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Genf ist Europas zweitgrösster Flughafen für Geschäftsreisen, aber der Verkehr ist rückläufig. Dazu beigetragen haben ökonomische Gründe. Aber die Genfer Anbieter von Businessjet-Flügen geben die Schuld den Flughafen-Behörden.Dieser Inhalt wurde am 18. September 2015 - 16:30 publiziert
Es braucht nur sechs Minuten, um aus dem Porsche Cayenne von Gregory Prenleloup zu steigen, die Passkontrolle und den Sicherheitscheck zu passieren und in die Cessna Citation CJ2 auf der Rollbahn zu steigen.
Prenleloup, Präsident einer Privatjet-Fluggesellschaft und des Luxusreise-Veranstalters Jet Event, duckt sich, um in die Kabine zu gelangen. Mit ihren sechs beigen und prall gepolsterten Ledersitzen, Mini-Garderoben, Flachbildschirmen und lackierten Mahagoni-Halterungen gleicht sie ein wenig einem Luxus-Wohnmobil.
Die von Jet Event und anderen Anbietern gecharterten Flüge machen zwei Drittel der europäischen Flugbewegungen für Geschäftsreisen aus. Die anderen werden privat genutzt, hauptsächlich mit Geschäftsflugzeugen.
Abgesehen vom Zeitgewinn bietet der Sektor Flüge zwischen zahlreichen Flughäfen an, wo keine Linien- und Charterflüge angeboten werden. Laut Prenleloup gab es zwischen 2006 und 2008 nicht genügend Jets, um die Nachfrage zu decken. "Es war verrückt – ich glaube nicht, dass wir dies nochmals erleben werden", sagt er.
Während die globale Finanzkrise den Sektor stark traf, verzeichnen einige Flughäfen – unter anderen Farnborough und Luton in Grossbritannien und Nizza in Frankreich – laut der European Business Aviation Association (EBAA, Jahresbericht 2014/2015) ein Wachstum. Genf – die zweitwichtigste europäische Stadt für Businessjet-Reisen – befindet sich noch immer im Rückgang.
Schlechtes Geschäft
In der Schweiz haben Geschäftsflüge (Ankünfte, Abflüge und Inlandflüge) 2011 fast wieder das Niveau vor der Krise von mehr als 83'000 erreicht, bevor die Anzahl jährlich sank. 2014 betrug sie weniger als 77'000. Anders der Genfer Flughafen, der im Unterschied zu Paris-Le Bourget Charter- und Linienflüge anbietet und ein beträchtliches Wachstum ausweist.
"Die Schweizer Geschäftsfliegerei erlebt eine schwierige Periode", sagt Prenleloup, der sich aus verschiedenen Gründen pessimistisch über die Zukunft des Sektors in Genf äussert. "Die Behörden am Genfer Flughafen bevorzugen Billig-Fluggesellschaften und schlagen uns Flugbewegungen ab", sagt er und bekräftigt damit die Sorgen, die auch von anderen Anbietern von Businessjet-Flügen geäussert wurden.
Beschränkte Abflugs- und Landeerlaubnisse für die Geschäftsfliegerei sind laut Prenleloup das grösste Problem und eines, dem er auf anderen Flugplätzen auf der Welt nicht begegnet sei.
Um seine Behauptung zu untermauern, loggt er sich mit dem Smartphone auf das Zuweisungs-System des Genfer Flughafens ein. "Lassen Sie uns sehen, was diesen Samstag passiert", sagt er. Alle nicht gewährten Erlaubnisse werden rot angezeigt. "Sehen Sie – 7, 8, 9, 10, 11, Mittag – zu diesen Zeiten kann ich keine Flüge verkaufen. Alles ist rot", sagt er verärgert. "Natürlich kann ich meinen Passagieren sagen, dass sie um 13 Uhr fliegen können, aber wenn sie um 9 Uhr abreisen möchten, können sie es nicht."
Dollar auf der Rollbahn
"Manchmal haben wir 10'000 Dollar auf der Rollbahn stehen – es bringt uns um", sagt Prenleloup, dessen Kundschaft hauptsächlich Russen sind. Er ist der Meinung, dass Billig-Fluggesellschaften der Geschäftsfliegerei in Genf geschadet hätten, zumal "Millionäre und Milliardäre sowohl mit Easyjet als auch mit Privatjets fliegen".
Genfer Firmen, die vor der Finanzkrise regelmässig Privatjets charterten, würden diese jetzt weniger oft benützen, sondern Charter- und Linienflüge buchen. Das geschehe nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil sie vorsichtiger geworden seien mit dem zur Schau stellen des Luxus.
Laut Prenleloup haben einige Privatjet-Besitzer ihre Flugzeuge auf den rund 150 km entfernten Flugplatz Sitten verlegt. Andere hätten ihre Angestellten entlassen.
Das Online-Buchungs-Netzwerk "PrivateFly" verzeichnet im Monatsdurchschnitt 12% seiner Buchungen in die oder aus der Schweiz, darunter viele Geschäftsflüge nach oder aus Genf. "Die beschränkten Flug-Zeitfenster (Slots) machen die Flugplanung zu einer Herausforderung, vor allem während der Skisaison und für Last-Minute-Anfragen", sagt Adam Twidell, CEO von "PrivateFly".
Alternative Flugplätze
"PrivateFly" sucht zunehmend alternative Flugplätze für Kunden, die Genf benützen wollen, zum Beispiel die französischen Flugplätze Lyon Bron, Annecy und Chambéry. "Es gibt sicher Bedenken bezüglich eines künftigen Wachstums der privaten Luftfahrt", sagt er.
Wegen dieser Bedenken hat die Genfer Luftfahrt-Geschäftswelt eine Vereinigung gegründet. Diese Initiative werde von den Behörden begrüsst, sagt Bernhard Stämpfli, Medienchef des Flughafens Genf.
Zahlen zum Genfer Flughafen (2014)
15,2 Mio. Passagiere
187'600 Flugbewegungen
134 Destinationen
79'000 Tonnen Fracht
Nettoertrag: CHF 404 Mio. (2013: 376 Mio.)
44'000 Stellen haben direkt oder indirekt einen Bezug zu den Aktivitäten des Flughafens
Wertschöpfung für die Region: CHF 7,2 Mrd.End of insertion
"Im Mix der Luftfahrt-Modelle, die auf dem Genfer Flughafen vorkommen, gibt es einen Willen, die Geschäfts-Luftfahrt zu erhalten, weil sie für die Wirtschaft des Kantons sehr bedeutend sei", sagt er.
Eine Studie von Price Waterhouse (PwC) kam zum Schluss, dass die Genfer Region von dem Sektor profitiere, der Kunden von Privatbanken, Geschäftsleiter und potentielle Investoren herbringe. Es erleichtere auch den gehobenen Tourismus (den Medizintourismus inbegriffen), insbesondere aus Russland und dem Mittleren Osten.
Aber das Hauptgeschäft des Genfer Flughafens sind Linien- und Charterflüge, die mehr als 77% des Verkehrs ausmachen. Easyjet hat einen Anteil von 41,9% vom Linienflug-Verkehr.
Es sei schwierig, die Ko-Existenz verschiedener Luftfahrt-Typen zu handhaben, sagt Stämpfli, aber der Flughafen und die Flugsicherung Skyguide würden es gut bewältigen. "Die Anbieter von Businessjet-Flügen finden Slots, welche die Nachfrage der Kunden zu fast 90% der Zeit zufriedenstellen", sagt er.
Ungenutzte Slots
Er weist darauf hin, dass einige Anbieter von Businessjet-Flügen Slots zur Absicherung überbuchen würden, sodass diese nicht von anderen genutzt werden könnten. Derzeit werden zwischen 15 und 50% nicht genutzt.
"Beim letzten Treffen mit den wichtigsten Anbietern gaben sie zu, dass das System dadurch kaputt gemacht wird", sagt Stämpfli. "Jetzt ist es an ihnen, die Sache unter sich in Ordnung zu bringen." Sie könnten ein Strafsystem einführen, schlägt Stämpfli vor, um die zugeteilten Slots nicht zu verschwenden.
Er weist darauf hin, dass die meisten grossen europäischen Flughäfen eine separate Infrastruktur für reguläre und Geschäfts-Luftfahrt hätten, während Genf für alle Sektoren mit einer einzigen Start- und Landebahn operiere.
Anregungen von Anbietern wie Twidell, eine zweite Landebahn zu bauen, seien nicht umsetzbar. Der Flughafen verfügt über eine Fläche von 340 Hektaren, und das Gesetz verlangt eine Zone von 750 Metern zwischen den Zentralachsen der Start- und Landbahnen.
Berge versetzen
"Wenn wir eine weitere Landebahn bauen wollten, müssten wir entweder nach Frankreich eindringen und diese in Ferney bauen oder die Berge des Juras versetzen", witzelt er.
Die Anbieter von Businessjet-Flügen kritisieren auch, dass der Linien- und Charterverkehr bevorzugt werde, weil Lande- und Passagier-Gebühren mehr Einnahmen generierten. Aber Xavier Wohlschlag, Betriebsleiter am Genfer Flughafen, erklärt, die Geschäftsfliegerei habe gemäss der eidgenössischen Konzession schlicht keine Priorität.
Und konfrontiert mit dem Begehren, dass die Einschränkungen für Flüge zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens für moderne und leisere Business-Flugzeuge gelockert werden sollten, erklären die Behörden, die Umwelt- und Lärmvorschriften liessen dies nicht zu.
Sowohl Stämpfli wie Wohlschlag betonen, dass die Geschäftsfliegerei für Genf wichtig sei und als Teil des Geschäftskonzepts des Flughafens "streng gewahrt" werde. Der Flughafen arbeitet mit den Anbietern von Businessjet-Flügen zusammen, um das Slot-Buchungssystem zu optimieren und das Parkieren zu verdichten, was auch ein Problem ist.
Stämpfli weist darauf hin, dass die Fliegerei ein Wirtschafts-Barometer sei. In harten Zeiten wechseln die Reisenden von der Business- in die Economy-Klasse, während jene, die mit Privatjets fliegen, manchmal Linienflüge benutzen.
Trotz der "alarmierenden Ausführungen" gewisser Anbieter und privater Flugzeug-Besitzer sei die Handhabung der Situation in Genf zwar "kompliziert, aber funktioniert sehr gut".
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