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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Unweit der High-Street-Kensington-Untergrundstation stand die Blumenhändlerin bei jedem Wetter hinter ihrem Stand. Ihr Geschäft florierte trotz der Wirtschaftsflaute. Die Leute laden einander bei sich zuhause zum Essen ein und vermeiden teure Restaurants. Wenn nicht Schokolade, kaufen sie einen Strauss Blumen für die Gastgeberin, gegebenenfalls eine Flasche Wein für den Gastgeber.
Die Blumen hielten den jungen Anwalt nicht auf. Er bemerkte sie nicht einmal, als er morgens seine Praxis aufsuchte oder sich abends auf den Heimweg machte. Er hielt es mit den Papierblüten in der Anwaltssprache, die nur Eingeweihte verstehen. Garry war 33 Jahre alt und ungebunden und wohnte noch immer bei seinen Eltern. Sein Haar begann sich schon zu lichten, und seine Bundweite entfaltete sich nach und nach. Als Scheidungsanwalt florierte auch seine Praxis.
Eines Abends verliess Garry seine Praxis später als üblich. Ein mit Blumeneimern überladener Karren versperrte ihm den Zugang zur Untergrundstation. Ein Wagenrad hatte sich verklemmt. „Helfen Sie ihr doch. Zusammen kriegen wir den Karren gewiss wieder ins Rollen“, wandte sich ein Passant an ihn. Die Blumenhändlerin sagte: „Es ist nicht weit bis zur Garage um die Ecke.“ Garry konnte nicht kneifen und schubste das Gefährt, so gut er konnte. Der Strassenbelag war vom Regen schlüpfrig. Mehrmals rutschte er auf seinen Ledersohlen aus. Ein Spritzer Wasser schwappte aus einem der Eimer über und traf seine Hose genau in der Mitte. Es sah aus, als ob er Wasser gelassen hätte. „Das wird schon wieder trocknen“, meinte er sauersüss. „Warten Sie“, wandte sich die Händlerin an ihre Helfer. Im Nu umwickelte sie 2 Sträusse, „das ist für Ihre Mühen“, sage sie und duldete keine Widerrede. Als Garry in der Bahn den Strauss zwischen seinen Beinen hielt, fragte er sich, wann er seiner Mutter das letzte Mal Blumen geschenkt hatte.
Anderntags bemerkte er die Blumenhändlerin, winkte ihr zu und dankte ihr nochmals für die Blumen. „Übrigens heisse ich Lilian“, stellte sie sich vor. „Das ist ein schöner Name und passt zu den Blumen“, sagte er und stellte sich seinerseits vor. Dabei liess er es bewenden und ging weiter. Wochen verstrichen. „So ein Käsegesicht“, murmelte er eines Tages zu seinem Spiegelbild, als er sich rasierte. Dabei fiel ihm ein, dass die Floristin einen frischen Teint hatte.
Seit Tagen regnete es fast ohne Unterlass, und der Nordwind blies. In der Arkade bei der Station spannte er den Regenschirm auf und hielt nach der Blumenhändlerin Ausschau. Dort stand sie am gewohnten Fleck, trug ein Kopftuch und eine dunkelblaue Schürze. „Wie sie das aushält …“, wunderte er sich. Garry gab sich einen Ruck, trat auf sie zu und stellte ihr genau diese Frage. „Die Blumen mögen solches Wetter, und was die Blumen mögen, das mag sie auch“, antwortete sie, hell lachend. Ihr Lachen klang ihm nach, wie er weiter ging. „War sie hübsch?“ Diese für ihn ungewohnte Frage beschäftigte ihn, als er in seinen Papieren kramte. Jeder an seiner Stelle hätte gewiss gesagt: „Gewiss.“ Und Garry gelangte schliesslich aus eigenem Antrieb zum gleichen Schluss.
Garry hatte ein ambivalentes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Er traute ihm nicht, und er war weiblichen Ränken nicht gewachsen. Frauen verunsicherten ihn. Einige einschlägige Erfahrungen hatten ihn in seiner Meinung bestärkt. Frauen waren kaum mehr ein Thema für ihn, es sei denn in Scheidungsfällen. Was man da nicht alles zu hören kriegt … Einmal auf einer Party hatte er einen auf ihn gemünzten Gesprächsfetzen aufgefangen: „Zwar ist er kein Adonis, doch ein guter ‚Brocken‘“. Nein, ein solcher „Brocken“ wollte er nicht sein – ein Bankkonto. Es genügte ihm vorderhand, ein Partner in der Anwaltspraxis zu sein und zu bleiben.
Fehlte es ihm an Mumm? War er ein Snob? Er drückte sich im Menschenstrom zur Station durch. Lilian passte nicht in sein gesellschaftliches Weltbild. „Warum nicht?“ Seine Eltern entwichen dem englischen Winter in ihre Villa in Spanien. Viele Einladungen zum Essen wimmelte er ab. Er fühlte sich von zu vielen Töchtern aus seinem Bekanntenkreis bedroht. Manchmal speiste er mit diesem und jenem Kollegen, der einen Vorwand suchte, um sich hin und wieder zeitweilig von seiner Familie zu entbinden, verbunden mit einer Zechtour. Garry konnte wohl recht gut mit sich allein auskommen; doch allein mit seiner Zeitung in einem halbleeren Restaurants zu sitzen, stimmte ihn trübselig. Sollte er Lilian zum Nachtessen einladen? Würde sie seine Einladung annehmen? War sie unabhängig? Gut, dass er sich zusammengerafft hatte. Sie liess sich von ihm einladen – übermorgen. Sie werde „den Laden“ früher schliessen.
Lilian konnte sich in der nahen Garage für den Abend einrichten und sie trafen sich, als ob es keinen anderen Treffpunkt gäbe, beim Ausgang der High Street Kensington Station. Nach kurzer Taxifahrt erreichten sie South Kensington. Er kannte das „Daquise“, das wohlbekannte, altmodische polnische Restaurant, dessen Speisezettel der kalten Jahreszeit angemessen war. Anfangs harzte sein Gespräch mit Lilian. Erst als die dicke Suppe vor ihnen dampfte, lockerte sich die Stimmung. Er stimmte in ihr helles Lachen ein. Als Blumenverkäuferin konnte sie ihm mit allerlei drolligen Geschichten aufwarten. Sie war Ratgeberin, welche Blumen zu welchem Anlass passten – etwa ein intimes Diner zu Zweit wie heute, spasste sie, oder … Lilian unterbrach sich, denn sie wollte Garry weder aufwiegeln noch verführen. Ganz und gar nicht. Sie fragte ihrerseits nach Geschichten aus seiner Anwaltspraxis. Garry winkte ab: „ Es geht dabei immer ums liebe Geld und darum, wer sich den grösseren Vermögensteil bei der Scheidung sichern kann. Alles leidliche Geschichten.“
„Besonders dann, wenn sich die Parteien einen Anwalt leisten können, was bei mir nicht der Fall gewesen war“, flocht Lilian ein. „Wir fanden den Rank einfach, weil es herzlich wenig zu teilen gab. Er durfte den Hund behalten, und ich den Karren.“ Wieder brach ihr helles Lachen durch.
Sie verabschiedeten sich kurz vor 11 Uhr. „Nein, ich brauche kein Taxi, solange die Metro fährt“, lehnte sie dankend ab. Und ehe sie ihn verliess, sagte sie: „Wenn es dazu kommt, liegt die nächste Einladung an mir.“
„Hoffentlich, ich hoffe es sehr“, versicherte er. „Immerhin weiss ich, dass ich dir kein Angebinde schenken sollte und ich mir etwas anderes einfallen lassen muss“.
Auf der Heimfahrt musste Garry verschmitzt schmunzeln, als er sich vorstellte … Aber soweit wollte er nicht vorgreifen.
Rund 10 Tage später winkte sie ihm zu, eben als er die Station verliess: „Wenn du gemeint hast, was du mir gesagt hast, lade ich dich diesmal ein, und zwar bei mir, schliesslich kann ich ganz gut kochen." Was konnte er anderes sagen: „Noch so gerne. Ich freue mich jetzt schon!“ Sie gab ihm ihre Adresse in Brixton, ein Quartier, das er ganz und gar nicht kannte. Das störte ihn keineswegs, ganz im Gegenteil. Garry war kein Snob mehr.
Dort erschien er mit einer guten Flasche Wein. Impulsiv hatte er ihr ausserdem als Geschenk einen alten Bronzeständer mitsamt Kerzen mitgebracht. Ob sie ihn als Antiquität würdigte oder nicht, war ihm einerlei. Ihre Wohnung, oberhalb eines türkischen „Take-Away“, war bescheiden, doch gemütlich eingerichtet. Ein altes Polstermöbel stand vor dem Gasfeuer. Der wuchtige Eichentisch nebenan war schon auseinader geklappt. Dort setzte er die Flasche und den Kerzenständer ab. „Wäre ich nicht Blumenhändlerin geworden, hätte ich wohl auf dem Portobello-Markt mit Antiquitäten gehandelt“, lachte sie. Bald flackerte die Kerze. Er entkorkte die Flasche.
Von der kleinen Küche her duftete es appetiterweckend. „Ein ‚Irish Stew‘, nach dem Avocado mit ‚prawns‘ (Garnelen) in Vinaigrette“, gab sie ihr Menu preis. Garry packte ein und fühlte sich wohl aufgehoben, besser als seit langem, denn mit Lilian gab es keinen langweiligen „small talk“ (Klatsch). „Wie kommt es, dass ein Anwalt mit einem Blumenmädchen zusammen sitzt?“ wollte sie wissen. Ihrem heiteren Unterton war ein harziger Ernst beigemischt. Verlegen rang er um Antwort und dann, plötzlich und unverhofft, fand er die richtige Antwort, entgegen der ausweichenden Art als Anwalt, und gestand ihr spontan: „Einfach weil ich mit dem künstlichen Getue rings um mich die Nase voll habe. Man kriegt kein ehrliches Wort zu hören; alles ist auf Schein ausgerichtet. Ich finde das bemühend.“ Sie nickte: „Das kann ich verstehen. Aber lasst uns fröhlich bleiben. Magst du Tom Jones?“ Der Abend verstrich, ohne dass es zu Zärtlichkeiten kam. Seine eingefleischte Scheu hielt ihn davor zurück. Auch die Angst, dass er es mit ihr verderben könnte. Sie mochte dann wohl denken: „Schon wieder so einer, der nur das von mir will.“ Alles zu seiner Zeit, wenn überhaupt.
Alles zu seiner Zeit, tatsächlich. Sie trafen sich regelmässig. Irgendwann einmal musste er den Mut aufbringen und unbeirrt seinen Gefühlen folgen, was auch immer die Leute hinter seinem Rücken munkeln mochten.
Ein gewisser Tag, der 14. Februar, rückte heran. Alles wollte Garry aufs Spiel setzen, um seine Valentine zu gewinnen. Lassen wir jetzt die Kulisse sanft fallen, wie sie seine Valentine wurde und niemand dagegen etwas ausrichten konnte. Eine bessere Blume hätte er nicht finden können.
Hinweis auf weitere Blogs über Valentine von Emil Baschnonga
14.02.2006: Der heilig gesprochene Valentin lässt Verliebte grüssen