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Von Hans Speck
Erste Erfahrungen mit der Elektrizität gab es in den Mittellandgemeinden schon am Ende des 18. Jahrhunderts. Die ganze Energie-Evaluation wurde von der Bevölkerung damals mit grossem Argwohn beobachtet. Sie brauchte Zeit, um sich auf die neue Energieform und die neuen Begebenheiten einzustellen. Im Rahmen dieser
Begebenheiten entstanden eine Reihe lokaler Kraftwerke, einerseits an den Bächen in Linthal (Fätschbach im Jahre 1900), Diesbach (schon 1888), Schwanden (Niderenbach 1899) und Filzbach (1896) und andererseits gespeist von den Trinkwasserquellen in Netstal (1892), Näfels (1890), Oberurnen (1906), Niederurnen (1903) und Mollis (Beglingen 1900).
Netstal als Hochburg der Stromerzeugung
Netstal darf man als eigentliche Hochburg der Stromerzeugung im Glarnerland benennen. Für die grosse Industriegemeinde war das Beleuchtungswesen damals bei den Behörden ein grosses Thema. Man wollte da keinesfalls zurückstehen und so machte man im Jahre 1881 einen ersten Versuch für eine Strassenbeleuchtung mit 34 Neolin-Lampen. Im Buch "Geschichte der Gemeinde Netstal“ von Paul und Hans Thürer steht unter anderem geschrieben, dass anlässlich der Hauptgemeinde am 14. August 1892 die Stimmbürger beschlossen hätten, ein eigenes Elektrizitätswerk zu bauen. Oberhalb des Faulenkopfes wurde das Quellwasser in einem Gefälle von zirka 160 Metern ausgenützt und nachher in einem neu zu erstellenden Reservoir als Trinkwasser gespeichert. Dieses erste Netstaler Elektrizitätswerk auf "Turschen“ hatte eine Leistungskapazität von 18 PS
und war für zirka 43 Glühlampen von 24 – 32 Kerzen* projektiert. Schon damals diskutierte man über die Nutzung des Klöntaler Wassers. Bereits am 15. September 1892 war die Nachfrage grösser als das Angebot. Als Hauptabonnent trat die Gemeinde selber mit einer neu zu erstellenden Strassenbeleuchtung auf.
Im Jahr 1907 beschloss die Gemeindeversammlung, den Betrieb des alten Wasserkraftwerks einzustellen. Die steigenden Ansprüche genügten nicht mehr und somit war die Gemeinde froh, ab dem Jahre 1908 nicht bloss für Licht, sondern auch für den Antrieb von Maschinen genügend Kraft vom Löntschwerk zu erhalten.
*Damals wurde die Leuchtkraft der Glühlampen in "Anzahl Kerzen" angegeben.
Wendepunkt in der Energieversorgung
Tatsächlich war dieses Jahr mit den ersten Stromlieferungen ab dem Löntschwerk ein eigentlicher
Wendepunkt in der Energieversorgung des Glarner Mittellandes. Die Voraussetzungen waren damit gegeben, Strom als vielseitige und zukunftsträchtige Energieform flächendeckend einzuführen. Mit dem Leitungsbau ins untere Glarnerland erhielt Netstal auf der Westseite des Dorfes drei Turm-Transformatorenstationen.
Innerhalb des Dorfes wurde mit Niederspannungs-Freileitungen der Strom verteilt. Das Kraftwerk Löntsch-Beznau war für den Ausbau und den Unterhalt sowie die Installationen zuständig. Erste Fabriken im Dorf erhielten in den 1920er- Jahren einen Hochspannungsanschluss. Mit der baulichen Entwicklung und der Zunahme des Strombedarfs entstanden zusätzliche Trafostationen, Hochspannungszuleitungen und Hochspannungs-Ringleitungen. Weitere Firmen, beispielsweise die Metallwarenfabrik von Alfred Stöckli (1955), wurden an das neue Hochspannungsnetz angeschlossen.
Nostalgische Erinnerungen
Während in der heutigen Zeit praktisch sämtliche Stromleitungen und - Installationen unter der Erde liegen, musste die Stromzulieferung in den Anfängen mittels Freileitungen von Haus zu Haus gesichert werden. Das war zwar rein von der Ästhetik für den Betrachter nicht unbedingt schön anzusehen, hatte aber im Winter einen speziellen, beinahe romantischen Effekt. Nach grösseren Schneefällen waren die Freileitungen tief mit Schnee bezuckert und hingen vielfach bedrohlich durch, und man war nie sicher, wie lange die Leitungen den Schnee halten konnten. Manchmal wurden tatsächlich Leitungen wegen der Schneelast, manchmal aber auch wegen den Staublawinen heruntergerissen. Dies erforderte den Einsatz der Gemeindeelektriker, die dann zum Beheben der Schäden mit ihren Steigeisen die hölzernen Stromasten emporklimmen mussten. Sie waren der Unbill der Witterung völlig ausgesetzt und mussten ihre Arbeit bei eisiger Kälte und Sturmwinden zum Wohle der Dorfbevölkerung durchführen.
Die Ortsnetze
Die Kraftwerksgesellschaft behielt die Übertragungsleitungen zu den Gemeinden in eigener Hand. Auch die Ortsnetze – ausser in Netstal, das eine Infrastruktur besass – konnte sie laut den Verträgen erstellen. Das Ortsnetz sollte aus Freileitungen und Kabelstrecken bestehen. Verschiedene Verträge mussten abgeschlossen werden. Der Vertrag zur Erstellung der Freileitungen mit einem örtlichen Unternehmer beispielsweise datiert vom 1. Juni 1907. Der Werkvertrag für die Gräben mit dem grössten, örtlichen Baugeschäft wurde am 9. Juni 1907
abgeschlossen. Der erste Strom floss am 14. August 1908 ins Netz der Konzessionsgemeinden.
Die Hausinstallationen
Ein Vertrag mit der Gemeinde Glarus bezüglich Hausinstallationen zeigt anschaulich, dass die noch unerfahrenen, gemeindeeigenen Elektrizitätsversorgungen vorerst unter den wohlwollenden und geschäftstüchtigen Fittichen des Löntschwerks blieben. Dem selbigen Vertrag entnehmen wir auch, dass die Gemeinde Glarus die Erstellung sämtlicher Hausinstallationen an die Firma Motor AG für angewandte Elektrizität in Baden übertrug und diese das alleinige Ausführungsrecht gemäss Art. 12 der Konzessionsakte hatte.
Kleinkraftwerke im Dorf
Die Geschichte der Elektrizitätsversorgung wäre nicht vollständig, würde man nicht auch die fabrikeigenen Kleinkraftwerke entlang des Dorfbaches und der Linth erwähnen. Die Nutzung der Wasserkräfte des Löntsch, respektive des Dorfbachs haben die Industrialisierung des Dorfes Netstal damals stark gefördert. So zählte man entlang des Dorfbaches damals sieben Betriebe (Zigerfabrik Hösli, Stöckli AG, Maschinenfabrik und
Giesserei AG, Zwirnerei Alois Ruess, obere Papierfabrik Netstal, Firma Grasser, später Stoffels AG) und entlang der Linth zwei Fabriken (Seidendruckerei Schlotterbeck und untere Papierfabrik) mit Eigenerzeugungsanlagen.
Stromverbrauch im Jahre 2016
Nach dem Zusammenschluss der vier Gemeinden Glarus, Ennenda, Riedern und Netstal zur Einheitsgemeinde Glarus im Jahre 2010 wurde der Verwaltungs- und Unterhaltsbereich der Elektrizitätsversorgung Netstal, kurz EVN der neu zuständigen Gemeinde Glarus, respektive an die Technischen Betriebe Glarus übergeben.
Die TB Glarus betreiben als Dienstleistungsbetrieb im Auftrag der Gemeinde Glarus die Elektrizitäts-, Erdgas- und Wasserversorgung. Die aktuellsten Zahlen aus dem Jahre 2015 weisen bei einer Anzahl von 1‘700 Zählern und einer Einwohnerzahl von rund 2‘900 Personen einen Gesamtverbrauch im Kundensegment von 9‘500‘000 kWh aus. Der Pro-Kopf-Verbrauch pro Tag bei 2‘900 Einwohnern beträgt in einem Jahr (365 Tage) rund 9 kWh.
Quelllenangabe:
P. und H. Thürer, „Geschichte der Gemeinde Netstal“
Flyer Axpo „Kaftwerk am Löntsch“
Technische Betriebe Glarus, Abteilung Netz und Betrieb