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Für einen Gewerkschafter muss Thailand der Horror sein. 6 Tage Woche, 48 Stunden arbeiten, Ferien gibt es erst nach einem Jahr und dann auch nur 6 bis 8 Tage - selbstverständlich nicht am Stück. Der Mindestlohn wurde zwar im April von 150 auf 300 Franken verdoppelt, aber der Durchschnittslohn liegt wenig darüber. Auch für Unternehmer ist es keine schöne Situation. Qualifiziertes Fachpersonal ist schwierig bis unmöglich zu finden, Englisch können nur die wenigsten und wer nur dem billigsten Lohn hinterherrennt, kann auch kein langfristiges Business aufbauen. Eine berufliche Ausbildung, wie wir sie kennen, fehlt vollständig. Man sieht es an den Bauten, an den Stromverkabelungen und riecht es zwischendurch bei den Abflussrohren. So war ich wenig überrascht, wie es im Norden Thailands aussah. Kein Drittweltland, aber auch kein Reichtum, ausser immer wieder erstaunlich teure Autos, die sich die Thais leisten können, weil die Familien zusammenlegen.
Im Zug von Chiang Mai nach Bangkok zu fahren, ist nicht zu empfehlen. Die 16 Stunden sind eine gefühlte Ewigkeit. Es rüttelt, das Abteil wird zum Gefrierschrank heruntergekühlt (ausser man findet den Drehknopf) und weil man über Nacht durchfährt, sieht man wenig vom Land. Für die ärmeren Leute ist es eine billige Möglichkeit in der 3. Klasse für 8 Franken ins 750 Kilometer entfernte Zentrum des Landes zu kommen. Die erste Klasse kostet da schon 38 Franken. Wer statt Zug fährt und den Flieger nimmt, bezahlt mit AirAsia 58 Franken. Dafür landet das Flugzeug nach 1 Stunde 30 Minuten in der Hauptstadt. Und dennoch, die Bahn war eine gute Erfahrung. Ich erwartete Bangkok als eine mittelarme Stadt mit heruntergekommenen Vorstädten und ein paar wenigen hoch polierten Wolkenkratzern. Der Song aus den 80er One Night in Bangkok mit dem süffigen Text “Bangkok oriental City...” lag mir im Ohr und die Erzählungen von Velo Tuk-Tuks (Taxis) und fahrenden Essensläden formten meine Erwartungen. Diese wurden nicht enttäuscht. Als der Zug langsamer wurde, zogen wir an Wellblechdachbehausungen vorbei. Man sah direkt in die kargen Wohnungen. Ob wir Haustiere in solchen Behausungen lassen würden? Abfallberge, Rauchwolken und aufgehängte Wäsche neben dreckigen Pfützen.
Der Zug quälte sich in das Zentrum, und als sich die Rucksacktouristen und die Einheimischen hinausdrängten, veränderte sich mein Bild. Ein Taxifahrer brachte uns ins Hotel. Voller Stolz überreichte er uns seine Businesskarte, die er auf ein Blatt Papier zeichnete, und schlug vor, die nächsten Tage unser persönlicher Fahrer zu sein. Keine wirklich gute Idee, sein Rennauspuff mag ihm ein paar Poserpunkte bringen, Fahrgästen haut es aber das Gehör raus. Da standen wir, mitten in einer Weltstadt. Keine Velo Tuk-Tuks mehr. Alles motorisiert.
Wenn die Arbeitsbedingungen für einen Gewerkschafter der Horror sind, dann muss der Verkehr für jeden Grünen ein Albtraum sein. In der 12 Millionen Metropole gibt es 600’000 Taxis, 300’000 Tuk-Tuks und nochmals 4 Millionen weitere Fahrzeuge, so unser Taxifahrer. Hier ein Bericht vom Spiegel dazu. Es herrscht ein endloser Stau und in der heissen Zeit muss der Smog mörderisch sein. Aber sonst ist Bangkok umwerfend. Dort wo wir landeten, fühlte sich die Stadt wie London 1989 an. Die Bauten, die Strassenqualität, die Läden - es war so, wie bei meinem ersten Besuch 1989 in London. Das ist keine Statistik, kein nachvollziehbarer Gradmesser, nur die Einschätzung, dass es sich hier um eine bebende und geschäftige Stadt handelt. Nahezu wie sie bei uns in Europa sein könnte. Auf Entdeckungsreise im modernen Shoppingviertel revidierte ich mein Bild von Bangkok vollständig. Was wir da sahen, war Weltniveau. Die Einkaufszentren, die Bauten, die Geschäftshäuser - da schrumpft Zürich zum Provinznest.
Thailand baut all seine Autos selbst zusammen. Alle grossen Hersteller mussten eigene Fabriken im Land bauen. Und Thailand kann auch exportieren. Es ist sehr gut möglich, dass Ihre Harddisk im Computer aus Thailand kommt. Nach China sind sie der grösste Produzent von Massenspeicherplatten.
All die schönen Statistiken von den Wachstumsraten in Asien werden einem hier vor Auge geführt. Thailand ist in der Lage mit Europa zu konkurrieren. Und dies nicht nur in der Fabrikation. Nachdem wir Bangkok verliessen, flogen wir in den Süden, mieteten ein Auto und geniessen ein paar Tage Ferien - und wie. Griechenland, Italien und Spanien müssen sich warm anziehen. Thailand überzeugt in Bezug auf Freundlichkeit, Service, Essen, Landschaft und Meer. Ab 1’000 Franken bucht man beim Hotelplan eine Woche. Wenn dann nur noch die kürzere Reisezeit ein Verkaufsargument ist, dann gute Nacht dem Kontinentaltourismus.
Wir mögen uns in Europa über den Euro aufregen und glauben, dies sei unser grosses Problem. Unsere Herausforderung liegt aber anderswo, nämlich im Wettbewerb mit aufstrebenden Ländern wie Thailand. Einer der grossen Megatrends wird sein, dass bis zu einer Milliarde Menschen in den nächsten 15 Jahren in die globale Mittelschicht gelangen - also rund 5’000 Dollar im Jahr verdienen. Thailand machte soeben einen Sprung beim Lohn und wird vermutlich zu jenen Ländern gehören, die dorthin kommen.
Wenn Länder wie Thailand zu Konsumenten werden, wird dies unsere Industriewelt massgeblich verändern. Firmen, die nicht verstehen, wie sie Produkte an Menschen mit 5’000 Dollar Jahreseinkommen verkaufen können, werden an Bedeutung verlieren. Neue Produkte werden dort lanciert, wo die Stückzahlen grösser sind und der Takt gibt vor, wer mitreden kann.
Europa ist aktuell nur noch mit sich selbst beschäftigt. Wir verlieren eine ganze Generation junger Menschen aus Spanien, Griechenland und Italien an die Arbeitslosigkeit. Anstatt, dass ein Ruck durch Europa geht und sich die Politik, die Unternehmen und die Zivilgesellschaft frägt, wie man aus diesem tief kommt, zerfleischen wir uns lieber gegenseitig mit Horrorvorhersehungen. Gleichzeitig verschieben sich die Kräfteverhältnisse. Europa verkommt je länger je mehr zur Randnotiz.
Europa scheint wie die Maus vor der Schlange vor Schreck erstarrt zu sein.