Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03405.jsonl.gz/2092

Die junge Frau richtet ihren Blick nicht direkt in die Kamera, sondern leicht nach unten – als dürfe sie ihrem Gegenüber, also uns, nicht in die Augen schauen. Gleich zu Beginn des Films «Sir» unterstreicht diese Geste der Unterwürfigkeit den sozialen Platz der Hausangestellten Ratna (Tillotama Shome): weit unten in der indischen Klassengesellschaft. Es ist schmerzlich mitanzusehen, wie sie sofort aufspringt, wenn ihr Arbeitgeber Ashwin (Vivek Gomber) den Schlüssel im Schloss dreht, oder wie sie sämtliche Befehle und Demütigungen durch dessen Familie widerspruchslos hinnimmt.
Ashwin selbst, Sohn eines reichen Bauunternehmers in der Millionenstadt Bombay, tut sich schwer im Leben, seit die Hochzeit mit seiner Verlobten im letzten Moment geplatzt ist. An Anlässen der indischen Oberschicht fühlt er sich zunehmend unwohl – dafür bringt er Ratna einen ungebührlichen Respekt entgegen. So lässt er sie etwa später heimkommen, damit sie eine Nähschule besuchen kann, und schenkt ihr gar eine Nähmaschine.
Regisseurin Rohena Gera stellt die Beziehung zwischen Ratna und Ashwin ins Zentrum ihres Spielfilmdebüts. Viele Szenen spielen in Ashwins Wohnung, was die Gegensätze zwischen ihm und der vom Land stammenden Haushälterin Ratna auch räumlich unterstreicht: seine weitläufige Wohnung, ihr kleines Kämmerchen; sein grosser Esstisch mit Blick über die Stadt, ihr Essplatz in der Küche auf dem Boden; sein massiver Körper, ihre schmale, kleine Gestalt.
Gekonnt zeigt Gera die sachte Annäherung der beiden, wobei gesellschaftliche und persönliche Grenzen zunehmend verschwimmen. Als das Verhältnis enger wird, ist es schliesslich Ratna, die sich zurückzieht, um die Klassengrenzen zu wahren. Deren Undurchlässigkeit betont der Film auch darin, wie die anderen Filmfiguren reagieren, sobald sie etwas von der Beziehung ahnen. Und weil Ratna auch uns nie richtig anschaut, verweist sie das (westliche) Publikum damit, der internationalen Arbeitsteilung entsprechend, auf die Seite Ashwins.
Jetzt im Kino.