Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03122.jsonl.gz/1428

Olympische Medaillenspiegel, Hitparaden, Bestsellerlisten: Ranglisten sind allgegenwärtig. Herr Daniel, wie erklären Sie als Sozialpsychologe die Attraktivität von Rankings?
Hans-Dieter Daniel: Menschen haben ein tief verankertes Bedürfnis, sich untereinander zu messen. Der Motivationsforscher Heinz Heckhausen, dem eine von mir mitherausgegebene Anthologie mit dem Titel «Evaluation von Forschung» gewidmet ist, hat dies eindrücklich gezeigt. In einem Experiment stellte er Kindern die Aufgabe, Holzscheiben zu Pyramiden aufzuschichten. Während jene Kinder, die dabei alleine gelassen wurden, schon nach kurzer Zeit gelangweilt aufgaben, entstand in Kindergruppen sofort ein Wettkampf darum, wer als erstes eine fehlerfreie Pyramide zustande bringen würde. Ganz offensichtlich steigert der soziale Vergleich die Leistungsmotivation.
Herr Jarren, Sie sind Publizistikwissenschaftler. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass Rankings so beliebt sind?
Otfried Jarren: Ich würde die Frage soziologisch beantworten. Die Gesellschaft differenziert sich aus, wird immer komplexer und damit immer schwieriger zu beobachten. Durchblick haben nur noch Spezialisten im engen Bereich ihrer Spezialgebiete. Umso grösser ist das Bedürfnis nach schnellem Überblick und einfacher Orientierung. Rankings sind eine Antwort auf dieses Bedürfnis. Sie geben einem das Gefühl, die komplizierte Realität überschauen zu können. Im Sport würde niemand auf die Idee kommen, Ranglisten prinzipiell in Frage zu stellen. In der Wissenschaft schon.
Kritiker monieren, Hochschulrankings genügten wissenschaftlichen Standards hinsichtlich Datentransparenz und Methodik nicht. Ist diese Kritik berechtigt?
Hans-Dieter Daniel: Es gibt grosse Qualitätsunterschiede. Besonders problematisch sind jene Rankings, die disparate Indikatoren wie Reputation, Zitationszahlen, Anzahl der Nobelpreise und Internationalität miteinander zu einem Gesamtwert verrechnen. Das Times-Ranking oder das Shanghai-Ranking gehören zu dieser Sorte. Das Leiden-Ranking, das nur bibliometrische Daten verwertet, ist viel seriöser. Ein wissenschaftlich einwandfreies Hochschulranking aber wird es wohl nie geben. Überspitzt gesagt: Wer ein methodisch perfektes Ranking zu verwirklichen versucht, macht es zugleich kaputt, denn die eigentlichen Adressaten eines Rankings, die ja keine Methoden- und Statistikexperten sind, könnten die Aussagen dann kaum noch nachvollziehen.
Stimulieren Rankings nicht immerhin den Wettbewerb unter den Hochschulen – selbst wenn sie wissenschaftlich nicht lupenrein sind?
Otfried Jarren: Ich persönlich habe Zweifel, ob die UZH in dieser Arena mitspielen soll. Rankings stimulieren eher bildungspolitische Planspiele als den eigentlichen wissenschaftlichen Wettbewerb, der auch vollkommen ohne Hochschulrankings auskommt.
Hans-Dieter Daniel: Trotzdem kann es sinnvoll sein, wenn Universitäten sich mit Rankings auseinandersetzen. Rankings können zum Anlass genommen werden, universitätsintern Stärken und Schwächen zu reflektieren – und damit für die UZH eine ganz ähnliche Funktion erfüllen wie andere Instrumente der Qualitätssicherung und des Berichtswesens. Dazu müssen sie wissenschaftlich nicht über alle Zweifel erhaben sein. Wichtig ist jedoch, dass die Bewertungsmethode nachvollziehbar ist und die Daten offengelegt werden. Ich gebe zu, dass lange Zeit kaum eines der bedeutenden Rankings diese Kriterien erfüllte. Das bessert sich aber. Die Daten des «Leiden Ranking 2011/2012» konnten wir beispielsweise kürzlich sekundärstatistisch analysieren und die Ergebnisse auf diese Weise überprüfen.
Otfried Jarren: Ein grosses Problem der Rankings besteht darin, dass sie nicht nur Messbares messen, sondern auch Nicht-Messbares zu messen vorgeben. Sie vermischen weiche und harte Kriterien, stellen Geschmecktes und Gefühltes in scheinbar objektiven Zahlen dar. Beim Versuch, Transparenz zu erzeugen, produzieren sie somit viel Intransparenz. Nur Experten wissen, was Rankings genau analysieren und was nicht. Ich frage mich auch, ob die Anreize, welche Rankings setzen, für eine Universität überhaupt die richtigen sind. Hochschulleistungen sind ein öffentliches Gut und keine Waren, die man auf einer eindimensionalen Punkteskala bewerten kann. Und es gibt noch ein Problem: Einflussreiche Rankings wie das CHE-Ranking sind durch Massenmedien, also durch wissenschaftsfremde Akteure gesteuert, welche die Daten kommerziell verwerten. Das steht im Widerspruch zum Grundsatz, dass nur Wissenschaft selbst über wissenschaftliche Qualität wachen sollte.
Sollte die UZH Hochschulrankings ignorieren?
Otfried Jarren: Man kann sie gar nicht ignorieren, dazu sind Rankings in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu präsent. Man muss die Resultate differenziert und sachlich analysieren und kommentieren, ohne dabei den falschen Anschein zu erwecken, die Universitätsleitung nehme Rankings übermässig wichtig. Wir haben uns in der Leitung der UZH darauf geeinigt, Rankingergebnisse nicht als Grundlage für Führungsentscheide zu verwenden. Es wäre kurzfristig und unverantwortlich gedacht, bei der Mittelzuteilung oder in Berufungsverfahren aktuelle Rankings zu beachten oder auf mögliche Punktgewinne in zukünftigen Rankings zu schielen. Das Kriterium bei Berufungen muss sein, ob die Personen ins Gesamtgefüge der UZH passen und ob sie imstande sind, Gruppen aufzubauen, die langfristig gute Arbeit leisten.
Hans-Dieter Daniel: Ich teile die Meinung, dass Ranking-Platzierungen viel zu wenig aussagekräftig sind, um Führungsentscheide daraus abzuleiten. Universitäten sind in sich so komplex und heterogen, dass man sich fragen muss, was eine Rangziffer über eine Universität als Ganzes eigentlich aussagen kann. Bei der Auswertung des «Leiden Ranking 2011/12» haben wir festgestellt, dass nur fünf Prozent der Unterschiede in der internationalen Resonanz von Forschungspublikationen auf Unterschiede zwischen den Universitäten zurückzuführen sind – 95 Prozent aber auf Unterschiede innerhalb der jeweiligen Hochschule!
Viele Rankings sind primär dazu gedacht, Mobilitätsstudierenden die Wahl ihrer Universität zu erleichtern. Wie gross ist diesbezüglich eigentlich ihr Nutzwert?
Hans-Dieter Daniel: Er ist ziemlich bescheiden. Die grossen globalen Hochschulrankings enthalten praktisch keine Information über die Qualität der Studienprogramme, weil in erster Linie die Forschungsleistung bewertet wird. Die Wirkung der Rankings auf die Ströme der Mobilitätsstudierenden ist denn auch überraschend gering. Ich habe vor einigen Jahren untersucht, welche Auswirkungen das seinerzeit in Deutschland vielbeachtete «SPIEGEL»-Ranking auf das Verhalten der Studierenden bei der Wahl des Studienortes hat. Es zeigte sich, dass nur gerade die bestplatzierten Universitäten nach der Publikation des Rankings einen etwas erhöhten Studierendenzulauf verzeichnen konnten.
Sind Hochschulrankings generell viel wirkungsloser als Ranking-Kritiker befürchten?
Hans-Dieter Daniel: Ganz sicher nicht! Rankings haben auf nationaler und supranationaler Ebene einen massiven Einfluss. Nicht so sehr auf die Studierenden, dafür umso mehr auf die Wissenschaftspolitik. Weil europäische Bildungspolitiker den Eindruck hatten, dass zu wenig europäische Universitäten in internationalen Rankings Spitzenplätze belegten, wurde zum Beispiel das europäische Flaggschiff-Programm lanciert, das den besten Forschungsinitiativen jeweils eine Milliarde Euro in Aussicht stellt. Damit sollen die an den geförderten Projekten beteiligten Universitäten an die Weltspitze katapultiert werden. In Grossbritannien und Finnland wurden in den letzten Jahren ganze Universitäten zusammengelegt, um bessere Ranking-Platzierungen zu erreichen. Die deutsche Exzellenzinitiative und die «Initiatives d'excellence» (IDEX) in Frankreich verdanken sich demselben Motiv.
Was spricht dagegen, dass Bildungspolitiker das Ziel verfolgen, die Ranking-Platzierung der Universitäten zu verbessern?
Otfried Jarren: Diesem Bestreben liegt eine ziemlich verzerrte Sicht auf die Realität zugrunde. Denn abgesehen von wenigen Elite-Institutionen in den USA und Grossbritannien sind fast alle Universitäten – zumal Volluniversitäten – in öffentlicher Hand und in ein regionales Umfeld eingebunden, für das sie eine Menge spezifischer Leistungen erbringen, die zu vergleichen wenig Sinn macht. Nicht die Stellung in einem fiktiven internationalen Hochschulmarkt, sondern die regionale Einbettung legitimiert die meisten tertiären Bildungseinrichtungen.
Hans-Dieter Daniel: Ich sehe einen Zusammenhang zwischen der wachsenden Bedeutung der Rankings und der zunehmenden Konzentrierung der Forschungsmittel auf wenige Institutionen. Das Vorhandensein der Hochschulrankings weckt in den verschiedenen Ländern den Wunsch, mehr Universitäten zu haben, die im globalen Wettbewerb an der Spitze mithalten können. Um diesen Wunsch zu erfüllen, braucht es enorme finanzielle Mittel, die wegen der prinzipiellen Mittelknappheit nicht allen Universitäten zur Verfügung gestellt werden können. Die finanzielle Besserstellung einiger weniger Universitäten steht aber unter einem besonders hohen Legitimationsdruck. Um ihre Budgetentscheidungen zu legitimieren, greifen Politiker dann gerne auf die Schein-Objektivität von Rankings zurück.
Otfried Jarren: Ich sehe diesen Zusammenhang auch so. Die deutsche Exzellenzinitiative veranschaulicht die Wirkungen einer solchen zentral-büroratischen, auf Rankings starrenden Steuerung sehr deutlich: Es wird hier eine Wettbewerbssituation simuliert, die mit realem wissenschaftlichem Wettbewerb nicht viel zu tun hat. Hier spielt die Bürokratie mit sich selbst. Und das Ganze ist nicht einmal nachhaltig. Die Nebenwirkungen sind enorm.
Wie sollte sich die Politik stattdessen verhalten?
Otfried Jarren: Sie sollte mehr Vertrauen in die Autonomie der Universitäten setzen und ihnen zugestehen, nach dem Prinzip dezentralisierter Verantwortung in Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen regionalen Stakeholdern ihre eigene Politik zu machen. Das fördert den realen wissenschaftlichen Wettbewerb. Leider gibt es auch in der Schweiz Tendenzen zu zentraler Reglementierung – so etwa das neue Hochschulgesetz. Solche Tendenzen sind dem wissenschaftlichen Wettbewerb nicht förderlich.
Hans-Dieter Daniel: Ich bin ebenfalls ein Verfechter der Hochschulautonomie, zweifle aber daran, dass in der Schweiz ein unverzerrter Wettbewerb im Hochschulbereich möglich ist. Die Hochschulen treten mit unterschiedlich langen Spiessen an. Spezialisierte Universitäten wie St. Gallen oder vom Bund geförderte Hochschulen wie die beiden ETHs werden gegenüber kantonalen Volluniversitäten immer gewisse Vorteile im Wettbewerb haben.
Bildungspolitiker und Universitätsleitungen sollten sich in ihren Entscheidungen nicht auf Rankingresultate stützen – darin waren Sie sich einig. Spricht aber etwas dagegen, mit einer guten Ranking-Platzierung gezieltes Hochschulmarketing zu betreiben? Schliesslich erzielt die UZH in der Regel gute bis sehr gute Ergebnisse in internationalen Rankings.
Otfried Jarren: Ich persönlich plädiere hier eher für Zurückhaltung. Die Kulturen im Umgang mit Rankings sind je nach Fakultät sehr unterschiedlich, darauf muss die Universitätsleitung Rücksicht nehmen. Und man muss genau wissen, wen und was man mit solchen Marketingmassnahmen erreichen will. Wollen wir gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anziehen? Die wissen auch ohne Rankings Bescheid, an welchen Orten in ihrem Fachbereich die beste Forschung gemacht wird.
Hans-Dieter Daniel: Ich glaube, dass es bestimmte Situationen gibt, in denen es nicht schaden würde, wenn die UZH ihr hervorragendes Standing in den Rankings strategisch mehr nutzen würde. Etwa in der momentanen Diskussion um die Konzentration der hochspezialisierten Medizin auf wenige Standorte. Die UZH nimmt eine führende Stellung in der medizinischen und lebenswissenschaftlichen Forschung ein. Mit gezieltem Marketing könnte sie vermutlich dazu beitragen, ihre Position im Konzert der Schweizer Hochschulen weiter zu stärken.
Kennen Sie Beispiele, wo eine geschickte Vermarktung von Ranking-Platzierungen zu Erfolgen führte?
Hans-Dieter Daniel: Ja, zum Beispiel im Falle der Universität Konstanz, die 1966 als Reformuniversität gegründet wurde. In den 1970er- und 1980er-Jahren drängten die Traditionsuniversitäten Baden-Württembergs die Politik, die junge Konkurrentin rasch wieder zu schliessen. Die Konstanzer hatten noch keine Lobby im Landesparlament. Also veranstalteten sie eine Leistungsschau. Sie nutzten die allerersten Hochschulrankings, um sich eine Reputation als kleine, aber exzellente Forschungsuniversität aufzubauen. Auf ähnliche Weise benutzt die ETH Lausanne dieses Instrument, um sich gegenüber der ETH Zürich zu positionieren.
Otfried Jarren: Auch in einigen Bereichen der UZH gibt es eine solche Aufbruchsdynamik, zum Beispiel in der linguistischen Forschung oder der Volkswirtschaft. Darüber freue ich mich. Für die Gesamtinstitution UZH ist es aber wie für alle grossen und bereits etablierten Volluniversitäten kaum möglich, sich im Stil junger, kleiner Institute neu zu positionieren.
Rankingergebnisse beeinflussen die Aussenwahrnehmung und das Selbstbild der Universität. Kann und soll man ihnen diesbezüglich etwas entgegensetzen?
Otfried Jarren: Ja, unbedingt. Hochschulallianzen etwa sind wichtige Instrumente zur Profilbildung. Für das Selbstbild der UZH spielt hier die Mitgliedschaft in der LERU, der League of European Research Universities, eine grosse Rolle. Im Übrigen kann man nicht genug betonen, dass an der UZH nicht nur zählt, was sich zählen lässt, und nicht nur Leistungen wertgeschätzt werden, die sich in gute Rankingergebnisse ummünzen lassen. Dass neben der Forschung die Lehre unverzichtbar ist, zeigen wir mit dem Lehrpreis und dem Tag der Lehre. Auch die Geisteswissenschaften, die sich in den Rankings kaum spiegeln, sind wichtig für die UZH. Ich erwähne in diesem Zusammenhang speziell die Dozierenden, die sich stark für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen einsetzen. Zukünftig sollen in akademischen Berichten der UZH auch Leistungen in der Weiterbildung rapportiert werden. Und es wäre gut, auch das zivilgesellschaftliche Engagement von Dozierenden vermehrt zu würdigen.
Hans-Dieter Daniel ist Professor für Sozialpsychologie und Hochschulforschung an der ETH Zürich und wissenschaftlicher Leiter der Evaluationsstelle der UZH. Otfried Jarren ist Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften der UZH und Professor für Publizistikwissenschaft.
Kommentar schreiben
Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.