Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/1381

Eine ältere Frau hatte, weil bekannt war, dass sie sich immer wieder einmal um Katzen kümmerte, die irgendwo auftauchten und offensichtlich kein Zuhause hatten, von dem Schicksal einer kleinwüchsigen, hübschen, 3-farbigen Kätzin gehört. Zwei Jahre war die Kleine täglich, regelmässig und pünktlich an einem Restaurant in Zollikon aufgetaucht. Sie hatte es geschafft, Mitleid zu erregen. Sie wurde geduldet und gefüttert, man mochte sie. Das Lokal wurde geschlossen, eine Katastrophe für die kleine Dreifarbige. Sie suchte sich ein anderes Restaurant, dort hatte sie aber Pech. Es wurde ihr unmissverständlich klar gemacht, dass Katzen unerwünscht sind. Jedes Mal wenn sie, hungrig wie sie war, auftauchte wurde sie davon gejagt.
Menschen, die Tieren helfen, treffen früher oder später unweigerlich auf Menschen, die das Gleiche tun. Es bilden sich Netzwerke. Die nette, ältere Dame hatte keine Möglichkeit heimatlose Tiere bei sich aufzunehmen. Dank dem Netzwerk kannte sie aber eine Kollegin von mir, die zu diesem Zeitpunkt allerdings auch keinen freien Platz hatte. So klingelte bei mir, am 19.06.2009, das Telefon. "Blümchen", ich habe sie spontan so getauft, zog am 20.06.2009 auf dem Katzenhof ein. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Blümchen von ihrem neuen Zuhause besonders begeistert war. Alles war hier fremd für sie, und die vielen Mitkatzen waren wohl auch nicht unbedingt das, wovon sie geträumt hatte.
Sie war etwa fünf Wochen auf dem Katzenhof, als mir ein unverzeihlicher Fehler unterlief. Für einen kurzen Moment hatte ich ein Fenster einen Spalt offen gelassen. Ich wollte noch etwas herausstellen. Trotzdem Blümchen sich nicht in dem Raum mit dem unverschlossenen Fenster befand, hatte sie den frischen Luftzug wahrgenommen und ihre Chance erkannt und genutzt. So schnell konnte ich gar nicht reagieren, wie sie durch den engen Spalt draussen war.
Nach 4 Wochen ist eine Katze am neuen Ort, in der Regel, so gut wie eingewöhnt, dass sie, wenn sie versehentlich heraus gerät, bis zum Abend wieder zu Hause ist. In einzelnen Fällen auch erst am darauf folgenden, frühen Morgen. Mir war sofort klar, dass Blümchen, unzufrieden wie sie sich hier immer noch zeigte, wahrscheinlich nicht zurückkommen würde. Dazu kam, dass sie zwei Jahre selbständiges Leben geübt hatte. Zum Glück hatte ich sie, wie üblich, gleich als sie kam testen, impfen und vor allem auch chipen lassen.
Alle Nachforschungen nach ihr blieben erfolglos. Bis am 14.08.2009 eine Tierärztin anrief und mir mitteilte, dass bei ihr in der Praxis eine Dame aus Boppelsen mit einer zugelaufenen Katze sei. Die Kleine trage einen, auf den Katzenhof registrierten, Chip. Ich hatte Mühe sie ausreden zu lassen, weil mir sofort klar war, dass es sich um Blümchen handelt. Frau G. wohnt etwas weiter weg von mir, aber auf der gleichen Seite von Boppelsen. Die Ärztin informierte mich, dass das Ehepaar G. die kleine, zutrauliche Dreifarbige gerne, wenn ich einverstanden sei, "adoptieren" würden. Grundsätzlich erklärte ich mich einverstanden. Ich bat aber um einen persönlichen Anruf von Frau G. Bei diesem Telefonat erfuhr ich, dass ihnen Blümchen am 01.08.2009 zugelaufen und geblieben war, trotzdem sie sie am Anfang weder ins Haus genommen noch gefüttert hatten. Sie wollten niemandem die Katze wegnehmen.
Diesmal hatte Blümchen offensichtlich am richtigen Haus, bei den richtigen Menschen "angeklopft". Eine gefundene oder zugelaufene Katze muss bei der "Meldestelle für Findeltiere" des jeweiligen Kantons gemeldet werden. Von dort wird sie dann, für zwei Monate, auf einer Liste im Internet ausgeschrieben. Man gibt so den Tierhaltern die Möglichkeit, ein verloren gegangenes Tier wieder zu finden. Wenn sich innerhalb dieser Zeit niemand meldet, wird das gefundene Tier frei gegeben. Derjenige, der das Tier aufgenommen hat, darf es behalten oder die Katze, der Hund wird von einem Tierheim neu vermittelt. Auf Grund von Blümchens Vorgeschichte, war ich zwar überzeugt, dass diese kleine, hübsche, zutrauliche Kätzin, wie so viele andere, niemand suchen würde.
Um ganz sicher zu gehen, habe ich Frau G.
vorgeschlagen, dass wir die zwei Monate abwarten und erst dann einen Übernahmevertrag
mit allen üblichen Modalitäten abschliessen. Ich machte Frau G. noch darauf
aufmerksam, dass Blümchen eventuell noch nicht kastriert sein könnte. Das hiess,
dass sie sie genau auf eine möglicherweise eintretende Rolligkeit hin beobachten
musste. Das war auch ein Grund, weshalb sie bei mir nicht hätte heraus geraten
dürfen. Rückblickend könnte sie mir vielleicht sogar abgehauen sein, um sich
einen Liebhaber zu suchen. Manchmal lassen Katzen sich ihre Rolligkeit nicht
anmerken. Aber eben, es kommt vieles anders als man denkt, dies bei Blümchen
gleich in zweifacher Sicht. Die zwei Monate waren noch nicht um, als Frau G.
sich bei mir meldete und mir mitteilte, dass sie Blümchen wegen schweren Asthma-Anfällen,
die bei ihr aufgetreten sind, nicht behalten kann. Zweitens, Blümchen käme mit
einem dicken Bauch! Am 17.09.2009 hat Herr G. Blümchen zurück gebracht. Hinter
der Küche, im Hauswirtschaftsraum, hatte ich alles für die werdende Mutter vorbereitet.
Von "weg wollen" und Ablehnung des Katzenhofes war nicht mehr die Rede. Blümchen
kam, sah und wars zufrieden.
Ich verwöhnte sie mit viel gutem Essen und Schmuseeinheiten. Zusammen warteten wir auf die Dinge, die unweigerlich kommen mussten.
Nach einer Woche war es dann soweit. Sie hatte sich nichts anmerken lassen. Deswegen war ich ziemlich überrascht, als ich aus dem Hauswirtschaftraum ein feines Fiepen und Piepsen hörte. Zwei Winzlinge mit rotem Babypelz, schon sauber geputzt, waren auf die Welt gekommen. Blümchen schien sehr stolz und schnurrte laut, und ich war froh, dass es nur zwei waren. Als ich das nächste Mal nach Mutter und Kindern sah, waren es bereits drei und wieder etwas später waren es bereits vier winzige Felltiere. Ich fing mir an Sorgen zu machen, dass das kleine, zierliche Blümchen sich womöglich in den Kopf gesetzt hatte, einen Weltrekord im "Katzenkinder kriegen" aufzustellen. Glücklicherweise gab sie sich aber dann doch mit vier Kindern zufrieden. Die ganze Geburt, mit allem was dazu gehörte, erledigte das kleine Blümchen mit einer Selbstverständlichkeit und Perfektion, wie es nur Katzenmütter können. Am nächsten Morgen ging ich natürlich als erstes nach der Familie sehen. Alle Kinder waren verschwunden. Insgesamt 10mal schleppte und versteckte Blümchen ihre ganze Mannschaft an den unmöglichsten Orten im Raum. Zum Beispiel hinter die Waschmaschine, unter einen Schrank usw. Ich hatte ihr extra zwei "Höhlen", dick mit Fellen und Decken ausgepolstert, zur Auswahl hingestellt, und jetzt lagen die kleinen Kätzchen auf dem nackten, kalten Steinboden irgendwo an den blödesten Stellen. Den ganzen ersten Tag verbrachte ich damit, ausser mir vor Sorge, die Kinder zu suchen und in die warmen Höhlen zurück zu legen. Die Kleinen waren teilweise schon ganz kalt. Ich verbarrikadierte jeden Winkel und jeden Spalt im Raum mit Brettern und Wolldecken, bis die verrückte Katze das Versteckspiel endlich aufgab.
Von da an lief alles wie am Schnürchen. Blümchen versorgte ihre Kinder vorbildlich und ich kümmerte mich um meine Arbeit. Die Harmonie wurde nur hin und wieder von einem riesigen Gekreische und Gefauche unterbrochen. In normalen Zeiten ist Blümchen eine ausgesprochen friedliche, soziale Katze. Seitdem sie ihre Kinder hat spielen bei ihr die Hormone verrückt. Sobald eine andere Katze aus dem Haus auch nur in die Nähe des Hauswirtschaftraums kommt, man könnte fast sagen, nur in die Richtung guckt, fällt sie blitzartig und ohne jede Vorwarnung, über die betroffene Katze her und prügelt sie windelweich. Für sie spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich um einen riesigen Kater oder ein Tier im normalen Katzenformat handelt. Die Überfallenen sind so überrascht, dass sie höchstens versuchen die zur Furie mutierte Katze abzuwehren. Mir ist es nicht ein einziges Mal gelungen einzugreifen, weil alles so heftig und schnell ging, dass ich nicht die geringste Chance hatte eine der zwei Katzen packen zu können. Zum Glück war der Spuk auch immer so plötzlich vorbei, wie er angefangen hatte.
Mit vier Wochen fingen die Katzenkinder an selbständig zu essen. Sind aber bis heute, noch ab und zu von Mutter Blümchen gesäugt worden. Nur einer von den zwei kleinen Katern, weigerte sich noch volle drei Wochen, auch nur den kleinsten Krümel selbständig zu sich zu nehmen. Also holte ich mir "Esbilac", eine Aufzuchtmilch, vom Tierarzt und "schöppelte" ihn täglich. Und weil sie so gut ist und ich ja sonst nichts zu tun habe, bekommen die drei Anderen auch immer etwas ab. Jetzt haut der kleine Faulpelz doppelt und dreifach so viel rein und ist schon fast genau so schwer, wie die übrige Bande. Mittlerweile sind sie gut 10 Wochen alt, übermütig, schmusig, verfressen und gesund. Sie waren von Anfang an total sauber.
Je zwei und zwei haben einen guten Platz bei netten Familien gefunden und ziehen noch vor Weihnachten um.
Copyright Isabella R. Kern 2009