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Im Blickpunkt …
«Mischt euch nicht in fremde Händel!» Ist dieses Zitat wirklich authentisch? Nein. Einen ähnlichen Wortlaut finden wir jedoch in der «Legende» von Hans Salat, gedruckt 1536: «Beladet euch nicht mit fremden Angelegenheiten!» (Quelle 233). Aber auch dieses Werk Salats ist keine zuverlässige Quelle und wurde 1591 beim Sarner Prozess zwecks Heiligsprechung von Niklaus von Flüe (Quelle 301) nicht zugelassen.
In welchem Kontext sollte denn der Ausspruch des Eremiten im Ranft gestanden haben? Naheliegend ist der «Amstalden-Handel» (Quelle 014). Die Entlebucher wollten die Herrschaft der Stadt Luzern loswerden und planten einen Aufstand. Anführer war Peter Amstalden aus Schüpfheim, eben noch verdienstvoller Hauptmann in der Schlacht gegen die Burgunder bei Grandson. Es bestand auch die Meinung, das Entlebuch sollte sich als dritter Teil dem Ort Unterwalden anschliessen. Jedenfalls waren einige Obwaldner in diesen «Handel» involviert (die Nidwaldner nicht), allen voran der Landammann, Heinrich Bürgler, und der Ratsherr Hans Küenegger (Quelle 051). Der Einsiedler Klaus von Flüe wurde in dieser Sache andererseits mehrmals von Boten aus Luzern aufgesucht, vermutlich um mässigend auf dessen Landsleute einzuwirken. Doch hörten die Obwaldner auf ihren Landsmann im Ranft?
Bruder Klaus selbst befasste sich öfters mit fremden Angelegenheiten, aber immer erst, wenn er dazu um Rat gefragt wurde. So gab es Januar und Februar 1482 eine rege Korrespondenz zwischen ihm und dem Rat der Stadt Konstanz (Quelle 026), also wenige Wochen nach dem Stanser Verkommnis (22. Dezember 1481). Dem Inhalt nach ging es um einen Rechtsstreit, allerdings in einem weiteren Kontext. Denn die Konstanzer wollten Mitglied der Eidgenossenschaft werden, stellten aber die Bedingung, dass Konstanz Hauptstadt eines neuen Ortes Thurgau werde, mit ähnlichen Rechtsverhältnissen wie Zürich, Bern und Luzern. Doch der Kontext war ziemlich kompliziert.
Die Stadt Konstanz schien zwar 1481/82 im Besitz der Landgerichtsbarkeit über den Thurgau zu sein, was jedoch umstritten war. Jedenfalls entrissen die Eidgenossen den Thurgau 1460 der Schutzherrschaft der Habsburger, die sich zu selbstherrlich verhalten hatten. Wer aber hatte eigentlich die Oberhoheit über den Thurgau inne?
Der eigentliche Herr über den Thurgau war seit Jahrhunderten der Gaugraf. Dieser Titel ging zurück auf den römischen Titel des Tribuns von Arbon (der Tribus Arbon war wiederum Teil der Provinz Rhätia). Später ging dieser Titel auf die Bischöfe von Konstanz über, die Minister des Thurgaus amteten aber weiterhin in Arbon, der alten Hauptstadt des Thurgaus.
1415 befand sich der böhmische Dissident und Reformator, Jan Hus, in Konstanz. Er erhielt vom römischen König Sigismund (auch König von Ungarn, doch König von Böhmen und Kaiser wurde er erst später) eigentlich freies Geleit, um am Konzil in Konstanz teilnehmen zu können. Der König hielt sich aber nicht daran. Jan Hus wurde als Ketzer verurteilt und am 6. Juli (heute staatlicher Feiertag in Tschechien) hingerichtet. Dieser letzte Rechtsvorgang sollte einem weltlichen Gericht unterstehen. Eine kirchliche Gerichtsbarkeit sollte auch dem Anschein nach ausgeschlossen werden. So wurde die Gerichtsbarkeit dem Bischof und Gaugrafen entzogen und leihweise, nur leihweise, der Stadt übertragen. Dieses fragwürdige Manöver des Königs über deutsche Lande sollte Jahrzehnte später viel Staub aufwirbeln.
1477 schlossen die fünf Landorte Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus und Zug ein «Landrecht» ab. Es war ein Beistands-Abkommen. Ein weiteres Vollmitglied war hier der Bischof von Konstanz und eben nicht die Stadt. Offensichtlich anerkannten die Eidgenossen die Oberhoheit des Gaugrafen, hier eben in Personalunion mit dem Amt des Bischofs von Konstanz. Die Hauptstadt des Thurgaus, eben Arbon, gab es bereits, auch die eigentliche Gerichtsbarkeit und Hoheit waren schon längst festgelegt. Daran wollten die Eidgenossen de jure nicht rütteln, jedoch als Schutzherren eingreifen und alles unter ihre Kontrolle bringen
Nun, mit dieser «fremden Angelegenheit», der Existenz des Thurgaus, befasste sich seinerzeit auch Klaus von Flüe. Er zog 1460 mit den Eidgenossen in den Krieg, er war sogar ein hoher Offizier und führte die Obwaldner Truppe an, heute wäre das der Rang eines Oberst, zu seiner Zeit, war einer der Ratsherren der Bannerherr, sozusagen der Verteidigungsminister und höchster Offizier des Landes Obwalden. – Auslöser für den Thurgauerkrieg gegen Herzog Sigmund von Österreich (Vorderösterreich, Sitz in Innsbruck) war dessen Kirchenbann durch Papst Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) wegen eines Streites um Besitzansprüche mit Kardinal Nikolaus von Kues (Bischof von Brixen, Tirol). Enea Silvio Piccolomini war früher zeitweise Hofgelehrter bei Kaiser Friedrich III, dem Vetter und einstigen Vormund des Herzogs Sigmund. Zwischen diesen beiden Habsburgern gab es ständig Spannungen und Konflikte, vor allem wegen Geldnöten Friedrichs mit seinem Grossmachtstreben und den vielen Kriegen (etwa der Aufmarsch mit einer gemieteten Armee vor Neuss bei Köln). Sigmund konnte den Verlust der Schutzherrschaft über den Thurgau leicht verschmerzen, es war doch eher eine Belastung gewesen. Jahre später, 1474, verbündete er sich sogar mit den Eidgenossen in der «Ewigen Richtung» gegen den Herzog und Freigrafen von Burgund, Karl der Kühne. Zu Bruder Klaus hatte Sigmund sogar ein besonderes Verhältnis, verbunden mit Geschenken (Quelle 018). – Kaiser Friedrich mischte sich ständig in die Regierung seines jüngeren Vetters ein und nötigte ihm grosse Geldsummen ab. Kein Wunder, dass Sigmund in den Eidgenossen am Ende sogar noch Freunde sah.
Leider wird Bruder Klaus oft falsch zitiert und für eigene Zwecke missbraucht. Es gibt auch Leute, die meinen, weil sie das Geld oder die Macht haben, könnten sie auch bestimmen, was Wahrheit ist. Angebliche Wahrheiten werden dann zu Plattitüden und bleiben trotz ständiger Wiederholung eben doch keine Wahrheiten.
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