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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.b. Aszetische Briefe: Mahnbriefe
46. Paula und Eustochium an Marcella
11.
In der Stadt selbst gibt es so viele Gelegenheiten zum Gebete, daß man sie kaum an einem Tage abgehen kann. Endlich wollen wir zum Ställchen Christi und zur Herberge Marias kommen; denn jeder lobt am meisten, was er besitzt. Woher Worte und Ausdrücke nehmen, um Dir eine rechte Schilderung der Höhle zu geben, in der der Erlöser geboren wurde? Dem Krippchen, in welchem das Kindlein weinte, tun wir mehr Ehre an, wenn wir darüber schweigen und auf eine matte Schilderung verzichten. Da sind keine breiten Säulenhallen, keine getäfelten Decken mit goldenem Grunde, keine Prunkhäuser, die der Schweiß der Armen und die mühevolle Arbeit der Sträflinge aufgeführt hat, keine Basiliken, die Palästen gleichen und von reichen Privatleuten errichtet wurden, damit ein armseliges menschliches Gebilde, umgeben von Kostbarkeiten, darin umherwandle, um die Decken zu bestaunen statt den Himmel, als ob irgendwo mehr Kunst zu finden sei als in Gottes Welt. Hier in einer kleinen Erdspalte wurde der Schöpfer des Himmels geboren. Hier wickelte man ihn in Windeln ein, hier besuchten ihn die Hirten, hier verkündete ihn der Stern, hier beteten ihn die Weisen an. 1 Wahrhaftig dieser Ort ist heiliger als der tarpejische Felsen, der zum Zeichen dafür, daß er Gottes Mißfallen erregte, wiederholt vom Blitze getroffen wurde. 2
1: Luk. 2, 7. 16; Matth. 2, 9. 11.
2: Jerusalem wird hier dem Kapitol gegenübergestellt, dessen südliche und westliche steil abfallende Wand der tarpejische Felsen hieß. Von einer Zerstörung des Kapitols durch Blitz zur Zeit des Kaisers Commodus berichten Eusebius und Hieronymus (Helm, Die Chronik des Eusebius I. Leipzig 1913, 209).