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„Riri, du wirst es nicht glauben! Als ich gestern Nachmittag nichts ahnend vor mich hingeträumt und die Abendsonne genossen habe, hörte ich plötzlich den alten Lethe heranhumpeln. In der einen Hand hielt er einen winzigen Gegenstand, zuerst wusste ich überhaupt nicht, was es war, doch dann wurde es mir klar. Es war eine Pfeffermühle! Aber sie war nicht so wie ich, nein, sie hatte nicht einmal Ähnlichkeiten mit mir. Sie war elektrisch, und an der Seite befanden sich drei Knöpfe: fein, mittel oder grob gemahlen. Das ist doch lächerlich, oder?“
Noch während ihres Redeschwalls schwang die erzürnte Pfeffermühle ihre Kurbel, traf dabei einen kleinen, katzenförmigen Salzstreuer und pfefferte diesen in die hinterste Ecke der Küchenabteilung.
Als Riri vorsichtig fragte, wo die elektrische Pfeffermühle denn sei, war die mechanische Pfeffermühle nicht mehr zu halten.
„Zwei Stunden stand sie neben mir, nur zwei Stunden. Danach polterte der seltsame Anton herein, ich wurde keines Blickes gewürdigt, und dieses fürchterliche, elektrische Ding, das die Dreistigkeit hat, sich ebenfalls Pfeffermühle zu nennen, wurde liebevoll in die Hand genommen und sofort gekauft.“
Nicht nur die Brockenhausbesitzer lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Auch bei den Brockenhausbesuchern hatte Riri ein Schema ausgearbeitet. Sie pflegte die einen Besucher Eintagsfliegen, die anderen Elefanten zu nennen.
Eintagsfliegen standen eines Tages plötzlich im Türrahmen des Brockenhauses und gaben ein unsicheres „Ist jemand hier?“ oder „Guten Tag?“ von sich. Herr Lethe bequemte sich dann, ein Grunzen oder, je nachdem, einen Schnarcher hören zu lassen.
Dann streckten die Eintagsfliegen ihre Flügel aus und schwirrten kurz durchs ganze Brockenhaus. Nichts wurde richtig angeschaut, nichts wurde gekauft.
Wenn sie dann, ermüdet vom erfolglosen Herumschwirren und verängstigt vom Brockenhausbesitzer, die Flucht ergriffen, wurden sie meist nie mehr gesehen.
Die Elefanten im Brockenhaus hingegen hatten durchaus Ähnlichkeiten mit Elefanten im Porzellanladen. Und genau das war der seltsame Anton: ein typischer Elefant. Alle drei bis vier Monate besuchte er Herrn Lethe und sein Brockenhaus.
Kaum über die Schwelle getreten, begann Anton in den Kleidern zu wühlen. Oft kaufte er sich schwarze Socken, an besonders wagemutigen Tagen war es sogar ein blaues Paar. Den Titel „seltsamer Anton“, hatte er sich durch seine Vorliebe für eigenartige Hüte verdient. Noch nie war er von Riri oder der Pfeffermühle zwei Mal mit demselben Hut gesichtet worden. Folglich war der seltsame Kauz auch grosser Fan der Hutabteilung. Aber auch die anderen Abteilungen wurden unter die Lupe genommen, hier und da etwas Kleines mitgenommen. Danach bewegte sich der Dickhäuter schwerfällig und vollgepackt zum alten Schreibtisch, an dem ein mit „Kasse“ beschriftetes Blatt Papier befestigt war, und lud seine neusten Funde ab.
Für Herrn Lethe waren diese Momente besonders schlimm. Wie ein Drache versuchte er seine Schätze mit allen Mitteln zu verteidigen, doch ohne Erfolg. Elefanten waren stur. Hilflos musste der Brockenhausbesitzer dann seine Lieblinge gehen lasen, entführt vom seltsamen Anton.
Plötzlich liess die Pfeffermühle ihre Kurbel hängen.
„Was ist los?“, fragte Riri besorgt.
Da begann die Mühle zu schluchzen. So niedergeschlagen hatte das Mädchen sie noch nie gesehen. „Ich war nicht mehr einsam, ich hatte jemanden, der mich verstand, mit dem ich reden konnte, doch nun ist sie weg“, brachte die todtraurige Pfeffermühle zwischen zwei Schluchzern hervor. Riri verstand nicht. Die Pfeffermühle schien in sich zusammengesunken zu sein, das Holz schien plötzlich älter und zerbrechlicher, und dann wurde es ganz still.
Nach einigen betretenen Augenblicken brach das hölzerne Häufchen Elend die Stille. „Sie konnte auch sprechen, weisst du. Die elektrische Pfeffermühle. Zum ersten Mal habe ich jemanden wie mich kennengelernt. Und trotzdem war ich furchtbar zu ihr. Ich habe mich über ihre Funktionen, ihre Knöpfe und ihre Batterien lustig gemacht. Nur, weil ich so etwas nicht gewohnt war, nur, weil sie anders war als ich. Und dann war sie weg. Riri, hilf mir. Ich möchte sie um Entschuldigung bitten, denn als sie da war, fühlte ich mich nicht mehr alleine. Mir wurde klar, dass wir trotz all unserer Unterschiede gleich sind.“
Die Worte der Pfeffermühle trafen Riri zutiefst, und sie fasste einen Entschluss. Sie würde diese sprechende, elektrische Pfeffermühle zurückholen, koste es, was es wolle.
Voller Tatendrang wollte Riri sofort mit ihrer Suche beginnen, doch wo? Zuerst musste sie mit dem seltsamen Anton in Kontakt treten, das war klar. Also stolperte das Mädchen aufgeregt zum alten Schreibtisch, beziehungsweise zur Kasse. Der Brockenhausbesitzer sass tief über dem Tisch gebeugt und in ein altes Buch vertieft, welches Riri schon oft oben auf einem Regal gesehen hatte. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie früher lange vor diesem Regal verweilte und das Buch mit seinem verspielten, bunten Einband bewunderte.
„Herr Lethe, ich habe eine Frage“, begann Riri.
Ohne von seinem Buch aufzuschauen antwortete Herr Lethe: „Dann raus damit, mein Kind.“
Riri fragte nach Antons Telefonnummer und bekam ein „Nein, aber ich kenne seine Adresse“ als Antwort. Schon hatte Herr Lethe die Adresse auf einen Zettel geschrieben und ihn Riri überreicht. Das mochte sie an ihm, er fragte nicht nach, sondern nahm einfach an, dass sie schon ihre Gründe hätte.
Auch Riris Vater hatte inzwischen seine Brockenhaustour beendet und einen kleinen Spielwürfel, dessen Farbe Riri an Zuckerwatte erinnerte und auf dem sich eine grosse Anzahl von winzigen, vielfältig gemalten Vögeln tummelten, gekauft. Er war nicht besonders wertvoll, doch wie ihr Vater verliebte sich auch Riri sofort in dieses kleine Prachtstück. Zu Hause würde der rosa Würfel in das Gestell neben dem Küchentisch wandern. Dieses Gestell war für Riri und ihren Vater von grosser Bedeutung, denn hier konnte man all die Schätze betrachten, die sie über all die Jahre im Brockenhaus erworben hatten.
Vater und Tochter verliessen gemeinsam die Brockenstube. Riri, die den Zettel mit der Adresse des seltsamen Anton unauffällig in ihre Hosentasche hatte gleiten lassen, behauptete, sie wolle sich noch mit einer Freundin treffen, und bevor ihr Vater etwas erwidern konnte, war sie auch schon verschwunden. Ein Blick auf das kleine Stück Papier in ihrer Hand sagte ihr, dass der seltsame Anton nur zwei Strassen von hier in einem unscheinbaren, grauen Haus lebte.
Unsicher, was nun zu tun war, trat Riri vor dem besagten Haus von einem Bein aufs andere. Sollte sie klingeln? Oder sollte sie das Haus einfach beobachten? Die junge Detektivin, ja, Riri sah sich nun definitiv als Detektivin, entschied sich für Letzteres. Also setzte sie sich unauffällig auf eine Bank auf der anderen Seite der Strasse.
Doch Geduld war keine von Riris Stärken, und so wurde sie schon nach wenigen Minuten zappelig. Es musste doch endlich etwas geschehen. Und als das auch nicht nach weiteren zehn Minuten passierte, reichte es ihr. Dann musste sie die Sache eben selbst in die Hand nehmen.
Ohne viel nachzudenken stand sie auf, ging zu dem Haus und klingelte. Als sich die Tür öffnete, musste Riri nach unten schauen, um zu sehen, wer geöffnet hatte. Ein wuscheliger, kleiner Hund blickte sie mit grossen, weichen Augen an. „Willkommen“, sagte der Vierbeiner.
verfasst von Chiara G. aus Degersheim, 16 Jahre