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Hochwasser: Chance statt Gefahr
Im Schiff über das Sangerfeld
Die Thur hatte seit je einen wilden Charakter und bereitete ihren Anwohnern Sorge. Bis 1850 erreichte das Thurwasser mehrmals den Marktplatz in Weinfelden, «so dass man im Schiff über das ganze Sangerfeld bis zur Brücke hinaus» habe fahren können, schrieb ein Chronist.
Nachdem von 1874-1888 gleich vier verheerende Hochwasser auftraten, wurde der Fluss – mit fianzieller Hilfe aus Bern – fast auf der ganzen Länge kanalisiert und stark verbaut. Während früher Dörfer, Weiler und Einzelhöfe noch auf erhöhten Hanglagen gebaut wurden, folgte im 20. Jahrhundert sukzessive eine Trockenlegung von Feuchtgebieten. Seitenbäche wurden – erneut mit Subventionen – in Röhren in den Boden verbannt. Einzelhöfe und später auch Strassen, Gewerbebauten und wichtige Leitungen rückten immer näher an den Fluss. Auch das erwähnte Sangerfeld bei Weinfelden ist heute längst mit Wohnhäusern und Gewerbebauten überbaut. Doch die Hochwasser von 1978, 1999, 2003 und 2013 haben gezeigt, dass es die hundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Zudem haben die feinen Sedimente mit jedem Hochwasser das Thurvorland etwas erhöht, sodass der enge Flussquerschnitt noch kleiner geworden ist. Auf einzelnen Abschnitten liegen nicht nur die Vorländer, sondern sogar die Flusssohle höher als das Kulturland hinter den Dämmen, zum Beispiel im bis 2003 «sanierten» Abschnitt zwischen Uesslingen und Niederneunforn.
Moderner Hochwasserschutz
In solchen Abschnitten kann ein moderner Hochwasserschutz nicht mehr zwischen den alten Dämmen garantiert werden. Der Aufwand, diese laufend zu verstärken und zu erhöhen und gleichzeitig Vorland und Sohle abzusenken ist unverhältnismässig gross – das haben die Arbeiten zwischen Uesslingen (TG) und der Kantonsgrenze TG/ZH gezeigt. Nur dank einer Aufweitung des Flussraums im Auengebiet bei Niederneunforn konnte die ökologische Bilanz auf diesem Abschnitt einigermassen ausgeglichen gehalten werden. Bleibt das Gerinne eng, bleibt das Risiko bei einem sehr grossen Hochwasser hoch oder steigt sogar weiter an. Hat die Thur hingegen in der Breite mehr Platz, können die Dämme an der Seite weniger hoch sein. In kleinerem Mass tragen die grössere Breite und Rückhalteräume wie z.B. in den ehemaligen Auwäldern ausserdem zur Dämpfung der absoluten Spitze des Abflusses bei. Steht ein Einzelhof oder eine andere sensible Infrastruktur in einer potentiellen Überschwemmungsfläche, so sind Objektschutzmassnahmen einem grossflächigen Schutz klar vorzuziehen.
Eine Win-Win-Situation
Innerhalb des Gewässerraumes, also zwischen den (neuen) Dämmen soll die Thur ihren Lauf möglichst dynamisch gestalten können. Abtrag und Auflandung durch den Fluss sind wesentlich günstiger als mit Baggern, und zudem «weiss» der Fluss viel genauer was er benötigt. So werden Hochwasser, die den Fluss verändern, nicht mehr eine Bedrohung, sondern sie werden zur Chance, weil neue Strukturen entstehen. Zum Beispiel neue Kiesbänke, die Erholungssuchenden dienen, Uferanrisse, wo Schwalben oder Eisvögel nisten können, oder ruhige Hinterwasser, wo Jungfische oder Amphibien sich wohl fühlen. Die bisher mit Flussraumaufweitungen an der Thur gemachten Erfahrungen, insbesondere auch die Entwicklung im Auengebiet Eggrank-Thurspitz (ZH/SH) zeigen, dass die Thur nicht von einem Jahr zum anderen völlig unkontrollierbar wird. So hat sich z.B. im Auengebiet unterhalb der Brücke Flaach-Ellikon das Thurufer trotz intensiver Initialmassnahmen seit 2008 erst um rund 30 Meter verschoben. Das Festlegen von Beurteilungslinien hat sich bewährt. Hat die Erosion nach einem grossen Hochwasser eine solche Linie erreicht, kann besprochen werden, ob flussbauliche Interventionen nötig sind, oder ob der Thur weiterhin Spielraum zugestanden werden kann.
Standortgebundene Infrastrukturen oder ins ehemalige Überschwemmungsland ausgesiedelte Höfe können durch Objektschutzmassnahmen gesichert werden. Für Schäden an Kulturen kommen Versicherungszahlungen (Fondslösungen) wesentlich günstiger als bauliche Massnahmen im grossen Stil.