Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/1156

Wenn der Frühling am Winteranfang steht: Die asiatischen Burma-Leierhirsche bringen bei uns ihre Jungen zu Beginn der kalten Jahreszeit auf die Welt.
Eben noch haben bei uns in den Bergen die Rothirsche eifrig um die Gunst der Weibchen geworben und röhrend ihre Qualitäten den Nebenbuhlern kundgetan. Gut siebeneinhalb Monate später, Ende Mai anfangs Juni, kommt dann der Nachwuchs. Aber Hirsch ist nicht gleich Hirsch. Und so sieht das Fortpflanzungsmuster beim Burma-Leierhirsch anders aus, und klimatisch gesehen nicht gerade «saisongerecht». Denn bei diesem Hirsch sind die Jungtiere in den letzten Wochen und Tagen zu Winterbeginn geboren worden.
Im Bestand gefährdete tropische Hirschart
Das Verbreitungsgebiet der Leierhirsche liegt in Süd-Südostasien zwischen der Ostgrenze Indiens und der Insel Hainan und schliesst die Länder Indien, Myanmar, Laos, Kambodscha und China ein. In Thailand und Vietnam ist diese Art sehr wahrscheinlich ausgestorben. Galt der Leierhirsch um 1980 noch als weit verbreitet, ist sein Bestand in den letzten Jahrzehnten drastisch zurück gegangen und umfasst nur noch wenige kleinere Populationen. Diese Art wird daher von der Internationalen Welt-Naturschutzunion IUCN in der Roten Liste als «stark bedroht» eingestuft. Jagd und Zerstörung des Lebensraums sind die wichtigsten Bedrohungsfaktoren.
Vom Leierhirsch werden drei Unterarten unterschieden: Grob gesagt lebt eine in Myanmar und je eine östlich und westlich davon. Die bei uns gepflegte Unterart ist der Burma-Leierhirsch. Die Leier im Namen des Hirsches nimmt Bezug auf die Ausbildung des Geweihs. Den Lebensraum des Burma-Leierhirsches bilden in den Ebenen von Zentral- und Nord-Myanmar vor allem lichte, laubabwerfende Wälder mit Gras als Unterwuchs. Als Nahrung dienen den Hirschen Gräser und Blätter sowie Blüten und heruntergefallene Früchte.
Fortpflanzungszyklus folgt dem Kalender, nicht dem Klima
Trotz veränderter klimatischer Bedingungen halten die Burma-Leierhirsche bei uns an ihrem Fortpflanzungsfahrplan aus ihrem Herkunftsgebiet fest. Die Brunftzeit fällt in die Monate Februar bis Juli. Zwischen Juli und August werfen die Stiere ihr Geweih ab. (Ein Stier hat bei uns über fünf Jahre sein Geweih jeweils zwischen dem 17. und 29. Juli abgeworfen). Die Geburt der Jungtiere erfolgt zwischen September und April, mit einer Häufung in den Monaten Oktober bis Dezember.
Die Jungtiere kommen nach einer Tragzeit von rund 240 Tagen mit einem Geburtsgewicht von 3.5–5.5 Kilogramm zur Welt. Die Kälber sind in den ersten Tagen Ablieger, sie folgen also nicht gleich der Mutter nach, sondern suchen nach dem Säugen einen etwas versteckten Liegeplatz auf und verharren dort, bis sie von der Mutter gerufen werden. Die Säugezeit dauert rund drei Monate. Die Geburtssaison fällt im Herkunftsgebiet dieser Hirsche auch in die «kühle» und zudem trockene Jahreszeit, liegen die Temperaturen dann doch «nur» um die 15–25 Grad Celsius. Das Wachstum des Geweihs ist um die Jahreswende Dezember/Januar abgeschlossen. Die Hirschstiere fegen dann ihr neues Geweih und sind bereit für die kommende Brunftzeit.
Internationale Herkunft der Zürcher Tiere
Die Haltung von Burma-Leierhirschen startete im Zoo Zürich 1981. Den Anfang machten drei Tiere aus dem Tierpark Berlin und aus Leipzig. Die ersten Geburten erfolgten schon drei und fünf Monate nach Ankunft der zu diesem Zeitpunkt bereits trächtigen Hirschkühe. Den heutigen Bestand bildet eine «internationale Truppe»: Der Hirschstier kommt aus Leipzig, von den Hirschkühen stammen fünf aus Lissabon, Prag und dem Tierpark Berlin, weitere drei sind gebürtige Zürcherinnen. Dazu gehören noch fünf männliche Kälber, zwei vom letzten und drei von diesem Winter, und ein Jungtier noch unbekannten Geschlechts. In früheren Jahren wurden zudem Tiere aus dem Bronx Zoo (New York) und Burgers Zoo (NL) in die Zuchtgruppe integriert.
Zwei Junge in einem Jahr und das 100. insgesamt
Die Geburtssaison startete diesen Winter am 30. Oktober. Die Mutter dieses ersten Kalbes hatte nur 270 Tage zuvor, am 7. Februar, die letztjährige Geburtssaison abgeschlossen. Weitere Jungtiere folgten am 3., 5. und 9. November. Das Jungtier vom 9. November musste wegen eines Beckenbruchs eingeschläfert werden. Am 19. November schliesslich kam im Zoo Zürich der 100. Leierhirsch zur Welt.
Der Umstand, dass die Geburten mehrheitlich in einer klimatisch für Jungtiere nicht gerade günstigen Zeit (Kälte, Regen, Schnee) stattfanden, schlägt sich in einer hohen Jungenmortalität nieder. Rund fünfzig Prozent der Jungen haben die ersten drei Monate nicht überlebt. Kräftige Jungtiere, die den Stall als Abliegeplatz aufsuchen oder von schönem, trockenen Wetter profitieren können, sind im Vorteil.
In der internationalen Tierdatenbank ZIMS sind aktuell weltweit 754 Burma-Leierhirsche in 28 zoologischen Institutionen aufgeführt. Mit 520 Tieren lebt der Grossteil davon in 10 asiatischen Institutionen. In Europa beteiligen sich 13 Zoos mit gut 160 Tieren an einem Erhaltungszuchtprogramm (EEP). Weitere 70 Tiere leben in nordamerikanischen Zoos.