Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/1305

Das Wort «Fernseh-Spiele» kam bereits im letzten Jahrhundert auf. Gemeint war allerdings etwas völlig anderes als das, was uns «Tokio 2020» gebracht hat.
Der Begriff stand für Olympische Spiele, die weltweit live am TV-Apparat zu sehen waren. Möglich machten diese damals als schieres Wunder erlebte Entwicklung die Nachrichten-Satelliten. Die NASA hatte am 26. Juli 1963 den ersten für TV-Übertragungen tauglichen Satelliten ins All geschickt.
Olympische Spiele ohne Zuschauerinnen und Zuschauer, nur noch auf «Bildermaschinen» zu sehen – das war bis vor wenigen Jahren ausserhalb jeder Vorstellungskraft. Oder besser: Niemand wollte es für möglich halten.
Und nun also «Tokio 2020.» Die ersten Spiele ohne Publikum. Und doch dank der Bilder-Übermittlung in alle Welt dennoch ein grosser Publikumserfolg.
Womöglich hat die Welt-Viruskrise bloss die Zeit beschleunigt und uns die künftige Form des olympischen Spektakels vor Augen geführt. Es waren schon oft Krisen, die eine Entwicklung angestossen, beschleunigt oder überhaupt erst möglich gemacht haben.
Um es etwas salopp und in Kurzversion zu formulieren: Zuerst ist der Sport in der Neuzeit eine Freizeitbeschäftigung für Reiche und Superreiche. Später wird der Sport im Zuge der Industrialisierung demokratisiert, zum Freizeitvergnügen für fast alle und staatlich gefördert, um nach der Einführung der Wehrpflicht die Fitness der Soldaten zu verbessern («Wehrtüchtigkeit»). Aber ein Geschäft ist er immer noch nicht.
Erst die Entwicklung des Profisports, ausgehend von den USA (erstes Baseball-Profiteam 1869 in Cincinnati) und England (erste Fussball-Profiliga 1879) bringt die zahlenden Zuschauerinnen und Zuschauer ins Spiel. Irgendwoher muss das Geld ja kommen, um den Profisport zu finanzieren.
Bis in die 1970er-Jahre hinein bleiben die Zuschauereinnahmen das wirtschaftliche Rückgrat des Profisports und der Olympischen Spiele. Der Sport als Transportmittel für Werbung wird in der Schweiz noch in den 1970er-Jahren von konservativen Kreisen abgelehnt. Die Fachzeitung «Sport» (sie existiert nicht mehr) schwärzt damals auf Fotos die Werbung auf den Trikots der Fussballspieler. Aber nur für eine kurze Zeit.
Der Siegeszug der Werbung in den verschiedensten Formen ist im Sportbusiness dank des Fernsehens spätestens in den 1980er-Jahren nicht mehr aufzuhalten. Und nun kommt der Verkauf der TV-Rechte hinzu. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts funktioniert Profisport im grossen Stil nur noch, wenn TV- und Werbeeinnahmen klar höher sind als der Erlös aus dem Verkauf von Tickets.
Aber ein globales Sportereignis ganz ohne Ticketverkauf, ohne Publikum ist bis ins Jahr 2021, bis zu «Tokio 2020», undenkbar.
Und nun reiben wir uns die Augen und wachen auf: «Tokio 2020» hat uns gezeigt: Es geht ja auch ohne zahlende Zuschauerinnen und Zuschauer.
In Japan waren 16'000 Spezialistinnen und Spezialisten mit dem Herstellen und dem «Versenden» der Bilder beschäftigt. Sie bedienten gut 1000 Kameras und setzten mehr als 3500 Mikrofone ein, um das Spektakel einzufangen und produzierten daraus den Inhalt für fast 10'000 Stunden.
Die Technik macht es möglich, dass die Übermittlung dieser Bilder nicht mehr auf die klassischen TV-Kanäle angewiesen ist. Wir sind nicht mehr an einen TV-Apparat gebunden, wenn wir Sportereignisse sehen wollen.
Und spätestens seit «Tokio 2020» ist klar, dass die Technik fähig ist, dass sie etwas vermag, was im letzten Jahrhundert und erst recht in den Zeiten des Schwarz-Weiss-Fernsehens undenkbar schien: Bilder vermögen pure Emotionen zu transportieren. Es sind längst nicht mehr nur laufende, es sind lebende Bilder. Sie sind «Big Business».
Für die Bildrechte (es geht ja längst nicht mehr nur um TV-Bilder) nimmt das IOC für die Winterspiele von 2018 in Südkorea und die Spiele von Tokio insgesamt rund 7 Milliarden Franken ein.
Sport ohne Besucherinnen und Besucher im Stadion schien bis «Tokio 2020» irgendwie wie Sport ohne Seele. Braucht es denn nicht die Stimmung in der Arena? Wird der Sport «steril» und verliert seine Faszination ohne diese Atmosphäre? Mag sein, dass das im Teamsport (noch) zutrifft. Die UEFA hat darauf bestanden, dass 2021 für die Spiele des europäischen Titelturniers das Publikum trotz Welt-Viruskrise ins Stadion darf.
Aber im olympischen Einzelsport braucht es die Schaulustigen zur Produktion faszinierender, mitreissender Bilder nicht mehr. Der Veranstalter benötigt sie nicht mehr. Und die Athletinnen und Athleten auch nicht. Weder um berühmt zu werden noch für die Vermarktung. Und auch nicht als Motivation. Rekordmarken sind in Tokio reihenweise in leeren Stadien gefallen. Sport ohne Publikum, bisher eigentlich undenkbar, funktioniert. Das ist die beklemmende Botschaft von «Tokio 2020».
Ob wir bereits in den nächsten 20 Jahren «virtuelle Spiele» erleben, ist unter anderem auch eine Frage des Geldes. Der Aufwand, um den Sport dem Publikum vor Ort zugänglich zu machen (der Bau von Stadien, die Lenkung und der Transport der Massen, die Kosten für Sicherheit) wird immer grösser.
Der Ertrag mit der «Bewirtschaftung» des Publikums (Ticketeinnahmen, Gastronomie) ist hingegen begrenzt. Die Spiele verursachen so enorme Kosten, dass sie bald in Ländern nicht mehr durchgeführt werden können, in denen das Volk das letzte Wort hat.
Die Frage ist deshalb auch: Lassen sich bei Olympischen Spielen ohne den Bau von riesigen Stadien mit hohen fünfstelligen Besucher-Kapazitäten, die nur für ein paar Tage wirklich sinnvoll gebraucht werden können, denn nicht Millionen, ja Milliarden sparen?
Wir können die Vision noch weiter ausbauen: Der nächste Schritt nach dem Verzicht auf das zahlende Publikum vor Ort ist der Ausschluss der unabhängigen Augenzeugen, der Chronistinnen und Chronisten. Der freien, von den Veranstaltern nicht kontrollierbaren Medien. Um am Ende ein sportliches Spektakel wie im Filmstudio zu produzieren und nur noch von eigenen, abhängigen Leuten kommentieren und analysieren zu lassen, die ein Teil des Systems sind. Mit allen unbegrenzten Möglichkeiten der Manipulation und Vertuschung.
Es gibt dann nur noch die künstliche Wirklichkeit der übertragenen Bilder. Ausgeblendet wird alles, was nicht in die schöne, heile Welt passt. Die künstlichen, die perfekten Olympischen Spiele, produziert wie ein Hollywood-Film. Die schöne neue, manipulierte Welt des Sports.
Oder ist das alles bloss Sport-Kulturpessimismus?