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Ich sitze im Zug und sehe Prangins an mir vorbeiziehen. Dessen Bahnhof ist seit rund zehn Jahren geschlossen, denn das dritte Gleis zwischen Genf und Lausanne wird fertiggebaut. Dieses soll dereinst einen dichteren Zugsverkehr erlauben und dem Dorf, das 4000 Einwohnerinnen und Einwohnern zählt, vielleicht wieder eine Haltestelle bringen. Mein Besuch beginnt deshalb eineinhalb Kilometer weiter entfernt, am Bahnhof von Nyon.
Der Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe fährt im Viertelstundentakt nach Prangins; der Anschluss ist nicht gewährleistet. Ich verpasse den Bus um drei Minuten und warte gute zehn Minuten auf den nächsten. Beim alten Bahnhof in Prangins steige ich aus und gehe zu Fuss weiter in Richtung Dorfzentrum. Die Weiterfahrt mit dem Bus hätte einen siebenminütigen Umweg durch die Wohnquartiere auf der anderen Gleisseite bedeutet. Die unlängst von den SBB erstellten Lärmschutzwände verstärken die Barrierewirkung, die die Gleise auf das Wohngebiet haben.
Neu gestaltete Strasse lädt zum Flanieren ein
Der Spaziergang ist kurz und angenehm. Die Gebäude aus den Siebzigerjahren weichen bald schönen, älteren Häusern. Die neu gestaltete Rue de la Gare ist eng und mit einer breiten, ausgepflasterten Abflussrinne versehen. Dies zwingt die Automobilisten, den Fuss vom Gas zu nehmen, was die gewollte Verlangsamung herbeizuführen scheint. Im Hintergrund erhebt sich das Schloss Prangins, in dem sich der Westschweizer Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums befindet. Das ländliche Ambiente bildet einen starken Kontrast zur nahen Stadt Nyon.
Dem Dorfkern wurde im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) das höchste Erhaltungsziel (A) zugewiesen. Dies bedeutet, dass die Substanz erhalten werden muss und die Bauten zu schützen sind. Aber leben in diesen Gebäuden auch Menschen oder werde ich nur Souvenirläden für Touristen antreffen, die das Museum besuchen?
Attraktive Geschäfte im Gemeindehaus
Die wenigen Autos, die an mir vorbeifahren, halten auf dem Dorfplatz vor dem Gemeindehaus. Ursprünglich war dieses Gebäude aus dem Jahr 1728 ein zum Schloss gehörender Bauernhof. Beim näheren Hinschauen stelle ich anhand der Schriftzüge über den Türen fest, dass darin nicht nur die Gemeindeverwaltung, sondern auch ein kleiner Lebensmittelladen, ein Tearoom, ein Kindergarten und die Polizei untergebracht sind; es gibt auch einen Bancomaten. Und all das in einem öffentlichen Gebäude! Die Mischung scheint gut zu funktionieren. Ein Blick ins Innere des Gebäudes zeigt, dass der Tearoom und Laden auch über Mittag geöffnet haben.
Jene, die ihr Auto vor dem Gemeindehaus geparkt haben, haben eine andere Richtung eingeschlagen: Sie überquerten die Strasse und wandten sich direkt dem Eingang der Auberge communale de Prangins zu. Das neu renovierte Gasthaus scheint äusserst beliebt zu sein und Gäste von weit her anzulocken. Ihren Gesprächen entnehme ich, dass die Küche gut ist.
Renoviertes Gasthaus und neuer Dorfplatz voller Leben
Nichts deutet darauf hin, dass die Auberge communale schwierige Zeiten hinter sich hat. Martine Baud, die früher als Gemeinderätin für die Ortsplanung zuständig war, nahm sich damals der Sache an und zog verschiedene Gastronomen bei, um einen erfolgversprechenden Weg zur Aufwertung des Gasthauses einzuleiten. In der Folge renovierte die Gemeinde ihr Gasthaus umfassend und fand einen neuen Pächter. Besonders begehrt sind heute die Tische an der neuen Glasfront, von wo sich eine herrliche Aussicht über den Place de la Broderie bietet.
Aber woher kommt der Name «Broderie», was so viel wie «Stickerei» bedeutet? Das Wort geht auf die geometrischen Ziermuster in den Gartenanlagen des 18. Jahrhunderts zurück, die an Stickereimotive erinnern. Solche Gartenbeete sind heute noch in der Schlossanlage nebenan zu finden. Der Landschaftsarchitekt Jean-Yves Le Baron hat diesen Gestaltungsansatz auch für den Dorfplatz aufgegriffen und neu interpretiert. Der neue Platz erfüllt das Anliegen der Behörden, das Schloss nahtlos mit dem Dorfzentrum zu verbinden.
Prangins verfügt über ein schweizweit berühmtes historisches Zentrum, das eng mit der Geschichte des Schlosses verbunden ist. Doch dies war im Dorf bis vor wenigen Jahren nicht wirklich spürbar, weil das Dorfzentrum sehr klein ist und früher keine Einheit mit dem Schloss bildete. Diese Funktion übernimmt heute der Place de la Broderie. Der eher kleine, etwas über der Strasse angelegte Platz ist nicht mehr nur ein Durchgangsort, sondern ein Platz der Begegnung – analog zu den Gartenanlagen des angrenzenden Schlosses. Die grosse Holzbank lädt zum Verweilen ein: Hier kann man die Sonne, das Licht und die Ruhe geniessen. Der neue Platz im Herzen des dichten Dorfkerns bietet einen öffentlichen Raum, wo man es sich gut gehen lassen kann. An diesem ersten Frühlingstag ist es jedoch noch zu kalt, um draussen zu sitzen. Auch die Bäume haben noch keine Knospen. Ich stelle mir vor, dass im Sommer auf der Terrasse der Auberge ein reger Betrieb herrscht.
Neue Wohnungen in Altbauten
Eine Informationstafel erklärt, dass der Dorfplatz am Standort des ehemaligen Nebengebäudes der Auberge communale erstellt wurde. Der Abbruch des Nebengebäudes ermöglichte es, den Platz zu realisieren. Gleichzeitig konnten die drei dahinter gelegenen historischen Gebäude ‒ die Passade (Passantenheim), die Forge (Schmiede) und die alte Post ‒ vor dem Zerfall gerettet und wieder zur Geltung gebracht werden. Die Passade – das älteste Gebäude – stammt aus dem Jahr 1727 und ist gemäss kantonalem Denkmalschutzinventar von regionalem Interesse. Das Gebäude diente zuerst als Gemeindehaus, dann als Unterkunft für Reisende (daher der Name) und später als Notunterkunft für Bedürftige.
Genossenschaftswohnungen mit Lebensqualität
Die drei komplett sanierten Liegenschaften umfassen 16 Wohnungen. Jene mit Blick auf den Platz verfügen über Balkone und bieten, zumindest in den oberen Stockwerken, wahrscheinlich auch Aussicht auf das Schloss und den See. Bei den Wohnungen im Parterre wird die Privatsphäre mit einer kleinen Hecke zwischen den Gartensitzplätzen und dem Place de la Broderie gewahrt.
Von aussen betrachtet könnte man meinen, dass es sich um Luxusappartments handelt. Doch die Wohnungen gehören der Wohnbaugenossenschaft Les Plantaz, die auch zwei Gebäude in Nyon besitzt. Die kleine Genossenschaft hat die Gebäude 2008 von der Eigentümerin, der Gemeinde Prangins, im Baurecht für eine Dauer von 70 Jahren übernommen. Zudem erhält sie von der Gemeinde während 15 Jahren einen jährlichen Beitrag von 35 000 Franken. Die Gemeinde übertrug der Genossenschaft die Sanierung und Verwaltung der drei Gebäude mit dem Ziel, erschwingliche Wohnungen anzubieten und die soziale Durchmischung zu fördern. Die Genossenschaft Les Plantaz beteiligte sich an den Kosten des von der Gemeinde im 2009 durchgeführten Architekturwettbewerbs.
Bei der öffentlichen Auflage 2011 regte sich in der Nachbarschaft Widerstand gegen das Sanierungsprojekt. Vorgebracht wurde, das Bauvorhaben verstosse in Bezug auf die Mindestanzahl an Parkplätzen und die maximale Höhe gegen das kommunale Recht. Das Bundesgericht wies die Beschwerde 2013 jedoch ab. Somit stand dem Beginn der Bauarbeiten nichts mehr im Weg und die Gemeinde erwarb Anteile der Genossenschaft. Im Sommer 2016 wurden der neue Place de la Broderie und die Genossenschaftswohnungen Les Plantaz eingeweiht. Es brauchte fast zehn Jahre, um das Projekt zu realisieren, wie der Raumplaner Bruno Marchand im Interview erklärt
Auch dem von stattlichen Dorfhäusern und kleinen Gärten gesäumten Gässchen auf der Rückseite der Gebäude mangelt es nicht an Charme. Mit den renovierten Fassaden und den Privatgärten ordnen sich die drei Gebäude nahtlos in das bauliche Gefüge ein. Ein wenig seltsam sind die Durchgangsverbotstafeln am Ende der Genossenschaftsparzelle. Die Eigentümer der Nachbarliegenschaft lassen es nicht zu, dass Dritte ihr Grundstück durchqueren. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Genossenschaftswohnungen, die ich beim Verlassen des Hinterausgangs sah, respektierten dieses Verbot und entfernten sich in der Gegenrichtung. Auch wenn der Weg zur nahegelegenen Schule kürzer wäre, scheint es niemand zu wagen, den direkten Weg zu nehmen und die Verbotstafel zu missachten.
Gelungene Integration der Bausubstanz
Der einzigartigen Atmosphäre, in der es sich sichtlich gut leben lässt, können letztendlich auch die Launen der Nachbarn nichts anhaben. Die Architekten Bakker & Blanc, die die Umbau- und Sanierungsarbeiten der drei Gebäude für die Genossenschaft Les Plantaz durchführten, holten das Beste aus den engen und lang gezogenen Parzellen heraus, die für alte Dorfkerne typisch sind. Die auffallend schmalen Parzellen sind auf steuerliche Gründe zurückzuführen: Früher zahlte man seine Steuern nach der Anzahl der strassenseitigen Fenster, was zur Folge hatte, dass die Gebäude sich rückseitig ausdehnten und der Lichteinfall entsprechend gering war. Dieses Problem lösten die Architekten beim Umbau, indem sie im Inneren der Gebäude Lichtschächte konstruierten. Dabei handelt es sich nicht um grosse offene Innenhöfe, sondern bloss um schmale Schächte, die an die Wohnungen angrenzen. Das Ganze war eine architektonische Herausforderung. Wegen des Brandschutzes mussten feste Verglasungen eingebaut werden. Dank der Schächte, die für eine interessante Dynamik sorgen, sind die Wohnungen lichtdurchflutet und unterschiedlich gestaltet. Jede Wohnung ist anders angelegt und hat ihren eigenen Charme. Im Kontrast dazu stehen die sehr schlichten Fassaden mit durchlaufenden Balkonen. Vom öffentlichen Raum aus betrachtet geben diese kaum etwas vom inneren Reichtum der Bauten preis.
Aktive Bodenpolitik trägt Früchte
Die Wiederbelebung des Dorfkerns ist der Gemeinde Prangins gelungen, weil sie mehrere Liegenschaften ins Spiel bringen konnte, die ihr gehören. Mit relativ bescheidenen Mitteln schaffte die Gemeinde eine nahtlose Verbindung vom Dorfkern zum Schloss; sie erhöhte die soziale Durchmischung und erweckte damit ein ganzes Quartier zu neuem Leben.
Dieses Beispiel zeigt, dass ein im ISOS verzeichnetes Ortsbild die Innenentwicklung nicht ausschliesst, sondern zu einer erhöhten Siedlungs- und Lebensqualität führen kann. Mit dem Abbruch des Nebengebäudes zur Auberge hat die Gemeinde mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie realisierte einen öffentlichen Platz, schuf neue, lichtdurchflutete Wohnungen und erweckte die Auberge communale zu neuem Leben. Dies erforderte einen klaren politischen Willen und viel Geduld. Heute zweifelt niemand daran, dass sich diese Bemühungen gelohnt haben. Der neugestaltete Ort wird anderen Dörfern als Beispiel dienen.
Im Interview mit Bruno Marchand
Bruno Marchand ist Professor an der ETH Lausanne, Architekt und selbstständiger Raumplaner. Er ist ein ausgewiesener Fachmann für Fragen des Wohnungsbaus und hat zahlreiche Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht. Bruno Marchand berät die Gemeinde Prangins seit mehr als zehn Jahren.
Es brauchte viele Jahre, bis der Place de la Broderie in Prangins realisiert und die angrenzenden Gebäude saniert werden konnten. Warum dauerte das so lange?
Das Broderie-Projekt hat eine schwierige politische Geschichte. Als ich 2006 begann, den kommunalen Richtplan mit der Gemeinde zu entwickeln, gab es ein Problem mit einem Teilnutzungsplan im Dorfzentrum. Es ging um das Nebengebäude der «Auberge communale de Prangins». Die Gemeinde wollte das Gebäude, das der Theaterverein damals nutzte, abreissen lassen, um die Rahmenbedingungen für die drei dahinter sich befindenden Liegenschaften zu verbessern. Gegen diesen Entscheid wurde das Referendum ergriffen. Die Bevölkerung stimmte dem Abbruch 2007 in einer Volksabstimmung jedoch zu.
In der Folge empfahl ich der damals für die Ortsplanung zuständigen Gemeinderätin Marine Baud, einen Wettbewerb für die Gestaltung eines neuen Platzes auszuschreiben. Der Platz sollte dort entstehen, wo das abgerissene Gebäude gestanden hatte. 2008 wurden vier talentierte Landschaftsarchitekten eingeladen, um ein Projekt für den neuen Platz auszuarbeiten. Jean-Yves Le Baron gewann den Wettbewerb mit einem gelungenen Vorschlag zum Thema «Broderie», in Anlehnung an die geometrischen Ziermuster in den Gartenanlagen. Das Projekt liess sich aber nicht sofort umsetzen, denn der Platz konnte nicht realisiert werden, ohne gleichzeitig die drei Liegenschaften hinter dem abgerissenen Gebäude zu sanieren. Diese waren im Eigentum der Gemeinde und sollten mehr Licht erhalten. So wurde 2009 ein zweiter Wettbewerb durchgeführt; dieses Mal für die Sanierung der drei historischen Gebäude.
Gab es weitere Gründe, die zur Verzögerung des Projekts beitrugen?
Die Behörden wollten die soziale Durchmischung fördern und das Wohnen im Dorfzentrum für einkommensschwächere Haushalte erschwinglich machen. In der Folge zog die Gemeinde eine Wohnbaugenossenschaft bei. Der Wunsch, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, aber auch die komplexen und aufwändigen Sanierungsarbeiten für die drei Liegenschaften erschwerten die Suche nach einer möglichen Finanzierung. Zuerst mussten Lösungen für die drei Gebäude gefunden werden; anschliessend wurden sie saniert. Erst dann konnte der davor liegende Platz, für den ja schon vorher ein Wettbewerb durchgeführt worden war, realisiert werden.
Über die Kosten für den neuen Dorfplatz wurde im kommunalen Parlament ausgiebig diskutiert. Parallel dazu wurden weitere Überlegungen zur Entwicklung des Dorfkerns angestellt. Das alles hat viel Zeit an Anspruch genommen; schliesslich aber – und das ist der springende Punkt – konnten die Gebäude saniert und der neue Place de la Broderie realisiert werden.
Sie haben für die Gemeinde einen kommunalen Richtplan erstellt. Was sah dieser für das Broderie-Projekt vor?
Der kommunale Richtplan ist etwas speziell, denn das Dorfplatzprojekt wurde parallel dazu entwickelt. Dies war das Geniale am ganzen Vorhaben, und ich bin dem damaligen Gemeinderat und insbesondere der zuständigen Gemeinderätin Baud sehr dankbar, dass wir so vorgehen durften. Eigentlich hätte zuerst der Richtplan erarbeitet und nachher das Projekt für einen neuen Dorfplatz entwickelt werden müssen. Aufgrund der örtlichen Gegebenheiten entstand aber eine gewisse Dynamik. Sie erlaubte es nicht, die Verabschiedung des Richtplans abzuwarten.
Die Wiederbelebung des Dorfkerns ist ebenfalls ein Hauptanliegen des kommunalen Richtplans. Angesichts des veränderten Konsumentenverhaltens hat Prangins, wie andere Dörfer, Schwierigkeiten, die Läden und das Gewerbe im Dorfzentrum zu erhalten. Die Leute kaufen heute anderswo oder über das Internet ein. Dem will der kommunale Richtplan Gegensteuer geben. Er legt den Fokus auf den öffentlichen Raum und befasst sich stark mit der Mobilität und den Verkehrsbeziehungen. Sämtliche im Richtplan formulierten und später umgesetzten Massnahmen hatten zum Ziel, den Dorfkern wiederzubeleben. Es konnten damit auch Synergien erzielt werden.
Denken Sie, dass es den Place de la Broderie heute gäbe, wenn die Gemeinde keinen kommunalen Richtplan erstellt hätte?
Vielleicht hätte man diese Chance verpasst? Dank des kommunalen Richtplans konnte die Gemeinde die bisherige Entwicklung und den Zustand des Gemeindegebiets ganzheitlich angehen und für die weitere Entwicklung an strategisch relevanten Orten ansetzen. Ohne kommunalen Richtplan wäre ein ganzheitlicher Ansatz nicht möglich gewesen. Mich hat auch beeindruckt, wie der Richtplan aufgrund eines Workshops mit der Bevölkerung eine echte demokratische Debatte ermöglichte und eine gewisse Dynamik auslöste, insbesondere hinsichtlich der Festlegung gestalterischer und baulicher Massnahmen. Ich bin der Ansicht, dass der kommunale Richtplan ein äusserst wertvolles Planungsinstrument ist. Deshalb bedaure ich, dass das neue Waadtländer Raumplanungsgesetz dem kommunalen Richtplan keine grössere Bedeutung zumisst ‒ hingegen aber den Nutzungsplan stärkt. Diese Haltung kann ich nicht nachvollziehen.
Sie standen der Gemeinde Prangins während vielen Jahren beratend zur Seite. Welches sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsfaktoren für die erfolgte Entwicklung?
Sehr wichtig war der Fokus auf Fragen der Mobilität im Zusammenhang mit dem öffentlichen Raum. Ich kenne nur wenige Dörfer, die der kleinräumigen Mobilität, also den Verkehrsbeziehungen innerorts, so viel Bedeutung beimessen wie Prangins. Ich finde diesen Aspekt wichtig, denn er erweist sich als sehr nachhaltig. Die aktuelle Behörde unter der Leitung der für die Planung zuständigen Gemeinderätin Dominique-Ella Christin und der Gemeindeplanerin Isabel Girault hält erfreulicherweise an dieser Politik fest. Damit trägt sie massgeblich zu einer Siedlungsentwicklung bei, die ich als qualitativ sehr hochwertig erachte.
Dies gilt es hervorzuheben, denn manchmal habe ich den Eindruck, dass in der Romandie mit der Revision des RPG im Jahr 2014 quantitative Fragen, wie jene zur Bauzonenkapazität, überhandgenommen haben. Dafür gibt es zwar nachvollziehbare Gründe, aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Das Ziel muss eine qualitativ hochwertige Siedlungsentwicklung sein; gleichzeitig sind die quantitativen Vorgaben zu erfüllen. Es darf aber nicht das Umgekehrte passieren: Dass sich die Siedlungsentwicklung von Zahlen dominieren lässt.
Welches waren die grössten Herausforderungen oder Stolpersteine bei der Realisierung des Dorfplatzes?
Da war zuerst das Referendum für den Abbruch des Gebäudes am heutigen Dorfplatz, dann die lange Projektierungszeit. Ein grösseres Problem stellte auch der Umstand dar, dass die Gemeinde unter dem Platz einen Raum für technische Geräte unterbringen musste. Der heutige Platz steht daher auf einer Betonplatte. Aus diesem Grund gibt es auf dem Platz auch keine grösseren Bäume, sondern nur Topfpflanzen.
Ein Platz wie dieser hier bringt auch weitere Herausforderungen mit sich. So musste sichergestellt werden, dass das Gasthaus, die Auberge communale, die Gäste draussen bewirten und Stühle und Tische auf den Platz stellen konnte. Dies kann zu Problemen mit der Nachbarschaft führen, denn die Gäste des Restaurants verursachen Lärm. Dies ist unvermeidbar.
Viele denken, dass man nichts verändern darf, wenn ein Dorf im ISOS aufgeführt ist. Welcher Ansatz ist bei der Innenentwicklung eines solchen Ortes zu verfolgen?
Die Kritik an Ortszentren, die zu Museen erstarren, muss man ernst nehmen. Den Zentren muss neues Leben eingehaucht werden. Deshalb habe ich darauf beharrt, dass öffentliche Räume geschaffen werden, in denen sich die Menschen gerne aufhalten. Dies kann nur durch gezielte politische Massnahmen erreicht werden. Bei der Einweihung des Place de la Broderie habe ich denn auch grossen Wert darauf gelegt, dass sich die Gemeindebehörden weiterhin mit Engagement und Sorgfalt um die Entwicklung ihres Dorfzentrums kümmern; nur so wird dieses von der Bevölkerung langfristig in Beschlag genommen wird und lebendig gehalten.
Ideal war auch, dass wir eine Genossenschaft in das Projekt einbinden und dadurch erschwinglichen Wohnraum schaffen konnten. Für ein Dorf wie Prangins ist ein solcher Schritt bemerkenswert. Es dürfte nur wenige Beispiele von kleinen Gemeinden geben, die dies tun.
Welche Erkenntnisse konnten mit den Erfahrungen in Prangins gewonnen werden?
Sicher die Einsicht, dass die Planung und Realisierung von Vorhaben grundsätzlich zusammengehören. Wenn jedoch rasch gehandelt werden muss, können Gemeinden gewisse Massnahmen auch vorziehen, dies umso mehr als die Planungszeit relativ lang ist.
Daneben gibt es für mich drei entscheidende Elemente für eine erfolgreiche Entwicklung: eine Politik, die den Dorfkern und den öffentlichen Raum in den Vordergrund stellt, ein Mobilitätskonzept, das dieses Anliegen unterstützt, und ein sorgfältiger Umgang mit dem Ortsbild, das für Prangins besonders bedeutsam ist. Die nachhaltige Mobilität ist heute meiner Ansicht nach das grosse Thema und dies weit über die Dorfgrenzen hinaus.
Welchen Rat möchten Sie anderen Gemeinden geben?
Sehr wichtig ist der von Prangins vorbildlich umgesetzte Gedanke, eine sanfte, qualitative hochwertige Entwicklung auszulösen. Das heisst, die Struktur eines Ortes soll grundsätzlich nicht verändert werden. An strategisch wichtigen Orten sind lediglich punktuelle Eingriffe zur Verbesserung der Situation vorzunehmen, ohne die bestehende Struktur zu gefährden. Dies ist ein Ansatz, hinter dem ich vollumfänglich stehe. Den Gemeinden gebe ich daher gerne den folgenden Rat: Erfindet das Rad nicht neu, sondern setzt an zentralen Punkten an. Setzt gezielte Farbtupfer in euren Dörfern. Dies macht auch die Investitionen fassbarer. Eine solche Entwicklung setzt aber, wie ich schon erwähnt habe, eine strategische Planung mit gezielten, wirkungsvollen Massnahmen voraus. Mit einem solchen Vorgehen sieht man, wie etwas Form annimmt. Dies fasziniert mich als Architekt ungemein.