Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03336.jsonl.gz/2363

Wer vor 100 Jahren eine Kutsche mit zwei Pferden besass, konnte sich zu den glücklichen und wohlhabenden Personen zählen. Man war mobil, konnte weit reisen und hatte im Idealfall auch einen Kutscher, der das Gefährt durch die stressigen Strassen der europäischen Grosstädte lenkte. Einen Bediensteten also, der sich um das Wohl des wohlhabenden Reisenden gekümmert hat. Wer heutzutage zwei Pferde unter dem Sattel hat wird belächelt, denn Mofa fahren wird nicht mehr von vielen Personen als cool empfunden.
Eine Kutsche mit 200 Pferden
Anders ergeht es den Hausfrauenpanzerfahrerinnen. Denn heute braucht man, um seinen Wohlstand zu demonstrieren, eine Blechkutsche mit mindestens 200 Pferden davor. Diese ernähren sich aber nicht mehr von Hafer oder gelegentlich von einem Apfel sondern sie schlucken Bleifrei 100 V-Power oder Ultimate Diesel und gelegentlich noch etwas Öl. Die Blechkutschen müssen geräumig aber sportlich sein und sollen irgendjemandem bei irgendeiner Tätigkeit etwas nützen. Deshalb auch ihr Name: Sport Utility Van oder kurz SUV.
Von der Farm ins Shopping Center
Wer genau auf die Idee kam, einen Geländewagen für die Strasse zu bauen, ist nicht überliefert. Bekannt ist jedoch, dass die ersten SUVs aus dem Land stammen, wo alles grösser sein muss, als auf dem Rest der Erde: aus den USA. Was einst ausschliesslich der Nordamerikanische Farmer als Transportmittel brauchte, wird mittlerweile vor allem als Einkaufswagen benutzt. Die meisten SUVs sichtet man an Orten, wo es alles andere als Vierradantrieb zur Fortbewegung braucht. SUVs werden über die Betonlandschaften von Shoppingcenterparkplätzen chauffiert, SUVs rollen im Schritttempo vor den Primarschulen umher und SUVs kreisen durch die Innenstadt auf der utopischen Suche nach einem Parkplatz mit einer Länge von über 6 Metern.
Für den Mann erfunden, auf die Frau zugeschnitten
Was einst für die Automobilhersteller ein Auto war, das durch Funktionen aus dem Militär und durch Robustheit und Kraft ein männliches Zielpublikum ansprechen sollte, wird heute hauptsächlich auf die Frau zugeschnitten. Und zwar auf eine reiche Frau, deren Mann das Geld nach Hause bringt und somit Zeit hat sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern. Während die Knautschzone der Autos immer noch grösser als ein Smart ist und unter der Motorhaube immer noch über 200 Pferde für den Antrieb aller vier Räder sorgen, wird nun der Kofferraum noch etwas vergrössert und eine Einparkhilfe installiert. Und wenn man ein gutes Angebot beim Autohändler bekommt gibt’s auch noch einen Kindersitz gratis dazu.
Die Panzer werden weiterrollen
Die Hoffnung der Naturschützer wurde gross, als die ersten Hybridautos auf dem Markt auftauchten und die Grünen zogen ihre Offroader-Initiative zurück. Man dachte sich, dass die steigenden Benzinpreise die spritschluckenden CO2-Schläudern schon von den Strassen drängen werden und bis in ein paar Jahren sowieso nur noch Elektroautos in unseren Städten umherflitzen. Dass alles anders kommt als man denkt, ist aber allen bekannt. So wundert es nicht, dass laut dem Bundesamt für Statistik von 2010 zu 2011 der Anteil an Allradfahrzeugen erneut gestiegen ist. Nun fährt jede fünfte Schweizerin ein geländetaugliches Fahrzeug. Zum Vergleich: Nur einer von 125 Schweizern fährt ein Hybridauto und einer von 5500 fährt ein rein elektrisches Auto. Die Ära der Hausfrauenpanzer hat ihren Höhepunkt noch länger nicht erreicht – hohe Benzinpreise hin oder her.