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Spekulation mit Vorsorgegeldern - von Werner Müller 13.01.2006 21:09

Einst galt die Inflation als der grosse Killer für Angespartes, besonders bei der Altersvorsorge. Heute geben sich Verwalter der institutionellen Anleger dem Phänomen Inflation gegenüber eher gelassen. Die weit grössere Gefahr besteht in Schwankungen an der Börse und bei Börsenstürzen, die weltweit riesige Summen vernichten, welche angeblich auf dem freien Markt antizyklischen Schwankungen ausgesetzt sind, so die Lehrmeinung. Gerade weil die Aussagen der Ökonomen kaum eine Definition über die Ursachen dieser Schwankungen hervorbringen, fehlt meines Erachtens eine Analyse, wie es zu solchen Katastrophen kommt. Zur Entlastung der Spezialisten im Vorsorgebereich muss gesagt werden, dass sie von universitärer Seite kaum auf die Ereignisse vorbereitet werden. Wie der Papst in Rom dozieren die Professoren an den Universitäten unumstössliche Glaubenssätze die da heissen: Geld muss sich selbständig mehren, was weder bewiesen ist, noch öffentlich diskutiert werden darf.
Der sogenannte Kapitalmarkt ist vielleicht zu vergleichen mit der karibischen See, die unkontrollierbar immer wieder Hurrikane hervorbringt, welche regelmässig die Inseln und das Festland zerstören. Das aufgeheizte Wasser (der Anlagemarkt) entlässt überschüssige Energie in die Atmosphäre (Spekulationen), wo infolge der Erdrotation (höhere Gesetzmässigkeit) früher oder später bewohnte Gebiete mit ungebremster Kraft zerstört werden und die Energie sich selber abbaut (Crash). Dieser Vergleich macht meines Erachtens die Gesetzmässigkeiten sichtbar, die da walten und die Ohnmacht gegenüber unkontrollierbaren Kräften. „Energie“ in Form von spekulativem Geld ist mit dem Energieaustausch in der Natur vergleichbar. Weil Energie nicht in ozeanischen Gewässern, sondern nur in Staubecken gespeichert werden kann, wird es immer wieder zu verheerenden Dammbrüchen kommen. Ich denke, diese Analogie könnte helfen, den komplexen Vorgang bei der Verwaltung von Vorsorgegeldern zu begreifen.
Es war deshalb eine weise Vorkehrung, die erste Säule (AHV) in ein Umlageverfahren zu leiten, d.h. die Arbeitenden hatten nur den Bedarf von Rentenbezügen zu äufnen. Es blieb ein relativ schmales Polster, das der Staat zu verwalten hatte. Dass diese Vorgehensweise eine politische Absicht verfolgte, musste das nach dem 2. Weltkrieg begonnene Sozialwerk nicht schmälern, im Gegenteil: die inflationäre Periode hätte jedes andere Verfahren über Gebühr belastet. Als dann in den 70er Jahren die 2. Säule mit einem Kapitaldeckungsverfahren für obligatorisch erklärt wurde (jeder spart sein eigenes Kapital an mit Unterstützung des Arbeitgebers), hatten die namhaftesten Arbeitgeber bereits ihre Pensionskasse. Man war überzeugt, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben.
In der Tat bildete Umlageverfahren plus Kapitaldeckung eine ideale Ergänzung zweier Verfahren. Ausserdem repräsentierte das international anerkannte Modell eine typisch schweizerische Kompromisslösung auf dem Hintergrund einer sozialistischen und privatwirtschaftlichen, sprich politisch/ökonomischen Basis. Dieses Modell fand im Volk ein unerschütterliches Vertrauen. Es würde heute noch bestehen, hätte man einen wesentlichen Grundsatz nicht über Bord geworfen: die Vorsorgegelder in mündelsicheren Anlagen zu deponieren.
Angeblich fanden sich die Institutionellen Anleger in einem Anlagenotstand. Schrittweise wurde die Schleusen geöffnet, welche spekulative Anlagen in den wilden Ozean des Kapitals entliessen, wo sie sich selbständig vermehren sollten. Obwohl bei der Abstimmungskampagne zur 2. Säule die Sicherung von Vorsorgegeldern noch ein wichtiges Thema war, das viele Anwärter auf künftige Renten bewogen haben mag, der privatwirtschaftlichen Lösung den Vorzug zu geben gegenüber einer Volkspension (Umlageverfahren), wurde der Strom in den Ozean der Spekulation geleitet. Nur ganz Besonnene fluteten ihre Rückhaltebecken nicht, und es sind bezeichnenderweise auch diese, die heute relativ unbeschädigt dastehen. Dem Volk wurde aber der Gesamtzusammenhang nicht erklärt, geschweige denn begangene Fehler eingestanden.
Dass in der kleinen Schweiz innert kürzester Zeit ein Schaden von mindestens 100 Milliarden Franken entstehen könnte durch Spekulationen auf dem freien Kapitalmarkt, der eher einem Casino entspricht, wird der Bevölkerung mit der demografischen Entwicklung übertüncht. Dem aufmerksamen Leser, der aufmerksamen Leserin dagegen werden immer mehr Einzelfälle bekannt, wie jener der bernischen Lehrerversicherungskasse BLVK, der zwischen 2000 und 2004 über eine Milliarde Franken Deckungskapital abhanden gekommen ist. Den versicherungstechnische Experten erteilte nämlich die Verwaltungskommission im Jahr 1999 die Zustimmung, den Anteil an Aktienanlagen von 28 % auf 42 % zu erhöhen. Die bereits durch diverse Finanzpleiten des Kanton Bern strapazierten Steuerzahler sollen nun auch noch diese Last tragen.
Aber auch beim Bund fehlen Beträge bei den öffentlichen Pensionskassen (Bund, SBB, Post) die dem Budget des Finanzministers BR Hans-Rudolf Merz angelastet werden möchten. Merz ergreift die Flucht nach vorne und will die Rentner in eine separate Kasse abschieben. Insgesamt 100000 Rentner mit einem Sparkapital von 33 Mia Franken (Grafik) sollen von den Aktiven getrennt werden. Es könnte sein, dass zu hohe Renten bei zu niedrigen Beiträgen versprochen worden sind, was den Steuerzahler 10 Milliarden Franken kosten könnte (NZZ am Sonntag vom 11.9.05). Dabei wird in keiner Weise erwähnt, wie es zu dieser krassen Unterdeckung gekommen ist. Ob da ein Problem nicht elegant abgeschoben wird nach dem Motto: „debroulliez vous“.
Einwände, wie derjenige des BVG-Experten Werner Hug, der für Rentenkürzungen plädiert, z.B. bei Renten über Franken 120'000.--, glauben, dass bei 5 % Senkung der Renten eine Ausgliederung der Rentner nicht nötig wäre. Überhaupt, was wäre das noch für eine Pensionskasse, die nur noch aus Rentnern bestünde? Wo bleibt da die Solidarität?
Ganz andere, kuriose Wege, werden im Kanton Wallis beschritten. Dort wird ein Loch von 1 Milliarde Franken gedeckt, indem ein Fonds errichtet wird, der sich während 40 Jahren das fehlende Geld auf dem Kapitalmarkt beschafft. Auch da kein Wort über die Verantwortlichkeiten.
Und was sagen die Ökonomen? Einem Leserbrief der NZZ am Sonntag gemäss soll Heinz Zimmermann, Professor für Finanzen an der Universität Basel gesagt haben: „Die Jungen bekommen einen Junk-Bond, die Alten einen Triple-A-Bond.“ Mit recht kommen sich die Jungen total verschaukelt vor und fragen sich, weshalb sich die professorale Weisheit hinter einem Insidergeschätz versteckt, das nur die halbe Wahrheit offenbart.
Als ehemaliger Versicherungsfachmann masse ich mir nicht an, die verquickte und äusserst komplexe Materie zu durchschauen. Es ist vielleicht müssig, im Nachhinein zu fragen, welches die entscheidenden Fehler waren. Wer aber nicht nach den Ursachen fragt, kann die Fehler nicht korrigieren. Müsste nicht die Wissenschaft diesen Fragen nachgehen? Selten haben Ereignisse in der Volkswirtschaft ein solches Ausmass angenommen, vergleichbar mit Naturkatastrophen. Aber dürfen wir es hinnehmen, diese Schäden fatalistisch einer höheren Gewalt in die Schuhe zu schieben? Da die Auswirkungen quer durch die Kassen zu beobachten sind, müsste zwingend der Frage nachgegangen werden, wie solche massiven volkswirtschaftlichen „Hurrikane“ in Zukunft zu vermeiden sind. Soweit es sich um zu ersetzende Mittel aus den Kassen von Bund und Kantonen handelt, dreht es sich auch um die gleiche Frage, die bei der Verschuldung der öffentlichen Hand im Raum steht. Warum müssen Finanzlöcher den Steuerzahler belastet? Haben eigentlich die Kreditgeber ein Monopol auf diesem „Markt“? Könnten Gelder für diese Sparte nicht auf andere Weise beschaffen werden, z.B. in Form von (mündelsicheren) Anleihen, sei es aus den Kassen der 2. Säule oder von Privaten? Weshalb müssen einmal mehr Neuverschuldungen zugelassen werden, welche exklusiv mit Krediten von stillen Partizipierenden gedeckt werden? Heute werden weltweit verschuldete Staaten und ihre Steuerzahler als Milchkuh missbraucht.
Ich hätte noch eine andere Möglichkeit in diesem Zusammenhang anzubieten, welche von den Institutionellen Anlegern beschritten werden könnten und für mehr Sicherheit ihrer Anlagen (Vorsorgegeldern) sorgen würden. Ausgehend von der Tatsache, dass Grund und Boden nicht reproduzierbar sind (oder nur begrenzt), könnten Vorsorgegelder in den Liegenschaftsmarkt, bzw. in handelbaren Boden fliessen, wie es vorsichtige Anleger immer getan haben. Stattdessen haben sich die Pensionskassen aus diesem Markt zurückgezogen, weil angeblich die Rendite zu niedrig sei.
Um dem Argument vorzubeugen, die Pensionskassen seien keine Liegenschaftshändler, unterbreite ich folgenden Vorschlag: Die institutionellen Anlieger, Pensionskassen und die Verwalter von Vorsorgegeldern, müssten sich nur auf Grund und Boden konzentrieren und diesen im Baurecht abgeben. Baurechtszinsen sind mit geringem Verwaltungsaufwand zu erheben, wogegen die Liegenschaften in die Privatisierung zu überführen wären. Der Handel mit Liegenschaften, ihr Unterhalt und die Vermietung sind in der Tat ein Geschäft, das nicht dem Schonbereich der Altersvorsorge zu unterstellen ist. Da, wo Pensionskassen mit Erfolg eigene Liegenschaften unterhalten, sollen die Besitzverhältnisse erhalten bleiben. Aber bei neuen Projekten oder bei Handänderungen, sollte der Besitz des Bodens der Spekulation entzogen werden und an Interessierte im Baurecht abgegeben werden. In den 50er Jahren fand dieses Modell gesamtschweizerisch verbreitet Anwendung zur Wohnbauförderung. Es vereinigt volkswirtschaftliche Vorteile, die von den Banken systematisch unterlaufen wurden, da sie die Bodenrente zur Absicherung ihrer Risiken beanspruchten. Auf diese Weise und mit dem Volumen eines respektablen Hypothekargeschäftes verhalfen die Schweizer „ihren Banken“ zu internationaler Geltung. Es kann nicht geleugnet werden, dass aus einem Volk von Landeigentümern ein Volk von Mietern geworden ist. Verschiedene Modelle der Eigentumsförderung wurden stets von Bankkreisen blockiert und unterbunden.
Über die zweite Säule hätten wir die Möglichkeit dies zu ändern und ein riesiges Potential von mündelsichereren Anlagen zu schaffen, das ansonsten den Banken zur Verfügung steht, die es gar nicht nötig haben. Das Modell hat den Vorteil, das es sich des freien Marktes bedienen würde, einem Markt übrigens, der in der Schweiz noch in vernünftigen Proportionen wächst, im Gegensatz zu den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten. Es ist mir schleierhaft, weshalb bisher keine Partei dieses Potential angepackt hat. Ist die Scheu vor den Banken derart gross? Oder werden insgeheim auch auf diesem Gebiet bereits Richtlinien der EU befolgt?
Ich finde, wir könnten der jungen Generation nichts besseres hinterlassen, als eine Perspektive, welche auch ihr nach einem harten beruflichen Einsatz eine gesicherte Altersvorsorge in Aussicht stellt. Es muss nichts so frustrierend sein, wie die Ungewissheit.
um den Arbeitsplatz
um das Einkommen
um die Altersvorsorge.
Das rein kapitalistische, neoliberale und global angeheizte Becken für Kapitalanlagen erzeugt für wenige ungeheure Entwicklungsmöglichkeiten, kann aber die Stürme, die alles zerstören können, nicht kontrollieren. Vorsorgegelder sind ihrer Natur gemäss ein besonderes Segment, das nicht der Spekulation ausgesetzt gehört. Man kann die Kräfte des sogenannten freien Marktes nicht an die Kette legen, aber man muss ihnen auch nicht alles opfern. Schliesslich baut die Hochfinanz ihre Verwaltungszentren auch nicht auf unsicherem Grund. So sollten unsere Pensionskassen langfristig auf guten Grund überführt werden, der schliesslich allen gehören sollte, wie die Luft die wir atmen.