Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03572.jsonl.gz/3309

Die Macht des Scheins
Wer den Barock verstehen will, darf nicht nur Schlösser bestaunen oder in strengen Gärten lustwandeln. Er sollte auch symmetrische Städte besuchen und den Geist erfassen, der diese Epoche zu einer phänomenalen Bautätigkeit trieb. Ein Abstecher nach Süddeutschland genügt.
Die Besucher meiner Heimatstadt Solothurn werden von einer Tafel mit der Aufschrift «Schönste Barockstadt der Schweiz» begrüsst. Die freche Behauptung verrät, wie wenig wir in der Schweiz vom Barock verstehen. Die Zeit von 1600 bis zur Französischen Revolution war von drei Kräften geprägt, die jedoch weitgehend an der von Bauern, Bürgern und kleinem Adel geprägten Schweiz vorübergingen: Absolutismus, Kirche und antike Philosophie. Wir haben vielleicht ein paar barocke Kirchen, Klöster und Bürgerhäuser, aber keine Schlösser und ganz bestimmt keine barocken Städte mit ihrer überwältigenden Symmetrie. Der obrigkeitliche Geist, auch der von ganz oben, konnte sich hierzulande nicht durchsetzen. Und er sollte auch nicht mit dümmlichen Werbeschildern herbeigeredet werden.
Der Barock begann mit einem Machtanspruch. Ende des 16. Jahrhunderts wollten die Päpste der Gegenreformation Rom zur schönsten Stadt der christlichen Welt und zum Symbol der Macht der Kirche ausbauen. Die Macht, real oder nur erhofft, musste sichtbar werden. Dutzende Kirchen wurden gebaut, grosse Brunnen und imposante Plätze. Die Wirkung blieb nicht aus. Von Rom aus verbreitete sich der Barock über Frankreich in ganz Europa und diente den Herrschern und der katholischen Kirche als Beweis ihrer absolutistischen Herrschaft. Deutschland, geplagt vom Dreissigjährigen Krieg, folgte etwas später, protestantische Gebiete waren deutlich zurückhaltender.
Sichtbarer Ausdruck des Absolutismus war das Schloss, mit Versailles als leuchtendem und grösstem Beispiel, dem auch viele Fürsten, Erzbischöfe und kleinere Adlige nacheiferten. Wer Macht haben wollte, musste sie zeigen, selbst wenn sie gar nicht vorhanden war. Sogar Klöster nahmen die Form von Schlössern an. Luxuriöse Lebensführung war Staatsräson und wurde vom Sonnenkönig Louis XIV ausdrücklich von seinen Höflingen verlangt. Die Politik des prunkvollen Scheins führte zu einer beispiellosen Verschuldung einerseits und zu einer flächendeckenden Ausbeutung der niederen Stände. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Preussen, das sich im Spiel um den hellsten Glanz zurückhielt, später zur europäischen Grossmacht aufstieg, als die absolutistischen Herrscher ihr Pulver verschossen und ihren Rückhalt in der Bevölkerung verloren hatten. Der «Soldatenkönig» Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) war ausserordentlich sparsam, verbrachte seine Zeit am liebsten im unscheinbaren Landsitz Wusterhausen und hinterliess seinem Sohn Friedrich, dem «Grossen», eine volle Staatskasse, die dieser für seine vielen Kriege wieder leeren konnte.
Was mich trotz Schwulst und Schein am Barock fasziniert, ist der Planungswille, der sich in seinen grossen Anlagen manifestiert. Eine kosmische Ordnung sollte auf Erden umgesetzt werden, nach dem Willen des Herrschers und für alle sichtbar in der Form von Gebäuden, Gärten und langen Achsen, die das Land durchmessen.
Besonders gut sichtbar ist eine solche Achse auf dem Jagdschloss Solitude bei Stuttgart, die sich 13 Kilometer schnurgerade zur Residenz in Ludwigsburg hinzieht. Die Allee wurde 1764 bis 1768 vom prunkliebenden Herzog Carl Eugen von Württemberg angelegt und war den Beamten vorbehalten. Das gleichzeitig erbaute Jagdschloss selber war so teuer, dass die Hofhaltung bereits 1775 wieder eingestellt werden musste; das Geld war zu knapp und der politische Widerstand zu gross. Das schön renovierte Schloss ist heute ein beliebtes Ausflugsziel der Stuttgarter und zeigt immer noch, wie klein der konkrete Nutzen der pompösen Anlage war.
Auch das in der Nähe gelegene Ludwigsburg begann als Jagdschloss, 1704 erbaut von Herzog Eberhard Ludwig (1676–1733). Dieser hatte kurz vorher Versailles besucht und war offenbar so beeindruckt, dass er dem Sonnenkönig nacheifern wollte – allerdings in schwäbischem Format. In Ludwigsburg gefiel es ihm und seiner Mätresse so gut, dass er das ursprüngliche Schloss auf ein gutes Dutzend Gebäude mit drei Höfen und insgesamt 425 Sälen und Zimmern ausbauen liess. 1718 wurde die Residenz vom engen, mittelalterlichen Stuttgart nach Ludwigsburg verlegt, wo für die Beamten und Handwerker gleichzeitig eine Planstadt entstand. Ludwigsburg scheint zu gross für eine eingehende Besichtigung. Aber wenn man sich mit einem Baron, einer Gräfin oder einem Minister, alle mit entsprechender Ausbildung, auf Tour begibt, erfährt man so viele interessante Details, dass sogar zweieinhalb Stunden in den Zimmerfluchten kurzweilig werden. Oder hätten Sie gewusst, dass die Perücken nachtsüber zur Entlausung in Vogelkäfige gehängt wurden? Oder Hündchen in den Schjoss gelegt wurden, um Flöhe anzuziehen?
1765 hatte Ludwigsburg das mit 3000 Plätzen grösste Opernhaus Europas – 1801 abgebrannt – und eine Bühnenmaschinerie, die innert sensationellen elf Sekunden einen kompletten Kulissenwechsel erlaubte.
Während Ludwigsburg ein Zentrum politischer Macht und kultureller Blüte war, zeigt das 70 Kilometer entfernte Bruchsal die kirchliche Prachtentfaltung. Dorthin zogen die Fürstbischöfe von Speyer 1720, als ihre alte Residenzstadt nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg freie Reichsstadt wurde und vom Fürstbischof nichts mehr wissen wollte. Baugeschichtlich bemerkenswert wurde das dreiflüglige Schloss, weil sein Bauherr Damian Hugo Philipp von Schönborn zwischen Erdgeschoss und Bel etage ein Zwischengeschoss für Bedienstete bauen liess, das die Architekten beim Treppenhaus vor ein fast unlösbares Problem stellte. «Mein Loch in der Mitte», beklagte sich der Fürstbischof. Erst der berühmte Balthasar Neumann schaffte die Synthese zwischen prunkvoller Treppe und Verbindung der Stockwerke. Das Meisterstück blieb als fast einziger Bauteil unversehrt, als das Schloss in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerbomt wurde. Das Schloss wurde wieder aufgebaut – modern, aber mit historischer Fassade. Nur der zentrale Teil mit Treppe und Prunksälen entspricht dem originalen Zustand.
Die Besichtigung gibt gleichzeitig einen aufschlussreichen Einblick in die Restaurierungsarbeiten. Man kann sich heute fast nicht mehr vorstellen, mit welchem Aufwand an der Perfektionierung des Scheins gearbeitet wurde.
Apropos Treppen: Die Damen der Rokoko-Zeit trugen bis zu vier Meter breite Kostüme und konnten die Treppen deswegen nur seitwärts hochsteigen. Eine Praxisdemonstration erhält allerdings nur, wer sich der Führung durch eine kostümierte Dame anschliesst.
Wer absolut herrschen wollte, musste natürlich auch der Landschaft seinen Stempel aufdrücken. Die Barockgärten mit ihrer strengen Symmetrie sind die augenfällige Manifestation dieses Willens. Ein wunderbares Exemplar lässt sich in Schwetzingen besichtigen, 15 Kilometer südöstlich von Mannheim. Schwetzingen ist zwar frühmittelalterlichen Ursprungs, aber seine grosse Geschichte begann wie Ludwigsburg als Jagdschloss, das sich der pfälzische Kurfürst Carl Philipp (1661–1742) bauen liess, als er seine Residenz 1720 von Heidelberg nach Mannheim verlegte. Sein prunkliebender Nachfolger Carl Theodor (1724–1799) erhob Schwetzingen zur Sommerresidenz und liess mit hervorragenden Gartenarchitekten und Künstlern einen prächtigen Barockgarten anlegen, der an seinen Rändern in einen englischen Landschaftsgarten übergeht. Darin findet man alles, was Kunst, Geschmack und Technik damals zuliessen: strenge Formen, lange Achsen, Springbrunnen, Tempel, eine grosse Orangerie, ein Badhaus für den Kurfürsten, ein Heckentheater, eine Moschee und viele Verstecke für höfisches Geplänkel. Es ist erfreulich, wenn eine solche Anlage von vielen Menschen besucht wird – darunter täglich von Dutzenden Pärchen für ihre Hochzeitsfotos –, der Genuss wird dadurch allerdings nicht gefördert. Mittelprächtiges Wetter ist dafür sicher von Vorteil. Dazu kommt, dass solche barocken Perlen mit deutscher Gründlichkeit bewirtschaftet werden und Platz bieten müssen für ein Stakkato von Festivals, Anlässen und Veranstaltungen von buchstäblich barocker Vielfalt. Ins gleiche Kapitel gehört die mehrmalige Neubepflanzung der ausgedehnten Blumenrabatten, die dauerhaft in einer etwas unwirklichen Blüte stehen – die ungewollte, aber ziemlich perfekte Umsetzung des barocken Willens zum Schein.
Dieser Schein lässt sich im nahen Mannheim leider nur noch erahnen. Die ab 1606 erbaute Stadt mit ihrem gitterförmigen Strassennetz wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. An die barocke Blüte erinnern nur noch ein paar verlorene Bürgerhäuser, das riesige Schloss – das zweitgrösste nach Versailles – und der symmetrische Verlauf der Strassen von A bis U und von 1 bis 15, alles umgeben von einer Ringstrasse. Man wohnt in Mannheim nicht an einer Strasse, sondern in einem der 144 Quadrate, zum Beispiel im A1, wenn man als Privilegierter gleich gegenüber des Schlosses leben kann. Ein Quadrat wird typischerweise von vier namenlosen Strassen umgeben, was die Nummerierung für Besucher etwas gewöhnungsbedürftig macht. Aber die Mannheimer sind innovativ, und das waren sie schon immer. Denn als die Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Neckar gegründet und später im pfälzischen Erbfolgekrieg von den Franzosen zerstört worden war, wurden neue Einwohner mit Freiheiten von der Übersiedlung überzeugt. Mozart wirkte in Mannheim, Schiller wurde mit seinen «Räubern» berühmt,c und Carl Benz konstruierte hier das erste Automobil der Welt. Der Geist des Barocks hat auch uns Heutigen noch viel zu sagen.
Druckversion