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Zum Gedenken an Prof. Dr. Pierre Cimaz
Am 9. März 1851 ersuchte der französische Literaturkritiker Saint-René Taillandier, Literaturprofessor in Montpellier, Jeremias Gotthelf in einem Brief um Auskunft über sein Leben und Werk. Er habe etliche seiner Werke gelesen und wolle in der „Revue des deux mondes“ eine „étude complète“ über sein Werk schreiben, er stelle nämlich in dieser Zeitschrift die wichtigsten Schriftsteller Deutschlands vor. Sein Beweggrund: „… je désire faire connaître en France un écrivain que toute l’Allemagne apprécie“. Diese Studie erschien noch im gleichen Jahr unter dem Titel „Le romancier populaire de la Suisse Allemande Jérémie Gotthelf et ses oeuvres“ in der genannten Zeitschrift und ist eine der ersten wissenschaftlichen Arbeiten über Gotthelf. Sie ist auch ein Zeugnis dafür, dass Gotthelfs Werke, nachdem sie in Deutschland bereits ein wachsendes Echo gefunden hatten, nun auch im französischen Sprachraum, in der Westschweiz und in Frankreich, populär wurden. Noch zu Lebzeiten Gotthelfs, von 1850 bis ins Todesjahr 1854, wurden insgesamt 13 Erzählungen und fünf Romane ins Französische übersetzt. Die Reihe der Übersetzungen setzte sich in den Jahren danach fort, so dass bis 1863 mit ein paar Ausnahmen alle Romane Gotthelfs in französischer Übersetzung, allerdings meist mit Kürzungen des Originaltexts, vorlagen.
1913, 60 Jahre später, erschien die erste umfassende, gründliche wissenschaftliche Monographie über Gotthelf aus der Feder des Franzosen Gabriel Muret: „Jérémie Gotthelf. Sa vie et ses oeuvres. Paris 1913“, ein noch heute lesenswertes Buch, gegründet auf solide Quellenstudien: Muret vertiefte sich in der Stadtbibliothek Bern in den Gotthelf-Nachlass und besuchte Gotthelfs jüngere Tochter, die damals 77jährige Cécile von Rütte-Bitzius, um von ihr noch Auskünfte über ihren Vater zu erhalten.
1979, also noch einmal gut 60 Jahre später, reichte der Franzose Pierre Cimaz in Paris seine Habilitationsschrift ein: „Jeremias Gotthelf (1797-1854). Le romancier et son temps. Dieses Buch, jetzt in deutscher Übersetzung zugänglich, ist der eindeutige Glanz- und Höhepunkt in der französischen Gotthelf-Forschung. Der Autor ist kürzlich in Paris gestorben. Hans Messerli, seinerzeit Präsident des Vereins Gotthelf-Stube Lützelflüh und Mitglied des SKD, hat uns die nachstehende Würdigung von Pierre Cimaz zukommen lassen.
Am 21. März 2012 ist in Paris in seinem 81. Lebensjahr Professor Pierre Cimaz gestorben. Als mir Frau Cimaz am Telefon die traurige Nachricht übermittelte, stiegen in mir spontan Erinnerungen auf an Pierre Cimaz’ Lützelflüher Vortrag „Gotthelf im Briefwechsel“, den er am 21. Oktober 2000 an der Mitgliederversammlung der Gotthelfstube hielt. Ich bin nicht der einzige, der sich dieser meisterhaft gestalteten Lehrstunde erinnert. Ab und zu werde ich noch darauf angesprochen, und es wird mir die Frage gestellt, warum man eine solch eindrückliche Weihestunde nicht wiederholt habe. Gerne hätten wir Pierre Cimaz ein weiteres Mal eingeladen. Aus gesundheitlichen Gründen war ihm eine Reise ins Emmental zu beschwerlich geworden.
Sein Lützelflüher Vortrag erschien im „Jahrbuch 2001 des Oberaargaus“, und der Verein -Stube Lützelflüh gab einen Separatdruck davon heraus.
An den Schluss seines Vertrages setzte Pierre Cimaz eine Briefstelle Gotthelfs vom 5.1.1850, geschrieben an Jakob Melchior Ziegler, und erwähnte damit die Wirkung des geschriebenen Worts in die Weite, in die Weite des Raums und in die Weite der Zeit: „Aber wirklich hat es in den besten Weihestunden so oft etwas wunderbar Bängliches, wenn man denkt, das stumme Wort, welches du da schreibst, geht still und stumm viele, viele Stunden weit, da fällt es auf ein Herz, und plötzlich wird es in demselben lebendig, ein kleiner Funke beginnt zu glühen, wird vielleicht zur klaren schönen Flamme …. und ein ander Wort schlägt alsbald ein, teilt gleich einem elektrischen Funken manchem sich mit; und viele schlummern, und nach Jahren vielleicht berühren sie doch noch ein Herz und wecken Leben in ihm. Das ist die Mystik der Schriftstellerei.“
„Und nach Jahren vielleicht berühren sie doch noch ein Herz und wecken Leben in ihm …“
Dieser Gedanke gilt nicht nur für die Werke Gotthelfs, er gilt auch für Pierre Cimaz’ epochales Werk „Jeremias Gotthelf – Der Romancier und seine Zeit“. Diese Arbeit, „Jeremias Gotthelf (1797 – 1854). Le romancier et son temps“ wurde 1979 als Habilitationsschrift an der Sorbonne eingereicht. Prof. Hanns Peter Holl hat das Werk in unsere Sprache übersetzt, 1998 ist es im A. Francke Verlag Tübingen und Basel erschienen. Wer sich mit Gotthelf beschäftigt, erkennt in Cimaz’ Werk bald die hervorragende, grundlegende Arbeit und erhält einen Eindruck von der Tiefe und Weite von Pierre Cimaz’ jahrelanger Beschäftigung mit Gotthelfs Weltanschauung und seinen Romanen. Im Vorwort schreibt der Verfasser: „Dieses Buch möchte ich meiner Frau widmen, die die Entstehung meiner Habilitationsschrift teilnehmend und hilfsbereit verfolgte. Ich denke auch mit Dankbarkeit an mein Elternhaus im Vivarais und an die andern hugenottischen Bauern zurück, unter denen ich meine Kinderjahre verlebte; dieses Erlebnis liess mich später Gotthelfs Bauernwelt als eigentümlich vertraut empfinden.“ Cimaz’ Eltern wurde die Pacht des Bauernhofes nicht erneuert. Um Arbeit zu finden, waren sie genötigt, in die Stadt zu ziehen, nach Valence. Dieser für die Eltern schmerzliche Schritt wurde für den Knaben zur Chance. Er konnte das Gymnasium besuchen. Um die Bedeutung von Pierre Cimaz’ Gotthelf-Beitrag zu verdeutlichen, erwähne ich ein paar Ausschnitte aus Rezensionen. Prof. Holl schreibt: „Mehr aus Pflichtgefühl als mit grossen Erwartungen las ich im Vorfeld des Gotthelf-Jahres 1997 ein paar Kapitel von Cimaz’ Arbeit und hatte sehr schnell den Eindruck, dass ich da eines der besten Bücher über Gotthelf vor mir hatte, die je geschrieben worden waren. Was Cimaz ‚analyse’ der Romane und was er ‚son temps’ nennt, darin habe ich in ihm einen Meister gefunden.“
Dr. Ulrich Knellwolf: „Ich war völlig gefangen genommen. Das ist wirklich d a s Gotthelf-Buch.“
Dr. Alfred Reber: „Das ist das Gotthelf-Buch, das ich hätte schreiben wollen, wenn ich nicht Seminar-Direktor geworden wäre.“
Pfr. M.U. Balsiger: „… bin aus dem Staunen nicht herausgekommen.“
Wir sind Pierre Cimaz zutiefst dankbar für sein grosses Engagement, für seine massgebenden Arbeiten, die er zu Ehren Gotthelfs und uns zur Freude und Bereicherung geschrieben hat. Autor und Werk leben und wirken in uns weiter. Mit Dankbarkeit gedenke ich auch der ganz persönlichen Erinnerungen, beispielsweise des gemeinsamen Abendessens nach dem Lützelflüher Vortrag, meiner ersten Begegnung mit Herrn und Frau Cimaz, der Briefe, die wir einander schrieben, der paar Besuchen Paris, die mir immer ein ganz besonderes, bleibendes Erlebnis waren. Bei jeder Begegnung, bei jedem Beisammensein erlebte ich Herrn und Frau Cimaz’ berührende Herzlichkeit, Ihr nie erlahmendes Interesse an meinem Berichten, „was sich in Lützelflüh tut“. Ihre Aufmerksamkeit fürs Grosse und Kleine, fürs Weite und Nahe, ihre warmherzige, wohlwollende Zuneigung, ja Freundschaft. Zeichen lieber grosser Menschen.
Hans Messerli