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Die Bewohner des Hauses Rössligasse 40 seit 1894
Paula Eicher-Huber
Seit sieben Jahren wohne ich in dem kleinen Haus an der Rössligasse 40, das ich, zusammen mit meinem Mann, im Jahre 1972 übernommen und nach einer grossen Renovation 1974 bezogen habe. Doch schon viel länger spielte dieses Haus in der Geschichte meiner Familie und auch in meinen Jugenderinnerungen eine bedeutende Rolle.
Meine Grosseltern mütterlicherseits, Johann Jakob und Emma Eger-Peter, kauften die Liegenschaft Rössligasse 40 im Jahre 1896 zum Preis von Fr. 2000.—. Emma Peter stammte aus Efringen-Kirchen im Markgräflerland. Sie diente in jungen Jahren im Restaurant Rössli in Riehen, wo sie meinen Grossvater Jakob Eger kennenlernte, einen stattlichen Junggesellen aus alter Riehener Familie, der zusammen mit acht Geschwistern an der Schmiedgasse aufgewachsen war. Nach seiner Verheiratung im Jahre 1888 wohnte das Paar einige Jahre an der Schmiedgasse, wo 1889 meine Mutter Emmely geboren wurde; das zweite Kind, Jakob, kam 1895, nach der Ubersiedlung an die Rössligasse, hier in diesem Haus zur Welt.
Das Leben war nicht einfach für die junge Familie. Sie waren Kleinbauern mit einer Kuh im Stall, einem Schwein und einem Dutzend Hühner im Höfli und mit einer Anzahl Acker und Bündten, die über den ganzen Riehener Bann verteilt waren. So pflanzten sie im Esterli-Acker Kartoffeln und Rhabarber, im Schellebrünnli Weizen und Roggen, im Meier Gemüse, Salat und Beeren, zwischen Gstäder Johannisbeeren, Stachelbeeren und Rhabarber, im Hackberg Reben, im Schlipf Reben für den eigenen Wein und im Hungerbach Gemüse, Beeren, Reben und alles, was es gibt.
Man kann sich vorstellen, wieviel Arbeit die Bewirtschaftung der vielen, weit auseinanderliegenden Acker bedeutete. Die beiden Kinder mussten schon als ganz klein tapfer mithelfen. Jakob, der heute 86 Jahre alt ist, erinnert sich noch gut, wie er als Schulbub jeweils vom Erlensträsschen bis zum Hackberg hinauf oder zum Schlipf hinüber marschieren musste, um nach der Schule bis zum Einnachten auf dem Feld zu arbeiten.
Das Gemüse und die Beeren brachte meine Grossmutter mit dem Marktwägeli zu Fuss auf den Basler Markt, bis dann 1908 das Tram nach Riehen fuhr und den weiten Weg für die Riehener Marktfrauen etwas erleichterte. Für das gelöste Geld - so ca. 3 bis 6 Franken - wurde Vorrat für den Winter gekauft wie Zucker, Tee, Hülsenfrüchte und anderes mehr. Mein Grossvater war auch noch als Gemeindebammert tätig, aber er starb schon im Jahre 1916. Da gab es noch keine Renten, und Grossmutter musste sehen, wie sie durchkam. Ihr Sohn Jakob, der von klein auf eines Gehörleidens wegen ein Sorgenkind war, fand 1916 Arbeit bei der Ciba als Hofarbeiter und konnte so zum Unterhalt der Familie etwas beitragen. «Ich weiss noch gut, mit welchem Stolz ich der Mutter meinen ersten Wochenlohn von Fr. 26.— überreichte», erinnert Jakob sich heute noch. Täglich, natürlich auch samstags, fuhr er mit dem Velo durch die Langen Erlen nach Basel, arbeitete von 7 bis 11.30 Uhr, fuhr zum schnellen Mittagessen nach Riehen und arbeitete von 1 bis 5 Uhr wieder in der Fabrik. Nach Feierabend aber arbeitete - nein, «krampfte» er bis spät in die Nacht auf den Feldern, wo auch die Grossmutter den ganzen Tag über arbeitete. Eine Schwester meines Grossvaters, Louise Eger, die mit ihrem Sohn Emil auch in dem kleinen Hause lebte, besorgte den Haushalt. 1929 verheiratete sich Jakob mit Lina Burkart und sorgte dann für seine Frau und seine Mutter.
Meine Mutter Emmely, die als fünfjähriges Kind in dieses Haus einzog, war ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen. Oft erzählte sie meinem Bruder und mir, wenn sie uns zum Schönerschreiben anhalten wollte, dass Lehrer Strub im Erlensträsschen sie jeweils die Zeugnisse für die andern Kinder ausfüllen liess, weil ihre Handschrift so besonders schön war. Von Herzen gerne wäre sie Handarbeitslehrerin geworden, aber die finanziellen Verhältnisse der Familie verunmöglichten diesen Wunsch. Sie konnte aber eine Lehre als Verkäuferin antreten, gerade gegen über an der Rössligasse 33/35, wo damals im alten Singeisenschen Bauernhaus ein Konsum war. Nach abgeschlossener Ausbildung, die sie auch in verschiedenen Konsumfilialen der Stadt genossen hatte, kehrte sie 1910 nach Riehen zurück und wurde zweite Verkäuferin im Konsum, eine damals recht angesehene Stellung mit einem Jahresgehalt von Fr. 1500.—. Trotz der langen Arbeitsstunden und der Mithilfe im Haus und auf dem Feld fand sie Zeit, sich ihrer Liebhaberei zu widmen: sie war eine begeisterte Sängerin im Gemischten Chor Liederkranz. Auf der bekannten Vereinsfoto vom Gesangsfest in Whylen von 1911 (die im Riehener Jahrbuch 1976, Seite 85, veröffentlicht wurde) steht sie als stolze Ehrenjungfer gleich neben der Vereinsfahne. 1910 lernte sie meinen Vater Anselm Huber kennen, der als Polier beim Umbau dieses Hauses arbeitete; sie heiratete 1913 und zog mit ihrem Mann nach Basel an die Wiesenstrasse, wo ich 1914 und ein Jahr darauf mein Bruder Erwin geboren wurde.
Für meinen Bruder und mich bedeutet Riehen einen wichtigen Bestandteil unserer Kinderzeit, verbrachten wir doch viele Sonntage und als Schulkinder unsere ganzen Ferien hier, mein Bruder bei den Grosseltern Huber im Niederholz, ich bei Grossmutter Eger an der Rössligasse. Wie gut erinnere ich mich an die Ställe und Kammern, an die Küche mit dem grossen Kupferkessel, an die Wäsche und die alljährliche Metzgete im Höfli und an den wunderschönen grünen Kachelofen, über dem Grossmutters Bohnen aufgefädelt zum Dörren hingen (er steht, zu meiner Freude, auch heute noch in unserer Stube). Aber wie wohl erinnere ich mich auch der Feldarbeit an heissen Sommertagen, denn ich musste natürlich, so klein ich war, überall mithelfen. Oh, der lange staubige Weg durch den Grenzacherweg zum Schellebrünnli, wenn all die andern Kinder sich in der Badi tummeln durften! Ich weiss noch, wie die Stoppeln in die Füsse stachen, wenn wir auf dem Schellebrünnliacker Garben banden, wie heiss es war, wenn wir im Meier grasen oder Beeren pflücken mussten, und wie mühsam Onkel Jakob das Wasser oder auch die Bschütti in grossen Giesskannen oder im Fass auf dem Graswagen zum Acker zwischen Gstäder, wo es keinen Brunnen hatte, hinaufziehen muss te. Herrlich aber waren die Markttage! Am Vorabend durfte ich Grossmutter helfen, die Marktfahrt zu rüsten und die grossen ovalen Zainen mit Rhabarber, Erdbeeren - Grossmutter hatte ganz besonders schöne Erdbeeren oder allen möglichen Gemüsen zu füllen. Auch zwei, drei Büscheli Blumen für 20 oder 30 Rappen waren dabei. Am frühen Morgen luden wir dann die Körbe auf den kleinen Brückenwagen und fuhren damit zum alten Gemeindehaus, wo die Marktfrauen ihre Wagen tagsüber einstellen konnten. Die Zainen luden wir ins Tram, und schon um 6 Uhr standen wir in Basel auf dem Markt. Wie stolz war ich, wenn ich Grossmutter helfen durfte, die schönen Riehener Produkte an die Basler Hausfrauen zu verkaufen.
Nicht nur meine Grossmutter mütterlicherseits, sondern auch meine Grosseltern väterlicherseits wohnten in jenen Jahren in Riehen. Sie waren um 1900 vom Baselbiet her nach Riehen gekommen; die Wurzeln meiner väterlichen Familie aber reichen weit über das Baselbiet hinaus nach Italien und Deutschland. Mein Urgrossvater Anselmo Martinetti war mit seiner Frau aus Nettro in Italien in die Schweiz eingewandert. Wie meine Grossmama mir oft erzählte, war er in jungen Jahren in einem Bergwerk verschüttet und nach einigen Tagen mit schneeweissen Haaren gerettet worden. Der Zeitpunkt seiner Einwanderung in die Schweiz lässt sich heute nicht mehr feststellen; sicher ist, dass er 1882 das Hofgut «Bollhof» in Zuzgen/AG kaufte. Es handelte sich um einen grossen, prächtig gelegenen Hof ausserhalb des Dorfes; da das Gut später in die Hände anderer Verwandter gelangte, besuchte ich es in meiner Jugendzeit oft und erinnere mich gut an die geräumigen Gebäude, die grossen Weiden und den dazugehörigen Wald. 1896 verkaufte er den «Bollhof», um das Hofgut «Gais» in Ormalingen/BI. zu übernehmen, das dann bis 1978 im Besitz der Familie seines Sohnes verblieb. Die älteste Tochter von Anselmo Martinetti, meine Grossmama Josephine (genannt Pinotte), lernte meinen Grossvater Josef Huber vermutlich auf dem Bollhof kennen, wo er als Knecht arbeitete. Da er als deut scher Staatsangehöriger - sein Vater war von Rickenbach/Säckingen nach Zuzgen eingewandert - sich weigerte, in Deutschland Militärdienst zu leisten, ging er als Refrakteur seiner Schriften verlustig. Mein Vater Anselm Huber wurde 1886 geboren, aber erst im Jahre 1901 konnte Josef Huber die notwendigen Papiere aus Deutschland erhalten, um Pinotte Martinetti zu heiraten. So wuchs mein Vater auf dem «Bollhof» und dem Hofgut «Gais» auf und besuchte nach der Primarschule die Bezirksschule in Bockten.
Im Jahre 1900 übersiedelten meine Grosseltern nach Riehen, wo sie sich so gut einlebten, dass sie 1906 Riehener Bürger wurden. Grossvater arbeitete als Knecht auf dem Spittelmatthof; später war er als Maurer-Handlanger im Baugeschäft Späth, Riehen, tätig. Sie bezogen eine kleine Wohnung über dem Restaurant «Niederholz». Grossmama war Weissnäherin; sie nähte und flickte für die Knechte auf dem Spittelmatt- und dem Bäumlihof. Auch wusch sie jeden Monat deren Wäsche, manchmal bis zu 60 Herrenhemden, 100 Taschentücher und vieles andere mehr. Ich durfte ihr oft als Kind dabei helfen, an einem kleinen Waschzuber und mit einem kleinen Waschbrett. Nachher wurde alles gebügelt und geflickt, und am Wochenende holten die Mannen die schön gebündelte Wäsche wieder ab. Am Sonntag aber servierte Grossmama bei schönem Wetter im Garten des Restaurants zum Ochsen. Was für einen Stolz hatten wir Kinder, wenn sie uns mit einem Sirup oder einer Limonade bediente! Grossmama war eine fleissige, schaffige Frau, und als sie 1937 starb, hinterliess sie einen schönen gesparten Batzen.
Mein Vater Anselmo Huber erlernte den Zimmermannund Maurerberuf. Vermutlich erhielt er einen Teil seiner Ausbildung im Baugeschäft Tettoni in Gelterkinden, in welchem auch Urgrossvater Martinetti zeitweise arbeitete; ein Zeugnis der Gewerbeschule Gelterkinden vom Jahre 1904 bezeugt seine guten Fähigkeiten im Zeichnen. Später siedelte er zu seinen Eltern nach Riehen über und arbeitete im Baugeschäft Späth, wo er es bis zum Polier brachte. Wohl aus finanziellen Gründen (der Stundenlohn für gelernte Maurer betrug 60 Rappen) bewarb er sich, als er meine Mutter kennengelernt hatte, um eine Stelle bei der BSTB (Basler Strassenbahn). 1912 wurde er probe weise Sonntagsbilleteur mit einem Taglohn von Fr. 4.50; ab 1. Juli 1913 arbeitete er als «ständiger Arbeiter als Billeteur» mit einem Monatsgehalt von Fr. 150.—. Nach seiner Verheiratung zog er mit meiner Mutter in die Nähe des Tramdepots an die Wiesenstrasse, wo ich mit meinem Bruder zusammen aufwuchs. Er war oft recht heftig und aufbrausend, daneben aber ein äusserst senkrechter Charakter. Mit seinen geschickten Händen schreinerte er Möbel, sohlte uns die Schuhe, mauerte dem Hausmeister aus einem Fenster eine Tür und vieles mehr. Leider musste er krankheitshalber frühzeitig pensioniert werden und verstarb 1940 innert drei Tagen an einer Blutvergiftung.
Nach dem Tod meines Vaters übersiedelte meine Mutter mit meinem Bruder nach Riehen an die Grendelgasse, in die Wohnung mit der wunderschönen grossen Terrasse im Hause der Sägerei Morandini. Mein Bruder war viel im Militärdienst, und so kam meine Mutter wieder öfters hier an die Rössligasse um mitzuhelfen, da Grossmutter krankheitshalber nicht mehr arbeiten konnte. Meine Mutter war immer zu allen hilfsbereit.
Ich hatte zu jenem Zeitpunkt das Elternhaus bereits verlassen. Auch für mich war der grosse Wunsch, Handarbeitslehrerin zu werden, aus finanziellen Gründen nicht in Erfüllung gegangen. Es galt, sobald als möglich etwas mitzuverdienen, und so machte ich nach einem Welschlandjahr eine Verkäuferinnenlehre wie meine Mutter; sie war für mich das grosse Vorbild. Ich war stolz, mit meinem Lehrlingslohn von Fr. 50.— (Anno 1929) einen kleinen Beitrag an das Familienbudget zu leisten. Im Jahre 1937 verheiratete ich mich mit Fritz Eicher. Wir wohnten an der Klybeckstrasse in einer schönen Wohnung. Als uns 1941 unsere Tochter Christa geschenkt wurde, war dies eine grosse Freude, doch die Kriegsjahre waren für uns hart. Wie noch viele andere musste mein Mann sehr viel im Militärdienst sein; die Lohnentschädigungen waren aber damals sehr klein, es reichte knapp für den Hauszins und die Heizung. Dank meiner Mutter konnte ich meinen Beruf wieder ausüben, denn sie betreute unsere Kleine an der Grendelgasse. Christa war glücklich, mit ihrer Oma oft an der Rössligasse zu verweilen bei den Hühnern und auf der «Rytti» im Hühnerhof.
Grossmutter Eger und Jakob hatten nach und nach fast alle äcker und Bündten verkauft - leider lange vor den hohen Bodenpreisen! -, denn sie vermochten die grosse Arbeit nicht mehr zu bewältigen und brauchten den Erlös, um allen Verpflichtungen besser nachzukommen. Jakob durfte seit 1941, nach einer schweren Ohrenoperation, seiner Arbeit in der Ciba nicht mehr nachgehen und wurde frühzeitig pensioniert mit einer recht bescheidenen Rente. Grossmutter lag jahrelang krank. Sie wurde aufopfernd gepflegt von Jakob, seiner Frau und meiner Mutter bis zu ihrem Tode im Jahre 1946.
Jakob lebte nun mit seiner Frau allein an der Rössligasse. Im schönen Garten am Hungerbach verbrachte er seine Tage mit viel Freude und gesunder Arbeit, bis er dieses letzte Stück Land, das ihm geblieben war, anfangs der fünfziger Jahre auch noch verkaufte. Aber bald wurde er von verschiedenen Riehener Gärtnern angestellt, um auf den Feldern und in den Gärten auszuhelfen, eine Tätigkeit, die ihn bis ins hohe Alter ausfüllte. 1956 starb seine Frau Lina, und nun kehrte meine Mutter in ihr Elternhaus zurück, um den schwerhörigen Bruder zu betreuen. Sie sorgte treulich für ihn, bis sie im Jahre 1970, in ihrem 82. Lebensjahr, ganz plötzlich verstarb. Ihr Tod hinterliess für uns alle eine grosse Lücke.
Jakob, der nicht allein leben mochte, verbrachte nun die meiste Zeit bei meinem Mann und mir in Basel. Ende 1972 schenkte er uns das schon so lange leerstehende Haus an der Rössligasse mit der leisen Hoffnung, vielleicht doch wieder in sein Geburtshaus einziehen zu können. Und nun begann für uns ein grosses Planen und Umbauen. Mit viel Kummer und Sorgen, viel Arbeit und Geld, entstand nach und nach ein heimeliges Haus mit ausgebautem Dachstock, mit Bad und neuzeitlicher Küche und mit dem kleinen Garten im Höfli, das zu unserer «Oase» wurde.
1974 zogen mein Mann und ich zusammen mit Jakob wieder hier ein. Leider verstarb mein Mann bereits im darauffolgenden Jahr, auch ganz plötzlich an einem Herzversagen, einen Monat vor seiner Pensionierung! Dies war für mich der grösste Schlag, alles schien sinn- und wertlos. Doch durch meine Tochter und deren Familie empfing ich wieder Kraft und Mut, und seither lebe ich mit Onkel Jakob hier. Wenn jeweils meine Enkelkinder ihre Ferien bei uns verbringen, so ist es mir, die Zeit drehe sich zurück, und ich bin dankbar, im Elternhaus von Jakob und meiner Mutter wohnen zu dürfen.