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Als portugies. Seefahrer 1543 J. entdeckten und ihnen ab 1549 christl. Missionare folgten, stiessen die Europäer auf ein Feudalreich auf dem Weg zur polit. Zentralisierung. Die Tokugawa-Shogune (1603-1867) vermochten sich so den Versuchen westl. Mächte, sich Zutritt ins Land zu verschaffen, lange zu widersetzen. Erst 1854 musste sich J. dem amerikan. Druck beugen. Unter der Meiji-Regierung (1868-1912) wandelte sich J. zum modernen Staat und stieg zur ostasiat. Grossmacht auf, die unter den Einfluss militär. Kreise und antiparlamentar. Gruppen geriet. Die Kapitulation J.s 1945 am Ende des 2. Weltkriegs und die Besetzung durch amerikan. Truppen setzten der Periode aggressiver japan. Aussenpolitik ein Ende. Nach der 1946 verkündeten Verfassung ist J. heute eine parlamentar.-demokrat. Monarchie mit dem Kaiser (Tenno) als Staatsoberhaupt.
Der Empfang von vier getauften Japanern durch Papst Gregor XIII. 1585 erregte europaweit Aufsehen und veranlasste Renward Cysat zur Abfassung des ersten japankundl. Werks der Schweiz ("Wahrhafftiger Bericht von den Newerfundenen Japponischen Inseln und Königreichen [...]" 1586), wobei er sich auf Informationen der Jesuiten stützte. Nach dem Verbot der christl. Religion in J. 1613 konzentrierte sich das öffentl. Interesse v.a. in den kath. Kantonen auf das Schicksal der japan. Christen (barocke Märtyrerdramen).
Nachdem J. 1858 Handelsverträge mit den USA, den Niederlanden, Russland, England und Frankreich abgeschlossen hatte, unternahm 1859 der Preusse Rudolf Lindau im Auftrag der Union horlogère in La Chaux-de-Fonds und des Kaufmänn. Direktoriums von St. Gallen eine halboffizielle Erkundungsreise. 1863 begab sich unter niederländ. Schutz eine Schweizer Regierungsdelegation nach J., die von Aimé Humbert-Droz, alt Ständerat und Generaldirektor der Société horlogère, geleitet wurde. Zuerst mussten allerdings verfassungsrechtl. Bedenken bezüglich Staatsverträgen mit nichtchristl. Nationen (Art. 41 BV) beseitigt werden. Nach langwierigen Verhandlungen wurde am 6.2.1864 in der niederländ. Botschaft in Tokio ein Staatsvertrag unterzeichnet. Er gewährte Schweizern die Niederlassungs- und Handelsfreiheit in den offenen Hafenstädten, die Konsulargerichtsbarkeit sowie niedrige Einfuhrzölle.
Im revidierten Abkommen von 1896 stimmte die Schweiz einer Erhöhung der japan. Zolltarife zu und verzichtete auf die Konsulargerichtsbarkeit, erhielt aber ihrerseits für ihre Bürger den freien Zugang zu ganz J. Der Niederlassungs- und Handelsvertrag von 1911 regelte schliesslich alle wesentl. Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Weitere Verträge behandelten die gerichtl. Erledigung von Streitigkeiten (1924), die Rechtshilfe in Strafsachen (1937), den Luftverkehr (1956) und die Vermeidung einer Doppelbesteuerung (1971).
De jure wahrte anfänglich der niederländ. Generalkonsul, de facto der Schweizer Konsul in Yokohama die Interessen der Schweiz. 1906 wurde die Schweizer Gesandtschaft in Tokio, 1957 die Botschaft eröffnet. Die japan. Interessen in der Schweiz nahm ab 1879 der diplomat. Vertreter J.s in Paris, ab 1892 jener in Wien wahr. 1916 wurde die japan. Gesandtschaft in Bern, 1955 die Botschaft errichtet. In beiden Weltkriegen stellte die Schweiz J. ihre Guten Dienste zur Verfügung. Im 1. Weltkrieg vertrat sie Deutschland in Tokio, 1941-46 16 Nationen in J. sowie die Interessen J.s in 19 Ländern. 1945-52 vertrat ein beim Oberkommando der alliierten Streitkräfte akkreditierter Repräsentant die Schweiz in J. Die zwischenstaatl. Beziehungen wurden am 28.4.1952 wieder aufgenommen und entwickelten sich seither problemlos.
Autorin/Autor: Heinrich Reinfried
Mitte des 19. Jh. erreichten Schweizer Uhren über niederländ. Kaufleute J. Das erste Schweizer Handelshaus (heute SiberHegner) wurde 1865 gegründet. 1880 existierte bereits ein Dutzend Firmen in der Gegend von Yokohama, die Seide exportierten und Uhren, Textilien, Maschinen sowie chem.-pharmazeut. Produkte importierten. Ab 1932 wurde J. zum Produktionsstandort für Schweizer Unternehmen wie Roche, Sika und Nestlé. Im 2. Weltkrieg brachen die Wirtschaftsbeziehungen zusammen. Der Neubeginn setzte nach der amerikan. Okkupationszeit ein. Bis in die 1960er Jahre wies die Schweiz eine aktive, später infolge von Lizenzvergaben eine passive Handelsbilanz auf. Ab 1980 führte die Liberalisierung der japan. Wirtschaft zu einer Zunahme von Schweizer Unternehmen in J. Von 1994 an konnte die Schweiz wieder einen Handelsbilanzüberschuss verbuchen (Importe aus Japan 2005: 2,9 Mrd. Fr., Exporte nach Japan: 5,9 Mrd. Fr.). Hauptexportartikel der Schweiz waren 2005 chem. Produkte, Uhren, pharmazeut. Produkte sowie Edelmetalle und Schmuck. 2003 waren rund 150 Schweizer Unternehmen mit Vertretungen, Niederlassungen oder Verkaufs- und Servicegesellschaften in J. aktiv. 2005 beliefen sich die Schweizer Direktinvestitionen in J. auf 8,8 Mrd. Fr. (rund 1,6% der weltweiten Direktinvestitionen der Schweiz). Die Schweiz war 2004 mit 3% aller ausländ. Direktinvestitionen sechstgrösster Investor. Die japan. Direktinvestitionen in der Schweiz stiegen in den 1980er Jahren auf rund 2,6 Mrd. Fr., seit 1990 sind sie markant rückläufig (2005 0,9 Mrd. Fr.).
Autorin/Autor: Heinrich Reinfried
Im Sept. 1868 bereiste die erste offizielle japan. Delegation unter Akitake Tokugawa die Schweiz. Dessen Sekr. Ei'ichi Shibusawa zeigte sich in seinem Tagebuch (1870) von der Schönheit der Natur, den Städten Basel, Bern und Genf sowie der Schweizer Milizarmee beeindruckt. 1873 folgte eine Studiendelegation unter Tomomi Iwakura, die mit dem Tagebuch von Kunitake Kume 1878 dem japan. Publikum einen ausführl. Bericht über Geografie, Staatswesen, Geschichte, Industrie, Technik und Schulwesen der Schweiz vorlegte. Johann Caspar Bluntschlis "Allg. Staatsrecht", das 1870 von Hiroyuki Katô übersetzt und für Vorlesungen vor dem Kaiser verwendet wurde, wirkte in der Meiji-Verfassung von 1889 nach, allerdings überlagert durch das obrigkeitsstaatl. Denken des bayr. Rechtsgelehrten Karl Rösler, der das japan. Aussenministerium beriet. Das Gedankengut Heinrich Pestalozzis wurde von Hideo Takamine und dem Amerikaner Marion M. Scott, Lehrer am ersten staatl. Lehrerseminar in Tokio, verbreitet. Nach dem 1. Weltkrieg wurde es durch Johann Friedrich Herbarts Pädagogik verdrängt, doch Osada Arata machte Pestalozzi wieder zum Gegenstand krit. Auseinandersetzung (1982 Japan. Gesellschaft für Pestalozzi-Froebel-Forschung). Jean-Jacques Rousseaus "Contrat Social" übertrug Toku Hattori 1877 ins Japanische.
1886 trat J. der Genfer Konvention bei, ein Jahr später reorganisierte sich die japan. Hilfsorganisation Haku'aisha (1877 gegründet) nach dem Vorbild des Roten Kreuzes. Nach 1945 wurde die Schweiz dank der Betreuung der japan. Kriegsgefangenen und Häftlinge in alliierter Untersuchungshaft durch das IKRK im japan. Bewusstsein zum Hort humanitärer Tradition. Werke der prot. Theologen Johannes Calvin, Karl Barth und Emil Brunner wurden übersetzt, und die Auseinandersetzung mit Carl Gustav Jung führte zur Gründung des Japan-Jung-Club. Johanna Spyris "Heidi" erfreute sich dank versch. Übersetzungen ab 1933 wachsender Popularität und festigte als japan. Zeichentrickfilmserie für das Fernsehen 1974 das in der populären Vorstellung bestehende romantisch überhöhte Bild der Schweiz als Traumland. 1965 kam es zur Gründung der Schweizer Bibliothek an der Sophia-Universität in Tokio, 1978 zur Gründung der Helvetica Bibliothek der Univ. in Akita und des Cercle d'études de la civilisation romande: Sie alle bilden japan. Studienzentren zur Schweizer Literatur und Geschichte.
Ab Mitte des 19. Jh. diente die Schweiz J. in Umbruchzeiten immer wieder als Vorbild. 1861 pries Katô die Schweiz als ideales Staatswesen, da die hier verwirklichte Rechtsgleichheit der Bürger deren Wehrwillen fördere und somit das Überleben des Staates sichere. Tell, der in den ersten staatl. Lehrmitteln J.s für den Geschichtsunterricht als Patriot und Held dargestellt worden war, fand ab 1882 in Schulbüchern keine Erwähnung mehr. Dafür sah die oppositionelle Volksrechtsbewegung im Vorfeld der Ausgestaltung der ersten japan. Verfassung in Friedrich Schillers Tell-Drama (versch. Teilübersetzungen ab 1880) und im Gedicht "Die Unabhängigkeit der Schweiz" (1887) des Demokraten Emori Ueki einen Gegenentwurf zum autokrat. Staatsmodell Preussens. Der Pazifist Isoo Abe erklärte die Schweiz 1904, vor dem Ausbruch des russ.-japan. Krieges, zum "idealen Staat". Seine These wurde jedoch erst 1948, nach der Demilitarisierung und Umgestaltung J.s "zur Schweiz des Fernen Ostens" (General Douglas MacArthur), in breiteren Kreisen rezipiert. Am Beispiel der Schweiz zeigte der Soziologe Hyô'e Ôuchi 1949 auf, dass der Verzicht auf militär. Aggression zu wirtschaftl. Wohlstand führe. Nach der Gründung der japan. Selbstverteidigungskräfte 1954 trug die Schweizer Doktrin der bewaffneten Neutralität dazu bei, den Widerspruch zwischen Wiederaufrüstung und Gewaltverzicht (Art. 9 der neuen japan. Verfassung) aufzulösen. Ende der 1970er Jahre führten journalist. Publikationen und erste vereinzelte, wissenschaftlich fundierte Darstellungen zu einer Differenzierung des japan. Bilds der Schweiz.
Autorin/Autor: Heinrich Reinfried
Die Schweizer Wahrnehmung J.s pendelte seit jeher zwischen Bewunderung und Ablehnung: Enthusiasmus über das zivilisierte Volk im Fernen Osten im 16. Jh., Verachtung aufgrund der Christenverfolgungen im 17. und 18. Jh., Respekt vor J. als neuem Bündnispartner der westl. Grossmächte ab 1900, Reserve gegenüber J.s territorialen Ansprüchen in Asien in den 1930er Jahren, Verachtung nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941, Anerkennung nach internat. Rehabilitierung J.s als Kulturnation durch die Kenntnisnahme von dessen reicher Tradition ab 1950, Furcht vor J.s Industriepotential nach den Exporterfolgen ab den 1970er Jahren, Bewunderung für die japan. Produktions- und Managementmethoden in den 1980er Jahren, Ernüchterung nach der geplatzten Spekulationsblase und Asienkrise der 1990er Jahre. Bis heute hemmt die Sprachbarriere den Informationsfluss. Kulturvermittler sind die 1959 gegr. Schweiz. Gesellschaft für Asienkunde und der seit 1968 bestehende Lehrstuhl für Japanologie an der Univ. Zürich. Japanisch als Fremdsprache wird seit 1985 auch an anderen Universitäten sowie an Fachhochschulen und Gymnasien angeboten.
Autorin/Autor: Heinrich Reinfried
Die Zahl der Auslandschweizer in J. blieb stets klein: 1863 8 Personen; 1866 22; 1900 88; 1921 169; 1941 300; 1994 1'382; 2005 1'340. Der erste Schweizer Missionar Wilfried Spinner gründete 1885 in Tokio und Yokohama zwei evang. Gemeinden und führte die moderne abendländ. Bibelkritik ein. Bis heute sind die kath. Bethlehem Mission Immensee in der Präfektur Iwate und die prot. Schweizer Ostasien-Mission (vor 1922 Allg. Evang.-Prot. Missionsverein) in Kyoto tätig. Hier realisierten der Arzt Gerhard Ludwig Schwersenz und der Theologe Werner Kohler nach dem 2. Weltkrieg in Partnerschaft mit kirchl. Hilfswerken in der Schweiz sowie staatl. und privaten Institutionen in J. bedeutende soziale Projekte. Hans Koller wirkte 1908 als erster Dozent für dt. Sprache an der staatlichen Univ. von Hokkaidô und förderte nebenbei den Skisport. Nach dem grossen Erdbeben von Tokio 1923 verlagerte sich der Schwerpunkt der Schweizer Gem. von Yokohama nach Kobe um den seit 1912 ansässigen Ugo Alfonso Casal, Verfasser japankundl. Studien und Kunstsammler.
In der Schweiz lebten 2005 3'384 japan. Bürger, zumeist als Arbeitnehmer in Schweizer Unternehmen und ab 1980 auch in japan. Firmen, sowie als Forscher und Lehrer an Hochschulen. Für Japaner ist die Schweiz seit der Wiederaufnahme des Auslandtourismus ab Mitte der 1960er Jahre ein beliebtes tourist. Reiseziel (2002 7%, 2005 4% aller Logiernächte). Seit 1955 besteht die Schweiz.-Japan. Gesellschaft in der Schweiz, seit 1956 die Schweiz.-Japan. Gesellschaft in J., seit 1988 die Japan. Schule in Uster, aber auch die Wirtschaftskammer Schweiz-J. in Zürich, sowie die Swiss Chamber of Commerce and Industry in Tokio.
Autorin/Autor: Heinrich Reinfried