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Fremdsprachenunterricht
Mit guten Aufgaben Selbständigkeit fördern
Wie sehen Aufgaben in einem Fremdsprachenunterricht aus, der sich das Ziel setzt, Lernende zu zunehmender Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu befähigen?
In den Französischlehrmitteln Mille feuilles (für die Primarstufe) und Clin dʼœil (für die Sekundarstufe I) finden sich dazu zahlreiche Beispiele.
Aufgaben, die den Aufbau von Kompetenzen fördern
Wie wird eine Fremdsprache im Klassenzimmer gelernt? Die Antwort scheint einfach: Das Erlernen einer Sprache wird begünstigt, wenn diese bei der Bearbeitung und Lösung authentischer Aufgabenstellungen angewendet wird. Damit auf einer solchen Grundlage Lernen erfolgreich stattfinden kann, müssen die entsprechenden Aufgabenstellungen bestimmte Vorgaben erfüllen:
- Sie ermöglichen eine Vernetzung des bestehenden Wissens der Lernenden mit dem Neuen, wobei berücksichtigt ist, dass das Vorwissen der Lernenden unterschiedlich ist.
- Sie ermöglichen den Lernenden, ihr Wissen aktiv zu konstruieren.
- Sie sprechen die kognitiven Fähigkeiten der Lernenden an und stellen für alle Lernenden eine echte Herausforderung dar.
- Sie sind so angelegt, dass eine natürliche Differenzierung möglich wird.
- Sie ermöglichen soziales Lernen.
Da gleichzeitig das Herausbilden grösserer Eigenständigkeit bei den Lernenden als zentrales Lernziel gilt, müssen sich die entsprechenden Aufgaben auch durch Lernerorientierung auszeichnen. Zwei Beispiele aus den Lehrmitteln Mille feuilles und Clin dʼœil zeigen, wie Aufgaben, welche diese Kriterien erfüllen, aussehen können.
Offene Aufgabenstellungen fördern Motivation und Lernerfolge
In der Fachdidaktik werden – je nach Funktion innerhalb einer Lerneinheit – zwei Typen von Aufgaben unterschieden. In den Lehr- und Lernmaterialien von Mille feuilles und Clin d’œil werden sie als activité und tâche bezeichnet. Die activités dienen der Entschlüsselung des Inputs und der Vorbereitung der tâche. Activités sind primär Lernarrangements, welche dem Aufbau von Ressourcen und Kompetenzen dienen. Die tâche steht am Ende eines Lernwegs. In dieser «grossen» Aufgabe wenden die Lernenden die aufgebauten Mittel in einer Transfersituation an. Beide Aufgabentypen erfüllen grundsätzlich die zentralen Anforderungen, die an Aufgaben gestellt werden.
Beispiel einer activité (aus Mille feuilles)
In dieser actvité aus magazine 5.1 informieren sich die Lernenden über eine Veranstaltung oder über eine Sehenswürdigkeit ihrer Wahl, indem sie einen kurzen Bericht darüber lesen.
Diese activité zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Sie nimmt Bezug auf einen inhaltlich und sprachlich reichen, authentischen Input.
- Die Lernenden haben Wahlmöglichkeiten und können sich mit einem Inhalt, der sie interessiert, beschäftigen.
- Die Aufgabe (Entschlüsselung eines Textes mit Hilfe von bekannten Strategien) stellt für alle Lernenden eine Herausforderung dar.
- Die Offenheit der Aufgabenstellung erlaubt, dass die Lernenden dem Text – je nach Vorwissen und Vermögen – unterschiedlich viele und unterschiedlich differenzierte Informationen entnehmen. Die Aufgabe ermöglicht demnach eine quantitative und qualitative Differenzierung.
- Die Lernenden teilen den andern mit, welchen Text sie ausgewählt haben. Es findet eine authentische Kommunikation statt.
- Die Lernenden arbeiten zu zweit und tauschen ihre Erkenntnisse mit einer anderen Gruppe aus. Sie nehmen dabei verschiedene Rollen ein: Lernpartner, Wissensvermittler und Rückmeldeinstanz. So übernehmen sie Verantwortung für das gemeinsame Lernen im Klassenzimmer: Es findet soziales Lernen statt.
Beispiel einer tâche (aus Clin d’œil)
In dieser tâche aus magazine 7.2 verfassen die Lernenden einen eigenen Text zu einem Bild ihrer Wahl und vertonen ihn, indem sie eine Audioaufnahme erstellen. Sie können diese mit Musik oder passenden Geräuschen unterlegen.
Diese tâche zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Die tâche bezieht sich auf authentische Inputs: Die Lernenden haben vorgängig Texte zu verschiedenen Bildern gehört und gelesen. Für die tâche können sie ein Bild auslesen.
- Die tâche ist mehrschrittig: Die Lernenden schreiben, lesen vor und hören sich Audioguides ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler an. Die Komplexität stellt für alle Lernenden eine echte Herausforderung dar. Die Offenheit der Aufgabenstellung ermöglicht Differenzierung. Die Ergebnisse unterscheiden sich quantitativ und qualitativ je nach Vermögen der Lernenden.
- Die tâche bietet Unterstützung: Den Lernenden werden die Kriterien aufgezeigt, an welchen sie sich beim Bearbeiten orientieren können. Zudem wird ihnen in Erinnerung gerufen, in welchen activités sie Teilkompetenzen erworben haben, damit sie diese im Bedarfsfall beiziehen können.
- Die tâche führt zu einem gemeinsamen Produkt und ermöglicht soziale Interaktion: Die Lernenden bearbeiten die Aufgabe in Partnerarbeit. Sie unterstützen sich gegenseitig und übernehmen gemeinsam Verantwortung für das Gelingen.
- Die tâche verlangt das bewusste Anwenden von Strategien (womit Lernen zu einem aktiven Prozess von Wissenskonstruktion wird).
- Die tâche verlangt einen Transfer: Die Lernenden wenden die während der Leineinheit aufgebauten Fertigkeiten in einer neuen Situation an. Damit wird das Gelernte vertieft.
- Die tâche bietet ein Instrument an, um das Ergebnis in Selbst- oder Co-Evaluation einzuschätzen: Es steht ein ausgearbeiteter Kompetenzaster zur Verfügung, der sich an den Kriterien orientiert.
Der höchste Grad an Kompetenz ist wohl derjenige, bei dem Lernende Verantwortung für ihr eigenes Lernen übernehmen. Das lernen sie aber nur, wenn man dies zulässt, es ihnen zumutet und dies sowohl fordert wie fördert. Man sieht es den Aufgaben an, ob sie Lernende ernst nehmen oder ob sie sie als Echogeräte des «Stoff-Inputs» verstehen. Achten Sie doch bei Ihrem «Gang durch die Lehrmittel» darauf.