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| Hieronymus († 420) - Das Leben der hl. Witwe Paula, Einsiedlerin zu Bethlehem (Epistula 108)

26.
Was ich bereits anfangs erwähnt habe, will ich wiederholen: "Nichts war gläubiger als ihr Geist" Schwer war sie zum Reden zu bringen, aber schnell zum Hören1 , eingedenk des Gebotes: "Höre Israel und schweige"2 . Die Heilige Schrift kannte sie wörtlich. Wenn sie auch die Geschichte liebte und von ihr sagte, sie sei die Grundlage der Wahrheit, so folgte sie doch noch lieber dem geistigen Verständnisse, und von dieser Höhe aus förderte sie die Vervollkommnung der Seele3 .
Endlich veranlaßte sie mich, mit ihr und ihrer Tochter das Alte und das Neue Testament zu lesen, wobei ich die Erklärungen einschalten sollte. Aus Ehrfurcht wies ich dies zurück, mußte aber ihrem Eifer und ihrem ständigen Bitten mich fügen und so weiterleben, was ich gelernt hatte, nicht aus mir selbst, aus eigener Einbildung — denn sie ist die schlechteste Lehrmeisterin —, sondern von den hervorragenden Kirchenlehrern. Wenn ich stockte und offen meine Unkenntnis eingestehen mußte, so wollte sie sich keineswegs hierbei beruhigen. Vielmehr zwang sie mich durch beständiges Fragen, ihr unter den vielen verschiedenen Ansichten jene anzugeben, welche mir am wahrscheinlichsten vorkam.
Noch etwas anderes will ich anführen, was vielleicht denen, welche ihr nachzueifern wünschen, unglaublich vorkommt. Sie wollte die hebräische Sprache lernen, welche ich mir von Jugend auf mit vieler Mühe und Arbeit nur zum Teil angeeignet habe, mit der ich mich unermüdlich beschäftige, damit sie mich nicht im Stiche läßt, — und sie hat es erreicht. Sie konnte die Psalmen hebräisch singen und ihre Aussprache war frei von jeder Eigentümlichkeit der lateinischen Sprache. Dieselbe Wahrnehmung machen wir bis heute an ihrer heiligen Tochter Eustochium, welche so sehr an der Mutter hing und ihren Befehlen gehorchte, daß sie niemals ohne sie schlief, ausging oder aß. Ja, nicht einmal einen Pfennig behielt sie zu ihrer eigenen Verfügung, sondern sie freute sich, wenn ihr väterliches und mütterliches Erbteil von der Mutter an die Armen verschenkt wurde. Die Kindesliebe hielt sie für das größte Erbgut und den wertvollsten Schatz.
Ich darf die Freude nicht unerwähnt lassen, die Paula empfand, als sie erfahren hatte, daß ihre gleichnamige Enkelin, die Tochter der Laeta und des Toxotius, welche schon von ihrer Empfängnis an zur ewigen Jungfrauschaft verlobt und versprochen worden war, in der Wiege und beim Spiel mit stammelnder Zunge Alleluja sang und die Namen der Großmutter und Tante, wenn auch bloß halb, radebrechte. Nur insoweit hatte sie Sehnsucht nach der Heimat, daß sie sich vergewissern wollte, ob ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und ihre Enkelin der Welt entsagt hätten und Christo dienten. Das hat sie auch zum Teil erreicht; denn die Enkelin wurde für den Brautschleier Christi bestimmt. Die Schwiegertochter weihte sich ständiger Keuschheit und folgte, was Glauben und Nächstenliebe betrifft, den Werken der Schwiegermutter, indem sie in Rom das anfing, was jene in Jerusalem zur Ausführung gebracht hatte.
1: Jak. 1, 19.
2: Deut. 27, 9 nach LXX.
3: Es spricht sich hier des hl. Hieronymus reifere Ansicht vom Schriftsinn aus, daß die historische Auffassung Grundlage des geistigen Verständnisses sei, dem aber doch der Vorrang zukomme.