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Ein geheimnisvolles Volk, der Imperialismus der Römer, die Kolonisierung durch die Germanen, das Erwachen einer Identität: so könnte man die Geschichte des Rätoromanischen zusammenfassen.
Ein Blick auf die Vergangenheit eines kulturellen Mikrokosmos in den Alpen, am Schnittpunkt der grossen europäischen Zivilisationen.
"Nus essan en l'onn 50 a.Cr. La Gallia è occupada dals Romans. Sulet ina culegna da Gals giagliards e cumbattivs resista anc andina als invasurs."
Zu Deutsch: "Wir sind im Jahr 50 vor Christi Geburt. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein Dorf von Galliern lässt sich nicht unterkriegen und widersetzt sich für immer dem Eindringling." Die berühmte Passage stammt aus einem von Goscinny geschriebenen und auf 'Rumantsch Grischun' übersetzten Asterix-Buch.
Bei Asterix widersetzt man sich dem Imperialismus der Römer. Für die rätoromanische Kultur ist noch heute die Germanisierung die eigentliche Gefahr.
Romanische Sprachen
Die Römer hinterliessen im Mittelmeerraum vor allem ihr Strassennetz und ihre Aquädukte. Und einem grossen Teil des westlichen Europa ihre Sprache.
Vulgärlatein wurde zunächst von den Kulturen der Lokalbevölkerung beeinflusst, später dann auch von Invasionen und Immigrationen, und so teilte es sich in verschiedene Sprachen auf.
Sprachen, die sich in mehreren Sprachgruppen zusammenfassen lassen: Gallorömisch (Französisch), Okzitanisches Römisch (Südwestfranzösisch, Provenzalisch, Katalanisch), Iberisches Römisch (Spanisch, Portugiesisch, Galicisch), Italorömisch (Italienisch, Korsisch) und Balkanisches Römisch (Rumänisch, Dalmatinisch).
Die in Norditalien gebräuchlichen Sprachen Ladinisch und Friaulisch sowie das Rätoromanische, das einzig im Kanton Graubünden gesprochen wird, gehören dagegen in die rätoromanische Sprachgruppe.
Die romanische Epoche
Wer waren die Rätier? Man weiss nicht viel von diesem Volk, das sich gegen 500 vor unserer Zeitrechnung in den Alpen niedergelassen hat. Bekannt ist höchstens, dass es nicht aus den keltischen Völkern hervorgegangen ist. Ist es vielleicht etruskischer, balkanischer oder gar semitischer Herkunft? Das ist bis heute nicht geklärt.
Im Jahr 15 v. C. werden die Rätier von den Römern unterworfen. Die Region (zwischen den rätischen Alpen und der Donau) wird zur römischen Provinz "Rätien" und wird bis um das Jahr 400 stark romanisiert.
Durch die römische Militärpräsenz und die Entwicklung des Handels wird aus der Mischung der einheimischen rätischen Sprachen und dem Volkslatein eine rätische Variante des Vulgärlateins. Und ab dem 4. Jahrhundert trägt auch das aufkommende Christentum seinen Teil dazu bei.
Die Germanisierung
806 führt Karl der Grosse in Rätien das Verwaltungssystem der Franken ein. Ein germanischer Graf wird in der Stadt Chur eingesetzt und zahlreiche Funktionäre von jenseits des Rheins lassen sich in der Region nieder.
Knapp 40 Jahre später wird das Bistum Chur von der Erzdiözese Mailand abgelöst und jener von Mainz beigefügt, worauf sich Rätien endgültig auf den deutschsprachigen Norden ausrichtet.
Zwischen dem 14. und dem 15. Jahrhundert nimmt die politische Autonomie Graubündens Gestalt an. Das Feudalsystem macht schrittweise einer Demokratie mit autonomen Gemeinden und Gerichtsbarkeiten Platz, die 1471 die Republik der Drei Bünde bilden.
Ein tragisches Ereignis verstärkt die sprachliche Entwicklung: 1464 wird die Hauptstadt Chur durch eine Feuersbrunst zerstört. Es sind deutschsprachige Handwerker, welche die Stadt wieder aufbauen und sich dann dort niederlassen, wodurch der Ort vollständig germanisiert wird.
Die Renaissance des Rätoromanischen
Doch ab dem 16. Jahrhundert wird Rätoromanisch vor allem dank der Reformation zur Schriftsprache.
Aus praktischen Gründen bleibt Deutsch noch drei Jahrhunderte lang offizielle Sprache der Republik der Drei Bünde. Aber 1794 beschliesst der Bundstag (die Exekutive) die Dreisprachigkeit der Republik (Deutsch, Rätoromanisch, Italienisch). Und diese wird 1803 zum Schweizer Kanton Graubünden.
Zwar garantieren die Kantonsverfassungen im 19. Jahrhundert die drei Sprachen des Kantons Graubünden (dem einzigen dreisprachigen Schweizer Kanton). Die Realität ist aber eine andere: Der Staat fördert in grossem Mass die Germanisierung der Rätoromanen. Angesichts dieser Realität und aufgrund der Einwanderung von Deutschsprachigen erheben sich Stimmen, die das Rätoromanische verteidigen.
1919 wird die 'Lia Rumantscha' (Rätoromanische Liga) gegründet, und 1938 anerkennt die Schweiz Rätoromanisch als Landessprache, die dem Deutschen, Französischen und Italienischen gleichgestellt ist, die auch offizielle Sprachen sind. Diese nationale Anerkennung hilft den Rätoromanen, sich selber ihrer Identität bewusst zu werden.
Der Status des Rätoromanischen wird 1996 durch eine Stärkung des Verfassungsartikels über die Sprachen bekräftigt. Doch was die rätoromanische Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicher am meisten geprägt hat, war im Jahr 1982 die Schaffung des "Rumantsch grischun" (Rumantsch Grischun - RG), also einer überregionalen Schriftsprache.
Denn unter dem Begriff "Rätoromanisch" sind eigentlich fünf verschiedene Idiome zusammengefasst, von denen jedes in einem ganz kleinen Gebiet wie in einem lateinischen Inselchen in einem deutschsprachigen Land stark verankert ist.
swissinfo, Bernard Léchot
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
Vom autonomen Staat zum Kanton Graubünden
Von 1524 bis 1798 ist Graubünden als autonomer Staat der Eidgenossenschaft angeschlossen. Er besteht aus den Drei Bünden (Gotteshausbund, Grauer Bund und Zehngerichtebund).
Als Napoleon 1797 in Italien einmarschiert, verliert Graubünden zuerst sein Territorium im Süden: Das Veltlin und das Chiavennatal werden 1798 in die Helvetische Republik integriert.
Mit der Mediationsakte 1803 bekräftigt Napoleon die Vereinigung des dreisprachigen Territoriums mit der Eidgenossenschaft. Diese Vereinigung wird am Kongress von Wien 1815 nochmals bestätigt.
Die Stadt Chur wird Kantonshauptort.
Fakten
Der Kanton Graubünden, mit 7105 km2 der grösste Kanton des Landes, liegt im Südosten der Schweiz und ist ein Gebirgskanton.
Er hat 150 Täler. Die beiden grössten, die Surselva und das Engadin, verlaufen parallel zum Alpenbogen.
Gemäss der eidgenössischen Volkszählung im Jahr 2000 hatte der Kanton 187'058 Einwohnerinnen und Einwohner (von denen 127'755 Deutsch, 27'038 Rätoromanisch und 19'106 Italienisch sprechen).