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Das Meyersche Konversationslexikon von 1897 kannte den Begriff noch. Die Idee dazu stammte aus der deutschen Kaiserzeit. Ein «Sitzredaktor» schreibt nicht, er sitzt. Und zwar im Gefängnis. Dafür wird er von seiner Zeitung sogar bezahlt; damit nämlich andere Redaktoren nicht sitzen müssen, sondern weiterschreiben können.
Die Zensur umgehen
Sinn und Zweck war also, die Zensur zu umgehen. Oder, wie es im Meyer zu lesen ist: «Sitzredakteure nennt man die für Pressvergehen gesetzlich verantwortlichen und bestraften Scheinredakteure (Strohmänner), welche mit der wirklichen Redaktion nichts zu tun haben. Ihre Vorschiebung bildet ein oft benutztes Mittel, den eigentlichen Thäter der Strafe zu entziehen und so das Gesetz zu umgehen.»
Das reichsdeutsche Pressegesetz von 1874, Link öffnet in einem neuen Fenster, mit dem die Zensurbehörde operierte, schrieb vor, dass in jedem Impressum ein verantwortlicher Redaktor genannt werden müsse, der im Falle einer Majestätsbeleidigung oder anderer regierungsfeindlicher Äusserungen vor Gericht zitiert werden konnte. Die Zeitungen schrieben hier nun aber nicht die Namen ihrer wirklich guten Leute hinein, sondern einen, auf den sie als Zeitung gut verzichten konnten. Einer also, der als «Sitzredaktor» die Strafe im Kittchen absitzen würde.
Decknamen und «Brumm-Redaktoren»
Dieses Phänomen gab es laut Honoré de Balzac durchaus auch in Frankreich und anderswo. Und um die Zensurbehörde zu umgehen, gab es noch andere Strategien: Der ständig zensurgefährdete Kurt Tucholsky versteckte sich selbst gerne hinter verschiedensten Deck-Namen. Den «Sitzredaktor» nannte Tucholsky übrigens auch gerne «Brumm-Redaktor», weil dem die Strafe eben aufgebrummt wurde. Wenn wir heute also den Begriff «Sitzredaktor» nicht mehr kennen, verdanken wir das der Pressefreiheit.