Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03229.jsonl.gz/512

Leben mit einer Lebenslüge
Im Jahr 1995 erschien im Jüdischen Verlag von Suhrkamp ein Buch, das unter dem Titel «Bruchstücke» sofort ebenso begeisterte wie ergriffene Reaktionen in der Schweiz und international hervorrief: Der Schweizer Musiker Binjamin Wilkomirski beschrieb darin, wie er als jüdisches, aus Riga stammendes Kleinkind in Polen auf sich allein gestellt den Holocaust in den Vernichtungslagern Majdanek und Birkenau überlebt hatte, nach dem Krieg in die Schweiz gebracht und hier nach schwierigsten Anfängen als herumgeschobenes Kind schliesslich von der christlichen Zürichberg-Familie Doessekker adoptiert wurde.
Aus Doessekker wird Wilkomirski
Davon und wie er, der eigentlich Bruno Doessekker heisst, sich als Erwachsener, von traumatischen und bruchstückhaften Erinnerungen heimgesucht, auf Spurensuche in Polen, Riga, Israel machte, handelte das Buch. Im Zuge dieser Suche legte er sich den (vermeintlich) jüdischen Namen Wilkomirski zu.
Die Wahrheit, wie man heute weiss, war eine andere. 1941 als uneheliches Kind mit Namen Bruno Grosjean in Biel geboren, getrennt von der Mutter zunächst bei Pflegeeltern und dann im Kinderheim aufwachsend, wurde er 1945 adoptiert. Aus diesen sicher äusserst belastenden ersten Jahren machte Wilkomirski schliesslich ein völlig anderes Leben. Der Buchtitel soll die bruchstückhaften Erinnerungen bezeichnen, mit denen er sich als Erwachsener dann auf seine ausgiebige und fast zwanghafte Recherchereise begab. Mit Hilfe, Anregung und Unterstützung zweier Psychotherapeuten, Elitsur Bernstein und Monika Matta, und seiner damaligen Partnerin schrieb er die Erinnerungen dann nieder.
Enthusiastisch besprochenes Buch
Die Zürcher Literaturagentur Liepman AG vermittelte das Manuskript an den Jüdischen Verlag bei Suhrkamp. Das Buch wurde enthusiastisch besprochen, man bescheinigte ihm hohe literarische Qualität, der Autor wurde mit Preisen geehrt – in Zürich ebenso wie in den USA. Wilkomirski trat als gefragter Zeitzeuge öffentlich auf, gerne mit seiner Klarinette, eine duster-melancholische Atmosphäre verbreitend (die Schreibende war seinerzeit im Theater Stadelhofen dabei).
Er entwickelte auch eine eigene «Methode» für im Holocaust traumatisierte Kinder: Eine Verbindung von Psychotherapie und Geschichtswissenschaft, worüber er weitherum als Gastredner sprach. In der Schweiz hatte diese ungewöhnliche Resonanz auch damit zu tun, dass gerade mit Macht die Debatte um nachrichtenlose Vermögen und das Verhalten der Schweiz vis à vis Nazideutschland anhob.
Von einem Journalisten enttarnt
Das ging für Wilkomirski drei Jahre lang gut. Bis der Schweizer Journalist Daniel Ganzfried ihn 1998 in der «Weltwoche» als Hochstapler entlarvte, der diese Lebensgeschichte von A bis Z erfunden hatte. Als Sohn eines Auschwitz-Überlebenden verfügte Ganzfried über einen geschärften Sinn in dieser Thematik. Er wies nach, dass Wilkomirski 1941 unehelich in Biel als Bruno Grosjean geboren war.
Das hätte man vielleicht schon früher herausfinden können, denn erste Hinweise, dass vielleicht etwas nicht stimmt, waren schon 1995, kurz vor Veröffentlichung des Buchs, an den Verlag herangetragen worden. Es war der NZZ-Feuilletonchef Hanno Helbling, der solche Gerüchte vernommen hatte und sie als Mahnung zur Vorsicht und Anregung, der Sache genauer nachzugehen, an Siegfried Unseld weitergab, den Chef des Hauses Suhrkamp.
Verlag und Agentur baten daraufhin Wilkomirski nochmals eindringlich um Belege und Dokumente, die er nicht beibringen konnte. Die Schweizer Behörden verweigerten die Herausgabe, hätten sie auch früher schon, war seine Erklärung. Verlag und Agentur recherchierten in Israel (nicht in der Schweiz) und liessen sich beeindrucken von den beiden Psychiatern, die sich vehement für Wilkomirskis Geschichte verbürgten. Hätten sie stattdessen beispielsweise den eminenten Holocaust-Historiker Raoul Hilberg gefragt, hätten sie zu hören bekommen, was an der ganzen Geschichte nicht stimmen konnte.
Handfester Literaturskandal
Das Buch erschien, auch mit dem merkwürdigen Argument, man wolle Holocaustleugnern nicht in die Hand spielen. Wie besser aber kann man denen in die Hand spielen als mit einem KZ-Bericht, der sich als frei erfunden herausstellt? Abgesehen davon, dass diese Leugner auf ein wahres oder falsches Buch nicht wirklich angewiesen sind.
Angestossen von der Recherche Ganzfrieds wuchs das Ganze schliesslich zu einem handfesten Literaturskandal heran, das Buch wurde schliesslich international vom Markt genommen. Wilkomirski erlitt einen Zusammenbruch und hat sich seither völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seine einzige Erklärung blieb auch fortan, die Wahrheit sei die seiner Erinnerung, und die habe mit Quellen und Dokumenten (die es entweder nicht gab oder die seine Geschichte widerlegten) nichts zu tun.
Nicht die einzige Fake-Biographie zum Holocaust
Darüber und vor allem, wie Wilkomirski bis heute mit dieser Geschichte zurechtgekommen ist, hat der Schweizer Regisseur und Produzent Rolando Colla einen Dokumentarfilm gedreht, der dieser Tage in die Schweizer Kinos kommt. Möglich wurde das nur, weil Colla schon einmal Anfang der achtziger Jahre mit Wilkomirski als Klarinettisten einen Film drehen wollte, sich das Projekt aber dann zerschlug. Sein Wohlwollen hat Colla ihm bis heute bewahrt. Nach langem Zögern stimmte Wilkomirski den Dreharbeiten deshalb schliesslich zu.
Nun kann man einen solchen Stoff auf zweierlei Arten zum Thema machen: Man stellt die Figur dieses Mannes in den Mittelpunkt, oder man interessiert sich für die Rezeptionsgeschichte und geht der Frage nach, wieso gerade Holocaust-Literatur eine solche Faszination ausübt. Die hielt im Falle der «Bruchstücke» noch weit über die Enthüllung an, dass es sich um reine Fiktion handelte. Wilkomirski war und ist bei weitem nicht der einzige, der sich eine solche Holocaust-Biografie überstülpte. Wie man auch im Film noch einmal sieht, als es in Los Angeles zu einem rührseligen «Wiedersehen» mit einer entsprechenden weiblichen Hochstaplerin kam.
Den Wahn des Gestörten verstehen?
Colla hat sich für die erste Möglichkeit entschieden. Wie er in einem Interview dazu sagte: «Ich wollte den Menschen verstehen, an seine Geschichte und seine Persönlichkeit herankommen. Und es reizte mich zu erfahren, wo er nach all den Jahren stand, was zurückblieb nach dem Skandal, so ganz ausserhalb des Rampenlichts.» Den Film setzte er zusammen aus alten Aufnahmen aus Polen, aus Israel, aus den USA, aus animierten Zeichnungen (gestaltet von Thomas Ott), mit denen er die «Erinnerungen» Wilkomirskis filmisch umsetzt, aus zahlreichen alten und seinen eigenen, neuen Interviews, aus seinen eigenen Drehs mit dem heute Achtzigjährigen, der alleine in einem Thurgauer Dorf lebt und sich immer noch mit viel jüdischer Symbolik umgibt. Den er auf eine Reise nach Italien begleitet und der seine Wahrnehmung auf all des Zurückliegenden darlegt.
Man folgt also fast zwei Stunden einem schwer gestörten Mann und fragt sich, welche Erkenntnis dieser Film zwanzig Jahre später wirklich bringt. Wie soll man so einen Menschen «verstehen», wie das Colla möchte? Erkenntnis ist vielleicht auch die falsche Erwartung. Es ging Colla keinesfalls darum, ihn aufs Neue der Lüge und der Hochstapelei zu überführen. Er fragt Wilkomirski voller Einfühlung nach seiner Sicht der Dinge.
So ist der Film in erster Linie für jene interessant, die sich mit solchen psychischen Störungen beschäftigen und die auch wissen wollen, weshalb fehlgeleitete Fachleute solche Wahnvorstellungen und eine falsche Identität aus voller Kraft und Überzeugung noch stützen. Allerdings bleibt der Film eine Antwort darauf schuldig. Andere wird der Film eher peinlich berühren.
Literatur zum «Wilkomirski-Syndrom»
Andererseits, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, weshalb so viele Menschen solche Geschichten lesen möchten, mitsamt allen grausigen Details von Qual und Gewalt, die Wilkomirski exzessiv beschrieb, bleibt interessant. Allerdings wurde sie vor dreissig Jahren ausgiebig erörtert. Der Film kann dann als Anregung dienen, das nochmals nachzulesen. Einen ausgezeichneten Überblick und eine Einordnung auch der Rezeptionsgeschichte lieferte damals der Zürcher Historiker Stefan Mächler, notabene im Auftrag der Agentur Liepman (Der Fall Wilkomirski, Pendo, Zürich, 2000). Kurz davor erschien im Zürcher Chronos-Verlag unter dem Titel «Der Mann mit zwei Köpfen» die fundierte, wenngleich knappere Recherche der englischen Autorin Elena Lappin, die sie im Auftrag des englischen Literaturmagazins Granta unternommen hatte.
2002 erschien, ebenfalls bei Pendo, ein Sammelband nach einer Tagung der Universität Potsdam, herausgegeben von Irene Diekmann und Julius Schoeps, «Das Wilkomirski-Syndrom». In seiner Rezension dieses Bandes hat sich der inzwischen verstorbene deutsche Publizist Lothar Baier nochmals ausführlich und sehr lesenswert mit der Rezeptionsgeschichte befasst.
Ab dem 12. November in diversen Kinos