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Religionsunterricht war zur Zeit der Gründung des Religionspädagogischen Instituts (RPI, damals KIL) bereits auf «zwei Gleisen» organisiert.1 Es waren damals die Fächer «Katechismus» und «Biblische Geschichte». Der Unterricht in biblischer Geschichte wurde in den meisten Kantonen der Schweiz im Rahmen der staatlichen Lehrpläne von den schulischen Lehrpersonen erteilt. Er galt seit dem 19. Jahrhundert als eine Art Minimalkonsens zwischen den konfessionell getrennten Landesteilen und sollte diese auf der Basis gemeinsamer biblischer Werte besser integrieren. Der Bibelunterricht war dabei ein ordentliches Fach für alle Kinder und sollte das staatliche Bemühen um einen öffentlichen Religionsfrieden unterstützen. Dieser Unterricht hat sich in den fünfzig Jahren seit der Gründung des RPI zu einem bekenntnisunabhängigen Fach über Religionen und Werte unter den Namen «Religion und Kultur» oder «Ethik und Religionen» weiterentwickelt.
Katechismusunterricht hingegen wurde zu den RPI-Gründungszeiten von Pfarrern und Vikaren erteilt und war für die Mehrheitskonfession integriert in den Stundenplan der Schule. Andere Konfessionsangehörige mussten diesen Unterricht nicht besuchen. Für diesen konfessionellen Religionsunterricht waren Absolventen des damaligen Katechetischen Instituts primär gefragt. Der Katechismusunterricht entwickelte sich weiter zur heutigen Gemeindekatechese und zu ausgefalteten religionspädagogischen Konzepten, welche Jugend- und Elternarbeit miteinbeziehen.
Der Motor für beide Entwicklungen war der kulturelle Wandel als Folge der Öffnung und Pluralisierung der westlichen Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Autoritätsgläubigkeit und Gehorsam wurden kritisch in Frage gestellt und durch Erziehungsziele wie Selbstentfaltung und Partizipation verdrängt.
Schule und Religion im Kontext einer Pädagogik der Vielfalt
Die Schule musste einen neuen Umgang mit der Pluralität und heterogenen Zusammensetzung der Schülerschaft entwickeln. Koedukation, individuelle Förderung unterschiedlicher Begabungen, toleranter Umgang mit unterschiedlicher sprachlicher, religiöser, kultureller und sozialer Herkunft traten als Ziele der öffentlichen Schulen in den Vordergrund. Der Unterricht in heterogenen Klassen wurde deshalb zum Programm der Schulentwicklung, und mit der «Pädagogik der Vielfalt»2 wurden entsprechende didaktische Grundlagen entwickelt und schrittweise umgesetzt. Dieser Wandel veränderte auch den Bildungsauftrag für das bisherige Schulfach «Biblische Geschichte». Der Kanton Zürich beispielsweise formulierte zwei Leitfragen für die Neugestaltung des Faches als «Religion und Kultur»:
- «Welche Kenntnisse christlicher Überlieferung brauchen Kinder und Jugendliche, um die Gesellschaft, in der sie leben, zu verstehen?»
- «Welche Kenntnisse verschiedener Religionen brauchen Kinder und Jugendliche, um Menschen verschiedener religiöser und kultureller Herkunft in unserer Gesellschaft zu respektieren und sich in der Welt zurechtzufinden?»3
Junge Menschen sollen sich, unabhängig davon, ob sie selbst einer Religion angehören oder nicht, kritisch mit Darstellungen von Religion und Religionen in Medien und Öffentlichkeit auseinandersetzen und Begriffe und Sprache für einen adäquaten Umgang mit religiös geprägten Themen und Situationen erlernen. Auf diese Anforderungen der Allgemeinbildung reagierten auch die Kantone der Zentralschweiz mit der Umgestaltung von «Biblischer Geschichte» in das Schulfach «Ethik und Religionen »; der Kanton Bern integrierte religions- und lebenskundliche Themenfelder in das Integrationsfach «Natur, Mensch, Mitwelt».
Bei der Fachentwicklung wurden die Religionsgemeinschaften miteinbezogen. Das Innerschweizer Schulfach ist komplementär zum gemeinsamen konfessionellen Lehrplan der Landeskirchen angelegt, und für die Entwicklung des Zürcher Schulfachs wurde die Kontaktgruppe der Kirchen und Religionsgemeinschaften als Begleitgremium geschaffen. Wichtig bleiben die Respektierung der Religionsfreiheit der Kinder und Eltern und die Garantie, dass die staatliche Schule nicht eine bestimmte religiöse oder weltanschauliche Ansicht bevorteilt.4
Im gemeinsamen Deutschschweizer Lehrplan 21 werden diese Formate im neuen Fachbereich «Ethik, Religionen und Gemeinschaft» verankert und als Kompetenz im Umgang mit religiösen Fragen und Traditionen begründet. Ungeachtet der kritischen Stimmen auch aus kirchlichen Kreisen kann man sagen, dass damit das Thema Religion in der Schule gestärkt wird. Neu entwickelte Lehrmittel erleichtern die Umsetzung und tragen zur Implementierung des Lernbereichs bei.
Das RPI und der bekenntnisunabhängige Unterricht
An der Entwicklung dieses neuen schulischen Bildungsverständnisses im Bereich Religion hat sich das RPI als religionspädagogisches Fachinstitut über all die Jahre kritisch und konstruktiv beteiligt. Seine Dozierenden sind als gefragte wissenschaftliche und fachdidaktische Partner verschiedener Pädagogischer Hochschulen bei den Konzeptentwicklungen, den Weiterbildungskursen für Lehrpersonen oder bei der Lehrmittelentwicklung engagiert. Auch im eigenen Studienprogramm ist mit der Unterscheidung zwischen Modulen für den schulischen Religionsunterricht und solchen für die Gemeindekatechese sowie mit einem Schwerpunkt in Ethik und ethischer Erziehung der Entwicklung Rechnung getragen worden. Mit der Möglichkeit, einen Bachelorabschluss in Religionspädagogik zu erlangen, können sich RPIStudierende, die die Voraussetzungen erfüllen, auch formal auf demselben Niveau qualifizieren wie die Absolventinnen und Absolventen der Pädagogischen Hochschulen. Trotz der anerkannt guten Ausbildung sind es nur wenige Absolventinnen und Absolventen, die von Schulen als Lehrpersonen für den bekenntnisunabhängigen Unterricht angestellt werden.
Für diese Zurückhaltung gibt es verschiedene Gründe. Weil Religionspädagoginnen und Religionspädagogen primär in einer Pfarrei tätig sind, geraten sie oft in einen Rollenkonflikt, wenn sie parallel zum pfarreilichen Engagement noch bekenntnisunabhängigen Unterricht erteilen sollen. Auch die Schulleitungen und Eltern sind skeptisch, ob die Religionspädagogin bei aller Professionalität nicht trotzdem von den Kindern als Vertreterin der Kirche betrachtet wird. Deshalb sehen beide Seiten häufig von dieser Lösung ab. Dem RPI mit Bachelorabschluss wird zwar zuerkannt, dass das Studium äquivalent ist zum Fachstudium an den Pädagogischen Hochschulen. Trotzdem beharren die Bildungsdirektionen auf der formalen Forderung nach einem EDK-anerkannten Lehrdiplom, um an der Schule unterrichten zu können. Sie befürchten, dass nebst Religionspädagoginnen und Religionspädagogen auch andere kirchlich und theologisch ausgebildete Fachpersonen in die Schule drängen könnten und so der bekenntnisunabhängige Charakter des obligatorischen Schulfachs in Frage gestellt würde. Zudem werden seit der Lehrerbildungsreform keine Monofachlehrpersonen mehr für die Volksschule ausgebildet. Jede Lehrperson sollte mehrere Fächer unterrichten können und sich so auch verbindlicher in die Schule integrieren. Deshalb wählen vereinzelt RPIAbgängerinnen diesen Weg und erwerben an einer Pädagogischen Hochschule eine Lehrberechtigung für weitere Fächer. Das RPI hält trotzdem am Anspruch fest, dass seine Absolventinnen und Absolventen auch für die schulischen Fächer kompetent ausgebildet sind. Denn nicht nur auf der Hochschulebene soll kooperiert werden, sondern die ausgebildeten religionspädagogischen Fachpersonen sollen sich auch als fachliche Gesprächspartner für die Schulen auf allen Ebenen empfehlen, sich an der Schulentwicklung beteiligen und als Fachlehrpersonen für verschiedene Lernangebote und Schulprojekte eingesetzt werden können.
Über den konfessionellen Unterricht hinaus: Katechese im Kulturwandel
Dass Katechese mehr ist als Katechismusunterricht, war schon in den vergangenen Jahrzehnten klar geworden, trotz immer neuen kirchlichen Katechismus- Initiativen.5 Religionslehrpersonen bemühten sich um einen entwicklungsgerechten und lebendigen Unterricht. Dabei wurde die wachsende Heterogenität der Schülerschaft seit Jahren festgestellt und beklagt. Sie zeigte sich einerseits in den disziplinarischen Schwierigkeiten, denen kirchliche Religionslehrkräfte ausgesetzt waren. Andererseits wirkten sich die wachsende Vielfalt der religiösen Haltungen und die unterschiedlichen Beziehungen der Katholiken zur Kirche auf den kirchlichen Religionsunterricht aus. Diese Heterogenität wurde vielerorts als Belastung erlebt und die Haltungen distanzierter Kinder und Eltern einseitig als defizitär beurteilt. Ein anderer Umgang mit der Pluralität unter den Familien und Kindern war deshalb dringend gefordert. Dieser Herausforderung stellt sich die Deutschschweizerische Ordinarienkonferenz (DOK) mit dem Leitbild «Katechese im Kulturwandel».6 Dieses Leitbild skizziert eine Katechese mit vielfältigen Wegen und Aktivitäten, um Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Voraussetzungen und Zielen erreichen und differenziert begleiten zu können. Katechese will die unterschiedlichen Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als Lernorte des Glaubens erschliessen und eine Verknüpfung der persönlichen Lebensgeschichten mit der christlichen Überlieferung ermöglichen. Solche Lernorte des Glaubens zeigen sich:7
- in den Familien, in der Lebensgestaltung von Eltern und Bezugspersonen mit den Kindern;
- im kirchlichen Religionsunterricht in der Schule oder in der Pfarrei;
- in der verbandlichen und in der offenen Jugendarbeit;
- in der Erwachsenenbildung;
- bei der Hinführung zum liturgischen Feiern und zu den Sakramenten;
- im Austausch und in der Kooperation mit Migrantinnen und Migranten, mit ihren von eigenen kirchlichen Traditionen geprägten Sprachgemeinschaften;
- in der ökumenischen Zusammenarbeit und im Dialog mit Menschen anderen Glaubens oder Weltanschauung;
- in der Mitgestaltung, in der Nutzung von oder in der Auseinandersetzung mit Medien und Kommunikationstechnologien.
Katechese wird viel breiter verstanden als der herkömmliche konfessionelle Religionsunterricht. Sie erwartet nicht mehr von allen dasselbe, sondern sucht mit den Betroffenen nach angemessenen Schritten für ihre religiöse Entwicklung. Diese breite religionspädagogische Arbeit realisiert sich nicht nur in der institutionalisierten Pfarrei, sondern in verschiedenen «Biotopen».8 Immer aber will sie mithelfen, dass das Leben und Zusammenleben gelingt und dass die eigene und gemeinsame Lebensgeschichte im Lichte des christlichen Glaubens Orientierung und Sinn erhält.
Die Chancen liegen in der positiven Wertung der Vielfalt
Die Chance der religionspädagogischen Arbeit liegt in der Gestaltung und Vernetzung dieser breiten Handlungsfelder und in der positiven Wertung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Eine religionspädagogisch erweiterte Katechese in dieser Breite hat diakonische, sozialisatorische und bildungsbezogene Aspekte:9
- Diakonischer Aspekt: Beim diakonischen Aspekt geht es nicht um die Erörterung explizit religiöser Fragestellungen, sondern um Unterstützung, damit das Leben gelingt und damit Menschen sich angenommen und verstanden fühlen. Vertrauen und Beziehung sind nicht nur menschliche Grundvollzüge; sie bilden auch die Grundlage aller religiösen Dimensionen und ermöglichen es, die eigene Biographie sinnstiftend zu verstehen und zu erzählen.
- Sozialisatorischer Aspekt: Es braucht Gemeinschaftserfahrungen, um den Glauben erlebbar zu machen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene müssen differenzierte Glaubenserfahrungen erproben können, die partizipativ und befristetet sind, die in enger oder auch in loser Verbindung zur Pfarrei stehen und die unterschiedliche Nähebedürfnisse berücksichtigen. Gerade in der Sakramentenkatechese, die je mit einem bestimmten biographischen Lebensabschnitt verbunden ist, bieten sich dazu vielfältige Möglichkeiten an.
- Bildungsbezogener Aspekt: Auch wenn an der Schule ein religionskundlicher Unterricht gestaltet wird, kann die Kirche nicht auf ihren Bildungsauftrag verzichten. Religiöse Bildung bezweckt den Erwerb von religiöser Kompetenz.10 Gerade in einer pluralen Gesellschaft müssen gläubige Menschen auskunftsfähig sein, was ihren eigenen Glauben betrifft, und idealerweise fähig zum Dialog mit Andersgläubigen und Andersdenkenden. Eine solche Bereitschaft entsteht nicht nur aus gutem Willen, sondern braucht auch religiöse Bildung.
Pluralitätsfähige religionspädagogische Fachpersonen
Die gesellschaftliche und kirchliche Pluralität und die im Leitbild abgesteckten Handlungsfelder stellen hohe Anforderungen an die religionspädagogisch Tätigen. Es wird ein professionelles Handeln verlangt, das nicht mehr als pastorale Nebenbeschäftigung bewältigt werden kann. Rasch stellt sich Überforderung ein, und diese führt zur Versuchung, die reale Pluralität zu reduzieren und sich nur noch um den engen Kreis der kirchlich gut sozialisierten Anhängerschaft zu kümmern. Damit die religionspädagogische Arbeit gelingt, braucht jeder Pastoralraum und jede Seelsorgeeinheit mindestens eine religionspädagogische Fachperson. Ihre Fachlichkeit zeichnet sich aus durch ein berufsfeldbezogenes Studium, in dem sie grundlegendes Fachwissen in Theologie, Human- und Religionswissenschaft, in Pädagogik und Fachdidaktik, in Jugendarbeit und Erwachsenenbildung erarbeitet und in transdisziplinären Ausbildungsmodulen mit Studienarbeiten im Praxisfeld verknüpft hat. Diese religionspädagogischen Fachpersonen sind nach vergleichbaren Standards und Abschlüssen ausgebildet wie die Lehrpersonen an Pädagogischen Hochschulen und sind deshalb fachlich ernstzunehmende Bezugspersonen zu den Schulen. Ebenso geniessen sie Anerkennung und Wertschätzung als Fachpersonen im Seelsorgeteam.
Solche berufliche Anforderungen treiben uns am Religionspädagogischen Institut Luzern um. Wie die Lehrerbildungsinstitutionen vor fünfzehn Jahren sind wir in der Situation, dass einerseits die
Ansprüche steigen, andererseits der Mangel an Fachkräften nach vereinfachten Ausbildungsmöglichkeiten ruft. Die Lehrerbildung hat auf die Terziarisierung gesetzt, und nach einer Durststrecke von
mehreren Jahren ist der Lehrberuf mit Bachelor- oder Masterabschluss wieder zu einem attraktiven Berufsziel geworden. Gleichzeitig mussten jedoch lineare Berufswahlvorstellungen aufgegeben werden.
Quereinsteiger, Zugänge für Begabte mit Berufsabschluss und Weiterentwicklungsmöglichkeiten im Beruf wurden als wichtige Elemente zum Bestehen in einer dynamischen und pluralen Gesellschaft erkannt.
Beurteilt wird deshalb vermehrt die Kompetenz der Studierenden, nicht der absolvierte Bildungsweg. Das gilt es auch für das Studium der Religionspädagogik zu bedenken. Dann ist das RPI auf einem
guten pluralitätsfähigen Weg in die Zukunft.
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Die Zusammenarbeit mit den Eltern als «Erfolgsfaktor»
Gabriela Lischer / Gregor Schwander / Kuno Schmid: Mit Eltern zusammenarbeiten. (rex Verlag in Koproduktion mit Verlag Haus Altenberg GmbH, Düsseldorf) Luzern 2013, 173 S.
Im Vergleich zu früher, wo das kirchliche Leben gesellschaftlich mitgetragen wurde, ist heute die Zusammenarbeit zwischen kirchlichen Angestellten in der Pfarrei und in der Schule und den Eltern viel wichtiger und anspruchsvoller geworden – ja ein entscheidender Faktor im Leben einer Pfarrei. Die Autorin und die zwei Autoren zeigen eingängig auf, wie sich die Familiensituation heute darstellt und wie mit Eltern als Partnern von Schule und Kirche zusammengearbeitet werden kann. Auf die Praxis ausgerichtet werden dabei konkrete Tipps für Veranstaltungen mit Eltern, Elterngesprächen und die schriftliche Kommunikation dargeboten. (ufw)