Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/359

Sprache
Sprache lernen und Kultur kennenlernen
Blaue Blume ist ein zum Selbstlernen geeigneter Sprachkurs für Erwachsene, der besonderen Wert auf kulturelles Lernen legt. So beginnt jede der 53 Lektionen im Kursbuch (Englische Ausgabe) konsequent mit einem englischen Text, der nicht nur vielfältige Tipps zu Lerntechniken oder Informationen zu den Lernzielen des Abschnittes, sondern auch zu besonderen Klippen in der Kommunikation enthält. Warum dieses Konzept allerdings bis zur letzten Lektion beibehalten wird, ist nicht ganz einleuchtend. Wenigstens im letzten Viertel das Kurses müssten die Lernenden eigentlich so weit sein, eine deutsche Einleitung zu verstehen.
Lektion 1 - um ein Beispiel für kulturelle Inhalte zu geben - beginnt wie bei den meisten Fremdsprachenwerken mit Redemitteln zur Eröffnung eines Gesprächs. Auf die deutsche Art, mit der Tür ins Haus zu fallen, wird dabei explizit hingewiesen, denn für Menschen aus anderen Kulturkreisen wirkt dieses Verhalten oft sehr unhöflich, obwohl es das in Deutschland nicht ist. Lektion 5, in der es um Zahlen geht, enthält auch interessante Hinweise zur deutschen (und Schweizer) Pünktlichkeit.
Ob sich günstig auswirkt, dass in diesen einleitenden Texten bereits Grammatikregeln mit einem kurzen Beispiel vorweggenommen werden, erscheint fraglich. Vor allem versuchen die Autoren dabei, komplizierte Sachverhalte möglichst einfach darzustellen, was naturgemäß nicht immer gelingen kann, wie in Kapitel 13 bei der Frage der Reihenfolge der Objekte im Satz (S. 73). In Kapitel 9 führt dieses Verfahren dazu, dass offensichtlich falsche Regeln gelernt werden: "Kein negates a noun, nicht negates a more comprehensive statement." (S. 51) Wie sollen Lernende mit dieser Regel den Unterschied zwischen "Inge schreibt keinen Brief." und "Inge schreibt den Brief nicht." verstehen? Tatsächlich dient "kein" doch lediglich zur Verneinung von Substantiven mit indefinitem oder (meistens) Nullartikel, niemals aber mit definitem Artikel.
Förderlich für kulturelles Lernen ist, dass Blaue Blume ausschließlich Originaltexte verwendet. Diese sind kaum bearbeitet oder gekürzt, so dass die Lerner von Anfang an systematisch daran gewöhnt werden, sich in der Zielsprache zu orientieren, ohne jedes Wort zu verstehen. Dafür werden Hilfen gegeben, in Texten die wesentlichsten Informationen zu finden, ohne sich in Details zu verlieren, oder unbekannte Wörter aus dem Kontext zu erschließen.
Sinnvoll ist weiter, dass gleich in Lektion 2 geübt wird, verschiedene Wortarten zu identifizieren und anhand des Beispiels zweier verschiedener Wörterbücher deren Einträge zu verstehen. Die Lerner werden explizit aufgefordert, immer Artikel und Pluralformen der Nomen oder Ergänzungen der Verben mitzulernen. Dass sie dies leider häufig versäumen, führt später zu fast unüberwindlichen Schwierigkeiten, wenn es um die korrekten Kasusendungen geht.
Neben den CDs bzw. Kassetten mit Hörtexten, darunter vielen Liedern, und Sprechübungen existiert lediglich ein Handbuch mit einem Glossar, das auch Übersetzungen ganzer Passagen enthält, einer Liste der unregelmäßigen Verben, einem tabellarischen Grammatikteil, den Transkriptionen der Hörtexte und dem Schlüssel zu den Übungen des Kursbuches. Spezielle Lehrerhandreichungen gibt es leider nicht. Auch wären weitere Hörverstehensübungen und ein zusätzliches Übungsbuch notwendig, wenn das Ziel, nach dem einbändigen Kurs die Zertifikatsprüfung Deutsch sicher zu bestehen, zuverlässig erreicht werden soll.
Blaue Blume ist zwar illustriert, aber weniger bunt aufgemacht als viele anderen Lehrwerke; insgesamt ist es für Menschen mit etwas höherer Schulbildung geeignet, die nicht völlig unerfahren im Lernen von Fremdsprachen sind oder ein besonderes Interesse an Literatur, Geschichte und Kunst haben. Für diesen Personenkreis bietet Blaue Blume wertvolles Material, das von den meisten gängigen Lehrwerken eher vernachlässigt wird.