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Für Menschen wie Cheong Fatt Sze haben die Amerikaner die Bezeichnung «bigger than life» erfunden. Bettelarmer Auswanderer, Tycoon, Diplomat, Minister, Weinexperte, Menschenfreund, Kaiser-Berater, acht Mal verheiratet – und das ist nur der Holzschnitt eines langen und, wie es scheint, erfüllten Lebens.
Von 1897 bis 1904 liess Cheong das Blue Mansion bauen auf Penang. Es wurde seine Lieblingsresidenz, hier wohnten die Ehefrauen 3, 6 und 7, sechs seiner Söhne wuchsen dort auf. Erst 2006 öffnete das Haus in der Leith Street seine Türen für zahlende Gäste, seither ist das Hotel eine Ikone Penangs und meine Lieblingsherberge in Südostasien.
Populäre touristische Destination
1,7 Millionen Menschen wohnen auf der Insel im Nordwesten Malaysias, Georgetown ist die bunte, multikulturelle Hauptstadt. Einst war der Ort ein wichtiger Handelsplatz an der Strasse von Malakka; die Mischung von Bauwerken aus der britischen Kolonialzeit, chinesischen Geschäfts- und Wohnhäusern und Moscheen fasziniert bis heute nicht nur Architekturfans. Muslime stellen die religiöse Mehrheit und Buddhisten immerhin etwa 35 Prozent der Bevölkerung. Da die Insel auch einige Sandstrände zu bieten hat, ist sie aus vielerlei Gründen eine populäre touristische Destination.
Auf dem Weg vom Flughafen zu meiner indigoblauen Unterkunft kam ich gleich mit dem freundlichen Taxifahrer ins Gespräch. Natürlich hatte ich bemerkt, dass er den Taxameter nicht eingeschaltet hatte, der versteckte sich unter seinem Hut. Der alte Hat-Trick, schau an, immer noch im Einsatz. «Der Hut steht Ihnen bestimmt gut, Sie sind der Typ dafür!«, bemerkte ich freundlich. «Ach, es ist einfach zu warm, um ihn aufzusetzen», antwortete er mit schiefem Lächeln. Er schaute mich im Rückspiegel an, ich grinste zurück. «Okay», sagte er, nahm den Hut weg und schaltete den Zähler ein. So fuhren wir entspannt weiter zu meinem Quartier, das, so die Werbung, «die Pracht und Grösse der alten Welt mit dem Luxus moderner Annehmlichkeiten verbindet.»
Vom Viehhüter zum «Rockefeller des Ostens»
Cheong Fatt Sze wurde 1840 im chinesischen Guangdong geboren, als Sprössling einer armen Hakka-Familie. Er arbeitete früh als Viehhüter, ehe er sich mit 15 Jahren den zahllosen Auswanderern anschloss, die in den britischen Kolonien Südostasiens der Armut entkommen wollten. Wasserträger, später Ladenbesitzer in Jakarta, erste Heirat, Handel mit Tee, Pfeffer, Kautschuk – Cheong war einer von vielen Chinesen, die mit kaufmännischem Gespür und nimmermüdem Fleiss ein Vermögen schufen. Es war eine Sache, viel Geld zu verdienen und eine andere, den Wohlstand zu erhalten und zu mehren. Mit dem Kauf einer Bank legte Cheong den Grundstein für ein Imperium, das ihm den Namen «Rockefeller des Ostens» eintrug. Er wurde Chinas Konsul auf Penang und Berater des Kaisers von China.
Streng nach Feng-Shui-Prinzipien konstruiert, sollte das Blue Mansion mit der Energie von Wind und Wasser mehr Wohlstand anziehen und zugleich planlos umherirrende Energien davon abhalten, das bereits erworbene Vermögen zu verblasen. Jedes Detail des Gebäudes stärkte den Fluss von Harmonie und Geld, bis hin zu den Münzen, die in jeder Hofecke vergraben wurden. Das Porzellan kam aus Fujan, die Fliesen per Schiff aus Stoke-on-Trent, aus Schottland die gusseisernen Baluster. Zur Sicherheit kaufte der Hausherr auch noch das Grundstück gegenüber, damit nicht irgendwann eine T-Kreuzung gebaut wurde und dem Strom positiver Energie im Weg stand.
Sorgfalt und Weitsicht zahlten sich aus für Cheong. Das galt bis zu seinem Tod 1916 auch für die Residenz, ehe eine wechselvolle Geschichte in Zerfall und Hausbesetzung kulminierte.
Besorgte Einheimische rund um den Architekten Laurence Loh kauften die Ruine in den späten Neunzigern des letzten Jahrhunderts und restaurierten sie mit Leidenschaft fürs Detail und Originalmaterialien.
Historie und Moderne in Architektur und Design bruchlos zu versöhnen, ist eine reine rare Kunst in Südostasien. Ein Swimmingpool bereicherte das Ensemble, und vor gut zehn Jahren wurden die 18 geräumigen, individuell dekorierten Zimmer renoviert. Sie säumen einen ruhigen Innenhof, jedes Zimmer zeigt andere Facetten des ehemaligen Herrenhauses.
Filmkulisse und Laufsteg
Aussergewöhnliches Design zieht Kreative an. Filmregisseure, Modeschöpfer, TV-Doku-Teams, Eventorganisatoren. Oscar-Gewinner Indochine mit Catherine Deneuve wurde zum Teil im Blue Mansion gedreht; der Thriller des Singapur-Regisseurs Glen Goei von 2009 hiess gleich wie der Drehort: The Blue Mansion.
Dreimal täglich buchen Touristen aus aller Welt Führungen durch das Anwesen; jeder Rundgang ist eine 45-minütige Zeitreise in die Ära von Cheong Fatt Sze, mehr als hundert Jahre nach dem Tod des Erbauers, der das Prädikat bigger than life verdiente wie wenige andere.
Und vom Hotel sind es nur ein paar Gehminuten zur Altstadt von Georgetown, ihren wunderschönen Cafés und der weltberühmten Streetart des gebürtigen Litauers Ernest Zacharevic. Aber das ist eine andere Geschichte.