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4. Januar: Welttag der Brailleschrift
Zur Brailleschrift meint Yves Kilchör, Redaktor und Moderator bei Radio Freiburg: „Während meine Kollegen ihre vorbereiteten Texte mit den Augen lesen, mache ich dies mit den Händen. Dadurch ermöglicht mir eine uralte Schrift heute beim Radio zu arbeiten und meinen Traum zu leben. Vive le Braille.“
Die taktil lesbare Schrift von Louis Braille (1809-1852) prägt auch heute noch Vorstellungen von Blindheit. Sie ist eines ihrer prägnantesten Attribute. Brailles Erfindung ist ein sehr einfach wirkendes, genial durchdachtes alphabetisches System. Es setzt sich zusammen aus Einzelzeichen, gebildet durch erhabene Punkte in verschiedener Anzahl und Kombination in einem 6 Punkte-Grundraster.
Während in Braille-Vollschrift die Buchstaben der Schwarzschrift als einzelne Punktschriftzeichen abgebildet werden, können in Kurzschrift Buchstaben oder Buchstabenkombinationen für ganze Silben oder Wörter stehen. So kann ein „g“ den Buchstaben „g“, das Wort „gegen“ oder in Kombination mit einem „w“ das Wort „Gegenwart“ abbilden. Mit Braille-Kurzschrift lassen sich die in Punktschrift stets umfangreichen Textvolumen etwa um ein Drittel reduzieren.
Mathematikschriften oder die Musiknotenschrift sind weitere Systeme der Brailleschrift. In ihrer strukturellen Einfachheit birgt die Brailleschrift eine höchst anspruchsvolle Komplexität. Oder ausgedrückt mit den Worten von Daniele Corciulo, blinder Mitarbeiter von Access-for-all: „Was sich unscheinbar anfühlt, enthält oft Grossartiges.“
Ein Vergleich mit der Schwarzschrift (Schrift der sehenden Menschen) ergibt, dass Lesen und Schreiben in Brailleschrift höhere wahrnehmungsmässige und kognitive Ansprüche stellt. Forschungsbefunde belegen die besonderen Herausforderungen für blinde Kinder im Schriftspracherwerb wie auch diejenigen für später erblindende Erwachsene beim Erlernen von Braille.
In vergleichender Erfassung der Leseleistungen blinder und sehender Kinder ist ein auf Dauer angelegter erschwerter Kompetenzerwerb blinder Lesender hinsichtlich Geschwindigkeit, Genauigkeit und Textverstehen erkennbar. Bis zu Beginn der 1980er Jahren dienten blinden Menschen zum Lesen und Schreiben ausschliesslich die verschiedenen Systeme der taktilen Punktschrift von Louis Braille auf Papier.
Ergänzend dazu gehörte der „blinde“ Zugriff auf die Schreibmaschinentastatur. Diese Zugänge zur Schriftlichkeit erweiterten sich mit dem Einsatz von Computern mit Screenreadern (Bildschirmlesern), mit Vergrösserungssoftware und elektronischen Braillezeilen, mit Smartphones und Tablets.
Mit einem weiteren Schriftsystem, Eurobraille oder auch Computerbraille genannt, galt es, in diesem Zusammenhang die Brailleschrift den Funktionsprinzipien des Computers anzupassen. Dies erforderte das Erweitern der ursprünglich sechs Punkte auf deren acht sowie den Verzicht auf alle Kürzungen. Daneben blieben jedoch die ursprünglichen Sechs-Punkt-Systeme der Brailleschrift erhalten und sie werden alle weiterhin genutzt. Braille kann nun wahlweise auf Papier gelesen, auf der mechanischen Punktschriftmaschine geschrieben oder aber auf der elektronischen Braillezeile gelesen und geschrieben werden. Ergänzend erlauben mobile Endgeräte wie iPhone und iPad das Schreiben mit virtueller Brailletastatur.
Audioaufnahmegeräte oder Apps gestatten das Aufsprechen anstelle des Schreibens von Texten. Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten des Lesens, Schreibens und Hörens. Die Brailleschrift ist nicht mehr alleiniger Garant des Zugangs zu schriftlicher Kommunikation. Besondere pädagogische Herausforderungen und Fragen nach Bildungsinhalten, nach zu erwerbenden Kompetenzen stellen sich damit. Diese ergeben die Ausgangsbasis des gemeinsamen Forschungsprojekts der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg unter der Leitung von Prof. Dr. Ursula Hofer und Prof. Dr. Markus Lang: „Zukunft der Brailleschrift (ZuBra): Schriftsprachkompetenzen von Brailleleserinnen und Braillelesern - Wirksamkeit pädagogischer Angebote Link zu Forschungsprojekt.“
Zentraler Forschungsgegenstand darin ist die Bedeutung der Brailleschrift für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen. Besonders fokussiert und erhoben werden die aktuelle Nutzung durch Selbstbetroffene, deren Zufriedenheit mit schulischen und beraterischen Angeboten sowie ihre schriftsprachlichen Kompetenzen. Gleichzeitig interessiert die Braille-Nutzung in Kombination mit Informations- und Kommunikationstechnologien, wie auch eine allfällige Verdrängung der Brailleschrift durch letztere.
ZuBra-Ergebnisse widerlegen aktuelle Befürchtungen, wonach die Brailleschrift verdrängt wird. Sie verdeutlichen, dass aktuell verfügbare Informations- und Kommunikationstechnologien die Bedeutung der Brailleschrift nicht grundlegend schmälern. Allerdings zeichnet Braille sich insbesondere als Medium des Lesens aus, während sich beim Schreiben aufgrund vielfältig möglichen Gebrauchs von Tastaturen eine klare Dominanz der Schwarzschrift ergibt.
Klar erkennbar ist die Bedeutung des kombinierten Arbeitens: Brailleschrift ist nicht in allen Situationen die optimale oder einzige Lösung. Sie ist aber, so Dr. Petra Aldrige (Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte), ein „starker Teamplayer“. Stark ist sie in einem Team von medialen Zugängen zu schriftlicher Information, in welchem sie sowohl die Führung übernehmen wie auch Hand in Hand mit anderen arbeiten kann. Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen, welche selbstbestimmt und erfolgreich an schriftlicher Information und Kommunikation teilhaben können, müssen also in der Lage sein, stets aufgabenspezifisch und individuellen Voraussetzungen entsprechend ihre Zugänge wählen zu können.
Die vorhandenen Wahlmöglichkeiten setzen gleichzeitig umfangreiche Kompetenzen wie Lesen auf Papier, Lesen an der Braillezeile, sinnvolle Nutzung der Sprachausgabe, Beherrschung der Computertastatur, detaillierte Kenntnisse der Hard- und Softwarebedienung etc. voraus. Die Chancen, die sich dadurch eröffnen sind verbunden mit grossen Herausforderungen an Anwendende wie an Lehr- und Beratungspersonen.
Dass die Brailleschrift wichtiger Bestandteil dieser Kompetenz sein muss, davon ist die blinde Pädagogin und Hochschuldozentin, Helen Zimmermann, überzeugt: Braille wird für hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen auch in Zukunft der Schlüssel sein zu Bildung, Arbeit und Freizeit. Und der ebenfalls blinde Musiklehrer, Martin Huwyler, betont: “Dank der Braillenotenschrift kann ich mit meinem Sohn die vierhändigen ungarischen Tänze von Brahms üben. Gehörsmässig hätte ich meinen Part nie erfasst.“
Die Weltblindenunion (WBU), als Durchführende des Braille-Tages am 4. Januar, vertritt Anliegen und/oder bietet Dienstleistungen an für blinde und sehbehinderte Menschen. Sie setzt sich zusammen aus 177 Mitgliedsländern und etwa 600 einzelnen Organisationen.
Text: Prof. Dr. Ursula Hofer, Bereichsleiterin und Dozentin Pädagogik für Sehbehinderte und Blinde im Studiengang Sonderpädagogik/ SHP