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Der Herr hat Saulus von Tarsus nicht nur auf eine besondere Weise zur Bekehrung gerufen, sondern hat ihm dann auch einen ganz besonderen Auftrag gegeben.
Als Apostel der Nationen wurde er ausgesandt, um überall die Botschaft vom Heil in Christus zu predigen. In der Apostelgeschichte und in seinen Briefen können wir verfolgen, mit welch grosser Hingabe er dies getan hat.
Sein zweiter Brief an Timotheus ist der letzte, den er geschrieben hat. Paulus sass damals im Gefängnis und wusste, dass er in kurzem zum Tod verurteilt werden würde. In dieser Zeit wurden in den Versammlungen von Kleinasien schon Abweichung und Verfall sichtbar, und Paulus lässt seinen jungen Mitarbeiter wissen, dass dieser Verfall rasch zunehmen würde. Das sagte er ihm aber nicht, um Timotheus als Kämpfer für eine verlorene Sache zu entmutigen. Im Gegenteil, er regte ihn an, sich in der Gnade, die in Christus ist, zu stärken.
Das Werk musste seinen Fortgang nehmen und durch Männer wie Timotheus ausgebreitet werden. Und wenn dieser nicht mehr da ist, so müssen wieder andere die Aufgabe übernehmen. Das waren dann Arbeiter der dritten Generation, würden wir sagen. Paulus konnte wohl kaum vermuten, dass die Wiederkunft des Herrn noch so manche Jahrhunderte auf sich warten liesse und noch so viele Tausende von Arbeitern nötig werden würden.
Darum sind die Anweisungen für neue Arbeiter, wie er sie in 2. Timotheus 2,2 gibt, so besonders wichtig. Sie müssen zu Herzen genommen werden von allen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob der Herr sie vielleicht in seine Arbeit beruft. Sie sind auch von grosser Bedeutung für die, die solche Personen ermutigen und ihnen «die Hände auflegen».
Nach diesem Vers müssen solche Personen mindestens drei Forderungen genügen:
- Sie müssen eine gute Erkenntnis von der christlichen Lehre haben, wie sie Paulus verkündigt hat;
- sie müssen treue Menschen sein;
- sie müssen Menschen sein, die die Fähigkeit besitzen, andere zu lehren.
Erkenntnis, Treue und Fähigkeit – eine wichtige, dreifache Schnur!
Und keine der drei Eigenschaften darf fehlen. Auch wenn jemand alle Erkenntnisse und Einsicht hätte und auch treu wäre, wie könnte er den Dienst ausüben, wenn ihm die Fähigkeit dazu fehlte? Und was konnten Erkenntnis und Fähigkeit nützen, wenn es ihm an Treue mangelte? Auch Treue und Fähigkeit sind nicht genügend, wenn Erkenntnis fehlt. Eine dreifache Schnur, wovon das Fehlen einer Faser die Erfüllung dieser Aufgabe unmöglich macht.
Erkenntnis der Lehre
In gewissem Sinn haben alle Gläubigen die Liebe zur Wahrheit angenommen und sind zur Erkenntnis der Wahrheit gekommen. Von allen Gläubigen wird erwartet, dass sie, wie die Philipper, am Evangelium teilnehmen und auch Mitteilnehmer der Gnade sind in der Verteidigung und Bestätigung des Evangeliums (Phil 1,7.16); dass sie es wagen, das Wort ohne Furcht zu verkündigen; dass sie würdig des Evangeliums wandeln und mit diesem Glauben mitkämpfen.
Für die, die sich in besonderer Weise in den Dienst des Herrn stellen wollen, sei es in ihrem eigenen Land oder als Missionar im Ausland, gilt dies noch in stärkerem Mass.
Eine wichtige Frage ist, wie man sich die Erkenntnis erwerben soll. Das ist nun leichter als damals. Die Bibel, wie wir sie jetzt kennen, war noch nicht vollständig und stand nicht allen zur Verfügung. Mündliche Belehrung spielte noch eine grosse Rolle.
Timotheus selber hatte seine Erkenntnis aus einer unbestreitbar reinen Quelle empfangen, der ganze Ratschluss Gottes war ihm verkündigt worden. Und diese Erkenntnis sollte er weitergeben, nichts davon wegnehmen und nichts dazufügen. Wir haben nun die vollständige Bibel in vielen Sprachen zur Verfügung. Sie muss vor allem betend gelesen und studiert werden. Wir haben daneben auch die schriftlich festgelegten Unterweisungen von vielen erfahrenen Lehrern, Hirten und Evangelisten, in einer grossen Anzahl Bücher. Wir haben unsere Konferenzen und Zeitschriften.
Treue
Treue muss sich zeigen, sagt ein Sprichwort mit Recht. Im geistlichen Werk, um das es hier geht, zeigt sich die Treue durch die Weise, in der ein Dienst verrichtet wird. Im Anfang besteht sie gewöhnlich aus kleinen Dingen. Der Herr hat gesagt, dass, wer in kleinen Dingen nicht treu sei, auch in grossen Dingen nicht treu sein werde.
Timotheus seinerzeit wurde von Paulus als Mitarbeiter angenommen, nachdem die Brüder aus zwei Versammlungen günstige Zeugnisse über ihn gegeben hatten. Auch Männer wie Tychikus und Epaphras werden treue Diener genannt. Natürlich kann sich niemand selbst als treuer Diener empfehlen. Lydia sagte so schön: «Wenn ihr urteilt, dass ich dem Herrn treu bin, so kehrt in mein Haus ein» (Apg 16,15).
Diese Treue im Dienst muss sich also zuerst erweisen. Darum empfing Timotheus anderswo die Ermahnung, niemand die Hände schnell aufzulegen. Wo diese Worte nicht zu Herzen genommen werden, kann man kaum etwas anderes als Enttäuschung erwarten. Natürlich können Enttäuschungen nie zum Voraus ausgeschlossen werden. Paulus und Barnabas wurden in Johannes-Markus enttäuscht und auch Demas, ein anderer Mitarbeiter im Evangelium, gab Anlass dazu, als er den gegenwärtigen Zeitlauf lieb gewann und nach Thessalonich reiste. Solchen Gefahren ist jeder Diener dauernd ausgesetzt, und es kommt daher für ihn darauf an, dass er allezeit wachsam ist, sich in der Gnade des Herrn stärkt und in der Macht seiner Stärke.
Dass sich doch alle Diener des Herrn beeiferten, aus dem Mund des Meisters die Worte hören zu dürfen: «Wohl, du guter und treuer Knecht. Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen.»
Fähigkeit
Ach, dieser Punkt wurde schon oft übersehen, zum Schaden für die Personen selbst und für das Werk, zu dem sie ausgingen! Kelly weist darauf hin, dass wohl niemand in einem solch grossen Masse das Vorrecht hatte, vom grossen Apostel Unterweisung zu empfangen, wie Timotheus. Er sollte sie aber nicht für sich behalten, sondern anderen weitergeben, die ihrerseits wieder andere belehrten. Und durch Gnade würden dabei jene die besten Resultate erzielen, die in Treue die Fähigkeit dazu hatten. Wörtlich sagt Kelly: «Was den Dienst des Wortes betrifft, ist es nichts anderes als Fanatismus und kein Glaube, die Bedeutung der Befähigung zu missachten.» Er erinnert dann an das, was der Herr im Gleichnis von den Talenten lehrte. Dieses Gleichnis aus Matthäus 25 enthält in der Tat wichtige Anweisungen. Als jener Herr ausser Landes reiste, übergab er seine Habe seinen Knechten. Von einem Auftrag, was sie damit zu tun hatten, lesen wir nichts. Die ersten zwei hatten dies auch nicht nötig. Ihre Treue leitete sie an, ohne besonderen Auftrag mit den ihnen anvertrauten Talenten zu handeln und neue dazu zu gewinnen. Der Dritte vergeudete das ihm anvertraute Talent nicht, aber er unternahm auch nichts damit. Er ist der Typ eines Knechtes, der sich auf den Boden des Gesetzes stellt. Er hat Angst vor seinem Meister, den er als hart bezeichnet, und verbirgt daher das Talent sorgfältig, ohne etwas damit zu tun. Er wird darum als böser und fauler Knecht verurteilt. Wie ganz anders handeln die anderen! Im Licht ihrer Handlungsweise bekommt Römer 12,6 für uns eine tiefe Bedeutung!
Der Meister verteilte seine Talente nicht gleichmässig, sondern berücksichtigte die Fähigkeit der Knechte. Die Talente sprechen von den geistlichen Gaben, die «Fähigkeit» von der natürlichen Tauglichkeit des Knechtes. Natürlich ist es ebenfalls Gott, der die letztere gibt. Niemand hat sich selbst erschaffen. Aber der Herr hält beim Zuteilen seiner Gaben Rechnung mit der natürlichen Fähigkeit.
Es wäre töricht, anzunehmen, dass der Herr jemand zu einem bestimmten Werk berufe, ohne ihm auch die natürliche Fähigkeit dazu gegeben zu haben. Im genannten Gleichnis unterscheiden sich die ersten beiden Knechte sehr in der Fähigkeit und daher auch in der Anzahl der ihnen anvertrauten Talente und selbstverständlich auch in den erzielten Ergebnissen.
Die Praxis lehrt zum Beispiel, dass es für Missionare nötig ist, sich Kenntnis zu erwerben über das Volk, unter dem sie wirken. Paulus liess erkennen, dass er mit der Literatur der Athener und der Kreter bekannt war. Es ist sehr schwierig, Menschen zu belehren, deren Denkweise und Entwicklung man nicht kennt. Und natürlich ist es notwendig, eine gründliche Kenntnis ihrer Sprache zu besitzen. Eine solche Kenntnis hat sich der Diener zuvor auf die eine oder andere Weise anzueignen, und auch dafür muss er die Fähigkeit haben.
Unter uns ist der Ausdruck geläufig geworden: «Er ist in das Werk des Herrn gegangen.» Man meint damit, dass sich dann eine solche Person in ihrer ganzen Zeit völlig hingibt, um den Dienst zu verrichten, zu dem der Herr sie berufen hat, sei es hier oder in der Ferne.
Bevor dies geschieht, müssen andere schon die erforderlichen Eigenschaften bei dem Bruder festgestellt haben im Dienst, den er in ihrer Mitte verrichtet hat. Der Dienst beginnt am Wohnort.
Timotheus wurde von Paulus selbst mitgenommen, auf das Zeugnis der Brüder in Lystra und Ikonium hin (Apg 16,2). Der «Empfehlungsbrief», den die Brüder in Ephesus für Apollos schrieben, war auf seinen Dienst in ihrer Mitte gegründet (Apg 18,26.27). Barnabas und Saulus wurden erst für den Dienst unter den Nationen ausgesondert, nachdem sie ihren Dienst in der örtlichen Versammlung ausgeübt hatten (Apg 13,1-3). Zudem machte der Heilige Geist seine Absicht nicht nur diesen beiden Dienern deutlich, sondern auch den anderen Brüdern.
Im Zeitabschnitt des örtlich begrenzten Dienstes können die genannten Eigenschaften zur Entfaltung kommen. Jeder Anfang ist schwer. Viele Brüder, die sich an ihre erste Sonntagsschularbeit, an ihr erstes «Sprechen» in dem Zusammenkommen erinnern, sind dankbar, dass ihnen damals niemand gesagt hat: Das darfst du nie mehr tun!
Und obwohl auch hier «das Jagen nach Vervollkommnung» geboten ist, kann man doch gewiss von niemand in allen drei Punkten Vollkommenheit erwarten. Aber es ist klar, dass man von einem Bruder, der sich ganz in den Dienst des Herrn stellen will, darin mehr erwarten kann als von einem Bruder, der in einer örtlichen Versammlung dienen möchte.
Es wäre unverantwortlich, jemandem die Hände aufzulegen, das heisst, ihn für ein Werk zu empfehlen und ihn zu unterstützen, bevor sich die Fähigkeit dazu gezeigt hat. Wo dies getan wird, ist Enttäuschung zu erwarten, mit allen ihren Folgen.
In verschiedenen Ländern sind unter uns solche Enttäuschungen vorgekommen. Auch das «Missionswerk der Brüder» hat viele Enttäuschungen gezeitigt. Nachher muss man dann oft bekennen, dass man die Hände zu schnell aufgelegt und die erwähnten Bedingungen zu wenig in Erwägung gezogen habe.
Erkenntnis, Treue und Fähigkeit – eine dreifache Schnur, die nicht sobald zerreissen kann.