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I. Sprache als Kommunikation
“so daß ich mich- seit jeher, auf Dauer - frage, ob man in einer anderen Sprache – oder ohne jemanden etwas zu sagen, ohne überhaupt zu sprechen – lieben, genießen, bitten, vor Schmerz krepieren oder ganz einfach krepieren kann.“ (Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen, S.11f.)
Wir alle verwenden Sprache tagtäglich. Wir sind geprägt von Sprache jeden einzelnen Tag, ob es die Radiomoderatorin auf dem Weg zur Arbeit, das Gespräch am Mittagstisch mit dem Kollegen oder das Telefonat mit der Freundin am Abend ist. Wir alle reden und tauschen dabei Informationen aus. Wir kommunizieren durch Sprache.
Jeder kennt den Moment, wenn er Worte anders hört. Jeder kennt den Moment, wenn er Worte anders hören will. Vom Kollegen, vom Freund oder von dem Menschen, in dem man sich in einem einzelnen Moment verliebt hat. Jeder kennt das, wenn man rückblickend ebendiese Worte anders sieht, sie aus anderen Perspektiven wahrnimmt und scheinbar objektivierend betrachtet. Ein Wort wie vielleicht kann in einem Moment der Hoffnung wie ein langanhaltendes Versprechen auftreten und im nächsten Moment mit Distanz zu einer Vorbereitung auf eine Verneinung, auf ein Ende gedeutet werden. Doch was passiert dabei? Ist das Wort vielleicht doch in beiden Momenten dasselbe Wort geblieben? Warum also verändert sich das Wort? Es sind dieselben Buchstaben, dieselbe Reihenfolge und dennoch wird es eine andere Bedeutung.
Was ist diese Form der Kommunikation, die Sprache? Ist sie mächtig oder sind es wir, die ihr mächtige Worte zusprechen und andere Worte brechen und verbieten? Und liegt es an uns, Sprache neu zu formulieren, zu dekonstruieren?
„Aber wer beherrscht sie denn genaugenommen? Und wen beherrscht sie? Hat sie, die Sprache jemals etwas in Besitz, als beherrschenden oder besessenen Besitz?“ (Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen, S. 34f.)
II. Sprache der Worte
Im Alltag denken wir meist an die Sprache der Worte. Dabei gibt es viele Formen der Sprache, die Sprache der Programmierung in der Informatik, die Sprache der Bilder in der Kunstwissenschaft, die Sprache der Töne in der Musik und die Sprache der Worte. All das sind Formen der Sprache. All diese Formen haben eines gemeinsam: Sie dienen in den meisten Fällen als Mittel zum Zweck. Sie benötigen den Leser, den Rezipienten, die Richtung. Denn ohne sie verlieren sie ihre Bedeutung. Dabei spielt es keine Rolle ob der Rezipient ein Informatiker, ein Theaterdarsteller oder ein Jurist ist. Sie haben zwar ein anderes Ziel, dienen einem anderen Mittel, formen eine andere Kommunikation, aber sie haben alle die gleiche Absicht, sie sind Vermittler zwischen zwei oder auch mehreren Begegnungen. Wie genau dies stattfindet und was dabei Sprache als Kommunikation ist, ist die Hauptaufgabe der Sprachphilosophie. Dabei wird oft zwischen zwei Hauptakteuren unterschieden. Diejenigen, die Sprache verstehen wollen und diejenigen, die Sprache in einem dynamischen Prozess begreifen.
Die Vertreter der ersteren Theorie begeben sich damit auf eine einspurige Autobahn. Es gibt eine Richtung für dieses Verständnis der Sprache: Das dahinter, das feststeht und feststehen soll, soll verstanden werden. Grundsatz hierbei ist das Prinzip des Verstehens als erkenntnistheoretischer Akt: Wenn wir miteinander sprechen, so versuchen wir mithilfe der Worte zu erkennen, was dahinter steckt und halten uns an feste Regeln für Wörter. Den Kontext wollen wir begreifen, indem wir die Menschen, die Orte, das Verhalten im Allgemeinen untersuchen. Grundsatz bleibt die lineare Richtung, die Autobahn, die nicht von Geisterfahrern leben kann. Hierfür kann besonders die von John Austin entwickelte Sprechakttheorie genannt werden. Wie Platon versucht ist ein Urbild von Wörtern und Begriffen zu beschreiben, so versucht die Sprechakttheorie zu begründen, dass es konkrete Hintergründe von Sprache gibt. In dieser Form der Sprache steht das Wort und die Schrift im Hintergrund, die Intention das „Eigentliche“ soll ergründet werden. Es bleibt phonozentrisch. Hierbei existiert Sprache. Sie steht fest in ihrer Bedeutung und Aufgabe der Philosophie soll es sein diese Bedeutung zu ergründen.
Die andere Seite befasst sich mit Sprache in ihrer Dynamik, in ihrer Zerbrechlichkeit. Sie befasst sich mit den einzelnen Worten und der Schrift. Sie fokussiert sich nicht hauptsächlich auf die Stimme. Sie versucht zu begreifen, wie man damit umgehen kann, wenn das Wort vielleicht in einem winzigen Moment ein anderes wird. Was hat das für uns zu bedeuten? Wie können wir Sprache behandeln und wie müssen wir mit Sprache umgehen, um miteinander kommunizieren zu können und was sagt das über Philosophie aus?
3. Wir besitzen keine Sprache. Sprache existiert nicht und Muttersprachen gibt es nicht.
In dieser Theorie existiert Sprache als solche nicht. Sie wandelt sich und kann nie ergründet werden außerdem besteht kein festgehaltenes „Dahinter“ der Sprache. In dieser Theorie versucht der algerische Philosoph Jacques Derrida mit seinem Aufsatz: Die Einsprachigkeit des Anderen oder über die ursprüngliche Prothese zu zeigen, wie gebrechlich und vorallem zerbrechlich Sprache sein kann, welche Macht der Umgang mit ihr birgt und was passieren kann, wenn Sprache geraubt wird.
Wenn man den Zugang zu einer Sprache verbietet, verbietet man keine Sache, keine Geste, keine Handlung. Man verbietet den Zugang zum Sagen, zu einem bestimmten Sagen, das ist alles. Das ist jedoch das grundsätzliches Verbot, die absolute Untersagung, die Untersagung der Diktion und des Sagens. (Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen, S. 57)
Für Jacques Derrida ist Sprache dynamisch. Sprache ist immer in einer Differenz und wiederholt sich ständig. (Prinzip der Iteration) Es geht darum, Sprache in einen anderen Kontext neu zu lesen und Neues daraus zu erkennen. (Prinzip der Dekonstruktion) In der Philosophie beispielsweise, die Wissenschaft deren Werkzeug die Sprache ist, benötige man keine neuen Wörter oder neue Ideen, sondern allein eine neue Sichtweise, eine neue Perspektive auf vorhandene Wörter.
Derrida behauptet: Wir erkennen das Wesen der Welt nicht, wenn wir uns von vermeintlich Altem distanzieren, es falsifizieren und Neues erfinden, sondern indem wir beginnen in allem was bereits vorhanden ist Neues zu sehen, neue Perspektiven einzunehmen. Wir strukturieren um. Wir dekonstruieren. Es benötigt keine neuen Erkenntnisse in der Philosophie. Alles was zu sagen ist, wurde gesagt. Nur die Perspektive wie wir lesen, wie wir Dinge als solche anerkennen, was wir Wörtern und Sätzen als Inhalt zuschreiben, ändert sich und macht Sprache dynamisch austauschbar mächtig, widersinnig und vorallem zerbrechlich. Das Versprechen ist ein Ver-sprechen im „wahrsten Sinne des Wortes.“
Und so behauptet Derrida bei dem Kolloquium Echoes from Elsewehre mit einen Vortrag über das Verhältnis von Mehrsprachigkeit und Einsprachigkeit mit dem Titel: Die Einsprachigkeit des Anderen oder über die ursprüngliche Prothese, dass niemand eine Sprache besitzen kann, weil Sprache nicht existiert und nicht festgeschrieben ist, sie ist wandelbar wie das Blatt und zerbrechlich wie das Glas und kann gesehen werden, wie das Licht. Dabei entscheiden wir uns, ob wir darin den Zerfall, die Schwäche oder die Dunkelheit sehen wollen.
„Ein jeder muss sagen können, ich habe nur eine einzige Sprache und (aber, fortan auf Dauer) die ist nicht die meinige.“ (Derrida, Die Einsprachigkeit des Anderen, S. 41)
Literaturangaben:
Derrida, Jacques. Die Einsprachigkeit des Anderen oder über die ursprüngliche Prothese. Übers. Michael Wetzel. München: Wilhelm Fink Verlag, 2003.
Derrida, Jacques. Die Schrift und die Differenz. Übers. Rodolphe Gasché. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1972.
Bertram, Georg W. Sprachphilosophie. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 2017.
Informationen zum Autor:
Jacques Derrida (1930-2004)
war ein französisch algerischer Philosoph, der vorallem für das Prinzip der Dekonstruktion bekannt geworden ist. Seine Theorien fokussierten sich auf das Prinzip der Sprache und wie sie das Betrachten auf die Welt beeinflussen kann. Dabei war Derrida bemüht zu zeigen, dass Schrift einen höheren Stellenwert erhalten sollte, als die Stimme. Damit kritisierte er vorallem den an Platons Theorien angelehnten Phonozentrismus der abendländischen Philosophie.