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Regelmäßig erspähen Besucher auf der Route von Luxor nach Assuan die nostalgische, mit Wasserdampf betriebene SS Sudan, deren französische Reederei Voyageurs du Monde den Charme früherer Zeiten auferstehen ließ. Eine authentische Spurensuche an Ort und Stelle mit Agatha Christies Kriminalroman „Der Tod auf dem Nil“ unter dem Arm und Besuch auf dem Schiff ist auch möglich, ohne vorher eine Reise auf der SS Sudan zu buchen – und erzeugt die Vorfreude auf eine Rückkehr an den Nil.
Wie Schuhkartons reihen sich die Kreuzer in Assuan aneinander und sind sich so ähnlich, dass einige Gäste zwei Tage nach dem Einschiffen in Luxor bei einem Ausflug noch immer das falsche Schiff betreten. Schon als Agatha Christie 1937 ihr berühmtes Werk veröffentlichte, wurde der längste Fluss Afrikas rege besucht, doch hatten Schiffe seinerzeit noch Form und Charakter.
Eigentlich heißt der Dampfer im Krimi Karnak und beginnt seine Reise am alten Staudamm von Assuan, um gemächlich nilaufwärts über den ursprünglichen Standort von Abu Simbel bis nach Wadi Halfa im Sudan, also entlang des heutigen Nassersees, zu reisen. Die jüngste Verfilmung des Buchs als Teil der englischen TV-Serie wurde 2004 auf der SS Sudan gedreht. In der Rolle des Hercule Poirot brillierte David Suchet, für viele Christie-Fans der wahre Darsteller des egozentrischen belgischen Detektivs.
Der weniger buchgetreu verfilmte Klassiker mit Peter Ustinov in der Rolle des kleinen Mannes mit den grauen Zellen entstand 1978 teilweise ebenfalls auf der 72 Meter langen SS Sudan, jedoch wurden viele Szenen aufgrund ihres damaligen Zustands auf einer Studioattrappe sowie auf der nur 40 Meter kurzen SS Memnon realisiert. Schon auf dem ersten Blick ist die Form beider Schiffe recht verschieden: die Brücke der holzbraunen SS Sudan ist ein selbstständiger Aufbau auf dem Sonnendeck, während die Abdeckung um das seitliche Schaufelrad wie ein Halbkreis geformt ist. Auf der meist weiß fotografierten SS Memnon stellt die Brücke den vorderen Teil des Oberdecks unterhalb vom Sonnendeck, während die Form der Radabdeckung an einen Kotflügel eines Oldtimers erinnert.
Mit etwas Glück gelingt es Besuchern in Assuan, auch ohne Kabine einen Platz für ein romantisches Abendessen zu ergattern und dabei das sagenumwobene Passagierschiff früherer Zeiten besichtigen zu können. Welch‘ ein Unterschied zu den etwa 300 zeitgenössischen und einander so ähnlichen Nilschiffen! Beim langsamen Schreiten entlang der alten Teakholzplanken des Oberdecks meint man bereits, die Geschichte(n) von einem ganzen Jahrhundert zu hören und mitten im Geschehen des berühmten Kriminalromans „Der Tod auf dem Nil“ zu sein.
Die Schriftstellerin war damals persönlich auf dem Schaufelraddampfer bis nach Kairo gereist und konnte ihrem Werk somit eine Authentizität verleihen, ohne es an dichterischer Freiheit mangeln zu lassen. So glaubt man, an Bord solch vornehmen Gäste wie das spätere Mordopfer Linnet Doyle zu sehen oder den Schatten des Detektivs zu erspähen. Agatha Christie verfasste einen großen Teil des Romans im legendären Hotel Old Cataract in ihrer Suite mit der Zimmernummer 337 und ließ die Figuren aus ihrem Werk vor der Reise hier ebenfalls nächtigen.
Somit sei ein kurzer Blick auf den Teil der Handlung angebracht, der auf dem Schiff spielt: das frisch vermählte Ehepaar Linnet und Simon Doyle besteigen die Karnak ein, um eine siebentägige Kreuzfahrt von Assuan bis zum zweiten Nil-Katarakt und wieder zurück zu unternehmen. Simons mitgereiste Ex-Freundin Jackie de Bellefort lässt keine Möglichkeit aus, die Eheleute öffentlich zu schikanieren und zu terrorisieren. Dies gipfelt in einen Attentat auf Simon Doyle, dem Jackie betrunken ins Bein schießt. Der nach eigener Einschätzung weltbeste Detektiv Hercule Poirot unternimmt auf demselben Dampfer eigentlich eine Urlaubsreise und muss feststellen, dass Linnet in der Folgenacht in ihrer Kabine ermordet wird. Gemeinsam mit seinem alten Freund Colonel Race nimmt er die Suche nach dem Mörder auf. Rasch stellen sie fest, dass mehrere Personen Gelegenheit, Mittel und Motiv für den Mord hätten, dem noch weitere folgen sollten. Wie bei den Krimis rund um den kleinen Belgier üblich, erfolgt die Lösung des Rätsels während einer Versammlung aller Teilnehmer in der Bar des Schiffes.
Und dieser im Buch noch als Rauchsalon bezeichnete Bereich auf dem Hauptdeck hat es wirklich in sich: Komplett holzvertäfelt unter einer Kassettendecke, mischen sich rote und grüne Farbtöne der Polsterung der französischen Sessel auf dem alten Perserteppich mit dem Gelb der noch einfallenden Sonne. Beim Betreten des Raumes sehen wir die so theatralisch inszenierte Schlussszene im Geiste vor uns und überlegen bereits, welcher der Mitreisenden welcher Figur im Buch entsprach. Das hinter der Bar liegende Restaurant mit Originalparkettboden lädt in behaglichen Brauntönen zum abwechslungsreichen Lunch und vornehmen Dinner ein.
Die charakteristische Holzvertäfelung prägt die in Form und Gestaltung verschiedenen Kabinen auf Hauptdeck und Oberdeck mit ihren messingverzierten Bettgestellen. Auffallend sind auch die mosaikförmigen Fliesen in den Badezimmern. Jedes Zimmer wurde nach bekannten Persönlichkeiten wie John Mason Cook benannt. Die im Gegensatz zu den Kabinen überwiegend hell gestalteten fünf Suiten an Bug und Heck der beiden Decks erlauben durch große Fensterflächen eine prächtige Aussicht auf den Nil.
Das Abendessen auf der SS Sudan ist wie auf großen Kreuzfahrtschiffen eine Angelegenheit, die – zumindest an unserem Besuchstag – eines formalen Dresscodes bedarf. Auch das Personal ist entsprechend gekleidet: zur gestickten schwarz-weißen Galabija, dem einteiligen Gewand der Araber, gesellt sich ein breiter Gürtel, den Kopf schmückt ein roter Fez, die Tradition will gewahrt sein.
Der aufmerksame Tischkellner serviert aus der täglich wechselnden Speisekarte als Vorspeise mit Fleisch und Käse gefüllte Blätterteigrollen sowie das aus Auberginenpüree und der Sesampaste Tahini bestehende Baba Ghanoush, das in Ägypten vom günstigsten Gasthaus bis zum Luxushotel mit viel Kreativität immer wieder etwas anders zubereitet wird. Eine Linsensuppe mit Nudeln folgt als zweiter Gang, bevor das Hauptgericht aus Rindfleisch mit Kartoffelpüree aufgetischt wird. Der aus Blätterteig mit viel Honig bestehende Baklava bildet den Abschluss des vornehmen und romantischen Dinners.
Währenddessen nehmen wir die leisen Stimmen der Mitreisenden auf, überwiegend auf Französisch. Kein Wunder, wird das Schiff doch hauptsächlich in Frankreich vermarktet. Allerdings spricht das uns zugewandte Personal rund um Hotelmanager Amir Atteia ebenfalls Englisch. Schnell kommen wir mit einigen Mitreisenden aus Monaco ins Gespräch, die die Reise eher wegen der vergangenen Epoche als mit Hintergedanken an das berühmte Buch gewählt haben. Das Durchschnittsalter wird von Mitreisenden meist als 50+ angegeben, für Kinder und Sportliebhaber ist das Schiff mangels entsprechender Einrichtungen eher weniger geeignet.
Nach dem Dinner einfach von Bord zu gehen und sich dem Traum einer baldigen Nilreise auf der SS Sudan hinzugeben, fällt beim Anblick der bereits erwähnten schwer. Hier müssen doch irgendwelche Spuren von Agatha Christie und ihrem Roman zu finden sein! Allerhand Gesellschaftsspiele und französische Bücher für stilvollen und ruhigen Zeitverbleib beim Genuss edler Tropfen stehen den Gästen zur Verfügung. Darunter sogar ein Werk von der Autorin, doch Fehlanzeige in punkto „Tod auf dem Nil“. Vielleicht ist der Klassiker von den Gästen ausgeliehen worden. Kommerzielle Schiffe hätten längst einen kleinen Shop eingerichtet und würden neben dem Buch ebenfalls die DVDs der beiden Verfilmungen verkaufen. Eigentlich schade, dass das Thema weitgehend ignoriert wird. Offenbar wollten die Betreiber eher die Atmosphäre der Belle Époque einfangen, die letztendlich die Autorin erst in die Inspiration versetzte, ihr berühmtes Werk zu verfassen.
Das meist von Reisebüros und auch an Bord angegebene Baujahr 1885 passt zwar in die Zeiten von Thomas Cook, der von 1877 bis 1884 die touristische Nutzung des Nils auslotete und 1881 das altehrwürdige Hotel Old Cataract in Assuan bauen ließ. Den Veranstaltern nach sei der Dampfer König Fuad I. von Ägypten als Geschenk gemacht worden – der jedoch erst 1922 nach der Unabhängigkeit von Großbritannien den ägyptischen Königstitel erhielt. Tatsächlich entstand die SS Sudan im Jahre 1921 bei der Werft Bow McLachlan & Co im schottischen Paisley westlich von Glasgow und trat in den Dienst der Nilflotte von Thomas Cook. Erst 1950 wurde sie von König Faruq I. (dem Sohn von Fuad I.) übernommen und fuhr noch einige Jahrzehnte unter Voyages Jules Verne und Seti Travel auf dem Nil. Alte Fotos der SS Sudan zeigen den Rumpf in weiß mit roter Kante, das Holz der Aufbauten war bereits verdunkelt und die Brücke war nur kurz.
An dem Zeitzeugen vergangener Epochen nagte längst der Zahn der Zeit, als die heutigen Eigentümer auf der Suche nach einem historischen Raddampfer für stilvolle Nilreisen die SS Sudan beim Warten auf den Abwracktermin im Sommer 2000 entdeckten und den Mut aufbrachten, die Geschichte wieder aufleben zu lassen. Sechs Monate lang werkelten örtliche Werftarbeiter gemäß historischen Fotos und Dokumenten an ihrem geschichtsträchtigen Schiff, bearbeiteten das noch intakte Teakholz, fertigten fehlende Teile für die Motoren an und besorgten historische Möbel in Kairo. Im Frühjahr 2001 erhielt der Nil seine einstige Gefährtin zurück. Das Schiff wirkt heute mit dem schwarzen Rumpf länger als früher und die Brücke erhielt einen Anbau bis kurz vor den Schornstein. Die charakteristischen Gardinen entlang des holzvertäfelten Gangs um die Kabinen blieben weiß – ein willkommener Kontrast gegenüber den meisten verwechselbar gestalteten Nilschiffen.
Die SS Sudan ist jedoch nicht der einzige historische Schaufelraddampfer auf dem Nil. Voyages Jules Verne betreibt die 63 Meter lange SS Misr aus dem Jahre 1918, die ursprünglich für die Royal Navy gebaut, doch später als königliches Schiff an König Faruq I. verkauft wurde. Seit einigen Jahren verkehrt sie zwischen Luxor und Assuan als Luxusschiff mit 24 Suiten. Auf derselben Strecke betreibt Spring Tours Egypt Reisen auf dem nur 48 Meter langen, um ein Jahr älteren Heckraddampfer SS Karim.
Das 2009 renovierte, einst ebenfalls königliche Schiff ist am weiß-grünen Aufbau und dem fehlenden Rundgang auf den oberen Decks erkennbar. Alle drei Schiffe ermöglichen ein Schwelgen in den alten Zeiten der Nilschifffahrt, jedoch verfügt nur die SS Sudan über den Agatha-Christie-Faktor. Die SS Memnon von 1904, die noch im Film mit Peter Ustinov eine Rolle spielte, wartet derzeit in mehrere Stücke geteilt auf einen Käufer, um das Trio altehrwürdiger Nilschiffe zu einem Quartett zu erweitern.
Wer auf der SS Sudan eine Nilkreuzfahrt unternehmen möchte, hat die Qual der Wahl unter den 18 verschiedenen Kabinen und 5 Suiten. Zur Vorabinformation bietet Stern Tours als einziger deutscher Anbieter Fotos und Videos aller Räumlichkeiten im Internet. Aus den vier Luxuskabinen der Romanvorlage wurden fünf Suiten, die meist schon lange im Voraus gebucht werden, häufig von Wiederholungsreisenden.
Führte die Route im Roman noch ab Assuan südlich via Abu Simbel bis Wadi Halfa, befährt das Schiff nunmehr die typische Route der meisten Schiffe: dienstags ab Luxor und samstags ab Assuan. Vervollständigt wird das authentische Erlebnis erst durch begleitende Übernachtungen in den Hotels Winter Palace in Luxor und Old Cataract in Assuan, wobei letzteres nach fast dreijähriger Restaurierung erst 2011 wieder eröffnen wird. Wer mit dem Roman von Agatha Christie unter dem Arm in dieser Kombination reist, kann sich dann nicht nur auf der SS Sudan, sondern auch in beiden Hotels auf Spurensuche begeben.
Veröffentlicht in an Bord (Bremen), Ausgabe 5/2010, Oktober 2010, Seite 60-65