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Die Zahlen sind fürchterlich. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder dessen direkten Folgen. Mehr als 17’000 Kinder jeden Tag. Jeder zehnte Mensch auf dieser Erde ist permanent schwerstens unterernährt.
Wer Geld hat, isst und lebt. Wer keines hat, leidet, hungert und geht zugrunde.
Gemäss einem Bericht der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) hat die
Covid-Seuche weitere 235 Millionen Menschen in den Abgrund des Hungers gestürzt: wegen zerfallender Produktion, gesperrter Transportwege, fehlender Arbeitskraft.
Die Covid-Seuche hat weitere 235 Millionen Menschen in den Abgrund des Hungers gestürzt.
OPPOSITION. Im riesigen Versammlungsraum des Glaspalastes der Uno am East River in New York tagt seit Anfang des Monats die Generalversammlung. Bereits im Juni berief Uno-Generalsekretär António Guterres eine Vor-Konferenz ein. Hauptakteure: die zehn Privatkonzerne, die zusammen 85 Prozent der auf den Markt kommenden Nahrungsmittel, ihre Lagerung, ihren Transport und ihre Verteilung kontrollieren. Ende dieses Monats soll in New York eine Welternährungskonferenz bindende Beschlüsse fassen.
Die Opposition der afrikanischen und asiatischen Agrarstaaten sowie der grossen Bauerngewerkschaften, zum Beispiel der Via Campesina, die über 200 Millionen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern mit weniger als einem Hektar Land, aber auch Pächter und landlose Tagelöhnerinnen umfasst, ist radikal.
Der alljährliche Bericht der FAO sagt, dass die Weltlandwirtschaft beim heutigen Stand ihrer Entwicklung problemlos 12 Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung, ernähren könnte … wenn die Nahrungsmittelverteilung gesetzlich geregelt und nicht bloss von der Kaufkraft der Konsumentinnen und Konsumenten abhängig wäre.
Denn das Problem ist die Verteilung, nicht die Produktion. Dem widersprechen gegen alle Evidenz die Konzerne. Sie wollen in grossem Umfang Zugang zum Agrarland in der südlichen Hemisphäre, um dort mit gentechnisch veränderter Saat zu wirtschaften. Die Bauerngewerkschaften dagegen verlangen das sofortige Verbot der Börsenspekulation mit Grundnahrungsmitteln (Reis, Getreide, Mais). Sie fordern die EU auf, nicht mehr mit ihren Agrarprodukten zu Dumpingpreisen die afrikanischen Märkte zu überschwemmen. Und sie wollen, dass die erdrückenden Auslandsschulden der 50 ärmsten Länder gestrichen werden.
WO STEHT DIE SCHWEIZ? Die Bundesverwaltung ist uneinig. Die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit im Aussendepartement steht mehrheitlich auf der Seite der Bauerngewerkschaften.
Dagegen wird in der Landwirtschaftsabteilung des Wirtschaftsdepartements von Bundesrat Guy Parmelin die Solidarität mit den Konzernen gepflegt. Während ich dies schreibe, ist das Verhandlungsmandat des Bundesrates für die Schweizer Delegation am New Yorker Welternährungsgipfel noch nicht definitiv formuliert. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier von SP und Grünen müssen eine öffentliche Debatte erzwingen und die Unterstützung der Schweiz für die Oppositionsstrategie der Bauerngewerkschaften durchsetzen.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Im letzten Jahr erschien im Verlag C. Bertelsmann (München) sein neustes Buch: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.