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Am 23. September 1939 starb Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, in London. Unter den Beileidsbezeugungen an seine Frau Martha und die Tochter Anna, die mit ihm im vorangegangenen Jahr aus Wien vor den Nationalsozialisten geflohen waren, befanden sich auch Trostworte aus der weitverzweigten Verwandtschaft. Aus Zürich hatte Paul Bernays geschrieben, dessen beide Eltern Cousin und Cousine der Witwe waren.
Martha Freud-Bernays an Paul Bernays, 19. November 1939 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 976a: 489)
Martha Freud-Bernays antwortete ihm handschriftlich auf einer vorgedruckten Dankeskarte:
Auch dir, lieber Paul, möchte ich herzliche danken für Dein teilnamsvolles Schreiben, in dem mich am meisten die Erwäh- / nung der „Traumdeutung“ ergriffen hat. Wirst Du es glauben, dass nach ihrem Erscheinen (im Anfang des Jahrhunderts) keine wiener Zeitung ein Referat darü- / ber bringen wollte, was sie aber nicht hinderte, 10 Jahre später den ganzen, von demselben Schriftsteller geprägten Wortschatz als selbstverständlich zu übernehmen. Und wenn heute jede grössere indische Stadt eine Trauerfeier für ihn veranstaltet hat, so ist es doch für mich wie ein wahr gewordenen Märchen!
Von Deiner Habilitierung habe ich mit Interesse in der Basler Nationalzeitung gelesen und bin froh für Euch Alle, dass Ihr Schweizer geblieben. Auch wir, obwohl staatenlos, haben uns nicht zu beklagen, England ist ein nobles Land und hat uns mit unerhörter Sympathie aufgenommen.
Leb wohl lieber Paul und sei gegrüsst
von einer ganz alten
Tante
Bei der erwähnten „Traumdeutung“ handelt es sich um ein frühes Grundlagenwerk Freuds zur Psychoanalyse. Die angesprochene Habilitierung von Paul Bernays meint die Habilitation an der ETH Zürich 1939. Bernays, der das Zürcher Bürgerrecht besass, war Professor für Mathematik an der Universität Göttingen gewesen, verlor jedoch wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 diese Stelle und kehrte in die Schweiz zurück. An der ETH Zürich erhielt er durch die Vermittlung seines Kollegen Hermann Weyl in den folgenden Jahren Lehraufträge für Logik und Grundlagen der Mathematik. Nach behördlich genehmigtem Habilitationsgesuch unterrichtete er ab 1939 als Privatdozent und schliesslich ab 1945 als ausserordentlicher Professor für höhere Mathematik. Der Brief von Martha Freud-Bernays stammt aus seinem umfangreichen Nachlass, der vom Hochschularchiv der ETH Zürich in der ETH-Bibliothek aufbewahrt wird.