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Einmal möchte ich die beste Führungsperson werden, die ich kenne.» Yvonne Bettkober hat noch grosse Ziele, aber auch schon viel erreicht. Im August übernahm sie die Leitung von Amazon Web Services Schweiz, nachdem sie gut 13 Jahre für Microsoft Schweiz tätig war, die letzten fünf in Geschäftsführungspositionen.
Ihre Karriere zeigt, dass es nicht unmöglich ist, Beruf und Familie (zumindest in der IT-Branche) miteinander zu vereinbaren. Der älteste ihrer drei Söhne studiert Wirtschaft. Die beiden jüngeren besuchen das Gymnasium. Bettkober bekam das erste Kind bereits am Ende ihres Elektrotechnik-Studiums in Berlin. «Ich wollte eher früh Kinder haben, damit ich später arbeiten kann», sagt sie. Ihren Mann lernte sie während des Studiums kennen, er arbeitet als Anlageberater. Die Familie lebt in Pfäffikon SZ.
Der Weg ans ruhige Ufer des Zürichsees war für Bettkober keineswegs vorgezeichnet. Sie wuchs in Kamerun auf. «Meine Eltern mussten sich durchkämpfen, für ihr Einkommen und die gute Ausbildung ihrer Kinder», erinnert sich Bettkober. In Kamerun arbeitete der studierte Vater, eigentlich Hochschullehrer, zeitweise auf Baustellen. Bettkober war aber ein wissbegieriges und ehrgeiziges Kind. Sie brachte sich – so sagte man ihr – selbst das Lesen bei und hatte einen guten Start in der Schule. Und einen Traum: Irgendwann wollte sie viel Geld verdienen und ihrer Familie helfen.
Als sie mit 17 als eine der besten Schülerinnen des Landes ihr Abitur mit Schwerpunkten in Mathematik und Physik machte, erhielt sie ein Auslandsstipendium. Deutschland war für ihren Vater das Land der Wahl – Disziplin und geordnete Strukturen verband er mit diesem Land Europas. So kam Bettkober 1992 nach Chemnitz, um zusammen mit anderen Schülern aus ihrem Land einen Sprachkurs zu absolvieren.
Die Sprache als Verteidigungswaffe
Doch es erwarteten sie harte Zeiten. «Obwohl ich aus bescheidenen Verhältnissen kam, hatte ich eine sehr behütete Kindheit, tolle Eltern, vier Geschwister und ein gutes soziales Umfeld», sagt sie. All das liess sie hinter sich und traf in Chemnitz auf häufige, rassistisch motivierte Feindseligkeit. Weil es zahlreiche Skinheads gab, gingen die Schüler meist nur gruppenweise in die Stadt. «Es war der falsche Ort für Kinder, die das Wort Rassismus nicht kannten», stellt Bettkober fest. In diesem Umfeld beschloss sie, möglichst gut Deutsch zu lernen, um sich sprachlich wehren zu können. Sie zog anschliessend nach Berlin, wo sie an der Technischen Universität Elektrotechnik studieren wollte.
Dort wartete die nächste Herausforderung: Die Stipendiengelder aus Kamerun waren veruntreut worden, die Eltern konnten das Studium allein nicht finanzieren. Während einige Stipendiaten nun ins Heimatland zurückkehrten, gab Bettkober nicht auf. Sie machte eine mehrmonatige Ausbildung zur Pflegehelferin und finanzierte mit regelmässiger Arbeit ihr gesamtes Studium. Zudem konnte sie Schulgeld für die Geschwister nach Afrika schicken. «An der ganzen Fakultät waren wir nur eine Handvoll Frauen», erinnert sie sich lachend.
Im Studium entwickelte sie dann ihre Leidenschaft für Technologie und Innovation. Die männlichen Kommilitonen waren den wenigen Frauen im Studium gegenüber meistens recht scheu, Kontakte beschränkten sich auf kurze Begrüssungen. Nur der drei Jahre ältere Tutor, der mit ihr ausgehen wollte, traute sich mehr. «Ich sage meinem Mann heute noch, dass er Glück hatte», meint Bettkober. Das Ende ihres Studiums musste sie bereits als Mutter meistern. Im Berliner Universitätskindergarten war ihr Sohn damals eines der wenigen aufgenommenen Kleinkinder. Bald wurde die Kleinkindbetreuung dort aber zum regulären Angebot.
Im Jahr 1999 zog die junge Familie nach Frankfurt, wo der Mann eine Stelle als Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Deka hatte. Yvonne Bettkober startete bei Telesens KSCL ins Berufsleben, einem jungen, börsennotierten Unternehmen für Telekom-Software. Als dieses in den turbulenten Zeiten der Dotcom-Blase übernommen wurde, nutzte Bettkober die Chance, an einem internationalen MBA-Programm der Universitäten Mannheim und Warwick und der Essec teilzunehmen. Dort legte sie das wissenschaftlich-theoretische Fundament für ihre Laufbahn als Vertriebs- und Führungskraft im Tech-Sektor. Während dieser Zeit kam auch der zweite Sohn zur Welt. Nach dem Mutterschutz startete sie beim US-Softwareunternehmen Tibco, nun aber in einer Sales- und Marketingfunktion.
Kader bei Microsoft Schweiz
Und dann zog es die Familie in die Schweiz, die sie bisher von Urlaubsreisen und Geschäftsreisen kannte. 2005 erhielt der Ehemann eine interessante Anstellung bei der Credit Suisse in Zürich, nach der Geburt des dritten Kindes siedelte die ganze Familie um. 2006 schickte Bettkober eine Initiativbewerbung an Microsoft und wurde daraufhin eingestellt. Sie startete im Partnergeschäft und stieg in den kommenden 13 Jahren über verschiedene Positionen firmenintern auf. Dabei pendelte sie zu ihren Teams, die mal in München, mal in den Niederlanden, Dubai oder Südafrika sind; insgesamt betreute sie in dieser Zeit Mitarbeitende in mehr als zwanzig Ländern für den Softwarekonzern.
Bettkober profiliert sich durch ihr strategisches Denken und eine ausgeprägt ergebnisund menschenorientierte Führung. 2013 stieg sie in die Geschäftsleitung auf und wurde nach Johannesburg delegiert. Von dort aus leitete sie das KMU- und Partnergeschäft in insgesamt mehr als fünfzig Ländern. Mittlerweile besitzt sie auch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Südafrika war für sie eine wertvolle Erfahrung: Sie lernte ihren Ursprungskontinent von der Businessseite her kennen und konnte ihn ihrer Familie zeigen. Das machte ihr stark bewusst, dass sie als Führungskraft auch eine Vorbildfunktion ausserhalb des eigenen Unternehmens hat und andere, vor allem junge Menschen, inspirieren und unterstützen kann und will.
Nach der Rückkehr zu Microsoft Schweiz übernahm sie Aufgaben in der Geschäftsleitung. Was sie dabei den ganzen Tag machte, beschrieb ihr jüngster Sohn, nachdem er sie am Zukunftstag einmal ins Büro begleitet hatte, am Abend dem Vater. Mama hätte den ganzen Tag mit Menschen geredet und viel zugehört, sagte er. Der intensive Kontakt mit Kunden, Partnern und Mitarbeitenden steht im Zentrum ihres Tages, sagt Bettkober selbst. So könne sie die Menschen verstehen, neue Ideen entwickeln, aber auch ihre Visionen vermitteln. Ihr Fazit: Es geht weniger darum, was man weiss, als darum, wer man ist. «Die Persönlichkeit ist entscheidend. Fachliche Kompetenz kann man sich aneignen. Fehlt aber die authentische Begeisterung und Überzeugung für die eigene Aufgabe, kann man andere nur schwer inspirieren und leiten», stellt sie fest.
Wo bleiben die Frauen?
Bettkober fände es gut, wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gäbe. Die Wirtschaft würde von der Vielfalt der Perspektiven profitieren. Allerdings bestehen strukturelle Hindernisse, die Frauen den Weg in anspruchsvolle Positionen noch immer erschweren. Zuallererst ist da der ungenügende Umfang qualitativ hochwertiger Kinderbetreuung zu nennen. Auch wäre es wichtig, dass mehr Unternehmen flexible Arbeitsmodelle ermöglichen. Die Technologie erlaubt heute ein ortsunabhängiges Arbeiten. In vielen Firmen wäre aber ein Kulturwandel nötig, damit diese Möglichkeiten auch akzeptiert und erfolgreich umgesetzt werden.
In ihrer Wohngemeinde musste Bettkober noch für die Einführung eines Mittagstisches kämpfen. «Am Anfang waren meine drei Kinder da allein, heute nutzen viele das Angebot», sagt sie. In Zukunft würden es Frauen dort leichter haben, Familie und Beruf zu verbinden, hofft sie. Das Ziel der Unternehmensführung sei es, einen strukturellen und kulturellen Rahmen zu schaffen, in dem andere ihre beste Leistung bringen können. «Viele junge Frauen, die ich beruflich oder privat kenne, haben beste Voraussetzungen für diese Aufgabe», sagt Yvonne Bettkober. Es wäre nicht logisch, auf so viel Energie und Talent zu verzichten. «Auch wenn der Weg noch lang ist, bin ich optimistisch. Wie immer!»
VERANSTALTUNG
Digital Economy Award 2019
Award
Am 28. November 2019 werden die Digital-Unternehmen und Digital Shapers im Hallenstadion Zürich gefeiert. Erstmals erweist mit Bundesrat Guy Parmelin ein Vertreter der Landesregierung der Veranstaltung seine Ehre.
Preisträger
Auterion, das bereits international erfolgreiche Dronetech-Startup, war der grosse Gewinner der ersten Austragung 2018. Weitere Sieger waren Amnesty International Schweiz, Modum.io, Ex Libris, SBB und Sonova. Ende November wird dann der neue Preisträger erkoren.
www.digitaleconomyaward.ch