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Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte – gar nicht. Auf der Suche nach einer griffigen Therapie gegen Esssucht und Übergewicht kann eine:r sich schon einmal vorkommen wie die blinde Kuh, die zwischen wissenschaftlichen und populärpsychologischen Verheissungen ahnungslos herumtapst.
Herkömmlicherweise geht die Fachwelt bei Essproblemen von einem gestörten Selbstbild aus, bei dem eine tiefer liegende seelische Erschütterung über das Essen ausagiert wird. In diesem Sinne sind Essstörungen, v.a. Anorexie (Essensverweigerung) und Bulimie (Überessen und Erbrechen), auch im Diagnosekatalog der WHO aufgeführt. Die Mehrzahl der Leidenden sind weiblich. Verkürzt gesagt liesse sich folgern, dass Essstörugen Widergänger der einstigen Hysterie sind: unbewusste Akte der Selbstsabotage, die das herrschende (männliche Körper-)Prinzip anklagen und es zugleich mit ihrer Anklage ermächtigen. Am häufigsten, auch unter Männern, ist Binge Eating (Fressanfälle). Dies gilt hier aber nicht als Krankheit, obwohl es am direktesten zu Fettleibigkeit führt, deren Ausmass die WHO mittlerweile durchaus als besorgniserregend im Grad einer Pandemie einstuft.
Ein neuerer, neurologischer Ansatz erkennt in Essstörungen ein Suchtverhalten, das mittels Substanzen und Gewohnheiten aufrechterhalten wird. Im Gegensatz etwa zu Drogen- und Spielsucht gilt zwanghaftes Essverhalten in der Diktion der WHO jedoch nicht als Abhängigkeitserkrankung, wenngleich sie alle Kriterien erfüllt: Ein übermächtiger innerer Zwang – auch «Craving» genannt – führt zur ungesunden Zufuhr der Substanz (z.B. andauerndes Snacken) oder Ausführung des Suchtverhaltens (z.B. Hungern), was Lust verschafft oder Unlust fernhält; der Dauerkonsum bewirkt eine körperliche Toleranz und somit Steigerung der Dosis (z.B. ständige Gewichtszunahme; Verlust des Hungergefühls), und das Absetzen hat Entzugssymptome zur Folge (etwa schlechte Laune und Überkompensation bei Diätversuchen). Zentral sind ferner der Kontrollverlust über die Dauer und Menge des Konsums (Fressattacken), ein im Vergleich zu gesellschaftlich akzeptierten Mustern entgleistes Verhalten (wie wiederholte Ess-/Brechzyklen oder nächtlicher Gang zum Kühlschrank), Vernachlässigung anderer Interessen (z.B. Dauerbeschäftigung mit Essen, Diät und Fitness) und die Unfähigkeit, den Konsum zu begrenzen, obwohl er schädliche Folgen zeitigt (Diabetes, Gelenkschmerzen, Herzinfarkt).
Der Unwille, Essstörungen als Sucht anzuerkennen, kommt zum einen daher, dass nicht alle Übergewichtigen süchtig sind und nicht alle Süchtigen übergewichtig. Zum andern ist die «Droge» keine pharmakologische Substanz, sondern gewöhnlicher Zucker, hundskommunes Mehl, gutschweizerischer Käse oder gesunde Nüsse. Ferner ist es oft ein Sowohl-als-Auch – eine psychische Prädisposition begünstigt das Suchtverhalten –, wobei nicht jedem Wunsch nach Gewichtsreduktion auch ein gestörtes Körperbild zugrunde liegt. Schliesslich erfordert eine langfristig erfolgreiche Suchtbekämpfung einen vorübergehenden oder dauerhaften Verzicht auf den «Stoff», will meinen Abstinenz. Das ist heutzutage nicht gerade populär; m.E. fürchtet die Therapiewelt ein Davonlaufen der Kundschaft, würde sie solches verlangen. Die kläglichen Erfolgsquoten des tiefenpsychologischen Ansatzes wie auch der Diätindustrie schreien jedoch geradezu nach alternativen Denkmustern.
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