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Es ist ein Sommertag in London, unweit vom Camden Market, wo die Touristen Punk-T-Shirts und Hippie-Schmuck kaufen und mehr Bier trinken als anderswo auf der Welt. Auf der Bühne des Roundhouse-Cafés singt die 15-jährige Dionne Bromfield «Mama Said» von den Shirelles, einer Girlband aus den Sixties. Neben ihr steht ihre Gotte auf der Bühne. Die heisst Amy. Amy Winehouse.
Die beiden sind mit dieser Nummer bereits in der TV-Show «Strictly Come Dancing» aufgetreten. Eigentlich hätte Amy Winehouse alleine singen sollen, aber sie hatte keine Lust, und sagte der BBC, sie würde nur als Background-Sängerin ihres Gottenkinds kommen. So wurde Dionne bekannt. Jetzt, auf der Bühne im Roundhouse, fällt auf, wie viel erwachsener und souveräner die 15-Jährige im Vergleich zur 27-Jährigen scheint, und wie sie das Lied einer Mutter, die zu ihrer Tochter sagt: «Es gibt halt Tage wie diese, don't worry», für die Ältere singt.
Es ist der 20. Juli 2011 und der letzte Auftritt von Amy Winehouse. Am 22. Juli erhält sie einen der wöchentlichen Routinebesuche ihres Arztes. Er stellt nichts Aussergewöhnliches fest. Am nächsten Morgen wird die Sängerin tot in ihrer Wohnung gefunden.
Ihr Tod ist ein Schock. Weil sie noch so jung ist. Weil ihre Musik so monumental ist, und alle gerne noch sehr viel mehr davon gehört hätten. Weil sie mit ihrem ersten Album «Frank» (2003) ein Riesentalent bewiesen und mit ihrem zweiten «Back to Black» (2006) die Welt erobert hat.
«Back to Black» besingt elegant, rotzig und retro die Sucht nach einem Mann und die Sucht nach Drogen. Erzählt von Liebe, Betrug und von Flucht, von Selbstverleugnung und Selbstverlust. Das Album ist ein dunkler, gelegentlich von gewitzten Blitzen durchzuckter Tempel der Romantik. Und vom ersten Moment an allgegenwärtig.
In der zweiten Hälfte der Nullerjahre dominieren Amy Winehouse und James Blunt die Klangkulisse jedes Shoppingcenters und jedes Cafés von London bis Locarno. Sein «Beautiful» battelt sich mit ihrer «Rehab». Dabei benutzt er, der Kriegsveteran, die Musik als Rehab, um seine Traumata zu verarbeiten. Während sie mit «Back to Black» den wunderschönen Soundtrack ihrer Selbstzerstörung einleitet.
Den Mann, über den sie singt, gibt es wirklich, er heisst Blake Fielder-Civil, ist ein Jahr älter als sie und steht in einer Bar in Camden Town am Tresen. Sie verlieben sich, er hat aber noch eine andere (die «her» aus «Back to Black»), er ist ihr Mann mit dem Koks und dem Crack und dem Heroin, sie brauchen und sie trennen sich. Nachdem sie ihr Trennungsalbum geschrieben und endlosen Erfolg hat, kommen sie wieder zusammen, im September 2007 heiraten sie in Miami, am 25. Oktober 2007 kann man im Zürcher Volkshaus sehen, was bis dahin von Amy Winehouse übrig geblieben ist.
Sie steht vor uns, eine kleine, sehr magere Frau in einem weissen Strickpulli, die Haare geben ihr etwas Volumen, und dann beginnt die Vorstellung einer Verweigerung. Ihre ersten paar Nummern laufen noch, dann weint sie, schmeisst das Mikro weg, hockt sich auf den Boden, kratzt sich – und immer wieder reicht ihr Blake Fielder-Civil grosse Becher mit Alkohol aus den Kulissen, und sie, die dafür berühmt ist, mehr trinken zu können als der stärkste Mann, wird zusehends betrunkener. Unter den schwarzen Balken ihres Lidstrichs ist immer öfter nur noch das Weisse ihrer Augen zu sehen.
Sie vergisst ihren Text und ihre Melodien – bis auf einen Song, bis auf «Back to Black», der ist eine Offenbarung, da reisst sie mit ihrer unfassbaren Stimme Himmel und Hölle zugleich auf. Sie erfüllt an diesem Abend beide Hoffnungen: Für einen Moment die Hoffnung auf ihre heissgeliebte Musik. Und für einen sehr viel längeren die andere Hoffnung, die perversere, die auf einen Skandal. Die Ruine eines Konzerts dauert 50 Minuten, danach wollen alle nur noch raus, niemand applaudiert für eine Zugabe.
Ihr neuer Weltruhm ist an jenem Abend exakt ein Jahr minus zwei Tage alt. Sie kann und will damit nicht umgehen. Sie will zwar Musik schreiben, austüfteln, aufnehmen, hat keine Probleme, im Studio mit andern zusammenzuarbeiten. Noch 2004 sagte sie: «Musik gibt dir so unendlich viel mehr als jeder Mensch. Du kannst nehmen, und nehmen, und nehmen!» Und sie selbst vermag mit ihrer Musik Gefühlsnuancen auszudrücken, von denen wir Normalsterbliche noch gar nichts wussten.
Jetzt ist sie auf der anderen Seite. Es gelingt ihr nicht mehr, zu nehmen. Sie schreibt zwar neue Songs, aber die taugen alle nichts. Und andere nehmen und nehmen und nehmen jetzt von ihr. Ihr Mann, von dem sie sich 2009 wieder trennt, die Liebe ihres Lebens bleibt er trotzdem. Ihr Vater, der mit einem Filmteam in ihren Urlaub hineinplatzt, weil er gerade einen Dokfilm über sein Leben als Vater von Amy Winehouse dreht. Und die britische Boulevard-Presse.
Während der andere grosse Junkie der britischen Musikszene, Pete Doherty, immer noch irgendwie als bemitleidenswert und rührend in seiner Hilflosigkeit dargestellt wird, wirkt Amy Winehouse im Spiegel der Medien nur noch ekelerregend. Wenige Wochen vor ihrem Auftritt in Zürich wird sie in London mit Schrammen und blutigen Ballettschläppchen fotografiert – vermutet wird, sie habe sich Heroin zwischen die Zehen gespritzt. Der Tag kommt ihrer Hinrichtung gleich. Ein männlicher Popstar darf dreckig sein. Ein weiblicher muss glänzen.
Fünf Jahre und neun Monate nach dem Erscheinen von «Back to Black» stirbt Amy Winehouse an einer Alkoholvergiftung. Nach ihrem Tod sagt Adele: «Ich verdanke ihr neunzig Prozent meines Erfolgs. Wegen ihr lernte ich, Gitarre zu spielen, und wegen ihr begann ich, eigene Songs zu schreiben. Ihr erstes Album ‹Frank› veränderte mein Leben. Ich hielt sie für den coolsten Motherfucker der Welt.»
Nach ihrem Tod beginnt ihre Familie mit der Nachlassausbeutung: Ihr Vater liefert dem Regisseur Asif Kapadia 2015 viel Material für den (oscargekrönten) Dokfilm «Amy» – nur um sich danach zu beschweren und anzukündigen, dass er in einem eigenen Film die ganze Wahrheit über seine Tochter erzählen wolle. Ihr Bruder konzipiert 2017 mit dem Jewish Museum London erfolgreich die Ausstellung «Amy Winehouse: A Family Portrait». Im März 2021 erzählt ihre Mutter, dass sie unter MS leide und Angst habe, die Erinnerungen an ihr Kind allmählich zu verlieren – weshalb sie bis Juli mit der BBC den ultimativen Amy-Dokfilm drehen wolle. Daraus wurde die einstündige Dokumentation «Reclaiming Amy».
Dionne Bromfield schrieb den Song «Black Butterfly» über die Beerdigung von Amy Winehouse – ihren Worten zufolge hat sich auf dem Friedhof ein schwarzer Schmetterling auf der Schulter der trauernden Kelly Osbourne niedergelassen. «Black Butterfly» blieb erfolglos. Seit 2011 möchte Dionne Bromfield ein nächstes Album herausbringen, auch daraus ist noch nichts geworden. Blake Fielder-Civil ist heute 39 und immer noch ein Junkie, aber jetzt einer mit zwei Kindern. Im Winter 2019 ging das Dach über ihren Köpfen fast in Flammen auf, nachdem eine Crackparty mit Freunden eskalierte.
Amy Winehouse überlebte. Nicht als Mensch. Doch als Künstlerin, als Stilikone, als grosse, grosszügige Stimme, die alles in uns zu berühren vermag, weil sie alles kennt: Die ganze Sehnsucht nach der Lust und der Last der Liebe. Nach Erlösung und Zerstörung. Die Sehnsucht nach dem Leben, das ihre Musik für uns noch sehr viel reicher macht. Und die Sehnsucht nach dem, was Amy Winehouse schliesslich gewählt hat. Den Tod.