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Roger Federer siegt und siegt. Er übertrifft die eigenen Erwartungen. Das stellt ihn aber auch vor neue Fragen. Die Schlüsselfrage für Federer im Moment: Soll er tatsächlich wieder auf die Sandplatzsaison verzichten?
16:0! Wie vor zwölf Jahren gewinnt Federer die ersten 16 Einzel der Saison. Damals setzte es in Spiel 17 im Final von Dubai gegen Rafael Nadal die erste Niederlage ab. Anschliessend startete Federer gleich den nächsten Lauf (17 Siege), der ihm Turniersiege in Indian Wells und auf Key Biscayne eintrug. Aber diesmal soll die Startserie nicht in Spiel 17 enden – deshalb sagt Federer: «Jetzt nur nichts verschreien.»
Aber Federers Errungenschaften in den ersten zweieinhalb Monaten der Saison lesen sich grossartig: Hopman Cup gewonnen, dann der 20. Grand-Slam-Titel in Melbourne, dann der Turniersieg in Rotterdam, der ihn wieder zur Nummer 1 machte, jetzt winkt in Indian Wells schon der nächste Titel.
Die Tenniswelt staunt. Als Roger Federer gegen Chung Hyeon, die aktuelle Nummer 3 der Jahreswertung, einlief, wimmelte es von Prominenz, auch aus der Tennisszene. Tommy Haas, der Turnierdirektor in Indian Wells, nützte die Bühne, um seine Karriere endgültig zu beenden. Rod Laver und Pete Sampras waren da.
Was denkt sich wohl «Pistol Pete»? Sampras verlor in den letzten Jahren all seine Rekorde an Federer. Sampras gewann 2002 mit 31 Jahren das US Open und spielte nachher nie mehr. Er trat mit einem grossen Sieg ab. Vor drei Jahren wurde Federer noch vorgehalten, er würde einen glanzvollen Absprung verpassen. Jetzt fragt sich womöglich Sampras, ob späte Erfolge auch für ihn möglich gewesen wären.
«Es ist cool, Pete (Sampas) auf der Tribüne zu sehen. Und für Rod (Laver) gilt das sowieso auch», so Federer. Wenn Legenden die Aufwartung machen, sei das für die Spieler auf dem Court «ein wunderbares Gefühl».
Federers Gegner Chung mag mit Sampras nicht viel anfangen können. Als Sampras seine Karriere beendete, war der Südkoreaner sechs Jahre alt. Im Jahr, als Roger Federer erstmals mit 16 Siegen in eine Saison gestartet war (2006), wurde Chung zehn.
Roger Federer trifft in den Halbfinals von Samstagmittag («High Noon») nach Chung auf den nächsten Vertreter der «Next Gen(eration)» – den 21-jährigen Kroaten Borna Coric (ATP 49). Federer und Coric standen sich erst einmal gegenüber: Vor drei Jahren in Dubai gewann der Schweizer den Halbfinal gegen den damals erst 18-jährigen Aufsteiger 6:2, 6:1. Federer startet als haushoher Favorit in den Halbfinal. Die Chancen stehen gut, dass Federer mit 36 Jahren so gut wie noch nie in ein Tennisjahr startet. Aber verschreien wollen wir nichts!
Daneben beschäftigt sich Federer derzeit bereits mit der Sandplatzsaison. In Indian Wells, wo fast der ganze «Clan» mit von der Partie ist, wird emsig diskutiert. Der nicht vor Ort weilende Fitnesstrainer Pierre Paganini erhielt von Federer eine Anfrage, wie viel konditionsmässig investiert werden müsste. Die Medien fragen bei jeder Gelegenheit nach, ob es etwas Neues gibt.
Mit der Aussage, dass er gerne noch einmal in Roland-Garros gewinnen würde, hatte Federer Anfang Monat die Diskussionen selber lanciert. Bis zu diesem Moment schien alles klar. Erwartet wurde, dass Federer es gleich machen würde wie im letzten Jahr, als er nach Turniersiegen in Indian Wells und Miami die gesamte Sandsaison ausliess und Mitte Juni auf Rasen in Stuttgart auf die Tour zurückkehrte. Dass Federer im Februar in Rotterdam antrat, «nur um die Nummer 1 zu werden» (Federer), deutete ebenfalls in diese Richtung.
Mittlerweile kokettiert Federer mit den Sandturnieren, was nur der Logik entspricht. Er dominiert derzeit die Szene. Rafael Nadal und Dominic Thiem, zwei der grössten Sieganwärter auf Sand, plagen sich mit Verletzungen herum. Novak Djokovic ringt um den Anschluss. Andy Murray und Stan Wawrinka liegen noch weiter zurück. Wenn Federer auch auf Sand spielt, wird es wochenlang keine Diskussionen um die Nummer 1 mehr geben. Aber darum geht es ihm nicht mehr: «Ich bin jetzt wieder die Nummer 1. Und ich weiss, dass ich die Nummer 1 auch wieder verlieren werde. Primär geht es jetzt um Titel.»
Federer liebäugelt mit den Sandturnieren, weil er Lust auf Sandplätze hat («Als Schweizer bin ich eigentlich ein Sandplatzspieler») und weil er das Gefühl nicht los wird, eine Chance zu haben, in Paris ein zweites Mal nach 2009 gewinnen zu können. Schon vor einem Jahr trainierte Federer in der Schweiz ein paar Tage auf Sand, sagte dann aber für Paris trotzdem ab.
«Heuer werde ich mich früher entscheiden», sagte er. «Klar ist, dass ich in den ersten Wochen (Monte Carlo) sicher nicht spielen werde. Diese Phase ist mit einer Reise nach Afrika und einem Trainingslager verplant. Aber unmittelbar nach Miami werde ich mich entscheiden, ob ich auf Sand spiele oder nicht. Und wenn ich spiele, werde ich mich entscheiden, wo ich spiele.» (pre/sda)