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Die Stadt des Aussenraumes
(… vorher) Die Stadt ist in stetigem Wandel. Die Entwicklung angemessener Stadtbilder kann damit oft nicht Schritt halten. Die Ablösung einer solchen Theorie wird oft mit dem Untergang der Stadt selbst verwechselt. Eines dieser Ideengebäude ist die “Stadt des Aussenraumes”.
Die Stadt und die Shopping-Mall unterhalten aus Sicht vieler Stadttheoretiker eine schwierige Beziehung. Man kann diesen grossen Innenräumen vorwerfen, die Stadt zu imitieren. Man kann sich dem Thema der Scheinwelt verschreiben oder sich in die These versteigen, dass solche Räume antidemokratische, antifreiheitliche Unorte sind. Dabei gleichen sich diese Negativbilder in einem wichtigen Merkmal. Die Kritik geht von einem Idealzustand aus: Der Stadt des Aussenraumes.
Dieses Stadtbild basiert auf dem Verständnis, dass der Aussenraum zwischen den Gebäuden der Ort des persönlichen, sozialen und politischen Meinungsaustausches ist. Es zehrt von der Annahme, dass demokratische Werte nur innerhalb des gemeinschaftlichen Eigentums Entfaltung finden können. Es glaubt, die Freiheit der Bürger sei am besten unter freiem Himmel zu erreichen. Geschlossene, privat betriebene und auf Konsum ausgerichtete Räume wollen da so gar nicht ins Bild passen. Hoffmann-Axthelm[1] spricht von der Abkapselung eines kleinen aber lukrativen Teils der Stadtfunktionen. Diese Abtrennung ist so schädlich für die Stadt, weil sie das grosse Ganze ärmer macht. Der Aussenraum als Bindeglied zwischen allen Funktionen einer Stadt kann die Verkaufsgeschäfte der Mall nicht mehr direkt erreichen. Dem Aussenraum wird die Eigenschaft zugeschrieben, er sorge für die Durchmischung der Tätigkeiten. Läden, Büros, Cafés, Kinos und Wohnräume seien durch ihn zu einer Einheit zusammengebunden. Da diese Durchmischung eine Qualität darstellt, wird dessen Auftrennung negativ gewertet. Doch stimmt dieses Bild der durchmischten Stadt des Aussenraumes?
Der städtische Aussenraum ist zunächst ein einfacher Erschliessungsraum. Er ermöglicht das Fortkommen zwischen den Gebäuden. Der grösste Anteil dieser Fläche ist durch Strassenspuren besetzt. Hier wird, wenn überhaupt, mit hupen, blinken und Mittelfingern kommuniziert. Die Gehsteige, als zweitgrösste Fläche, laden mit ihrer schmalen Geometrie und der Lärmimmission der Strasse nicht gerade zum längeren Verweilen ein. Soziale Kontakte sind möglich, aber es gibt angenehmere Orte sich zu treffen. Dem gegenüber ist die dritte Kategorie fast verschwindend klein. Die Plätze und Fussgängerzonen ermöglichen sowohl die Verbindung zwischen den Gebäuden, als auch eine hohe Aufenthaltsqualität. An diese Art von Aussenraum wird gedacht, wenn es um die Stadt des Aussenraumes geht – Flächenmässig unbedeutend, aber funktional entscheidend. Hier findet der Austausch statt, von dem wir Eingangs gesprochen haben. Doch dieser Raum ist bei weitem nicht der einzige und mittlerweile auch nicht mehr der wichtigste Ort für das Zusammenkommen der Menschen. Wie viel Zeit verbringen wir mit Gesprächen auf der Gasse im Vergleich zur der Zeit, die wir uns in Cafés, oder bei jemandem zuhause aufhalten? Wie gross ist der Anteil von sozialen Kontakten, die wir gar nicht mehr im Raum, sondern über Telefonate, Emails und Textnachrichten führen? Der städtische Aussenraum ist für den persönlichen und sozialen Austausch ein untergeordneter Bereich geworden. Gleiches gilt für die politische Meinungsäusserung. Sie findet in den Parlamentssälen, der Print- und Webpresse und den Debatten im Fernsehen statt. Selbstverständlich gibt es sie noch, die klassische Kundgebung, die Unterschriftensammlung und die Informationsstände der Parteien vor den Wahlen. Wie entscheidend aber sind diese Äusserungsformen noch, und fast wichtiger, in welche Richtung zeigt ihre Entwicklungstendenz? Sind Kundgebungen nicht erst dann von Bedeutung, wenn sie in der Hauptsendezeit thematisiert werden? Ist der Kontakt mit Wahlkandidaten über eine Website nicht viel niederschwelliger und erreicht erst noch mehr Menschen? Ist es nicht nur noch eine Frage der Zeit, bis Unterschriftensammlungen digital abgewickelt werden können? Die politische Handlung benötigt den städtischen Aussenraum immer weniger.
Die Stadt des Aussenraumes ist ein Konzept, das mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat. Nicht nur weil ein grosser Teil der Nutzungen in Gebäuden oder über den medialen Datenaustausch stattfindet. Auch die Vorstellung, dass sich soziale und politische Prozesse nur innerhalb von gemeinschaftlichem Eigentums entfalten können, muss hinterfragt werden. Während sich die Stadttheoretiker damit beschäftigt haben die Mall zu geisseln, fand auf anderem Gebiet eine viel tiefgreifendere Entwicklung statt. Telekommunikation wird nicht vom Staat angeboten. Infrastrukturen und Betrieb werden von Privaten besorgt. Obschon der Staat die Konzessionen für diese Tätigkeiten vergibt, sind es die Anbieter, die darüber entscheiden, wer an dieser Dienstleistung teilnehmen darf und wer nicht. Die Empörung über die Möglichkeit einer Wegweisung aus der Mall wirkt in Anbetracht der gewöhnlichen Vereinbarungen mit einem Mobiltelefonanbieter lächerlich.
Die Mall ist ein physischer Beweis für den Veränderungsprozess der Stadt. Im Vergleich zur Veränderung von Produktionsweisen, Eigentumsverhältnissen, Verkehrs- und Kommunikationssystemen stellt sie aber eher ein Indikator dar, als eine treibende Kraft. Sie zeigt wie flexibel das Gefüge Stadt ist. Sie zeigt wie sich das System Stadt an neue wirtschaftliche Gegebenheiten anpassen kann. Von Niedergang kann keine Rede sein. Die Stadt des Aussenraumes hat zwar ausgedient, die Stadt selbst aber bleibt bestehen. (Weiter bei …)
[1] Dieter Hoffmann-Axthelms, Das Einkaufszentrum