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Luigi Einaudi (1874-1961), italienischer Finanzwissenschaftler und liberaler Politiker, gab zwischen 1948 und 1955 als erster Staatspräsident der Nachkriegszeit Italien positive Impulse für eine Zukunft mit weitreichender gesellschaftlicher Toleranz.
Als Turin 1943 von der deutschen Wehrmacht okkupiert und eine von Deutschland abhängige faschistisch-republikanische Regierung gebildet wurde, kam für Luigi Einaudi nur eine Flucht ins sichere Ausland in Frage. In den Jahren 1943/44, in denen sich Einaudi im schweizerischen Exil aufhiclt, schrieb er sein Diano dell'esilio, das 1997 veröffentlicht wurde. Anhand dieses Textes hat Villi Hermann die Exilerfahrungen Luigi Einaudis nachgezeichnet. Die Erinnerungen werden vom italienischen Schauspieler Omero Antonutti vorgelesen, der verschiedentlich selbst im Bild erscheint, wodurch der Aspekt des Hineinlesens in die Lebensweise, die Gedanken und Handlungen Einaudis und des Wandclns auf dessen Spuren auf interessante Weise einsichtig gemacht wird.
Die Tagebucheintragungen enthalten neben einer Reihe von Überlegungen zu den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Italien viele Passagen über Alltagserlebnisse und persönliche Erfahrungen. Zugleich berichtet der politisch Engagierte ausführlich über seine Kontakte mit anderen Exilierten, mit denen er sich kritisch auseinandersetzte. Diese Menschen hat Villi Hermann aufgesucht, um von ihnen einen anderen Blick auf die Informationen aus Einaudis Tagebuch zu gewinnen und daraus einen abgerundeten, vielschichtigen Dokumentarfilm zu drehen.
Die Struktur des Films basiert einerseits auf der zeitlichen Linearität des Tagebuchtextes, «andererseits auf dem regelmässigen Aufgreifen vielfältigen historischen Nachrichtenfilm-Materials, auf Bildern des Fotografen Christian Schiefer sowie auf der rhythmischen Wiederkehr malerischer Bilder von italienischen Berglandschaften, in denen die Einaudis heimisch waren.
Doch trotz der ausgewogenen Montage von Interviewsequenzen, historischem Bildmaterial und den Weiten der Landschaft, die Möglichkeit zum Nachdenken geben mögen, da sic einen Ruhepol innerhalb der informativen Sequenzen darstellen, bleibt der Dokumentarfilm oft zu sehr an der Oberfläche. Die Mischung aus poetischer Inszenierung des Tagebuchs und punktuellem Herausgreifen historischer Ereignisse in Italien vernachlässigt eine genaue Aufarbeitung vieler Themen, die in den einzelnen Statements der Zeitzeugen angedeutet werden. Scharfe Kritik an Einaudis Flucht zum Beispiel an Stelle aktiver Partisanentätigkeit im eigenen Land oder die Kritik an Einaudis politischer Linie nach dessen Rückkehr werden nicht aufgegriffen und hinterfragt, sondern stehen unvermittelt neben wohlwollenden Äusserungen über seine Tätigkeiten im Exil, seinen ökonomischen Forschungen in der Schweiz und seinen Bemühungen, stets den politischen Kontakt zu Italien zu wahren. Die vielen Aussagen stehen oft unvermittelt im Raum und vermögen es nicht, dem Zuschauer weiter reichende Kenntnisse über das gesamte Leben Einaudis und dessen Aufstieg zum bedeutenden Staatsmann zu geben.