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J’ACCUSE
Alexandre Desplat, Warner Classics
Die Affäre Dreyfus, die sich Ende des 19. Jahrhunderts abspielte, wurde hier von Roman Polański verfilmt. Die Zusammenarbeit Polanski/Desplat begann 2012 mit dem Kurzfilm GHOST WRITER (2010). J’ACCUSE ist der fünfte Kinofilm des Duos und hoffentlich nicht der letzte des inzwischen 87 Jahre alten polnischen Regisseurs. Die Musik beginnt dramatisch mit einem heftigen Rhythmus für Timpani, Pauke und Bässe und einem einfachen Motiv gespielt von den Celli («J’accuse»), das schliesslich in den Hauptteil übergeht, ehe Desplat gegen Ende des Tracks die Dramatik abermals anzieht. Als weitere Merkmale sind das elektronisch dominierte «Contre-Enquête» und das schwermütige, melancholische Hauptthema «Alfred Dreyfus» zu nennen. Geschrieben ist die Musik für ein kleines Ensemble aus Celli, Bässen, Holzbläsern, 2 Perkussionisten und einer Blechbläserabteilung mit 4 Posaunen, 4 Hörnern, 1 Trompete und 1 Tuba geschrieben. Nebst Desplats Score (37 Minuten) ist eine Komposition von Gabriel Fauré enthalten, das in zwei Variationen enthalten ist. Diese beiden Stücke reissen einen denn auch etwas aus dem Hörfluss, den Desplat mit seinen ersten sechs Stücken aufgebaut hat. Allerdings, das darf man sicher behaupten, frischen sie die düstere Stimmung auch etwas auf.
Phil
ANGEL HAS FALLEN
David Buckley, Milan
Beim dritten Teil der „…HAS FALLEN“-Serie haben die Macher versucht aus den Fehlern der Vorgänger zu lernen. Insgesamt nimmt sich der Streifen nicht mehr ganz so ernst wie OLYMPUS HAS FALLEN mit seinem übertriebenen Pathos. Neben allerlei Action-Gelage gewährt die Geschichte auch den ein oder anderen Blick in Bannings Familienleben. Witzig: Überraschungsgast Nick Nolte mimt einen urigen Waldschrat und ist zugleich Bannings Vater. Gegen Ende raufen sich beide zusammen und sorgen für einen unerwarteten Showdown. Das plötzliche Auftauchen von Nolte dürfte so manchen Filmliebhaber zum Schmunzeln gebracht haben. Soweit so nett.
Die Musik zum Action-Spektakel ist allerdings auf der Strecke geblieben. Trevor Morris hatte an nicht weniger als drei TV-Serien zu arbeiten und so verpflichtete man David Buckley. Seiner Arbeit fehlt es an Kohärenz und Personalstil. Uninspiriert schrammelt sich das Scoring durch den Film. Die Musik wirkt zögerlich und unsicher. Für einen etwaigen vierten Teil sollte wieder Morris in die Tasten hauen. Bei Bedarf einfach die Musik zum ersten Teil hören.
Oliver
SCOOB!
Tom Holkenborg, Watertower Music
Seit 1969 jagen der sprechende Hund Scooby-Doo und seine Mystery Inc.-Freunde – Shaggy, Fred, Velma und Daphne – Verbrechern, Ganoven und Geistern hinterher. 2020 hätte mit SCOOB! der dritte Kinofilm erscheinen sollen – neben den Kinofilmen gibt es dutzende TV- und Video-Produktionen hiervon. Doch der Animations-Streifen von Regisseur Tony Cervone endete Corona-bedingt in der Streaming-Ecke. SCOOB! erzählt davon, wie der junge Shaggy den Strassenhund-Welpen Scooby-Doo findet und wie die beiden Fred, Velma und Daphne kennenlernen – und natürlich dann auch von ihren ersten Abenteuern. SCOOB! ist also ein Prequel, wenn auch erstmals als Animationsfilm. Die Filmmusik stammt von Tom Holkenborg (auch bekannt als Junkie XL) und dieser präsentiert hier eine regelrechte Stilorgie. Beinahe jedes Stück scheint von anderem Schlag zu sein – Synthi, Hip-Hop, Surf-Rock, Funk, Jazz, Michey-Mousing, Imitationen klassischer Kompositionen, Herrmann-esque Theremin-Klänge und abschliessend über-epische Orchester- und Chormusik… Dieser Facettenreichtum zerfällt hier ins Chaos, nicht zuletzt, weil auch keine markante thematische Idee sich als roter Faden durch die Musik zieht. Überspitzt gesagt, klingt hier für mich jedes Stück nach einer Musik für einen anderen Film und dies erachte ich im Ergebnis als nervenaufreibend, selbst bei verhältnismässig kurzer Laufzeit (48 Minuten). Daher kann ich dieser ansonsten vielgerühmten Arbeit von Holkenborg wenig abgewinnen.
Basil
TWO MULES FOR SISTER SARA
Ennio Morricone, La-La Land Records
Nach Ausflügen in den Spaghettiwestern kehrte Clint Eastwood für Don Siegels TWO MULES FOR SISTER SARA in den amerikanischen Staub und Sand zurück. Hier trifft er, der raubeinige Revolverheld auf Shirley MacLaine als Ordensschwester – ein ungleiches Paar und sogleich eine Art Buddy-Movie ergebend, durchaus unterhaltsam gemacht. Mit im Gepäck aus Europa hatte Eastwood Ennio Morricone, der für mächtig Aufruhr im neuen Genre sorgte und zwei Jahre zuvor Sergio Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST vertonte.
Morricones Musik enthält die von ihm erwarteten Ingredienzen («Main Title» – Film Version) mit (verstimmter) Gitarre, Blockflöte, einem kurzen 3-Notenmotiv, das entweder von Querflöten, einem Analogsynthieklang und Piccolo, der Blockflöte oder Streichern gespielt wird. Auffällig, aber logisch, ist ein Gesang, der sofort mit der Nonne Sara identifiziert werden kann (Ordensgesang, könnte man sagen) – über die ganze Länger der CD ist diese Idee aber gleichzeitig der Schwachpunkt, da Morricone sie zu wenig variantenreich ausführt. Flotte Actionmusik («The Battle») bereichert den Score immerhin wieder und das Titelmotiv hat schon was für sich.
La-La Land Records hat es sich nicht nehmen lassen nebst dem Original Soundtrack eine um 25 Minuten verlängerte Film Score Version mit bisher nicht veröffentlichten Tracks auf die CD zu brennen.
Phil
SPENSER CONFIDENTIAL
Steve Jablonsky, BMG/Netflix
Für SPENSER CONFIDENTIAL haben Regisseur Peter Berg und Mark Wahlberg zum Fünften Mal zusammengefunden. Herausgekommen ist ein mittelmäßiges, allzu routiniertes Action-Comedy-Drama-Vehikel, welches man schnell wieder vergisst.
Zur Musik: Da sich Jablonskys abgerockte Gitarrenriffs erst am Ende des Soundtracks Gehör verschaffen – nämlich im langweiligen „Spenser´s Theme“ – findet man recht schnell zum Highlight der Komposition: „Tracksuit Charley“. Feinster Horror-Suspense der überhaupt nicht zur Handlung passt, aber losgelöst vom Film Freude bereitet. Hinzu gesellt sich ein spartanischer Rhythmus im John Carpernter Stil (THE THING) und schon ist dieser Cue qualifiziert, öfter gehört zu werden – ähnlich fällt auch „Let´s go“ aus.
Ansonsten handelt es sich bei vorliegender Musik um einen atmosphärischen Klangteppich, der nicht sonderlich viel hergibt. Aber Jogginghosen Charley reißt es raus. Deshalb gibt’s noch eine (ehrlich gemeinte) halbe Scheibe obendrauf.
Oliver
UNHINGED
David Buckley, Sol B Music
Im Psychothriller UNHINGED (2020) von Regisseur Derrick Borte dreht Russell Crowe komplett durch. Parallelen zu FALLING DOWN (1993) von Regisseur Joel Schumacher sind zwar vorhanden, beschränken sich aber auf die Tatsache, dass der Hauptdarsteller in eine Gewaltspirale gerät. FALLING DOWN ist jedoch deshalb besser, weil man für Michael Douglas’ Figur immer mal wieder Sympathien übrig hat und Schumacher das Drama zu Beginn an Kleinigkeiten im Alltag entzünden lässt – da schwingt stellenweise sogar Tragikomik mit. Crowe indes ist eine wortwörtliche Dampfwalze und UNHINGED ein lauter Brutalofilm, mehr nicht. Ich wage sogar zu behaupten, dass UNHINGED dahingehend von der Corona-Krise profitiert hat, da seine Kinoveröffentlichung vom September auf den Juli 2020 vorgezogen wurde, womit er der erste «Post-Corona Hollywood»-Release allein auf weiter Kinoflur war – ein Marketing-Stunt.
Die Filmmusik stammt von Komponist David Buckley. Dieser wartet mit einem überwiegend brodelnden, aggressiven Elektro-Score auf – allenfalls Corona-geschuldet. Das passt zum Film, vermag abseits der Bilder aber nicht zu unterhalten. Stücke wie «Rage and Fury» und «Violence and Retribution» machen ihrem Namen alle Ehre – klingt nach Beltrami/Gregson-Williams-Dissonanzen auf Synthi-Steroide. Dagegen sind die eröffnenden, melancholischen Klavierklänge trotz ihrer Austauschbarkeit eine Wohltat. Neben dem Buckley-Score gibt es noch eine Cover-Version des Blue Öyster Cult-Songs «(Don’t Fear) The Reaper» aus dem Jahr 1976. Der Song in dieser 2019er-Version wird vom griechischen Chillwave-Duo «Keep Shelly In Athens» in 80s-Manier vorgetragen. Die Boomerang-Cover-Version des Nirvana-Songs «Heart-Shaped Box» aus dem Trailer hätte da irgendwie besser gepasst. UNHINGED kann man knicken – als Film und als Soundtrack-Album.
Basil
REMO WILLIAMS: THE ADVENTURE BEGINS
Craig Safan, NoteforNote Music
Hierbei handelt es sich beinahe um eine Wiederauflage des 2011er Intrada und des 2006er Perseverance Albums zum Filmflop von Bond-Regisseur Guy Hamilton mit Fred Ward. NoteforNote schmückt die CD mit dem Zusatz «For the first time ever, sourced directly from the original analog master tapes». Wenn das ein gewichtiger Kaufgrund ist (der Klang ist knackig und frisch, das darf man schon sagen), das Booklet ist es sicher nicht: Es besteht aus einer Übersicht der Credits, fertig. Besitzt man also eines der beiden anderen Alben, braucht man diese 35th Anniversary Neuauflage nicht unbedingt.
Musikalisch bleibt alles beim Alten, Safans Score ist eine locker-flockige 80er Musik, ausgestattet mit einer Fanfare für Remo Williams, à la THE LAST STARFIGHTER, inklusive der damals aufkommenden Synthesizer, E-Drums und einigem an asiatischen Klängen (Williams’ Ausbilder ist chinesischen (?) Ursprungs und wurde ebenfalls mit einem Motiv bedacht). Über die ganze Länge der CD gesehen, hält Safans Musik zwar nicht durch – es sei dahingestellt, ob das am eher dürftigen Film gelegen hat – Spass macht der Ausflug back to the 80s aber allemal. Zur geplanten Fortsetzung kam es nicht und auch die vorgesehene TV-Serie kippte.
Phil
GREYHOUND
Blake Neely, Lakeshore Records
Captain Krause führt eine Armada Kriegsschiffe über den Atlantik.. Diese müssen sich über Wasser halten bis Luftunterstützung eintrifft. Klingt erst einmal viel zu einfach für einen packenden Film, aber der Trick besteht darin, dass der Zuschauer sich mit Krause identifizieren kann und den Zuschauer unweigerlich in seinen Bann zieht. Der Film funktioniert prächtig. Wie aber ist es um die Musik bestellt, losgelöst vom Film?
Das GREYHOUND-Thema zeigt sich erst am Schluss: „But At What Cost“ beruhigt den Zuschauer, aber die vermeintliche Siegesmusik ist viel zu nachdenklich und traurig. Patriotismus und Heldentum werden so konterkariert. Spätestens dann wird klar, dass GREYHOUND ein Anti-Kriegsfilm ist. Bis zu diesem Ende darf man sich als Zuschauer respektive Zuhörer dabei erwischen, wie man Captain Krauses angespanntes Gesicht nachahmt. Unterstützt wird man dabei von gediegenem Orchester- und Synthesizer-Suspense. Zwischendrin aufpolterndes Schlagwerk beendet endlos andauernde Fermaten, oder charakterisieren die Maschinerie der Greyhoud. Die Sounds aus dem Synthesizer sorgen subtil für befremdliche Atmosphäre. WennWalgesang und Sonargeräusche miteinander verschwimmen, steht das symbolisch für Wunschdenken, Irritation und Wahnsinn.
Beim Anschauen des Filmes fällt die Musik selten auf, aber losgelöst vom Film staunt man nicht schlecht über Neelys souveräne Arbeit. Der Komponist zitiert keine anderen Vertonungen oder eifert Kollegen nach. Bei diesem Punkt möchte ich bitten, nicht desillusioniert werden.
Spannend und handwerklich klasse gemacht. Film und Score gehören zu den Highlights in 2020. Das Album hat Überlänge und hätte bei 77 Minuten Spieldauer straffer ausfallen dürfen.
Oliver
12.8.2020