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Prickelnd mit 60 plus und 80 plus
Sonntagabend hatte ich einen «Netflix and Chill»-Abend mit mir selbst. Ich sehe selten Netflix, noch seltener als TV, aber gestern war ich so kaputt von der vergangenen Woche, dass es wie die einzige Möglichkeit erschien, der erlebten Realität kurz zu entfliehen. Ich sah mir die Dokumentation über die grosse, amerikanische Schriftstellerin Joan Didion an, nicht, weil ich wie fast alle intelligenten Frauen, die ich kenne, ein riesengrosser Didion-Fan bin, nein, ich sah es mir an, weil es sich alle ansahen.
Als die Dokumentation am 27. Oktober erschien, gab es einen Riesenhype auf Social Media, aber ich hatte andere Sorgen. Didion ist das, was alle Mädchen, die von einer Schriftstellerkarriere träumen, sein wollen. Ich kenne eine Autorin, die stylt sich wie sie, oder zumindest so, wie sie glaubt, dass sich Didion stylen würde: die Frisur, die Sonnenbrille, die Körperhaltung, alles. Ich habe noch kein Buch von Didion gelesen, weil sie mir ja bis Sonntagabend egal war, und ich habe keine Idole. Ich finde, Idole zu haben und sich in Schablonen zu pressen, sinnlos, aber das ist ein anderes Thema.
Die Doku war von ihrem Neffen Griffin Dunne produziert und vermischt altes Filmmaterial mit neu gedrehten Aufnahmen. Didion ist 1934 geboren und in den Interviews schon ziemlich alt und zerstreut, so alt, dass man sich wundert, wenn sie es doch noch schafft, jede Frage hochintelligent und brillant zu beantworten und danach noch verschmitzt zu lächeln wie ein freches kleines Mädchen.
Didions Leben verläuft glamorös, aber tragisch, sie verliert fast zeitgleich ihren geliebten Mann und ihr einziges Kind, der Kummer beflügelt sie zwar zu ihren zwei gewaltigsten Werken, aber mich zog es angesichts dessen, was ich letzte Woche alles erlebte, etwas herunter, und ich sah mir zur Beruhigung noch eine zweite Doku an: eine über Franca Sozzani, die legendäre Chefin der italienischen «Vogue», die letzten Dezember mit 68 Jahren viel zu früh starb. Der Film war von ihrem Sohn, dem Regisseur Francesco Carrozzini, produziert, und sie hatten ganze sechs Jahre für die Dreharbeiten gebraucht, bis der Film an den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde.
Alt sein ohne älter zu werden
Obwohl ich selbst Schriftstellerin bin, hat mich Francas Film in seiner geschönten Hochglanzästhetik viel mehr berührt als die intellektuelle und melancholische Kettenraucherin Joan Didion, was sicher daran liegt, dass ich mich lieber auf die Leichtigkeit der Oberfläche verlasse als in die schmerzvolle Tiefe zu tauchen.
Nach der zweiten Doku war mir klar, ich hatte soeben einige lange Stunden mit dem Leben von zwei Frauen verbracht, die beide nicht nur übermässig grosse und selbstverantwortete Karrieren in einer mir vertrauten Welt gemacht haben, ohne sich an einem Mann hochzuschlafen. Sie waren beide auch prickelnd, aufregend und wunderschön mit 60 plus und 80 plus.
Sehen Sie sich die beiden Dokus an, ich werde nicht von Netflix bezahlt, falls Sie das glauben, aber sehen Sie es sich bitte an, und Sie werden fasziniert sein, wie schön Frauen altern können, wenn sie ein erfülltes Leben haben und sich wünschen, endlich fertig zu sein mit dem Älterwerden, um in Ruhe so wundervoll alt sein zu können.