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Mit einem weiteren Einzelporträt von exemplarischem Charakter scheint Richard Dindo sich dem Ende der einen großen Linie seines Werks zu nähern, die sich bis in unsere Zeit zieht und entlang der er in kritischer Trauerarbeit Bruderfiguren (Ernst S., Dam, Michi, Renato und Max sowie Arthur Rimbaud), Schwesterfiguren (Charlotte) und Vaterfiguren (Hans Staub, Max Frisch, Max Häufler) festhält. Mit Ernesto „Che“ Guevara thematisiert der Filmemacher, der seit 1968 einen Film über ihn machen wollte, den geschichtlichen und imaginären Horizont einer Generation, die von Lateinamerika bis Westeuropa, von Nordamerika bis Osteuropa das revolutionäre Ideal, verkörpert in Che, teilte.
Als Ernesto Guevara - damals Industrieminister - 1966 Kuba verließ, nachdem er erstmals Kritik an der kommunistischen Parteipolitik in der UdSSR und im Land Fidel Castros geübt hatte, beschloß er, Führer der Guerilla in Bolivien zu werden. Von diesem Zeitpunkt an und bis lange nach seinem Tod am 9. Oktober 1967, als er auf Befehl von einem bolivianischen Soldaten im Klassenzimmer der Schule von Higuera erschossen wurde, verbreitete sich sein Mythos vom zeitlosen 1 leiden der Revolution, vom Märtyrer im Kampf gegen den Imperialismus und die militärischen Juntas, und seine Posier schmückten die Zimmer von Tausenden von Jugendlichen. Dindo greift ohne Pathos dieses Schicksal auf, das in ein „voraussehbares, tragisches und beklagenswertes Scheitern“ mündete.
Das autobiographische Material ist in diesem Film wie in Dindos anderen die Hauptquelle für Inspiration und Ausarbeitung der verschiedenen Ebenen der dramaturgischen Disposition. Dindos Arbeit besteht in der bemerkenswerten Montage verschiedener Elemente: allen voran das Tagebuch, das Guevara in Bolivien führte und aus dem Dindo Textfragmente in eine filmeigene Kontinuität überträgt. Dann erkundet Dindo die Orte in Bolivien, an denen sich die Guerilla formierte. Dabei übertrug er Videoaufnahmen auf 35-mm- Film und veränderte gewisse Farben elektronisch, so daß die Bilder eine eigene dramatische Textur bildeten. Er verwendete Photographien und Archivfilme, die, teilweise unveröffentlicht, aus Privatbeständen bolivianischer Militärs im Ruhestand stammten, und suchte das Gespräch mit Augenzeugen. Die Bilder, die
Stimmen (von Jean-Louis Trintignant und Christine Boisson in der französischen Version), die Geräusche weben auf diese Weise eine Geschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen ergreifendem Memorieren (so über die letzten Fotos von Che kurz vor seinem Tod im Alter von 39 Jahren) und der stumpfen Realität der Orte und Gesichter von heute.
Das Talent des Filmemachers besteht aber darin, daß er ein Echosystem aufbaut, das in sich die verschiedenen Schichten der Bilder zum Klingen bringt. Selten hat Dindo ebenso streng wie emotional diese Dramaturgie, die einem Einzelschicksal symbolischen Wert gibt, vorangetrieben. Er bietet damit eine Eesart des Mythos an, die ihn der konkreten Geschichte der Illusionen unserer Zeit zuführt, dieses Waisenkindes jedes revolutionären Projekts. Der Film ist fesselnd, ohne daß er diese Bruderfigur, die in einem unausgeglichenen und einsamen Kampf untergegangen ist, herunterzieht. Vielmehr ruft er uns Che, dessen Identität allmählich verlorengeht, ins Gedächtnis zurück. Indem Dindo zu Beginn der neunziger Jahre diese Art der Archäologie der Trauer fortsetzt, drückt er sein hartnäckiges Bedürfnis aus, Bilder zu erfinden, die unsere bisherigen Kenntnisse stören, anstatt konformistische und zur Genüge bekannte Vorstellungen zu bestätigen.