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Samuel Kamau liebt die Sonntage. Nicht dass ihm die Schule missfallen würde; im Gegenteil, in seiner vierten Primarklasse gehört er zu den Besten. Aber an Sonntagen pflegt er das Tor am schmalen Feldweg zum geschützten Gatamayu-Urwald zu öffnen, gut eine Fahrstunde von Nairobi entfernt.
Samuel als Reiseführer
Samuel ist ein cleveres Bürschchen und mausert sich schnell zum Reiseführer, bevor er auf einen Stuhl steigt und den spiralförmig gewundenen, elektrisch geladenen Draht über dem Tor aushängt: «Der Elektrozaun hier wurde vor drei Jahren gebaut. Nach Osten ist er 30 km lang, nach Westen 25. Früher kamen die Elefanten in unsere Gärten und frassen Mais. Meine Mutter rannte dann hinaus und schlug Pfannendeckel zusammen und schrie. Aber die Elefanten liessen sich nicht stören. Seit der Zaun hier steht, haben wir Ruhe.»
Samuel lächelt lausbübisch und steckt nachlässig die paar Münzen ein, mit denen die doch eher spärlichen Besucher dieses prachtvollen Waldes Samuel fürs Toröffnen entlöhnen.
Konflikt Mensch – Tiere
Mit seinen knappen Worten umreisst Samuel ein globales Problem, das nicht auf bestimmte geografische Regionen beschränkt ist, sondern überall dort auftritt, wo sich Menschen und Wildtiere gemeinsame Ressourcen teilen und sich in die Quere kommen können: den Nutzungskonflikt zwischen Mensch und Wildtieren.
Je dichter die Besiedlung in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nationalparks und Tierreservaten ist, desto grösser ist das Konfliktpotenzial, zumal in jenen Ländern und Landstrichen, in denen Viehhaltung und Ackerbau die wichtigste Einkommensquelle bilden. Das ist nicht nur in Kenia mit seinem beeindruckenden, jährlich Hunderttausende von Besuchern anziehenden Wildreichtum der Fall, sondern auch in manch anderen Staaten Afrikas. Rund vier Fünftel der Bevölkerung des Kontinents leben direkt oder indirekt von der Landwirtschaft.
Bevölkerungsdruck
Kenia zählte bei Erlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1963 rund sieben Millionen Einwohner, ungefähr gleich viel wie heute die Schweiz. Inzwischen ist die Bevölkerung auf 39 Millionen angewachsen. Jährlich drängen rund 450000 junge Menschen auf den kenianischen Arbeitsmarkt. Aber es stehen nur etwa 30000 formelle Arbeitsplätze zur Verfügung. Die übrigen Arbeitssuchenden versuchen im informellen Sektor unterzukommen, im Kleinhandwerk, im Kleinhandel – oder eben in der Landwirtschaft.
Heute siedeln sich Kleinbauern in Landstrichen an, die vor Jahren wegen der schlechten Böden und der unzureichenden Regenfälle als untauglich für den Ackerbau betrachtet wurden und den Maasai für ihre Rinderherden überlassen blieben. Hier liegt Zündstoff:
Das Spannungsfeld von Bevölkerungsdruck und Landknappheit ist in Afrika ein fruchtbarer Boden für innerstaatliche Konflikte, wie seit Jahresbeginn die Gewalttätigkeiten in Kenia zeigen. Als wir 1994 aus beruflichen Gründen den Wohnsitz nach Kenia verlegten, waren beispielsweise auf der weiten, steppenartigen und trockenen Ebene am Lake Naivasha, direkt an der Hauptstrasse von Nairobi in den Norden des Landes, Giraffenfamilien zu sehen; ferner Antilopen aller Art und Herden von Zebras, die bisweilen friedlich neben den Rinderherden der Maasai grasten.
Heute ist die Ebene übersät mit kleinen Häusern, deren Blechdächer im Sonnenlicht glänzen. Die Wildtiere sind ebenso verschwunden wie die Rinderherden.
Ausweichen
Bis vor etwa zwei Jahrzehnten lebte in Kenia rund die Hälfte aller Wildtiere ausserhalb der Parks und Reservate. Diese Zahl ist drastisch zurückgegangen. Der Lebensraum der Wildtiere wurde immer mehr eingeschränkt. Vor allem aber gingen die lebenswichtigen Korridore für Tierwanderungen durch Siedlungen, Grossfarmen und Verkehrswege verloren. Auf lange Sicht werden die Wildtiere wohl nur noch in den Parks und Reservaten über- leben können.
Einem ähnlichen Prozess des Abgedrängtwerdens sehen sich die Maasai ausgesetzt. Das Vordringen der Ackerbauern in unwirtliche, bisher den Rinderhirten vorbehaltene Regionen zwingt diese zum Ausweichen – mit der Folge, dass sie immer näher an die Reservate heranrücken, die Grenzen überschreiten und mit ihren Herden auf der Suche nach Gras und Wasser die Wildtiere konkurrenzieren.
Erleichtert wird dies insofern, als neuerdings zahlreiche Parks und Reservate nicht mehr dem für seine relative Effizienz bekannten Kenya Wildlife Service unterstehen, sondern von den umliegenden Gemeinden verwaltet werden. Damit entfällt bis zu einem gewissen Grad die Kontrolle der Parks – oder besser gesagt: der Wille zu ihrer Kontrolle.
In den fruchtbaren, sehr dicht besiedelten Ackerbaugebieten, die den Mount Kenya Nationalpark oder das Schutzgebiet des Aber-dare-Massivs umgeben, lässt das Geschwisterpaar Bevölkerungsdruck/Landknappheit ein Ausweichen nur in eine Richtung zu: in die Wälder hinein. Viele Kleinbauern können der Versuchung nicht widerstehen, ein Stück Wald zu roden und illegal Mais oder Kartoffeln anzubauen. Vielfach werden sie von Politikern, die sich ihre Wiederwahl sichern wollen, geradezu dazu ermuntert.
Betroffene einbeziehen
Wildtiere gehören zu den schönsten Zeugen der Schöpfung und haben nicht nur einen ethischen Wert an sich. Sie sind für manche Länder Afrikas das Rückgrat des Tourismus und damit eine erhebliche Einnahmequelle. In Kenia beispielsweise bezahlt der Besucher eines Parks 50 US-Dollar pro Tag.
Das Geld dient vor allem dem Unterhalt der Parks und Reservate und somit dem Schutz der Wildtiere, die in ihrer Einzigartigkeit zu bewahren eine globale Aufgabe wäre. Mit Recht beanspruchen die Dörfer, in denen die Parks und Reservate liegen, ihren Anteil an diesem Segen.
Allerdings verschwindet einiges an diesen Ausgleichszahlungen durch Korruption. Überdies fehlt vielen Gemeinden heute noch das administrative Rüstzeug, um das Geld sinnvoll zu verwenden und als Gegenleistung das Weideverbot in den Parks und Reservaten durchzusetzen.
Gegen Wilderer
Eine positive Nebenwirkung der finanziellen Beteiligung ist indessen nicht zu übersehen: Die Dörfler schützen heute ungleich engagierter «ihre» Wildtiere gegen die steigende Zahl von Wilderern.
Im Widerstreit der Interessen haben all die Wildtiere, von den mächtigen Elefanten über die wuchtigen und sehr bedrohten Nashörner bis hin zu den Dick Dicks, der kleinsten Antilopenart, einen schweren Stand. Sie aus westlicher Sicht als Welterbe einzustufen ist eine Sache, entsprechend zu handeln eine andere (Afrika beispielsweise bräuchte dringend Investitionen, um Arbeitsplätze ausserhalb der Landwirtschaft zu schaffen).
Indessen hat sich in fast allen afrikanischen Ländern mit reichen Wildtierbeständen die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein nachhaltiger Schutz, wenn überhaupt, nur mit Hilfe und Einbezug der lokalen Bevölkerung erreicht werden kann. In Kenia waren es die Gemeinden, die mit logistischer Unterstützung durch den Kenya Wildlife Service und internationaler Finanzhilfe die Initiative für den Bau von Elektrozäunen ergriffen. In Tsavo, einem der grössten kenianischen Nationalparks, wird derzeit auf Drängen der Gemeinden ein über 70 km langer Zaun errichtet. Es dürfte keineswegs der letzte gewesen sein.
Elektrozäune halten nicht nur die Elefanten von den Maisfeldern der Bauern ab, wie es der kleine Samuel Kamau so schön formuliert hat. Zäune wirken auch in die andere Richtung. Sie können das illegale Eindringen in die Wälder nicht vollends verhindern, aber immerhin erschweren. Das ist, gemessen an der enormen akuten Bedrohung des Lebensraumes der Wildtiere, immerhin einiges wert.
Peter Baumgartner, Nairobi
Elefanten sind gefährdet
bgt. Seit sich die Chinesen in Ostafrika breit machen, sind die Elefanten ihrer Zähne wegen gefährdet. In China und Korea wächst die Nachfrage nach Essstäbchen, Figuren und Schmuckstücken aus Elfenbein. Vor kurzem fand die Polizei bei einem in der tansanischen Hafenstadt Dar es Salaam lebenden Chinesen 200 Stosszähne.
In den im Norden Kenias liegenden Nationalparks sind es vor allem somalische Wilderer, die für die Chinesen und Koreaner den Nachschub an Elfenbein beschaffen und auch dem Nashorn nachstellen, dessen Horn zu einem angeblich potenzfördernden, im Fernen Osten sehr begehrten Pulver vermahlen wird. Es zeigt sich heute, wie verheerend falsch der Entscheid des internationalen Artenschutzabkommens CITES vom November 2002 war, das Verbot des Elfenbeinhandels zu lockern.