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Am Samstag, 18. Mai 2019 veranstaltete der Fachbereich für Philosophie, Religions- und Missionswissenschaft einen Studientag mit Prof. Markus Zehnder (Biola University, USA), der dem islamischen Sharia-Recht im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Migrationsbewegung gewidmet war.
Durch diese Migrationsbewegung in den letzten Jahren und ganz generell in einer globalisierten Welt ist die Sharia längst in Mitteleuropa angekommen. Zehnder zeigte eindrücklich, dass der Islam «mehr als eine Religion» ist: Durch die Einheit von Religion und Politik seit Mohammed wird in der islamischen Welt eine umfassende Bindung an das System der Sharia und damit dem Islam gewährleistet. Die Sharia gilt in ihren Grundzügen im gesamten Islam. Sie ist, mit geringen Variationen, Sunniten und Schiiten gemeinsam.
Dabei beruht sie auf vier Quellen: Dem Buch, also dem Koran, den Hadithen, also der mündlichen Überlieferung über Mohammed, dem Konsens der Rechtsgelehrten und den Analogieschlüssen zwischen den allgemeinen Rechtsregeln und besonderen Fällen. Schriftlich kodifiziert wurde das Sharia-Recht bereits im 14. Jahrhundert. Es regelt alle Bereiche des geistlichen und des politischen Lebens: So enthält es neben ritualrechtlichen Bestimmungen auch Regelungen über das Privat- und das Strafrecht. Die Grundunterscheidung zwischen dem Erlaubten (halal) und dem Verbotenen (haram) durchzieht alle Lebensbereiche. Zehnder zeigte eindrucksvoll, dass die Sharia für gläubige Muslime auch dort, wo sie nicht unmittelbares staatliches Gesetz ist, eine hohe Verbindlichkeit hat. Auffällig ist, wie die Sharia einzelne Lebensfragen, vom Fasten und Fastenbrechen, bis in das Zusammenleben der Geschlechter, detailliert regelt. Zehnder zeigte, dass das Eherecht der Sharia, vom Vorbild Mohammeds her, deutlich auf den Mann, seine Rechte und Bedürfnisse bezogen ist.
Die Verpflichtung zum Jihad ist in der Sharia angelegt. Der Jihad muss nicht als bewaffneter Heiliger Krieg erfolgen; er bezieht sich auf den Anspruch, den Islam zu verbreiten und weitgehend zu realisieren. Grundsätzlich sieht die Sharia die Unterscheidung zwischen dem «Haus des Friedens» (der islamischen Welt) und dem «Haus des Krieges» (der nicht-muslimischen Welt) in allen Bereichen vor. Der Sonderstatus der Dhimmi, der Schriftbesitzer, vor allem Juden und Christen, bedeutet, dass sie unter dem Schutz der islamischen Welt stehen. Wie Zehnder zeigte, war und ist dies jedoch häufig mit einer hohen Kopfsteuer (giza) und Erniedrigungen verbunden.
Ausgehend von der Sharia arbeitete Zehnder nachdrücklich Differenzen zwischen islamischem und christlichem Glauben heraus: Während im Islam auch Gebet und Gottesverhältnis unter dem umfassenden Rechtssystem stehen, sind sie christlich eine Frage des inneren Gottes- und Christusverhältnisses.
In der engagierten Diskussion zeigte Zehnder, dass es im Horizont der Sharia wenig wahrscheinlich ist, von der islamischen Welt eine zunehmende Selbstsäkularisierung und Annäherung an ihre nicht-muslimische Umwelt zu erwarten. Er plädierte engagiert dafür, zwischen dem Sharia-System und muslimischen Menschen in ihrer persönlichen Integrität und Würde zu unterscheiden. Diese Menschen sind – nicht zuletzt aufgrund der Wunden, die sich die islamische Welt selbst beibringt (siehe dazu das Buch von Vishal Mangalwadi: «Die offene Wunde des Islam») – heute für die Botschaft des Evangeliums oft besonders offen.
Zehnders hoch informativer und kompetenter Vortrag verband vorbildlich christliche Liebesbotschaft und Unterscheidung der Geister.
Prof. Dr. Harald Seubert