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Nocturne H-Dur Op.22
Wie einfach grosse Musik doch sein kann. Das Genre des „Nocturne“ stammt von John Field (1782-1837) und wurde von Chopin aufgegriffen und weiterentwickelt. Alkans Op.22 ist natürlich bereits raffinierter als alle Nocturnes von Field, gleichzeitig kühler und weniger ornamental als Chopin. Die anderen drei Versuche in diesem Genre, Opp.57 /60bis scheinen mir etwas weniger geglückt zu sein.
Dieses einfach gebaute Stück (ABA) besteht aus einer weitführenden Melodie und einem kontrastierenden Mittelteil aus interessant harmonisierten Skalen. Die Reprise vereinigt beide Ideen auf glückliche Weise, Alkans Kontrapunkt funktioniert „unabsichtlich“ immer am besten. Schade dass es nicht so bekannt ist, das Stück hat alles um zu einem (Liebestraum, Träumerei etc. artigen) Reisser zu werden.
Übrigens noch zu den Nocturnes im Allgemeinen: Möglicherweise war es der Vulkanausbruch von Tambora 1815, der zuerst in der Malerei bei William Turner seine Spuren hinterliess. Die prächtigen Sonnenuntergänge, welche nachher auch in der Musik auftauchten, sind wohl auf den Staub in der Atmosphäre zurückzuführen…
„Festin d’Esope“ Op.39 Nr.12 ist die Zusammenfassung von Alkans Musik in einem 10 minütigen Werk. Ein Set von 25 Variationen mit Coda basierend auf den Tierfabeln von Äsop. Das Thema ist eine chassidisch nachempfundene Melodie von acht Takten, jede Variation ist eine Imitation einer Tierfabel. Ich erlaube mir, anstelle eigener Worte, Kaikhosru Sorabjis hervorragenden Kommentar zu zitieren (Sorabji 1932, S.218, frei übersetzt von mir).
„Das Werk verdient einen Platz unter den grossen Variationszyklen wie Beethovens Diabelli-, Brahms Paganini- und Regers Bach-Variationen. Es ist voller überraschender Wendungen und Eigenarten, unglaubliche harmonische Wendungen und Überraschungen werden in einem magistralen Klaviersatz gebündelt, welcher ein würdiges Bild dieses Komponisten vermittelt. Wenn man bereit ist sich darauf einlassen, dann sind es nicht nur Verve und Vitalität, sondern auch die herrlich unheimlichen, bizarren und schaurigen Facetten, die diesen Komponisten so faszinierend und unwiderstehlich machen.“