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Die grösste Naturschutz-Organisation der Schweiz, Pro Natura, hat ihr Wappentier, den Steinbock, zum Tier des Jahres 2006 erkoren.
Anlass dazu gibt die vor 100 Jahren erfolgte illegale Wiedereinführung des Steinbocks in die Schweiz durch italienische Wilderer – mit Einwilligung der Schweizer Behörden.
"Für mich verkörpert der Steinbock Weisheit, Mut und Zähigkeit. Er schreitet langsam, sicher und majestätisch, obwohl er das ganze Jahr in schwierigen Verhältnissen lebt." Mit diesen Worten erweist Paul Demierre, Chef der Abteilung Jagd und Tierwelt des Kantons Freiburg, dem "König der Alpen" die Ehre.
Dem kann auch die Naturschutzorganisation Pro Natura beipflichten. Sie hat ihr Wappentier, den Steinbock, zum Tier des Jahres 2006 ernannt. Der gewiefte Kletterer tritt die Nachfolge des Schwalbenschwanzes (2003), des Feldhasen (2004) und der Zauneidechse (2005) an.
Der Steinbock sei heute zwar ein Symbol für die Alpen, doch dies sei nicht immer so gewesen, rief Pro Natura am Freitag in Erinnerung. 1809, nach der Einführung von modernen Jagdwaffen, war der Steinbock in der Schweiz völlig ausgerottet.
Zuvor war der Alpensteinbock als Fleischlieferant und vor allem wegen seiner grossen Bedeutung in der Volksmedizin schonungslos gejagt worden. Die Spitzen seiner Hörner sollten gegen Impotenz wirken, sein Blut gegen Harnstein, und mit Teilen seines Magens wurde gegen Depressionen angekämpft.
Im Kanton Graubünden, wo der Steinbock auch als Wappentier dient, verschwand er schon im 17. Jahrhundert, im Wallis zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Diebstahl in Italien
Weltweit überlebte nur gerade im privaten Jagdgebiet des italienischen Königs Vittorio Emanuele II. im Aostatal eine Population von einigen Dutzend Tieren. Versuche der Bundesräte Josef Zemp und Ludwig Forrer, Steinbockkitze auf legalem Weg zu erwerben, scheiterten am Widerstand des Königs.
Auch Ansiedlungsversuche mit Steinbock-Ziegen-Bastarden blieben ab 1875 ohne Erfolg. 1906 wurde dann ein Weg gefunden - allerdings ein illegaler. Mit finanzieller Hilfe des Eidg. Departementes des Innern stahlen Wilderer in Italien drei Jungtiere und brachten sie in die Schweiz.
In Tierpärken vermehrten sich die Import-Tiere dann fleissig.
Wiedergutmachung
1911 wurden die ersten Zoo-Steinböcke im Gebiet Graue Hörner im Kanton St. Gallen in die Freiheit entlassen. Inzwischen leben wieder rund 14'000 Steinböcke in der Schweiz. Zur Wiedergutmachung des Steinbock-Diebstahls schenkt die Schweiz Italien dieses Jahr 40 Steinböcke, die im Mai und Juni an verschiedenen Orten in den italienischen Alpen ausgesetzt werden sollen.
Seit 1977 darf der Steinbock - obwohl bundesrechtlich geschützt- wieder selektiv bejagt werden. Die Kantone müssen für den Abschuss jedes Steinbocks beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) eine Bewilligung einholen. Die Bestände haben in letzter Zeit allerdings stagniert oder sind zurückgegangen.
Rätselhafte Krankheit
Grund dafür ist sind Lungenentzündungen, an denen Tiere einiger Populationen erkranken und eingehen. Die Ursachen sind gemäss BAFU unklar und werden derzeit zusammen mit verschiedenen Forschungsinstitutionen untersucht.
So könnten Faktoren wie Inzucht, Klimaveränderung und Krankheiten für diese Entwicklung mitverantwortlich sein.
Erfolgsstory
Paul Demierre zeigt sich trotz allen Widrigkeiten und Problemen befriedigt: "Die Geschichte des Steinbocks zeigt, dass ein Tier, das vom Menschen ausgerottet wurde, mit Schutzmassnahmen wieder angesiedelt werden kann."
Die erfolgreiche Wiederansiedlung wird dieses Jahr mit verschiedenen Veranstaltungen gefeiert. Im Komitee "100 Jahre Steinbock Schweiz" sind neben dem BAFU JagdSchweiz, Pro Natura, der Schweizer Alpenclub und ZooSchweiz vertreten.
swissinfo und Agenturen
Fakten
Der Steinbock war rund 18'000 Jahre in der Schweiz ansässig, bevor er 1809 ausgerottet wurde.
Seit 1875 hatte die Schweiz erfolglos versucht, Steinböcke legal von Italien zu importieren.
1906 schmuggelten Wilderer zwei Weibchen und einen Bock aus dem Jagdrevier des italienischen Königs in die Schweiz.
1911 wurden die ersten zwei Steinböcke in die Freiheit entlassen. Heute sind sie am weitesten verbreiteten Horntiere im gesamten Alpengebiet.
In der Schweiz gibt es rund 14'000 Steinböcke, seit 1977 ist die Jagd unter strengen Auflagen erlaubt. Einige Kolonien stagnieren heutzutage oder werden kleiner.
In Kürze
Am 22. Juni 2006 wird an die Entscheidung von Schweizer Zoologen im Jahr 1906 erinnert, den Steinbock illegal von Italien in die Schweiz einzuführen, da der italienische König Viktor-Emmanuel einen Verkauf abgelehnt hatte.
Gedacht wird an die Ereignisse mit der Ausgabe einer Briefmarke, einer Buch-Veröffentlichung, einem internationalen Steinbock-Kongress, organisiert durch das Bundesamt für Umwelt, JagdSchweiz, Pro Natura, den Schweizerischen Alpenklub und ZooSchweiz.
Als "Entschädigung" für die Ereignisse von 1906 bietet der Bund Italien 40 Steinböcke an.