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Natürliche Landwirtschaft aus Russland
Mein erster konkreter Kontakt mit Know-how über russische Landwirtschaft fand am idyllischen Hallwylersee statt. Dort betreiben Olga und Franz Felix im Nebenerwerb den «Felix Egghof». Bis dahin erschöpfte sich meine Vorstellung davon Bildern von riesigen Agrarbetrieben, die aus Kolchosen hervorgingen, und die auf für Schweizer Verhältnisse unvorstellbar grossen Flächen Getreide und Gemüse anpflanzen und Viehwirtschaft betreiben. Natürlich gibt es sie, diese Riesenbetriebe wie Ekoniva, den grössten Milchproduzenten in Russland, der einer deutschen Agrar-Holding gehört und mit 50'000 Kühen mehr als 100'000 Tonnen Milch pro Tag produziert oder die vietnamesische TH-Gruppe, die jüngst 2,8 Milliarden US-Dollar in einen kompletten Farm- und Produktionskomplex in der Region Moskau investiert hat. Aber die ganze Realität ist wie so oft viel komplexer.
Die Landwirtschaft Russlands besteht zu einem bedeutenden Teil aus Millionen kleiner «Familienbetriebe». Bereits 1999 waren es 35 Millionen, die 90% der Kartoffeln, 87% der Früchte, 77% des Gemüses, 59% des Getreides und 49% der Milch, die in Russland benötigt werden, produzierten. Sie versorgten damit geschätzte 105 Millionen Menschen, über 70% der russischen Bevölkerung. Seither sind diese Zahlen Jahr für Jahr gestiegen.
Der russische Staat fördert diese Entwicklung aktiv. Laut dem «Gesetz über den Privatbesitz von Gartengelände» von 2003 hat jeder russische Bürger und jede Bürgerin das Recht, kostenlos und steuerfrei ein Grundstück mit einer Grösse zwischen 2,2 bis 6,8 ha als Privateigentum zu erhalten. Das Grundstück kann zum Anbau von Lebensmitteln, aber auch einfach als Ferien- oder Freizeitgelände genutzt werden. Das Ergebnis dieses Entscheids ist beeindruckend. Ein grosser Teil der russischen Familien bauen praktisch alle Lebensmittel, die sie brauchen, selbst an. Aber nicht nur in Gärten und auf Datschas werden Lebensmittel angepflanzt, sondern zunehmend auch in Städten, wo Bewohnerinnen und Bewohner auf Freiflächen und Dächern von Hochhäusern «Urban Gardening» betreiben.
Das hat nicht nur ökonomische Gründe, sondern auch ökologische. «Sorgsamer Umgang mit den Grundlagen unseres Lebens hat in Russland eine lange Tradition», sagt Olga Felix. «Zu wissen, wo und wie etwas produziert wurde, ist den Leuten zunehmend wichtig.» Wie das geht, zeigen Olga und Franz Felix auf dem Egghof. Erstes eindrückliches Beispiel: Die Haltung von Hühnern und Kamerunschafen. Die Tiere bewegen sich frei und sind auch nachts nicht in Ställen eingeschlossen und nicht bewacht. Spontane Frage: Wie viele Hühner fallen Füchsen, Mardern oder anderen Räubern zum Opfer? Antwort: Bisher kein einziges. Die Tiere rücken abends zusammen, Schafe und Hühner schützen sich gegenseitig und schrecken potenzielle Fressfeinde so offensichtlich ab. Das funktioniert offensichtlich.
Zweites, ebenfalls sehr eindrückliches Beispiel: Schädlingsbekämpfung bei Früchten. Auf dem Egghof gibt es neben traditionellen Obstbäumen auch Niederstammpflanzen. Obstbäume ziehen Schädlinge an. Die müssen von den Pflanzen ferngehalten werden, damit verkaufsfähige Früchte heranwachsen können. Für die Schädlingsbekämpfung kommen auf dem Egghof aber keine chemischen Substanzen zum Einsatz, sondern mit Wasser gefüllte Plastikbecken und Solarlampen mit Dämmerungssensor. Das Ganze funktioniert so: In Abständen von rund 20 Metern werden abends die gefüllten Wasserbecken aufgestellt und mit einer Solarlampe beleuchtet. «Wissen muss man dazu, dass Schädlinge vorwiegend in der Nacht aktiv sind, Nützlinge dagegen am Tag», erklärt Olga Felix. Die Schädlinge werden durch das Licht angezogen und fallen ins angeleuchtete Wasser. Der Effekt: Die Schädlinge verenden und die Früchte bleiben verschont und sehen tadellos aus. Auch das funktioniert offensichtlich bestens.
Drittes Beispiel: Anbau von Beeren und Gemüse. Es kommt kein Dünger zum Einsatz, der Boden wird lediglich gemulcht. Und auch hier ist das Ergebnis erstaunlich. Äusserst schmackhafte Beeren und verschiedenstes Gemüse – überdurchschnittlich gross und optisch tadellos. «Gesunder Boden ist voll von Nützlingen, welche das natürliche Wachstum von Pflanzen unterstützen. Durch Verdichtung, Monokultur und den Einsatz chemischer Stoffe werden diese vernichtet. Man versucht also, Pflanzen in einem faktisch schwer geschädigten oder sogar toten Boden gross zu ziehen. Dass das zu keinen nachhaltigen Ergebnissen führt, ist eigentlich leicht verständlich», erläutert Olga Felix die Zusammenhänge. Ein lebendiger Boden dagegen unterstützt Pflanzen beim gesunden und natürlichen Wachstum. Bis traditionell genutzter Boden wieder natürlich «funktioniert» und ökologisch im Gleichgewicht ist, dauert es einige Jahre. Wichtig sind dabei auch Ruhephasen und Fruchtwechsel. In nördlicheren Regionen Russlands trägt die durchschnittliche Vegetationszeit von nur rund 100 Tagen dazu bei, dass Böden nicht übernutzt werden. Bei uns müssen Ruhephasen eingeplant werden.
Ein weiteres Anliegen ist Olga und Franz Felix der Erhalt alter Getreidesorten wie dem Urgetreide Einkorn oder Oberkulmer Rotkorn Dinkel. Die Produkte – Früchte, Gemüse, Getreide und Lammfleisch – bieten auf dem Wochenmarkt in Hitzkirch an. Zudem beliefern sie bereits mehrere Restaurants und Ladengeschäfte mit ihren Produkten, für die sie bereits dreimal die «Bio Gourmet Knospe» erhalten haben, mit der Bio Suisse
Produkte auszeichnet, die den Konsumentinnen und Konsumenten höchsten geschmacklichen Genuss garantieren. Ein Besuch der Website lohnt sich in jedem Fall. Gelegenheit, den Egghof vor Ort kennen zu lernen, bieten die regelmässigen Hofbesichtigungen, die Olga und Franz Felix während der Sommermonate durchführen.
Felix Werner

Kurzportraits
Dr. Olga Felix ist in Russland aufgewachsen und lebt seit 2005 in der Schweiz. Nach einer Grundausbildung zur Ärztin absolvierte sie eine Weiterbildung in Innerer Medizin am Kantonsspital Aarau, sammelte Erfahrungen in den Bereichen Psychiatrie, Kinderheilkunde, Infektiologie und war am Schweizer Paraplegikerzentrum in Nottwil tätig. 2012 erwarb sie den Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin FMH. Heute betreibt sie in Meisterschwanden sehr erfolgreich eine eigene Hausarztpraxis.
Franz Felix ist im Kanton Luzern aufgewachsen und hauptberuflich als Lehrer tätig.
Eigene Erfahrungen?
Die Gesellschaft Schweiz-Russland sammelt Berichte über eigene Erfahrungen über die Begegnung von russischer und schweizerischer Kultur.
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