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Fast zehn Jahre war Dr. Andreas M. Walker Co-Präsident von swissfuture. Im Juli 2018 lief er auf der Via San Gottardo von Basel ins Tessin. Francis Müller traf ihn im Juli in Brunnen am Vierwaldstättersee zu einem Gespräch.
Mein „präsidiales Abschiedsinterview“ 😉 für swissfuture als pdf: sf_218_Walker-Interview
Dieser Artikel erschien zuerst in der Sommerausgabe Ausgabe 3 – August 2016 der tribune
Wie werden wir zukünftig kommunizieren? Und hat Deutsch dabei überhaupt eine Zukunft? Sei es der Kampf um die internationale Sprachkompetenz als Bedingung auf einem globalen Wirtschaftsmarkt oder sei es das Klagen über den mitteleuropäisch deutschsprachigen Kulturzerfall – in emotionaler Weise wer den Diskussionen um gutes Deutsch, Frühfranzösisch, weltmarktfähiges Englisch oder Kommunikationskompetenz zwischen Schulen, Elternhäusern, Bildungs und Wirtschaftspolitik geführt.
Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war Deutsch nach dem mittelalterlichen Latein die führende Wissenschafts- und Techniksprache; zehn Prozent aller Bücher erschienen in deutscher Sprache. In einem Lebensraum, der meistens regional beschränkt war, mussten unsere Grosseltern und Eltern in der Nordwestschweiz primär die deutsche Standardsprache als Aufwertung der schweizerischen Mundart beherrschen, wohlgemerkt ergänzt durch unsere zweite Landessprache Französisch und in humanistischen Kreisen durch Lateinisch. Bedenken wir: Bis ins 19. Jahrhundert wurden Vorlesungen an den Universitäten in ganz Europa auf Latein gehalten.
Der Blick in die Statistik zeigt uns, dass es unter rund 7’000 Sprachen nur 300 mit mehr als einer Million Sprechenden gibt. Deutsch rangiert zwar deutlich hinter Chinesisch, Englisch, Hindi, Spanisch und Arabisch auf Platz zehn, zählt aber zu den Weltsprachen mit mehr als 100 Millionen «Native Speakers». Dabei ist Englisch die häufigste gesprochene Sprache, da die meisten Englisch als Zweitsprache lernen.
Innerhalb Europas ist Deutsch eine der 24 Amtssprachen der EU, die aber mit Abstand in den meisten Ländern als Muttersprache verbreitet ist – in fünf Ländern als Amtssprache und in elf Ländern als offizielle Regional- oder Minderheitensprache. Wenn man Russisch als häufigste Muttersprache auf dem europäischen Kontinent ausklammert, steht Deutsch mit 32 Prozent an prominenter zweiter Stelle. Englisch wird neben Grossbritannien nur noch in Irland und Malta als Amtssprache gesprochen und gilt nirgends als Regionalsprache, wird aber von 51 Prozent gesprochen. Französisch gilt in vier Ländern als Amts- und in einem Land als Regionalsprache.
Neun Megatrends
Mark Twain spottete einst, man solle Vor- aussagen unbedingt vermeiden, besonders solche über die Zukunft. Trotzdem lassen sich neun Megatrends erkennen, die unsere Sprache in der kommenden Generation beeinflussen werden.
Experten sind sich einig, dass die Globalisierung in Wissenschaft, Wirtschaft und privatem Reiseverhalten voranschreiten wird – trotz Angst vor Terrorismus, Flüchtlingen und regionalen Krisen. Deshalb wird das Bedürfnis nach einer gemeinsamen Weltsprache weiter wachsen – einem einfachen Englisch, auch «Pidgin English» genannt, oder das von Nerrière erfundene «Globish», das auf einem Grundwortschatz von 1’500 Vokabeln basiert. Wie empfehlen doch Sprachschulen? «First off all: Improve your English; it will stay important.»
Zugleich provoziert aber die Globalisierung das menschliche Bedürfnis nach einer regional überschaubaren Heimat, so dass in politischen und emotionalen Fragen Muttersprachen und Dialekte wieder stark an Bedeutung gewinnen: Für die Bereiche der persönlichen Identität und Gefühle sowie des privaten Zusammenlebens werden diese wichtig bleiben. In Europa, in dem Deutsch in fünf Ländern Amtssprache und in elf Ländern Regionalsprache ist, wird Deutsch noch lange gesprochen werden.
Die akademischen und wirtschaftlichen Eliten der Generationen Y und Z positionieren sich in selbstverständlicher Weise international – im Internet, in Social Media und im Gaming ist Globalität normal geworden, aufgrund der offenen Grenzen und billigen Flugkosten sind Reisen üblich, ein Auslandsstudium oder mindestens Austauschsemester sind weit verbreitet – Englisch ist eine «Conditio sine qua non».
Gemischtsprachige Arbeitsteams sowie Lebenspaare sind die offensichtliche Konsequenz, so dass neben Englisch auch eine Grundkompetenz in den jeweils anderen Muttersprachen entsteht und zu Mischformen und Mehrsprachigkeit führt, gerade auch bei Kindern aus diesen Beziehungen.
Sprache wird dabei hybrider und situativer werden. Das Verständnis von Korrektheit einer Literatur- und Behördensprache des 20. Jahrhunderts wird zwar für das bildungsbürgerliche Verständnis eine Bedeutung behalten – die Kunst hält sich aber schon lange nicht mehr daran und die Wirtschaft fragt danach, was der Markt akzeptiert. In der Alltagssprache werden laufend neue Formen von Jugend- und Community- Sprachen entstehen und verschwinden. Bei sprachlich schwachen Menschen führen diese «Multi-Ethnolekte» zum Phänomen des «Code-Switching» – wenn man keine Sprache mehr perfekt beherrscht und im Gespräch situativ zwischen Sprachen wechselt. Doch wie gesagt, im Leben jenseits der Schule gilt die Frage: Verstehen mich meine Kollegen und meine Kunden?
Diese hybride Umgebung, die dynamische Lebens- und Arbeitsweise sowie die Social Media führen zu immer kürzeren Texten und einfacheren Sprachen. Zwar ist der Wortschatz am Wachsen und es wird schriftlich viel kommuniziert, dies ist via Social Media sehr einfach geworden. Aber an Stelle des Briefes ist die E-Mail getreten und diese wurde durch Facebook und WhatsApp abgelöst. Die 160-Zeichen-SMS wurde je nach Anbieter auf 480 bis 1’530 Zeichen erweitert, Twitter bleibt bei 140 Zeichen, die meisten Retweets umfassen 71 bis 100 Zeichen und die ideale Länge eines Facebook-Posts liegt bei etwa 100 Zeichen. Entsprechend flexibel werden Grammatik und Orthografie verwendet. Sogar für Fachartikel gilt: Nach sieben Minuten hören die meisten Besucher auf zu lesen, was 1’400 bis 1’800 Wörter bedeutet und nur wenig länger als dieser Artikel ist.
Doch dies bedeutet nun keine Verarmung, vielmehr werden Kurztexte mit einer Vielzahl von Zeichen wie Emojis, Bilder und Clips ergänzt, nicht nur in den Jugendsprachen. In einer Welt, in der noch nie so viel kommuniziert wurde, geht es wortwörtlich darum, den «Augenblick» zu erhaschen. So mache auch ich auf Internet die zwiespältige Erfahrung, dass nicht etwa meine klugen und wohlformulierten Texte, sondern originelle Fotos und freche Sprüche am meisten «geliked» und geteilt werden, nicht nur privat, sondern auch von Kunden. Wenn wir von Kommunikationskompetenz sprechen, bedeutet dies nicht nur Sprache, sondern muss viel umfassender verstanden werden und auch Kenntnisse von Semiotik und Semantik beinhalten, nicht etwa Malen, sondern eben die kompetente Nutzung von Zeichen und Bildern als Kommunikation.
Seit dem Feminismus besteht die politische Forderung nach geschlechtersensibler Sprache, was von alleine seine Wege gehen wird, denn das Gymnasium wird mittlerweile zu 57 Prozent von Mädchen abgeschlossen und 52 Prozent der Hochschul- und Fachhochschulabschlüsse gehen an junge Frauen. Bemerkenswert dabei ist, dass an den Universitäten Sprach- und Literaturwissenschaften zu 72 Prozent von Frauen und technische Wissenschaften zu 71 Prozent von Männern studiert werden. So hören wir an den Schulen auch meistens von einseitig begabten beziehungsweise sprachschwachen Buben, die von Frauen erzogen werden.
Es ist also wenig erstaunlich, dass Apps und wearables dank grosser Fortschritte in Miniaturisierung und künstlicher Intelligenz immer wichtiger werden für unser Kommunizieren. Mancher Kollege hofft auf eine Zukunft, in der «Mann» gar keine Fremdsprache mehr lernen muss, weil Maschinen für uns die ganze Übersetzung simultan übernehmen werden. Und so sehr diese Vorstellung nach Science Fiction klingt – gerade der Sprachschwache profitiert schon heute von zahlreichen Hilfestellungen. Dabei wird diese Mensch- Maschine-Kommunikation unsere Sprache weiter vereinfachen, weil Texte optimiert werden, damit sie von den Indexierungs- und Ranking-Algorithmen der Suchmaschinen einfacher gefunden wer- den. Immer mehr handeln wir im Bewusstsein, dass Computer mitlesen und ordnen, um Inhalte auffindbar zu machen.
Fazit
Die Sprache war schon immer in Veränderung und hat sich seit je den Bedürfnissen und Funktionsweisen einer Gemeinschaft angepasst. Und sei diese Gemeinschaft nun eine Sippe, eine Religionsgemeinschaft oder ein Marktplatz – Sprache ist ein Mittel neben anderen, um Kommunikation und Gemeinschaft zu ermöglichen. Und dies müssen wir als soziale Grundkompetenz in Familie, Schule und am Arbeitsplatz sicherstellen.
Dr. Andreas M. Walker
zählt zu den führenden Zukunfts und Trend experten der Schweiz. Er studierte Geographie, Geschichte und Germanistik, gewann mit seiner Doktorarbeit in Wirtschaftsgeografie den Award der Handelskammern am Oberrhein, sammelte internationale Berufserfahrung in der Finanzbranche und berät seit 2002 Wirtschaft, Verwaltung und Politik zu zukünftigen Chancen und Risiken. Er ist Co-Präsident von swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung und Elternratspräsident einer Sekundarschule. Weiterführende Infos auf www.weiterdenken.ch
tribune
Die Jubiläumsstiftung der Bank La Roche & Co Banquiers, die Advokatenkammer Basel, der Basellandschaftliche Anwaltsverband und die Handelskammer beider Basel sind Herausgeber der Zeitschrift tribune, welche sich viermal im Jahr in erster Linie an Entscheidungsträger in kleinen, mittleren und grossen Unternehmen sowie an einzelne Partner aus Wirtschaft und Politik wendet.

gestellt von Raffael Schuppisser von der Schweiz am Sonntag am 24. Juli 2016
Wie sieht Ihr Job in zehn Jahren aus?
Wir müssen die knappere Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, um mit ihnen über Zukunft zu reden. Hoffentlich werden wir dabei in der Schweiz wagemutiger die Zukunft gestalten und nicht nur ängstlich die Gegenwart verteidigen.
Welches Problem werden wir in zehn Jahren gelöst haben?
Dank neuen Automotoren wird der Verkehrslärm massiv zurückgehen. Die nächste Generation wird verkehrsruhige Städte erleben.
Auf welche Erfindung in der Zukunft freuen Sie sich am meisten?
Auf die Erfindung, die weltweit billiges Trinkwasser für alle ermöglichen wird.
Was sollen Ihre Kinder lernen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?
Selber denken und Probleme lösen. Sie sollten sowohl mit verschiedensten Menschen als auch souverän mit Maschinen zusammenleben können und die Qualität und Glaubwürdigkeit von Informationsquellen beurteilen können.
Was wird die grösste Herausforderung der kommenden Generation?
Der technische Fortschritt erlaubt uns, die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine neu zu definieren. In Ethik, Humanwissenschaften und Religion sind wir dringend gefordert, unser Menschen- und Weltbild neu zu diskutieren und die Konsequenzen für Wirtschaft und Politik zu klären.
Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, wohin sollte es gehen?
Ich lebe gerne heute und hier, um Grundlagen für die Zukunft zu legen.
Wie alt möchten Sie werden?
Mindestens so alt, dass ich erleben darf, dass meine Kinder ihr eigenes Leben meistern und selbst gute Eltern geworden sind.
Wann werden Menschen unsterblich werden?
Trotz medizinischem Fortschritt werden die meisten von uns kaum länger als 100 Jahre in diesem Körper auf dieser Erde leben. Aber in Europa werden wir es erleben, dass die meisten rund 100 Jahre alt werden.
Welche Fähigkeit werden Ihre Enkel leider nicht mehr haben, die Sie jetzt noch haben?
Als alter OL-Läufer und Geographiestudent war ich begeisterter Kartenleser – das GPS nimmt uns dies heute schon ab.
Haben Sie mehr Angst vor Robotern oder Ausserirdischen?
Ich habe Angst vor Menschen, die Roboter als Waffen oder als Menschenersatz weiterentwickeln und einsetzen wollen.
Hier geht’s zum definitiven Interview der Zeitung:
Und hier geht es weiter mit den ursprünglichen achtzehn Fragen:
Wie sieht Ihr Job in zehn Jahren aus?
Die richtigen Veränderungen noch schneller erkennen, noch mehr Informationen beurteilen und die immer knappere Aufmerksamkeit der Menschen gewinnen, um mit ihnen über Zukunft zu reden, wird entscheidend sein. Hoffentlich werden wir dabei in der Schweiz wagemutiger die Zukunft gestalten und nicht nur ängstlich die Gegenwart verteidigen.
Welches Problem werden wir in zehn Jahren gelöst haben?
Die neuen Automotoren helfen uns, so dass der Verkehrslärm massiv zurückgehen könnte. Die mittelalterlichen Städte stanken, im 19. und 20. Jahrhundert war Kohlestaub ein Riesenproblem, die nächste Generation wird verkehrsruhige Städte erleben können. Aber dazu braucht es vielleicht auch noch 20 Jahre.
Auf welche Erfindung in der Zukunft freuen Sie sich am meisten?
Auf die Erfindung, die weltweit billiges Trinkwasser für alle ermöglichen wird.
Was sollen Ihre Kinder lernen, um für die Zukunft gerüstet zu sein?
Selber denken und Probleme lösen, sowohl mit verschiedensten Menschen als auch souverän mit Maschinen zusammenleben, die Qualität und Glaubwürdigkeit von Informationsquellen beurteilen können.
Was wird die grösste Herausforderung der kommenden Generation?
Der technische Fortschritt erlaubt uns, die Schnittstelle und Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine neu zu definieren – in Ethik, Humanwissenschaften und Religion sind wir dringend gefordert, unser Menschen- und Weltbild neu zu diskutieren und die Konsequenzen für Wirtschaft und Politik zu klären.
Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnten, wohin sollte es gehen (und warum)?
Ich würde gerne in die gute alte Zeit reisen – bloss wüsste ich nicht, in welchem Jahr diese stattgefunden hat. Spass beiseite, ich lebe gerne heute und hier, um Grundlagen für die Zukunft zu legen.
Werden Sie in 10 Jahren noch ein Handy haben?
Hier erwarte ich weitere grosse Fortschritte – Tools, die kleiner, vielseitiger, stärker meinen Bedürfnissen und meinem Körper angepasst sein werden.
Wie alt möchten Sie werden?
Mindestens so alt, dass ich erleben darf, dass meine Kinder ihr eigenes Leben meistern und selbst gute Eltern geworden sind.
Wann werden Menschen unsterblich werden?
Die grossen Religionen glauben schon seit langem an die Unsterblichkeit der Seele – aber trotz weiterem medizinischen Fortschritt werden die meisten von uns wohl kaum länger als 100 Jahre in diesem Körper auf dieser Erde leben. Aber in Europa werden wir es erleben, dass die meisten rund 100 Jahre alt werden.
Wann werden Computer intelligenter sein als wir Menschen?
Im Speichern und Abrufen von Informationen sowie im Erkennen und Zuordnen bekannter Muster sind sie das heute schon. Aber die Qualität neue Probleme zu erkennen und sinnvolle neue Lösungen zu erdenken und ethische Entscheide zu fällen sind und bleiben Kernaufgaben des Menschen.
Welche Fähigkeit werden Ihre Enkel leider nicht mehr haben, die Sie jetzt noch haben?
Als alter OL-Läufer und Geographiestudent war ich begeisterter Kartenleser – das GPS nimmt uns dies heute schon ab.
Sollen Primarschüler eine zweite Fremdsprache oder eine Programmiersprache lernen?
Ich wäre schon froh, wenn sie in der Hauptsprache ihres Wohnortes emotional und sozial kompetent wären. In der Zukunft werden wir alle drei brauchen – den kompetenten Umgang mit Menschen in der Nähe und der Ferne und mit Maschinen.
Wenn Sie mal pflegebedürftig sein sollten, würden Sie sich dann von einem Roboter pflegen lassen?
Wo liegt die Grenze zwischen einer medizintechnischen Reparatur und einer Heilung? Für mich ist der Mensch mehr als eine biologische Maschine. Auch wenn Maschinen noch viel präsenter werden als heute, ist und bleibt der Mensch ein soziales und emotionales Wesen. Für ein glückliches und sinnvolles Leben brauchen wird das Miteinander mit anderen Menschen.
Werden wir in 30 Jahren noch Fleisch von Tieren essen?
Ja, aber die Fragen nach gesundem Essen, nach Verwertung von Speiseresten und die Akzeptanz von Insekten werden unseren Alltags-Speiseplan stark beeinflussen. Wir werden stärker unterscheiden zwischen gesunder biologischer Verpflegung, die uns satt und fit macht, und gemeinsamem Essen als sozialem und kulturellem Event.
Wird die Anzahl psychisch Kranker in den nächsten zehn Jahren zunehmen?
Fortschrittsverlierer finden emotional und sozial immer weniger Möglichkeiten, um ihr Leben sinnvoll zu bewältigen und werden deshalb krank. Insbesondere Männer leiden unter dem Zerfall der traditionellen Männerbilder und Männerrollen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Haben Sie mehr Angst vor Robotern oder Ausserirdischen?
Ich glaube nicht an Ausserirdische – aber ich habe Angst vor Menschen, die Roboter als Waffen oder als Menschenersatz weiterentwickeln und einsetzen wollen.
Wann werden in der Schweiz mehr als 50 Prozent Ausländer leben?
Nie – denn dann wird es keine Ausländer mehr geben. Das Konzept des Nationalstaates stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird im 21. Jahrhundert in beide Richtungen stark strapaziert werden. Mich interessiert, was wir zukünftig unter „Heimat“, „Familie“ und „Gesellschaft“ verstehen.
Wird der Mensch in Zukunft eher besser oder schlechter sein?
Der Mensch wird immer weniger Vorwände haben, um sich hinter einem Schicksal, hinter Nichtwissen oder Falschinformationen verstecken zu können. Die Zunahme von Freiheiten, Möglichkeiten und selbst verfügbarer Zeit werden grosse Anforderungen an die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung stellen, so dass es immer schwieriger wird, ein sprichwörtlich reines Gewissen zu haben.
Wie werden die Schweizer Städte in der Zukunft aussehen? Entstehen glitzernde Wolkenkratzer und hängende Gärten? Geprägt werden die Städte der Zukunft mit grosser Wahrscheinlichkeit von älteren Menschen und von Frauen. Und es wird sich zeigen, dass die Science-Fiction Filme mit ihren kühnen Visionen nicht immer Unrecht haben.
Städte sind seit historischen Zeiten der Brennpunkt menschlichen Zusammenlebens, Wirtschaftens und Politisierens. Dabei gilt das traditionelle bildungsbürgerliche Interesse nicht nur dem Blick zurück auf die grossen Zentren der Antike wie Athen oder Rom, unser christlich-europäischer Kulturraum kennt seit rund 2000 Jahren auch die grosse Sehnsucht nach einer perfekten Zukunftsstadt. Etwa dem himmlischen Jerusalem, das im Gegensatz zu Babylon steht.
Und bereits in diesem alten symbolischen Gegensatzpaar verdeutlicht sich die Spannung zwischen Traum und Alptraum, die sich in den aktuellen Zukunftsbildern in Politik, Fachstudien, Science Fiction, Filmen und Games immer wieder abbildet.
Bereits heute leben in der Schweiz knapp drei Viertel der Bevölkerung in städtischen Gebieten. Weltweit geht die UN davon aus, dass noch in unserer Generation über 70 Prozent der Weltbevölkerung in Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern leben werden. Kein Wunder, dass also gerade die Stadt der Zukunft sowohl fantastische Visionen, wie auch schreckliche Ängste freisetzt. Sie steht als Kombination von menschgeschaffener Infrastruktur und sozialem Zusammenleben für kühne Ideen und grosse Emotionen.
Science Fiction und Zukunftsstudien als Orientierungslinien
Seien es Jules Vernes fantastische Romane aus dem 19. Jahrhundert oder die zahlreichen Science Fiction Filme aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – die Stadt der Zukunft wird als Projektionsfläche von Fortschritt verstanden. Dabei wächst sie in alle Richtungen: in die Breite, in die Höhe und in die Tiefe. Die Stadt steht für grossen, menschgewollten Fortschritt. Und mit grossem, technologischem Heilsglauben wird in Science Fiction und Future Studies optimistisch darauf vertraut, dass Fragen von Verkehr, Logistik, Energie und Sicherheit gelöst werden können. Rückblickend ist es in der Tat erstaunlich, wie viele Phänomene und technische Hilfsmittel, die unsere Väter und Grossväter noch in die ferne Zukunft projizierten, nun bereits in unserer Generation Realität geworden sind. Für unsere Kinder werden sie gar eine Selbstverständlichkeit sein. Aktuelle Schlagworte wie digitale Transformation, das Management von Megacities, die Vorstellung einer smart city oder Konzepte wie Industrie 4.0, vertical urban gardening oder urban mining stehen als Codes für diese zweckoptimistische Haltung – kühnste Träume sollen wahr werden, ermöglicht durch innovative Technologien.
Zugleich konkretisieren sich aber auch viele sogenannte «Doom Saying Szenarien», etwa sozial und kulturell bedingte Bürgerkriege innerhalb der Siedlungsräume, Verteilkämpfe um Wasser und Nahrung und neue Umweltkatastrophen. Dies zwar nicht in unseren beschaulichen Schweizer Städten, jedoch aber in asiatischen oder afrikanischen Megacities.
Auch Schweizer Städte denken über die Zukunft nach
In der Schweiz entwickeln zahlreiche Städte Szenarien und Leitbilder bis ins Jahr 2050, die sich insbesondere um die Herausforderungen Verkehr, Energie und Klimawandel bemühen. Das deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung rief für 2015 das Wissenschaftsjahr zum Thema «Zukunftsstadt» aus. Und auch der Städtetag 2016 des Schweizerischen Städteverbandes fokussiert auf die Zukunft der Stadt und geht dabei Fragen nach, wie die Stadt nicht zum menschenfressenden Moloch wird, sondern weiterhin ein lebenswerter Wohnraum bleibt. Zudem geht es darum zu diskutieren, wie digitale Transformation und künstliche Intelligenz neue Konzepte für das urbane Leben und Arbeiten ermöglichen werden oder wie Innovationen die Mobilität gestalten können.
Verschiedene Aspekte in der städtischen Entwicklung werden noch unterschätzt
Andere Fragen werden dagegen erst zögerlich thematisiert, etwa, was es bedeuten wird, dass angesichts des demografischen Wandels die Stadt der Zukunft keine Stadt der Jungen, sondern eine Stadt der Alten sein könnte. Notabene mit nicht wenigen alleinstehenden Senioren, was auch für die Organisation der Alters-Infrastruktur berücksichtigt werden muss.
Weiter muss politisch berücksichtigt werden, dass Städte als Ballungsräume von Wirtschaft und Bevölkerung politisch wichtiger werden können als ihre territorialen Nationalstaaten. Oder dass Stadtluft nicht mehr frei machen wird, weil aufgrund der wachsenden Angst vor Kriminalität und Unfällen gerade der urbane Raum ein rund um die Uhr überwachter Raum werden könnte. Hierzu tragen nicht zuletzt die grossen technischen Möglichkeiten bei. Last but not least gilt es auch zu diskutieren, wie eine «weibliche Stadt» aussehen wird, denn gerade in den urbanen Generationen Y und Z werden die jungen Frauen und Mädchen ihre männlichen Altersgenossen punkto Bildungsniveau deutlich überrunden.
Die Stadt der Zukunft ist kein zufälliges magisches Schicksal
Auch wenn der alte Traum des himmlischen Jerusalem als perfekte Zukunftsstadt ein religiöses Bild war – Stadtentwickler, Architekten und Zukunftsexperten sind keine Halbgötter, die das optimale Modell der Future City vorgeben werden. Gerade in der Schweiz ist der Gedanke der Partizipation im genetischen Code einer Stadt eingeprägt. Somit wird die Zukunft der Stadt kein vorgegebenes Schicksal, sondern eine Konsequenz von wirtschaftlichen und politischen Entscheiden und den entsprechenden Taten und Untaten der Bevölkerung sein.
Ursprünglich publiziert in: http://staedteverband.ch/cmsfiles/focus_4-16_d_1.pdf
Die Schweizer Bevölkerung schaut für das eigene private Leben auf optimistisch hohem Niveau ins neue Jahr 2016 – dies obwohl die Erwartungen an die Wirtschaft in Folge gefallen sind. Die Zufriedenheit für das private Leben ist erstaunlich hoch, trotz der unterdurchschnittlichen Zufriedenheit mit den Bereichen Politik, Wirtschaft, Umwelt und Soziales. Sind die Schweizerinnen und Schweizer derart unabhängig in ihrer persönlichen Zufriedenheit gegenüber den Veränderungen im Umfeld oder findet hier ein Rückzug ins Privatleben statt?
So ergibt die aktuelle Umfrage von swissfuture, dass für die Menschen in der Schweiz die Hoffnungen auf eine glückliche Ehe und Familie, ein harmonisches Leben und vertrauensvolle Beziehungen mit den Mitmenschen wichtiger sind als Erfolg oder mehr Geld, die Eurokrise und die wirtschaftspolitischen Debatten scheinen noch nicht im Privatleben angekommen zu sein. Insbesondere das Bedürfnis nach Harmonie ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die wachsende Hoffnung auf mehr Sicherheit im eigenen Umfeld scheint eine Reaktion auf die wachsende Terrorbedrohung zu sein. In steigendem Masse sehen die Umfrageteilnehmenden die Verantwortung für ihre Hoffnungen primär bei sich selbst und ihrem engen persönlichen Umfeld, dagegen wird in Fachleute, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter deutlich weniger Hoffnung gesetzt.
Obwohl Einwanderer in punkto Arbeitsmarkt und bezüglich Gesundheits- und Sozialsystem eher als Bedrohung empfunden werden, betrachtet trotzdem eine Mehrheit der Bevölkerung Einwanderer im Allgemeinen als einen Gewinn für die Wirtschaft. Bezüglich der kulturellen Folgen von Einwanderern gibt es eine Polarisierung in der Gesellschaft.
swissfuture, die 1970 gegründete Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, erhebt seit 2009 jährlich das Hoffnungsbarometer als grosse Internet-Umfrage. Im November haben europaweit über 30‘000 Personen an der Umfrage teilgenommen, für die Schweiz wurden 9‘496 Fragebögen ausgewertet. Das Hoffnungsbarometer wird jährlich von Dr. Andreas Krafft, Vorstand swissfuture und Dozent an der Universität St. Gallen, in Zusammenarbeit mit Professoren und Dozenten der Universitäten F-Rennes, CZ-Brno, Malta und PL- Bydgoszcz weiterentwickelt und ausgewertet. Das Hoffnungsbarometer wurde 2009 vom swissfuture Präsident Dr. Andreas M. Walker begründet.
Hier geht es zum Bericht => swissfuture Hoffnungsbarometer für 2016 – medienmitteilung CH – kurz
Die Welt dreht sich weiter – und wir sind älter geworden
Die Welt verändert sich – schon lange. Doch wir stehen plötzlich auf der anderen Seite. Wir sind nicht mehr die Jungen und Wilden, die voller Elan eine bessere Welt schaffen wollen, wir sind nicht mehr die grossen Kumpels, die älteren Geschwister, sondern plötzlich zählen wir als Eltern und Lehrpersonen zu den Alten, geboren Mitten im letzten Jahrhundert. Am ehesten merken wir das im Umgang mit Internet und Smartphones. Dabei war doch schon unsere eigene Kindheit geprägt von technischem Fortschritt: Das Telefon bekam eine Tastatur statt einer Wählscheibe. Der TV wurde farbig, bekam eine Fernbedienung und Dutzende Kanäle konnten programmiert werden. Die Schnapsmatrize wurde abgelöst vom Kopierapparat. Elektronische Spielzeuge aus Japan, der CD-Player oder der Fax runden das Bild ab. Nein, wir sind nicht die Generation unserer Grosseltern. Technischer Fortschritt hat unseren Alltag als Kinder, Jugendliche und Erwachsene seit Jahrzehnten begleitet – und wir haben ihn damals gemeistert, und haben begeistert unseren Eltern und Grosseltern die Fernbedienungen und Stereoanlagen programmiert. Und jetzt sollen wir plötzlich als Digital Immigrants altmodisch und aus dem alten Jahrtausend sein, ängstlich und unfähig, unsere Kinder im Cyber Space zu begleiten?
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