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Die glatt verputzten, weissen Fassaden von Schiff und Chor werden durch grosse Fensteröffnungen rhythmisiert. Von den Spitzbogenfenstern im Chor gehört nur das östliche gänzlich der Bauzeit im frühen 14. Jahrhundert an. Es weist wie die zwei vergrösserten seitlichen Chorfenster 1869 eingesetzte Steingewände auf. Die hohen, regelmässig angeordneten Rundbogenfenster in den Schiffsflanken entstammen dem Jahr 1859. In der Eingangsfassade ist aus der Zeit des neugotischen Abstechers von 1901 die Masswerkrosette erhalten. Unter dem Pultdach befindet sich das 1968 erneuerte Rechteckportal. In der Südfassade öffnet sich am Fuss des Glockenturms ein seitlicher Kirchenzugang, geschützt von einem Vorzeichen mit Walmdach aus dem Jahr 1794. An der Südfassade des Kirchenschiffs und an der Westfront des Turms sind mehrere Grabplatten eingelassen.
Der kraftvolle, hochaufragende Glockenturm grüsst im fünften Turmgeschoss mit dreigliedrigen spätromanischen Rundbogenöffnungen, den einstigen Schallöffnungen, nach allen Seiten. Das um 1500 über einem Gurtgesimse aufgesetzte spätgotische Glockengeschoss ist von spitzbogigen Schallöffnungen mit Masswerkteilung durchbrochen; ihnen sind allseitig Zifferblätter vorgehängt. Das ausserordentlich steile, quergestellte Turmgiebeldach trägt auf dem First zwei vergoldete Knöpfe (1967) und eine Wetterfahne (1872).
Turm und Turmuhr
Der
imposante Glockenturm aus dem 13. Jahrhundert hat wie durch ein Wunder die
Zeitenläufe fast unbeschadet überstanden. Man erreicht ihn heute über eine im
Vordach des Seiteneingangs eingebaute Treppe und betritt ihn im 1. Obergeschoss:
Hier sind die Wände in einer altertümlichen Weise verputzt, in der pietra rasa-Technik, einer Verputzart,
welche die Steinköpfe sichtbar belässt. Zudem weist dieser spezielle Verputz einen
Fugenstrich auf.
Pietra rasa-Verputz mit Fugenstrich im 1. Obergeschoss des Turms
Foto EH 2014
Diese Verputztechnik war im 13. Jahrhundert zur Entstehungszeit des Turms verbreitet. Im Mauerwerk stecken noch die originalen, mächtigen Balkenlagen aus Eichenholz. Auch die ursprünglichen schmalen Lanzettfenster mit ihren trichterförmigen, aus Tuffstein gefügten Gewänden sind noch vorhanden.
Öffnungen in den Turmböden geben den Blick hinauf frei auf drei Gewichtssteine und ein gemächlich hin und her schwingendes Pendel, welche die berühmte Turmuhr der Unterkulmer Kirche antreiben.
1530 schlossen die Kirchgenossen von Kulm mit «Meyster Laurentzen Liechte, urenmacher von Winterthur» einen Vertag über die Lieferung der heute noch bestehende Turmuhr ab. Dieser enthielt vier Punkte. 1. Soll der Meister den Kirchgenossen von Kulm eine gute Uhr liefern mit einem Stundenzeiger und einem Schlaghammer auf die grosse Glocke, 2. soll der das «Gemälde», d. h. das aufgemalte Zifferblatt, und eine Sonnenuhr malen (bis 1901 an der Südseite des Glockenturms befindlich), 3. Soll er für den Fall, dass sich «Bresten» und Mängel zeigen, einen Bürgen stellen, 4. soll er das Werk bis Ostern 1531 liefern mit einer Garantie von 4 bis 5 Jahren. Als Preis wurden 80 Gulden Berner Währung vereinbart. 50 zahlbar in zwei Raten bis zur Lieferung, der Rest ein Jahr danach.
Das Uhrwerk aus dem
Jahr 1530 von Laurentius Liechti. Rechts die 1770 vorgenommene Erweiterung für
das Viertelstunden-Schlagwerk
Foto EH 2014
Detail des Uhrwerkrahmens mit der Signatur
Liechtis W/LL «W[interthur] / L[aurentius] L[iechti] und der Jahreszahl
1530
Foto EH 2014
Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr die Turmuhr Liechtis mehrere Anpassungen. 1717 erhielt sie das schon erwähnte Pendel, anstatt des herkömmlichen Waagbalkens. Ein solcher, über dem Uhrwerk hin und her schwenkender Waagbalken (auch Foliot genannt) trieb alle frühen Räderuhren an. Das Pendel als Uhrenregulator mit deutlich höherer Präzision wurde um 1650/60 vom bedeutenden Holländischen Astronomen, Mathematiker und Physiker Christiaan Huygens erfunden.
Das 1717 in der Unterkulmer Turmuhr eingesetzte Pendel ist gut 10 Meter lang. Sein Gewicht besteht aus einer schweren, von einem Eisenband umfangenen Steinplatte. 1770 wurde der Viertelstundenschlag eingerichtet und zu diesem Zweck an der rechten Seite des bestehenden Werks ein weiteres Schlagwerk hinzugefügt. 1931 kam ein Zeigerwerk für die neuen Minutenzeiger hinzu.
Die
Liechti-Turmuhr von 1530 geht noch immer äusserst genau. Als man 1964 14 Tage
lang ihre Genauigkeit prüfte, ergab sich pro Tag im Durchschnitt lediglich eine
Abweichung von einer Sekunde! Über 430 Jahre lang wurde das Uhrwerk jeden Tag
von Hand aufgezogen. 1964 fanden einheimische Tüftler eine bestechende Lösung für
die Elektrifizierung des Aufzugsvorgangs: sie ersetzten die Gewichtsseile durch
Ketten mit Elektroantrieb. Das Pendel bestimmt die Ganggenauigkeit: Durch
Feuchtigkeit wird es schwerer und schwingt langsamer, bei Trockenheit wird es leichter
und schwingt schneller. Auch für dieses Problem fand sich im Jahr 2000 eine
Lösung: Mittels eines am Pendel längs verschiebbaren Zusatzgewichts, das von
einem kleinen Elektromotor angetrieben wird, kann auf die Schwingungsdauer
eingewirkt werden; seit 2003 wird das Zusatzgewicht am Pendel per Computer
automatisch angesteuert, die Synchronisierung erfolgt über eine moderne Funkuhr.
Eingriffe am altehrwürdigen Uhrwerk waren dafür nicht nötig.
Blick hinauf in den Turm mit den drei
Gewichtssteinen der Turmuhr und dem 10 m langen Pendel
Foto EH 2014
Die 1530 datierte Turmuhr von Laurentius Liechti ist zusammen mit dem im gleichen Jahr entstandenen Uhrwerk des Zytgloggeturms in Bern – ein Werk des Bernischen Waffenschlossers Kaspar Brunner – eines der ältesten noch am ursprünglichen Ort laufenden Turmuhrwerke der Schweiz, wenn nicht gar Europas.