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Jeder kann werden, was er will, wenn er es nur genug fest will – und sich tadellos verhält. Gibt es eine bessere Moral einer Kindergeschichte? Wohl deshalb ist die Geschichte von Carlo Collodi um die sprechende Holz-Marionette, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ein richtiger Junge zu sein, so erfolgreich. Die Kurzgeschichten von Pinocchio (italienisch für «Pinienkern») erschienen erstmals 1881 in einer italienischen Wochenzeitung. Aufgrund des grossen Erfolgs veröffentlichte Collodi 1883 ein ganzes Buch über die fantasievollen Abenteuer der Holzpuppe. Leider erlebte der Autor den globalen Erfolgs seines Romans nicht mehr. Mit dem bewegten Bild nahmen sich auch bald Filmemacher dieses anspruchsvollen, aber reizvollen Stoffs an. Bis heute zählt Wikipedia nicht weniger als 30 Verfilmungen von Pinocchio, unter denen allerdings auch weiterführende Interpretationen wie Steven Spielbergs «A.I.» figurieren. Nummer 30 und 31 stehen ebenfalls schon in den Startlöchern: Diese Woche startet mit etwas Corona-Verspätung die Version von Matteo Garrone an, für 2021 ist der mit Spannung erwartete «Pinocchio» von Guillermo del Toro angekündigt.
Einer der grössten Flops unter all diesen Titeln war ausgerechnet die Verfilmung von Oscar-Preisträger Roberto Benigni (2002). Ausgerechnet deshalb, weil «Pinocchio» für den Italiener eine Herzensangelegenheit ist. Doch dieser kruden, überdrehten Fassung mit einem 50-Jährigen in der Rolle eines kleinen Jungen kann man beim besten Willen nichts Positives abgewinnen. 18 Jahre später erhielt Benigni dank seinem Landsmann Garrone eine zweite Chance – in der Rolle des Schnitzers Geppetto, nicht des Pinocchio.
Roberto Benigni
Geboren am 27. Oktober 1952 in Manciano in der italienischen Provinz Toskana, sorgte der Filmemacher und Schauspieler in Italien immer wieder für Skandale. Für die Beleidigung von Papst Johannes Paul II. wurde er 1980 zunächst zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, dann aber freigesprochen. Internationale Bekanntheit erlangte Benigni 1997 als Hauptdarsteller in der KZ-Tragikomödie «La vita è bella» («Das Leben ist schön»), die ihm einen Oscar einbrachte. 2002 fiel er mit seiner eigenen «Pinocchio»-Verfilmung bei Kritikern und Publikum gleichermassen durch. Seither trat er international nur noch durch seine Rolle in Woody Allens «To Rome With Love» (2012) in Erscheinung.
Roberto Benigni, Sie haben 2002 bereits selbst eine Version von «Pinocchio» als Regisseur und Hauptdarsteller abgefilmt. Wie haben Sie sich gefühlt, als Matteo Garrone Ihnen sagte, dass er ebenfalls «Pinocchio» verfilmt?
Wunderbar. Ich konnte es nicht glauben. Die Worte Pinocchio und Matteo Garrone ergaben in meinem Kopf schon ein Meisterwerk, da er «Das Märchen der Märchen» gemacht hat. Ich konnte mir genau vorstellen, wie er die Fantasie mit seiner stylishen Art, Märchen zu erzählen, kombiniert.
Was bedeutet Ihnen Pinocchio?
Während meines ganzen Lebens war Pinocchio ein Leitmotiv. Meine Mutter nannte mich Pinocchio, weil ich 20 Kilometer von Pinocchios Geburtsort in der Toskana geboren wurde, und Federico Fellini wollte Pinocchio mit mir machen. Meine Sprache, mein Lebensstil, war sehr Pinocchio-mässig. Es ist kein Zufall, das Fellini sein ganzes Leben lang über Pinocchio nachdachte und es als göttliches Buch ansah. Jeden Morgen hatte Fellini seinen Finger im Buch und las die Zeilen, als ob es seine Bibel wäre, sein Prüfstein.
Was für eine Wirkung hat das Märchen auf Kinder?
In Italien hat Pinocchio den Ruf einer wundervollen Geschichte für kleine Kinder. Weil sie so unglaublich und so positiv ist, dass sie uns sehr viel lehrt, ohne belehrend zu wirken. Mit den Bildern, der Geschichte und der Fantasie berührt sie unsere Seele. Sie ist wie ein Schamanen-Buch, ein Lebensführer.
«Pinocchio ist ein Literatur-Klassiker wie Don Quijote oder Hamlet.»
Warum werden immer wieder Pinocchio-Filme gemacht?
Pinocchio ist eine Herausforderung für Filmemacher. Es gibt so viele Elemente und Lektionen in diesem Märchen. Es ist ein Literatur-Klassiker wie Don Quijote oder Hamlet. Es gibt viele Kinoversionen von «Pinocchio», aber diese von Matteo Garrone ist meine liebste. Weil sie originell ist, komplett frei und trotzdem klassisch. Ich habe noch nie einen Pinocchio wie diesen gesehen.
Wie fühlte es sich an, Geppetto zu spielen, den Puppenmacher und Vater von Pinocchio?
Als Matteo mir sagte, ich müsse Geppetto spielen, war das wie ein Traum für mich. Der einzige Schauspieler, der Pinocchio und Geppetto verkörperte, das gabs noch nie in der Filmgeschichte. Das ist wie Iago und Othello zu spielen oder Sancho Panza und Don Quijote. Wunderschön. Geppetto ist ein wenig wie meine Rolle in «Das Leben ist schön»: Da war ich ein Vater und ein Lügner, also halb Geppetto und halb Pinocchio.
Haben Sie sich speziell auf die Rolle vorbereitet?
Nein. Meine Vorstellung von Geppetto unterschied sich komplett von jener, die Matteo in seinem Kopf hatte. Zum Glück ist Matteo wie ein Dirigent. Er zeigte mir die richtige Richtung, und dafür bin ich ihm dankbar. Denn als wir zum ersten Mal darüber sprachen, wollte ich Geppetto mit viel Witz spielen. Aber als er mir seine Version von Geppetto zeigte, als älteren Mann mit Bart, sprang ich aus meinem Stuhl, weil er genau wie mein Grossvater aussah. Das hat mich gleich berührt.
Welche Rolle machte Ihnen mehr Spass: Geppetto oder Pinocchio?
Zwischen den zwei Filmen liegen fast 20 Jahre. Ich war sehr jung, als ich Pinocchio spielte und gleichzeitig Regie führte. Naja, ich war etwa 50, und es war wohl das erste Mal, dass jemand in diesem Alter Pinocchio spielte. Ich war so aufgeregt, Pinocchio zu spielen – zu aufgeregt. Dennoch war diese Erfahrung sehr wertvoll, um nun Geppetto zu spielen. Diese Rolle war ein Geschenk des Himmels, weil ich Pinocchio liebe und mit Matteo Garrone zusammenarbeiten konnte, wovon ich immer geträumt habe. Wenn mich jemand fragen würde, noch eine andere Rolle in der Geschichte zu spielen, würde ich auch das tun.