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Jeden Sommer ging die Fahrt nach Westen, »zu den Franzosen«. Pausenlose Ewigkeiten von Landstraßen; die Sonne knallte auf den Käfer (später: Golf, noch später: Passat), die Laune auf der Rückbank sank, wie die Temperaturen stiegen. Aber irgendwann war es geschafft, und wir erreichten Béton, ein 500-Seelen-Dorf nicht allzu weit von Paris.
Da waren wir Gäste beim großen Treffen der Familie V., das Jahr für Jahr im Hôtel du Progrès stattfand, dem Gasthaus mitten im Ort, an der einzigen befestigten Straße. Vier Generationen kamen hier zusammen, um den Geburtstag des alten Monsieur V. zu feiern.
Das Hôtel du Progrès war schon lange kein Hotel mehr. Die Zimmer verstaubten übers Jahr, den Gastraum mit den schwingenden Dielen, früher einmal Tanzsaal, nutzten der Chef und seine Frau zum Fernsehen. Aber zum Familientreffen belebte sich das Haus. Der Saal wurde gefegt, mit zwei langgestreckten Tafeln versehen, zweckmäßig eingedeckt, und dann wurde gegessen. Einen ganzen Abend lang und die halbe Nacht, Gang um Gang bis zum Dessert, Kaffee und Zigaretten am Ende. Hier aß ich den ersten Holunderpfannkuchen meines Lebens und die erste crème caramel, nippte das erste Mal an Wein und lernte, daß eine mayonnaise etwas ganz anderes ist als das, was man in Tuben bekommt. An manches Stück Fleisch erinnere ich mich heute noch.
Madame V., die Frau des Patriarchen, mußte einmal groß und schön gewesen sein; sie trug einen üppigen grauen Haarknoten und gab den Ton an, wobei sie viel spuckte. Ihre Töchter, die unverheiratete Louisette und Madame Renée, schufteten und schwitzten gutgelaunt in der Küche, die nur einem Kind groß erscheinen konnte; Monsieur Bertrand, der Schwiegersohn, kümmerte sich derweil um die von der Dorfjugend frequentierte Bar.
Hier saß ich manchmal still in einer Ecke und beobachtete die Männer, wie sie mit Händen und Hüften Flipper spielten, lachten und scherzten, von fremdartigem Lärm und Zigarettenqualm umhüllt. Man trank an der Bar Ricard, für den das Wasser am Dorfbrunnen geholt wurde, weil es da am besten sei. So eine Bar-Zeit konnte passieren, wenn wir Kinder, an so langes Aufbleiben nicht gewöhnt, an unserem Ende der Tafel Streit begannen oder uns damit amüsierten, den guten Schinken am Speckfaden wieder aus dem Hals zu ziehen; dann mußten wir »an die frische Luft«. Einmal sah ich ein knutschendes Paar auf dem Billardtisch, einmal eine junge Frau, deren Absätze sich unter den türkisfarbenen Schuhen zusammengekrümmt hatten wie Kerzen in der Sonnenhitze; so etwas wog die Schmach der Auszeit auf.
Die Zimmer im ersten und zweiten Stock, über eine schwindelerregende Stiege zu erreichen, waren voller Fenster; man klemmte sich unter dünne Laken auf federnde Matratzen, die uns Kinder oft genug abwarfen in der Nacht, so daß wir das ganze Haus wachbrüllten. Und dann diese Nackenrollen, die einem fast das Genick brechen konnten — »französisch« hat seither für Betten einen üblen Klang. Dafür hatte man in manchen Zimmern Scheiben entfernt; das war für die Schwalben, die pfeilschnell ihre Nester hoch oben im Stuck anflogen und deretwegen der Fußboden mit Zeitungspapier bedeckt war.
Wenn man nachts aufs Klo wollte, begegnete man manchmal dem alten Monsieur V., der seine Bettflasche ausleeren ging, eine seltsam geknickte, liegende Karaffe. Er grüßte stets freundlich und sagte sonst nicht viel. Morgens gab es dann ein allgemeines bonjour im Festsaal, wo nach und nach die ganze Familie sich sammelte und Croissants in Milchkaffee tauchte. Madame Renée hatte dabei ihre goldenen Zähne in einem Glas vor sich stehen; die kamen erst nach dem Essen wieder in den Mund. Wir Kinder bekamen Kakaotassen, auf deren Grund sich matschiges Croissant sammelte, und alle redeten mit uns.
Warum fahren wir immer zu den Franzosen?, fragten wir die Eltern.
Euer Papa war da Kriegsgefangener.
Und dann ließen wir uns die Geschichte erzählen, wie er mit zwei anderen deutschen Soldaten auf dem Hof der V.s gearbeitet hatte. Wie sie gehungert hatten und sich gegenseitig den Appetit verdarben, um selbst ein bißchen mehr zu bekommen. Wie er dann nach zwei Jahren ausgerückt war und sich zu Fuß bis Deutschland durchgeschlagen hatte. Wie er Jahrzehnte später Französisch gelernt und die V.s besucht hatte. Und nun fuhren wir eben Jahr für Jahr zum großen Familientreffen, zu den Schwalben im Hotel, den freundlichen Leuten, die wir nicht verstanden, und zu dieser stundenlangen Feier der französischen Landküche.
Jeden Sommer ging die Fahrt nach Westen, »zu den Franzosen«. Pausenlose Ewigkeiten von Landstraßen; die Sonne knallte auf den Käfer (später: Golf, noch später: Passat), die Laune auf der Rückbank sank, wie die Temperaturen stiegen. Aber irgendwann war es geschafft, und wir erreichten Béton, ein 500-Seelen-Dorf nicht allzu weit von Paris.