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Küttners Uebergang von der Lenk ins Leukerbad
In der Vorrede zu Wagners Prospekten schreibt Albrecht Haller: „ ein angesehener Landvogt von eben dieser Gegend " ( d.h. Ober-Simmen-tal ) habe es gewagt „ durch einen unbekannten Steig, den man von einer Felsecke zur andern erforschen mußte, einen von keinen Stadtleuten jemals betretenen Weg zurückzulegen ", auf dem er „ in ebendem Tage ", nachmittags 3 Uhr, ins Wallisbad gelangt sei.
Ich habe schon bei einer früheren Gelegenheit die Ansicht ausgesprochen, dieser „ unbekannte Steig " sei am Nordabfall des Wildstrubelmassivs zu suchen, wo eine Folge leichter, relativ niedriger, nahe bei einander gelegener Pässe es einem rüstigen Gänger ermöglicht, in zirka 10 Stunden Marsch von der Lenk ins Leukerbad zu gelangen.
Einem Bergsteiger von heute ständen freilich noch andere Wege offen: Er könnte den Wildstrubel traversieren oder über das Schneejoch gehen oder endlich die Höhe der Gemmi über den Ammertenpaß und die Strubelegg erreichen. Alle diese Übergänge sind aber höher, länger und beschwerlicher, als derjenige über die nördlichen Ausläufer des Wildstrubels und führen gutenteils über Schnee und Eis; größere Gletscherwanderungen waren aber damals noch selten und galten so sehr als außerordentliches Wagnis, daß es Haller gewiß nicht unterlassen hätte, darauf besonders aufmerksam zu machen, wenn der Landvogt von Blankenburg seinen Weg statt „ von einer Felsecke zur andern ", über den Gletscher genommen hätte. Anderseits ist die niedrigere Route von der Lenk zum Gemmiweg über das Hahnenmoos und die Bonderkrinden ausgeschlossen, denn abgesehen davon, daß dieser Weg um mindestens drei Stunden länger ist, als derjenige über die oberen Pässe, paßt Hallers Notiz in keiner Weise auf den altbekannten zahmen Übergang über das Hahnenmoos.
Es unterliegt deshalb meiner Ansicht nach kaum einem Zweifel, daß der Landvogt Hallers seinen Weg von der Lenk nach dem Wallisbad über den Ammertenpaß ( 2448 m ), den Engstligengrat ( 2619 m ) und die Rote Kumme ( 2652 m ) zur Daube genommen hat und auf dem Gemmiwege nach Leuk abgestiegen ist, wo er bei frühem Aufbruch von der Lenk ganz wohl um 3 Uhr nachmittags eintreffen konnte. In dieser Ansicht bin ich seither durch den Bericht Karl Gottlob Küttners über seinen Übergang von der Lenk zum Leukerbad im Jahre 1780 bestärkt worden, den ich in den Briefen eines Sachsen ( III, pag. 3-35)2 ) gefunden habe.
Küttner hielt sich 177ti bis 1788 als Erzieher in der Schweiz auf, meist zu Basel und in der Waadt, lernte aber durch öftere Reisen mit seinen Zöglingen auch andere Gegenden der Schweiz kennen. Er war für seine Zeit ein ziemlich unternehmender Berggänger, der es wagte, selten betretene Pfade, abseits von der großen Touristenstraße, einzuschlagen. So überschritt er 177S auf der Rückreise von Mailand nach Basel den Nufenenpaß und erstieg eine Spitze an der Furka. Zwei Jahre später unternahm er eine Reise durch die damals wenig besuchten Täler der Saane und der Simme zur Gemmi. Diese Reise muß Ende Juni oder Anfang Juli stattgefunden haben, denn in einem Briefe aus Vevey vom 10. Juni 1780 kündigt Küttner seinem Freunde an: „ In einigen Tagen werde ich eine weitere und in manchem Betracht merkwürdige Reise über die Gemmi ins Leukerbad und durch Wallis wieder zurück machen " und am 13. Juli schreibt er demselben: „ Die Reise, von der ich Ihnen letzthin schrieb, ist gemacht und — mit einem innigeren Gefühle, als bey irgend einer, die ich je machte, darf ich diesmal hinzusetzen — glücklich gemacht. Daß ich an einem dieser Tage mein Leben aussetzte, ist nichts; aber daß ich das Leben anderer zum Teil durch meine Schuld ausgesetzt sehen mußte, ist mir noch jetzt, nun der Tag vorbey ist, ein schauderhafter Gedanke. Um die Gemmi nicht zu ersteigen, um sechs bis sieben Stunden zu ersparen, und etwas Außerordentliches zu thun, haben wir, mehrenteils auf meinen Antrieb, einen der abscheulichsten Wege gemacht, den man sich denken kann. Aber fest habe ich bey dieser Gelegenheit den Vorsatz für die Zukunft gefaßt, nie wieder über die Alpen anders zu gehen, als über gewöhnliche, wenigstens betretene Wege !" Jener schreckliche Tag war eben der, an dem Küttner über Ammerten, Engstligen und Rote Kumme von der Lenk nach der Gemmi hinüberging.
Die Reise ging von Vevey aus. „ Eine Gesellschaft von dreyen, zu welcher ich der vierte war, ein Bedienter mit unserm Gepäck und ein Pferd — das war die Karavane, die an einem Morgen nach drey Uhr hier auszog. " Zwei seiner Begleiter scheinen Zöglinge Küttners gewesen zu sein; der dritte war ein Berner, „ der sehr unterrichtet ist und sein Land vollkommen kennt ".
Der Weg führte über den Col de Jaman, von welchem aus Küttner und der Berner die Dent erstiegen, nach Montbovon und durch das Saanetal aufwärts nach Château-d'Oex, wo das erste Nachtquartier bezogen wurde. Am folgenden Tage marschierte man über Saanen, die Saanenmöser und Zweisimmen nach der Lenk, deren prächtigen Talschluß mit seinem Felsamphitheater, seinen Firnspitzen und Wasserfällen Küttner sehr hübsch und anschaulich schildert, wie denn überhaupt seine Reisebriefe von guter Beobachtung und tiefem Naturgefühl zeugen. Im Wirtshaus angekommen, das Küttner so dürftig fand, „ wie es an einem Orte zu erwarten ist, der sozusagen am Ende der Welt liegt ", war die erste Sorge die, einen Führer für den Übergang zum Leukerbad zu finden. Zwar wollten weder die Wirtsleute noch der Pfarrer von einem direkten Weg etwas wissen, Küttner bestand aber darauf, es müsse einen solchen geben, denn er hatte „ gelesen und gehört, daß im hohen Sommer von der Leng aus ein Paß offen seyn solle, auf dem man in acht Stunden ins Leukerbad kommen könne und der in jeder Betrachtung sehr interessant seyn solle ". Es fand sich denn auch endlich ein alter Kräutersammler, der alle möglichen Pässe wissen sollte und als Führer dienen konnte. Am frühesten Morgen des nächsten Tages schlug man den Weg zu den Sieben Brunnen ein, während der Bediente mit dem Pferd über Adelboden geschickt wurde. Und nun mag Küttner seine Erlebnisse und Eindrücke an jenem denkwürdigen Tage selbst erzählen :1 ) „ Wir waren eine Stunde in der Ebene gegangen, als wir an die Siebnen oder Simmen kamen, längs welcher wir nun ein Stück Wegs in die Höhe machen mußten. Sie stürzt sich dort durch lauter Fälle über Felsen herab und bildet mit dem daranliegenden dunkeln Walde eine wilde, schöne und fürchterliche Gegend, und so kamen wir endlich auf einen großen Platz vor dem Amphitheater: der größte, erhabenste, schönste Anblick von allem vielleicht, was ich in der Schweiz gesehen habe. Mit mannichfaltigen, unzählichen Tinten ist die gekrümmte Felswand gemalt, aber so merkwürdig und abwechselnd in ihren Formen, als in ihrem Kolorit. Majestätisch läßt sich oben ein Theil des Gletschers mit allen seinen mannigfaltigen Farben und Zacken über die Wand herab; rechts und links schäumen Wasserfälle herunter, unter denen der Am-mertenbach der vornehmste ist. Auf der Seite flößen dunkle Tannenwälder Ernst und Nachdenken ein; rechts wechselt eine Gletschertafel, mit grauer Erde bedeckt, mit den grünen Hügeln und den abgefallenen Felsbrocken ab; weiterhin gebieten majestätisch sich erhebende Berge Ehrfurcht und Staunen. Und nun im ersten Vorgrunde strömt aus einer kleinen, sanft hängenden Wiese die Simmen oder Siebnen oder Siebenbrunnen in einer Menge Armen, von denen sie vermuthlich den Namen hat, so stark hervor, daß sie gleich einen artigen kleinen Fluß bildet Ungern verließ ich das schöne Gemälde und folgte unserem Führer links, der uns über steile, steinige Wege, durch Wald und Wiesen abwechselnd führte. Schon hörte die befruchtete Gegend auf; wir stiegen über locker liegende rollende Steine einen steilen Berg hinauf und fanden bald keine Spur menschlicher Hand mehr. Öde war die Natur um uns her; kein Schatten eines Baumes erquickte uns; kein Vogel sang, und rechts zeigte sich der ungeheure Gletscher auf der Höhe Von diesem Orte an habe ich acht Stunden weit keinen Tritt, keinen Zug, keine Spur menschlicher Hand mehr zu sehen bekommen. Wir waren schon sehr hoch, als wir uns an einem kleinen Bach, der zwischen den Felsen rann, lagerten und unser Mittagessen, das aus Brod und Käse bestand, verzehrten. Gegen zwey Uhr waren wir auf der Höhe des traurigen, unfruchtbaren Berges Wir mußten von dieser Anhöhe wieder etwas hinab in das Aengstlenthal, ein Name, welcher vollkommenImmerhin unter Weglassung einiger Exkurse.
der Angst entspricht, welche die Wildniß und Oede dieses Thals erzeugen. Da war keine Spur, daß je ein Mensch hier gegangen, je ein Thier geweidet; nackt und todt war der Fels umher; seine abgerissenen Stücke lagen in unserm Wege, hin und wieder von Schneeschichten unterbrochen, und die traurig schleichende Aengstlen durchmurmelte ängstlich die ausgestorbene Scene
Ich sah mit Unruhe, daß wir schon längst keinen betretenen Weg mehr hatten, und die Ungewißheit unseres Führers, der öfters stille stand und nach den Bergspitzen sich umsah, machte mich ängstlich. Ich sah, daß wir hintergangen worden waren, daß unser Führer seines Weges nicht gewiß war, und daß ein Nebel, der längs den Bergen hinzuziehen begann, ihn in Furcht und Angst setzte. Jetzt fing er an, von den Bergnebeln zu erzählen, wie sie manchmal ganze Tage dauerten, wie Leute, die aus der Lenk nur nach Adelboden gewollt hätten, bey drey Tagen auf den Bergen, umhergeirrt wären. Kurz, ich sah, daß der Mann seiner Sache nicht gewiß war und daß ihn diese Nebel sehr beunruhigten, und am Ende gestand er mir, daß, wenn die Nebel sich nicht verzögen, er die Hörner nicht mehr zu Führern haben würde und daß wir vielleicht diese Nacht alle würden erfrieren müssen, da wir weder Kleider noch Holz hätten.
Einer von uns wurde so schwach, daß er sich vom Führer abwechselnd mußte tragen lassen, während daß ich das Gepäcke auf den Rücken nahm, das vorher der Führer trug, eine kleine Last, die mir aber auf diesem entsetzlichen Wege äußerst drückend wurde. Zurückzukehren war keine Möglichkeit, denn wir waren jetzt so weit von der Leng, daß wir nicht würden fähig gewesen seyn, noch einmal diesen langen Weg zu machen. Zwey von der Gesellschaft wollten längst der Aengstlen hinab in das Frutigthal; allein ich stellte ihnen vor, daß sie diesen Weg ebenso wenig kennten, daß sie die Entfernung nicht wüßten, ja nicht einmal, ob der Weg wirklich zu machen wäre, und daß wir doch unmöglich weit vom Taubensee seyn könnten Wir fingen also wieder an zu steigen und kamen zwischen zwey Bergspitzen, an denen der Nebel sich zerstreute, mit vieler Mühe über Schnee und Felsen abermals auf die Höhe. Hier sah ich mit Schrecken, wo ich war! Zu meinen Füßen lag ein abhängendes Thal ganz mit Schnee angefüllt und von hohen Bergen umgeben, die so mit Schnee und Eis bedeckt waren, daß auch nicht ein Schimmer eines Felsens oder der Erde hindurchblickte. Der Nebel hatte sich zerstreut; die Sonne ging unter, keine Spur eines Weges! Ich werde nie die Rosenfarbe vergessen, mit der die abscheidende Sonne dieses fast unabsehbare Schneeland färbte, das diese Nacht für unser Grab bestimmt zu seyn schien.
Wir gingen längs der abhängenden Seite eines steilen ganz mit Schnee bedeckten Berges hin. Da wir Gletscher vermuteten, deren Spalten oft durch den Schnee versteckt sind, nötigten wir den Führer immer auf zwanzig Schritte voraus zu gehen, wozu wir ihn nur durch Gewalt und Drohungen bewegen konnten, und wir folgten seinen Fußstapfen. Wir waren fast alle gefallen und ich war einmal mit Pfeilesschnelle vielleicht zweyhundert Schritt tief auf den Schnee hinabgerutscht; es war eine allgemeine Stille und gegen Morgen zog schon die Dämmerung ihren deckenden Flor. Wir hatten eine kleine Stunde unter Ermüdung und Angst im Schnee gearbeitet, als voller Freuden unser Führer uns zurief, daß er den Taubensee sähe. Bald sahen wir ihn alle und entdeckten mit Erstaunen, daß wir uns auf einem Bergrücken befanden, der gar viel höher war, als der Taubensee, welcher doch die höchste Höhe der Landstraße über die Gemmi ist Wie erquickend der Anblick dieses kleinen Sees war, an dem wir wußten, daß wir auf die Landstraße kommen mußten, kann nur der fühlen, der selbst dabey war. Es war nun ziemlich Nacht, und wir hatten noch eine beträchtliche Höhe herabzusteigen, ehe wir an den Taubensee kamen. Da war kein Weg und wir kamen über Felsenwände und Bruchstücke, über die einer dem andern helfen mußte. Wir erreichten endlich die Landstraße und sahen aus einem kleinen Hause ein Licht schimmern. Ich erreichte es nie! Unruhe, Angst und Ermüdung, wovon ich einen größern Antheil gehabt hatte, als die übrigen; die Erkältung, welche mir der viele Schnee, den ich aus Durst gegessen, verursacht hatte und die schlechte Mahlzeit, welche wir diesen Tag genossen, hatten mich erschöpft und meine Lebensgeister verließen mich. Ich sank auf einen Felsen, von dem ich, alles Zuredens der Übrigen ungeachtet, nicht weiter konnte. Soviel ich mich noch besinne, war dieses ein Augenblick von Ruhe und Süßigkeit ohne seines gleichen. Was ferner mit mir vorging, hat man mir erst nachher erzählt, nur auf das kann ich mich wie in einem Traume besinnen, daß ich zwey fremde Männer sähe, die mir Wachholderbranntwein eingössen und mich auf einen Tragsessel setzten — und daß ich, als ich wieder zu mir selbst kam, mich in einem kleinen Zimmer unter vielen andern Menschen befand. Wir gingen bald zu Bette, ob wir schon in dieser einsamen Hütte eine ziemlich artige Mahlzeit fanden, und stunden früh alle gesund und vergnügt auf. Wir frühstückten sehr zufrieden mit unserm kleinen Wirtshause und kamen nach drey kleinen Stunden, die wir langsam und unter beständigem Betrachten der seltsamen Gegenstände machten, in das Leukerbad hinab. "
So weit Küttner; der fernere Verlauf der Reise über Leuk, Siders, Sitten und Martigny nach Vevey zurück kommt hier nicht in Betracht. Über den Weg von der Lenk zum Walliserbad gibt Küttners Beschreibung hinlängliche Auskunft. Der „ traurige unfruchtbare Berg " ist der Ammertenpaß, die Höhe zwischen zwey Bergspitzen der Engstligengrat, zwischen dem Kindbettihorn und dem Tschingellochtighorn, das schneebedeckte Tälchen das Üschinentäli, das z.T., wie Küttner richtig vermutete, von einem Gletscherchen ausgefüllt wird, der Bergrücken, wo man den Daubensee zu Gesicht bekam, die Paßhöhe der Roten Kumme und das einsame Wirtshaus Schwarenbach.
So weit ist alles klar. Aber wo hat Küttner gelesen und gehört, daß man auf diesem Wege in acht Stunden von der Lenk ins Leukerbad gelangen könne?
In der älteren Literatur über diese Gegenden, soweit ieh dieselbe kenne, habe ich keine derartige Notiz finden können. Grüner sagt zwar 1760 ( Eisgebirge des Schweizerlandes, I, pag. 155 ), der nördlichen Wand des Kindbettihorns nach gehe der Weg ins Wallisbad, aber den Pfad über den Ammertenpaß kennt er nicht, wenn schon die beigegebene Tafel von J. H. Koch von einem Punkte des Ammertengrats aufgenommen wurde. Weitere Nachrichten vor 1780 habe ich nicht gefunden.
Wahrscheinlich hat Küttner seine Kunde von diesem Übergang von niemand anderem als von Haller. Daß Küttner die Vorrede Hallers gelesen hat, ist unzweifelhaft, denn er kannte Wagners Prospekte; die Angaben über Weg und Zeit mag er von Haller selbst gehört haben, den er im Oktober 1777, wenige Monate nach dem Datum der Vorrede, in Bern gesprochen hatte; daß bei dieser Unterredung u.a. auch von Bergpässen die Rede war, erhellt aus der Sentenz Hallers, die Küttner ( II, pag. 174 ) zitiert: „ Über die Helvetischen Alpen ging nie ein Rad. "
Das ist nun freilich nur eine Konjektur, und ich werde mich gerne eines Bessern belehren lassen, wenn man mir eine andere Quelle für Klittners Notiz nachweist; bis das aber geschehen ist, bleibe ich bei der Ansicht, daß Küttner seine Nachrichten über den Weg von der Lenk ins Leukerbad von Haller hat, und daß dieser Weg eben der ist, auf dem der Landvogt des Obersimmentals ins Wallis gelangt ist.
Nach 1780 wurde der Weg allmählich bekannter. Schon 1782 schreibt ein Anonymus in den oberrheinischen Mannigfaltigkeiten ( Jahrgang II, 2. Vierteljahr, pag. 291 ): „ Ostwärts ( sc. von den Sieben Brunnen ) sieht man den erhabenen Metschberg und Ammertengrat, unter welchem sich ein Thälchen hinaufzieht, durch das man, wie unser Führer mich versicherte, von der Lenk auf die Gemmistraße kommen kann ", und 1793 sagt Ebel ( Anleitung, in der Schweitz zu reisen, II, pag. 102 ) unter dem Stichwort Lenk: _Der Weg, der durch das Aengstlen-Thal auf die Gemmi führt, ist 11 Stunden lang; man muß einen geschickten, sehr kundigen Wegweiser haben, wenn man diesen Weg durch eine 8 Stunden lange, tote, einsame Felsengegend machen will. "
Diese Notiz ist offenbar dem Berichte Küttners entnommen, der aber in den Zeitangaben nicht maßgebend sein kann; denn Küttners Gesellschaft besaß wenig Bergerfahrung und zum Teil geringe Bergtüchtigkeit, wie schon aus der unverhältnismäßig langen Zeit hervorgeht, die sie für die Ersteigung des Ammertenpasses brauchte, und hatte weder brauchbare Karten — die es damals noch nicht gab — noch einen zuverlässigen Führer, der seines Weges auch im Nebel sicher gewesen wäre. Dazu kommt, daß der Übergang im Frühsommer unternommen wurde, wo, wie ich aus eigener Erf aiming weiß, das Üschinentäli manchmal noch tief im Schnee steckt.
Daß man unter günstigeren Verhältnissen den Weg in viel kürzerer Zeit machen kann, beweist der Übergang Mr. T. G. Bonneys ( Alpine Journal, II, pag. 271 ), der 1865 in nur 83/* Stunden Marsch auf dein angegebenen Wege von der Lenk nach Kandersteg gelangte. Daß Mr.
Bonney nach der Berner Seite abstieg, tut nichts zur Sache, denn der Weg von der Roten Kumme nach Kandersteg ist ungefähr gleich lang wie derjenige zum Leukerbad.
Es braucht aber allerdings einen sehr guten Gänger, um den Weg vom Obersimmental ins Wallisbad in weniger als 9 Stunden Marsch zu machen. Ein mittlerer Gänger wird immerhin 10 Stunden ansetzen müssen, Halte nicht eingerechnet, wenn auch der Übergang seit Küttners Zeit leichter und bequemer geworden ist. Auf der Engstligenalp, deren „ Wildniß und Öde " ihm Angst erregten, fände Küttner nun ein ordentliches Wirtshaus, sogar seit 1903 ein Telephon, und der „ entsetzliche Wee I ) von Engstligen zur Gemmi ist vor einigen Jahren neu angelegt und sogar für Pferde gangbar gemacht worden und bietet nun in Verbindung mit dem Ammertenpaß einen leichten und lohnenden Übergang von der Lenk zum Leukerbad.
A. Wäber.