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Literatur
Nicht der klügste Mensch im Raum
David Foster Wallace war ein gescheites, schwieriges und besserwisserisches Kind, so rechthaberisch wie seine Mutter. Bereits in der Pubertät litt er unter Panikattacken und Depressionen. Seine Versagensängste bekämpfte er mit Strebertum; da er aussergewöhnlich intelligent war und hart arbeitete, erhielt er fast immer Bestnoten.
Er interessiert sich für Mathematik, Philosophie und Literatur, liest ausgiebig, selbst während seiner Depression und der Behandlung. Dass er sich gegen die Philosophie und für die Schriftstellerei entscheidet, begründet er später in einem Essay mit: "Schriftsteller neigen gattungsmässig zum Gaffen". Seine frühen Einflüsse waren Pynchon und DeLillo, mit letzterem stand er immer wieder brieflich in Kontakt.
Sein erstes Buch erscheint bei Penguin und macht Eindruck, die Kritiken fallen grösstenteils wohlwollend aus. Doch Wallace erlebt auch eine böse Überraschung, denn Penguin schickt ihm "eine Rechnung über 324,51 Dollar, weil er einige Änderungen des Korrektors rückgängig gemacht hatte." Das Buch ist voll solch interessanter Details.
Erfolglos versucht er das Kiffen aufzugeben. Extrem befangen in Bezug auf den eigenen Körper, stürzt er sich in Affären, führt eine Strichliste.
Als er schliesslich erkennt, dass Alkohol und Drogen ein Problem für ihn sind, sucht er Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern (AA) und dann auch noch in einer Entzugsklinik. Zu einem Freund, der ihn dort besucht, sagt er: "Ich habe Depressionen, und weisst du was? Alkohol löst Depressionen aus!" Die anderen Alkoholiker lassen sich durch seine Intelligenz nicht beeindrucken und schliesslich merkt er, dass die Lösung Bescheidenheit hiess. "'Mein bestes Denken hat mich hergebracht' war ein Slogan der AA, der ins Schwarze traf, oder wie er im 'Unendlichen Spass' umgemünzt wurde: 'logische Gültigkeit {ist} kein Wahrheitsgarant. Er wusste, dass er sich zwingend von der Vorstellung verabschieden musste, der klügste Mensch im Raum zu sein, zu klug, um wie die anderen Menschen im Raum zu sein, weil er einer von diesen Menschen war."
Es ist eindrücklich, wie es D.T. Max gelingt, den hochkomplexen und ausgesprochen schwierigen Foster Wallace zu charakterisieren. Da waren die Stimmungsschwankungen, seine Übertreibungen und Erfindungen, sein Ehrgeiz und sein Perfektionismus, seine Selbstmordversuche, das Konkurrenzverhältnis mit seinem Freund Jonathan Franzen, die Begegnung mit Elizabeth Wurtzel ("Er war noch nie jemandem begegnet, der so ichbezogen war wie er selbst und dazu Erfahrungen mit Depressionen hatte, aber von Ruhm und Drogen nicht in den Zusammenbruch getrieben wurde."), seine Beziehung zur Dichterin und Dozentin Mary Karr, die er bei den AA kennen lernt - überaus spannend ist, wie unterschiedlich die beiden sich gegenseitig wahrnehmen.
Am meisten überrascht hat mich, dass Wallace Ronald Reagan gewählt hat; für mich wieder einmal ein Beweis, dass Intelligenz nicht vor Dummheit schützt. Und dass er und seine Frau ernsthaft überlegten, die USA zu verlassen, als George W. Bush wieder gewählt wurde. Nicht bekannt war mir unter anderem, dass er sich für Zen-Buddhismus interessierte.
Fragen kann man sich natürlich, wie und woher D.T. Max, der Wallace nicht persönlich kannte, dies alles wissen beziehungsweise wie verlässlich jemand wirklich eine andere Person kennen kann. Es versteht sich: mehr als intensives Nachforschen (Wallace hinterliess über 2 000 Briefe; Biograf Max führt seine Quellen im Nachwort an) und aufrichtiges Bemühen ist letztlich nicht möglich. Wenn man das Resultat dieses Bemühens dann auch noch so gut zu präsentieren weiss, wie D.T. Max das tut, umso besser.
Der Untertitel von "Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte" lautet "David Foster Wallace. Ein Leben", was jedoch nur zum Teil zutrifft, denn es ist gleichzeitig auch eine höchst spannende Einführung in sein Werk. Und zudem ein Buch voller Perlen. Eine meiner liebsten ist der Satz von J.D. Salinger: "Sie war eine von denen, die wegen eines klingelnden Telefons nun wirklich nichts weglegten." Laut seinem Biografen war Wallace hingerissen von dem Satz.
Mir sagt vieles, das Wallace geschrieben hat, sehr zu. Und ganz besonders "Das hier ist Wasser" (KiWi-Paperbacks 2012). Doch nicht weniges von ihm finde ich nicht besonders einfach zu lesen. "Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte" liest sich leichter, spannender und anregender, und so recht eigentlich zugänglicher als viele von Wallace' eigenen Texten. So recht eigentlich hat D.T. Max mit dieser Biografie ein lesbareres Foster-Wallace-Buch geschrieben, als dieser es selber gekonnt hätte.