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Juwi Tashome-Katz kam in Äthiopien zur Welt. Als Kind floh sie mit ihrer Familie aus ihrer Heimat, um ihren Traum zu erfüllen und über den Sudan nach Israel zu gelangen. Nach ihrer Schulzeit leistete Tashome-Katz in Israel den Militärdienst und studierte anschliessend an der Bar Ilan Universität in Ashkelon Land-Israel-Studien und Pädagogik.
2005 gründete sie die Organisation „Chawerim BaTeva“ (hebräisch „Freunde in der Natur“), welche Äthiopiern in Israel zur Integration verhelfen soll. Sie ist Projektleiterin und leitet die Ausbildung zur Betreuung äthiopischer Familien, bei welcher integrierte Äthiopier lernen, wie sie anderen äthiopischen Familien bei ihrer Integration in die israelische Gesellschaft helfen können. Tashome-Katz ist verheiratet und hat 4 Kinder. 2011 wurde sie mit dem „Premierminister-Preis für Innovation“ ausgezeichnet.
Esther Leuchter unterhielt sich für Audiatur-Online ausführlich mit Juwi Tashome-Katz über ihr Leben in Äthiopien, ihre Einwanderung nach und ihr Leben in Israel, und über die von ihr gegründete Organisation „Chawerimg BaTeva“.
1. Erinnerung an die Erziehung in Äthiopien
Esther Leuchter: Woran können Sie sich noch aus ihrem Leben in Äthiopien erinnern?
Juwi Tashome- Katz: Ich erinnere mich daran, dass wir in Äthiopien nicht zur Schule gingen. Wir lernten zu Hause indem wir unseren Eltern zuschauten, und sie uns kleine Aufgaben zuwiesen. Als ich 4 Jahre alt war, wurde mir meine erste Arbeit zugeteilt. Wenn mein Vater mit dem Getreide nach Hause kam, wurde es gewaschen und zum Trocknen ausgebreitet. Meine Mutter forderte mich auf, jedes Mal, wenn Vögel in die Nähe des Getreides kamen, in die Hände zu klatschen um die Vögel zu verscheuchen.
Wie ging man mit Kindern um, die sich von ihrer Aufgabe ablenken liessen?
Das Kind wurde zurückgeholt und ihm wurde nochmals erklärt, wie wichtig seine Aufgabe ist. Wenn das allerdings wiederholt vorkam, dann wurde ihm eine andere Aufgabe erteilt, weil die Eltern einsahen, dass das nicht die richtige Arbeit für ihr Kind war.
Das Ziel war immer, das Kind seinen Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Wenn mein Bruder mit unserem Vater aufs Feld ging, wurde er so eingesetzt, dass er das Gefühl erhielt einen wichtigen Beitrag zu leisten. Zusätzlich lernte er dabei die Feldarbeit und den Umgang mit den Tieren kennen.
Demnach wurde das Kind nicht bestraft, wenn es seine Aufgabe nicht erfüllte?
Bestraft im Sinne einer Sanktion? Nein. Es ging darum, eine für das Kind passendere Tätigkeit zu finden. Am Abend wurden uns dann spannende Geschichten erzählt. Dabei ging es meistens um ein Thema oder um eine Situation, die sich am selben Tag abgespielt hatte. Beim Erzählen wurden keine Namen genannt. Es ging darum, den Kindern eine Situation vor Augen zu führen, die sie zur Reflexion und vor allem zur Selbstreflexion anregte. Die Erkenntnis des Kindes etwas verbessern zu können, war das Ziel dabei.
2. Die Auswanderung nach und das Leben in Israel
Wie und wann kamen Sie nach Israel?
Ich muss zwischen 5 und 7 Jahre alt gewesen sein (mein genaues Alter kenne ich nicht), als wir aus unserem äthiopischen Dorf flohen. Ich kam 1984 mit der Mivzah Mosche (Operation Moses) nach Israel. Wir waren etwa 100 Leute auf der Flucht nach Israel. Die äthiopische Regierung wollte uns nicht ausreisen lassen, aber wir wollten in unser Heimatland Israel zurückkehren.
Welchen Gefahren waren Sie während der Flucht ausgesetzt?
Wir wurden drei Mal überfallen und ausgeraubt. Ich hatte grosse Angst. Nach den Überfällen hatten wir nichts mehr zu essen und das ganze Geld war auf einen Schlag weg.
Welche besonderen Schwierigkeiten stellten sich auf der Flucht?
Es gab zum Beispiel Frauen, die unterwegs ihr Kind zur Welt brachten. Nach unserem jüdisch-äthiopischen Brauch geht die Frau nach der Geburt eines Jungen für 40 Tage, bei einem Mädchen für 80 Tage in ein Frauenhaus, um sich dort nur um sich selbst und um ihr Baby zu kümmern. In dieser Zeit sorgen Dorfbewohner für die anderen Kinder und den Ehemann. Sie erledigen so lange die Hausarbeiten, bis die Mutter mit ihrem Säugling zurückkommt. Auf der Flucht gab es diese Rückzugsmöglichkeiten nicht.
Sie flohen in den Sudan. Was geschah, als sie dort ankamen?
Der Moment, als wir dort ankamen, war unbeschreiblich. Wir waren nur noch einen Schritt von Israel entfernt. Die Freude war gross. Doch so schnell ging es dann doch nicht. Wir kamen in ein Flüchtlingslager und waren dort mit Tausenden von anderen Flüchtlingen untergebracht. Wir mussten warten und dieses Warten war zermürbend und kräfteraubend. Dennoch hielten wir es für ein grosses Privileg und waren sehr dankbar nach Israel auswandern zu können. In den 4 Monaten, in welchen wir im Flüchtlingslager waren, starben von den etwa 13000 Juden, die dort waren, ca. 4000-5000. Manche Flüchtlinge verloren dabei ihre ganzen Familien.
Woran erinnern sie sich von Ihrer Ankunft in Israel ?
Das erste, was mir ins Auge stach, waren die weissen Menschen. Ich dachte, sie seien Engel. Ich hatte nie zuvor weisse Menschen gesehen und wusste nicht, dass es sie gab.
Als ich das erste Mal am Schabbat Menschen Auto fahren sah, war ich verwirrt. [Nach jüdischem Gesetz darf man am Schabbat kein Auto fahren. Anm. E.L.] Bei uns in Äthiopien hielten sich alle an die jüdischen Gesetze und ich war nie vorher mit einer säkularen Welt konfrontiert gewesen.
Wie war es, als Sie nach Israel kamen und mit einem völlig anderen Erziehungssystem konfrontiert wurden?
Mein Bruder hatte hier von Beginn an grosse Schwierigkeiten in der Schule. Eines Tages kam der Lehrer zu uns nach Hause und sprach mit meiner Mutter. Ich erlebte sie wie nie zuvor, auf eine Weise, in der sie mir völlig fremd war. Der Lehrer teilte meiner Mutter mit, dass die Lösung für das Problem meines Bruders „Ritalin“ heisse. In Äthiopien wäre mein Bruder dank seiner speziellen Wahrnehmungsfähigkeiten Schafhirte geworden. Weil er fähig gewesen wäre, Gefahren frühzeitig zu erkennen und entsprechend auf sie zu reagieren.
Was meinen Sie damit, dass Sie ihre Mutter im Gespräch mit dem Lehrer auf eine Weise erlebten, die Ihnen völlig fremd war?
Als wir in Israel ankamen, konnten wir weder lesen noch schreiben. Die Erwachsenen hatten nie Berufe an einer Institution erlernt und konnten in Israel mit ihrem Wissen und Können nichts anfangen, weil es hier im Westen nicht gebraucht wurde.
Als ich meine Mutter im Gespräch mit dem Lehrer sah – die Art und Weise, wie er mit meiner Mutter sprach, und wie er ihre Kleidung betrachtete – da wurde mir klar, dass er der Wissende und meine Mutter die Unwissende war.
Ich begann meine Eltern mit westlichen Augen zu sehen. Ich sah sie als erfolglose Menschen, die nicht viel Geld verdienten. Da wurde mir bewusst, dass ich so nicht sein wollte.
Wie ging es diesbezüglich anderen Äthiopiern?
Diese Probleme herrschten in den meisten Familien. Die Eltern litten unter dem Umstand, den Kindern nicht helfen und sie nicht beraten zu können, und die Kinder verloren deshalb zusehends den Respekt vor ihren Eltern.
Wie distanzierten Sie sich von Ihren Eltern?
Ich hörte auf, Amharit, die äthiopische Sprache, zu sprechen, mich äthiopisch zu kleiden, äthiopisch zu essen und ich achtete darauf, möglichst akzentfrei Hebräisch zu sprechen.
So begann meine Anpassung an die israelische Gesellschaft und mein Weg zum Erfolg. Ich wollte westlich sein. Nach der Schulzeit ging ich innerhalb des Militärdienstes in einen Kibbuz, weil Kibbuz der Inbegriff von „israelisch“ war. Ich leitete Sommerlager, ich brachte jede Anstrengung auf, um eine echte Israelin zu sein. So bekam ich mit 22 Jahren meine erste Arbeitsstelle und erkannte, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Ich war voll und ganz integriert. Irgendwann wuchs der Wunsch in mir, meinen weniger erfolgreichen Landsleuten bei ihrer Integration zu helfen.
3. Das Projekt „Chawerim BaTeva“
Was ist das Ziel der von Ihnen gegründeten Organisation„Chawerim BaTeva“?
Wir setzen uns für Gemeinschaft, Verantwortung und Integration von Äthiopiern ein. Einerseits wollen wir unsere Jahrtausende alte Traditionen bewahren, andererseits ist uns die Integration in die israelische Gesellschaft wichtig. Wir wollen auch unser traditionelles Wissen und unsere Fähigkeiten weitergeben.
Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Wir mussten z.B. in Äthiopien mit sehr wenig Wasser auskommen, was auch in der Landwirtschaft eine grosse Herausforderung ist. Daher können wir äusserst sparsam mit Wasser umgehen, sodass jeder Tropfen gespart beziehungsweise sinnvoll genutzt wird. Dieser Umgang mit Wasser ist auch im trockenen Klima von Israel nützlich und vorbildhaft.
Was fanden Sie in den äthiopischen Quartieren in Israel vor?
Die Probleme in den einzelnen Quartieren waren gross und vielfältig. Die Strassen, Häuser und Wohnungen waren zum Teil sehr schmutzig, die Jugendlichen waren verwahrlost und drogenabhängig und junge Frauen boten sich zur Prostitution an. Wir mussten etwas unternehmen, um diesen Menschen aus der Misere zu helfen. So entstand „Chawerim BaTeva“.
Wie geht Ihre Organisation gegen diese Probleme vor?
Wir bilden Äthiopier, die in der israelischen Gesellschaft gut integriert sind ,als Familienbetreuer aus und senden sie in die problembelasteten Quartiere. Jeder von ihnen wird so zu einem sogenannten „Garin“ (hebr. „Kern“). Der Garin versuchte als erstes herauszufinden, was die Menschen brauchen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellten. Er hilft ihnen, ihre Identität und ihre Fähigkeiten wieder zu finden.
Danach lehrt er sie gesellschaftliche und erzieherische Verantwortung zu übernehmen und weiterzugeben. Der Erfolg zieht weitere freiwillige Mitarbeiter an. Darauf folgt die Ausarbeitung neuer Aufgaben in den Quartieren. Die Anerkennung und Zufriedenheit bei der Arbeit hält die Gemeinden in Bewegung und spornt weitere Äthiopier zum Mitmachen an.
Wie sieht das konkret aus?
Zunächst gehen wir z.B. zu den Familien nach Hause und setzten uns für eine lernförderliche Umgebung ein, indem wir für Tische, Stühle und genügend Licht sorgen. Da die Eltern sich für ihre Kinder eine gesunde Entwicklung wünschen, können wir sie für diese Anschaffungen gewinnen und sie in unser Programm einbinden.
Wir beginnen den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen und bitten die Eltern, in dieser Zeit zu Hause zu sein. So führt dies oft dazu, dass sich die Eltern nach einer Weile für die Hausaufgaben der Kinder zu interessieren beginnen, und nach etwa einem Jahr, nach dem Absolvieren eines Weiterbildungskurses, selber unterrichten können und wollen.
So erweitert sich das Projekt sehr langsam aber stetig.
Wie arbeiten Sie mit den gefährdeten Jugendlichen?
Die Arbeit mit den Jugendlichen geht oft über die Eltern. Wenn der Jugendliche, der den Respekt für seine Eltern vor dem Hintergrund des „erfolgreichen Israeli“ verloren hat, plötzlich jede Woche interessierte Besucher bei sich zu Hause im Gespräch mit seiner Mutter sieht, beginnt er sich früher oder später zu fragen, was seine Mutter den Leuten zu erzählen hat. Ausser Mitarbeiter unserer Organisation bringen wir manchmal auch Besucher vom Ausland, welche sich für die Kultur und Tradition von Äthiopiern interessieren, zu den Familien. Dies ist unter anderem eine Strategie, um das Ansehen der Eltern in den Augen des Jugendlichen zu erhöhen. Sein Interesse wächst gleichzeitig mit dem wieder gewonnenen Respekt vor seiner Mutter oder seinem Vater, weil er erkennt, dass sie etwas sehr Spezielles anzubieten haben. Später holt er sich vielleicht selbst Rat bei den Eltern. Abgesehen davon werden Drogen oft überflüssig, wenn der Jugendlich einer Tätigkeit nachgeht, welche seinen Fähigkeiten entspricht, und er dadurch ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt. Auch das fördern wir.
Wie werden die unterschiedlichen Altersgruppen ins Projekt miteinbezogen?
Jede Woche treffen sich 400 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren mit ihren Leitern und reden über die eigene Identität, stärken die Verbundenheit mit dem Land Israel und reden über Bildung und die Vorbereitung auf die Armee. Die Jugendlichen werden auch in die landwirtschaftliche Arbeit eingeführt.
Gruppen von jungen Erwachsenen zwischen 18 und 28 treffen sich alle 2 Wochen, um über ihr Studentenleben und das zukünftige Erwerbsleben zu sprechen. Viele von ihnen sind freiwillig in den Quartieren als Leiter tätig. Hunderte von ihnen leben heute in den Quartieren. Ältere Äthiopier bearbeiten ihr eigenes Land. Sie pflanzen Gemüse und Gewürze an und bearbeiten es so, wie sie in Äthiopien Landwirtschaft betrieben haben. So gehen diese Menschen einer sinnvollen Beschäftigung nach und ernähren gleichzeitig ihre Familien. Auch sie veranstalten regelmässig Treffen, bei welchen sie sich auf Hebräisch und Amharit unterhalten.
Warum sind die ärmlichen Verhältnisse der Äthiopier hier in Israel kaum bekannt?
Es gehört zu unserer Kultur, dass wir uns gerne selber helfen. Viele Äthiopier leben so ihr Leben lang, ohne sich darüber zu beschweren.
Sie haben unter anderem das „Beit Ambousa“ gegründet. Was ist das?
Es ist eine Einrichtung, die von Menschen besucht wird, die unsere Kultur kennenlernen wollen. Sie wollen wissen, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir Landwirtschaft betreiben. Im Beit Ambousa bieten wir äthiopische Gerichte und äthiopischen Kaffee an. Es wird auch getanzt und persönliche Geschichten werden ausgetauscht. Jedes Jahr kommen über 2000 Besucher hierher, was zu einer unserer Einnahmequellen geworden ist.
Auszeichnung mit dem „Premierminister-Preis für Innovation“ 2011
Wie reagiert die israelische Gesellschaft auf Ihre Projekte? Zeigt sie Interesse daran?
Viele Lehrer aus dem ganzen Land kommen mit ihren Schulklassen zu uns, um sich unsere Arbeit anzuschauen. Zum Teil setzen sie unsere Ideen in ihren Schulalltag um. Wir bekommen auch Besuch von Gruppen aus dem Ausland. Und viele Privatpersonen interessieren sich für unsere Projekte. Kulturelle Unterschiede dieser Art gibt es in fast jeder westlichen Gesellschaft, so dass unsere Organisation auch als Modell für andere Länder dienen kann.
Sie erhielten eine Auszeichnung für das „Non Profit-Unternehmen 2011“, von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu überreicht. Haben sich seither mehr freiwillige Mitarbeiter gemeldet?
Wir hatten immer viele freiwillige Mitarbeiter, sowohl innerhalb, als auch ausserhalb der Gemeinden. In den letzten Jahren kamen immer mehr Nicht-Äthiopier dazu. Es dauerte sehr lange, bis das System der Garinim (Kerne) begann sich in der Gesellschaft durchzusetzen. Es ist unsere Art, Dinge sich langsam entwickeln zu lassen.
Wo haben Sie Ihre Zentren?
Wir haben Zentren in Gedera, Beit Schemesch, Rishon Lezion, Petach Tikwa, Lod, Joknaam, Maskeret Batja und Ashdod aufgebaut.
Wie sieht Ihre finanzielle Lage heute in Bezug auf weitere Projekte aus?
Wir sind nach wie vor auf Spenden angewiesen und sind für jeden Beitrag dankbar.
Vielen Dank für das Gespräch
Website: www.friendsbynature.org