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Theodor Fischer und die Galerie Fischer in Luzern
Theodor Fischer (1878-1957) stammt aus einer Aargauer Unternehmerfamilie. Nach einer Ausbildung zum Lehrer in Zofingen sammelte er in der Westschweiz und in Grossbritannien erste Berufserfahrungen und war ab 1902 im Betrieb des bekannten Luzerner Goldschmids und Antiquitätenhändlers Karl «Silvan» Bosshard (1846-1914) tätig. Der boomende internationale Tourismus in Luzern bot das ideale Umfeld für den jungen Kunsthändler, der sich selbständig machte, wohl im Berliner Auktionshandel weiterbildete und nach derzeitigen Erkenntnissen 1921 die erste eigene Auktion in Luzern durchführte. Er kooperierte mit erfahrenen Auktionatoren wie Heinrich Messikommer (1864-1924) und vor allem Hugo Helbing (1863-1938) und baute ein internationales Netzwerk von Kollegen und Kunden auf. Zur Blüte führte er das Unternehmen in den 1920- und 30er Jahren, als seine Auktionen Sammler aus aller Welt nach Luzern lockten.
Während der NS-Herrschaft in Deutschland (1933–1945) und speziell in den Kriegsjahren spielten die Schweiz, der Schweizer Kunstmarkt und Theodor Fischer als Kunsthändler und Auktionator äusserst komplexe Rollen, die kritisch beleuchtet und kontextualisiert werden müssen. Im Handel und bei Tauschgeschäften mit Raubkunst kooperierte Fischer mit Kunsthändlern, die tief in Geschäfte mit den Nationalsozialisten verstrickt waren, wie zum Beispiel mit Walter Andres Hofer (1893-wohl 1971), dem Leiter der Kunstsammlung von Reichsmarschall Hermann Göring (1893–1946), Hans Wendland, Bernhard A. Böhmer oder Karl Haberstock. Zwischen 1941 und 1944 vermittelte Fischer über verschiedene Akteure auch zahlreiche Objekte für das geplante «Führermuseum Linz». Jüdische Kunsthändler wie insbesondere Dr. Fritz Nathan (1895-1972) zählte er ebenso zu seinen Kunden wie jüdische Sammler. In deren Auftrag verkaufte er Objekte, die dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen und in die Schweiz verbracht worden waren, beispielsweise die Sammlung der Familie des Unternehmers Julius Freund. Dem Industriellen, Waffenfabrikanten und Kunstsammler Emil Georg Bührle (1890-1956), dessen kontrovers diskutierte Sammlung heute im Kunsthaus Zürich zu sehen ist, verkaufte Fischer mehrere Bilder, die in Frankreich jüdischen Eigentümern gestohlen worden waren. Einem breiten, auch internationalen Publikum bekannt wurde die Galerie Fischer vor allem auch durch die am 30. Juni 1939 in Luzern ausgerichtete Versteigerung von 125 Gemälden und Plastiken, die das Deutsche Reich als «entartete» Kunst in deutschen Museen hatte beschlagnahmen lassen («Gemälde und Plastiken moderner Meister aus deutschen Museen»). Theodor Fischer führte diese Auktion im Auftrag und für Rechnung des NS-Propagandaministeriums in Berlin durch. Fischer hatte sich nach dem Krieg in mehreren Raubkunstprozessen vor dem Bundesgericht zu verantworten.
Nach dem Tod von Theodor Fischer im Jahr 1957 wurde die Galerie Fischer von seinen Söhnen Arthur und Dr. Paul Fischer (1911-1976), später von Trude Fischer (geb. 1942), der Witwe Paul Fischers erfolgreich weitergeführt. Schliesslich übernahm der Enkel Dr. Kuno Fischer (geb. 1973) die Geschäftsführung der heutigen Galerie Fischer Auktionen AG. Er stellte 2016 die Auktionstätigkeit ein und richtete die Galerie neu aus, mit Schwertpunkt auf den privaten Kunsthandel, die Kunstberatung, die Schätzung bzw. Inventarisierung von Sammlungen und die Erhaltung des umfassenden Archivs.
Das im Frühjahrssemester 2023 begonnene Dissertationsprojekt «Der Auktionator Theodor Fischer (1878–1957) und die Galerie Fischer in Luzern: Entstehung, Wirkung und Bedeutung. Ein Beitrag zur Erforschung des Schweizer Kunsthandels im 20. Jahrhundert» (Erstbetreuende: Prof. Dr. Bärbel Küster, Kunsthistorisches Seminar der Universität Zürich, Zweitbetreuende: Prof. Dr. Meike Hopp, TU Berlin) strebt eine umfassende Aufarbeitung an.