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Boris Luban-Plozza, Landarzt, Psychosomatiker und Sozialmediziner
1923-2002, geboren in St. Gallen, gestorben in Ascona
1923-2002, geboren in St. Gallen, gestorben in Ascona
Jugend in St. Gallen, Studium der Medizin in Genf, Basel und Bern mit Diplom 1949. Tätigkeit als Landarzt in Grono, im bündnerischen Calancatal. Ab 1966 Lehrtätigkeit in psychosomatischer Medizin an der Universität Mailand, später an den Universitäten Heidelberg, Freiburg und Kalifornien. International beachteter Autor zu Themen der psychosomatischen und psychosozialen Medizin. 1968 Gründer des Balint-Dokumentationszentrums in Ascona und damit der „Balint-Treffen“. Michael Balint, ein ungarischer Psychoanalytiker, hatte Pinonierarbeit auf dem Gebiet der ganzheitlichen Beziehungsdiagnostik zwischen Kranken und Pflegenden geleistet, er wurde auch Mitbegründer der modernen Supervision genannt. Boris Luban-Plozza entwickelte die „Balint-Gruppen“ weiter in dem Sinn, dass nicht nur Ärzte über die Beziehung zu ihren Patienten diskutieren und reflektieren, sondern in diesen Prozess auch Studenten, Pflegekräfte, Sozialarbeiter und nicht zuletzt die Patienten selbst einbezogen werden. Diese erweiterten „Balint-Gruppen“ wurden zum von der „Welt Gesundheitsorganisation, WHO“ unterstützten „Ascona-Modell“. Zusammenarbeit mit Erich Fromm. 1992 gründete Luban die internationale Stiftung für Psychosomatik und Sozialmedizin in Ascona. Luban besass Ehrendoktortitel von 16 Universitäten und eine Vielzahl von Anerkennungen und Auszeichnungen. Boris Luban-Plozza: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.
In einem Interview mit Dr. med. Erhard Taverna der „Schweizerischen Ärztezeitung“ sagt Boris Luban-Plozza zum „Ascona-Modell: „Die Anfänge gehen auf die Klinik San Rocco, Grono, zurück. Dort versuchte ich, die Ärzte, das Personal, auch die Putzfrauen und die Küche mit den Patienten ein- bis zweimal wöchentlich zusammenzubringen. In Mailand habe ich die Medizinstudenten beigezogen, was in den späten 60er Jahren von meinen Vorgesetzten mit Misstrauen beobachtet wurde. So versuchte der Direktor der Universitätsklinik, unsere Gespräche mit versteckten Mikrofonen abzuhören. In der Praxis in Locarno und auf der psychosomatischen Abteilung der Klinik Santa Croce in Orselina begann ich, auch Familienmitglieder in die Therapie einzubeziehen. Daraus hat sich in mehreren Schritten mein Vorgehen für den Unterricht in Ascona entwickelt. Ab 1968 gab es regelmässig diese internationalen Balint-Treffen, von der WHO als „Ascona-Modell“ unterstützt. Für diese Gruppengespräche auf dem Monte Verità hatte ich in Erich Fromm einen ausgezeichneten Supervisor und Freund. Während Jahren war ich an jedem Mittwochnachmittag in Muralto, wo er wohnte. Fromm wollte immer alle Details der ersten Minuten mit einem Patienten hören. Fromm hat auch Vorlesungen gehalten, in denen er stets betonte, wie wichtig es sei, sich ohne Unterbrechungen auf die Patienten zu konzentrieren. Es gab anfangs natürlich auch Widerstände von Seiten der Therapeuten, die verständlicherweise mit der ungewohnten Arbeitsweise Mühe hatten. Koordiniert haben die Treffen meine Frau und ich, wobei eine grosszügige Schenkung mit der „Stiftung für Psychosomatik und Sozialmedizin“ eine stabile Organisation ermöglichte.“
Im Schwabe Verlag, Basel, erschien 2001 das Buch „Boris Luban-Plozza, Brücken zum Leben – Erinnerungen zusammengestellt und kommentiert von einem Freund“, ISBN 978-3-7965-155-7-6; sein Klappentext: „Er selbst möchte stets einfach als Familienarzt bezeichnet werden. Doch Werk und Wirken von Boris Luban-Plozza haben zahllose Facetten: Bergtalarzt im Calancatal, Pionier der Psychosomatik und leidenschaftlicher Praktiker der Arzt-Patient-Begegnung, Gründer der internationalen Balint-Gespräche in Ascona, Lehrer für junge und erfahrene Ärzte und Therapeuten, Träger grosser Preise und zahlreicher Ehrendoktorate. Ein enger Freund hat Luban-Plozzas ungeordnete Notizen voller lebendiger Erinnerungen zu einem Ganzen gefügt und mit erläuternden Einleitungen und kurzen Kommentaren ergänzt.“