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Von der Stickerei zum Einkaufscenter
Das Einkaufscenter Rhyland feiert dieses Jahr den 20. Geburtstag. Die wenigsten Kunden, die dort täglich einkaufen, wissen jedoch, dass dieses Gebäude bereits 1897 erbaut wurde und dort fast 100 Jahre lang feinste Stickereiwaren hergestellt und in viele Länder verkauft wurden.
WIDNAU. Die «Rhyland»-Liegenschaft gehört zu den ältesten Gebäuden in der Region und wurde 1897 von der Jakob Rohner AG in Balgach als eine Filiale ihrer Stickereifabrik erbaut. Das 1982 erschienene Buch «Widnau, Geschichte und Gegenwart» widmet sich unter anderem auch diesem Thema. Darin steht: «Als 1897 die Rede umging, Jakob Rohner beabsichtige in Widnau eine Stickereifabrik zu errichten, begab sich der Gemeinderat, der zugleich Ortsverwaltungsrat war, nach Rebstein, um Jakob Rohner die Unterstützung zuzusichern. Die Unterstützung bestand darin, dass die Gemeinde mithalf, den Boden für den Fabrikbau zu kaufen und die Kosten übernahm. Jakob Rohner leistete daran freiwillig einen Beitrag von 2000 Franken. Der Nettoaufwand der Gemeinde von 3644 Franken wurde zu zwei Dritteln von der Politischen Gemeinde und zu einem Drittel von der Ortsgemeinde getragen.»
Bis zu 250 Beschäftigte
Jakob Rohner hatte 1873 als Lohnsticker mit vier Saurer-Handstickmaschinen angefangen, war dann Fergger geworden, nahm 1880 selber den Export auf und richtete 1889 sogar in New York eine Handelsniederlassung ein. Die Fabrik Jakob Rohner in Widnau kam 1898 in Betrieb mit 60 Schifflistickmaschinen. Diese Fabrik soll der grösste damals existierende Stickereibetrieb gewesen sein Die Anzahl der Maschinen stieg in den Konjunkturjahren bis auf 100 an, die der beschäftigten Personen bis auf 250, wovon der grösste Teil Wohnsitz in Widnau hatten.
Initiativer Unternehmer
Jakob Rohner war nicht nur ein sehr initiativer, sondern auch ein sehr wirtschaftlich denkender Unternehmer. So liess er zwischen 1900 und 1912 das «Mädchenheim» und das Stickerheim bauen. Im Mädchenheim fanden vor allem alleinstehende, junge Italienerinnen unter der Obhut von Ordensschwestern ein Heim. Für die Fabrik war dies die Sicherstellung von genügend und billigen Arbeitskräften. 1932 entstand durch den Verkauf des Mädchenheims das Missionshaus der Weissen Väter. 1979 ist die ganze Produktion der Stickereiabteilungen der Firma Jakob Rohner AG in Widnau zentralisiert worden. An den 28 neuesten Saurer-Stickmaschinen wurden im Zweischichtbetrieb rund 130 Personen beschäftigt.
Jakob Rohner war auch Mitinitiant der Rheintaler Strassenbahn und war zwischen 1898 und 1921 Kantonsrat.
Strenger Chef
Da von diesem grossen und originellen Fabrikherrn zahlreiche Anekdoten im Umlauf waren, wurde eine davon im Widnauer Buch festgehalten: Jakob Rohner verlangte, dass seine Leute mit Eifer die Arbeit erledigten und rasch arbeiteten. Ein junger Mann bezeugte dies auf folgende Weise: Als er einmal sah, wie der Chef sich dem Büro näherte, nahm er einen Stickereiballen so auf den Kopf, dass er ihm fast die Sicht verdeckte und eilte damit so stürmisch gegen die Tür, dass er den eintretenden Jakob Rohner beinahe überrannte. Er erhielt dafür nicht etwa einen Verweis, sondern erntete höchstes Lob für sein Arbeitstempo.
Einstellung der Produktion
Bis 1988 wurden in der Stickereifabrik Jakob Rohner AG die feinsten Stickereiwaren hergestellt und in viele Länder verkauft. 1988 wurde das Unternehmen durch die Forster Willi AG übernommen (Forster Rohner AG) und die Produktion eingestellt. Glücklicherweise wurde aber das Gebäude nicht abgerissen, wie viele andere in jener Zeit, sondern nur die Maschinen abgebaut. Bis 1993 stand das Gebäude leer. 1993 übernahm die Firma SFS die Liegenschaft und baute sie zum Einkaufscenter um. Bereits ein Jahr später, am 29. September 1994, wurden das Einkaufscenter «Rhyland» mit verschiedenen Geschäften eröffnen. 2012 verkaufte SFS die Liegenschaft an die Firma Hümpeler AG.
Jutta Rix von der Interessengemeinschaft Rhyland möchte sich an dieser Stelle bei Ruedi Rausch von der Hümpeler AG bedanken. «Er hat es geschafft, dieses für Widnau historisch wertvolle Gebäude in den letzten Jahren zeitgemäss zu renovieren, ohne dabei den ursprünglichen Charakter zu verlieren.»