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| Irenäus († um 200) - Gegen die Häresien (Contra Haereses)

Zweites Buch
28. Kapitel: Vieles entzieht sich unserm Verständnis
6.
Ihr behauptet in eurer törichten Aufgeblasenheit ganz frech, daß ihr die unaussprechlichen Geheimnisse Gottes wüßtet, wohingegen der Herr, der der Sohn Gottes selbst ist, die Kenntnis des jüngsten Tages und seiner Stunde nur dem Vater zuschreibt, indem er ausdrücklich sagt: „Den Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater“1 . Wenn also der Sohn sich nicht schämte, diese Kenntnis nur dem Vater zuzuschreiben, sondern der Wahrheit Zeugnis gab, dann brauchen auch wir uns nicht zu schämen, was in den tieferen Fragen uns dunkel bleibt, Gott zu überlassen. Niemand nämlich ist über seinem Meister2 . Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen. Denn wie aus der Denkkraft und dem Verstande das Wort hervorgeht, das wissen ja alle Menschen. Also haben die wahrlich keine großartige Erfindung gemacht, die solch ein Hervorgehen erdachten, noch ein tiefes Geheimnis entdeckt, wenn sie das, was von allen gewußt wird, auf den eingeborenen Sohn Gottes übertrugen. Und den, welchen sie den unaussprechlichen Unnennbaren heißen, den verkünden sie, gleich als ob sie selbst bei seiner Geburt geholfen hätten, als die Hervorbringung und Geburt der ersten Zeugung, indem sie ihn der Aussendung des menschlichen Wortes gleichstellen.
1: Vgl. Mk. 13,32
2: Mt 10,24