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Historische Mittheilungen üher das Clubgebiet
Voa O. Meyer von Knonau ( Section Uto ).
Wie vor zwei Jahren, folge ich wieder mit Vergnügen der Aufforderung des Herrn Redactors, einige Beiträge zur historischen Beleuchtung des für eine derartige Aufgabe abermals sehr sich eignenden Clubgebietes zu bringen; aber wie damals, muss ich von Neuem von vorne herein mir die Freiheit vorbehalten, nach Beschaffenheit des Stoffes in quantitativer und qualitativer Hinsicht die Illustration über die einzelnen geographisch scharf geschiedenen Abtheilungen des Gebietes der fünf Karten zu entwerfen.
Die Blätter Nr. 517 Bivio, 518 St. Moriz, 520 Maloja, 521 Bernina, 523 Castasegna beschlagen vier individuell deutlich getrennte Thalschaften. Von Norden begonnen sind es: — das romanische Oberhalbstein, an dessen oberstem südlichem Ende bei Bivio die italienische Zunge in eigenthümlicher Färbung schon zur Geltung kommt; dann am Gebirgsknoten hin von Septimer, Julier und Maloja, westlich die deutsche, territorial ganz isolirte Colonie Avers, östlich das ladinische Ober-Engadin, am meisten südlich endlich die italienische Landschaft Bregaglia. Allein für den Historiker können die scharf geschnittenen Linien der Kartenblätter nicht massgebend bleiben; er muss für sich in Anspruch nehmen, auch noch die Blätter Savognin ( Nr. 426 ) und Bevers und Scanfs ( Nr. 427 und 428 ) mit heranzuziehen. Denn mit einer nördlich von Molins und von Samaden abschneidenden Linie lassen sich weder die Landschaft Oberhalbstein, noch Ober-Engadin, soweit ihre historischen Grenzen reichen, geschichtlich betrachten. Von den vier Thalschaften nun ist nach verschiedenen Hinsichten, als das höchste das ganze Jahr bewohnte Alpenthal überhaupt, wegen seiner sprachlich insularen Lage, wegen mancher charakteristischer Eigenthümlichkeiten der Bevölkerung, Avers ganz besonders der Beleuchtung würdig; aber leider fehlt mir völlig für eine historische Behandlung ausreichendes Material * ). Dagegen eignen sich die drei Thäler Bregaglia, Oberhalbstein nebst Bivio, Ober-Engadin für eine successive Darlegung von einzeln je nach der speciellen Geschichte der betreffenden Landschaft auszuführenden Schilderungen von Abschnitten bündnerischer Geschichte, und zwar so, dass eine zeitlich erste Culturepoche für Bregaglia, eine greifbarere politische Entwicklung für Oberhalbstein, eine am wenigsten zurückliegende Zeit für Ober-Engadin betrachtet werden sollen.
1. Der Uebergang von der alten zur mittleren Zeit: Bregaglia.
Ein in neuester Zeit erst, 1869 auf dem Boden von Tirol, gemachter Fund, eine Erztafel aus der Zeit des Kaisers Claudius, vom Jahre 46 unserer Zeitrechnung, bietet uns die erstmalige Erwähnung der Anm. Wie im zweitvorhergehenden Jahrbuch, so verweise ich auch jetzt wieder zu den folgenden Abschnitten besonders auf zwei vortreffliche neuere Arbeiten zur bündnerischen Geschichte, erstlich auf des 1873 allzufrüh verstorbenen Wolfgang von Juvalt: „ Forschungen über die Feudalzeit im curischen Rätien " ( I. und II. Heft, Zürich 1871 ), das Beste, was über Bünden's mittlere, und auf J. Andreas v. Sprecher: „ Geschichte der Republik der drei Bünde ( Graubünden ) im achtzehnten Jahrhundert ", Bd. II, Culturgeschichte ( Cur 1875 ), das Beste, was über dessen neuere Geschichte erschienen ist. Zu Bergell mache ich auch auf Lechner's Monographie und auf Oehlmann's einschlägigen Abschnitt in dessen Abhandlung im Jahrbuch für schweizerische Geschichte, Bd. IV ( 1879 ), aufmerksam.
Bewohner des Thales, welches sich östlich von Chiavenna öffnet und gegen die Höhen des Maloja-Ueberganges, sowie des Septimer-Passes sich hinaufzieht. Als « Bergalei » treten da in dem kaiserlichen Edicté die Bewohner von Bregaglia uns vor die Augen. Es waren gewisse, von Rechtes wegen der Regierung zustehende Ländereien und Bergwälder, in den Gebieten zwischen Corno und den Bergaleern, und zwar so, dass auch Comenser und Bergaleer über dieselben sich stritten, widerrechtlich aus dem Besitze des Staates gekommen, so dass schon Kaiser Tiberius, dann wieder Caligula die Sache hatten untersuchen lassen. Doch blieb damals die Angelegenheit liegen, und erst jetzt eben liess Claudius theils diese, theils noch andere Verhältnisse auf einem weiter entlegenen Boden, im tridentinischen Territorium — und zwar treten hierbei diese in erster Linie hervor —, von Neuem prüfen. Es ist also ein Fiscalprocess, der zum ersten Male die Landschaft Bregaglia an das Tageslicht bringt, so aber, dass deutlich deren Zutheilung an den Stadtbezirk von Corno daraus erhellt. Nicht lässt sich natürlich sagen, wie weit an der Maira abwärts diese Bergaleer sassen, ob nur so weit, als jetzt zugleich mit der Schweizergrenze das Bergell reicht, oder aber, was wahrscheinlicher sein möchte, weiter bis Chiavenna oder gar bis zum Lacus Larius, dem See von Corno selbst* ).
Einen Ortsnamen aus dem Thale aber bringt zum ersten Male, in einer etwas jüngeren Zeit, aber immerhin auch noch aus der Periode der römischen Kaiser, eine jener für die Kenntniss der alten Topographie so unschätzbaren Verzeichnungen der Stationsdistanzen auf den Heerstrassen des gewaltigen Reiches. Ein solches Verzeichniss, wie deren mehrere nicht der wissenschaftlichen Absicht, sondern der rein praktischen Erwägung ihren Ursprung zu verdanken gehabt haben, enthält nun den Namen « Muro ». Es ist nicht die berühmte Peutinger'sche Tafel, sondern die unter Diocletian redigirte officielle Strassenkarte — diejenige, die den Namen des « Itinerarium Antonini » führt —, auf welcher zwischen « Curia », « Tinnetione » ( Tinzen im Oberhalbstein ) einerseits, « Summolacu » ( am obersten Ende des See's, wo die Strasse denselben erreicht, also bei Riva ) und « Comum » andererseits dieser Name « Muro » geboten wird. Zwischen « Tinnetione » und « Muro » sollen XV, zwischen « Muro » und « Summo-lacu » XX römische Meilen sein, Angaben, welche allerdings nicht völlig stimmen. « Muro » aber ist eben ein Name aus Bergell; denn es ist gar keine Frage, dass darunter der noch heute so malerisch in das Auge fallende Engpass von Castelmur zu verstehen ist, an der Stelle, wo der südliche Pflanzenwuchs mit den Castanienbäumen in der Tiefe des Thales Bregaglia einsetzt. Die im Itinerar verzeichnete Strasse ist also der Septimer-Pass, jene geradeste Verbindung von Cur nach Chiavenna und nach dem Lago Lario.
Von dieser alten römischen Strassenanlage, dem ursprünglichsten historischen Denkmale, welches unser Thal in sich birgt, sind nun einzelne Abschnitte noch heute an einigen Stellen sichtbar* ). Indem wir dieselben aufsuchen, gewinnen wir zugleich eine Uebersicht des Thales selbst, welches in seiner kurzen Ausdehnung, von Casaccia oben bis zur Lovero-Brücke unter Castasegna unten nur drei Stunden lang, fast wie eine grossartige Schlucht tief eingerissen zwischen den Averser Grenzbergen nördlich und dem wild zerrissenen grotesken Albigna- und Bondasca-Gebirge im Süden, die eigenthümliche Stufenfolge der südwärts gerichteten alpinischen Thallandschaften in so ausgeprägter Art aufweist.
Eine kleine Stunde unterhalb der Grenze, halbwegs zwischen der Lovero-Brücke und Chiavenna, liegt an der Südseite der Maira das Trümmerfeld des 1618 durch den furchtbaren Bergsturz vernichteten Fleckens Piuro. Von da auf dem linken südlichen Flussufer aufwärts ist das erste Stück der alten römischen Strasse zu erkennen, in einer Breite von sieben bis acht Fuss, mit Kugelsteinen besetzt, auf beiden Seiten durch grosse Steine befestigt, allerdings etwas steil gebaut, aber vortrefflich angelegt und auch noch in unserem Jahrhundert zum Fahren benutzt. Von der Lovero-Brücke an gerechnet steigt dann von Castasegna bis zur Thalenge Promontogno um hundert Meter die unterste Thalstufe empor, neben der sich zur Linken aufVgl. Dr. H. Meyer: Die römischen Alpenstrassen in der Schweiz, im Bd. XIII der „ Mittheilungen d. zürcher. antiquar. Gesellschaft ", pp. 130-132, 1861.
sonniger Höhe an der Nordseite die schöne Terrasse von Soglio erhebt. Gleich über dem Dörfchen Spino, oberhalb der Mündung des Bondasca-Thales, hat nämlich die Natur selbst als Grenze gegen die folgende obere Thalabtheilung einen Riegel hart an das Flussbett der Maira vorgeschoben, und auf dieses Vorgebirge setzten die Römer jene obengenannte « Mauer » als Schlüssel hin. Ein Felsenriff des südöstlichen Bergzuges trägt da noch heute über einer steilen Wand, an der « Porta » vom unteren zum oberen Thale, neben Resten von Befestigungen den stämmigen viereckigen Thurm Castelmur. Aber eben hier bietet sich auch dem Wanderer, wenn er, statt der neuen Strasse nördlich um den Berghügel herum zu folgen, über diesen selbst Mn-ilbersteigt, ein Stück Römerstrasse zur Benutzung dar. Dieses Theilstück geht von der Maira-Brücke steil aufwärts an die Mauer von Castelmur selbst, biegt da um den Thurm herum und senkt sich darauf in milderer Neigung in den jetzigen Strassenzug, dem obern Thale zu; auch von der alten römischen Mauer, die sich oberhalb an den Berg anschloss und über den Berghügel hinweg bis zu der Felswand sich erstreckte, unter welcher der Fluss durchbraust, werden noch Reste gezeigt. Die ungleich grössere obere Thalhälfte — sopra Porta — ist da am Ostrande der Höhe von Castelmur erreicht, und auch hier treten einige Reste der alten Strasse zu Tage. Noch vor dem Dorfe Stampa, schon beim nächsten Dörfchen Coltura, geht da der alte Weg, während die neue Strasse das linke Ufer des Flusses inne hält, auf die rechte nördliche Seite hinüber. Den Hauptort von Bergell, Vicosoprano, dann schon in sehr hoher wilder Lage — 1460 Meter Meereshöhe — das oberste Dorf Casaccia berührte notwendigerweise gleichfalls schon der alte Weg. Gleich bei Casaccia lenkt dann auf jenem noch heute erhaltenen Steinpflaster, bei einer Breite von vier bis fünf Fuss, die Römerstrasse auf die nordwestliche Seite in das Marozza-Thal ab, jener Pfad, der noch in der Gegenwart sicher und ohne Irrung auf der alten Anlage nach der Septimer-Höhe — 2311 Meter — leitet.
Die folgende Zeit in der Geschichte der Landschaft Bregaglia ist nun geradezu, soweit sie überhaupt sich erhellt zeigt, unabtrennbar von derjenigen dieses Sep-timer-Ueberganges einerseits, von den Verhältnissen des Curer Bisthums anderntheils; aber allerdings ist auf lange Strecke hin nur sehr wenig davon zu erkennen.
Karolingische Herrscher haben den Septimer überstiegen; aber kein Licht ist davon dem Bergell zu Gute gekommen, und eine erstmalige urkundliche Erwähnung des Thales auf mittelalterlichem Boden, die einen Staatsmann der letzten karolingischen Zeit betrifft, ist nichts als eine freche Fälschung * ). Erst die ottonische Epoche des X. Jahrhunderts bringt bestimmtere Anhaltspuncte, die auch zugleich wohl gestatten, einen Rückschluss auf die vorhergehende Zeit zu thun. Das Bergell erscheint nämlich politisch in den sich hier bietenden Zeugnissen so bestimmt mit dem Curer Bisthum verknüpft, dass die Annahme durchaus erlaubt ist, es gehe das auch schon auf frühere Verhältnisse zurück, so dass also eben der Septimer als ein verbindendes Glied zwischen dem Maira-Thale und dem jenseitigen Gebiete von Oberhalbstein gedient, nie aber eine Trennung zwischen diesen Landschaften gebildet hat. Wie schon im IX. Jahrhundert das Bisthum Cur aus der Verbindung mit der Erzdiöcese Mailand gelöst und derjenigen von Mainz, also der deutschen Kirche zugetheilt worden war, so muss geradezu, bis in der zweiten Hälfte des XL Jahrhunderts die Grafschaft Chiavenna von ihrer bisherigen Zugehörigkeit zum italienischen Königreiche abgetrennt und Deutschland staatsrechtlich angeschlossen wurde, jene Lovero-Grenze bei Castasegna die Trennungslinie zwischen Deutsch- freundlich beherbergt hätten, auch von ihren Gütern neun Solidi entrichteten, ein Zeugniss darüber. Die Absicht der Fälschung liegt auf der Hand: ein Beleg für das unver-denkliche Alter des Hauses Salis — durch ein komisches Missverständniss des Wortes „ Sallant " ( zum Herrenhanse gehöriger Grund und Boden ) ist von „ Salicae terrae " die Rede — muss einmal als wünschbar erschienen sein, und so nahm ein kecker Falsarius aus einer Stelle der Casus sancti Galli Ekkehart's IV., also nach der Mitte des XL Jahrhunderts, die Worte für diese Urkunde heraus. Es wäre zu wünschen, dass diese Fabel einmal endgültig eingesargt bliebe.
land und Italien gewesen sein. Auch in den kirchlichen Verhältnissen des Bergell haben die staatlichen Anordnungen in paralleler Wirkung deutlich sich ausgeprägt, dergestalt, dass eben diese Flussscheide bei Castasegna auch zur Grenze zwischen den Diöcesen Cur und Corno herauswuchs.
Von den deutschen Königen hat keiner den Septimer so oft benutzt, wie Otto I., der als König und als Kaiser, allerdings, wie es scheint, niemals mit grösserer kriegerischer Begleitung, den Pass überstieg. Gerade für denjenigen deutschen Herrscher, der in solcher Weise zum ersten Male wieder nach längerer Unterbrechung über die Alpen hinüber nach Italien sein Machtgebot vorschob, musste die Wichtigkeit des zur Wache am Hochgebirge bestellten currätischen Bisthums einleuchtend sein, und so erklären sich die mehrfachen Gunsterweisungen, die dem Bischof Hartbert von Cur — 949 bis ungefähr 968 stand derselbe seiner Kirche vor — von Otto zukamen. Dazu trat noch der weitere Beweggrund, dass dadurch die schweren Schädigungen gut gemacht werden sollten, welche auch die rätischen Thäler durch das schändliche Bündniss des italienischen Königs Hugo mit den Saracenen und durch die Einnistung dieser fremden Räuber auf den Pässen des Landes, so besonders auch am Septimer selbst, hatten erleiden müssen. In verschiedenen urkundlichen Erklärungen gab Otto von 951 an dem Bischof alles Krongut in der curischen Grafschaft, dann die halbe Stadt Cur, den gesammten dort zu erhebenden Zoll, sowie die Münze, aber dazu noch andere Besitzungen, in und ausserhalb Rätien's, so besonders den Hof Zizers, Fischfangs- und Schifffahrts-recht auf dem Walensee, aber endlich eben auch Recht und Besitz in unserer Thalschaft Bregaglia* ). Der König trennt zu Gunsten des Gotteshauses Cur die gräflichen Rechte im Thale « Pergallia » von der Grafschaft in Currätien ab und theilt den gesammten Gerichtsbann mit den einschlägigen Einkünften dem Bischöfe zu, unter bestimmt ausgesprochener Ausdehnung der Rechtswirkungen auf alle Bestandtheile des Thales, welches also als Ganzes unter die bischöfliche Hoheit gestellt wird; weiter aber soll auch der Zoll, der in dem Thale von den Durchreisenden erhoben werde, dem Bischöfe zustehen, was insbesondere dadurch deutlich bewiesen ist, dass nach den Worten der Urkunde dessen Bezugsstelle aus Bergell nach Cur selbst verlegt sich zeigt. Sohn und Enkel Otto's I. sicherten dann noch in ferneren Zugeständnissen die Stellung des Curer Gotteshauses drüben über dem Septimer. 980 schenkt Kaiser Otto IL an Hartbert's Nachfolger Hildebold den ganzen Zoll, welchen die Kaufleute zu Chiavenna an der Brücke über die Maira geben, nebst dem Brückenwächter selbst und den Söhnen desselben, sowie anderen dem Kaiser zustehenden Hörigen zu Chiavenna. 988 dagegen und wieder 995 bestätigt Otto III. nicht nur die bisher getroffenen Verfügungen, sondern erweitert sie noch durch die Ausdehnung derDer allerdings ganz berechtigte Zweifel an Otto's I. Diplom von 960 ( von Mohr's Nr. 56 ) kommt für unseren Zweck, angesichts der Bestätigung durch Otto II. von 97ti ( Nr. 65 ), kaum in Betracht.
25 Schenkung auf die ganze Stadt Chiavenna; ebenso sind nun bei Bergell neben den älteren Erwähnungen auch noch Castell und Zehntkirche eigens aufgeführt. Damit gewinnen wir den ersten einzelnen Einblick in die Entwickelung der kirchlichen Verhältnisse des Thales. Denn die hier 988 gleich neben der Burg genannte Kirche, die alte Mutterkirche des ganzen Thales, ist das im jetzigen Jahrhundert infolge der Munificenz des letzten von Castelmur nach gänzlichem Verfalle durch einen Neubau ersetzte Gotteshaus am Fusse des Thurmes Castelmur an der Porte* ).
Das XI. Jahrhundert spinnt die Verhältnisse, wie sie im X. Jahrhundert sich gebildet haben, weiter. Die Rechte des Bisthums in seinem Gotteshauslande an der Maira werden, wie diejenigen in den übrigen Theilen der Immunität der Curer Kirche, bestimmt bestätigt, erst durch den letzten Kaiser der sächsischen Dynastie, Heinrich IL, dann durch diejenigen aus dem auf dem Throne folgenden fränkischen Hause. Aber darauf folgen nach einem langen unerhellten Zeiträume erst mit dem XIII. Jahrhundert wieder bestimmtere Aufschlüsse, die ganz besonders desshalb von Werth sind, weil sie nun schon den Anfang einer auf Selbstbestimmung beruhenden Lösung der Bergeller aus der bischöflichen Herrschaft darlegen.
Die königslose Zeit hatte auch auf die Südseite des Septimer jene Zustände der Friedlosigkeit, welche ganz Oberitalien verwirrten, getragen, und als endlich 1272 hier die Ruhe hergestellt wurde, waren die Bergeller acht Jahre lang mit den Leuten von Piuro und Chiavenna im Kampfe gewesen. Wie sie nun da unter eigener Führung, voran unter einem von Castelmur, über den Lovero hinüber — schon 1219 ist dieser urkundlich als Grenze genannt — Angriffe trugen und Vorstösse zurückwiesen, so war auch bei dem friedlichen Austrage des Streites, eben 1272, der Bischof von Cur nur noch als Vermittler thätig. Das zeigt unverkennbar, dass der geistliche Fürst des Bergell nicht in eigener Person kriegführende Partei gewesen ist, dass also diese südwärts so weit vorgeschobene Thalgemeinde des Gotteshauses, mochten auch die ( nach Aufzeichnungen vom Ende des XIII. Jahrhunderts ) zu Castelmur und Vicosoprano auf ihrem 1024 zu retten, wonach der Kaiser sämmtliche Bergeller als frei und reichsunmittelbar erklärt, also alle Rechte des Bischofs aufgehoben haben sollte, was schon durch das die älteren Rechte des Bischofs bestätigende Diplom Konrad's II. von 1036 ganz aufgehoben wird. Ebenso ist Kaiser Friedrich's I. Diplom von 1179, über die Zuweisung von Jagd und Fischerei und eines Zolles zu Vicosoprano für das Volk des oberen Bergell, zu verwerfen.
Boden bezogenen Zolleinkünfte noch fortwährend dem Bischof zufliessen, ihrer eigenen Kraft bewusst zu werden begonnen hat. Aber zugleich ist eben auch zum Glücke für Rätien die so wichtige Thalschaft zwischen Lovero und Septimer in den Verband des gesammten Gotteshauses fest eingefügt, und sie kann durch solche individuelle Regungen dem künftigen rätischen Gemeinwesen nicht verloren gehen.
In jener grundlegenden Vertragsurkunde des Gotteshausbundes des XIV. Jahrhunderts steht unter den aufgeführten Landschaften an dritter Stelle: « Die Commun gemeinlich in Valbrigell, edel und unedel, ob Port und under Port ».
2. Vom Mittelalter zur neueren Zeit: Oberhalbstein* ).
Wo sich bei dem in früheren Jahrhunderten militärisch bedeutenden und seit neuester Zeit wieder durch seine Lage für den Verkehr so wichtigen Platze Tiefencastel von Süden her in die Albula die Gewässer des Oberhalbsteiner Rheines inmitten einer wilden Schlucht ergiessen, beginnt die südwärts etwas über sechs Stunden lang bis an die Hochgebirgskette selbst führende Strasse, welche bei Bivio sich, wie der Name des Ortes selbst anzeigt, in die « zwei Wege m, zum Julier östlich, zum Septimer südlich, gabelt.
Tiefencastel selbst liegt noch ausserhalb der natürlichen Grenzen von Oberhalbstein; aber gleich überAnm. Der Verfasser sprach über dieses Thema vor der Section Uto am 16. Januar 1880.
dem enge zusammengedrängten Dorfe hebt am rechten Flussufer die Steigung zu dem malerischen Engpasse am Stein an, welcher dem Thale den Namen gegeben hat. Denn von der Lage « obernthalb dem Stein », oder romanisch « sur seissa », hat eben das Thal — zwischen der westlichen Bergkette von der Forcellina über das Fopperhorn, den Piz Piatta, den Piz Curver bis zum Muttener Berge, und der östlichen des Piz d' Err, des Piz d' Aela und des Tinzenhorns — seinen Namen. Vom Norden nach Süden, flussaufwärts zeigt sich das Thal in einer eigenthümlichen Weise in Terrassen, welche bergwärts immer kleiner werden, gegliedert. Nach Ueberwindung des Steines tritt der Wanderer in die grösste und bevölkertste dieser Abtheilungen ein, in einen breiten Kessel, welcher vielfach mit seinen zahlreichen Dörfern an die hinter der westlichen Bergkette angrenzende Landschaft Schams erinnert. Es ist der Haupttheil des gesammten Thales, und als sein Mittelpunct stellt sich nahe am linken Flussufer die seit der neuesten Zeit durch Vernachlässigung leider allmälig zur Ruine werdende stattliche Burg Reams dar; nur wenig südlich davon folgt, in seiner Lage zu beiden Seiten des Thalbaches ansehnlich sich darstellend, der Hauptort Savognin. Allein gleich oberhalb Savognin treten die Berge wieder näher zusammen, und bei Tinzen fängt durch eine waldreiche Schlucht hinauf der Weg nach der zweiten Thalstufe von Roffna an. Die rauhere Beschaffenheit lässt den Höhenunterschied von der unteren zur oberen Stufe — von 12-1300 zu 1450 Metern — alsbald zu Tage treten; durch die Bergwände von rechts und links schmal zusammen- gedrängt, schliesst die Terrasse schon nach drei Viertelstunden südwärts bei der äusserst malerischen Thalenge von Molins. In rasch sich folgenden Kehren erhebt sich die Strasse an den Ruinen der früher die Thalenge bewachenden Burg Splüdatsch vorüber nach der dritten Stufe von Marmorera ( Marmels ). An deren Westseite ziehen rechts die jetzt als fast unerreichbar sich darstellenden Trümmer des in die steile Felswand gleichsam hineingeklebt erscheinenden Schlosses Marmels — in dem so burgenreichen Bündnerlande wohl eine der bemerkenswerthesten derartigen Befestigungen — die Aufmerksamkeit auf sich. Vom Dörfchen Marmorera — 1634 Meter — steigt man nochmals an Stalvedro vorüber etwas stärker an, ehe die beschränkte Fläche des obersten Dorfes Bivio — 1776 Meter — erreicht wird; allein zwischen jener dritten und dieser vierten Staffel stellt sich keine so scharfe Scheidung mehr ein. Die in ihrer winterlichen Lage dicht an einander gestellten Häuser des uralten Strassenortes bilden die letzte Ansiedlung auf der Nordseite des Gebirges für diesen Abschnitt der grossen Scheidelinie. Aber dass eben hier, an der einzigen Stelle am Nordabhang der Alpen, wo dies der Fall ist, die italienische Sprache, freilich in sehr unkenntlicher Gestalt, als das herrschende Idiom angesehen werden muss, spricht für die uralte Verbindung über den nahen Septimer-Pass nach Chiavenna hinaus.
Genau die hier kurz geschilderte Thallandschaft wird uns nun in einer Rechtsaufzeichnung desjenigen Jahrhunderts, mit welchem die bündnerische Geschichte im engeren Sinne des Wortes beginnt, in sehr erwünschter Bestimmtheit als ein zusammenhängender Bezirk genannt. Ein Urbar des Gotteshauses Cur aus dem XIV. Jahrhundert sagt nämlich, dass « das Thal und Gericht zu Ryams und oberthalb Steins » mit Twing und Bannen und anderen Rechten gänzlich eines Bischofs zu Cur sei, und dass das Gericht einwärts lange « bis auf den Septmen und auf den Giujlgen » — den Julier —, in Gebirg und Thal, es seien Walchen oder Walser oder wer in den Kreisen gesessen sei, und dass dasselbe abwärts lange « zu dem Tyeffen Castel und gen Alvasen und gen Braden »: — diese sollen sich alle verantworten und vor Gericht kommen vor einen Vogt von Ryams. Wir sehen also, dass diese Darlegung der Rechte des Gotteshauses Cur das ganze Thalgebiet, zusammenhängend von den beiden Bergjochen im Süden an, als ein Ganzes behandelt, und zwar so, dass die Nordgrenze nicht nur über den Stein, sondern sogar über den Albula-Fluss hinausreichte und noch nördlich davon das Dorf Alvaschein und den dazu gehörenden Ort Müsteil, auf welchen die Bezeichnung Brada geht, in sich begriff. Ebenso ist nachdrücklich betont, dass die Burg Reams als der Platz für Gericht und Verwaltung galt. Das stimmt völlig zu jenen schon für eine viel ältere Zeit bezeugten Nachrichten, dass der von den Römern übernommene viel benutzte Septimer-Weg der Obhut des Bischofs von Cur anbefohlen war, dass von Cur aus das Hospiz auf der Passhöhe besorgt wurde. Bei dem Blicke auf die Landschaft Bregaglia haben wir gesehen, dass die Südseite des Septimer auf curi-schem Gotteshausboden ausmündete; auch den Zugang vom Norden her dürfen wir also als den Bischöfen anbefohlen betrachten, und die zahlreichen königlichen Heerfahrten, die aus der karolingischen, der ottoni-schen, der staufischen Zeit für den Septimer bezeugt sind, lassen, ganz abgesehen von dem übrigen so regen Verkehr, deutlich erkennen, was für eine Wichtigkeit der Besitz dieser Uebergangsstelle dem geistlichen Fürsten von Cur im deutschen Reiche geben musste. So tritt uns denn auch das Rittergeschlecht, welches sich nach Marmels benannte, in der Zahl der Ministerialen des Gotteshauses entgegen, und es muss stets das Bestreben der Bischöfe gewesen sein, dass zwischen Albula und Septimer, wie das in jener Aufzeichnung heisst, das Thal und Gericht gänzlich ihrer sei. Aus dem Jahre 1258 liegt noch die Urkunde vor, in welcher der Edle von Wanga an den Bischof Heinrich seine Burg Reams nebst dem dortigen Hofe, dem jetzigen gleichnamigen Dorfe, und all seinen Besitz in Oberhalbstein sammt den Kirchen Reams und Tinzen verkaufte, und daneben die Quittung eben des gleichen Verkäufers für 200 an den Kaufpreis des Schlosses empfangene Mark.
Der Vogt auf Reams ist der Stellvertreter des Bischofs, für dessen Rechte er zu wachen hat. Allein ebenfalls noch aus dem XIV. Jahrhundert sehen wir einzelne Hofe als Unterabtheilungen des gemeinschaftlichen Gerichtes, welches derselbe auf der Burg des Bischofes abhält: — Reams selbst, dann Savognin, das näher am Stein auf der linken Thalseite liegende Salux und jener schon erwähnte Ort, der Hof « Prades » bei Alvaschein, sind als solche genannt. Und daneben tauchen auch ebenfalls noch im gleichen XIV. Jahr- hundert für diese verschiedenen Abschnitte der Thalschaft die Ammannschaften auf. Zunächst sind diese Ammänner, wie sie denn ja auch durch ihre lateinische Bezeichnung « ministri » als Werkzeuge der höheren Autorität klar sich erweisen, als Untergebene des Vogtes der territorialfürstlichen Organisation nothwendig einverleibt. Aber ebenso leicht konnten diese Ammänner bei einer Umgestaltung der allgemeinen Verhältnisse aus Herrschaftsbeamten über Hofleuten zu Organen von Gemeinden werden, und mit der eigenthümlichen Umwandlung des curischen Gotteshauses im XIV. Jahrhundert macht sich diese Veränderung eben auch für Oberhalbstein geltend.
In der Höhezeit des Mittelalters war das bestimmende Element für den currätischen Staat gänzlich eben das Bisthum Cur selbst, das « Gotteshaus p, wie es kurzweg heisst, gewesen. Schon im XIII. Jahrhundert hatte dann aber diese Macht Einschränkungen zu erleiden angefangen, und nach der Mitte des XIV. gab ein unbesonnener Schritt eines Bischofs das Signal zu einer zukunftsreichen Veränderung. Bischof Peter hatte sich 1360 in eine für die Folgezeit höchst bedenkliche Abhängigkeit gegenüber dem österreichischen Hause durch förmlichen Vertrag gesetzt, und als nun vollends vier Jahre darauf durch den Antritt Tirol's von Seite des österreichischen Hauses ältere curische Rechts-beziehungen gegenüber Tirol zu jenem neu begründeten Einflüsse der Herzoge sich noch hinzufügten, musste die Freiheit des Gotteshauses als sehr gefährdet erscheinen. Angesichts dieser Gefahr, da das monar-chische Element im Gotteshaus, der Bischof selbst, seine Pflicht vergessen hatte, erinnerten sich die ständischen Factoren im Gotteshause der Nothwendigkeit der Vertheidigung gegen Oesterreich.
Neben dem Bischöfe waren im XIII. Jahrhundert immer bestimmter zwei Beiräthe als Antheilhaber an der Landesgewalt emporgekommen. Schon in jener Zeit berufen sich die Bischöfe in Urkunden auf den Rath und die Beistimmung der Kanoniker und der Ministerialen, des Domcapitels also und der ritterlichen Dienstmannen, woneben seltener, als zweite im Range zwischen Kanonikern und Ministerialen, auch die Vassalien genannt werden. Allein bis in die Zeit des Bischofs Peter war nun auch noch die Bürgerschaft von Cur ihrer Stellung bewusst geworden, und weiter sind die Gotteshausleute als Gesammtheit, die Thalschaften unter den das Gericht über sie verwaltenden Beamten, in die gleiche Linie mit Cur vorgerückt.
Bischof Peter hatte die Vertretung des Gotteshauses, aus dem Lande abwesend und Oesterreich dienstbar, wie er war, nach Zernetz berufen, hier aber den dringenden Bitten, sich des Gotteshauses wieder annehmen zu wollen, sich nicht gefügt; ohne einen befriedigenden Abschluss war er geschieden. So traten Freitag vor Lichtmess, den 29. Januar 1367, in. Cur « von des Gotteshauses Nothdurft wegen » Decan und Capitel, Dienstleute, Thäler, Burger von Cur zusammen, um die in Unordnung gerathene weltliche Verwaltung des Gotteshauses herzustellen und zu beschliessen, dass sie ohne ihrer aller gemeinschaftlichen Willen, Gunst und Rath keinen Pfleger in weltlichen Dingen über das Gotteshaus nehmen noch empfangen sollen. Mit dieser entschlossenen Erklärung trat das Gotteshaus in den Anfang jener föderativen Entwicklung, welche für die Gestaltung des currätischen Staatslehens bestimmend werden und zum völligen Siege der Volksfreiheit schliesslich sich gestalten sollte. Mit dem Jahre 1367 setzt das letzte grosse Capitel « Graubünden » in der rätischen Geschichte ein.
Allerdings befanden sich nun in diesem Gotteshausbunde die demokratischen Elemente noch neben den feudalen, und zwar in zweiter Linie: — Capitel und Dienstleute stehen voran; Gotteshausleute und Rath und Bürger der Stadt zu Cur folgen nach. Auch die Anregung zur ganzen Bewegung ging wohl zuerst vom Dienstadel, eher als vom Volke selbst, aus, und die Thäler erscheinen nach ihren Vogteien, nicht nach Ammannschaften und Gemeinden geordnet. Dennoch war das Zusammentreten der aristokratischen und der demokratischen Elemente, wie es einmal zu Tage getreten war, von bleibender Wirkung. Adel und Volk, welche sich in weitem Umkreise überall rings in den Landschaften an Rätien's Grenzen feindlich entgegenstanden, wirkten hier im curischen Rätien eng verbunden zusammen. In dem Bündnisse stellte sich, allerdings mit Abrechnung des abtrünnig gewordenen Hauptes, des Bischofs, ja gegen dasselbe, die Körperschaft des Gotteshauses als solche aufrecht, so dass eine selbständige Thätigkeit dieser Gesammtheit für die Zukunft feststand, immerhin in der Meinung, inskünftig auch mit einem Bischöfe wieder gemeinsam zu handeln, sobald derselbe nur den guten Willen nicht vermissen lasse.
Sehen wir nun in diese fundamentale Urkunde des Jahres 1367 hinein, so handelt unter den Gotteshausleuten voran ein Juvalt für Domleschg und Schams. Dann kommen nach einander die Vertreter von Oberhalbstein, von Bergell, von Ober-Engadin und von Unter-Engadin, endlich die Bürgerschaft von Cur. Für die Gotteshausleute, edel und unedel, « ob dem Stain » haben drei von Marmels, wovon der erste, Konradin. Vogt zu Reams, und viertens Heinrich von Fontana ihre Sigel angehängt, so dass demnach deutlich auch in dieser Thalschaft der Adel die Gemeinden vertritt, freilich in der Art, dass alle Thalleute als Mithandelnde gedacht werden. Die Bedeutung von Oberhalbstein für den neugeschlossenen Bund legt aber schon die Auf-zählungsweise in der Urkunde unabweisbar vor die Augen. Einzig und allein durch Oberhalbstein konnte ja von Cur und von Domleschg her zu einer Zeit, wo von den Gebieten des späteren Bundes der zehn Gerichte noch lange nicht die Rede als von hülfreichen föderativen Genossen war, die Verbindung mit den grossen Gebieten östlich und südlich, über den Julier mit Engadin, über den Septimer mit Bergell, unterhalten werden.
Das Gewicht der einzelnen Glieder des Gotteshauses tritt nun mit dem Ende des XIV. und dem Anfange des XV. Jahrhunderts immer klarer hervor. Als im Jahre 1392 eine wichtige Vereinigung zwischen dem Hause Oesterreich auf der einen Seite und dem Gotteshause auf der anderen Seite abgeschlossen wurde, da handelten neben einander der Bischof, dann Dompropst, Decan und Capitel, ferner Ammann, Rath und Stadt Cur, die Dienstmannen und Edelleute, die Leute alle und jegliche der Thäler — vom Engadin, von Bergell, Oberhalbstein und Domleschg —, und schon haben Engadin und Bergell dabei auch ihre eigenen Sigel. Das gesammte Gotteshaus als solches hat also bei einem eigentlichen Ausschlag gebenden Staatsvertrage, bei einer Frage der äusseren Politik sich betheiligt. Wo hernach 1406 mit dem inzwischen 1395 im Oberlande in ähnlicher Art entstandenen oberen Bunde das Gotteshaus in Verbindung tritt, besitzt nun aber auch Oberhalbstein, indem es zugleich Avers und Tiefencastel repräsentirt, bereits sein eigenes Sigel, und 1407 verbündet sich die Landschaft Oberhalbstein auch für sich allein mit einer einzelnen Abtheilung dieses oberen Bundes, mit den freien Leuten -vom Rheinwald von den Quellen des Hinterrheins.
Ueberhaupt bringen diese ersten Jahre des XV. Jahrhunderts die allerrascheste Entwicklung im Sinne der Emancipation. Im Jahre 1405 schliesst das Gotteshaus einen Vertrag mit Oesterreich ab, der sich auf die Person des Bischofs selbst bezieht, und dabei nimmt dieser gewissermassen nur noch als einer der Mitsigler an dem Abschlüsse Antheil. Immer bewusster handeln entweder das ganze Gotteshaus als geschlossene Körperschaft oder einzelne Theile desselben selbständig in Bündnissen, in Verträgen verschiedener Art: — der eigentliche Landesherr, der Bischof, ist, vorzüglich in der Verwaltung, immer mehr durch die ständische Gliederung des Gotteshauses zurückgeschoben. Innerhalb dieser selbst aber treten nun die feudalen Elemente hinter den demokratischen Gruppen sichtbar zurück.
Der Adel verarmt und sinkt an Bedeutung, so dass auf den allmälig hervortretenden Gotteshaustagen die Thäler, das gesammte waffenfähige Volk die Entscheidung in der Hand haben: — zwischen dem Bischof und der Bürgerschaft von Cur stellt schon 1428 « gemeines Gotteshaus der Thäler von Cur » einen Schiedspruch auf. Indem ferner der gesammte föderative Körper der drei Bünde in der Herzunahme des jüngsten Bundes der zehn Gerichte immer fester sich zusammenschliesst — schon 1450 ist von « gemeinen drei Bünden » die Rede —, muss seinerseits das Gotteshaus für sich allein immer bestimmter dem in das Auge gefassten Ziele zustreben, der Uebernahme der Landesregierung in seinem Gebiete zu eigener Hand. Zuletzt vollendet sich in den schweren Niederlagen, welche das Bisthum durch die reformatorische Bewegung erleidet, mit dem XVI. Jahrhundert, dieser Gang der republicanischen Umgestaltung.
Eben als eines der Thäler des Gotteshauses hat nun auch die Landschaft Oberhalbstein an dieser gesammten Entwicklung Antheil genommen und deren Frucht für sich mit eingeerntet. Zuweilen einmal eröffnet sich ein rascher Einblick in die Dinge des Thales. So wurden 1468 von dem verburgrechteten Zürich aus gleich anderen Gotteshausleuten die Oberhalbsteiner ernst gemahnt, weil sie die Feste Reams eingenommen hatten und dem Bischof Renten und Gülten hinterhielten, seinen Rechten sich entgegensetzten. Ganz besonders glänzend aber stellt sich der Antheil der Oberhalbsteiner heraus, welchen dieselben an dem Vertheidiguiigskampfe des Jahres 1499 nahmen.
Bekanntlich bewährte sich die neu abgeschlossene engere Verbindung der rätischen Föderation mit der schweizerischen Eidgenossenschaft in der grossen Abwehr gegen Maximilian, welcher in seiner Person zugleich mit den Anforderungen des deutschen Reiches die österreichischen Erinnerungen vertrat. Wie die Schweizer gegen die Schwaben, so fochten die Bündner gegen die Tiroler. Das Hauptereigniss der bündnerischen Kriegsgeschichte war der Kampf vom 22. Mai, wo der Landesfeind in der Grenzwehr an der Calven, im Engpasse am Flusse Rham zwischen Taufers und Glurns, glücklich abgewiesen wurde. Der Hauptheld des Tages, welcher sein Leben selbst dahin gab, war aber ein Oberhalbsteiner, jener Benedict von Fontana, der beim Sturm auf die Schanze niedersank und dessen letzte Worte der bündnerische Geschichtschreiber Campell bewahrt hat* ). Fontana hatte das Amt eines bischöflichen Vogts zu Reams bekleidet, und ihm, der natürlich zunächst die Oberhalbsteiner unter seinem Banner führte, war nach Campell's Zeugniss die Oberanführung aller Gotteshaustruppen übertragen worden. Allein neben Fontana waren auch noch drei Glieder des Geschlechtes von Marmels, Konradin, genannt der Stelzfuss, nebst seinen Söhnen Johann und Rudolf, Mitfechter an der Calven.
Als der gleiche Campell nach 1570 seinem soeben erwähnten ausgezeichneten Chronikwerke eine rätische Topographie als erste Abtheilung voranschickte, war auch die letzte Erinnerung an die frühere thatsächliche Abhängigkeit der Oberhalbsteiner vom Bischof schon zurückgetreten. Denn ausdrücklich versichert der rühmliche Gewährsmann, wo er beim Gotteshausbund auf die Thalschaft zu reden kommt, dass seit einigen Jahren die Landschaft selbständig den Vogt wähle, ohne dass derselbe noch der Bestätigung durch den Bischof bedürfe. Als Beauftragter der Landschaft also handhabt schon damals der Vogt zu Reams die peinliche Gerichtsbarkeit, während ihm für die Civilsachen ein eigener Landammann des Thales zur Seite steht. Nur einzelne Zölle und Abgaben erinnerten in Campell's Zeit noch an die frühere bischöfliche Herrschaft. Das Schloss Reams war zum Rathhause der Landschaft geworden, wo sich die Landsgemeinde des Thales versammelte. Aber neben diesem Gerichte Oberhalbstein stand beigeordnet das Gericht Tiefencastel, dessen Nordgrenze, über die Albula hinausreichend, in Fortsetzung der alten Verhältnisse dort noch Alvaschein mit in sich begriff. Beide Gerichte, Oberhalbstein und Tiefencastel zusammen, machten eines der elf Hochgerichte des Gotteshausbundes, mit anderen Worten eine jener selbstbewussten kleinen Republiken aus, die den alten bündnerischen Staat bildeten.
Ueberdies aber hatte auch schon zur Zeit, wo Campell schrieb, das südliche obere Ende des Ober-halbsteinerthales, Bivio mit Marmels, von der übrigen Landschaft in politischer Hinsicht sich abgetrennt, und gerade hier tritt eine der wunderlichsten Curiositäten des an Sonderbarkeiten so reichen alten bündnerischen Staatswesens zu Tage. Bis zum Aufhören der Bünde und der Hochgerichte nämlich, das will sagen, bis in die Mitte des XIX. Jahrhunderts, wo die ganz unhistorisch willkürliche neue Bezirkseintheilung anhob, gehörten nicht nur die Gerichte Bivio und Avers* ) zusammen, welche doch wenigstens, wenn auch durch ein Bergjoch getrennt, zusammengrenzten, sondern mit denselben waren auch als drittes Gericht die abermals theilweise stark von einander geschiedenen Orte und Thalschaften Remüs, Schieins und Samnaun ganz unten im Engadin verbunden, alle als Abtheilungen eines und desselben Hochgerichtes in Bezug auf die Repräsentation im bündnerischen StaatsDer Umstand, dass im XV. Jahrhundert die von Marmels die Vogtei über Avers als Lehen inne hatten, band wohl die Landschaft Avers an Bivio. Aber ausserdem zeigt höchst wahrscheinlich diese Zugehörigkeit von Avers zum Gotteshausbunde— die romanisch redende Thalschaft Ferrera, weiter abwärts am Averser Rhein gegen Andeer hinaus, zählte zum Hochgerichte Schams des oberen Bundes —, dass von Anfang an die deutschen Colonisten von Avers vom Nordosten her über den Staller-Berg eingewandert seien. Auch ohnedies wird dies ja als Vermuthung nahe gelegt, wenn man jene verhältnissmässig leichte Verbindung mit Bivio der furchtbaren Wildniss des Ferrera-Thales von der Nordwestseite her gegenüberstellt.
26 körper. Natürlich war dabei von einer einheitlichen Verwaltung ganz und gar nicht die Rede, und ebenso zählte in Bezug auf das Wehrwesen Avers zu Bergell, Bivio zu Oberhalbstein, während Remüs und Schieins unter ihrem eigenen Fähnlein zogen.
Das XVI. Jahrhundert hat durch die Reformation bekanntlich das Land Bünden in sich getheilt, und die schweren Erfahrungen der Republik im XVII. Jahrhundert haben ihren Ursprung aus dieser Trennung genommen. Die Landschaft Oberhalbstein hat nun auf der dadurch geschaffenen confessionellen Karte von Rätien eine durchaus eigenthümliche Stellung. Das Thal ist nämlich auf der westlichen, südlichen und östlichen Seite, von Thusis über Schams bis Avers, dann gegen Bergell, gegen Ober-Engadin und gegen Bergün, ringsum von reformirten Landschaften umgeben, und nur nach der nördlichen und der nordwestlichen Seite reichen dünne und noch dazu von paritätischen oder ganz reformirten Gemeinden unterbrochene Ver-bindungsfäden, dort über Lenz gegen Cur, hier durch den Schyn abwärts gegen Domleschg. So sind denn bei der letzten eidgenössischen Volkszählung von 1870 die auf dem Boden des früheren Hochgerichtes Oberhalbstein und des Gerichtes Bivio angetroffenen rund dreitausend Seelen unterschiedslos bis auf wenige vereinzelte Köpfe katholisch gewesen; einzig in Bivio, dem obersten Dorfe, standen sich 150 Reformirte und 60 Katholische gegenüber.
Diese Zugehörigkeit von Oberhalbstein zur katholischen Kirche ist ein unverkennbares Ergebniss der propagandistischen Thätigkeit der Gegenreformation im XVII. Jahrhundert. Noch bis gegen den Ausgang des XVI. Jahrhunderts scheinen sich auch in Oberhalbstein die Confessionen verhältnissmässig gut vertragen zu haben; wenigstens blickte später der Geschichtschreiber der durch die Capuciner besorgten Mission in Rätien, selbst ein italienischer Capucinerpater, mit Entrüstung und Abscheu auf jene Zeiten der Verträglichkeit und des gegenseitigen Verkehrs zurück. Wohl erst die umfassende Thätigkeit des Carlo Borromeo hat dann auch hier nachhaltig zu wirken begonnen. Wenigstens ist es sehr bezeichnend, dass 1581 die Erscheinung der Maria vor einem Schafhirten den Anstoss zu grossen Processionen nach dem Berge der Erscheinung und zur daran sich knüpfenden Erbauung der Wallfahrtskapelle unserer lieben Frau zu Zitail, auf einer Alp in der Gemeinde Salux, gab. Als Nachfolger jener Missionare des XVII. Jahrhunderts haben denn auch bis heute italienische Capuciner* ) die Seelsorge in Oberhalbsteiner Dörfern in der Hand. Schon gleichDiese Besorgung durch italienische Capuciner hat, wie mir von unterrichteter Seite mitgetheilt wurde, die eigenthümliche Folge, dass, wenn auch nicht italienisch, so doch ebenfalls nicht in ihrem eigenen romanischen Idiom die Oberhalbsteiner die Lehren ihrer Seelsorger empfangen. Denn ihrem eigenen surseissischen Dialekte mangelt jede, insbesondere die religiöse Litteratur; die italienischen Capuciner müssen sich also an der Hand der bekanntlich reichlich vorhandenen Litteratur im Oberländer-Romanischen in die Sprache hineinarbeiten und treten demnach auch in diesem Dialekte, in der katholischen Abart ( der Dissentiser ) des Surselvischen, redend auf.
die lateinische Portalinschrift der stattlichen Rococo-kirche unten zu Tiefencastel zeigt die Gesinnung, in welcher 1660 das Gotteshaus geweiht worden war: « Zum Ruhme und zur Ehre Gottes, zur Erhöhung und Verherrlichung der römischen heiligen katholischen Kirche, zur Verwirrung der Ketzer und zum Gedächtniss der Capuciner ».
Gerade diese Missionsthätigkeit im XVII. Jahrhundert hat nun aber für das Thal noch eine weitere Folge gehabt. Allerdings steht noch auf dem rechten Albula-Ufer unweit Alvaschein die uralte Mutterkirche, jene mittelalterliche Kirche Müsteil, d.h. « Münster a, « Monasterium », so genannt von dem früher da vorhandenen Frauenkloster Impedinis. Durch ihre Lage in wilder Einsamkeit, ihre romanische Bauform, ihre spätgothischen Wandgemälde höchst bemerkenswerth, ist sie ausserdem eben als die Mutterkirche nicht nur ihrer ganzen näheren Umgebung, sondern auch des Albula-Gebietes bis nach Wiesen hinauf und nach Bergün hinein, sowie von ganz Oberhalbstein bis nach Bivio hinauf, geschichtlich ehrwürdig. Aber sonst ist im XVII. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Gegenreformation, mit den älteren Kirchen in Oberhalbstein gründlich aufgeräumt worden. Man ist ganz überrascht, etwa in einer dieser Renaissancekirchen noch ein mittelalterliches Denkmal zu finden, wie insbesondere an der grossen Strasse in Tinzen den reichen spätgothischen Hochaltar. Sonst gleichen sich die zahlreichen Kirchen des Thales — Savognin hat nicht weniger als drei aufzuweisen — fast ausnahmslos: freskengeschmückte vor die Kirchengebäude anspruchs- voll hingestellte Façaden mit immer sich wiederholenden Heiligengestalten zumeist in der Minoritenkutte, inwendig überladener Schmuck aller Art, auch schon ganz speciell lombardischer Gattung, so die Intarsia am Holzgestühl, ferner die grossen Kanzeln mit freiem Raume für die Bewegung des Predigers, Alles weist auf den einheitlichen Ursprung dieser ganzen künstlerischen Gestaltung hin. So ist denn dieses eigenthümlich isolirt gelegene katholische Alpenthal am diesseitigen Alpenabhang für den nach dem Süden strebenden Wanderer vielfach schon ein rechtes Vorspiel von Italien.
3. Neuere Zeit: Ober-Engadin* ).
Als in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts ein zürcherischer Staatsmann und Gelehrter, ein unermüdlich fleissiger Sammler, der Seckelmeister und spätere Bürgermeister Hans Jakob Leu, sein grosses topographisch-historisches Lexikon- über die Eidgenossenschaft in zwanzig Bänden herausgab, stand ihm unter zahlreichen anderen sehr schätzbaren Correspondenten für das besonders schwierige Gebiet von Graubünden eine treffliche Kraft zur Verfügung. Der Pfarrer Nikolaus Sererhard lieferte Leu umfangreichen Stoff, welcher, wie man schliessen kann, ziemlich unverändert in das grosse Sammelwerk überging, und so konnte auch über Engadin der Zürcher Herausgeber seine Leser aus unmittelbaren rätischen Mittheilungen belehren. Da aber jetzt seit einigen Jahren ein eigenes Werk des Sererhard — es ist gar keine Frage, dass eben jene Correspondenzen nach Zürich den Anstoss gaben — im Drucke uns unmittelbar vorliegt: « Einfalte Delineation aller Gemeinden gemeiner dreien Bünden » von 1742* ), so können wir bei unserer Orientirung in der Landschaft Ober-Engadin des XVIII. Jahrhunderts einfach von Sererhard's Buche selbst den Ausgang nehmen. Der Umstand, dass die Familie dieses Gewährsmannes, wenn er auch selbst den grössten Theil seines Lebens im Prättigau als Pfarrer verlebte, ursprünglich aus Zernetz hervorgegangen war, vermehrt noch seine Glaubwürdigkeit. Indem Sererhard genau der Eintheilung der Bünde und Hochgerichte folgt, kommt er beim Gotteshausbunde unter der achten Ziffer auf Ober-Engadin zu sprechen. Zunächst schickt er einige Bemerkungen über das gesammte Engadin voraus, über die Grösse und den Volksreichthum des langgestreckten Thales, dass die Bevölkerung durchaus reformirter Religion sei und die romanische oder, wie sie die Bewohner selbst nennen, ladinische Sprache rede; doch sei zwischen dem Dialekte der Ober- und Unter-Engadiner ein ziemlicher Unterschied, und die Ober-Engadiner hielten ihre Sprache für etwas polirter. Der Autor will das dahingestellt sein lassen, räumt aber immerhin ein, dass die Ober-Engadiner weit politisirtere und höflichere Leute seien, als die Unter-Engadiner. Das Ober-Engadin speciell wird als ein Thalgeländ, « so eines rauchen, wilden, kalten Luftes ist, gleichwohl an schönen, waidreichen Alpen, Bergen, Wiesen und Gütern lieblich und lustig anzusehen », beurtheilt. Dass in allen Gemeinden noch etwas Korn gedeihe, dort mehr, hier weniger, sei in Anbetracht der Lage zu verwundern, « dass daselbst nur ein Körnlein wachsen soll ». Es wird an das italienische Sprichwort erinnert: Engadina terra fina, se non fosse la pruina; denn mitten im Sommer werde oft durch den scharfen Reif die Feldfrucht zerstört.
Nicht bloss Sererhard, sondern auch andere schweizerische Topographen des XVIII. Jahrhunderts haben nun ihr Erstaunen darüber ausgesprochen, dass in dieser Höhe so stattliche Ortschaften vorhanden seien. Ein zürcherischer « Staats- und Erdbeschreiber », der gelehrte Pfarrer Fäsi, urtheilt, dass die grossen Dörfer des Ober-Engadin mehr Ansehen mit ihren Häusern von mehreren Stockwerken haben, als in anderen Ländern viele Städte, und allerdings unterscheiden sich ja in den romanischen bündnerischen Gegenden die Ortschaften durch das dichte Zusammendrängen der vorwiegend ganz massiv steinernen Gebäude von den fast in sich aufgelösten hölzernen Häusergruppen der von Anfang an germanischen Dörfer.
Sererhard gibt eine einlässliche Beschreibung eines Engadiner Hauses, so wie sie ähnlich beschaffen jetzt noch zahlreich in den Ortschaften gesehen werden können. Man sage — so beginnt die Schilderung —, es sei kein Haus im Engadin, das nicht seine tausend Gulden koste, weil nun bald alle gross gemauert seien. An jedem Hause ist vorne ein grosses Portal, durch welches ein geladener Wagen mit Heu oder Korn durch ein weites Vorhaus auf den Heustadel geführt werden kann. An der einen Seite dieses Vorhauses befindet sich eine mit Arven- oder Föhrenholz sauber getäfelte Stube, neben derselben eine gewölbte Küche und dahinter ein gewölbtes Fleischgemach zur Aufbewahrung des geräucherten Fleisches, worunter oft sehr altehrwürdige Speckseiten, und anderer Victualien. Auf der anderen Seite des Vorhauses ist der Platz zur Holzlege, wo auch Feldgeräthschaften aufbewahrt werden. Aber neben der grossen Porte ist auch eine andere kleinere Thüre, welche etwas abwärts unter dem grösseren Vorhause hin einen anderen Durchpass in das vertiefte Erdgeschoss eröffnet, wo vorn zwei oder drei gewölbte Keller zu beiden Seiten sich befinden, dann in der Mitte eine Lege zur Streue, welche meist aus Tannen- oder Lärchennadeln besteht, und zuhinterst befindet sich hier, durch eine Thüre abgeschlossen, der Stall. Dieser untere Durchpass heisst « la cuort sutt », während jener geräumigere obere Hausflur den Namen « la cuort » führt. Ueber der Wohnstube ist in allen Häusern eine Schlafkammer so angebracht, dass man auch nach Belieben die Stubenwärme hinauflassen kann. Daneben findet sich ferner, zumeist über der grossen Porte, eine schöne obere Stube mit Täfelung, « stüva sura », wo zugleich die Kleidervorräthe und das Brod aufgehoben werden. Aus dem oberen Vorhaus geht ebenso überall hinter dem Fleischgewölbe eine Treppe in den unteren Durchpass, so dass also hier die unmittelbare Verbindung mit den Kellern und dem Stalle bewerkstelligt ist. Die Dächer der zuweilen vier Stockwerke hohen Häuser bestehen aus grösseren Lärchenbrettern und nicht aus kleinen tannenen Schindeln, so dass die Bedachung bei guter Erstellung hundert Jahre aushalten kann.
Natürlich waren die Stuben überall klein und niedrig, mit engen Fenstern, und die Dicke der Mauern, das Wuchtige des gesammten Steinbaues verleiht allen diesen Häusern etwas Festungsartiges. Aber daneben verstand man es doch auch, durch die Anbringung von kleinen Balconen und Erkerchen, durch deren Ausschmuck mit oft äusserst zierlich gearbeiteten häufig vergoldeten Eisengittern, wie solche auch die Fenster des Erdgeschosses zu schützen hatten, die Massen zu beleben, und dazu kommt überall die ausgezeichnete Reinlichkeit, welche bekanntlich auch noch heute den Kuhstall in der kalten Jahreszeit zu einem beliebten Aufenthaltsorte der Menschen zu erheben vermag.
Sererhard hebt aber ferner als Folge des Umstandes, dass in der geschilderten Weise Wohnhaus, Stall und Scheune unter einem Dache vollkommen vereinigt sind, die Bequemlichkeit besonders hervor, dass man, « ohne sozusagen ein Fuss zu nezen », das Vieh versorgen könne. Er glaubt, so sei es üblich geworden, dass meistens nur die Weibspersonen das Vieh besorgen, « dahingegen die Männer indessen zusammentreten, eine Pfeife Tabak zu rauchen oder « alla mura » zu spielen, um den Brantenwein ».
Eine weitere Schilderung wird der Nahrungsweise des Volkes gewidmet. Von Milch und Molken scheinen schon in Sererhard's Zeit die Leute wenig mehr gelebt zu haben, so dass manche ihren Käs und Zieger in 's Veltlin führen, um Wein einzutauschen. Ihre täglichen Speisen sind meistens Mehlspeisen, wie auch Fleisch, natürlich meist in getrocknetem Zustande, und Gerstensuppe ( juotta ). Sererhard sagt, dass sie der letzteren « einen sonderbar angenehmen Gust, dergleichen man sonst keiner anderen Orten findet », geben können; allein die einlässlichere Beleuchtung dieser Manipulation, besonders der Zubereitung und Aufbewahrung der Maismehlklöse ( chiapuns, plains ) oder anderer beliebter Zukost, lässt es ziemlich zweifelhaft erscheinen, ob auch wir diesen Engadiner Geschmack theilen könnten. Was das Brodbacken anbetrifft, so haben die Thalbewohner nur kleine Brödlein, deren man wohl vier oder sechs in eine Rocktasche bringen kann, gebacken, und zwar in mancher Haushaltung nur zwei, drei oder höchstens vier Mal im Jahr, wo dann tausend oder mehr, auch über zweitausend Brödlein aufs Mal in den Ofen gebracht wurden, immer eines nach dem anderen, so dass ein Stück höchstens zwei Minuten im Backofen blieb. Diese Brödlein setzte man dann in luftige Zimmer in Verwahrung, wo sie nach und nach so hart wurden, dass man sie mit einem Hammer in Stücke zersprengen konnte; den jeweiligen Tagesbedarf aber stellte man in Körben in einen feuchten Keller, wo das Brod wieder weich und brauchbar wurde.
Einen grossen Vorzug hat — so rühmt Serer- hard — Engadin, aber doch voran Ober-Engadin, im XVIII. Jahrhundert schon vor dem übrigen Bünden darin gehabt, dass durch das ganze Thal überall die schönsten und besten Landstrassen und Brücken zu finden waren. Sichtlich hat der im Prättigau, « da es mit den Landstrassen und Bruken noch schlecht bestellt ist », wohnende Verfasser die Engadiner hierum förmlich beneidet: « Die Strassen im Engadin sind durchs Band allso beschaffen, sogar auch diejenigen, die nur in Alpen und Wilde führen, dass zwei Wägen ungehindert neben einander durchpassiren können, und die Brüken sind alle von lerchenem Holz sauber gezimmert, mit aufgerichten Nebenhölzern, dass im Umfallen der Wagen nicht in 's Wasser stürzen könte»* ).
An die Bemerkung, dass die Brücken wegen der grossen Eisbrüche höher als anderswo über dem Wasser stehen müssten, reihen sich weitere verschiedenartige Notizen. Hervorgehoben werden die dem Lande eigenthümlichen Zirbelnüsse, womit den Fremden, als mit einer Rarität, wie an andern Orten mit Mandeln, aufgewartet werde. Aber auch die Ober-Engadiner Lebzelte oder Lebkuchen seien berühmt, ein délicates Confect und nirgends so gut zu finden. Weiter wird Ober-Engadin als « ein Vaterland vieler Gamsthiere, deren bisweilen ganze Truppen bey einander gesehen werden », geschildert, und Sererhard kann nicht umhin, einige « Jäger-histörlein » einzufügen. Auch noch eine Wirkung der Ober-Engadiner Landluft auf die kräftigen, hochgewachsenen Bewohner ist angeschlossen: « Die Leute sind weit bräuner oder schwärzer, als die Teutschen, und siehet man in diesem Land manche stolze Made-moiselles, die man vor Africanerinnen ansehen möchte ».
Endlich schreitet der Topograph zu der Schilderung der Ortschaften, und wir begleiten denselben vom oberen Ende des Hochgerichtes an der Maloja bis zur « hohen Bruk » unterhalb Cinuschel; denn so weit, bis zu dieser Stelle « Pont alta » oder « auta », reichte thalabwärts der politische Begriff Ober-Engadin, und Ober-Engadiner und Unter-Engadiner wurden geradezu als « ils sur Pont-auta » und « ils suot Pont-auta » von einander unterschieden. Innerhalb des Hochgerichtes Ober-Engadin selbst bildete dann wieder der Amselbrunnen unterhalb Bevers, die « Fontana merla », eine Grenze zwischen dem Gerichte « sur Fontana merla » und demjenigen « sut Fontana merla ».
Beim obersten Dorfe, Sils, « einer mittelmässigen Gemeinde eines sehr rauhen wilden Luftes », hebt Sererhard zumeist den See hervor, dessen Fische im Herbste eingefangen und gesalzen und im Frühjahr in der Fasten nach Italien verführt werden: « man schätze, dass der See mehr einbringe, als wenn sein Spatium lauter Wiesen wäre ». Von den Orten Silvaplana, welches etwas grösser und ansehnlicher sei, und St. Moriz, einem mittelmässigen wohlerbauten Dorfe, weiss er wenig. Dagegen schätzt er das herrliche Sauerwasser, das in der Ebene an einem Morast an der Landstrasse entspringe, « für den edelsten Saur-brunnen in Europa. Allerdings sind die Vorrichtungen noch sehr einfach. Bei der Quelle stehen keine Häuser; sie ist mit Mauern umfangen, die mit einem Obdach versehen sind, und man findet da ein kupfernes Wasser-geschirr an einer Kette befestigt, womit das Wasser aus der Tiefe geschöpft werden kann* ). Sererhard hat wohl die Quelle aus eigener Erfahrung kennen gelernt; denn er schildert, wie das Wasser sehr artig aus der Tiefe heraufwalle und eine beinahe zinnoberrothe Tinctur mache, und betont, dass bei der Quelle, besonders bei schönem Wetter, das Wasser « so scharf penetrante Geister, als keine Spiritus vini rectificatus » entwickle, « die dem Trinkenden gleichsam durch das Gehirn fahren ad admirationem ».
* ) Eine auch künstlerisch beachtenswerthe Abbildung dieses Schutzhauses und des inneren desselben bietet das IV. „ Neujahrsgeschenk von der neu errichteten Gesellschaft zum schwarzen Garten, der lieben zürcherischen Jugend gewidmet auf das Jahr 1811 ".
Die Thalfläche, welche bei Celerina betreten wird, veranlasst den Schilderer zu einem Blicke nach der rechten Seite über Pontresina nach der Bernina-Höhe; Pontresina sei ein starker Durchpass und Niederlage der in das Veltlin Reisenden, während allerdings das altberühmte Silberbergwerk schon längst abgegangen sei. Auch der Morteratsch-Gletscher ist da erwähnt, wenn freilich nicht mit Namen genannt, indem des engen Nebenthaies gedacht ist, das zwischen Pontresina und Bernina sich öffne und bis an die Hälfte der Berge mit Schnee angefüllt bleibe, « so den Fremdlingen, die hier durchreisen, einen seltsamen Anblik machet>. Nach Celerina zurückgekehrt, richtet Sererhard seinen Blick auf den hier, wie ein langer See, ganz still und sanft fliessenden Inn, der voller Fische sei, die man schaarenweise von der Landstrasse her darin herumschwimmen sehe. Samaden dann wird als eine namhafte, schöne und grosse Gemeinde gelobt, und thalabwärts folgt weiter der Ort « alias angias » oder « in den Erlen », zu deutsch « in der Au ». Dieser Platz unterhalb Bevers ist die Stelle, wo das gesammte Hochgericht zusammenkömmt, Landsgemeinde und Gerichtsbesetzung abhält und auf St. Matthiä Tag den Landammann erwählt; seit 1729 wird da ein Hauptjahr-markt abgehalten; hier stehen aber auch als Abzeichen des hohen Gerichtes Hochgericht und Galgen. Doch zugleich folgt nun auch alsbald mit Fontana merla das untere Gericht, wo die ersten Dörfer, Ponte und Madulein links, Camogaschg rechts vom Inn, weniger in 's Gewicht fallen. Dagegen steht Zuz als die « ver-namteste Gemeind », ein ansehnliches und gleichsam städtisch erbautes Dorf, welches schon Campell im XVI. Jahrhundert als stadtähnlich hervorgehoben hatte, dem Topographen in besonderer Ehre. Erstlich fand er hier den rarsten Kirchengesang im ganzen Land, ja in vielen Ländern. Ein Zuzer Schulmeister hat diese Singkunst von den oranischen Musikanten in Holland erlernt und dann zu Hause mit Hülfe der Herren Planta, als besonderer Liebhaber der Musik, in Uebung bringen können. Ferner aber sind eben die Adels-häuser, und voran das Planta'sche, ein besonderer Schmuck des Fleckens. Die Planta haben geradezu das Recht, dass der Landammann im Hochgericht oder dann doch wenigstens der Statthalter zu allen Zeiten ein Planta sei, und es ist schon zu sehr harten Kämpfen darüber gekommen. Scanfs und die weiteren unteren Dörfer bieten wieder wenig Anlass zu Bemerkungen, und nur eine Viertelstunde unter Cinuschel folgte auch schon, nicht zwar über den Inn, sondern über einen von der linken Seite herströmenden Bach, jene die untere Grenze des gesammten Hochgerichtes bildende « hohe Bruk ».
So weit hat uns der wackere Sererhard, der Campell des XVIII. Jahrhunderts, geleitet.
Von Staates wegen angeordnete Volkszählungen sind eine Einrichtung, welche erst das gegenwärtige Jahrhundert kennt, und so ist es schwer, sich über die Volkszahlen des XVIII. Jahrhunderts ein Bild zu verschaffen. Immerhin suchte 1780 eine für Bünden überhaupt vielfach anregende Vereinigung, die ökonomische Gesellschaft, auf Privatwegen statistische Erhebungen durchzuführen, und sie fand als approxima- tives Ergebniss für ganz Graubünden 76,000 Seelen ( 1870 waren 91,794 ). Hievon fielen 1980 Seelen auf Ober-Engadin ( 1870: 3583 ). Aber diese Zahl kann von vorne herein nicht einen richtigen Begriff in uns hervorrufen, weil zahlreiche Landesangehörige sich auf die Dauer ausser der Landesgrenzen befanden. Wir kommen dadurch auf einen besonders wichtigen Umstand des engadinischen Volkslebens zu sprechen.
Schon seit dem Mittelalter waren zahlreiche bündnerische Elemente nach Venedig gegangen, um hier in gewerblicher Thätigkeit sich zu bereichern. Allein erst seitdem mit dem Beginne des XVII. Jahrhunderts eine engere politische Verbindung, bedingt durch den gemeinsamen Gegensatz gegenüber dem Hause Habsburg, zwischen der adriatischen und der rätischen Republik abgeschlossen worden war, hatte sich in Folge der Sicherung der rechtlichen Stellung jene Auswanderung in nachhaltiger Weise vermehren können. Im Allianzvertrage von 1603 war freie Niederlassung und Ausübung von Handel und Gewerbe aller Art den Bündnern sicher gestellt worden, und wenn dann auch mit dem Zurücktreten des unmittelbaren politischen Bedürfnisses von venetianischer Seite allmälig gewisse Erschwerungen und Chicanen wieder eingetreten waren, so hatte doch der 1706 erneuerte Vertrag jene früheren Privilegien bestätigt. Besonders war etwa gegenüber den Reformirten, welche unter den Einwanderern die entschiedene Mehrzahl bildeten, der confessionelle Hass und die Verfolgungssucht der Inquisition erwacht; aber dem waren die Proveditoren selbst entgegengetreten, indem sie auf die Einträglichkeit der Bündner für den venetianischen Staatsseckel hinwiesen und erklärten, sie begriffen nicht, wie bei der Frage der Duldung fleissiger und redlicher Fremder religiöse Rücksichten in Betracht kommen könnten.
Es waren voran Zuckerbäcker, Cafeschenken und Branntweinverkäufer, welche daneben von ihnen verfertigte Liqueure feilhielten und auch den Eisverkauf vom Staate gepachtet hatten, und diese « scale tteri » und « aquavitaj » waren ganz überwiegend reformirte Bündner, das heisst eben Engadiner. Diese in Venedig niedergelassenen Bündner waren geradezu die ersten in Italien und wahrscheinlich im ganzen gebildeten Europa, welche — um 1680 in Venedig — in eigentlichen Cafehäusern als Getränk den Café, der vorher nur in Apotheken als Heilmittel theuer verkauft worden war, ausschenkten. Allein ausserdem bethätigten sich auch Glaser* und besonders Schuhfücker im venetianischen Gebiete, und vorzüglich aus Sils, Silvaplana und St. Moriz gingen alljährlich zahlreiche derartige « sava-tini » in der Herbstzeit truppenweise nach dem venetianischen Festlande, um während des Winters den Bauern die Schuhe zu flicken und dann mit dem erworbenen Gelde im nächsten Jahre zur Heuzeit heimzukehren. Um 1742 schlägt Sererhard die « allerhand Sorten Bündner », voran Engadiner und Bergeller, die im Venetianischen sich befänden, auf gegen 3000 an. Aber theils der fortdauernde confessionelle Gegensatz, theils der Brodneid der Venetianer bedrohten allmälig die Stellung dieser privilegirten bündnerischen Gewerbetreibenden. Als vollends 1763 die venetianische Politik durch den Abschluss eines neuen Vertrages 27 zwischen Bünden und der österreichischen Regierung in Mailand eine höchst empfindliche Niederlage erlitten hatte, wurde 1766 die Allianz von der Seite der Republik Venedig gekündigt. Allerdings trat nun dadurch nicht eine eigentliche Austreibung der Bündner aus dem Venetianischen ein; aber die Kündigung der Privilegien kam doch schliesslich einer solchen gleich, indem durch die Aufhebung des Berufsrechtes den fremden Gewerbetreibenden der Boden unter den Füssen weggezogen war. Rücksichten auf die Religion und öffentliche Würde, Milde gegen die eigenen Unterthanen und der Vortheil des Aerares — so erklärte der venetianische Senat — seien die Beweggründe zur Auflösung der Allianz gewesen.
In der Stadt Venedig allein wurden nach einer nicht lange vorher gemachten Zählung 958 Köpfe von dieser Massregel getroffen; dazu kamen nicht mehr festzustellende, aber gewiss ebenso zahlreiche Geschädigte auf der Terra Ferma. Denn in Padua, Brescia, Treviso und an vielen anderen Orten gab es bündnerische Gewerbsleute in grosser Menge, und besonders in Bergamo hatten viele Kaufleute sich zum Theil sehr bedeutende Vermögen im Seidenhandel erworben. Vorzüglich die Zuckerbäcker sahen sich nun also gezwungen, andere Felder für ihre Thätigkeit zu suchen. Sie gingen nach Ober- und Unter-Italien, nach Frankreich, Polen, Russland, und wie schon seit einigen Decennien in Preussen und Kursachsen bündnerische Geschäfte begründet worden waren, so breitete sich nun vollends ,das vorzüglich von Engadinern getragene Conditorengewerbe nach Norddeutschland aus. Halle, Breslau, Berlin, Potsdam, Leipzig, Dresden bekamen ihre Bündner Cafehäuser, deren altbekannte Namen theilweise noch bis zur Stunde fortdauern.
Allein neben dieser industriellen und commerciellen Thätigkeit fällt doch auch für Engadin, wenn auch allerdings hierbei das katholische Bünden mehr in Betracht kommt, das Söldnerwesen in 's Gewicht. Wie die Schweiz, so war auch Graubünden bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts der Hauptwerbeplatz der fremden Mächte, und nicht zum Geringsten war der Reichthum der vornehmen bündnerischen Familien durch den Militärdienst im Auslande und aus den hohen Gagen der Officiersstellen entstanden. So hat zum Beispiel ein Planta-Wildenberg von Zuz im französischen Dienste, wo er zum Generallieutenant emporstieg, den Ruf eines unerschütterlich braven und taktisch umsichtigen Officiers im österreichischen Erbfolgekriege und im siebenjährigen Kriege erlangt.
Es versteht sich von selbst, dass ein derartiges, stets vermehrtes Hereinfliessen von ansehnlichen Summen bis zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts die bis dahin immer noch sehr einfachen Sitten und Gewohnheiten auch im oberen Engadin allmälig umgestalten musste. Im Grossen war immer noch bis dahin auf die Viehzucht und Bodenwirthschaft ein bedeutendes Gewicht gelegt worden. Man hatte noch stets sich bestrebt, durch Wartung und Pflege eine schöne Viehrace zu ziehen, die Wiesen mit Sorgfalt zu bebauen; auch der Ackerbau, obschon allerdings natürlich nicht bedeutend, hatte noch Fortsetzung gefunden. Geradezu aber war der fette Ober-Engadiner Käse von weit ver- breitetem Rufe und starkem Absätze, zumal als Fasten-speise nach Italien, und es ist interessant, dass trotz der immerwährend grösseren Anwesenheit haaren Geldes im Ober-Engadin auch noch von hier aus, wie das in anderen Bündner-Thälern ganz allgemein war, ein förmlicher Tauschhandel bestand, so dass, wie wir schon oben von Sererhard hörten, Gemsen, Forellen, Käse gegen Veltliner Weine unmittelbar umgesetzt wurden. Aber jetzt, bei der immer stärkeren Auswanderung, begannen vielfach die schaffenden Arme zu fehlen, und gerade in der Zeit der stets eifrigeren Thätigkeit der ökonomischen Gesellschaft werden Klagen über Vernachlässigung der Viehzucht und Landwirthschaft auch aus dem Ober-Engadin laut.
Allerdings kamen ja nun, wenn freilich auch gar nicht alle jene fremden Geschäfte gediehen und manche frische junge Kraft im fernen Auslande zu Grunde ging, neue grosse Summen aus jenem Betriebe entweder durch Geldanlage, oder indem jene reich Gewordenen mit ihrem Vermögen in die Heimath zurückkehrten, dem Lande selbst zu Gute. Schon an sich war hier in der langen Friedenszeit ein sehr behaglicher Wohlstand emporgewachsen. Einfache Landleute beschäftigten oft in der Heuernte Wochen hindurch zehn bis zwanzig fremde Mähder; in Celerina zählte man 1761 das durchschnittliche Besitzthum einer Familie zu mindestens 10,000 Gulden. Da flössen nun eben noch jene im Auslande erworbenen Summen herein, und man wollte vielfach üble Folgen spüren.
Bis dahin war das gesammte Leben in der Hauptsache noch immer ein sehr einfaches geblieben.
Auch in den vornehmen Familien betheiligten sich Frauen und Töchter an den gewöhnlichen Hausgeschäften, sogar an solchen, die sonst nur den Mägden überlassen bleiben, und noch 1779 freute sich der englische Reisende Coxe, im Ober-Engadin die einheimische Tracht zu finden. Die Frauen trugen ein schwarzes oder blaues steifes Mieder mit rothen Aermeln, wobei allerdings die Taille der schönen Gestalten oft verunstaltet wurde, einen dunkeln Rock mit blauen und weissen Streifen, schwarze Sammethaube mit Gold-oder Silberstickerei, und bei besonders feierlichen Anlässen prangte reiche Broderie in Gold oder Silber an Aermeln oder Unterkleidern und bestanden die Mieder aus echtem Seidensammt. Aber überall — so klagte man gegen Ende des Jahrhunderts — verlerne man jetzt das Sparen, werde wählerischer und begehrlicher in Kleidung und Speise; vielfach wurde ein ganz unmittelbar verderbter sittlicher Einfluss von etwa auf Besuch anwesenden Ausgewanderten abgeleitet. Es ist schon oben darauf hingewiesen worden, dass Sererhard im Ober-Engadin die Sprache für polirter, als die von Unter-Engadin, und die Ober-Engadiner für weit höflicher, als ihre Nachbaren im unteren Thale, ansah. In einem anderen Zusammenhange sagt er nochmals, dass die oberen Engadiner « etwas mehr von der Italiener Geschwind- und Höflichkeit participiren », während die im unteren Engadin « in genere etwas rauh und grob von Sitten » seien. Uebrigens — fährt er fort — ist die ganze Nation im oberen, wie im unteren Engadin, « ein frisch Volk, auch geschwind in Ränken, dass Ausländer, die mit ihnen handeln wollen, sich vor- zusehen haben, dass sie nicht verkürzt werden; sie legen sich auch beynachen sämmtliche in ihren Schulen auf die Rechenkunst und lieben die studia, daher man manchen Bauern unter ihnen findet, der ein subtiler arithmethicus ist; auch etwelche unter den Bauren dieses Lands verstehen Latein ». Einen ganz ähnlichen günstigen Eindruck von dem « Geist der Ordnung und Zierlichkeit » gewann aber auch ein Menschenalter später der englische Reisende Coxe 1779: « Die Leuthe sind grösstenteils ausserordentlich höflich und gut erzogen; sie beugten sich, als ich vorbey passierte, mit grosser Höflichkeit, und man darf von ihnen jede Art von Gefälligkeit auf die bereitwilligste und verbindlichste Weise erwarten. In der That machte mir das gesittete Betragen der Einwohner, ihre Höflichkeit und Gastfreyheit eben so viel Freude, als der romantische Schauplatz des Landes ».
Schon Campell rühmte im XVI. Jahrhundert, dass sich die Engadiner vor allen Graubündnern auszeichneten, indem sie für bessere Ausbildung ihrer Jugend Sorge trügen. Im XVII. Jahrhundert hinwieder hebt der Geschichtsschreiber Fortunat Sprecher an seinem Freunde, dem grossen Staatsmann Guler, hervor, dass derselbe sein Leben lang nicht ermangelt habe, die « adelige, gelehrte, freundliche Leutseligkeit und Um-gangsart » der Engadiner hoch zu preisen. Aber es ist ganz besonders eine Seite der intellectuellen Thätigkeit, für welche Engadin — und auch hier wieder Ober-Engadin voran — eigentlich Bahn brechend gewirkt hat: von den beiden litterarisch ausgebildeten Zweigen der rätoromanischen Sprache hat der eine, eben der ladinische, seine erste schriftliche Gestaltung hier gewonnen. Früher als der oberländisch-romanische Dialekt, ist dieses Engadiner Ladin zur Ehre einer Schriftsprache erhoben worden, und so lange bei der grösseren sprachlichen Abgeschlossenheit eine stärkere Widerstandsfähigkeit der rätoromanischen Sprache überhaupt dauerte und das diese Zunge redende Volk mit seinen Hervorbringungen sich selbst genügte, war dem Ober-Engadin hierin eine führende Stellung zugewiesen.
Eine der edelsten Erscheinungen der bündnerischen Geschichte ist jener hervorragende Krieger und Staatsmann des XVI. Jahrhunderts, der noch als Greis mit seiner ganzen gewaltigen Energie die Idee der Reformation erfasste und, da es an Predigern fehlte, selbst die Kanzel bestieg und, unbeirrt von feindlichem Spotte, unter dem höchsten Beifall seiner Freunde und Mitbürger, seiner Ueberzeugung beredte Worte lieh. Dieser Mann, den Campell preist, er stehe, man möchte sagen, in jeder Tugend unerreicht da, ist Johann von Travers aus Zuz, und er eben zeigte, dass man die bisher noch nie geschriebene ladinische Sprache schreiben könne, und erfand geradezu das Lautbezeichnungssystem für dieselbe. Travers wollte, wie er selbst sagt, « in seiner Musse, um seinen Mitbürgern Vergnügen zu machen », was er selbst im ersten Müsser-Kriege erlebt und als Gefangener auf Schloss Musso erlitten hatte, erzählen, und so formte er 1527 diesen Stoff in die « Chanzun dalla guerra dalg Chiasté d'Müsch»* ). Mit diesem historischenEin oberengadinischer Dichter der Gegenwart, Alfons von Flugi, hat sich das Verdienst erworben, dieses Gedicht Gedichte trat also in einem Herrenhause zu Zuz die ladinische Litteratur in das Leben. Aber auch Dramen hat nachher Travers gedichtet, und ein verlorener Sohn, ein nach Aegypten verkaufter Joseph werden genannt, leider jedoch sind dieselben bis jetzt noch nicht wieder zu Tage getreten.
Sehr rasch folgten nun Andere nach, und es sind wieder Geister ersten Ranges, welche durch Travers dergestalt angeregt wurden. Der Unter-Engadiner Durich Campell hat allerdings sein einzigartiges Ge-schichtswerk lateinisch geschrieben; aber als Pfarrer in Süs, wo er 1582 starb, sammelte er seine eigenen, auf Anregung seines Vaters im Unter - Engadiner Dialekte geschaffenen geistlichen Gedichte, sowie diejenigen anderer Sänger zu einem Gesangbuche, wobei ganz besonders auch die geistlichen Lieder des Haupt-reformators des Engadins, des feurigen, 1566 verstorbenen Philipp Saluz, zu Ehren kamen. Allein Ober-Engadin holt dann wieder diese Leistungen aus dem unteren Thale dadurch reichlich ein, dass aus Samaden die erste Uebersetzung des neuen Testamentes hervorging. Der Jurist und Theolog Giachem Biffrun hat nämlich zuerst 1552 einen Katechismus herausgegeben, und dazu ein zweites in ladiniseher Sprache, von einem Ober-Engadiner aus dem XVII. Jahrhundert, Giörin Wietzel's Gedicht vom Veltliner Krieg, zum ersten Mal, nebst deutscher Uebersetzung und von einer litterar-historischen Einleitung begleitet, 1865 herausgegeben zu haben. Es sei hier ausserdem auf Dr. Friedlieb Rausch: „ Geschichte der Literatur des Khäto-Romanischen Volkes, mit einem Blick auf Sprache und Charakter desselben " ( Frankfurt a.H., 1870 ) hingewiesen.
und diese in Poschiavo gedruckte Schrift ist überhaupt das älteste ladinische Werk, das alsbald aus der Presse hervorging. Als dann 1560 jene Uebertragung folgte, rechtfertigte Biffrun im Vorworte mit naiver und kräftiger Beredtsamkeit sein kühnes Unterfangen.
Diesen grossen Vorgängern schlössen sich im XVII. und XVIII. Jahrhundert, in Poesie und Prosa, weitere, selbstverständlich voran geistliche Wortführer an. Zwar standen die verhältnissmässig recht stark für die ladinische Litteratur beschäftigten Pressen, von 1660 an eine besonders thätige Druckerei in Schuols, daneben seit 1680 eine andere, anfangs in Schieins, dann in Strada, im untern Engadin. Doch daneben gab es auch ambulante Typographen, und ein solcher diente dem Pfarrer Johann Baptist Frizzoni, welcher in der zweiten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts zu Celerina als begabter geistlicher Redner im Amte stand und von einem begeisterten neueren bündnerischen Litterar-historiker wohl etwas zu laut als « der rätoromanische Paul Gerhard » gepriesen wird. Das nach kurzer Zeit sehr beliebt gewordene geistliche Gesangbuch Frizzoni's, die « Testimoniaunza », soll in einem Celeriner Heustall gedruckt worden sein, wo — die Schilderung ist vielleicht etwas zurecht gemacht — als Gehülfe an der Presse der Stallbube diente, welchem neben anderen Arbeiten auch die Besorgung des die ganze Officin von Ort zu Ort tragenden Esels überlassen war.
Aber so recht als die ehrenvollste Darlegung der wissenschaftlichen Thätigkeit im oberen Engadin tritt uns noch ein anderer Pfarrer des XVIII. Jahrhunderts, derjenige zu Scanfs, Peter Dominicus Rosius a Porta entgegen, welcher in hohem Alter erst 1808 in Zuz starb. Freilich war a Porta, der aus einem unterengadinischen Adelsgeschlechte hervorgegangen war, auf dem Boden der ladinischen Litteratur nicht so sehr thätig; dagegen nimmt er im XVIII. Jahrhundert in der rätischen Geschichtschreibung unbedingt den ersten Platz ein. Sein lateinisch geschriebenes Buch über die bündnerische Reformationsgeschichte, die « Historia reformationis ecclesiarum Räticarum », beruht durchaus auf Quellenstudien und ist als ein historisches Hauptwerk zu bezeichnen; denn a Porta war, wie von berufener Seite beurtheilt wird, der genaueste Kenner der theologischen und der rätischen Litteratur, welchen Bünden je besessen hat. Aber das sagt uns auch ein schon mehrmals angerufener unparteiischer fremder Zeuge.
Als Coxe am 3. August 1779 in Scanfs eintraf, wurde er durch den Herrn, an den er ein Empfehlungsschreiben besass, zu Pfarrer a Porta geführt, bei welchem er dann auch in Ermangelung eines Gasthauses seine Herberge nahm. Mit äusserster Achtung spricht sich der Engländer über seinen gelehrten Wirth aus. Er erzählt: « Ich betrachtete diesen Schriftsteller mit Ehrfurcht, wegen seines unermüdeten Fleisses in Vollendung eines so mühsamen Werkes, bei sehr wenig Aufmunterung und unter all den Nachtheilen, die aus der Schwierigkeit, sich Bücher zu verschaffen, und einer sehr eingeschränkten Lage entstehen; denn seine Einkünfte sind klein und betragen jährlich kaum 200 Gulden, und doch wird seine Pfründe für eine der besten im Engadin gehalten. Mit diesem mässigen Einkommen ist er im Stande, eine Frau nebst einer grossen Familie zu ernähren. Alles was er, den Ruhm ausgenommen, für sein ausgebreitete Kenntnisse und unermüdeten Fleiss hinreichend beweisendes Hauptwerk je erhielt, war ein Geschenk von 25 Guineen, welches ihn in den Stand setzte, die Ausgaben zu bestreiten, welche er hatte, um in Zürich aus den Handschriften der öffentlichen Bibliothek Materialien zu sammeln. Das Werk selbst, das zu Cur auf Unkosten der typographischen Gesellschaft gedruckt wurde, hat dem Verfasser nie den geringsten Vortheil gebracht. Ausser einer kritischen Kenntniss der gelehrten Sprachen versteht und spricht dieser ehrwürdige Geistliche deutsch und italienisch, liest französisch und hat einige Bekanntschaft mit der ungarischen und wallachischen Sprache. Wäh-re»d der kurzen Zeit, die ich in seiner Gesellschaft zubrachte, hatte ich oft Veranlassung, über seine tiefe Gelehrsamkeit und viel umfassenden Talente zu erstaunen, und ich habe ihm besonders viel gründliche Belehrung über die romanische Sprache zu verdanken ». Nunmehr, ein Jahrhundert nach Coxe's Besuch, hat ein Engländer im Engadin nicht mehr nothwendig, bei einem Pfarrherrn Herberge zu suchen, und wenigstens das Quantum reisender Engländer hat für die Landschaft Ober-Engadin ganz erstaunlich zugenommen; ob freilich dieselben mit eben so viel Verständniss sich umsehen, wie jener einsichtsvolle Tourist des XVIII. Jahrhunderts, haben wir hier nicht zu untersuchen. Denn bekanntlich haben jetzt, allerdings mit ihrem Willen, die Ober-Engadiner das Geschick, während einiger Monate im Jahre in ihrem eigenen Lande nicht Herren zu sein, sondern dasselbe zu einer Riesen-herberge erweitert zu sehen.
Ueber eine andere schweizerische Gegend, welche dergestalt den Zufluss fremder Besucher festzuhalten verstand, hat der feine Humorist Ulrich Hegner von Winterthur vor einem halben Jahrhundert folgendermassen sich geäussert: « Gegenwärtig soll jene Gegend zu einer glänzenden Niederlassung fremder, meist englischer Familien geworden sein, wo Miethwohnungen mit zierlichem Hausgeräthe und Prunkbuden mit goldenen Inschriften prangen, so dass die alten Spaziergänge fast zu Pariser Boulevards geworden sind. Manchen ist das recht; viele finden die alte Einfalt besser. « Wir bringen Euch ja Geld! sagen die Fremden. Aber da fragen Andere: r « sonst nichts? »