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Eine Dichter-Seilschaft: Imhasly übersetzt Chappaz’ Werke ins Deutsche.
Maurice Chappaz, *1916
Pierre Imhasly, *1939
Die Berge ganz vorn auf den Lippen
Sein Gesang von der Haute Route, der grossen Skiroute von Zermatt nach Chamonix, hebt an mit einem Paukenschlag: «Die Alpen und die Literatur: zwei Monster! Fehlt das Mysterium des inneren Abenteuers, können Sturm und Chaos auch nicht ausgedrückt werden.»
Die Einführung zur lyrischen Erzählung, die Maurice Chapaz 1974 vollendet hat, liest sich als Kritik an einer Bergliteratur, die sich mit dem Beschreiben «äusserer Handlungen» begnügt. «Was sich im Bauch verbirgt, wurde nicht erforscht.» Für das Äussere aber seien die Führerwerke gut genug, «haben die eigentlich nicht alles gesagt?» «Erlebnisberichte von Bergfahrten hingegen, von dem unnützen Zeug gibt es zuviel.» Es wuchere geradezu von Autoren, die über Viertausender und Achttausender, Dolomiten, Calanques, Nordwände und Expeditionen undsoweiter berichteten. «Begeisterung und Ungenügen in all diesen Federn, die gegen den eigenen Strom kämpfen.» Das Urteil des Wallisers über die schreibende Bergsteigerelite der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die Bonatti, Rebuffat, Terray, Livanos und Lachenal ist hart. Er ist kein Bergsteiger dieser Klasse, keiner der «harten Männer des Schweizerischen Alpenclubs», er misst sich an Joseph Conrad oder Hermann Melville, den grossen Erzählern der Meere.
«Vom Absoluten der Schneewüste»
Doch dann entdeckt er das Meer vor der eigenen Haustür: Die weissen Gipfel! Sie verkörpern das schreckliche weisse Schweigen der Bücher seiner Jugend, das Alaska Jack Londons, den Hohen Norden. «Der Polarkreis begann auf der Höhe von 3000 Metern.» Er geht gegen 45, hat während des zweiten Weltkriegs auf dem Grossen St. Bernhard als Leutnant Aktivdienst geleistet, später zwei Jahre im Hochgebirge als Hilfsgeometer gearbeitet, auf der Baustelle von Grande Dixence, er hat ein Haus gebaut, mit der Dichterin S. Corinna Bille eine Familie gegründet, drei Kinder.
Er kauft sich Ski und macht sich auf, die Eismeere seiner Heimat zu durchwandern: Haute Route, das Hohe Lied der Walliser Berge. Mit klammen Fingern notiert er unterwegs seine Gedanken in ein kleines Heft, so wie Nietzsche im Engadin. Er singt. Er erzählt.
«Von Sturm und Verschwinden, von Hochpässen, vom Absoluten der Schneewüste, wenn man den Ausgangspunkt völlig vergessen hat, vom schwindelnden Ring der weissen Gipfel, von all den Taten des Menschen, der am Rande unserer übervölkerten Städte im Hohen Norden unterwegs ist.»
Nun will er der alpinen Literatur, diesem «unnützen Zeug», ein weiteres Werk hinzufügen. «Die Tatsache, dass ich so oft gescheitert bin und im reinen Alpinismus nichts zu bestellen habe, erlaubt mir, die Haute Route zu beschreiben.» Aber nicht die «unendliche Wiederholung des stossenden Atems, des Hechelns», sondern «das Geheimnis, das innere Drama, das uns die Eingeweide umdreht». Das gelingt ihm, jedenfalls ist die Literaturkritikerin und Inglin-Biografin Beatrice von Matt überzeugt: «Keiner der zeitgenössischen Schriftsteller hat das Gebirge in seiner Gewalt, Bedrohlichkeit und Pracht so nahe kennengelernt und geschildert wie Chappaz» .
«Der Berg als Verlängerung unseres Leibes»
Ich kenne die Haute Route, zumindest einen Teil der Skirouten und Gipfel zwischen Zermatt und Chamonix, zwischen Monte Rosa und Montblanc. Schwer bepackt, oft in Militäruniform, bin ich diese weissen Wege gegangen. «Haute Route» lesend tauche ich ein in einen unerhört wilden Strom von Bildern, von Assoziationen, von Gefühlen. Fliessende Gedanken während des Aufsteigens, Wandern, Abfahrens. Es reisst mich mit, es wirft mich in eigene Erinnerungen, in die «weisse Verfinsterung des Tages», ein Schneesturm zieht auf, «die Flocken versammeln sich; das sticht, denn sie kommen waagrecht, spucken dir ins Gesicht, werden zum Hang. Die Brillen beschlagen. Man muss die Augen aufmachen; das brennt, schmerzt, blutet.»
Diese Sätze lesend erinnere ich mich, wie wir von der Cabane de Chanrion aufbrechen ins Nichts, stundenlang irren, uns dann irgendwo eingraben in eine Wechte, Biwak aus Not und Notwendigkeit, verirrt im schwarzen Sturmtreiben, es ist eng, es tropft, man glaubt zu ersticken, zu erfrieren, und dann der Morgen, klar und eisig, die Welt. «Im Biwak erwachen ist wie eine Geburt.» Es ist wohl wahr: kaum einer hat das innere Erleben am winterlichen Berg so stark und dicht und eindringlich erzählt wie Chappaz: ein Gesang ist das, ein Chor mit hundert Stimmen, vom Flüstern bis zum Schreien, Dissonanzen, Klänge und Rhythmen jagen sich. Beim Lesen fährt mir ein Schauer von Kälte über die verschwitzte Haut und mein Atem geht schneller.
Gelegentlich frage ich mich, ob sich jemand, der «das blaue Land» selber nicht durchwandert hat, in diesem poetischen Wildwasser zurechfindet, nicht strandet, nicht an einer Klippe hängen bleibt. Ob jemand, der dieses «weisse Opium» nicht gekostet hat, bei dem dieser Gesang kein eigenes Erleben anklingen lässt, Chappaz’ Weg aus den Tälern in die Höhe und wieder zurück nachvollziehen kann. Ich weiss es nicht. Während des Lesens lösen sich innere Bilder verschwommen aus der Erinnerung, schärfen sich, ich sehe uns vor der Cabane de Dix antreten, dann im Zickzack die Gletscherbrüche zum Montblanc de Cheilon hinaufsteigen, einer hinter dem andern, «kleine heilige Paulusse auf Fellen», die Ski einstecken in einer Scharte, dann über den flachen Grat zum Gipfel klettern, hinaus auf den Bug eines riesigen Schiffes an einem strahlenden Tag, frischer Pulverschnee. Tief unten der Stausee, Lac des Dix, das Werk, an dem Chappaz mitgebaut hat. Rechts von uns die Pigne d’Arolla, die wir Tage zuvor bestiegen haben, dahinter Dent Blanche, Dent d’Herens, Matterhorn. Beim Skidepot schnallen wir die weissen Militärlatten mit Kandahar-Bindung an, «kleine Schiffsbretter», dann schwingen wir hinab, wider jedes Dienstreglement unangeseilt wedelnd zwischen den Spalten und Schründen.
«Die Skier mähen eine Krete, die Schneematte lüftet ihren Schleier. Ein langgezogenes Knirschen: schhh, schhh…! Auf meinem Nacken richtet sich das Couloir wieder auf. Zwei riesige Gletscherflügel bekomme ich, von meinen Schultern schwingen sie in den Himmel. Der Gipfel, das stampfende Schiff! Dann das Plateau, die Brücke auf dem Oberdeck; wir schiffen uns ein. Längs des Grates hänge ich über weiteren Felsdächern. Siebtes, sechstes, fünftes Dach! Noch eine Eisrinne … Der Berg als Verlängerung unseres Leibes – und er wiegt uns auf seinen Knien. Schneestrände, darüber noch einmal: der blaue Halbmond Himmel. Er schwankt mit mir. Mächtig fühle ich das blaue Stossen.»
Ich erkenne mich wieder und wieder in dieser Orgie der Abfahrt zwischen Fels und Gletscherschründen.
«Wir fahren, wie man jauchzt. Wir jodeln zu einem abschliessenden Tanz der Huldigung. Wilde, die wedeln, bücken, schwingen, die sie verlassen, wieder aufnehmen und ihre Diener machen vor der Wand.
Schreckliche weisse Ikone.
Die Samenkörnchen namens Skifahrer wirbeln vor der Figur des Cheilon.»
Tatsächlich! Es ist der Montblanc de Cheilon, den Maurice meint, und es ist, als wäre er dabei gewesen, unser Zugführer, Leutnant Chappaz.
«Auf die hohe See, Alpinisten!»
Schon am Gymnasium von St. Maurice entdeckte Chappaz die Literatur und, nach einem abgebrochenen Jurastudium in Lausanne und dem Aktivdienst, seine Bestimmung. «Für mich war das Schreiben damals ein verlockendes Abenteuer.» Es kam zu Konflikten mit der Familie, vor allem seinem strengen Vater, einem Juristen und Politiker. Doch Charles Ferdinand Ramuz, der grosse alte Walliser Dichter, ermutigte ihn. In seinem assoziativen Sprachfluss meine ich auch den Einfluss der Surrealisten zu erkennen, André Bretons automatisches Schreiben. Den intuitiven, impulsiven Fluss der inneren Bilder, bei dem zu Sprache wird «was sich im Bauch verbirgt», muss er jedoch immer wieder überarbeitet haben, bis jedes Wort sass, mit äusserster Präzision. Bis das Hohe Lied klingt.
«Der Rhythmus als der Melodie mindestens gleichwertiges Element – Rhythmus als Struktur. Die Gewalttätigkeit von ineinander verschobenen Bildern, die, sich jagend, beissen. Der Reichtum, der Fluss, der Überfluss, das Quellen und Quirlen, das Preziose, alles, was man dem Barock nachsagt.» Das schreibt sein Übersetzer Pierre Imhasly, ein Nachdichter und Neudichter, «der dieses Werk von neuem geschaffen hat.» So lobt der Meister seinen Schüler. Chappaz und Imhasly überwinden als Dichter-Seilschaft die Sprachkluft. Ich lese Deutsch, auch in der Übertragung könne man Chappaz ohne Verlust geniessen, beteuert Beatrice von Matt.
Unvermittelt tauchen in diesem mitreissenden Strom von Sprache, von Klängen, Düften, Bilden, Assoziationen und Metaphern kurze Sätze auf, die präzisen Rhythmusschläge der ganz einfachen konkreten Dinge und Handlungen: «Ich schnalle meinen Rucksack.» «Die Skis wechseln die Schulter, schaukeln durch die Landschaft.» «Sogleich ziehe ich die Ski an.» «Die Felle auf- und abziehn.» «Vor dem Hinaufklettern erbrechen.» «Ein Pickel kratzt einen Fels.» «Weisser Schmetterling, pendelnd über dem Gipfel.» «Wir halten, schauen uns um, pissen.» «Wir legen die Bretter ab, glätten die Felle.» «Die durchhängenden Bretter der Skis lehnen an der Hauswand.» «Drinnen steigt man in die Hüttenfinken.» «Am Ofen trocknen die Schuhe.» Man könnte diese Sätze herausschälen, zu einer dichten Partitur, einem Gedicht fügen. Die Erzählung entwickelt sich mehrstimmig, die Bewegung am Berg schlägt den Takt. Wie die Wellen des Meeres gegen das Ufer.
«Auf die hohe See, Alpinisten!», ruft uns Chapaz zu. Der Berg ist das Meer in seiner archetypische Metaphorik. Schon das Dorf, aus dem er aufbricht – Zermatt oder Arolla, wo man «Nahrung, Skiwachs und Gebete kauft» – sieht er als Schnee-Hafen, die sonnenverbrannten Walliser Holzhäuser bilden eine Flotte hölzerner Schiffe, es sind Archen. Zum Packeis bricht man auf, zur Hütte, der Bergsteiger-Arche, mit ihren Bullaugen hinter denen der Hüttenwart als Schiffskoch amtet. Und dann wandert er über den blauen Schnee «als ginge ich über das Meer». Der Mann an der Spitze der Seilschaft erkundet die Route «wie der Mann im Mastkorb». Bedächtig schreitet der Führer mit der Pfeife im Mund «wie das Horn eines Narwals» – ein Moby Dick der Alpen. «Wallis, du hast keinen Ozean?», fragt Chappaz. «Haute Route» ist die Antwort.
«Berge sind, so darf man schliessen, noch immer – wie das Meer, wie die Stadt – ein archetypischer Teil der Welt», schreibt Beatrice von Matt.
«Der Himmel, den es nicht gibt, blaut.»
Chappaz ist geprägt von katholischer Erziehung und Kultur. Sein Aufbruch ins Gebirge sei zusammengefallen mit einer Krise seines Glaubens, schreibt er im Nachwort zu seinem «Journal des 4000», einem Tagebuch über zwei Tourenwochen im Monte-Rosa-Gebiet im Frühling 1961, das noch nicht in Deutsche übersetzt ist. Der Text wirkt schlichter und dichter als «Haute Route». Wie ein Prophet bricht er auf in die weissen Wüsten, der Berg wird ihm Prüfung und Läuterung.
«Und dieser Sport fiel zusammen mit einer religiösen Krise, von der ich nur soviel sagen werde: Meine Metamorphose, der Übergang zu einem mystischen Leben erscheint mir unmöglich, es sei denn im Augenblick des Todes. Ich müsste sechzehnjährig wiederkommen, mit einem zweiten Leben … Bis dahin kann ich mir nur den Abschnitt über die Heilung aus dem Evangelium merken. Und das ist alles.
Und die Berge, auch sie bleiben mir ganz vorne auf den Lippen.»
Die Frage des Todes beschäftigt ihn. In der Hütte liest er in einem Buch über den spanischen Heiligen und Mystiker Johannes vom Kreuz. Er betet. Und eines Morgens, es ist der 11. April 1961, im Aufstieg von der Britanniahütte zum Strahlhorn, am Fuss des Rimpfischhorns, keimt eine Idee zu einem Gedicht in ihm: «La Haute Route, jene der Alpen und zu gleicher Zeit die Bilder eines Leidenden, eines Kranken, der spirituell genesen möchte. Ich lege die beiden Aufstiege nebeneinander, die beiden Realitäten, die eine über die andere.»
Vielleicht ist das die Geburtsstunde des Gesangs von der Haute Route, in dem sich sein Ringen um den Glauben in starken Bildern widerspiegelt: Die Skifahrer am Hüttentisch erscheinen ihm wie die Jünger Jesus beim Abendmahl. «Aus weissen Schalen trinken die Gläubigen an langen Tischen Tee.»
Nachts, wenn der Orkan an der Hütte zerrt und er keinen Schlaf findet, will ihm scheinen: «Die Balken ziehen sich in die Länge, wie die Arme der Kreuze oder die Sehnen der genagelten Christusse.» Und im Nebel auf einem Gletscher, wo einer hinter dem andern geht, sieht er eine «Alpinistenprozession». Der Aufstieg als Gottesdienst: «Das gespannte Seil ist ein regelrechtes Gebet.» Einen Priester braucht es nicht in dieser Welt zwischen Himmel und Erde: «Unsere Propheten sind Kompass und Höhenmeter.» Man macht Pause, zündet Zigaretten und Pfeifen an, denn selbst «rauchen ist beten.»
Wo andere Glaubenssucher sich auf Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela begeben, Erbsen in den Schuhen, schnallt Chappaz die Ski an, zieht die Felle auf, denn «Die Bergfahrt ist der Abdruck Christi auf dem Linnen oder der Haut Veronikas.» «Wir sind kleine Heilige Paulusse auf Fellen, sind in der Haut dessen, der in den Evangelien Länge, Breite und Tiefe des Mysteriums ausruft.»
Am Ende, nach der letzten Talfahrt, schaut er zurück, hebt er seine Augen auf zu den Bergen wie der Psalmist und stellt fest: «Der Himmel, den es nicht gibt, blaut.»
Zweifel an sich selbst und an Gott und die Angst vor dem Morgen verfolgen ihn nachts im dumpfen Massenlager der Monte-Rosa-Hütte. Das Wetter ist unsicher, Schnee fällt. «Mein kleines Zögern: der Monte Rosa. Mein grosses Zögern, meine Schwierigkeit zu wählen, das eine oder andere klar zurückzuweisen: Die Welt oder Gott.»
Unter dem Lyskamm gerät seine Partie in einen Schneesturm, muss umkehren. In der Hütte bewundert er einen deutschen Alleingänger, 17-jährig, der naiv und ohne Furcht auf der Spur der Führerpartien den Berg versucht. «Er trifft alle seine Entscheide allein.» «Werde auch ich meinen wahren Weg finden?»
Bergsteigen ist für Chappaz Gebet und Meditation. Er will wiederkehren, das nächste Mal direkt hinauf zur Capanna Regina Margherita auf 4500 Metern, dort die Nacht verbringen. «Die Ankunft und das Verschwinden der Sterne betrachten, das Unendliche schauen und mit Gott sprechen.»
Das erinnert an Hans Morgenthaler, der im Aufsatz «Moderne Gedanken zum Bergsport» schrieb: «Bergsteigen ist ein Kult, eine Art Religion. Der richtige Bergsteiger geht in die Berge, wie der Katholik in die Messe, wie der Seefahrer aufs Meer.»
«Jene weiblichen Übergänge in der Gipfelecke»
Erotik, verdrängt durch die Anstrengung der Bergtour, sublimiert oder durch die hautnahe Sinnlichkeit der Natur erst recht geweckt. Chappaz, der erforschen will, «was sich im Bauch verbirgt», schreckt vor drastischen Bildern nicht zurück. Im Aufstieg durch Alpenrosen und feuchtes Erlengestrüpp im Saft und im Duft des Frühlings, inmitten dieses «Orgasmus der Erde», denkt er an Mönche, die sich ihn ihren Zellen geisseln.
«Häher – und vielleicht denken sie wie ich an Frauen oder haben Dämonen im Blut. Die Mönche peitschen die Urhure heraus, die wir alle unter der Haut tragen. Jeden Frühling spüren sie die. Disziplin denn! Und sie lassen den Saft schiessen. Im Gehen steige ich in mir selber ab, schnuppere an diesen schmalen Erlenriemen, aufgeschlitzten, entjungferten Zweigen. Vorstellungen von Fuhrmannspeitschen und von Frauen, die sich berühren, von Frauen, die bluten vor Lust.»
Mönche, Matrosen, Bergsteiger: Eine frauenlose Männerwelt, die fantasiert, sich kasteit, sich quält, in den Naturerscheinungen immer wieder die Frau sieht, zu der es sie zieht, genauso wie zu den Gipfeln. «Er ist von einer Jungfrau aufgebrochen, dieser Berggänger, von einem Pass, von einem Felsenbuckel.» Auch der Skifahrer Hermann Hesse sah in den verschneiten Formen der Landschaft Frauenkörper, glaubte sie in der Abfahrt zu spüren wie ein Liebender, der sie streichelt. Chappaz bezeichnet die Passübergänge als «Marien der Moränen, jene weiblichen Übergänge in der Gipfelecke», eine in einer Falte verborgene Gletscherspalte wird zum Anus, Felsen zu Fotzen.
Kein Autor von Bergliteratur hat das von Klischees belastete Thema Berg und Frau so schamlos neu und unbeschwert angepackt wie Chappaz.
«Was meinen die Führer? – Ich lege die Frau zur Seite, wenn die Saison beginnt. – Ich mache es zweimal mehr. Seltsame Hitze in dieser Schufterei: Adams Furor schlägt durch und kann zwei Wege nehmen, die ich kenne. Der eine führt auf die Wiese zu den Mädchen, der andere zu den Gedichten.»
Am Ende der Haute Route, nach den enthaltsamen Tagen in der weissen Wüste, stellt er fest: «Wir sind, das weiss ich, ohne sexuelles Bedürfnis, aber hoho! mit intaktem Lustvermögen.»
(…)
«Dem Berg gehört mein Herz»
Chappaz hatte am Fortschritt mitgebaut, am Umbau des Wallis vom Agrar- zum Industrietal, den er später so unerbittlich geisselt. In einer Schaffenskrise und aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, um seine Familie zu ernähren, verdingte er sich als Hilfsgeometer auf die Baustelle des Kraftwerks Grand Dixence.
«Wie ich in die Grand Dixenxe eintrat und auf den hölzernen Masten hockte, vor den Werksanlagen am Fuss der Berge, war ich ein Dichter, der seine Rechnung mit der Vergangenheit machte. Ich hatte Angst, verrückt zu werden.»
Ein Arzt hatte ihm eine Therapie empfohlen, er wählte die Arbeit am Berg. Zwei Jahre lang trug er Theodoliten und Messlatten, meist in den Stollen unter Tag, die das Wasser in den Tälern sammelten um in den See zu leiten. Sein «Gesang von der Grande Dixence» ist ein starkes Stück poetischer Literatur der Arbeitswelt. Eine Hommage an die Mineure, an die hart arbeitenden Menschen. Der Faszination der wachsenen Betonmauer, mit 285 Metern die höchste Schwergewichtsmauer der Welt, kann er sich nicht entziehen. Ein gewaltiger Berg, den ein Heer von Menschen erschafft, einem weissen Sandstrand gleich.
«Eine Mauer erreicht Gipfelhöhe.
Wenn man heraufsteigt, kommt man aus einem Felsentunnel heraus – und plötzlich ist dieser weisse Strand da, der vor dir flieht und sich, kleiner und kleiner, voll in den Himmel verzieht.
Ungeheuer ist er, riesig. von den Obstgärten der Ebene aus habe ich ihn mit dem Feldstecher beäugt, ich sah ihn von den Berggipfeln herab. Seinem Seeufer entlanggehend, drehte ich mich um. Welch stämmige Einfachheit, und erst die Spannweite dieser Betonschultern, quer ins Tal gelegt! Gegenüber hatte ich den Mont-Blanc de Cheilon, glänzend weisse Wand, sanft wie die Blume, schroff und schrecklich auch. Dem Berg gehört mein Herz, doch überlegte ich: Der andere Koloss ist geraffter, ist mächtiger. Weniger Höhe hat er, gewiss, doch mit dem, was man aus ihm ziehen kann, wird er die höchsten Gipfel bezwingen.»
Chappaz wird kein Arbeiter, er kehrt zurück an den Schreibtisch, gestärkt und geläutert. «Ich nahm sie wieder auf, meine Feder, unter den Werkzeugen das schwächste und das mächtigtste.»
Ich erinnere mich an den Abstieg von der Cabane de Dix ins Tal nach der Tour auf den Mont Blanc de Cheillon. Schneetreiben, tiefer unten Regen. Wir marschieren dem Stausee entlang, schwere Säcke, die Ski aufgeschnallt. Nach zehn Tagen im Hochgebirge sind wir hart geworden. Irgendwo warten Lastwagen, aufsitzen! Zu Befehl, Leutnant Chappaz! Nein, damals habe ich ihn noch nicht gekannt. Schade, ich hätte seine Berge mit andern Augen betrachtet, mit andern Händen betastet. Vielleicht war er jener ältere Herr, der am Weg stand, die Strickmütze tief im Gesicht, und uns nachschaute:
«Was jedoch bei den Leuten zählt, sind die Augen. Wie klar sie doch nach den Bergtouren sind! So durchsichtig wie heisses Wasser oder Eis; die Iris verblasst: das Unendliche der Erde oder des Himmels tritt in sie ein. Man liest in ihnen die Entfernungen.»
Es war in jenem, Jahr, in dem ich mich selber entschlossen hatte, das Schreiben zu versuchen, auch ich verheiratetet, Familienvater. Heute, nach 50 Jahren wandern, klettern, skifahren und schreiben, denke ich wie Maurice Chappaz: «Vorgegeben war mir, durch die Berge zu ziehn, die meine Weltdeutung wurden.»
«Matterhorn Westwand, dein Stier»
Pierre Imhasly schreibt mir aus Frankreich, wo er seit Jahren wohnt. «Wie Du bin ich schwer der Meinung, Chappaz’ Haute Route sei eines der grossen Bergbücher überhaupt …» Er selber schaue die Berge von unten an, lange und eigentlich immer. Wir hatten uns vor Jahren in Klagenfurt kennengelernt, anlässlich der Ingeborg-Bachmann-Preislesungen, hatten zusammen vor einer Schulklasse Texte vorgelesen, er erinnerte sich noch. Legte mir ein Buch bei: «Maithuna\Matterhorn» . Als Untertitel «Liebesakt transzendieren» und «Berg der Welt», unterstrichen durch die Symbolik: ein aufwärtsragendes Dreieck das Horn, ein umgekehrtes der Venusberg der Frau. Imhasly sieht «im Auge des Bergsees nach innen gekehrt»: «Das Geschlecht der Frau ist ein Matterhorn, und es fliesst.»
Ein Buch, wortgewaltig und assoziativ wie die Texte seines Meisters Chappaz’, ein kultureller Rundumschlag, eine Tour d’ Horizon durch die Menschheitsgeschichte von den Göttern der Antike, Bodhisattva und Buddha bis Saddam Hussein und Abu Ghraib. Und auch hier scheint das Meer auf als Metapher. Nicht immer gelingte es mir, seiner Route durch die Kulturgeschichte zu folgen. Ich erinnere mich, wie ihn Marcel Reich-Ranicky in Klagenfurt kritisierte. Pierre nahm es schwer. Doch das Wallis, sein Heimatkanton, hat ihn kurz darauf geehrt: Staatspreis 1983.
In Um- und Abwegen kreist seine «poésie en prose», wie er das nennt, unablässig um das Matterhorn. Das kann auch mal das Horn eines Stiers im Kampf sein, der Bergsteiger ein Matador.
Nacht Sturm Berg und ein Ozean, der Stier.
Der Mensch ist keines von den Elementen.
Wir sind die Dreingabe, vergiss nicht. Dreingabe Todes-Angst.
«Chi sei?» frag ihn doch. «Bailador! » Du bist richtig.
Matterhorn Westwand, dein Stier. Wie man den Schmetterling fängt,
als müsstest du Licht pflücken oder du hättest die Antwort,
zu der tausend Fragen nicht führen.
Die Westwand hat nicht den Nimbus der Nordwand, doch eine bewegte Geschichte, in der sich Imhalsy auskennt. Er zeigt sie im Bild, mit versuchten und vollendeten Routen. Eugen Guido Lammer stürzte beinahe zu Tode, der Wiener Fritz Herrmann bezwang sie 1929 in einem desperaten Alleingang. Amilcare Cétier aus dem Aostatal steigt 1931 nach einem traumatischen Biwak mit seinem Gefährten in langer Querung auf den Liongrat aus. Er ist Imhaslys Favorit, ihn spricht er immer wieder direkt an im Text.
«Amilcare, mir ein Freund geworden, Amilcare roch, wie soll ich sagen, irgendwie nach Südwand roch er, aber geschwärzt, nach durissima fatica, nach durchkreuztem Diagramm. Er roch nach Tod!»
Im Juli 1933 stürzte Amilcare vom Liongrat in den Tod.
Die Seilschaft Renato Daguin und und Giovanni Ottin, Führer aus dem Valtournanche, klettern schliesslich 1962 die Direttissima der Westwand. Meisterhaft erzählt Imhasly, wie Giovanni die Schlüsselstelle klettert, «als Führer geschnitzt, zum Künstler geboren».
«Überaus steil, selbstredend, die Gelbe Platte, grifflos, glatt, nackt. Wie er sie streichelt, wie mit der Achtsamkeit des Spurenlesers er sie wo wie massiert, wie er sie in Vibration bringt, wie er sie nimmt statt vergewaltigt.
Sieh ihm nur zu, und du bekommst ein Stück Artistik intus. Eine Beinarbeit wie von Hand. Strümpfe, Socken, die schweren Schuhe versperren den Einblick ins Subtile: mit der Sohle, aus dem Rist, der Ferse, über die Zehen dieser andere Fingerdruck. So lass uns allein auf seine Hände schauen!
Giovanni Otin holt Atem. Sieben, acht Meter Seil liegen noch zurück, hat Renato gerufen. Giovanni atmet tief und spitz, alles aus, aus, aus.
Kein Drauflegen, mit der minimalsten Adhäsion kriecht er, leichter und leichter, unkörperlich fast, die halbe Höhe hinauf, Zentimeter um Zentimenter, nichts kratzt, rutscht, reibt, quetscht, der Schwerpunkt seiner Erdenschwere da draussen in der Leere, irgendwo. Die er nicht mehr pariert, in die er eingeht. Piano pianissimo wie nur ein Virtuose, über alle Tasten gleitend holt er auf seinen Daumenbeeren aus dem Stein das ganze yin zurück in seine Lunge, die verhält: umgedreht hat er den Vitalfluss.»
Selten so hautnah empfunden, nachempfunden, eingefühlt geschildert finde ich dieses Gefühl des «Flows» beim Klettern einer sehr schweren Stelle, wenn alles versinkt rundum, wenn man fliegt, tanzt und nicht stürzen darf, man spürt es intuitiv, doch der Abgrund ist verschwunden, keine Angst mehr, nichts. Ob man noch lebt oder sich schon schwerelos in einer andern Welt bewegt, egal. Klettern ein Rausch, ein Liebesakt.
Und dann: «Ein Felsband, ein echtes, drin etwas wie ein echter Riss, was etwas wie einen richtigen Griff macht, was alles erlaubt, ein Hüpfen ist’s, ein richtiges, Giovanni springt ihn an, diesen Riss wie Gottes Auge, die ganze Hand geht, als ginge der ganze Mensch hinein: und dieser Schlussstein hält!»
Pierre Imhasly kennt nicht nur die Geschichte des Matterhorns und die Schicksale der Pioniere und Protagonisten, er kennt das Horn offensichtlich auch von einer eigenen Besteigung mit einem Bergführer namens Rafael. Auch dieses Erlebnis erzählt er und überzeugt durch seine sinnliche Dichte, seine Sprachkraft. Ein starkes Stück, schon der Aufbruch in der Hütte, der mich fatal an meinen eigenen Aufbruch erinnert, 1964. «Die Eile macht Sinn. Steinschlag! Durch die Ostflanke, vom Grat auch kommt Geröll herunter. Ausgelöst oft von unsauberen Partien über dir, sorglose Ignoranten.»
Wir kamen nicht weit, schrieb ich Pierre, eine halbe Stunde nach Aufbruch erschlug ein Felsblock einige Meter unter mir den Bergführer Ansem Biffiger aus Zermatt, er riss seine Verlobte in die Tiefe, sie lagen auf dem Gletscher, drei Woche später war die Hochzeit geplant.
Matterhorn, schwarzer Berg in meiner Erinnerung. «Endlos-Gefängnis» , «Lotrechte Wüste aus Permafrost.» Pierre Imhasly aber erreicht den Gipfel, die Spitze seines Horns, den Berg der Welt.
Das Dach: steiles Firnfeld, zickzack gehen. Wenn du kippst, wird nichts dich halten. Halbe Stunde. Auf Füsse und Eisen achten.
Er hat hundert, auf etwa zwanzig Metern ist der Gipfelgrat sehr schmal. 4477.5 m. Gipfelkreuz.
Foto. Gratulieren. Danke! Abraccio. Andacht.
Vorschau aus dem Buch: Emil Zopfi: Dichter am Berg. Alpine Literatur aus der Schweiz. Erscheint im Herbst 2009 im AS Verlag, Zürich