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Können Sie Ihre Aussagen mit Zahlen stützen?
Gemäss dem Job-Stress-Index 2018, einer Erhebung bei Erwerbstätigen durch die Gesundheitsförderung Schweiz, weisen 27,1 Prozent der Erwerbstätigen mehr Belastungen als Ressourcen auf. Daten der grössten deutschen Gesundheitskasse AOK zeigen zwischen 2004 und 2011 eine Verzehnfachung der Diagnose Burnout, was nicht primär durch eine Zunahme dieser Problematik, sondern vielmehr durch eine Änderung in der Benennung von arbeitsbezogener Erschöpfung zu erklären ist.
Wie wirkt sich die Unzufriedenheit auf die psychische Verfassung aus?
Wenn Arbeitsbelastungen überwiegen und Ressourcen abnehmen, sich eine chronische Stressbelastung entwickelt, können Zeichen eines Burnout-Prozesses auftreten. Neben emotionaler und körperlicher Erschöpfung entsteht eine Distanzierung von den Arbeitsinhalten und das Gefühl, weniger zu leisten. Erholen sich die Betroffenen nicht, kann sich aus diesem Risikozustand eine psychiatrische Erkrankung wie eine Depression oder Angsterkrankung entwickeln.
Wer ist betroffen: Männer oder Frauen, Jüngere oder Ältere?
Männer reagieren stärker auf berufliche Schwierigkeiten als Frauen. Bezüglich Erschöpfungsdepressionen gibt es keine grossen Unterschiede – ausser in Bezug auf die individuellen Risikofaktoren. Frauen sind oftmals durch ihre Engagements in der Arbeit, der Kinderbetreuung und im Haushalt belastet. Männer reagieren stärker auf Trennungen und berufliche Zurückstufungen. Beim erwähnten Job-Stress-Index sind Geschlechterunterschiede aber marginal. Eine höhere Schulbildung hat eher einen protektiven Charakter. Ältere Mitarbeitende berichten tendenziell über vorteilhaftere Arbeitsbedingungen als jüngere. Es kommt immer auf die individuelle Situation an. Eine psychiatrische Erkrankung, die durch schwierige Arbeitsbedingungen (mit-)verursacht ist, kann grundsätzlich jeden Menschen treffen.
Mit welchen präventiven Massnahmen können Führungspersonen Friktionen am Arbeitsplatz verhindern?
Es ist wichtig, dass sich Vorgesetzte für das Befinden ihrer Mitarbeitenden interessieren. Das Fördern von mehr individuellem Handlungsspielraum, Wertschätzung und Anerkennung der geleisteten Arbeit und das Anbieten von Unterstützung bei hohen Belastungsspitzen helfen, Unzufriedenheit deutlich zu verbessern. Andauernde Unterbrechungen sind einer der Hauptstressoren schlechthin. Deshalb ist es wichtig, dass Mitarbeitende störungsfrei arbeiten können – gerade bei Aufgaben, die ein hohes Mass an Konzentration erfordern. Auch organisatorische Faktoren sind gute Ansatzpunkte für Massnahmen: zum Beispiel der Einbezug von Mitarbeitenden in übergeordnete Entscheidungen, das Fördern von Ressourcen, die Möglichkeit zum Rückzug in Pausen- und Ruheräumen, das Fördern von sportlichen Aktivitäten und gesunder Ernährung, das Ermöglichen von Home Office und flexiblen Arbeitszeitmodellen sind hilfreich. All diese Massnahmen geben Zeit und Raum für den Ausgleich, um Belastungen besser standzuhalten. Arbeitsfremde Faktoren wie Beziehungsprobleme, körperliche Erkrankungen bei sich selbst oder im unmittelbaren Umfeld können die Belastbarkeit wesentlich herabsetzen. Es ist wichtig, dass Führungspersonen mit den Mitarbeitenden gute und vertrauensvolle Kontakte pflegen. Eine offene Kommunikation fördert das Verständnis entscheidend.
Gibt es eine Checkliste aus medizinischer und präventiver Sicht?
Gute Ansätze finden sich bei den durch die Gesundheitsförderung Schweiz unterstützten Initiativen «Stressnostress» und «Job-Stress-Analysis», bei denen Unternehmen via Online-Befragung eine Art Stress-Barometer erstellen können.
An wen wenden sich Geschäftsführer am besten?
Idealerweise an den Hausarzt oder direkt an eine Beratungsstelle, an Psychotherapeuten oder einen Coach für arbeitsbezogene Probleme. Je stärker die Problematik ist, desto schneller sollte professionelle Hilfe durch einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder einen entsprechend ausgebildeten Hausarzt beigezogen werden.
Was sollte eine wirkungsvolle Prävention bewirken?
Prävention soll primär die Balance zwischen Belastung und Ausgleich ermöglichen. So können sich Arbeitnehmer voll auf die Arbeitsinhalte konzentrieren und haben genügend Freiraum zur Erholung.
Wie kann sich eine berufliche Neuorientierung auf die psychische Verfassung auswirken?
Falls nach einer Erschöpfungsdepression die Rückkehr an den bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr möglich ist oder schon vor dem Entwickeln schwerer Symptome eine Umorientierung beschlossen wird, kann ein Glücken derselben in entscheidendem Masse zu mehr psychischer und körperlicher Gesundheit und mehr Lebenszufriedenheit führen. Der Weg dahin ist aber oft alles andere als einfach, da eigene Werte und Karrierevorstellungen hinterfragt und teilweise auch eine Lohneinbusse in Kauf genommen werden müssen. Eine externe Begleitung durch Fachpersonen ist empfehlenswert.
Wie können solche Situationen vermieden werden?
Man kann belastende Arbeitssituationen nicht komplett vermeiden. Die Thematik ist zu komplex und wird durch viele Faktoren beeinflusst. Die oben genannten Massnahmen und ein vertrauensvolles Klima mit klaren Werten und Orientierungspunkten helfen Mitarbeitenden, Schwierigkeiten zu vermeiden und sie deutlich früher zu erkennen.