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293 Seiten, 23 wagemutige AutorInnen und der verführerische Blick eines Manns auf dem Buchdeckel. «Mit diesem Titelbild wollten wir vor allem Frauen anlocken», sagt Binyavanga Wainaina und grinst. «Wir dachten uns, die sind am ehesten offen für etwas Neues.»
Das Neue war die erste Ausgabe des Kwani?-Journals, einer Anthologie junger kenianischer AutorInnen, von denen die meisten zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Schriftsteller Binyavanga Wainaina, heute 43, war ihr Lektor und einer der Gründer von Kwani?, was so viel wie «Na und?» bedeutet. Von der ersten Anthologie waren im Nu 700 Stück verkauft; nicht nur Frauen haben sich verführen lassen.
Kenias kultureller Frühling
Das war 2003. Kenias langjähriger autokratischer Präsident Daniel arap Moi hatte gerade den Platz für seinen demokratisch gewählten Nachfolger Mwai Kibaki geräumt. Politisch und kulturell wurde es Frühling im Land, Zeitungen schrieben sich frei, und die lokale Musikszene dominierte die Radiostationen mit Liedern in der Landessprache Kisuaheli. Sie thematisierten den Alltag der Menschen, die HörerInnen konnten sich damit identifizieren. «Das Gleiche passierte kurz darauf mit der Literatur», erklärt Wainaina. Sein Wort hatte plötzlich Gewicht, nachdem er 2002 den Caine Prize gewonnen hatte, die wichtigste Auszeichnung für afrikanische Literatur. Die New Yorker Ford-Stiftung bot Wainaina für Kwani? finanzielle Unterstützung an. «In eingeweihten Kreisen war die junge kenianische Literatur schon lange lebendig», sagt Wainaina. Doch nun konnte man sie auch ausserhalb dieser Kreise nicht länger ignorieren. Manuskriptschubladen wurden geöffnet und Regale in den Buchhandlungen freigeräumt.
Zwölf Jahre später ist aus der verwegenen Idee einiger VisionärInnen ein kleiner Buchverlag geworden, der nicht nur kenianische, sondern AutorInnen aus verschiedenen Ländern Afrikas publiziert. Sieben Kwani?-Anthologien sind inzwischen erschienen, jede Ausgabe ist eine Plattform für experimentelles Schreiben: Kurzgeschichten, Gedichte, literarische Reiseberichte, Cartoons, Fotostrecken und neue journalistische Formen. Für viele AutorInnen ist das Kwani?-Journal die erste Chance auf ein Publikum. Ausserdem hat Kwani? mehrere Romane publiziert, darunter die der preisgekrönten Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie, sowie ein Dutzend Einzelausgaben von Kurzgeschichten in handlichem Miniformat. Pro Jahr, so hat der Verlag sich vorgenommen, sollen eine Anthologie, vier Romane und vier einzeln publizierte Kurzgeschichten erscheinen – ein Ziel, das bisher nicht ganz erreicht wurde.
Kwani? möchte ein Ort sein, wo aus Ideen Texte entstehen können, erklärt Billy Kahora, leitender Lektor und selbst Autor. «Das bedeutet, dass wir nicht immer nach kommerziellen Gesichtspunkten arbeiten. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, Afrika als Ort für Geschichten zu präsentieren. Oder in anderen Worten: Wir wollen veröffentlichen, was noch nicht über Afrika geschrieben wurde, wollen AutorInnen fördern, die etwas Originelles erzählen können. Das ist unsere Nische. Es gibt jede Menge brillante Romane aus der Diaspora, aber nicht sehr viele über die Realität Afrikas.»
LeserInnen im eigenen Land
Im Unterschied zu ihren schreibenden Vorvätern aus den postkolonialen sechziger und siebziger Jahren wie Ngugi wa Thiong’o oder Meja Mwangi sind die jungen AutorInnen Kenias weniger an der grossen Politik oder der kolonialen Vergangenheit als Thema interessiert. Sie schreiben über den Alltag in Stadt und Land, deren Lebensrealitäten sich immer weiter voneinander entfernen, oder über die Schattenseiten einer Gesellschaft, die mit dem Spagat zwischen Tradition und Moderne kämpft. Über ethnische Auseinandersetzungen, Konflikte zwischen Mensch und Umwelt, die Beschneidung von Frauen oder über Aids. Das Individuum und seine inneren Kämpfe stehen im Mittelpunkt.
In Eva Kasayas – ausverkauftem – Buch «Tale of Kasaya» (2010) etwa läuft die Protagonistin mit sechzehn Jahren aus ihrem Dorf weg, um in der Hauptstadt Nairobi als Dienstmädchen zu arbeiten. Stanley Gazemba, ein ehemaliger Gärtner, beschreibt in «The Stone Hills of Maragoli» (2010) das harte Leben einer jungen Bauernfamilie, deren Familienvater aus Not Gemüse vom Beet seines Chefs stiehlt und deren Tochter mangels medizinischer Versorgung auf dem Land stirbt. Jennifer Nansubuga Makumbi wiederum verwebt in «Kintu» (2014) Legenden ihrer ethnischen Gruppe mit Schicksalen von Menschen im heutigen Uganda.
Während Kwani? anfangs vollständig von Partnern wie der Ford-Stiftung finanziert wurde, stammen gegenwärtig noch 60 bis 65 Prozent des Budgets von aussen, so Kahora, Tendenz abnehmend. «Wir bekommen Gelder für die Produktion einer Veröffentlichung und die erste Auflage, in der Regel tausend Exemplare», sagt er. «Jede nachfolgende Auflage finanziert sich aus den Verkaufserlösen.» Förderung vom Staat erhält Kwani? keine.
Nachgedruckt wurden auch die drei Romane von Chimamanda Ngozi Adichie, die zuerst in den USA erschienen sind – zuletzt ihr international viel beachteter Roman «Americanah» über die Rückkehr zweier AuswanderInnen nach Nigeria. «Mit Chimamanda verbindet uns eine lange Freundschaft», sagt Kahora. «Sie bringt dem Verlag Sichtbarkeit.» Noch in diesem Jahr soll ein weiterer Roman eines sehr bekannten Autors beim Kwani?-Verlag erscheinen: «Hiding in Plain Sight» des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah, der darin den Terrorismus in Ostafrika thematisiert. «Das grosse Geld und die Buchmärkte sind natürlich im Westen», sagt Billy Kahora, «aber Autoren wollen auch dort Leser haben, wo sie selbst herkommen.»
Am Scheideweg
Umgekehrt verhielt es sich bei der Kenianerin Yvonne Adhiambo Owuor: Ihr international hochgelobter Roman «Dust» erschien 2013 zuerst bei Kwani?, bevor ihn letztes Jahr ein US-Verlag veröffentlichte. «Mein Roman erzählt eine Geschichte über Kenia, und mir gefiel die Idee, dass er zuerst in einem lokalen Verlag erscheint», sagt die Autorin. «Ausserdem habe ich eine emotionale Verbindung zu Kwani? als Ort zur Förderung junger Talente.» Ihre Buchpremiere zu Kwani?s zehntem Geburtstag war ein Grossereignis in der Szene.
Es gibt aber auch Kritik: AutorInnen, die namentlich nicht genannt werden möchten, erkennen zwar das professionelle Lektorat bei Kwani? an, beklagen aber mangelnde Transparenz bei den Verkaufszahlen und zu wenig Marketing für ihre Werke. Ausserdem liessen Nachdrucke auf sich warten. Nach mehr als einem Jahrzehnt im Buchmarkt steht das kleine Verlagshaus mit dem respektablen Ruf möglicherweise an einem Scheideweg: Sollten seine MacherInnen sich entschliessen, Arbeitsprozesse zu professionalisieren und die bisher ungenutzten literarischen Schätze zu heben, könnte Kwani? noch für viele unveröffentlichte AutorInnen Afrikas zu einer literarischen Heimat werden.
Von Binyavanga Wainaina ist auf Deutsch «Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben» im Wunderhorn-Verlag erhältlich. Die Bücher von Chimamanda Ngozi Adichie erscheinen bei S. Fischer, die von Nuruddin Farah bei Suhrkamp.