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Die gediegene, leserfreundliche Neuausgabe des 1943 entstandenen und 1949 im Zürcher Steinberg-Verlag erstmals als Buch erschienenen Romans «Die Pflicht» könnte man am besten vorstellen, indem man das Nachwort des Herausgebers Wort für Wort nachdruckte. Selten liest man einen auf wenigen Seiten so umfassend informierenden, Nachwort-Essay, dem die Bewunderung des Literaturliebhabers für den bedeutenden Prager Erzähler Ludwig Winder (1889-1946) in jeder Zeile anzumerken ist, ohne dass sie ihn blind machte für die das Lesevergnügen übrigens kaum störenden Schwächen seines Romans. «Lesevergnügen» ist allerdings ein nicht ganz passendes Wort für ein politisches Buch, das ganz harmlos beginnt und ganz furchtbar endet. Denn erzählt wird eine bittere Geschichte aus den Jahren der nationalsozialistischen Okkupation der Moldau-Metropole. Sie handelt davon, wie das von Pflichtbewusstsein, Lebensangst und unpolitischem Heraushalten aus allen Unannehmlichkeiten geprägte kleine Leben des Beamten Josef Rada zerstört und dann durch Radas allmähliche Einsicht in seine Pflicht zum Widerstand gegen die Besatzer zu einem – patriotisch betrachtet – grossen Leben wird.
«Josef Rada, ein kleiner Beamter des Verkehrsministeriums in Prag, verliess am Morgen des 15. März 1938 ahnungslos seine Wohnung und ging in sein Amt.» So beginnt ein Prosatext, der den Leser bald in seinen Bann zieht – weil er Schritt für Schritt, dabei immer sachlich, genau, konkret und anschaulich bleibend, die brutalen Veränderungen schildert, die die Gewaltherrschaft einem Menschen und seinen Nächsten in kürzester Zeit aufzwingt. Rada sorgt sich zunächst um seine tapfere Frau sowie um den einzigen Sohn und dessen Freundin – tatsächlich wird der Sohn bald verhaftet und taucht nie wieder auf. Während die meisten seiner Kollegen dem Widerstand zuneigen, setzt Miroslav Fobich auf Kollaboration mit den Nazis, macht kurzzeitig Karriere und engagiert den unverdächtigen Rada für seine kriegswichtige Abteilung III. «Sie war für die rasche, glatte, jede Stockung ausschliessende Beförderung der deutschen Soldaten und des Kriegsmaterials an die polnische Grenze verantwortlich.» Damit wird Rada für die Eisenbahnsabotage betreibenden Widerständler interessant. Man kommt in Kontakt, und tatsächlich begreift Rada Schritt für Schritt, was nach der Einsetzung Heydrichs seine patriotische Pflicht ist: die Einsatzpläne der wichtigen Transporte zu verraten. Viele Sabotageakte gelingen, sein opportunistischer Chef wird den Nazis verdächtig, und als Rada endlich verhaftet wird, ist es auch um Fobich geschehen. Am Ende wartet Rada, «einsam und verloren», auf den Marschtritt des Hinrichtungskommandos. Fast wie im Lehrbuch, könnte man sagen und dies auch als Vorwurf meinen. Denn unverkennbar ist dieses Werk zuerst einmal ein Zeitroman. Und als solcher hatte er auch propagandistische Funktionen, ohne dass man wüsste, ob er vielleicht sogar eine Auftragsarbeit der tschechischen Exilregierung in London war. Wie auch immer, eine innige Solidaritätsbekundung eines deutschen Juden an seinen tschechischen Staat, eine kämpferische Warnung an die Nazis und die Kollaborateure und eine entschlossene Ermutigung der Mit-Exilanten wie auch der Partisanen ist er allemal. Was, fast sechzig Jahre nach den hier geschilderten Ereignissen, nur Betroffene und Spezialisten interessieren müsste, wäre da nicht das, was «Die Pflicht» eigentlich auszeichnet und die Romanlektüre selbst zur Lese-Pflicht macht. Es ist die sensationelle literarische Qualität dieser makellosen Prosa, die heute wohl am meisten begeistert und ihrem Urheber einen ganz aussergewöhnlichen Rang in der Literaturgeschichte sichert. Oder, wie es ganz zu Recht im Nachwort heisst: «Der fast schon unvermeidliche, tausendfach gerühmte und durchleuchtete Franz K. aus Prag lässt grüssen.»
Ludwig Winder, «Die Pflicht», Roman (1949), herausgegeben von Christoph Haacker, Reihe: Bibliothek der böhmischen Länder, Arco-Verlag, Wuppertal 2003.
Klaus Hübner, geboren 1953 in Landshut, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.