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Ein Leben in Bildern
Antwaun Sargent trifft den einflussreichen Fotografen Jamel Shabazz, der seit den 80er Jahren den Streetstyle und das Leben auf den Straßen von New York in seinen Bildern festhält
Als der legendäre New Yorker Mode- und Streetstyle-Fotograf Jamel Shabazz 15 Jahre alt war, nahm er die sperrige Kodak Instamatic seiner Mutter mit zur Highschool und verknipste die restlichen Filmrollen mit Bildern von seinen Freunden. Das war in den 1970er Jahren, und zwar in Flatbush, Brooklyn, zu Zeiten der Disco-Ära und der Black-Power-Bewegung. Folglich posiert man auf diesen Fotos stolz in Jeanshosen mit hoher Taille und Schlag und trägt voluminöse Afro-Looks. „Dann haben wir den Film im nächsten Drugstore entwickeln lassen und die Fotos unter uns aufgeteilt“, erinnert sich Shabazz. Lange bevor sich aus der dokumentarischen Fotografie die Streetstyle-Fotografie entwickelte, trug Shabazz (zusammen mit Bill Cunningham von der New York Times) dazu bei, das Genre in ein globales Phänomen zu verwandeln.
Nach der Highschool trat Shabazz in die Armee ein und wurde in Deutschland stationiert, wo er seine erste Kamera kaufte. Als er im Sommer 1980 mit einer Canon AE-1 SLR bewaffnet zurückkehrte, riss gerade die erste Welle der Hip-Hop-Bewegung und der von ihr inspirierte Streetstyle New York von den Füßen. Shabazz fuhr U-Bahn und durchstreifte die Straßen von Brooklyn, Manhattan und Harlem – niemals ohne seine Kamera – und dokumentierte die Hip-Hop-Revolution aus nächster Nähe. Ein Foto von Shabazz zeigt typischerweise Pärchen, Schwestern, Brüder, Freunde und Liebhaber, die ihre Zusammengehörigkeit durch passende Outfits ausdrücken. Männer sieht man in lässigen Posen, mit Jogginganzügen, Kangol-Mützen und fetten Goldketten. Die Frauen mit manikürten Fingernägeln – farblich perfekt auf die goldenen Kreolen abgestimmt – sind eingerahmt von der Stadtkulisse und blicken stolz in die Kamera, während die Kinder in ihrem adretten Sonntagsstaat festgehalten sind. Im Vorwort zu Shabazz’ Fotokollektion Back In The Days schreibt Hip-Hop-Legende Fab 5 Freddy: „Dies sind die Gesichter der Generation, die den Hip-Hop hervorbrachte – es ist nicht nur die dominanteste und inklusivste Jugendkultur der Geschichte, sondern auch in puncto Stil die innovativste und ununterbrochen fortschrittlichste Generation seit der Ära des Rock ’n’ Roll.“
The Brothers, ein Foto aus dem Jahr 1988, das drei farbige Männer in Harlems quirliger 125th Street mit roten College-Jacken zeigt, die sie selbst designt haben, bezeugt die Originalität und Logo-Manie jener Zeit. Als primärer Fotograf der frühen Hip-Hop-Kultur fotografierte Shabazz häufig Männer und Frauen in Turnschuhen mit Bally Schriftzug, die inoffiziell von Hip-Hop-Künstlern wie Slick Rick, Doug E. Fresh und Big Daddy Kane promotet wurden. „Da gab es all diese jungen Männer, die talentierte Modedesigner waren und unaufhaltsam ihren Weg gingen“, erklärt der Fotograf eine Jugendkultur, die ihre Inspiration in Dapper Dans revolutionärer, luxuriöser und markenorientierter Streetwear fand. Die Männer auf jenem Bild tragen riesige Nike Swooshes auf Brust, Armen und Rücken ihrer übergroßen College-Jacken, um sich mit dem Image und Prestige der Marke zu verbinden und ein Statement ihrer eigenen Identität zu setzen. „Als ich das Foto schoss, war ich erstaunt“, erinnert sich der Künstler: „Wow, ihr habt diese coolen Jacken designt und Nike schmückt sich mit dem Ergebnis“. Shabazz hat Artikel für die Zeitschriften Vogue und VIBE sowie Kampagnen für Nike, Puma und Adidas bebildert.
Seine berühmten Impressionen der Straßen von New York machen eine ganze Stil-Ära unvergänglich. Shabazz’ Fotos aus den 1980er Jahren, dokumentiert in seinem aktuellen Buch, Jamel Shabazz: Sights in the City, New York Street Photographs, zeigen ganz gewöhnliche Leute in kreativen, hauptsächlich selbst gestalteten Outfits, die den kulturellen Wandel vervollständigen, der ein Jahrzehnt zuvor vom Hip-Hop in der Bronx initiiert wurde. Doch die Bilder von Shabazz erzählen nicht nur die Geschichte einer Stilrichtung, sondern dokumentieren auch die Entwicklung des urbanen Lebens in New York sowie das Leben von Latinos und Farbigen. Shabazz ging häufig auf modisch gekleidete Jugendliche zu und fragte sie: „Darf ich dein Vermächtnis festhalten?“ – und wenn er ein cooles, ausdrucksstarkes Foto geschossen hatte, das Stil, Kultur und Geschichte der abgelichteten Person respektierte, verabschiedete er sich für gewöhnlich mit einer Botschaft: „Alles, was du heute tust, wird deine Zukunft gestalten.“ Seine Arbeiten lassen deutlich spüren, wie wichtig ihm seine Motive und die Community sind. Einige seiner berühmtesten Bilder wurden von Institutionen wie dem Whitney Museum of American Art und dem Smithsonian Museum of African American History and Culture in ihre Sammlungen aufgenommen. Shabazz’ Fotografien der Straßen von New York werden auch immer wieder in Ausstellungen integriert – so präsentierte das Studio Museum in Harlem sie 2017 unter dem Titel: Jamel Shabazz: Crossing 125th. Und auch darüber hinaus haben seine Fotos die Kollektionen vieler Marken inspiriert, darunter auch Ballys Frühjahrs-/Sommerkollektion 2018.
„Zu meiner Zeit war Stil etwas Gewöhnliches, jeder besaß ihn“, sagt Shabazz. „Die Menschen sehen sich meine Arbeit an und erkennen einen besonderen Stil, doch für mich waren einfach alle ständig so angezogen ... wenn [wir] Pumas, Adidas Gazelles und Ballys trugen, war das cool. Es ist etwas, das in uns steckt – eine bestimmte Art von Geschmack, entstanden durch unsere Prägung.“ Die Straßenkleidung der frühen Hip-Hop-Generation in den 1980er Jahren spiegelte Persönlichkeit und Einstellung der Menschen wider. Der Fotograf gibt zu: „Diese Menschen waren relativ einfach zu fotografieren.“