Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03303.jsonl.gz/772

Stuttgart 26 Nov. 1863.
Hochgeachteter Herr Präsident!
Nicht früher wollte ich Ihnen schreiben, als bis ich Ihnen irgend welchen definitiven Fortschritt meiner Arbeiten melden konnte. Dieß ist nun der Fall.
Ich hatte die Ehre, Ihnen mündlich mitzutheilen, daß zur Zeit, als Herr Oberbaurath Gerwig ankam, ich zu der Ansicht gelangt war, meine Projekt-Linie dürfte sich besser gestalten, wenn sie, von Göschenen herab kommend, bei Gurtnellen anstatt bei Brunni (gegenüber Amsteg) sich umwendete. Die Länge der unvermeidlichen Tunnel sowohl als auch der Bahn wird zwar hiedurch etwas vermehrt, dagegen aber die Höhe des Viadukts über den Kerstelenbach bei Amsteg beträchtlich vermindert und ein ebenso sehr hoher Viadukt über die Reuß bei Ried gänzlich beseitigt und auf die Dimensionen der gewöhnlichen Straßenbrücken über die Reuß reduzirt. Während der Anwesenheit des Herrn Gerwig waren die Plane und das Personal stets zu seiner Disposition. Herr Gerwig studirte von eigenen Ansichten ausgehend andere Linien in der Absicht, sich über die Vortheile und Nachtheile der meinigen eine feste Überzeugung zu verschaffen, und wo möglich etwas Besseres an Stelle der Letzteren zu setzen. Ich bin vorläufig geneigt, mich bezüglich einer ausgiebigeren Benützung des Göschenen-Thales majorisiren zu lassen. Übrigens sind wir übereingekommen, daß auch dort, gleichwie auf der ganzen übrigen Länge, meine Projekt-Linie die Grundlage unseres Gutachtens bilden soll. An der weiteren Ausbildung der letzteren ist| jedoch seit der Ankunft des Herrn Gerwig nichts mehr geschehen; meine Arbeiten begannen also hier vor 8 Tagen damit, die erwähnte Abänderung meiner Projekt-Linie, welche sich dann bis unterhalb Erstfeld hinab erstrekte, definitiv vorzunehmen, und genau in den Situations-Plan einzuzeichnen.
Der Stand unserer Arbeiten ist nun heute folgender: 1. Herr Harlacher, der übrigens gestern wegen Unwohlsein das Bureau meiden mußte, hat die Projekt-Linie von Flüelen bis Hospenthal im Situations-Plan ins Blei gelegt, und auch von derselben das Längen-Profil ins Blei aufgetragen und das Tracé in letzteres einberechnet und ins Blei eingezeichnet.
2. Sobald das erste Blatt dieses Profiles, von Flüelen bis Wyler reichend, aufgetragen war, würde es zu weiterer Behandlung Herrn Stoks übergeben. Derselbe ist mit seinen Arbeiten nun so weit vorgerückt, daß er hofft, heute noch die Berechnung der zu erwerbenden Grundflächen und der zu bewegenden Erd- u. Feldmassen bis Wyler zu beendigen, worauf er an die Massenberechnung der Stützmauern und der Kunstbauten deßelben Blattes schreiten kann.
3. Herr Gyger ist nunmehr ebenfalls hier eingetroffen und hat heute mit der Berechnung der Grundflächen und Erdmassen auf dem zweiten Blatt des Längen-Profiles, von Wyler bis Göschenen reichend, angefangen.
Das Lokal, in welchem wir arbeiten ist in einem neu erbauten, noch nicht tapezirten kleinen Privathause, Guttenbergstrasse No 9: schräg gegenüber meiner Wohnung. und enthält, außer einer Küche, in 4 Zimmern 5 Fenster.| Ich hoffe noch einen Zeichner anstellen zu können, welcher die Projekt-Linie in die Situans-Planen so wie auch die Längen-Profile auszieht und anlegt, u. auch die Schriften in Beiden anbringt.
Es ist mir noch nicht gelungen, für Herrn Stoks einen tüchtigen Ersatzmann aufzutreiben.
Von meiner Reise über den Lukmanier, so wie von dem Beginne meiner hiesigen Arbeiten habe ich Herrn Gerwig Kenntniß gegeben, und ihn ersucht, mir die von Prof. Baumeister in Carlsruhe über den Mont-Cenis gesammelten Notizen zu verschaffen.
Herrn Oberst La Nicca habe ich um Mittheilungen bezüglich seines neuesten Lukmanier Projektes gebeten.
Da Herr Ober-Inspektor Pressel Notizen über die Brenner– Bahn zur Hand schaffen will, so habe ich es für passend gehalten, Herrn Oberbaurath v. Etzel ebenfalls hierum zu ersuchen.
Von Herrn Landamman Müller in Altdorf habe ich die erbetenen Notizen über die an der Achsen- und Furka-Straße für Arbeiten in Kalkstein, Granit u. Gneis angesetzten und akkordirten Preise erhalten, welche ebenfalls einige Anhaltspunkte liefern werden.
Von Herrn Regierungsrath Zingg habe ich die Wetli'sche summerische, bei einspuriger Anlage auf 67 beziehungsweise 70 Millionen Franken sich stellende Kostenberechnung von dessen Gotthard-Projekten erhalten. Auf seinen Wunsch habe ich die Wetli'schen Längen-Profile an Herrn Wetli nach Bellinzona abgehen laßen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung verharre ich
Ihr
ergebenster
A Beckh.