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Quelle: CH Media Video Unit
Das «Unwohlsein» der Gäste, die sich beschwert hatten, hatte mit der «Thematik ‹Kulturelle Aneignung›» zu tun, wie die Genossenschaft mitteilte. Diese Thematik – auch hierzulande meist mit dem englischen Begriff «Cultural Appropriation» bezeichnet – sorgt zuverlässig und regelmässig für aufgeregte Diskussionen. Aber was bedeutet «Cultural Appropriation» eigentlich und woher kommt die Begrifflichkeit?
Was ist «Cultural Appropriation»?
Wenn weisse Menschen Dreadlocks tragen – was besonders bei Anhängern der Rastafari-Kultur verbreitet ist – müssen sie damit rechnen, dass ihnen «Cultural Appropriation» vorgeworfen wird. Der erwähnte Fall in Bern ist ein Beispiel dafür. Doch die übernommene Frisur ist im Grunde kein wirklich geeignetes Beispiel für das, was «Cultural Appropriation» tatsächlich meint. Es gibt verschiedene Definitionen dafür. Das «Cambridge Dictionary» definiert kulturelle Aneignung («cultural appropriation») als die Handlung, Dinge einer Kultur zu verwenden oder zu entnehmen, die nicht die eigene ist. Vor allem ohne zu zeigen, dass man die Kultur verstanden hat oder respektiert. Dabei bleibt offen, wie dieses Verständnis und der Respekt zu zeigen sind.
Beim «Oxford Dictionary» heisst es, kulturelle Aneignung sei, die Handlung, Gewohnheiten oder Traditionen einer bestimmten Kultur oder Gruppe zu kopieren oder zu nutzen, durch jemanden, der einer dominanteren oder mächtigeren Gruppe innerhalb der Gesellschaft angehört. Damit sind in der Regel Weisse gemeint. Allerdings wird bei beiden Definitionen nicht klargestellt, wann eine Kultur einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden kann, sodass diese als eigene Kultur betrachtet werden kann.
«Cultural Appropriation» im eigentlichen Sinne hat also immer mit Machtverhältnissen, Hierarchien und Respekt zu tun. Sie ist abzugrenzen vom kulturellen Austausch zwischen Partnern, die sich auf Augenhöhe befinden. Nicht-Japaner, die Kimonos tragen, fallen daher eher nicht in diese Kategorie, und auch die Musiker der Band «Lauwarm» dürfte der Vorwurf wohl zu Unrecht treffen – sie haben die Rastafrisur kaum in ausbeuterischer oder respektloser Weise übernommen.
Welche Arten von «Cultural Appropriation» gibt es?
In der Vergangenheit lag der Fokus vor allem darauf, dass weisse Menschen für sie schöne, passende oder als cool empfundene Elemente aus traditionell schwarzen oder indigenen Kulturen nutzten, etwa Tätowierungen, Henna-Bemalungen, Dreadlocks, Musikstile wie Reggae und Hip-Hop, Stoffe und Kleidung aus diesen Kulturen. Adele oder Lady Gaga beispielsweise fielen mit Flechtfrisuren auf, die ihren Ursprung in schwarzen Communitys haben.
Kulturelle Aneignung kann demnach mehrere Formen haben, und es können sich Angehörige aller Kulturen bei anderen bedienen, wobei das nicht immer negativ konnotiert ist. Kulturelle Aneignung findet demnach nicht nur statt, wenn Menschen, die vorrangig weissen Kulturen angehören, Elemente schwarzer oder indigener Kulturen nutzen, sondern auch umgekehrt, wie das «RedaktionsNetzwerk Deutschland» schreibt.
Woher kommt der Begriff?
Der Begriff wurde erstmals in einem Aufsatz von Arthur E. Christy aus dem Jahr 1945 erwähnt. Frühe Hinweise auf «Cultural Appropriation» im modernen Sinn finden sich in dem 1979 erschienenen Buch des Soziologen Dick Hebdige: «Subculture: The Meaning of Style» («Subkultur: Die Bedeutung des Stils»). Hebdige befasste sich mit der Aneignung von kulturellen Symbolen von Randgruppen durch weisse Subkulturen in England.
Erst ab 1980 fand der Begriff – zunächst nur in den Cultural Studies und Media Studies im angelsächsischen Sprachraum – breitere Verwendung, als das Konzept des «kulturellen Kolonialismus» zusehends in den Fokus der akademischen Diskussion geriet. Vorerst blieb der Begriff auch auf den akademischen Bereich beschränkt. Mittlerweile gelangte der Begriff «Cultural Appropriation» ebenfalls in die Populärkultur und wurde auch zunehmend im deutschen Sprachraum verwendet.
Welche Kritik gibt es am Konzept der «Cultural Appropriation»?
Das Konzept der «Cultural Appropriation» stösst immer wieder auf heftigen Widerspruch. Offensichtlich absurde Forderungen – etwa, dass Weisse keine Gerichte wie Dosas oder Curry kochen sollten – werden oft mit Empörung einhergehend abgelehnt. Es gibt aber auch grundlegende Kritik an dem Konzept. Einer der gewichtigsten Einwände verweist darauf, dass Kultur mitnichten etwas Statisches, Gegebenes sei, das quasi unabänderlich einem bestimmten Kollektiv eigen ist – Kultur sei etwas Dynamisches, berichtet die Plattform «watson.ch».
In der Tat haben sich Kulturen schon immer vermischt und gegenseitig beeinflusst – in keinem Zeitalter so stark wie in der Globalisierung, in dem Menschen mit den verschiedensten fremden und noch so entlegenen Kulturen in Kontakt kommen können. Auch nicht alle Formen der «Cultural Appropriation» werden negativ gesehen. Allerdings ist «Cultural Appropriation» vor allem in einem Kontext problematisch: Wenn sich die weisse Mehrheitsgesellschaft an Elementen schwarzer oder indigener Kulturen bedienen. Das hat unter anderem historische Gründe, die in der jahrhundertelangen gewaltsamen Unterdrückung Schwarzer durch Weisse ihren Ursprung finden. Zudem sind es Weisse historisch gewohnt, sich an fremden Kulturen bedienen zu können, ohne die Konsequenzen erfahren zu müssen. Aber das Problem dabei ist, dass es oft genau die Elemente sind, derentwegen unter anderem Schwarze diskriminiert wurden.
Wann ist es «Cultural Appropriation» und wann nicht?
Es ist nicht immer nachvollziehbar, warum ein Element als kulturelle Aneignung gesehen wird, ein anderes aber nicht – vor allem für Weisse ist es schwierig, einzuschätzen, da sie diesen Dingen eine andere Bedeutung zumessen. Dreadlocks traditionell schwarzen Kulturen zuzuordnen, löst etwa immer wieder Kontroversen aus, während Tattoos beispielsweise, ursprünglich von Indigenen als Ausdruck ihrer Kulturen genutzt, in diesem Kontext kaum Aufmerksamkeit erregen.
Es ist nicht immer klar ersichtlich, warum es in einem Fall einen Aufschrei bis hin zu einem grossen medialen Echo, welcher dann auch oft mit der Forderung der «Cancel Culture» einhergeht. Das bedeutet, Weisse auszuschliessen, wenn diese sich fremde Kulturen aneignen. Zumeist werden die Debatte oft hitzig geführt, da viele Emotionen im Spiel sind – wie auch zuletzt in Bern geschehen.
(sib)