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Ein ungewohntes Bild auf der Bühne des Zürcher Opernhauses. Eine Filmleinwand füllt das Bühnenportal vollständig. Als die Sinfonia zu Giovanni Battista Pergolesis Oper «L’Olimpiade» (Akzent auf dem zweiten -i- !) anhebt, zuckelt ein Rasenmäher-Roboter über die Projektionsfläche. Dann gleitet das Auge der Kamera über sterile Hausfassaden, bleibt da und dort an einem Detail hängen: einem orangen Gartenschlauch, einem blühenden Busch, einem Abflussrohr... Später verharrt es auf dem Antlitz eines schlafenden Mannes, der blinzelnd die Augen öffnet, gleichsam durch die Stimme der Sängerin aufgeweckt, die jetzt vor die Leinwand tritt.
Sind wir da im sprichwörtlich falschen Film? Der in Berlin lebende ungarische Theatermann, David Marton, hat für sein von der Pandemie arg havariertes Projekt eine faszinierende Lösung gefunden. Die Premiere seiner ersten Regiearbeit am Opernhaus war auf Anfang November 2020 geplant. Doch Corona machte allen und allem einen Strich durch die Rechnung. Obwohl die Besetzung feststand, Bühnenbildentwürfe (Christian Friedländer) und Regiekonzeption vorlagen, musste ein komplett neuer Ansatz gefunden werden. Marton stellte sich der Herausforderung: Die Musik, zumal Opernmusik, befand er, müsse nicht zwangsläufig eine Geschichte transportieren, sondern Bild und Ton könnten sich sehr wohl auf einer anderen, emotionalen Ebene treffen. Da der Lockdown einen Opernbesuch ausschloss, entstand die Idee, statt die Leute ins Opernhaus zu bitten, die Musik zu ihnen, in ihr Zuhause, ihre vertraute Umgebung zu bringen, um zu erfahren, was sie zu erzählen haben, was die Musik in ihnen auslöst.
Marton tat sich mit der österreichischen Kamerafrau Sonja Aufderklamm zusammen und realisierte einen Dok-Film. Als Drehort für dieses Vorhaben wurde ein Seniorenzentrum im Zürcher Unterland ausgewählt. Mag Martons Erklärung, dass «ältere Menschen einen wesentlichen Teil des Opernpublikums bilden», also den Theaterbesuch besonders vermissen würden, etwas forciert erscheinen; mag die durch Corona massiv verschärfte Einsamkeit der Betagten sicherlich zutreffen, im Grunde genommen ist es müssig, irgendwelche rationale Begründungen für den ausserordentlichen Ansatz zu formulieren. Denn: Entstanden ist ein ergreifendes Ganzes, in dem es um Liebe, Verlust und Schmerz, um Kampf, Verrat und Tod geht. Und gerade da stellt sich – zur Zeit der Dreharbeiten noch ungewollt – ein weiterer bitterer Bezug zur aktuellen Realität ein. Etwas pointiert könnte man das Projekt als Memento mori aus Musik und Bild und Ton bezeichnen, sah sich doch jeder im Saal mit der Endlichkeit, der Hinfälligkeit konfrontiert. Der eigenen oder der seiner Nächsten.
Pergolesis ungemein farbige, affektgeladene Musik trägt das Ihre zu dieser emotionalen Intensität bei, die sich am Premierenabend spürbar dem Publikum mitteilte. Spürbar vor allem auch, als zwei der Porträtierten zum Schlussapplaus auf die Bühne erschienen, wo den Beiden stellvertretenden für alle ein – für einmal passt der Ausdruck perfekt – warmer Applaus entgegenbrandete.
«L’Olimpiade» galt dem renommierten Musikwissenschaftler Reinhard Strohm als «eine Huldigung an Jugend und Liebe». Vielleicht ist es just dieser Kontrast zwischen den Protagonisten auf der Bühne und denen auf der Leinwand, dem das Projekt seine Unmittelbarkeit verdankt; dem Dialog zwischen der Vitalität der Musik – achtzehn hinreissenden Arien und einem Duett, die Rezitative wurden gestrichen – und der Gebrechlichkeit der Betagten, im Alter von achtzig bis hundert Jahren; zwei von ihnen sind inzwischen verstorben ...
Diese allgemeine Betroffenheit machte denn auch den sonst üblichen Austausch über musikalische Leistung oder Inszenierung überflüssig. Zudem gab es da auch nichts auszusetzen. Die famose «Scintilla» liess es funkeln und schillern. Glänzend disponierte Hörner und Trompeten sorgten für zusätzliche Strahlkraft, Maestro Ottavio Dantone, ein ausgewiesener Spezialist für Alte Musik, für pointierte Akzente und fein abgestufte Dynamik und die hervorragenden Gesangssolisten für ein Sängerfest vom Feinsten.
«L’Olimpiade» basiert auf einem Libretto aus der Feder des seinerzeit omnipräsenten Pietro Metastasio, das unzählige Male vertont wurde. 1733 zum ersten Mal von Caldara. Ihm folgten Vivaldi, Hasse, Galuppi, Jommelli, Traetta, Piccini, Paesiello, Cimarosa, Cherubini, um nur ein paar der Bekanntesten zu nennen. 1735 hatte Pergolesis Oper, ein Werk von über dreieinhalb Stunden Dauer, ihre Premiere in Rom, übrigens mit ausschliesslich männlichen Sängern, da Frauen der Auftritt auf einer Bühne untersagt war. Pergolesi war ein Frühvollendeter. Geboren 1710 in den Marche, erlag er 1736 in Pozzuoli bei Neapel der Tuberkulose. Sein Nachruf beruht vor allem auf dem für eine tragische Oper komponierten Intermezzo «La serva padrona», das am Anfang des neuen Genres der Opera buffa steht, sowie dem überirdischen «Stabat Mater» für Sopran und Alt.
Obwohl der Plot mit Ausnahme der hochgehenden Emotionen und der Schicksalsschläge für das aktuelle Projekt kaum Relevanz hat, sei er hier rudimentär zusammengefasst. Das Stück spielt tatsächlich vor der Folie der antiken olympischen Spiele. Der Olympionike Megacle nimmt anstelle seines Freunds Licida und unter dessen Namen an den Spielen teil. Als Sieger mit falschem Namen erhält er die Hand Aristeas zugesprochen. Die unselige Konstellation wird zugespitzt durch Argene, die Licida liebt. Und was niemand weiss: Aristea und Licida sind Zwillingsgeschwister, die ein fataler Orakelspruch kurz nach der Geburt getrennt hat. Erst als alle verwandtschaftlichen und amourösen Beziehungen geklärt sind, finden sich die beiden Liebespaare zur Doppelhochzeit.
Respektvolle und sorgfältige Begegnungen
Inzwischen sind wir in der Partitur wie in der Filmprojektion einige Nummern weiter. Wir erfahren, was die Menschen beim Anhören der Musik sagen und empfinden. Einiges erheitert: «Schön, romantisch!» – «Nicht meine Musik, aber ich würde das Radio nicht abstellen.» – «Ich hätte den Komponisten gern kennengelernt.» Anderes rührt in unbeholfenen Worten echt an das Unerklärliche der Musik: «Der Komponist weiss auch nicht, was er damit sagen wollte; jedenfalls etwas Schönes, das man in sich aufnehmen kann.»
Schrittweise lernen wir die elf Senioren näher kennen. Den Architekten (85), der zur Musik Schwalben mit Tusche aufs Papier pinselt. Seine Gattin (85), die am Klavier ziellos in zerflederten Noten blättert. Den Damenschneider (87), der seine Plüschtierchen vom Staub freibläst. Die Handarbeitslehrerin (86), die kaum mehr ihre Geige ans Kinn führen kann und sie resigniert ins Futteral bettet. Die Schneiderin (95), die ihre Bluse mit Bedacht auswählt, sich sorgfältig schminkt und die Perlenkette vorsichtig über die wohlondulierte Frisur zieht. Die Musikerin (93), die ihren Partner (100) liebevoll zum Sofa geleitet und ihm zart die Hand streichelt...
In kurzen Äusserungen erfahren wir einiges aus ihrem Leben: die von der Mutter diktierte Berufswahl, der Missbrauch durch den Vater, der Selbstmord der Mutter, die Flucht im Bombenhagel aus Ungarn... Es fallen schwere Sätze wie «Ich habe mein Innenleben lange vertagt», aber auch amüsante wie «Alle meine Liebhaber waren blöd, aber der Richtige wird eines Tages vor der Tür stehen». In diese kleine Welt gehört ein Nickerchen ebenso dazu wie das Lösen von Kreuzworträtseln (mit Lupe!), Eis Schlecken ebenso wie das Beobachten und Kommentieren der Flugzeuge an der Startbahn. Tragisches kontrastiert mit Skurrilem, Banales mit Bedeutungsvollem.
Selten wurde man beim Besuch im Opernhaus mit derart existentiellen Fragen konfrontiert. Selten wurde eine solche Vielzahl von zum Teil sich widerstreitenden Gefühlen ausgelöst, deren Einordnung weder abschliessend noch eindeutig ist – es auch gar nicht sein muss. Beispielweise: Wie schmal ist der Grat zwischen Voyeurismus und Zugewandtheit, wenn die Kamera über Furchen und Falten zoomt, über schlaffe Haut und Bartstoppeln, über gichtige Finger und Altersflecken? Ergänzen die Filmsequenzen die Musik, oder konkurrieren sie diese? Die Antworten darauf sind ebenso unterschiedlich und individuell, wie der Umgang mit den schwindenden Ressourcen ein differenzieller Prozess ist, nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Der Film führt dies mit einer schonungslosen Direktheit vor. Aber: Jede Einstellung, jeder Schnitt, macht deutlich, wie respektvoll und behutsam die Filmemacher vorgegangen sind, um diese Nähe und Authentizität zu erreichen.
Trotzdem wirkt es fast wie ein Atemholen, als die Projektionswand hochgefahren wird und die Oper, die herkömmliche Oper, doch noch Einzug auf der Bühne hält, mit prächtigen, aber etwas fremd anmutenden Bühnenbildern, die wahrscheinlich bereits für die ursprüngliche Regieidee konzipiert worden waren. Zuerst vor einer Vedute des Golfs von Neapel mit obligater Pinie und Vesuv von August Albert Zimmermann (um 1850), später vor einem Prospekt, der den Sturz der Giganten durch die Olympier von Francisco Bayeu zeigt (1764), bewegen sich die Sängerinnen und Sänger in leicht historisierenden Gewändern (Tabea Braun) und statuarischer Theatralik.
Zu den beiden klassischen Bühnenmalereien zeigt das Opernhaus einen informativen Trailer
Daran schliesst sich – vielleicht eine Art Referenz an die drei Akte der originalen Oper? – ein letztes Bild. Die Sänger nehmen vor einer weiteren kleineren Leinwand Platz, wo jetzt auch die gefilmten Senioren Platz nehmen: Die artifizielle Oper und das reale Leben im direkten Gegenüber, sozusagen. Ein etwas aufgesetzter Schluss; doch immerhin erklingen dazu ein paar weitere grandiose Arien
Und zurück zur eingangs gestellten Frage: Nein, wir waren nicht im falschen Film, wir waren im richtigen Leben!
Bilder: © OHZ – Herwig Prammer
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