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Wie entsteht eigentlich eine brasilianische Novela? Der erste Schritt ist die Auswahl einer geeigneten Geschichte, die “publikumswirksam“ zu sein verspricht. Wenn die gefunden ist, beginnt ein hektisches Chaos, wie beim “Turmbau zu Babel“: als erstes die Vorproduktion der Szenarien und der Bekleidung – danach die Wahl des oder der Stars, der Starlets und Top-Models, aus denen die Besetzung bestehen soll – schliesslich der Beginn der Aufnahmen und die Festlegung der einzelnen Kapitel.
Dies sind die wichtigsten Etappen – jedoch bekommt die Novela noch zusätzliche Impulse während der Ausstrahlung: Um die Zuschauerfrequenz zu erhöhen, zieht sich zum Beispiel eine Liebesgeschichte durch Metamorphosen und Verwicklungen hin, denn bei dieser Art der Produktion sind die Zuschauer die Herren des Novela-Schicksals. In Brasilien begann die Entwicklung dieser Fernsehkategorie mit dem Pionier-Drama “Sua Vida me Pertence“ (Dein Leben gehört mir), ausgestrahlt vom Kanal TV-Tupi im Jahr 1951. Es bestand nur aus 20 Kapiteln, die im Durchschnitt nur 15 Minuten lang waren und zweimal pro Woche ausgestrahlt wurden – immer live. Nachdem der TV-Tupi damit die “Schatzkarte“ entdeckt hatte, begannen auch andere Kanäle in die “Novelas“ zu investieren, in der Hoffnung, ihr Publikum zu erobern. Der TV-Excelsior, zum Beispiel, prägte eine Epoche mit “2-5499 Ocupado“ (2-5499 Besetzt), im Jahr 1963, der ersten täglich präsentierten Novela im Fernsehen.
Der TV-Bandeirantes seinerseits erreichte ein gewisses Renomée im Jahr 1967 mit “Os Miseráveis“ (Die Miserablen) – der ersten Novela, die pro Kapitel eine Stunde beanspruchte. Den Vogel schoss jedoch TV-Globo ab, der sich mit Leib und Seele den Novelas verschrieb und sie zu den Höhepunkten seiner Programmgestaltung machte. Eine Globo-Novela, die zum ersten Mal ganz Brasilien in Atem hielt, war “Selva de Pedra“ (Wald aus Steinen), die 1972 bei einigen Kapiteln eine 100%tige Zuschaueraudienz bekam. Um seine Führungsposition zu halten, behandelt der TV-Globo seine Novelas wie eine Superproduktion nach Hollywood-Vorbild.
“Um eine Vorstellung von unserem Aufwand zu bekommen“, sagt Luís Erlanger, Direktor der “Central Globo de Comunicação“, “unsere Vorproduktion beginnt bereits ein Jahr vor der Ausstrahlung“. Die Novela-Infrastruktur des TV-Globo ist ein wahres szenarisches Wunder: 1995 hat man den “Projac“ eingeweiht, einen Komplex von 600.000 Quadratmetern mit 10 akustisch ausgestatteten Studios, einem Beleuchtungssystem nach neuestem Stand der Technik, einer Szenarien-Fabrik, einem Archiv mit 40.000 Bekleidungsmodellen und 37.000 szenografischen Teilen.
Die wichtigsten Produktionsschritte im Einzelnen:
- 1. Eine Novela wird geboren durch Themenvorschläge. Beim TV-Globo bringen die Haus-Autoren verschiedene Zusammenfassungen von Geschichten ein, und die künstlerische Leitung wählt darunter diejenige aus, die ihnen für die entsprechende Sendezeit geeignet erscheint und die meisten Einschaltquoten verspricht. Die 18- und 19-Uhr-Novelas sind für ein jüngeres Publikum gedacht, während die um 20-Uhr eher Dramen für Erwachsene darstellen.
- 2. Steht dann das Drehbuch fest, wählt die künstlerische Direktion des Senders den Regisseur aus, der zu der Geschichte am besten passt. Danach beginnen Autor und Regisseur mit den Tests für die Auswahl der Schauspieler. Der Autor bereitet die ersten Kapitel des Dramas vor, um danach die einzelnen Rollen aussuchen zu können.
- 3. Jetzt beginnt die Phase der Vorproduktion, die bis zu 150 Personen beschäftigt und aus verschiedenen Etappen besteht: der Bekleidungsermittlung, der Schauplatzermittlung für die Aussenaufnahmen und der Konstruktion der Szenarios. Beim Globo wird dies in der Projac-Fabrik erledigt.
- 4. Während die Vorproduktion läuft, taucht die Besetzung der Novela ein in die Charakterisierung der einzelnen Figuren. Wenn der Schauspieler zum Beispiel einen reichen Playboy aus Frankreich darstellen soll, muss er mit entsprechendem Akzent sprechen, den er mit einem Sprachlehrer lernt, der bei der TV-Anstalt unter Vertrag steht.
- 5. Einige Wochen vor Beginn der Aufnahmen erhalten die Schauspieler die Texte mit den einzelnen Szenen der ersten 20 Kapitel, um zuhause oder im Studio zu üben. Danach, wenn die Geschichte ernst wird, oder der Autor sich mit dem Schreiben verspätet, kann es passieren, dass der Text erst am Vorabend der Dreharbeiten übergeben wird.
- 6. Nach den Proben kommt dann die Stunde der “Lichter an, Kamera, Action”! Im Durchschnitt nehmen die Dreharbeiten für ein Kapitel etwa einen Tag in Anspruch – jedoch werden die Szenen nicht in der später ausgestrahlten Reihenfolge gedreht. Um den Prozess zu beschleunigen, werden simultane Aufnahmen gemacht: Während der Regisseur sich mit den Aufnahmen des Protagonistenpaares beschäftigt, machen andere Teams bereits Aussenaufnahmen oder drehen Nebenrollen des Dramas.
- 7. Nach den Filmaufnahmen tritt die so genannte Nachproduktion in Aktion. Eine Equipe schneidet und organisiert in den Studios die einzelnen Szenen, inseriert die Spezialeffekte und die musikalische Untermalung. Normalerweise dauert dieser Prozess nicht länger als einen Tag.
- 8. Obwohl das Drama nun definiert und bis ins kleinste Detail vorbereitet und ausgearbeitet ist, geschieht es häufig, dass die Geschichte während des Ausstrahlungsverlaufs der Novela verändert wird. Und das hängt vom Publikum und den Einschaltquoten ab – je nachdem kann dann der Autor, zum Beispiel, eine interessante Zweitfigur mehr in den Vordergrund stellen oder weniger interessanten Figuren mehr Charisma verleihen. Manchmal muss er sogar die eine oder andere Figur, die beim Publikum gar nicht ankommt und von der Medienkritik “verrissen“ wird, eines plötzlichen Todes sterben lassen.
- 9. Nach 200 Kapiteln und sechs Monaten täglicher Ausstrahlung (ausser sonntags) wird das Ende der Novela abgedreht. Beim TV-Globo belaufen sich die Erstellungskosten einer Novela nicht unter 2,5 Millionen Reais (zirka 1.087.000 Euro) – aber der Gewinn einer guten Novela, die hohe Einschaltquoten bringt, und dem entsprechend auch viele Werbespots, übertrifft diese Ausgaben um ein Vielfaches.
Apropos Werbespots: Vielleicht sollte man abschliessend noch erwähnen, dass man in Brasilien keine Fernsehgebühren zahlen muss, sondern sich die einzelnen TV-Kanäle allein durch Werbespots finanzieren. Das bedeutet aber auch, dass man als Zuschauer noch viel mehr Programm-Unterbrechungen ertragen muss, als bei uns.