Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03377.jsonl.gz/1397

Von keuschen Damen und harten Kerlen
Italienskorpione paaren sich, kurz nachdem die Weibchen sich von ihren Jungen getrennt haben. Da es nur einmal im Jahr Junge gibt, nimmt man an, dass die Tragzeit um die 11 Monate dauert. Nach dieser langen Zeit legt das Weibchen im August oder September 10 bis 50 Eier, aus denen die Jungtiere sofort schlüpfen. Deshalb nennt man sie ovovivipar, ovo bedeutet Ei und vivipar ‘lebendgebärend‘. Die noch weichen, kaum pigmentierten Jungtiere krabbeln auf den Rücken der Mutter und werden so lange von ihr bewacht, bis sie sich das erste Mal gehäutet haben und der neue Panzer ausgehärtet ist. Dann verlassen sie den Rücken der Mutter und gehen ihrer eigenen Wege.
Die Männchen der Italienskorpione sind vier Tage nach der letzten Paarung wieder bereit. So lange dauert es, bis sie eine neue Spermatophore – ein Spermienpaket – produziert haben. Während der Paarungszeit streifen die Männchen, auf der Suche nach einem paarungsbereiten Weibchen, in den Trockenmauern umher. Haben sie eines gefunden, versuchen sie es bei den Scheren zu packen.
Dancing with the scorpions
Wie bei vielen Spinnentieren ist das Weibchen oft grösser als das Männchen. Damit das Männchen trotzdem richtig zupacken kann, hat es verhältnismässig grosse Scheren und darauf spezielle Buckel um ein Abrutschen der weiblichen Scheren zu verhindern. Ab und zu müssen kleine Männchen trotzdem nachfassen. Ist das Weibchen nicht paarungsbereit, wedelt es mit den eigenen Scheren, um das Packen zu verunmöglichen. Zusätzlich schlägt es das Männchen mit seinem Schwanz. Ist das Weibchen bereit, kann der Tanz, die ‘proménade à deux‘ beginnen.
Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Ablage der Spermatophore läuft das Skorpionspaar Hand in Hand, mal kopfüber, mal in der Vertikale über die mondbeschienene Steinmauer. Das Weibchen bleibt ab und zu stehen, dann muss das Männchen sie wieder zum Mitgehen bewegen.
Für die eigenartigen Verhaltensmuster während der Paarung gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Manche Forscher glauben, es handle sich um ein rein stereotypes Erkennungsmuster, um Fehlpaarungen mit anderen Arten zu vermeiden. Andere glauben, das Männchen müsse das Weibchen umwerben, damit es die Paarung nicht abbricht. Dafür sprechen würde, dass Männchen öfters dabei beobachtet werden, wie sie stehen gebliebene Weibchen mit ihrem Schwanz streicheln.
Skorpione mögen‘s spitz(ig)
Bei Italienskorpionen ist auch das ‘sexual stinging‘ ein fester Bestandteil des Paarungsrituals. Dabei sticht das Männchen das Weibchen ein bis zehn Mal in die weichen Häute zwischen den Panzerplatten. Der Stachel kann dabei bis zu einer halben Stunde im Weibchen verbleiben. Ob dabei Gift übertragen wird, ist strittig und wurde noch nicht bewiesen. Dafür sprechen würde, dass die Männchen überproportional grosse Giftblasen am Schwanzende haben. Sogenannte ‘sexuelle Dimorphismen‘ - also anatomische Unterschiede zwischen den Geschlechtern - haben ihren Ursprung häufig im Sexualverhalten. Zudem erinnert der erste Stich im Verhalten an das Erlegen einer Beute, während die weiteren Stiche überlegter erscheinen.
Falls Gift übertragen wird, könnte dies vieles bewirken. Es könnte das Weibchen antörnen, gefügig machen, besänftigen oder sogar ihren Metabolismus so verändern, dass die Befruchtungsrate steigt.
Das Ziel des Männchens bei der Paarung ist es, sein Spermienpaket sicher an ein Weibchen weiterzugeben. Das heisst, er legt seine Spermatophore erst aufs Tanzparkett, wenn er sich ziemlich sicher ist, dass das Weibchen bis zum Schluss mitmacht.
Die Spermatophore selbst funktioniert wie ein Katapult. Ein Ende wird auf dem Boden festgeklebt. Der Spermienbehälter ist in der Mitte. Das Männchen manövriert des Weibchens Geschlechtsöffnung dann passgenau über die Spermatophore und drückt das Weibchen gegen den Boden. Wird die Spermatophore geknickt, löst der Katapultmechanismus aus, und schleudert das Spermienpaket ins Weibchen hinein. Die innersten Spermatozoen werden aktiviert und können die Eier im Weibchen befruchten. Die äusseren bleiben im Vorstadium und härten aus. Der so gebildete Pfropf kann einerseits eine zweite Befruchtung verhindern und dichtet andererseits das Innenleben des Weibchens schützend ab.