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Wir betrachten das Leben gerne neu, weil immer neue Ideen und Erfindungen auftauchen. Das macht den Anschein, als ob auch die Welt neu zu erfinden wäre. Aber die alten Fragen bleiben immer auch die gegenwärtigen. Es gibt wahre Sätze, die wir stets bedenken müssen, auch wenn sich die Zeit ändert. So hat Karl Schmid (1907-1974) einmal formuliert: «Das Mächtige ist immer im Rücken, das Genaue vorn, vor den Augen. Der Mensch wird ganzer Mensch nur, wenn er das Mächtige in seinem Rücken spürt.» Diese weise Erkenntnis hat Schmid in einem Bruch dargestellt. Das Genaue ist der Zähler und das Mächtige der Nenner. Der Nenner bleibt das Massgebende. Das Mächtige beherrscht uns. Der Versuch, das Covid-19-Virus zu besiegen, fordert höchste Konzentration und gewaltigen Forschergeist. Das Klima im Unterschied zum Wetter ist das Mächtige, von dem wir abhängig sind. Das Wetter als Zähler wechselt beständig, das Klima bleibt und verändert sich nur langsam in unserem Rücken. Wir sind ihm als Nenner ausgesetzt. Langsam spürt der Mensch, dass ihn das Genaue des Fortschritts gegenüber der Natur in ein Dilemma führt. Er darf ihr nicht alles antun, was ihm gefällt.
Krebs kann in der ärztlichen Therapie das Genaue sein und besiegt werden. Gelingt dies nicht, bleibt er im Nacken als das Mächtige sitzen. Wir spüren, dass der Satz des Sophisten Protagoras, der Mensch sei das Mass aller Dinge, nicht wahr ist. Protagoras lebte zwischen 490 und 411 vor Chr. Der um 2500 Jahre jüngere Denker Karl Schmid widerspricht ihm, so, dass ich den Satz des Protagoras im Sinne des Schmidschen Bruchs ändere und sage: Der Mensch ist das Mass des Zählers. Protagoras gehörte in seiner Zeit zu den Philosophen, die keine objektive Wahrheit anerkannten, sondern Meinungen, Empfindungen und Vorstellungen als Mass der Dinge darstellten. Man nannte sie deshalb Sophisten, weil sie die Worte solange drehten, bis sie ihnen passten. Sie behaupteten ihre subjektive Wahrnehmung so, als wäre sie die Wahrheit der Dinge. Es ging ihnen nicht darum, für die objektive Gegebenheit zu kämpfen, auch nicht, ob eine Sache wahr oder falsch sei, sondern darum, die Argumente der Anderen durch ihre Rhetorik zu übertrumpfen. So kam kein echter Dialog zustande.
Erinnert dieser Sophismus nicht an die politischen Auseinandersetzungen in unserer Zeit. Realisten nannten Sophisten Wortfechter, die die Worte solange im Mund drehen würden, bis die Zuhörer unsicher wurden und an der Wahrheit von Tatsachen zweifelten. Die Tatsachenwahrheit interessiert auch heute weniger als die Überredungskunst. In rhetorischer Finesse behauptet der Redner eine Sache solange, bis sie geglaubt wird. Im grossen Stil haben wir diese Methode gerade vier Jahre lang erlebt und mitansehen können, was dieser Sophismus bewirkt.
Wir brauchen also eine neue Philosophie, die die Wahrheit der Tatsachen anerkennt und den Werterelativismus entlarvt. Gewiss kann ein Berg von verschiedenen Seiten betrachtet werden, aber er bleibt doch immer der Berg, der objektiv gegeben ist. Wenn ein Plakat mit einer vorne und hinten aufgeschlitzten Cervelat uns weis machen will, dass es sich um den wahren inneren Wert handle, ist das wohl purer Sophismus, denn es gibt Werte, die auch dann noch gültig sind, wenn die Wurst längst gegessen ist. Ist etwa der Satz «Du sollst nicht töten» nicht allgemein auf der ganzen Welt wahr? Solche Sätze bilden das Moralgesetz, das nicht relativiert werden darf.
Es gilt also dafür zu kämpfen, dass der Relativismus des Meinens und der Behauptung, der Mensch sei das Mass aller Dinge, ins Unrecht gesetzt wird. Immer dann, wenn das Meinen nicht einen wahren Bezug zu einem Gegenstand oder einer Tatsache aufweist, verfehlt es die Objektivität. Im Vordergrund steht nicht die Wahrheit, sondern das subjektiv Gedachte. Zu sehr müssten uns Gerichtsentscheide, die politisch motiviert sind, zu denken geben. Erdogan und Putin sind nicht das Mass aller Ding in ihren Ländern, und auch Herr X, der stolz verkündet, er habe Recht, aber nicht fähig ist, einen überzeugenden Bezug zur Tatsache zu schaffen, kann nicht das Mass aller Dinge sein. Unsere geistige Bemühung sollte der Objektivität der Dinge gelten.