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Unsere deutsche Sprache kennt die beiden einander inhaltlich verwandten Wörter Angst und Furcht. Eine trennscharfe semantische Unterscheidung der beiden Begriffe ist nicht möglich. Der Umstand aber, dass es den Begriff der «Gottesfurcht» gibt, aber nicht den der «Gottesangst», lässt erkennen, dass die im Alten Testament häufige Aufforderung, Gott zu fürchten, nicht darauf zielt, Angst vor Gott zu vermitteln. Was aber steckt hinter der biblischen Ermahnung zur Furcht Gottes, und wie kommt es, dass die Gottesfurcht in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur als Königsweg zu einem geglückten Leben angepriesen wird (vgl. Spr 14,26–27)?
Werfen wir zunächst einen Blick auf biblische Textpassagen, die von der Furcht Gottes als Folge eines Ereignisses im Leben eines Einzelnen oder einer Gruppe von Personen berichten. Gen 28,17 beispielsweise erzählt davon, dass Jakob nach dem nächtlichen Traum von der Himmelsleiter (Gen 28,12–15) «sich fürchtete». Und in Ex 14,31 wird davon berichtet, dass ganz Israel von der Furcht Gottes erfasst wurde, nachdem es am Schilfmeer die Rettung vor der Streitmacht Ägyptens erlebt hatte. Wir stossen hier zugleich auf die bemerkenswerte Gleichsetzung von Gottesfurcht und Glaube1. Ähnliches lässt sich im Neuen Testament feststellen: Die Wundertaten Jesu lösen unter den Zeugen des Geschehens Furcht aus und veranlassen sie zugleich dazu, Gott zu preisen (vgl. Mt 9,8). Gottesfurcht entspringt folglich einerseits einer Gotteserfahrung bzw. einer Gottesbegegnung (vgl. Ex 3,6) und ist andererseits gleichbedeutend mit Glaube und mit Gottvertrauen, die zum Lobpreis animieren.
Davon ausgehend werden nun im Deuteronomium die späteren Generationen Israels, die nicht mehr selber Zeugen der Machttaten Gottes im Rahmen der Herausführung aus Ägypten sind, aber durch Erzählungen davon Kenntnis haben, dazu ermahnt, Gott zu fürchten. Interessanterweise steht die Gottesfurcht dabei mitunter parallel zur Gottesliebe (vgl. Dtn 6,2.5; 10,12). Liebe und Furcht werden damit als einander ergänzende Aspekte der Beziehung Israels zu seinem Gott erkennbar. Aus der zentralen Bedeutung, die der Gottesfurcht im Rahmen des Bundes zwischen Gott und Israel zukommt, ergibt sich auch, dass Volk und König – durch die Teilnahme am Kult und das Lesen bzw. Hören der Tora – immer neu lernen sollen, Gott zu fürchten (vgl. Dtn 14,23; 17,19; 31,12 f). Schliesslich impliziert die Gottesfurcht im Bundeskontext auch Treue zur Tora und erhält dadurch eine zwischenmenschliche Komponente: «Gott fürchten» bedeutet, an seinen Geboten sowie seinem Eingreifen zugunsten der Schwachen Mass zu nehmen und sich folglich zugunsten der Benachteiligten einzusetzen (vgl. Lev 19,14.32; 25,17.36.43).
Konzipiert also das Deuteronomium das Gottesvolk als Gemeinschaft von Gottfürchtenden, so knüpft der Psalter unmittelbar daran an. Die Mitbetenden werden nämlich hier wiederholt angesprochen als jene, die Gott fürchten (vgl. Ps 22,24; 66,16). Zugleich wird ihnen aus der engen Verbindung mit Gott heraus auch dessen Schutz und Hilfe verheissen (vgl. Ps 31,20; 34,7). Einen engen Zusammenhang von Gottesfurcht als erlernter und eingeübter Lebenshaltung auf der einen und von Glück und Wohlergehen auf der anderen Seite postuliert schliesslich auch die alttestamentliche Weisheitsliteratur.
«Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn» (Spr 9,10, vgl. 1,7), so lautet die Quintessenz, die den ersten Teil des Buches der Sprichwörter (Spr 1–9) umrahmt. Durch Weltbeobachtung ist es gemäss dem Sprüchebuch möglich, zur Erkenntnis Gottes fortzuschreiten, d. h. aufgrund der wahrnehmbaren Phänomene und Ereignisse auf seine Grösse und sein Wirken zurückzuschliessen. Damit aber ist denn auch das Ziel des weisheitlichen Weges – die Gottesfurcht – erreicht, und mit ihr die «Quelle des Lebens» (Spr 14,27).