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Neue Diagnosekriterien behindern begabte Kinder mit Dyslexie
Aktualisiert: vor 1 Tag
Für die Diagnosestellung einer Dyslexie halten sich Diagnostiker weltweit an Kriterien, welche in zwei verschiedenen Manuals festgehalten werden. Es sind dies das ICD (International classification of diseases) von der WHO und das DSM (Diagnostic and statistical manual of mental disorders) von der APA (American Psychiatric Association). Diese beiden Manuals werden immer wieder überarbeitet und an die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse angepasst.
Das neue DSM-5-TR hat bei der Festlegung der Diagnosekriterien einen Paradigmenwechsel zu seinem Vorgänger DSM-IV vollzogen. Das "doppelte Diskrepanzkriterium" wurde fallengelassen. Das heisst, neu werden die Lese- und Rechtschreibfertigkeiten bloss mit der Klassenstufe und dem Alter verglichen und nicht mehr mit den persönlichen kognitiven Fähigkeiten.
von Carmen Graemiger, lic.phil.
Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie FSP
September 2023
Was bedeutet das für Schüler und Schülerinnen mit Dyslexie?
Kinder mit einer Dyslexie, vor allem solche mit guten bis hohen kognitiven Fähigkeiten, leiden akut unter ihrer Behinderung. Sie sind wissbegierig, möchten gerne Schulen auf einem ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Niveau besuchen, was ihnen aber oft verwehrt wird, weil sie die erforderlichen Noten nicht erbringen. Das Wissen haben sie, aber sie können es schlecht dokumentieren, da es ihnen durch ihre Dyslexie schwerfällt, sich im schriftsprachlichen Bereich Informationen zu sammeln und auszudrücken. Bei Prüfungen versagen sie, weil sie Schwierigkeiten mit dem Lesen der Aufgabestellungen oder der zu bearbeitenden Texte haben und weil sie auch Mühe haben, die Fragen schriftlich zu beantworten.
Die meisten Prüfungen werden schriftlich durchgeführt, damit die Schule die Leistungen dokumentieren kann.
Kognitiv starke Kinder mit Dyslexie werden zu spät oder gar nicht erfasst.
Von den neuen Diagnosekriterien erhofft man sich, dass Kinder mit Lese- und Rechtschreibstörungen unkompliziert und zeitnah in den Genuss von Fördermassnahmen kommen. Unkompliziert, weil die Kinder bloss bezüglich ihrer Defizite im schriftsprachlichen Bereich beurteilt werden und auf eine langwierige schulpsychologische Abklärung verzichtet werden kann, da der IQ nicht mehr gemessen werden muss. Oft wird deshalb die Diagnosestellung Dyslexie der Logopädie überlassen.
Gewisse Kinder fallen bereits beim Erwerb des Lesens und Schreibens auf, andere hingegen, vor allem auch Kinder mit guten bis sehr guten kognitiven Fähigkeiten, können ihre Defizite kompensieren und so noch lange Zeit unauffällige Leistungen erbringen.
Die Diagnosestellung erfolgt oft erst kurz vor dem Übertritt in die Oberstufe.
Erst dann wird mit einer eingehenden Diagnosestellung erfasst, dass sie ihre guten kognitiven Fähigkeiten nicht in entsprechende Leistungen im schriftsprachlichen Bereich umsetzen können, dass sie also eine Dyslexie haben.
Dabei sind wertvolle Jahre vergangen, Jahre, in denen sie unter schlechten Prüfungsergebnissen gelitten haben, umso mehr, weil sie den Prüfungsstoff eigentlich beherrscht hätten. Das Selbstwertgefühl sinkt; die Kinder fühlen sich dumm und als Versager. Zudem wurden sie in dieser Zeit auch nicht spezifisch gefördert.
Der Nachteilsausgleich muss zwingend gewährt werden.
Die Dyslexie muss diagnostiziert und attestiert werden, damit der Nachteilsausgleich gewährt wird und Schüler und Schülerinnen damit die Möglichkleit erhalten, Leistungen zu erbringen, die ihren kognitiven Fähigkeiten entsprechen.
Folgende Massnahmen für die Umsetzung des Nachteilsausgleich helfen: eine Zeitzugabe von 25%, Prüfungen mündlich ablegen zu können, oder in Form eines Vortrages; bei starker Lesestörung sollten sie ein Audiogerät benutzen dürfen oder jemand liest vor, und die Rechtschreibung sollte weniger stark bewertet werden.
Das Problem der Fairness und der Nachhaltigkeit.
Erst der Nachteilsausgleich gewährleistet Fairness: Die Betroffenen haben sich das Wissen und das Können für die jeweilige Prüfung erarbeitet. Inhaltlich sind sie so gut vorbereitet wie andere auch. Entlastung benötigen sie bloss, um die Aufgaben zu lesen und Antworten zu schreiben. Mündlich haben sie keine Probleme.
Jeder Einzelne sollte fair behandelt werden und die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu absolvieren, die den persönlichen kognitiven Fähigkeiten und Neigungen entspricht, denn bloss auf diese Art wird die Ausbildung nachhaltig sein. Ansonsten werden Menschen auf einem Niveau ausgebildet, das ihren Interessen nicht enspricht. In der Berufswelt fühlen sie sich rasch unterfordert. Sie langweilen sich und absolvieren unzählige Weiterbildungen und Ausbildungen, bis sie beruflich endlich dort sind, wo die Arbeit für sie Sinn macht - oder werden depressiv und fallen ganz aus der Arbeitswelt.
Die Diagnosestellung nach ICD berücksichtigt weiterhin den IQ.
Glücklicherweise wurden die Kriterien beim anderen anerkannten Diagnosemanual, dem ICD von der WHO, auch in seiner neuesten Auflage (ICD-11) nicht geändert: Zur Diagnosestellung einer Dyslexie wird weiterhin die Diskrepanz der Lese- und Rechtschreibleistung zum IQ berücksichtigt.
Somit bietet sich dieses als Lösung an, um kognitiv starke Schüler und Schülerinnen mit einer Dyslexie zu erfassen.
Diagnostic and statistical manual of mental disorders: DSM-5-TR/ American Psychiatric Association 2022
International Classification of Diseases ICD-11/ Weltgesundheitsorganisation, ab 2022 in der Schweiz gültig