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Reminiszenz
Zum 100. Geburtstag Sartres
Eine folgenreiche Begegnung im «Café Flor» in Paris im Januar 1973
Von Jürg-Peter Lienhard
Stets mit Glimmstengel: Jean-Paul Sartre, fotografiert in dessen Lieblingsbeiz «Café Flor» in Paris im Januar 1973 von André Muelhaupt.
General Charles De Gaulle wagte es nicht, den Sprachführer der 68-er-Studentenrevolte in Paris zu verhaften. Vielleicht wollte der damalige französische Staatspräsident auch nicht, schliesslich genoss der Philosoph Sartre quasi den Status des Staatsphilosophen wie weiland Montesquieu. Seine philosophische Botschaft lautete so brutal wie einleuchtend und hier populär übersetzt so: «Jeder ist seines Glückes eigner Schmied».
Am 21. Juni 2005 wäre der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre 100 Jahre alt geworden. Er starb am 15. April 1980 in Paris. Presse, Radio und Fernsehen würdigten dieser Tage (Juni 2005) den 100. Geburtstag mit Gedenk-Artikeln und -Sendungen.
Grund, weshalb auch das webjournal.ch auf den Gedenktag zurückkommt, ist eine Foto des Basler Photographen André Muelhaupt, die er uns zukommen liess. Es zeigt Jean-Paul Sartre in seinem damaligen Lieblings-Restaurant «Café Flor». Wie diese Foto zustandekam, ist Gegenstand dieser kleinen Reminiszenz hier auf webjournal.ch.
Fund und Finderlohn
Es war im Januar 1973, als die damalige National-Zeitung für 168 Franken einen Wochenend-Flug mit Übernachtungen nach Paris als exklusives Leserdienst-Angebot organisierte. Zuvor, kurz vor Weihnachten, trat ich beim Umsteigen aus dem Tram am Bankverein auf ein schweres Gold-Bracelet, das ich dann auch auf dem Bahnhof-Polizeiposten abgab und dafür einige Wochen später 168 Franken Finderlohn kassierte…
Noch nie war ich real in Paris; virtuell jedoch dort praktisch «wie zu Hause»: Ich hatte Henry Miller entdeckt und seine Bücher verschlungen, sehr zum Unverständnis meiner Umgebung, der ich dann und wann daraus zu erzählen versuchte. Man hielt mich für einen «Unhold», schon nur, weil ich die Bücher eines «Unholdes» las… Henry Miller starb am 7. Juni 1980, nur ein paar Wochen nach Jean-Paul Sartre.
Henry Millers Leben in Paris weckte in mir das Bedürfnis nach so einem Leben: Nach einer kultivierten Umgebung mit Schriftstellern, Musikern und Philosophen, nach einem Leben mit Abenteuern, Liebe und deren bizarrer Kehrseite, wie sie die Halbwelt aus Spitzbuben und Prostituierten in Millers Werken darstellte.
Auf den Spuren Henry Millers
Während meine Generation in Basel im breiten Cowboyschritt aus den Spaghetti-Western des damaligen Kinos «Union» hinaustrat, betrat ich das Pflaster Paris‘ mit einem grauen Regenmantel und einem Schlapphut, so wie Brassaï einmal Henry Miller porträtierte. Und einen «Ballon» Rotwein - de l'ordinaire - oder einen Pastis in der Hand… Immerhin «vorlagegemäss» war das Hotel: Das «Jena», unweit vom Rodin-Museum, welches das verbilligte Arrangement ermöglichen konnte, weil es vor dem Umbau stand. Und immerhin konnte ich noch in einem Hotel mit Vorkriegs-Luxus nächtigen, genau so wie es Miller beschrieb: Die Badewanne war mindestens so gross wie die «Titanic», und es dauerte über eine Stunde, bis sie endlich vollgelaufen war.
Natürlich ging's abends ab ins Quartier Latin, das damals gerade erst von meinen deutschen Zeitgenossen entdeckt worden war, und noch nicht ganz seinen Charme verloren hatte. Da traf ich - wie klein die Welt doch ist - auf den Basler Photographen André Muelhaupt, der mit seiner damaligen – deutschen - Freundin unterwegs war. Welcher Teufel mich damals gestupft hatte, kann ich nicht sagen, aber es war ein Teufel! Denn ich beschloss auf der Stelle, Journalist zu werden, um den Philosophen Jean-Paul Sartre zu interviewen. Schliesslich hatte ich ja einen Fotografen zur Hand, und erst noch einen renommierten. Wir waren also das perfekte Reporter-Team.
Von der «Coupole» ins «Flor»
André Muelhaupt wusste denn auch, wo unser prominentes Opfer zu finden war: Im «Café Flor», das er unlängst mit der «Coupole» vertauscht hatte, weil er dort zu oft angesprochen wurde. Also nix wie los, nix wie hin!
Nun haben solche schweren Anfänge, journalistische zumal, das verflixte Handicap, dass man ohne grosse Vorbereitungen nicht weit kommt: Unter der Türe des «Café Flor» fiel mir denn ein, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich Sartre fragen sollte, was nicht andere vor mir schon x-fach gefragt hatten. Einfach auf Sartre hingehen und ihm auf die Schulter hauen mit den Worten: «Na alter Sportsfreund, wie geht's denn so?», das wusste ich schon, ging nicht an in diesen Kreisen…
Es kam, wie es kommen musste: Verzweifelt suchte ich nach «exklusiven» Fragen, die mir um so schwerer fielen, als ich nur eine Auswahl von Sartres Werken gelesen oder gekannt hatte. Ballon um Ballon wurden gekippt, bis endlich fünf Fragen auf einem Notizzettel zusammengekommen waren. Doch dann war Sartre nicht mehr da; er war aufgebrochen. Und zu allem Unglück war morgen mein letzter Tag in Paris; der Flug war auf 17 Uhr gebucht, und Sartre tauchte jeweils erst abends im «Flor» auf.
Die «Niederlage» war ein «Lehrplätz»
Enttäuscht übergab ich den Zettel André Muelhaupt mit der Bitte, ihm doch diese Fragen zu stellen, während er fotografierte. André berichtete mir später, dass Sartre überhaupt nicht gewillt war, Fragen zu beantworten, und nur widerwillig liess er ein paar Fotoporträts von sich machen. André hatte es schwer dabei, denn, wie er sagte, schaute Sartre mit einem Auge nach links und mit dem anderen nach rechts, was den Porträtfotografen André stark irritierte. Immerhin konnte André die Foto später im Magazin «NZ am Wochenende» absetzen - allerdings ohne das verpatze Interview.
Über Jahre mochte ich nicht an diese «Niederlage» denken, und wenn, dann überkam mich eine gewisse Scham. Diese misslungene Begegnung mit Sartre war die erste und wichtigste Erfahrung in meiner zukünftigen Laufbahn als Journalist: Kein Interview ohne Vorbereitung. Ich habe mich daran gehalten…
Von Jürg-Peter Lienhard
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