Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03393.jsonl.gz/727

In seinem Buch «Unruh» zeichnet Bruno Bohlhalter die Geschichte der schweizerischen Uhrenindustrie nach.
Zusammen mit Schokolade und dem Militärmesser ist die Uhrenindustrie ein Aushängeschild der Schweiz. Doch lange war sie keine Industrie im herkömmlichen Sinne, sondern ein Netz von KMU. «Im Jahr 1929 bestanden hierzulande etwas über 1100 Uhrenbetriebe mit durchschnittlich gut 40 Beschäftigten», schreibt Bruno Bohlhalter in seinem Buch «Unruh».
Grund für diese Zersplitterung war, was man im Ökonomen-Jargon «niedrige Eintrittsbarrieren» nennt. Die Uhrmacherei war ein Kunsthandwerk, das kaum Kapital brauchte. Es brauchte nicht Geld, sondern Geschick, und geschickte Uhrmacher gab es im Jura genügend. Deshalb war die Uhrenindustrie seit ihrer Gründung – Vacheron Constantin, die älteste noch überlebende Uhrenmanufaktur, eröffnete ihre Tore 1785 – ein dichtes Geflecht von Kleinbetrieben mit einem hohen Grad an Arbeitsteilung.
Die Mischung von Heimarbeitern und Kleinbetrieben mag romantisch gewesen sein, leider war sie auch äusserst krisenanfällig. «Von der Gründung des schweizerischen Bundesstaates bis zum Ersten Weltkrieg verzeichnete die Uhrenindustrie acht Krisen», schreibt Bohlhalter.
Der Krieg selbst brach ihr beinahe das Genick. Gerettet wurde sie nur dadurch, dass sie den Krieg selbst zum Geschäft machte. «Ab dem Jahr 1916 stellten grosse Teile der Uhrenindustrie ihre Fabriken auf die Produktion von Kriegsmaterialien um, insbesondere für die Herstellung von Waffenbestandteilen und Munition», so Bohlhalter. Bei der Traditionsmarke LeCoultre beispielsweise betrug der Anteil der Kriegsmaterialien gegen 70 Prozent.
In den wilden Zwanzigerjahren erholte sich die Uhrenindustrie, doch die Depression der Dreissigerjahre machte dem Verlagswesen den Garaus. Die Uhrenindustrie musste sich neu erfinden, und der Staat spielte dabei eine zentrale Rolle. Um einen mörderischen Wettbewerb und die Abwanderung der Industrie ins Ausland zu verhindern, wurde sie kurzerhand unter die staatliche Fittiche genommen.
Im Herbst 1931 beteiligte sich die Eidgenossenschaft mit sechs Millionen Franken an der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (ASUAG). Sie fertigt Rohwerke für alle Hersteller. Heute ist sie in der Swatch Group aufgegangen. Ebenso wird der Export von Schablonen, Einzelteilen, verboten, um zu verhindern, dass sie im Ausland günstig zusammengebaut werden.
Diese Massnahmen wirkten: «Es ist bemerkenswert, welche Erfolge die Bevölkerung und die Politiker der Uhrenregionen am Anfang der 1930er Jahre durch schnelles und gemeinsames Handeln erzielen konnten», schreibt Bohlhalter. «Es gelang ihnen, mithilfe des Staates viele Arbeitsplätze im schweizerischen Jurabogen zu erhalten und zu sichern.»
Wie nach dem Ersten erlebte die Uhrenindustrie auch nach dem Zweiten Weltkrieg einen Boom. Doch bald wurden Kartelle und staatliche Hilfe zum Bumerang. Die Uhrenindustrie hatte nun im eigenen Land hohe Eintrittsbarrieren geschaffen und den zerstörerischen Wettbewerb unterbunden. Doch sie war damit auch träge geworden und anfällig für Angriffe aus dem Ausland. Dieser kam mit der Quarzuhr aus Japan.
Entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben hat die Schweizer Uhrenindustrie den technischen Fortschritt hin zur Quarzuhr nicht verschlafen. Im Gegenteil: Die Quarzuhr wurde in der Schweiz erfunden. Sie wurde jedoch zunächst nicht ernst genommen. Es war die amerikanische Firma Bulova, welche das Potenzial der Quarzuhr erkannte.
Die Schweizer Uhrenindustrie hielt viel zu lange an mechanischen Uhren fest, vor allem an der billigen Roskopf-Variante. Das nützte die Konkurrenz, vor allem der japanische Hersteller Seiko, gnadenlos aus. Er begann, den Weltmarkt mit günstigen Quarzuhren zu fluten. Zu Hilfe kam Seiko dabei die Währungspolitik: Nach dem Zerfall der fixen Wechselkurse zu Beginn der 70er Jahre schoss der Kurs des Frankens in die Höhe. Die Schweizer Uhrenindustrie konnte preislich nicht mehr mithalten.
Die Kombination von verkrusteten Strukturen, einem starken Franken und japanischen Quarzuhren hatte ein schreckliches Blutbad in der Schweizer Uhrenindustrie zur Folge. Insgesamt wurden rund 60'000 Arbeitsplätze vernichtet. Es drohte der totale Absturz.
Die Rettung kam zunächst in Form der Fusion der ASUAG und der SSIH – einer Dachgesellschaft von verschiedenen Marken wie Omega und Tissot – und der Person von Nicolas G. Hayek. Er kann die Banken zunächst zu einer umfangreichen Sanierung überreden und danach auch, ihm die SMH – wie der neue Uhrenkoloss nun hiess – zu einem vernünftigen Preis zu überlassen. Seit 1998 trägt die Firma den Namen Swatch Group.
Mit der Swatch gelingt es auch, die Erfindung wieder ins eigene Land zurückzuholen und das Feld der Quarzuhren zurückzuerobern. Die Swatch wird bald mehr als eine billige Uhr, sie wird Symbol eines Lebensgefühls.
Heute dominiert die Schweizer Uhrenindustrie auch das Luxussegment. Doch mit dem Verlagswesen vor dem Ersten Weltkrieg lässt sie sich nicht mehr vergleichen, auch nicht mehr mit den staatlich gestützten Kartellen, die bis in 70er Jahren dauerten. Sie musste sich nach der Quarzuhren-Revolution von Grund auf erneuern. «Dies nicht nur bezogen aufs Produkt, sondern vielmehr auf dessen Herstellungsmethoden», wie Bohlhalter festhält.