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Carlo stand am Strassenrand.
Die kleine Mimma streckte beide Händchen nach dem riesigen Waggiswagen. Carlo nahm seine Enkelin auf die Arme.
Der Waggis bückte sich. Und streckte Mimma ein rosafarbiges Plüsch-Elefäntchen entgegen.
« NONNO!»
Das Mädchen konnte sich kaum beruhigen. Immer wieder streichelte die Kleine das Schmusetier.
Carlo verstrubbelte den Kopf der Enkelin: «Magst du eine Tasse heisse Schokolade?»
Mimma jubelte auf.
Eine Viertelstunde später sassen die beiden auf einer unbequemen Holzbank in einem rammelvollen Lokal.
Das Kind schmuste mit seinem Elefanten herum. Carlo aber fühlte diese eigenartige Traurigkeit, die immer mal in ihm aufglühte – ähnlich wie ein paar verkohlte Holzbrocken in einem erloschenen Feuer.
Vor 40 Jahren war er mit Angela in diese Stadt gekommen.
«Sizilien kann jungen Menschen nichts bieten. SUCHT IM NORDEN DAS GLÜCK!» – hatte sein Vater am Mittagstisch verbittert gesagt.
So hatte es das junge Paar an den Rhein verschlagen.
Ein Onkel wohnte seit zehn Jahren in der Rheinstadt: «Es lässt sich leben hier, Carlo – aber es ist kalt. Der Rhein ist nicht das Meer. Und wenn die Sonne scheint, ist sie meistens so zurückhaltend, wie die Gefühle der Menschen in diesem Land…»
Sie lebten sich ein.
Angela fand Arbeit in einem Putzinstitut. Carlo arbeitete Schicht in der Chemie.
Sie schickten fast den ganzen Verdienst nach Sizilien – irgendeinmal würden sie zurückkehren. Zusammen mit ihren Kindern.
Carlos Vater kaufte Land mit dem Geld. Baute ihnen ein Haus: «Für meine Jungen…», erklärte er den Nachbarn.
DIE JUNGEN PASSTEN SICH IM KALTEN NORDEN AN.
Sie waren zufrieden, weil ihre Kinder auch zufrieden waren. Doch oft verstanden sie die neue Sprache ihrer jungen Brut nicht …
«Pachino ist für sie weit weg», flüsterte Carlo dann.
Die Buben wollten trommeln. Der Vater war dagegen – die Mutter setzte es durch: «Sie leben hier, Carlo – nicht auf Sizilien!»
Damals, als sie zum ersten Mal mittrommelten, war er am Strassenrand gestanden. Seine Buben marschierten mit leblosen Augen an ihm vorbei.
ES SCHIEN, ALS HÄTTEN SIE SICH MIT DIESEN TROMMELWIRBELN IN EINE ANDERE WELT AUFGEMACHT.
Nie hatte sich Carlo einsamer gefühlt, als in jenem Moment… weit weg von Sizilien.
In den grossen Ferien fuhr die Familie jeweils nach Catania. Alle bestaunten das Haus, das für sie gebaut worden war. Aber Carlo wusste: Sie würden nie einziehen.
ER WÄRE MIT ANGELA GERNE ALLEINE ZURÜCK.
Doch sie winkte ab: «Ich will meine Enkel wachsen sehen. Wir bleiben hier!»
Dann streichelte sie die Hand ihres Mannes: «Die sizilianische Sonne fehlt mir auch, Carlo – aber das Glück der Kinder und Enkel ist unsere Sonne…»
Carlo und seine Enkelin machten sich nun auf den Heimweg.
Zwei Masken auf einer Chaise winkten den alten Mann zu sich. Sie streckten ihm einen Mimosenzweig entgegen.
Carlo drückte die Blumen an sein Gesicht: Mimosen… vor dem Haus in Pachino hatte sein Vater vier Mimosenbäume für ihn gepflanzt.
Tief atmete er den Duft der gelben Kugeln ein. Und plötzlich war alles da: Sizilien… die Wärme… die Sonne…
«Nonno – weinst du?», fragte Mimma.
Und schenkte ihm den Plüsch-Elefanten.