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Eigentlich beschäftigt sich Romy Günthart mit mittelalterlicher Literatur. Doch jetzt hat sie ein Buch über das antifaschistische Zürich der 1930-er geschrieben.
Mitte der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts war in Zürich kaum etwas wie heute. Im Kreis 5, dem jetzigen Trendquartier, baute die Escher Wyss AG Schiffsmotoren, Oerlikon, Höngg und Wipkingen waren erst gerade eingemeindet worden und im Hirschengraben wehten beim deutschen Konsulat die Fahnen mit den Hakenkreuzen im Wind. Die grosse Wirtschaftskrise war noch längst nicht überwunden und die Arbeitslosigkeit blieb dementsprechend hoch. Und doch verdanken wir der unruhigen Zeit vieles: Sozialer Wohnungsbau und die Einrichtung des städtischen Sozialamtes etwa sind Errungenschaften des «Roten Zürich». Mit dieser engagierten Gesellschaftspolitik wurden wichtige Grundsteine gelegt, auf denen nach dem Krieg das moderne Zürich gebaut werden konnte.
Der Krieg hat schon begonnen
Das heisst, der Krieg war eigentlich schon im Begriff, loszugehen: Im Juli 1936 putschten Aufständische unter General Francisco Franco und mit Unterstützung aus dem faschistischen Italien, aus Nazideutschland und von der katholischen Kirche gegen die demokratisch gewählte Regierung der Zweiten Spanischen Republik. Auf der Gegenseite schaltete sich nebst den internationalen Brigaden auch die Sowjetunion ein. Damit handelte es sich faktisch um einen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Parteien, die sich auch im Zweiten Weltkrieg wieder gegenüberstehen würden. Die Kämpfe endeten nach drei Jahren Bürgerkrieg mit dem Sieg der Putschisten und mündeten in eine fast vierzig Jahre währende Diktatur.
Doch die Machtübernahme ging nicht ohne Widerstand vonstatten, auch nicht ohne Widerstand aus dem Ausland. Und in der Organisation des antifaschistischen Kampfes spielte auch Zürich eine Rolle und hier wiederum ein gewisser Walter Günthardt. Der gebürtige Zürcher hatte eine schwierige Zeit in einem Erziehungsheim Liestal hinter sich und konnte nur dank seinem umsichtigen Vormund eine Schreinerlehre absolvieren. Trotz der soliden Ausbildung machte die schlechte Wirtschaftslage aber auch ihm zu schaffen und er war immer wieder auf staatliche Unterstützung angewiesen. Diese Voraussetzungen, «Krise und Arbeitslosigkeit sowie das Aufkommen des Nationalsozialismus» brachten den jungen Mann zur Arbeiterbewegung.
Unscheinbares Leben
Günthardt wohnte mit Frau und Kind an der Eschwiesenstrasse 30 und hatte den Mechaniker Heinrich Bräm als Untermieter bei sich aufgenommen. Die beiden teilten aber nicht nur die Adresse, sondern auch die politische Einstellung: Sie hatten sich im linken Café Boy in Aussersihl beim Schach kennengelernt und gehörten 1936 zu den Ersten, die nach Spanien fahren wollten, um gegen die Franquisten zu kämpfen. Sie wurden allerdings noch an der Grenze zu Frankreich verhaftet. Bräm kam in einem zweiten Anlauf durch, Günthardt jedoch unterliess weitere Versuche, die Heimat zu verlassen.
Walter Günthardt war der Grossvater von Romy Günthart, die über seine Geschichte im Kontext der Zürcher Spanienfreiwilligen ein Buch geschrieben hat. Er führte nach seiner Verhaftung an der Grenze ein eher unscheinbares Leben. Davon, dass er mit zentralen Figuren des Widerstands zu tun gehabt hatte und dass zum Beispiel der deutsche Schriftsteller und spätere Stabschef der XI. Internationalen Brigade Ludwig Renn in seiner Wohnung ein- und ausgegangen war, wusste später niemand. «In der Familie hatte es zwar immer das Gerücht gegeben, er habe etwas mit Spanien zu tun gehabt.» Näheres sei allerdings kaum bekannt gewesen. Bis auf eine Lithografie von Heinrich Zille, die der Grossvater «von einem besonderen Deutschen» (der sich als Ludwig Renn herausstellte) bekommen hatte, gab es wenige Hinweise auf die Verbindungen Walter Günthardts.
Geschichte der kleinen Leute
Doch die Auseinandersetzungen der Autorin sind weit mehr als blosse Familiengeschichte. Das Buch sei kein Nebenprojekt gewesen, sagt die Privatdozentin für Ältere Deutsche Literaturwissenschaft: «Ich habe ein halbjähriges Sabbatical genommen, um das Buch zu Ende zu schreiben». Nur die Recherchearbeiten in den verschiedenen Archiven hat sie nebenbei gemacht. Zur Historikerin will sie aber trotz ihrer Begeisterung nicht werden: «Die ästhetische Komponente an Texten ist mir sehr wichtig.» Diese sei aber bei den politischen Quellen nicht gleichermassen gegeben wie in der Literatur, von amtlichen Dokumenten ganz zu schweigen. Was sie dereinst dennoch genauer aufarbeiten will, ist die Geschichte des Grossvaters und dessen Vormund.
Auch hier sei nämlich sehr viel solidarische Arbeit geleistet worden und viele Kinder hätten von behördlichen Instanzen durchwegs profitiert. «Es ist wichtig, dass gezeigt wird, dass immer auch im Kleinen wichtige Beiträge zur gesamtgesellschaftlichen Situation geleistet wurden», meint Romy Günthart auch im Hinblick auf die engagierten Antifaschisten der Dreissigerjahre. ◊