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LEID UND REIFE

Predigten zu Texten von William Wolfensberger
Totensonntag
Baum-Gleichnis
"Glückselig der Mensch,
der nicht wandelt im Rate der Gottlosen,
und nicht steht auf dem Wege der Sünder,
und nicht sitzt auf dem Sitze der Spötter,
sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn
und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und dessen Blatt nicht verwelkt;
und alles was er tut, gelingt.
Nicht so die Gesetzlosen,
sondern sie sind wie die Spreu,
die der Wind dahintreibt.
Darum werden die Gesetzlosen
nicht bestehen im Gericht,
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten;
aber der Gesetzlosen Weg wird vergehen."
(Psalm 1)
Es gibt von der im Jahre 1973
verstorbenen
deutschen Dichterin Ingeborg Bachmann eine unvollendete Erzählung
mit dem Titel "Der Tod wird kommen". Dieses kleine Werk, in dem sie
sich
mit dem Tod auseinandersetzt, beginnt mit folgenden Sätzen:
"Unsere Großmütter Anna und Elisabeth sind tot seit Jahren,
und unsere Großväter Franz und Leopold sind tot, die Cousinen
und Vettern wissen davon. Wir sind eine große Familie, und wir haben
Tode und Geburten zu nennen, sogar Tode wie die von Dr. Kilb, unserem
Arzt
in Stetten, und der Mord an Dr. Bärenthal in Hausen, gehören
dazu. Unsere Toten sind über mehrere Friedhöfe verstreut, unsere
Allerheiligen, unsere Gedächtnistage, von einigen vergessen, werden
doch immer von anderen erinnert, von Cousine Lise, und Cousine Alwina.
Auf unseren Bauernhöfen und in unseren Stadtwohnungen liegen die
Fotoalben
mit den aufgepreßten Bildern, darin sind auch die Toten, und sogar
Tote als Wickelkinder, unser Cousin Ernst, unser Cousin Mottl, der eine
war zwanzig, der andere zweiunddreißig und angeheiratet, und in solchen
Altern starben sie, auf den Schlachtfeldern oder bloß neben einer
Weißdornhecke, überrascht auf einem Spaziergang von einer verirrten
Kugel, Genaues wissen wir nicht. Unsere Trauer ist ungleich, und manche
Tode haben wir sogar vergessen, Tante Mitzi zum Beispiel mußte eines
Tages erinnert werden, daß Tante Marie, von einem anderen Strang
der Familie, schon seit Jahren gestorben war, sie hatte es vergessen
oder
nie recht wahrgenommen, obwohl sie sonst sich genau auskennt, besonders
in den Toden und Geburten und ihre Buchhaltung beherrscht..."
Vier Punkte fallen mir an dieser Kostprobe der feinsinnigen
Literatin
auf:
1.) Der Tod wird ernst genommen. Er ist ein Ereignis im Leben des
Menschen
genau wie die Geburten und die Hochzeitstage.
2.) Ingeborg Bachman spricht in ihrer Rede zum Tod in der ersten Person
Mehrzahl. Der Tod eines nahestehenden Menschen macht einen betroffen,
einen
persönlich und uns als Gemeinschaft, als Familie, Verwandtschaft,
Nachbarschaft, christliche Gemeinde.
3.) Die Schriftstellerin nennt mit Regelmäßigkeit und Genauigkeit
stets die Namen der Personen, und zwar die Namen der Verstorbenen und
der
betroffenen Lebenden. In der Gemeinschaft der Lebenden und der Toten
spielt
die Persönlichkeit des Einzelnen also eine Rolle. Demzufolge sind
4.) die Toten nicht einfach weg, verloren, vergessen und bedeutungslos.
Sie können präsent sein, sie leben in der Erinnerung fort.
Die christliche Botschaft sagt uns, daß dieses Leben über
den Tod hinausreichen darf und daß unsere Namen aufgeschrieben sein
dürfen im großen Buch des Lebens im Himmel. "Freut euch, daß
eure Namen in den Himmeln aufgeschrieben sind!", ruft uns Jesus im
Evangelium
nach Lukas (10,20) zu.
Ja, wenn Gott uns als Person kennt, wenn unsere Namen bei ihm
aufgeschrieben
sind, dann stellt sich uns die Frage, wie wir an dieser unserer Person
arbeiten können, welche Einstellung zum Leben, zu den Mitmenschen
und zu Gott wir haben sollen und wie wir das Leben gestalten sollen.
Woran
können wir uns halten, was können wir tun?
Der wichtige und bekannte Psalm 1, den es früher nicht ohne Grund
auswendig zu lernen galt, verweist auf das Gesetz des Herrn und auf die
Heilige Schrift, die wir ständig bedenken und in der wir festgewurzelt
und verankert leben sollen:
"Glückselig der Mensch,
der nicht wandelt im Rate der Gottlosen,
und nicht steht auf dem Wege der Sünder,
und nicht sitzt auf dem Sitze der Spötter,
sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn
und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und dessen Blatt nicht verwelkt;
und alles was er tut, gelingt."
Der Mensch als Baum, Stammbaum, Lebensbaum, Wettertanne, ein
bäumiger
Mensch, wie wir zu sagen pflegen.
Gemeint ist die Treue des Menschen zu Gott und der Segen Gottes, der
ihm dadurch beschieden ist. Gemeint ist sein Leben in den Geboten,
seine
Orientierung an den Offenbarungen Gottes und der Segen, der ihm Gott
dafür
angedeihen läßt.
Auch der schreibende Pfarrer William Wolfensberger vergleicht uns
Menschen
mit Bäumen und spricht unmittelbar zu uns wie ein guter Ratgeber:
"Sei schlicht und wahr, und glaube nie anders zu sein als alle
andern.
Der Wald ist von Bäumen voll. Jeder hat andere Art, und anders ist
jeder von Gestalt und Ansehen. Aber aller Wurzeln gieren mit zähen
Fingern nach Nahrung und Halt. Gleich sind sie alle und keiner dem
andern
verwandt. Welche Gemeinschaft der verschiedenen und verschiedensten!
Ist
eine Krone gleich der andern? Ward je ein Zweig dem andern gleich?
Gleich
sind sie nur in der Ähnlichkeit und ähnlich nur im Unterschied!
Aber alle schüttelt, wenn die Stunde kommt, derselbe Sturm und
peitscht Geäst und bückt die hohen Kronen, daß die Stämme
leise seufzen.
Sei schlicht und wahr. Viel tausend Menschen stehn und wachsen hoch,
und jeder rauscht sein eigen Lied. Viel tausend Hände gieren und suchen
Halt und Kraft im Grund. Aber uns durchsaust alle, wenn die Stunde
kommt,
derselbe Gottessturm des Geschickes; Verkrüppelte, Grade, Alte und
Junge packt er an und beugt die Kronen selbst...
Es geht ein Beben hin durch Ast und Zweig. O halt dich gut, der Wald
rauscht auf und klagt. Gemeinschaft ward uns nur in einem: Uns beugt
derselbe
Sturm zur selben Zeit, die Familie der Seufzenden."
Ist es nicht schön und tröstlich, wenn wir die Stürme
des Lebens als Prüfungen des Herrn auffassen dürfen, die uns
stärken und kräftigen und nicht etwa entmutigen und zerstören
sollen? Und ist es nicht gut, wenn wir in solchen Stürmen Halt und
Nahrung im Boden des Lebens finden und ihnen nicht machtlos
ausgeliefert
sind?
Wenn wir von Stürmen geschüttelt werden, dann möchte
Gott ganz besonders in unser Leben eingreifen, dann möchte ER wirken
an uns. Das ist ein großer, entscheidender Unterschied, ob wir das
wissen dürfen, oder ob wir dann denken, es sei sonst eine Macht oder
es sei umsonst. Der Prophet Ezechiel (17,24) hat dieses erschütternde
Erlebnis einst so beschrieben:
"Und alle Bäume des Feldes werden erkennen, daß ich, der
Herr, den hohen Baum erniedrigt, den niedrigen Baum erhöht habe, den
grünen Baum verdorren und den dürren Baum grünen ließ.
Ich, der Herr, habe geredet und werde es tun."
Der Baum, der an den Wasserbächen gepflanzt ist, wird durch
die
Stürme des Lebens gekräftigt. Er wird wertvoller, interessanter.
Er erzählt mehr vom Leben. Er hat das Leben in sich. Er ist geprüft
und geliebt von Gott.
Ein auserlesenes Beispiel mag dies verdeutlichen:
"Einem Mann in Frankreich starben Frau und Kinder. Wofür
sollte
er noch leben?
So läßt er seinen Bauernhof in einer fruchtbaren Ebene zurück
und zieht mit seinen Schafen in eine trostlose Gegend, in die Cevennen,
fast eine Wüstenlandschaft. Dörfer mit zerfallenen Häusern,
mit unglücklichen Menschen. Der Mann erkennt: Diese Landschaft wird
sterben, wenn keine Bäume wachsen.
So besorgt er sich Eicheln. Die guten legt er in einen Eimer Wasser,
damit sie sich vollsaugen. Dann zieht er los, stößt mit einem
Eisenstab in die Erde, legt Eicheln hinein, da und dort.
Nach drei Jahren hat er mehr als hunderttausend Eicheln in die Erde
gesetzt. Wenn nur zehntausend aufgehen, denkt er.
So verbringt er den Rest seiner Jahre. Und als er 1947 mit 89 Jahren
stirbt, hat er wunderschöne Wälder geschaffen, die schönsten
Frankreichs. Drei Wälder von 11 km Länge und 3 km Breite. Was
damit geschah? Die Wurzeln halten das Wasser fest, in den Bächen fließt
wieder Wasser, es gibt wieder Wiesen und Blumen, die Vögel sind
zurückgekehrt,
und die Dörfer sind wieder schön. Die Leute, die da wohnen, denken
nicht mehr an den Mann, dem sie das alles verdanken."
"Glückselig der Mensch,
der nicht wandelt im Rate der Gottlosen,
und nicht steht auf dem Wege der Sünder,
und nicht sitzt auf dem Sitze der Spötter,
sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn
und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und dessen Blatt nicht verwelkt;
und alles was er tut, gelingt."
Folgendes Gedicht von William Wolfensberger ist seiner teuer
erkämpften
Lebens- und Glaubenserfahrung entsprungen:
"In der Tage Kümmernissen
Lächelt hell ein holder Schein:
Müsst am End ich alles missen,
Bliebst zuletzt noch du allein!
Durch die Seele fort und fort
Wunderstiller Jubel zieht:
O mein Herr und großer Hort,
Du mein einzig Lied!
Hab mich oft gehärmt in Not,
Weißt du wie das Grauen tut?
Nun bekam ich Lebensbrot,
Neues Wesen, Gottesblut!
Und es jubelt fort und fort
Durch der Seele weit Gebiet:
O mein Herr und großer Hort,
Du mein einzig Lied!"
last update: 05.03.2016