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Ueli Mäder, 50, ist Soziologe an der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel und ausserordentlicher Professor an der Uni Freiburg.
Beobachter: Sie haben im Auftrag des Nationalfonds und kantonaler Regierungen Armutsberichte verfasst. Nun schreiben Sie ein Buch über die Reichen. Ist das Thema Armut in der Schweiz out?
Ueli Mäder: Überhaupt nicht. Für mich ist das zentrale Thema die soziale Ungleichheit. Da gehören beide Enden dazu:die Armut und der Reichtum.
Beobachter: Sie haben 30 Reiche besucht und mit ihnen geredet. Haben Reiche das bessere Leben?
Mäder: Reiche haben genauso ihre Sorgen wie Normalsterbliche. Sie sind nicht glücklicher als andere Menschen, die materiell eini-germassen abgesichert sind.
Beobachter: Sind Reiche auch manchmal arm dran?
Mäder: Ja. Es ist absurd, aber es gibt Reiche, die das nächste Erbe fürchten, weil sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Sie stehen im Stress, das Geld möglichst gewinnbringend anzulegen, wissen aber nicht, wozu. Es gibt Reiche, die in einen Familienzwist geraten, weil sie mehr Geld für kulturelle Zwecke einsetzen möchten.
Beobachter: Haben die Reichen ihr Geld verdient?
Mäder: Nein, in diesem Ausmass nicht. Ihr Reichtum ist vorwiegend von Menschen erwirtschaftet worden, die zu wenig verdienen.
Beobachter: Also sind Reiche Diebe und Profiteure?
Mäder: Die Reichen profitieren enorm von der Arbeit anderer und von öffentlichen Leistungen – Verkehrswegen, Ausbildungsmöglichkeiten, sozialen Einrichtungen, dem Gesundheitswesen und von einem Steuersystem, das Vermögen schont. Produktivitätsgewinne wurden in den letzten Jahren privatisiert: die Erwerbseinkommen stagnierten, die Vermögen wurden doppelt so gross.
Beobachter: Drei Prozent besitzen in der Schweiz gleich viel wie die restlichen 97 Prozent der Einwohner. Welchem Land ähnelt diese Verteilung am meisten: Deutschland, Frankreich, Italien, den USA, Indien, Nigeria oder Argentinien?
Mäder: Wenn man nur das Verhältnis betrachtet: am ehesten Argentinien. In europäischen Ländern ist die Einkommenskluft geringer. Der Unterschied zur Dritten Welt besteht bei uns vor allem darin, dass die Kluft auf hohem Niveau stattfindet und niemand verhungert.
Beobachter: Warum werden die Reichen von der Mehrzahl der Habenichtse eigentlich so gut akzeptiert?
Mäder: Weil die Illusion verbreitet ist, dass alle reich werden können, wenn sie wollen. Wenns dann nicht klappt, glauben Arme, sie seien selbst schuld, während sich Reiche auf die Schulter klopfen, wenn sie erben oder wenn die Aktienkurse steigen.
Beobachter: Sind Reiche edel und gut?
Mäder: Viele Reiche leisten Hilfe auf freiwilliger Ebene. Der Kulturbetrieb wird in der Schweiz namhaft von Reichen unterstützt. Die Existenzsicherung der Menschen darf aber nicht von der Spendierfreudigkeit einzelner Reicher abhängen.
Beobachter: Damit fordern Sie die Umverteilung.
Mäder: Ja, aber eine Umverteilung, die nicht bloss aus Almosen besteht. Wichtig ist, dass die unteren Erwerbseinkommen angehoben werden.
Beobachter: Fühlen Sie selber sich reich?
Mäder: Ja. Ich habe das Privileg, das machen zu können, was ich gern mache. Früher hatte ich dafür nur wenig Geld zur Verfügung. Jetzt verdiene ich gut. Am Zufriedenheitsgrad hat das nichts geändert. Er ist gross – aber nicht grösser geworden.