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Ein Pferd und ein Esel geraten in Streit darüber, wer von ihnen höher einzuschätzen sei. Das Pferd ist stolz auf seine Vergangenheit. Der Esel ist jedoch stolz auf seine Zukunft und erwidert: "Die Technik wird das Pferd überholen, Esel wird es aber immer geben!"
Basiert der Stolz des Esels auf nachvollziehbaren Überlegungen oder anders gefragt, kann man überhaupt stolz auf etwas sein, das in der Zukunft liegt? Normalerweise wenn wir sagen, wir sind stolz auf etwas, liegt dieses etwas doch in der Vergangenheit? Oder besitzt der Esel etwa hellseherische Fähigkeiten und weiss, wie die Zukunft aussieht, sodass wir, die diese Fähigkeit und das damit zusammenhängende Wissen nicht besitzen, die eigentlichen Esel sind?
Mit diesen durch einen Witz angeregten Fragen befinden wir uns bereits mitten in der Philosophie der Zeit. Im Folgenden werde ich versuchen, basierend auf Unterscheidungen des englischen Philosophen John McTaggart, den Verlauf der Zeit betreffend, zwei unterschiedliche Theorien der Zeit zu erläutern und deren Konsequenzen für unser alltägliches Leben aufzuzeigen.
Um sich dem Denken über die Zeit zu nähern, wähle ich den Zugang über die Zeitform (engl. tense), d. h. ob ein Ereignis in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft liegt. Der Rütlischwur von 1291 liegt in der Vergangenheit, die Gesamterneuerungswahlen des Bundesrates von 2039 liegen in der Zukunft und die Gegenwart ereignet sich gerade jetzt in diesem Moment.
In der zeitförmigen (tensed) Theorie der Zeit, fliesst die Zeit. Wenn der Raum traditionell als statischer Behälter aufgefasst wird, verhält sich die Zeit dynamisch oder anders formuliert: Raum entspricht dem Sein und Zeit entspricht dem Werden. Die Zeit bringt somit Veränderung mit sich. Es verhält sich wie mit dem Fluss von Heraklit, in den man nie zweimal steigen kann (oder sogar kein einziges Mal.) Jeder Augenblick ist anders als jeder andere Augenblick.
Allerdings gibt es noch eine grundlegend andere Theorie der Zeit, nämlich die zeitformlose (tenseless) Theorie, die anstelle von den Begriffen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bloss mit „früher“ und „später“ auskommt. Die zeitformlose Theorie behandelt die Zeit gleich wie den Raum, denn die Zeit fliesst nicht mehr, sie ist statisch. Wie der Raum ist sie ein Behälter und jedem einzelnen Teil davon kann eine Koordinate auf einer Karte zugeteilt werden.
Wenn wir angeben wollen, wo sich jemand auf der Erde befindet, stellen wir die geographischen Koordinaten mit Längen- und Breitengrad zur Verfügung. Wenn wir einem Reisenden die korrekten Koordinaten geben, wird er seinen Weg zum bevorzugten Zielort finden. Der Ort ist fixiert, er fliesst nicht irgendwo anders hin. Alle räumlichen Orte befinden sich zusätzlich in einem bestimmten Verhältnis zueinander, also relativ zu allen anderen räumlichen Orten. Bern hat z.B. eine fixe Position im Verhältnis zu Zürich, d.h. die räumliche Distanz zwischen Bern und Zürich ist beständig, sie verändert sich nicht plötzlich über Nacht zu einer anderen relativen Position.
Wenn wir nun davon ausgehen, dass sich der Rütlischwur im Jahre 1291 ereignete und das Inkrafttreten der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1848, geben wir doch eigentlich Zeitkoordinaten an. Wir behandeln dann auch alle zeitlichen Ereignisse als relativ, also in einem zeitlichen Verhältnis zueinander, denn das Inkrafttreten der Bundesverfassung ereignete sich 557 Jahre nach dem Rütlischwur und das wird für immer so bleiben. Somit behandeln wir die Zeit genau gleich wie den Raum.
Warum also nicht auch zukünftige Ereignisse auf die gleiche Art und Weise betrachten, d.h. als Ereignisse, denen wir zeitliche Koordinaten zuweisen können? In diesem Fall wären sie tatsächlich überhaupt nicht in der Zukunft – wir haben sie noch nicht erreicht, aber sie sind schon da, sie existieren bereits. In der gleichen Weise, wie wir auf einen neuen Zielort zugehen, in der Erwartung, dass alle abzuschreitenden Punkte zwischen uns und dem Zielort bereits da sind, gehen wir durch die Zeit, in der jeder Zukunftspunkt bereits da ist, auf uns wartend. Dies entspricht der Theorie des absoluten Determinismus. Unser aller Schicksal ist entschieden, alle Ereignisse in unserem Leben sind bereits in Stein gemeisselt. Wir können nichts an unserer Zukunft ändern, genauso wie wir die Lage von Bern und seiner Position relativ zu Zürich nicht ändern können.
Somit geht es bei der Debatte über die zeitförmige (tensed) und die zeitformlose (tenseless) Theorie der Zeit darum, ob die Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft fliesst, oder ob sie behandelt wird als eine Menge von fixierten, unbeweglichen Koordinaten. Dies würde bedeuten, dass sich die gesamte Zeit schon ereignet hat und alle Zeitkoordinaten bereits existieren.
In der zeitformlosen Variante ist eine Zeitreise wie eine Reise von Bern nach Zürich. Wir reisen entlang einer existierenden Route, alle Punkte sind bereits da. In der zeitförmigen Variante ist die Zukunft nicht genau festgelegt, es gibt keine Koordinaten. Wir haben einen freien Willen und können unser Schicksal selber wählen. In der zeitförmigen Theorie existiert die Zukunft noch nicht, wohingegen in der zeitformlosen Theorie die Zukunft bereits existiert. In der zeitförmigen Theorie ist die Zukunft gegenwärtig nicht real, weil sie sich noch nicht ereignet hat. In der zeitformlosen Theorie ist die Zukunft real, weil sie bereits stattgefunden hat und genau festgelegt ist, wie Koordinaten auf einer Stadtkarte.
Die zeitförmige Theorie eröffnet uns unzählige Chancen und Möglichkeiten zu handeln, die zeitformlose hingegen bietet uns keine einzige. Für zeitförmige Zeit ist die Zukunft offen, für zeitformlose Zeit ist sie abgeschlossen. In der zeitformlosen Variante ereignet sich die gesamte Zeit tatsächlich auf einmal. Doch ist es nicht eher so, dass genauso wie wir nur einen Schritt auf einmal im Raum machen können, unser Bewusstsein nur einen Schritt nach dem anderen machen kann durch die Zeit? Denn auch wenn sich unsere Zukunft bereits ereignet haben sollte, so kennen wir sie doch trotzdem nicht? Die zeitformlose Theorie ist jene, die Personen vorschwebt, wenn sie über Vorahnung oder das Sehen der Zukunft, im Sinne von Hellsehen sprechen. Sie meinen die Zukunft sehen zu können, weil sie bereits da ist. Natürlich bedeutet das auch, dass sie die Zukunft nicht ändern können, was jenes „Wissen“ über die Zukunft völlig sinnlos und überflüssig werden lässt.
In der zeitformlosen Theorie wird die Zeit zu einer zusätzlichen, vierten Dimension, die auch Theorie des Blockuniversums genannt wird, weil Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle in einem grossen Block existieren. Im Blockuniversum verhält sich das zeitliche „Jetzt“ gleichwertig zum räumlichen „Hier“. Wenn wir „hier“ sind, sind wir nicht „dort“. Wenn es „jetzt“ ist, ist es weder „früher“ noch „später“. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhalten sich schlichtweg relativ, zu wo wir uns momentan befinden im Raumzeit-Block. Die Gegenwart entspricht der Gegenwartskoordinate, die Vergangenheit jener Koordinate, die wir gerade hinter uns gelassen haben, deren Existenz jedoch nicht verschwunden, sondern immer noch da, jedoch nicht mehr erreichbar ist. Die Zukunft entspricht der nächsten Koordinate, die zwar bereits existiert, die wir aber noch nicht erreicht haben. Es liegt jedoch nicht an uns, darüber zu entscheiden, was im nächsten Augenblick passiert, genauso wie es nicht an uns liegt zu entscheiden was im Raum zwischen uns und Bern liegt.
Im Blockuniversum reduziert sich unser Leben auf ein Albtraumszenario, denn es wird zu einem Film, der aus statischen Bildern besteht. Alle einzelnen Bilder des Films existieren bereits und es geht nur noch darum, Bild um Bild abzuspielen. Veränderung ist eine Illusion, weil jedes Bild - die faktische Realität - keine Möglichkeit für Veränderung enthält. Eine scheinbare Veränderung wird nur vorgetäuscht durch das Abspielen des Films. Die Veränderung wird eingeleitet durch die technische Einrichtung, die den Film abspielt, sie ist jedoch etwas, das sich ausserhalb des Films befindet. Im Blockuniversum gibt es keine Veränderung, es gibt nur einen statischen Zustand nach dem anderen. Es gibt keinen Prozess der Veränderung, kein Werden, nur eine Abfolge von Seinszuständen, von denen jeder einzelne Eigenschaften besitzt, die ihn von den anderen Seinszuständen unterscheidet.
Können wir nun frei wählen und eine Entscheidung darüber fällen, welche der beiden Theorien wir bevorzugen? Oder lässt sich diese Frage gar nicht erst stellen, da der Verlauf unseres Lebens und damit auch diese „Entscheidung“ bereits vorgegeben sind und die Frage impliziert, dass wir einen freien Willen besitzen? Ich persönlich entscheide mich für die zeitförmige Theorie, genauso wie ich mich entschieden habe diesen Blogbeitrag zu schreiben und wie ich mich nun entscheide zu dem Pferd und dem Esel aus dem eingangs erwähnten Witz zurück zu kommen. Aufbauend auf den angestellten Überlegungen können wir ihnen nun nämlich eine der beiden Zeittheorien zuordnen, dem Pferd die zeitförmige und dem Esel die zeitformlose Theorie. Denn wenn der Esel in die Zukunft sieht, auf die er meint stolz sein zu können, muss jene schon existieren. Oder wird die Technik das Pferd doch nicht überholen?
Wenn wir entscheiden können welche der beiden Theorien wir bevorzugen, so entscheiden wir uns aufgrund persönlicher Überlegungen und Neigungen für die eine oder die andere Theorie. Für welche Theorie wir uns entscheiden, sagt vieles über unsere Persönlichkeit und unseren Bezug zur Welt aus. Entweder wir sind maschinenartige Wesen, die sich in einem mechanischen Universum aufhalten, dessen Verlauf bereits beim Urknall unabänderlich festgelegt wurde, in dem jegliche Veränderung unmöglich ist und wir uns folglich einen freien Willen bloss einbilden, oder aber wir sind Lebewesen, die Träume, Wünsche und Ziele entwickeln und umsetzen können, die einen freien Willen besitzen, der es uns ermöglicht sowohl unser eigenes Leben als auch den Weltenlauf zu verändern.
Die Zeit selbst bleibt von dieser, unserer Entscheidung jedoch unberührt, d. h. dass die Zeit selbst keine Entscheidungen treffen kann und unabhängig von unserem Bezug zu ihr weiterläuft. Werden oder Nichtwerden, das ist hier die Frage. Entweder besitzt die Zeit eine Zeitform oder nicht, eine dritte Variante kann es nicht geben, sie schliessen sich gegenseitig aus, denn die Zeit kann nicht zwischen Zeitförmigkeit und Zeitformlosigkeit hin- und herwechseln. Mit der Zeitform verhält es sich nicht wie mit Pferd und Esel, die gekreuzt werden können, woraus ein Maultier entsteht.
Ich entscheide mich, Kraft meines freien Willens für eine Theorie, die sowohl Determinismus als auch Indeterminismus berücksichtigt, für eine Theorie also, die das Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung widerspruchsfrei mit Subjekten, mit Ichs, die über einen freien Willen verfügen, vereinen kann.
Quellen:
- Stöckler, Manfred: Artikel ‚Zeit‘ in der Enzyklopädie Philosophie, Meiner Verlag
- Bergson, Henri: Zeit und Freiheit
- Padova, Thomas: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit
- Safranski, Rüdiger: Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen
- Hübner, Dietmar: Gibt es eine objektive Gegenwart? Zur Metaphysik der Zeit
- Markosian, Ned: Time, The Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Dowden, Bradley: Time, Internet Encyclopedia of Philosophy
- Pearce, Jonathan: Time, Free Will and the Block Universe
- Doyle, Robert O.: The Block Universe of Special Relativity