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Die Kohleförderer: Die Schweiz zurück im Bergbau
Adrià Budry Carbó und Robert Bachmann, 7. November 2022
Wie beschrieben, liessen sich nach Glencore auch die grössten Bergbaukonzerne nach und nach in der Schweiz nieder. Die Bewegung wurde nach dem Zerfall der Sowjetunion von russischen Unternehmen ausgelöst, die ihre neue wirtschaftliche Freiheit nutzten, um einen Fuss in das Herzen Europas zu setzen. Sei es, um von den milden Steuern unserer Kantone zu profitieren, von der Grosszügigkeit der Banken, die den Rohstoffhandel finanzieren, oder ganz einfach, weil sie ihrer Landeswährung nicht trauen: Die grössten Kohleproduzenten des ehemaligen Ostblocks haben einer nach dem andern ihre Zelte in der Schweiz aufgeschlagen.
Diese Konzerne heissen Suek, Sibanthracite, Evraz oder SDS. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus der Privatisierungswelle nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden sind, dass sie ihre Kohle mitten in Sibirien (oder seit kurzem im Fernen Osten) fördern und vor allem, dass sie von Geschäftsleuten geführt werden, die «aus dem Nichts» angefangen haben, wie sie gerne von sich erzählen, aber gleichzeitig alle eine auffällige Nähe zum Kreml zeigen.
Die SDS-Gruppe (SDS ist die russische Abkürzung für Sibirische Handelsunion) war die erste, die sich im Jahr 2000 mit ihrem Handelsarm MIR Trade AG im Kanton Appenzell Ausserrhoden niederliess. Die anderen Gesellschaften bevorzugen den Kanton Zug, insbesondere die beliebte Baarerstrasse, wo sie manchmal nur durch wenige Blöcke voneinander getrennt sind. Sie bilden in Zug die erste Ecke des helvetischen Kohlendreiecks.
Nachdem die Kohlepreise jahrzehntelang stagniert hatten, explodierten sie Anfang der 2000er Jahre regelrecht. In Russland bildeten sich Konzernimperien vor dem Hintergrund einer weit verbreiteten Korruption und mafiöser Abrechnungen. In der gesamten Branche kam es zu kometenhaften Aufstiegen und umso drastischeren Einbrüchen. Nach dem Untergang der Sowjetunion wurden die am wenigsten rentablen Minen stillgelegt, das Land richtete sich auf den Export aus und die Produktion konzentrierte sich nach und nach auf rund zehn Unternehmen. In dieser Zeit kaufte der spätere Milliardär und in der Schweiz ansässige Andrei Melnitschenko – über die von ihm mitbegründete MDM-Bank – reihenweise Beteiligungen an den wichtigsten Kohleunternehmen des Landes und fasste sie im ebenfalls in Zug ansässigen Konzern Suek zusammen.
Russ aus Russland
Wladimir Putin selbst erkannte schnell das Potenzial der Branche. Als Premierminister unterzeichnete er im Januar 2012 ein umfassendes Industrieentwicklungsprogramm im Wert von 119 Milliarden US-Dollar – davon 8,5 Milliarden aus öffentlichen Mitteln –, mit dem die Infrastruktur (vor allem der Schienen- und Schiffsverkehr) verbessert und die Kohleproduktion bis 2030 angekurbelt werden sollte. Ohne Gewissensbisse unterstützt der Kreml seit 2019 aktiv grosse Kohleabbauprojekte in der Arktis.
Für die Schweiz, insbesondere den Kanton Zug, ist dies ein Glücksfall. Die neuen Steuerzahlenden bringen praktisch keine negativen Auswirkungen mit sich, da die Kohle nur buchhalterisch durch das Land geleitet wird. Die unauffälligen Konzerne beziehen lediglich mehr oder weniger schlichte Büros, und ihre Besitzer (es sind durchs Band Männer) geben eine Menge Geld für Immobilien aus und zeigen sich auch im Sponsoring von der grosszügigen Seite. Bis zur Verhängung der Sanktionen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 wurden 75% der 212 Millionen Tonnen russischer Kohle, die 2021 weltweit exportiert wurden, über die Schweiz gehandelt. Seither ist die Zukunft dieser Konzerne ungewiss. Suek hat auf jeden Fall seinen Handelsarm – unter neuem Namen – nach Dubai verlegt.
Zu diesen auf Kohle spezialisierten Konzernen kommen diverse andere Unternehmen, die sich um eine Diversifizierung im Energiebereich bemühen. Ein Beispiel dafür ist Mercuria. Der Genfer Konzern, der oft als reiner Händler wahrgenommen wird, besitzt in Wirklichkeit zwei Kohleminen (eine davon im Miteigentum). Die erste befindet sich auf der Insel Borneo und ist eine Investition, die 2010 als «strategisch» definiert wurde, um das asiatische und globale Kohlegeschäft von Mercuria auszubauen. Die zweite Mine, Canyon Coal, wurde im November 2018 in Südafrika in Partnerschaft mit einem einheimischen Unternehmen eröffnet. Ein Vertreter von Mercuria erläutert: «Kohle ist Teil der Energielandschaft und nach wie vor nicht wegzudenken. Durch unsere bescheidenen Beteiligungen erhalten wir ein wenig Cashflow, was uns vor allem hilft, die Preisdynamik auf den Energiemärkten zu verstehen. Andernfalls wären wir nämlich (betriebs)blind.»
Nur einen Steinwurf von Genf entfernt fürchtet man wohl auch so eine Art Betriebsblindheit. Der brasilianische Bergbaugigant Vale, der seine Holding und seinen Handelszweig in Saint-Prex VD angesiedelt hat, eröffnete im Mai 2011 seine erste Kohlemine in Moatize (Mosambik). Die rund 8 Millionen Tonnen geförderte Kohle werden von der Waadtländer Niederlassung aus abgesetzt.1 Nach der Zwangsumsiedlung von fast 3400 Familien und dem Widerstand mehrerer Gemeinden kündigte Vale Ende 2021 an, die Kohle abstossen zu wollen, um ein «führendes Unternehmen im Bergbau mit geringen Kohlenstoffemissionen» zu werden. Mit dem kanadischen Konzern Vulcan Minerals wurde ein Verkaufsabkommen über 270 Millionen US-Dollar unterzeichnet.
Indien sehnt sich nach Kohle
Der indische Konzern Adani wiederum hat in Genf im April 2020 seinen Handelszweig angesiedelt, der nach wie vor bei einem lokalen Treuhandunternehmen domiziliert ist. Indien, wo fast die Hälfte der Haushalte keinen Zugang zu Elektrizität hat, sehnt sich nach Kohle. Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass das Land bis 2024 rund 130 Millionen Tonnen zum Anstieg des weltweiten Jahresverbrauchs beitragen wird.
Dies ist ein wahrer Segen für den Mischkonzern aus Gujarat (Westindien), der bereits 17,5 Millionen Tonnen indische und indonesische Kohle fördert und Ende 2021 die Produktion in seiner höchst umstrittenen Carmichael-Mine im Nordosten Australiens aufgenommen hat. Nach der Mobilisierung lokaler NGOs und der Aborigine-Völker Wangan und Jagalingou, die die Einhaltung ihrer Landrechte forderten, musste Adani sein Projekt von einer geplanten Jahresproduktion von 60 Millionen Tonnen auf 10 Millionen Tonnen reduzieren.
18 in der Schweiz angesiedelte Bergbaukonzerne, von denen die meisten noch nicht allzu lange im Land ansässig sind, fördern zusammen mehr als 536 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr.
Zusammen mit den Emissionen, die bei der Förderung, dem Transport und der Umwandlung in Strom anfallen, werden dadurch fast 5,4 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre ausgestossen. Das übersteigt die entsprechenden Emissionen der grössten Weltmacht, den USA (siehe Methodologie unten).
Weitere Informationen
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Methodologie der Schätzung der CO2-Emissionen
Die gesamten CO2 -Emissionen, die dem Schweizer Kohlestandort zuzuschreiben sind, wurden durch die Zusammenstellung von Daten aus den Finanzberichten der verschiedenen Bergbaukonzerne geschätzt. Auf dieser Grundlage gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Umweltbelastung eines Rohstoffs zu berechnen.
Bei unserer Recherche haben wir uns auf den Transportweg der Kohle von der Mine bis zu ihrer Umwandlung in Elektrizität in einem Kraftwerk konzentriert. «Die Verbrennung von Kohle in den Hochöfen der Metallfabriken verursacht überall mehr oder weniger die gleichen CO2-Emissionen», bestätigt Niels Jungbluth, Geschäftsführer von ESU-Services, einer in Schaffhausen ansässigen Beratungsfirma für Nachhaltigkeit. Es ist aber auch so, dass durch die Qualität der geförderten Kohle und den technologischen Stand der Kohlekraftwerke die Emissionswerte variieren können. Für unsere Studie haben wir die Emissionen als konstant angenommen, wobei wir uns auf durchschnittliche Kraftwerksdaten aus einer Studie des Bundes stützten, die sich unter anderem mit Energiebilanzen befasst. So werden bei der Erzeugung einer Kilowattstunde (kWh) Strom durchschnittlich umgerechnet 1,23 Kilogramm CO2 in die Atmosphäre freigesetzt (gegenüber 1,36 bei Braunkohle, der umweltschädlichsten aller Kohlearten).
«Kohle ist wie Erdöl ein ineffizienter Rohstoff», sagt Stéphane Genoud, Professor für Energiemanagement an der Fachhochschule HES-SO Wallis. «Nur 37,7% werden zur Stromerzeugung verwendet, der Rest verpufft bei der Verbrennung und wird zu Rauch.» In einer Pilotstudie aus dem Jahr 2018 schätzte ESU-Services, dass die CO2-Bilanz des Rohstoffhandels in der Schweiz die CO2-Emissionen des Inlandverbrauchs um das Elffache erhöhen könnte (Kohle ist nach Rohöl die zweitwichtigste Verschmutzungsquelle). Diese Studie berücksichtigte jedoch nicht die Verbrennung von Rohstoffen, «die 80 bis 90% Prozent der Klimaauswirkungen ausmacht», so Niels Jungbluth, einer der Autoren.
- Friends of the Earth International, A Deadly Ring of Coal.