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Die Römerstraßen in den Alpen II
Dr. H. Dübi ( Section Bern ).
Die Römerstraßen in den Alpen.1 ) Von II. Theil. Grajische und Poeniuische Alpen.
Bevor wir nun zu den Grajischen Alpen übergehen, müssen wir die Frage beantworten, ob zwischen dem Mont Genèvre und dem kleinen St. Bernhard kein im Alterthum gangbarer Paß existirte. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, einen solchen zu finden. Nach Vaccarone soll von Oulx ein römischer Weg nach N. durch das von den Belaci bewohnte Thal von Bardonnèche nach Modane gegangen sein, also über den Col de la Roue. Im Cartolarium von Oulx ist der Name des Dorfes Beaulard Beolarium, Beulac oder Belac; es ist also möglich, daß die Belaci im Thal von Bardonnèche gewohnt haben. Aber bei Weitem nicht so sicher ist die Identificirung von Modane mit Mutatio, abgesehen davon,\ daß .dann von dem"Namen [der römischen [Station gerade das Unwesentliche erhalten wäre. Aehnlich klingende Namen, wie Mutenum bei Vindobona und Mutina in Oberitalien, mahnen zur Vorsicht bei dieser Etymologie. Auch die römischen Münzen und ex voto, die man auf dem Paß gefunden hat, beweisen nicht nothwendig einen römischen Weg.
Vaccarone liest aus der früher behandelten Stelle des Ammianuseinen zweiten Weg durch die cottischen Alpen heraus, von großen Schwierigkeiten, namentlich im Winter, und vermuthet die Richtung Exilles-Val Clarea an der Punta del Ciusalet vorbei auf den Col Clapier ( 2491 m ) und hinunter nach Bramans in der Maurienne. Wir können uns dieser Meinung natürlich nicht anschließen, da für uns der Weg des Königs Cottius nur einer und zwar der Mont Genèvre ist.
Nicht glücklicher ist Vaccarone mit seinen Beweis-führungen für den Col dell' Altaretto und ä'Arnas, die beide aus dem Thal des Viu nach Bessans im Thal des Arc führen. Man kann zugeben, daß der Name Altaretto auf Verehrung einer Gottheit auf dieser Höhe deute; wir haben schon mehrfach gesehen, daß dieses allgemeiner Brauch der Bergvölker war. Die römischen Alterthümer im Thale des Vin beweisen, wie Freshfield richtig bemerkt, nur, daß die Römer die dortigen Minen abbauten. Der Name Usseglio in diesem Thal ist von Gioffredo als Ocelum gedeutet und daraus der Beweis gezogen worden, daß Cœsar über Bonavalle, Bessans und Lanslebourg gegangen sei. Wir haben oben gezeigt, daß Ocelum an der Dora Riparia lag, und werden auf den Marsch Csesars zurückkommen. Also ist es auch gleichgültig, ob Aussois in der Maurienne, auf alten Karten Ocela genannt, im Alterthum Ocelum geheißen habe, wie Vaccarone meint, oder nicht.
Ewig schade aber ist, daß ein Stein mit dem Namen des Hannibaldarauf, der im vorigen Jahrhundert und wieder 1825 auf dem Arnasgletscher gesehen wurde, weil der niederträchtige Entdecker zu viel für seinen Fund verlangte und dadurch die Bergung verhinderte, wieder vom Eise zugedeckt wurde, „ e chi sa per quanti anni ", wie Vaccarone seufzt. Habent sxia fata et lapides! Daß man hier und da durchaus einen römischen Paß finden wollte, kommt nicht nur von dem Patriotismus der Localarchäologen, sondern auch von einer antiken Tradition. Im Jahre 69 a. Chr. vertheidigte Cicero einen gewissen M. Fonteius ' ), der als Pnetor des narbonensischen Gallien sich gewisse Uebergriffe hatte zu Schulden kommen lassen und dafür von den Allobrogern in Rom angeklagt wurde. In der nur in Trümmern überlieferten Rede kommt eine Via Domitia vor, bei deren Anlegung oder Ausbesserung der Angeklagte gewisse Fehler begangen haben sollte. Wo lag nun diese Via? Die gewöhnliche Domitia war eine Fortsetzung der Via Aurelia und führte an der Südküste Galliens nach Spanien. Diese kann es nicht sein, sie muß im Allobrogenlande mündeTi.
Der Name erinnert an Cn. Domitius Ahenobarbus, der im Jahre 121 die Allobroger und Arverner zuerst an der Mündung der Isère, dann an der der Sorgue geschlagen und die gewöhnliche Via Domitia gebaut hat. Ob aber auch die von Cicero erwähnte? Wir wissen es ebenso wenig, als was es mit der Via Aemilia auf sich hat, die nach Andreas Fulvius Vx-sinus ( Antichità Romane, Rom 1513 ), von einem lins Scaurus gebaut, in das Dauphiné ging. Ob hier nicht eine Verwechslung vorliegt mit der von Pompejus angelegten Straße, die an die Via Aemilia anschloß und in ihren nördlichen Fortsetzungen allerdings durch das Dauphiné ging? Ich wage die Frage nicht zu entscheiden.
Etwas mehr Zuversicht habe ich in Betreff des Mont Cenis ( 2064 m ). Freilich haben wir oben den Gedanken von Prof. Bonney und Ball, daß Hannibal über den Mont Cenis gegangen sei, nicht theilen können; und hier müssen wir zuerst eine Reihe von Argumenten, die beweisen sollen, daß ein Römer-paß von Susa durch die Maurienne ging, als unberechtigt zurückweisen; aber ein Kriegszug durch dieses Gebiet wird doch wohl bewiesen werden können. Freshfield gibt mit Recht nicht viel auf Etymologien, wie Venaus = Venatio, Ferriera von Ferre ( eher von Ferrum ), Stadium zwischen Susa und Novalese ( ist überhaupt kein lateinisches, sondern ein griechisches Wort ), La TavemetteTabernse ), Lanslebourg = Lancium, Thermignon = Interamnes, Saint Pierre d' Estravache = Extraviam. Das sind pure Spielereien. Arx Romulea als Bezeichnung der Roccia Melone ist vielleicht schon eine gelehrte Vermuthung und Mönchs-weisheit. Alles dies würde nicht aufkommen gegen das absolute Stillschweigen der alten Itinerarien und das Fehlen inschriftlicher Zeugnisse. Nur eine Stelle in einem antiken Schriftsteller gibt es, die man ohne übermäßigen Zwang auf den Mont Cenis anwenden kann. Cassar erzählt in seinen Commentarien über den gallischen Krieg, Buch I, Cap. 10, von sich: „ Caesar eilte in großen Märschen nach Italien, hob hier zwei Legionen aus, zog drei, welche bei Aquileja überwinterten, aus ihren Quartieren und eilte mit diesen fünf Legionen, da zu gehen, wo der nächste Weg über die Alpen in das jenseitige Gallien war. Hier versuchten die Centronen uud üraioceli und Caturiges, indem sie die Höhen besetzten, das Heer am Marsche zu hindern; nachdem er diese in mehreren Treffen geschlagen hatte, gelangte er von Ocelum, welches der letzte Ort der diesseitigen Provinz ist, am siebenten Tage in das Gebiet der Vocontier in der jenseitigen Provinz; von hier führte er das fleer zu den Allobrogen, von den Allobrogen zu den Segu-sianern. Diese sind außerhalb der Provinz jenseits des Rhodanus die nächsten. " Csesar eilte so, um die Helvetier, die durch den Pas de l' Ecluse gegangen waren, vor der Furt über die Saône zu erreichen. Die Segusianer wohnten nach Plinius ( IV, 18 ) bei Lyon. Cicero berechnet die Distanz von Rom bis zu den Segusiani auf 700 Meilen. Nach Freshfield sind nun die Distanzen über Mont Genèvre und Gap... 758 Meilen, „ Mont Genèvre und Col du Lautaret 704 _ über den kleinen Mont Cenis... 724 Meilen, v n v v r nnd Co1 de la Coche698 „ Man nimmt gewöhnlich an, daß Caesar über den Mont Genèvre gegangen sei; aber der Weg ist nicht der kürzeste und Csesar scheint andeuten zu wollen, daß er einen neuen, bisher ungebrauchten eingeschlagen habe. Bestimmen wir nun die einzelnen Punkte näher. Ocelum ist also Avigliana zwischen Turin und Susa, der Ausgangspunkt für eine Reihe möglicher Pässe, von denen der Mont Cenis der kürzeste und bequemste ist. Die Centronen wohnten in der Tarentaise und längs der Isère, die Graioceli in der Maurienne, die im M. A. G-arocelia hieß; St. Jeanne = St. Johannes Garocellius. Von den Caturigen wohnte ein südlicher Zweig bei Chorgès an der Durance, ein anderer nach Strabo ( lib. IV, p. 204 ) über den Salassern nahe den Centronen. Wir haben früher den Ort Catorissium in der Nähe von Grenoble gefunden, also bei der Mündung der Romanche in den Drac und des Drac in die Isère. Also ging Caesar wohl über den Mont Cenis in 's Thal des Arc ( Graioceli ) an die Isère ( Centronen ) und längs dieser ( Caturiges ) bis Grenoble, wo er denn die auch auf der Peutinger'schen Karte verzeichnete Abkürzung nach Vienne nehmen konnte. Daß er die Völker nicht in ihrer richtigen Reihenfolge aufzählt, beweist nichts gegen unsere Hypothese; er thut dies auch da nicht, wo es wichtiger wäre, bei der Beschreibung des Rheinlaufes. Später vernehmen wir allerdings nichts mehr vom Mont Cenis; das Stratum einer verdächtigen Ur- künde Karls des Großen und die Strata Romana des M. A. bezieht sich wohl auf den Pilgerweg nach Rom, für den schon Pipin in seinem Capitulare Langobar-dicuui schützende Vorschriften erließ. Wir können also nicht mit Sicherheit sagen, ob das kühne Unternehmen Csesars zur Anlage eines Römerweges über den Mont Cenis geführt hat. Deutliche Spuren haben sich bis jetzt nicht nachweisen lassen.
Anders ist dies bei der Alpis Graja, dem kleinen St. Bernhard ( 2192 m ). Schon dem Polybius war nach Strabo IV, p. 209 dieser Paß bekannt als Weg durch das Gebiet der Salaaser. Dabei ist es gleichgültig, ob Hannibal nach Polybius über den Mont Genèvre oder den kleinen St. Bernhard gekommen ist. Denn hat Strabo ihn richtig verstanden, so unterschied Polybius mit dem Ausdruck „ durch das Gebiet der Salaaser ", den letztern von dem „ durch das Gebiet der Tauriner " und hat Strabo seinen Autor mißverstanden, so hat Polybius denselben als Weg des Hannibal gekannt. Da nach Polybius die Rhone die Alpenkette im Norden begleitet, so können auch die Gaesaten, die er ( II, 22 ) in den Alpen und am Rhodanus wohnen läßt, über diesen Paß zu den Insubrern und Boiern gestoßen sein. Ohnehin eind die Gaesaten wohl kein besonderes Volk, sondern speertragende gallische Söldner, wie das auch Polybius hervorhebt. Der kleine St. Bernhard hatte, wie Niebtihr zu Livius V, 33 gezeigt hait, schon den Hauptstroia der gallischen Einwanderung nach Italien gebracht. Strabo keimt unsern Paß genau und beschreibt ihm folg&Bder-nuußen ( C. 205 ): „ Das Gebiet der Salaaser liegt größtentheils in einem tiefen Thal, das zu beiden Seiten von hohen Bergen eingeschlossen ist; ein Theil von ihnen wohnt aber auch bis zu den darüber liegenden Bergen hinauf. Für diejenigen nun, welche von Italien aus diese Berge überschreiten, geht der Weg durch das genannte Thal; sodann theilt er sich in zwei Arme; der eine, nicht fahrbar, geht über den sogenannten Poeninus und die Höhen der Alpen; der andere mehr westlich durch das Gebiet der Centronen ", und ( C. 208 ): „ Von den Uebergängen aus Italien nach dem jenseitigen Gallien und dem Norden führt der Weg durch das Salassergebiet nach Lugdunum; er ist doppelt: der eine, fahrbar und länger, durch das Gebiet der Centronen; der andere, steil und eng, aber kurzer, über den Poeninus. " Dann kommt eine kurze Darstellung von Lugdunum als Mittelpunkt des gallischen Straßennetzes, und dann fährt Strabo fort: „ Man kann aber auch, indem man Lugdunum und das darüber hinaus liegende Land zur Linken läßt, am Poeninus selbst wieder einen Seitenweg über den Rhodanus oder den Lemanersee nehmen in die Ebenen der Helvetier und von da den Jura überschreiten, um zu den Sequanern und Lingonen ( Franche-Comté und Langres ) zu gelangen. " Folglich meint Strabo nicht, wie Vaccarone übereilt angenommen hat, der Poeninus sei der kürzere Weg nach Lyon, sondern in 's nördliche Gallien, wohin man auch auf einem längeren Fahrweg über den kleinen St. Bernhard, das Iserethal, Vienne und Lyon gelangen -konnte; und der Poeninus des Strabo ist sicherlich der große St. Bernhard, wie bei allen andern Schriftstellern. So ist Vaccaronc durch zu flüchtige Benützung seiner Quelle dazu gelangt, den Col de Seigne und den Col du Bonhomme für den Poeninus des Strabo zu erklären und das Jugum Cremonis des Coelius damit zu identificiren. Was'er zur Begründung seiner Ansicht vorbringt, ist kaum besser begründet als sein Zweifel an der Meinung des Strabo. Der große St. Bernhard soll nicht steil und eng heißen können, weil im Jahr 107 a. Chr. der Consul L. Cassius Longinus über denselben gegen die Helvetier, und 50 Jahre später Sergius Galba mit der zwölften Legion und Cavallerie in 's Wallis gezogen sei. Es ist auffallend, wie hartnäckig sich die Meinung von der Schlacht am Lemanersee, an der nichts unsterblich ist, als das Gemälde von Gleyre, im Auslande hält, nachdem schweizerislie Geschichtsschreiber diese Hypothese J. v. Müllers längst aufgegeben haben. Der Sieg des Divico hat bei den Nitiobrigen ( Liv. epit. LXV ), nicht bei den Allobrogeu, und ad oceanum ( Orosius V, 15 ) stattgefunden, und es ist ein Kunststück J. v. Müllers gewesen, den Ocean des Orosius im Genfersee zu suchen. Hat nun der Kampf des römischen Consuls gegen die von den übrigen Helvetiern getrennten Tiguriner ( Cses. bell.
Aber der Col de Seigne soll ja identisch sein mit dem Jugum Cremonis des Coelius? Das wird nun so bewiesen. Erstens mündet das Jugum Cremonis nach Livius in 's Land der Salasser; zweitens ist Cremonis = Cramont, die Kette zwischen La Tuile und der Allée Blanche oder La Lex Blanche; drittens: diese heißt auch Vallée Grise, Vallis Grisea oder Vallis glacialis im M. A. und bewahrt so die ursprüngliche Bezeichnung der Grajischen, d.h. grauen Alpen; viertens: die Alten verstanden aber unter Cramones montes vielleicht gar nicht den unbedeutenden Cramont, sondern — den Mont Blanc, die Rupes Alba oder Saxus Recueil des Itinéraires antiques.
23 Albus der Urkunde von Chamonix; denn nur dem Mont Blanc mit seinem ewigen Schneeweiß gebührt der Name des Crau-Mons, Crammont. So versteht es die Etymologie, durch ein paar kühne Bewegungen aus grau weiß, aus einer Bergkette einen Paß zu machen und umgekehrt, und wir befinden uns auf einmal mitten im keltischen Nebelmeer, wo alles grau bedeutet, wie sonst alles Wasser. Aber Scherz bei Seite; es muß aufgeräumt werden mit solchen Theorien; denn nichts ist ansteckender, als die Sucht, zu ety-mologisiren. Freshfield, der besonnen aus Livius nur den Schluß zog, daß das Jugum Cremonis identisch sein müsse mit der Alpis Graja, welcher Name bei Livius überhaupt nicht vorkömmt, während er doch von der Sache spricht, schlägt vor, statt Jugum Cremonis zu lesen Jugum Centronum, was an sich wohl richtig wäre, aber von den Spuren der Handschriften doch zu weit abliegt. Wir haben früher auf eine andere, mit dieser Stelle verknüpfte Schwierigkeit aufmerksam gemacht und verzichten darauf, dieses Räthsel, so gut wie das der Maurienne, zu lösen. Klar ist nur, daß diese nichts mit Marius zu thun hat, von dem Einige gefabelt haben, daß er vor der Schlacht bei Aquae Sextiae durch die Maurienne marschirt sei, wofür man etwa eine Tour de Marius bei St. Jean de Maurienne citirt, während er aller " Wahrscheinlichkeit nach längs der Seeküste durch das Gebiet der verbündeten Ligurer marschirt ist — wir finden solche in seinem Heere — und bei dieser Gelegenheit wohl den genialen Plan einer Canalisation der Rhonemündung gefaßt hat. Daß ich auch keine Mauren oder Saracenen hier suche, Die Römerstrassen in den Alpen..855 wird man mir verzeihen. Die verständigste, bis jetzt ausgesprochene Hypothese hat schon Albert von Stade geliefert, der den Namen von dem finstern Gebirgswasser — a mauris aquis — ableitet, womit ieh keineswegs für die Richtigkeit dieser Erklärung eintreten will. Ebenso wenig weiß ich, wer der Bonhomme ist, der den Col dieses Namens getauft hat. Ob der Heidengott Mercurius, der allerdings als guter Hirte verehrt wurde, oder ein christlicher Eremit, oder vielleicht bloß eine Steinsäule, die der Volkswitz so nannte. Chi lo sa? Ob man im Alterthum den Col de Seigne und du Bonhomme zu den Grajischen oder zu den Poemnischen Alpen gerechnet habe, wie Vaccarone glaubt, kommt nach dem, was wir über die Anwendung dieser Namen gesagt haben, überhaupt nicht in Betracht. Doch kehren wir zum kleinen St. Bernhard zurück. Es bleibt uns jetzt übrig, an der Hand der Peutinger'schen Tafel und der Itinerarien die antike Route zu reconstruiren, was hier ausnahmsweise leicht und sicher ist. Bei Eporedia = Ivrea verließ die Straße die Ebene und zog sich durch das enge Thal der Duria major = Dora Baltea nach Vitricium — Verres, ein Name, der auf Glashütten zu deuten scheint, nach Augusta Praetoria = Aosta, franz. Aouste, einer Stadt, deren antike Mauern den Umfang des jetzigen Ortes weit übertreffen. Hier begann der Aufstieg gegen die Alpen und gabelte der Weg zum Poeninus oder zur Alpis Graja. Zu der letzteren gelangte man über zwei Stationen, Arebri-gium = Derby und Ariolica = La Tuile. Hier sieht man an den Abhängen des Cramont die Schlucht, die 350H. Bubi.
dem Hannibal so große Schwierigkeiten bereitet haben soll. Auf der Höhe findet sich eine Säule, 20 Fuß hoch, 3 Fuß dick, von räthselhaften! Ursprung und Bedeutung und eine kreisförmige Anhäufung von Steinen, der das Volk den Namen Cirque d' Hannibal gegeben hat. Ein Steintumulus von 32Umfang und 3 m Höhe findet sich auf dem Plan des Dames, zwischen Col de Seigne und Col de Bonhomme. Wahrscheinlich haben wir es an beiden Orten mit keltischen Alter-thümern, einem Kromlek und einein Cairn zu thun. An diesen Höhen hing religiöse Verehrung und haftete noch tief in 's Mittelalter hinein, wie die Beispiele am großen St. Bernhard und Roche Melon beweisen, zäher Heiden-glaube, der den Exorcisationen christlicher Heiliger widerstand. Abwärts gelangte man nach Bergintrum = Bourg St. Maurice, Oximum = Aime, Darantasia = Moutiers en Tarentaise. Einige haben geglaubt, daß dieser Ort identisch sei mit dem bei Ptolemaeus als Hauptort der Centronen genannten Forum Claudii, es ist dieß aber wahrscheinlich Centron zwischen Moutiers und St. Maurice. Ueber Obilonna = La Bathie oder Ablène gelangte man ad Publicanos. Der Name bezeichnet eine Zollstation und die Distanz fällt auf die Brücke über den Arly zwischen Conflans und Albertville. Hier wurde also ein Brückengeld erhoben, denn die Provinzialgrenze war hier nie. Die folgende Station Mantala sucht man bei St. Pierre d' Albigny oder St. Jean de la Porte, die nächste, Lemincum, bei Lernens an der Leisse, in der Nähe von Chambéry. Die Straße hat also das Thal der Isère verlassen und nähert sich der Rhone, aber nicht direct. Peutinger'- sehe Karte und Itinerar. Antonin, geben übereinstimmend für die Strecke Lemincum — Augustum über Lavisco 28 Meilen in zwei gleichen Abschnitten an; damit stimmt nun nur der Weg über Les Echelles, während der über Aiguebelette zu kurz ist und der über den Mont du Chat die Station Augustum nicht berührt. In Augustum Aoste theilt sich der Weg und der nördliche Arm geht über ETANNA ( verschrieben für EIAVNAYenne und Condate — Seyssel am Zusammenfluß der Rhone und des Fier ( das gallische Wort Condate scheint gleichbedeutend mit dem lateinischen Confluente«, unserm Coblenz ) nach Genava — Genf. Der südliche Arm führt über Ber-gusium = Bourgoin nach Vienne. Das Itinerarium des Antonin hat von Darantasia aus noch einen zweiten Seitenweg nach Genf über Casuaria und Bautas. Ca-suaria wird Ugine im Thal des Chaise sein, 24 Meilen von Moutiers und S von der Zollstation ad Publicanos, die vielleicht auch ein Wegegeld erhob; denn hier ging erst der Weg nach Genava von der Hauptstraße ab. Bautas ist = Annecy. Tacitus erzählt Hist. 11, 66, daß die 14. Legion nach Britannien über die Alpis Graja dirigirt worden sei auf dem, Weg der Vienne vermeidet; sie konnte also bei Albertville oder bei Aost die Hauptstraße verlassen. Da berichtet wird, daß einige Meuterer im Begriffe gewesen seien, Vienne zu überrennen, so werden wir wohl das Letztere annehmen müssen. Im Jahre 43 ging Decimus Brutus von Eporedia ( Ivrea ) nach Cularo ( Grenoble ) über die Grajischen Alpen.
Aus Kaisermünzen, die auf dem Plan des Dames gefunden worden sind, schließt Vaccarone auf einen Eömerweg durch das Faucigny, der bestätigt werden soll durch Etymologien, wie Passy = Centronicae Vatiscum, Mont Joie und Mont Jovet, durch Spuren antiken Pflasters und durch die römische Inschrift der Forclaz de Prarion bei den Bädern von St. Gervais. Aber dieser interessante Stein sagt nur, daß ein Legat des Kaisers Vespasianus, Proprätor des Heeres im obern Germanien, hier eine Grenzscheidung inter VI1 MNENSES ( so, nicht V1ENNENSES ) et Cen-tronas vorgenommen habe, was nicht nothwendig auf einen antiken Weg deutet. Wil- müssen also auch hier bessere Beweise fordern.
Der Mons Poeninus ( 2491. Auf der Peutinger'schen Karte hat er von Aosta weg folgende Stationen: Eudracinum ( St. Kémy ?) in summo Pennino ( großer St. Bernhard ), Octodurum ( Martigny ), Tamaiae ( St. Maurice ), Penno Lucos ( bei Villeneuve ), Viviscus ( Vevey ) etc. Das Itinerar des Antonin hat die Station Eudracinum nicht. Der Paß bildet in demselben einen Theil der großen römischen Militärstraße von Mailand über Novara, Vercelli, Ivrea, Aosta durch die Schweiz nach Mainz. Wir geben nachstehend von dem auf schweizerischem Boden befindlichen Theil des Passes eine Schilderung nach Gingins-La-Sarrazund Prof. Deyks.2 ) Das poeninische Thal beginnt bei Villeneuve. Die römische Station befand sich in der Nähe des Schlosses Chillon, wo zwei Meilensteine gefunden worden sind. Von Villeneuve geht der Weg durch Roche, Aigle, Ollon ( römischer Meilenstein in der Kirche ), Villy, Saliez, Bévieux, Bex, bei Massonger, wo noch große Bausteine von der römischen Brücke im Wasser liegen, über die Rhone. In der nahen Felsschlucht lag Ter-naiae, der Hauptort der Nantuates, wo die vier Völker des poeninischen Thales dem Drusus ein Monument erbauten, dessen Inschrift erhalten ist. Später finden wir hier den Namen Agaunum und die Abtei des heil. Mauritius, der unter Diocletian im Jahre 302 hier mit der thebaischen Legion den Märtyrertod gefunden haben soll. Beim Bau der Eisenbahn wurde die römische Straße außerhalb St. Maurice mehrfach durchschnitten. Sie führte durch die Ebene von Vérossaz nach Evionnaz. Dort führte eine Brücke an 's andere Ufer und die Straße nach Outre-Rhone an der Mündung des Trient vorbei und den Fluß wieder überschreitend nach Martigny. Der antike Ort lag zu beiden Seiten der Dranse. Er hat Reste antiker Stadtmauern, des Amphitheaters und Inschriften, unter Claudius wird er als Forum Claudii Vallensium bezeichnet. Hier ist in enger Schlucht der Eingang in 's Val Entremont. Die alte Straße ist 5-6 Fuß breit, mit groben Steinen sorgfältig besetzt und sehr trocken, zuerst am linken, dann am rechten Ufer der Dranse, an vielen Stellen unterbrochen, erhalten bei der Galerie de la Monnaie, vor Sembrancher. Eine hier gefundene römische Säule oder ein Meilenstein ist nach Vollège im Bagnethal verschleppt und steckt dort ver- kehrt im Boden. Auf der Straße nach Orsières ist ein Hof aux dix milieux = ad deceni milia, was mit der Entfernung von Martigny stimmt. Von Orsières. ( Pons Ursarii im M. A. ) steigt die Straße steil hinauf nach Fontaine-dessous und Rive-haute, fällt von da wieder zum Fluß, überschreitet denselben zu mehreren hochgelegenen Weilern und kehrt dann über den Fluß nach Liddes zurück. Hier sind römische Münzen, von Caesar bis Valentinian reichend, und Aschenkrüge aus Thon oder Glas ausgegraben worden. Aehnlich im höher gelegenen Allèves. Von Bourg St. Pierre führt die Straße durch enge Schluchten und über steile Hänge. Römische Ueberreste bei der Thalsperre Sarra. Hier hört die Via Strata auf. Bei La Combe waren früher Reste eines römischen Gebäudes mit Handmühlen, Töpfen, Münzen und Leistenziegeln; wahrscheinlich ein Schutzhaus. Auf der Höhe nördlich das Hospiz, südlich le Plan de Jupiter. Hier ist ein Stück der Römerstraße erhalten, durch Felsplatten gehauen, 5 Fuß breit, sein- ausgetreten. Auf dieser Höhe verehrten, wie wir aus Livius erfahren haben, die Veragrer einen Gott Poeninus. Bruchstücke von Säulen, Bausteinen und Ziegeln sind von der Cult-stätte noch übrig, die bis auf Theodosius und Honoriu » hinunter hier bestanden hat. Noch der heil. Bernhard von Menthon hatte hier einen Kampf mit den heidnischen Dämonen zu bestehen, bevor er sie zwei Meilen weit nach Westen in die Abgründe der Monts Malet, zwischen den Diöcesen von Aosta, Genf und Sitten, verwünscht hat, mit dem stricten Befehle, nicht von da zu weichen bis zum Ende der Welt. Sie scheinen sich nicht daran gekehrt zu haben, denn etwas später beklagt sich ein englischer Pilger über „ das penninische Heer der bösen Geister " am Mont Cenis, der übelberüchtigten Roccia Melone. i ) Von der Verehrung, welche der Jupiter Poeninus auf dem großen St. Bernhard erfuhr, zeugen 15 römische Votivtafeln, 8 kleine Götterbilder und verschiedene andere Funde, die in der Bibliothek des Hospiz aufbewahrt werden. 45 keltische, 30 griechische und 300 römische Münzen zeugen von dem lebhaften Handelsverkehr über diesen Berg. Sie stammen von Palermo, Tarent, Massilia und Rom und reichen von dem letzten Jahrhundert der römischen Republik bis auf die Kaiser Honorius und Arcadius. Auch Soldatendurchzüge, einzeln und in Heeren, müssen häufig gewesen sein. Erwähnt werden auf Votivtafeln die Legio III Italica, IV Macedonica, VI Victrix, XIIII Gemina, die Conors V Asturum, Conors XXII und XXX Voluntariorum. Noch im Jahr 408 unter Arcadius zogen römische Legionen über den Berg ) und der Name Mons Jovis wurde erst am Ende des 10. Jahrhunderts gegen den des Heiligen von Menthon vertauscht, wie durch den Gleichen der Mons Columnae Jovis die Bezeichnung des kleinen St. Bernhard erhielt.
Die Straße über den Simplon ( 2020nl ) im Wallis, die heute den St. Bernhard an Bedeutung ganz überholt hat, wird auf keinem antiken Itinerarium erwähnt. Daß sie dennoch existirte, wissen wir aus einer nahe bei Vogogna im Thal von Domo d' Ossola gefundenen Felsinschrift, früher von Labus, nun von Mommsenedirt. Sie stammt aus dem zweiten Consulat des C. Domitius Dexter und des Fuscus, d.h. aus dem Jahre 196 p. Chr. und der Kegierung des Septimius Severus. Die Inschrift ist nur lückenhaft überliefert und die Ergänzung sehr schwierig. Wir erfahren mit Sicherheit daraus nur das Datum des Wegebaus, die Kosten mit 22,600 Sesterzen ( 6215 Fr. ), daß ein M. Valerius und ein gewisser Veimstus an diesem Bau sich irgendwie betheiligten und daß zu irgend einem Zwecke Marmor dabei verwendet wurde.2 ) Der Zugang zu diesem Passe führte längs dem Südufer des Genfersees, von Bouveret durch das untere Wallis über Port Valais, Port de Scex, Vouvry, Monthey und Massonger nach St. Maurice, Martigny, Sitten und Brieg. Ortsnamen auf der ganzen Strecke deuten auf römische Niederlassung. Bei Vouvry und an andern Orten sind Ueberreste der Straße gefunden. Der erste Meilenstein ist bei Hermance, Coppet gegenüber, « ntdeckt worden, 305 unter Constantine Chlorus und Severus aufgestellt; ein zweiter bei Messery, gegenüber Nyon, im Jahr 200 unter Septimius Severus und €aracalla errichtet. Beim alten Beinhaus von Sitteu ist 1817 ein Meilenstein mit den Namen Trebonianus Gallus und Volusianus ( 251-254 p. Chi .) und der Bezeichnung XVII leugae von Aventicum gefunden worden. Die Entfernung = 38 Km. stimmt zu der Entfernung von Avenches bis Sitten weder auf dem Thalweg, noch über die Berneralpen, und ist bis jetzt nicht erklärt. Vielleicht ist der Stein anderswoher verschleppt.
Piz della Palli.
I. Käser dd.Die Kirche von Cresta.