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Aus dem Bedürfnis eine Plattform für die freie Tanzszene in Zürich zu schaffen und ihr somit den Austausch untereinander zu ermöglichen, fand 1989 zum ersten Mal das Minifestival Tanz in Stücken in Zürich statt. Organisiert wurde es von der TanzLOBBY Zürich, damals noch IGTZ (Interessengemeinschaft Tanz Zürich), in Zusammenarbeit mit dem Gemeinschaftszentrum Buchegg. Ab 1994 wurde Tanz in Stücken auch Danses en Pièces genannt, da es zu einer Zusammenarbeit mit Genf kam. Es wurde von da an von Anne Rosset, IGTZ Vorstandsmitglied und künstlerische Leitung des Festivals, und Nani Khakshouri, Verantwortliche für Kommunikation und Administration, geführt. Anne Rosset hatte dazumal zusammen mit Yann Marussich und Gilles Jobin die Leitung des Théâtre de l’Usine und war dort für Austauschprojekte zwischen der West- und Deutschschweiz verantwortlich. Aus diesem Grund war Genf und das Théatre de l’Usine auch einer der ersten westschweize Partner des Festivals.
Tanz in Stücken nahm sich als Aufgabe, ein ernstzunehmendes Tanzschaffen in Zürich zu präsentieren. Dies war keinesfalls einfach: Das Publikum war sich zugänglichen, akademischen Tanz gewohnt, da hatte der Zeitgenössische Tanz und seine Lobby ein ganzes Stück harte Arbeit vor sich1.
Um die Zusammenarbeit mit der Kunstsparte Musik zu fördern, gab es für die Choreograf*innen 1993 die übergeordnete Aufgabe, Tanz mit Auftragsmusik zu zeigen. Sie mussten also mit Musiker*innen und Komponist*innen zusammenarbeiten. Das Programm war beim Publikum beliebt und es kam zahlreich.2
Bei der Ausgabe 1994 hatten die Choreograf*innen die Möglichkeit, sich in weiteren Schweizer Städten zu zeigen und auszutauschen. Es kam zu einer Zusammenarbeit mit Genf(Théâtre de l’Usine) und Basel (damalige IGTB). Das Festival wurde in drei Blöcke unterteilt, welche jeweils ein Programm von den Gruppen der teilnehmenden Städte zeigte. Es gab somit einen Zürcher, einen Genfer und einen Basler Abend. Das gesamte Programm wurde in den drei Städten vorgeführt. Dieses Konzept wurde für die weiteren Ausgaben übernommen.
Das Thema für die Choreograf*innen der Ausgabe von 1994 war „Objekt am Körper“ oder „Kostüm“, was zu einer erstaunlich unterschiedlichen Ausführung der Städte führte. Die aus der Deutschschweiz stammenden Choreograf*innen kamen im Kostüm als „schützende Hülle“ oder „selbstauferlegte Fessel“. Die Genfer deuteten das Thema mehr als hemmende Bandage, Maske oder Lüge, aus der es sich zu befreien galt.3
1995 wurde mit Spanien kooperiert und somit ein Austausch zwischen den Tanzschaffenden der beiden Länder ermöglicht. Sechs von der Jury ausgewählten Schweizer Produktionen konnten nach der Schweizer Tournee nach Barcelona reisen, um dort ihre Arbeiten zu präsentieren.
Die Presse der Städte kritisierten das Programm damals sehr unterschiedlich: Die Abende seien langweilig und wiederholend, dass „diese Kunst der Selbstverwirklichung“4 nicht auf die Bühne gehöre. Aber auch dass die Arbeiten hinreissend und witzig mit bleibenden Momenten waren. Es hiess, die Tanzschaffenden der freien Szene seien auf der Suche nach ihrer eigenen Sprache und in der Erforschung ihrer physiologischen und anatomischen Prinzipien.5
1996 ging es dann für die ausgewählten Produktionen nach den Aufführungen in der Schweiz nach
Wien.
Die freie Schweizer Tanzszene hatte es in diesem Jahr im Allgemeinen nicht leicht. Die Presse kritisierte, die Szene habe etwas Verwirrliches angenommen, da in fast jeder grösseren Stadt eigene Tanzprogramme angeboten wurden, welche aber meist den Bedürfnissen des Publikums nicht entsprachen. Die Tanzschaffenden wollten einen Einblick in ihre Arbeit gewähren, indem sie „unfertige Stücke“ zeigten. Die Anerkennung ihrer Kunstsparte blieb aber bis dahin aus.
Bei Tanz in Stücken bemängelte die Presse, dass die sprachliche und theatralische Leistung weit mehr überzeugte als die tänzerische. Das Festival mit dem Grundgedanken, den Austausch zwischen den Choreograf*innen untereinander und der Aussenwelt zu fördern, sei notwendig, damit diese genügend Inputs von aussen erhalten. Überzeugt hatte die Vielfalt, die bei Tanz in Stücken gezeigt wurde und von Tanztheater bis Flamenco reichte.6
Nachdem im vorigen Jahr es vermehrt negative Kritik gab, kam 1997 das Lob. Eine Zusammenarbeit
mit München, Lausanne, Genf, Bern, Basel, Zürich, Cavigliano und Wien kam zustande. Die Stücke
waren laut Presse mitreissend, stilsicher, eigenwillig und gelungen.
Das erste Mal gab es ein Podiumsgespräch „Zeitgenössischer Tanz, c’est quoi ça?“. 7
Das Podiumsgespräch hatte grosse Aktualität aufgrund der unzähligen Fragen und Debatten, was denn Tanz in der heutigen Zeit noch sei, was Zeitgenössischer Tanz bedeute usw. Auslöser dieser Unklarheiten war der Einzug der performativen Ästhetik in die Zeitgenössische Tanzlandschaft der Schweiz Mitte/Ende der 80er Jahre. Diese performative Ästhetik, so schien es Anne Rosset, war vor allem in der Westschweizerischen Tanzszene deutlich erkennbar, während in der Deutschschweiz ein Teil der freien Tanzszene mehr mit Tanzformen und Techniken aus Modern Dance, Ballett Moderne und ein anderer Teil mehr mit Minimal Dance verbunden war.8 Dies könnte auch die Kritik der Presse, die Stücke seien teilweise theatralisch überzeugender als tänzerisch, von 1996 begründen. Für den Zeitgenössischen Tanz war noch keine Definition gefunden, aber die Presse kam zum Schluss: „Wenn es in der Welt dunkler wird, bietet der Tanz Fluchtwege in eine Welt, in der sich Träume, Begegnungen und Bewegungen noch lohnen.9“
Trotz dieser Lobe fand 1997 die letzte Ausgabe von Tanz in Stücken statt. Das Festival für 1998 wurde
geplant, jedoch nicht durchgeführt.
Anne Rosset hörte mit der Organisation des Festivals auf, da die Plattform immer mehr als Schweizerischer Wettbewerb zwischen den Tanzschaffenden präsentiert wurde. Man wollte dadurch mehr Qualität gewinnen. Der eigentliche Beweggrund, eine Plattform für den Austausch junger und nicht etablierter Choreograf*innen zu schaffen, rutschte in dessen Hintergrund.10
Die IGTZ ermöglichte mit Tanz in Stücken vielen jungen und noch nicht etablierten Choreograf*innen, ihre Werke schweizweit und im Ausland zu präsentieren, Erfahrungen und Inputs zu sammeln und sich mit anderen Tanzschaffenden auszutauschen und zu vernetzen. Auch ermöglichte die IGTZ mit dem Festival dem Publikum einen Zugang zur Vielfältigkeit des Zeitgenössischen Tanzes.
Für eine Aufstellung aller Mitwirkenden zwischen 1991 und 1997 siehe Chronik TiSt.
1 Vgl. Autor unbekannt, „lebendige Zürcher Tanzszene – Eine Vorstellungsreihe des freien Tanzes“, Zürich, 1. November 1991, S. 55
Vgl. Eva Bucher, „Seriös bis brav und plötzlich witzig – Das Zürcher Minifestival „Tanz in Stücken“ im Dilemma“, Kultur, 2. November 1992
Vgl. Eva Bucher, „Tanz in Stücken – Gemausert“, Zeitung unbekannt, S. 35 Informationen von Anne Rosset, Zürich, 16. Nov. 2018
2 Vgl. Ursula Pellaton, „Vielfältiges junges Tanzschaffen“, Zürichsee-Zeitung, 2. November 1993
3 Vgl. Verena Keller, „Tanz in Stücken – Danse en piéces – in Basel, Genf und Zürich“, Zeitung und Datum Unbekannt
Vgl. Alexandra Stäheli, „Tanz in Stücken zum Dritten“, bz, 12. November 1994, S. 7
4 Zitat: Ursula Pellaton, „Anfänger, Etablierte, Aussenseiter: „Tanz in Stücken“ – Festival der kurzen Stücke“, Zürichsee-Zeitung, 27. Oktober 1995, S. 23
5 Vgl. Autor unbekannt, „Tanz in Stücken: Abwechslung macht das Leben süss“, Freischaffende Formation, 1995 Vgl. Eva Bucher, „auch in der Kürze liegt die Würze“, Tagesanzeiger, 26. Oktober 1995
6 Vgl. Autor unbekannt, „Getanzte „short cuts“ à la carte“, Der Bund – unabhängige liberale Tageszeitung, 2. November 1996
Vgl. Autor unbekannt, „Tanz in Stücken 96 – Wer schafft den Sprung“, 2 Berner Woche, 249/1996
7 Vgl. Marianne Mühlemann, „Eine Idee wächst über sich hinaus“, Der Bund – Feuilleton, 11. Oktober 1997, S. Vgl. Eva Bucher, „Stückweise vorwärts …“, Tages-Anzeiger, 7. Oktober 1997
8 Informationen von Anne Rosset, Zürich, 16. Nov. 2018
9 Zitat: Marianne Mühlemann, „Eine Idee wächst über sich hinaus“, Der Bund – Feuilleton, 11. Oktober 1997, S. 9
10 Interview mit Anne Rosset, Zürich, 16. Oktober 2018