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Das Literaturmuseum und die James Joyce Foundation sind schon lange Nachbarn im Strauhof. Zum 100. Geburtstag des Ulysses-Romans hat die Stiftung nun das ganze Haus besetzt.
Ulysses von 100 Seiten heisst die Ausstellung, die von Ursula Zeller und Ruth Frehner von der James Joyce Foundation kuratiert und vom Strauhof-Team aufgebaut wurde.
Sylvia Beach und James Joyce bei Shakespeare & Company. Universität Buffalo, Joyce Collection
Vor hundert Jahren, nämlich am 2. 2. 1922 erschien die Erstausgabe des Romans mit den rund tausend Seiten und den 18 Kapiteln mit griechischen Überschriften wie in der ursprünglichen Odyssee in Paris, verlegt von der Buchhändlerin Sylvia Beach. Es war der vierzigste Geburtstag des Autors, während die Geschichten um Leopold Bloom, seine Gattin Molly und den jungen Dichter Stephen Daedalus von früh bis spät am 16. Juni 1904 stattfinden.
Die Originalausgabe, Paris 1922: «Eine triumphale Wiederkehr Irlands in die europäische Hochliteratur,» schreibt La Nouvelle Revue Française im April 1922.
Das Datum hatte Joyce gewählt, weil er dann erstmals mit seiner Angebeteten, späteren Muse und Frau Nora Parnacle einen ihn völlig überwältigenden Spaziergang machte (Heute wird nicht nur in Dublin jährlich der Bloomsday mit Lesungen und Trinkgelagen gefeiert). Aber zurück nach Zürich: eine Odyssee durch die Stadt, in der James Joyce samt Familie viele Jahre lang lebte, am Ulysses schrieb und auch gestorben ist, führte am Samstag, 5. Februar an 16 Stationen, wo jeweils möglichst den Genius Loci beschwörend eine Lesung deutsch oder englisch stattgefunden hat. Sie führte vom Frühstück bei Blooms (James Joyce Stiftung) weiter über unter anderen den Hades (Abdankungshalle Friedhof Fluntern, wo Joyces› Grabstätte liegt) zu Nausikaa ((MS Etzel am Bürkliplatz) und über weitere Stationen bis wiederum heim nach Ithaka im Strauhof.
Ausstellungsansicht mit einer Fotowand aus Dublin.
Wer die Marathon-Lesung verpasst hat, kann auch selbst lesen, entweder zuhause in einer englischen, deutschen, nach Bedarf auch türkischen oder koreanischen Ausgabe des Ulysses, oder im Strauhof: Literaturausstellungen haben mit Buchstaben zu tun. Ulysses von 100 Seiten zeigt die Kreise und Segmente, die in der James Joyce Stiftung ihren Mittelpunkt haben. Da ist das Buch, dessen Text immer noch absolut regelmässig in öffentlichen Reading Groups gelesen wird, oberster Lektor ist Fritz Senn, der in der Ausstellung auf einem Video erzählt. Dann sind da Objekte, Zitate, Papierschnipsel, Fotos, die im Roman genannt sind – mit Fleiss zusammengetragen – teils von den Kuratorinnen einfach einen Stock tiefer gebracht, teils aus der faszinierten Fangemeinde gestiftet für die Ausstellung.
Diese folgt dem Buch, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte mit hundert Exponaten aus hundert Jahren. Im idealen Licht und unter Glas liegt die bescheiden grüne Erstausgabe auf einem Sockel – gerahmt von den Daten 2.2.1922 und 16. 6. 1904. Danach verweisen 18 weisse Stoffpaneele mit Stundenzahl und Kapitelüberschrift auf die zugehörigen Objekte und Schriften in der langen Vitrine auf angenehmer Sichthöhe: Die zwei Räume im Erdgeschoss sind in sechzig Nummern der Romanhandlung gewidmet, wobei es nicht an Querverweisen fehlt. Zu entdecken ist vieles, unter anderem die Keksdose, die Bloom von einem Antisemiten an den Kopf geworfen wird, oder die Zitronenseife für den Besuch des öffentlichen Bads, oder ganz zu Anfang der Stock und der Hut, um nur einige leicht entzifferbare Objekte zu erwähnen.
Genau so eine Biscuitdose hat der Troglodyt dem armen Bloom an den Kopf geworfen. ZJJS
Im Obergeschoss dann links das Schema, das Joyce nicht vor dem Schreiben festlegte, sondern das sich erst im Lauf der Arbeit konkretisierte – ein bei grossen Schriftstellern durchaus gängiger Vorgang, während andere eine Handlung festlegen und derselben entlang ihren Roman verfassen. An der Rückwand die Weltkarte mit Punkten, wo überall der Roman in einer Übersetzung gedruckt wurde – an Kopfhörern gibt es Kostproben.
Ulysses erscheint 1918 bis 1920 in der amerikanischen Avantgartezeitschrift «The Little Review», bis zur Anklage wegen Obszönität. ZJJS
Die komplexe Entstehungsgeschichte des komplexen Romangebildes beginnt mit einer Feldpostkarte aus Triest an Bruder Stanislaus vom 16. Juni 1915, einem Bloomsday-Datum. Nachdem schon früher die Idee einer Ulysses-Kurzgeschichte da war, schreibt er hier über einen Roman mir 22 Episoden. Und immer wieder eindrücklich: eine Manuskriptseite, wie sie entworfen wurde und die Reinschrift derselben Episode. Zur Entstehungsgeschichte gehört auch der Prozess von 1921 gegen «The Little Review» herausgegeben von Margaret Anderson und Jane Heap, wo unter anderen die Nausikaa-Episode abgedruckt war – schmutzige, obszöne Literatur sei das. Das menschliche Vorbild könnte die Zürcherin Martha Fleischmann sein, in die der längst liierte James Joyce sich verliebte. Mehrere Frauen waren ihm Musen, von der Verlegerin Sylvia Beach ist beispielsweise ein spätes Interview auf einem kleinen Bildschirm zu hören.
Wie sehr Zürich mit Joyce und seinem Ulysses zu tun hat, ist auch am Literaturstreit zwischen dem Psychoanalytiker C.G. Jung und der Kunsthistorikerin Carola Giedion-Welcker abzulesen: Jung nannte die Prosa «die endlosen Schriftstücke eines Geisteskranken», während Giedion-Welcker den genialen Bewusstseinsstrom, die Nähe zur avantgardistischen Kunst und zum Dadaismus erkannte.
Dan Schiff: Calypso, Linolschnitt 1986. ZJJS
Die Rezeption des Ulysses führt von 1922 bis ins Heute, beispielsweise zum Krimi The Death of a Joyce Scholar, oder zu einer Arbeit von Beuys, zur Adaptation des Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler, oder zum Bloomsday in einer Episode bei The Simpsons. Vermisst wird die Paraphrase Blooms Schatten des Schweizer Schriftstellers Reto Hänny, aber irgendwann während der Ausstellungsdauer mit den vielen Veranstaltungen wird auch ein Stück aus seinem Text zu hören sein.
Stapelweise der Ausstellungsflyer mit der lesenden Marilyn Monroe (links) und der Prospekt zur Marathon-Lesung vom Samstag, 5. Februar in einschlägigen Lokalen und Orten der Stadt Zürich.
Zur Ausstellung ist ein Reader erschienen, der die Nachlese daheim erlaubt, auf dem Titel das ikonische Foto von Marilyn Monroe bei der Ulysses-Lektüre, welches Eve Arnold gemacht hat.
Titelbild: Milton Hebald: Modell von Joyces Grabfigur im Friedhof Fluntern. Hier trägt er ein Stück Urban Knitting ZJJS
Bis 1. Mai
Hier gibt es Details zur Zürcher Marathon-Lesung (fast) des ganzen Ulysses von James Joyce entweder in deutsch oder in englisch am Samstag, 5. Februar 2022.
Nàheres zur Ausstellung und den Veranstaltungen «Ulysses von 100 Seiten» im Strauhof erfahren Sie hier