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In Zürich hatte am Sonntag eine seltsame Misch-Oper Premiere: Jean Philippe Rameaus (1683-1764) «Platée», ein «Ballet bouffon» mit acht Tänzerinnen und Tänzern, zwölf Sängerpartien und einem grossen Chor. Das Publikum liess sich begeistern.
In unseren Breitengraden ist der französische Barock wenig bekannt. Auch ist der Name Rameaus hauptsächlich mit seinen musiktheoretischen Schriften verbunden, seine Opern kommen erst in jüngster Zeit wieder zum Vorschein. Umso erstaunlicher war der ausserordentliche Erfolg, den das Opernhaus Zürich vor vier Jahren mit der Produktion von Rameaus «Hippolyte et Aricie» hatte. Schon damals dirigierte die französische Barockspezialistin Emmanuelle Haïm und Jetske Mijnssen führte Regie.
Der Wunsch des künstlerischen Erfolgsduos
Nun war es der Wunsch dieses künstlerischen Erfolgs-Duos, mit «Platée» ein Spätwerk Rameaus auf die Bühne zu bringen. Am Opernhaus Zürich stand ihnen das dafür notwendige Zweispartenhaus für Oper und Ballett zur Verfügung. Rameau komponierte dieses «Ballet bouffon» für die Hochzeitszeremonie des Dauphins vom Versailler Königshaus, und die Franzosen lieben es bekanntlich sinnlich und üppig. Entsprechend gross ist der Besetzungsaufwand.
Mit Platée – in Zürich von einem Mann, Mathias Vidal, gespielt – wird ein grausames, aber für das Publikum vergnügliches Spiel gespielt. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Toni Suter)
Platée ist der Name einer hässlichen Sumpfnymphe, die sich selber aber unwiderstehlich findet. Sie verliebt sich schnell, kann aber nirgends landen. Da entschliessen sich die Theaterleute aus ihrer Umgebung, sie zu blamieren. Sie erfinden ein neues Theaterstück, in dem der höchste Gott Jupiter Platée vorgaukeln soll, sie zu lieben und zu heiraten. Und dies nur, um seine ständig keifende Gattin Juno eifersüchtig zu machen. Es ist ein grausames Spiel mit den Gefühlen der Platée, die an Jupiters Liebe glaubt und zum Schluss dem Gelächter aller ausgeliefert ist.
Ein Mann singt die weibliche Hauptpartie
Regisseurin Jetske Mijnssen hat sich für ein konkretes Theater im Theater entschieden. Platée ist bei ihr ein Mann, der Souffleur des Hauses, der gerne zur echten Theaterwelt gehören möchte. Zuerst verliebt er sich in den Korrepetitor (Satyre / Cithéron), dann in den Startänzer (Jupiter), der sich plötzlich für sie zu interessieren scheint. Dass ein Mann als hässliche Nymphe auftritt und sich ständig in Männer verliebt, ist anfangs noch gewöhnungsbedürftig. Doch was der Tenor Mathias Vidal im Laufe des Abends aus dieser komischen Figur macht, ist einfach hinreissend.
Szenenbild mit Mathias Vidal als Platée und Ensemble.
Vidal hat die Partie der Platée bereits einmal gesungen, in Toulouse. Er ist denn auch – neben Tania Lorenzo als Amor – der Einzige, der in Zürich nicht sein Rollendebüt gibt. Für diese Hauptpartie braucht es eine hohe agile Tenorstimme, einen sogenannten «Haute-contre», der aber kein Countertenor ist. Kommt dazu, dass die Partie sehr fordernd ist: Der ganze Abend dreht sich um Platée. Sie singt ständig, und Rameau fordert von ihr hohe rhythmische Agilität und viele farbliche Nuancen.
Fest der barocken Stimmen
Mathias Vidal singt hauptsächlich in einem weissen Ballett-Röckchen, das man ihm in der Tanztruppe für die Begegnung mit Jupiter übergezogen hat. Das sieht zwar komisch aus, doch Vidal gewinnt die Sympathie des Publikums, indem er immer weicher wird, auch musikalisch. Die plötzlichen Selbstzweifel, dann wieder das zaghafte Strahlen, wenn die Kronleuchter für ihn scheinen. Vidal singt diese Schwankungen mit feinsten Schattierungen und einer weichen, innigen Höhe.
Überhaupt ist diese Produktion in Zürich ein Fest der barocken Stimmen. Der Tenor Nathan Haller singt und spielt den Merkur mit hellem schalkhaftem Timbre. Quirlig überdreht ist der brillante Auftritt von Mary Bevan als übertreibende «La Folie“, und die Mezzo-Sopranistin Katja Ledoux gibt der streitlustigen Juno auch stimmlich ein markantes Profil.
Viel Tiefgang hat die Geschichte nicht, ist aber ein grosser Spass.
Die Geschichte wirkt zwar etwas gar einfältig, doch Rameaus Musik ist mitreissend, harmonisch üppig und ausdrucksstark. Emmanuelle Heïm kennt Rameaus Opern zwar gut, doch die komödiantische «Platée» dirigiert sie in Zürich zum ersten Mal. Es ist eine hoch komplexe Partitur. Wie sie die Truppe bei den ständigen Rhythmuswechseln und den zum Teil horrenden Tempi präzise zusammenhält, ist grosse Klasse. Klare Akzente, ausdrucksstarke Harmoniewechsel und die dramaturgische Stringenz machen den Abend zu einem musikalischen Genuss.
Fliessender Übergang von Tanz und Gesang
So gelingt es auch, Ballett und Operngesang stimmig zu verbinden. Das Bühnenbild von Ben Baur zeigt eine Theaterwelt mit Garderoben und Ballettstangen, dem entsprechen auch die Kostüme von Hannah Clark. Und man staunt, wie gut sich einzelne Sänger tanzend einfügen in die Ballett-Truppe: so etwa Evan Hughes als Startänzer Jupiter, Alasdair Kent als Thespis oder die Sopranistinnen Anna El-Kashem als Clarine/Thalie und Tania Lorenzo als Amor.
Platée wird zwar ausgelacht – hier vom Opernchor Zürich – aber er gewinnt die Sympathie des Publikums.
Die Choreografie von Kinsun Chan passt denn auch gut ins dramaturgische Geschehen. Die fliessenden Übergänge in der Musik werden auf der Bühne grossartig umgesetzt. Wirkungsvoll sind auch die Auftritte des grossen Chores, der Platées übersteigerte Selbstliebe hämisch kommentiert. Hier bringen die farbenfrohen Kostüme in der sonst eher etwas karg wirkenden Ausstattung eine willkommene Abwechslung.
Der Abend war geprägt von einer hohen Präsenz des Orchestra La Scintilla, und Emmanuelle Heïm führte die riesige Besetzung dramaturgisch feinfühlig durch diese irrwitzige Musik. Das Zürcher Publikum liess sich auch diesmal von Rameau hell begeistern.
Weitere Aufführungen: 12, 15, 21, 30 Dez. 10, 12, 14, 16 Jan 2024