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Wenn eine Frau in das geheimnisumwitterte Schloss ihres sinistren Ehemannes zieht, wird sie üblicherweise rasch zur «damsel in distress», zur Jungfrau in Nöten. So will es die Tradition der Gothic Novel, wie der britische Schauerroman des 18. Jahrhunderts heisst.
Das Regiedebüt von William Oldroyd stellt die Regeln des Genres auf den Kopf: Nicht die weibliche Titelfigur gerät hier in Gefahr, sondern ihr Umfeld.
Affäre mit einem Stallburschen
Katherine (Florence Pugh) wird zusammen mit einem Stück Land für eine Zweckehe mit Alexander Lester (Paul Hilton) gekauft. Sie soll dem Sohn eines reichen nordenglischen Kohle-Magnaten einen Erben schenken. Doch Alexander ist nicht daran interessiert, die Ehe mit Katherine zu vollziehen, was der herrische Schwiegervater ihr zum Vorwurf macht.
Erst als die beiden Tyrannen auf Geschäftsreise gehen, steigen in dem frostigen Haus die Temperaturen: Die junge Strohwitwe findet Gefallen am dreisten Stallburschen Sebastian (Cosmo Jarvis), dem sie mit ihrer unschuldigen, aber zupackenden Art den Kopf verdreht.
Der heimkehrende Schwiegervater ist über die skandalöse Affäre empört, doch bleiben ihm die Worte zusammen mit einigen Giftpilzen im Hals stecken.
Von Shakespeare nur der Titel
Als auch ihr Ehemann Alexander zurückkehrt, handelt Katherine resolut, um ihre unstandesgemässe Beziehung zu verteidigen. Bald hat das mörderische Liebespärchen so viel Schuld auf sich geladen, dass keine Rettung mehr möglich scheint.
Mit der poetischen Gerechtigkeit ist es in William Oldroyds Regiedebüt nicht weit her: Der Film heisst zwar «Lady Macbeth», doch mit dem Shakespeare-Stück über den Aufstieg und Fall eines machthungrigen Königs hat er wenig zu tun.
Grundlage ist der russische Roman «Die Lady Macbeth von Mezensk» von Nikolai Leskov, angepasst an die englischen Klassen- und Geschlechterverhältnisse des 18. Jahrhunderts.
Eine liebreizende Psychopathin
«Lady Macbeth» ist kein gerüscheltes Kostümdrama, die Handlung ist karg und schonungslos erzählt. Die Psychologie der Figuren beschränkt sich auf das Nötigste, wodurch die Gewaltausbrüche umso abgründiger erscheinen.
Die Erzählweise wirkt modern. Doch Katherine ist keine Feministin vor ihrer Zeit, ihr Amoklauf gegen das Patriarchat ist vielmehr ein Männer-Alptraum.
Das eigentliche Highlight des Films ist seine Hauptdarstellerin. Die 20-jährige Britin Florence Pugh spielt Katherine eindrücklich als liebreizende Psychopathin, die ganz nach dem Motto von Shakespeares Lady Macbeth lebt: «Blick harmlos wie die Blume, doch sei die Schlange d’runter.»
Kinostart: 17. August 2017