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Das letzte „wahre Märchen“:
Es war einmal eine Frau namens Martha. Bauerntochter aus dem heutigen Litauen, geboren etwa 1684, Magd in einem lutherischen Pfarrhaus. Soweit nichts Besonderes, aber dann geht es los: Ein russischer Fürst namens Alexander Danilowitsch Menschikow macht Martha zu seiner Mätresse. Besagter Fürst ist ein enger Freund des Zaren, der eines Tages vorbeikommt, Gefallen an der jungen Frau findet und sie kurzerhand mitnimmt (Martha wird dabei natürlich nicht gefragt!). Über 20 Jahre lang behauptet sich die Bauerntochter an der Seite des cholerischen Despoten, schenkt ihm mehrere Kinder (von denen allerdings nur zwei überleben, die Töchter Anna und Elisabeth) und erlebt mit der Zeit den Wunschtraum aller Fürsten-Mätressen: Erst heiratet der Zar sie heimlich; dann heiratet er sie öffentlich; schliesslich krönt er sie 1724 im Kreml in Moskau eigenhändig zur Zarin. Doch der Höhepunkt von Marthas Karriere steht noch bevor! Im Februar 1725 stirbt ihr Gatte und hinterlässt ein Testament, in dem nur Gebt alles… steht. Weiter ist er nicht mehr gekommen. Das ist ein Problem, denn in Russland gibt es damals keine feste Thronfolgeregelung; stattdessen bestimmt der jeweilige Monarch seinen Nachfolger selbst. In diesem Fall ist der Wille des Zaren unklar, doch Martha hat einflussreiche Unterstützer (insbesondere ihren einstigen Liebhaber Menschikow), die ihr die Nachfolge sichern. So besteigt die ehemalige Dienstmagd als erster von insgesamt vier weiblichen Monarchen den russischen Thron. Martha, die übrigens ihre einfache Herkunft nie verleugnet und deren Schreibkenntnisse sich auf das Unterzeichnen von Dokumenten beschränken, stirbt 1727.
Nach ihrem Übertritt zur russisch-orthodoxen Kirche nannte Martha sich Katharina Alexeiewna und später wurde sie Katharina I., Zarin von Russland (nicht zu verwechseln mit ihrer Schwiegerenkelin Katharina II., der Grossen). Das wahrhaft märchenhafte Leben der Gattin, Witwe und Nachfolgerin Peters des Grossen (vergleiche Blog vom 4. April 2017), der Aufstieg des baltischen Aschenputtels zur Kaiserin gehört zu den Geheimen Geschichten von Friedrich Bülau.