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Die heutige Meditation nimmt das 4. Kapitel in den Blick: Es ist eine Zusammenstellung von Gleichnissen, von denen wir das letzte genauer anschauen:
30 Jesus sprach: Wie sollen wir das Reich Gottes abbilden? In welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird. 32 Ist es gesät, geht es auf und wird grösser als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können. 33 Und in vielen solchen Gleichnissen sagte er ihnen das Wort, so wie sie es zu hören vermochten. 34 Anders als im Gleichnis redete er nicht zu ihnen; war er aber mit seinen Jüngern allein, löste er ihnen alles auf
Gleichnisse sind eine der Lieblingsformen der Rede Jesu. Es sind kurze Alltagsgeschichten, anhand derer er das Wesen der Gottesherrschaft, seines eigenen Wirkens und seines Auftrags zu verdeutlichen versucht. Diese Geschichten sind für alle Hörer*innen verständlich, denn sie erzählen von Dingen und Ereignissen, die allen bekannt sind: säen und ernten, suchen und finden, schulden und vergeben, lieben, verlieren und sich wiederfinden. Gerade weil die Gleichnisse so grundsätzliche Lebensvollzüge ansprechen, sind sie so gut verständlich für jedermann. Und dazu kommt: Sie erzählen von Erfahrungen, die alle kennen, sie lassen also Saiten in der Seele anklingen, die zwar allgemeingültig sind (wer kennt die Liebe nicht?), trotzdem aber sehr persönlich (jede*r liebt auf seine ganz eigene Weise). Und so wird das Reich Gottes verbunden mit existentiellen Erfahrungen und dringt ganz tief und elementar in die Seele ein. Das Reich Gottes ist keine theologische Theorie oder ein Konzept, es ist eine Erfahrung. Auch in der Sprachform des Gleichnisses zeigt sich die Dynamik des Reiches Gottes: Es zwingt sich den Menschen nicht auf, es ist keine logische Erklärung, aber es berührt den Menschen individuell und bewegt ihn. Wer könnte sich der vergebenden Liebe des Vaters entziehen, der den Sohn wieder aufnimmt? In der seelischen Bewegung des Gleichnisses ereignet sich die Dynamik des Reiches Gottes.
Das Gleichnis vom Senfkorn nimmt die elementare Erfahrung vom Potenzial des Kleinen auf: Vieles von dem, was unscheinbar und unwichtig erscheint, hat das Potenzial, gross und gewichtig zu werden. Wie das Senfkorn, das sehr klein ist, wenn es gesät wird, aber doch zu einer Pflanze wird, die so gross ist, dass sogar die Vögel darin nisten. Was gross ist für Gott, wirkt für uns Menschen oft unscheinbar. Das Reich Gottes, das an einem einsamen und kleinen Ort in der Welt seinen Anfang nahm, wird eines Tages alle Menschen und alle Völker zusammenführen.
Damit ist nicht gemeint, das alles Kleine und Unscheinbare eines Tages grösser und besser als alles andere wird. Damit wäre nichts gewonnen: Statt des einen ist nun einfach das andere mächtig. Vielmehr geht es darum, auf das messende Beurteilen und Abwägen zu verzichten und darauf zu vertrauen, dass Gottes Massstäbe ganz anders sind als die unseren. Gott macht zu seinem Werkzeug, was er will und was er brauchen kann. Er lässt sich nicht durch Grösse oder Macht einschüchtern, sondern führt sein Vorhaben aus, wie er es will. Wenn er eine neue Welt verspricht, dann wird es dieses Versprechen einhalten, auch wenn es zur Zeit Jesu in keiner Weise so aussieht, als ob diese Welt nächstens kommen werde.
Es ist ja auch heute nicht so, als wären wir dieser neuen Welt grosse Schritte näher gekommen. Die Kirche und die Glaubenden müssen sich immer wieder dagegen verteidigen, dass Gott nicht sichtbar ist in dieser Welt, dass im Gegenteil all das Elend beweist, dass es Gott gar nicht gibt — oder dass ihm unser Geschick egal ist. Weltlich stimmt das: Gott lässt sich nicht beweisen, vieles spricht gegen ihn. Aber da sind diese Körner, die ein Potenzial haben, das ganze Weltgeschehen auf den Kopf zu stellen. Die vertrauensvolle Liebe eines Paares, das gegen alle Widerstände zueinander steht, ist die Urenergie allen guten Lebens. Vergebung nach einem wüsten Streit und der gemeinsame Wunsch, die Zukunft besser zu gestalten, sind die Überwindung von allen Kriegen. Rücksicht auf die Schwachen der Gesellschaft und die Schuldigen, die sich jeglichen Kredit verspielt haben, ist die soziale Konkordanz, die die politischen Parteien nie erreichen werden. Hier liegt die Dynamik des Reiches Gottes, und wenn du bei den Beispielen eben innerlich genickt hast, weil auch du die alles überwindende Energie der Liebe kennst, dann hat das Reich Gottes durch das Gleichnis des Senfkorns an dir gearbeitet.
Die nächste Erzählung nach diesem Gleichnis ist die Stillung des Seesturms:
35 Und Jesus sagt zu ihnen am Abend dieses Tages: Lasst uns ans andere Ufer fahren. 36 Und sie liessen das Volk gehen und nahmen ihn, wie er war, im Boot mit. Auch andere Boote waren bei ihm. 37 Da erhob sich ein heftiger Sturmwind, und die Wellen schlugen ins Boot, und das Boot hatte sich schon mit Wasser gefüllt. 38 Er aber lag schlafend hinten im Boot auf dem Kissen. Und sie wecken ihn und sagen zu ihm: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen? 39 Da stand er auf, schrie den Wind an und sprach zum See: Schweig, verstumme! Und der Wind legte sich, und es trat eine grosse Windstille ein. 40 Und er sagte zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Und sie gerieten in grosse Furcht, und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm selbst Wind und Wellen gehorchen?
Wer Jesus wegen seiner Gleichnisse als Träumer oder Fantasten oder Schönredner zu entlarven meinte, wird eines besseren belehrt: Das kleine, leise, unaufdringliche Wort Jesu, das jederzeit niedergeschrien werden kann (und bald auch — scheinbar — für immer verstummt wird), wird zum Machtwort, das einen wütenden Sturm zum Schweigen zwingt. Eine klarere Illustration der Dynamik des Reiches Gottes hätte Jesus gar nicht geben können.
Vielleicht machst du dich auf und suchst die Zeichen und Samenkörner, die Jesus überall und in jedes Leben streut. Ich bin gewiss, dass auch du solche Körner kennst und erlebt hast — und auch, wie aus Körnern grosse Bäume werden, tief verwurzelt in der Liebe Gottes, mit breiten, einladenden Ästen und Früchten, von denen viele andere sich ernähren. Und wenn jetzt, wo alles anders ist, deine Hoffnung und dein Glauben klein und unscheinbar geworden sind, weil dich die Ungewissheit und das zahlreichen Sterben so mitnehmen, dann betrübe dich nicht: Auch kleine Hoffnung und geringer Glaube trägt die Verheissung des ganzen, grossen und umwälzenden Rei-ches Gottes in sich.