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Beinhaus
In heidnischer Zeit…
In heidnischer Zeit wurde das Grab als unantastbar bezeichnet. Auch im altchristlichen Begräbniswesen galt das Grab als unersetzlich. Mit der Zeit wurde das Verlangen immer grösser, in der Nähe eines Märtyrers oder eines Heiligen seine letzte Ruhestätte zu haben. Es entstand grosser Platzmangel auf den Friedhöfen, weshalb man gezwungen war, gebrauchte Gräber zu entleeren. Die geborgenen Gebeine kamen in eine Sammelstelle, Ossarium oder Beinhaus genannt, und wurden dort wieder beigesetzt.
Urkundlich weiss man, dass das Beinhaus in Steinen 1529 bestanden hat. Ein genaues Datum ist nicht bekannt. Man vermutet, dass der Weihbischof von Konstanz 1509 den erneuerten Friedhof und gleichzeitig das Beinhaus einweihte.
Beinhäuser gab es überall in unserer Gegend, z.B. der «Kerchel» in Schwyz. In Steinen ist der Aufbau eingeschossig und unterscheidet sich dadurch von den bekannten Schemen der zweigeschossigen Beinhäuser in Schwyz, Altdorf, Stans und Sursee. Ein fast gleiches Beinhaus wie in Steinen findet sich im «Kirchbühl» bei Sempach.
Das Beinhaus hat auf dem Dach einen Glockenturm mit zwei Glöckchen. Das eine, so die Sage, soll nach dem Kappelerkrieg (1531) von einem Uly Beeler aus dem Kirchturm von Horgen mitgenommen worden sein. Er soll es dann auf seinen Schultern nach Steinen getragen haben.
1898 wurde das Beinhaus renoviert und unter den Schutz der Eidgenossenschaft gestellt. Das Beinhaus ist bis heute in seinem ursprünglichen Zustand erhalten.
Beinhaus
Das Innere des Beinhauses
Im Innern fällt der Blick sofort auf den Chor mit seinem spätgotischen Flügelalter, der um das Jahr 1520 datiert wird. In der Mitte des Altars erhebt sich über einem verzierten Sockel das Gnadenbild, eine qualitätsvolle Pietà. Zu beiden Seiten stehen auf kleineren Sockeln Nikolaus und Katharina.
Die Innenseiten der Altarflügel zeigen links Antonius und Margareta, rechts Jakobus und Elisabeth. Die Aussenseiten zeigen bei geschlossenem Zustand die Szene Maria Verkündigung.
In den Gewölbekappen des Chores sind das Schweisstuch der Veronika und die Evangelistensymbole mit Spruchbändern ersichtlich. Im Zwickel über dem Altar ist das Wappen der Beeler, den mutmasslichen Stiftern des Beinhauses, zu erkennen.
Die alten Malereien im Chorbogen sind leider nur noch fragmentarisch erhalten. Dargestellt wird das Jüngste Gericht. Neben dem thronenden Christus die Muttergottes Maria und Johannes der Täufer. Von Wolken umrahmt die Büsten der Apostel, je sechs auf einer Seite. Zwei Engel mit Posaunen scheiden die Auferstandenen in die Lager des Guten und des Bösen: Links die Seligen, die sich der Himmelspforte zuwenden, rechts die Gruppe der Verworfenen, die von Dämonen dem Höllenrachen zugetrieben werden.
Auf dem 1898 erneuerten Seitenaltar steht eine barocke Madonna, umrahmt wahrscheinlich von Petrus und hl. Diakon.
Die flache Holzdecke im Schiff ist ein weiteres Prachtswerk mit qualitätsvollen Flachschnitzereien. An der Decke sind zudem in zwei Reihen die vierzehn Nothelfer aufgemalt. Rechts in der hinteren Hälfte der Spruch: «Ach barmherziger Gott, nun erbarm dich über allen, elenden trostlosen Seelen», links «O du allmächtiger Gott, ich bitte für alle christlichen Seelen, die trostlos sterben mussten, dass Gott sie tröstet».
An der südlichen Längswand erscheint gut erkennbar die Legende des Ritters Georg im Kampf gegen den Drachen. An der fensterlosen Nordwand türmen sich die Schädel und Gebeine der entleerten Gräber zu einer Wand auf. Diese umfassten früher mehrere Schichten und reichten bis zur Decke. Unter den Knochenresten fand man vier spätgotische Figuren: Ein segnender Christus, eine sitzende Madonna, den hl. Antonius Eremita und eine Dreikönigsfigur. Alle Figuren sind seit 1897 im Historischen Museum Basel.
Im Beinhaus befand sich auch der «Steiner Palmesel». Er zählt zu den ältesten Holzskulpturen dieser Art überhaupt, datiert aus dem Jahr 1055. Seit 1893 befindet sich das Figuren-Ensemble im Schweizerischen Nationalmuseum Zürich, wo es heute eines der ständigen Ausstellungsobjekte ist.
Vor dem mit Holzgitter geschützten Gebeinen steht eine barocke Kreuzigungsgruppe mit den beiden Figuren Maria und Johannes. Sie sind ursprünglich in der Pfarrkirche über dem Chorbogen gehangen und stammen aus dem Jahr 1672.
Das Beinhaus von Steinen zählt nicht zuletzt wegen seiner einheitlichen, aus der Bauzeit stammenden Ausstattung, zu den am besten erhaltenen Beinhäusern in der Innerschweiz. Der stimmungsvolle Innenraum ist von hohem künstlerischem Wert.
Der Schweizerische Kunstführer (1) zitiert das Beinhaus zu Steinen wie folgt: «Der stimmungsvoll-besinnliche Innenraum des Beinhauses von Steinen ist von hohem künstlerischem Wert».
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Meyer André: Steinen SZ, Kirche und Kapellen, in Schweiz. Kunstführer, 1972