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Über sich selbst lachen können
Von Willibald Ruch, 30.4.2008
Als zwei amerikanische College-Studenten in den 70-er Jahren ein Herausgeberwerk zum Thema «Humor» planten, fand gerade die «kognitive Wende» in der Psychologie statt. Dementsprechend bezogen sich viele Beiträge in «The psychology of humor» (aus heutiger Sicht ein Klassiker) auf die kognitiven Prozesse beim Verarbeiten von Witzen und Cartoons. Das Studium von Emotionen erschien den meisten Psychologen damals nicht wissenschaftlich, und auch das Konzept «Persönlichkeit» war einigen suspekt geworden — hatte doch Walter Mischels Behauptung, dass Persönlichkeitsmerkmale das Verhalten von Menschen nur schlecht vorhersagen kann, hohe Wellen geschlagen.
Damals wären meine Beiträge zur Emotion «Erheiterung» oder zur Definition von «Sinn für Humor» als Persönlichkeitsmerkmal wohl eher mit etwas unterkühltem Enthusiasmus aufgenommen worden. Humor galt ja als zu subjektiv und daher nicht messbar usw. Ich war im vierten Semester und hatte gerade dem Leiter des experimentalpsychologischen Praktikums III (damals eine wichtige Hürde im Studium) mitgeteilt, dass ich lieber anstelle des geforderten Experimentes zum Gedächtnis eine empirische Studie zum Zusammenhang zwischen Witzpräferenzen und Persönlichkeit durchführen wolle. Die Faktorenanalyse (eine mathematisch-statistische Methode zur empirischen Klassifikation von Merkmalen) hatte ich mir beigebracht und auch noch ein Fortran IV Programm (für den Grossrechner, noch auf Lochkarten) besorgt.
Diese Studie lief schief, und zu allem Überdruss hörte ich auch noch, dass in Cardiff, Wales, gerade der erste Kongress über Humor und Lachen stattgefunden hatte – und das ohne mich. Die einzige Chance im Leben, Gleichgesinnte zu treffen, war vertan! Ein weiterer Irrtum. Seitdem hat sich viel getan. Wir haben eine wissenschaftliche Gesellschaft gegründet, geben eine Buchreihe und eine wissenschaftliche Zeitschrift über Humorforschung heraus und veranstalten jährlich einen Kongress und eine Summer School für den wissenschaftlichen Nachwuchs. In vielen Anwendungsbereichen (z.B. Arbeitsplatz, Therapie, Werbung) haben Humor und Lachen Einzug gehalten und sind gar nicht mehr wegzudenken; insbesondere in der Schweiz gibt es viele Angebote.
Aber sind wir denn auch in der Forschung weiter gekommen? Was ist denn nun der «Sinn für Humor»? Das «über alles lachen», wie es in den ersten amerikanischen Fragebogen definiert war, konnte es ja wohl nicht sein. Die Präferenz für spezielle Witze, Comedians, oder lustige Filme wohl auch nicht. Ich habe ein Buch über Forschritte in diesem Bereich herausgegeben, aber was ich selbst darunter verstehe, ist noch nicht enthalten, und das ist auch nicht leicht zu untersuchen.
Die meisten angloamerikanischen Fragebogen erfassen eine Art unernste Heiterkeit; aber Humor hat doch Tiefgang. Humor hat für mich mit einem persönlichkeitsbedingten kognitiv-emotionalen Stil der Verarbeitung von Situationen bzw. des Lebens, der Welt im allgemeinen zu tun, der charakterisiert ist durch die Fähigkeit, auch negativen Situationen (Gefahren, Ich-Bedrohungen etc.) positive Seiten abzugewinnen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, ja sogar darüber lächeln zu können, d.h. zumindest ansatzweise mit «Erheiterung» zu reagieren. Aber in amerikanischen Sammelwerken, muss ich hinzufügen, umfasst der Begriff auch das Lachen über das Inkongruente und andere auf amüsante Weise unterhalten können. Zwei Dinge sind offensichtlich: Humor ist mehrdimensional bzw. hat viele Facetten, und wir sind noch weit davon entfernt, in den verschiedenen Ländern dieselbe Definition zu verwenden oder dieselben Instrumente zur Erfassung zu verwenden.
Etwas wie das Periodensystem der Elemente gibt es für den Humor noch nicht. Aber wir arbeiten daran. Wir untersuchen, wer unter welchen Umständen über sich lachen kann und wer nicht. Und wir haben dabei gesehen, dass das Erheitern ein Prozess ist. Die Probanden «tauten» zunehmend auf, als sie in einer Serie von «nachbearbeiteten» Fotos mit Gesichtern überraschend Bilder von sich selbst entdeckten, welche ebenfalls auf lustige Weise etwas entstellt waren.
Meine Mitarbeiterin Ursula Beermann ist dem tugendhaften Humor auf der Spur. Humor war eine der Kardinaltugenden im britischen Empire des 19. Jahrhunderts. In der gegenwärtigen Forschung ist Humor bloss ein Temperamentsmerkmal und Witz (haben) ein Kreativitätsmerkmal. Wo ist den das «Gute» im Humor? Kann er der Weisheit, Humanität, Gerechtigkeit etc. dienen? Wenn der Nachweis gelingt, haben wir eine Brücke zwischen geisteswissenschaftlichem Denken über Humor und moderner empirischer Psychologie geschlagen.
Eine verhaltensgenetische Studie zeigt, dass die Präferenz von Humor wohl weniger erblich ist (mit Ausnahme des Mögens erotischer Inhalte) und mehr durch die Umwelt geprägt wird. Ein Programm zum Training des Sinns für Humor, das wir vor Kurzem durchgeführt haben, kam bei den Teilnehmern sehr gut an; und erste Analysen zeigen auch Veränderungen im Vergleich zur Kontrollgruppe. Ein scheinbar kleines Forschungsfeld — Humor und Lachen — aber es bleibt noch so viel zu tun.