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(STAND)ORT 1 (2020)
Essay über einen bestimmten Aspekt der Fotografie
(STAND)ORT
Dieser Begriff beschäftigt mich in seiner doppelten Bedeutung: als Bezeichnung eines kleinen, punktartigen Bereichs der äusseren raumzeitlichen aber auch der inneren psychischen Wirklichkeit des Menschen. Diese Orte werden Standorte oder auch Standpunkte, Gesichtspunkte genannt.
"Alle Phänomene sind von einem Schwarm zahlloser Standpunkte umringt, wie Aas von Fliegen und Geiern. Aber nicht alle Standpunkte sind gleich ertragreich."
Vilém Flusser in Bilderloser Islam
Diesem Bild entspricht meine Wahrnehmung fotografierender Touristen (zu denen ich manchmal auch gehöre): Unzählige Kameras schwirren um Objekte herum und suchen die ertragreichsten Standorte.
Der Satz von Flusser lässt sich jedoch auch umkehren: Jeder Standpunkt ist von einem Schwarm zahlloser Phänomene umgeben, aber nicht alle Phänomene sind gleich ertragreich.
Ich lasse mich an einem bestimmten Ort nieder und richte das Auge meiner Kamera auf die Phänomene um mich herum. Die so entstehenden Bilder zeigen die Umgebung meines Standorts, in dessen Mitte sich wie ein blinder Fleck die Kamera befindet. (Wenn man Fotografien betrachtet, hat man den Standpunkt der Kamera meist nicht im Bewusstsein.)
Auch das Bild der (aktiv) um ihre potenzielle Beute kreisenden Fliegen und Geier kann umgekehrt werden: Die Kamera bleibt (passiv) beobachtend, wartend, lauernd an einem Ort. Das adäquate Bild hierzu aus der Tierwelt ist die Spinne, die in der Mitte ihres Netzes sitzt und (auf Beute) wartet.
© Fredi Hüberli, 2019