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Die Velofahrt in die Strassenschlucht führt zur Begegnung mit Feriengästen aus St. Gallen
Wenn terrain vague das Brachland ist mit all seinen Möglichkeiten, ohne Umsetzung im Dienste von Wirtschaft, Verkehr oder was auch immer: Dann ist die Strassenschlucht zwischen Fischermätteli und Ausserholligen, Bümpliz sowie Köniz das pure Gegenteil eines terrain vague.
In alle Richtungen ist das Gebiet zudefiniert mit Strassen, Unter- und Überführungen, Tramtrassees, Bahngeleisen, Autobahn-, Tram- und Strassenbrücken. Auf dem Berner Stadtplan ist es eine der grössten Flächen ohne Quartier- oder Ortsangabe. „Bümpliz Unterführung“ kommt der Sache fast am nächsten, obwohl die Tramhaltestelle schon jenseits der Strassenschlucht liegt. Nach dreissig Jahren gelegentlicher Durchquerung mit allen Verkehrsmitteln in alle Richtungen kann ich die Strassenführung noch immer nicht entwirren. Verkehrstrennung nannte man das: „Mit diesem Begriff wurde in der Nachkriegszeit die Durchsetzung des Anspruchs des Motorfahrzeugverkehrs auf den zentralen Strassenraum bezeichnet. 1938 sah man beispielsweise für die am stärksten befahrenen Strassen die Notwendigkeit von separaten Velowegen kommen. Allerdings fehlte damals noch die Finanzierung dafür. Dann beendete der Zweite Weltkrieg fürs Erste diese Pläne. Seit den 1950er-Jahren wurde nun aber die Verkehrstrennung zur wichtigsten Leitlinie sowohl der Strassen- als auch der Städteplaner. Elemente der Verkehrstrennung waren Strassenmarkierungen, Velowege, Trottoirs, die konsequente Verbannung der Fussgänger aus dem Strassenbereich, Unter- und (seltener) Überführungen und schliesslich auch richtungsgetrennte Fahrbahnen.“ Dieser Text in der „Strassengeschichte des Kantons Bern vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart“ ist treffend mit einem Foto des Autobahn-Anschlusses Bümpliz Süd von 1977 illustriert. Wie eine monumentale Schichtung wurden seither weitere Verkehrstrennungen hinzugefügt, jüngst sind es die Velowege, bei welchen ich mich immer wieder verfahre, da sie quer zur Autostrasse verlaufen, wobei man je nach Ziel doch wieder in der Strassenschlucht landet.
Es ist ein Ort ohne Resonanz, nur einem unmittelbaren Zweck, dem Verkehr, bestimmt. Möglichkeiten gibt es keine, man kann nicht verweilen. Doch so unfassbar für mich diese in Beton gegossene Verkehrstrennung ist, packt mich jedes Mal die Vorstellung, dass diese Schlucht in ferner Zukunft vielleicht nicht mehr so existiert, dass die vermeintlich effiziente Funktionalität der Strassen und Brücken aufgehoben ist. „Urbanität entsteht da, wo die Trennung zwischen lebendigen und leblosen Objekten in der Schwebe bleibt. Wie das aussehen könnte, zeigen uns Hausbesetzungen bis heute“ (Philippe Koch, WoZ 1.7.2021).
Kurz nach der Tramstation „Bümpliz Unterführung“ sehe ich drei junge Frauen in einer kleinen Seitenstrasse am Boden sitzen. „Bist du wegen der Graffiti hier?“ Sie sind von der nahen Kita und haben Mittagspause. Auf dem Rückweg schaue ich mir die Graffitis näher an, in einer Unterführung tatsächlich junge Menschen mit Spraydosen. Auch auf der anderen Seite der Strassenschlucht sind zwei junge Männer unter einer Brücke am Sprayen. „Wir sind aus St. Gallen, verbringen hier unsere Ferien, schauen in der ganzen Schweiz wo es Platz zum Malen hat.“ Offenbar ist der Ort erst vor kurzem frei gegeben worden, erst langsam spricht sich das herum. Unvermittelt erwacht ein Teil der Schlucht zum Leben, und in der Ferne zeichnet sich das terrain vague der Möglichkeiten ab.
15.7.2021
Thomas Göttin