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- Erstellt: Montag, 04. März 2024 15:59
Rainer Hank erklärt Jacqueline Fehr, «Verantwortung» sei ein unglaublich schwammiger Gummibegriff.
Zuerst stach mir ein ganzseitiger NZZ-«Gastkommentar» ins Auge. Überschrift: «Der Kapitalismus und seine Verheissung». Hank definiert Kapitalismus als eine vom Staat durch Gesetze geschützte und von einer Reihe von Erfolgsgeschichten geprägte Marktwirtschaft. Das kam mir allzu einfach vor. Wo bleibt die spezifische Rolle des Kapitals in dieser Definition? Ich schrieb meinen Kommentar, schickte ihn dem Autor, der ihn (durchaus verständlich) als polemisch bezeichnete und nicht stellungnehmen mochte. Vielleicht war es tatsächlich mein Problem, dass ich unter dem genannten Titel zumindest eine kritische Würdigung und nicht eine Eloge erwartet hatte.
Wie soll man etwas über die Wirkungen des Kapitalismus aussagen können, wenn als Ursache Marktwirtschaft genannt wird? Logisch unmöglich.
Hanks Ausführungen in der NZZ basierten auf einem Impulsreferat eines NZZ-Podiums unter dem Titel «Leistung, Gleichheit, Gerechtigkeit – erfüllt der Kapitalismus seine Versprechen?» Hier war eine Frage gestellt. Ich schaute mir die Video-Aufnahme der Veranstaltung an, die von Martin Meyer, ehemaligem Feuilletonchef der NZZ, eröffnet wurde. Rainer Hank kündigte er an, indem er dessen Thema im Vergleich mit dem Veranstaltungstitel sehr reduziert formulierte: «Die Vorzüge des Kapitalismus». Da konnte also keine kritische Würdigung des «Kapitalismus» erwartet werden. Und überhaupt: «Dem Kapitalismus könne man nicht vorwerfen, etwas nicht einzuhalten … denn er habe auch nie etwas versprochen», meinte Hank. («Disclaimer» nennt man so etwas heutzutage.) So leben wir denn in einem System, von dem wir nichts zu erwarten haben. Ich war versucht, analog zum Veranstaltungsthema zu fragen: erfüllt eine solche Veranstaltung ihr Versprechen, wenn der Referent nicht über die Frage redet, die das Veranstaltungsthema aufwirft?
Ein Stück weit trotzdem ja, dank Jacqueline Fehr, Zürcher Regierungsrätin, als Podiumsteilnehmerin. Als Einzige in der Runde schien sie dazu berufen, ein wenig Essig in den süssen Sirup zu schütten. Ausserdem sassen auf dem Podium: Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin und Unternehmerin. Sie hätte wohl die Kapitalistin auf dem Podium repräsentieren sollen, spielte aber eher ihre Rolle der sympathischen Gewerblerin, die – wo auch immer sie auftritt – gegen einen aufgeblähten Staat, gegen zu viele Vorschriften und hohe Steuern votiert. Auf dem Podium ausserdem: Christian Gattiker, Leiter Research der Bank Julius Bär, der Mitveranstalterin des Abends. Wirklich kontradiktorisch verlief das Gespräch eigentlich nur zwischen Hank und Fehr. Moderator war Daniel Fritzsche, Ressortleiter NZZ.