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Sprechanlage blieb stumm. Nach ein paar Augenblicken ging die Tür aber plötzlich auf, und als sie hinter uns wieder zufiel, standen wir in einem weiträumigen, dunklen Hauseingang. Links eine steinerne Treppe mit einem Eisengeländer, wir stiegen zögernd hinauf und erblickten im ersten Stock eine hölzerne Tür mit dem Schild «PENSIONE FELICI». Wir klingelten noch einmal, und beinahe sofort öffnete uns eine grosse, magere Frau undefinierbaren Alters mit einem knochigen Gesicht und dicken Gläsern gegen Kurzsichtigkeit. Signorina Pina, wie Signora Felici sie später nennen würde, musste eine alleinstehende Frau sein, die vielleicht keine Familie hatte und sich in diesem Haushalt um alles Mögliche kümmerte und auch als Gesellschaftsdame, Sekretärin, Krankenschwester wirkte.
Ohne übertriebene Höflichkeit hiess sie uns in das Vestibül eintreten, das spärlich beleuchtet, aber mit einem grossen, eine ganze Wand bedeckenden Spiegel ausgestattet war. Sie ging zur Signora, um ihr unser Eintreffen zu melden, worauf diese in Pantoffeln und Hauskleid durch eine der Zimmertüren kam, auf einen Stock aus Elfenbein gestützt und gefolgt von einem weissen, stellenweise kahlen Spitz, der eine Pfote nachzog. Es war eine Dame in vorgerücktem Alter, klein, runzelig und beinahe glatzköpfig, aber mit äusserst lebhaften, flinken schwarzen Augen, die uns misstrauisch musterten. Sie fragte als erstes, wer uns die Adresse ihrer Pension gegeben habe, und wollte erst danach wissen, woher wir kämen und wie lange wir in der Stadt zu bleiben gedächten.
Signora Felici führte uns durch den Flur, der nach Kampfer und abgetretenen Teppichen roch. Auf beiden Seiten lagen recht helle Zimmer, doch die Matratzen auf den einfachen Betten waren gerollt und mit Lumpen und vergilbten Zeitungen bedeckt. Das Zimmer, das wir zugewiesen bekamen, die Nummer 3, wie Signora Felici sagte, war das letzte hinten rechts. Ein riesiges Ehebett mit einer ausgebleichten, zerschlissenen Tagesdecke aus Satin nahm einen grossen Teil des Raumes ein. Neben einer völlig unpassenden Ameise aus Korbgeflecht hing über dem Kopfende ein Bild der heiligen Agatha. Links des Bettes führte eine Schiebetür in ein kleines Badezimmer, das mit einem wackligen Waschbecken, einer grünlich gefliesten, vorsintflutlichen Dusche und einem mausgrauen Vorleger aus Plastik ausgestattet war. Neben der Badezimmertür stand eine Spiegelkommode mit einem Fläschchen Eau de Cologne, mehreren Bürsten, deren Borsten vom Gebrauch krumm waren, Kämmen ohne Zähne, Perückenköpfen. Im grossen Spiegel waren eine weitere Kommode und eine Chaiselongue voller Kissen und übereinandergetürmter Ansichtskarten und Photos erkennbar: die Signora, als sie vielleicht fünfzig war, mit üppigen Hüften und Brüsten; dieselbe ein paar Jahre älter, aber immer noch blühend; von vorne, im Profil aufgenommen; schulterfrei im Theater, beachtenswertes Collier; kniend in der Kirche mit schwarzem Schleier und dem Rosenkranz zwischen den Fingern; am Fenster mit Dauerwelle und im Arm: drei kleine weisse Spitze. Neben der Balkontür standen eine Wäschekommode aus Mahagoni, zwei abgenutzte Armstühle und ein Salontisch voller Nippsachen, Papier und Krimskrams, unter dem ein ungeheuerliches Bronzeinsekt seine Beine hervorstreckte. An den Wänden, auf den Kommoden, auf dem Salontisch, überall im Zimmer prangten Heiligenbilder und Darstellungen der Madonna und des Herzens Jesu.
Nur in einer Ecke hing ein grossformatiges, schlicht gerahmtes Schwarz-Weiss-Photo. Es zeigte zwei Fischer mit Coppola-Mützen, Stoffjacken und bis zu den Waden hochgekrempelten Hosen; über den Schultern ein Netz, der Strandlinie entlang davongehend; ihre nackten, starken Füsse hinterlassen im feuchten Sand tiefe Spuren, an denen die Gischt nur ein wenig leckt. Es war das Bild einer Welt der Mühsal und der Hoffnung, eine Erinnerung daran, dass die Realität ausserhalb dieses Zimmers tatsächlich existierte, dass nicht alles Schimmel, Erstarrung, Museum war.
Und dann war da noch das Foto eines Mädchens. Ja, neben dem Spiegel der zweiten Kommode prangte, in Konkurrenz zu einer billigen Reproduktion der Maja desnuda, das Foto einer wunderschönen jungen Frau, nackt, mit kleinen Brüsten, dichtem, schwarzem, von einem Band zusammengehaltenem Kraushaar, keusch auf einem Bettrand sitzend. Eine ganz und gar südliche Schönheit, etwas kalt allerdings, wie aus Marmor. Sie erinnerte an eine Frau mit der Vorahnung eines Unglücks oder eines vorzeitigen Todes.
Uns kam der Verdacht, dass es sich hier in Wahrheit um das Schlafzimmer der Signora Felici handelte, das sie ihren unerwarteten Gästen grosszügig zur Verfügung stellte. Wir erfrischten uns kurz, um danach
in die Stadt hinunterzugehen. Signora Felici bat uns, ihr die Ausweise dazulassen, damit Fräulein Pina die Personalien ordnungsgemäss aufnehmen könne, dann überreichte sie uns den Hausschlüssel, für den Fall, dass wir vorhätten, erst nach zehn Uhr zurückzukommen. Sie fügte hinzu, dass der Schlüssel leider etwas kapriziös sei. «Wir gehen früh schlafen, aber machen Sie sich keine Sorgen. Falls der Schlüssel nicht funktioniert, klingeln Sie einfach.»
Nach der nachmittäglichen Hitze belebte sich der Park Villa Bellini um diese Zeit allmählich wieder. In der Allee der berühmten Männer setzten Annie und ich uns auf eine Bank. Eine hundertjährige Platane spendete uns und einem zweifelsohne berühmten, aber nasenlosen Bischof Schatten und Kühle, vielleicht war er von jemandem aus Übermut, Zorn oder im Glücksrausch gesteinigt worden. Gogol fiel mir ein («Und Sie müssen zugeben, dass es sich für mich nicht gehört, so ohne Nase herumzulaufen…»), aber dann dachte ich auch an das sizilianische Sprichwort «In hundert Jahren haben wir alle keine Nase mehr» und daran, dass es in dieser Gegend fast unvermeidlich ist, an Sprichwörter zu denken. Später kauften wir Limonade am Kiosk bei der Kindereisenbahn und gingen auf der Suche nach einem Restaurant durch die Via Etnea. Ein Verkehrspolizist riet uns davon ab, die Hafengegend aufzusuchen, und empfahl uns stattdessen ein in der Nähe gelegenes Lokal neben einem Kinotheater, in dem an diesem Abend eine Ballettvorführung stattfinden sollte. Die Speisekarte war vertrauenserweckend, und wir gingen hinein. Am Tisch gegenüber sassen eine Frau mit ungesund geröteter Haut, als käme sie direkt vom Strand, und ihr geduldiger, unterwürfiger Ehemann. Die Frau hatte einen starken norditalienischen Akzent und war in diesem Restaurant wohl Stammkundin, sie rief die Kellner beim Namen und behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit. Während des Abendessens telefonierte sie mehrmals und unterrichtete ihren Mann jedesmal über die Einzelheiten des Gesprächs, so dass wir, ob wir wollten oder nicht, am Ende fast alles über sie wussten. Das Essen war vorzüglich: Schwertfisch an Salmoriglio-Sauce, leicht und schmackhaft, dazu ein perfekt angemachter gemischter Salat und am Schluss ein wunderbares Eis. Danach spazierten wir noch lange durch die Strassen des Zentrums, und als wir zur Pension zurückkamen, war es bereits nach dreiundzwanzig Uhr.
Der Hausschlüssel erwies sich wie befürchtet als kapriziös, es war unmöglich, damit das Schloss aufzubringen. So klingelten wir mehrmals, aber immer ohne Resultat. Allmählich wurden wir nervös, wir waren ratlos, einen anderen Ort zum Schlafen zu suchen kam nicht in Frage, im übrigen hatten wir ja auch unsere Identitätskarten nicht dabei, und ebenso wenig hatten wir uns die Telefonnummer der Pension notiert. Im Haus gegenüber trat eine Frau auf den Balkon, um zu rauchen, sie fragte uns, ob wir etwas bräuchten, und bot an, Signora Felici anzurufen. Wie durch Zauberei ging dann die Tür auf. Bedacht darauf, nicht zu viel Lärm zu machen, schlossen wir uns direkt im Zimmer ein und schlüpften ins Bett. Es galt so schnell wie möglich einzuschlafen.
Dann hörten wir Stimmen im Flur. Durch den Türspalt sahen wir, dass auf der anderen Seite Licht angezündet worden war. Signora Felici und Fräulein Pina berieten sich, wir glaubten zu hören, wie die eine die andere fragte: «Sind sie hereingekommen? Haben Sie sie gehört?»
Es war keine Nacht ruhigen Schlafs. Ich hatte einen Alptraum nach dem anderen. Wir gingen durch die Strassen eines Orts am Meer, es war brütend heiss, Siestazeit, die fensterlosen weissen Kalkhäuser boten keinen Schatten, wir hatten Durst, fanden aber weder einen Trinkbrunnen noch eine offene Bar, dann sassen wir plötzlich unter einer Pergola an einem kleinen Hafen, mit Zitronen-Granita und einer eiskalten Flasche Mineralwasser. Die Unruhe von vorher war wie weggeschmolzen, dank des Wassers fühlten wir uns besser, es war sogar ein leichter Wind aufgekommen, der Kellner brachte eine zweite Granita, teilte uns aber barsch mit, wir müssten sie rasch konsumieren, das Lokal gehe bald zu, da der Landwind die Felder erreicht habe, auf denen die Bauern die Stoppeln verbrannten, und die Gefahr bestehe, dass das Feuer auf das Wohngebiet übergreife. Dann standen wir plötzlich schon auf der Mole, wo sich Leute zusammendrängten, schrieen, einander anrempelten, bis ein junger Fischer mit einem breitkrempigen Strohhut uns an Bord liess und auf das offene Meer hinausfuhr. Der junge Mann hatte zu viele Personen einsteigen lassen, und wegen des Gewichts befand sich das Boot fast vollständig unterhalb des Wasserspiegels. Am Bug sass wie eine Galionsfigur eine junge Frau mit olivfarbener Haut und dichtem, lockigem, schwarzem Haar, ich wollte etwas zu ihr sagen, wollte ihr eine Frage stellen, die mir am Herzen lag, aber jemand hinter mir gab mir einen Schubs und ich fiel ins Wasser, dann versuchte ich – nach Luft schnappend – wieder in den Kahn zu klettern, aber man stiess mich immer wieder hinunter, ich hörte, wie Annie nach mir rief, aber ich konnte sie nicht sehen…
Schweissgebadet erwachte ich und setzte mich mit einem Schrei im Bett auf. Ich hatte ein Geräusch gehört – versuchte da etwa jemand, eine geschlossene Tür aufzubrechen? Bei der Balkontür sah ich Annie stehen. Unter Tränen bat sie mich, ihr zu helfen. Sie konnte nicht schlafen, es war drückend heiss und stickig, und sie war auf der Suche nach Abkühlung die ganze Zeit zwischen Bett und Dusche hin und her gewandert. Jetzt hielt sie es nicht mehr aus und wollte auf den Balkon, sie brachte die Tür aber nicht auf, da diese klemmte und von einem schweren, in alte Zeitungen gewickelten, eingerollten Teppich blockiert war. Mit vereinten Kräften gelang es uns, ihn zu verschieben.
Das Geräusch des Meeres war wie das Signal einer bevorstehenden Befreiung. Wir blieben auf dem Balkon, bis es hell wurde und unten auf der Strasse die ersten Motorroller und Hupen zu hören waren. Eilig packten wir unsere Sachen zusammen und verliessen das Zimmer. Es war noch nicht einmal sieben Uhr, aber Signorina Pina war schon auf. Eine Begründung für unsere verfrühte Abreise zu finden war nicht schwer. Es tue uns leid, aber es sei zu heiss, wir würden nach Piazza Armerina fahren oder an die Hänge des Ätna, irgendwohin, wo man besser atmen könne. Signorina Pina lächelte und holte unsere Ausweise. Dann rief sie Signora Felici.
«Wie schade, dass Sie uns schon verlassen…», sagte sie, als sie kam, gefolgt von ihrem weissen, stellenweise kahlen Spitz, dem Letzten, der ihr noch geblieben war.