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Seit dem Klimagipfel in Doha Ende vergangenen Jahres ist klar: Es wird in nächster Zeit noch viel mehr Klimaflüchtlinge geben – Flüchtlinge wie die Familie Alam, die sich in die Hauptstadt von Bangladesch gerettet hat.
Wer sich Ende des Jahres, also normalerweise nach der Regenzeit, der Hauptstadt Dhaka vom Landweg aus nähert, überquert unzählige Flüsse und kommt vorbei an saftig grünen Feldern. Bangladesch ist ein fruchtbares Land. Erst im unmittelbaren Umkreis der Millionenmetropole säumen immer mehr Ziegelbrennereien die Strasse. Aus den bis zu fünfzig Meter hohen Schornsteinen quillt weisser und grauer, manchmal auch schwarzer Rauch. Diese Ziegelbrennereien sind die grössten Treibhausgasemittenten in Bangladesch. Im internationalen Vergleich ist der Pro-Kopf-Ausstoss allerdings gering: weniger als 0,5 Tonnen pro Jahr. In Westeuropa sind es 15, in den USA gar 20 Tonnen.
Bangladesch, dreieinhalbmal so gross wie die Schweiz, ist mit rund 160 Millionen EinwohnerInnen der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt. Und dies in einer Region, die vom Klimawandel besonders betroffen ist: Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht grosse Teile der Küstenregionen im Süden und versalzt die Böden. Zyklone rauben in immer kürzeren Abständen Hunderttausenden die Existenz. Im Norden sorgt der Monsun, von dem niemand mehr weiss, wann er kommen wird, für Überschwemmungen. Das spielt eine grosse Rolle in einem Land, das von vielen Flüssen durchzogen ist: Der Ganges und der Brahmaputra werden in der Regenzeit stellenweise bis zu acht Kilometer breit; Boote und Schiffe sind die wichtigsten Verkehrsmittel.
Sardarghat heisst der grosse Binnenhafen von Dhaka am Fluss Buriganga. Morgens landen hier die überladenen Fähren aus dem Süden an. Sie sind das günstigste Verkehrsmittel und werden auch von denen genutzt, die in Dhaka ein neues Leben anfangen wollen: Nach offiziellen Angaben sind es täglich 2000 Menschen. Viele von ihnen flüchten vor den Folgen des Klimawandels. «Eine der Tragödien ist ja, dass der Klimawandel besonders die Armen trifft», sagt Atiq Rahman, Klimaexperte aus Bangladesch. Sie hätten kein Geld, um in stabilere Steinhäuser umzuziehen – in Bangladesch lebt die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. «Und dann fliehen sie in die Elendsviertel der Hauptstadt.»
Hier Asien, dort Europa
Die meisten dieser Viertel, in denen morgens um fünf der Muezzin ruft und viele der Obdachlosen – darunter zahlreiche Neuankömmlinge – nach kurzer Nachtruhe am Strassenrand ihre Decken und Blechtöpfe zusammenpacken, liegen südlich des Buriganga, der die Stadt in zwei Hälften teilt. Sie heissen «Asien». Die wohlhabenderen Quartiere im Norden mit ihren massiv gebauten Hochhäusern und Tiefgaragen nennt man hingegen «Europa». In einem solchen Viertel lebt und arbeitet auch Atiq Rahman. Er hat graue, volle Haare, trägt einen Massanzug und wird von seinem Chauffeur in einem Geländewagen von einem Treffen zum anderen gefahren. Rahman ist einer der mehreren Hundert WissenschaftlerInnen, die den Uno-Weltklimabericht 2007 erarbeitet haben, und er berät die Regierung in Klimafragen.
Schon heute gebe es in Bangladesch eine Million Klimaflüchtlinge, schätzt Rahman; nirgendwo sonst seien die Folgen des Klimawandels so offensichtlich. «Im Süden steigt der Meeresspiegel ständig an», warnt er, «und viele Studien zu den arktischen Regionen kommen zu dem Ergebnis, dass das Eis viel schneller schmilzt als im Bericht des Weltklimarats dargestellt.» Bereits Mitte dieses Jahrhunderts könnten siebzehn Prozent der Landmasse Bangladeschs unter Wasser stehen. «Mindestens achtzehn Millionen Menschen werden bis dahin vom ansteigenden Salzwasser verdrängt.»
Die meisten von ihnen werden dann nach Dhaka kommen wollen, dabei platzt die Zwölfmillionenmetropole schon jetzt aus allen Nähten. Zum Freitagsgebet etwa fassen selbst die vielen Hundert Moscheen Dhakas nicht alle Gläubigen. Deshalb wird gegen Mittag die Mirpur-Road, eine der wichtigsten Hauptstrassen, einspurig gesperrt. In langen Reihen knien die Gläubigen auf ihren Teppichen, beschallt von grossen Lautsprechern.
Keine Kinder, dafür Smog
Auch Jahangir Alam geht in die Moschee – wenn er Zeit dazu hat. Wie achtzig Prozent seiner MitbürgerInnen ist er Muslim. Er lebt mit seiner Frau Farida im Slum Bosila des Stadtteils Muhammadpur. Ihre Behausung ist sechs Quadratmeter gross und notdürftig mit einer Plastikplane überdacht; ihre Habe besteht aus ein paar Decken, zwei Plastikeimern, einem Korb und etlichen Blechbehältern. Ihre zwölfjährige Tochter haben sie nach Gazipur, einer Stadt nördlich von Dhaka, verheiratet; der Slum hier sei zu gefährlich, sagen die Eltern. Ihre jüngeren Söhne arbeiten – der eine auf einer Fähre als Hilfskraft, der andere in einem Gemüseladen in Gazipur. Geld verdienen die beiden damit nicht, sie bekommen nur freie Kost und Logis.
«Vor zwanzig Jahren habe ich mein erstes Haus verloren, damals habe ich als Fischer gearbeitet», erzählt Jahangir Alam, «dann, drei Jahre später, hat der Fluss mein zweites Haus weggespült und vor sieben Monaten schliesslich mein drittes.» In ihrer alten Heimat auf der Halbinsel Bhola im Mündungsdelta des Flusses Meghna gingen die Kinder zur Schule und lebten bei ihren Eltern. Heute können Farida und Jahangir Alam ihre Kinder nur alle drei bis vier Monate sehen.
Nach dem Verlust des zweiten Hauses hatte Alam angefangen, sein Geld mit einer Fahrradrikscha zu verdienen. Auch in Dhaka tritt er in die Pedale. Das ist harte Arbeit: Die dreirädrigen Gefährte haben eigentlich eine Sitzfläche für zwei Passagiere. Aber manchmal sitzt eine ganze Familie drauf. Dann muss sich der hagere Mann stark verausgaben. In Dhaka verdient er mit seiner Arbeit zwar etwas mehr als auf der Halbinsel, aber das Leben ist auch viel teurer. «Hier muss man alles kaufen», sagt Alam, «in Bhola aber war vieles gratis – das Wasser und auch das Land, auf dem man lebte.» Die vielen Menschen und die Enge der Grossstadt, die langen Wege über staubige Strassen und der dichte Smog, all das mag er nicht. «Um zu dem Stadtteil zu kommen, wo ich arbeite, brauche ich manchmal zwei Stunden», erzählt er. Im Sommer sei es oft unerträglich heiss: «Wenn ich die Rikscha trete, schwitze ich wie verrückt – das ist mir auf Bhola nie passiert.» Auf der Halbinsel weht oft eine frische Meeresbrise.
Dhaka setzt auf den Autoverkehr
Intimsphäre gibt es im Slum nicht. Die nächsten Latrinen sind einen halben Kilometer entfernt. Dafür brummt mitten in Bosila ein Kraftwerk, das Strom für die weiter entfernt gelegenen Gebäudekomplexe der Mittelschicht produziert. Im Slum liefern Batterien den Strom, da und dort auch kleine Generatoren. Die kleine Hütte der Alams kostet 400 Taka im Monat, ausserdem verlangt der Vermieter 100 Taka für die Nutzung des Brunnens, der einen Kilometer weit weg liegt, und noch mal 100 Taka für die Latrine. Das ist viel Geld für Jahangir Alam, der selbst an besonders guten Tagen höchstens 100 Taka verdient, umgerechnet 1.15 Franken. Und jetzt ist auch noch dieser Platz bedroht: «Der Landbesitzer will hier Häuser bauen, dann müssen wir unsere Unterkunft räumen.»
Und noch etwas fürchtet Alam: «Wenn immer mehr Menschen hierherziehen, wird Dhaka bald so voll mit Autos und Bussen sein, dass es für uns Rikschafahrer keinen Platz mehr gibt. Der motorisierte Verkehr verstopft ja schon heute die Strassen.» Mitunter würden die AutofahrerInnen sogar handgreiflich: «Wenn sie glauben, wir Rikschafahrer hätten etwas falsch gemacht, steigen sie aus und verprügeln uns.»
Unberechtigt ist seine Sorge nicht: Seit Ende der neunziger Jahre fördert die Weltbank ein Projekt zur Entwicklung des Verkehrssystems in Dhaka. Obwohl sich achtzig Prozent der BewohnerInnen zu Fuss oder per Rikscha in der Stadt bewegen, wird derzeit der Verkehr autogerecht umorganisiert: Ausgerechnet den umweltfreundlichen Transportvelos wurde kürzlich die Nutzung der wichtigen Hauptstrassen Dhakas verboten. Das hat das durchschnittliche Einkommen der Rikschafahrer um mehr als dreissig Prozent verringert. «Kein Benzin und viele Arbeitsplätze: Das ist nachhaltiger Transport» lautet das Motto, mit dem eine Nichtregierungsorganisation die Rikschafahrer unterstützt. Aussicht auf Erfolg hat diese Initiative kaum, denn die Lobby der wohlhabenden AutofahrerInnen, die Konsumversprechen der Werbeindustrie und die Gewinnerwartungen der Autokonzerne bestimmen die Politik.
Vor der Behausung von Jahangir Alam und seiner Frau Farida schnattern ein paar Gänse. Kinder spielen und schreien, ein Nachbar zerhackt ein altes Möbelstück, damit er es verfeuern kann. Es riecht nach behandeltem Holz und verbranntem Plastik. Alam sehnt sich nach seinem alten Zuhause zurück.
Obwohl er weder lesen noch schreiben kann, weiss er, wer an seiner Odyssee schuld ist: «Wegen der Industrie und der vielen Autos wird das Klima heisser, deshalb wird die Strömung stärker, deshalb verschwindet unser Land», sagt er. Er will wieder zu seinen Verwandten und FreundInnen nach Bhola zurück. «Wir wollten dieses Opfer nicht auf uns nehmen, wir wollten auf unserer Insel bleiben.»
Doch für Jahangir Alam und viele andere ist Dhaka Endstation. Die Odyssee fortzusetzen, etwa mit einer Flucht ins nahe gelegene Indien, ist im Vergleich zu früher lebensgefährlich geworden. Die indischen Grenzbeamten schiessen scharf, wenn sie jemanden sehen, der über die grüne Grenze will. Ausserdem hat die indische Regierung seit einigen Jahren die Zäune unter Starkstrom stellen lassen. «An der Grenze erschossen» heisst es dann in den hiesigen Zeitungen. Das passiert so häufig, dass es den Redaktionen meistens nur eine Kurzmeldung wert ist.