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Flugblätter eines Studentenaufstands für Michel Contat in Lausanne.
Von Denis Bussard
Lausanne, im März 1971: im Gymnasium Belvédère brodelt es. Die Leser in der Romandie verfolgen in der Presse das Feuilleton zur «Affäre Contat». Dabei geht es um einen Konflikt zwischen der Schulleitung und den Gymnasiasten bezüglich der beruflichen Zukunft von Michel Contat, der damals als Referendar Französisch unterrichtete.
Der 1938 in Bern geborene Contat stand intellektuell und als enger Freund Jean-Paul Sartre nahe. Als im Januar nach Ende der Referendarzeit Contats Anstellung nicht verlängert werden soll, wenden sich seine Schüler voller Sympathie und Bewunderung für ihren Lehrer an Direktor André Yersin und verlangen eine Erklärung. Dieser macht persönliche Gründe für den Verzicht auf die Dienste von Herrn Contat geltend. Es handle sich weder um politische noch um pädagogische Gründe oder solche des privaten Lebens von Contat. Die Gymnasiasten sind mit dieser Antwort unzufrieden und führen, empört über die Willkür dieses Entscheids, eine mehrere Tage andauernde Auseinandersetzung herbei, mit Unterrichtsboykott, Sit-ins, Kundgebungen und einer Petition. Das städtische Gymnasium wird von einer Solidaritätswelle überschwemmt und der Protest weitet sich aus durch die Unterstützung weiterer Lehrkräfte und Studierender der École normale, die sich für freie Meinungsäusserung und Reformen im Unterrichtswesen einsetzen. An der Schule werden eine Aktionsgruppe und ein autonomes Solidaritätskomitee gegründet, die mit Unterstützung von politisierten Studenten, Mitgliedern der linksradikalen Gruppierungen Spartacus bzw. Rupture, Flugblätter verteilen, die zum Aufstand aufrufen. Nebst der Wiedereinstellung Contats fordern die Gymnasiasten ein Mitspracherecht bei Beschlüssen, freie Meinungsäusserung und Versammlungsfreiheit. Sie kritisieren «die Willkür der kleinen Chefs jeglicher Art» und deren «Versuch, sich linker Professoren zu entledigen».
«Die Affäre Contat», die Ende März mit der temporären Anstellung des Lehrers ihren Abschluss findet, widerspiegelt die Spannungen in der schweizerischen Gesellschaft um 1970; die Historiker sprechen für Lausanne sogar von einem zweiten «Mai 68» für die Jahre 1971 bis 1972. Die Öffnung zum Dialog, die die Behörden 1968 an den Tag legten, hat lange angehalten aus Furcht vor einem Übergreifen der Auseinandersetzungen. Die Motive für Contats Nicht-Anstellung sind vielfältig. Zum argwöhnischen Antikommunismus, der dazu geführt hat, Persönlichkeiten der Linken wie den (zu Unrecht) der Mitgliedschaft in der trotzkistischen Partei bezichtigten Michel Contat ins Abseits zu drängen, kamen öffentlich angeführte Gründe hinzu. Die Waadtländer Behörden bringen beispielsweise formalrechtliche Argumente vor, indem sie auf den amtlichen Ernennungsverfahren für Titularlehrbeauftragte bestehen. Der Direktor hingegen macht in der Presse vor allem pädagogische Differenzen geltend, was das Lehrer-Schüler-Verhältnis betrifft. «In der Schule befiehlt der Lehrer», erklärt Yersin.
Der Vertrauensbruch zwischen dem Direktor und dem Lehrer ist übrigens seit März 1970 aktenkundig wegen einer Meinungsverschiedenheit bezüglich «disziplinarischer Lockerung», wie Yersin mit Bedauern festhält. «Ich habe eher den Eindruck, dass wir hier in der gedämpften Stille einer psychiatrischen Klinik leben», erwidert darauf jener, der in den Strassen von Paris dem Mai 68 beiwohnte und 1971 seiner Freude über die «grande journée de la commune belvédérienne» Ausdruck gab.
Dieses Ereignis besiegelte Contats Laufbahn als Lehrer – 1973 wechselte er zur Redaktion der Temps modernes in Paris.
Sit-ins für einen Lehrer (PDF, 168 kB, 04.04.2018)Der kleine Bund, Samstag 31. März 2018
Letzte Änderung 04.04.2018