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In den letzten Jahrzehnten ist die Korallenbedeckung dramatisch zurückgegangen. Dies liegt zum einen an der kontinuierlichen Erderwärmung. Einen wesentlichen Beitrag zu ihrem globalen Niedergang leisten aber auch Korallenkrankheiten. Mehrere Krankheiten konnten mit marinen Sedimenten assoziiert werden. Ein Forschungsteam berichtet nun in einer Studie, dass solche Krankheiten durch die Überernte von Seegurken, welche Riffsedimente reinigen und damit mikrobielle Krankheitserreger unterdrücken, verschlimmert werden. Insbesondere betroffen sind die Acroporid-Korallen, die gut ein Viertel aller pazifischen Korallenarten ausmachen.
Was hat eine Gurke im See verloren?
Seegurken leben in Küstengebieten (in Korallenriffen und Seegräsern) aller Weltmeere in einer Tiefe von bis zu 50 Metern. Zusammen mit den Seesternen und den Seeigeln gehören sie zur Gruppe der Stachelhäuter. Die grössten ihrer Art erreichen eine Gesamtlänge von zwei Metern. Seegurken ernähren sich von mikroskopisch kleinen Lebewesen, die sie aus dem Wasser filtern oder zusammen mit Bodenmaterial aufnehmen. Um genügend Nahrung zu erhalten, müssen sie sich oft Tag und Nacht mit Sand «vollstopfen». Dadurch erfüllen sie wichtige Funktionen für ihre Ökosysteme und die biologischen Prozesse der Meeresböden: Als Detritivoren vermischen sie durch ihre Bewegungen und ihre Ausscheidungen Bodensubstrate. [Detritivoren (auch Detritusfresser) sind Tiere, die sich von zerkleinerter organischer Substanz (Detritus) ernähren.] Die Rolle der Seegurke ist also vergleichbar mit der von Regenwürmern in terrestrischen Ökosystemen. Wie diese konsumieren sie Sedimente und organische Stoffe und zermahlen sie zu feinen Partikeln. Dadurch fördern die Seegurken u.a. den Sauerstoffhaushalt im Meeresboden.
Der grösste Feind der Seegurke ist mit Abstand der Mensch: In den letzten fast 30 Jahren hat der weltweite Fang von Seegurken drastisch zugenommen. Durch die hohe Nachfrage und den hohen Marktpreis besteht auch der Anreiz zum illegalen Fang. Nun stehen Seegurken auf der Roten Liste der IUCN und gelten als stark gefährdet. Ihre Überfischung führt zur Meeresverschmutzung und Bodendegradation ihrer Lebensräume. Zudem wird der immer kleiner werdende Seegurkenbestand zu einer immer grösseren Gefahr für die Korallen und ihre Riffe.
Seegurken schützen Korallen
Ein US-amerikanisches Forschungsteam untersuchte die Korrelation zwischen den überernteten Seegurken und den Korallenkrankheiten anhand von Feldmanipulationen in Französisch-Polynesien sowie im Palmyra-Atoll. Damit wollten sie die Auswirkungen der Entfernung von Seegurken auf die Häufigkeit und das Ausmass von krankheitsbedingten Schäden an Korallen experimentell bewerten: In 50 x 50 cm Käfigen haben die Froschenden entweder zwei, eine oder gar keine Seegurke platziert. Nach einer Woche sammelten sie die Sedimente aus den Käfigen ein. Diese Sedimente wurden dann in Kontakt mit Korallen gebracht.
Die Ergebnisse zeigten: Einen Unterschied zwischen den Sedimenten aus den Käfigen, wo eine oder zwei Seegurken drin waren, gab es nicht. Das Sediment, welches nicht von Seegurken gereinigt wurde, zeigte jedoch eine starke Abweichung von den anderen zwei Proben. So schlussfolgerte das Team, dass das Vorhandensein von Seegurken tatsächlich den Verlust von Korallengewebe verringert. Zudem wurde erkannt, dass auch das Vorhandensein von filamentösen (fadenartigen) Algen, die den direkten Kontakt von Korallengewebe mit Sediment verhindern, die Korallen schützt.
Das Forschungsteam ist sich sicher: Mehr Beachtung für die ökologischen Folgen der langfristigen, globalen Entfernung wichtiger Detritivoren wie der Seegurke ist essenziell für den Schutz von Korallenriffen. Das heutige explosive Wachstum von Korallenkrankheiten ist – zumindest teilweise – auf die massive Ernte von Seegurken seit dem 19. Jahrhundert zurückzuführen. Die Wiederherstellung von wesentlichen Reinigungsdiensten, die Seegurken und andere Detritivoren bieten, ist von besonderer Bedeutung – gerade auch im Zusammenhang mit der Erwärmung der Ozeane.
Nature: Removal of detritivore sea cucumbers from reefs increases coral disease
NABU: Seegurken