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Ein Schweizer Einwohner emittiert mit seinem Konsum durchschnittlich rund 14 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) pro Jahr. Dieses Treibhausgas, das die Klimaerwärmung anheizt, hat einen Marktpreis: CO2-Emissionszertifikate werden nämlich an Börsen gehandelt. Wieviel müssten Sie für Ihre Emissionen bezahlen?
Am 4. November 2020 sind die USA als einer der drei grössten Emittenten von Treibhausgasen formell aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen. Ironischerweise nur einen Tag nach der US-Präsidentschaftswahl. Der frisch gewählte US-Präsident Joe Biden will die Vereinigten Staaten 2021 so rasch wie möglich wieder ins Klimaabkommen zurückführen.
Die Schweiz und weitere 196 Staaten haben sich im Dezember 2015 in Paris auf ein neues globales Klimaschutzabkommen geeinigt. Es trat am 4. November 2016 in Kraft und zielt darauf ab, dem Klimawandel entgegenzuwirken und die durchschnittliche globale Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Die Staaten verpflichten sich, Reduktionsziele zu definieren und ihre Treibhausgase entsprechend zu verringern.
Die Grundlage für ein zukünftiges, weltweites Emissionshandelssystem schafft Artikel 6 des Pariser Abkommens. Dabei können Treibhausgas-Einsparungen des einen Landes an Länder mit vergleichsweise hohen Emissionen verkauft werden. Als Modell könnte der europäische Emissionshandel EU-EHS dienen. Die Reduktionsziele sollen mit möglichst tiefen volkswirtschaftlichen Kosten erreicht werden.
Emissionszertifikate und Handelssysteme
Treibhausgase verursachen sogenannte externe Kosten. Darunter versteht man Kosten, die nicht vom Verursacher, sondern von der Gesellschaft getragen werden. Diese widerspiegeln die Preise, die im Rahmen des Emissionshandelssystems für Emissionszertifikate bezahlt werden.
Neben Regulierungen und Abgaben bilden Emissionshandelssysteme einen wichtigen Pfeiler im Bestreben, die Emissionen zu reduzieren und die Kosten zu internalisieren. Weltweit gibt es 21 Handelssysteme, die knapp 10 Prozent der globalen CO2-Emissionen abdecken. Dies zeigt, dass der Markt noch einen weiten Weg gehen muss, bis der Grossteil der Emissionen erfasst ist. Im Jahr 2019 wurde mit dem Handel von Emissionszertifikaten dennoch bereits ein Umsatz von rund 200 Milliarden Franken erwirtschaftet. Das europäische Emissionshandelssystem ist das wichtigste und am besten etablierte. An dieser bereits 2005 lancierten Börse werden heute rund 80 Prozent aller Emissionszertifikate weltweit gehandelt.
Das Schweizer Emissionshandelssystem (EHS) ist ein Instrument des CO2-Gesetzes zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen in der energieintensiven Industrie und als sogenanntes «Cap-and-Trade»-System ausgestaltet. Seit Anfang 2020 ist es dem europäischen Emissionshandelssystem (EU-EHS) angeschlossen.
Was bedeutet Cap-and-Trade? Basierend auf historischen Daten wird eine Obergrenze an Emissionsrechten im System («cap») bestimmt. Für jeden EHS-Teilnehmer wird anhand von Referenzwerten die Menge an Emissionsrechten berechnet, die der EHS-Teilnehmer ungeachtet seiner Treibhausgasemissionen kostenlos zugeteilt erhält. Diese Zuteilungspraxis ist recht komplex. Vereinfacht ausgedrückt werden anhand von Produkt-Benchmarks Emissionsrechte kostenlos an jene Unternehmen verteilt, die sich an der bestverfügbaren Technologie orientieren. Emissionsrechte, die nicht kostenlos zugeteilt werden, werden versteigert. Dies betrifft in der Schweiz höchstens 10% des Caps des Vorjahres.
Diese Versteigerungen ermöglichen den Staaten Einnahmen, die meistens zweckgerichtet in klimafreundliche Projekte investiert werden. Im Jahr 2018 haben die EU-Staaten dank diesen Auktionen allein 14 Milliarden Euro eingenommen.
Emissionsrechte sind frei handelbar («trade») und können dem jeweiligen Staat zur Deckung der ausgestossenen Treibhausgase abgegeben oder an andere EHS-Teilnehmer verkauft werden.
In China am günstigsten
Die Preise an den Emissionshandelssystemen unterscheiden sich je nach Region stark. Während in Südkorea der Preis bei über 30 US-Dollar liegt, beträgt er in den chinesischen Pilotmärkten nur 2 bis 8 US-Dollar pro Tonne CO2. In den letzten Jahren sind die Preise für Emissionszertifikate stark gestiegen, in der EU haben sie sich gar verfünffacht.
Preise für Emissionszertifikate in verschiedenen Ländern (in US-Dollar pro Tonne CO2)
In diesem Monat hätte die 26. Uno-Klimakonferenz in Glasgow stattfinden sollen. Wegen COVID-19 musste sie auf das nächste Jahr verschoben werden. Ziel war unter anderem, mit einer Harmonisierung von Regulierungen die Hindernisse für einen globalen Handel von Emissionszertifikaten zu reduzieren. Dies würde die volkswirtschaftlichen Kosten der CO2-Reduktion nochmals senken.
Solche Bestrebungen sind seit Langem im Gang, gestalten sich in der praktischen Umsetzung wegen rechtlicher und wirtschaftlichen Fragen aber als äusserst schwierig. Gründe sind etwa die Schwellenländer, die um ihre Wachstumschancen bangen und sich z.B. im Flugverkehr für grosszügigere Regelungen als die Industrieländer einsetzen.
Emissionszertifikate als Geldanlage?
Direkte Investitionen in Emissionszertifikate sind für Privatanleger nicht geeignet, weil die Preise stark schwanken und die Marktregeln, vor allem der Cap, politisch beeinflusst werden. Für professionelle Anleger können die Zertifikate jedoch ein Absicherungsinstrument sein, um gewisse Klimarisiken im Portfolio abzusichern. Neben den Unternehmen sind vor allem Hedge Fonds in diesem Markt aktiv.
Der Preis ist ein wichtiger Indikator in der Bewertung von Branchen und Unternehmen. CO2-intensive Industrien wie die Kohleförderung oder die Zementbranche dürften weiter unter Druck kommen. Umgekehrt profitieren Unternehmen mit tiefen Emissionen von einer CO2-Prämie, weil sie die Transition in eine klimafreundlichere Wirtschaft vorantreiben. Dies kommt letztlich auch den Anlegern zugute, die in sogenannte «Low-Carbon»-Fonds investieren.
The Winner Takes It All
Dieser Welthit der schwedischen Popgruppe ABBA aus den Siebzigerjahren lässt sich auf den US-Autobauer Tesla übertragen. Der Elektroauto-Hersteller wird dieses Jahr voraussichtlich 1,2 Milliarden US-Dollar durch den Verkauf von Emissionszertifikaten einnehmen. Die Kosten tragen dagegen jene Autohersteller, die mit ihrer Flotte CO2-Emissionsvorgaben des Staates nur mit dem teuren Kauf solcher Zertifikate erreichen. Dazu gehören beispielweise Fiat Chrysler und General Motors.
Die Unternehmen werden sich also bemühen, CO2 einzusparen, um ihre eigene Umweltbilanz zu verbessern und Kosten einzusparen. Deshalb wird die Nachfrage nach Carbon-intensiven Dienstleistungen (z.B. Flüge) und Produkten (z.B. Heizöl) tendenziell gebremst. Umgekehrt werden CO2-ärmere Branchen oder solche, die CO2 vermeiden, verhindern oder gar reduzieren können, auf der Gewinnerseite stehen.
Der CO2-Preis verdient eine noch stärkere Beachtung. Er ist ein wichtiger Indikator für die Kosten der Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen und unterstützt so Unternehmen und Investoren in ihrer Strategie und ihren Investitionsentscheiden in Richtung einer klimafreundlicheren Wirtschaft.
PS: Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet: 385 Franken pro Schweizer und Jahr. Für die Schweiz beträgt der relevante Preis aktuell 25 Euro/Tonne. Rechne: 14*25*1.1 = 385. In der Praxis dürfte ein Teil dieser Kosten bereits indirekt bezahlt werden, indem Unternehmen ihre diesbezüglichen Kosten an die Kunden weitergeben.