Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03649.jsonl.gz/2504

Nimmt man die gestrige Amtseinführung von Lula in Brasilia als Symbol, dann stehen dem Land gute Jahre bevor.
Die von seiner Frau Janja organisierte Feier war ein grosser Erfolg. Selbst das Wetter spielte mit; der Sonnenschein sorgte für zusätzliches Wohlbehagen von rund 350’000 Anwesenden.
Jair Bolsonaro weigerte sich als erster scheidender Präsident seit 1985, seinem Nachfolger die Präsidentenschärpe zu überreichen.
Am 30. Dezember 2022 war er mit einer Regierungsmaschine nach Orlando geflogen. Einige seiner treuesten Gefolgsleute begleiteten ihn auf seinem Flug ins sichere Ausland.
Wann sein temporäres Exil endet, weiss nur er selbst. Bolsonaro befürchtet, eines Tages in Brasilien angeklagt zu werden.
Anstelle von Bolsonaro überreichte eine 33-jährige Schwarze mit dem Namen Aline Sousa die Schärpe. Sie ist eine Arbeiterin, kümmert sich umr ezyklierbares Material.
Begleitet wurde sie von 6 Personen, welche die Diversität von Brasilien repräsentierten; darunter der 90-jährige Häuptling vom Stamme Kayapó Raoni Metuktire.
Sodann ein Invalider, ein Professor, ein Metallarbeiter, eine Köchin und ein Künstler. Die Jugend war durch einen 10-jährigen Jungen aus dem Nordosten Brasiliens vertreten.
Auch ein Hund mit dem sinnigen Namen “Resistência” durfte mittun. Lula hatte ihn bekommen, als er 580 Tage in Curitiba im Gefängnis sass.
Lula hielt zwei 30-minütige Reden: eine im Kongress in Brasilia, die andere im Regierungspalast „Palácio do Planalto“.
Gemeinsamer roter Faden war die Beschwörung von Brasilien als ein einziges Land. Lula betonte, für alle Brasiliner:innen zu regieren.
Er rief zur Versöhnung auf und forderte die Menschen auf, den Fehdehandschuh zu begraben und die Polarisierung zu beenden.
Niemandem sei gedient, in einem Zustand des Hasses und des permanenten Wahlkampfes mit unzähligen Lügen und Diffamierungen zu leben.
Viel Raum nahm das Thema Hunger und Armut ein. Lula sagte, sein Ziel sei das Gleiche wie in seiner 1. Amtsperiode vor gut 20 Jahren: dafür zu sorgen, dass jeder Brasilianer genug zu essen bekäme.
Die 33 Millionen Brasilianer mit Hunger seien eine Schande und unverzeihlich.
Lula will auch die perverse Ungleichheit bekämpfen. Er zitierte, dass ein Arbeiter 17 Jahre lang arbeiten müsse, um das zu verdienen, was ein reicher Brasilianer in einem Monat erziele.
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Rede war die Verteidigung der Demokratie und ihrer Werte. Er sagte „Demokratie für immer“.
Als Selbstverständlichkeit kam auch der Kampf für die Umwelt aufs Tapet. Lula will hier massiv investieren.
Neben versöhnlichen Passagen sparte Lula nicht mit Kritik an seinem Vorgänger. Brasilien müsse neu aufgebaut werden.
Lula sprach von einer Rekonstruktion. Dieses Wort kommt auch im Motto seiner Regierung „Einheit und Rekonstruktion“ vor.
Wörtlich meinte der neue Präsident des südamerikanischen Riesenreichs: „Die Diagnose, die wir als Übergangkabinett machten, war erschreckend.“
„(Die Scheidenden) lähmten das Gesundheitsministerium; demontierten die Erziehung, die Kultur, die Wissenschaft und die Technologie. Sie zerstörten den Schutz für die Umwelt.“
„Sie hatten kein Geld für die Schulverpflegung, für Impfungen, für die öffentliche Sicherheit, für den Schutz der Fauna und für die soziale Unterstützung.“
Angesichts von fast 700’000 Covid-Toten nahm Lula das Wort eines langsamen und progressiven Genozids in den Mund.
37 Minister:innen bekamen von Lula das Diplom für ihre Amtsgeschäfte. Darunter 11 Frauen.
Eine gute Figuar machte bei der Amtseinführung von Lula sein Vize Geraldo Alckmin. Alckmin war 2006 Lulas Gegner im Wahlkampf für dessen 2. Amtsperiode.
Neben dem Posten als Vize ist Alckmin auch Minister für Industrie und Handel. Der 70 jährige war mehrmals Gouverneur von São Paulo, ein fähiger, besonnener Politiker mit Organisationsgeschick.
Jedenfalls tut er Lulas Mittelinks-Mehrparteien-Regierung ausserordentlich gut. Alckmin besitzt nämlich auch das Vertrauen der brasilianischen Unternehmer.
Lula nahm die Gelegenheit wahr, eine Reihe von Gesetzen von Bolsonaro aufzuheben oder neue zu verfassen, insbesondere über den Besitz von Waffen.
Und über illegale Tätigkeiten im Amazonas. Der Fonds „Amazônia“ wurde wieder aktiviert.
Im „Palácio do Planalto“ nahm Lula die Glückwünsche von 15 Regierungschefs, Vizepräsidenten und unzähligen anderen Würdenträgern entgegen. Für die ausländischen Staatsgäste gab es sodann im Aussenministerium ein Nachtessen.
Aus Deutschland erschien Bundespräsident Walter Steinmeier, Spanien wurde durch den König vertreten. Maduro aus Venezuela erschien nicht, obwohl dessen Einreisesperre noch von Bolsonaro aufgehoben worden war.
Beim Defilee ausländischer Staatsgäste kam die ausserordentliche Begabung von Lula für Menschen zum Tragen.
Lula hat einen sehr direkten Zugang zum Publikum, er verfügt über ein grosses Arsenal an Gesten. Küssen, Tätscheln, Umarmen, Lachen, Witze reissen wendet Brasiliens Präsident magistral an.
Seine soziale Intelligenz ist einzigartig. Müsste ich mit jemandem auf eine einsame Insel gehen, würde ich dies ohne weiteres mit Lula tun.
Obwohl mir Lula teilweise zu links und auch zu wenig lernfähig ist.
Brasilien steht vor interessanten Jahren. Lula wird in 4 Jahren aus einem von Krisen heimgesuchten Land keine Paradies machen können.
Aber einen Staat, in dem wieder eine gewisse Normalität und Vorhersehbarkeit herrschen.
Dieser kehrt als angesehenes Mitglied in die Staatenwelt zurück. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird unter Lula kleiner.
Vergleiche mit den USA nach Trump mit Joe Biden sind angebracht. Kein dauerndes Herumkläffen wie unter Bolsonaro, sondern ein ziemlich versiertes Regieren in einem schwierigen Land namens Brasilien.
Nur Lula kann als hochbegabter Instinktpolitiker in einem aufgeheiztem Klima mit einer disruptiven Vorgängerregierung so etwas wie Zuversicht verströmen und einige Erfolge erzielen.
Wetten, dass Brasilien in 4 Jahren deutlich besser dasteht wie jetzt?
Die Aufräumarbeiten des bolsonaristischen Chaos wird allerdings eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. Lula bekommt ein vergiftetes Erbe. Viele Ministerien sind völlig aus dem Takt geraten. Das Loch in der Haushaltkasse ist enorm.
Dieses Jahr wird sich in Brasilien wenig zum Guten wenden können. Die Regierung Lula wird 12 bis 18 Monate benötigen, um den Scherbenhaufen beiseite zu räumen.
Es gilt der damals von wenigen verstandene Satz des seinerzeitigen Kanzlerkanditaten Franz Josef Strauss in Deutschland: „Es muss schlechter gehen, damit es besser gehen kann“.
Oder in Abwandlung eines Stückes von Friedrich Dürrenmatt: Es braucht einen Herkules, um den Stall Bolsonaro auszumisten.
Lula ist gefordert wie noch nie in seinem Leben.