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Beat Glur, Berner Zeitung (05.06.2007)
Als opulenten Bilderreigen bringt das Opernhaus Zürich Riccardo Zandonais tragische Oper «Francesca da Rimini» auf die Bühne. Trotz grandioser Solisten droht die Zürcher Erstinszenierung immer wieder auseinander zu brechen.
Lange bevor Rimini die Touristenmassen zum Bade lockte, stand das italienische Adriastädtchen unter der Herrschaft der Familie Malatesta. Die Stammburg des mächtigen Geschlechts war im 13. Jahrhundert Schauplatz eines der berühmten Liebesdramen der Weltliteratur.
Um eine alte Fehde mit dem Haus Malatesta zu beenden, verheiratete Guido da Polenta aus Ravenna seine schöne Tochter Francesca mit Giovanni, dem Erben der Malatesta. Da Giovanni körperlich verkrüppelt war, wurde sein Bruder Paolo als Brautwerber nach Ravenna geschickt.
Francesca und Paolo verliebten sich ineinander – aber heiraten musste die Braut den missgestalteten Bruder des Geliebten. Als dieser seine Frau und seinen Bruder in inniger Vereinigung überrascht, ersticht er beide. Der Stoff wurde literarisch oftmals bearbeitet: Der italienische Dichter Dante Alighieri hat das Drama um seine Zeitgenossin Francesca da Rimini (1255-1285) in seiner «Göttlichen Komödie» bearbeitet. Gabriele d'Annunzio schrieb den Stoff, basierend auf Dantes Vorlage, 1901 zum Versdrama um.
Vergessenes Werk
Dieses diente als Grundlage zur Oper «Francesca da Rimini». Die Tragödie gelangte 1914 in Turin zur erfolgreichen Uraufführung und sollte zum grössten Erfolg des Opernkomponisten Riccardo Zandonai (1883-1944) werden.
Aber das Werk geriet, wie zehn weitere Opernkompositionen Zandonais, in Vergessenheit. Als Zürcher Erstaufführung ist es am Sonntagabend nun auf der Opernhaus-Bühne zur Premiere gekommen – mit Starbesetzung und Nello Santi am Dirigentenpult.
Ungleiche Brüder
Im Mittelpunkt steht die US-Sopranistin Emily Magee in der Titelrolle. Sie meistert die überaus anspruchsvolle Partie bravourös. Mit Juan Pons als Giovanni und Boiko Zvetanov als sein jüngster Bruder Malatestino, der Francesca ebenfalls begehrt, sind auch ihre Gegenspieler prominent besetzt.
Dramatischer Höhepunkt der Zürcher Inszenierung ist die Auseinandersetzung zwischen den beiden ungleichen Brüdern im letzten Akt. Pons und Zvetanov zeigen eine physische Präsenz, wie man es von den beiden sonst eher zurückhaltenden Sängerdarstellern noch kaum je gesehen hat.
Dass sich die Zürcher Neuinszenierung dennoch kaum wird behaupten können, liegt vor allem an der Inszenierung. Regisseur Giancarlo del Monaco zwingt seine Darsteller in eine Art Zeitlupenspiel mit übertriebenen Bewegungen, wodurch dem eigentlich spannenden Opern-Krimi viel von seiner Dramatik verloren geht.
Bedeutungsschwanger
Zudem werden die Solisten zu permanentem hochdramatischem Singen angehalten, was dem Werk die dynamischen Feinheiten raubt. Aber auch die Musik selber trägt zum eher diffusen Gesamtbild der Produktion bei: Sie kommt oft grossorchestral-schwelgerisch daher und liegt damit immer wieder hart an der Grenze zum Kitsch.
Zusammen mit den als grandiose Tableaus gestalteten Bühnenbildern, die den Räumen von d'Annunzios Anwesen am Gardasee nachempfunden sind, entsteht der Eindruck eines vor allem bedeutungsschwangeren, aber letztlich wenig ausgereiften eklektizistischen Gesamtwerks.
Die technisch bedingten zahlreichen und sehr langen Umbaupausen zwischen den einzelnen Bildern lassen die Oper in der fast dreieinhalbstündigen Zürcher Inszenierung zudem immer wieder fast auseinander brechen.