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Der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler hatte 1933 in Berlin negative Erfahrungen in Nazi-Deutschland gemacht. Als eidgenössischer Politiker bekämpfte er Hitler fortan und ergriff Partei für die West-Allierten. Nicht nur Hitlerdeutschland, auch die USA und Grossbritannien schöpften in der Schweiz zusehends Geheimdienstinformationen ab. (Teil 5)
Paul Ignaz Vogel
Vertrauliche Mitteilung an die gesamte Belegschaft der
Migros-Verteilungs-GmbH: «Verlustzahl mtl. 30'000 RM
nach Boykott. REKOFEI (Reichsverband der
Kolonialwaren- und Feinkosthändler). Heil Hitler!»
Am 25. August 1919 wurde die Weimarer Verfassung besiegelt. Sie brachte Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg eine parlamentarische Demokratie mit einem Rechtsstaat. Es begann eine vorerst hoffnungsvolle Zwischenkriegszeit in Europa.
In der Schweiz markierte das Datum des 25. August 1925 ebenfalls einen Neubeginn. Damals gründete in Zürich der umtriebige und weitsichtige Kaufmann Gottlieb Duttweiler seine Migros-AG mit einem Aktienkapital von Fr. 100'000.-. Migros – die Brücke zwischen Produzent und Konsument. Die Migros AG wollte zuerst keine Läden eröffnen, sondern die Waren ausschliesslich aus Fahrzeugen verkaufen. Damit sparte sie erheblich Betriebskosten.
Die Idee der fahrenden Verkaufsläden stammte ursprünglich aus den USA. Die allerersten Food Trucks gehen auf den Chuckwagon zurück. Diese Planwagen verkauften verderbliche Lebensmittel an Cowboys und Holzfäller in der amerikanischen Wildnis. In einem typischen Chuckwagon befanden sich Bohnen, gepökeltes Fleisch, Kaffee und Kekse. Er transportierte auch Wasser und Holz zum Feuermachen. Viele fungierten auch als mobile Friseurläden und Zahnarztpraxen. 101)
Pioniergeist aus Weimar-Deutschland
Nach Abflauen der Weltwirtschaftskrise versuchte Duttweiler, mit seiner MIGROS AG nach Deutschland zu expandieren. Vom 1932 zersplitterten Firmenkonstrukt der Fa. Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG in Berlin, dem damals europaweit technisch führenden Unternehmen in der Metallbranche, kaufte er den Park der fahrenden Verkaufsläden. Die Farm im Eberswalder Ortsteil Finow bei Berlin hatte auch Lebensmittel produziert, und diese wurden durch Verkaufsfahrzeuge auf den Markt gebracht. Die Farm wurde von der Hirsch-Unternehmung aufgebaut.
Die Familie Hirsch war von grossem Pioniergeist beseelt. In ihrem Betrieb hatte sie schon 1930 ein aus leicht montierbaren Kupferbau-Elementen bestehende Haus entworfen. Es wurde von Walter Gropius 1932 an der Bauhaus-Ausstellung in Berlin vorgestellt. Das war damals eine Sensation, denn ein Eigenheim sollte per Katalog bestellt und binnen 24 Stunden zusammengesteckt werden können. In einer Besprechung des Buches “Heimatcontainer – Deutsche Fertighäuser in Israel” (Suhrkamp, 2009) heisst es: «’Da für viele Juden Palästina ein völlig fremdes Land darstellte, sollten die verschiffbaren Kupferhäuser ein Stück alte Heimat in der neuen Heimat sein. Das jüdische Unternehmen Hirsch, das bereits seit den 1920er Jahren die zionistische Idee auch finanziell unterstützte, begann gezielt in jüdischen Zeitschriften ihre Fertighäuser zu bewerben, so beispielsweise mit dem Slogan ‘Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina. […] Sie wohnen bei größter Hitze in kühlen Räumen!’” 102)
Naziboykott verdrängte MIGROS aus Deutschland
Doch ein weltweites Unheil bahnte sich an. Nach und nach ergriffen die Nationalsozialisten die Macht. Dass sich viele Deutsche am Ende der Weimarer Republik von der NSDAP angezogen fühlten, lag nicht nur am Parteiprogramm. Die Partei strahlte Kraft und Dynamik aus. Außerdem waren die Naziführer jung, anders als die grauhaarigen Politiker der etablierten Parteien. Und Hitlers Image eines starken Führers sprach die Fantasie an, stellt die Website des Anne Frank-Hauses in Amsterdam fest.
Am Samstag, 1. April 1933 riefen die Nationalsozialisten zu einem Boykott von jüdischen Geschäften und Unternehmungen auf. Mit dem verwerflichen Slogan: «Deutsche! Wehrt euch, kauft nicht bei Juden». Für den Gau Grossberlin verlangte die NS-Parteimacht: «Die Angehörigen der jüdischen Rasse sind fristlos zu entlassen». Der Boykott wurde auch an den Verkaufsläden der MIGROS vollzogen, obschon diese inzwischen nicht mehr im Besitz der jüdischen Unternehmung Hirsch waren. Duttweiler versuchte, via Schweizer Botschaft, einen Arierausweis für seine Kapitalbeteiligung zu erlangen.
In einer vertraulichen Mitteilung des «Reichsverbandes der Kolonialwaren- und Feinkosthändler», die an die gesamte Belegschaft der Migros-Verteilungs-GmbH gelangte, hiess es am 27. Dezember 1933: «Verlustzahl mtl. 30'000 RM nach Boykott. REKOFEI (Reichsverband der Kolonialwaren- und Feinkosthändler). Heil Hitler!» Duttweiler musste das Handtuch werfen und gab sein deutsches Experiment auf. Im Juni 1934 höhnte Fridericus (Berlin): «Auch in der Schweiz will man von «Migros» nichts mehr wissen. Man verbietet mit Recht die Eröffnung weiterer Verkaufsstellen, weil der Ladenbesitzer und Kleinhändler sich diese Konkurrenz nicht mehr länger gefallen lassen will.»
Im Historischen Firmenarchiv des Migros-Genossenschaftsbundes in Zürich findet sich ein Brief vom 31. Januar 1935, in dem sich Carl Bier, ein potenzieller Käufer aus Deutschland (Köln) für die Übernahme der stillstehenden Verkaufs-Lastwagen der MIGROS Berlin interessierte. Gerichtet war das Schreiben an die MIGROS AG in Zürich. Als Begründung für seine Kaufinteressen nannte der Absender: «Ich prüfe zur Zeit die Frage, ob sich die Wagen in Palästina verwenden lassen, wohin ich in absehbarerer Zeit auswandern will … Ich denke in erster Linie daran, die Wagen auf dem Lande zu fahren bezw. fahren zu lassen um dort diejenigen Wagen hinzubringen, die es im kleinen Geschäft nicht gibt.» 103)
Frontistische Irrwege trennten sich
Duttweiler konzentrierte seine Tätigkeit nach seinem Berliner Fiasko ganz auf die Schweiz. Der Kaufmann trat in die Politik ein. In den eidgenössischen Wahlen 1935 kandidierte er mit einigen Gesinnungsgenossen. Auf Anhieb wurden 7 Mandate für den Nationalrat durch eine sehr hetereogene Protestwählerschaft erreicht. Ein Jahr später gründete Duttweiler als Parteibasis den Landesring der Unabhängigen (LdU). Damit füllte er mit dieser neuen Partei eine Lücke im Spektrum der Politik und vermochte, oppositionelle, durch die Spätfolgen der Weltwirtschaftskrise aktiv gewordene Kräfte an sich zu binden und in den demokratischen Prozess zu integrieren. Ein soziales Kapital strebte Duttweiler an.
Doch Duttweiler fehlte nach seinem politischen Start mitunter auch gesunder Menschenverstand. Um nicht zu sein wie die andern - Nonkonformist zu bleiben - identifizierte er sich streckenweise mit Verschwörungstheorien der Nationalsozialisten. Sein kaufmännisches Wissen genügte da nicht mehr. Unkenntnis der Materie und der tatsächlichen Zusammenhänge mochten mitgespielt haben. Mit dem einzigen frontistischen Nationalrat Robert Tobler aus dem Kanton Zürich befürwortete er die eidgenössische Volksinitiative zum Verbot der Freimaurer-Logen. Dieses Begehren wurde am 28. November 1937 durch das Schweizer Volk mit 68,7% abgelehnt. Die Gesetzesinitiative des Nationalrates Duttweiler vom 8. Juni 1937, dass jeder Schweizer Bürger verpflichtet werden sollte, seine Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge öffentlich bekannt zu geben, wurde mit 63 zu 40 Stimmen im Rat abgelehnt.
Immerhin fand Duttweiler rechtzeitig einen Ausweg aus seiner Verirrung und konnte seine Haltung bereinigen. Durch die damalige Not-Situation arbeitete er künftig im nationalen Widerstand mit dem effizienten Nachrichtenmann, Hans Hausamman vom Büro Ha zusammen. Dieser privat organisierte Nachrichtendienst bediente den General der Schweizer Armee und den Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartementes mit strategischen und taktischen Informationen aus dem Dritten Reich. Und Hausammann selbst war Freimaurer, Mitglied der Loge Alpina. 104)
Das Historische Lexikon der Schweiz präzisiert zur Zeitgeschichte der 1940er-Jahre, dass nach dem siegreichen Westfeldzug der deutschen Wehrmacht die Front zu neuem Leben erwachte. Nach der Auflösung der Nationalen Front übernahm 1940 Tobler, als Nationalrat nicht wieder gewählter Politiker die Leitung der Nachfolgeorganisation «Eidgenössische Sammlung», einer virulent antisemitischen Bewegung. In der Begründung ihres 26-Punkte-Programmes hiess es: «Die Judenfrage ist eine Angelegenheit, die ganz Europa berührt, und kein Land wird an der Neuordnung Anteil haben können, wenn es die Judenfrage nicht schon zur Lösung gebracht hat oder Anstrengungen unternimmt, sie zur Lösung zu bringen.» Die «Eidgenössische Sammlung» forderte deshalb, dass keine Juden und Jüdinnen mehr in der Schweiz aufgenommen werden sollten, und für die bereits im Land Ansässigen müsste eine Sondergesetzgebung ins Auge gefasst werden. 105)
Landesverteidigung mit deutscher Rüstung
In den Jahren 1932 und 1933 hatte Duttweiler durch sein Engagement in der Migros Berlin hautnah den Umsturz durch die Nazis miterlebt. Für ihn war schon damals klar geworden, dass das Dritte Reich zum Krieg drängten. Er engagierte sich für die Interessen der militärischen Nazi-Gegnerschaft.
Als Patriot forderte er bereits 1937 eine starke militärische Landesverteidigung und eine moderne Bewaffnung der Schweizer Armee. Er schlug die Anschaffung von 1000 Flugzeugen für die Schweizer Luftwaffe mit und 3000 neu auszubildenden Piloten vor. In einem Postulat lud er den Bundesrat ein, in den USA bei der Regierung zu sondieren, «um deren Intervention bei amerikanischen Konstrukteuren zu erwirken zwecks kurzfristiger Lieferung des notwendigen Flugzeugmaterials, insbesondere von Motoren.» Denn der Schweiz fehlten leistungsfähige Kampfflugzeuge. Solche Aufrüstungen beschaffte sich jedoch Bundesrat Rudolf Minger - Vorsteher des EMD bis Ende 1940 - direkt in den Rüstungsbetrieben des Dritten Reiches. Mingers Ziel war es gewesen, gegen den Willen der Linken die Schweizer Armee während seiner Amtszeit aufzurüsten. Er tat dies auch mit Hitlerdeutschland.
Ein bevorzugter Exportkunde für Deutschland war die Schweizer Armee und ihre KTA (Kriegstechnische Abteilung), denn sie passte mit ihrer von Adolf Hitler erwünschten Igelstellung ausgezeichnet ins strategische Konzept des Dritten Reiches und seiner Wehrmacht. So schrieb viel später das VBS anno Jahre 2016 in zeitgeschichtlicher Erkenntnis: «Die Schweiz als erster und grösster Exportkunde der Bf 109E erhielt zwischen dem 07.05.1939 und dem 27.04.1940 also insgesamt 80 Stück des damaligen Standardjägers der deutschen Luftwaffe.»
Es kam am 4. Juni 1940 anlässlich des Westfeldzuges der deutschen Wehrmacht und des Überfalls von Frankreich zu einem Luft-Gefecht über Boécourt (JU) zwischen zwei Messerschmitt-Maschinen, die eine der deutschen Luftwaffe gehörend und die andere der Schweizer Luftwaffe. Der Schweizer Pilot, Leutnant Rudolf Rickenbacher erlitt beim Absturz seiner Maschine den Tod. Wie bekannt schickte Luftmarschall Hermann Göring vom Dritten Reich einen Trauerkranz zur Beerdigung seines Opfers in der Schweiz. Der Vorfall wurde von beiden Seiten als Unfall zwischen zwei eng liierten Armeen vertuscht. 106)
Landesversorgung mit Duttweiler
Wie wurde für die Schweiz wirtschaftlich für einen Kriegsfall vorgesorgt? Migros-Kaufmann und LdU-Nationalrat Duttweiler erdachte nicht bloss eine effizientere Landesverteidigung, sondern kümmerte sich auch um die Zivilbevölkerung, um die Landesversorgung in Krisen- und Kriegszeiten.
So entwickelte Duttweiler den Plan, grosse Mengen an Lebensmitteln zu horten und gekühlt zu lagern. Wie aber dies anstellen zu einer Zeit, als die elektrisch betriebenen Kühlsysteme noch wenig entwickelt waren? Duttweiler hatte eine Idee: Lagen da in der Schweiz nicht zahlreiche Seen, die in ihren Tiefen über eine konstante Kühle verfügten? Die Militärakademie der ETH Zürich beschrieb später diese innovative Idee, Vorräte in Unterwassertanks anzulegen. Einen Prototyp eines solchen Tanks liess Duttweiler im September 1938 im Thunersee versenken. Die Versuche mit der Einlagerung von Benzin und auch von Getreide verliefen erfolgreich. Gutachten bestätigten die Vorteile der Unterwasserlagerung.
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, der Wahl eines Generals und der Mobilmachung der Schweizer Armee führten die eidgenössischen Räte das Notrecht mit dem Vollmachtenregime ein. In die Vollmachtkommission Einsitz nehmen konnte auch LdU-Nationalrat Duttweiler.
Um sich für die Vorräte im Sinne einer umfassenden Landesversorgung zu beschaffen, hatte Duttweiler auch einen Finanzplan. Am 21. Juni 1940, nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht in Frankreich, stellte Gottlieb Duttweiler einen Antrag an die Vollmachtenkommission, in dem er festhielt: «Die Position Gold ist ausserordentlich gefährdet. 70% des Weltgoldvorrates sind in den Händen der USA … Gold behält seinen Wert, solange die USA ohne Einschränkung weiter Gold kaufen. Die Gefahr ist aber gross, dass Amerika die Goldkäufe früher oder später einstellt. Ich empfehle die Prüfung der Frage, ob nicht ein Teil des im Ausland befindlichen schweizerischen Goldbestandes sofort in Rohstoffe und Lebensmittel, deren unser Land in den nächsten Jahren dringend bedarf, umgesetzt werden soll.» 107)
Undemokratische Zeit
Wie das Vollmachtenregime funktionierte, ging aus einem Vortrag hervor, den am 12. Dezember 2019 Professor Dr. Andreas Kley von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich in der VBS-Bilbliothek am Guisanplatz in Bern hielt. Der Titel der Veranstaltung lautete: "Sieben Diktatoren und ein General: Die Schweiz und das Vollmachtenregime des Zweiten Weltkriegs". Über den Gebrauch und den Missbrauch der Vollmachten durch den Schweizer Bundesrat zwischen 1939 und 1952 – in einer Zeit, in der Volk und Parlament nur sehr wenig zu sagen hatten, hiess es in der Einladung: «Am 30. August 1939, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, übertrug die Bundesversammlung die Gesetzgebungshoheit und die Finanzkompetenzen dem Bundesrat. Sie wählte zudem Henri Guisan zum General. Damit kehrte eine undemokratische Zeit ein: Der Bundesrat regierte mittels Notverordnungen, das Parlament erliess fast keine Gesetze mehr.»
Die Vollmachtenkommission besass ihre eigenen Gesetzmässigkeiten. Es galt absolute Verschwiegenheit für Mitglieder in diesem Gremium. Bald eckte Duttweiler an. Er hielt sich nicht an das Schweigegebot, zielte mit Indiskretionen für seine Ratskollegen und für die Medien auf den Aussenminister Bundesrat Pilet-Golaz und kritisierte dessen anpasserische Radio-Rede nach dem deutschen Einfall in Frankreich. Auch die Tatsache, dass er im September 1940 eine Delegation der anpassungswilligen Fröntler empfangen hatte, kam zur Sprache. Noch schwerwiegender waren aber Informationen, die via Duttweiler durchsickerten und einen weiteren Kniefall vor der vorderhand siegreichen Militärmacht des Dritten Reiches illustrierten. Sie betrafen die Rückstellung von 17 internierten deutschen Piloten und ihrer Flugzeuge, die nach Luftkämpfen in der Schweiz landen mussten. Eine Aktion, die noch während des Krieges stattfand und demnach der Haager Landkriegsordnung widersprach. Es war ein peinlicher Kniefall vor Hermann Görings Nazi-Luftwaffe. Mit einem vertraulichen Brief vom 17. September 1940 verlangte Nationalrat Duttweiler den sofortigen Rücktritt von Bundesrat Pilet-Golaz. Der LdU und die SPS in den eidgenössischen Räten befürworteten diesen radikalen Schritt. Doch Duttweiler hatte die Rechnung ohne Wirt gemacht. Die rechtsbürgerliche Mehrheit warf ihn an der denkwürdigen Sitzung der Vereinigten Bundesversammlung vom 10. Dezember 1940 aus der Vollmachtenkommission. Was Duttweiler mit dem sofortigen Rücktritt als Nationalrat quittierte.
In der gleichen Sitzung der Vereinigten Bundeversammlung war aber dem Landesring LdU - ein Meisterstück gelungen. Nach fünf Wahlgängen und ohne Empfehlung einer Fraktion der eidgenössischen Räte wurde Dr. Karl Kobelt (FDP) aus St. Gallen in einer Kampfwahl mit 215 Stimmen als Bundesrat ernannt und erhielt darauf das zentral wichtige Amt des Vorstehers des Eidgenössischen Militärdepartementes. Der offizielle Kandidat Camille Crittin, FDP-VS (98 Stimmen) hatte das Nachsehen. Das Verhältnis zwischen General Guisan und Bundesrat Kobelt prägten später Distanz und teils auch Argwohn, schreibt das Historische Lexikon der Schweiz.108)
Widerstand zu den Nazis
Noch vor dieser denkwürdigen Wahl als neuer Armeeminister hatte Kobelt Mitte 1940 Gelegenheit bekommen, seine Haltung zum Wohle der Unabhängigkeit der Schweiz zu beweisen. Es kreuzten sich die Wege des damaligen Nationalrates Kobelt und von Nationalrat Duttweiler.
Als die Hitlerarmee ihren Westfeldzug in Frankreich noch nicht zu Ende geführt hatte und Paris noch nicht besetzt war, wandte sich Kobelt im Militärdienst am 9. Juni 1940 als Stabschef des 4. Armeekorps der Schweizer Armee an den Generalstabschef J. Huber im Hauptquartier der Schweizer Armee. Kobelt: « Ausgehend von der Überlegung, dass Deutschland an der Gotthard-Verbindung als Entlastung der Brenner-Linie ein eminentes Interesse hat (wie z.B. die täglichen grossen Kohlentransporte beweisen), muss es meines Erachtens im Falle eines deutschen Angriffs auf die Schweiz das Bestreben des Angreifers sein, die Gotthard-Linie möglichst intakt in seine Hände zu bekommen. Wenn der Angreifer aber damit rechnen muss, dass es uns gelingt, die Gotthardbahn so nachhaltig zu zerstören, dass für die Wiederinstandstellung Wochen oder Monate benötigt werden, so dürfte dies wohl ein schwerwiegendes Argument gegen einen Einmarsch in die Schweiz darstellen.» Das war eine riskante strategische Überlegung. Wurde gar eine Vereinbarung angestrebt?
Und es sah nach Absprache aus: Wenige Tage später, am 14. Juni doppelte Kobelts Ratskollege Duttweiler vom Landesring der Unabhängigen nach und hob in dieselbe Kerbe. Duttweiler forderte gar eine Stilllegung der beiden Eisenbahn-Alpentunnels Gotthard und Simplon. Per Feldpost schrieb er direkt an General Guisan. Duttweiler regte an, eine möglichst umfassende Zerstörung der Gotthardbahn vorzubereiten. Eine solche Massnahme, die sich mehr auf politische als auf militärische Überlegungen begründete, sollte nach Möglichkeit öffentlich bekannt gemacht werden.
Am 7. September 1940 formierte sich im Bahnhofbuffet 2. Klasse in Zürich eine geheime Schweizer Widerstandsorganisation von Freiwilligen, die Aktion Nationaler Widerstand (ANW). Gemäss Wikipedia trafen sich zur Gründung unter anderen Hans Hausammann, der Nachrichtenmann, August Lindt, später Botschafter, Hans Oprecht, Präsident der SPS, Max Weber, später SP-Bundesrat, Albert Oeri, Redaktor der Basler Nachrichten, die Theologen Leonhard Ragaz und Karl Barth sowie Nationalrat Gottlieb Duttweiler. 109)
Nach seiner Wahl am 10. Dezember 1940 zum Bundesrat war Kobelt vom Wohlwollen des Landesrings der Unabhängigen (LdU) abhängig. Und diese politische Bewegung führte eine eidgenössische Politik, die den Zielen der Allierten im Zweiten Weltkrieg eher entsprach als jene der NS-freundlichen Kollaborateure in Bundesbern.
Britische Strategie und die Schweiz
Das Territorium der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit dem Alpentransit im Herzen Europas, entlang den kriegswichtigen Verbindungen für die Achsenmächte war auch für Grossbritannien von hoher Bedeutung. Strategen in London hatten schon im Oktober 1940 ihren Dienst für Spezialaufgaben (SOE) mit der Untersuchung beauftragt, wie am Alpentransit Sabotage, notfalls eine Totalzerstörung möglich wäre. Um den Kommandanten einer solchen Operation nach Bern zu bringen, erwähnten die Briten die Idee einer zivilen Flugverbindung Grossbritannien-Schweiz - und umgekehrt. Sie wollten auch ihre in der Schweiz festsitzenden Piloten zurückführen. Neville Wylie schrieb in ihrem Buch «Britain, Switzerland an the Second World War», dass angesichts der Irritationen durch die Überflüge der Royal Air Force (RAF) in Bern niemand bereit war, auf die britischen Vorschläge einzugehen, einen zivilen Flugdienst einzurichten.
Da meldete sich Duttweilers Landesring der Unabhängigen im Sinne von Grossbritannien zu Wort. Die Landesring-Fraktion erkundigte sich mit einem vertraulichen Brief von 13. August 1941 beim Präsidenten der Vollmachtenkommission über das schweizerisch-deutsche Wirtschaftsabkommen und das Verhältnis der Schweiz zu England und stellte klar, dass das schweizerisch-deutsche Wirtschaftsabkommen vom 18. Juli 1941 bei den englischen und amerikanischen Regierungskreisen immer grösseren Anstoss erregte. Um die Situation zu entspannen, schlug die LdU-Fraktion in ihrem Brief an die Vollmachtenkommission vom 13. August 1941 auch die Zulassung eines Flugverkehrs England-Schweiz-England vor und nahm somit die britischen Wünsche vom Vorjahr auf.
Es gab auch Lob. Der britische Premierminister Winston Churchill dachte gesamtstrategisch und schrieb am 3. Dezember 1944 an seinen Aussenminister Anthony Eden über die Schweiz: "Was spielt es für eine Rolle, ob sie in der Lage war, uns die gewünschten Handelsvorteile zu verschaffen, oder ob sie den Deutschen zu viele verschafft hat, um sich am Leben zu erhalten? Sie ist ein demokratischer Staat gewesen, der in Selbstverteidigung zwischen seinen Bergen für die Freiheit steht und im Denken, trotz der Rasse, weitgehend auf unserer Seite ist (Übers.)." 110)
Briten und Amerikaner hörten Schweizer Diplomatie ab
Die Briten nutzten das von den Nazis und ihrer Gestapo mit-kontrollierte Territorium der Schweiz für ihre Zwecke. Die gegen Deutschland gerichtete britische Spionage in der Schweiz operierte erfolgreich. Oberstleutnant Claude Dansey, ein britischer Nachrichtenoffizier, hatte schon in den Dreissigerjahren eine effizientes privates AgentInnentz im kommerziellen Bereich Europas aufgebaut, das er nun auch in der Schweiz aktivieren konnte. Ein Modell, das später ebenfalls vom Privatmann Hans Hausammann in der Schweiz übernommen wurde.
Auch Englands legendäre Spionage-Zentrale des Bletchley-Parks (etwa 70 km m nordwestlich von London) trat in Aktion und begann mit der Dechiffrierung der schweizerischen Enigma-Codes. Gegen Ende des Krieges waren faktisch keine von der Schweiz verschlüsselten Meldungen mehr geheim. Neville Wylie schrieb in seinem Geschichtswerk, wie ab der zweiten Hälfte des Jahres 1941 die Kryptoanalytiker von Bletchley Park eine große Menge an diplomatischem Verkehr zu lesen begannen. Wie Informationen, die von den im Ausland lebenden Schweizer Beamten stammten und jene, welche in Bern stationierte ausländische Diplomaten sendeten, vom SIS (Secret Information Service) abgefangen wurden. In einer kleinen Fussnote gab Wylie auch eine entlarvende Tatsache preis: «Der Verkehr zwischen Bern und London wurde ausschließlich von den Briten abgefangen, der zwischen Bern und Washington von den Amerikanern. Alle Informationen von Wert wurden ausgetauscht. Übers.)» 111)
Quellen:
101) https://prestigefoodtrucks.com/2020/03/history-of-food-trucks-and-how-theyve-shaped-america/
102) https://de.wikipedia.org/wiki/Messingwerk_Finow https://www.berlin.de/landesdenkmalamt/denkmalpflege/erkennen-und-erhalten/wohnhaeuser/das-kupferhaus-639730.php
https://urbanophil.net/urbanophil/urbanoreview/heimatcontainer-deutsche-fertighauser-in-israel/
103) https://www.annefrank.org/de/anne-frank/vertiefung/deutschland-1933-von-der-demokratie-zur-diktatur/
https://www.dw.com/de/wie-die-verfolgung-der-juden-begann/a-16700399
http://webopac.hwwa.de/PresseMappe20E/Digiview_MID.cfm?mid=P004393
Aus dem Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv:
Völkischer Beobachter, 2./3. April 1933
Berliner Tagblatt, 2. April 1933
Fridericus, Berlin, Juni 1934
Zudem Notizen und Aktenkopie aus dem Historischen Firmenarchiv des MIGROS-Genossenschaftsbundes Zürich
104) https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006274/2006-04-07/
https://freimaurer-wiki.de/index.php/Initiative_Fonjallaz
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017407/2010-09-07/
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006708/2012-02-15/
https://dodis.ch/30058
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/023767/2007-11-29/
105) https://www.bezg.ch/img/publikation/03_1/arber.pdf Seite 36
https://web.archive.org/web/20190315223320/http://www.wiesenthal.com/site/pp.asp?c=lsKWLbPJLnF&b=4441379#.VFbYbWeVFiI
Siehe auch Fussnoten 1), 2), 3) im Kapitel 1 dieser Serie.
106) A Postulat Gottlieb Duttweiler, 22.10.1937 / 63 (3645)
https://de.wikipedia.org/wiki/In_Memoriam_Bider/Mittelholzer/Zimmermann
B Ausgemusterte Mittel der Schweizer Luftwaffe, Herausgeberin: Schweizer Luftwaffe, CH-3003 Bern, 2016, S. 13 ff.
C Siehe auch Fussnote 46) im Kapitel 2 dieser Serie.
D Siehe auch Fussnote 45) im Kapitel 2 dieser Serie.
107) A Militärakademie ETH Zürich, Schriftenreihe MILAK Schrift Nr. 7, 2006, S.53 ff.
B Akten (Notizen) aus dem Historischen Firmenarchiv des MIGROS-Genossenschaftsbundes Zürich.
108) https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/010094/2020-10-06/
https://issuu.com/schulthess_com/docs/das_vollmachtenregime_der_eidgenoss
https://www.big.admin.ch/content/big-internet/de/home.detail.event.html/big-internet/2019/vortragsreihe-big---sieben-diktatoren-und-ein-general--die-schwe.html
https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=arl-001:1984:57::621
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/006274/2006-04-07/
Das Abenteuer Migros, Alfred A. Häsler. Hrsg. vom Migros-Genossenschafts-Bund, Zürich, 1985. S. 106-108.
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/004646/2006-08-21/
https://www.admin.ch/gov/en/start/federal-council/members-of-the-federal-council/karl-kobelt.html
http://doc.rero.ch/record/55797/files/1940-12-11.pdf
109) https://dodis.ch/47058
https://dodis.ch/18582
https://de.wikipedia.org/wiki/P-26
https://www.afz.ethz.ch/bestaende/a3ce504dc954485ca6252b09da24f6ec.pdf
110) Bundesrat Karl Kobelt, Gedenkschrift von Hans Müller, Paul Haupt Bern, 1975, S. 85 ff.
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008927/2015-01-11/#:~:text=Die%20milit%C3%A4risch%20betroffene%20Schweiz,-Autorin%2FAutor%3A%20Hans&text=Im%20November%201940%20wurde%20in,und%20dem%20Verlust%20von%20Kulturg%C3%BCtern
https://dodis.ch/17312
https://www.wikiwand.com/de/Schweizer_Luftwaffe#/google_vignette
Britain, Switzerland, and the Second World War, Neville Wylie, Oxford University Press Inc., New York, 2003, pages 184-185 // page 1.
111) https://zenodo.org/record/3236021#.YLYy_PkzaUk
https://military.wikia.org/wiki/Claude_Dansey
https://www.jewishvirtuallibrary.org/bletchley-park
https://www.forces-war-records.co.uk/hitlers-black-book/person/1464/claude-dansey
Britain, Switzerland, and the Second World War, Neville Wylie, Oxford University . Press Inc., New York, 2003, p. 270-271, p. 289
(© Paul Ignaz Vogel, 07.07.2021)