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Charles Montandon (1862-1923)
Charles Montandon ( 1862-1923 ) Charles Montandon schritt in den Fußstapfen seines altern Bruders Paul und war diesem in vielen Dingen ähnlich. Doch ist auch er eine eigenständige Persönlichkeit, und Bild und Leistung Paul Montandons runden sich erst durch das Bild von Charles Montandon. Die beiden Brüder gehören zusammen und bildeten im Bewusstsein ihrer Zeitgenossen eine Einheit. Zahlreiche Touren haben sie zusammen ausgeführt, andere jeder für sich oder mit andern Gefährten aus ihrem gemeinsamen Freundeskreis. Gemeinsam sind ihnen auch die bevorzugten Tourengebiete, besonders im Berner Oberland, im Gebiet Gauli—Grimsel—Oberaar, über das Charles Montandon die wichtigsten Unterlagen für Heinrich Dübis Clubführer geliefert hat.
Freilich reicht Charles Montandons bergsteigerisches Œuvre nicht an dasjenige Paul Montandons heran. Es war ihm ein weniger langes Leben beschieden, und sein Beruf als Notar und seine vielfältigen Verpflichtungen, denen er gewissenhaft, vielleicht etwas umständlich nachkam, liessen ihm weniger Musse. Doch ist auch seine Leistung noch imposant.
Charles wurde als jüngstes der fünf Montandon-Kinder am 15. Januar 1862 auch noch in Kleinwabern bei Bern geboren, am Tage, nachdem sein Vater gestorben war. Über seiner Jugend stand vom ersten Tage an der Schatten dürftiger häuslicher Verhältnisse, und er lernte, seinen Weg selbst zu gehen. Von Münsingen aus besuchte er das Progymnasium in Thun und dann die Realschule in Bern, von wo aus er schliesslich den Weg zum Studium der Rechte an den Universitäten Bern, Berlin und Wien fand. Er praktizierte auf verschiedenen Büros in Bern, versah eine Zeitlang die Stelle eines Sekretärs und Archivars bei der Spar- und Leihkasse Bern und arbeitete dann selbständig als Notar, indem er sich mit Notar Senn verassoziierte. Nach dessen Rücktritt führte er das Büro allein bis 1922. Sein Bruder Paul sagt von ihm: « Ein eigentlicher Geschäftsmann war er nie. » Und an anderer Stelle: « Charles Montandon war eine bescheidene, heitere und harmlose Natur, durchaus uneigennützig, generös und dienstfertig. In seinem Beruf, den Vereinen usw. übernahm er eine Menge unabträg-liche, viel Arbeit erforderliche Obliegenheiten aus Gutherzigkeit und Entgegenkommen. » Vielen stand er bei, die in Not und Verlegenheit sich an ihn wandten.
Als Bergsteiger war Charles Montandon, nach dem Urteil seines Bruders und vieler prominenter Bergsteiger, die ihn näher kannten, äusserst ausdauernd, zäh und beharrlich. Er hatte einen sichern Blick für die Möglichkeiten eines Aufstiegs und für den besten Weg, den er stets dem schwierigsten Weg vorzog. Bei Nacht oder Nebel entwickelte er einen ganz aussergewöhnlichen Spürsinn. Auch er verband, wie Paul Montandon, Furchtlosigkeit und Unternehmungsfreude mit ausserordentlicher Vorsicht und Respekt vor den Gefahren der Berge. Für seine Begleiter war er der feste, unerschütterliche Mann, auf den man sich in allen Lagen unbedingt verlassen konnte. Schwächerer Begleiter nahm er sich sorgsam und liebevoll an.
Auch bei ihm begann das Bergsteigen in frühen Jahren. Nach zahlreichen Touren in den Voralpen stand der 15jährige im Jahre 1877 bereits als Alleingänger auf dem Gipfel der Büttlassen, den vor ihm wahrscheinlich noch kein Tourist betreten hatte. Ein Jahr später führte der 16jährige eine Partie mit dem noch Jüngern Adolf Rubin und dem nur um weniges altern A. Ringier zur Erstbesteigung des Lauterbrunner Mittaghorns vom Kiental her über Gamchilücke, Petersgrat und Anengletscher, wobei Hin- und Rückweg von und nach Spiez zu Fuss gemacht wurden. Dann folgten sich die grossen und herrlichen Bergfahrten Jahr für Jahr, fast alle ohne Führer, und unter vielen bedeutenden Leistungen sind 23 Erstbesteigungen und 6 neue Übergänge verzeichnet.
Das wissenschaftliche und kulturelle Interesse tritt bei Charles Montandon stärker hervor. Als Student hatte er neben seinen juristischen Fächern auch Vorlesungen in Geologie gehört und an Exkursionen teilgenommen, und später lieferte er den Geologen von seinen Touren manch wertvolle Beobachtung, wie diejenige über den Kontakt von Gneis und Kalk am Lauterbrunner Wetterhorn ( Kanzelhorn ). Auch er hat in den alpinen Zeitschriften und in den« Jahrbüchern » des SAC zahlreiche Aufsätze veröffentlicht und in Vorträgen über seine Bergfahrten berichtet. Er blieb unverheiratet und widmete seine Mussezeit und seine Mittel neben dem Bergsteigen dem Studium und dem Sammeln alter schweizerischer Grafik, wo er grosse Kennerschaft erreichte, und der Philatelie, wo er ebenfalls als Experte und Berater eine führende Stellung einnahm. Der Sektion Bern des SAC gehörte er seit 1881 an und erwarb sich vor allem Verdienste um den Ausbau der Club-Bibliothek, deren wertvollste Teile auf seine Initiative angeschafft wurden, wenn auch seine Vorliebe für alte Werke und Grafik nicht immer verstanden wurde. in derselben Linie lag es, dass sich Charles Montandon für die Aufbewahrung alpinen Sammlungsgutes einsetzte und mit P. Utinger, E. Davinet und R. Zeller zusammen die Sektion Bern dazu brachte, die Idee eines alpinen Museums im Jahre 1905 zu verwirklichen. Er gehörte dann bis zu seinem Tode der Museumskommission an, wie er auch seine alpinen Kenntnisse den Landesausstellungen von 1896 in Genf und 1914 in Bern und der Schweizerischen Landesbibliothek bei der Schaffung der Bibliographie der schweizerischen Landeskunde zur Verfügung stellte.
Charles Montandon starb verhältnismässig früh, mit 61 Jahren, am 9. Juni 1923 an einem Hirnschlag, nachdem ihn langwierige Krankheit schon 1922 zur Aufgabe seines Notariatsbüros genötigt hatte. Paul Montandon erzählte, dass Charles noch bis in seine letzten Tage langsamen Schrittes zum Gurten hinaufwanderte, wo ihm dann, wenn die Kräfte versagten, oft freundliche Unbekannte das Rückgeleite gaben.Georges Grosjean