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Die Frage mag ketzerisch anmuten, sei aber trotzdem gestattet: Hat Bill Conti seinen Oscar für The Right Stuff ein klein wenig auch Henry Mancini zu verdanken? Unmöglich scheint dies nicht, kommt doch ein Thema aus dessen Score zu The White Dawn während John Glens erstem Flug ins Weltall sehr prominent zum Einsatz. Und dies nicht einmal unpassend, obwohl die Melodie einst bloss aus Spass entstand, den sich eine alte Inuit-Frau erlaubte, als sie von Phil Kaufmann ‒ dem Regisseur beider Filme ‒ aufgefordert wurde, ihm etwas Traditionelles aus ihrer Kultur vorzusingen. Dass ihre spontane Eingebung es schliesslich bis in die Erdumlaufbahn schaffte, war indes der Verdienst von Mancini, der darin etwas Religiöses, Universelles sah.
Die Gefahr, dass jemand dieses Thema hätte wiedererkennen können, war relativ gering, denn obwohl es an Talent vor und hinter der Kamera nicht mangelte, war The White Dawn kein Erfolg beschieden. Der aussergewöhnliche, auf wahren Begebenheiten ruhende Film erzählt von den amerikanischen Walfängern Billy, Daggett und Portagee (Warren Oates, Timothy Bottoms, Louis Gossett Jr.), die anno 1896 in Nordkanada stranden, wo sie von Inuits vor dem sicheren Tod gerettet und in ihre Gemeinschaft aufgenommen werden.
«Ich war besorgt darüber, wie ich die Eskimo-Musik gestalten sollte», schrieb Mancini, «denn ich fand heraus, dass alles, was sie diesbezüglich hatten, die menschliche Stimme war sowie ein paar seltsame, mit Seehund- oder Walross-Blasen bespannte Trommeln.» Diese waren für ihn unbrauchbar, dienten aber als Inspiration für speziell angefertigtes Schlagzeug. Als nützlich erwiesen sich aber lokale Flöten und Gesangsaufnahmen, die Kaufman von Baffin Island, dem Drehort des Filmes, mitbrachte.
Wie inspiriert Mancini dann trotzdem oder erst recht zu Werke ging, weiss jeder, der die sinfonische Suite kennt, die er aus dem Score, der zu einem seiner persönlichen Favoriten wurde, liebevoll zusammenstellte. Sie präsentiert nebst dem oben beschriebenen ein weiteres einprägsames, zwar simples, aber lebensfrohes Thema (ich nenne es der Einfachheit halber zweites Hauptthema) und Seefahrer-Musik vom Feinsten, insbesondere das aufregende Arctic Whale Hunt und die verschmitzte, von Holzbläsern und Schifferklavier bestrittene Woody Booger Hornpipe.
Dass der Komponist mit dieser Suite, so toll sie auch ist, aber kaum mehr als an der Oberfläche seines Scores kratzte, wird mit dessen erstmaligen Veröffentlichung in seiner kompletten Form jetzt offensichtlich. Der Einfallsreichtum in der Instrumentierung, die clevere musikalische Umsetzung von Sitten und Gebräuchen der Inuits und superb ausgearbeitete Stimmungen der Natur in all ihrer Schönheit und Unwirtlichkeit machen das Hören dieser CD zum grossen Vergnügen.
Von seiner experimentellsten Seite zeigt sich Mancini in der Filmversion des Main Title, auch wenn er von Regisseur und Produzent dazu gedrängt wurde, weil die Originalversion nicht ihren Vorstellungen entsprach. Der Klang eines über einen grossen Gong geriebenen Gummiballs ähnelt nicht nur Walgesängen, sondern trägt auch der totalen Verlorenheit der orientierungslosen Schiffbrüchigen Rechnung. In eine ähnliche Richtung gehen Tricky Shaman Pt. I and II, und Return to Paradise Pt. I and II, mit (elektronisch erzeugten?) Windgeräuschen und klammen Orchesterklängen das garstige Klima äusserst treffend beschreibend. Nicht viel Gemütlichkeit verbreiten auch rituelle und archaische Trommeln, zu hören etwa in Your Father’s Ice Floe, Shaman gets his Rocks offund Panic Run.
Im thematischen Bereich verwendet Mancini mit Vorliebe zwei Instrumentengruppen: Flöten und Stabspiele. Dadurch erscheinen die manchmal nahtlos ineinander übergehenden Motive (die zwei Hauptthemen, das auf einer Inuit-Weise basierende Little Indian Boy und ein behutsames Liebesthema sind hier die wichtigsten) mal mystisch, mal wiegenliedartig, mal nachdenklich, und vor allem das zweite Hauptthema bezaubert zuweilen in spieldosenhaften oder glitzernden Varianten. Zu guter Letzt kommt dann noch die alte Inuit-Dame zu Ehren, die im über die Schlusstitel gelegten Old Woman’s Song zusammen mit Louis Gossett Jr. ihren monoton-nasalen Nonsensgesang zum Besten gibt.
Wenn es an dieser tollen CD etwas zu kritisieren gibt, dann ist es der Klang, der nicht der allerbeste ist. Um den Score überhaupt veröffentlichen zu können, musste auf Monobänder aus dem Privatbesitz des Komponisten zurückgegriffen werden. Natürlich ist deren Restaurierung immer noch mehr als respektabel, und selbst wenn dem nicht so wäre, würde für The White Dawn trotzdem eine klare Empfehlung gelten, ist diese Musik doch weit mehr als nur eine Bereicherung für die Mancini-Sammlung.