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Heute haben wir genug Güter und Dienstleistungen (ja mehr, als genug), dass im Prinzip allen Menschen ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden können. Die Frage ist nur, wie lässt sich dies in der Praxis bewerkstelligen? Dr. Christopher Houghton Budd zeigt auf, dass hierzu kein staatlich garantiertes Einkommen notwendig ist, sondern eine Neuorientierung der Pensionskassen, der Löhne und des Rentenalters.
Dr. Christopher Houghton Budd ist Geld- und Wirtschaftshistoriker, Leiter des Zentrums für Assoziative Wirtschaft und Einberufer der Wirtschaftskonferenz des Goetheanums.
Von einer zivilisierten Gesellschaft kann man erwarten, dass die Mitglieder untereinander sicherstellen, dass jedem seine Grundbedürfnisse befriedigt werden. Angesichts der grossen Militärausgaben, den ineffizienten staatlich geführten Wirtschaftsbetrieben und der immer weiter fortschreitenden
Individualisierung, welche einen immer grösseren Wohlstand erzeugt, ist dies in den meisten Regionen der Welt keine Frage der Menge des Geldes, sondern des Umganges damit und seiner Verteilung.
Das Frage hat damit zwei Aspekte. Erstens, sehen wir ein, dass, abgesehen von der ungleichen Verteilung, die charakteristische Eigenschaft unseres modernen Wirtschaftslebens ein zu hoher Wohlstand ist? Zweitens, haben wir die Grosszügigkeit, oder sogar das Selbstinteresse, dass ein Teil unseres Wohlstandes dazu genutzt wird, allen Menschen ein Einkommen zu sichern, welches ihnen genügt, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen? Diese beiden Fragen gehören zusammen. Der Wille für letzteres ermöglicht ersteres zu sehen – und umgekehrt. Dies bedeutet jedoch, dass wir die Entschlossenheit haben müssen, dasjenige auch in konkrete Vereinbarungen und Einrichtungen überzuführen, was uns in Gedanken einleuchtet.
Denken mit dem, ‚was wegfliegt von der Erde‘
Das gestellte Problem ist kein ökonomisches. Ein Grundeinkommen ist nichts anderes als das monetäre Gegenstück der Grundbedürfnisse. Dies ist z.B. auch der Grund, weshalb die Geldpolitik die Aufgabe hat, sicherzustellen, dass soviel Geld vorhanden ist, wie Güter und Dienstleistungen vorhanden sind. In der gleichen Weise ist es das Ziel der Idee des Grundeinkommens, allen Menschen ein Einkommen zu gewährleisten, mit welchem sie ihre notwendigen Ausgaben bezahlen können. Dies würde eine aufgeklärte Geldpolitik erfordern, welche unterscheidet zwischen ‚Einkommen = Bedürfnisse‘ und ‚Kredit = Fähigkeiten‘.[i] Die Folge einer solchen Geldpolitik wäre die Differenzierung des Geldes in ‚Kaufgeld‘ und ‚Leihgeld‘, eine Idee, die ihren Ursprung in der Geldtheorie von Rudolf Steiner hat.
Auf der technischen Ebene ist diese Nichtunterscheidung von ‚Kaufgeld‘ und ‚Leihgeld‘ sowohl ein erkenntnistheoretisches wie auch ein strukturelles Problem. Das bedeutet, wir denken und handeln so, als ob ‚Kaufgeld‘ und ‚Leihgeld‘ dasselbe wäre. Nun ist es jedoch gerade diese Nichtunterscheidung, weshalb wir mit unserem Denken an unser Gehirn gebunden bleiben (in der Box denken), anstatt dass wir, wie es für die heutige Wirtschaft notwendig wäre, mit demjenigen Denken, um ein evokatives Bild von Steiner zu gebrauchen, ‚was wegfliegt von der Erde‘.
Den Willen finden
Den Willen zu finden, um allen ein Grundeinkommen zu gewährleisten, beinhaltet zwei Kernprobleme. Das eine betrifft unser Weltbild, das andere die praktische Umsetzung. Zum ersten. Es wird solange kein Wille vorhanden sein ein solches Projekt umzusetzen, als wir denken, dass manche Menschen es verdient haben, arm zu sein und ‚der Kampf ums Überleben‘ oder andere mehr oder weniger rassistische Gedanken unsere Leitvorstellungen bilden. Es sind solche Vorstellungen, welche uns daran hindern, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen wahrzunehmen. Zu diesem Egoismus werden wir gegenwärtig auch hingetrieben durch die ständige Replizierung von Vorstellungen wie der ‚unsichtbaren Hand‘, möglichst niedrigerer Preise und Wettbewerb, welche die Grundkonzepte der heutigen Wirtschaftswissenschaft bilden. Wie man diese Vorstellungen los wird, darüber lässt sich debattieren. Doch von diesen Vorstellungen uns zu befreien ist notwendig, wenn wir uns selber zur Quelle des Wohlstandes machen wollen.
Das zweite Problem ist die Frage, wie wir ein Grundeinkommen praktisch umsetzen. Hierfür gibt es prinzipiell drei Möglichkeiten:
- Es dem Staat zu überlassen. Dies aber würde zu einem Mindestlohn führen, der minimal wäre, weil der Staat als ökonomischer Akteur nur in Gesamtgrößen oder in Durchschnittswerten rechnen kann, jedoch nicht auf die spezifischen Bedürfnisse einzelner Personen eingehen kann. Der Staat hat daher die Tendenz, bürokratisch, hartherzig und ungenügend zu sein.
- Es den Kräften des Marktes zu überlassen, da diese als die besten Richter darüber betrachtet werden, was den Mensch und seine Bedürfnisse angeht. Diese Marktkräfte sind hierfür jedoch ungeeignet, theoretisch wie auch praktisch. Die Marktkräfte gehören dem Bereich der Waren an und sind daher keine tauglichen Mittel zur Bestimmung des Einkommens. Die Arbeit würde dadurch zur Ware und, schlimmer noch, das Einkommen zum Wertmassstab des Menschen.
- Die Aufmerksamkeit auf die Menschen als solche zu richten, von denen allein die Erzeugung sowie auch die Verteilung des Wohlstands ausgehen kann. Wie können die Menschen einen Teil des gesellschaftlichen Wohlstands kollektiv so verteilen, dass alle ein Grundeinkommen bekommen? Ausschlaggebend ist hierbei einerseits, daß die Höhe dieses Einkommens kein einheitlicher, starrer und von außen bestimmter Fixbetrag sein sollte. Dies sollte allein die Angelegenheit der direkt Betroffenen sein. Beispielsweise könnten sich die Mitarbeiter eines Unternehmens selbst einen Gesamtbetrag bereitstellen und diesen unter sich aufteilen, und zwar so, daß es niemandem von ihnen an der Grundversorgung mangelt. Andererseits muß dieser Betrag für das Unternehmen auch tragbar sein und mit der folgenden Frage verbunden werden: Was können wir gemeinsam zum gesellschaftlichen Wohl beitragen, damit das Einkommen unseres Unternehmens (der Wert seiner Erzeugnisse) auf angemessene Weise gewürdigt und vergütet wird?
Soziale Sicherheit
Diese Diskussionen sollten innerhalb eines Unternehmens stattfinden. Die Rolle des Staates ist es, angemessene Rahmenbedingungen für das Zustandekommen solcher Vereinbarungen zu schaffen. Wenn sich die einzelnen Mitarbeiter gemeinsam ihre Vergütung zuteilen würden und gemeinsam sicherstellten, daß ihr Unternehmen über die notwendigen Geldmittel einnimmt (wegen seines Werts, der ihm von seinen Kunden beigemessen wird), dann könnte die Notwendigkeit von extern geschaffenen Gesetzen, die ein Grundeinkommen garantieren, minimiert, wenn nicht gar völlig vermieden werden. Es müsste sogar die Möglichkeit vorhanden sein, sich selbst nichts zuzuteilen, wenn die Umstände dies erlauben, ohne dass man genötigt wird, einen staatlich verordneten Mindestlohn zu akzeptieren.[ii]
Wenn solche Vereinbarungen zustande kommen, sollte darauf geachtet werden, dass der Staat nicht die Verantwortung für diese Vereinbarungen übernimmt oder diese Vereinbarungen unterminiert. Es würde dadurch ein wichtiges soziales Verhältnis politisiert werden, anstatt dass die Aufgabe, die einfach darin besteht, zuerst uns allen gemeinsam unsere Grundbedürfnisse zuzusichern, bevor wir uns weiterer Geldmittel bemächtigen, eine wirtschaftliche bliebe.
Ähnliche Überlegungen ließen sich natürlich auch auf die Altersversorgung und anderer Formen sozialer Leistungen übertragen, die alle lediglich verschiedene Varianten ein und desselben Problems sind, nämlich: Wie kann ich mich selbst hier und jetzt finanziell versorgen und gleichzeitig auch die anderen dort und dann? Jene anderen schließen selbstverständlich auch mich selbst mit ein, wenn ich einmal alt und gebrechlich sein werde.
Das gesamte Sozialversicherungssystem wird von genau dieser Frage durchdrungen, welche, während sie möglicherweise eine komplexe Antworten zur Folge hat, dennoch nicht schwer zu verstehen ist. Die Verständnisschwierigkeiten diesbezüglich haben nur geringfügig mit praktischen Übereinkünften oder ökonomischen Möglichkeiten zu tun, sondern liegen vor allem darin, zu erkennen, wie der Einzelne seine Ich-Bezogenheit in Bezug auf das Wirtschaftsleben überwinden kann.
Der Teufel liegt im Detail
Man kann dies bemerken, wenn man sein Augenmerk auf die drei Kernaspekte unseres heutigen Sozialversicherungssystems richtet, nämlich dem heutigen Anstellungsverhältnis, dem Pensionsalter und der Wahl zwischen dem Umlageverfahren, bei welchem die Angestellten heute für jene bezahlen, die keine Anstellung haben und dem Kapitaldeckungsverfahren, welches darauf beruht, dass jeder von uns die Bedürfnisse der anderen ignoriert und nur für sich selbst sorgt, indem er längerfristig Geld anlegt, um sich dadurch zukünftige Ansprüche zu sichern.
Der Teufel liegt dabei im Detail. Die moderne Auffassung der Arbeit und des Anstellungsverhältnis ist das eine Problem. Wenn wir alle für die Ergebnisse unser Aktivitäten vergütet würden, statt für Arbeit bezahlt zu werden, dann würde unser heutiger Begriff der Anstellung nicht vorhanden sein. Dies wird am Beispiel von selbständig Erwerbenden deutlich, für die sich immer nur die Frage stellt: «Wie lange kann ich auf sinnvolle Weise meinen Beitrag an die Gesellschaft leisten und dafür vergütet werden?»
Ein weiteres Problem ist die heute verbreitet Idee, daß mit einem bestimmten Alter der Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand gekommen sei. Welch ökonomischer und menschlicher Unsinn! Mit einem solchen, von aussen aufoktroyierten Recht – ohne Berücksichtigung, wie es finanziert werden soll – schaffen wir uns selbst die Probleme für die Zukunft. Dies wird offensichtlich, sobald wir versuchen, das Rentenproblem dadurch zu lösen, dass wir das Renteneintrittsalter immer weiter erhöhen. Wenn die Menschen, statt im Anstellungsverhältnis zu arbeiten, verstehen würden, daß es ihr gesellschaftlicher Beitrag ist, den sie vergütet bekommen, dann würden sie auch nicht mehr an ein Durchschnittsalter für das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben denken. Durchschnittsgrössen sind wichtige statistische Kennzahlen, jedoch unbrauchbar für praktische Zielsetzungen im Wirtschaftsleben. Man kann die Einwohnerzahl einer bestimmten Anzahl von Städten bestimmen und dann die Summe durch die Zahl der Städte dividieren um so die durchschnittliche Einwohnerzahl zu berechnen. Doch, müssen nun deswegen in allen Städten die gleiche Anzahl Menschen wohnen? Durchschnittsgrössen führen im Wirtschaftsleben zu falschen Zielsetzungen.
Wenn man jedem die Entscheidung über sein Renteneintrittsalter selbst überließe, dann würden die Menschen in unterschiedlichem Alter in den Ruhestand treten. Dies aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Lebensumstände würden jedoch sicherstellen, daß die Unmengen, scheinbar getrennt voneinander getroffenen Entscheidungen, sich untereinander ausgleichen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil Einkommen und Ausgaben lediglich zwei Seiten derselben Medaille, d.h. die zwei Seiten derselben Transaktion sind. Dasselbe gilt natürlich auch für Sparen und Investieren. Dazu kommt das Problem, dass wir heute Rente als ‚Entzug von Arbeitskraft‘ betrachten, wohingegen an dieser Stelle im Leben es ‚Verschenkung von Weisheit‘ bedeutet. Der wirtschaftliche Unterschied ist real und nicht unbedeutend.
Direkter Transfer anstatt Pensionskassen
Letztlich ist die Schlüsselfrage des Sozialsystems die Frage des «Wie»: Wie soll Geld von mir zu anderen transferiert werden? Die klarste Antwort hierauf ist, sicherzustellen, daß «mein Einkommen» heute auch einen genügend grossen Betrag einschliesst für die «anderen» und daß dieser Betrag auf ein zu diesem Zweck eigens eingerichtetes Konto übertragen wird. Berechnung und Transaktion sollten unmittelbar erfolgen, ohne zeitliche Verschiebung.
Dies ist ein kontroverser Vorschlag. Er widerspricht der Idee der Rentensicherung mittels Kapitaldeckungsverfahren und wird daher oft mit Skepsis begegnet. Die meisten Menschen haben sich mittlerweile in die Abhängigkeit dieser Vorgehensweisen begeben und bemerken gar nicht, daß sie dadurch einen Kapitalbestand erzeugen, der eigentlich gar nicht existieren sollte und der weiter erhalten werden will, was weiter dazu führt, dass man Aktienwerte gegenüber Einkommen bevorzugt.
Dieser Vorschlag eines direkten Transfers ist diametral entgegengesetzt zu den meisten der heutigen Denkgewohnheiten und wird wahrscheinlich weiter damit kritisiert werden, dass dies zu höheren Einkommen und geringeren Aktiengewinnen, d.h. zu einer geringeren Rentabilität des Kapitals führen würde. Dies könnte der Fall sein (oder auch nicht), es sollte jedoch beachtet werden, dass für das Kapitaldeckungsverfahren eine inflationäre Kapitalrendite benötigt wird und dass dieses Verfahren zudem grosse Unsicherheit wie auch das Risiko einer intergenerativen Ungleichheit mit sich bringt.
Dreifaches Umdenken
Die gesamtgesellschaftliche Kernfrage in Hinsicht auf die Sozialversorgung ist folgende: Kann das dreifache Umdenken, wie es hier skizziert worden ist (Vergütung für den gesellschaftlichen Beitrag statt Lohn für Arbeit, Abschaffung des gesetzlich vorgeschriebenen Pensionsalters und der Wechsel zum Umlageverfahren) den Willensimpuls erzeugen, der erforderlich ist, um den Egoismus zu überwinden?
Falls nicht, liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, daß die Sozialversicherungen mit der Zeit überall privatisiert und individualisiert werden, das Renteneintrittsalter erhöht werden muss (und daher die Zeitspanne zwischen dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und dem Tod derart verkürzt wird, daß die Idee des Ruhestands ihre Bedeutung verliert) und die Rentengelder immer mehr von der Kapitalisierung von Immobilien abhängig werden.
All dies ist möglich, aber damit würde der Tag der volkswirtschaftlichen Rückbesinnung nur aufgeschoben. Wenn dieser Tag erst einmal anbricht, werden die Menschen erkennen, daß es vielleicht besser gewesen wäre, ihr Leben denjenigen Aktivität zu widmen, die ihre Bestimmung von ihnen verlangt hätte, anstatt nur für einen Lohn zu arbeiten.
Es ist besser, sein ganzes Leben lang etwas getan zu haben, wofür man Liebe und Neigung verspürte und dafür vergütet zu werden, als sich dieses Lebensgefühl nur für die Wochenenden und den Ruhestand aufzusparen. Denn die bloße Arbeit eines Menschen hat niemals einen ökonomischen Wert und sie verleiht dem Leben auch keine Würde. Die von seinen Mitmenschen erbrachte Anerkennung und finanzielle Vergütung des einzigartigen Beitrags, den jemand der Gesellschaft leistet, lassen das ökonomische Leben gedeihen und verleihen gleichzeitig der menschlichen Existenz ihre Würde.
Eine leicht gekürzte Wiedergabe dieses Artikels ist erschienen in DAS GOETHEANUM, Nr. 22, 27. Mai 2016.
[i] Die meisten Menschen verknüpfen Investitionen mit Immobilien, Aktien oder anderen Wertanlagen, in denen sie ihr Geld investiert haben. Aber dies sind nur hinterlegte Sicherheiten. In Wirklichkeit kann man nur in Individuen investieren, denn von den Fähigkeit, die sie haben – oder haben sollten –, allein hängt es ab, ob die Investitionen Früchte tragen oder nicht.
[ii] Wir sollten selbstverständlich auch die Vorstellungen eines Lohnes oder Gehalts hinter uns lassen und diese durch die Vorstellung der ‚Vergütung‘ ersetzen.