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Neue Zollanlage in Castasegna
Castasegna, 2000
Wettbewerb 1. Rang
In der westeuropäische Zivilisation der Nachkriegszeit wurde der Begriff „Zoll“ immer weniger fremd. Das Ende der zwischenstaatlichen Konflikte, die Entstehung der Europäischen Union und das Abkommen von Schengen über den freien Verkehr von Leuten und waren haben das Bild des Zolls in der allgemeinen Vorstellung viel milder werden lassen. Die Grenzstellen wurden auf einfache Durchfahrten reduziert, die auf die Identitätsspaltung zwischen einem Staat und dem anderen nicht hinweisen können. Die Schweiz entzieht sich jedoch diesem Vorgang; nicht nur, weil sie kein Teil der EU ist (allerdings hat sie sich entschieden, den Pakt von Schengen zu unterschreiben), sondern auch, weil in ihrer Geschichte der Begriff „Zoll“ nie – oder fast nie – eine unterdrückende bzw. bedrückende Bedeutung hatte, die für die grossen Nationalstaaten kennzeichnend ist. Vielmehr wurde hier der Zoll zum Vorbild und zur Auslage der schweizerischen Art und Weise, das Leben zu begreifen: frei und geregelt. Das sind die ideologischen Züge, die man im Grenzgebäude erkennen kann, das von Renato Maurizio für die italienische-schweizerische Grenze bei Castasegna im Bergeller Tal entworfen wurde. Das Modulgebäude ist in einer Struktur unterteilt, die aus einer Sequenz von sechs Metallspannweiten – je aus zwei Pfeilern und einem Verbindungsträger bestehend – besteht. Über diesem Gerüst verankert ein Netz aus Bindern eine hohle und schlanke – ebenfalls aus Metall bestehend – wellige bzw. flügelförmige Bedeckung: Ein leichtes Zeichen, das eine Freiheitsstimmung und ein lebendiges Gefühl vermittelt. Im gedeckten, von den zwei Elementen „Dach-Struktur“ bestimmten Volumen, befindet sich der für Büros und Zolldienste bestimmte Teil der etwa ein Drittel davon einnimmt. Ein nüchternes Rechteck, das an dem strukturellen Fadenwerk in fast unwahrnehmbarer Art und Weise angehakt ist, und das mit einer Haut aus dünnen hölzernen Dauben verkleidet ist, die aus Paneelen vormontiert und rot bemalt sind (eine Farbe der Eidgenossenschaft). Ein äusserst einfacher, klarer, leichter, antirhetorischer und antidekorativer Bau: Er ist durchaus beispielhaft für den schweizerischen, für den architektonischen und für den ideologischen Rationalismus, der keine Lösungen vorschreibt, sondern bearbeitet, indem er über die Fakten der Wirklichkeit und über ihre möglichen und wahrscheinlichen Entwicklungen nachdenkt. Wohlgemerkt ist diese Betrachtung gar nicht weit hergeholt: Tatsächlich ist das Zollamt kein Gebäude „auf ewig“, das die „ewige“ Idee vom Zoll als selbstverständlich in Kauf nimmt; sollte diese Idee nicht mehr aktuell sein, kann die Struktur leicht abmontiert und wieder woanders für einen weiteren Zweck zum öffentlichen Nutzen aufgebaut werden.
Aus: „Häuser in den Bergen“ Architekt Renato Maurizio