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Die Landwirte waren im ausgehenden 19. Jahrhundert oft nicht in der Lage, bei Viehkäufen die volle Kaufsumme zu zahlen. Der Bauer blieb dem Viehhändler den Rest schuldig und musste das Geld über die Jahre abstottern. Gelang ihm dies nicht, geriet er in Abhängigkeit vom Viehhändler, der ihn mit immer höheren Zinsen in den Ruin treiben konnte. Der Bankrat beschäftigte sich schon 1883 mit der Möglichkeit, den fehlenden Teil der Kaufsumme zu einem gut verkraftbaren Zins vorzuschiessen und dafür ein Teil des Viehs als Pfand zu nehmen. Vorerst überliess man diese Aufgabe jedoch lokalen Viehleihkassen, denen die Bank zu diesem Zweck niedrig verzinsliches Kapital gewährte. 1905 beschloss der Bankrat aufgrund einiger Gesetzesänderungen schliesslich, die direkte Belehnung von Vieh als neues Geschäftsfeld doch noch aufzunehmen. Die Bank beteiligte sich mit der Vorfinanzierung des Viehkaufs am weiter anhaltenden Trend in der Landwirtschaft, vom Ackerbau auf Fleisch- und Milchwirtschaft umzustellen. Im Weiteren diente die Pfandverschreibung auf Teile der Herde dazu, das im Viehbestand steckende Kapital flüssig zu machen, um Verbesserungen im Betrieb realisieren zu können.
Das «Züsi» als Pfand
Ein Stall voller Kühe, aber zu wenig Geld für weitere Viehkäufe oder dringend benötigte Anschaffungen – mit dem Viehpfanddarlehen konnte der Landwirt bei der Zürcher Kantonalbank einen Kredit aufnehmen. Die Kühe dienten dabei als Sicherheitspfand. Auf einen Augenschein im Stall wurde allerdings von Seiten der Bank verzichtet – mit Folgen.
Keine Stallstiefel nötig
Anfänglich verliess sich die Bank bei der Bemessung der Darlehenshöhe auf die individuellen Schätzungen der Viehversicherungen. Da sich der Wert eines Stück Vieh aber in sehr kurzer Zeit ändern konnte, beispielsweise aufgrund des sehr volatilen Milchpreises, ging die Bank bald zu einer standardisierten Bemessung der Höchstkreditsumme für ein verpfändetes Tier über. Die Kreditgewährung mit Kühen als Sicherheit war also ein reines Papiergeschäft und erfolgte zentral vom Hauptsitz aus. Für jedes Stück Vieh wurde dabei ein eigener Vertrag abgeschlossen und aufgrund der beigebrachten Dokumente die Höhe des Kredits festgesetzt. Kein Bankangestellter setzte so je seinen Fuss in einen Stall, um den Viehbestand zu überprüfen. Falls eine Kuh starb, verkauft oder geschlachtet wurde, musste der Kredit zurückgezahlt oder das Pfandrecht auf eine andere Kuh übertragen werden. Das Problem: Nicht alle Bauern meldeten zuverlässig die Zu- und Abgänge in ihrem Stall. Bei sporadischen Kontrollanrufen beim Bauer stellte der Bankangestellte zuweilen fest, dass «Züsi», «Flora» oder «Annerös» schon lange das Zeitliche gesegnet hatte – ohne Rückzahlung des Kredits. Aufgrund der verhältnismässig kleinen Beträge und des bescheidenen Geschäftsvolumens wäre der Aufwand für eine lückenlose Überwachung der Tiere aber unverhältnismässig gewesen. Auch die vierteljährlichen Raten zur Abzahlung liessen oft auf sich warten. Entsprechend waren Abschreiber in diesem Geschäft keine Seltenheit. Da das Viehpfanddarlehen als sozialer Kredit galt, nahm man dies billigend in Kauf.
Wie viele Kühe sind in der Herde? Szene aus einem Kindergarten, 1958.
Kapital- und Zinsbescheinigungsheft für eine Viehpfandverschreibung, 1933.
Nach dem Zweiten Weltkrieg büsste das Geschäft aufgrund der Verfügbarkeit von Kleindarlehen und eines generell etwas kapitalkräftigeren Bauernstandes immer stärker an Bedeutung ein und wurde schliesslich in den 1980er Jahren gänzlich aufgegeben. Nach wie vor gestaltet sich allerdings die Fremdfinanzierung für Bauern schwierig, da sie aufgrund des bäuerlichen Bodenrechts Gewerbe und Grundstücke nur beschränkt verpfänden dürfen. Trotzdem sind Hypotheken immer noch klar die am häufigsten gewählte Finanzierungsform. Als Alternative zu einem herkömmlichen Bankkredit für die Beschaffung von beweglichen Investitionsgütern bietet die Zürcher Kantonalbank in jüngster Zeit als liquiditätsschonende und kostengünstige Variante auch die Möglichkeit, Traktoren, Melkanlagen oder Erntemaschinen zu leasen.
Titelbild: «Wotsch e rächte Priis?». Die Kuh (und ihr Wert) als Sujet auf einem Plakat für die eidgenössische Abstimmung über die Besoldung der Bundesbeamten, 1949