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von Dr. Michaela Knecht
Menschen können, wenn sie ein Gesicht betrachten innert kürzester Zeit das Geschlecht, das ungefähre Alter, den Gefühlszustand und manchmal auch die Intentionen einer Person erkennen. Die Fähigkeit, Gesichter so schnell zu erfassen hat sich im Laufe der Evolution entwickelt. Die menschliche Wahrnehmung ist so geschaffen, dass sie auch in vielen unbelebten Dingen Lebewesen erkennt. Wir haben eine Tendenz an Orten Gesichter wahrzunehmen, wo eigentlich gar keine sind, wie z.B. in Wolken oder Steinen. Dies hat sich wahrscheinlich so entwickelt, weil es ein Überlebensvorteil ist, Menschen und Tiere sofort zu erkennen. Es ist vorteilhafter einmal ein Tier oder einen Menschen zu sehen, wo gar keiner ist als ein Lebewesen zu übersehen.
Für die schnelle Erfassung von Alter und Geschlecht beim Betrachten von Gesichtern spielen Proportionen eine wichtige Rolle. Kinder zum Beispiel haben relativ grosse Augen, eine grosse Stirnregion und eine kleine Nase. Gesichter mit diesen Proportionen werden sofort als „Kinder“ wahrgenommen. Das gilt auch für Tiergesichter und löst bei den Betrachtern Fürsorgeverhalten aus. Dieses Phänomen wird als „Kindchenschema“ bezeichnet. Auch das Geschlecht wird sofort anhand des Gesichtes wahrgenommen. Männliche Gesichter sind kräftiger, haben ein markanteres Kinn und oft eine gewölbtere und ausgeprägtere Stirn als Frauen.
In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass auch die Frontansicht eines Autos oft als Gesicht wahrgenommen wird. Dabei sind die Scheinwerfer Augen und der Kühlergrill die Mundpartie. Dies geschieht ganz automatisch und ist sehr verbreitet. Eine Gruppe von österreichischen und amerikanischen Forschern konnten in einer Studie zeigen, dass von rund einem Drittel der Menschen, 90% der Autos als Gesicht wahrgenommen werden. Zum Teil werden menschliche Gesichter wahrgenommen und manchmal Tiergesichter. Die Forscher haben sich die Frage gestellt, ob auf Grund der Proportionen der „Autogesichter“ auch auf Eigenschaften der Autos geschlossen wird, wie das beim Betrachten von Menschen- und Tiergesichtern der Fall ist. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass je nach Proportionen der Autofronten, den Autos unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Die Leute waren sich grösstenteils einig, welche Autotypen, welche Charaktereigenschaften besitzen. Die Forscher konnten zeigen, dass Autos mit breiten „Gesichtern“, schmaler Windschutzscheibe und/oder weit auseinander liegenden schmalen Frontlichtern am meisten geschätzt werden. Diese Autos wurden sowohl von Männern wie auch von Frauen als Autos mit den Eigenschaften „erwachsen“, „maskulin“ und „wütend schauend“ beschrieben. Das Aussehen und die Proportionen eines Autos hängen also in ähnlicher Weise mit der Einschätzung der Eigenschaften des Autos zusammen, wie dies bei der Betrachtung von menschlichen Gesichtern der Fall ist. Diese Befunde zeigen, dass wir auch unbelebte Dinge oft in sozialen Dimensionen betrachten und beurteilen.
Quelle: Windhager, S., Slice, D. E., Schaefer, K., Oberzaucher, E., Thorstensen, T., and Grammer, K. (2008). Face to face: The Perception of Automative Designs. Human Nature, 19, 331-346.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.