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Man stelle sich vor, man gehe im Ausland in ein Kunstmuseum über die letzten 100 Jahre der Schweiz mit dem Titel „Die Demokratie ist tot, es lebe die Demokratie“, und alles was man zu Gesicht bekäme, wären Abstimmungsplakate aus der Schwarzenbach-Ära, Fotos von Verdingkindern, abgewiesenen Juden an der Grenze, Polnische Landarbeiter, Jenische im Elend, Gastarbeiter in den 60ern und dort noch ein H.R. Giger, vielleicht noch einen Klee oder einen Giacometti.
Der Überblick über die Ausstellung sähe in etwa so aus:
Man fühlte sich sicherlich sehr befremdet, denn die Schweiz war und ist viel mehr als das, auch wenn es schwarze Flecken in unserer Geschichte und Gesellschaft gibt. Es gäbe bestimmt auch Interventionen von Pro Helvetia oder sogar vom EDA.
Meine russische Freundin und ich fühlten uns in der Ausstellung „Die Revolution ist tot, es lebe die Revolution“ im Kunstmuseum Bern negativ überrascht und beelendet. Was war falsch an der Ausstellung?
- Die Gewichtung: Malewitsch wurde nicht nur nicht erklärt, sondern durfte sage und schreibe drei einfache Gemälde beisteuern. Dagegen hingen von einem gewissen Boris Mikhailov, geschätzte 60-80 Fotografien, verteilt auf mehreren Dutzend Quadratmetern.
Über Mikhailov sollte noch gesagt werden, dass der in der Ukraine (vor Sowjetzeiten) geborene und heute in Berlin lebende Fotograf in der Sowjetunion keine Ausstellungen machen konnte. Wenn man seinen Bilder anschaut, kann man seine Wut spüren. Diese sollte aber nicht die Hälfte aller ausgestellten Bilder ausmachen.
Siehe hier eine Serie. Hier eine zweite ausgestellte Serie. Und hier eine Dritte:
- Out-of-Focus: Als Besucher verstehe ich nicht, wieso man deutsche Künstler und polnische Themen aufnimmt, wenn es um die russische Revolution gehen sollte. In Deutschland gab es keine Revolution. Wo sind die Kubaner? Was ist mit Vietnam? Die Auswahl scheint mir sehr willkürlich. Deutsche Künstler machen ein gefühltes Drittel der Ausstellung aus.
- Der Unterton: Die Ausstellung sagte uns: Schaut her, die Plakate versprachen den schönen Sieg des Sozialismus, aber bekommen haben die Russen nur Dreck, Alkohol, Armut, Kälte, Alter und Elend. Ich gebe gerne und ohne Probleme zu, dass der Kommunismus auch eine hässliche Fratze hatte, aber mit Sicherheit war für die meisten Leute das Leben nicht annähernd so schrecklich, wie es auf den Fotos dargestellt wurde.
- Es geht besser: Die permanente Ausstellung im Erarta Museum zum Beispiel zeigt durchaus zahlreiche Werke aus der Sowjetära, die sich kritisch und/oder satirisch mit dem Alltag und der Politik damals auseinandersetzen. Selbst staatliche Museen zeigten und zeigen solche Ausstellungen, z.B. 2016 das staatl. russische Museum in St. Petersburg. Auch empfanden wir die Ausstellung zur chinesischen Kunst letztes Jahr als sensibler und respektvoller. Es geht hier also nicht um ein Museumsbashing.
Fazit: Die Ausstellung empfanden wir respektlos gegenüber 100 Jahren Russlands und der Sowjetunion aufgrund der Gewichtung einzelner Künstler, die (Bei-)Mischung von ausländischen Künstlern und der unserer Meinung recht kontextlosen und willkürlichen Auswahl (evtl. wurden gewisse Bilder nur wegen der einfachen Verfügbarkeit ausgewählt?). Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die typische Westpropaganda zementiert werden will. Wir dachten eigentlich, die Zeiten seien vorbei, insbesondere in der Kunstszene. Dass meine Freundin weinend und wütend die Ausstellung verliess, kann ich sehr gut nachvollziehen. Sie hat in dieser Ausstellung nichts von der Sowjetunion gesehen, in der sie aufwuchs.