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Dragica Rajčić wurde am 1.4.1959 in der Nähe von Split geboren und wuchs in Kroatien auf. Nach dem Abitur und einem Australienaufenthalt kam sie 1978 in die Schweiz, wo sie als Putzfrau, Büglerin und Heimarbeiterin tätig war.
1988 kehrte sie nach Kroatien zurück. Sie gründete dort die Zeitung Glas Kaštela und arbeitete als Journalistin. 1991 floh sie während der Jugoslawienkriege mit ihren drei Kindern in die Schweiz, wo sie sich in der Friedensarbeit engagierte. Es erfolgte ihr Studium «Soziokulturelle Animation» an der HSA Luzern. Sie lebt in Zürich und Innsbruck und ist mit Johann Holzner verheiratet.
Dragica Rajcic begann Anfang der Siebzigerjahre mit dem Schreiben, zuerst in ihrer Muttersprache. Seit ihrem ersten Aufenthalt in der Schweiz entstanden auch Gedichte, Kurzprosa und Theaterstücke in deutscher Sprache. Rajcic pflegt in ihren deutschsprachigen lyrischen Werken häufig einen bewusst an das so genannte «Gastarbeiterdeutsch» angelehnten, an der Oberfläche rudimentär-fehlerhaft wirkenden Stil. Dragica ist eine imposante Erscheinung, wenn sie einen Raum betritt, wird es hell. Schon in ganz jungen Jahren wusste sie, dass sie Schriftstellerin werden würde. Sie las viel und schrieb schon in früher Kindheit Gedichte. Sie weiss, was sie will und verfolgt seit je her ihren Weg, wenn er auch nicht immer einfach war.
«Wann wusstest du, dass du Schriftstellerin werden wolltest?», frage ich sie.
«Ich habe immer viel gelesen und es war mir schon früh klar, dass ich Schriftstellerin bin. Ich habe keine bewusste Entscheidung getroffen, es war eine klare Haltung, dass ich Autorin bin. Als ich später Preise gewonnen habe, war das für mich völlig normal, dass ich diese gewinnen werde. So tief in mir war ich überzeugt, dass mir das auch zusteht. Mich haben sie immer nach meiner «Putzkarriere» gefragt und nicht nach meiner Literatur. Wenn jemand über Monster schreibt, dann fragt man ihn auch nicht nach dem Monsterleben», sagt sie fast trotzig. Man spürt, dass sie es nicht immer einfach hatte und doch hat sie vieles erreicht ,was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.
«Ich wollte meinen Weg machen als Schriftstellerin und dann kam der Krieg – da musste ich mich als Putzfrau beschäftigen, damit ich meine Familie durchbringen konnte.» Dragica hat drei Kinder alleine grossgezogen und ist Grossmutter von drei Enkelkinder.
«Was fasziniert dich an der Sprache?»
«Ich kann die Sprache nicht vom Leben trennen … für mich gehört beides zusammen. Sprache ist so ungenau. Ich spreche schon fast philosophisch.» Sie schaut mich lachend an und fährt weiter. «Die lineare Sprache tut Menschen formen – Bildersprache ist für mich . ich rede in Bilder und manchmal haben die Menschen den Eindruck, dass ich etwas nicht überdacht habe. Den Schriftsteller macht es auch, seine eigene Sprache zu finden. Sprache ist Macht – ich schreibe in meiner eigenwilligen Sprache, die teilweise kroatisch gefärbt ist – ich habe nicht das Gefühl gehabt meine Sprache anpassen zu müssen und bin deshalb auch oft meinen eigenwilligen Weg gegangen. Natürlich muss etwas leserfreundlich sein – und trotzdem finde ich, dass ich mich nicht zu fest verbiegen darf, damit mich die Menschen verstehen. Bei meinem ersten Buch wollten sie alles korrigieren – bei mir wird nicht lektoriert – ich will meine Sprache, meine Welt transportieren – wieso tun wir so, als wären wir alle Goethe?», sagt sie bestimmt.
«Wieso bist du in die Matte gekommen?»
«Antoinette Jaun, die Schulleiterin, wünschte sich ein spezielles Projekt für ihr letztes Arbeitsjahr hier in der Matte und vor ihrer Pensionierung. Die Sprachheilschule wird im Sommer die Matte verlassen und ins Wankdorf ziehen. Das Projekt „Schriftstellerin in Schulresidenz“ wurde ausgeschrieben und es gab einige Schulen, die sich gemeldet haben. Für mich war es sehr wichtig und entscheidend, dass die Schulleitung hinter dem Projekt steht und wir zusammenarbeiten können. Es gab auch mir eine Sicherheit ein Jahr an einem Projekt zu arbeiten und längerfristig mit Kindern, Lehrer und Eltern zusammen zu arbeiten. Dies gab mir die Möglichkeit Neues zu lernen und bestimmte Segmente weiter zu entwickeln. Sprachheilschule und die sogenannt „Normalschule“ war für mich eine grosse Herausforderung und unglaublich spannend.»
«Was nimmst du mit, wenn du aus der Matte gehst?» «Ich habe einen Werkbeitrag der Stadt Zürich bekommen und werde mich nun um meinen Roman kümmern, der im Frühling 2017 erscheinen wird. Es war hier in der Matte ein intensives und schönes Jahr, nun brauche ich für einen Moment Pause, bevor ich ein weiteres Projekt in dieser Form annehmen will.»
«Was ist es, was dich an der Matte am meisten beeindruckt hat?» Mit einem grossen Seufzer sagt sie: « … Aare … Ich habe auch mein Herz an Bern verloren. Für mich ist es ganz gut länger an einem Ort zu sein», sagt sie fast entschuldigend. Dragica lebt in Zürich, Bern und ist in Innsbruck mit Hannes Holzner verheiratet. Sie pendelt oft und gerne und manchmal zieht es sie auch nach Kroatien.
«Bist du eine Nomadin?», will ich wissen. «Nein, ich bin keine Nomadin», sagt sie dezidiert. «Ich bin bei Menschen zu Hause. Ich bin „Ausländerin“in der Schweiz und man kann mich jederzeit über die Grenze setzen. In Amerika zieht man 32-mal um», sagt sie lachend. Für sie ist es normal an unterschiedlichen Orten zu sein und auch zu leben.
«Ich bin nicht jemand, der einen Schrebergarten möchte. Wo wir sind, sind wir zu Hauser – man gibt andern auch Raum ihre Sachen zu machen, wenn man nicht immer am gleichen Ort ist.»
«Was wirst du am meisten vermissen?»
«Die Kinder – das ist eine Magie mit Kindern zusammen zu sein - in den jungen Menschen ist so eine Echtheit … und wenn sie lesen und schreiben, lerne ich unglaublich viel. Und ich mache mit ihnen einen Weg – und das werde ich vermissen. Die Begegnungen werden mir sicher fehlen … und bei den Kindern ist die Maske noch nicht angezogen – sie sind so echt. Wenn Dragica gekommen ist – dann waren wir glücklich, sagen die Kinder. «
«Aare und Kinder kannst du nicht mitnehmen»
«Ich will keinen Abschied – diese Zeit bleibt für mich und diese Kinder. Es war eine Oase hier in der Matte – auch wenn das Schulhaus alt ist und die Technik erneuert werden muss und trotzdem werden sie eine solche Umgebung nicht mehr finden. Das Wankdorf ist wie in einem Industriegebiet. Für die Kinder, die nicht da waren wird es sicher einfacher sein, aber diejenigen die hier waren, werden vor allem den Bach vermissen. Es wird wohl eine grosse Leere entstehen – wir werden sehen.»
«Gab es etwas, was dir nicht gefiel?»
«Kein Bäcker, kein Metzger – man muss immer nach oben gehen, um etwas zu kaufen. Das Dorf «Matte» wird gelobt und doch gibt es vieles nicht mehr – was ich sehr schade finde.
Dragica hat die Menschen hier unten in der Matte in ihr Herz geschlossen und die Menschen sie. Sie hat Bewegung in die Matte-Schulen gebracht und vieles war in diesem Jahr möglich.
Abschied wird es nicht nur für die Sprachheilschule geben, sondern auch Dragica wird wieder weiterziehen, obwohl sie gut in die Matte passen würde. Herzlich Dank für dein Gespräche und deine vielen kreativen Ideen, die auch mir viel gebracht haben.