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Marinehistorische Romane aus der Zeit der Napoleonischen Kriege haben Patrick O’Brian berühmt gemacht. Die Geschichten um einen irische Schiffsarzt-Naturforscher und einen englischen Schiffskapitän scharen bis heute eine treue Fangemeinde auch im deutschsprachigen Raum um sich. So ein Mann ist prädestiniert, die Biografie des Weltumseglers und Naturforschers Banks, der ja (auch) zur Zeit Napoléons lebte, zu schreiben. Dachte ich.
Ich habe nie einen von O’Brians Romanen gelesen. Joseph Banks. A Life zeigt jedenfalls wenig von einem Geschick als Romanautor. Zugegeben: Banks lebte nicht nur sehr lange (von 1743 bis 1820), er packte auch sehr viel in dieses sein Leben. Schon bevor er mit Cook auf Weltumsegelung ging, bereiste er – bereits bekannt genung, um von Linné und Saussure dafür empohlen zu werden – als Botaniker Neufundland und Labrador. Es war auch dort, wo er Cook kennenlernte, eine der wenigen brauchbaren Informationen, die ich aus der vorliegenden Biografie gezogen habe.
O’Brian kann sich bei den Vorbereitungen zu Cooks erster Weltumsegelung seitenlang bei den verschiedenen Schiffstypen der Royal Navy aufhalten. Er hätte das zwar gescheiter bei der Schilderung der Ereignisse bei der Vorbereitung der zweiten Weltumsegelung Cooks getan, wo Banks bekanntlich derartige Sonderwünsche äusserte, was den Ausbau seiner Kabine betraf, dass beim Versuch, die zu erfüllen, festgestellt werden musste, dass Cooks Schiff, die Resolution, auf diese Weise nicht mehr hochseetüchtig war. Dann hätte der Leser nämlich nicht zurückzublättern gebraucht. Aber das mag hingehen, wie überhaupt die Schilderung der Weltumsegelung mit Cook nicht nur den ersten, sondern auch den besten Teil dieser Biografie darstellt. (Allerdings hat Richard Holmes, dem es gar nicht um eine Biografie von Banks zu tun war, diese Reise besser darzustellen gewusst.) Dass Banks nicht ganz unschuldig daran war, Tahiti als irdisches Paradies im Bewusstsein der Europäer zu verankern, wird von O’Brian unterschlagen. Die kriegerischen (und damals noch anthropophagen) Maori auf Neuseeland, Banks als Mitinitiant der Idee, Sträflinge in der australischen Botany Bay zu deponieren – vieles wird (meist sehr rasch) abgehandelt, kaum etwas davon richtig.
Wichtige Figuren der Wissenschaftsgeschichte tauchen unverhofft auf und verschwinden auch sofort wieder – um vielleicht Dutzende Seiten später erneut und ebenso unverhofft aufzutauchen. So die beiden Herschels, von deren Verhältnis zu Banks man dann doch nichts erfährt. Dass Banks nach seiner Reise die De-Facto-Verantwortung für Kew Gardens übernahm und daraus einen botanischen Garten machte, der auch dem interessieren Laien fremde Pflanzen vertraut machen wollte, wird hingegen weiter ausgeführt und mit einer Art Freundschaft mit dem englischen König begründet. Übermässig viel Raum nimmt dann der doch wieder nicht gründlich genug geschilderte Versuch ein, das spanische Merino-Schaf in Grossbritannien heimisch zu machen – ein Versuch, der (wie O’Brian selber zugeben muss) letztlich scheiterte und höchstens interessant ist, weil zusammen mit den Sträflingen auch die Merinos nach Australien exportiert wurden.
Banks hat bekanntlich die Teilnahme an der zweiten Weltumsegelung Cooks verweigert, nachdem der von ihm gewünschte Umbau der Resolution rückgängig gemacht werden musste. Zum Handkuss kam Reinhold Forster, der – ohne zusätzliche Erklärungen – in O’Brians Buch einfach als unscrupulous and disagreeable abgetan wird, with his slightly less disagreeable son Georg as his assistant. Solche Disqualifizierungen gehören entweder weggelassen oder begründet – immerhin haben Banks und Georg Forster noch jahrelang miteinander Briefe gewechselt.
Überhaupt wird so vieles nur angerissen. Seine Familie sei ihm immer wichtig gewesen, behauptet O’Brien von Banks. Aber sein doch etwas seltsames Familienleben, mit Gattin, Schwester und Mutter unter einem Dach, wird nur gerade erwähnt. Von seiner Tätigkeit als Präsident der Royal Society, die immerhin 42 Jahre umfasste, wird kaum etwas gesagt. Nur der Witz, dass Banks zusehends an Gewicht gewonnen habe, womit sowohl (wissenschafts-)politischer Einfluss wie Körpergewicht gemeint sei, wird ungefähr ein Dutzend Mal wiederholt, treulich jedesmal mit der Erklärung des Doppelsinns von ‘Gewicht’, falls irgendein Leser den übersehen haben möchte.
Patrick O’Brian war meiner Meinung nach ganz einfach überfordert von der Menge an Material, das er in das Wenige an Platz zwischen zwei Buchdeckeln quetschen sollte. Er konnte sich nicht dafür entscheiden, Banks unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt zu schildern, und musste zu vieles einfach nur streifen. Leider wird deshalb diese Biografie inkohärent. Zentrale Informationen fehlen. Warum ist Banks – mit der Ausnahme einer kurzen Expedition nach Grönland – nach seiner Weltumsegelung ruhig zu Hause geblieben? Nur, weil er an Gewicht gewonnen hat? O’Brian kennt keine Antwort, versucht auch keine. Warum hat Banks nie den lange Zeit von der Fachwelt und dem Laienpublikum sehnlichst erwarteten Bericht über seine grosse Weltreise geschrieben? O’Brian zitiert aus Banks ausführlichem Tagebuch, aber auf diese Frage kennt er keine Antwort und versucht auch keine. Warum andererseits komplimentiert O’Brian Autoren, aus deren Werken er zitiert, in Phrasen, die wie Banks selber aus dem 18. Jahrhundert stammen könnten? Will er den Leser ganz einfach veräppeln? Auf diese Frage weiss nun ich keine Antwort…
So weit ich gesehen habe, sind keine groben sachlichen Schnitzer zu finden. Auch keine übertriebene Heldenverehrung. Aber auch keine gründliche biografische Einschätzung des Objekts. Mit andern Worten: O’Brians Banks-Biografie kann man gelesen haben, muss man aber nicht.