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CENTRO EVANGELICO MAGLIASO
Das Centro Evangelico Magliaso ist ein evangelisch-reformiertes Begegnungszentrum für Ferien und Bildung im Kanton Tessin in der Schweiz.
GRÜNDUNG
Lagerleben in den Anfängen
Der Bundesvorstand der Jungen Kirche Schweiz beschloss nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 ein Ferienzentrum für Jugendliche zu schaffen. In der Gemeinde Magliaso fand sich auf einen Hinweis von Pfarrer Heinrich Hellstern direkt am Luganersee nahe der Grenze zu Italien ein Gelände mit Zelten und Militärbaracken. Letztere hatten der Unterbringung von Internierten gedient. Der Idee Hellstern's entsprach es, dass sich an diesem Ort kriegsgeschädigte Jugendliche aus Holland, für welche die Junge Kirche Geld gesammelt hatte, Erholung und Betreuung finden konnten. Er war damals als vollamtlicher Sekretär des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes mit einer Hilfsaktion zugunsten der protestantischen Schwesterkirchen in den europäischen Kriegsländern beauftragt, woraus 1946 das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz entstand.
In Magliaso fanden sich denn auch viele kriegsversehrte Jugendliche ein, vornehmlich aus Holland, aber auch aus Österreich, Deutschland, Ungarn, der Slowakei und dem Elsass. Sie fanden dort eine erste Erholung, bevor sie für eine weitere Betreuungszeit zu Familien kamen. Einige Jahre später bedankten sich die Holländer mit dem Geschenk eines Klaviers, das für Gottesdienste, Andachten und Konzerte gute Dienste leistet.
Ein Jahr später, 1946, übernahm der neu ins Leben gerufene Verein für evangelische Jugendheimstätten die Verantwortung für das Jugend-Zentrum, das von ersten Gruppen und dann auch von Einzelgästen entdeckt wurde. Das wunderbare Ferienparadies entsprach ihrem Drang nach Süden und ihrem Wunsch nach Offenheit und echter Gemeinschaft. So wurden im Sommer 1947 rund 10'000 Übernachtungen verbucht.
GESCHICHTE
Verschiedene Um- und Neubauten wurden wegen einer Unwetterkatastrophe im Spätherbst 1951 nötig. Drei Jahre später wurde nach dem Vorbild von Magliaso eine zweite Heimstätte im Oberengadin mit dem Namen Randolins (d.h. bei den Schwalben) in St. Moritz eröffnet.
Ein ausgebildeter Zentrumsleiter wurde 1957 eingestellt, weil das eigene Programm infolge der veränderten Gästestruktur ausgebaut wurde. Ein Jahr danach wurden das Haus Boscaccio und die Scaletta errichtet. Nun standen einfache Einer- und Doppelzimmer sowie eine Wohnung für den Leiter zur Verfügung. Damit wurde der Öffnung für alle Altersstufen, Konfessionen und Bevölkerungsschichten Rechnung getragen.
Der damalige Besitzer Verein evangelischer Heimstätten beschloss 1967 umfassende Um- und Neubauten um das Zentrum der neuen Zeit und ihren Erfordernissen anzupassen. Zur selben Zeit wurde auch die Heimstätte Randolins ausgebaut. Das neue Centro mit 192 Gästebetten und 40 Pritschenlagern wurde 1972 eröffnet. Ferien und Bildung ist sein Zweck. Das Haus Boscaccio konnte 1985 im Rahmen einer Gesamtrenovation für die zahlreichen behinderten Gäste rollstuhlgängig eingerichtet werden. Seither ist im Ferien- und Bildungszentrum der Aufenthalt auch für Gruppen von Behinderten gewährleistet, was unter anderen die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft in regelmässigen Ferienwochen für Betroffene in Anspruch nimmt.
Am 3. Dezember 1988 wurde eine Betriebsgenossenschaft gegründet, um das Centro weiterzuführen. Dies überzeugte die Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich und den Verband der evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich, und sie stimmten einem gemeinsamen Kauf zu. Ab nun schrieb der Betrieb schwarze Zahlen und dank eines günstigen Mietzinses und vieler Bauspenden konnten jährlich kleinere und grössere Sanierungen ausgeführt werden. In den Jahren 1998-2000 waren dies die durch den Architekten Jean-Pierre Dürig geplanten Erweiterungen und im Winter 2002/2003 die mit dem Architekten Jürgen Felter neu erstellte, richtungsweisende Holzkonstruktion des Mehrzweckgebäudes Padiglione, die einen Grundriss von 20 x 20 m überspannt, und die Erneuerung der Küche.
Die Reformierte Landeskirche Zürich verkaufte 2004 ihren Besitzanteil dem Reformierten Stadtverband Zürich, der heute alleiniger Eigentümer des Centro ist.
Die baufällige Baracke mit dem unzeitgemässen Massenlager wurden 2011 abgerissen und machten somit dem roten Holzbau Paradiso mit insgesamt 19 Zimmern mit Dusche/WC, Balkon oder Loggia und einem einladenden Mehrzweckraum Platz. Die Jugendgruppen werden in Vierer- und Zweierzimmern in den Häusern Cedro, Vigna und Castagno einquartiert.
Das Centro Magliaso beherbergt im Frühjahr und zur Herbstzeit vor allem Gruppen und während der Zeit des Hochsommers vermehrt Einzelgäste. Die Behindertengruppen sind mit einem durchschnittlichen Anteil von 25-30% bei der Gesamtbelegung vertreten. Entgegen dem Trend im Tessin weist es eine kontinuierliche Zunahme der Logiernächste aus. Im Jahr 2013 wurden 29'618 Logiernächte registriert, wovon der Anteil von 32% an Behindertengruppen ging, 14% an Jugend und Schulen, 9.5% an Konfirmandenlager, 10% an Erwachsenengruppen, 10% an Seniorenferien und Kirchgemeinden und 24.5% an Einzelgäste. In den Wintermonaten ist das Centro geschlossen.
RELIEF
Hirt und Herde - ein Relief von Rolf Brem, Bronce 360 x 110 cm
Foto: Jakob Vetsch, 2014
Die Ankommenden werden vor dem Eingangsportal zum Centro vom Relief Hirt und Herde begrüsst. Es besteht aus Bronce 360 x 110 cm und wurde im Jahr 2002 vom Luzerner Bildhauer, Zeichner und Grafiker Rolf Brem geschaffen. Seine Plastiken und Skulpturen findet man in vielen Städten in der Schweiz, vornehmlich an öffentlichen Plätzen.
Die figürliche Darstellung von Menschen und Tieren zählt zu seinen bevorzugten Motiven. Besonders bekannt ist die Figurengruppe Hirt mit Schafen aus dem Jahr 1985 vor dem Stadttheater Luzern, an welche auch das später geschaffene Relief in Magliaso erinnert.
Das Relief und die stützende Mauer wurden vom Zürcher Hans-Ulrich Rübel (1919-2014) gestiftet.
ZWECK
Die Genossenschaft Evangelisches Zentrum für Ferien und Bildung in Magliaso mit Sitz in Zürich besteht im Sinne von Artikel 828 ff. des Schweizerischen Obligationenrechts. Ihre geistliche Grundlage ist die Botschaft der Bibel und die gelebte Ökumene.
Es werden auch Kontakte zur Chiesa evangelica riformata nel Ticino gepflegt.
Die besondere Atmosphäre und Ausstrahlung für Gäste und Mitarbeiter werden durch die Offenheit für Begegnungen, Toleranz und Rücksicht geschaffen.
PROGRAMM
In den Wochen des Hochsommers stellt das Haus ein Kurpastorat mit dem Angebot von Sonntagsgottesdiensten, Morgenandachten die Woche durch und der Möglichkeit von Seelsorgegesprächen zur Verfügung.
Angeboten werden auch Workshops für die Kinder, Aquagym im terraineigenen Schwimmbassin, schwimmen im angrenzenden See, Gymnastik auf dem Gelände oder im Innern und die abendlichen Märchenerzählungen für Jung und Alt im Rosetta-Saal.
BEDEUTUNG
Vom Centro Evangelico Magliaso geht eine starke Anziehungskraft aus. Die Ausstrahlung der offenen Atmosphäre, von Erfahrung und Erlebnissen zieht viele Gäste, Gruppen und Familien an. Bereits 1994 wurden bei 6170 Gästen 31578 Übernachtungen verbucht, und die Statistik belegt die Herkunft aus den verschiedensten Kantonen der Schweiz (57%), aus dem Kanton Zürich (34%) und aus unterschiedlichen Ländern (9%).
Eine breite Relevanz kommt dem Zentrum als Tagungsort zu. So wurde 1948 der tschechische Theologe Josef Hromádka als Referent an der Europa-Konferenz kirchlicher Jugendwerke von Heinrich Hellstern eingeladen.
2005 hielt der Florenzer Wissenschafter Sergio Caruso den Vortrag Vom Über-Ich zum Über-Selbst am Kongress zum Thema Produktive Orientierung und seelische Gesundheit der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens.
Für Generationen von Menschen erfüllt das evangelische Zentrum einen diakonischen Auftrag in der Ermöglichung vielfältiger Begegnungen mit Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Prägung, mit Kunst, Musik und Kultur. Dazu hält die Genossenschaft die Preisgestaltung in einem erschwinglichen Rahmen und unterhält einen Sozialfonds.
Es finden regelmässig Bibelfreizeiten, Kunstkurse, Musikwochenenden, Konfirmandenlager und Seniorenferien statt.
Durch ihre weitgefasste spirituelle Ausrichtung leistet die Stätte am Luganersee einen Beitrag zum konfessionellen und religiösen Frieden.
LEITERINNEN UND LEITER
Zur Seele des Hauses gehören jeweils die Leiterinnen und Leiter. Sie sind vielen Menschen in nachhaltiger Erinnerung.
Hier die Liste: Alice Schürch (1946-1947), Hanni Roth (1948-1949), Mina Alder und Meynarda van Terviska (1950-1957), Ernst und Vreni Roth-Haeny (1958-1959), Herbert und Brigitte Wirth (1960), Walter und Lörli Ritter (1961-1968), Marc und Lize Berger (1969-1970), Christian Relly (1971-1979), Henning Gietenbruch, Betriebsassistent (1975-1978), Remo Sangiorgio, Betriebsassistent (1978-1981), Hans und Margit Böhm (1979-1981), Remo und Regula Sangiorgio (1981-1984), Kurt und Margrit Hartmann-Strebel (1985-1988), Claudia Zbären (seit 1989).
LITERATUR, QUELLEN
Hannes Studer, Walter Ritter, Johannes Westermann (Hrsg.): Magliaso – Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit. Genossenschaft Evangelisches Zentrum für Ferien und Bildung, Magliaso 1995.
Heinrich Hellstern: Zum Tode von Josef Hromádka (1889-1969), Zeitschrift Neue Wege, Band 64, Jahr 1970, Heft 1, S. 6.
last update: 03.08.2015