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«Ein vulgärer Prahler»
Interview: Frank Heer; Fotos: Tomo Muscionico
Der Schweizer Fotograf Tomo Muscionico hatte Donald Trump 1999 in dessen Limousine abgelichtet. Das Bild ging um die Welt – und war seiner Zeit auf verstörende Art voraus.
annabelle: Tomo Muscionico, wann und wo ist das Foto entstanden?
TOMO MUSCIONICO: Im Sommer 1999. Ich hatte Donald Trump im Auftrag eines europäischen Magazins während einer Veranstaltung in Uptown Manhattan begleitet. Danach lud er mich in seine Limousine ein, die ihn zu seiner Residenz im Trump Tower an der Fifth Avenue brachte. Das Bild entstand irgendwo auf der Höhe des Plaza-Hotels. Ich fotografierte ihn mit einer alten Mamyia-RB-6/7-Analogkamera.
Wer war denn alles in der Limousine?
Nur The Donald, wie wir ihn nannten, sein Fahrer und ich. Der Verkehr war stockend, und die Fahrt dauerte etwa 15 Minuten.
Was hatten Sie für einen Eindruck von The Donald?
Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mich der Mann nicht faszinierte. Sein Reichtum, die Protzerei, seine Macht, die Leibwächter und vergoldeten Toilettensitze in seinem Penthouse … Trump galt schon damals als egozentrisch, aggressiv, beleidigend. Er hatte diese Fuck-you-Attitüde. Mir gegenüber gab er sich jovial. Als er aus der Limo stieg, rief er mir zu: Tomo, mach dir ein paar schöne Stunden, behalte den Wagen bis zum Abend und sag dem Chauffeur, wo du hinfahren willst.
Haben Sie das Angebot angenommen?
Ich bat den Fahrer, mich in mein Studio an der Bowery in Downtown Manhattan zu bringen.
Worüber haben Sie mit Trump gesprochen?
Das weiss ich nicht mehr, Smalltalk, aber ich bin sicher, er sprach vor allem über sich selbst. Ich hatte ihn nicht zum ersten Mal fotografiert. Donald redete am liebsten über Donald. Er schaffte es immer, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
1999 hatte der jetzige Präsident der Vereinigten Staaten noch nichts mit Politik am Hut, richtig?
Nein, er war ein schillernder Mix aus egozentrischem Playboy, Salonlöwe und skrupellosem Immobilienhai. Ein Citizen Kane, der seine Reviere mit phallischen Türmen markiert, auf denen sein Name steht. Das machte ihn ja auch so faszinierend. Mir kam er vor wie eine Comicfigur. Ein Anti-Rockstar. Das Gegenteil von Bruce Springsteen, aber gleich berühmt. Trump hatte schon damals viele Fans. Er verteilte Autogramme und liebte es, wenn er fotografiert wurde und die Zeitungen über ihn berichteten. Heute diffamiert er die Presse pauschal als verlogen.
Wie benahm er sich, als Sie ihn fotografierten?
Er war kumpelhaft und machte es mir sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Gleichzeitig hatte er etwas Kaltes. Donald Trump ist schlau und berechnend. Er weiss genau, wie er sich vor der Kamera in Szene zu setzen hat und welches Image dabei entsteht.
War Ihnen während des Shootings klar, dass die Sonne genau zwischen seine Beine schien? Sie leuchtet sozusagen Trumps Intimbereich aus …
Das bemerkte ich erst später. Aber ich ahnte, dass die Szenerie speziell war: Der Wagen hielt bei einer Kreuzung, Trump öffnete das Fenster einen Spalt breit, das Nachmittagslicht war perfekt … Das Bild hat sich aus dem Moment ergeben, ganz intuitiv, nichts daran war gestellt oder gekünstelt, ich hatte einfach im richtigen Augenblick abgedrückt, und Donald tat, was er am besten kann: Er spielte Donald.
«TRUMP IST SCHLAU UND BERECHNEND. ER WEISS, WIE ER SICH VOR DER KAMERA INSZENIEREN MUSS UND WELCHES IMAGE DABEI ENTSTEHT»
Sie haben ihn auch in anderen Situationen erlebt. Wie war er da?
Einmal lud er mich in sein Penthouse im Trump Tower ein. Im Lift gab er mir zu verstehen, dass ich mich sehr, sehr glücklich schätzen könne, der erste Mensch auf diesem Planeten zu sein, der ihn, den grossen Donald Trump, in seinen privaten Gemächern fotografieren dürfe. Ich dachte: Wow, wie grosszügig! Ein paar Wochen später, an einer Vernissage, erzählte ich anderen Fotografen von meinem unfassbaren Glück. Die Kollegen lachten mich aus. Sie alle hatten Trump schon einmal in seinem Penthouse fotografiert. Und allen erzählte er dieselbe Story. Trump gefällt sich in seiner Gönnerhaftigkeit, auch wenn er sie nur spielt.
Wenn Sie Ihr Foto von 1999 betrachten – was sehen Sie heute?
Einen vulgären Prahler mit schlechtem Geschmack. Das Bild entspricht Trumps Charakter, darum wirkt es so ikonisch. Apropos vulgär: Da fällt mir eine andere Episode ein.
Erzählen Sie!
Einmal war ich mit Donald, seiner Assistentin und einem deutschen Attaché unterwegs in einer Limo. Plötzlich begann Trump von den Beinen seiner Assistentin zu schwärmen, die neben ihm sass. Er streichelte mit der Hand über ihre Schenkel und fragte den Attaché aus Deutschland, wie viele Punkte er ihren Beinen geben würde: 8, 9 oder 10? Der Attaché wurde rot wie eine Tomate.
«Locker Room Talk»!?
Ja, es war wie eine Szene aus der Serie «Denver Clan». Gleichzeitig realisierte ich, dass Donald Trump davon ausgeht, dass er tun und lassen kann, was ihm gefällt, und dass es für ihn keine Konsequenzen gibt. Damals belächelte ich ihn. Ich dachte, einen Typen wie Donald Trump kann am Ende des Tages niemand ernst nehmen. Leider lag ich mit meiner Einschätzung komplett daneben.
Interview: Frank Heer; Fotos: Tomo Muscionico
Tomo Muscionico (48) lebt und arbeitet als freier Fotograf in Los Angeles. Für annabelle hat er mehrere Reportagen fotografiert, darunter «Vegas Baby!» (1/2017) und «Tarzan und ich» (4/2014)