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Am Dienstag, dem 8.6.2010, war Pietro Sassi, ein «Gesichterleser», zu Gast in der Sendung «TalkTäglich» auf TeleZüri, einem privaten zürcher Regionalsender. Pietro Sassi behauptet, anhand bestimmter Merkmale des menschlichen Gesichtes «Fähigkeiten und Neigungen» der jeweiligen Gesichtsinhaberinnen und -inhaber erkennen zu können. Dieser Behauptung möchte ich, anhand des Interviews in genannter Fernsehsendung, genauer nachgehen.Die knapp halbstündige Sendung ist in Gänze online abrufbar.
Gesichterleserei ist einzureihen in die alte Tradition der «Physiognomik», da bestimmte Merkmale des menschlichen Körpers, in diesem Fall jene des Gesichtes, Auskunft über Charakter eines Menschen geben sollen. Diese Lehre gründet nicht in Wissenschaft, da sie auf teilweise obsoleten Verständnissen von Anatomie beruht. Zweifellos kann beispielsweise vorkommen, dass eine Person, deren Äusserliches stark von zeitgenössischen Schönheitsstandards abweicht, eher introvertiert, eher scheu ist. Das bedeutet aber nicht, dass bestimmte körperliche Ausprägungen kausal mit einer Charaktereigenschaft verschränkt sind. Wahrscheinlicher ist, dass die betroffene Person in einem kognitivem Vorgang die (angenommenen) sozialen Realitäten im Zusammenhang mit dem äusserlichen Erscheinungsbild wahrnimmt und in Anbetracht der eigenen Abweichung von den wahrgenommenen Idealen zurückhaltender, eher in sich gekehrt ist.
Dieses Beispiel ist natürlich unrealistisch stark vereinfacht: Für die im Beispiel genannte Frage, warum manche Menschen eher introvertiert, andere eher extrovertiert sind, gibt es umfrangreiche Theorien und viel Forschung, vor allem in der Disziplin der Psychologie. Mein Ziel mit obigem Beispiel war, den grundsätzlichen Fehlschluss «physiognomischer» Lehren aufzuzeigen: Merkmale des Körpers sind nicht direkte Indikatoren für «Fähigkeiten und Neigungen» einer Person, menschliches Denken und Handeln ist also nicht durch äusserliche Merkmale des Körpers determiniert. Es gibt Mechanismen, über welche sich Äusserlichkeiten in Charaktereigenschaften manifestieren können; diese Mechanismen bestehen aber nicht in unmittelbar kausalen Zusammenhängen zwischen äusserem Merkmal und psychischer Eigenschaft.
Meine bisherigen Ausführungen sind womöglich unfair: Ich kritisiere «Physiognomik» im Allgemeinen, ohne die konkreten Argumente Herrn Sassis zu bewerten. Diese Kritik ist aber, wie ich meine, angebracht, da Sassis «Gesichtslesen» eindeutig und ohne Umwege an diese Lehre anknüpft. Dennoch möchte ich das eingangs genannte Interview im Genaueren kommentieren.
Ein gewichtiger Fehler in der Argumentation Sassis ist im Video ab Minute 4 zu sehen und zu hören: Als Teil der einleitenden Erklärung, warum «Gesichtslesen» funktionieren soll und wie es entstanden ist, erklärt Sassi (ich paraphrasiere), dass es auf der Welt 6.5 Mia. einmaliger Gesichter gebe; dasselbe wird auch auf der Internetseite Sassis erwähnt. Wenn aber betont wird, dass letztlich alle Gesichter unterschiedlich seien, ist es nicht einleuchtend, wie 60 Gesichtsmerkmale bestimmt werden können (im Video ab Minute 5), mittels derer «Fähigkeiten und Neigungen» aus eben jedem Gesicht herausgelesen werden können. Der Ansatz des «Gesichterlesens» nach Sassi widerspricht sich also: Jedes Gesicht ist einzigartig - Gesichter sind verallgemeinbar. Nun könnte eingewendet werden, dass zwar Gesichter als Kombination von Merkmalen einzigartig, das einzelne Gesicht konstituierende Merkmale aber universal sind. Rein mathematisch aber ist die Menge an möglichen Kombinationen mit 60 Merkmalen endlich. Ob die Menge an Kombinationen mit 6.5 Mia. Gesichtern theoretisch schon erschöpft sein könnte, kann ich nicht beurteilen, da unklar ist, wie viele mögliche Ausprägungen jedes der 60 relevanten Gesichtsmerkmale nach Sassi hat und, ob alle Merkmale gleichzeitig zu beachten sind. Die Aussage Sassis, jedes Gesicht sei einzigartig, verstehe ich aber als Grundsatzaussage: Es kann keine zwei identische Gesichter geben - darum bleibt der Widerspruch bestehen.
Ab Minute 2 im Video wird die Wissenschaftlichkeit des «Gesichterlesens» besprochen. Sassi muss zugutegehalten werden, dass er unmissverständlich dazu steht, dass «Gesichterlesen» wissenschaftlich, konkret von der Psychologie, nicht anerkannt sei. Auf die anschliessende Frage, worauf seine «Kenntnis» beruhe, nennt Sassi «altägyptische Weisheit». Dabei sind seine Ausführungen nicht sonderbar detailliert; von «Geheimwissenschaften» ist die Rede, welche «irgendwann einmal» vor «60 Jahren irgendwie» nach Europa gekommen seien. Das damit implizierte Argument, «Gesichterlesen» funktioniere, weil dies schon vor Jahrtausenden praktiziert wurde, ist ein Fehlschluss: Lange Tradition einer Behauptung sagt nichts über ihre Gültigkeit aus. Beispiel: Lange war im Abendland Aderlass eine gängige medizinische Behandlung - dadurch wird Aderlass aber nicht zu einer wirksamen Behandlung.
Ab Minute 9 findet eine Demonstration der Künste Sassis statt, indem Gesichter bestimmter mehr oder minder prominenter Personen (Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Bundesrätin Doris Leuthard, Ottmar Hitzfeld, Jörg Kachelmann, Carl Hirschmann) «gelesen» werden. Diese Übung ist vollkommen widersinnig: Um einigermassen zutreffende Aussagen über «Fähigkeiten und Neigungen» von Menschen, welche öffentliche Prominenz geniessen, zu treffen, bedarf es beileibe nicht des «Gesichterlesens». So geht die Leseleistung Sassis denn auch ich Allgemeinplätzen auf: Hans-Rudolf Merz habe «starkes mentales Durchhaltevermögen», Doris Leuthard sei «extrem stark harmonieorientiert», Ottmar Hitzfeld zeichne sich durch «Dominanzanspruch» aus, Jörg Kachelmann habe eine «Neigung zu Sucht» (welche auch «sexorientiert» ausfallen könne), bei Carl Hirschmann mache sich eine «Neigung zum Explosiven» bemerkbar.
Ganz Ähnliches kann ich ebenfalls herauslesen. Zwar nicht aus den Gesichtern der Betroffenen, sondern nur aus Presseerzeugnissen - weniger spektakulär, aber mindestens ebenso wirksam.
Meine Kritik an Sassis «Gesichterlesen» anhand dieses «TalkTäglich»-Interviews im Besonderen widerspricht also nicht meiner Kritik an «Physiognomik» im Algemeinen. Worin liegt nun aber das wesentliche Problem mit dieser Pseudowissenschaft Sassis? Ab Minute 17 wird dies unter dem Stichwort «Umsetzung» besprochen: Sassi verkauft seine Pseudowissenschaft als «Berater» und «Coach». Als Beispiel nennt er die Beurteilung von Unterschriften bei Bewerbungen: Explizit erklärt Sassi, dass er die Tauglichkeit von Bewerberinnen und Bewerbern nicht nach Qualifikationen o.ä. einschätzt, sondern anhand ihrer Unterschrift. Auf der Internetseite Sassis wird auch «Gesichterlesen» als «nützliches Instrument für die Rekrutierung und dieTeambildung [sic]» für HR-Verantwortliche beworben.
Nicht zuletzt für die Unternehmen, welche Sassis Dienste in Anspruch nehmen, kann dies verheerend sein: Nicht mehr allein tatsächliche Qualifikationen, nicht mehr die Kreativität und Qualität von Bewerbung und Bewerbungsgespräch sind ausschlaggebend für die Vergabe von Stellen - nein, pseudowissenschaftlicher Unsinn des «Gesichterlesens», der «Handschriftanalyse» und dergleichen werden relevant. Nur, weil jemand vielleicht eine «falsche» Lippenform hat, «ungeeignete» Wangenknochen, eine «schlechte» Nase, werden tatsächlich wichtige Kriterien relativiert oder gar gar nicht beachtet.
Vielleicht hat dies auch eine gute Seite: Wer möchte schon in einem Unternehman tätig sein, in welchem wichtige Entscheide nicht vernunftgesteuert, sondern mit Hilfe von (durchaus, wie oben erwähnt, selbstdeklarierter) Pseudowissenschaft getroffen werden?