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Rund 200 Jahre nachdem der klassische Ökonom David Ricardo seine Theorie zur Einkommensverteilung auf die Produktionsfaktoren Arbeit, Kapitel und Boden veröffentlichte, wird ebendiese Verteilung wieder zum Gesprächsthema. Die Eigentümer von Kapital würden mit zunehmender Technologisierung im Vergleich zu Arbeitnehmenden immer mehr vom Wohlstandskuchen für sich beanspruchen, so die vielerorts geäusserte Befürchtung. Nur: Ist das Szenario mehr als ein Schrecksgespenst?
Eine ehrliche Antwort fällt nicht ganz eindeutig aus. Auch nach fast sieben Jahrzehnten Forschung zum Thema bleibt vieles offen (Cho et al. 2017) und neue Forschungsergebnisse werfen weitere Fragen auf. Die Wahl der Datengrundlage und Methoden hat grundlegenden Einfluss auf die Ergebnisse. In den folgenden Abschnitten werden einige der grundlegenden Erkenntnisse zum Thema dargelegt. Ganz grundsätzlich gilt aber, dass die Bedeutung des Anteils der Kapitaleinkommen an den gesamten Einkommen teilweise überschätzt wird: Die Trennlinie zwischen «Arbeiter» und «Kapitalist» verschwimmt in modernen Industriestaaten – u.a. aufgrund der kapitalgedeckten Altersvorsorge – zunehmend, was die Aussagekraft der Lohnquote einschränkt.
Entscheidend ist, wie die Einkommen der Selbstständigen berücksichtigt werden
Eines der Dinge, die zu unterschiedlichen Resultaten führen, sind die Einkommen der Selbstständigen. Sie werden in den nationalen Statistiken, die zur Berechnung des Anteils der Erwerbseinkommen verwendet werden, nicht einzeln ausgewiesen, entsprechend schwierig ist es, sie empirisch korrekt zu erfassen (Cho et al. 2017).
Wie gross dieser Einfluss ist, zeigt eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IMF 2017). Darin wird ausgewiesen, wie hoch der Anteil der Erwerbseinkommen an den gesamten Einkommen ist, wenn die Einkommen der Selbstständigen nicht speziell berücksichtigt werden, und dann, wenn ein Modell angewendet wird, bei dem die spezifischen Eigenschaften der Einkommen der Selbstständigen berücksichtigt werden. Im «Grundmodell» lag der Anteil der Erwerbseinkommen an den gesamten Einkommen 2014 bei rund 51 % Prozent in entwickelten Volkswirtschaften und bei rund 38 % in Schwellenländern. Im angepassten Modell liegen die Anteile für entwickelte Volkswirtschaften rund zehn Prozentpunkte höher, in den Schwellen- und Entwicklungsländern waren es gar bis zu 20 Prozentpunkte. Je detaillierter die Daten betrachtet werden, desto gewichtiger sind also die Erwerbseinkommen an den gesamten Einkommen.
In der Schweiz steigt der Anteil der Erwerbseinkommen sogar
Die Studie des IWF zeigt über alle Länder hinweg betrachtet sowohl in entwickelten Volkswirtschaften als auch in Schwellen- und Entwicklungsländern insgesamt eine leicht negative Tendenz des Anteils der Erwerbseinkommen an den gesamten Einkommen. Für entwickelte Volkswirtschaften wird ein Einkommensanteil (ohne spezielle Berücksichtigung der Einkommen der Selbstständigen) zwischen 54,7% in 1970 und 51 % im Jahr 2015 ausgewiesen. Seit 1995 ist gemäss diesen Daten der Anteil allerdings nur noch um weniger als einen Prozentpunkt gesunken. In aufstrebenden Volkswirtschaften variierte dieser Anteil von 1994 bis 2014 zwischen 37 Prozent und 38 Prozent. Die Betrachtung einzelner Länder zeigt dagegen grössere Unterschiede. In einigen Nationen ist die Reduktion weitaus deutlicher als es die Mittelwerte vermuten liessen, anderswo haben die Arbeitseinkommen sogar an Gewicht gewonnen.
Die Schweiz gehört zu jenen Ländern, die keine sinkende Lohnquote haben. Hierzulande sind die Kapitaleinkommen nicht stärker gewachsen als die Lohneinkünfte. Im Gegenteil: Der Anteil der Arbeitseinkommen am Gesamtkuchen ist gemäss dieser Schätzung pro Jahrzehnt um 0,3 Prozent gestiegen. Damit hebt sich die Schweiz deutlich ab von anderen reichen Ländern wie etwa Deutschland, den USA oder Norwegen.
Ist die Schweiz also ein Sonderfall, quasi eine Insel der Glücklichen in einer Welt, in der vielerorts immer mehr die Kapitaleigner und immer weniger die «normalen Arbeiter» die Früchte der harten Arbeit ernten können?
Nun, nicht ganz. Zum einen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, ob sich über mehrere Länder hinweg überhaupt eine abnehmend Tendenz zeigt, wie sie der Internationale Währungsfonds (IMF 2017) sieht. Die OECD (Cho et al. 2017) etwa hat argumentiert, dass sich keine allgemeine negative Tendenz zeigen lässt, wenn statt Brutto-Zahlen der nationalen Statistiken das tatsächlich verfügbare Einkommen betrachtet wird. Zum anderen beschreiben schweizspezifische Forschungsarbeiten zwar keine massgebliche Veränderung des Einnahmeanteils von Erwerbstätigkeit, sie finden aber sehr wohl Unterschiede für verschiedene Bildungslevel. Michael Siegenthaler und Tobias Stucki von der Konjunkturforschungsstelle KOF (2014) etwa haben schon vor einiger Zeit ihr Fazit dazu beschrieben. Auf Grundlage von Unternehmensdaten zeichnen die beiden Autoren ein differenziertes Bild. Die voranschreitende Entwicklung macht Bildung bedeutender. Der Anteil der Erwerbseinkommen an den gesamten Einkommen ist auch nach ihren Berechnungen gestiegen, dies aber – und das ist der entscheidende Punkt, vor allem für jene mit guter Ausbildung. Das könnte einen Hinweis darauf geben, worauf in der Zukunft der Fokus gelegt werden soll.