Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/304

Ein Wirbelbruch ist eine Fraktur von einem Wirbelkörper in der Wirbelsäule. Die Wirbelsäule setzt sich aus 24 freien Wirbeln zusammen, die über Bandscheiben miteinander verbunden sind. Dazu kommen einige Wirbel, die fest miteinander verwachsen sind und das Kreuzbein und Steissbein bilden. Zum Bruch eines Wirbelkörpers kommt es meist durch einen Unfall oder Sturz oder aufgrund von Knochenschwund im Alter, der sogenannten Osteoporose.
Bei Wirbelbrüchen unterscheidet man grundsätzlich pathologische Frakturen (aufgrund von Osteoporose oder einem Tumor) und traumatische Frakturen (aufgrund eines Unfalls oder eines Sturzes). Die Osteoporose ist dabei die häufigste Ursache für Wirbelbrüche, insbesondere im Alter und in Verbindung mit äusserer Krafteinwirkung. Jedoch kann es bei osteoporotischen Knochen auch schon bei alltäglichen Aktivitäten spontan zu Wirbelbrüchen kommen. Traumatische Frakturen sind im Verhältnis eher selten und vor allem bei jüngeren Patienten festzustellen. Insbesondere Stürze aus grosser Höhe oder Verkehrsunfälle können eine Verletzung der Wirbelsäule verursachen.
Im Alter kommt es generell zu einer Abnahme der Knochensubstanz. Ist diese überproportional gross, spricht man von Osteoporose. Bei Osteoporose nimmt die Festigkeit des Knochens zunehmend ab. Dadurch kommt es leicht zu Knochenfrakturen. Etwa 7 % der Männer und 20 % der Frauen leiden ab dem 50. Lebensjahr an Osteoporose. Zusätzlich leiden ein Drittel der Frauen und Männer ab 50 unter Osteopenie, einer Minderung der Knochendichte, die eine Vorstufe der Osteoporose sein kann.
Die häufigsten Fakturen bei Osteoporose sind Wirbelbrüche hervorgerufen durch Bagatelltraumen wie Husten oder das Heben schwerer Lasten. Am meisten betroffen sind dabei die Wirbel der Brust- oder Lendenwirbelsäule. Hier kommt es zu einem Einbrechen der Grund- und Deckplatten (Fischwirbel) oder der vorderen Wand des Wirbelkörpers (Keilwirbel) und somit zu unterschiedlichen Fehlstellungen der Wirbelsäule. Diese führen zu Fehlbelastungen und Bewegungseinschränkungen. Typisch ist die zunehmend vornüber gebückte Haltung der Patienten (Kyphosierung).
Die Frakturen teilt man in stabile und instabile Frakturen ein. Ein instabiler Wirbelbruch betrifft auch die Hinterwand des Wirbelkörpers und kann zu einer Kompression des Rückenmarks oder der Nervenwurzeln mit neurologischen Ausfällen führen.
Oft ist das einzige Symptom eines Wirbelbruchs im Alter der plötzlich auftretende Rückenschmerz, der auch in das Gesäss, die Flanken oder den Brustkorb (Thorax) ausstrahlen kann. Diese Symptome werden häufig auch als «Hexenschuss» fehlgedeutet. Erst bei mehreren Fakturen und zunehmender Fehlstellung der Wirbelsäule kommt es zu einer sichtbaren Buckelbildung oder Grössenabnahme. Sollte die Fraktur zusätzlich zu einer Quetschung des Rückenmarks oder der Nerven führen, können auch ausstrahlende Schmerzen auftreten. Ausserdem kann es dann auch zu neurologischen Ausfällen kommen.
An erster Stelle der Abklärung steht eine ausführliche Anamnese der Beschwerden und gegebenenfalls des Unfallhergangs. Darüber hinaus sind jedoch auch Informationen zu Lebensgewohnheiten und Begleiterkrankungen sowie Medikamenteneinnahme wichtig, da einige Medikamente und viele Grunderkrankungen mit einem erhöhten Osteoporoserisiko einhergehen.
Bei der körperlichen Untersuchung liegt das Augenmerk auf der Körpergrundhaltung, dem Gangbild und dem Allgemeinzustand des Patienten. Zusätzlich bestehen oft ein ausgeprägter Klopfschmerz der Wirbelsäule und ein axialer Stauchungs- oder Kompressionsschmerz. Kommt es durch den Wirbelbruch zu einer Einengung von neuralen Strukturen, können zusätzlich neurologische Ausfallerscheinungen bestehen wie Lähmungen oder sensible Defizite.
Sollte sich in der Anamnese und klinischen Untersuchung der Verdacht auf einen Wirbelbruch ergeben, muss dieser weiter abgeklärt werden. Dafür wird ein Röntgenbild im Stehen angefertigt. Zusätzlich sind eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT oder MRI von engl. Magnetic Resonance Imaging) sehr hilfreich, um die Beschaffenheit des Bruchs und das Alter der Fraktur einzuschätzen.
Bei allen Patienten mit Verdacht auf einen osteoporotischen Wirbelbruch sollte zusätzlich eine Knochendichtemessung erfolgen. Standard ist die Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA). Weiterhin sollten die tägliche Kalziumzufuhr sowie andere Laborwerte überprüft werden. Dies sind wichtige Voraussetzungen für die Therapie und Prävention weiterer Knochenbrüche.
Die meisten Wirbelbrüche im Alter können konservativ behandelt werden. Oft sind die Frakturen sehr schmerzhaft und benötigen eine gute Abdeckung mit Schmerzmedikamenten (Analgetika). Zusätzlich können Physiotherapie und Rumpforthesen eingesetzt werden. Eine frühe Mobilisation ist wichtig, um Begleitkomplikationen zu vermeiden. Wirbelbrüche sind oft hartnäckig und können bis zu drei Monate Schmerzen verursachen. Dies vor allem deshalb, weil eine komplette Ruhigstellung der Wirbelsäule, wie zum Beispiel beim Arm im Gips, nicht möglich ist.
Bei allen konservativen Behandlungen sollten während des Ausheilens der Fraktur regelmässige Röntgenkontrollen der Wirbelsäule durchgeführt werden, um ein weiteres Fortschreiten der Fraktur und insbesondere ausgeprägte Fehlstellungen des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts nicht zu verpassen.
Zusätzlich sollte eine Osteoporose frühzeitig und gezielt behandelt werden. Durch entsprechende Osteoporosemedikamente kann der Knochenabbau gehemmt und weiteren Frakturen vorbeugt werden. Des Weiteren sollte auf eine ausreichende Kalziumzufuhr geachtet werden. Dies kann meistens durch medikamentöse Substitution gewährleistet werden. Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Osteoporose hat auch die körperliche Aktivität. Bewegung und Sport erhalten die Knochenmasse und senken das Frakturrisiko.
Eine operative Therapie des Wirbelbruchs ist in gewissen Fällen ratsam. Prinzipiell gibt es zwei Indikationen, die für eine operative Therapie sprechen:
- eine unzureichende Schmerzreduktion durch die konservative Therapie.
- instabile oder fortschreitende Frakturen, die mit einer deutlichen Verformung der Wirbelsäule einhergehen
Die operative Therapie muss immer zusätzlich zu der konservativen Therapie durchgeführt werden. Zur operativen Behandlung des Wirbelbruchs reicht meistens eine Zementaugmentation aus. Dabei wird der frakturierte Wirbelkörper mit Zement aufgefüllt, um ihn von innen zu stabilisieren und ein Fortschreiten des Bruchs zu verhindern.
Es gibt dafür zwei Verfahren, die unterschiedliche Anwendungsbereiche haben:
- Vertebroplastie
Bei der Vertebroplastie wird unter Röntgenkontrolle eine Hohlnadel durch die Haut in den Wirbelköper eingebracht. Über diese Nadel wird anschliessend der Wirbelkörper mit Knochenzement aufgefüllt. Dies hat eine Schmerzreduktion zur Folge und verhindert ein weiteres Zusammenbrechen des Wirbelkörpers.
- Kyphoplastie
Bei der Kyphoplastie handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Vertebroplastie. Hier wird zuerst über die Hohlnadel ein Ballon in den Wirbelkörper einbracht und kontrolliert aufgeblasen, um den frakturieren Wirbelkörper aufzurichten. Anschliessend wird der so entstandene Hohlraum mit Knochenzement aufgefüllt.
Bei instabilen Frakturen ist eine Zementaugmentation alleine meistens nicht ausreichend. Hier muss oft zusätzlich eine Stabilisierung des Wirbelkörpers mit Hilfe eines Schrauben- und Stabsystems erfolgen. Der Zugang kann oft minimalinvasiv und perkutan (durch die Haut hindurch) erfolgen. Sehr selten ist eine operative Versorgung der Fraktur von vorne oder seitlich notwendig.
Sollte der Wirbelbruch zu einer Kompression des Rückenmarks oder anderer neuraler Strukturen führen, muss oft notfallmässig eine Dekompression erfolgen, um den Druck auf Rückenmark und Neven zu nehmen und so neurologischen Ausfällen vorzubeugen.
Die neurochirurgische Klinik am Inselspital pflegt eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen konservativen Fachdisziplinen, so dass eine umfangreiche Diagnostik und gezielte konservative Therapie möglich sind. Wir haben ein erfahrenes Spezialistenteam für die Behandlung von Wirbelbrüchen und kontrollieren unsere Patienten auch engmaschig weiter.
Sollte eine Operation notwendig sein, greifen wir auf unsere mikrochirurgische Expertise zurück und können den Patienten meistens mit minimalinvasiven Eingriffen helfen. Hier arbeiten wir eng mit der Klinik für Neuroradiologie zusammen. In unserem chirurgischen Alltag am Inselspital setzen wir die neuesten intraoperativen Techniken wie die intraoperative Navigation und Computertomografie ein, um eine möglichst schonende effektive Operation durchzuführen.
-
Blattert TR, Schnake KJ, Gonschorek O et al. Nonsurgical and Surgical Management of Osteoporotic Vertebral Body Fractures: Recommendations of the Spine Section of the German Society for Orthopaedics and Trauma (DGOU). Global Spine J. 2018;8:50S-55S.
-
Schnake KJ, Blattert TR, Hahn P et al. Classification of Osteoporotic Thoracolumbar Spine Fractures: Recommendations of the Spine Section of the German Society for Orthopaedics and Trauma (DGOU). Global Spine J. 2018;8:46S-49S.
-
Zwingenberg S et al. Klassifikation und Therapieempfehlung der osteoporotischen Wirbelkörperfraktur. Die Wirbelsäule 2019;3:217-235