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Der 1985 in Genf geborene Joël Dicker ist studierter Jurist und landete mit "Die Wahrheit über Harry Quest" (auf Deutsch erschienen 2013) einen millionenfach verkauften Bestseller. Auch der Nachfolger "Die Geschichte der Baltimores", wiederum angesiedelt in den USA, zeigte, dass der Mann ein begnadeter Geschichtenerzähler ist und sein gerade erschienenes "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" beweist von Neuem – Joël Dicker ist ein erzählerisches Ausnahmetalent.
Nur schon, dass ein junger Genfer amerikanische Romane zu schreiben imstande ist, begeistert mich. In meiner Vorstellung muss jemand mindestens Jahre in einem Land verbracht haben, um es glaubwürdig zu vermitteln – ein Irrtum, der hiermit korrigiert worden ist. Was mich an einen brasilianischen Journalisten erinnert, der sich mir gegenüber vor einigen Wochen als Dicker-Fan geoutet hatte und überdies von italienischen Autoren wie Italo Svevo und Elio Vittorini schwärmte, in deren Gesellschaft er lange Zeit in Italien verbracht habe (im Kopf und emotional, er war nie selber vor Ort). Genauso schafft es dieser in Paris lebende Autor mir Amerikanisches näher zu bringen. Oder genauer: auf eine amerikanische Art Geschichten zu erzählen – vor allem die temporeiche Handlung ist wichtig, die Psychologie der Personen weniger.
Worum geht es? Im Juli 1994 ereignet sich in Orphea, einem Badeort an der amerikanischen Ostküste, ein Mehrfachmord dem der Bürgermeister, sein Sohn und seine Frau sowie eine Buchhändlerin, die gerade vorbei joggt, zum Opfer fallen. Jesse Rosenberg und Derek Scott, zwei junge Polizisten, finden einen Schuldigen, doch zwanzig Jahre später behauptet eine junge Journalistin, Stephanie Mailer, die beiden hätten sich geirrt. Kurz darauf verschwindet sie. Jesse Rosenberg und Derek Scott machen sich auf die Suche und nehmen dabei auch den alten Fall wieder auf.
"Das Verschwinden der Stephanie Mailer" erzählt keine eindimensionale Geschichte, der Autor bedient sich ganz unterschiedlicher Erzählstränge. Einer der gelungensten handelt von einem Journalisten namens Steven Bergdorf, der einmal in Orphea gearbeitet hat und jetzt als Leiter einer Literaturzeitschrift in New York tätig ist, bei der auch Stephanie Mailer angestellt war, doch auf Betreiben von Bergdorfs Freundin Alice gefeuert wurde. Wie Joël Dicker dieses Liebesverhältnis schildert (die Abhängigkeit des Fünfzigjährigen von der 25Jährigen) ist höchst realistisch und überzeugend.
Gekonnt weiss der Autor die verschiedenen Handlungsstränge (alle scheinen mit allen irgendwie zusammenzuhängen) so zusammenzuführen, dass sie der Spannung keinen Abbruch tun, sondern sie noch steigern. Und dass er das über 600 Seiten hinweg durchhält, ist bewundernswert. Das macht ihm so schnell keiner (und keine) nach.
Doch "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" ist nicht nur rasant erzählt und voller überraschender Wendungen, sondern enthält auch Passagen, die ich nicht mehr aus dem Kopf kriege. Etwa die Beschreibung der Justiz, "im Prinzip eine wundervolle und erhabene Sache, in der Praxis eine langwierige und kostspielige Maschinerie, bürokratisch und überfrachtet, aus der noch nicht einmal die Sieger ohne Schaden hervorgingen." Oder die Charakterisierung der Literaturkritik: "Wenn man das Mass an Respekt betrachtet, das bestimmten Genres gezollt wird, steht in der Reihe ganz zuoberst der unverständliche Roman, dann der intellektuelle Roman, dann der historische Roman, dann der Roman überhaupt und erst danach, an vorletzter Stelle, kurz vor der Liebesromanze, steht der Krimi." Untergegangen dabei ist der spannende, unterhaltsame und lehrreiche Joël Dicker-Roman.
Fazit: Ein echter Page-Turner! Eben ein Joël Dicker!