Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/1284

Das Experimentieren und die Identität sind für mich die beiden Schlüssel. Trauen Sie sich zu experimentieren, mit anderen Worten Erfolg UND Scheitern. Seien Sie einfach sich selbst und alles wird gut.
Gespräch mit James, Doktrorand
Erzählen Sie uns von Ihrer Geschichte…
Ich war ein Spätentwickler an der Universität.
Ich reiste zuerst nach Brighton. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von meiner Diagnose. Ich hatte mit vielen Dingen zu kämpfen, mit denen autistische Menschen oft zu kämpfen haben, ohne zu wissen, wie man mit Angst, Depressionen und so weiter umgeht.
Ich fand es sehr schwierig – es war nichts, das ich verstehen konnte. Ich schien damals – und ich tue es immer noch – in einigen Bereichen sehr gut zu sein und hatte in anderen, sehr grundlegenden Bereichen Schwierigkeiten.
Ich verliess schliesslich die Universität und war eine Zeit lang selbstständig und dann wurde ich oft als Fotografie-Spezialist eingestellt.
Ich zog nach London und hatte immer noch mit verschiedenen Dingen zu kämpfen. Dort erhielt ich meine Diagnose. Das gab mir eine ganz andere Sicht auf meine Geschichte. Auch die Psychotherapie für autistische Personen oder neurotypische Personen ist nicht identisch.
Mit meiner Diagnose war ich in der Lage, wieder an die Universität zu gehen und etwas Unterstützung zu bekommen. Von da an konnte ich meinen Bachelorabschluss machen und alles andere auch, ich machte einen Bachelor in Computerwissenschaft, dann einen Master in künstlicher Intelligenz und Robotik. Ich habe in diesen Bereichen Top-Noten erhalten.
Wenn ich die Unterstützung nicht gehabt hätte, hätte ich einfach nur gedacht, dass ich nicht dafür gemacht bin!
Ich traf jemanden aus der Schweiz und beschloss, mein Doktorat in der Schweiz zu machen.
Wie ist es für eine autistische Person, in einer neurotypischen Welt zu leben?
Ich denke, dass ich als Kind schon sehr autistisch gewesen sein muss. Mein Vater gab mir einmal ein Buch über Körpersprache und meinte, dass es mir vielleicht helfen würde. Ich denke, es war ein Fluch und ein Segen zugleich, weil es mir ermöglichte, in gewisser Weise zu blenden. Aber dann habe ich gelernt, mich zu verstecken. Meine Kompetenz Körpersprache zu lesen ist recht effizient, aber es ist ein akademisches Lernen.
Ich habe viel über Gespräche gelernt: Wenn sie also ein bestimmtes Verhalten zeigen, dann heisst das, dass ich aufhören sollte zu sprechen. Ich bin immer noch nicht perfekt, aber ich bin auf jeden Fall besser als ich war.
Ich kann ein Gefühl dafür bekommen, was die Leute denken. Davor habe ich einfach ununterbrochen mit Menschen gesprochen, ohne zu fragen, ob sie mit mir reden wollten.
Romantische Treffen – das war auch eine grosse Sache. Es kann eine massive Stressquelle sein.
Was hilft Ihnen im Alltag?
Für mich sind einige Routinen hilfreich. Meine Forschung konzentriert sich auf die Frage, wie die Technologie Menschen helfen kann, zu verstehen, was ihnen hilft und auf ihre eigene einzigartige Weise zu funktionieren. Der Bereich, in dem ich arbeite, soll den Menschen helfen sich zu entfalten. In gewisser Weise ist dies sehr eng mit meiner eigenen Geschichte verbunden.
Ich habe die Fähigkeit, die Tools zu verstehen und zu nutzen. Aber viele Menschen tun dies nicht und haben nicht die beste Unterstützung um sich herum. Daher sehe ich es als eine Verpflichtung an, dass andere die gleiche Unterstützung haben können, die ich für mich selbst entwickelt habe.
Welche Art von Werkzeugen benutzen Sie täglich?
Ich verwende ein Aufgabenmanager-Tool, zum Beispiel Things oder Omnifocu und manchmal auch Erinnerungen. Ich führe auch ein Papiertagebuch, damit ich über die Geschehnisse in meinem Leben reflektieren kann. Ich versuche, die Dinge, die in meinem Leben passieren, so schnell wie möglich in meinem Tagebuch festzuhalten, um mich vom Überdenken abzuhalten. Zu wissen, dass es da ist und dass es extern ist, hilft mir sehr.
Die Unterstützung, die ich im Vereinigten Königreich hatte, bestand aus Tools und Menschen: Tool, um organisiert zu bleiben und eine Ansprechperson, mit der ich alle paar Wochen sprach.
Ich habe immer noch eine Gewichtsdecke in meinem Büro und zu Hause, wenn ich also etwas brauche, um mehr Bodenhaftung zu bekommen, hilft mir diese Decke.
Ich habe auch viele Checklisten. Wenn ich also organisatorische Probleme habe, mache ich einige Listen und das hilft mir.
Online finde ich viele Dinge. Einige Communities sind freundlich, wie z. B. reddit- wo es eine grossartige Community gibt, zu der ich einen Bezug herstellen kann.
Wie sieht Ihr Leben jetzt als Schweizer Student aus?
Ich habe nach Unterstützung gesucht, als ich in der Schweiz angekommen bin. Aber wie Sie wissen, gibt es diese nicht wirklich. Ich bin sehr ehrlich. Als ich mich also für mein Doktorandenstudium bewarb, erzählte ich von meinem Autismus, damit mein Professor das Gesamtpaket bereits kennen würde.
Eine andere Sache, mit der ich umgehen muss, ist meine eigenen Erwartungen an mich selbst. Ich musste zum Beispiel unterrichten und beim ersten Mal war ich super ängstlich. Aber schliesslich lernte ich, mich so zu akzeptieren, wie ich war.
Bei der Verteidigung meiner Doktorarbeit war ich sehr gestresst. Zum Glück waren sich meine Professoren über folgendes bewusst: Beurteilt mich nicht dafür, wer ich in einem Moment bin, sondern nehmt die gesamte Betrachtung meiner Stärken und Schwächen als Ganzes.
Andere Menschen wie mich um mich herum zu haben, hilft ebenfalls.
Was ist Universität für Sie?
Die Universität ermöglicht es mir, näher und näher an etwas heranzukommen, für das ich mich leidenschaftlich interessierte. Ich kam meinen Interessen noch nie so nahe.
Aber an der Universität hast du diese enorme Menge an Freiheit – du verlässt dein Zuhause – du verbringst die ersten Jahre weg von deinen Eltern und so weiter. Ich hatte also so viel gleichzeitig zu bewältigen – vom Studium, auf das ich total fokussiert war und das mich voll begeistert hat, bis hin zum Selbststudium, der Selbstversorgung und dem Erkennen, wann ich mich zurückhalten und regulieren musste. Niemand bringt einem bei, die Intensität zu regulieren. Wenn man also nicht weiss, wie man das tun kann, kann man in ein Burnout geraten.
Jetzt benutze ich eine Anwendung namens time out. Die sagt mir regelmässig, dass ich vom Bildschirm weggehen soll. Also – wenn neurotypische Menschen sich selbst nicht so konsequent regulieren, ist es ok. Aber wenn ich es nicht ernsthaft mache, verbrauche ich meine ganze Energie auf einmal.
Der Schutz der Zeit ist meine Priorität. Sich Zeit zu nehemen, um Zeit zu haben, sowas…
(…)
Wenn ich mit Menschen spreche, ist das besonders anstrengend. Daher versuche ich zum Beispiel, die Anzahl der Treffen pro Tag zu begrenzen und den Rest des Tages ohne Treffen zu planen.
Als ich Student war, konzentrierte ich mich darauf, möglichst Alles aus den Vorlesungen mitzunehmen. Beim zweiten Mal lernte ich, das Wichtigste aufzunehmen. So lernte ich, mich auf die wichtigsten Informationen zu konzentrieren.
Ich habe beim Notizen machen verschiedene Strategien angewendet, zum Beispiel die Cornel note taking. How to take smart notes ist ein Buch, das mir ebenfalls geholfen hat.
Was sind Ihre letzten Ratschläge für autistische Studierende?
Perfektion ist ein sehr häufiges Problem bei ASS. Sobald man herausfindet, dass dies nicht der richtige Weg ist, ist das ein grosser Gewinn. Bei meinem Papiertagebuch neige ich dazu, die erste Seite über etwas wirklich Tiefgründiges zu schreiben und einen Weg zu wählen, um diesen ersten Schritt der Perfektion irgendwie zu zerstören, indem ich ihn zum Beispiel zerreisse.
All diese Systeme sind ein bisschen wie Fahrradfahren. Auf den ersten Blick sieht alles komisch aus. Aber wenn man es wiederholt, wird es einfacher und einfacher. Ich muss also weniger darüber nachdenken, wie ich etwas mache, sondern tue es einfach. Ich habe zum Beispiel eine Liste mit Dingen, die ich tun muss, wenn ich einen schlechten Tag habe. Oder eine Liste, was zu tun ist, wenn ich einen Eisbrecher brauche, oder … das sind alles Bücher für den ersten Tag, sozusagen …
Ausserdem habe ich auf Mendeley einen Ordner, in dem ich Dokumente ablege, die ich komisch finde oder die mich zum Lachen bringen, die aber nicht zu meiner Dissertation gehören. So kann ich darin lesen, wenn ich eine Pause brauche. Dasselbe gilt für Filme oder Bücher.
Eine Idee wäre, sich mit einer Gruppe von Studierenden mit ASS zu treffen, und jeder kann seine Fragen in einen Kasten werfen und nach dem Zufallsprinzip nehmen wir eine Notiz heraus und diskutieren die festgehaltene Frage. Das hilft denjenigen, die nicht unbedingt im Rampenlicht stehen wollen, ihre Antworten irgendwie zu bekommen. Das würde den Studierenden helfen, die Welt differenzierter zu sehen als nur in schwarz-weiss, wie die ASS normalerweise sieht.
Jemand, der Hilfe braucht, wird logischerweise Schwierigkeiten haben, danach zu fragen. Manche Dozierende müssen manchmal den ersten Schritt machen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Hilfe anzubieten. Beginnen Sie einfach ein Gespräch.