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Karen studiert Zoologie und entwickelt sich zu einer jungen Frau, deren Intelligenz sich in gewissen Bereichen (Abstraktion, Erfassen von Ähnlichkeiten und Nuancen, Arbeiten unter Zeitdruck) als weit unterdurchschnittlich, in anderen Bereichen (Gedächtnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Konzentration) als atemberaubend erweist. Ihr Lebensdilemma besteht darin, dass ihre Familie von der Thunfischerei lebt. Zusammen mit ihrer Tante übernimmt Karen die Thunfisch Consuelo AG, versucht aber den Betrieb zusehends zu humanisieren, indem sie Massnahmen zum Schutz der Delphine trifft und das Fangen und Töten der Thunfische möglichst «stressfrei» gestaltet. In der
Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Spitzenmanager Gould erweist sich die Autistin als effiziente Geschäftsfrau. Es scheint, als ob sich moralische Werte mit wirtschaftlichem Gewinn vereinigen liessen: Weil Karens Firma schliesslich nur noch erstklassigen «True Blue Tuna» für japanische Gourmetrestaurants produziert, wo jeder Bissen 60 Dollar kostet, müssen für denselben Profit weniger Fische gefangen und getötet werden. Die Käfige baut Karen so riesig, dass die Thunfische schliesslich selber hineinschwimmen und sich dort sogar fortpflanzen – eine «Falle ohne Falle» ist die Utopie, die sie realisieren will. Gibt es ein «Paradies ohne Wildheit»? Können wir also leben, ohne böse zu sein? Über diese existenziellen Fragen lässt Sabina Bermans Buch nachdenken.
Für ihre Humanisierung der Fischerei wollen manche Karen Nieto mit einem kulinarischen Nobelpreis auszeichnen. Für die militanten Aktivisten der «Animal Rights Militia», die sie entführen und bedrohen, bleibt sie aber «eine der grössten Mörderinnen der Welt». Mit ihrem Geschäftspartner kommt es zum Bruch, als sie ihre Arbeit zur letzten Konsequenz führen möchte: die Thunfische sollen nur noch unter besten Bedingungen gehalten, aber nicht mehr getötet werden. Das würde ihren Wert weiter steigern, aber natürlich könnte er nie realisiert werden…
Das riecht nach beissender Satire, nach einer Persiflage auf unsere ökologisch korrekte Gesellschaft, die alles richtig, rein und nachhaltig machen will. Aber gewiss ist das nicht, denn Sabina Berman, schillernder Tausendsassa der mexikanischen Literaturszene, hält die perfekte Schwebe zwischen Realismus und Utopismus. 1956 als Tochter jüdisch-polnischer Einwanderer in Mexiko-Stadt geboren, hat Berman Klinische Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und sich in ihrem Heimatland vor allem als Autorin und Regisseurin von Theaterstücken einen
Namen gemacht. Ausserdem ist sie Erzählerin, Lyrikerin, engagierte Feministin, politische Kolumnistin im regierungskritischen Wochenmagazin «Proceso», Filmemacherin und Verfasserin von Kinderbüchern – Michael Endes «Momo» hat sie ins Spanische übertragen.
Inwieweit die Psychologin Berman in ihrem neuen Roman ein getreues Abbild einer Autistin zeichnet, müssen Fachleute beurteilen. Vielleicht geht es ihr mehr um ein Plädoyer dafür, diejenigen Menschen, deren vielfältige Formen des Andersseins unter der Syndrombezeichnung «Autismus» zusammengefasst werden, nach ihren Stärken statt nach ihren Schwächen zu beurteilen. Vor allem aber ist Karen Nieto eine Kunstfigur, deren Fremdheit einen anderen Blick auf unsere eigene Welt erlaubt. Die «Standardmenschen», denen sich Karen phasenweise – und erfolglos – anzugleichen versucht, erweisen sich in vielerlei Hinsicht als die wahren Autisten, «weil ein Standardmensch durch seinen Verstand von den natürlichen Dingen getrennt» sei. Wie, wenn unsere vermeintliche «Normalität» viel absonderlicher wäre als das Exotische und Krankhafte? «In Bezug auf das Nichtmenschliche», sagt Karens Tante, «sind wir zivilisierten Menschen Autisten.»
Bermans literarische Methode funktioniert wie Montesquieus «Perserbriefe», der vom deutschen Schriftsteller Erich Scheurmann erfundene Südseehäuptling «Papalagi» oder der Ansatz des schottischen Antipsychiaters Ronald D. Laing, der das Gesunde an sogenannt schizophrenen Symptomen herausstrich. Auch wenn Karen Nieto glücklicherweise zu facettenreich gezeichnet ist, um als Lichtfigur zu dienen, droht hier durchaus die Romantisierung des Autismus. Die drei eklatantesten Schwächen der Hauptfigur werden kurzerhand zu Tugenden erklärt: die Unfähigkeit zu lügen, die Phantasielosigkeit und das Bewusstsein, dass sie nicht mehr weiss, als sie weiss. Wenn Karen Descartes verbrennen möchte, weil er den Menschen einredet, das Denken komme vor dem Existieren, wird Bermans Roman zu einem «contephilosophique» – Voltaires «Candide oder Der Optimismus» heisst nun «Karen oder Der Autismus»… Doch bei aller berechtigten Kritik am Rationalismus – ob Karens Lieblingsautor Darwin wirklich die beste Alternative zu Descartes darstellt, sei angezweifelt. Karen Nietos Empirismus ist eher impulsiv als wissenschaftlich. Immerhin werden wir aber ein Buch, das zum Denken anregen will, nicht von der Tischkante stossen. Der wahre Zauber dieses Romans liegt in seiner postmodernen Fabulierlust, in der wilden und übermütigen Sorglosigkeit, die an den amerikanischen Pop-Romancier Tom Robbins erinnert. Und vor allem in einigen starken Bildern, die die Cineastin verraten: wie Karen mit den Thunfischen schwimmt und taucht, wie sie auf dem Meeresgrund schläft und sich von einem Alarmsignal wecken lässt, um rechtzeitig wieder aufzusteigen, bevor der Sauerstoff zur Neige geht. Wie sie, wenn sie verwirrt ist, in den Taucheranzug schlüpft und sich mit einem Seilzug an der Decke aufhängt, um sich zu beruhigen. Wie die Seiten einer Jerusalemer Bibel von Blattschneiderameisen zu einem dadaistischen Text dekonstru-iert werden. Der bisher erfolgreichste Roman von Sabina Berman ist in gröberen Pinselstrichen gemalt als ihre frühe Prosa, ihr Markenzeichen, die raffinierte Mischung aus Realismus und surrealer Verfremdung, prägt aber auch dieses neue Buch.
Die Utopie eines Lebens ohne Töten erfüllt sich nicht. Die Tierrechtsaktivisten, die in ihrem fanatischen Reinheitsdurst zu Terroristen werden, versteht Karen Nieto nie. Denn die Autistin ist kein «besserer Mensch». Sie kann sich aus den Widersprüchen des Lebens ebenso wenig freistrampeln wie der Fisch aus dem Netz. Mehr Menschlichkeit ist möglich – aber ganz sauber lassen sich Liebe und Gewalt nicht voneinander trennen. Und so ist es auch nicht sicher, ob wir ohne Metaphern und Euphemismen, ohne Zweideutigkeit und Phantasie besser leben würden. Diese Autistin wächst dem Leser ans Herz, weil sie sich selber sehr wohl mit erfrischender Ironie schildert: «Ich weiss einfach nicht, wie ich mich umprogrammieren kann.» Wenn das Buch mit einer Metapher – Karens vergrössertem Herzen – endet, ist die Wildheit nicht aus der Welt verschwunden.