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Das Autorenkollektiv Wu Ming schafft virtuos einen Seiltanz zwischen Fiktion und vorhandenem Quellenmaterial. Gekonnt werden zwischen dem süffig zu lesenden Romanverlauf mit seinen tollen ProtagonistInnen immer wieder Originaltexte eingefügt: Briefe, Zeitungsartikel, Berichte, Essays etc., zwischen 1788 und 1798 verfasst. Diese Collage von unterschiedlichen Perspektiven, die der Unterschicht des Volkes und die von Gelehrten und PolitikerInnen, macht das ganze Werk zu einem äusserst anregenden, unterhaltsamen Leseerlebnis.
Es ist beeindruckend wie unvermeidlich Parallelen zwischen dem revolutionären Frankreich zu heutigen Entwicklungen gezogen werden können. Die Mechanismen der Macht sind auch heute noch zeitlos und ungebrochen. Was gälte es zu beachten, angesichts des sich erneut breit machenden Populismus? Wie könnten die aktuellen Schlafwandler aufgeweckt werden, ohne dass sie vom Dach fallen und die Blender entmächtigt werden? Dieser Roman ist eine inspirierende Quelle und ein spielerischer Beitrag dafür. Sehr unterhaltsam! apKlappentext:
Paris, im Januar 1793: Die Hinrichtung Ludwig XVI. unter der Guillotine steht kurz bevor, ein letzter Versuch zu seiner Befreiung scheitert. Es beginnt die dramatische Phase der Jakobinerherrschaft, der entflammten politischen Leidenschaften, der gegenrevolutionären Verschwörungen und Aufstände.
Wu Mings neuer Roman erzählt das epochale Ereignis der französischen Revolution aus der Perspektive des gemeinen Volkes, der rebellierenden Frauen und der Sektionen der aufständischen Kommune von Paris. Die Autoren experimentieren dabei mit Stilmitteln des historischen Romans in der Tradition Victor Hugos, Figuren der Commedia dell'arte, der derben Sprache des gemeinen Volkes in der zeitgenössischen Publizistik sowie einer bühnenreifen Komposition.Über die Autorin / über den Autor:
Bereits 1994 hatten sich europäische Künstler und Aktivisten entschlossen, die gemeinsame Identität »Luther Blissett« anzunehmen und unter diesem Pseudonym einen populären Helden neuen Typs zu kreieren. In Italien fanden in der Zeit von 1994-1999 im Rahmen des Projekts Aktionen im Stile der Kommunikationsguerilla statt. Die Gruppe lancierte Pressekampagnen, in deren Zentrum erfundene Personen standen, warb in Inseraten für von einem Affen gemalten Ölbilder, die bei der Biennale zu sehen seien, verbreitete Fake-Meldungen über satanische Messen in Bologna und entwendete Heiligenstatuen aus Kirchen. Im Dezember 1999, am Ende des Fünfjahresplans, begehen die Veteranen symbolisch den rituellen Selbstmord der Samurai »Seppuku«.
Der 1999 veröffentlichte Roman »Q« ist der finale Beitrag eines Autorenquartetts des Luther-Blissett-Projekts aus Bologna. Der »theologische Western« über Reformationszeit, Bauernkriege und die Wiedertäuferkommune in Münster avancierte zum internationalen Bestseller. In 18 Sprachen übersetzt, erlebte er auch im Piper Verlag mehrere Auflagen.
Im Januar 2000 schließt sich dem Quartett ein weiterer Autor an. »Wu Ming« nennt sich die neue Autorengruppe nun. Der chinesische Ausdruck bedeutet »ohne Namen« oder auch »fünf Namen« - je nachdem, wie man die erste Silbe ausspricht - und ist zugleich als Hommage an chinesische Dissidenten zu verstehen, die diesen Namen häufig benutzen. Außerdem beinhaltet »Wu Ming« den Hinweis auf den dritten Vers des Daodejing: »Ohne Namen sind die Ursprünge des Himmels und der Erde.«
Seitdem hat das Kollektiv fünf Romane veröffentlicht, denen gemein ist, die offizielle Geschichte gegen den Strich zu bürsten, um gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie zu öffnen. Wu Ming arbeitet mit gleitenden Identitäten und wendet die Praxis der Kommunikationsguerilla auch auf die Literatur an. So entdeckt und erfindet Wu Ming Geschichte(n) neu und liefert Gegenentwürfe zum Bestehenden. »Die Freiheit der Fiktion gegenüber den Niederlagen der realen Geschichte macht ihr utopisches Potenzial aus« (Der Freitag).
Zur Homepage von Wu Ming.Preis: CHF 38.90