Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/683

Wer in die Geschichte der «Nation» eintaucht, landet unweigerlich bei Ernest Renan. Auch, weil er im Jahr 1882 die «europäische Konföderation» vorausgesagt hat. – Ein Beitrag zur Ideengeschichte.
Neun von zehn Menschen identifizieren sich mit ihrem «Land», mit dem Staat, dem sie als Bürgerinnen oder Bürger zugehören, von dem sie einen Pass ausgestellt erhalten haben. Der Staat mit seinen – auf dem Boden und auf der Landkarte – festgeschriebenen Grenzen, der Territorialstaat, ist aber nur die katasteramtlich festgeschriebene Edition einer Zusammengehörigkeit. Die Grenzen selber sind, wenn wir das genauer anschauen, fast irrelevant. Und doch ist die Aufteilung Europas in territorial definierte sogenannte Nationalstaaten im politischen Denken so etwas wie ein Axiom.
Nur wenigen heutigen Bürgerinnen und Bürgern der europäischen Staaten ist noch bewusst, dass die Aufteilung Europas in territorial definierte Staaten, die ihrerseits wieder, wie sie vorgeben, eine «Nation» repräsentieren, noch kaum zweihundert Jahre alt ist. Im Anschluss an die Französische Revolution und durch den Zerfall der feudalistischen Strukturen musste ein neues Raster über Europa gelegt werden. Die sich anbahnende Demokratie brauchte klare Kriterien der Zugehörigkeit. Erst im 19. Jahrhundert tauchte immer öfter der Begriff der Nation auf, der etymologisch mit ‚nasci’ und ‚natus’, geboren werden, geboren sein, zu tun hat, also vor allem mit der abstammungsmässigen Zusammengehörigkeit. Aber nicht nur.
Was also ist eine Nation?
Wie so vieles andere, das klug erdacht und formuliert worden ist: auch zum Thema der Nation war es ein Franzose, der zur Entwicklung des Nationalstaates vielleicht das Grundlegende sagte. Ernest Renan, geboren 1823, war Historiker und Schriftsteller. Sein berühmter Vortrag an der Sorbonne in Paris am 11. März 1882 verdient, in Erinnerung gerufen zu werden.
Ist die Nation die Ablösung einer Dynastie?, fragte Renan, und erklärte: «Es stimmt, dass die meisten modernen Nationen von einer Familie feudalen Ursprungs geschaffen wurden, die sich mit dem Boden vermählt hat und gewissermassen ein Zentralisationskern gewesen ist.» Aber mit Verweis auf die Geschichte von England, Irland und Schottland, auf die Geschichte Italiens, Hollands und auch Frankreichs und nach weiteren historischen Ausführungen kam er klar zum Schluss: Nein. «Man muss also einräumen», sagte er wörtlich, «dass eine Nation ohne dynastisches Prinzip existieren kann, und sogar, dass Nationen, die von einer Dynastie geformt worden sind, sich von ihr trennen können, ohne dass sie damit aufhören zu existieren.»
Ist also die gemeinsame Rasse die Basis einer Nation?
Ist also die gemeinsame Rasse – heute würden wir sagen: die Ethnie – die Basis für eine entstehende Nation? Renan referierte in seinem Vortrag zuerst die Argumente jener, die tatsächlich in der gemeinsamen Rasse das entscheidende Kriterium der Nationenbildung zu erkennen glaubten. Seine eigene Antwort auf die Frage aber war unmissverständlich: «Frankreich ist keltisch, iberisch, germanisch. Deutschland ist germanisch, keltisch und slawisch. Italien ist das Land mit der verwirrendsten Ethnographie. Gallier, Etrusker, Pelasger, Griechen, nicht zu reden von einer Reihe anderer Elemente, kreuzen sich dort zu einem unentwirrbaren Geflecht. Die Britischen Inseln zeigen in ihrer Gesamtheit eine Mischung von keltischem und germanischem Blut, dessen Anteile ungeheuer schwer zu bestimmen sind. Die Wahrheit ist, dass es keine reine Rasse gibt und dass man die Politik auf eine Chimäre bezieht, wenn man sie auf die ethnographische Analyse gründet. Die edelsten sind jene Länder – England, Frankreich, Italien – , bei denen das Blut am stärksten gemischt ist. Ist Deutschland in dieser Hinsicht eine Ausnahme? Ist es ein rein germanisches Land? Welche Illusion! Der ganze Süden war gallisch, der ganze Osten, von der Elbe an, ist slawisch.»
Nein, die Rasse, die Ethnie, kann es nicht sein, die nationenbildend war. «Es ist für alle gut, vergessen zu können. Ich liebe die Ethnographie, sie ist eine Wissenschaft von seltenem Wert. Aber da ich wünsche, dass sie frei ist, möchte ich, dass sie ohne politische Anwendung bleibt.»
Aber natürlich: die Sprache!
Oder beruht die Nation auf der gemeinsamen Sprache, fragte Renan weiter. «Was wir von der Rasse gesagt haben, müssen wir auch von der Sprache sagen. Die Sprache lädt dazu ein, sich zu vereinen; sie zwingt nicht dazu. Die Vereinigten Staaten und England, das spanische Amerika und Spanien sprechen dieselbe Sprache und bilden doch keine Nation. Im Gegenteil, die Schweiz, die so wohlgelungen ist, weil sie durch Übereinkunft ihrer verschiedenen Teile entstand, zählt drei oder vier Sprachen. Beim Menschen gibt es etwas, was der Sprache übergeordnet ist: der Wille. Der Wille der Schweiz, trotz der Vielfalt der Idiome geeint zu sein, ist eine viel wichtigere Tatsache als eine oft unter Quälereien erlangte Ähnlichkeit. Die Tatsache, dass Frankreich niemals versucht hat, die Einheit der Sprache mit Zwangsmassnahmen durchzusetzen, ehrt es. Kann man nicht in verschiedenen Sprachen dieselben Gefühle und dieselben Gedanken haben, dieselben Dinge lieben?»
Aber auch eine andere Passage seines Vortrages zur Sprache ist denkwürdig: «Die ausschliessliche Berücksichtigung der Sprache hat, ebenso wie die zu starke Betonung der Rasse, ihre Gefahren und Unzuträglichkeiten. Wenn man zu viel Wert auf die Sprache legt, schliesst man sich in einer bestimmten, für national gehaltenen Kultur ein; man begrenzt sich. Man verlässt die freie Luft, die man in der Weite der Menschheit atmet, um sich in die Konventikel – in die privaten ‚Gebetsräume’ – seiner Mitbürger zurückzuziehen. Nichts ist schlimmer für den Geist, nichts schlimmer für die Zivilisation. Geben wir das Grundprinzip nicht auf, dass der Mensch ein vernünftiges und moralisches Wesen ist, ehe er sich in diese oder jene Sprache einpfercht, ein Angehöriger dieser oder jener Rasse, ein Mitglied dieser oder jener Kultur. Ehe es die französische, deutsche, italienische Kultur gab, gab es die menschliche Kultur. Die grossen Menschen der Renaissance waren weder Franzosen noch Italiener noch Deutsche. Durch ihren Umgang mit der Antike hatten sie das wahre Geheimnis des menschlichen Geistes wiedergefunden, und ihm gaben sie sich hin mit Leib und Seele. Wie gut sie daran taten!»
Und welchen Einfluss hat die Religion?
Basiert die Nation also auf einer einheitlichen Religion? Renan referierte ausführlich, welche Bedeutung der Glaube im alten Athen hatte. Es gab nur die eine Religion, sie war die Staatsreligion. «Heutzutage ist die Situation vollkommen klar», sagte Renan. « Es gibt keine Masse von Gläubigen mehr, die auf einförmige Weise glaubt. Jeder glaubt und praktiziert nach seinem Gutdünken, wie er kann, wie er mag. Es gibt keine Staatsreligion mehr, man kann Franzose, Engländer, Deutscher sein und dabei Katholik, Protestant, Israelit, oder man kann gar keinen Kult praktizieren. Die Religion ist eine individuelle Angelegenheit geworden, sie geht nur das Gewissen eines jeden an.»
Die Nation als pure Interessengemeinschaft?
Die Frage, ob gegebenenfalls gemeinsame Interessen die Basis für eine Nation sein könnten, handelte Renan kurz und prägnant ab: «Die Übereinstimmung der Interessen ist sicherlich ein starkes Band zwischen den Menschen. Doch reichen die Interessen aus, um eine Nation zu bilden? Ich glaube es nicht. Die Interessengemeinschaft schliesst Handelsverträge ab. Die Nationalität jedoch hat eine Gefühlsseite, sie ist Seele und Körper zugleich. Ein ‚Zollverein’ kann kein Vaterland sein.»
Also die Geographie!
Aber da gibt’s ja noch die Geographie. Es gibt natürliche Grenzen, Flüsse, Berge! Renan sagte: «Die Geographie – was man die ‚natürlichen Grenzen’ nennt – hat fraglos einen grossen Anteil an der Einteilung der Nationen. Sie ist einer der wesentlichen Faktoren der Geschichte. Die Flüsse haben die Rassen geführt, die Berge haben sie behindert. Jene haben die historischen Bewegungen begünstigt, diese haben sie aufgehalten. Kann man aber glauben, wie es einige Parteien tun, dass die Grenzen einer Nation auf der Karte eingetragen sind und dass eine Nation das Recht hat, sich das Nötigste anzueignen, um gewisse Konturen zu begradigen, an dieses Gebirge zu reichen, an jenen Fluss, dem man a priori so etwas wie eine begrenzende Kraft zuspricht? Ich kenne keine willkürlichere, keine verhängnisvollere Theorie. Mit ihr kann man jede Gewalt rechtfertigen.»
Die Nation ist eine Seele
Aber Ernest Renan beschränkt sich nicht darauf zu sagen, was eine Nation nicht ist. Er erklärt sie auch positiv. Wörtlich: «Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip (une âme, un principe spirituel). Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat. Der Mensch improvisiert sich nicht. Wie der einzelne ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, von Opfern und von Hingabe. Der Kult der Ahnen ist von allen der legitimste; die Ahnen haben uns zu dem gemacht, was wir sind. Eine heroische Vergangenheit, grosse Männer, Ruhm (ich meine den echten) – das ist das soziale Kapital, worauf man eine nationale Idee gründet.
Gemeinsamer Ruhm in der Vergangenheit, ein gemeinsames Wollen in der Gegenwart, gemeinsam Grosses vollbracht zu haben und weiterhin Grosses vollbringen zu wollen – das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein. Man liebt – im richtigen Verhältnis – Opfer, in welche man eingewilligt hat, Übel, die man erlitten hat. Man liebt das Haus, das man gebaut hat und das man vererbt. Das spartanische Lied: ‚Wir sind, was ihr gewesen seid; wir werden sein, was ihr seid’, ist in seiner Einfachheit die abgekürzte Hymne jedes Vaterlandes. In der Vergangenheit ein gemeinschaftliches Erbe von Ruhm und von Reue, in der Zukunft ein gleiches Programm zu verwirklichen, gemeinsam gelitten, sich gefreut, gehofft zu haben – das ist mehr wert als gemeinsame Zölle und Grenzen, die strategischen Vorstellungen entsprechen. Das ist es, was man ungeachtet der Unterschiede von Rasse und Sprache versteht.
Ich habe soeben gesagt: ‚Gemeinsam gelitten haben’. Ja, das gemeinsame Leiden eint mehr als die Freude. Die nationalen Erinnerungen und die Trauer wiegen mehr als die Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen. Eine Nation ist also eine grosse Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem fasst sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusammen: in der Übereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer Nation ist – erlauben Sie mir dieses Bild – ein tägliches Plebiszit, so wie das Dasein des Individuums eine andauernde Bejahung des Lebens ist.»
Die europäische Konföderation in Sichtweite
«Die Nationen sind nichts Ewiges», sagte Renan, sich dem Schluss nähernd. «Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen (La confédération européenne, probablement, les remplacera). Aber das ist nicht das Gesetz des (19.) Jahrhunderts, in dem wir jetzt leben. Gegenwärtig ist die Existenz der Nationen gut, sogar notwendig. Ihre Existenz ist die Garantie der Freiheit, die verloren wäre, wenn die Welt nur ein einziges Gesetz und einen einzigen Herrn hätte. Mit ihren verschiedenen Fähigkeiten, die einander oft entgegengesetzt sind, dienen die Nationen dem gemeinsamen Werk der Zivilisation. Alle tragen zu dem großen Konzert der Menschheit eine Note bei, das, als Ganzes, die höchste ideale Realität ist, an die wir heranreichen. Voneinander isoliert, haben die Nationen nur schwache Seiten.»
Es braucht ein gemeinsames Moralbewusstsein
«Ich fasse zusammen. Der Mensch ist weder der Sklave seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Religion noch des Laufs der Flüsse oder der Richtung der Gebirgsketten. Eine grosse Ansammlung von Menschen, gesunden Geistes und warmen Herzens, erschafft sich ein Moralbewusstsein (une conscience morale), das sich eine Nation nennt. In dem Masse, wie dieses Moralbewusstsein seine Kraft beweist durch die Opfer, die der Verzicht des einzelnen zugunsten der Gemeinschaft fordert, ist die Nation auch legitim, hat sie ein Recht zu existieren.»
Und wie hat sich die Nation – in Form des Nationalstaates – weiterentwickelt?
Die Etablierung eines Europa der Nationalstaaten schien sich zu bewähren – für eine gewisse Zeit. Renan hielt seinen Vortrag im Jahr 1882. Drei Dekaden später allerdings, 1914, brach der Erste Weltkrieg aus. Beteiligt waren 15 europäische Staaten, weitere 21 ausserhalb von Europa. Der Krieg forderte etwa 17 Millionen Tote und das Doppelte an Verwundeten und Invaliden. Die Friedensverträge hielten Grenzverschiebungen fest: Die Siegermächte wurden grösser, zu Ungunsten der Staaten auf der Verliererseite.
Zwei weitere Dekaden später, 1939, brach der Zweite Weltkrieg aus. Beteiligt waren 25 europäische Staaten, weitere 15 ausserhalb von Europa. Der Krieg forderte über 70 Millionen Tote, die Verwundeten und Invaliden wurden schon gar nicht mehr gezählt. Die Friedensverträge hielten Grenzverschiebungen fest. Die Siegermächte wurden grösser, zu Ungunsten der Staaten auf der Verliererseite.
Erste Lehren aus der Geschichte
Aber diesmal, nach dem Zweiten Weltkrieg, gab es endlich ein paar Männer, die darüber nachzudenken begannen, wie solche Kriege zwischen (National-)Staaten vermieden werden könnten. Und sie legten den Grundstein für die Europäische Gemeinschaft – basierend, wie eine «Nation», auf gemeinsam erlittenem Leiden. Als hätten sie – und vielleicht haben sie ja auch – Ernest Renan gelesen: ‚Gemeinsam gelitten haben’. Ja, das gemeinsame Leiden eint mehr als die Freude. Eine Nation ist eine große Solidargemeinschaft, getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen bereit ist. Sie setzt eine gemeinsame Vergangenheit voraus, aber sie umfasst vor allem auch die Übereinkunft, den deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen (le consentement, le désir clairement exprimé de continuer la vie commune).
Ist es nicht Zeit, diese gemeinsamen Erinnerungen endlich auf Europa zu beziehen, statt immer noch auf die einzelnen Nationalstaaten? Sind gegen 100 Millionen Tote in zwei grossen Kriegen nicht genug, um – basierend auf gemeinsamem Leiden – ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln? Und ist ein Europa ohne Krieg und mit offenen Grenzen nicht ausreichend ein gemeinsames Ziel, um auch die Zukunft im Sinne der «nationalen» Zusammengehörigkeit anzugehen? Sind wir noch nicht reif, endlich Europa als unsere «Nation» zu verstehen?
Den Mut haben, der Mode zu entsagen
Ernest Renan schloss sein damaliges Referat, in dem er – vor 132 Jahren! – die «europäische Konföderation» bereits angekündigt hat, mit dem Satz: «Wenn man in der Zukunft recht behalten will, dann muss man sich manchmal damit abfinden, dass man aus der Mode ist.»
Die Mode der Zeit ist – leider – in vielen europäischen Ländern die Renationalisierung. Es bleibt zu hoffen, dass jene Recht behalten, die dieser Mode keine Folge leisten.
---
Der obenstehende Blog ist zuerst in der Frühjahrsausgabe 2014 der Vierteljahreszeitschrift "gazette.de" erschienen, deren neuer Chefredaktor Christian Müller ist, und am 12. April 2014 auf der Informationsplattform infosperber.ch.