Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/3663

Von Tanja Hammel
Menschen wissen wenig über Pflanzen. Dieses Unwissen hat sie seit jeher dazu verleitetet, Pflanzen zu ignorieren oder misszuverstehen – insbesondere im Westen, seit Platon und Aristoteles ihre anthropozentrische Weltsicht propagierten. Das Christentum, Thomas Aquin sowie Albertus Magnus im Mittelalter, sowie Descartes und Hegel haben diese massgebend verstärkt und propagiert, was dazu führte, dass Pflanzen in der Hierarchie der Natur ganz weit unten verortet wurden.
Bereits Theophrastus (ca. 371-ca. 287 v.Chr.) hatte Einwände. Er behandelte Pflanzen auf ihre eigene Weise, betonte ihre Beziehung und Konnektivität zur Menschheit und sah sie als willensstarke, besonnene und intentionale Kreaturen, die klar ihre eigenen Autonomie und ihre Lebensbestimmung demonstrierten. Seine Argumentation wurde aber zugunsten von Aristoteles Philosophie verschwiegen und ist für Jahrhunderte aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Erst Umweltphilosophen, die in Australien und Norwegen seit den 1960er und 1970er aktiv für eine neue Umweltethik eintreten und sich seit 2001 für ecological humanities stark machen, haben Theophrastus aus der Vergessenheit geholt und ihn breit rezipiert. Die Gruppe um Val Plumwood (1939-2008) hatte sich zum Ziel gesetzt, Menschen im ökologischen System zu restituieren und für alle Arten ethische Grundsätze zu schaffen. Ihres Erachtens sei dies der erste Schritt Humanwissenschaften zu betreiben, ohne die Referenz des Menschen zur lebenden Welt zu vernachlässigen und in der kartesischen Weltsicht verhaftet zu bleiben.
Der Grund weshalb nicht nur GeisteswissenschaftlerInnen Pflanzen bisher unterschätzt und zu unrecht oft ignoriert haben ist das fehlende Wissen über Pflanzen. In der Pflanzenwissenschaft besteht großer Forschungsbedarf; sind Pflanzen bisher doch eher in ihrer Funktion für den Menschen und nicht in ihrem eigenen Sein und Wirken betrachtet worden. Erst 2012 sind eine Reihe von Studien u.a. in Bristol, Exeter und Westaustralien durchgeführt worden, die gezeigt haben, dass einige Pflanzenarten, wenn sie geschädigt werden, ein Gas ausströmen, um benachbarte Pflanzen derselben Art zu informieren, dass Gefahr lauert, worauf diese sich dann vorbereiten können, indem sie wenn sie erfahren, dass ihre Blätter beispielsweise bedroht sind, ein Sekret ausströmen können, das sie vor Schädlingen schützt. Außerdem sind klickende Geräusche in einer Studie über Getreidesetzlingen gehört worden. Prinz Charles, ein passionierter Gärtner, hatte bereits 1986 in einem Interview erzählt, dass er mit seinen Pflanzen spreche und dass diese Geräusche von sich geben würden, weswegen der Brite jahrelang belächelt wurde. Die BBC Doku-Serie The Secret Life of Plants (1979) und der Besteller und Dokumentarfilm The Botany of Desire (2009) haben einem breiten Publikum gezeigt, dass Pflanzen agieren und Einfluss auf den Menschen haben und nicht nur als Hintergrund und Dinge da sind und darauf warten, vom Menschen missbraucht zu werden.
Blumen können so schlecht nicht sein, betrachtet man die Blumensprache v.a. des 18. und 19. Jahrhunderts, und die Tatsache, dass wir seit über fünftausend Jahren Blumen pflanzen und verschenken, ohne dass wir sie essen. Sie müssen also neben der ästhetischen und sinnlichen Anziehungskraft auch anderweitig einen großen Einfluss auf uns haben. Blumen, so eine Studie des psychologischen Instituts der Rutgers-The State University of New Jersey 2005, erhöhen das menschliche Wohlbefinden. Sie lassen Menschen weniger ängstlich, depressive und aufgewühlt sein und erhöhen die Lebenszufriedenheit sowie die Intensität menschlicher Kontakte. Bei älteren Menschen wurden auch verbesserte kognitive Leistungen beobachtet.
Die meisten solcher Studien, die Blütenpflanzen als Handlungsträger oder als handlungsmächtig betrachten, kamen nicht ohne die Projektion von menschlichen Charakteristiken auf Pflanzen aus. Pflanzen wurden als «intelligent», «kommunikativ», als «Personen» mit einem «Hirn» in den Rhizomen beschrieben. Eine der vielversprechendsten Alternativen ist das «companion species» Konzept der amerikanischen Bewusstseinshistorikerin Donna Haraway. Sie sieht Blumen und Menschen als miteinander verbundene, sich gegenseitig beeinflussende Arten. Das semiotische Konzept lässt uns die signifikante Andersheit und die kontinuierliche Schöpfung des Partners durch den Vorgang selbst betrachten. Partner gibt es nicht vor deren relationaler Beziehung; sie sind genau das was aus dem inter- und intra-relationalen signifikanten, semiotisch-materiellen Sein entsteht.
Das Unwissen über Blütenpflanzen hat uns bisher angehalten diese entweder zu ignorieren oder sie in literarischen Werken als angsteinflößende Monster darzustellen. Ob wir wollen oder nicht, die Pflanzenwissenschaft zeigt uns, dass Blumen und Pflanzen im allgemeinen einen weit größeren Einfluss auf uns haben, als wir das im allgemeinen wahrhaben wollen und dass künftige Forschungsergebnisse zeigen werden, wie groß die Handlungsmacht – die flower power – wirklich ist.
Auswahlbibliographie
M. Hall, Plants as Persons – A Philosophical Botany (New York 2011).
D. J. Haraway, When species meet (Minneapolis 2008).
J. Haviland-Jones, H. H. Rosario, P. Wilson, T. R. McGuire, An Environmental Approach to Positive Emotion: Flowers, Evolutionary Psychology, 2005, 3, S. 104-132.
J. Ch. Ryan, Passive Flora? Reconsidering Nature’s Agency through Human-Plant Studies (HPS), Societies 2 (2012), S. 101-121.
Videos:
- Ich habe das Glück schon gefunden – ein Gedanke in zwei Landessprachen
- Der überfüllte Fleischwolf des Robert Rodriguez: «Machete Kills»