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«A Hero», der Spielfilm des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, nimmt uns mit auf den beschwerlichen Weg der Wahrheitssuche, scharfsinnig und fesselnd, wie es das Mainstream-Kino kaum kennt, und macht damit grosses ästhetisches und moralisches Kino. Ab Mai im Kino.
Der geschiedene Vater Rahim sitzt im Gefängnis, weil er seine Schulden nicht zurückbezahlen kann. Während eines zweitägigen Hafturlaubs scheitert der Versuch, seinen Geldgeber zu einem Rückzug der Anklage zu überreden. Umso beeindruckender, dass Rahim, als er an eine Tasche mit Goldmünzen kommt, diese der ursprünglichen Besitzerin zurückgibt, statt damit seine Schulden zu begleichen. Diese selbstlose Geste gewinnt die Aufmerksamkeit der Medien und Rahim wird als moralischer Held gefeiert. Doch schon bald setzen in seinem Umfeld erste Zweifel ein: Basiert diese Heldentat tatsächlich auf reinem Zufall, oder hat Rahim das alles so geplant?
«A Hero» feierte 2021 Weltpremiere in Cannes, wo er mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Bereits 2011 erhielt Asghar Farhadi für «A Separation» in Berlin den Goldenen Bären und den Oscar. 2013 drehte er in Frankreich «Le Passé» und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. 2016 bekam er für «The Salesman» den zweiten Oscar, blieb jedoch wegen Trump von der Feier fern. «A Hero» zeigt, eine der vielen Deutungen, gekonnt und einfühlsam die Bereitwilligkeit einer Gesellschaft, Menschen willkürlich zu verherrlichen und zu verurteilen, zeigt dies ästhetisch und menschlich grossartig und mit Amir Jadidi in einer starken Performance als Rahim.
Rahims Freundin Nazarin
Die Vorgeschichte des Films, vom Regisseur erzählt
Wie sind Sie auf die Idee zu «A Hero» gekommen?
Ich las in den Zeitungen öfters Geschichten von normalen Menschen, die wegen selbstloser Taten ins Rampenlicht gerückt wurden. Diese Berichte ähnelten sich meist. «A Hero» ist nicht von einem bestimmten Artikel inspiriert, doch ich hatte solche Presseberichte im Kopf, als ich das Drehbuch schrieb. Ich hatte eine vage Vorstellung von der Geschichte. Im Laufe der Jahre wurde diese Idee immer klarer. Der Reiz kann von einem Bild, einem Gefühl, einer kurzen Handlung ausgelöst werden, die sich mit der Zeit entwickelt. Manchmal bleibt das alles in einer Ecke meines Kopfes, ohne dass ich weiss, dass daraus eines Tages ein Drehbuch werden wird. Zeit ist für mich ein wichtiger Verbündeter. Einige dieser Samen verschwinden von selbst, andere sind beharrlich, wachsen und bleiben als unvollendeter Prozess, der nur darauf wartet, dass man sich seiner annimmt. In diesem Moment beginnt sich eine Idee zu entwickeln, die durch vereinzelte Notizen ans Licht kommt. Danach kommen die Recherche und die ersten Entwürfe, die zeigen, welchen Weg du einschlagen musst. Fast jede Geschichte, die ich geschrieben habe, entwickelte sich so.
Nazarin und Rahim
Asghar Farhadis Einführung in den Film
Jean Renoir sagte einmal: «Das Schrecklichste auf dieser Welt ist, dass jeder seine Gründe hat»? Dies scheint auf die meisten Figuren ihres Films zu passen.
Dem stimme ich voll und ganz zu. Jeder hat seine Gründe, so zu handeln, wie er es tut, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Würden wir darum bitten, die Gründe aufzulisten, sie könnten es nicht. Denn diese sind nicht leicht zusammenzufassen und stecken voller Widersprüche. Im wirklichen Leben kann es Jahre dauern, bis die Menschen die Gründe für ihr Tun verstehen, weil sie tief in ihrer Vergangenheit eingebettet sind. Dazu muss ich klarstellen, dass ich glaube, dass deswegen nicht alle Handlungen gerechtfertigt werden können. Es geht nicht um Legitimation, sondern um Verständnis. Und Verstehen bedeutet nicht, für richtig befinden. Indem wir die Gründe kennen, die jemanden zum Handeln veranlasst haben, können wir ihn verstehen, ohne zu seinen Gunsten zu entscheiden.
Am Ende jedes Ihrer Filme hat der Zuschauer keine Antworten. Sind Sie ein Filmemacher, der sich nicht entscheiden möchte?
Die Gemeinsamkeiten meiner Filme sind nicht beabsichtigt. Diese beinahe mysteriöse Zweideutigkeit entsteht ganz natürlich beim Schreiben. Ich muss gestehen, dass mir das gefällt. Dieser Aspekt macht die Beziehung zwischen dem Film und dem Zuschauer über die Vorführung hinaus nachhaltig. Der Zuschauer bekommt die Möglichkeit, weiter über den Film zu reflektieren. Es bereitet mir deshalb grosse Freude, den Film «Rashomon» immer wieder zu sehen, gerade wegen seiner geheimnisvollen Dimension. Es ist eine interessante Herausforderung, im Film die Mehrdeutigkeit des täglichen Lebens mit einer Geschichte zu verbinden.
Vater Rahim mit Sohn Siavash
Eine Hintergrundgeschichte
Die Filmstudentin Azadeh Masihzadeh besuchte 2014 einen Workshop von Asghar Farhadi und bemerkte im Oktober 2021 in «A Hero» auffällige Parallelen zu ihrem Dokumentarfilm von damals. Mit dem Argument «Mein ganzer Körper zitterte aufgrund des Schocks, weil ich jede einzelne Filmszene voraussehen konnte» verklagte sie ihren damaligen Lehrer, den Regisseur von «A Hero»; dieser wiederum verklagt sie wegen übler Nachrede. Da ich weder Jurist noch Iran-Kenner bin, überlasse ich diese Auseinandersetzung andern, wissend, dass Farhadi in der politisch-religiösen Elite Irans unbeliebt ist und deshalb wohl mit einer Verurteilung rechnen muss. Nachfolgend einige Links über diese Geschichte – und am Ende zu einem interessanten Interview mit Asghar Farhadi:
- Azadeh Masihzadehs Film: «All Winners, All Loser»
- Bericht der Frankfurter Allgemeinen
- Bericht der Süddeutschen Zeitung
Zurück ins Gefängnis
Auf dem Weg zur Wahrheit und der Schwierigkeit der Wahrnehmung
Wer in den Film eintaucht, anfänglich mit offenen Szenen konfrontiert, dann allmählich Antworten suchend, wird in eine einzige Richtung verwiesen: Was ist richtig? Was falsch? In diesem Film geht es nie darum, wie in einem Krimi Gewaltakte aufzuklären, sondern einzig und allein darum, die Fragen zu beantworten: Was ist wahr? Was ist moralisch?
1950 schuf Akira Kurosawa «Rashomon». Dieser stellt die gleiche Frage wie Asghar Farhadi mit «A Hero». Der Japaner gibt drei Antworten, damals bereits revolutionär. Seit siebzig Jahren gilt sein Film als ästhetisches Monument für die Wahrheitssuche. Nun kommt der Perser Farhadi und bringt zur gleichen Frage nicht drei, sondern, im Lauf der Handlung kaum mehr nachzählbar, viele Antworten: einen Klüngel sich fortwährend ineinander verschlingender Antworten.
Asghar Farhadi ist nicht allein mit seiner Suche nach Wahrheit und Moral, neben ihm gibt es Filmemacher:innen wie Ingmar Bergman, Theo Angelopoulos, Svetlana Rodina und Laurent Stoop, Alain Resnais, Marguerite Duras, Federico Fellini, Nathalie Álvarez Mesén, Hiokazu Koreeda, Gaspar Noé und andere. Sie gehen mit ihren Werken das an, was der Kulturkommerz verdrängt, sie versuchen, Verborgenes öffentlich zu machen.
So übersteigt ein Film wie «A Hero» das Tatsächliche, kann Transzendenz entstehen: «Religio», die die Verbindung von Unten nach Oben ermöglicht, die Sinn und Werte erschafft und im Glücksfall die Not lindert und ein menschenwürdiges Leben ermöglicht oder zumindest näherbringt. Und dass Siavash, der Sohn von Rahim, seine Wörter und Sätze, die er zur Wahrheitsfindung beiträgt, nicht normal artikulieren kann, sondern stotternd, ist für mich ein Zeichen, dass angesichts der Grösse der Welt uns Kleinen oft nur ein zaghaftes Stottern bleibt.
Titelbild: Rahim: in einer grossen Performance von Amir Jadidi