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Letztes Jahr wurde das Rote Wien hundertjährig. Das Rote Wien begann 1919 als soziales, kulturelles und pädagogisches Reformprojekt, das 1934 vom Austrofaschismus auf brutale Art und Weise beendet wurde. In nur 15 Jahren hat das Rote Wien jedoch die Stadt, die nach dem Ersten Weltkrieg die Krisenstadt des Kontinents war, so grundlegend umgestaltet, dass die WienerInnen noch heute vom damaligen Kraftakt profitieren.
1919, nach dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie und dem Ende des Ersten Weltkriegs, lag Wien darnieder: Es herrschte extreme Wohnungsnot, es grassierten Krankheiten (Tuberkulose, spanische Grippe und Syphilis) und die neuen Grenzen zur Tschechoslowakei und Ungarn erschwerten die Lebensmittelversorgung der Stadt. Hinzu kamen die kriegsbedingte Hyperinflation und die hohe Arbeitslosigkeit. In dieser desolaten Ausgangslage errang die Sozialdemokratische Partei bei den Gemeinderatswahlen am 4. Mai 1919 die absolute Mehrheit. Als 1920 Wien zu einem eigenständigen Bundesland wurde und eigene Steuern erheben konnte, waren auch die finanziellen Voraussetzungen für die Wohnbauoffensive und die zahlreichen sozialpolitischen Massnahmen des Roten Wien geschaffen (vgl. Wikipedia).
Das Rote Wien war eines „der ausssergewöhnlichsten,
kreativsten und mutigsten kommunalen Experimente
der neueren europäischen Geschichte“.
Wolfgang Maderthaner, Historiker
100 Jahre Gemeindebau
Zwischen 1919 und 1933 errichtete die Gemeinde Wien 382 kommunale Wohnbauten mit knapp 65’000 Wohnungen — ein unglaublicher Kraftakt. Noch heute logieren 6 von 10 WienerInnen in einer von der Kommune geförderten Wohnung, entweder in einer der 220’000 Gemeindebau- oder in einer der 200’000 Genossenschaftswohnungen. Eine halbe Million von 1.9 Millionen EinwohnerInnen wohnt in einem der 2000 Wiener Gemeindebauten (vgl. Uwe Mauch & Franz Zauner: Im Gemeindebau). Damit ist Wien mindestens Europameister im kommunalen und gemeinnützigen Wohnungsbau.
2004 kam die Erfolgsgeschichte des Wiener Gemeindebaus zu einem vorläufigen Ende. Werner Faymann hatte als Wohnbaustadtrat ab 2000 das Bauprogramm auslaufen lassen, auch sein Nachfolger Michael Ludwig (beide SPÖ) war überzeugt davon, dass es besser sei, mit Geld der Stadt den gemeinnützigen Wohnbau zu unterstützen, als selbst zu bauen. Doch mit der Zuwanderung stieg die Nachfrage sowohl nach kostengünstigen Wohnungen im sozialen Wohnbau als auch auf dem freien Markt, wo die Mieten kräftig anzogen. Nachdem 2004 – 2017 kein einziger Gemeindebau errichtet wurde, sah sich die Stadt Wien genötigt, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen. Im Unterschied zu früher baut die Gemeinde nicht selber, sondern sie lässt bauen: Auf gemeindeeigenen Grundstücken und im Auftrag der Stadt Wien errichtet die Wiener Gemeindewohnungs-Baugesellschaft WIGEBA die „Gemeindewohnungen NEU“. Just im Jubiläumsjahr wurde die erste neue Wohnhausanlage mit 120 Wohnungen feierlich den BewohnerInnen übergeben. Im Rahmen von Gemeindebau neu sind Projekte mit rund 3700 Wohnungen in Planung (vgl. Der Standard vom 4.11.2019).
Vermietet werden die Wohnungen im Gemeindebau neu wie in allen anderen Gemeindebauten von Wiener Wohnen, Europas grösster kommunaler Hausverwaltung, die 2019 zusammen mit den MieterInnen in den Gemeindebauten 100 Jahre Gemeindebau mit einem riesigen Jubiläumsprogramm feierte.
Ikone des Roten Wien
Bei meinen bisherigen Wien-Besuchen habe ich es immer verpasst, den Karl-Marx-Hof zu besichtigen, dabei ist das für einen Stadtgeografen geradezu Pflicht. Der 1930 eröffnete Karl-Marx-Hof war damals mit 1382 Wohnungen für rund 5000 BewohnerInnen die grösste Wohnanlage Europas und gilt mit 1.1 km Länge heute noch als längstes zusammenhängendes Wohngebäude der Welt. Er wirkt nicht ganz so gigantisch wie Die fordistische Wohnmaschine La Cité du Lignon im Genfer Vorort Vernier, die mit 2’780 Wohnungen ursprünglich für 10’000 BewohnerInnen gebaut wurde. Der nur etwa halb so grosse Karl-Marx-Hof beeindruckt mit seiner monumentalen Architektur, er wirkt ein bisschen wie eine Festung.
„Wenn wir einmal nicht mehr sind,
werden diese Steine für uns sprechen.“
Karl Seitz, Wiener Bürgermeister
Während der Februarkämpfe 1934 gegen die Regierung Dollfuss verschanzten sich aufständische Arbeiter und Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes im Karl-Marx-Hof und gaben erst nach Artilleriebeschuss durch das Bundesheer und die Heimwehr auf. Mit Kanonen auf voll bewohnte Wohnhäuser schiessen, das ist Bürgerkrieg — auch wenn es nur geringe Schäden und keine Todesopfer gab, weil das Heer bewusst nur nicht-explosive Übungsmunition verwendete (vgl. Wikipedia).
Interessant ist der Karl-Marx-Hof aber vor allem wegen seiner fortschrittlichen Konzeption: Jede Wohnung war — damals unüblich — mit Wasseranschluss und eigenem WC ausgestattet. Vorbildlich war auch die zentrale Infrastruktur: Dank zwei Zentralwäschereien verkürzte sich der Waschtag auf zwei Stunden. Für die Hygiene gab es zwei Bäder mit 20 Wannen und 30 Brausen. Der mit vier Strassenbahn-Haltestellen verkehrsmässig gut erschlossene Karl-Marx-Hof war auch mit sozialer Infrastruktur gut versorgt: Es gab zwei Kindergärten, eine Zahnklinik und ein Ambulatorium, eine Mütterberatungsstelle, eine Bibliothek, eine Post und zahlreiche Geschäfte. Dem Roten Wien ging es nicht nur um die Schaffung dringend benötigten Wohnraums, sondern auch um die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Demokratisierung aller Lebensbereiche.
Waschsalon Nr. 2
Seit 10 Jahren hat das Rote Wien hat ein eigenes Museum: Der Waschsalon Nr. 2 im Karl-Marx-Hof. Vor dem Besuch der sehenswerten Dauerausstellung und der jährlich erneuerten Sonderausstellung sollte man sich nach den Öffnungszeiten erkundigen, denn der Waschsalon hat wegen Geldmangel nur selten offen. Wir hatten Glück: Weil sich eine koreanische Reisegruppe für eine Führung angemeldet hatte, konnten wir uns die Ausstellungen ausnahmsweise auch an einem Dienstag ansehen.
Die Dauerausstellung umfasst vier Themenbereiche: 1. Die Geschichte des Roten Wien: Wie es zu diesem einzigartigen sozialen, kulturellen und pädagogischen Reformprojekt kam und wie es endete. 2. Kommunaler Wohnbau und Folgeeinrichtungen: Wie es das Rote Wien schaffte, in nur 15 Jahren fast 65’000 Wohnungen zu bauen. Anhand eines begehbaren 1-zu-1-Wohnungsgrundrisses wird klar, wie klein, aber doch fortschrittlich die Wohnungen im Karl-Marx-Hof waren. Besonders angetan waren wir von einem Werbefilm für das Einküchenhaus, der zeigt, wie moderne Wohnungen ohne Küchen auskommen: Das Essen wird in der Zentralküche zubereitet und kommt via Speisenaufzug ins Esszimmer — ein Idee, die sich nicht durchgesetzt hat, dafür haben wir heute den Pizza- und den Sushikurier. 3. Bildungs- und Kulturarbeit: Die Schulreform und die Arbeiterkultur waren wichtige Elemente des Reformprojekts, denn das Rote Wien wollte nicht nur Wohnraum schaffen, sondern neue Menschen heranziehen. 4. Fest- und Feierkultur der Wiener Arbeiterbewegung.
Ganz toll war auch die grössere Schwester der Ausstellung im Waschsalon: Vom 30.4.2019 bis zum 19.1.2020 zeigte das Wien Museum MUSA eine grosse und gut gemachte Ausstellung Das Rote Wien 1919 – 1934. Ergänzend dazu gab es ein Begleitprogramm mit Sonderöffnungen und Führungen an 13 Orten des Roten Wien sowie einen 2.2 kg schweren Dokumentationsband mit 470 Seiten. Der reich bebilderte Band ist nicht nur der Katalog zur Ausstellung, sondern ein Reader mit Debatten, historischen Texten und Bildbeiträgen sowie Dutzenden von Artikeln, die das Rote Wien in all seinen Facetten beleuchten und analysieren. Auf die Grundlagen und Voraussetzungen folgen die Kapitel Fürsorge, Schulreform und Bildung. Weiter geht es mit Architektur, Infrastruktur, Wohnen, Kommunikation und Kunst sowie Arbeiterkultur bis zu Gewaltsames Ende, Verfolgung und Emigration. Kaum jemand wird diesen dicken Schmöker von A biz Z durchlesen, aber er ist eine Fundgrube mit viel interessantem Material zum Roten Wien.
Ringstrasse des Proletariats
Im Waschsalon Nr. 2 bekamen wir einen Faltplan zur Ringstrasse des Proletariats in die Hand gedrückt. Dieser Plan ist ein Überbleibsel von der Sonderausstellung Die Ringstrasse des Proletariats. Ein Gegenentwurf. Dieser eigens gestaltete Faltplan mit Beschreibungen der wichtigsten kommunalen Wohnbauten an der „Ringstrasse des Proletariats“ und in den benachbarten Quartieren war für uns eine Einladung, die Ringstrasse des Proletariats eigenständig zu erkunden.
Das bürgerliche Wien ist so stolz auf seine Ringstrasse mit seinen Prachtbauten, dass 2015 ihr 150jähriges Bestehen ausgiebig gefeiert wurde. Das bürgerliche Zürich ist genau so stolz auf die gleich alte Bahnhofstrasse, aber niemandem wäre es in den Sinn gekommen, das 150jährige Bestehen der teuren Luxusmeile zu feiern — einzig die Architekturzeitschrift Hochparterre gab zum Jubiläum einen luxuriösen Band zur Bahnhofstrasse Zürich heraus — in Gold gebunden, versteht sich. Genau so stolz war das Rote Wien auf seinen Gemeindebauten-Boulevard am Margaretengürtel, wo sich 24 der 382 damals entstandenen Wohnbauanlagen konzentrieren. Die sogenannte Ringstrasse des Proletariats ist der politische Gegenentwurf zur bürgerlichen Ringstrasse. Bis heute widerspiegeln die zum Teil monumentalen Bauten rund um den Reumannhof als architektonische Zeichen die damals neuen Machtverhältnisse in Wien. Wir können einen Augenschein anhand des Faltplans nur empfehlen: Er eröffnet einen Zugang zum Universum des Wiener Gemeindebaus, den Wienreisende auf den üblichen touristischen Trampelpfaden nicht erhalten.
Wohnen im Gemeindebau
Einen Zugang zur ganz eigenen Welt des Wiener Gemeindebaus erhält auch, wer sich in die 23 Geschichten im Buch Im Gemeindebau von Uwe Mauch und Franz Zauner vertieft. Faszinierend an diesem Buch, das ich von unseren Wiener FreundInnen zum 60. geschenkt bekam, sind die ganz unterschiedlichen Geschichten über Leute, die in einem Gemeindebau wohnen. In locker formulierten, leicht lesbaren Portraits erzählen sie von sich, von ihrem Leben im Gemeindebau, warum sie da wohnen, was sie am Gemeindebau schätzen und was nicht, von ihrem Verhältnis zu den MitbewohnerInnen etc. etc.. Da ist zum Beispiel der Jazz-Musiker, der mit seiner Lebensgefährtin in einer hellen Atelierwohnung an der Ringstrasse des Proletariats wohnt. Der Komponist konnte sich zwischen Klassik und Jazz nie ganz entscheiden und so bewegt sich seine Musik irgendwo dazwischen im „Third Stream“. Für die Vernetzung mit den NachbarInnen ist eher seine Lebensgefährtin zuständig — und die weiss enorm viel über die Leute, die mit ihnen auf der 2er-Stiege wohnen. Und dann erfährt man auch etwas über die Digitalisierung des Komponierens und die Auswirkungen des Computers auf den Entstehungsprozess von Musik.
Da ist auch die Geschichte der Lehrerin Karin Schön, die in einem Gemeindebau wohnt, der anstelle einer von den Nazis zerstörten Synagoge errichtet wurde. 1998 war sie Teil eines Gedenkprojekts, das mit der Projektion der Synagogenfassade auf ein vor den Gemeindebau gespanntes Netz für ein paar Wochen den zerstörten Tempel wiederauferstehen lassen wollte. „Im Gemeindebau formiert sich Widerstand“, schrieb sie in ihrem Buch „Verlorene Nachbarschaft. Die Wiener Synagoge in der Neudeggergasse. Ein Mikrokosmos und seine Geschichte.“. Doch sie und ihre Projektgruppe liessen sich nicht entmutigen, sie kamen auf die Idee, die Synagogenfassade zweigeteilt auf die Nachbarhäuser des Gemeindebaus zu projizieren, was die Wirkung der Aktion noch verstärkte und ein weltweites Echo auslöste. Und: die überlebenden Vertriebenen kündigten ihren Besuch an und kehrten für ein paar Tage in ihren Bezirk zurück. In der Folge entstanden mehrere Bücher, ein Dokumentarfilm von Käthe Kratz mit dem Titel Abschied ein Leben lang (A / 1999 / Dokumentarfilm / 16 mm / 91 min), die Rekonstruktion der Wiener Synagogenfassade (2008) sowie die Ausstellung Vecinos Perdidos (2018) in Buenos Aires.
„Gedenkprojekt
Verlorene Nachbarschaft
Die Synagoge in der Neudeggergasse
1. Oktober – 9. November 1998
Als Initiative einer kleinen Gruppe von
Nachbarn wurde die in Originalgröße
nachgebildete Fassade der Synagoge
zeitweilig wieder errichtet.
Einst vertriebene, jetzt wiedergefundene
Nachbarn aus USA, Israel, Argentinien, Wien.“
Gedenktafel am Gemeindebau Neudeggergasse 12
In vielen Wiener Gemeindebauten sind die Stiegen durchnummeriert (im Karl-Marx-Hof z.B. bis 98), dasselbe gilt für die Wohnungstüren im gleichen Treppenhaus (wienerisch: Stiege). Deshalb gibt es in Wien einige mit der Postanschrift 8/7. Und deshalb ist die Idee der 23. und letzten Geschichte „Im Gemeindebau“ so reizvoll: Die Autoren haben vier Gemeindebauten aufgesucht, die Stiege 8 avisiert und an der Tür Nr. 7 geläutet, um mit den BewohnerInnen ins Gespräch zu kommen. Entstanden ist ein faszinierendes Potpourri über Menschen mit fast identischer Wohnadresse. Aufschlussreich fand ich aber auch die fünf Interviews und die Facts & Figures, die Uwe Mauch und Franz Zauner, beide Kinder des Gemeindebaus, angefügt haben sowie ihr Fazit: Es „teilte sich uns ein Wohngefühl mit, das man nicht überall in Wien antrifft: Im Gemeindebau zu wohnen, das ist immer noch etwas Besonderes.“ Sehr schön auch die abschliessende Bildstrecke mit Fotos von Mario Lang.
Büchse der Pandora
Wer sich mit dem Roten Wien beschäftigt und zum Wiener Gemeindebau recherchiert, öffnet eine Pandorabüchse, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, weil das Thema so unglaublich facettenreich, weit verästelt und spannend ist, dass es unmöglich ist dem Thema mit einem Blogbeitrag auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Deshalb mache ich die Pandorabüchse wieder zu mit der Aufforderung: Fahrt nach Wien — lieber nicht heute oder morgen, aber bald — und schaut’s euch selber an!