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Bei Dreharbeiten für einen Porträtfilm entdeckte Eva Vitija kostbare Dokumente aus der Kindheit von Patricia Highsmith.
Von Ulrich Weber
Ein Dokumentarfilm über eine verstorbene Schriftstellerin wird gedreht – da liegt der Gang ins Archiv nahe. So war es auch bei der Entstehung von «Loving Highsmith» von Eva Vitija über das lesbische Liebesleben der aus Texas stammenden Autorin: Highsmiths Tage- und Notizbücher aus dem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv dienen im Film als durchgehende Schriftspur der Gefühle. Auch viele Fotos aus Highsmiths Nachlass sind im Film zu sehen. Doch im Zentrum stehen die noch lebenden Zeuginnen: Vitija besuchte nicht nur Highsmiths ehemalige Geliebten auf Long Island, in Paris und Berlin, sondern auch ihre letzten Verwandten, die Familie Coates, die bis heute in Texas lebt. Und dort stiess die Filmerin auf einen grossen Schatz mit unbekannten Dokumenten aus Patricia Highsmiths Kindheit, hatte doch die Mutter ihre letzten Lebensjahre bei den Verwandten verbracht.
Neben unzähligen Fotos der kleinen, burschikosen und zugleich scheuen Pat mit ihrer Familie fand sich hier etwa auch die Urkunde der Scheidung zwischen ihrer Mutter und ihrem leiblichen Vater Jay B. Plangman. Die Ehe wurde am 11. Januar 1921 geschieden – acht Tage vor Patricias Geburt. Die Mutter, auf den Fotos eine elegante, kühle Schönheit, war kommerzielle Zeichnerin und Grafikerin. Als Pat zwei war, heiratete die Mutter Stanley Highsmith. Dass er sie adoptiert hatte, erfuhr Patricia Highsmith erst als junge Erwachsene, als sie für ihre erste Auslandreise einen Reisepass brauchte. Vieles blieb unausgesprochen und verwirrend in ihrer Kindheit: Die Mutter liess die Tochter zunächst bei der Grossmutter in Texas zurück, während sie mit Stanley Highsmith in New York beruflich ihr Glück versuchte. Die Mutter war eine begabte Zeichnerin – Beispiele ihrer Kunst fanden sich ebenfalls unter den Dokumenten in Texas. Ein besonders sprechendes ist eine Familienkarikatur. Die kleine Pat steht auf einem Landungssteg und mampft genüsslich ein Sandwich, während ihr ungeliebter Stiefvater am Ertrinken ist und sie um Hilfe anruft. Die Göre meint nur lachend: «So long, Stanley, take it easy!»
Die Zeichnung in ihrer Mischung von schwarzem Humor und unterschwelligem Vorwurf führt vor Augen, was sich hinter dem etwas gezwungenen Lächeln vieler Fotos von Mutter, Tochter und Stiefvater verbirgt: Die schmerzhafte, ja traumatische Hass-Liebe-Beziehung zwischen einer exzentrischen Mutter und einer frühreifen, kreativen Tochter, die ihre Homosexualität ein Leben lang vor ihrer Mutter geheim hielt. Die Spannungen führten schliesslich dazu, dass die Tochter mit 50 Jahren jeden direkten Kontakt zur Mutter abbrach und nur noch über die Coates-Familie indirekt mit ihr kommunizierte. Die Briefe der Mutter versorgte sie in einen Umschlag, beschriftet: «For psychiatrists only». Diese Gefühlshölle nährt all die mörderischen Beziehungsgeschichten ihres Werks. Sie bildet den Stoff, aus dem ein die psychischen Grenzen von Liebe und Gewalt auslotendes Werk seine beklemmende Kraft schöpft. Diese Kraft hat das Kino früh für sich entdeckt und nutzt sie bis heute in unzähligen Verfilmungen von Highsmiths Romanen.
Ein Archiv ist nie vollständig und abgeschlossen: Die reichen Schätze, die die Filmerin Vitija in Texas entdeckte, konnten dank ihrer Hinweise vom Schweizerischen Literaturarchiv erworben werden und ergänzen nun den Kernbestand des Highsmith-Nachlasses.
Die amerikanische Autorin Patricia Highsmith (1921–1995) verbrachte die letzten 14 Lebensjahre im Tessin. Ihr Nachlass liegt im Schweizerischen Literaturarchiv. Das Kino Rex zeigt im November und Dezember einen Highsmith-Schwerpunkt mit 16 Verfilmungen ihrer Werke.
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Letzte Änderung 09.11.2023