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Wir treffen Grégoire Jacob in Le Port de Fribourg, inmitten der Saaneschleifen, um sein Projekt einer Mitmachwand zu entdecken. Begegnung mit diesem 30-jährigen Familienvater, dessen Leidenschaften Sport und zeitgenössische Kunst sind; er erzählt uns von seinem Projekt einer Wand «before I die, I want to».
Sie haben eine Mitmachwand «before I die, I want to» (bevor ich sterbe, will ich) in Le Port de Fribourg gestaltet und realisiert. Können Sie uns das Konzept Ihres Projekts erläutern?
Das Konzept dieser Mauer ist ziemlich einfach. Es handelt sich um eine Wand für Kreiden, eine grosse Wandtafel, mit dem folgenden Satz, der ergänzt werden muss: «Avant de mourir, je veux» (auf Schweizerdeutsch «bevor i stärbe, wetteni»). Das Ziel der Tafel besteht darin, dass sich die Menschen eine Frage stellen: «Wenn ich vor dem Sterben nur etwas auslesen dürfte, was würde ich wählen?». Wenn sie wollen, können sie auf der Wandtafel ihren Wunsch aufschreiben. Ich selber gehe ein- bis zweimal in der Woche bei Le Pont vorbei, um das Projekt mit Fotos zu dokumentieren. Schliesslich lösche ich die Einträge, die schon längere Zeit dort stehen, um Platz für andere Ideen, andere Träume zu lassen.
Die Frag wird auf Schweizerdeutsch und Französisch gestellt. Für mich war es sehr wichtig, dass das Projekt zweisprachig ist. Zunächst einmal sind wir in der Unterstadt, und jedes zweite Wort ist schweizerdeutsch, und dann liegt mir diese Zweisprachigkeit, dieses Bolz von Freiburg besonders am Herzen. Die Wand füllt sich sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch.
Nicht ich habe dieses Konzept, das Teil einer umfassenderen Bewegung ist, erfunden. Ich habe das Konzept der Mitmachwand über eine TED-Konferenz entdeckt. Mit diesem Projekt in Freiburg ist die 3. Wand in der Schweiz und die 1. in der Westschweiz entstanden. Zwei weitere Wände wurden in Zürich und in Baden realisiert. Demnächst wird eine Wand in Lausanne eröffnet. Da es sich um eine weltweite Bewegung handelt, wird jedes Projekt mit einem anderen Ansatz gestaltet. Ich selber habe mich persönlich für die Realisierung der Wand eingesetzt, denn für mich ergab es Sinn, sie in menschlichem Mass zu erstellen.
Sie lernten das Konzept der Wand «bevor ich sterbe, will ich» also an einer TED-Konferenz kennen. Aber gibt es ein Ereignis oder eine Person, das oder die Ihnen Lust gegeben hat, das Projekt zu gestalten?
Die TED-Vortragende, die vom Projekt sprach, erzählte, dass sie es vor allem deshalb realisiert hatte, weil sie sich gern mit Menschen austauscht, die sie nicht kennt. Aber sie wurde auch von einem tragischen Ereignis inspiriert. Sie hatte ziemlich plötzlich eine nahestehende Person verloren. Wegen dieses Todesfalls wurde sie sich bewusst, dass man heute manchmal «zu schnell lebt» und dass es sich lohnt, ein bisschen Abstand zu nehmen, um sich die richtigen Fragen zu stellen.
Ich habe vor vier Jahren selber ein Mitglied meiner Familie wegen Krebs verloren. Er musste im 64. Altersjahr gehen, und für mich war das viel zu früh. Als ich mich mit ihm diskutierte, und ihn auf das ansprach, was er in seinem Leben gemacht hatte, wurde mir bewusst, dass er nach der Pensionierung noch Lust hatte, eine Menge Dinge zu tun und neue Projekte in Angriff zu nehmen. In meinem Umfeld leiden weitere Personen unter der Krankheit. Das stimmt mich nachdenklich. In meinem Projekt gibt es gleichzeitig eine Erinnerungsaufgabe und eine Lust, meinen Teil zum Gelingen beizutragen. Wir sollen lernen, zu entschleunigen und loszulassen. Ich selber bin der erste am Smartphone (lacht)! Aber gleichzeitig bin ich jemand, dem die menschlichen Werte und nicht nur die technologischen und materiellen Werte etwas bedeuten. Diese Überlegung, dieses Loslassen ist ein Weg, der lang und nicht immer leicht zu begehen sein kann.
Hinter dem Projekt steht also auch die Idee, dass die Leute nachdenken sollen, worauf sie im Leben Lust haben?
Ja, genau. Dieses Projekt ist auch da, um uns helfen, nachzudenken, um uns darauf zu öffnen, was die anderen, in dem Fall die Freiburgerinnen und Freiburger, denken. Interessanterweise fühle ich den Geisteszustand der Leute im Moment, in dem sie ihren Wunsch aufschreiben, wenn ich die Einträge lese. Einige schreiben zwar zum Beispiel «Bevor ich sterbe, möchte ich ein letztes Bier trinken», andere hängen aber mehr ihren Träumen nach und schreiben «Bevor ich sterbe, möchte ich einen Baum pflanzen» oder «meine Enkel sehen». Zahlreiche Einträge haben einen Bezug zur Paarbeziehung, zur Liebe, zur Familie: «Bevor ich sterbe, möchte ich mein Leben teilen; lieben». Einige Sätze sind philosophischer als andere, wiederum andere sind sehr rührend. Was die anderen schreiben, inspiriert auch unser Leben. Jeder Eintrag kann uns Ideen dazu geben, was man realisieren könnte oder möchte. Ich finde das sehr schön. Für mich ist es wesentlich, dass es ein offenes und partizipatives Projekt ist. Jede «Antwort» ist richtig.
Meiner Meinung nach ist diese Überlegung auch dank dem Standort der Wand möglich. Zuerst schlug mir Le Port einen Standort bei der Terrasse vor, der letztendlich sehr exponiert war. Aber ich lehnte ab: Meiner Meinung braucht es ein bisschen Abstand und Ruhe, um seine Idee aufzuschreiben. Es handelt sich schliesslich um etwas Persönliches und Intimes. Ausserdem wird die «Anonymität» gewahrt: Man hinterlässt eine Spur, aber niemand weiss, wer sie hinterlassen hat. Die Wand steht deshalb beim Weg, der nach Le Port führt, ein perfekter Standort.
Diese Mitmachwand kann man in Le Port entdecken. Warum wählten Sie gerade diesen Standort?
Es gibt Parallelen zwischen dem Projekt und Le Port. Le Port ist ein Ort mitten in der Stadt, aber an dem wir uns aus ihr zurückziehen, dem Gesang der Vögel lauschen und die Sonne geniessen können. Le Port bietet zahlreiche, sehr bereichernde Aktivitäten an. An diesem Ort können wir eine Pause machen, und er lädt uns ein, loszulassen.
Seit zwei Jahren habe ich die Idee dieser Wand, und ich habe bis im vergangenen Jahr erfolglos Partner gesucht. Wir verbrachten den Tag mit der Familie in Le Port, und als ich die Schilder der Früchte und Gemüse, die Stimmung, die von diesem Ort ausgeht, sah, habe ich mir gesagt «Genau hier muss diese Wand entstehen!». Und dann ging alles sehr schnell. Zwischen der Kontaktaufnahme mit Laura, der Programmleiterin von Le Port, dem Einverständnis des Vorstands und der Verwirklichung des Projekts verging nur wenig Zeit. Ich hätte mir keinen besseren Standort für diese Wand ausdenken können.
Diese erste Wand wird die ganze Saison von Le Port bestehen bleiben. Nachher möchte ich vielleicht eine Miniausstellung mit einigen Aufnahmen und der Liste mit allen Wünschen der Freiburgerinnen und Freiburger machen. Und dieses Projekt könnte natürlich nächstes Jahr wiederholt werden.