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«Der Angeklagte hat es verstanden, über Jahre hinweg die Einwohner von Zürich zu verunsichern und ihren Glauben an die Unverletzlichkeit des Eigentums zu erschüttern.»
Gross an die Wand des Stadtmuseums Düsseldorf kopiert ist dieser Satz aus dem Jahr 1981, der das harte Urteil von neun Monaten Haft begründete. An etwa 200 Hausfassaden hatte Harald Nägeli mit der Spraydose seine Figuren gezeichnet. Sachbeschädigung?
Verzeihen geht nicht
Bis heute sieht der «Sprayer von Zürich» das anders: «Der Gesetzgeber hat hier eine präzise Definition, er sagt: Es muss ein Gegenstand zerstört oder in seiner Funktion unbrauchbar gemacht werden. Das kann man in keinem Fall von meinen Figuren behaupten. Im Gegenteil: Sie haben die Träger bereichert.»
Harald Nägeli hat der Schweiz noch nicht verziehen. Auch wenn die Stadt in einem Akt der Rehabilitation 2004 seine Figur «Undine» an der Universität restauriert hat.
«Der ganze Prozess beruhte auf einem Missbrauch der Vorschriften des Rechtsstaates, nämlich der Verhältnismässigkeit.», sagt er. Und deswegen betrachte er sein Leben in Düsseldorf immer noch als Exil.
Der Prozess
In der Ausstellung, die ihm jetzt das Düsseldorfer Stadtmuseum widmet, liegen die Prozessakten aus, 300 Beweisfotos der Zürcher Polizei sind zu sehen. In einer Vitrine befindet sich eine alte Ausgabe von Franz Kafkas «Der Prozess».
Das Buch über Josef K., der eines Morgens verhaftet wird, «ohne dass er etwas Böses getan hätte», hat Nägeli geschenkt bekommen, als er sich dem Urteil durch Flucht entzog. Erst drei Jahre später stellte er sich, als trotz prominenter Fürsprache von Künstlern wie Joseph Beuys und Politikern wie Willy Brandt die Bundesrepublik Deutschland dem Auslieferungsbegehren der Schweiz nachgab.
Anarchistische Utopie
Harald Nägeli ist 76 Jahre alt und noch immer als Sprayer aktiv, jetzt als Sprayer von Düsseldorf. Seine eleganten Graffiti-Figuren winden sich um Brückenpfeiler, laufen an Hauswänden entlang oder verstecken sich in Unterführungen: Fische, Käfer, Kopffüssler oder grossbusige Strichweibchen.
Hunderte von Fotos dokumentieren im Düsseldorfer Stadtmuseum das Werk dieses Pioniers der Street Art, der seine Arbeit immer noch als Provokation verstanden wissen will.
«Ich mache eine Utopie sichtbar», sagt Nägeli und meint die Utopie einer Kunst, die sich nicht im kommerziellen Kreislauf befindet. Schließlich seien seine Sprayfiguren Geschenke an die Allgemeinheit.
Die Urwolke
Im Gegensatz zur schnellen Kunst des Sprayens übt sich der Zeichner Harald Nägeli in meditativer Langsamkeit. Seine in Düsseldorf ausgestellten «Wolkenbilder» sind feinste Federzeichnungen, an denen er täglich arbeitet.
500 Blätter gibt es davon schon. Bis an sein Lebensende, so sagt der Künstler, wird er sich weiter um die Annäherung an die «Urwolke» bemühen.
Sendung: Kultur kompakt, 29. August, 6:50 Uhr