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Indien
1. Dezember 2013
Unsere Untersuchung in Indien hat gezeigt, dass 80% der Personen, die in Indien an „Schweizer“ Versuchen teilnehmen, aus ländlichen Gebieten stammen und in Armut leben. Die städtische Bevölkerung, die besser ausgebildet ist, zögert eher, an solchen Studien teilzunehmen. Auch wenn einige Patientinnen und Patienten über Anzeigen zu den Tests kommen, wird die Mehrheit über ihre Ärztinnen angeworben. Die Aussicht auf eine kostenlose Behandlung, die sie sich andernfalls niemals leisten könnten, ist oftmals der wichtigste Grund für die Teilnahme.
Gefährliche Interessenkonflikte
Interessenkonflikte sind gang und gäbe in einem Land, in dem Ärztinnen oftmals auch die Studien koordinieren. Angesichts solcher Umstände ist das Einholen einer auf Informationen basierenden Einwilligung komplett illusorisch, insbesondere wenn es sich um Menschen aus sehr verwundbaren Bevölkerungsschichten handelt. Es existiert zwar eine Vielzahl „institutioneller“ Ethik-Kommissionen, diese sind aber Teil eines Gesundheitswesens, das von solchen Versuchen finanziell profitiert. Wie unabhängig diese Kommissionen auch sein mögen, sie überprüfen nur selten die Einwilligungsverfahren. So auch die indische Arzneimitttelbehörde, die sich damit begnügt, zu überprüfen, ob diese Formulare existieren.
Keine Behandlung mehr nach Ende der Studie
Obwohl die Versuchspersonen nach Abschluss der Tests eine Weiterbehandlung erwarteten, ergab unsere Recherche, dass diese selten gewährleistet wurde. Die befragten Mediziner konnten die Frage nach einer Folgebehandlung oft nicht beantworten und verwiesen auf Auftraggeberfirmen.
Viele Todesfälle, wenig Entschädigungen
Informationen zu Nebenwirkungen bei Medikamententests lassen in Indien zu wünschen übrig. Aus Angst, die Studie zu gefährden, bevorzugen es die Unternehmen, die Nebenwirkungen zu verheimlichen, um den Teilnehmenden keine Angst zu machen. Gemäss offiziellen Schätzungen gab es über 2‘600 Todesfälle bei klinischen Versuchen im Zeitraum zwischen 2005 und 2012, die mit etwa 40'000 Testpersonen durchgeführt wurden. Beunruhigend ist dabei, dass die Hälfte der Todesfälle zwischen 2010 und Mitte 2012 verzeichnet wurde. Gleichzeitig wurden 2010 nur 22 Todesfälle als direkt auf Medikamententests zurückgehend anerkannt, 2011 belief sich diese Zahl sogar nur auf 16 anerkannte Fälle. Die Familien der Opfer erhielten jeweils Entschädigungen von 3'000 bis 4'000 Franken – eine lächerliche Summe, im Vergleich zum erlittenen Schaden und zu den Millionen, die durch den Vertrieb dieser Medikamente verdient werden.
Novartis gehört zu den betroffenen Unternehmen und ist verantwortlich für sieben der zwischen 2010 und 2011 verzeichneten 57 Todesfälle. Dazu befragt, erklärte ein Stellvertreter des Basler Riesen, dass kein einziger Todesfall auf diese Versuche zurückzuführen sei. Diese Aussage wurde allerdings nie durch eine Gegenexpertise bestätigt. Gemäss unseren Informationen hat Novartis keine Entschädigungen entrichtet.
Treten Nebenwirkungen auf, so ist es für die Geschädigten äusserst schwierig, den Zusammenhang zwischen den Nebenwirkungen und dem getestetem Produkt zu beweisen. Mangels Mitteln bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als auf eine Klage zu verzichten.
Testpersonen in Bhopal
1984 verwandelte eine Chemiekatastrophe die Gassen Bhopals in eine tödliche Falle. 3‘500 Menschen waren sofort tot, weitere 20'000 starben in der Folge dieser Katastrophe. Zwanzig Jahre später führten in einem Krankenhaus, das den Opfern kostenlose Behandlungen anbietet, eine Handvoll Firmen, darunter Pfizer, GlaxoSmithKlne und Astra Zeneca, Medikamententests durch, die nichts mit der Behandlung der aufgrund dieser Tragödie entstandenen Leiden zu tun hatten. Diese klinischen Versuche, die nur als äusserst zynisch bezeichnet werden können, wurden 2008 schliesslich abgebrochen.
Zwar boomen klinische Versuche in Indien nach wie vor, obwohl verschiedene Skandale, welche die direkte Folge einer schwachen Regulierung sind, die Öffentlichkeit erschüttert haben. Auch wenn das Thema mittlerweile auf politischer Ebene debattiert wird, so haben sich aufgrund von Interessenkonflikten verbindliche Lösungen bisher nicht durchsetzen können.
Diese Recherche wurde von Public Eye nicht weiterverfolgt oder aktualisiert. Die Ergebnisse, wie sie auf dieser Website erscheinen, sind die Ergebnisse unserer Forschung im Jahr 2013.
Public Eye Report: Exploratory Study on Clinical Trials Conducted by Swiss Pharmaceutical Companies in India (in Englisch, 2013)