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Jan Himmelfarb ist 1985 in der Ukraine geboren. Noch als Kind zog er mit seinen jüdischen Eltern nach Deutschland. Dort begannen die Holocaustüberlebenden aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte «Kontingentflüchtlinge» ein neues Leben. Himmelfarb studierte in Deutschland Betriebswirtschaft und ist heute Angestellter eines Industrieunternehmens.
Die Geschichte rekonstruieren, soweit es das Tohuwabohu zulässt
Es nötigt Respekt ab, dass er so nebenbei auch noch einen ausgewachsenen Roman geschrieben hat, der sich in die Tradition der Literatur über die Shoa einfügt. Himmelfarb ist allerdings der Erste, welcher die Umsiedlung von Nachkommen jüdischer Holocaustopfer nach Deutschland als Wiedergutmachung – ins Land der vormaligen Täter – literarisch umsetzt.
Als treibende Kraft und Erzähler schickt Jan Himmelfarb den 50-jährigen Arthur Segal auf die Runden dieses autofiktionalen Romans. Arthur versucht, soweit das historische Tohuwabohu es zulässt, seine Familiengeschichte zu rekonstruieren. Dabei überlagern sich die Zeitebenen, die Möglichkeitsform regiert seinen Erlebnisbericht.
Übersetzer und Autohändler
Der Erzähler kennt seinen eigenen Geburtsort nicht genau. Er ist damals, mitten im Krieg, in einem Richtung Taschkent fahrenden Flüchtlingszug zur Welt gekommen. Nur dank dieser Flucht nach Zentralasien überlebte Arthurs Sippe den Naziterror in Charkow, wo sie herstammt.
Nach der Wende konnte Arthur Segal mit seiner Familie nach Deutschland übersiedeln im Rahmen der Umsiedlungen von osteuropäischen Juden. Als Übersetzer und als Autohändler sowie dank der staatlichen Unterstützung bringt Arthur Segal seine Familie anständig über die Runden. Wobei durchaus auch aufscheint, dass sie eine Gratwanderung zu bestehen hat.
Holocaustmemorial
Der Erzähler geht in Rückblenden zurück an die Orte der Massenvernichtung von Juden: Rumbula bei Riga, das Warschauer Ghetto, die Konzentrationslager Treblinka sowie Auschwitz: «Ich weiss von den Bettlaken und der Registrierung, weil davon schwarz auf weiss in Geschichtsbüchern und Archiven berichtet wird. Aber müsste ich die Stricke nicht auch bemerkt haben? Das Erhängen war immer gleich, nur gehängt wurden immer andere. In einer Reihe, da Stricke an Hälsen hochglitten und sich zuzogen…in ähnlicher Stellung mit leblosen Armen und Beinen und verrenktem Hals nebeneinander erschlafften, wohin sollte sich der Blick da wenden?», schreibt Himmelfarb.
Himmelfarb hält mit den besten Vorgängern mit
Auschwitz kann man nicht malen. Auschwitz kommt im Grunde genommen keine Sprache nahe. Aber die verheerendste Katastrophe des letzten Jahrhunderts muss gleichwohl weiter erzählt werden. Dieses Paradox ist die Antriebskraft bei Himmelfarb wie bei seinen Vorgängern: Dass nicht in Vergessenheit gerät, was nicht in Vergessenheit geraten darf.
In solchen Passagen über die Höllenqualen des Judenmords im Zweiten Weltkrieg giesst Himmelfarb ausserdem in Sprache, was über das hinausreicht, was nüchterne Geschichtsschreibung zu fassen vermag. So ist schmerzhafte Vergegenwärtigung des Geschehenen für spätere Generationen möglich. Auf dieser Ebene hält Jan Himmelfarb mit den besten Vorgängern mit.
Übertriebene Sterndeuterei
Der gelbe Davidstern, das Zwangskennzeichen für Juden, wurde ab 1941 in allen von den Deutschen besetzten Gebieten angeordnet. Aufgrund des Kennzeichens konnten die Menschen leichter identifiziert werden für die systematischen Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager. Auch Arthurs Familie musste den Stern tragen.
Himmelfarb überlädt den Stern jedoch als Metapher für die Todgeweihten. Und zwar quantitativ: Bald ist zwischen Himmel und Erde alles mit Sternen übersät. Natürlich lässt sich dies als bildliches Mass für die Millionen Opfer des industriellen Mords lesen. Aber erzählökonomisch führt es zu einer Schieflage.
Ein Leben verloren, eines dazugewonnen
Arthur und seine jüdisch-ukrainische Familie ist also von Stalingrad 1941, dem ersten Zwischenhalt der Deportation, bis ins Ruhrgebiet der 1990er-Jahre gekommen. Jan Himmelfarbs Verdienst ist es, die grosse Erzählung vom Holocaust in die Gegenwart zu verlängern.
Die jüdischen Überlebenden in Deutschland müssen mit einem ambivalenten Gefühl auskommen. Mit einem Bein sind sie noch im Terror der Kriegszeit, mit dem anderen in einer fremden Umgebung in Nordrhein-Westfalen. Man könnte auch sagen: ein Leben verloren, eines dazugewonnen. Ob das reicht für eine menschenwürdige Existenz?
Buchhinweis
Jan Himmelfarb: «Sterndeutung», C.H.Beck, 2015.