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Wir haben viele Fragen rund ums Trotzden gesammelt und von Renate Poncet-Kneubühler, Beraterin bei 147.ch und Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche FSP, beantworten lassen.
- Wann kommt das Kind in die Trotzphase und wie lange kann sie dauern?
- Was kann Trotz auslösen? Und wenn man das weiss: Kann, soll man Trotzanfälle vermeiden versuchen?
- Ganz konkret: Wie reagiert man als Eltern, Grosseltern wenn das Kind sich weigert, etwas zu tun, zum Beispiel, sich anzuziehen? Oder Zähne zu putzen?
- Das Kind schreit und wirft mit Sachen um sich: Was kann man tun, um diese Situation zu beruhigen?
- Wie geht man damit um, wenn sich das Kind im Supermarkt auf den Boden legt und schreit und dementsprechend die Leute schauen und vielleicht sogar kommentieren?
- Wenn man einmal „nein“ gesagt hat: Muss man dabeibleiben?
- Reagiert man anders, wenn das Kind haut als wenn es stampft und Sachen um sich wirft? Also strenger?
- Worauf müssen Eltern und Grosseltern achten, wenn das Kind die Trotzanfälle an beiden Orten hat? Dürfen Grosseltern, die ihren Enkel einmal in der Woche betreuen, nachsichtiger sein? Oder sollten zwingend alle am gleichen Strick ziehen?
- Der Vorwurf, man ist zu wenig konsequent, kommt ja schnell. Ist da was dran?
- Wenn Kinder nicht teilen wollen: Eingreifen?
- Wie kann es sein, dass Kinder bei der einen Betreuungspersonen (z. B. Grossvater) viel weniger trotzen als bei der andern?
- Der Trotz richtet sich manchmal auch gegen das kleine Geschwister: Wem gehört die Aufmerksamkeit?
- Gibt es einen Punkt, an dem man nicht mehr von Trotzphase spricht und an welchem man sich Hilfe holen sollte?
Wann kommt das Kind in die Trotzphase und wie lange kann sie dauern?
Die Trotzphase ist im Kontext der Autonomie-Entwicklung einzuordnen. Diese tritt erstmals in der Mitte des zweiten Lebensjahres (ab 16-18 Monaten) mit der Entwicklung des eigenen Willens auf. Sie dauert in der Regel bis zum vierten Lebensjahr, manchmal auch etwas länger. In dieser Entwicklungsphase machen Kinder grosse Fortschritte unter anderem in der Sprach- und Handlungskompetenz. Sie ist ein wichtiger Übergang vom Baby und der damit verbundenen Abhängigkeit zum selbstständigeren Kleinkind. Deshalb spricht man heute von Autonomiephase, da dies mehr den positiven Aspekt der Phase zum Ausdruck bringt.
Was kann Trotz auslösen? Und wenn man das weiss: Kann, soll man Trotzanfälle vermeiden versuchen?
Reaktionen wie Trotz, Negativismus und Bockigkeit sind je nach Charakter des Kindes, je nach Situation verschieden stark ausgeprägt. Sie können sehr heftig sein, indem Kinder laut schreien, weinen, Gegenstände werfen, schlagen, beissen. Es gibt diverse Ursachen, die solche Reaktionen auslösen können. Es kann für Erwachsene scheinbar aus dem Nichts heraus passieren, oft steckt aber nur Hunger oder Müdigkeit beim Kind dahinter.
Meistens kommt es zu heftigen Reaktionen, wenn Kinder auf Widerstand treffen, zum Beispiel weil sie etwas noch nicht können oder nicht dürfen. Kinder sind dann in einer Situation stark emotional und motivational engagiert, weil sie sich als Ursprung ihrer Handlung sehen und ihr eigenes Ziel vor Augen haben. Gefühle, die dadurch ausgelöst werden wie Frust, Aggression, Enttäuschung, Ohnmacht können sie noch nicht genügend gut regulieren. Oft sind Kinder in der frühen Autonomiephase in ihrer Sprachentwicklung noch nicht so fit, weshalb sie ihre Gefühle verbal nicht gut ausdrücken können. Kleine Kinder haben noch kein Zeitgefühl für Vorher-nachher. Alles passiert im Hier und Jetzt. Dadurch können Bedürfnisse nicht gut aufgeschoben werden, warten fällt ihnen noch sehr schwer. Ausserdem können sie sich noch nicht in die Perspektive anderer eindenken. Die Welt dreht sich scheinbar nur um das Kind selbst.
Alle diese Aspekte -manchmal auch kombiniert- können ein Kind überfordern und schliesslich eine heftige Reaktion auslösen. Gleichzeitig möchten Kinder aber schon früh vieles selbstständig machen und selbst bestimmen. In diesem Spannungsfeld stecken kleine Kinder in der Autonomiephase.
Trotzverhalten zu vermeiden versuchen ist deshalb weder möglich noch sinnvoll. Wichtig ist, die Kinder während ihrer Gefühlsausbrüche zu begleiten. Alle diese – auch die schwierigen – Erfahrungen sind wertvoll für die kindliche Entwicklung. Kinder lernen dabei viel über sich, ihre Gefühle, über die Welt und über ihre Bezugspersonen.
Ganz konkret: Wie reagiert man als Eltern, Grosseltern wenn das Kind sich weigert, etwas zu tun, zum Beispiel, sich anzuziehen? Oder Zähne zu putzen?
Oft reicht es, wenn man geduldig einen Moment wartet und dem Kind so Gelegenheit gibt, zu reagieren. Erwachsene sind häufig viel schneller als Kinder im Denken und Handeln. Diese Entschleunigung gibt dem Kind Zeit, selbst zu denken, seine angefangene Tätigkeit zu unterbrechen und seine nächste Handlung zu planen. Wenn das Kind dennoch nicht auf eine Aufforderung reagiert, kann man ihm nochmals klar sagen, was man von ihm möchte. Dabei kann es hilfreich sein, wenn Sie auf Augenhöhe zum Kind gehen und es berühren. Machen Sie klare Aufforderungen in wenigen Worten. Wenn dies nicht hilft, hat man die Wahl.
Die Aufforderung durchsetzen: Wenn das Kind auf Ihr Durchsetzten hin mit heftigen Gefühlsausbüchen reagiert, ist es wichtig, selbst möglichst bei sich zu bleiben, eigene Gefühle gut wahrzunehmen und gut zu atmen. Warten Sie ruhig einen Moment lang ab, sofern die Situation dies zulässt. Geben Sie in der Sache nicht nach, aber lassen Sie das Kind spüren, dass Sie es dennoch liebhaben. Helfen sie ihm die schwierigen Gefühle zu benennen, auszuhalten und schliesslich zu überwinden.
Durchsetzen empfehlen wir, wenn es um seine Sicherheit geht oder um Werte, die den Bezugspersonen absolut wichtig sind (z.B. am Fussgängerstreifen oder bei Aggressionen gegen andere Kinder).
Darauf zurückkommen: Eine Aufforderung durchsetzen, solange das Kind mit schwierigen Gefühlen und herausforderndem Verhalten reagiert, braucht gute Nerven und viel Energie. Alternativ können Sie auch für einen Moment aus der Situation gehen und das Kind sich selbst überlassen. Vermutlich wird es schon bald zu Ihnen kommen und den Kontakt zu Ihnen suchen. Sobald das Kind wieder ruhiger ist, können Sie zur Aufforderung zurückkommen und beispielsweise sagen: „Bevor wir das Buch anschauen, putzt du noch deine Zähne.“ Dies empfehlen wir immer dann, wenn ein Machtkampf droht, der nicht zielführend wäre. Als Erwachsene haben wir die Möglichkeit, gelassen zurückzustehen, um im entscheidenden Moment hartnäckig darauf zurückzukommen.
Manchmal wirkt eine Prise Humor kleine Wunder. Etwas ältere Kinder schätzen es sehr, wenn sie einbezogen werden und sie haben selbst Ideen, wie man ein „Problem“ lösen könnte. Oft können sie auf eine alternative Möglichkeit sehr gut einsteigen.
Das Kind schreit und wirft mit Sachen um sich: Was kann man tun, um diese Situation zu beruhigen?
Je nach Kind und Situation braucht es in einer solchen Situation etwas anderes. Manchmal hilft schon ein Rüebli, weil das Kind nämlich Hunger hatte. Manche Kinder lassen sich ablenken, mit Büechli anschauen, spielen oder es hilft ein Spaziergang im Wägeli, an der frischen Luft. Andere Kinder wollen sich lieber zurückziehen, sie sind dann gern für sich oder aber sie toben, bis die Energie verbraucht ist. Um sich von den heftigen Gefühlen nicht anstecken zu lassen, kann es helfen, gut auf die eigene Atmung zu achten, und das Verhalten des Kindes nicht persönlich zu nehmen, sondern im Rahmen der Entwicklung einzuordnen. Einreden auf das Kind oder Erklärungen helfen in dem Moment wenig. Die meisten Kinder wollen bald getröstet werden, weil sie auch selbst mit sich überfordert und traurig sind. Wichtig ist also, nicht nachgeben in der Sache, aber dem Kind helfen, seine Gefühle zu regulieren und Verständnis haben für Tränen oder Wut.
Wie geht man damit um, wenn sich das Kind im Supermarkt auf den Boden legt und schreit und dementsprechend die Leute schauen und vielleicht sogar kommentieren?
Die meisten Erwachsenen erinnern sich, wie es früher mit den eigenen Kindern war und haben Verständnis. Alle andern können Sie großzügig ignorieren. Gefühlsausbrüche im Supermarkt sind zwar unangenehm, aber auch nicht weiters schlimm. Bleiben Sie möglichst ruhig, geben Sie in der Sache nicht nach. Sie können dem Kind helfen, sein Gefühl zu benennen: „Gell, jetzt bist du enttäuscht“, kaufen Sie fertig ein und geben Sie dem unerwünschten Verhalten möglichst wenig Aufmerksamkeit. Notfalls nehmen Sie das Kind liebevoll aber entschieden unter den Arm und klären die Angelegenheit später mit ihm, wenn es sich wieder beruhigt hat. Vor einer nächsten Einkaufstour können Sie das Kind fragen, ob es sich erinnert und ihm sagen, dass Sie es diesmal mit ihm besser haben möchten. Vielleicht hat es eine Idee, wie dies gelingen könnte.
Wenn man einmal „nein“ gesagt hat: Muss man dabeibleiben?
Grundsätzlich bleibt man bei einem „Nein“, denn es hatte ja einen Grund, warum man „nein“ gesagt hat und dieser ändert nicht einfach. Ein „Nein“ gibt auch Sicherheit – immer dann, wenn ähnliche Situationen wieder ähnlich ablaufen. Es gibt jedoch keine Regel ohne Ausnahme und dies verstehen auch kleinere Kinder recht gut.
Manche Kinder wollen Grenzen ausloten und Konsequenzen testen, sie fordern viele „Neins“ am Tag. In dieser Situation kann man sich überlegen, wo ein „ja“ drin liegen würde, um dem Kind seine eigenen Erfahrungen zu ermöglichen.
Wenn eine Situation verhärtet ist, kann man das Kinder fragen: „Was ist dein Vorschlag, dieses Problem zu lösen?“ Dadurch fühlt sich das Kind ernst genommen und einbezogen, es denkt mit und sucht nach Lösung. Dies geht erst mit etwas älteren Kindern, wenn die Sprache ausreichend weit entwickelt ist.
Reagiert man anders, wenn das Kind haut als wenn es stampft und Sachen um sich wirft? Also strenger?
Wenn Kinder sich selbst oder andere attackieren, ist wichtig, betroffene Personen zu schützen, damit niemand verletzt wird. Ansonsten empfehlen wir das Vorgehen, wie oben beschrieben, also nicht strenger, denn die Not des Kindes würde dadurch nur noch verstärkt werden. Manchmal ist es nötig in einem ruhigen Moment darauf zurück zu kommen und die Situation mit dem Kind im Nachhinein zu besprechen. Kinder sind in der Regel gern bereit eine „Entschuldigungszeichnung“ zu machen, wenn sie jemanden verletzt haben.
Worauf müssen Eltern und Grosseltern achten, wenn das Kind die Trotzanfälle an beiden Orten hat? Dürfen Grosseltern, die ihren Enkel einmal in der Woche betreuen, nachsichtiger sein? Oder sollten zwingend alle am gleichen Strick ziehen?
In der Regel trotzen Kinder vor allem bei den Eltern, weil sie da das größte Vertrauen haben. Wenn sie bei den Grosseltern trotzen ist dies ein grosses Kompliment, weil sich das Kind nämlich genauso wohl, vertraut, geliebt und sicher fühlt, wie Zuhause. In dem Fall gelten für Grosseltern dieselben Empfehlungen, wie für die Eltern.
Natürlich hilft es, wenn Grosseltern, die regelmäßig hüten, in etwa ähnliche Regeln haben wie die Eltern Zuhause. Aber Kinder lernen schnell mit Unterschieden umzugehen, die meisten Kinder sind ziemlich flexibel. Wichtig ist, dass Eltern und Grosseltern sich gut absprechen, so dass auf der Beziehungsebene möglichst keine Spannungen sind, denn dies spüren Kinder und werden dadurch verunsichert. So kann man auch am selben Strick ziehen, wenn nicht alles genau gleichläuft.
Der Vorwurf, man ist zu wenig konsequent, kommt ja schnell. Ist da was dran?
Kinder brauchen klare Strukturen, Abläufe, die sich wiederholen, wenige einfache Regeln im Alltag, die gelten. Kinder brauchen aber auch Möglichkeiten sich selbst auszuprobieren, Reaktionen zu testen. Sie brauchen Vorbilder, die geduldig, aber klar agieren und ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Und sie brauchen Menschen, die sie uneingeschränkt lieben und ihnen trotz allem immer wieder neue Chancen geben. „Konsequent sein“ ist in der Erziehung ein wichtiger Wert, neben anderen wichtigen Werten. Hingegen führen „Strafen“ meistens dazu, dass sich ein Kind ohnmächtig und allein gelassen fühlt. In der Regel ändert sich am Verhalten des Kindes dadurch wenig.
Wenn Kinder nicht teilen wollen: Eingreifen?
Teilen können will gelernt sein. Nicht allen Kindern fällt es gleich leicht zu teilen. Es braucht Zeit, Geduld und viele Situationen, wo Kinder das Teilen üben können.
Wenn es Streit gibt, weil ein Kind seine Sachen nicht teilen will, kann man gut abwarten und aus dem Augenwinkel beobachten. Möglicherweise lösen es die Kinder unter sich gut und machen dabei ihre eigenen Erfahrungen. Es ist für ein Kind wertvoll zu erleben, wie die andren reagieren, wenn es nicht teilen will. Sie werden vielleicht traurig, wütend, enttäuscht. Oder es macht die Erfahrung: „Wenn ich teile, teilen dann die Anderen auch mit mir.” Es gibt Sachen, die sich besser eignen zum Teilen. Der allerliebste Hase, der zum Einschlafen gebraucht wird, muss nicht geteilt werden.
Es hat sich bewährt, bei Streit unter Kindern als Erwachsene „nur“ zu trösten, keine Partei zu nehmen, auch wenn der Fehler offensichtlich bei einem bestimmten Kind liegt. Traurige Kinder ermutigen, es nochmals zu probieren und allenfalls Strategien zur Problemlösung anbieten.
Wie kann es sein, dass Kinder bei der einen Betreuungspersonen (z. B. Grossvater) viel weniger trotzen als bei der andern?
Wie oben erwähnt, trotzen Kinder in der Regel bei jenen Personen, wo sie die grösste Vertrautheit haben, wo sie unbewusst ganz sicher sind, dass sie trotz ihrer herausfordernden Entwicklungsphasen immer geliebt werden.
Der Trotz richtet sich manchmal auch gegen das kleine Geschwister: Wem gehört die Aufmerksamkeit?
Für Erstgeborene ist es eine grosse Veränderung, wenn ein Geschwisterkind zur Welt kommt. Dies erfordert eine enorme Anpassungsleistung. Wenn dieses Ereignis mit der Autonomiephase zusammenfällt, ist es gut möglich, dass Kinder heftiger reagieren und ihr Verhalten sich auch gegen das Baby richtet. Umso wichtiger ist es, wie oben erwähnt, geduldig und verständnisvoll dem älteren Kind zu helfen, mit seinen schwierigen Gefühlen besser umzugehen.
Gibt es einen Punkt, an dem man nicht mehr von Trotzphase spricht und an welchem man sich Hilfe holen sollte?
Wenn sich Bezugspersonen über längere Zeit mit dem Verhalten eines Kindes überfordert fühlen, wenn sie das Kind aus der Überforderung heraus wiederholt heftig anschreien, schlagen oder anderweitig strafen, dann ist es wichtig und richtig sich rechtzeitig Unterstützung und Entlastung zu organisieren. Der Leidensdruck der Bezugsperson und des Kindes sind entscheidend, ob es Hilfe braucht oder nicht. Denn regelmäßige ungünstige Erziehungserfahrungen können negative Verhaltensweisen beim Kind chronifizieren. Für die Entwicklung eines stabilen Selbstwertes, für eine sichere Bindung zu den Bezugspersonen und schliesslich für eine gesamthaft gesunde Entwicklung lohnt es sich, bei Bedarf, qualifizierte Beratungsangebote zu nutzen.