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Als Havel und Dürrenmatt im GDI Geschichte schrieben
Im November 1990 nahm der tschechische Freiheitskämpfer Václav Havel am GDI den «Gottlieb Duttweiler Preis» entgegen. Die Laudatio von Friedrich Dürrenmatt sorgte für Aufruhr. Ein Rückblick.
Am 22. November 1990 trafen im GDI zwei herausragende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts aufeinander. Der tschechoslowakische Ministerpräsident Václav Havel empfing an jenem Tag den «Gottlieb Duttweiler Preis», der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt hielt die Lobrede. Havel wurde für seine Verdienste als ehemaliger Dissident und Autor in der sowjetisch kontrollierten Tschechoslowakei geehrt, aber auch für seine Rolle als Versöhner nach der Samtenen Revolution 1989, in deren Zuge das Land unabhängig und demokratisch wurde und dessen erster Präsident Havel war.
Als Schriftsteller, der jahrelang gegen das kommunistische Regime in seinem Heimatland gewirkt hatte, war Havel zu weltweiter Achtung geraten. So war es konsequent, dass zu seiner Preisverleihung in Rüschlikon einer der grössten Schweizer Autoren die Preisrede hielt. In «Die Schweiz, ein Gefängnis» lobte Dürrenmatt den Mut und den Freiheitskampf des Menschenrechtlers Havel. Gleichzeitig verglich er die Schweiz – vor einem hochkarätig besetzten Publikum inklusive Bundesräten – mit einem Gefängnis, dessen Bewohner zugleich Wärter und Gefangene seien: Die Schweiz als Volk von Kleinbürgern, das dafür sorge, dass sich nichts ändere. Mit Blick auf die bevorstehende 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft monierte der Schriftsteller, das Land wisse nicht, ob es das Gefängnis oder die Freiheit feiern solle. Darum «feiern wir mal wieder die Unabhängigkeit», sprach Dürrenmatt mit einer Anspielung auf die noch nicht aufgearbeitete Rolle der Schweiz im zweiten Weltkrieg.
Höhepunkt der politischen Schweizer Literatur
Die Rede dämpfte die Festlaune der Anwesenden offenbar sehr: Jedenfalls war es «den prominenten Gästen nicht mehr zumute, beim anschliessenden Umtrunk mit dem Schriftsteller anzustossen», berichtete das «Bieler Tagblatt». Der Zürcher «Tages-Anzeiger» zeigte Bewunderung für den Autoren, der die «vermeintlichen Stützen der Gesellschaft» verärgert hatte. Als «skandalös» und «unerhört» sollen die Gäste am Buffet die Rede laut dem «Thalwiler Anzeiger» beurteilt haben. Das Blatt beschrieb Dürrenmatts Rede als «Gemisch launisch-groteskskurriler Gedanken». In Erinnerung sollte die Ansprache nicht nur in der Schweiz bleiben: Die «Süddeutsche Zeitung» druckte sie ab und brachte die Diskussion so auch ins deutschsprachige Ausland.
Für Dürrenmatt war Havels Laudatio der letzte öffentliche Auftritt. Seine «Gefängnisrede», die er im Goittlieb Duttweiler Institut hielt, ist nicht nur ein Höhepunkt der politischen Schweizer Literatur, nicht nur das staatskritische Vermächtnis ihres grossen Autoren, sondern auch schlicht eine fesselnde Rede. Urteilen Sie selbst: