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Ohne die amerikanische Philosophin Judith Butler würden wir heute vermutlich nicht von «gendern» sprechen und «queer» immer noch als Schimpfwort gebrauchen. Dass wir eine offene Vielzahl von Geschlechtern anerkennen und nicht ausschliesslich zwischen Mann und Frau unterscheiden, ist massgeblich ihrem wachen Geist zu verdanken. Der bescherte Butler schon als 14-Jährige ziemliche Störgefühle.
Bestehendes infrage stellen
Damals wurde dem Teeniemädchen aus Cleveland die Aufnahme in die ortsansässige Baseballmannschaft verwehrt, weil sie kein Junge war. Dass ihr die gängige Definition von Geschlecht zum Hindernis geworden war, machte ihr zu schaffen: «Etwas anderes wäre es gewesen, wenn der Trainer gesagt hätte, dass meine Muskeln nicht hinreichend entwickelt seien.»
Bestehendes infrage zu stellen wird zu ihrer Spezialität. Und sie tut dies so hartnäckig, dass ihr Lehrer sie eines Tages in einen Ethikkurs schickt, damit sie dort anderen auf die Nerven geht. Ein Glück, denn genau dieser Kurs wird zu ihrer «ersten philosophischen Schulung», wie die heute 55-Jährige sagt. Zu diesem Zeitpunkt liest sie bereits Werke von Locke und Montesquieu und diskutiert ausgiebig mit ihren politisch engagierten Eltern – einer Wirtschaftswissenschafterin und einem Zahnarzt.
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Geschlecht als kulturelles Konstrukt
Ihre unermüdlichen Auseinandersetzungen führen sie an die Universität Heidelberg und später an die Elite-Uni Yale, wo sie doktoriert. In den frühen Neunzigerjahren dann wird Butler mit der Veröffentlichung ihrer wohl bahnbrechendsten Werke «Das Unbehagen der Geschlechter» und «Körper von Gewicht» weltberühmt – und legt mit ihnen den Grundstein zur aktuellen Queer-Theorie. Dem Glauben an eine durch die Anatomie definierte duale Geschlechtsidentität setzt sie die Idee des Geschlechts als kulturelles Konstrukt entgegen und löst all das auf, was bis dahin als Norm anerkannt war.
Bis heute nimmt Judith Butler, unterdessen Professorin an der kalifornischen Universität Berkeley, in Kauf, anzuecken: So tritt die jüdische Denkerin für die Ein-Staat-Lösung ein, bei der Israelis und Palästinenser:innen gleichberechtigt zusammenleben. Und in ihrem aktuellen Buch «Die Macht der Gewaltlosigkeit» plädiert sie für ein radikales Gleichheitskonzept, das «jenseits des Horizonts unseres gegenwärtigen Denkens» liegt.