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Sardinien: Smaragdküste im Norden, lange Sandstrände im Süden und überall verfallene Türme. Diese eindrucksvollen, einst mehrstöckigen, konischen Turmbauten heissen in sardischer Sprache «nuraghe». Heute kennt man etwa 7'000 Nuraghen, die über die zweitgrösste Mittelmeer-Insel verstreut sind. Sie stehen für die Nuraghenkultur, deren kulturelles und landschaftliches Umfeld die neue Sonderausstellung «Sardinien – Land der Türme» erschliesst. Gestützt auf archäologische Forschungen der letzten 40 Jahre erhält die interessierte Öffentlichkeit in den Räumen der Archäologischen Sammlung der Universität Zürich ein umfassendes Bild einer einzigartigen Kultur, die Sardinien von 1'500 bis 600 v. Chr. geprägt hat.
Die Ausstellung führt Besucherinnen und Besucher anhand eines roten Fadens von drei übergreifenden Themen – Stein, Metall und Wasser – in die Nuraghenkultur ein. Gezeigt werden rund 800 Objekte aus Bronze, Keramik und Stein, die zum grössten Teil in Museen auf Sardinien oder der dortigen Antikenverwaltung aufbewahrt werden und aus wenig bekannten Grabungen stammen. Der Themenbereich «Stein» erklärt die monumentale und komplexe Architektur der Nuraghen, die sich grob in die zwei Subtypen «Protonuraghen» und «Tholosnuraghen» einteilen lassen. Einen runden, elliptischen, dreieckigen, trapezförmigen oder polygonalen Grundriss zeichnet die weniger häufig anzutreffende «Protonuraghe» aus. Von den «Tholosnuraghen» existieren heute in Sardinien noch rund 6'500; sie bestehen in ihrer einfachsten Form aus einem kegelstumpfförmigen Turm.
Stein: Nuraghen erfüllten verschiedenste Funktionen
Nuraghen wurden über viele Jahrhunderte hinweg zu unterschiedlichen Bedingungen benutzt – zentral als Wehr- und Wohnanlagen. Die Nuraghe «Su Mulinu» in Villanovafranca steht beispielhaft für Anlagen, die permanent genutzt und immer wieder neuen Bedürfnissen angepasst worden sind. Als einfache «Protonuraghe» in der frühen Mittelbronzezeit errichtet, wurde sie ein Jahrhundert später zu einer mächtigen zweigeschossigen Bastion ausgebaut. Diese Wehranlage wurde vom 10. bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. zugunsten einer ausgedehnten Wohnsiedlung aufgegeben, die sich wiederum der Lebensart einer sich neu herausbildenden aristokratischen Elite anpasste: Im Hof entstand ein Rundbau für Versammlungen und im Erdgeschoss wurden rituelle Herdstellen errichtet.
In der Spätphase der Nuraghenkultur wurden zwar keine Nuraghen mehr gebaut, doch man nutzte sie symbolisch als Modelle in unterschiedlichsten Formaten, Medien und Kontexten. In der Ausstellung finden sich Darstellungen von «Tholosnuraghen» verschiedenster Art auf Bronzeknöpfen, als Specksteinmodelle, Flaschenhälse aus Ton oder auch als Ritzdekoration auf Amphoren. An Kultstätten wurden Altäre und Opfertische aus Stein als Nuraghen gestaltet. Kurz: «Die Nuraghe war für eine ganze Kultur das identitätsstiftende Symbol par excellence geworden», erklärt Kurator Martin Bürge.
In der Ausstellung können Besucherinnen und Besucher die sardische Landschaft mit den zahlreichen Nuraghen auch eigenhändig archäologisch erforschen. Anhand einer interaktiven 3D-Präsentation gelangen sie zum sensationellen Neufund von Steinstatuen aus dem 8. Jh. v. Chr. bei Oristano und entdecken dabei überlebensgrosse Kalkstein-Statuen von Bogenschützen, Kriegern und Boxern.
Metall: wichtiger Rohstoff und hochstehende Bronzekunst
Die Produktion von Metallen war in Sardinien bemerkenswert. Die Beziehungen mit den Balearen, der iberischen Halbinsel, dem italienischen Festland und dem östlichen Mittelmeerraum waren hauptsächlich auf den Metallreichtum Sardiniens zurückzuführen. Die nuraghische Technologie der Metall-Weiterverarbeitung glich jener im ägäisch-zyprischen Raum. Eine der häufigsten Techniken des nuraghischen Metallhandwerks war das Giessen mit Gussformen, die aus Speckstein, Kalkstein oder Schiefer bestanden. Auf diese Weise stellten die Nuragher Doppeläxte, Meissel, Dolche oder Schwerter her. Letztere wurden auch als Weihgaben verwendet, wie die Vielzahl von ausgestellten Schwertern offenbart. Diese für den Kampf ungeeigneten Weihschwerter wurden mit der Spitze nach oben auf den Opfertischen fixiert oder an Tempelmauern angebracht.
Ausgestellte Objekte wie Tierstatuetten oder Bronzeschiffchen belegen die hochstehende Bronzekunst der Nuragher. Als eines der bemerkenswertesten Ausstellungsobjekte sticht die Bronzestatuette eines behelmten Kriegers hervor. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf Sardinien gefunden, gilt sie als eines der besten Werke der nuraghischen Bronzekunst der frühen Eisenzeit. Die Statuette zeichnet sich sowohl durch ihre Grösse wie ihre Qualität und ihren ausgezeichneten Erhaltungszustand aus.
Wasser: Ressource und Kultobjekt
Wasser war für die Nuragher eine knappe und deshalb wertvolle Ressource. Sie zapften das Grundwasser durch das Ausheben von Sodbrunnen an – in den Höfen der Häuser oder auch in den Nuraghentürmen. Auch Quellwasser wurde systematisch erschlossen. Zudem belegen archäologische Funde die Existenz von Kulten, die Quell- und Grundwasser gegolten haben. Brunnenanlagen wurden zu monumentalen Heiligtümern ausgebaut. In der Ausstellung dokumentiert ist die Grabung in der Kleinstadt Sardara im südwestlichen Sardinien, die einen nuraghischen Brunnentempel sowie einen Sodbrunnen mit sakraler Funktion zutage gefördert haben.
Im westlichen Mittelmeerraum nahm das nuraghische Sardinien eine Schlüsselrolle ein: Die Insel avancierte zum führenden Umschlagplatz. Viele Fundstücke bezeugen den Kontakt mit dem mykenischen Griechenland. Importierte Fein- und Grobkeramik aus Kreta oder Zypern wurden in der Nuraghe «Antigori» bei Sarroch an der Südspitze Sardiniens gefunden. Intensive Kontakte in der Spätbronze- und der frühen Eisenzeit brachten auch Güter sardischer Produktion – sowohl Keramik wie Bronze – an die Küsten Siziliens, Nordafrikas und Spaniens, aber auch Kretas und Zyperns.
Sonderausstellung «Sardinien – Land der Türme»
15. April bis 25. September 2016
Die Ausstellung «Sardinien – Land der Türme», konzipiert von den wichtigsten Archäologie-Kennern der Insel, macht nach Cagliari, Rom und Mailand jetzt halt in Zürich.
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 13–18 Uhr, Samstag und Sonntag 11–17 Uhr, Montag und allgemeine Feiertage geschlossen, Eintritt frei
Öffentliche Führungen:
Jeweils jeden letzten Dienstag des Monats um 17.15 Uhr, weitere Führungen auf Anfrage