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Harn
oder
Urin (Urina, Lotium), die von den
Nieren abgesonderte Flüssigkeit, durch welche die Verbrennungsprodukte
der stickstoffhaltigen Nahrungs- und Gewebsbestandteile aus dem Körper entfernt werden. Die während des
Stoffwechsels gebildeten
Zersetzungsprodukte der Nahrung und der Körpersubstanz verlassen den Tierkörper größtenteils durch den
Harn vermittelst
der
Nieren. Der
Harn enthält fast alle stickstoffhaltigen Zersetzungsprodukte, insbesondere den
Harnstoff. Da der
Harn ein Produkt
des
Stoffwechsels und der Nahrung ist, so wird seine Beschaffenheit je nach der Art des
Tiers und der Nahrung verschieden sein.
Der
Harn des gesunden
Menschen ist eine klare, gelbe bis gelbrote, in frischem Zustande nicht unangenehm
riechende, salzig und bitter schmeckende Flüssigkeit von schwach saurer Reaktion und wechselndem (zwischen 1,005 und 1,030
schwankendem) spec. Gewicht. Der
Geruch desselben wechselt mit der Nahrung; nur fauler
Harn stinkt. Die
Farbe des
Harn ist verschieden
je nach seinem Wassergehalt; sie ist am hellsten nach reichlichem Genuß von Getränken, am dunkelsten
im konzentrierten Morgen
harn.
Durch den Genuß gewisser
Substanzen wird auch die
Farbe des
Urins verändert; so erscheint der letztere nach dem Gebrauch von
Rhabarber, Santonin und Sennesblättern blutrot gefärbt. Bei der
Gelbsucht nimmt der
Harn, infolge der Beimischung von Gallenfarbstoffen,
eine intensiv bräunliche, selbst schwarzbraune oder schwarzgrüne, bei
Vergiftung mit
Carbolsäure eine
olivengrüne bis tiefschwarze Färbung an. Ein erwachsener, gutgenährter, nicht mehr als nötig trinkender Mann entleert
täglich 1000-1500 ccm
Urin; mit dem Genuß von Flüssigkeit sowie mit der
Abgabe von Wasser auf anderm Wege als durch die
Nieren (Schweiß u. s. w.) wechselt die
Harnmenge.
Die Hauptmasse des
Harn macht das Wasser aus. Unter den festen
Bestandteilen (50
g in einem
Tage) macht der
Harnstoff (s. d.) die
größere Menge aus (durchschnittlich 35
g in 24
Stunden) und ist zugleich der stickstoffreichste Körper im
H. und das Hauptzersetzungsprodukt
der Eiweißkörper im Organismus, dessen Zurückhaltung und Anhäufung im
Blute bei gewissen Nierenerkrankungen
die sog.
Harnvergiftung des
Blutes oder
Urämie mit ihren schweren Folgezuständen
erzeugt. (S.
Harnvergiftung.) Die Menge des
ausgeschiedenen
Harnstoffs steigt mit der Menge der in der Nahrung zugeführten
Eiweißstoffe (bis auf 80 g und darüber),
während sie beim
Hungern auf ein Minimum (bis auf 6 g) herabsinkt.
Andere stickstoffhaltige
Substanzen, die zu etwa 0,5 g täglich entleert werden, sind die
Harnsäure (s. d.), eine niedrigere
Oxydationsstufe als der
Harnstoff, ferner das
Kreatin und Kreatinin, das
Xanthin, die
Hippursäure (s. d.) und andere noch niedriger
oxydierte Zersetzungsprodukte. An
Salzen enthält der
Harn die aus der Nahrung herrührenden, wie Kochsalz,
kohlensaure, schwefelsaure, phosphorsaure
Salze, die
Alkalien und alkalischen Erden. Die
Phosphate stammen nur von den genossenen
Eiweißkörpern, die schwefelsauren
Salze zum
Teil daher.
Auch ist der Harn reich an gelöster Kohlensäure, an Stickstoff und Sauerstoff. Die Farbstoffe des Harn sind fast ganz unbekannt, doch enthält er einen Körper, der in der Indigopflanze enthalten ist und bei der Zersetzung Indigo [* 2] liefert (Indican), sowie mehrere specifische Farbstoffe, Urobilin, Urochrom und Uroerythrin, deren Zusammensetzung noch nicht genauer erforscht ist. Bald nach der Entleerung setzt sich im H. ein Schleimwölkchen ab, welches hauptsächlich aus Blasenepithelien und Schleimkörperchen aus den Schleimdrüsen der Harnwege besteht. Die Zersetzung des an der Luft bei längerm Stehen wird durch eine Bakterienform, Micrococcus ureae Pasteur, veranlaßt, welche den Harnstoff in kohlensaures Ammoniak und Wasser umsetzt; durch die Verdunstung des Ammoniaks entsteht der stechende Geruch, durch die Vermehrung der Bakterien die Trübung des zersetzten Harn Ammoniak enthält der normale frisch gelassene Harn, wie der ganze Organismus, nur in Spuren.
Unter krankhaften Verhältnissen treten im H. noch andere Bestandteile auf, so Eiweiß (zum Teil in fester Form als Abguß der Harnkanälchen der Nieren, als sog. Harncylinder) bei Nierenleiden, insbesondere der Brightschen Krankheit (s. d.), Traubenzucker (Harnzucker) in der Zuckerharnruhr (s. Diabetes), Gallenbestandteile bei der Gelbsucht, Blutkörperchen [* 3] beim Blutharnen (s. d.), Eiter u. dgl. Die Untersuchung derartiger krankhafter Harnbestandteile ist die Aufgabe der Uroskopie, der wissenschaftlichen Harnuntersuchung, welche sich chem., Physik, und mikroskopischer Hilfsmittel bedient und für die Erkennung vieler Krankheiten von der größten Bedeutung ist.
Auch gehen in den Harn viele zufällig in den Körper gelangte Substanzen über, sofern diese nicht im Organismus zersetzt werden oder andere Verbindungen eingehen. Bei fieberhaften Krankheiten ist der Harn konzentrierter (wegen des Schwitzens) und dunkler und enthält mehr stickstoffhaltige Substanz, überhaupt mehr Stoffwechselprodukte als der Harn eines Gesunden unter den gleichen Ernährungsverhältnissen. Sehr viel Harn entleeren die an Polyurie sowie an Zuckerharnruhr Leidenden (s. Diabetes). Die Polyurie kommt vor bei Blutarmen, Nierenkranken, bei Hysterischen, bei solchen, die viel trinken. Sehr wenig Harn wird bei manchen, insbesondere entzündlichen Nierenkrankheiten ausgeschieden.
Der Harn der Säugetiere ist im ganzen so beschaffen wie der des Menschen, doch zeigt er einige von der Nahrung sowie von der Körperbeschaffenheit abhängige Verschiedenheiten. So enthält der Harn der Hunde [* 4] statt der Harnsäure und der Hippursäure ¶
mehr
eine eigentümliche Säure, die Kynurensäure. Im H. des noch saugenden Kalbes findet sich ein der Harnsäure ähnlicher Körper, das Allantoin. Der Harn der Pflanzenfresser ist reich an Hippursäure und kohlensauren Salzen (wegen der Gegenwart dieser trübe), wogegen der konsistente Harn der Vögel [* 6] und Schlangen [* 7] fast nur aus sauren harnsauren Salzen, die Exkremente der meisten Insekten [* 8] aus Harnsäure und Guanin bestehen.
Der bei weitem größte Teil der Harnbestandteile ist schon in den Geweben und im Blute enthalten, wo sie zum Teil gebildet werden, und wird von der Niere aus dem Blute bloß geschieden, gewissermaßen abfiltriert. Andere Stoffe erleiden in den Nieren selbst noch eine weitere Umänderung, ehe sie abgeschieden werden. Aus den Nieren gelangt der Harn beim Menschen und den Säugetieren durch die mit trichterförmiger Mündung beginnenden Harnleiter (ureteres) in die Blase.
Die Harnleiter sind häutige, nicht sehr weite, mit Muskeln [* 9] versehene Schläuche, welche an der hintern Bauchwand zum kleinen Becken herabsteigen und durch peristaltische Bewegungen den abgesonderten Harn tropfenweise in die Harnblase befördern. Die letztere bildet einen der Aufbewahrung und zeitweisen Entleerung des Harn dienenden häutigen, dehnbaren Sack, der in der Mittellinie des Körpers im kleinen Becken hinter dem Schambeinbogen liegt. (S. Harnblase.) Der Grund der Harnblase spitzt sich trichterförmig in den Blasenhals zu, und dieser setzt sich in einen häutigen Kanal, [* 10] die Harnröhre (urethra) fort. Um den Blasenhals liegt beim Manne die Vorsteherdrüse (prostata), eine kastaniengroße, aus drei Lappen bestehende Drüse, welche erst mit dem Eintritt der Geschlechtsreife ihre volle Entwicklung erreicht. (S. Prostata.) Die Harnröhre des Weibes ist kurz und weit und mündet in den vordern Teil der Scheide; die engere und längere Harnröhre des Mannes ist in dem untern Teil des männlichen Gliedes eingebettet und befördert zugleich den Samen [* 11] nach außen. (S. Geschlechtsorgane, Bd. 7, S. 897 b.)
Wenn der entleerte Harn mit der Luft in Berührung kommt, so erleidet er zunächst eine saure Gärung, wobei sich Milch- und Essigsäure bilden und die saure Reaktion zunimmt, geht aber bald in Fäulnis und alkalische Gärung über, indem durch ein eigentümliches pflanzliches Ferment (Gärungspilze) der Harnstoff in kohlensaures Ammoniak zersetzt wird. Solcher Harn ist trübe, setzt Salze (namentlich die phosphorsauren Erden, Phosphate) ab (s. Harnsediment) und stinkt. Da der einmal vorhandene Gärungserreger fortwirkt, so erklärt sich, warum unreinlich gehaltene Nachtgeschirre immer einen übeln Geruch verbreiten.
Die Abscheidungen, welche der Harn außerhalb der Blase erleidet, können infolge langwieriger Katarrhe schon innerhalb der Blase vor sich gehen, und die sedimentierten Körper werden dann als solche entleert (Harngries); verbleiben sie in der Blase, so geben sie zur Steinbildung Anlaß. (S. Harnsteine.) Über die wichtigsten Störungen in der Harnentleerung s. Harnblase, ferner Harnabfluß, Harnstrenge, Harnverhaltung und Enuresis. Bei der Blasenlähmung muß der Harn mit dem Katheter [* 12] (s. d.) abgenommen werden.
Die Harnröhre, zu deren Untersuchung man sich neuerdings des Endoskops (s. d.) bedient, nimmt an den Krankheiten ihrer Nachbarschaft teil; eine häufige, ihr allein zukommende, ist der Katarrh derselben oder Tripper (s. d.), der trotz seiner anscheinend geringfügigen Bedeutung sorgsame und gewissenhafte Behandlung erfordert, weil er sonst leicht Hodenentzündungen, Impotenz, Verengungen der Harnröhre (s. Striktur) und andere schwer wiegende Störungen der Gesundheit im Gefolge hat. -
Vgl. Löbisch, Anleitung zur Harnanalyse (2. Aufl., Wien [* 13] 1881);
Salkowski und Leube, Die Lehre [* 14] vom Harn (Berl. 1882);
Neubauer und Vogel, Anleitung zur qualitativen und quantitativen Analyse des Harn (9. Aufl., Wiesb. 1890).