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Classement thématique série 1848–1945:
V. CHEMIN DE FER DU GOTHARD
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Mein Freund!
Von meinem Unwohlsein, das mich mehrere Tage ans Bett fesselte, wieder hergestellt, will ich nicht mehr länger zögern, Deinen Privatbrief vom 11. diess2. zu beantworten. Vorerst erkläre ich mich mit Deiner Auffassung unserer Eisenbahnverhältnisse u. Deiner und meiner Stellung zu denselben ganz einverstanden. Doch, fürchte ich, wird dieser Versuch, Preussen selbst zur Initiative zu veranlassen, den gewünschten und wünschbaren Erfolg nicht haben. Ich glaube fest, Preussen halte, solange Süddeutschland noch ausserhalb dem norddeutschen Bunde steht, seine Interessen bei unserer Alpenbahnfrage nicht für engagirt genug, um sich zu Initiative u. zu Opfern bestimmen zu lassen, umso weniger, als seine Finanzlage eine sehr gespannte zu werden beginnt.
Gleich nach Erhalt Deines Briefes wollte ich beim Italienischen Gesandten Grafen de Launey in Erfahrung zu bringen suchen, ob er bereits hierauf bezügliche Instruktionen erhalten; es gelang mir aber nicht, ihn zu treffen. Dagegen hatte ich an einem Hofballe eine Unterhaltung mit dem Finanzminister v. der Heydt, der, ohne durch mich veranlasst zu sein, mit mir über dieser Alpenbahnfrage sich in ein Gespräch einliess, dessen Inhalt kurz folgender war: Die Schweiz müsse zur Alpenüb erschienung selbst entschieden die Initiative ergreifen. Wenn einmal das Land selbst durch seine Regierung die Sache an die Hand genommen, die Wahl des Passes getroffen, so werde das Capital für die Unternehmung leicht zu gewinnen sein. Übrigens werde die Frequenz so gross sein, dass sich das Unternehmen selbst rentiren müsse.
Ich war über diese Auffassung der Dinge allerdings nicht wenig erstaunt u. suchte ihm, in finanzieller, politischer u. legislatorischer Beziehung, die uns besser bekannten Schwierigkeiten der Sache klar zu machen. Er wurde aber dann durch andere Gespräche in Anspruch genommen u. sprach sich über eine angedeutete Betheiligung Preussens noch in folgendem Sinn aus:
Er glaube nicht, dass Preussen zu einer materiellen Betheiligung sich herbeilassen werde, in dem es auch seine Bahnen ganz aus eigenen Mitteln gebaut habe usw.
Ich werde nächster Tage vielleicht Anlass haben, die abgebrochene Unterhaltung wieder aufzunehmen. Ich schloss aus der Art u. Weise, wie Minister v. d. Heydt die Unterhaltung führte, folgendes:
1. dass er einen äusseren Anlass hatte, etwa bereits eingelangte Mittheilungen des Hr. v. Röder, diese Unterhaltung mit mir zu suchen.
2. dass er noch nicht dazu gelangt, der Frage für Preussen auch eine politische Seite abzugewinnen.
3. dass er offenbar über die Sache nicht genügend unterrichtet ist.
V. d. Heydt ist auch vorwiegend Finanzfachminister, u. in politischen Angelegenheiten wohl zumeist der Leitung Bismarks folgend. Dieser aber ist, abgesehen von seinem körperlichen Befinden, das ihn immer noch nöthigt, nur wenig Besuche anzunehmen, schwer zugänglich, den Diplomaten nur für wichtige bestimmte Geschäfte u. Tagesfragen, gar nicht für sog. blosse politische Conversationen. Alle bisherigen geschäftlichen Abmachungen meinerseits geschahen mit Hr. v.Thile (auswärtiges Amt) u. Hr. Delbrück (Bundeskanzleramt). Mit Bismark selbst conversirte ich erst einige Male in Gesellschaften. Ich werde aber nicht ermangeln, sobald ich bestimmten Auftrag von Dir erhalte, oder ich aus sonstigen Gründen den Zeitpunkt für passend erachte, bei Bismark eine Audienz zu verlangen, um die Angelegenheit in dem von Dir angedeuteten Sinne mit ihm gründlich zu besprechen. Inzwischen werde ich mich mit den italienischen u. badischen Gesandten, soweit es die mir vorgezeichnete private Stellung erlaubt, ins Benehmen setzen, um zu erfahren, inwieweit die betreffenden Regierungen in der von Dir angedeuteten Richtung vorgehen.
Was den zweiten Punkt Deines Briefes betrifft, so habe ich hierüber eine Unterredung mit Hr.v.Thile gehabt. Obgleich derselbe früher nicht gerade als ein besonderer Freund des Hr. v. R. galt, so sprach er sich doch dahin aus: der König seymitHr. v.R’s Geschäftsführung so sehr zufrieden, zudem wünsche Hr. v. R. ja selbst auch, an seinem jetzigen Posten zu bleiben, und auch von Schweizerischer Seite werde ja immer die Beibehaltung dieses Gesandten befürwortet, dass von einer Versetzung gar nicht die Rede sey.
Hr. v. Thile ersuchte mich auch, diese seine Eröffnung als ganz zuverlässig Dir mitzutheilen. Hr. v. Röder hat übrigens durch seinen Schwiegersohn in dieser Beziehung aus dem auswärtigen Amt bereits schon vollständige Beruhigung erhalten.
Herr v. Winterfeld habe ich bereits dreimal besucht, davon 2 mal schon vor Erhalt Deines Briefes. Leider konnte er mich nie empfangen oder war ausgegangen. Dagegen hat er mich selbst besucht u. sahen wir uns wiederholt in Gesellschaft. Er war sehr artig u. verbindlich gegen mich, u. trachtete ich auch meinerseits ihm solches zu sein u. hoffe auch, wenn einmal der erste Taumel der Besuche u. Einladungen vorbei ist, in ein recht freundschaftliches Verhältniss zu seiner Familie zu treten.
Habe die Güte, mich bei Hr. G. v. R. u. seiner Familie in freundliche Erinnerung zu bringen. Ich lasse ihn herzlich für all’das Freundschaftliche danken, das er mir gethan. Seine Empfehlungsschreiben an Militärs werde ich im Verlaufe nächster Woche abgeben. Ich arbeite gegenwärtig auch am politischen Bericht u. denke denselben morgen abgeben lassen zu können.
Empfanget Du und Dubs meine herzlichsten Grüsse.
Dein B. Hammer
Grüss auch H. Oberst Hofstetter & Feiss.