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WOZ: Jacqueline Revaz, was hat Sie als junge Frau in den siebziger Jahren dazu veranlasst, Medizin zu studieren?
Jacqueline Revaz: Ich kam eher spät auf die Medizin. In meiner Familie gab es keine Mediziner. Was mich schon immer interessierte, war der Mensch. Und dann hatte ich eine jüngere Schwester, die schon früh viel Physiotherapie benötigte. Das weckte mein Interesse am menschlichen Körper. Nach der Matura begann ich mit dem Studium an der Uni Bern. Am Anfang war das gar nicht so einfach: Ich bin in Biel rein französischsprachig aufgewachsen. Richtig Deutsch lernte ich erst als Studentin.
Welche Disziplin hat Sie besonders interessiert?
Zuerst die Pädiatrie. 1980/81 verbrachte ich ein Wahlstudienjahr in Montreal, wo ich in einem grossen Kinderspital arbeitete. Ein solches Auslandsstudienjahr war damals keine Selbstverständlichkeit, es gab ja noch keine staatlichen Austauschprogramme. So habe ich ein Stipendium aufgenommen, das ich später wieder zurückbezahlt habe.
Wie hat es Ihnen in Montreal gefallen?
Sehr gut. Montreal war schon damals eine sehr multikulturelle Stadt mit einem grossen kulturellen Angebot und schönen grünen Stadtteilen ausserhalb des Zentrums. Der Unterricht an den US-amerikanisch geprägten Spitälern war hervorragend, ich lernte ungemein viel. Wieder zurück in der Schweiz, machte ich das Staatsexamen und arbeitete die ersten zwei Jahre als Assistentin in der Höhenklinik in Montana und in einem kleinen Spital im Simmental. Wirklich zur Ärztin geworden bin ich aber erst in Südafrika.
In Südafrika?
Nach den Erfahrungen in Europa und Kanada wollte ich in ein Land mit weniger hoch entwickeltem medizinischem Standard. Und so arbeitete ich 1984 bis 1985 mit meinem heutigen Mann im Elim Hospital, einem Buschspital in Northern Transvaal im nördlichen Südafrika.
Wie muss man sich ein solches «Buschspital» vorstellen?
Es war ein ehemaliges Missionsspital, das von einem Schweizer Missionar gegründet und 1976 verstaatlicht worden war. Wir waren je nach Belegung zwischen acht und zwölf Ärztinnen und Ärzte – fast ausschliesslich aus Ländern wie der Schweiz, Holland oder Israel. Schwarze Ärzte praktizierten keine in unserem Spital, es gab nur ein paar wenige schwarze Studenten, die dort Praktika machten. Das Pflegepersonal hingegen bestand ausschliesslich aus schwarzen Frauen. Das Spital hatte ein grosses Einzugsgebiet, insgesamt standen 600 Betten zur Verfügung.
Wie war es, in einem solchen Spital zu arbeiten?
In Südafrika verlor ich die Angst vor den spitalinternen Hierarchien. Ich habe dort die Erfahrung gemacht, dass wir alle im gleichen Boot sind. Wir hatten eine starke Solidarität untereinander. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel gearbeitet wie damals. Von Anfang an konnte ich Verantwortung übernehmen und lernen, was es heisst, die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen. Das war persönlich wie fachlich eine prägende Erfahrung. Weil wir gemessen an den Patienten nur wenige Ärzte waren, haben wir fast alles gemacht: von der Behandlung von Typhus- oder Malariaerkrankungen über chirurgische Eingriffe bei schweren Verletzungen bis zu Kaiserschnitten bei Frauen, die wegen Komplikationen nicht wie sonst üblich ohne medizinische Hilfe gebären konnten.
Und das alles in einem Apartheidstaat.
In unserer unmittelbaren Arbeit haben wir nicht viel gemerkt von der Apartheid. Unsere Patienten waren ja, abgesehen von einigen weissen Landwirten, ausschliesslich Schwarze. Natürlich gab es Finessen: Die Behörden haben lange unsere Pässe zurückbehalten – weil wir mit Schwarzen gelebt und gearbeitet haben, waren wir für sie politisch verdächtig. Und wenn wir schwarze Kolleginnen zum Einkaufen in die Stadt mitnahmen, so wurde das nicht gerne gesehen. Die volle Brutalität der Apartheid aber haben wir im Busch nur am Rand mitbekommen. In Grossstädten wie Johannesburg hingegen war die Zweiklassenmedizin – wie überhaupt der staatliche Rassismus – unübersehbar. Im Buschspital war die Versorgung relativ gut, zumindest im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern. Wir bekamen von der Armee immer die notwendigsten Medikamente und hatten einen für damalige Verhältnisse sehr modernen Operationssaal. Aber natürlich: Es gab die subtilen Unterschiede.
Zum Beispiel?
Wir hatten für unser Haus einen Gärtner und eine Hausangestellte, das war Usus. Eines Tages hatte unsere Hausangestellte eine Infektion. Es war offensichtlich, dass sie eine Behandlung benötigte und nicht zu Fuss bis zu ihrer Hütte im Busch gehen konnte. Doch anstatt unsere Einladung anzunehmen, bei uns zu schlafen und zu essen, wollte sie lieber vor dem Spital übernachten. Sie wollte nicht bei uns nächtigen, weil sich das nicht gehöre in diesem System. Schlussendlich hat sie zu unserer Freude unsere Einladung dann trotzdem angenommen.
Jacqueline Revaz Frey (58) führt mit ihrem Mann Bruno Frey-Revaz seit 25 Jahren eine Hausarztpraxis in Dotzigen, einem kleinen Dorf im Seeland bei Biel. Als Vorstandsmitglied und ehemalige Kopräsidentin der Berner Hausärzte engagiert sie sich für die Stärkung der medizinischen Grundversorgung, über die am 18. Mai abgestimmt wird.