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Noch heute, 18 Jahre nach meiner Pensionierung, träume ich fast jede Nacht vom Beobachter - stets im positiven Sinne. Ich gebe in meinen Träumen Ratschläge oder befreie hilfesuchende zwangsinternierte Menschen aus einer psychiatrischen Klinik.
Ich erinnere mich an mein Vorstellungsgespräch 1951 beim Beobachter-Gründer Max Ras in dessen mit ausgesuchtem antikem Mobiliar ausgestatteten Büro in Basel. Im Gespräch mit dem Verleger erlaubte ich mir scharfe Kritik an einem unmittelbar vorher in seinem Blatt erschienenen Artikel - und ich fügte hinzu, solche Beiträge würde ich als Mitglied der Redaktion nicht zulassen. Offenbar haben diese Einwände Max Ras nicht verletzt, sondern ihn für mich eingenommen. Und so erklärte er, mich anzustellen.
Flammender Appell an die Leser
Auf seinen Rat hin verfasste ich erst meine Dissertation in Germanistik. Nach einem Jahr meldete ich mich wieder, um meine Stelle anzutreten, doch Ras wollte von unserer Abmachung nichts mehr wissen. Ich war konsterniert, hatte aber nichts Schriftliches in der Hand und schrieb ihm einen harten Brief. Das imponierte ihm, und ich war nun doch engagiert.
Vater Ras, wie wir ihn nannten, las vorgängig jedes Manuskript und visierte es mit einem grossen R. Ohne sein Visum erschien kein Artikel, er war der eigentliche Chefredaktor - und ein Patriarch. Jeweils zu Neujahr spendierte er in seiner Villa einen grosszügigen Apéro für das ganze Kader.
Max Ras hatte bei null angefangen. Als Sohn eines aus Österreich eingewanderten Schneiders musste er sich den Aufstieg zum Verleger hart erarbeiten. Mit sicherem kaufmännischem Instinkt ausgestattet und als damaliger Mitarbeiter der «Basler Nachrichten» mit den Problemen der Werbewirtschaft bestens vertraut, führte schon sein erster unternehmerischer Versuch zu ungewöhnlich schnellem Erfolg: zur Lancierung eines der ersten Gratisblätter der Schweiz. Als der Bundesrat dem Beobachter die verbilligte Zeitungstransporttaxe verweigerte, stand dieser als Opfer staatlicher Willkür da. Das wäre fast das Ende für den Beobachter gewesen. Ras resignierte nicht und vollzog die Wende zu einem abonnierten Blatt - mit einem flammenden Appell an die Leserschaft, das in seiner Existenz bedrohte Produkt nicht im Stich zu lassen. Erst dieser Widerstand hatte aus dem Beobachter ein Kampfblatt gemacht. Das war so nicht geplant und ein Glücksfall. «Stark für die Schwachen» wurde zum Leitmotiv seines verlegerischen Handelns.
Wir Redaktoren waren immer auch Berater - manchmal sogar Anwälte, denn einzelne Fälle trugen wir bis vor Gericht. Jeden Morgen zirkulierte ein Wägelchen mit der Leserpost durch die Redaktion, über 100 Briefe pro Tag, wovon jeder beantwortet wurde. Noch lange hatten wir Redaktoren je eine Sekretärin, die die Antwortbriefe tippte, die wir zuvor ins Diktiergerät gesprochen hatten. Erst seit Anfang der achtziger Jahre wurden die Artikel gezeichnet. Vorher hiess es immer: «der Beobachter meint», «der Beobachter kritisiert». Der Beobachter sei kein Tummelplatz journalistischer Eitelkeiten, meinte einer meiner Arbeitskollegen.
In den ersten drei Jahrzehnten gab es im Beobachter einen Feuilletonteil. Angefangen hatte es mit dem Fortsetzungskrimi «Der Hund von Baskerville», wie Krimis überhaupt ein Spleen von Verlagsgründer Ras waren. Sein Ziel war es, einmal einen Simenon ins Blatt zu holen, was ihm nicht gelang. Dafür haben wir als Erste zwei Krimis von Friedrich Dürrenmatt abgedruckt. Ohne Beobachter gäbe es «Der Richter und sein Henker» und «Der Verdacht» wohl nicht, beide Werke entstanden in unserem Auftrag. Der Feuilletonredaktor musste jeweils eigens bei Dürrenmatt zu Hause die nächste Folge abholen.
Ein Bild im Auftrag des Papstes
1944 erschien die erste Nummer mit dem Kunst-Titelbild, das leider 1980 abgeschafft wurde. Es sei zu kontemplativ, passe nicht mehr zum Inhalt, hiess es. Ausserdem warf uns die progressive Leserschaft bei Anker-Bildern vor, altbacken zu sein. Und als wir ein Kunstbild abdruckten mit dem nackten Jesuskind, war die Empörung bei der konservativen Leserschaft gross. Die Wogen liessen sich auch mit dem Hinweis nicht glätten, das Bild sei im Auftrag des Papstes entstanden.
Zu meiner Zeit als Redaktor gab es Wartelisten für Inserenten, weil wir pro Ausgabe nicht alle Werbekunden berücksichtigen konnten - so gross war der Andrang. Wir lehnten sogar Inserate ab. Ich erinnere mich an eine Reklame für Jura-Trockenrasierer, die ganz fantastische Versprechungen machte. Ich intervenierte und sagte, das stehe im Widerspruch zur Glaubwürdigkeit des Beobachters. Darauf sprach die Jura-Direktion bei uns vor, lenkte ein und änderte den Werbetext.
Gleichzeitig mit dem Angebot des Beobachters hatte ich auch eines der «Neuen Zürcher Zeitung» in der Tasche. Nachdem ich mich für den Beobachter entschieden hatte, liess mich der Chefredaktor der NZZ wissen, ich hätte nun die Möglichkeit verwirkt, je für sein Blatt zu arbeiten. Nie habe ich meinen Entscheid bereut.