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Nach einer langen, erfolgreichen Konzertkarriere verbringt die Piano-Legende Ilse von Alpenheim (95) ihren Lebensabend in Muri-Gümligen. Seit Jahren engagiert sie sich für die Organisation «Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges».
Auf dem Türschild steht nur «Dorati», der Name ihres 1988 verstorbenen Ehemanns. Weltweit bekannt geworden ist die 95jährige Pianistin unter ihrem Mädchennamen Ilse von Alpenheim. Herzlich ist der Empfang in der grossräumigen Wohnung. Im hinteren Teil des Wohnzimmers steht ein Flügel mit aufgeschlagenen Noten. An den Wänden hängen Erinnerungen an frühere Zeiten, darunter edle Stiche. Im vorderen Teil des Wohnzimmers, vor einer hellen Fensterfront, nehmen wir Platz in einer klassischen Polstergruppe.
Gleich zu Beginn unseres Gesprächs kommt sie auf ihre Herzensangelegenheit zu sprechen: «Bitte schreiben Sie, wie wichtig die <Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges> sind». Die IPPNW ist eine Organisation von heute 200 000 Ärzten weltweit, gegründet 1980 von einem russischen und einem amerikanischen Kardiologen, die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. Seither macht sie mit Benefizkonzerten und Vorträgen auf sich aufmerksam.
Zum Beispiel hat Antal Dorati die letzten vier Konzerte seines Lebens für die IPPNW dirigiert, mit Musikern aus 39 west- und osteuropäischen Orchestern. Die Konzerte fanden in Berlin, Moskau, Dresden und London statt, und aufgeführt wurde die «Missa solemnis» von Beethoven. Ilse von Alpenheim widmete eine CD mit Klaviermusik der IPPNW, einige Jahre später.
«Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich noch einmal einen Krieg in Europa erleben muss,» erzählt sie. «Die grausamen Bilder aus der Ukraine sind kaum noch auszuhalten.» Um sich selbst zu schützen, gibt sie sich mit einer Nachrichtensendung pro Tag zufrieden.
Schlimme Erinnerungen an den Krieg
Bomben, Krieg, Todesangst spielten mehrmals eine Rolle in ihrem Leben: In ihrer Jugend, während des Zweiten Weltkriegs, schlug eine Bombe in ihr Elternhaus in Insbruck ein. Zudem wurde sie im Krieg bei einem Fliegerangriff nach einem Kinobesuch unter einem Viadukt begraben. Zwei Freunde befreiten sie. Nur dank ihnen überlebt die junge Frau den Horror. Wie konnte sie diese Erlebnisse verarbeiten? «Musik ist immer auch Trost», sagt Ilse von Alpenheim.
Geboren in Innsbruck, wurde sie früh von ihrer Mutter, einer bekannten Klavierpädagogin, unterrichtet und trat bereits mit neun Jahren als Solistin mit einem Haydn-Konzert auf. Ab 1944 studierte sie bei Winfried Wolf in Kitzbühel. Der Musikprofessor war aus dem zerbombten Berlin in die Alpen geflohen.
Nach dem Krieg setzte die Pianistin ihr Studium bei Franz Ledwinka am Mozarteum in Salzburg fort. 1951 übersiedelte sie in die Schweiz und lebte von 1951-1968 in Bern und Rüfenacht. 1955 lernte sie den ungarischen Komponisten Sandor Veress kennen, mit dem sie bis 1968 zusammenlebte und für dessen Klavierwerk sie sich, im Konzertsaal wie im Rundfunk, besonders einsetzte. Von 1960 bis 1968 leitete sie am Konservatorium Bern eine Konzertklasse.
1971 heiratete Ilse von Alpenheim den Dirigenten Antal Dorati, der mehrere Klavierwerke für sie komponierte und mit dem sie eine intensive gemeinsame Konzerttätigkeit entfaltete. Ihr Ehemann wirkte als „Music Director“ in Minneapolis, Washington D.C., Detroit, London und Stockholm. Er brachte zahlreiche Werke zur Uraufführung und legte die weltweit erste Gesamtaufnahme der 107 Haydn-Sinfonien vor.
Konzertreisen um den Globus
Ihre Laufbahn als Solistin führte Ilse von Alpenheim auf vier Kontinente, wo sie Rezitale und Konzerte zusammen mit berühmten Orchestern gab. Zu ihren z. T. langjährigen Kammermusik-Partnern gehörten die Geiger Max Rostal, Henryk Szeryng, Igor Ozim, der Cellist Walter Grimmer, das Berner Streichquartett, das Amadeus-Quartett sowie die Camerata Bern.
Mit ihrem Ehemann wohnte sie zuerst in Walchwil im Kanton Zug, dann zogen die beiden nach Gerzensee, in ein Landhaus mit Alpensicht. Dort gefiel es ihr am besten. Reich ist ihr künstlerisches Schaffen: Ilse von Alpenheim hat sämtliche Klaviersonaten, Concertini und Klavierkonzerte von Joseph Haydn eingespielt. Die kompletten 54 Haydn-Sonaten sind auf «YouTube» zu finden. Sie generierten in zehn Monaten über 200 000 Aufrufe. Dabei freut sich die Pianistin am meisten, dass man diese 54 Juwelen jetzt weltweit hören kann. Die meisten Menschen kennen nur etwa 5-6 dieser Sonaten. Noch heute erhält sie regelmässig Fanpost aus aller Welt, darunter sogar handgeschriebene Briefe.
Musik hält jung
Mit 95 Jahren hat die Pianistin ein unglaubliches Gedächtnis. Zahlen, Namen, Erlebnisse nennt sie, ohne lang nachzudenken. Bewundernswert ist auch, dass sie noch täglich eine halbe Stunde Klavier spielt. Wenn sie in ihrer schönen Wohnung Musik hört, dann am liebsten von einer CD. Radio SRF 2 und Swiss Classic sind ihr ebenfalls wichtig. Ilse von Alpenheim ist ein grosser Opernfan. Aufgrund ihres hohen Alters geht sie aber abends nicht mehr aus, sondern hört sich die Opern lieber zu Hause an.
Ihren Abschied von der Bühne wählte sie selbst mit einem Benefizkonzert für die Restauration von Fresken einer byzantinischen Kirche in Griechenland. «Man muss einmal den Jungen Platz machen», sagt sie schmunzelnd. Heute lebt sie glücklich und gut betreut in Muri-Gümligen. Regelmässig erhält sie Besuch von ihrem Sohn. Zu ihren schönen Gewohnheiten gehört es, täglich um 16 Uhr einen Tee zu trinken und dazu ein Guezli zu geniessen.
Ilse von Alpenheim blickt auf ein erfülltes Leben zurück. Glücksmomente hat sie viele erlebt. Ob auf Konzerttournee oder in den Ferien: Eine besondere Beziehung pflegt sie zu Griechenland: «Dort fühlte ich mich immer sehr glücklich. Möglich, dass ich in einem früheren Leben in Griechenland lebte,» meint sie zum Schluss unseres Gesprächs und bestätigt, dass eine Aussage des Philosophen Friedrich Nietzsche auch auf sie zutrifft: «Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum».
Titelbild: Ilse von Alpenheim am Klavier, zusammen mit ihrem Mann Antal Dorati. Archivfoto Michael Murray Robertson. Weitere Fotos zVg.
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