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Alecs Recher promoviert an der Universität Luzern, obwohl er kein Diplom besitzt, das seinen Masterabschluss an der Universität Zürich bestätigt. Doch Recher hat das Jurastudium absolviert, mit Bravour sogar. Auf dem Diplom aber steht ein Vorname, mit dem ihn schon sehr lange niemand mehr anspricht. Es ist der Name, den er bei der Geburt bekommen hat. Ein Mädchenname.
Jedes Mal, wenn er nun sein Diplom bei einer Bewerbung einreicht, muss er sich outen und seine Geschichte erzählen. Denn der Mädchenname passt nicht zum 37-jährigen Juristen, so wie er selbst nicht richtig in den Mädchenkörper passte, in dem er geboren wurde. Schon als Kind habe er gewusst, dass er anders war, erzählt Recher. «Aber meine Eltern zwängten mich in keine Rollen, das machte es für mich erträglicher.»
Erst nach seinem Studium der klinischen Heilpädagogik begann sich Recher mit dem Thema Transition, also einer sichtbaren Geschlechtsangleichung, zu beschäftigen. Den Ausschlag gab das Wiedersehen mit einem Kollegen, der sich schon zuvor als Transmann geoutet hatte: als Mann, der mit dem Körper eines Mädchens geboren wurde. Als Recher dessen mittlerweile eindeutig männliches Äusseres sah, wurde ihm klar, dass dieser Weg auch für ihn eine Option sein könnte.
Wörter für Diffuses finden
«Ich verbrachte zahllose Stunden im Internet», erzählt Recher. So kam er in Kontakt mit Menschen, die sich mit ähnlichen Fragen herumschlugen. Nach und nach fand er die Wörter für viel Diffuses, das ihn beschäftigte, entdeckte, dass es die Wörter dafür schon gab. Irgendwann war ihm klar, dass er ein Transmann ist. Ein Mann also, der in einem weiblichen Körper geboren ist.
Recher nahm seine Transition in Angriff. Die Hormone, die er zu nehmen begann, veränderten seine Stimme, machten seine Gesichtszüge kantiger und liessen ihm das herzliche Lachen. Recher wurde ein anderer und blieb doch er selbst. Da er seit 2004 im Zürcher Gemeinderat politisiert, blieb ihm nichts anderes übrig, als offen mit den sichtbaren Veränderungen umzugehen.
Sein Engagement in der Politik hatte das Interesse an rechtlichen Fragen geweckt, und so schrieb er sich in Zürich für Jura ein. «An der Universität haben sowohl meine Kommilitonen als auch die Dozierenden sehr gut reagiert», sagt Alecs Recher rückblickend. Manchmal fragte jemand nach, gelegentlich wurde auch getuschelt, aber grundsätzlich verlief die Transition gut. «Ich habe kein Problem mit Fragen, solange sie höflich bleiben», sagt Recher. Über Operationen will er nicht sprechen. «Ich frage ja auch nicht entfernte Bekannte, ob sie sich die Schamlippen verkleinern liessen», erklärt er.
Angst vor Seminarlisten
Kompliziert wurde das Verhältnis zur Universität, als Recher sein Bachelor- und dann das Masterdiplom erhielt. Obwohl ihn nun alle mit Alecs ansprachen, hat ihm die Universität Zürich die Diplome nur auf seinen amtlichen Namen ausgestellt. Den Mädchennamen. «Ich kenne Leute, die sich nicht in den Unisport getrauen mit dem ‹falschen› Namen auf der Legi oder Panik vor Seminaren haben, in denen Listen herumgereicht werden, in die man Personalien eintragen muss», erzählt Recher über Bekannte, die im Hochschulalltag zu kämpfen haben, weil sie den Vornamen nicht anpassen lassen dürfen.
Recher ist kein Einzelfall. Wie viele Betroffene an Schweizer Universitäten studieren, ist unbekannt. Das Transgender Network Switzerland geht von einigen hundert Personen aus, die in der Schweiz eine geschlechtsangleichende Operation machen liessen. Doch zählt man all jene Menschen, die sich nicht ausschliesslich mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugeordnet wurden, gehen Schätzungen von etwa 40 000 Personen aus.
Vielerorts fehlen noch klare Richtlinien
Die Universität Zürich befasse sich zurzeit intensiv mit dem Thema, sagt Beat Müller, Medienbeauftragter der Universität Zürich. Wann es eine verbindliche Richtlinie geben wird, ist noch unklar. «Wir bemühen uns um eine angemessene und möglichst unkomplizierte Lösung», versichert Beat Müller.
Die Universität Luzern, Rechers jetziger Arbeitgeber, stellt sich auf den Standpunkt, in der Handhabung von Anrede und Vorname frei zu sein. Personendaten werden zwar dem Bundesamt für Statistik sowie der AHV gemeldet, ausschlaggebend sei aber die Matrikel- oder AHV-Nummer. Das simple Verfahren für die Anpassung von Vorname und Anrede ist in einer Richtlinie geregelt, die der Senat im vergangenen Jahr erlassen hat. An der Universität Basel folgen Namen und Geschlecht hingegen immer strikt den amtlichen Dokumenten, Ausnahmen würden keine gemacht, informiert die Universität auf Anfrage.
Spielraum vorhanden
Anders sieht es in Bern und St. Gallen aus. Dort sind spezifische Richtlinien weder vorhanden noch geplant. «Gemäss unserem Kenntnisstand waren wir mit dieser Thematik bisher noch nicht konfrontiert», sagt Marius Hasenböhler, Leiter Kommunikation an der Universität St. Gallen. «Sollte es in Zukunft derartige Fälle geben, würden wir dies wohl im Rahmen des Reglements über die Schlichtungsverfahren behandeln, das vom Grundsatz der persönlichen Integrität geleitet wird», führt er aus.
Auch in Bern besteht Spielraum. «Da wir keine bestehende Praxis oder Richtlinien haben, müsste eine Anfrage im Einzelfall eingehend geprüft werden», sagt Christoph Pappa, Generalsekretär der Universität Bern. Vor einigen Jahren habe eine immatrikulierte Person eine Geschlechtsanpassung vornehmen lassen. Da diese auch amtlich festgestellt wurde, sei das Anpassen von Leistungsnachweisen kein Problem gewesen, ergänzt Pappa.
«Eine amtliche Änderung des Geschlechts ist kompliziert», erläutert Recher. Die Voraussetzungen sind je nach Gericht sehr unterschiedlich, und das Prozedere kann langwierig sein. Auch wenn vor kurzem die ersten Urteile gefällt wurden, welche das Menschenrecht der Selbstbestimmung über den eigenen Körper umfassend respektieren: Die meisten Gerichte verlangen noch heute eine Sterilisierungsoperation, damit das amtliche Geschlecht geändert werden kann. Recher ist froh, dass er in Luzern ohne weiteres das richtige Namensschild an seine Bürotüre hängen darf.