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Über die Arbeit des Schriftstellers, über die Entstehung eines literarischen Textes hat Peter Stamm immer wieder in seinen Essays und Interviews, aber auch in seinem erzählerischen Werk reflektiert. Schon in seinem hochgelobten Debütroman «Agnes» (1998) liess er einen icherzählenden Autor auftreten, der an der Titelfigur die Macht der Literatur, die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion demonstrierte. Stamms neuer, inzwischen siebter Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» knüpft – nicht nur im schmalen Umfang – an «Agnes» an und thematisiert das Erschreiben einer (fragwürdigen) Lebenswirklichkeit. Christoph, der etwa fünfzigjährige schriftstellernde Ich-Erzähler des Romans, arrangiert ein Treffen mit der Schauspielerin Lena auf einem Stockholmer Friedhof. Obwohl er die junge Frau eigentlich nicht näher kennt, weiss er ihre Geschichte, die seine eigene ist. So ist es Christophs Intention, Lena die Jahre zurückliegende Geschichte seiner verlorenen Liebe zur Schauspielerin Magdalena zu erzählen, die auch Inhalt seines einzigen, erfolgreichen Buches über die «Unmöglichkeit der Liebe» war und zugleich die Geschichte von Lena und ihrem Geliebten Chris, der an einem Roman arbeitet, aufgreift.
Stamms Romanfabel, die er seinen Ich-Protagonisten erzählen lässt, stellt die «Realität» wie in «Agnes» tiefgreifend in Frage. Denn realistisch betrachtet, erscheint die Duplizität der beiden Liebesgeschichten unwirklich. In der Fiktion des Erzählens wird sie jedoch möglich, indem verschiedene Zeitebenen miteinander verflochten und so vergegenwärtigt werden. Während das reale Geschehen nicht vorhersehbar ist, vermag die Literatur Leben sinnstiftend zu bestimmen und zu ordnen: «ein Ende haben Geschichten nur in Büchern», erkennt denn auch der Ich-Erzähler.
Stamms Roman behandelt die zentrale Frage, inwieweit eine verlorene Liebe verlebendigt, eine gescheiterte Liebesgeschichte neu erlebt und wieder gutgemacht werden kann. Die Begegnungen Christophs mit einem «Doppelgänger», seinem «jüngeren Ich» Chris, und mit der Schauspielerin Lena, die sich als ein Abbild seiner verlorenen Geliebten Magdalena darstellt, zeigen die Möglichkeiten des literarischen Schreibens, das Alternativen der Existenz, andere, innere Wirklichkeiten und neu erlebte Erinnerungen zeichnet. In diesem Schreiben ist die faszinierende Vorstellung, eine vergangene Lebensgeschichte wiederholen und korrigieren zu können, realisierbar.
Christophs scheiterndem Versuch, nach dem Erfolg seines einzigen veröffentlichten Buches schriftstellerisch weiterzuarbeiten und neue Erzählstoffe zu finden, erzählerisch eine «lebendige Welt» zu erschaffen, öffnet Stamms Roman Perspektiven. Nicht nur das Nacherzählen des real Erlebten erweist sich als Lösung der Schreibproblematik, sondern auch das fiktionale Vorerzählen des Erlebens, der Blick über die konkrete Lebenswirklichkeit hinaus: Peter Stamms erzählerisch konzentrierte, sprachlich lakonische Geschichte bietet den imaginationsanregenden Beweis.
Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2018.