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Eine Endzeitfigur
Chessex' neuer Roman "L'Imitation"
Ein opiumsüchtiger Schweizer und eine unbändige, egozentrische Bankierstochter - bei aller intellektuellen Synergie und Brillanz besass die Beziehung zwischen Germaine de Staël und Benjamin Constant ebenso beklemmende wie faszinierende Nachtseiten. Hass, Spott und gegenseitige Demütigung waren an der Tagesordnung auf Schloss Coppet am Genfersee, wohin die beiden aus Paris vor Napoleons Spitzeln flüchteten. Wie nie zuvor inspiriert heute das skandalumwitterte Verhältnis Filmemacher und Bestsellerautoren. Anachronistisch hält es Jacques Chessex in seinem neuesten Roman "L'imitation": sein Ich-Ezähler, ein junger waadtländischer Schriftsteller mit dem beziehungsreichen Namen Jacques-Adolphe, legt seine eigene Lebensgeschichte wie eine störende Haut ab und lebt so, als sei er Benjamin Constant - ein wundersamer Versuch über die unbegrenzten Möglichkeiten der Fiktion. Doch scheint sich Chessex gerade an diesem Topos reiben zu wollen, denn - eine Novum bei Chessex - unter seinen schnftstellernden Protagonisten der letzten Romane ist Jacques-Adolphe der erste, der das Schreiben aufgegeben hat.
Chessex' Seelenverwandtschaft mit Constant setzt Jacques-Adolphes Imitation enge Grenzen. Es ist die Maske des unentschlossenen, zaudernden Benjamin Constant - er will Germaine de Staël immer wieder verlassen -, die sich Jacques-Adolphe aufsetzt. Vor unseren Augen ersteht ein seine Frustration bei anderen Frauen kompensierender Constant, von Selbsthass zerrissen, weil er glaubt am Tode seiner Mutter schuldig zu sein, die bei seiner Geburt starb. Entsprechend eng geführt ist das Erzählte. Jacques-Adolphe verliert sich in seitenlangen, von Melancholie und Unzufriedenheit getränkten Selbstgesprächen. Er trauert narzisstisch den grossen Frauen der europäischen Kulturgeschichte nach, die ihn nicht oder erst sehr spät erhörten. Zu ihnen zählen die grosse Westschweizer Schriftstellerin Isabelle de Charriere, bei der Constant so etwas wie die Lehrjahre des Gefühls verlebte, die schöne Madame de Recamier, die ihn abwies; seine spätere Frau Charlotte von Hardenberg, von der er sich anfangs abwandte, um mit Germaine de Staël in Coppet zu leben. Bei Chessex geraten sie alle zu in Chanel gewandeten libertinen Unternehmerinnen, Rechtsanwältinnen und reichen Witwen, die keine Soirée und keinen Mann auslassen. Germaine de Stael erscheint in der Gestalt der vamphaften Verlegerin Gloria de Maël, die sich Jacques-Adolphe wie ein Spielzeug im goldenen Käfig hält und ihn ebenso häufig betrügt, wie sie ihm seine Spielschulden bezahlt. Schliesslich wirft sie ihn wie einen Schuljungen aus dem Haus, nicht ohne ihm zuvor grosszügig die Schulden erlassen zu haben - die letzte von vielen grotesken Szenen voller charakterlicher Mediokrität aller Beteiligten, die im Massstab 1:1 aus Constants autobiographischem Roman «Adolphe» übernommen sein könnten.
Jacques-Adolphe ähnelt zwar jenen Männergestalten aus Chessex' letzten Romanen, die in jeder Frau ein Heilsversprechen sehen und ihr ganzes Leben damit verbringen, herauszufinden, warum sie es letztlich nicht ist. Endzeitlicher als in "L'Imitation" war Chessex in seinen vierzig Büchern in vierzig Jahren allerdings nie. Im Gegensatz zu Constant zerbricht Jacques-Adolphe an seinem selbstgewählten Leben. Unfähig, sich gleichsam durch das Schreiben selbst aus dem Sumpf des Lebens zu ziehen, endet er, vom Opium zerfressen, im Wahnsinn, aus dem ihn nur der Tod befreit. Ein Abgesang auf die Möglichkeit der Weltfucht durch die Literatur?
Es ist wohl kein Zufall, dass fast zeitgleich mit dem Roman auch eine dreibändige Lyrik-Werkausgabe erscheint die Chessex' Poesie aus den Jahren 1954-1996 umfasst. Auch Chessex' Gedichten liegt eine - dem Kindbettod von Constants Mutter vergleichbare - tragische Urszene zugrunde: der Selbstmord des Vaters im Sommer 1956. Wie in seinen Romanen begegnet Chessex der Angst vor dem Tod und dem körperlichen Verfall in den Gedichtsammlungen «Les Elegies de Yorick» (1994) und «Comme l'os» (1988) mit dem Verlangen nach dem weiblichen Körper - ein bisweilen spektakulärer Kontrast, aus dem diese Lyrik ihre Kraft beziehen mag. In Chessex' Prosa allerdings generiert er nicht selten auf ihre blosse erotische Körperlichkeit reduzierte, mental blasse Frauenfiguren - eine Ästhetik, die in den letzten Jahren zu Recht immer mehr in die Kritik geraten ist.
Michael Wirth
Jacques Chessex: L'Imitation. Roman. Grasset, Paris 1998. 287S., fFr. 112.-.
Jacques Chessex: Poésies complètes. Trois volumes. Préfaces de Christophe Calame. Bernard Campiche Editeur, Yvonnand 1997