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Jean Starobinski hat ein Lebenswerk geschaffen, das weit über die Grenzen eines Faches hinausreicht, der bedeutende Genfer Gelehrte ist 98-jährig gestorben.
Dass er sowohl in der Literatur als auch in der Medizin zu Hause, sowohl promovierter Arzt als auch Geisteswissenschafter war, prädestinierte Jean Starobinski für eines seiner Hauptthemen: die Theorie der Schwermut, der er unter dem Titel «Geschichte und Poetik der Melancholie» einen Vorlesungszyklus am Collège de France widmete. Seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Melancholie führte ihn zur Literaturtheorie, zur Beschäftigung mit Denkern wie Charles Baudelaire, Søren Kierkegaard und Franz Kafka.
Im November 1920 als Sohn polnisch-jüdischer Emigranten in Genf geboren, studierte Starobinski Medizin, Philosophie und Literatur, arbeitete auf den Gebieten Medizingeschichte, Psychiatrie und Psychoanalyse, lehrte an berühmten Universitäten, unter anderem an der Johns Hopkins University in Baltimore (neben Leo Spitzer) und der Universität Basel.
Pluralistischer Ansatz
1958 wurde er an der Universität Genf Professor für Medizingeschichte, französische Literatur und Ideengeschichte und wurde – mit seinen Lehrern Georges Poulet und Marcel Raymond – einer der bedeutendsten Vertreter der «Genfer Schule». 1957 hatte er eine wegweisende Rousseau-Studie veröffentlicht, die weltweite Beachtung fand. In dieser Studie verband Starobinski eine auch auf psychoanalytische Ansätze zurückgreifende Interpretation der Persönlichkeit des jeweiligen Schriftstellers mit einer Analyse von dessen Sprachstil. Diese Arbeit zeugte bereits von dem für Starobinski typischen, philosophische und psychologische Perspektiven integrierenden, pluralistischen Ansatz. Offen auch für die bildende Kunst und Musik – er schrieb etwa ein Buch über «Zauberinnen», Untertitel: «Macht und Verführung in der Oper» –, durchmass Starobinski kreative Welten von Racine bis Stendhal und setzte für die Interpretation von Literatur, Kunst und Musik völlig neue Massstäbe. Für sein hoch gelobtes Buch «Montaigne. Denken und Existenz», die «vollständigste und unvoreingenommenste Erschliessung des Montaigne’schen Denkens» («Neue Zürcher Zeitung»), erhielt er 1983 den Charles-Veillon-Preis.
Poetik des Blicks
Viele der Schriften Jean Starobinskis spüren den Bewegungen von Blicken (etwa auf Gemälden) nach. Schon in seinem Essayband «L’œil vivant» (1961) (deutsch: «Das Leben der Augen») entwarf er eine Poetik des Blickens, Sehens. Ihn faszinierte das Schicksal der «ungeduldigen Energie» eines Blicks, der etwas anderes begehrt, als ihm gegeben ist und so ins Imaginäre verweist, oder ein Blick, der durch einen Schleier den Blicken anderer entzogen und umso fesselnder ist, ein Blick, der mit der Dramaturgie von Schein und Sein spielt. Ihn fesselte das Phänomen der Maske, und was das Maskierte hervorruft. Er war zudem ein hervorragender Kenner der Epoche der Aufklärung und der Französischen Revolution, doch seine Aufsätze umspannen thematisch viele Jahrhunderte europäischer Kulturgeschichte. Jean Starobinski erhielt zahlreiche Auszeichnungen und mehrere Ehrendoktorate. Er hat ein Lebenswerk hinterlassen, dessen Wirkung weit über die Grenzen eines Fachs und die der Schweiz hinausreicht und ihn zu einem der profiliertesten Vertreter der zeitgenössischen Geistes- und Kulturwissenschaften machte. Nun ist der grosse Schweizer Arzt, Medizinhistoriker und Literaturwissenschafter mit 98 Jahren in Morges verstorben.