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Das Atomkraftwerk Mühleberg ist vom genau selben Typ wie die Meiler in Fukushima. Die Probleme dieser Reaktoren sind in der Schweiz seit Jahren bekannt. Aber auch Beznau I und II weisen veritable Mängel auf.
Die deutsche Regierung hat am Dienstag beschlossen, alle Atomkraftwerke, die vor 1980 ans Netz gingen, vorläufig abzuschalten. Täte dies die Schweizer Regierung, müssten vier von fünf Reaktoren vom Netz genommen werden: Beznau I/II, Mühleberg und Gösgen – was aber nicht geschieht. Die Schweizer Behörden stellen nur fest: Die Reaktorkatastrophe in Japan bedrohe die Schweiz nicht, die Schweizer Atomkraftwerke seien sicher, weil es hier keine derartigen Erdbeben und keine Tsunami gebe. Immerhin sollen alle Meiler einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden.
Das Inferno vorweggenommen
Die Schweizer Atomkraftwerke weisen jedoch zahlreiche Mängel auf, die seit Jahren bekannt sind.
Zum Beispiel Mühleberg: Der Meiler liegt zehn Kilometer von der Stadt Bern entfernt – die sich wohl nur schwer evakuieren liesse. Der Reaktor ist baugleich mit den Meilern in Fukushima. Es ist auch ein Siedewasserreaktor, er wurde auch von General Electric gebaut, hat auch ein sogenanntes Mark-I-Containment, im Innern sieht er identisch aus und weist etwa dieselbe Leistung auf. Mühleberg ging 1972 in Betrieb, die sechs Fukushima-Reaktoren zwischen 1971 und 1979.
Die AKW-KritikerInnen haben die Mängel dieses Reaktormodells schon vor Jahren präzise beschrieben. 1990 verfassten Michael Sailer und Christian Küppers vom Ökoinstitut Darmstadt im Auftrag von «Mühleberg unter der Lupe» (MuL) eine Studie, sie nimmt sich aus wie eine Vorwegnahme des Infernos von Fukushima: Der Reaktor ist von einem birnenförmigen Stahlbehälter (dem Containment) umgeben, der bei einem schweren Störfall das kontaminierte Wasser und den Dampf zurückhalten soll. Im Reaktor stehen das Wasser und der Dampf normalerweise unter Druck. Bei einer Kernschmelze würde der Druck im Containment rapide steigen – doch ist es zu klein und zu schwach; es hält lediglich einen Druck von 4 bar aus. Bei einer Kernschmelze könnte es förmlich aufplatzen. «Berechnungen bei Anlagen in den USA mit gleichem Containment haben denn auch ergeben, dass bei Kernschmelzen mit grosser Wahrscheinlichkeit die Radioaktivität nicht zurückgehalten werden kann», schrieben damals Sailer und Küppers.
Zudem hielten sie fest: Das Schnellabschaltsystem sei veraltet, die Notkühlung unzureichend, und wichtige Sicherheitssysteme seien nicht voneinander getrennt, was gerade im Katastrophenfall existenziell wichtig ist: Bricht zum Beispiel in einem Gebäude Feuer aus, in dem sich ein zentrales System befindet, müssen die Ersatzsysteme an einem anderen Ort untergebracht sein, damit sie nicht gleich mit zerstört werden.
MuL warnte damals: «Die ungünstige Grundkonzeption des Werks ist mit Nachrüstungen nicht wettzumachen. Der technische Stand von Neuanlagen wird nie erreicht.»
Die Atomsicherheitsbehörde bestritt die meisten der kritisierten Punkte nicht, meinte aber bezüglich des «zu kleinen und zu schwachen Containments» lapidar, andere Siedewasserreaktoren hätten auch keine grösseren Containments. Wie wahr!
Kernschmelze wegen Rissen
Mühleberg hat aber noch ein Problem: Der Berner Reaktor weist Risse im Kernmantel auf. Einige der Fukushima-Reaktoren hatten das Problem auch – doch hat man dort den Kernmantel ausgetauscht. In Mühleberg tat man dies bislang aus Kostengründen nicht, sondern versuchte, den Kernmantel mit Zugankern zu flicken. Jürg Aerni, Mitbegründer von «Fokus Anti-Atom», Physiker und einer der profiliertesten unabhängigen AKW-KennerInnen, beschäftigt sich seit Jahren mit dem defekten Kernmantel. Als Mühleberg kurz vor Weihnachten 2009 trotz aller Kritik vom Bund eine unbefristete Betriebsbewilligung erhielt, sagte Aerni gegenüber der WOZ: «Gut möglich, dass bei einem heftigen Erdbeben die Kühlleitungen abreissen, der Kernmantel nicht dicht hält, die Brennstäbe freigelegt werden und es zur gefürchteten Kernschmelze kommt.»
Anders ausgedrückt: Die Fukushima-Reaktoren schalteten während des Erdbebens automatisch ab – die Kernspaltung wurde unterbrochen, weil die sogenannten Steuerstäbe ordnungsgemäss in den Reaktor fuhren. Mit einem defekten Kernmantel hätte das vermutlich nicht mehr funktioniert, dann wäre eine vollständige Kernschmelze schon in den ersten Stunden kaum mehr zu verhindern gewesen.
Die Schweiz hat kaum ein Erdbeben der Stärke 9 zu gewärtigen. Doch das ist nicht der Punkt: AKWs sind immer auf die Erdbeben ausgelegt, die man im schlimmsten Fall in einem Land erwartet. In der Schweiz ist das heute ein Erdbeben der Stärke 7. Wenn jetzt wider Erwarten ein stärkeres die Schweiz erschüttert, könnte auch hier eine Verkettung verheerender Ereignisse eine gigantische Katastrophe auslösen: Das Maschinenhaus hält dem Erdbeben nicht stand, das Dach des Gebäudes bricht ein. Die Turbinen, die sich darin befinden und radioaktiven Dampf enthalten, werden beschädigt, es tritt Strahlung aus. Zudem befinden sich einige der Notstromaggregate in diesem Maschinenhaus und fallen aus, die verbleibenden sind in Revision und ausser Betrieb.
Wenn die externe Stromversorgung ausfällt – was bei einem schweren Erdbeben zu erwarten ist –, hat das AKW keinen Strom mehr für die Notkühlung. Die AKW-Betreiber sagen, in diesem Fall würden sie Strom vom Wasserkraftwerk am Wohlensee beziehen, das einen Kilometer östlich des AKWs liegt. Doch was, wenn wegen des Erdbebens der bald hundertjährige Damm birst? Der Wohlensee würde durchbrechen: Eine mächtige Flutwelle aus Wasser und Schlamm würde sich gleich einem Tsunami durchs Aaretal ergiessen und das AKW überschwemmen, das direkt am Aareufer liegt. Das Wasserkraftwerk könnte keinen Strom mehr liefern, das neu zugebaute Notstandssystem im AKW würde von den Wassermassen beschädigt, und ziemlich schnell würde geschehen, was zurzeit in Fukushima abläuft: Das Unvorstellbare herrscht – die Situation läuft gnadenlos aus dem Ruder.
Vorenthaltene Informationen
Nachdem das AKW Mühleberg Ende 2009 eine unbefristete Betriebsbewilligung erhielt, wehrten sich hundert AnwohnerInnen dagegen. Die AtomgegnerInnen kämpfen jedoch in diesem Verfahren mit einem ganz besonderen Problem: Sie sind diejenigen, die darlegen müssen, dass Mühleberg nicht sicher ist. Dabei erhalten sie keinen Zugang zu wichtigen Akten. Eine erste Klage vor Bundesverwaltungsgericht war inzwischen erfolgreich, «Mühleberg Ver-fahren» durfte einen Teil der Akten nun doch einsehen. Drei Vertreter der AKW-Betreiberin BKW und drei Vertreter des Eidgenössischen Nuklearinspektorats (Ensi) standen daneben, während zwei Leute von «Mühleberg Ver-fahren» versuchten, die Akten zu sichten, wie Jürg Aerni berichtet. Das Ökoinstitut ist zurzeit dabei, die Akten auszuwerten.
«Beznau ist wie ein altes Auto»
Nicht nur Mühleberg, auch Beznau I und II – die beiden ältesten Reaktoren im Land – weisen diverse Probleme auf, die schon seit Jahren bekannt sind. Das AKW erhielt jedoch schon vor einigen Jahren eine unbefristete Betriebsbewilligung, weshalb sich die Umweltorganisationen nicht mehr so intensiv um diese Altreaktoren gekümmert haben. In den neunziger Jahren wurden Beznau I und II mit je einem neuen Notstandssystem (Nano) nachgerüstet.
Damals meldete sich ein Kadermann, der massgeblich am Einbau der Nano beteiligt war, bei der WOZ. Er erhob gravierende Vorwürfe gegen das neue System: «Der schwerwiegendste Mangel ist, dass man praktisch alle wichtigen Leitungen dieses Notstandssystems über den Kommandoraum und das darunterliegende Relais führte. Sie müssten jedoch direkt mit dem Reaktor verbunden sein. Dies war aus technischen Gründen aber nicht möglich, weil der gesamte Reaktor völlig veraltet ist.» Das bedeutet: Wenn der Störfall eintritt, für den es eigentlich eingebaut wurde, ist das Nano gar nicht einsatzfähig. Der Kadermann, ein ausgewiesener Kraftwerkexperte, erklärte: «Beznau ist wie ein altes Auto, für das man keine originalen Ersatzteile mehr findet.»
Die Atomsicherheitsbehörde meinte damals, sie brauche genauere Angaben, um die Vorwürfe überprüfen zu können. Der Kadermann konnte diese jedoch nicht liefern, ohne zu riskieren, dass seine Identität bekannt würde und er seinen Job verloren hätte.
«Fokus Anti-Atom» deckte später noch auf, dass sich vor vier Jahren in Beznau ein Notstromunfall ereignet hatte, «der eindringlich demonstrierte, dass im Fall eines Erdbebens eine Katastrophe nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre». Das Ensi forderte danach zwar grössere Nachrüstungen, die jedoch erst 2014 verwirklicht sein müssen. Diverse Umweltorganisationen und Parteien verlangten im vergangenen Jahr beim Uvek, Beznau müsse unverzüglich vom Netz, blitzten dann aber mit ihrer Forderung ab.
All die kleinen und grösseren Mängel, auf die die AKW-KritikerInnen seit Jahren hinweisen, spielen im Normalbetrieb vermutlich keine grosse Rolle. Doch bei einem Superereignis verketten sich kleine Probleme und Mängel schnell zu einem Super-GAU. Das kann hier genauso gut passieren wie in Japan. Und es wäre falsch zu behaupten, man hätte es nicht gewusst.
Susan Boos: «Beherrschtes Entsetzen – Die Ukraine zehn Jahre nach dem Unfall in Tschernobyl». Rotpunktverlag. Zürich 1996. Vergriffen.
Susan Boos: «Strahlende Schweiz. Handbuch zur Atomwirtschaft». Rotpunktverlag. Zürich 1999.
Die Chefin und die Erklärer
Wer sind die ExpertInnen, die uns die Lage um die havarierten Atomreaktoren in Japan erklären?
Doris Leuthard, Bundesrätin (CVP)
Führt das Energiedepartement, war bis vor Jahresfrist Mitglied der Lobbyorganisation Nuklearforum und sass im Verwaltungsrat der damaligen Leibstadt-Betreiberin EGL. Leuthard sistierte jetzt die Rahmenbewilligungsgesuche für neue AKWs.
Hans Wanner
Hans Wanner ist Direktor des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). Seine Stellungnahmen zur Katastrophe in Japan sind oft schwammig, was wohl damit zusammenhängt, dass er ein Endlager- und kein Kraftwerkfachmann ist.
Georg Schwarz
Georg Schwarz, Hans Wanners Stellvertreter als Ensi-Direktor, arbeitet seit bald zwanzig Jahren bei der Atomsicherheitsbehörde. Meint wie Wanner, dass die Frage, ob die Schweiz das Atomrisiko tragen könne, eine politische sei, zu der er sich nicht äussern will.
Horst-Michael Prasser
Der Inhaber des einzigen universitären Lehrstuhls für Atomtechnik ist in fast allen Medien anzutreffen. Sein Lehrstuhl an der ETH Zürich wird von Swissnuclear finanziert, der Atomfachgruppe der Schweizer Elektrizitätswirtschaft. Prasser ist Mitglied des Nuklearforums, überzeugter Atomkraftbefürworter und eifriger Leserbriefschreiber. Allerdings scheinen ihn die Ereignisse in Japan zu erschüttern. Noch 2007 lobte er die japanischen AKW-Bauer, sie hätten bewiesen, dass man AKWs gegen schwere Erdbeben auslegen könne. Nun sagt er, was jetzt geschehe, sei «mehr als ein Super-GAU».
Wolfgang Kröger
Leitet an der ETH Zürich das Laboratorium für Sicherheitsanalytik. Er habilitierte sich über Kernreaktorsicherheit. Bevor er an die ETH wechselte, leitete er am Paul-Scherrer-Institut den Bereich Nukleare Sicherheit. Zurzeit wird er regelmässig in den Medien interviewt, hat anfänglich beschönigt, ist inzwischen aber selbst schockiert über das Ausmass der Katastrophe. Die Schweizer Atomwirtschaft verteitigt er noch beharrlich.