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Seraphim
© Adrian Osswald (bitte "zum Geleit" lesen)

Ich lag bei meiner Weiher-Weide vom Wunsch erfüllt, über mich genaueres zu erfahren, als ich in die Lüfte empor gehoben wurde und mich von meinem Platz entfernte, solange, bis ich mich in der tiefen und unendlichen Ruhe des Weltalls leicht fröstelnd wiederfand. Um mich herum war von Anfang an stetige Bewegung, welche ich nicht erkennen konnte, aber am ehesten als eine Art hellpulsierende Nebelschwaden beschreiben kann. Im All wurde ich alleine gelassen, den Dingen harrend. Mein Körper war ganz Ohr, doch ich hörte absolut nichts. Welche Beruhigung, welche Wohltat. Mein Geist ebnete sich und wurde flach wie Öl. Ich war die Weite des Alls und bemerkte das Leben.
Da öffnete sich ein hellscheinendes Tor neben mir, welches gänzlich mit einem Wasserfilm überzogen war. Dieses Tor sog mich auf und ich fand mich in einer Kugel zusammen mit einem Stuhl und einem Kostüm mit Engelsflügeln, in einer Art Umziehgarderobe wieder. Die Kugel selbst war aus den hellpulsierenden Nebelschwaden gebildet. Ich bemerkte, dass ich von aussen her von riesigen Wesenheiten beobachtet wurde. Das auffälligste an Ihnen waren die Gesichter, in deren Mitte storchenschnäbelgleiche Verzerrungen herausragten. Ich erkannte, dass die Kugel, in welcher ich mich befand, aus ihren Körpern geformt war, dass sie selbst die Kugel bildeten. Da öffnete sich ein weiteres Tor, formgleich wie das erste. Ich ging hindurch und da war Licht.
Die Wesen mit den Storchenschnäbeln kamen zu mir, sie pulsierten, die Schnäbel verschwanden und sie hatten menschenschlangen-ähnliches Aussehen. Wunderschön waren Ihre "Flügel", die gar keine waren. Von der Form her am ehesten wie Schmetterlingsflügel, waren diese Flügel aber gar nicht greifbar und veränderten ihre Form in einem fort. Ich sah, dass sie nicht zwei Flügel hatten, sondern mindestens vier, wahrscheinlich sechs oder gar acht. Die Flügel bewegten sich um sie herum und waren nicht nur an ihren Seiten, wie wir dies bei Vögeln oder Schmetterlingen kennen. Die Wesen bewegten sich mit Hilfe dieser Flügel fort, flogen aber nicht. Sie gingen wie wir Menschen aufrecht herum auf zwei Beinen. Sie waren das Licht, das ich sah und das Licht war die Wesen. Eine unauflösbare Einheit. Da führten sie mich zu einem Thron, der da etwas abseits stand. Es war ein mächtiges, schwer erscheinendes Möbel, etwas erhöht, am Rande des Lichts, schon halb im Weltenall.
Das ist dein Thron, sagten sie. Ich lehnte irritiert ab, das kann doch nicht sein! "Siehst du, er ist verwaist. Da ist kein Licht, weil du ihn nicht ausfüllst," antworteten sie. "Du bist geboren, um zu erzählen. Erzähle, was du weisst. Wisse, dass du bist im Erzählen. Im Erzählen liegt Deine Kraft."
Ich stand vor dem Thron und sah. Da gab es kein Entrinnen. Erzählte ich nicht, so bliebe es dunkel und verlassen, in der Welt und in der Anderswelt. Ich hätte mich umsonst auf den Weg gemacht und mein Platz bliebe verwaist - in der Welt und in der Anderswelt. "Richtig!" sagten die Wesen. "Du fängst an, dich wieder zu erkennen. Erzähle! wie du es schon als Kind getan hast. Erzähle! damit es hell werde hier und in der Anderswelt. Erzähle! und die Geschichten werden zu dir kommen, durch dich entstehen und sein!"
Sie zogen sich langsam zurück, mich und den verblassenden Thron im dunkler werdenden All zurück lassend. Ich rief: "Wer seid ihr denn?" Sie drehten sich um, schauten zu mir zurück und sagten: "Wir sind Seraphim."
Hart war der Aufschlag im welken Gras unter meiner Weiher-Weide. Eine Amsel machte sich mit alarmierendem Gepfeife auf und davon und die ersten Regentropfen fielen mir ins Gesicht.
Da erwachte ich aus der Wachheit zu neuem Schlaf auf dem Fussboden meines Arbeitszimmers.