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Alle feiern Karl Marx' Geburtstag. Alle? Unter die enthusiastischen mischen sich auch einige kritische Stimmen:
- Marx schmähte Kesselflicker und Bettler als „Lumpenproletariat“. Von Anfang an also gehörte Gewalt gegen Andersdenkende und deren bewusste Unterdrückung zum Marxismus. Der Philosoph kaschierte diese brutale Fantasie durch die angebliche Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung – die allerdings ein unzutreffendes Postulat war, denn ohne ideologische Eingriffe entwickelt sich jede menschliche Gesellschaft zur mehr oder minder differenzierten Marktwirtschaft.
- Marx war Antisemit und Rassist: (D)ie Forschung zeigt, dass Marx nicht nur ein Mann mit chronischen Geldproblemen war, der sich als aggressiver Schmarotzer auf Kosten von Familie und Freunden undankbar durchs Leben schlug und selbst seiner armen Mutter rücksichtslos das letzte Witwengeld entriss.
- Marx und Engels: Kinder ihrer Zeit. Soziokulturell war Marx also mit dem Judentum verbunden. Ob er wollte, oder nicht. Ist es also womöglich dieser familiäre Hintergrund, gepaart mit chronischen Identitätsproblemen, die Marx auf andere Juden projiziert und so Hass gegen sie entwickeln lies(s)?
- Genie und Neurose. Obwohl von robuster Natur, war Marx fast ständig krank, wich – wie Künzli an Hand einer synchronen Darstellung seiner körperlichen Beschwerden und schriftstellerischen Arbeiten nachweist – vor großen Aufgaben gern ins Bett aus und litt an Erkrankungen vor allem der Haut (Furunkeln und Karbunkeln), die "in der psychosomatischen Medizin als eine für psychische Einflüsse ganz besonders empfindliche Zone gilt".
- 200 Jahre Karl Marx und 100 Millionen Tote. Ja, es ist natürlich schöner und aufbauender, sich mit über 170 Jahre alten Marx-Zitaten zu beschäftigen und sich „neue Gedanken“ auszuspinnen als damit, was seitdem im Namen der marxistischen Ideologie angerichtet wurde.
Es lohnt sich, Biographie und zentrale Argumente genau in den Blick zu nehmen.
1. Biografie: Gareth Stedman Jones. Karl Marx. Die Biografie. 896 Seiten. Frisch überarbeitet. Stedman Jones schreibt schon zu Beginn über die Mythenbildung, die in groteskem Gegensatz zu Leben und Werk stehen: "Social Democratic leaders also had to decide what was to be said about Marx’s personal character. In 1905 Franz Mehring, the first biographer of Marx, wrote to Karl Kautsky that it would be impossible to publish the correspondence between Marx and Engels in uncensored form. Mehring stated that if the correspondence were to appear in full, all the efforts made in the preceding twenty years to preserve Marx’s literary reputation would have been in vain."
3. Zum Einfluss von Marx' Gedankengut in der Gegenwart: Vladimir Palko. Die Löwen kommen. "Die Idee des Kommunismus lebte länger in den Köpfen als in der Realität, sie lebte länger im Westen als im Osten Europas." Und: "Es ist eine wenig bekannte Ironie der Geschichte, dass die beiden Gründungsikonen des Marxismus, Karl Marx und Friedrich Engels, an den Vorbereitungen zum Kommunistischen Manifest im belgischen Brüssel gearbeitet haben." Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.
Welchen Einfluss die Ideologie auf das Leben von überzeugten Kommunisten hatte, beschreibt Palko mit Bezug auf den ehemaligen Kommunisten Whittaker Chambers:
Sie war pro Abtreibung. Ein Kind galt als etwas, das die revolutionäre Arbeit aufhielt und bremste. Ein Teil der Kommunisten vertrat die Meinung, ein Kommunist dürfe überhaupt keine Kinder haben, dies sei der Preis für seine Botschaft. Whittaker Chambers hatte diese Ansichten im Prinzip geteilt. »Als Kommunist in der Illegalität habe ich es für eine beschlossene Sache gehalten, dass Kinder nicht in Frage kommen«, schreibt er und fährt fort: »Die Abtreibung war ein gängiger Bestandteil des Parteilebens. Es gab kommunistische Ärzte, die diese Dienstleistung für eine kleine Entlohnung erbrachten. Wählerische Kommunisten kannten liberale Ärzte, die für diese Dienstleistung eine höhere Entlohnung berechneten.« Christliche Ärzte boten diesen »Dienst« natürlich nicht an, für keine Entlohnung welcher Art auch immer. Die Christen waren loyale Bürger des Staates, die das Gesetz respektierten. Und das Gesetz, das göttliche wie auch das amerikanische, befand unmissverständlich, dass eine Abtreibung illegal sei. Die amerikanischen Kommunisten gehorchten jedoch weder Gott noch ihrer Regierung, sie gehorchten nur Moskau. Und dort sagte das Gesetz etwas anderes. Es bleibt eine historische Tatsache, dass der erste Staat der Welt, der Abtreibungen legalisierte, Lenins bolschewistisches Russland gewesen war. Auf Lenins Anweisung wurde dies am 18. November 1920 in einem gemeinsamen Dekret des Gesundheits- und Justizministeriums Gesetz. Die Abtreibung ist die logische Auswirkung der marxistischen, materialistischen Sicht der Welt. »Die Abtreibung, die mich heute mit physischen Entsetzen erfüllt, habe ich damals – wie alle anderen Kommunisten auch – für eine gewöhnliche, physiologische Manipulation gehalten«, schreibt Whittaker Chambers. Die Logik der Abtreibung steht in Übereinstimmung mit der materialistischen Grundlage des Klassenkampfes. Der Embryo ist nur Materie, aber selbst ein geborenes Mitglied der reaktionären Klasse war in der kommunistischen Praxis des Klassenkampfes keine Person mit respektierten Rechten. Chambers Satz über kommunistische und liberale Abtreibungsärzte illustriert, dass die Abtreibung eine bedeutende Verbindungslinie zwischen sowjetischem und kulturellem Marxismus ist – eine Verbindungslinie zwischen den Brüdern und den Cousins. Mit der Verbreitung des Kommunismus in die Länder Osteuropas kam es auch dort zur Legalisierung der Abtreibung. Fast überall wurde sie im ersten Jahrzehnt der kommunistischen Herrschaft durchgesetzt: 1953 in Ungarn, 1956 in Polen und Bulgarien, 1957 in der Tschechoslowakei und Rumänien, 1972 in der Deutschen Demokratischen Republik. Der sowjetische Kommunismus ging Hand in Hand mit der Abtreibung einher. Die Abtreibung war Bestandteil der kommunistischen geistigen Transformation der Gesellschaft.