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Sechzig Jahre nachdem die Aufnahme gemacht wurde, standen wir in diesem Zimmer und unterhielten uns mit den beiden Bewohnern, die wir Minuten zuvor erst kennengelernt hatten. Dass wir in dieser Wohnung sein würden, hatten wir noch kurz vorher nicht zu hoffen gewagt. Das Haus Beethovenstrasse 10 war das Ziel unseres Spaziergangs durch Augsburg. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite hatten wir angehalten, schauten zum zweiten Stock hinauf, als ein Mann auf den Hauseingang zuging, die Tür aufschloss und im Treppenhaus verschwand. Ich bin sonst nicht so schnell, aber das war unsere Chance: Rasch überquerte ich die Strasse, eilte auf die Haustür zu, die ich gerade noch anhalten konnte. Die anderen, mein Vater, meine Mutter und meine beiden Cousinen, zögerten als ich sie mit einer Handbewegung dazu aufforderte, die Strasse zu überqueren und mir zu folgen. Und dann standen wir im Treppenhaus, die anderen stiegen hinter mir die Treppe hinauf. Ohne die anderen zu fragen, ob sie einverstanden seien, drückte ich im zweiten Stock auf die Türklingel. Was hätte schon passieren können? Man hätte uns sagen können, dass wir hier nichts zu suchen hätten.
Der Mann, der die Tür öffnete, blickte uns erstaunt an. Ich wies auf meinen Vater und hielt dem Mann die sechzig Jahre alte Fotografie entgegen und sagte: «Mein Vater ist als Kind in dieser Wohnung aufgewachsen, hier sehen Sie seine Eltern in der Wohnung». Es hätte sein können, dass der Mann die Wohnung meiner Grossaltern auf unrechtmässige Weise hatte erwerben können. Er hätte die Türe gleich wieder schliessen können. Stattdessen trat er einen Schritt zurück und lud uns ein, die Wohnung zu betreten. Es gab Kaffee und Gebäck, das Ehepaar öffnete alle Zimmertüren. Das frühere Zimmer der beiden erwachsenen Kinder des Ehepaars war das Kinderzimmer meines Vaters gewesen. Wir legten die Fotografie, die wir mitgebracht hatten, auf den Esstisch, der Mann bat darum, sie fotografieren zu dürfen, er wollte so vieles über meine Grosseltern wissen. Wie gut, dass mein Vater dabei war, der aber über die Zeit, da die Fotografie aufgenommen wurde nicht viel erzählen konnte. 1938, das Jahr, da dieses Bild gemacht wurde, war er bereits seit fünf Jahren aus Deutschland weggezogen.
Ich habe meine Grosseltern, die Eltern meines Vaters, nicht gekannt. Als die Aufnahme gemacht wurde, war ich noch nicht geboren. Und als ich acht Jahre später geboren wurde, waren die beiden schon nicht mehr am Leben. Ich schau meine Grosseltern auf der Fotografie an und sie bleiben mir fremd. Grosseltern sind selten jung. Diese Grosseltern sehen ältlich und konservativ aus, etwas bürgerlich-bieder vielleicht. Mein Augsburger Grossvater hat die Zukunft falsch eingeschätzt. Anders als mein Görlitzer Grossvater, der bereits im Jahr 1933 Deutschland verlassen hat, weil ihm die Nazis nicht geheuer waren. Seinen ganzen Besitz hatte der Görlitzer Grossvater zurückgelassen. Nie ist er nach Deutschland zurück. So anders der Augsburger Grossvater. Weshalb konnten er und seine Frau glauben, dass sie ungeschoren davonkommen würden? Weshalb haben sie nicht Gebrauch gemacht von den beiden Visa für Südafrika und Kuba, die mein Vater ihnen besorgt hatte? Im März 1938 waren die Juden in Deutschland schon längst geächtet. Hatte mein Augsburger Grossvater gedacht, ihm, der im Ersten Weltkrieg an der Front in Frankreich gestanden hatte, würde nichts passieren?
Wie die beiden dasitzen. Er liest die Zeitung, sie häkelt. Liest er sie wirklich? Oder hält er sie bloss? Sie häkelt, der Fotograf bittet die beiden darum, sich nicht zu bewegen. Ob der Fotograf einiges riskiert hat, als er zu meinen Grossaltern in die Wohnung kam? Besuche bei Juden in einer Zeit, da man Kontakte zu ihnen mied, Angst vor Denunziation hatte, waren riskant. Grossvater mit Krawatte und Sakko. Er hat ausnahmsweise in der Wohnung die Strassenschuhe an. Die beiden schauen den Fotografen nicht an. Noch ahnen die beiden nicht, dass sie vier Jahre später ihre grosse Wohnung würden verlassen müssen. Alles werden sie stehenlassen, nur ihre Kleider und einige wenige Gegenstände werden sie in die andere, in die kleine «Judenwohnung», mitnehmen dürfen, wo ihnen ein Zimmer zugewiesen wird. In den beiden anderen Zimmern werden zwei andere Ehepaare einziehen. Und sie werden sich im Frühling 1943 zu sechst eines Nachts auf dem Küchenboden hinlegen, den Gashahn öffnen. Am nächsten Morgen hätten sie zum Abtransport in den Osten abgeholt werden sollen. Aber da waren fünf von ihnen schon tot.
All das weiss ich aus Erzählungen meines Vaters. Sein Vater war Besitzer einer Gerberei, die er einem nicht-jüdischen Mitarbeiter auf Geheiss der Behörden hatte abtreten müssen. Nicht anders das Schicksal der Wohnung: Mit dem gesamten Mobiliar hatte sie ein NSDAP-Mitglied erhalten. Jahre nach dem Krieg wurde die grosse Wohnung, in der wir uns jetzt umschauen durften, vermietet. Und weitere Jahre später waren die jetzigen Mieter eingezogen. Die Raumeinteilung war gleich geblieben. Und doch war alles anders. Die Wohnung wirkte nicht mehr so dunkel wie auf der Fotografie, die Wände waren weiss, das Mobiliar modern, alles wirkte leichter. Mein Vater führte uns von Zimmer zu Zimmer und beschrieb, was in diesem Zimmer oder in jenem gewesen war. Blumentöpfe, wie sie an den Fenstersimsen auf der Fotografie zu sehen sind, hatten die beiden jetzigen Bewohner keine. Dafür ein breites Bücherregal im Wohnzimmer, Geschichtsbücher, politische Literatur, viel Belletristik. Ich schau’ die Aufnahme genau an und meine, eine Ähnlichkeit des Teppichs mit zwei Teppichen in unserem Wohnzimmer in Zürich zu erkennen. Ob das wirklich sein kann? Ob ich mir das bloss einbilde? Kann es sein, dass ich unbewusst ein ähnliches Teppichmuster ausgewählt habe wie jene Grosseltern, denen ich nie begegnet bin? Gibt es Verhaltensweisen, Vorlieben, Lebeweisen, die von einer Generation auf die übernächste übertragen werden, auch wenn man sich nie gesehen oder gesprochen hat? Immerhin hatte ich manchmal in Görlitz, der anderen deutschen Stadt, aus der meine Grosseltern mütterlicherseits vertrieben wurden, das Gefühl, genau dieselben Wege in der Stadt abzuschreiten wie der Görlitzer Grossvater. Ich erinnere mich noch, wie ich mir manchmal dort auf der Strasse einbildete, seine Stadt Görlitz zurückzuerobern. Kommt es vor, dass man sich Vorfahren, die nicht mehr leben so nah fühlt, dass da plötzlich Grenzen verwischt werden? Mein Görlitzer Grossvater war Sozialdemokrat gewesen. Ich schaue mir den Augsburger Grossvater auf der Fotografie an und kann mir nicht vorstellen, dass Sozialdemokrat hätte sein können. Weshalb beschäftigen mich die beiden Grossväter und nicht die beiden Grossmütter?
Ich schau mir die Fotografie nochmals an und sehe die schweren Vorhänge. Abends bei zunehmender Dunkelheit wurden sie wohl zugezogen, damit Nachbarn von gegenüber nicht sehen konnten, was die beiden machen. Ich besitze noch drei Aufnahmen, die am selben Tag in der Wohnung gemacht wurden. Auf einer ist ein schwerer Ledersessel zu sehen. Meine Grossmutter sitzt da, jetzt hält sie die Zeitung, die allerdings gefaltet ist. Grossvater steht neben ihr, er lehnt sich an einen Salonschrank, die eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen hält er seine Sakkotasche. Grossmutter schaut den Fotografen an, Grossvater richtet seinen Blick auf Grossmutter. Ob meine Grosseltern den Fotografen haben kommen lassen, um letzte Aufnahmen für ihre drei Kinder zu machen. Sie haben die vier Bilder nicht mehr verschicken können. Oder vielleicht haben sie sie verschickt, angekommen sind sie nie. Erst 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, fuhr mein Vater nach Augsburg, um bei christlichen Freunden seiner Eltern noch letzte Gegenstände zu holen: zwei Ringe, mehrere Briefe, ein Adressbuch und eben diese Fotografien.
Eingeworfen am 28.3.2023