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Vera Haag Arbenz, die Leiterin der humanitären Hilfe bei Solidar Suisse, und der Programmverantwortliche Lukas Frohofer waren Anfang Oktober in der Ukraine, um unsere Projekte für intern Vertriebene aufzugleisen. Ihre Erlebnisse zeigen, dass Unterstützung dringend nötig ist.
Die Läden sind offen, Menschen sitzen in Strassencafés, joggen im Park oder führen ihre Hunde spazieren, Kinder sind allein auf dem Schulweg: Als wir am 3. Oktober in Uschgorod, Transkarpatien, ankommen, macht die Stadt einen fast normalen Eindruck. Wir sind in die Ukraine gereist, um unsere lokale Partnerorganisationen Vostock SOS in Uschgorod und Vis in Winnyzja zu treffen. Mit ihnen und unseren beiden Mitarbeitenden Vitaly Kartamyshev und Yuryi Ilyin besuchen wir die Solidar-Projekte, klären Fragen und besprechen die weitere Planung.
Der Krieg ist allgegenwärtig Der Schein trügt. Bereits vor den katastrophalen Bombardierungen seit dem 10. Oktober sind die Unsicherheit und der Krieg allseits spür- und sichtbar. Regelmässig ertönt der Luftalarm, in den Fenstern von öffentlichen Gebäuden liegen Sandsäcke, in den Strassen ist das Militär omnipräsent, immer wieder müssen wir Kontrollpunkte passieren. Der Krieg ist auch in den Köpfen der Menschen allgegenwärtig. Manche versuchen der Situation mit Humor zu begegnen, um nicht verrückt zu werden. Andere schauen andauernd auf ihr Handy, lesen Meldungen zum Stand des Kriegs oder kommunizieren mit ihren Liebsten im Osten, die noch unmittelbarer mit Brutalität und Zerstörung konfrontiert sind als die Menschen hier, hunderte Kilometer westlich von der Frontlinie.
Beengte Verhältnisse, schwieriger Alltag In Transkarpatien leben derzeit etwa 130 000 Vertriebene, in Winnyzja sind es 180 000. Viele sind in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden untergebracht. Die Verhältnisse sind eng, oft ist nicht klar, wie im Winter geheizt werden kann. Manche Kinder nehmen im selben Raum online am Unterricht in der Heimat teil, andere besuchen die Schule vor Ort. Raisa Puntus und Galina Bilyanska wohnen zurzeit in einer ehemaligen Schule in Sutyski, 30 Kilometer südlich von Winnyzja. Sie sind aus dem verheerend zerstörten Severodonetsk im äussersten Osten der Ukraine geflüchtet. In ihrem kleinen Zimmer haben sie es sich mit zwei weiteren Frauen so gemütlich wie möglich gemacht. Sie versuchen, den Alltag mit dem Sammeln von Pilzen oder Kochen zu strukturieren. Doch es bleibt viel zu viel Zeit, um über die Geschehnisse nachzudenken. Wie es für die zwei Frauen weitergeht, kann niemand sagen.
Die Vertriebenen brauchen Unterstützung Wie Raisa Puntus und Galina Bilyanska geht es sieben Millionen Menschen, die innerhalb der Ukraine geflüchtet sind und nicht nach Hause zurückkehren können, weil ihr Heim zerstört ist. Einige, die im Frühling in Transkarpatien Zuflucht gesucht haben, sind in Nachbarländer oder nach Westeuropa weitergereist. Andere sind unter Risiken an ihre Wohnorte zurückgekehrt, um Angehörige zu unterstützen. Die vom Krieg vertriebenen Menschen brauchen zunächst Stabilität und Sicherheit, Kleidung und Geld, um die notwendigsten Bedürfnisse zu decken. «Für Menschen, die vor Gewalt und Bombardierungen fliehen mussten, ist es enorm wichtig, dass es Organisationen gibt, die sie unterstützen», sagt Solidar-Landeskoordinator Vitaly Kartamyshev. Solidar Suisse bietet ihnen psychosoziale Beratung, materielle Unterstützung und sichere Räume für Frauen und Kinder. Die Unsicherheit bleibt jedoch gross. Niemand weiss, wie lange dieser Krieg noch dauern und welche weiteren Gräuel er mit sich bringen wird.
«Für Menschen, die vor Gewalt und Bombardierungen fliehen mussten, ist es enorm wichtig, dass es Organisationen gibt, die sie unterstützen.»