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»Komm, komm, wer immer du bist…«
Jalaluddin Rumi (1207–1273)
Im Dezember 1971 reiste Reshad Feild auf Anregung seines Lehrers Bulent Rauf nach Konya in der Türkei, um die heilige Sema-Zeremonie des auf Jalaluddin Rumi zurückgehenden Mevlevi-Derwischordens zu studieren. Während dieses Besuchs lernte er das damalige Oberhaupt der Mevlevis kennen, Suleyman Dede, der ihn als Scheich in jenen Orden initiierte. Über diese Zeit schreibt der Autor unter anderem in seinem Werk Die letzte Schranke. In der Folge war Reshad Feild maßgeblich daran beteiligt, die Sema-Zeremonie in den Westen zu bringen, sie in Europa und Amerika bekannt zu machen und sie erstmals in ihrer siebenhundertjährigen Gesichte auch für Nichtmuslime und Frauen zu öffnen.
Der Film Dem Morgen entgegendrehen zeigt die von Reshad Feild und seiner Lebenden Schule am 17. Dezember 1989 in Zürich gehaltene Sema-Zeremonie. Er ist ein eindrückliches Zeitdokument und widerspiegelt die Ernsthaftigkeit, die Schönheit und die Reinheit, mit denen der spirituelle Gehalt dieser würdevollen Tradition hier weitergegeben wurde. Mittlerweile sind die »wirbelnden Derwische« rund um den Globus bekannt, die Sema-Zeremonie wurde 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt und Aufführungen von »Derwischtänzen« gehören zum touristischen Standardprogramm in der Türkei. Reshad Feild, dessen Lehrtätigkeit seit jeher auf die innere Essenz jeglicher äußeren religiösen Form abzielte, schrieb 1989 über Jalaluddin Rumi:
»Ich sehe, wie tausendundeine Frage in den Herzen und im Verstand der Leute auftauchen, wenn die Sprache auf den Sufismus kommt. Endlos werden mir Fragen gestellt wie: »Muss man Muslim sein, um den Sufismus zu verstehen?« oder: »Hast du selbst den Islam angenommen?« Christen fragen mich, ob ich an Christus glaube; Muslime wollen wissen, ob ich den Propheten Mohammed als »Siegel« oder Vollendung der Linie aller Propheten seit Anbeginn der Zeit akzeptiere. Und wieder andere fragen, ob ich überhaupt an irgendeine Form glaube. Es scheint, dass es immer noch Leute gibt auf der Welt, die meinen, sie könnten Gott ›in Besitz nehmen‹ oder anderen ihre Meinungen über Gott aufzwingen. Aber es gibt auch andere, die die innere Bedeutung verstanden haben der in der Sufi-Tradition benutzten Worte Hu dost – Er (Gott jenseits aller Denkkonzepte) ist der einzige Freund. Diese Leute sind es, die ihre Dankbarkeit dafür ausdrücken, lebendig, erkannt und geliebt zu sein.
Mevlana Jalaluddin Rumi wurde am 30. September 1207 geboren und starb am 17. Dezember 1273. Der heilige Franziskus von Assisi predigte bereits, als Rumi noch ein Kind war; und es war die Epoche, in der es in Europa weitverbreiteten Widerstand gegen den strengen Formalismus der Kirche gab. In dieser Zeit war es lebensnotwendig, dass es einen wahren Geschmack von der in der Erkenntnis der universellen Wahrheit zu findenden Freiheit gab, der Wahrheit, die im innersten Kern aller großen Religionen steckt, deren äußere Form damals unter dem Gewicht der Korruption der Geistlichkeit an so vielen Orten beinahe zusammenbrach.
Mevlanas Sitz befand sich in Kleinasien, einem Gebiet, das praktisch als das Zentrum der zu dieser Zeit bekannten Welt bezeichnet werden kann. Es war der beste Ort, wo Rumi leben und von wo aus er seinen Einfluss in die Welt ausdehnen konnte. Bereits zu seinen Lebzeiten war er – wie auch heute noch – als einer der größten Sufi-Poeten und Mystiker aller Zeiten akzeptiert. Das Wichtigste ist, dass er ein menschliches Wesen war, dessen Grad an Gnosis gleichzeitig alle Formen der Religion umfasste und sich darüber hinaus erhob. »Ich bin weder Christ, noch Jude, noch Gabr, noch Muslim; mein Ort ist das Ortlose, eine Spur aus dem Spurlosen.« In mancher Hinsicht trotzte er dem logischen Denken. Viele kritisierten ihn, und doch war es sicher vor allem die Kraft seiner fast überwältigenden Liebe und Achtung, die ihm einen Platz weit über den Köpfen der Theologen zuwies.
Gott erinnert uns in Seiner unendlichen Gnade und Barmherzigkeit täglich an Hu dost. Und zu gewissen Zeiten der Geschichte, wenn einerseits die moralischen Werte schwinden und andererseits unendliche Möglichkeiten in Reichweite zu liegen scheinen, bringt Er uns besondere Botschafter, die uns, wieder einmal, an Seine Liebe erinnern. Mevlana war wirklich einer dieser Menschen, und ganz sicher ist diese Botschaft heute noch so angemessen, wie sie es vor über siebenhundert Jahren war.
Was ist unsere direkte Verantwortung zu diesem historischen Zeitpunkt? Wir stehen an der Schwelle (das Wort »Derwisch« bedeutet »Schwelle«) eines der größten Durchbrüche menschlichen Verstehens aller Zeiten. Uns wird die freie Wahl angeboten zwischen diesem Sturz in das noch Unbekannte und, so zu bleiben wie wir sind, fast vollständig gefangen in den Klauen des Materialismus und des um uns herum ständig gegenwärtigen Verlusts der moralischen Werte. Das Beispiel der großen Mystiker kann uns dahin führen, die Pyramide der Evolution nicht nur von ihrer Spitze, sondern von jenseits ihrer Spitze aus zu sehen. Von dort aus können wir die Entfaltung der einen universellen Wahrheit im Verlaufe der Zeit verstehen, die Notwendigkeit der sechs Hauptreligionen in der Welt als Gefäße und Verteiler sowohl der Gesetze, die unser Leben auf der Erde beherrschen, als auch der Gesetze, denen wir gehorchen müssen, um die eine Ursache hinter all den in der phänomenalen Welt erscheinenden Ursachen zu erkennen. Der Atem des Mitgefühls Gottes schenkt uns Leben, und der Atem des wahren Mystikers dreht die Welt dem zweiten Zyklus der Menschheit zu, wenn sein oder ihr Atem eins wird mit dem Atem des Geliebten, des einzigen Freundes« [aus: Reshad Feild: Die innere Arbeit, Band III, Chalice Verlag 2010].