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Gedanken einer Weberin
«Meine Zeit in der Webstube begann nicht mit der Lehre. Zuerst machte ich 3 Jahre lang Spulen, zusammen mit zwei anderen jungen Frauen. Wir verdienten dabei 35 Rappen pro Stunde. Die Lehre absolvierte ich 1934; sie dauerte ziemlich genau ein halbes Jahr. Klar, eine kurze Zeit. Da ich aber als «Spulerin» regelmässig mithalf, die Webstühle zu bespannen, trat ich die Lehre mit einigem Vorwissen an. Für uns vier Lehrlinge gab es keinen Lohn in Geldform, dafür durften wir einige Handtücher und zwei Bettvorleger für uns selber weben. Theorie gab es während der Lehrzeit wenig; ein bisschen Fachrechnen mit Fida Lori, der Leiterin der Tessanda. Ansonsten begannen wir sofort mitzuarbeiten.
1934 – 1945 arbeitete ich dann als ausgelernte Weberin in der Tessanda, 10 Stunden pro Tag im Sommer, 8 Stunden pro Tag im Winter. Wir arbeiteten in der Regel von Montagmorgen bis Samstagmittag. Für eine kurze Zeit allerdings änderte Fida Lori den Wochenplan. Damals ging man nicht am Samstag, sondern am Sonntag in den Ausgang. (Anmerkung MJ: Wegen der Pfarrer, die am Sonntagmorgen eine volle Kirche und eine wache Gottesdienstgemeinde wollten.) Wir von Valchava und Sta. Maria trafen uns fast jeden Sonntagabend zum Tanz. Hans da Mima spielte auf mit seiner Handorgel. Vor Mitternacht waren wir selten zu Hause. Um ausgeruhte Weberinnen zu haben, beschloss Fida Lori, es werde jetzt den ganzen Samstag gearbeitet, dafür sei der Montagmorgen frei. Diese Umstellung dauerte aber nicht lange.
Der Lohn betrug gegen Schluss meiner Zeit in der Tessanda 80 Rappen pro Stunde. Das war ein rechter Lohn. Die Holzarbeiter im Wald verdienten nicht mehr, und die Lebenshaltungskosten waren damals ja noch viel tiefer als heute. Ich empfand das Arbeitsklima immer als angenehm. Natürlich, die Spannungen zwischen einzelnen Geschlechtern in den Dörfern merkte man manchmal auch in der Tessanda. Aber das war nicht schlimm; ich arbeitete immer sehr gerne in der Tessanda. Ab und zu tauchte Rudolf Filli bei uns auf, der Mitbegründer der Tessanda, allerdings nur, wenn es etwas zu beanstanden gab. Er hielt uns dann jeweils eine Strafpredigt. Beim nach Hause fahren auf dem Velo war unser regelmässiger Kommentar: Dann brauchen wir ja am Sonntag nicht mehr zur Kirche zu gehen, eine Predigt reicht. In spezieller Erinnerung blieb mir die Zeit der Landi 1939. Wir waren in Sta. Maria 20 Weberinnen, und jeweils fünf auf einmal durften eine Zeit lang nach Zürich. Wir hatten dort einen eigenen Stand in der riesengrossen Abteilung «Heimatwerk». Eine der fünf Frauen wob, eine verkaufte, eine lieferte Spulen nach und schaute sonst zum Rechten, die restlichen zwei durften spazieren gehen. Die letzte Gruppe allerdings hatte Pech: Am Tag, als sie in Zürich ankamen, brach der Krieg aus, und sie mussten noch am selben Tag wieder zurück. Die Züge waren überfüllt mit Soldaten, die fünf Frauen kamen an diesem Abend nur noch bis Samedan. Alles in allem waren sie sehr enttäuscht.
Wenn wir schon in den Kriegsjahren sind: Da die Männer oftmals weg waren, erhielten wir Frauen vor dem 1. August jeweils zwei Tage frei, um die Höhenfeuer vorzubereiten. Eine willkommene Abwechslung.
1945 brannte mein Elternhaus ab, und wir zogen nach Fuldera. Ein halbes Jahr arbeitete ich dann noch in der Tessanda. Nach meiner Heirat 1946 hörte ich auf in Sta. Maria. Zu weben allerdings hörte ich nie auf! Bald einmal liess ich mir in Fuldera einen eigenen Webstuhl machen und wob dann regelmässig, vor allem im Winter natürlich. Im Sommer gab es auf dem Bauernhof zuviel zu tun.
Wenn ich so zurückdenke an die Zeit in der Tessanda: Ich würde wohl nochmals Weberin lernen!»
Barbla Chatrina Gross