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Saalführer
Emily Jacir. We Ate the Wind
26.5— 27.8.2023
Espace Projet
Die Werke von Emily Jacir, die auf Archivquellen und zugleich auf subjektiven oder biografischen Erzählungen beruhen, geben zum Schweigen verurteilten Geschichten eine Form und beschäftigen sich mit Austausch, Übersetzung, Widerstand und Bewegung. Die im Mittelmeerraum ansässige Künstlerin hinterfragt mit ihren Filmen, Videos, Fotografien, Skulpturen, Performances und Installationen persönliche und kollektive Bewegungen in Raum und Zeit. Viele ihrer Werke antworten auf bestimmte Kontexte und beschäftigen sich mit Fragen des Ortswechsels, der Migration und des Überschreitens von Grenzen; die Künstlerin interessiert sich insbesondere dafür, wie sich das historische Gedächtnis im Lauf der Zeit oder nach geografischen Bedingungen verfestigt und auslöscht.
In Fortsetzung ihrer Überlegungen zur Politik der Übersetzung und zur Notwendigkeit, mehrsprachige, interkulturelle Geschichten zur Kenntnis zu nehmen, hatte ihr Projekt stazione (2008–2009) für die 53. Biennale von Venedig vorgesehen, die Beschriftung der 24 Haltestellen, an denen das Vaporetto der Linie 1 entlang des Canal Grande anlegt, zu erweitern und neben dem üblichen Italienisch die Namen dieser Haltestellen auf Arabisch hinzuzufügen, doch wurde das Projekt von den venezianischen Behörden kurzerhand untersagt. Ihre poetische Geste, die auf elegante Weise die lange Geschichte der Einflüsse und des Austauschs zwischen der arabischen Welt und Venedig betonte, war lediglich in den von der Künstlerin verbreiteten Broschüren zu sehen. Für ein aktuelles Projekt, Pietrapertosa (2019–2020), schuf die Künstlerin eine permanente kreisförmige Steinskulptur für eine Kleinstadt in der süditalienischen Region Basilicata. Das Projekt beruhte auf ihren Gesprächen mit den Einwohner:innen über das arabische Erbe, dessen Einfluss sich noch in den Bräuchen und der Sprache des Dorfs spiegelt. Das grosse Medaillon aus Gorgoglione, einem Sandstein, der nur in dieser Region vorkommt, trägt eine Inschrift auf Arabisch und Italienisch: «Du bist unter unser Volk gekommen, und dein Leben ist sicher.»
Zwar steht die Frage der freiwilligen oder erzwungenen Migrationen im Mittelpunkt von Emily Jacirs Tätigkeit, doch beschäftigt sie sich ganz besonders mit den Prozessen der «Anerkennung» im politischen und rechtlichen Sinn und deren Auswirkungen auf die Zugehörigkeitsoder Entfremdungsgefühle der Menschen. Für ihre Intervention im Espace Projet präsentiert sie so eine Filminstallation aus aktuellen Bildern und Archivalien, welche Fragen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Nähe und Ferne, Gastfreundschaft und Ausgrenzung behandeln, um einen aktuellen Aspekt der Schweizer Migrationspolitik und dessen Auswirkungen zu erkunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg betreibt die Schweiz eine Politik, die weitgehend auf der Anwerbung von «Gastarbeitern» beruht, doch nicht vorsieht, dass sich diese dauerhaft niederlassen. Unter ihnen befinden sich mehr als zwei Millionen Italiener. Auf diese Weise entwickelt sich ein Status (2002 abgeschafft), der zum Symbol der Einwanderung in die Schweiz wird: der Status der Saisonniers, der die Familienzusammenführung ausschliesst und für die Kinder der Migrant:innen in einigen Fällen ein Leben in Verborgenheit, Unsichtbarkeit und Schweigen bedeutet. Diese zahllosen «Schrankkinder» fordern heute eine Wiedergutmachung und die Anerkennung dieser Menschenrechtsverletzung durch den Staat.
In Zusammenarbeit mit Tänzer:innen und Musiker:innen behandelt Emily Jacir Fragen der Familientrennung und fragmentierter Gemeinschaften, des öffentlichen und privaten Raums und im weiteren Sinn der Anerkennung und Wiedergutmachung. Indem sie sich von Ritualen wie Tänzen, Prozessionen und Spielen inspirieren lässt, vergegenwärtigt sie die Weise, sich Raum, Gemeinschaft und Erinnerung neu anzueignen. In Anlehnung an ihre eigene Geschichte (wie viele Palästinenser:innen wuchs sie als Tochter von Saisonniers am Golf auf und musste ihre Familie im Alter von 14 Jahren verlassen) zitiert Emily Jacir Bilder traditioneller Gemeinschaftstänze aus der süditalienischen Region Salento, insbesondere die Pizzica aus der Familie der Tarantella, die mit Heilungsritualen verbunden ist und die sie seit mehr als zehn Jahren tanzt. Auf das den Kindern auferlegte Schweigen antwortet so der Klang, auf Eingeschlossensein die Freude am Rhythmus und an der Bewegung, auf Verborgenheit die Begegnung im öffentlichen Raum. Zwischen Flüstern und Schreien, Nähe und Distanz, persönlicher Geschichte und kollektivem Trauma gibt Emily Jacir dem historischen Gedächtnis durch die fragmentarische Montage von Bildern und Tönen eine Form.
Biografie
Emily Jacir absolvierte ihre Studien im Memphis College of Art und im Rahmen des Whitney Independent Study Program in New York. Die Gründerin und Leiterin von Dar Yusuf Nasri Jacir for Art and Research in Bethlehem, Palästina, unterrichtet an der Nuova Accademia di Belle Arti in Rom, am Whitney Independent Study Program in New York und an der Salama bint Hamdan Al Nahyan Foundation in Abu Dhabi.
Seit 1994 werden ihre Werke weltweit gezeigt. Sie veranstaltete Einzelausstellungen u. a. im Irish Museum of Modern Art Dublin (2016–2017), in der Whitechapel Gallery London (2015), im Darat al Funun Amman (2014–2015), im Beirut Art Center (2010) und im Guggenheim Museum New York (2009).
Ihr Werk erhielt zahlreiche Auszeichnungen, insbesondere einen Goldenen Löwen der 52. Biennale von Venedig (2007); einen Prince Claus Award (2007); den Hugo Boss Award des Guggenheim Museum New York (2008); den Alpert Award (2011) der Herb Alpert Foundation; den Andrew W. Mellon Foundation Rome Prize Fellow der American Academy in Rome (2015) und den American Arts and Letters Award (2023).