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Auf ins Schächental
Dieses Jahr lockte der Verantwortliche für Anlässe der Männerriege Turbenthal, Daniel Kamber, seine Kollegen ins Schächental. Leider folgten nur sieben Kollegen seiner Einladung. Immerhin waren es genug Jasser, sodass ausgiebig dem Nationalsport gefrönt wurde.
Was hat es nun mit Suworow’s Spuren auf sich? Während des Zweiten Koalitionskrieges durchquerten russische Truppen unter Generalfeldmarschall Suworow im September und Oktober 1799 die Schweiz. Ihre Route führte sie über sechs Pässe von Süden nach Norden. Die kräfteraubende Strecke führte über 280 km und wurde durch verschiedene Umstände erschwert: Regen in der Leventina, Schnee auf dem Panixer, schweres Gepäck und mangelhaftes Schuhwerk, schlechte Pfade, zerstörte Brücken und stets aufflammende Kampfhandlungen.
Die 22‘000 russischen Soldaten waren 28 Tage unterwegs. Der Verlauf des Feldzuges gegen eine zahlenmässig übermächtige französische Armee zwang Suworow zu dieser kräftezehrenden, komplizierten Marschroute. Die geplante Vereinigung der beiden russischen Armeen war, nachdem Österreich die Koalition verlassen hatte und das russische Heer unter Korsakow in Zürich geschlagen worden war, nicht mehr möglich.
Als Rettung blieb nur noch ein Rückzug über die Alpen. Dieser fand in Russland ein grosses Interesse und Echo, welches sich auch im Atlas Suworow widerspiegelt und bis heute anhält. Anlässlich seines Staatsbesuchs in der Schweiz besuchte der russische Präsident Dmitri Medwedew am 22. September 2009 das Suworow-Denkmal.
Für diesen mit grossen menschlichen und materiellen Verlusten verbundenen Gewaltmarsch - von denen auch die an der Durchmarschroute wohnende Schweizer Bevölkerung durch die Kontributionen und Requisitionen betroffen war - wurde Suworow später durch Zar Paul I. der höchste militärische Grad eines "Generalissimus" verliehen.
Die Via Suworow passiert heute die Täler Valle Leventina, Urserental, Reusstal, Schächental, Muotatal, Klöntal, Sernftal, Val da Pigniu, Vorderrheintal auf einer Länge von rund 170 km, folgt den Flüssen Ticino, Gotthardreuss, Reuss, Linth, Sernf und Vorderrhein, führt durch die Schöllenen Schlucht und dem Klöntalersee entlang. Die gesamten Höhendifferenzen betragen 8000 Metern bergauf, 8670 Metern bergab und können in rund 56 Stunden bewältigt werden.
Ganz so schlimm war die Reise der Männerriege ins Schächental dann doch nicht. Bestes Wanderwetter, modernes Schuhwerk, gut markierte Wege und ausreichende Verpflegung stehen in krassem Gegensatz zur Situation, welche die russischen Soldaten vor über 300 Jahren in den Schweizer Bergen antrafen. Mit dem Zug ging es spät am Morgen nach Flüelen und von dort mit dem Postauto zur Talstation der Seilbahn, welche nach Eggbergen auf 1446 Meter ü.M. führte. Die kleine Gondel fasste nur 12 Personen und war bis auf den letzten Platz besetzt. Sofort kamen wir ins Gespräch mit den anderen Wandervögeln.
Im Berggasthaus Seeblick wartete bereits das Mittagessen. Am Eingang zum Restaurant informierten die Wirtsleute, dass man sich hier über 1‘000 Meter ü.M. Du sage. Ist es wirklich schlau, mit vollem Magen den Weg unter die Füsse zu nehmen? Ein Mittagsschläfchen hätte der eine oder andere geschätzt. Wanderleiter Dani erklärte glaubhaft, dass der Weg zur Unterkunft, dem Skihaus Edelweiss, gemütlich zu bewältigen sei. Allerdings lag der höchste Punkt auf 1878 Meter ü.M. Und diese Höhendifferenz musste mit manchem Schweisstropfen erkämpft werden. Aber dafür lohnte sich die Einkehr am Flesch-See umso mehr. Eine wunderbare Aussicht entschädigte für die Strapazen.
Zügig ging es weiter zum Skihaus Edelweiss. Auf halbem Weg lockte nochmals ein Restaurant. Aber die Männerriegler entschieden sich für die Direttissima. Ein kluger Entscheid, denn kurz nach der Ankunft im Edelweiss fielen die ersten Regentropfen. Trocken, mit einem kühlen Bier in der Hand, konnten wir dann später ankommende Wanderer beobachten, denen das Wasser sogar aus den Schuhen quoll. Das Haus sei bis auf die letzte Matratze ausgebucht, liess sich der Wirt verlauten. Allerdings blieben unter dem Dach noch einige Schlafplätze frei. Marcel instruierte uns, dass punkt sechs Uhr das Nachtessen serviert würde. Wie im Altersheim sassen die Männerriegler bereits eine halbe Stunde vor der Zeit am Tisch und warteten auf das Essen. Mit einiger Verspätung ging es dann los und nacheinander wurden ein gemischter Salat, Älplermagrone mit Öpfelmues und zum Schluss Glacé serviert.
Was macht man um 2100 Uhr auf 1720 Metern ü.M.? Fürs Bett ist es noch viel zu früh, zu diskutieren und zu blödeln gibt es nichts mehr, also her mit den Jasskarten. Mit acht Wanderern hätte es ideal zwei Gruppen für den Schieber gegeben. Weil aber zwei ausfielen, spielten dann sechs einen Schieber mit zwei Kartensets. So hatte es von allem zwei Karten. Und wer sich auf einen schönen Stich freute, wurde am Schluss noch vom letzten Spieler abgefangen. So entstanden viele lustige Situationen. Für ungewollte Unterhaltung sorgte ein anderer Gast, der mit seiner penetranten Stimme an einen Staubsauger-Verkäufer erinnerte. Wir waren immer wieder froh, wenn wir uns hinter den Jasskarten verstecken konnten. Noch vor Mitternacht suchten dann die letzten Männerriegler den „Massenschlag“ auf. Gar nicht so einfach, im Dunkeln auf die obere Etage zu klettern. Schliesslich kehrte Ruhe ein und das befürchtete Schnarchkonzert blieb fast aus.
Am Sonntag Morgen sassen die Gäste des Edelweiss wieder pünktlich am Tisch und genossen das reichhaltige Buffet. Nachdem die Habseligkeiten zusammengesucht und im Rucksack verstaut waren, gab es noch das obligate Gruppenbild. Nachher ging es zügig los auf dem Höhenweg bis zum Berggasthaus Ratzi. Unterwegs begegneten wir der Männerriege Birmensdorf. Zwischen 30 und 50 Männer kamen unserem kleinen Grüpplein entgegen. Das waren noch Zeiten, als die Männerriege mit fast zwanzig Wanderern unterwegs war. Dafür fiel der älteste Teilnehmer sehr positiv auf. Samuel ist schon über 80 Jahre alt, aber viele Jüngere sind körperlich und geistig nicht so fit.
Bergab gehen schadet den Kniegelenken. Deshalb fuhr die Männerriege Turbenthal mit der kleinen Seilbahn hinunter nach Spiringen und von dort mit dem Postauto nach Flüelen. Mit dem Raddampfer URI kreuzten wir dann während vier Stunden auf dem Vierwaldstättsee. Im Restaurant 1. Klasse war ein schöner Tisch für uns reserviert. Wenn schon auf dem See, dann gibt es Fisch. Und bei einem so bescheidenen Mahl hat es immer noch Platz für eine Zuger Kirschtorte oder einem Eiscafé. Was machen wir nun in Luzern mit einer „geschenkten“ Stunde? Unter kundiger Leitung wandelten wir unter den historischen Bildern der Kappelbrücke und bestaunten die verkehrsfreie Innenstadt. Ein Bier geht immer und so landeten wir an der Reuss in einer Gartenwirtschaft. Dieser Art gestärkt fuhren wir mit dem bis auf den letzten Platz gefüllten Zug nach Zürich-Flughafen, wo wir in einen nicht minder vollen Zug nach Winterthur wechselten.
Wer nun den Eindruck gewonnen hat, dass die diesjährige Reise der Männerriege Turbenthal vorwiegend von Restaurant zu Restaurant führte, liegt nicht falsch. Ein grosses Dankeschön geht an den Organisator Daniel Kamber, der uns weitsichtig zu den schönsten Orten im Schächental führte.