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Fotos: Christian Känzig
Gaby und Bernhard Pfyffer-Feer mit dem Labrador Haida im Esszimmer von Schloss Buttisholz, dem Fideikommiss der Pfyffer-Feer von Altishofen im luzernischen Rottal.
«Vermutlich war dieser Raum, das Esszimmer, in früherer Zeit ein Schlafraum. Im 18. Jahrhundert zersägte man die Balken der gotischen Decke ein Sündenfall! und brachte ein Brett an, um den Raum in zwei Schlafräume oder einen Wohn- und einen Schlafraum zu trennen. Nebenan, an die Küche anschliessend, war die Gäumerstube, der Raum für die Bediensteten. Erst später, das geht aus alten Inventaren hervor, hat man die Räume in den oberen Stockwerken zu Schlafzimmern der Familie gemacht, von denen man eine besonders schöne Sicht auf den Schlossgarten und auf die Landschaft des Rottals hat. Im Ganzen hat das Schloss auf einer Bruttogeschossfläche von über 700 Quadratmetern 17 Räume.
Das Esszimmer benutzen wir ab und zu für formellere Einladungen unter den Blicken meiner Vorfahren. Manchmal sitzen wir auch hier, wenn wir allein sind. Wir nutzen das Haus ganz, es ist jetzt auch richtig bewohnbar. In der Küche ist einiges noch aus der Bauzeit, also von 1570, etwa der Kaminhut des ehemals offenen Feuers, aber sonst ist sie jetzt auf heutigem Stand. Am meisten halten wir uns in der ehemaligen Gäumerstube auf. Dort steht auch der einzige Kachelofen, den man im Haus gemäss Brandversicherung einheizen darf.
Wie ich zum Schloss kam, war eine verzwickte Geschichte, in der Erbfolge war ich erst der Dritte. Es fing 1526 an, als Jakob Feer dem Domkapitel Konstanz den Kirchensatz von Buttisholz abkaufte, das heisst die Zehntenrechte auf dem zur Kirche gehörenden Land, und das Kollaturrecht, das Recht, den Pfarrer zu bestimmen. 1570-71 liess Leopold Feer, sein Enkel, Schloss Buttisholz als Sommersitz der Familie erbauen. 1757 verwandelten die beiden letzten Feer, Franz Bernhard und Leopold Christoph, den Besitz in einen Familienfideikommiss mit Primogenitur zugunsten der Nachkommen ihres Schwagers Anton Rudolf Pfyffer von Altishofen, einfacher gesagt: in einen unteilbaren und unveräusserbaren Besitz mit Erbrecht des jeweils ältesten Sohns in der Linie.
Als 1996 mein Onkel starb, er war der 8. Fideikommissherr der Familie Pfyffer von Altishofen, schlug der erste Erbberechtigte, der Sohn des zweitältesten Bruders meines Vaters (mein Vater war der jüngste Sohn), das Erbe aus, und der nächste Erbberechtigte, der Sohn des drittältesten Bruders meines Vaters, erfüllte die Bedingungen nicht, die im Stiftungsbrief festgehalten sind. Er wurde von der damaligen unteren Aufsichtsbehörde, dem früheren Bürgerrat der Stadt Luzern, und der oberen Aufsichtsbehörde, dem Regierungsrat, ausgeschlossen. Im November 1999 stand ich als rechtsgültiger Erbe fest und somit auch als Träger des Namens Pfyffer-Feer zu Buttisholz. Feer im Namen zu tragen, ist Pflicht des jeweiligen Fideikommissherrn, der Doppelname hat also nichts mit dem ledigen Namen meiner Frau zu tun. "Zu Buttisholz" lassen meine Frau und ich im Alltag natürlich aber weg.
Das Schloss war ziemlich schlimm dran, als ich das Erbe antrat. Wenn es regnete, lagen in den oberen Räumen Pfützen, und aus dem Barocksaal im Erdgeschoss haben wir zuerst zwei Monate lang nur Plunder entsorgt. Der Saal hatte der Familie zuletzt vor allem als Abstellraum gedient, im hinteren Teil hatte der Grossvater Hühner gehalten. Allein der Garten und das Wasser waren eine Geschichte für sich. Wir mussten Bäume fällen, die nicht hingehörten, und die Brunnen, die Brunnenstube und Teile der Leitungen komplett erneuern. Dafür haben wir hier jetzt Wasser und keine Plumpsklos mehr.
Die Einkünfte aus den Zehntenrechten waren mit der Zeit entfallen, so dass das Geld für den Unterhalt zur Mangelware wurde. Den Hauptwohnsitz hatten die Familien ohnehin in Luzern, in viel prächtigeren und komfortableren Häusern. Dafür wurde das Schloss nie modernisiert und ist in den Grundzügen fast vollständig erhalten geblieben.
Die Zehnten aus dem Fideikommiss waren selbstverständlich nicht die einzigen Einkünfte der Familie. Bis Ende des 18. Jahrhundert hatte man vor allem in fremden Diensten in Frankreich Geld gemacht. Mein Vater war, als elfter Pfyffer, noch Kommandant der Schweizergarde in Rom. Das zählt aber nicht als fremder Dienst, sondern als Polizeidienst.
Ich musste mich als Erstes in alles einarbeiten und hatte sofort die Vision, den Barocksaal wiederherzustellen, der etwas Einmaliges ist. Weil er wohl nicht sehr lange als Festsaal diente, wurden die prächigen Stukkaturen nie übermalt und sind noch in den ursprünglichen scharfen Konturen erhalten. Mir war klar, dass allein schon für den Saal die Kosten immens sein würden, und wir sind nicht reich. Da kam uns ein glücklicher Zufall zu Hilfe.
Eines Tages fuhr meine Frau, die damals Professorin an der Uni Zürich war, nach der Vorlesung mit einem Kollegen, den sie eine ganze Zeit lang nicht mehr gesehen hatte, nach Luzern. Er fragte meine Frau ein wenig aus, wie es so gehe in Buttisholz. Sie sagte, es sei schön, aber es sei alles am Zämegheie, und erzählte auch von dem Saal. Da fragte er: Habt ihr schon ein Konzept dafür? Wenn ja, dann reicht es bei uns ein.
Meine Frau hatte keine Ahnung gehabt, dass er Stiftungsrat der Stiftung Pro Arte Domus war, die die Erhaltung von historischen Gebäuden unterstützt. Als der Saal fertig war, stellte ich auch ein Gesuch für Beiträge an die Aussenrenovation des Schlosses, und auch das wurde bewilligt. Schliesslich zeigte sich noch, dass die Tapeten in den Räumen des obersten Stocks eine Sensation sind. Diese Räume wurden zwischen 1815 und 1820 im Biedermeier ausgebaut, die Tapeten sind seither nie überklebt worden und fast vollständig erhalten geblieben. Fünf Räume, und alle mit anderen Mustern. Zu guter Letzt finanzierte die Stiftung auch noch die Restauration dieser Räume.
An die Renovationsarbeiten habe ich natürlich auch kantonale und kommunale Denkmalpflegebeiträge bekommen, aber ohne die Stiftung wäre es nicht zu schaffen gewesen. Ich habe auch so noch wesentliche eigene Mittel gebraucht, um das Schloss wieder in Schuss zu bringen. Den Saal hat jetzt die öffentlichrechtliche Kulturstiftung von Buttisholz für Anlässe zur Verfügung, und wir selbst haben auch schon das eine oder andere Konzert durchgeführt. Ab und zu tagt der Gemeinderat von Buttisholz im Saal.
Das zum Schloss gehörende Bauernhaus wurde zum grössten Teil aus eigenen Mitteln renoviert und wird nun durch einen Mieter bewohnt. Den Landwirtschaftsbetrieb habe ich stillgelegt, als der Bauer wegzog. Jetzt bleibt noch die Renovation der Nebengebäude. Was zurzeit eingehüllt ist und wie ein Christo-Kunstwerk aussieht, ist der Kornspeicher, in dem die Zehnten gelagert wurden. Zum Schluss werden dann noch die Fassaden der Scheune renoviert. Auch das wird von Pro Arte Domus unterstützt.
Im Sommer wohnen wir weitgehend hier, im Winter ist es zu kalt. Es gibt im Waschhaus zwar jetzt eine Stückgutholzheizung, die aber nur den Barocksaal und das Bauernhaus heizt. Mein steuerlicher Wohnsitz ist Luzern, wo wir an der Mariahilfgasse eine schöne Wohnung im mütterlichen Haus haben. Pendeln sind wir gewohnt. Für meine Frau ist Buttisholz jetzt aber viel leichter erreichbar. Sie ist seit Februar in der Position einer Chefärztin am Kantonsspital Luzern und leitet dort das Institut für Medizinische Mikrobiologie. Ich bin Forstingenieur und arbeite beim Kanton. Wir haben keine Kinder. Nach meinem Tod wird man auf dem Stammbaum erst zur Verzweigung beim Urgrossvater zurückgehen, da die anderen Zweige zu keinem noch lebenden männlichen Nachkommen führen. Dort gelangt man auf Nebenzweigen nach Frankreich zu einem entfernten Cousin. Von dort aus den Fideikommiss nach den Kriterien des Stiftungsbriefs zu führen, ist unmöglich. Also wird es vermutlich bis zur Feer-Linie zurückgehen und dort zur Verzweigung zu den Balthasars. Und die haben, jedenfalls in der jetzigen Generation, sicher Nachkommen, die das übernehmen können, und auch die nötigen Geldmittel für den Unterhalt. Schloss Buttisholz mitsamt seinen 50 Hektaren Land und dem Soppensee drei Kilometer von hier ist jetzt zwar mein Besitz, aber meine Frau kann hier nicht wohnen bleiben, wenn ich vor ihr sterbe. Was wir privat in Schloss Buttisholz stecken, ist à fonds perdu oder besser: hat emotionale familiäre Gründe, ich war schon als Bub hier in den Ferien. Ich darf den Besitz nicht mit Hypotheken belasten, das heisst: wenn ich Schulden machen sollte, hat ein Gläubiger keinen Zugriff auf die Substanz.
Ich zahle normale Einkommens- und Vermögenssteuern auf dem Fideikommiss, die Erträge sind allerdings geringer als die Unterhaltskosten. Rückwirkend auf 1996 hatte das Schatzungsamt in einer Katasterschatzung den Wert von Schloss Buttisholz auf das 15fache erhöht, was immense Erbschaftssteuern ausgelöst hätte. Ich schlug mich sicher ein Jahr lang mit der Schatzungsbehörde herum, und der Gemeinderat sowie die Denkmalpflege gelangten an den Regierungsrat: Das könnten sie doch nicht machen, bei einem Gut, das nicht handelbar sei und keinen Nettoertrag abwerfe. Zum Schluss hat man sich auf einen Wert festgelegt, der aus meiner Sicht akzeptabel ist, und auch für die Erbschaftssteuern fand man dank Gemeinde, Regierung und Steuerbehörde einen Weg.
Unser Leben hat sich ziemlich verändert, seit ich Fideikommissherr bin, manchmal sind wir zeitlich schon fast ans Limit gekommen. Unser gemeinsames Hobby, die Jagd im schönen Eigental, kam in den letzten Jahren etwas zu kurz. Aber wir sind gern hier, es ist ein wunderbarer Ort. Wir haben guten Kontakt zu meinen Landpächtern, zu den Pächtern meiner Fischrechte am Soppensee und in den Bächen, zum Pfarrer, zu den Behördenmitgliedern, die im Grossen und Ganzen sehr hinter der Sache stehen. Wir kaufen auch hier ein. Aber es gibt schon auch Leute, die unzufrieden sind mit uns. Vielleicht sind darunter solche, die vorher über das heruntergekommene Schloss geschimpft haben und es nun nicht begreifen, dass die Gemeinde an die Renovationskosten Subventionen bezahlen muss.
Das Kollaturrecht besitze ich übrigens immer noch. Heute ist die Situation allerdings so, dass es schwierig ist, überhaupt noch einen Pfarrer zu finden. Mein Onkel hat es aber noch ausgeübt, das heisst, als 1990 der Pfarrer von Buttisholz frisch gewählt wurde, nahm er an den Sitzungen des Kirchenrates teil und unterschrieb, was sie dort wollten. Er ging auch zum Bischof und legte bei ihm ein gutes Wort ein, damit die Pfarrstelle noch erhalten blieb.»
Bibliographie