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Ein Achsenbruch mit Nachwirkungen
Autor: Hannes Währer
Die jüngsten Beispiele sind der Konflikt um das Spital Merlach und die Auseinandersetzung um die geplante Hochspannungsleitung zwischen Yverdon und Galmiz. Laut der These des Historikers Alain Chardonnens aus Domdidier sind beide Ereignisse als Auseinandersetzung zwischen dem Seebezirk und Freiburg zu lesen – und stellen die weitreichenden Folgen einer Bagatelle dar, die sich vor über 200 Jahren in Merlach ereignete.
November 1797: Napoleon hat soeben seinen Italienfeldzug erfolgreich abgeschlossen. Auf dem Weg nach Rastatt in Baden-Württemberg durchquert er die Schweiz von Genf nach Basel. Aus Misstrauen gegenüber der Patrizierrepublik Bern fährt er von Genf über Moudon, Domdidier, Murten und Solothurn nach Basel.
Eine Banalität entscheidet die Zukunft des Bezirks
Bei Merlach bricht die Achse seiner Kutsche und zwingt den künftigen Imperator zu einem Halt: Eine Banalität, die nach Chardonnens die Zukunft des Seebezirks entscheidet und den Grundstein legt für das oft getrübte Verhältnis zwischen dem Seebezirk und Freiburg.
Napoleon, ruhe- und rastlos, nutzt die Gelegenheit, um sich das 1798 von den Franzosen zerstörte Beinhaus (heute durch einen Obelisk ersetzt) zur Erinnerung an die Schlacht bei Murten anzusehen. Dabei trifft er auf den Freiburger Patrizier Louis d’Affry, Besitzer einer Zweitresidenz in Prehl, der ihm erklärt, wie eine «Handvoll helvetischer Bauern» das Heer Karls des Kühnen besiegen konnte. Bonaparte und d’Affry setzten ihre Begegnung bei einem Essen im Schloss Murten fort und verstehen sich ausgezeichnet.
Zweitresidenz als Motiv
1802 treffen sich die beiden wieder. Louis d’Affry führt die Freiburger Delegation bei den Verhandlungen um die Neuordnung der Schweiz. Und da d’Affry, laut Chardonnens, an seiner Zweitresidenz in Prehl hängt, überzeugt er Napoleon davon, den Seebezirk dem Kanton Freiburg zuzuschlagen.
Da sich im selben Jahr 19 Landgemeinden des Bezirks für die Zugehörigkeit zu Bern ausgesprochen haben, wird der Entscheid als Annexion verstanden. Der Seebezirk, deutschsprachig, politisch radikal, konfessionell protestantisch, wird nicht warm mit dem konservativen, katholischen und französischsprachigen Freiburg. 1814 folgt der erste erfolglose Sezessionsversuch und endet mit der Besetzung Murtens durch Freiburger Truppen.
Alle Abspaltungsversuche scheitern
Nach einer Konfrontation im Zuge der Pariser Julirevolution von 1830 bringt Freiburg den Seebezirk 1846 mit dem Beschluss, dem katholischen Sonderbund beizutreten, gegen sich auf. Nachdem der diplomatische Weg keinen Erfolg brachte, rüstet Murten 1847 zum Putsch und scheitert bei Courtepin kläglich. Freiburg inhaftiert die Aufrührer und bestraft Murten mit der Zahlung einer hohen Busse.
Nach dem Ende des Sonderbundskriegs entstand mit der totalen Revision der Bundesverfassung 1848 die moderne Schweiz. Freiburg, mit einer an der Helvetik und die Aufklärung orientierten Verfassung, unterteilte sein Gebiet ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen in die noch heute bestehenden sieben Bezirke (siehe Zweittext). Dem neu geschaffenen Seebezirk werden nebst 22 reformierte auch 21 katholische Gemeinden zugeteilt. Laut Chardonnens mit dem Zweck, «der sezessionistischen Schlange damit den Kopf abzuschlagen».
Dieser Zweck wurde jedoch nur beschränkt erreicht. Der Konflikt um die Führung der Eisenbahnlinie Genf-Konstanz, der von Freiburg teils unter Androhung von Waffengewalt für sich entschieden wurde, rief im Seebezirk neue Trennungsgelüste hervor. Zusätzliches Wasser auf die Mühlen der Sezessionisten leitete die Hintertreibung der Broyetallinie (Einweihung 1876), die 1870 letzte Versuche, die ungeliebte Kantonszugehörigkeit loszuwerden auslöste.
Stimmen, die für eine Abspaltung des Bezirks von Freiburg plädierten, sind nach Chardonnens erst wieder im Zuge der neuesten Konflikte um das Spital Merlach und die Hochspannungsleitung Yverdon-Galmiz laut geworden. «Konflikte, die durch eine bessere Vertretung des Seebezirks im Staatsrat zumindest gemildert würden», so Chardonnens.
Der Weg in den Staatsrat
Dass der Seebezirk mit der Ausnahme von 1848 bis 1857, 1959 bis 1971 und 1976 bis 1991 nicht im Freiburger Staatsrat vertreten war, hält der Historiker für eine direkte Folge der gemischtkonfessionellen Bezirkseinteilung von 1848. Aus eigener Kraft schaffe es der Seebezirk aufgrund seiner heterogenen Bevölkerung nicht, eine Vertretung in den Staatsrat zu entsenden. Um sich an der Freiburger Regierung zu beteiligen, hat der Seebezirk laut Chardonnens nur eine Chance: die Fusion mit dem Broyebezirk.
Das Buch ist beim Autor erhältlich: Alain Chardonnens, Le passage de Napoléon Bonaparte à Domdidier et Morat en 1797, Tel. 079 646 55 68.