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Diese Reise machte Dr. Heinrich Barth vorübergehend zu einer Weltberühmtheit. Er konnte allerdings aus dieser seiner verübergehenden Berühmtheit keinerlei Kapital schlagen – weder finanziell, noch literarisch noch für seine berufliche Karriere. Wer seinen Reisebericht liest, 1859 und 1860 im Verlag von Justus Perthes zum ersten Mal erschienen, mir in einem Reprint des Melchior Verlags von 2014 vorliegend, wird rasch erkennen, warum.
Der Titel tönt es an: Die zweibändige Ausgabe von 1859/60 ist ein Auszug, „Volksausgabe“ genannt, der fünfbändigen, wissenschaftlich orientierten Ausgabe. Denn: Barth reiste als Wissenschafter, als Geograph, Historiker und Volkskundler. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, finanziellen Gewinn zu schlagen aus seiner Reise – zum Beispiel durch landes- oder weltweit organisierte Vorträge oder eine romanhafte Umdichtung / Erweiterung seiner Erlebnisse. Fürs erste fehlte es ihm offenbar an Eloquenz, fürs zweite an der Fähigkeit, interessant und packend zu schreiben. Letzteres fällt auch dem Leser der „Volksausgabe“ auf: Barth muss mehrere Male in akuter Lebensgefahr gesteckt haben während seiner sechsjährigen Reise – sei es durch Tropenkrankheiten, sei es durch Machenschaften der Herrscher (wir würden sie wohl heute eher „Warlords“ nennen) der Gebiete, durch die er reiste, oder der gerade heraus erklärten Räuberbanden jener Gegenden. Immerhin haben sowohl der ursprüngliche Expeditionsleiter wie ein weiterer deutscher Wissenschafter die Reise in Nord⸗ und Central⸗Afrika krankheitsbedingt nicht überlebt, ein weiterer Weisser, mit dem Barth eine Zeitlang zusammen arbeitete, wurde von Einheimischen umgebracht, weil er eines ihrer Heiligtümer nicht in Ruhe gelassen hatte. Doch Barth berichtet von seinen Erkrankungen und von äusserern Bedrohungen in einem so trockenen Ton, dass es dem Leser schwer wird, das tatsächliche Ausmass der Bedrohung einschätzen zu können. Als Schriftsteller und Redner also keine Chance.
Der Karriere als Wissenschafter, die Barth eigentlich ja auch anstrebte (er war zur Zeit dieser Reise, die schon seine zweite war – die erste führte ihn aber „nur“ in den nördlichen, mediterranen Teil Afrikas – zur Zeit der zweiten Reise also war Barth aufgrund seines Berichts von der ersten Reise, die ihm als Habilitations-Arbeit angenommen wurde, Privatdozent an der Universität Berlin), scheiterte an Barths menschlichen Überzeugungen, bzw. an den Resultaten seiner Forschung, die aufgrund (letzlich rassistischer) Vorurteile nicht akzeptiert wurden. Barth nämlich war davon überzeugt, bzw. hatte sich davon überzeugt, dass auch die „Negervölker“ Geschichte hätten, also zur Bildung einer (nicht nur) politischen Kultur fähig wären. Diese Ansicht aber kollidierte mit der des damals führenden deutschen Historikers, Leopold von Ranke, der den indigenen Völkern Afrikas jede Fähigkeit zur Geschichtsbildung a priori absprach. Ranke disqualifizierte Barth denn auch als „Abenteurer“. Barth war auch davon überzeugt, dass es sich für das christliche Europa lohnen würde, mit den Vertretern des „schwarzen Islam“ ins Gespräch zu kommen, weil beide Seiten davon profitieren würden.
Damit geriet Barth allerdings auch in Konflikt mit den eigentlichen Zielen der Expedition, die grossenteils von England finanziert wurde. England ging es nämlich darum, sich Handelswege zu öffnen nach Zentralafrika. (Deckmäntelchen war die Abschaffung des Sklavenhandels durch Einrichtung eines Handels mit andern Waren.) Allerdings waren Barths diesbezügliche Entdeckungen bzw. abgeschlossene Vor-Verträge schon bei seiner Rückkehr nach Grossbritannien obsolet, weil unterdessen eine andere Expedition einen bequemeren Weg an den Tschad gefunden hatte. Grossbritannien ratifizierte Barths Verträge nie.
(Wie würde die Welt heute aussehen, wenn die grossen Kolonialmächte jener Zeit, Grossbritannien und Frankreich, Barths Ansichten adoptiert hätten und statt Konfrontation und Kolonisation Dialog und echten Handel gesucht hätten? Unvorstellbar.)
Wer Barths Reisebericht liest, ist überrascht von der Offenheit, mit der er den indigenen Völkern Afrikas begegnet. Dabei verklärt er sie keineswegs; auch er trifft Warlords, die ihm ans Leben wollen, wird von Dienern und einheimischen Schutztruppen verraten und im Stich gelassen. Aber, obwohl er auch das eine oder andere Mal zur Waffe greift, fällt auf, dass er wohl keine Handvoll Schüsse wirklich abgegeben hat – jedenfalls nicht auf Menschen. Dies, und die Tatsache, dass er auch mit Indigenen Freundschaft geschlossen hat, erinnert natürlich an Kara Ben Nemsi (der, davon bin ich überzeugt, Dr. Heinrich Barth zum Modell hatte). Beide reisen, um von den und über die Indigenen zu lernen; beide sind im Prinzip dem Islam gegenüber offen, auch wenn sie seine fanatischen Auswüchse nicht leiden mögen; beide können sich mit Einheimischen befreunden. Barth allerdings, hierin natürlich realistischer, verlässt sich nicht einfach auf seine Faust, um ungeschoren die Gebiete der Warlords durchqueren zu können, sondern erkauft Schutz und Hilfe mit Geschenken. Auch ist Barth der „gebildetere“ Reisende, der seine Vorläufer kennt und gerne zitiert, nicht nur die – vorwiegend englischen – Forscher des 19. Jahrhunderts (allen voran Mungo Park, der teilweise denselben Weg genommen hatte, ihm dadurch aber auch das Leben schwer machte, weil er auf seiner Reise auf alles Menschliche, das sich am Ufer des Tschad zeigte, schiessen liess – aus lauter Angst, selber erschossen zu werden), sondern gerne auch jene alten, islamischen Berichterstatter Ibn Battutah, der Jahrhunderte vor ihm in Timbuktu war, oder Leo Africanus, den Mauren, der nicht viel nach Ibn Battutah ähnliche Gegenden bereiste. Auch das macht natürlich Barth nicht unbedingt „volkstümlicher“.
Die in der Volksausgabe hinzugefügten Holzschnitte nach Skizzen, die Barth jeweils vor Ort gemacht hatte, machen die Sache, ehrlich gesagt, nur unwesentlich besser. Wir finden nur wenige für den Laien interessante und spannende Zeichnungen: Panoramen oder Tiere. Meist sind es Detailskizzen von Geräten oder Gebäuden. Barth scheint auch Grundrisse (von Gebäuden oder Städten) sehr zu lieben.
Fazit: ein bisschen trocken, aber gerade dadurch ein faszinierender Reisebericht. Und ein unabdingbares Korrektiv zu den fiktiven Abenteuern eines Kara Ben Nemsi in ähnlichen Gegenden.