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Baronin Antoinette de Saint Léger in einem Gemälde von Daniele Ranzoni, 1886.
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Künstler in der Sonnenstube
Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Tessin zum Anziehungspunkt für Künstlerinnen und Künstler. In der Sonnenstube der Schweiz trafen reiche Adlige auf nackte Aussteiger.
Nicht nur Heidi sehnte sich nach der Natur, auch die Baronin Antoinette de Saint Léger hatte genug von den verrussten Städten des industriellen Zeitalters. Also kaufte sich die reiche Russin die beiden vor Brissago gelegenen Inseln im Lago Maggiore. Dort richtete sie mit ihrem dritten Mann, einem anglo-irischen Offizier, ein opulentes Gästehaus und einen botanischen Garten ein und liess ihn mit exotischen Blumen und Gewächsen aus aller Welt bepflanzen. Ein kleines Paradies inmitten des Sees.
Während sich der Herr Baron bald mehrheitlich in Neapel aufhielt, blieb Antoinette auf den Inseln, tüftelte an aus Torf gebranntem Schnaps herum und betrieb für sich allein eine eigene Poststelle. Ausserdem inszenierte sie sich als Gastgeberin für Künstler wie Segantini, Joyce, Rilke oder Leoncavallo, mit denen ihr rauschende Feste und einiges mehr nachgesagt wurde. Die Künstler residierten für Tage oder Wochen auf den Inseln, schufen Kunstwerke und genossen die Ruhe und Abgeschiedenheit des Tessins. Antoinettes Gäste waren nicht allein: Seit der Eröffnung des Gotthardtunnels suchten immer mehr Künstler, Adelige, Industrielle, Intellektuelle oder einfach reiche Leute den Ausgleich zur Hektik des Alltags an den Küsten der Tessiner Seen. Und die dortigen Gemeinden investierten in Gondel- und Strassenbahnen, Spazierwege und Promenaden, um ihren Gästen nicht zu viel Ruhe, nicht zu viel Abgeschiedenheit zuzumuten.
Mit dem Tourismus trafen Welten aufeinander. Das Tessin war ein ausgesprochen ärmlicher Landstrich und in diesen strömten nun wohlhabende Künstler, Theosophen, Anarchisten, Naturisten, Antroposophen und Anhänger von Sonnenkulten und mystischen Sekten. 1900 kaufte ein Amsterdamer Investor einen Hügel bei Ascona und verpasste ihm die Bezeichnung «Monte Verità». Auf diesen strömten Idealisten von weit her, lebten eine Art Sozialismus, pflanzten ihr eigenes Gemüse und blieben, so oft sie konnten, nackt. Manche Einheimische hielten das für harmlose Spinnereien, andere waren ernsthaft irritiert.
Die Baronin de Saint Léger sah dem Treiben in Ascona aus sicherer Distanz zu. Auf den Brissago-Inseln trieben sie ganz andere Sorgen um: Sie hatte sich mit Aktien der «Transkaukasischen Eisenbahn» verspekuliert. 1927 musste sie ihre Inseln verkaufen, konnte ihre finanzielle Lage damit aber nur kurzfristig verbessern. Antoinette de Saint Léger zog nach Ascona, kam in einem Armenheim unter und starb 1948 völlig mittellos im Altersheim von Intragna. Die Brissago-Inseln kamen in den Besitz eines schillernden deutschen Kaufmanns. Heute sind die schwelgerischen Inseln mit ihren exotischen Gärten im Besitz der Öffentlichkeit und frei zugänglich.
Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl
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