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Vom Frost
Es war einmal ein armer Bauer, der hatte viele Kinder. Einmal hatte er viel Hirse gesät, aber ehe er sie ernten konnte, kam im Herbst der Frost und vernichtete die ganze Hirse. Der Bauer stand mit leeren Händen da. Wortlos rüstete er zum Aufbruch, da fragte ihn seine Frau: «Wohin willst du denn, lieber Mann?»
«Ich gehe den Frost suchen», antwortete er.
«Was willst du bei ihm?», fragte die Frau.
«Er hat mir die ganze Hirse verdorben», sagte der Bauer.
«Was kannst du schon mit ihm machen?»
«Ich würde ihn am liebsten umbringen», sagte der Mann.
Er brach auf und traf den Frost. Der sprach: «Hör Bauer, mir, dem Frost, kannst du nichts anhaben. Nimm lieber diesen Sack, dann hast du dein Leben lang Brot und Salz.»
«Was soll ich mit dem Sack machen?», fragte der Bauer den Frost.
«Wenn du nach Hause kommst, stell ihn auf den Tisch und hole aus ihm heraus, wonach es dich gelüstet.»
Der Bauer freute sich, dass er jetzt einen solchen Sack besass. Sein Bruder aber war sehr reich und hatte keine Kinder. Eines Tages lud der Arme den reichen Bruder zu einem Schmaus ein, damit der sich das Wunderding von Sack einmal ansah. Der Reiche kam und sagte: «Ich schenke dir sechs Bienenstöcke und einen Pflug, dann hast du was zum Pflügen, du hast schliesslich Kinder, und du gibst mit den Sack dafür.» Der Arme gab dem Reichen den Sack, obwohl ihm der Frost verboten hatte, den Sack zu verschenken. Am nächsten Morgen kam der Arme zu seinem Bruder, um die Bienenstöcke abzuholen, aber der Reiche sagte: «Bruder, hast du je erlebt, dass ein Sack etwas enthält, was man nicht hineingetan hat?» Den Sack hatte er genommen, aber die versprochenen Bienenstöcke gab er nicht her. Da ging der Arme wieder zum Frost und beklagte sich, dass sein Bruder ihm den Sack weggenommen, die versprochenen Bienenstöcke jedoch verweigert hatte. Der Frost sagte: «Ich habe dir doch verboten, den Sack wegzugeben! Hier hast du ein Brot und eine Speckseite, gib deinen Kindern ordentlich zu essen, damit sie fröhlich herumtollen. Und nimm noch diesen silbernen Sack. Wenn du nach Hause kommst, hänge ihn an die Wand, und lade deinen Bruder ein. Er wird dir den anderen Sack für diesen geben, und du gib ihm diesen für den anderen.» Der Bauer lud also seinen Bruder ein, und als der sah, dass der silberne Sack schöner war als der erste, war er mit dem Tausch einverstanden. So tauschten sie also; der Reiche nahm den silbernen Sack und gab den anderen dafür her. Der Reiche kam mit dem silbernen Sack nach Hause und erzählte seiner Frau, er hätte sich bei seinem Bruder einen noch schöneren Sack besorgt, einen silbernen, sie solle sogleich den Tennenwart, den Schöffen, den Amtmann und den Popen zu einem Schmaus einladen. Ein festliches Mahl wollte er ihnen vorsetzen. Die Gäste fanden sich zum Festessen ein, aber im Haus war es bitter kalt. Nun liess der Reiche die Gäste am Tisch Platz nehmen und stellte den Sack auf die Tafel. Die Gäste machten grosse Augen. Aber er sagte: «Sack, öffne dich!» Da öffnete sich der Sack, sieben Teufel sprangen heraus und gingen auf die Gäste los. Er hätte rufen sollen: «Sack, schliesse dich!», er aber schrie andauernd: «Sack, unter den Tisch!» Die Gäste sprangen zum Fenster hinaus und flohen so schnell sie konnten nach Hause. Der arme Bauer aber hatte seinen ersten Sack wieder, holte alles daraus hervor was er brauchte und musste nie wieder Not leiden.
Märchen aus der Ukraine, aus: D. Jaenike, Wintermärchen, ©Mutabor Verlag