Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03550.jsonl.gz/695

Die Herbstakademie ist ein Resultat der interuniversitären Zusammenarbeit von
Psychologen aus Bamberg und Tübingen, die sich seit einiger Zeit um eine empirische
und theoretische Fundierung systemischen Denkens in der Psychologie bemühen.
Die Veranstalter der Herbstakademie - der ersten von weiteren, im jährlichen Turnus geplanten Symposien - sind Günter Schiepek, Wolfgang Tschacher und Ewald Johannes Brunner, in Kooperation mit dem Physiker und Begründer der Synergetik Hermann Haken.
Das Programm ist im Untertitel der Tagung kurz umrissen:
"Empirische Zugänge zu einer psychologischen Synergetik".
Die durch die Synergetik angebotene Modellierung der Selbstorganisation komplexer Systeme ist in den Arbeiten Hakens interdisziplinär und in mathematisierter Form formuliert; ein Ziel der Herbstakademie bestand darin, die Möglichkeiten eines Transfers dieses Ansatzes auf den klinisch-psychologischen Bereich zu prüfen und das konkrete methodische Vorgehen dabei, sei es in empirischen Untersuchungen, in Simulationsstudien oder theoretischen Vorarbeiten, zu diskutieren. Hierzu waren Referenten/innen aus Deutschland (inclusive der zu Beginn der Tagung noch bestehenden DDR), Österreich, Schweiz und den Niederlanden eingeladen.
Nach einem Grusswort des Präsidenten der Universität Bamberg führte ein erster thematischer Block in die Grundlagen der synergetischen und dynamischen Perspektive ein. Arne Wunderlin, enger Mitarbeiter Hakens in Stuttgart, beschrieb die Synergetik als eine Theorie der Selbstorganisation, die das kohärente Verhalten in offenen, aus sehr vielen Subsystemen bestehenden Systemen in Begriffe fasst.
Anschliessend wandte sich Jürgen Kriz (Osnabrück) gleich der Kernfrage der Tagung zu, indem er problematische Kommunikationsmuster in Familien als selbstorganisierte Struktur bezeichnete, die als spezifische Adaptation des Systems zu gelten habe; Therapie erzeuge Fluktuationen, die diese Adaptation stören. Zur Modellierung schlug er die Verhulst-Gleichung aus der Populationsdynamik vor.
Aus physikalischer Sicht führte Karl Kratky (Wien) in die Chaostheorie ein; an Beispielen beschrieb er Chaos als gezähmte Unordnung, die fraktale, gebrochen-dimensionale Muster erzeugen kann.
Uwe an der Heiden (Witten-Herdecke) stellte das Konzept der "dynamischen Krankheit" vor. Der Übergang von Gesundheit zu Krankheit könne als parametergesteuerter Übergang von Zuständen eines zugrundeliegenden dynamischen Systems verstanden werden.
Hans R. Böttcher (Jena) widmete sich, anders als die vorausgegangenen mathematischen Modellierungsansätze, einer eher hermeneutischen Betrachtung des Selbstorganisationsbegriffs - Leben als "bewegliche Ordnung" (Goethe); eine sinnvolle Quantifizierung sei in der Psychologie gefordert, um einer unverständlichen Menge von "Datensplittern" vorzubeugen.
Die Referate an den folgenden Tagen betrafen direkter Fragen der Psychotherapie und Therapieforschung.
Dirk Revenstorf (Tübingen) skizzierte eine (Trance-) "Therapie ohne Theorie" - klinische Fallbeispiele belegten die Fragwürdigkeit nomothetischer Ansätze, während die Theorie der Selbstorganisation das Moment der Unvorhersagbarkeit von Therapieverläufen zulasse.
Henri Schneider (Zürich) beschrieb ein Projekt, in dem Modelle selbstorganisierender Prozesse (autokatalytische Zyklen nach Prigogine) als Heuristiken zur Untersuchung therapeutischer Veränderungen dienen.
Qualitative Ansätze wurden von Arno Goudsmit aus Groningen (Looking for the logical gap: is psychotherapy empirically inaccessible?) und Gerd Portele aus Hamburg (Selbstorganisation und Gestalttherapie; humanistische Ansätze; Buber, Bourdieu, Goodman) vorgetragen.
B. Pavlekovic stellte die gestaltpsychologischen Untersuchungen zur Multistabilität der Bremer Gruppe um Kruse und Stadler vor. Ludwig Reiter (Wien) erläuterte das Konzept der Konstellation als eine therapeutische Metapher zur Vermittlung systemischer Komplexität.
Der de Shazersche Therapieansatz wurde durch Egbert Steiner (Wien) erörtert.
Bernd Nissen (Berlin) referierte über das Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen, dem besonders in einer der Luhmannschen Theorie nahestehenden Ansatz besondere Bedeutung zukommt.
Jarg Bergold (Berlin) stellte das Netz der psychosozialen Versorgung als vernetztes System dar.
Ein Nachmittag der Herbstakademie war dem umfangreichen Projekt "psychologische Synergetik" der Veranstalter und ihrer Kollegen in Bamberg (Günter Schiepek, Peter Kaimer, Bernd Fricke), Tübingen (Ewald Johannes Brunner, Wolfgang Tschacher), Fribourg (Michael Reicherts) und Hamburg (Arno Schöppe) vorbehalten.
Diese Gruppe von Psychologen wandte sich insbesondere Möglichkeiten zur empirischen Erforschung der Selbstorganisation in sozialen Systemen zu, wobei die Ansatzpunkte durchaus unterschiedlich waren: die Methoden, die entwickelt wurden, umfassen die Ableitung physiologischer und räumlicher Masse ebenso wie den Einsatz von Kategorien- und Zeichensystemen bei der Erforschung von Therapieprozessen, schematheoretische Ansätze zu Transkriptauswertungen und die computergestützte Protokollierung in Planspielen.
Eine besondere, und wie sich abzeichnete, wachsende Bedeutung kommt auch im klinisch-psychologischen Feld den Simulationsmethoden zu. Zur Einleitung in diesen Themenschwerpunkt referierte Hermann Haken (Stuttgart) über die Modellierung psychischer Phänomene mit Hilfe der Synergetik; diese, als substratunabhängige Theorie, "hätte auch in der Psychologie entstehen können". Als Beispiel für synergetische Prozesse dienten Mustererkennung und Musterbildung (Bewegungsmuster, Muster des mimischen Verhaltens, Gestaltwahrnehmung).
Die folgenden Beiträge - in der Regel mit Demonstrationen am Computer verbunden - gaben einen Überblick zum Stand der Simulationsmethode im Feld: beschrieben wurde die Simulation des Kollusionskonzeptes nach Willi durch ein populationsdynamisches Modell (Jürgen Kriz); die Simulation einer Depressionsentwicklung mittels eines Produktionssystems wurde demonstriert (Harald Schaub, Berlin, und Günter Schiepek); Felix Tretter (München), Günter Schiepek und W. Schoppek (Bayreuth) modellierten Schizophrenieverläufe ebenfalls als Populationsdynamik; eine Simulation der Regulation sozialer Distanzen mit einer Dimensionsanalyse eines chaotischen Verlaufs stellte Wolfgang Tschacher vor; Hansjörg Znoj (Bern) berichtete über seinen Ansatz, Kommunikation durch neuronale Netzwerke zu implementieren; B. Ambühl (Bern) schliesslich diskutierte empirische Verläufe von Psychosen auf chaostheoretischer Grundlage.
Den Abschluss der Tagung stellten die Referate von Eva Maria Schepers (Bremen) und Wolfgang Krohn/ Gerd Küppers (Bielefeld) dar; Schepers berichtete von einem geplanten Projekt zum Thema weiblicher Biorhythmen und Psychosomatik; Krohn und Küppers referierten über die Konstruktion von Forschungsergebnissen ("Erkenntnis als soziale Eigenlösung").
Wem diese kurze Zusammenfassung nach sehr viel und dichtgedrängter Tagungsarbeit klingt, der mag einen zutreffenden Eindruck von dieser Herbstakademie gewonnen haben. Dennoch herrschte eine entspannte und anregende Atmosphäre, zu der das Bamberger Ambiente und ein umfassendes Rahmenprogramm (einschliesslich eines Empfangs durch den Oberbürgermeister im barocken Rathaus) beitrug. Auch hatten die Veranstalter darauf hingearbeitet, dass Teilnehmerzahl und Zeitplan fruchtbare Diskussionen nach Art eines Workshops erlaubten.
Die Herbstakademie machte deutlich, dass eine wachsende Zahl wissenschaftlich arbeitender Psychologen die Theorie dynamischer Systeme und Selbstorganisationsforschung als eine wichtige Bereicherung ihrer Disziplin betrachten. Einiges spricht dafür, dass dies auch die Richtung sein wird, die systemisches Denken in der Klinischen Psychologie bündeln und auf den Begriff bringen kann. Hierin und in der geforderten Empirisierung dieses Forschungsprogramms liegt die bedeutende Aufgabe der Herbstakademie, der sie nach dem gelungenen Auftakt in Bamberg gerecht zu werden verspricht.
Das bedeutet aber dennoch zunächst nicht, dass damit die unterschiedlichen epistemologischen Ansätze gegenstandslos würden; so waren zwar dynamische Begriffe wie "Ordnungsparameter", "Attraktorenlandschaft" und "Chaos" usw. durchaus geläufig - ob damit allerdings mehr als eine metaphorische Sprechweise bezeichnet ist, bleibt vorläufig umstritten. Die Grenzlinie zwischen hermeneutischer und naturwissenschaftlicher Wissenschaftsauffassung, die schon immer (notwendig?) mitten durch die Psychologie führte, entsteht neu in der Diskussion um ein konstruktivistisches oder naturwissenschaftliches Verständnis der Synergetik.
Ein Sammelband mit Texten, die auf den Beiträgen der Herbstakademie basieren, wird in Bälde in der Synergetik-Reihe des Springer-Verlags erscheinen (Tschacher, Schiepek & Brunner, in Vorbereitung).
zurück zu Symposien