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Die «Kirche Christi, Wissenschafter» und die «Paulus Akademie» haben unterschiedliche Ansätze, Religion und Wissenschaft zusammenzubringen.
Pünktlich um 9.45 Uhr eröffnet der Pianist den Gottesdienst. Das Licht, das durch die schlichte 1970er-Jahre-Glasfront dringt, durchflutet den hohen, mit Konferenzstühlen bestückten, teppichbespannten Saal. Auch die beiden Rednerpulte, die statt einer Kanzel auf einem kleinen Podest stehen, versprühen eher den Charme eines Tagungsraums als den einer sakralen Gebetsstätte. An der Wand prangt ein Zitat von Mary Baker Eddy, der Gründerin der Kirche – keine Bilder, keine Kreuze. Die beiden Leiterinnen der Predigt im Kantonsschullehrerinnen-Outfit begrüssen die rund zwanzig Anwesenden. Während der ersten Viertelstunde tröpfeln vereinzelt Verspätete herein, andere verlassen den Saal bereits wieder. Fast wie an der Uni.
Die «Church of Christ, Scientist», die Eddy Ende des 19. Jahrhunderts in der Universitätsstadt Boston gegründet hat, stützt sich auf die Bibel, jedoch ohne die «Lehren und Dogmen, die später in der Kirchengeschichte entstanden sind». Allsonntäglich wird weltweit dieselbe «Lektion» gehalten, eine Zitatenlese aus der Bibel und aus «Wissenschaft und Gesundheit», dem Hauptwerk Eddys. Die Schrift und Eddys Kommentar bilden den «Pastor»; freie Predigten gibt es nicht. In einem Heft sind alle Predigten verzeichnet und fein säuberlich mit Quellennachweisen versehen, sodass die Mitglieder die entsprechenden Passagen vorbereitend studieren können. Dass man die Heilige Schrift überdenkt und reflektiert, mag vernünftig klingen. Wäre da nicht das eigentliche Ziel der Kirche: die Wunderheilung, wie sie in der Bibel beschrieben wird, wieder zu etablieren.
Von «Wundern» will man bei den Christlichen Wissenschaftern allerdings nichts wissen. «Heilungen, wie Jesus sie vollbracht hat, sind rational erklärbar und wurden auch schon wissenschaftlich bewiesen», sagt eine Person aus dem Umkreis der Kirche. «Krankheiten sind menschengemachte Konstrukte und nicht Gottes Werk. Deshalb existieren sie eigentlich gar nicht.» Diese erstaunliche Erkenntnis basiert auf Eddys Behauptung, es gebe keine Materie, sondern nur Gott. Für Theorien der Physik, Biologie und Medizin bleibt in der Christian Science damit nicht viel Platz – «das göttliche Gesetz hebt jedes andere Gesetz auf».
Einen anderen Weg geht die Paulus- Akademie, der Think-Tank der katholischen Kirche des Kantons Zürich. «Wir bieten ein Diskussionsforum und versuchen, einen offenen Diskurs über Theorie und Praxis, Wissenschaft und Leben anzuregen», so Susanne Brauer, Leiterin des Fachbereichs Bioethik, Medizin und Life Sciences. Die Akademie organisiert gemischte Podien zu aktuellen Themen der Forschung, wie zum Beispiel der Pränataldiagnostik, und thematisiert deren gesellschaftliche Relevanz.
Ist das eine Masche der Kirche, um dem Volk ihre Normen und Werte unterzujubeln? «Es ist nicht die Aufgabe der Paulus Akademie, missionarisch die katholische Moraltheorie zu verbreiten», erklärt Brauer. Aber was hat die katholische Kirche davon, wenn sie eine Stiftung finanziert, die mitunter auch die päpstliche Doktrin in Frage stellt? «Kirche bedeutet auch, Gemeinschaft, Solidarität, Reflexion und Bildung zu fördern», meint Brauer. Die katholische Kirche scheint das Galilei’sche Trauma tatsächlich überwunden zu haben.
Das Beispiel der Paulus Akademie zeigt: Wissenschaft und Glaube können sich gegenseitig befruchten – indem sie sich ergänzen. Das setzt natürlich einen bestimmten, aufgeklärten Wissenschaftsbegriff voraus. Und da gehört jener der Christlichen Wissenschafter nicht dazu.