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Am 27. Juli 2019 wurde das neue, richtige Tram in Caen eröffnet. Deshalb muss unser bisheriger Beitrag über das „einschienige Pneutram" (System TVR = Transport sur Voie Réservée) von Bombardier in Caen überarbeitet werden. Denn über den Umweg des Pneutrams hat Caen, im Zentrum einer Agglomeration von rund 400‘000 Einwohnern) nun endlich wieder zum konventionellen Tram zurückgefunden.
Etwas Geschichte
Wie unzählige französische Städte besass auch Caen ursprünglich - seit 1901 - ein elektrisches Tramnetz. Dieses war (je nach Quelle und Messweise) 9 km oder 11 km lang, umfasste 3 Linien und - angepasst an die engen Strassen in der Innenstadt - in Meterspur, teilweise gar einspurig ausgeführt. Im Juli 1936 beschloss der Stadtrat von Caen die Strassenbahn im Interesse der Fussgänger und des Autoverkehrs durch einen Autobusbetrieb zu ersetzen. Noch vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, am 23. Januar 1937, wurden der Trambetrieb stillgelegt und die Fahrzeuge nach Cherbourg verkauft (wo der Betrieb schon 1944 nach schweren Bombenangriffen für immer eingestellt wurde.)
Ein grosser Teil der Innenstadt von Caen wurde nach dem 2. Weltkrieg mit breiten Strassenzügen wieder aufgebaut. Doch es dauerte noch bis 1988, bis man von offizieller Seite wieder über die Wiedereinführung des Trams laut nachdachte. Caen suchte nach einem neuen, leistungsfähigen Transportsystem für den öffentlichen Verkehr. 1991 entschied man sich für den TVR, und 1995 wurde das künftige Netz entworfen. Ein TVR-Prototyp war schon 1985 in Brüssel vorgeführt und ab 1988 eine Teststrecke zwischen Jemelle und Rochefort (Belgien) betrieben worden.
Während die Renaissance des konventionellen Trams in Frankreich 1985 in Nantes begann, begeisterte die Idee des TVR vor allem jene Städte, wo die Verantwortlichen immer noch der Meinung waren, dass die Strassenbahn ein völlig überholtes Verkehrsmittel sei und die neue Technik ganz andere, neue Möglichkeiten eröffnen würde. Obwohl beispielsweise Fachleute der deutschen Partnerstadt Würzburg vor der noch wenig erprobten TVR-Technologie gewarnt hatten (Würzburg besitzt ein 19.7 km langes, meterspuriges Tramnetz mit 5 Linien), verfolgte man in Caen aus Kosten- aber wohl auch politischen Gründen unbeirrbar das Abenteuer TVR. Der Kostenvergleich Tram/TVR bleibt eine Glaubenssache: Nach einer Quelle kostet der Bau des TVR 30 % der Ausgaben für ein konventionelles Tramnetz; nach andern ist der TVR nur 5–10 % billiger.
Der TVR-Betrieb
Am 8. Dezember 2000 weihte in Nancy gar die Präsidentengattin Bernadette Chirac die erste TVR-Linie in Frankreich ein. Die effektive Inbetriebnahme zögerte sich aber noch hinaus. Verspätungen gab es auch in Caen: Erst am 15. November 2002 konnte das „Pneutram" von TWISTO eröffnet werden, dem öV-Netz von Caen und Umgebung, das durch Keolis Caen Mobilités betrieben wird.
Das 15,7 km lange Netz umfasste die in Nord-Südrichtung verlaufende Linie 1, die sich gegen ihre Enden hosenträgerartig in zwei Äste verzweigte: Im Norden in Copernic nach Campus 2 und Hérouville St-Clair, im Süden in Poincaré nach la Grâce de Dieu und Ifs Jean Vilar. Unterschieden wurden die Verbindungen A Caen Campus 2 – Ifs Jean Vilar und B Hérouville-Saint-Clair – Caen-La Grâce de Dieu. Die Linie 1 (A + B) mit total 34 Stationen diente vor allem dem Verkehr vom südlichen und nördlichen Vorstadtbereich in die Innenstadt, und erschloss die Zentren der Universität, den Bahnhof und das Spital CHU.
Im Gegensatz zu Nancy, wo aus Kompatibilitätsgründen mit der bestehenden Trolleybusfahrleitung die Stromabnahme mit Doppelstangen erfolgt, waren in Caen die TVR mit Einholmstromabnehmern ausgerüstet. Im Unterschied zu Nancy war in Caen auch das gesamte TVR-Netz spurgeführt, mit Ausnahme der Zufahrt zum Depot. In Nancy sind nur etwa 2/3 spurgeführt. Das verschaffte dem TVR in Caen nicht nur ein tramähnlicheres Aussehen, sondern auch stabilere Betriebsverhältnisse als in Nancy. Dennoch befriedigte der TVR nicht.
Die 24 dreiteiligen, blau-weiss lackierten TVR-Fahrzeuge von TWISTO waren weitgehend identisch mit jenen von Nancy. Von Bombardier gebaut, waren sie 24,5 m lang, 2,5 m breit und 3,22 m hoch. Das Fassungsvermögen betrug etwa 200 Plätze, aber nur 41 Sitzplätze und 13 Klappsitze. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h war die durchschnittliche Betriebsgeschwindigkeit knapp 20 km/h. Es waren Steigungen bis 13 % und bis 12 m enge Kurvenradien möglich. Gelenkt wurden die Fahrzeuge durch eine zentrale Führungsschiene. Die Fahrbahn war auf geraden Strecken 3 m, in Kurven 3,42 m breit. Die mit Kunstharz vermengte Fahrbahn musste genau verlegt werden und eine aufwändige Erneuerung war alle 8–10 Jahre nötig. Die Lebensdauer für ein Fahrzeug wurde mit 30 Jahren angegeben. In Caen legten die TVR jährlich etwa 8’500'000 km zurück.
Nach Eröffnung des TVR Caen war bereits auch eine in Ost-Westrichtung verlaufende Linie 2 geplant, die vor allem wirtschaftliche Zentren verbunden hätte. Laut Meinungsumfragen sprachen sich 57 % der Bevölkerung von Caen für den Bau dieser 2. Linie in einem Zeithorizont von 2009/15 aus. Als Bombardier die TVR-Produktion 2004 aufgab, überlegte man in Caen auch, für eine Netzerweiterung den Fahrzeugbestand durch die Übernahme der Wagen des noch glückloseren TVR-Betriebs von Nancy aufzustocken. Längerfristig wurde aber immer klarer, dass die TVR durch Trolleybusse, Translohr oder konventionelle Trams ersetzt werden müssen.
Vom TVR zum richtigen Tram?
Am 14. Dezember 2011 beschloss die damalige Verkehrsbehörde Viacités, die 15,7 km lange TVR-Linie bis 2018 auf konventionellen Trambetrieb umzubauen. Auf den gleichen Zeitpunkt hin sollte auch die neue Tramlinie 2 Bretteville-sur-Odon / Chemin Vert – Rives de l’Orne) als 8,3 km lange Ost-West-Achse eröffnet werden. Dadurch hätte sich ein total 23,4 km langes Streckennetz ergeben, das grösste in der Normandie. Kosten des Projekts: nahezu 300 Millionen €. Rund 40 % der TVR-Infrastruktur waren weiterverwendbar.
Der Baubeginn für die neue Linie 2 war für 2015 vorgesehen; Mitte 2017 hätte man mit dem Ende des TVR-Betriebs auf der Linie 1 gerechnet, um dort so rasch wie möglich auf Trambetrieb umzustellen. Ab Mitte 2018 wäre der Probebetrieb auf beiden Linien vorgesehen gewesen, und Ende 2018 sollte das gesamte Netz eingeweiht werden können. Doch beim Systemwechsel und Netzausbau in Caen war man von einer Zusammenarbeit mit Amiens ausgegangen, wo bis 2019 eine erste neue Tramlinie von 10 km Länge eröffnet sollte. Als nach Neuwahlen in Amiens das Tramprojekt von Amiens Métropole gestoppt wurde, bedeutete dies auch das Ende des Zusammenarbeitsvertrags mit Caen im Juni 2014. Damit geriet das Grossprojekt in Caen finanziell in Gefahr.
Das Ende des TVR
Am 31. Oktober 2014 entschied sich aber Viacités definitiv zum Umbau des 15,7 km langen TVR-Netz in ein konventionelles, 16,2 km langes Tramnetz bis 2019. 23 Niederflurgelenktramwagen (Länge 33 m, Breite 2,4 m, Fassungsvermögen 210 Personen) wurden zur Lieferung ausgeschrieben.
Der Betrieb des TVR-Pneutrams wurde am 31. Dezember 2017 um 20 Uhr unter Klingeln und Hupsignalen eingestellt. Schon anfangs Januar 2018 begann der Abbruch der Gleis und Fahrleitungsanlagen. Für das neue, konventionelle Tram wurde der bisherige Streckenverlauf weitgehend übernommen, aber in der Rue des Muets und unterhalb von Crous-Suaps auf Steigungen unter 10 % verringert, ferner Kurvenradien von unter 20 m begradigt. Zwölf der 24 TVR-Gelenkwagen wurden gratis als Ersatzteilspender an Nancy abgegeben. 2022 verliert der TVR in Nancy seine Betriebsbewilligung, und auch dort ist der Umbau in einen konventionellen Trambetrieb beschlossen.
Am 8. Oktober 2018 traf der erste der 23 neuen Citadis X05-Gelenktramwagen von Alstom La Rochelle in Caen ein. Am 3. Dezember 2018 fuhr erstmals wieder seit 1937 ein „richtiges" Tram in Caen. Ab Januar 2019 begann die Ausbildung des Fahrpersonals mit vorerst drei Wagen auf einem ersten Abschnitt der künftigen Line T3 zwischen dem Depot und der Station Poincaré. Statt wie angekündigt im September 2019 konnte das neue Netz mit den drei Linien T1, T2 und T3 bereits am Samstag, 27 Juli 2019 erfolgen.
Das neue Tramnetz umfasst die Strecken
T1 Hérouville-Saint-Clair – Ifs-Jean-Vilar
T2 Campus 2 – Presqu’île
T3 Château-Quatrans – Hauts de l’Orne (Gemeinde Fleury-sur-Orne; derzeitige Endstation Fleury-Collège Hawking. Von dort führen die Gleise weiter zum neuen Depot, das bis März 2019 in der Gemeinde Fleury-sur-Orne entstanden ist und das alle Wartungs- und Überwachungseinrichtungen inkl. der Leitstelle umfasst.
Die Eröffnung des Trams fand am 27. Juli 2019 um 11.30 im Stadtzentrum vor der Kirche St-Pierre statt. Schon etwa ab 7 Uhr morgens konnte die Bevölkerung erstmals mit den fünfteiligen Niederflurtrams fahren. Die Eröffnungsfeierlichkeiten führten aber zu einem Betriebsunterbruch im Stadtzentrum, was den Fahrplan - zusammen mit Signalproblemen - ziemlich durcheinander brachte. Bei gestörtem Fahrplan zeigte sich auch die Unzulänglichkeit der drei eingleisigen Endstationen Ifs-Jean Vilar, Campus 2 und Hérouville St-Clair: Folgen die Trams eng aufeinander, kann erst in die Endstation eingefahren und dort ausgestiegen werden, wenn der vorherige Kurs planmässig abgefahren ist. Die Passagiere ertrugen diese bis zu 20 Minuten dauernden Wartezeiten wenige Meter vor dem Ziel - zumindest am Gratiswochenende -mit Humor.
Die Rückkehr des richtigen Trams in Caen wurde von der Bevölkerung sehr positiv aufgenommen. .Amiens hat übrigens im Mai 2019 auf 4 Linien den Betrieb mit „tramähnlichen" Batterie-Gelenkbussen „Nemo" aufgenommen - You got what you paid for….
Alle Fotos von Christian Ammann