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In der Zeit, als sie zur Hauptsache noch gegen eine britisch-irische Auswahl antraten, gewannen die Amerikaner den Ryder Cup ab 1959 13 Mal nacheinander. Mit der Erweiterung auf eine gesamteuropäische Mannschaft 1979 änderte sich vieles. Die US-Golfer siegten zwar zuerst noch dreimal in Folge, 1985 jedoch begann die grundsätzliche Dominanz der Europäer. In den letzten Jahren waren die Europäer sogar derart überlegen, dass sie am Wochenende den Cup in Chaska im US-Bundesstaat Minnesota als erstes Team seit der grundlegenden Änderung von 1979 zum vierten Mal in Serie zu sich holen können. Für die Amerikaner wäre dies die bislang grösste Schmach.
Sowohl in Bezug auf die Positionen in der Weltrangliste als auch nach der Anzahl gewonnener Titel an den Majorturnieren sind die Amerikaner zu favorisieren. Die zwölf vom diesjährigen US-Open-Champion Dustin Johnson, der Weltnummer 2, angeführten Amerikaner bringen eine durchschnittliche Weltranglisten-Position von 16,33 mit. Ihr theoretisch Schwächster, der mit einer Wildcard berücksichtigte Ryan Moore, ist immerhin noch die stattliche Weltnummer 31. Bei den Europäern reicht die Spanne von der Nummer 3, dem Iren Rory McIlroy, zur Nummer 50, dem englischen Ryder-Cup-Neuling Andy Sullivan.
Europas Captain Darren Clarke, der British-Open-Gewinner von 2011, hat die Rekordzahl von sechs Neulingen in seinem Aufgebot. Fünf von ihnen haben sich direkt über die zweijährige Punktewertung und über die Weltrangliste qualifiziert. Dem sechsten, dem talentierten Belgier Thomas Pieters, gab Clarke eine seiner drei Wildcards. Aus Sicht des Schweizer Golfsports darf man Belgien beneiden. Noch vor 20 bis 30 Jahren war das Schweizer Profigolf viel weiter als das belgische. Mittlerweile ist die Schweiz die mit Abstand schwächste Golfnation Westeuropas mit Ausnahme der Kleinstaaten, während Belgien nach Nicolas Colsaerts nunmehr seinen zweiten Ryder-Cup-Spieler stellt. Es ist eine eigentliche Sensation.
Die Unerfahrenheit könnte der Stolperstein der Europäer werden. Den Gegenpol zu den Rookies bilden der zum zehnten Mal am grössten Teamwettkampf startende Engländer Lee Westwood, der Deutsche Martin Kaymer sowie Rory McIlroy. McIlroy und Kaymer vereinigen im Team sechs der neun Siege an Majorturnieren auf sich. Die Rolle der wenigen Erfahrenen, zu denen auch Olympiasieger Justin Rose aus England zählt, wird immens wichtig sein; nicht nur für das Sammeln von Punkten, sondern auch für das Führen der Jungen in den Doppeln.
Die Amerikaner stellen wie jedes Mal eine spielerisch unglaublich starke Crew. Würde jeder der zwölf sein Potential ausspielen, hätten die Gegner einen sehr schweren Stand. Die letzten Austragungen haben – mit der Ausnahme von 2012 – grosse Defizite der Amerikaner in den insgesamt 16 Doppeln vom Freitag und Samstag aufgezeigt. In den Einzeln dagegen hatten die US-Golfer meistens die Nase vorn. In einem Doppel kommt es vor allem darauf an, wie gut die Spieler aufeinander eingehen können. Harmonie ist so wichtig wie die besten Schläge. Auch Kampfbereitschaft und Biss waren bisher oft Trümpfe der Europäer.
Davis Love, der Captain des US-Teams, überging bei der Vergabe seiner vier Wildcards Bubba Watson, den zweimaligen US-Masters-Sieger und aktuellen Siebten der Weltrangliste. Love berücksichtigte vier Spieler, die in den Einzelturnieren noch keinen Majortitel, keinen grossen Sieg, errungen hatten. Love hat die schwierige Aufgabe, aus vielen Individualisten in wenigen Tagen eine Equipe mit Zusammenhalt zu formen. Das ist schwer genug.
Wie viel Unruhe wird Tiger Woods ins US-Team tragen? Das darf man sich fragen, seit Davis Love den Übergolfer und 14-fachen Majorturnier-Sieger als einen seiner fünf Vizecaptains ernannt hat. Woods ist die Rolle des Cheftaktikers zugedacht, was immer man sich darunter vorstellen soll. Als er selbst – insgesamt sieben Mal – im Ryder Cup mitspielte, belastete Woods die übrigen amerikanischen Spieler oftmals nur schon mit seiner Präsenz. Woods war allgegenwärtig und dominierend. Kaum ein Spieler liebte es, mit ihm ein Doppel zu bilden. Es kommt nicht von ungefähr dass der geniale Golfer im Ryder Cup eine negative Bilanz vorweist. Woods, der einen grossen Teil seiner Erfolge dem Egoismus verdankt, müsste sich an diesem Wochenende ins Team einbringen, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Sonst könnte der Schachzug von Captain Love kontraproduktiv wirken.
Woods’ Einsatz könnte noch umso heikler werden, als sein notorischer Erzrivale oder Erzfeind Phil Mickelson unter den US-Golfern eine Schlüsselrolle innehat. Der 46-jährige Mickelson, fünffacher Sieger von Majorturnieren, bestreitet seinen 11. Ryder Cup und ist der mit Abstand Erfahrenste in der Mannschaft. Er trägt eine gewisse Verantwortung gegenüber den Jüngeren. Diese wird er wohl nur dann wahrnehmen können, wenn Woods sich heraushält.
Woods hatte selber keine Möglichkeit, als Spieler ins Team zu kommen, weil er seit August 2015 infolge seiner Rückenverletzung nicht mehr spielen konnte. Schon 2014 hatte er den Ryder Cup verpasst.
(SDA)