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«Die Sangesfreudigkeit der Bevölkerung ist leider nur in Auswüchsen bekannt», schreibt Chronist Karl Ehrat. «Das nächtliche Dunkel in den Gassen löste die Heldenstimmen gelegentlich zu Darbietungen, als ob die bösen Nachtgeister gebannt werden müssen.»
Diese Grölen und Johlen war dem damaligen Fürstabt Diethelm Blarer von Wartensee so sehr zuwider, dass er 1540 das unziemliche Singen, Schreien und Plärren untersagte. Wer nach 22 Uhr ohne wichtigen Auftrag oder ohne mit einem Licht unterwegs war, sollte in Haft genommen werden.
Auswüchse beim Musizieren
Immer wieder traten in Wil herumziehende Musikanten auf, die verköstigt wurden. Chronist Ehrat bezieht sich auf entsprechende Steuerbucheinträge. Allerdings war das Musizieren nur zu bestimmten Gelegenheiten erlaubt.
1581 erliess der Rat ein Erlass, gemäss diesem das Jauchzen, Singen, Geigen und weiteres mehr nach dem abendlichen Salve-Läuten der grossen Glocke verboten war.
1599 waren laut Erlass als Gäste nur noch Pfeifer und Trommler aus bestimmten Gemeinden, darunter Lichtensteig und Frauenfeld, erwünscht. Sie erhielten eine Suppe, einen Trunk und eine Besoldung zugesprochen, verbunden mit der Aufforderung, nur noch zu erscheinen, wenn sie gerufen werden.
Städtische Musikanten
Trommler und Pfeifer waren in Wil städtische Bedienstete. Sie hatten zu den kirchlichen Prozessionen, zu den Räteschenken, zu Neujahr sowie an den Märkten zu spielen.
Weitere Auftritte mussten von der Obrigkeit bewilligt werden. Daran hielten sich die Musikanten nicht immer. Für sie gab es immer mal wieder Ermahnung und gelegentlich sogar Haftstrafen, schreibt Ehrat. 1619 muss sich etwa ein Wiler Trommler vor dem Rat verantworten, der in Braunau an einer Hochzeit sein Instrument geschlagen und nach dem Essen zum Tanz aufgespielt haben, dies ohne Bewilligung seiner Vorgesetzten.
Energischer Musiker
Ab 1713 amtete Johann Jakob Gresser in Wil als Organist und als Kapellmeister. Er galt als energischer Mann. Laut Ratsprotokoll soll er zwei Bürger, die am Fastnachtssonntag beim Adler Spottlieder sagen, mit einem Stock niedergeschlagen haben.
Singen in Harmonie
Missklänge gab es auch später: Im 19. Jahrhundert wurden in der Schweiz zahlreiche Männerchöre ins Leben gerufen. So auch in Wil, am 22. Dezember 1839 gründeten einige Sangesfreudige einen Verein mit dem erklärten Zweck der Förderung des geselligen Lebens durch Eintracht und Verbrüderung der Mitglieder unter sich. Programmatisch nannten sie ihn «Harmonie».
Nationalrat und Anwalt Johann Josef Müller notierte 1840: «Jüngsthin haben sich die jungen Bürger von Wil zu einem Gesangsvereine zusammengeschart und mich zum Präsidenten desselben ernannt. Es ist gute Hoffnung da, das Wylerleben dadurch freundlicher und geselliger werde als bisher.»
Gesellschaftliche Spannungen
Am 3. Dezember 1843 des Jahres fragte man sich laut Protokoll, ob der Harmonie-Chor noch eine Zukunft habe. Das Engagement für den Verein erlahmte. Bei der Krise scheinen politische und konfessionelle Spannungen mitgespielt zu haben. Liberale sowie katholisch-konservative Kreise wirkten in der Schweiz als Zentrifugalkräfte, die schliesslich zu einem Bürgerkrieg, dem Sonderbundkrieg, führten.
Am 25.Dezember 1848 endete die neunjährige Geschichte des Männerchors «Harmonie», er wurde gemäss Protokoll aufgelöst. Wie Phönix aus der Asche entstand bereits im November ein neuer Männerchor in die Wil. Seinen Namen trägt er bis heute: «Concordia».