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Der Arbeits- und der Privatbereich verschwimmen, und es wird dann auch schwieriger, sich mental von der Arbeit zu lösen und sich zu erholen. Daher müssen Sie sich intensiver damit beschäftigen, wo Sie die Grenzen zwischen Arbeit und Familie ziehen.
Sind Sie Integrierer oder Segmentierer?
Sie brauchen individuelle Lösungen. Nancy P. Rothbard zeigt, dass diese Situation auch Chancen für einen anderen Umgang miteinander eröffnet. Lassen Sie uns folgendes kleines Gedankenexperiment durchführen. Kam bei Ihnen, als Sie noch durchgängig im Büro arbeiteten, gelegentlich Ihre Familie vorbei, um Sie zu besuchen? Haben Sie regelmässig Arbeit mit nach Hause genommen? Oder haben Sie Ihr Privatleben kategorisch von der Arbeit getrennt? Berufliche Telefonate führten Sie im Büro, private Gespräche zu Hause? Diese Präferenzen, genannt «Integration» und «Segmentierung», zeigen, wo Sie Ihre Grenzen ziehen.
Integrierer neigen dazu, die Grenzen zwischen Arbeit und Familie zu verwischen. Segmentierer hingegen wollen klare Grenzen beibehalten. Zu welcher Gruppe gehören Sie?
Rothbard sagt, dass es nicht nur die Reinformen beider Typen gibt, sondern dass ein starkes «sowohl – als auch» häufig vorkommt. Grundsätzlich gibt es zwei Dimensionen, in denen sich beide Typen bewegen, das sind Zeit und Raum.
Zeitnutzung von Segmentierer und Integrierer
Die Segmentierer konzentrieren sich während der Arbeitszeit auf die Arbeit und während der Familienzeit auf die Familie. Ein starker Segmentierer ist bestrebt, berufliche Telefonate während der Arbeit zu führen, auch wenn dies bedeutet, etwas länger im Büro zu bleiben. An einer Elternsprechstunde würde er nur teilnehmen, wenn sie während der Mittagspause stattfände. Forschungsergebnissen zufolge sind Segmentierer zufriedener und engagierter, wenn sie in Gleitzeit arbeiten. Dann können sie ihre Zeiten so planen, dass sie Beruf und Familie klar voneinander abgrenzen können.
Im Gegensatz dazu haben Integrierer in der Regel kein Problem damit, Arbeitsaufgaben während der «Familienzeit» und Familienaufgaben während der «Arbeitszeit» zu erledigen. Sie arbeiten oft auch ausserhalb der Bürozeiten, erledigen dafür aber während der Arbeitszeit auch persönliche Angelegenheiten. Ein starker Integrierer nimmt berufliche Anrufe nach Feierabend entgegen, lässt es sich dafür aber nicht nehmen, bei einer Elternsprechstunde um 10 Uhr morgens zu erscheinen also während seiner eigentlichen Arbeitszeit.
Räumliche Dimension von Segmentierer und Integrierer
Integrierer haben weniger Probleme damit, wenn die räumlichen Grenzen verschwimmen. Sie können besser von zu Hause arbeiten. Im Büro wiederum stellen sie gern Bilder ihrer Familienmitglieder auf. Forschungsergebnisse zeigen, dass Integrierer zufriedener sind und sich mehr für ihren Arbeitgeber einsetzen, wenn dieser ihnen hilft, die räumliche Trennung zu überbrücken, zum Beispiel mit einem Betriebskindergarten.
Segmentierer halten diese Räume gern getrennt. Manchmal teilen sie Arbeit und Zuhause, indem sie sich für jeden Bereich unterschiedliche Kalender und sogar Schlüsselanhänger zulegen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich freiwillig ein Homeoffice einrichten. Wenn ihnen keine andere Wahl bleibt, benötigen sie wahrscheinlich eine physische Barriere zwischen Arbeit und Privatem, also ein eigenes Arbeitszimmer mit einer Tür, die sie schliessen können. Diese zeitlichen und räumlichen Unterschiede haben Konsequenzen.
So lassen sich Integrierer eher ablenken und unterbrechen, da sie dazu neigen, Arbeit- und Familienaktivitäten gemeinsam und nebeneinander zu bearbeiten. Segmentierer können sich oft besser auf eine wichtige Aufgabe konzentrieren, weil sie eine schärfere Grenze zwischen Arbeit und Zuhause ziehen. Trotzdem gelingt es Integrierern besser, zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln, dies war auch bereits vor der Corona-Krise zu beobachten.
Herausforderung in der Corona-Zeit
Derzeit ist es fast unmöglich, den starken Wunsch von Segmentierern, Büro- und Familienleben getrennt zu halten, zu erfüllen. Auch für Integrierer kann das plötzliche und völlige Verschwimmen der Grenzen zu Problemen führen. Sie haben möglicherweise erstmals das Bedürfnis, Arbeit und Zuhause zu trennen, weil sich beides für sie zu stark vermischt. Das ist eine ganz neue Herausforderung für sie. Sowohl der Segmentierer als auch der Integrierer haben hier Lernbedarf und müssen sich anpassen.
Hilfreiche Tipps für den Umgang mit der Zeit
Es ist wichtig, bei der Zeiteinteilung klare Grenzen festzulegen, unabhängig davon, ob jemand ein Integrierer oder ein Segmentierer ist. Segmentierern, die sich nach klaren Grenzen sehnen, fällt dies tendenziell leichter. Integrierer müssen sich möglicherweise mehr anstrengen und neue Zeitpläne und Arbeitsabläufe für sich entwickeln. Für Segmentierer ist es besonders wichtig, geplante Arbeitszeiten einzuhalten. Das gibt ihnen das Gefühl, die Kontrolle über ihr Arbeitsleben zu behalten, besonders wenn die ganze Umgebung im Homeoffice sie an die Familie erinnert. Sie müssen allerdings für sich einsehen, dass sie etwas flexibler sein müssen, wenn sich vorgegebene Zeitpläne auch einmal ändern.
Der konkrete Rat lautet hier, handeln Sie Ihre Arbeitszeiten mit Ihrer Familie und Ihren Kollegen aus und halten Sie sich dann so gut es geht an das Ergebnis. Das wird Ihnen die Arbeit erleichtern, und Sie werden sich besser damit fühlen, dass Sie von zu Hause arbeiten müssen.
Arbeitskleidung anziehen
Eine zweite Technik, die Segmentierern helfen kann: Ziehen Sie sich Arbeitskleidung an, was immer das für Sie bedeutet. Das muss kein Anzug sein, vielleicht wählen Sie ein Outfit, das Sie in früheren Zeiten am Casual Friday im Büro getragen haben. Was Sie hingegen nicht tun sollten, ist, den ganzen Tag im Schlabberlook oder in der Jogginghose vor dem Rechner zu sitzen. Sie kennen ja den Spruch vom verstorbenen Designer Karl Lagerfeld: «Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.» Das wird es Ihnen leichter machen, zwischen Berufs- und Privatleben unterscheiden zu können. Sie werden eher das Gefühl haben, «zur Arbeit zu gehen», besonders wenn Sie die Tür Ihres Arbeitszimmers schliessen und Sie sich ein eigenes Arbeitszimmer einrichten können. Integrierer hingegen brauchen im Gegenteil keinen strengen Zeitplan. Sie können auch im Pyjama sehr produktiv sein. Aber auch sie müssen bei der Arbeit von zu Hause aus einige Grenzen setzen. Zum Beispiel sollten sie feste Zeiten vorsehen, in denen sie ungestört an wichtigen Besprechungen teilnehmen oder in denen sie sich auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren können. Das könnte bedeuten, dass sie ihren Zeitplan so umstellen, dass er mit dem ihrer Familienmitglieder übereinstimmt. Und dann in entsprechendem Business-Outfit an der Besprechung teilzunehmen.
Hilfreiche Tipps für den Umgang mit dem Raum
Unabhängig davon, ob Sie ein Integrierer oder ein Segmentierer sind, müssen Sie den Raum, in dem Sie arbeiten, sorgfältig auswählen. Bei Ihrer Entscheidung sollten Sie jedoch unterschiedliche Aspekte berücksichtigen. Integrierer können ihr Homeoffice eher an einem zentralen Ort wie der Küche oder dem Esszimmer einrichten, wo sie ihre Familienmitglieder im Blick haben. Segmentierer hingegen sollten nach Möglichkeit einen eigenen Raum mit einer Tür wählen. Sie sollten auch darauf achten, welche Gegenstände sich in diesem Zimmer befinden. Wenn andere Familienmitglieder regelmässig in den Raum kommen müssen, weil sie von dort etwas benötigen, sollten sie die fraglichen Dinge in einen anderen Raum verlegen. Das wird ihnen helfen, ungestört zu arbeiten.
Fazit
Menschen reagieren je nach Typ unterschiedlich auf die Arbeit im Homeoffice. Die Vermischung von Arbeit und Privatleben ist für Integrierer eher kein grosses Problem, für Segmentierer hingegen schon. Das Aufbrechen alter Normen hinsichtlich der Trennung von Arbeit und Familie kann die individuelle Arbeitswelt jedoch bereichern.