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Bild
Titel:
Innerrhoder Landsgemeinde 1887
Thema: Politik
Datum: 24.04.1887
Masse: 14,8 x 20,5 cm
Standort: Sepp Koller, Stockstrasse, Appenzell
Urheber/-in: Franz Braun, Feldkirch
Beschreibung:
Appenzell Innerrhoder Landsgemeinde vom 24. April 1887. Rechts das Gasthaus Säntis noch ohne die um 1930 geschaffene dekorative Bemalung von Kunstmaler Johannes Hugentobler. Links die Buchdruckerei des "Freien Appenzeller", eine freisinnig-liberale Innerrhoder Lokalzeitung, die in den Jahren 1878-1895 erschien. In der Bildmitte der alte Landsgemeindestuhl, auf dem lediglich der regierende Landammann, der Landschreiber und der Landweibel Platz fanden. Erst 1894 wurde ein grösserer Stuhl beschafft, auf dem sich die ganze Regierung aufstellen konnte. Die Landsgemeinde-Männer stehen eng um den Stuhl herum, um die Verhandlungen akustisch verstehen zu können. Wer auf dem Stuhl das Wort ergriff, musste mangels Verstärkeranlage geradezu brüllen, um auch in den hintersten Reihen gehört zu werden.
Geschichte:
Wie im Kanton St. Gallen bestand im Kanton Appenzell Innerrhoden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein tief greifender Gegensatz zwischen Konservativen und Liberalen. Erstere waren eifrige Verfechter einer möglichst weit gehenden Souveränität der Kantone. Christlicher Glaube und Kirche bildeten für sie die höchsten Autoritäten, während die Liberalen den weltlichen Rechtsstaat an oberste Stelle setzten und die Religion als Privatsache betrachteten. Diese Spannungen wurden durch die diametral entgegengesetzten Persönlichkeiten von Johann Baptist Emil Rusch (1844-1890) und Carl Justin Sonderegger (1842-1906) gleichsam personifiziert. Besondere Brisanz erhielt diese Konstellation, als der konservative Rusch und der liberale Sonderegger 1880-1887 gleichzeitig Regierender und Stillstehender Landammann waren und sich so im politischen Alltag direkt gegenüberstanden. Die beiden Innerrhoder "Parteizeitungen", der 1876 gegründete konservative "Appenzeller Volksfreund" und der 2 Jahre jüngere, liberal gesinnte "Freie Appenzeller", heizten die Stimmung mit angriffigen Artikeln zusätzlich an.
Von den andauernden Spannungen in Fragen der Finanzpolitik und des Erziehungswesens zermürbt, erklärte Sonderegger an der Landsgemeinde 1887 nach nur einem Amtsjahr den Rücktritt als Regierender Landammann. Für die Liberalen galt es nun, unter allen Umständen zu verhindern, dass die Konservativen davon profitierten. Deshalb portierten sie Säckelmeister Johann Baptist Edmund Dähler (1847-1927), der bis dahin eine vermittelnde Stellung eingenommen hatte. Tatsächlich gelang der Coup. Dähler wurde als Nachfolger von Sonderegger zum Vorsitzenden der Standeskommission gewählt. Um Rusch aus der Regierung zu drängen und Sonderegger ein neues Amt zu geben, hatten die Liberalen des Weiteren beschlossen, für den Vorgang des "Ausgemeindens" einzutreten. Bis 1896 kannte die Innerrhoder Landsgemeinde keine obligatorischen Bestätigungswahlen für die Mitglieder der Standeskommission. Stattdessen wurden die Stimmberechtigten jeweils angefragt, ob sie ausgemeinden, d.h. über jedes Regierungsmitglied einzeln abstimmen oder diese gesamthaft in stiller Wahl bestätigen wollten. Mehrheitlich verzichtete die Landsgemeinde auf dieses Recht und nahm lediglich im Falle von Rücktritten Ersatzwahlen vor. So geschah es auch 1887.
Die Landsgemeinde lehnte das Ausgemeinden ab, womit Landammann Rusch bestätigt war, während Sonderegger nun um seinen Regierungssitz bangen musste. Zunächst trat er um das Amt des Säckelmeisters gegen Landeshauptmann Johann Josef Broger (1841-1898) an. Trotz mehrmaligem Mehren konnte sich keiner der Kandidaten durchsetzen, sodass die Stimmen ausgezählt werden mussten. Dies geschah bis 1894 jeweils in der Pfarrkirche Appenzell in einem umständlichen Prozedere, das rund eine Stunde in Anspruch nahm. Sämtliche Wahlberechtigten hatten die Kirche durch den Haupteingang zu betreten und je nach Gesinnung durch den linken oder rechten Seitenausgang zu verlassen, wobei sie leicht abzuzählen waren. Im Endergebnis fielen auf Landshauptmann Broger 1059 Stimmen, auf Landammann Sonderegger hingegen nur 918. Sonderegger hatte nun nur noch eine kleine Chance, in der Standeskommission zu verbleiben, er musste sich für das frei werdende Amt des Landeshauptmanns bewerben. Gegen ihn kandidierte Johann Anton Neff (1853-1901), regierender Hauptmann des Bezirks Rüte. Auch hier konnte trotz wiederholtem Mehren auf dem Landsgemeindeplatz kein Sieger ermittelt werden, sodass nochmals die Kirche aufgesucht werden musste. Als Vorsteher des Land- und Forstwirtschaftsdepartementes wurde schliesslich Neff mit 942 Stimmen gewählt, während auf Sonderegger lediglich 602 Stimmen entfielen; der regierende Landammann war abgewählt! Auffällig dabei ist die weitaus geringere Stimmbeteiligung beim zweiten Wahlgang in der Kirche. Viele Landsgemeinde-Männer waren - des komplizierten Verfahrens überdrüssig - wohl inzwischen zum Bier gegangen.
Autor: Stephan Heuscher, Appenzell
Literatur:
Koller, Albert: Das Bild der Landsgemeinde, in: Innerrhoder Geschichtsfreund 7 (1960), S. 10-15
Hangartner, Norbert: Landammann Johann Baptist Emil Rusch 1844-1890. Appenzell 1980, S. 90-109
Der Freie Appenzeller, Nr. 33/34, 23. und 27. April 1887
Appenzeller Volksfreund, Nr. 34, 27. April 1887
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