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Der junge Mann steht etwas abseits an ein Geländer gelehnt. Sein Blick wandert über die Gesichter der Menschen, die an ihm vorbeiziehen. Sie tragen Taschen von teuren Modemarken, bewegen sich in kleinen Gruppen, diskutieren, lachen. Nur selten kommt eine junge Frau vorbei, die allein unterwegs ist.
Es ist ein Sonntagnachmittag in Peking, und Li Ze, 33, Single, sucht eine Braut. Der IT-Ingenieur ist vor neun Jahren aus Hainan, einer Tropeninsel im Süden des Landes, in Chinas Hauptstadt gezogen. Hier, fast 3000 Kilometer von seiner Heimat entfernt, hat er eine Stelle gefunden und verdient gutes Geld. Was ihm fehlt, ist eine Frau. «Bei uns in der Firma arbeiten nur Männer, keine einzige Frau.»
Plötzlich bleibt Lis Blick an einer jungen Chinesin hängen. Sie trägt eine rote Bluse, enge Jeans, schwarze Stiefel – und geht direkt an ihm vorbei. Er macht einen kleinen Schritt nach vorne. Dann zögert er – und macht kehrt. «Nein», flüstert Li und senkt den Kopf. «Nein, nein. Das war sie nicht.» Er lächelt gequält. Die junge Chinesin hat seinen Flirtversuch nicht einmal bemerkt. Sie ist hinter der nächsten Ecke verschwunden.
1,4 Milliarden Menschen leben in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt. Allerdings ist die Verteilung der Geschlechter ungleich: Es sind 32 Millionen mehr Männer als Frauen. Ein Grund dafür ist die Ein-Kind-Politik, die es Familien von 1979 bis 2015 untersagte, mehrere Kinder zu haben.
Oft haben Frauen in dieser Zeit weibliche Föten abgetrieben. Zwar ist es Ärzten verboten, während der Schwangerschaft den werdenden Eltern das Geschlecht des Kindes mitzuteilen. Doch gegen eine kleine Zahlung lässt sich vielen Medizinern die Information entlocken.
Seit Jahrtausenden schätzen Chinesen Söhne mehr als Töchter. Sie konnten auf dem Feld mehr zum Unterhalt der Familie beitragen, und dem Sohn fällt traditionell die Aufgabe zu, die Eltern im Alter zu versorgen.
Jenen Söhnen fehlen heute jedoch die Frauen. So ist das Verkuppeln in China zu einem grossen Geschäft geworden. Nicht nur, weil die Männer in der Mehrheit sind, sondern auch, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Früher waren es die Eltern, die für ihren Sohn oder ihre Tochter eine Frau oder einen Mann suchten; «das passende Fenster zur Tür», wie die Chinesen sagen. Braut und Bräutigam stammten meist aus dem gleichen Dorf, aus demselben sozialen Milieu. Ihre Familien kannten sich lange.
Heute verlassen junge Leute wie Li die Provinz, um in den grossen Städten zu arbeiten. Millionen Chinesen leben in Schanghai, Peking oder Shenzhen allein, weit weg von ihren Freunden, ihrer Familie, von ihrem sozialen Netz. Wie Li arbeiten sie den ganzen Tag, es fällt ihnen schwer, jemanden kennenzulernen.
Die Onlinedating-Industrie wächst stets. 2017 setzten Unternehmen mit der Partnersuche im Internet 4 Milliarden Yuan um, fast 600 Millionen Franken. Eine der grössten Plattformen ist Baihe.com, mehr als 300 Millionen Mitglieder sind dort registriert. Sie werden nicht nur verkuppelt, sondern im besten Fall auch verheiratet. «Wir bieten einen Rundumservice», sagt der Firmengründer Tian Fanjiang. Dazu gehört, dass Baihe die finanzielle Situation der Heiratskandidaten überprüft. Sie müssen angeben, welchen Schulabschluss sie haben, wo sie arbeiten, welches Auto sie fahren – und bei Bedarf wird den Männern gleich ein Kredit vermittelt. Denn wer kein Geld hat, kann auch kein Haus kaufen. Und ist damit für Frauen unattraktiv.
Li Ze hat lange Zeit sein ganzes Gehalt für einen Matchmaker ausgegeben, für einen Kuppler also, der ihm aus einer privaten Datenbank Frauen herausgesucht hat. Li traf die Auserwählten in einem Restaurant zum Essen – und wusste nicht, was er mit ihnen reden sollte. «Ich brachte kein Wort heraus», sagt er. Eine Freundin fand er so nicht.
Deshalb bringt Li nun ein Liebeslehrer das Flirten bei. Yuan Qi, ein zurückhaltender Mann Anfang 40 mit randloser Brille und Slim-fit-Jeans, steht neben Li in der Shoppingmeile und klopft ihm auf die Schulter. «Was war los?» fragt er, obwohl er die Antwort längst kennt: Li ist schüchtern, er hat sich nicht getraut, die Frau mit der roten Bluse anzusprechen.
Yuan hat schon mehrere Bücher geschrieben. Sie heissen «Des Teufels Datingtheorie» oder «Des Teufels Konversationstheorie». Der Liebescoach hat auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo mehr als 320000 Follower. «Die Bücher schreibe ich nur, weil ich nicht alle Singles persönlich treffen kann», sagt er. «Aber der direkte Kontakt ist mir sehr wichtig.»
Yuan bietet regelmässig Kurse in Peking, Schanghai und Shenzhen an. Zunächst trifft er seine Teilnehmer zu mehreren Lektionen Theorieunterricht. «Viele junge Männer in China sind schlicht nicht mehr in der Lage, eine Beziehung zu führen», sagt Yuan. «In der Schule oder an der Universität gehen die Jungs kaum noch auf Parties und treffen Leute. Sie verbringen die meiste Zeit online, mit einem PC oder einem Smartphone.»
Entsprechend fehle es ihnen an Erfahrung, alltägliche Situationen zu bewältigen, sagt Yuan. Vielen fehle der Mut, auf andere Leute zuzugehen. «Sie fragen sich, wie sie eine Frau ansprechen können. Oder was sie anziehen sollen, um attraktiv zu wirken.»
200 Millionen Singles leben derzeit in China. Für die alleinstehenden Männer unter ihnen wird es immer schwieriger, eine Frau zu finden. Kuriose Geschichten von Zurückgewiesenen machen die Runde: 2015 verklagte ein 40jähriger Geschäftsmann eine Vermittlungsfirma aus Schanghai, weil sie ihm trotz einer Gebühr von sieben Millionen Yuan, mehr als eine Million Franken, keine Partnerin fürs Leben fand.
In einem anderen Fall kaufte ein Programmierer aus Guangzhou seiner Freundin 99 iPhones, baute daraus auf einem Parkplatz ein riesiges Herz und hielt in dem kostspieligen Kunstwerk um ihre Hand an. Die Angebetete nahm die Smartphones, gab dem Antragssteller jedoch einen Korb.
Für eine Braut müssen die Chinesen viel Geld ausgeben. Früher war der Brautpreis eher symbolisch: eine schicke Tisch- oder Bettdecke. Heute bezahlt man in einem Dorf nahe Peking im Schnitt 260000 Yuan, fast 40000 Franken, für eine Braut, berichtete die «Washington Post» – das Fünffache des Jahreseinkommens einer Familie in dieser Gegend.
Li Shuzhuo ist Demograph an der Jiaotong-Universität in Xi’an. Er sagt: «In China gibt es Millionen von Männern, die niemals eine Frau finden und heiraten werden.» Das könne zu einer grossen Gefahr für die Gesellschaft werden. Denn Chinas Männer stehen unter einem enormen Druck, keiner will ein «kahler Ast» werden – einer, der den Stammbaum der Familie verdorren lässt. Der Wissenschafter fürchtet, dass dieser Druck, die Zurückweisungen und der harte Konkurrenzkampf zu Gewalt führen könnten.
Um doch noch eine Frau zu finden, kaufen immer mehr Chinesen Frauen in Vietnam, Myanmar, Laos oder Kambodscha. Der Menschenhandel hat an Chinas Grenzen stark zugenommen.
Bei Li in der Shoppingmeile wächst die Enttäuschung. Aber sein Liebescoach Yuan ist zuversichtlich. Er sagt: «Li hat sich schon sehr verändert.» Früher habe er eine schmutzige Jogginghose und ein zu grosses T-Shirt getragen. «An ein Gespräch mit einer Frau war nicht zu denken.»
Jetzt trägt Li ein Sakko, dazu helle Jeans und Sneakers. Er soll sportlich und elegant wirken, so hat es ihm Yuan empfohlen. Der Lehrer macht einen Witz, er versucht, die Stimmung aufzulockern. Li fasst neuen Mut. Er atmet tief ein und geht auf ein Mädchen zu, das wenige Meter entfernt vor einem Schaufenster stehenbleibt.
Yuan versteckt sich hinter einer Säule und schaut seinem Schüler zu. Dieser verwickelt das Mädchen in ein Gespräch, ein gutes Zeichen. Nach ein paar Minuten kommt Li zurück und erzählt. Leider habe es nicht geklappt. «Das Mädchen wollte mir ihre Nummer nicht geben.» Trotzdem ist Li erleichtert: «Ich habe es geschafft, ich habe sie einfach angesprochen.» Yuan nickt ihm zu.
Es ist ein erster kleiner Erfolg. Aber Lis Ziel ist noch fern. Seine Suche geht weiter.
Michael Radunski ist Journalist für die NZZ am Sonntag; er lebt in Peking.
Die Zusammensetzung der Bevölkerung Chinas
Grafik: Vollkorn Kollektiv; Quellen: Worldbank, United Nations