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Vielleicht wäre es besser gewesen, zumindest Band 1 „Die Wurzeln des europäischen Atheismus“ zu nennen, denn einen eigentlichen Atheismus kann Mauthner in der hier umfassten Periode von den alten Griechen bis zur Renaissance (noch) nicht festmachen.
Schon in der Einleitung gibt Mauthner zu, dass von einem eigentlichen Atheismus in Europa erst gesprochen werden kann vom Zeitpunkt an, wo der (christliche) Glaube in kirchlichen Dogmen fixiert war. Dass er dann dennoch rund 170 von 650 Seiten des ersten Bandes der vorchristlichen Zeit widmet, ist bezeichnend für Mauthners Vorgehen: Kam er schon im Wörterbuch der Philosophie vom Hundertsten ins Tausendste, kommt er nun vom Tausendsten ins Millionste. Obwohl also gemäss seiner Aussage von einer Geschichte des Atheismus vor der Fixierung christlicher Dogmen nicht gesprochen werden kann, stellt er weitläufig die Verhältnisse im antiken Griechenland und im antiken Rom dar.
Immerhin hat Mauthner die Asebie-Verfahren gegen Anaxagoras, Protagoras und Sokrates zu erklären. Der griechische Götterglaube, gemäss Mauthner von Homer zumindest inhaltlich einigermassen fixiert, erlaubte grosse Freiheit, und – da Homer nicht als Prophet Gottes verehrt wurde – auch Kritik an den Göttern. Was man also, gemäss Mauthner, Sokrates vorwarf, war nicht Nicht-Glaube, sondern Nicht-Befolgung des athenischen Kultus. In der Folge verharmlost er m.M.n. den Materialismus der alten Atomisten, die weder zur Erzeugung noch zur Erhaltung der Welt einen Gott brauchten, die Götter bestenfalls in einem von unserer Welt völlig geschiedenen Reich es sich gut gehen liessen. (Dass Mauthner dem Begriff des ‘Atoms’ weder im antiken noch im modernen Sinn gewachsen ist, sei nur nebenbei bemerkt; ebenso, dass er im Zusammenhang mit dem Atomisten Demokrit noch in einer Nebenbemerkung auf den lachenden Philosophen Carl Julius Weber verweisen kann – den er also noch kannte; ebenso, dass Mauthner Epikur durchaus im Sinne Gassendis verstand und das Missverständnis des Epikuräismus als Vergnügungssucht ablehnt.) Zu den Römern fällt Mauthner wenig ein. Die Gottlosigkeit bei den Römern ist nicht so übersichtlich wie die Gottlosigkeit bei den Griechen (S.141) – was wohl vor allem auch damit zusammenhängt, dass er für die Zeit der römischen Philosophie keinen Führer von der Art der philosophie- und kulturgeschichtlichen Werke Zellers, Gomperz’ und Curtius’ hat. Ciceros Gespräch über Die Natur der Götter ist das einzige Werk von Bedeutung, das er zu nennen weiss.
Damit kommen wir, nach über 170 Seiten, endlich ins erste Buch, in die Zeit des Christentums. Hier fällt rasch eine Eigenart von Mauthners Denken auf. Mit einem eigentlichen Atheismus hat der erste Band ganz allgemein, wie schon gesagt, sehr wenig zu tun. Mauthner weiss viel und hat viel gelesen. Dieses Wissen, diese Lektüre werden ausführlichst vor dem Leser ausgebreitet. Dass er sich dabei oft wiederholt, scheint er nicht zu merken. Dem Buch von den drei Betrügern ist ein eigener Abschnitt gewidmet, ebenso der Gottlosigkeit geistlicher und weltlicher Herrscher (8. Abschnitt).
Um aber die Wurzeln eines späteren Atheismus zu finden, sucht Mauthner, so systematisch, wie er nur kann, nach Abweichlern von den orthodoxen Dogmen der katholischen Kirche. Jeder halbwegs eigenständige Denker, jeder Abweichler von Augustin und dem Aquinaten scheint für Mauthner ein potentieller Atheist gewesen zu sein. Bei der Darstellung des frühen Christentums begegnen wir also zuerst den Pelagianern und den Manichäern, die beide von Augustin zu ketzerischen Häresien erkärt wurden. Da sich Augustin und nicht Pelagius in der abendländischen Kirche durchsetzte, gingen diese Strömungen unter. Im Folgenden wird Mauthner jeden Abweichler, z.B. jeden, der an der Trinitätslehre zweifelt – ohne gleich gar keinen Gott zu setzen, aber dann doch nur einen und nicht deren drei, die einer sein sollen – als Häretiker in die Vorgeschichte des Atheismus zählen, u.a. viel später Wyclif und Hus. Aus ähnlichen Gründen kommt wohl auch der islamische Denker Abu Bakr zum Handkuss, der ein Buch über die Art und Weise geschrieben hat, wie ein intelligenter Mensch auch von ganz alleine, ohne priesterlichen Beistand, zu einer Erkenntnis Gottes gelangen kann. Auch des Kusaners Auftauchen ist u.a. der Tatsache geschuldet, dass er in einem Dialog so etwas wie eine friedliche Koexistenz von Judentum, Christentum und Islam vorgestellt hatte, was für Mauthner schon in Richtung Deismus geht – ein natürlicher Gott, der unabhängig von der Religion seiner Schäfchen über der Welt steht. Überhaupt: Deismus… Mauthners Liebe für die Mystiker ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass viele von ihnen über eine ungeheure sprachliche Innovationskraft verfügten. Jeder Mystiker, so scheint Mauthner anzunehmen, findet seine lieben Gott in allen Dingen dieser Welt. Somit ist es von einem mystischen Glauben zu einem Pantheismus nicht weit. Und da man nach Mauthner offenbar in Spinozas Gleichung Deus sive Natura den Deus herauskürzen kann, bleibt vom Pantheismus ein materialistischer Atheismus; der Pantheist ist ein Krypto-Atheist.
Doch bei Spinoza sind wir noch lange nicht, der kommt im ersten Band gar nicht vor. Dafür der andere Mystiker, Meister Eckhardt, und die ersten Wissenschafter in einem moderneren Sinn: Bacon und Ockham. Und der Teufel, den Mauthner zur unabdingbaren Notwendigkeit der orthodoxen Theologie erklärt. (Was er einem zwar etwas oft unter die Nase reibt, was aber im Prinzip natürlich stimmt: Ohne einen Teufel habe ich entweder einen farblosen lieben Gott, der im Grunde genommen für nichts verantwortlich ist, oder ich muss davon ausgehen, dass Gott eben nicht der liebe und nette Mann von nebenan ist, als den ihn uns heute v.a. protestantische Theologen vorstellen wollen, sondern recht sadistisch mit dem Menschen verfährt. Natürlich löst der Teufel nicht alle theologischen Probleme, bzw. er formiert neue – so stellt sich zum Beispiel bei einer Einführung eines bösen Prinzips die Frage, warum das gute denn dem bösen nicht so weit überlegen ist, dass letzteres ein für allemal überwunden werden könnte, also die Frage nach der Kompetenzenregelung der zwei Mächte.) Vom Teufel kommt Mauthner dann zwanglos zur damit verknüpften Hexenverfolgung. Hier tut er meiner Meinung nach des Guten eindeutig zu viel, indem er Zeit verliert damit, nachzuweisen, wie langwierig die Überwindung des Hexenglaubens war. Jeder Mediziner oder Jurist, der im Laufe der Zeit auch nur ein wenig gegen den Stachel der Hexenverfolgung löckte, und sei es nur, dass er ein bisschen weniger Folter verlangte, wird in extenso zitiert.
Vom Teufelsglauben ist es bei Mauthner nur ein Schritt zur Reformation. Immerhin war der gute Glaubensheld Luther fest von der Existenz des Teufels überzeugt, und, wie Mauthner genüsslich festhält, die kleinen Päpstlein der Reformation hielten an ihren Dogmen mindestens so unverrückbar fest wie ihr Vorbild in Rom, darunter eben auch am Teufelsglauben, und so brachte die Reformation keinerlei Abkehr vom System der Hexenverbrennungen.
Im Übrigen wäre eine ausführlichere Darstellung des Humanismus wünschenswert gewesen. Was Mauthner über die Figur des Erasmus von Rotterdam sagt, vor allem betreffend seiner Feigheit, sich in Glaubensfragen zu exponieren, stimmt zwar grundsätzlich. Dass Erasmus, als er dann endlich gegenüber Luther Stellung beziehen musste, auf einen Nebenschauplatz ausgewichen ist, auch. Aber De libero arbitrio διατριβή sive collatio ist grundsätzlicher und wichtiger für eine Geschichte des Atheismus, als es Mauthner hier präsentiert, denn Erasmus’ Rückgriff auf Johannes Duns Scotus und dessen Aussage, dass auch schon menschliches Bemühen alleine ausreichen könnte, um die ewige Seeligkeit zu erlangen, ist in Bezug auf die göttliche Allmacht nicht ohne Brisanz.
Fazit: Mauthner hat oft Recht, weiss dies aber auch und reibt es dem Leser gern und oft unter die Nase. Im Übrigen würde eine weitläufigere Auseinandersetzung mit diesem Text sehr reizvoll sein; ich fürchte aber, dass sich über den Atheismus und seine Geschichte im Abendlande problemlos ein paar Habilitationsschriften verfassen liessen…