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Die wachsende Weltbevölkerung braucht immer mehr Proteine, die landwirtschaftliche Nutzfläche aber ist begrenzt. Ist es da sinnvoll, Kühe mit Soja und Getreide zu füttern, zumal sie relativ schlechte Proteinverwerter sind? Oder wäre es nicht effizienter, die pflanzlichen Proteine direkt für die menschliche Ernährung zu nutzen? Dies Frage stand im Fokus eines Vortragsabends vom 16. März, mit der die Berner Fachhochschule (BFH) ihre vierteilige Vortragsreihe rund um Pflanzenproteine abschloss (siehe «Mehr zum Thema»).
Feed oder Food?
Kühe und andere Wiederkäuer verwandeln Gras in wertvolle Lebensmittel. Sobald aber Futtermittel verfüttert werden, die auch direkt für die menschliche Ernährung nutzbar sind (etwa Soja oder Getreide), oder die auf Flächen produziert werden, die auch ackerbaulich genutzt werden könnten, kommt es zu einer Nahrungsmittel- bzw. Flächenkonkurrenz zwischen der Viehwirtschaft und der menschlichen Ernährung, erklärte Sebastian Ineichen, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaft (Hafl) in seinem Eröffnungsreferat.
Zusammen mit anderen Forschern von Hafl und Agroscope hat Ineichen im Auftrag von WWF und der Schweizer Milchbranche zwei Messgrössen erarbeitet und getestet, um diese sogenannte Feed-Food-Competition in der Milchproduktion zu bestimmen. Das Fazit der nicht repräsentativen Studie mit 25 Schweizer Milchbetrieben: Weil relativ viel Gras und Heu verfüttert wird, ist die Nahrungsmittelkonkurrenz tief. Das heisst: Über die Milchproduktion generieren die Betriebe mehr für den Menschen verwertbares Protein, als dafür im Futter eingesetzt wurde. Umgekehrt sieht es laut Ineichen bei der Flächenkonkurrenz aus. Bei allen untersuchten Betrieben, bis auf zwei in Berggebieten, würde ein Anbau von direkt für den Menschen verwertbaren Ackerprodukten mehr zur menschlichen Ernährung beitragen als die Milchproduktion auf den betreffenden Flächen.
Mehr Nebenprodukte zu verfüttern oder die Futterproduktion auf ackerfähigen Flächen zu reduzieren, könnte diese Konkurrenz reduzieren, sagte Ineichen. Es gelte aber auch, die Rolle der Kühe im Ernährungssystem ganzheitlich zu betrachten. Wiederkäuer trügen entscheidend zur Nährstoffversorgung auch der Ackerflächen bei. Zudem sei Grasland wichtig für den Kohlenstoffhaushalt der Böden und den Erhalt der Biodiversität.
Die Grenzen der pflanzlichen Ernährung
Mit interessanten Zahlen brachte Urs Niggli, ehemaliger Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FibL) und heute selbständiger Berater, die globale Perspektive ins Spiel. Weltweit würden nur gerade 8 Prozent der Agrarfläche für die Tierfutterproduktion verwendet – überraschend wenig, wie Niggli sagte. «Rein flächenmässig gesehen ist die Kraftfutterproduktion global nicht ein gigantischer Konkurrent der menschlichen Ernährung.» Umgekehrt seien weltweit 68 Prozent der Agrarflächen Dauergrünland, das sich nur mit Wiederkäuern für die menschliche Ernährung nutzen lasse. 24 Prozent der Flächen werden als Ackerland für die menschliche Ernährung genutzt. Diese Zahle können von Land zu Land stark variieren. In der Schweiz sind die Verhältnisse praktisch gleich, in Deutschland hingegen wird auf rund 30 Prozent der Agrarflächen Futter für Nutztiere produziert.
Eine rein pflanzliche Ernährung sei zwar gesund für Mensch und Umwelt, sie habe aber ihre natürlichen Grenzen, sagte Niggli. «Wir haben nicht beliebig viel Ackerfläche zur Verfügung.»
Aber wie soll die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden, ohne dass der Planet kollabiert? Die UNO rechnet damit, dass bis 2050 rund 600 Millionen Hektar zusätzliche Agrarflächen nötig werden, um die Menschheit zu ernähren. Eine Ausweitung ginge zwangsläufig auf Kosten wertvoller Ökosysteme wie Regenwald oder Hochmoore, sagte Niggli. Auch die Umwandlung von Grasland in Ackerland würde einen Verlust an Biodiversität bedeuten.
Niggli plädierte darum für eine Suffizienz-Strategie: Wir müssten weniger Fleisch und dafür mehr pflanzliche Proteine essen und die Lebensmittelverschwendung halbieren. Eine nachhaltige Graslandnutzung mit Viehwirtschaft bleibe aber unabdingbar für die lokale und globale Ernährungssicherheit.
Nestlé lässt Milchkühe länger leben
133’000 Tonnen Milch kauft Nestlé jedes Jahr in der Schweiz ein. «Rund 70 Prozent des Klimafussabdruckes der Nestlé-Produkte gehen aufs Konto der verarbeiteten Agrar-Rohstoffe zurück, die Milch trägt mit 30 Prozent den grössten Anteil bei», sagte Daniel Imhof, bei Nestlé zuständig für die Beschaffung nachhaltiger Rohstoffe in der Schweiz. Nestlé verfolgt laut Imhof zwei Ansätze, um diese Umweltbelastung zu reduzieren. Zum einen entwickle Nestlé pflanzliche Alternativen zu Milch- und Fleischprodukten. Ganz auf Milch zu verzichten, sei aber keine Option. «Gerade in den ersten 1000 Lebenstagen eines Menschen sind Milchproteine sehr wertvoll und nur schwer durch Pflanzenproteine ersetzbar», so Imhof.
Nestlé versucht deshalb, auch den Umweltfussabdruck bei der Milchproduktion zu verringern. Ein Ansatz, den Nestlé verfolgt: man lässt Milchkühe länger leben. Eine Schweizer Milchkuh lebt heute im Schnitt etwas über fünf Jahre. Nur drei davon produziert sie auch Milch, das klimaschädliche Methan hingegen rülpst sie schon als «unproduktives» Kalb in die Atmosphäre. Lässt man Kühe zwei Jahre länger leben, reduziert sich der Methanausstoss pro Kilogramm Milch um fünf Prozent.
«Nicht die Pampa umpflügen»
Hans Jöhr, der für Nestlé international Rohstoffe beschafft, plädierte dafür, nachhaltige Produktionssysteme aufzubauen, die an die lokalen Ökosysteme angepasst seien. Es brauche auch künftig Tiere für die menschliche Ernährung, und es sei nicht sehr intelligent, die argentinische Pampa für die Sojaproduktion umzupflügen.