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Eurasiatischer Löffler
Platalea leucorodia
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Der Eurasiatische Löffler (Platalea leucorodia) ist ein Mitglied der 32 Arten umfassenden Familie der Ibisvögel (Threskiornithidae). Er weist gewöhnlich eine Standhöhe von 80 bis 90 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 115 bis 130 Zentimetern und ein Gewicht zwischen 1,1 und 2 Kilogramm auf. Die Männchen sind im Allgemeinen etwas grösser als die Weibchen und haben insbesondere einen deutlich längeren Schnabel und längere Beine.
Das Verbreitungsgebiet des Eurasiatischen Löfflers ist überaus weit: Es erstreckt sich von Portugal im Westen bis Japan im Osten quer durch das südliche und zentrale Eurasien sowie über Teile Nordafrikas. Die in Europa brütenden Individuen sind ausgeprägte Zugvögel. Teils überwintern sie im Bereich des Mittelmeers, vor allem entlang der afrikanischen Nordküste, teils auch weiter südlich in den tropischen Bereichen des nördlichen Afrika.
Als Nahrungsgründe dienen dem Eurasiatischen Löffler grössere Wasserflächen von geringer und einigermassen gleichmässiger Tiefe, deren Boden aus Schlick, feinem Sand oder Lehm besteht, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um Süss-, Brack- oder Salzwasser handelt. Im Bereich solcher Gewässer jagt der Eurasiatische Löffler in der Regel nicht nach Sicht, sondern indem er seinen hoch empfindlichen Tastsinn einsetzt. Dieser befindet sich in Form von Tastsinneszellen auf der Innenseite der Schnabelspitze unter der Hornschicht. Da die Schnabelspitze abgeplattet ist, haben dort besonders viele Sinneszellen Platz. Die löffelförmige Schnabelspitze stellt also einen besonders leistungsfähigen «Sensor» dar.
Bei der Beutesuche taucht der Löffler seinen Schnabel beinahe senkrecht bis zum Gewässergrund ins Wasser ein, öffnet ihn ein paar Zentimeter weit, schwingt dann den Kopf halbkreisförmig nach links und nach rechts und schreitet gleichzeitig voran. Sobald eine unsichtbare Beute den Schnabel berührt, schnappt dieser reflexartig zu - und was immer es war, wird «blindlings» gepackt und hernach verschluckt. Zur Beute fällt dem Eurasiatischen Löffler ein breites Spektrum von Tieren, welche am Grund seichter Gewässer leben. Hauptsächlich handelt es sich um Insekten und deren Larven, ferner um diverse Krebstiere, Schnecken und Würmer sowie Frösche, Kaulquappen und auch kleine Fische.
Beim Nahrungserwerb ebenso wie beim Fliegen von den Schlafplätzen zu den Nahrungsgründen und beim Ruhen erweisen sich die Eurasiatischen Löffler als gesellige Vögel: Stets bilden sie kleinere oder grössere Verbände mit ihresgleichen. Auch dem Brutgeschäft widmen sie sich in Kolonien. Diese befinden sich meistens in kleinen Gehölzgruppen, die sich inmitten dichter, unzugänglicher Röhrichtflächen befinden. Das Nest besteht im Allgemeinen aus einem grossen, wenig kunstvollen Haufen von Schilfhalmen und Zweigen. Die Nestmulde wird gewöhnlich mit Gräsern und Blättern ausgekleidet. Das Gelege umfasst zwei bis sieben, am häufigsten aber drei Eier. Diese werden von den beiden Altvögeln partnerschaftlich während 24 bis 25 Tagen bebrütet.
Die frisch geschlüpften Löffler sind nackte, völlig hilflose Nesthocker. Ihr Schnabel ist anfangs kurz und dick und gleicht demjenigen der Eltern überhaupt nicht. Schon nach einer Woche beginnt sich jedoch seine Spitze abzuplatten, und eine weitere Woche später sieht er bereits aus wie eine Miniaturausgabe des elterlichen Schnabels. Mit ungefähr sieben Wochen sind die Junglöffler flugfähig, mit zehn bis zwölf Wochen lösen sie sich von ihren Eltern. Aufgrund von Ringfunden wissen wir, dass die Eurasiatischen Löffler in der freien Wildbahn mindestens 28 Jahre alt werden können.
Noch ist der Eurasiatische Löffler ein ziemlich häufiger Vogel. Seine globale Population wird auf etwa 60 000 Individuen geschätzt. Rund fünfzig Prozent davon brüten in Europa. Hier verzeichneten die Bestände im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielerorts einen starken Schwund, teils verursacht durch übermässigen Abschuss für den Verzehr sowie Störungen im Bereich der Brutkolonien, teils aber auch durch die Vergiftung mit chemischen Substanzen aller Art, welche in Abwässern und Pestiziden enthalten waren. Solche gelangten zeitweise in grossen Mengen in ihre Nahrungsgewässer, lagerten sich an deren Boden ab und wurden von den Löfflern via ihre mehrheitlich am und im Gewässergrund lebenden Beutetiere in gesundheitsschädigenden Mengen eingenommen.
Dank des zunehmenden Schutzes der Vogelwelt und ihrer Brutplätze, der Verminderung der Gewässerverschmutzung und des Verbots des Einsatzes besonders bedenklicher Chemikalien in Schädlingsbekämpfungsmitteln hat sich die Lage in den vergangenen Jahrzehnten allmählich entspannt. Heute sind die meisten europäischen Löfflerbestände ziemlich stabil oder wachsen - wie in Portugal, den Niederlanden und Ungarn - sogar an.
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