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„Erdbeerjoghurt“ steht auf der Einkaufsliste von Anna*. Beim Gestell der Milchprodukte bemerkt sie, dass sie vom Rollstuhl aus den Joghurt nicht greifen kann. Viele gestresste Menschen rennen im Feierabendgedränge durch den Laden, sie traut sich nicht, um Hilfe zu fragen.
Daniel* ist gerade dabei, seinen Rollstuhl in sein Auto zu verstauen, als ein Arbeitskollege kommt und ihm den Rollstuhl in den Kofferraum verladen helfen will. Daniel ist verärgert über die ungewollte Hilfe, macht seinem Ärger Luft, bis der Arbeitskollege kopfschüttelnd davon zieht.
Es ist eine anstrengende Zeit für Nadine*, sie muss wegen ihrer Druckstelle in die Klinik, ihr Chef hat sie auf Fehler bei der Arbeit hingewiesen und sie hatte Streit mit ihrem Freund. Sie besucht ihre Schwester und erzählt ihr, wie schwierig alles ist und wie schlecht sie sich fühlt. Ihre Schwester nimmt sie in die Arme, tröstet sie und redet ihr gut zu.
Wie die drei Beispiele zeigen, ist die richtige Unterstützung durch Mitmenschen wichtig, nicht nur für Rollstuhlfahrer. Die Literatur zeigt, dass Personen, die über ein unterstützendes soziales Netzwerk verfügen, physisch und psychisch gesünder sind und eine höhere Lebensqualität angeben. Erste Datenauswertungen der Schweizer Studie für Personen mit Rückenmarksverletzungen (Swiss Spinal Cord Injury Study, SwiSCI) zeigen, welche Rolle die soziale Unterstützung spielt und wie soziale Kompetenzen das Leben von Personen mit einer Rückenmarksverletzung beeinflussen.
Was sind soziale Kompetenzen?
„Wie wir miteinander umgehen“ ist eine einfache Umschreibung von sozialen Kompetenzen. Die Psychologie definiert soziale Kompetenzen als die Fähigkeit, mit anderen Menschen angemessen, aber auch effektiv zu interagieren. Das bedeutet, eigene Ziele zu erreichen, dabei aber Werte und Normen anderer zu respektieren. Soziale Kompetenzen umfassen einfache „Werkzeuge“ der Kommunikation wie verbale (z.B. Lautstärke oder Tonlage beim Sprechen) und non-verbale Aspekte (z.B. Blickkontakt, Körperhaltung), aber auch komplexere Strategien wie Selbstbehauptung, Zielorientiertheit und Probleme lösen. Genauer beinhalten soziale Kompetenzen das „Verpacken“ (Expressivität), das „Entschlüsseln“ (Sensitivität) von Informationen und die Selbstregulierung (Kontrolle) in sozialen Situationen. Expressivität bedeutet, seine Gefühle und Bedürfnisse dem Gegenüber verständlich mitzuteilen, aber auch Kontakte zu knüpfen und andere in Gespräche miteinzubeziehen. Sensitivität heisst, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und ihre Gefühle und Gedankengänge nachempfinden zu können (Empathie). Kontrolle bezieht sich auf die Regulation eigener Emotionen wie Wut, Trauer oder Begeisterung, aber auch auf das soziale „Taktgefühl“.
Die Forschung zeigt, dass Defizite in sozialen Kompetenzen mit zahlreichen psychischen Krankheiten wie zum Beispiel Depression, Angststörung oder Alkohol- und Drogenmissbrauch zusammenhängen. Im Bereich körperliche Behinderung gibt es bis jetzt wenig Studien, und es ist unklar, welche Rolle soziale Kompetenzen bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung spielen.
Was bedeutet soziale Unterstützung?
Hilfe beim Einkaufen, gute Ratschläge von Freunden oder von seiner Schwester getröstet werden sind Beispiele von sozialer Unterstützung. Es können also verschiedene Arten sozialer Unterstützung (instrumentell, informationell, emotional) von verschiedenen Quellen (z.B. Familie, Freunde, Nachbarn) und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet (z.B. Quantität und Qualität) unterschieden werden.
Soziale Unterstützung wirkt wie ein „Puffer“, der die Menschen vor dem negativen Einfluss von Stress schützt. Die Forschung im Bereich Rückenmarksverletzung zeigt, dass soziale Unterstützung wichtig ist, um den Belastungen entgegenzuwirken. Personen, die zufrieden sind mit ihrer sozialen Unterstützung, sind physisch und psychisch gesünder, berichten über weniger Schmerzen, können besser mit belastenden Lebenssituationen umgehen und geben eine höhere Lebenszufriedenheit an.
Die Untersuchung zu psychologischen Themen innerhalb von SwiSCI
Die ganzheitlich angelegte SwiSCI Studie ist die bisher grösste Befragung für Personen mit einer Rückenmarksverletzung in der Schweizer Bevölkerung. In der hier beschriebenen Studie wurden die Teilnehmer gebeten, verschiedene Fragebögen auszufüllen. Um soziale Kompetenzen zu messen, mussten die Teilnehmer beurteilen, wie sehr bestimmte Aussagen auf sie zutreffen. Beispiele sind „Gewöhnlich ergreife ich die Initiative, um mich Fremden vorzustellen“, „Ich kann sehr gut nach aussen ruhig wirken, auch wenn ich verärgert bin“ oder „Ich scheine immer zu wissen, was die wahren Gefühle anderer sind“. Um soziale Unterstützung zu messen, mussten die Teilnehmer bei Fragen wie z.B. „Wer kümmert sich wirklich um Sie, egal was Ihnen geschieht?“ Personen auflisten, auf deren Hilfe oder Unterstützung sie zählen können, und angeben, wie zufrieden sie mit dieser Unterstützung sind. Zusätzlich wurden anhand der Fragebögen eine mögliche depressive Erkrankung oder Einschränkung in verschiedenen Lebensbereichen und die Höhe der Lebensqualität erfasst.
Resultate
Daten von 503 Personen mit einer Rückenmarksverletzung wurden analysiert. Die Befragten waren zu drei Vierteln Männer, hatten ein Durchschnittsalter von 55 und lebten im Schnitt seit 20 Jahren mit ihrer Rückenmarksverletzung.
Die Resultate zeigen, dass soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit und Lebensqualität einnehmen. Sie helfen jedoch nicht, Einschränkung im Alltagsleben zu vermindern.
Genauer zeigt die Studie, dass Personen mit einer hohen Expressivität und Kontrolle über mehr soziale Unterstützung berichten, weniger depressive Erkrankungen zeigen und eine höhere Lebensqualität angeben. Das heisst, die Personen, die ihren Mitmenschen auf eine angemessene Art mitteilen können, wie sie sich fühlen und was sie brauchen, bekommen mehr Unterstützung, sind psychisch gesünder und haben eine höhere Lebensqualität. Die Sensitivität hingegen wirkt sich eher negativ auf die Lebensqualität aus. Personen mit einer hohen Sensitivität scheinen durch ihre Empathie auch negative Gefühle und Gedankengänge anderer vermehrt wahrzunehmen, was sich wiederum negativ auf die Person selbst auswirkt. Überraschend ist, dass die soziale Unterstützung nur bei Einschränkungen im Alltagsleben zu helfen scheint, wenig zur Lebensqualität beiträgt und keinen Zusammenhang zu Depression zeigt.
Mögliche Umsetzung der Resultate
Eine Rückenmarksverletzung bringt massive Veränderungen ins Leben einer betroffenen Person, auch im Umgang mit anderen Menschen. Diese Studie zeigt, dass die soziale Kompetenz eine wichtige Stärke einer Person ist, da sie mit mehr sozialer Unterstützung, besserer psychischer Gesundheit und höherer Lebensqualität zusammenhängt. Soziale Kompetenztrainings können während der Erstrehabilitation helfen, die betroffenen Personen auf ein Leben im Rollstuhl vorzubereiten. Auch in ambulanten Psychotherapien werden soziale Kompetenztrainings angeboten. Situationen wie die anfangs beschriebenen können in diesen Trainings genauer betrachtet werden. Das Kernstück eines Trainings ist meist das Erlernen von flexiblem Verhalten und das Verhindern von Hilflosigkeit in verschiedenen sozialen Situationen, die sich durch die Rollstuhlabhängigkeit verändert haben. Soziale Kompetenzen wie Expressivität, Sensitivität und Kontrolle werden geübt. Somit wird auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, mit der neuen Situation fertig zu werden, gestärkt und Selbstabwertung und Rückzug werden verhindert.
Fazit
Sagen, wie's einem geht, wie man sich fühlt, was man braucht, Freundschaften knüpfen und pflegen und sozial aktiv sein scheint wichtiger zu sein als die direkte Unterstützung von anderen Personen.
* fiktive Namen
Referenz:
aktualisiert: Dezember 2013