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„Von Diplomaten wird nicht erwartet, dass sie als Helden Risiken auf sich nehmen. Dass ein Schweizer Diplomat in einem fremden, von Nazi-Deutschland besetzten Land für Humanität einsteht und sein Leben riskiert - und das nicht nur einmal sondern mehrfach - ist besonders mutig“ Die Aussage stammt von Michael Vertes, einem Mann, der sein Leben Carl Lutz verdankt.
Ich traf Michael Vertes, der leider seither verstorben ist, vor über zehn Jahren in New York an einer Lutz-Ausstellung in der Park East Synagoge in New York. Wie viele andere Gerettete auch, ist er Carl Lutz nie persönlich begegnet. Er stand zwar zwar mit seiner Mutter vor dem Glashaus, um einen Schutzbrief zu erhalten, er hat sich sogar auf einer der Fotos erkannt, trotzdem wusste er nur, dass ihn und seine Familie ein Schweizer Schutzbrief gerettet hat. Er hat erst Jahre später erfahren, dass Carl Lutz die Rettungsaktion durchgeführt hatte.
Verbittert und einsam
Mein Stiefvater, Carl Lutz verstarb im Februar 1975 verbittert und einsam. Nicht, weil seine Tat von verschiedener Seite – Yad Vashem, Deutschland und USA – nicht gewürdigt worden wäre, sondern weil der „Dank des Vaterlandes“ ausblieb, wie er es formulierte.
Er, der zwanzig Jahre in Amerika gelebt hat und mehrere Jahre in Palästina wirkte, litt zeitlebens unter Heimweh. Als er im Frühling 1945, von den Strapazen des Krieges gezeichnet aus Budapest zurückkehrte hatte er einen würdigen Empfang erwartet. Stattdessen hiess es an der Grenze „Haben Sie etwas zu verzollen?“ – wie er später mit seinem Appenzeller Humor, aber mit einer gewissen Bitterkeit, zu erzählen pflegte.
Wäre er heute mit seinem „Vaterland“ zufrieden? Ich denke schon, denn in den letzten Jahren hat sich sehr viel getan. Seine Rettungsaktion liegt 70 Jahre und sein Tod über 40 Jahre zurück. Seither haben Historiker und Politiker die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gründlich erforscht und beleuchtet. Die offizielle Schweiz hat mutig auch Fehler zugegeben.
Wo stehen wir heute?
Können wir uns heute der Vergangenheit stellen? Wird die mutige aber etwas eigenmächtige Tat eines Schweizer Diplomaten aus heutiger Sicht anders beurteilt? Ich denke JA. Ich war kürzlich dabei, wie angehende junge Schweizer Diplomaten den Schweizer Dokumentarfilm „Carl Lutz – der vergessene Held“ angeschaut und nachher darüber diskutiert haben.
Sie fragten sich, ob sie in einer solchen Situation im Krieg den Mut gehabt hätten, gegen den Strom zu schwimmen und sich gegen die feindlichen Elemente aufzulehnen und sogar ohne den Auftrag oder Einverständnis der eigenen Regierung zu handeln.
Hätten Sie es gewagt, ihrem Gewissen zu folgen, rasch zu entscheiden, selbst wenn sie ihre Kompetenzen Überschritten hätten, wie es Vizekonsul Carl Lutz getan hat? Die jungen Diplomaten, im Wissen um die Verantwortung, die ein Diplomat gegenüber seinem Land hat – beleuchteten die Frage kritisch. Sie waren sich darin einig, dass es Mut braucht, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun und dabei sogar gegen die Vorschriften zu handeln. Carl Lutz hat Zivilcourage bewiesen und ist seinem Gewissen gefolgt.
"Verängstigte Juden bitten um Schutzbriefe, Oktober/November 1944 in Budapest“
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Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes
Hirschi, NL Carl Lutz / 271:2.
Holocaust in neuem Licht
Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Ehrung von verdienten Eidgenossen? Warum werden die Taten mutiger Männer wie Paul Grüninger oder Carl Lutz erst nach Jahrzehnten gewürdigt? Warum stösst heute eine Ausstellung wie „The last Holocaust Survivors“ heute auf ein grosses Interesse? Wieso wird endlich auch in Schweizer Schulen der Holocaust thematisiert? Es scheint, dass es den nötigen Abstand zu den Ereignissen im und nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte, damit man klarer sehen und objektiver urteilen kann. Dazu kommt, dass die Zeitzeugen sehr alt sind und bald nicht mehr in der Lage sein werden, Zeugnis abzulegen. Und doch sollte die Erinnerung an die schreckliche Zeit nicht verloren gehen und auch an kommende Generationen weitergegeben werden.
«Wäre Carl Lutz heute mit seinem „Vaterland“ zufrieden? Ich denke schon.» Agnes Hirschi
"Meine Wohnung, die britische Gesandtschaft in Budapest nach der Zerstörung, die wir drei Monate lang im Luftschutzkeller durchstanden.“
©
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich / Agnes
Hirschi, NL Carl Lutz / 272:23.
Ich begrüsse es, dass jetzt auch die offizielle Schweiz aktiv geworden ist. Die IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) hat die Herausgabe des Buches mit Aussagen von Zeitzeugen, die von Carl Lutz gerettet wurden, ermöglicht und jetzt ist im Bundeshaus ein wichtiges Sitzungszimmer nach ihm benannt. Das bedeutet, dass auch Parlamentarier und alle, die im Bundeshaus verkehren oder es besuchen, mit den Ereignissen in Budapest konfrontiert werden. Eine Tafel mit den Namen aller in Budapest an der Rettung von Juden Beteiligten wird dies ermöglichen. Wie glücklich wäre mein Stiefvater Carl Lutz mit dieser Entwicklung!
Von Agnes Hirschi.
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Agnes Hirschi ist die Stieftochter von Carl Lutz.
Agnes Hirschi kam kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in London zur Welt. Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Budapest.
Sie überlebte die letzten Monate des Krieges in einem Luftschutzbunker, zusammen mit der Familie von Carl Lutz. Seit 1949 lebt Agnes Hirschi in der Schweiz. Carl Lutz heiratete ihre Mutter im selben Jahr. Sie studierte Journalismus in Bern und arbeitete für eine Tageszeitung. Nach dem Tod ihres Stiefvaters fördert sie das Andenken an ihn und kümmert sich um seinen Nachlass.
Carl Lutz © Keystone
Wer ist Carl Lutz?
Carl Lutz (1895-1975), während des Zweiten Weltkriegs Vize-Konsul bei der Schweizer Gesandtschaft in Budapest und Vertreter der Britischen Interessen in Ungarn, setzte sich 1944 und 1945 mit jüdischen Organisationen und seinem Team für ungarische Juden ein. Indem er ihnen Schutzbriefe ausstellte, hat er dazu beigetragen, Zehntausende Juden zu retten.
Carl Lutz im Bundeshaus geehrt
Am 12. Februar 2018, dem 43. Todestag von Carl Lutz, hat das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) seinen wichtigsten Sitzungsraum im Bundeshaus West auf den Namen «Salle Carl Lutz» getauft. Hier finden die Treffen von Kadern und Mitarbeitenden des EDA statt, und es werden wichtige aussenpolitische Entscheidungen getroffen. Eine Gedenktafel fordert sie auf, sich in ihrer täglichen Arbeit von den Werten der Menschlichkeit und des Mutes inspirieren zu lassen, von denen sich Carl Lutz und sein Team vor über 70 Jahren in Ungarn leiten liessen.