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Iokter Sandel. Eine biografische Skizze
Iokter Sandel wurde als Jodok Sandel 1951 in Starberg geboren. Er war ein mittelmässiger Schüler («Jodok ist willig, braucht aber noch viel Zeit.» Zeugnis Erste Klasse), ein exzentrischer Jugendlicher («Nicht in der Schule, im Leben lernen wir.» Kommentar Sandels zu seiner Mittelschulzeit) und ein extravaganter Medizinstudent («Ein hochprozentiger Geist wohnt in einer gesunden Flasche.»). Er promovierte 1979 mit einer Arbeit über den Einfluss der Staubmilbe auf die menschliche Gesundheit («Was man nicht alles tut, um berühmt zu werden ...» Kommentar Sandels zu seiner Doktorarbeit).
Nach seinem Studienabschluss hat sich Sandel vor allem mit grotesken medizinischen Erfindungen hervorgetan. Er erfand neben der bereits erwähnten, und völlig unbrauchbaren, präserwattierten Schwanztasche mit integriertem Scrotalbeutel (die wahrscheinlich als Verhütungsmittel missverstanden wurde), allerlei Geräte für die Arztpraxis und den Operationssaal. So unter anderem eine, im übrigen heute überall verwendete, Absaugvorrichtung für überflüssiges Fett, einen sogenannten Nabelinduktor, der das Erfassen sämtlicher Körperdaten (Puls, Blutdruck usw.) mittels Stromstössen über den Nabel hätte ermöglichen sollen, sowie den Brainexpander, ein unmögliches Gerät zur Stärkung der Gehirnfunktionen mittels schwachfrequenter Schallwellen.
Daneben trat Sandel auch als Theoretiker in Erscheinung. Er gilt als der Verfasser so dubioser medizinischer Schriften wie «Der Sternenhimmel im Bauch. Zusammenhänge zwischen den Organen und den Sternbildern», «Die Zunge als Poschti», «Für eine Philosophie der Verdauung. Eine Elukubration».
Bereits 1993, nach dreijähriger intensiver Freundschaft, wie Sandel beteuert, verloren sich ihre Wege wieder. Sandel blieb zwar in Tengor, wandte sich aber mehr und mehr einem introvertierten Studium der «medizinal-philosophischen Geheimwissenschaften», wie er sich ausdrückte, zu. Wenzel gegenüber sagte er später in Barcelona, er habe sich damals intensiv mit «magischen Heilmethoden» befasst. Von Zauberei und Hexerei wollte er nichts wissen. So blieb beiden kaum mehr Zeit, als für kurze Gespräche vor der Post oder der Bäckerei. Sandel heiratete 1994 überstürzt, die Ehe zerbrach jedoch nach einem halben Jahr wieder, was dazu führte, dass Sandel sich noch mehr in seinem Haus am Rand von Tengor einschloss und praktisch keine Kontakte mehr pflegte. Sandel verpasste sogar Wenzels Abreise aus Tengor.
Sandel muss sich, bevor er mit Wenzel zusammentraf, bereits einige Monate in Barcelona aufgehalten haben. In dieser Zeit kam er, wie wir sahen, immerhin zu der Einsicht, dass seine Probleme ihn nach Spanien verfolgt hatten, und er sie hier nicht so leicht wie gewünscht loswerden würde. Die Last seiner Probleme machte ihn zu einer, wie Wenzel schrieb, «unerträglich blasierten primadonna». Mit Sandel zu verkehren sei zeitweise eine Qual gewesen. Dass sie sich von Tengor her gekannt hätten, sei der einzige Grund dafür gewesen, dass er Sandel einigermassen habe ertragen können. Andrerseits wissen wir aus Sandels Notizen, dass er gerade in dieser Zeit, seine eigene Person betreffend, doch zu einiger Einsicht gekommen ist. Die Diskrepanz zwischen seinem Denken und seinem Auftreten, also seiner Wirkung auf andere, meint Wenzel, sei schon in Tengor, wenngleich er dann ausgeglichener gewesen sei, mindestens auffällig gewesen.
In Barcelona hat sich Sandel nach eigenen Angaben vor allem auf Friedhöfen, in Kirchen und Parks aufgehalten. An den Friedhöfen habe ihn die Ruhe fasziniert, an den Pärken die Betriebsamkeit, in den Kirchen sei er ganze Nachmittage gesessen und habe «seiner inneren Stimme gelauscht». Es sei ihm jedoch nicht gelungen, sein «grässliches Leben» abzuschütteln. Erst nach und nach kam Sandel soweit zur Ruhe, dass er beginnen konnte, den einen oder anderen Gedanken zu notieren, und sich damit, wenigstens ein Stück weit, von den immer gleichen, und per se weitgehend unlösbaren Fragen zu entfernen. Erst in Galicien allerdings, drei Jahre später, am Grab von Franz Wenzel, sagte Sandel, nun soweit über der Sache zu stehen, dass er seine «Memoiren schreiben, und ein neues Leben beginnen» könne. Darüber, was ihn in den Jahren, nachdem Wenzel aus Barcelona verschwunden war, soweit gebracht hatte, wollte Sandel nicht sprechen, dies sei eben das Thema seines geplanten Buches. Er machte nur dahingehend einige Andeutungen, dass er viel gereist sei, in Spanien vor allem, aber dann auch nach Buenos Aires, und in die Vereinigten Staaten. Vielleicht kommt die grössere Ruhe und die wiedergewonnene Selbstsicherheit Sandels daher, dass er für sich den Zustand des Reisens, des Unterwegsseins, zum Normalzustand erhoben hat. Sandel sieht den Zusammenhang zwischen dem Reisen und dem Denken darin, dass die beiderseits notwendigen Bewegungen sich gegenseitig bedingen und stimulieren. «Reisen ist Denken. Man bewegt sich von einem Ort zu einem anderen, wie man sich von einem Gedanken zu einem anderen bewegt. Manchmal bewegt man sich gradlinig, manchmal mit Umwegen, mit unnötigen oder nützlichen, mit beschwerlichen oder lustvollen Umwegen, zum Ziel.» Und: «Wie soll man Denken können, wenn man stillsteht? Im Stehen stehen auch die Gedanken.»
Die wenigen Leute, meist Schriftsteller und Journalisten aus der Umgebung der CELES, mit denen er verkehrte, sagten übereinstimmend, sie hätten, wir wissen, dass es nach der Abreise Wenzels war, einen neuen Sandel kennengelernt, einen immer einsichtigeren, wenn auch scharfen, Redner, einen einfühlsamen Freund. Carlos Derobàr, ein Journalist aus Barcelona, erzählte, dass er Sandel über längere Zeit jeden Morgen beim Barbier getroffen habe, den Sandel in immer neue Gespräche über aktuelle oder auch philosophische Themen verwickelt und ihn dann mit den unglaublichsten Argumentationen «in die Knie gezwungen» habe.
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