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Tief in dieser 1,80 Meter grossen, glamourösen Frau gibt es ein kleines Mädchen, das sich fragt: «Bin ich gut genug?» Die Frage treibt Michelle Obama an. Als Erstklässlerin stolpert sie bei einem spielerischen Lesetest über das Wort «white». Weil sie Angst hat, von der Lehrerin abgestempelt zu werden, «als jemand, der nichts zustande bringt», fordert sie am nächsten Tag eine Wiederholung: Und beim zweiten Mal schafft sie es, alle Wörter richtig vorzulesen. «Ja, ich bin gut genug!», will Michelle LaVaughn Robinson sich beweisen. Später wird sie nicht nur mit ihren eigenen Erwartungen konfrontiert, sondern auch mit denen von Millionen anderer.
Die ehemalige First Lady der USA, heute 54 Jahre alt, hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Zwei Jahre nach dem Auszug aus dem Weissen Haus erzählt sie, wie es kam, dass sie dort überhaupt landete. Das interessiert: Am ersten Tag verkaufte sich «Becoming» bereits 725 000 Mal.
Der Praktikant, der die Unordnung brachte
Ihre Geschichte beginnt im Süden Chicagos, wo sie mit «wenig Geld und viel Liebe» aufwächst. Der Vater wartet für die Stadtwerke Boiler und Pumpen und tut das auch dann noch, als er wegen seiner multiplen Sklerose kaum mehr laufen kann. Die Mutter kümmert sich um den Haushalt und kennt «den Unterschied zwischen Jammern und echtem Elend». Mit ihrem Bruder Craig teilt Michelle sich ein Zimmer, getrennt durch eine dünne Holzwand. Das Leben der Familie ist regelmässig und geordnet. So mag Michelle Obama es auch heute noch – eigentlich.
Die Unordnung kommt in der Gestalt eines jungen Praktikanten in ihr Leben. Zu diesem Zeitpunkt hat Michelle Robinson schon erreicht, was sie sich vorgenommen hatte: Sie ist in Princeton und Harvard gewesen, Rechtsanwältin geworden und arbeitet nun in Chicago bei einer renommierten Kanzlei im 47. Stock eines Gebäudes, in dem die Lifte «geräuschlos nach oben gleiten». Sie trägt ein Armani-Kostüm und hat ein Abo bei einem Weinhändler. Erst später wird Michelle Robinson merken, dass sie sich vielleicht den einen oder anderen «Schlenker» hätte erlauben können. Dass sie ihr Ziel, Anwältin zu werden, vor lauter Zielstrebigkeit nie infrage stellte. Gemäss ihrem inneren Plan hat sie zwar alles richtig gemacht, trotzdem fühlte sie sich leer. «Ich hasste es, Anwältin zu sein.»
«Auf einmal war alles klar»
Eine ihrer Aufgaben in der Kanzlei ist die Betreuung des Sommerpraktikanten. Er sei «aussergewöhnlich», heisst es auf den Gängen, noch vor seinem ersten Arbeitstag. Michelle ist skeptisch. «Meiner Erfahrung nach brauchte man irgendeinen halbwegs intelligenten schwarzen Mann nur in einen Anzug zu stecken, und schon flippten die Weissen aus.» Und dann kommt dieser Praktikant an seinem ersten Tag auch noch zu spät, das hätte Michelle Robinson sich nie erlaubt.
Trotzdem freundet sie sich mit dem drei Jahre älteren Jura-Studenten namens Barack Hussein Obama an. Sie gehen häufig miteinander mittagessen, und nach einigem Zögern gibt Michelle nach und geht mit Barack aus. Bei einer Kugel Eis küssen sie sich zum ersten Mal. «Und auf einmal war alles klar.»
Klar ist, dass sich zwei sehr unterschiedliche Menschen ineinander verliebten. Michelle liebt es, sich gründlich vorzubereiten und To-do-Listen abzuarbeiten. Sogar ihren ersten Kuss mit einem Jungen namens Ronnell hatte sie im Voraus am Telefon organisiert. Barack hingegen lässt die Dinge auf sich zukommen, fühlt sich im Chaos wohl und glaubt an das Unmögliche. Er kommt ihr vor «wie ein Windstoss, der drohte alles durcheinanderzuwirbeln».
Sie wird angefleht, als Präsidentin zu kandidieren
Wenige Jahre später hat dieser Windstoss das Paar ins Weisse Haus getragen. Er, der erste afroamerikanische Präsident. Sie, die erste afroamerikanische First Lady. Michelle Obama ist bereits daran gewöhnt, dass sie einen vielbeschäftigten Mann hat und sich selbst um ihre Erfüllung kümmern muss. Ihre Karriere als Anwältin hatte sie schon vorher aufgegeben und in Chicago die Öffentlichkeitsarbeit eines Spitals geleitet. Soziales Engagement interessierte sie mehr als die juristische Karriereleiter. Auch als First Lady setzte sie sich für diese Anliegen ein, besuchte verwundete Soldaten und ermutigte Kinder zu gesunder Ernährung.
In Amerika scheint Michelle Obama heute beliebter zu sein denn je. In den Talkshows, in denen sie ihr Buch bewirbt, wird sie umarmt und gefeiert. Und beinahe angefleht: Sie solle doch bitte 2020 kandidieren und Präsidentin werden. Doch ein solches Amt kommt für Michelle Obama nicht infrage. «Ich war nie eine grosse Freundin der Politik.» Sie ist zufrieden mit der Arbeit für ihre wohltätigen Stiftungen. Ausserdem vermisse sie das Leben im Weissen Haus nicht, in dem man nicht einmal kurz ein Fenster öffnen kann, um zu lüften.
Künstliche Befruchtung und Ehetherapie
In «Becoming» gibt Michelle Obama Intimes preis: Die beiden Töchter Malia und Sasha kamen mithilfe von künstlicher Befruchtung zur Welt. Barack und sie gingen eine Zeit lang zur Ehetherapie, weil sie sich von ihm vernachlässigt fühlte. Auch Donald Trump kritisiert sie, aber ohne Gehässigkeit.
Was sie nicht thematisiert: warum sie als erste schwarze First Lady acht Jahre lang ihre Haare glättete. Erst vor wenigen Tagen zeigte sie sich auf einem Magazincover erstmals mit ihren natürlichen krausen Locken. Vielleicht wären diese wilden Haare doch zu provokant gewesen für die amerikanische Bevölkerung. Nun, da sie keine First Lady mehr sein muss, kann sie sich so zeigen, wie sie ist. Jetzt wissen ja alle, dass sie gut genug ist.