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Linksbüchneriade 25
Auf Ostern 1836, während Georg Büchner im Exil in Strassburg seine Weiterreise nach Zürich vorbereitet, erscheint am 2. April in Düssseldorf der monumentale zeitkritische Bildungsroman Die Epigonen von Carl Leberecht Immermann. Zwei Jahre später wird Immermann an die von Rudolf Erich Raspe 1785 in London geschaffene Kunstfigur des Baron Munchausen anknüpfen, um wie in der 1792 in London von Raspe publizierten Fortsetzung A Sequel of the Adventures of Baron Munchausen – die soeben erstmals ins Deutsche übersetzt worden ist – in seinem Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken durch die fantastische Erfindung scharf satirisch mit der Gegenwart abzurechnen. Und solche Parallelführungen mögen in der gesellschaftskritischen Literaturszene der 1830er-Jahre durchaus als eine, wenn auch eher indirekte, Verbindung zwischen Büchner und Münchhausen gelten.
Aber Freund B. hat in seinem umfassenden Gedächtnis und Archiv eine viel direktere Beziehung lokalisiert. In einem Brief an die Familie vom 2. Juli 1834 berichtet Georg Büchner nämlich über eine amtliche Hausdurchsuchung in Butzbach, da bei einem Schreinermeister eine illegale Druckerpresse vermutet worden sei. In Butzbach lebte und arbeitete der unerschrockene Liberale Friedrich Ludwig Weidig, der kurz zuvor den scharf kritischen Leuchter und Beleuchter für Hessen publiziert hatte, und nur wenig später, im August 1834, würden er und Büchner den noch radikaleren Hessischen Landboten zum Druck vorbereiten. So war die Anwesenheit einer Druckerpresse in Butzbach durchaus wahrscheinlich und deren Entdeckung hätte für Weidig wie für Büchner gefährlich werden können; doch Büchner macht in seinem Brief aus der durchaus bedrohlichen Situation eine Burleske, um die Eltern zu beruhigen. Der mit der Hausdurchsuchung betraute Kommissär habe sich nämlich in den dunklen Keller des Schreiners gewagt und vom Besitzer ein Licht gefordert, worauf ihm der beschieden habe, das müsse er sich selbst kaufen. Büchner fährt fort: «Aber der Herr Kommissär spart dem Lande überflüssige Ausgaben. Er rennt, wie Münchhausen, an einen Balken, er schlägt Feuer aus seinem Nasenbein, das Blut fliesst, er achtet nichts und findet nichts. Unser lieber Grossherzog wird ihm aus einem Zivilverdienstorden ein Nasenfutteral machen.» Münchhausens Episode, wie er mit den Funken, die seinen Augen entspringen, als er sich an einem Pfosten stösst, seine Lunte entzündet, war also schon so weit in den kulturellen Fundus eingedrungen, um beiläufig abgewandelt werden zu können.
Die Geschichte hat aber zwei weitere, zusammenhängende, Pointen. Denn die Hausdurchsuchung war aufgrund einer anonymen Anzeige erfolgt, die aus dem Umfeld von Weidig zur gezielten Irreführung der Behörden angefertigt worden war. Nach dem polizeilichen Fehlschlag zirkulierte bald ein Spottgedicht, das Weidig druckte und verteilte und das der in Zürich mit Büchner bekannte Wilhelm Schulz später sogar Georg Büchner zuschrieb. Dafür gibt es freilich keinerlei weitere Indizien, obwohl der Schluss mit der unverhüllten Drohung an die hessischen Beamten «wenn erst statt des Leuchters die Laterne kommen werde, dann würden sie hoch leben» ein Echo in Dantons Tod findet und Büchners Radikalität durchaus entsprochen hätte. Denn von Münchhausens Nase als Funzel ist der Schritt zum Laternenpfahl in bewegten Zeiten nur ein kleiner.