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SUSAN MORRIS Self Moderation
11 September 2016 – 20 November 2016
Susan Morris
Self Moderation
11.09.2016-20.11.2016
Susan Morris (*1962, GB) untergräbt traditionelle Auffassungen des Selbstportraits, indem sie die Darstellung der äusseren Erscheinung durch das Aufzeichnen von Spuren alltäglicher Aktivität und selbstständigen Bewegungen des Körpers ersetzt. Auf Jahresplanern markierte sie Ereignisse wie Weinanfälle, schlaflose Nächte oder ihre An- und Abwesenheit im Atelier. Anhand dieser Daten realisierte sie anschliessend abstrakte Siebdrucke. Ihr Interesse an der offensichtlichen Nutzlosigkeit des Einfangens von unbewusstem Verhalten, sowie die Absicht, den künstlerischen Ausdruck auf ein absolutes Minimum einzugrenzen, brachten sie dazu, die Zeichnungsserie Plumb Line Drawings mithilfe eines Senklots zu realisieren. Die Verwendung von digitalen Aufzeichnungsgeräten, die ihre Körperfunktionen speichern können, veranlasste sie zu einer Serie von Inkjet-Prints und stellt eine signifikante Weiterentwicklung ihres Schaffens dar. Diese besteht beispielsweise darin, dass noch während des Zeichnungsprozesses mit dem Senklot Sensoren an verschiedenen Punkten ihres Körpers angebracht waren, wodurch alle ihre Bewegungen aufgezeichnet wurden. Daraus ging die Werkgruppe Motion-Capture Drawings hervor. Neue Arbeiten zeigen gewobene, grossformatige Wandteppiche, die SerieSunDial:NightWatch, welche sich auf die digitalen Aufzeichnungen ihrer Schlaf- und Wachphasen – bestimmt durch Uhren, Kalender und künstliches Licht – beziehen. Jedes Werk der Serie Concordances zeigt eine alphabetisch geordnete Verbliste. Die Arbeit basiert auf während zehn Jahren gesammelten Ausschnitten aus Zeitungsreportagen und steht sinnbildlich für das Gefühl, in einem sozial konstruierten Netzwerk gefangen zu sein.
Susan Morris realisiert mit der Präsentation im Kunsthaus CentrePasquArt ihre bisher umfangreichste Ausstellung. Im Zentrum ihrer Werke liegt die Untersuchung von Subjektivität, welche ins Verhältnis zu Zähl- und Tracking-Technologien der Datensammlung, zur Massenüberwachung und zu Kommunikationssystemen gesetzt wird. Morris eignet sich die Verfahrensweisen des Aufzeichnens und Samplings an, um Zeichnungen und Grafiken entstehen zu lassen, die ihr „Selbst“ wiedergeben, das aus äusseren und inneren Impulsen hervorgeht, über die sie wenig Kontrolle hat.
Die traditionelle Auffassung des Selbstportraits als Repräsentation der äusseren Erscheinung einer Person wird in Morris’ Werk durch Aufzeichnungen ersetzt, die die unbewussten Bewegungen ihres Körpers, ihr alltägliches, gewohntes Verhalten und ihre Aktivität erfassen. Aus diesen zur Unvollständigkeit verdammten Versuchen gehen visuelle Aufnahmen hervor, welche sich der bewussten Absicht entziehen. Diese Aufnahmen resultieren in einer Form von unvorhergesehenen Zeichnungen oder „verschobenen“ Selbstportraits. Morris hat beispielsweise Jahresplaner verwendet, um darin Gegebenheiten ihres Lebens wie Menstruationszyklen, Ausgabeverhalten, ihre Anwesenheit im Atelier oder die Häufigkeit, mit der sie in Tränen aufgelöst ist, einzutragen. Die Ereignisse im Kalender wurden in farblich kodierte, grafische Diagramme übersetzt. Die Bilder scheinen eine Antithese zu einem expressiven Konzept von Kunst zu sein, suggerieren aber dennoch etwas wie ein verstecktes Signal, das in subtilen Nuancen physische und mentale Gefühle andeutet. Die Werkgruppe Year Planners, 2006 hat sich im dreiteiligen Projekt Individual Observation Project, 2006 fortgesetzt, welches sich während zehn Jahren entwickelte. Die numerischen Messungen darin basieren auf Körper und Umfeld der Künstlerin – die Gewicht, Stimmung, lokales Tageslicht oder Ebbe und Flut berücksichtigen – und geben schwankende Körperwerte in einem variierenden Klima wieder.
Obschon die Versuche unbewusste Bewegungen einzufangen zwecklos sind, hat Morris ihre Arbeit mit den Plumbline Drawings, 2009 fortgesetzt. Sie realisierte mittels Senklot ein Muster von vertikalen Linien, die sich über ein grosses Blatt Papier ziehen – ein Prozess über den die Künstlerin nur beschränkte Kontrolle hat. Eine bedeutende Weiterentwicklung hin zu digitalen Aufnahmesystemen führte zur Serie Motion Capture Drawings, 2012. Dafür waren an verschiedenen Punkten ihres Körpers Sensoren befestigt, die ihre ausführenden, repetitiven Bewegungen erfassten, welche zwischen dem Zupfen an den Senkloten stattfanden. Diese Aktivität wurde als Datei gespeichert, in Linien transkodiert und wie eine Fotografie auf Archiv-Inkjet-Papier gedruckt. Das Netz aus feinen weissen Linien bildete sich als Negativ heraus, da nur der schwarze Hintergrund gedruckt wurde. Die Zusammenstellung der drei Werke Motion Capture Drawings, 2012, zeigt die Bewegungen von Susan Morris von vorne, von der Seite und von oben, so als ob ihr Körper Schlagschatten werfen würde. Die Verwendung von digitalen Aufnahmegeräten, um Muster und Grafiken entstehen zu lassen, die unmittelbar vom Körper abgeleitet werden, wird in der Serie Actigraph, 2009 untersucht. Knallbunte Archiv-Inkjet-Prints wurden ausgehend von Daten generiert, die mit einer Actiwatch, die die Künstlerin am Handgelenk trug, aufgenommen wurden. Es handelt sich dabei um ein Gerät, das von Chronobiologen benutzt wird, um Schlafstörungen aufzuzeichnen. Die oszillierenden Farbstreifen zeigen über die Zeit Phasen des „Seins“ und des „Dahinschwindens“. Morris bemerkt dazu: „Die hellen Farben zeigen die Momente meiner Aktivität in der Welt und die dunklen Bereiche (die Schatten) diejenigen, in denen ich ausserhalb von ihr bin, wenn ich schlafe und wahrscheinlich träume.“
Die Serie SunDial:NightWatch, 2011, 2014, 2015, 2016, besteht aus grossformatigen Jacquard-Wandteppichen und Inkjet-Prints. Sie basieren ebenfalls auf den Actiwatch-Aufnahmen. Viele dieser Daten, welche Morris’ wechselhaften Schlaf- und Wachphasen und die Zeit wiedergeben, die sie im Licht verbrachte, sind während langen Perioden von bis zu fünf Jahren entstanden.
Der Jacquard-Webstuhl wird in dieser Serie zu einem Gerät, der automatische Zeichnungen herstellt, indem Daten im Minutentakt direkt in farbige Fäden übersetzt werden. Die Wandteppiche erinnern erstaunlicherweise an Aspekte der natürlichen Welt: Momente von geringer Aktivität, in der Nacht aufgenommen, werden in der Mitte des Wandteppichs dargestellt und suggerieren einen Nachthimmel, einen dunklen Fluss oder eine Schlucht inmitten einer Landschaft. Einerseits konsequent schematisch gehalten, andererseits geprägt von Intimität, vermitteln die Wandteppiche kodierte Informationen von spezifischen Ereignissen und Verhaltensmerkmalen. Die riesigen Inkjet-Prints Expenditure, 2016 knüpfen hier an. Hunderte von Quittungen, die über die Zeitdauer von einem Jahr gesammelt und chronologisch geordnet wurden, sind im Raum in Spalten eingeteilt und scheinen wie Regen die vier Meter hohen Ausstellungswände runterzufallen.
Susan Morris’ Interesse an den Systemen, die die Menschen prägen, wie Kalender, Uhrzeit, Aufzeichnungen der Körperbewegungen oder Ausgabenkontrollen, ist ebenso in weiteren Werkgruppen ersichtlich, die untersuchen, wie Sprache unser Denken beeinflusst. Dabei liegt der Fokus besonders auf den von den Medien verwendeten Ausdrücken und Klischees. Um diese Systeme zu untergraben, imitiert Morris sie. Für die frühere Arbeit The Crystal Ship, 2003, schrieb Susan Morris wiederholend einen Satz eines Songs von The Doors nieder, an den sie sich nur lückenhaft erinnerte. Zudem war die Künstlerin während des Schreibprozesses zunehmend berauscht. Das Experiment des Ausführens von selbstauferlegten Anweisungen verweist auf das Interesse der Surrealisten am Automatischen Zeichnen unter Einfluss von Drogen. In neuen Arbeiten wie Landscape: Fugue, 2016 hat Morris die oszillierende Natur der Selbstfindungspraxis, im Besonderen den Erinnerungsverlust thematisiert. Die Art, wie Sprache uns prägt, sowohl als Individuum wie auch als Kollektiv, ist in der Arbeit Concordances, 2006, 2011, 2016, untersucht. Sie stellt Verblisten dar, die aus Zeitungsreportagen während den statistisch erfassten glücklichsten und unglücklichsten Tagen des Jahres zusammengestellt wurden.
Kuratorin der Ausstellung: Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus PasquArt, Biel