Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03506.jsonl.gz/236

Erlebnisberichte
BERICHT: Abu Dhabi: Masterplan 2030< Zurück zur Übersicht
16. April 2019 von Kurt Schaad
„Möchtest du lieber draussen oder drinnen den Kaffee nehmen?“ Zaki, der mich in Abu Dhabi mit den Sitten, Gebräuchen und allen möglichen Menschen bekannt macht, ist ein höflicher Mensch. Er überlässt mir die Wahl. Für mich eine klare Sache, es ist windig, bewölkt und 17 Grad kühl. Wie an einem Apriltag in Zürich. Also: „Gerne drinnen“. Zwei Emiratis in ihren traditionellen weissen Gewändern schlendern an uns vorbei zur Terrassentür. Sie hätten eben gesagt, wie angenehm es sei, bei diesem Wetter draussen zu sitzen, übersetzt mir Zaki ihre Konversation.
Ich bin seit drei Tagen an einem Ort, wo die Temperaturen zu dieser Jahreszeit normalerweise schon über 30 Grad steigen, wo vor 50 Jahren nur Wüste war – und Wüste wäre hier immer noch, wenn unter dieser Wüste nicht Öl lagern würde. Öl, das die ursprünglich hier lebenden Beduinen ihr Nomadendasein hat vergessen lassen. Ihre Zelte haben sie mit grosszügigen Häusern oder Palästen getauscht und mehrspurige Autobahnen, Bürohochhäuser und Fünfsternehotels gebaut. Böse Zungen behaupten, dass anstelle der Sandwüste eine Betonwüste entstanden sei. Aber diese Bemerkung greift eindeutig zu kurz.
Es braucht erst mal einen visionären Scheich, der es fertig bringt, die verschiedenen Beduinenstämme zu einen und einen neuen Staat ins Leben zu rufen, die Vereinigten Arabischen Emirate V.A.E.. Dann kann man das sprudelnde Öl-Geld ziellos in Paläste und Vergnügungen stecken und in erster Linie der herrschenden Klasse zukommen lassen. Oder man macht einen Plan, den Masterplan 2030. Der besagt, wie sich das Land bis 2030 entwickeln soll und dass bis zu diesem Zeitpunkt soviel Knowhow von anderen (westlichen) Gesellschaften erworben werden soll, dass man das Land völlig selbständig führen kann. Man kauft also das Wissen anderer ein, um selber ein Wissender zu werden. So fliessen jährlich mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen in die Bildung und die Universitäten heissen „Sorbonne Abu Dhabi“ oder „New York University“. Siebzig Prozent der Studierenden sind übrigens weiblichen Geschlechts und Frauen findet man gleichberechtigt in leitenden Positionen.
Deshalb stehen anstelle von Fischerhütten Glaspaläste und mehrspurige Autobahnen bilden ein grosszügiges Verkehrsnetz. Gewachsen in weniger als fünfzig Jahren. Und deshalb steht auf Saadyat Island ein beeindruckend modernes Museumsgebäude, der Louvre Abu Dhabi. Das Wissen, wie man ein Museum und eine Sammlung aufbaut, hat man im Westen eingekauft. Geplant sind auch noch ein Guggenheim- und ein National-Museum. Bis 2030 soll das kulturelle Verständnis fest in den Köpfen der Emirati und Abu Dhabi in der globalen Kunst-Welt als eigenständiger Begriff verankert sein.
Dass bei dieser enormen Beschleunigung nicht immer alles wunschgemäss abläuft, versteht sich von selbst. Ob die gesteckten Ziele bis 2030 erreicht werden können, hängt in erster Linie davon ab, ob die erwiesenermassen „Good Governance“ auch mit der neuen, jungen Führungsriege weitergeführt werden kann. Dass man nicht auf den Loorbeeren ausruhen will, hat der Premierminister kürzlich deutlich gemacht. Bei einer Inspektionstour in der Verwaltung fragte er morgens um sieben Uhr nach den Vorgesetzten. Diejenigen, die nicht anwesend waren, wurden per sofort entlassen, respektive in Pension geschickt. Man kann es sich ja leisten.