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1991 kam es in der Schweiz zum ersten Frauenstreik, hunderttausende Frauen gingen damals auf die Strasse. Sie forderten die Umsetzung des Gleichstellungsartikels, der seit zehn Jahren in der Bundesverfassung verankert war.
Initiiert wurde der landesweite Streik von den Arbeiterinnen der Uhrenindustrie im Jura. Sie empörten sich über die Niedriglohnpolitik und ungleichen Löhne zwischen Männern und Frauen in ihrer Branche. Unzählige Streikkomitees bildeten sich, Frauenorganisationen und Gewerkschafterinnen beteiligten sich an den Vorbereitungen und am 14. Juni 1991 legten die Frauen ihre Arbeit nieder. Unter dem Motto «Wenn Frau will, steht alles still» gingen sie auf die Strasse und machten für Lohngleichheit, mehr Frauen in Führungspositionen und für Anerkennung von Haus- und Familienarbeit mobil.
Gemessen an der Anzahl Teilnehmenden war der damalige Streik ein voller Erfolg! Doch wie sieht die Situation gemessen an Ergebnissen knapp dreissig Jahre später aus? Die folgenden Daten wurden vom Frauen*streik Kollektiv des Bundesamts für Statistik (BFS) publiziert und zeigen bestehende Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern in einzelnen Bereichen auf (mehr dazu auf der Webseite des BFS).
Bildung und Erwerb
18 Monate nach ihrem Abschluss auf Sekundarstufe II sind 83% der Absolventinnen vollzeitbeschäftigt; bei den Absolventen sind es 93%. Frauen sind somit bereits sehr früh häufiger teilzeitbeschäftigt als Männer.
Fünf Jahre nach Studienabschluss arbeiten 37% der Masterabsolventinnen einer universitären Hochschule Teilzeit, um Beruf und Familie vereinbaren zu können. Bei den Männern in derselben Situation sind es 22%.
Fünf Jahre nach Studienabschluss haben 26% der Frauen mit Kindern eine Kaderposition inne, bei den Männern mit Kindern sind es 58%.
63% der erwerbstätigen Frauen habe eine Stelle ohne Vorgesetztenfunktion. Bei den Männern beträgt dieser Anteil 47%.
Von den 15 bis 64-jährigen Nichterwerbspersonen sind 33% der Frauen Hausfrauen und 3% der Männer Hausmänner.
Frauen in einflussreichen Positionen
Ein Drittel der Rektorate der Hochschulen ist in Frauenhänden. Acht der 14 Rektorinnen sind an den pädagogischen Hochschulen tätig.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
Bei 63% der Paare im Alter von 25 bis 54 Jahren wird die Haus- und Familienarbeit hauptsächlich von den Frauen wahrgenommen.
Heute zeigt sich also, dass der Grossteil der Forderungen, für welche die Frauen 1991 auf die Strasse gingen, nicht umgesetzt sind. Neben der Lohndiskriminierung, auf welche jährlich am «equal pay day» aufmerksam gemacht wird, ist unbezahlte Familien- und Carearbeit nach wie vor mit nachteiligen finanziellen Folgen und Konsequenzen für eine weiterführende Karriere verbunden. Frauen sind auch an Hochschulen in Führungspositionen stark untervertreten und die «#MeToo»-Bewegung hat einen steigenden Sexismus und fehlenden Respekt im täglichen Umgang zu Tage gefördert.
Akademisches Manifest
Unzählige Organisationen rufen für den 14. Juni 2019 zu einem zweiten landesweiten Streik auf unter dem Motto: «Lohn.Zeit.Respekt». In Hinblick auf die Situation an Hochschulen hat eine Gruppe von WissenschaftlerInnen, die an Schweizer Hochschulen lehren und forschen, in einem «akademischen Manifest» zwanzig Forderungen erarbeitet, welches auf die Situation an Hochschulen abzielt. Das Manifest will einen gerechteren Wissenschaftsbetrieb erwirken, nimmt die andauernden Auseinandersetzungen um Geschlechterverhältnisse auf und macht sichtbar, dass es trotz positiver Entwicklungen auch an Universitäten und Fachhochschulen einer transformativen Bewegung bedarf, um Geschlecht als Benachteiligungskategorie zu überwinden.
Werden Sie aktiv!
Alles in allem wirkt die Organisation des Frauenstreiks harmonisch orchestriert und ein Fernbleiben vom Arbeitsplatz am 14. Juni wird seitens vieler Arbeitgeber wohlwollend toleriert. Für einen Streik, der härtesten Form des Arbeitskampfes, ein ungewöhnliches Phänomen. Dass Frauen und Männer nicht nur die gleichen Rechte haben, sondern auch gleiche Chancen erhalten müssen, leuchtet wohl ein.
Die Forderungen des Frauenstreiks sind offensichtlich so legitim, dass ein Dagegenhalten unglaubwürdig wirken würde. Gleichzeitig wird sich im Nachgang die Frage stellen, ob es nur die strukturellen Gegebenheiten sind, welche Veränderungen bewirken oder ob es nicht auch das solidarische, individuelle und ganz persönliche Engagement eines jeden und einer jeden von uns erfordert, damit sich unsere Gesellschaft verändert.
Tipps fürs Hochschulumfeld
Einen Beitrag in unserem beruflichen Umfeld können wir alle leisten, spontan fallen mir dazu folgende ein:
- Wenn Sie auf eine berufliche Karriere an einer Hochschule zurückblicken, werden Sie Mentorin oder Mentor! Unterstützen Sie aktiv eine motivierte Frau dabei, eine Hochschulkarriere zu planen und zu verfolgen. Ich erinnere mich an einen Professor während meines Studiums, der mich nach einer Studienarbeit ansprach, ob ich nicht Interesse an einer Promotion hätte. Er sah Potential in mir und half mir, es zu fördern.
- Wenn Sie selber die Hochschule als spannenden Arbeitsort erleben, suchen Sie sich selbst eine Mentorin oder einen Mentor! Sprechen Sie aktiv Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen an, damit diese Sie bei Ihren Karriereabsichten unterstützen. Warten Sie nicht darauf, dass sich irgendwann eine Chance auftut, nehmen Sie Ihre Karriereplanung bewusst in die Hand!
- Lernen Sie Netzwerken! Bei der Vernissage zu Barbara Lukeschs’ Buch «Wie geht Karriere? –Strategien schlauer Frauen» gab eine Kaderfrau folgende Beobachtung wieder: «Männer kommen von einem Apéro mit vierzig Visitenkarten zurück, Frauen erinnern sich oft nicht einmal mehr an die Namen der Personen, mit denen sie gesprochen haben.» Jeder Anlass im fachlichen Umfeld kann die richtige Zeit und der richtige Ort sein, neue und beruflich weiterführende Kontakt zu knüpfen. Nutzen Sie diese!
- Suchen Sie sich Vorbilder! Im Werbeclip «Die DFB-Frauen in 90 Sekunden» über die Deutsche Frauenfussballnationalmannschaft fällt der starke Satz: «Unsere Vorbilder? Die sind wir längst selbst!» Es könnte ein Ziel sein, selber Vorbild für eine nächste Generation zu werden.
- Würdigen Sie die Beiträge Ihrer Kolleginnen lobend! Machen Sie andere Frauen sichtbar, wenn Sie Vorträge, Präsentationen, Publikationen vorbereiten oder Empfehlungen abgeben.
- Weisen Sie in Stellenausschreibungen nicht einfach nur darauf hin, dass Sie ein diverses Team wünschen. Formulieren Sie Stellenausschreibungen explizit so, dass Frauen sich angesprochen fühlen.
- Planen Sie standardisierte Bewerbungsgespräche. Gehen Sie noch einen Schritt weiter und führen Sie bei der Besetzung von wichtigen Führungspositionen zwei Short Lists ein. Eine nur für Frauen und eine nur für Männer und laden sie jeweils die drei besten Frauen und drei besten Männer ein.
- Motivieren Sie Frauen, sich auf ein spannendes Projekt, eine herausfordernde Stelle, eine Führungsposition zu bewerben! Bestärken Sie sie in dem Wissen, dass vieles lernbar ist und der erste Schritt für eine erfolgversprechende Karriere ist, es einfach auszuprobieren.
- Informieren Sie sich über Ihren Lohn! Lernen Sie das Lohnsystem Ihres Arbeitgebers kennen und hinterfragen Sie, was unternommen wird, um Lohndiskriminierung zu verhindern. Informieren Sie sich z.B. über «Salarium» oder andere Lohnrechner, was ein ortsüblicher Lohn in Ihrer Branche ist. Lernen Sie Lohngespräche zu führen, lernen Sie verhandeln! Vielleicht sind Sie nicht immer erfolgreich, Sie entwickeln sich aber zu einer informierten und ernst zu nehmenden Partnerin und verhandeln nebst dem Lohn möglicherweise noch weitere Benefits.
- Und last but not least: bleiben Sie mutig, Neues zu wagen! Auch wenn das bedeutet, sich zu exponieren und Niederlagen einstecken zu müssen. Jedes Tun ist eine Erfahrung, aus der wir lernen und die uns weiterbringt.
Geschrieben von: Dr. Annette Kahlen, Leiterin Stabsstelle Diversity ZHAW