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Eine kleine Störung kann grosse Auswirkungen haben, erklärt Klima-Experte Reto Knutti. Ein Kipp-Moment liess den Triftgletscher rekordmässig schmelzen. In der Ost-Antarktis wird Schlimmeres befürchtet.
Verschiedene Faktoren führen dazu, dass der Meeresspiegel steigt: Warmes Wasser dehnt sich aus, die kleinen Gletscher schmelzen und die grossen Eismassen Grönland und Antarktis schmelzen auch. Laut ETH-Experte Reto Knutti hat die Ausdehnung zwar einen grossen Effekt, ist aber physikalisch gut verstanden und entsprechend kalkulierbar. Zu den Gletschern: Diese würden zwar schnell schmelzen; die Gesamtmenge sei aber eher klein (wenn alles schmilzt steigt der Meeresspiegel um 0,5 Meter). Stolze sechs Meter wäre der Anstieg, falls das Grönlandeis der Erwärmung zum Opfer fällt, unvorstellbare 60 Meter bei der Antarktis. Allerdings: Oberflächliches Abschmelzen dauert viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende lang, führt Knutti aus. Viel schneller gingen dynamische Prozesse, wie das von der Studie befürchtete Ausfliessen von Eis ins Meer (s. Haupttext). Allerdings sind diese Vorgänge laut Knutti (noch) schlecht verstanden und die Unsicherheiten entsprechend gross. Ein Grund dafür sei, dass es erst seit etwa 1990 genaue Messungen gibt (mit Radar und Satelliten), die festhalten, wo die Eisschilder wachsen und wo sie schrumpfen. Vorher habe es zwar einzelne Expeditionen gegeben, aber keine flächendeckenden Messungen.
New York, Tokio, Mumbai und Dublin überflutet: Eine deutsche Studie warnt vor einer Klimakatastrophe ungeheuren Ausmasses. Die Wissenschaftler vom Potsdam Institut für Klimaforschungen haben das Wilkes-Becken in der Ost-Antarktis untersucht. Dort, an der George-V.-Küste, hält eine Art Eisstöpsel die sich dahinter auftürmenden Eismassen zurück. Die Wissenschaftler warnen nun, dass dieser Stöpsel durch die Klimaerwärmung schmelzen und sich die riesige Eismasse in den Ozean ergiessen könnte. Ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter wäre die Folge. Auch ein Stopp der Erderwärmung würde den Vorgang nicht bremsen.
Beim schmelzenden Eispfropfen in dem Szenario handle es sich um einen sogenannten «Tipping Point» (Umkipp-Punkt), erklärt Reto Knutti von der ETH Zürich. Eine kleine Störung führt plötzlich zu etwas unerwartet Grossem, das nicht mehr gestoppt werden kann. Solche Phänomene gebe es immer in komplexen Systemen, führt der Klima-Experte aus. Beispielsweise bei einem Hangrutsch oder auch beim Übergang vom Biegen zum Brechen: «Lange passiert wenig, und plötzlich geht es schnell, anders.»
Vergleichbares – einfach in einem kleineren Ausmass – sei beim Triftgletscher im Susten-/Grimselgebiet passiert. Der typische Gletscher, der von oben nach unten fliesst, schmilzt ziemlich graduell, je wärmer desto mehr. Wird es nicht mehr wärmer, wird er irgendwann zwar kürzer, aber dennoch stabil sein. Ausser der Untergrund bildet eine Art Mulde – wie es beim Triftgletscher der Fall ist. Knutti: «Dann füllt das Eis entweder die ganze Mulde aus, oder gar nicht. Dazwischen gibt es keinen stabilen Zustand.» Im Hitzesommer 2003 versank die Gletscherzunge des Triftgletschers im Schmelzwassersee, worauf sich der Gletscher innerhalb eines einzigen Jahres um rekordmässige 136 Meter zurückzog.
Zurück in die Antarktis. Laut Knutti ist die Hiobsbotschaft aus Potsdam nicht neu: «Man weiss, dass es diese Eismassen gibt.» Die schwierige Frage sei, wann und ob überhaupt so etwas passieren würde. Typisch für solche Kipp-Elemente sei, dass man relativ viel über die Auswirkungen weiss, aber wenig darüber, ob und wann sie eintreten.
Klar ist: Schmilzt der Pfropf tatsächlich, steigt der Meeresspiegel massiv an – und zwar langfristig um ein Vielfaches mehr, als bis 2100 vorausgesagt wird. «Die Auswirkungen wären enorm», ist Knutti überzeugt. Gleichzeitig hält der Experte fest, dass «die Wahrscheinlichkeiten wohl eher klein sind».
Dass der Klimawandel stattfindet sei bekannt, so Knutti: «Wir müssen uns nicht auf Spekulationen über zwar dramatische, aber sehr unsichere Auswirkungen verlassen, um zu argumentieren, dass wir das Klimaproblem ernst nehmen sollten.»