Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03303.jsonl.gz/439

1784-1864
Heinrich Hössli
Heinrich Hössli, der "ungebildete" Fabrikant aus Glarus, wurde zum ersten ganz grossen Vorkämpfer und Pionier. Als Autodidakt eignete er sich umfassendes Wissen an und tat dies wie besessen von der Idee, jahrhundertealtes Unrecht zu entlarven, damit es einmal in fernerer Zeit überwunden werde und verschwinden möge.
Er wusste um die unbeschwerte Haltung der alten Griechen zur gleichgeschlechtlichen Liebe in ihrer den ganzen Menschen umfassenden Form: Liebe, erotische Nähe, Förderung. Er nannte es "Eros, die Männerliebe der Griechen". Und er zeigte auf, wie sie in den nachantiken Jahrhunderten verpönt, verbannt, verfolgt, verurteilt, verteufelt, aber nie ausgerottet wurde, weil sie - und die Tatsache des nicht Ausrottbaren war ihm Beweis - natürlich, das heisst in der Natur angelegt ist.
Diesem Gedankengang folgte er mit zahllosen Beispielen, beleuchtete ihn immer wieder neu und machte daraus ein Werk von drei Bänden. So war sein Plan. Er rechnete dabei nicht mit dem enormen Widerstand, den das Erscheinen des ersten Bandes 1836 hervorrief. Den nächsten Band konnte er zwei Jahre später noch veröffentlichen, dann war er ruiniert als angesehener Geschäftsmann, als Bürger und Mensch. Ausgewandert nach Winterthur, verarmt, verbittert, vereinsamt starb er 80-jährig. Der dritte Band blieb in wenigen Skizzen entworfen als Fragment zurück.
Ernst Ostertag, Januar 2010