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Erich war bei uns Marketingleiter. Er war direkt dem COO unterstellt und stand damit auf der zweithöchsten Hierarchiestufe. Man schätzte ihn, weil er Aufträge aus der Geschäftsleitung schnell und strukturiert abwickelte.
Als Erich sah, dass er im Unternehmen nicht mehr weiterkommen würde, machte er sich mit 45 selbstständig und gründete seine eigene Unternehmensberatung. Ich traf ihn zwei Jahre später und fragte, wie es gehe. «Es läuft mässig», sagte er, «ich schaue mich wieder nach einer festen Anstellung um.»
Zoo und freie Wildbahn ist wie angestellt und Selbstständigkeit
Wir sind damit beim Thema der Auswilderung. Auswilderung nennt man in der Zoologie den Vorgang, wenn man Tiere aus dem Zoo wieder in die freie Wildbahn entlässt. Oft geht es schief.
Was ist der Unterschied zwischen einem Zoo und der freien Wildbahn? Es ist derselbe Unterschied wie zwischen einem Job in einem organisierten Unternehmen und einer Arbeit als Selbstständigerwerbender.
Im Zoo bilden sich sofort Hierarchien
Der grösste Unterschied zwischen Zoo und Natur ist die Existenz oder das Fehlen von klaren Hierarchien.
Man kann das gut anhand der Wölfe zeigen. In der freien Natur besteht ein Wolfsrudel aus Familienmitgliedern. Es gibt keine Rangordnung. Vater Wolf und Mutter Wolf leben monogam und bleiben ein Leben lang zusammen. Alle Tiere im Rudel helfen bei der Aufzucht des Nachwuchses mit. Nach zwei, drei Jahren verlassen die Jungen das Camp und gründen eine eigene Familie.
Sobald Wölfe in einem Zoo leben, verändert sich die Sozialstruktur dramatisch. Die Tiere müssen nun auf engem Raum zusammenleben. Die Jungen können nicht mehr weg. Sofort bilden sich deshalb Hierarchien. Oben stehen die Chefs wie der Alpha-Wolf und der Beta-Wolf, unten stehen die Omega-Wölfe, die nichts zu melden haben.
Moderne Unternehmen sind typische Zoos
Überall, wo Individuen auf engem Raum zusammenleben müssen, bilden sich Hierarchien, etwa in Truppenverbänden, Sportclubs oder in Gefängnissen. Auch moderne Unternehmen sind typische Zoos.
Zugleich verändert der Zoo auch das Gruppengefühl. Schimpansen in freier Wildbahn zum Beispiel helfen sich gegenseitig und kooperieren etwa bei der Kinderbetreuung und bei der Nahrungssuche. Im Zoo schaut jeder Schimpanse viel stärker nur noch auf sich selbst.
Nun hat das Leben im Zoo auch seine Vorteile. Es gibt permanent Nahrung in Form von Fleischstücken oder Monatslöhnen. Allerdings, dies das Problem, verlieren die Tiere dadurch den Jagdinstinkt.
Zootiere haben oft psychische Störungen
Zudem fehlt im Zoo die territoriale Freiheit, bei Wölfen ebenso wie beim Homo sapiens. Das fordert seinen Tribut. Zootiere haben oft psychische Störungen wie Bewegungsstereotypien, indem sie permanent im Kreis herumgehen. Man stellt sie mit Tranquilizern ruhig. In unseren Zoos nennt man das Burn-out und verschreibt vergleichbare Medikamente.
Die Auswilderung von Zootieren zurück in die freie Natur ist darum riskant. Das erfolgreichste Projekt bisher ist der Wisent. Der europäische Büffel war nach 1900 durch intensive Jagd ausgestorben. Inzwischen leben in Osteuropa wieder ein paar tausend Stück dieser gewaltigen Viecher. Ihr Vorteil ist, dass sie keine natürlichen Feinde haben.
Die Auswilderung von Erich hingegen misslang. Er hatte als freier Berater zu viele natürliche Feinde. Nach drei Jahren auf freier Wildbahn kehrte er in einen festen Job zurück: oben eine klare Hierarchie, unten eine klare Hierarchie, immer zu Monatsende genügend Futter und im Dezember eine dreizehnte Portion dazu.
Erich war wieder in seinem natürlichen Habitat. Er war zurück im Zoo.