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Das Schicksal der beiden Kinder schien besiegelt zu sein: Der selbstsüchtige König Amulius legte sie in einen Weidenkorb und – so will es die Legende – setzte sie auf dem Tiber aus! Der Monarch wollte damit verhindern, dass ihm die beiden als Erwachsene in Zukunft den Thron streitig machen. Doch, der Leser ahnt es sicher, die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung. Der Korb blieb am sumpfigen Flussufer liegen und wurde als erstes von einer Wölfin entdeckt. Sie tat den beiden Kindern nichts böses. Ganz im Gegenteil, sie säugte die beiden, wärmte sie mit ihrem Fell und rettete ihnen so das Leben. Eine schöne Geschichte! Später kam der Hirte Faustulus dazu, der sich ihrer annahm und sie aufzog.
Die Sage von Romulus und Remus ist auf der ganzen Welt bekannt, Romulus gründete später die Stadt Rom und wurde der erste König der Metropole, die sich später anschickte, zur Weltmacht zu werden. Roms Grenzen umfassten weite Teile der damals bekannten Welt; von Schottland bis nach Ägypten und von Portugal bis nach Ungarn! Der Wolf blieb ein wichtiges Symbol der Weltmacht. Er stand für Kraft und Stärke, aber auch für ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Die Römer verehrten den Wolf als heiliges Tier. So wie übrigens auch den Specht, der bei der Rettung der Kinder ebenfalls beteiligt war.
Im Leben der Menschen hat der Wolf immer eine wichtige Rolle gespielt. Irgendwann, vor 40’000 Jahren, vielleicht noch viel früher, mehrten sich die Kontakte zwischen Wolf und Mensch. Das muss nicht überraschen, denn beide konnten voneinander lernen! Wölfe jagen in Gruppen und es ist gut vorstellbar, dass Nomaden die Wolfsrudel beim Jagen beobachteten, um für die eigene Jagd etwas zu lernen. Wölfe sind fürsorgliche Wesen, um Jungtiere kümmert sich die ganze Wolfsfamilie und wenn eine Mutter stirbt, kümmert sich eine andere Wölfin um die Welpen. Umgekehrt dürften auch die Wölfe den Menschen gefolgt sein, wenn diese jagten. Nicht selten fiel ein Reh, das den Menschen mit ihren Spiessen knapp entkam, den Wölfen zum Opfer!
In grauer Vorzeit könnte sich dann folgende Szene zugetragen haben: Ein Wolf, der als Einzelgänger lebte, näherte sich eines Nachts einer Gruppe von Jägern, die um ein Lagerfeuer sassen und Fleisch brieten. Sie zu entdecken, war für den Kaniden nicht schwer, Wölfe verfügen über einen Geruchssinn, der in der Tierwelt seinesgleichen sucht! Der Wolf näherte sich also der Gruppe und umkreiste sie lautlos, vorerst noch unerkannt! Doch dann entdeckte einer der Menschen den Streuner. Die Wildbeuter waren wohl erfahrene Jäger und wussten, dass ihnen vom Wolf keine unmittelbare Gefahr droht. Irgendwann warf einer von ihnen dem Wolf einen Knochen zu, an dem noch etwas Fleisch hing. Begierig packte der Wolf den Knochen und verschwand in der Finsternis. Aber von da an beobachteten ihn die Jäger immer wieder in ihrer Nähe.
Sie nannten ihn einfach nur «Wolf». Seit einigen Monaten blieb das wilde Tier bei den Menschen, ohne dass diese irgendetwas zu befürchten hatten. Ganz im Gegenteil! Die Gegenwart des grauen Wolfes mit den blauen Augen war für sie ein Gewinn! Das Tier erwies sich als treuer Wächter und als hilfreicher Begleiter bei der Jagd. Sogar die Kinder konnten sie mit «Wolf» spielen lassen. Seit tausenden von Jahren begleitet der Hund, erwiesenermassen der direkte Nachfahre des Wolfes, den Menschen. Wo wäre die Menschheit heute ohne den Hund?
Während der Wolf in der Antike hohes Ansehen genoss, sah es im Mittelalter ganz anders aus. Gespenstergeschichten von Werwölfen und Kaniden, die Kinder verschlingen, machten die Runde. Auch Katzen blieben vom Aberglauben nicht verschont und wurden wie der Wolf gnadenlos gejagt! Und wie so oft: Der irrationale Hass auf manche Tiere, auch Raben gehörten dazu, wirkt bis in die Gegenwart. Es werden deshalb hier noch einige Wolfsgeschichten erwähnt, die dieses Tier in einem freundlichen Licht zeigen, so wie es diese klugen Jäger verdienen.
Jack London mochte Hunde und Wölfe, denn er schrieb zwei Romane, in denen Wölfe eine wichtige Rolle spielen: «Wolfsblut» (White Fang) und «Ruf der Wildnis» (The Call of the Wild). Beide Bücher standen viele Jahre bei Kindern und Jugendlichen ganz oben auf der Wunschliste. In einer Disney-Verfilmung rettet Wolfsblut, der halb Wolf, halb Hund ist, einen jungen Goldgräber vor einem Grizzlybären. Die beiden werden unzertrennliche Freunde! Im Ruf der Wildnis erzählt Jack London von Buck, einem Hunden der sich einem Wolfsrudel anschliesst. Ein berühmter Film führt den Wolf schon im Titel: «Der mit dem Wolf tanzt»: John Dunbar, ein Offizier der Nordstaaten bewacht während des amerikanischen Sezessionskrieges ganz alleine ein Fort und macht dabei Bekanntschaft mit einem Wolf, den er fortan «Socke» nennt. Die Sioux Indianer beobachten ihn, wie er mit dem Wolf spielt und nennen ihn deshalb «Dances with Wulf» – Der mit dem Wolf tanzt!
In Film «Schellen-Ursli» aus dem Jahr 2015 freundet sich der Titelheld mit einem Wolf an. Dieser rettet Ursli das Leben, nachdem er von einer Lawine verschüttet wurde.
Damit sind wir in der Gegenwart angekommen! Wie stehen wir heute zum Wolf? Leider muss von einem eher angespannten Verhältnis gesprochen werden; der Wolf ist wieder in die Schweiz eingewandert und bedroht vor allem Schafe, die den ganzen Sommer unbewacht auf Alpweiden leben. Doch nach allem, was Menschen in den vergangenen Jahrtausenden mit Wölfen erlebt haben, müsste es doch einen Weg geben, der ein Miteinander von Wolf und Mensch wieder möglich macht.