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Oliver Schneider, DrehPunktKultur (06.06.2011)
Wagners „Lohengrin“ im Schulzimmer oder Verdis „Don Carlos“ mit der Autodafé-Szene im Foyer. Dies sind nur zwei Beispiele aus einer Hoch-Zeit, die zwei Ausnahmekünstler der Hamburgischen Staatsoper vor einigen Jahren beschert haben.
Janáček verarbeitete für sein letztes Bühnenwerk „Aus einem Totenhaus" Episoden aus Dostojewskis autobiographischen „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker lassen den Abend statt in einem sibirischen Straflager in den sterilen weißen Clubräumlichkeiten einer mafiösen Herrengesellschaft spielen. Ähnlich wie in einem Gefangenenlager herrscht hier ein Überlebenskampf, das Recht des Stärkeren. Gefühle haben keinen Platz. Wenn sie jemand zeigt, wird er dafür verhöhnt oder physisch malträtiert.
Man könnte einwenden, dass Konwitschny das Straflager des Librettos einfach durch ein dank Mario Puzos „Pate“ angestaubtes Bild der ehrenwerten Gesellschaft ersetzt. Doch er geht einen Schritt weiter, indem er zu den hoffnungslosen Klängen der Orchesterintroduktion den Verkehr am Zürcher Bellevueplatz als Video einspielen lässt. Der weitere Verlauf des Abends beschränkt sich, wie man es von Konwitschny gewöhnt ist, auch nicht auf die Aktion auf der Bühne. Parkett, Logen, Ränge und die hell erleuchteten Foyers werden miteinbezogen. Konwitschny gelingt es so wieder einmal, Betroffenheit zu erzeugen, indem er das Totenhaus als Abbild der modernen Gesellschaft interpretiert. Konsequenterweise hat er gemeinsam mit den beiden Dramaturgen auch die projizierte Übersetzung des Librettos so adaptiert, dass Widersprüche zwischen dem Bühnengeschehen und dem gesungenen Text vermieden werden.
Wie der Romanvorlage fehlt auch der Oper die lineare Handlung. Einen Rahmen bilden nur das Einliefern und Entlassen des politischen Häftlings Gorjantschikow (ausdrucksvoll Pavol Remenár), einen zweiten die Pflege eines kranken Adlers durch die Gefangenen (klangstark einstudiert von Ernst Raffelsberger) bis zu dessen Heilung. Innerhalb des Korsetts erzählen vier Gefangene, warum sie zu Delinquenten geworden sind.
Wenn bei den Mafiosi Feiertag ist, steigt die Party mit viel Alkohol. Als Gag tragen die Herren Sträflingsjacken über ihren Smokings und lassen sich von weiblichen Gästen Handschellen anlegen. Die integrierte Theateraufführung, der Mittelpunkt der Oper, mündet nach unzweideutigen Szenen und einer Chippendales-Persiflage in einer brutalen Vergewaltigungsszene und anschließenden Schlägerei. Leider ist danach eine die Spannung störende Pause nötig, um den Mafiosi ein lädiertes Aussehen zu verpassen. Zu Schischkows Erzählung – er hat seine Frau getötet, weil sie einen anderen liebte – lässt Konwitschny die Herren eine Matrioschka auseinandernehmen und Teile davon umarmen. Das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit vereint sie alle. Der Slowene Matjaž Robavs als Schischkow ragt mit seinem kernigen Timbre neben dem von Peter Straka differenzierten, dem Irrsinn nahmen Skuratow aus dem hervorragenden Ensemble heraus.
Was auch immer Ingo Metzmacher in den letzten Jahren an Opern dirigiert hat, es waren immer exemplarische Wiedergaben von Werken, mit denen die Türen des Musiktheaters für Neues aufgestoßen wurden. Aus dem schroffen Grundduktus arbeitet Metzmacher sorgfältig die Momente heraus, in denen sich die Gefangenen in ihren Erzählungen sehnsuchtsvoll ihren Träumen von Liebe und Freiheit hingeben. Rohe Kraft verlangt er von den Musikern hingegen in der Theaterszene. Zu Recht ernteten Metzmacher und das Orchester den größten Applaus am Premierenabend in Zürich. - Beim Koproduktionspartner im Haus am Ring wird die Inszenierung als Erstaufführung schlechthin im Dezember zu sehen sein.