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Haben Sie sich einmal überlegt, wie unglaublich komplex eine moderne Volkswirtschaft ist? Allein in der Schweiz werden jeden Tag Abermillionen von wirtschaftlich relevanten Entscheiden getroffen und eine schier unvorstellbare Menge Güter wie Nahrungsmittel, Kleider, Haarschnitte, Medikamente oder Beratungsdienstleistungen gehandelt. Und wenn man sich die einzelnen Transaktionen ansieht, dann fällt auf, wie unterschiedlich sie zu sein scheinen und wie fein differenziert die Güter sind – denken Sie etwa an die Auswahl verschiedener Teigwaren oder Shampoos in einem durchschnittlichen Supermarkt. Wie soll man diese Komplexität vernünftig analysieren können? Genau darum geht es in der Volkswirtschaftslehre. Es gilt, gewisse Muster und Grundmechanismen zu erkennen, mit denen sich die wichtigsten Zusammenhänge in analysierbaren Konzepten vereinfachen lassen.
Eine erste solche konzeptionelle Vereinfachung besteht darin, in überschaubarer Weise zusammenzufassen, womit sich das breite Feld der Volkswirtschaftslehre befasst. Dabei lassen sich drei, eng miteinander verbundene Untersuchungsebenen unterscheiden:
- Erstens befasst sich die Volkswirtschaftslehre mit den – im weitesten Sinne – wirtschaftlichen Entscheiden einzelner Menschen.
- Zweitens analysiert sie das Zusammenspiel von Menschen in vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen auf sogenannten Märkten.
- Drittens schliesslich beschäftigt sie sich mit der Gesamtwirtschaft, also mit dem Zusammenspiel all dieser Entscheide und Märkte.
Wie fällen wir Entscheide?
Die Basis jeder wirtschaftlichen Analyse bilden die Entscheide von Einzelnen. Weil wir nicht im Schlaraffenland leben, stehen jeder und jedem von uns nicht unendlich viele Ressourcen zur Verfügung. Wir müssen also laufend zwischen Alternativen entscheiden: Kaufe ich mir ein Smartphone oder ein Velo? Soll ich morgen Nachmittag Fussball spielen gehen oder noch zwei Stunden lernen? Bei derartigen Entscheiden vergleichen wir – bewusst oder unbewusst – Kosten und Nutzen der verschiedenen Alternativen.
Die Volkswirtschaftslehre liefert uns die Grundlagen für die Analyse solcher Entscheide. Dabei unterscheidet sie analytisch zwei Personengruppen: Anbieter und Nachfrager. Die Anbieter müssen sich entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzen, um Dinge zu produzieren, die sie mit Gewinn verkaufen können. Die Nachfrager entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzen wollen, um die Dinge zu kaufen, die sie benötigen. Es ist typisch, dass uns in der Regel viel mehr konkrete Beispiele für Nachfrageentscheide einfallen, da wir tagtäglich direkt Dutzende von Produkten nachfragen. Gleichzeitig verkaufen wir in der Regel nur wenige Produkte direkt selbst und sind meist vielmehr nur indirekt auf der Angebotsseite beteiligt, etwa wenn wir bei einem Unternehmen arbeiten, das ein Gut produziert und verkauft.
Wie funktionieren Märkte?
Die Tatsache, dass es Anbieter und Nachfrager gibt, macht bereits klar, dass der Austausch von Gütern die Basis der wirtschaftlichen Beziehungen und damit den zweiten zentralen Untersuchungsgegenstand der Volkswirtschaftslehre bildet; es lohnt sich nämlich nur, etwas anzubieten, wenn jemand bereit ist, das entsprechende Gut auch nachzufragen. Ein wichtiger Teil der volkswirtschaftlichen Analyse befasst sich mit solchen Austauschprozessen. Konzeptionell finden sie auf sogenannten Märkten statt. Dabei bezeichnet der Begriff «Markt» verschiedene Formen des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage. Wenn Sie beispielsweise einen Apfel kaufen, dann wird der Preis, den Sie dafür bezahlen, durch das gesamte Angebot an Äpfeln und die gesamte Nachfrage nach ihnen bestimmt. Oder wenn Sie einen Job suchen: Dann bieten Sie Ihre Arbeitskraft auf einem Arbeitsmarkt an, auf dem andere Leute mit ähnlicher Ausbildung als Anbieter und die Unternehmen als Nachfrager auftreten. Das Verständnis von Marktprozessen erlaubt es uns, ganz unterschiedliche wirtschaftliche Transaktionen zu analysieren. Wie zentral das Konzept des Marktes ist, sieht man im Übrigen nur schon daran, dass die allermeisten Volkswirtschaften heute als Marktwirtschaften bezeichnet werden.
Der grosse Blick aufs Ganze
Doch manchmal genügt es nicht, die Entscheide einzelner Personen oder die Vorgänge auf einzelnen Märkten zu analysieren. Wollen wir etwa wissen, wieso der Wohlstand in der Schweiz höher ist als in Griechenland, so müssen wir die gesamte Leistung der beiden Volkswirtschaften miteinander vergleichen. Nicht anders ist es, wenn wir die Arbeitslosigkeit oder die Inflation in einem Land verstehen wollen. In diesen Fällen geht es um Aussagen zur Gesamtwirtschaft. Natürlich setzt sich die Gesamtwirtschaft letztlich aus den einzelnen Entscheiden auf den verschiedenen Märkten zusammen. Aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, jede dieser Milliarden Transaktionen auf Tausenden von Märkten zu erfassen und aufaddieren zu wollen. Vielmehr muss man hier vereinfachen und versuchen, die groben Zusammenhänge zwischen den gesamtwirtschaftlichen Grössen zu erfassen. Auch dafür hat die Volkswirtschaftslehre Instrumente entwickelt, die es ermöglichen, von Details abzusehen und die gesamte Wirtschaft zu überblicken.
An einem Beispiel lässt sich die Relevanz der oben beschriebenen drei Untersuchungsebenen illustrieren: Wenn Sie einen Job suchen, dann entscheiden Sie zunächst einmal ganz individuell, unter welchen Bedingungen (Entschädigung, Arbeitsweg, Alternativen) Sie bereit wären, Ihre Arbeitskraft anzubieten. Wenn Sie sich dann bewerben, begeben Sie sich sozusagen auf den Arbeitsmarkt, wo Sie in Konkurrenz mit anderen ihre Arbeitskraft anbieten und Unternehmen diese nachfragen. Die Erfolgschancen, die Sie dann auf diesem Arbeitsmarkt haben, werden schliesslich zu einem guten Teil von gesamtwirtschaftlichen Faktoren wie der Konjunkturlage oder der Arbeitslosenquote mitbestimmt.
In ökonomischen Lehrbüchern werden Sie meistens eine Unterscheidung in lediglich zwei Teilgebiete der Volkswirtschaftslehre sehen: Mikroökonomie und Makroökonomie. Wie passt dies zu den drei Untersuchungsebenen? Die Mikroökonomie befasst sich mit den beiden erstgenannten Ebenen, also den individuellen Entscheiden und dem Zusammenwirken dieser Entscheide auf einem einzelnen Markt. Es geht somit – wie dies der Begriff «Mikro» anklingen lässt – um die kleineren Einheiten, die in ihrer Gesamtheit die Volkswirtschaft ausmachen. Die Makroökonomie andererseits richtet den Blick auf die gesamte Volkswirtschaft; sie behandelt also die dritte der anfangs genannten Untersuchungsebenen der Volkswirtschaftslehre (siehe Abbildung). Für jede dieser Ebenen hat die Volkswirtschaftslehre einfache Modelle entwickelt, welche die Analyse deutlich vereinfachen. Je nach konkreter Fragestellung wird dann eher mit mikroökonomischen oder mit makroökonomischen Ansätzen gearbeitet.