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Habe ich die richtige Entscheidung getroffen?
Diese Frage steht meistens dann im Raum, wenn wir uns die Fülle des Wissens und die vielfältigen Wahlmöglichkeiten die unsere Gesellschaft für uns bereithält, anschauen. Dies betrifft das private Leben genauso wie das Berufsleben. Aus dieser Wissensflut eine Auswahl zu treffen, ist nicht so einfach. Möglicherweise treffen wir in diesem Fall sogar keine Entscheidungen.
Gross fasst dies bereits 1994 in den Begriff «Multioptionsgesellschaft». In solch einer Gesellschaft, die sich immer wieder transformiert, in der ein nahezu unendliches Fachwissen für die Berufspraxis zur Verfügung steht, müssen Studierende lernen, dieses Wissen zu recherchieren, zu strukturieren, mit dem Handeln zu verknüpfen und zu begründen. Diesem Anspruch will die Bildung gerecht werden.
Problembasiertes Lernen
fördert überfachliche Kompetenzen
Problembasiertes Lernen (PBL) wird von der Lern- und Lehrforschung als Konzept, Lernform oder Methode beschrieben. Es fördert bei den Studierenden das lebenslange, selbstverantwortliche Lernen und begünstigt, dass Wissen auf komplexe Situationen der Berufswelt übertragen werden kann.
Ende der 1960er Jahre von Barrows in Kanada entwickelt, hat PBL inzwischen seine Verbreitung in der Ausbildung in unterschiedlichen Bildungsstufen rund um die Welt gefunden. Die Vorteile von PBL, aber auch Kritik wurden vielfältig publiziert.
Ein identisches Konzept Problembasiertes Lernen, bzw. Problem-based Learning gibt es allerdings nicht. Unter dem Namen PBL haben sich zudem verschiedene Adaptionen oder hybride Formen etabliert. Auch Inquiry-based Learning oder Projekt-based Learning, obwohl älteren Ursprungs werden als Adaptionen von PBL diskutiert. Diese Konstellation erschwert es in der Fachwelt zu vergleichbaren Aussagen, beispielsweise zur Effektivität von PBL zu kommen.
Auch in Europa, das sehr stark von der Definition und Gestaltung des Problem-based Learning der Universität Maastricht, NL und der dort entwickelten Siebensprung-Methode geprägt ist, kann nicht von einem einheitlichen Verständnis von Problembasiertem Lernen ausgegangen werden. Jedes Mal, wenn ich auf einem Kongress zum Problembasierten Lernen bin, wird für mich aufs Neue deutlich, wie viele Adaptionen inzwischen erfolgreich eingesetzt werden.
So sind die komplexen, praxisnahen, möglichst authentischen Situationen (siehe Auszug Blockaufgabe) der zentrale Ausgangspunkt des Lernens. Diese lösen einen kognitiven Konflikt aus und motivieren die Studierenden, sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen.
Über die Erinnerung an ähnliche Situationen oder Emotionen werden Assoziationen geweckt und Vorwissen aktiviert.
Über die Kollaboration mit den Gruppenmitgliedern in Tutoraten bilden sich Wissensstrukturen. Durch Diskussionen und Entscheidungen filtert sich heraus, welches Wissen fehlt, um in der bestehenden Situation handeln, bzw. sie verstehen zu können. Dies wird in Lernzielen beschrieben und anschliessend gemeinsam erarbeitet.
Die an den Wissenserwerb und dessen Präsentation anschliessende Reflexion unterstützt die kognitive Vernetzung. Die Studierenden nutzen diese Erkenntnisse für nachfolgende ähnliche Situationen.
Wenn die Umsetzung von PBL in dieser Form gelingt, entwickeln die Studierenden Kompetenzen, bzw. Fähigkeiten, um in der Berufswelt Situationen frühzeitig zu erfassen. Sie können Prioritäten setzen, aus der Fülle von Handlungsmöglichkeiten die Passende auswählen und so effizient handeln. Neben dem Erwerb von anwendbarem Wissen werden durch das Lernen in der Kleingruppe, der Reflexion des Lernprozesses, etc. auch die überfachlichen Kompetenzen (Sozial- und Selbstkompetenzen) gefördert.
Solche Kompetenzen unterstützen die Studierenden sich in der Vielfalt unserer Wissenswelt, der Multioptionsgesellschaft, wie Gross (1994) sagen würde, zu orientieren, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen.
Wer sich für weitere Ausführungen zum Problembasierten Lernen oder zur Curriculumentswicklung interessiert erfährt hier mehr: «Aufwärts in der Schweiz - Problembasiertes Lernen», Riedo 2006 (PDF, 260KB).
Die Careum Stiftung hat sich vor mehr als zehn Jahren für dieses Konzept entschieden, um Modell-Curricula für Gesundheitsberufe gemeinsam mit Partnern und Fachleuten aus Wissenschaft und Berufspraxis zu entwickeln. Heute wird in den Institutionen des Curriculumverbunds Problembasiertes Lernen erfolgreich umgesetzt.
Curriculumsverbund «Fünf starke Partner» - BZGS - BZSL - CBZ - BGS - Careum Klicken Sie auf die Bilder unten, um einen Einblick in die Bildungszentren BZGS, St. Gallen und CBZ, Zürich zu erhalten.
Neben der Lernform Problem-based Learning kommt in diesen Curricula auch die Lernform Skillstraining zum Einsatz. Beide Lernformen sind miteinander verknüpft und fördern das Zusammenspiel von Wissen und Handeln. Weiterführende Konzepte wie das Cognitive Apprenticeship Modell (siehe Riedo 2006, S. 42/43) unterstützen den Aufbau von Kompetenzen am Lernort Berufspraxis.
Mehr lesen zu Skillstraining mit Simulationspatienten: «Fast wie echt - Skillstraining mit Simulationspatienten», Schroeder 2008 (PDF, 180KB).
In einer wissenschaftlichen Untersuchung analysierte das Institut für Wirtschaftspädagogik (IWP) der Universität St Gallen am Beispiel der Pflegeausbildung, ob mit den Problembasierten Curricula Handlungskompetenzen für die Berufspraxis erworben werden können. Übergeordnet zeigt sich, dass sich die Absolventinnen in der beruflichen Praxis bewähren und insbesondere die überfachlichen Kompetenzen mit Problembasiertem Lernen gefördert werden können (Bauer-Klebl, Gomez 2014).
Diese «Zusammenfassung der Ergebnisse» stellt die wesentlichen Erkenntnisse vor, Bauer-Klebl, Gomez, Schäfer 2012 (PDF, 170KB).
Auch die Implementationen der Problembasierten Curricula wurden vom IWP der Universität St. Gallen wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die daraus resultierenden Erkenntnisse flossen direkt in die Umsetzung ein und wurden auf ihre Wirksamkeit überprüft.
Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass es für die Studierenden und Lehrpersonen herausfordernd ist, Problembasiertes Lernen umzusetzen. Dies betrifft beispielsweise ihr Rollenverständnis oder wie Tutorate und Skillstrainings gestaltet werden. Alle Beteiligten sind gefordert, sich selbst und den Lern-/Lehrprozess zu reflektieren. Ausserdem müssen sie sich Feedback geben und auf diesen Paradigmenwechsel einlassen (Bauer-Klebl, Gomez 2010).
Inzwischen wurden in den Bildungsinstitutionen des Curriculumverbunds unterschiedliche Weiterentwicklungen vorgenommen, um die Effekte von PBL zu verstärken. So wird inzwischen Methodenvielfalt in den Phasen und Schritten innerhalb der Lernformen gelebt und eine umfassendere Reflexion eingebaut. Zudem werden mehr Möglichkeiten des Blended-Learnings genutzt. Diese Weiterentwicklungen des Problem-based Learning im Curriculumsverbund wird aktuell im Rahmen eines Projektes untersucht.
Kongress Problem-based Learning
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Kongress Problem-based Learning – Kompetenzen fördern – Zukunft gestalten aufmerksam machen. Am 16. und 17. Juni 2016 treffen sich internationale und nationale Fachpersonen aus Forschung, Lehre und Praxis, um sich über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Umsetzungserfahrungen zu PBL und verwandten Ansätzen auszutauschen und kritisch miteinander zu diskutieren.
Ihre Meinung? Ihr Kommentar interessiert mich bereits heute!
Was sind Ihre Erkenntnisse und Anliegen zur Umsetzung von Problembasiertem Lernen? Können mit Problem-based Learning Handlungskompetenzen für eine Berufswelt 2030 erworben werden?
Lesenswert
Bauer-Klebl A., Gomez J. Handlungskompetenzen von diplomierten Pflegefachpersonen HF mit PBL-Ausbildungshintergrund in der beruflichen Praxis. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 110. Band, Heft 1, 2014, 18-36»
Gross P. Die Multioptionsgesellschaft. Suhrkamp. Frankfurt a.M. 1994 (10. unver. Aufl. 2005)