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«Papier und Textilien sind eng miteinander verwandt und gehören geschichtlich zu den wichtigsten kulturellen Errungenschaften» meint Christina Leitner, Autorin des Buches «Papiertextilien». Kein Wunder, dass das Zürcher Museum Bellerive mit seiner Ausstellung «Pap(i)er Fashion», welche die Verwendung von Papier und papierähnlichem Material für die Herstellung von Kleidungsstücken sowohl in der Vergangenheit als auch in der aktuellen Mode zeigt, ein sehr brisantes Thema aufgegriffen hat. Nicht nur in ökologischer Hinsicht sind Kleidungsstücke aus Papier wieder «en vogue», sondern Papier erweist sich auch als ein äusserst kreatives Arbeitsmaterial, welches Modedesigner in der ganzen Welt inspiriert: Papier ist ein ideales Material für das Studium der Form als solche. Auch zum Experimentieren und Entwerfen ist es wegen seiner Festigkeit viel geeigneter als Textilien.
Realisiert wurde die Schau in Zusammenarbeit mit der ATOPOS Cultural Organization in Athen, welche die weltweit grösste Sammlung von mehr als 400 Papierkleidern der 1960er-Jahre sowie weitere Papierobjekte aus den verschiedensten Kulturen und Zeiten besitzt. Von dieser Sammlung zeigt das Museum Bellerive einen wesentlichen Teil.In China wurde erstmals 105 n. Chr. ein papierähnliches Material erwähnt, das sich aus Baumrinde, Hanf und Lumpen zusammensetzte. Erste Aufzeichnungen aus Korea und Japan über «Papier» datieren aus dem 7. und 8. Jh., während die europäischen Länder erst ab Ende des 13. Jh. folgten.
Meditationsmäntel aus Papier
In China und Japan wurden bereits früh Textilersatzstoffe wie Kamiko entwickelt, ein mit Stärkekleister gesättigtes Material, das durch mehrfaches Knittern und Ausstreichen geschmeidig gemacht wurde. Buddhistische Mönche verwendeten Kamiko für ihre Meditationsmäntel, von welchen einer auch im Bellerive zu sehen ist. Diese Mäntel wurden getragen, bis sie den Mönchen vom Körper fielen. Dann wurden sie verbrannt. Die Gedanken, welche die Mönche den Mänteln anvertraut hatten, wurden dadurch gereinigt.
Ab den 1960er-Jahren kam die Papierbekleidung in der westlichen Welt auf, als die Scott Paper Company erstmals ein Einwegpapierkleid auf den Markt brachte. Zuerst als Werbegag gedacht, entwickelte sich die Idee innert kürzester Zeit als Hype: Auf Partys und Bällen mussten die Damen ihr weisses Papierkleid selbst gestalten. Anders als bei den Mönchen wurden die Kleider jedoch, sobald sie herunterzufallen drohten, von den begleitenden Herren schleunigst mit Klebeband zusammengeflickt. Nebst seltenen japanischen und chinesischen und einer Vielzahl von Wegwerfkleidern aus den 1960er-Jahren zählen die Kreationen von 40 internationalen zeitgenössischen Designern zu den Höhepunkten der Schau. Es waren vor allem japanische Modedesigner, die aus der Tradition heraus wieder zum Papier als Arbeitsmaterial zurückfanden. Die Arbeiten von Robert Wilson, Ida Gut, Issey Miyake oder Martin Margiela legen jedoch auch heute noch Zeugnis ab von den faszinierenden Facetten dieses uralten Werkstoffs.