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Wer sich im Leben seinen Platz sucht, beginnt am besten mit den kleinen Dingen. In Lean on Pete sieht man zu Beginn einen jungen Burschen, wie er seine persönlichen Habseligkeiten aus einer Schachtel ausräumt. Die Statuetten, die er aus dem Umzugskarton holt, platziert er auf dem Fensterbrett, offensichtlich erinnern sie ihn an sportliche Erfolge. Das unterscheidet ihn zwar noch nicht von anderen Gleichaltrigen, doch für Charley müssen die Andenken eine ganz besondere Bedeutung haben: Es sind die einzigen Reliquien in einem ansonsten noch völlig kahlen Zimmer.
Viel später in diesem Film, wenn Charley knapp tausend Meilen weit entfernt nicht mehr weiterweiss, wird man sich an diese ersten Szenen erinnern. «You’re a homeless kid», sagt ihm dann ein heruntergekommener Säufer ins Gesicht, in dessen Campingbus er
vorübergehend Unterschlupf gefunden hat. «That’s exactly what you are.» In diesem Augenblick der Erkenntnis wird Charleys Abwärtsspirale ihr Ende erreicht haben. Doch bis es so weit ist, entfaltet Regisseur und Autor Andrew Haigh sein Jugenddrama in kleinen Schritten und öffnet dabei immer grössere Räume.
Charley ist ein Läufer, und wenn er in der Früh mit seinem Vater und dessen neuer Freundin, der er an diesem Morgen zum ersten Mal begegnet, gefrühstückt hat, dreht er seine Runde durch die Gegend. Es ist das Industrieviertel am Rande Portlands, Fabriken säumen die Strecke. Und dann gibt es noch Portland Meadows, eine Rennbahn für Pferde, zugleich einer von mehreren Originalschauplätzen in Lean on Pete. Er solle ihm doch mal kurz für ein paar Dollar zur Hand gehen, fordert einer der Pferdetrainer Charley auf, ein von den Erfahrungen des Lebens gezeichneter Mann namens Del Montgomery, dem Steve Buscemi stets einen Rest von Undurchschaubarkeit hinter dem Zynismus belässt.
Es ist keine Freundschaft, die sich in der Folge zwischen Charley und Del entwickelt, eher ein auf Zweckmässigkeit aufgebautes Verhältnis, das keine andere Form der Beziehung zulässt. Del kann kein Vaterersatz sein, so wenig wie Charley die Rolle des Sohnes spielen kann. Die gemeinsamen Ausfahrten zu den Rennstrecken in der Umgebung sind für Del Routine, für Charley ein Erlebnis. Jeder hat etwas, das dem anderen fehlt, vor allem in dieser Gegend und in diesem Milieu. Doch zugleich weiss man um die Unmöglichkeit, sich dem anderen zu öffnen. Sogar Dels Jockey Bonnie, die Charley in dessen Sorge um sein Lieblingspferd Lean on Pete an seiner Seite wähnt, hat dem harten Geschäft bereits Tribut gezollt.
Nicht nur aufgrund seiner sozialen Landvermessung erinnert Lean on Pete an die Arbeiten des sogenannten neuen amerikanischen Realismus mit ihrem rauen, unsentimentalen Blick auf die prekären Verhältnisse im Amerika der Gegenwart. Filme wie Debra Graniks Winter’s Bone, Lance Hammers Ballast und natürlich Kelly Reichardts frühe Arbeiten, die in Portland und Umgebung spielen, haben für Haigh hier entsprechende Vorarbeit geleistet und sind dem gebürtigen Briten Vorbild. Vor allem an Reichardts Roadmovie Wendy and Lucy fühlt man sich in der Folge noch öfter erinnert, wenn Charley seine Reise nach Wyoming antritt, wo er seine Tante zu finden hofft, die er vor vielen Jahren zuletzt gesehen hat. Vielleicht hat die Nachbarin im Haus gegenüber, die jeden Abend die US-Flagge einholt, auf Charleys Brüllen hin die Notrufnummer doch noch gewählt. Aber zu spät, um die folgende Odyssee des jungen Ausreissers zu verhindern. Eine Flucht mit einem Pferd, das Begleiter und Bürde zugleich ist.
Es ist eine Rettungsmission, die in ihrer Verzweiflung doch etwas Richtiges hat, weil sie aus tiefster Überzeugung geschieht. Haigh gelingt dabei das Kunststück, die verschiedenen Töne seiner gleichnamigen Vorlage beizubehalten. Willy Vlautin, Schriftsteller und Alternative-Country-Musiker aus Oregon, veröffentlichte 2010 mit «Lean on Pete» seinen dritten Roman, der vor allem in den Monologen seines jungen Protagonisten seine Stärke entfaltet. Haigh macht aus diesen völlig unaufdringlich kleine Reden, in denen Charley seinem Pferd von seinem Leben erzählt. Das ist tragisch und doch von grosser Leichtigkeit. Für Charley jedenfalls wird Lean on Pete seinem Namen gerecht.
Wenn Haigh nach seinem psychologischen Kammerspiel 45 Years über ein älteres Paar nun mit Lean on Pete einen der bemerkenswertesten Coming-of-Age-Filme des vergangenen Jahres gedreht hat, wechselt er zwar das Genre und die Perspektive, nicht aber sein Thema: die Bedingungen menschlichen Daseins. Der Versuch, seiner Existenz eine Form zu geben. Man könnte auch so sagen: Wo der junge Mensch in Lean on Pete noch laufen kann, blickt der alte in 45 Years bereits zurück. Beide Reisen bieten eine grosse Chance und sind doch riskant, weil man am Ende etwas entdeckt, das möglich gewesen wäre.