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Vor 125 Jahren wurde die Nationalbibliothek (NB) gegründet. Wie sah die Schweiz damals aus, was bewegte die Menschen, was waren damalige Trends? Und wie kam es überhaupt zur Gründung der NB? Dieser letzten Frage gehen wir im Geburtstagsmonat der NB nach.
Wer hat die Schweizerische Nationalbibliothek (unter dem damaligen deutschen Namen «Landesbibliothek») gegründet und was waren die Motive dieser Gründer? Es waren Männer und Patrioten, wobei das Fehlen von Frauen in der öffentlichen Sphäre des 19. Jahrhunderts mit wenigen Ausnahmen die Regel, und Patriotismus damals eine fortschrittliche Haltung war.
Als Pionier zu nennen ist Philipp Albert Stapfer (1766–1840), der die Idee einer Nationalbibliothek lancierte, als er 1798 – 1800 das Amt des helvetischen Ministers für «Wissenschaften, Künste, Gebäude und Strassen» versah. Stapfer, ein Mitbegründer des Kantons Aargau, war zwar Bürger von Brugg, wuchs aber in Bern auf. Seine Mutter stammte aus Moudon. Gleich wie sein Vater, der Münsterpfarrer war, studierte der junge Stapfer evangelisch-reformierte Theologie sowie deutsche und lateinische Sprache. Die Philosophie Immanuel Kants prägte ihn stark. Gegenüber Frédéric-César de la Harpe, einem anderen Exponenten der Helvetik, erinnerte er sich später an das «Ancien Régime, welches meine Seele immer betrübte und auf allen meinen Fähigkeiten und Geisteskräften lastete». Nach dem Umsturz von 1798 berief ihn die provisorische Berner Regierung zum Gesandten für eine Mission nach Paris. Dort lernte er die einer Hugenottenfamilie entstammende Französin Marie Vincent kennen, die er im gleichen Sommer heiratete. Ihretwegen blieb er ab 1803 bis ans Lebensende in Frankreich wohnhaft. Zweisprachig aufgewachsen, betonte Stapfer die Rolle der Schweiz als Vermittlerin zwischen den Sprachkulturen. Als Minister schlug er nebst einer Nationalbibliothek auch ein Bureau für Nationalkultur («bureau de l’esprit public»), ein Nationalarchiv sowie diverse Museen und einen botanischen Nationalgarten vor. Stapfer liess sich dabei vom aufklärerischen Ideal einer Erziehung zur Freiheit für alle und zu einem umfassenden Nationalgefühl leiten. Doch gleich wie andere Ideen aus der kurzen Ära der Helvetische Republik, blieb auch das Postulat einer Nationalbibliothek zunächst unverwirklicht.
Initiator der tatsächlichen Gründung der NB war der Zürcher Lehrer, Dialektologe und Bibliothekar Friedrich Staub (1826–1896). Geboren als Sohn eines Baumwollfabrikanten, studierte er an der theologischen und hauptsächlich an der philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Nachdem er als Lehrer, Schulleiter und Privatgelehrter gewirkt hatte, gründete er 1862 das Schweizerische Idiotikon, dessen Leiter er bis zu seinem Tod war. 1891 initiierte er die Gründung einer Nationalbibliothek und fand dabei breite Unterstützung. Sein Vorstoss mündete in die «Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung, betreffend die Gründung einer schweizerischen Nationalbibliothek» vom 8. März 1893. Darin würdigt der Bundesrat Staubs Initiative: «Das Projekt ist seitdem [d. h. seit Stapfer] mehrfach von patriotischen Männern wieder angeregt worden, so noch im März 1891 in einer von Patriotismus getragenen Eingabe des Redaktors des schweizerischen Idiotikons, Dr. F. Staub, bis im vergangenen Jahre die oben genannten grossen schweizerischen, wissenschaftlichen Gesellschaften die Sache aufgriffen.»
Unterzeichnet war die Botschaft von Bundespräsident Carl Schenk (1823–1895), der als Realisator der Idee einer Nationalbibliothek gelten kann. Schenk wurde im Emmental geboren und hatte 13 Geschwister. An der Universität Bern studierte auch er evangelisch-reformierte Theologie und wirkte während 10 Jahren als Pfarrer. Er bekannte sich offen zum Radikalismus und beteiligte sich am zweiten Freischarenzug und als Feldprediger am Sonderbundskrieg. 1855 wurde er in den Regierungsrat des Kantons Bern gewählt und 1863 in den Bundesrat. Während seinen fast 32 Jahren in der Landesregierung, den Grossteil davon als Chef des Departements des Innern, setzte er bedeutende Projekte um, darunter die Gleichstellung der Juden in der Bundesverfassung, den Bau der Gotthardbahn, das neue Fabrikgesetz, die Errichtung der «eidgenössischen meteorologischen Centralanstalt», das Alkoholgesetz und das Bundesgesetz über die Erhaltung vaterländischer Altertümer und jenes über die Förderung der Kunst sowie den Aufbau des Schweizerischen Landesmuseums.
Zur Beratung der Vorlage für die Gründung der Nationalbibliothek wurde eine Expertenkommission eingesetzt. Diese unterstützte das Vorhaben einstimmig, änderte den deutschen Namen jedoch von «Nationalbibliothek» in «Landesbibliothek» ab – ein Entscheid, der erst im Jahr 2007 korrigiert wurde.
Fast ebenso lange dauerte es, bis Frauen in der Leitung der Bibliothek Einzug hielten: Im Jahr 2005 übernahm mit Marie-Christine Doffey erstmals eine Frau die Direktion der NB (damals noch Schweizerische Landesbibliothek genannt). Ihr folgte im Jahr darauf die erste Vizedirektorin (Elena Balzardi). Gemeinsam mit drei weiteren Frauen stellen die beiden im Jahr 2006 erstmals die Mehrheit in der Geschäftsleitung der SLB.
Letzte Änderung 20.05.2020