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Von Wilden Frauen und christlichen Heiligen
Uralte vorchristliche Sagen leben in christlich übermalten Legenden weiter. Ausgerechnet ein Kirchenmann, der ehemalige Bischof von Chur, Christian Caminada (1876-1962), hat in jahrzehntelanger Arbeit Spuren von Kulten und Bräuchen zusammengetragen und diese 1961 in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ veröffentlicht.
Eine dieser Überlieferungen in rätoromanischer Sprache spielt auf dem Gebiet des heutigen Kanton St.Gallen: Die „Canzun de Sontga Margriata“, das Margarethenlied. Es erzählt von einer Sennerin mit magischen Kräften, die sieben Sommer lang auf der Grossalp beim Kunkelspass lebt. Eines Tages entdeckt ein Hüterbub das Geheimnis der Margaretha und will sie verraten. Mit überirdischen Kräften sucht sie ihn umzustimmen, ohne Erfolg. So verlässt sie die Alp und wandert klagend Richtung Vättis und Pfäfers. Auch die Tiere beklagen ihren Abgang, hinter ihr verdorren die Kräuter und Gräser. Das Lied wurde noch vor hundert Jahren von den Bäuerinnen bei der Feldarbeit gesungen. Im Winter vernahm man es aus den Spinnstuben. Hanns in der Gand gelang es, eine Sängerin zu finden, welche das Lied noch singen konnte und so wurde es im Sommer 1931 in Lumbrein aufgenommen. Die Sängerin war die 66jährige Catharina Gartmann-Casanova aus Vrin.
Das Margarethenlied gehört neben den Tavetscher Zaubersprüchen zu den ältesten Schätzen der rätoromanischen Oralliteratur. Caspar Decurtins hatte es im Jahre 1901 im zweiten Band seiner Chrestomanthie abgedruckt. Über das Alter des Liedes gibt es verschiedene Vermutungen. Obwohl der Titel eine christliche Heiligenfigur nahelegt, ist der Inhalt weitgehend heidnisch. Nur die letzte Strophe hat einen christlichen Bezug. Die „Heilige“ Margaretha kommt an den Glocken von St.Georg und St.Gallus vorbei, welche so stark läuten, dass der Klöppel herausspringt. Mithilfe dieser Szene datieren einige das Lied in die Zeit zwischen 640 (nach Gallus Tod) und der Wende vom 7./8. Jh. (Entstehung des Klosters Pfäfers). Caminada jedoch vermutet einen viel älteren heidnischen Zeithorizont.
Ausgerechnet ein katholischer Bischof hat mit seinen Studien über den Wasser-, Feuer- und Baumkult viel zur Erforschung des Margarethenlieds beigetragen. Er zeigt auf, wie heidnische Kulte verchristlicht und christliche Heilige den heidnischen Wesen überstülpt wurden, um sie von innen heraus zu missionieren. Jahrzehnte später stiess die Musikerin Sylke Zimpel auf das Margarethenlied, welches sie in der Folge nicht mehr los liess. Sie begann die Motive der rätischen Sagenwelt zu sammeln und zu analysieren, sie lernte Romanisch, um die Texte im Original zu erforschen und sie fühlte sich in die Melodie des Liedes ein. Am 26./27. August kommt sie nach St.Gallen, um ihre Erkenntnisse in einem Vortrag und einem Workshop mit andern zu teilen.
Salige Frauen (Foto Ursula Fuchs-Hofer)
Die „Heilige“ Margaretha weist viele Züge europäischer Sagengestalten auf, welche je nach Gegend als Wilde Fräulein, Salige, Moosweiblein, Vivane, Gannes, Anguane oder Neraïden bezeichnet werden. Im Vortrag geht Sylke Zimpel der Frage nach, wie diese Frauengestalten beschrieben werden, in welchen Zusammenhängen sie in der Sage auftauchen, wie sich ihr Verhältnis zu den Menschen gestaltet, wofür sie stehen und was sie uns heute zu sagen haben. Zu Beginn des Abends wird sie das mythische Lied der Sontga Margriata singen, die dieser Gattung von mythologischen Gestalten anzugehören scheint. Der Vortrag des Liedes erfolgt in deutscher Sprache.
Aufbauend auf dem Vortrag über die Wildfrauen in der Sage geht es am folgenden Vormittag in kleinem Kreis um eine tiefergehende Analyse des Margarethen-Liedes und seiner verschiedenen Motive. Ziel ist es, im gemeinsamen Gespräch herauszufinden, was hinter den mythologischen Gestalten und dem Konflikt des Liedes steht und was besonders uns Frauen das Lied heute zu sagen hat. Auch die Art, das Lied zu singen, soll thematisiert werden. Bei Interesse bietet die Musikerin an, mit allen Teilnehmenden gemeinsam die ersten Sätze zu singen, um so Wege aufzuzeigen, sich das Lied singend anzueignen. Abgerundet wird der Vormittag wiederum mit dem Vortrag der „Canzun da sontga Margriata“ – diesmal in romanischer Sprache.
Rätische Frauenfigur aus Nonsberg
Freitag, 26. August 2016, 19.00 Uhr
Samstag, 27. August 2016, 10.00-13.00 Uhr
Kantonsbibliothek Vadiana, Notkerstrasse 22, 9000 St.Gallen
MatriArchiv, Fachbibliothek für Matriarchatsforschung