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In seinem neuen Roman erzählt Amos Oz von der Gründung des Staates Israel und von seiner eigenen Kindheit und Jugend im Widerspruch.
Die Eisenkugel fiel aus seiner Hand und stürzte vom Baum herunter, direkt auf den Fuss des kleinen Jungen. Das arabische Mädchen, dem der achtjährige Amos hatte Eindruck machen wollen, wurde verprügelt, und das kleine Kind mit dem zertrümmerten Fuss musste ins Krankenhaus. Amos Oz erinnert sich schamvoll an jenen Nachmittag im Garten eines arabischen Hauses: Er hatte sich aufgespielt und versucht, ein Mädchen auf Arabisch über die politischen Verhältnisse aufzuklären. Dann war er auf einen Baum geklettert und hatte die verhängnisvolle Kugel gefunden, die den Unfall verursachte. Der Verständigungsversuch zwischen den jüdischen und den arabischen Kindern scheiterte so kläglich wie fast alle Dialogbemühungen im Nahen Osten. Wenige Monate später brach - nach der Gründung des Staates Israel - der «Unabhängigkeitskrieg» aus, und die beiden Bevölkerungsgruppen wurden zu erbitterten Feinden. Jene Kindheitsszene aber verfolgt Amos Klausner - der sich später den Namen Oz (hebräisch für «Kraft») zulegte - bis heute und ist in seiner Erinnerung zum Symbol für die politischen Missverständnisse geworden.
In seinem neuesten Buch gelingt es Amos Oz, die turbulenten historischen Ereignisse der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mit seiner Autobiografie und der Geschichte seiner Familie zu verbinden. Er trägt die bruchstückartigen Erinnerungen seiner Eltern und seiner Verwandten zusammen, und indem er sich in den Jungen, der er damals war, versetzt, taucht er in jene Zeit ein, in der entscheidende Weichen für die heutige Situation im Nahen Osten gestellt wurden. Amos Oz legt Rechenschaft darüber ab, aus welchen Verhältnissen er stammt, er fertigt ein detailreiches Bild seiner entwurzelten Eltern - Flüchtlinge aus Polen und der Ukraine - an und reflektiert darüber, was seine Emotionen, sein Denken und damit sein Schreiben bis heute prägt. Unvergesslich seine Beschreibung jener Nacht, in der die jüdische Bevölkerung in Palästina auf den Strassen stand, um aus den damals noch seltenen Privatradios die Übertragung der Uno-Abstimmung über das Recht der jüdischen MigrantInnen, einen eigenen Staat zu gründen, zu hören.
Bis zu seiner Mitgliedschaft in der Friedensbewegung Peace Now hatte Amos Oz einen weiten Weg zurückzulegen: 1939 in die Euphorie des jungen Staates Israel hineingeboren und mit zionistischen Idealen grossgezogen, bald ein Wunderkind, das früh lesen und schreiben lernte, verliess der knapp Fünfzehnjährige nach dem Selbstmord seiner Mutter die Stadt Jerusalem, um als «braun gebrannter» Kibbuznik den Büchern und seinem gelehrten Vater den Rücken zu kehren. Doch er konnte das Schreiben nicht lassen und wurde ein Aussenseiter im Kibbuz - eine Stellung, die nur wenig durchbrochen wurde, als er es wagte, David Ben Gurion in einer Zeitschrift zu widersprechen, und der Premierminister ihn zu einer ebenso denk- wie merkwürdigen Unterredung einlud.
Die Katastrophe des Selbstmordes seiner Mutter immer enger umkreisend, aber bis zur vorletzten Seite meidend, springt Amos Oz von der Vergangenheit in die jüngere oder jüngste Gegenwart und zurück: Er erzählt, wie er genau zu beobachten lernte, wie er seine ersten Bücher schrieb und wo «Realitätsreste» in seinen Romanen zu finden sind. Trotzdem versucht er, die altbekannten Authentizitätsfragen zu verhindern: «Alles ist autobiografisch. (…) Der schlechte Leser will immer wissen, und zwar auf der Stelle: Was ist in Wirklichkeit geschehen?». Der gute Leser aber suche in Erzählungen vor allem ein Echo seiner eigenen Empfindungen.
Durchhalten lohnt sich, das Buch wird nach dreihundert Seiten immer spannender - trotz den etlichen inhaltlichen Wiederholungen, die das Lektorat hätte beanstanden müssen. Der Übersetzerin Ruth Achlama aber gebührt ein spezielles Lob: Die Buchstaben- und Wortfantasien von Amos Oz und seinem Vater im Hebräischen vermochte sie in überzeugende kongeniale Kreationen zu übertragen.