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Familienerbstück
von Cedric Weidmann
Es war an einem Sonntag, als Rogers Eltern sich entschuldigten, sie würden gerne einen Spaziergang machen. Sie fragten Roger nicht, was ihn im Grunde nicht störte, aber das bedeutete, er musste alleine den Nachmittag mit seinem Grossvater verbringen. Sein Grossvater war ein alter, bärtiger Innerschweizer und seine Wohnung, die sie jeden Sonntag besuchten, roch nach einem Konglomerat von Teppichen.
Roger hatte gerade eine Sendung über Videospiele entdeckt, als sein Grossvater neben den Fernseher stand. Eine Stimme sprach aus dem mächtigen, weissen Vollbart.
„Roger, du musst unbedingt mitkommen.“
In feierlichem Entenschritt ging er Roger voraus in den oberen Stock, der nur dem Grossvater gehörte und führte ihn in ein Zimmer. Mit ständigen Blicken, als ob sie jemand belauschen könnte, begann er grossväterlich:
„Ich glaube, es ist sehr wichtig – da du nun ja schon zwanzig geworden bist – dir davon zu erzählen. Es gibt in unserer Familie einen alten Bauch, der von Generation zu Generation weitervererbt wird, und an dem jeder von uns – wenigstens die männlichen Nachkommen – schon seit Gedenken festhalten. Jetzt ist der Moment gekommen, ihn dir zu zeigen, damit auch du, wenn du älter bist, ihn deinen Enkeln wieder zeigen kannst.“
Mit diesen Worten hob er sein Hemd über die Brust. Unten quollen weisse Haare und eine fleischige Wulst hervor, die in der Mitte, wo der Bauchnabel hätte sein sollen, einen grossen graubraunen, irgendwie wässrig aussehenden Fleck aufwies.
In Angst und Erkenntnis fuhr Rogers Hand an seinen Nabel und klopfte ihn zärtlich ab.