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Interview Mao Fujita
„Jede einzelne Note hat eine Bedeutung“
Der japanische Pianist Mao Fujita über Lerneffekte bei Mozart, die Zusammenarbeit mit Riccardo Chailly und musikalische Vorbilder.
© Dovile Sermokas/Sony Music Entertainment
„“, sagt Mao Fujita.
Mit neunzehn Jahren hat Mao Fujita einen Ersten Preis und sämtliche Zusatzpreise beim Clara-Haskil-Klavierwettbewerb gewonnen, zwei Jahre später folgten ein Zweiter Preis beim Tschaikowsky-Wettbewerb und ein Exklusiv-Plattenvertrag. Mit 23 legt der Schüler von Kirill Gerstein seine Einspielung sämtlicher Mozart-Klaviersonaten vor – und spart im Interview nicht mit Referenzen an große Pianisten des vergangenen Jahrhunderts.
Vladimir Horowitz‘ Live-Aufnahme von Mozarts zehnter Klaviersonate 1986 in Moskau soll Sie zum Klavierspielen inspiriert haben. Stimmt das?
Mao Fujita: Ich habe mich im allerersten Moment in die Klangfarben und die besondere Ausgewogenheit seines Spiels verliebt! Ich habe viele Mozart-Aufnahmen gehört, etwa von Claudio Arrau, Wilhelm Backhaus und Clara Haskil, aber Horowitz‘ Sound ist der schönste. Diese Einspielung ist auch der Grund dafür, dass ich eines Tages am Tschaikowsky-Wettbewerb teilnehmen wollte, der im Moskauer Konservatorium stattfindet, also genau da, wo Horowitz gespielt hat.
2021 sind Sie mit allen Mozart-Klaviersonaten beim Verbier Festival aufgetreten. Jetzt, mit erst 23, haben Sie den Zyklus eingespielt. Wie fühlt man sich da?
Fujita: Ich war sehr aufgeregt, nachdem ich gehört habe, dass die Konzerte rund um den Globus ausgestrahlt werden. Der Intendant des Verbier Festivals, Martin Engstroem, hatte mir während der Pandemie 2020 angeboten, den gesamten Zyklus zu spielen. Ich hatte also nur ein Jahr Zeit, alle Sonaten vorzubereiten. Als ich mich danach wieder an die Klavierkonzerte von Rachmaninow und Tschaikowsky gemacht habe, merkte ich erst, wie viel ich von Mozart gelernt habe: Jede einzelne Note hat eine Bedeutung, jede Harmonie ist wichtig. Wenn man auch nur eine einzige nicht richtig trifft, ist der Rest des Stücks verloren. Mit diesem Wissen im Hinterkopf reift die eigene Interpretation.
Woran denken Sie, wenn Sie Mozart spielen?
Fujita: Seine Musik ist einfach großartig. Natürlich bereite ich mich auf jedes Stück im Konzert vor, aber auf der Bühne muss ich mir selbst Raum für interpretatorische Freiheiten geben: In den Sonaten improvisiere ich einige Verzierungen und mache es mir zur Aufgabe, dass jede Wiederholung innerhalb eines Satzes einen anderen Charakter aufweist.
Außer Mozart interpretieren Sie viel romantisches Kernrepertoire. Was fasziniert Sie daran?
Fujita: Bei Mozart lassen sich die aufeinanderfolgenden Harmonien vorhersagen, da er bestimmten Schemata folgt. Rachmaninow hingegen geht in seinen Stücken in jede nur denkbare Richtung. Die damit verbundene Vorstellungskraft interessiert mich.
Wie war es eigentlich, als Sie Riccardo Chailly nach einem gemeinsamen Rachmaninow-Abend im März 2022 spontan zum Lucerne Festival eingeladen hat?
Fujita: Da muss ich etwas ausholen. Eine Woche vor dem ursprünglich geplanten Termin hat der Krieg in der Ukraine begonnen und ich war mir sicher, dass meine Konzerte an der Scala (mit Valery Gergiev, d. Red.) abgesagt würden. Aber Riccardo Chailly sprang ein und erklärte mir, als Musikdirektor trage er auch Verantwortung dafür, dass die junge Künstlergeneration zu ihren Auftritten komme. Er wollte unbedingt mit mir spielen. Seine zutiefst menschliche Art hat mich fasziniert. In der Probe wiederholten wir manche Stellen vier oder fünf Mal, das machen nicht alle Dirigenten. Das Konzert war erfolgreich und so bot er mir am nächsten Morgen an, mit Rachmaninows zweitem Klavierkonzert nach Luzern zu kommen. Der Auftritt mit dem Lucerne Festival Orchestra, dessen Mitglieder sich aus den besten Ensembles der Welt rekrutieren, war ein magischer Moment.
Was lernen Sie aus der Zusammenarbeit mit Künstlern, die noch mehr Musikerfahrung haben?
Fujita: Wenn ich zum ersten Mal bei einem Orchester zu Gast bin, ist es meine Aufgabe, schnell dessen individuellen Klang zu erfassen und mein Spiel daran anzupassen. Beim Lucerne Festival Orchestra war ein eher sanglicher Ton gefragt, ganz anders als neulich mit Andris Nelsons beim Gewandhausorchester mit seinen satt klingenden Streichern.
Rachmaninow bezeichnete sein drittes Klavierkonzert als „Konzert für Elefanten“, es gilt als dasjenige mit den meisten Noten pro Sekunde im Klavierpart. Wie nähern Sie sich solchen Werken an?
Fujita: Genauso wie einer Mozart-Sonate! Jeder Ton muss präzise gespielt werden. Am allerwichtigsten ist es, die Strukturen zu verstehen und herauszufinden, wie der Komponist über sein Stück gedacht hat. Im Fall von Rachmaninow können wir uns zum Glück seine eigenen Aufnahmen anhören und analysieren, wie er selbst gespielt hat. Wir Pianisten müssen auf die Details schauen. Die technischen Aspekte und all das Virtuose in der Musik spielen eine untergeordnete Rolle.
Können Sie sich später auch Barockes oder Zeitgenössisches in Ihrem Repertoire vorstellen?
Fujita: In der Saison 2023/2024 möchte ich moderne japanische Musik präsentieren. Wir haben wunderbare Komponisten wie Akira Miyoshi und Tōru Takemitsu. Bei Takemitsu finden sich Anklänge an französische Musik. Igor Strawinsky hat ihn übrigens während eines Japan-Aufenthalts im Radio gehört und sich anschließend für seine Werke eingesetzt. Außerdem liebe ich André Jolivets Klavierkonzert, das ich 2021 zum ersten Mal gespielt habe.
Sie haben bereits beachtliche Preise gewonnen und werden von großen Dirigenten und renommierten Klangkörpern eingeladen. Spüren Sie so etwas wie Erfolgsdruck?
Fujita: (zögert) Von Zeit zu Zeit! Momentan konzentriere ich mich jedoch voll auf die Musik der Klassik und auf Mozart, beide sind mir sehr vertraut. Was danach kommt, weiß ich nicht.
Was inspiriert Sie?
Fujita: Ich bin im April nach Berlin gezogen, nicht weit weg von Charlottenburg mit seinen schönen Parks, in denen ich gerne spazieren gehe, die Atmosphäre in mich aufnehme und einfach nichts mache. Das war in Japan nicht möglich. Außerdem lese ich gerne. Der Gedanke, mich zwei Stunden für einen Film vor den Fernseher zu setzen, schreckt mich aber ab. Da übe ich lieber, außer zwischen 13 und 15 Uhr, da herrscht Mittagsruhe im Haus!
Haben Sie vor Konzerten ein bestimmtes Ritual?
Fujita: Nein, aber ich verspüre immer den Drang, Klavier zu spielen. In meiner Garderobe übe ich ein bisschen, und wenn die Zeit gekommen ist, betrete ich die Bühne.
Gibt es musikalische Vorbilder in Ihrem Leben?
Fujita: Mitsuko Uchida! Ich bewundere, wie sie sich aus dem Nichts als Instrumentalistin in Europa etabliert hat, und das in einer Zeit, in der man eigentlich nur Seiji Ozawa als aus Japan stammenden Künstler kannte. Sie hat damit den Weg für eine zukünftige Generation japanischer Solisten geebnet. Ihre Aufnahmen der Mozart-Klavierkonzerte machen mich sprachlos, aber ich käme nie auf die Idee, ihr Spiel imitieren zu wollen. Ich bewundere außerdem Dinu Lipatti für sein musikalisches Feingefühl und seine außerordentlich präzise Artikulation. Und William Kapell, er war ein Genie mit schier unendlicher Vorstellungskraft.