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Eine Handschrift mit dem vollständigen Text der vier Evangelien in der biblischen Abfolge (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes). Diese enthalten die Berichte vom Erdenleben Christi. Dazu kommen die Prologe des Hieronymus, die Kanontafeln des Eusebius mit den Parallelstellen der Evangelien und das Capitulare evangeliorum, das die Perikopenlesungen an den Fest- und Sonntagen des Kirchenjahres aufführt.
Evangeliare sind liturgische Handschriften, aus denen der Diakon im ersten Teil der Messe (dem Wortgottesdienst) die Evangelienlesung vortrug. Dazu gehörten rituelle Handlungen wie die Beleuchtung mit Kerzen, Beweihräucherung, Prozession auf den Ambo oder die Kanzel und der abschliessende Buchkuss. Evangeliare waren vor allem im Früh- und Hochmittelalter in Klosterkirchen, Kathedralen, Stiftskirchen und Pfarrkirchen in Gebrauch. In der Rangfolge der liturgischen Bücher standen sie mit den Evangelistaren an der Spitze. Wie die Evangelistare wurden Evangeliare als sakramentale Verkörperungen Christi betrachtet. Daraus erklärt sich ihr vorherrschender Rang unter den Prachthandschriften des frühen und hohen Mittelalters. Seit dem 13. Jahrhundert werden die Evangelistare vom neuen Buchtypus des Missales abgelöst.
Fester Bestandteil sind die am Anfang platzierten Kanontafeln, welche die Parallelstellen der Evangelien nach Eusebius enthalten und mit einer architektonischer Rahmung umgeben (Evangeliar von Saint-Médard de Soissons). Am Anfang der Evangelien stehen häufig Autorenbilder der Evangelisten und Initialzierseiten (Book of Lindisfarne, Book of Kells). Seit ottonischer Zeit werden Evangeliare teilweise mit Bilderzyklen zum Leben Jesu versehen (Codex Aureus von Echternach). Der sakramentale Status der Evangelistare als Verkörperung Christi manifestiert sich am deutlichsten in Prachteinbänden, die das Buch mit dreidimensionalen Bildern aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen umgeben (Codex Aureus von St. Emmeram).