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Wer kennt nicht den Filmklassiker «Quo vadis»? Er ist ein Welterfolg. Der Monumentalfilm wurde von der römischen Filmfirma «Cines» gedreht, die 1911 den Stummfilm «Der Arme von Assisi» gedreht hatte. Der Film von Enrico Guazzoni wurde in Italien produziert wie die meisten Spielfilme über Franziskus.
Stummfilme
Ugo Falena hat zwischen 1909 und 1924 mehr als siebzig Filme – vor allem Literaturverfilmungen – gedreht. 1918 veröffentlichte er den Stummfilm «Bruder Sonne» für ein eher gebildetes Publikum, Bildungsmilieu.
Häufig verfilmten die Regisseure sowohl das Leben eines Franziskus wie auch von Jesus. Giulio de Antamoro drehte vor 1915 den vielbeachteten und einflussreichen Jesusfilm «Christo». 1927 brachte er den 85-minütigen Stummfilm «Bruder Franziskus» auf den Markt.
Spiritueller Blick
1943 kommt der mexikanische Film «Der heilige Fran ziskus von Assisi» heraus. Der spanische Filmhistoriker Carlos Fernandez Cuenca attestiert dem Film wenig künstlerische Kraft. Diese zeigt sich jedoch in Italien in der Nachkriegsperiode.
Den Auftakt macht 1949 Roberto Rossellini mit «Franziskus, der Gaukler Gottes». Der Film beginnt mit dem Sonnengesang – erstmals in der Filmgeschichte kommt dieser hier vollständig und an prominenter Stelle vor. Die Figur des Franziskus wird nicht hervorgehoben und nicht glorifiziert. Rossellini sucht den ursprünglichen Duft des Franziskanischen und ist nicht an einer historisierenden Lebensgeschichte des Heiligen interessiert. Mit essenziellen Bildern, die von den Zuschauenden den spirituellen Blick der Anteilnahme einfordern, werden elf in sich abgeschlossene Episoden aus diversen Legendenzyklen gezeigt.
Politische Perspektive
In den 60er-Jahren entspannt sich ein Streit über die historische und die spirituelle Sichtweise des Heiligen. Pier Paolo Pasolini macht 1965 einen ersten Versuch mit «Grosse Vögel – Kleine Vögel». In der humorvollen Parabel begegnen der Kleinpächter Toto und sein Sohn Ninetto einem sprechenden Raben. Durch einen Zeitsprung landen die beiden bei Franziskus, der ihnen den Auftrag gibt, den Spatzen und den Falken das Evangelium der Liebe zu predigen.Toto und Ninetto lernen zwar die Sprache der Vögel und predigen ihnen die Liebe. Aber immer noch bleibt der Krieg zwischen den beiden Vogelgruppen. Franziskus fordert die beiden jedoch auf, ihre Anstrengungen fortzusetzen, bis eines Tages die Ungleichheit der Nationen, der Rassen und der Klassen aufgehoben sei. Dabei legt Pasolini Franziskus’ Worte von Papst Paul VI. aus einer Rede vor der UN in den Mund.
Ein provozierender Blick
1966 kommt der erste Franziskusfilm von Liliane Cavani auf den Markt. «Franz von Assisi» erobert sich an Filmfestivals und in der Filmgeschichtsschreibung einen festen Platz, wird aber von vielen Kollegen aufs Heftigste kritisiert. Pier Paolo Pasolini bemängelt, dass bei dieser Verfilmung das Heilige verloren ginge.
Zweiundzwanzig Jahre später, 1988, bringt Cavani den zweiten Franziskusfilm auf den Markt. Mit «Franziskus» gelingt ihr ein Film mit teilweise starken Szenen und Dimensionen. Gelobt werden vor allem die Rekonstruktion der mittelalterlichen Lebensverhältnisse und die Darstellung der zunehmenden Isolation des Franziskus in seinem eigenen Orden. Der erotische Franziskusdarsteller, Mike Rourke, provoziert meistens Verständnislosigkeit und Kritik.
Der süsse Junge von nebenan
Die 70er-Jahre sind die Zeit der Flower Power. Ihre Sichtweise auf Franziskus hat wohl Franco Zefirelli 1972 aufgegriffen. Die Verbindung lateinischer Gesänge mit der Musik des Hippie-Idols Donovan machte Franziskus zu einer Identifikationsfigur der Nach-68er. Trotzdem war «Bruder Sonne – Schwester Mond» ein Flop. Kein Verleiher wollte den Prototyp eines sanften Aussteigers zwischen Flower-Power und Jesus-People in sein Programm nehmen.
Interessanterweise zeigen heutige Untersuchungen, dass es gerade der Film von Zefirelli ist, der sehr gerne im Religionsunterricht gezeigt wird. Der Film überzeugt in seinen eindrücklichen Bildkompositionen, im Prozess der Stigmatisierung eines Normabweichlers und in der Darstellung von Papst Innozenz III. durch Alec Guiness.
Adrian Müller
http://www.adrianm.ch