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Im Schatten der kulturellen und politischen Zentren gab Otto F. Walter in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren eine Reihe von Büchern heraus, die die Schweiz wieder auf die literarische Landkarte Europas setzte. Ein grosses Verdienst, nachdem man sich in den Jahren zuvor, angetrieben durch die «geistige Landesverteidigung», in eine mehr oder weniger starke kulturelle Isolation begeben und aus dem In- und Ausland nur die sogenannten Klassiker der Literatur hat gelten lassen. Damit machte Walter das kleine, katholische Städtchen Olten zu einem Zentrum für «zeitgenössische Literatur deutscher Sprache ausserhalb Deutschlands», wie Rolf Michaelis Anfang 1967 in der FAZ formulierte. In Zürich bezichtigte derweil der angesehene Literaturprofessor Emil Staiger in seiner Rede «Literatur und Öffentlichkeit» die zeitgenössischen Dichter, «im Scheusslichen und Gemeinen zu wühlen» und «Übel» zu verbreiten.
Der Walter-Verlag
Otto Walter, der Vater von Otto F., gründete 1916 den Walter-Verlag, der rasch zu einem führenden Verlagshaus für Zeitschriften und Bücher dezidiert katholischer Prägung wurde. Diese Ausrichtung behielt der Verlag auch in den folgenden Jahrzehnten bei und verstand sich noch 1946 als «Bollwerk katholischer Kulturgestaltung». 1950, mehr als fünf Jahre nach dem Tod seines Vaters, trat Otto F. in den Verlag ein – ganz unten. Innert wenigen Jahren arbeitete er sich vom Lageristen bis zum Leiter der literarischen Abteilung hoch. Zwischen 1956 und 1966 dann erfuhr diese Abteilung unter ihm eine Neuausrichtung und wurde zu einem Aushängeschild des unterdessen beachtlich gewachsenen Verlags, der über mehr als 400 Mitarbeiter und eine Zweigniederlassung in Freiburg i.Br. verfügte. Vor allem der Verwaltungsrat, in dem auch Altbundesrat Philipp Etter – 1938 der Verfasser der bundesrätlichen Botschaft zur «geistigen Landesverteidigung» – und einige Verwandte Walters Einsitz hatten, blieb der katholisch-konservativen Linie des Verlags treu und stand Otto F. Walters Arbeit stets kritisch gegenüber. Walter aber gelang es in kurzer Zeit, viele wichtige (hauptsächlich jüngere) Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und dem nahen Ausland für den Walter-Verlag zu gewinnen. Dazu gehörten Alfred Andersch, Hans Carl Artmann, Konrad Bayer, Peter Bichsel, Helmut Heissenbüttel, Ludwig Hohl, Ernst Jandl, Alexander Kluge, Jörg Steiner, Gabriele Wohmann oder Wolfgang Weyrauch. Otto F. Walter legte Alfred Döblin neu auf, ins Deutsche übersetzt und verlegt wurden Werke von Sherwood Anderson, Jean Cayrol (ein Roman in der Übersetzung von Paul Celan), Henri Michaux, Stéphane Mallarmé, Edgar Allan Poe (in der Übersetzung von Arno Schmidt und Hans Wollschläger), Francis Ponge oder Elio Vittorini.
Zusammen mit Helmut Heissenbüttel gab Walter von 1964 bis 1966 die sogenannten Walter-Drucke heraus, zweifelsohne die exklusive Spitze der literarischen Abteilung des Verlags. Für Walter selbst war diese avantgardistische Buchreihe nichts weniger als «das schwierigste und […] kühnste verlegerische Unternehmen seit […] 1950»1. Die hier versammelten Texte, ausnahmslos Erstpublikationen beziehungsweise Erstübersetzungen, dokumentieren alle Spielarten der Literatur, die in den zwölf Walter-Drucken präsente Vielfalt an Textsorten und Schreibverfahren ist beachtlich und in dieser Dichte vielleicht einzigartig. Otto F. Walters Literaturprogramm, dafür stehen die genannten Namen, war konsequent dem literarisch Neuen verpflichtet. Heissenbüttel, einer der wichtigsten Weggefährten Walters in der Oltener Zeit, war Mitte der Sechzigerjahre überzeugt, dass ein derart «scharf prononciertes» Programm in…