Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03477.jsonl.gz/696

Maude Ethel (Madge) Edes 1882–1961., stammte aus London. Über ihrer Herkunft lag ein Schleier des Anrüchigen: uneheliches Kind, Heimaufenthalte. Ihr Vetter Thomas Gill empfand Mitleid für ihren schweren Lebensweg und heiratete sie 1907. Sie gebar drei Söhne, von denen einer später starb. Ein viertes Kind, ein Mädchen, verlor sie schon bei der Geburt, die so schwer verlief, dass Madge Gill lange krank blieb und schliesslich auf dem linken Auge erblindete. Zu dieser Zeit fing sie an, nachts bei fast völliger Dunkelheit zu zeichnen. Ihr Mann betrog sie. Ein Sohn erlitt einen schweren Motorradunfall. Sie sass an seinem Bett, schrieb und zeichnete. Ihre Arbeiten fanden Erwähnung in der Presse, und bald folgte eine grössere Ausstellung. Obwohl ihr gute Preise geboten wurden, untersagte sie jeden Verkauf. Dieses Verbot wiederholte sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Hinweis, die Bilder gehörten nicht ihr, sondern Myminerest, die sie auch signiert habe. Ihr ungewöhnliches Verhalten ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Arbeiten für sie selbst grosse Bedeutung hatten: nach den vielen Niederlagen und Enttäuschungen ihres Lebens blieben die stabile Architektur, die geflieste Vielfalt der Linien, Säulen und Arkaden, die p hantastischen Paläste der Bilder ihr einziger bergender Halt.
Ihre Umgebung empfand sie als spleenige, aber nette, alte Dame, solange sie nicht trank. Als sie 1961 starb, entdeckte man in ihrem Haus Hunderte von Zeichnungen, versteckt in Kleiderschränken und unter Betten, eingerissen und vielfach beschädigt desgleichen datierte Postkarten mit der Unterschrift «Myminerest», von denen sie oftmals ein Dutzend an einem Abend schrieb, ohne sie abzusenden. Viele enthielten Ermahnungen des «Geistes», das hohe Arbeitspensum durchzuhalten und in der Qualität nicht nachzulassen. Die «CoIlection de l‘Art brut» bewahrt ein gesticktes Kleid voller Phantasie, ohne Vorbild, ohne modische Anleihe – ein Spiegelbild visionärer Originalität. Es gelang Madge Gill, stickend, schreibend und zeichnend ihre Gefühle freizulegen, ungeachtet der Erniedrigungen und Tragödien ihres Lebens. (Siehe unter www.madgegill.com),
RAWVISION 2,1989, 36,2001, Outsider Sourcebook