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Ein Kinderbuch über Pressefreiheit, geschrieben von einem inhaftierten Journalisten in Myanmar: Stärker könnte das Statement nicht sein.
«Jay Jay war ein sehr neugieriger Junge und stellte lauter Fragen. Warum ist der Himmel blau? Warum hat der Regenbogen so viele Farben? Wie können Vögel fliegen? Er stellte VIELE Fragen.»
So beginnt das Kinderbuch «Jay Jay the Journalist», geschrieben von Reuters-Journalist Wa Lone aus seiner Gefängniszelle. Zusammen mit seinem Kollegen Kyaw Soe Oo war Wa Lone letzten Dezember in Yangon festgenommen worden, weil er angeblich geheime Staatsdokumente besass (ich habe darüber in meinem ersten Blogbeitrag berichtet).
Bevor Anfang September das harte Urteil von sieben Jahren Haft gefällt wurde, hatten die zwei Journalisten bereits neun Monaten in Untersuchungshaft gesessen. In dieser Zeit schrieb Wa Lone das Buch.
Es handelt von einem neugierigen Jungen, der einen Missstand aufdecken und darüber berichten will. Jay Jay hatte bemerkt, dass in seinem Dorf auf einmal Büffel und Kühe krank wurden und im Fluss sogar Fische starben. Dem wollte er auf den Grund gehen.
Lediglich mit Neugier und Notizbuch bewaffnet, suchte er mit einem Bootsmann den Fluss ab und fand schliesslich den Grund für das Leid: Eine Fabrik liess verschmutztes Abwasser direkt in den Fluss laufen. Dank einem Artikel, der die Aufmerksamkeit des Dorfes auf die Ursache des Problems lenkte, konnten die Vertreter des Dorfes zusammen mit der Fabrik verhandeln und eine Lösung finden.
Während sich zuerst viele seiner Klassenkameraden über Jay Jays ständige Fragerei genervt hatte, so waren sie am Ende stolz auf seine Hartnäckigkeit. «Kritisches Denken und Fragen stellen sind der einzige Weg, um die Wahrheit zu finden», sagt der Schullehrer im Kinderbuch.
Kritisches Denken fördern
Das Kinderbuch ist Teil der Serie «Third Story Project», welches Wa Lone vor vier Jahren mitgegründet hatte. Das Sozialunternehmen hat bereits 40 Kinderbücher herausgegeben, auf Burmesisch und in anderen ethnischen Sprachen Myanmars.
Das Projekt sei als Folge der eskalierenden Konflikte in Rakhine und Kachin entstanden. «Obwohl die Menschen sich über die Hilfe von NGOs freuten, realisierten wir, was sie wirklich wollten: Freiheit und Frieden», sagte Projektleiter Ei Pwint Rhi Zan gegenüber «Frontier». So sei man auf die Idee mit den Kindergeschichten gekommen: Ziel der Bücher sei es, wichtige Themen wie Frieden, Toleranz und Diversität kindergerecht zu vermitteln. Dies auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Mal ist die Hauptfigur ein Schirm, mal ist sie ein Vogel.
Die Bücher sollen zum Denken anregen. Am Schluss von «Jay Jay the Journalist» werden die Kinder gefragt: «Bist du schon einmal auf die Suche nach der Wahrheit gegangen, um den Grund eines Problems zu finden?», «Glaubst du den Gerüchten im Klassenzimmer? Warum oder warum nicht?», «Was für Fragen hat Jay Jay wohl den Dorfbewohnern gestellt?», «Warum denkst du, dass es wichtig ist, dass Leute die Wahrheit sagen?» und «Was tut ein Journalist und warum ist seine Arbeit wichtig?» Ziel dieser Doppelseite am Schluss ist es, Kinder dazu zu animieren, mehr Fragen zu stellen.
Kindergeschichte mit Parallelen zum Autor
Geschrieben werden die Geschichten für «Third Story Project» von Burmesinnen und Burmesen und auch die Illlustrationen stammen von lokalen KünstlerInnen. Die Bücher werden an Kinder verschenkt, die es sich nicht leisten können. Über 200’000 Exemplare wurden so bereits durch Schulen, Bibliotheken und private Netzwerke an Kinder im ganzen Land verteilt und erreichten zwei Drittel der insgesamt 330 Gemeinden in Myanmar. Erwachsene können die Bücher ebenfalls kaufen; mit dem Erlös werden weitere Buchprojekte unterstützt.
«Jay Jay the Journalist» ist zweisprachig erschienen (Burmesisch und Englisch) und ist bereits das zweite Buch von Wa Lone – wenn auch das erste aus dem Gefängnis. 2015 hatte er das Kinderbuch «Der Gärtner» publiziert, in welchem ein Schullehrer seine Schülerinnen und Schüler mit seiner Liebe für die Umwelt und das Bäumepflanzen ansteckt.
Das Thema seines neusten Buches ist natürlich kein Zufall, denn es wiederspiegelt Wa Lones eigene Geschichte. Auch er hatte sich auf die Wahrheitssuche gemacht und einen Missstand aufgedeckt: Die Ermordung von Buben und Männern der muslimischen Minderheit Rohingyas durch das Militär.
Nach der Publikation des investigativen Artikels von Wa Lone und Kyaw Soe Oo gestand sogar das Militär das Massaker ein. Dennoch wurden die Reuters-Journalisten verurteilt und sitzen trotz weltweiten Protesten und internationalem Druck immer noch im Gefängnis. Es bleibt zu hoffen, dass es – wie bei Jay Jay – doch noch zu einem Happy End kommt.