Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03107.jsonl.gz/2375

Das Lamento über das Verschwinden der Arten ist allbekannt. Mit dem Schwund in der Natur korrespondiert allerdings ein anderer, ebenso bedenklicher Schwund, nämlich in der Sprache. Dabei wuchert unser Wortschatz traditionell wohl nirgendwo üppiger und dichter als im Reich von Flora und Fauna.
Die zarte Exaktheit von Pflanzen- und Vogelbeschreibungen
Zum Beispiel diese zarte und lustvoll exakte Annäherung an das Gewächs in alten Botanikschwarten. Linnés „Pflanzensystem“ (deutsch 1787) beschreibt eine Flechtenart (Hundsflechte) so: „Die Blätter sind zart, breit, flach, eben, einfach oder in ziemlich runde Lappen geteilt. Die Oberfläche derselben ist an der frischen (...) Pflanze braungrünlich oder bleich-bleifärbig, mit einem aschgrauen mehlartigen Staube bedeckt (...) An der aufgerichteten Spitze des Blattes sitzt ein Fingernagel-förmiges, eirundes, oberwärts konvexes, unterwärts konkaves bräunliches oder dunkelrötliches Schildchen, welches an seiner Unterfläche ebenfalls inkarnatrot (fleischfarben, E.K.) ist.“
Oder dann Vogelbücher wie etwa Petersons „Die Vögel Europas“, wo über den Habichtsadler zu lesen ist: „Länglicher Schwanz mit einem halben Dutzend matter Binden und einer breiten dunklen Endbinde. Von unten gesehen hebt sich die schmal gestreifte, seidenweisse oder rahmfarbene Unterseite von den langen dunklen Flügeln ab. Junge mit rostfarbenem Kopf, dicht röstlichbraun gestreifter Unterseite und eng gebändertem Schwanz.“ Und erst noch die Lautmalerei. Seine Stimme: ein schnatterndes „kai, kai, kikiki.“
Landspeak
Immer, wenn ich solches lese, beschleicht mich eine unbestimmte leise Trauer: Habe ich das je beobachtet, je gehört? Der britische Reiseschriftsteller Robert Macfarlane betreibt eine Art von Archäologie der Landschaftssprache und er macht in seinem neuen Buch „Landmarks“ (2015) auf ein generelles Symptom in unserem Verhältnis zur Natur aufmerksam: Wir verlernen diese Sprache. Auf den Hebriden fand er zum Beispiel ein „Torf-Glossar“, eine Sammlung von über hundert gälischen Ausdrücken für das Moorland.
Er stiess auf Wörter für feinen Eisfilm auf Blättern und Zweigen, für den leisen Windhauch auf der Oberfläche eines stillen Gewässers, für den Tunnel am Grund einer Hecke, den kleine Tiere für ihren regelmässigen Durchgang schaffen. „Landspeak“ nennt Macfarlane diese Sprache. Nun wird aber unsere Ökologie zunehmend überformt von technischen Systemen, und das schlägt sich notgedrungen im Sprachgebrauch nieder. Mit Videos auf Youtube brauchen wir kein Vokabular der Landschaftsbeschreibung mehr. Wie der amerikanische Umwelthistoriker William Cronon bemerkt hat, besteht das beste Verständnis der Natur um uns im Verständnis der Natur in uns; und dazu gehört Sprache: „Die Natur in unseren Köpfen ist ebenso wichtig wie die Natur, die uns umgibt, denn die eine gestaltet und filtert ständig die Art und Weise, wie wir die andere wahrnehmen.“
Technospeak statt Landspeak
Macfarlane weist auf ein anderes Phänomen hin, das mit dem Sprachverlust für die Natur einhergeht: auf die Kompensation oder vielmehr den Ersatz durch ein neues universelles Technospeak. Der Oxford Junior Dictionary, ein Nachschlagewerk für Kinder, hat eine Vielzahl von Wörtern für die Natur getilgt. Sie seien für ein Leben in den heutigen Umwelten nicht mehr relevant: zum Beispiel Eichel, Kreuzotter, Esche, Buche, Weidenkätzchen, Löwenzahn, Heide, Efeu, Mistel, Wiese. An ihrer statt nimmt der Diktionär jetzt Begriffe auf wie Attachment, Block-Graph, Blog, Breitband, Chatroom, Cut-and-Paste, MP3-Player, Voice-Mail.
Nichts drückt den fundamendalen Wandel gegenüber unserer Umwelt drastischer aus als dieser Vokabularwandel. Eine unscheinbare, aber symptomatische Verschiebung. Wie Macfarlane schreibt, manifestiert sich darin nicht nur ein Schwinden unseres Gespürs für die Natur, sondern auch der Verlust einer „Art von Wortmagie: einer Kraft, die bestimmte Begriffe besitzen, um unser Verhältnis zur Natur und ihren Orten zu verzaubern“. Wir vermüllen die Natur nicht zuletzt dadurch, dass wir das Vokabular der Imagination zum Abfall werfen. Wir bemerken nicht, dass Sprachverödung nur die eine Seite der Naturverödung ist.
Landschaft als linguistische Sedimentation
Ein Einspruch wie jener Macfarlanes wird heute schnell als pastorales Genre, als „romantisch“ oder „nostalgisch“ abgetan. Das zeugt erstens von Blindheit für das eigentliche Problem und verunglimpft zweitens die Romantik, die alles andere als rückwärtsgewandt war. Adalbert von Chamisso zum Beispiel schrieb nicht nur „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, er war Botaniker; er entdeckte unter anderem den Goldmohn – die kalifornische Wappenblume – und nach ihm ist etwa auch eine Heidelbeerart – Vaccinium chamissonis – benannt. Er verfasste ein Lehrbuch mit dem ziemlich unromantischen Titel: Übersicht über die nutzbarsten und schädlichsten Gewächse, die wild oder angebaut in Norddeutschland vorkommen (1827).
Chamisso wäre heute wohl am ehesten den Ökologen zuzurechnen – allerdings wäre er ein besonderer Ökologe. Immer hatte er auch die Verschränkung von Natur und Kultur – also Sprache – im Blick. Die Pflanze war für ihn nie nur Forschungsobjekt, sondern ein Natursubjekt, das „mächtig auf die Geistesrichtung einzelner Individuen, wie die Kulturgeschichte ganzer Völker eingewirkt hat (...) Die Vegetation ist es, die an den Boden gefesselt, den festen Teil der Erdoberfläche mit einem grünen Teppich bekleidend, so mächtig Geist und Gemüt anregt. Sie ist es, die vorzugsweise der Erdoberfläche das Ansehen einer belebten gibt und den Eindruck der allverbreiteten Lebensfülle hervorruft.“ Das Gleiche liesse sich auch von der Sprache sagen. Eine Landschaft ist eine geologische und linguistische Sedimentation.
Naturpflege ist auch Sprachpflege
Der kürzlich verstorbene Cambridger Botaniker und Ökologiehistoriker Oliver Rackham beschreibt vier Arten des Landschaftsverlustes: Verlust der Schönheit, der Freiheit, der Vegetation und der Bedeutung. Sprache ist die Trägerin und Erhalterin von Bedeutung. Sie gehört also zum Artenschutz. Biodiversität heisst immer auch Sprachdiversität. Naturpflege ist Sprachpflege. Man muss es als höchstes Alarmzeichen interpretieren, wenn die Natur uns nicht mehr als der Beschreibung wert erscheint. Das Schlimmste: Wir haben keine Sprache mehr für das, was uns fehlt. Eine Wiese ist eine Wiese ist eine Wiese.
Hoffnung besteht allerdings. Die Tilgung der Naturwörter aus dem Oxford Junior Dictionary hat den Protest von – zum Teil bekannten – Autorinnen und Autoren hervorgerufen. Der Schriftsteller und Photograph Tim Robinson stellte unlängst das Bedürfnis nach einer Sprache fest, die einer „säkularen Zelebrierung von Orten“ angemessen sei. Ein anderer Photograph, Dominick Tyler, veröffentlichte einen prachtvollen Band über englische Landschaften („Uncommon Grounds“), in dem paarweise 100 Wörter für Naturszenen mit entsprechenden Bildern zusammengestellt sind. Vom Botaniker Richard Mabey ist ein Buch erschienen – „The Cabaret of Plants“ –, in dem er für eine „neue Sprache“ plädiert, welche die Pflanze in ihrer spezifischen Individualität würdigt. (Mabey hat bereits eine Verteidigung des Unkrauts geschrieben). William Cronon fordert eine Natur, in der Geschichten wieder ihren Platz erhalten.
Neue Naturlyrik
Dann gibt es natürlich immer noch die Naturlyrik, etwa Christoph Wilhelm Aigners schon etwas zurückliegendes, aber immer aktuelles „Landsolo“ (1993); oder – neueren Datums – Marion Poschmanns „Geliehene Landschaften“ (2016). Aigner renaturiert die Erde mit nichtherkömmlichen Bilden, etwa des Windes:
„Den Tag beginnt er lesend in den Bäumen
Man merkt es wenn er blättert
Später springt er herunter
läuft durchs Gras und schnuppert
an Büschen. Nachts schleicht er ums Haus
verpasst den Türen Tritte
Will eingelassen werden
Fährt auf und hetzt von Stern
zu Stern fällt schnarchend in den Garten.“
Marion Poschmann nennt ihre Lyrik „Lehrgedichte und Elegien“. Ihr Blick auf die Natur ist von der Stadt geprägt. Er weiss vom Vordringen des Technischen und Urbanen, zum Beispiel in die ehemals besungene Pracht der Alpen. Die Sprache ist kalt und technisch. Mönch und Jungfrau im Berner Oberland werden da direkt angesprochen:
„Du schläfst in stabiler Seitenlage am Rande
der Alpen, am Rand der Verbreitungskarten
rotkarierter Lawinengefahr. Thermikzieher
schrauben sich durch die Habitusbilder der Skigebiete,
und Abluft in haushaltsüblichen Mengen verfängt sich
in Hecken, steigt auf zu den glitzernden Wolken der Welt.“
Die Eroberung der Alpenwelt ist hier längst Banalität. Es mischen sich das Erhabene der „glitzernden Wolken der Welt“ und die „haushaltsüblichen Mengen“ an Abluft. Das Gedicht handelt vom Anthropozän, von der Dominanz des Menschen über die Natur. Aber trotz ihres „elegischen“ Charakters hört man aus dieser Lyrik einen trotzigen Appell heraus: Schaut doch mal hin, in was für einer Umwelt ihr lebt! Und ich liefere euch das Vokabular für die Sichtbarmachung dieser Umwelt!
Wildern wir die Sprache aus
Hoffnung kommt auch von einer anderen Seite. Macfarlane erzählt von einem fünfjährigen Mädchen, das für die weichen Grassamen in seinen Händen eine eigene Bezeichnung ausheckte: „Honigpelz“ („honeyfur“). Oder, als er seinem kleinen Sohn sagte, dass es keinen Ausdruck für den schimmernden Buckel gibt, der entsteht, wenn Wasser über einen Stein strömt, antwortete der Kleine spontan: Strömungspopo („currentbum“). Wunderschön. Kinder haben diese magische Fähigkeit, die Erde mit Sprache stets wieder neu zu beleben. Sie sind taxonomische Wildfänge; mein jüngerer Sohn klassifizierte in diesem Alter alle Pflanzen mit Dornen als „Stacheldranen“ – da sind Stacheln dran. Treiben wir ihnen diese Fähigkeit nicht aus. Die Rettung der Landschaft liegt nicht zuletzt in der Auswilderung unserer Sprache für die Landschaft. Ökologie ist Ökopoesie.