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Das Nebeneinander von Walsern und Romanen prägte die Gemeinde Flims mit der Walser-Fraktion Fidaz. Diese wurde im 18. Jahrhundert romanisiert. Oberer Dorfplatz in Flims um 1910. (Bild: zVg)
Aus der Sicht mancher Rätoromanen und der Freunde ihrer Kultur ist der sprachliche Rückgang in der ersten Phase zwischen 1300 und 1600 der Expansion der Walser in die Gebiete der angestammten Romanen zuzuschreiben. Der amerikanische Gelehrte John Billigmeier zeichnet in seinem kenntnisreichen, aber subjektiv gefärbten Werk «Land und Volk der Rätoromanen» (1983) ein dramatisches Bild: Die angestammten rätoromanischen Siedler werden verdrängt und zur Auswanderung gezwungen. Der Sprachwechsel ist ein Akt physischer Verdrängung durch kulturell nicht ebenbürtige Migranten, die isoliert und einzeln auf ihren Höfen ohne echte Gemeinschaft und verbindende Kultur «ein bisschen ihre besondere Sprache» beibehalten. Von einer «Expansion auf Kosten der Romanen», von «Übergriffen», zahlreichen «ethnischen Konflikten», und «Aggression» sowie einer Verschiebung des «ethnischen Gleichgewichts» ist die Rede.
Ein Blick in die einzige zeitgenössische Quelle zum Sprachwechsel im Schanfigg (mit analogen Beschreibungen auch zum Prättigau) erlaubt Zweifel an dieser völkischen Sicht der Dinge. Ulrich Campell, ein überzeugter ladinischer Rätoromane, Pfarrer aus dem Engadin und humanistischer Gelehrter, verfasste um 1570 eine «Topographische Beschreibung» der Drei Bünde und der angrenzenden Regionen. Seine Beobachtungen und Schilderungen sind die frühesten, überaus wertvollen Zeugnisse zum Prozess der ersten Phase der Germanisierung. Und diese sprachliche Entwicklung in Teilen der Bünde gefiel dem kultivierten Engadiner, der seine Werke in gelehrtem Latein verfasste und die «Walliser Spraach» der Davoser Siedler als «durchaus barbarisch» qualifizierte, überhaupt nicht. Zum Schanfigg schreibt er:
«Nun ist die rätoromanische Sprache, die noch bis vor Kurzem ebenso wie die deutsche verbreitet war, beinahe ausgestorben, aus der Mode gekommen. Zumindest sind heute nur noch wenige Einheimische am Leben, die im Rätoromanischen erfahren sind. Deutsch hingegen ist sehr lebendig, besonders in Peist, Molinis, St. Peter und Maladers. In Castiel, Lüen und Calfreisen hingegen sind bis jetzt beide Sprachen noch gleich häufig in Gebrauch.»
Die Vorstellung, dass sprachliche und religiöse Minderheiten verdrängt, zur Flucht gezwungen oder gar umgebracht werden, wurzelt in den schrecklichen Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert und aus der globalen Gegenwart, die täglich bestürzende Beispiele von Gewalttaten, Unrecht und Verletzungen der Menschenrechte liefert. Campells Zeilen legen hingegen nahe, dass es die Talbevölkerung war, die den Sprachwechsel vollzog, weil ihre Muttersprache «aus der Mode» gekommen war. Eine Rolle mag auch der Bevölkerungsverlust durch die häufigen Pestepidemien des 16. Jahrhunderts gespielt haben. Campell erklärt auf diese Weise die Germanisierung des Dorfs Peist durch deutschsprachige Zuwanderer. Und Deutsch besass Prestige als de facto Amtssprache im Freistaat der Drei Bünde und als Sprache der Wirtschaft im Transit; Chur war seit der Mitte des 15. Jahrhunderts deutschsprachig.
Auch das Safiental wurde von den Walsern besiedelt – im Bild Safien Platz mit dem Stausee. (Foto: Marc Holdener)
Lassen sich auch Konflikte oder gewaltsame Landnahme durch die Walser nachweisen? Die Quellenlage ist äusserst dürftig. Belegt sind zwar einige Fälle von lokalen Reibereien, etwa Heiratsbeschränkungen und Verkaufsverbote an Walser im Prättigau und Lugnez. Ein Streit zwischen zugezogenen Walsern und einheimischen Romanen um das Amt des Landammanns im inneren Gericht Klosters führte anno 1489 zu einem salomonischen Schiedsspruch des habsburgischen Landesherrn: Die Funktion des Landammanns wurde für einige Zeit alternierend besetzt, aber gegen Ende des 16. Jahrhunderts sprachen alle Einwohner mit Ausnahme von Serneus Deutsch. Viel mehr geben die Quellen nicht her, und diese Konflikte sind primär wirtschaftlich, nicht ethnisch motiviert.
Die ersten Walser in Davos, im Rheinwald und an vielen anderen Orten im Alpenraum waren keine Einwanderer, sondern nach Plan von kirchlichen Grundbesitzern und lokalem Adel angesiedelte Kolonisten. Sie drangen nicht als Aggressoren in Siedlungen der Rätoromanen ein. Im Rheinwald, in Davos, Safien und Langwies besassen die Walser vertraglich durch Erblehensbriefe gesicherte Privilegien, die ihnen fast vollständige Autonomie, Land- und Alprechte gemäss dem mittelalterlichen Kolonistenrecht gewährten. In den übrigen Gebieten traten Neuankömmlinge in die bestehenden Rechtsverhältnisse ein. Im Zuge der Gemeindebildung nahmen sie gemeinsam teil an Rechten und Pflichten der früheren Siedler. Als die Drei Bünde um 1500 zu einem eigenen Staatsgebilde zusammenwuchsen, waren die Walser nicht weniger «einheimisch» als die Rätoromanen und Alpinlombarden in den Südtälern. Entscheidend war in dieser Zeit die rechtliche Stellung der Menschen; die Sprache spielte dabei eine völlig nebensächliche oder zumeist gar keine Rolle.
Unsere vom 19. und 20. Jahrhundert geprägte ethnische Sichtweise mit ihrer dominanten Gewichtung der nationalsprachlichen Identitäten darf somit nicht auf die damalige Zeit übertragen werden. Viel wichtiger wurden nach der Reformation die konfessionellen Differenzen zwischen katholischen und reformierten Walsern selbst und den ebenso gespaltenen Romanen und Italienischsprachigen; bei allen gehörten überdies die Gemeinden verschiedenen Bünden an. Der Flickenteppich der konfessionellen Landkarte war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch politisch relevant und hatte grosse Auswirkungen, indem er nicht zuletzt zum Zusammenhalt unter den lose, kreuz und quer über Sprachgrenzen hinweg verbundenen Gemeinden beigetragen hat. Die harten Erfahrungen der Bündner Wirren im 17. Jahrhundert mit ihren religiösen Auseinandersetzungen bis in die Dörfer hinein förderten zudem ein pragmatisches Nebeneinander, denn die vielen kleinen, unterschiedlichen regionalen und lokalen Gruppen mussten wohl oder übel unter sich auskommen, wenn der schwache Freistaat überleben wollte.
Sapün: Vermutlich romanischer, aber nicht sicher gedeuteter Name für das um 1300 mit Walsern besiedelte Hochtal. (Foto: Homberger, Arosa)
Nach einer Zeit relativer Stabilität vom 17. bis ins 19. Jahrhundert – noch 1860 sprachen etwa 60 Prozent der Bündner Bevölkerung Romanisch – veränderte sich in einer zweiten Phase die Sprachenlandschaft im Kanton unter dem Einfluss des Industriezeitalters erneut rasant. Romanisch geriet wieder «aus der Mode», bis mit den organisierten Sprachbewegungen und der staatlichen Förderung eine Verlangsamung und teilweise Stabilisierung des Sprachwandels erzielt werden konnte.
Mit der Anerkennung des Rätoromanischen als National- und Teil-Amtssprache legitimierte die Schweiz 1938 und 1996 diese Bestrebungen auch politisch durch Volksabstimmungen. Bemerkenswert war der Widerstand in der Gemeinde Vals, die 1996 den neuen Artikel der Bundesverfassung ablehnte – ein unfreundlicher Akt in den Augen der romanischen Nachbarn. Im Kanton gelang es 2006, ein kantonales Sprachengesetz in Kraft zu setzen. In Deutschbünden gab es Widerstand gegen dieses Sprachförderungsgesetz, das vor allem dem Rückgang des Rätoromanischen begegnen und die amtliche Dreisprachigkeit des Kantons fördern will. Anstoss erweckten Bestimmungen, die den linguistischen Status einer Gemeinde definieren und den amtlichen Gebrauch der Minderheitensprachen regeln sowie die Berücksichtigung von Sprachkompetenzen bei der Ausschreibung öffentlicher Anstellungen.
Das Sprachengesetz wurde relativ knapp – dank der Stimmen der Romanen und Italienischbündner – angenommen. Aber auch Gemeinden aus Walserregionen stimmten dem Gesetz zu. Der Sprachfriede gilt in der Gesellschaft seither als ein wichtiges Gut, etwa wenn es um Fragen des Schulunterrichts und der gleichen Bildungschancen für alle geht.
Lateinische Handschrift von Ulrich Campell (um 1570): Wie die Deutschsprachigen, diese Verderber der ursprünglichen rätischen Sprache, den Talnamen Schanfigg verballhornt haben.
(Bild: Institut für Kulturforschung Graubünden)
Generell werden Bestrebungen zur Erhaltung der Mehrsprachigkeit von der überwiegenden Mehrheit der Deutschsprachigen befürwortet. «Im grossen Ganzen sind die Beziehungen ja gut und die beiden kleineren Sprachgruppen haben immer wieder mit Zustimmung der Deutschsprachigen, auch der Walser, Schritte nach vorne machen können. Gewisse historisch und soziologisch bedingte Ressentiments sind hie und da trotzdem unvermeidlich», stellt heute ein Rätoromane fest. Latent vorhandenes Misstrauen und Vorurteile artikulieren sich öffentlich, sobald konkrete Massnahmen durch den Gesetzgeber zur Debatte stehen. Viele Bewohner Deutschbündens betrachten die Sprachförderung als internes Anliegen der Minderheiten und fühlen sich davon nicht betroffen. Und wer die Kultur als Privatsache betrachtet, empfindet den Einsatz öffentlicher Mittel zur Sprach- und Kulturförderung ohnehin nicht als sinnvoll. Dieses Denken kommt aber, weiss Gott, nicht nur in Deutschbünden vor. Einerseits bestimmen rein wirtschaftliche Kriterien im heutigen Zeitgeist auch das Denken unter manchen Trägern der Minderheitensprachen. Andererseits scheint zurzeit das Verständnis für den Wert der Sprachenvielfalt und die kulturelle Diversität zu wachsen. Bewusst geworden ist mancherorts auch die Einsicht in die erzieherischen Vorteile der Mehrsprachigkeit als Bildungsgut und Mittel zur Förderung geistiger Flexibilität und eines Identitätsbewusstseins. Diese kulturpolitischen und pädagogischen Werte sehen sich aber im politischen Umfeld weiterhin konfrontiert mit der rein wirtschaftlich-utilitaristischen Ansicht, viel mehr als Business-Englisch müsse der heutige Mensch als Fremdsprache eigentlich nicht beherrschen.
Transit verbindet
Intensive Kontakte mit italienischsprachigen Nachbarn im Süden bestanden im Rheinwald und im Avers. Im Transit über Septimer und Julier sowie Splügen und San Bernardino arbeiteten die Säumergenossenschaften (Porten) – Rätoromanen, Deutschsprachige und Alpinlombarden – eng zusammen. Gemeinsame Portengerichte schlichteten Konflikte. Die gegenseitigen Sprachkenntnisse scheinen ausgereicht zu haben, um die gemeinsame Aufgabe zu bewältigen. Noch im 20. Jahrhundert verbrachten Jugendliche aus dem Rheinwald das letzte Schuljahr oft im Misox, um Italienisch zu lernen. Die Verbindungen «über den Berg» hatten auch zur Folge, dass Heiraten mit Partnern unterschiedlicher Muttersprache nicht selten waren; Familien aus dem Valsertal wurden schon früh in Mesocco eingebürgert, und das heutige Telefonverzeichnis dokumentiert immer noch die Normalität dieser sprachüberschreitenden Begegnungen.