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(Memoria), Erinnerungsvermögen, die Fähigkeit, Sinneseindrücke, einfache oder zusammengesetzte Empfindungen,
Vorstellungen und Gemütszustände auch dann noch, wenn sie aus dem Bewußtsein entschwunden sind, möglichst
unverändert aufzubewahren, so daß sie auf gegebene Veranlassung teils unwillkürlich wiederkehren, teils mit Absicht wieder
hervorgerufen werden können; jenes heißt sich erinnern, dieses sich besinnen. Das Gedächtnis beruht zunächst auf
der Thatsache, daß jeder äußere Reiz je nach seiner
Stärke
[* 3] einen mehr oder minder lebhaften Eindruck
hinterläßt, der in einer bleibenden organischen Veränderung bestehen muß und durch öftere Wiederholung an Tiefe und
Nachhaltigkeit gewinnt (Wirkung der Übung und Wiederholung).
Über das innere Wesen dieser Veränderung, die man bildlich als eine Einprägung bezeichnet, kann die Wissenschaft natürlich
nur Mutmaßungen aufstellen, und es liegt nahe, an gewisse molekulare Veränderungen zu denken, die das
Organ geeignet machen, eine schon einmal ausgeführte Bewegung (Schwingung
[* 4] etc.) zum zweitenmal leichter zu vollführen, wie
eine Muskelfaser dem elektrischen Strom weniger Widerstand leistet, wenn er zum zweitenmal hindurchgeleitet wird.
Als einfachsten Fall haben wir das unbewußte Gedächtnis zu betrachten, welches sich unter anderm in der
allbekannten Anpassung des Muskel- und Nervenapparats an oft wiederholte Körperbewegungen offenbart, z. B. in der
Erwerbung mechanischer Fertigkeiten durch Übung (Gehen, Tanzen, Klavierspielen, Schreiben, Sprechen). Hierbei sind anfangs
mühsam mit Willensanstrengung und Aufmerksamkeit eingelernte Bewegungen schließlich dem Körpergedächtnis so einverleibt
worden, daß sie völlig unbewußt und automatisch ausgeübt werden.
Die Reflexbewegungen (s. d.), durch welche ein Organ irgend einem Reiz mit einer zweckentsprechenden Bewegung antwortet, z. B.
der sich beim Fallen
[* 5] vorstreckende Arm, sind ähnliche Wirkungen eines unbewußten Gedächtnisses, dessen Sitz hier nicht im
Gehirn,
[* 6] sondern im Rückenmark und in den Nervenknoten zu suchen ist. Da nun ferner völlig nervenlose Wesen,
z. B. Protisten, oder der unentwickelte Keim eines organischen Wesens, indem er die Entwickelungsweise seiner Ahnen wiederholt,
Spuren von unbewußtem Gedächtnis zeigen, so hat Hering das Gedächtnis als eine »allgemeine Funktion der lebenden Materie« bezeichnet, die demnach
nicht ausschließlich an Nerven- und Gehirnapparate gebunden ist und im lebenden Körper beständig eine
große Rolle spielt. Auch das Geistesleben der niedern Tiere, der sogen. Instinkt (s. d.), dürfte großenteils auf Anpassungserscheinungen
des unbewußten Gedächtnisses beruhen.
Das Organ des bewußten Gedächtnisses, als welches wir das Gehirn anzusehen haben, nimmt in der Jugend, solange es noch nicht
mit Eindrücken überlastet ist, dieselben am willigsten auf und bewahrt sie am treuesten, worauf die Lernfähigkeit
der Jugend, die mit den Jahren erheblich nachzulassen pflegt, und die Festigkeit
[* 8] der Jugendeindrücke beruhen. AlleEindrücke
erblassen, wenn sie nicht öfters erneuert werden, mit fortschreitender Zeit. Das Gedächtnis ist also gleichsam einer
Registratur oder der Walze eines Phonographen zu vergleichen, in welcher niedergeschriebene oder eingeprägte Vorstellungen
bis zu ihrer Wiedererweckung ruhen. Oft mangelt dem Bewußtsein nur der Zugang zu einem noch vorhandenen
Eindruck, indem wir nicht die zu ihm überleitenden Eindrücke zu
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erwecken im stande sind, wenn wir uns z. B. lange vergeblich auf einen Namen oder auf eine Thatsache besinnen, die uns doch
später einfallen oder durch eine zweite Person zurückgerufen werden können. Erst wenn der Eindruck ganz verblaßt ist, können
wir von einem wirklichen Vergessen sprechen. Sehr fest pflegen Eindrücke zu haften, die sich unter gleichzeitigen
starken Gemütsbewegungen einprägten, und daraus entstehen häufig Erinnerungen, die man gern vergessen möchte, aber nicht
vergessen kann.
Die Vorzüge eines guten Gedächtnisses bestehen in der Leichtigkeit, die zur Aneignung des zu Behaltenden keiner öftern
Wiederholung, noch künstlicher Mittel bedarf;
Ein solches Gedächtnis nennt man ein »gutes«, »treues«,
»sicheres« Gedächtnis, während man von einem
»schwachen« Gedächtnis spricht, wenn die eben angegebenen Merkmale
fehlen. Die Erscheinung, daß das Gedächtnis nicht bei jedem ein und dasselbe ist, daß der eine Namen, der andre Zahlen, der dritte
Sachen etc. (daher Namen-, Zahlen-, Sachengedächtnis), und zwar bestimmte Sachen und Namen, leichter merkt, erklärt sich
teils aus der Art und Weise, wie beim Auffassen sich die Vorstellungsreihen gebildet und miteinander verknüpft haben, vor
allem aber aus der Aufmerksamkeit und dem Interesse für bestimmte Gegenstände, durch welche das Gedächtnis mehr ausgebildet und empfänglicher
wird.
Daher die Erfahrung, daß jeder das am leichtesten merkt, was mit seinen Lieblingsbeschäftigungen, mit
seinem Berufskreis etc. zusammenhängt, während äußere Vorgänge, die unsre Aufmerksamkeit nicht erregen, spurlos an uns
vorübergehen, was auch geschieht, wenn das klare Bewußtsein einer Person durch Krankheitszustände, Rausch etc. herabgemindert
ist. Das bewußte Gedächtnis ist für das geistige Leben des Einzelnen, was die Geschichte für jenes der Menschheit;
ohne dasselbe wäre ein fortlaufender Faden
[* 10] stetiger Geistes- und Kulturentwickelung unmöglich.
Dasselbe wird als allgemein-menschliche Anlage, aber als bildungsfähig, betrachtet. Selbst dem Schwachkopf muten wir zu, daß
er eine gewisse Summe von Kenntnissen behalte; wer nicht im stande ist, zu urteilen und zu schaffen, soll wenigstens merken.
Während dies aber dem einen schwerer wird, erregt der andre durch sein vorzügliches Gedächtnis Bewunderung,
obgleich dies noch keine besondere Art geistiger Begabung erweist. Im Deutschen gebraucht man für das gedächtnismäßige
Lernen den Ausdruck auswendig lernen, womit angedeutet zu werden scheint, daß die bloß auf diese Art aufgefaßten und nicht
mit Hilfe der eignen Denkkraft verarbeiteten Vorstellungen gleichsam nur auf der Oberfläche haften und
nicht einmal ein volles Verständnis voraussetzen, wie z. B. Tiere durch bloße Klangnachahmung einzelne Worte und Sätze nachsprechen
lernen.
Anweisung zur Erleichterung der gedächtnismäßigen Auffassung gibt die Mnemotechnik oder Mnemonik (s. d.).
Das Gedächtnis ist, wie alle geistigen Thätigkeiten, gewissen Schwankungen und Erkrankungen unterworfen, von denen
die Gedächtnisschwäche (griech. Amnesie) die wichtigste, weil am häufigsten auftretende ist. Sie kommt
bei geistig schlecht beanlagten Personen und Idioten gewissermaßen angeboren vor; überaus häufig beruht aber der Verlust
der Erinnerung auf einer nachweisbaren Erkrankung des Seelenorgans und zwar der grauen Rindensubstanz des Gehirns, in welcher
deshalb mehrere Physiologen die Erinnerungsbilder der verschiedenen Sinnessphären lokalisiert annehmen.
Von solchen Zufällen heimgesuchte Personen führen ein Doppelleben, in welchem hypnotische Zustände mit wachen Perioden abwechseln,
ohne daß ein Faden der Erinnerung diese beiden Phasen ihres geistigen Daseins miteinander verknüpfte.
Sie erinnern sich nur während der nächsten Anfälle, was sie in den frühern gethan, gedacht und erfahren haben, nicht
in den dazwischenliegenden wachen Zuständen. Als Ursache hat man ein Alternieren der Geistesthätigkeit in den beiden Hemisphären
des Großhirns angenommen.
Einen andern anormalen, aber von vielen Beobachtern beschriebenen Zufall bildet die plötzliche Wiederkehr
ganzer Bestandteile der verschwundenen Erinnerung in bestimmten Krankheiten, die eine Erregung bestimmter Gehirnteile zur Folge
haben. Sogar gänzlich verlorne Sprachfähigkeiten sollen in derartigen Fällen wieder aufgelebt sein. Hierher gehört auch
die Erinnerungsflut bei künstlicher Erregung des Organs durch erregende oder narkotische Genußmittel, wie Wein, Opium
oder Haschisch.