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La Montagne
Nouvelle série. 5 me année. N " 1—12. 1909.
Die Monatsschrift des französischen Alpenclubs, welche vor nunmehr fünf Jahren an die Stelle des Annuaire getreten ist und zugleich die Aufgabe der früheren Bulletins übernommen hat, hat sich unter der kundigen Leitung des Herrn Maurice Paillon, des langjährigen Leiters der „ Revue alpine " und Mitredaktors an Joanne's Reisebüchern, so gut eingeführt, und ich habe von der Organisation der „ Montagne " und ihrem Nutzen schon so oft in diesem Jahrbuch Zeugnis gegeben, daß ich es mir wohl gestatten darf, diesmal aus ihrem Ruhmeskranz nur einzelne Blätter zur Besprechung herauszurupfen, die mich besonders reizen. Ich versage es mir zwar ungern, auf Artikel wie Paul Helbronners geodätische Arbeiten, F. Schraders Erinnerungen an Comte Henry Russel-Killough, den kürzlich verstorbenen Pyrenäenforscher, Mathilde Maige-Lefournier's Itinéraire commenté de la Meije oder Nicolas de Poggenpohls Reisen im Pamir näher einzutreten. Aber Ende Mai werden für ein Jahrbuch, das im Juni herauskommen soll, Raum und Zeit kostbar, und so muß ich mich begnügen, nur das hervorzuheben, was wir in „ La Montagne " 1909 über die Schweizeralpen und Chamonix finden. Es ist dessen genug. Da finden wir zunächst die historische Studie von Julien Bregeault: Goethe et les trois impératrices au Montenvers. Der Besuch Goethes, in Begleitung des Herzogs Karl August von Weimar ( bei Bregeault wird dieser antecipando schon 1779 grand-duc genannt ), und zweier Führer; der andere derselben „ déjà mur, faisant le capable, se vantant des relations qu'il avait eues avec les savants étrangers et connaissant fort bien la structure dees glaciers ", war unstreitig nicht Jacques Balmat, aber es ist für die Legendenbildung charakteristisch, daß M. Bregeault diese ganz törichte Vermutung äußert. Man bedenke, daß dieser Führer 1779 seit 28 Jahren Fremde auf diesen Gletscher geführt haben will, aber noch niemals in so später Jahreszeit, November, und daß Jacques Balmat 1762 geboren ist. Besser dokumentiert und besprochen wird der Besuch, den die Kaiserin Joséphine im August 1810, um sich von dem Kummer über die Scheidung von Napoleon zu erholen, mit 68 Führern als „ Comtesse d' Arberg " dem Montenvers und der Mer de Glace abstattete. M. Bregeault entnimmt die Details dieser Expedition, die dem allerdings nicht sehr gründlichen Historiographen der Familie Napoleons, Frédéric Masson, entgangen war, dem auch für die Balmat-Paccard-Frage lehrreichen „ Voyage à Genève et dans la Vallée de Chamonix en Savoie ", von Leschevin. Ich verweise den Leser, statt auf dieses oder ähnliche seltene Bücher, nunmehr auf die Auszüge in der „ Montagne ", pag. 136 — 138, wenn er z.B. lesen will, wie man es schon 1810 anstellte, um erlauchten Besuchen die Freude eines Originalfundes oder Ausgrabung zu bereiten. Ebenso verdienstlich ist der Abdruck einer zeitgenössischen Beschreibung des Besuches, den die Kaiserin Marie-Louise im Juli 1814, mit einem Gefolge von vier Personen unter dem Namen Duchesse de Colorno reisend, Chamonix abstattete, wobei sie mit ihrem Gefolge und 18 Führern'( ob der unter ihnen genannte Balmat der bekannte Heros ist, ist mir zweifelhaft ) die Mer de Glace besuchte und gerne bis zum „ Jardin " vorgedrungen wäre, von welch gefährlichem Unternehmen ihre Gesellschaft sie glücklich abbrachte. Über den Col de Balme, die Forclaz und Martigny kehrte die Kaiserin von einer Exkursion, welche „ ihre physische und moralische Gesundheit gekräftigt hatte ", nach Genf zurück. Nicht incognito, sondern mit kaiserlichem Pomp Besitz ergreifend von einer Domäne, welche per fas et nefas aus dem Besitz des Hauses Savoyen in den Frankreichs übergegangen war, hielten am 11. September 1860 ( dix ans, jour pour jour, avant Sedandie Majestäten Napoleon III. und Kaiserin Eugénie mit großem Gefolge bei Sallanches ihren Einzug in das Tal von Chamonix, dessen Hauptort sie am 2. September um 10 Uhr vormittags ( auch dies ist eine heure fatidique ) betraten. Die erlauchte Gesellschaft verlies Chamonix wieder am 4. September mittags nach einem festlichen Empfang und den üblichen Ausflügen auf den Glacier des Bossons und die Mer de Glace, wo die sehr zahlreiche Karawane von dem Photographen des Mont Blanc, M. Bisson, aufgenommen wurde. Leider ist die Aufnahme nicht erhältlich; in „ La Montagne " ist sie aber ersetzt durch vier köstliche Zeichnungen von M. A. Marc, einem der Teilnehmer, die samt dem Originalbericht des nämlichen aus der „ Illustration " vom 15. September 1860 reproduziert werden. Es ist sehr zu bedauern, daß es, wie aus dem Bericht von Mlle Mary Paillon hervorgeht, bisher unmöglich gewesen ist, das Album de Henriette d' Angeville, in welchem diese einen von dem berühmten „ Carnet vert " nur in der Redaktion abweichenden Text ihrer Besteigung und Beobachtungen ausgeschmückt hatte mit 49 Bleistift- und Sepia-zeichnungen und Aquarellen, welche nach ihren Croquis und unter ihrer Aufsicht von Genfern oder in Genf wirkenden Künstlern, wie Rochat, Hébert, Dubois, Deville u.a. ausgeführt worden waren, unter großen Kosten für die Auftraggeberin, und daß jetzt durch den Tod des letzten Grafen d' Angeville dafür vielleicht auch die letzte Aussicht geschwunden ist. Um so dankbarer müssen wir Mu® Paillon sein, daß sie durch immer neue Notizen das Bild dieser sympathischen Dame ergänzt und ihr Andenken aufrecht erhält. Das gleiche Heft ( Nr. 4 ) enthält in dem Artikel von C. G.A propos du Salon des Peintres de montagne ein sehr schönes Bild der Jungfrau von Baud-Bovy. In seiner Beurteilung desselben scheint C. G. anzunehmen, daß der im Vordergrund senkrecht auf die im Hintergrund breitgelagerte Jungfrau zulaufende Felsgrat ebenfalls diesem Gipfel angehöre. Es ist aber die Kette Männlichen—Tschuggen — Lauberhorn, von Norden nach Süden, im Profil gesehen, deren kräftig hervorgehobene Felsstruktur mit den verschwimmenden Firn- und Gletscherpartien der Jungfrau selbst einen wunderbaren Kontrast bildet. Streng genommen ist es aber nicht „ die Jungfrau ". In Nr. 6 beschreibt J. E. Kern „ Deux ascensions dans le groupe du Plan ". Es handelt sich dabei um die 2 me ascension de l' Aiguille centrale des Pèlerins ( 3318 Tr. V. ) und um den Col supérieur du Plan et Aiguille du Plan par la face ouest. Illustriert ist dieser Artikel, welchen man mit dem oben pag. 39 ff. abgedruckten des nämlichen Verfassers vergleichen mag, mit zwei Aufnahmen von Gebr. Wehrli und zwei von J. E. Kern, die alle dieser Gruppe angehören und sehr instruktiv sind. Der Artikel von Robert Perret: Ascensions dans les Alpes calcaires du Faucigny et du Valais, illustriert mit drei Schemata und drei vorzüglich aufgenommenen Vollbildern ( 1. La Tour Sallière, Dôme et Mont Ruan; 2. Avoudruz et glacier du Foilly; 3. Pointe méridionale d' Ayer ) ist ein Beweis dafür, daß die Franzosen anfangen, sich darauf zu besinnen, daß sie hier an ihrer Grenze zwischen Savoyen und dem Wallis ein Kalkgebirge besitzen, in dessen Erforschung ihnen Schweizer und neuestens auch Österreicher und Deutsche Bergsteiger längst zuvorgekommen sind, das aber immer noch Interesse genug bietet für einen gewandten Kletterer und — vielleicht ebensosehr — für einen altmodischen Naturfreund. Im nämlichen Heft Nr. 7 ist eine aus dem Jahre 1806 stammende Beschreibung des Chamonixtales abgedruckt, die der Herausgeber, Eugène Barre, einem Manuskript seines Urgroßvaters mütterlicher Seite, Dr. Lejeune, entnommen hat. Die Veröffentlichung dieses Dokumentes ist sehr verdankenswert. Die Bemerkung in der Einleitung freilich „ c' est certainement le premier document, encore publié, qui donne une nomenclature aussi complète des cimes de ce massif " beweist, daß M. Barre die bezügliche Literatur nicht beherrscht. Von den Observations von M. E. Fontaine zu dem Artikel: Deux ascensions dans le groupe du Plan habe ich schon oben, pag. 378, gesprochen. Die typographische und artistische Ausstattung der „ Montagne " ist tadellos und reich; sehr hübsch sind namentlich auch die immer wechselnden Umschlagbilder.Redaktion.
Bollettino della Società degli Alpinisti Tridentini. Rivista bimestrale. Anno VI, n08 1—6. Gennaio-Dicembre 1909.
Das von der Direktion der S. A. T. in Trento in Heften von durchgehend 24 Seiten ( letztes Jahr wurden Nummern 1 und 2 zu einem Heft von zusammen 36 Seiten vereinigt ) herausgegebene Bollettino steht unter der verantwortlichen Leitung von Prof. Mario Scotoni, aber es ist nicht sowohl diesem ebenso temperamentvollen wie kenntnisreichen Manne, als dem Zwang der Umstände und dem im Trentino herrschenden Geiste zuzuschreiben, wenn das Bollettino fortfährt, eine Kampfstellung gegen den D. & Ö.A.V., seine Hüttenbauten im Grenzgebiet zwischen Tirol und Trentino und seine auf eben dieses Gebiet gerichteten kartographischen und toponomastischen Publikationen einzunehmen, welche nicht als Früchte des Alpinismus, sondern als solche des Pangermanismus taxiert werden. Gewiß wird auch hier gelegentlich „ das Kind mit dem Bade ausgeschüttet ", und die Propaganda der Italia maggiore wird — aus guten Gründen — schweizerischen Lesern nicht sympathischer sein als die von Alldeutschland. Aber man gewinnt bei gewissen Vorkom-nissen doch den Eindruck, daß Prof. Scotoni und seine Freunde nicht nur politisch, sondern auch wissenschaftlich Recht haben, und gelegentlich auch Recht behalten. Ein Beispiel: Im ersten Heft kritisiert Dr. Stenico in ziemlich lebhaftem Tone die Namengebung auf der neuen Karte der Brentagruppe des D. & Ö.A.V. ( Stenico bedient sich selber der Buchstaben C. A. A. G.im vierten Hefte werden verschiedene Falschschreibungen oder unhaltbare Ladinismen in neueren deutschvolks-bundlichen Publikationen aufgedeckt und kritisiert von L. Cesarini Sforza und der Redaktion. Im 6. Hefte lesen wir nun in den Verhandlungen des Kongresses der S. A. T., daß der Vorsitzende im Falle war mitzuteilen, daß das k. k. militärgeographische Institut in Wien die Kritik Dr. Stenicos als berechtigt anerkannt und die Direktion der S. A. T. aufgefordert habe, allfällige Korrekturen der das Trentino betreffenden Namen in der neuen Generalstabskarte in 1: 75,000 anzubringen. Diese Streitigkeiten liegen uns räumlich etwas fern, aber sie haben doch eine prinzipielle Bedeutung. Auf das einfachste Auskunftsmittel, nämlich die Benennungen auf der Sprachgrenze zweisprachig zu gestalten, kann man deswegen nicht greifen, weil zwischen den deutschen und italienischen Prätensionen die arme ladinische Grundform hin- und hergezerrt und oft bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wird. Und da es sichtlich hüben und drüben an gutem Willen zu einer Einigung fehlt, so wird der oben erwähnte Wunsch nach einer internationalen Bereinigung dieser Grenzfragen im Trentino wenigstens wohl noch lange auf sich warten lassen. Erfreulicher als dieser den Alpinismus keineswegs fördernde Streit ist, daß sonst die S. A. T. in touristischer und wissenschaftlicher Arbeit vorankommt. In der ersteren Beziehung sind beschrieben: II Campanile Basso di Brenta, von Luigi Scotoni und Guido Lubich, echt sportlich klassifiziert als prima salita italiana senza guida; ferner Alti Valichi nel Caucaso, von Dott. Vittorio Ronchetti, mit 12 Illustrationen ( der nämliche vielseitige Bergsteiger hat mir Separatabzüge seiner Artikel in der Rivista mensile über Besteigungen des Piz Bernina über den Monte Scerscen, in den Alpen der Val Grosina, der Punta Gnifetti von Macugnaga, im Bollettino über eine Besteigung des Monte Rosa von Macugnaga aus, im „ Alpine Journal ", der „ Rivista " und einer Mailänder Zeitschrift über seine Touren im Kaukasus zugestellt, Zuwendungen, für welche ich auf diesem Wege dankend quittiere ). Im gleichen Heft lesen wir sul Dente del Gigante, von Ciro Finzi. Im 5. Heft: Traversata della Cima Tosa ( offizielle Tour nach dem Kongreß ), von Guido Maestranzi: Salita semi-invernale alla Cima Brenta, und sul Cop di Bre-guzzo, von Ungenannten. Im 6. Heft: Nelle Dolomiti Ampezzane, von Dr. Gino Marzani; verso il Cevedale, von F. Springhetti; la traversata del Sass Maor, von Francesco Lot und unter dem Doppelnecktitel Meda-glioni alpestri, il mio Monte eine Besteigung des Besso, von Salvatore Besso ( der Autor empfindet auf dem Gipfel, den er seines Homonyms wegen aufgesucht, Heimweh nach den Dolomiten und reist schleunig wieder dorthin ); al rifugio dei Dodici Apostoli per Val d' Ambiès, von Mario Vianini. Von größern wissenschaftlichen Artikeln ist neben einer Höhlenforschung in der Umgebung von Terlago besonders verdienstlich: Venticinque anni di osservazioni meteorologiche a Rovereto, von E. Cobelli und E. Malfatti. Dazu kommen noch in jedem Hefte kleinere Mitteilungen über Besteigungen, Unglücksfälle, Weg- und Hüttenverhältnisse und Vereinsnachrichten, so daß auch dieses Organ bei Erkundigungen über den Gang des Alpinismus speziell in den Ostalpen nicht ausser acht gelassen werden darf.
Bedalction.