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Annette Hug flüchtet vor Kompetenzen
Verständigung kann furchtbar sein. Im Januar 2012 sprach der Präsident der University of the Philippines, Alfredo Pascual, in Manila über die Zukunft seiner Institution. Ich meinte, jedes Wort zu kennen, obwohl ich achtzehn Jahre lang nicht mehr auf den Philippinen gewesen war. Die «republic of scholars» müsse durch «corporate governance» abgelöst werden, sagte er. Der erste Begriff, die «Gelehrtenrepublik», kam mir erfrischend altmodisch vor, die andern Wörter hätte jeder Rektor in der Schweiz genau so wie Pascual verwenden können: «Exzellenz», «Synergien», «operative Kosten».
Gern hätte ich besser verstanden, über welche Wege, Organisationen und Tagungen diese Art, über Bildung zu reden, um die Welt gegangen war. Aber ich sah nur den Effekt: Nach der Rede Pascuals regte sich kein Fünkchen Diskussionsfreude. Der Auftrag, endlich zielgenau zu lehren, schien die anwesenden ProfessorInnen zu erschlagen.
Kürzlich sass ich wieder in einem Saal, wo über Bildung gesprochen wurde, diesmal in Bern. Kosten waren für einmal kein Thema, das nötige Geld war vorhanden, und doch war der Sound derselbe wie 2012 in Manila. Selbst auf Französisch blockierten die Begriffe nach einigen Stunden alle Gedanken, «Kompetenzen» dröhnten dann so laut und schmerzhaft im Kopf, dass am Abend nur ein Weg offenstand: in die Lieblingsbar. Schon nach zwei Bier verstand ich nicht mehr, was zusammenhing oder nicht. Antwortete das blinkende Halsband am Hündchen der Wirtin auf die farbige Lichterkette über dem Tresen? Funkte da auch Musik hinein? Gerührt entdeckte ich unter den blinkenden Birnen meine Ansichtskarte aus Qingdao. Sie war also angekommen und hatte die Wirtin sogar gefreut.
In Qingdao war ich im Herbst durch eine trostlose Gegend gegangen, weg von den deutschen Kolonialbauten am Meer, hinein in ein Plattenquartier, aus dem die Türme einer Fabrik ragten. Nachdem sich die Deutschen 1898 die Konzession für diesen Fleck Land von China erpresst hatten, bauten sie 1903 die Germania-Bierbrauerei. 1914 eroberte Japan die Stadt, die Anlagen produzierten dann Asahi.
Im heutigen Museum der Brauerei werden Maschinen aus allen Perioden stolz vorgeführt, jede Episode scheint auf die erfolgreiche Gegenwart hinzutreiben – nach Jahrzehnten als volkseigener Betrieb ist «Tsingtao» heute wieder privat, gibt aber weiterhin bekannt, den Zielen der Regierung und der kommunistischen Partei verpflichtet zu sein. Für Werbezwecke heisst das: mit gutem Bier das Volk glücklich machen.
Der deutsche Kolonialismus war nur eine kurze Etappe, eigentlich kommt das Bier aus Asien, wie auf einer Tafel im Museum steht. Alles begann 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung in Babylon. Priesterinnen verarbeiteten Gerste und eingelegtes Brot zu Bier. Jahrtausendelang sei das Brauen Frauensache gewesen. Erst im Mittelalter hätten Männer das Handwerk übernommen, europäische Mönche hätten Kapital investiert und die Methoden verfeinert.
In meiner Lieblingsbar spielt ausnahmsweise eine irische Band, die Wirtin zapft, eine Nachbarin tunkt ihren Schleckstängel in trübes Bier, jemand spricht vom Tod. Das passt alles nicht zusammen, aber ich möchte gern glauben, dass die Priesterinnen aus Babylon auch hier noch irgendwie hineinspielen.
Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Ihre Lieblingsbar ist das «Meyer’s» beim Lochergut. Da wird allerdings kein Tsingtao ausgeschenkt.