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Holger Schramm
Der Sportberichterstattung wird immer wieder der Vorwurf gemacht, sie sei gegenüber dem nicht-medialen Sport in ihrer Vielfalt eingeschränkt: Sie konzentriere sich primär auf wenige populäre Sportarten, diskriminiere den Frauensport sowie den Sport von Minderheiten, arbeite mit vorurteilsbehafteten und klischeehaften Darstellungen anderer Nationen und Ethnien und inszeniere bzw. verzerre das reale Sportereignis durch Bild- und Informationsselektion, durch Bild- und Kommentardramaturgie sowie durch eine emotionalisierte Berichterstattung (z.B. Loosen, 2004).
Gerade mit Blick auf die US-amerikanische Berichterstattung von sportlichen Grossereignissen wie den Olympischen Spielen konnte dieser Vorwurf inhaltsanalytisch mehrfach untermauert werden (Billings & Eastman, 2003). Hingegen liegen „echte“ Wirkungsstudien, die den kultivierenden Effekt dieser „verzerrten“ Berichterstattung auf die Rezipienten auch tatsächlich nachweisen, bisher noch nicht vor (Marcinkowski & Gehrau, 2009).
Dieses Desiderat möchte die hier vorliegende Studie beheben, indem sie kultivierenden Effekten der Sportberichterstattung über die Winterolympiade 2010 in Vancouver bei der Deutschschweizer Bevölkerung nachspürt. Die zentrale Forschungsfrage lautet:
F: Inwieweit können Vorstellungen von/Einstellungen gegenüber dem Sport im Allgemeinen (u.a. Doping) und bestimmten Sportarten, Sportler/inne/n und Nationen im Speziellen durch die Rezeption eines Sportgrossereignisses von nationaler Bedeutung (wie den Olympischen Spielen) verändert bzw. kultiviert werden?
Gemäss der Kultivierungsthese (Gerbner & Gross, 1976) sollte die medial vermittelte „Olympiarealität“ in den Kognitionen (Vorstellungen und Einstellungen) der Medien-Vielnutzer (der olympischen Sportberichterstattung) deutlicher zutage treten als in den Kognitionen der Medien-Wenignutzer (H1). Die Nutzung des Fernsehens sollte dabei für die Kultivierungseffekte bedeutender sein als die Nutzung anderer Medien (H2). Eine ausgeprägte Erfahrung/Sozialisation mit Mediensport sollte die Kultivierungseffekte abschwächen (H3), ein ausgeprägter Nationalstolz hingegen insbesondere die Kultivierungseffekte im Bereich der Einstellungen gegenüber anderen (konkurrierenden) Nationen verstärken (H4).
In einer kombinierten schriftlichen Befragung/Online-Befragung wurden 608 Deutschschweizer (Quotenstichprobe; quotiert nach Geschlecht, Alter, Bildung) in einem Zeitraum von 48 Stunden vor Beginn der Olympiade (1. Welle) sowie in einem Zeitraum von 48 Stunden nach Abschluss der Olympiade (2. Welle) zu Sport im Allgemeinen (u.a. Doping), zu bestimmten olympischen Sportarten, zu Attributen von Sportler/inne/n und von bestimmten Nationen (Österreich, Deutschland, USA) sowie – in der 2. Welle – zu ihrer Mediennutzung während der Olympiade befragt (Paneldesign). Dazu wurden personenbezogene Daten (z.B. Nationalstolz, Verbundenheit zu Nationen, Sportaktivität, allgemeine Sportmediennutzung, Persönlichkeitsmerkmale, Soziodemografie) erhoben.
Bis auf H3 konnten alle Hypothesen bestätigt werden. Besonders eindrucksvoll konnte gezeigt werden, dass sich negative Einstellungen gegenüber den Österreichern (aufgrund der Berichterstattung über Streitigkeiten zwischen den Österreichern und Simon Ammann beim Skispringen) bei den TV-Vielsehern im Gegensatz zu den TV-Wenigsehern verstärkten.