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Bücher
Auf und davon
Der neue Roman «Das Fell der Forelle» von Paul Nizon
Von Aurel Schmidt
Paul Nizon in Paris.
Es sieht so aus, als würde der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon in seinen Büchern über sich selber schreiben. Aber ihn mit seinen Romanfiguren zu verwechseln, wäre ein Fehler. Paul Nizon betreibt das, was er «Autobiografie-Fiktion» nennt. Er bezieht aus seinem Leben, was er braucht, um ein neues, zweites, weiteres, literarisches Leben zu arrangieren, das seinen eigenen Lauf nimmt. Auch in seinem neuen Roman «Das Fell der Forelle».
Im Jahr 1977 liess sich der Schriftsteller Paul Nizon in Paris nieder. Die Weltstadt als «künstlerische Maternité» führte ihn an den Punkt, wo er sich als Mensch ins richtige Verhältnis setzen und als Künstler herstellen konnte. Es war eine Lebenskrise, die Nizon damals verarbeitet und überwunden hat. Wenn man heute seinen in diesem Herbst erschienenen Roman «Das Fell der Forelle liest», wird es möglich, den Weg zu überschauen, den er zurückgelegt hat.
Es wäre unter diesen Umständen leicht, den neuen Roman mit den Mitteln der Psychoanalyse zu analysieren. Man könnte überraschende Einsichten gewinnen – und würde sich doch gewaltig irren. Die Handlung kommt zunächst bekannt vor. Sie folgt der Lebenslinie von Nizon. Ein Mann, der später als Frank Stolp vorgestellt wird, lässt sich in Paris nieder. Nur zögernd richtet er sich in einer fremden Wohnung ein, die er von einer Tante geerbt hat, verkehrt im Quartier, lernt einige Leute kennen, unter anderem zwei Frauen, zwischen denen und ihm selber sich kuriose Beziehungsmuster entfalten.
Keine Lebenskrise, aber was dann?
«Ich hatte mein Gepäck in der Tantenwohnung abgestellt, Koffer und Taschen. Sie schienen sich aneinander zu drängen wie Flüchtlinge, eingeschüchterte.» So fängt der Roman an. Der Erzähler erblickt im Gepäck sich selber und versteht, dass er selber der Flüchtling ist. Der Erzähler ist nach Paris gekommen, «um ein neues Leben zu beginnen oder zumindest einen neuen Anfang zu wagen». Gibt er vor. Und entdeckt doch nur Fremdheit und graue Leere in seinem Inneren.
Die Sprache bestätigt diesen Zustand. «Kleinlaut», «abgenutzt», «Erschöpfung», «es dunkelte», «Schatten», alles Ausdrücke einer Verdunklung, Verstörung. Verzweiflung. «Ich befinde mich seit längerem in einem nicht endenden FREIEN FALL, will mir scheinen», stellt er fest. Er hat den Eindruck, dass etwas Fremdes in ihm denkt, dass er nicht wirklich da ist und verschwinden muss. Hinzu kommt eine Reihe von Metaphern, die mit Waschen, Reinigen, Putzen zu tun haben. Die Wäsche wird in einen Waschsalon gebracht, eine öffentliche Badeanstalt besucht, die Küche geputzt.
Das alles sind Reinigungsriten, gewissermassen Erneuerungsexerzitien. Lebenskrise müsste die Diagnose lauten. Doch darum geht es nicht. Aber worum geht es dann?
«Ein «Flugfisch» am Himmel»
Im weiteren Verlauf unternimmt Frank Stolp immer tollere Sprünge, und es folgen immer unglaublichere, surrealere Einfälle in immer schnellerer Folge aufeinander.
Das Motiv der Forelle im Pelz (vom Erzähler auf einem alten Stich in einem Schaufenster gesehen) beziehungsweise die Pelze im Kleiderschrank der Tante und eines Flugzeugs am Himmel über Paris zieht sich in vielen Abwandlungen durch das Buch. Der aus Forelle und Flugzeug komprimierte «Flugfisch» deutet ein Abheben, Entfliegen und endgültiges Verschwinden im Luftraum an. Frank Stolp entstammt einer Akrobatenfamilie, deren Mitglieder am Trapez ihre Luftkunststücke gemacht haben. Soviel zu seinem Abgang aus dem Roman.
Der Name Stolp assoziiert sich natürlich auch mit dem Namen Stolz in einem anderen Buch von Nizon. Wo im einen die Krankheitsgeschichte des einen beschrieben wird (Stolz), geht es im anderen Buch um die existenziellen Luftsprünge des anderen (Stolp).
Stolp ist nicht Nizon, Nizon nicht Stolp
Eine gewisse Übereinstimmung von Stolp und Nizon lässt sich nicht ohne weiteres von der Hand weisen. Die unruhigen Suchgänge durch Paris stehen in Nizons Biografie, deren Episoden in vielen seiner Bücher. Das «Tantenzimmer» in der Rue Simart in Paris kommt in «Das Jahr der Liebe» vor. Dennoch sollte Paul Nizon auf keinen Fall mit Frank Stolp identifiziert werden.
Der Autor betrachtet sein eigenes Leben als Materialbaukasten, um daraus Literatur zu machen, einen Roman, ein Buch – dieses. Nizon bezeichnet diese schriftstellerische Methode als «Autobiografie-Fiktion». Er bezieht, was er zum Schreiben braucht, aus seinem Leben, aber was er schreibt, hat nichts mit seinem Leben zu tun. Es ist eine Musterkollektion, aus der ein neues, zweites, weiteres Leben arrangiert wird, das seinen eigenen Lauf (Verlauf, Lebenslauf) nimmt.
Eine Krankheitsgeschichte, wie es aussehen könnte, wird in «Das Fell der Forelle» also nicht verhandelt, eher eine Heilungsgeschichte. Früher hatte Nizon geschrieben: «Ich will in die Welt», nämlich in die Welt hinein. Jetzt heisst es: Ich will weg, fort, aus der Welt hinaus. Aber wohin? Genaugenommen, gibt das Buch nicht einmal eine Heilungsgeschichte wieder. Keine Entsagung, keine Erlösung. Aber vielleicht etwas Unerwartetes: eine surreale Himmelfahrt mit fantastischen Mitteln. Die Personen und die verifizierbare Topografie entschwinden in der Erinnerung, in den Vorstellungen, in einem Traum. Die Geschichte löst sich auf, entgleitet, entschwebt: wie der «Flugfisch».
Am Ende breitet sich in Frank Stolp ein reines Glücksgefühl aus. An diesem Punkt geht die Handlung in das freie Gleiten und Strömen eines Kunstwerks über.
«Die Herrlichkeit der Welt verkünden»
Für Paul Nizon besteht die Aufgabe des Schriftstellers nicht darin, die Misere und Fatalität zu wiederzugeben, sondern die «Herrlichkeit der Welt» zu verkünden. Noch nie war er (ausser in den «Caprichos» genannten Erzählungen «Im Buch des Wals») so einfallsreich, souverän, das heisst auch: so locker im Erfinden von Stoff, Text, Literatur wie hier. Die einzelnen Romanelemente tanzen in einem launischen Wirbel und führen in einer wahnwitzigen Steigerung in immer unglaublichere, kühnere Dimensionen. Bis…, bis Frank Stolp in einer anderen Welt entschwunden ist. Entflogen, entronnen, entrückt.
Für diesen Abschied kommt Paul Nizon mit 125 Seiten aus. Aber noch nie waren so wenige Seiten von einer solchen Einfallsdichte wie hier.
Das Buch «Das Fell der Forelle» von Paul Nizon ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet Fr. 30.60.
Von Aurel Schmidt