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„Sonderbar genug ist es, dass gerade die sogenannt gemeinen Pflanzen… lange nicht immer die am besten untersuchten und geordneten sind. Man will – besonders der Sammler – immer eher das Seltene, Weiterentlegene.“
Brief des Botanikers Jakob Gottlieb Custer über seine Proben von Schweizer Pflanzen und über den wissenschaftlichen Fortschritt in der Floristik
(ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 517:2)
Der Bezirksarzt und Botaniker Jakob Gottlieb Custer (1789-1850) aus Rheineck konstatierte 1827 in einem Brief mit seiner Bemerkung über die Jagd nach Raritäten ein immer wieder feststellbares Phänomen. Er war daran, Pflanzenbelege zusammenzustellen, die er an einen ebenfalls sehr versierten Botaniker weiterreichen wollte, den er mit „Herr College“ ansprach. Custer war sich zuerst nicht ganz schlüssig, was er alles versandbereit machen sollte. Er leistete seinem Briefpartner denn auch „Abbitte“, wegen des grossen Packes keineswegs seltener Pflanzen“ und fuhr fort: „Während Sie ohne Zweifel Bürger der höhern und südlichen Alpen erwarteten, komme ich Ihnen mit einer Schaar Thal- und Vorgebirgspflanzen des Nordens der Schweiz daher“. Custer bezeichnete sich selbst als „wahren Verehrer des Pflanzenstudiums“. Seit Jahren sammelte er unermüdlich Proben aus seiner Umgebung. Die von ihm begutachteten und gepflückten Pflanzen stammten aus „Vorarlberg, Kanton Appenzell und aus den Gebirgen des Distrikts Sargans bis zum Calanda“.
Obwohl an der überliefernden Stelle keine Gegenbriefe an Custer vorhanden sind, wissen wir aus den Briefen, dass nicht nur Custer Belege an sein Gegenüber versandte, sondern dass auch sein Briefpartner ihm Sendungen zukommen liess. Der Austausch diente den beiden Briefpartnern dazu, das Urteil des Kollegen zur Einordnung des Pflanzenbelegs einzuholen.
Custer legte ein reichhaltiges Herbar an und verfasste eine Abhandlung über phänerogamische Gewächse des Rheintals, die 1821 im Band 1 der Neuen Alpina erschien und 1827 Ergänzungen erfuhr. Er wird 1854 als einer der „Gewährsmännner“ der Flora von Tirol geführt und der Autor Franz Freiherr von Hausmann vermerkt in Band 3 eine weitere von Custer angelegte Sammlung, die 1846 das Vorarlberger Gebiet dokumentierte und in die Museal-Sammlungen Innsbruck gegeben wurde. Eine Reihe der Schweizer Fundbelege Custers liegt heute im Naturmuseum St.Gallen.
„Dergleichen Männern wie Sie, Selbstbeobachtern der Gewächse im Freÿen, kommt es allein zu, solche Genera zu bearbeiten, wenn sie aus ihrem Chaos herauskommen sollen, fallen sie hingegen in die Hände von zwar sehr gelehrten, aber nur trocken zugeschickte Exemplar beschauen könnende Botaniker (sic)…, so ist an keine Entwirrung zu denken.“
Die Aussage über das Beobachten in der freien Natur lässt vermuten, dass die Briefe, deren Überlieferungsgeschichte keine eindeutigen Schlüsse zulässt, an Johannes Hegetschweiler (1789-1839) gerichtet gewesen waren und weniger an seinen Bruder Johann Jakob Hegetschweiler (1795-1860), der auch als Adressat ins Spiel gebracht wird. Johannes Hegetschweiler kannte Custer seit der Schulzeit an der Aargauer Kantonsschule. Er gab Custers dokumentierender Arbeit ihren Platz in seinem Werk „Beiträge zu einer kritischen Aufzählung der Schweizer Pflanzen“, das 1831 erschien und das eine Florenliste der Appenzeller Alpen von Custer enthielt.
Die Zuordnung der zwei Briefe zu einem Briefwechsel mit Johannes Hegetschweiler wird gestützt durch eine weitere Briefstelle, in der Custer seinen Briefpartner auf seine Schrift „Reise“ anspricht, die er schon im letzten Sommer kennen gelernt habe und die ihm ein wahrer Genuss gewesen sei, gerade hinsichtlich der Ausführungen über die Species. Damit dürfte der Band Hegetschweilers zu seinen Tödireisen gemeint sein, der 1825 erschien.
Die Briefe Custers und die angesprochenen Werke geben einen schönen Einblick, wie akribisch und versiert im 19. Jahrhundert die Arbeit an einer zeitgemässen Floristik der Schweiz vorangetrieben wurde.
Literatur mit einer Florenliste von Custer:
Die Tödireise von Johannes Hegetschweiler ist bei Google Books digitalisiert: