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Indiens Premierminister Narendra Modi hatte sich eindringlich an die Bevölkerung gewandt. «Es wird absolut verboten sein, das Haus zu verlassen. Wenn du diese 21 Tage nicht ertragen kannst, werden dieses Land und deine Familie um 21 Jahre zurückgeworfen werden.» Modi gab den 1,3 Milliarden Landsleuten genau vier Stunden Zeit, um die nötigen Einkäufe zu erledigen. Wer gegen die Verordnungen der Regierung verstösst, riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr.
Wohl hat Narendra Modi verkündet, dass die Grundversorgung gewährleistet bleibe und Menschen in relevanten Berufen weiter arbeiten gehen dürften. Dennoch wurde rasch die bange Frage laut, wie Millionen Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden sollen.
Ein halbes Spitalbett pro 1000 Einwohner
Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Indien lag am 25. März 2020 bei über 600, die Zahl der Todesopfer bei 11. Allerdings dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen. Indien hat nicht annähernd die Kapazitäten, alle Kranken mit Corona-Verdacht zu testen. Experten befürchten, dass sich in Indien eine Katastrophe anbahnen könnte.
Sollten die Infektionen ähnlich sprunghaft ansteigen wie in anderen Ländern, stünde das Gesundheitssystem, das seit Jahren kaputtgespart wird, schnell vor dem Kollaps. Indien hat nur 0,5 Spitalbetten pro 1000 Menschen. Die Schweiz kann im Vergleich dazu 4,7 Betten pro 1000 Personen zur Verfügung stellen.
Auch stellt sich die Frage, wie der Massnahmenkatalog zum Schutz vor einer Ansteckung eingehalten werden soll. Besonders die Durchsetzung der Social-Distancing-Regel wird sich wohl als nicht sehr realistisch erweisen. Im Norden der Hauptstadt Delhi wohnen beispielsweise 36’000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Wie sollen da die geforderten Abstände eingehalten werden? Von der Situation in den Slums ganz zu schweigen.
Führt der Lockdown zu einer Hungerkatastrophe?
Wegen der drastischen Massnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie werden bis mindestens Mitte April Millionen von Menschen keine Aussicht auf ein Einkommen haben. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass viele in einigen Tagen nichts mehr zu essen haben werden.
Rund 90 Prozent der indischen Arbeitskräfte sind im informellen Sektor tätig. Sie verdienen ihr Geld als Tagelöhner, Reinigungskraft, Strassenverkäufer, Abfallsammler oder auch als Rikscha-Fahrer oder Haushaltshilfe. Sie sind gegen gar nichts versichert und tragen nun die vollen Konsequenzen der völlig weggebrochenen Löhne oder Einnahmen.
Familie wegen Lockdown auseinandergerissen
Die verordnete Ausgangssperre sieht zudem vor, dass alle Grenzen zwischen den indischen Gliedstaaten geschlossen bleiben. Zahlreiche Menschen, vor allem auch Familienväter, die wegen der Arbeit von ihrer Heimat in die Städte gezogen sind, konnten es sich nicht leisten, nach dem Beschluss des Lockdowns in ihre Dörfer zurückzukehren. Sie sind von ihrer Familie getrennt und haben keine Möglichkeit, sie in ihrem Elend zu unterstützen.
Dieses Schicksal ereilt nun beispielsweise der Familie von Urmila Ekka aus dem Gliedstaat Jharkhand. Die Familie lebt in extremer Armut und besitzt kein Land. Urmilas Ehemann arbeitet deshalb als Tagelöhner in Mumbai im Gliedstaat Maharastra.
Wegen des Lockdowns steht er nun nicht nur ohne Arbeit da, sondern sitzt auch in Maharastra fest und hat keine Möglichkeit, seine Familie zu sehen.
Urmila ist der Verzweiflung nahe. Sie weiss nicht, wie sie ihre drei Kinder ernähren soll. Auch ihr Ehemann fragt sich, wovon er nun ohne Arbeit leben soll. Ein Silberstreifen am Horizont ist für Urmila die Hilfe von den CSI-Partnern vor Ort. Sie haben sie unmittelbar vor dem Lockdown mit Lebensmitteln versorgt, sodass die junge Mutter in den nächsten Tagen genug zu essen haben wird.
Hunger oder Coronavirus: Was ist schlimmer?
Die Gefahr, wegen der Massnahmen gegen die Corona-Pandemie an Hunger zu leiden, beschäftigt auch Mohammed Sabir, der in Delhi einen kleinen Marktstand mit Joghurt-Drinks betreibt. «Ich fühle mich so hilflos. Ich befürchte, dass viele von uns an Hunger sterben, bevor uns das Coronavirus tötet.»
Tagelöhner Ramesh Kumar, der aus dem Gliedstaat Uttar Pradesh stammt und in Delhi arbeitet, anerkennt das Risiko des Coronavirus. «Aber ich kann doch nicht einfach meine Kinder hungrig zurücklassen», entgegnet er.
Vinod Prajapati, der Wasserflaschen in der Nähe des Flughafens von Delhi verkauft, bringt das Dilemma von Millionen von Indern mit einem bescheidenen Einkommen auf den Punkt: «Einfache Menschen wie wir haben die Wahl zwischen Sicherheit und Hunger. Wofür sollen wir uns entscheiden?»
Bei all den verheerenden Folgeschäden des Lockdowns in Indien erachten einige Experten den beschlossenen Stillstand in Indien als den einzigen Weg, um das Land vor einem humanitären Desaster zu bewahren. Die spanische Grippe kostete 1918 schätzungsweise 18 Millionen Indern das Leben. Das Coronavirus könnte ohne drastische Massnahmen ähnlich viele Menschenleben fordern.
Reto Baliarda
Quellen: NZZ, BBC, TZ