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Vladimira Popovica
Unser Zettelwirtschafter treibt sich auch mal in anderen Städten herum. Der neuste Zettel wurde am 9. September 2013, 14:45 Uhr in der Vladimira Popovica in Belgrad gefunden.
Drasko Kosovac war so daran gewöhnt, seine Frau Bojana zu beleidigen, dass er es nicht einmal merkte, als sie aufhörte sich zu wehren. «Komm jetzt, du blöde Kuh», sagte er zum Beispiel, wenn sie irgendwohin fuhren, Bekannte und er schon im Eingang standen und sie noch nicht ganz fertig angezogen war. Weniger harmlose Bezeichnungen verwendete er aber nur, wenn sie alleine waren.
Als Drasko eines Tages die Marmortreppe ihres Zweifamilienhauses hinunterstürzte, zog er sich ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu, wie man im Krankenhaus der besorgten Bojana erklärte. Und eine Woche nach dem Unfall brachte ihr der behandelnde Oberarzt schonend bei, dass ihr Gatte nie wieder derselbe sein würde. Durch die beim Aufprall entstandene Schwellung der Kopfschwarte war ein wesentlicher Teil der Grosshirnrinde eingedrück und sein Sprachzentrum stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Er hatte Glück gehabt, denn die entstandene Subarachnoidalblutung, wie der Arzt es nannte, falle zu 50% tödlich aus und da ihr Gatte überlebt hatte, würde er nun mit neurologischen Ausfällen und neuropsychologischen Defiziten zu kämpfen haben.
Aber nicht nur, dass er fortan wie ein Kleinkind brabbelte, fiel Bekannten und Freunden ausserdem auf, dass er immer öfter infantile Lachanfälle hatte und dumme Jungenstreiche machte, die überhaupt nicht zu dem sehr seriösen Menschen von früher passten. Bojana ordnete weitere Untersuchungen an, die aber alle zum selben Schluss kamen und trotzdem wollte sie den übereinstimmenden Diagnosen und der damit verbundenen Machtlosigkeit keinen Glauben schenken. Die Krankenkasse weigerte sich schliesslich, weitere medizinische Abklärungen zu bezahlen, und so fuhr Bojana mit Drasko ins Gesundheitszentrum Dom Zdravlja in Neu-Belgrad um ganz sicher zu gehen und nichts unversucht zu lassen und bezahlte die Untersuchung selbst. Dort erklärte ihr Ivana Radic, die Fachärztin der vaskulären Neurochirurgie, dass sie mit der Vergangenheit abschliessen und sich am besten einen Psychologen suchen sollte, der sie bei der Verarbeitung dieses schrecklichen Erlebnisses unterstütze. Bojana stimmte dem Vorschlag zu und lächelte zufrieden, worüber sich Dr. Radic kurz wunderte und in der nächsten Sekunde auch schon wieder vergessen hatte.
Drasko Kosovac`s Verhalten wurde für seine Umwelt immer irritierender. Er fand beispielsweise grossen Gefallen daran, Besuchern aufzulauern um sie dann mit einem barbarischen Schrei zu erschrecken oder – meist in unpassenden Momenten – unvermittelt jemandem die Zunge herauszustrecken. Dann wieder konnte er sich in den Schoss seiner Ehefrau legen und hemmungslos schluchzen, während sie ihm sanft über den Kopf streichelte. Ihre Freunde bewunderten Bojanas aufopfernde Fürsorge und bedauerten, dass sie sogar psychologische Hilfe in Anspruch nehmen musste. Bojana selbst war mit dem Gesundheitszustand ihres Gatten sehr zufrieden. Und ihr Umfeld hatte volles Verständnis dafür, dass sie sich nach ungefähr einem Jahr verliebte und eine Liaison einging, von deren Existenz Drasko nichts mitbekam und es ihm wahrscheinlich auch völlig gleichgültig sein wird, wenn in einigen Monaten zuweilen ein freundlicher Herr auftaucht, mit dem Bojana Kosovac zärtliche Blicke austauscht.