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Gebaute Archäologie am Tacheles
Zahlreiche Ateliers, Ausstellungsflächen, ein Kino, eine Bar sowie größere Räume für Konzerte und Lesungen hatten das Tacheles über die Jahre zu einem vielfältigen und wichtigen Ort der Berliner Kunstszene wachsen lassen.
Nach sechzehn Jahren der Hausbesetzung durch das unabhängige Künstlerkollektiv Tacheles, das sich gegen Abriss und Umfunktionalisierung des Szene Ortes einsetzte, wurde die Kaufhausruine 2012 zwangsgeräumt.
Investor Perella Weinberg Real Estate will nun auf dem Areal ein neues Stadtviertel entwickeln. Dazu schlägt der Masterplan des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron eine formale Analogie zur Friedrichstrassenpassage vor. Damit gehören Graffiti im Treppenhaus und lauter Punk bald der Vergangenheit an.
Text: Anna Valentiny – 11.4.2016
Hausbesetzungen von West nach Ost
Der britische Musikproduzent und Autor Mark Reeder beschrieb vor einem Jahr das Berlin der 1970er-Jahre sehr atmosphärisch in seinem Film B-Movie: «Ich bin in der Nacht nach Berlin getrampt. Ich hatte viel Glück, weil der Typ, mit dem ich gefahren bin, mir eine Wohnung in dem Haus, in dem er auch lebte, angeboten hat. Häuser, die abgerissen werden sollten, standen einfach leer. Ich hatte also plötzlich eine riesige Wohnung mit Marmorbad.»
Reeders Beschreibung der Verhältnisse in der geteilten Stadt klingt naiv und unglaublich aber spricht ein wichtiges Thema an: Die Flächensanierungspolitik des Senates seit 1964 sah den Abriss von Altbauvierteln vor. Dafür sollten ganze Strassenzüge «entmietet» um im Anschluss als Ganzes ersetzt zu werden. Die Folge waren bis zu zehn Jahre anhaltende Leerstände. Daneben schritt die Entwicklung der Neubauten langsam voran (mehr zum Thema «Städtebau in Ostdeutschland» in archithese 2|1999). Der Zuzug junger Menschen in die deutsche Hauptstadt und das Fehlen von Wohnraum, liessen zu Ende der 1970er-Jahre hin eine aktive Kultur der Hausbesetzungen entstehen.
Während die Szene West Berlins den Puls der Zeit diktierte, litten die Künstler – von Musikern, bis hin zu Schriftstellern – in der DDR unter Zensur und Repression. Erst in den späten 1980er-Jahren lockerte sich die Kulturpolitik des Ostens unter internationalem Druck ausschlaggebend und im Machtvakuum der Jahre nach dem Fall der Mauer, äusserte sich auch im ehemaligen Osten die Hausbesetzung als Akt des politischen Protests gegen das System. Davon zeugt besonders die Besetzung des Tacheles.
Das Tacheles
Das Gebäudefragment in Berlin Mitte ist Teil des von 1907 bis 1908 in nur 15-monatiger Bauzeit errichteten Kaufhauses Friedrichstrassenpassage. Die damals neben der Kaiserpassage zweitgrösste, gedeckte Einkaufsstrasse der Stadt wurde ab 1928 von der AEG als Haus der Technik genutzt. Im Zweiten Weltkriegs war es Zentralbodenamt der SS. Im Torbau an der Friedrichstrasse war zu DDR Zeiten, bis Ende der 1950er Jahre das Kino Camera untergebracht. Zwei Statikgutachten von 1969 und 1977 beschlossen den Teilabriss des im Zuge des Krieges nur mässig zerstörten Gebäudes.
Das was vom Tacheles übrig blieb, wurde 1990 durch das nahmensgebende Künstlerkollektiv (aus dem jiddischen für «Klartext reden» und als kritischer Wink auf die eingeschränkte, freie Meinungsäusserung zu DDR Zeiten verweisend) besetzt und so vor dem Abriss bewahrt.
Dies ist kaum zwei Jahrzehnte her und doch erscheint diese Phase bereits wie eine ferne Vergangenheit. Nun soll rings herum ein neues Stadtquartier entstehen und es stellt sich die Frage, was und wie der Bestand integriert werden kann und muss. Am 4. April 2016 begleitete ein Archäologenteam die Aufbereitung des Tacheles-Areals, die das Gelände auf den kommenden Aushub vorbereiten soll. Dabei gegebenenfalls geht es nicht nur um das Sichern von Spuren der alten Passage, sondern auch um das Festhalten von Siedlungsstrukturen oder der nahegelegenen Akzisemauer. Keller und Tunnel werden vermessen, kartographiert und dann entfernt.
Der Masterplan – mehrere Blöcke und eine neue Passage
Herzog & de Meuron entwickelten das städtebauliche Konzept für das zu revitalisierende Tacheles-Gelände. Die Realisierung eines neuen Stadtquartiers auf 25 000 qm ist bis 2020 geplant. An den Entwürfen zum Berliner Grossprojekt werden zudem vier ortsansässige Büros beteiligt sein.
Der Wohnanteil des neuen Quartiers wurde abweichend zum Bebauungsplan von 2008 auf 38 Prozent erhöht. Zudem sollen eine öffentliche Geschäftsebene im Erdgeschoss und ein Hotel entstehen. Das Tacheles wird saniert und weiter als kultureller Raum genutzt werden (mehr zum Thema «Umbau und Renovation» in archithese 2|2005).
Der Entwurf für das um 1900 errichtete Kaufhaus basierte auf der Idee die Oranienburger- und die Friedrichstrasse durch eine überdachte und von Ladenlokalen gesäumte Passage quer durch den Block miteinander zu verbinden.
Das Satellitenbild von 1956 (siehe Gallerie) zeigt noch die Umrisse des leicht zerstörten fünfgeschossigen Stahlbetongebäudes der Friedrichstrassenpassage, die von den anschliessenden Gebäuden zum Berliner Block ergänzt wird. Im Zentrum des Baus ist auch die 1982 gesprengte Kuppel zu erkennen. 2006 erinnerte ein Trampelpfad durch das Tacheles Torgebäudes und über das Areal an den Verlauf der alten Passage und den noch immer gegangenen Weg.
Erinnerte Vergangenheit
Die Architekten greifen nun das vorgefundene Thema der Passage wieder auf, indem sie ihr Negativ entwerfen: Der Raum, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts unter der Überdachung der partiell verglasten Stahlbetonkuppel, von der Gallerie zur Halle entwickelte, wird invertiert: Die von den Schweizern geplante Linie, schlängelt sich durch den Block. Sie scheint sich der Trasse ihres Vorgängers folgend als Gasse durch die Bausubstanz zu fressen, um sich auf Höhe der ehemaligen Kuppel zu einem grosszügigen Platz unter freiem Himmel zu weiten. Das bestehende Fassadenfragment des Tors an der Oranienburgerstrasse wird saniert und bildet auch künftig einen wichtigen Zugang zum Gelände. Dieser wird von einem zweiten, neuen Eingang ergänzt: Am nordöstlichen Ende des Areals, wo heute Autos zum Parkplatz einbiegen, entsteht der Eingang zur reformulierten Passage, die im Westen über einen Einschnitt zur Friedrichstrasse hin inszeniert wird.
Mitte 2018 will pwr development mit dem Hochbau und den Sanierungsarbeiten beginnen.
Das gute Erbe und seine Erbauer…
Der Masterplan des Geländes inspiriert sich an einer dessen Geschichten. Die Herangehensweise folgt einem derzeitigen Trend, die Vergangenheit zu hierarchisieren. So wird im Kontext der politischen und ökonomischen Tendenzen, zwischen einer guten (repräsentativen) und einer schlechten Vergangenheit unterschieden. Diese Wertung ist massgeblich beim Weiterbauen in den Städten: Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. 1442 für den Kurfürsten von Brandenburg als Herrschaftsresidenz auf der Spreeinsel erbaut, wurde das barocke Schloss während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigt. Später auf dem Territorium der DDR gelegen, liess die Sozialistischen Arbeitspartei Deutschlands ihn als Überbleibsel eines feudalen Erbes, mit dem man sich nicht mehr identifizieren wollte, vollständig beseitigen. 1973 errichtete die DDR den Palast der Republik, Sitz der Volkskammer und öffentliches Kulturhaus. Nach der Wiedervereinigung wurde auch ihm wieder der gar aus gemacht. Asbestverseucht und mit der Ideologie des geeinten Deutschlands nach der Wende nicht in Einklang zu bringen, wurde er zwischen 2006 und 2009 abgerissen. Am 12. Juni 2013 fand die Grundsteinlegung des neuen Stadtschlosses an selbiger Stelle statt. Doch wird sich die Rekonstruktion fast auschliesslich auf die Fassade beschränken, denn im Inneren wird eine funktionale moderne Museumsarchitektur künftig das sogenannte Humboldforum mit einer ethnologischen Sammlung aufnehmen.
Im Vergleich zum Stadtschloss kann der Plan für das Tacheles-Areal durchaus punkten. Denn dort wird nicht einfach ein historisches Motiv wiederaufgebaut oder zitiert, sondern aus einer Analogie zum Vorbild ein eigenständiges, städtebauliches Konzept abgeleitet, das sich kreativ mit der Aufschlüsselung eines grundlegenden Bausteins des Urbanismus auseinandersetzt: dem Block.
... und das unwiederbringlich Vergangene.
David Bowie, der in den 1970er-Jahren in der geteilten Stadt lebte sagte kurz nach dem Fall der Mauer zu einem Journalisten in Vancouver:«Es war eine völlig andere Welt damals, nicht wahr? Das klingt jetzt so, als wäre es schon ewig her. Dabei ist es erst gestern passiert. Und jetzt – ist auf einmal alles anders.»
Dass das Tacheles und sein Areal nicht mehr sein können, was sie in den 1990er-Jahren waren, muss nicht diskutiert werden. Die Stadt und die Nutzer hielten zwar so lange wie möglich an einem sterbenden Mythos fest, doch ist es nun Zeit für ein Revitalisierung jenseits aller Romantik. Es gilt eine zeitgemässe Lösung zu finden, die aber auf den Genius Loci Rücksicht nimmt, ohne banal zu zitieren. Derzeit ist geplant wieder ein Kulturzentrum anzuordnen. Aber das ist wiedersinnig. Alternative Kultur sucht sich selber ihre Freiräume. Wird sie top down verortet, erstarrt sie zu Künstlichkeit, genau so wie es das negative Beispiel des wiederaufgebauten Stadtschlosses im schlechten Sinne vorgemacht hat.