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Kaum eine Liebesbeziehung war so stürmisch und leidenschaftlich. Sie fand im Zimmer 10 des Hotels «Danieli» in Venedig statt. Doch so dramatisch sie begann, so traurig endete sie. Jetzt wollte Bill Gates das Hotel kaufen, doch ein Deal ist im letzten Moment geplatzt.
Es war ein Skandal. Die gefeierte französische Schriftstellerin George Sand war dafür bekannt, in Männerkleidern aufzutreten und öffentlich zu rauchen. Schlimmer noch: Sie war verheiratet, hatte zwei Kinder und verliebte sich in den sensiblen Schriftsteller Alfred de Musset, einen der ganz Grossen der französischen Romantik.
«Les amants de la chambre 10»
Die beiden entschieden, nach Italien zu reisen. Wohin? Nach Rom oder nach Venedig? Sie warfen eine Münze auf: Venedig. So bezogen sie am 1. Januar 1834 ein Eckzimmer im Hotel Danieli an der Riva degli Schiavoni. Die aufregende und besessene Liebesbeziehung, die dann hier stattfand, ist in Briefen und Romanen der beiden Autoren festgehalten. Als die «amants de la chambre 10» gingen die beiden in die Literatur ein.
Eine Suite mit Blick auf die Lagune und die Giudecca kostet 4’300 Euro pro Nacht.
George Sand und Alfred de Musset gehören zu den berühmtesten Gästen dieses Luxushotels, das jetzt genau 200 Jahre alt ist und sich nur wenige Schritte von der Piazza San Marco und der Seufzerbrücke entfernt befindet. Auch Goethe stieg hier ab, ebenso Marcel Proust, Richard Wagner, Honoré de Balzac, Charles Dickens, Walt Disney, Greta Garbo, Charlie Chaplin, Steven Spielberg, Sophia Loren, Nelson Mandela, Truman Capote, Yoko Ono, Hillary Clinton – und viele andere.
Eine Suite mit Blick auf die Lagune und die Giudecca kostet 4’300 Euro pro Nacht. Doch es gibt auch günstigere Zimmer. Wer jedoch aufs Wasser hinausschauen möchte, muss mindestens tausend Euro pro Nacht aufwenden.
Eine der exklusivsten Adressen der Welt
Die Ursprünge des Danieli gehen auf das 14. Jahrhundert zurück. Erste Gebäude wurden von den Nachfahren des Dogen Andrea Dandolo gebaut. Doch erst 1822 – also vor genau 200 Jahren – verwandelte ein Giuseppe dal Niel, den «Palazzo Dandolo» in ein Luxushotel, das er «Albergo Reale» nannte. Dal Niel wurde in Venedig «Danieli» genannt, was dem Hotel später den Namen einbrachte.
Schnell entwickelte sich der Palazzo zu einem der berühmtesten Herbergen Italiens und zu einer der exklusivsten Adressen der Welt.
Dem Personal fehlt heute ab und zu der Enthusiasmus, die betuchten Gäste aus aller Welt zu verwöhnen.
Das Danieli besteht aus drei Palästen: Der älteste ist der «Palazzo Dandolo», der im gotisch-venezianischen Stil gebaut wurde. Dazu kommen der «Palazzo Casa Nuovo» und der «Palazzo Danieli Excelsior».
Doch so exklusiv und teuer das Danieli ist, in den letzten Jahren verlor es etwas von seinem Glanz und seinem Nimbus. Dem Personal fehlt ab und zu etwas der Enthusiasmus, die betuchten Gäste aus aller Welt zu verwöhnen. Viele sind zwar nach wie vor begeistert, doch einige beklagten, dass sie etwas «schnippisch» behandelt werden und dass die Zimmer laut sind. Nicht von ungefähr: Vor dem Hotel zirkulieren täglich Zehntausende Touristen.
Über hundert Hotels in 47 Ländern
Die grossen italienischen Medien berichteten am Wochenende, dass die Hotelkette Four Seasons das Hotel kaufen werde. Four Seasons besitzt weltweit über hundert Luxusherbergen in 47 Ländern, so auch in Italien, wo die Kette Hotels in Florenz, Mailand und Taormina betreibt.
Bill Gates und der saudische Investor und Multimilliardär Prinz Al-Waleed Bin Talal haben 2007 den kanadischen Hotelkonzern für 3,7 Milliarden Dollar übernommen. Al-Waleed gilt mit 17,2 Milliarden als der reichste Araber. Im vergangenen Jahr hat Bill Gates von Al-Waleed Anteile übernommen. Der Microsoft-Gründer hält nun 71,5 Prozent an Four Seasons.
Die Meldung, dass das Hotel von Bill Gates gekauft wird, war in Italien mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden, obwohl man froh war, dass dieses italienische Juwel immerhin nicht in chinesische Hände gerät. Jetzt allerdings kommt es noch besser: Das Danieli soll italienisch bleiben.
Am Montag – offenbar aufgeschreckt von der Verkaufsmeldung – gab die italienische Gruppe Statuto, der das Hotel grösstenteils gehört, bekannt, dass sie das Danieli nicht verkaufen werde und eine «Refinanzierung» anstrebe. Diese Erfolge durch die Ausgabe einer Anleihe. Das Hotel soll jetzt für 30 Millionen Euro renoviert werden. Der Wert des Danieli wird auf eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Im Jahr 2024 soll die Wiedereröffnung gefeiert werden.
Maria Callas und Aristoteles Onassis
Alfred de Musset und George Sand waren nicht die Einzigen, die das Hotel für eine überschwängliche Beziehung wählten. Der in Italien geadelte Schriftsteller Gabriele d’Annunzio (ein Anhänger von Benito Mussolini) und die «göttliche» Schauspielerin Eleonora Duse wählten das Hotel im September 1895 für ihre erste gemeinsame Nacht.
Und: Die grosse Maria Callas fiel am 3. September 1957 dem Multimilliardär Aristoteles Onassis in die Arme. Beide entschieden sich sogleich, sich von ihren Ehepartnern scheiden zu lassen. Später fiel dann Onassis in die Arme von Jaqueline Kennedy.
Das Hotel war auch Schauplatz mehrerer Filme. Roger Moore trat hier im James-Bond-Film «Moonraker» auf, und Johnny Depp und Angelina Jolie spielten in «The Tourist».
«Ménage à trois», «ménage à deux»
Traurig endete die Beziehung zwischen Alfred de Musset und der sechs Jahre älteren George Sand. Der stets kränkliche aristokratische de Musset wurde im Hotel wieder einmal krank. George Sand rief einen Arzt. Doch der junge, gut aussehende Medikus Pietro Pagello, der da kam, begnügte sich nicht mit der Pflege seines Patienten. Er und George Sand verliebten sich. Zunächst entwickelte sich eine «ménage à trois», dann eine «ménage à deux» (ohne Musset).
Schliesslich verliess de Musset das Danieli und zog voller Weltschmerz allein als gebrochener Mann nach Paris zurück.
George Sand schrieb ihm: «Herr Pierre Pagello ist ein gefühlvoller Don Juan, der plötzlich vier Frauen am Halse hatte. Jeden Tag neue Tragödien und Komödien seitens seiner Geliebten und seiner Freundinnen. Das gibt eine heillose Verwirrung ab.»
«Pourquoi nous sommes-nous quittés si tristes?»
Kurz darauf reisten auch George Sand und der junge Arzt nach Paris, wo ihre Beziehung bald zu Ende ging. Die Autorin begann später eine Liebesbeziehung mit Frédéric Chopin.
Nach der Trennung im Danieli konnten Sand und Musset nicht voneinander lassen und schickten sich traurige, oft verzweifelte Liebesbriefe. «Pourquoi nous sommes-nous quittés si tristes?» schrieb George Sand um 6 Uhr morgens Anfang Januar 1835. Françoise Sagan hatte die Briefe 1985 gesammelt und in einem wunderbaren Buch ausgewertet. *)
Und weshalb ging die Beziehung zwischen den «amants de la chambre 10» auseinander? Die Arbeitswut von George Sand und Mussets Träumereien waren vielleicht nicht vereinbar. Musset schrieb schon Ende 1933: «Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse verfasst und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.»
Alfred de Musset: u. a. «Nuits» und «Confessions d’un enfant du siècle»
George Sand: u. a. «Histoire de ma vie», «Lettres d’amour»
*) Françoise Sagan: «Sand et Musset, Lettres d’amour». Verlag Hermann, Paris, 1985.
***In einer ersten Version dieses Artikel hiess es, Bill Gates habe das Hotel gekauft. Wir bezogen uns auf eine Erklärung von Four Seasons, die auch von den grossen italienischen Medien zitiert wurde.