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Am 26. und 27. November 1988 führte das WoZ-Kollektiv in der Freizeitanlage Bucheggplatz in Zürich ein Seminar durch, in dem es um die Frage ging, ob der damals dreibündigen WoZ ein vierter Bund – also zusätzliche acht Seiten – beigefügt werden sollten. Als Wachstumsskeptiker verfasste ich dazu das Diskussionspapier «Grundsätzliches gegen den Ausbau».
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«Die Diskussionen um einen 4. Bund für die WoZ unterschlägt schon im Begriff die Tatsache, dass wir – die finanzielle Machbarkeit des Projekts vorausgesetzt – zwei verschiedenen Diskussionen führen müssen. Es geht zwar einerseits um die Produkt-Diskussion, die den Ausbau unsere Zeitung auf 4 Bünde betrifft. Aber es geht andererseits auch um die Maschinen-Diskussion, die den dafür notwendigen Ausbau der Produktionsmaschine – von der Administration, über Satz und Lay out bis zur Redaktion – betrifft.
Die Maschinen-Diskussion ist in den bisherigen Vorgesprächen und Abklärungen in Sachen 4. Bund nie grundsätzlich geführt worden. Es könnte sich jedoch verhängnisvoll auswirken, würden wir einen 4. Bund beschliessen, ohne den wirklichen Zustand der Produktionsmaschine zu analysieren und zu kritisieren.
Ich mache zuerst Anmerkungen zur Maschinen- danach zur Produkt-Diskussion, indem ich in beiden Bereichen Aspekte des Problems vorstelle, die mir wichtig scheinen. Die Aspekte versuche ich zu je einer These gegen den weiteren Ausbau zum jetzigen Zeitpunkt zu verdichten.
1. Zuhanden des WoZ-Seminars vom 1./2. Oktober 1983 in Obbort (GL) hat jm ein 12-seitiges Papier vorgelegt, das er ‘Bericht der Mini-Hayek-Kommission’ nannte und auf dessen Deckblatt er den Auftrag, den er sich selber gegeben hatte, wie folgt umschrieb: ‘Die Mini-Hayek-Kommission untersuchte die historisch gewachsenen Strukturen, Verantwortungsbereiche und Betriebsabläufe. Sie formuliert Unausgesprochenes, beschreibt betriebliche und redaktionelle Leerläufe und Doppelspurigkeiten innerhalb des WoZ-Kollektivs und seiner Arbeit. Ziel des Berichtes ist eine Optimierung und gesteigerte Effizienz und Effektivität der gesamten Organisation.’ Soweit ich beurteilen kann, ist seit jm’s Fragestellungen das Problembewusstsein auf der WoZ in Bezug auf die Maschine, die man antreiben hilft, in allen Teilen der Maschine eher gesunken als gestiegen, ausgenommen vermutlich in der Administration.
Heute pflegen wir auf der WoZ offiziell den herrschaftsfreien Diskurs und inoffiziell die psychosomatischen Verletzungen, die uns die real existierenden Organisationstrukturen der WoZ zufügen.
2. Wir wissen es alle: Es ist nicht so, dass eine Produktionsmaschine, dessen Personal zu Begriffen wie ‘Pflichtenheft’, ‘Kompetenzregelung’, ‘Entscheidungsstrukturen’, ‘Hierarchisierung’ oder ¨Leitung’ nichts zu sagen weiss als: Irgendwie geht es ja schon, es ist immer irgendwie gegangen –, dass eine solche Maschine nicht dem Personal zuliebe ein basisdemokratischer Musterbetrieb bleibt oder gar wird. Wird eine Maschine nicht rational auf die Bedürfnisse der Produzierenden und des Produkts hin konstruiert und gesteuert, wächst sie irrational als informelles Dickicht. Wo ein Zweimillionen-Betrieb nicht gemanaged wird, managen ihn die Umstände. Wo arbeitsteilige Abläufe nicht offen strukturell hierarchisiert werden, wachsen die Hierarchien verdeckt als informelle. Wo Machtpositionen nicht offen deklariert, delegiert und kontrolliert werden, akkumuliert sich Macht verdeckt als Ämter- und Funktionsanhäufungen; belohnt wird sie mit Sozialprestige. Wo die Maschine wächst, wo die Arbeitsteilung laufend sich vergrössert, ohne dass die Strukuren ebenfalls laufend und bewusst ausdifferenziert werden, dort tragen einige vieles, anderes weniger und ob die Maschine im einzelnen leistet, was sie leisten soll, bleibt dem Zufall und dem individuellen Effort überlassen. Wo schliesslich die Arbeitsabläufe nicht klar bestimmt werden, wo nicht geklärt ist, wer mit wem beruflich zu tun haben muss, wird Zusammenarbeit zur Herzensangelegenheit.
Zusammengefasst: Die WoZ ist vermutlich der einzige Zweimillionen-Betrieb in der Schweiz, der als Gesamtstruktur ungefähr funktioniert wie ein antiautoritärer Kindergarten. Je grösser die Maschine wird, desto mehr geht das ins Geld und an die Nerven.
3. Die Struktur der WoZ-Maschine lässt sich beschreiben als Durchlauferhitzer, der die darin funktionierenden Leute in drei Phasen verbraucht. Die Newcomer-Phase ist gekennzeichnet durch fehlende soziale Anerkennung und Arbeitsmangel. Wer auf der WoZ anfängt, muss Arbeit suchen gehen. Mit der Kumulierung von Funktionen steigt mit der Zeit das Ansehen; der Preis sind oft unvereinbare Mehrfachbelastungen. Die Newcomer-Phase geht über in die akute Verheizer-Phase. Der WoZ-Mensch ist jetzt anerkannt, dafür überbelastet. Er kumuliert Macht, Information und Verantwortung, kann dafür seinen eigenen Ansprüchen wegen permanenter Überbelastung nicht mehr genügen. Jobs abgeben kann er aber auch nicht, weil dann Liebesentzug droht. Am Ende der Verheizer-Phase geht es durch die sogenannte Zürcher Haarnadelkurve weiter in die Abgrenzungsphase. Wer die Kurve nicht erwischt, verschwindet von der Zürcher WoZ-Bildfläche.
Zurzeit am ausgeprägtesten stecken pw und stk in der Newcomer-Phase; akut verheizt werden so, ph, as und hs; die Angrenzungsphase erreicht haben pl, mif und ls. Die Zürcher Haarnadelkurve nicht erwischt haben zum Beispiel rst, uz und meine Wenigkeit. Das Bild des Dreiphasen-Durchlauferhitzers zeigt: Statt dass neue Leute in der WoZ vom ersten Tag an klar abgegrenzte Aufgaben und Kompetenzen erhalten, haben sie zuerst zu wenige, später zu viele.
Kurzum: Die WoZ – vorab die Redaktion – wird von sogenanntem Champignon-Management regiert: Auf dem Mist wild wachsender, verdeckter, informeller Hierarchisierungen spriessen die Pilze, manchmal zu viele, manchmal zu wenige; ist ein Pilz zu gross geworden, schlagen ihm die Umstände den Kopf ab. Das Bild ist gar nicht so schief: Unsere Maschinen-Struktur ist weniger Kunst als Natur.
4. Ein weiterer Ausbau des WoZ-Produkts braucht einen weiteren Ausbau der WoZ-Maschine. Es ist aber unklug, eine mindestens zum Teil schlecht strukturierte Maschine noch weiter zu vergrössern und zu belasten. Klüger wäre, zuerst die Konstruktion der Maschine zu verbessern: Zuerst müssen wir wissen, wie wir die Arbeit sinnvoller verteilen, wie wir durch bessere Zusammenarbeit effizienter und stressloser arbeiten können, wie wir die notwendigen Machtzentren der WoZ transparent machen, wie wir das heillose Durcheinander der Ebenen der Zusammenarbeit und der persönlichen entflechten können.
Nur ein interner Diskurs, der zugibt, dass er nicht mehr herrschaftsfrei ist, kann ein ehrlicher Diskurs sein. Nur wenn es uns gelingt, die faktische Macht, die unsere Maschine antreibt, zu rationalisieren, zu benennen und sinnvoll und transparent unter möglichst vielen zu verteilen, ist effiziente Zusammenarbeit und inhaltlicher Streit bei gegenseitigem Respekt möglich. Erst wenn die Maschine nicht mehr von der Irrationalität, die sich aus Zufall und Gefühlen ergibt, gesteuert wird, ist die Diskussion um einen Weiterausbau sinnvoll. Vier Tage, nachdem ein Zürcher WoZ-Redaktionsmensch gegenüber der Redaktionsstelle Bern erklärt hat, zwar hätten noch nie soviele Leute im ‘Inland’ gearbeitet wie jetzt, trotzdem stehe die Redaktion vor dem Kollaps, ist für mich nicht der Zeitpunkt für einen Weiterausbau der Maschine.
Wer jetzt mit dem Kopf durch die Wand will, wer den 4. Bund jetzt will, der soll ehrlich sein und nicht nur 4. Bund sagen, sondern auch Chefredaktion. Anders ist zurzeit ein Ausbau der WoZ-Maschine nicht zu haben.
These zur Maschinendiskussion: Die WoZ-Maschine funktioniert als ganze unbefriedigend. Statt sie überstürzt weiter auszubauen, muss sie in einer Phase von personeller Konsolidierung in ihren Strukturen verbessert werden. Sinnvoll ist, möglichst schnell festzulegen, in welcher Form die WoZ ‘hayekisiert’ werden kann. Die gesamte WoZ-Maschine muss von Fachleuten geröntgt werden mit dem Ziel, sie so umzubauen, dass sie mehr Effizienz, mehr Transparenz, mehr inhaltliche Auseinandersetzung und ein besseres Arbeitsklima für alle bei weniger Stress produziert. Dass die Maschine darüber hinaus weiterhin jede Woche eine Zeitung auswirft, ist zurzeit nicht das Hauptproblem.
Die Produkt-Diskussion hat in der WoZ Tradition. Am erwähnten Seminar in Obbort wurde erstmals eine Seitenerweiterung der WoZ diskutiert. Damals standen sich das ‘Modell de Luxe’ von rst, das Modell ‘Warenhaus’ von osk und das ‘Modell Volksfront’ von pl resp. jüfi gegenüber. Seither wird die Ausbaudiskussion – zum Beispiel auf der Rigi im Sommer 1986 – immer zwischen den Polen ‘mehr Quantität’ vs. ‘mehr Qualität’ geführt. ‘De Luxe’ meint jeweils mehr – journalistische, redaktionelle, ideologische – Qualität; ‘Volksfront’ meint mehr Quantität aus verschiedenen Gründen (Dokumentation, Abdeckung von Regionalem, Veranstaltungskalender, Inserate etc.). Auch die jetzige Ausbaudiskussion ist unter anderem eine Auseinandersetzung zwischen ‘De Luxe’ und ‘Volksfront’, allerdings seit längerem verdeckt durch jene Diskussion, die mich an der ganzen 4.-Bund-Auseinandersetzung am wenigsten interessiert: den Variantendebatten, wie der 4. Bund aufgefüllt werden soll. Ich gehe davon aus, dass diese Aspekte der Diskussion geläufig sind.
Ich möchte zur Produktdiskussion lediglich noch auf drei Punkte eingehen:
1. Es gibt zur Zeit keinen publizistischen Grund, die WoZ auszubauen; was ja immer auch heisst, die Auflage zu steigern. Die WoZ hat heute in der breiten Öffentlichkeit eine konsolidierte Anreisser-Funktion. Ob Gen oder Spitzel oder GVU [Gesamtverteidigungsübung, fl]: Die WoZ kommt dann ins Gespräch, wenn sie Primeurs bringt oder ‘neue Themen’ anreisst. Die WoZ kommt nicht ins Gespräch, wenn sie Gegeninformation betreibt, wenn sie innerlinke Diskussionen zeigt, wenn sie ‘unsere’ Welt dokumentiert oder bedienstleistet. Auch wenn wir nächstens 12 oder 15'000 Abos hätten, würde sich unsere publizistische Funktion nicht verändern, solange sich die hiesigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht verändern. Dass aber eine dickere WoZ diese gesellschaftlichen Bedingungen verändern könnte, wage ich nicht zu hoffen.
2. Die Frage, ob die WoZ eher ein linker Tagi oder eine linke NZZ sein soll, ist spätestens seit dem Läufelfinger Seminar Ende Juni 1985 ein Thema. Diese Frage meint: Soll die WoZ eher eine pointierte linke Meinungszeitung sein oder eher eine alternative Forumszeitung? Schon aufgrund unserer ökonomischen Möglichkeiten konnten wir immer nur beschränkt forumsmässig abdecken und dokumentieren. Dies hat ein Teil der WoZ-Macherinnen immer als Manko empfunden. Ich meine: Inhaltlich sind wir für Schweizer Verhältnisse eine völlig städtische Zeitung. Wir müssen nicht den Linken auf dem Land zeigen wollen, wie sie sich zu wehren haben; wir müssen auch nicht jedes ihrer Aktiönchen dokumentieren, weil sich ja sehr vieles wiederholt, wiederholen muss. Es genügt, wenn wir ihre Arbeit mit dem nötigen Respekt vor den miesen Bedingungen, unter denen sie Opposition machen, exemplarisch darstellen. Wenn’s nach mir geht, soll die WoZ weiterhin eine städtische Meinungszeitung bleiben, die aus ihrer Perspektive gewichtet, auswählt und wertet.
3. Natürlich gibt es Gründe, die für eine dickere WoZ sprechen, nur sind das eben keine publizistischen. Einerseits gibt es da die gewerkschaftlich ehrenwerten: Eine dickere WoZ bringt, das hat 1986 die Erfahrung mit der ‘neuen WoZ’ gezeigt, mehr Abos, mehr Abos bringen einerseits mehr Beachtung, also grössere Anerkennung unserer Arbeit, grösseres Sozialprestige, andererseits mehr Lohn. Wenn es aber nur darum ginge, warum gehen wir dann nicht alle sofort mit unserer Arbeitskraft in eine grosse bürgerliche Maschine? Warum murksen wir seit sieben Jahren an unserer eigenen Maschine herum? Der WoZ-Mensch lebt offenbar nicht vom Geld und vom Sozialprestige allein. Daran zu erinnern ist mir an dieser Stelle ein besonderes Vergnügen.
Neben den gewerkschaftlich ehrenwerten, ausserpublizistischen Gründen für einen Ausbau des Produkts, gibt es noch jene Gründe, die auf die Maschinen-Diskussion zurückverweisen: Ein WoZ-Redaktionsmensch aus Zürich hat mir neulich halb ironisch gesagt, wir müssten die Zeitung schon nur deshalb ausbauen, weil zurzeit schlicht zu viele Leute auf der WoZ arbeiteten. Das heisst: Eine schlecht konstruierte Maschine produziert eine personalpolitisch dysfunktionale Situation. Weil die WoZ-Maschine keine Leute entlässt, muss das Resultat dieser Fehlleistung der Maschine angepasst, das heisst, das Produkt vergrössert werden.
Und noch ein zweites Argument hierzu: Die schlechte Maschinenkonstruktion, die die Zusammenarbeit zur Herzenssache macht, die durch Abkapselungs- und Ausschliessungsmechanismen die notwendige Kommunikation extrem belastet, ist ein wichtiger Grund, weshalb sich die WoZ-Leute immer deutlicher in klar begrenzte Kompetenzgärtchen zurückziehen und dort ihre Stellung gegen den Rest der WoZ zu halten versuchen. Immer schneller sagen wir deshalb bei Auseinandersetzungen um Texte: Leimen wir den Quark doch in die Zeitung, sonst gibt’s bloss wieder Lämpen. Auch dieses Malaise ist noch kein Grund für einen 4. Bund.
These zur Produkt-Diskussion: In erster Linie gibt’s nicht publizistische, sondern ausserpublizistische Gründe, die jetzt für den Weiterausbau des Produkts sprechen. Die gewerkschaftlich ehrenwerten Gründe könnten aber nur neben publizistischen Gründen einen Ausbau wirklich nahelegen. Zudem gibt es Indizien, die auf die Maschinen-Diskussion zurückverweisen und besagen, dass die eigene Unfähigkeit, die selbst geschaffene Maschine zu optimieren, im Sinn einer Flucht nach vorne den Produkt-Ausbau fordert. Zurzeit sind wir in keiner Weise unter Druck., den Ausbau zu forcieren.
Ich plädiere deshalb für eine Vertagung der Produkt-Diskussion zugunsten einer grundsätzlichen Maschinen-Diskussion. Ich gehe davon aus, dass wir externe Fachleute, die etwas von Betriebsabläufen und Kommunikationsstrukturen verstehen, beziehen und uns helfen sollten, die WoZ-Maschine neu zu sehen. In einem Aufsatz über den ‘Alltag und das gesellschaftlich Unbewusste‘ hat Mario Erdheim die These aufgestellt, ‘dass die von Institutionen erfassten Individuen regredierten und in ihrem Denken und Handeln kritiklos, illusionär, kurz: bewusstloser würden.’[1] Unsere Fähigkeit zur Unbewusstheit ist nicht zu unterschätzen.
26/11/88
fl»
[1] Mario Erdheim: Psychoanalyse und Unbewusstheit in der Kultur. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1988, S. 269 ff.
(26.11.1988; 30.08.2017; 02.06.2018)