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Von Albrecht Buschmann
Keine andere europäische Literatur des 20. Jahrhunderts wird hierzulande in ihrer Wahrnehmung derart von einem einzigen Autor dominiert wie die spanische: Wenn ein Spanier auch jenseits der Feuilletons und Vorlesungssäle breite Popularität genießt, dann Federico García Lorca. Da mag Valle-Inclán als Bühnenautor innovativer sein, gespielt wird jahrein jahraus "Bernarda Albas Haus"; von Miguel Hernández bis Pedro Salinas dichteten Zeitgenossen Lorcas ebenso schillernd wie er, doch deren Lyrik kennen außerhalb Spaniens allenfalls aficionados; auch Rafael Alberti engangierte sich gegen die Faschisten, auch Antonio Machado starb auf der Flucht vor Franco, zu Ikonen der Linken wurden sie trotzdem nicht. Und was das Schöne ist am Lorca-Kult: Jeder hat sein Stückchen Lorca. Die Andalusien-Liebhaber die "Zigeunerromanzen", die Puristen den "Dichter in New York", die Linken den politisch engagierten und ermordeten, die Schwulen den Zeit seines Lebens nie geouteten Confrère.
So viel und so viele Lorcas, aber nur ein einziger Übersetzer. Heinrich Beck, ein Schweizer Antifaschist auf der Flucht in Spanien, entdeckt 1936, in einer Zeitschrift blätternd, einige Gedichte Lorcas und ist gebannt von der Kraft seiner Verse. Er beginnt zu übersetzen, veröffentlicht 1938 erstmals die "Zigeunerromanzen" und erkämpft sich von Lorcas Erben das Recht, den Autor exklusiv ins Deutsche zu übersetzen. Damit wird Enrique Beck, wie er sich jetzt nennt, zu einem wohlhabenden Übersetzer, aber auch zum meistkritisierten Vertreter seiner Zunft: Er neige zu archaisierenden und verniedlichenden Wendungen, sein Lorca sei zu tümelnd. Und überhaupt, die Beckschen Übersetzungen verstellen den Blick auf den echten Lorca, so lautet spätestens seit den 70er Jahren das Urteil, mit dem sich auch des Spanischen völlig Unkundige gerne putzen. 1998 schließlich geht der Suhrkamp Verlag in die Offensive, kündigt trotz ungeklärter Rechtslage an, neue Übersetzungen zu veröffentlichen und die Beckschen nicht weiter auszuliefern.
Sind Becks Übersetzungen wirklich so schlecht? Um das zu beurteilen, sollte man weniger auf seine namhaften Kritiker wie Hans Magnus Enzenzberger oder Harald Weinrich hören, denn der eine spricht in eigener Sache, der andere im Auftrag des Verlags. Das künftige Standardwerk hierzu, das mit seiner umfassenden Dokumentierung und seinem Streben nach unbedingter Objektivität bei der Abwägung des Urteils den Maßstab für jede Übersetzungskritik bildet, hat der Schweizer Hispanist Ernst Rudin geschrieben. Es heißt "Der Dichter und sein Henker?", und man sollte das Fragezeichen im Titel nicht überlesen. Rudin analysiert die Übersetzungen ausgewählter Gedichte und Theaterstücke, legt mit beeindruckender Sensibilität die Grenzen des Beckschen Übersetzungsstils dar, zeigt im Vergleich mit späteren Überarbeitungen, wie gut Beck für seine Zeit war, und er gelangt zu dem Fazit: Natürlich müssen neue Ausgaben her, doch "auch in der besten aller möglichen Übersetzungen wird der ins Deutsche übersetzte Lorca nie der wahre Lorca sein". Weil es den schlicht nicht gibt und also auch keine entsprechende Übersetzung eine Wahrheit, die im Schlachtenlärm um Beck häufig vergessen worden war.
Nun liegen, nach Enzensbergers "Bernarda Albas Haus" und Rudolf Wittkopfs "Bluthochzeit", drei neu übersetzte Lorcas vor: Zunächst zu dem Gedichtband "Dichter in New York" in der Übertragung Martin von Koppenfels. Er enthält Lorcas hermetischste Gedichte, hinzu kommt, daß die Quellenlage des 1940 posthum veröffentlichten Textes bis heute nicht endgültig geklärt ist. "Was krätzelt, was krabbelt, was kräuselt der Federico sich zusammen", schrieb Beck in einem Brief, offensichtlich tat er sich schwer mit dem Text. Von Koppenfels hingegen hat seine Dissertation über den "Poeta en Nueva York" geschrieben, entsprechend gut dokumentiert ist seine zweisprachige spanisch-deutsche Ausgabe (Varianten, Fragmente, Nachwort etc.). Seine Übersetzung wirkt klar, wie entschlackt, gewagte Metaphern werden möglichst transparent beibehalten, und sie liest sich, als wäre es immer ganz einfach gewesen, zu dieser und keiner anderen Lösung zu gelangen. "Dichter in New York" ist eines jener Werke, das immer wieder in einem Atemzug mit dem "Ulisses" genannt und bisher bestimmt noch weniger gelesen wurde. Die Neuübersetzung eröffnet die Chance, Lorca als Autor der Avantgarde, als Zeitgenossen auch des 21. Jahrhunderts zu erkennen.
Die beiden Theaterstücke "Doña Rosita ..." und "Yerma", uraufgeführt 1934 und 1935, also in einer Zeit bürgerkriegsähnlicher Spannungen in Spanien, standen bisher in der deutschen Rezeption im Schatten von "Bluthochzeit" und "Bernarda Albas Haus", mit denen sie eine gewisse thematische Verwandtschaft verbindet: Im Mittelpunkt stehen Frauen, denen ein im Verlauf der Stücke demontierter Ehrbegriff die Verwirklichung ihrer Individualität, konkret: das Ausleben ihrer Sexualität, verbietet. Die Bildwelt der Stücke ist andalusisch, ihre Symbolik, vor allem die erotische Konnotation von Blumen (knopsende Rosen und bleiche Lilien) und Tieren (starke Stiere und feurige Hengste) ist heute in ihrer Penetranz streckenweise schwer erträglich, wird erst bei genauerem Hinsehen doppeldeutig und brüchig. Besonders wichtig ist dieses Horchen auf den Nachklang bei "Yerma", der Geschichte einer Frau, die unbedingt Kinder möchte, während ihr Mann sich lieber um die Feldarbeit und die Mehrung des Besitzes kümmert. Der Kinderwunsch dominiert ihre Existenz, sie glaubt, sonst kein würdiges Leben führen zu können. Ihre verzweifelten und zugleich sehr deftigen Klagen ("Ich bin ein trockener Acker, auf dem tausend Ochsengespanne pflügen könnten ...") lassen sich als machistische Reduktion der Frau auf ihre Gebährfunktion mißverstehen, oder aber als Lorcas zeitbedingt indirekte Kritik an einer Gesellschaft begreifen, die Geldgier als Ehrenhaftigkeit bemäntelt und sexuelle Befriedigung nur für heterosexuelle Männer vorsieht. Lorcas taububrechendes Finale: Als Yerma erfährt, daß nicht sie, sondern ihr Mann unfruchtbar ist, erduldet sie nicht weiter seine nun endgültig sinnlose Umarmung, sondern erwürgt ihn. Susanne Lange hat den alltagssprachlichen Duktus der Dialoge behutsam betont, etwa mit verknappenden Apostrophen und umgangssprachlichen Wendungen; in den lyrischen Passagen hingegen wählt sie ein höheres Register und erzeugt so einen der Vorlage äquivalenten Kontrast.
"Doña Rosita ..." ist weniger realistisch und eher als Exempel angelegt, und so bevorzugt Thomas Brovots Übersetzung einen reinen, schnörkellosen Ton, weitgehend ohne betont umgangssprachliche Elemente. Der darum nicht weniger flüssig zu lesende Text wirkt zeitlos klassisch und unterstreicht das parabelhafte der Handlung: Die junge Rosita lebt im Haushalt ihres Onkels und ist ihrem Cousin versprochen, der aber, um zu Geld zu kommen, seinem Vater nach Amerika folgt. Rosita denkt fortan nur noch an die Liebesbriefe aus Übersee, stickt an der Aussteuer und weist alle Verehrer zurück; selbst als sie erfährt, daß ihr Cousin inzwischen geheiratet hat, hält sie ihren Illusionen die Treue. Wie die "rosa mutabilis", eine Rosenzüchtung ihres Onkels, die innerhalb eines Tages in zwei Farben blüht und dann ihre Blätter verliert, ist sie anfangs feurig jung, 15 Jahre später verhärtet und im dritten Akt eine alte Jungfer ("... weiß wie kalte Wangen, Wangen weiß von Salz."), die unter der Last der Entbehrungen die Familie ist inzwischen verarmt - zusammenbricht.
Von Koppenfels, Lange, Brovot keinen anderen Übersetzern wird dieser Tage so genau auf die Finger geschaut. Alle drei geben Lorca eine eigene Stimme, und allein das ist schon ein enormer Gewinn. Vor allem aber haben sie hochkomplexe Werke auf eine Art und Weise übertragen, die einen unverstellten Zugang zu Lorca ermöglicht und ihn öffnet für divergierende Lesarten.
Federico García Lorca, Dichter in New York. Gedichte, Spanisch und Deutsch. Übertragung und Nachwort von Martin von Koppenfels. 236 S., 38 DM.
Yerma. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. 62 S., 24 DM
Doña Rosita oder die Sprache der Blumen. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. 67 S., 24 DM. Alle erschienen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2000 ("Dichter in New York") bzw. 2001.
Ernst Rudin, Der Dichter und sein Henker? Lorcas Lyrik und Theater in deutscher Übersetzung 1938-1998. Edition Reichenberger, Kassel 2000, 357 S., 88 DM
(in: DIE LITERARISCHE WELT, 24.3.2001, http://www.uni-potsdam.de/u/romanistik/ette/buschmannLorcaTheater.htm)|