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Der Anlass: Weshalb ich mir dieses Buch kaufte
Von Zeit zu Zeit lese ich einen Artikel oder eine Buchrezension des Kirchenhistorikers Carl F. Trueman. Nicht nur gefällt mir sein Schreibstil – sachlich, anschaulich, zielorientiert -, sondern auch seine Haltung. Am Anfang dieses Buches legt er beispielsweise gleich die Karten auf den Tisch: Er ist Professor an einer konfessionellen Ausbildungsstätte (Westminster Theological Seminary) und ordinierter Pfarrer der Orthodox Presbyterian Church. Wenn er schreibt, hält er sich die Anfragen anderer Richtungen und Auffassungen stets vor Augen, ja, es scheint einem, als führe er einen ständigen Dialog mit ihnen.
Die These: Es gibt nur zwei Arten von Gemeinden
Es gibt keine Gemeinde ohne Bekenntnis. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die einen über niedergeschriebene Glaubensbekenntnisse verfügen, die damit öffentlicher Debatte und Evaluation zugänglich sind. Die anderen haben private Bekenntnisse, die ungeschrieben und oft improvisiert sind und darum auch nicht öffentlich zur Debatte stehen können.
Besonders verfänglich ist die Aussage: „Wir stützen uns alleine auf die Schrift.“ Als ob diese je in einem Vakuum gestanden hätte. Es gibt in der Tat niemanden, der nicht auf eine Bibelübersetzung, andere Menschen, Predigten, Bücher oder Bibelkommentare zurückgegriffen hätte.
Trueman plädiert für eine durch die Schrift normierte Tradition im Sinne der Reformatoren. Er geht noch einen Schritt weiter und stellt die These auf, dass Paulus das Verfassen von Bekenntnissen zum nach-apostolischen Normalfall erklärte.
Der Aufbau: Argumente, Dogmengeschichte und biblisch-thematische Erläuterungen
Das Buch besteht aus sechs Kapiteln.
- Trueman identifiziert drei mächtige gesellschaftliche Strömungen, welche die Implausibilität von Bekenntnissen fördern.
- Es werden biblische Belege zur Notwendigkeit von Bekenntnissen dargelegt.
- Dann folgt ein Überblick über die kirchengeschichtliche Entwicklung, welche mit der Bildung von Bekenntnissen zusammenhingen.
- Einige bekannte Bekenntnisse werden näher unter die Lupe genommen, um
- aufzuzeigen, welch zentralen Stellenwert sie für das kirchliche Leben haben und
- die wesentlichen Argumente nochmals geordnet darzulegen
In einem Anhang bespricht Trueman ausserdem über die Möglichkeit der Überarbeitung von Bekenntnissen.
Die Lernpunkte
Bekenntnisse und der Zeitgeist
Ein wichtiger Teil der Vorbehalte gegenüber Bekenntnissen ist – unbewusst – auf zeitgenössische Strömungen zurückzuführen: Erstens eine Abwertung der Vergangenheit, zweitens die Überzeugung, dass Sprache eine ungenügende Transportmöglichkeit für Wahrheit darstelle, drittens der Widerwille gegen jegliche Art von Institutionen. Beispiele von Denkweisen:
- Sicht des zeitgemässen religiösen Pluralismus: Bekenntnisse wurden durch verstorbene, weisse Männer geschrieben, die anders gekleidet waren, andere Verhaltensweisen bevorzugten, eine andere Sprache sprachen und noch keinen blassen Dunst von Technologie hatten.
- Sicht der 10-Schritte-Ratgeber: Man sucht in den Bekenntnissen vergeblich nach Hinweisen für eine ausgewogene Ernährung. Was ist der unmittelbare Nutzen davon zu wissen, dass Jesus gestorben, begraben und wieder auferstanden ist?
- Sicht der Ewig-Jung-Kultur: Lady Gaga hat mehr über Sexualität zu sagen als ein Experte und sicherlich mehr als ein jahrhundertealtes Bekenntnis.
Die biblisch-theologische Grundlage der Bekenntnisse
- Die biblische Erzählung macht klar, dass göttliches Reden ein fundamentaler Aspekt der Beziehung zwischen Gott und seinen Geschöpfen ist. Gottes Reden war das bedeutendste Mittel seiner Gegenwart.
- Jede Theologie, welche die Autorität der Bibel anerkennt, muss das Lehren der Bibel in Worten und die verbale Form der Bibel selbst mit grösster Ernhaftigkeit behandeln. Sie muss Worte als normativen und normalen Bestandteil des Christentums sehen. (Pos. 922-23)
- Die Lehre des Neuen Testament legt Wert auf Alter und Erfahrung, auf Lehre und Verkündigung. Sie artikuliert auch eine hierarchische Struktur der Kirche als Institution.
- Paulus nahm an, dass korrekte Lehre von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Was in der Vergangenheit geschah, kann in der Form von gesunden Worten weiter gereicht werden (2Tim 1,12-13).
- Das Neue Testament enthält manche Abschnitte, die den Ton eines Bekenntnisses aufweist (z. B. Phil 2,5-11 oder 1Tim 3,16).
Die Geschichte der Bekenntnisse
- Ein Kern von Lehraussagen als Zusammenfassung der biblischen Botschaft war für die nachapostolische Phase normal. Sie stimmt mit dem Anliegen von Paulus in den Pastoralbriefen überein.
- Die Formulierung der Altkirchlichen Bekenntnisse legte die Basis für eine kontinuierliche Diskussion und Verfeinerung. Neue Fragen tauchten auf und wurden erörtert.
- Die Reformierten Bekenntnisse schlossen sich unmittelbar und ausdrücklich an die frühkirchlichen Bekenntnisse an. Sie sahen sich nicht als Innovation, sondern als Fortsetzung eben dieser Dokumente.
- Sowohl die Bibel wie auch die Bekenntnisse verdeutlichen, dass die Sakramente (Taufe und Abendmahl) von grundlegender Bedeutung sind.
- Gute Bekenntnisse schützen eine gesunde Frömmigkeit.
Bekenntnisse und Anbetung
- Für Paulus waren Lehre und Anbetung nicht getrennt. Nein, die Lehre des Evangeliums trieb ihn wieder und wieder zur Anbetung.
- Die Trennung von Lehre und Anbetung erfolgte erst im Zuge des theologischen Liberalismus.
- Die Bibel selbst kann nicht auf eine Anzahl von Lehrsätzen reduziert werden!
- Zeitgenössische Lieder und Beiträge sind in aller Regel von einer Person geschrieben und nicht gefestigt durch eine grosse Anzahl Christen zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte.
Die Empfehlung: Informelle durch formelle Liturgie ersetzen
Jede Gemeinde verfügt sowohl über ein Bekenntnis wie auch über eine Liturgie. Leider sind beide nicht oder nur in Ansätzen in schriftlicher Form festgehalten. Was hält uns davor zurück, auf die gesammelten Schätze unserer Vorfahren zurückzugreifen? Ist diese ignorante Haltung nicht eher Anzeichen von Arroganz? Dazu kommt: Erst die Verschriftlichung führt oft zur Rechenschaftsablage. Ich erlebe in vielen „modernen“ Gemeinden ein zähes Festhalten an ihren unreflektierten informellen Elementen (z. B. Theaterbeiträge).
Weil ich nicht Sonntag für Sonntag „nur“ Erlebnisse oder die immergleichen Appelle (wie z. B. „schau auf dich und deine Bedürfnisse, sonst wirst du unglücklich“) anhören will, schlage ich vor, die „Inputs“ durch einen geordneten Gang durch den Heidelberger Katechismus oder den Kürzeren Westminster Katechismus zu ersetzen. Ersterer ist schon in 52 Abschnitte aufgeteilt worden. Ein zweiter, sinnvoller Schritt wäre ein regelmässiger Katechismusunterricht im Anschluss an die Predigt.