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Forschung - 18.08.2023 - 10:00
Unternehmen können schlechte Leistungen verbergen, indem sie ihre Jahresabschlüsse anpassen. Politischen Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit ist es oft nicht möglich, zum Beispiel den Zusammenhang zwischen dem Bruttoinlandsprodukt und der Leistung von Unternehmen vor Ort zu erkennen. Die Crux of Capitalism Initiative (CoC) hat eine große Datenbank aufgebaut, um die Robustheit der Gesamtwirtschaft zu beurteilen, indem sie die tatsächliche wirtschaftliche Gesundheit börsennotierter Unternehmen untersucht.
Gemeinsam mit den HSG-Forschenden Camilla Erencin und Felix Reitz befasst sich Evenett mit zwei Wissenslücken, die bei der Bewertung der Unternehmensleistung in der gesamten Wirtschaft bestehen: 1) Echte ökonomische Gewinne und 2) Indikatoren dafür, ob Unternehmen in Schwierigkeiten sind, u.a. ob sie zu sogenannten «Zombie-Unternehmen» werden.
Derzeit gibt es keinen Ansatz, der den Geschäftswertbeitrag systematisch über Unternehmen, Branchen und Nationen hinweg vergleicht. Einige bestehende Messgrössen für die wirtschaftliche Vitalität basieren auf Zukunftserwartungen (z. B. Aktienkurse), aber die Stimmung der Anleger ist bekanntermassen unbeständig. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Standardinstrument, aber die direkte Verbindung zur Unternehmensleistung geht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verloren. Ausserdem werden die Daten nach ihrer Veröffentlichung, die meist stark verzögert ist, erheblich revidiert. Evenett argumentiert, dass «die politischen Entscheidungsträger ein nationales Mass für die wirtschaftliche Dynamik benötigen, das besser in der tatsächlichen Unternehmensleistung verankert ist als bei Umfragen, Investorenstimmungen und Doing-Business-Indikatoren».
Das Forschungsprojekt der Universität St.Gallen untersucht über 39 000 der grössten börsennotierten Unternehmen mit Hauptsitz in 21 Ländern (die meisten Mitglieder der G20 sowie erfolgreiche europäische Länder wie die Schweiz). Auf diese 21 Volkswirtschaften entfallen 78 % des weltweiten BIP.
Die CoC berichtet über die Entwicklung der ökonomischen Gewinne börsennotierter Unternehmen. Dieser Ansatz vermittelt ein genaueres Bild von der Gesundheit eines Unternehmens, da er sowohl die aktuelle operative Leistung als auch die Kapitalkosten für Fremd- und Eigenkapital berücksichtigt. (Im Gegensatz dazu kann der buchhalterische Gewinn durch verschiedene Anpassungen geschönt werden). «Der ökonomische Gewinn stellt also eine neuartige Methode dar, um festzustellen, wie gut es den führenden Unternehmen einer Volkswirtschaft tatsächlich geht», fasst Evenett zusammen.
Im internationalen Vergleich sind die Vereinigten Staaten nach wie vor die treibende Kraft - auf sie entfallen rund 53 % des gesamten ökonomischen Gewinns der 21 im Rahmen des CoC-Projekts untersuchten Volkswirtschaften (2022). Im Gegensatz dazu haben chinesische Unternehmen erst ab 2019 einen Gesamtwert von über 100 Milliarden USD geschaffen. Im Jahr 2022 erwirtschafteten börsennotierte chinesische Unternehmen 185 Milliarden USD an ökonomischem Gewinn (~9 % des gesamten ökonomischen Gewinns im Jahr 2022). Da es jedoch so viele chinesische Unternehmen gibt, erzielte das durchschnittliche börsennotierte chinesische Unternehmen einen Überschuss von weniger als 5 Millionen USD, wenn man die tatsächlichen Kosten für das eingesetzte Kapital berücksichtigt.
Durch regelmässige Aktualisierungen ermöglicht das CoC-Projekt den Nutzern, die Entwicklungen im Laufe der Zeit zu verfolgen. Der Tribut, den höhere Zinssätze, stärkere geopolitische Rivalitäten (einschliesslich Konflikte) und andere sich verschlechternde Faktoren für die Weltwirtschaft in den letzten 18 Monaten gefordert haben, ist nun offensichtlich. Im ersten Quartal 2022 überstieg der Gewinn der Weltwirtschaft 690 Milliarden USD. Die bisher vorliegenden Daten für das erste Quartal 2023 deuten darauf hin, dass die Gewinne der Weltwirtschaft in den letzten 12 Monaten um mindestens ein Drittel gesunken sind.
Die Daten werden auf einer benutzerfreundlichen, hochwertigen und interaktiven Website präsentiert. Sie stehen Journalisten, Wissenschaftlern und der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung und werden regelmässig aktualisiert. Anhand der CoC-Metriken werden sogenannte «Thought Leadership» Artikel verfasst, in denen globale Trends und bevorstehende Herausforderungen analysiert werden. Diese Beiträge bieten detaillierte Analysen zu Wert schaffenden und Wert vernichtenden Unternehmen und betrachten die Welt durch die Brille des ökonomischen Gewinns.
Wie viele Unternehmen werden zusätzlich in finanzielle Schwierigkeiten geraten, wenn sich die Zinssätze nach einem Jahrzehnt der quantitativen Lockerung «normalisieren»? Traditionell untersuchen Analysten die Fähigkeit der einzelnen Unternehmen zur Rückzahlung der Kreditzinsen. Andere erstellen Statistiken über die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses. Zum ersten Mal wird die Crux of Capitalism-Website beide Kennzahlen gleichzeitig auf Unternehmens-, Branchen-, nationaler und globaler Ebene verfolgen. Das Ausmass der Unternehmen in Not ist somit einfacher zu ermitteln. «Das Gesamtbild geht nicht mehr im Durcheinander der Unternehmensdetails unter», so Camilla Erencin.
Von Unternehmen, die ihre Schulden nicht begleichen können, ist nicht zu erwarten, dass sie auf Dauer im Geschäft bleiben. Häufig wird der Begriff «Zombie-Unternehmen» verwendet, um Unternehmen zu beschreiben, die mittel- bis langfristig finanzielle Probleme haben. Die meisten Analysen behandeln den Status einer Zombie-Firma lediglich als binäres Etikett. Sie stellen also fest, ob eine Firma «Zombie» ist oder nicht. Das ist bedauerlich, denn aus der Art und Weise, wie gut die Unternehmen ihre finanziellen Verpflichtungen erfüllen, lässt sich viel lernen, bspw. ob sie in der Lage sind, (zukünftig) höhere Zinssätze zu verkraften.
Felix Reitz befürchtet, dass die führenden Unternehmen nicht in der Lage sein werden, das Gewinnniveau des Jahres 2022 zu halten. Er argumentiert, dass «der wahre Test für führende globale Unternehmen darin besteht, ob sie ihre Rentabilität aufrechterhalten können, wenn die Zinssätze steigen und geopolitische Spannungen zu Unsicherheit und Protektionismus führen, insbesondere jetzt, wo die COVID-bedingten staatlichen Anreize nachlassen. Geschäftsmodelle, die für das Gestern entwickelt wurden, werden in einem sich verschlechternden globalen Geschäftsumfeld auf die Probe gestellt.»
Im Vergleich zum ersten Quartal 2022 ist die Zahl der börsennotierten Unternehmen, die von einem Konkurs bedroht sind, in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union um 3,5 Prozentpunkte gestiegen. Die Anzahl der US-Firmen, die in der Lage ist, die Zinsen für ihre Schulden ohne Schwierigkeiten zu zahlen, ist im gleichen Zeitraum um 3 Prozentpunkte zurückgegangen. Im Gegensatz dazu meldeten zwei Prozent weniger börsennotierte japanische Unternehmen, dass sie ihre Zinskosten nicht aus den laufenden Betriebsgewinnen bezahlen können.
Auffällig ist, der Prozentsatz der Unternehmen aus den BRICS-Ländern, die ihre Zinszahlungen nicht decken können, stieg zwischen dem ersten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2023 um viereinhalb Prozentpunkte. Die Auswirkungen der jüngsten weltwirtschaftlichen Entwicklungen sind in den grossen Unternehmen der Welt ungleichmässig zu spüren.
Die Crux of Capitalism Initiative wurde am 7. Juli 2023 bei einem gemeinsamen Workshop der Universität St.Gallen und der Schweizerischen Nationalbank lanciert. Dieses Projekt wurde zu analytischen Zwecken entwickelt und stellt keine Anlageberatung dar.
Um aktuelle Informationen über Thought Leadership zu erhalten, wenden Sie sich bitte an cruxofcapitalism(at)outlook.com.
Die Crux of Capitalism-Initiative wurde von Professor Simon Evenett und den Forschern Camilla Erencin und Felix Reitz entwickelt.
Bild: Adobe Stock / peshkova
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