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Wir machen eine Satzkiste!
Ein Besuch in einer 2. Klasse zeigt, wie die Lehrperson mit einer attraktiv dargebotenen Aufgabe zum Kompetenzbereich «Sprache(n) im Fokus» den Lernprozess in Gang bringt. Von Therese Grossmann.
In der Mitte des Sitzkreises steht eine mit bunten Glasperlen verzierte Schatzkiste auf farbigem Papier. Die Schülerinnen und Schüler der 2. Klasse sitzen auf Kissen und folgen gespannt der Geschichte von Nino, die die Lehrerin zu Beginn der Stunde vorliest. Nun öffnet die Lehrerin die Schatzkiste und fragt, was drin sei. «Es ist ein Zettel», «ein Stück Papier», kommentieren die Kinder sofort, «ein Blatt mit Wörtern drauf.» Ein Knabe ruft lachend: Es ist ein Satz! Aus der Geschichte von Nino. Wir machen aus der Schatzkiste eine Satzkiste!» Die Lehrerin bestätigt den Vorschlag und sagt, heute werde die Satzkiste mit ersten Sätzen aus Geschichten gefüllt. Sie gibt den Kindern den Auftrag, aus den bereitgelegten Büchern auf den Pulten einen ersten Satz auszuwählen und diesen auf einen Streifen Papier zu schreiben. «Ich will einen langen Satz», meint ein Knabe, als er mit dem Stöbern in den Büchern beginnt. Ein Mädchen will den ersten Satz aus der Geschichte von der Hexe Olga abschreiben, weil ihm die Geschichte gefällt.
Ich sehe schon von Weitem, dass nicht alle Sätze gleich viel Platz brauchen.
Die Auswahlkriterien stehen in dieser Stunde nicht im Fokus, heute geht es ums Sammeln – und das machen die Kinder mit grossem Eifer; jedes will seinen Beitrag für die Satzkiste leisten. Schon bald kehren die Kinder in den Kreis zurück und legen die Papierstreifen mit den Sätzen um die Satzkiste.
So verschieden können Sätze sein
«Wir ordnen nun all eure Sätze, habt ihr eine Idee?», fragt die Lehrerin. Ein Knabe schlägt vor, alle Sätze zu nehmen mit einem Fragezeichen am Schluss. Darauf meint ein Mädchen, es könnte auch eine Gruppe von Sätzen mit einem Punkt am Schluss geben. «Ich habe ein Ausrufezeichen», sagt ein Knabe und erzählt, er habe mal ein Zeichen gesehen, das sei wie ein Fragezeichen auf dem Kopf gewesen. Die Lehrerin erklärt, das sei ein spanisches Satzzeichen, aber keines der Kinder hat einen Bezug zur spanischen Sprache. Die Ordnung der Sätze nach Satzzeichen fällt den Kindern leicht, die Streifen sind rasch gruppiert. «Könnten wir die Sätze auch noch anders ordnen?», fragt die Lehrerin. Einem Mädchen fällt auf, dass die Sätze nicht gleich lang sind: «Ich sehe schon von Weitem, dass nicht alle Sätze gleich viel Platz brauchen.» Ein anderes Mädchen meint dazu: «Wir könnten die Wörter zählen in unseren Sätzen und schauen, wer am meisten hat.» Die Kinder stimmen zu, zählen die Wörter, merken sich die Anzahl und schreiben sie hinten auf die Streifen. Nun liest das Kind mit dem längsten Satz diesen vor und legt ihn in die Satzkiste. Als dann der Knabe mit dem kürzesten Satz dran ist, sagt er begeistert: «Ich habe einen Satz mit nur einem Wort und erst noch mit einem Ausrufezeichen. Das probiere ich dann auch aus, wenn ich das nächste Mal eine Geschichte schreibe.» «Dann kannst du ja später deinen eigenen 1-Wort-Satz auch in die Satzkiste geben», schlägt die Lehrerin vor, «wir werden nämlich die Satzkiste bald einmal mit besonderen Sätzen von euch füllen.»
Neugier geweckt
Der Lehrerin ist es gelungen, mit der Wahl der Aufgabenstellung die Neugier der Kinder zu wecken: Sätze auswählen, ordnen und dann an einem schönen Ort ablegen, sind Handlungen, die die Kinder als attraktiv erleben. Dass Aufgaben im Bereich der Sprachuntersuchung für die Schülerinnen und Schüler packend sein können, zeigt auch die Frage eines Mädchens am Schluss der Stunde: «Könnte ich für meine Sätze auch meine eigene Satzkiste machen?