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Im Blickpunkt …
Sakralbauten wurden im Mittelalter auf einen oder mehrere Ehrentitel geweiht. Welche Titel hatte nun die Ranftkapelle mit dem Weihedatum 27. April 1469? – Abschriften zweier Urkunden durch Johann Joachim Eichhorn (Quelle 004) nennen vier Titel: Selige Jungfrau Maria (Mutter Jesu), heilige Maria Magdalena, Kreuzerhöhung und die 10’000 Martyrer (wörtlich im Genitiv: Martyrum, also nicht equitum oder militum = Ritter).
Wer waren nun diese 10’000 Martyrer? – Anfangs 2. Jahrhundert soll ein Teil einer römischen Truppe unter Achatius sich in Armenien geweigert haben, den heidnischen Göttern zu opfern. Darauf sollen sie auf dem Berg Ararat (Har Meni) gekreuzigt worden sein. Gedenktag ist der 22. Juni. Im 15. Jahrhundert wurden diese Martyrer von den Eidgenossen, besonders von den Bernern, jährlich festlich gefeiert. – Die entsprechende Legende wird oft verwechselt mit einer anderen, mit der der Thebäischen Legion (Legio Thebaica). Auf den offiziellen alten römischen Listen, findet man die Thebäische Legion allerdings nicht. Deren Martyrer wiederum fielen bei Acaunum (Saint-Maurice – später, nach 1032 in der Grafschaft Savoyen). Präfekt der Legion war Mauritius, der später als Heiliger verehrt wurde. Gedenktag der Thebäischen Legion ist jedoch der 22. September. Das ist Verwechslung Nummer 1. Wie so oft, verwechselt jemand etwas und schreibt das Missverständnis in ein Buch. Dann schreiben es ein paar Dutzend Leute unüberprüft ab.
Auf späteren barocken Altarbildern wird Mauritius bisweilen mit einem Wappen dargestellt: weisses Kreuz bis an den Rand gezogen im roten Feld. Wie ist dieses Wappen zuzuordnen? Mauritius war der Patron Savoyens. Der nach ihm benannte Ort Saint-Maurice lag bis 1536 im Hoheitsgebiet Savoyens. Das Wappen gehört Savoyen und ist nicht eine frühe Form des Schweizer Wappens (dieses gibt es offiziell erst seit 1848). Ein semantisches Chaos zweier gleicher oder ähnlicher Feldzeichen kann katastrophale Folgen haben. Wie kann man sich dann später trotzdem permanent an das Missverständnis festklammern und steif und fest das Falsche in Geschichtsbücher und «Standardwerke» schreiben. Missverständnis Nummer 2 fusst in der Irrmeinung, dass diverse Schlachten allein von den Eidgenossen gewonnen worden seien, zum Beispiel die bei Laupen 1339 und bei Murten 1476. Von beiden Schlachten berichtet in Bildern der Berner Chronist Diepold Schilling (1446–1486 Gerichtsschreiber in Bern, Onkel des Luzerner D. S.), wo jeweils die Wappen deutlich abgebildet sind. Auch Bilddokumente sind wichtig. Und der Berner Gerichtsschreiber hatte sich gewiss nicht vertan; es gab zu seiner Zeit noch keine «Schweizerfahne». Er war übrigens mit der Berner Truppe unter Rudolf von Erlach in der Schlacht bei Murten selbst dabei.
Laupen: Eidgenossen unter Führung Berns kämpfen «Seite» an Seite mit Soldaten des verbündeten Savoyen, welche ihr spezifisches Feldzeichen führen (Wappen auf der Brust). Gegner waren damals nebst der Stadt Freiburg Habsburg mit den einverleibten Zähringen, Kyburg sowie Burgund (nicht Freigrafschaft westlich des Jura sondern Landgrafschaft Burgund östlich der Aare sowie Aarburgund nördlich der Aare). Allerdings ist in der Schlacht bei Laupen auf der Seite des Habsburger Herrschers ebenfalls eine rote Fahne mit einem weissen Kreuz zu sehen. Sie gehört der Truppe aus Wien (heute «Innere Stadt», seit 1278 habsburgisch, Reichsstadt König Rudolfs I.)
(• Bild zeigen: Schlacht bei Laupen)
Und nicht unerwähnt bleiben darf, dass auch der Johanniterorden (Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes zu Jerusalem, genannt von Rhodos, genannt von Malta) auch von Alters her ebenfalls das weisse Kreuz im roten Schild führt (Balken bis an den Rand). Gegründet wurde der Ritterorden 1048 in Jerusalem. Zahlreiche Kommenden dieses Ritterordens waren im 12. Jahrhundert in Europa verteilt, in der Schweiz etwa in Hohenrain LU, Bubikon ZH und Tobel TG. Da die Ritter an den Kreuzzügen teilnahmen und danach etlichen Herren als Söldner zu Diensten waren, ist das Wappen auch auf einigen Darstellungen jener Zeit zu sehen. Naheliegend ist sodann, dass Mauritius nachträglich als Kreuzritter und eben nicht nur als Patron Savoyens sondern auch als Patron der Kreuzritter gesehen wurde. Das würde das Emblem, das Wappen, auf den späteren Altarbilder erklären.
Murten: Die Lage war kompliziert. Noch 1475 war Savoyen unter der Regentin Jolanthe (Yolande) von Valois mit Burgund verbündet – widerwillig, von ihrem Schwager Jakob unter Druck gesetzt. Sie war die Schwester des französischen Königs Ludwig XI. (von Valois) und Mutter des unmündigen Herzogs Philibert. – Adrian von Bubenberg wurde im Juli 1475 als Mitglied des Kleinen Rats von Bern suspendiert. Es war ihm untersagt, im Namen Berns diplomatisch tätig zu sein. Dennoch nutzte er die Zeit und war auf eigene Verantwortung diplomatisch tätig. Er hatte zudem Verwandte und Bekannte im savoyischen Adel. Seine zweite Ehefrau kam aus La Sarraz im damaligen Savoyen. Schriftliche Aufzeichnungen über diese politischen und diplomatischen Bemühungen gibt es nicht, auch nicht darüber, wo und wie er sich mit Jolanthe getroffen hatte und ein geheimes Abkommen abschliessen konnte. Er war der Urheber der ganzen Strategie bis hin zur Schlacht von Murten. Jolanthe vertraute seiner Führung nun ein grösseres Truppenkontingent an, das mit der Fahne Savoyens in die Stadt Murten einzog, um sie bei einer Belagerung durch ein burgundisches Heer zu verteidigen – so dargestellt in der offiziellen Berner Chronik. Zudem sind auf dem Rücken dieser Soldaten schwarze Kreuze zu sehen. Dieses Bild kann uns eine Geschichte in der Geschichte erzählen, es sagt mehr als tausend Worte, die damals nicht geschrieben wurden. – Offiziell stand zu dieser Zeit Murten noch unter der Schutzherrschaft Savoyens (bis 25. Juli 1476), deshalb lehnte die eidgenössische Tagsatzung eine Besetzung der Stadt ab. Ein eidgenössisches Kontingent von 1000 Mann unter Führung des Zürchers Hans Waldmann befand sich gemäss Tagsatzungs-Beschluss zur gleichen Zeit in Freiburg und sollte im Ernstfall diese Stadt verteidigen. (• Bild zeigen: Einzug in Murten)
Die Strategie Bubenbergs war nun, das grosse Heer Burgunds vor die Stadt zu locken. Da haben wir also einen historischen Beweis. Es verging etwas Zeit bis der Herzog von Burgund dies bemerkte und den Plan durchschauen konnte. In dieser Zeit konnten Bern und die Verbündeten, nachdem sie den Plan Bubenbergs für gut befunden hatten (sie hatten keine andere Wahl), den Aufmarsch zur Schlacht genau nach der Strategie ihres noch suspendierten Ratsherrn organisieren. Es kam dann, dass in der Schlacht bei Murten, 22. Juni 1476 (Gedenktag der 10’000 Martyrer, siehe oben), auf beiden Seiten Savoyer gegeneinander kämpften, da der Onkel von Herzog Philibert, Jakob von Savoyen, Graf von Romont, als Marschall ein Armeekorps Burgunds befehligte und mit der Regentin Jolanthe nicht im Einklang war. Ein kleines loyales Kontingent stand unter dem Befehl Adrians von Bubenberg. Im Zorn wegen der verlorenen Schlacht liess Karl der Kühne durch Olivier de la Marche die Herzogsmutter Jolanthe auf ihrem Weg von Gex nach Genf entführen, denn er war dahintergekommen, dass die Regentin Savoyens seit Wochen gegen ihn arbeitete und den Ausgang der Schlacht mitzuverantworten hatte. Jolanthe konnte aber bald wieder befreit werden. – Jolanthe von Valois selbst hatte übrigens ein zweiteiliges Wappen (Allianzwappen): links das savoyische Kreuz auf rotem, rechts drei goldene Lilien auf blauem Grund (Wappen Frankreichs). Waren darum die als blau abgebildeten Soldaten die Leibgarde Jolanthes? Es scheint jedoch, dass es ein französisches Expeditionsregiment war, das König Ludwig XI. seiner Schwester zu Hilfe sandte. Murten wurde also von savoischen und französischen Soldaten unter dem Kommando des freigestellten (suspendierten) Berner Ratsherrn verteidigt.
Als Theologe und Bürger der Stadt Zürich weiss ich natürlich auch, dass die Stadtpatrone, Felix und Regula, nicht zu den 10’000 Martyrern gehören sondern zur so genannten «Thebäischen Legion», samt Anhang aus Ägypten herkommend. Nach Martyrium und Dezimierung floh der Rest über den Rhein in den Schwarzwald, deren Gene am Südfuss des Schwarzwaldes bis heute weitergegeben werden. Der Anführer war Mauritius – Mauros, oder einfach Mohr –, der Patron Savoyens, ferner gehörten zur Legion mit Kavallerie samt Tross auch Urs, Viktor und Verena usw. Die Thebäische Legion hat ihren Feiertag am 22. September und nicht am 22. Juni. Aber eben, wenn einmal dutzendweise Irrtümer zu einem Standardwerk deklariert werden, meinen die arroganten und ignoranten Verantwortlichen und dessen selbstdarstellender Autor, sie würden bei den Lesern schon damit durchkommen, dass es nicht Irrtümer sondern Wahrheiten seien. Nun, ich bin froh, dass ich diesem JEKAMI, namens «Wissenschaftlicher Beirat» nicht angehöre – ich wurde von Anfang an ausgeschlossen. Und selbstverständlich gilt auch: Ich bin nicht verantwortlich für das, was andere tun, und auch nicht für das, was andere nicht machen, obwohl sie es machen sollten. Anderseits kann es mir doch nicht egal sein, wenn andere mit ihrem schludrigen, ignoranten und arroganten Gehabe mit historischen Unwahrheiten dem Ansehen von Bruder Klaus Schaden zufügen. Werner T. Huber, Dr. theol.
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