Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03521.jsonl.gz/1301

Der Setzer vergass es, die Korrektoren merkten
nichts, und die Todesanzeige wurde mit den Namen aller Verwandten
so gedruckt. Der Arbeitgeber setzte den Setzer an die frische Luft.
Nun, die Pressefreiheit besteht ja in erster Linie darin, Lügen
zu drucken, ohne dazu gezwungen zu sein. Deshalb kommen nach den
Horoskopen gleich die Heiratsanzeigen. Sie sind ein Füllhorn
an Bescheidenheit und eine Quelle für Märchenliebhaber.
Dabei waren es nicht die Gebrüder Grimm, welche die erste Selbstanzeige
formulierten: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die
Schönste im ganzen Land?» 100 Jahre vor den Grimms, nämlich
am 19. Juli 1695, erschien die erste Heiratsannonce in einem englischen
Wochenblatt. In diesem Inserat suchte «ein Herr von etwa 30
Jahren mit ansehnlichem Besitz für die Ehe eine junge Dame
mit einem Vermögen von ca. 3.000 Pfund». Ein anderer
hatte etwa die gleiche präzise Vorstellung, als er schrieb:
«Suche Frau. Wochentags zum Arbeiten, Wochenende zum Vergnügen».
Vergnügen bereitet es auf jeden Fall, die heutigen Annoncen
zu lesen. Die NZZ etwa vom 19. Juni 2004 hat wie meist am Wochenende
die schönsten Formulierungen parat. Ein paar Kostproben: «Faltenfreies
Herz sucht Pendant, um den weiteren Lebensweg gemeinsam zu gehen».
Und weiter sagt das Herz über sich: «Ich schlage im Körper
einer Fünfzigjährigen …», dabei lässt
es offen, ob es geliftet ist oder sich selbst entfaltet hat. Da
verblasst die «feinfühlige Stierfrau», die «zierliche
Erscheinung auf der Suche nach Schmetterlingen» genau so wie
die geistig und körperlich Bewegliche, die es über die
Nase probiert: «Wir sollten uns beschnuppern», schlägt
sie vor. In der gleichen Ausgabe sucht eine «vorzeigbaren
Witwe» einen Herr bis 80 Jahre alt, leichte Behinderung kein
Hindernis. Übrigens möchte das faltenfreie Herz, dass
«wir uns in die Arme nehmen und die Nähe auskosten».
Dienlich wäre auf jeden Fall eine Zeichnung mit Gebrauchsanweisung.
Diese Anzeigen sind zweifellos von höherem literarischem Stellenwert
als die Kürzestformulierung: «Einsamer sucht Einsame
zum Einsamen». Keine Füllwörter, kein Schmus, keine
Romantik. Wäre die heutige Kontaktsuche in der Disko das Mass
für die Inserate, das Lesen lohnte sich nicht mehr. «Glaubst
Du an die Liebe auf den ersten Blick oder soll ich noch mal vorbeigehen?»
ist nur ein Beispiel heutiger SMS-tauglicher Kurzvarianten, die
für Annoncen untauglich bleiben.
Auch seriöse Heiratsanzeigen bemühen manchmal ein schiefes
Bild. «Miststück sucht Bauerntölpel», stand
etwa zu lesen. Vermutlich führt Ehrlichkeit am ehesten zum
Erfolg: «Du musst nicht unbedingt jung sein. Du musst nicht
unbedingt schön sein. Du musst nicht unbedingt reich sein.
Hauptsache, Du bist Millionärin». Das schreibt einer,
der über sich selbst sagt: «Früher war ich eitel,
heute weiss ich, dass ich schön bin». Auch das gehört
in die Kategorie der leichten Fälle. Ganz im Gegensatz zur
folgenden, hoffnungslosen Anzeige: «Psychoanalytiker sucht
Frau, die ihn versteht». Wer wünscht sich das nicht?
Stefan
Bühler
zurück