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20 Jahre danach – Was sich seit Lothar verändert hat
Am 26. Dezember 1999 vor genau 20 Jahren, wurde die Schweiz in den Weihnachtstagen von einem verheerenden Sturm heimgesucht: der Orkan Lothar. Die Böenspitzen erreichten im Flachland 160 km/h und auf dem hohen Turm des Uetliberg wurden sogar 241 km/h gemessen. Der Orkan verursachte grosse Schäden an Wälder und Gebäude und kostete die Schweiz insgesamt 1,8 Milliarden Franken. Während des Sturms kamen 14 Menschen ums Leben. Ein Jahrhundertsturm der nicht nur die Bevölkerung und die Behörden überraschte, sondern auch die Meteorologen beim nationalen Wetterdienst. Einerseits deuteten die berechneten Prognosen ein Tag vor dem Ereignis noch nicht auf einen Orkan hin. Anderseits war das Warnsystem damals noch nicht auf solche Ereignisse ausgerichtet. Es war hauptsächlich auf Sturmwarnungen für Seen und Flughäfen fokussiert. Es gab noch keine standardisierte Verfahren, um die Schweiz flächendeckend zu warnen und die Meteorologinnen und Meteorologen verfügten über keine spezifischen Kommunikationskanäle um die Bevölkerung rasch und direkt zu erreichen.
Wie haben sich die Warnungen im Laufe der Jahrzehnte entwickelt?
Die ersten Sturmwarnungen für den Zürichsee, wurden im Jahre 1934 ausgesendet. In den darauffolgenden Jahren kamen weitere Seen hinzu und im Jahr 1945 wurden die ersten Sturmwarnungen für Flugplätze herausgegeben. Das erste Windmessnetz für Seen wurde 1956 aufgebaut und das erste vollautomatische meteorologische Messnetz 1978 in Betrieb genommen. Damit war MeteoSchweiz weltweit eine Vorreiterin in diesem Bereich, denn damit standen zum ersten Mal alle 10 Minuten meteorologische Messungen von 55 Stationen in Echtzeit zur Verfügung.
Seit Ende der 70er- Jahre stehen den Meteorologinnen und Meteorologen zudem auch die Radarmessungen für die laufende und flächendeckende Beobachtung des Niederschlags zur Verfügung. Diese sind heute nicht mehr aus dem Prognosedienst wegzudenken.
Für die Erstellung von Wetterprognosen standen seit Ende der 70er-Jahre Modellberechnungen zur Verfügung, diese waren aber im Vergleich zu heute sehr rudimentär. Sie gaben den Meteorologen höchstens grobe Hinweise über die mögliche zukünftige Wetterentwicklung und waren für Unwetterwarnungen noch nicht wirklich nützlich. In den 80er- und besonders in den 90er-Jahren gewannen die Wettermodelle allmählich an Aussagekraft und 1983 entschied man sich, erste Warnungen vor Starkniederschlägen für das Tessin herauszugeben. Die ersten Warnungen vor Starkschneefällen, die für das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF erstellt wurden, folgten erst ein Jahr vor Lothar, nämlich 1998.
Beschleunigter Technologischer Fortschritt nach der Jahrtausendwende
Als Lothar über die Schweiz raste, gab es die Sturmwarnungen für Seen schon seit 65 Jahren. Man war aber noch keinesfalls auf dem heutigen Stand von Unwetterwarnungen. Dies lag nicht an mangelnden Fähigkeiten der MeteorologInnen, sondern daran, dass verschiedene Technologien sich erst im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt haben. Beispielsweise numerische Wettermodelle, die auf einem Supercomputer gerechnet werden oder eine App, welche heute die Bevölkerung mit Push-Warnungen beliefert.
Um die Jahrtausendwende waren aber die nötigen Technologien vorhanden, um den nächsten Schritt in der Entwicklung des Schweizer Warnsystems einzuleiten. Der Orkan Lothar 1999 gab dabei den Startschuss für eine wichtige Weiterentwicklung.
Nach Lothar, im Jahr 2000 führte MeteoSchweiz eine Umfrage bei den Behörden durch, um Möglichkeiten und Grenzen von Unwetterwarnungen zu untersuchen. Bereits ein Jahr später wurde ein Flächenwarnsystem eingeführt, das die Schweiz in 14 Warnregionen einteilte und vor Extremereignissen in Zusammenhang mit Wind, Regen, Schnee, vereisender Regen und Gewitter warnte. 2004 kamen die Warnungen vor Hitzewellen hinzu, und ein Jahr später begann man, kurzfristige, lokale Gewitterwarnungen («Gewitterflash-Warnungen») herauszugeben.
Mit vereinten Kräften die Behörden und die Bevölkerung warnen
Im August 2005 verursachte ein nächstes Extremereignis, diesmal Starkniederschlag, grosse Schäden auf der Alpennordseite und in Teilen den Alpen. Auch dieses Ereignis brachte Verbesserungspotential im Warnsystem ans Licht und zeigte insbesondere, dass es sinnvoll wäre, die Warnungen für die verschiedenen Naturgefahren zu koordinieren. Damit die Bevölkerung in solchen Krisensituationen adäquat informiert, gewarnt und geschützt wird, wurden die Naturgefahrenfachstellen des Bundes ins Leben gerufen. Sie gründeten den Lenkungsausschuss Intervention Naturgefahren (LAINAT), im Rahmen dessen eine engere Zusammenarbeit mit gemeinsamen Warnstufen, -regionen und Bulletins vereinbart wurden. Die Unwetterwarnungen sind heute auf verschiedenen öffentlichen Plattformen sichtbar, zum einen auf unserer Webseite, seit 2012 auf der bekannten MeteoSwiss App zum anderen auf naturgefahren.ch.
Die Entwicklung wird auch in den nächsten Jahren nicht stehen bleiben
Die Automatisierung steht nicht still. Kontinuierlich werden neue Funktionen oder neue Technologien überprüft. Vor rund drei Jahren wurden beispielweise für kurzfristig entstehenden Gewitterzellen automatische Warnvorschläge eingeführt, die auf Radarmessungen und spezielle Extrapolationsverfahren basieren. Diese erlauben es den MeteorologInnen, schneller auf eine sich rasch verändernden Gewitterlage zu reagieren und gezieltere Gewitterwarnungen mit einer längeren Vorwarnzeit herauszulassen.
Trotz Verbesserungen und Weiterentwicklungen ist das Unwetterwarnsystem von MeteoSchweiz an einem Punkt angelangt, an welchem eine Verbesserung im Sinne der Warnleistung immer schwieriger wird. Sowohl die Warnphilosophie wie auch die Softwarepakete, die das System steuern, sind im Laufe der Jahre organisch gewachsen und deren Betrieb ist immer aufwändiger geworden. Gleichzeitig werden auch in Zukunft die Erwartungen an die Unwetterwarnungen steigen, nicht zuletzt wegen der rasant fortschreitenden technologischen Entwicklungen. Der Bundesrat hat dieses Jahr entschieden die nötigen Ressourcen zu sprechen, um das Unwetterwarnsystem von Grund auf zu erneuern. Dies wird im Rahmen von OWARNA (Optimierung von Warnung und Alarmierung bei Naturgefahren) durchgeführt, ein Massnahmenpaket, das nach den grossen Unwettern von 2005 gestartet wurde. In der ersten Phase von OWARNA wurden das Bodenmessnetz und das Wetterradar-System erneuert und um zwei weitere Radare in den Gebirgsregionen erweitert.
Der nächste Sturm kommt bestimmt und MeteoSchweiz will auch in Zukunft mit zeitgemässen Unwetterwarnungen dazu beitragen, die Schäden in Grenzen zu halten, denn mit rechtzeitigen und präzisen Warnungen können Opfer vermieden und Millionen von Franken gespart werden.