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Candomblé
Der Candomblé hat seinen Ursprung in Brasilien und resultierte aus der Verschleppung afrikanischer Sklaven zwischen dem 16. Jahrhundert und 19. Jahrhundert. Die meisten Sklaven stammen aus Westafrika und gehörten zum grössten Teil der Yoruba-, Fon- oder Bantu-Ethnie an. Durch die Diaspora-Situation der Sklaven spielte die Bewahrung der eigenen Kultur und Identität eine grosse Rolle. Somit übten sie ihre ursprüngliche Tradition in Brasilien aus. Da sie aber von der Kolonialgesellschaft zwangsintegriert wurden und die Regierungen ihre ursprüngliche Religion verfolgten, mussten sie dies im Geheimen tun. Sie übten daher ihre Tradition unter dem Deckmantel katholischer Volksfrömmigkeit aus und versteckten beispielsweise Symbole ihrer eigenen Gottheiten unter, an katholische Heilige gewidmete, Altare.
Besonders die Küstenstadt Salvador da Bahia galt als Angelpunkt der portugiesischen Kolonialherren. Dies ist auch der Gründungsort des ersten Candomblé Kulthauses, das bis in die Gegenwart betrieben wird und „Casa Branca“ (Engenho, Velho) heisst. Es wurde offiziell um 1830 von drei Frauen der Yoruba Ethnie gegründet. Die Lage ist typisch, da die Haussklaven in städtischen Gebieten eine grössere Bewegungsfreiheit genossen als jene auf den Plantagen. Sie konnten daher ihre ursprüngliche Tradition besser ausleben. Somit hat der Candomblé vorwiegend städtische Wurzeln und ist auch heute noch besonders in städtischen Gebieten zu finden.
Nach der Einführung der Republik in Brasilien im Jahr 1888, und der daraus resultierenden Abschaffung der Sklaverei, konnte sich der Candomblé durch interne Migrationsströme in Brasilien weiter ausbreiten. Auch jenseits der Grenze, in Uruguay und Argentinien, wurden Zentren gegründet. Zuletzt gelang der Sprung über den Atlantik nach Europa. So findet man unter den Candomblé-Adepten immer mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft.
Der Candomblé hat sich in Europa durch die, in den 1970er Jahren beginnende Migration von Brasilien, in Portugal und von da aus in weitere europäische Länder, darunter die Schweiz, ausgebreitet. 2006 wurde die „Terra Sagrada“ im Appenzellerland durch eine Österreicherin gegründet. Die Terra Sagrada enthält Elemente aus Candomblé, wie auch Umbanda.
Der heutige Candomblé ist kein monolithischer Block, sondern besteht aus vielen Interpretationen, die sich aus der langen Geschichte der Diaspora und Veränderungsprozessen in der Gesellschaft herleiten lassen. Er hat einen synkretistischen Charakter. Die Christianisierung durch die Kolonialherren und das Geheimhalten der eigenen Tradition, führten zu einer Inkorporierung katholischer Heiligen. Elemente verschiedener westafrikanischer Ethnien, wie die Yoruba, Fon oder Bantu, sind im Glauben der Candomblé enthalten, wobei die letzte Sklavenwelle vorwiegend aus Nigeria und somit dem Gebiet der Yoruba kam. Inhalte der Religion der Yoruba sind daher am häufigsten in der Candomblé Tradition zu finden. Heute gibt es diverse Gruppierungen innerhalb der Tradition, die sich für eine authentische Religion einsetzen, sich vom Katholizismus distanzieren und einen Entsynkretisierungsprozess einleiten wollen.
Olórun: Olórun ist der allmächtige Gott der Candomblé und hat die Welt geschaffen. Seine Macht ist jedoch so gross, dass er distanziert ist und Menschen nicht direkt mit ihm in Kontakt treten können.
Orixá: Die Orixás sind die Vermittler zwischen dem allmächtigen Gott Olórun und den Menschen. Das Pantheon der Orixás der Yoruba Tradition war riesig, hat sich aber seit der Entstehung der Candomblé enorm verringert, sodass in den meisten terreiros noch etwa zwölf Orixás verehrt werden. Da die Orixás verschiedenen Erscheinungsformen kennen (im Fall vom Orixá Oxum beispielsweise 16), vervielfacht sich diese Zahl jedoch schnell. Die zwölf wichtigsten Orixás heissen: Xangô, Ogun, Oxalá, Oxóssi, Omolu, Ossâim, Iroko, Yamnjá, Oxum, Iansã, Nanã und Oxumarê. Ob sich ein Orixá aus dem original Yoruba Pantheon behaupten konnte, hing weitgehend von ihrer Relevanz im Leben der Sklaven in Brasilien ab. Ogun, der Orixá des Eisen, Krieg und Revolution, hat beispielsweise die Eigenschaft, neue Türen zu öffnen und den Feind zu besiegen. Als Symbol der Macht und des Wiederstands fand Ogun viel Anklang unter den Sklaven. Die Orixás sind Naturgötter und werden mit den vier natürlichen Phänomenen Wasser, Luft, Wald und Erde assoziiert. Ableitend von diesen haben sie bestimmte Charaktereigenschaften.
Axé: Im Zentrum der Candomblé-Praxis steht der Versuch, axé zu akkumulieren. Axé ist eine Kraft, die in allen Dingen und Wesen steckt. Sie kann zu- und abnehmen und ist übertragbar. Je länger ein Mensch eingeweiht ist, desto mehr axé kann er besitzen. Dies gilt auch bei den Kultzentren: Je älter ein Zentrum und je mehr filhas/os-de-santo es besitzt, desto mehr axé kann es in Zirkulation bringen.
Der Candomblé kennt keine Moraltheologie und somit keine dichotomische Trennung zwischen Gut und Böse. Ihr Ziel ist nicht die Erlösung, sondern die Befreiung des Menschen im gegenwärtigen Leben.
Zur zentralen Praxis der Candomblé gehört der rituelle Tanz, in welchem der/die Eingeweihte in einen tranceähnlichen Zustand verfällt und eine Vereinigung mit seinem/ihrem persönlichen Orixá erlebt. Dies kann als Inkarnation der Gottheit im jeweiligen Menschen verstanden werden, sodass diese sich in der materiellen Welt manifestiert und mit der Umgebung interagieren kann. Der Mensch und deren terreiro werden so mit axé gefüllt. Der Tanz wird von Candomblé-Musik begleitet, welche stark von diversen afrikanischen Musikstilen beeinflusst wurde.
Die jeweiligen Candomblé-Zentren werden als „terreiros“ bezeichnet. Sie werden von einer mãe- oder pai-de-santo, auch ialorixá oder babaloriá genannt, als spirituelle Leiter geführt. Ihre wichtigste Funktion ist die Aufrechterhaltung und Pflege des axé. Andere Rollen werden meist von den filhas- und filhos-de-santo vollzogen, welche bereits eingeweiht wurden.
Der Candomblé besteht aus verschiedenen Typen, sogenannten „Nationen“, die sich durch ihre Herkunft unterscheiden. Beispiele für Typen sind Candomblé de Angola, Candomblé de Jeje oder Candomblé de Congo. Jede Nation hat ihre eigenen Gottheiten, eigene Musik, heiligen Pflanzen oder Tiere und andere Traditionen die sich ihrer Herkunft ableiten lassen.