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Die 1980er-Jahre waren für die Jenischen in der Schweiz eine bewegte Zeit. 10 Jahre nach der Gründung der Radgenossenschaft rang diese vehement um die Anerkennung der Jenischen durch die Mehrheitsgesellschaft. Medienwirksame Auftritte an Pressekonferenzen und gar eine Platzbesetzung als Demonstration waren für die Jenischen neue Mittel, für ihre Rechte einzustehen. Wir waren zwar seit je gewöhnt, am Rande der Legalitäten zu wohnen. Zu oft sind keine geregelten Plätze zu finden, sodass ein Platz "improvisiert" werden muss. Und ebenso oft erscheint die Hermandad kurz nach dem Aufstellen des ersten Wohnwagens. Dann wird um Tage, manchmal gar um Stunden des Verbleibs gefeilscht. Dass aber eine so grosse Gruppe Jenischer sich auf einem für die Stadt wichtigen Gelände, dem Parkplatz des Verkehrshauses der Schweiz, versammelt und öffentlich bekundet, den Platz nur nach erfolgreichen Verhandlungen mit den Behörden für einen dauerhaften Standplatz wieder zu räumen, brauchte doch für manchen von uns etlichen Mut. Denn es war uns allen bewusst, dass dieser Aufenthalt anders ist als der polizeilich überwachte Alltag. Eine Demonstration, wie es die Jenischen bisher nur aus dem Fernseher kannten, selbst durchzuführen, war für die Radgenossenschaft ein Eckpunkt ihres politischen "Erwachsenwerdens".
2 Jahre später entschuldigte sich Bundesrat Egli im Namen der Eidgenossenschaft für das während Jahrzehnten an den Jenischen begangene Unrecht. Schritt für Schritt entwickelte sich die Radgenossenschaft zu einer politischen "Institution", die, wenn auch bis heute finanziell an kurzer Leine gehalten, von den Politikern nicht mehr einfach übergangen werden kann, wenn das Thema "fahrende Leute" auf ihrer Agenda steht.
In dieser Zeit lieh mir ein Freund ein Taschenbuch mit dem Titel "Brawo Sinto", "tapferer Zigeuner"(¹). Der Autor, Sozialwissenschaftler und Tsiganologe Joachim Hohmann rekonstruiert darin den Lebensweg des deutschen Jenischen Engelbert Wittich. Engelbert Wittich lebte von 1878 bis 1937. 1908 erschien in der Zeitschrift "Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalität der erste von ihm verfasste Artikel mit dem Titel: "Zigeunerisches, die Grammatik der Zigeunersprache". 1911 wurde Wittichs erstes Buch veröffentlicht: "Blicke in das Leben der Zigeuner". Wittich versuchte zeitlebens, von der Schriftstellerei zu Leben. Eng arbeitete er auch mit dem Museum für Völkerkunde in Basel (heute: Museum der Kulturen), wo die von ihm angelieferten Gegenstände "aus dem Leben der Zigeuner" bis heute als wichtiges Sammelgut gelten, zusammen. Da er mit einer Sintezza verheiratet war, wusste er kompetent aus beiden Gruppen, den Jenischen und den Sinte, zu berichten. Ich war fasziniert von diesem für mich ersten Dokument eines jenischen Schriftstellers, der "seine Leute", die Jenischen und Sinte, in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellte, in dem er zum Beispiel 1927 im Zeitschriftenartikel "Von Lützenhardt und seinen Bürstenleuten" über den jenischen Beruf des Bürstenmachens(²) berichtete, jenische Lieder aufschrieb und ein Jenisch-Deutsches Wörterbuch erstellte. Natürlich wollte ich dieses Buch auch besitzen und marschierte zur nächsten Buchhandlung, wo man mir aber beschied, das Buch sei "verboten worden", vom Verlag zurückgerufen und die ganze Auflage eingestampft! Was war da geschehen? Wie konnte es passieren, dass Mitte der 1980er-Jahre Bücher "verboten" werden? Der "Verband deutscher Sinti und Roma" hatte so lange und so laut gegen den Herausgeber Hohmann und den Fischer-Verlag protestiert, bis der Verlag, um seinen guten Ruf nicht weiter zu beschädigen, "freiwillig" alle Buchhandlungen zur Rückgabe der ausgelieferten Bücher aufforderte. Der "Verband deutscher Sinti und Roma" bezichtigte den 1937 nach langer Krankheit verstorbenen Jenischen Engelbert Wittich, ein Nazi-Kollaborateur und Spitzel gewesen zu sein. Sicher mutet es aus heutiger Sicht eigentümlich an, dass er keine Gelegenheit, ein paar Batzen in die Haushaltskasse der grossen Familie zu verdienen, auslassen konnte und deshalb drei seiner ersten Artikel in der bereits erwähnten Zeitschrift "Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik" veröffentlichte. Allerdings erschien der dritte und letzte Artikel Wittichs in diesem Heft 1916, runde 20 Jahre vor der Nazizeit also. Die Gründe für den Protest des "Verbandes deutscher Sinti und Roma" müssen also anderswo gesucht werden. Dass ausgerechnet ein Jenischer über die Bräuche der Sinti schreibt, wird mit Sicherheit von den deutschen Sinte als Einmischung empfunden, gegen die anders vorgegangen werden kann und muss als gegen die Publikationen wissenschaftlicher Tsiganologen, die zwar auch seit langem kritisch beäugt werden, aber in der breiten Oeffentlichkeit schwerer diffamierbar sind als der kleine Jenische. Hätte das Buch statt "Brawo Sinto" zum Beispiel "Qwanter Jenischer" geheissen, hätte es im Deutschland der 1980er-Jahre, wo sogar viele sogenannte "Zigeunerexperten" keine Vorstellung haben, was ein Jenischer ist, keinen Menschen interessiert. Wohl im Bestreben, überhaupt eine für den Druck genügende Leserschaft zu finden, haben Herausgeber und Verlag zu diesem Titel Zuflucht genommen, nicht ahnend, welche "innercyganischen Befindlichkeiten" damit tangiert werden.
Nicht nur durch seine eigenen Schriften, sondern gerade auch durch diese posthume Publizität, wurde mir Engelbert Wittich zu einem grossen Vorbild und grossen Warner, mein Tun "zu Gunsten des jenischen Volkes" immer gut zu überdenken, zugleich. 1988 betitelte ich einen Artikel für die Wochenzeitung WoZ mit "Die eigene Geschichte selber schreiben". Ich ahnte nicht, wie weit der Weg von der Zürcher Zeitungsredaktion zum Berner Bundeshaus als Bewilligungs- und Subventionsgeber sein wird. Einerseits haben die jenischen Organisationen beharrlich eingefordert, dass der Bund ihnen eine historische Studie versprochen habe. Der Staat andererseits stellte sich auf den Standpunkt, dass die historische Studie die Verantwortlichkeiten des "Hilfswerks Kinder der Landstrasse" im Vorfeld der Wiedergutmachungszahlungen hätte abklären sollen. Da die Auszahlungen der Fondskommission zu Gunsten der noch lebenden Opfer des Hilfswerks nicht weiter hinausgezögert werden sollten, wurden diese allerdings peremptorisch vorgenommen. So hätte der gute Wille der in die Abfindungen involvierten Kreise beinahe die historische Aufarbeitung zu Fall gebracht. Die Unbeugsamkeit insbesondere der Radgenossenschaft liess schlussendlich die sogenannte "Studie Sablonier" 1998 als "Bundesarchiv-Dossier 9"(³) entstehen. Der Wille des Bundesamtes für Kultur, die Jenischen als Teil des kulturellen Erbes der Schweiz zu etablieren und in der Oeffentlichkeit gleichberechtigt zu präsentieren, machte im Nachgang der Publikation eine Tagung möglich, an der Behördenvertreter aller Stufen mit Wissenschaftern und einer grossen Delegation Jenischer über den Sinn dieser Studie und die daraus resultierenden Konsequenzen debattierten. In der Folge gründeten Historikerinnen eine informelle "Arbeitsgruppe Geschichte der Jenischen", die in loser Folge auch Jenische zu Diskussionen über das mögliche weitere Vorgehen einlud. Die Gelegenheit dieser Einladung packte ich beim Schopf, um dem Titel meines Zeitungsartikel ein Schrittchen näher zu kommen. Meine Präsenz in dieser Gruppe, die "akademische Interessenpolitik" betrieb, um einen nächsten Forschungsschritt zur Geschichte der Jenischen zu ermöglichen, würde ich im Rückblick als "aktive Beobachtung" zusammenfassen. Die graduierten WissenschafterInnen machten die Behörden weiterhin auf den Forschungsbedarf aufmerksam, sodass der Bundesrat bei der Ausschreibung des Nationalen Forschungsprogramms 51 mit dem Titel "Integration und Ausschluss" Forschungen zum Thema Jenische explizit wünschte.
Ein nationales Forschungsprogramm, kurz NFP, ist ein vom Bundesrat bestellter und bezahlter Auftrag an den Schweizerischen Nationalfonds, gewisse Themen im Interesse des Bundes zu erforschen. Der Schweizerische Nationalfonds wiederum ist für die WissenschafterInnen etwas ähnliches wie die "Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende" für die Jenischen, nämlich ein weitgehend mit Bundesgeldern finanziertes Gremium, das als Bindeglied zwischen Politik und "Betroffenen" (im einen Falle eben die Jenischen, im andern die WissenschafterInnen) wirkt. Die Höhe des Budgets der beiden Organisationen allerdings ist so verschieden, dass der Jenische sich seiner gesellschaftlichen Stellung sofort wieder bewusst wird und den Vergleich höchstens hinter vorgehaltener Hand als Erklärung für seinen Freund, der das Wort NFP noch nie gehört hat, auszusprechen wagt.
Mit Dr. Thomas Huonker und Prof. Stéphane Laederich habe ich zwei Akademiker gefunden, die aus Ueberzeugung Hand boten zu dieser Kooperation, die die Erforschung der eigenen Geschichte wieder ein Schrittchen näher rückte. Das Projekt soll im Kern eine Periode von 200 Jahren beleuchten, eine Zeitspanne, die ein auf das Mittelalter spezialisierten Historiker sicher als kurz bezeichnen würde, zumal die Geschichte der Jenischen sich ja im Dunkel der bisherigen Historik verliert. Andererseits geht die Forschung über die Gründung der Schweiz als moderner Bundesstaat hinaus. Formen der Ausgrenzung sollen erforscht werden, um deutlich zu machen, welche Akteure mit welchen Mitteln die Jenischen an den Rand der Gesellschaft drängten. Die Dokumentation der Sichtweisen wird in meiner Arbeit einen zentralen Stellenwert haben, da gerade an den unterschiedlichen Beschreibungen des selben Vorgangs durch Täter und Opfer deutlich gemacht werden kann, dass weder Wahrheit noch Geschichtsschreibung absolute Werte sind, die ein Einzelner oder eine einzelne Gruppe, seien das Historiker, Politiker oder Jenische für sich beanspruchen kann und dass auch nach dem "Sinneswandel" der Politik in den 1970er-Jahren nicht automatisch jedes gutgemeinte Handeln auch die von der andern Seite erhoffte Wirkung hat.
Mitte 2003 konnte die Arbeitsgruppe ihre Tätigkeit aufnehmen. Seither sass ich unzählige Stunden in Staatsarchiven, im Bundesarchiv, in Universitätsbibliotheken, hinter meinem Bildschirm. Auch erste Interviews für die sogenannte "oral history", die mündliche Geschichtsschreibung, sind aufgenommen worden. In den Bibliotheken ist mir beim Studium der schon gedruckten Arbeiten zum Thema "Jenische" aufgefallen, dass die SoziologInnen, HistorikerInnen, EthnologInnen und wie sie alle heissen, in ihren Arbeiten meist eine eher kurze Zeitspanne, vor allem natürlich die Zeiten des Pro Juventute-"Hilfswerks Kinder der Landstrasse", zum Teil aber auch Geschehnisse aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, beleuchten.
Wenn die WissenschafterInnen Akten von 1820 studieren, lesen sie von Vaganten, Bettlern, Strolchen. Es fällt ihnen oft schwer, die Verwandtschaften mit den heutigen Jenischen zu erkennen. Das birgt die Gefahr in sich, dass entweder Landstreicher als Jenische dargestellt werden oder die Jenischen in der Masse der heimatlosen Bevölkerung zu verschwinden droht.
Um die Kontinuität der Geschichte wirklich nachvollziehen und darstellen zu können, scheint mir deshalb neben dem gründlichen Aktenstudium, in welchem die Beziehungen der verschiedenen Teile der Mehrheitsgesellschaft wie Presse, Politik, Behörden, untereinander und ihr Wirken auf das jenische Alltagsleben erforscht werden, insbesondere die möglichst breite und weit zurückreichende Erforschung von jenischen Familiengeschichten vordringlich zu sein. Gerade am Einzelbeispiel von Familien, für die den Aktenbergen der Archive schriftliche, bildliche und mündliche Quellen aus Familienbesitz entgegengestellt werden können, kann der längerfristige Einfluss der Geschichte erarbeitet werden, der über die Darstellung eines Einzelschicksals von Pro-Juventute-Kindern hinaus weist.
Dass die Behörden auch vor 200 und mehr Jahren zwischen Jenischen und Vagabunden zu unterscheiden wussten, zeigt sich in den verschiedenen Erlassen immer wieder deutlich. Damit der Landjäger, ohne sich um die ethnische Herkunft seines Gegenübers kümmern zu müssen, sicher die richtigen Leute nach den Vorstellungen der Obrigkeit behandelt, formulierten zum Beispiel die Luzerner Behörden ihre Weisung so: "den im Walde hausenden Familien von Schleifsteinträgern soll das Kochgeschirr zerschlagen und sie verjaget werden."
Dass diese Erlasse nicht nur in grauer Vorzeit, beim Aufbau der Zunftorganisation der Berufe, zum Schutze des einheimischen Gewerbes erlassen wurden, kann auch am behördlichen Handeln des 20. Jahrhunderts noch gezeigt werden. Als Beispiel fasse ich hier die Geschichte der Familie Cxxxx kurz zusammen. Es handelt sich hierbei um eine Romafamilie, die 1911 von Berlin herkommend, in die Schweiz einreiste. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bern hat sich die Familie in Basel ein Haus gemietet, sich ordentlich angemeldet und ein Hausierpatent gelöst. Nachdem die einheimischen Kupferschmiede (4) in einem gemeinsamen Protestbrief vom Polizeidepartement Basel-Stadt verlangten, dass der Familie der Aufenthalt und das Hausieren verboten werde, wurde ein Detektiv losgeschickt, um die Verhältnisse abzuklären. Zwar musste auch er feststellen, dass die Papiere der Familie in Ordnung sind und dass sie gar von der städtischen Polizeidirektion Bernein gutes Zeugnis ausgestellt bekommen. Aus Rücksicht auf das einheimische Gewerbe wurden der Familie Gewerbepatent und Aufenthaltsgenehmigung nachträglich wieder entzogen. Es wurde ihnen noch erlaubt, die angefangenen Arbeiten fertig zu machen, jedoch wurde das Annehmen neuer Aufträge mit sofortiger Wirkung verboten.
3 Jahre, die uns zur Forschung und Erarbeitung von Ergebnissen mit 50%-Stellen zur Verfügung stehen, werden wie im Fluge vergehen. Die Archive würden mir Dokumente für jahrzehntelange Studien bereit halten. Ich werde mich bemühen, am Ende dieses Projekts zusammen mit unserm Team eine bunte Arbeit präsentieren zu können, die einerseits den Ansprüchen der Wissenschaft Genüge tut, andererseits aber hoffentlich auch für die Jenischen selbst neue Einblicke in ihre Geschichte und Geschichten gibt. Damit dieses Zusammenwirken gelingen kann, freue ich mich auf spannende Begnungen mit Jenischen, die das tote Papier mit ihrem Wissen zum Leben erwecken. Die jenische Unterstützung soll mir helfen, Engelbert Wittich im positiven nachzueifern, ohne auf seinem Glatteise auszurutschen.
(¹) "Brawo Sinto!", Lebensspuren deutscher Zigeuner, herausgegeben von Joachim S. Hohmann, Fischer, Ffm 1984, ISBN 3-596-23848-X
(²)Einige Links: Von Borsten und Bürsten- zum Borstenhandel zwischen Indien und Deutschland (pdf), Vom Wandergesellen zur Bürstenmacherei Steinbrück, www.naturbuersten-versand.de: Materialkunde & Geschichtliches
(³) Thomas Meier, Walter Leimgruber, Roger Sablonier, Das Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse. Historische Studie aufgrund der Akten der Stiftung Pro Juventute im Schweizerischen Bundesarchiv, hg. v. Schweizerischen Bundesarchiv (Bundesarchiv Dossier 9), Bern 1998
(4)alle abgebildeten Dokumente aus: Staatsarchiv Basel, Straf- & Polizei, E2.1, 1909-1911 ( © Staatsarchiv Basel)