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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Im heutigen Verständnis wird „Apokalypse“ mit „Weltuntergang“ gleichgesetzt. Das Wort griechischen Ursprungs bedeutet aber „Enthüllung, Entschleierung, Offenbarung“ und setzt sich aus „apo“ („weg“) und „kalaptein“ („enthüllen“) zusammen.
Ioan Petry Couliano (1950 – 1991), ein rumänischer Wissenschaftler, schlug eine Klassifikation in 3 Kategorien von Apokalypsen auf der Grundlage der Haltung der Hauptgestalt vor, die sich auf eine Jenseitsreise begab.
1. Der Held wird aufgrund der besonderen Verdienste, die er sich gegenüber dem Jenseits erworben hat, auserwählt;
2. Apokalypsen geschehen ‘zufällig’ infolge eines Unfalls oder einer schweren Krankheit;
3. Der Held bemüht sich aktiv (Trance, Einnahme von Halluzinogenen, psychische und physische Techniken) um Erlangung einer Apokalypse.
*
Vor einigen Wochen hatte ich einen Traum. Ich wanderte durch einen tiefen Wald und stand plötzlich vor einem Felsen, aus dem mit einem Abstand von wenigen Metern zwei Quellen sprudelten.
Unterhalb des Wasserstrahls waren Namensschilder angebracht.
Auf dem einen Schild stand „Mnemosyne“, auf dem anderen „Lehte“. Ich fühlte mich zum ersten hingezogen, der Begriff stand für „Gedächtnis“ und „Erinnerung“, aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich wohl nicht nur einmal an diesen Ort kommen würde, denn auch das Wasser der „Lethe“, des „Vergessens“, würde ich eines Tages trinken müssen.
Ich formte meine beiden Hände zu einer kleinen Schale, fing das Wasser der „Mnemosyne“ auf und trank.
Danach schwebte ich über einem kleinen Jungen. Ich erkannte mich selbst in ihm. Ich muss zu dieser Zeit etwa 12 Jahre alt gewesen sein.
Der Junge lag auf der Seite zusammengekrümmt auf dem Boden unterhalb eines Baumes, auf einer dicken Wurzel. Neben mir, es war tatsächlich ich selbst, lag ein grosser Stein, scheinbar unberührt. Ein Steinwurf davon entfernt erblickte ich einen dicken Ast, schaute in die Höhe und sah, dass dieser sich vorher in etwa 6 m Höhe des Baumes befunden haben muss und jetzt abgebrochen war.
Mein Ich vereinigte sich mit dem Körper des Jungen, der sich in einem tiefen, narkoseartigen Schlaf befand. Ich atme langsam und oberflächlich. Mein Herz schlug unregelmässig. Ich war nicht mehr „in dieser Welt“. Ich sah ein helles Licht am Ende eines dunklen Tunnels und langen Weges.
In mir stritten 2 Kräfte miteinander, die eine Kraft zog mich in die Richtung des Leuchtens, die andere hemmte meinen Schritt, drängte mich zurück, weiter ins Dunkel.
Ich wollte nicht in die schwarze Nacht zurück, mich zog es zum Licht. Ich hörte im Dunkeln neben mir ein starkes Rauschen. „Ist es der Fluss Styx oder ist es mein Blut, das durch die Adern strömt?“, so fragte ich mich. Ich näherte mich mühsam dem Hellen. Je näher ich kam, desto magischer wurde ich dorthin gezogen, ich spürte starke Kräfte. Das Licht umflutete mich, es blendete, ich konnte nichts mehr sehen, aber ich fühlte eine wohlige Wärme. Das Rauschen war sphärenhaften Klängen gewichen.
Dann sah ich einen kleinen Jungen. „Ich bin Erik, erkennst du mich denn nicht?“ rief er. Erik war mein Cousin gewesen, der Sohn des Bruders meiner Mutter, der im Alter von 8 Jahren von einem Auto überrollt worden war. Wir waren seinem kleinen weissen Sarg gefolgt, als er beerdigt worden war. „Bist du denn nicht.“, ich wollte den Satz vervollständigen, konnte aber nicht weiter sprechen. Ein wenig ängstigte ich mich. Aber die Angst verflog so blitzartig, wie sie gekommen war. Wir freuten uns über das Wiedersehen, fassten uns an den Händen und tanzten umher.
Ich sah noch andere Erwachsene, deren Gesichter mir von alten Fotos, die meine Eltern uns Kindern gezeigt hatten, bekannt erschienen. Ich sah einem von ihnen in die Augen, und darin konnte ich kurz das Grab sehen, zu dem mich mein Vater ab und zu einmal mitgenommen hatte. Darin lagen die sterblichen Überreste seines Vaters, meines Grossvaters, der schon lange vor meiner Geburt verstorben war.
Eine grosse, weiss gekleidete Gestalt stand vor mir. „Was machst du hier?“ fragte sie mich grob. Ich blickte sie ängstlich an und wusste nicht, was ich ihr antworten sollte.
Dann stellte ich mir die gleiche Frage: „Was mache ich hier?“ Und: „Wo sind meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister?“ Ich spürte einen starken Drang, sie zu sehen und sie wieder in meine Arme zu schliessen, wollte weinen.
„Deine Zeit ist noch nicht gekommen! Du musst uns wieder verlassen, du hast ein ganzes, langes Leben noch vor dir. Du musst noch selbst eine Familie gründen, Kinder haben. Und wenn diese Kinder selbst wieder Kinder haben, dann will ich dich wieder sehen! Aber bis dahin werden noch viele Jahrzehnte vergehen.“
Die Gestalt musste nicht sprechen, ich wusste einfach, was sie mir sagte.
Sie gab meinem Cousin ein Zeichen. „Ihr werdet euch wieder sehen! Für dich wird es nicht lange dauern! Verabschiede dich jetzt!“ Wir nahmen uns in die Arme, aber ich fühlte seinen Körper nicht.
Er begleitete mich noch zu dem Eingang, durch den ich gekommen war. Die anderen Gestalten folgten im Abstand.
Dann war es wieder stockdunkel um mich herum. Ich befand mich erneut an der Stelle, an der die beiden Quellen aus dem Felsen sprudelten. Ich konnte nicht anders. Ich musste aus der anderen Quelle, unter der „Lethe“ stand, trinken.
Ohne dass eine längere Zeit vergangen war, fühlte ich, dass ich in einem Bett lag, es war weich und eine Decke lag über mir.
Meine Hand lag in der Hand meines Vaters. Ich konnte seine Schwielen bemerken. Ich drückte seine Hand.
„Ich glaube, er wird wieder wach! Gott sei Dank!“ murmelte er und rief: „Herr Doktor, kommen Sie mal!“
Ich schlug meine Augen auf. Mein Kopf schmerzte. Ich spürte einen starken Durst.
Dann schlief ich wieder ein, irgendwie beruhigt.
Meine Frau rüttelte mich. „Bist du wach?“ fragte sie mich. „Du warst so unruhig und hast dich im Schlaf von einer Seite auf die andere geworfen. Hast du geträumt?“
„Ich glaube ja, ich habe aus 2 Quellen getrunken!“
„Wasser oder Wein?“ fragte sie lachend.
Quellen: