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Im laufenden Jahr gibt es mindestens drei Gedenktage, die uns daran erinnern, dass sich Ungarns historischer und kultureller Platz in Europa befindet. Die Schlacht bei Belgrad 1456 erscheint uns auch nach 550 Jahren als ein Beispiel der Zusammengehörigkeit und der Solidarität unter christlichen Völkern. Der aus Siebenbürgen stammende ungarische Feldherr János Hunyadi und der Franziskanermönch Johannes von Capistran schafften es, die in damaligen Zeiten als riesig geltende, 150’000 Mann umfassende Armee Mohameds II. aufzuhalten. Sie schafften es fürs erste. Der später heiliggesprochene Franziskaner starb während der Schlacht, Hunyadi zwei Monate später. Weniger als siebzig Jahre später war die osmanische Invasion nicht mehr aufzuhalten. Wie John Lukacs, ein in den Vereinigten Staaten lebender Historiker ungarischer Abstammung schreibt: Am einen Ende des europäischen Kontinents mussten die Türken um das Jahr 1500 fliehen, nämlich aus Spanien und Portugal, am anderen Ende aber näherten sie sich in einem entschlossenen Vorstoss dem Kontinent; erst fiel Byzanz, dann kamen die Länder der Balkanhalbinsel unter die Herrschaft des Halbmonds, und 1526 fand bei Mohács in Südungarn eine Schlacht statt, die tragische Folgen für Ungarns Geschicke haben sollte. Die Abwehrschlacht bei Belgrad 1456 blieb indessen – zumindest für die Ungarn – ein Symbol für europäische Zusammengehörigkeit und die mobilisierende Kraft des christlichen Glaubens.
Zeitlich näher liegt uns die ungarische Revolution von 1956. Es waren zwölf Tage, die die Welt erschütterten. Viele, von Albert Camus bis Henry Kissinger, haben über die weltpolitische Bedeutung des ungarischen Aufstandes geschrieben. An dieser Stelle sei nun ein einzelnes Element erwähnt, zu dessen Verständnis allerdings ein kurzer historischer Rückgriff notwendig ist.
Ungarn hatte im 20. Jahrhundert eine unglückliche Geschichte und machte, wenn man es so sagen darf, schlechte Erfahrungen mit der westlichen Welt. Dies trotz der Tatsache, dass die westliche Ausrichtung des Königreichs Ungarn schon vor tausend Jahren ihren Anfang genommen hatte. Bereits Ungarns erster König, der später heiliggesprochene Stephan I., erhielt im Jahr 1000 die Krone von einem französischen Priester einfacher Herkunft, bekannt als Papst Sylvester II. Diese westliche Orientierung überdauerte Jahrhunderte, ja blieb bestehen bis zum österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867, der Ungarn die fast gleichgestellte Mitgliedschaft in einem fortan als Doppelmonarchie eingerichteten Reich einbrachte. Dann aber, nach dem Zerfall der Monarchie, wurde das Verhältnis Ungarns zu den westlichen Mächten problematisch. Die neue Epoche begann 1920 mit einer schlimmen Demütigung – mit jenem Friedensvertrag von Trianon nämlich, den die Entente-Mächte dem Land diktierten.
Dass Ungarn damals rund zwei Drittel seines Territoriums und über die Hälfte seiner rund 20 Millionen Einwohner einbüsste, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass auch rund drei Millionen ethnische Ungarn ausserhalb der neu gezogenen Landesgrenzen verblieben. Der in Trianon erlittene Verlust sollte die ungarische Politik nachhaltig beeinflussen und erklärt nicht zuletzt die Nazi-Sympathie bestimmter politischer Kreise in den dreissiger Jahren. Nach verschiedenen Versuchen, mit den Westmächten zu einer Einigung zu gelangen, fand das Ende des Zweiten Weltkriegs Ungarn auf Hitlers Seite. Dann erfolgte, allerdings unter Zwang, der Wechsel zum anderen politischen Pol. Die demokratische Periode mit frei gewählten Koalitionsregierungen dauerte gerade von 1945 bis 1948, dann etablierte sich bereits die kommunistische Diktatur, mit Stalins «bestem Schüler» Mátyás Rákosi an der Spitze. Der Eiserne Vorhang schnitt auch Ungarn vom Westen ab.
Mit der Revolution von 1956 begann Ungarns Verhältnis zum Westen sich grundsätzlich zu ändern. Nicht nur darum, weil die westliche Öffentlichkeit grossen Anteil an diesem Ereignis nahm und eine nie dagewesene Hilfsbereitschaft zeigte. Zur Veränderung des Verhältnisses trug namentlich die Tatsache bei, dass die ungarische Revolution ihrer Niederlage zum Trotz sich später doch als Sieg erwies – ein Sieg insofern, als das Kádár-Regime nach 1956 nicht mehr imstande war oder gar nicht mehr versuchte, das Land gegen Westen ganz zu verschliessen. Diese Öffnung mündete im Lauf der Zeit in eine Art ökonomischer Abhängigkeit von der westlichen Welt. Die «weiche» Diktatur fand 1989 ihr Ende, Ungarn fand zur westlichen Gemeinschaft zurück.
Der dritte wichtige Gedenktag in diesem Jahr verweist auf den kulturellen Bereich. Ungarn – und nicht nur Ungarn – erinnert sich des 125. Geburtstags von Béla Bartók. Dieser wohl bekannteste aller ungarischen Komponisten hinterliess ein Lebenswerk, das hier nicht vorgestellt zu werden braucht. Bartók war ein Mensch, der mehr als einmal zu öffentlichen Angelegenheiten mutig Stellung nahm. Als Komponist wurde er von den Nazis, später von Rákosis kommunistischer Diktatur abgelehnt. Seine humanistische Haltung setzt eine der besten und schönsten europäischen Traditionen fort, seine Musik bereichert das europäische Erbe. Mehr noch: in seinem Schaffen vereinigt Bartók das Bewusstsein der eigenen ostmitteleuropäischen Herkunft mit westlicher Orientierung – auch dies ein Grundzug, der jahrhundertelang das geistig-politische Leben Ungarns und seiner Nachbarländer prägte. Wie sein Freund Zoltán Kodály, aber im Gegensatz zu vielen ungarischen Intellektuellen seiner Zeit, besass Bartók die Kraft, jene Kluft zu überwinden, die «östliche» und «westliche» Überlieferungen trennt, den Gegensatz zwischen den sogenannten «Westlern», den «Urbanen» auf der einen und dem «volkstümlichen», die Nation stärker betonenden Lager auf der anderen Seite. Bartók war Patriot und Weltbürger zugleich. Er konnte sich mit dem ungarischen Erbe verbunden fühlen, gleichzeitig sich aber auch in Europa als Einheimischer bewegen. Zu dieser Haltung und Leistung ist die ungarische politische Elite bis heute oft nicht fähig.
Ein weiterer, letzter Umstand legt nahe, dem Beispiel der zwei grossen Musiker Kodály und Bartók zu folgen. Sie erforschten nicht nur die ungarische Volksmusik, sondern auch diejenige der Nachbarländer – eine Hinwendung nach aussen, die sich im Schaffen der besten ungarischen Künstler und Schriftsteller wiederfindet. Nur auf die Intellektuellen im Bereich der Politik trifft dies leider nicht zu. Dort, im politischen Leben, sind die Geister offensichtlich noch nicht vom Trauma «Trianon» geheilt.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wäre es allerdings an der Zeit, solche Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Dafür – auch dafür – bietet die Europäische Union einen hervorragenden Rahmen. Nach fast zweijähriger Mitgliedschaft lässt sich ohne Zögern bestätigen, dass die Bedeutung der EU aus ungarischer Sicht kaum zu überschätzen ist. Nicht zuletzt auch materiell: Mit ihren grosszügigen Transferzahlungen bietet die Union nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Möglichkeit, in den nächsten Jahren die Lösung mancher ungarischer Probleme ein gutes Stück voranzubringen.
Mit der Lösung konkreter Beschwernisse ist es indessen nicht getan. Gábor Gángó, ein führender Literaturkritiker, hat mit Bedauern festgehalten, dass für Ungarns politische Klasse im Zusammenhang mit der EU stets praktische Fragen im Vordergrund stünden; die für die Integration so wichtigen kulturellen und moralisch-ethischen Fragen hingegen, und Diskussionen über Freiheit, Gleichheit und Solidarität blieben im Hintergrund. Auch vom eigentlichen, konsultativen Charakter einer Demokratie sei wenig zu spüren.
Die politische Elite Ungarns müsste solche Warnungen ernst nehmen. Auch die grossen historischen Vorgaben, an die die genannten drei Jahrestage erinnern, wären durchaus geeignet, Orientierung zu geben. Die EU wiederum bietet – politisch wie materiell – eine in der ungarischen Geschichte nie dagewesene Chance. Man kann mit gutem Gewissen behaupten, dass sich auf dieser Grundlage ein langfristiges Programm erarbeiten liesse. Wenn es nicht zustande kommt oder aber scheitert, dann trifft die Schuld nur uns allein. Niemanden sonst.