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«Ich hatte Angst vor dem Tod. Vor dem Leben aber auch»
S. R. (45), Physio- und Craniosakraltherapeutin
«Bei meinem ersten schwarzen Hautkrebs war ich 27 Jahre alt und frischgebackene Mama. Während der Schwangerschaft arbeitete ich achtzig Prozent und nutzte einen freien Tag, um meine Muttermale untersuchen zu lassen. Da war ein auffälliges Muttermal auf meinem Oberschenkel, das sich meine damalige Ärztin nach der Geburt meines Kindes erneut anschauen wollte. Als meine Tochter drei Monate alt war, wurde es mir entfernt: schwarzer Hautkrebs. In der Folge mussten nicht nur das Gewebe um das bereits entfernte Muttermal herausgenommen werden, sondern auch Lymphknoten in der Leiste. Die Ärzte wollten sicher sein, dass diese nicht befallen sind. Im Spital war ich mit Abpumpen beschäftigt, bekam wenig bis keinen Schlaf und war rundum überfordert. Darüber hinaus reagierte mein Umfeld so, als wäre das alles nicht so schlimm und mit einem operativen Eingriff abgeschlossen. Ich habe mich damals sehr alleine gefühlt, auch mit dieser plötzlichen Angst vor dem eigenen Tod. Danach musste ich alle drei Monate zur Muttermalkontrolle. Mir wurden unzählige sogenannte Shaves gemacht. Dabei wurde die Haut oberflächlich abgetragen und das Muttermal auf bösartige Zellen untersucht. Stets mit dem Thema Hautkrebs konfrontiert zu sein, nicht zu wissen, was die Ärzte bei der nächsten Untersuchung finden werden, war für mich äusserst anspruchsvoll. Es wurden immer wieder Muttermale mit dysplastischen Zellen gefunden, die auf ein Vorstadium eines Melanoms hinwiesen und deshalb jeweils mit zusätzlichem Gewebe herausgeschnitten werden. Hatte ich vielleicht Mitschuld an meiner Erkrankung? Als Teenager hatte ich viele Sonnenbrände. Ich habe rote Haare und werde nicht so braun wie die anderen. Trotzdem wollte ich mit meinen Freunden mithalten. Und so verbrachte ich meine Sommerferien damit, mich an der Sonne zu bräunen. Ob ich realisierte, was das für Konsequenzen haben könnte? Absolut! Nicht zuletzt, weil mich meine Eltern immer wieder mahnten. In meiner pubertären Leichtsinnigkeit war es mir jedoch egal. Im Jahr 2006, sechs Jahre nach meinem ersten Melanom, wurde bei mir Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Bei einer weiteren Operation wurde meine Schilddrüse vollständig entfernt. Anschliessend musste ich mich zweimal einer Radiojodtherapie unterziehen. Dabei gab man mir hoch radioaktives Jod, um die verbleibenden bösen Zellen zu eliminieren. Die Blutwerte waren aber aus unerklärlichen Gründen immer noch nicht gut. Und dann entdeckte man ein weiteres Melanom, ebenfalls am Oberschenkel, aber am anderen Bein. Dieser Befund veranlasste die Ärzte, nochmals ein Ganzkörperscreening zu machen. An meinem Hals wurden Metastasen gefunden. Diese Metastasen stammten aber nicht vom Haut-, sondern vom Schilddrüsenkrebs. Ohne den Hinweis des Hautkrebses hätte man die Metastasen womöglich zu spät entdeckt. So gesehen hat mich der eine Krebs sogar vor dem anderen gerettet. Inzwischen hatten mein Mann und ich zwei Kinder. Unsere dreieineinhalb- und sechsjährigen Töchter wurden gut von ihrem Papa und den Grosseltern umsorgt. Mir ging es nicht gut. Und als wäre die Situation nicht schwierig genug, erkrankte meine Mutter an Brustkrebs und starb kurze Zeit später. Ich fragte mich: Weshalb ist der Tod plötzlich so allgegenwärtig? Ich habe mich intensiv mit der Frage beschäftigt, mit meiner eigenen Geschichte. Auch mein Körper brauchte lange, bis er sich an die Hormonumstellung und die Schilddrüsenmedikamente gewöhnt hatte. Ich litt unter starkem Herzrasen, Schwindel, Übelkeit und Panikattacken. Über Körpertherapien wie die Craniosakraltherapie, die Osteopathie und das Somatic Experiencing fand ich Hilfe. Für mich war immer klar, dass ich mich mit dem Erlebten auseinandersetzen musste, damit ich mich davon ein Stück weit befreien konnte. Warum bin ich hier? Was ist meine Bestimmung? Ich hatte Angst vor dem Tod, vor dem Leben aber irgendwie auch. Ich wollte das Haus nicht mehr verlassen, brauchte unheimlich viel Ruhe. Erst als ich alle diese Fragen für mich klären konnte, war ich wieder fähig zu sagen, dass ich leben möchte. Dafür brauchte ich insgesamt sechs Jahre. Ich habe gelernt, dem Leben wieder zu vertrauen, und kann nach sehr harter Arbeit sagen, dass die Krankheiten mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Dafür bin ich ihnen auch ein Stück dankbar. Für meine Töchter hätte ich mir gewünscht, mehr für sie da gewesen zu sein. Das macht mich traurig. In ihrem Freundeskreis sind sie aber die ersten, die zur Stelle sind, wenn irgendwer irgendetwas hat. Wie es um mich steht? Mich haut nichts mehr so schnell um, und die Sonne kann ich inzwischen, wenn auch in Massen, wieder bewusst geniessen.»
«Ich will nach vorne blicken und positiv sein»
Andrea Fleischmann (47), Heimleiterin
«Aber doch nicht du, Andrea! Bei einer Sonnenanbeterin würden sie die Diagnose Hautkrebs noch verstehen. Aber ich habe mich doch immer eingecrèmt, trage stets einen Sonnenhut. Die Diagnose traf mich, meine Familie und Freunde tief. Im Herbst 2016 genossen mein Ehemann, meine Söhne und ich unseren neuen Whirlpool. Mit den Füssen planschten wir herum, bis mein Mann fragte, was ich an der Ferse habe. War es ein Muttermal? Eine Warze? Ich ging zur Ärztin, die das Muttermal herausschnitt, um es auf Unregelmässigkeiten zu prüfen. Eine Woche später dann die Melanom-Diagnose. Die Ärztin überwies mich ans Unispital in Zürich. Im ersten Moment wahrte ich die Fassung. Als ich jedoch meine zwei Kinder bei meiner Mutter abholte, brach ich zusammen. ‹Mami, ich habe Hautkrebs.› Danach ging alles sehr schnell. Am Unispital hiess es, sie müssten eine Nachexzision mit einem Sicherheitsabstand von zwei Zentimetern machen. Das waren insgesamt vier Zentimeter Durchmesser und zwei Zentimeter in die Tiefe, quasi die ganze Ferse! Das Loch sollte mit Haut der Fussbeuge gefüllt werden und die obere Hautschicht nahm man von einem meiner Oberschenkel. Ich hatte keine Angst vor der Operation und war auch positiv eingestellt. Jedoch kamen am Vorabend des Eingriffs die Ärzte zu mir ins Spitalzimmer mit dem Befund, mein Melanom habe gestreut. Bei einem der Lymphknoten in der Leistengegend hatte sich eine Metastase gebildet. Mit der Operation an der Ferse wollten sie gleichzeitig sieben Lymphknoten am betroffenen Oberschenkel entfernen. Wie aus dem Nichts kamen mir Todesgedanken; meine Kinder, damals fünf und elf Jahre alt, sind noch klein. Der Jüngere hat einen schweren Herzfehler und muss erneut operiert werden. Er braucht mich, ich muss ihn doch begleiten können! Vor den Kindern haben wir das Wort Krebs nie in den Mund genommen. Unser Ältester hatte, bevor das mit mir passierte, einmal gesagt: ‹Gell, alle Leute, die Krebs haben, sterben.› Es war ein Glück, dass die Jungs das Muttermal mit ihren eigenen Augen gesehen hatten. Es müsse raus, sonst mache es Mami ganz fest krank. Das verstanden sie. Nach der Operation begann ich mit einer Immuntherapie, musste aber mit extremen Nebenwirkungen kämpfen: vierzig Grad Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit. Und ich hatte plötzlich schlechte Nieren- und Leberblutwerte. Ich hielt die Therapie nur zwei Monate aus, sie hätte zwei Jahre dauern sollen. Ich war ein Schatten meiner selbst. Die Kontrollen alle drei Monate am USZ führte ich weiter durch: Ganzkörperscans, Muttermalkontrollen, Blutwerte- und Lymphknoten-Check. Parallel dazu ging ich zu einer Naturärztin. In der Anfangszeit zuhause fragte ich mich, was ich aus meinem Leben machen wollte. Soll ich überhaupt wieder arbeiten gehen oder will ich zu Hause bleiben? Nach viereinhalb Monaten übernahm ich wieder die Leitung im Heim. Meinen Mann schickte ich nach zwei Monaten wieder zur Arbeit. Er hat einen super Chef und durfte die ersten acht Wochen nach der Operation zuhause bleiben. Er hatte wahnsinnige Angst. Seit der Geburt unserer Kinder ist er zwei Tage die Woche zuhause, plötzlich aber die alleinige Verantwortung zu tragen und immer stark sein zu müssen – das ging ihm ans Lebendige. Fast ein Jahr lang fühlte ich mich gut. Bis im November 2017. Ich ertastete einen Lymphknoten bei der Naht am Oberschenkel. Der Krebs hatte gestreut. Erneut eine Metastase. Kurz vor Weihnachten liess ich sie operativ entfernen. Inzwischen gebe es ein neues, verträgliches Medikament mit guten Erfolgschancen, sagten die Ärzte. Seit Januar 2018 bekomme ich nun alle vierzehn Tage eine Infusion und spüre tatsächlich keine Nebenwirkungen. Die Therapie dauert ein Jahr. Nach dem Eingriff im letzten Dezember machten sich bei mir wieder negative Gedanken und Ängste breit, vor allem vor dem Einschlafen. Ich entschied mich zu einer Kinesiologin zu gehen, um diese Ängste zu lösen. In einer Situation wie der meinen versucht man alles. Das ist so. Ich habe auch einen Pater mit heilenden Kräften besucht. Ich will nach vorne blicken und positiv sein. Als ehemalige Krankenschwester weiss ich, welche Rolle die Psyche bei der Genesung spielt. Die Ärzte sagten, schwarzer Hautkrebs müsse nicht unbedingt mit der Sonne zu tun haben. Meine Kinder crème ich jetzt trotzdem schon morgens vor der Schule ein, auch wenn mein Jüngster einmal meinte: ‹Aber Mami, im Schulzimmer blendet es mich im Fall nicht.›»
«Der Krebs bekommt immer wieder neue Gesichter»
Lisa Mark (54), Grafikerin
«Ich habe heute Morgen einen Anruf von Professor Braun vom Universitätsspital Zürich erhalten. Das Muttermal an der Innenseite meines Arms, das man mir vor zehn Tagen entfernt hat, war wieder ein Melanom. Beim ersten Melanom sass der Schock tief. Jetzt ist es weniger schlimm. Aber ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es wieder schwarzer Hautkrebs ist. Zum dritten Mal. In meiner Kindheit war Sonnenschutz nicht wirklich ein Thema in meiner Familie. Ich erinnere mich, dass ich mit vier oder fünf Jahren schlimme Sonnenbrände hatte. Wir hatten einen kleinen Bauernhof und halfen oft beim Heuen. Einmal trug ich einen Pullover mit grossem Lochmuster. Am Abend war dieses auf dem ganzen Oberkörper abgezeichnet. Anfang zwanzig liess ich mir mehrmals auffällige Muttermale bei meinem damaligen Arzt entfernen. Beim vierten meinte er jedoch, ich solle keine Angst haben, ich sei nicht hautkrebsgefährdet. Eine gefährliche Aussage von ihm. Mein erstes Melanom wurde mir im Jahr 2005 entfernt. Während eines Abendessens sass ich neben dem Freund einer Kollegin, der Medizin studiert hatte. Drei Tage nach diesem Abend rief er meine Kollegin an und meinte, sie solle mir ausrichten, das Muttermal am Unterarm einem Dermatologen zu zeigen. Die zwei Flecken, die zusammengewachsen waren, schienen ihm etwas suspekt und liessen ihm anscheinend keine Ruhe. Ein Glück, wenn auch im Unglück. Die Ungewissheit bis zur Diagnose war schrecklich. Ich war alleinerziehend, meine Töchter waren damals 10 und 15 Jahre alt. Angst vor dem Sterben hatte ich zwar keine, aber was würde mit meinen Kindern passieren? Der Krebs war nicht fortgeschritten und hatte keine Metastasen gebildet, sodass es mit grosszügigem Herausschneiden, einer sogenannten Nachexzision mit Sicherheitsabstand, abgeschlossen war. So schwierig die ganze Situation auch war, zog meine Krebsdiagnose auch Positives nach sich: Mir wurde bewusst, wie endlich und zerbrechlich das Leben ist. Ich glaube nicht an Zufälle, in keiner Beziehung. Es gibt zwar nicht immer eine Erklärung, dennoch fragte ich mich, weshalb es gerade mich traf? Wieso nicht die anderen, die genauso Sonnenbrände in ihrer Kindheit erlitten und helle Haut mit vielen Muttermalen haben? – Ich fand Antworten. Die Haut ist die äusserste Grenze zur Aussenwelt. Rückblickend überrascht es mich also nicht, dass es Hautkrebs war. Nein sagen zu können, mehr auf sich zu achten und seinen eigenen Weg zu gehen; das wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Und so wollte ich lernen, auch etwas egoistisch zu werden. Ein langer Prozess, während dem ich mich aus Beziehungen löste, eine gewisse Zeit auch in die Selbstständigkeit ging und mit Pferden und Menschen therapeutisch tätig war. Ich fing mit autogenem Training an, meditierte, um Stress zu vermeiden, ausgeglichener zu sein und mich besser zu spüren. Nur wer sich selber spürt, kann sich auch abgrenzen. Einige Jahre später wurde ein weiterer schwarzer Hautkrebs am Bein gefunden. Das war zwar keine schöne Diagnose, aber diese engmaschige Kontrolle nahm der Krankheit den Schrecken. Bis heute fühle ich mich in kompetenten Händen und nicht alleine gelassen. Wenn man das Melanom früh genug erkennt, hat sich mit einer Exzision die Sache erledigt. Die Früherkennung ist das A und O. Ich lebe nun schon seit zehn Jahren mit dem Hautkrebs. Es wurden mir viele auffällige Muttermale entfernt, an der Stirn hatte ich einen blauen Flecken, der schliesslich als weisser Hautkrebs diagnostiziert wurde. Der Krebs bekommt immer wieder neue Gesichter, das erschwert die Diagnose. Die Zeit nach dem Herausschneiden der Muttermale oder Melanome finde ich nicht einfach. Ich habe mich inzwischen zwar etwas daran gewöhnt, fühle mich danach aber stets verwundet. Die Ärzte schneiden jedes Mal ein Stück von mir weg. Der heutige Anruf meines Arztes hat mir wieder einen Tritt gegeben. Wie so viele Menschen sehe ich das Leben als selbstverständlich an. Ob ich an einer Krankheit sterben oder von einem Auto überfahren werde, weiss ich nicht. Ich will aber vermehrt jede Stunde wertschätzen.»
Das sagt der Experte:
«Wir bezahlen für den Lifestyle von gestern»
Wie erkennt man ein Melanom? Wie schützen wir uns richtig? Gibt es die «gesunde Bräune»? Wir fragten den Spezialisten Ralph Braun vom Universitätsspital Zürich.
annabelle: Wie viel Sonne ist gesund?
Ralph Braun: UV-Strahlung hat einige positive Effekte, aber leider überwiegen die negativen. Mit anderen Worten: Überhaupt keine Sonne ist nicht gut, aber zu viel Sonne ist sehr schlecht. Es ist eine Gratwanderung.
Wie reagiert unsere Haut auf die Sonne?
Das ist unterschiedlich: Ein Mensch mit heller Haut verträgt viel weniger UV-Strahlung. Es gibt akute Auswirkungen wie Sonnenbrand oder den Ausbruch von Fieberblasen, aber vor allem langfristige Effekte, die sich viel später einstellen: Hautkrebs und Hautalterung.
Wie kommt es, dass die Schweiz europaweit die höchste Melanom-Rate verzeichnet?
Die Schweiz ist ein Land mit einem hohen Lebensstandard. Die Menschen fahren oft und gerne in die Ferien. Da der Winter vielerorts grau ist, verreisen sie an die Sonne. Dies ist besonders gravierend, wenn die «Pigmentfabriken» des Körpers, also die Zellen, die unser Pigment produzieren, im Winterschlaf sind und uns nur schlecht schützen können. Auch unser Freizeitverhalten – etwa Outdoor-Aktivitäten – spielt sicher eine Rolle.
Weshalb steigt in Europa jährlich die Zahl der Neuerkrankungen?
Dies hat ganz klar mit dem Lifestyle in der Vergangenheit zu tun. Es dauert Jahre bis Jahrzehnte, bis Hautkrebs ausbricht. Die Patienten von heute zahlen für die Sünden der Vergangenheit.
Warum ist Vorsorge bei Hautkrebs so wichtig?
Vorsorge ist besonders wichtig, da Hautkrebs geheilt werden kann, wenn man ihn früh genug erkennt. Zudem ist er bis auf wenige Ausnahmen immer an der Haut; im Vergleich zu anderen Krebsarten ist er problemlos mit einer einfachen Untersuchung zugänglich.
Wer erkrankt an Hautkrebs?
Das ist ganz unterschiedlich: Wir sehen Menschen mit vielen Muttermalen, solche, die ihre Haut stark der Sonne ausgesetzt haben, helle Hauttypen, aber auch Menschen, die diese Risikofaktoren nicht aufweisen.
Stimmt es, dass Sonnenbrände vor dem 20. Lebensjahr für das Risiko entscheidend sind?
Sonnenbrände in der Kindheit sind sicher ein wichtiger Risikofaktor, aber im Grunde ist jede UV-Exposition schädlich. Je mehr, je schädlicher. Jeder Mensch verträgt in seinem Leben eine bestimmte Menge davon. Wie viel Reserve jeder hat, merkt man leider erst, wenn Hautkrebs und dessen Vorstufen entstanden sind. Ausserdem weiss man inzwischen, dass Risikofaktoren wie der helle Hauttyp oder Anzahl und Art der Muttermale ebenfalls eine grosse Rolle spielen.
Wie erkennt man Hautkrebs?
Hautkrebs hat sehr viele Gesichter. Wir empfehlen, dass Menschen mit den genannten Risikofaktoren einmal für eine Standortbestimmung zum Hautarzt gehen sollten. Ansonsten sollte jedes Muttermal, das sich verändert, gezeigt werden. Im Falle des weissen Hautkrebses sollte man auf kleine Wunden oder Krusten achten, die immer an derselben Stelle auftreten oder nicht abheilen.
Wie viele Menschen erkranken jährlich an weissem respektive schwarzem Hautkrebs?
Jedes Jahr erkranken 25 000 Menschen in der Schweiz an Hautkrebs. Der weisse Hautkrebs ist zirka zehn Mal häufiger als der schwarze, führt aber nur in seltenen Fällen zum Tod. Hierzulande erkranken jährlich etwa 2400 Personen an schwarzem Hautkrebs, bei ungefähr 300 Patienten pro Jahr führt die Erkrankung zum Tod.
Obwohl die Anzahl der Neuerkrankungen an Melanomen drastisch zunimmt, ist die absolute Sterblichkeit in den letzten zwanzig Jahren nicht ange- stiegen. Die Schweiz hat mit 90.4 Prozent die höchste Hautkrebsüberlebensrate innerhalb Europas. Wie kommt das?
Dies erklärt sich dadurch, dass wir den Hautkrebs in der Schweiz so früh erkennen, er gut behandelt und in den meisten Fällen geheilt werden kann. In anderen Ländern Europas wird er in späteren Stadien diagnostiziert. Dann ist er viel schwieriger zu behandeln und der Anteil von Menschen, die daran sterben, viel höher.
Wie schützt man sich richtig?
Man schützt sich, indem man seine Haut gar nicht erst der Sonne aussetzt, wenn es nicht nötig ist – Stichwort Schatten. Wenn man sie der Sonne aussetzt, sollte die Haut mit Kleidung, Hut und Sonnenbrille geschützt werden. Sonnencrème sollte dann auf die Stellen aufgetragen werden, die ungeschützt bleiben.
Wie viel Sonnencrème ist wann nötig?
Je nach Aktivität und Hauttyp braucht man einen niedrigeren oder höheren Schutzfaktor. Wichtig ist, dass man die Crème in ausreichender Menge aufträgt. Mit einer zu dünnen Schicht erhält man nämlich nur einen Bruchteil des Schutzes, der auf der Packung steht.
Gibt es eine «gesunde Bräune»?
Bräune bedeutet immer, dass die Haut UV-Strahlung ausgesetzt wurde. Die Bräune ist ein «verzweifelter» Versuch der Haut, sich davor zu schützen. Deshalb kann es keine gesunde Bräune geben.
Sind Sie für ein Verbot von Solarien für Minderjährige?
Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass das Hautkrebsrisiko deutlich erhöht wird, wenn Minderjährige Solarien nutzen. Das Gleiche gilt übrigens für Menschen mit hellem Hauttyp.
Geht es den Menschen beim Thema Sonnenschutz um das Vorbeugen von Alterserscheinungen oder tatsächlich um die Angst vor Hautkrebs?
Erkläre ich jungen Menschen, dass sie wegen des Hautkrebsrisikos vorsichtig und bewusster mit UV-Strahlen umgehen sollten, hat das in der Regel keine grosse Wirkung auf sie; dieses Ereignis liegt für sie zu weit in der Zukunft. Sage ich aber meinen jungen Patientinnen, dass ihre Haut durch konsequenten Sonnenschutz weniger schnell altert, findet das viel mehr Gehör.
Prof. Dr. med. Ralph Braun ist Leiter Früherkennung und Koordinator Hautkrebstumorzentrum an der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich
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