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Tiefseekabel
Datenhighways am Meeresgrund
Die Technologie hat bereits 170 Jahre auf dem Buckel, dennoch laufen im Jahr 2021 noch immer 98 Prozent des interkontinentalen Datenverkehrs über Tiefseekabel. Die submarinen Datenautobahnen verbinden Kontinente und sorgen mit gigantischen Bandbreiten dafür, dass Mails, Suchanfragen und Streaming reibungslos funktionieren. Leistungsfähige Internetleitungen sind mittlerweile ebenso wichtig wie Ölpipelines oder Stromnetze. So bilden rund 400 Tiefseekabel das Nervensystem der Informationsgesellschaft – darunter sind noch immer viele konventionelle Kupferkabel.
Text MARKUS SULGER
Illustration CHANTAL VUILLEMIN
Geschichte der Tiefseekabel
Das erste Kabel
Das transatlantische Telegrafenkabel zwischen Irland und Neufundland war im Jahr 1866 der allererste Schritt in eine global vernetzte Welt. Die Verbindung zweier Kontinente hatte mit Rückschlägen zu kämpfen und nahm viele Jahre in Anspruch.
Treibende Kraft hinter dem Projekt ist der amerikanische Kaufmann Cyrus W. Field, der im Papierhandel ein Vermögen gemacht hat. Er hat bereits eine Telegrafenlinie zwischen New York und St. John’s auf Neufundland finanziert. Seither treffen die neuesten Nachrichten aus Europa nach sechs Tagen Seereise im östlichsten Hafen Nordamerikas ein und werden telegrafisch in Windeseile im ganzen Land verbreitet.
Jetzt träumt Field davon, sein Kabel bis nach Irland zu verlängern. Eine bestechende Idee, die schliesslich auch die zuständigen Regierungen überzeugt. Die US Navy und die Royal Navy stellen für das Unternehmen zwei Kriegsschiffe ab, die Field nach seinen Vorstellungen zu Kabellegern umbauen lässt. Die «Niagara» und die «Agamemnon» versenken ab dem Frühjahr 1857 Tausende Kilometer Kabel im rauen Nordatlantik. Zweimal müssen die Arbeiten abgebrochen werden, erst die dritte Fahrt hat Erfolg. Bei der Einweihung im August 1858 beglückwünschen sich der amerikanische Präsident James Buchanan und die englische Königin Victoria gegenseitig zur technologischen Pionierleistung ihrer beiden Länder. Die telegrafische Grussbotschaft der Queen benötigt allerdings geschlagene 16 Stunden, bis sie ihren Adressaten in Washington erreicht. Nichtsdestotrotz wird das epochale Ereignis in Theatern und Restaurants der Hauptstadt verkündet und stürmisch gefeiert. Aber schon nach wenigen Wochen herrscht wieder Funkstille: Das Kabel verstummt im September 1858 plötzlich, und es wird weitere acht Jahre dauern, bis Europa und Amerika dauerhaft verbunden sind.
Mit dem Ende des vier Jahre dauernden amerikanischen Bürgerkriegs 1865 eröffnet sich Cyrus W. Field eine neue Chance zur Vollendung seines Lebenswerks. Es eilt: Denn mittlerweile erschliessen Telegrafennetze fast das gesamte Festland; bereits wurde das Mittelmeer durchquert und Europa mit Afrika verbunden. Field will unbedingt verhindern, dass die letzte Lücke von jemand anderem als ihm selbst geschlossen wird. Wieder sammelt er auf beiden Seiten des Atlantiks Unsummen an Investorenkapital. Wieder wird ein gewaltiges Kabel gesponnen – aus Kupferdrähten, die dreizehn Mal die Erde umfassen. Ein ganzes Jahr dauert das. Endlich hat er auch ein Schiff, das gross genug ist, die gewaltige Kabelrolle aufzunehmen. Bei den vorangegangenen Versuchen hatten die «Niagara» und die «Agamemnon» jeweils die Hälfte des Kabels abgerollt, die «Great Eastern» schafft die ganze Ladung alleine. Sie ist das grösste und modernste Schiff ihrer Zeit – als Passagierdampfer ein finanzieller Reinfall, aber als Kabelleger bestens geeignet. Ein erster Versuch scheitert zwar: Zwei Tage vor der Ankunft auf Neufundland reisst das Kabel und verschwindet in der Dunkelheit des Ozeans. Aber Field lässt sich nicht mehr beirren. Schon bald läuft die «Great Eastern» erneut aus, diesmal ostwärts in Richtung Irland. Endlich läuft alles glatt – unterwegs findet die «Great Eastern» sogar das verlorene Kabel und erreicht die irische Küste am 28. Juli 1866. Am nächsten Morgen ist die Welt sehr viel kleiner geworden.