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Amerika galt lange als Land der Verheißung. Die "Neue Welt" faszinierte das alte Europa und schenkte in den vergangenen Jahrhunderten vielen Menschen ein neues Obdach. Zugleich verbinden sich mit Amerika, gestern und heute, viele Widersprüche. Das letzte Buch, das Martin Walser vor seinem Tod in einer Neuauflage publizieren ließ, berichtet von seinen Amerikafahrten. Der Schriftsteller verknüpft poetisch kolorierte Impressionen, Beobachtungen und Wahrnehmungen und lässt so sein Bild von Amerika vor dem geistigen Auge der Leserschaft entstehen.
"Wer erklärt mir mein Heimweh nach Amerika?" Besonders Intellektuelle aus Deutschland würden kaum solche Worte wählen. Walser nimmt die Frage zwar nachdenklich auf, doch er scheut sich nicht davor, sich zu einem Gefühl, ja zu seiner Freude an einem amerikanischen Lebensgefühl zu bekennen. In Diskursen über Amerika hierzulande herrscht oft eine verstockte Hochmütigkeit vor. Die vermeintliche Kulturlosigkeit jenseits des Atlantiks wird beklagt. Klischees über Amerika gibt es zuhauf. Walser sinniert: "Warum bleibt mir die Tankstelle als wäre sie von Michelangelo?" Er kontrastiert Bilder, Vorstellungen, Fantasien. Wer mit Edward Hoppers Kunst vertraut ist, sieht ein anderes Amerika vor sich. Auch die Illustrationen von Dirk Görtler zeigen die Landschaften, Alltagsszenen und vielfältige Eindrücke in ihrem Reichtum.
"Ich hatte immer, wenn ich in Amerika war, Grund genug, dieses Land zu mögen. Die Kinder hatten es hier in der Schule schöner als in der Schule zuhause. In Amerika wurden sie eher wie Menschen behandelt und nie wie kleine schadhafte Maschinen, die man dem Lehrer zum Reparieren bringt."Walser erinnert an im 18. Jahrhundert ausgewanderte Protestanten, die von England aus nach Amerika übersiedelten. Mit dem fernen Land verbinden sich Begriffe wie "Wildnis, Idylle, Sklavenausbedeutung, Freiheit", die der Schriftsteller nennt, ohne sie erzählerisch zu entfalten. Er schildert die Erschöpfung der Einwanderer, die mühselige Ankunft und die Fantasie, dass Texas im 19. Jahrhundert ein "deutscher Staat" hätte werden können. Dann wendet sich Martin Walser seiner eigenen Zeit, seinen Erfahrungen mit Amerika zu, voller Dankbarkeit: "Ich hatte immer, wenn ich in Amerika war, Grund genug, dieses Land zu mögen. Die Kinder hatten es hier in der Schule schöner als in der Schule zuhause. In Amerika wurden sie eher wie Menschen behandelt und nie wie kleine schadhafte Maschinen, die man dem Lehrer zum Reparieren bringt. Für mich selber hatte die Entfernung vom bundesrepublikanischen Kulturbetrieb jedesmal Kurcharakter." Leser mögen staunen, nicht über die knappe Kritik der Zwangsanstalt Schule in Deutschland, die Walser präzise und nüchtern übt, sondern vielleicht darüber, dass die Amerikafahrt eine schöpferische Pause ermöglicht, nicht von der Kultur wohlgemerkt, aber von dem deutschen Kulturbetrieb, der für Literaten einfach nur anstrengend sein kann. In der Schule erfahren Walsers Kinder eine in solchen Institutionen kaum vermutete Freundlichkeit, Güte und Offenheit. Und wer je Baseball gespielt oder angesehen hat, der weiß, dass dieses fast mythisch verklärte Feld der Träume im amerikanischen Sport nicht zum Exerzierplatz taugt.
"Jedes Auto, das in Amerika entworfen wird, träumt davon, ein Rolls Royce zu sein. Ungeschlachte Eleganz, das ist das Ziel."Martin Walser schaut sich die Autos an, freut sich an "wahnwitzigen Schlachtschiffphantasien" und den "dunkelroten Blechkubismen": "Jedes Auto, das in Amerika entworfen wird, träumt davon, ein Rolls Royce zu sein. Ungeschlachte Eleganz, das ist das Ziel. Fünflitermotoren, gigantische Benzinsäufer, 300 PS, in einem Land, in dem auf allen Straßen und Autobahnen nicht mehr als 55 Meilen, also 90 Kilometer pro Stunde gefahren werden dürfen." Die Einwanderer stammen aus vielen Ländern, tragen Namen, die ihre italienische, slowakische, irische oder ukrainische Herkunft verraten. Einander verbunden sind sie durch ein "Wunderwesen", nämlich durch das "amerikanische Englisch": "Es ist eine Decke für alle." Martin Walser beobachtet, dass die Menschen im Alltag einander leichter, viel unkomplizierter helfen als in Deutschland. Ebenso erinnert er sich an die Klage von Europäern, "dass die amerikanische Freundschaft nicht tief genug gehe". Da es kein Wort für Bekanntschaft gebe, sei jeder Bekannte dort eben ein Freund, ein "friend": "Die Klage über die Oberflächlichkeit der Freundschaft ist keine inneramerikanische. Sie wird immer von den Deutschen erhoben. Wir wollen offenbar tiefer geliebt werden, als man uns liebt. Nach verschiedenen Erfahrungen hier und dort ziehe ich es vor, Freund auf amerikanische Weise zu gebrauchen. Mit möglichst kleinem f. Meistens ist der große deutsche Anfangsbuchstabe doch viel zu groß für das, was damit bezeichnet wird. Das amerikanische f kommt mir realistischer vor."
Europa könnte, so Walser, eine "überschätzte Beerdigungskultur" sein, spröde, selbstgewiss und auch herablassend, ja arrogant. In Amerika findet er Möglichkeiten, Freiräume, das "Heimweh nach Amerika" könnte ein "Heimweh sein nach Zukunft". Doch zugleich sieht Martin Walser die höchst eigenen Formen des religiösen Lebens. Religion sei in Amerika die "goldenste" unter allen "Credit Cards": "Wer glaubt schon an den Gott, auf den sich beruft, der Glück gehabt hat?" Gott sei in Amerika wie ein "Partner, den jeder in sein Geschäft aufnehmen kann". In den Medien fände eine "Konsolidierung der Kultur der Unterhaltung" statt. Walser sammelt Eindrücke, er bleibt zurückhaltend mit Bewertungen und Urteilungen, sagt schlicht über die Kulturindustrie in Amerika und die Sphäre der Religion, dass all dies "nicht mein Fach" sei. Gleichwohl bleibt er dem Land und seinen Bürgern zugewandt, die "Amerika-Reise" sei die "Bildungsreise meiner Generation": "Nicht mehr die Grand Tour zur Medici-Venus und zum Apoll von Belvedere und zu Raffael, überhaupt keine Kunst- und Kulturreise mehr, sondern eine Reise ausschließlich zu einer Lebensart." Amerika, das ist für Martin Walser eine Art zu leben, ein außereuropäisches Lebensgefühl – und erstaunlich, geradezu paradox mag scheinen, dass er die Fahrten nach Amerika als Bildungsreisen begreift. Vielleicht darf dies so verstanden werden: Diese Reisen in das ferne, weite Land weiten den Horizont ungemein, in jeder Hinsicht. Walsers Amerika ist wirklich eine literarische Reise wert.