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Dafflon brauchte den Rest des Vormittags, um eine Liste mit allen Künstlerinnen und Künstlern zu erstellen, die verzweifelt oder eitel genug waren, trotz den Weisungen des Bundesrats weiterhin auf die Bühne zu stehen.
Als ihn dünkte, die Liste sei komplett, liess er seine Assistentin kommen. Während er auf sie wartete, las er eine Whatsapp-Nachricht von Salerno: «Probleme sind Gelegenheit zu zeigen, was man kann! – Duke Ellington.»
Dafflons Assistentin Isa von Greyerz arbeitete seit 21 Jahren für ihn. Sie war schon da, als das Theater Aarelauf eröffnet wurde. Isa war diskret, schnell und gescheit. Dafflon wusste, dass er ihr nicht viel würde erklären müssen.
«Isa, was ich dir jetzt sage, musst du im Kopf behalten. Keine Notizen, bitte.» Isa nickte, und Dafflon fuhr fort: «Wir fahren den Betrieb wieder hoch, schon heute Abend, allerdings inoffiziell, und zwar im hinteren Theaterraum. Die Sache muss sehr verschwiegen und effizient organisiert sein. Wir haben 50 Plätze. Wir verkaufen die Eintrittskarten zu 200 Franken. Der Verkauf erfolgt nur telefonisch, ohne schriftliche Belege und nur an vertrauenswürdige Abonnenten. Die bereinigte Liste möglicher Besucher liegt vor. Du rufst alle einzeln an. Jeder kann bis zu fünf Tickets reservieren. Am Abend gibt es gestaffelten Eintritt über den Innenhof. Immer höchstens fünf Personen auf einmal, stilles Eintreffen, schnelles Eintreten. Ist so weit alles klar?» Wieder nickte Isa. Sie schaute ihn mit diesem fürsorglichen Blick an, der Dafflon meistens ein bisschen beruhigte.
Der Theaterdirektor händigte Isa die Liste mit den Künstlern aus. «Das ist neben der Kundenliste das einzige Dokument. Wenn die Vorstellungen durch sind, werden alle Listen vernichtet. Du wirst sehen, es sind fast alles Comedians. Du kennst die Namen, ich muss dir nichts erklären, fürchterliche Künstler, selbstverliebte Wortspielfetischisten, die für einen müden Lacher ihre Mutter verkaufen würden. Schau nur die neusten Programmtitel: ‹Ausser Rand und Kant – Philosophisches Kabarett› oder die hier: ‹Das Klavier, mein Elixier, ein musikalisch humoriges Programm›. Mir schläft das Gesicht ein, wenn ich solche Titel lese. Aber das Publikum mag alles, was als lustig gekennzeichnet ist. Solange die Leute lachen können, sind sie zufrieden. Entschuldige, Isa, ich will nicht abschweifen, sorge dafür, dass jeden Abend zweimal gespielt wird, 19.30 Uhr und 22 Uhr, und dass wir jeden Abend zweimal die 50 Plätze belegt haben. Ich kümmere mich derweil um eine perfekte Lichtabdeckung der Fenster und totale Schallisolation. Ausserdem besorge ich Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken für die Zuschauer.»
«Gesichtsmasken sind zurzeit kaum aufzutreiben!», versuchte Isa einzuwenden.
«Ich habe Kontakte zu einem Lieferanten in der Ukraine, günstig und gut!»
Mit allabendlichen Einnahmen von 20000 Franken, so rechnete sich Dafflon aus, hätte er in den nächsten sechs Abenden 120000 Franken brutto eingespielt. Abzüglich der laufenden Kosten und der Künstlerhonorare würde ihm ungefähr die Hälfte bleiben. Damit könnte er in einer Woche Salernos 54000 hinblättern. Aber es durfte nichts schiefgehen.
Die Kleinarbeit oblag nun Isa. Dafflon selbst hatte einen Termin mit einem Nationalrat, den er um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte.
Was bisher geschah?
SI-Fortsetzungskrimi
Louis Dafflon, Inhaber eines Kleintheaters in Bern, steckt finanziell in der Klemme. Ausgerechnet jetzt, da wegen der Corona-Krise in der Schweiz alle Theater geschlossen sind, setzt ihn sein undurchsichtiger Kreditgeber Salerno unter Druck. Salerno will von Dafflon innerhalb einer Woche 54'000 Franken. Dafflon sieht nur eine Möglichkeit, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Er muss einen illegalen Theaterbetrieb auf die Beine stellen, und zwar rasch.
Der Nationalrat erwartete ihn auf der Münsterplattform. Er trug einen Kapuzenpullover, Trainingshose und Laufschuhe, was ihn wie einen Jogger aussehen liess. Dafflon setzte sich ans andere Ende der Bank und vergewisserte sich, dass ihnen niemand zuhören konnte. «Eddy, hast du dir Karten gesichert für meine Vorstellungen?»
Der Nationalrat antwortete mit französischem Akzent, aber in einwandfreiem Deutsch: «Dafflon, du riskierst deinen Kopf mit diesem illegalen Programm. Aber Jeannette hat tatsächlich schon gebucht. Zu Hause fällt ihr die Decke auf den Kopf. Sie findet es unglaublich aufregend, in ein illegales Theater zu gehen. Sie stelle sich das prickelnd vor, wie Champagner zu trinken in einem Nachtklub von Manhattan zu Zeiten der Prohibition.»
Dafflon schaute den Nationalrat von der Seite an. Eddy, gebürtiger Freiburger, lebte in einer steuergünstigen Gemeinde ausserhalb der Stadt. Er war spezialisiert auf Gesundheitsfragen, Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, Verwaltungsrat vieler Firmen in der Medizinbranche und Inhaber einer PR-Agentur, die sich auf Medizinfirmen spezialisiert hatte. Trotzdem und trotz seiner sportlichen Kleidung an diesem Nachmittag sah man ihm den viel zu hohen Blutdruck an. Dafflon hatte Eddy vor Jahren in seinem Theater kennengelernt. Eddys Frau Jeannette, Deutschlehrerin am Gymnasium in Burgdorf, gehörte seit Jahren zu den treusten Besucherinnen von Dafflons Theater.
Jetzt versuchte Dafflon, dem Nationalrat ein paar Informationen zu entlocken: «Deine Frau hat recht. Die illegalen Shows werden in die Geschichte eingehen. Aber ich muss etwas anderes wissen, Eddy: Du kennst alle Mitglieder des Bundesrats. Wie ist im Augenblick die Stimmung? Glaubst du, dass sie mehr wissen, als sie uns sagen? Glaubst du, dass sie diese Corona-Sache verharmlosen, damit die Bevölkerung nicht durchdreht? Ich muss wissen, wie es wirklich steht, Eddy, ich habe einen Betrieb zu führen, ich muss mich orientieren können!»
Der Nationalrat, den Dafflon nur immer Eddy nannte, sagte lange nichts. Dann folgte ein einziger Satz, der durch den französischem Akzent nicht weniger bedrohlich klang: «Louis, die Situation ist schlimm, sehr schlimm, schlimmer, als wir zu denken wagen.»
Dafflon rauchte in nervösen Zügen und bat Eddy darum, noch eine andere Angelegenheit ansprechen zu dürfen.
Eddy animierte Louis mit einer Geste zum Reden: «Weisst du, Eddy, ich habe Geldsorgen. Salerno war bei mir und hat mir Druck gemacht!»
«Salerno ist wieder in der Schweiz? C’est pas vrai!» Jetzt war es Eddy, dessen Teint sich verfärbte: «Qu’est-ce qu’il veut? Hat er etwas von mir gesagt?»
Als hätte er geahnt, dass über ihn geredet wird, schickte Salerno eine neue Whatsapp-Nachricht an Dafflon. Als er das Smartphone zur Hand nahm, erschrak der Theaterdirektor darüber, wie sehr seine eigene Hand zitterte. Auf dem Display las er: «In grossen Krisen zerbricht das Herz oder wird zu Stahl. – Honoré de Balzac.»