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| Chrysostomus († 407) - Vom jungfräulichen Stande (De virginitate)

13. Warum die Korinther wegen des jungfräulichen Standes an Paulus geschrieben, und er ihnen nicht zuerst eine Mahnung gegeben.
Woher kamen sie denn zu dieser Frage? Sie erkannten klar und deutlich, daß sie einer höheren Tugend bedürfen, nachdem sie auch des größern Geschenkes gewürdiget worden. Auch das verdient beachtet zu werden, warum er ihnen diesen Rath noch nicht gegeben habe; denn sie würden, hätten sie etwas der Art gehört, nicht wieder an ihn geschrieben haben, um ihn über diesen Gegenstand neuerdings zu befragen. Auch hier erkennt man die bewunderungswürdige Weisheit des Paulus. Denn er unterließ es nicht leichtsinnig und ohne Grund, eine so wichtige Sache in Erinnerung zu bringen, sondern er wartete, bis zuerst sie darnach ein Verlangen verspürten und einige Einsicht in die Sache bekämen, um nach der Wahrnehmung, daß ihre Seelen schon für die Jungfrauschaft gewonnen seien, mit Nutzen über diese Dinge reden zu können, weil der Eifer der Zuhörer für eine Sache eine große Erleichterung für die Aufnahme der Ermahnung gewährt. Andererseits zeigt er aber auch die Größe und die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes. Denn wäre das nicht der Fall, so hätte er wohl nicht auf ihren Eifer gewartet, sondern ihnen zuvorkommend seine Meinung, wenn auch nicht als Gebot und nicht als Vorschrift, so doch wenigstens als Ermahnung und Rath ausgesprochen. Nun aber hat er damit, daß er das nicht zuerst that, uns deutlich gemacht, daß der jungfräuliche Stand vielen Schweiß und große Anstrengung fordere: aber auch hier verfuhr er nach dem Beispiele unseres gemeinschaftlichen Herrn: denn auch dieser redete erst dann über den jungfräulichen Stand, als ihn die Jünger befragten. Denn als sie sagten: „Wenn die Sache des Mannes mit seinem Weibe sich so verhält, so ist es gut, nicht zu heirathen,“1 gab er die Antwort: „Es gibt Verschnit- [S. 174] tene, welche sich selbst um des Himmelsreichs willen verschnitten haben.“2 Denn wenn die gute That groß ist, und nicht unter den Zwang eines Gesetzes hineinfällt, so ist das Verlangen derjenigen zu erwarten, welche sie verrichten wollen, indem wir auf andere und unverdächtige Weise das Wollen und Verlangen darnach in ihnen nicht zu erzwecken vermögen. So hat nun auch Christus gehandelt. Denn er riß sie nicht durch irgend eine Unterredung über den jungfräulichen Stand zum Verlangen nach demselben hin, sondern indem er nur von der Ehe sprach, und die Schwierigkeit des Verhältnisses zeigte, und in seiner Rede nicht weiter ging, richtete er die Sache so weise ein, daß seine Jünger, welche noch nichts über das Nichtheirathen gehört, aus freien Stücken sagten: „Es ist gut, nicht zu heirathen.“3 Deßhalb sprach nun auch Paulus, der Nachahmer Christi: „Was aber das betrifft, worüber ihr mir geschrieben habt“, womit er sich vor ihnen darüber beinahe entschuldigen und sagen wollte: „Ich habe es nicht gewagt, wegen der Schwierigkeit der Sache euch zu diesem erhabenen Gipfel hinaufzuführen; nachdem ihr mir aber mit eurem Schreiben zuvorgekommen seid, so gebe ich euch muthig den Rath.“ Denn warum machte er, da sie ihm doch über viele Dinge geschrieben, nirgends mehr diesen Zusatz? Aus keinem andern Grunde, als aus dem, welchen ich soeben angeführt habe: damit nämlich Keiner seine Ermahnung unwillig aufnehme, ruft er ihnen ihren Brief in’s Gedächtniß zurück; aber auch so, obgleich er einen so günstigen Anlaß gefunden, gibt er ihnen keine zudringliche, sondern eine freundliche Mahnung, indem er auch hierin Christus nachahmte. Denn nachdem der Erlöser seine Rede über den jungfräulichen Stand beendigt hatte, fügt er bei: „Wer es fassen kann, der fasse es.“4 Was sagt also Paulus? „Was aber das betrifft, worüber ihr mir geschrieben habt, so ist es dem Menschen gut, ein Weib nicht zu berühren.“
[S. 175]
1: Matth. 19, 10—12.
2: Matth. 19, 10—12.
3: Matth. 19, 10—12.
4: Ebendas.