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Pro Helvetia wird 1939 gegründet, um einen Beitrag an die kulturelle Selbstbehauptung zu leisten. Man ist damals der Auffassung, die ursprüngliche Schweizer Kultur sei durch die ausländische Propaganda bedroht, die zu diesem Zeitpunkt tatsächlich besonders stark ist. Wegen des Krieges beteiligt sich Pro Helvetia zunächst kaum an der Verbreitung des Bildes der Schweiz im Ausland. Ihre Rolle wandelt sich, sobald in Europa wieder Frieden herrscht. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihrem Auftrag ist unumgänglich. Herbert Lüthy, ein junger Historiker, wird beauftragt, Leitlinien für die zukünftige Kulturaussenpolitik der Schweiz zu entwerfen.
1946 ist Herbert Lüthy erst 26 Jahre alt, hat aber bereits eine beeindruckende Laufbahn hinter sich. 1942 verteidigt der Historiker seine Dissertation an der Universität Zürich. Im gleichen Jahr beginnt seine Tätigkeit für das St. Galler Tagblatt, in dem er eine wöchentliche Kolumne veröffentlicht. Seine Artikel zeugen von einem feinen Verständnis der Gegebenheiten und einem ausgeprägt kritischen Geist und verschaffen ihm im Nachhinein auf nationaler Ebene eine gewisse Anerkennung.
Pro Helvetia beauftragt Herbert Lüthy im Frühling 1946 mit einer Studie über die Organisation der Kulturbeziehungen anderer Länder. Sein anfänglich unter Verschluss gehaltener Bericht erscheint ein Jahr später. Darin kritisiert der Historiker zunächst das Konzept der „Propaganda“ und warnt vor den Gefahren einer Verstaatlichung der Kulturbeziehungen, die zu einer gesteuerten Kultur im Dienst des Prestiges des Landes führe. Dennoch könne auch ein kleines Land wie die Schweiz Vorteil aus einer kulturellen Präsenz im Ausland ziehen, indem es seine essentiellen Besonderheiten zur Geltung bringt. In den Augen Lüthys stellt die Gründung einer halboffiziellen Stelle, die zwar vom Bund finanziert wird, sich aber ausserhalb der diplomatischen Strukturen befindet, die beste Lösung dar. Für die Schweiz als mehrsprachiges Land bestehe die Notwendigkeit, so Lüthy, den Kulturaustausch mit dem Ausland mit der Förderung des interkulturellen Dialoges im Innern abzustimmen. Ebenfalls empfiehlt er den Beitritt zu multilateralen Netzwerken, die es erlauben, gleichzeitig Verbindungen mit verschiedenen Kultursphären aufzubauen.
Herbert Lüthys Bericht zeigt allgemeine Prinzipien auf, an denen sich die Kulturaussenpolitik der Schweiz orientieren kann. Einige von ihnen sind übrigens umgesetzt. So entspricht die Struktur von Pro Helvetia der vom Experten als ideal angesehenen institutionellen Struktur. Auch tritt die Schweiz 1949 der UNESCO bei, die den multilateralen kulturellen Austausch fördert. Hingegen kommt der Aufbau einer kulturellen Präsenz erst in den 1960er Jahren auf die Tagesordnung.
Lüthy erwähnt verschiedene Mittel, um auf eine solche Präsenz hinzuarbeiten. Eine auf die Eliten zielende Politik kann auf Ehrungen setzen und einflussreiche Persönlichkeiten in die Schweiz einladen oder die Entsendung wissenschaftlicher Missionen ins Ausland fördern. Um ein breiteres Publikum zu erreichen, sind Veranstaltungen in einem grösseren Rahmen wie Ausstellungen, Konzerte oder Vortragstourneen nötig. Gemäss Lüthy entwickelt eine auf der Presse beruhende Politik eine raschere, dafür oberflächlichere Wirkung. Die audiovisuellen Medien (Radio, Dokumentarfilm, Kino) betrachtet er als wirksamste Instrumente, aber sie sind kostspielig. Der Experte betont auch das Risiko einer ausschliesslich auf der Tourismus- und Wirtschaftswerbung beruhenden kulturellen Ausstrahlung. Diese seien zwar wichtig für den Ruf des Landes, bildeten aber keine ausreichende Aussenpolitik.
Der in zahlreichen Bereichen visionäre Bericht trägt die Handschrift eines der bedeutendsten Intellektuellen der zeitgenössischen Schweiz. Anspruchsvoll, verschwindet er rasch wieder in den Schubladen von Pro Helvetia. (pm)
Literaturverzeichnis
Pro Helvetia (Hrsg.), Politique étrangère d’information et de propagande culturelle. Rapport sur l’organisation des relations culturelles et intellectuelles avec l’étranger, sur la propagande culturelle, la politique d’information et de propagande dans les principaux Etats de l’Europe occidentale, de l’Amérique, de la Tchécoslovaquie et de la Turquie, Zürich, April 1947.