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Die Kunst des Handschuhstrickens mit Wolle auf Rahmen und Gestellen wurde erst seit der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts in Basel handwerksmässig betrieben. Als eigentliche Vermittler der Technik sind wohl die hier eingewanderten Barettlimacher welscher Herkunft, aus Burgund, aus dem Aostatal und aus der Normandie anzusprechen, von denen Jakob Merede bezeugtermassen einen Handschuhmachergesellen aus Paris beschäftigte. Das Lismen kam rasch in Aufschwung. Von 1569 bis 1600 erlangten nicht weniger denn sechzehn Strickermeister zu Safran Zunftrecht, darunter als erster Hans Fürfelder (1569), dann Andreas Preiswerk (1577), Hans Jakob Treumer (1591) und Leonhard Dietschy (1594), in deren Geschlechtern sich das Gewerbe durch mehrere Generationen hindurch erhielt.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erfuhr das Strickerhandwerk eine Erweiterung seines Arbeitsbereiches, dank der in Mode gekommenen und in Basel rasch Eingang findenden Strumpfhose. Ihre Herstellung wurde schon nach wenigen Jahren zur Hauptarbeit der Stricker, welche der vorherrschenden Produktion entsprechend, sich seit den 1620er Jahren Hosenlismer, Hosenstricker oder Hosenmacher nannten. Auf alle Fälle aber galten Handschuhstricker, Hosenstricker und die ihnen nachfolgenden Strumpfstricker resp. Strumpfweber als ein Handwerk. Ihre Ware wurde wegen ihrer relativen Billigkeit namentlich von den geringeren Leuten gekauft und gehörte bald zu den wichtigsten Verkaufsartikeln der Jahr- und Wochenmärkte.
Schon im Jahre 1593 hatten die Lismer einen vom Rat besiegelten Pergamentbrief mit einer Handwerksordnung erhalten, konform derjenigen der Strassburger Berufsgenossen, mit deutlicher Spitze gegen die Winkelarbeit unredlicher Stümpler und Störer, wohl zumeist armer auf der Landschaft und auf bischöflichem Territorium niedergelassener Refugianten, denen man in der Stadt Burgrecht und Einsitz verwehrt hatte. Fünf Jahre später taten sich die «gemeinen meister des baretlin- und hosenstricker handwercks am obern Rheinstrom, Sunt- und Preissgau, Ober- und Niederelsass» zu einer «Bruderschaft» zusammen. Zu Breisach fanden dann 1601 Besprechungen der Basler mit den «gemeinen landmeistern» statt, vermutlich um die Basler zum Anschluss zu bewegen. Noch im gleichen Jahr, am 20. Dezember 1601 legte das Basler Handwerk dem Zunftvorstand eine neue Ordnung vor. Sie wurde aber nicht bestätigt; vielmehr bestellte der Zunftvorstand aus seiner Mitte eine Dreierkommission, die mit den Strickermeistern nochmals darüber beraten sollte.
Jahre vergingen über den Besprechungen zwischen Meisterschaft und Zunft. Erst unterm 20. Mai 1607 siegelte der Rat die endlich spruchreif gewordene Ordnung mit ihren 18 Artikeln. Sie besagen in der Hauptsache folgendes:
Keiner soll in die Meisterschaft des «Hosen- oder Henschenlismer Handwercks» aufgenommen werden, der nicht eine dreijährige Lehrzeit bei einem redlichen Meister ausgestanden hat und sich darüber nicht mit einem von der Zunft ausgestellten Lehrbrief ausweisen kann. Um das Handwerk betreiben zu dürfen, bezahlt jeder Meister 12 Batzen in die Handwerkslade. Kein Meister soll mehr als drei Stühle, nämlich mit zwei Knechten und einem Lehrling besetzen; doch ist dem Meister unbenommen, daneben für sich selbst mitsamt Weib und Kind seine Arbeit zu verrichten. Hingegen soll kein Meister, was das Stricken anbelangt, Mägde fördern. Mit Ausnahme der Martinimesse darf kein Meister weder in der Stadt noch anderswo auf Märkten mehr als einen offenen Laden oder Stand haben. Besuchen etliche Meister auswärtige Märkte, so haben sie vor Beginn des Verkaufs miteinander um die Stände zu losen.
Kein Meister darf mit einem nichtzünftigen Stricker und Landstümpler zu schaffen haben und ihm weder Ware abkaufen noch Wolle zu verarbeiten geben, bei Strafe von 12 Gulden, halb der Zunft, halb der Handwerksbüchse zufallend. Weigert sich ein Meister, die ihm auferlegte Strafe zu entrichten, so soll er für unredlich erklärt werden; vermeint er aber, dass ihm vom Handwerk zu viel und Unrecht geschehen sei, steht ihm frei, vor dem Zunftgericht zu appellieren.
Der älteste Meister des Handwerks oder sofern einer Sechser oder des Regiments wäre, amtet als erster Bottmeister; ihm wird alle Jahre aus der Schar der übrigen Mitmeister ein zweiter Bottmeister beigegeben. Bei Strafe eines Schillings soll beim Bott kein Meister dem andern in die Rede fallen oder mit unziemlichen Worten zureden, sondern schweigen, bis die Frage an ihn gelangt. Was bei Handwerksversammlungen vorgebracht, beratschlagt und beschlossen wird, soll jeder für sich bewahren und «aufrechten häling halten».
Kein Meister darf mehr als einen Lehrjungen haben. Das Aufdingen derselben hat vor zwei hiezu erbetenen Meistern zu geschehen. Des Lehrgeldes wegen steht es den Kontrahenten frei, «sich aufs beste zu vergleichen». Nach vierzehntägiger Probezeit hat sich der Lehrling auf der Zunft vor einem Ehrenhandwerk zu stellen und einschreiben zu lassen. Hiefür erlegt er 6 Batzen Gebühr und gleichviel nach drei Jahren bei der Lossprechung. Ein Lehrling soll seine drei Jahre voll auslernen und seine Lehrzeit nicht mit Geld abzukaufen suchen.
Das Abspannen des Gesindes ist verpönt. Tritt ein Knecht mutwilligerweise bei einem Meister aus, so sollen ihm die übrigen Meister keine Arbeit geben, er sei denn wenigstens einen Monat ausser der Stadt gewesen.
Kraft der vom Rat verliehenen Ordnung standen nun die Basler Stricker als zunftehrliche Meisterschaft da. Der elsässisch-breisgauischen Bruderschaft beizutreten, begehrten sie aber nicht. Gewitzigt durch das Beispiel der Basler Wagner, die dem 1598 gegründeten grossen oberrheinischen, mit kaiserlichen Privilegien ausgestatteten Wagnerbund zugehörten und sich damit grosse Kosten und Unannehmlichkeiten aufluden, lehnten die Stricker den Anschluss an die Bruderschaft ab. Deren Gerichtshof, aus zehn Meistern und zwei Gesellen bestehend, forderte hierauf die Basler zur Verhandlung nach Neuenburg a. Rh. Da aber eine solche Bundestagung mit einer katholischen Messe eröffnet wurde, schützten die hiesigen Meister Gewissensgründe vor und gingen nicht, fest entschlossen, sich auf keinen Fall mit der Bruderschaft einzulassen. Diese liess nun alle ihr zu Gebote stehenden Mittel spielen, mit dem Ziel, die überlegene Konkurrenz des Basler Handwerks auf den Märkten des Elsasses und Breisgaus zu bodigen. Mit der Drohung, man werde «auf die Basler gohn und stohn, wo immer sie feil haben auf oesterreichischem boden», wurde denn auch Ernst gemacht. Auf dem Sommermarkt zu Schönau wie auf dem grossen Habsheimer Herbstmarkt nahm man den Basler Strickern unter schnödem Spott ihre Warenlager weg. Der Antreiber dieser schikanösen Manöver war der Obmann der Bruderschaft, ein Licentiat der Rechte mit dem ominösen Namen Schürer. Als er 1609 zu Habsheim Meister Leonhard Dietschys Strickwaren beschlagnahmen liess und ihm Dietschy sagte: «Herr Doctor, ihr werdet mir nichts aufs Maul binden», rief Schüre erbost: «Wann ich dich im Walde hätte, ich wollte bald mit dir fertig werden!»
An die Safranzunft und an den Basler Rat richtete er scharfe, verleumderische Schreiben, des Inhalts, wenn die hohe Obrigkeit wüsste, dass die Basler Lismer ihre Ware aus Kreide statt aus Wolle machten, würde sie ein anderes Aufsehen haben. Hiezu bemerkten die trocken: «wann wir aus kreiden anstatt der wullen könnten unsere hosen oder hentschen machen, hielten wir es für ein vüll grosser kunst dann die alchemistenkunst, golt zu machen.»
Weiter erklärte das Handwerk, es könne seine Kreidetechnik getrost der Obrigkeit offenbaren, zumal die Basler Meister bisher den Ruhm gehabt hätten und ihre Ware von den Landleuten auf den Märkten noch immer gerühmt werde. Ihre Überlegenheit rühre daher, dass ihr Produkt dank der Walkmühle viel stärker und steifer werde als die von Hand verwelkte Ware der Vorderösterreicher. Die Kreide benützten die Basler nur, um beim Ausbereiten die Strickware etwas weisser und «verknüpflicher» zu machen, während ihre Widersacher, wenn sie ihre Ware aus dem Schmutz gewalkt hätten, sie wieder in denselben legten und beim Ausbreiten Kreide und Kohle in den Schmutz hinein rieben, damit ihr Werk dick und silberfarbig werde.
Dass bei diesen Anfeindungen der Konkurrenzneid im Vordergrund stand, geht aus Schüres Klage an die Safranzunft hervor, wenn er schrieb, die Basler seien aller Beschwerden entladen und schnitten den österreichischen Meistern das Brot vom Maul ab. Diesem Vorwurf begegneten die Basler mit der Bemerkung, dass sie nur drei Märkte in den vorderösterreichischen Landen besuchten und dort etwa hundert Kronen mit großen Unkosten lösten.
Dem Basler Rat erklärte die Meisterschaft, sie wolle mit der Bruderrschaft nichts zu schaffen haben, sondern steif und fest lediglich bei der vom Rat gegebenen Ordnung verbleiben, abgesehen davon, dass es für sie ihrer Lebtage eine Schande wäre, wenn dieser Licentiat über sie gebieten sollte.
Wohl gelang es dem Basler Rat durch Vorstellungen bei der österreichischen Regierung zu Ensisheim die Lösung der beschlagnahmten Waren und wie ehedem den freien Marktbesuch zu erwirken. Da aber auf Betreiben der Bruderschaft die gekreideten Basler Waren nach wie vor auf den breisgauischen Märkten zurückgewiesen wurden, wandten sich die hiesigen Stricker 1610 erneut an den Rat mit der Bitte, sie bei ihren Handwerksbräuchen zu schützen oder als Gegenmassnahme den österreichischen Meistern den Verkauf in Basel zu verbieten. So weit wollte es aber die Basler Regierung, die auf ein gutes Einvernehmen mit Oesterreich Wert legte, allein wegen der Stricker nicht kommen lassen. Zwar anerkannte sie das Recht der Meister, ihre aufs beste gemachte, mit Kreide ausbereitete Ware auf hiesigem Platz zu verkaufen, gebot ihnen aber, was sie auf österreichischem Boden verkaufen wollten, mit den dort geltenden Handwerksartikeln in Einklang zu bringen, d.h. ohne Kreidebehandlung anzufertigen, «da meine herren anderen herrschaften keine ordnungen zu machen bedacht seien».
Die berufliche Duldung, die das Handwerk von Seiten der Bruderschaft für sich beanspruchte, übte es selbst keineswegs gegenüber Fremden. Ein Schulbeispiel hiefür ist der Fall des Lismers Melchior Steiger von Volkelsheim aus dem Württembergischen. Im Jahre 1608 zweimal vom Handwerk und auch vom Rat in seinem Bürgerrechtsbegehren abgewiesen, liess er sich in Riehen als Handschuhmacher nieder, wurde aber vom Handwerk als Stümpler gescholten; auch seinem Bruder, dem Wollweber Jeremias Steiger, der 1605 Bürgerrecht erlangt hatte, warfen die Lismer zünftige Unehrlichkeit vor. Damit nicht genug, arrestierten sie dem Melchior wegen Stümpeleien 50 Gulden. Er beschwerte sich deshalb am 7. Mai 1609 mit Beistand seines Bruders Jeremias vor Zunftgericht und begehrte Lösung, des beschlagnahmten Geldes.
Das Handwerk machte geltend, es könne ihn nicht für redlich passieren lassen, weil er das Handwerk nicht nach Brauch, sondern von seinem Vater, der ein Wollweber gewesen sei, erlernt habe. Steiger legte aber seinen unter des Herrn von Rappoltstein Amtmannes Insigel abgefassten Lehrbrief vor, des Inhalts, dass er seinen Beruf als Hosenstricker ehrlich und redlich erlernt habe. Das Zunftgericht verfügte denn auch die Arrestaufhebung und auferlegte dem Handwerk, weil es in der Sache «zu viel getan», eine Geldstrafe von 4 Gulden. Schon am nächsten Tag erschien Steiger wieder vor der Zunft und klagte, dass ihm nach der gestrigen Verhandlung etliche Meister nachgeschrien, er sei längst ein Dieb gewesen und habe gestern den Safranherren einen Diebsbrief vorgewiesen; sie hätten ihm auch gedroht, dass sie die ihnen auferlegte Busse ihm «ab dem hals abschlahen wöllen». Dem Handwerk wurde hierauf allen Ernstes geboten, sich gemäss dem gefällten Urteil zu verhalten und künftig «bescheidenlicher zu fahren». Noch zwei Jahre geduldete sich Steiger mit echt schwäbischer Zähigkeit und Ausdauer, bis er 1611 endlich zum Bürgerrecht und zur Zunft kam, unter der Bedingung, sein Handwerk redlich zu gebrauchen und mit keinen Stümpeleien umzugehen.
Viel unbefangener, unparteiischer und milder als die Meistersame suchte im obgenannten Fall das Sechserbott die Gegensätze zu überbrücken und den Konflikt zu schlichten. Wo es aber um tatsächliche Rechte des Handwerks ging, sehen wir auch das Zunftgericht mit Schärfe durchgreifen, wie es beispielsweise 1630 gegenüber Leonhard Dietschy dem jüngern geschah. Er hatte 1613 als Handschuhmacher die Zunft erneuert, trat aber 1627 zur Gartnernzunft über, um ein Grempergeschäft aufzutun. Gleichwohl trieb er daneben das Lismerhandwerk weiter. Er wurde deshalb 1628 streng vermahnt, sich des Hosenmachens zu müssigen, trieb aber das Handwerk stärker denn je. So schickte er anfangs August 1630 etliche Zentner Hosen zum Verkauf nach Zurzach. Jetzt war die Langmut der Vorgesetzten zu Safran erschöpft. Ihr Urteil gegen Dietschy lautete: «Soll seinen begangenen fehler mit einem marck silber zu wohl verdienter straf verbessern, auch solches für eine sondere gnad halten; doch soll er hiemit auch in eine Vorstadt verwiesen sein, do dannen er nicht weichen soll, bis er das marck silber als 10 gulden erlegt und widerum durch meiner herren oberknecht heimgemahnt werde». Dietschy zog es vor, die gesalzene Geldstrafe sofort abzustatten und wurde dadurch auf gnädiges Anhalten der Schande der Verweisung ledig... .
Noch mehr als die Hutmacher waren die Stricker auf die Wolle als ihren einzigen Rohstoff angewiesen. Schon 1511 hatte der Rat zu Gunsten der Wolle verarbeitenden Handwerke Schutzbestimmungen gegen den Wollaufkauf im Grossen und die damit verbundenen schädlichen Preistreibereien erlassen. Diese Erkanntnis war mehrfach – 1551 und 1595 – erneuert und 1613 auf Bitten der Wollweber, Hutmacher, Lismer und Färber dahin erweitert worden, dass solche, die Wolle nicht zum Verwerken, sondern zum Weiterverkauf oder Vertausch auf Mehrschatz erhandelten, ihre Vorräte abgenommen und entweder auf die Safranzunft oder auf die Webernzunft gebracht werden sollten bis zur Erlegung der Strafe von einem Mark Silber. Doch erlaubte der Rat den hiesigen Handelsleuten, Wolle en gros zu Strassburg oder zu Frankfurt einzukaufen unter der Bedingung, sie ausschliesslich im hiesigen Kaufhaus einzulagern und nach der geltenden Kaufhausordnung zu verkaufen.
Das Wollgeschäft im Grossen, auch in seinen verbotenen Formen, kultivierte besonders der 1630 safranzünftig gewordene Wollhändler Rudolf Hummel. Nicht nur wegen dieses Treibens, sondern vor allem wegen seines Verlags in Strickerwaren kam er mit dem Handwerk in Streit. Denn wie den Hutmachern die Hutkrämer und Huthändler so begannen in der Mitte des Dreissigjährigen Krieges die Hosenkrämer und Strumpfhändler dem Strickerhandwerk in ungewohntem Ausmass Konkurrenz zu machen. Allen voran Hummel, der nach seiner eigenen Aussage, teils durch direkten Verkauf, teils in Kommission, Hosenlieferungen nach Zurzach, Wien, Graz, Augsburg und «andern weitgelegenen Orten» tätigte. Im Jahre 1632 begannen gegen ihn die Klagen des Handwerks, gestützt auf das 1526 erlassene allgemeine Verbot der Vereinigung von Handwerk und Gewerbe in einer Person. Das Handwerk schob Hummels Konkurrenz die Schuld zu, dass sechszehn Kleinmeister wegen Verdienstlosigkeit sich in fremde Kriegsdienste begeben hätten. Nach mehrfachen Vergleichsversuchen wurde Hummel am 12. Januar 1634 durch die Zunft verboten, neben seinem Gewerbe als Wollhändler noch das Hosenlismerhandwerk, das er nie erlernt habe, mit Hilfe fremder Meister und Gesellen weiter zu treiben. Er sollte fortan weder zunftehrlichen Meistern noch Stümpelern Wolle zu verarbeiten geben, «damit die gesellen nicht auf dem land aufgehalten, hiesigen meistern entzogen und also das handwerk aus der stadt auf das land gebracht werde». In dieser Begründung drückt sich auf das deutlichste die von Zunft und städtischer Obrigkeit aus dem Mittelalter übernommene und bis ins 18. Jahrhundert verfochtene Wirtschaftstheorie aus, dass Handwerke und Gewerbe ein durchaus städtisches Monopol seien, demgegenüber sich die Landbevölkerung mit der Bearbeitung der Scholle zu begnügen habe. Hummel scheint dem Gebot der Zunft, deren Sechser er 1645 wurde, nachgekommen zu sein. Wenigstens wird klageweise seiner in den Akten nicht mehr gedacht; auch starb er schon 1648. Zudem hatte der Rat, um den willkürlichen Preissteigerungen der Handwerke und Gewerbe entgegenzutreten, mit seiner Taxordnung von 1646 für die meisten Warengattungen Höchstpreise festgesetzt und sich vorbehalten, gegebenenfalls die Geschäftsbücher der Handelsleute zur Einsicht abzufordern. Für die Hosenstricker galten folgende Taxen:
Einschneidender als diese ertragbare obrigkeitliche Massnahme war für die Stricker, dass mit der Wiederkehr des Friedens im Reich draussen die vorderösterreichischen Berufsgenossen die Basler wie vor dem grossen Krieg von den offenen Jahrmärkten auszuschliessen begannen, so zu Habsheim, Landser, Staufen und Freiburg. Im Jahre 1653 schrieb der Rat auf Ersuchen des Handwerks nach Breisach um Auskunft wegen dieser Sperre, ohne einer Antwort gewürdigt zu werden. Jahrzehnte durch dauerten die Schikanen an. Das Handwerk bestellte sich einen Anwalt zur Wahrung seiner Interessen. Unterdessen wurde auf dem Altkircher Markt die Basler Meisterschaft «gescholten und geschändet» und zu Mülhausen warf man zwei Meistern kurzerhand die Stände um, weil die Basler kein Meisterstück wie die Mülhauser machten.
Zwar hatte 1673 der Provinzialrat zu Ensisheim den Baslern den Besuch der Märkte im Sundgau und Elsass neuerdings bewilligt; dessen ungeachtet hörten die feindseligen Angriffe der Landmeister nicht auf. «Sie haben uns», klagten die Basler, «bei ihrer obrigkeit von einem prozess in den andern gewettet». Im Jahre 1685 schoss der Safran dem bedrängten Handwerk zur Fortsetzung seines Prozesses 60 Reichstaler vor, die in Form einer auf das ganze Handwerk lautenden Obligation verwilligt wurden. Als schliesslich dieser unerquickliche Rechtshandel ohne greifbares Resultat sein Ende nahm, musste die Meisterschaft unter heftigem Lamentieren gestehen, dass sie sich über fünfhundert Pfund Kosten auf den Hals geladen hatten.
Die eigentlichen Hintergründe dieses Hosenlismerprozesses werden uns nicht durch die spärlichen Basler Prozessakten, wohl aber durch die internen Verhältnisse im Strickergewerbe aufgedeckt. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts begann sich das Handwerk in zwei Gruppen zu sondern, in eine grössere, die meist pekuniär bescheidenen Kleinmeister umfassend, und in eine kleinere Gruppe unternehmender handwerklicher Verleger mit Johann Preiswerk und Johann Brenner an der Spitze. Nicht nur gelang es Preiswerk und Brenner, die ärmern hiesigen Meister durch ein dürftiges Lohnwerkverhältnis in Abhängigkeit zu bringen, sondern sie unterhielten auch auf der Landschaft und ausserhalb des Basler Bodens durch Beschäftigung von Stümplern eine Verlegerei. Diese Zustände waren die Ursache, das Basler Handwerk im Reich nicht für possierlich gelten zu lassen und gaben den Vorderösterreichern den erwünschten Vorwand zur Marktsperre.
Die Mehrzahl der Basler Meister wollte sich der geschäftlichen Übermacht Preiswerks und Brenners nicht beugen. Im Jahre 1664 setzten die im Bott numerisch stärkeren Kleinbetriebe den Beschluss durch, dass die Meister, welche die grossen Zurzacher Märkte besuchen wollten, acht Stunden weit rings um die Stadt die kleinen Märkte nicht brauchen und zu Hause nicht paarweise, d. h. im Detail verkaufen sollten. Diese Vereinbarung wurde mit den Jahren von den Zurzacher Messebesuchern missachtet. Aus diesem Grunde verzeigte 1671 der mehrere Teil der Meisterschaft die Lismer Hieronymus Roth, Abraham Freuler, Johann Preiswerk und Johann Brenner vor dem Zunftgericht und verlangte Abstellung des Missbrauchs, da sie, die Kläger, grösstenteils dürftige Personen, Brenner und Preiswerk dagegen wohlhabend seien. Preiswerk einigte sich mit den Meistern, sieben Jahre lang die kleinen Märkte meiden zu wollen. Die Forderung, dass nach der Handwerksordnung von 1607 kein Meister mehr als drei Stühle halten dürfe, legte er aber dahin aus, dass sich diese Bestimmung nur auf die Stadt und nicht auf die Landschaft beziehe. Die andern drei Beklagten, vor allem Brenner, waren zu keinen Zugeständnissen bereit. So konzentrierten sich Unwillen und Zorn des Handwerks auf ihn. Es schickte ihm die beiden jüngsten Meister ins Haus, ihm das Handwerk niederzulegen. Seinen Gesellen wurde gedroht, sie als Schelmen und Diebe aufzutreiben, falls sie länger bei Brenner arbeiteten. Die Gründe, welche das Handwerk zur Rechtfertigung seines Vorgehens vor dem Safran anführte, waren freilich recht fadenscheinig: Brenner sei in ihren Augen unredlich, weil er 1. einen fremden Meister German in Laufen beschäftige, der einem andern Laufener Meister, Wolf Moser, Geld schulde und keine Satisfaktion geben wolle; 2. erscheine er zu keinem Meisterbott und 3. «sei ein grosser hochmut bei ihme». Der Zunftvorstand gebot denn auch dem Handwerk, Brenner und sein Gesinde für ehrlich und redlich zu halten und in der Arbeit ungestört zu lassen.
Wenige Jahre später erwuchs dem zünftigen Strickergewerbe eine Konkurrenz, zu deren Abwehr sich die Kleinbetriebe und fahrenden Meister Preiswerk und Brenner notgedrungen auf kurze Zeit einigten. Wie in den 1630er Jahren Rudolf Hummel, gründete jetzt der zu Gartnern zünftige Handelsmann Hans Heinrich Gernler eine grosse Strumpfmanufaktur. Zu Olten und an andern Orten arbeiteten Stricker und fremde, geschickte Ausbreiter für ihn. Der Rat erlaubte ihm sogar, im Waisenhaus eine «Strumpf fabrique» einzurichten, da er sich anheischig machte, die Waisenkinder besser als bisher zu lohnen. Sein Unternehmen wurde von den zünftigen Meistern heftig angegriffen mit der Wirkung, dass Gernler auf Befehl der Safranzunft einstweilen mit seinem Walkebau einhalten musste. Gernler liess sich aber keineswegs einschüchtern. Er erklärte, er wolle dem Handwerk mit einer Antwort begegnen, dass er es mehr zu geniessen als zu entgelten haben werde. Er komme auch nur aus Respekt zu den Herren Zunftregenten zur Verhandlung und nicht den Strickern zulieb, mit denen er nichts zu tun habe.
Vor dem Vorgesetztenbott am 30. November 1676 stützte er sich auf die Strickerordnung von 1607, die Grosshändlern mehrere «Gewölbe», d.h. geschlossene Warenlager gestatte und auch zulasse, Strickerwaren zu verarbeiten. Das Handwerk replizierte, die angezogene Ordnung erlaube nur gelernten, zünftigen Meistern Ware zu verarbeiten. Anzüglich wandte Gernler ein, da er alles ausser der Stadt verwerken lasse, bringe er keinem Meister Schaden, sondern Nutzen, während Preiswerk und Brenner die in ihren Diensten stehenden Kleinmeister «gar schlechtlich» zahlten. Die beiden Letztgenannten widersprachen entrüstet und verlangten, dass man ihnen die über geringen Lohn sich beklagenden Meister vor Augen stelle.
Analog der 1634 gegen Hummel ergangenen Erkanntnis hielt die Zunft auch Gernler gegenüber daran fest, dass jeder, der Krämerei und Kaufmannschaft treibe, kein Handwerk weder selbst noch durch Gesinde ausüben dürfe.
Gernler wurde nur der Engroshandel gestattet, «damit den meistern der handkauf (Detail), daraus sie ihre nahrung haben, nicht entzogen werde». Das Handwerk, in Gernlers Grossbetrieb den Ruin befürchtend, begnügte sich keineswegs mit diesem Entscheid und rekurrierte an den Rat, «weil das vor wenig jahren mit den fremden eingeschlichene wort «fabrique» auf das Handwerk unanwendbar sei.
In einem längeren Memoriale, das seinen Verfasser als einen planvollen, über die Zunftschranken weit hinausblickenden uns sozial empfindenden Kaufmann von Format erkennen lässt, verteidigte Gernler sein Unternehmen. Er machte besonders auf die Vorteile aufmerksam, wenn er die bis dahin in Basel, zu Stadt und Land, unbekannte Technik der «drei und vierfachen gesponst» im Baselbiet einzuführen suche. Es sei doch offenbar richtiger, eine nützliche Manufaktur, die vielen armen Leuten Verdienst bringen könne, zu fördern, statt durch Verbote den daraus erwachsenden Gewinn fremden Orten in die Hände zu spielen. Je mehr Handlung, je mehr Arbeit und Nahrung, war Gernlers Argumentation. Unter den herkömmlichen Grosshandelsbedingungen erteilte am 17. März 1777 der Rat Gernler] die Befugnis zur Fortführung seiner Strumpfmanufaktur. Schon zwei Tage darauf stellte das Handwerk an die Zunft die Forderung, auch Preiswerk und Brenner den Handkauf und offenen Laden zu verbieten, da beide mehr Handelsleute als Handwerksmeister seien. Diese protestierten gegen ein solches Ansinnen; sie seien nicht mit Gernler zu vergleichen, da sie das Handwerk nach Brauch und Gewohnheit erlernt hätten und darum offene Läden zu führen berechtigt seien.
Durch Vermittlung der Zunft kam am 30. April 1677 ein von allen fünfzehn Meistern inklusive Preiswerk und Brenner unterzeichneter Vergleich «zu allerseits besserer verständnus» zustande. Die alte Ordnung sollte in Kraft bleiben, der 6. Artikel aber dergestalt erläutert werden, dass jedem Meister freistehe, 3 Stühle in seinem Haus zu halten oder wenn es ihm beliebiger, anstatt derselben, drei ehrlichen Meistern inner- oder ausserhalb der Stadt zu stricken zu geben, von denen ein jeder mit 3 Stühlen, d.i. mit 3 Gesellen oder 2 Gesellen und einem Lehrjungen, samt des Meisters Frau und Kindern arbeiten möge. Daneben darf jeder Meister zum Streichen und Spinnen der Wolle soviel Gesinde halten als er benötigt.
Aber auch diese Vereinbarung schuf die Diskrepanz zwischen handwercklichem Grossbetrieb und Kleinbetrieb nicht aus der Welt. Den kleinen Meistern fehlten die Mittel und Aufträge, um von der erlaubten Verlegerei Gebrauch machen zu können. Aus dem Kreise dieser unvermögenden Stricker wurden Brenner und Preiswerk immer wieder angefeindet. Jakob Treumer, der für die vorgenannten und Gernler Strümpfe ausbereitete und schor, wurde 1677 vom Handwerk ausgeschlossen auf den blossen Verdacht hin, er verkaufe auf seinem Stand Waren seiner Brotgeber. Im Jahre 1678 führte der Hosenstricker Jakob Buser von Sissach namens sämtlicher Landmeister Beschwerde beim Safran, sie seien auf dem Liestaler Markt von den Baslern unredliche Meister und Stümpler gescholten worden, weil sie für Brenner, Gernler und Preiswerk arbeiteten oder deren Waren feil hielten. Bei der Einvernahme im Sechserbott bekannte das Handwerk, die Meister seien untereinander so confus und einer dem andern zuwider, dass niemand einen satten Bescheid geben könne. Sie erbaten sich sogar von Zunft wegen einen Vogt oder Vorsteher, ansonst sie kein Meisterbott halten könnten.
Die Zersetzung des Handwerks ging weiter vor sich. Am 13. März 1685 wurden auf Geheiss des Dreizehnerrates Brenner und sein Sohn Johannes, Preiswerk und sein Sohn Simon, ferner Niklaus Preiswerk und Onophrion Brenner, diese für sich selbst, vor den Safran geboten, um sich endgültig zu erklären, ob sie mit den Meistern Hosenstricker und deren Ordnung legen und heben oder aber sich der Manufaktur bedienen wollten. Sämtliche entschieden sich für die «fabrique». Damit war die formelle Scheidung zwischen dem Kleinbetrieb des alten Lismerhandwerks und der glänzend sich entwickelnden Industrie der Strumpfherren vollzogen. Während diese in freiem Wettbewerb auf den weiten Plan des Weltmarktes schritt, blieb jenes mit seiner lokal beschränkten Produktion an die enge Zunftzelle gebannt, mit der Herstellung und dem Verkauf wollener Strümpfe und Mützen das Brot verdienend.
Nicht weniger als achtzehn Strumpffabrikanten erwarben sich in den nächsten Jahrzehnten die Safranzunft. Sie verdankten ihr geschäftliches Aufblühen nicht nur der Mode (Aufkommen des Seidenstrumpfes) und den während der deutsch-französischen Reichskriegen verhängten Einfuhrverboten für französische Waren nach Deutschland, dank welcher Sperre die Basler die französischen Exporteure namentlich in Frankfurt zu verdrängen vermochten. Vielmehr liegt das Geheimnis ihrer Erfolge in der von den Zunftfesseln losgelösten Arbeitsmethode, die einem kapitalstarken Unternehmer die Beschäftigung unbegrenzt vieler gelernter und ungelernter Arbeitskräfte ermöglichte. Es ist nicht Zufall, dass in Basel der Ausdruck «Fabrikarbeiter» durch die Hosenstricker 1685 erstmals gebraucht wird. Schon seit den 1670er Jahren machte sich der Zuzug vorwiegend welscher Ausbreiter, d.h. Appreteure bemerkbar, die man zur «Vollführung der fabrique» benötigte. Von solchen Welschen oder auf der Wanderschaft lernten auch Bürgersöhne die Kunst des Appretierens und Strumpffärbens und im 18. Jahrhundert traten über ein Dutzend Ausbreiter aus eingesessenen Familien dem Safran bei. So wenig als das Handwerk waren die Fabrikanten eine allzeit einige Gruppe; starke Nebenbuhlerschaft trat auch bei ihnen hervor, wie beispielsweise die 1686 an den Rat gerichtete scharfe Eingabe einiger «Floret- und Strümpffabriquanten» verrät. Ihre Beschwerde richtete sich gegen die Firma Leisler, Sarasin und Leisler, die nach Aussage der Kläger durch unlautern Wettbewerb «den ganzen bach auf ihre mühle zu richten suchen».
Nach dem Ausscheiden der Strumpffabrikanten im Jahre 1685 ging das zünftige Strickerhandwerk seine eigenen Wege. Da die Strumpfhose immer mehr in Abgang kam, wurden aus der Mehrzahl der Meister Strumpfstricker, von denen jeder auf dem Kornmarkt einen Stand hielt. Da während des Sommers der Geschäftsgang sehr flau war, beschloss die Meisterschaft 1688, dass zur Sommerszeit bis Jakobi (25. Juli) der Reihe nach täglich nur zwei Meister feilhalten sollten. Das Begehren, ihre Stände vor dem Safranzunfthaus aufstellen und dort verkaufen Zu dürfen, wies der Zunftvorstand «ganz und gar» ab.
Auch das Handwerk hatte unterdessen gelernt, Strümpfe zu färben. Die Meister betrachteten es darum als Eingriff in ihre Handwerksrechte, als die in der Stadt als Hintersassen geduldeten fremden Ausbreiter nicht nur Gesellen förderten, sondern auch Lehrlinge hielten, welche ihnen 30-40 Reichstaler Lehrgeld zahlten. Schon 1685 hatte das Handwerk den im Dienste Gernlers stehenden Aufenthalter Joh. Merkh wegen dieses Vergehens verzeigt, auf Grund einer kurz zuvor erlassenen Ratserkanntnis, dass kein Fremder, der für Fabrikanten arbeite, Gesinde fördern dürfe. In den 1690er Jahren sah sich das Handwerk zu erneuten Klagen wegen der «Refugianten, auch andern Ausländischen und Hintersassen» gezwungen. Die Zunft riet dem Handwerk, allfällige Übertreter vor das Zunftgericht zu bieten. Vielsagender aber ist das Bekenntnis des Bottmeisters Niklaus von Mechel: die Hosenstrickerordnung bestehe lediglich noch darin, dass einer drei Jahre lernen müsse, alles übrige sei «zu Boden gefallen».
Remedur schufen dann im 18. Jahrhundert die Strumpffabrikanten selbst, indem sie kraft einer Ratserkanntnis vom 18. April 1725 vom Zunftvorstand eine Ordnung für ihre Gesellen verlangten, die Fremden das Arbeiten auf eigene Rechnung und das Halten von Lehrlingen strikte verbot.
Geschäftlich brachten die Betriebe ihren Besitzern reichen Gewinn. Besonders verlangt wurden damals die Seidenstrümpfe von heller Farbe. Wie beim modischen Herrenkostüm Rock, Weste und Kniehose den Körper möglichst faltenlos zu umschliessen hatten, so war dem Strumpf vorbehalten, nicht nur die mitunter künstlich erzeugte Plastik des Beines, sondern auch die stilvolle, vom Tanzmeister diktierte Grazie der Bewegung ins Licht zu rücken.