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Das Kapitel hat sehr helle und sehr dunkle Passagen, endet aber vorläufig gut. Im Fremdwort stecken destinare für anbinden und festlegen und prae für voraus und vorn. Die Frage, auf die eine Prädestinationslehre die Antwort gibt, heisst also: Ist mein Lebensweg im Voraus festgelegt? Bin ich unwillentlich und unausweichlich bereits an ein bestimmtes Ziel gebunden? Vor allem, wenn ja: wie und an welches?
Alle Reformatoren rechnen mit einer göttlichen Vorsehung, die reformierten aber besonders deutlich, weil das solus Christus sie vollständig an Gott bindet: Wenn nur Gott allmächtig ist, so muss er auch allwissend und allgegenwärtig sein. Wenn der Mensch mit keinem Mittel oder Verdienst seinen Weg beeinflussen kann, so ist er vollständig auf Gottes Gnade angewiesen. Entscheidend wird die Frage, ob der allmächtige Gott den ohnmächtigen Menschen nur zum Guten und Hellen oder auch zum Schlechten und Dunklen prädestiniert. Die Antworten sortieren sich um zwei Brennpunkte, einen schöpfungstheologischen und einen versöhnungstheologischen.
Schöpfungstheologisch findet sich die Vorstellung, dass Gott als Schöpfer im Akt der Schöpfung jedes seiner Geschöpfe mit spezifischer Begabung ausrüstet. Jedes Geschöpf, von der Ameise bis zum Nobelpreisträger, hat ein eigenes Potenzial und spezifische Charismen. Es ist dazu bestimmt, gut zu leben, indem es sie entfaltet und nutzt. Im Fall des Menschen ist dies Gottesdienst im Alltag als Entfaltung seiner Begabungen in seiner Arbeit. Mein Lebensweg ist also insofern im Voraus festgelegt, als mir eine bestimmte Menge Begabungen und eine bestimmte Menge Entfaltungsmöglichkeiten gegeben sind. Das Ziel ist aber so offen, wie es der Shorter Catechism von Westminster formuliert: Was ist das höchste Ziel des Menschen? Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen. Der Mensch ist zum Guten und Hellen prädestiniert. Das höchste Ziel ist erreichbar.
Versöhnungstheologisch haben sich die Wege darüber getrennt, wie man Jesus Christus und seine Rolle im Werk der Befreiung und Versöhnung versteht: Ist er nur der Ausführende von Gottes Plan und somit das Instrument eines Willens, der längst vor ihm bestanden und entschieden hat, dann kommt es zur harten doppelten Prädestination, die 1618–1619 von der Synode von Dordrecht festgeschrieben wird: Gott hat vor Christus festgelegt, wer ohne dessen Werk vergehen muss und wer durch dessen Werk überleben darf. Prädestination als göttliche Willkür. Gott als Patriarch. Notwendigkeit statt Möglichkeit. – Ist Jesus Christus aber das Subjekt eigenen Denkens und Handelns, das auch eigene Gefühle und Leidenschaften entwickelt, so wird an seinem Sterben und Auferstehen die Erwählung sichtbar: Wer glaubt, ist zum Leben prädestiniert trotz der Erfahrung des Todes. Prädestination als göttliche Gnade. Gott als Freund. Durch sola gratia und sola fide werden schlechte und dunkle Epochen abgelöst.
Foto: flickr/Nicolas Raymond