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Eine lateinische Übersetzung von Zwinglis Kappelerlied
Einführung: Clemens Schlip (traduction française: David Amherdt/Kevin Bovier). Version: 10.02.2023.
Entstehungszeitraum: vor dem 5. September 1566 (Tod des Fabricius Montanus).
Kopie: von unbekannter Hand auf der letzten Seite eines Exemplar der Preces sacrae ex psalmis Davidis […] des Petrus Martyr Vermilius, Zürich, Froschauer, 1566 (das Exemplar befindet sich im Besitz von Frau Rita H. Schnellmann, Antiquarin in Zürich, die uns eine Ablichtung zur Verfügung gestellt hat).
Der übersetzte Text: das deutsche Original findet man z. B. in: Huldreich Zwinglis sämtliche Werke, Bd. 6.5, Zürich, Theologischer Verlag Zürich, 1991 (Corpus Reformatorum 93,5), 395-398.
Metrik des lateinischen Textes: zwei Glyconeen, gefolgt von einem Pherecrateus.
Zwingli soll das Kappelerlied Lied um 1525 herum verfasst haben und versah es zunächst mit einer anspruchsvollen Melodie nach Art einer Hofweise. Auch die heute gebräuchliche einfachere Melodie soll auf ihn zurückgehen, wenngleich sich dies nicht sicher entscheiden lässt. Im Kontext des Ersten Kappelerkrieges gelangte das Lied mit dieser Melodie zu grösserer Bekanntheit und fand im alemannischen Raum Eingang in Gesangbücher (erstmals belegt in Strassburg und Konstanz, jeweils um 1537). Das bedeutet jedoch nicht, dass es damals in Gottesdiensten Verwendung gefunden hätte. Eine solche Verwendung hatte Zwingli im Übrigen gar nicht im Auge gehabt. Er hatte den ersten, vierstimmigen Satz des Kappelerliedes im Stil der damaligen Hausmusik komponiert und somit also ursprünglich den Sologesang, nicht den Gemeindegesang im Auge gehabt. Man darf nicht vergessen, dass es bis 1589 in der Region Zürich infolge der zwinglianischen Kirchenreform überhaupt keinen Kirchengesang mehr gab, da Zwingli darin eine Ablenkung von der andächtigen Betrachtung des Gotteswortes sah. Das darf man in keinem Fall als einen Beleg für mangelnde Musikalität Zwinglis betrachten; diese war im Gegenteil sehr gross. Der Liedtext reflektiert Zwinglis Leiden an den innerschweizerischen Konflikten seiner Zeit, nicht zuletzt den Auseinandersetzungen zwischen den Katholiken und seinen eigenen Reformierten, und auch den Konflikten innerhalb des reformierten Lagers; es wäre also irrig, es als Kriegslied zu bezeichnen. Dass der Dichter sich in seinem Text selbst der Partei der Guten zurechnet, ist unübersehbar. Dass das Lied 1529 im Feldlager der Reformierten vor Kappel gesungen wurde, erscheint zumindest möglich.
Ein Exemplar der 1566 bei Froschauer in Zürich erschienenen Preces Sacrae von Peter Marty Vermigli enthält als handschriftlichen Eintrag den Text einer lateinischen Übersetzung des Kappelerliedes, die im Titel Fabricius Montanus zugeschrieben wird. Unserem Kenntnisstand nach sind sowohl der Text wie diese Autorenzuschreibung nur in diesem Kontext belegt; es gibt allerdings unserer Ansicht nach keinen vernünftigen Grund, warum Montanus nicht der Verfasser dieser Übersetzung sein sollte. Wir präsentieren neben der lateinischen Übersetzung auch den Originaltext – dessen dichterische Kunstfertigkeit hier nicht gewürdigt werden kann – und, zum besseren Verständnis, eine neuhochdeutsche Bearbeitung.
Zu den genaueren Entstehungsumständen der hier wiedergegebenen und nur in Form einer Abschrift überlieferten lateinischen Übersetzung des Kappelerliedes durch Fabricius Montanus ist nichts bekannt. Innerhalb der einzelnen Strophen folgt auf zwei Glyconeen jeweils ein Pherecrateus. Die Wahl einer so gebauten Strophenform erscheint ungewöhnlich (sie hat etwa unter den lyrischen Strophen des Horaz kein Vorbild).
Bibliographie
Bernoulli, E., «Zwinglis Kappeler-Lied in zwei mehrstimmigen Sätzen», Schweizerische illustrierte Zeitschrift 23 (1919), 157-160.
Jenny, M., «Die Lieder Zwinglis», Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 14 (1969), 63-102.
Jenny, M., «Geschichte und Verbreitung der Lieder Zwinglis», in: W. Blankenburg u. a. (Hgg.), Kerygma und Melos. Christhard Mahrenholz 70 Jahre, 11. August 1970, Kassel u. a., Bärenreiter, 1970, 319-341.
Jenny, M., «Zwingli als Liedschöpfer», Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 36 (1996/97), 227-234.