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1854 liest Richard Wagner Arthur Schopenhauers Buch «Die Welt als Wille und Vorstellung». Die Lektüre wird für ihn zu einem Erweckungserlebnis. Denn Schopenhauers Hauptwerk ist ganz entscheidend durch das altindische Denken geprägt. Und so kommt Wagner via Schopenhauer erstmals mit dem Buddhismus in Berührung. Diese Gedankenwelt wird ihn nicht mehr loslassen.
Von der intensiven Beschäftigung Wagners mit dem Buddhismus zeugen unter anderem die Tagebücher seiner zweiten Frau Cosima. Am 27. September 1882 – knapp fünf Monate vor Wagners Tod – notiert sie: «Nachts war er ein Mal auf und las im Buche ‹Buddha› [...] Wir sprechen fast immer vom Buddha.» Und am 1. Oktober: «Den Buddhismus selbst erklärt er für eine Blüte des menschlichen Geistes, gegen welche das darauf Folgende Decadence sei.»
Buddhismus versus Christentum
Cosimas Tagebucheinträge, aber auch Briefe Wagners zeigen, dass er das Christentum immer wieder mit dem Buddhismus vergleicht. Besonders gefällt ihm am Buddhismus, dass es da keine Kirche und keinen Zwang gebe, keinen Gottesdienst, nur Busse und gute Werke. Das Christentum müsse sich am Buddhismus messen, findet Wagner. Dies aber bedinge, dass es sich von seinen grössten Irrtümern befreie. Die da wären: seine kirchliche Organisation und seine dogmatische Ausrichtung.
Eine buddhistische Oper
Im Mai 1856 entwirft Wagner in Zürich eine buddhistische Oper mit dem Titel «Die Sieger». Das Drama basiert auf einer Legende, die der Komponist im 1844 erschienenen Buch «Introduction à l’histoire du buddhisme indien» von Eugène Burnouf vorfand. Und die geht so: Prakriti, ein Mädchen aus tiefer Kaste, verliebt sich heftig in den Mönch und Buddha-Jünger Ananda. Sie bittet Buddha um Erlaubnis, sich mit dem Geliebten vereinigen zu dürfen. Buddha gewährt ihr den Wunsch – allerdings in einem speziellen Sinn: Prakriti soll sich mit Ananda vereinigen, indem sie dessen Keuschheitsgelübde teilt. Prakriti bricht verzweifelt zusammen. Von Buddha erfährt sie, dass sie mit diesem Schicksal Schuld aus früherem Leben büsse. Da sie einst aus Hochmut einen Verehrer verhöhnte, muss sie nun selber den Schmerz unerfüllter Liebe erleiden. Durch keusche Entsagung wird Prakriti von ihrer Schuld erlöst und in Buddhas Gemeinde aufgenommen. Entsagung, sexuelle Askese, ist ein Thema, das fortan in zahlreichen Werken Wagners eine wichtige Rolle spielen wird.
Buddhistischer Parsifal
«Die Sieger» kam nicht zur Aufführung. Dennoch hat dieses Drama Wagner bis an sein Lebensende beschäftigt. Noch am 6. Januar 1881 sagt er zu Cosima: «Wenn Du mich gut hältst, gut kleidest, gut nährst, dann komponiere ich doch noch ‹Die Sieger›.» Dass er seine buddhistische Oper am Ende dennoch nicht vertont, liegt an «Parsifal», seinem letztem Bühnenwerk. In ihm verarbeitet Wagner die «Sieger»-Thematik.
Nebst der Überwindung der sexuellen Begierde, eben der Entsagung, steht in «Parsifal» ein zweites buddhistisches Sujet im Zentrum: das Mitleid. Beide Leitgedanken sind besonders deutlich an Kundry, der Frauenfigur dieser Oper zu erkennen. Genau wie Prakriti aus dem «Sieger»-Drama büsst Kundry Schuld aus früherem Leben und diese Schuld – oder buddhistisch gesprochen – dieses Karma zwingt sie zu immer neuen Wiedergeburten. Von Kundry heisst es, dass sie einst Jesus auf seinem Kreuzweg verlacht habe, statt Mitleid zu zeigen. Seither irrt sie von Leben zu Leben, immer dazu verdammt, dieses höhnische Lachen zu wiederholen. Erst Parsifal – das Pendant zu Ananda in der buddhistischen Variante – erlöst sie von diesem Fluch.
In «Parsifal» wie in «Die Sieger» lautet demnach die Moral von der Geschicht‘: Der Eros muss überwunden werden und mit ihm die Anhaftung ans weltliche Dasein. Denn dieses bringt nur immer neues Leiden mit sich. Ob Wagner selbst diesem Anspruch in seinem eigenen Leben gerecht wurde, bleibe dahin gestellt. Und ob er damit das Wesen des Buddhismus wirklich erfasst hat, ebenso.
Literatur-Hinweise
Ulrike Kienzle: «…dass wissend würde die Welt! Religion und Philosophie in Richard Wagners Musikdramen». Königshausen & Neumann, 2005.
«Wagner und der Buddhismus», wagnerspectrum, Heft 2/2007. Verlag Königshausen & Neumann, 2007.