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Die Dame mit dem Bronx-88-T-Shirt im SVP-Clip: eine bewusste Anbiederung an Rechtsextreme? Oder einfach ein Zufall? Die Spuren führen nach Schweden. Eine Reise an die Quellen der Interpretation.
2015 wird als das Jahr des deutschschweizerischen Turbofolk in die Geschichte eingehen. DJ Tommy, auch bekannt als Thomas Matter, hat aus DJ Antoines Hit «Welcome to St. Tropez» einen SVP-Song gebastelt, der es sogar in die Schweizer Hitparade geschafft hat: «Welcome to SVP». Mehr zu reden als der Track selber gab aber der Videoclip, in dem eine junge Frau zu sehen ist, bekleidet mit einem T-Shirt, auf dem «Bronx 88» zu lesen ist.
In Neonazi-Kreisen wird die Zahl 88 als Chiffre für HH (h ist der achte Buchstabe des lateinischen Alphabets), also «Heil Hitler» verwendet. Handelt es sich hier um eine bewusste Anbiederung an rechtsextreme Kreise, vergleichbar mit Oskar Freysingers Reichskriegsflagge? Oder einfach um einen blöden Zufall?
Nun ist auf dem T-Shirt nicht einfach 88, sondern ganz klar «Bronx 88» zu lesen. Die Boogie Down Bronx, die Geburtsstätte des Hip-Hop, in der Kool DJ Herc, Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa ihre ersten Block Parties rockten? Das klingt nicht sonderlich nach SVP. «Welcome to SVP» ist denn auch zweifellos kein Hip-Hop-Track: DJ Antoine und DJ Tommy sind dem Genre House zuzurechnen, das aus der Disco-Musik der 70er Jahre hervorgegangen ist. Es handelt sich also auch nicht wirklich um einen helvetischen Turbofolk. In musikalischer Hinsicht zumindest.
Die Ideologie von Text und Clip ist möglicherweise allerdings doch näher beim Turbofolk, dieser politisierten balkanischen Mischung aus Folklore, Schlager und Pop/Dance. So stellt sich die Frage, ob die Erwähnung der Bronx eine bewusste Hommage an den schwedischen Siedler Jonas Bronck ist, den Mann also, dem die Bronx (Bronck’s Place) ihren Namen verdankt. Tatsächlich scheinen schwedische Damen sehr angetan von den Shirts [1].
Handelt es sich also um eine spezifisch schwedische Hommage an New York; vergleichbar etwa mit einem Niederländer, der ein T-Shirt mit der Beschriftung «Brooklyn 88» (Brooklyn = niederländisch Breukelen) trägt? Oder soll die Bronx hier wirklich auf den Rap verweisen? Immerhin wird in DJ Tommys Remake von Antoines Track wirklich gerappt, und auch DJ Antoines bzw. DJ Tommys House wäre ohne die afroamerikanischen Wurzeln undenkbar. Und: zumindest gewisse SVP-Menschen scheinen sich speziell mit Indianern und/oder Schwarzen zu identifizieren [2] – also den Unterprivilegierten und Kolonisierten der Welt.
Das erklärt aber noch nicht, woher die zwei Ziffern kommen. Handelt es sich gar um einen Verweis auf das Jahr 1988, die Zeit des Golden Age des Hip-Hop (Public Enemy, Ice-T, Eric B & Rakim, BDP und viele andere brachten in diesem Jahr viele wichtige LPs raus)? Näher bei Antoine und Co. ist aber sicherlich der Disco-Track «On the Beat» von der BB & Q Band, den es notabene auch in einem 88er-Bronx-Remix gibt [3].
Fragen über Fragen. Nun hat Oskar Freysinger zwar behauptet, er habe die Reichskriegsflagge nur aus ästhetischen Gründen gekauft. Aber hat der Mann wirklich so wenig historisches Bewusstsein? Oder feiert in der SVP die Zuneigung zu unseren germanischen Cousins von Deutschland bis Schweden Urständ? Immerhin war Blochers Grossvater noch ein echter Welschenfresser, der den Einfluss der Romands beschneiden wollte. Und kürzlich deklamierte der Meister selbst: «Die Welschen hatten immer ein schwächeres Bewusstsein für die Schweiz.» [4] Und früher sagte er mal: «Die jüdischen Organisationen da, die Geld fordern, sagen, es gehe letztlich nicht ums Geld. Aber seien wir ehrlich (Gelächter setzt ein): Um genau das geht es (Applaus).» [5]
Helmut Hubacher schrieb mal in einem Leserbrief: «Die braune Liesel kenn ich am Geläut» (ein Zitat aus Schillers Tell notabene). Man kann lang über die Interpretation von «Bronx 88» reden (und spannend ist es ja!) – aber letztlich ist doch bekannt, wer politisch wo steht. Die obenstehenden Zitate sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Menschen diese Zitate je nach politischem Standpunkt (oder Abwesenheit eines solchen) ganz verschieden interpretieren, liegt allerdings wiederum auch in der Natur der Sache. Und nun zurück zum Song «Welcome to SVP»: darin wird zwar gesagt, dass jeder Kanton der Schweiz wichtig sei. Gesungen und gerappt wird aber nur in einer Sprache, und zwar auf Schweizerdeutsch. Wieder mal ein Beweis, dass Blocher und Konsorten von Patriotismus rein gar nichts verstehen – womit wir wieder bei der Reichskriegsflagge sind…
Zum Schluss aber noch ein Blick auf die Lyrics: «Fähler sind öppis / Wo de Zämehalt weckt.» Vielleicht liegt in diesen Zeilen die ganze Wahrheit. Was sie auf jeden Fall erklären: den agrammatischen englischen Titel des Songs. 2016, das Jahr des Turbofolk? Natürlich lässt sich dieser eine rechtskonservative Song kaum mit einem ganzen konservativ geprägten Genre der populären Musik vergleichen. Aber es ist doch interessant, dass auch hierzulande ähnliche musikalische Mittel gewählt werden, um nationalistische Inhalte zu verbreiten. Schon Günter Amendt meinte ja, Disco sei per se rechts. Vielleicht beweist der heutige Einsatz der Nachfolger des Disco, dass der leider verstorbene Amendt recht hatte.
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