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Viele deutsche Einwanderer betrachteten die Schweiz zu Unrecht als "Ausland für Anfänger", sagt Wilhelm zu Dohna. In der Deutschschweiz werde man erst als Schweizer wahrgenommen, wenn man Dialekt spreche. Der Arzt aus deutschem Adel hat ihn gelernt.
Wilhelm zu Dohna ist in den 70-Jahren in die Schweiz gezogen, um in Basel Medizin zu studieren. Obwohl er das Schweizer Bürgerrecht bereits besass, war er während des Studiums "der Deutsche". Damals war er noch einer von wenigen, der einzige in seinem Jahrgang.
Seine Familie hat seit über 350 Jahren das Schweizer Bürgerrecht. Die deutsche Adelsfamilie hatte im 17. Jahrhundert in der bernischen Waadt zwei Schlösser gekauft und das Berner Burgerrecht erhalten. "Wir kennen die Schweiz schon sehr lange und sie war schon immer ein Teil der Familiengeschichte."
"Als ich Assistenzarzt war, beschloss ich, Mundart zu lernen." Als Deutscher werde man zwar ständig entmutigt, Mundart zu sprechen. Die Leute sagten, es klinge schrecklich. "Aber ich bin sicher, dass jeder einigermassen sprachbegabte Mensch das lernen kann." Man mache bei diesem Unterfangen so seine Erfahrungen. Diese Erfahrungen hat zu Dohna in einem Buch festgehalten (siehe rechte Spalte).
Dass er Mundart gelernt habe, habe ihm viele Türen und Tore geöffnet. "Die Leute gehen viel herzlicher mit einem um, wenn man Mundart spricht. Das merken die normalen Deutschen gar nicht." Sobald jemand hochdeutsch spreche, komme bei den Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern eine Art Hemmung auf, eine gewisse Reserviertheit.
"Ein grosser Irrtum
Wilhelm zu Dohna lebt nun seit mehr als 30 Jahren mit kritischem Blick in der Schweiz. Seine Beobachtungen sind vergleichend. Für viele Deutsche sei die Schweiz so quasi "Ausland für Anfänger", stellt zu Dohna fest.
"Als Deutscher denkt man, wenn man in die Schweiz auswandert, bleibe man in der gleichen Kultur und in der gleichen Sprache, und das ist für mich ein grosser Irrtum." Gewiss, es gebe seit Jahrhunderten Verflechtungen zwischen der Schweiz und Deutschland, "aber die Schweiz ist ein anderes Land, sie hat eine andere Kultur."
Zu Dohna will keine Klischees verbreiten. Er versucht zu erfassen, was er als Deutscher in der Schweiz erlebt, schont aber auch seine Landsleute vor Kritik nicht. "Viele Deutsche haben keine Ahnung von der Schweiz", sagt er.
Die Unterschiede, sagt zu Dohna, zeigten sich im Alltag. Er hat sie sie in den Spitälern erlebt, in denen er gearbeitet hat. "Die Deutschen haben eher ein obrigkeitliches Denken, das ist heute noch so. Sie sind sich gewohnt, dass der Chef, zum Beispiel der Oberarzt, befiehlt. Das kennt man in der Schweiz nicht." In der Schweiz sei es eher so, dass alle ihre Meinung einbringen könnten.
Wenn es beispielsweise um die Besetzung eines Lehrstuhls gehe, sagt zu Dohna, hätten die Deutschen vielfach einen Vorteil, weil sie sich besser verkaufen könnten.
„Man lässt sich blenden von der Liste der wissenschaftlichen Publikationen und schaut nicht genau hin, ob jemand menschlich und charakterlich qualifiziert ist, ein Team zu leiten." So brocke man sich grosse Probleme ein. "Dann kommen Leute, die menschlich und sozial total ungeeignet sind."
Die Schweizer und die Grafen
Amüsiert kommt er auf einen anderen Unterschied zu sprechen: "Wenn ein Schweizer Zöllner meinen deutschen Pass anschaut, ist er jedes Mal überrascht", sagt zu Dohna.
In seinem Pass steht: Burggraf und Graf zu Dohna. Grafen gibt es in der Schweiz keine mehr. Seit der Helvetischen Republik von 1798 sind alle Bürger gleich, und seit 1848 steht es so in der Bundesverfassung. In Deutschland gibt es die Grafen noch, allerdings auch nicht mehr als Adelstitel, sondern nur noch als Teil des Namens.
Die normale Reaktion von Schweizern auf seinen Titel sei, dass sie automatisch davon ausgingen, er sei reich und habe ein Schloss. Aber , sagt Dohna, er besitze kein Schloss und es sei für ihn auch nicht erstrebenswert, eines zu besitzen.
Adel habe in der Schweiz keine Bedeutung mehr, sagt zu Dohna. "Aber ich habe den Eindruck, dass in der Schweiz die sozialen Unterschiede kaschiert werden." Aber sie existierten trotzdem. Die Reichen versteckten ihren Reichtum. In der Schweiz gehöre es sich nicht, reich zu sein.
Die politische Kontinuität, die historisch gesehen in der Schweiz herrsche, präge die Menschen, die hier lebten, sagt zu Dohna. "Im Unterschied zu Deutschland ist die Kultur in der Schweiz ungebrochen, das merkt man." Durch die Jahrhunderte ohne Krieg sei vieles selbstverständlich geworden, manches "zu selbstverständlich", findet er.
Grenzenlose Liebe
Wilhelm zu Dohna hat über seine Erfahrungen als Deutscher in der Schweiz ein Buch verfasst.
Er geht altbekannten Klischees wie dem von den arroganten Deutschen und dem Phänomen der Konsenskultur auf den Grund.
"Grenzenlose Liebe. Kann ein Deutscher Schweizer sein?" Stämpfli VerlagInfobox Ende
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