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Die Vorstellung vom Wirtschaftszyklus ist tief verankert im historischen Denken. Doch in der Wissenschaft kommt das Modell kaum vor. Sitzen wir einer falschen Idee auf?
Die Vorstellung, wonach das Weltgeschehen in Zyklen verläuft, reicht weit in die Vergangenheit zurück. Auf den Sommer folgt der Winter, auf den Winter der Sommer - nach sieben fetten Jahren kommen sieben magere Jahre. Im Lauf der Geschichte festigte sich die Idee wiederkehrender Zyklen. Abwechselnde Konjunktur-Booms und Krisen waren über weite Strecken des 19. und 20. Jahrhunderts fester Bestandteil der industriellen Wirtschaftswelt.
Erstaunlicherweise kommt die Kreisbewegung in den Wirtschaftswissenschaften kaum vor. Eine der wichtigsten Theorien, auf der moderne Rechenmodelle aufbauen, nennt sich zwar «Theorie realer Konjunkturzyklen». Allerdings anerkennt diese Theorie die Existenz von tiefgreifenden Wellenbewegungen gerade nicht: Konjunkturschwankungen werden als Folge von «realen» Veränderungen verstanden, etwa bei der Technologie oder der Verfügbarkeit von Rohstoffen.
Schock statt Zyklus
So steht im Herzen der modernen Makroökonomie nicht die Idee des Zyklus, sondern jene des «Schocks». Dabei gehen Volkswirte von der Existenz eines Gleichgewichts aus und kalkulieren, wie stark ein bestimmter Schock – zum Beispiel eine unerwartete Änderung der Geldpolitik - auf die Konjunktur einwirkt, bevor diese wieder zur Balance findet. Die Idee, wonach die Wirtschaft pendelartig von einem Extrem ins andere schwingt, wird von der Akademie bestenfalls als gut gemeintes Astrologengeschwätz abgetan. Dominant bleibt die verbreitete Ansicht der neunziger und nuller Jahre, wonach die Ära der Konjunkturzyklen historisch überwunden sei.
Das ist bemerkenswert. Zumal die Idee, dass sich Expansionen und Rezessionen zwangsläufig abwechseln, tief in der Wirtschaftssprache verankert ist. Die amerikanische Wirtschaft sei im Zyklus bereits weit fortgeschritten, heisst es etwa: Somit sei es nur eine Frage der Zeit, bis die US-Notenbank die Zügel anziehe. Oder, nach einer anderen Ansicht, von einer Straffung gerade deshalb absehe, weil die Konjunktur ihren Zenit im Grunde schon überschritten habe. In Europa sei der Zyklus in einem früheren Stadium, war zuletzt auch zu hören: Nach den Zerwürfnissen der Euro-Krise sei auf dem Alten Kontinent deshalb mit anhaltendem Aufschwung zu rechnen.
Zyklus macht Aussergewöhnliches sichtbar
Was stimmt? Leben wir in einer Welt der Schocks oder in einer Welt der Zyklen? Beantworten lässt sich die Frage nicht. Als Heuristik taugt der Zyklus aber allemal. Er erinnert uns daran, dass die Jahre 2009 bis 2014 auf dem Immobilienmarkt aussergewöhnlich waren. Die schweizweiten Bauinvestitionen schnellten in dieser Zeit um rund 5 Prozent pro Jahr in die Höhe. Auch der Privatkonsum verlief in den frühen zehner Jahren robust, was viele Beobachter überrascht hat. Ebenso wenig überraschend wäre vor diesem Hintergrund, wenn das Wirtschaftswachstum in nächster Zeit moderater ausfallen würde. Sich den Zyklus in Erinnerung zu rufen, ist nie ganz falsch.