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J.D. Salinger, der notorisch öffentlichkeitsscheue US-Starautor von «The Catcher in the Rye», ist so etwas wie der Zauberer von Oz in der Traumwelt dieses Films. Sein Name, und ihre Erinnerungen an das Jahr, in dem sie als Assistentin einer New Yorker Literaturagentin die Fanpost an den Autor mit Standardbriefen beantworten musste, haben den Roman von Joanna Rakoff zum Bestseller gemacht.
Dabei hat sich die Autorin jahrelang geweigert, über ihre kurze Zeit bei der New Yorker Literaturagentur zu schreiben. Sie wollte auf keinen Fall wie eine Trittbrettfahrerin daherkommen.
Zum Glück für uns hat sie sich zunächst anderweitig als Autorin beweisen können und wurde dann vom Leben und ihrer eigenen Literaturagentin gerade so weit gebeutelt, dass sie einen kurzen Text über ihr «Salinger-Jahr» verfasste. Dann bei einer Dokumentation der BBC mitarbeitete. Und schliesslich doch das Buch schrieb, das der Kanadier Philippe Falardeau nun verfilmt hat.
Und Falardeau hat dafür gesorgt, dass auch sein Film die «Salinger-Exploitation» auf den Titel beschränkt. Das Gesicht des Autors ist nie zu sehen, Joanna hat ihn ein paar Mal am Telefon, eine freundliche Stimme, die sie auffordert, ihre Berufung zu Schriftstellerin nicht zu verleugnen und täglich etwas zu schreiben.
My Salinger Year erzählt von den Ambitionen und den Träumen junger Menschen, von der Faszination einer 23jährigen für New York und die endlosen Möglichkeiten, welche die Stadt 1996 einer optimistischen jungen Frau wohl noch immer versprechen konnte.
Joanna Rakoff wird gespielt von Andie McDowells Tochter Margaret Qualley, die eben noch als Manson-Hippie bei Brad Pitt im Auto die schmutzigen nackten Füsse aufs Dashboard gelegt hat, in Quentin Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood.
Bei Falardeau trägt sie nun den ganzen Film, ziemlich souverän, insbesondere im Duett mit Sigourney Weaver, welche ihre Chefin spielt. Das fängt damit an, dass die junge Joanna zu Beginn des Films direkt in die Kamera spricht, ihre Situation und ihre Träume umreisst und so bereits eine gewisse retrospektive Distanz markiert zu dem, was dann kommt.
Das ist eine schauspielerische Leistung, mit dem leichten Zucken eines Mundwinkels gleich vorweg in Frage zu stellen, was diese Joanna danach an Träumerei, an Mut und an Verzagtheit überzeugend durchleben wird.
Wenn die junge Frau von einzelnen Briefen an Salinger so gerührt wird, dass sie sie auf eigene Faust beantwortet, statt sie pflichtbewusst zu schreddern und mit standardsierten Hinweisen auf Salingers Weigerung, Fan-Post zu erhalten zu beantworten, dann geht man auch darum mit, weil Philippe Falardeau den einfachen, aber wirkungsvollen Kniff anwendet, die Briefe-Schreiberinnen und -Schreiber zu zeigen – in Joannas Imagination.
Was allerdings nicht verhindert, dass eine dieser Schreiberinnen sie dann ausgesprochen wütend und real im Agenturhaus aufsucht und Joannas gutgemeinte Aktion nicht ganz zu Unrecht als böse Arroganz bezeichnet.
Es sind solche Kontraste, welche My Salinger Year zu einem echten Vergnügen machen. Sigourney Weavers gestrenge Literaturagentin ist das Zerrbild dessen, was aus Joanna hätte werden können, und Joanna wiederum für die ältere Frau ein Spiegel des Verpassten. Dass die beiden trotz allem nicht Antagonisten sind, sondern sich zunehmend mögen und verstehen, das gehört zu den wirklich schönen Zügen dieses Films.
Und dann ist da noch der Kontrast zwischen der althergebracht traditionellen Literaturagentur, welche den eben aufkommenden Computern trotzt und mit Karteikarten, Schreibmaschinen und Diktiergeräten einen Hauch von kultivierter, leicht dekadenter Arroganz verbreitet.
My Salinger Year ist ein schöner Mix aus Coming-of-Age und Nostalgie für eine Welt, in welcher «The New Yorker» noch das Mass aller literarischen Ambitionen darstellte, und das alles durch die Augen einer längst erwachsenen Frau auf ihr jüngeres Selbst, liebevoll und abgeklärt.
Eine schöne Eröffnung für diese 70. Berlinale, deren Wettbewerb noch harte Kost verspricht.
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