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Einmal im Monat findet der «Eck Licht und Ton Gottesdienst» von Eckankar im Eck-Center in Zürich statt. Eine Mitarbeiterin von Relinfo besuchte den Gottesdienst vom 6. Dezember 2020 zum Thema «Du existierst, weil Gott dich liebt».
Büro oder Eck-Center?
Als ich pünktlich um 10.15 Uhr am Sonntagmorgen vor den geschlossenen Glastüren des Eck-Centers in Zürich stand, deutete nichts darauf hin, dass hier ein Gottesdienst stattfinden würde. Zwischen den zahlreichen Türklingeln, die meisten davon mit verschiedenen Instituten der Universität Zürich angeschrieben, suchte ich jene von Eckankar. Tatsächlich erschien eine ältere Frau aus einem Zimmer des Erdgeschosses als ich läutete und schaute mich etwas verwirrt an. Als ich ihr aber mitteilte, dass ich den Gottesdienst besuchen möchte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht, woraufhin ich in die Räumlichkeiten des Eck-Centers eintrat. Das Center erinnerte mich an Büroräume. Im Eingangsbereich war ein Pult mit einem Computer aufgestellt, daneben standen Regale mit Büchern über Eckankar.
Patriarchale Strukturen
Als ich den Gottesdienstraum betrat, merkte ich sofort, wie sich alle Augen auf mich richteten. Die neun anderen Anwesenden wiesen ein Durchschnittsalter von ungefähr 60 bis 70 Jahren auf. Ich stach mit meinen 23 Jahren klar heraus. Die Anwesenden begrüssten mich alle herzlich und wirkten sehr interessiert als ich von meinem Studium der Religionswissenschaft erzählte. Während die Eckisten und Eckistinnen, wie sich die Anhängerschaft von Eckankar nennt, mich musterten, musterte ich den Raum. Unter meinen Füssen lag ein grauer Teppichboden, auf den Fensterbretten standen einige Pflanzen. An der einen Wand hing ein kleines Bild von Harold Klemp, dem lebenden spirituellen Oberhaupt von Eckankar. Als Eck-Meister ist er, der Eckankar-Lehre nach, der personifizierte Gott. Obwohl es viele Eck-Meister gibt, darunter auch Frauen, können nur Männer das Amt des spirituellen Oberhaupts einnehmen. An einer weiteren Wand hingen 10 Bilder von Eck-Meistern, darunter beispielsweise Harold Klemp oder Shams-e Tabrizi, ein persischer Mystiker des 12. und 13. Jahrhunderts. Die restlichen Männer und die eine Frau waren keine historischen oder heute noch lebende, und somit reale, Persönlichkeiten.
Kurzeinführung in Eckankar-Begriffe
Als der Gottesdienst begann, wurden noch zwei weitere Personen via Zoom dazu geschaltet. Insgesamt waren nun 3 Männer und 9 Frauen anwesend. Die Gottesdienstleiterin, ebenfalls im Alter von etwa 60 Jahren, wirkte sehr sympathisch auf mich. Sie hiess alle sehr herzlich willkommen und begrüsste mich als Gast noch extra. Zuerst kam eine kurze Einführung, die wohl vor allem für mich bestimmt war. Die Begriffe Licht und Ton, die im Titel des Gottesdienstes enthalten waren, sind die Sprache, in welcher Gott mit uns spricht. Gott tritt durch sie in den niederen Welten in Erscheinung, sodass er auch mit dem Heiligen Geist vergleichbar sei, wie die Gottesdienstleiterin uns erklärte. So ging sie einmal in die Autogarage, wo sie der Automechaniker darauf aufmerksam machte, dass ihr Scheinwerferlicht nicht mehr funktioniere. Als sie in einem Traum ebenfalls von einem kaputten Scheinwerferlicht träumte, wurde ihr bewusst, dass Gott ihr dadurch eine Mitteilung senden wollte. Auch der Begriff der Seele wurde wegen meiner Anwesenheit kurz erläutert. Das wahre Selbst des Einzelnen sei nämlich die Seele. Sie existiert vor der Geburt und nach dem Tod des physischen Körpers. Sie kann als Funke Gottes alles sehen, wissen und wahrnehmen.
Der Hu-Chant
Auf die kurze Einführung folgte das Kernstück jedes Eckankar-Gottesdienstes: der Hu-Chant. Bei dieser spirituellen Übung wird das Wort Hu (ausgesprochen als «ju») gesungen. Hu wird bei Eckankar als ältester, geheimer Name von Gott interpretiert. Ziel des Hu-Chants ist unter anderem das Mahanta zu finden. Das Mahanta ist das Gottesbewusstsein des Einzelnen im Innern, was Orientierung und Führung im Leben geben soll. Es wird durch den lebenden Eck-Meister verkörpert, momentan also durch Harold Klemp, sodass bei der Übung eigentlich der innere Harold Klemp gesucht wird. Aufgrund der Corona-Massnahmen herrschte ein Singverbot, sodass das Hu im Kopf gesungen werden musste. So sassen wir 5 Minuten mit geschlossenen Augen und beruhigender Hintergrundmusik da. Ich konnte ich mir den Klang des Hu-Chants, welcher in der Praxis von Eckankar zentral ist, somit leider nur im Kopf vorstellen.
Vom «Eck» und der Intuition
Als alle wieder die Augen geöffnet hatten, schien die Atmosphäre ruhiger und entspannter zu sein. Die Einführung ins Thema des Gottesdienstes «Du existiert, weil Gott dich liebt» bestand aus einer kurzen Geschichte, die aufzeigen sollte, dass nichts dem Zufall überlassen ist und die Führung Gottes immer Sinn ergibt. In kleinen Diskussionsrunden von vier Personen beschäftigten wir uns anschliessend mit den Fragen, wie wir merken, dass Gott uns liebt und wie wir diese Liebe weitergeben sollen. Meine Gruppe, bestehend aus der Gottesdienstleiterin und zwei weiteren Frauen, erzählte von Momenten, wo sie die Liebe Gottes spürten und wie sie durch Eckankar lernten intuitiv zu leben. Der Verstand sollte weniger benutzt werden, stattdessen sollte man sich durch das «Eck» leiten lassen. Ich entschied mich, mich ebenfalls ins Gespräch einzubringen, obwohl mir im Vorhinein gesagt wurde, dass ich auch nur zuhören dürfte. Meine Zuhörerinnen freuten sich offensichtlich, dass ich bei der Diskussion mitmachte. Als ich nach der Bedeutung des Begriffs «Eck» fragte und ob dies mit dem Begriff «Gott» gleichgestellt werden könnte, war die Zeit leider abgelaufen.
Engagierte Teilnehmende
Dafür brachte die Gottesdienstleiterin meine Frage in der grossen Gruppe ein. Diese gab sich grosse Mühe, die Frage zu beantworten. Das Eck sei im Gegensatz zu Gott nicht personifiziert. Es sei eine Lebenskraft oder ein Lebensstrom, der alles am Leben erhält und uns leitet. Die kurzen Rückmeldungen aus den Gruppen zeigten, dass die Anwesenden täglich an kleinen Dingen merken, wie Gott sie liebt und die Liebe Gottes von uns durch Dankbarkeit weitergegeben werden soll. Sprich, wenn jemand Gutes tut, sollen wir mit Dankbarkeit reagieren. Alle Anwesenden beteiligten sich rege am Gespräch. Im darauffolgenden englischen Lied, dass von einer CD abgespielt wurde, ging es entsprechend darum, was wir alles im Leben geben können. Dabei merkte ich an den darin vorkommenden Begriffen wie «Mahanta», dass es sich um ein Eckankar-eigenes Lied handelte. Das Lied, das in mir nicht viel auslöste, rührte eine Zoom-Teilnehmerin zu Tränen.
Die langjährige Mitgliedschaft
Zum Abschluss machten wir einen 10-Minütigen Hu-Chant. Dabei versuchte ich das Hu innerlich mitzusingen, da die Gottesdienstleiterin darauf aufmerksam machte, dass auch Anhänger und Anhängerinnen anderer religiöser Traditionen diese spirituelle Übung machen könnten. Ich gab jedoch schnell auf, da ich mir selber ein wenig lächerlich vorkam. Zum Schluss bedankte sich die Gottesdienstleiterin bei der Gruppe. Dabei bedankte sie sich speziell bei mir und lud mich zum nächsten Gottesdienst sowie den nächsten Online-Veranstaltungen ein. Nach dem Gottesdienst durfte ich noch meine Fragen von den einzelnen Teilnehmenden beantworten lassen, wobei die Anwesenden auch viele Fragen an mich, besonders über mein Studium, stellten. Beim Nachgespräch stellte sich unter anderem heraus, dass sie alle schon lange bei Eckankar dabei sind und teilweise sogar ein 17-Jähriges Ausbildungsprogramm durchlaufen hatten. Die Anwesenden wollten zudem betonen, dass bei Eckankar keine Missionierung stattfinden würde und dass ihrer Meinung nach, alle Religionen auf dieser Welt eine Daseinsberechtigung hätten. Zum Schluss gaben sie mir einige Bücher von Harold Klemp mit, woraufhin ich das Eckankar-Center mit einer schweren Tasche verliess und in die verschneiten Strassen von Zürich trat.
Eine Rekapitulation
Als ich zum Tram lief, fühlte ich mich ziemlich gut. Ich wurde als «Neuling» einer religiösen Gemeinschaft noch nie so stark miteinbezogen, sodass ich mich sehr willkommen fühlte. Die Anhängerschaft war extrem zuvorkommend, klärte meine Fragen und war offensichtlich auch interessiert an mir. Solche Gastfreundschaft scheint mir bei religiösen Organisationen oft nicht genuin, sondern eher eine Form von Missionierung zu sein. Bei Eckankar wirkte es aber eher so, als ob sie direkt von ihrem Glaubenssystem abzuleiten ist, in welchem die Weitergabe der Liebe Gottes eine zentrale Rolle spielt. Ihre spirituelle Ansicht der Welt, in welcher der Intuition gefolgt werden soll und kleine Dinge geschätzt werden, fand ich faszinierend. Ein wenig verwirrend fand ich die vielen Begrifflichkeiten, die sich manchmal zu überschneiden schienen, wie beispielsweise das «Mahanta», das ein Gottbewusstsein im Innern ist, aber auch den lebenden Eck-Meister darstellt. Ihre klare Überzeugung, dass Eckankar uralte Wurzeln hat und historische Personen, wie Schams-e Tabrizi, ein Eck-Meister war, fand ich ebenso speziell. Ich bin mir nicht sicher, ob der persische Mystiker mit dieser Einstufung einverstanden wäre. Die patriarchale Struktur irritierte mich ebenfalls, wobei diese leider noch immer in vielen religiösen Organisationen die Realität darstellt. Vor allem beschäftigte mich jedoch die Altersstruktur, die auf einen Mitgliederschwund deutet, da alle Anwesenden bereits eine Weile Teil von Eckankar sind und die Organisation somit wenige neue, und vor allem junge, Mitglieder zu rekrutieren vermag.
Louisa Bernet, Dezember 2020