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Armenien wird zu einem wichtigen Zufluchtsort für Russ:innen. Gleichzeitig ist die ehemalige Sowjetrepublik stark von den westlichen Sanktionen betroffen.
Immer mehr Russ:innen verlassen ihr Land in Richtung Armenien. Vor allem junge Männer verstecken sich in der Republik im Südkaukasus, damit sie nicht zum militärischen Einsatz in die Ukraine geschickt werden. Rund dreissig Flüge täglich landen aus verschiedenen russischen Städten in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Wer sofort fliegen will, muss etwa zehnmal mehr als vor dem Krieg für ein Ticket zahlen – bis zu 1 500 Euro.
«In Armenien herrscht keine Russophobie», sagt Jewgeni. Auch Serbien wäre für ihn eine Option gewesen. «Ich habe mich für Armenien entschieden. Hier fühle mich willkommen und hoffe, dass ich bald einen Job finde.» Der junge Mann ist Programmierer. Wegen der westlichen Sanktionen gegen Russland haben bereits einige Dutzend russische Unternehmen ihre Geschäfte nach Armenien verlagert. Sie sind vor allem in der Techbranche tätig.
Hajk Tschobanjan ist Geschäftsführer eines Verbands von Technologieunternehmen in Jerewan. Er hilft russischen sowie ukrainischen Kolleg:innen, den geschäftlichen Umzug nach Armenien zu bewerkstelligen. «Wir arbeiten derzeit daran, ein grosses Unternehmen mit 300 Beschäftigten in Armenien zu registrieren», sagt er.
Grosse Diaspora in beiden Ländern
Die ehemalige Sowjetrepublik ist stark von Russland abhängig. Armenien ist Mitglied im Militärbündnis der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKH), das von Moskau dominiert wird. Die einzige russische Garnison im Südkaukasus mit etwa 5000 Soldat:innen befindet sich in der armenischen Stadt Gjumri. Ausserdem ist Russland Schutzmacht in Bergkarabach, seine 2000 Soldaten sollen den Frieden zwischen Armenien und Aserbaidschan sichern. Als Russlands Verbündeter ist Jerewan oft gezwungen, auf internationaler Ebene die russische Position zu unterstützen.
Bis zu drei Millionen Armenier:innen leben derzeit in Russland, mehr als in der Republik selbst. Viele Russlandarmenier:innen machen sich derzeit auf den Weg zurück in ihre alte Heimat. Doch es gibt noch keine Massenrückkehr. Auch in der Ukraine gibt es eine grosse Gemeinde von rund 350 000 bis 500 000 Armenier:innen. Die armenische Regierung macht keine Angaben darüber, wie viele von ihnen bereits zurückgekommen sind. Aus der Ukraine fliehen Armenier:innen aber auch in Richtung Westen. Tausende von ihnen haben einst Armenien verlassen, um Armut und Krieg zu entkommen.
Einkommen sinken stark
Aktuell sind die Sanktionen gegen Russland in Armenien unmittelbar zu spüren, vor allem, weil der Rubel fällt. Armenien ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich von Russland abhängig. Russland ist Armeniens wichtigster Handelspartner. Sowohl beim Import als auch beim Export steht es an erster Stelle. Etwa achtzig Prozent der armenischen Energieversorgung sowie die Eisenbahn und viele Banken und Versicherungsunternehmen befinden sich in russischer Hand.
Bedeutend sind auch die Geldüberweisungen der rund 400 000 Arbeitsmigrant:innen aus Russland. Der allergrösste Teil sind Saisonarbeiter:innen. Ihre Einkünfte bilden die Hauptgrundlage für den Lebensunterhalt ihrer Familien. Durch die Abwertung des Rubels verlieren diese Familien fast die Hälfte ihres Einkommens. Armenische Fernsehsender zeigen, wie Menschen in den vergangenen Tagen vor den Schaltern der Banken und der Wechselstuben anstanden. Viele tauschten russische Scheine in armenische Dram um, allerdings nur für den täglichen Einkauf. Sie hoffen, dass der Rubel bald wieder steigt.
Jetzt im Frühling beginnt die Zeit der Saisonarbeit. Viele Familien, vor allem in den Dörfern, sind unsicher, ob sie sich auf den Weg nach Russland machen sollen. Allerdings haben viele keine Wahl, weil sie zu Hause keine Perspektive sehen. Sie packen ihre Sachen und gehen nach Russland – trotz des Krieges.