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Aristoteles war wahrscheinlich der erste Philosoph, welcher sich explizit mit dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung beschäftigte. In diesem Blog wird der Ursachenpluralismus des aristotelischen Naturphilosophie grob skizziert.
Inhalt
Ursachen des Verursachten bei Aristoteles
In Kapitel 3 des zweiten Buches aus Physik1 untersucht Aristoteles vier verschiedene „Bedeutungen“ von Ursachen und entwirft damit schon in der Antike ein sehr differenziertes Kausalitätsmodell. Dabei unterscheidet er folgende (Haupt-) Kategorien:
- Ursache als Innewohnendes (causa materialis)
- Ursache als Form und Urbild (causa formalis)
- Ursache als erster Anfang (causa efficiens)
- Ursache als Ziel einer Tat (causa finalis)
Die einzelnen Typen werden nachfolgend kurz skizziert. Anschliessend werden wir noch auf das Verhältnis der Ursachen untereinander sowie deren Anzahl eingehen. Vorab gilt es drei Besonderheiten anzumerken:
Erstens entstanden die in Klammer angegeben Bezeichnungen, als welche heute die einzelnen Ursachenarten nach Aristoteles in aller Regel referenziert werden, in der Scholastik2 und nicht bereits in der Antike, sollen aber hier der Einfachheit halber vorbehaltlos übernommen werden.
Zweitens stammt die aristotelische Einteilung eher aus einer Analyse des Sprachgebrauchs: der Begriff „Ursache“ hat im Sprachgebrauch eine mehrfache Bedeutung. Streng genommen handelt es sich hier also nicht um 4 „Ursachen“, sondern um einen vierfachen Sinn, in welchem wir von Ursache sprechen. Theodor Leiber fasst diesen Hinweis aus meiner Sicht prägnant zusammen und grenzt dabei die aristotelische Einteilung gegenüber Kausalitätstheorien im engeren Sinne3 klar ab:
Drittens sollte der Begriff „Kausalität“ hier nicht im Sinne eines mechanizistischen Ursache – Wirkungsverständnisses verstanden werden. Von den ursprünglich vier Ursachenarten des Aristoteles wurde die Ursache des ersten Anfangs zur Wirkursache im Sinne der neuzeitlichen Kausalität uminterpretiert und so zum universellen Erklärungsmodell der Naturwissenschaften. Die anderen Ursachenarten, besonders die Zweckursache (causa finalis), wurden in der Neuzeit zu unrecht als unwissenschaftlich oder überflüssig verworfen.
Ursache als Innewohnendes
Die „Ursache als Innewohnendes“ ist der Stoff, das Material oder auch das Zugrundeliegende von etwas. Sie wird hier verstanden als das einer Formung zugrunde liegende Material, also dasjenige, woraus etwas ist bzw. besteht.
Aristoteles schreibt:
Am Beispiel eines Hauses sind die Werkstoffe wie Steine, Holz usw. die materielle Ursache des Hauses, am Beispiel einer Statue etwa die Bronze der Statue6 . Die Bedeutung der „causa materialis“ lässt sich an folgendem Zitat weiter illustrieren:
Für eine Anwendung dieser Sichtweise gilt es hier anzumerken, dass durch eine Spezifizierung der Materie als „das Zugrundeliegende“ natürlich automatisch die Forderung nach einer adäquaten Definition der Materie entsteht. Entscheidend wird also jeweils sein, was der Begriff der Materie abdeckt.
In der illustrierten, einfachen Auslegung der „causa materialis“ geht es ganz offensichtlich in erster Linie um das sinnlich-wahrnehmbare Substrat. Damit limitiert sich die Perspektive zwar nicht auf den Extremfall im Sinne eines ersten Zugrundeliegenden (der ersten Materie also), welches man bei den Naturphilosophen gesucht hat, bleibt aber vorerst nichtsdestotrotz stark begrenzt. Man findet übrigens im Werk von Aristoteles verschiedene Stellen, welche den Anwendungsbereich dieses engen Materiebegriffs über das rein stoffliche hinaustragen, wie etwa die Prämissen bei den Schlüssen, die Buchstaben bei den Silben oder grundsätzlich die Teile eines Ganzen8 .
Ursache als Form und Urbild
Die aristotelische „causa formalis“ (Formursache) bezieht sich auf die Form oder das Urbild oder auch die dem Denken sich erschliessende Gestalt, welche für dessen wesentliche Bestimmtheit verantwortlich ist. Sie macht nach Aristoteles die Wesenheit des jeweiligen Einzelnen aus. Die Form ist das „Wesenswas“ oder „Was-es-heisst-dies-zu-sein“, dasjenige also, wodurch etwas ist, was es ist.
Aristoteles ergänzt die „causa materialis“ und schreibt:
Beim Bau des Hauses stellen die Baupläne6 die Formalursache dar. Die Form gibt an, dass die betreffende Materie auf bestimmte Weise geordnet, strukturiert, geprägt ist. Im Fall der Statue ist es analog die Gestalt eines Pferdes, welche dem Bildhauer als Vorlage diente.
Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit lässt sich ergänzend anfügen, dass die „causa formalis“ nicht nur als Genese einer Vorlage menschlicher Handlungen verstanden wird, welche dann im Rahmen eben dieser Handlungen zu der gegebenen Form führt, sondern wahrscheinlich auch Systeminhärente regeln abbilden kann. Nicht nur der Mensch als Handlungsträger erstellt oder beruft sich auf eben diese (Ur-) Form, sondern die Natur selber hat Gesetzmässigkeiten, welche die Rahmenbedingungen vorgeben.
Eine solche Interpretation kann durchaus auf dem Hintergrund vorausgehender Naturphilosophen verstanden werden und ist auch interessant hinsichtlich Strukturbildung in komplexen Systemen.
Ursache als erster Anfang
Die Bedeutung von Ursache als dasjenige, wovon die Bewegung ausgeht, ist die „Ursache als erster Anfang“. Aristoteles schreibt wie folgt:
So ist der Baumeister im Hinblick auf das „Gebaut-werden“ des Hauses Ursache dafür, dass sich Steine und andere Materialien zu einem Haus bilden. Analog wäre der Auftraggeber der Statue Ursache für die Veränderung des Bronzeklumpens hin zum Pferd.
Aristotelische Ursachen sind primär Ursachen von Dingen und erst sekundär Ursachen von Prozessen. So ist die Bewegungsursache nicht die Kraft, der Impuls etc. , sondern vielmehr das Ding, welches die fragliche Bewegung auslöst. Ein der „modernen“ Wirkung entsprechender Grundbegriff fehlt bei Aristoteles.
Wie im vorangehenden Abschnitt erwähnt ist es fruchtbar, zwischen inneren und äusseren Ursachen zu differenzieren. Aristoteles selber schreibt:
Damit scheint es klar, dass es neben den inneren Ursachen der „causa materialis“ und „causa formalis“ Grössen geben muss, welche die Veränderung jener Dinge zu betiteln vermögen, die keinen autonomen, inneren Drang zur Veränderung mit sich bringen. Bei der „causa efficiens“ liegt im Unterschied zur „causa materialis“ und zur „causa formalis“ die Wirkursache ausserhalb des von ihr begründeten, ist also nicht in ihr enthalten. Dies machte sie mitunter für das mechanizistische Kausalitätsverständnis besonders attraktiv. Generell ist die „causa materialis“ aufgrund des bis heute stark mechanizistisch geprägten Weltbildes die in den meisten Wissenschaften exklusiv verwendete Art der Ursache.
Für viele Kontexte stellt sich an dieser Stelle die Frage nach dem Ursprung in letzter Konsequenz. Mit einer solchen Frage begibt man sich unmittelbar in den Einflussbereich grosser kausaltheoretischer Problemfelder. Insbesondere ergibt sich bei einem Blick ausgehend vom Verursachten hin zur Ursache ein Abgrenzungsproblem, welches als ganz grundsätzliche Herausforderung an die meisten modernen, deterministisch geprägten Kausalitätstheorien gestellt werden kann. Wer ist die Ursache für den Bau eines Hauses? Ist es in einem streng kinematischen Verständnis der Bauarbeiter selber oder doch viel eher der Baumeister, welcher den ursprünglichen Anstoss im Hinblick auf das „Gebaut werden“ eines Hauses gab? Oder ist es der Freund, welcher ein Haus gebaut hat und damit erst den Wunsch des Eigentümers zum Bau eines eigenen Hauses hervorgerufen hat? Es geht hier um die Transitivität kausaler Ereignisse und um den Betrachtungshorizont.
Oft stellt man (wie bei der folgenden Darstellung der „Ursache als Ziel einer Tat“) den Betrachtungshorizont als variable, als kontextbezogene Grösse dar, bei welcher die Ursache nur Ursache auf Grundlage des gegebene Betrachtungshorizonts sein kann. In einem solchen Verständnis entschärft sich die Problematik automatisch.
Ursache als Ziel einer Tat
Die „Ursache als Ziel einer Tat“ ist die aristotelischen Zwecksache, in welcher die Ursache eines Geschehens als „geplanter“ Zweck gedeutet wird.
So ist der Zweck einer Statue etwa, dass sie ein Zimmer schmückt, oder der Zweck des zu bauenden Hauses der Schutz vor Wind und Wasser.
Das aristotelische Telosmodell, welches als Ausgangspunkt dieser vierten Perspektive dient, wurde von verschiedenen Philosophen in verschiedene Epochen unterschiedlich interpretiert. Für die vorliegende Arbeit möchte ich mich an die Interpretation von Wieland anlehnen. Wieland vertritt die These, dass:
Wie ist das zu verstehen? Die in der Physik dargestellt Teleologie lässt sich nach Wieland anhand des aristotelischen Begriffs des Zufalls besonders gut erfassen. Aristoteles schreibt:
Wenn man auf dem Markt seinen Schuldner trifft, so trifft man ihn genau dann aus Zufall, wenn man nicht wusste, dass man ihn dort treffen würde und daher auch nicht deswegen auf den Markt gegangen ist13 . Analog hat man aber den Schuldner nicht zufällig getroffen, wenn man mit dem Ziel, ihn zu treffen, auf den Markt gegangen ist. Im ersten Beispiel wird ein Zweck erreicht, obwohl er nicht als solches intendiert gewesen war.
Die gegenseitige Abhängigkeit eines solchen Zufallsverständnisses und dem teleologischen Modell ist offensichtlich: das Ereignis wird zu einem zufälligen Ereignis nur durch ein der ursprünglichen Zweckbestimmung gegenüber gleichgültigen Ereignis. Überall dort wo wir von Zufall sprechen, haben wir teleologische Strukturen immer schon positiv vorausgesetzt. Zufall im Sinne der aristotelischen Begriffsdefinition ist möglich, weil sich verschiedene, aus individueller Perspektive postulierte und daher selbständige teleologische Zusammenhänge begegnen können14 .
Eine solche Perspektive hat unmittelbar Einfluss auf die Möglichkeiten der Anwendung des aristotelischen Telosmodells. Der aristoltelische Begriff des Zufalls zeigt, dass die Teleologie eine Denkform ist. Sie lässt auf die einzelnen Geschehenszusammenhänge innerhalb der Welt anwenden, macht aber keine Aussagen über den Gesamtzusammenhang in der natürlichen Welt14 . Dort, wo man von Zufall spricht, kann man immer noch eine andere Ursache finden, auf die sich das Zufällige zurückführen lässt. Durch den Hinweis auf Zufall ist man also niemals der Aufgabe enthoben, die spezielle Ursache zu finden. Denn auch was aus Zufall eintrifft, geschieht auf Grund einer bestimmten Ursache. Aristoteles beschreibt hier ein sehr deterministisches Modell ohne ontologischen Zufall
Aristoteles fragt ausgehend vom heutigen Resultat, welche Ziele die handelnden Akteure gehabt haben müssen, dass das heutige Resultat nicht als „Zufall“ taxiert werden muss. Er sagt nicht, dass wenn man Ziele setzt, diese dann auch erreicht werden. Weil Telos das Ziel ja nicht die Wirkung ist, sondern die Ursache eines eingetroffenen Resultates.
Vorkommen und Verhältnis der Ursachen untereinander
Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der Ursachen untereinander, also etwa ihrer Exklusivität, ihrer gegenseitigen Abhängigkeit und einer Reihenfolge innerhalb der Kategorien.
Die aristotelischen Bedeutungen treten in den Beschreibungen gemeinsam auf, weshalb man sie wie erläutert als vier „Gesichtspunkte“ einer Gesamtursache auffassen kann. In diesem Sinne beantworten Sie als vier verschiedene Erklärungsmuster kumulativ, warum ein bestimmtes Ding in seiner bestimmten Eigenart existiert. Grundsätzlich sollte deshalb keine Priorisierung einer Ursache über die Anderen postuliert werden. Die vier Ursachen werden zudem in der Physik in einer anderen Reihenfolge wie in der Metaphysik präsentiert, was ebenfalls gegen eine Hierarchisierung spricht. Letztlich aber stehen sie va. begrifflich auf derselben Stufe.
Betrachtet man die einzelnen Ursachen als notwendige Bedingungen des Verursachten, so ist eine gewisse Abhängigkeit der Ursachen untereinander mindestens hinsichtlich der Notwendigkeit des Verursachten gegeben. Parallel notwendige Ursachen sind in diesem Sinne sogenannt komplexe Ursachen. Darüber hinaus lassen Beispiele konstruieren, wo die Ursachen sich direkt gegenseitig beeinflussen. Ein Haus aus Stroh (Zugrundeliegendes) setzt sich mindestens im Detail anders zusammen (Urform) als sein Pendent aus Metall und Stein. Und auch ein Helikopter ist anders aufgebaut als etwa ein Flugzeug.
Anzahl der Ursachen
Es gibt Beispiele, welche nicht alle Typen von Ursachen als Erklärungen zulassen. So existiert für die Mondfinsternis keine materielle Ursache, und zufällige Ereignisse enthalten per Definition keine finale Erklärung. Die Anzahl der Ursachen muss aber auch nicht notwendigerweise auf vier begrenzt sein. Vielmehr kann man wohl davon ausgehen, dass die vier von Aristoteles benannten Ursachen generische Kategorien sind, welche sich in den meisten Kontexten aufdrängen werden. Aristoteles selber schreibt:
Damit eröffnet sich für den vorliegenden Kontext die Möglichkeit, weitere Ursachen zu definieren. Prinzipien werden kontextabhängig, wobei es nicht unendlich viele Ursachen geben darf, da eine unendliche Anzahl an Ursachen ein Wissen unmöglich machen würde16 .Es gilt wohl das Sprichwort: so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Kategorien sind notwendige Bedingungen, welche in ihrer Ausprägung von Fall zu Fall alternieren, und für das konkrete Verständnis des Verursachten besonders produktiv sind. Es ergibt sich von selber, dass ein produktiver Beitrag einer Kategorie nur dann zu erwarten ist, wenn sich dieser Aspekt von Verursachtem nicht bereits durch die Reflexion aus der Perspektive bestehender Ursachen erklären lässt. Eine Ursachenkategorie hat der Forderung nach Redundanzfreiheit zu genügen.
In der Scholastik, welche sich intensiv mit der aristotelischen Ursachenlehre auseinandersetzte, wurden teilweise über 10 Ursachenkategorien definiert, wobei die sogenannte „causa sui“17 wahrscheinlich die bekannteste davon ist.
Fussnoten
- Aristoteles verwendet den Ursachenbegriff an verschiedenen Stellen seines Werkes. An der hier genannten Stelle handelt er das Thema jedoch systematisch ab und illustriert die Ursachen am Beispiel von durch den Menschen künstlich hergestellter Artefakt, bei welchen die vier Ursachen relativ klar
unterscheidbar sind.
- und dabei der christlichen Lehre „zweckdienlich“, also unter gewissen systematischen Umdeutungen.
- gemeint sind Theorien wie die INUS Bedingungen, die kontrafaktische Kausalanalyse, die probabilistische Kausalanalyse usw.
- siehe Leiber, Kapitel 3.2 Seite 101
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 194b9-34
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 194a22-b8
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 192b33-193a22
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 194b35-195a23
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 194b9-34
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 192b8-33
- siehe Wieland, Seite 256
- Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 195b36-196a23
- in Anlehnung an Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 196b13-b26
- siehe Wieland, Seite 261
- siehe Aristoteles, Buch II, Kapitel 3 195a
- siehe Aristoteles, Buch I, Kapitel 4 187b10
- etwa zu übersetzen mit „um seiner selbst willen“ – in der Regel auf Gott bezogen.