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Wenn die gut verdienenden Büroangestellten der Londoner City nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause streben, liegt danach der Wirtschaftsdistrikt nicht öd und leer da.
Denn jeden Abend, schreibt der Economist, übernimmt eine verborgene Legion von Obdachlosen die City. Über 300, so ergab kürzlich eine Zählung, übernachten regelmässig in Londons Geschäftsviertel in Hauseingängen, auf Trottoirs und in geschützten Seitengassen.
Es handelt sich meistens um Männer, die meisten von ihnen sind schon seit über einem Jahr auf der Strasse. Manche nächtigen gar schon seit Jahren hier. Ein Obdachloser soll schon über vierzig Jahre die Londoner City als sein Schlafzimmer nutzen.
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Obdachlosen in London beträgt 42 Jahre.
Dem Problem wird niemand Herr. Weder die Polizei, noch der Staat mit seinen Hilfsangeboten, noch Übernachtungsgelegenheiten in speziellen Obdachlosenheimen bringt die Männer von der Strasse.
Höchstens mal ein Gefängnisaufenthalt.
Eine Aktion der Britischen Rowntree Foundation, einem Think Tank, der sich sozialen Fragen verschrieben hat, ist nun einen völlig neuen, wie mir scheint urliberalen Weg gegangen: Man fragte die Männer, was sie denn bräuchten, um ihr Leben ändern zu können.
Instead of the usual offers of hostel places, they were simply asked what they needed to change their lives.
Ausgewählt wurden jene Männer, die schon am längsten auf der Strasse lebten. Manche wollten neue Trainerhosen, andere ein TV-Gerät, ein nächster wünschte sich einen Wohnwagen in einem Trailerpark. Das Ergebnis: Von 13 Obdachlosen wurden 11 von der Strasse geholt.
Freiwillig.
Im Schnitt wurden dafür pro Obdachlosen 1’200 Franken ausgegeben. Verglichen mit den geschätzten jährlichen Kosten von rund 40’000 Franken, die ein Obdachloser verursacht (für Gesundheit, Polizei, Gefängnisaufenthalte), ein Klacks.
Jetzt folgt ein scharfer Schwenker, welcher dem Leser etwas Intellektualität abfordern wird, nämlich hin zum Bausparprojekt des Baselbieter FDP-Nationalrats Hans Rudolf Gysin.
Auch hier geht es darum, den Leuten zu einem besseren, einem angenehmeren, einem schöneren Leben zu verhelfen. Leuten allerdings, denen es schon jetzt viel besser geht als dem Durchschnitt der Bevölkerung.
Gysins Bausparprojekt ist gedacht für die obere Mittelklasse.
Axiom: Immer wenn Leute vom Staat begünstigt werden, die schon Geld haben, geht es um Steueroptimierung und nicht um Sparen.
Denn es ist ja nicht so, dass da zwei nette junge Menschen monatlich 200 oder 300 Franken auf die Seite legen, um sich dereinst ein Eigenheim im Grünen zu leisten. Diese Vorstellung gehört ins Reich von Andersens Märchen.
Konkret läuft das so, dass man am Besten kurz vor der Fertigstellung des Eigenheims die Einlagen seiner Dritten Säule umschichtet. Beim Bezug von Geldern aus der Dritten Säule, sagen wir 20’000 Franken – dem Maximum der jährlichen Bausparquote für ein Ehepaar -, muss man einen kleineren Steuerbetrag bezahlen. Doch statt die 19’000 und ein paar Zerquetschte aufs Baukonto bei seiner Bank zu überweisen, öffnet man ein gut verzinstes Bausparkonto.
Beispielsweise bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank.
Das kann man im Dezember machen, wenn man gleich nochmals die Höchstsumme von derzeit zulässigen 12’000 Säule-3a-Franken (Ehepaar) einbezahlt hat. Sagen wir, der Bau wird im Mai fertiggestellt, dann wiederholt man im Januar gleich nochmals den Vorgang.
Das ist völlig legal. Man muss lediglich die vorgeschriebenen Fristen einhalten.
Konkret bedeutet das im Jahr 1 einen Steuerabzug von 32’000 Franken, im Jahr 2 nochmals einen Steuerabzug von 32’000 Franken, und wenn man genügend vorausplant, kann man das noch ein paar Jahre länger wiederholen. Die Steuerersparnis beträgt mehrere Tausend Franken.*
Das Bausparmodell von Hans Rudolf Gysin ist nichts anderes, als eine legale Steuerwaschmaschine für gut situierte Häuslebauer. Denn es stellt sich die Frage: Wer kann sich das etwas leisten?
Kaum jemand.
Bausparen à la Hans Rudolf Gysin hat, im Gegensatz zum Obdachlosenmodell der Rowntree Foundation, mit liberalem Handeln überhaupt nicht zu tun, ist nichts anderes als Upper Class Sozialismus.
Auch wenn das Ergebnis in etwa dasselbe ist: Die Begünstigten sind glücklich und haben ein Dach über dem Kopf.
PS: Genau das zu tun, hat uns seinerzeit unsere Bank empfohlen.
Kommentare
Dagobert Durutti meint
Sie haben an anderer Stelle geschrieben, dass über die FDP und das Etikett „Liberal“ geschrieben. Genau hier zeigt sich, dass eben wirklich nur eine Worthülse für Sonntagsreden und Plakatwände ist.
Soll mir mal einer erklären, weshalb der Staat der Meinung sein darf, ich soll mit meinem selbst erarbeiteten Geld besser Wohneigentümer werden statt z.B. eine Sammlung papua-neugineischer Gegewartskunst zusammentragen soll.
Dagobert Durutti meint
Man sollte vielleicht Kommentare vor dem Abschicken noch mal durchlesen, sorry!
Es sollte heissen: “
Soll mir mal einer erklären, weshalb der Staat der Meinung sein darf, ich soll mit meinem selbst erarbeiteten Geld besser Wohneigentümer werden statt z.B. eine Sammlung papua-neugineischer Gegewartskunst zusammenzutragen.“
René Reinhard meint
Genau das, was die «Rowntree Foundation» jetzt auf einem, wie Sie schreiben, urliberalen Weg macht, nämlich «die Männer zu fragen was sie denn bräuchten, um ihr Leben ändern zu können», wurde, und wird, seit Urzeiten immer wieder in der einen oder anderen Form versucht und von «Anthropologen» «ausgewertet». Und hinterher in «die Hände geklatscht». Mehr aber nicht. Bis zum nächsten «Medienhype». Wirklich erfolgreich, bezüglich der Armutsbekämpfung, war keine dieser «neuen» Strategien. Im Gegenteil: Armut, und zwar nicht nur die in der «3. Welt», sondern auch die in den hoch industrialisierten Ländern, hat über die Jahre, ja Jahrzehnte, massiv zugenommen.
Das Denken und die Raffgier von Leuten wie Hans Rudolf Gysin mag – immer wieder – auch dazu beitragen. Da mögen Sie Recht haben.