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Er hatte sich tagelang nicht gewaschen. Weil er wollte, dass ihn die anderen während der Dreharbeiten nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen. Er trug einen Film aus Gestank auf der Haut und fand sich selbst zum Schämen grusig. Er holte sich auch eine Nikotinvergiftung, weil er so viele selbstgedrehte, ungefilterte Zigaretten rauchte. Und er lernte, wie man Bullen kastriert, Banjo spielt und sich splitternackt vor eine Kamera stellt.
«Alles, was Phil im Film macht, kann ich auch», sagt Benedict Cumberbatch, der sich zum ersten Mal in seiner Karriere komplett dem sogenannten Method Acting ergab, also dem realen Aneignen von allem, was er vor der Kamera spielen muss. Normalerweise finden britische Schauspielerinnen und Schauspieler diese amerikanische Methode richtig blöd, aber Cumberbatchs Regisseurin Jane Campion hatte sich von ihm nun einmal Method Acting, Traum-Deutung und Bullen-Kastration gewünscht und er hatte gehorcht.
Campion und Cumberbatch haben zusammen einen Western gedreht, «The Power of the Dog», eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Savage aus dem Jahr 1967. Der Roman war damals ein Kritikerliebling, aber kein Publikumserfolg, den Savage war schwul und die Nöte seiner Cowboys zwar nicht so deutlich wie in «Brokeback Mountain», dem schwulen Western von Ang Lee, aber auch nicht gerade unsichtbar.
«The Power of the Dog» erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, die irgendwo im Abseits von Montana eine Ranch betreiben. Der ältere Phil (Benedict Cumberbatch) ist gross, schön, schlau und spinnt und stinkt. Der jüngere George (Jesse Plemons) ist nicht so gross, schön oder schlau, stinkt aber nicht und ist ein Mensch mit Mitgefühl und Takt, der das Herz der jungen Witwe und Wirtin Rose (Kirsten Dunst, auch im wahren Leben Plemons' Frau) erobert. Ihr Mann, ein Arzt, hat sich vor Jahren erhängt. Phil nennt sie «die Selbstmord-Witwe». Ihr Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) scheint viel zu bleich für diese Welt und bastelt Papierblumen, seziert aber auch Häschen, lernt die alten Medizinbücher seines Vaters auswendig und weiss alles über Milzbrand, die Krankheit, die jeder Viehzüchter fürchtet.
George und Rose heiraten heimlich. Rose zieht auf die Ranch. Es ist das Jahr 1925. Kein Mensch ist glücklich. Phil fertigt in seiner Freizeit Seile aus Tierhäuten an, und wo ein Seil entsteht, ist klar, dass jemand dadurch sterben wird. Bloss wer? Und wie? Und wer war ein gewisser Bronco Henry, von dem Phil in einem Fort erzählt, und dessen alten Sattel er regelmässig zärtlich wichst?
Cumberbatch ist grossartig. Möglicherweise so gut wie noch nie. Ein düsterer, hinterhältiger, sadistischer Menschenfeind, einsam und mit Lust böse, allein durch seine physische Präsenz eine Bedrohung, ein lauerndes grosses Tier und von einem ganz anderen Charisma als damals sein nerdig-dekadenter Sherlock. Natürlich hat sein Phil ein Geheimnis und wer daran zu rühren vermag, der berührt ihn in seinem Kern, der vielleicht gar nicht so schlecht ist.
Das Verrückte an «The Power of the Dog» ist, dass es ein einigermassen handlungsberuhigter Film ist, aber dass allein durch die Beziehung der Dinge und der Menschen zueinander von der ersten Szene an eine Dichte und Spannung entstehen, die einem bis zum überraschenden Ende schier den Atem abschneiden. Denn nichts ist hier, wie es scheint.
Vertrauen ist in jedem Moment unangebracht. Und Machtverhältnisse verschieben sich so unmerklich und radikal, dass man nur staunen kann. Bloss die Landschaft, deren eine Hügelformation einem Hund mit aufgerissenem Maul gleicht und deren sanfte Kuppen mit den wogenden Pferderücken korrespondieren, ruht gelassen in sich selbst. Alles in allem ist das ein Film, nach dem man sich leise das Wort «fucking masterpiece» zuraunt.
Und natürlich liegt gerade darin auch eine Berechnung. Es geht jetzt wieder auf die Oscars zu, Ende März sollen sie über die Bühne gehen, und Netflix will gewinnen. Entweder mit Jane Campion, Cumberbatch und Dunst – oder mit «Don't Look up» von Adam McKay («The Big Short») mit dem heuer unvermeidlichen Timothée Chalamet, Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence.
Seit 2019 versucht Netflix sein Oscar-Glück mit ambitionierten Projekten prominenter Regisseure. 2019 wurde «Roma» von Alfonso Cuaron zum dreifachen Oscar-Gewinner (in den Kategorien Regie, fremdsprachiger Film und Kamera) und damit zum bisher grössten Netflix-Erfolg in dieser Hinsicht. 2020 gingen «Marriage Story» von Noah Baumbach und «The Irishman» von Martin Scorsese ins Rennen, 2021 «Mank» von David Fincher und «The Trial of Chicago Seven» von Aaron Sorkin. Keiner davon kam an den Erfolg von «Roma» heran.
Und jetzt also eine Regisseurin, die bereits einen Oscar hat (für das Drehbuch von «The Piano»), plus Publikumsliebling Cumberbatch, plus queere Thematik, plus exzellenter Look, plus klassisches amerikanisches Genre. Irgendwas davon wird schon klappen.
Und sonst ist es auch egal. Denn Jane Campion hat Netflix zwar alles gegeben, was da wohl für nötig befunden wurde, und dann daraus einen Film gemacht, der vor allem eins braucht: die grosse Leinwand, nicht den Bildschirm zuhause. Den Raum, die Andacht und das Innehalten jeder Zeitlichkeit, wie sie nur im Kino möglich sind. Oder vielleicht in der Prärie von Montana vor den hundegesichtigen Hügeln.
«The Power of the Dog» läuft ab dem 18. November für zwei Wochen im Kino. Ab dem 2. Dezember auf Netflix.
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