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Die Reformation ist einer der wichtigsten Einschnitte in der Geschichte. Innert weniger Jahre wurde auf den Kopf gestellt, was vorher während vielen Jahrhunderten gegolten hatte. Im Rückblick führte das Zusammenspiel von Buchdruck, Reformation und der Entdeckung dessen, was die Neue Welt genannt wurde, zur Aufklärung.
Die Werte waren vom Himmel auf die Erde hinabgestiegen. Dieses einprägsame Bild für die gewaltigen Veränderungen stammt vom französischen Historiker Jacques Le Goff.
Was damals geschah, war die Basis für die Fortschrittsperspektive in der Geschichte, die es so vorher nicht gegeben hatte. Sie führte zum Sonderweg Europas, der die Welt seit dem 15. Jahrhundert prägte, mit allem Positiven und Negativen.
Was bedeutet die Reformation für St.Gallen? St.Gallen war die zweite schweizerische Stadt, in der die Reformation sich durchsetzen konnte, nach Zwinglis Zürich, aber vor Bern, Basel, Schaffhausen. Auch in St.Gallen war die Reformation von grosser Heftigkeit. Mit einem Bildersturm, der Aufhebung von Klöstern und einer militanten Täuferbewegung. Fortan galt das Schriftprinzip, die Bibellektüre.
Aber: In St.Gallen wurden, im Gegensatz etwa zu Zürich, keine Täufer ertränkt. Den revoltierenden Bauern gelang es zwar auch hier nicht, das Joch der Obrigkeit abzuschütteln. Aber: Im Vergleich zur anderen Seite des Bodensees wurden die Bauern nicht in grosser Zahl totgeschlagen. Und das Kloster, die Fürstabtei, wurde ohne neuen Krieg wieder hergestellt, auf Druck der alten katholischen Orte, nach der Niederlage der Reformierten bei Kappel.
Die Folge war eine Verschränkung grösster Glaubensgegensätze auf engstem Raum wie sonst wohl kaum irgendwo. Das Kloster war vollständig von der reformierten Stadt umschlossen. Die Stadt wiederum vollständig vom äbtischen Fürstenland. Bei sich gegenseitig ausschliessenden Wahrheitsansprüchen war die Frage der Religion in dieser Zeit auch innerhalb der Christenheit oft eine Frage von Leben und Tod. St.Gallen aber gelang es, mit fundamentalen religiösen Widersprüchen kreativ umzugehen.
Dabei half wohl auch, dass der humanistisch gebildete Vadian im Gegensatz zu Luther und Zwingli kein Theologe und Prediger war, sondern ein Politiker. Ein Politiker aber, der sich nicht auf eine politische Macht stützen konnte. Dies im Gegensatz zu den mächtigen Stadtstaaten Bern und Zürich mit einem grossen unterworfenen Umland.
Die Stadt St.Gallen war nicht politisch stark, sondern wirtschaftlich. Die Stadt wurde im Laufe jener Jahrhunderte zur Metropole des Leinwandhandels. Durch hohe Qualitätsansprüche. Vor allem aber, weil es gelang, den weitgefächerten Austausch zu pflegen. Durch den Fernhandel bis Lyon, Barcelona, Valencia im Westen und bis Krakau und Warschau im Osten. Und durch den Einbezug des fürstäbtischen Umlands. Die Ökonomie prägte die Politik. Und den Umgang mit den unversöhnlichen religiösen Gegensätzen.
Von Toleranz kann man dabei nicht sprechen. Auch später gehörte St.Gallen zu den Kantonen, in denen der Kulturkampf besonders unversöhnlich ausgetragen wurde. So war es noch vor hundert Jahren unvorstellbar, zur Einweihung des Vadian-Denkmals einen Vertreter der katholischen Kirche einzuladen. Und noch vor wenigen Jahrzehnten bestimmte der Gegensatz zwischen Katholiken und Reformierten die politische Landschaft von Stadt und Kanton.
Aber: Die Nähe im Alltag und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten erzwangen einen pragmatischen Umgang mit den Gegensätzen. Es bleibt offen, wie weit Klugheit die Ursache für diese Pragmatik war oder schlicht die Notwendigkeit. Entscheidend ist, dass der Umgang mit sich ausschliessenden religiösen Wahrheitsansprüchen alltagstauglich gemacht wurde.
So, wie dies später auch in der Eidgenossenschaft geschah und zur Bedingung für ihren erfolgreichen Fortbestand wurde.
In diesem kreativen Umgang mit fundamentalen Gegensätzen liegt eine positive Botschaft auch für die Zukunft.