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Dieser Band deckt eine für Lichtenberg schwere Zeit ab. Wohl ist er mittlerweile weltberühmt (als Physiker) oder zumindest im deutschen Sprachraum bekannt (als Satiriker). Wohl fand er – nach dem Tode Marie Stechards – eine neue Lebenspartnerin in der neuen Haushälterin, Margarete Elisabeth Kellner, die er diesmal recht zügig heiratete, auch um der gemeinsamen Kinder willen. Wohl kam die zuständige Behörde zum Schluss, dass man seine teuren physikalischen Geräte ankaufen bzw. Lichtenberg dafür eine lebenslange Leibrente aussetzen wolle, womit sich Lichtenbergs persönlicher Einsatz doch noch bezahlt machte.
Aber die Zeiten werden schwer für Lichtenberg. Gegen Ende des Bandes wetterleuchtet am Horizont schon die Französische Revolution. Von seinen vertrautesten Briefpartnern verfällt ihr Georg Forster in Mainz komplett, nachdem schon vorher die Verbindung mit Lichtenberg durch Forsters zeitweilige Zugehörigkeit zur esoterischen Gruppe der Rosenkreuzer gestört war. Sein anderer Freund, Gottfried August Bürger, agiert innerhalb und ausserhalb des universitären Lebens äusserst unglücklich. Schon 1785 stirbt Johann Andreas Schernhagen, der nicht nur Freund war, sondern auch Rechnungsführer der Universitätskasse und fleissiger Amateurphysiker und -astronom. Lichtenberg verlangt auch hier sofort seine Briefe zurück mit dem Argument, dass sie allzu Privates enthielten, Dinge, die nie für Dritte bestimmt gewesen seien. Wie weit Schernhagens Erben dem nachgaben, weiss ich nicht. Die ersten beiden Bände von Lichtenbergs Briefwechsel, die wir hier schon vorgestellt haben, beweisen, dass jedenfalls nicht alles verbrannt wurde. Mit Schernhagens Tod treten in Lichtenbergs (überlieferter) Korrespondenz die privaten Briefe praktisch völlig zurück. Dass 1790 auch noch Lichtenbergs „Darmstädter Bruder“, Friedrich Christian, stirbt, ändert an der überlieferten Korrespondenz wenig (in der Familie wurde offenbar praktisch alles schon sehr früh vernichtet), aber Georg Christoph erfährt zu seinem Entsetzen, dass der Darmstädter Bruder hoch verschuldet war und auch das wenige Familienerbe, das er verwaltet hatte, komplett durchgebracht hatte. (Georg Christoph erhielt vom mütterlichen Erbe dann schliesslich noch ein Tischtuch und etwa 20 Servietten. Viel mehr war nicht mehr.)
Am schlimmsten aber trifft Lichtenberg die gravierende Verschlechterung seiner Gesundheit. Wohl infolge der stetig zunehmenden Verkrümmung seiner Brustwirbelsäule beginnt Lichtenberg ab Oktober 1789 an krampfartigen Asthma-Anfällen zu leiden, die ihn von nun an vor allem im Winter regelmässig heimsuchen werden. Die Krämpfe gehen dabei so weit, dass Lichtenberg zu ersticken droht. Dennoch versucht der Professor seine Vorlesungen weiterhin abzuhalten. (Was nicht nur an Lichtenbergs ausgesprochenem Pflichtbewusstsein liegt, sondern natürlich auch daran, dass er nur für gehaltene Vorlesungen von seinen Studenten Kollegiengelder erhält. Immerhin wird ihm von der zuständigen Kommission mitgeteilt, dass er die Leibrente für die Überlassung seiner physikalischen Instrumente auch erhalten wird, wenn er nicht liest.) Mit rasendem Herzklopfen quält er sich durch so manche Stunde. Mit der Erkrankung einher geht eine zunehmende Unlust, ja ein Widerwille, Briefe zu schreiben. Lichtenberg wird zu einem unzuverlässigen und manchmal kurz angebundenen Briefpartner. Dafür beginnt er, in seinen Tagebüchern die Postein- und -ausgänge zu vermerken, und so erfahren wir zumindest von der Existenz und meist auch in ein paar Stichworten vom Inhalt eines Briefes, der nicht überliefert ist.
Dennoch bleibt Lichtenberg ein gesuchter Briefpartner. Volta schreibt ihm lange Briefe auf Französisch, in denen er dem Deutschen seine physikalisch-elektrischen Versuche schildert, die er in einem Handbuch vorstellen will. (Lichtenberg selber übrigens äussert in vielen Briefen seine zunehmende Unzufriedenheit am „Erxleben“, dem von seinem Vorgänger initiierten Hand- und Lehrbuch der Physik, das Lichtenberg immer wieder umbearbeitete, und das er eigentlich mit einem eigenen, neu geschriebenen ersetzen wollte. Zu letzterem kam es dann nie; wie so viele Pläne Lichtenbergs sollte er auch diesen nicht ausführen können.) Lichtenberg ist in der vorliegenden Periode allerdings mehr mit Chemie beschäftigt, greift in die aktuelle Diskussion um die Existenz oder eben Nicht-Existenz des Phlogiston ein, wobei er sich für letztere erklärt. Last but not least wendet sich nun auch Johann Wolfgang von Goethe an den berühmten Physiker, schickt ihm seine Farbenlehre mitsamt den zugehörigen Versuchseinrichtungen und -anordnungen. Lichtenberg scheint hierzu geschwiegen zu haben, was Goethe nicht hindert, ein zweites Mal zu schreiben. Später wird der alte Goethe Lichtenbergs Schweigen recht gehässig kommentieren. Aber da war Lichtenberg bereits tot.