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Öffentlich zugänglich, privat
Michael Guggenheimer
„Jesuiten machen ihren Bücherschatz für die Öffentlichkeit zugänglich“, lautete eine Medienmitteilung des Katholischen Medienzentrums Schweiz vom Februar 2018, in der auf eine neue Bibliothek in Zürich aufmerksam gemacht wurde. Jesuiten? Das ist doch der Orden, der einst in der Schweiz verboten war. Jesuiten? Das sind die beiden so schönen Kirchen an der Reuss in Luzern und an der Marktgasse in Solothurn, die Kollegiumskirche in Brig sowie das Bildungszentrum Bad Schönbrunn bei Zug. Jesuiten? Da war doch diese spannende Zeitschrift „Orientierung“, die vor rund zehn Jahren eingestellt wurde, weil der Orden keine Redaktoren zur Verfügung stellen konnte. Eine Jesuitenbibliothek im ehemals so protestantischen Zürich? Nicht in der traditionell katholischen Innerschweiz?
Jesuiten und Zürich. Eine gute Erinnerung an die eigene Studienzeit. Zwischen Central und Hauptgebäude der Universität das Akademikerhaus, genannt „aki“. Damals, Jahrzehnte sind es her, wirkte ein Pater Ziegler dort, der spannende Gesprächsrunden leitete, an denen ich manchmal teilnahm. So beeindruckt von der Bildung dieses Mannes war ich, dass ich überzeugt davon war, wäre ich als Katholik zur Welt gekommen, ich hätte mich dem Jesuitenorden angeschlossen. Im damaligen Lesesaal des Hauses habe ich Seminararbeiten geschrieben, dort las ich Zeitungen und dort lernte ich die zweimal im Monat erscheinende Zeitschrift „Orientierung“ mit ihren Hintergrundartikeln zu theologischen, philosophischen, politischen und literarischen Brennpunkten kennen.
Von den rund 100’000 Bänden der neuen Bibliothek der Jesuiten stamme die eine Hälfte aus der Bibliothek des katholischen Akademikerhauses und der bisherigen Bibliothek der Schweizer Jesuiten, die andere Hälfte der Publikationen stamme aus der Bibliothek der reformorientierten Zeitschrift «Orientierung», hiess es in der Einladung zur Eröffnung der neuen Bibliothek. Domizil der «Orientierung» war eine Villa in Zürich, der Umbau und die Einrichtung des Gebäudes am Hirschengraben für die zusammengelegten Bibliotheken konnte dank des Verkaufs dieser Villa finanziert werden. Kosten in der Höhe von vier Millionen Franken fielen an. Dem Orden wurde mit einer Million Franken Spenden unter die Arme gegriffen, den Rest der Kosten trug er selber. Entstanden ist ein bemerkenswerter Bücherort, der alle jene interessieren könnte, die sich für Theologie, Christentum, Religionswissenschaft, den Jesuitenorden, für den Zweiten Vatikanischen Konzil sowie Ethik interessieren. «Unser Angebot richtet sich an eine breitere Öffentlichkeit, die sich mit Fragen von Religion, Glaube und Gesellschaft befassen will», äusserte sich Christian Rutishauser, Provinzial der Schweizer Jesuiten, vor der Eröffnung der neuen Bibliothek mit ihren Büchergestellen mit 1350 Laufmeter.
Ein heller langer Raum ist jener Bereich, in dem die Benutzer der Bibliothek arbeiten können. Eine Tür führt zu einem Magazin, aus dem die Bibliothekarinnen den Besuchern jene Publikationen bringen, die sie für ihre Recherchen benötigen. Auf der anderen Seite des Treppenhauses befinden sich weitere Magazine, in denen Compactusgestelle schwer mit Büchern beladen sind. Der Arbeitsraum, in dem hinter einer Theke auch das Bibliothekspersonal arbeitet, beherbergt in schwarzen Metallgestellen die grosse Referenzbibliothek des Hauses. Eine Wand voller Lexika, Handbücher, die gegenüberliegende Wand mit einem Zeitschriftengestell. 240 Zeitschriften können in der Bibliothek konsultiert werden, die Publikation mancher unter ihnen wurde schon vor Jahren eingestellt. In der Mitte des langgestreckten Raums mehrere Arbeits- und Leseinseln. Es ist keine „Wohlfühlbibliothek“ mit Lesenischen und Clubsesseln, sondern eindeutig eine ein Ort zum Nachdenken und zum Arbeiten, eine Studienbibliothek, deren Personal ausserordentlich hilfsbereit ist. Jesuit Nikolaus Klein, mit einer Frage eines Benützers konfrontiert, macht sich sofort auf die Suche nach weiterführende Literatur, sein Ordenskollege Toni Kurmann holt Literatur herbei zur Bedeutung des Jesuitenordens in Lateinamerika. Anita Schraner, Leiterin der Bibliothek, zeigt die Bestände der ehemaligen Bibliothek von „Orientierung“. Obschon der gesamte Bestand mittlerweile digitalisiert wurde, sind von jeder Ausgabe der Zeitschrift noch je zehn Exemplare vorrätig, wohl aus nostalgischen Gründen. Im Arbeitsraum Bücherreihen mit voluminösen grünen, schwarzen, braunen und blauen Bücherrücken: Fast 160 Bände einer Buchreihe zur Geschichte der Jesuiten, 40 Bände Theologische Realenzyklopädie, 14 Bände Die Geschichte des Christentums, 19 Bände „Religion in Geschichte und Gegenwart“, 4 Bände Diccionario Historico de la Compania de Jesus, 10 Bände Lexika der Ethik. Man möchte sich Zeit nehmen , um „Die Jesuiten und die Schweiz im XIX Jahrhundert“ in die Hand zu nehmen oder das „Schweizer Jesuitenlexikon“ sowie “Die Geschichte der Schweizer Jesuiten“ zu konsultieren. Interesse am Judentum, am Buddhismus, am Islam?: Die entsprechenden Lexika und Grundlagenbände sind alle auch da. Die Jesuitenbibliothek Zürich ist, ähnlich der jüdischen ICZ-Bibliothek in Zürich, eine öffentlich zugängliche Privatbibliothek. Als die Zukunft der ICZ-Bibliothek eine Zeitlang ungewiss war, gab es sogar Überlegungen, die beiden Bibliotheken zusammenzulegen!
Um den Beständen der Bibliothek eine breitere Sichtbarkeit zu verschaffen, entschlossen sich die Planer die neue Bibliothek mit ihren Beständen noch vor der Eröffnung im NEBIS-Suchsystem zu integrieren. NEBIS ist ein Netzwerk von Bibliotheken und Informationsstellen in der Schweiz (NEBIS), dem 140 Bibliotheken von Hochschulen, Fachhochschulen und Forschungsanstalten sowie Spezialbibliotheken aus allen Sprachregionen angeschlossen sind. Weil sehr viele Bücher, die da in der neuen Bibliothek Aufnahme gefunden haben, nicht einmal eine Signatur besassen, wurde deren Erfassung von Leuten vorgenommen, die eigens für diese Aufgabe angeheuert wurden. Die Registrierung geht seit der Eröffnung der Bibliothek weiter.
Der Jesuitenorden ist ein Männerorden. Umso überraschender, dass das Team der Bibliothek mit Aita Schraner eine Leiterin besitzt, dass mit Dr. Esther Schmid Heer eine wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt ist, die gemeinsam mit dem Jesuiten Paul Oberholzer auch das Archiv der Schweizer Jesuitenprovinz betreut. Drei der 6 Mitarbeitenden sind Frauen. Kaum 100 Meter entfernt befindet sich ebenfalls am Hirschengraben das Archiv für Zeitgeschichte der ETH, in dem ebenfalls Spezialsammlungen zu Nationalsozialismus, Marxismus/Kommunismus, Geschichte Osteuropas gepflegt werden. Dass diese Sachgebiete in der Jesuitenbibliothek vertreten sind, hat mit den Interessen einzelner Jesuiten zu tun. Weitere 100 Meter vom Gebäude entfernt ist der Sitz der Zürcher Zentralbibliothek. Nicht genug Bücher auf so einem engen Raum? Es dürften hundert Meter Luftlinie bis zur städtischen Pestalozzibibliothek sein. Noch ist die Bibliothek offiziell erst an drei Tagen die Woche geöffnet. Das engagierte Personal drückt aber freundlich beide Augen zu, wenn ein Wissenschaftler auch dann in der Bibliothek arbeiten will, wenn sie offiziell gar nicht offen ist.
Jesuitenbibliothek Zürich
Hirschengraben 86
8001 Zürich
T: 044 266 21 15
www.jesuitenbibliothek.ch
Hortus conclusus
Heinz Egger
Eine neue Bibliothek in Zürich? – Ja, die gibt es seit dem 1. März 2018. Sie umfasst etwa 100 000 Publikationen und 240 Zeitschriften aus aller Welt. Die Frage, ob in der Zeit, wo alles ins Digitale gedrängt wird, eine physische Bibliothek noch zeitgemäss sei, wird an der Eröffnung klar bejaht. Die Jesuiten, schon immer bekannt für ihre breite Bildung, nicht nur in Theologie, sondern auch in Philosophie, Soziologie, Kultur, Kunst, interreligiösem Dialog und Themen der Zivilgesellschaft, sehen ihre Bibliothek als Ergänzung zum digitalen Angebot. Zwar sind die Bestände fein säuberlich katalogisiert und in Nebis zugänglich. Doch die Bibliothek ist nach wie vor ein Ort der Begegnung, der Recherche und des Nachdenkens. Und oft findet man dort, was man nicht gesucht hat. Zufallsfunde kennen die Algorithmen nicht. Zudem haben auch heute Bücher einen längeren Bestand als Digitalisate, die mit grossem Aufwand für späteren Zugriff gespeichert werden müssen.
Planung und Bau der Bibliothek haben fünf Jahre in Anspruch genommen. 70 Tonnen Bücher und andere Publikationen mussten verschoben und eingeordnet werden. Nun steht ein moderner Lesesaal mit Arbeitsplätzen für die Bibliothekarinnen und wissenschaftlichen Mitarbeitenden bereit. In einem unterirdischen Raum bieten 18 neue Compactus-Gestelle 1350 Laufmeter Bücherablage.
Die Eröffnung war feierlich und doch schlicht. Genau so präsentiert sich der 20 Meter lange und 4.5 Meter breite Lese- und Arbeitsraum. Nach der Eingangstüre stellt sich dem Besucher eine elegante Holztheke entgegen. Dahinter liegen zu den Fenstern hin die Arbeitsplätze von Anita Schraner, der Bibliotheksleiterin, der wissenschafltichen Mitarbeiterin Esther Schmid Heer, die für Jesuitica (Literatur zur Geschichte des Jesuitenordens), alte Drucke, und das Provinzarchiv verantwortlich zeichnet, und Nikolaus Klein SJ, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter sich vor allem mit systematischer Theologie, Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts und dem Zweiten Vatikanischen Konzil befasst.
Zur Linken erstreckt sich der etwas schlauchartig wirkende Lesesaal mit hellgrauen Arbeitstischen und Büromöbeln. Ganz hinten an der Wand hängen zwei Bilder mit abstrakter Kunst. Ihr Blau passt zur leicht kühlen Atmosphäre. Der langen Wand zur Bergseite hin laufen schwarze Metallgestelle entlang. Sie sind schwer mit Büchern beladen. Es ist die Referenzbibliothek. Hier finden sich beispielsweise Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft aus der Metzlerschen Verlagsbuchhandlung Stuttgart. Dieses Werk gilt auch heute noch mit seinen ab 1893 bis 1980 erschienen gut 80 Bänden als umfangreichste Enzyklopädie zum Altertum. Natürlich steht da auch der grosse Brockhaus, die Britannica, das historische Lexikon der Schweiz, die grosse sowjetische Enzyklopädie, natürlich auf Russisch, und auf Französisch die Bibliographie der „Bibliothèque de la compagnie de Jésus“, um nur ganz wenige zu nennen.
Neben den Lexika stehen zahlreiche Bücher zur Philosophie, Theologie, Bibelwissenschaft, Ökumene und zum Jesuitenorden zur Verfügung. Hier fallen die 157 Bände der „Monumenta Historica Societatis Iesu” auf. – Wer den Büchern entlanggeht, entdeckt verschiedene Signaturen: In der jetzigen Jesuitenbibliothek sind mehrere Bibliotheken vereinigt worden. Es sind dies die Bibliothek des Akademikerhauses aki, die Bibliothek der Schweizer Jesuitenprovinz und die Bibliothek des Instituts für weltanschauliche Fragen, bzw. der Zeitschrift „Orientierung“.
Obwohl jedes Exemplar der „Orientierug“ digital im Netz steht, lagern immer noch je 10 Exemplare im Archiv. All diese Bücher, Zeitschriften und darunter auch mehrere private Bibliotheken von Seelsorgern, wie beispielsweise jene von Bischof Peter Henrici, und von geschlossenen Standorten der Jesuiten lagern im „Bauch“, der aus mehreren Räumen besteht. Der Jesuitenorden wurde 1540 gegründet und war bis 1848 auch in der Schweiz tätig. Von 1848 bis 1973 war der Orden in der Schweiz verboten. Das Archiv des Ordens enthält Dokumente aus seinen Anfangszeiten bis heute. Allerdings ging durch das Ordensverbot auch viel verloren. Sei es, dass Archive durch Auflösung von Standorten zerstört wurden oder ihre Buchsammlungen in staatliche Bibliotheken übergingen.
Ein Recherche-PC gibt Zugang zu den Beständen. Was auf Karteikarten verzeichnet war, hat eine Drittfirma digitalisiert und in den Nebis-Katalog überführt. Nicht alle Bücher wurden dabei auch gleich mit entsprechenden Signaturen versehen. Solches geschieht jeweils, wenn ein Buch ausgeliehen wird. Der Zugang zu den Compactus-Anlagen steht nur den Bibliotheksangestellten offen. Das heisst also, Bücher bestellen und warten, bis sie auf den Arbeitstisch geliefert werden. Es gibt einen Altbestand, der den Lesesaal nicht verlassen darf. Zu wertvoll, ja unersetzlich sind die Bücher.
Über die Nutzung der Bibliothek können die Bibliothekarinnen noch nicht viel sagen, zu wenig lang ist die Bibliothek für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber es gebe dank dem Nebis-Verbund doch mehr Anfragen und viele, die einfach aus „Gwunder“ bei den Jesuiten in den Lesesaal gehen. Viele Studenten seien froh, wenn ein begehrtes Buch nun an einem weiteren Ort zur Verfügung stehe, sagt Anita Schraner.
An den Arbeitstischen im Lesesaal sitzen zwei Personen mit Büchern, Computer und Notizpapier vor sich. Es ist still. Wie lange es gehen wird, bis Studierende diesen „Hortus conclusus“ für sich erobern?