Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03441.jsonl.gz/206

Der Medizinprofessor Mihai Netea wird als Vater der «trained immunity» bezeichnet. Zusammen mit seinem Team hat er herausgefunden, dass sich die angeborene Immunabwehr «trainieren» lässt. Nun versuchen Forscher weltweit, diese Fähigkeit im Hinblick auf Covid-19 und künftige Pandemien zu nützen.
Herr Professor Netea, Sie sind an Studien beteiligt, bei denen man versucht hat, mit der Impfung gegen Tuberkulose (BCG-Impfung) einen Schutz vor Covid-19 zu erzielen. Was kam bisher dabei heraus?
Bis jetzt sind fünf dieser Studien veröffentlicht worden. Bei allen wurden die Teilnehmer bevor es die Covid-Impfstoffe gab per Los in eine von zwei Gruppen eingeteilt und dann entweder gegen Tuberkulose oder mit Placebo geimpft. Die Tuberkulose-Impfung hat keinen Einfluss auf die Empfänglichkeit für eine Infektion mit Sars-CoV-2. Sie könnte aber die Gesamtsterblichkeit an Covid-19 reduzieren: Wenn man alle fünf Studien zusammen betrachtet, sank das relative Risiko für eine tödliche Sars-CoV-2-Infektion bei den Personen, die gegen Tuberkulose geimpft wurden, um etwa 40 Prozent. Ich möchte aber betonen, dass dies eine sehr vorläufige Schätzung ist, weil die Ergebnisse weiterer Studien noch ausstehen. Von den etwa 4’800 Personen in jeder Gruppe starben 25, die gegen Tuberkulose geimpft wurden, und 42, die Placebo erhalten hatten.
Angenommen, die Resultate bestätigen sich: Wieso sollte eine Impfung gegen Tuberkulose eine schwere Covid-Erkrankung verhindern?
Schon Anfang der 1930er-Jahre wunderte sich der schwedische Arzt Carl Naeslund, warum Kinder, die gegen Tuberkulose geimpft worden waren, auch seltener an anderen Erkrankungen starben. Er vermutete, dass die Tuberkulose-Impfung vielleicht eine «nicht-spezifische» Immunität verleihen kann, die die Kinder schützte. Inzwischen ist es gut belegt, dass die BCG-Impfung tatsächlich zu einem breiteren «nicht-spezifischen» Schutz gegenüber Infektionen verhelfen kann. Wenn man afrikanische Neugeborene mit niedrigem Geburtsgewicht zum Beispiel gegen Tuberkulose impft, sterben in den ersten Lebenswochen ein Drittel weniger.
Zur Person
Der mehrfach ausgezeichnete Infektiologe und Immunologe Professor Dr. Mihai Netea hat massgeblich zur Entdeckung der «trained immunity» beigetragen. Er leitet die Abteilung für experimentelle Medizin in der Abteilung für Innere Medizin am Medizinischen Zentrum der niederländischen Radboud Universität Nijmegen. Netea ist unter anderem Mitglied der niederländischen königlichen Akademie der Künste und Wissenschaften und der Academia europaea. Neben seiner universitären Tätigkeit leitet er das wissenschaftliche Beratungsgremium der Firma «Trained Therapeutix Discovery», die er mit-gegründet hat, und hat unter anderem Forschungsgelder von GlaxoSmithKline und Ono Pharma erhalten. Ursprünglich stammt der Forscher aus Rumänien, wo er Medizin studierte. Zusammen mit den dänischen Wissenschaftlern Peter Aaby und Christine Stabell Benn veröffentlichte Mihai Netea kürzlich im Fachblatt «Lancet Infectious Diseases» einen Artikel zu den nicht-spezifischen Effekten von Impfstoffen gegen Covid-19.
Also schützt diese Impfung offenbar auch vor schweren Folgen anderer Krankheiten, gegen die sie gar nicht gedacht war. Gilt das für andere Impfungen ebenfalls?
Ja. Nach der Masernimpfung und der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung – beides sind sogenannte Lebendimpfungen – wurden ähnliche, positive Effekte beobachtet. In manchen der aktuellen Covid-Studien werden darum jetzt die nicht-spezifischen Wirkungen der Masernimpfung oder der Schluckimpfung gegen Kinderlähmung untersucht. Es gibt auch Hinweise, dass die Grippeimpfung und die Impfung gegen Gürtelrose einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen von Covid-19 bieten könnten. Aber da braucht es noch sogenannte randomisierte Studien, um das zu bestätigen.
An den Studien mit der Tuberkulose-Impfung nahmen auch manche Personen teil, die bereits früher einmal gegen Tuberkulose geimpft wurden. Wirkt sich das auf die «nicht-spezifische» Wirkung aus?
Vermutlich hat die Tuberkulose-Impfung bessere nicht-spezifische Wirkungen, wenn man in der Vergangenheit schon gegen Tuberkulose geimpft wurde. In mehreren Ländern schien es, als würden Personen mit mehreren vorangegangenen Tuberkuloseimpfungen seltener schwer an Covid-19 erkranken. Um das zu belegen, braucht es jedoch ebenfalls noch sogenannte randomisierte Studien.
Wäre denn beispielsweise die BCG-Impfung eine Ausweichmöglichkeit für diejenigen Personen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht zu einer weiteren Boosterdosis entschliessen können?
Nein. Wenn Sie eine Impfung haben, die spezifisch gegen Covid-19 wirkt, dann schützt Sie das besser vor dieser Erkrankung als eine Impfung, die im besten Fall nicht-spezifisch gegen Covid-19 wirkt. Mit den nicht-spezifischen Effekten erzielt man im Durchschnitt vielleicht einen Schutz von 30 bis 50 Prozent vor schwerer Erkrankung.
Warum machen Sie diese Studien mit dem Tuberkulose-Impfstoff?
Das hat mehrere Gründe. Erstens kann wieder eine Pandemie kommen. Dann ist es vielleicht auch in westlichen Ländern nicht so schnell möglich wie jetzt bei Corona, einen spezifischen Impfstoff zu entwickeln. In so einem Fall könnte eine Lebendimpfung wie die Tuberkulose-Vakzine vielleicht zum Überbrücken dienen, bis der passende Impfstoff da ist, und so zumindest teilweise grosses Leid wegen des Verlusts von Menschenleben und wirtschaftlicher Härten verhindern. Zweitens interessiert uns, wodurch das angeborene Immunsystem trainiert oder gebremst wird. Dieses Wissen könnte im Hinblick auf Herzinfarkte, Schlaganfälle, Autoimmunerkrankungen, Blutvergiftung (Sepsis) oder Krebsbehandlungen nützen. In der Humanmedizin wird die Tuberkuloseimpfung bereits gegen bestimmte Tumore eingesetzt.
Weshalb?
Man hat gesehen, dass diese Impfung in bestimmten Fällen bei Blasenkrebs, schwarzem Hautkrebs, Leukämie oder Lymphdrüsenkrebs helfen kann. Sie kann anti-tumorale Effekte haben, weil sie die Immunabwehr gegen den Krebs in manchen Fällen verbessert.
Wie kommen die nicht-spezifischen Wirkungen zustande?
Stellen Sie sich ein Buch vor, in dem genau steht, was der Körper bei einer Infektion tun muss. Wenn das angeborene Immunsystem «trainiert» wurde, ist das, als würde man Lesezeichen in das Buch einlegen. So findet man bei der nächsten Infektion gerade die richtige Stelle, wo Sie mit dem Lesen beginnen müssen. Unter anderem wird beispielsweise die Produktion des Abwehrstoffs Interferon γ erhöht. Aber es scheint auch sogenannte epigenetische Effekte zu geben, die sich noch in der nächsten Generation bemerkbar machen.
Entgegen der früheren Lehrmeinung haben Sie auch generationen-übergreifende, nicht-spezifische Impfwirkungen festgestellt.
Ja. Es kann für Babys hilfreich sein, wenn ihre Mutter früher gegen Tuberkulose geimpft wurde. In Dänemark zum Beispiel hat eine Studie gezeigt, dass die Tuberkulose-Impfung bei Kindern im ersten Lebensjahr zu 35 Prozent weniger Hospitalisationen wegen Infekten führte – aber nur, wenn ihre Mutter bereits früher gegen Tuberkulose geimpft worden war.
Lebend- und Nicht-Lebendimpfstoffe
Lebendimpfstoffe enthalten lebende Krankheitserreger in stark abgeschwächter Form. Bei vielen Lebendimpfstoffen wurden positive, nicht-spezifische Effekte gefunden. Zu den Lebendimpfstoffen zählt beispielsweise der Masernimpfstoff, die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, die Impfung gegen Tuberkulose und der ältere der beiden zugelassenen Impfstoffe gegen Gürtelrose.
Lebendimpfstoffe verursachen im Allgemeinen mehr Nebenwirkungen als Nicht-Lebendimpfstoffe. Sie dürfen Menschen mit geschwächtem Immunsystem nicht verabreicht werden. Im Fall der Impfung gegen Kinderlähmung führen sie sehr selten zur Kinderlähmung oder zur Virenausscheidung im Stuhlgang. Nach der Lebendimpfung gegen Masern kommt es selten zu «Impfmasern».
Die Nicht-Lebendimpfstoffe (oft auch Totimpfstoffe genannt) enthalten abgetötete Erreger oder Teile davon. Die meisten Impfstoffe heutzutage sind Nicht-Lebendimpfstoffe. Dazu zählen die Impfungen gegen Wundstarrkrampf, Diphtherie, Hepatitis B, Hämophilus influenzae Typ B sowie der neuere der beiden zugelassenen Impfstoffe gegen Gürtelrose. Nicht-Lebendimpfstoffe sind weniger aufwändig in der Herstellung als Lebendimpfstoffe.
➞ Teil 2 des Interviews hier klicken.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.