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196 S. – 22,0 x 16,0 cm
Preis Fr. 40.- Eur 35.-
3. Auflage, ISBN 978-3-907230-00-8
Kapitel 1, Einleitung
von Josef Estermann
Die Entwicklung der Epidemie des kompulsiven Gebrauchs von Heroin und Kokain in der Schweiz seit den späten sechziger Jahren bekam seit Mitte der achtziger Jahre gesundheitspolitische Bedeutung, als das AIDS verursachende Virus (HIV) sich unter den injizierenden Drogenkonsumierenden fulminant verbreitete. Damit gewannen epidemiologische Fragestellungen nach Prävalenz, Inzidenz, Remission und Mortalität an Gewicht. Im Zusammenhang mit der Ausbreitung von HIV, aber auch der Hepatitisviren HAV, HBV und HCV interessierte zunehmend, wie viele Personen welchen Alters und Geschlechts Heroin und Kokain konsumierten, wie häufig intravenöser Konsum stattfand, wann sie mit dem Konsum begannen und unter welchen Bedingungen sie den Konsum einstellten.
Dass diese Gruppe von Konsumierenden nun als Träger einer tödlichen Gefahr für die Allgemeinheit erschien, hatte zur Folge, dass in der Drogenpolitik der Schweiz ein gesundheitspolitischer Primat vorübergehend den Vorrang erhielt vor der repressiven Verfolgung der Konsumierenden. Die sozialen Bedingungen und die Gesundheit der Konsumierenden sollte verbessert werden, um eigen- und fremd gefährdendes, gesundheitsschädigendes Verhalten zu vermeiden.
Anfang der neunzehnhundert neunziger Jahre schien jedoch die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung durch diese politische Linie gefährdet. Das Ziel, die Zahl der Konsumierenden durch repressive Massnahmen deutlich zu senken, erhielt für Behörden und Politiker erneut Priorität. Mitte der neunzehnhundert neunziger Jahre konnte festgestellt werden, dass die Anstrengungen der Polizei ohne nachweisliche Effekte auf die Zahl der Neueinsteiger bleiben.
Die in dieser Untersuchung vorgenommene Gruppengrössenschätzung der Population der Heroin und Kokain konsumierender Personen zu verschiedenen Zeitpunkten und deren Typisierung bildet zudem eine Grundlage zur Einschätzung der Entwicklung der HIV/AIDS- und Hepatitis-Epidemien in der Schweiz. Darüber hinaus bietet sie die Möglichkeit zur Beurteilung unterschiedlicher drogenpolitischer Massnahmen in ihren Auswirkungen auf die Zahl konsumierender Personen und gibt Anhaltspunkte zur Belastung des Repressionsapparates und der sozialtherapeutischen und medizinischen Bereiche durch Drogenkonsumierende. Ergänzend werden Erkenntnisse gesammelt und über sozial integrierte Heroin und Kokain konsumierende Personen, die für gesellschaftspolitische Massnahmen keinen besonderen Anlass bieten. Biografien, die ohne Kontakte mit dem Repressionsapparat bleiben, haben eine günstige Prognose.
Aus heutiger Perspektive wird vollkommen klar, dass der gesundheitspolitische Primat, welcher in der Schweiz gesetzt wurde, zu einem Rückgang der Fallzahlen des sozial problematischen Konsums, der HIV-Infektionen und der sozialen Verelendung geführt hat, ein Ergebnis, welches sich unter dem repressiven Primat nie eingestellt hätte.
Das Kapitel 2 zeigt die Hintergründe und Methodologie der vorliegenden Untersuchung und gibt Aufschluß über die verschiedenen Typen von Drogenkonsumierenden sowie über die Bedeutung der Interventionen der Repressions-, Gesundheits- und Sozialbehörden.
Das Kapitel 3 stützt sich auf qualitative biographische Interviews mit Drogenkonsumierenden und beschreibt die Bedeutung der für die Konsumkarriere zentralen Merkmale. Es zeigt sich, welche Faktoren protektiv sind, das heißt einen gesellschaftlich integrierten Konsum harter Drogen ermöglichen.
Im Kapitel 4 finden sich die quantitativen epidemiologischen Analysen. Sie geben Auskunft über den Umfang der Gruppe der Heroin- oder Kokainkonsumierenden. Der erste Teil zeigt die methodischen Aspekte und ist für theoretisch interessierte Leser geschrieben. Die folgenden Teile referieren die Resultate für geschlossene Populationen und für die Abschätzung der Dynamik des Zu- und Abgangs. Ein besonderes Gewicht wird der erhöhten Sterblichkeit und der Spontanremission beigemessen.
Das Kapitel 5 bringt eine Zusammenfassung der Resultate, entwirft Perspektiven und Vorschläge zur weiteren Ausgestaltung der Drogendiskussion.
Herzlichen Dank für Anregungen und Kommentare an Claudia Honegger, emeritierte Professorin für Soziologie an der Universität Bern und an Horst Skarabis, emeritierter Professor für Methodenlehre am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Dank für ihre Bemühungen um die Finanzierung des Forschungsprojektes «Gruppengrößenschätzung», auf das sich die vorliegende Publikation unter anderem stützt, gebührt Margret Rihs-Middel, Dr. phil., Schweizer Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG). Ganz besonderen Dank an Simone Rônez für ihre unverzichtbare Hilfe bei der Datenaufbereitung am Bundesamt für Statistik (BFS) und an George Muriset (BFS) für seine Hilfe bei der Gestaltung der Grafiken. Ohne die Ressourcen, die das Bundesamt für Statistik in Bern zur Verfügung gestellt hat, wäre diese Arbeit in ihrem Umfang nicht möglich gewesen. Hier ist die Zählmarke der ProLitteris.