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Den Grundstein für seine erstaunliche Karriere legt Harry Belafonte mit dem Album «Calypso». Seine Interpretationen karibischer Folk Songs machen ihn zum internationalen Phänomen: Wer Belafonte nicht kennt, der hat zumindest seinen «Banana Boat Song» schon einmal gehört. Der New Yorker mit jamaikanischen Wurzeln ist ein Superstar und steht auf Augenhöhe mit Elvis Presley und Frank Sinatra. Erstaunlich ist das vor allem darum: es ist das Jahr 1956, Belafonte ist schwarz, eigentlich Schauspieler und – keineswegs ein staatskonformer Bürger.
Rebel with a cause
Im Film «Sing Your Song» erinnert sich Harry Belafonte an sein erstes Engagement als junger Schauspieler im Thunderbird, Las Vegas: «Als ich in die Lobby ging, warf mir der Portier einen seltsamen Blick zu. Er teilte mir mit, dass ich nicht den Haupteingang des Hotels benutzen dürfe und im Schwarzen-Viertel von Las Vegas wohnen müsse. Ich dürfe auch nicht im Speisesaal essen». Belafonte erwidert, dass er sich so nicht behandeln lassen will. Darauf informiert man ihn, dass er «bei Vertragsbruch Las Vegas bestenfalls in einer Kiste verlassen würde».
Statt sich einschüchtern zu lassen, tritt Belafonte an den Hotel-Pool. Die Anlage leert sich – die (weissen) Hotelgäste sind geschockt, wissen nicht, wie sie mit dieser Form von Grenzüberschreitung umgehen sollen. Plötzlich aber brechen die Dämme und alle reissen sich um ein Foto mit der schwarzen Berühmtheit. Diese Szene ist bezeichnend dafür, wie Harry Belafontes Polit-Aktivismus nichts mit theoretischem Gutmenschentum zu tun hat, sondern direkt mit seinem Alltag als schwarzer Amerikaner.
Belafonte im Krieg der Bilder
Belafontes Erfolg als Musiker führt ihn auch nach Hollywood. Dem alltäglichen Rassismus begegnet er mit cleverem Widerstand: Im Film «Island in the Sun» (1957) etwa ist Belafonte in einer Liebesromanze mit der blonden Schönheit Joan Fontaine zu sehen. Ein Tabubruch, der in den Südstaaten Proteste auslöst und dem Film zu Kultstatus verhilft.
Zwei Jahre später wird Belafontes TV-Show «Tonight with Belafonte» zum preisgekrönten Grosserfolg. Die Show ist aber multi-ethnisch, was diverse TV-Stationen dazu veranlasst, sie nicht zu senden. Auf Druck der Produzenten soll Belafonte die Show «einrassig» gestalten – Belafonte weigert sich und setzt die Show ab.
«Ich befand mich im Krieg mit Hollywood – im Krieg mit den Themen, im Krieg mit dem Stil – und vor allem der Rassenfrage», resümiert Belafonte. «Da begann ich unabhängige Filme zu drehen aus schwarzer Perspektive und gründete die Firma HarBel». Auch in diesen Belangen ist Belafonte wegweisend – ein sanfter Vertreter der Black Power-Bewegung avant la lettre.
Bürgerrechtler an der Seite Martin Luther Kings
Als in den 1960er-Jahren die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King an Schwung gewinnt, ist Belafonte an vorderster Front dabei. Vor dem «March on Montgomery», dem legendären Protestmarsch zum Kapitol von Alabama im Jahr 1965, mobilisiert er Musikerfreunde für ein Benefizkonzert – und macht damit beste Werbung für die Bewegung.
«We Are The World»
Seit den 1960er-Jahren hat Harry Belafonte als Politaktivist unzählige Projekte an die Weltöffentlichkeit getragen. Er protestiert gegen den Vietnamkrieg und die Atomkraft, unterstützt die Unabhängigkeitsbewegung in Kenia, Ghana oder Tansania und Nelson Mandela im Kampf gegen die Apartheid.
Eine der medienwirksamsten Aktionen Belafontes ist das Benefizprojekt «We Are The World» im Jahr 1988. Der Song wird von Michael Jackson und Lionel Richie geschrieben und von Quincy Jones produziert. Er bringt Stars wie Stevie Wonder, Tina Turner, Paul Simon, Bruce Springsteen oder Bob Dylan gemeinsam ins Studio und geht zeitgleich auf der ganzen Welt auf Sendung. Das Projekt generiert Millionen von Dollar für die Opfer der Dürrekatastrophe in Äthiopien.
Eine Anthologie der Black Music
Auch im neuen Jahrtausend ist Harry Belafonte in engagierter Mission auf Achse. 2002 veröffentlicht er ein Musikprojekt, das er ein halbes Jahrhundert mit sich herumgetragen hat: «The Long Road To Freedom: An Anthology Of Black Music». Es ist eine Sammlung von «afrikanisch-basierter Musik» in Amerika, wie Belafonte sagt. Westafrikanische Kriegsgesänge, kreolische Chöre, frühe Spirituals oder Plantagen- und Gefangenenlieder vom 17. Jahrhundert bis in die Morgenstunden des 20. Jahrhunderts. Mit dem ambitionierten Projekt schreibt Belafonte – heute 86-jährig und als UNICEF-Botschafter unterwegs – eine umfassende Geschichte über die Wurzeln der Black Music, wie wir sie heute kennen.