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Den Moment, wenn ich morgens aufwache, geniesse ich besonders. Er ist kurz, dauert nur einen Wimpernschlag, doch er fühlt sich an wie die Ewigkeit. So stelle ich mir das Paradies vor: leicht schlaftrunken, doch ausgeruht, alle Gedanken sind fern, mein Körper ist leicht und scheint zu schweben.
Einen Augenblick später komme ich in der Realität an. Ich spüre meine Knochen. Jeden einzelnen. Das Becken wiegt schwerer als die Schulter, der Rücken ist steif wie ein Brett. Wenn ich meine Finger ausstrecke, schmerzen sie und bleiben dennoch stets gekrümmt. Die Gelenke, sie brauchen Zeit, um warm zu werden.
Behutsam schlage ich die Bettdecke zurück, stütze mich auf die Ellbogen und rutsche an den Bettrand. Vorsichtig stelle ich ein Bein auf den Boden, spüre den Wollteppich unter meinen nackten Sohlen. Dann richte ich mich langsam ins Sitzen auf und stelle das zweite Bein auf den Bettvorleger. Ich atme langsam ein und aus, rutsche an den Bettrand und stehe auf. Manchmal brauche ich dafür zwei Anläufe. Doch heute scheint ein guter Tag zu sein, ich tapse bereits Richtung Bad und widme mich der Morgentoilette. Den Blick in den Spiegel vermeide ich morgens, er macht mir – genauso wie früher – schlechte Laune. Ich bücke mich stöhnend, um den Kamm aus der unteren Schublade des Badmöbels zu holen. Ich sollte ihm dringend einen besseren Platz zuweisen, schiesst es mir durch den Kopf. So wie jeden Morgen.
Anschliessend ziehe ich in meinen Morgenmantel über den Schlafanzug und schlurfe in meinen gefütterten Lammhausschuhen in die Küche. Ich freue mich über die Sonnenstrahlen, die über die Anrichte tanzen und bereite mir mein Frühstück zu: eine dünne Scheibe Vollkornbrot mit fettreduzierter Margarine, anschliessend schäle ich mir einen Apfel und probiere, eine möglichst lange Schalenschlange zu schneiden. Das mochte ich schon als Kind; ich liebte es, auf einem Schemel am Ofen in der Küche zu sitzen und meiner Mutter beim Apfelkuchenbacken zuzuschauen. Die langen Schalenstücke ass ich jeweils auf, ich mochte sie lieber als den Kuchen.
Ich strecke meinen Rücken, streiche über meine runzlige, immer trockene Stirn und überlege, was ich heute vorhabe. Agnes anrufen, steht in meiner Agenda. Ich schiebe meine Lesebrille, die ich nach längerem Suchen auf dem Wohnzimmertisch entdeckt habe, in meine fülligen, grauen Haare, auf die ich stolz bin. Dann schaue ich aus dem Fenster. Eine Schwanzmeise pickt am Futterhäuschen, das ich letzte Woche auf meinem Balkon aufgestellt habe. Ich schaue ihr zu und vergesse die Zeit. Mein Tee ist kalt geworden. Ich mag ihn eh nicht besonders. Brennessel, soll gut gehen Arthritis sein, sagt mein Arzt. Doch der Geschmack, puh. So als würde man eine bittere Arznei trinken. Er erinnert mich an den Löffel Lebertran, den ich als Kind täglich schlucken musste.
Ich kleide mich sorgfältig an, schüttle meine Bettdecke aus und lege die Tagesdecke mit dem Quiltmuster darüber. Meine beiden Töchter haben sie mir zum 60. Geburtstag geschenkt. Ich streiche darüber, befühle die verschiedenen Stoffoberflächen, die sie bunt zusammengewürfelt und vernäht haben. Ihr letzter Besuch ist schon eine Weile her. Ich verstehe ja, dass sie beruflich eingespannt sind, selber Familie haben und nicht in der Region wohnen. Doch ich vermisse sie, sehr sogar.
Wen ich nicht besonders vermisse, ist mein Ex-Mann. Seit wir uns vor 20 Jahren getrennt haben, schätze ich es, alleine zu leben, alleine Entscheidungen zu treffen, ohne sein Schnarchen und Stöhnen im Ohr zu schlafen.
Ob meine Energie heute für einen Spaziergang reicht? Vielleicht sogar über den Hügel? Sich alleine aufzuraffen ist manchmal schwer. Sich zu verabreden, oft schwerer. Vielleicht sollte ich doch wieder ins Seniorinnen-Turnen gehen. So käme ich wieder regelmässig unter Leute. Und würde mich ein wenig bewegen, das fände mein Arzt sicher eine gute Idee. Ich seufze und schaue wieder auf meinen Balkon, auf den lediglich ein kleiner Tisch und zwei Stühle passen. Das Futterhäuschen ist verwaist. Ich setzte mich in meinen Lieblingssessel ans Fenster und warte, ob sich ein weiterer geflügelter Gast einfindet, um ein paar Sonnenblumenkerne zu knacken. Die Zeit vergeht lautlos, meine Augenlider werden schwer, mein Kopf sinkt gegen die Lehne. Ich schliesse die Augen und gleite in die Leere.