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reziprok
von Cedric Weidmann
Ein Stückchen Haut baumelte vom Zeigefinger.
Je fester man daran zog, desto weiter dehnte sich das bisschen Haut, das gerade unter dem Fingernagel ansetzte. Man konnte nicht feststellen, woher der Fetzen genau kam –ob von der Stelle in der Nähe des Nagels oder ob es eine war, die vom Nagel eher abgewandt war –, augenscheinlich schien es nur ein bisschen überflüssiger Körper zu sein. Florian fummelte lieblos daran herum, aber es wollte sich nicht ablösen lassen.
Er sah nach vorne, wo der Dozent von links nach rechts den Raum durchschritt und eine gespenstische Schattengestalt wanderte ihm auf der Powerpoint-Präsentation nach. Mit gestikulierenden Armen blies er Wörter zu Begriffen auf, verwandelte Theoreme in Theorien und machte aus einer Maus einen Elefanten.
Wenn er von links nach rechts ging, so war das ein Anzeichen, dass das Ende eines langen Schachtelsatzes bevorstand. Ein solcher Satz begann normalerweise mit der energischen Umklammerung des Rednerpults, bei der sich der Dozent herausfordernd über den Tisch zur vordersten Reihe der Studenten vorbeugte, und zeichnete sich in seiner Anfangsphase durch eine unübliche Konjunktion mit Genitiven aus („Eingedenk der Umstände…“, „Ungeachtet dessen…“, „Summa summarum…“). Die Gewissheit darüber, sich vor einem Satz ungeahnter Länge und unüberwindbarer Verschachtelung hingestellt zu sehen, kam spätestens in einer zweiten Phase auf, bei der der Dozent in einer überraschenden Bewegung vom Pult abliess und seinen Schritt nach rechts lenkte, während er seine Hände in verschiedenen, nachdenklichen Verrenkungen abwechselnd um Kinn oder Schläfen legte.
Bis hierhin entwickelte der Dozent die Theorie, die er später widerlegen wollte; er nahm also beispielsweise die Aussage, die meinte: „Es handelt sich doch nur um eine Maus!“, die er mit einem spektakulären Arsenal an Argumenten und Verschnörkelungen gerade noch bestärkte.
Respekt hatten die Studenten vor allem vor dem rechten Ecken des Raumes kurz vor der Türe, wo der Dozent die Hände von seinem Gesicht nahm, plötzlich hämisch ins Publikum grinste und den dritten Nebensatz beendete. Dann würde er den anfangs begonnen Hauptsatz wieder aufnehmen und sich auf der Stelle zum Fenster umdrehen, um nun die kulminierende Passage auszuschlachten, in der er plötzlich mit einer weiteren, aber weniger abwegigen Konjunktion („Nichtsdestotrotz…“, „kontradiktorisch dazu…“, „zum Trotze dieses Umstands…“) die Wendung ankündigte. Nun ging er daran, seine eigene, weitaus besser fundierte Meinung darzulegen und zwar mit einer solchen Sprachvielfalt, dass die Maus, deren Winzigkeit und Unwichtigkeit er erst so herausgestrichen hatte, dass man mit der ganzen Spezies Mitleid hatte, nun im Schatten eines enormen Kolosses von einem Elefanten zerging, von dem nur noch die Farbe an die Maus erinnerte, die er einmal gewesen war.
Die Gegenargumente zerquetschte der Satz in einem Fluss und spätestens hier wäre der letzte überzeugte Verfechter widerwillig in Ehrfurcht verfallen.
Wenn der Dozent nun links beim Fenster stand und sich diesmal nicht hastig umdrehte, sondern sehr langsam und er mit der Faust, die er in seine flache Hand schlug, seine lauten Worte bekräftigte, hielt der ganze Saal den Atem an.
Dies war nun der Moment, in dem sich Florian befand: Der Dozent würde den Satz in wenigen Sekunden mit konstant abfallender Tonhöhe seiner Stimme beenden und das Schweigen geniessen, das die hundert sprachlos zerschmetterten Studenten ausbreiten lassen würden. Der Elefant würde stehen und die Maus verschwunden sein, wie von Zauberhand.
Florian sah zu Martina hinüber, die ihren Kopf von ihm abgewandt hatte. Immer wenn er zu ihr hinsah, starrte sie nach vorne zum Dozenten. Warum sah sie Florian nicht mehr an? Sie bemerkte seinen Blick, das war klar. Wieso sollte sie sonst immer die Haare hinter die Ohren streifen, wenn er sie beobachtete? Das konnte kein Zufall sein.
„Sie ist hübsch, nicht?“, sagte der Student, der neben Florian sass.
Florian kannte den Mann nicht. Er hatte lange, filzige Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden hatte und er trug eine Brille, durch die er ihn ehrlich blinzelnd ansah.
„Ja, das ist sie“, antwortete Florian und sah wieder zu Martina hinüber. Wer war dieser junge Student neben ihr im weissen Hemd? Er hatte ihn noch nie in dieser Vorlesung gesehen. Auch er starrte nach vorne zum Dozenten. Hatte er etwas damit zu tun?
„Ich bin schon so lange unglücklich in sie verliebt“, fuhr der Student unbeirrt fort, während er Florian ohne den kleinsten Anschein von Verträumtheit fixierte.
Florian nickte verletzt.
Jetzt: warum verletzt?
Jeder kennt die Situation: Man hat etwas gekannt, was grossartig war, das so grossartig war, dass man es nicht unbedingt teilen wollte. Am Schönsten sind diese Dinge, wenn man sie für sich selbst und nur für sich selbst beanspruchen kann. So verhält es sich in vielen Fällen mit ausgewählten Informationen. Ein Geheimnis zum Beispiel wird gleich ein wenig farblos, wenn man es einen anderen aussprechen hört. Eine Enttäuschung macht sich breit, wenn dein bester Kumpel kommt und dir von der Band erzählt, die du schon Jahre vor ihm gekannt und auf die du ihn sogar hingewiesen hast.
Aber wir kennen es auch von Gegenständen. Nehmen wir Florian: Er hatte als erster ein Kickboard – in der Nachbarschaft, in der Stadt; der Rest war ja nicht so wichtig. Er rollte damit wie ein König auf der Sänfte selbst über steinigsten Weg. Und es dauerte kaum zwei Jahre, da besassen alle in der Nachbarschaft eins, als wäre es eine Selbsverständlichkeit und sie fuhren damit herum, während sie alle mit erhobener Nase grüssten – als wären sie Könige.
Deshalb verletzt also.
Florian fühlte sich betrogen. Er konnte immerhin von sich behaupten, viel länger unglücklich in Martina verliebt gewesen zu sein!
Nun, konnte er das wirklich? Was tat man, wenn plötzlich einer kam und eröffnete, in den letzten Jahren dasselbe getan zu haben, wie man selbst? Vielleicht schon länger? Vielleicht noch unglücklicher? Wofür war man denn da? Welchen Sinn hatte es, zu leiden, wenn sich die Leute scharenweise in Warteschlangen zum Märtyrium einreihten?
Florian war wütend.
„Wie lange?“, fragte er verärgert.
„Drei Jahre.“ Florian schluckte.
„Wieso unglücklich?“
„Nun, ich habe sie oft in der Vorlesung angeschaut. Und anfangs hatte sie mich auch angeschaut. Wir haben uns oft angeschaut, sie hat mit den Lippen gezwirbelt und den Augen gerollt und wir haben einander angelacht, während wir auf Leute zeigten und sie still, aber mit viel Gestik auslachten. Wir warfen einander Stifte an und zwinkerten uns zu, wenn wir uns auf den Gängen begegneten. Aber ich begegnete ihr nicht oft in den Gängen, sondern vor allem in der Vorlesung.“
„Und was ist passiert?“, fragte Florian weiter, jetzt vollständig gedemütigt durch den Spiegel, den man ihm vorhielt.
„Das Semester nahm seinen Lauf. Das Studium wurde härter, es wurde viel Arbeit und Konzentration von uns verlangt. Sie sah seltener zu mir auf und schrieb öfter irgendwelche Sachen auf. Bald begann sie, fast während den ganzen Vorlesungen Notizen zu machen und sie blickte fast gar nicht mehr zu mir zurück. Ich dachte, das sei nur eine Phase und sobald sie sich ein bisschen eingearbeitet hätte, würde sie wieder mehr Zeit für Blickwechsel haben. Doch ich habe mich getäuscht. Alles, was sich veränderte, war, dass sie auch keine Notizen mehr machte. Aber anstatt mich anzusschauen, starrte sie von da an immer nur noch den Dozenten an.
Ich wollte dich nur davor warnen und bewahren, dich unglücklich zu verlieben. Es ist gar nicht so toll wie man denkt.“
Florian sah den Studenten hasserfüllt an. Der Dozent machte nun seinen siebten Satz und begann ihn mit der Maus, deren Nichtigkeit er unterstrich, während er über sein Rednerpult gebeugt, die Studentinnen mit kampflustigen Augen verunsicherte.
Florian sagte: „Könnte es nicht einfach daran liegen, dass du sie nie angesprochen hast, in dieser Zeit. Du bist immer nur da gesessen, hast mit ihr Faxen gemacht und niemals den Mut aufgebracht, mit ihr zu sprechen, ausserhalb dieses Raums. Denkst du nicht, dass du völlig und alleine die Schuld an deinem Unglück trägst?“
Der Student sagte nichts. Er zuckte betroffen mit den Achseln und richtete die Augen wieder nach vorne. Florian sah argwöhnisch zu Martina hinüber und nahm sich vor, sie nie wieder eines noch so kurzen Blickes zu würdigen.
Vorne trötete der Elefant mit seinem Rüssel und verdeckte dabei die Powerpoint-Präsentation.