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Eine kurze Geschichte der Staatsquote
Wenn man die Thatcher-Nachrufe in den deutschsprachigen Zeitungen las, bekam man bisweilen das Gefühl, dass der Staat in den 80er Jahren spurlos verschwunden ist. Ein Blick auf die Entwicklung der britischen Staatsquote zeigt hingegen, dass sich kaum etwas verändert hat. Man muss es eher umgekehrt formulieren: Nicht einmal Thatcher hat es geschafft, die Staatsquote zu reduzieren. Seit den frühen 70er Jahren hält sich die Quote hartnäckig bei rund 50 Prozent. Die Schwankungen sind rein konjunkturell bedingt.
Die Grafik zeigt zudem, dass das grosse Wachstum der Staatsquote relativ kurzfristig stattgefunden hat. Noch 1913, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, lag der Anteil des Staates bei etwas mehr als 10 Prozent, obwohl die Verwaltung und Verteidigung des British Empire nicht ganz billig waren. Der Erste Weltkrieg brachte dann vorübergehend einen starken Anstieg, der nach dem Krieg wieder abgebaut werden konnte – allerdings nicht mehr ganz auf das Vorkriegsniveau. Es fand eine Verschiebung des Plateaus statt («displacement effect»). Der Grund dafür ist einfach: Der Erste Weltkrieg verlangte von der Bevölkerung grosse Opfer, und dafür wollten die Soldaten und ihre Familien entschädigt werden. Einerseits setzte sich das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen durch, was neue Ansprüche an den Staat zur Folge hatte, andererseits baute man den Wohlfahrtsstaat aus.
Beim Zweiten Weltkrieg wiederholte sich diese Entwicklung: kurzfristig ein starker Anstieg der Staatsquote, dann eine rasche Reduktion, aber wiederum ein «displacement effect». Churchill wurde 1945 abgewählt, eine Labour-Regierung übernahm das Ruder, die sich einen besser ausgebauten Wohlfahrsstaat auf die Fahnen geschrieben hatte (auf der Grundlage des Beveridge-Plans von 1942). Nun kletterte die Staatsquote in Friedenszeiten erstmals bis auf 50 Prozent. In Grossbritannien – wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern – scheint dies die obere Grenze zu sein.
Grossbritannien bietet zudem interessanten Anschauungsunterricht zur historischen Entwicklung der Staatsschulden. Auch hier sieht man eine enge Korrelation mit den kriegsbedingten Staatsausgaben.
Man erkennt auf den ersten Blick, dass das 18. Jahrhundert das blutigste Säkulum der jüngeren Geschichte war. Die vielen Spitzen stehen für die grossen Kriege zwischen Grossbritannien und Frankreich, insbesondere der Spanische Erbfolgekrieg (1701-14), der Siebenjährige Krieg (1756-63), der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775-83) und die Koalitionskriege bzw. Napoleonischen Kriege (1792-1815). Der britische Staat versuchte jeweils die Friedenszeit dazu zu nutzen, um die Schulden schnell zu reduzieren, aber weil nach wenigen Jahren bereits der nächste Krieg ausbrach, ergab sich ein steil aufsteigender Trend. Von 1688 bis 1815 herrschte durchschnittlich in jedem zweiten Jahr Krieg.
Das 19. Jahrhundert hingegen war sehr friedlich. Es gelang, die Schulden langsam abzubauen. Vor dem Ersten Weltkrieg betrugen sie weniger als 50 Prozent des britischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Darauf folgten aber wieder kriegerische Jahrzehnte, so dass am Ende des Zweiten Weltkriegs die Schuldenhöhe die historische Höchstmarke von 1815 erreichte.
In jüngster Zeit sind die britischen Staatsschulden erstmals in der Friedenszeit stark angestiegen (nicht mehr auf der obigen Grafik sichtbar). Im vierten Quartal 2012 betrugen sie bereits 90 Prozent des BIP. Die Finanzkrise hatte eine ähnliche Wirkung wie ein Krieg: Sie vernichtete enorm viel Vermögen und nahm den Staat stark in Anspruch – direkt über die Bankenrettung und indirekt über die Rezession, die zu einem Einbruch der Steuereinnahmen und einem Anstieg der Sozialausgaben führte. Wir werden sehen, ob es gelingt, die Staatsschulden wieder zu reduzieren, sobald die Krise ausgestanden ist.