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Die Furggel
Der Vater wanderte mit seinem zwölfjährigen Sohne im grauen Frühlicht eines Septembermorgens gegen Osten durch ein leicht ansteigendes Bergtal hinauf. Über dem Flüßchen, das hier zwischen Erlengebüschen und krautigen Wiesen noch breit und ruhig dahinzog, schwebte ein dünner Nebel, den die Wandernden als kühlen Hauch im Gesichte spürten, wenn der Weg sie in die Nähe des Wassers oder über eine Holzbrücke auf das andere Ufer führte. Die dunklen Waldhänge aber sah man auch durch den Nebel auf beiden Talseiten steil gegen den blaßblauen Morgenhimmel steigen.
Der Knabe durfte den Vater zum erstenmal in eine Gegend begleiten, die nächstens für die Gemsjagd freigegeben wurde, und wartete mit froher Spannung auf alles, was ihm dieser lang ersehnte Tag bescheren würde. Er konnte mit dem großen stattlichen Manne noch nicht Schritt halten, doch hätte er niemals zugegeben, daß man deshalb auch nur um Fingersbreite mäßiger ausgeschritten wäre. Mühelos und freudig aufgeregt blieb er neben ihm, schaute mit dem klugen Gesicht, in dem sich schon die kräftig bestimmten väterlichen Züge abzeichneten, neugierig nach allen Seiten, hörte mit wachen Ohren auf jedes Wort und folgte mit raschem Blick jedem Hinweis. Auf einer kurzen ebenen Strecke pfiff der Vater einen Marsch und ging nun doch etwas kürzer, weil der junge, weit ausholend, durchaus im Takte bleiben wollte. Als der Marsch bei der nächsten Steigung zu Ende war und jeder wieder in sein eigenes Schrittmaß fiel, blickten sie einander lachend an; sie waren gute Kameraden.
Bald kamen sie an den Fuß eines bewaldeten Rückens, wo das Tal sich in zwei Täler gabelte, das Flüßchen in zwei Bäche, die Bergstraße in einen schmalen Fahrweg und einen Fußpfad. Während sie den Pfad einschlugen, der nach Südosten in das engere, steilere Tal hinaufführte, deutete der Vater in den Waldrand hinein auf einen mannshohen, von Efeu, Moos und Bärlapp überwachsenen Felsblock. «Von jener grünen Kanzel herab», sagte er, «hab› ich den großen Fuchs geschossen, den jetzt die Mutter als Pelz trägt. Er wog achtzehn Pfund.»
«Das ist viel, nicht?»
«Ja, sehr viel. Gewöhnlich wiegen unsere Füchse hier etwa zwölf bis vierzehn Pfund, wenn sie ausgewachsen sind.»
«Aber gelt, es kommt mehr darauf an, ob ein Fuchs in den Haaren gut ist als wieviel er wiegt?»
«Richtig! Und dieser Bergfuchs war gut, er hatte schon das schöne lange Winterhaar, darum hat Mutter ihn auch bekommen. Am schönsten war er freilich, als er flüchtig aus dem dunklen Tannenwald herabkam, in raschem Trab, gespannt, lautlos, und dann da unten zwischen entlaubten Buchen in der Sonne auf einmal prächtig rotgelb aufleuchtete, oder als er überhaupt noch lebend in diesen Wäldern herumstrich.»
«Ja, das glaub› ich … Aber ich hätte ihn auch geschossen.»
Der Vater lachte. «Da siehst du! Viele Menschen verstehen nicht, daß man an den wildlebenden Tieren die größte Freude haben und sie dennoch erlegen kann. Das sei ein Widerspruch. Kann sein, daß es einer ist, aber das Leben hat viele Widersprüche, man kann nicht alle lösen, und es ist trotzdem schön.»