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Über- oder unterbewertet?
Im Prinzip scheint mir, dass wir gelegentlich Unwichtigkeiten überbewerten und manche wichtige Dinge im Leben, nämlich jene, die etwas bewirken würden, unterbewerten. Eine kleine Auswahl:
„In allen unwichtigen Dingen ist Stil, nicht Aufrichtigkeit, das Wesentliche.
In allen wichtigen Dingen ist Stil, nicht Aufrichtigkeit, das Wesentliche.“
(Oscar Wilde)
Überbewertet: Beschäftigt sein.
Unterbewertet: Auf eine Sache konzentrieren.
Beschäftigt sein ist nicht das gleiche wie bewusst aktiv sein. Aktivität und Aktion verwechseln wir gerne. Wir finden es gut, busy zu sein und gleichzeitig über unsere Arbeit zu klagen. „Ich habe keine Zeit“ kommt oft über unsere Lippen. Hinzu kommt, tief im Inneren glauben wir, dass unsere Aktivitäten ein Indikator sind, um der Welt zu zeigen, dass wir ein wichtiges Leben leben. „Schau, ich habe so viel zu tun. Wenn ich viel zu tun habe, dann muss es doch wichtig sein.“ Und weiter gedacht, wenn dem so ist, „dann bin ich wichtig, wenn ich so beschäftigt bin“, anstatt sich über seine Priorität Gedanken zu machen. Übrigens, Priorität hatte nicht immer die Bedeutung, die das Wort heute hat. Greg McKeown erklärt in seinem Buch Essentialism, dass das Wort Priorität (ursprünglich aus dem Französischen; auf das lateinische prioritas zurückgehend) im 14ten Jahrhundert seinen Weg in die Sprache fand. Das Wort existierte nur in der Einzahl. Erst 500 Jahre später, im 20ten Jahrhundert wurde es pluralisiert. Als ob es mehrere wichtige Dinge im Hier und Jetzt gleichzeitig gäbe… Ok, wir sind in der Lage, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Zum Beispiel können wir fernsehen während wir kochen oder Emails beantworten während wir am Telefon sind. Was wir nicht können ist jedoch, uns auf zwei Sachen gleichzeitig konzentrieren. Multitasking zwingt das Hirn permanent zwischen den Aufgaben hin- und her zu hetzen, damit leiden beide Aktionen darunter.
Anstatt beschäftigt zu sein, lieber meine Priorität definieren, „Was werde ich jetzt bewusst kreieren, schaffen, geniessen oder geben?“
Überbewertet: Zeitung lesen.
Unterbewertet: Ein gutes Buch lesen.
Jedes Buch, das länger als 10 Jahre im Handel ist, ist wahrscheinlich interessant genug, um gelesen zu werden, beinhaltet eventuell lebensverändernde Impulse oder Ideen. Schlechte Bücher sind nach einer oder maximal zwei Dekaden kaum mehr zu finden. Fast alles, was in den Zeitungen steht, wird überwiegend nur gedruckt, weil es aktuell ist und Negatives beschreibt. „Rücktritt: Die wahren Gründe“, „Enthüllt: Das Doppelleben von XY“, „Ausgetrickst: Wie Millionäre den Fiskus beschummeln“, „Geheimplan: XY Manger bereiten Mammutfusion vor“. Wir haben das Gefühl, wenn wir die Zeitung lesen, dann sind wir informiert, dann können wir mitreden. Information alleine macht jedoch keinen Sinn, vor allem, wenn das meiste, was wir in der Zeitung lesen, morgen schon unwichtig ist und es in der Tat nur Chauffeur Wissen vermittelt.
Mich mit einem für mich interessantem Thema auseinandersetzen, um wirklich etwas zu lernen.
Überbewertet: Recht haben.
Unterbewertet: Sich entwickeln.
Wir bewerten kurzfristige Befriedigungen und Ergebnisse höher als mittel- bis langfristige Ergebnisse. Der CFO spielt mit den Zahlen in der Bilanz, um die Quartalsziele zu verschönern, Politiker versprechen, was die Wähler hören möchten, damit sie an der Macht bleiben und Studenten schummeln im Examen, um bessere Noten zu erhalten anstatt den Stoff wirklich zu verstehen. Aufwand zu betreiben, um sich weiterzuentwickeln steht im Hintergrund. Es gibt in der Tat „Streitgespräche“; ist das nicht interessant? Wenn man streitet, dann bedeutet das – zumindest in meiner Welt – dass jemand glaubt, dass er Recht hat und dies dem anderem klar machen will.
Sich lieber am Prozess der eigenen Weiterentwicklung erfreuen als rechthaberisch durchs Leben marschieren.
Überbewertet: Boss sein.
Unterbewertet: Teamplayer sein.
Wir lieben Status. Anerkennung und Medaillen für unsere Leistung. Macht und Prestige auf unserer Visitenkarte. Oft vergleichen und bewerten wir das Verhalten unserer Umgebung und all dies nur aus unserer Sicht. Über andere tratschen, erhebt uns über sie. Wir sind ich-bezogen und sehen nur unsere Landkarte (Seite 9). Solange du deine Füsse unter meinen Tisch stellst…
Im Miteinander die Bedürfnisse der anderen berücksichtigen oder zumindest verstehen und sie in ihrer Entwicklung unterstützen.
Überbewertet: Unlimitierte Freiheit.
Unterbewertet: Sich bewusst einschränken.
Einschränkungen erhöhen unsere Entwicklung mehr, als dass sie uns reduzieren, schrieb 1843 der dänische Philosoph Sören Kierkegaard in seinem Buch „Entweder – Oder: Teil I und II“. Mit einschränkenden Systemen werden wir produktiver und entwickeln uns bewusster. Tatsächlich, seit ich mir einschränkende Strukturen für meinen Tag auferlegt habe, nämlich zum Beispiel meine E-Mails nur dreimal am Tag zu festgelegten Zeiten zu lesen, erhöhte sich meine Produktivität. Ganz einfach nach dem Motto, „weniger ist mehr“. Wir glauben gerne, dass, um wirklich glücklich zu sein und Sinn im Leben zu finden, brauchen wir mehr: Mehr Gelegenheiten, mehr Geld und mehr Dinge. Grenzenlose Freiheit schränkt uns jedoch oft ein und lässt uns das Wesentliche übersehen.
Die Schwarzwälder-Kirschtorte lieber nur anschauen als zu verdauen.
Überbewertet: Belangloser Small-Talk.
Unterbewertet: Aufschlussreiche Gespräche führen.
Nichts gegen Small-Talk, um das Eis zu brechen. Nachdem man die Floskeln aufgebraucht hat, sich über das Wetter oder den Feinstaub ausgelassen hat, wird es interessanter, wenn man ein Thema findet und es gemeinsam erörtert, unterschiedliche Meinungen austauscht und jeweils eventuell ein anderes oder neuartiges Denken anregt. Beispiele könnten Sie hier finden.
Überbewertet: Neue Dinge entdecken.
Unterbewertet: Grundsätzliches meistern.
Vor meiner eigenen Türe kehre ich dabei zuerst. Wie oft war ich begeistert, zumindest am Anfang, von der neuesten Taktik oder Strategie. Es scheint, wir überlisten uns damit zu denken, dass eine neue Taktik uns erlaubt, die Arbeit, den Aufwand einsparen zu können, während es jedoch ganz einfach ist, was getan werden will, wird getan, wenn man es tut. Da gibt es kaum Geheimnisse. Will ich besser schreiben können? Dann schreibe ich einfach mehr. Will ich stärker werden, dann hebe ich schwerere Gewichte in der Gym, will ich fitter werden, dann treibe ich mehr Sport. Will ich eine neue Sprache lernen, dann ab zu Duolingo. Wir brauchen nicht mehr Geld, mehr Zeit oder eine bessere Strategie. Wir tun es einfach.
Entwicklung bedeutet Aufwand.
Stimmen Sie mir zu? Welche Dinge finden Sie über- respektive unterbewertet?
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