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Margarete Steiff
Eine willensstarke Frau.
Ihr Weg vom Elefäntle zum Weltkonzern.
Margarete Steiff (1847 bis 1909), die als kleines Mädchen an Kinderlähmung erkrankte und zeitlebens schwer behindert blieb, erkämpfte sich gegen viele Widerstände ihren Platz im Leben. Als sie 1880 in ihrem Filzkonfektionsgeschäft die ersten weich gestopften, selbst genähten Spieltiere, z.B. das Elefäntle, anbot, legte sie gleichzeitig den Grundstein für einen Weltkonzern, dessen Erfolg bis heute andauert.
Als man das Jahr 1847 schreibt, bestimmen zahlreiche Probleme das Leben der Menschen in der ehemaligen Reichsstadt Giengen an der Brenz. In diese Zeit hinein wird am 24. Juli 1847 Appolonia Margarete Steiff als dritte Tochter des Bauwerksmeisters Friedrich Steiff und seiner Frau Maria Margarete geboren. 18 Monate verläuft das Leben der kleinen Margarete unauffällig; sie ist ein fröhliches, gesundes Kind. Kurz nach der Geburt ihres Bruders Fritz jedoch – Ende 1849 – bekommt sie hohes Fieber. Sie erholt sich nur langsam und behält zum Entsetzen der Familie bleibende Schäden: Ihre Beine kann sie praktisch gar nicht mehr, ihren rechten Arm kaum mehr bewegen. Weder Therapien noch Kuren oder gar Operationen helfen; die Lähmungen bleiben. Die Diagnose lautet: Kinderlähmung, eine damals praktisch unerforschte Erkrankung, für die es keine Behandlungsmöglichkeiten gibt.
Selbstmitleid liegt der kleinen Margarete fern, vielmehr hebt sie in ihren Erinnerungen später stets hervor, von den üblichen Kinderkrankheiten weitgehend verschont geblieben zu sein. Früh schon beginnt sie mit dem Schulbesuch. Sie fehlt nie und bringt überdurchschnittliche Leistungen. Und: Sie versteht es, die Leute um sich zu scharen, um nicht allein zu sein. Weitere Heilungsversuche im Verlaufe ihrer Kindheit bleiben erfolglos. Mit ihrer Familie kommt Margarete nur schwer zurecht. Als sie die Nähschule besuchen möchte, ist ihre Familie zunächst dagegen: Der Vater befürchtet Misserfolg, die älteren Schwestern Peinlichkeiten und Mühe. Doch die Jüngere setzt sich durch; mit viel Ehrgeiz und der Unterstützung ihrer Schwestern wird sie im Laufe der Jahre eine perfekte Schneiderin. Auch das Zitherspielen erlernt sie, und zwar so gut, dass sie gar in der Lage ist, selbst Unterricht zu erteilen.
Gemeinsam kaufen die Schwestern Steiff eine Nähmaschine – die erste in Giengen – und eröffnen eine Damenschneiderei. Das Nähen von Damen- und Kinderkleidern obliegt vor allem der Jüngsten, Margarete. Obschon sie Schwierigkeiten hat, mit ihrem rechten Arm die Nähmaschine anzutreiben, gibt sie nicht auf. Inzwischen 17 Jahre alt, hat sie sich mit ihrer Krankheit abgefunden. Mit moralischer und finanzieller Unterstützung eines ihr bekannten Filzfabrikanten wird aus der Schneiderei 1877 ein Filzkonfektionsgeschäft. Das Geschäft läuft gut. Margarete Steiff kann mehrere Personen beschäftigen und weiter investieren, und bald entsteht eine kleine Manufaktur. Das Mädchen mit der scheinbar hoffnungslosen Zukunft ist zur erfolgreichen Geschäftsfrau avanciert.
Ende 1879 entdeckt Margarete Steiff im Journal Modenwelt einen kleinen Stoffelefanten, von dem sie zu Weihnachten aus Filz und Wolle fünf Stück als Nadelkissen fertigt. Die Begeisterung – vor allem bei Kindern – ist riesig; sie möchten die weichen Tiere am liebsten nicht mehr loslassen. Nahezu alle Spielzeuge sind aus harten Materialien wie Holz und Porzellan, deshalb kann man damit nicht kuscheln. Kurz nach Weihnachten verkauft sie sieben Stück davon und beginnt, die Tiere auf Vorrat herzustellen. 1883, vier Jahre später, steht auf der Rückseite ihrer Preisliste ein Eintrag, der auf eine neue Entwicklung des Unternehmens hinweist: Kinderspielwaren aus Filz, unverwüstlich und ungefährlich. Elefanten mit bunten Sätteln.
In diesen Jahren ist Margaretes Bruder Fritz, Bauwerksmeister in Giengen, der Motor vieler positiver Entwicklungen und laufend steigender Produktionszahlen. 1889 bewegt Fritz die inzwischen über 40-jährige Margarete auch, aus dem elterlichen Haus auszuziehen.
Er baut ihr ein erstes Firmengebäude: Unten enthält es einen Laden, oben eine behindertengerechte Wohnung. Im selben Jahr noch lernt Margarete Johanna Röck kennen. Die beiden Frauen werden enge Freundinnen; Johanna zieht zu Margarete und steht ihr fast 20 Jahr lang – bis zu Margaretes Tod – zur Seite.
Auch die Firma entwickelt sich positiv. Bald beginnt Margarete, mit Fritz’ Unterstützung, mit der Herstellung von Reit- und Fahrtieren. Darüber hinaus nimmt sie Affen, Esel, Pferde, Kamele, Schweine, Mäuse, Hunde, Katzen, Hasen und Giraffen ins Programm auf. Um das florierende Versandgeschäft zu unterstützen, werden alsdann die ersten, zum Teil illustrierten Versandkataloge gedruckt. Die Firma wird immer bekannter. 1894 beträgt der Jahresumsatz 90 000 Mark und 1897 ist man erstmals mit einem Stand an der Leipziger Messe vertreten. Seit 1897/1898 wird der Elefant als Schutzmarke verwendet, da die Konkurrenz immer wieder versucht, ihre Produkte nachzuahmen. Ab 1904 folgt als Fabrikmarke der weltberühmte Knopf im Ohr.
Mit dem Eintritt von Richard Steiff, dem zweitältesten Sohn von Fritz, beginnt die Spielwarenfabrik, ein Familienunternehmen zu werden. Schon in jungen Jahren stehen Margarete, die selbst gerne Kinder gehabt hätte, die sechs Söhne und drei Töchter ihres Bruders sehr nahe. Feingefühl und Humor bestimmen den Umgang mit ihnen. Alle sechs Söhne treten nach und nach ins Unternehmen ein. Die engen familiären Bindungen geben Margarete in den Folgejahren Kraft. Margarete lässt stets eine warmherzige Atmosphäre walten; sie ist ihren Angestellten Chefin und Freundin zugleich. Vorbildlich sind für damalige Zeiten auch ihre Sozialleistungen: Mitarbeiter erhalten Essensgutscheine für die umliegenden Gaststätten.
1902 muss bereits wieder an einen Neubau gedacht werden. Richard Steiff, dem Neffen von Margarete Steiff, schwebt ein eigenwilliger Bau vor. Eine kostengünstige Konstruktion aus Eisen und Glas. Im Frühjahr 1903 entsteht das erste Glashaus. Im Volksmund wird es bald das Jungfrauenaquarium genannt. Damit sind die vorwiegend ledigen, jungen Frauen gemeint, die in diesem lichtdurchfluteten Gebäude arbeiten. Das Fabrikgebäude ist bereits behindertengerecht gebaut und verfügt über eine Auffahrtsrampe für den Rollstuhl der Firmenchefin. In einigen Jahren folgt ein zweites Glasgebäude. Diese beiden Glasbauten sind ihrer Zeit weit voraus. Sie werden heute noch von der Firma Steiff genutzt und stehen unter Denkmalschutz.
Nicht nur das Jungfrauenaquarium erregt Aufsehen, sondern auch die Spritztouren von Margarete Steiff mit ihren Neffen Otto und Paul Steiff auf dem Motorrad. Margarete Steiff liebte immer schon die Geschwindigkeit und jetzt mit 56 Jahren geniesst sie den Fahrtwind erst recht.
1903 präsentiert Richard Steiff den von ihm entwickelten Bären an der Leipziger Messe. Von diesem ersten Bären mit drehbarem Kopf und beweglichen Gliedern, einem Fell aus Mohairplüsch und Schuhknopfaugen sind die Einkäufer nicht recht überzeugt, ausserdem ist er ihnen zu teuer. Auch Margarete Steiff ist diesem neuen Bären gegenüber sehr skeptisch, doch Richard Steiff kann sie dazu überreden, einen Versuch mit diesem seltsamen Meister Petz zu starten. Es wird berichtet, dass dann in letzter Minute ein Amerikaner am Messestand aufgetaucht ist und die gesamte Bärenkollektion gekauft hat. Diese 3000 Stück gelten bis heute als verschollen. Das Folgemodell, der schlankere Bär 35 PB wird zum Verkaufsschlager. Margarete und Richard erhalten an der Weltausstellung in St. Louis Goldmedaillen und die Firma gewinnt den Grand Prix. In Amerika tritt der Teddybär seinen Siegeszug an. Im Bärenjahr 1907 stellen 400 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen mit 1800 Heimarbeiterinnen 974 000 Bären her.
Dabei achtet Margarete Steiff stets streng auf einwandfreie Qualität; neue Muster näht sie oft selbst. Doch sie wird zusehends müder. Oft sitzt sie nur noch am Fenster ihrer Wohnung und beobachtet das Treiben in der Firma. Am 9. Mai 1909 stirbt sie im Alter von knapp 62 Jahren.
Für Kinder ist nur das Beste gut genug!
Mit diesen weltbekannten Worten brachte Margarete Steiff ihre Eigenschaften als erfolgreiche Unternehmerin selbst auf den Punkt.
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