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P006: Artenschutzprojekt für die Geburtshelferkröten (2002-2007)
Zur Förderung der Geburtshelferkröte wurden 3 Teilprojekte bearbeitet:
Teilprojekt 1
Von 2002 bis 2004 hat Pro Natura St. Gallen-Appenzell ein regionales Rettungsprojekt für die Geburtshelferkröte durchgeführt. Damit konnten inzwischen an mindestens 29 Orten Aufwertungsmassnahmen realisiert werden. Ausserdem hat es vier Folgeprojekte ausgelöst. Im Schlussbericht wird eine 5-Punkte Strategie zur Rettung der Art präsentiert. Diese umfasst:
- Aufbau und Erhaltung von grossen regionalen Bestandeszentren.
- Erhaltung und Vergrösserung von bestehenden Vorkommen.
- Aufbau von neuen räumlich vernetzten Vorkommen.
- Wissenschaftliche Abklärungen zur Optimierung von Gewässerpflege und Vermehrungserfolg.
Teilprojekt 2
Die Pro Natura Jugendgruppe von Lutzenberg lancierte im Naturschutzjahr 1995 den Bau eines Amphibienweihers auf dem Seebeli. Im Jahr 2001 konnte Pro Natura St. Gallen-Appenzell diese Weiherparzelle sowie weitere kleine Grundstücke in der Umgebung erwerben. Nach langen Verhandlungen gelang es, die Grundstücksfläche zu arrondieren sowie ein Fuss- und Fahrrecht einzurichten. Diese Schritte ermöglichten es, eine umfassende ökologische Aufwertung des Gebietes Seebeli inbesondere für den Glögglifrosch in Angriff zu nehmen. Von Januar bis Oktober 2007 sind die Arbeiten für eine umfassende ökologische Aufwertung des Gebietes Seebeli durchgeführt worden.
Teilprojekt 3
Unsere Lokalgruppe Wolfhalden (vor allem Maya und Lukas Tobler) organisierten zusammen mit der Umweltkommission und dem Kanton AR ein Aufwertungsprojekt für verschiedene Amphibienlaichgewässer. Es wurden mehrere Feuerweiher saniert und einige kleine Weiher neu gebaut. Zudem wurde bei geeigneten Weihern die Umgebung für die Geburtshelferkröten aufgewertet. Das Teilprojekt wurde im Dezember 2002 abgeschlossen.
Merkmale, Bestimmung
3.5 bis 5 cm gross; rundlich gedrungende Gestalt grau oder graubraun; Unterseite weisslich (im Gegensatz zur ähnlichen Gelbbauchunke mit gelb geflecktem Bauch); warzige Haut; auffallende Reihe mit oft rötlichen Warzen an den Flanken. Goldene Augen mit senkrechter Pupille.
Fortpflanzung, Brutfürsorge
Die Paarung findet zwischen April und September an Land statt. Dabei umfasst das Männchen das Weibchen von hinten und besamt die austretenden Eier. Anschliessend wickelt es die Eier um die Hinterbeine. Die Eier sind in einer Gallerte eingeschlossen, die an der Luft steif wird. Das Männchen trägt die Eier etwa 3 Wochen mit sich herum. Wenn sie schlüpfbereit sind, bringt es sie zum Laichgewässer. Die Kaulquappen schlüpfen aus den Eiern, wenn diese ins Wasser getaucht werden. Ein Männchen kann mehrmals in einer Saison Eier übernehmen.
Rufe
Männchen locken Weibchen mit angenehm glockenartigen, leisen Rufen zur Paarung an. Sie rufen in kleinen Hohlräumen, die sie oft selber gestalten. Das Rufkonzert von mehreren Geburtshelferkröten tönt wie ein fernes Glockengeläut - daher der Name "Glögglifrosch". Gerufen wird ab der Dämmerung bis nach Mitternacht. Die Tiere sind dank ihrer verborgenen Lebensweise und guter Tarnung sehr schwer zu finden. Die Aktivität beginnt mit der ersten Wärmeperiode im März oder April und endet im August oder September. Während ein Männchen Eier trägt, nimmt die Rufaktivität ab. Nach der Abgabe der Eier ruft es wieder weiter.
Ernährung
Die Kaulquappen fressen Pilze, Bakterien und Algen, die sie mit ihrer Raspelzunge von Oberflächen abkratzen. Nach der Metamorphose besteht die Nahrung aus lebenden Kleintieren am Boden wie Käfer, Schnecken, Spinnen oder Würmer.
Entwicklung, Alter
Die Kaulquappen sind sehr scheu und können mit ihrem kräftigen Schwanz sehr schnell schwimmen. Wenn Fressfeinde wie Fische oder Molche im Gewässer vorkommen, leben die Kaulquappen verborgen und inaktiv und sind kaum zu sehen. In Gewässern ohne räuberische Wassertiere sind sie dagegen leicht zu beobachten. Je nach Wassertemperatur entwickeln sich die Kaulquappen schneller oder langsamer. Wenn die Wassertemperatur im Sommer deutlich unter 20 °C liegt, überwintern die Kaulquappen und verlassen das Wasser im Frühjahr. Wenn die Temperatur über 20°C liegt, überwintern nur spät abgelegte Kaulquappen. Überwinternde Kaulquappen sind grösser als solche, die das Wasser im Herbst verlassen. Sie können dann bis 9 cm lang werden und erreichen nach der Rückbildung des Schwanzes annähernd die Grösse geschlechtsreifer Tiere. Ein Weibchen produziert in einem Jahr 30 bis 100 Eier. Dank der Brutfürsorge der Männchen ist die Sterblichkeit der Eier und jungen Kaulquappen gering. Weil während dem ganzen Sommer Eier abgelegt werden, ist auch das Risiko, dass in einem Jahr der ganze Nachwuchs eines Bestandes bei Hochwasser oder Dürre zugrunde geht, gering. Die Geschlechtsreife erreichen Geburtshelferkröten nach 2 bis 4 Jahren. Es gibt Hinweise dafür, dass Geburtshelferkröten im Freiland mehr als 15 Jahre alt werden können.
Raumverhalten
Geburtshelferkröten sind wenig wanderfreudig. Ausgewachsene Tiere halten sich in der Regel in einem Gebiet von wenigen Aren auf. Gelegentlich kann man das selbe Tier jahrelang unter dem gleichen Stein finden. Ihre Bereitschaft zur Neubesiedlung ist auch nach der Zerstörung ihres Lebensraumes gering. Jungtiere zeigen eine etwas grössere Bereitschaft zur Neubesiedlung. Im Vergleich zu anderen Amphibienarten erfolgt eine natürliche Besiedlung neuer Lebensräume selten.
Landlebensräume
Die natürliche Heimat der Geburtshelferkröte sind Flussauen und Rutschgebiete in steinreichen Hügelgebieten. Typischerweise kommt sie an Anrissstellen kleinerer Flüsse oder an Altläufen mit offenen Schotterbänken vor. Dort findet sie Landlebensräume und Laichgewässer in unmittelbarer Nähe. Geeignete Lebensräume bleiben auch bei hoher Geschiebedynamik über lange Zeit innerhalb eines eng begrenzten Gebietes erhalten. Im Kulturland hat die Geburtshelferkröte verschiedene passende Nischen gefunden. So ist sie während Jahrhunderten in der Umgebung von Höfen mit Feuerlöschteichen vorgekommen, wo sie in Trockenmauern oder unter unterhöhlten Steinplatten günstige Sekundärlebensräume fand. Auch Kiesgruben und Steinbrüche bieten der Art geeignete Ersatzlebensräume, sofern der Abbau extensiv erfolgt und ungestörte Lebensräume sich nur langsam verändern bzw. verschieben. Entscheidend für das Vorkommen von Geburtshelferkröten ist ein ausreichendes Angebot an verschiedenen, mindestens daumendicken Hohlräumen mit einem mässig feuchtwarmen Mikroklima. Sowohl dauerhafte Nässe wie auch Trockenheit werden nicht ertragen. Zeitweise direkte Sonnenbestrahlung des Bodens ist für die ausreichende Wärme unerlässlich.
Laichgewässer
Die Lebensweise der Geburtshelferkröte ist darauf ausgelegt, sich an Flüssen mit gelegentlichen Sommerhochwasser sowie in Gewässern mit sehr unterschiedlicher Temperatur und Dauerhaftigkeit zu vermehren. Die Larven können sich sowohl in einem kühlen Flusswasser wie auch in flachen Regentümpeln gut entwickeln. Weil sie aber unter kühleren Bedingungen oft im Larvenstadium überwintern, dürfen solche Gewässer höchstens alle paar Jahre austrocknen. Obwohl die Kaulquappen sehr reaktionsschnell sind und verborgen leben können, vermögen sie in dauerhaften Kleingewässern mit hoher Dichte an räuberischen Wassertieren wie Fischen, Libellenlarven oder Molchen nicht in ausreichendem Mass zu überleben. Besonders günstig sind gelegentlich ausgeschwemmte Altwasser in Flussauen oder mehrjährig ungestörte Regentümpel in Kiesgruben. Auch in Feuerlöschteichen oder Gartenteichen, die alle paar Jahre geleert und ausgeräumt werden, können sich Geburtshelferkröten stark vermehren.
Verbreitung Europa, Schweiz, St.Gallen - Appenzell
Die Geburtshelferkröte ist in Spanien und Frankreich verbreitet und stösst in der Schweiz an ihre östliche Verbreitungsgrenze. In Deutschland liegt die nordöstliche Verbreitungsgrenze in Thüringen. In der Schweiz ist die Art im ganzen Mittelland sowie den Voralpen und im Jura verbreitet. Die höchsten Funde stammen aus einer Höhe von 1670 m.ü.M. In inneralpinen Tälern fehlt die Art (Ausnahme Berner Oberland). Im Kanton St.Gallen ist die Geburtshelferkröte nördlich des Alpstein- Churfirsten- und Hörnlimassivs verbreitet. Am Hangfuss des Rheintals befindet sich die östliche Verbreitungsgrenze. Bis in die 80er Jahren befand sich ein Verbreitungsschwerpunkt der Art im Appenzeller Vorderland, wo sie sich in den damals zahlreichen Feuerlöschteichen und Weidbrunnen vermehrte. Im nördlichen Teil des angrenzenden Kantons Thurgau fehlt die Art.
Gefährdung
In der Schweiz ist die Geburtshelferkröte als gefährdet eingestuft. In den vergangenen 15 Jahren hat in verschiedenen Regionen, auch in angrenzenden Ländern, ein starker Rückgang stattgefunden. Die aktuelle Situation legt es nahe, die Art gleich wie Laubfrosch und Kammolch als vom Aussterben bedroht einzustufen. Die Ursache für die Gefährdung und den aktuellen Rückgang ist der Verlust von geeigneten Lebensräumen. Anders als bei anderen Amphibienarten ist der Verlust von Landlebensräumen mindestens gleich wie der von Laichgewässern zu bewerten. Besondere Beachtung ist auch der geringen Mobilität der Art zu schenken. In manchen Fällen ist sie deshalb nicht in der Lage neu geschaffene Lebensräume selbständig zu besiedeln.
Förderung
Die Prioritäten beim Schutz der Geburtshelferkröte gelten hier wie über all im Naturschutz
1. Erhalten bestehender Vorkommen
2. Aufwertung bestehender Vorkommen
3. Neuschaffung von Lebensräumen
Gestaltung und Pflege von Laichgewässern
- Keine Fische oder Enten in Kleingewässern halten
- Kleingewässer alle 4-8 Jahre im Herbst trockenlegen (allfällige Kaulquappen separat halten)
- Flussaue regenerieren
- Sonnige Anrissstellen und Stillwasserzonen in Bächen und Flüssen fördern
- Nicht genutzte Tümpel und Absetzbecken in Kiesgruben mehrjährig offen halten
- Versenkte Weidbrunnen mit Wasserdurchlauf erhalten oder neu eingraben
- Neue Weiher in geeigneter Umgebung anlegen
Gestaltung und Pflege von Landlebensräume
- Fugenreiche Mauern erhalten oder neu anlegen
- Steinhaufen oder Steinplatten mit Hohlräumen anlegen
- Unbewachsene Sand- oder Erdhaufen schütten
- Nach dem Ende des Abbaus in Kiesgruben einen Teilbereich offene Gewässer und Ruderalböden erhalten
- Sonnige Böschungen vor Verbuschung bewahren
- Kleinstrukturen fördern, z.B. Laub und Äste liegen lassen oder Randstreifen nicht mähen
- Auf Pestizideinsatz verzichten
- Gärten strukturreich gestalten
Wie können Sie die Glögglifrösche noch weiter unterstützen
- Melden Sie aktuelle und ältere Beobachtungen von Geburtshelferkröten! Gute Hinweise sind die typischen Rufe oder die grossen Kaulquappen.
- Als Gastgeber von Geburtshelferkröten: Erhalten Sie Ihre Rarität! Wir beraten Sie gerne.
- Schaffen Sie selber geeignete Lebensräume und fördern Sie so die Wiederansiedlung der Art.
- Spenden Sie einen Beitrag auf PC 90-12341-9 mit Vermerk "Glögglifrosch". Ihr Geld wird für die Aufwertung von Lebensräumen der Geburtshelferkröte in der Region eingesetzt.
Lassen Sie sich beraten
Bei der Gestaltung oder Pflege eines Lebensraumes beraten wir Sie gerne - gratis und unverbindlich! Für nachhaltige Massnahmen ist auch eine finanzielle Unterstützung möglich.
Die Förderung von Geburtshelferkröten dient auch zahlreichen anderen Tieren und Pflanzen und eröffnet unvergessliche Erlebnisse für Jung und Alt.
Dr. Jonas Barandun, St. Gallen