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Die Einzigartigkeit menschlicher Gesellschaften beruht unter anderem darauf, dass Menschen bereit sind, die Verletzung sozialer Normen durch andere zu bestrafen. Diese Bereitschaft besteht auch dann, wenn der Bestrafende dafür Kosten oder Nachteile in Kauf nehmen muss, sie also im Widerspruch zum Eigennutz steht. So kann zum Beispiel die Kritik unfairer Praktiken eines Geschäftspartners den Verlust von profitablen Geschäften mit sich bringen.
Was bringt aber Menschen dazu, eigennütziges Denken zugunsten von Fairnessüberlegungen zu unterdrücken? Der Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr und die Hirnforscherin Daria Knoch gingen im Rahmen des Universitären Forschungsschwerpunktes «Grundlagen des menschlichen Sozialverhaltens» den neuronalen Prozessen nach, die solches Verhalten steuern. Dabei gelang es ihnen, einen kausalen Zusammenhang zwischen Aktivitäten im vorderen Stirnlappen und der Kontrolle eigennütziger Impulse aufzuzeigen.
Lieber Geld statt Fairness
Mittels der repetitiven transkraniellen Magnetsimulation (rTMS) – einem schmerzfreien, nicht-invasiven Verfahren – wurde bei Probanden im Experiment die Erregbrakeit des vorderen Stirnlappens kurzzeitig reduziert. Diese Probanden zeigten eine grössere Bereitschaft, unfaire, aber für sie vorteilhafte Angebote eines Gegenübers anzunehmen. Das heisst, der egoistische Impuls, einen – wenn auch als unfair gering eingeschätzten – Geldbetrag anzunehmen, war stärker als die Bereitschaft, das Gegenüber für sein unfaires Verhalten zu bestrafen und dabei selber leer auszugehen.
Um die Rolle des vorderen Stirnlappens genauer beurteilen zu können, wurden auch alle Probanden gefragt, wie sie das Verhalten ihres Gegenübers einschätzen. Dabei zeigte sich, dass alle Probanden, unabhängig davon ob ihr vorderer Stirnlappen stimuliert wurde oder nicht, das Verhalten des Verhandlungspartners als sehr unfair beurteilten. Die verminderte Erregbarkeit des vorderen Stirnlappens hat, so die Forscher, demnach nicht die Fairnessurteile verändert, sondern die Fähigkeit reduziert, den materiellen Eigennutz im Dienste der Fairness zu unterdrücken.
Kausalen Zusammenhang nachgewiesen
Studien mit bildgebenden Verfahren liessen zwar bereits bisher vermuten, dass der vordere Stirnlappen an der Ausübung von Selbstkontrolle beteiligt ist. Die Studien konnten eine Aktivierung des Stirnlapppens aufzeigen, liessen jedoch keine Aussagen über einen ursächlichen Zusammenhang zu. «Mit dieser Studie ist es erstmalig gelungen, die kausale Rolle des vorderen Stirnlappens bei der Implementierung von Fairnessnormen nachzuweisen», erklärt Fehr die Bedeutung der Studie.
Interessant sind die Resultate auch im Lichte der Gehirnentwicklung von Heranwachsenden. Denn die vorderen Stirnlappen reifen sowohl evolutionsgeschichtlich, wie auch in der Entwicklung des Individuums am spätesten aus. Bei Jugendlichen hat der vordere Stirnlappen seinen vollen Funktionsumfang noch nicht erreicht. Laut den Forschern könnte dies das bei Jugendlichen häufig beobachtete impulsive und von unmittelbarem Eigennutz gekennzeichnete Verhalten erklären.
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