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Der deutsche Schriftsteller Eugen Ruge legt einen Roman vor über die Jahre vor dem berühmten Ausbruch des Vesuvs: «Pompeji».
Erwarten Sie keine historische Erzählung aus dem 1. nachchristlichen Jahrhundert. Der Autor hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor: Was bewegt Menschen, wenn eine unbekannte Katastrophe hereinbrechen könnte. Das mögen solche sein, die sich wirklich vor zukünftigen Gefahren fürchten, oder solche, die den Kitzel der Sensationslust suchen. Ruge zeichnet das Bild einer Gesellschaft in verschiedenen Facetten.
Schon auf den ersten Seiten, in der Vorrede, wird klar, dass in diesem Buch Witz und Ironie vorherrschen. Während der ganze Roman von der Zeit vor dem Vulkanausbruch handelt, ist dieses erste Kapitel als Rückblick geschrieben, mit den Augen, den Meinungen und der Gier der Menschen des 21. Jahrhunderts. Es gibt «Anspruchsberechtigte», es gibt einen Baustoffhandel in Neapel, wo Marmorgiebel in Einzelteilen verkauft werden, es wird geschwatzt, spekuliert – aber: «Niemand spricht es aus, das V-Wort».
Der Autor kündigt an, die Geschichte des «Vulkanvereins» zu schreiben, und die lebt mit und von seinem Gründer: Jowna, der meist Josse oder seltener Josephus genannt wird. Seiner Geschichte folgen wir. Nicht ohne Absicht heisst der Untertitel: Die fünf Reden des Jowna.
Erfindung und historische Wahrheit verknüpft
Diese Reden markieren die Stufen von Jownas Entwicklung, die ihn aus ärmlichen kargen Verhältnissen zum einflussreichsten Bürger von Pompeji werden liess. Wie fast alle Personen dieses Romans sind auch Jownas Eltern eingewandert, geflohen aus einem Grenzgebiet in Pannonien, wo Stammesfürsten sich gegenseitig bekämpften. Sie lebten am Rande des Elends, wollten ihrem Sohn aber eine gewisse Bildung ermöglichen. Jowna besuchte die Schule nur kurze Zeit, denn er hatte keine Lust zu lernen.
Lieber verbringt er seine Zeit mit Freunden, «Aussteigern», würden wir heute sagen. So beginnt sein Leben am Rande der Gesellschaft, knapp an der Verwahrlosung vorbei. Mit der Zeit entwickelt er so viel Ehrgeiz, dass er sich Griechisch, damals die Sprache der Gelehrten, beibringt, und er lernt zu reden, eine Kunst, die damals in hohem Ansehen stand. – Wenn Sie in der Schule Latein lernen mussten oder wollten, erinnern Sie sich gewiss daran. – Auch die antike Form des Bodybuildings fasziniert ihn. Zwar hängt Jowna gerne rum, aber wenn er von einer Sache überzeugt ist, dann hängt er sich rein. Auch an seinen Aussteigern, der Kommune «Fenster des Meeres», hängt er.
Fliegenpilzdrogen oder Ehrgeiz
Jownas erste Rede kann man nicht als eine solche bezeichnen. «In Wirklichkeit war es nicht mehr als ein Satz, den er damals herauspresste». Denn abgesehen davon, dass er zuerst lernen musste, wie man eine Rede formuliert, schämte er sich für seine schlechten Zähne. Zähneputzen hatte er von seiner Mutter nicht gelernt. Jownas dritte Rede, gehalten vor seinen Aussteigerfreunden, «war noch immer kein rhetorisches Glanzstück, aber ein Glanzstück der Demagogie». Während der Lektüre erkennen wir: Eugen Ruge schreibt in schillernden Farben von der Verführbarkeit der Menschen, von Verrat und Wahn.
Seine vierte Rede hält Jowna anlässlich der Gründung des – seines – Vulkanvereins. Zusammengefasst will er seine Zuhörer und Zuhörerinnen vom bekannten Ausspruch aus dem Jahr 2015 überzeugen: «Wir schaffen das.» Als Jowna seine fünfte Rede beendet, sieht er eine schwarze Wolke auf die Stadt zurasen. Diese Rede war eine Wahlveranstaltung gewesen, er hätte zum Stadtoberhaupt gewählt werden wollen.
Die Blindheit vor Katastrophen
Von jenem Tag im Jahre 79, als der Vesuv durch seinen gewaltigen Ausbruch die Städte am Fusse des Berges im Asche- und Gesteinsregen verschüttete, die Menschen unter der Lava versteinerten oder durch giftige Gase ums Leben kamen, von all dem wissen die Protagonisten dieses Buches nichts. Sie wissen auch fast nichts von der Beschaffenheit eines Vulkans. Man glaubte damals, ein Vulkan sei das Tor zur Hölle. Eventuell vermuteten einzelne, dass die giftigen Dämpfe, die aus den Phlegräischen Feldern aufstiegen, mit Vulkanismus zu tun hatten. Plinius der Ältere war der einzige Wissenschaftler, der von der anderen Seite des Golfs von Neapel den Ausbruch des Vesuvs beobachtete, er starb dabei. Wir wissen davon, denn sein Neffe, Plinius der Jüngere, berichtet es. Eugen Ruge erklärt in einer kurzen Bemerkung am Schluss, dass er sich an die Darlegungen von Plinius dem Älteren angelehnt hat, denn dessen «Naturgeschichte» geniesst heute noch historischen Wert.
Gipsabdrücke nach Ausgrabungen. Museum Pompeji / pixabay.com
Was wir heute über dieses Ereignis wissen, benutzt Eugen Ruge, um seine Auswahl in den Kontext unserer Gegenwart zu stellen – und sie in ein durchwegs satirisches Licht zu setzen. Eine äusserst spannende und kurzweilige Lektüre, die Geschichte einer verhängnisvollen Verblendung im Vorfeld einer Katastrophe.
Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa (Nordural) geboren und kam 1956 mit seinen Eltern nach Ost-Berlin. Als diplomierter Mathematiker arbeitete er von 1980 bis 1985 am Zentralinstitut für Physik der Erde an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Dann begann er zu schreiben, zunächst vorwiegend Theaterstücke und Hörspiele. Anfang 1989 floh er in die Bundesrepublik. 2011 veröffentlichte er einen Roman über seine Familie “In Zeiten des abnehmenden Lichts”, der mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Deutschen Buchpreis und dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Später erschienen “Cabo de Gata”, “Follower” und der Roman “Metropol”. Er lebt in Berlin und auf Rügen.
Titelbild: Vulkanausbruch (Symbolbild, © Bernhard Staerck / pixabay.com)