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Am nächsten Morgen hatte sie Kopfschmerzen. Sie stand auf, faltete die Decke zusammen, zog die Rollläden hoch und öffnete ein Fenster. Sie kochte sich einen Kamillentee, schlang die Hände um die warme Tasse und setzte sich ans Fenster. Sie lebte schon fast ein halbes Jahr an der Bahnhofstrasse 13 in Spreitenbach, doch sie hatte kaum Kisten ausgepackt. Damals hatte sie Roberts Wunsch nach einer räumlichen Trennung rasch entsprochen. Über ein Temporärbüro suchte sie sich einen Job, wurde Datatypistin, prüfte mit 50 anderen Männern und Frauen elektronisch erfasste Krankenkassenbelege. Die Augen starr auf die Bildschirme gerichtet, flogen Finger über die Tastaturen. Das ehrfürchtige Staunen der ersten Tage war rasch gewichen. Mittlerweile trug auch Lena Kopfhörer und hatte Musik im Ohr. Nach acht Wochen hatte sie ihre eigene Wohnung gefunden. Irgendwo weinte manchmal ein Baby, auf der Steintreppe quietschten Turnschuhe, doch die vorbeifahrenden Autos hörte sie, trotz Hauptstrasse, kaum. Mit den beiden Sofas aus dem Nachlass ihrer Mutter und dem Ikea-Sofatischchen wirkte die Wohnung leer. Erinnerungen fühlten sich hier wohl. Sie sah sich Robert anflehen: «Lass uns zu einem Therapeuten gehen. Wir sind nicht das erste Paar, das sich auseinandergelebt hat.» «Was soll das bringen? Kein Therapeut kann mir die Gefühle zurückbringen, die ich nicht mehr für dich habe.» Sie hatte nicht aufgegeben, war alle paar Wochenenden nach Karlsruhe gefahren. Frisiert, sorgfältig angezogen und geschminkt – Robert ignorierte ihren Wunsch nach Nähe. «Du ziehst mich einfach nicht mehr an. Du hast dich nicht zu deinem Vorteil verändert.» Wenn er unzufrieden oder wütend war, wurde die Wortwahl ausfallender: «Du läufst schlimmer rum, als der dreckigste Bauarbeiter.» Lena schüttelte sich, erhob sich von der Couch, schloss das Fenster. Sie suchte im Schrank nach Schlabberklamotten und ging ins Bad. Da sah sie ein fremdes Shampoo auf dem Toilettenspülkasten. Robert hatte es wohl bei seinem letzten Besuch vergessen. Minutenlang starrte Lena die Flasche an. Ein Bild jagte das nächste: Das erste Mal gemeinsam Duschen in dem kleinen Viereck von Roberts Studentenbude. Wilde Küsse und warme Hände. Sie hatten den Weg ins Bett beinahe nicht mehr gefunden. Doch damals brauchten sie noch Kondome. Heute trug die Frau in der Erinnerung nicht ihr Gesicht – jedes Mal, wenn Robert ihr die Haare aus dem Gesicht strich, erkannte Lena Annabell. Es dauerte, bis Lena zu sich kam. Sie griff hastig nach der Flasche und warf sie weg. Doch der Schmerz hämmerte wieder in ihrem Kopf und liess sich nicht abwaschen. Sie hatte nur wach werden wollen, jetzt lag sie zusammengesunken in der moosgrün gekachelten Badewanne. Ein riesiger Hammer schlug mit grausamer Regelmässigkeit auf einen metallenen Amboss. Kein Gefühl, kein Gedanke, kein Wille. Irgendwann hielt sich Lena mit der einen Hand den Kopf, zog sich mit der anderen langsam hoch, wusch sich, taumelte aus der Wanne. Mit zwei Kopfschmerztabletten intus legte sie sich wieder auf die Couch.
Es klingelte. Lena erhob sich schwerfällig. Sie wankte auf dem Weg zur Gegensprechanlage. «Wer ist da?» «Hallo, ich stehe vor Ihrer Haustür.» Lena wankte zwei Schritte weiter, ohne nachzudenken öffnete sie die Haustür. «Ja?» «Hallo, ich bin Marco. Mein Mann und ich sind vor Kurzem hier eingezogen und feiern heute eine kleine Party. Möchten Sie eine Kleinigkeit bei uns essen?» Lena schüttelte wortlos den Kopf. Doch Marco blieb einfach stehen. «Geht es Ihnen gut? Sie stehen ohne Hausschuhe hier, Sie müssen furchtbar frieren. Kommen Sie, wir gehen erst mal rein. Martin, ich brauch einen Teller von dem Curry und kannst du dich mal eben um die Gäste kümmern?» Marco legte Lena die Hände auf die Schultern und schob sie mit sanftem Druck zurück in die Wohnung. Er sah sich kurz um, schüttelte flink ein paar Couchkissen und dirigierte Lena unaufdringlich an diesen Platz. Sie protestierte nicht. Inzwischen war Martin hinter Marco aufgetaucht, ein glänzendes schwarzes Schüsselchen und Besteck in den Händen. «Danke!», Marco nahm alles in Empfang. Er legte Lena ein Kissen auf die Beine und liess sie essen. Die Wärme des Currys färbte ihre blassen Wangen rot. Marco hatte sich inzwischen ihr gegenüber auf die Couch gesetzt, sah ihr schweigend beim Essen zu. Lena war zu erschöpft, um verlegen zu sein. Als sie aufgegessen hatte, nahm er ihr das Geschirr aus der Hand, legte ihre Beine hoch und deckte sie zu. «Jetzt ruhen Sie sich erst einmal aus. Wenn was ist, wir wohnen am Ende des Flurs.» Er verliess leise die Wohnung. «Danke», murmelte Lena, und schon war sie wieder eingeschlafen. Als sie aufwachte, war es draussen dunkel. Sie erhob sich schwerfällig, kontrollierte, ob die Haustür abgeschlossen war, liess die Rollläden herunter. Sie suchte sich unauffällige Kleider für den morgigen Arbeitstag. Alles wie immer, alles ganz normal. Ihre Gewohnheit zu funktionieren hatte die Regie übernommen. Doch obwohl die Schwere in ihr wog und sie sich gleich wieder hingelegt hatte, liess der Schlaf sie diesmal im Stich.