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Filmemacherin, Illustratorin, Grafikerin, Fotografin und Reportagen
19.12.1917 – 14.8.2003
Von Annelies Ursin
Die Eltern: Gregor Rabinovitch ( 1884 - 1958 ) geb. in Oranienbaum bei St. Petersburg; dort verbrachte seine Familie aus Wilna die Ferien. Sein Vater, der eine Drogerie führte, starb, als er 2 Jahre alt war. Vier Jahre später heiratete die Mutter nochmals und folgte ihrem Mann nach Minsk. Der Stiefvater, Bankier und Fabrikant, ermöglicht den Kindern (Gregor bekam mit der Heirat seiner Mutter 8 Geschwister) eine gute Ausbildung, obwohl schon damals die Diskriminierung der jüdischen Minderheiten spürbar wurde.
Nach der Matura 1903, absolvierte Gregor zuerst auf Empfehlung Ilja Repins einen vier Monate dauernden Kurs an der Akademie der graph. Künste in München. Zurück in Russland, trat ein Architektur - und Jusstudium eher in den Hintergrund, denn die grosse Revolution mit Streiks, Meutereien (Panzerkreuzer Potemkin), vielen Toten und Pogromen (1905) nahm ihren Anfang. Reisen waren untersagt, Gregor absolvierte den Militärdienst. 1906 kam er zum zweiten Mal nach München, studierte bei Moritz Heymann, wo er die Grazerin Stefanie Barbara Gabriele von Bach (1884 -1966), seine spätere Frau, kennenlernte, die ebenfalls bei Heymann studierte. Nach weiteren Militäreinsätzen in Russland reiste er 1912 nach Paris zu Steffi, deren Vater (Ritter Eduard von Bach-Hansberg) als Generalkonsul in der Botschaft in Paris tätig war. 1914, kurz vor Kriegsausbruch gelang ihnen mit dem letzten Zug für heimkehrwillige Schweizer die Fahrt nach Genf. Rabinovitch erhielt jedoch keine Erlaubnis, nach Wien weiterzureisen, worauf auch Steffi nach Genf zurückkehrte. Gregor unterrichtete 1915 in Zürich (Radierung), von Genf aus besorgten sie sich die Papiere zur Eheschliessung, heirateten gegen den Willen der Eltern Gregors nach protestantischem Ritus und wohnten anschliessend in einer Dachwohnung des Pestalozzi-Schulhauses in Zürich.
Das ist eine Kurzfassung von zwei komplexen Charakteren, die in einer Spanne turbulenter Zeitgeschichte zusammentrafen: der begabte, russische Jude und die vom Schicksal bis zum 1.Weltkrieg gut behandelte, ebenso begabte Österreicherin, die studieren konnte, was in den damaligen Zeiten noch eine Ausnahme war. Gregor Rabinovitch, der oft melancholisch über seine Erlebnisse, Gefühle und Träume reflektierte und Steffi von Bach, die romantisch ihr Künstlerin-Sein empfand, nach der Heirat sich aber wie selbstverständlich ins Hausfrau -und Muttersein fügte. Von ihren Anlagen her ein positiver, heiterer Mensch, wenn auch später von Depressionen eingeholt, erfuhr sie, kränkelnd und einsam das tragische Schicksal einer Emigrantin.
Isa, eigentlich Isabella, kommt am 19. Dez. 1917 zur Welt. 1918 übersiedelt die Familie ins Künstlerhaus Letten in eine der begehrten Atelierwohnungen, Spielweg 6. Der begabte Radierer Rabinovitch ist bald integriert in Künstlerkreisen, er wird gefördert und unterstützt - und blieb deshalb auch in Zürich, als die meisten Emigranten 1918 das Land wieder verliessen.
Isa ist das einzige Kind unter all diesen Künstlern, zu ihren ersten Erfahrungen gehören die liebevoll besorgten Eltern, die Mutter, die für sie Schlafliedchen singt. Ein Streit zwischen den Eltern lässt sie hinter Mutters Rock flüchten, ihr Glaube an die Harmonie zwischen Vater und Mutter war erschüttert, sie fühlte sich allein und den Erwachsenen ausgeliefert zu sein, macht sie verschlossen.
Der Traum von der Lebensspirale, die sie ins Nichts reisst, bleibt ihr für immer in Erinnerung.
Steffi tritt nach ihrer Hochzeit mit Gregor als Künstlerin (Schriftstellerin und Malerin) nicht mehr in Erscheinung. Sie widmet sich der Erziehung von Isa als "Zierde des Hauses", wie es üblich war, wogegen sich das zarte, aber temperamentvolle Kind mit den Jahren immer mehr auflehnt.
Isa notiert später: " Ich habe einen unbändigen Drang, nicht mehr brav zu sein. Ich will "durebränne". Die Kinder aus den Sozialwohnungen des Lettenquartiers imponieren mir sehr. So fanden meine angstvollen Eltern das Einzelkind oft bei diesen Familien oder auf dem nahegelegenen Bauernhof.
Im Hof der Bildhauer spielte ich mit Steinen, Schnecken, Käfern und stehe Modell für N. Geiser; ich liebe den Geruch des frischen Lehms und baue mir Unterschlüpfe im Ligusterhag. Meine schöne Mutter holt unser Essen aus der Sozialküche des Schulhauses."
"1923 zogen wir aus dem Atelierhaus in eine richtige Dachwohnung ins Hirslandenquartier um. Aus den Fenstern konnte ich über die Dächer von Zürich schauen. In der Nachbarschaft wohnten viele Künstlerfreunde meiner Eltern: die Tänzerin Trudi Schoop, der Pianist Lang, der Direktor des Corso-Theaters, Winterhalder, die Musiker Alex Scheichet und Stutschevski.
Sonntag trifft man sich nach dem Kunsthausbesuch im "Odeon"; als einziges Kind langweile ich mich sehr zwischen den Marmortischchen, ausser, wenn mich die Schriftstellerin Elisabeth Tommen mit Mohrenkopf und Crémeschnitten verwöhnt. Ich werde in für mich langweilige Kunstausstellungen mitgeschleppt. Aber an einer Vernissage sah ich die ersten Katzenbilder von Trudi Schoop.
Wir leben oft von "Kunst gegen Ware": Einladungen zu einem guten Essen, eine Zahnarztbehandlung oder manch einen Teppich verdanken wir einem Bild oder der Portraitkunst meines Papas Grischa.
1929 bekommen wir das Schweizer Bürgerrecht. Zum Leidwesen meiner Eltern gelingt es ihnen nie "Schwizer-Dütsch" zu sprechen. Sie sprechen deutsch und französisch oder russisch, und wenn ich nichts verstehen soll. Ich versuche, mir aus dem Fremdsein und Aussenseiterdasein einen Stolz zu basteln.
Acht Jahre besucht Isa das Hofackerschulhaus. Sie schreibt gute Aufsätze und ihr dichtender Lehrer mit dem Lodencape, Schlapphut und Nietzsche-Schnauz hält die Schülerinnen an, Tagebuch zu führen. Ein Eintrag: "Ich habe schon wieder vergessen, ins Tagebuch zu schreiben"...
Schon mit 10, 12 Jahren schreibt Isa etliche frühreife Gedichte, die dem Dada-Einfluss zuzuordnen sind:
«Ich geh durch Dick- und Dünndarm
Die Krinoline spielt Musik
Mir wird am Ofen niemals warm
Das ist das Lied der Lyrik.
Der Steckkontakt erbleichte
Das Dreieck, das geht baden
Das Leukoplast nicht reichte
Die Schwiegermutter ist geladen.
Die Nähmaschine mähet
Die Ecke die ist dunkel
Das Känguruh, O sehet..
Mein Hund hat ein Furunkel.
Der Backfisch, der geriet in Brand
Kalenderzettel flöten
Auch ich war ausser Rand und Band
Als ich das schrieb in Nöten.»
Ebenfalls undatiert, aber etwas später:
«Kurzes Glück – Unendlichkeit-
In einem Sieb hältst du die Zeit!»
«Viele Worte – kurzer Sinn,
das Licht erlöscht tief in mir drin.»
«Gib mir Feuer – ich bin eine Kerze und will brennen!»
«Hundert Verse Ziegelsteine
Tausend Zeilen Schmerz
Aus Stein ist jede grosse Mauer
Und steinern auch mein Herz.»
«Der / Die / Das
Das / Der / Die
Die / Das/ Der:
Die Geburt
Das Alter
Der Tod»
«Indianerfrühling 1930
Alle Haarmaschen und Schürzen werden im Keller verstaut. Meine beste Freundin Vreni Brockmann, genannt Punger, und ich leben in Pfahlbauten und Baumhütten, lesen Karl May, stehlen aus der Ethnosammlung von Prof. Brockmann Giftpfeile und Speere. Mit Iris Meier (der späteren Iris von Roten) gründen wir einen bubenlosen Indianerstamm "Al Capone". Mein Totem heisst " to ock tey " - der springende Hirsch.»
«Ich soll früh französisch lernen, denn "man" spricht französisch! Es war kein guter Einstieg in diese Fremdsprache, denn die Französischlehrerin stahl mir meine freie Zeit und hatte zudem einen üblen Körpergeruch.
Mein Mutter Steffi ist in Paris geboren und sprach fliessend französisch. In der Schule betrieb ich diese Sprache eher auf clowneske Art und erntete auch prompt die Note 2,5.
Für die Sprache wurde ich nach Vevey in eine Familie geschickt, fürs sogenannte Welschlandjahr, da lernte ich viel besser.
Ich lege mich mitten in den knoblauchduftenden Bärlauch oder umgab das Bett mit betäubenden Narzissensträussen, ein Duft, der mich beglückte... und werde von einem Jüngling angelernt, in französischer Sprache selbstverständlich.»
1935 besucht Isa die Kunstgewerbeschule in Zürich. Walter Roshardt macht sie und die andren SchülerInnen mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen der europäischen Moderne aus Berlin vertraut. Auch Heiner Hesse, ihr späterer Mann, hat bei ihm gelernt. Nach einer Prüfung bricht sie die Kunstgewerbeschule ab und absolviert ein Praktikum über Druckverfahren bei Orell-Füssli. Als Nebenerwerb entwirft sie Grossplakate für das Kino "Radium".
Ein Gönner ihres Vaters ermöglicht ihr ein zweijähriges Studium an der Kunstgewerbeschule in Wien (1937), das sie nach dem Anschluss Österreichs 1938 abrupt abbrechen muss.
Zurück in Zürich will Isa selbständig und unabhängig sein, Geld verdienen, den Eltern beistehen. Sie durchforstet ihre Neigungen: Tanz? Cabaret? Zeichnen?
Mit Illustrationen ergeben sich die "schnellsten" Umsetzungen in eine materielle Unabhängigkeit. 1939 erhält sie die Gelegenheit, an der Landi mitzuarbeiten.
Ihr Vater karikiert für den "Nebelspalter", treffsicher das Weltgeschehen. Er und der Chefredakteur erhalten natürlich wegen des antifaschistischen Engagements auch Drohbriefe oder Mahnungen.
So ist auch ein Brief von Max Frisch an G. Rabinovitch im Original erhalten (04.08.38), der darin die fehlende geistige Landesverteidigung in den satirischen Zeichnungen ankreidet und bemerkt, dass er und vor allen Dingen seine Frau (!) der schweizerischen Landessprache fremd, ja sogar gleichgültig gegenüber stünden.......
Die Zeiten verlangen Haltung, Zurückhaltung und Bestimmtheit - Eigenschaften der Eltern. In ihrem Umfeld traf Isa auf Persönlichkeiten der verschiedensten Sparten, Schriftsteller, Verleger, Kabarettisten (Cornichon), Maler. Kein Mädchen hatte so viel Glück, immer dabei zu sein. Das öffnete den Geist, aber auch Türen (Walter Marti, 1990 anlässlich einer Retrospektive zur Premiere von Geister & Gäste ).
1941 heiraten Isa Rabinovitch und Heiner Hesse, zweiter Sohn des Schriftstellers Hermann
Hesse: sie lernten sich bei einem Künstlermaskenball kennen. 1942 kommt Sohn Silver zur Welt, 1943 Tochter Eva; sie wohnen im Seefeld in Zürich. Es sind schwere Zeiten für eine junge Mutter; Heiner ist von 1942 bis 1944 im Militärdienst. Isa arbeitet unverdrossen als Illustratorin für verschiedene Zeitungen, wie Annabelle, Schweizer Spiegel, Weltwoche etc. Mit Heiner zusammen und allein illustriert sie auch Geschichten von Hermann Hesse (Büchergilde Gutenberg, 1942-1948).
1947 kann sie eine Reise für die erste offizielle Reportage nach Prag und Wien machen, viele andere sollten folgen, zunächst mit ihren typischen leichtfüssigen Illustrationen, später dann mit Fotos, speziell für die Swissair-Gazette. Ebenfalls 1947 entsteht das erste spektakuläre Flugblatt für das Frauenstimmrecht!
Notizen auf einer Fahrt. Du fährst, gewiegt im Sessel des TEE-Zuges, losgelöst von Zurückgebliebenem. Eine lebendige Kapsel, entspannt wie im warmen Bade. Gedanken beginnen ihren Flug zwischen Abfahrt und Ankunft.
Morgennebel liegt in den Büschen, zwischen den Häusern, über den Feldern. Herbst. Durch gold -und rostfarbene Buchenwälder führt die Grenze. Elstern überfliegen sie und verlieren sich im Nebel.
Was sind Grenzen? Tauige Wiesen in bleicher Morgensonne? Ein gewalttätiger Strich, quer in die Natur gezogen?
All unser konstruiertes Begrenzen ist Krückzeug für unbewältigtes Dasein.
Grenzen !In Dir. Zwischen Dir und dem anderen. Zwangsweise in eine harmonische Landschaft gesetzt, um sie besser zu beherrschen.
Dich selbst beherrschst du am wenigsten.
Deine Gedanken? Gefühle? Als Kobolde sitzen sie in Kopf und Körper, spielen ihre Rollen: sie stellen sich verschämt, grinsen, schmollen, in einem Winkel der Kapsel. Sie werden verstockt, wenn du sie nötigst, hervorzutreten -dein Befehl bleibt unbeachtet... und du bist beinahe erleichtert, denn es sind erbarmungslose Kräfte.
In den Sesseln nebenan palavern Amerikanerinnen. Handkettengeklimper, Ringgeblitze - schade um den Schmuck.
Manchmal liegt neben dir der Mann, die Frau. Manchmal steht ein Tisch zwischen dir und dem anderen, gedeckt mit weissgestärktem Tuch, Teller und Glas. Kaltes Nickelbesteck wartet. Ein Weinfleck zeugt vom Vorgänger an diesem, deinen Platz... Oder aber du hockst an der Theke, starrst zur Flaschenparade an der Spiegelwand...Aperitif lockt die Kobolde aus dir hervor. Gedanken rumoren, rasseln mit den Ketten. Es lockt das Wagnis - die Grenzen zu missachten. "Ja, danke, ganz gut, nein, sonst nichts neues -" Augenblicke sind verpasst! Du hoffst auf das nächste Mal. Wir reisen - von Abfahrt zu Ankunft, während draussen friedlich braungefleckte Kühe weiden.
Die Gedanken sind schläfrig geworden, sie setzen sich wie Vögel auf die elektrischen Drähte vor den Fenstern. Der Nebel hat sich auf den tauigren Wiesen schlafen gelegt. Schwarze Dampflokomotiven, wie fette Raupen. Das erste St.Raphaël -Plakat. Häuser, die sich ihrer Armut nicht schämen. Ein Nussbaum.
Die amerikanischen Paradiesvögel in den Polstern trinken Coca-Cola und zwitschern. Auf dem grauen Band der Landstrasse steht einsam ein roter Rennwagen. Sein Besitzer benützt daneben einen hohen Elektromast als Ziel für sein persönliches Bedürfnis. Ein Halt in der Weite der Landschaft. Schafe weiden als helle Flecken - grüner Klee-Friedhöfe - Hochhäuser... wir nähern uns Paris.
Du bist durchwiegt vom weichen Räderrhythmus. Es ist Herbst. In einer kleinen Stunde wirst du wieder einmal ein Stückchen Ankunft erreicht haben. Was erwartet dich? Sicher ist nur, dass der Winter kommt...
1951 zieht die junge Familie in das Chalet an der Schiedhaldenstrasse in Küsnacht um, mit Freunden unternehmen sie Ferienreisen nach Frankreich, Italien und Israel. 1954 kommt als drittes Kind David zur Welt, sie bauen in Cugnasco/Tessin ein Rustico um, gestalten den Garten neu - es sollte Isas zweiter Wohnsitz werden. Isa wird in den Vorstand des Schweizer Graphiker Verbandes gewählt; 1956 gebietet eine Magenoperation ihrer Rastlosigkeit etwas Einhalt: 1957 wird sie 40, sinniert über den Tod. Eine Vorahnung? 1958 stirbt ihr Vater.
Bei Schauspielhaus-Proben zeichnet sie für den "Tages-Anzeiger". Hier <Andorra> von Max Frisch.
1960 beginnt sie sich autodidaktisch mit der Fotografie auseinanderzusetzen und richtet sich im Küsnachter Haus ein kleines Fotolabor ein, ihre ersten Fotoausstellungen folgen.
Reportagen für die Swissair führen sie u.a. nach Griechenland, Ceylon, Holland und sie gestaltet mehrere SJW-Hefte (1958, 1965,1970), sowie Fotos für: "Das Lebensrecht Israels", "Zwei Tage beim Zirkus", und für den Artemis-Verlag den Titel von "Vaterland & Muttersprache".
1962 stirbt ihr Schwiegervater Hermann Hesse, 1966 ihre Mutter Steffi.
Die Kinder ziehen allmählich aus: 1967 heiratet Eva, 1969 Silver, David besucht ab 1972 die Odenwaldschule und Isa wagt einen neuen künstlerischen Sprung.
Ihre Bilder lernen 1969 laufen: zuerst mit einer Super-8-Kamera, dann mit einer Bolex 16mm-Kamera. Auf einer ihrer Reisen fotografiert sie Wasserspiegelungen in Venedig, das animierte sie zum ersten Kurzfilm, dessen Aufnahmen ein Freund von ihr - Ernst Bertschi - aus der Filmklasse der Kunstgewerbeschule realisiert:
"Spiegelei". Guy Maget komponierte die Musik dazu und macht das kleine Meisterwerk auch zu einem rhythmisch - musikalischen Erlebnis.
Damit werden Isas Filmjahre eingeleitet.
Im gleichen Jahr entsteht "Monumento Moritat": eine 7 minütige, satirisch-heitere Collage aus Friedhofsstatuen, antiken Marmordenkmälern, die in schneller Schnittfolge die Geschichte einer missbrauchten Idee erzählen: einer Venus-Statue, die zuletzt ohne Kopf und Hände das Ende der Idee verkörpert. Der Text dazu stammt von Isa und wird mit Drehorgelmusik (Peter Schifferli) vorgetragen.
Beide Filme wurden 1969 in Solothurn mit grossem Erfolg gezeigt. Das Tor zur Filmwelt war geöffnet, der Weg aber äusserst steinig in der männerdominierten siebten Kunst.
Den Werdegang einer Künstlerin von der Zeichnung, Illustration über die Fotografie zum Film könnte man eigentlich folgerichtig und normal bezeichnen, wenn nicht die meisten Künstler wie Künstlerinnen auf ihren einmal aufgenommenen Techniken beharren würden; meistens wird nur eben diese Technik variiert, also die gegenständlichen MalerInnen neigten zeitgemäss zum Impressionismus, Expressionismus oder zur Abstraktion, die FotografInnen bleiben meist in der statischen Welt des Abbildes, auch wenn es bis zur Abstraktion verfremdet wird; und die FilmerInnen bewegen sich höchstens vom Dokumentarbereich bis zum Spielfilm. Die Sprache könnte alle zusammenhalten, aber sobald sie interpretiert, beginnt die Krux von Neuem. Isa hat schon in ihren Reportagen Text-Bilder evoziert, die natürlich auch in ihre Filme durch die Hintertür Einzug hielten - als ein gewisser Hang zum Gesamtkunstwerk, den sie vielleicht am besten im Film "Geister & Gäste" verwirklichen konnte.
Andrerseits wurde ab den 60er Jahren viel von "weiblicher Ästhetik" gesprochen, die aber auf einer traditionellen Männerkultur basiert: denn eine Trennung zwischen "weiblich" und "männlich" ist ein Konstrukt des männlichen Geistes, das die ganze abendländische Kultur prägt, auf dem sich das ganze hierarchische Denken und Handeln entwickeln konnte; selbst das Wort Ästhetik ist ja mit Inhalten gefüllt, die Hierarchien errichten, Schönes vom Unschönen trennen. Und wenn nun von "weiblicher Ästhetik" die Rede ist, zementiert man gerade das, was man eigentlich ändern will: die Aufstellung und Benamung nach neuen Normen. (Ruth Nobs - Greter: Die Künstlerin und ihr Werk in der deutschsprachigen Kunstgeschichtsschreibung)
Die Gleichberechtigung - oder Gleichbehandlung der Frau in der Kunst ist ja immer noch nicht vollzogen, genau so wenig wie im realen Leben, wie unsre jüngste Geschichte zeigt.
Diese Jahre gelten als die fruchtbarsten Filmjahre.
1970 entsteht "Viele Grüsse aus.." Eine Reportage über das jährliche Fest der Zigeuner in St. Marie de la Mer.....Die improvisierte Musik der Schweizer Musikgruppe "Minstrels", die Zigeuner und eine Wahrsagerin vermitteln die frohe Stimmung in Südfrankreich, bei dem nicht nur die Zigeuner, sondern auch die Touristen zusammenströmen.
"Der rote Blau" - ein heiterer, eigentlich handlungsloser Streifen aus dem Jahr 1972, mit dem bekannten Mimen Roy Bosier, der versucht, seiner inneren Stimme zu folgen, aber trotz Gegenwehr sich nicht konzentrieren kann und dauernd abgelenkt wird.
Im gleichen Jahr entsteht "Über einen Teppich": Maria Gerö-Tobler hat 1932 einen Teppich für Hermann Hesse gewoben, mit vielen Liebespaaren, allegorischen Figuren und Tieren. Er hing jahrelang hochgeschätzt in seinem Arbeitszimmer und Hesse hat ihm 1945 eine Betrachtung gewidmet. Im Film wird der Text vom bekannten Schauspieler Gert Westphal gesprochen.
"Notizen über Annemie Fontana". Im Auftrag der Stadt Zürich filmt, beobachtet mit der Kamera und notiert Isa von 1969 -1972 Wesen, Werk und Inspiration der Schweizer Bildhauerin, und welche Überlegungen zur grossen Brunnenplastik am Escher Wyss-Platz führen. Hans Neuburg schrieb über Annemie Fontana (gestorben im Herbst 2002): "...Annemie Fontana hat in den letzten zwanzig Jahren etliche Metamorphosen durchlebt. Sie suchte stets nach neuen Grundlagen und Ausdrucksformen. Nahezu alle verfügbaren Materialien hat sie auf die Eignung, ihren Gedanken Gestalt zu geben, geprüft. Ihre Experimente mit flüssigem Kunststoff kamen den nahezu magischen Ideen zugute."
"Tell-Spott" (1973), eine 1,5 Minuten-Werbung leicht ironischer Art für unsere Landeshymne, den Tell-Mythos und die wehrhafte Schweiz.
1974 kauft Heiner Hesse eine Mühle in der Gegend von Arcegno, nach dem Umbau trennt sich das Ehepaar 1976 und Heiner übersiedelt und lebt seither im Tessin.
Für das Schweizer Fernsehen realisiert Isa zwölf 7-Minutenportraits über Frauen, darunter auch über die Tänzerin Trudi Schoop und die Schriftstellerin Aline Valangin, mit vorgegebenen Rahmen, aber sie verdiente wenigstens gut dabei. Diese Zusammenarbeit beendet sie allerdings, nachdem sie sich gegen die Verstümmelung eines Beitrags gewehrt hat und man einen Mann neben ihr einsetzt.
Um einigermassen chronologisch vorzugehen, gehört an diese Stelle Isas Engagement für und ihre Freundschaft mit vielen Filmerinnen, der Aufbruch in die öffentliche Diskussion. Sie ist 1972 zum 1. internationalen Frauenfilmfestival in New York eingeladen und eröffnet mit "Spiegelei", zwei Jahre später in Paris mit "Der rote Blau" und organisiert 1975 das erste Filmfestival der Frauen in der Schweiz. Schon in New York lernt sie viele Filmerinnen kennen und die vielen Diskussionen haben sie animiert für den Einsatz in Europa, um die ähnlichen Arbeitsweisen und das Selbstbewusstsein zu aktivieren. Ebenfalls zum ‚Jahr der Frau' 1975, organisiert die UNESCO im Aostatal ein Symposium für Regisseurinnen. Frauen aus der ganzen Welt trafen sich dort, wie Mai Zetterling, Agnès Varda, Chantal Akermann, Larissa Schepiko, Valie Export
Der Aufbruch der Frauen in der Schweizer Filmszene geschieht wohl so spät durch die späten Gesetzesvorgaben zur Gleichberechtigung und des damit verbundenen Wahlrechts (1972).
Neben Reni Mertens sind seit den 60er Jahren noch June Kovach, Jacqueline Veuve, beim Trickfilm Gisèle Ansorge und beim experimentellen Film Isa Hesse tätig.
"Entweder bringt eine Filmerin das notwendige Selbstbewusstsein für ihre Arbeit als Tochter künstlerisch tätiger Eltern mit wie Isa oder sie arbeitet in Koregie mit dem Lebens- oder Ehepartner, wie Reni Mertens /Walter Marti, Gisèle und Ernest Ansorge, June Kovach und Alexander J. Seiler, Nina und Hans Stürm, Regine Bebié und Robert Gnant, Marlis und Urs Graf, etc..."( siehe Cecilia Hausheer in "Cut").
Natürlich finden sich auch die Schweizer Filmerinnen in Gruppierungen zusammen mit Projekten, die sich schliesslich nicht verwirklichen lassen, weil die Individualitäten oder auch die Fähigkeit der Frauen zu einer Teamarbeit auseinanderdriften, wie Lucienne Lanaz und Isa Hesse in einem Briefwechsel beklagen.
Eine köstliche Schilderung von Lucienne Lanaz über das Frauenfilmfestival in Sorrento (1977?) hält hier die Situation von damals fest:
"Die Frauengruppe "Nemesis", selbstbewusste, junge, schöne Italienerinnen,
hatte das Festival organisiert und unter anderem liefen auch Filme von Isa und mir. Eines Abends schlugen die "Nemesis"-Frauen vor, in eine Diskothek zu gehen. Was passiert in Süditalien, wenn etwa zwanzig Frauen in ein solches Lokal kommen und miteinander tanzen, ohne die Männer zu beachten?
K r a c h ! Es fing an mit dem Entleeren von Champagnergläsern in die Dekolletés der Frauen und andere körperliche Aggressionen und wurde fortgesetzt mit Kampf Mann gegen Frau, Frau gegen Mann, kaum glaubhaft, aber wahr. Das Lokal wurde kurzerhand vom Besitzer geschlossen und Männlein und Weiblein fanden sich am grossen Platz wieder, wo die Schlacht weiterging: mit Blumentöpfen, in Anwesenheit von Journalisten und Polizisten. Die Männer rührten keinen Finger, um den Frauen zu helfen, selbst dann nicht, als die Ambulanz kommen musste, um eine von den Frauen, die von einem Blumentopf getroffen war, ins Spital zu bringen.
Das zweite Erlebnis hat nichts mit Italien, sondern mit der Schweiz zu tun. In der selben Woche fand in Sorrento eine "Schweizer Filmwoche" statt, die von Herrn Boissonas, Pro Helvetia, organisiert war. Eingeladene Gäste waren unter anderem Robert Boner, Freddy Buache, Rolf Lyssy, Georg Radanowicz, Francis Reusser und Alain Tanner. Isa und ich waren überrascht, dass wir nicht zum Schweizer Empfang eingeladen wurden - und so sind wir, als Filmfrauen- Schweizer Delegation, ungefragt einfach am Empfang erschienen und haben uns öffentlich über das "Vergessen" beklagt. Peinliches Schweigen. Ich frage mich noch heute, ob man uns diesen "faux pas" jemals verziehen hat.
Einige wenige Jahre gelang es, eine Frauengruppe zu losen Treffen zu animieren, zu Diskussionen, Ideenaustausch über Filme und Mitarbeit. In Cugnasco bei Isa trafen sich z.B. 1986 Dorothy Cox, Dagmar Heinrich, Isolde Marxer, Su Meili, Verena Moser, Marianne Pletscher, Ingrid Städelin und Maya Wegmüller. Isa, Tula Roy und ich gehörten schon zu den älteren Semestern...
(Lucienne Lanaz, März 1995)
Weitere wichtige Kurzfilme: "Die Selbstportraits und das Lieblingslied meines Vaters Gregor Rabinovitch" von1976 - die fragend-kritischen, dunklen Augen ihres Vaters in den Radierungen und das Lied von den "schwarzen Augen" bilden eine gekonnt visualisierte Einheit.
"Julie from Ohio", 1977/78, Die Geschichte einer Reise nach Süditalien, zu den Wurzeln von Julie Nero, die in NY als Aktmodell, Kellnerin arbeitete. Um aus ihrem Alltag und zu sich selbst zu kommen, geht Julie ihrer Vergangenheit nach, die sie in den Symbolen der Tarotkarten und auf Kritzeleien in einem alten Turm bestätigt sieht.
"Un simbolo del nostro tempo" 1977/78
Mit "Les 24 heures" und "40 Jahre Ausblick des David F., NY" 1977-79 beginnen die Vorarbeiten zu "Sirenen-Eiland".
Dieser Film, den sie 1981/82 als ersten langen Film (98') dreht, überträgt die Mythologie der Sirenen - die betörenden Frauengesänge, die Seeleute mit ihren Schiffen an den Klippen zerschellen liessen - in die Gegenwart: Die Regisseurin siedelt die heutigen Sirenen in der Subkultur New Yorks, der Unterwelt von Paris und in der Schweiz an, die Mitarbeiterinnen sind Frauen (Patrizia Jünger-Komposition, künstl. Mitarbeit und Organisation: Su Meili, Kamera: Deidi van Schaewen und Babette Mangold) "Ein kleines Welttheater" nennt Isa den Film, der eine Collage um die beiden Pole Leben und Tod ist.
Corinne, der Transvestit vom "Pigalle" schreibt Gedichte, rezitiert und malt; Jo Anna, die ehemalige Chansonette führt jetzt ein Bistro; Annik macht Strassentheater und singt den Politikern im Wachsfigurenkabinett Brecht-Lieder vor. Manon stilisert sich selbst zum Kunstwerk: eine leblose Orchidee. Sie wird von ihrem Diener Inez im Rollstuhl durchs Totenreich gefahren, und wird letzten Endes erlöst. Talila singt in den Abwasserkanälen von Paris jüdische Lieder aus dem Ghetto. Marylins Sopran im Spiegelboudoir in N.Y. wird von der Meeresbrandung überrollt. Penny Safranek lebt mit Ebbe und Flut, Katzen, Pflanzen und Liedern vis à vis der Skyline von Manhattan in einem zerfallenden Hausboot und Rositta Ryas, die Schlangentänzerin und Symbolfigur, deren Schicksal Isa sehr beschäftigte (im nächsten Film): sie wurde 1980 unter mysteriösen Umständen umgebracht.
Ein Film ohne Drehbuch, eher eine konzeptionelle Vorgehensweise. Keine Stars wurden engagiert, sondern die "Sirenen" sind Zufallsbekannte, mit denen sich auch teilweise der Film verändert. Es wird keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern der rote Faden ist die Sirenen-Mythologie.
Das Modern Art Museum in NY zeigte ihn als Premiere, zig-Festivals hatten ihn im Programm und er avancierte zum Frauen-Kultfilm, während ihm die Filmkritik mit Unverständnis gegenüberstand und - steht: "Eine eigenwillige Montage aus Bildern einer morbiden Grossstadtwelt, in der Natürlichkeit und Liebe nur noch als Sehnsucht aus (Klage)- Liedern herauszulesen sind. Durch seine offene Struktur lässt sich der Film häufig nur assoziativ erschliessen. Ein interessanter Film, der jedoch unter dem selbstverliebten Kunstwillen der Regisseurin leidet." (Filmlexikon)
Der Film "Schlangenzauber" -1984, handelt von der Schlangentänzerin Rositta Rayas, die schon in "Sirenen-Eiland" eine Rolle spielt, hier zur Hauptfigur avanciert, da sie - ob Mord oder Selbstmord - auf mysteriöse Weise umkam und Isa bei ihren Recherchen auch in Zonen der Drogen, Politik und Magie vorstiess...
Das Filmlexikon schreibt: "Auf drei Ebenen geht die Regisseurin die Schlangensymbolik an: Sie sammelt Fakten zum Selbstmord (oder Mord) der Schlangentänzerin Rositta Rayas, verknüpft ihn mit der geheimnisvoll-mythischen Rolle der Schlange und verbindet das Ganze mit dem trockenen Humor einer Moritat. Daraus ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Realität und magischer Überhöhung".
Claudia Acklin schreibt anlässlich einer Retrospektive im Filmpodium 1990 über die Spuren besonderer Frauen bei Isa Hesse, dass für sie deutlich eine leise Trauer mit diesen "besonderen Frauen" mitschwinge, die bei Isas Filmen bestimmend seien: " Auch Rositta Rayas, die Frau mit den Schlangen hat die Existenz ausserhalb der bürgerlichen Formen um den (zweifelhaften) Schutz dieser bürgerlichen Gesellschaft gebracht. Sie wurde auf dem Rücksitz eines Wagens erschossen. Insistierenden Fragen der nächsten Angehörigen zum Trotz hielt die Polizei an ihrer Selbstmordthese fest. Isa Hesse verfolgt in "Schlangenzauber" die Spuren des Mordes, stiess allerdings bald einmal auf eine Mauer des Schweigens der möglichen Zeugen und der Behörden. In ihrer Recherche fügte sie wohl auch deshalb dem Faktischen Fragen nach einem Leben nach dem Tod, nach der feministischen Deutung des vom Patriarchat negativ besetzten Schlagenmythos hinzu. Bei einem Gespräch mit einem Parapsychologen hat Isa Hesse, wie mir scheint, das einzige Mal die intellektuelle Distanz verloren. Das Verschwommene dieses Selbstdarstellers nimmt sie einfach hin."
Ob hinter dieser leisen Trauer schon oder auch die reife Einsicht von Isa steht, im Sinne "Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist" oder eine gewisse Müdigkeit gegenüber diesen vielen komplexen Zusammenhängen, die auch, wenn hundertmal darüber befunden und geredet wird, weder ausgedeutet noch wirklicher werden?
Reine Erfüllung ihrer Ideen und Absichten zeigt schliesslich ihr letzter grosser Film "Geister & Gäste - in memoriam Grand Hotel Brissago" 1989.
Franz Ulrich zum Film im "ZOOM" 1990 anlässlich der Solothurner Filmtage:
"Am Westufer des Lago Maggiore erhebt sich bei Brissago hinter prachtvollen Bäumen ein palastähnliches Bauwerk mit fehlendem Dachstock, zerbrochenen Fenstern, herunterhängenden Rolladen. Die vor sich hinrottende Ruine ist das klägliche Überbleibsel des einst stolzen Grand Hotel Brissago. 1906 erbaut, erlebte das Nobelhotel bis zum zweiten Weltkrieg glanzvolle Zeiten mit berühmten Gästen. Das Hotel empfahl sich in einem Werbeprospekt "als genau die richtige Zwischenstation" für jene, die aus der Riviera, aus Sizilien oder Ägypten in den Norden zurückkehren und sich daher stufenweise akklimatisieren müssen, bevor sie von einem Extrem ins andere wechseln."
Zu Politikern wie Briand und Stresemann, Schriftstellern wie Thomas Mann, Ernest Hemingway, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Walter Mehring, Hugo Ball und Joachim Ringelnatz, Musikern wie Ruggiero Leoncavallo, Arturo Toscanini, Enrico Caruso und Richard Tauber gesellte sich die damalige "Crème de la crème".
In den Kriegsjahren diente das Hotel als Flüchtlingsunterkunft, in den 60er Jahren erlebte es eine kurze Nachblüte, 1971 wurde es geschlossen, verkam - mitten im Wirtschaftsboom - allmählich zur illegalen Tramper-Unterkunft, 1983 brannte es aus. Und wie in anderen ähnlichen Fällen (beispielsweise in Lugano) ist die Hotelruine zum Spielball von Politikern und Spekulanten geworden. Eine Immobilienfirma plant ein 40.Millionen-Projekt (ein Luxushotel mit Eigentumsappartements). Andrerseits träumen "Grüne" davon, das Gelände in einen öffentlichen Park umzuwandeln. In den letzten Jahren hat das Gebäude mit seinen "weiblichen" Höhlungen und seinem nostalgischen Charme KünstlerInnen zu kreativen Aktionen angeregt: die Photographin Monica Nesler machte eine Ausstellung und veröffentlichte einen Bildband, Heidi Bucher führte in der Ruine einen "Abhäutungsprozess" durch und Isa Hesse drehte darin einen ganz und gar ungewöhnlichen Film.
Isa Hesse versteht ihr Werk als "musikalisch-poetisches Zeitdokument". Anhand von dokumentarischem Bild-und Tonmaterial lässt sie die "kleine" Welt des Hotels und die grosse Welt(politik) der ersten Jahrhunderthälfte ausschnittweise wieder lebendig werden. Die in einem zerfransten Fauteuil sitzende Schriftstellerin Jo Mihaly ( 1902 - 1989) fungiert als Chronistin. Als "Geister" werden einstige illustre Gäste beschworen, von alten Schellackplatten scheppert eine Arie von Leoncavallo, Kästner und Tucholsky kommen mit satirischen Texten zu Wort, Zarli Carigiet singt Kabarett-chansons, Bilder von Soldaten und Flüchtlingsfrauen erinnern an eine düstere, schreckliche Zeit.
In fast irreal anmutenden Szenen bewegen sich die "Gäste" durch die Räume, in denen die Tapeten in Fetzen von den Wänden hängen, Gips und Mörtel auf dem Boden liegt, Pilze durchs Parkett wachsen und zerschlissene Möbel herumstehen. Kellner und Zimmermädchen machen sich zu schaffen, der grosse Koch Angelo Conti Rossini agiert in der vermoderten Küche, der berühmte Architekt Mario Botta sitzt zu Tisch, Maestro Graziano Mandozzi dirigiert draussen im See.
Die Sängerin La Lupa, ein Kinderchor und vier Zigeunermusiker machen, zusammen mit den bereits erwähnten Chansons und Songs, den Film stellenweise zum Musical.
Der auf weite Strecken faszinierende Charme dieses poetischen Dokumentarfilms geht vor allem von den stimmungsvollen und phantasievollen Bildern und Szenen und von der assoziativen Montage aus, von deren freiem Fluss man sich am besten mittragen lässt. Isa Hesse hat ihren Film nicht linear-didaktisch aufgebaut, sondern zu einem farbigen Gewebe verwoben, so dass ein vielschichtiges Muster aus Vergangenheit und Gegenwart, aus welt-,kultur- und hotelhistorischen Reminiszenzen entstanden ist. Dass dieses Gewebe aus Bildern und Tönen, aus Phantasien und Gefühlen nicht (zu sehr) ausgefranst oder gar ins Chaotische zersplittert ist, dazu hat Beni Müller als Cutter wesentlich beigetragen.
"Geister & Gäste" besitzt in den besten Sequenzen eine fast traumhafte Leichtigkeit, zeigt eine manchmal irritierende Ästhetik des Zerfalls und stellt gleichzeitig auf hintergründig-listige Weise dar, wie trotz allem "Leben aus den Ruinen" blüht. Mit Recht hat Ende Januar am Max Ophüls-Festival in Saarbrücken die Evangelische Jury INTERFILM diesen Film mit ihren Preis ausgezeichnet."
Seit 1984 experimentiert Isa Hesse-Rabinovitch auch mit Video.
Entstanden sind so mit Sony 8: "Lilith" 1984, "Hautnah" 1985, "Veränderungen zur Reise" 1986, " Body Body Blues" 1986, "Steckbrief eines Zürchers "Walbaum" 1987. Die ersten vier Videos liefen jeweils beim Viper-Festival in Luzern.
Die Möglichkeiten der handlichen, leichten Kamera, ihrer technischen Möglichkeiten hat sie als "Film-Tagebuch" genutzt, ebenso als Möglichkeit der Selbsterfahrung, ein Ansatz, der als typisch weiblich betrachtet wird. Sie hat damit die 6 genannten Kurzfilme und auch Ausstellungen realisiert. Der letzte, "Das grosse Spiel des Lebens" 1993, geht auf einen Überfall in Paris zurück, den sie beim Nachhausegehen erlitt und der sie gleichermassen verletzte und schockierte.
Video unterstützt die Intentionen derer, die aus der bildenden Kunst kommen und wie Isa nicht unbedingt ein filmgerechtes, realitätsbezogenes Drehbuch umsetzen wollen. Diese "Erbfolge" prägt das Video bis heute, (Erika Keil in "Cut" unter "Video und die Künste") und ist auch teilweise als Weiterführung der Fotografie betrieben worden, andere haben sich nur der Ästhetik des elektronischen Bildes gewidmet, wie Muda Mathis, Pipilotti Rist oder auch Sarah M. Derendinger, Marian Oberhäsli, Lucia Stäubli etc.
1990 baut sie zu ihrem Rustico in Cugnasco ein eignes, neues Refugium und gestaltet den Garten neu. 1993 ensteht unter ihrer regen Mithilfe ein Buch über ihren Vater Gregor Rabinovitch, mit etlichen Ausstellungen der Radierungen; sie selbst hat noch eine Fotoausstellung auf der Brissagoinsel und zum 80. Geburtstag gab sich auch Küsnacht die Ehre, seine bekannte Einwohnerin mit der Ausstellung "Fotomorfosi" auszuzeichnen; 67 Arbeiten von ihr werden gezeigt: s/w Aufnahmen, Farbbilder und Videostills.
Viele interessante Projekte von Isa Hesse-Rabinovitch verblieben in und zwischen Aktenhüllen; entweder war kein Geld aufzutreiben, fehlten Interessenten, die mitmachten oder sie war intensiv mit etwas anderem beschäftigt, das ihre Konzentration brauchte. An Ideen hat es ihr nie gemangelt, auch nicht am Mut zur Verwirklichung. In den letzten 10 Jahren eher an noch einmal zu bündelnder Kraft; sie war müde geworden.
Isa Hesse-Rabinovitch war eine Zeitzeugin. An ihrer Arbeit lassen sich Kunst-Strömungen ablesen, aber auch der unbändige Mut zu Neuem; in ihrem Leben spiegeln sich sozial-gesellschaftliche Beständigkeit und Umbrüche. Für die Männer in ihrem Metier war sie eher ein unberechenbarer, einfallsreicher, aber nicht fassbarer Paradiesvogel; dominant, wenn auch mit sanften Krallen. Den Frauen war sie Beispiel und Vorreiterin, hat sie temperamentvoll direkt und indirekt viele Jahre in ihrem Selbstverständnis gestärkt. Ihre Mentalität war nicht "schweizerisch"; sie vereinte eine lächelnde Melancholie mit einem sarkastischem Übermut, der vieles von ihr leicht aussehen liess und einen alterslosen Charme ausströmte. Wir vermissen sie.