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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)

Drittes Buch.
6. Christus wird als der Jungfräuliche in ein neues Grab gelegt. Die drei Tage und Nächte seiner Grabesruhe bedeuten die Zeit vor und unter dem Gesetze und unter der Gnade. Das beweisen die Todtenerweckungen, nämlich der Tochter des Jairus, des Jünglings zu Naim und des Lazarus. Für jede Zeit besteht eine besondere Weckstimme zur Buße.
Von dem Begräbnisse dieses Gekreuzigten berichtet das hl. Evangelium, daß er von Joseph genommen, in Leinwand eingewickelt und in ein neues Grab gelegt worden sei.1 Der neue Mensch, der ohne alle Verderbniß aus einer Jungfrau geschaffen worden war, wurde in ein neues gelegt, in welches noch kein Todter gelegt worden war, mit die Heiligkeit des Jungfrauschooßes in Allem durch ein unverletztes Grab angemessen geschmückt werde. Am dritten Tage stand er von den Todten auf. Viele Heilige haben aber hierüber Vieles gedacht und ausgesprochen. Denn einige wollten die drei Tage und drei Nächte bis zum Sonntage selbst ausdehnen: sie verbanden nämlich die Zeit vom Vorabende des Freitags und den Freitag selbst zu einem Tage, ebenso die Nacht vor dem Samstage und den Samstag und dann die Nacht vor dem Sonntage und den Tag der Auferstehung selbst. Andere wollten vom Freitage selbst und von der Nacht an, die mitten am Tage erfolgte, drei Tage und drei Nächte bis zum Tage des Herrn ausrechnen2 wegen des im Evangelium aufgeführten Ausspruches des [S. 442] Herrn:3 „Wie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des Fisches war, so muß der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schooße der Erde sein.“ Ohne eine dieser beiden Ansichten zu verwerfen, wollen wir lieber den geistigen Sinn erforschen, warum nämlich der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schooße der Erde gewesen sei. Die drei Tage drücken die drei Epochen aus, nämlich die Zeit vor dem Gesetze, die Zeit unter dem Gesetze und die Zeit unter der Gnade; die drei Nächte aber sinnbilden die drei Todesarten d. h. die drei Todten, welche der Herr während seiner Anwesenheit im Fleische auferweckt hat.4 Die Tochter des Synagogenvorstehers erweckte er in ihrem Hause,5 den Sohn der Wittwe draussen unter dem Thore6 und den schon vier Tage ruhenden Lazarus im Grabe.7 Denn woher kommt der Tod als von der Sünde, und was sind die Sünden als große Finsternisse, die eine schwere Nacht verursachen?
Diese mögen daher so zusammenstimmen, daß ein Tag vor dem Gesetze ist, als die Sünde noch verborgen war,8 und hiemit fällt jene Nacht zusammen, als das Mädchen im Hause lag, also die Sünde so zu sagen im Gewissen verborgen war. Der zweite Tag sei unter dem Gesetze, als dem Menschen gesagt wurde: „Du sollst nicht begehren“9 und die Sünde in die Öffentlichkeit trat: hiezu paßt jene Nacht, als der Sohn der Wittwe ausserhalb des Thores wie die innerlich verborgene Sünde der Seele in die Öffentlichkeit trat. Der dritte Tag sei unter der Gnade, wenn [S. 443] sich die Seele schon schwerer versündiget, weil sie den Willen ihres Herrn kennt und doch der Strafe Würdiges thut, die Fülle der Gnade vereitelt und zur Strafe ihrer Sünden schon stinkt: hiemit fällt zusammen jene Nacht des Todes des im Grabe liegenden Lazarus, ein Sinnbild einer mit Sünden bedeckten und schon stinkenden Seele! In diesen drei Tagen und Nächten war Christus im Schooße der Erde, d. h. es lag der Glaube an Christus in den Herzen der Erdenbewohner.10 Daher haben in diesen Tagen und Nächten die Seelen die Vorschriften des Gesetzes und die Weckstimmen zur Buße, um mit Christus auferstehen zu können. An dem Tage und in der Nacht der verborgenen Sünde ergeht das allgemein gültige Gesetz:11 „Thue Keinem, was du nicht willst, daß dir von einem Andern widerfahre.“ Die Bußstimme hiezu aber lautet:12 „Gedenke nicht der Vergehen meiner Jugend und meiner Unwissenheit!“ Auf den folgenden Tag der offenkundigen Sünde bezieht sich das Gesetz:13 „Du sollst nicht begehren;“ und seine Buß- [S. 444] stimme heißt:14 „Dir allein habe ich gesündiget und Böses vor dir gethan!“ Zum dritten Tage und zur dritten Nacht der von der Gewohnheit der Sünde schon begrabenen Seele gehört das Gesetz:15 „Siehe, du bist gesund geworden, sündige nun nicht mehr;“ die Bußstimme hiezu lautet: „Herr, befreie meine Seele vom Tode.“ und : „Du hast meine Seele aus der Hölle zurückgeführt.“16 Durch diese drei Zeiten als durch drei Tage werden die Seelen mit Christus auferstehen, denen durch den Propheten gesagt wird:17 „Die Todten werden auferstehen und die in den Gräbern sind, erweckt werden: frohlocken werden Alle, die auf der Erde sind.“ Ihnen sagt auch der Apostel:18 „Wache auf, der du schläfst, stehe auf von den Todten, und Christus wird dich erleuchten!“ Den Auferstandenen aber, d. h. den von Sünden Befreiten sagt er:19 „Wenn ihr auferstanden seid mit Christus, so suchet, was oben ist, wo Christus ist zur Rechten des Vaters sitzend,“ weil der Herr Jesus auferstanden von den Todten aufgenommen wurde in den Himmel und sitzt zur Rechten Gottes des Vaters.20
1: Matth. 27, 57—60.
2: De doctr. christ. III. 35 erklärt Augustin diese Zeit so, daß jedesmal der angefangene Tag mit der zugehörigen Nacht als ein Zeitraum zu betrachten sei; also ähnlich wie die erste Erklärung. Die zweite aber, welche die am Freitage erfolgte Sonnenfinsterniß als eine Nacht rechnet, erwähnt er nicht und hätte sie gewiß als unberechtigt abgewiesen.
3: Matth. 12, 40.
4: Nach der Antwort an Johannes, Matth. 11, 5, scheint der Herr mehrere Todte auferweckt zu haben; denn nach dem Berichte des hl. Lukas scheint er von den drei in der Schrift erzählten Wundern der Todtenerweckung damals nur erst den Jüngling von Naim erweckt zu haben.
5: Nach Matth. 9,18—26, Luk. 8, 49—56 u. Mark. 5, 35—43.
6: Luk. 7, 11—17.
7: Joh. 11, 39—44.
8: Röm. 7, 7 u. 8.
9: Exod. 20, 17.
10: Die Verheissung des Messias ging dem Gesetze voraus und begleitete das Gesetz. Daher die Erwartung des Messias bei Heiden und Juden. Daß „unter der Gnade“ der Glaube an Christus in den Herzen der Menschen ist, braucht keine Erinnerung.
11: Tob. 4, 16; Matth. 7, 12 u. Luk. 6, 21. Augustin erklärt de doctr. christ. III, 14, daß dieser Grundsatz allgemein giltig sei. Vorschriften vor dem Gesetze kann der Verfasser insoferne geltend machen, als nach Röm. 2, 14 u. 15 der Hauptinhalt des Gesetzes in die Herzen aller Menschen geschrieben ist und die hl. Geschichte viele Thaten und Lehren vor der Gesetzgebung aus Sinai aufweist. So treffend auch die Haupteintheilung der Zeitperioden bei unserm Verfasser ist, so wenig will ich verkennen, daß die Einzelnheiten seiner Ausführung sehr gesucht und wenig begründet sind.
12: Ps. 24, 7; statt ignoratnias meas sagt der Autor ignorantiae meae; übrigens ist an dieser Stelle von der Unkenntnis des Gesetzes keine Rede, sondern von jugendlichem Leichtsinne und menschlicher Schwäche. S. Dr. Thalhofer. Ps. S. 117 u. 118.
13: Ex. 20, 17.
14: Ps. 50, 6.
15: Joh. 5, 14.
16: Ps. 55, 13 u. 29, 4.
17: Esaias 26, 19. Offenbar faßt der Autor die Stelle so auf, daß die Todten identisch sind mit den Menschen vor dem Gesetze, die in den Gräbern mit den Menschen unter dem Gesetze und die auf Erden mit den Menschen unter der Gnade. Statt aller Kritik gebe ich nach Rohling die Uebersetzung aus dem Urtexte. „Aufleben werden meine Todten, meine Leichen auferstehen. Erwacht und jubelt, ihr Staubbewohner!“
18: Eph. 5, 14.
19: Kol. 3, 1.
20: Mark. 16, 19.