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1137 kehrte Lothar III. von seinem Feldzug in Italien zurück. Doch der deutsche Herrscher aus dem sächsischen Adelsgeschlecht der Supplinburger, erst Herzog des Stammesherzogtums Sachsen, ab 1125 König und seit 1133 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, kam nicht mehr lebend in der Heimat an: Am 3. Dezember gab er im Tiroler Dorf Breitenwang seine Seele dem Schöpfer zurück.
Einen Kaiser begräbt man nicht einfach in einem alpinen Nest. Die designierte Grabstätte für Lothar befand sich in der Stiftskirche Peter und Paul im niedersächsischen Königslutter, deren Bau er selbst veranlasst hatte. Das Gefolge des Herrschers sah sich daher durch dessen plötzliches Ableben mit einem Problem konfrontiert: Von Breitenwang bis Königslutter sind es rund 680 Kilometer. In einer Zeit, die keine Kühltransporte kannte, war es ein Ding der Unmöglichkeit, den kaiserlichen Leichnam über eine solche Distanz zu schaffen, bevor die Verwesung ihn übel zurichtete.
So griff man zu einem Verfahren, das als mos teutonicus («deutsche Sitte») bekannt war und bei hochgestellten Toten, die weit entfernt von ihrer vorgesehenen Grabstätte gestorben waren, zur Anwendung kam: Man entfernte die Eingeweide des Leichnams und kochte ihn dann mehrere Stunden, bis sich das Fleisch von den Knochen lösen liess. Letztere wusch man in wohlriechendem Wein und bestreute sie mit Spezereien, bevor sie in die Heimat geleitet und dort begraben wurden.
So wurde etwa die Leiche des berühmten Kaisers Friedrich I. Barbarossa, der 1190 während des Dritten Kreuzzugs im Südosten der heutigen Türkei in einem Fluss ertrank, more teutonico transportfähig gemacht. Während die Eingeweide Barbarossas in Tarsos begraben wurden, fand das Fleisch in Antiochia seine letzte Ruhestätte. Seine Gebeine wurden jedoch nicht nach Deutschland zurückgebracht, sondern vermutlich in der Kathedrale von Tyros beigesetzt.
Während es für den Fall von Barbarossa aber historische Zeugnisse gibt, war von Lothar III. nicht bekannt, dass auch sein Leichnam more teutonico behandelt worden war. Dies förderte erst eine wissenschaftliche Untersuchung im Jahr 1989 – mehr als 850 Jahre post festum – zutage. Die Anthropologen Jeff Bada von der University of California und Bernd Herrmann von der Universität Göttingen erprobten damals eine relativ neue Methode der Altersbestimmung an den sterblichen Überresten Lothars, seiner Gemahlin Richenza von Northeim und ihres Schwiegersohns Heinrich des Stolzen.
Das Verfahren, das die Wissenschaftler anwendeten, war die Aminosäure-Racemisierung, eine chemische Datierungsmethode für relativ junges fossiles Knochenmaterial. Sie nutzt die Tatsache, dass bestimmte Aminosäuren in zwei verschiedenen Formen vorliegen, der L- und der D-Form, die unterschiedliche Eigenschaften aufweisen können. Die Proteine von lebenden Organismen enthalten die Aminosäure Asparagin, wobei diese stets nahezu ausschliesslich in der L-Form vorliegt. Nach dem Tod des Organismus ändert sich jedoch das Verhältnis zwischen den beiden Formen der Asparaginsäure, da sich immer mehr L-Moleküle in D-Moleküle umwandeln (Racemisierung). Dieser Prozess dauert an, bis beide Formen etwa zu je 50 Prozent vorhanden sind.
Damit können Anthropologen aus dem in einer Probe gemessenen Verhältnis von L- zu D-Aminosäuren auf das Alter der Probe schliessen – solange der Umwandlungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Dieser ist jedoch temperaturabhängig; je nachdem, wie warm es in der Umgebung der Überreste ist, kann er 1000 bis 10'000 Jahre dauern. Er beschleunigt sich bei höheren Temperaturen. Voraussetzung der Altersbestimmung ist deshalb, dass die Knochen stabilen Temperaturen ausgesetzt waren.
Bei den drei Skeletten, die Bada und Herrmann untersuchten, war dies offensichtlich der Fall: Alle drei lagerten unter gleichen Bedingungen am gleichen Ort, da sie nebeneinander im Kaiserdom Königslutter beigesetzt worden waren. Die drei Adeligen waren zudem fast zur gleichen Zeit gestorben; damit hätte die Datierung mittels Aminosäure-Racemisierung für alle ungefähr dasselbe Resultat ergeben müssen, also rund 850 Jahre.
In der Tat lagen die Ergebnisse der Datierung bei Richenza und Heinrich ziemlich genau in diesem Bereich – aber nicht bei Lothar. Hier ergab die Analyse ein Alter von nicht weniger als 9000 Jahren. Für diese massive Diskrepanz gab es nur eine plausible Erklärung: Die kaiserlichen Knochen mussten irgendwann einer hohen Temperatur ausgesetzt gewesen sein, was den Umwandlungsprozess der Aminosäuren deutlich beschleunigte – und so die Datierung verfälschte.
Von diesem Befund war es kein weiter Weg zur Annahme, dass die Gebeine Lothars more teutonico konserviert worden waren. Bada und Herrmann kamen durch den Vergleich mit den beiden anderen Skeletten und aufgrund von Erfahrungswerten zum Schluss, dass der Leichnam des Kaisers sechs Stunden lang gekocht worden war. Dies stimmt ziemlich gut mit der Aussage des Historikers Johannes Laudage überein, der davon ausging, dass die hochgestellten Leichen beim Konservierungsverfahren gemäss «deutscher Sitte» fünf Stunden lang kräftig ausgekocht wurden.
Das brachiale Verfahren erregte freilich das Missfallen der Kirche. Diese hatte sich allerdings selber auch schon wenig zimperlich im Umgang mit sterblichen Überresten gezeigt – man denke an den berühmten Fall des Papstes Formosus, der im Jahr 897 neun Monate nach seinem Tod exhumiert wurde, damit man ihm den Prozess machen konnte.
Das formale Ende des mos teutonicus kam im Jahr 1299, als Papst Bonifatius VIII. in der Bulle Detestande feritatis das Kochen und Zerteilen von Leichen untersagte. Gleichwohl hielt sich die Praxis noch eine Weile, bis sie schliesslich von anderen Arten der Konservierung abgelöst wurde. Vollständig hielt sich der europäische Adel ohnehin nie an die kirchliche Vorschrift; so wurde oft das Herz eines verstorbenen Herrschers getrennt von den restlichen Überresten an einem besonders würdigen Ort beigesetzt. Bei den Habsburgern hielt sich dieser Brauch bis ins 20. Jahrhundert – die Herzen des letzten Kaiserpaars dieser alten Dynastie, Karl I. und Zita, ruhen in der Loretokapelle des Klosters Muri.
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