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Leute - 01.08.2023 - 09:00
Christine Abbt schloss ihr Studium der Germanistik, Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität Zürich ab. Im Anschluss daran war sie wissenschaftliche Assistentin in Angewandter Ethik und Medizinethik an der Universität Basel und Kollegiatin am Collegium Helveticum der ETH Zürich. Sie absolvierte in Zürich einen zweiten Master in Angewandter Ethik und erlangte das Diplom Höheres Lehramt für die Fächer Philosophie und Deutsch. Im Jahr 2005 promovierte sie in Philosophie an der Universität Zürich mit der Dissertationsschrift «Wortverlassen. Die literarische Darstellung von Sprachlosigkeit als Herausforderung für die philosophische Ethik». Von 2006-2010 war sie wissenschaftliche Assistentin in Politischer Philosophie an der Universität Zürich und leitete bis 2014 zudem das Weiterbildungsprogramm des Philosophischen Seminars.
2016 habilitierte sie sich mit ihrem Buch «Ich vergesse. Zum Verhältnis von Denken und Vergessen aus philosophischer Perspektive» an der Universität Zürich und erlang die Venia Legendi in Philosophie. Bereits 2014 bewarb sich erfolgreich um eine Förderungsprofessur beim Schweizerischen Nationalfonds (heute: SNSF Eccellenza) mit dem Forschungsprojekt «Fremd- und Vieltuerei/Allotrio- und Polypragmosyne. Zur Bedeutung von Formen der Nicht-Identität für die Demokratie», welches sie von 2015-2019 mit einem Team an der Universität Luzern realisierte. 2019 erhielt sie einen Ruf nach Österreich. Von 2020 bis Sommer 2023 war sie an der Universität Graz Ordentliche Professorin und Leiterin des Arbeitsbereichs Politische Philosophie. Während ihrer akademischen Karriere erhielt sie verschiedene Auszeichnungen, die sie an renommierte internationale Forschungsinstitutionen führte u.a. an die «School of Theory and Criticism» der Cornell University, an das «Committee on Social Thought» der University of Chicago, ans «Istituto Svizzero di Roma», ans «Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften» in Wien oder zum Exzellenzcluster «Normative Orders» an der Universität Frankfurt am Main.
Demokratietheorie, Kulturphilosophie, Politische Ästhetik und Gedächtnistheorie stellen die Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Christine Abbt dar. Europäische Antike, Aufklärung, 1968er Jahre und Gegenwart bilden den historischen Fokus. Ihre in der Habilitationsschrift vorgelegte Philosophie des Vergessens verdeutlicht die intrikate Wechselbeziehung von Denken und Vergessen. Die Ergebnisse wurden international rezipiert und trugen zu einer Rehabilitierung der Formen des Vergessens im Kontext der Gedächtnistheorie und einer Neubestimmung der memory studies bei.
Sie ist Expertin für radikale Demokratieverständnisse und beschäftigt sich mit Ansätzen der Sozialphilosophie, der Dekonstruktion und der kritischen Theorie. Ausgehend von den Untersuchungen zum demokratischen Selbstverständnis in der griechischen Antike argumentiert sie für ein transformatives Freiheitsverständnis und gegen einen exklusiven demos-Begriff. Bereits in Luzern forschte Christine Abbt zum Begriff der polypragmosyne (Vielgeschäftigkeit) und dem darin Ausdruck findenden demokratischen Identitätskonzept.
Prof. Dr. Christine Abbt verfolgt aktuell zwei Forschungsprojekte: Das erste Projekt zielt darauf ab, eine alternative Demokratietheorie vorzulegen, worin begründet wird, warum demokratische Ordnungen und transformatives Freiheitsverständnis eng aufeinander bezogen sind und welche Konsequenzen daraus gesellschaftlich und politisch resultieren.
Das zweite Projekt ist politik-ästhetisch ausgerichtet. Untersucht wird die anti-demokratische Kritik an Imitationserfahrungen in der Geschichte der Politischen Philosophie seit der Aufklärung. Anti-demokratische Positionen unterstreichen die Determiniertheit von Menschen und Verhältnissen. Wo Freiheit als transformative abgelehnt wird, findet sich darum häufig ein dezidierter Vorbehalt gegen Praktiken, welche Spielräume erfahrbar machen. Ausgehend von der historischen Perspektive wird systematisch nach der politischen Wirkung von sozialer Imitation und erprobendem Rollenspiel gefragt.
Christine Abbt ist eingebunden in verschiedene inter- und transdisziplinäre Forschungskooperationen insbesondere mit den Rechts- und Politikwissenschaften, sowie mit den Kultur- und Literaturwissenschaften. Kooperationen bestehen u.a. zur Demokratieforschung, zu Fragen politischer Pluralität, zu Metaphern der Mitgliedschaft in philosophischen Argumenten über Migration und zu Neutralität als wissenschaftlichem und politischem Konzept.
Christine Abbt verfügt über eine umfangreiche und langjährige Lehrerfahrung. Ihr übergeordnetes Ziel ist die Förderung eines differenzierten, kreativ-freien, kritischen Denkens. In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Texten und Positionen wird der Blick für Widersprüche und haltlose Behauptungen geschärft, die Freude an Erkenntnis, Perspektivenwechsel und Selbstreflexion geweckt und die Suche nach starken Argumenten für und gegen die eigene Sichtweise vertieft.
Prof. Dr. Christine Abbt tritt die Nachfolge von Prof. Dr. Dieter Thomä an.
Bild: Sabina Bobst