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Herkunft
Johann Michael wird am 20. Mai 1696 in Au im Bregenzerwald geboren. Seine Eltern sind Franz Beer I und Maria Stülz. Er ist erstgeborener Sohn. Sein Vater ist bekannter Baumeister, der zu dieser Zeit für Neubauten der Klöster Gengenbach, Wald und Holzen verantwortlich ist. Verwechslungen des Vaters mit dem gleichnamigen, aber berühmteren Baumeister aus Au sind heute die Regel. Auch deren Söhne Johann Michael werden vielfach verwechselt, obwohl nun der Sohn des anderen Franz Beer in Konstanz als Johann Michael Beer von Bleichten aufwächst.
Ausbildung
Johann Michael Beer aus Au tritt 1714 relativ spät in eine Lehre als Maurer- und Steinhauer ein, zeitgleich mit dem vier Jahre jüngeren Sohn des zweiten Franz Beer von Bleichten. Es ist anzunehmen, dass er bei seinem Vater in die Lehre geht.[1] Im Verding über den Bau des Fruchtkastens der Abtei Ochsenhausen ist er 1715 erwähnt. 1717 wird er lediggesprochen. Seine Wanderjahre sind nicht bekannt. Als 1719 der Klosterneubau in Wörishofen beginnt, ist Johann Michael jedenfalls wieder im väterlichen Betrieb und führt diesen Bau 1722, nach dem Tod des Vaters, allein zu Ende.[2]
Familie
1723 heiratet er in Bildstein die einheimische Christina Natter.[3] Ihr Vater ist Adlerwirt und Ammann in Bildstein. Beer zieht jetzt nach Bildstein, übernimmt und betreibt den Gasthof und ist bis zu seinem Tod in Bildstein wohnhaft. Er wird jetzt, vielleicht zu Unterscheidung von seinem geadelten Namensvetter, Berr von Bildstein genannt. Über Nachkommen ist mit Ausnahme einer 1726 geborenen Tochter nichts bekannt.
Erste eigene Werke
Nach 1722, den letzten Erwähnungen in Wörishofen, scheint Johann Michael Beer nicht mehr als Baumeister zu arbeiten. Offensichtlich arbeitet er jetzt als Palier im Trupp seines Cousins Franz Anton Beer in Bregenz.[4] Dieser erhält 1739 den Auftrag für den Umbau der romanischen Klosterkirche von Mehrerau. Er entwirft eine kaum mehr zeitgemässe, unbeholfene und nüchterne Wandpfeiler-Emporenkirche. Die Ausführung übernimmt, noch immer als Palier, Johann Michael Beer. Allerdings plant er die Kirche grundsätzlich neu und erstellt 1740–1743 einen der besten spätbarocken Sakralbauten im Bodenseeraum. Mit diesem Paukenschlag kann der inzwischen 47-jährige Vorarlberger bei geistlichen Bauherren Aufmerksamkeit erregen. Zu ihnen zählt auch Fürstabt Coelestin II. von St. Gallen, der 1748 dem nun selbstständigen Baumeister den Neubau der Pfarr- und Wallfahrtskirche in Kirchberg überträgt. Als Palier setzt Beer seinen soeben lediggesprochenen Neffen Johann Ferdinand ein. Auch der Abt von Rheinau zieht ihn zum Bau der Schlosskapelle Mammern am Untersee bei. Der kreuzförmige Sakralraum ist das älteste noch erhaltene Bauwerk nach eigenen Entwürfen Beers und zeigt hohe architektonische Qualitäten.
St. Gallen
1749 wird Johann Michael Beer von Bildstein, aber auch sein Namensvetter Johann Michael Beer von Bleichten für Gutachten zum Stiftskirchenneubau in St. Gallen beigezogen. Während sich Beer von Bleichten zurückzieht, liefert Beer von Bildstein auch Entwurfsplanungen. Gleichzeitig erarbeitet auch der Deutschordensbaumeister Johann Caspar Bagnato zusammen mit Joseph Anton Feuchtmayer Projekte. Basierend auf einem älteren Entwurf des Beer von Bleichten ist diese Parallelplanung Bagnato / Feuchtmayer den Projekten von Johann Michael Beer von Bildstein weit überlegen. Die Ausführung von Peter Thumb ab 1755 hält sich im Wesentlichen an die Vorarbeiten Bagnatos. An den Neubau der Otmarskirche und der Rotunde von St. Gallen kann deshalb Johann Michael Beer von Bildstein nichts beitragen. Erst als Peter Thumb 1760 altershalber den Chorneubau nicht mehr ausführen kann, kommt Johann Michael Beer von Bildstein zum seinem bisher grössten Ausführungsauftrag. Er baut den Chor nach den Plänen von Peter Thumb. Seine Leistung als Architekt ist die endgültige Gestaltung der monumentalen Doppelturmfassade. 1768 ist das Werk vollendet. Auch hier setzt Beer seinen Neffen Johann Ferdinand als Palier ein, der längst ebenso gesuchter Baumeister geworden ist.
Fischingen
1750 stirbt der für den Klosterneubau in Fischingen vorgesehene Baumeister Johannes Rüeff. Für die Planungen und auch für die Ausführung ab 1753 wird jetzt Johann Michael Beer von Bildstein berufen. Sein Bautrupp baut bis 1761 den Ost- und Südflügel und auch den Ostchor der Stiftskirche. Die Bauausführung leidet unter der ständigen Abwesenheit des Baumeisters. Der Westflügel kann wegen Überschuldung des Klosters nicht mehr erstellt werden. 1765 wird Beer, dem die Übersicht offenbar entglitten ist, entlassen.
Lebensende
Nach dem Abschluss der Arbeiten in St. Gallen und seiner Entlassung in Fischingen hören wir nichts mehr von Johann Michael Beer. Er stirbt am 3. Juli 1780 in Bildstein.
Würdigung
Johann Michael Beer von Bildstein ist, ähnlich wie die vorangehende Vorarlberger Baumeistergeneration und hier vor allem sein Vater, in erster Linie Bauunternehmer mit einem guten architekturtheoretischen Hintergrund. Mit den gleichzeitig tätigen grossen süddeutschen Baumeistern darf er nicht gemessen werden. Seine Fähigkeit, aus deren Bauwerken zu lernen, ist aber gross und zeigt sich bei der Stiftskirche Mehrerau, bei den Sakralbauten in Rheinau, in Mammern, bei der Planung der Kirche Tiengen und beim Fischinger Klosterprojekt.
Pius Bieri 2014
Literatur:
Knoepfli, Albert: St. Gallen und Johann Michael Beer von Bildstein, in: ZAK 14, Heft 3-4. Zürich 1953.
Lieb, Norbert und Dieth, Franz: Die Vorarlberger Barockbaumeister. München-Zürich 1966.
Gubler, Hans Martin: Johann Michael Beer und die Planung der Stadtpfarrkirche Tiengen, in: ZAK 27, Heft 4. Zürich 1970.
Gubler, Hans Martin: Der Vorarlberger Barockbaumeister Peter Thumb. Sigmaringen 1972.
Oechslin, Werner (Hrsg.): Die Vorarlberger Barockbaumeister. Ausstellungskatalog, Einsiedeln 1973.
Zur Baumeisterfrage in Siessen und Wörishofen:
Binder, Elisabeth: Kloster- und Pfarrkirche St. Markus Siessen. Kunstführer. Regensburg 2008.
Anmerkungen:
[1] Nach Knoepfli ist er Lehrling bei Franz Beer II, was allerdings angesichts der guten theoretischen Ausbildung der Lehrlinge bei Franz Beer I in Au nicht plausibel klingt und mit den Nennungen in Ochsenhausen auch widerlegt ist.
[2] Noch 1998 erlaubt sich der bayrische Kunsthistoriker Georg Paula, diesen in Wörishofen erwähnten Sohn des Franz Beer als Johann Michael Beer II (von Bleichten) zu bezeichnen. Johann Michael Beer von Bleichten ist aber um diese Zeit Palier am Klosterneubau in Oberschönenfeld.
[3] Geboren 1699.
[4] Franz Anton Beer (1688–1749) ist Sohn des Jodok Beer (1650–1688). Jodok Beer und sein jüngerer Bruder Franz Beer I arbeiten anfänglich in Arbeitsgemeinschaft. Erst nach dem frühen Tod des Bruders führt Franz Beer die Bauten selbstständig weiter.
|Jahr||Arbeitsort und Werk||Bemerkungen||Quelle|
|1719–

1722
|Wörishofen. Neubau des Dominikanerinnenklosters.||Anfänglich als Palier im Trupp seines Vaters, nach dessen Tod als Baumeister.||Binder|
|1740–

1743
|Mehrerau bei Bregenz. Benediktinerabtei. Neubau der Abteikirche.||Ausführung als Palier seines Cousins Franz Anton Beer, aber nach eigener Planung. Die Kirche wird 1808 von der bayrischen Besatzung abgebrochen.||Knoepfli|
|1748-

1749
|Kirchberg. Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul.

Neubau.
|Bauherr ist die Abtei St. Gallen. Palier ist Johann Ferdinand Beer. Die Kirche brennt 1784 ab und wird von Johann Ferdinand Beer neu gebaut.||Knoepfli|
|1749||St. Gallen. Benediktiner-Fürstabtei. Gutachten über die Stiftskirche.||27. Februar. Beer von Bildstein ist mit Bagnato und Thumb in St. Gallen. (Beer von Bleichten erst am 13. September).||Knoepfli|
|1749–

1750
|Schloss Mammern TG, Schlosskapelle der Siftsstatthalterei Rheinau.||Auftraggeber ist die Abtei Rheinau. Freskant ist Franz Ludwig Hermann. Einzige der Kapellen Beers mit originalem barocken Innenraum.||KDM TG VI|
|1750||Ermatingen am Untersee. Barockisierung der Kirche St. Albin.||Beer ist hier nicht schöpferisch tätig.||Knoepfli|
|1750

(um)
|St. Gallen. Benediktinerabtei St. Gallen. Konkurrenzentwürfe zum Neubau der Stiftskirche.||Die Planungen stehen in Konkurrenz zu den Entwürfen Bagnato / Feuchtmayer und zu Thumb / Loser. Beer belässt den gotischen Chor und kann keinen schöpferischen Beitrag leisten.||Knoepfli|
|1751–

1765
|Fischingen. Benediktinerabtei. Neubau des Klosters. Neubau des Oberen Chors der Klosterkirche.||Erste Planungen nach 1750. Baubeginn 1753. Süd- und Ostflügel bis 1761. Oberer Chor ab 1757. Westflügel nicht ausgeführt.||Knoepfli|
|1751||Tiengen. Projekt für den Kirchenneubau.||Ausführung erst 1753 auf Grund eines eigenen Projektes durch Peter Thumb.||Gubler|
|1752–

1753
|Rheinau. Benediktinerabtei.

Kirche St. Felix und Regula im westlichen Klosterhof.
|Freskant ist Franz Ludwig Hermann. Das Rokokobauwerk wird kurz nach der Enteignung der Abtei 1864 durch den Kanton Zürich zerstört.||KDM ZH I|
|1753–

1754
|Überlingen. Klosterkirche der Franziskaner. Barockisierung.||Umgestaltung des basilikalen Innenraums.||Dieth / Lieb|
|1754–

1755
|Grub SG. Pfarrkirche St. Joseph. Neubau.||Bauherr: Fürstabtei St. Gallen. Bau als Ersatz der Kirche im appenzellischen Grub.||Jenny|
|1757||Bregenz. Nepomukkapelle. Neubau.||Zentralbau auf ursprünglich freiem Platz beim Hafen. Zuschreibung.||Dieth / Lieb|
|1760–

1768
|St. Gallen. Benediktinerabtei St. Gallen. Neubau Chor und Doppelturmfront.||Im wesentlichen Ausführung nach der Planung Bagnato-Feuchtmayer-Thumb-Loser. Weiterentwicklung der Turmfront durch Beer. Palier ist Johann Ferdinand Beer.||Knoepfli.|
|1761–

1762
|Niederbüren. Pfarrkirche St. Michael. Neubau.||Bauherr ist die Fürstabtei St. Gallen.||Dieth / Lieb|
|Johann Michael Beer I von Bildstein (1696–1780)|
|Biografische Daten|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land|
|20. Mai 1696||Au im Bregenzerwald||Vorarlberg A|
|Land 18.Jh.||Bistum 18.Jh.|
|Vorderösterreich||Konstanz|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land|
|3. Juli 1780||Bildstein||Vorarlberg A|
|Land 18. Jh.||Bistum 18. Jh.|
|Vorderösterreich||Konstanz|
|Kurzbiografie|
|Johann Michael Beer von Bildstein ist Sohn des Baumeisters Franz Beer I. Die Bezeichnung von Bildstein ist kein Adelsprädikat, sondern verweist auf seinen Wohnsitz. Als selbstständig entwerfender Baumeister ist er erstmals 1739 mit dem Neubau der Stiftskirche Mehrerau bei Bregenz fassbar. Hier zeigt der nun schon 43-jährige Vorarlberger, dass er auch in der Planung zu guten Leistungen fähig ist. Sein wichtigstes Werk ist die Vollendung der St. Galler Stiftskirche mit der monumentalen Doppelturmfront. Er übernimmt hier zwar Planungsvorgaben von Johann Caspar Bagnato, Peter Thumb und Br. Gabriel Loser, ist aber fähig, diese aufs Gelungenste zu redigieren und dem bewegten Spätbarock den letzten Schliff zu geben.|