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Ausgewählt und herausgegeben von Peter Davison. London: Folio Society, 2017. Diese Edition wurde speziell für die Folio Society erstellt; es gibt sie demnach nicht auf Deutsch, und der deutsche Titel stammt von mir.
Chronologisch geordnet und in verschiedene Grosskapitel unterteilt, werden hier Auszüge aus Orwells Tagebüchern und verschiedene seiner Briefe präsentiert. Wo nötig, hat der Herausgeber überleitende Texte beigefügt oder Briefe an Orwell. So können wir das Leben eines Autors verfolgen, der sich schon früh dem Schreiben widmete, der allerdings auch schon früh eine sozialistische Grundüberzeugung hatte, die er nicht verleugnen wollte oder konnte. Das Resultat ist vorhersehbar: Eric Arthur Blair (der sich als Autor “George Orwell” nannte) verbrachte den Grossteil seines Lebens in Armut.
Im heutigen Burma geboren, war er eine Zeitlang bei der dortigen Kolonialpolizei tätig. Schon bald merkte er aber, dass er selber mit kolonialistischen Überzeugungen auf Konfrontationskurs lag und quittierte den Dienst. Burmese Days ist das schriftstellerische Resultat dieser Zeit. Er lebte eine Zeitlang unter ärmsten Zuständen in Paris, holte sich dort eine Lungenentzündung, die er in einem Armenspital auskurierte. Zurück in England konnte er dort, nach bürgerlichem Gesichtspunkt, nicht Fuss fassen. 1936 recherchierte er für ein Buch im nordenglischen Wigan unter Arbeitern im Kohlebergbau. (Die von ihm des öftern erwähnte Davy-Lampe ist übrigens auf den uns auch schon begegneten Sir Humphry Davy zurückzuführen: eine Lampe für den Untertage-Bergbau, die so konstruiert ist, dass zwar Luft hinein-, aber kein Feuer herauskommen kann. Das wird nicht erklärt. Erklärt wird allerdings der Grund für einen Umweg, den Orwell auf dem Weg in den Norden macht, nämlich, dass er den Lake Rudyard besuchte: Das war eine kleine, private Hommage an den eben verstorbenen Rudyard Kipling – der ja seinen Vornamen von diesem See hatte, an dem sich seine Eltern lieben gelernt hatten. Orwells kritische Einstellung zu Kipling entwickelte sich erst später.) Orwell erreichte durch diese Reportage zwar eine gewisse Bekanntheit, aber die setzte sich kaum in Geld um.
1936 ging er nach Spanien, um als Kämpfer im Bürgerkrieg teilzunehmen. (Dass er dort u.a. Hemingway und Malraux kennen lernte, geht allerdings aus dem vorliegenden Buch nicht hervor.) Er trat einer marxistischen Splittergruppe bei und musste mit ansehen, wie die Stalinisten diese unabhängigen Kommunisten mit grossem Hass verfolgten, ja, lieber Säuberungen in den eigenen Reihen durchführten, als den gemeinsamen Feind Franco zu bekämpfen. Eine schwere Verwundung setzte seiner Tätigkeit in Spanien ein Ende.
Zurück in England erlebte er, wie das Buch über seine Bürgerkriegserlebnisse (Homage to Catalonia) bei den linken Verlagen, für die er bisher geschrieben hatte, abgelehnt wurde. Die Linke Grossbritanniens war damals unkritisch pro-russisch gesinnt. Orwell selber ging kurze Zeit später nach Marokko, um seine wieder aufgebrochene Tuberkulose zu heilen. (Man hielt damals das warme Klima Marokkos für gesund.) Da er nun nur wenige und immer verspätete Informationen über das politische Geschehen in Europa erhielt, drehen sich seine Tagebuch-Einträge vorwiegend um Versuche, Kartoffeln anzubauen oder Ziegen und Hühner zu züchten. (Diese, ich möchte sagen: selbstversorgerische, Seite seines ökonomischen Denkens finden wir übrigens schon in seiner Zeit in Nordengland.)
Den Beginn des Zweiten Weltkriegs erlebte er wieder in London – zuerst als unabhängiger Schriftsteller und Buchkritiker, dann, als sein Patriotismus erkannt und anerkannt wurde, bei der Propaganda-Abteilung der BBC, die zuständig war für Südostasien. Auch diese Stelle musste er aber schliesslich auf Grund politischer Differenzen verlassen. Er fuhr als Korrespondent ins gerade besiegte Deutschland. Der unerwartete Tod seiner Frau rief ihn zurück nach England. Unterdessen wurde, nach langwieriger Suche nach einem Verlag Animal Farm, seine Abrechnung mit dem Stalinismus, veröffentlicht – zuerst in den USA. Der kurze Roman entpuppte sich als unerwarteter Erfolg. Orwell zog auf die Insel Jura auf den Hebriden. Ein weiteres (und, wie sich zeigen sollte, letztes, letales) Mal an Tuberkulose erkrankt, konnte der mit Nineteen Eighty-Four einen weiteren Erfolg nachschieben.
Wir finden im vorliegenden Buch vor allem den privaten Orwell – und den Sozialisten, der sich für die Arbeiter einsetzt. Schriftstellerisches, Künstlerisches, Poetologisches gibt es kaum. Ob es an der Auswahl liegt, oder ob Orwell sich tatsächlich diesbezüglich wenig Gedanken machte, kann ich nicht entscheiden. Ich kenne Orwell zu wenig; er war nie einer meiner Lieblinge. Aber Orwell scheint tatsächlich allzu viel Kontakt mit Autoren-Kollegen gemieden zu haben. Bei der BBC arbeitete er zwar eine Zeitlang mit T. S. Eliot zusammen; aber der bei Faber & Faber arbeitende Eliot lehnte die Veröffentlichung von Animal Farm trotzdem ab. Mit Wells, einen anderen “linken” Intellektuellen, hatte sich Blair bereits verkracht. Einzig mit Arthur Koestler scheint Orwell gegen Ende seines Lebens intensiveren Kontakt gehabt zu haben.
Die Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg sind insofern interessant, als dass wir sehen, wie ein intelligenter Mensch beim Versuch, die Geschehnisse auf Grund ungenügender Informationen zu interpretieren, immer und immer wieder völlig falsche Prognosen über die weitere Entwicklung der Ereignisse liefern kann – ohne dies sich selber so ganz eingestehen zu können.
Alles in allem sicher eine informative Zusammenstellung, auch wenn gewisse Informationen vom Herausgeber nicht geliefert, bzw. dessen Wissen offenbar vorausgesetzt wird. So wird z.B. nirgends expliziert, warum Orwell 1945 einen Zeitungsartikel In Defence of P. G. Wodehouse verfasste und publizierte. (Wodehouse war im Zweiten Weltkrieg in Frankreich in deutsche Gefangenschaft geraten und hatte sich – aus Naivität und nicht aus politischer Überzeugung – von den Deutschen dazu überreden lassen, einige Radiosendungen für sie zu machen, die nach Grossbritannien und in die USA gesendet wurden. In Grossbritannien wurde er deshalb als Verräter betrachtet. Diese Informationen fehlen, wie gesagt.) Alles in allem also sicher eine informative Zusammenstellung, auch wenn für mein Gefühl der ‘private’ Orwell ein bisschen zu sehr im Mittelpunkt steht. Allerdings werde ich auch nach dieser Lektüre kein Freund Orwells werden.