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Weibliche Werte in männlichem Tumult
«Helfen, ohne zu fragen wem!» – Henry Dunants Leitsatz gilt als Grundsatz der humanitären Hilfe des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, das er 1863 gründete. Bei der Internierung der 87 000 Bourbaki-Soldaten im kalten Winter 1871 tätigte die Hilfsorganisation ihren ersten Grosseinsatz. Ihre bedeutende Rolle hält der Maler Edouard Castres im Rundbild vom 1881 fest. Mit dem Engagement im Rahmen der Internierung erlangte die unparteiische barmherzige Hilfeleistung eine neue Dimension. Von Anfang an waren es vor allem Frauen, die sich aktiv im Wohltätigkeitsbereich engagierten. Auch Henry Dunant war wesentlich von Frauen inspiriert und beeinflusst.
Als Junge erlebt Dunant eigens die barmherzige Hilfe seiner Mutter gegenüber Armen und Waisenkindern mit. Einen besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassen auch die Begegnungen auf den Schlachtfeldern von Solferino: Die Solidarität der Frauen aus den umliegenden Dörfern, die sich ungeachtet von Religion, Nationalität, Hautfarbe oder Weltanschauung um die Kranken und Verwundeten kümmerten, beeindrucken ihn stark. Genauso prägend auch die Inspiration durch Florence Nightingale, der Begründerin der modernen Krankenpflege. Und in der österreichischen Baronin und Pazifistin Berta von Suttner (1843-1914) findet Dunant nicht nur eine Glaubensverwandte, sondern auch eine Mäzenin. 1901 initiiert sie die Ehrung Dunants mit dem Friedensnobelpreis.
Durch seine Nähe zu den Frauen erhielt Henry Dunant Einblick in deren Stellung und Befindlichkeit. Das weibliche Prinzip der friedfertigen Hilfe am Mitmenschen ist für ihn unabdingbar – unabhängig des Geschlechts. In diesem Sinn ist Dunant ein Pionier der Gleichstellung: «Die Gerechtigkeit fordert die juristische Gleichstellung beider Geschlechter.» Wie Henry Dunant war auch der Maler und Rotkreuzhelfer Edouard Castres von der friedensfördernden Wirkung «weiblicher» Werte überzeugt: Im Verständnis der Zeit ergänzten sich das gewalttätige und zerstörerische männliche mit dem lebenserhaltenden und friedensfördernden weiblichen Prinzip.
Für Frauen aus der Mittel- und Oberschicht gehört im 19. Jahrhundert ein karitatives Engagement zum guten Ton. Innerhalb eines explizit weiblichen Rollenverständnisses und angesichts der beschränkten Karrieremöglichkeiten versprach es einen Schimmer Anerkennung und Würdigung. Womöglich förderten die Erlebnisse im Rahmen der Bourbaki-Internierung das Bewusstsein der Notwendigkeit ziviler Hilfeleistung. Sicherlich verhalf der unermüdliche Einsatz der Rotkreuzschwestern während des Ersten Weltkrieges dem Roten Kreuz zu mehr Ansehen. Auf dem nationalen Spendenplakat aus dem Jahr 1921 erscheint die barmherzige Rotkreuzschwester gar auf Augenhöhe mit der forschen Helvetia.