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Seit 1895 gibt es den Schützenbund des Seebezirks. Die geplante Jubiläumsfeier mussten die Schützen wie bereits 2020 auch in diesem Jahr absagen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Das Schützenwesen hat sich gewandelt.
Es war ein Lehrertrio, welches den Schützenbund des Seebezirks initiierte: Johann Tüscher aus Altavilla, Johann Hubmann aus Ried und Fritz Fürst aus Ulmiz. Die Gründung fand 1895 im Buffet de la gare in Murten statt. Der Austragungsort des ersten Feldschiessens war Ried. Sieben Schützenvereine aus dem Seebezirk nahmen daran teil: Murten, Muntelier, Salvenach-Jeuss, Oberried, Kerzers, Ulmiz und Fräschels. 1922 waren es bereits 27 Gesellschaften, die um die Wette schossen, diesmal in Courtaman und Cordast. Das ist einer Dokumentation von 1945 des Lehrers Willy Fürst aus Lurtigen zu entnehmen.
«Es ist ein Glück, dass in der Anfangsphase Lehrer dabei waren», sagt Hans Etter, Präsident des Schützenbunds des Seebezirks, «dank diesen schreibgewandten Personen verfügt der Schützenbund über sehr gute schriftliche Unterlagen.» Der Verband sei vor allem durch Offiziere und Männer aus der gehobenen Gesellschaft geführt worden, zum Beispiel Lehrer, Bankiers oder Kaufmänner. Verblüffend für ihn sei aber, dass sie die Basis dennoch einbezogen und sich fragten, was der einfache Schütze will. «Der Ursprung war sehr militärisch», sagt Hans Etter. «Im Mittelpunkt standen patriotische Gedanken, welche wohl der damaligen Zeit angepasst waren.»
Schüsse auf dem Schiff
Vorwiegend am Sonntag sei vor hundert Jahren geschossen worden, «sie haben irgendwo Scheiben aufgestellt, es gab damals noch keine Schiessstände», sagt Beat Baumgartner, der im Schützenbund für die Auszeichnungen verantwortlich ist. Lausbuben habe es zu dieser Zeit auch gegeben, sagt Hans Etter und blickt in die 50-Jahr-Jubiläumsschrift von Willy Fürst. Dort heisst es, dass das zweite Feldschiessen in Kerzers gut verlaufen sei, aber ein Schütze auf den Namen eines anderen geschossen habe. Eine andere Episode weiss der Präsident: «Sie sind mit dem Schiff ans Feldschiessen nach Bas-Vully gefahren, und auf der Rückfahrt haben sie die verbliebenen Schüsse auf dem See abgegeben.» Auch ist in den alten Schriften zu lesen, dass gute Schützen für andere schossen: «Diese Art Betrug war eine Zeit lang ein wahres Krebsübel, gegen das mit scharfen Massnahmen gekämpft wurde», schrieb Willy Fürst.
Unermüdlich habe der Schützenbund geworben und Einladungsschreiben an die Gesellschaften verschickt. Doch sie wollten nicht nur möglichst viele Mitglieder, sondern hatten auch klare Regeln: 1898 habe der Schützenbund eine Gesellschaft «wegen Pflichtvernachlässigung» ausgeschlossen, schrieb Willy Fürst. «Sie wurde auf die Liste der Gründer genommen, dann aber als nicht würdig befunden und gestrichen.» Gesellschaften, in denen «der Schlendrian» regiert habe, habe der Schützenbund nicht mehr eingeladen. Im Kantonalverband habe der Schützenbund des Seebezirks «in hohen Ehren» gestanden, «wo die Ordnung geradezu mustergültig war». Zum Feldschiessen 1926 schrieb Willy Fürst, dass es nicht mehr vorkomme, «dass einer auf dem Heimweg mit einer übrig gebliebenen Patrone einem davoneilenden Hasen nachjagt und dabei seine vorangehenden Kameraden gefährdet».
Frauenquote stagniert
Ausgefallen ist das Feldschiessen nur wenige Male in den 125 Jahren: 1905 brachte man es zu keinem Feldschiessen. In den Unterlagen ist vom «Tiefstpunkt» die Rede. Im Jahr 1914 konnte wegen Ausbruch des Kriegs kein Feldschiessen stattfinden. 1920 machte die Maul- und Klauenseuche den Schützen einen Strich durch die Rechnung, sie waren auf 17 Plätze verteilt. Bekanntlich machte in jüngster Zeit die Pandemie ein Feldschiessen mit einem grossen Fest unmöglich.
Heute sei im Gegensatz zu früher vorwiegend die Landbevölkerung im Schützenwesen aktiv, sagt Hans Etter. «Heute ist es ein Sport. In Jungschützenkursen werden die Jugendlichen durch qualifizierte Leiter bestens ausgebildet und für die Sicherheit sensibilisiert», ergänzt Beat Baumgartner. Auch seien seit den 1970er-Jahren Frauen dabei: «Es gab eine Gruppe mit zehn Frauen auf dem Bodemünzi», erinnert er sich. Das Schiesswesen werde aber noch immer stark von Männern dominiert. «Die Frauenquote stagniert im Moment. Es wäre aber schön, wenn es mehr durchmischt wäre.» Doch durch die Impulse von Bundesrätin Viola Amherd in der Schweizer Armee könne es gut sein, dass sich Frauen künftig vermehrt für den Schiesssport interessierten.
«Die Frauen standen insbesondere während den ersten 60 Jahren des Schützenbunds voll und ganz hinter dem Schiesswesen, weil sie darin vor allem den Erhalt der Freiheit des Vaterlands sahen. Diese Haltung kann man sich vor allem erklären durch den Einfluss der zwei Weltkriege», sagt Hans Etter. 1942 hätten die Frauen von Salvenach-Jeuss die neue Fahne bezahlt und feierlich eingeweiht.
Die Geselligkeit
Hans Etter ist seit 1981 im Schützenbund, Beat Baumgartner seit 1996. Der Grund für ihr langjähriges Engagement sei nicht nur das Schiessen allein, sondern insbesondere die gelebte Schützenkultur: «Das zählt sehr viel», sagt Beat Baumgartner. «Das soziale Umfeld ist der Trumpf des Schiesswesens», sagt Hans Etter. Es gehe eben nicht nur ums Schiessen, sondern auch um interessante Gespräche, geselliges Beisammensein und darum, einander zuzuhören und zu respektieren.
Beim Schiessen selber ist Disziplin angesagt: «Sie ist sehr gross. Ein Unfall, zum Beispiel an einem Feldschiessen, wäre eine Katastrophe und wohl das Ende dieses Anlasses», sagt Hans Etter. Früher sei noch nicht so stark kontrolliert worden. Die Waffe müsse gesichert sein, und das werde durch den Schützenmeister überprüft. Auch der Umgang mit Alkohol sei heute sehr strikt: «Es gibt erst nach dem Schiessen ein Bier», sagt Beat Baumgartner. Die Disziplin und die Konzentration bei der Schussabgabe seien eine gute Ausbildung, gerade auch für Junge: «Mir sagte eine Lehrerin, dass sich einer ihrer Schüler viel besser konzentrieren kann, seit er bei den Jungschützen dabei ist.» Ab zehn Jahren könnten die Jungen dabei sein, «sie erhalten eine Eins-zu-eins-Betreuung». Der Fokus auf die Scheibe, die Konzentration, das mache die Faszination für den Schiesssport aus. «Das gilt für Zehnjährige wie auch für 85-Jährige», sagt Beat Baumgartner.
Die Gruppendynamik
Seit Bestehen des Schützenbunds des Seebezirks wurden verschiedene Grossanlässe durchgeführt: drei kantonale Schützenfeste in den Jahren 1923, 1952 und 2009 sowie neun Bezirksschützenfeste. Diese hätten nur realisiert werden können, indem sich alle Gesellschaften sowie Schützen und Schützinnen des ganzen Bezirks an der Durchführung beteiligten. Das Ziel sei nicht nur ein finanzieller Erfolg gewesen, sondern vor allem durch die Zusammenarbeit den Zusammenhalt im ganzen Bezirk zu fördern.
Der Bezirkscup, der seit 1982 ausgetragen wird, sei ein Schiessen, das in den letzten 40 Jahren den Zusammenhalt und das Verständnis für die unterschiedlichen Kulturen im Seebezirk sehr stark gefördert habe. Nach einem Gruppenwettkampf offeriert jeweils die Heimgruppe der anderen ein Abendessen, begleitet von vielen Gesprächen in der jeweiligen Schützenstube. Bei der Gruppenbildung für das Cupschiessen gehe es nicht nur um das vom jeweiligen Schützen zu erwartende Resultat, sondern noch mehr darum, dass der Schütze für das soziale Leben in der Gruppe eine Bereicherung sei. «Fünf sehr gute Schützen erreichen nur ein gutes Gruppenresultat, wenn die Chemie in der Gruppe stimmt», sagt Beat Baumgartner, der in der Gesellschaft Salvenach-Jeuss dabei ist.
Einen Lieblingsschiessstand habe er nicht, «das variiert». Auch Hans Etter, der seit jeher in Wallenried schiesst, antwortet: «Das kann ich auch nicht generell sagen.» Gutes Essen spiele schliesslich auch eine Rolle, sind sich die beiden langjährigen Schützen einig.