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Dass uns ein Film oder eine Szene berührt habe, behaupten wir ja immer wieder einmal. Physisch stimmt das nie. Und wenn es vorkäme, würden wir uns sehr erschrecken.
Touch me not – rühr mich nicht an, heisst dieses dokumentarisch aufgezogene Experiment der Rumänin Adina Pintilie. Es ist ein Film, der an die körperlichen Grenzen geht.
Im Zentrum steht die Schauspielerin Laura Benson. Sie oder ihre Figur, eine grosse, schöne Frau etwas über fünfzig, leidet darunter, dass sie keine Berührungen erträgt. Darum arrangiert sie, oder die Filmemacherin, oder beide gemeinsam, eine Reihe von therapeutischen Begegnungen.
Wir sind dabei, wenn sie mit einem Mann auf dem Sofa sitzt, der Brüste hat, sich wie eine Frau kleidet, und offen über seine Sexualität und seine Dienstleistungen spricht, mit viel Verständnis und Behutsamkeit der Frau gegenüber.
Ein Therapeut, der offensichtlich viel Erfahrung hat, probiert mit der Frau aus, wie sie auf welche Berührung reagiert. Die flache Hand auf dem Brustbein? Zwei Hände an den Hüften? Klopfen mit der Faust auf den Brustkasten? Irgendwann entfährt ihr ein wütender Abwehrschrei: Raaaah.
Auf dieses «Rahhh» habe er gewartet, da stecke viel Kraft drin, das könne man positiv einsetzen. Aber sie müsse auch ihr Verhältnis zu ihrem Vater klären. Der Vater liegt im Spitalbett, stumm, und offenbar todkrank. Irgendwann wird die Frau ihm stumm die Infusion abreissen.
Ein bekannter Schauspieler aus Island, markant mit seinem haarlosen Gesicht und Körper, trifft in einer organisierten Session auf einen verwachsenen Mann, dessen Körper wie eine Wurst unter dem Kopf hängt, ohne Beine und mit verkümmerten Armen. Das schönste an ihm sind seine Augen, klar, wach, grünlich. Darunter ein Mund mit herausstehenden Zähnen, beim Sprechen schäumt immer etwas Speichel in den Mundwinkeln.
Er möge seinen Körper, sagt der Mann, er möge eigentlich alles an ihm. Am besten allerdings den Penis. Denn der sei das einzige völlig normale Körperteil an ihm. Und er fände es bloss hin und wieder schade, dass er beim Sex auch mit diesem grossen Penis immer passiv bleiben müsse.
Adina Pintilie verortet sich in den ersten Minuten des Films als Frau hinter der Kamera – und zugleich als Gegenüber für ihre Protagonisten und das Publikum. Wir sehen immer wieder ihr Gesicht auf einem Monitor direkt vor der Kameralinse, so wie ihre Gesprächspartner sie sehen.
Touch me not ist ein Film der umgedrehten Paradoxe. Einerseits berührt er physisch mit der ungewohnten Körperlichkeit, die er forciert. Andererseits spielt Pintilie mit dem enormen Kontrast an Freiheit, der entsteht zwischen den Protagonisten.
Die schöne grosse Frau, die keine Berührung erträgt und sich doch nach Nähe sehnt auf der einen Seite. Der körperlich extrem Behinderte (der sagt, er möge den Ausdruck nicht, er fühle sich nicht behindert), der mit seiner Frau und im Sexclub und in Therapiestunden (für andere!) seine körperliche Unbekümmertheit zur Verfügung stellt.
Einen Film als Extremerfahrung zu bezeichnen ist meist etwas pathetisch. Aber im Fall von Touch me not kann man zumindest davon ausgehen, dass er ziemlich einzigartig ist, und einen ziemlich auf einen selbst zurück verweist.