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Sarah Owens
Design in the plural
Sarah Owens ist Designdozentin und -forscherin. Ihre Biografie entzieht sich einer gradlinigen Erzählung und lässt sich mit einer Landkarte vergleichen, deren Gebiete durchlässige Grenzen haben. Das zeigt sich auch in den Gründen ihrer Entscheidung, Design zu studieren: Sarah Owens dachte zuerst an eine Karriere als Musikerin, wurde aber Designerin, weil sie so die Begrenzungen der Berufe überschreiten und in vielseitigen Bereichen arbeiten konnte. Ihre Biografie ist eine transdisziplinäre Reise mit Abstechern in Geschichte, Bildung, Film und Literatur.
Nach einem Abschluss in Kommunikationsdesign an der Hochschule Augsburg arbeitete Sarah Owens als Editorial und Corporate Designerin in München und Stuttgart. Die Dotcom-Blase und die Entfremdung zwischen dem Gelernten und der Berufsrealität brachten sie dazu, einen anderen Aspekt ihrer Disziplin zu erforschen. Sie studierte Designgeschichte am Royal College of Art in London, wo sie mit einer Masterarbeit abschloss, in der sie ein Jugendmagazin als textlichen und bildlichen Ausdruck von kulturellen Überzeugungen und gesellschaftlichen Konditionen der 1990er-Jahre analysierte. Aus zunehmendem Interesse für das Fachwissen und die Selbstdefinition von Grafikdesignerinnen und -designern verfasste sie an der University of Reading eine Dissertation zur Beziehung zwischen Alltagsgrafik und professioneller Gestaltungspraxis. Ihre Studien ermöglichten ihr den versierten Umgang mit vielfältigen Diskursen aus der Soziologie, Philosophie und Sozialanthropologie, welche auch für Design relevant sind. Während ihrer Arbeit an der Dissertation erhielt sie ein Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart, wo sie eine Plattform für Designtheorie entwickelte und eine erweiterte Definition von Design als Zentrum jeder menschlichen Aktivität untersuchte. Die grundlegenden Interessen ihrer Forschung – Fachkenntnis, Wissen, Identität und Othering – kommen in ihrer Karriere immer wieder zum Vorschein.
Sarah Owens dozierte zuerst an Universitäten im Vereinigten Königreich und führte ihre akademische Laufbahn anschliessend während mehr als zehn Jahren an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) fort, wo sie zurzeit als Professorin und Leiterin der Fachrichtung Visual Communication arbeitet. Beim Unterrichten, Forschen und Beraten geht sie nach einem untersuchenden Ansatz vor, der aus der Sozialanthropologie stammt: Ein Ansatz, der Menschen und Phänomenen in der Begegnung volle Aufmerksamkeit schenkt und zu gemeinsamen Gesprächen anregt. Auch in ihren Vorträgen zu Design und visueller Kultur, in Herausgeberschaften und Beiträgen zur Designtheorie sowie in Forschungsprojekten steht der Dialog im Vordergrund. Dies hat ihre Herangehensweise nachhaltig beeinflusst und sie insbesondere zur Beschäftigung mit dem Einfluss von Mythen und Narrativen des Designs und zur Erforschung von Themen wie Ungleichheit, Normativität und Exklusivität angeregt – Themen, die auch in ihre Lehrtätigkeit einfliessen. In der Ausbildung will sie deshalb die Grenzen des Designs ausweiten und den Studierenden so neue Perspektiven und ein offenes Herangehen an das Designschaffen ermöglichen. Sie setzt sich für eine Bildung ein, die über das Vermitteln von Kompetenzen hinausgeht.
Die Überwindung disziplinärer Grenzen ist Sarah Owens auch bei kulturellen Aktivitäten wie Literatur oder Film wichtig, um ihre Interessen für Bilder, Erinnerung, Geschichte und Marginalisierung zu verknüpfen. Unter anderem ist sie Mitorganisatorin des Black Film Festival Zurich. Das jährlich stattfindende Festival setzt den Schwerpunkt auf nicht-stereotype Erzählungen über Identität, Geschlecht oder race. Sie liest mit Begeisterung alles von Lyrik bis Science-Fiction und nahm auch an einer Serie von Literaturveranstaltungen teil, an denen sie bedeutende zeitgenössische Autorinnen wie Roxane Gay und Taiye Selasi interviewte. Sie brachte in diesen Gesprächen nicht nur ihren akademischen Hintergrund mit, sondern auch ihre eigenen Erfahrungen als Leserin. Ihr Interesse für das ganze Spektrum des Wissens spiegelt sich in ihrem Streben nach Austausch und Kontakt mit einer breiteren Gemeinschaft, und dem Verhandeln von Repräsentation und Sichtbarkeit ausserhalb der Universitäten. Diese Aktivitäten sind vielleicht die Essenz von Sarah Owens Laufbahn: die Leidenschaft für ein Wissen, das sich gegen Hierarchien stellt, die Vielfalt feiert und Inklusion anstrebt, aber auch das fortwährende Engagement, um dieses Wissen zu teilen und gemeinsam zu erweitern.
Jonas Berthod