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Die Alte Kirche von Boswil &endash; wer in der Flötencommunity kennt sie nicht oder hat noch nicht von ihr gehört? Marcel Moyse´s legendäre Kurse in den 60er und 70er Jahren, über die Trevor Wye in seinem Moyse-Buch so farbenreich berichtet .... fast alle heute berühmten internationalen Flötenstars waren damals aktiv dabei. Oder das legendäre Konzert von Nicolet mit der Lesung des damals noch jungen und keineswegs nobelpreisverdächtigen Günther Grass, und nicht zuletzt das erste große Flötenfestival in Europa, das Nicolet 1984 zu Ehren von Marcel Moyse in Boswil organisiert hatte.... Alle diese Ereignisse haben zusammen mit vielen anderen hochkarätigen Musik-, Tanz- und Literaturereignissen im Lauf der Jahre dem Ort die ganz besondere künstlerische Aura verliehen, die man in der Alten Boswiler Kirche und dem benachbarten Künstlerhaus heute noch antrifft. Aber dazu wird gleich mehr zu berichten sein.
Zwar wurde Nicolet´s Pilot-Flötenfestival später dann doch nicht mehr, wie angekündigt, fortgesetzt, aber es sollte nachhaltige Folgen haben &endash; unter anderem die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Flöte im Jahr 1985 und später die der Schweizerischen Flötengesellschaft. (Schneller waren übrigens in Europa nur noch die Briten....) Andererseits hatte es aber trotz solcher flötistischer "spin-off&endash;Effekte" seitdem in Boswil keine Flötenkurse und -festivals mehr gegeben, bis im Herbst 1999 zum ersten Mal eine Gruppe junger Schweizer Flötisten, die sich "The New Flute Generation" nennen (Website: "www.newflutegeneration.ch"), die Initiative ergriff und einen ersten Pilot-"Flötenevent" veranstaltete (Flöte Aktuell hatte darüber berichtet, XXX/99). Nach dem Erfolg dieses Pilot-Events zum Thema "Flöte Solo" folgte nun im vergangenen Herbst in vergrößertem Format - sowohl was das Programmangebot als auch die Teilnehmerzahl angeht - die angekündigte Fortsetzung, diesmal zum Thema "Flötenpädagogik".
Die "Macher" der "New Flute Generation" sind übrigens die beiden jungen Schweizer Flötisten Stefan Keller und Jonas Lindenmann. (Porträts von Stefan Keller und von Jonas Lindenmann findet man in den Ausgaben 1/96 bzw. 1/2001 der "Flöte Aktuell", die Website von Stefan Keller lautet "www.flutetrends.ch"). Beide hatten sich Mitte der 80er Jahre bei einer gemeinsamen Orchestertätigkeit in Stuttgart kennengelernt und in den neunziger Jahren bei den Kursen von James Galway in Weggis wieder getroffen. Als sie sich dann als Solisten beim Europäischen Flötenfestival EFF im Jahr 1999 in Frankfurt begegneten, beschlossen sie, die gemeinsame Begeisterung für das Flötespielen und für seine neuen Möglichkeiten und Techniken in eine eigene Initiative umzusetzen - ohne dabei den etablierten Institutionen und ihren Flötenfestivals Konkurrenz machen zu wollen. Das Ziel der "New Flute Generation" ist es, mit kleinen und themenzentrierten Veranstaltungen, die aber doch eine gewisse Vielfalt bieten und regelmäßig stattfinden, die Schweizer Flötenlandschaft zu bereichern - und dabei zugleich den flötistischen Genius loci von Boswil wieder neu zu beleben und sich von ihm inspirieren zu lassen.
Ein Workshop-Programm zu einem so umfassenden Thema wie "Flötenpädagogik" zu gestalten, ist nicht so einfach, wie jeder weiß, der damit einmal zu tun hatte. An Präsentationsangeboten mangelt es Veranstaltern dabei zwar in der Regel nicht, aber das Fachpublikum kennt inzwischen schon vieles und ist verwöhnt. Man durfte also gespannt sein, ob sich die Boswil-Tradition mit dem neuen Konzept der New Flute Generation wirklich weitertragen läßt.
Aber Keller und Lindenmann haben es tatsächlich geschafft. Herausgekommen ist ein für die knapp zwei Tage Workshop-Dauer erstaunlich gut ausgewogenes und vor allem anregendes Programm zum Thema. Es kam natürlich nicht alles vor, was mit Pädagogik zu tun hat, aber man hatte hinterher das Gefühl, doch alles Wichtige auf durchweg kompetente Weise präsentiert bekommen zu haben. Allgemeines und Grundsätzliches zu Übetechniken, mentales Coaching und Körpertechniken sowie praktische Spiel- und Übeanleitungen, alles kam zur Sprache. Aber es kam eben nicht nur zur Sprache, sondern auch "zu Ohren", es gab Demo-Präsentationen mit und ohne "Schüler", Improvisationsübungen und sogar auch eine "Tagesensemble-Probe", bei der sich alle, die es wollten, flötistisch "austoben" und später dann im Abendkonzert auch "beweisen" konnten.
Das Programm des 2. Flötenevents der "New Flute Generation" startete mit einer packenden Präsentation des Schweizer Flötisten und Radio-Moderatoren André Bernhard, der über seine Übe-, bzw. besser gesagt, Coaching-Methode, berichtete. Bernhards Konzept besteht aus einer überzeugend wirkenden Mélange von mentalen, flötenspezifischen und Körperarbeitstechniken, die er unter dem Leitkonzept der chinesischen "Do-In"-Lehre entwickelt hat. "Do-In" ist selbst wieder ein Amalgam von sensumotorischen Aufmerksamkeits- und Zuwendungsübetechniken und kann wie alle fernöstlichen Körper- und Mentaltechniken nur durch eigene praktische Erfahrung vermittelt und trainiert werden, Als Appetizer gibt es dazu übrigens eine kleine Schule von Bernhard, die in der "Edition alphatext", Postfach 360, CH-8401 Winterthur, erschienen ist. Daß Bernhard dabei gerne René Le Roy apostrophiert, der ja in Boswil durch Moyse´s Totalpräsenz nie zur Geltung kam, machte das Ganze zusätzlich sympathisch. Der Aspekt des "Wiederentdeckens des Selbstverständlichen" in der Körperarbeit wurde anschließend durch eine Präsentation von Madelaine Bernet zur Alexander-Technik vertieft, bei der man sich unwillkürlich an Konrad Klemms inspirierende Alexander-Präsentation beim ´84-er Festival in Boswil erinnert fühlte.
Eine wichtige und überzeugende Rolle beim gesamten Flötenevent spielte das bereits durch seine flötenpädagogischen Veröffentlichungen bekannte Flötistenpaar Elisabeth Weinzierl und Edmund Wächter aus München. Beide traten mehrfach zum Themenbereich des täglichen Flöteübens in Aktion und gestalteten auch einen großen Teil des Abendkonzerts am Samstag. Die Titel ihrer Präsentationen &endash; übrigens immer im perfekten "Mannschaftsspiel" zu zweit &endash; "Kurz und gut &endash; die Kunst des Übens" oder "Flötenunterricht auf neuen Wegen" weckten den Appetit der Teilnehmer und hielten auch, was sie versprachen. Natürlich können solche Demonstrationen von ein, zwei Stunden Dauer nicht die kontinuierliche eigene Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema ersetzen, aber Weinzierls/Wächters Präsentationen wirkten ungemein anregend und brachten mehrere Teilnehmer, die bislang noch nicht in die Veröffentlichungen der beiden geschaut hatten, dazu, dies in Zukunft ändern zu wollen.
Die Französische Schule des Flötespielens wurde auf eine gewinnende und kompetente, wenn auch etwas ungewöhnliche Weise von dem französischen Flötisten Luc Urban präsentiert. Er demonstrierte, unterstützt von dem Schweizer Spezialmusikgeschäft für Blasinstrumente Gurtner, in einer ausführlichen "Blind-Demonstration" die Klangeigenschaften verschiedener (Schüler)Flöten, wobei zunächst nichts über Marke, Preis und Material der Flöten gesagt wurde. Die Zuhörer konnten sich ihre eigene Rangfolge der vorgeführten Flöten zurechtlegen &endash; und nicht wenige waren überrascht, als sie zum Schluß die genauen Informationen über die Flöten erfuhren....
Brigitte Bryner-Kronjäger aus Zürich stellte ihr Gehörbildungs- und Improvisationskonzept vor und führte einige der Teilnehmer, wie der Titel ihrer Präsentation versprochen hatte, im praktischen Ausprobieren tatsächlich improvisierend "querfeldein". Einen weiteren inspirierenden Vortrag zu den mentalen und körperlichen Grundlagen des Flötespielens und -übens bot der Schweizer Klarinettist Wenzel Grund, der nach einer Ausbildung in Musikkinesiologie ein eigenes Kinesiologie-Coaching Programm entwickelt hat und seine Grundideen dazu vorstellte. Spätestens nach dieser Präsentation hatten auch die Teilnehmer eventuelle Vorurteile gegen die kinesiologische Herangehensweise an das Musizieren und Üben hinter sich gelassen, die vorher nicht wußten, daß sich viele erfolgreiche Musiker mit solchen Techniken beschäftigen und davon für ihre Kunst profitieren.
Mit Spannung erwartet wurden von den Teilnehmern die Auftritte der beiden "Event-Protagonisten" Stefan Keller und Jonas Lindenmann selbst. Mit der unaufdringlichen Smartness junger Instrumentalprofis, die es nicht nötig haben, sich in den Vordergrund zu drängen, stellten beide ihr persönliches pädagogisches Konzept vor. Dabei kam natürlich der Blickwinkel ihrer jeweiligen eigenen Perzeption neuer Flötenmusik und neuer Spiel- und Gestaltungstechniken zur Geltung. Jonas Lindenmann konzentrierte sich ganz auf die Technik der flötistischen "Zirkuläratmung". Die Zirkuläratmung stellt zwar für die abendländische klassische Musik ein Novum dar, war aber schon früher in vielen Kulturen auf der ganzen Welt als eigentliche Standardmethode flötistischer Atmung in Gebrauch und fand auch Eingang in außermusikalischen Bereichen wie z. B. bei den Glasbläsern. Viele Flötisten haben versucht, eine entsprechende Methode zu kreieren, um auch anderen Flötisten den Zugang dazu zu öffnen. Allerdings ist die Zirkuläratmung noch immer keineswegs Allgemeingut unter Flötisten und zählt nach wie vor unter die Technik- und Ausdrucksmittel der avantgardistischen und experimentellen Flötenmusik. Dem Vorurteil des Exotisch-Unerreichbaren der Zirkuläratmung abzuhelfen hatte sich Jonas Lindenmann vorgenommen, und es ist ihm im Kreis der Workshop-Teilnehmer unzweifelhaft gelungen. Sein Konzept basiert auf Robert Dicks Methode, die wiederum ihren Ursprung bei Aurèle Nicolet hat. Lindenmann zeigte in seiner Demonstration, daß er diese Technik nicht nur aufgegriffen hat, sondern durch eigene Erweiterungen ergänzen und bereichern konnte. Eine seiner Methoden, die offensichtlich tatsächlich recht schnell zum gewünschten Lernerfolg führt, funktioniert mit Wasser-Fontänen-Übungen, die Lindenmann mit Wasserglas und Auffangeimer überzeugend vorführte...
Unter dem in fast "Quantzscher" Sprache angekündigten Pogrammpunkt "Improve it! - Eine praktische Anleitung zur Verbesserung des Flötenspiels in allen Belangen" präsentierte Stefan Keller zentrale Ideen aus seinem flötenpädagogischen Werk. Die Kursteilnehmer wurden aufgefordert, ihre Instrumente auszupacken, und schon ging's los mit chromatischen Tonübungen von Marcel Moyse, die von Stefan Keller mit avantgardistischen Techniken wie Summen und Spielen, Flatterzunge, "Frosch" (Pausbacken beim Spielen) und etlichen anderen Variationen erweitert worden sind. Das Ziel ist, daß sich der Klang verändert, so daß der Ton grösser, voller, runder, wärmer und kräftiger wird. Weiter ging es mit Partialtonübungen, um eine grössere Flexibilität von Stütze und Ansatz zu erreichen. Besonders auch die anschliessenden "Bisbiliandoübungen" (d.h. den gleichen Ton mit verschiedenen Griffen spielen) ließen die einzelnen Musiker spielerisch erfahren, wie der Registerwechsel einfacher gehen kann. Außerdem streifte Keller weitere Themen aus "Improve it!" wie Resonanzübungen, Zwerchfellübungen, tiefes Register, Tonleiterübungen jeglicher Couleur, Dreiklänge, Vierklänge, Intervall- sowie melodische und harmonische Tonübungen und Übetechniken für schwierige Stellen, die alle den Übe-Alltag bereichern können.
Kleine Flöten-Workshops und &endash;Kurse bleiben den Teilnehmern häufig schon wegen ihres besonderen familiären Charakters angenehm im Gedächtnis. Aber dieser "2. Boswiler Flötenevent" war mehr als nur ein angenehmer "Kuschel-Workshop". Hier war etwas Besonderes geboten worden, und die Teilnehmer, die fast alle bis zur letzten Minute des letzten Programmpunkts mit voller Konzentration dabei waren, spürten das.
Freuen wir uns also auf den nächsten 3. Flötenevent der "New Flute Generation", der am 29. / 30. September wieder in Boswil stattfinden wird. Es wird dieses Mal sogar drei thematische Schwerpunkte geben, eine Meisterklasse mit Pierre-Yves Artaud, ein Forum für komponierende FlötistInnen und noch einige ergänzende Facetten zum letzten Generalthema Flötenpädagogik.