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Glarus den 26. Oktober 1851.
Mein theurer Freund!
Du hast Dich für unsre hiesige Nationalrathswahlen schon zu einer Zeit, wo hier noch kaum Jemand an dieselben dachte, intressirt; ich will daher nicht ermangeln, Dir noch heute von dem Ergebnisse derselben Kenntniß zu geben.
Die Liberalen haben ihren Zweck insofern erreicht, als mein Schwager nicht gewählt wurde, aber auch unser Kandidat, Kubli, ist nicht gewählt. Beide lehnten ab: der erstere war schon lange dazu entschlossen aus Gründen, die ich vollkommen billige; der letztere, der uns sonst versprochen hatte unter allen Umständen auszuharren, mag dazu veranlaßt worden seyn theils durch die Nachrechnung, daß die Mehrheit des Volkes, nach unzweifelhaften Aeußerungen seiner Willensmeinung, für die Gegner war, theils durch eine taktlose Rede Dr. Jenni's, der für Kubli sprach. Gewählt ist nun Präsident Dr. Trümpi, ein älterer Mann, der früher immer zu den Liberalen hielt u. auch jetzt ohne Zweifel gut, zwar immerhin im Sinne eines mäßigen Liberalismus, stimmen wird. Mir ist die Wahl Trümpi's ganz recht; in der politischen Farbe wird zwischen ihm u. Kubli kein großer Unterschied seyn, – letzterer mag zwar etwas entschiedner seyn, aber zu Extremen hätte er auch nicht gestimmt; was Talente, Kenntnisse, Beredsamkeit u. s. w. betrifft, so hätte Kubli keine hervorragende Stellung im Nationalrathe eingenommen, u. Trümpi wird sie auch nicht einnehmen. Wenn ich also mit der Wahl als solcher zufrieden bin, so kann ich mich dagegen des Eindruckes nicht erwehren, daß die | Liberalen an der heutigen Landsgemeinde eine moralische Niederlage erlitten haben. Hätte mein Schwager angenommen, so wäre er mit glänzendem Mehr gewählt worden. Es ist eben, wie ich Dir schon in Bern sagte, etwas ganz eignes um ein altdemokratisches Volk; es ist nicht gewohnt, bei Wahlen nach der politischen Farbe zu fragen, sondern es nimmt bloß darauf Rücksicht, ob ihm die Personen als solche gefallen, ob es zu ihnen Zutrauen hat oder nicht. Mein Schwager ist nun allerdings eine hervorragende Persönlichkeit, die ganz dazu geschaffen ist, unser Volk zu gewinnen, wozu noch das Andenken an seinen, so beliebt gewesnen Vater ungemein viel beiträgt. Daß er konservativ sey, wollen einem die Leute gar nicht glauben, oder sie sagten auch etwa, ein wenig Müßiggang schade nichts, man wolle es mit ihm ein paar Jahre probiren u. s. f. Ob seine Stimmgebung im Nationalrathe den Glarnern dann auch immer würde gefallen haben, das ist freilich eine andere Frage. – Mein Schwager war jedenfalls zum voraus vom Volke als Kandidat bezeichnet, u. daß er in Zeitungen angegriffen wurde, hat bei der Mehrheit wohl gerade den Eindruck gemacht, daß es hieß: man soll uns nicht vorschreiben, wen wir zu wählen haben, wir werden unsern Mann schon finden! Nichtsdesto weniger bereue ich in keiner Weise die Stellung, welche ich in der Gl. Ztg. eingenommen habe, weil ich mir bewußt bin nur meine Pflicht gethan zu haben. Mein erster Artikel brachte unser Volk gleichsam aus einem tiefen Schlafe; wäre es gar nicht geweckt worden, so wäre, – statt daß wir nun einen rechten Wahlkampf hatten –, ganz ruhig mein Schwager gewählt worden, u. vielleicht hätte er dann angenommen. Jener Artikel, der die Konservativen so unsanft berührte, war gleichwohl ganz allgemein gehalten, u. Niemand konnte mir denselben verübeln; daß dann die «Eidg. Ztg.» einen persönlichen Vorschlag brachte, über den ich mich, wenn auch in sehr schonender Weise, aussprechen zu müßen glaubte, war nicht meine Schuld. Daß die ganze Geschichte für mich persönlich höchst unangenehm war u. daß ich während derselben oft die Zeitungsredaktion in's Pfefferland wünschte, | wirst Du leicht begreifen. Ueber meinen Schwager selbst habe ich am wenigsten Ursache mich zu beklagen, er war so loyal anzuerkennen, daß ich in meiner Stellung nicht anders handeln konnte. Andern Familienverdruß gab es dagegen wohl, u. daneben weiß ich, daß meine Haltung nicht bloß von den Konservativen, sondern auch von vielen gemäßigten Liberalen, denen dieselben auffallend vorkam, mißbilligt worden ist, daß mir vielleicht mannigfach unlautere Motive, wie Eifersucht, persönlicher Haß u. s. w. untergeschoben worden sind. Dabei tröstet mich indessen einerseits der Gedanke, daß solche Leute die Sache eben nicht recht verstehen, anderseits, wie schon gesagt, das Bewußtseyn, meine Schuldigkeit gethan zu haben. Ich glaube auch nicht, daß das Volk gerade gegen mich eingenommen ist; heute wenigstens wurde ich auch als Nationalrath vorgeschlagen u., da ich unter Berufung auf meine Stelle im Ständerathe ablehnte, mit größter Ruhe angehört.
Nun habe ich Dir umständlich über diese Wahlgeschichte referirt u. habe nur noch beizufügen, daß, wie sich von selbst versteht, Jenni als erster Nationalrath einmüthig bestätigt wurde. Es wird mich freuen, auch von Dir wieder Berichte zu erhalten. Im Kanton Zürich geht es wohl diesmal mit den Wahlen weit stiller als bei uns; nur werden wahrscheinlich, in einigen Wahlkreisen wenigstens, die Stimmen im ersten Skrutinium sich etwas zersplittern, da man über die Personen nicht überall einig zu seyn scheint. Immer besser, man dringe den Wählern keine Listen auf, sondern lasse sie selbst handeln; müssen sie dann mehrmals zusammenkommen, so sind sie selbst daran schuld. – Bei Dir persönlich wird es nicht fraglich seyn, daß Du heute schon wirst gewählt werden. Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern u. sey bestens gegrüßt
von Deinem
J J Blumer.