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Bolivien - Schätze des Amazonas-Regenwaldes nachhaltig nutzen
Der Amazonas-Regenwald ist ein einzigartiger Lebensraum. In der Pufferzone des Iténez-Schutzgebiets in Bolivien leben Menschen vom und mit diesem Wald. Zusammen mit dem WWF sichern sie ihr Einkommen und erhalten die einzigartige Natur.
«Wir suchen nach Wegen, wie wir ihr Einkommen verbessern und diversifizieren können, ohne den Wald zu zerstören.»
Sie sammeln Paranüsse, ernten wilden Kakao, fangen Fische und jagen Kaimane. Die Menschen, die am Rande des Regionalparks Iténez in Bolivien leben, nutzen die Produkte, die ihnen der Amazonas-Regenwald bietet. Diese Erzeugnisse konnten sie in den letzten Jahren anders verkaufen, wodurch sich ihre wirtschaftliche Situation verbessert hat.
«Heute verdiene ich durch den Verkauf des wilden Kakaos mehr als früher», erzählte Carmen Regina Rapu vor zwei Jahren. Sie engagiert sich für die Kakao-Kooperative in San Borja. Das Zusatzeinkommen investiere sie in die Schulbildung ihrer Kinder und in Erste-Hilfe-Material, da die nächste Gesundheitseinrichtung eine Tagesreise weit entfernt ist.
Der Iténez-Park liegt in der Moxos-Ebene, einer gigantischen Überschwemmungssavanne im zentralen Tiefland von Bolivien. Das Gebiet ist ein Hotspot der Biodiversität und Heimat seltener Tierarten wie Flussdelfin oder Riesenotter. Die Regionalregierung hat den Park vor 20 Jahren gegründet. Neben einer geschützten Kernzone umfasst er eine wesentlich grössere Pufferzone, die von der lokalen Bevölkerung nachhaltig bewirtschaftet wird. Auf einer Fläche von 14'000 Quadratkilometern Regenwald (rund ein Drittel der Fläche der Schweiz) leben rund 840 Familien. Zusammen mit rund der Hälfte von ihnen arbeitet der WWF seit der Gründung des Parks.
«Wir suchen nach Wegen, wie wir ihr Einkommen verbessern und diversifizieren können, ohne den Wald zu zerstören», erzählt José Argandoña, Projektverantwortlicher vom WWF Bolivien. Anfangs waren Ängste vorhanden: «Viele dachten, es würde ihnen etwas weggenommen oder sie dürften bestimmte Dinge nicht mehr tun», erzählt der 52-Jährige. Wichtig war, dass der Staat die angestammten Landrechte der örtlichen Bevölkerung anerkannte.
Der WWF Bolivien unterstützte einen partizipativen Prozess, bei dem das Mitspracherecht der lokalen Bevölkerung über die Nutzung der Pufferzone gestärkt wurde. Es wurde eine Beteiligungsstruktur gebildet, den sogenannten «Verwaltungsausschuss». Dieser besteht aus Vertretenden von 14 Dörfern, einem Vertreter oder einer Vertreterin der Regionalregierung und zwei Repräsentierenden der lokalen Behörden.
«Der Verwaltungsausschuss stellt sicher, dass die Anliegen der lokalen Bevölkerung berücksichtigt werden», sagt Argandoña. Das Gremium regelt Eingriffe in die Natur wie Fischfang oder Holzschlag. So fällen die Dorfbewohnenden Bäume für den Bau ihrer Häuser, nicht aber für kommerzielle Zwecke. Der Verwaltungsausschuss regelt auch die Erntezeit der Paranüsse, sodass für alle Produzenten und Produzentinnen dieselben Bedingungen herrschen und die Ressource nicht übernutzt wird.
Ein Strauss an Produkten
Glücklicherweise ist der Wald sehr produktiv: Mit dem wilden Kakao, den Paranüssen, Fischen und Kaimanen gibt es einen ganzen Strauss an Produkten. Denn: «Eine einzige Ressource reicht nicht aus, um das Einkommen der Familien zu sichern», gibt Argandoña zu bedenken. Die lokalen Gemeinschaften nutzen das Jahr über verschiedene natürliche Ressourcen. Paranüsse und Kakao können im Sommer geerntet werden, während Kaiman und Fische im Winter gefangen werden. Die Asaíbeeren wiederum sind von April bis Oktober reif. Sie dienen als zusätzliche Einkommensquelle. «Die Ernten sind immer mit Schwankungen verbunden», sagt Argandoña. Falle die Ernte eines Produkts mager aus, kann die Einbusse unter Umständen mit einem anderen ausgeglichen werden.
Zu einem Umdenken kam es in der Fischerei: Die lokalen Fischer:innen fischen vermehrt eine aus Brasilien stammende, invasive Fischart. Der Paiche oder Arampaima bietet in ökologischer und finanzieller Hinsicht eine gute Alternative zum vor Ort beliebten, aber überfischten Pacu. In Workshops lernten die Dorfbewohner:innen, wie der unbekannte Fisch, der bis zu zwei Meter lang wird, befischt und filetiert wird. Dieses Wissen stellte ihnen ein Fischer aus Brasilien zur Verfügung.
Beim Kakao wurden die verschiedenen Produktionsschritte (fermentieren, trocknen, rösten, schälen) verbessert, was die Qualität des getrockneten Kakaos massiv erhöht hat. Eine höhere Qualität allein genügt allerdings noch nicht, um bessere Preise zu erzielen. Deshalb fördert der WWF die Bildung von Kooperativen und sucht nach neuen Marktzugängen. Dank der Verhandlungsschulungen werden die Kooperativen immer selbstständiger und selbstsicherer, um Preise mit den Händlern zu vereinbaren. Als der WWF mit seiner Arbeit in der Pufferzone begann, verkauften die Dorfbewohner:innen eine lokale Gewichtseinheit von 11,5 Kilo für umgerechnet 4 bis 8 Franken. 2020 waren es 42 Franken für die gleiche Menge. Verkauft wurde der Kakao direkt an den nationalen Schokoladenhersteller Sumar, der die «Baure Schokolade» herstellt.
«Die Natur ist unsere Lebensgrundlage»
«Es sind die lokalen Menschen, die die Natur und ihre natürlichen Ressourcen über alles schätzen. Sie verwalten ihre Lebensgrundlage selbst, erzielen daraus einen Gewinn und wollen, dass das auch so bleibt.»
Auf die Frage, ob durch das Projekt der Wert des Waldes gestiegen ist, antwortet Sain Sanjinez von der Paranuss-Kooperative Bella Vista: «Durch das Reaktivieren von traditionellem Wissen können wir nun besser von den Waldprodukten leben. Die Natur ist unsere Lebensgrundlage, und deshalb müssen wir ihr Sorge tragen.» Viele andere Menschen aus dem Dorf bestätigen diese Ansicht.
Sie widerspiegelt sich etwa darin, dass die Dörfer den Bau einer Strasse ausgeschlagen haben, weil sie sich der negativen Konsequenzen für den Wald bewusst waren. «Es sind die lokalen Menschen, die die Natur und ihre natürlichen Ressourcen über alles schätzen», sagt Argandoña. «Sie verwalten ihre Lebensgrundlage selbst, erzielen daraus einen Gewinn und wollen, dass das auch so bleibt.»
Argandoña weiss, was es heisst, unter erschwerten Bedingungen zu arbeiten. Der WWF-Experte musste in den letzten Jahren mit den Waldbränden, der Covid-Pandemie und vielen politischen Wechseln drei Herausforderungen auf einmal bewältigen.
Ständiger Lernprozess
«Gemeinsam mit den Menschen vor Ort wurde das Projekt im Iténez-Gebiet entwickelt und in den lokalen Kontext eingebettet»
Der WWF Schweiz ermöglicht Länderbüros wie jenem in Bolivien, Projekte vorzuschlagen, die auf den lokalen Bedürfnissen beruhen. «Gemeinsam mit den Personen vor Ort wurde das Projekt im Iténez-Gebiet entwickelt und in den lokalen Kontext eingebettet», sagt Simone Frick, Projektleiterin beim WWF Schweiz.
Der WWF Schweiz finanziert also nicht nur, sondern steht in permanentem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. «Immer wieder geschieht Unvorhergesehenes, oder es kommt zu Rückschlägen», so Frick. «Wir besprechen zum Beispiel, wie Projektziele auf eine andere Weise erreicht werden können, wenn etwas nicht funktioniert.» Sie ist beeindruckt von den Kollegen und Kolleginnen vor Ort, die das Projekt auch unter noch so schwierigen Bedingungen voranbringen.
Heute beteiligen sich rund die Hälfte aller Familien im Iténez-Gebiet an Projektworkshops und -trainings. Sie sind es, die den Wald auch in Zukunft erhalten.
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