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«Jedes moralphilosophische Werk enthält wenigstens ein Kapitel über Gerechtigkeit und viele Bücher widmen sich einzig und allein diesem Thema. Wo aber bleibt die Ungerechtigkeit?» (29) «Gibt es nicht viel mehr über den Sinn der Ungerechtigkeit zu sagen, den wir so deutlich erkennen, wenn wir ihn empfinden? Warum also weigern sich die meisten Philosophen, über Ungerechtigkeit ebenso tief und scharfsinnig wie über Gerechtigkeit nachzudenken?» (30)
In ihrem neuesten Buch geht die politische Philosophin Judith Shklar diese Situation an; ihre Disziplin, die Politische Theorie, scheint ihr dazu besser als Geschichte und Ethik geeignet zu sein, «etwas gegen diese Situation zu unternehmen.» Sie geht das Problem an, indem sie nach der Grenze zwischen Unglück und Ungerechtigkeit fragt. Auf den ersten Blick scheint diese Grenze klar gezogen zu sein, das Unglück wird einem unvermeidlichen Los und Geschick, deren Ursache äusseren Naturgewalten zugeschrieben. Ungerechtigkeit hingegen betrifft die menschliche Existenz und Conditio und geht auf vermeidbare und bekämpfbare menschliche Konstrukte zurück. Bei einem genaueren Blick löst sich diese eindeutige Wahrnehmung auf. Schwarzsein scheint ein natürlicher Zustand, ein Erdbeben ein natürliches Ereignis zu sein. Durch gesellschaftliches Verhalten resp. durch wissenschaftliche Nachforschung werden der eine wie das andere als Ungerechtigkeit empfunden und erfahren, ihre Ursachen können auf ideologische Werte resp. auf Missachtung von Sicherheitsnormen zurückgeführt werden. Eine Tat, ein Verhalten mag aus einer bestimmten Intention hervorgegangen sein, das Gegenüber hingegen nimmt die Wirkung der Handlung so und so anders wahr, dass es sie auf einen anderen Sinn, eine andere Ursache zurückführt. – Das heisst, die Grenze zwischen ‘menschlich’ und ‘natürlich’ ist verschiebbar.
Um diese kaum zu bewältigende Problematik in den Griff zu kriegen, nimmt Judith Shklar den Standpunkt des Opfers ein, ohne dabei die Vorstellung einer moralischen Gewissheit zu übernehmen, es müsse eine klare feste Grenze zwischen Menschlichem und Nicht-Menschlichem geben. (8) Die Missstände im Namen des Opfers sehen legt vielmehr nahe, «sie neuerlich zu überprüfen – und vor allem das Phänomen der Ungerechtigkeit mit neuen Augen zu betrachten.» (8)
Es gibt offensichtlich keine Möglichkeit, nicht zwischen Unglück und Ungerechtigkeit zu unterscheiden. (12) Werte, Urteile, Gesetze, Konventionen, Normen sind zwar historisch bedingt und erweisen sich als veränderlich und vielmehr als veränderbar. (13) Gleichwohl ergeht aus der Opfer-Perspektive die Forderung, die Pflicht sogar, die erlittene Ungerechtigkeit zu prüfen und ihr gerecht zu werden. Auf diese Weise funktioniert die Moral. Diese ist ein «rechtsähnlicher Begriff», der «viel zu wünschen übrig lässt, da er unserer alltäglichen Erfahrung moralischer wie politischer Entscheidungs- und Konfliktsituationen nicht entspricht.» (18) Die Moral verfällt wiederum der Vorstellung einer festen Grenze und misst , was dem Opfer widerfahren ist, an der Gerechtigkeit. Deren Regeln reichen gemäss Judith Shklar keinesfalls aus, über «die Forderungen Geschädigter» klar zu entscheiden. (25) Ebenso gilt, «ohne rechtliche Institutionen […] kann es keine […] gerechten […] gesellschaftlichen Beziehungen geben […].“ (33, 34)
Wie wir, die Bürger, die Gesetze verinnerlichen, muss das Rechtssystem unseren Sinn für Ungerechtigkeit aufrechterhalten (195) – könnte das Fazit dieses Buchs lauten.