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Die IT-Spezialistin Stefania Calcagno verlor in den 80ern ihr Herz an den revolutionären Heimcomputer. Im Nerd-Interview reisen wir zurück in die Zeit, in der Cracker und Demo-Coder den Ton angaben.
Als junge Frau brachte sich Stefania auf einem Commodore C64 das Programmieren in Maschinensprache bei. Dann kam der Amiga und sie machte sich in der «Demoszene» einen Namen.
Das war in den wilden 80ern, heute arbeitet sie als Chief Technology Officer für ein IT-Unternehmen im Tessin und engagiert sich leidenschaftlich für den Erhalt alter Computer.
Bald kommt Stefania Calcagno in spezieller Mission nach Zürich, ans Vintage Computer Festival Switzerland (Box).
Ich frage Stefania für ein Interview an und erwähne zum Einstieg, dass der Amiga «meine erste Liebe» gewesen sei. Leider habe die Maschine nicht mir gehört. (Besitzer war ein Schulfreund, mit dem ich sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbrachte.)
«Ihr Freund war sehr klug, einen Amiga zu kaufen», schreibt mir Stefania. Und gerät ins Schwärmen:
Jay Miner? Der Der Elektrotechnik-Ingenieur († 1994) gilt als Vater des Amiga. Seine Geschichte ist so spannend wie die von Steve Jobs. Er lebte im Silicon Valley, entwickelte Chips für Taschenrechner und Herzschrittmacher und arbeitete für Atari, bevor er mit Gleichgesinnten die Firma Hi Toro gründete.
Daraus wurde später Amiga, weil...
Hoppla, wir sind abgeschweift. Zurück zu Stefania und unserem Mail-Interview, das ich praktisch ungekürzt (aus dem Englischen übersetzt) wiedergebe.
Stefania, warum nennt man Sie «Lady Commodore»?
Stefania: Nun ja, in der Hackerszene gibt es nicht viele Damen. Und es gibt auch nicht viele Leute, die fast jedes Amiga- und Commodore-Modell besitzen. Ich nenne mich selber nicht so, sondern bevorzuge meine Szene-Spitznamen (ich habe mehrere, aber seit langer Zeit ist es Yuki / Ram Jam). Meine Freunde, Kollegen in der europäischen Society for Computer Preservation und Bekannte in der Retrocomputer-Szene nennen mich aber oft Lady Commodore.
Sie waren in der Demo-Szene aktiv und haben die Gruppe Ram Jam mitgegründet. Was ging damals ab?
Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden, um die wunderbare «Szene-Zeit» der 80er und 90er zu beschreiben. Ich versuche es mit Freundschaft, Wissensteilung, Wettbewerb und Pionierarbeit in Multimedia-Kunst. Oder einfach nur: WOW.
Viele Leute waren an der Szene beteiligt. Wirklich sehr viele. Und zwar weltweit. Wir waren es gewohnt, Disketten per Post auszutauschen (Snail Mail ...), Dateien wurden über BBS verbreitet (Das Kürzel steht für Bulletin Board System, das waren die Vorläufer der Netzwerke, die wir uns heute gewohnt sind).
Wir trafen uns zu Demo-Partys, wo wir unsere Intros, Demos oder Megademos präsentierten. Und wir hatten Wettbewerbe, bei denen das Publikum über die besten Werke abstimmte.
Wir haben Disketten-Magazine herausgegeben, mit Interviews bekannter Szene-Mitglieder und interessanten Artikeln, offizielle Charts mit den besten Codern, Grafikern, Musikern etc.
Der Wettbewerb war für die Egos, aber viele von uns, fast alle dachten auf die Hacker-Weise: Wissen ist kein Verbrechen. Es ging um den Austausch von Quellcode und Ideen, jeder konnte von jedem lernen. Eine wunderbare Lebensart.
Was war Ihr erster Personal Computer?
Das hängt davon ab, was mit Personal Computer gemeint ist. Es gibt viele Diskussionen darüber, was in den 70er-Jahren als «Personal Computer» gedacht war. Manche Leute sagen, dass es der Altair 8800 im Jahr 1975 war, andere sagen der Apple 1 von 1976, wiederum andere finden, die Triade von 1977 – Commodore PET 2001, Apple 2 und Tandy Radioshack TRS 80 – waren die wirklichen ersten PCs.
Tatsächlich hatte ich zu Hause in den 70ern ein IBM/34-Terminal, das mit dem Computer-System im Unternehmen meines Vaters verbunden war. Dort war es auch, wo meine Leidenschaft für die Informatik begann. Aber mein erster richtiger Heimcomputer war 1981 ein Vic 20. Dann besass ich einen Sinclair Spectrum, mit dem ich zu Programmieren begann, und 1982 die erste Revolution: der Commodore 64.
Wie haben Sie die Maschinensprache gelernt?
Ich begann mit dem Programmieren in Assembler als ich noch sehr jung war, etwa 1983, auf dem Commodore 64. Ich war es gewohnt, Programme in Basic auf dem Vic 20 und dem Sinclair Spectrum zu schreiben, aber meine Bereitschaft, Videospiele zu machen, zwang mich dazu, auf Assembler umzusteigen, weil diese Maschinen wirklich langsam waren und mit einer Interpreter-Sprache wie Basic war es fast unmöglich, Grafiken und Animationen zu erstellen.
Ich war damals sehr neugierig, und es gab nicht so viele Gelegenheiten, dass einem jemand Assembler-Programmierung beibrachte und es gab auch keine Informationen aus dem Internet. Deshalb habe ich auf meinem C64 ein Disassembler-Programm (in Basic) geschrieben, das eine mnemonische Rekonstruktion des Maschinencodes direkt ab Diskette lieferte. Und so habe ich es gelernt.
Meine erste Assembler-Software entstand auf dem C64, als ich meinen Beitrag dazu leistete, einige Spiele wie «PacMan» und «Nibbler» für das italienische Piratenlabel Earth Software auf den C64 zu portieren. Dann 1987 wechselte ich zu Motorola Assembler auf die Amiga-Plattform, die zweite Revolution. 32 Bits reiner Macht. Man spürt einen Superhelden beim Spielen mit dem Motorola Assembler :)
Letztes Jahr haben Sie einige faszinierende Prototypen und Amiga-Maschinen ans Vintage Computer Festival in Zürich mitgebracht. Was ist dieses Jahr im Gepäck?
Unser Verein, die European Society for Computer Preservation (Esocop), stellt in diesem Jahr die Geschichte des Olivetti aus. Titel: «The desktop pioneering». Auf der VCF in Zürich kann man folgende Modelle besichtigen:
Lassen Sie uns in die Vergangenheit reisen und ein paar Demos/Crack-Intros aus der Amiga-Zeit anschauen. Und zögern Sie nicht, zu kommentieren ;-)
Bei YouTube sind glücklicherweise viele Demos und Megademos aus den 80ern und 90ern erhalten geblieben. Stefania verweist mich auf «weitere Meilensteine der Amiga-Szene».
Nexus 7 von Andromeda, veröffentlicht 1994, sei ihr Favorit, schreibt mir Stefania. «Und ich bin auch ein bisschen stolz auf einige unserer eigenen Demos wie ‹It can't be done› und ‹Massive Killing Capacity›»:
Aus ihren per E-Mail übermittelten Antworten ist die Leidenschaft und das Feuer für den Amiga zu spüren. Die Machine bot jungen Leuten so viele Möglichkeiten, sich zu verwirklichen...
Die Demoszene wird nie sterben. Richtig?
Amiga wird niemals sterben. Das ewige Leben der Demoszene ist nur eine Konsequenz :)
Abgesehen von Demos: Haben Sie auch Software geknackt und/oder «Trainer» (für Games) geschrieben?
Es ist schon lange her, also kann ich heute etwas dazu sagen :) Ich hatte einige Spitznamen mehr zu jener Zeit, ein paar für das Legale (Demos, Magazine, Swapping usw.) und ein paar für das «fast Illegale» (BBS Phreaking, Cracking etc.). Ich habe nie Trainer geschrieben, aber ich habe Cracks gemacht, ja.
Stefania kommentiert das Ackerlight-Werk wie folgt:
Ich hätte mich noch tagelang weiter mit der Amiga-Spezialistin über die guten alten Zeiten unterhalten können. Doch mein Digital-Kollege wendet zurecht ein, dass der Nerd-Faktor auch so schon verdammt hoch sei.
Und was lernen wir daraus?
Computer sind ein wichtiger Teil Ihres Lebens, Sie arbeiten als CTO in Lugano und engagieren sich privat für den Erhalt alter Technik. Warum sollten wir uns heute um sehr alte oder – man könnte fast sagen – antike Computer kümmern?
Fast alle Menschen nutzen heute Technik. Aber nur wenige verstehen, wie es wirklich funktioniert. Wer wissen will, wie es wirklich funktioniert, muss sich mit einem alten Computer und seiner Assemblersprache auseinandersetzen.
Moderne Software und CPU-Design sind zu komplex, um von Menschen ausgeführt zu werden. Hochsprachen sind sehr einfach zu schreiben, zu verstehen und zu pflegen, aber sie werden von einer Assembler-Software in verständlichen Prozessorcode übersetzt. Die gleiche Weise, wie moderne Designsoftware das Projekt im Auftrag eines Designerteams ausführt, das die hohen Anforderungen der Designer in komplexe Low-Level-Schaltungen übersetzt.
Also: Die wenigsten Programmierer von heute wissen, wie ein Computer wirklich funktioniert. Und auch der Computer- und CPU-Designer weiss nicht, was zu 100 Prozent in einem Prozessor steckt. Auf der Intel Xeon E5-Serie, zum Beispiel, gibt es mehr als eine Million (1'000'000) unbeabsichtigte Opcodes, Anweisungen, die etwas ohne den Willen des Designers machen (um ehrlich zu sein, auch die Mos 6502 und Motorola 680x0 hatten unbeabsichtigte Opcodes, aber nur wenige ;))
Wir – Esocop, aber auch Vintagebytes sowie Vereinigungen und Museen auf der ganzen Welt – versuchen, der nächsten Generation die Geschichte (der Computer) zu erzählen. Um zu zeigen, wie wir hierhin gekommen sind. Um zu zeigen, dass 16 Bit ausreichen, um ein sehr lustiges Videospiel zu schreiben. Um zu zeigen, wie man mit 64 Kilobyte RAM zum Mond fliegen konnte. In einem Satz: Um Geschichte zu bewahren.
Für das Tech-Portal Ars Technica erzählt der Journalist und Buchautor Jeremy Reimer die faszinierende Geschichte des Commodore Amiga und der Menschen, die sich vom Heimcomputer inspirieren liessen. Die zehnteilige Serie mit dem Titel «A history of the Amiga» nimmt Fans und alle Tech-Interessierten auf eine Zeitreise. Verständlich und packend geschrieben, nicht nur für Nerds!
Der Dokumentarfilm «Viva Amiga – The Story of a beautiful machine» (2016, 72 Minuten) ist online verfügbar.