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Autor: Emil Baschnonga
In diesem September 2006 ging ich fast täglich Brombeeren sammeln im grossen Wimbledon Common, der sich auf der anderen Strassenseite, wo wir wohnen, ausbreitet. Gestern war meine allerletzte Beeren-Nachlese äusserst karg, und ich kam nur mit wenigen nach Hause. Sie waren allesamt geschrumpelt.
In den Supermärkten liegen Brombeeren in Plastikschachteln auf, sehen glänzend aus und schmecken fad. Die wilden Beeren haben ein herrliches Aroma. Mir scheint, dass jeder Strauch sein eigenes Aroma hat. Ich trage beim Sammeln alte Kleider, denn die Ranken sind, schlimmer noch als bei Rosen, kratzlustig. Ich kenne die ergiebigen besonnten Sammelstellen. Merkwürdig, dass ich dort niemand begegne, der ebenfalls sammelt. Ich pflücke nicht mehr als wir zum Dessert nach dem Abendessen brauchen.
Die schönsten Brombeeren prangen wie immer an den stämmigsten Zweigen ausserhalb meiner Reichweite. Die Natur und das Leben sind so eingerichtet, dass wir uns anstrengen müssen, um ans Beste zu gelangen. So dringe ich im Dickicht vor und pflücke die besten Beeren und werde dabei zerkratzt. Nicht umsonst.
Auf dem Rückweg mache ich einen Umweg. Die 2 mit einem Überlauf verbundenen Teiche sind ausgetrocknet, alle Enten ausgewandert, mitsamt den Fröschen und den Molchen. In der Nähe ist eine Stelle, die „Ceasar’s Camp“ heisst. Vielleicht haben dort einst die Römer ebenfalls Brombeeren gelesen. Wie ich über den ausgetrockneten Teichgrund gehe, hoffe ich, dass einige Römer Münzen ins Wasser gespickt haben, um eine Göttin mild zu stimmen. Nein, ich verzapfte Unsinn: Römer hausten nachweisbar nicht auf dem Wimbledon Common, doch soll das Land bereits während der Eisenzeit besiedelt gewesen sein.
Auch der Wimbledon Common gehörte einem Lord of the Manor (Grundherr), zuletzt dem Earl Spencer. Die Leute durften auf diesen Commons Kühe oder Schafe weiden und Brennholz sammeln. Der Earl Spencer wollte den Wimbledon Common zu einem Park umgestalten und Bauland abzwacken. Nach langem Streit blieb das Gebiet für die Bürger in seinem natürlichen Zustand erhalten, und so ist es bis heute weitgehend geblieben. Nicht weit von uns ist ausserdem eine alte Mühle erhalten geblieben, mitsamt einem angegliederten Tea Room. Reiter tummeln sich auf den 700 Acres, viele Joggers (Läufer) entwickeln dort ihre Beinmuskulatur. Ich wandle am liebsten als Spaziergänger an regenfreien Tagen am Common entlang, um im Wimbledon Village meine Sonntagszeitung zu holen.
Im Wimbledon Village lässt sich sogar Höhenluft schnuppern, denn dieser Ort liegt auf einem für Schweizer Verhältnisse bescheidenen Hügel. Dennoch sollen dort 7 „Airs“ (Lüfte) bestehen, ich weiss nicht warum. Doch wenn ich von der Stadt heimkehre, riecht es dort oben gut, dank des Baumbestands.
Aber ich gehe noch immer langsam über den Teich. Statt Münzen lese ich, mangels Brombeeren, schöne, wohlgerundete Kiesel auf, die überall auf dem Teichgrund herumliegen. Sie werden ihren Platz auf unserem Fussweg finden. Wie schön sie nach dem Regen glänzen! Ich bin kein müssiger Spaziergänger. Ich brauche einen guten Grund dazu, selbst auf dem Common.
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