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Prof. Dr. Jürg Berthold, Titularprofessor am Philosophischen Seminar der Universität Zürich, beantwortet die Fragen von Christopher-F. Hustedt zu seiner Nietzsche-Lektüre:
Welcher Zusammenhang besteht in Nietzsches Philosophie zwischen Kultur und Politik? Was ist unter dem „Ausnahmemenschen“ zu verstehen?
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„Nietzsches Philosophie“
Die folgenden Aspekte behält wohlweislich im Auge, wer sich mit Nietzsches Texten beschäftigt und Fragen nachgehen will, die sich bei deren Lektüre ergeben. Erstens, dass Nietzsches Philosophieren durch und durch fragmentarisch ist. Weder die wenigen zusammenhängenden Schriften (wie etwa die frühen Unzeitgemäßen Betrachtungen aus den 1870er-Jahren) noch gar die späteren aphoristischen Texte, die aus einer Vielzahl von einzelnen längeren oder kürzeren selbständigen Einträge bestehen, lassen sich einfach auf Thesen und Argumente bringen. Deshalb war es nicht erstaunlich, als neulich ein Student im Seminar sagte: „Ich habe Mühe, diese Text zu lesen, ich kann die Argumente nicht finden.“ Zudem widersprechen sich die Texte in der Tat an vielen Stellen auf so offensichtliche Weise, an nicht wenigen unterschwellig, wie eine aufmerksame Lektüre herausarbeiten kann, dass man die Texte geradezu auf die Funktion dieser Widersprüche hin lesen muss.
Noch viel weniger gibt es über die vielen Jahre hinweg eine mehr oder weniger klar umrissene Philosophie Nietzsches oder gar ein System, das den Zusammenhang gewichtiger Begriffe (wie Ressentiment, Sklavenmoral, Übermensch, Umwertung aller Werte, Ewige Wiederkehr des Gleichen) bündig ausformulieren ließe. Das hat auch mit der Sprache dieser Texte zu tun, die sich nicht selten durch den bewussten Einsatz rhetorischer Figuren gegen eine eindeutige Interpretation sperrt. Wie soll jemand gelesen werden, der schon früh in Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn festgestellt hat:
„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen.“ (Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giogio Colli / Mazzino Montinari. München 1988, Bd. 1, S. 880f. ).
Zweitens, das macht auch dieses Zitat deutlich, sind Nietzsches Texte eine Herausforderung für jede Art von Common Sense und entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn man sich von ihren philosophischen Pointen aufschrecken lässt. Unsere Kultur ist durch und durch von einem Common-Sense-Pragmatismus imprägniert, der ein Amalgam darstellt von trivialisierten Wissenschaftsversatzstücken, halbbewussten Restbeständen religiösen Denkens und unserer „tierischen Natur“ mit ihren spezifischen Egoismen. In dieser Situation muss die Stoßrichtung von Nietzsches Texten uns immer wieder nicht in dieser oder jener Ansicht, sondern ganz grundsätzlich in unserem Selbstverständnis in Frage stellen. Sie ziehen einem richtiggehend den Boden unter den Füssen weg.
Drittens haben Nietzsches Texte eine Wirkungsgeschichte, deren Einfluss auf den Zugang zu seinen Texten nicht zu unterschätzen ist. Da ist einmal der Umstand, dass Nietzsche zunächst als Altphilologe, dann als Schriftsteller, Dichter und Seher wahrgenommen wurde. Erst Martin Heidegger hat ihn entschieden und konsequent bezüglich der Philosophie positioniert, nämlich als Vollender des abendländischen metaphysischen Programms – und das war mitten während der Herrschaft der Nationalsozialisten und den einschlägig bekannten Verstrickungen Heideggers in diese Herrschaftsgeschichte, also mit einer mehr als problematischen Schlagseite. Bekanntlich hat die Ehe von Nietzsches Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche, mit einem fanatisierten Anhänger Hitlers das Ihre dazu beigetragen, dass die Texte sinnentstellt und tendenziös ediert wurden; darüber hat schon Walter Benjamin berichtet (Nietzsche und das Archiv seiner Schwester, 1932). Gerade bezüglich des nachgefragten Konzepts des „Ausnahmemenschen“ ist dieser Aspekt einer sozialdarwinistisch-faschistoiden Auslegungslinie nicht zu unterschätzen, auch wenn durch das Großeditionsprojekt von Giorgio Colli und Mazzino Montinari dieses Problem zumindest auf der philologischen Ebene behoben ist. Im Internet finden sich immer noch viele unseriöse Textversionen, die an diese Editionsgeschichte erinnern. Dass die Schwester eine solche Macht entfalten konnte, hatte mit Nietzsches psychischer Krankheit zu tun, die ihn während seinem letzten Lebensjahrzehnt völlig ihrem Inszenierungswillen auslieferte.
Drei hermeneutische Ratschläge
Diese Aspekte sollten, meine ich, unseren Umgang mit Nietzsches Texte bestimmen, weshalb sie hier einer inhaltlichen Antwort auf die gestellten Fragen vorangestellt wurden. Was das konkret heißt, könnten folgende hermeneutischen Ratschläge für den Hausgebrauch deutlich machen: 1. Man vergewissere sich, dass man eine seriöse Ausgabe in der Hand hält; seriös ist alles, was sich auf die erwähnte Studienedition (und nicht zum Beispiel auf die Ausgabe von Karl Schlechta) bezieht; das ist vor allem bei den späten Texten und jenen aus dem Nachlass wichtig. 2. Man übe sich in Urteilsenthaltung, wenn es um Fragen geht, die über die Auslegung einzelner Texte hinausgehen. Es ist nicht leicht der Versuchung zu widerstehen, Sätze zu bilden mit der Form „Nietzsche sagt, dass…“ 3. Man achte darauf, wogegen sich ein Text richten könnte, und betrachte dessen rhetorische Seite als Versuch, den Panzer der Glaubens- und Überzeugungsmuster dieser Gegnerschaft aufzubrechen. Es ist eine hilfreiche Arbeitshypothese, Widersprüche unter dieser Annahme nicht als Schwäche des Textes, sondern als performative Moment zu verstehen.
„Kultur und Politik der Ausnahme“ – ein konkreter Lektürevorschlag
Im Zeichen dieser selbstauferlegten Imperative werde ich im Folgenden meine Antwort auf die gestellten Fragen aus der Lektüre eines einzelnen kurzen Textes entwickeln. Dabei kann es nicht um erschöpfende Auskünfte gehen, sondern nur um einige Hinweise, in welche Richtung eine Lektüre gehen könnten. Ausgewählt habe ich den Text, weil er auf engem Raum eine Bewegung vollzieht, die sich in Bezug auf die nachgefragten Begriffe auch sonst im Werk Nietzsches findet. Die Darstellung soll vorführen, wie eine auch scheinbare Details ernstnehmende Lektüre, einen zur oben beschriebenen Urteilsenthaltung – was immer vor allem auch Weiterlesen bedeutet – führen muss.
Im Buch Menschliches Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister (1878) findet sich ein Text (§632), in dem sich einige Elemente zusammenschiessen, die für die Beantwortung der Fragen relevant sind:
„Wer nicht durch verschiedene Ueberzeugungen hindurchgegangen ist, sondern in dem Glauben hängen bleibt, in dessen Netz er sich zuerst verfieng, ist unter allen Umständen eben wegen dieser Unwandelbarkeit ein Vertreter zurückgebliebener Culturen; er ist gemäß diesem Mangel an Bildung (welche immer Bildbarkeit voraussetzt) hart, unverständig, unbelehrbar, ohne Milde, ein ewiger Verdächtiger, ein Unbedenklicher, der zu allen Mitteln greift, seine Meinung durchzusetzen, weil er gar nicht begreifen kann, dass es andere Meinungen geben müsse; er ist, in solchem Betracht, vielleicht eine Kraftquelle und in allzu frei und schlaff gewordenen Culturen sogar heilsam, aber doch nur, weil er kräftig anreizt, ihm Widerpart zu halten: denn dabei wird das zartere Gebilde der neuen Cultur, welche zum Kampf mit ihm gezwungen ist, selber stark.“ (Kritische Studienausgabe Bd. 2, S. 358 ).
Wer sich verfangen hat, wird nicht von jemandem festgehalten, sondern ist selbst Ursache seiner Einschränkungen. Offenbar sind wir in diesem Sinne alle Gefangene: Wir sind befangen und verfangen in bestimmten Vorstellungen, und dies offenbar mit einer gewissen Zufälligkeit („in dessen Netz er sich zuerst verfieng“). Vor allem verkennen wir diese Zufälligkeit und können nicht sehen, „dass es andere Meinungen geben müsse.“ Das macht uns zu all dem, was der Text offensichtlich als Schwäche benennt: „hart, unverständig, unbelehrbar, ohne Milde“ etc. Oft ist dieser Zustand, so heißt es weiter, gepaart mit der Bereitschaft, „seine Meinung mit allen Mitteln durchzusetzen“. Wenn jetzt von einer „zurückgebliebenen Cultur“ die Rede ist, dann ist das in diesem spezifischen Sinne einer Versteifung auf die eigenen kontingenten Überzeugungen gemeint, die das Leben – also etwa auch die politische Kultur – bestimmen. Der Text fragt nun, wie diese Situation des „Hängenbleibens“ zu lösen wäre und skizziert die Bedingungen ihrer Überwindung. Vorausgesetzt wird dabei keine geringe Annahme, nämlich die „Bildbarkeit“ des Menschen, wie in der Klammer selbstkritisch und ohne weitere Vertiefung angemerkt wird. Der Prozess des Hindurchgehens durch „verschiedenste Überzeugungen“ soll zu einer „neuen Cultur“ führen. Zur Dialektik dieses Prozess gehört es – „vielleicht“, wie es einschränkend heißt –, dass diese „neue Cultur“ in der Auseinandersetzung mit dem Rigorismus und Fanatismus jener „Vertreter [im oben erwähnten Sinne] zurückgebliebener Culturen“ die Wendigkeit und Geschmeidigkeit zeigen muss, die sie stark werden und überhaupt auch gedeihen lässt.
Irritierend ist dabei eine bis jetzt unberücksichtigte Stelle, nämlich die Rede von „allzu frei und schlaff gewordenen Kulturen“. Wird oben ein Prozess der Selbstbefreiung beschrieben, ein Sich-Hinausarbeiten aus den kontingenten Versteifungen auf bestimmte Glaubensüberzeugungen, wird Freiheit hier in einem negativen Sinne verwendet. Dabei ist nicht ganz klar, ob sie selbst ein Moment der Erschlaffung darstellt oder ob Freiheit und Erschlaffung zwei Aspekte einer Kultur darstellen, die es zu überwinden gilt. Wie dem auch sei, der Freiheit und damit auch dem ins Auge gefassten Prozess wohnt offenbar eine Ambivalenz inne, die durch ein Maß bestimmt zu werden scheint („allzu frei“). Auch wenn der Text selbst keinen Hinweis auf dieses Maß gibt, so muss einen die Wahrnehmung der Problematik vorsichtig und für die weitere Lektüre wachsam machen. Das Hindurchgehen durch verschiedene Überzeugungen befreit einen offenbar in bestimmter Hinsicht und lässt einen in Konflikt geraten mit „Vertretern zurückgebliebener Kulturen“; es ist aber kein Garant dafür, dass man nicht an jener Erschlaffung mitarbeitet, der man gerade entkommen möchte. Wenn sich dieser titellose Text im Internet mit der Überschrift „Überzeugungen vs. Glauben“ versehen findet (etwa auf dem rechtsextremen Thule-Netz www.thule-italia.net, das bei Google immerhin als eine der ersten Treffer bei der Suche nach einer Online-Version unseres Textes erscheint, Stand Sept. 2016), dann wird die Aufmerksamkeit völlig in die Irre geführt. Als ginge es darum, das eine durch das andere zu ersetzen!
Abgesehen von solchen offensichtlichen Manipulationen, will es mir scheinen, als hätte unsere heutige relativistisch eingestellt Kultur, in der jeder seine Meinung haben darf, die Botschaft gehört, die sie hören wollte, nämlich dass es von einem Mangel an Bildung zeugt, nur die eigenen Herkunftsüberzeugungen für mögliche Zugänge zur Wahrheit zu halten. Die andere, in diesem Aphorismus unterschwellige Feststellung, dass dieser Befreiungsprozess selber ambivalent sein könnte, passt weniger ins Bild, das wir uns gerne von uns machen. Den Faden dieser Lektüre aufzunehmen, hieße, die oben als nicht ausgewiesene Annahme benannte Vorstellung der „Bildbarkeit“ zu befragen und nach Bestimmungen jenes Freiheits-Maßes zu suchen, ein Weg, der das Verhältnis von Politik und Kultur ebenso betrifft wie die Frage nach Regel und Ausnahme.