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Das Gehirn steht heute im Mittelpunkt der Forschung. Milliarden werden etwa in das Human Brain Project investiert mit dem Ziel, das menschliche Gehirn nachzubauen. Ob dieses Ziel jedoch überhaupt erreicht werden kann, ist umstritten. Das zeigt das Buch «Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist» von Matthias Eckoldt.
Für die Griechen und die Römer war das Gehirn nicht sehr wichtig. «Der Kopf ist ein Apparat für die Sinne, der mehr oder weniger gut aussieht. Das ist alles. Ansonsten fällt er nur dadurch auf, dass er hin und wieder Schmerzen verursacht», stellt Eckoldt lapidar fest. Der Sitz der Seele war für Aristoteles & Co. das Herz.
Es dauerte bis ins 16. Jahrhundert, bis die Gehirnforschung in Fahrt kam. Der Philosoph René Descartes (1569 – 1650) wies dem Geist seinen Platz im Gehirn zu, und zwar in der Zirbeldrüse. Dort siedelte er den «spiritus animalis» an. Er fliesst durch ein Rohrsystem durch den Körper und steuert ihn so.
Dieser Geist wird rund hundert Jahre später durch die Elektrizität ersetzt. Luigi Galvani (1737 – 1798), Anatomieprofessor in Bologna, führt ausgedehnte Experimente mit Froschschenkeln durch, die zusammenzucken, wenn sie mit elektrischem Strom in Berührung geraten.
Die französische Revolution wird ihm bald grausligere Testobjekte zur Verfügung stellen. «Unter Frankreichs blutrünstigen Revolutionären läuft die Guillotine im Dauerbetrieb und liefert der Galvanischen Societät in Paris Untersuchungsgegenstände nach Belieben», schreibt Eckoldt. Die Versuche sind grässlich, aber wissenschaftlich unergiebig.
Im Zeitalter der Aufklärung kommt es zu einem Richtungsstreit. Die Idealisten – Immanuel Kant und Friedrich Hegel beispielsweise – halten den Versuch, den Geist im Gehirn zu lokalisieren, für sinnlos. Die Materialisten hingegen – etwa Ludwig Feuerbach oder Karl Marx – begrüssen den Vormarsch der Naturwissenschaften. Die Materialisten setzen sich durch. «Die Hirnforschung kommt im erdenschweren Materialismus an, die Philosophie hat in den Laboratorien nichts mehr zu suchen und muss der Empirie weichen», so Eckoldt.
Der bedeutendste Gehirnforscher des 19. Jahrhunderts heisst Emil du Bois-Reymond (1818-1896). Ihm gelingt es zweifelsfrei nachzuweisen, dass in den Nerven Strom fliesst. «Damit hat der spiritus animalis endgültig ausgedient», schreibt Eckoldt. «Das bewegende Prinzip von Gehirn und Nerven heisst seit den Arbeiten von du Bois-Reymond Elektrizität und die von ihm begründete Fachrichtung Elektrophysiologie.»
Dank du Bois-Reymond hat sich das Gehirn endgültig als Kommandozentrale des menschlichen Körpers etabliert. Doch die ewige Frage vom Verhältnis zwischen Gehirn und Geist kann auch er nicht lösen. Gegen Ende seines Lebens kommt er zum ernüchternden Schluss, diese Frage sei ignoramus et ignorabimus, will heissen: Wir wissen es nicht, und werden es nie wissen.
Im 20. Jahrhundert setzen die Gehirnforscher alles daran, Du Bois-Reymond eines Besseren zu belehren. Dabei kommt ihnen zu Hilfe, dass man immer mehr über das Funktionieren der Zellen weiss. Allmählich erkennt man so nicht nur, dass Strom durch den Körper fliesst, sondern auch wie. «Dass Gehirn, so bis heute wirkmächtige Vorstellung, funktioniert nach der Art und Weise eines Chemiebaukastens, und die Hirnchemie scheint der neue Schlüssel zum Verständnis des Organs», so Eckoldt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Kybernetik in der Gehirnforschung immer wichtiger. Sie verändert «die Perspektive des Forschers auf sein Objekt radikal, (...). Der Kybernetiker geht davon aus, dass sich in Rechenmaschinen und Neuronen dieselben Prozesse abspielen, da beides informationsverarbeitende Systeme sind», schreibt Eckoldt.
Logisch zu Ende gedacht bedeutet dies: Das Gehirn funktioniert nicht nur wie ein Computer, es ist ein Computer.
Gegen diese heute gängige Vorstellung führt der Mathematiker Kurt Gödel (1906 – 1978) ein gewichtiges Gegenargument ins Feld. Er hat erkannt, dass in jedem formalen System mathematische Sätze vorkommen, die innerhalb dieses Systems nicht beweisbar sind. Eckoldt fasst diese Erkenntnis im Bezug auf die Analogie von Computer und Gehirn wie folgt zusammen:
Dank Magnetresonanztomographie (MRT) weiss man heute zwar sehr genau, welche Funktionen wo im Gehirn angesiedelt sind. Die ewige Fragen nach dem Verhältnis von Gehirn und Geist ist jedoch nach wie vor ungelöst. Einen interessanten Ansatz, dieses Rätsel zu lösen, liefert der Australier John Eccles. Er hat gleichzeitig Medizin und Philosophie studiert.
Eccles war mit dem Wiener Philosophen Karl Popper gut befreundet. Mit ihm hat er immer wieder das Leib-Seele-Problem diskutiert. Um dieses Problem zu lösen, greift Eccles auf die Erkenntnisse der Quantenphysik zurück. Anstelle der Kausalität tritt in der Quantenwelt die Wahrscheinlichkeit.
«Ausserdem kennt die Quantentheorie den merkwürdigen Umstand, dass Wirkungen auch ohne physikalische Masse erzielt werden können», ergänzt Eckoldt. «All diese Aspekte machen die Quantenphysik für die Erklärung des unerklärbaren Verhältnisses von Geist und Gehirn äusserst attraktiv.»
John Eccles ist nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch ein gläubiger Katholik. Er wendet sich gegen den starren Materialismus der Gehirnforschung des 19. Und 20. Jahrhunderts und hält selbst eine unsterbliche Seele für möglich. Auch diese These ist jedoch Spekulation.
Die Materialisten indes gehen nach wie vor davon aus, dass die Funktionsweise des Gehirns dank MRT und immer potenter werdenden Computern dereinst entschlüsselt werden kann. Die bisherigen Erfolge sind jedoch überschaubar. «Nach einem Vierteljahrhundert Forschung mit den neuen Verfahren hat es sich als ein gewaltiger Trugschluss herausgestellt, dass man mit modernster Bildgebung dem Gehirn bei der Arbeit zusehen kann und dadurch verstehen lernt, wie es funktioniert», so Eckoldt.
Der deutsche Hirnforscher Frank Rösler stellt deshalb resigniert fest: «Wir haben in der haben Hirnforschung bisher keinen Einstein. Wir haben noch nicht einmal einen Newton.» Immer noch gilt somit die resignierte Feststellung von Emil du Bois-Reymond: Ignoramus et ignorabimus,