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1. Rundgang
Annäherung an eine geschichtsträchtige Stadt
Hirschenplatz – Niederdorfstrasse – Stüssihofstatt – Münstergasse (bis Confiserie Schober) – Napfgasse – Spiegelgasse – Neumarkt – Hirschengraben/ Seilergraben – Künstlergasse – Universität – Eidgenössische Technische Hochschule – Sempersteig – Predigerplatz – Spitalgasse – Hirschenplatz
Der Hirschenplatz – Ausgangspunkt des ersten Stadtrundgangs – entstand in den 1870er Jahren und zwar im Zuge der Neugestaltung des Predigerquartiers. Hirschenplatz und Spitalgasse sind typische Schöpfungen der sich damals im Aufbruch befindenden Stadt. Auch wenn der Platz mit der neuen Verbindungsstrasse gegen die Predigerkirche hin nicht ein grossartiger städtebaulicher Wurf ist, so stellt er doch eine grosszügige Geste der damaligen Behörden dar und steht somit für den Zeitgeist Zürichs im ausgehenden 19. Jahrhundert. Erklärtes Ziel war es, im Bereich des oft beengend wirkenden Niederdorfs einen weiträumigen Platz zu schaffen und gleichzeitig eine geordnete Neubebauung zwischen Hirschen- und Zähringerplatz einzuleiten. Bis zu diesem Eingriff in die mittelalterliche Quartierstruktur wies die Niederdorfstrasse auf ihrer ganzen Länge in etwa die gleiche Breite auf wie ober- und unterhalb des traditionsreichen Gasthofs «zum Adler».
Das Predigerquartier
Die Spitalgasse bildete ursprünglich den wichtigsten Zugang zum Predigerquartier. Der Name Spitalgasse erinnert an die einst zentrale Funktion des Quartiers. Aus dem früheren Klosterbezirk hatte sich nach der Aufhebung des Predigerklosters im Zuge der Reformation das Zürcher Spitalquartier entwickelt. Zwischen Central und der Predigerkirche befanden sich die verschiedenen Haupt- und Nebengebäude des Spitals. Dazu gehörten auch ausgedehnte Gärten und Friedhöfe, welche gleichermassen der Kirche und dem Spital dienten.
Die Spitalgeschichte Zürichs konfrontiert uns mit heute kaum mehr nachvollziehbaren medizinischen und hygienischen Zuständen. Ein Beispiel muss hier genügen. Noch um das Jahr 1800 bewohnten körperlich und geistig kranke Menschen in den ehemaligen Klostermauern die selben Räume. Erst das 19. Jahrhundert verhalf aufgeklärten medizinischen und sozialen Erkenntnissen zum Durchbruch und führte 1842 zur Eröffnung eines neuen Spitals auf dem Areal des heutigen Universitätsspitals an der Rämistrasse. Die alte Spitalgasse führte ursprünglich auch zum sogenannten «Mushafen», einem kleinen Plätzchen, wo die bedürftigen und siechen Menschen der Stadt unentgeltlich verköstigt wurden.
Vom Predigerkloster hat sich nur gerade die Pfarrkirche und der eindrückliche hochgotische Chor erhalten. Das alte Kloster- beziehungsweise Spitalgebäude war 1887 ein Opfer der Flammen geworden. An seiner Stelle erhebt sich seit 1917 die Zentralbibliothek Zürich. Der elegante und hochaufstrebende Turm der Predigerkirche, im neugotischen Stil erbaut, entstand übrigens erst in den Jahren 1898–1900 nach Skizzen von Architekt Gustav Gull (1858–1942).
Auf der Stüssihofstatt
Auf der Stüssihofstatt treffen sich Niederdorfstrasse und Marktgasse. Hier mündet aber auch der Rindermarkt in die traditionsreiche alte Hauptverkehrsachse, welche Niederdorf und Oberdorf verbindet. Die Bezeichnung Stüssihofstatt ist seit 1496 bekannt. Der terrassierte Platz mit den charaktervollen Altstadthäusern ist eindrücklich. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass einzelne der Häuser weitgehend rekonstruiert sind. So auch das Haus «zum Königstuhl» der Zunft zur Schneidern, welches 1938 neu erbaut wurde und an dessen Fassade lediglich ein stattlicher Erker an den ursprünglichen Bau erinnert.
Der Platz wird insbesondere vom Stüssi-Brunnen geprägt. Zwar ist die Altstadt von Zürich reich an schönen Brunnenanlagen. Aber im Gegensatz zur Stadt Bern ist das bemerkenswerte Zürcher Brunneninventar weniger im Bewusstsein der einheimischen Bevölkerung verankert und aufgrund der lockeren Streuung für den Gast nicht augenfällig. Ein besonders schönes Beispiel für die Zürcher Brunnenkultur ist der aus der kunstfreundlichen Zeit der Renaissance stammende Stüssi-Brunnen aus dem Jahre 1574, der die trapezförmige, gegen die Limmat hin abfallende Stüssihofstatt dominiert. Das Brunnenbecken wurde 1767 erneuert. Die Brunnenfigur wurde – wie fast alle Brunnenfiguren in der Zürcher Altstadt – 1919 durch eine Kopie ersetzt.
Die kraftvolle Brunnenfigur zeigt Rudolf Stüssi, der lange Jahre als Bürgermeister der Stadt Zürich wirkte. 1433 nahm er an der Krönung von Kaiser Sigismund in Rom teil und wurde bei diesem Anlass zum Ritter geschlagen. In der Absicht, die Macht Zürichs zu mehren, versuchte er das Erbe des letzten Grafen von Toggenburg für Zürich zu sichern. Doch nach dem Tod des Grafen kam es zu einem erbitterten Erbschaftsstreit mit Schwyz, aus dem sich der Alte Zürichkrieg (1436–1450) entwickelte. Bürgermeister Stüssi ging ein folgenschweres Bündnis mit Österreich ein. In der Schlacht bei St. Jakob an der Sihl trat er 1443 mutig den anrückenden Eidgenossen entgegen, doch büsste er sein Draufgängertum mit dem Tode. Die nachgeborenen Zürcher bewahrten dem mutigen, aber letztlich glücklosen Politiker ein ehrendes Andenken. Denn nebst der Brunnenfigur erinnern gleich zwei Inschriften an Rudolf Stüssi: am Zunfthaus zur Schneidern (auch «Königstuhl» genannt) an der Stüssihofstatt 3 und am vor kurzer Zeit nach allen Regeln der Kunst restaurierten Haus Stüssihofstatt 4.
Am Napfplatz
Der Napfplatz wird von der Münstergasse her über zwei schmale Gassen erschlossen: Napfgasse und Spiegelgasse. Der harmonische Platz wird gleich von mehreren wichtigen Baudenkmälern beherrscht. Im Osten etwa stehen der markante «Brunnenturm» (Obere Zäune 26) und das Haus «zum blauen Himmel» (Napfgasse 8; Zinnfiguren-Museum Zürich), im Westen befindet sich das Haus «zum Waldris» (Spiegelgasse 11), wo Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) im Jahre 1775 Johann Caspar Lavater (vgl. Seite 39) besuchte.
Der Napfbrunnen stand ursprünglich vor dem Brunnenturm. Die Brunnenanlage stammte aus dem Jahre 1576 und wurde von einer Kriegerfigur mit antiker Rüstung und Zürcher Wappenschild geziert. 1876 wurde der Brunnen an den heutigen Standort verlegt. Damals entstand auch ein neues Brunnenbecken aus Marmor. Brunnensäule und Figur wurden 1911 neu geschaffen und sind das Werk des Bildhauers Arnold Hünerwadel (1877–1945). Die weibliche Gestalt auf hoher Säule stellte eine Frühlingsallegorie dar. 1937 hatte der Zahn der Zeit bereits in einem Masse an der Brunnenfigur aus Sandstein genagt, dass sich eine Renovation aufdrängte. Dabei wurde die antikisierende Frauengestalt kurzerhand der Mode der 1930er Jahre angepasst: aus der freizügigen, frühlingshaften Dame wurde nun eine sportlich-schlanke Figur im kurzen Hemdkleid! Und das zuvor unter einem Haartuch verborgene lange Haar wurde durch eine Kurzhaarfrisur ersetzt.
Am Neumarkt
Der im Jahre 1145 erstmals urkundlich erwähnte Neumarkt, der im Mittelalter als Viehmarkt diente, gehört zu den wohl malerischsten Strassenräumen der Zürcher Altstadt. Bis 1827 erreichte man den Neumarkt durch das Kronentor oben am Seilergraben. Der Neumarkt bildet einen hervorragend erhaltenen und geschlossenen Gassenzug, der dank der bau- und kunstgeschichtlichen Relevanz der Gebäude wesentlich zur Vielgestaltigkeit des historischen Kerns der Stadt beiträgt. Einen Hauptakzent stellt die platzartige Erweiterung beim Restaurant «Kantorei» (Sitz der Zürcher Singstudenten) dar.
Unmittelbar hinter der neuklassizistisch gestalteten Fassade der «Kantorei», welche den Neumarkt am Übergang zum Rindermarkt begrenzt, erhebt sich der markante Grimmenturm (Spiegelgasse 29). Im 19. Jahrhundert wurde der obere Teil des Dachhelms zusammen mit dem Glockentürmchen im Zuge eines Umbaus abgetragen. Rund 100 Jahre später – 1964 – wurde dieser wenig einfühlsame Eingriff in die Bausubstanz und ins Altstadtbild von der Denkmalpflege rückgängig gemacht. Dach und Turmaufbau wurden rekonstruiert. Der Name dieses frühgotischen Wohnturms geht auf Johannes Bilgeri, genannt der «Grimme», zurück. Von Bilgeri berichten die Quellen, dass er den Wohnturm zusammen mit dem angebauten Haus «zum langen Keller» (Rindermarkt 26) im Jahre 1350 den Bedürftigen im Predigerspital und den «willigen armen Schwestern» (Beginen) vermachte. Ein bedeutender frühgotischer Gemäldezyklus, entstanden um 1300, der sich einst im erwähnten Haus «zum langen Keller» befand, kann heute im Schweizerischen Landesmuseum bewundert werden. Die wertvollen Wandgemälde zeigen unter anderem den deutschen König im Kreise seiner Kurfürsten sowie reizvolle Szenen aus dem Ritterleben.
Ein Haus am Neumarkt verdient vertiefte Beachtung, ist es doch besonders geschichtsträchtig und zudem der interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Die Rede ist vom Haus «zum Rech» am Neumarkt 4. Der einstige Sitz der einflussreichen Zürcher Bürgermeisterfamilie Röist verfügt über einen Innenhof, der allein schon einen Besuch wert ist. Das Haus, welches in über 1000 Jahren und als Folge von mehreren Erweiterungen, Aufstockungen und Umbauten sein heutiges Aussehen erhielt, veranschaulicht Geschichte im besten Sinne, sind hier doch Spuren verschiedenster Epochen vereint und für den aufmerksamen Beobachter auch ablesbar. So zeugen etwa die verbleibenden Fassadenmalereien vom Zeitgeschmack des 16. Jahrhunderts. Solche dekorativen Fragmente vermitteln uns einen Eindruck vom künstlerischen Ausdruck wohlhabender Zürcher Familien. An der Treppenanlage haben sich Deckenmalereien aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Ähnliche Malereien in allen erdenklichen Farbstellungen zieren weitere Räume des Hauses und geben uns eine Vorstellung von damaliger Wohnkultur. Und die reich verzierten Geländer und Handläufe aus dem 18. Jahrhundert lassen einstige Schmiedekunst aufleben.
Das Haus «zum Rech» ist ein gutes Beispiel für den Wandel der Einstellung der Zürcher gegenüber ihren Baudenkmälern. Zu Beginn des20. Jahrhunderts sollte die Liegenschaft zusammen mit zahlreichen anderen Altstadthäusern einer neuen Strassenverbindung – dem sogenannten Zähringerdurchstich – weichen. Dieses Projekt, welches eine breite Verkehrsachse zwischen Central, Zähringerstrasse, Zähringerplatz und Heimplatz vorsah, wurde zum Vorteil der Altstadt aufgegeben, doch war der Abbruch des Hauses «zum Rech» weiterhin aus Gründen des baulichen Zustandes vorgesehen. In den 1960er Jahren führte dann das Bedürfnis nach einem geeigneten und würdigen Sitz für das Stadtarchiv und das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich zur Rettung und zur sorgsamen Restaurierung der Liegenschaft.
Im Erdgeschoss ist ein historisches Stadtmodell zu sehen, welches die Stadt Zürich um das Jahr 1800 darstellt. Ein Blick auf die mittelalterliche Stadtmauer mit ihren Türmen und auf den barocken Schanzengürtel wird zu einer nostalgischen Reise in die Vergangenheit Zürichs. Im ersten Stock befindet sich eine einmalige Sammlung von Stadtansichten, denn bereits 1877 hatte der Stadtrat von Zürich erkannt, dass die baulichen Veränderungen der Stadt dokumentiert werden müssen, wenn man die Entwicklung Zürichs für spätere Generationen nachvollziehbar machen will. Im Haus «zum Rech» halten die freundlichen Wächter der Stadtgeschichte Antworten auf (fast) alle Fragen im Zusammenhang mit der Stadt Zürich bereit. Im Stadtarchiv werden nicht nur die Protokolle und Akten der Stadtverwaltung aufbewahrt, sondern auch viele wertvolle Privatarchive, so zum Beispiel jenes des 1834 eröffneten «Aktientheaters», des Vorläufers des heutigen Opernhauses. Eine Präsenzbibliothek deckt alle Bereiche des Zürcher Kulturlebens ab. Zu den Geheimtips gehört eine einmalige Sammlung von Zeitungsausschnitten; sie wird täglich ergänzt durch Artikel zu Menschen und Firmen, zu Strassen und Häusern sowie zu allen wichtigen Themen, die den Alltag in der Limmatstadt ausmachen.
Aufstieg zum Hochschulquartier
Auf dem Weg zum Hochschulquartier bietet sich Gelegenheit, einen Blick auf das Geburtshaus des Zürcher Dichters Gottfried Keller (1819–1890) am Neumarkt 27 zu werfen. Das zurückversetzte verträumte Altstadthaus trägt den schönen Namen «zum goldenen Winkel». Den grössten Teil seiner Jugendjahre verbrachte der Schriftsteller allerdings im Haus «zur Sichel» am Rindermarkt 9. Eine andere Gedenktafel an der Kirchgasse 33 erinnert daran, dass Gottfried Keller 15 Jahre lang als Staatsschreiber des Kantons Zürich amtete.
Zürich kann sich nicht als «alte Universitätsstadt» bezeichnen, auch wenn zürcherische Gelehrtheit mit Schwergewicht auf der Theologie am Carolinum, dem Chorherrenstift Grossmünster, seit dem Mittelalter Tradition hat. Denn erst die bildungsfreudige Stimmung der 1830er Jahre führte zu einem wegweisenden kantonalen Unterrichtsgesetz, das die Ausbildung von der Elementarschule bis zur Hochschule neu und umfassend regelte. Die Gründung der Universität erfolgte Im Jahre 1833. Anfänglich befanden sich die Räumlichkeiten der Universität im sogenannten Hinteramt am Fröschengraben. Letzterer wurde 1864 für den Bau der Bahnhofstrasse eingedeckt.
Ab 1864 stand der Universität dann der sogenannte «Universitätsflügel» im von Gottfried Semper (1803 bis 1879) geschaffenen und 1855 eröffneten Gebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule zur Verfügung. Der deutsche Theologe David Friedrich Strauss (1808–1874) hat dem Standort der Eidgenössischen Technischen Hochschule 1871 eine politische Deutung verliehen: «Ich bin Monarchist von ganzer Seele; aber das muss ich bekennen, nur die Republik kann auf einem solchen Punkt den Palast für ihre hohe Schule stellen. Das ist gross. Wäre die Schweiz eine Monarchie, hier stünde die fürstliche Residenz oder eine Kaserne.»
Dass Zürichs Hochschulen – die kantonale Universität und vor allem das eidgenössische Polytechnikum – schon bald über einen ausgezeichneten Ruf in Europa und darüber hinaus verfügten, hatten sie nicht zuletzt den zahlreichen politischen Flüchtlingen aus deutschen Landen zu verdanken. Aus der Heimat vertrieben, fanden viele Professoren in der republikanisch-demokratisch gesinnten Schweiz und insbesondere in der Limmatstadt ein fruchtbares Wirkungsfeld und dankbare Studenten.
Die Universitätsgeschichte ist von ständiger Platznot geprägt. Das heutige Universitätsgebäude neben der Eidgenössischen Technischen Hochschule konnte erst 1914 feierlich eröffnet werden. Möglich geworden war das mächtige Bauwerk «durch den Willen des Volkes», wie eine Inschrift festhält. Architektonischer Schöpfer der Alma mater, welche wie die Eidgenössische Technische Hochschule auf ehemaligem Schanzengebiet hoch über der Stadt steht, war Karl Moser (1860–1936). Ihm verdanken die Zürcher auch den 1910 eröffneten Kernbau des Kunsthauses am Heimplatz.