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Kennen Sie kanadische Schriftsteller? Margaret Atwoods Bücher werden vielfach gelesen, aber sonst? Das erzählerische Werk von Norman Levine, der von 1923 bis 2005 lebte, ist jenseits des Atlantiks bekannt, im deutschsprachigen Raum kaum. Das mag mit daran liegen, dass die US-amerikanischen Autoren wie Philip Roth oder John Updike in Europa Aufmerksamkeit mit ihren Erzählungen und Romanen erregten, während ein auf den ersten Blick eher konventionell anmutender Autor wie Levine offenbar fast übersehen wurde. Umso erfreulicher ist es, dass nun ein Band mit seinen Erzählungen publiziert wurde, so dass Leser im alten Europa ausgewählte Geschichten von Norman Levine für sich entdecken können.
In "Englisch für Ausländer" tritt ein junger Englischlehrer auf, der zunächst auf seinen "kanadischen Akzent" hinweist und um Korrekturen bittet, falls er unverständlich sei. Eine strahlende Italienerin lobt ihn umgehend. Liegt es an seiner deutlichen Aussprache oder an der freundlichen, aufgeschlossenen und sympathischen Art, mit der er sich vorstellt. Der unsichere Englischlehrer fühlt sich sogleich wohler. Doch trügt der Schein? Vielleicht ein wenig: "Aber am zweiten Tag erfuhr ich, dass der Engländer, den ich ersetzte, einen Sprachfehler hatte. Er ging, ohne sich zu verabschieden. Das war etwas, was in diesem Beruf einfach so passieren konnte. Man wurde ohne Referenzen eingestellt und ging auf dieselbe Art." So erzählt Norman Levine leise und mit Zwischentönen. Er beobachtet aufmerksam, macht aber nur wenig Worte und vermag das Gesehene aufzunehmen, sprachlich zu formen und anschaulich wie sensibel darzulegen. Flüssig entstehen und entwickeln sich Geschichten. Es wird Beiläufiges notiert, das auf Sicht hin gar nicht so beiläufig ist, wie es zunächst erscheint. Allein in dieser Episode wird deutlich, dass die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte zunächst verborgen, aber nicht unsichtbar im Hintergrund bestehen. Der Vorgänger verschwand ohne Abschiedsgruß – oder er wurde, aufgrund von scheinbaren Unzulänglichkeiten und Schwächen, verabschiedet. Die Schüler, "vorwiegend junge Mädchen", wertschätzen die zugewandte Art des neuen Lehrers. Er scheint gewinnend zu wirken, doch für wie lange? Levine skizziert in dieser Geschichte sorgfältig die Atmosphäre des Sprachunterrichts, behutsam und ernsthaft, doch nicht spielerisch. Ein sorgfältiges Porträt entsteht vor den Augen der Leser.
Dasselbe gilt, anders nuanciert, auch für die "Geschichte eines Schriftstellers". Von genialischer Inspiration und künstlerischen Attitüden, von exotischen Lustbarkeiten oder gar Manien ist nicht die Rede. Schreiben ist Handwerk, ist Arbeit. Das gilt für Romanciers wie für Essayisten und Wissenschaftler. Also spricht Levine nicht von persönlichen Okkupationen oder romantischen Passionen, lediglich davon, dass auch Schriftsteller darum bestrebt sind, denkend und erzählend am Leben zu bleiben, künstlerisch tätig zu sein, ohne dem Bild ingeniöser Kunstfertigkeit entsprechen zu können oder zu müssen. Eingefügt in die Erzählung ist auch "Sams Geschichte". Sam ist ein "ehemaliger Etonschüler", der Bilder malte, "Broterwerbsbilder" und noch immer hoffte, "dass er den Durchbruch schaffte und bekannt werden würde": "Als er mir zwanzig oder dreißig Leinwände zeigte, sah es aus wie in der Malklasse einer Kunstschule – jedes Bild war in einem anderen Stil gemalt." Nüchtern und illusionslos, aber verständnisvoll und freundlich wird dies beschrieben. Der Autor in der Geschichte denkt von sich: "Mein erster Roman war gerade angenommen worden und ich hielt mich für einen Schriftsteller. Ich glaubte, das Schriftstellerdasein wäre eine Fortsetzung des Lebens, das ich von der Universität kannte, wo ich die Literaturzeitschrift herausgab, meine Gedichte und Erzählungen in Montreal im Radio gelesen wurden und ich in meinem letzten Studienjahr den Roman schrieb. Alles schien der Reihe nach zu kommen, sich von selbst zusammenzufügen, ohne dass ich mich groß anstrengen musste. Der Krieg … die Universität … der Roman angenommen … geheiratet. Und jetzt kam ich hierher, um das nächste Buch zu schreiben." Der Plan, den ein Einzelner für sein Leben versuchsweise macht, wird vom Leben gewissermaßen selbst korrigiert: "Aber worüber schreiben. Ich wusste es nicht." Jeder Schriftsteller steht nach dem Abschluss eines Buches vor dem Beginn des nächsten Schriftstücks. Von außen besehen scheint er es gut zu haben, schreibt, geht seiner Passion nach. Doch Literatur entsteht nicht von selbst, nicht nach theoretischen Mustern und Konzepten. Der Literat in der Erzählung entdeckt in jungen Jahren die eigene Ideenlosigkeit. Er sucht Begegnungen mit Menschen in seiner Umgebung, auch um Anregungen zu erhalten. Immer deutlicher werden pekuniäre Nöte. Die soziale Frage tritt zutage und zerstreut bürgerliche Vorstellungen über ein imaginiertes Künstlertum, die Außenstehende hegen mögen: "Wie sollte ich meinen Lebensunterhalt verdienen, wenn ich mein nächstes Buch nicht schreiben konnte?"
Norman Levine schreibt weder moralisierend noch plakativ über Armut, eher mit einer trotzigen Sachlichkeit oder auch gelassenen Heiterkeit. Einige Schriftsteller und viele "Sonntagsmaler" führen ein "erbärmliches Leben", doch sie resignieren nicht. Der Protagonist der Erzählung "Jahrgang 1949", ein Autor natürlich, fragt sich: "Warum bin ich an diesen Schreibtisch gefesselt? … Was ist so wichtig am Schreiben?" Er denkt über "Fesseln und Freiheit" nach und erlebt einen leisen Glücksmoment: "Emily kam morgens um halb elf mit einer Tasse Kaffee und einem Keks nach oben. Und ich machte mit dem Schreiben da weiter, wo ich aufgehört hatte." Weil dieser Schriftsteller seine geliebte Emily hat, wird er nicht verzweifeln und sich auch nicht müßigen Gedanken über künstlerische Existenzweisen machen. Er schreibt einfach weiter, was soll er auch sonst tun? Der Literat ist nur Literat, ein Handwerker am Schreibtisch, ein einfacher Arbeiter mit dem Kugelschreiber in der Hand, früher an der Schreibmaschine tätig, heute am Computer. Sorgsam und freundlich erzählt Norman Levine nicht nur von Schriftstellern, sondern von den Menschen dieser Welt, die arbeiten, oft einfallslos sind und doch dankbar für die glücklichen Tage, die sie erleben dürfen. Es versteht sich von selbst, dass nicht alle Geschichten gut oder sogar märchenhaft ausgehen. Der kanadische Erzähler schildert die farbige Welt des Alltags, sanft, ernst und freundlich – und fernab von bitterer Häme, galliger Ironie und kaltem Zynismus. Es lohnt sich unbedingt, die Geschichten von Norman Levine lesend kennenzulernen.