Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03395.jsonl.gz/3139

Welche Relevanz hat in unserem Leben die Tatsache, dass wir anderen Personen vertrauen können?
Vertrauen ist eines der wichtigsten Phänomene in unserem Alltag. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr unscheinbares Phänomen: Wir merken, wie wichtig Vertrauen ist, oft erst dann, wenn unser Vertrauen verletzt oder auf die Probe gestellt wird. In dieser Hinsicht ist es so selbstverständlich und existentiell für uns wie die Luft die wir atmen. Wir vertrauen unseren Freunden und Familienmitgliedern, es ist aber auch nicht selten der Fall, dass wir einem Bäcker oder einer Ärztin, einem Lehrer oder einer Polizistin vertrauen. Viele würden sogar sagen, dass ein gewisses Grundvertrauen unter allen Bürgerinnen und Bürgern eines Staates wichtig für das Funktionieren einer Demokratie ist. Für den Kontext der Veranstaltung ist es allerdings sinnvoll, sich auf Vertrauenskontexte zu beschränken, in denen man es mit einem persönlich bekannten Menschen zu tun hat. Auch wenn wir das Gefühl haben, dass solche Vertrauensbeziehungen wichtig sind, ist oft extrem schwer zu sagen, warum sie wichtig sind, d.h. welche Bedeutung Vertrauen für uns hat. Vor allem ist nicht klar, ob Vertrauen auch unabhängig von dem Nutzen wertvoll ist, der darin besteht, dass man sich auf eine andere Person in einer Situation, in der man etwas von ihr braucht, verlassen kann.
Ein Gedankenexperiment
Um sich einer Antwort auf diese Fragen zu nähern, könnte man sich mit dem folgenden Gedankenexperiment beschäftigen:
Stelle dir vor, eine Zauberfee schenkt dir einen Ring, mit dem du dir jederzeit jeden Wunsch erfüllen kannst (oder alternativ für die etwas älteren Teilnehmenden: einen Ring, der dir (wie ‘der eine Ring’ bei Tolkien) absolute Macht über die Handlungen anderer Personen verleiht).
Wäre es dir in so einer Situation egal, ob du anderen Personen vertraust oder nicht? Kannst du dir eine Situation vorstellten, in der es dir nicht gefallen würde, dass die Person, mit der du es zu tun hast, eine Person ist, der du nicht vertraust, auch wenn dir daraus kein Nachteil erwächst und du auch keine Gefahren zu befürchten hast?
Worauf das hinauslaufen könnte:
Typischerweise wird angenommen, dass Vertrauen instrumentellen Wert hat, indem es uns hilft, bestimmte andere Güter zu realisieren: Wenn ich meiner Ärztin vertrauen kann, steht es besser um meine Gesundheit; wenn ich meinem Gemüsehändler vertrauen kann, weiss ich, wo ich am besten meine Lebensmittel einkaufen kann etc. Das Gedankenexperiment könnte allerdings darauf deuten, dass Vertrauen auch um seiner selbst willen wertvoll ist, z.B. weil wir es (völlig frei von irgendwelchen Interessen) gut finden, auf vertrauensvoller Basis mit Menschen umzugehen. Die interessante Frage wäre wieder, warum das so ist. Eine Hypothese: Weil das Nähe und Intimität schafft (wie in einer Freundschaft).