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Die heilende Wirkung eines liebevollen Körperkontaktes ist in allen Kulturen eine menschliche Grunderfahrung. Im Gegensatz zu den bis jetzt beschriebenen Untersuchungen sprechen wir hier von einer Erfahrung, die uns bestens vertraut ist oder zumindest sein sollte.
Und doch habe ich nicht nur bei mir selbst, sondern auch im therapeutischen Alltag immer wieder die erstaunliche Feststellung machen müssen, wie stark wir Menschen aus der städtischen Welt den Bezug zu unserem Körper verloren haben, mögen wir noch so viel Sport treiben und uns um unsere Gesundheit kümmern.
Wenn ich von Körperbezug spreche, so verstehe ich dabei weniger meine «Beziehung zum ObjektKörper», als vielmehr die subjektive «Erfahrung in meinem Körper»; einerseits als Erfahrung von aussen, wenn ich mich berühre oder wenn ich berührt werde, andererseits als Erfahrung von innen, indem ich – soweit mir das überhaupt möglich ist – bewusst wahrnehme, was in meinem Körper geschieht.
Es würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich im Detail auf die Vielfalt der Phänomene und all die Techniken und Methoden, die heute verbreitet sind, eingehen würde. Aus therapeutischer Sicht ist die Körpererfahrung aber von grundlegender Bedeutung.
In der naturwissenschaftlichen Lehre wird die Körperberührung kaum thematisiert. SCHMIDT zitiert in seinem Übersichtswerk nur eine einzige, sich mit dieser Frage befassende Untersuchung:
«Bereits WATSON (1930/1968) hatte aus Beobachtungen von Kleinkindern gefolgert, dass es Reize gibt, die über angeborene Mechanismen Furchtverhalten auslösen. Plötzlicher Haltverlust beim Fallenlassen oder Wegziehen der Unterlage und laute Geräusche gehören dazu. Behinderung der körperlichen Bewegungsfreiheit sah er als angeborene Auslösebedingung für Wut. Als unkonditionierte Reize für ‹Liebe› in einem sehr weiten Sinn entdeckte er Streicheln (besonders der ‹erogenen Zonen›), sanftes Wiegen und Tätscheln.»
Wir sind auf körperliche Nähe angewiesen
Nach GABY MIKETTA und CLAUDIA TEBEL-NAGY hat eine schwedische Physiologin versucht, «die Effekte von Berührungen zu untersuchen: Sticht man einer Ratte mit einer kleinen Nadel in die Pfote, steigt der Cortisolspiegel, kitzelt man sie an der Pfote mit einer Zahnbürste sinkt das Cortisol. Körperliche Berührungen lassen auch den Oxytocinspiegel ansteigen.
Streichelt man eine Ratte, die an Menschen gewöhnt ist, 40 mal pro Minute fünf Minuten lang, dann lassen sich alle bekannten Oxytocineffekte beobachten: Das Cortisol sinkt ebenso wie der Blutdruck, der Glucosespiegel steigt und die Muskelspannung sinkt. Man darf vermuten, dass die Ratte sich so fühlt, wie jede Katze und jeder Hund, der gestreichelt wird. Das gilt genau so für Menschen. Wir sind auf körperliche Nähe, Zuwendung, Zärtlichkeit und Hautkontakt angewiesen und brauchen dies ein Leben lang, nicht nur als Babys. Nur dann fühlen wir uns rundherum zufrieden.»
Dass Therapiemethoden, vom altbewährten Handauflegen über Reiki, Cranio-Sacral-Therapie und all die vielen neueren, mit GEORG GRODDECK, EVA GINDLER und WILHELM REICH in Verbindung stehenden Körpertherapien in unverkennbarem Zusammenhang sowohl mit der Seins- als auch mit der Erregungsliebe stehen, ist offensichtlich.
Der Körper wird tabuisiert
Gleichzeitig – und hier stossen wir einmal mehr auf das eingangs erwähnte Problem der Tabuisierung – erscheint die weitgehende Verdrängung dieser körperbezogenen Therapieformen in die Alternativszene, ausserhalb der offiziellen, an universitären Lehrstühlen gelehrten Methoden, mehr als nur zufällig. Vielleicht steht dahinter die Vorstellung, dass die menschliche Höherentwicklung im Rahmen der zunehmenden Sozialisierung nur über den Verzicht auf körperliche Glückserfahrungen erreicht werden konnte, d. h. über das, was FREUD mit der Höherbewertung des Realitätsprinzips über das Lustprinzip festgehalten hat.
Jedenfalls bleibt zu hoffen, dass, insbesondere auf Grund der Erkenntnisse aus der pränatalen Forschung, der Bezug zum Körper im Rahmen der seelischen Entwicklung des Menschen, durch die Psychiatrie nicht nur verbal anerkannt wird.
Trotz der gesellschaftlich und emotional hochexplosiven Natur des Körperkontaktes und der daraus sich ergebenden Ängste und Wünsche der Therapeuten, ist es angezeigt, aus diesen Erkenntnissen auch praktische Konsequenzen zu ziehen. Die Tatsache, dass einzelne Körpertherapeuten ihre besondere Therapieform missbrauchen, spricht nicht grundsätzlich gegen diese Form der Behandlung; sie deutet nur einmal mehr, quasi als Spitze des gewaltigen Eisberges an nicht gelebter oder als schädigend erlebter Körperlichkeit, auf ein grundlegendes Sozialisationsproblem hin.
Die Sozialisation erschwert den Zugang zur Seinsliebe
Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist die Seinsliebe ein präkognitiver Zustand, das heisst, sie entspricht einer Erfahrung aus einer Lebensphase, in der die physiologischen Regulationsprozesse nach Mustern verlaufen, bei denen vorwiegend ältere Bereiche des Gehirns wirksam sind.
Wie in Physiologie der Gefühle beschrieben, verlaufen diese Prozesse vor allem und zuallererst im limbischen System, einem wichtigen Bereich des Mittelhirns, mit Thalamus und Mandelkern als wichtigen Schaltstellen. Solange wir uns dem subkortikalen Prozess überlassen, haben wir die Situation allerdings nicht unter der verstandesmässigen Kontrolle. Wie bedrohlich sich das für uns Zivilisierte auswirken kann, habe ich im Zusammenhang mit der Seinsliebequalität «raumlos» resp. «Leere» dargestellt.
Auf die für die menschliche Entwicklung entscheidende Zeit zwischen dem 12. und dem 24. Lebensmonat habe ich hingewiesen. Üblicherweise sehen wir diese Phase im Leben des Kindes aus der Sicht des enormen Zuwachses an kognitiven Fähigkeiten und der sich erweiternden Beziehungsfähigkeit. Dass gleichzeitig eine Anpassung des Spontanverhaltens an normiertes Agieren stattfindet, betrachten wir als notwendiges Übel, als Preis, den wir für die Segnungen, die mit dem Erwachsenwerden und mit der Integration in die Gesellschaft zusammenhängen, zahlen müssen.
Angst als treibender Motor, Seinsliebe zu blockieren
Wir wissen auch, dass die Angst als treibender Motor der meisten Disziplinierungsrituale in unserer Leistungsgesellschaft schon sehr früh einen zentralen Stellenwert einnimmt. Über das Denken versuchen wir die Lebensängste zu kontrollieren; ein immer grösseres Sicherheitsbedürfnis ist die unvermeidliche Folge.
Vom grössten Verlust, von der blockierten Beziehung zur Erfahrungswelt des Primärselbst und der Seinsliebe, wissen die meisten Menschen in unserer Gesellschaft nichts. Er ist nur noch wahrnehmbar in der bereits erwähnten «Sehnsucht nach dem Paradies», deren Befriedigung entsprechend den Werten der westlichen Gesellschaft – missverstanden und deformiert – in materieller Form angestrebt wird Nicht nur der «Verlust des Paradieses» wird mit materiellen Gütern zu kompensieren versucht, sondern auch der Verlust der Gefühle.
«Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt»,
so, als ob wir nie mit dem Spontanerleben
des natürlichen Kindes in Verbindung gestanden hätten.
Die Sozialisierung ist für den Menschen als soziales Wesen zweifelsohne lebensnotwendig. Doch der Preis ist hoch; die Entfremdung von «uns selbst» macht krank. Millionen von sensiblen Mensch bezahlen sie mit psychischen Störungen; die hohe Suizidrate in der Wohlstandsgesellschaft dürfte damit in Zusammenhang stehen.
Dass auch die grosse Mehrheit der scheinbar Profitierenden stärker unter diesem Verlust leidet, als sie es sich eingesteht, bestätigen die astronomischen Summen, die für Ersatzbefriedigungen sowie für angstlösende und «beruhigende» Medikamente ausgegeben werden sowie das Ausmass an Energie, die für die Erreichung dieser Ersatzziele verausgabt wird. Dass wir – als Nebeneffekt – die Umwelt, die unermessliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen in den Strudel unserer Kunstwelten hineinzureissen im Begriffe stehen, wird mit jedem Umweltbericht offensichtlicher.