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Aus einem Vortrag von Chan-Meister Sheng Yen (1977)
Ich möchte damit beginnen, dass Chan nicht das Gleiche ist wie Wissen, doch ist Wissen nicht vollständig getrennt von Chan. Chan ist nicht nur Religion, doch die bedeutenden Leistungen der Religionen können durch Chan erreicht werden. Chan ist nicht Philosophie, doch kann Philosophie Chan auf keinen Fall übertreffen. Chan ist nicht Wissenschaft, doch die Einstellung, Realität und Erfahrung zu betonen, ist auch in Chan notwendig. Versuchen Sie bitte nicht, aus reiner Neugierde den Gehalt von Chan zu erkunden, denn Chan ist nicht etwas, das neu aus Asien in den Westen gebracht wurde. Chan ist überall, in grenzenlosem Raum und endloser Zeit. Und doch wussten die Menschen im Westen nichts von der Existenz von Chan, bevor der Buddhismus in der westlichen Welt verkündet wurde. Doch Chan, das durch asiatische Mönche im Westen gelehrt wird, ist nicht eigentlich Chan. Es ist die Methode, Chan zu realisieren. Chan wurde zuerst vom Prinzen Siddharta Gautama (nach seiner Erleuchtung Shakyamuni genannt), der vor etwa 2500 Jahren in Indien geboren wurde, entdeckt. Nach seiner Erleuchtung, als er ein Buddha genannt wurde, lehrte er die Methode, Chan zu erfahren. Die Methode wurde von Indien nach China und dann nach Japan übermittelt. In Indien wurde sie dhyana genannt, was im Chinesischen als "Chan" und im Japanischen als "Zen" ausgesprochen wird. Alle drei Bezeichnungen sind identisch.
Chan existiert universal und ewig. Es braucht zur Übermittlung keinen Lehrer; was vom Lehrer übermittelt wird, ist nur die Methode, durch die man persönlich Chan erfahren kann.
Einige Menschen verstehen Chan fälschlicherweise als eine Art mystische Erfahrung; andere denken, dass man durch die Erfahrung von Chan übernatürliche Kräfte erreichen könne. Natürlich können im Prozess der Chan-Praxis verschiedene besondere Phänomene mentaler und physischer Empfindungen auftreten, und man kann durch die Praxis, Körper und Geist zu vereinheitlichen, die Fähigkeit mentaler Kraft erlangen, äussere Dinge kontrollieren und verändern. Doch sind solche Phänomene, die als Religionsmysterien verschlüsselt werden, nicht das Ziel der Chan-Praxis, weil sie nur unsere Neugier oder Megalomanie befriedigen und die aktuellen Lebens-Probleme der Menschen nicht lösen können.
Chan beginnt an der Wurzel der Probleme. Es beginnt nicht mit der Absicht, die äussere soziale und materielle Umwelt zu erobern, sondern damit, vollständige Kenntnis seiner selbst zu gewinnen. Im Augenblick, in dem Sie erkennen, was Ihr Selbst ist, wird dieses „Ich“, das Sie jetzt als Sie selbst ansehen, verschwinden. Wir nennen dieses neue Wissen über das Selbst “Erleuchtung“ oder „Sehen der ursprünglichen Eigennatur“. Dieser Anfang hilft Ihnen, reale Probleme vollständig zu lösen. Am Ende werden Sie entdecken, dass Sie als Individuum zusammen mit allem, was existiert, eine einzige Ganzheit sind, die nicht aufgeteilt werden kann.
Weil Sie Mängel haben, empfinden Sie die Umgebung als nicht perfekt. Es ist wie ein Spiegel mit unebener Oberfläche; die von ihm reflektierten Bilder sind ebenfalls verzerrt. Oder wie die von Wellen gekräuselte Wasseroberfläche, die den Mond unregelmässig und unbeständig widergespiegelt. Wenn die Spiegeloberfläche klar und glatt ist oder die Luft an der Wasseroberfläche ruhig und die Kräuselungen abgeklungen, dann werden die Reflexion im Spiegel und der Mond im Wasser klar und genau sein. Daher ist aus Chan-Sicht der hauptsächlichste Grund vom Leiden und Unglück der Menschen weder unsere heimtückische weltliche Umgebung noch die schreckliche menschliche Gesellschaft, sondern die Tatsache, dass wir nie fähig waren, unsere ursprüngliche Natur zu erkennen. So führt uns die Chan-Methode nicht dazu, der Realität auszuweichen oder unsere Augen zu verschliessen, wie der afrikanische Strauss, der, wenn Feinde sich nähern den Kopf im Sand vergräbt in der Annahme, dass damit alle Probleme gelöst seien. Chan ist kein selbst-hypnotisierender Idealismus.
Durch die Chan-Praxis kann man das „Ich“ ausschalten; nicht nur das selbstsüchtige kleine „Ich“, sondern auch das grosse „Ich“, das philosophisch „Wahrheit“ oder „Wesen“ genannt wird. Erst dann herrscht absolute Freiheit. So empfindet ein versierter Chan-Praktizierender nie, dass irgendeine Verantwortlichkeit eine Last ist, noch fühlt er den Druck, den die Lebensbedingungen auf die Menschen ausüben. Er empfindet nur, dass er ständig die Vitalität des Lebens zu voller Aktivität bringt. Das ist der Ausdruck absoluter Freiheit. Daher ist das Chan-Leben unvermeidbar normal und positiv, glücklich und offen. Der Grund dafür ist, dass die Chan-Praxis Sie unaufhörlich mit den Mitteln versehen wird, Ihre kostbare Weisheits-Mine auszuschöpfen. Je tiefer die Ausgrabungen, desto grösser die Weisheit, die erreicht wird; bis Sie schlussendlich die Weisheit des ganzen Universums erreichen. Dann werden alle Dinge in Zeit und Raum in Ihrer Weisheit enthalten sein. In diesem Stadium wird Weisheit absolut; und da sie absolut ist, hat die Bezeichnung Weisheit keinen Zweck mehr. Jetzt ist das „Ich“, das Sie motiviert, Dinge wie Ruhm, Reichtum und Macht anzustreben oder vor Leiden und Gefahr zu fliehen, mit Sicherheit verschwunden. Was mehr ist, sogar die Weisheit, die Ihr „Ich“ entfernte, wird für Sie zu einem unnötigen Konzept.
Natürlich ist es aus dem Standpunkt des plötzlichen Erwachens für einen Chan-Praktizierenden sehr leicht, dieses Stadium zu erreichen, doch bevor man das Tor des plötzlichen Erwachens erreicht, muss man auf dem Weg eine gewaltige Anstrengung leisten. Sonst wäre die Chan-Methode nutzlos.
(Der ungekürzte Originaltext in Englisch ist hier zu finden.)