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Bolivien ist ein polarisiertes Land. Welche Zeitung man liest, ist deshalb hier ein noch grösseres politisches Statement als anderswo.
Ich war noch keine 24 Stunden in La Paz, da hatte ich schon ziemlich viele Meinungen über Página Siete gehört – die Tageszeitung, bei der ich im Rahmen meiner Stage zehn Wochen arbeiten werde. Die Reaktionen reichten von «das ist die einzige unabhängige Tageszeitung in Bolivien» bis zu «diese Zeitung ist komplett in den Händen der Rechten und versucht nur, die MAS-Regierung zu manipulieren». Das linksgerichtete MAS (Movimiento al Socialismo) stellt in Bolivien seit 2006 den Präsidenten Evo Morales, das erste indigene Staatsoberhaupt des Landes.
Bereits im Frühling bekam ich eine erste Idee davon, wie (zumindest gewisse Exil-) Bolivianerinnen und Bolivianer die Zeitung sehen. Ich war an einem Kongress in Barcelona, es ging gerade ein Panel mit dem Titel «La Prensa bajo fuego (Die Presse unter Beschuss)» zu Ende. Im Saal wurde vor allem über die schwierige Situation der mexikanischen Medienschaffenden und über die Herausforderungen der spanischsprachigen Medien in den USA diskutiert. Beim Ausgang des Konferenzgebäudes wartete eine kleine Gruppe von Frauen und Männern; sie schwenkten bolivianische Fahnen und trugen Plakate mit der Aufschrift «Bolivien ist in der Krise. Wir wollen keine Diktatur» und «Wir fordern Pressefreiheit. Wir sagen Nein zu Zensur». Als ich einen jüngeren Mann der Gruppe ansprach und ihm erklärte, dass ich bei Página Siete ein Praktikum machen werde, meinte er: «Muy bien. Están de nuestro lado» (Sehr gut, die sind auf unserer Seite).
Mein Sitznachbar: ein Journi
Die Sitzverteilung im Flugzeug von Madrid nach Santa Cruz meint es dann gut mit mir: Ich sitze neben einem 40-jährigen Bolivianer, der für diverse Zeitungen und Nachrichtenagentur in Bolivien und im Ausland geschrieben und fotografiert hat. Er ist auf dem Heimweg von Den Haag – am 1. Oktober hatte dort der Internationale Gerichtshof den historischen Entscheid gefällt, dass Chile nicht dazu verpflichtet sei, mit Bolivien über einen Meerzugang zu verhandeln (der Entscheid des Gerichtshofs wurde vor dem Regierungsgebäude in La Paz live übertragen). Bolivien und das Meer, das ist eine Leidensgeschichte, deren neusten Entwicklungen mein Sitznachbar in einem Buch niederschreiben will. Zu Página Siete meint er, das sei klar ein Oppositionsblatt, das alles daran setze, Evo zu stürzen. Fairerweise meinte er aber auch, ich müsse mir mein eigenes Bild von der Zeitung und der Redaktion machen. Wir tauschten unsere Nummern aus.
Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in El Alto ins Stadtzentrum bringt, findet wiederum, jetzt sei genug MAS. Er habe zwei Mal Evo gewählt, aber auch ein Präsident müsse wissen, wann genug sei (Evo will 2019 für eine vierte Amtszeit kandidieren). Auf die Medienlandschaft angesprochen, meint der Taxifahrer, dass viele Medien in den Händen der Regierung sei, Página Siete gehöre nicht dazu. Deshalb schätze er deren Berichterstattung.
In der Warteschlange vor dem nigelnagelneuen «Casa grande del Pueblo» – der neue Regierungssitz oder Evo’s Palast, wie hier viele sagen – komme ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er sei Soziologe, habe viel auf dem Land gearbeitet und kenne daher alle neun Provinzen von Bolivien recht gut. Er habe gesehen, was Evo und seine Partei bewirkt hätten, im Positiven. Die Zeitung Página Siete schiesse ständig gegen die Regierung, deshalb lese er sie nicht. Viele seiner Freunde würden ihm aber oft Artikel von Página Siete schicken mit der Absicht, ihn umzustimmen. Er versuche jeweils diese Nachrichten zu ignorieren und das Thema Politik im Freundeskreis zu umgehen. Aber in Bolivien sei es halt so: «Dime lo que lees, y te diré quien eres» (Sag mir was du liest, und ich sage dir, wer du bist), so der ältere Mann.
Am besten mehrere Zeitungen lesen
Wobei, so ganz stimmt das auch wieder nicht. An meinem ersten Arbeitstag bin ich etwas zu früh in der Zona Sur, dem südlichen Teil der Stadt, wo sich die Redaktion befindet. Ich setzte mich auf eine Parkbank und lese die aktuelle Ausgabe von Página Siete. Vis-à-vis von mir sitzt ein älterer Mann, ebenfalls mit einer Ausgabe von Página Siete in der Hand. Als ich eine Viertelstunde später aufschaue, ist er in die Ausgabe von La Razón versunken – die Zeitung gilt als sehr MAS-nahe. Möglicherweise ist das Lesen von mehreren Tageszeitungen die beste Lösung in diesem polarisierten Land.
Auf der Redaktion, die in der ehemaligen dänischen Botschaft einquartiert ist, erfahre ich von der Chefredaktorin, dass ich nicht für die Tageszeitung, sondern für die Sonntagsbeilage Rascacielos arbeiten werde. Das Wochenmagazin publiziert vor allem längere Hintergrundberichte zu politischen, historischen und gesellschaftlichen Themen – sogenannte «Crónicas» – sowie Fotogalerien und Kulturkritiken. Obwohl Rascacielos von Página Siete herausgegeben wird, ist das Magazin weniger politisch gefärbt als die Tageszeitung. Das Kernteam lässt sich an einer Hand abzählen, insgesamt schreiben aber rund 80 Journalistinnen und Journalisten aus dem In- und Ausland für das Magazin.
Bisher habe ich vor allem mitgeholfen, den Social Media-Auftritt auszubauen (der Internetauftritt auf der Seite von Página Siete wird dem Magazin nicht wirklich gerecht) und erste Texte für die Ausgabe von kommendem Sonntag verfasst. Es gefällt mir sehr gut in diesem Team und ich spüre ein enormes journalistisches Engagement – das heisst aber auch, dass Sitzungen locker einige Stunden länger dauern als geplant und am Abend vor Redaktionsschluss bis tief in die Nacht gearbeitet wird.