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Sie haben an der ETH Architektur studiert, sind dann aber sehr rasch auf die Architekturtheorie und -geschichte eingeschwenkt. Warum eigentlich?
Dazu gibt’s eine Anekdote. Ich habe Ernst Gisel sehr bewundert. Es war mein Traum, bei ihm zu arbeiten. Ich war dann für ein kleines Kirchenprojekt in Prag und sozusagen entwaffnet, weil Gisel nicht vermitteln konnte, was er sich vorstellte. Er hat gleichsam mit dem Bleistift zeichnend gesucht, ohne mir Anweisungen zu geben. Das war 1966/67 und ich habe gemerkt, dass ich mehr theoretische Grundlagen brauche, um arbeiten zu können. So bin ich als Assistent von Adolf Max Vogt ins Institut für die Geschichte und Theorie an der ETH. Das war der Anfang meiner 45 Berufsjahre.
Sie haben später dann auch Ausstellungen gemacht – unter anderem die legendäre Ausstellung «Tendenza» über die Tessiner Architektur. Sie waren Redaktor der berühmten Zeitschrift «archithese» und am Schluss 20 Jahre Professor an der ETH in Lausanne. Wie haben Sie sich beruflich definiert?
Ich sass immer zwischen den Stühlen, bin immer meinen Impulsen gefolgt und habe mich dabei wohl gefühlt. Ich habe mich nie als Architekturhistoriker verstanden und war darum auch glücklich, an der ETH in Lausanne einen Lehrstuhl für Entwurf zu bekommen. In Zürich wäre das nie möglich gewesen, weil ich nicht gebaut habe. Lausanne aber gehört zum französischen Kulturbereich, und dort gibt es die Unterscheidung zwischen «Pratique pratique» und «Pratique théorique». Das heisst: in Lausanne ist die Theorie auch eine Praxis. Dieser ständige Wechsel zwischen Theorie und ganz konkreten Bauaufgaben und dem Umsetzen in Entwürfen war für mich ideal.
Sie haben die Trennung zwischen Theorie und Praxis also abgelehnt?
Ja. Das war auch während meiner Zeit bei der «archithese» so. Ich war dort einer der ersten, der gezielt mit Gesprächen mit Architekten gearbeitet hat. Ich wollte die Architekten zum Reden und Nachdenken über die eigene Arbeit bringen.
Und die Leserschaft?
Es ging in diesen Gesprächen natürlich um beides. Indem ein Architekt ganz konkret und nicht «verquollen» erklärt, warum er das Gebäude städtebaulich so und nicht anders positioniert hat, warum er sich für die einzelnen Materialien entschieden hat, und wie das Gebäude funktioniert, vermittelt das dem Leser doch sehr viel. Das Vorbild für die Architektur-Gespräche in der «archithese» waren die Poetik-Vorlesungen in Frankfurt, in denen ein Schriftsteller erklärt, wie er Probleme und Themen in Poesie verwandelt. Ausserdem habe ich selten Architekturkritik im eigentlichen Sinn betrieben.
Wie der österreichische Autor und Architekt Friedrich Achleitner?
Das kann man so sehen. Er ist eine Art «Architekturschriftsteller». Wie er habe ich mich mit Gebäuden beschäftigt, die mich direkt angesprochen haben. Architektur hat mit Wahrnehmung zu tun, sie beeinflusst unsere Stimmung. Wir sind ständig in und um Architektur. Für mich stand darum immer die Befindlichkeit des Menschen in einer Wohnung, in einem Raum, in der Stadt in Zentrum. Oder anders gesagt: Wenn ich nichts empfinde, kann ich nicht schreiben. Die Erweiterung des Kunstmuseums von Christ & Gantenbein in Basel löst bei mir eine unglaublich starke Empfindung aus, und der gehe ich in einem Text nun nach. Das heisst: Ich verlasse die Empfindung und versuche zu analysieren, was mich so packt.
Ist das nicht ein zu persönlicher Ansatz?
Nein. Denn ich gehe davon aus, dass ich nicht ein totaler Freak bin mit ganz eigenartigen Empfindungen gegenüber der Architektur, und dass viele diese Empfindungen teilen. Wenn jemand eine ganz andere Empfindung hat, wird es interessant zu erfahren, wie er oder sie die analysiert.
Reden wir von der Architekturkritik und -vermittlung in den Medien. Sind Sie zufrieden?
In der Schweiz haben wir immerhin einige Fachzeitschriften. Aber in den Tageszeitungen beobachte ich einen Abbau der Berichterstattung, vor allem in der «Neuen Zürcher Zeitung». Bei der «NZZ» finde ich diesen Abbau besonders gravierend, weil gute Architektur nicht nur gute Architekten braucht, sondern auch gute Bauherren und Investoren, die sich des kulturellen Beitrags eines Baus bewusst sind. Die «NZZ» spricht am ehesten diese Schicht der Entscheidungsträger an. Ich wünsche mir aber auch, dass Behörden und Politiker sich entschiedener für gute Architektur einsetzen würden.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.05.2016, 08:20 Uhr
Zur Person
Martin Steinmann studierte Architektur an der ETH Zürich. 1980 bis 1986 leitete er die Zeitschrift «archithese» und gründete die arge baukunst mit. 1987 bis 2006 war er Professor für Entwerfen an der ETH Lausanne. Als Autor zahlreicher Publikationen hat Steinmann der Architekturdebatte nicht nur in der Schweiz wichtige Impulse gegeben
Ausstellungshinweis
Swiss Art Awards 2016: Ausstellung vom 14. bis 19. Juni 2016 in der Halle 4 der Messe Basel (10 bis 19 Uhr). Der Eintritt ist frei.
Schweizer Grand Prix Kunst
Neben Martin Steinmann wurden auch Adelina Fürstenberg und Christian Philipp Müller mit dem Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet. Die Tagesschau zeigt Christian Philipp Müller und sein Werk in einem Beitrag.