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Leim,
die durch anhaltendes
Kochen »
leimgebender
Materien« (s. d.) mit
Wasser erhaltene
Substanz.
In der
Chemie unterscheidet man zwei
Leimarten, das
¶
aus Knorpeln erhaltene Chondrin (s. d.) und das aus Knochen
[* 3] und Haut
[* 4] entstehende Glutin; für die Technik aber ist letzteres allein
von Bedeutung, weil der Knorpelleim sehr viel geringeres Klebvermögen besitzt, und man unterscheidet daher nur Knochen
leim
u. Haut- oder Leder
leim. Als Rohmaterial für die Darstellung des letztern dienen Abfälle der Gerberei,
Hasen-, Kaninchen-, Hunde-, Katzenfelle, Suronen, alte Handschuhe, Ochsenfüße, Flechsen, Gedärme etc., unter Umständen auch
allerlei Abfälle von lohgarem Leder.
Dies
Leimgut (welches im großen Durchschnitt ca. 25 Proz.
Leim liefert) wird 15-20 Tage und länger in Kalkmilch geweicht, bisweilen
mit Chlorkalk
[* 5] gebleicht, dann in fließendem Wasser gereinigt und an der Luft getrocknet. So weit vorbereitet,
bildet dies Material als Roh
leim oft das Produkt eines besondern Industriezweigs und gelangt nun erst in die
Leimsiedereien,
in denen es zunächst in schwacher Kalkmilch maceriert und ausgewaschen und dann durch Versieden in
Leim übergeführt wird.
Dies geschieht in offenen Kesseln über freiem Feuer; da aber die Umwandlung langsam erfolgt und anhaltendes
Kochen den
Leim verdirbt, so kocht man den Rohleim mit wenig Wasser, läßt die genügend konzentrierte
Leimlösung nach 1½-2
Stunden ab und kocht unter Zusatz von reinem Wasser weiter, bis abermals eine konzentrierte
Leimlösung entstanden ist etc.
Sehr rationell ist die Darstellung von Dampf
leim durch Behandeln des Rohleims in geschlossenen Gefäßen
mit Hochdruckdampf. Vielfach ist die Ansicht verbreitet, daß in Fäulnis übergegangenes
Leimgut hellern, bessern Leim liefere,
und jedenfalls wird sehr allgemein ein Material verarbeitet, welches beim Verkochen einen penetranten Geruch entwickelt. Dadurch
werden Leimfabriken oft zu einer großen Plage ihrer Umgebung, während doch die Fäulnis durch wenig
Karbolsäure vollständig verhindert werden könnte.
Die durch Versieden des Leimguts erhaltene Leimlösung bringt man in Kufen, die vor Abkühlung geschützt sind, läßt sie absetzen, klärt sie auch wohl durch Zusatz von 0,75-1,5 pro Mille Alaun [* 6] und gießt sie dann durch ein Sieb in Holz- oder Metallformen, in welchen sie zu einer festen Gallerte erstarrt. Die aus den Formen gestürzten Blöcke werden mit feinem Draht [* 7] in Tafeln zerschnitten und diese an der Luft auf Bindfadennetzen, besser in heizbaren Trockenräumen, anfangs bei 15-20°, zuletzt bei viel höherer Temperatur, getrocknet. Schichtet man die gewöhnliche Leimgallerte in Tafeln mit leicht löslichen Salzen (schwefelsaures, unterschwefligsaures Natron, Bittersalz etc.), so entziehen diese dem Leim Wasser, in welchem sie sich lösen, und hinterlassen eine Gallerte mit 70-75 Proz. wasserfreiem Leim, welche nicht mehr fault, erst zwischen 95 und 100° schmilzt, sehr leicht trocknet und an Bindekraft nicht verloren hat.
Die Darstellung von Knochenleim ist oft ein Nebenzweig der Knochenmehlfabrikation. Man dämpft die Knochen, um sie leichter mahlen zu können, und erhält dabei eine Leimlösung, welche in offenen Pfannen oder in Vakuumapparaten verdampft, dann in Formen gegossen wird etc. Häufiger behandelt man die entfetteten Knochen mit Salzsäure, läßt die Lösung von saurem phosphorsaurem Kalk von dem Knorpel [* 8] ab, um sie mit Kalkmilch zu neutralisieren (der dabei gefällte phosphorsaure Kalk wird an Düngerfabriken verkauft), entsäuert den Knorpel durch Waschen mit Kalkmilch und Wasser und führt ihn durch Kochen oder Dämpfen in Leim über.
Dieser Leim besitzt durch einen geringen Gehalt an phosphorsaurem Kalk ein milchiges Ansehen, welches oft noch durch einen Zusatz von Barytweiß, Zinkweiß, Kreide, [* 9] Thon vermehrt wird, und kommt als Patentleim in den Handel. Bei großer Sorgfalt erhält man aus Knochen einen vollständig farblosen Leim, der in besonders dünnen, glasartig durchsichtigen, farblosen oder gefärbten Tafeln als Gelatine in den Handel kommt, aber nicht zum Kleben benutzt wird, da er an Klebkraft von den dunklern Leimsorten weit übertroffen wird.
Man erhält die Tafeln, indem man die Lösung auf Steinplatten gießt und nach dem Erstarren die Gallerte auf Netzen trocknet. Die Gelatine und eine ähnliche farblose Leimsorte, welche aus den Häuten junger Tiere und aus frischen Kalbsknorpeln bereitet wird, dienen als Ersatzmittel der Hausenblase, zur Bereitung von genießbaren Gelees und Cremes etc., zur Appretur feiner Gewebe, [* 10] zur Bereitung von englischem Pflaster, künstlichen Blumen, Glaspapier, durchsichtigen Oblaten, Glasur auf Papeterien und Luxuspapieren, zum Überziehen von Pillen, zur Bereitung der Gelatinekapseln für übelriechende und übelschmeckende Arzneien, als Klärmittel etc. Auf Spiegelglas hergestellte Gelatinetafeln kommen als Glaspapier zum Durchzeichnen in den Handel, auch eignen sich blau gefärbte Tafeln sehr gut zu Lichtschirmen. Flüssigen Leim, der bei nicht sehr bedeutender Einbuße an Klebkraft den Vorteil gewährt, jederzeit zum Gebrauch bereit zu sein und nicht zu faulen, erhält man durch 10-12stündiges Erwärmen einer Lösung von 3 Teilen Leim in 8 Teilen Wasser mit 0,5 Teilen Salzsäure und 0,75 Teilen Zinkvitriol auf 80-85° oder durch Auflösen von gutem Leim im Wasserbad mit gleich viel starkem Essig, einem Viertel Alkohol und wenig Alaun.
Leim dient als Bindemittel, zum Leimen des Papiers, als Weberschlichte, zur Appretur von Tuch, Hutmacherfilz und Strohhüten, zur Darstellung der Buchdruckerwalzen und zu elastischen Formen, zu Imitation von Schildpatt, Perlmutter, Elfenbein, Bernstein, [* 11] Malachit, zu künstlichem Holz, [* 12] Anstrichen, Kitten, als Klärmittel etc. Die Handelssorten benennt man wohl noch nach altem Gebrauch nach Städten und Ländern, doch sind diese Bezeichnungen nur nominell. Hellgelblich durchscheinende Ware geht als Kölner [* 13] Leim, durch Zusatz von schwefelsaurem Bleioxyd, Bleiweiß, [* 14] Zinkweiß undurchsichtig gemachter Leim als russischer Leim oder weißer Leim; letzterm Fabrikat wird gewöhnlich von Holzarbeitern eine große Bindekraft zugeschrieben.
Zum Leimen erhält man eine brauchbare Leimlösung am sichersten durch Erweichen von Leim in kaltem Wasser und Schmelzen im Wasserbad. Leimtöpfe mit Wasserbad sind in den Buchbinderwerkstätten allgemein gebräuchlich und den Leimtiegeln der Tischler weit vorzuziehen. Die Lösung muß eine bestimmte Konsistenz besitzen. Sie wird heiß aufgetragen, und die zu leimenden Stücke müssen bis zum vollständigen Trocknen scharf aneinander gepreßt werden. Sehr weiches und poröses Holz tränkt man am besten zuerst mit schwachem Leimwasser; sollen Hirnflächen zusammengeleimt werden, so legt man ein Stückchen Gaze dazwischen; etwas rauhe Flächen halten besser als sehr glatte.
Soll der Leim der Feuchtigkeit widerstehen, so versetzt man ihn in der Wärme [* 15] mit etwas Leinölfirnis; bisweilen kann man die Haltbarkeit des Leims durch Zusatz von Schlämmkreide oder Asche erhöhen. Über Klebleim für Etiketten, Marken etc. s. Klebleim. Einen wasserdichten Leimanstrich erhält man durch Tränken des gewöhnlichen Leimanstrichs mit einer konzentrierten und filtrierten Abkochung von Galläpfelpulver, wobei der Leim vollständig erweichen ¶
Nur Merck`s Warenlexikon, 1884
Leim
(frz. colle; engl. lime oder glue). Diejenigen Gebilde des Körpers der Wirbeltiere, welche die Eigenschaft haben, sich durch Kochen mit Wasser in Gallerte aufzulösen und daher als leimgebende bezeichnet werden, machen einen sehr beträchtlichen Teil des Ganzen aus, denn sie begreifen das ganze Knochengerüst, die knorpeligen Teile, die äußere Haut und die innern häutigen Gebilde, Därme, Blase, Schleimhäute, Bindegewebe, den ganzen Apparat der Sehnen, Bänder, Kapseln, Röhren etc. Stoffe dieser Art bleiben bei den meisten Verwendungen von Tierkörpern als Abfälle übrig und verfallen als sog. Leimgut der Leimsiederei, die also ihren Rohstoff größtenteils von Fleischern, Gerbern und Abdeckereien bezieht in Form von Hautabschnitzeln und Schabsel, Flechsen, Gedärmen, Kalbs- und Hammelfüßen, Ohrlappen und andern Resten. ¶
Nur Geographisches Lexikon der SCHWEIZ, 1902
Leim,
Leimen, Leimeren.
Ortsnamen der deutschen Schweiz;
von «Leim», der mundartlichen Form für Lehm. Vergl. den Art. Leimbach (mittler und unter).