Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/1967

In der Hauptstadt Kabul beginnen Frauen und Mädchen wieder, Sport zu treiben. Abseits der Männerwelt unterrichten sie sich gegenseitig.
Der «Garten der Frauen» in Kabul soll sehr alt sein: hundert Jahre etwa, so erzählt man sich. Der afghanische König Habibullah I. habe Anfang des 20. Jahrhunderts einen Park für seine Königinnen errichten lassen. Daraus wurde später ein Garten für alle Kabulerinnen. Im schattigen Grün trafen sich die Frauen, konnten Burka und Schleier ablegen, Freundinnen und Verwandte treffen, schwatzen, Konzerte besuchen und picknicken. Männern war der Zutritt verboten. Der afghanische Bürgerkrieg, der vor über einem Vierteljahrhundert begann, setzte dem Vergnügen ein Ende. Unter den Taliban wurde der Park im Südwesten Kabuls sogar umbenannt: «Garten des Frühlings» hiess er nun. Die Koranschüler verbannten nicht nur die Frauen aus der Öffentlichkeit, sondern strichen selbst den Begriff «Frauen» aus den offiziellen Bezeichnungen. Der früher lauschige Park wurde immer mehr zu Ödland: Die verzweifelte Bevölkerung fällte die Bäume, um Brennholz zu erhalten, Ladenbesitzer aus der Gegend benutzten ihn als Mülldeponie. Vor drei Jahren erweckte das afghanische Frauenministerium den «Garten der Frauen» (Bagh-e Sanana) wieder zum Leben. Mit ausländischer Finanzhilfe wurden Hunderte Bäume gepflanzt, Gärtner und Gärtnerinnen angestellt, Englisch- und Nähkurse organisiert, von Frauen betriebene Läden eingerichtet, eine psychologische Beratungsstelle eingerichtet - und ein Sportzentrum gebaut. Letzteres war der explizite Wunsch junger Kabulerinnen, die vor der Realisierung des Projektes befragt wurden. «Unter den Taliban haben wir vergessen, dass wir einen Körper haben», gab eine von ihnen gemäss Medienberichten als Begründung für ihren Wunsch an.
Heute steht das Sportzentrum, und Kabuls Frauen und Mädchen können zwischen zahlreichen Sportarten wählen: Volleyball, Badminton, Basketball, Fussball, Tanz, Gymnastik, ja sogar Bodybuilding, Judo, Karate und Taekwondo. Bodybuilding und asiatische Kampfsportarten erfreuen sich bei den Afghaninnen besonders grosser Beliebtheit. Managerin des Sportzentrums ist die erst 21-jährige Maria Ghusi; sie arbeitet im Auftrag der Organisation Sport Sans Frontières. Die junge Afghanin weilte in den ersten zwei Oktoberwochen auf Einladung der Initiative Exchange for Peace in der Schweiz. Der Anfang sei harzig gewesen, erzählt Maria Ghusi. Sport war den Kabulerinnen nach über einem Vierteljahrhundert Krieg und Unterdrückung fremd. Heute aber seien 186 Frauen und Mädchen im Zentrum aktiv, auch Verheiratete und Schwangere. Die Trainerinnen bringen sich die Sportarten gegenseitig bei - jede verfügt über Kenntnisse, die sie den anderen vermitteln kann. Maria Ghusi lebte während der Talibanzeit in Pakistan. Dort konnte sie in der Schule Sport treiben. Zurück in Afghanistan, wollte sie ihre Leidenschaft für Sport und ihre Kenntnisse weitergeben. Sie ist überzeugt, dass Sport eine friedensfördernde Wirkung hat und sich sehr positiv auf die Gesundheit der Frauen und Mädchen auswirkt. Viele Afghaninnen litten bis heute unter Depressionen und zahlreichen Krankheiten, sagt sie. «Unter den Taliban war alles verboten. Die Frauen und Mädchen fühlten sich als Dinge, als Objekte ohne Seele», sagt Maria Ghusi.
Für Frauen und Mädchen ist es in Afghanistan bis heute unmöglich, in der Öffentlichkeit Sport zu treiben. Sie müssen sich mit abgeschirmten Zonen und geschlossenen Räumen behelfen. Die einzigen Möglichkeiten bieten Schulen, private Klubs - oder eben der «Garten der Frauen» in Kabul. Sport wurde dort schon vor der Errichtung der Sporthalle getrieben, jedoch unter schwierigen Umständen. Dreck und Staub behinderten das Vergnügen, und in den umliegenden Häusern stiegen die Leute auf die Dächer, um einen Blick auf die Sporttreibenden zu erhaschen. Nun sind die Frauen und Mädchen ungestört. Das Zutrittsverbot für Männer und männliche Jugendliche (ab zwölf Jahren) ist für die Väter, Brüder und Männer der Sport treibenden Afghaninnen das entscheidende Argument, ihnen den Gang ins Zentrum zu erlauben. Geschlechtertrennung ist auch im heutigen Afghanistan ein grundlegendes Prinzip. Gekleidet sind die Sport treibenden Frauen und Mädchen in kurz- oder langärmligen T-Shirts und langen Trainerhosen. Die meisten tragen ein Kopftuch. Um sich Probleme mit den männlichen Familienmitgliedern zu ersparen, muss jede Nutzerin des Sportzentrums eine schriftliche Einwilligung der Familie einholen, so Maria Ghusi. Erst dann wird sie zugelassen.
Eines fehlt noch im «Garten der Frauen»: ein Schwimmbecken. Sie selbst liebe Schwimmen über alles, erzählt Ghusi. Doch für Frauen und Mädchen gebe es in Kabul keine Schwimmgelegenheit. Die wenigen vorhandenen öffentlichen Schwimmbecken sind dem männlichen Geschlecht vorbehalten. Den Swimmingpool im grossen Uno-Komplex in Kabul dürften lediglich MitarbeiterInnen von nichtstaatlichen Organisationen benützen - und diese auch nur in Begleitung von AusländerInnen. Das Projekt «Schwimmbad» steht, und Maria Ghusi versucht, potenzielle GeldgeberInnen zu überzeugen - unter anderem auch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, die bereits den «Garten der Frauen» finanziell unterstützt.