Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03540.jsonl.gz/163

11.11.2020
Coronavirus Schweiz – Fragen an unseren Sozialhilfe-Experten
©Partage Riviera
Wir haben über 42 Millionen Franken Spendengelder gesammelt, um den am stärksten von der Coronavirus-Pandemie Betroffenen in der Schweiz zu helfen. Dank dieser grossen Solidarität konnten wir 150 Projekte von 114 Schweizer Organisationen finanziell unterstützen. Wie werden diese Projekte ausgewählt?
Jean-Pierre Tabin, Dozent für Sozialpolitik an der HES-SO Fachhochschule Westschweiz in Lausanne, ist einer von zwei unabhängigen Experten für unsere Sammlung «Coronavirus Schweiz». Mit seiner Expertise im Bereich Sozialforschung prüft er zusammen mit unserer Programmabteilung Finanzierungsgesuche, die von den Organisationen bei uns eingereicht werden. Erfahren Sie hier, wie Ihre Spenden für wirkungsvolle Projekte eingesetzt werden.
Zahlreiche Organisationen reichen bei der Glückskette Projekte ein und es gibt ganz einfach nicht genügend Geld, um alle zu finanzieren. Es sind aber auch nicht alle Projekte finanzierbar. Manche sind nicht genügend ausgearbeitet, andere überschneiden sich mit Aktivitäten, die bereits von anderen Organisationen oder vom Bund durchgeführt werden, und wieder andere erfüllen unsere Finanzierungsvorgaben nicht. Ausserdem es ist wichtig, bestimmte Massnahmen zu koordinieren.
Ich prüfe, ob die gesuchstellende Organisation professionell genug ist, wie sie in das Netzwerk der lokalen Akteure eingebunden ist, an welche Zielgruppe sie sich richtet, welche Leistungen sie anbietet, ob sie fähig ist, das Geplante schnell umzusetzen, und ob das Budget für die vorgeschlagenen Leistungen angemessen ist.
Die erste Herausforderung war, dass die Nachfrage stieg. Wegen der Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie war es verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Besonders schwierig war es für diejenigen, die schon zuvor in prekären Verhältnissen lebten: Hausangestellte, Selbstständige mit kleinem Einkommen, Menschen mit instabilen oder nicht gemeldeten Arbeitsverhältnissen, Sans-Papiers oder Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.
Die zweite Herausforderung bestand darin, dass die Hilfskapazitäten reduziert waren. Zum Beispiel weil Freiwillige, die einer Risikogruppe angehörten, nicht mehr verfügbar waren oder weil bestimmte Güter – wie nicht verkaufte Lebensmittel aus Restaurants – nicht mehr zur Verfügung standen.
Die Massnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie haben zutage gebracht, wie viele Menschen in der Schweiz von prekären Lebensbedingungen und Armut betroffen sind und keine finanziellen Reserven haben, um eine Krise zu bewältigen. Menschen, die nie gedacht hätten, dass sie einmal Lebensmittelhilfe beanspruchen würden, mussten sie beantragen – zum Beispiel Personen, die bis anhin von Gelegenheitsjobs gelebt hatten. Auch hat sich die Wohnungsnot verschlimmert, da Personen ohne genügend Einkommen auch ihre Miete nicht mehr bezahlen können.
Das Ausmass der Nachfrage ist unerreicht, aber es sind dieselben Bedürfnisse. Die Betroffenen brauchen Grundnahrungsmittel, um sich und ihre Familie ernähren zu können.
Die Organisationen haben sehr schnell auf die gestiegene Nachfrage und den Ressourcenmangel reagiert und sich mobilisiert. Auch die Solidarität war bemerkenswert. Es haben nicht nur zahlreiche Menschen beträchtliche Summen gespendet, sondern es haben sich auch neue Menschen engagiert. Und auch der Bund hat sich stark beteiligt. Bei den Hilfeleistenden konnte man aufgrund der grossen Nachfrage und nicht gedeckten Bedürfnisse aber auch eine gewisse Erschöpfung feststellen. Die Probleme haben sich nach dem Lockdown nicht in Luft aufgelöst.
Die Forschung macht schon lange darauf aufmerksam, wie ausgeprägt die Armut in der Schweiz ist, aber die Politik nimmt das Problem zu wenig ernst. Wir brauchen einen besseren Schutz für Arbeitnehmende, insbesondere Hausangestellte, Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, sowie mehr soziale Rechte für Personen, deren Arbeitsbedingungen prekär sind. Wir sollten anerkennen, dass Menschen ohne Rechte und Schutz zum Teil seit vielen Jahren in der Schweiz leben und arbeiten (z. B. Sans-Papiers oder Personen mit abgelehntem Asylentscheid), und ihnen soziale Rechte gewähren. Ausserdem müsste die Bevölkerung besser über ihre sozialen Rechte aufgeklärt werden.