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Am Meeresboden rund um Antarktika ist es nicht leer und öde. Zahlreiche verschiedene Tiergruppen haben sich in dort der Kälte, Dunkelheit und dem Druck angepasst und genossen die Abgeschiedenheit und Isolation, verursacht durch die antarktische Konvergenzlinie und die grosse Tiefe des Südlichen Ozeans. Doch dieser Vorhang weist durch den Klimawandel langsam Löcher auf und den antarktischen Bodentieren bleibt nur die Verteidigung durch chemische Stoffe gegen neueinwandernde Arten. Der Frage, ob das reicht, ging eine Studie nach.
Sollten kleine Flohkrebse aus den temperaten Gewässern nördlich der antarktischen Konvergenzlinie in Richtung Antarktika einwandern, könnten sich die meisten antarktischen Tiere, die auf dem Meeresboden leben, auf ihre chemische Abwehr verlassen. Anders sieht es aus, wenn grössere Krabbenarten wie beispielsweise Einsiedlerkrebse oder sogar Königskrabben sich in Richtung Antarktika ausbreiten. Gegen diese helfen die Stoffe kaum und würden somit keinen Frassschutz darstellen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Professorin Conxita Avila von der Universität Barcelona und einem Team aus spanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche vor einiger Zeit in der Fachzeitschrift Marine Drugs Veröffentlicht worden ist.
Für ihre Studie, die ein Grundlagenarbeit ist und nach Angaben des Teams die erste ihrer Art sei, versetzte das Team die Nahrung von Einsiedler- und Flohkrebsen, die aus temperaten Regionen stammen, mit chemischen Stoffen, die aus insgesamt 29 verschiedenen antarktischen Tierarten aus sieben verschiedenen Tierstämmen bekannt sind. Dazu zählen Schwämme, Würmer, Stachelhäuter und Manteltiere, die Teil der antarktischen Bodenfauna sind. Dabei zeigte sich, dass Flohkrebse die behandelte Nahrung meistens ablehnten, während Einsiedlerkrebse sich nicht davon abschrecken liessen. Nur gerade die chemische Keule einer Schwammart und einer Art der Manteltiere zeigten signifikante Abschreckungsreaktionen bei den potentiellen Räubern.
Zwar sind die als Testobjekte verwendeten Räuber nicht selber auf dem Weg in die Antarktis, da sie aus dem Mittelmeer oder temperaten Meeresgebieten im Norden stammen. Doch verwandte Arten haben ähnliche Nahrungspräferenzen und auch ähnliche Wege, Nahrung aufzuspüren. Und solche Arten klopfen bereits an die Tür und einige Studien entdeckten bereits neu eingewanderte Arten wie Krebse und Muscheln nahe Antarktika. «Das Ökosystem des antarktischen Meeresbodens ist aus vielen Gründen in Gefahr, und dies ist nur ein weiterer», sagt Conxita Avila. «Wenn Tiere wie die Königskrabben auftauchen, werden sie die Populationen der antarktischen Tiere dezimieren und diese Gemeinschaften völlig verändern.»
Um zumindest den Weg für die potentiell gefährlichen Tierarten zu erschweren, sind verschiedene Initiativen und Programme in der Antarktis aktiv. Dazu zählen beispielsweise die «Don’t pack a pest»-Initiative des Internationalen Verbandes antarktischer Tourbetreiber IAATO oder das «Safeguarding South Georgia’s Blue Belt»-Projekt der Verwaltung von Südgeorgien und den Südsandwichinseln GSGSSI. Doch diese zielen nur auf den Ausbreitungsweg. Nach Ansicht von Professorin Avila und vieler Expertinnen und Experten muss aber die Erwärmung, die besonders entlang der antarktischen Halbinsel immer stärker wird, in den Griff bekommen werden. Nur so hat die antarktische Bodenfauna eine Chance zu überleben und der Mensch die Gelegenheit, mehr über diese einmalige und faszinierende Welt zu erfahren, bevor sie in den Mägen von invasiven Arten verschwindet.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal