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Eines Tages trafen sich das Glück und der Verstand und begannen zu diskutieren. Das Glück erklärte: «Ich bin der beste Freund der Menschen.»
Der Verstand erwiderte: «Das ist nicht meine Meinung. Aber lassen wir die Menschen selbst entscheiden.»
Sie kamen in die Nähe eines Bauernhofes. Auf einem Feld grub ein hübscher junger Mann die Erde um. Er war sehr arm und hatte die grösste Mühe, sein Leben zu verdienen. Das Glück und der Verstand traten vor ihn hin und sagten: «Wir sind das Glück und der Verstand. Wer von uns beiden ist nach deiner Meinung dein bester Freund?»
Der junge Mann überlegte eine Weile. Dann erwiderte er: «Ich würde gerne dich, das Glück, als besten Freund haben.»
Das Glück und der Verstand grüssten ihn zum Abschied und gingen weiter. Der junge Mann sah den beiden Freunden nach. Dann nahm er seine Arbeit wieder auf. Er grub mit aller Kraft die Erde um. Plötzlich schlug seine Hacke an etwas Hartes. Unter einem grossen Stein entdeckte er eine Truhe, die mit Goldstücken gefüllt war. Er nahm so viel davon, wie er nur tragen konnte, und begab sich in die nächstgelegene Stadt.
Dort kaufte er prachtvolle Kleider, Maultiere und die schönsten Pferde. An der Spitze dieses prachtvollen Zuges kehrte er auf seinen Acker zurück, liess den Goldschatz auf ein Maultier laden, bestieg sein Ross und nahm den Weg zurück in die Stadt. Am gleichen Tag aber befand sich der König des Landes, umgeben von Reitern und mit einem grossen Gefolge von Dienern auf einem Spazierritt in der Umgebung seiner Stadt. In der Vorstadt begegnete ihm der prachtvolle Zug, an dessen Spitze der reich gekleidete junge Mann ritt. Kaum hatte dieser den König gesehen, da sprang er vom Pferd, grüsste ihn ehrfurchtsvoll und bot ihm seinen Goldschatz mitsamt dem Maultier als Geschenk dar. Der König, geblendet von dem Reichtum dieses Geschenkes und der Schönheit des jungen Mannes, glaubte nicht anders, als dass er ein Königsohn sei, der um die Hand seiner Tochter anhalten wolle; denn diese war in der ganzen Welt berühmt um ihrer ungewöhnlichen Schönheit willen.
Der König führte den jungen Mann in seinen Palast, und schon wenige Tage später wurde mit grossem Prunk die Hochzeit des jungen Mannes mit der Prinzessin gefeiert. Als Wohnung für das junge Paar hatte der König einen Palast prachtvoll einrichten lassen. Als aber der junge Ehemann die Kostbarkeit der Teppiche und der Ornamente sah, die die Wände und Decken schmückten, war er so geblendet, dass er stumm blieb vor Staunen. Die Diener des Königs wunderten sich über die Haltung des jungen Ehemannes und eilten zum König, um ihn davon zu unterrichten. «Kein Zweifel», sagte der König, «dieser junge Mann ist enttäuscht, weil er an grössere Pracht gewöhnt ist. Sag ihm, dieser Palast sei ihm nur vorübergehend als Wohnung bestimmt.»
Als der zweite Palast, grösser und prunkvoller als der erste, vollendet war und der junge Mann ihn besichtigte, war er ebenso geblendet wie das erste Mal, und er konnte seine Verwunderung nicht verbergen. Und der König befahl unverzüglich, einen dritten Palast zu bauen, der den zweiten an Prunk noch bei Weitem übertreffen sollte, aber der junge Mann verhielt sich nicht anders als beim Anblick des ersten und des zweiten Palastes. Und da weder der König noch seine Berater den wahren Grund dieses sonderbaren Verhaltens erraten konnten, wurde ein vierter, ein fünfter, ja, ein sechster Palast errichtet, und jeder übertraf den vorherigen an Schönheit, Reichtum und Pracht. Aber der junge Mann bekundete immer die gleiche Verwunderung.
Schliesslich geriet der König in Zorn. «Dieser junge Mann will meine Geduld auf die Probe stellen», sagte er. «Ich werde einen siebenten Palast erreichten lassen, dessen Pracht in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat. Wenn mein Schwiegersohn auch diesmal nicht zufrieden ist, jage ich ihn fort, wenngleich er ein Königssohn und der Gemahl meiner Tochter ist!»
Als der siebente Palast vollendet war, betrachtete ihn der König mit Genugtuung, denn noch nie hatte die Welt etwas Schöneres gesehen. Aber er wiederholte, dass er seinen Schwiegersohn, sollte er immer noch nicht zufriedengestellt sein, fortjagen würde.
Um diese Zeit gingen das Glück und der Verstand am Königspalast vorüber. Der Verstand sagte: «Morgen wird man deinen Freund fortjagen, trotz allem, was du für ihn getan hast.»
Das Glück erwiderte: «Ich fürchte es, und es betrübt mich sehr. Lass uns zu ihm gehen.
Als das Glück und der Verstand die Kammer des jungen Mannes betraten, fanden sieh ihn auf einem Diwan ausgestreckt. Er war sehr traurig, den er hatte gehört, dass der König ihn vielleicht am folgenden Tage fortjagen würde, ohne dass es ihm gelang, den Grund dieses Beschlusses zu erkennen. Als er das Glück und den Verstand hereinkommen sah, sagte er sich: «Das Glück war mein Freund und doch hat es mich dahin gebracht, dass ich morgen vertrieben werde, wenn ich nicht Verstand aufbringen kann.»
Und er bat den Verstand, ihm zu helten.
Als der junge Mann am folgenden Morgen in den siebenten Palast geführt wurde, den herrlichsten, der je geschaffen worden war, rief er mit lauter Stimme: «Dies ist endlich ein Palast, der meiner würdig ist! Geht und überbringt meinem Schwiegervater dem König, meinen wärmsten Dank!»
Als der König dies hörte, war seine Freude gross. «Endlich ist es mir gelungen, meinen Schwiegersohn zufriedenzustellen», sagte «Wenn er in einigen Monaten dem Lands seines Vaters einen Besuch abstatten will, so soll ihm die Bitte gewährt werden. Rüstet seine Armee und eine Flotte, um ihm ein würdig Geleit zu geben.»
Einige Monate später liess der König einen seiner Generäle kommen, stellte ihn an die Spitze des Heeres und der Flotte und befahl ihm, seinen Schwiegersohn in das Land seines Vaters zu begleiten. Die jungen Ehegatten begaben sich an Bord eines prachtvollen Schiffes. Nach langer Fahrt sichteten sie eine grosse Stadt. Der junge Mann liess den General zu sich rufen und sagte zu ihm: «Dort liegt die Stadt meines Vaters. Feinde haben meine Familie daraus vertrieben. Wir müssen zurückerobern, was mir gehört.»
Und der General griff die Stadt an, die sich bald ergab. Als der junge Mann den königlichen Palast betrat, der jetzt der seine war, bemerkte er hinter der Pforte eine alte Frau. «Wer bist du?», fragte er.
«Ich habe immer den Herren dieses Palastes gedient», erwiderte die Alte. «Wohin immer mein Herr sich begeben möchte, er braucht nur auf meinen Rücken zu steigen, und ich führe ihn an den Ort, den er bestimmt.»
Der neue König beschloss, seinen Schwiegervater zu besuchen. Er liess die Alte rufen und befahl ihr, ihn unverzüglich in den Garten des Königs, seines Schwiegervaters, zu befördern. Kaum hatte er auf dem Rücken der Alten Platz genommen, da befand er sich schon in Gegenwart seines Schwiegervaters. Dieser war äusserst erstaunt, den jungen Mann plötzlich vor sich zu sehen. «Bist du es, mein Sohn?», fragte er. «Woher kommst du? Ich glaubte dich fern von hier, in der Stadt deines Vaters.»
Der junge Mann berichtete alles, was sich ereignet hatte, und dass er auf dem Rücken der Alten gekommen sei, um den König, seinen Schwiegervater, in seine Stadt zu führen. Der alte König wunderte sich, willigte aber dennoch ein, seinem Schwiegersohn zu folgen. Sie bestiegen beide den Rücken der Alten. Der Jüngling befahl ihr, sie in seinen Palast zurückzuführen, und kurz darauf befanden sie sich in Gegenwart der jungen Königin, die, schöner denn je, ihren Vater in die Arme schloss und ihn freudig willkommen hiess. Der alte König war geblendet von dem Reichtum des königlichen Hauses und von der Pracht der Hauptstadt. Jedoch war er nachdenklich geworden, und nachdem er in sein Land zurückgekehrt war, begann er, die alten Chroniken zu studieren. Das dauerte zwei lange Jahre. Dann begab er sich von Neuem in das Land des jungen Königs, wo er mit allen Ehren empfangen wurde. Er wandte sich mit folgenden Worten an seinen Schwiegersohn: «Ich habe dir meine Tochter zur Frau gegeben, und du bist mein Sohn geworden. Seitdem habe ich alle alten Bücher gelesen und fand darin weder Auskunft über deine Familie noch über dein Königreich. Morgen will ich meine Minister und meine Ratgeber versammeln und du sollst uns Auskunft geben über dich. Kannst du es nicht, werde ich gezwungen sein, mich von dir loszusagen.»
Der junge Mann kehrte schweren Herzens in seinen Palast zurück. Er dachte bei sich: «Das Glück ist mein Freund und der Verstand ist mein Freund. Weder das Glück noch der Verstand können mir weiterhelfen. Wer könnte mir nur helfen?»
Er legte sich nieder, um zu schlafen. Und als er schlief, da kamen das Glück und der Verstand an dem Palast vorüber und sagten traurig: «Wir können ihm beide nicht mehr helfen.»
Der junge Mann aber hatte einen Traum. Er sah eine Gestalt, die sprach zu ihm: «Sage die Wahrheit!»
Er fuhr aus dem Schlaf auf, und die Worte klangen noch in seinen Ohren: «Sage die Wahrheit!»
Am folgenden Morgen trat der junge Mann vor den alten König und seine Berater. Er kniete vor seinem Schwiegervater nieder und sagte: «Höre die Wahrheit!»
Und er erzählte alles, was sich zugetragen hatte, seine erste Begegnungen mit dem Glück und dem Verstand und seinen Freundschaftspakt mit ihnen.
Die Aufrichtigkeit und die Ehrlichkeit seines Schwiegersohnes machten das Herz des alten Königs froh. Er setzte ihn als König über zwei Länder zugleich und gab ihm grosse Macht. Über die Tore der Stadt liess er folgende Inschrift setzen: Ein Mensch, der das Glück und den Verstand zu Freunden hat und die Wahrheit liebt, der kann alle Städte der Welt beherrschen.
Aus: R. und P. Soupault, Märchen aus fünf Kontinenten, Lausanne, 1968
Eine spannende Weisheitsgeschichte, finde ich. Was würdest du wählen? Verstand oder Glück?
Es stimmt mich nachdenklich zu sehen, wie der junge Mann mit seinem Glück - dem Goldfund - zunächst gar nicht umgehen kann und alles ausgeben und verschenken möchte. Es braucht eine lange Zeit (sieben Paläste lang) und den Verstand, dass der junge Mann schliesslich in sich selbst ankommen und sei Glück annehmen kann. Und erst die Wahrheit zum Schluss erlöst ihn wirklich und er kann endlich sein Glück geniessen.
Dieses Märchen eignet sich:
- mehr über Äthiopien zu erfahren
- Glück, Verstand und Wahrheit für sich selbst zu definieren und zu überlegen, wen man zum Freund haben möchte bzw. wieso
- sieben Paläste zu zeichnen oder zu bauen
- die Wahrheit zu sagen :-)