Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03224.jsonl.gz/3063

Im letzten Essay „Philosophie und Öffentlichkeit: Aufklärung, Staatswesen, Erziehung und Anthropologie“ wurde die Philosophie der Schweiz im Zeitalter der Aufklärung dargestellt. Das Ziel von diesem Essay ist es nun, die schweizerische Philosophie im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu erläutern. Dabei lassen sich neben staatsphilosophischen Überlegungen von Troxler, auch erste Strömungen der Emanzipation ausfindig machen. Ein spezifisches Augenmerk verdient dabei Prof. Anna Tumarkin, welche in Bern zur ersten Professorin für Philosophie in Europa ernannt wurde.
Ignaz Paul Vital Troxler - Wie soll die moderne Schweiz aussehen?
In Beromünster wird der Philosoph und Arzt Ignaz Paul Vital Troxler (*1780 - ✝1866) geboren, der einen grossen Einfluss auf das Wesen der modernen Schweiz ausübte. Er studierte Philosophie und Medizin an der Universität Göttingen, wo die berühmten Philosophen Schelling und Hegel unterrichteten und kämpfte nach seiner Rückkehr in die Schweiz ein Leben lang für die Modernisierung seiner Heimat.
Für Troxler ist es nicht das Ziel der Philosophie, Theorien oder Systeme aufzustellen, sondern das Denken auf eine höhere Stufe zu befördern oder zu einem „höheren Denken“ weiterzuentwickeln. Diese höhere Stufe des Denkens wird erreicht, wenn man sich den eigenen Denkprozess bewusst macht, ihn durchschaut oder seine Funktionsweise erkennt. Troxler verbindet seine Philosophie mit einer Lehre des Menschen, die er später „Anthroposophie“ nannte, um die dem gewöhnlichen Bewusstsein verborgenen Möglichkeiten des Denkens auszuschöpfen. Troxler kritisierte an vorherigen Versuchen, den Menschen zu bestimmen, dass sie den Menschen entweder als einen geistlosen oder materiellen Kadaver auffassten oder als eine abstrakte und substanzlose Seele.
Troxler hingegen will den Mensch in seiner Gesamtheit erschliessen und unterscheidet dabei zwischen vier Manifestationen der menschlichen Wesenheit, nämlich Körper, Leib, Seele und Geist. Der Körper ist das Leblose, das, was man visuell vom Menschen wahrnimmt, und somit das Gegenteil vom Geist, welcher das Lebendige oder der Ausdruck des menschlichen Gemüts ist. Der Leib ist das Prinzip im Menschen, dass den menschlichen Körper aufbaut, organisiert und erhält. Die Seele ist die Grundlage der sinnlichen Erkenntnis und macht zusammen mit dem Leib das gewöhnliche Bewusstseins eines Menschen aus. Um das Denken auf eine höhere Stufe zu bringen, ist es für Troxler wichtig, diese Manifestationen und ihre Verhältnisse untereinander zu erkennen oder sich bewusst zu machen. Er bezeichnet diese vier Manifestationen als das „heilige Tetraktys“[1] und vertrat damit eine originelle Lehre des Menschen, die sich sehr von denen seiner Zeitgenossen unterscheidet.
Troxlers Staatsphilosophie
Die Idee, in der Schweiz einen National- und Ständerat zu bilden, das sogenannte Zweikammersystem, geht auf Troxler zurück. Bevor 1848 der Schweizer Bundesstaat gegründet wurde, bestand die Eidgenossenschaft in Form eines lockeren Staatenbundes, in der die Kantone sich mehr oder weniger selbstständig regierten. Zwischen den Kantonen kam es immer wieder zu Spannungen und im Jahre 1847 sogar zu einem Bürgerkrieg, der unter anderem deswegen geführt wurde, weil manche Kantone einen Einheitsstaat befürworteten, während andere Kantone es bei einem Staatenbund belassen wollten. In seiner Schrift „Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerika's als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform“ übersetzt Troxler die Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika und argumentiert, dass es, wie Nordamerika erfolgreich vorzeigt, einen Mittelweg zwischen dem Einheitsstaat und Staatenbund gibt, nämlich den Bundesstaat, der mit der Einführung des Zweikammersystems bewerkstelligt werden kann. Die Einführung des Zweikammersystems bewahrt laut Troxler einerseits die Selbstständigkeit und Souveränität der Kantone und andererseits die Einheit des Vaterlandes.
Clémence Royer - Sollen auch Frauen in Logik und Wissenschaft unterrichtet werden?
In Frankreich geboren und aufgewachsen, zieht die Feministin und Wissenschaftsphilosophin Clémence Royer (*1830 - ✝1902) um 1856 nach Lausanne und begann dort, wissenschaftliche Texte und Schriften über die Anfänge des Christentums zu studieren. Inspiriert von der schwedischen Autorin Frederika Bremer, die in Lausanne einen öffentlichen Vortrag hielt, entschied sich Royer dazu, vier öffentliche Logik-Vorlesungen zu halten, die allerdings nur für Frauen zugänglich waren, weil sie Angst vor männlichen Störenfriede hatte. Später hielt sie, wieder nur für Frauen zugänglich, Vorlesungen über Naturphilosophie und Wissenschaft. Da die wissenschaftliche Sprache häufig griechische und lateinische Wörter verwendete, welche den wenigsten Frauen bekannt waren, machte es sich Royer zur Aufgabe, die Wissenschaft auch für Frauen verständlich zu machen und führte in ihren Vorlesungen ihr weibliches Publikum in die verschiedenen Bereiche der Wissenschaft ein.
Royer kritisierte, dass Frauen keinen Zugang zur Wissenschaft erhalten, die Wissenschaft von Männern dominiert wird und die Denkfreiheit nur Männern zugestanden wird. Sie fordert Frauen auf, sich selber mit Wissenschaft zu befassen, aber ohne dabei männliche Wissenschaftler zu imitieren, da Frauen ihre eigene Form von Genialität besitzen, die es zu bewahren gilt. Ihr Ziel war es nicht, eine neue Wissenschaft zu gründen, die verschieden von der Wissenschaft der Männer ist, sondern die Wissenschaft auf eine weibliche Art und Weise auszudrücken. Auch kritisierte sie die Spezialisierung der Wissenschaft und die Tendenz von Wissenschaftlern, sich nur einem wissenschaftlichen Bereich zu widmen und alle anderen Bereiche zu vernachlässigen oder zu ignorieren. Diese Spezialisierung führt ihrer Meinung nach dazu, dass Wissenschaftler das Grosse und Ganze aus den Augen verlieren, wie zum Beispiel, dass Physiker und Chemiker alle Atome vom Sand in einer Pyramide untersuchen wollen, statt die Pyramide selber. Sie plädiert daher für eine ganzheitliche Herangehensweise, für eine Wissenschaft, die alle Beweise der Wissenschaft zur Kenntnis nimmt, nicht nur die eines bestimmten Bereichs.
Charles Secrétan - Sozialismus oder Solidarität?
Ebenfalls in Lausanne wuchs Charles Secrétan (*1815 - ✝1895) auf, wo er später Professor für Philosophie wurde und sich nebenbei für verschiedene Bewegungen einsetzte, wie zum Beispiel für die Arbeiterbewegung, für die Emanzipation der Frauen, für die Heilsarmee und für die Unterstützung von religiösen Minderheiten. Nach einem Studium in München, wo er Vorlesungen von Schelling besuchte, kehrte Secrétan in die Schweiz zurück und begann mit seiner journalistischen Aktivität, die er bis zu seinem Tod fortführte. Secrétan war besonders in drei Bereichen tätig, nämlich in der Metaphysik, der Ethik und der Sozialphilosophie.
Freiheit und Solidarität
Secrétans Einsatz, beispielsweise für die Emanzipation der Frauen, gründete auf seinem grundlegenden Interesse an der Verbindung von Freiheit und Solidarität. Gegen Ende seines Lebens formulierte er eine Philosophie der Gesellschaft, in welcher dies die zentralen Begriffe sind. Secrétan übte dabei auch Kritik am Kapitalismus, da es ihm schien, dass die Forderungen von den Anhängern des Sozialismus gerechtfertigt sind (wie zum Beispiel mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten). Allerdings argumentierte er nicht dafür, dass der Sozialismus die richtige Lösung sei, da der Sozialismus durch seine vielen Vorschriften die Freiheit von jedem Menschen einschränkt. Aus der Einsicht, dass ein Mensch ein Teil des Ganzen ist und, ohne des Ganzen gar kein Mensch wäre, schloss Secrétan Folgendes: Man kann nur dann sinnvollerweise von einem freien Menschen sprechen, wenn auch alle anderen Menschen frei sind.
Deshalb plädierte er für die Verbreitung und Verinnerlichung von moralischen Werten, genauer die Werte des Christentums, welche die Solidarität und damit auch die Freiheit der Menschen fördern. Konkret war Secrétan gegen die Einführung von progressiven Steuern (weil das die Freiheit einschränkt) und forderte reiche Unternehmer dazu auf, ihre Arbeiter am Gewinn des Unternehmens zu beteiligen (weil das die Solidarität zwischen Armen und Reichen fördert) und arme Arbeiter dazu, Genossenschaften zu bilden (weil das die Solidarität unter den Arbeitern fördert).
Gustav Teichmüller - Gibt es die materielle Welt?
Auch Gustav Teichmüller (*1832 - ✝1888), welcher in Berlin Philosophie studierte, widmete sich der Untersuchung der Realität, jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Er arbeitete zunächst als Erzieher, Lehrer eines Gymnasiums und später als Privatdozent, bis er 1868 Professor für Philosophie an der Universität Basel wurde. Nach ein paar Jahren wechselte er zur Universität Dorpat in Estland, wobei Basel weiterhin seine zweite Heimat blieb.
Für Teichmüller besteht die Aufgabe der Philosophie vor allem darin, Vorstellungen und Begriffe zu klären, zu systematisieren und deren Geschichte aufzuzeigen. Indem er die Vorstellungen und Begriffe der Philosophen des Altertums untersuchte und die Beziehungen zwischen diesen herausarbeitete, wurde Teichmüller zum Pionier der sogenannten philosophischen Begriffsgeschichte, die Disziplin, die sich mit dem Ursprung, der Entwicklung und dem Bedeutungswandel von Begriffen auseinandersetzt.
Er beschäftigte sich zudem mit den Themen Sein, Schein und Wirklichkeit. Gemäss Teichmüller ist eine philosophische Theorie dann richtig oder akzeptabel, wenn man aus dieser Theorie das Ich oder das „gewöhnliche Bewusstsein“ ableiten kann. Er kritisierte daher zwei philosophische Strömungen, die das nicht tun, nämlich den Materialismus, der vergeblich das Ich im Gehirn sucht und den Idealismus, der vergeblich das Ich in abstrakten Begriffen sucht. Nach seiner Lehre des Personalismus ist das Ich kein Inhalt, dass man irgendwo finden könnte, sondern das, was im Wechsel der Gedanken und Gefühle einer Person gleich bleibt. Teichmüller nimmt dieses Ich als Grundlage für das Sein schlechthin. Wenn wir von einem Gegenstand sagen, dass er ist, dann machen wir das am Vorbild des eigenen Ichs. Für Teichmüller besteht somit die Welt aus seelischen Entitäten, wie das Ich eines ist, und die materielle Welt ist nur ein Schein, eine Halluzination, oder Illusion, die deswegen zustande kommt, weil das menschliche Bewusstsein beschränkt und standortgebunden ist.
Was heisst es also die Welt wahrzunehmen? Diese Frage stellte sich ebenfalls Richard Avenarius.
Richard Avenarius - Wie kommen wir zur reinen Erfahrung?
Als Sohn eines Buchhändlers wird Richard Avenarius (*1843 - ✝1896) in Paris geboren. Anfänglich wollte Avenarius dem Wunsch seines Vaters folgen und ebenfalls Buchhändler werden, ging dann aber, unter anderem an der Universität Zürich Philosophie studieren, wo er später zum Professor für Philosophie ernannt wurde und das Journal „Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie“ gründete, welches er bis zu seinem Tod fortführte.
Avenarius stellte eine Theorie auf, die er „Empiriokritizismus“ nannte, mit dem Ziel, die reine Erfahrung herzustellen, das heisst, die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist. Die reine Erfahrung steht im Kontrast zur naiven Erfahrung, die Wahrnehmung der Welt, ohne kritisch darüber nachgedacht zu haben. Seine Theorie ist empirisch in dem Sinne, dass sie alles, was nicht irgendwie mess- oder erfahrbar ist, zurückweist und nur Sinneserfahrungen zulässt, wie Sehen, Hören, Schmecken und so weiter. Kritisch ist seine Theorie in dem Sinne, dass sie die Erfahrungen, die sich nicht in einem logischen, widerspruchsfreien und einheitlichen Weltanschauung einfügen lassen, ausgeschaltet werden.
Besonders einflussreich war hierbei Avenarius‘ „Prinzip des kleinsten Kraftmaßes“, ein Prinzip das heute eher unter dem Namen „Prinzip der Denkökonomie“ bekannt ist, welches derjenigen Erfahrung, Idee oder Theorie den Vorzug gibt, die beim Denken am meisten Kraft einspart. Um das Prinzip zu illustrieren schreibt er in seiner Habilitation „Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes“:
Die Seele verwendet zu einer Apperzeption [die bewusste Aufnahme einer Erfahrung oder Idee] nicht mehr Kraft als nötig, und gibt bei einer Mehrheit möglicher Apperzeptionen derjenigen den Vorzug, welche die gleiche Leistung mit einem geringeren Kraftaufwand, bez. mit dem gleichen Kraftaufwand eine grössere Leistung ausführt […].[2]
Als Beispiel für eine naive Erfahrung kann man die Erfahrung nennen, dass die Sonne sich scheinbar um die Erde dreht. Diese Erfahrung ist zwar eine Sinneserfahrung (man sieht die Sonne auf- und untergehen), aber sie lässt sich durch die Errungenschaften der Naturwissenschaften nicht mehr widerspruchslos in eine Weltanschauung einfügen. Beziehungsweise erfordert es zu viel Kraft beim Denken, gleichzeitig an die Errungenschaften der Naturwissenschaften und an das geozentrische Weltbild zu glauben.
Anton Marty - Was ist Sprache?
Auch eine bedeutende Persönlichkeit wurde im Kanton Schwyz geboren: Der künftige Psychologe und Sprachphilosoph Anton Marty (*1847 - ✝1914). Er studierte zunächst Theologie und Philosophie in Mainz und besuchte in Würzburg Vorlesungen von Franz Brentano, einem Psychologen und Philosophen, dessen guter Freund er dabei wurde. In Schwyz zurückgekehrt wurde er für eine kurze Zeit an der dortigen Kantonsschule Lehrer für Philosophie. Nach ein paar Weiterbildungen an deutschen Universitäten wurde er schliesslich Professor an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag und lässt dennoch sich als Schweizer Philosoph charakterisieren.
Marty beschäftigte sich mit dem Ursprung der Sprache. In seiner Schrift „Über den Ursprung der Sprache“ argumentiert er, dass die Sprache aus dem Bedürfnis der Menschen entstand, miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren und dass die Verwendung von Sprache von Anfang an ein absichtliches und zweckgebundenes Unternehmen war. Damit argumentiert Marty gegen einen anderen Versuch den Ursprung der Sprache zu erklären (den Nativismus), welcher davon ausgeht, dass die Fähigkeit des Sprechens im Menschen angeboren ist und der Mensch instinktiv die Sprache zu verwenden beginnt, also ursprünglich nicht absichtlich und zweckgebunden.
Weiter beschäftigte sich Marty mit der Sprache selbst und versuchte unter anderem, die Sprache genau zu beschreiben und in der Sprache eine Struktur ausfindig zu machen. So unterscheidet er zwischen Ausdrücken, die an sich eine Bedeutung haben, die Marty als autosemantische Ausdrücke bezeichnet, und Ausdrücken, die nur in Zusammenhang mit anderen Ausdrücken eine Bedeutung haben und von ihm als synsemantische Ausdrücke bezeichnet werden.
Beispiele für die autosemantische Ausdrücke sind Namen für Gegenstande, wie zum Beispiel „Hammer“ und Beispiele für synsemantische Ausdrücke sind Wörter wie „und“, „oder“, „falls“ und „in“. Besonders an Martys Sprachphilosophie ist, dass er die Sprache mit Einbezug der Psychologie Brentanos untersucht und sich somit von anderen Sprachphilosophien seiner Zeit unterscheidet.
Die erste Professorin in Europa: Anna Tumarkin
Als Tochter einer wohlhabenden Familie wird Anna Tumarkin (*1875 - ✝1951) im russischen Reich geboren. Dort machte sie eine Ausbildung zu einer Lehrerin, bis sie dann, wie es damals viele Russinnen taten, in die Schweiz ging, um dort zu studieren. Nach ihrem erfolgreichen Doktorstudium an der Universität Bern, bildete sich Tumarkin in Berlin beim Philosophen Wilhelm Dilthey weiter und bewarb sich anschliessend um die Lehrererlaubnis in Bern. Später wurde sie in Bern zur Professorin für Philosophie und damit zur ersten Professorin in Europa überhaupt, welche Prüfungen abnehmen durfte.
Was ist das Wesen der schweizerischen Philosophie?
Tumarkin beschäftigte sich vor allem mit Ästhetik und der schweizerischen Geistesgeschichte. In ihrem Werk „Wesen und Werden der schweizerischen Philosophie“ argumentiert sie, dass die Sachlichkeit charakteristisch für die schweizerische Philosophie ist. Über die schweizerischen Philosophinnen und Philosophen schreibt sie:
Und worauf es ihnen ankommt, ist nicht die Erkenntnis um ihrer selbst willen, nicht die Erkenntnis als Selbstzweck und als freies Spiel der Erkenntnisvermögen, sondern eine inhaltlich bestimmte Erkenntnis, die sie von vornherein ernstlich suchen und bei deren genauer Bestimmung ihr Denken sein Ziel erreicht. [3]
Im Gegensatz zu anderen Philosophinnen und Philosophen, die mit Hilfe von abstrakten und konstruierten Theorien philosophische Fragen zu beantworten versuchen, haben laut Tumarkin die schweizerische Philosophinnen und Philosophen kein Interesse an Abstraktionen und Konstruktionen, sondern widmen ihr Denken ganz der Sache selbst, was zur Folge hat, dass sie die „erlebte Fülle und Mannigfaltigkeit“[4] des Lebens beim Philosophieren miteinbeziehen, die sonst bei abstrakten Theorien ausgeblendet werden.
Für Tumarkin zeichnet sich die schweizerische Philosophie besonders dadurch aus, dass sie, erstens, bewusst auf Spekulationen verzichtet, und zweitens, die eigene Weltanschauung vor dem kritischen Denken rechtfertigt und diese in eine objektiv-verständliche Fassung gibt.
Fazit
Wie man sehen kann, war das philosophische Interesse in der Schweiz breit gefächert. Die hier dargestellten Philosophinnen und Philosophen schrieben über politische Philosophie, Sozialphilosophie, Anthropologie, Wissenschaftsphilosophie, Metaphysik, Ontologie, Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Geschichtsphilosophie und Ästhetik und mitbestimmten dabei nicht nur die Geistesgeschichte der Schweiz, sondern auch die Europas.
In diesem Essay konnte nur eine kleine Auswahl von Philosophinnen und Philosophien dargestellt werden und von diesen auch nur einen kleinen Teil ihrer Philosophie. Folgende erwähnenswerte Philosophinnen und Philosophen haben hier leider keinen Platz gefunden:
- Benjamin Constant (*1767 - 1830): Staatstheoretiker und Politiker.
- Viktor Cathrein (*1845 - 1931): Moral- und Rechtsphilosophie.
- Heinrich Barth (*1890 - 1965): Christlicher Existenzphilosoph.
- Gallus Maria Manser (*1866 - 1913): Philosoph und Katholischer Theologe.
- Karl Joël (*1864 - 1934): Philosoph.
Zum nächsten Essay
Fussnoten
Quellen
"Ignaz Paul Vital Troxler - Der Mann mit Eigenschaften" - von Daniel Furrer (2010).
"Almost a Man of Genius - Clémence Royer, Feminism, and Nineteenth-Century Science" - von Joy Harvey (1997).
"Gustav Teichmüller - Die Rettung der Person" - von Heiner Schwenke (2011), in "Philosophie in Basel - Prominente Denker des 19. und 20. Jahrhunderts".
"Richard Avenarius and his General Theory of Knowledge, Empiriocriticism" - von Friedrich Carstanjen (1897).
"Anton Marty" - von Robin Rollinger und Hynek Janousek (2019).
"Anna Tumarkin - die Erste" - von Franziska Rogger (2019).