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SRF News: Sie beschreiben Ihre Kindheit als glücklich und doch kam irgendwann der Moment, als Sie sich fragten, woher komme ich eigentlich?
Sarah Ramani Ineichen: Das ist so ein tiefes Gefühl, dass in einem immer stärker wird. Man merkt, irgendetwas ist nicht richtig gelaufen. Vor allem die eigene Schwangerschaft und Geburt und die tiefe Bindung und Liebe zu den eigenen Kindern lässt einem fragen, woher komme ich und warum wurde ich weggegeben.
Wie sind Sie in Sri Lanka auf die Suche nach Ihrer Mutter gegangen?
Der Onkel von meinem Mann hat jahrelang in Sri Lanka gearbeitet. Er vermittelte mich mit einer vertrauenswürdigen Person. Ich habe eine Kontaktadresse bekommen und bin mit meiner besten Freundin im März nach Sri Lanka gereist. Anhand der englischen Übersetzung meiner Geburtsurkunde ging die Suche los.
Wie verlief die Suche vor Ort?
Wir sind zu dieser Adresse gefahren – ich hatte sie vorher über Monate gegoogelt, sie lag in einem Slum. Wir sind dann mit dem Taxi dahingefahren, es gab eigentlich keine markierten Strassen. Beim Armenviertel sind wir ausgestiegen und hereingegangen. Dann wurde ich gleich als Tochter meiner Mutter erkannt, weil ich ihr so ähnlich sehe. Sie haben mich dann zum Haus geführt, wo meine Familie gelebt hatte. Ich habe erfahren, dass ich die Jüngste von vier Kindern bin.
Eine Nachbarin, die gleichzeitig wie meine Mutter schwanger war, konnte mir das erzählen. Zudem hat sie gesagt, dass damals eine sogenannte Lady kam, die vom Spital engagiert war und schon während der Schwangerschaft Druck ausgeübt hatte, und meiner Mutter sagte, dass sie mich weggeben soll. Einige Wochen nach der Geburt holte die Lady mich ab. Meine Familie lebt leider nicht mehr dort. Sie sei einen Monat nach meiner Adoption weggezogen.
Nun wurde bekannt, dass in den 1980er-Jahren tausende Babys illegal oder unter grossem Druck von ihren Müttern entwendet worden sind und zur Adoption nach Europa gegeben wurden. Sie sind vermutlich auch eines dieser Säuglinge. Was haben Sie über die Anfänge herausgefunden?
Wir fanden meine Originalgeburtsurkunde. Da standen mehr Dinge drauf, als in der englischen Übersetzung. Man hätte mein ganzes Leben lang wissen können, dass ich Geschwister habe. Das wäre für mich als adoptiertes Einzelkind wichtig zu wissen gewesen. Ein Freund von mir ging dann mit 15 Dossiers von adoptierten Kindern in die Castle Maternity in Borella, wo ich zur Welt gekommen sein soll, und schaute im Geburtenbuch am 23. Februar nach, ob ich notiert bin.
Doch weder ich, noch die anderen Babys dieser Dossiers standen darin, wurden nicht offiziell registriert. Ich weiss nicht, ob man es damals bereits extra nicht registriert hatte, ob es nicht mein richtiger Name ist oder ob ich nicht an diesem Datum zur Welt gekommen bin.
Die sri-lankischen Behörden wollen nun eine DNA-Datenbank erstellen, um bei der Zusammenführung von adoptierten Kindern und ihren leiblichen Eltern zu helfen. Was versprechen Sie sich davon?
Ich hoffe, dass ich durch die DNA-Analyse Verwandte finde, seien es Geschwister, Tanten oder dann hoffentlich auch mal meine Mutter. Ich hatte das grosse Glück, dass ich über den DNA-Test, den ich in der Schweiz gemacht habe, meine Cousine Olivia fand. Das war sehr bewegend. Neben meinen Kindern ist sie die erste Blutsverwandte, die ich gefunden habe.
Was müsste geschehen, damit sich in dieser traurigen Geschichte so etwas wie Gerechtigkeit einfindet?
Jetzt ist es noch so, dass unsere Mütter das Alter haben, wo sie leben könnten. Wir hoffen einfach wirklich, unsere Familien zu finden. Dabei hoffen wir auch auf die Unterstützung der Schweizer Behörde, sei es aus finanzieller oder politischer Sicht. Die Regierung von Sri Lanka soll sich wirklich an ihre Versprechen halten und den Müttern ermöglichen, ihre Kinder wiederzufinden. Und ich erhoffe mir eine Zusicherung, dass so etwas nicht mehr passiert. Künftig soll es keinem adoptierten Kind so ergehen.
Das Gespräch führte Marlen Oehler.
Adoptionsbetrug in Sri Lanka
Bis zu 11'000 Kinder sollen in den 1980er-Jahren mit gefälschten Identitäten aus Sri Lanka an ausländische Elternpaare zur Adoption freigegeben worden sein. Die Babys sollen ihren Eltern betrügerisch entwendet worden sein, etwa unter Vortäuschung ihres Todes kurz nach der Entbindung im Spital. In anderen Fällen seien finanzielle Anreize geboten worden, wenn Frauen schwanger würden und ihr Kind nach der Geburt abgeben würden. Diesen grossangelegten Adoptionsbetrug haben niederländische Fernsehjournalisten von «Zembla» ans Licht gebracht.
Der Betrug soll von höchster Ebene gedeckt worden sein. «In Sri Lanka haben die wichtigen Stellen wahrscheinlich kein Interesse daran, dass der Skandal aufgedeckt wird», sagt Volker Pabst. Der NZZ-Journalist hat sich intensiv mit der Arbeit seiner niederländischen Kollegen auseinandergesetzt.
Im Zusammenhang mit diesem Skandal spricht man von «Baby-Farmen». Es soll Häuser und ganze Lager gegeben haben, in denen Mütter mit ihren Kindern festgehalten oder wo die weggenommenen Kinder aufgezogen wurden. «Es ist von prekären Bedingungen die Rede, es muss alles ziemlich schrecklich gewesen sein», so Pabst.
«Es bedingt eine gewisse Organisation, um ein solches Geschäft auf die Beine zu stellen», sagt Pabst. Leute, die die Kinder wegnehmen, Komplizen in den Krankenhäusern, jene, die die Dokumente ausstellen, Leute innerhalb der Adoptions- und der Kinderschutzbehörden – überall müsse es eingeweihte Personen gegeben haben, so der Korrespondent. «Und natürlich auch auf der Seite der Empfängerländer.»
Niederländische Journalisten haben nach der Aufdeckung des Betrugs die sri-lankische Regierung mit den Vorwürfen konfrontiert. «Diese hat alles zugegeben und angekündigt, dass sie DNA-Datenbanken erstellen will. Man will es den Eltern und den Kindern ermöglichen, Proben abzugeben», sagt Pabst. Dank dem Datenabgleich könnten so Kinder und Eltern zusammengeführt werden.
Adoptionsrecht in der Schweiz
|Maryse Javaux ist Spezialistin für internationale Adoptionen beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD). Gemäss ihr hatten internationale Adoptionen in den 70er- und 80-Jahren in der Schweiz stark zugenommen. Dabei hätten die Staaten feststellen müssen, dass sie nur wenig Kontrolle über die Adoptions-Prozesse hatten. «In der Schweiz wurde das Adoptionsrecht anfangs der 70er-Jahre revidiert, als man noch kaum Kinder aus dem Ausland adoptiert hat», so Javaux.|
«Die Entwicklung und die schlimmen Geschichten von Missbrauch und vom Kauf von Kindern hat die Staaten dazu bewegt, international eine Lösung zu suchen.» Ende der 80er-Jahren haben die Staaten an der Haager-Konferenz für internationales Privatrecht damit begonnen, einen internationalen Text zum Schutz von Kindern auszuarbeiten.
Die Schweiz hat das Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption am 24. September 2002 ratifiziert, das Abkommen ist am 1. Januar 2003 in Kraft getreten. Heute gäbe es viel mehr Informationen darüber, was in einem Land passiere, so Javaux. Über das Internet, in Berichten von Nichtregierungsorganisationen oder durch staatliche Organe wie Botschaften könne man mittlerweile viel erfahren. «Wir sind auch viel mehr vernetzt mit anderen Aufnahmestaaten, was uns erlaubt, die wichtigen Informationen auszutauschen und gegebenenfalls eine gemeinsame Haltung zu haben», sagt Javaux.
Sarah Ramani Ineichen
Sarah Ramani Ineichen wurde drei Wochen nach ihrer Geburt im März 1981 zur Adoption freigegeben. Heute lebt sie in Genf und hat drei Kinder.
Volker Pabst
Volker Pabst ist Südasien-Korrespondent der NZZ und hat über die Aufdeckung der niederländischen Recherche-Journalisten von «Zembla» berichtet.