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Seit der Gründung 1973 in der Schweiz hat Longo Mai in Europa Landwirtschaftsbetriebe aufgebaut, auf denen Bewohnerinnen und Bewohner aus politischer Überzeugung im selbstverwalteten Kollektiv leben. swissinfo.ch hat die einzige Schweizer Kooperative besucht.
Grillen zirpen, Schafe blöken, mächtige Bäume an den Jurahängen links und rechts. Zwölf Erwachsene und zwei Kinder leben auf dem Hof Le Montois. Die etwa 20 Velos und das eine Auto weisen bereits auf die Einstellung der Bewohnerinnen und Bewohner hin. Le Montois ist eine Kooperative von Longo Mai, Provenzalisch für "Es möge lange dauern".
Claude lebt seit bald 40 Jahren auf selbstverwalteten Kooperativen von Longo Mai. Während er einen Deckel für seinen Kochtopf sucht, führt er die Gesellschaftskritik des Netzwerks aus: "Die globale Ungerechtigkeit ist sowas wie das ABC der falschen Weltordnung, in der wir leben. Den Reichtum teilen sich wenige Länder und innerhalb dieser Länder ganz wenige Leute."
Dann konzentriert er sich komplett aufs Kochen. Bald steht das gemeinsame Mittagessen der Kooperativenmitglieder an. Fast alles, was in seinem Topf landet, haben sie entweder auf Le Montois angebaut oder von einer anderen Kooperative erhalten. Die weitgehende Selbstversorgung gehört zu Longo Mai.
Obwohl Claude seit 1981 dabei ist und sogar seine Kinder hier aufgewachsen sind, gehöre er "zur zweiten Generation von Longo Mai". Er war noch in der Primarschule, als 1973 junge linke Gruppen in der Schweiz entschieden, die Städte zu verlassen, das Bauernhandwerk zu lernen, Kooperativen "in europäischen Randregionen" zu gründen und das politische Engagement von dort aus weiterzuführen.
Das war der Anfang; heute gibt es zehn Projekte in Frankreich, Österreich, Deutschland, der Ukraine und Costa Rica. Le Montois ist das einzige in der Schweiz. Die Kooperative im Kanton Jura, nahe der französischen Grenze, gibt es seit 1987. Claude sagt, Longo Mai sei in der Region von Anfang an gut aufgenommen worden und führt das auf die lokale Mentalität zurück. Im Jura, wo einst religiös verfolgte Täufergemeinden und Anarchisten im Exil Zuflucht fanden, gebe es ein gewisses Verständnis für Leute wie sie.
Also für Aussteiger? Claude verneint. Nicht weil er was gegen Aussteiger hat, sondern weil das Label für Longo Mai einfach nicht stimme. Das Verbindende der Bewohner von Longo Mai sei eben das gesellschaftliche Engagement und die Überzeugung, dass man dieses mit besonderer Energie verfolgen kann, wenn Gleichgesinnte gemeinsam leben und wirtschaften.
Etwa Udo, der als einer der ersten am Mittagstisch Platz nimmt und sich vor allem gegen genmanipuliertes Saatgut engagiert. In der DDR hat er einst Viehzucht studiert und nach dem Mauerfall einen Ort wie diesen gesucht. "Bei Longo Mai geht man die Sachen zielgerichtet an, erkennt die ernste Lage, aber nimmt sich selber dann nicht zu ernst." – "Das würde ich auch unterschreiben", wirft Claude ein, aber Udo lässt sich nicht unterbrechen: "Was ich jetzt sage, ist sehr persönlich, weil ich ja in der DDR aufgewachsen bin: Auch wenn mich eine Ideologie überzeugen würde, wäre ich gegen sie. Es gibt nicht die eine Wahrheit und den einen Weg etwas umzusetzen."
"Zum Abendessen bin ich nicht hier, ich hab Volleyball", sagt jemand nach dem Essen, bevor er sich zu seiner Arbeit verabschiedet. Am Nachmittag zeigt Udo den Hofladen – mit dem eingemachten Gemüse aus Frankreich, das er einst selbst, als er einige Jahre dort lebte, auf dem Wochenmarkt in Marseille verkauft hatte.
Mit den Wollpullis, deren Wolle teilweise von den Schafen auf Le Montois stammt. Die Wolle verarbeitet die Longo Mai-Spinnerei im französischen Briançon. "Wir haben komplette Produktionsketten. Die Kleider fühlen sich gut an. Unser Essen schmeckt gut – und ich kann es mit gutem Gewissen essen."
Longo Mai finanziert sich über landwirtschaftliche Direktzahlungen, Spenden und dem Verkauf der eigenen Produkte. Auf dem Hof im Jura werden etwa Honig, Lammfleisch und Strom für den Verkauf produziert. Ja, auch Elektrizität entsteht auf Le Montois: Teil des Hofs ist ein kleines Wasserkraftwerk, das ans Verteilnetz angeschlossen ist.
Grillen zirpen, Jurahänge. Die Kinder eines Bewohners tränken die Lämmer mit der Flasche. Le Montois wirkt wie ein perfektes Idyll. Das missfällt den hier Lebenden, denn so geraten der politische Anspruch und die Herausforderungen des Zusammenlebens in den Hintergrund.
Alle Bewohner auf Le Montois arbeiten in eine gemeinsame Kasse. Über private Ausgaben wird in der grossen Sitzung einmal pro Woche entschieden. Wie trifft man Entscheidungen? "Ui, ui, ui", sagt Claude mit Schalk, "viele Sitzungen, lange Diskussionen. Wir haben auf Longo Mai kaum geschriebene Regeln. Grundsätzlich werden Entscheide erst dann definitiv, wenn alle damit leben können."
Entweder seien alle einverstanden oder die, die dagegen sind, können sich mit einer Entscheidung abfinden. "Darauf nehmen wir dann auch Rücksicht." Claude behauptet nicht, dass dies immer einfach ist. "Es gibt kein Patentrezept. Das Zusammenleben fordert Zeit und Energie." Man erlebe auch Krisen und bei besonders verfahrenen Situationen habe man auch schon externe Mediationen hinzugezogen. Das alles sei es aber wert. "Es ist ein Reichtum, wenn alle einen Beschluss mittragen."
Es gebe viele Aussenstehende, die Longo Mai auf eine falsche Art romantisieren – darunter auch solche, die auf Longo Mai leben und arbeiten möchten. Das Interesse sei riesig; über alle Kooperativen hinweg besuchen Longo Mai jedes Jahr um die 1000 Menschen. Nur ein kleiner Teil bleibt länger: Zwei bis drei Leute pro Jahr, sagt Claude. Das sichere den Nachwuchs.
Momentan befinde sich Longo Mai in einem Generationenwandel: Manche aus der Gründergeneration sind gestorben; viele kommen ins Pensionsalter. "Wir sind mitten im Prozess, dass die Älteren ihr Lebensprojekt loslassen. Das löst 1000 Fragen aus." Claudes Mimik deutet es an: Viele lange Diskussionen stehen an.
Zur jüngeren Generation auf Le Montois gehört Laura, die seit etwa vier Jahren dabei ist. Sie habe mehr oder weniger zufällig drei Wochen auf der Kooperative verbracht und sich wohlgefühlt. "Voilà, so hat sich das ergeben."
Es sei eine ganz andere Art zu leben, sagt sie, für die bei Longo Mai nicht nur das Zusammenleben, sondern auch das Landleben neu war. Ihr gefällt auch der Austausch zwischen den einzelnen Kooperativen. Die meisten, die hier leben, reisen oft zu anderen Longo Mai-Projekten – und legen weiterhin Wert auf ihren Rückzugsraum, das eigene Zimmer und das Umfeld ausserhalb. Freunde und Familie müssen Laura nicht auf Longo Mai besuchen, sie geht oft zu ihnen. "Es ist ein Wechsel zwischen dem Leben im Kollektiv und dem Draussen."
Niemand auf Le Montois ist der Meinung, dass alle in selbstverwalteten Kooperativen auf dem Land leben sollen. Man habe keinen Missionierungsanspruch. Auch nicht an diejenigen, die ähnlich denken wie sie. "Es gibt tausende Varianten anders zu leben", sagt Claude.