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In Ulrich Brands und Markus Wissens Gegenwartsdiagnose unter dem Titel Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus geht es um den Zusammenhang zwischen Wohlstand und Ressourcenverbrauch des globalen Nordens einerseits und Armut und Ressourcenextraktion im globalen Süden andererseits. Es ist dieser Zusammenhang, der aus ihrer Sicht die multiple Krise des Neoliberalismus erklärt, wie sie sich beispielsweise in der ökologischen Krise des Klimawandels oder in der sozialen Krise der interkontinentalen Fluchtbewegungen zeigt. Die „imperiale Lebensweise“ bildet für Brand und Wissen einen zentralen Schlüsselbegriff, um diesen Zusammenhang herauszuarbeiten.
Der Kerngedanke des Begriffs der „imperialen Lebensweise“ ist, „dass das alltägliche Leben in den kapitalistischen Zentren wesentlich über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Naturverhältnisse andernorts ermöglicht wird“. Mit andern Worten: Der globale Norden ist auf „den im Prinzip unbegrenzten Zugriff auf das Arbeitsvermögen, die natürlichen Ressourcen und die Senken“ des globalen Südens angewiesen. Dieses Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnis reproduziert sich strukturell auf der Basis von Ungleichheit, Macht und Herrschaft und setzt sich manchmal auch mit direkter Gewalt durch.
Der Begriff der imperialen Lebensweise verknüpft also Alltagshandeln und gesellschaftliche Struktur. Er verweist auf die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, „die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden und zunehmend auch in den Schwellenländern des globalen Südens“ verankert sind. Die entsprechenden Vorstellungen eines „guten Lebens“, die diese Normen überwölben, sind zwar grundsätzlich umstritten. Doch vielfach schlagen sie sich in unhinterfragten Selbstverständlichkeiten nieder, setzen sich als Diskurse fest, werden hegemonial, verstetigen sich in Institutionen, prägen und normieren den Alltagsverstand der Subjekte und tragen dadurch dazu bei, dass diese unter den gegebenen Umständen handlungsfähig sind und bleiben.
Den so verstandenen Begriff der „imperialen Lebensweise“ entwickeln Brand und Wissen im Anschluss an die Tradition der „Imperialismus“-Theorie oder der laufenden Debatten um die „multiple Krise“ der Gegenwart und die in diesem Zusammenhang geforderte „sozial-ökologische Transformation“. Sie konfrontieren ihn dabei mit aktuellen Vorschlägen, die eine „grüne Ökonomie“ oder einen „grünen Kapitalismus“ fordern. Brand und Wissen untermauern theoretisch und empirisch die These, dass eine „sozial-ökologische“ Transformation oder der „grüne“ Kapitalismus dann nicht zum Ziel führen, wenn sie zwar beispielsweise den Industrialismus oder dessen energetische Basis modernisieren, nicht aber die politische Ökonomie der „imperialen Lebensweise“ zu verändern suchen.
Anschaulich zeigen Brand und Wissen am Beispiel der „Automobilität“ auf, wie die „imperiale Lebensweise“ funktioniert und welche Fussangeln es bei deren Modernisierung gibt. Der Automarkt wird zur Zeit von den sogenannten „Sport Utility Vehicles“ (SUV) dominiert. Diese Mischung aus Limousine und Geländewagen, die in den seltensten Fällen im Gelände zum Einsatz gelangt, wird intensiv beworben und anteilsmässig am häufigsten gekauft. SUV brauchen durch Grösse und Gewicht für Herstellung und Betrieb mehr Ressourcen als andere Automobile. Zudem belegen sie mehr öffentlichen Raum, stossen vergleichsweise mehr Schadstoffe aus und setzen andere Verkehrsteilnehmer höheren Verletzungsrisiken aus.
Der SUV-Boom geht auffälligerweise mit einem Rückgang des motorisierten Individualverkehrs einher. Auch können SUV-Modelle meist nur von Haushalten gekauft werden, die über ein hohes Einkommen und damit oft auch über ein ausgeprägteres Umweltbewusstsein verfügen: Der grosse Kofferraum wird selten mit Billigware, sondern oft mit Bio-Produkten gefüllt. Was auf den ersten Blick als widersprüchliches Verhalten erscheint, muss es als individuelle Strategie nicht sein: Weil ihre Fahrzeuge stärker und grösser sind, schützen SUV-Fahrer sich und die Mitfahrenden vor den Gefahren des automobilen Verkehrs, ohne dass sie darauf verzichten müssen. Zudem sind sie mit einem Geländewagen grundsätzlich besser für die Folgen des Klimawandels gewappnet. Denn wo Orkane wüten, Überschwemmungen drohen und die Erde ins Rutschen kommt, ist der SUV womöglich das adäquate Fahrzeug. Schliesslich lässt sich mit einem SUV auch der alltägliche Konkurrenzkampf auf der Strasse, der den ökonomischen Konkurrenzkampf in der Arbeitswelt simuliert und als selbstverständliche Alltagspraxis einübt, besser führen: Man steht zwar vielfach im gleichen Stau, doch blickt man im SUV aus einer vergleichsweise hohen Warte auf andere Automobilisten hinunter.
Gleichzeitig aber spitzen die SUV die Widersprüche der imperialen Lebensweise zu. Herstellung und Betrieb sind ohne Ressourcenextraktion und ohne die Belastung der Senken im globalen Süden nicht möglich. Ihre Verwendung ist aber auch deshalb nicht verallgemeinerbar, weil die individuelle Strategie, der ökologischen und ökonomischen Krise mit dem SUV zu begegnen, in der Summe genau das verschärft, woran sie sich anzupassen versucht. Was für die SUV gilt, trifft nach Brand und Wissen auch für Strategien zu, welche die Automobilität zu modernisieren versuchen: Weniger im Betrieb, jedoch bei ihrer Herstellung sind beispielsweise auch Elektrofahrzeuge auf Ressourcen und Senken des globalen Südens angewiesen. Es führt – so Brand und Wissen – kein Weg an einer grundsätzlichen Infragestellung der imperialen Lebensweise und ihrer konkurrenzgetriebenen kapitalistischen Kernstruktur vorbei.
Ihr abschliessendes Kapitel widmen Brand und Wissen denn auch den Ansätzen einer solidarischen Lebensweise, welche die von multiplen Krisen heimgesuchte neoliberale Gesellschaft ablösen muss. Es geht darum, den Bewegungen zu widerstehen, die autoritäre, marktradikale, rassistische oder nationalistische Auswege propagieren. Darüber hinaus aber wären andere politische Regeln zu entwickeln, wie sie beispielsweise in Vorstellungen zur Wirtschaftsdemokratie enthalten sind. Auch gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten wären kritisch zu hinterfragen und durch Leitbilder zu ersetzen, welche die kapitalistische Landnahme und Expansion zurückdrängen. Wichtig wären nach Brand und Wissen auch die Veränderung von Subjektivitäten, erfahrbare Verringerungen von Ungerechtigkeiten und die Verschiebung von Kräfteverhältnissen. Politische und soziale Bewegungen in dieser Richtung sind vorhanden. Diese gilt es zu stärken. Doch kann der Übergang zu einer solidarischen Lebensweise – gerade unter dem Aspekt der erwähnten Subjektivitäten – auch unspektakuläre Formen annehmen: Er kann beispielsweise darin bestehen, „sich den heutigen Lebens- und Konsumnormen zu entziehen, explizite und implizite Regeln nicht mehr zu befolgen, bestimmte Praxen und Nahelegungen nicht mehr zu akzeptieren und zu unterbrechen.“ Gerade weil sich die imperiale Lebensweise im globalen Norden in Alltag und Körper eingeschrieben hat, muss deren Überwindung auch in dieser Dimension ansetzen.
Was Brand und Wissen in ihrer Gegenwartsdiagnose als „imperiale Lebensweise“ bezeichnen, ist nicht neu. Stefan Lessenich hat vergleichbare Phänomene kürzlich unter dem Begriff der „Externalisierungsgesellschaft“ gefasst. Und die Dritte-Welt-Bewegung der 1970er Jahre hat bereits darauf hingewiesen, dass es nicht in erster Linie darum gehe, mehr zu geben, sondern vielmehr darum, weniger zu nehmen. Ulrich Brand und Markus Wissen gehen aber wesentlich über solche Vorläufer hinaus. Erstens berücksichtigen sie den neuesten Stand von Theorie und Empirie. Zweitens vertiefen sie in Anlehnung an regulations- und hegemonietheoretische Ansätze die Analyse. Die beiden Autoren haben sich mit ihrem Band zum Ziel gesetzt, zu „wissenschaftlichen wie gesellschaftspolitischen Debatten“ sowie „zur Orientierung aktueller und künftiger Kämpfe für eine solidarische Lebensweise“ beizutragen. Was sie als Autoren zur Erreichung dieses Zieles beitragen können, ist ihnen sehr gut gelungen. Ihr Band ist schmal, gut aufgebaut und verständlich geschrieben, ohne der Popularisierung zu verfallen. Es ist jetzt an den Bewegungen und der Wissenschaft, ihrem theoretisch und empirisch fundierten Beitrag die nötige Beachtung zu schenken.
Ulrich Brand/Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus, Oekom-Verlag, München 2017, 224 S.
Siehe auch die ebenfalls auf theoriekritik.ch erschienene Rezension von Sebastian Klauke zum gleichen Buch.