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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1999 von Peter Ziegler
DER SOHN DES LETZTEN LANDVOGTS ZU WÄDENSWIL - MITGRÜNDER DER UNIVERSITÄT ZÜRICH
Vor 150 Jahren - am 6. Januar 1849 - starb in Zürich Professor Johann Caspar von Orelli. Er war ein bekannter Theologe, Philologe und Schulreformer und zählte 1833 zu den Hauptgründern der Universität Zürich. Einen Teil seiner Jugendzeit verbrachte der dem Liberalismus verpflichtete Gelehrte auf dem Landvogteischloss Wädenswil
Im Jahre 1555 verliess der reformiert gewordene Aloisius von Orelli (1486−1575) als Glaubensflüchtling seine Heimat Locarno. In der Stadt Zürich wurde er der Stammvater des Zürcher Zweigs der Familie, die sich hauptsächlich dem Seidenhandel widmete und deren Angehörige sich im 18. Jahrhundert durch militärische Laufbahn und wissenschaftliche Tätigkeit auszeichneten.1
ELTERNHAUS UND JUGENDZEIT
Johann Caspar von Orelli kam am 13. Februar 1787 in Zürich zur Welt.2 Die Mutter, Regula von Orelli geborene Escher vom Glas (1757−1829) war eine geistig rege, hoch gebildete, energische Frau. Zu ihrem Freundeskreis zählten Heinrich Pestalozzi, Johann Caspar Lavater und Barbara Schulthess, eine Bekannte Goethes.3 Lavater, Pfarrer am St. Peter in Zürich, wurde Orellis Pate, und der Täufling erhielt dessen Vornamen Johann und Caspar.4
Johann Caspar von Orellis Vater, David von Orelli-Escher (1749−1813), hatte seine politische Laufbahn 1779 als Landschreiber zu Ebmatingen begonnen und gehörte - gewählt von der Zunft zur Gerwe - dem Grossen Rat von Zürich an.5 Als Nachfolger seines älteren Bruders Hans Caspar Orelli-Usteri (1741−1800) wurde er 1790 Landvogt in Wädenswil und bekleidete dieses Amt bis zum Ende des Ancien Regime im Frühling 1798.6
Im Schloss Wädenswil verbrachte Johann Caspar seine Kinder- und Jugendjahre. Briefe und spätere Aufzeichnungen seiner Mutter geben Einblick in diese Zeit.7
Der Vater: David von Orelli-Escher (1749−1813)
Der Vater war ein gebildeter, aber allzu gütiger Mann; er hatte mit dem Leben schwer zu kämpfen.8 Während er den Regierungsgeschäften nachging, führte die Mutter die Haushaltung und sorgte mit Liebe für eine schöne Jugendzeit ihrer drei Kinder: der Knaben «Cäsperli» und Konrad9 sowie der Tochter Regula (gestorben 1801). Sie gab ihnen auch Privatunterricht. Verantwortungsgefühl, Kenntnisse und Liebe bestimmten dieses Tun. Zuerst brachte sie den Kindern halb spielend das ABC bei. Dann wagte sie es, «ausser dem Lesen, Schreiben und Rechnen noch die Anfangsgründe einiger anderer Fächer zu lehren» und behandelte «mit Vorliebe religiöse Gegenstände. Sie trug mit lebhaftem Eifer biblische Erzählungen vor und drang auf Wiederholung derselben. Sie liess alle Kinder Lieder von Gellert, Psalmen Davids und - nach damaliger Sitte - einen beträchtlichen Teil des Katechismus auswendig lernen und hielt zum Gebete an.»10 Nach einiger Zeit führten Privatlehrer den Unterricht der Mutter weiter: zuerst Elementarlehrer Heinrich Eschmann (1763−1833) aus Wädenswil11, 1796 Pfarrer Andreas Schweizer (1768−1834) in Hütten12 und vom März 1797 bis Dezember 1798 dessen Amtsnachfolger Pfarrer Hans Jakob Beyel (1769−1858)13, der am 28. September 1797 Goethe während dessen dritter Schweizerreise in Hütten empfangen hatte.14 Die Hauslehrer kamen für einen oder anderthalb Tage pro Woche ins Schloss und erteilten den beiden Knaben vor allem Lateinunterricht. Ein Jahr lange besuchte Johann Caspar auch vereinzelte Lektionen bei Lehrer Heinrich Leuthold in der Wädenswiler Dorfschule.15 Der Unterricht bedeutete Regula von Orelli viel. Wörtlich schrieb sie darüber: «O glückliche Erinnerungen an die Unterrichtsstunden im Kreis meiner drei Kinder, an die Anfänge alles dessen, was wir lernen müssen. Auch zähle ich diese Lebensstunden die glücklichsten meines Lebens!»16 Der Erfolg der mütterlichen Unterweisungen und des Wirkens der Privatlehrer zeigte sich später unter anderem darin, dass Johann Caspar von Orelli im Alter von zwölf Jahren ohne Schwierigkeiten in die vierte Klasse des Carolinums in Zürich eintreten konnte.17
Auf dem Landvogteischloss Wädenswil kam es auch zu interessanten Begegnungen. Unter anderem war hier Heinrich Pestalozzi, dessen Mutter Susanna Hotz (1720−1796) aus Wädenswil stammte18, ein gerne gesehener Gast. Johann Caspar von Orelli hielt rückblickend fest: «Meine ersten ganz deutlichen Erinnerungen an den ehrwürdigen Pestalozzi reichen bis 1796 hinauf. Mein Vater, sein Jugendfreund, der letzte Landvogt der zürcherischen Herrschaft Wädenswil und meine hochgebildete Mutter, Regula Escher, auch Lavaters Freundin, empfingen ihn, so oft er in unsere Gegend kam, aufs herzlichste.»19 Ein Brief, den Regula von Orelli am 21. Januar 1807 zur Empfehlung ihres Sohnes an Pestalozzi schrieb, ergänzt diese Erinnerungen: «Darf ich wohl die Erinnerungen an unser ehemaliges Glück, Sie in Richter- und Wädenschweil gesehen zu haben, erneuern und die Reihe der Jahre, die uns trennten, überschreiten und Ihnen sagen, dass so viele glückliche Erinnerungen an Sie uns ewig unvergesslich bleiben? Eine der vortrefflichsten, die Mühe, die Sie nahmen, uns Ihr unsterbliches Werk, nachdem Sie es uns schenkten, ‘Lienhardt und Gertrud’, selbst vorzulesen in jener neugebauten Stube des nun zu Asche versunkenen Schlosses.»20 (Das Landvogteischloss wurde 1804 durch Brandstiftung zerstört.)
Das Landvogteischloss Wädenswil auf einer Ofenkachel aus dem Jahre 1781.
Johann Caspar von Orellis Eltern durchlebten auf dem Landvogteischloss Wädenswil eine schwere Zeit: Zu einer Ehekrise traten finanzielle Sorgen. Regula schrieb darüber: «... (ich) entdeckte immer mehr und mehr meine unglückliche Lage, den Verfall unserer Liebe, unserer Oekonomie. Immer mussten Geldsummen enthoben werden, - kurz es war mir unendlich schwer...»21 Und für Mai 1791 hielt sie fest, dass ihr Statthalter Meiss und Chorherr Orelli mitteilen liessen, “dass mein Mann samt seinem Bruder entsetzliche Schulden gemacht». Um die Familienehre zu retten, setzte sie ihr gesamtes Vermögen ein: «Man trat zusammen, kam auf den Grund, sah ein, dass, wenn ich alles hergebe, dass die Ehre erhalten werden könne, nebst der Vogtei.»22 Und weiter: «Es kam die Zeit (1796), wo die Vogtei wieder vergeben werden sollte. Mein Mann wollte bleiben, zum zweiten Mal. Ich widerstrebte, weil ich vorausfühlte, wie gefährlich dies werden konnte. Wir sahen aber auch ein, wie schwer es in Zürich für uns werden würde, ganz abhängig von den Unsrigen zu werden, nachdem wir sie durch unser Unglück kennenlernten. Auch waren Geheimnisse über unsere Lage, die uns überwogen zu bleiben, wenn wir konnten. Es wurde eingerichtet, dass er zum zweiten Mal zum Landvogt gewählt wurde. Auch dieses zog unendlich Kosten nach sich. Es war überstanden, und (17)96 ging so ordentlich hin unter tausendfachen Leiden, geheimer und offenbarer.»23
Weshalb verschuldete sich David von Orelli und kam mit seiner Familie in finanzielle Bedrängnis? Nach dem Tode ihres Vaters Hans Konrad Orelli im Jahre 1785 traten die Söhne Kaspar und David als Teilhaber in die Druckerei und Buchhandlung Orell, Gessner & Füssli in Zürich ein, welche Werke bedeutender Zeitgenossen verlegte. Das Unternehmem hatte mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, und Davids Bruder Kaspar zog sich 1794 aus dem Geschäft zurück. David jedoch blieb Teilhaber der Firma, die 1797 - nach dem Austritt von Heinrich Gessner - ihren Namen in Orell, Füssli & Co. abänderte.24
STUDIUM AM CAROLINUM UND AUSBILDUNG ZUM PFARRER
Dem von Schulden geplagten David von Orelli brachten die politischen Umwälzungen vom Frühling 1798 zusätzlich den Verlust der Landvogtei Wädenswil: Am 3. April jenes Jahres drangen etwa zwanzig Reiter in den Schlosshof ein, an der Spitze ein als Wilhelm Tell verkleideter Wädenswiler Bürger, und forderten den Landvogt zur Übergabe des Schlosses auf.25
Im Januar 1799 kehrte die Familie von Orelli nach Zürich zurück. Die schlechte Finanzlage der Familie erlaubte es nicht, dem begabten Johann Caspar ein Studium im Ausland zu ermöglichen. Er trat darum ins Zürcher Carolinum ein und studierte am Chorherrenstift zum Grossmünster Theologie. Seine Lehrer waren hier unter anderem Pfarrer Andreas Schweizer, die Philologen Johann Heinrich Bremi (1772−1837) und Johann Jakob Hottinger (1750−1819) sowie Johann Jakob Horner (1772−1831). Sein besonderes Interesse galt der klassischen und der zeitgenössischen Literatur. Er lernte Französisch, Italienisch und Spanisch, einmal auch etwas Englisch, das er aber wieder aufgab.26 Nach sieben Jahren schloss er hier sein theologisches Studium mit hervorragenden Zeugnissen ab und wurde Ende November 1806 zum reformierten Pfarrer ordiniert. Der Schulbetrieb am Carolinum und die Methoden der Professoren müssen sich vom häuslichen Unterricht der Mutter in negativem Sinne abgehoben haben. Rückblickend fällte Johann Caspar am 24. November 1807 in einem Brief an seinen Studienfreund August Heinrich Wirz (1787−1834) ein vernichtendes Urteil: «Was Du mir über den Schlendrian des Zürcher Gymnasiums schreibst, ist nur allzu wahr. O welche Zeit haben wir da verloren! ... Ich kann versichern, dass mich jetzt nichts, durchaus nichts, kein einziger Gedanke mehr von allen den Zürcher Professoren mehr frappiert und noch lebendig ist, und sieben Jahre hatte ich das Glück, sie zu hören. Jeder, der nicht inneres Leben hat, muss dort zu Grunde gehen.»27
Bereits am Carolinum interessierte sich Johann Caspar von Orelli für philologische Probleme. Mit 18 Jahren übersetzte er «Zwei Nemeische Oden des Pindar» und veröffentlichte sie in der Zürcher Zeitschrift «Isis».28
BEI PESTALOZZI IN YVERDON
Nach der Ordination begab sich Johann Caspar von Orelli Ende November 1806 ins Welschland, begleitet von seinem Jugendfreund August Heinrich Wirz, dem Sohn des Pfarrers Johann Heinrich Wirz-Füssli in Kilchberg. Während zwei Monaten lebten die beiden im Hause des Pfarrers Dellient in La-Tour-de-Peilz bei Vevey und übten sich in der französischen Umgangssprache. Von hier schrieb Orelli am 6. Januar 1807 an seine Eltern: «Bern und die bernischen Landvögte waren eine Zeitlang unser tägliches Tischgespräch, bis es endlich auskam, dass ich auch der Sohn eines Landvogtes sei, wo denn Frau Pfarrer dem Herrn verbot, fürderhin auf sie loszuziehen.»29 Am 1. Februar 1807 zogen die beiden weiter nach Yverdon, ausgestattet mit einem Empfehlungsbrief von Mutter Regula Orelli, um die «Pestalozzische Methode» kennen zu lernen. Gemäss einem Brief, den von Orelli an seine Eltern schrieb, wurden sie von Pestalozzi sehr herzlich empfangen: «Der ehrwürdige Greis wusste nichts davon, dass wir kommen würden. Sobald er aber hörte, dass wir Zürcher und wer wir wären, so küsste und umarmte er uns einmal über das andere. Ich überreichte ihm Euern Brief, der ihn bis zu Tränen rührte. Er rief aus: ‘Das ist noch immer die alte Frau Orellin. Es gibt heutzutage wenige solcher Menschen mehr!’»30 Heinrich Pestalozzi freute sich offensichtlich, «dass endlich einmal Zürcher, die studiert hatten, seiner Methode freiwillige Aufmerksamkeit schenkten und ohne vorgefasste Meinung sie studieren wollten.»31 Er und seine Gehilfen Niederer, Muralt und Krüsi gaben sich denn auch grosse Mühe, die Gäste aus Zürich zu informieren. Tief beeindruckt hielt Johann Caspar von Orelli fest: «Überhaupt gelangten wir in Yverdun zu richtigern Ansichten von vielen Dingen. Wir lernten Männer genauer kennen, deren Wert erst ein minder frivoles Zeitalter fühlen wird und über die nur der Tor und der, dem das Heiligste nicht heilig ist, spotten kann.»32
PFARRER UND LEHRER IN BERGAMO
Im Frühling 1807 kehrte Johann Caspar von Orelli nach Zürich zurück. Nun galt es den Berufsentscheid zu treffen. Drei Angebote lockten: ein Studium mit Freund Wirz an der Universität Heidelberg, die von Pestalozzi erwünschte Mitarbeit im Institut in Yverdon und eine Pfarrer- und Lehrerstelle in der protestantischen Diaspora Bergamo.33 Nach einigem Ringen entschied sich von Orelli auf Drängen seiner Eltern, «deren Ökonomie gänzlich zerrüttet war», aus materiellen Überlegungen zu Gunsten von Bergamo.34 Nach sechstägiger Reise in der Kutsche - auf der Strecke Winterthur - St. Gallen - Vaduz - Chur - Via Mala - Splügen - Chiavenna - Riva am Comersee - Vercurago - traf von Orelli am 17. Juli 1807 an seinem neuen Wirkungsort ein. Er war begleitet vom Kaufmann Diethelm Steiner (1766−1852) aus Winterthur, der in Bergamo ein Seidengeschäft betrieb und in dessen Haus von Orelli während seiner ganzen Bergamasker Zeit gastliche Aufnahme fand.35 Die reformierte Gemeinde des zwanzigjährigen Pfarrers war klein, umfasste lediglich acht Familien.36 Zunächst predigte Johann Caspar von Orelli in deutscher Sprache, dann bald auch auf Französisch und Italienisch. «Ich weiss noch nicht, ob ich hier glücklich oder unglücklich seyn werde», schrieb er am 10. August 1807 an seinen Freund Wirz nach Leipzig.37 Doch schnell begeisterte ihn die Schönheit der Natur, Bergamos einzigartige Lage, dann die italienische Sprache, Literatur und Kunst.
Bergamo. Aquarell von Salomon Corrodi, 1839.
Nach von Orellis eigenem Urteil ging ihm während seines Bergamasker Aufenthalts der Sinn für Poesie und Dichtung auf.38 Er las Petrarca, Boccaccio, Tasso, Macchiavelli und Dantes «Divina Comedia». 1810 veröffentlichte von Orelli seine «Beyträge zur Geschichte der italienischen Poesie» und verbreitete damit die Kenntnis der italienischen Literatur im deutschen Sprachgebiet.39 Am 11. März 1811 schrieb er an seine Eltern, dass nun Dante auf ihn einwirke. Und am 12. Oktober 1812 meldete er seinem Freund Wirz: «Ich habe eine neue kritische Rezension der ‘Divina Comedia’ vollendet und 15 Bogen Kommentar dazu geschrieben.»40
1812 folgte die Biographie «Vittorino von Feltre oder die Annäherung zur idealen Pädagogik im 15. Jahrhundert», welche in deutscher Sprache das pädagogische Denken und Wirken der italienischen Humanisten würdigte.41 Neben dem Studium der italienischen Literatur kam aber auch die Beschäftigung mit griechischen und römischen Schriftstellern nicht zu kurz. Pfarrer von Orelli las Tacitus, Plato, Pindar, Sophokles und Thukydides, und er versah die Rede des Isokrates über Vermögensumtausch mit Anmerkungen42. Sie wurde 1814 in Zürich gedruckt.
Von der Familie Steiner unterstützt, eröffnete Johann Caspar von Orelli im Jahre 1808 in Bergamo eine «Pestalozzi-Schule», in welcher er die Kinder der Auslandschweizer unterrichtete. Als Musterschule propagierte sie erstmals in Italien die Ideen Pestalozzis, die der Lehrer kurz zuvor in Yverdon studiert hatte. Der Plan zur Eröffnung dieser Schule stand schon früher fest. Einem Brief, den von Orelli am 11. Dezember 1807 an Pestalozzis Mitarbeiter Niederer schrieb, ist folgendes zu entnehmen: «In zwei bis drei Monaten hoffe ich eine eigentliche Schule von sieben Kindern errichten zu können. Bis jetzt gebe ich nur zwei Kindern meines Hauswirts Steiner Unterricht. Das eine ist ein dreijähriger, niedlicher Knabe, den ich an Bohnen, Linien und Dreiecken zählen lasse, ihn nach dem ‘Buch der Mütter’ übe und ihm mit leichter Mühe schon die meisten Buchstaben beigebracht habe... In der Schule hoffe ich in der Methode weiter zu kommen. Ich habe es mir zum festen Zwecke meines Lebens gemacht, hier eine Pestalozzi-Schule zu errichten.» Möge sie diesen ehrwürdigen Namen verdienen und der erste Anstoss sein, dass die Methode in den italienischen Schulen eingeführt werde.43
Das letzte Jahr von Orellis Wirken als Pfarrer und Lehrer in Bergamo wurde vom Tod seines Vaters überschattet. Nachdem dieser einige Tage vermisst worden war, fand man den 1798 zum Oberrichter gewählten David von Orelli am 16. Februar 1813 tot in der Sihl auf. Ob der immer noch von finanziellen Sorgen geplagte einstige Landvogt von Wädenswil Selbstmord begangen oder ob ein Unglücksfall zum Tod des sensiblen Mannes geführt hatte, wurde nie eindeutig geklärt. Vieles sprach indessen für einen letzten Schritt der Verzweiflung.44
LEHRER AN DER KANTONSSCHULE CHUR
Im Februar 1814 gab Johann Caspar von Orelli seine Pfarrstelle in Bergamo auf und folgte einem Ruf ans Gymnasium in Chur. Das Predigtamt hatte ihn nie ganz befriedigt. Wissenschaftliche Tätigkeit und Lehramt lagen ihm näher. Mit einem Pensum von bis zu 36 Wochenstunden unterrichtete er hier Deutsch, Italienisch, Französisch, Griechisch und Geschichte.45 Daneben setzte er seine publizistische Tätigkeit fort. 1815 erschienen unter anderem eine «Beschreibung der florentinischen Pest von 1527» und eine gerechte Würdigung des Euripides, 1817 ein italienisches Lesebuch. Dazu kamen zahlreiche kleinere Beiträge und Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften.46 Und am bündnerischen Reformationsfest 1819 schilderte er die Erneuerung der Kirche in markiger Rede.47 Von Orelli war ein beliebter, anregender, erfolgreicher Lehrer. Als Dank für sein Wirken und seine hohen Verdienste um die Kantonsschule schenkte ihm der Kanton Graubünden das Landrecht. Und als er 1819 nach Zürich übersiedelte, weil man ihn als Professor der Eloquenz und Hermeneutik ans dortige Gymnasium Carolinum berufen hatte, gaben ihm am 2. August zwanzig Kutschen bis Ragaz das Ehrengeleit. Dort versammelte man sich zum Abschiedsmahl. Die «Churer-Zeitung» vom 7. August 1819 schrieb darüber: «Als aber Professor Herbst, den Weinbecher in der Hand, die Gesellschaft aufforderte, dem Scheidenden ein Lebehoch zu bringen, da stand Alt und Jung vom Sitze auf, und ein lautes Schluchzen hallte durch den Saal. Gesellige Lieder wurden zur allgemeinen Aufmunterung mehrmals angestimmt, aber umsonst. Immer reichlicher flossen die Tränen, die der verständigste, kaltblütigste Mann so wenig wie der fantasiereiche Jüngling zurückhalten konnte. Gerührt von diesem seltenen Schauspiel stand Orelli auf und sprach mit gebrochenen Worten seinen Lieben Trost und Mut zu. Als Professor Tester sprach: ‘Lasset uns getreulich Orellis Lehre und Beispiel folgen, so wird er ewig bei uns sein und wir bei ihm’, rief einstimmig und laut die Schar der Schüler: ‘Wir wollen’s!’ und einer nach dem andern ging zu dem verehrten Lehrer hin, um mit einem Händedruck seine Liebe, seine Erkenntlichkeit und seinen Schmerz auszudrücken. Laut weinte Orelli und mit ihm seine Freunde. - Nun war der Augenblick der schmerzlichen Trennung gekommen. Die Schüler hatten sich auf dem Platze alle in einer Reihe aufgestellt. Jedem einzelnen reichte Orelli die Hand, umarmte seine Freunde, riss sich los und stieg in den Wagen, von den ungeheuchelten Tränen und den frommen Segenswünschen seiner Schüler, seiner Freunde und Kollegen begleitet.»48
PROFESSOR AM ZÜRCHER GYMNASIUM CAROLINUM
Das aus der Stiftsschule am Grossmünster herausgewachsene Gymnasium Carolinum vermittelte Unterricht in drei Stufen: einer philologischen, einer philosophischen und einer theologischen.49 1819 starb der Phililoge Johann Jakob Hottinger, und Friedrich Salomon Ulrich (1771−1848), Professor für Eloquenz, trat dessen Nachfolge an. Damit war die Stelle für Eloquenz und Hermeneutik neu zu besetzen. Dass dafür ein Professor von auswärts berufen wurde und nicht erneut ein Lehrer nachrückte, der bereits eine «kleine» Professur bekleidete, spricht für die aussergewöhnliche Bedeutung von Orellis. In der Tat genoss er den Ruf eines Gelehrten von hohen Fähigkeiten und eines besonders begabten Lehrers.50 Die Berufung Johann Caspar von Orellis an die höchste Schule seiner Vaterstadt wurde auch von der studierenden Jugend als ein epochemachendes Ereignis betrachtet. Mit feuriger Begeisterung nahm man den begeisternden Lehrer auf. Schon ein Jahr nach seinem Amtsantritt setzte sich der einflussreiche Professor für eine harmonische Ausbildung der Jugend ein: mit der 1820 veröffentlichten Schrift «Stimmen über das Turnwesen in Beziehung auf die schweizerischen Turnanstalten».51 1821 versuchte sich Griechenland von der türkischen Herrschaft zu befreien. Als Verehrer des alten Hellas nahm von Orelli am Freiheitskampf der Griechen lebhaften Anteil und unterstützte griechische Flüchtlinge. 1823 veröffentlichte er eine aus dem Neugriechischen übersetzte «Sammlung von Verfassungurkunden des befreiten Griechenlandes», was ihm das griechische Bürgerrecht eintrug.52
Das Chorherrenstift am Grossmünster in Zürich beherbergte bis 1833 das Gymnasium Carolinum.
Immer wieder äusserte sich Johann Caspar von Orelli engagiert zu Fragen der Bildungspolitik. 1822 sprach er an der Versammlung der Helvetischen Gesellschaft in Schinznach «Über den geistigen Bildungstrieb der Schweiz in der Gegenwart». 1825 regte er die Gründung eines «Privatvereines für die Bildung und Unterstützung der Landschullehrer des Kantons Zürich» an. Er wollte damit Anstoss geben zur Gründung eines Lehrerseminars in der Hauptstadt. Der «Verein für die ökonomische Verbesserung der Elementar-Landschulen» wurde zwar gebildet, konnte dieses Ziel aber nicht erreichen.53
Im Jahre 1823 verheiratete sich Professor von Orelli mit Elisabetha Ganz (1797−1881), einer Tochter des weit bekannten und beliebten Landarztes Heinrich Ganz (1764−1820) in Rorbas.54 Die Familie wohnte in Zürich im Haus Glockengasse 18, wo heute eine Gedenktafel an den berühmten einstigen Mieter erinnert. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: eine Tochter Erminia (Hermine)55, die sich 1851 mit Gustav Hainisch aus Wien verheiratete, und einen Sohn Arnold, der 1836 zehnjährig starb.56
Die Universität Basel ernannte den gelehrten Zürcher 1827 zum Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät. Die Akademien von München, Berlin und Wien wählten ihn zum korrespondierenden Mitglied. Gelehrte Gesellschaften in Livorno und Freiburg im Breisgau bedachten ihn mit weiteren Ehrungen.57
Johann Caspar von Orelli muss ein begabter Dozent gewesen sein. Seine Schüler erlebten ihn so: «In seiner Erscheinung lag eine so freundliche Majestät, ein solcher Zauber, dass sie alle knabenhaften Gelüste weit von sich ferne hielten; wehe dem Schüler, der den geliebten Orelli zu beleidigen gewagt hätte; er wäre mit der Verachtung aller Kameraden gestraft worden! - Der Vortrag Orellis hatte hinreissende Gewalt. Sobald er das Katheder bestieg und sein Buch öffnete, geriet alles bei ihm in Leben und Bewegung. Prachtvolle metallene Stimme, Würde der Sprache, Lebhaftigkeit der Gestikulation, kurze sentenziöse, oft witzige und sarkastische Bemerkungen dazwischen - all dies übte auf den Zuhörer einen Zauber aus, der unwiderstehlich war.»58 Und ein anderer Schüler erinnerte sich, Orelli sei von den Gymnasiasten wie ein Heiliger verehrt worden, wegen jener Autorität, die von seinem Geist eines schöpferischen Liberalismus ausging.59 «Es musste sich jedem Schüler der Zauber der Horazischen Dichtung, die, so klangvoll wie möglich vorgelesen, so sinn- und geschmackvoll entwickelt wurde, aufschliessen, und der Dichter ihm für das ganze Leben teuer werden.»60 «Er wollte anregen, anspornen, ermuntern, begeistern, die antike Welt (die in ihm gleichsam personifiziert auf dem Katheder sass) selbst kennen zu lernen und zu studieren.» Immer wieder zog von Orelli in seinem lebendigen Unterricht Vergleiche zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In sehr deutlicher Weise kritisierte er mitunter auch hochstehende Persönlichkeiten. Neben seiner Lehrtätigkeit am Gymnasium Carolinum widmete sich Johann Caspar von Orelli weiterhin philologischen Studien und war publizistisch tätig. 1825 übersetzte er Camillo Ugonis Geschichte der italienischen Literatur seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus dem Italienischen ins Deutsche. 1826 gab er die erste gedruckte Sammlung römischer Inschriften aus schweizerischem Gebiet heraus.61 Und im selben Jahr erschien der erste von acht Bänden seiner Edition von Ciceros Werken.62 1828 galt von Orellis Interesse Ioannes Chrysostomus und Platons Gastmahl. Zudem gab er seine zweibändige Sammlung lateinischer Inschriften (Inscriptionum latinarum amplissima collectio) heraus.
ERZIEHUNGSRAT UND SCHULREFORMER
Durch den langjährigen Aufenthalt ausserhalb seiner Vaterstadt konnte von Orelli die zürcherischen Schul- und Bildungsverhältnisse aus einer gewissen Distanz beurteilen und kritisieren. Aus eigener Studienzeit kannte er Mängel, die behoben werden sollten. Zudem hatte der Aufenthalt bei Pestalozzi seine Anschauungen über Erziehung und Bildung beeinflusst. Gründliche Kenntnis der klassischen Schriften und der italienischen Literatur verliehen dem Gelehrten etwas vom Geist der Antike und des Humanismus. Dies waren ideale Voraussetzungen, um sich mit Erfolg für eine durchgreifende Reform des Zürcher Schulwesens einzusetzen.63 Freundschaften mit Ludwig Snell (1785−1854), Johann Jakob Hottinger (1783−1860) und Ignaz Thomas Scherr (1801−1870) begünstigten dieses Anliegen. Ein erstes Forum, um seine Reformpläne bekannt zu machen, war die Synode, welcher er als Theologe angehörte. Im September 1828 wurde hier ausführlich über die Erneuerung des Schulwesens diskutiert.64
Mit der Wahl in den Zürcher Erziehungsrat im Jahre 1829 eröffneten sich Johann Caspar von Orelli neue Möglichkeiten. Im Jahr zuvor hatte die Regierung beschlossen, das gesamte Zürcher Unterrichtswesen zu reformieren und den Erziehungsrat beauftragt, einen Bericht über den gegenwärtigen Stand der niederen und höheren Bildugsanstalten vorzulegen und Verbesserungsvorschläge einzureichen. Im Juli 1830 verabschiedete der Erziehungsrat den Entwurf für ein neues Schulgesetz und leitete ihn zur Beschlussfassung an den Kleinen Rat weiter. Die Vorlage war in wesentlichen Teilen das Werk von Erziehungsrat Johann Caspar von Orelli. Sie wäre reif gewesen zur Behandlung im Grossen Rat. Es kam aber nicht mehr dazu. Dafür machte der liberale Umschwung von 1830 die Bahn frei für viel tiefer greifende Wandlungen im Zürcher Bildungswesen.
Rund 10 000 Männer von der Zürcher Landschaft formulierten auf dem Ustertag vom 22. November 1830 von liberalem Gedankengut geprägte Wünsche an die Regierung. Bereits am 6. Dezember 1830 kam es zur Neuwahl des Grossen Rates. Hatte bisher die Stadt Zürich die Landschaft dominiert, so stammten nun zwei Drittel der Mitglieder der Legislative aus Landgemeinden. Die Ausarbeitung einer neuen Staatsverfassung kam rasch voran und verwirklichte die Wünsche des Ustertages in vollem Umfang. Am 20. März 1831 nahmen die Stimmberechtigten in Kirchgemeindeversammlungen die neue Zürcher Verfassung an, und am 10. April 1831 leisteten sie darauf den Eid. Der liberale Umschwung im Kanton Zürich führte zu Neuwahlen in die Behörden und ermöglichte unter anderem eine durchgreifende Reform des Schulwesens. Die veraltete Schulorganisation des Ancien Regime wurde in ein modernes, von den Ideen der Aufklärung geprägtes und von der Kirche losgelöstes Schulsystem überführt, das sich in seinen Grundzügen bis heute erhalten hat.
Am 30. Juni und 1. Juli 1831 wählte der Grosse Rat die fünfzehn Mitglieder des Erziehungsrates, die sich auf die zwei Sektionen Volksschulwesen und höheres Unterrichtswesen verteilten. Der Vorsitz kam Regierungsrat Konrad Melchior Hirzel zu.
Johann Caspar von Orelli (1787-1948).
Johann Caspar von Orelli wurde Mitglied der Sektion für das höhere Unterrichtswesen und gehörte ihr bis 1839 an. Hier und in der Gesamtbehörde konnte er wichtige Anliegen einbringen. Mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit setzte er sich für die Gründung einer Kantonsschule ein, da ihm das Carolinum mit seinem überalterten Lehrkörper nicht behagte. Die 1833 eröffnete Mittelschule erhielt nach seinen Ideen zwei Abteilungen: das Gymnasium für die wissenschaftliche und die Industrieschule für die technische Ausbildung. Und dass Zürich am 29. April 1833 im Hinteramt am Fröschengraben, an der heutigen Bahnhofstrasse bei der Augustinerkirche, eine eigene Universität eröffnen konnte, war ebenfalls weitgehend Erziehungsrat von Orelli zu verdanken.65 Schon die Zeitgenossen setzten ihn unter den Gründern an erste Stelle. Der engagierte Schulpolitiker verfasste auch wichtige Gesetze, Berichte und Lehrpläne. So 1832 den «Entwurf eines Gesetzes über die Organisation des gesamten Unterrichtswesens im Kanton Zürich», den erziehungsrätlichen Bericht zu diesem Entwurf und schliesslich das bereinigte Gesetz, welches der Grosse Rat am 28. September 1832 annahm. Im Auftrag des Erziehungsrates formulierte er sodann auf Ostern 1833 das «Programm der Zürcher Kantonsschule».66
PROFESSOR AM GYMNASIUM UND AN DER UNIVERSITÄT
Von 1833 bis zu seinem Tod im Amt am 6. Januar 1849 hatte Johann Caspar von Orelli eine Doppelstelle inne. Am 19. Januar 1833 wurde er zum Professor für Lateinische Sprache, Alte Geschichte und Literatur in der zweiten und dritten Klasse des Oberen Gymnasiums gewählt. Zu seinen Schülern zählte hier auch der spätere Dichter Conrad Ferdinand Meyer. Am 26. Januar 1833 erfolgte von Orellis Wahl zum ausserordentlichen Professor der klassischen Philologie an der Universität Zürich.67 Noch vor der Eröffnung der Hochschule wurde von Orelli zum Dekan der Philosophischen Fakultät gewählt worden. In den Jahren 1837 bis 1839 stand er dem Gymnasium als Rektor vor.
Starke Beanspruchung im Erziehungsrat zugunsten der Bildungsreform im Kanton Zürich nötigten Johann Caspar von Orelli, die Arbeit an den Editionen klassischer Werke einzuschränken. Die Verbindung zur Literatur brach aber nie ab. Nach dem Tode von Paul Usteri übernahm er im Mai 1831 vorübergehend die Redaktion der «Schweizerischen Literaturblätter», der literarischen Beilage der «Neuen Zürcher Zeitung».68 Und seit Herbst 1831 leitete er als Oberbibliothekar die Zürcher Stadtbibliothek.69
Das ehemalige Rütiamt oder Hinteramt am Fröschengraben in Zürich beherbergte von 1834 bis 1864 die Universität.
Das Verzeichnis der Publikationen von Johann Caspar von Orelli, das Robert Keist zusammengestellt hat und das 153 Titel auflistet, zeugt von fortgesetzter grosser Editionstätigkeit ab 1831. Das Interesse galt nun beispielsweise den Fabeln des Phädrus (1831), den Briefen des Plinius (1832), Trajan (1833), Salust (1840), Plato (1841) und Tacitus (1846). 1838 erschien der achte und letzte Band von Ciceros Werken im Druck, 1841 und 1844 veröffentlichte von Orelli ausgewählte Schriften Johann Caspar Lavaters, seines Paten, und 1843/44 folgten in zwei Bänden die Werke des Horaz.
Neben einer Fülle kritischer Textausgaben von griechischen, lateinischen und italienischen Klassikern edierte er auch neulateinische Dichter und Abschnitte aus den Kirchenvätern und gab kritische Schulkommentare heraus.70 Als Professor der Hermeneutik setzte er sich auch gründlich mit der Bibel auseinander. «Die Freisinnigkeit, mit welcher er mehrere Schriften des Neuen Testaments als unecht erklärte, erregte Aufsehen», hielt Orellis Bruder Hans Konrad fest.71 Als Liberaler und entschiedener Verfechter freier Forschung unterstützte Johann Caspar von Orelli am 26. Januar 1839 im Erziehungsrat die Berufung des liberalen Württemberger Theologen David Friedrich Strauss (1808−1874) als Professor für Dogmatik an die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Die Liberalen erhofften sich davon eine neue Reformation der Zürcher Landeskirche. Unter dem Druck der konservativ denkenden Landbevölkerung entschied indessen der Grosse Rat am 18. März 1839 nach mehrstündiger Debatte, David Friedrich Strauss, der sein Amt noch nicht angetreten hatte, mit einer jährlichen Pension von tausend Franken in den Ruhestand zu versetzen.
Johann Caspar von Orelli bedauerte diesen Beschluss. In einer Rede, die später im Druck erschien, wandte er sich am 17. März 1839 an die Studierenden der Hochschule.72 Mit scharfen Worten kritisierte er «das Verkehrte und Schändliche, das Unsinnige und Grässliche der Zerstörung der höchsten freien Bildungsstätte».73 Und die Studierenden dankten ihm mit den Worten: «Empfangen Sie unsern innigsten Dank; es spricht zugleich das Vaterland, die Wissenschaft, so wie sie in uns lebendig geworden. Nicht weil sie für den Herrn Prof. Strauss Ihre Stimme gegeben - denn darüber wären auch die Studierenden nicht einig - sondern weil Sie ihn rein um der Wissenschaft willen berufen, empfangen sie ihn.»74 Die Ereignisse, die als Straussen-Handel in die Geschichte eingegangen sind, eskalierten zum Züri-Putsch vom 5./6. September 1839. Sie führten zum Sturz der liberalen Regierung und zu Wechseln im Zürcher Erziehungsrat. Johann Caspar von Orelli schied als Mitglied aus, was er bedauerte. Doch seine Lehrfreiheit blieb unangetastet, und nach wie vor konnte er sich frei und offen aussprechen.75
TOD UND NACHLEBEN
Während Jahren hatte starker Tabakrauch aus Johann Caspar von Orellis Pfeife das Studierzimmer «wolkenhaft» erfüllt.76 Davon wurden offenbar die Schleimhäute der Luftröhre angegriffen. 1844 stellten sich erste Anzeichen von Ermattung ein, worauf der Professor die Unterrichtsverpflichtung am Gymnasium reduzierte. Seit Ende 1847 litt von Orelli unter heftigen Hustenanfällen, und er wurde zusehends schwächer. Dennoch setzte er seine wissenschaftliche Arbeit mit letzter Kraft fort. Am 6. Januar 1849, seinem Namenstag, starb er knapp 62jährig.
Zahlreiche Nekrologe würdigten den grossen Gelehrten.77 So hiess es unter anderem: «Unser Orelli ist leicht eine der glänzendsten und zugleich anmutigsten Erscheinungen, welche die zürcherische Gelehrtengeschichte aufzuweisen hat. In ihm war ein reicher Schatz der edelsten Gaben und Tugenden niedergelegt: bei Orelli vereinigten sich zu seltenem Bunde eine staunenswürdige Tätigkeit und fast unermessliche Gelehrsamkeit, die mehrere Nationen und Zeitalter in ihren Bereich gezogen - ein freier, von wundersamer Lebendigkeit getragener Geist, allem Idealen innig zugewendet - ein scharfer Verstand und nicht seltener treffender Witz - eine überall durchwirkende Humanität und ein feuriger Patriotismus.»78 Kürzer fasste sich Gottfried Keller am 10. März 1849 in einem Brief an den Komponisten Wilhelm Baumgartner: «Den alten Orelli habe ich sehr bedauert.»79
Kurz nach von Orellis Tod erteilte der Erziehungsrat dem jungen Tiroler Künstler Georg Hörbst aus Tauheim den Auftrag, eine Gipsbüste des Verstorbenen anzufertigen.80 Sie diente Rudolf Heinrich Meili von Stallikon später als Vorbild für die Orelli-Büste in Marmor.81 Letztere wurde am Dies academicus 1874 - 25 Jahre nach Orellis Tod - enthüllt und zierte die Aula des Polytechnikums, in dessen Südflügel damals die Universität untergebracht war.
Gipsbüste im Orelli-Saal, Künstlergasse 15, Zürich.
Heinrich Schweizer-Sidler, der schon die Grabrede gehalten hatte, würdigte bei diesem Anlass nochmals das Werk seines verstorbenen Lehrers.82 Die Marmorbüste steht heute vor der Aula der Universität. Die lange verschollene und wieder aufgefundene ältere Gipsbüste ziert seit 1996 einen Raum des Stockargutes an der Künstlergasse 15 in Zürich, der zum Andenken an den grossen Gelehrten «Orelli-Saal» benannt wurde.
Peter Ziegler
ANMERKUNGEN
1 Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. 5, Neuenburg 1929, S. 352.
2 Konrad von Orelli. Leben Johann Caspar Orellis, Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Zürich auf das Jahr 1851, S. 1.
3 Erica von Schulthess. Aus den Jugendjahren von Johann Caspar von Orelli, des Mitbegründers der Universität Zürich, Zürcher Taschenbuch (ZT) 1956, S. 84.
4 ZT 1956, S. 85.
5 Hans Schulthess. Die von Orelli von Locarno und Zürich, Zürich 1941, S. 218.
6 StAZ, F III 38, Landvogteirechnungen 1789-1798.
7 Zentralbibliothek Zürich, Familienarchiv Orelli. Drucke: ZT 1956 und J. Wirz. Briefe von Johann Kaspar von Orelli aus seinem 20. Lebensjahr, Neujahrsblatt 1890 und 1891 zum Besten des Waisenhauses in Zürich, Zürich 1890/91.
8 Hans Schulthess. Die von Orelli von Locarno und Zürich, S. 307.
9 Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann. Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952, Zürich 1953, S. 460.
10 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 2.
11 Peter Ziegler. Lesegesellschaft Wädenswil 1790 bis 1990, Wädenswil 1990, S. 5-9. Heinrich Eschmann war Mitgründer der Lesegesellschaft Wädenswil. Er unterrichtete in Wädenswil auch die Kinder von Landschreiber Konrad Keller (1741−1802).
12 Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann. Zürcher Pfarrerbuch, S. 522.
13 Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann. Zürcher Pfarrerbuch, S. 195.
14 Hermann Gattiker. Goethe in der obern Zürichseegegend, Zürich 1933, S. 63/64.
15 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 2. - Heinrich Leuthold wurde 1779 als Lehrer nach Wädenswil gewählt: Johann Heinrich Kägi. Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Wädenswil, Wädenswil 1867, S. 347.
16 ZT 1956, S. 90.
17 ZT 1956, S. 90.
18 Diethelm Fretz. Pestalozzi in Wädenswil, Neujahrsblatt 1946 der Lesegesellschaft Wädenswil, Wädenswil 1945, S. 3.
19 ZT 1956, S. 92. - Johann Heinrich Pestalozzi. Sämtliche Briefe, Bd. 5, Zürich 1961, S. 461.
20 ZT 1956, S. 92. - Neujahrsblatt 1890 zum Besten des Waisenhauses in Zürich, S. 8/9.
21 ZT 1956, S. 89.
22 ZT 1956, S. 89.
23 ZT 1956, S. 90.
24 Paul Leemann-van Elck. Druck Verlag Buchhandel im Kanton Zürich von den Anfängen bis um 1850. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 36, Heft 1, Zürich 1950, S. 53/54.
25 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 3.
26 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 3.
27 ZT 1956, S. 91.
28 Fritz Ernst. Professor Johann Caspar von Orelli und die Republik, Zürich 1949, S. 19.
29 ZT 1956, S. 94.
30 ZT 1956, S. 92. - Neujahrsblatt 1890 zum Besten des Waisenhauses in Zürich, S. 8/9.
31 ZT 1956, S. 96.
32 ZT 1956, S. 96.
33 ZT 1956, S. 100.
34 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 5.
35 ZT 1956, S. 102. - Neujahrsblatt 1891 zum Besten des Waisenhauses in Zürich, S. 27. Brief Johann Caspar von Orellis an August Heinrich Wirz in Leipzig, 10. August 1807.
36 ZT 1956, S. 83.
37 ZT 1956, S. 105.
38 ZT 1956, S. 116.
39 ZT 1956, S. 118.
40 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 6.
41 Otto Hunziker. Geschichte der Schweizerischen Volksschule, Bd. 3, Zürich 1882, S. 19.
42 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 6.
43 Leo Weisz. Die erste Schweizerschule in Italien. «Neue Zürcher Zeitung», Nr. 1453 vom 24. Juli 1930.
44 ZT 1956, S. 119.
45 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 7.
46 Die Schriften J. C. von Orellis sind zusammengestellt bei Robert Keist. Johann Caspar von Orelli, Zürich 1933, S. 321-333. Das Verzeichnis umfasst über 150 Werke.
47 Heinrich Schweizer-Sidler. Gedächtnisrede auf J. Caspar Orelli, gehalten nach der Enthüllung einer in der Aula des Polytechnikums aufgestellten Marmorbüste des Gefeierten, Zürich 1874, S. 7.
48 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 8/9.
49 Monika Landert-Scheuber. Das Politische Institut in Zürich 1807-1833, Zürich 1992, S. 20/21.
50 Die Universität Zürich 1833-1933, Zürich 1938, S. 140.
51 Stimmen über das Turnwesen in Beziehung auf die schweizerischen Turnanstalten. Gesammelt und herausgegeben von J. C. von Orelli, Professor, Zürich 1820.
52 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 11.
53 Alfred Mantel. Die zürcherische Volksschule vor dem Ustertag, in: Volksschule und Lehrerbildung 1832−1932, Zürich 1933, S. 90/91.
54 Hans Schulthess. Die von Orelli von Locarno und Zürich, S. 311.
55 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 11, 18. - Hans Schulthess, S. 311 spricht von der Tochter Eugenia.
56 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 15. Arnold starb am 11. März 1836.
57 Hans Schulthess. Die von Orelli von Locarno und Zürich, S. 311.
58 Bernhard Spyri in der “Eidgenössischen Zeitung” vom 9. Januar 1849.
59 Erinnerungen von Prof. Heinrich Spöndly, «Neue Zürcher Zeitung» Nr. 1598 vom 8. Oktober 1916.
60 Hans Schulthess, Die von Orelli von Locarno und Zürich, S. 309.
61 Die Universität Zürich 1833-1933, S. 360.
62 Zentralbibliothek Zürich, AJ 537. Cicero, 8 Bände, Zürich 1826-1838.
63 Die Universität Zürich 1833-1933, S. 141.
64 Robert Keist. Johann Caspar von Orelli, S. 142/143.
65 Gotthard Schmid. Die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich, Zürich 1954, S. 261.
66 Robert Keist. Johann Caspar von Orelli, S. 328/329 (Schriften Nr. 96, 105, 106, 107, 110).
67 Robert Keist. Johann Caspar von Orelli, S. 306.
68 Robert Keist. Johann Caspar von Orelli, S. 232.
69 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 13. Die Wahl zum Ober-Stadtbibliothekar erfolgte am 25. September 1831.
70 Heinrich Schweizer-Sidler, Gedächtnisrede, S. 7.
71 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 10.
72 Johann Caspar Orelli’s Anrede an die Studierenden der Hochschule Zürich über die Berufung des Herrn Professor Strauss. Den 17. März 1839. Nebst der Adresse der Studierenden an den Professor Orelli, Zürich 1839.
73 Heinrich Schweizer-Sidler, Gedächtnisrede, S. 15.
74 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 15 (Anmerkung).
75 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 15.
76 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 18.
77 Worte am Grabe des seligen Prof. Dr. J.C. v. Orelli. Trauerrede gehalten von Heinrich Schweizer und Nachruf von Oswald Heer, Zürich 1849.
78 Otto Hunziker, Geschichte der Schweizerischen Volksschule, Bd. 3, S. 18.
79 Gottfried Keller. Gesammelte Briefe, Bd. 1, Bern 1950, S. 281.
80 Neujahrsblatt 1851 der Stadtbibliothek Zürich, S. 20.