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Der Tod von Königin Elizabeth II. bedeutet das Ende einer ganzen Epoche für das Vereinigte Königreich. Aber auch ausserhalb Grossbritanniens ist dies ein Einschnitt. Die Queen war eine Konstante in der hektischen und wechselvollen Gegenwart.
Es ist noch nicht abzusehen, was der Wechsel der beinahe ein Jahrhundert umspannenden Zeit von Queen Elizabeth II. und King Charles III. bringen wird. Für das Vereinigte Königreich (UK) ist vermutlich eine Zeitenwende angebrochen. Charles, der im November 74 Jahre alt wird, ist ein Übergangskönig, bevor sein älterer Sohn als König William übernehmen wird. Vielleicht. Zwar kann man sich auf das alte Wort verlassen, dass es in hundert Jahren nur die vier Könige des Kartenspiels und den einen König von England geben wird.
Sie war die Queen, und alle Leute auf der Welt wussten, dass es sich um Königin Elizabeth und keine andere Königin handelte. Elizabeth Alexandra Mary Windsor verdient Respekt, weil sie ihr ganzes Leben lang, seit sie mit zehn Jahren unvermittelt Kronprinzessin wurde, nichts anderes wollte und tat, als ihrem Land zu dienen. Sie tat es mit der nötigen Mischung von Distanz und Nahbarkeit, mit der sie sich trotz wöchentlicher Audienzen für ihre 15 Premierminister nie offen in die Staatsgeschäfte einmischte, aber sicherlich im Hintergrund die Fäden zog. Ihr erster Premierminister war Winston Churchill. Und ihr letztes Amtsgeschäft vor ihrem Tod war die Einsetzung der neuen Premierministerin Liz Truss. Diese fand im Unterhaus sehr schöne Worte über ihre verstorbene Monarchin.
Glück mit Philip
Elizabeth oder Lilibet, wie sie bis zuletzt im engsten Familienkreis hiess, war zweifellos ein Kind der privilegierten Oberschicht. Die Kinder einer Nanny zu überlassen war für sie nichts Besonderes, sondern normal. Sie selber und ihre Schwester Margaret wurden von der Gouvernante Crawford erzogen. Crawfie, wie die Schützlinge sie nannten, schrieb ein Buch über ihre Zeit im Buckingham Palace und die Zeit davor, das ein Bestseller auch bei Schweizer Leserinnen wurde. Von da an mussten alle Angestellten unterschreiben, dass es ihnen verboten war, auch nur ein Wort über ihre Zeit mit der höchsten Familie zu äussern.
Häufig hiess es, dass die Zeit, in der ihr Ehemann Prinz Philip als junger Navy-Offizier nach Malta versetzt wurde, die glücklichste ihrer Ehe war. Das unbeschwerte Leben einer Marine-Gattin konnte Elizabeth aber nur geniessen, weil sie ihre beiden Kinder Charles und Anne monatelang den Grosseltern überliess. Mit Philip hatte sie Glück – nicht nur war sie unsterblich in ihn verliebt, er entschied sich für ein Leben zwei Schritte hinter ihr, statt Admiral zu werden. Es gibt Fotos aus den ersten Jahren ihrer Ehe, in denen die Queen übermütig bei Parties in der Oberschicht lacht, in tief dekolletierten Abendkleidern und mit einer ihrer Lieblings-Tiaras auf der hübsch lackierten Frisur.
Die Queen hat den Niedergang des britischen Empires mit Fassung ertragen. Das letzte ihrer Kronländer, das die Freiheit wählte, war kürzlich Barbados. Und sowohl in Australien wie in Kanada gab es Bewegungen, die darauf abzielten, sie als Staatoberhaupt in die Mottenkiste der Geschichte zu verbannen. Damit wird sich nun King Charles III. herumschlagen müssen.
Der ewige Thronfolger weiss, dass seine politischen Äusserungen jetzt ein Ende haben müssen. Das betonte er selber in einem Interview. Er hatte in den letzten Jahrzehnten Zeit genug, seine Meinungen über Ökologie und Architektur zu äussern. Seine Mutter gestand ihm noch zu, dass seine grosse Liebe und zweite Frau künftig Königin Camilla heissen darf. Er wird wohl, wie der schwedische König, die königliche Familie verschlanken und verlangen, dass die vielen Verwandten ihr eigenes Auskommen finden und nicht mehr vom Staat finanziert werden müssen. Was er sonst noch vorhat, hat er sich sicherlich schon jahrzehntelang überlegt.
Es ist in der britischen Königsfamilie üblich, dass die Trauerfeierlichkeiten lange voraus geplant werden. Bei der Queen heisst das minutiöse Protokoll «Operation London Bridge» und erstreckt sich über zehn Tage zwischen Tod und Beisetzung in Windsor. Der Sarg der Queen wird in diesen Tagen häufiger an verschiedenen Orten aufgestellt werden.
Besuch in der Schweiz
Auch der schweizerische Bundespräsident Ignazio Cassis fand in seiner Kondolenzbotschaft schöne Worte für die verstorbene Queen, deren Verdienste unbestreitbar sind. Lange vor seiner Zeit, Ende April und Anfang Mai 1980, fand der einzige Staatsbesuch der Queen in der Schweiz statt. Es hatte vier Jahre gedauert zwischen ihrem Wunsch, die Schweiz zu besuchen, und dessen Umsetzung. Die Verzögerung hatte einen Grund, der heute lächerlich erscheint: Damals durfte der amtierende Bundespräsident nicht das Ausland besuchen, und es wurde befürchtet, dass eine Gegeneinladung erfolgen könnte.
Der damalige Bundespräsident Georges-André Chevallaz war nicht gerade der umgänglichste aller Landesväter, aber sein Vize Kurt Furgler machte dies wett. Nur Bundesrat Willi Ritschard tanzte aus der Reihe, indem er den Besuch und die Bericht erstattenden Medien öffentlich harsch kritisierte, bis unter die Gürtellinie.
Für uns Journalisten war der Staatsbesuch der Queen ein Horrortrip. Wir wurden von den viel zu zahlreichen, viel zu nervösen und viel zu überforderten Polizisten so behandelt, als reimte sich das Wort Journalisten auf das Wort Terroristen. Nur in Zürich konnten wir durchatmen – das gesamte Team der Polizei-Pressestelle war im Einsatz, unterstützte die Fotografen mit besten reservierten Plätzen und beantwortete geduldig unsere Fragen. Zum Beispiel die, ob wirklich die Kanalisation unter den Strassen gründlich untersucht worden war, bevor sie die Queen höchstselbst beschreiten würde. Die Queen selber klagte, dass sie von der Schweiz überwiegend die Rücken von Polizisten gesehen habe. Am witzigsten war der Besuch auf dem Rütli mit Szenen aus Wilhelm Tell, dem Mord an Vertretern eines Monarchen. Und sie verglich die Wiese mit dem Areal rund um ihr Heim in Windsor. Eine Untertreibung, die aber gut ankam.
Eindrücklich war der Empfang der Queen für die Journalistinnen und Journalisten in Bern. Wir wurden instruiert, in vorgeschriebener Reihenfolge an ihr vorbei zu defilieren, dabei wenige Fragen zu stellen und weiterzugehen. Höchstens einige Minuten wurden uns zugestanden. Ein Protokollchef las unsere Namen und Medien vor, und Prinz Philip zeigte, dass er gut Bescheid wusste.
Ich erzählte der Queen, dass die Zeitungsverkäufe an den Kiosken sprunghaft stiegen, sobald sie auf den Titelbildern erschien. Das interessierte sie sichtlich nicht. Dann erwähnte ich Pferde, und sie begann zu strahlen. Das sei ihr Hobby, rief sie und erzählte mir ausführlich von ihren Pferden und ihrer Vorliebe für Flachrennen. Springkonkurrenzen seien der Bereich ihrer Mutter. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass die britischen Offiziellen der Botschaft von einem Fuss auf den anderen traten, aber sie wagten es natürlich nicht, zu intervenieren. Auch ich dachte nicht daran, der Queen ins Wort zu fallen. So gewann ich viel mehr Zeit, als zugestanden war, und konnte sie genau beobachten. Sie hatte den berühmten englischen Pfirsich-Teint und trug nur ein dezentes Make-up. Ihre Frisur, die aussah wie die meiner Mutter und von Millionen ihrer Untertaninnen und Frauen überall, war noch erstaunlich frisch, und ich erinnerte mich an alle die Berichte über die persönliche Entourage, die sie jeweils begleitete, um die Garderobe ihres Lieblings-Couturiers Norman Hartnell bereitzulegen, ihren Schmuck auszusuchen und ihr Äusseres zu trimmen.
Nun ist die Queen Geschichte. Aber sie wird unvergessen bleiben.