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Kurzgeschichte von M. W. Fischer – (c) Oktober 2018
Stefanie
Stefanie Baier stand frierend und zitternd in Fribourg auf dem Bahnsteig. Der Wind trieb ihr feine Schneeflocken in die Ohren und ließ ihr eine Haarsträhne vor den Augen tanzen, die sich aus ihrem straff gebundenen Chignon gelöst hatte. Sie blinzelte, hielt sich die mit einem Wollhandschuh geschützte Hand über das Ohr und versuchte gleichzeitig, die Strähne unter dem Brillenbügel festzuklemmen, während die braune Handtasche ihre linke Schulter nach unten zog. Im Zug würde sie sie dann an ihren Platz im Haarknoten verweisen. Ihr karierter Stoffkoffer lag säuberlich ausgerichtet neben ihren eng nebeneinander gestellten Füssen mit den geputzten Halbschuhen und den gestrickten Kniesocken. Der eisige Wind drang durch ihre Schichten von Mänteln, Strickjacken und Blusen, kroch ihr unter dem knielangen Wollrock die Beine hoch und ließ sie immer mehr zittern. Wenn sie doch endlich in ein warmes Zugabteil schlüpfen könnte. Endlich wurde in der Durchsage die Ankunft des Zuges bekanntgegeben.
Marco
Marco Ehrlichmann aus Kleindöttingen schlenderte im Bahnhof Bern zum Bahnsteig, warf bei einem Stützpfeiler seinen Rucksack zu Boden und hockte sich daneben. Obwohl es garstig kalt war, fischte er eine Bierdose daraus hervor, öffnete sie und trank ein paar lange Schlucke. Dann setzte er eine Mundharmonika an seine Lippen und spielte leise darauf. Seit dem frühen Morgen schwebte eine Melodie in seinem Kopf. Wenn er meinte, sie endlich einfangen zu können, glitt sie von ihm weg, gerade außerhalb seiner Reichweite. Wenn er sie erwischen würde, würde sie ein Ohrwurm werden, davon war er überzeugt, und dann könnte er mit seiner Band das Album aufnehmen. Es fehlte nur noch dieses Etwas, dieser ganz spezielle Song, der ihnen den Weg in die Radiostudios öffnen würde. Vielleicht sogar auf eine Openair-Bühne, oder ins Zürcher Hallenstadion. Er seufzte. Träumen schadete niemandem und tat ihm gut.
Endlich fuhr der von Fribourg kommende Zug ein. Er trank das Bier aus, stand auf und bestieg den nächstbesten Wagen. Ein Schwall abgestandener, heißer Luft schlug ihm entgegen. Soweit er blicken konnte, waren alle Vierersitzgruppen mehr oder weniger voll belegt. Er kämpfte sich zwischen Reisekoffern und herumliegenden Rucksäcken durch.
Da! Eine Sitzgruppe mit nur einer Person darin. Die Frau – er sah nur einen dunkelblonden, straff gekämmten Haarknoten – saß in Fahrtrichtung. Egal, Hauptsache, er hatte einen Sitzplatz.
Stefanie
Stefanie spürte, dass jemand sie ansah. Sie schaute von ihrem Buch auf und erblickte zwei meerblaue Augen, die von einem dunkelbraunen Lockenschopf umrahmt wurden. Der junge Mann mochte in ihrem Alter sein. Er trug eine schwarze Lederjacke mit baumelnden Schnallen, einen gelben Schal, zerrissene Jeans und einen Rucksack, der aussah, als wäre er drei Jahre durch den Amazonas geschleift worden. Jetzt stach ihr auch der säuerliche Geruch der speckigen Lederjacke in die Nase.
Ohne dem Gebot der Höflichkeit Genüge zu tun und zu fragen, ob da noch frei sei, warf der Typ seinen Ranzen auf den Platz neben ihr und setzte sich ans Fenster, indem er seine Füsse schräg ausstreckte. Und dann rülpste er! Eine Bierblase hüllte sie kurz ein. Ein widerlicher Kerl mit schlechten Manieren. Sie zog ihre Beine noch etwas näher heran und presste ihre Knie an die Wand. Nur diesen aufsäßigen Menschen nicht berühren! Er könnte Flöhe oder Läuse haben. Ein Schauder erfasste sie.
Jetzt packte er sogar eine Mundharmonika aus und begann, eine undefinierbare Tonfolge zu spielen. An Lesen war nicht mehr zu denken. Aber diesen Triumph würde sie ihm nicht gönnen. Verbissen starrte sie in ihr Buch und tat so, als sei sie in die Lektüre vertieft.
Marco
Marco genoss seinen Auftritt. Wäre doch gelacht, wenn er diese biedere, vertrocknete Pflaume nicht dazu bringen könnte, sich einen anderen Platz zu suchen. Dann hätte er die Sitzgruppe für sich allein und könnte weiter an seinem Song tüfteln. Er zog seine Schuhe aus, schob den Rucksack etwas zur Seite und legte seine Füsse auf den schräg gegenüberliegenden Sitzplatz. Belustigt registrierte er den angewiderten Blick und das Kräuseln ihrer Stupsnase, als sie seine in löchrigen Socken steckenden Füsse anschaute. Was die wohl hinter ihren dicken Brillengläsern denken mochte?
Die Abteiltür glitt rumpelnd auf. «Alle Billette ab Bern vorweisen, bitte!» Die Schaffnerin schritt zügig durch das Abteil, denn in Bern waren nicht allzu viele Fahrgäste zugestiegen.
«Nehmen Sie die Füße vom Sitz und ziehen Sie die Schuhe an!», befahl sie freundlich, aber mit fester Stimme. Marco grummelte, richtete sich auf und zog widerwillig die Füsse herunter.
«Und Ihr Billett?» Er zeigte ihr sein elektronisches Ticket in der App, sie scannte es und nickte. «Danke. Und denken Sie daran, Sie sind nicht allein im Zug. Die Dame hier hat ebenfalls ein Anrecht auf eine angenehme Fahrt.»
Die Bücherwürmin hob den Kopf und schaute die Beamtin mit einem verwirrten Blick an. «Ist schon okay, es stört mich nicht», fiepste sie. Dann sah sie Marco kurz an, und ihr Gesicht wirkte gar nicht mehr so abweisend und in sich gekehrt. Da blitzte sogar ein Funke Lebenslust in ihren Augen auf, oder hatte er sich getäuscht?
Plötzlich drehten sich ringsherum Köpfe in ihre Richtung. Obwohl er gerne provozierte, ging er nicht weiter auf Konfrontation, sondern schlüpfte in seine Stiefel. «Sorry», murmelte er in Richtung seiner Nachbarin, die ihren biederen Rock glatt strich und die Füße noch etwas weiter unter ihren Sitz streckte. Sie trug gestrickte Wollsocken! Seit seiner Jugend hatte er keine Stricksocken mehr gesehen, geschweige denn welche selbst getragen. Er wurde nicht schlau aus ihr. Wo war der Lebensfunke geblieben, den er eben noch meinte entdeckt zu haben?
Stefanie
Es war ihr äußerst unangenehm, dass der junge Mann wegen ihr gerügt worden war. Sie war sich nicht sicher, was schlimmer war, dass er seine Beine quer durch das Abteil streckte oder sie jetzt mit seinen Knien berührte. Aber er konnte ja nichts dafür, dass er so lange Beine hatte und die musste er irgendwo verstauen.
«Soll ich mich auf den Gangplatz setzen? Dann hast du Platz für deine Beine», fragte sie und hob kurz ihre Augen, um ihm einen schüchternen Blick zuzuwerfen. Sein penetrantes, provokantes Grinsen war einem schon fast freundlichen Lächeln gewichen.
Er schüttelte den Kopf und machte Anstalten, auf den Platz am Gang zu rutschen. «Nein, ich bin ja nach dir hereingekommen.» Woher kam dieser plötzliche Sinneswandel? Handelte er aus Mitleid, wie Viele es ihr gegenüber taten, oder steckte noch etwas anderes dahinter?
«Es macht mir nichts aus, wirklich», flüsterte sie.
Aber er hatte sich bereits schräg von ihr niedergelassen und schlüpfte aus seiner Lederjacke. Auf der Brust seines Langarm-Shirts zeigte eine schwarze Hand den Stinkefinger und aus dem linken Ärmel schaute ein Tattoo hervor. Sie starrte darauf und war sich sicher, dass es Spinnenbeine waren.
«Vergiss es. Hey, ich heiße Marco und bin manchmal ein Idiot.» Er streckte ihr seine Hand hin.
Sollte sie sie ergreifen? Immerhin war die Spinne am anderen Arm. Ihr Blick streifte kurz seine Finger mit den Schmutzrändern unter den Fingernägeln. Sie ließ ihre Hand unten. «Ich bin Stefanie», gab sie leise zurück.
Dann blickte sie wieder in ihr Buch und suchte nach der Stelle, wo sie aufgehört hatte zu lesen. Sie kam genau eine dreiviertel Zeile weit.
«Wohin fährst du?»
Sie sah auf. Niemand machte Smalltalk mit ihr. War das ein Versuch, sich an sie heranzumachen? «Diese Frage ist ziemlich persönlich, findest du nicht?» Er kratzte sich über die unrasierte Wange. Ihr Großvater hatte sich immer auf diese Weise gekratzt, und den hatte sie sehr, sehr gern gehabt.
«Ich war bei einem Kumpel in Bern. Wir machen Musik. Aber morgen muss ich wieder arbeiten. Ich bin Postbeamter in Kleindöttingen. Weisst du, wo das ist?» Er wartete ihre Reaktion gar nicht erst ab. «Ein kleines Nest an der Aare, kurz bevor sie in den Rhein mündet. Ich steige in Zürich um. Und du?»
«Postbeamter, ja?», sagte sie und klappte ihr Buch zu. Mit Lesen wurde wohl nichts mehr. «Bist du hungrig? Ich wollte gleich was essen.» Mit einem Griff in ihre Handtasche holte sie eine Papiertüte heraus, aus der sie zwei Brötchen und eine Tafel Nussschokolade nahm. Geschickt drückte sie ihre Finger in die Seite des Brotes und eröffnete eine Tasche. Dann packte sie die Schokolade aus, brach einen Riegel davon ab, drückte ihn in die Spalte und hielt Marco das Brötchen hin. «Da, nimm.»
Er nahm es entgegen und ihre Finger berührten sich kurz. «Danke. Ich meine, ist das nicht dein Abendbrot? Ich will es dir nicht wegfressen.»
«Essen…», rutschte es ihr heraus, bevor sie sich besinnen konnte. «Man sagt: wegessen.»
Nun grinste er sie wieder provokativ und verwegen an. Doch von dort, wo sie sich berührt hatten, breitete sich ein aufregendes Kribbeln in ihrer Hand aus, das sich über die Schulter bis in ihren Rücken fortsetzte. Seine meerblauen Augen sahen sie an, als würden Wellen an Felsen schlagen, mit der Gischt spielen und ihr zurufen: los komm, wirf dich ins Wasser! Sie schüttelte diese unwillkürlichen und dummen Gedanken ab und lächelte stattdessen. «Ich habe ja noch ein Brötchen. Meine Tante hat übertrieben und mir zuviel Wegzehrung mitgegeben.»
Marco
Während Stefanie mit ihren feinen Fingern ihr Brötchen aufbrach und ein Stück Schokolade hineinstopfte, roch er an seinem Schokosandwich. Es erinnerte ihn an seine Kindheit. Bei seinen Großeltern auf dem Bauernhof hatte es immer solche Brötchen zur Pause um vier Uhr gegeben. Und dazu Tee aus der Thermosflasche. Im Sommerkalten, heißen im Winter.
«Stimmt etwas nicht?», fragte seine Nachbarin, während er immer noch auf ihre Hände starrte und in der Vergangenheit schwelgte.
Er schüttelte diese ungewohnte Lähmung ab. «Nein, alles easy. Meine Oma hat immer solche Brötchen mit Schokolade gemacht. Daran musste ich gerade denken.»
«Das ist lustig, auch meine Großeltern haben mich damit gefüttert. Und jetzt meine Tante.» Sie lachte und dabei entstanden zwei süße Grübchen in ihren Wangen. «Na dann, lass es dir schmecken.»
Er biss hinein und genoss die Kombination aus knuspriger Brötchenrinde, dem weichen, sanften Brotkörper und der süßen, knackigen Schokolade.
Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass er auch etwas zur Mahlzeit beisteuern könnte und wühlte in seinem Rucksack. Er holte ein Bier heraus und sah sie fragend an. «Ich hab nur noch Bier dabei, möchtest du?»
Sie schüttelte mit angewidertem Blick den Kopf. Er zuckte die Schulter und verstaute die Dose wieder. «Hab ich mir schon gedacht.» Dann biss er wieder in das leckere Gebäck.
Marco hatte schon sein halbes Brötchen verschlungen, als sie ihren ersten, winzigen Bissen hinunterschluckte.
Sie sagte: «Es tut mir leid – mein abweisendes Verhalten vorhin. Ich bin Fremden gegenüber ziemlich zurückhaltend.»
Er grinste und quetschte mit vollem Mund heraus: «Das ist noch untertrieben.»
«Allerdings hattest du es darauf angelegt, mich von meinem Platz wegzuekeln.»
Das Lachen blieb ihm im Hals stecken und er musste husten, um nicht an einem Krümel zu ersticken, der sich quergestellt hatte. Die hatte ihn ja voll durchschaut. «Ich hab ja schon gesagt, manchmal bin ich ein Idiot.»
Sie lächelte, biss wieder eine Mikroportion ab und kaute, während sie ihn weiterhin ansah. Es war ihm unangenehm, diesem Lehrerinnenblick ausgesetzt zu sein. Als könnte sie in ihn hineinblicken.
«Ich bin Damenschneiderin und arbeite und wohne in Heiden.»
«Aber du redest gar nicht im Appenzellerdialekt», platzte es aus ihm heraus. Am liebsten hätte er sich die Zunge abgebissen.
«Nein. Kannst du ihn denn zuordnen, meinen Dialekt?»
Er hob die Schultern. «Klingt nach Berndeutsch mit französischem Einschlag.»
Sie lachte glockenhell. «Das ist Seislerdeutsch. Ich komme ursprünglich aus Düdingen zwischen Fribourg und Bern.»
«Hört man bei uns in der Ostschweiz nicht sehr oft», rechtfertigte er sich. «Aber es gefällt mir, ist irgendwie freundlich.»
Stefanie
Nun hatte sie doch mehr von sich preisgegeben, als sie ursprünglich wollte. Aber irgendetwas an Marco sagte ihr, dass er ein Guter war und seine raue Schale nur dem Selbstschutz diente. Wenn nur nicht diese Spinne an seinem Arm wäre. Ob er noch mehr Tattoosan seinem Körper hatte? Unwillkürlich musterte sie seinen Hals und sein Gesicht. Da war ja noch ein Ring, den er am Nasenflügel trug. Wie eklig. Konnte er überhaupt normal seine Nase putzen, oder verursachte das Schmerzen?
«Hey, was ist, hab ich etwas im Gesicht?»
Ihre Ohren fühlten sich plötzlich heiß an. Ertappt senkte sie den Blick und schüttelte den Kopf. «Nein, tut mir leid. Ich war unhöflich.»
«Ist es mein Nasenring?» Ohne hinzuschauen spürte sie, wie er belustigt grinste.
«Gefällt er dir nicht?» Die Hitze in ihren Ohren nahm noch ein paar Grad zu.
Sie schaute kurz auf und ihr Gefühl wurde bestätigt, er amüsierte sich über sie. Rasch blickte sie zum anderen Abteil hinüber, aber die dortigen Fahrgäste waren in ihre Handys vertieft. «Bitte, können wir das Thema wechseln?»
«Hm, du sprichst nicht oft mit Jungs», sagte er und die Sanftheit seiner Stimme ließ sie aufblicken. Sie wurde nicht schlau aus ihm. Langsam schüttelte sie den Kopf und senkte die Augen wieder.
«Was machst du, ausser Nähen und deine Tante besuchen? Hast du einen Freund?»
Jetzt war er zu weit gegangen. «Fragst du alle Leute aus, die dir begegnen?», fuhr sie auf «Ich kenne dich ja überhaupt nicht!»
Er machte eine wegwerfende Handbewegung. «Hey, alles easy! Es hat mich einfach interessiert, was für eine Person du bist. Ich habe noch nie jemanden wie dich getroffen, der so scheu, bieder und gleichzeitig freundlich und warmherzig ist. Ich studiere gerne die Menschen, das gibt mir Ideen für neue Songs.»
Der Schreck fuhr ihr wie ein kaltes Messer in die Magengrube. Sie konnte kaum glauben, was sie soeben gehört hatte. «Du willst mich doch nicht etwa in einemSong erwähnen und dich über mich lustig machen?»
«Nein, du verstehst mich miss.»
«Missverstehs…» Sie legte die Hand auf den Mund und kicherte. «Entschuldigung, eine dumme Angewohnheit von mir.»
«Ich finde es einfach interessant, neue Menschen kennenzulernen. Und aus vielen winzigen Eindrücken ergeben sich manchmal Ideen und Gedanken für neue Texte.»
Sie atmete auf. «Dann ist es ja gut. Mensch, hast du mich erschreckt. Bist du durstig? Ich habe noch Goldmelissenlimonade dabei, aber … nur eine Flasche ohne Becher.»
Da zuckte wieder dieses unverschämte, mittlerweile attraktive Grinsen über sein Gesicht. «Und wenn ich jetzt annehme und zuerst trinke, getraust du dich nicht und musst verdursten?»
Er hatte ihr Dilemma auf den Punkt gebracht. Die Höflichkeit gebot, ihm zuerst anzubieten. Aber sollte sie hernach auch noch aus der Flasche trinken? Er könnte ja eine Krankheit übertragen, oder … Nein, es wäre einfach ekelhaft. Obwohl … Ein Bruchteil ihrer Vorstellungskraft liess das Bild zu, ihn zu küssen. Wie das wohl wäre? Aber da waren dieser Nasenring, und die Spinne!
«Und, was ist jetzt? Bekomme ich einen Schluck von deiner bestimmt feinen Limo?»
Sie reichte ihm die Flasche, sah zu, wie er sie an seine Lippen setzte und einige Züge trank. Mit einem wohligen Seufzen setzte er sie ab und streckte sie ihr hin. «Echt ein Traum! Hat die auch deine Tante gemacht?»
Sie nickte und besah sich den Flaschenmund, ob sie irgendwelche Krümel oder Speichelspuren entdecken konnte. Sollte sie, oder sollte sie nicht? Aus dem Augenwinkel nahm sie seine aufmerksamen Augen wahr. Dem würde sie es zeigen! Entschlossen blickte sie ihn an, setzte die Flasche an den Mund und trank ebenfalls daraus. Zu ihrem Erstaunen roch oder schmeckte sie nichts anderes, als die süße Limonade. Sie war wirklich fantastisch. Vor allem nach dem Nussschokoladenbrötchen und in Gegenwart dieses Jungen.
Marco
Marco musste sich so sehr zusammenreissen, um nicht über die komische Situation laut herauszugrölen, dass es schon fast weh tat. Das Mädchen war doch zum brüllen komisch. Einerseits total verklemmt und gehemmt, andererseits schien sie gerade eine persönliche Hürde gemeistert zu haben. Er zwinkerte ihr anerkennend zu.
Sie hielt ihm die Flasche hin. «Möchtest du noch mehr?»
Er griff danach. «Klar, der ist so gut, da sage ich nicht nein.» Als er die Flasche in Empfang nahm, berührten sich wieder ihre Finger. Er zögerte eine Millisekunde und merkte, dass auch sie es nicht eilig hatte, loszulassen. Ein Blick in ihre wunderschönen, rehbraunen Augen hinter den Brillengläsern ließ ihn erzittern. Sie strahlte so viel innere Kraft und Tugendhaftigkeit aus, dass ihm fast schwindlig wurde. Ob er sie wieder treffen konnte? Aber mit so einem wie ihm würde sie wohl nichts zu tun haben wollen. Und doch hatte sie freimütig ihr Abendbrot mit ihm geteilt. Und aus der gleichen Flasche getrunken.
Er nahm einen langen Zug, schluckte und ließ die Flasche langsam sinken. «Hättest du Lust, einen meiner Auftritte live zu erleben?»
«Was spielt ihr denn? Heavy Metal?» Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände.
Er lachte. «Nein, bloss guten Rock, manchmal lauter, manchmal aber auch etwas langsamer und sanfter. Was hörst du denn so?»
«Ich höre selten Musik. Beim Nähen lasse ich mir eher mal ein Hörbuch vorlesen. Ansonsten liebe ich die Stille.»
«Oh», sagte er ein wenig enttäuscht.
«Aber …», setzte sie an, stockte, und sprach weiter. «Ich würde gerne eine neue Erfahrungsammeln, und dir zusehen.» Jetzt lächelte sie und ihm schien, als sei die Sonne aufgegangen. Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus.
«Das wäre geil!» Er sah ihren korrigierenden Blick, wie sich ihr Mund öffnete … «Das würde mich sehr freuen», schob er rasch hinterher. Ihr Mund klappte zu und sie verbarg ein Lächeln hinter ihren Fingern.
«Wann trittst du das nächste Mal auf?»
«Nächsten Samstag, um zwanzig Uhr in einem Lokal in Rorschach.»
«Das ist ja ganz in meiner Nähe!», rief sie mit leuchtenden Augen.
Er öffnete ein Fach an seinem Rucksack und nahm ein Visitenkärtchen heraus. «Hier sind meine Kontaktdaten. Warte, ich schreib dir unseren Auftritt auf die Rückseite.» Er grub nach einem Kugelschreiber, als sie ihm schon einen hinstreckte.
«Nimm meinen.»
«Danke.» Er notierte Datum und Ort und überlegte, ob er sonst noch was dazuschreiben sollte. Ein Smiley oder gar ein Herzchen? Nein, er wollte sie nicht verscheuchen. Er spürte, dass er sie unbedingt besser kennenlernen wollte. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sie ihre Hände ineinander verknotete und darauf wartete, dass er zu Ende schrieb. Er entschied sich für etwas Unverfängliches: Danke für deine schöne Gesellschaft im Zug, Marco. Damit streckte er ihr das Kärtchen samt Kugelschreiber hin.
Er wagte nicht, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Unversehens könnte er das zarte Pflänzchen zerdrücken, das gerade am entstehen war. Doch, wenn sie nicht auftauchte, hätte er keine Möglichkeit, sie jemals wieder zu kontaktieren. Er konnte höchstens nach Heiden fahren und alle Einwohner nach einer Damenschneiderin namens Stefanie fragen.
«Kommst du auch bestimmt?», fragte er. «Ich möchte wirklich gerne meinen blöden Auftritt von vorhin wiedergutmachen.»
Sie nickte lächelnd. «Ja, ich werde kommen. Wenn mir etwas dazwischenkommt, schicke ich dir eine Nachricht.»
Mit dieser Zusage musste er wohl oder übel vorlieb nehmen. «Okay», sagte er langsam, und schaute ihr in die Augen. Er konnte förmlich spüren, wie etwas Unsichtbares zwischen ihnen hin und her flog und ein fast fühlbares Knistern auslöste.
«Nächster Halt: Zürich Hauptbahnhof!», verkündete die Durchsage.
Sie lösten gleichzeitig den Blick voneinander und schauten zum Fenster hinaus. «Das ging jetzt aber schnell», meinte Marco und schlüpfte in die Jacke. Stefanie versorgte ihre Sachen ebenfalls und zog ihren Mantel an.
«Musst du auch umsteigen?», fragte er. «Ich kann dir den Koffer tragen.»
Sie wickelte einen hellblauen Schal um ihren Hals. «Ja, ich muss zuerst nach Sankt Gallen, und von dort mit dem Postauto nach Heiden. Eine halbe Weltreise. Hier muss ich eine halbe Stunde warten. Aber danke, es geht schon, ich muss nur auf den gegenüberliegenden Bahnsteig wechseln. Wie lange dauert dein Aufenthalt in Zürich?»
«Fünfundzwanzig Minuten», antwortete Marco.
Stefanie
Stefanie sprach nur mit halber Konzentration über das Umsteigen und ihre weiteren Anschlüsse. Viel mehr beschäftigte sie die Situation, die sich so anders entwickelt hatte, als sie zuerst befürchtet hatte. Vom penetranten, aufsässigen Stinker war Marco zu einem charmanten, zuvorkommenden Gentleman geworden. Oder hatte sich bloß ihre Sichtweise geändert?
«Hör mal, ich bestehe darauf, deinen Koffer zu tragen. Das ist das Mindeste, wie ich mich für das leckere Abendbrot und den herrlichen Sirup revanchieren kann.» Sie genoss es, sich noch ein wenig zu zieren und dann sein Angebot anzunehmen.
«Hast du Lust auf einen Kaffee oder eine heiße Schokolade?», fragte er.
«Gibt das nicht ein Gehetze? Dazu müssten wir ganz nach vorne zum Gleiskopf laufen oder in die Einkaufspassage runter. Ich möchte meinen Anschluss nicht verpassen, sonst wird es noch später, bis ich zu Hause bin. Ich benötige so schon vier Stunden, eine halbe Weltreise.»
Und doch wäre es schön, Marco besser kennenzulernen und mit ihm zu sprechen. Zumindest hatte sie sein Visitenkärtchen. Eigentlich wäre es nichts als anständig, ihm auch ihre Daten zu geben. Während sie nebeneinander zur Unterführung schlenderten, trug er ihren Koffer, als sei es das Normalste der Welt.
«Warte mal kurz», sagte sie, öffnete ihre Handtasche und nahm ihr rosa Visitenkärtchen heraus, das sie gerade letzte Woche hatte drucken lassen. «Hier findest du auch meine Angaben.» Ein breites Lächeln erstrahlte in seinem Gesicht. «Ich würdemich echt freuen, dich wieder zu treffen.»
Er nahm das Kärtchen beinahe zärtlich, warf einen Blick darauf und steckte es in seine Jackentasche. «Danke, Stefanie. Also, auf welchen Bahnsteig musst du?»
«Gleich dort hinüber, auf die Zwölf.»
«Okay, ich begleite dich dorthin, dann mach ich mich vom Acker.»
Drüben angekommen, stellte er den Koffer neben ihr auf den Boden und blickte sie unschlüssig an.
«Danke, Marco. Dann freue ich mich auf nächsten Samstag. Mach’s gut!» Sie streckte ihm die Hand zum Abschied hin, schmutzige Fingernägel hin oder her. Immerhin hatten sie aus der gleichen Flasche getrunken. Der Händedruck seiner grossen Hand war kräftig. Ein weiteres Indiz auf seinen guten Charakter, der unter seinem Rebellengehabe schlummerte.
Ja, sie wollte ihn gerne besser kennenlernen.
Ende