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4. August 2022
Was wir von den Jägern und Sammlern lernen können in Sachen Gleichberechtigung
"Die Wahrheit über Eva: Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern", von Carel van Schaik und Kai Michel, ist ein faszinierendes Buch, das sich mit der Geschichte der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern befasst.
Mit grossem Interesse las ich das umfassende Buch geschrieben von einem Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen, sowie einem Historiker und Literaturwissenschaftler. Die beiden Autoren stellen sich die Frage, was der Ursprung der Unterdrückung von Frauen ist und diese seit Jahrhunderten (oder sind es gar Jahrtausende?) legitimiert. Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Annahme, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ein natürliches und unvermeidliches Phänomen ist, argumentieren die Autoren, dass sie erst durch die Entwicklung von Landwirtschaft und Besitztum entstanden ist.
Wie alles begann
Nein, die Menschheitsgeschichte beginnt nicht mit Adam und Eva und dem Biss in den Apfel, der die Menschheit für immer aus dem Paradies vertrieb. Diese allgemein bekannte biblische Erzählung basiert auf einer Geschichte der griechischen Mythologie.
Wir beginnen in der Zeit vor 70'000 Jahren. Auch das ist nicht der Anfang der Menschheitsgeschichte, aber eine relevante Zeit, in der Frauen und Männer etwa gleich gebaut waren und die gleichen Rechte hatten. Damals tat sich der Homo sapiens in grösseren Sippen zusammen und es entstand eine soziale Verpflichtung. Das Kollektiv stand an erster Stelle, über jedem Individuum. Was auch bedeutete, dass Schwache zurückgelassen wurden. In dieser Form dachte noch niemand an Besitztum, die soziale Verbundenheit war massgeblich für das Überleben der Sippe. Es kam zu längeren Beziehungen, die sich jederzeit wieder auflösen konnten. Das Eingehen einer neuen Partnerschaft war problemlos möglich. Männer und Frauen waren unabhängig, um dies frei zu entscheiden.
Cooperative Breeding
Mütter waren durch die Aufzucht der Nachkommen lange absorbiert, was sich auf die ganze Gruppe nachteilig auswirkte. Bei der Betreuung der Kinder konnte darum nicht auf die Unterstützung von Grossmüttern, Tanten, älteren Kindern und auch Männern verzichtet werden. Die geteilte Aufzucht durch viele verschiedene (Cooperative Breeding) hatte für die ganze Sippe Vorteile und setzte sich durch.
Wie oben beschrieben, war in dieser Zeit die serielle Monogamie normal. Die Partner waren also ersetzlich, sei es, weil ein Mann auf der Jagd tödlich verunfallte, die beiden das Interesse aneinander verloren hatten oder anderes; die Gründe waren mannigfaltig. Die erwähnte gegenseitige Unterstützung bei der Aufzucht war also auch essenziell, damit Frauen nicht den Männern ausgeliefert waren, sondern jederzeit selbst entscheiden konnten, mit wem sie zusammen sein möchten und wie lange. Ein gutes Netzwerk war also wichtig – übrigens auch für die Männer, denn diese gingen gemeinsam auf die Jagd und waren genauso auf gegenseitige Unterstützung angewiesen.
Landwirtschaft und Besitztum
Vor etwa 10'000 Jahren ging der Mensch vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit und Landwirtschaft über. Vorräte wurden angelegt. Der Clan, der an einem fruchtbaren Ort war, war im Vorteil und hatte kein Interesse daran mit einem anderen Clan zu teilen. Besitztum entstand. Raubüberfälle waren die Konsequenz. Starke Männer mussten das Dorf verteidigen, wodurch der Mann eine Machtposition im Clan bekam. Noch immer war den Männern bewusst, dass im Härtefall ein Zusammenschluss mit anderen Männern imposant und daher wirkmächtig ist. Daher machten reiche Männer anderen Geschenke oder ein Fest, um diese als Verbündete zu wissen und gegen Konkurrenz von aussen gewappnet zu sein. Auch die Frauen profitierten von Männern mit vorrätiger Nahrung. So kam es, dass reiche Männer mehrere Frauen heirateten, was hingegen zu Konkurrenz statt Verbindung führte. Das vereinfachte Bild, dass Frauen den Männern gefallen müssen, damit sie von dem Mann mit viel Macht geheiratet und versorgt werden, hält sich teilweise noch heute.
Wie Weiter
Aus dem umfassenden Buch habe ich hier nur weniges abgebildet. Van Schaik und Michel stützen ihre Thesen auf umfangreiche historische und archäologische Beweise. Sie zeigen, dass in frühen Gesellschaften die Rolle von Frauen und Männern oft ähnlich war und dass die Ungleichheit erst im Laufe der Zeit entstanden ist. Durch Landwirtschaft und Besitztum entstanden kulturelle, also menschengemachte Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Durch die Religion wurde diese immer deutlicher und die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern immer grösser.
Das Buch bietet eine faszinierende Perspektive auf die Geschlechterungleichheit und ihre Entstehung. Es ist ein Muss für alle, die sich für Gender-Fragen interessieren und einen tieferen Einblick in die Geschichte der Geschlechterungleichheit erhalten möchten.
Die Autoren zeigen nachvollziehbar auf, wie die gesellschaftlichen Strukturen, die die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern festigen, entstanden sind. Doch sie betonen auch, dass die Evolution nicht das Schicksal der Frauen besiegelt hat und zeigen auf wie wir sie heute überwinden können. Denn Wenn Frauen und Männer ihre Altlasten kennen (die Jahrtausende zurückgehen), haben sie eine bessere Chance für eine gelingende Beziehung.
Mein Fazit ist, dass für die Gleichheit der Geschlechter Frauen unabhängig werden müssen. Die Unabhängigkeit wird erreicht durch sexuelle Autonomie, ökonomische Unabhängigkeit und ein belastbares Netzwerk.