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Der Mitte der 1980er Jahre in amerikan. Managementschulen geprägte Begriff der G. (global economy) umschreibt die internat. Öffnung der Volkswirtschaften und Unternehmen sowie deren zunehmende Verflechtung und Einbindung in einen weltumspannenden Markt für Waren, Kapital und Dienstleistungen. Mit diesem Prozess geht eine gegenseitige kulturelle Durchdringung der Nationen einher, welche durch Migration, Massentourismus und den Einfluss der Medien (Fernsehen, Internet) vorangetrieben wird und schliesslich zu einer weltweiten Vereinheitlichung, insbesondere einer Amerikanisierung der Lebensweisen führen soll.
Auch wenn die G. seit Ende des 20. Jh. in der Öffentlichkeit als neues Phänomen wahrgenommen wird, hat sie bereits eine lange Geschichte hinter sich. Eine engere Verbindung zwischen den Kontinenten ergab sich zunächst durch die Verbreitung von Techniken (von Asien in die islam. Länder und von da nach Europa), ab dem 16. Jh. durch die weltweite Ausdehnung der Handelsräume und vom 19. Jh. an durch die Intensivierung der internat. finanziellen Beziehungen und die interkontinentale Arbeitsmigration. Lange bevor in der 2. Hälfte des 19. Jh. in der Schweiz ein nationaler Markt entstand, hatte sich in ihrem heutigen Gebiet eine stark nach aussen gerichtete Geschäftstätigkeit entwickelt. Im Europa der ma. Messen, an denen die ersten "multinationalen" Firmen wie die bedeutende Diesbach-Watt-Gesellschaft auftraten, war Genf im 15. Jh. ein Finanzplatz ersten Ranges. Die Stadt lag im Zentrum des Warenhandels zwischen Orient, Mittelmeerraum und Baltikum sowie zwischen Russland und Spanien. Vom 16. bis 18. Jh., als sich der Schweizer Handel die Neue Welt erschloss (Kolonialismus), bildete sich mit der Entstehung zahlreicher neuer Marktorte in der Schweiz und dem Wachstum des städt. und ländl. Konsums eine "globale Wirtschaft", wobei die lokalen und regionalen Handelsnetze sich in den internat. Fernhandel einfügten (Handel, Marktwirtschaft, Industrialisierung).
Im 19. Jh. entwickelte sich dann eine wirkl. Weltwirtschaft und - nach den Worten des Genfer Ökonomen Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi - ein "Markt des gesamten Universums". Dabei gewannen Multinationale Unternehmungen mit interkontinentalen Strategien zunehmend an Bedeutung. Der internat. Kapitalismus, das Aufkommen neuer, kostengünstigerer Transportmittel (Dampfschifffahrt) und die Entwicklung der Kommunikationstechnologien (Telegraf, Telefon) verliehen dem Internationalisierungsprozess einen beträchtl. Schub. Dies äusserte sich u.a. in der Entstehung eines zusammenhängenden Systems multilateraler Wirtschaftsbeziehungen, das durch ein internat. Währungssystem (Goldwährung) begünstigt wurde.
1914 war die Schweizer Wirtschaft im Vergleich zu derjenigen anderer Länder bereits stark internationalisiert. Der Aussenhandel hatte einen höheren Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) als Ende des 20. Jh. Die Internationalisierung der schweiz. Industrieproduktion, die ab den 1870er Jahren erste Verlagerungen innerhalb von Europa erfuhr, beschleunigte sich Anfang des 20. Jh. und weitete sich auf Übersee aus. Die Schweiz beteiligte sich zudem aktiv an der Schaffung grosser internat. Organisationen und an den Weltausstellungen. Allerdings brachte die zunehmende Verflechtung der Märkte auch Nachteile mit sich. Die Masseneinfuhr von Getreide und Fleisch aus Nordamerika und Argentinien nach Europa stürzte die Bauern in grosse Schwierigkeiten und zwang Tausende von Schweizern, v.a. Landbewohner und Arbeitslose, zur Auswanderung nach Übersee.
Die Depression der 1930er Jahre (Weltwirtschaftskrise) und die Zerrüttung der internationalen wirtschaftl. und polit. Beziehungen bremsten den Integrationsprozess erheblich. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt er neuen Auftrieb und zog wesentl. strukturelle Veränderungen nach sich, die auch die Schweiz erfassten: Liberalisierung des Handels seit den 1960er Jahren (Welthandelsorganisation), Wellen von Firmenfusionen und -übernahmen, Internationalisierung von Forschung und Entwicklung. Ausserdem förderten das Aufkommen der Elektronik und die Ausbreitung der Informatik mit ihren Kommunikationsnetzen die finanzielle G. und verschafften den KMU Zugang zum Weltmarkt. Verschiedene Protestbewegungen wie z.B. Attac (1999 Gründung der Schweizer Sektion) stehen der G. kritisch gegenüber.
Literatur
– Die Schweiz in der Weltwirtschaft, hg. von P. Bairoch, M. Körner, 1990
– A. Radeff, Du café dans le chaudron, 1996
– G. - Risiken und Chancen, hg. von H.-J. Gilomen et al., 2003
Autorin/Autor: Béatrice Veyrassat / EM