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Es war an einem frühsommerlichen Sonntagmorgen im Juni 1977. Ich war damals 14. Die Eltern und die Schwester schliefen noch, ich hatte das Wohnzimmer und die Musikanlage für mich allein. Ich stöpselte den Kopfhörer ein und legte eine Schallplatte auf, die ich neu erstanden hatte: das Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven, mit Vladimir Ashkenazy an den Tasten und Georg Solti am Pult. Ich hörte dieses Konzert zum ersten Mal. Es sollte sich stark auf mein weiteres Leben auswirken.
Leise, ganz leise klopften die Streicher an, raunten das Hauptthema mehr, als dass sie es spielten. Dann ein Crescendo – und nun, fast schlagartig, entfaltete das Orchester seine festliche Pracht, die so gut zu diesem heiteren, lichtdurchfluteten Morgen passte. Satte Klänge, die mich trugen und mitrissen, aber schon bald wieder ins Leise und Feine abtauchten, mit dem melodiösen Nebenthema, das ein wenig an Mozart erinnerte.
Nach dem rein orchestralen Vorspann trat das Klavier auf, wie ein charismatischer Bühnendarsteller, sogleich das Wort ergreifend und alles in seinen Bann ziehend, nicht aufdringlich, aber eindringlich und lebhaft, später fliessend und perlend, noch später leidenschaftlich und brillant. Auf die atemberaubende Kadenz des ersten Satzes folgte die verträumte Melodie des zweiten Satzes, darauf, zum Abschluss des Konzerts, ein quirliges Rondo, das alle Gegensätze und Spannungen der beiden vorangegangenen Sätze aufnahm, im Geist des Tanzes vereinte und versöhnte.
Ich war bin ins Innerste bewegt. Diese gefühlsbetonte und doch so klare Musik, das war meine Musik. Davon musste ich unbedingt mehr hören. Und ich hörte mehr. Vertiefte mich in die Welt der beethovenschen Klaviersonaten, meist hörend, zuweilen selber spielend, stümperhaft, aber immerhin beharrlich und begeistert. Schaffte mir aus dem Sackgeld Aufnahmen der Sinfonien an. Zuerst nahm ich mir die Fünfte vor, dann die Dritte, die Sechste, die Neunte, die Siebte. In dieser Reihenfolge. Später den Rest.
Beethovens Sinfonien sind nicht nur grosse Orchesterwerke, sie sind eigene Welten, voll von emotionalen Urbildern. Nie habe ich einen schmerzvolleren Trauermarsch gehört als im zweiten Satz der Eroica, nie einen ergreifenderen Dankes- und Lobeshymnus an eine überweltliche Macht als im fünften Satz der Pastorale. Der Meister wurde zu meinem Tröster in der Adoleszenz, zu meinem Vertrauten, meinem geistigen Mentor. Durch seine Musik fühlte ich mich verstanden und zu eigenem Schaffen inspiriert, nicht auf musikalischem, sondern auf literarischem Gebiet. Ludwig van Beethoven, Idol meiner Pubertät, Ratgeber meiner jungen Erwachsenenjahre, Freund meiner mittleren Jahre.
Langsam gleite ich nun von den mittleren in die reiferen Jahre hinüber. Beethoven sehe ich nicht mehr als Halbgott, sondern ganz entspannt als Künstlerpersönlichkeit mit all ihren menschlichen, allzu menschlichen Seiten. Vor allem aber sehe ich in Luigi, wie er sich selber zuweilen nannte, ein musikalisches Ausnahmetalent, das, gepaart mit einem unkonventionellen, ja rebellischen Geist, der Musik neue Türen öffnete. Weg vom klassischen Ebenmass, dem melodisch Gefälligen und harmonisch Verbindlichen, hin zur Spannung, zum Gegensatz, zum entfesselten Gefühl, zur innigen Andacht, zur formensprengenden Weite auch, die sich ausbreitet wie ein neuer Kontinent.
Jahrzehntelang habe ich mich vor allem in Beethovens Orchester- und Klaviermusik vertieft. Jetzt entdecke ich seine Streichquartette. Auch hier hat er Grosses und Grösstes geleistet. Diese Musik fordert heraus. Sie kommt aus den Tiefen eines Menschen, der sich mit fortschreitender Gehörlosigkeit zunehmend verinnerlichte und dem Transzendenten öffnete. Die späten Quartette entführen uns – wie die späten Sonaten auch – in Sphären, die nicht von dieser Welt sind, jedenfalls nicht von dieser rationalistischen, ökonomisierten, gehetzten und getriebenen Welt.
Zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven, den die Kulturwelt dieses Jahr feiert, ermuntere ich alle, die ihn noch nicht kennen, die Gelegenheit zu ergreifen und einmal hineinzuhören in das Schaffen dieses begnadeten Musikers. Aber bitte nicht zum Kochen, Autofahren, Ausfüllen von Formularen oder Verfassen von Handynachrichten. Man nehme sich Zeit, setze sich hin, öffne die Ohren – sonst nichts. Dann wird sie ihren Zauber unweigerlich entfalten, diese besondere Musik. Versprochen. Und sonst – selber schuld...