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Am Anfang war die Schraube
Am Anfang war die Schraube. Dann kam der Krieg. Und als der Krieg zu Ende war, was brauchte man da? Für seinen Vater war das keine Frage, für seine Mutter auch nicht. Die Meinungsverschiedenheiten seiner Eltern betrafen die grundsätzliche Einstellung zur Schraube. Dreht man sie als Angestellter oder als Chef? Zu diesem Zeitpunkt war Reinhold Würth zehn Jahre alt und trug eine kurze Lederhose. Sein kleiner Bruder lag noch im Kinderwagen, ihr eigenes Heim in Künzelsau hatten sie gerade eben an die Amerikaner verloren, sie waren bei Freunden evakuiert. Die Wohnungsübergabe war ungeordnet verlaufen. Zuerst hatte Reinhold Würth einen Gewehrlauf gesehen, dann einen Helm und schließlich den ersten Afroamerikaner seines Lebens, der die Englischkenntnisse des Jungen testete: »Out, out, out!«
Danach musste es ja irgendwie weitergehen. Sein Vater plädierte für die Wiederaufnahme seines Angestelltenverhältnisses beim Schraubengroßhandel Reisser, sobald es die Besatzungsmächte erlaubten. Adolf Würth hatte es dort vor dem Krieg bis zum Prokuristen gebracht. Das war nicht schlecht für einen 34-Jährigen, und seine Frau gab ihm recht. Nicht schlecht ist nicht schlecht, aber ist es auch gut?
Gut ist ein selbstbestimmtes Leben. Gut ist, morgens im Spiegel einen Mann zu sehen, der ein risikofreudiges Gesicht rasiert. Die Spiegelbilder derer, die auf Nummer sicher gehen, schauen einen anders an. Adolf Würth hatte alles, was ein Unternehmer braucht. Er konnte gut mit Zahlen, er konnte gut mit Menschen, und er hatte einen exzellenten Ruf in seiner Branche. Aber er war auch ein Genießer und neigte zur Gemütlichkeit. So ein Mann wiegt sich gern in Sicherheit.
Von der nichts mehr vorhanden war. 282 britische Lancaster-Flieger hatten am 4.12.1944 1260,8 Tonnen Bomben auf Heilbronn geworfen. Waldenburg, wo sich die SS verschanzt hatte, wurde von den B52-Bombern der Amerikaner dem Boden gleichgemacht. Jagdflieger der Alliierten hatten Künzelsau beschossen und anscheinend auch über den Wiesen und Feldern Hohenlohes gejagt, denn tote Pferde lagen hier und da, außerdem zersiebte Kühe der April 1945 war kein schöner Anblick, und der Krieg war verloren.
Aber auch zu Ende, und das war die gute Nachricht. Nach jedem Ende kommt ein Anfang. Und jedem Anfang wohnt eine Schraube inne, die uns hilft, Hohenlohe wieder aufzubauen. So in etwa argumentierte Alma Würth. Man brauchte Schrauben, Schrauben und nochmals Schrauben sonst nichts, außer ein bisschen Mut vielleicht, denn welcher Zeitpunkt wäre besser für den Schritt in ein neues, selbstständiges Unternehmerleben als die Tage, in denen niemand mehr etwas hat und alle wieder von vorn beginnen?
Alma Würth war keine Tochter Baden-Württembergs, sie kam aus Schleswig-Holstein, also von der Waterkant, und da herrscht ein anderer Wind als in dem milden Klima des Südwestens. Sie war energischer, konsequenter und vielleicht auch mutiger als ihr Mann, und sie war sich sicher, dass es klappen konnte. Noch bevor sie die Großeltern erreichte, war die Sache entschieden: Adolf Würth wird Chef.
Großvaters gezirkelter Kaiser-Wilhelm-Bart hielt die Stellung in Krieg und Frieden. Der Schnauzer war zu beiden Seiten horizontal nach außen gezwirbelt und an seinem Ende mit einer Locke