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Die Wahrnehmung und ihre Zeit
Eine erste akrobatische Entscheidung
Seit Olims Tagen hat das, was wir Psyche (Anima) nennen, ein prekäres Verhältnis unterhalten zu räumlich Ausgedehntem, zur Körperlich- und Substanzhaftigkeit. Die Vorstellung des Psychischen als Hauch, Odem, Seele stand bis in die Neuzeit in Opposition zu Substanz und Substrat. Selbst dort, wo Seele und Geist (wie bei den Vorsokratikern) als Substanz genommen wurden, sind sie feiner und feinster Stoff und alles andere als grobkörnig und ungeschlacht. Bei Platon ist die Seele dann substanzlos und zugleich präexistent, wohingegen Aristoteles teilweise anders optiert und in ihr die Entelechie eines lebenden Körpers vermutet, allerdings dann doch eine Vernunftsseele postuliert, die unsterblich und vom Körper separabel sei.
Eine gewaltige Tradition, die über das Christentum läuft, durch Theologie und Philosophie ausgearbeitet und schließlich durch die Ausdifferenzierung der Wissenschaften erweitert wird, nimmt dieses Motiv auf und schwankt zwischen monistischen und dualistischen Auffassungen, eine Diskussion, die noch nicht aufgehört hat zu wirken und im Körper(Leib)/Seele(Geist))-Problem ihren bündigen Ausdruck findet. Es würde viele Bücher kosten, diese Tradition nachzuzeichnen, die jeden Beobachter der Psyche auf die eine oder andere Seite der Unterscheidung zwingt, ihn zum Monisten oder Dualisten macht, jedenfalls solange er meint, daß man diese Unterscheidung nicht zurückweisen oder verwerfen kann.
Eine Möglichkeit der Rejektion oder gar Abjektion dieses Schemas ist es, nicht mehr danach zu fragen, ob sich die Psyche definieren lasse. durch oder gegen "Materialität", durch den oder gegen den Körper, sondern danach, ob sich nicht eine fungierende Unterscheidung findet, die in der gesamten Tradition, die wir hier berücksichtigen können, beide Positionen, die monistische und die dualistische, auswirft. Das wäre die Frage nach einem Problem, das den tradierten Bestimmungsmöglichkeiten vorgelagert ist und sie möglicherweise inszeniert. Monismus und Dualismus würden dann als unterschiedliche Problembearbeitungen gedeutet werden können, die sich aus einer Form ergeben.
Wir wollen in scharfer Abstraktion annehmen, daß diese Form die einer seltsam verschachtelten (aber operativ einleuchtenden Innen/Aussen Unterscheidung ist. Das Psychische - vorläufig genommen als ein Phänomen, das Wahrnehmung so gut wie Bewußtsein umschließt - wird in einem Innenraum angesiedelt'von dem her das Außen gesehen wird. Das Erleben im weitesten Sinne) verlässt das Innen nicht, es wird mitgenommen, wenn man „im“ Draußen den Ort wechselt, und es kann auch nicht aus dem Innen herausgenommen und in das Draußen gestellt werden. Und ebensowenig würde die Annahme überzeugen, daß da draußen Psychisches (es sei denn in anderen, ähnlichen Körpern) „unterwegs“ ist: sozusagen zwischen den Körpern, die von den Psychen bewohnt werden.
Solange man annehmen kann, daß draußen und drinnen deutlich getrennte Sphären sind, also etwa glauben kann, daß Gesehenes, Gehörtes, Gerochenes draußen ist und nur drinnen vermerkt oder gespiegelt wird, liegen die Verhältnisse einfach und ordentlich. Die Lage wird komplizierter im Moment, in dem die Frage nach der Einheit der Innen/Außen-Differenz gestellt werden kann.
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Die Funktion der Wahrnehmung: das Welten
Wir wollen festlegen, daß das, was wir Psyche (und hier: psychisches System) nennen, organisierte Wahrnehmung sei, oder besser: der substantivierte Ausdruck für die Organisation der Wahrnehmungsfunktion. Damit ist auch gesagt, daß diese Funktion (für die der term „Psyche“ einsteht) keine humane Exklusivität beanspruchen kann. Von vielen Lebewesen kann man verrenkungsfrei behaupten, daß sie wahrnehmen, und für etliche sogar, daß ihre Wahrnehmung einen geordneten Eindruck macht. Zumindest scheint das Verhalten von manchen Tieren darauf hinzudeuten, daß sie Wahrnehmung geregelt ausnutzen, also durchaus orientiert sind. Daß Wahrnehmung eine Funktion ist, die nicht ausschließlich dem Menschen zukommt, erleichtert darüberhinaus die Annahme, daß diese Funktion der Ausdifferenzierung von sinngeführter Wahrnehmung evolutionär vorausliegt, mithin »funktionelle Priorität« beanspruchen kann vor dem, was dann irgendwann im Zuge der Evolution als Sinnsystem (das mitunter sogar denken kann) zustandekommt. (Luhmann, N., Die Kunst der Gesellschaft, S. 13)
Im Zentrum steht aber die Vorstellung, daß Wahrnehmung als Externalisierungsleistung des neuronalen Systems begriffen werden kann. Durch Wahrnehmung wird, könnte man sagen, die Welt zusammen - und aufgebaut (kon-struiert), in der sich dasjenige, was wahrnimmt, aufzuhalten scheint. Wahrnehmung ist, um eine ältere Metapher aufzunehmen und zu variieren, die Projektion einer Oberfläche. Deren Besonderheit scheint es zu sein, daß sie nicht verlassbar ist für wahrnehmende Systeme. Sie nehmen immer wahr und niemals nicht wahr. Wahrnehmung hat in diesem Sinn keinen Rand, über den das wahrnehmende System hinausgehen könnte. Wer über die Grenze will, nimmt erneut wahr.
Außerdem kann das Nicht-Wahrnehmen nicht wahrgenommen werden. Wahrnehmende Systeme sind, so gesehen, schon auf der Ebene ihrer primären psychischen Operationen (eben: Wahrnehmungen) totalisierende Systeme, die die Realität, in die sie durch.ihre Wahrnehmung „geworfen“ werden, als W«lt nehmen müssen. Und zwar: als unendliche Welt, insofern die Produktion von Wahrnehmungen nicht an eine Grenze stösst.
Jene Externalisierungsfunktion zeigt sich unter anderem daran, daß Wahrnehmung offenbar immer intentional, das heißt: Wahrnehmung-von-Etwas ist. Vielleicht sollte man hinzufügen, daß sie, wenn auch von nicht-sinnförmig operierenden Systemen die Rede sein soll, Wahrnehmung-von-lrgendetwas ist, obwohl sich darüber, was ohne die Sinnform perzipiert wird, kaum etwas sinn-voll ausmachen lässt. Dennoch besteht kein ernsthafter Zweifel daran, daß auch ohne Verfügung über Sinn, Sprache, Zeichen wahrgenommen werden kann und irgendetwas dabei wahrgenommen wird. Was ohne die Sinnform an Wahrnehmung möglich ist, entzieht sich dann den Vorstellungsmöglichkeiten psychischer und den Thematisierungsmöglichkeiten sozialer Systeme. Es bleibt fremd und unheimlich.
Daß aber, wenn wahrgenommen wird, immer (irgend)Etwas wahrgenommen wird, erklärt, daß die Funktion der Wahrnehmung nicht, wenn man es so sagen darf, bei sich selbst anlangt. Der Versuch, Wahrnehmung wahrzunehmen (das Sehen zu sehen, das Hören zu hören, das Riechen zu riechen, das Fühlen zu fühlen etc.), scheitert an der Externalisierungsfunktion selbst, die keine Gegenseite (kein Innen, von dem aus wahrgenommen wird) anders erzeugen kann als auf dem Wege der Ekhinter der Sicht, die es ermöglicht, verschwindet. (Vgl. Luhmann, N., Die Kunst der Gesellschaft, S. 15. So kann man geradezu das Sinnliche auffassen als Medium, »in dem das Sein gibt, ohne daß es gesetzt werden müßte; die sinnliche Erscheinung des Sinnlichen, die stillschweigende Uberredung des Sinnlichen ist das einzige Mittel des Seins, sich zu zeigen, ohne daß es Positivität wird und ohne daß es aufhört, vieldeutig und transzendent zu sein. Die sinnliche Welt [..] ist uns selbst gerade in ihrer Sinnlichkeit nur in Anspielungen gegeben.« Merleau-Ponty, M., Das Sichtbare und das Unsichtbare, S. 273)
Allerdings ist das Problem nicht vollständig bestimmt, wenn man die Formulierung „Wahrnehmung-von-Etwas“ nicht noch einmal verdichtet. Denn jetzt sieht es erst einmal so aus, als ob zweierlei im Spiel sei, Wahrnehmung und Wahrgenommenes, ein perzipierendes „Etwas" und ein perzipiertes „Etwas“, einer, der die Wahrnehmung tut (ein Vollstrecker, ein Zugrundeliegender, eine Art Subjekt), und das, was dann als wahrgenommenes Objekt erscheint. Dem widerspricht jedoch der Umstand, daß das Perzipierende selbst in die Form der Wahrnehmung gebracht wird und anders als in dieser Form nicht angetroffen werden kann. Die Funktion der Externalisierung ist „global“, bezogen auf das psychische System, dem nichts anderes zur Verfügung stehen als Wahrnehmungen und das auch den Wahrnehmer nur via Wahrnehmung ermitteln könnte, also ihn (wenn es ihn gleichsam faktisch gäbe) nur in der Weise einer fundamentalen Alienation zu fassen bekäme. Löscht man das Wahrgenommene, tilgt man zugleich den Wahrnehmenden. Er ist nicht zur Externität seinerseits extern (also eine Art Internität), sondern selbst „einbegriffen“ in diese Externalisierung. Oder noch anders formuliert: Der oder das Wahrnehmende ist Moment der Wahrnehmung selbst. Sie ist nicht einem „Aufenthalt“ (der Welt) gegenüber, sie erzeugt den Aufenthalt und den „Aufenthalter“ im selben Zuge. Sie liefert, wenn man es philosophisch sagen will, ein „Schon-sein-bei-derWelt“ und „In-der-Welt-sein“.
Daraus folgt, daß die Differenz Innen/Außen (mithin auch die Möglichkeit, überhaupt von Externalisierung zu reden) eine gegenüber der Wahrnehmung evolutionär spätere und voraussetzungsreiche Leistung darstellt. Sie ist nicht der zutreffende Ausdruck für eine „Seinsgegebenheit“, durch die eine Ur-Anfänglichkeit markiert würde, sie bezeichnet keine originäre "déhiscence". Sie wird im Zuge der Evolution erst möglich gemacht, und das geschieht, wie es weiter unten demonstriert werden soll, durch die sich allmählich einstellendeVerfügung, über die Sinnform. (Und erst heute wird es möglich, diese späte Entwicklung ihrerseits zu demontieren. Vgl. Glanville, R.,»YOUR INSIDE IS OUT AND YOUR OUTSIDE IS IN«. Das Möbiusband wird dabei zur Metapher.)
Wenn wir davon ausgehen, daß das, was wir psychisches System nennen, auf organisierter Wahrnehmung beruht, dann ist dieses System randlos, es stösst nicht an eine Grenze, es ist - strictissime - weder Innen noch Außen, aber es projiziert eine Welt, die unter Umständen mit dieser Differenz beobachtet werden kann, doch nicht unbedingt so beobachtet werden muß. Katze, Hamster und Gnu sind nicht darauf angewiesen, sich selbst als Bewohner eines Innen different zu setzen gegen das Andere, das sie nicht selbst sind und das nicht sie ist. Die Wahrnehmung kann auch einfachhin funktionieren, sie muß nicht (kann aber) eigens ausgezeichnet werden als ein Innen, von dem her ein Außen existiert. In Anlehnung an Heidegger: "Die Wahrnehmung weltet" auch ohne die dann folgenreiche Einführung dieser Differenz. Genau dieser Satz „Die Wahrnehmung weltet“ (und man müßte hinzufügen: so oder so) könnte als Bestimmung der Funktion von Wahrnehmung genommen werden, wenn diese Funktion als Lösung des Problems konzipiert wird, wie das psychische System an seine Welt kommt und in dieser Welt irgendwann auch auf die Bezeichnung seiner selbst stößt.
Wahrnehmung wäre demnach eine Form, die sich nicht unterscheidet - außer von der Nicht-Welt, vom Nichts, vom Tod. Davon kann sie sich aber nicht selbst unterscheiden, es sei denn, sie wird zur Wahrnehmung von Zeichen eingesetzt. Gerade das aber (sich nicht unterscheiden zu können) macht sie, wie später zu zeigen sein wird, zu einem universalen und opulenten Medium für die Einschreibung von Formen, die dies nachholen.
Peter Fuchs
Psycholinguistik
Kognition