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1. Zahlen, bitte
Weltweit zählte man im Jahr 2022 gemäss Ethnologue 7151 Sprachen. Diese Zahl spiegelt jedoch eine Präzision vor, die nicht der Realität entspricht. Erstens ist die Unterscheidung zwischen einer Sprache und einem Dialekt nicht immer eindeutig. Spricht man besser von einer Sprache mit einer Anzahl von Dialekten oder vielmehr von nahe verwandten Sprachen einer Sprachfamilie? Ein Beispiel dafür ist Koro, eine erst 2008 entdeckte Sprache, die lediglich in einigen Himalaya-Dörfern im Nordosten Indiens gesprochen wird. Man hielt sie bisher für einen Dialekt des Aka, der Sprache des gleichnamigen Stammesvolks, doch gemäss neuesten linguistischen Forschungen weist Koro so grundlegende Unterschiede auf, dass es neu als eigenständige Sprache eingestuft wird. Und die Zahl der Sprachen in der Welt erhöht sich um 1.
Zweitens sind jedoch rund 40 Prozent aller Sprachen vom Aussterben bedroht – auch Koro gehört dazu. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Manchmal werden Minderheitensprachen von einer dominierenden Sprache verdrängt, weil diese staatlich gefördert wird oder jüngere Generationen die traditionelle Sprache irgendwann nicht mehr lernen wollen. Dieses Schicksal droht zum Beispiel Ayapaneco, einer der 68 indigenen Sprachen in Mexiko. Ayapaneco wurde zu Beginn des letzten Jahrzehnts offenbar nur noch von zwei Personen fliessend gesprochen – und die beiden redeten so gut wie nie miteinander …
2. Splendid Isolation
Das Baskische ist ein Sonderfall unter den europäischen Sprachen: Es ist eine sogenannte «isolierte Sprache», gehört zu keiner Sprachfamilie und ist mit keiner anderen bekannten Sprache verwandt. Schriftliche Zeugen gibt es erst seit dem Einmarsch der Römer in Iberien im 2. Jahrhundert v. Chr., als die Basken das lateinische Alphabet übernahmen. Erobert wurden sie von den Römern übrigens nie, ebenso wenig wie von den Mauren oder den Franken. Läge ihr Siedlungsgebiet nicht in den Pyrenäen, sondern in der Bretagne, könnte man sie glatt für die historischen Vorbilder von Asterix und Obelix halten.
3. Kommunikation mit Pfiff - und Klicks
Die Bewohner der Kanareninsel La Gomera können sich im gebirgigen Gelände über weite Strecken mithilfe der Pfeifsprache Silbo Gomero verständigen. Zwar drohte das Aufkommen der klassischen Medien und der Kommunikationstechnologie, der kanarischen Pfeifkunst den Garaus zu machen, doch seit 1992 ist das Pfeifen Pflichtfach in den Schulen von La Gomera – für 6 Jahre.
Nach wie vor weitverbreitet und bei bester Gesundheit ist hingegen Nama: Die Nationalsprache von Namibia wird auch in Botswana und Südafrika gesprochen. Zu ihrem Lautrepertoire gehören 20 verschiedene Schnalzlaute (Klicks) – für nicht afrikanische Ohren absolut faszinierend anzuhören. Hier ein kleiner Einführungskurs zu Nama (auch «Khoekhoegowab» genannt).
4. Sprache und Kognition
Beeinflusst Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt? Können wir gewisse Dinge gar nicht erst denken, weil unserer Sprache die Worte dafür fehlen? In der Linguistik besagt die Sapir-Whorf-Hypothese, dass die semantische Struktur und der Wortschatz unserer Muttersprache unsere Art zu denken determinieren. Daraus ergeben sich handfeste Probleme für die Übersetzungstheorie, denn wenn das so wäre, könnten Sprechende einer bestimmten Sprache gewisse Gedanken, die aus einer anderen Sprache stammen, schlicht nicht verstehen. Ob es derartige sprachlich-intellektuelle «blinde Flecken» tatsächlich gibt, konnte bisher unseres Wissens nicht nachgewiesen werden. Sollten sie je gesichtet werden, vertrauen wir darauf, dass unser Freelancer-Pool spielend damit fertig wird. 😉
5. Sprache für zwei
Zwillinge entwickeln nicht selten eine eigene Sprache, die nur sie verstehen. Grundlage dafür ist die fehlerhafte Aussprache der Muttersprache – eine Phase, die jedes Kind durchläuft. Weil das Kind in dieser Phase von den Erwachsenen nicht immer verstanden wird – was sehr nervig ist –, hat es einen natürlichen Antrieb, die korrekte Form der Muttersprache zu erlernen. Bei Zwillingen läuft die Sprachentwicklung jedoch parallel ab, womit ein Gegenüber vorhanden ist, das die noch unentwickelte Form der Muttersprache versteht. Diese entwickelt sich mit der Zeit zur Geheimsprache, und die Tatsache, dass die Erwachsenen sie nicht verstehen, ist dann gar nicht mehr so nervig, sondern im Gegenteil sehr spannend und von Vorteil.
6. Sprache ist (k)eine Kunst
Neben den natürlichen Sprachen gibt es etwa 200 Kunstsprachen, die für unterschiedliche Zwecke erfunden wurden: zur Geheimhaltung, für bessere Klarheit und Prägnanz oder einfach aus Spass. Zu den letzteren gehören sicher die fiktiven Sprachen, die für Romane oder (TV-)Filme entwickelt wurden. Die bekanntesten Beispiele sind wohl Klingonisch (Star Trek) sowie J. R. R. Tolkiens Quenya und Sindarin (Der Herr der Ringe). Weniger bekannt ist hingegen die Kunstsprache Láadan der US-amerikanischen Schriftstellerin und Linguistin Suzette Haden Elgin: Sie schuf Láadan für ihre Romantrilogie Native Tongue (1984-94), in deren Rahmen sie eine Reihe von linguistischen Thesen untersucht. Basierend auf der Sapir-Whorf-Hypothese postulierte sie, dass die existierenden Sprachen - vor allem die indogermanischen - die Gedankenwelt von Männern widerspiegeln und für den Ausdruck weiblicher Gedanken und Gefühle schlecht geeignet sind. Zudem untersuchte sie die These, dass «Veränderungen der Sprache zu sozialem Wandel führen und nicht umgekehrt». Diese Annahme ist hochaktuell, scheint sie doch dem ganzen Gendering-Phänomen zugrunde zu liegen. Ob da was dran ist? Elgin selbst fand zu ihren Thesen höchstens anekdotische Hinweise.
7. Gibt es wirklich 50 verschiedene Inuit-Wörter für «Schnee»?
Dieser «Fun Fact» wurde zuerst in den 1880er-Jahren vom Anthropologen Franz Boas in die Welt gesetzt. Später behauptete er sogar, die Eskimos hätten Hunderte verschiedene Wörter für Schnee: für solchen, der leise rieselt, solchen, der gut ist für Hundeschlitten usw. Mit den Jahren bildete sich jedoch unter Linguisten ein Konsens heraus und man ging davon aus, dass es sich beim schneereichen Wortschatz der Arktisbewohner um eine Zeitungsente gehandelt habe. Wer braucht schon so viele Wörter für ein und dieselbe Sache? Pff.
Nun wollte jedoch im Jahr 2013 ein Anthropologe des Smithsonian Arctic Studies Center in Washington der Sache ein für allemal auf den Grund gehen. Er studierte den Wortschatz von 10 verschiedenen Inuit- und Yupik-Dialekten und fand heraus, das Boas recht gehabt hatte: Es gab tatsächlich über 50 verschiedene Wörter für Schnee – oder zumindest Wörter, die mit Schnee zu tun haben oder ihn beschreiben. Noch etwas zahlreicher ist das Wortrepertoire für Eis, sind in dieser Kategorie doch um die 70 Begriffe verzeichnet. So speziell ist das aber gar nicht, denn dank einer Studie der Universität Glasgow weiss man inzwischen, dass die Schotten 421 verschiedene Wörter haben, um ihr Winterwetter zu beschreiben. Und wenn man dem norwegischen Linguisten Ole Henrik Magga glauben will, kennen die Samen 1000 verschiedene Wörter für Rentier. Aber das geht doch wohl definitiv zu weit. 1000?! Jedes Rentier lassen wir uns ja auch nicht aufbinden …
Wir hoffen, dass euch diese Fun Facts rund um Sprache gefallen haben. Schreibt uns auf <email-pii> oder hinterlasst unten einen Kommentar, falls ihr auch noch einen interessanten Fun Fact über Sprache kennt.