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Olivier Polge: Die Nase hinter dem neuen Chanel-Duft Misia
Redaktion: Niklaus Müller, Foto: Private Collection; Holzschnitt: Bibliothèque Nationale de France
Dolce far niente in den Zwanzigerjahren am Lido von Venedig: José Maria Sert, Coco Chanel, Misia Sert, Madame Philippe Berthelot (von links)
Misia, die Königin der Pariser Salons: Verewigt auf einem Holzschnitt von Félix Vallotton (1897)
Chanel Misia, Eau de toilette, ab 179 Fr., exklusiv in Chanel-Boutiquen und bei Jelmoli
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Wie riecht ein Parfum, das nach einer Mäzenin, Künstlermuse und Lebefrau des frühen 20. Jahrhunderts benannt worden ist? Misia Sert war seit der Belle Époque eine feste Institution in Paris. Die geborene Polin unterstützte und inspirierte Künstler wie Henri de Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso, Jean Cocteau oder Igor Strawinski. Sie protegierte und propagierte auch die gefeierten Ballets Russes und deren Gründer Sergei Djagilew. Und nicht zuletzt verschaffte sie der damals noch unbekannten Gabrielle Chanel den Zutritt zur feinen Pariser Gesellschaft.
Die beiden Frauen trafen sich 1917 bei einem Mittagessen und waren von da an Freundinnen. Misia Sert liess Coco Chanel Teil ihres illustren Zirkels werden. Als im Dezember 1919 Chanels grosse Liebe, der englische Geschäftsmann Arthur Capel, bei einem Autounfall tödlich verunglückte, stand Misia Sert ihrer Freundin selbstlos zur Seite. Um die in tiefer Trauer versunkene Coco Chanel wieder auf andere Gedanken zu bringen, luden Misia Sert und ihr Mann José Maria sie nach Venedig ein. Hier gelang es Misia Sert, in der Freundin neue Lebensgeister zu wecken. Und es soll auch Misia Sert gewesen sein, die Coco Chanel auf die Idee brachte, einen eigenen Duft zu lancieren. Im Juli 1919, zwei Jahre vor der Kreation des Parfums N° 5, meldete Misia Sert auf Wunsch ihrer Freundin die Marke Eau Chanel auf den Namen Chanel an. Bis zu Misia Serts Tod 1950 blieben die zwei Frauen freundschaftlich verbunden, unternahmen gemeinsame Reisen und standen einander in schwierigen Zeiten bei.
Seine erste Kreation für Chanel
Jetzt feiert ein neuer Chanel-Duft diese Freundschaft. Schlicht Misia genannt, ist es die 15. Schöpfung in der Linie Les Exclusifs und die erste Kreation des neuen Hausparfumeurs Olivier Polge (40). Er sagt: «Meine Inspiration für den Duft war nicht Misia als Person, sondern ihre Rolle als der Mensch, der Gabrielle Chanels Leben eine entscheidende Wende gab. Mit diesem Parfum wollte ich die Atmosphäre der Ballets Russes und den Duft des Make-ups dieser Zeit einfangen.» So präsentiert sich Misia als eine pudrige Komposition aus Veilchen, Rose, Iris und einem Hauch Tonkabohne. Ein üppiger Duft, der tatsächlich an einen grossen Abend im Theater oder an einen Ball erinnert, weiblich, elegant und sehr verführerisch. Ein Parfum, inspiriert von starken Frauen für starke Frauen, und ein Duftwasser, das Nostalgie ausstrahlt und gar nichts mit den blumig-fruchtigen Kreationen der Gegenwart zu tun hat.
Mit diesem gelungenen Einstand bei Chanel tritt Olivier Polge die Nachfolge seines Vaters Jacques an, der seit 1978 für die Chanel-Duftkompositionen verantwortlich zeichnete. Man darf gespannt sein, wie der junge Polge das Erbe seines Vaters und vor allem das Erbe Chanels weiterentwickeln wird. Mit Misia hat er eine Richtung vorgegeben, die vielversprechend ist.