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Johannes 3,13 und 6,62
Oft weisen Kommentatoren auf die Unklarheit in der Zeitabfolge mancher Aussprüche im Johannesevangelium hin. Johannes schreibt auch mit einem starken Gefühl für Gottes vorherbestimmten Plan. Jesus sagt oft, etwas „müsse geschehen“. Göttliche Notwendigkeit kontrolliert seine Sendung als Vertreter Gottes.
In seiner Diskussion mit Nikodemus bekräftigt Jesus die Notwendigkeit der Wiedergeburt: „Du musst von Neuem geboren werden“ (Joh. 3,7). Er ist erstaunt, dass Nikodemus als ein geistlicher Leiter in Israel (Joh. 3,10) nichts über diese Notwendigkeit der Wiedergeburt weiß.
Jesus und alle, die zu ihm gehören, bezeugen die Dinge, die sie gesehen haben (Joh. 3,11). Der Mangel an Verständnis von „irdischen Dingen“ bei Nikodemus führt Jesus zur Frage, wie sehr er dann die „himmlischen Dinge“ verstehen könne (Joh. 3,12). Dann gibt er Beispiele von „himmlischen Dingen“. Im Licht des Zusammenhanges sind dies Dinge, die in Gottes Plan geschehen müssen.[1] Um diesen Punkt zu illustrieren sagt Jesus: „Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe“ (Joh. 3,13-15).
Es hat viele Diskussionen um die rätselhafte Aussage Jesu gegeben, dass „niemand in den Himmel hinaufgestiegen ist als der Menschensohn“. Wenn die Worte als Jesu eigene genommen werden und nicht als späterer Kommentar von Johannes, so scheint Jesus auszudrücken, dass er alleine in den Himmel aufgestiegen sei. Kommentatoren sind durch die ungewöhnliche Verwendung der Vergangenheit betroffen. Die Vergangenheit „ist aufgestiegen“ ist unerwartet.[2] „Die Verwendung der Vergangenheit ist eine Schwierigkeit, denn sie scheint anzudeuten, dass der Menschensohn schon in den Himmel aufgefahren sei.“[3] „Die Schwierigkeit dieses Verses liegt in der Zeitangabe ‚ist aufgestiegen“’. Es scheint angedeutet zu werden, dass der Menschensohn bereits zum Zeitpunkt seiner Aussage zum Himmel aufgestiegen sei.“[4] Jesus sprach in dieser Passage von sich selbst als dem Menschensohn. Wie allgemein gut bekannt ist, liegt der Ursprung dieses Titels in Daniel 7,13, wo Daniel 550 Jahre vor der Geburt Jesu eine Vision des Menschensohns im Himmel sah, als dieser die Autorität empfing, das zukünftige messianische Königreich gemeinsam mit den Heiligen zu regieren: „Jesus verwendete diesen Titel (Menschensohn) für sich immer in dem Zusammenhang, dass er die Erfüllung der Vision Daniels sei.........Es ist der Titel, den er speziell dann verwendete, wenn er seinen Jüngern seinen Leidensweg als die unausweichliche und vorherbestimmte Aufgabe seines öffentlichen Dienstes ankündigte.“[5]
Die folgenden Texte aus den synoptischen Evangelien illustrieren diesen Punkt. In jedem Fall spricht Jesus von sich selbst als Menschensohn - ein Titel, der „Teil des menschlichen Geschlechts“ bedeutet – dem es bestimmt ist zu leiden, zu sterben und aufzuerstehen. „Und er fing an zu lehren: Der Sohn des Menschen muss vieles leiden und verworfen werden..............und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen“ (Mk.8,31).
„Der Sohn des Menschen wird überliefert (d.h. es ist ihm bestimmt, überliefert zu werden) in der Menschen Hände, und sie werden ihn töten; und nachdem er getötet ist, wird er nach drei Tagen auferstehen“ (Mk.9,31).
„Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie geschrieben steht“ (Mt.26,24).
Zwei Passagen in Markus sprechen über den Leidensweg des Menschensohnes als Gegenstand alttestamentlicher Prophetie:
„Und wie steht es über den Sohn des Menschen geschrieben? Dass er vieles leiden und verachtet werden soll“ (Mk.9,12).
„Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht“ (Mk.14,21).
Im Johannesevangelium wird der Titel Menschensohn ebenso mit der Vorherbestimmung, was an Jesus als Erfüllung alttestamentlicher Prophetie oder Typologie geschehen muss, in Verbindung gebracht: „So wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Menschensohn erhöht werden“ (Joh.3,14)
Dieses letzte Beispiel begleitet die schwierige Aussage, die wir vorhin betrachteten „niemand sei in den Himmel aufgestiegen als der Menschensohn“. Die Verbindung „und“ setzt die Verse 13 und 14 in eine ganz enge Verbindung. Beide Verse scheinen „himmlische Dinge“ zu illustrieren, die am Menschensohn nach göttlichem Plan geschehen müssen.
Wie konnte Jesus nur sagen, dass der Sohn „in den Himmel aufgestiegen“ sei? Einfach deswegen, weil ihm dies von Daniel vorausgesagt worden war. Wenn man einem alten Prinzip der hebräischen Denkweise folgt, so kann man Gottes festgesetzte Pläne als bereits geschehen annehmen. Die unvermutete Verwendung der Vergangenheit „ist aufgestiegen“ kann durch eine „Vergangenheit der Bestimmung im göttlichen Plan“ erklärt werden. So ist - wie es im Buch Daniel steht - „niemand dazu bestimmt, in den Himmel hinaufzusteigen als derjenige, der vom Himmel herabgekommen ist, der Menschensohn, der (in Daniels Vision der Zukunft) im Himmel ist“. Die abschließende Feststellung „der im Himmel ist“ (die in manchen Ausgaben ausgelassen wird), ist gut bewiesen und könnte das Original sein; die Auslassung in manchen Manuskripten könnte auf die Schwierigkeit des Verständnisses zurückzuführen sein, wie Jesus sagen konnte, er sei im Himmel, als er noch auf der Erde diente. Diese Schwierigkeit verschwindet, wenn man den besonderen Bezug auf die Prophetie Daniels in Betracht zieht. Der Menschensohn wird mit der Figur identifiziert, die im Buch Daniel im Himmel gesehen wird. Er ist nicht dort, weil er schon vor seiner Geburt gelebt hat, sondern weil Gott eine Vision seiner zukünftigen Bestimmung geschenkt hatte. Zum Zeitpunkt seiner Rede war Jesus noch nicht in den Himmel hinaufgestiegen, aber die Himmelfahrt wurde von Daniel so sicher prophezeit, dass Jesus behaupten konnte, er sei bereits hinaufgestiegen bzw. es bestimmt war, dass er hinaufsteigen sollte.
Zur Unterstützung dieses Verständnisses von Joh. 3,13 zitieren wir die Bemerkung des geschätzten Kommentators Henry Alford zu diesem Vers: „Jesus spricht in der prophetischen Sprache der vollbrachten Erlösung.........er spricht hier proleptisch (in Vorwegnahme) von den Ergebnissen seiner Leiden hier auf der Erde.“[6]
In Joh. 6,62 macht Jesus eine weitere erstaunliche Aussage über seine Bestimmung als der verheißene Menschensohn. Nachdem er sich auf seine eigenen „schwierigen Äußerungen“ über „das Brot, das vom Himmel kam“ (Joh. 6,58-60) bezog, fragte Jesus, ob diese Lehre seine Zuhörer auch zum Schweigen bringen könnte: „Wenn ihr nun den Menschensohn auffahren seht, wo er vorher war?“ (Joh.6,62)
Wiederum ist der Gegenstand dieser rätselhaften Frage der Menschensohn, der Titel, der Jesus als das menschliche Wesen bezeichnet. Die Bezugnahme scheint auf die zukünftige Auferstehung (ebenso wie in Joh. 3,13) zu sein. Wenn wir fragen, wo der Menschensohn zuvor war, so finden wir die biblische Antwort in Daniel 7,13. Der Mann Messias wurde in einer Vision der Zukunft im Himmel gesehen und diese Zukunft wurde in der Himmelfahrt Realität (Apg. 2,33), als Jesus zur Rechten Gottes erhöht wurde. David war nicht zum Himmel aufgefahren (Apg. 2,34). Entgegen einer hochgehaltenen Tradition, sind die Patriarchen nicht „in den Himmel gegangen“. Sie schlafen in ihren Gräbern und erwarten die Auferstehung aller Treuen (Dan. 12,2; Joh. 5,28-29). Nur der Messias war für diese Position bestimmt. So hatte Jesus vorhergesagt, dass nur der Sohn des Menschen in den Himmel aufsteigen würde (Joh. 3,13). In Joh. 6,62 nimmt er seine zukünftige Auferstehung wiederum vorweg, um zu erfüllen, was ihm in der offenbarten Vision Daniels entsprechend dem Plan Gottes bestimmt war.
Diese Verse geben der Lehre, dass ein zweiter Teil der Gottheit, der „ewige Sohn Gottes“, vor seiner Geburt im Himmel gewesen war, keinerlei Unterstützung. Es ist der Menschensohn, eine menschliche Person, die im Himmel präexistiert. Das kann sich nicht auf ein ungeschaffenes göttliches Wesen beziehen, wie es die trinitarische Theologie verlangt. Trinitarier nehmen nicht in Anspruch, dass der Menschensohn, der menschliche Jesus, bereits vor seiner Geburt existiert hatte.
Dieser offensichtlichen Komplexität der Aussagen liegt ein ganz einfaches Konzept zugrunde, an das sich die Leser von Johannes gewöhnen müssen. Jesus betrachtete sich selbst als Erfüllung des vorherbestimmten „Programmes“, das von den Schriften im Voraus dargelegt worden war. Was für ihn verheißen worden war, konnte als in einer Vision oder in einer anderen Voraussage als bereits geschehen bezeichnet werden, bevor es in der Realität stattfand. Der Sohn des Menschen war im Himmel und wurde sozusagen in einer „himmlischen Vorschau“ dort gesehen, bevor er wirklich dort war (Joh. 6,62). Ein ähnliches Phänomen wird von den synoptischen Evangelien vom Erscheinen von Elia und Mose in einer Vision beschrieben (Mt. 17,1-9). In Joh. 3,13 ist der Sohn des Menschen „hinaufgestiegen“. Doch paradoxerweise spricht Jesus später in Joh. 20,17 fest, dass er noch nicht zum Vater hinaufgestiegen ist. Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen diesen beiden Aussagen kann leicht gelöst werden, wenn wir verstehen, dass Dinge im Plan Gottes als bereits geschehen bezeichnet werden können, während sie noch auf ihre Erfüllung in der Geschichte in der Zukunft warten.
Wir müssen mit dieser besonderen Denkweise im Johannesevangelium rechnen und bedenken, dass Johannes ein tiefsinniger Denker und Theologe war, der sich freute, den jüdischen und manchmal unklaren Austausch Jesu mit seinen Zuhörern zu erzählen. Das sollte uns davor warnen, Johannes so zu lesen, dass seine Christologie in Opposition zu Matthäus, Markus, Lukas und der Apostelgeschichte steht. Es ist bedeutsam, dass die traditionelle Christologie, die den trinitarischen Glauben unterstützt, zum größten Teil nur aus dem Johannesevangelium kommt und fast kein Augenmerk auf das Portrait Jesu bei den Synoptikern, auf die Reden des Petrus in der Apostelgeschichte und dessen Briefe gelegt wird. Auf das Bekenntnis des Petrus über Jesus als Messias sollte die Gemeinde gebaut werden (Mat. 16,16). Petrus gibt uns keinen Grund, an die wörtliche Präexistenz Jesu vor seiner Geburt zu glauben.
[1] „Himmlische Dinge“ im Brief an die Hebräer sind Dinge, die mit dem kommenden Zeitalter zu tun haben (Hebr. 11,16, 20; vgl. 13,14).
[2] Morris, The Gospel According to John, 223.
[3] Raymond Brown, The Gospel According to John, 1: 132.
[4] C.K. Barrett, The Gospel According to John (London: SPCK, 1972), 177.
[5] J.H. Bernard, St. John, International Critical Commentary (Edinburgh: T&T Clark, 1948), 1: cxxx, cxxxi.
[6] Greek New Testament (London: Rivingtons and Deighton, Bell & Co., 1861). Andere Kommentatoren sehen in der Vergangenheit in Joh. 3,13 einen figurativen Bezug auf die einzigartige Gemeinschaft Jesu mit dem Vater und die spezielle göttliche Offenbarung, die ihm gegeben worden war (vgl. Spr. 30, 3-4). In Eph. 2,6 heißt es, dass Christen „im Himmel eingesetzt sind in Jesus Christus“. Das könnte eine Art sein auszusagen, dass sie für Positionen der Ehre im kommenden Königreich bestimmt sind.