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Die Ernährungssituation in Malawi hat sich in den 1980er Jahren dramatisch verschlechtert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Esther Lupafya (EL): In den 1980er Jahren arbeitete ich als Krankenschwester in Ekwendeni. Zu dieser Zeit kamen viele Kinder ins Krankenhaus, die an akuter Mangelernährung litten. Wenn es den Kindern besser ging und wir sie wieder zu ihren Familien entliessen, waren die Eltern oft besorgt. In Gesprächen mit ihnen fanden wir heraus, dass sich die Kinder sehr einseitig ernährten – hautsächlich von Mais. Die Eltern erzählten, dass die Felder nicht genug Erträge einbrachten, weil die Böden ausgelaugt waren und sie sich keinen Dünger leisten konnten. Sie wussten nichts über ökologische Alternativen zu synthetischem Dünger und waren häufig abhängig von einer einzigen Kulturpflanze. Mir wurde klar, dass wir eine längerfristige Versorgungslösung brauchten.
Wie sollte diese Lösung aussehen?
EL: Damals lernte ich Rachel kennen. Sie studierte Bodenkunde in Kanada und war zu Besuch in Malawi. Von ihr erfuhren wir mehr über agrarökologische Methoden, zum Beispiel wie man selbst Flüssigdünger herstellt oder wie man Zwischenfruchtanbau mit Hülsenfrüchten macht. Wir suchten Bäuerinnen und Bauern, die diese Methoden ausprobieren wollten. Das war einfach, denn einige Eltern, deren Kinder im Krankenhaus waren, erklärten sich bereit dazu . Sie testeten sie auf einer kleinen Fläche ihres Betriebs, unter ihren eigenen Bedingungen. Wir trafen uns regelmässig mit ihnen zum Erfahrungsaustausch. Und bildeten schliesslich ein Forscher- und Beraterteam, an die sich die Bäuerinnen und Bauern wenden konnten.
Neben nachhaltiger Landwirtschaft kamen ziemlich schnell auch Gender-Themen auf. Warum?
EL: Wir verstanden mit der Zeit, dass es für eine Verbesserung der Ernährungssituation der Kinder um weit mehr als nur den Ersatz von Kunstdünger ging – nämlich auch darum, soziale und kulturelle Dynamiken zu verstehen und zu verändern. In den Gesprächen mit den Familien fanden wir heraus, dass die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern immer wieder zu Konflikten in den Haushalten führten. Da ging es um Dinge wie Entscheidungsfindung oder Zugang zu Ressourcen. Die Notwendigkeit der Stärkung der Rolle der Frau wurde offensichtlich.
Sensible Themen – wie geht man diese an?
Rachel Bezner Kerr (RBK): Wir führten Interviews und Workshops mit den Bäuerinnen und Bauern durch, bei denen wir sie nach Alter und Geschlecht aufteilten, um einige der heikleren Themen anzusprechen. Dabei stellten wir fest, dass es den Haushalten nicht wirklich half, dass die Männer die Produkte verkauften und über das Geld verfügten, weil sie es oft für Alkohol ausgaben. Obwohl wir also die Produktion steigerten, verschlechterten wir die Bedingungen für die Familien sogar noch. Das hat uns veranlasst, uns auf die Geschlechterfrage zu konzentrieren. Bis heute bieten wir Gender-Trainings an und nutzen Methoden wie Gruppendiskussionen, Peer-to-Peer-Mentoring, Theater, Tanz oder Gesang, um geschlechterspezifische Themen anzugehen.
Über Esther Lupafya
Esther Lupafya ist Direktorin und Mitbegründerin der malawischen Organisation SFHC (Soils, Food and Healthy Communities), seit 2019 Partnerorganisation von Biovision. Ihr liegen besonders die Themen Gender-Gerechtigkeit und Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in Malawi am Herzen. Sie hat einen Master-Abschluss in sozialer Entwicklung und Gesundheit.
Über Rachel Bezner Kerr
Rachel Bezner Kerr ist ebenfalls Mitbegründerin von SFHC. Sie ist für den partizipativen und soziokulturellen Schwerpunkt des Projekts zuständig und hilft bei der Konzeption, Durchführung und Analyse der Forschungsprojekte bei SFHC. Heute arbeitet sie als Professorin für Entwicklungssoziologie an der Cornell University.
Jeden Tag melden sich bei euch Freiwillige, die bei SFHC mitmachen möchten. Mittlerweile arbeitet ihr mit über 10’000 Bauern zusammen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
RBK: Der Schlüssel ist, die Bäuerinnen und Bauern einzubinden – sie selbst können die Methoden erproben und ihr Wissen mit anderen teilen: von der Planung bis zur Umsetzung sind alle involviert – das holt die Menschen ab. Mittlerweile haben wir gleich viele Männer wie Frauen, die teilnehmen.
Auf was sind Sie besonders stolz?
RBK: Einer der Höhepunkte war 2010, als wir signifikante Verbesserungen beim Wachstum von Kindern nachweisen konnten. Auch bei der Ernährungssicherheit und bei der Gleichstellung der Geschlechter haben wir positive Veränderungen bewirkt. Und durch unsere Forschung weiß ich, dass die Arbeit, die wir leisten, sehr positive Auswirkungen auf die Umwelt hat.
Wie profitieren die Bäuerinnen und Bauern, wenn sie mitmachen?
EL: Sie lernen, wie sie natürlichen Dünger herstellen, oder auf was sie beim Fruchtfolgenanbau achten müssen. Wir bieten auch Kochkurse an, in denen die Menschen erfahren, wie die verschiedenen Gemüsesorten zubereitet werden können. Dank der Kurse in Agrarökologie hat sich die Ernährungssituation der Familien deutlich verbessert. Die Bauernfamilien haben ausreichend Nahrung für ihre Kinder und können sogar überschüssiges Gemüse auf dem Markt verkaufen. Mit den zusätzlichen Einnahmen können sie die Schulgebühren für ihre Kinder bezahlen.
Unser Tipp
Erleben Sie Esther Lupafya hautnah am Biovision-Symposium am 26. November. Erfahren Sie mehr über die Erfolge und Herausforderungen der Organisation SFHC und wie die beteiligten Bäuerinnen und Bauern sie mit den Folgen der Klimakrise umgehen.
Einen Tag nach dem Symposium, am 27. November, zeigt Biovision den Film «The Ants and the Grasshopper» – Esther Lupafya ist eine der Protagonistinnen. Der Film erzählt über die Folgen des Klimawandels auf die Ernährungssitation in Malawi. Nutzen Sie die Gelegenheit, nach den Filmvorführungen in Bern und Zürich direkt mit Esther Lapafya zu sprechen!