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Der Konkurs der Sportvermarktungsfirma ISL vor acht Jahren war eine der grössten Schweizer Firmenpleiten. Der darauf folgende Gerichtsprozess brachte ein gigantisches Schmiergeldsystem ans Licht. Jetzt ist bekannt: Der Prozess geht in eine zweite Runde.
«Eigentlich ist die Fifa die korrekte Anwendung der marxistischen Lehre. Jene, die mehr besitzen, sollen mit denjenigen, die weniger haben, teilen.»
Joseph S. Blatter, Fifa-Präsident
Vor ein paar Tagen konnte er wieder lachen. Als Joseph Blatter anlässlich der Wahl zum Weltfussballer des Jahres über den roten Teppich vor dem Zürcher Opernhaus schritt und ihn ein Fernsehteam zum Kurzinterview bat, sagte er: «Heute haben wir in Zürich zum ersten Mal wieder Sonne gehabt.» Blatter strahlte, als sei er die Sonne persönlich.
Im vergangenen März sah man einen ganz anderen Blatter: finster, verärgert, beleidigt. An einer Pressekonferenz des Weltfussballverbands Fifa tönte die Frage über die Lautsprecher: «Herr Blatter, haben Sie heute im Exekutivkomitee über die ISL-Sache geredet?» Der Fifa-Präsident erkannte die Stimme sofort. Sie gehörte dem hartnäckigen deutschen Journalisten Jens Weinreich.
Blatter blickte auf, sah den Fragesteller kurz an, begann am Übersetzungsgerät zu fummeln und grübelte sich die Kopfhörer aus den Ohren. Er hatte verstanden. Weinreich sprach von einer der grössten Firmenpleiten der Schweiz, dem Konkurs der Sportmarketingfirma ISL mit Sitz in Zug, einer Tochterfirma der Dachholding ISMM. Sie war jahrzehntelang führend in der Vermarktung von Sportanlässen gewesen - und hatte vor allem mit der Fifa enge Beziehungen gehabt.
Blatters Augen schweiften unruhig über den Tisch, als suchte er verzweifelt nach einem Knopf, der ihn unsichtbar werden liesse. Dann schaute er demonstrativ in eine andere Richtung. «Ich habe die Kollegen im Exekutivkomitee kurz darüber informiert, was diese Woche in Zug passiert ist.» Er rutschte auf dem Sessel hin und her, knetete die Finger und sagte: «Und wir haben heute bestätigt, was auch der Gerichtspräsident gesagt hat: dass weder Mitglieder der Fifa noch Mitglieder der Fifa-Teams, also Personal, als Angeklagte da sind.» Eine Anschlussfrage blockte Blatter ab: «Das Thema ISL ist in Zug, wir sind hier in Zürich.»
Staatsanwalt in Berufung
In Zug standen zu jenem Zeitpunkt, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, sechs ehemalige ISL/ISMM-Exekutivmitglieder vor Gericht - unter anderem wegen Betrugs, Veruntreuung, Erschleichung falscher Beurkundung und Gläubigerschädigung durch Vermögensminderung. Die Zuger Firma ISL ist 2001 Konkurs gegangen, nachdem die Refinanzierung über die Börse geplatzt war (vgl. Kasten unten). Der Prozess brachte zudem - und das war nicht minder wichtig - ein gigantisches Schmiergeldsystem ans Licht und bestätigte gerichtlich, was einige kritische Journalisten (allen voran der Brite Andrew Jennings) jahrelang geschrieben hatten: Korruption war bei der Vergabe von Vermarktungsrechten im Sport weit verbreitet. Die Verstrickungen reichten bis in die höchsten Etagen zahlreicher Sportverbände, auch der Fifa. Doch Korruption war damals nicht strafbar.
Im Juli 2008 folgte das erstinstanzliche Urteil: Drei Angeklagte wurden von Konkursdelikten freigesprochen, die drei anderen zu milden Geldstrafen verurteilt. Jetzt haben die drei Verurteilten Berufung eingelegt, und - wie die WOZ erfahren hat - auch die Zuger Staatsanwaltschaft geht in Anschlussberufung wegen untergeordneter Delikte. Werden sich in der zweiten Runde auch Fifa-Funktionäre verantworten müssen? Der Zuger Staatsanwalt Marc von Dach verneint: «Durch die Anschlussberufungen haben sich keine weiteren Personen ausser den drei erstinstanzlich Verurteilten vor Gericht zu verantworten.» Dennoch hängt der ISL-Prozess weiterhin wie eine dunkle Wolke über der Fifa.
Die Bumerang-Klage
Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass der Prozess ausgerechnet von der Fifa ausgelöst worden war. Der Weltfussballverband hatte nach dem Konkurs der ISL im Jahr 2001 die Sportvermarktungsfirma angezeigt und warf ihr vor, rund fünfzig Millionen US-Dollar, die ihm zugestanden hätten, nicht weitergeleitet zu haben.
Später dann, im Jahr 2004, gab die Fifa eine Desinteresseerklärung ab. Warum klagte sie zuerst und wollte dann nichts mehr davon wissen? Die Fifa schweigt. Fest steht: Die Fifa hatte etwas ausgelöst, das sie nicht kontrollieren konnte. Im November 2005 kam der Bumerang mit voller Wucht zurück: Die Fifa geriet selber ins Visier der Strafverfolgungsbehörde. Thomas Hildbrand, der ausserordentliche Untersuchungsrichter des Kantons Zug, hatte die Ermittlungen fortgeführt und platzte mit einer Handvoll PolizistInnen zur Hausdurchsuchung in die Büros der Fifa auf dem Sonnenberg und beschlagnahmte zahlreiche Kisten mit Akten, Notizen, Belegen.
Dann, 2008, standen sechs Angeklagte der ISL in Zug vor Gericht. Doch Aufmerksamkeit sollten bald ganz andere Personen erhalten. Über ein ausgeklügeltes System mit Stiftungen und Briefkastenfirmen in Liechtenstein und auf den British Virgin Islands hatte die ISL allein in den letzten zwei Betriebsjahren rund zwanzig Millionen Franken Schmiergelder - direkt oder indirekt - an verschiedene Potentaten der Sportwelt gezahlt. Die als sogenannte Rechteerwerbskosten verbuchten Schmiergelder dienten der ISL als Garantie, sich jahrelang die weltweite Vorherrschaft in der Vermarktung von Sportanlässen zu sichern. Ein Angeklagter sagte während des Prozesses: «So war das Geschäft. Wenn wir nicht gezahlt hätten, hätten wir unsere Firma zumachen können.»
Der Mann mit dem Koffer
Der Direktor in diesem Schmiergeldzirkus war ein Mann namens Jean-Marie Weber, zuletzt Vizepräsident des Verwaltungsrats der Dachholding ISMM. Der hagere Franzose mit silbergrauen Haaren, ein langjähriger Freund Joseph Blatters, war im ISL-Prozess einer der Hauptangeklagten. Während Jahren war der Mann mit Koffern und geheimen Listen für die ISL unterwegs, trug grosse Geldsummen durch die Welt, manchmal bis zu einer halben Million, und verteilte sie an korrupte Sportfunktionäre. Immer bar, immer ohne Quittung.
Die EmpfängerInnen der ISL-Schmiergelder waren unter anderem hohe Fifa-FunktionärInnen. Konkret gingen zum Beispiel 211 625 Franken an Nicolás Leoz, einen paraguayischen Staatsangehörigen, Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees und Präsident der südamerikanischen Fussball-Konföderation Conmebol. Weiter flossen rund 2,5 Millionen Franken an eine Firma namens Renford Investments. Dahinter verbergen sich Ricardo Teixeira, brasilianischer Fussballverbandspräsident und ebenfalls Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, sowie dessen Schwiegervater und ehemaliger Fifa-Präsident João Havelange. So steht es in den Gerichtsakten.
Nach wenigen Prozesstagen war klar: Zwischen 1989 und 2001 waren insgesamt 138 Millionen Franken für sogenannte Rechteerwerbskosten aufgebracht worden - laut Transparency International Schweiz der wohl grösste Korruptionsfall der Schweizer Geschichte.
Warum aber wurden die SchmiergeldempfängerInnen nicht belangt? Die Bestechung von Privatpersonen (als solche gelten die Funktionäre der Fifa, die nach Schweizer Recht ein Verein ist) war im fraglichen Zeitraum nicht strafbar. Erst seit 2006 ist der Tatbestand im Gesetz für unlauteren Wettbewerb verankert. So sind die während des Prozesses beschuldigten Fifa-Funktionäre rechtlich nicht belangbar. Klagen könnten in einem solchen Fall nur die beteiligten Personen, also die aktiv bestechenden oder die bestochenen, oder Dritte, denen ein Nachteil entstanden ist. Und genau deshalb war Korruption ein perfektes System: Beide Seiten profitieren, niemand klagt.
Der Deal des Konkursverwalters
Inwieweit war auch der oberste Fifa-Funktionär Joseph Blatter involviert? In Zug erklärte ein Rechtsanwalt der Angeklagten, Blatter habe die ISL Ende der neunziger Jahre dazu aufgefordert, den Geldkofferträger Jean-Marie Weber im Amt zu belassen, sonst «sei es um die ISL schlecht bestellt». Weshalb hat das Joseph Blatter getan? Die Fifa verweigert bis heute jede Stellungnahme.
Jean-Marie Weber besässe den Schlüssel, um die Tür ins Dunkel zu öffnen. Aber der Schmiergeldbote schweigt. Mehr noch: Nach dem Konkurs schloss Weber einen Vergleich mit dem Konkursverwalter ab - einen so genannten «Korruptionsverdunkelungsvertrag», der Zivilklagen verhindern soll. Der renommierte Anwalt Peter Nobel (der übrigens auch persönlicher Anwalt von Fifa-Präsident Joseph Blatter ist) wirkte bei der Aushandlung des Vergleichs mit und zahlte anschliessend in Webers Auftrag 2,5 Millionen Franken in die Konkursmasse der ISL - dies, obwohl Weber nach eigenen Angaben kein Vermögen besitzt. Wer zahlte also? Etwa die Fifa? Eine Untersuchung in diesem Zusammenhang ist im Gang. Im Gegenzug zu dieser Zahlung verzichtete der Konkursverwalter darauf, Geld von Personen einzufordern, die «direkt oder indirekt mit dem Fussballgeschäft verbunden sind» - die Fifa-Funktionäre sind fein raus.
Der Vergleich ärgerte die GläubigerInnen und warf die Frage auf, welche Rolle eigentlich der Konkursverwalter spielte. Für Roland Rino Büchel, SVP-Kantonsrat in St. Gallen und einst Account Director der ISL, ist klar: Der Konkursverwalter hätte diesen Vertrag niemals abschliessen dürfen. Unerwartete Unterstützung erhielt Büchel ausgerechnet von einem Anwalt der Angeklagten, der vor dem Strafgericht in Zug sagte: «Ein Wunder, dass der Konkursverwalter nicht der Gehilfenschaft zu betrügerischem Konkurs angeklagt wird.»
SVP-Kantonsrat Büchel kritisiert zudem die Rolle der KPMG, die für die Revision bei der ISL zuständig war (und bei der Fifa immer noch ist). Bemerkte dort niemand die Schmiergeldzahlungen? Oder wurden sie gar toleriert? Ist das möglich?
Ein Jahr ist der Prozess bald her, und im Fifa-Palast neben dem Zürcher Zoo ist es still. Die Schmiergeldempfänger Ricardo Teixeira und Nicolás Leoz sind noch immer Mitglieder des Exekutivrats. João Havelange ist noch immer Ehrenpräsident. Warum geht die Fifa nicht gegen sie vor? Die Fifa schweigt. Die WOZ bleibt dran.