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Die Schuhcrème
Aber sicher erinnere ich mich. Besonders an diesen schwarzen Löwen. Ernest, mein älterer Bruder aus erster Ehe, hat sich in der Rolle des Dandy gefallen. Er studierte pro forma Altphilologie, hatte eine präzise Hand für den Queue, und mit dem schwarzen Löwen polierte er seine Lackschuhe, dass er sich drin spiegeln konnte, wenn er im Salonwagen an den Spieltisch nach Monte Carlo dampfte. Dank seines Staminas kam er oft mit Gewinnen heim, aber nicht immer.
Der Erste Weltkrieg sollte für Ernest wie für die gesamte Belle Époque – diese schillernde Epoche des bürgerlichen Übermuts – ein Ende von Etwas bedeuten. Von einem der letzten Auftritte des Traumtänzers Vaslav Nijinskys in Paris kehrte Ernest bis auf die Unterwäsche pleite zurück. Dulce et decorum est pro patria mori, brüstete er sich mit einem Vers des Horaz und stellte sich dem Dienst an der Front. Süss und ehrenhaft ist es, fürs Vaterland zu sterben. Aus Verdun kam dann per Post ein Umschlag mit Ernests zerbrochenem Grabstein. Oh, dieser schwarze Löwe in seiner wahren Gestalt. Eine Handgranate hatte Ernests Leib zerfetzt.
Text: Markus Maeder
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