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Albert Hoffmann
Ich bin 1967 in Prag geboren und 1968 mit meinen Eltern in die Schweiz emigriert, habe also alle Schulen hier gemacht. An der Universität Zürich studierte ich Philosophie im Hauptfach. Schon vor der Lizentiatsprüfung machte ich mir natürlich Gedanken, was ich nach dem Studium tun sollte. Das Problem ist wohl für alle Absolventen der Philosophischen Fakultät I dasselbe, für Studenten der Philosophie stellt es sich aber noch etwas unerbittlicher: Die einzige Möglichkeit, in seinem Fach zu arbeiten, ist, eine Stelle an der Universität zu finden (sehr schwierig) oder an einer Mittelschule unterzukommen (relativ schwierig und vielleicht nicht für jeden anziehend). Angesichts dieser Perspektive versuchte ich noch vor dem Abschluss, andere Leute, die Philosophie studierten, zu finden, um mit ihnen eine Art philosophischer Aktionsgruppe zu bilden. Die Idee war schon damals, irgendwie selbstständig als Philosoph arbeiten zu können; das ganze lief unter dem Titel “Philosophenvermietung“. Leider war das Echo im Philosophischen Seminar praktisch null, ich musste mich also wohl oder übel allein dem Dschungel des Arbeitsmarktes stellen.
Wie schon erwähnt war ich mir der Schwierigkeiten, welche die Arbeitssuche für einen Philosophen mit sich bringt, durchaus bewusst, war mir auch klar darüber, das ich höchstwahrscheinlich nicht direkt in meinem Fach werde tätig sein können. Dennoch war ich noch zu optimistisch gewesen: Nach etwa einem halben Jahr Arbeitslosigkeit bekam ich schliesslich eine Stelle auf dem Flughafen Zürich, und zwar bei einer Sicherheitsfirma. Damals dachte ich, dass es sich offensichtlich nur um einen Übergangsjob handelte, bis ich etwas fand, was mehr meinen Qualifikationen entsprach. Nach zwei Jahren stieg ich innerhalb der Firma auf, wieder mit dem Gedanken, das ich das nur noch ein bis zwei Jahre weiter machen würde. Am Ende sind es 17 Jahre geworden.
Während meiner Zeit auf dem Flughafen brauchte ich einen Ausgleich. Als mir klar wurde, dass es in absehbarer Zeit keine Aussicht auf einen Stellenwechsel gab, suchte ich wenigstens nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit, in welcher ich meine philosophischen Interessen weiterverfolgen konnte. Ich schrieb mehrere Institutionen an und bekam eine positive Antwort von der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW). Fünf Jahre lang moderierte ich daraufhin einen philosophischen und literarischen Diskussionszirkel in einer Alterssiedlung. Daneben kam mir, angeregt durch das Buch von Marc Sautet EIN CAFÉ FÜR SOKRATES, die Idee, ein Café-Philo in Zürich zu organisieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte dieses Projekt eine gewisse Eigendynamik, so dass wir in 2015 unser zehnjähriges Bestehen feiern können. (“Bestehen“ ist vielleicht etwas zu viel gesagt, wir haben schon mehrmals das Café gewechselt, in dem wir uns treffen, auch die Teilnehmer kommen und gehen; immerhin haben wir auch eine eigene Homepage, die allerdings nicht von mir, sondern von einem der Teilnehmer betrieben wird: www.philosophisch.ch)
Vor zwei Jahren bewegten mich mehrere Veränderungen, endlich meinen langgehegten Traum einer philosophischen Praxis zu verwirklichen. In der Firma gab es gewisse Umschichtungen, die mir einen guten Vorwand gaben, zu kündigen, zumal ich inzwischen einiges gespart hatte und ich auch aus meiner Familie und Verwandtschaft die feste Zusage bekam, man würde mich bei meinem Vorhaben bedingungslos unterstützen. Die Idee der philosophischen Praxis hat verschiedene prominente Protagonisten, in Deutschland Gerd Achenbach, in den USA Lou Marinoff, es gibt inzwischen auch offizielle Vereinigungen, zum Beispiel die IGPP (Internationale Gesellschaft für philosophische Praxis) oder in der Schweiz das Netzwerk PHILOPRAXIS (www.philopraxis.ch),
Das Spektrum dessen, was philosophische Praxis beinhaltet, ist sehr breit, es variiert von Praktiker zu Praktiker. Ein gemeinsamer Nenner ist vielleicht die Rückkehr zur antiken Idee, dass Philosophie nicht einfach ein Fach ist, das man an einer Schule lehrt und lernt, sondern eine Form der Lebensführung, dass Philosophie damit zu tun hat, wie man lebt, wie man leben möchte und wie man leben sollte. Es gibt natürlich eine gewisse Nähe zum grossen Markt der sogennanten Lebenshilfe und auch zu verschiedenen Psychotherapien. Für mich persönlich liegt der Unterschied zu anderen Angeboten darin, dass ich primär über die “Sache“ rede, also trotz
allem Praxisbezug zuerst einmal über Theorien. Ich dränge den Klienten nicht dazu, Persönliches zu offenbaren (allerdings verbiete ich es natürlich auch niemandem), ich möchte vielmehr, dass durch die philosophische Diskussion vielleicht etwas Licht auch auf persönliche Probleme fällt, wobei sich mein Angebot explizit auch an Leute richtet, die nicht wegen eines Problems, sondern aus reiner theoretischer Neugier kommen.
Würde ich jemandem raten, eine philosophische Praxis zu eröffnen? Wenn ich es ökonomisch betrachte, sicherlich nicht. Ich kann bis heute nicht davon leben, ohne meine Ersparnisse und die Unterstützung meiner Familie hätte ich es weder anfangen noch bis jetzt fortsetzen können. Aber wenn einem Philosophie am Herzen liegt (und ich nehme an, das betrifft die meisten Philosophiestudenten, man studiert Philosophie wohl kaum wegen der enormen Verdienstmöglichkeiten), dann ist es schon eine aufregende Möglichkeit, eine, die vielleicht auch noch an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnen wird, zumal die Idee nicht einmal 40 Jahre alt ist. Das Beste ist wohl, wenn man ein Pensum an einer Schule mit einer eigenen Praxis kombinieren könnte, so hätte man sozusagen zwei Beine, ein Standbein und ein Tanzbein...