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Als der amerikanische Werbepsychologe Alexander Osborn 1953 den Begriff des Brainstorming prägte, hielt dieser rasch Einzug ins allgemeine Vokabular. Osborn lieferte auch gleich die Regeln für gutes Brainstorming: Je mehr und je ungewöhnlichere Ideen dabei geäussert werden, desto besser.
Schon damals behauptete Osborn, Brainstorming in Gruppen sei effizienter als alleine im stillen Kämmerchen: in Gruppen entstünden doppelt so viele Ideen, als wenn dieselbe Anzahl Personen alleine Brainstorming macht. «Diese Aussage ist allerdings schon bald wieder aus den Publikationen von Osborn verschwunden» sagte Wolfgang Stroebe, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Utrecht (NL) an einem öffentlichen Kolloquium an der Universität Zürich.
Weniger Ideen und weniger kreativ
Stroebe forscht seit 1981 unter anderem zum Thema Brainstorming und hat in seinen experimentellen Versuchen in etwa das Gegenteil der damaligen Aussage von Osborn herausgefunden: das Brainstorming in Gruppen liefert nur etwa halb so viele und auch weniger kreative Ideen, als wenn dieselben Personen je einzeln «brainstormen».
Stroebe führte drei mögliche Gründe dafür an: In der Gruppe könnte die Angst vor Kritik grösser sein, was die Teilnehmenden dazu veranlasst, gewisse Ideen zurückzuhalten. Zweitens ist ein «Trittbrettfahren» denkbar – in der Gruppe muss man sich weniger anstrengen und kann sich mit dem Resultat auch weniger identifizieren. Die Forschung hat aber gezeigt, dass vor allem ein dritter Grund relevant ist: die «gegenseitige Produktionsblockierung».
Zuhören blockiert
Anderen zuzuhören, wenn sie ihre Ideen formulieren, stimuliert nicht die eigene Kreativität, wie Osborn behauptet hatte, sondern blockiert das eigene Denken. Weil in der Gruppe immer nur eine Person sprechen kann, müssen die anderen warten. In dieser «Wartezeit» vergessen sie die Ideen, die sie gerade im Kopf hatten. Oder sie sind so stark damit beschäftigt, ihre Ideen nicht zu vergessen, dass keine weiteren Ideen auftauchen können. Die weitere Forschung zeigte dann auf der Grundlage von Gedächtnistheorien, wie der «train of thought» unterschiedlich unterbrochen wird.
Der Spass spielt mit
Obwohl in der Forschung schon lange Zweifel am Brainstorming in Gruppen bestanden, geniesst die Methode nach wie vor eine hohe Popularität. Stroebe sieht verschiedene Gründe dafür: «Brainstorming in Gruppen macht mehr Spass, kann die Teambildung unterstützen und motivieren, sich mit einem Problem vertieft zu befassen. Und die in der Gruppe gewonnen Entscheidungen sind breiter abgestützt und akzeptiert.»
Gut ist, was machbar ist?
Stroebe setzt allerdings nicht nur bei der Ideen-Erzeugung, sondern auch bei der Bewertung der Ideen Fragezeichen, was die Arbeit in Gruppen anbelangt. Untersuchungen haben gezeigt, dass in Gruppen vor allem die ausführbaren und somit die weniger kreativen Ideen für gut befunden werden. «Es kann aber nicht der Sinn des Brainstorming sein, die Ausführbarkeit derart zu betonen.» Sonst bestehe die Gefahr, dass nur Ideen entstünden, die ohnehin auf der Hand lägen.
Zweiergruppe als Kompromiss?
Nötig wäre nach Stroebe, auch die originellen Ideen aufzunehmen und abzuklären, ob sie nicht doch modifizierbar und umsetzbar sind. Auf jeden Fall sollten in der Praxis des Brainstorming die Teilnehmenden angewiesen werden, «originelle Ideen» zu produzieren.
Als weitere Regel empfiehlt Stroebe: Brainstorming individuell oder höchstens in Zweiergruppen durchführen. Bei der Zweiergruppe sei der Spassfaktor nämlich ebenfalls hoch und die Blockaden seien noch kaum festzustellen. Um beim Brainstorming eine gewisse Tiefe zu erlangen, sollte das Thema zudem eng eingeschränkt sein.
Feldforschung mit neuen Aspekten?
Die Diskussion mit dem Publikum zeigte dann, dass noch einige Forschungsfragen offen sind, die auch für die Gruppenmethode sprechen könnten - etwa wenn es um den Prozess der Umsetzung von Ideen geht. Analog zur Akzeptanz von Ideen könnte auch die Motivation, diese umzusetzen, grösser sein, wenn sie in Gruppen entstanden sind.
Stroebe wurde aus dem Publikum auch aufgefordert, neben den Laborversuchen vermehrt mit «natürlichen Gruppen» in realen Umgebungen zu forschen. Das Phänomen könnte sich dabei breiter präsentieren und Laborverzerrungen vermieden werden. Stroebe stimmte dem gerne zu und antwortete – ganz beim Thema bleibend: «Das finde ich eine gute Idee.»
Der Gastvortrag fand im Rahmen eines Kolloquiums der Fachrichtungen Sozial- und Wirtschaftspsychologie sowie Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Zürich und des Zentrums für Organisations- und Arbeitswissenschaften der ETH Zürich statt.
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