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Karl-Gustav Ruch spaziert am Flussufer des Lebens. Neugierig und sehr genau beobachtet er, wie es sich neben ihm bewegt, kräuselt, beschleunigt, überschlägt. Und er beschreibt, wer darin lebt: wer unter- oder auftaucht, was darin treibt und was die Wellen bricht. Ruch schreibt vom Alltag in Zürich und Barcelona, von den Menschen, die sich in breiten Strömen über die Rambla er-giessen, und vom Besonderen, dem Einzelnen in der Menge, den er heraushebt: von Curro zum Beispiel, dessen geringfügigster Defekt sein soll, dass er nicht existiert, der in einem unauffindbaren Vorort wohnt und der immer «in der Diagonale kommt» und damit den Strassenstrom stört – wie die Touristen, die ständig unvermittelt irgendwo stehen bleiben. Er schreibt von enttäuschten, aber nicht vergehenden Hoffnungen wie denen des Opernsängers, dessen Partituren von Verlagen unerhört bleiben, der aber in der Me-tro Barcelonas am Nachmittag zu Orpheus wird. Und vom Normalen handeln Ruchs Geschichten, von der Routine – wie dem täglichen Rumpeln des Spültrogs hinter der Wand –, das immer wieder durchbrochen wird vom Surrealen und Grotesken: aus einer überfahrenen Taube löst sich Traurigkeit und springt grundlos Leute an, ein Lehrer fährt mit dem Fahrrad über eine Landkarte und aus einem Furunkel wird ein Kopf mit eigenen Ansprüchen.
In 30 Geschichten beschreibt Karl-Gustav Ruch sprachgewaltig Realitäten und Absurditäten. Er bezwingt die Zeit, zeigt, wie viel(e) Geschichte(n) das Jetzt, ein Augenblick enthalten kann und aus wie vielen Literaturen jede Literatur doch Neues schafft: an Robert Walser fühlt man sich erinnert, wenn man von Letie liest, dem Zwerg, der sich dem Leben versagt, um ungestört Grosses zu denken; Kafka wirft seinen Schatten, der sich im berauschenden Sprachspiel dehnt und verschwimmt. Das Glück fliegt über den Walliseller Bahnhof, grüsst Borges, verwandelt sich in einen Satz von Tschechow und steht wie eine Libelle über dem Wasser für 1,5 Sekunden still – nicht länger als die Gegenwart.