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| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Sechstes Buch
19. Kap. Zeugnisse über Origenes.
19. Für das erfolgreiche lehramtliche Wirken des Origenes legen auch heidnische zeitgenössische Philosophen Zeugnis ab. In ihren Schriften finden wir nämlich Origenes häufig erwähnt. Bald widmen sie ihm ihre eigenen Arbeiten, bald schicken sie ihre eigenen Schriften ihm als ihrem Lehrer zur Begutachtung. Wozu soll ich aber davon sprechen? Ich erwähne Porphyrius, der noch zu unserer Zeit in Sizilien gelebt hat und gegen uns Schriften verfaßte, in welchen er die göttlichen Schriften zu lästern suchte und der Bibelexegeten gedachte. Da er an den Lehren keineswegs etwas aussetzen konnte, verlegt er sich aus Mangel an Beschuldigungsgründen darauf, zu schimpfen und die Schrifterklärer zu verleumden, vor allem Origenes. Nachdem er gesagt, er habe ihn in seiner Jugend kennengelernt, sucht er ihn zu verlästern, empfiehlt ihn aber, ohne es zu merken. Wo er nicht anders konnte, berichtet er über ihn die Wahrheit; wenn er aber glaubte, daß man es nicht merke, ersinnt er über ihn Lügen. Bald macht er ihm den Vorwurf, daß er Christ sei, bald schildert er seine Hingabe an die Philosophie. Vernimm seine eigenen Worte! „Da einige, statt sich von der Erbärmlichkeit der jüdischen Schriften abzuwenden, nach befriedigenden Lösungen suchten, verloren sie sich in verworrene, dem Texte nicht entsprechende Erklärungen, welche nicht so sehr eine Verteidigung der fremden, als vielmehr Anerkennung und Lob der eigenen Sache zum Ziele haben. Diese Exegeten bilden sich ein, die klaren Worte des Moses seien Rätsel, sie verhimmeln dieselben als Gottesworte voll heiliger Geheimnisse und vergiften durch ihre Einbildung die Phantasie (der Leser).“ Später fährt Porphyrius also fort: „Diese törichte Methode möge man an einem Manne beobachten, mit dem auch ich in meiner frühesten Jugend verkehrt habe, nämlich an Origenes, der in hohem Ansehen stand und noch heute durch seine hinterlassenen Schriften im Ansehen steht und dessen Ruhm bei den Lehrern dieser Religion weit verbreitet ist! [S. 285] Er war Schüler des Ammonius, des verdientesten Philosophen unserer Zeit. Wissenschaftlich hatte Origenes von seinem Lehrer sehr viel gewonnen, doch schlug er einen entgegengesetzten Lebensweg ein. Ammonius nämlich wandte sich, obwohl von seinen Eltern als Christ im Christentum erzogen, sobald er zu denken und zu philosophieren anfing, sofort der den Gesetzen entsprechenden Lebensweise zu, Origenes aber irrte, obwohl als Grieche unter Griechen erzogen, zu barbarischer Hartnäckigkeit ab. Dadurch schändete er sich und seine Bildung. Sein Leben war das eines Christen und widersprach den Gesetzen. In seiner Auffassung von der Welt und von Gott dachte er wie ein Grieche und schob den fremden Mythen griechische Ideen unter. Ständig beschäftigte er sich nämlich mit Plato. Er war vertraut mit den Schriften des Numenius, Kronius, Apollophanes, Longinus, Moderatus, Nikomachus und der berühmten Männer aus der pythagoreischen Schule. Er benützte aber auch die Bücher des Stoikers Chäremon und des Kornutus, von welchen er die allegorische Auslegung der Heidnischen Mysterien erlernte, um diese Methode auf die jüdischen Schriften anzuwenden.“ So sagt Porphyrius im dritten Buche seiner Schrift „Gegen die Christen“.1 Wahr ist, was Porphyrius über die Tätigkeit und das reiche Wissen des Origenes sagt. Doch lügt er offensichtlich, wenn er behauptet, Origenes sei vom Heidentum aus übergetreten2 und Ammonius sei vom [S. 286] gottesfürchtigen Leben zum Heidentum abgefallen. Wie konnte er, der gegen die Christen schrieb, anders als lügen? Denn Origenes hatte die christliche Lehre von seinen Ahnen überkommen, treu sie hütend, wie der obige geschichtliche Bericht zeigte. Und Ammonius bewahrte die göttliche Lebensauffassung rein und unverfälscht bis zum letzten Lebensende. Dies beweisen noch jetzt die Arbeiten dieses durch seine hinterlassenen Schriften bei den meisten in Ansehen stehenden Mannes, z. B. das Buch, das die Aufschrift trägt „Die Übereinstimmung zwischen Moses und Jesus“ und alle jene anderen Schriften, welche sich bei den Freunden des Schönen und Guten finden.3 Das sei angeführt zum Beweis dafür, wie jener Lügner verleumdete, und dafür, wie bewandert Origenes auch in den heidnischen Wissenschaften gewesen. In einem Briefe verteidigt sich Origenes wegen dieser heidnischen Kenntnisse gegenüber Leuten, die ihm diesen wissenschaftlichen Eifer zum Vorwurf machten, also: „Während ich dem Studium des Wortes oblag und der Ruf unserer Schule sich weithin verbreitete, kamen zu mir bald Häretiker, bald Männer, die der griechischen Wissenschaften sich beflissen, und vor allem Philosophen. Daher entschloß ich mich, sowohl die Lehren der Häretiker zu untersuchen als auch die Lösungen, die die Philosophen in der Frage nach der Wahrheit zu geben versprachen. Ich tat dies in Nachahmung des Pantänus, der schon vor uns vielen von Nutzen gewesen durch seine nicht geringe Vertrautheit in jenen Wissenschaften, und in Nachahmung des Heraklas, der jetzt im Presbyterium zu Alexandrien sitzt und den ich bei meinem Philosophielehrer4 gefunden habe. Heraklas hatte ihn schon fünf Jahre gehört, ehe ich anfing, jenen Lehren zu lauschen. Er hatte das gewöhnliche Kleid, das er früher getragen, abgelegt und den Philosophenmantel angezogen. Und [S. 287] er trägt denselben noch heute, wie er auch nicht aufhört, sich, soweit es seine Kräfte erlauben, mit den Büchern der Heiden zu befassen.“ Mit diesen Worten rechtfertigt Origenes seine Beschäftigung mit der heidnischen Literatur.
Um diese Zeit, da er in Alexandrien weilte, brachte ein Offizier an Demetrius, den Bischof der Gemeinde, und an den damaligen Statthalter von Ägypten ein Schreiben vom Gouverneur in Arabien mit dem Ersuchen, sie möchten baldigst Origenes schicken, damit er ihn unterweise. Origenes kam so nach Arabien. Nachdem er den Zweck seines Kommens in kurzer Zeit erfüllt hatte, kehrte er wieder nach Alexandrien zurück. Als bald darauf in der Stadt erneut ein nicht unbedeutender Kampf5 ausbrach, verließ er heimlich Alexandrien, begab sich nach Palästina und nahm Aufenthalt in Cäsarea. Die dortigen Bischöfe baten ihn, obwohl er die Priesterweihe noch nicht empfangen hatte, er möchte vor der Gemeinde Vorträge halten und die göttlichen Schriften erklären. Daß dem so war, erhellt aus dem Rechtfertigungsbericht, den Bischof Alexander von Jerusalem und Bischof Theoktist von Cäsarea wegen des Demetrius geschrieben haben. Darin heißt es: „Dem Schreiben fügte er bei, noch niemals sei es gehört worden und auch bis jetzt nicht vorgekommen, daß Laien in Gegenwart von Bischöfen Vorträge hielten. Es ist unbegreiflich, wie eine solch offenkundig unwahre Behauptung aufgestellt werden kann. Denn wo sich Leute finden, die fähig sind, den Brüdern zu nützen, da werden sie von den heiligen Bischöfen aufgefordert, zum Volke zu sprechen. So wurde in Laranda6 Euelpis von dem seligen Bruder Neon, in Ikonium Paulinus von dem seligen Bruder Celsus, in Synada7 Theodor von dem seligen Bruder Attikus dazu aufgefordert. Wahrscheinlich geschieht solche Einladung, [S. 288] ohne daß wir davon wissen, auch an anderen Orten.“ In solcher Weise wurde Origenes nicht nur von einheimischen, sondern auch von fremden Bischöfen schon als junger Mann geehrt. Da aber Demetrius ihn brieflich zurückrief und durch Diakone seiner Kirche auf Beschleunigung der Rückkehr nach Alexandrien drang, so traf er hier wieder ein, mit gewohntem Eifer seines Amtes zu walten.
1: Die in 15 Büchern verfaßte Schrift des Porphyrius „Gegen die Christen“ ist verlorengegangen. — A. J. Kleffner, „Porphyrius der Neuplatoniker und Christenfeind“ (Paderborn 1896); v. Harnack, „Porphyrius ‚Gegen die Christen’ 15 Bücher. Zeugnisse, Fragmente und Referate“, in Abhdlg. der preuß. Akad. der Wiss., Phil.-hist. Kl. (Berlin 1916) 1; ders., „Neue Fragmente des Werkes des Porphyrius gegen die Christen“, in Sitzungsber. der preuß. Akad. 1921, 266—284.
2: Porphyrius schreibt von Origenes: Ἕλλην ἐν Ἕλλησιν παιδευθείς. Unter Ἕλλην kann sowohl der Hellene als auch der Heide verstanden werden.
3: Eusebius verwechselt hier den Neuplatoniker Ammonius Sakkas mit dem christlichen Schriftsteller Ammonius.
4: d. i. Ammonius.
5: Vielleicht ist das berüchtigte Gemetzel gemeint, das Karakalla 215 in Alexandrien angerichtet hatte.
6: in Lykaonien.
7: in Phrygien.