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Das Jahr 1862 war prägend für die neuere Geschichte der Katholikinnen und Katholiken in Winterthur: Damals wurde der Katholizismus wieder ein Teil des öffentlichen Lebens der Stadt. Als zürcherisches Landstädtchen war Winterthur seit der Reformation ein protestantischer Ort. 1524 hatte in Winterthur die letzte katholische Messe stattgefunden. Fremde – und somit auch Katholiken und Juden – durften sich in der Stadt nicht fest niederlassen. Erst in der Neuzeit bildete sich in der Stadt Zürich 1807 wieder eine katholische Gemeinde.
Die Winterthurer Katholikinnen und Katholiken legten am Sonntag einen fast zweistündigen Fussweg nach Gachnang im Thurgau zurück. Nur dort war es ihnen erlaubt, Gottesdienst zu feiern. Mehrere Anläufe, die behördliche Erlaubnis für regelmässige katholische Gottesdienste in der Stadt zu bekommen, scheiterten.
Raum für katholische Gottesdienste
Erst 1862 erklärte sich der Stadtrat bereit, einen Raum an der Oberen Marktgasse zur Verfügung zu stellen, wo noch im gleichen Jahr die erste katholische Messe gefeiert werden konnte. Gleichzeitig wurde im Neuwiesenquartier ein Standort festgelegt, wo die erste katholische Kirche in Winterthur entstehen sollte. Nachdem sich eine katholische Kirchgemeinde in Winterthur konstituiert hatte, ging es an die Planung des Kirchenbaus. Der berühmte Architekt Gottfried Semper wurde angefragt. Er legte der Kirchenpflege der neu gegründeten Kirchgemeinde im Jahr 1864 Pläne für einen Zentralbau im Stil der italienischen Renaissance vor. Der Bau Sempers wäre aber für die katholische Kirchgemeinde Winterthur, der viele einfache Arbeiter, Hausangestellte und grundsätzlich eher ärmere Personen angehörten, viel zu teuer gekommen. So beauftragte man stattdessen den Winterthurer Stadtbaumeister Karl Wilhelm Bareiss sowie weitere Architekten, alternative Entwürfe vorzulegen. Den Zuschlag erhielt schliesslich Bareiss‘ Projekt einer neugotischen Stadtkirche. 1868 konnte die erste katholische Kirche in Winterthur, St. Peter und Paul, im Neuwiesenquartier eröffnet werden.
Langsame Entstehung katholischer Pfarreien
Das Innere der imposanten Kirche St. Peter und Paul blieb aber vorerst kahl wie eine Fabrikhalle. Erst mit der Zeit konnte der Innenausbau finanziert werden: eine Orgel und Seitenaltäre entstanden. Der damalige Dekan betrieb in katholischen Stammlanden aktives Fundraising, so dass der heute noch beeindruckende reiche Innenausbau von St. Peter und Paul verwirklicht werden konnte: der Hochaltar sowie der Marien- und Josefsaltar waren neugotische Meisterwerke.
Bald waren jedoch die Platzverhältnisse an den Sonntagen in der einzigen katholischen Kirche prekär.
1913 konnte in Töss eine weitere katholische Kirche gebaut werden: Die Kirche St. Josef entstand nach den Plänen des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy. In den dreissiger Jahren entstanden die Kirchen St. Marien in Oberwinterthur und Herz Jesu in Mattenbach.
Nach den langen Jahren als konfessionelle Minderheit formierten sich die Winterthurer Katholikinnen und Katholiken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer stattlichen Gemeinschaft, in der man in pfarreilich organisierten Vereinen und Interessengruppen gerne unter sich blieb. Eine katholische Tageszeitung, die christlichsoziale Partei und an Fronleichnam eine eindrucksvolle Prozession durch Winterthur bezeugten die neue Rolle der katholischen Bevölkerung.
Erneuerung und konfessionelle Annäherung
Mit dem Wandel der Nachkriegszeit und der zunehmenden Individualisierung sowie Materialisierung des Alltags veränderte sich auch das katholische Leben in Winterthur: Die Mitgliedszahlen der Vereine begannen zu stagnieren, Mitte der Sechzigerjahre fand die letzte Fronleichnamsprozession statt und 1971 wurde die katholische Zeitung eingestellt.
Mit der Erneuerungs- und Öffnungsbewegung, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausging, kam es auch zu einer Annäherung zwischen Katholiken und Reformierten. 1963 erhielten beide Kirchen die gleiche staatsrechtliche Anerkennung, die mit der Einführung von neuen rechtlichen, an die politischen Gemeinden angelehnten Strukturen einherging.
Wegen der massiven Bevölkerungszunahme während der Hochkonjunktur wurden in den Winterthurer Neubaugebieten weitere katholische Kirchen gebaut: St. Laurentius in Wülflingen war die erste moderne katholische Kirche in Winterthur. Erbaut 1959 vom Basler Architekten Hermann Baur, nahm der elliptische Grundriss die vom Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitete Neugestaltung der Liturgie vorweg. Auch die Kirchenbauten St. Ulrich im Rosenberg und St. Urban in Seen griffen in den Siebzigerjahren eine zeitgemässe Architektursprache auf. Sie ermöglichen mit ihrem flexiblen Raumkonzept auch heute noch eine Nutzung für sowohl sakrale als auch weltliche Zwecke.
Internationale Vielfalt
Das heutige «Katholisch Winterthur» ist gekennzeichnet von Vielfalt: Der Römisch-katholischen Kirchgemeinde gehören 26 000 Katholikinnen und Katholiken an, die gemäss ihrem Wohnquartier einem der sieben Pfarrkreise zugeordnet sind. Die italienischsprachigen Katholikinnen und Katholiken finden sich in der Missione Cattolica di Lingua Italiana zusammen.
In Winterthur finden zudem an Wochenenden neben deutschsprachigen Messen regelmässig Gottesdienste für Menschen kroatischer, spanischer, ungarischer, philippinischer, polnischer, slowenischer, tschechischer, vietnamesischer, indischer oder irakischer Herkunft statt. Gerade das internationale Profil zeichnet die katholische Kirche im Winterthur von heute aus.
Aktuelle Herausforderungen
Nicht nur Gläubige anderer Nationalitäten bereichern das katholische Leben von heute. Auch die Herausforderungen der rasch wachsenden und sich von einem Industrie- zu einem Bildungsstandort entwickelnden Stadt Winterthur stellen die katholische Kirche vor neue Aufgaben, die es innovativ und sorgfältig anzugehen gilt: Im neu entstehenden Stadtteil Neuhegi, der sich dereinst zum zweiten Stadtzentrum Winterthurs entwickeln soll, hat die Katholische Kirche ein neuartiges Begegnungszentrum eröffnet. Der «Anhaltspunkt» bietet der urbanen und internationalen Quartierbevölkerung Neuhegis theologisch-spirituelle, kulturelle und gemeinschaftliche Anlässe. Er ist ein Pilotprojekt einer zeitgemässen «Citykirche», wie sie bei Bedarf auch in anderen Stadtteilen verwirklicht werden könnte. Das Konzept des «Anhaltspunkts» geht unter anderem auf eine Analyse der verschiedenen Sinus-Milieus der Stadt Winterthur zurück.
Eine weitere Herausforderung ist die rasante Digitalisierung vieler Lebensbereiche. Auch die katholische Kirche muss sich mit dieser Veränderung der Kommunikation auseinandersetzen – die Verkündigung des Evangeliums und die Kommunikation innerhalb der Kirchgemeinde sollen über zeitgemässe und realitätsnahe Kanäle erfolgen. Nicht nur die Website als zentrales Instrument der digitalen Kommunikation kommt dabei zum Einsatz, auch Facebook und Twitter werden erprobt.
Quelle: «Von der Diaspora zur Ökumene. 150 Jahre Römisch-katholische Kirchgemeinde Winterthur», Peter Niederhäuser; mit Beiträgen von Waltraut Bellwald und Samuel Studer.
Das Buch wurde herausgegeben zum 150-Jahr-Jubiläum der Römisch-katholischen Kirchgemeinde in Winterthur und der Pfarrei St. Peter und Paul und ist erhältlich im Buchhandel (ISBN 978-3-0340-1127-3) oder auf der Verwaltung der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Winterthur, Tel. 052 224 03 80, <email-pii>