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Les Cactus
oder das Kreuz mit dem Würfel
Anmerkungen zur Installation im Eisenwerk, Frauenfeld 1994
von Christoph Vögele
Die einfachste und bekannteste Abwicklung des Würfels zeigt eine Kreuzform: Ein vertikaler Balken mit vier Feldern durchdringt einen horizontalen Balken mit drei Feldern. Als weisse Kreidezeichnung hat die Künstlerin eine nämliche Würfelabwicklung auf den Fabrikboden im "Eisenwerk" gesetzt. Die kreuzförmige Anordnung der Kreidequadrate erinnert an das alte Kinder-Spiel "Himmel und Hölle", bei dem die einzelnen Felder mit einem Steinwurf getroffen und von den Kindern, auf einem Bein hüpfend, als Parcours überwunden werden müssen. Von der (nächstliegenden) "Hölle" nähern sich die Konkurenten sukzessive dem (entfernten) "Himmel".
Bei dieser Arbeit steht das (potentielle) Spiel im Zentrum, sind Teilnahme und Erleben möglich, welche beim "Himmel und Hölle"-Spiel auch metaphorisch als Lebensweg und Konkurrenzkampf verstanden werden können. In Schiess' Kreidefeldern liegen - anstelle des üblichen Steines - weit grössere weisse Objekte, - Les Cactus. Sie sind aus Frottéestoff gefertigt und mit Acrylfarbe bemalt. Mit dem Trocknen der Farbe verwandelt sich das flauschigweiche Tuch zur stachligrauhen Oberfläche, welche den organischen, zuweilen an menschliche Torsi oder Körperteile erinnernden Gebilden ihren Namen gegeben hat.
Die Künstlerin misst dem Material (nicht nur Frottéestoff, sondern manchmal auch Spitzentuch oder Seide etc.) grosse Bedeutung zu. Oft geht von den verwendeten Materialien, durch Erscheinung oder inhaltliche Bewertung, eine irritierende Wirkung aus. Die Irritation ist neben dem Spiel einer der wichtigsten Wesenszüge von Schiess' Schaffen: Hier wie dort geht es um das Aufheben von Hierarchien, um das Hinterfragen "einzig richtiger" Antworten; Sein und Schein sind listig aufeinander bezogen. Wer etwa hinter den erzeugten Schein der erwähnten Frottée-Objekte (vermeintlich weich und gewichtig) kommen will, muss sie beim Berühren und Halten als federleicht und hart erkannt haben.
So (hinter-)sinnig die Künstlerin ihre Materialien einsetzt, so spärlich geht sie mit ihnen um. Wie bei den verdichteten Formen ihrer Ornamente gilt auch hier nicht nur das Prinzip der Beschränkung, sondern auch des Potentials, welches uns als Mitspielern die Freiheit zur individuellen Realisierung lässt. Lisa Schiess' Werke öffnen die Grenzen zwischen Bild und Objekt, zwischen "Richtig" und "Falsch", ohne beliebig zu werden. Umfassende Wahrnehmung, individuelle Freiheit und spielerische Leichtigkeit, angestrebt, erkämpft, erhofft, werden als Werte spürbar.