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Novak Djokovic hat sich vom manchmal überheblich wirkenden Showman zum intelligenten und sprachgewandten Champion gewandelt. Am Sonntag (15 Uhr) möchte er gegen Rafael Nadal seine Karriere krönen.
Es war einmal ein serbischer Teenager, der am French Open beim Stand von 4:6, 4:6 gegen Rafael Nadal aufgab und anschliessend vollmundig erklärte, er sei dran gewesen, die Partie zu gewinnen. Es war einmal ein Showman, der sich mit Imitationen seiner Tenniskollegen von Nadal bis Maria Scharapowa nicht nur Freunde machte. Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute ist Novak Djokovic 27-jährig. Ein geachteter Unicef-Botschafter, der vor zwei Wochen die Werbetrommel für Unterstützung der Überschwemmungsopfer in seiner Heimat Serbien, aber auch in Kroatien und Bosnien rührte. In den nächsten Monaten wird er zudem erstmals Vater.
Von seinem Charisma hat der sechsfache Grand-Slam-Sieger nichts eingebüsst, doch er ist gereift und ein Muster an Professionalität und Seriosität geworden. Eigentlich fehlt ihm nur noch ein Pokal zu seinem Glück: die Coupe des Mousquetaires für den Gewinner des French Open.
Die Parallelen zu Roger Federer sind unübersehbar. Auch er rannte fast fünf Jahre diesem einen Sieg hinterher, nachdem er die anderen drei Grand-Slam-Events ein erstes Mal gewonnen hatte – und auch ihm stand dabei ein Mann vor der Sonne: Sandkönig Rafael Nadal. Und auch Federers Ehefrau Mirka war in Erwartung seines ersten Kindes, als es 2009 endlich klappte – wie nun Novaks Verlobte Jelena Ristic, eine smarte Serbin mit einem Wirtschaftsabschluss der Universität Mailand, die seit neun Jahren an «Noles» Seite steht.
Wie 2012 ist es Nadal, der heute verhindern will, dass Djokovic als achter Mann nach Fred Perry (1935), Don Budge (1938), Rod Laver (1962), Roy Emerson (1964), Andre Agassi (1999), Roger Federer (2009) und Rafael Nadal (2010) seinen «Karriere-Grand-Slam» vervollständigen kann. Fünf Mal hat er in der Vergangenheit in Paris bereits mindestens die Halbfinals erreicht, vier Mal hiess die Endstation Nadal, einmal Federer.
Djokovic glaubt nicht, dass er sich verkrampft, weil er diesen Titel so sehr will, gibt aber zu, dass dies in der Vergangenheit vorgekommen ist. «Druck ist natürlich da, aber letztes oder vorletztes Jahr war es schlimmer», sagt er. «Ich habe jedes Jahr an Erfahrung dazugewonnen und kann jetzt besser mit dieser Situation umgehen.» Am nächsten am Triumph war er nicht bei seiner bislang einzigen Finalqualifikation 2012, sondern 2011 und im vergangenen Jahr. Vor drei Jahren wies Djokovic eine Serie von 41 Siegen ohne Niederlage und zwei Erfolge gegen Nadal in Madrid und Rom auf, wurde dann aber im Halbfinal in einer grandiosen Partie von Federer gestoppt. Und vor zwölf Monaten behielt Nadal im Halbfinal hauchdünn in fünf Sätzen die Oberhand.
Die letzten vier Duelle mit Nadal hat Djokovic alle gewonnen, zuletzt vor drei Wochen im Final in Rom auf Sand. Allerdings waren alle diese Partien über zwei Gewinnsätze. Und Nadal auf Sand und «Best of 5» – das ist ein fast unüberwindbares Bollwerk. Von 89 Partien hat er nur eine (2009 gegen Söderling) verloren. «Es wird natürlich nicht einfach, aber Nadal ist nicht unschlagbar», betont Djokovic. «Meine letzten Siege geben mir den Glauben daran.»
Ein Gewinner steht jetzt schon fest: die Tennisfans im Stadion und vor den Fernsehern. Mit Nadal gegen Djokovic dürfen sie sich auf einen absoluten Klassiker freuen. Keine Begegnung gab es in der Geschichte der ATP Tour (42. Spiel) oder bei Grand-Slam-Turnieren (12.) öfter. In einem Major-Final stehen sich die beiden zum sechsten Mal gegenüber, beide haben je drei Mal gewonnen. Und mit einer Ausnahme (am Australian Open 2012 bei Djokovics epischem Sieg in 5:53 Stunden) hat jedes Mal derjenige triumphiert, der den ersten Satz für sich entschied, doch noch nie war bereits nach drei Sätzen Schluss. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass Roland Garros am Sonntag seinen ersten Final über fünf Sätze seit 2004 (Gaston Gaudio gegen Guillermo Coria) erlebt.
Sollte es für Djokovic wieder nicht klappen, wird er diesmal keine faulen Ausreden hervorkramen und es nächstes Jahr erneut versuchen – dannzumal als Papa eines Buben oder eines Mädchens. Im Gegensatz zu Federer damals wartet er schliesslich erst seit drei Jahren auf die Erfüllung seines Traums. Und dafür wäre Nadal mit 14 Grand-Slam-Titeln auf einer Stufe mit Pete Sampras erster Verfolger von Federer (17). Rekordhalter in Paris ist er mit acht Titeln eh schon. (si/qae)