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Ulrich Becher (1910–1990) wuchs als Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin in Berlin auf. Neben dem Studium der Rechtswissenschaft begann er eine Ausbildung zum Kunstmaler und war Grafikschüler von George Grosz. Darüber hinaus war er schriftstellerisch tätig und Mitglied des P.E.N. 1932 erschien sein erster Roman Männer machen Fehler. Die vielversprechende Karriere des jungen Autors wurde durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten jäh unterbrochen: 1933 wurde sein Erstling als sogenannte «entartete» Literatur öffentlich verbrannt. Becher emigrierte noch im selben Jahr nach Wien, wo er als Zeitungskorrespondent arbeitete. Obschon er aufgrund seiner Heirat mit Dana Roda die österreichische Staatsbürgerschaft besass, musste Becher 1938 in die Schweiz übersiedeln. Doch auch im Heimatland seiner Mutter wurde dem antifaschistischen Schriftsteller von der Fremdenpolizei die Arbeitserlaubnis nicht gewährt. Das Ehepaar zog weiter nach Brasilien und liess sich schliesslich bei Bechers Schwiegereltern in New York nieder. Trotz der schwierigen Lebensumstände verfolgte Becher seine schriftstellerische Arbeit weiter und verfasste verschiedene Prosawerke und Theaterstücke. Nach dem Krieg kehrte er mit seiner Familie nach Wien zurück. 1948 wurde dort sein Stück Der Bockerer mit grossem Erfolg uraufgeführt. Ab 1954 wohnte er in Basel, wo er bis zu seinem Tod lebte. 1969 erschien der autobiografisch geprägte Roman Murmeljagd. Der Schriftsteller und Theaterautor erhielt 1955 den Dramatikerpreis des Deutschen Bühnenvereins und 1980 das Österreichische Bundesverdienstkreuz für Literatur und Wissenschaft.
Becher bereiste Italien wohl erstmals in den frühen 1930er-Jahren. Es ist anzunehmen, dass er das Land danach erst nach seiner Rückkehr nach Europa in den 1950er-Jahren wieder besuchen konnte. Die bei diesen Reisen gewonnenen Eindrücke gingen in die beiden Werke Kurz nach 4 (1957) und Das Herz des Hais (1960) ein. Beide Romane nehmen Bezug auf den in Italien aufkommenden Massentourismus und sind damit typisch für die Nachkriegszeit. In Kurz nach 4 reist der Protagonist Franz Zborowsky, ein erfolgreicher österreichischer Künstler und Professor mit politischer Vergangenheit als Spanienkämpfer, von Innsbruck nach Rom, um einen Jugendfreund zu besuchen. Indem das Italien der kulturellen Tradition Europas geschildert wird, erhält die Fahrt Züge einer klassischen Bildungsreise. Die Reise von Norden nach Süden geht einher mit einem Prozess der Selbst- und Fremderkenntnis und einer Auseinandersetzung mit verdrängten Erinnerungen. Wie in Wolfgang Koeppens Der Tod in Rom (1954) wird durch die Konfrontation der deutschsprachigen Italienreisenden mit den Italienerinnen und Italienern auch in Kurz nach 4 die unbewältigte Vergangenheit des Landes thematisiert.
Im Gegensatz zu Kurz nach 4 gibt es in Das Herz des Hais einen spezifischen Schweizer Italienbezug: Ein Künstler-Ehepaar aus Basel reist zu den Liparischen Inseln, um dort zu malen. Der Roman spricht hier die Tradition der Italienreisen von Künstlern auf der Suche nach Natureindrücken und intensiven Farben und Kontrasten an. Es wird ein klarer Gegensatz von Raum und Gegenraum konstruiert: Auf Lipari finden die Basler das urtümliche, vulkanische Leben wieder, das in der Schweiz verschwunden ist. Die Inseln werden als sinnliche Gegenwelt zur nördlichen Heimat dargestellt. Indem Becher dieses Bild der nicht domestizierten Natur erotisch auflädt, stellt er seinen Roman zudem in die literarische Tradition eines sexuell konnotierten Italiens. Zu dem in den 1950er-Jahren verbreiteten Phänomen der Italien-Euphorie verhält sich der Schriftsteller ambivalent: In Das Herz des Hais klingt die Begeisterung zwar an, gleichzeitig zeigt sich der Autor aber auch skeptisch. Die schillernde Oberfläche wird immer wieder durchbrochen, so dass die verdrängte Vergangenheit und die Erinnerung an Krieg und Faschismus in den Vordergrund treten können. In den Italien-Romanen Bechers geht es aber nicht nur um Nationalsozialismus und Faschismus, sondern auch um Maskulinität. Als Weiterführung von Hemingways Männlichkeitskult entwirft Becher in seinen Romanen ein pazifistisches Männlichkeitsbild.
Quellen
- Ulrich Weber, Es führt kein Weg nach Rom. Ulrich Bechers Weg nach Italien, in: Corinna Jäger-Trees und Hubert Thüring (Hg.), Blick nach Süden. Literarische Italienbilder aus der deutschsprachigen Schweiz, Schweizer Texte, Neue Folge, Band 55, Zürich: Chronos, 2019, S. 197–209.
- Website zu Ulrich Becher, http://www.ulrich-becher.ch/ (4.7.2019).
- Nachlass Ulrich Becher, Schweizerisches Literaturarchiv (SLA), Bern.