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Aus der Geschichte
Wandel und Umbrüche in Zürich
Die Zeit der ersten Eingemeindung ist eine Epoche des Wandels und der Umbrüche. In der Politik (z. B. Aufstieg der Sozialdemokratie), in der Gesellschaft (z. B. starke Zuwanderung in die Städte), in der Wirtschaft (z. B. Industrialisierung), in der Technik (z. B. Telefon, Elektrifizierung, Verbrennungsmotor), im Alltagsleben (z. B. Wasserversorgung, Stadtbeleuchtung, öffentlicher Verkehr) und in der Kultur (z. B. Expressionismus) änderten sich die Lebenswelten der Menschen schnell und tiefgreifend.
Der Zusammenschluss der Stadt mit ihren Umlandgemeinden und die grossen Infrastrukturprojekte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägen bis heute das Gesicht der Stadt: Damals entstanden beispielsweise die typischen Blockrandsiedlungen, die Bahnhofstrasse, Quai-Brücke und Quai-Anlagen oder das Stadthaus an der Limmat.
Handlungsbedarf in Zürichs Vorstadtgemeinden
Angetrieben wurde der Eingemeindungsprozess von der damaligen Situation in den Vorstadtgemeinden, insbesondere in Aussersihl. Das Bevölkerungswachstum forderte die Gemeinden stark. Die Wasserversorgung und die Kanalisation lagen im Argen, so dass immer wieder Cholera-Epidemien ausbrachen. Zusätzliche Strassen und Schulhäuser mussten gebaut werden. Die Schulverhältnisse illustrieren den Handlungsbedarf gut: im Jahr 1885 kamen in Aussersihl 84 Schülerinnen und Schüler auf eine Lehrperson.
Durch die steigenden Kosten des Gemeinwesens gerieten die Finanzen aus dem Lot. Das Steuersystem im Kanton Zürich mit Kopf- und Vermögenssteuer, aber ohne Einkommenssteuer, zielte an den Bedürfnissen der stark wachsenden Vorstadtgemeinden vorbei. Die Situation wurde unhaltbar. Breiten Kreisen der Öffentlichkeit wurde klar, dass etwas geschehen musste. Im Tagblatt der Stadt Zürich liess ein Zürcher Bürger Ende 1881 regelmässig ein Inserat erscheinen: «Frage. Wann werden die Ausgemeinden mit der Stadt Zürich vereinigt?»
Ein klarer Entscheid an der Urne
Die Stadt Zürich, die Mehrheit ihrer Nachbargemeinden und – nach anfänglichem Zögern – auch der Zürcher Regierungsrat standen einer Eingemeindung positiv gegenüber. Skeptisch zeigte sich die Zürcher Landschaft. Sie befürchtete eine Dominanz der Stadt im Kanton. Ab 1882 befasste sich eine Kommission mit Vertretern aus der Stadt und den elf Nachbargemeinden mit der sogenannten «Zentralisationsfrage». Ab 1888 bereitete der Zürcher Regierungsrat zwei Vorlagen zuhanden des Kantonsrats vor: eine Verfassungsänderung für die Eingemeindung und eine Gesetzesänderung für ein neues Steuersystem mit Einkommenssteuer.
Nach der Zustimmung durch das Kantonsparlament fand am 9. August 1891 die kantonale Volksabstimmung statt. Bei einer Stimmbeteiligung von 85 Prozent stimmten 60 Prozent aller Stimmberechtigten im Kanton der Eingemeindung zu. Am deutlichsten fiel das «Ja» mit 99 Prozent in Aussersihl aus. Enge und Wollishofen lehnten die Eingemeindung an der Urne ab, Wollishofen rekurrierte vergebens bis vor Bundesgericht.
Zürich wird zur vielfältigen Grossstadt
Die Eingemeindung brachte ganz unterschiedliche Milieus und Lebenswelten zusammen. Die Industrie- und Arbeiterkultur aus Aussersihl, das ländliche Zürich, zum Beispiel in Albisrieden, und die alte Handels- und Zunftstadt innerhalb der ehemaligen Schanzenanlagen. Es entstand eine schweizweit einzigartige Grossstadt mit Quartieren von unterschiedlichem Charakter und einer vielfältig zusammengesetzten Bevölkerung. Der Zusammenschluss machte Zürich auch zur grössten Stadt der Schweiz, die Zahl ihrer Einwohnerinnen und Einwohner vervierfacht sich auf rund 120 000 Menschen. Vor 1893 waren Genf, Basel und Bern immer grösser als Zürich.
Heutige politische Struktur entsteht
Mit der Eingemeindung von 1893 erhielt die Stadt Zürich ihre heutige politische Struktur. Die Stadt-, Wahl- und Schulkreise wurden festgelegt. Die Verwaltung professionalisierte sich. Der Gemeinderat nahm als Stadtparlament seine wöchentlichen Beratungen auf. Der Stadtrat wurde um zwei Mitglieder von sieben auf neun Personen ergänzt, um die zusätzlichen Regierungsaufgaben in einer Grossstadt wahrnehmen zu können. Mit dem Zusammenschluss wuchs die Fläche der Stadt von rund 1,8 auf gut 48 Quadratkilometer. Seine heutige, fast doppelt so grosse Ausdehnung erreichte Zürich dann mit der zweiten Eingemeindung von 1934.
Ein prägendes Ereignis in der Stadtgeschichte
Der Zusammenschluss der alten Stadt und der Gemeinden Aussersihl (heutige Kreise 4 und 5), Enge inklusive Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen hat das Zürcher Stadtbild und das Leben in der Stadt verändert. Auch das politische System und die politische Struktur wandelten sich und wurden an eine neue, veränderte Realität angepasst. Vor dem Zusammenschluss sahen sich zwölf einzelne Gemeinwesen mit gewaltigen Herausforderungen konfrontiert. Vor 125 Jahren nutzten sie die Eingemeindung gemeinsam und entschlossen als Chance für eine erfolgreiche Zukunft.