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„Wie ein kleiner Piranha!“
Der Fachbeitrag über den Einfluss unserer Sprachmuster auf die Wahrnehmung und das Verhalten von Müttern.
Wenn Krankenhaus- oder Pflegepersonal sich negativ oder kritisch zu dem Trink- oder Schlafverhalten des Babys äußert, zweifeln Mütter öfter daran, ob das Stillen den Bedürfnissen ihres Babys gerecht wird.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt das ausschließliche Stillen als optimale Ernährung für Säuglinge. Die meisten Babys werden anfangs gestillt, doch die Quote gestillter Säuglinge nimmt in den ersten Wochen und Monaten rapide ab. In Australien beispielsweise werden 96% aller Säuglinge anfangs gestillt. Nach nur einem Monat liegt die Quote vollgestillter Babys noch bei 61%, bei 39% mit 3 Monaten und reduziert sich mit dem Alter von 5 Monaten weiter auf 15%.
Die Gründe, warum Frauen aufhören zu stillen, sind vielfältig. Zu ihnen zählen Schmerzen, Anpassungsschwierigkeiten, mangelnde Unterstützung, der geplante Wiedereinstieg in den Beruf oder die Sorge, nicht genug Milch zu haben und den Bedürfnissen des Babys nicht gerecht werden zu können.
Die Selbstverständlichkeit, mit der eine Frau stillt, kann durch das Trinkverhalten ihres Babys und die wahrgenommene Menge und Qualität ihrer Milch beeinflusst werden.
Viele Mütter suchen in den ersten Tagen nach der Geburt Rat bei Ärzten und Hebammen um deren Einschätzungen und Tipps zu hören.
In einer breit angelegten Studie in New South Wales, Australien konnte festgestellt werden, dass die teilweise negative Sprache, die Gesundheitsexperten verwenden um das normales Trinkverhalten des Neugeborenen zu beschreiben, alles andere als hilfreich ist. Denn wenn die Interpretationen des Verhaltens des Babys durch Fachkräfte negativ ausfallen, entstehen bei der Mutter schneller Zweifel, ob das Stillen den Bedürfnissen ihres Babys entspricht.
Die Sprachmuster, die verwendet werden um das Baby zu beschreiben, sind bedeutend. Frauen, die das Stillen als belastend empfinden oder Zweifel an der Ergiebigkeit des Stillens haben, neigen in der Konsequenz eher dazu, früh abzustillen.
Das Baby ist schuld?
In der Zeitschrift Maternal and Child Nutrition wurde die Studie veröffentlicht, die die Interaktionen zwischen 77 Müttern und 36 Hebammen und StillberaterInnen in der ersten Woche nach der Geburt auswertete. Die Untersuchung wurde in zwei verschiedenen Krankenhäusern in New South Wales, Australien durchgeführt und einige der Frauen und Hebammen wurden anschließend separat interviewt.
In der Studie zeigte sich, dass sich Pflegekräfte häufig bemühten, die Verantwortung für Stillschwierigkeiten von der Mutter wegzunehmen. Doch statt dessen wurden die Stillschwierigkeiten auf das Verhalten des Babys zurückgeführt. Schwestern und Hebammen bezeichneten Babys dann zum Teil als unruhig, wenn sie an der Brust weinten oder nicht effizient saugten. Oft wurden diese Babys als ungeduldige Kinder angesehen, denen es an der Brust nicht schnell genug gehen konnte.
Andere Babys wurden wiederum als „trinkfaul” bezeichnet, wenn sie nicht lange genug saugten, an der Brust einschliefen oder pro Stillmahlzeit scheinbar nicht genug Muttermilch aufnahmen.
Insbesondere in den ersten Wochen nach der Geburt, so das Fazit der Studie, nahmen die Pfleger auf der Wöchnerinnenstation und die Hebammen die Rolle des „Säuglings-Dolmetscher” ein. Sie agierten als Sprachrohr für die mutmaßlichen Gedanken und Bedürfnisse der Babys.
Den Müttern wurde dadurch auch suggeriert, dass Babys bewusst entscheiden, ob sie hinsichtlich des Stillens mit ihrer Mutter kooperieren möchten oder nicht.
Die mehrheitliche Auffassung war, dass das Baby die Aufgabe hatte, zu stillen. Babys, die nach Meinung des Pflegepersonals gut mit dem Stillen kooperierten und ihre “Job” richtig durchführten, wurden als “gut”, “clever” und “smart” bezeichnet.
Anders fiel die Beurteilung aus, wenn die Fachkräfte der Ansicht waren, dass das Baby „entschied“, nicht gut zu kooperieren. Dann verwendeten sie negative Begriffe, um das Stillverhalten und das Baby zu beschreiben. Das Stillverhalten von Babys die als unruhig und “unkooperativ” empfunden wurden, wurde als “anstrengend”, “fordernd” und “gierig” beschrieben. Sie galten als ungeduldige Babys, denen die Milch nicht schnell genug fließt.
Diese Art von wiederholenden negativen Interpretationen und Bewertungen des Trinkverhaltens des Babys führen unterbewusst auch bei den Müttern zu dieser Einschätzung.
Das folgende Beispiel demonstriert sehr gut, wie die Sprache, die Pflegepersonen benutzen, die Sicht von Müttern beeinflussen kann: Eine Mutter wandte sich an die Hebamme im Krankenhaus und berichtete von wunden Brustwarzen. Die Hebamme antwortete ihr: „Ihre Brustwarzen sind ein wenig empfindlich, denn sie sind es nicht gewöhnt, alle 5 Minuten einen kleinen Piranha an Ihrer Brust zu haben.“
Wenige Wochen später interviewte Elaine die Mutter zuhause. Sie bat sie, die Anfänge ihrer Stillbeziehung zu beschreiben. Die Mutter sagte: „Mit dem Ansaugen war es so, dass sie wie ein Piranha war…“. Das eigene Neugeborene mit einem wilden und gefräßigen Tier zu vergleichen, kann eine nachhaltige Auswirkung auf die Stillbeziehung haben.
Mutter und Baby lernen
Die Studie ergab, dass es sich positiv auf die Sprache und die mütterliche Interpretationen des Stillverhaltens auswirkte, wenn Pflegekräfte die Mutter und das Baby als zwei gleichwertige Partner in einer wechselseitigen Beziehung betrachteten. In dieser Beziehung wurde das Kind mit seinen Instinkten anerkannt. Beiden wurde die Zeit gegeben, das Stillen zu erlernen.
In Zeiten, in denen Frauen selbst eine negative Sprache zur Beschreibung ihrer Babys verwendeten, konzentrieren sich Hebammen idealerweise auf die Beziehung und fördern eine andere Interpretation und Sprachmuster. Eine das Stillverhalten positiv interpretierende Sprache ermöglichte es Müttern eher und schneller, sich auf ihre Babys und deren Bedürfnisse einzulassen. Denn sie können sie als normal einkategorisierten und brauchen sich keine Gedanken zu machen, ihrem Baby nicht zu genügen.
In einem Beispiel aus der Studie interpretierte eine Mutter ihr Baby als “einen störrischen kleinen Scheißer“, der „sich nicht entscheiden kann“. Die Hebamme half der Mutter, in dem sie den Fokus auf eine positivere Betrachtungsweise des Babys verlagerte: “Er ist einfach noch nicht ganz fertig”, sagte sie, und „gönnt euch beiden ein wenig mehr Haut-an-Haut Kontakt“.
Wenn es darum geht, Frauen zu ermutigen, zu stillen, ist eine achtsame und einfühlsame Sprache sehr wichtig. Denn die Sprache kann die Mutter-Kind Beziehung nachhaltig positiv oder negativ beeinflussen. Sie sollte deshalb immer darauf abzielen, die Mutter-Baby-Beziehung zu stärken und nicht zu untergraben. Und sie sollte der Mutter helfen, sich ganz auf ihr Baby einzulassen, indem sie das normale Verhalten des Neugeborenen als richtig und wichtig identifiziert.
Aus dem Englischen übersetzt mit freundlicher Genehmigung von Dr. Elaine Burns, Western Sydney Universität. Originaltext: „Like a piranha: how midwives’ descriptions of breastfeeding affect women’s attitudes“