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Kennen Sie Marie Dentière, Meta von Salis, Marie Heim-Vögtlin oder Else Züblin-Spiller? Diese Frauen haben – so wie unzählige andere – an der Geschichte der Schweiz mitgeschrieben: im konkreten Fall als Reformatorin an der Seite von Calvin, als frühe Frauenrechtlerin und Schriftstellerin, als die erste Schweizer Ärztin und als wegweisende Unternehmerin mit grossem Sinn fürs Gemeinwohl. Trotzdem werden sie oft vergessen. Dass in der Geschichtsschreibung – so wie in den Schulbüchern – heute noch Männer die Hauptrolle spielen, hat vor allem damit zu tun, dass sie über Jahrhunderte das öffentliche Leben dominierten. Für die Rolle der Frauen interessierte man(n) sich weniger. Das ist schade, denn es hat zu allen Zeiten auch unter den Frauen hervorragende Persönlichkeiten gegeben, die es verdienen, dass sich die Gesellschaft ihrer erinnert.
Die Spur von Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führten, reicht weit zurück. Im 13. Jahrhundert etwa wurde Zürich fast dreissig Jahre lang von einer Frau regiert. Elisabeth von Wetzikon, die Fürstäbtissin des Fraumünsterklosters, wachte über die Wahl des Bürgermeisters, hatte das Münzrecht und hinterliess ein reiches kulturelles Erbe. Ende des 18. Jahrhunderts war die Waadtländerin Suzanne Necker-Curchod eine der einflussreichsten Frauen in Paris und verhalf nicht zuletzt ihrem Mann Jacques Necker zur Position des Finanzministers unter Louis XVI. Auch andere Frauen machten auf internationaler Ebene Karriere: Die in Chur gebürtige Malerin Angelika Kauffmann wurde etwa zur gleichen Zeit als der «Raphael unter den Weibern» gefeiert. Sogar der englische König sass ihr Modell. Und die Bernerin Marie Grossholtz kam als «Madame Tussaud» in London zu Weltruhm.
Macherinnen gab es schon immer
In der Schweiz legte um 1870 die Handarbeitslehrerin Pauline Zimmerli-Bäurlin mit der Erfindung einer neuen Strickmaschine den Grundstein für die Schweizer Trikotindustrie. Emma Stämpfli-Studer führte nach dem Tod ihres Mannes erfolgreich eine Druckerei weiter und betrieb ab 1880 in Bern die erste Kinderkrippe der Schweiz. Auch im Zweiten Weltkrieg taten die Frauen «ihren» Dienst: Marion van Laer-Uhlmann sammelte als Rotkreuzfahrerin Flüchtlinge und Verwundete ein, während Gertrud Haemmerli-Schindler von Zürich aus den Zivilen Frauenhilfsdienst aufbaute, sich unter anderem um verschiedenste Sammlungen und um die Betreuung von Flüchtlingskindern kümmerte. Gertrud Lutz-Fankhauser schliesslich rettete zusammen mit ihrem Mann Carl Lutz, dem Schweizer Botschafter in Budapest, Tausenden von Juden das Leben. Nach dem Krieg war sie noch viele Jahre als UNICEF-Botschafterin tätig.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurden Frauen im öffentlichen Leben immer präsenter, sogar Berufe, die lange Zeit Männern vorbehalten waren, öffneten sich gegenüber dem anderen Geschlecht. Ab 1985 hatte auch die ETH mit der Architektin Flora Ruchat-Roncati ihre erste Professorin. Wenn die NEAT in wenigen Jahren eröffnet wird, wird sie auch ihre Handschrift tragen.
Langer Kampf ums Frauenstimmrecht
In der Schweizer Gesellschaft haben zweifellos zahlreiche Frauen ihre Spuren hinterlassen. Aber: Es hätten noch viel mehr sein können, wenn man sie nicht daran gehindert hätte: Emilie Kempin-Spyri, der Nichte der berühmten Johanna Spyri und der ersten Schweizer Juristin, versagte 1887 sogar das Bundesgericht die Ausübung ihres Berufes – weil sie eine Frau war. Selbst noch im Jahre 1959, als Iris von Roten sich in ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» kritisch und gründlich mit der Stellung der Frau in der Schweiz auseinandersetzte, wurde sie in Bausch und Bogen verrissen. Echte Gleichberechtigung war lange Zeit unerwünscht. Bis das Frauenstimmrecht im Februar 1971 angenommen wurde, brauchte es in den Gemeinden, Kantonen und auf eidgenössischer Ebene nicht weniger als 50 Abstimmungen. In der Schweiz von heute haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Und viele nutzen sie: Ärztinnen, Polizistinnen, Automechanikerinnen und Managerinnen sind in der Arbeitswelt fast schon alltäglich. Parlamentarierinnen und Bundesrätinnen ebenso. Der Zugang zu den Bildungsinstitutionen steht Mädchen wie Jungen gleichermassen offen. Dass dies alles letztlich möglich wurde, ist nicht zuletzt all jenen Frauen zu verdanken, die das, was lange nicht selbstverständlich war, erstmals vorgelebt haben und die als Unternehmerinnen und Forscherinnen, Juristinnen und Künstlerinnen, Politikerinnen und Sportlerinnen, Journalistinnen und Macherinnen ihren eigenen Weg gegangen sind.
Dieser Artikel erschien in der «Zürcher Wirtschaft» vom 17. Juli 2014.