosphäre des Kernerhauses wie folgt: „Der Reisende glaubte nicht in Schwaben gewesen zu sein, wenn er nicht das Kernersche Haus besuchte; hatte er es einmal besucht, so kam er womöglich wieder oder schickte andere, die er durch seine Schilderung begierig gemacht hatte; und so wurde dieses kleine Haus zu einem Wallfahrtsorte, einem Asyl, wo Empfängliche Anregungen für Geist und Herz, Bekümmerte Trost, Lebensmüde Erquikung suchten und fanden. […] Wirklich waren in seiner Nähe, in seiner Atmosphäre die Menschen besser, wenigstens erträglicher als oft anderwärts, und so vertrugen sich auch in seinem Hause Gegensätze, die sich sonst ausschlossen.“ Nikolaus Lenau
oder Karl August Varnhagen von Ense
verweilten hier gerne und habe dies der Nachwelt mitgeteilt.
Dichtung und Pflege
Die Vertreter der spätromantischen schwäbischen Dichterschule (Eduard Mörike
und die aus der Tübinger Zeit ihm bekannten Uhland und Schwab) verkehrten bei Kerner regelmässig, der dadurch zum Haupte dieser Schule wurde. Zu gleicher Zeit übernahm er die Pflege von Friederike Hauffe
(siehe Titelbild
), einer Frau, die durch ihre Visionen und Gesichte als die „Seherin von Prevorst“ (Prevorst liegt in der Nähe von Weinsberg) bekannt geworden ist und bis heute von Spiritisten beachtet oder geschätzt wird. In seinem Bericht (1829) über diesen seltsamen Fall gibt Kerner zu erkennen, dass er durchaus an die Existenz von Geistern glaubt.
Kritik
Die Mischung aus Rationalität und Geisterglauben, aus Wissen und Spekulation hat zwangsläufig Kritiker auf den Plan gerufen. Der Schriftsteller Karl Leberecht Immermann
(Autor eines verzwickten philosophischen „Münchhausen“-Romans und dem Werk, dessen Titel Begriffsgeschichte machen sollte: „Die Epigonen“) nannte spöttisch das Kernerhaus „das Hauptquartier des Geisterreiches“, wo die besten „dämonischen Umstände“ anzutreffen seien. Er polemisierte gegen Kerners Therapien auf der Basis für Vorlieben für die Erscheinungen des Nachtlebens der Natur, für Magnetismus
und Pneumatologie
. Kerner hatte übrigens in seiner Autobiographie „Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit“ (1849) davon berichtet, wie er als Kind durch Magnetismus von einem nervösen Magenleiden geheilt wurde.
Lyrik, Roman, Studien
Als Lyriker war Kerner bis ins hohe Alter produktiv. Seine Gedichte stehen dem Volksliedton nahe, waren oft inspiriert durch heimatliche Sagen und geschichtliche Ereignisse, wurden durch eigene Erfahrungen ergänzt, und oft wechseln Humor und Schwermut einander ab. 1826 erschien die erste Sammlung seiner Gedichte; 1847 und 1852 folgten weitere Gedichtbände.
Besonders bekannt wurde die Ballade „Der reichste Fürst“ („Preisend mit viel schönen Reden“, 1818), ein Lob auf Württemberg bzw. auf Graf Eberhard, der für viele Generationen als Ideal des gerechten Herrschers in einem friedlichen Staat galt:
Preisend mit viel schönen Reden
Robert Schumann
Ihrer Länder Wert und Zahl,
Sassen viele deutsche Fürsten
Einst zu Worms im Kaisersaal.
[…]
Eberhard, der mit dem Barte,
Württembergs geliebter Herr,
Sprach: „Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;
Doch ein Kleinod hält's verborgen:
Dass in Wäldern, noch so gross,
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoss.“
Und es rief der Herr von Sachsen,
Der von Bayern, der vom Rhein:
„Graf im Bart! Ihr seid der Reichste!
Euer Land trägt Edelstein!“
hat 1840 in einem Liederzyklus zwölf Gedichte von Justinus Kerner (op.35) für Singstimme und Klavier vertont (Video
).
Schliessllich ist sein satirischer Roman „Die Reiseschatten“ (1811) hervorzuheben, der durch frühromantische Elemente, Erinnerungen und Reiseeindrücke geprägt ist.
Klecksographien
Neben Schriften über Okkultismus verfasste er medizinische Studien wie die über tödliche Vergiftungen durch den Genuss von gerauchten Würsten (1820/22), was damals besonders bei der ärmeren Bevölkerung auftrat. Ein Besonderheit waren seine „Klecksographien
“ (Muster und Figuren aus Farb- oder Tintenklecksen), die ihm als Zeugnis eines spontanen-seelischen Ausdrucks galten. In der Psychodiagnostik wird ein ähnliches Verfahren beim Rorschachtest
angewendet.
Der handschriftliche Text:
Aus Dintenfleken ganz gering
Entstand der schöne Schmetterling.
Zu solcher Wandlung ich empfehle
Gott meine flekenvolle Seele.
Justinus Kerner
Klecksographie von Kerner.
Dampfestollheit
Am Lebensende verbitterten ihn die neuen technischen Erfindungen („Dampfestollheit“) und die „wüsten Streitereien“ in der Politik – beides für ihn Anzeichen des Endes des poetischen Zeitalters. Fast erblindet, suchte er 1850 um seine Versetzung in den Ruhestand nach, und er erhielt vom württembergischen und bayrischen König eine Ehrenpension. Am 21. Februar 1862 ist Justinus Kerner in Weinsberg gestorben.
Video zum Thema:
Altersbild Justinus Kerner.