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Nach einer gut lesbaren Einführung in die Kosmologie landet man schließlich bei dem Punkt, an dem alles begann (dem Urknall?) und damit auch der Inflation, die eine wunderbare Erklärung dafür darstellt, dass unser Universum sich so präsentiert wie in den Forschungen belegt: Flach, homogen, mit der richtigen Dichte. Womit wir beim Lieblingssteckenpferd des Autors sind: Paralleluniversen. Aber damit nicht genug, Tegmark macht insgesamt vier verschiedene Typen von Paralleluniversen ausfindig: Jene der Ebene I, durch die Inflation entstandene Raumregionen, in denen grosso modo die gleichen Naturgesetze herrschen wie bei uns, die uns aber immer unerreichbar sind (aufgrund der Beschränkung durch die Lichtgeschwindigkeit), die der Ebene II (hier herrschen nach Tegmark andere Naturgesetze) – so nebenbei: Alle diese Universen haben die Tendenz zur Unendlichkeit (die Tegmark zwar irgendwann dann doch anzweifelt, ihm aber andererseits zur Berechnung von – durch diese Unendlichkeit sonderbaren – Wahrscheinlichkeiten dient). Dann die Ebene III, die auf Hugh Everett III. zurückgehen: Dabei handelt es sich um die Quanten-Parallelwelten, in denen all jene Ereignisse Realität werden, denen derlei hier bei uns verwehrt wurde. (Im Grunde leben wir natürlich auch nur in einer dieser vielen Parallelwelten. In anderen Welten habe ich meine Frau nicht geheiratet und einen erfolgreichen Selbstmordversuch durchgeführt. An diesen Beispielen (die so ähnlich immer wieder in der Literatur – und auch hier – angeführt werden) erkennt man die oft kurzsichtige Betrachtungsweise: Denn die Welt spaltet sich (wenn sie es denn tut) nicht nur an der Klippe des Lebensmüden in eine Welt des Todes bzw. des Weiterlebens, sondern schon bei jedem Schritt zu dieser Klippe, in jeder Billionstelsekunde, in der ein Atom zerfällt oder nicht zerfällt, sodass hier nicht von simplen zwei Welten die Rede sein kann, sondern von tatsächlich unendlich vielen. Irgendwas will mir sagen, dass die 10 80 Teilchen, die in 10 -34 Sekunden in allen nur möglichen Permutationen diese unendlich vielen Welten erschaffen eher auf die Problematik der Physik hinweisen denn auf die tatsächliche Existenz all dieser verrückten Welten (in mindestens einer – meint Tegmark – wäre man unsterblich: Pustekuchen! – man wäre in unendlich vielen Universen unsterblich). Aber wissen kann man es wahrlich nicht, da immerhin gebe ich ihm Recht. Das hinwiederum ist als Argument ziemlich dünn, denn wissen kann ich auch nicht, dass der Wolken- und Wettergott der Hebräer nicht doch beim Urknall seine Hand im Spiel hatte: Und davon bin ich nun auch nicht wirklich überzeugt.)
Schließlich kommt er noch zu den unendlichen Welten der vierten Ebene: Das sind alle mathematisch nur irgendwie vorstellbaren Universen (wieder unendlich viele), wobei Tegmark aus der Tatsache, dass “das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik” geschrieben zu sein scheint, schließt, dass unsere Realität Mathematik ist – und nicht nur durch sie dargestellt werden kann. Um zu dieser Feststellung zu gelangen, muss man eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen (wobei hier häufig kurz-geschlossen wird) und Grundannahmen akzeptieren – und selbst dann bleibt die Sache ungewiss. Mich hat das an Pythagoras erinnert, natürlich an Platon (mit seiner idealen Welt) und an Brouwers Intuitionismus (letzterer wird zu meiner Überraschung im Buch nirgendwo erwähnt, obwohl es viele Anleihen zu geben scheint) – und ich halte all diese Versuche für ebenfalls wenig gelungen, unsere Wirklichkeit abzubilden.
Man könnte nun zu dem Schluss kommen, dass man ein vorgeblich wissenschaftliches Buch, dass derartige “Erkenntnisse” en masse präsentiert, ziemlich schnell weglegen würde (oder es als Roman betrachtet bzw. als eine Art Anleitung für SF-Autoren). Das Schöne aber ist, dass man bei Tegmark unter all seiner Begeisterung für phantastische Weltinterpretationen immer wieder höchst geistreiche Überlegungen findet (etwa zur Informationstheorie, zur KI etc.), die es wirklich wert sind, durchdacht und analysiert zu werden. Weshalb ich das Buch bis zum Ende mit interessierter, manchmal lächelnder Miene gelesen habe und trotz aller Kuriositäten das Gefühl hatte, auf geistreiche Weise unterhalten zu werden. Dabei muss man über seine seltsame Handhabung der Wahrscheinlichkeitstheorie oder der Interpretation Poppers hinwegsehen (er macht das ganz ungeniert, womit sich Rudolf Carnap und Wolfgang Stegmüller auf unzähligen Seiten ziemlich erfolglos gequält haben, indem er das Problem des induktiven Schlusses und das Bewertungsproblem bei Wahrscheinlichkeiten einfach ignoriert). Kann man tun und ich bin zuwenig philosophischer Purist, mich darüber allzusehr zu echauffieren: Allerdings fehlt den auf solchen Voraussetzungen gezogenen Schlüssen das logisch-stringente Element. Trotzdem amüsant und (irgendwie) lesenswert.
Max Tegmark: Unser mathematisches Universum. Auf der Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit. Berlin: Ullstein 2014.