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Unverstellte Leidenschaft
Als Alban Berg 1935 starb, hinterliess er – zehn Jahre nach der Uraufführung seiner ersten Oper «Wozzeck» in Berlin – seine zweite Oper «Lulu», leider unvollendet. Vom dritten Akt lag neben dem Particell nur ein knappes Drittel als ausgeführte Partitur vor. In den Folgejahren behalf man sich mit fragmentarischen Aufführungen. Da Berg 1934 für den konzertanten Gebrauch eine «Lulu-Suite» zusammengestellt hatte, spielte man neben den zwei vollendeten Akten meist Teile der Suite als Abschluss.
Im Jahr 1979 fand in Paris die Uraufführung der «Lulu» mit dem von Friedrich Cerha vollendeten dritten Akt statt – dirigiert von Pierre Boulez, in der Inszenierung von Patrice Chéreau. Diese Ergänzung ist auf der Basis der bestehenden Materialien von Cerha so professionell und respektvoll gemacht, dass sich die dreiaktige Fassung von «Lulu» inzwischen weltweit durchgesetzt hat.
Kampf der Geschlechter
Der Geschichte der Lulu liegen die beiden Frank Wedekind Dramen «Erdgeist» (1898) und «Die Büchse der Pandora» (1902) zugrunde. 1913 fasste Wedekind die beiden Stücke zum fünfaktigen «Lulu-Drama» zusammen. Bereits 1905 hatte Karl Kraus in Wien eine Fassung realisiert, in welcher er gegen die Eingriffe der Zensur Lulu als Verkörperung «der gehetzten, ewig missverstandenen Frauenanmut» verteidigte. Diese Vision weiblicher Natürlichkeit und weiblichen Liebeshungers in einer von Männern beherrschten Gesellschaft griff Alban Berg auf, um in den Lebensstationen der Lulu den Opfergang einer Frau zu gestalten, die sich vom Malermodell zur Ehefrau, Mätresse, Femme fatale, Tänzerin, Zirkusathletin, Mörderin des Ehemannes, Gefangenen, Flüchtigen, Bordelldame und – als Schlussstation – zur Prostituierten in einer Londoner Dachkammer entwickelt.
In der von männlicher Besitzgier und sexueller Gewalt dominierten Welt gibt es für den naturhaften weiblichen Drang nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstfindung nur den Weg in die Abhängigkeit und in den Untergang, letztlich in die Selbstzerstörung. Lulu ist wahrhaftig kein Unschuldsengel, sondern eine so ehrliche wie raffinierte Frau, die die schwachen Stellen bei sich und bei ihren männlichen Partnern schnell ausfindig macht. Eigentlich sucht sie als Frau und als Künstlerin immer die Lust und den Glanz des Lebens. Schönheitssüchtig ist sie – und wird gleich zur Tigerin, wenn ein männlicher Wille sich ihr entgegenstellt und ihre Ziele durchkreuzt.
So komplex wie ergreifend
Für den Musikkenner ist Berg’s Oper «Lulu» eines der absoluten Meisterwerke des musikalischen Konstruktivismus. Man braucht jedoch von Zwölftonmusik gar nichts zu verstehen, um einen sofortigen Zugang zu dieser Oper zu finden. Alban Berg war nicht nur kompositionstechnisch ein Künstler sondergleichen, er war dazu ein Genie psychischer Einfühlung, der die feinsten Gefühlsverästelungen seiner Figuren auszuhorchen vermochte. Diese Musik spricht jeden an, der Ohren hat für seelische Bedrängnisse und Zwickmühlen.
Das alles ist von Berg in die denkbar passendste Musik eingetaucht: Hingabefähigkeit und Trotz, Zärtlichkeit und Wut, Erwartung und Enttäuschung, Bitthaltung und Verweigerung. Ein analytischer Verstand ist sicherlich gut und hilfreich, um diese Oper in ihrer Machart zu bestaunen. Aber Einfühlung und Sympathie weitet das Verständnis für das Leben der hier auftretenden Protagonisten noch weit mehr. Interessant an dieser Lulu-Geschichte ist auch die Entscheidung, Figuren als Wiedergänger einzusetzen. Den Medizinalrat vom ersten Akt erleben wir später als Bankier und als Professor; ein Maler kommt als Neger wieder, ein Tierbändiger als Athlet. Lulus Ehemann Dr. Schön, den sie in einem Akt von Selbstverteidigung erschiesst, erscheint in der letzten Szene als Jack the Ripper. Er wird Lulu wie ein Krimineller der Unterwelt erstechen.
So sind die Figuren allesamt Komparsen von Trieben, die unser Leben beherrschen und die es zu durchschauen gilt. Die Musik, welche Berg in seinem Spätwerk für den Zustand bedrängter und geschundener Seelen, aber auch von leidenden und gewaltbereiten Körpern erfand, gehört zum Gewaltigsten, was das 20. Jahrhundert an Bühnenkunst geschaffen hat. Sogar seine eigenen Gefühle zur heimlichen Geliebten Hanna Fuchs hat Berg – mit den Tönen h–f spielend – in die Partitur kunstvoll eingeschleust.
Das Lied der Lulu
Als Beispiel sei hier eine Passage aus der 1. Szene des 2. Aktes gewählt. Es ist der Augenblick, da Dr. Schön, nach Hause kommend, seine Ehefrau inmitten einer Gesellschaft findet, die sich von ihr angezogen fühlt. Alwa, der Sohn von Dr. Schön aus einer früheren Ehe, gesteht ihr seine Liebe. Der Vater, der sowohl an mangelnder Selbstbeherrschung wie unter sexueller Hörigkeit leidet, tobt vor Eifersucht und verlangt, dass Lulu sich mit seiner Pistole erschiesse. In der Auseinandersetzung kommt Lulu in den Besitz der Pistole, während sie eine «Arie» singt, die es an Selbsteinsicht in sich hat, aber auch an Mitteilungsmut, gerichtet an alle aktuellen und noch potenziellen Liebhaber. Lulus Text lautet:
«Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben,
so setzt das meinen Wert nicht herab.
Du hast so gut gewusst, weswegen du mich zur Frau nahmst,
wie ich gewusst habe, weswegen ich dich zum Mann nahm.
Du hattest deine besten Freunde mit mir betrogen,
du konntest nicht gut auch noch dich selber mit mir betrügen.
Wenn du mir deinen Lebensabend zum Opfer bringst,
so hast du meine ganze Jugend dafür gehabt.
Ich habe nie in der Welt etwas anderes scheinen wollen,
als wofür man mich genommen hat.
Und man hat mich nie in der Welt für etwas anderes genommen,
als was ich bin.»
Über diese Selbsteinschätzung könnte man lange meditieren. Berg hat daraus eine Szene gemacht, die von Lulu das Höchste an menschlicher Selbstoffenbarung und das Virtuoseste an darstellerischer Selbstverteidigung abfordert. In der ganzen Opernwelt wird man nicht leicht eine Szene finden, in welcher der Lebenskampf einer Frau eindrücklicher in Musik gestaltet wurde als bei dieser so verzweifelt ehrlichen, lebens- und liebessüchtigen Lulu.
Hier ist die Version ausgesucht, wie sie 2015 in der Produktion der Bayerischen Staatsoper in München zu sehen war. Diese ist inzwischen auch auf DVD in ihrer ganzen Schönheit festgehalten und zu erwerben. Die Lulu singt Marlis Petersen, für die Inszenierung war Dmitri Tscherniakov verantwortlich, die musikalische Leitung lag in den Händen von Kirill Petrenko, dem neuen Chefdirigent der Berliner Philharmoniker.
Berg hat 1934 dieses «Lied der Lulu» aus der Oper in seine für den Konzertsaal bestimmte «Lulu-Suite» aufgenommen. Wer «Lied der Lulu» in einer denkwürdigen konzertanten Aufführung erleben will, wählt jene, die Claudio Abbado mit den Berliner Philharmonikern im Jahr 2011 realisiert hat. Hier wird die Lulu von Anna Prohaska gesungen.
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