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„Ich nehme die Sauerstoffflasche und gehe in die Cafeteria“
So wie es Maria Dubacher gelungen ist, möchte auch ich dem sicheren Lebensende begegnen können. Da stand sie im Zimmer in der Palliativabteilung im Eichhof und empfing uns zum Gespräch, am Boden zieht der Schlauch seine Kreise, der sie mit dem Sauerstofftank verbindet. Ein Tumor auf der Lunge schränkt das Atmen ein. Die Lebenserwartung? „Zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre.“ Maria Dubacher zählt es auf, ruhig, ohne Hader. Das ist das Eindrückliche: ihre Gelassenheit! „Ich habe meine Träume gelebt“, sagte sie am Ende des einstündigen Gesprächs. Am 8. Dezember ist sie gestorben. Jetzt hat ihr Warten eine Ende gefunden.
Maria Dubacher war bis vor etwa einem Monat Mitglied des Ausschusses des Forums Luzern 60plus. Das war die Basis für dieses Porträtgespräch, zu dem sie ihr Einverständnis gab.
Geboren als die Bomber kamen
1941 ist sie in der damaligen Tschechoslowakei geboren. „Die Bomber waren am Himmel“, erzählt sie. Ihre Mutter war Sudetendeutsche, der Vater Österreicher. 1945, als die Allierten einmarschierten, wurden alle Leute nach ihrem Pass den entsprechenden Ländern zugeteilt. Die Mutter hatte einen österreichischen Pass. Sie erhielt die Anweisung, sich mit 50 Kilogramm Gepäck auf einem Sammelplatz einzufinden. Sie war 24, hatte drei Kinder und war mit einem vierten schwanger. Der Vater war in Kriegsgefangenschaft, niemand wusste wo. „Wir wurden dann von dem Amerikanern mit Lastwagen nach Österreich in ein Flüchtlingslager überführt. Im November tauchte der Vater auf. Wenig später erhielt er als Schneider, sein Beruf, eine Stelle in Kärnten. Wir zogen dann in ein Dorf in der Nähe von Villach. In einem alten Steinhaus mit vier Zimmern und einer Speisekamer lebten zwei Familien. Jedes Jahr kam ein Kind auf die Welt. Ich war die Älteste von elf Kindern. Wir waren zehn Mädchen und ein Knabe.“
Von Wien nach Andermatt
Maria Dubacher erzählt: „Ich wollte in Wien ein Studium beginnen, hatte auch ein Stipendium dafür. Mein Vater jedoch war nicht einverstanden, Mädchen müssten nicht studieren, meinte er.“ In der Folge machte Maria Dubacher zu Hause den Haushalt. „Ich verweigerte mich jedoch für andere Arbeiten.“ Durch Vermittlung über die Caritas kam Maria Dubacher zu einer älteren, ledigen Frau nach Andermatt, wo sie für Kost und Logis in einem Laden mithelfen konnte. „Ich fühlte mich wie im Himmel. Kein Hunger mehr, wie unter der Besatzungszeit in Österreich, ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett.“ Nach einem erfolglosen Versuch, zu Hause wieder Fuss zu fassen, kehrte Maria Dubacher endgültig in die Schweiz zurück, zuerst als Kindermädchen in Hertenstein, später als Verkäuferin und Einkäuferin in einem bekannten Sportgeschäft in Andermatt, wo sie schnell viel Verantwortung erhielt. In diese Zeit fiel mit 22 Jahren die Heirat mit einem Schweizer in Andermatt. Maria Dubacher gab die Arbeit auf. „Mein Mann wollte das Essen um 12 Uhr auf dem Tisch. Das sei so üblich in Andermatt, sagte er. Dann kam das erste Kind. Mein Mann wollte sich als Elektromonteur weiterbilden, wir zogen nach Luzern.“ Seit 1965 lebt Maria Dubacher in dieser Region, mit vielen Umzügen. 1967 kam der zweite Sohn, zwei Jahre später die Tochter. In der Ehe lief dann nicht mehr alles rund. Maria Dubacher: „Wir haben uns auseinandergelebt. 1985 folgte die Scheidung, ohne Streit. Das war eine gute Entscheidung.“
Im Schönbühlquartier lernte Maria Dubacher eine Sozialarbeiterschülerin kennen, die beabsichtigte, mit Geistigbehinderten von Hohenrain etwas anderes als Bastelarbeiten zu machen. Zusammen mit Frauen und Männern aus dem Quartier bauten sie dann einen Freizeitzirkus für Geistigbehinderte auf. Er existiert heute noch. Maria wirkte damals im Vorstand von „Schule und Elternhaus“ mit. Nach einer dreijährigen Ausbildung als Elternkursleiterin in Zürich begann sie als Kursleiterin im Kanton Luzern.
Mit Drogenabhängigen auf hoher See
In dieser Zeit entwickelte sich das Engagement von Maria Dubacher in eine neue Richtung. Die Ausserhofmatt in Schachen, das Therapiezentrum für Drogenabhängige, suchte eine Person, welche mit jenen jungen Frauen und Männern, welche die Therapie verlassen konnten, Ablösegespräche führen konnte. Auf Grund der grossen Erfahrung in der Arbeit mit Eltern, wurde Maria Dubacher auf Empfehlung von Fred Bernet vom Schulpsychologischen Dienst für diese Aufgabe engagiert. Im Verlauf dieser Tätigkeit erinnerte sich Maria an einen eigenen Wunsch aus der Jugendzeit: „Ich wollte damals zur See fahren.“ Kurz darauf meldete sie sich in den Ferien für einen Segelkurs im damaligen Jugoslawien und bestand die theoretische und praktische Abschlussprüfung. „Zurück in der Schweiz habe ich mich im Übermut beim „Verein Plus“ in Zürich als Betreuerin von Drogenabhängigen auf einem Segelschiff beworben. Ich erhielt eine Zusage und fuhr anschliessend während acht Monaten mit Jugendlichen auf der Tectonia, einem Segelschiff von 21 Meter Länge auf dem Atlantik. Zuerst arbeiteten wir während drei Monaten in einer Werft in Portugal und segelten anschliessend fünf Monate auf hoher See. Wir segelten von Portugal auf die Azoren und zurück nach Italien.“ Die Jugendlichen hatten einen schnellen Drogenentzug hinter sich und waren zu einer Massnahme verurteilt.
Zurück in der Schweiz sei es nicht einfach gewesen, wieder Boden unter den Füssen zu bekommen, erinnert sich Maria Dubacher. In dieser Zeit war die Teamleitung der Notschlafstelle in Luzern ausgeschrieben. Sie bewarb sich, obwohl man eigentlich einen Mann als Leiter gesucht hatte. Sechs Wochen später erhielt sie die Zusage. Sie hätten niemand Besseren gefunden, war die Begründung. Während siebeneinhalb Jahren, von 1989 bis 1996, wirkte Maria Dubacher in dieser anspruchsvollen Aufgabe.
Suchttherapie – Notwohnungen – Segeln über den Atlantik
Genau hier, also im Umfeld des 50. Geburtstages, kommt Maria Dubacher zum ersten Mal auf das Wort Ausbildung zu reden. „Ich absolvierte damals eine dreijährige Ausbildung als Suchttherapeutin, dazu eine halbjährige Ausbildung als Praktikumsleiterin für die Sozialarbeiterschule.“ Während dieser Zeit half Maria mit beim Aufbau von Notwohnungen. Ab 1996 arbeitete sie halbtags bei der Schutzaufsicht im kantonalen Justizdepartement unter Paul Huber. Diese Stelle begleitet verurteilte Straftäter im Gefängnis und nach ihrer Entlassung.
Anschliessend trat Maria Dubacher eine Hundertprozentstelle im „Phoenix“, einem Haus für Psychischkranke in Schwyz an. Dort wurde ein Wohnheim mit zwanzig Plätzen eingerichtet. Maria Dubacher übernahm nach einem Gespräch mit dem Chef die stellvertretende Leitung. Es ging noch fünf Jahre bis zu ihrer Pensionierung.
2006 verwirklichte Maria Dubacher einen ihrer Träume. Sie wollte einmal über den Atlantik segeln. Drei Frauen waren schliesslich 19 Tage in einem 12 Meter langen Segelboot unterwegs, von St. Martens über die Karibik zu den Azoren. Nach zwei Jahren zurück in Luzern begann ihre Mitarbeit im Vorstand des Quartiervereins Reussbühl. Und 2013 dann tauchte Maria im Ausschuss von Luzern60plus auf. – Es besteht kein Zweifel: Ohne die schwere Erkrankung wäre die ausgesprochen bewegte und vielseitige Lebensgeschichte von Maria Dubacher noch um diese oder jene Episode reicher geworden.
Mit der Kurzatmigkeit fing es an
Wie und wann spürte Maria Dubacher die ersten Zeichen der Krankheit? „Vieles waren Zeichen des Alterns, wie ich glaubte. Ich spürte die Kurzatmigkeit, liess die Bergtouren sein. Das war vor sechs bis sieben Jahren. Damals hörte ich mit dem Rauchen auf. 2009 sind Anorismen festgestellt worden. Das sind erweiterte Adern, die platzen können. Ich erhielt einen sogenannten Stunt eingesetzt. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich vom Spital jedes Jahr zur Computer-Tomografie aufgeboten.“
Im letzten Dezember nahmen Schmerzen im Rücken zu. Die Hausärztin tippte auf Zeichen von Rheuma, weil in den CT-Aufnahmen nichts anderes festgestellt worden ist. Am 18. Februar war die Computer-Tomografie fällig. Am 2. März, einen Tag vor dem 75.Geburtstag, erhielt Maria Dubacher vom Spital die Aufforderung zu einer dringenden Sprechstunde. Bei diesem Besuch wurde ihr eröffnet, sie hätte einen Tumor auf der Lunge. Irgendwelche Therapien seien nicht mehr möglich. Keine Operation, Chemotherapie wenig ratsam. Der Pneumologe stellte fest, auf den CT-Bildern sei der Tumor schon vor fünf Jahren als kleiner Punkt sichtbar gewesen. Ein wirksamer Eingriff wäre schon damals nicht möglich gewesen. Maria Dubacher: „Ich wusste also fünf Jahre nichts von meinem Lungenkrebs. Und das war gut so.“ Gibt es heute Gedanken, dass sie früher noch andere Möglichkeiten hätte prüfen müssen? „Nein, das gibt es nicht. Meine Mutter, meine Schwester und mein Onkel sind an Lungenkrebs gestorben. Und ich wollte keine Operation, keine Chemo. Solange ich leben kann, soll es noch eine gewisse Qualität haben. Ein Spitalaufenthalt nach dem anderen hätte ich nicht wollen.“
„So also erstickt man“
Am 13. September war die nächste Kontrolle angesagt. Der Tumor war wieder deutlich grösser. Man erwog eine Bestrahlung, um mögliche Schmerzen zu lindern. „Eine Woche später erwachte ich in heftiger Atemnot. So also erstickt man, war mein erster Gedanke.“ Das war in der Nacht von Freitag auf Samstag, kein Arzt ansprechbar. „Am Samstag erreichte ich meine Hausärztin, die notfallmässig den Transport ins Spital organsierte, wo ich sofort Sauerstoff erhielt. Es wurde schnell klar, dass ich ohne Sauerstoffzufuhr nicht mehr weiterleben konnte.“ Das war am 24. September.
Dann kehrte Maria Dubacher zurück in ihre Wohnung auf Ruopigen. Sie erzählt: „Ich fühlte mich aber bald sehr unsicher, weil ich realisierte, dass die Zeit ohne Sauerstoffzufuhr immer kürzer wurde. Das Atmen auf dem Weg zur Post oder zum Einkauf wurde immer schwieriger. Bei einem Liftdefekt merkte ich, dass ich meine Wohnung im dritten Stock ohne Lift gar nicht mehr erreichen konnte. Die Ärztin sagte klar, dass mein Zustand sich nicht mehr verbessern werde. Was tun? Nach Gesprächen mit Tochter Claudia und den Söhnen Andreas und Rolf, nach Rücksprache mit der Ärztin auch, entschieden wir uns für den Aufenthalt in der Palliativabteilung im Eichhof.“
Sauerstofftank angeschafft
„Ich fühle mich hier freier als Zuhause. Ich nehme die Sauerstoffflasche und gehe in die Cafeteria oder auch zum Spaziergang in den Park. Dort kann ich den Vögeln zusehen oder auch den Geissen.“ Auf der Palliativabteilung hat man rasch reagiert, als sich herausstellte, dass das Aufladen der Sauerstoffflaschen – drei stehen zur Verfügung – zu viel Zeit beanspruchte. Maria Dubacher musste die Flasche fast nach jedem Spaziergang zum Aufladen bringen. Der Sauerstoff reicht etwa drei Stunden. Inzwischen ist ein Sauerstofftank angeschafft worden. Wenn eine Flasche leer ist, kann Maria Dubacher einfach eine volle holen. Im Zimmer selbst jedoch und vor allem in der Nacht ist Maria Dubacher mittels Schlauch mit einem Apparat verbunden, der die Luft direkt in Sauerstoff umwandelt.
Und, wie geht’s eigentlich, frage ich fast am Ende des Gesprächs. „Verhältnismässig gut“, sagte Maria Dubacher. „Ich kann immer noch selbständig duschen, kann essen.“ Dreimal im Tag bekommt sie Morphium als Schmerzmittel. „Vorgestern Nacht habe ich neun Stunden geschlafen, letzte Nacht acht Stunden. Das habe ich seit Dezember 2015 nie mehr erlebt.“
Kompetent und liebevoll betreut
Was bewegt Maria Dubacher in diesen Tagen? „Nicht mehr viel, aktuell. Ich warte auf das Sterben. Ich schreibe an meiner Biografie weiter, die ich vor sechs Jahren begonnen habe. Der Anstoss dazu kam von den Enkeln. Omi, du hast ein so spannendes Leben gehabt. Schreib das doch auf.“ Ihr Sohn arbeitet als Pfleger auf einer anderen Station im Eichhof. Er hat ihr einen Laptop eingerichtet, damit sie schreiben kann.
Maria Dubacher hat unterschriftlich ihr Einverständnis gegeben, dass das Morphium in höheren Dosen verabreicht werden darf, wenn die Schmerzen zunehmen. „Ich bin hier, damit ich meine Zeit, die mir bleibt, möglichst ohne Schmerzen verbringen kann. Diesen Entscheid habe ich noch keinen Moment bereut, weil ich hier kompetent und liebevoll betreut werde.“
Text: René Regenass - Bild: Joseph Schmidiger 18. November 2016