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Die Erfindung des Balkans
Nicolas Hermann, Ausgabe 2014/II
KLASSIKER DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT
Maria Todorova ist noch heute eine der angesehensten Balkan-Expertinnen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Ende der 1990er-Jahre feierte sie mit Die Erfindung des Balkans ihren grössten Erfolg. Mit ihrem provokativen Buch möchte sie vor allem etwas erreichen: Aufräumen mit den Klischeevorstellungen über den Balkan, die zur Zeit der «Balkankonflikte» stark verbreitet wurden.
Bombenartig schlug Edward Saids Orientalism Ende der 1970er-Jahre ins sozialwissenschaftliche Feld ein. In seinem Buch analysiert der stark polarisierende Said das Verhältnis der Orient-Wissenschaften zum Orient. Ausgehend von Foucaults Diskurstheorie stellt er die These auf, der Westen dominiere den Orient, indem er ihn als analysierbares Objekt «erfinde» und so einen monologischen Orient-Diskurs konstruiere. Dieser Diskurs basiere auf der Idee eines konstanten «orientalischen Wesens», das sich vom «westlichen Wesen» unterscheide, ja sogar dessen Gegenpol bilde. Orientalisten fühlten sich ertappt, beleidigt oder missverstanden. Indologen, Sinologen, Afrika-Spezialisten und weitere Forscher bezogen die These schnell auf ihr Fach und weiteten den Begriff aus. Die postkolonialistische Debatte war angestossen. Auch ein gewichtiger Ast der Geschichtswissenschaft liess sich von dieser Strömung beeinflussen und begann, ähnliche theoretische Konzepte anzuwenden.
Balkanismus
Maria Todorovas Buch Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil ist einer der wichtigsten Beiträge innerhalb der Geschichtswissenschaft, die sich mit Said auseinandersetzen. Das Buch ist nicht direkt dem Postkolonialismus zuzuordnen, lehnt sich jedoch stark an Said an. Analog, aber nicht parallel zum «Orientalismus» definiert Todorova mit dem «Balkanismus» den Komplex aus westlichen Klischeevorstellungen und Stigmata über den Balkan. Fast 20 Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung der beiden Bücher. Das erlaubt es Todorova, Saids Thesen mit Distanz zu behandeln. Sie sieht, dass man «Orientalismus» nicht eins zu eins zu einem «Balkanismus» umformulieren kann. Unterschiede zwischen Orient und Balkan wie beispielsweise die konkrete geographische Existenz des Balkans, die das Konstrukt Orient nicht hat, verhindern eine direkte Umsetzung. Zudem macht Todorova in Saids Konzept gravierende methodische Mängel aus. So ist Saids Orientalismus-Diskurs seit seiner fiktiven Installation, die er auf 1798 datiert, bis in die Gegenwart statisch geblieben. Todorova ist im Gegensatz darum bemüht, den Balkandiskurs vielschichtig und dynamisch darzustellen und die Entstehung des «Balkanismus» nachzuvollziehen. Dementsprechend ist Die Erfindung des Balkans relativ kompliziert aufgebaut: Die Autorin beschreibt zuerst, wie die Halbinsel zum Namen «Balkan» kam und wie von Anfang an negative soziale und kulturelle Bedeutungen an ihm hafteten, sogar wenn ihn die BalkanbewohnerInnen auf sich selbst anwandten. Im Folgenden zeigt sie detailliert und anhand eines sehr breiten Quellenspektrums die Entwicklung der Bezeichnung «Balkan» seit Mitte des 18. Jahrhunderts auf. Sie zeichnet nach, wie die negativen Bedeutungen erfunden wurden, sich angereichert haben und von westlichen Exponenten gebraucht wurden, um sich als «zivilisierter Westen» vom Balkan abzuheben. Dies hätte westliche Balkanpolitiken bis heute geprägt.
Europa erfindet den Balkan – der Balkan europäisiert sich
Als sich der Balkan im 18. und 19. Jahrhundert unter osmanischer Herrschaft befand, war das westliche Balkanbild von einer latenten Furcht vor dem osmanischen Reich geprägt. Im Gegensatz zum Orient, der etwas magisch anziehendes und fast Erotisches hatte, war das Bild vom Balkan geprägt von Verrohung und Rückständigkeit. Der Balkan wurde als «die Brücke zum Orient» angesehen, als gesetzloses Zwischengebiet, das den Orient vom Westen fernhält, in dem aber eventuell ein Potential zur Verwestlichung enthalten ist. Mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches hat sich das Bild des Balkans zusätzlich verschlechtert. Die Balkankriege von 1912 und 1913 wurden als unzivilisierte und grausame Kriege dargestellt. Die Souveränitätsgelüste verschiedener Ethnien wurden als barbarisch empfunden. Denn die Motivation für die Kriege war den meisten Westeuropäern nicht ersichtlich; zu komplex war die Situation. Die scheinbar sinnlose Zergliederung der Halbinsel in Kleinstaaten wurde verurteilt und als «Balkanisierung» bezeichnet – ein negativer Begriff und Synonym für die «Zersplitterung in Kleinstaaten», der noch heute im Duden steht. Der Begriff wurde nicht nur auf den Balkan bezogen: So gab es Stimmen, die vor der drohenden Balkanisierung Europas warnten. Der Balkan galt als hoffnungsloser Brandherd von brutaler, barbarischer Gewalt, ein Image, das mit dem Mord an Franz Ferdinand in Sarajevo 1914 seinen Höhepunkt fand. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Balkan lange Zeit nicht mehr Hauptgesprächsstoff. Dies änderte sich mit den «Balkankonflikten» in den 1990er-Jahren schlagartig. Obwohl die Unruhen vorwiegend im ehemaligen Jugoslawien stattfanden, also nur einem Teilgebiet der Balkanhalbinsel, wurden sie oft als «Balkankonflikt» bezeichnet. Damit wurden alte Bilder der «ewigen Kriegsregion» neu erweckt. Die Kriegsmethoden wurden wiederum als unmenschlich grausam und die Kriegsgründe für banal erklärt.
Todorova stellt also fest, dass die Wurzeln des heutigen «Balkanismus» in der Zeit liegen, als der Balkan zum osmanischen Reich gehört hatte. Die entscheidende Prägung habe er aber erst zu Beginn der Unabhängigkeit vom osmanischen Reich, rund um die «grausamen» Balkankriege der 1910er-Jahre, erhalten. Vom osmanischen Reich emanzipiert, hat sich der Balkan Westeuropa angenähert: Es bildete sich etwa eine Bourgeoisie, die Industrialisierung wurde intensiviert und bürokratische, säkulare Nationalstaaten wurden errichtet. Annahmen solcher europäischer Konzepte haben entscheidend zu den Balkankriegen beigetragen. Todorova folgert daraus, dass das vermeintlich typisch Balkanische erst mit dieser Annäherung an Europa auftreten konnte – die Balkanisierung wird damit zur Europäisierung.
Die unbestechliche Anwältin des Balkans
Das Paradoxe an dieser Hauptthese ist symptomatisch für die Beweggründe der Autorin und typisch für ihren Stil: Die in den USA lebende gebürtige Bulgarin, die als Geschichtsprofessorin für Ost- und Südeuropa tätig ist, hat durch ihren persönlichen Bezug zum Balkan zusätzlichen Ansporn, den Balkan von seinem unverdienten Negativimage zu befreien. Sie selbst bezeichnet Die Erfindung des Balkans unter anderem als Reaktion auf das erfolgreiche Buch Balkan Ghost, in dem Robert Kaplan das «Wesen des Balkans» zu finden glaubt und in ihm den Grund für den grausamen Balkankonflikt sieht. Todorovas Arbeit ist nicht nur ein Beitrag zur Geschichtswissenschaft, sondern auch eine Widerlegung und eine Zurechtweisung der journalistischen Beiträge der 1990er-Jahre über den Balkan, wie eben Balkan Ghost, die sich innerhalb des von Todorova kritisierten Balkanismus-Diskurs bewegen. Mit dieser Umkehrung, die nicht der einzige Seitenhieb gegen «den Westen» bleibt, provoziert Todorova natürlich stark. Es gelingt ihr aber, Neutralität zu bewahren; sie nimmt den Balkan nicht etwa in Schutz. Flankiert von einem nicht selten aufflackernden gesunden Zynismus und einer bestechenden Demonstration ihrer Intellektualität, ist ihre provokative Neutralität ein wirkungsvolles Mittel für ihre Argumentation.
Ein Klassiker ist keine abgeschlossene Abhandlung eines Themas, sondern ein Debatten-eröffnender «unsystematischer Raubzug», wie Todorova ihr Werk selbst bezeichnet. Der Umfang des Quellenkorpus, das Fingerspitzengefühl der Autorin bei der Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorien sowie ihr lebendiger, pointierter, wenn auch etwas komplizierter Schreibstil, rechtfertigen das Prädikat «Klassiker der Geschichtswissenschaft», genauso wie die starke Rezeption und die Angreifbarkeit ihrer Thesen. Die Erfindung des Balkans ist in deutscher Sprache heute vergriffen. das bedeutet aber nicht, dass das Buch heute keine Relevanz mehr besitzt. Während nämlich im englischsprachigen Raum der «Balkanismus» im Kielwasser der postkolonialen Debatte für aufsehen sorgte, war die ganze postkoloniale Debatte in der deutschsprachigen Öffentlichkeit quasi inexistent – vermutlich aufgrund der Verarbeitung des Zweiten Weltkrieges und der niedrigen Priorität, welche die Aufarbeitung der Kolonialisierung in Deutschland hatte. Gerade aber der «Balkanismus» ist ein Diskursphänomen, das im deutschsprachigen Raum genauso Zuhause ist wie im Rest der westlichen Welt.
Literatur
• Todorova, Maria: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999 (Englische Erstausgabe 1997).