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Der Film "Promised Land" des Tessiners Michael Beltrami ist der einzige Schweizer Beitrag im diesjährigen Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals von Locarno.
Im Interview mit swissinfo spricht der Autor über seinen Film, der sich auf dem Grat zwischen Traum und Realität bewegt.
swissinfo: Weshalb dreht ein Wahl-Tessiner einen Film über Hollywood? Sind nicht schon genug amerikanische Filme im Umlauf?
Michael Beltrami: Für mich persönlich macht es kaum einen Unterschied, ob ich einen Film in der Schweiz, in Ungarn, in Japan oder den Vereinigten Staaten drehe. Dieser Film fusst auf Erfahrungen, die ich machte, als ich während fünf Jahren in Los Angeles Film studierte.
"Promised Land" ist mein erster Spielfilm. Es schien mir natürlich, ihn in den USA zu realisieren, auch weil ich im Lauf der Zeit dort viele Kontakte geknüpft habe.
Nicht dass ich unbedingt einen Hollywood-Film machen wollte, das ist es nicht. Die Idee des Films wurde in den USA geboren, sie hat sich dort entwickelt, und deshalb war es auch richtig, den Film dort zu realisieren.
swissinfo: Der Cast des Films ist wirklich interessant: Zu den verschiedenen US-Schauspielern kam dann auch noch Giuseppe Cederna.
M. B.: Während der rund dreimonatigen Vorproduktions-Periode haben wir ein wahrhaft intensives Casting gemacht. Es war eine höchst interessante Zeit, während der ich Hunderte von Schauspielern kennen lernte; so konnte ich die geeigneten auswählen, welche die Rollen richtig interpretieren konnten. Giuseppe Cederna wurde einerseits wegen seiner Eigenschaften ausgewählt, andererseits ist er bereits ein bekannter Schauspieler.
swissinfo: Viele Junge sind beflügelt von der Welle der Reality Shows, Typ Musicstar. Es scheint für jede und jeden einfach, berühmt zu werden. Spricht der Film auch von diesem Phänomen?
M. B.: Indirekt. Der Film beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten von jemandem, der einen Teil seines Lebens berühmt gewesen war und dann für 20 Jahre in Vergessenheit geriet. Er versucht auf jede erdenkliche Art und Weise, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen.
Das hat nichts mit den Reality Shows zu tun. Es ist die Geschichte eines Schauspielers, der das Glück hatte, in einem einzigen Film als Kind mitzuspielen. Er hatte damals grossen Erfolg, wurde berühmt und weitum bekannt. Doch mit der Zeit sank sein Bekanntheitsgrad, die Filmproduzenten vergassen ihn. Und nun ist sein grösster Wunsch, wieder ins Rampenlicht zurückzukehren.
swissinfo: Haben Sie also einen Film über Träume und die verlorene Kindheit gemacht?
M. B.: Der Hauptdarsteller lebt in seiner Vergangenheit als Kinderstar. Er lebt immer noch in seiner Kindheit. Ich habe in die Geschichte einige Situationen gebaut, die mit meiner Kindheit zu tun haben, mit meiner eigenen Lust zum Träumen. Und weil ich schon als Kind immer davon träumte, Kino zu machen, kann ich mich darin ein wenig wieder finden.
swissinfo: Im Kino und auch hier in Locarno sieht man immer mehr Dokumentarfilme. Sie selbst sind ein Dokumentarfilmer. Ist der Spielfilm eine Möglichkeit, mit offenen Augen zu träumen und einen Ausweg aus der Realität zu finden?
M. B.: Die äusserst labile Grenze zwischen Vorstellungsvermögen und Realität hat mich schon immer fasziniert. Auch beim Dokumentarfilmen habe ich mit dieser äusserst labilen Grenze zu tun.
Seit meinem ersten Projekt "Bella" interessiert mich das Geschichten erzählen und wie man Geschichten erzählt - und wie es in gewisser Weise unvermeidlich wird, sich auf die Realität zu beziehen. Realität und Imagination mischen sich.
swissinfo: Welche Regisseure haben Sie inspiriert?
M.B.: Die Leidenschaft für das Kino steckt seit meiner Kindheit in mir. Am Anfang stand das Kino der osteuropäischen Länder. Ich war für zwei Jahre Assistent bei Krzyzstof Zanussi und habe Krzyzstof Kieslowski kennen gelernt. Darauf habe ich mich für das unabhängige amerikanische Kino interessiert, Typ "Midnight Cowboy".
Weiter hatte ich immer eine grosse Leidenschaft für Woody Allen, heute ein bisschen weniger. Das war eine Art Therapie für mich, während meiner Pubertäts-Depressionen im Kino einen Film anzuschauen, oft einen Woody-Allen-Film, das hat mir geholfen.
Das Kino hatte für mich immer einen gewissen therapeutischen Aspekt. Sich für ein paar Stunden in einen Kinosaal Einschliessen, dann wieder hinausgehen, voller Energie dank der Bilder und Töne aus einem dunklen Saal. Ich bin wirklich ins Kino verliebt und werde es auch bleiben.
swissinfo: Sie sind der einzige Schweizer der mit einem Beitrag im Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Schweiz vertreten ist. Belastet Sie diese Verantwortung?
M.B.: Dieses Gewicht muss man tragen. Klar ist es eine Verantwortung. Weil es der einzige Schweizer Film im Festivals-Wettbewerb ist, sind die Augen auf meinen Film und meine Person gerichtet. Es gibt hohe Erwartungen, vor allem vom Publikum in Locarno, das ein besonderes, vom Kino begeistertes ist. Mein Film handelt vom Kino. Deswegen ist es sehr interessant, ihn gerade hier zu zeigen.
swissinfo, Raffaella Rossello, Locarno
(Übertragung aus dem Italienischen: Etienne Strebel)
In Kürze
Der 1962 in Köln geborene Wahl-Tessiner Michael Beltrami war am Filmfestival von Locarno auch schon verantwortlich für die Sektion "Pardi di domani" (Leoparden von morgen).
Beltrami studierte in Los Angeles Film. Dort lernte er den typischen ewigen
"Möchtegern"-Schauspieler kennen, der seinen Film "Promised Land" inspiriert hat.
"Promised Land" ist der einzige Schweizer Film, der im Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals von Locarno vertreten ist.