Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03297.jsonl.gz/1599

Das Theater der Regionen Biel/Solothurn führt im Podium Düdingen «My Fair Lady» auf
Im Musical «My Fair Lady» erteilt der irische Schriftsteller George Bernard
Shaw gleich zwei Lehrstücke. Vorab will er die Leute auf die Bedeutung der Sprache aufmerksam machen. Das Stück könnte somit in unseren Regionen mit dem endlosen Seilziehen rund um die Partnersprache nicht aktueller sein. Und sollte eigentlich – so wie es einst in New York war – sechs Jahre auf dem Spielplan sein. Das Musical wurde 2717 Mal gespielt.
G. B. Shaw lässt sein zum edlen Sprachgebrauch dressiertes Blumenmädchen Eliza verkünden: «Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht. Wenn Sie auch so sprechen, Herr, wie die mit dem «Doof» und «A-o-u (entsprechend unserem aktuellen Sprachgebrauch, müsste es WAU heissen) dann enden auch Sie als Blumenfrau!»
Und die zweite Lektion, das wäre die very amerikanische, so nach dem Sprichwort: «Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.» G. B. Shaw (1856-1950) schreibt: «Die Leute, die in dieser Welt vorwärtskommen, das sind jene Aufrechten, die überall die Umstände zu finden suchen, die sie brauchen, und wenn sie sie nicht finden können, so schaffen sie sie sich.»
«My Fair Lady» stammt nicht aus der Feder von Shaw. Das Werk ist jedoch eine Bearbeitung des Schauspiels «Pygmalion» von G. B. Shaw. Für das Musical zeichnen der Amerikaner A. J. Lerner als Librettist und der Österreicher Frederick Loewe als Komponist verantwortlich. «My Fair Lady» wurde 1956 in New York uraufgeführt und 1964 verfilmt.
Der Traum vom besseren Leben
Das Blumenmädchen Eliza Doolittle ist die zentrale Figur. Sie träumt von einem besseren Leben und kennt eigentlich nur das andere, das Leben in
Schmutz und Armut. Als sich ihr eine Gelegenheit bietet, ihr Leben zu ändern, ergreift sie die Chance. Der eigenbrötlerische Sprachforscher Henry Higgins taucht auf und «missbraucht» das Mädchen für ein wissenschaftliches Experiment.
In kürzester Zeit, so wettet er mit einem Kumpan, will er dem Mädchen aus der Unterschicht beibringen, wie man korrekt spricht, und es damit gesellschaftsfähig machen. Ein Ball in der Botschaft hat das Mädchen als Test der Sprachdressur bestens bestanden. Nun aber dämmert es der jungen Frau. Sie fühlt sich ausgenutzt und entflieht dem goldenen Käfig. Da stellt der Sprachwissenschaftler aber plötzlich fest, wie sehr er das Mädchen braucht und was es ihm bedeutet. Er will es zwingen zurückzukommen. Eliza – selbstbewusst und reif geworden – besinnt sich zunächst einmal. Die nicht gerade zimperliche Umgangsart ihres Professors ist ihr im Gedächtnis geblieben… «Warts nur ab, Henry Hinggins, warts nur ab! Deine Tränen werden fliessen nicht zu knapp!» Doch das Happyend ist lediglich eine Frage der Zeit.
Einfallsreiche Inszenierung
Die Geschichte von Eliza, dem Blumenmädchen, vermag die Zuschauer ohne Zweifel zu rühren. Am Freitagabend war mit Ursula Rupp auf der Bühne eine vitale, lerneifrige, wendige und facettenreiche Eliza zu sehen. Wobei ihre Stärke eher auf der darstellerischen Seite lag als auf der gesanglichen.
Dazu muss jedoch gesagt werden, dass das sonst solide und flexible Orchester unter der Leitung von Andres Joho schlichtweg zu laut spielte und leider auf der ganzen Strecke die Gesangseinlagen übertönte. Anscheinend liegt im Podium von Düdingen ein technisches Problem vor, das der Konzeption des Orchestergrabens zuzuschreiben ist. Laut Jean-Pierre Vuarnoz, Mitorganisator, ist man auf der Suche nach einer Lösung.
Einen kuriosen, hochnäsigen und egozentrischen Junggesellen stellte Patric Ricklin dar. Seine schauspielerischen Fähigkeiten faszinierten. Doch Professor Higgins hätte ruhig noch eine Spur professorenhafter, konventioneller, steifer dargestellt werden können. In jeglicher Hinsicht psychologisch einleuchtend und scharf charakterisiert war die Figur des Vaters. Auf den Auftritt Edwin Fabien, als Müllkutscher Alfred Doolittle freute man sich jedesmal. Zumal er stets mit subtilem Witz und Schlagfertigkeit dem Publikum ein wohltuendes Schmunzeln entlockte.
Eine überaus bemerkenswerte Präsenz – sowohl sprachlich als auch szenisch – zeigte ausserdem Ute Kreitmair als Mrs. Pearce, die Haushälterin im Professorenhaus. Und seiner Rolle als souveräner, humaner und reifer Herr war auch Peter Glauser als Oberst Pickering gerecht geworden. Zu erwähnen ist ebenfalls der Auftritt des jungen Liebhabers Freddy. Konstantin Nazlamov stach vor allem als bemerkenswerter Tenor hervor. Zum guten szenischen Gelingen haben allerdings auch die Auftritte der Tänzer und Tänzerinnen und der Quartierbewohner und -bewohnerinnen Wesentliches beigetragen. Es bleibt einzig die Frage, ob man der Sache mit modernem Bühnenbild und Kostümierung nicht noch besser hätte dienen können.
Die sechste und letzte Vorstellung der Saison 1999/2000 im Podium von Düdingen findet am Sonntag, dem 19. März, um 17 Uhr statt. Es spielt das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester. Zu hören sind Werke von Strawinsky, Mozart und Schubert.