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Uti possidetis, oder wie ein lateinamerikanisches Prinzip die Welt eroberte
Freitag, 5. Februar
14:30 bis 17:00 Uhr
Raum 117
Nach der Gewinnung der Unabhängigkeit Lateinamerikas zu Beginn des 19. Jahrhunderts stellte sich die Frage nach der Festlegung der Grenzen der neuen Staaten. Das Prinzip stand rasch fest, auch wenn es seine endgültige rechtliche Formulierung erst ein Jahrhundert später fand: 1922 in einem Schiedsspruch des Schweizer Bundesrates zwischen Kolumbien und Venezuela. Das uti possidetis, wie dieses Prinzip genannt wurde, legte fest, dass die Grenzen der neuen Staaten identisch mit den Verwaltungsgrenzen der ehemaligen spanischen Kolonialherren sein sollten. Die konkrete Festlegung führte zu vielfältigen und langwierigen, teilweise bis heute dauernden Konflikten, ohne dass das Prinzip selber ernsthaft in Frage gestellt wurde. Ja, es setzte zu einem weltweiten Siegeszug an. Afrika griff es auf, auch wenn die Bezeichnung nicht übernommen wurde, und es stand Pate bei der Auflösung Jugoslawiens und der Sowjetunion. Alles spricht dafür, dass es auch bei künftigen Aufteilungen von Staaten oder Staatengruppen als Grundlage fungieren wird, und nicht das viel prestigeträchtigere Selbstbestimmungsrecht.
Im interdisziplinären Panel sollen Theorie und Praxis des uti possidetis herausgearbeitet werden. Dazu gehört einerseits der philosophische Hintergrund: welche Argumente sprechen für eine solche Betonung des Status quo? Andererseits werden in Fallstudien die politischen Probleme einer Grenzfestlegung gemäss uti possidetis behandelt, mitsamt den damit verbundenen Konflikten. Daneben steht die Rolle der Schweizer Diplomatie im Prozess der Herausbildung des Prinzips, und schliesslich stellt sich die Frage nach theoretischen und praktischen Alternativen.