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Polo im Uberblick
„Die Kunde des Polospiels verliert sich im Dunkel der Zeit.“ So fasst der bekannte Sportwissenschafter Carl Diem in seiner klassischen Arbeit über „Asiatische Reiterspiele“ seine intensiven Untersuchungen über das faszinierende Mannschaftsspiel zusammen. Wann genau Polo bei den Reitervölkern Zentralasiens tatsächlich entstand, weiss niemand ganz genau. Sicher ist nur, dass Polo bereits vor 2700 Jahren in Persien gespielt wurde und von dort aus die orientalische Welt eroberte.
Das faszinierende Spiel wurde erst unter dem Namen „Chaugán“ bekannt und verbreitete sich rasch über ganz Asien. Die Tibeter, die das Spiel übernahmen, gaben ihm den Namen „Pulu“ (Ball). Polo galt als wichtiger Gradmesser für politische Vorherrschaft. Nicht selten wurden Minister- und Militärposten beim Polo erspielt. Im alten China musste sogar die Beförderung im Polo erkämpft werden. Sobald die sportliche Leistung nachliess, wurde der jeweilige Beamte wieder degradiert.
Das Spiel war aber auch ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und kommt daher in vielen Überlieferungen vor. So wird beispielsweise über den Kalif von Bagdad, Haroun-al-Rashid (766 bis 809 n.C.) berichtet, er sei in seiner Jugend so klein gewesen, „dass er von seinem Pferd aus mit dem Stick den Ball nicht erreichen konnte.“
Den Sprung nach Europa beziehungsweise nach England schaffte Polo jedoch erst 1859. Die in den Kolonien stationierten britischen Offiziere des 10. Husarenregiments, die Polo in Indien am Hof des Maharadschas von Manipur kennen gelernt hatten, wollten – in die Heimat zurückgekehrt – nicht mehr auf die neue Freizeitbeschäftigung verzichten. 1873 entstand in London der erste Polo-Club der westlichen Welt, dessen Jahrbuch bis heute als Regelwerk gilt. Von England aus verbreitete sich Polo in der Folge über die ganze Welt, nach Amerika und Argentinien, nach Neuseeland und Australien – und Polo fand auch den Weg in die Schweiz (siehe Rubrik Polo in der Schweiz).
In die USA wurde Polo durch den amerikanischen Medien-Tycoon James Gordon Bennett gebracht. Er begeisterte sich 1876 während eines England-Aufenthalts derart für das Spiel, dass er Ausrüstungen en gros einkaufte und nach seiner Heimkehr sofort mit der Auswahl und Ausbildung geeigneter Pferde anfing. Die USA führt 1888 als erstes Land ein Handicap-System ein. Großbritannien und Indien folgten erst 1910.
Der englische Farmer und Großgrundbesitzer David Shennan führte Polo 1877 auf seiner argentinischen Farm in Buenos Aires ein. Sieben Jahre später gab es in Argentinien bereits 21 Polo-Clubs. Seit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts ist Argentinien das führende Land im Polo – nicht nur der Spieler, sondern auch der herausragenden Zucht von Polo-Ponys wegen.
Zwischen 1900 und 1936 war Polo mehrmals olympisch. 1900 in Paris 1908 in London und 1920 in Antwerpen gewonnen die Engländer. 1924 mussten sie sich jedoch mit dem dritten Rang hinter Argentinien und den USA begnügen. 1936 in Berlin hatte Polo mehr Zuschauer als alle anderen Sportarten. Argentinien gewann damals vor England und Mexico. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Polo aus dem olympischen Programm gestrichen (zu wenig Verbände, die olympisches Niveau hatten).
Polo in der Schweiz – ein ungebremster Boom
Im Zuge der Verbreitung von Polo auf der ganzen Welt kam der dynamische Sport auch in die Schweiz. Die Anfänge sind zwar nicht offiziell dokumentiert, die Spuren führen jedoch klar nach St. Moritz. Ende des 19. Jahrhunderts verbrachten englische Kavallerie-Offiziere ihren Urlaub im Engadin und vergnügten sich dort unter anderem beim Polo. Vielleicht hatten sie in Indien Dienst geleistet und dort das schnelle Spiel gelernt.
Verbürgt ist, dass 1898 in St. Moritz Bad die Polo-Wiese gebaut und in Betrieb genommen wurde. Im darauf folgenden Sommer waren die britischen Offiziere wieder unterwegs ins Engadin, als sie der Befehl ereilte, zu ihrem Regiment zurückzukehren und nach Südafrika zu segeln, um im Burenkrieg zu kämpfen.
Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand Polo in St. Moritz ganz und tauchte erst in den frühen 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wieder auf. Die dort ansässigen Familien Berry und Matthis empfingen regelmäßig Freunde aus Norditalien und trugen mit diesen Freundschaftsspielen aus. 1978 gründete Reto Gaudenzi schließlich das St. Moritz Polo Team, und seit 1985 wird auf dem gefrorenen St. Moritzer-See der weltweit einmalige «World Cup on Snow» ausgetragen. Außerdem fanden auf der Pferdesportwiese San Gian im Sommer 1993 die Polo-Europameisterschaft und im Sommer 1995 die Polo-Weltmeisterschaft statt.
Der erste Polo-Club in der Region Zürich war der Zürich Polo Club. Er wurde 1987 in Dietikon auf der Anlage des Spring- und Dressurstalls Balsiger aufgebaut (Spielfeld kleiner als offizielle Ausmaße). 1993 wurde der Club nach Hombrechtikon disloziert; die Gründung initiierten die Familie Dillier, Werner Meier, Adriano Agosti und Thomas Rinderknecht. Auf dem Areal in Dietikon wurde derweil der Limmattal Polo Club ins Leben gerufen.
1990 entstand in Guntmadingen der Pioneers Polo Club (auf Initiative des engagierten Polo-Enthusiasten Bernard Zollinger). In der Romandie eröffnete parallel dazu der Veytay Polo Club seine Tore. Im auf der Anlage von Yves Luginbuhl in Mies beheimateten Club sind rund 25 Aktivmitglieder mit 120 Ponys eingeschrieben. Die dortige Infrastruktur ist fantastisch. Es gibt zwei Full-Size-Spielfelder sowie ein Großes Stick&Ball-Feld.
Im Jahr 1998 entstand aus einer Vision des Zürcher Vermögensverwalters Markus Gräff schließlich der Polo Park Zürich in Unter-Ohringen. Innert Kürze hat sich dieser zum mitgliederstärksten Polo Club des Landes und zur größten Polo-Ausbildungsstätte entwickelt.
Im Frühling 2006 hat das jüngste Mitglied unter den Schweizer Polo Clubs seine Tore geöffnet: Der Polo Club Bern im Hunziken Park in Rubigen. Inzwischen ist der Club nach Witrach in die flache Ebene des Aaretals verlegt worden.
Die jüngsten Clubs in CH sind: Legacy Polo Club, gegründet im Jahr 2012 und Zug Polo Club, gegründet im Jahr 2015.
Das Spiel im Überblick
Polo ist ein Ballspiel und eine Mannschaftssportart. Zwei Teams treten gegeneinander an, um – analog zum Fußball – jeweils mehr Tore zu erzielen als die gegnerische Equipe. Ein Polo-Team besteht nur aus vier Spielern und ist deshalb verstärkt auf die Einzelleistungen angewiesen. Wichtig ist, dass die vier Spieler als Einheit funktionieren.
Jeder Spieler nimmt im Team eine bestimmte Position und Aufgabe ein, die an den verschiedenen Nummern auf den Spieler-Shirts erkannt werden. Die Nummer 1 ist die Angriffsspitze, die Nummer 2 ist der „Vorbereiter“, die Nummer 3 ist der Spielmacher und damit Mittelpunkt der Mannschaft, die Nummer 4 (auch Back genannt) ist der Verteidiger, der immer auf der hintersten Position spielt.
Das Handicap eines jeden Spielers basiert auf den Leistungen einer ganzen Spielsaison und wird von einer nationalen Kommission festgelegt. Die Einstufung bewegt sich auf einer Skala zwischen -2 und +10 (über das Maximal-Handicap +10 verfügen weltweit stets nur ein gutes Dutzend Spieler, vorwiegend Argentinier). Die Kriterien hierfür sind Positionsspiel, Schlagstärke, Teamgeist und reiterliches Können. Aus den Handicaps der einzelnen Spieler errechnet sich das Gesamt-Handicap eines Teams durch einfache Addition. Hat ein Team in einem Spiel ein tieferes Gesamt-Handicap als die gegnerische Equipe, erhält es eine Torvorgabe, die der Handicap-Differenz (basierend auf einem Spiel mit 6 Chukkas) entspricht.
Selbstverständlich gehören zum Team auch die Pferde (im Polo werden sie Ponys genannt). Das Pony ist weit mehr als nur Gehilfe des Menschen. Spieler und Pferd bilden eine Partnerschaft, bei der beide Teile gleichermaßen aufeinander angewiesen sind. Der Spieler muss das Pony nicht nur zu reiten wissen, er muss ihm auch Spielgeist, Konzentration, Leidenschaft und Entschlossenheit vermitteln können.
Ein Spiel besteht im Normalfall aus vier (höchstens acht) Spielabschnitten, sogenannten Chukkas. Ein Chukka dauert siebeneinhalb Minuten (reine Spielzeit). Bei Unterbrechung des Spiels, dem Sturz eines Pferdes oder wenn sich eine Bandage löst respektive das Zaumzeug in Unordnung gerät, wird die Uhr gestoppt. Fällt ein Reiter vom Pferd, wird die Zeit derweil nicht angehalten, sofern er sich nicht verletzt. Nach jedem einzelnen Chukka werden Pausen gehalten und die Pferde gewechselt. Ein Pferde darf an einem Tag in höchstens zwei Chukkas zum Einsatz kommen. Nach der Halbzeit, das heißt nach zwei Chukkas – sind auch die Zuschauer gefordert, indem sie gebeten werden, die aufgeworfenen Rasenstücke auf dem Spielfeld wieder einzutreten.
Das Spiel steht unter der Leitung von zwei berittenen Schiedsrichtern, den Umpires. Können sie sich untereinander nicht einigen, entscheidet ein Oberschiedsrichter (third man) vom Spielfeldrand aus. Außerdem sind Torrichter (ein nicht ganz ungefährlicher Job, der volle Aufmerksamkeit erfordert) im Einsatz. Sie sind notwendig, weil das Spielfeld sehr groß und der Ball sehr klein sind. Der Torrichter schwenkt die Flagge über seinem Kopf, wenn das Tor gilt, und unterhalb seiner Hüfte, wenn der Ball im Aus ist.