Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/1782

| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Fünftes Buch
5. Kap. Gott schickt dem Kaiser Mark Aurel auf unsere Gebete hin Regen.
5. Von seinem Bruder,1 Kaiser Mark Aurel, wird erzählt, daß er im Kampfe mit den Germanen und Sarmaten in große Not geriet, weil sein Heer von Durst [S. 225] gequält wurde. Da knieten sich die Soldaten der sog. melitenischen Legion,2 welche infolge ihres Glaubens von jener Zeit an noch bis auf den heutigen Tag besteht als sie schon dem Feinde gegenüber Stellung genommen auf den Boden, wie es bei uns während des Betens Brauch ist, und flehten zu Gott. Dieser Anblick schon erschien den Feinden wunderbar. Aber es sollte sogleich, wie die Erzählung weiß, noch etwas viel Wunderbareres folgen: ein Unwetter, das die Feinde in Flucht und Verderben trieb, und ein Regen, der über die Truppe mit den Betern sich ergoß und der gesamten Mannschaft, nahe daran, an Durst zu sterben, Erquickung brachte. Diese Geschichte wird sowohl von nichtchristlichen Schriftstellern, welche über die damalige Zeit geschrieben haben, berichtet,3 als auch von unseren eigenen Geschichtschreibern mitgeteilt. Aber die heidnischen Schriftsteller erwähnen zwar das Wunder, geben indes, weil dem Glauben fremd, nicht zu, daß es auf unsere Bitten hin erfolgt ist. Die Unsrigen jedoch überliefern als Freunde der Wahrheit in einfacher und ehrlicher Weise die Tatsache. Zu den letzteren dürfte auch Apollinarius gehören, der erzählt, daß von der Zeit an die Legion, durch deren Gebet das Wunder gewirkt worden war, vom Kaiser ein an das Ereignis erinnerndes Prä- [S. 226] dikat erhalten habe, d. h. mit dem lateinischen Worte „Blitzschleuderer“ bezeichnet worden sei.4 Ein glaubwürdiger Zeuge dürfte weiter Tertullian sein, der an den Senat zugunsten unseres Glaubens eine schon früher von uns erwähnte5 lateinische Apologie geschrieben hat und darin die geschichtliche Tatsache mit stärkerem, kräftigerem Beweise bestätigt. Er schreibt,6 noch zu seiner Zeit seien Briefe des erleuchtetsten Kaisers Markus vorhanden gewesen, worin dieser bezeugt, daß sein Heer, als es in Germanien daran war, infolge Wassermangels zusammenzubrechen, durch das Gebet der Christen gerettet worden sei. Er erzählt von ihm auch noch, er habe diejenigen mit dem Tode bedroht, welche gegen uns Klage führen wollten. Tertullian fährt nach dieser Erzählung also fort: „Was sind das für Gesetze, gottlos, ungerecht, grausam, die nur gegen uns zur Anwendung kommen? Vespasian, der Sieger über die Juden, hat sie nicht beobachtet, und Trajan hat sie durch sein Verbot, nach den Christen zu fahnden, zum Teil außer Kraft gesetzt. Weder Hadrian, der doch den kleinsten Dingen übertriebene Sorgfalt schenkte, noch der sogenannte Pius haben sie bestätigt.“ Doch über jene Geschichte mag jeder urteilen, wie er will.
Wir wollen den Verlauf der Ereignisse weiter verfolgen! Nachdem Pothinus in einem Alter von vollen 90 Jahren mit den gallischen Märtyrern zur Vollendung gelangt war, wurde Irenäus Nachfolger in dem bischöflichen Amte der Kirche von Lugdunum, wo Pothinus Hirte gewesen. Irenäus aber war, wie wir erfahren haben, in seiner Jugend Hörer Polykarps. Im dritten Buche seiner Schrift „Gegen die Häresien“ gibt er die Reihenfolge der römischen Bischöfe an und stellt einen Katalog [S. 227] auf bis Eleutherus, dessen Zeitgeschichte wir eben behandeln; unter ihm hatte er seine Schrift ausgearbeitet.
1: Der soeben erwähnte Antoninus ist identisch mit Mark Aurel. Da dessen Bruder im Vorausgehenden nicht erwähnt worden ist, ist anzunehmen, daß die Vorlage, aus welcher Eusebius den folgenden Bericht über das Regenwunder genommen hat, zuvor über den Bruder des Kaisers Mark Aurel geschrieben hatte.
2: Melitene, an einem Nebenfluß des Euphrat gelegen, seit Trajan eine der bedeutendsten Städte im Inneren Kleinasiens, war schon unter Titus Standquartier der 12, Legion.
3: Die heidnischen Schriftsteller Julius Capitolinus (Vita M. Aurelii 24), Klaudius Apolin. (in VI. Cons. Honorii carm. 28), Themistocles (Oratio τίς ἡ βασιλικωτάτη τῶν ἀρετῶν) und Dio Cassius (Histor. Rom. 71, 8) berichten das Regenwunder, schreiben es aber dem Gebete des Kaisers bzw. dem ägyptischen Magier Arnuphis zu. Eine dem Kaiser vom Senate errichtete Bildsäule sowie Münzen feierten Mark Aurel als Erretter seines Heeres. Vgl. die Untersuchungen von A. v. Harnack in Sitzungsber. d. Akademie der Wiss. zu Berlin 1894, S. 835—882, von C. Weizsäcker in Einleitung zur akadem. Preisverteilung in Tübingen 1894, von Mommsen in Hermes 1895, S. 90—106, von E. Petersen in Rhein. Museum f. Philologie 1895, S. 453—474.
4: Die Bezeichnung legio fulminatrix war viel älter als das erwähnte Regenwunder. Vgl. Dio Cassius, Vita M. Aurelii 55, 23.
5: Oben II 2. 25; III 33.
6: Apol. 5; vgl. Ad Scap. 4.