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Rees Gwerder: SchwyzerölrgelerDer Meister des Stegreif-Spiels
Um 1886 wurden die ersten Schwyzerörgeli gebaut. Bauern und Älpler aus der Innerschweiz, vor allem aus dem Muotatal im Kanton Schwyz, die ihren urwüchsigen Traditionen ansonsten sehr verpflichtet waren, fanden an diesem neumödigen Musikinstrument gefallen. Sie wussten ihr archaisches Musizieren auch auf die Schwyzerorgel zu übertragen.
Einer der konsequentesten Musiker, der bis zu seinem Tod am 5. Januar 1998 die Vorbilder jener Zeit in seinem Spiel vertrat, war der 1911 in Muotathal geborene Schwyzerörgeler und Bergbauer Rees Gwerder.
Der "Stegreif-Musikant" lehnte Gwerder Noten und Musiktheorie ab. Er spielte ausschliesslich nach dem Gehör. Mit fünf Jahren begann Gwerder autodidaktisch und verbotenerweise die ersten Stücke auf dem Eichhorn-Örgeli seines Vaters zu spielen. Im Lauf seines Lebens hat der Musikant gegen 250 alte Melodien und Tänze aus dem Muotatal, die er mit einem improvisierenden Spielwitz vorzutragen wusste, in seinem Kopf gespeichert. Meist spielte er in der klassischen Dreierformation, zwei Schwyzerörgeli und Kontrabass, auf.
Nachdem Gwerder jahrzehntelang vor allem in seiner engeren Heimat aufgespielt hatte, wurde er in den sechziger Jahren von Thomas Marthaler für die Schallplatte entdeckt und auch durch Radio- und Fernsehauftritte einem breiteren Publikum bekannt. Später, durch den im Jahre 1993 veröffentlichten Film "UR-Musig", erlangte Rees Gwerder als einer der wichtigsten Vertreter der urchig-traditionellen Schweizer Volksmusik internationales Ansehen.
Als Lehrmeister vertrat er konsequent die "Friss oder Stirb"-Methode. Seinen Schülern gegenüber trat er recht barsch auf, eher ablehnend, legte ihnen Hindernisse in den Weg und ging erst auf sie ein, wenn er von ihrem Lernwillen überzeugt war. Bei ihm musste man ins kalte Wasser springen: Untergehen oder mitspielen. Hören war erlaubt, sogar Bandaufnahmen. Antworten auf Fragen rund ums Wie? Was? Warum? erwartete man vergeblich. Nach einem Jahr Unterricht vielleicht folgender Kommentar: "...jetz nemsch die huere Orgele ufs lingge Chnü und ned uf d‘Schoss, susch muesch nümme cho...!!!"
Dank Gwerder sind viele alte Tänze in ihrer ursprünglichen Ausdrucksweise überliefert
Obwohl Rees Gwerder mir, als seinem Schüler, nie etwas gezeigt oder erklärt hätte, konnte ich - gleich seinem Beispiel - durch genaues Hinhören viel von ihm lernen. Er war der Meister eines musikalischen Instinktes, der durch keine Theorie oder Notation ausgedrückt werden kann. Durch zig-tausend Stunden auf der Geigenbank eignete er sich seine schlafwandlerische Routine an. Rees' eigenartig urtümliche Spielweise und sein markanter Rhythmus im Takt einer Quarzuhr haben präzis mit seiner Persönlichkeit übereingestimmt.
Rees Gwerder vertrat nicht die Volksmusik, er war sie. Er spielte nicht urchige Musik, er lebte sie. Die Musik die er machte, war der Soundtrack seiner eigenen Person. Am liebsten hörte er seine eigenen Aufnahmen, waren sie doch Ausdruck seiner Identität - und warum sollte er die je ändern? Er war stets fasziniert, von der Möglichkeit sich selber zuzuhören. Sein Stil war eigen, ein unverwechselbarer Code: Ein musikalisches Merkmal zur Identifizierung des Ichs.
Rees Gwerder war eins mit seinem Schwyzerörgeli.
Warum besass der Mensch und Musiker Rees Gwerder eine solch grosse Ausstrahlung?
Geprägt wurde der Granitbrocken Rees Gwerder vorerst durch seine unmittelbare geographische Umgebung. Gwerder war ein menschliches Substrat aus dem Bisistal, das schroffe Bergtal, eine Sackgasse.
Bis in die fünfziger Jahre waren in dieser streng katholischen Talschaft weder landwirtschaftliche noch gar kulturelle Tätigkeiten auf Wachstum oder Konsum ausgerichtet, sondern galten in erster Linie dem Überleben. 1799 wurde das Gebiet mehrere Male von durchziehenden fremden Kriegsheeren ausgeplündert.
Gwerder wuchs in einer Bergbauernfamilie auf, die zwischen Muotathal (Hinterthal 800 m.ü.M.) und Bisisthal (Eigeli 1300 m.ü.M.) im Sommer/Winter-Rhythmus nomadisierte. Zu Rees‘ Jugendzeit wurden weder Kinder noch junge Leute zum Erlernen eines Berufes ausserhalb der Landwirtschaft, geschweige denn eines Musikinstrumentes angeleitet. Das Musizieren hätte sie ja nur von der nützlichen Arbeit abgehalten. Trotzdem, oder vielleicht erst recht, wurde im Muotatal aussergewöhnlich viel musiziert.
Fast jeder spielte ein Instrument oder sang, und es wurde beim Melken und beim Hirten der Tiere viel gesungen und gejuuzt. Die Kinder eigneten sich ihr musikalisches Handwerk gegen den Willen ihrer Väter und unter erschwerten Umständen jeweils selber an, und dies war auch bei Rees nicht anders. Erst als er das Instrument noch besser als sein Vater beherrschte, wurde sein Örgele geduldet.
Auch die anerkannten Musiker waren vom täglichen Existenzkampf geprägt. Es entsprach nicht ihrem Sinn, den musikalischen Eifer eines Jüngeren zu fördern, der ihnen die ohnehin beschränkten Engagements streitig machen könnte. Zudem hatte die Musik auch einen ausgeprägten funktionalen Charakter: Man musizierte um das harte Leben zu ertragen, man juuzte um die Tiere zu rufen, oder um sich bemerkbar zu machen und gleichzeitig um ein Lebenszeichen von sich zu geben. Man tanzte und dabei ergab sich gar das selbstverständliche Zusammenfinden zweier Heiratswilliger. Und der Musikant verdiente sich an der Fasnacht oder an der Chilbi ein paar Fränkli dazu.
Man eignete sich das musikalische Können nicht mit Hilfe eines Lehrers an, sondern versuchte es einfach. Man erhaschte eine flüchtige Melodie nach Gehör, ohne Hilfsmittel wie Musikschule, Noten, Tonbandaufzeichnungen, Radio oder Fernseher.
Rees Gwerder begann um 1916 auf diesem relativ neuen Instrument, dem Schwyzerörgeli, seine ersten musikalischen Gehversuche. Dieses Instrument war eine kleine Zauberkiste, war es doch möglich, allein oder zu zweit aufzumachen und das Publikum in einer Wirtschaft zum Tanzen zu animieren. Es war eine Errungenschaft, einen zwei- bis dreiteiligen Tanz auf dem Instrument zu beherrschen.
Mit Tanz ist Folgendes gemeint:
Die "richtige" traditionelle Melodie resp. das musikalische Hauptmotiv mit der typischen und wiedererkennbaren regionalen Färbungen und den entsprechenden Verzierungen und Schnörkel,
das Arrangement mit dem entsprechendem Aufbau und den verschiedenen Teilen, Schottisch, Polka, Marsch (2/4-Takt), Walzer, Ländler, Mazurka (3/4-Takt), zuletzt, aber von grösster Wichtigkeit: Der lüpfige Takt (neudeutsch: Groove).
Traditionelle Volksmusik
Es war einem jungen Musikanten bestimmt eine grosse Genugtuung, wenn es ihm gelang, einen Tanz von einem Vorgänger aufzuschnappen und ihn zu spielen. Vielleicht versuchte er auch eine traditionelle oder populäre Jodel-, Büchel-, Gesangs- oder Geigenmelodie aufs Schwyzerörgeli zu übertragen.
Sobald der junge den übernommenen Tanz besser spielen konnte als der ältere Musikant, es ihm also gelang, das Tanzpublikum mit einem eigenen Arrangement und seiner Darbietung zu begeistern, wurde der Tanz "sein" Tanz. Wenn der Alte von der Geigenbank abtrat, rückte sofort der Neue nach.
Dieser bewährte Brauch führte in den 1960er Jahren, nach dem verbreiteten Aufkommen von Schweizer Volksmusik auf Schallplatten, Tonbändern und durch die Ausstrahlung in Radio- und Fernsehsendungen, zu Schwierigkeiten mit Urheberschutzrechten von traditionellen Titeln. Die Folge sind Streitereien zwischen den Komponisten, Interpreten, Musikverlagen und Urheberrechtsgesellschaften.
Rees Gwerder gehört der Stegreif-Musikanten Generation vor dieser neueren Entwicklung an. Somit sind viele traditionelle Tänze, "seine Tänze“, weil er sie in seinem unverkennbaren Stil tradiert hat und weil er jahrzehntelang mit ihnen den Tanzboden dominierte.September 2002 Cyrill Schläpfer