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Das Wiedersehen mit M. war am einen sonnigen Tag.
M. wollte für mich kochen, während ich nur Teeklatsch machen wollte. Nach dem langen Abschied brauchte das Wiedersehen zuerst eine nötige Besprechung von der Standortbestimmung. Wir tauschten aus, was in letzten zwei Jahren geschah. Er zog mit seiner jungen Freundin zusammen, in eine schöne helle Altstadtwohnung, lebt immer noch mit dem gleichen Rhythmus und kämpft gegen die gleichen Themen. Ich erzählte ihm von dem Tod von Giovanni, von der Krankheit von Michel und von den bevorstehenden Veränderungen, vor der ich so Angst habe. Alles was mir bedeutete und was ich pflege, geht entweder verloren oder verändert sich in diesem Jahr. Ich erzählte ihm von meinem Zweifel an sich selbst, von dem Schmerz der Machtlosigkeit, die Dinge so zu akzeptieren wie es ist, von meiner Leichtigkeit des Seins, das immer mehr zu Last wird.
In ihrer Küche zeigte er mir, was für Tee er unterhält. Es waren Earl Gray, Vanille oder Jasmin. „Menglin, ich habe nicht so feine Tees wie Du. Außerdem haben wir uns seit langen nicht mehr gesehen“ Ich schwieg. Das schöne Geschirr, das er einst bei mir mit Tricks und Charme erwarb, ruhte sich auf dem Regal. Der Anxi Tie Guanyin, den ich mitbrachte, schien dort überflüssig zu sein.
Ich lernte ihn auf einer Grillparty kennen. Er wollte unbedingt mit nach Bodman zum Tee gehen. Sein empfänglicher Geist war zutiefst berührt von der Botschaft des Tees. Er bedankte sich liebvoll und sagte, dass er niemals so viel Liebe empfangen hat. Dann gingen wir noch Tee trinken in meiner Wohnung am See. Der Wind aus dem See erfrischte und weckte. Es war für mich ein geistreiches, brilliantes und persönliches Gespräch am Teetisch. Für ihn war verwirrende Stunde. Um 2 Uhr Mitte Nacht ging er verwirrt aus der Tür und irrten sich zwei Wochen lang auf der Erde herum – erzählte er heute noch davon. Ich lachte, vielleicht ein bisschen ketzerisch. Dann sprachen wir von Zukunftsvisionen. Ich erzählte ihm von meinem Plan, meinem Seminar und Kurse. Er sagte mir, dass er Mühe hat, mit der Schwäche des Wurzelchakras (in chinesischem würden wir als Nieren-Energie Schwäche bezeichnen) umzugehen. Aber er ist nicht der einzige in dieser Welt, in der Dinge mit Angst vermarktet und verkauft wird. Angst und Beharren auf das Bestehende prägen unser Bewusstsein heute. Mich einschließlich. Er bat mir um Rat. Zuerst empfahl ich ihm den fünf jährigen Meeroolong, aber merkte gleich, dass es sich um etwas Tiefes handelte. Ich bot ihm an, das chinesische System kennen zu lernen, mittels sinnlicher Wahrnehmung differenzierter Geschmäcke, zu sich wieder zu finden. Ohne jegliche Autorität und jegliche täuschende Künstlichkeit entscheidet der Körper, was er zu sich nehmen möchte. Er wollte nicht. „Ich will dass Du mir sagst, was ich trinken soll.“
Ich lachte – wirklich ketzerhaft. „Warum bist Du zufrieden mit dieser phänomenalen Welt? Warum möchtest Du nicht selber die Welt wahrnehmen und erfahren, was Du wirklich bist und brauchst? Warum brauchst Du das künstliche Parfüm an dem Tee? Das zugefügte Parfüm ist doch nur eine Verblendung, die Dich in dieser Samsara aufhält!“ Er starrte mich an und seufzte. „Ja, Du schaffst heute immer noch mich zu verwirren.“
Die Zeit war rund. Der Zug nach Radolfzell wartete nicht. Ich versprach ihm vor den so genanten Festtagen noch einmal zu besuchen und ihm Tees mitzubringen, die er einst hatte.
„Wieder klingt ein Jahr aus;
Der Himmel schickt bittere Kälte.
Gefallenes Laub beeckt die Berge
Und kein Wanderer wirft einen Schatten auf den Weg.
Endlose Nacht: getrockene Blätter
verbrennen langsam im Herd
Gelegenlich der Klang von gefrierendem Regen.
Töricht versuche ich
die Vergangenheit wieder wachzurufen –
Nichts hier außer Träume.“
—————————————————————— Ryokan (1758-1831)