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Die Chorfenster
Die sechs Fenster im Chor der Stadtkirche – je drei Fenster zum Alten und zum Neuen Testament – wurden zwischen 1943 und 1953 vom bekannten Aarauer Künstler Felix Hoffmann (1911–1975) geschaffen.
Sie entstanden in zwei Etappen: Die ersten drei Fenster im Chorschluss gehen auf einen anlässlich der Renovation von 1939/40 durchgeführten Wettbewerb zurück, aus dem Felix Hoffmann als Gewinner hervorging.
Die Quellen dazu sind nur spärlich vorhanden, da die Unterlagen aus diesen Jahren im Pfarrarchiv der Kirchgemeinde Aarau aus unklaren Gründen verschollen sind. Umso erfreulicher, dass sich in Privatbesitz einige hochspannende Unterlagen hierzu befinden.
Das dreiseitige «Protokoll zum Preisgericht anlässlich des Wettbewerbs zur Erlangung von Entwürfen für Glasfenster im Chor der Stadtkirche Aarau» vom 22. November 1939 enthüllt Sensationelles. Der Wettbewerb war anonym und wurde nach dem Prinzip des Ausschlussverfahrens durchgeführt. Die Regeln dabei waren die folgenden: Wettbewerbsteilnehmer hatten ihre Entwürfe in einem verschlossenen Couvert mit einem Kennwort versehen einzureichen; diese wurden von der fünfköpfigen Jury an diesem Tag begutachtet: «Das Preisgericht versammelte sich Mittwoch, den 22. November 1939 vormittags 9 Uhr im Rathaus (...).» Im weiteren waren Mitglieder der Renovationskommission anwesend: der Stadtarchivar, ein Aarauer Kunstmaler und die beiden Pfarrherren der Stadtkirche, Pfarrer Eugen Haffter und Pfarrer Friedrich Oser (die anlässlich der späteren Ausführung das Bildprogramm der Chorfenster theologisch berieten und begleiteten).
Eingereicht worden waren per 31. Oktober 1939 insgesamt acht Entwürfe. Die Jury begutachtete diese Entwürfe in drei Rundgängen mit zunehmendem Ausschlussverfahren. Im ersten Rundgang wurden zwei Entwürfe und im zweiten Rundgang ein weiterer Entwurf ausgeschieden. Für die dritte Runde blieben also fünf Entwürfe, die im Protokoll detaillierter geschildert werden, und schliesslich wurden vier dieser fünf Entwürfe ausgeschieden: «Nach dem 3. Rundgang verbleibt als einziger Entwurf Nr. 5: ‹Petrus›.»
Das Preisgericht fasste sein Urteil darüber wie folgt zusammen und würdigte damit gleichzeitig den bis zum Schluss im Rennen gebliebenen Entwurf ausführlich, notabene noch immer, ohne den Künstler zu kennen, der ihn eingereicht hatte:
«Die Komposition der Seitenfenster ist sehr gut. Auch das diesen entnommene Detail befriedigt sehr; eine gewisse stärker hervortretende ‹Graphische Ueberbetonung› fällt etwas auf, aber es zeigt eine lebendige, innerlich beseelte Haltung, ist frisch in Farbe und in der ganzen Durchführung gute Glasmalerei. In der Komposition des Mittelfensters dagegen befriedigen besonders das oberste Stück mit der Darstellung der Auferstehung, und die Szene des Seesturms, weder formal noch farbig. Da jedoch das Detail alle anderen Entwürfe weit überragt und auch dem entspricht, was für die geplante Aufgabe an dem gegebenen Platz geeignet erscheint, drückt das Preisgericht einstimmig die Ueberzeugung aus, dass dieser Entwurf an die erste Stelle zu rücken sei. Es empfiehlt also den Entwurf: Nr. 5. Kennwort ‹Petrus›, zur Ausführung.»
Daraufhin wurde der Umschlag, der den Namen des Künstlers enthielt, geöffnet:
«Felix Hoffmann, Kunstmaler aus Aarau.»
Felix Hoffmann war zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt, also noch ziemlich jung für ein künstlerisches Unterfangen in diesem Ausmass und in einer solchen Kirche! Er sollte in den Folgejahren die in ihm erkannten künstlerischen Möglichkeiten voll erfüllen!
Eine eigentliche Sensation aber ist die Zusammensetzung der Jury. Wer das zum ersten Mal sieht, wie die Verfasserin, ist sprachlos: Unter der fünfköpfigen Jury findet sich nämlich ein Name, der das Herz von Glasmalerei-Faszinierten auf der Stelle höher schlagen lässt: Es ist kein Geringerer als – der berühmte Augusto Giacometti!
Augusto Giacometti, der berühmte «MAESTRO DEI COLORI» aus der bekannten Bergeller Künstler-Dynastie der Giacometti – trifft auf den noch jungen, aber hochtalentierten und in Deutschland hervorragend ausgebildeten «Meister der Linie»!
Es ist auch altersmässig eine sehr interessante Konstellation: Augusto Giacometti, arrivierter und berühmter Künstler, der bereits in zahlreichen Kirchen grossartige Glasmalereien geschaffen hatte, wurde 1877 geboren, war 1939 also bereits über sechzig Jahre alt (und sollte nur wenige Jahre nach dem Wettbewerb in Aarau, 1947, sterben), während der junge Felix Hoffmann seine Karriere als Glaskünstler im Jahr zuvor (1938) mit den Chorfenstern in der Kirche Rupperswil erst begonnen hatte. Dass ausgerechnet Augusto Giacometti in dieser Jury sass, ist unglaublich, und damit bekommt auch der Begriff «eine lebendige, innerlich beseelte Haltung» aus der Würdigung des Entwurfes von Felix Hoffmann eine besondere Leuchtkraft! Da ist ein Meister erkannt worden, gewiss auch durch die Mitwirkung von Augusto Giacometti in dieser Jury.
Die weiteren Mitglieder dieser Jury waren die Herren Dr. Fridolin Laager (1883–1975), damaliger Stadtammann von Aarau, Paul Bodmer (1886–1983), Kunstmaler aus Zürich, Ernst Robert Fiechter (1875–1948), ein renommierter Baufachmann und -forscher, und schliesslich Alfred Blailé (1878–1967), ein weiterer Künstler, aus Neuenburg.
Zwei Tage später, am 24. November 1939 teilte der Gemeinderat von Aarau Felix Hoffmann in einem Schreiben mit, dass er den Wettbewerb einstimmig gewonnen habe; selbstverständlich fehlt darin auch der übliche Hinweis auf Unumgängliches nicht: «die Ausführung kann aber erst beschlossen werden und erfolgen, wenn die Frage der Finanzierung geklärt ist.»
Die Fenster waren 1943 fertiggestellt, wurden aber wegen des Krieges erst 1948 eingesetzt. 1953 folgten die drei Fenster für die Chorsüdwand. Die Entwicklung des Künstlers in jenem Zeitraum lässt sich an diesem bedeutenden Werk nachvollziehen. Sind die drei früheren Fenster flächig und mit klaren Konturen gemalt, so weisen die drei späteren eine freiere Linienführung auf. Die Verschiedenartigkeit verstärkt sich durch die unterschiedliche Farbgebung. Die gegen Osten gerichteten Fenster mussten dunkel gehalten werden, um das blendende Licht der Morgensonne zu dämpfen. Nicht so jene der südlichen Chorwand, die als Lichtspender hellere Farben und viele weisse Gläser aufweisen.
Das von den damaligen Stadtpfarrern ausgearbeitete inhaltliche Programm der Glasmalereien erstreckt sich von der Schöpfung bis zur Auferstehung Christi. Die Fenster erzählen auf lebendige und ergreifende Weise biblische Szenen und führen uns in ausdrucksstarkem Gebärden- und Mienenspiel die bewegten Geschichten der Bibel vor Augen.
Felix Hoffmann selbst hat sein Werk eine «Biblia pauperum» – Armenbibel – genannt. Damit stellt der Künstler sein Werk in christliche Tradition: das Erzählen der Bibel in Bildern. Die Lesart seiner Malereien bewegt sich von unten nach oben.
Grosses Christusfenster
Dieses um einen Lanzettbogen breitere, zentrale Chorfenster umfasst thematisch das Leben Christi von seiner Geburt bis zur Auferstehung – dazwischen Blindenheilung, Seesturm, Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel und Kreuzigung. Die über neun Felder angelegte Auferstehung benennt mit ihrer intensiven Farbgebung aus Rot, Gelb und Blau den Höhepunkt der Chorfenster.
Predigt zur Verkündigung Kleinen Christusfenster
Predigt von Pfarrerin Gabi Wartmann am 11. Dezember 2011:
«Verkündigung von unten» zum Verkündigungsfenster von Felix Hoffmann (PDF, 130 KB)
Predigt von Pfarrerin Gabi Wartmann am 12. Dezember 2012: «Gabriel» (PDF, 540 KB)
Der «Felix Hoffmann-Weg» der Reformierten Landeskirche Aargau wurde am 12. April 2014 in der Kirche Kirchberg (Küttigen) feierlich eröffnet, setzte sich in der Stadtkirche Aarau fort und wurde in der Kirche Suhr abgeschlossen.
Mehr über die Eröffnungsveranstaltung ist auf dem Internetauftritt der Reformierten Landeskirche Aargau zu finden.
Das Referat zu Felix Hoffmanns Glasmalereien in der Stadtkirche Aarau zum Downloaden:
«Felix Hoffmanns Glasmalereien in der Stadtkirche Aarau» (PDF, 28 KB)
Die Verfasserin ist Familie Hoffmann für Informationen und Einblick in Dokumente zum Wettbewerb von 1939 aus Familienbesitz zu grossem Dank verpflichtet.
Text © Barbara Tobler
Fotos © Hans Fischer