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Unter den 134 Namen, mit denen Christoph Vitali 1998 den Schweizer Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse instrumentierte, stand derjenige einer 75-jährigen Autorin noch am ehesten für eine wirklich zeitgemässe Modernität. Jeder Sentimentalität, allem Realistischen oder Naturalistischen abhold, seziert Alice Ceresa in ihren Texten, die der abstrakten Kunst näher verwandt sind als der realistischen Erzählfreude ihrer Schweizer Zeitgenossen, gnadenlos die vorgefundene Wirklichkeit, deren Mechanismen und die Relativität der Sprache, mit der etwas abgebildet werden soll. Sodass ihre Figuren wie Puppen erscheinen, die haltlos und ohne Perspektive in einer brüchigen Welt herumtaumeln. Oder wie Alice Vollenweider es formulierte: «In der perfekten Syntax ihrer Sätze verwandelt sich das Leben in die düstere Parodie eines Gefängnisses, aus dem es kein Ausbrechen gibt.» Alice Ceresas abstrakte Modernität ist umso erstaunlicher, als sie bei einem der Grossen des italienischen Neorealismo, bei Ignazio Silone (1900–1978), in die Schule ging. Am 25. Januar 1923 in Basel als Tochter eines italienischsprachigen Vaters und einer Deutschschweizer Mutter geboren, wuchs sie zweisprachig in Bellinzona auf und schrieb ihre ersten Texte für die Zeitung «Il Dovere». Auf Veranlassung von Aline Valangin zog sie 1943 nach Zürich und lernte da den im Exil lebenden Ignazio Silone kennen. Der Italiener wollte sie zu einer Schriftstellerin nach seinem Gusto machen. Sie aber soll ihm geantwortet haben, die Art zu schreiben könne sich nur aus dem ergeben, was ein Autor zu sagen habe. Gleichwohl folgte sie ihm, als er 1951 die «Associazione Italiana per la Libertà della Cultura» gründete, nach Rom und arbeitete zehn Jahre lang als deren Sekretärin. Als italienisch-schweizerische Doppelbürgerin integrierte sie sich ganz in Italien, arbeitete als Lektorin beim Verlag Longanesi und blieb der Ewigen Stadt auch nach Silones Ableben bis zu ihrem Tod am 22. Dezember 2001 treu. Als Alice Ceresa 1967 mit «La figlia prodiga» («Die verlorene Tochter») literarisch debütierte, eröffnete sie mit ihrer experimentellen Erzählweise, die dem biblischen verlorenen Sohn die Projektion einer verlorenen Tochter gegenüberstellt, beim Verlag Einaudi eine über Jahre hin fortgeführte avantgardistische Buchreihe. Unpolitisch war das Buch aber nicht, besitzt «Die verlorene Tochter» doch gerade dadurch, dass sie sich nicht fassen lässt, etwas latent Rebellisches. Das gilt ebenso für die zweite, 1979 in einer Zeitschrift und erst 2003 als Buch veröffentlichte Erzählung «La morte del padre», in der eine zur Beerdigung des Vaters versammelte Familie Figur für Figur gnadenlos seziert wird. Am eindrücklichsten aber setzte Alice Ceresa ihre Schreibweise 1990 im Roman «Bambine» um. Da stellt sie auf eindringlich-irritierende Weise zwei heranwachsende Mädchen in eine absurd-repressive Familie und in eine kafkaeske Umwelt hinein, wo es von Kranken und Wahnsinnigen nur so wimmelt. Kaum je wurde das soziale Konstrukt «Familie» so radikal und rücksichtslos auf seine Machtstrukturen reduziert wie in diesem erschütternden Buch, das wie ein Film in Zeitlupe daherkommt und die Kindheit unerbittlich als Schule der Lieblosigkeit, der Repression und der Lebenslüge denunziert.