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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

27. Cap. Die Generationstheorie Tertullians, wonach die Seele mit dem Körper zu gleicher Zeit erzeugt werden soll.
Wie hat denn also die Empfängnis des lebenden Wesens stattgefunden? Wurde die Substanz beider, des Körpers und der Seele, auf [S. 331] einmal zusammengeschweisst oder war eins von beiden früher da? Nein, wir lehren, beide sind zugleich sowohl empfangen als auch bereitet und vollendet, so gut wie sie auch zugleich hervorgezogen werden, und in der Empfängnis findet sich kein Moment, wodurch die Stelle bestimmt würde.
Deinen Begriff vom Anfange bilde dir aus dem Ende. Wenn sich der Tod nicht anders bestimmen lässt denn als Trennung des Leibes von der Seele, so wird das Gegenteil vom Tode, das Leben, nicht anders zu definieren sein als: Verbindung des Leibes mit der Seele. Wenn die Trennung beim Tode zu gleicher Zeit beide Substanzen betrifft, so muss sich gerade dies als das Gesetz der Verbindung darstellen, indem letztere beim Leben auf gleiche Weise für beide Substanzen stattfindet.
Daher lassen wir das Leben mit der Empfängnis beginnen, weil wir den Anfang der Seele von der Empfängnis an datieren; denn das Leben beginnt in demselben Augenblick wie die Seele. Es wird also auf gleiche Weise zum Leben zusammengefügt, was auf gleiche Weise zum Zwecke des Sterbens getrennt wird. Im Falle wir aber dem einen die erste Stelle geben, dem andern die zweite, so müssen im Verhältnis zur Aufeinanderfolge auch die Zeitpunkte der Besamung auseinander gehalten werden. Wann wird denn nun der Same des Körpers gelegt und wann der der Seele? Wenn die Zeit der Besamung unterschieden ist, so wird man verschiedene Stoffe bekommen infolge der Trennung der Zeiten. Denn wenn wir auch zwei Arten von Samen unterscheiden, den seelischen und den animalischen, so behaupten wir doch, sie seien ungetrennt und damit also noch gleichzeitig und aus demselben Augenblicke.
Man schäme sich nicht ob dieser notgedrungenen Erklärung. Die Natur muss in Ehren gehalten werden und ist kein Gegenstand des Errötens. Der Beischlaf ist schimpflich infolge der Wollust, nicht an sich; die Ausschreitung, nicht die Sache selbst ist wider die Scham; denn die Sache selbst ist gesegnet bei Gott: „Wachset und mehret euch!”1 Die Ausschreitung aber ist verflucht; die Ehebrüche, Hurereien und schlechten Häuser. Also bei dieser gewöhnlichen geschlechtlichen Verrichtung, worin sich Mann und Weib verbinden, ich meine den gewöhnlichen Beischlaf, ist, wie wir wissen, Leib und Seele zugleich thätig, die Seele durch die Begierde, das Fleisch in der Vollziehung, die Seele durch den Trieb, der Leib im Werke. Indem also mit einem einzigen Anstoss beider der ganze Mensch in Erregung gesetzt wird, läuft der Same zu einem vollständigen Menschen über, der aus der Körpersubstanz die Feuchtigkeit, aus der geistigen aber die Wärme bekommen hat. Und wenn die Seele den Griechen zufolge etwas Frostiges ist, warum wird dann der Körper kalt und starr, wenn sie aus demselben herausgegangen ist?
[S. 332] Und endlich, um eher an der Schamhaftigkeit als an der Kraft des Beweises etwas fehlen zu lassen, gerade bei der Glut der aufs höchste gestiegenen Wollust, wo die Zeugungsflüssigkeit ausgestossen wird, fühlen wir da nicht auch etwas von der Seele mit hinausgehen? Deshalb werden wir dabei matt und kraftlos mit Abnahme des Lichts. Das wird wohl der seelische Samen sein aus einer Austräuflung der Seele, so wie die eben erwähnte Flüssigkeit der Same des Körpers ist, aus einem Ueberschäumen des Fleisches.
Der Uranfang ist eine sehr getreue Analogie dazu. Aus dem Lehm stammte Adams Fleisch. Was ist Lehm anders als eine zähe Flüssigkeit? Von da werden die zeugenden Säfte stammen. Aus dem Anhauch Gottes kam die Seele. Was anders ist der Anhauch Gottes als ein Wehen des Geistes? Von ihm wird das herrühren, was wir mit jener Flüssigkeit aushauchen. Da also beim Uranfang zwei verschiedene und getrennte Dinge, der Lehm und der Anhauch, zusammen den einen Menschen herstellten, so haben damals schon die beiden zusammengeflossenen Substanzen auch ihre Samen in eins zusammengethan und damit die Regel für die Fortpflanzung des Geschlechtes in der Folgezeit gegeben, so dass auch jetzt noch beide, obwohl verschieden, doch vereint zusammen ausfliessen. Zu derselben Zeit der Furche und ihrem Ackerboden anvertraut, bringen sie zu gleicher Zeit einen Menschen von beiden Substanzen hervor, in welchem wieder sein Same enthalten ist nach seiner Art, so wie es jedem zeugungstüchtigen Geschöpfe vorherbestimmt ist.
Mithin stammt aus einem einzigen Menschen diese ganze Unzahl von Seelen, indem die Natur den Ausspruch Gottes befolgt: „Wachset und mehret euch.” Auch in der Vorrede zu Gottes einmaligem Wirken: „Lasst uns den Menschen machen!”2 ist schon die gesamte Nachkommenschaft im Plural vorausverkündet: „Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres.” Kein Wunder! Es wird im Samen die Ernte verheissen.
1: I. Mos. 1, 27 [lies: I. Mos. 1, 28].
2: I. Mos. 1, 26 ff.