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Sie sind schon seit einer halben Stunde auf der Bühne, haben sich alle vorgestellt, eine nach dem andern, mit Name, Alter, Beruf («Schauspieler»), als sie als Nächstes erklären, was ihre Behinderung ist. Julia Häusermann erhebt sich von ihrem Stuhl und tritt vors Publikum. Sie zieht das Mikrofon zu sich hinunter und spricht, ernst: «Ich habe das Down Syndrom. Und mir tuts leid.» Dann geht sie zurück zu ihrem Stuhl, wischt sich die Tränen aus den Augen und kuschelt sich an den grossen, breiten Kollegen, der neben ihr sitzt. Später wird sie im Stück ein trotziges Tanzsolo zu Michael Jacksons «They don’t care about us» («wir sind ihnen egal») hinlegen und sich dabei mehrmals mit todernster Miene in den Schritt greifen, so wie das Jackson eben auch tat. Das Publikum jault, Julia Häusermann tanzt weiter, bisweilen elegant, dann elefantös, furios und auch ganz sachte.
Es sind Szenen aus dem Stück «Disabled Theater», das der französische Starchoreograf Jérôme Bel mit dem Ensemble des Zürcher Hora-Theaters (siehe Kasten) erarbeitet hat. Letztes Jahr war Premiere, seither tanzte die kleine Frau mit den roten Haaren bald 100 Mal zu Jackson über die Bühnen renommierter Häuser und viel beachteter Festivals. Diesen November gehts nach New York, zuvor aber noch nach Polen. Am Tag vor der erneuten Abreise versichert Julia Häusermann: «Ich liebe das Reisen! Reisen bedeutet Sonne. Reisen ist Freude. Es geht um Freude, immer.» «Disabled Theater» hat am 22. September in der Kategorie «Aktuelles Tanzschaffen» einen der Schweizer Tanzpreise gewonnen.
«Das Herz auf den Lippen tragen» sagt ein Sprichwort – bei Julia Häusermann ist es fast ein bisschen so, als würde umgekehrt das Herz sie als ganzen Menschen tragen. Tränen können in Freudentränen übergehen und umgekehrt. Sie erinnert sich an den Tag, an dem ihre Mutter sie über den Tod von Michael Jackson informiert hat, versteckt ihre Augen hinter den gefalteten Händen und sagt ganz leise: «Er war wie ein Bruder für mich.» Keine Minute später verkündet sie laut und fröhlich: «Und auch ich zeige den Leuten mein Talent!»
Ihre Emotionalität nimmt die junge Frau, die eine zweijährige Schauspielausbildung beim Theater Hora hinter sich hat, mit auf die Bühne. Ihren Ausbildner Urs Beeler überrascht es nicht, dass es ausgerechnet Julia Häusermann ist, die ihr Publikum derart fesselt: «Julia hat eine ganz spezielle Begabung. Sie tut auf der Bühne, vor Publikum das, was Heinrich von Kleist mit ‚Die allmähliche Verfestigung der Gedanken beim Reden’ meinte: Sie entwickelt die Basis des Spiels weiter. Julia hat ein enormes Bewusstsein fürs Publikum, schäkert gar mit ihm.»
Dass sie die Menschen in ihren Bann ziehen kann, ist für die Jüngste von drei Geschwistern selbstverständlich, irgendwie, immerhin vergleicht sie sich ja auch mit den ganz Grossen, möchte einmal Hollywood-Schauspielerin oder Starboxerin sein und ist überzeugt, dass sie das auch sein wird. Überhaupt steht es nicht schlecht um das Selbstbewusstsein dieser Frau, die mit zwei nichtbehinderten älteren Geschwistern im zürcherischen Dürnten aufgewachsen ist, schon in der Schule Theater gespielt hat – und für die Träume immer auch schon ein bisschen Realität sind. Über den prestigeträchtigen Preis sagt sie: «Der grosse Schauspieler Thomas Thieme (jedes Jahr ist nur eine verdiente Schauspielerin oder ein Schauspieler alleiniger Juror des Alfred-Kerr-Darstellerpreises – Anm. d. Red.) sah mich und wusste: Sie kriegt den Preis, sie ist die Beste von allen! Er hat mich ausgewählt.» Und – «oh ja, klar!» – habe sie noch andere Fans, ganz viele, und «wenn die nach einem Autogramm fragen, sage ich: ja, Baby, hier!»
Ihr Freund Remo, der beim Theater Hora noch in Ausbildung ist, ist nicht eifersüchtig. Julia: «Er sagt mir auch, dass ich reisen gehen soll, denn dann sei ich fröhlich und er also auch.» Die beiden «facen» abends jeweils eine Stunde miteinander, Julia aus ihrem Zimmer im Elternhaus. Vor Kurzem haben sie sich gegenseitig Ringe gekauft, «Freundschaftsringe», wie Julia sagt, «wenn das zwischen mir und Remo auseinandergeht, kommen nur zwei in Frage: entweder einer aus ‚Verbotene Liebe’ oder Justin Bieber. Aber zuerst Remo.»
Und was die Leute alle da draussen auch noch über Julia Häusermann wissen müssen: «Ich liebe die Menschen! Sie sind alle da drin.» Beide Hände vor ihre Brust haltend, schliesst sie langsam die Augen und lächelt dabei.
Bis 12. Oktober ist Julia Häusermann im Rahmen des «Supplement – 20 Jahre Hora»-Festivals in verschiedenen Produktionen zu sehen, am 9. Oktober läuft ebendort der Dokumentarfilm «I love Me» über die Schauspielerin.
Autor: Esther Banz