Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03289.jsonl.gz/376

Georges Descombes ist ein «Architekt des Territoriums» und führt Landschaftsprojekte in interdisziplinären Gruppen durch. Ohne jemals in Nostalgie zu verfallen, ist sein Ansatz stets von der Geschichte geprägt: Er interessiert sich dafür, was Geschichte uns über die Gegenwart lehrt, aber vor allem auch, welches Licht sie auf die Zukunft zu werfen vermag. In seinen frühen Projekten wie dem Parc de Lancy, dem Genfer Abschnitt auf dem Weg der Schweiz um den Urnersee oder dem Bijlmer-Denkmal in Amsterdam behandelte er die Landschaft wie ein Palimpsest, suchte nach sichtbaren und unsichtbaren Spuren. In jüngerer Zeit befasst er sich vermehrt mit der Stadt, in Grossprojekten wie in Lyon-Confluence, im Hafen von Antwerpen und am Quai des Matériaux in Brüssel. Eines seiner symbolträchtigsten Projekte ist die Renaturierung des Flusses Aire. Wie ein selbsterklärendes Landschafts- und Städtebaumanifest hinterfragt es die dominierte und dominierende Natur, ihre Gewalt und Künstlichkeit sowie die Beziehung zwischen der Natur und den Menschen, die für das Anthropozän verantwortlich und gleichzeitig dessen Opfer sind.
Victoria Easton: Die Aire befand sich in einem extrem degradierten Zustand, als ihre Renaturierung 1998 begann. Im Jahr 2000 wurde eine Ausschreibung für ihre Revitalisierung in den ländlichen Gebieten durchgeführt. Sie haben mit Ihrem Projekt gewonnen und planten eine neue Infrastruktur von über 4,5 Kilometern. Entstanden ist ein hybrider Ort, oder ein städtischer Garten in einem ländlichen Kontext. Wie definieren Sie Ihre Intervention?
Georges Descombes: Wir schwankten zwischen Park, Garten und Fluss. Es gibt zwei Komponenten in diesem Projekt: den wiedergewonnenen Raum des Flusses und den umgenutzten Kanal. Sagen wir, es ist eine Reihe von Gärten, ein linearer Garten, ein «Flussgarten». Maurice Braillard entwickelte 1935 seinen berühmten Masterplan für die Stadtplanung in Genf, im Jahr 1936 auch einen innovativen Masterplan für den ganzen Kanton. Letzter sah eine Art grünes Geflecht aus räumlichen und landschaftlichen Strukturen vor, das alle Besonderheiten und das gesamte Relief der Genfer Landschaft einbezog und ein neues Netzwerk von «öffentlichen ländlichen Räumen» zwischen den bestehenden Dörfern zeichnete. Es war ein neues und ziemlich überraschendes Konzept, denn es ist nicht immer einfach, auf dem Land spazieren zu gehen. Die Felder sind aufgrund der landwirtschaftlichen Produktion oder Viehzucht oft eingezäunt. Es ist schwierig, dort einen öffentlichen Raum zu finden, der den Ramblas oder den italienischen Corsos ähnelt und wo man frei flanieren kann.
Easton: Hat die persönliche Beziehung, die Sie zu dieser Landschaft Ihrer Kindheit pflegen, Ihre Ideen beeinflusst?
Descombes: Absolut, weil ich diese Landschaft so oft durchstreift habe, so oft dort gespielt habe. Wir wohnten in einem kleinen Haus mit einer grossen Wiese, die bis zum Rand der Aire hinunterreichte, ganz nah an den Feldern, den Bauernhöfen, den Tieren. Ich bin ein Kind vom Lande, aber mein Vater war Buchhändler, und deshalb bin ich auch ein Kind der Bücher. Zwei Arten von Wäldern.
Easton: Es war also eine intellektuelle Natur.
Descombes: Ja, ich habe Literatur und Natur schon immer vermischt, schon sehr früh habe ich viele Abenteuergeschichten gelesen: James Fenimore Cooper, Jack London und viele andere, die heute vergessen sind. Als Kind hatte ich einen Hund, den ich vor meinen Schlitten spannte, ich ging immer hinaus in den Schnee, auch während Schneestürmen, in die freie Natur. Die relativ risikofreie Erkundung dieser nahegelegenen Landschaften wurde überlagert von einem weiteren, viel raueren Naturerlebnis in den Bergen: Jeden Sommer nahm ich an einem Lager in Zermatt teil. Ich hasste es, Genf zu verlassen, ich hatte Angst vor dem harten Leben, das uns dort oben erwartete. Aber ich liebte es, die Gipfel zu besteigen und die Gletscher hinunterzurutschen. Ich sah tote Menschen, Bergsteiger in formlosen Säcken, die auf Schlitten ins Dorf zurückgebracht wurden. Aber ich roch auch den Duft der Lärchenwälder, liebte die Schönheit der Blumen und der seltenen Alpenpflanzen, das Schimmern des Wassers auf dem Gneis und Schiefer. All diese Pracht und die tollkühnen Risiken beim Klettern oder beim Pflücken eines Edelweisses – vielleicht war dies meine Art, etwas Erhabenes zu erkennen, das ich freilich noch nicht zu benennen wusste.
Publikation zum Prix Meret Oppenheim 2021
Anlässlich der Auszeichnung gibt das Bundesamt für Kultur die Publikation «Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim 2021» heraus, in der die Preisträgerinnen und der Preisträger porträtiert werden und in Gesprächen einen tieferen Einblick in ihr jeweiliges Werk geben. Dies ist ein Auszug des Interviews von Victoria Easton (Architektin, Christ & Gantenbein, Basel) mit Georges Descombes. San Keller (Künstler, Zürich) redet darin mit Esther Eppstein, und Julie Enckell Julliard (Leiterin des Cultural Developments Departments, HEAD, Genf) mit Vivian Suter.
Die dreisprachige Publikation erscheint in einer Auflage von 10'000 Exemplaren und wird dem Kunstbulletin Juli / August 2021 beigelegt. Sie kann ausserdem kostenfrei unter <email-pii> bestellt werden.