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13.10.2016 - Dieter Schupp
13.10.2016
Dieter Schupp
Liebe nach Platon
„Lieben: das heisst Seele werden wollen in einem anderen“, das hat Platon gesagt, der die Philosophie als Liebe zur Weisheit, zum Wahren, Schönen und Guten chrakterisierte.
Beim Anblick eines einzelnen Schönen, Wahren, Guten „erinnert sich die Seele an jenes wahrhaft Schöne, Wahre, Gute, das sie vor ihrer Geburt geschaut hat“. Dieses werde jedoch nicht unmittelbar erfasst, sondern wird begriffen im Prozess des diskursiven Denkens, des inneren Dialogs der Seele mit sich selbst. Die Seele definiert Platon als die „Bewegung, die sich selbst bewegt … ist die erste als Ursprung und Macht.“ Darum nennt er sie das älteste und göttlichste aller Dinge.
Der Grieche Platon (427 – 347 v. Chr.) hat im Anschluss an Sokrates ein philosophisches Konzept entworfen, das bestimmend wurde für die weitere Entwicklung der Philosophie. Das Aussergewöhnliche daran war (ist), dass es hier nicht um die lehrhafte Vermittlung von Denkinhalten geht, sondern um den in einem Dialog entstandenen Denkprozess.
Platons Konzept: Im Wechselspiel von argumentierender Rede und Gegenrede soll es zur „Reinigung“ der Seele des jeweiligen Gesprächspartners kommen. Dieser bringt es auf diese Weise vom bloss eingebildeten Wissen hin zu jenem Wissen, was jeder Mensch schon immer in sich trägt.
Platons Bedeutung kann aber noch weit grundsätzlicher gesehen werden. Er hat die Philosophie zu einer besonderen kulturellen Gattung im Bereich des Wissens gemacht mit einer eigenen Methode und einer eigenen Aufgabe. In Sonderheit: Platon hat erstmals die Vernunft neu definiert: als ein eigenständiger Bereich des Denkens und Wissens. Da allerdings praktisch alle Themen, die in der Philosophiegeschichte eine Rolle spielen, bereits in den Werken des Platon zu finden sind, bestehe die europäische philosophische Tradition (so der Philosoph Whitehead ) „aus einer Reihe von Fussnoten zu Platon“.
Das bedeutet, dass alles Philosophieren nach Platon sich – positiv oder kritisch – auf ihn mitsamt der mittlerweile kaum mehr überschaubaren Fülle Sekundärliteratur beziehen muss.
Mit seinem Schüler Aristoteles angefangen hat Platon, der „Königliche“, Geisteswissenschaftler, insbesondere die Philosophen , immer wieder dazu angeregt, eigene komplementäre oder konkurrierende Gedanken und Systeme zu entwerfen.
Zu all den vielen, die in der „ca. 2 500 Jahren-Philosophiegeschichte“ von Platon beeinflusst wurden, gehört Friedrich Schleiermacher (1768-1834). Er bekannte, dass er als Schüler zwar Platon bewunderte und verehrte, aber nicht eigentlich verstanden habe… „Es gibt gar keinen, der so auf mich gewürkt und mich in das Allerheiligste nicht nur der Philosophie, sondern der Menschen überhaupt so eingeweiht hätte, als dieser göttliche Mann“.
Eine grosse und nachhaltige Wirkung erzielten die deutschen Übersetzungen der meisten Werke Platons, die der protestantische Theologe, Philosoph und Pädagoge ab dem Jahr 1804 publizierte. Schleiermacher gehörte zu denen, die aus dem philosophischen System Platons entnommen haben: nicht das Lehrgebäude und die überlieferte „Lehre“ seien zum Verstehen eines Textes nötig und unbedingt mitzubedenken. Nein. Da nämlich das Erfassen eines fremden Gedankens eine Eigenleistung der Seele sei, überlasse man die Auslegung eines Textes dem Leser.
Friedrich Schleiermacher hat die Hermeneutik (Kunst der Textauslegung), das Auslegen und Verstehen von Texten auf das psychologische Verständnis des Autors und des interpretierenden Lesers ausgedehnt. Der seelische Zusammenhang bilde den Untergrund des Erkenntnisprozesses, geisteswissenschaftliches Erkennen ist Verstehen. Daraus folgt: Nur was uns ergreift, können wir begreifen.
In Berlin, im engen Kontakt mit den Romantikern, veröffentlichte Schleiermacher im Jahr 1799 das religionsphilosophische Grunddokument: „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“. Dieses (anonyme) Werk war im wesentlichen gegen die orthodoxen Standpunkte seiner Zeit gerichtet und er ergänzte die Religion, nun aufgeklärt und unabhängig geworden, als „Sinn, Anschauung und Gefühl“.
Darüber hinaus erklärte Schleichermacher das Philologische, Psychologische und Hermeneutische für unabkömmlich zum Verstehen eines Textes, wonach dann Jahrzehnte später die historisch-kritische Exegese entstand.