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Die Auseinandersetzung mit der Weiblichkeitskonstruktion im Mittelalter beginnt in der mediävistischen Forschung erstmals in den späten siebziger Jahren auf. Diese Ansätze haben sich zu einer Forschungsrichtung entwickelt, den „Gender-Studies“, die auch an der Universität Zürich einen eigenen Studienschwerpunkt bilden.
Es erstaunt nicht, dass die Untersuchungen im Rahmen der Gender Studies und der feministischen Literaturwissenschaft die Frage nach dem Schweigen der Frauen in der mittelalterlichen Literatur stellen. Es hat sich das Schlagwort der "Frau ohne Stimme" etabliert, da die mittealterlichen Zeugnisse, die man zur Bestimmung weiblicher Selbstbefindlichkeit heranziehen könnte, meistens fiktionale Texte sind.
Die Trobairitz der okzitanischen Kultur, - das weibliche Gegenstück zu den Trobadours -, stellen in mancher Hinsicht ein einzigartiges, aber auch ein ziemlich begrenztes Phänomen in der mittealterlichen Literatur dar. So sind z.B. in Mitteleuropa keine weiblichen Minnesängerinnen bekannt. Die Blütezeit der Trobairitz beginnt im 12. Jahrhundert und geht mit dem 13. Jahrhundert zu Ende. Insgesamt repräsentieren ihre Texte etwa 5% der überlieferten Trobadourdichtung.
Eine Überprüfung der realen Existenz dieser Frauen ist jedoch nicht in allen Fällen möglich. Eine bedeutende Rolle in der Rekonstruktion der Biographien der Trobairitz spielt die Archivforschung. Aber es haben nur einige wenige Frauen schriftliche Dokumente hinterlassen.
Es ist sicherlich lobenswert, dem "schwachen Geschlecht" eine Stimme verleihen zu wollen. Dennoch muss festgehalten werden, dass die engagierte Frauenbewegung durch die Vernachlässigung des subtilen Unterschiedes zwischen féminité génétique und féminité textuelle die zur Verfügung stehenden Quellen öfters schlecht verwendet, wenn nicht sogar missinterpretiert hat. Dies führte unweigerlich zum Schluss, dass ein Großteil der Gedichte mit einem weiblichen lyrischen Ich tatsächlich Frauen zuzuschreiben sei, die historisch existiert hatten. In diesem Kontext also erscheint in den Handbüchern zur provenzalischen Literatur eine gespenstische Gestalt: es handelt sich um die "Trobairitz" Alamanda. Die angebliche Trobairitz Alamanda ist bekannt als Gesprächspartnerin von Giraut de Bornelh, dem mestre dels trobadors (Meister der Troubadours). In der Tenzone S'ie-us quier conseill, bell'ami'Alamanda (PC 12a=242.69) dichtete sie in demselben Stil wie ihr gewandter Mestre.
Es geht um das heikle Problem, ob diese Alamanda als eine real existierende, eigenständige Dichterin gelten darf oder ob sie lediglich eine von Giraut geschaffende fiktionale Rolle darstellt.
Sie sei eine gebildete Jungfrau nicht allzu hohen gesellschaftlichen Ranges gewesen und habe im Dienste einer noblen Dame aus der Gascogne gestanden. Alamanda sei in der Gefolgschaft von Giraut aktiv gewesen, dessen Schülerin sie möglicherweise gewesen sei.
In der tenzone ist Alamanda eine Art “schlaue Magd”, die von Giraut um Rat gefragt wird, wie er sich verhalten soll, um das Herz der “dompna truanda” wiederzugewinnen, in deren Diensten Alamanda steht. Hören wir die ersten Strophen der Tenzone:
S’ie•us quier conseill, bell'ami'Alamanda,
No•l mi vedetz, qu'om cochatz lo•us demanda!
Que so m'a dich vostra dompna truanda
Que loing sui fors issitz de sa comanda
Que so que•m det m'estrai er'e•m desmanda.
Que•m cosseillatz?
C'a pauc lo cors totz d'ira no m'abranda,
Tan fort en sui iratz.
Per Dieu, Giraut, ies aissi tot a randa
Volers d'amic noi•s fai ni noi•s garanda!
Car si l'uns faill, l'autre conve que blanda,
Que lor destrics no cresca ni s'espanda.
E s’ela•us ditz d'aut poi que sia landa,
Vos la•n crezatz,
E plassa vos lo bes e•l mals que•us manda!
C'aissi seretz amatz.
[Wenn ich euch um Rat bitte, schöne Freundin Alamanda, so verweigert ihn mir nicht, da ein bekümmerter Mann euch darum fragt;
denn dies hat mir eure betrügerische Herrin gesagt,
daß ich mich weit von ihrer Botmäßigkeit entfernt habe, und so entzieht sie mir und widerruft was sie mir gab; wozu ratet ihr mir?
Denn beinahe verzehrt sich mein Herz vor Kummer,
so sehr bin ich darüber bekümmert].
Die Tenzone Giraut/Alamanda hat einen aussergewöhnlichen Nachahmer in Bertran de Born gefunden. Dieser hat in seinem politischen Sirventes D’un sirventes no-m cal far loignor ganda nicht nur dasselbe metrische Schema angewendet, sondern auch die Reime und die Melodie übernommen. In seinem Sirventes gibt Bertran de Born, natürlich ungefragt, König Richard Löwenherz einen Rat. Nicht ohne Ironie zitiert Bertran in den Versen 25-26 seine Vorlage: Conseill vuoill dar el son de N'Alamanda // auf die Melodie von Frau Alamanda willl ich einen Rat geben... Die Melodie, die metrische Struktur und auch einige thematische Elemente von Bertrans Sirventes wurden von der Tenzone von Giraut übernommen. Und meiner Meinung nach ist es klar, dass mit "el so de N'Alamanda" gemeint ist wohl das Geräusch des Heers des deutschen Kaiser, Friedrich Rotbart.
Während der Friedensvermittlungen König Heinrichs zwischen seinen Söhnen, welche im Januar 1183 stattfanden, wendete sich Bertrand von Born in seiner bitteren Satire „D'un sirventes no-m chal') gegen Jung Heinrich, da dieser mittlerweile die Sache der Rebellen verlassen hatte. Der Troubadour spottet über den jungen König, weil er seinen Zorn gegen Richard auf Befehl seines Vaters aufgegeben habe, verhöhnt ihn wegen seiner Untätigkeit, vergleicht ihn einem Könige der Lumpen, weil er kein eigenes Land habe und von anderen wegen seines Lebensunterhaltes abhänge. Schließlich wünscht Bertrand, daß Graf Gottfried der Älteste der Familie wäre, denn dieser sei wenigstens ein echter Ritter.
In der Vergangenheit haben viele Kritiker die Tenzone Giraut-Alamanda als fiktiv kategorisiert, z.B. Martin de Riquer, der einen Text mit der lapidaren Bemerkungen einleitet: "Es evidente que todo el debate es obra de Giraut de Bornelh". Seit den 70er Jahren hat diese Einschätzung geändert. Vor allem die Tatsache, dass Bertran de Born auf die Melodie (son) der ursprünglichen Tenzone Giraut-Alamanda Bezug nimmt, hat andere Forscherinnen und Forscher, im Speziellen Angelika Rieger, zur Annahme bewegt, dass Alamanda (die Bertran nicht mehr als donzela sondern bereits als Domna bezeichnet) nicht nur Dichterin, sondern auch die Verfasserin der Musik der Tenzone mit Giraut sein könnte. Ich zitiere:
«Die respektvolle Anrede Na+Alamanda legt vielmehr nahe, dass die Dame Alamanda von Bertran nicht nur als Ko-Autorin Girauts de Bornelh, sondern sogar als selbständige Verfasserin der Melodie der tenso angesprochen wird.»
Auf der Suche nach einer konkreten Gestalt hinter dem weiblichen Namen Alamanda und einem historischen Hintergrund zu verleihen beharrte Rieger darauf, dass es sich bei Alamanda der Trobairitz aus "namenstechnischen" Gründen um eine Dame der einflussreichen provenzalischen Familie Alaman gehandelt haben müsse. Rieger ist der Ansicht, dass (ich zitiere): «Vu l'essor des Alaman depuis le milieu du XIIe siècle, il nous semble improbable, voire impensable, qu'à cette époque, dans la région de Toulouse, un troubadour eût créé une interlocutrice fictive du nom d'Alamanda».
Sie folgert daraus, dass die Trobairitz mit Alamanda de Castelnau identifiziert werden könnte, die 1223 starb und deren Grabinschrift Mitte des 19. Jhr in der Kathedrale von Toulouse entdeckt wurde. Die entsprechenden bibliographischen Hinweise können Sie dem Handout entnehmen. Die regelmäßig erfolgenden mehrfachen historischen Anspielungen im Sirventes von Bertran de Born erlauben, das Lied auf Anfang Januar 1183 zu datieren (s. G. Gouiran, L’oeuvre de BdB, Aix-en-Provence/Marseille 1985, S. 203-218). Wenn man zwischen dem ironischen Zitat von Bertran und der ursprünglichen Tenzone Giraut/Alamanda eine gewisse Zeitspanne annimmt, kann man für letztere das Jahr 1175 annehmen.
Erst kürzlich, 1999, hat Aileen Ann MacDonald, welche zwar erwähnt, dass die Existenz einer Trobairitz mit dem Namen Alamanda sowohl von Frank Chambers als auch von François Zufferey ernsthaft in Frage gestellt wurde, implizit die These von Rieger übernommen und ihrerseits suggeriert: «if Alamanda is indeed a woman, she opens up new vistas on the trobairitz" und abschließend gemeint: "For the moment, however, we have but reopened the question of the tenso women, for surely more needs to be said on the subject».
Ich habe mich in meinen Arbeiten mehrmals eingehend mit der Wandelbarkeit des Konzepts des Autors im Mittelalter auseinandergesetzt und dabei manchmal einen eher neo-positivistischen Ansatz gewählt. Ich gebe zu, dass mich die von Angelika Rieger vorgeschlagene Identifizierung fasziniert hat. Da ihr Vorschlag sich sehr entschieden und resolut in die Debatte um die historische Existenz einer speziellen Trobairitz einmischte, die sich in der Tenzone von Giraut vom Klischee der gegenüber dem Trobador höherrangigen Midons verabschiedet, um in die bescheidene Rolle der Gesellschafterin, einer provenzalischen Brangane zu schlüpfen. Da ich bei allen historisch-philologischen Angelegenheiten einen interdisziplinären Ansatz anzuwenden gewöhnt bin, wollte ich jedoch alle Informationen überprüfen, über die wir verfügen:
1. Angelika Rieger geht davon aus, dass Alamanda zur Familie der Alaman gehört, auch wenn sie selber schreibt : «il sera difficile de savoir quelle aurait pu être la place exacte de la trobairitz Alamanda dans la généalogie des Alaman: car les femmes sont absentes dans le cartulaire de la famille jusqu'au milieu du XIIIe siècle... Toujours est-il qu'effectivement Alamanda aurait pu être une soeur de Doat Alaman, née comme lui vers 1160». Ich zitiere weiter Rieger: «Die Herren von Alaman erreichten den Höhepunkt ihrer Macht erst Anfang des 13. Jahrhunderts mit Doat und Sicart Alaman, die als geschätzte Ratgeber der lezten Grafen von Toulouse beträchtlichen politischen Einfluss genossen. Etwa zu Doats Zeiten muss auch die Partnerin Girauts de Boernelh gelebt haben. (...) Altersmässig könnte Alamanda eine gegen 1160 geborene Schwester Doat Alamans gewesen sein».
2. Sie identifiziert diese Alamanda mit der Dame, von der noch heute ein Epigraph existiert (vormals in der Kathedrale von Sankt Stefan in Toulouse, heute im städtischen Museum von Toulouse)
Was kann man dem Epitaph entnehmen? Wenn man die Abkürzungen auflöst, liest man Folgendes:
AN(N)O : D(OMI)NI : M° : CC° : XX[°] : III[°] : VI° : K(A)L(ENDAS) : IANV/ARII : OBIIT : D(OMI)NA : ALAMANDA : DE C/ASTRO : NOVO : VXOR : (CON)DAM : W[ILLELM]I : DE : CA/STRO : NOVO : MILITI[S] : CANONICA : ECC(LESI)E : / SAN[C]TI : STEPHANI : CVI(VS) : A(N)I(M)A : RE/Q[VI]ESCAT IN : PACE : AMEN (Toulouse, musée des Augustins, galerie d’épigraphie médiévale, n° 10 (inventaire : Ra 431) = C.I.F.M. 1982 (7), n° 66, p. 108-109, et fig. 71, pl. XXXV).
Das heisst: «Im Jahre des Herrn 1223, dem 6. der Kalenden des Januars (d.h. dem 27. Dezember nach unserer Zeitrechnung), starb Dama Alamanda de Castelnau, Gattin des Guglielmo di Castelnau, Ritter, Kanonisse der Kirche des Heiligen Stephan. Auf dass ihre Seele in Frieden ruhe. Amen»
Wie Sie sehen, schmücken 5 Wappen das Epitaph, 2 davon (oben links und rechts) tragen das Kreuz von Toulouse, die 3 übrigen eine dreitürmige, zinnenbewehrte Burg.
Aus der Analyse dieses Epitaphs folgert A. Rieger – ich zitiere – : «Die das Epitaph begleitenden Wappen belegen, dass Alamanda de Castelnou zur Familie der Alaman gehört haben muss, legen jedoch auch eine enge Verbindung mit den Grafen von Toulouse nahe».
Es muss präzisiert werden, dass Castelnau ein sehr geläufiger Ortsname ist: Die Bezeichnung Castrum Novum oder Castellum Novum sowohl im Norden als auch im Süden, im Osten und im Westen der Region des Languedoc vor. Eine der ältesten Familien von Castelnou, ist die der Barone von Randon, die im Gevaudan im Landkreis Mende ansässig war.
Des weiteren seien die bekanntesten Familien von Castelnau erwähnt, die jedoch, und das muss betont werden, in keinem Verwandtschaftsbezug zueinander standen: die Familie von Castelnau de Lévis, begründet von Sicard Alaman, von der Angelika Rieger annimmt, dass ihr die Alamanda des Epitaphs angehörte und zuletzt die Familie der Castelnau d'Estrefonds aus (der Haute Garonne).
Ist es möglich, dass Alamanda de Castelnou (de Lévis, wie Rieger folgert) mit den Grafen von Toulouse verwandt ist? Das toulous’sche Kreuz auf dem Epitaph jedenfalls veranlasste Rieger dazu, auch ihren kürzlich erschienenen Artikel über Alamanda mit "une trobairitz dans l'entourage des comtes de Toulouse” zu betiteln. Und dürfen wir des weitern annehmen, dass Alamanda, gemäß dem Zeugnis der Tenzone (von der, das dürfen wir nicht vergessen, die ganze Recherche über die historische Identifizierung der Trobairitz ausgeht), die Gesellschafterin einer einflußreichen Dame aus der Gascogne war? Erlauben Sie mir, die weiteren Schlussfolgerungen von Angelika Rieger über das Leben der Trobairitz Alamanda wegzulassen, Schlussfolgerungen, die sich auch aufgrund der Giraut de Bornelh gewidmeten razo ergeben haben.
Der Grund, warum ich es nicht für nötig halte, die Analyse der mutmasslichen Biographie der mutmaßlichen Trobairitz Alamanda de Castelnau weiter zu vertiefen, ist einfach: 1909 wurden im Garten des Presbyteriums der Kathedrale von Toulouse die Überreste eines Brunnens wiedergefunden, darunter eine Platte mit einer Inschrift wiedergefunden, die auf das Jahr 1270 zurückgeht, und deren Vergleich mit dem erwähnten Epigraph lohnenswert ist:
Die Auflage bildet eine Platte (0,37 m x 0,30 m x 0,10 m ca.) aus pyrenäischem grauem Marmor des Typs «Saint-Béat ». Die beschriftete Oberfläche scheint leicht abgenutzt; Überreste von Mörtel finden sich auf der Vorder- und Hinterseite, sowie auf den Gesängen
Der Text besteht aus 10 Zeilen, von denen die ersten beiden durch drei kleine, mit Strichen gravierte und verzierte Wappenschilder eingerahmt und unterbrochen werden. Auf den seitlichen Rückenschildern ist ein Schloss mit drei Türmen abgebildet, während auf dem mittleren Wappenschild ein Kreuz von Toulouse zu erkennen ist. Die Inschrift besagt:
«Im Jahre 1270 des Herrn, 1270, am 7. des Monats September, hat Pierre de Castelnau diesen Brunnen anfertigen lassen, Ritter, Bürger von Toulouse, zu Ehren Gottes und der Heiligen Jungfrau Maria und zu Ehren aller Menschen und auch für die Erlösung ihrer Sünden».
Die paleographischen Lettern entsprechen denen, die gravierte Inschriften in Toulouse und der umliegenden Region zwischen dem Ende des 11. und dem Ende des 14. Jahrhundert üblicherweise aufweisen. Die Schrift ist in ihrer Gesamtheit sehr gepflegt und gleichmäßig und ähnelt darin derjenigen des Epitaphs von Alamanda de Castelnau. Die Buchstaben sind recht klein und in grösserem in einigem Abstand angeordnet. Es sind einige linguistische Besonderheiten hervorzuheben :
die Auslassung von die nach der Angabe des Monatstages (Zeile 2), welcher im Genitiv steht (mensis septembris, 1. 2-3), was die Leseweise von « 1277 » als Jahrgang ausschließt;
eine Vertauschung der Buchstaben in Tohlose (1. 6) ;
eine südländische Schreibweise homnium für omnium (Zeile 8) ;
ein grammatikalisch falscher Ausdruck homnium humanum generum (1. 8-9) statt omnis humani generis.
Pierre von Castelnau gehörte dem in Toulouse ansässigen Zweig der Familie an, der auf Pierre Guillaume Peltort zurückgeht (...1163-1170...), den Sohn von Bernard Raymond (...1116-1162...). Dieser war einer von drei Brüdern, die anfangs des 12. Jahrhunderts den Schutz und die Verteidigung des Hospitals Saint-Rémy und seiner Kirche sicherstellten. Nach 1163 haben die Nachfahren von Pierre Guillaume Peltort den Namen Castrum novum von Estrétefonds angenommen (einem Ort, der im Kant. Fronton, Bezirk Toulouse, Haute-Garonne liegt). Zu diesen Nachfahren gehörte auch der Sohn von Pierre Guillaume Peltort, der Ritter Aymerix, „der Älteste“ oder „Prudhomme“ genannt, dem der Graf von Toulouse, Raymond VI, im Jahr 1213 Castelnau überliess.
Als jüngster Sohn von Aymeric de Castelnau und seiner Gattin Constance erscheint Pierre von Castelnau von Estretefonds in den Dokumenten das erste Mal im Jahre 1222, als Zeuge einer Amtshandlung des Konsuls von Toulouse. Zwischen 1255 und 1270 wurde er als Ritter und Ratgeber des Konsuls, der ihn als noblen und klugen Menschen charakterisierte, mehrmals als Botschafter zum Grafen Alphonse de Poitiers geschickt. Er war Zeuge verschiedener Amtshandlungen von Konsulen und der dritte der 62 Standespersonen aus Toulouse, die aufgerufen waren, am 5. Februar 1286 die Wahrhaftigkeit der schriftlichen Version der Sitten und Gebräuche der Stadt zu bestätigen, die am nachfolgenden Tag durch die Vertreter des Königs Philip III dem Kühnen verkündigt wurde.. Pierre selbst war Konsul in den Jahren 1258-1259, 1273 ( ?), 1275 und 1288-1289. Er muss zwischen 1290 und 1300 in hohem Alter gestorben sein.
Die Familie von Castelnau von Estretefonds trug das Wappen « d’azur au château d’or à trois tours, donjonné », das von Rückenschildern mit dem aufgesetzten Kreuz der Grafen von Toulouse begleitet wurde. Es ist dasselbe, das sich auch auf dem Epitaph von Alamande de Castelnau befindet, der Witwe des gräflichen Vogts von Toulouse, Guillaume de Castelnau († v. 1190), und Tante von Pierre de Castelnau, der am 27. Dezember 1223 gestorben ist. In den Annalen der Stadt Toulouse (Annales de la ville de Toulouse, par Barnabé Farmian Durosoy, ed. Duchesne, 1772) sind ausserdem zahlreiche Ritter verzeichnet, die der Familie von Castelnau d’Estretefonds angehörten und die das Amt von capitouls oder von städtischen Magistraten innehatten. Der Begriff leitet sich ab von Capitole, dem Versammlungsort. Diese Wiederentdeckung schließt demzufolge als erstes aus, dass die Edelfrau Alamanda des Epitaphs – mit dem Rieger die mutmaßliche Tobairitz identifiziert hat – zur Familie der Castelnau de Levis gehört hat. Vor allem wird aber die Verwandtschaft mit den Grafen von Toulouse ausgeschlossen, wie Rieger angenommen hatte. Das Kreuz der Stadt Toulouse in den beiden Inschriften bezeugt einzig und allein die Bedeutung der Rolle der Familie der von Castelnau von d’Estretefonds im öffentlichen Leben von Toulouse. Die Alamanda im Epitaph ist die Herrin von Castelnau d’Estretefonds, weil sie Guillaume de Castelnau geehelicht hat. Sie ist nicht die Schwester von Doat Alaman de Lévis.
Über ihre Abstammung wie auch über ihre Jugend wissen wir gar nichts. Ich würde dennoch, sowohl aus chronologischen, als auch aus biographischen Gründen ausschließen, dass diese Dame eine Trobairitz war. Der Gatte von Alamanda von Castelnau d’Estretefonds, Guillelmus de Castronovo, ist in den Jahren 1180-81 als capitoul erwähnt, er war viguirer im Jahre 1184. Ausserdem belegen zwei Akten aus den Jahren 1218 und 1231 einen Aimeri (Aimericus), Sohn von Guillaume de Castelnau und von Alamanda als einen Capitoul von Toulouse.[1]
Was die historischen Fakten in unserem Fall tatsächlich beweisen ist, dass es Fehler ist, die Anspielungen auf weibliche Figuren in den von männlicher Hand geschriebenen dichterischen Texten als Beweis für die reale Existenz von Dichterinnen anzuführen. Denn die den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Verfügung stehenden Quellen sind ausschließlich Texte literarischer Natur, und nicht notarielle lateinische Urkunden oder Epitaphen, in denen generische Namen von Frauen erscheinen. Aber eine Hypothese muss man so lange für möglicherweise wahr halten, bis sie widerlegt ist.Alamanda scheint nichts anderes zu sein, als die Materialisierung und Personifizierung einer spezifischen poetischen Funktion, ein weibliches Gegenstück zu Giraut.Dass dieses Gespräch ein fingiertes sei, das wird, scheint mir, durch V. 39 ganz ausser Frage gestellt: Einen besseren Rat - sagt Giraut - erteilte Dame Berengiera, als Ihr mir damit gab. Von dieser Dame schreibt Rieger: Na Berengiera ist bisher nicht identifiziert. Aber ich habe gefunden, dass eine katalanische Legende von einer Dame Berengiera erzählt, die den Vorstoß der Mohren Armee einfach mit der rhetorischen Kunst verhindert hätte. Dame Berengiera und Dame Alamanda sind einfach Stereotype!
PDF
[1] La commune de Toulouse et les sources de son histoire (1120-1249), a c. di Roger Limouzin [Cartulaire du bourg et Cartulaire de la cité (Archives municipales de Toulouse: AA1 et AA2)] Ihre Abfassung erfolgte 1205 durch den Notar Guillaume Bernard.
Histoire générale de Languedoc, Hrsg. Claude de Vic, Claude de Devic, Jean-Joseph Vaissete