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Die von der Tschernobyl-Überlebenden Inna Braverman gegründete israelische Firma Eco Wave Power steht in den Startlöchern, ihre einzigartige Technologie an jeder Küste einzusetzen, an der Meereswellen mindestens einen halben Meter ansteigen.
von Brian Blum
Als Inna Braverman gerade mal zwei Wochen alt war, explodierte das Kernkraftwerk von Tschernobyl. Es war 1986, und die Familie Braverman lebte in der Nähe von Kiew innerhalb der Kernzone des radioaktiven Niederschlags der Katastrophe von Tschernobyl. Als Baby Inna die mit radioaktivem Staub gesättigte Luft einsog, hörte sie auf zu atmen.
„Ich erlitt einen vollständigen Atemstillstand“, erklärt Braverman in einem aufwühlenden Interview mit ISRAEL21c.
Bravermans Mutter lief zur Wiege, in der ihre Tochter lag und fing an zu schreien. Doch glücklicherweise war sie Krankenschwester. Nach einigen langen lähmenden Sekunden begann sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung an ihrem Baby. Das rettete ihrer kleinen Tochter das Leben.
Vier Jahre später verliess die Familie Braverman die ehemalige UdSSR in Richtung Israel. Inna war immer noch sehr krank. „Ich bekam blaue Flecken überall am Körper, als wäre ich getroffen worden.“ Doch dann ebbten die Auswirkungen der Strahlenvergiftung schliesslich ab, und Braverman wuchs gesund im Heiligen Land auf.
Tschernobyl beeinflusste Bravermans Leben auf verschiedene Weise – und solche Einflüsse bieten die Chance, die Welt dramatisch zum Besseren zu verändern.
„Ich bekam eine zweite Chance“, sagt sie. „Und ich wuchs mit dem Wissen auf, dass ich etwas Besonderes tun muss, etwas Grosses in meinem Leben vollbringen. Wenn Tschernobyl bedeutete, Energie auf unsichere Weise zu erzeugen, dann müsste es doch auch einen saubereren Weg geben, Elektrizität nutzbar zu machen.“
Wellenenergie
Zwanzig Jahre später, Braverman hatte soeben an der Universität Haifa ihren Abschluss gemacht, erkannte sie die Lösung.
Es gab viele Unternehmen, die mit der Erzeugung von Sonnen-, Wind- und Wasserkraft arbeiteten. Aber keinem war es bisher gelungen, eine weit verbreitete erneuerbare Energiequelle zu nutzen – die Wellen des Ozeans.
Der Ozean bewegt sich genauso viel wie Wasser, das einen Fluss hinunterfliesst oder von einem Damm kaskadenartig abfällt. Doch die Umwandlung des Wellenbruchs in Elektrizität war bisher nicht möglich, nicht zuletzt deshalb, weil eine besonders starke Welle schnell Welle-zu-Elektrizitäts-Geräte zerstören kann. So war es auch bei den Firmen Pelamisin Europe und Oceanlinx in Australien, die beide inzwischen aus dem Geschäft ausgeschieden sind.
Die vorherrschende Forschungserkenntnis beim Generieren von Wellenenergie bestand im Bau einer grossen Anlage vor der Küste, einige Kilometer mitten im Meer. Aber Braverman kam zum Schluss, dass diese Vorgehensweise viel zu teuer und unzuverlässig sei.
Offshore-Wellen können tsunami-ähnliche Höhen erreichen und ganze Anlagen pulverisieren, so dass nur wenige Versicherungsgesellschaften bereit sind, diese Anlagen vertraglich zu decken, und wenn sie es doch tun, dann ist es mit hohen Kosten verbunden.
Schlimmer noch, trotz der positiven Auswirkungen der durch Meereswellen erzeugten Energie sind Umweltschützer im Allgemeinen dagegen, weil die Anlagen „eine neue Präsenz auf dem Meeresboden schaffen, welche die natürliche Meeresumwelt stört“, sagt Braverman.
Braverman dachte an eine kostengünstigere und sicherere Alternative: Die Installation von „Schwimmern“ an bestehenden künstlichen Strukturen – Molen, Stegen und Wellenbrechern – und die Aufstellung der wichtigsten energieerzeugenden Geräte mit ihren empfindlichen Computern und Generatoren an Land.
Gibraltar, Mexiko, Portugal
Im Jahr 2014, als sie gerade mal 24 Jahre alt war, tat sich Braverman mit dem Serienunternehmer David Leb zusammen, der nach einer erfolgreichen Karriere in der Hightech-Branche nach Panama aufbrach, wo er ein Surfcamp leitete.
Die Verlockung, ein Unternehmen für erneuerbare Energien zu gründen, brachte Leb ins Geschäft zurück. Braverman und Leb nannten ihr neues Unternehmen Eco Wave Power.
Das Unternehmen gewann seinen ersten Kunden in Gibraltar. „Es ist das erste Wellenenergieunternehmen, das im Rahmen eines PPA [Power Purchase Agreement] an das Stromnetz angeschlossen wurde“, sagt Braverman.
Eine zweite funktionierende Anlage in Jaffa wird vom Unternehmen für Forschung und Entwicklung und zur Demonstration des Systems für Investoren und potenzielle Partner genutzt.
Eco Wave Power verhandelt derzeit über Verträge für eine 4.1-Megawatt Anlage in Mexico und ein 20-Megawatt-Grossprojekt an vier Standorten in Portugal. Für Letzteres wird bereits der Konzessionsvertrag mit APDL ausgearbeitet, dem Unternehmen, das den Hafen im nordportugiesischen Leixos verwaltet.
Im Meer dümpelnde Schwimmer
Wie wandelt Eco Wave Power die Bewegung von Wellen in Elektrizität um? Im Gegensatz zu Wasserkraftsystemen treiben die Wellen nicht direkt eine Turbine an. Vielmehr wird beim Auf- und Abbewegen der Schwimmer je nach Wellenhöhe Druck in Hydraulikkolben erzeugt, die eine biologisch abbaubare Flüssigkeit durch ein Rohr zu einem „Speicher“ an der Küste befördern.
Dieser Speicher wiederum versetzt einen an einen Generator gekoppelten Hydromotor in Bewegung, der Strom erzeugt. Die Flüssigkeit wird anschliessend in das Rohr zurückgeführt, wo sie von den Kolben wiederverwendet werden kann, so dass es sich um einen geschlossenen und „grünen“ Kreislauf handelt.
Eco Wave Power kann an jedem Ort mit Wellen von mindestens einem halben Meter Höhe arbeiten.
Gemäss Braverman könnte durch den Einsatz dieser Technologie an Standorten weltweit, welche die Anforderung erfüllen, die doppelte Menge an Elektrizität erzeugt werden, die derzeit von allen Energiequellen zusammen erzeugt wird.
Portugal erhofft sich schliesslich 25% seines jährlichen Stromverbrauchs durch Wellenkraft abzudecken. “ Die Möglichkeit besteht, allein in Portugal drei bis vier Gigawatt Wellenkraftkapazität zu erzeugen“, betont Braverman.
Wellenkraft schafft auch Arbeitsplätze: Das Portugal-Projekt würde bei vollständiger Umsetzung zur Schaffung von 1.500 neuen Arbeitsplätzen führen.
Weg mit der Bürokratie
Obwohl die Technologie von Eco Wave Power zukunftsweisend ist, sind die grössten Hindernisse, auf die das Unternehmen stösst, nicht mechanischer, sondern bürokratischer Natur.
„In vielen Ländern gibt es nur Richtlinien für Solar- oder Windkraft, die 20 bis 30 Jahre zurückliegen“, sagt Braverman.
Es müssen neue Vorschriften ausgearbeitet werden – welche Lizenzen braucht ein Wellenkraftunternehmen? Welche Gebühren muss es zahlen? „Länder, Häfen und Investoren sind von diesen neuen Projekttypen sehr begeistert, aber es braucht Zeit, bis das erste Projekt entwickelt ist.“
Eco Wave Power wurde vom führenden Wissenschaftler des israelischen Energieministeriums als „Pioniertechnologie“ anerkannt und von der Stiftung Solar Impulse mit dem Label „Efficient Solution“ ausgezeichnet. Die Vereinten Nationen haben dem Unternehmen den Preis für globale Klimaaktion verliehen.
Eco Wave Power hat Zuschüsse aus dem Horizont-2020-Fonds der Europäischen Union und vom israelischen Energieministerium erhalten.
Beim Börsengang im Jahr 2019 hat das 11-köpfige Unternehmen 13,6 Millionen Dollar eingesammelt. Sein Börsengang fand an der NASDAQ First North in Stockholm statt. Warum Skandinavien?
„Erstens unterstützt Schweden die erneuerbaren Energien sehr, da 54% der Energie des Landes aus erneuerbaren Quellen stammen“, sagt Braverman.
Es steckt auch eine poetische Gerechtigkeit hinter dieser schwedisch-israelischen Verbindung, die bis in Bravermans Kindheit zurückreicht. Schwedische Wissenschaftler waren die ersten, welche die Strahlung der Tschernobyl-Katastrophe entdeckten und die Welt alarmierten, zu einer Zeit, als sowjetische Staatsbeamte noch leugneten, dass überhaupt ein Problem vorlag.
Wie hat sich der Coronavirus-Ausbruch auf die Aktivitäten von Braverman und Eco Wave Power ausgewirkt?
„Auf kurze Sicht hat sie einen negativen Einfluss“, gibt Braverman zu. „Während der Krise drängen die Regierungen nicht prioritär auf erneuerbare Energieprojekte, was zu Verzögerungen bei der Ausführung und Lizenzvergabe führt, da viele der verantwortlichen Organisationen nicht oder nur in Teilzeit arbeiten.“
Aber es gibt auch eine positive Seite. „Auf lange Sicht hat uns die Corona-Krise etwas Wichtiges gelehrt“, sagt Braverman. „Wenn wir nun Bilder vom klaren Himmel in China und funkelnden Kanälen in Venedig zu sehen bekommen, dann gewinnen wir einen Eindruck davon, wie eine sauberere Welt aussehen könnte.“