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Die Schweiz spielte beim Wiederaufbau der kulturellen Szene in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eine aktive Rolle.
Nun droht dieser kulturelle Austausch gerade jetzt zu versiegen, wo diese Länder Teil der EU werden.
"Es war seitens der Schweiz eine fantastische Idee, die uns eine neue Wirklichkeit erschlossen hat." - Jozsef Laszlo, ehemaliger Journalist beim staatlichen ungarischen Radio, erinnert sich noch heute mit Freude und Dankbarkeit an das vor über zehn Jahren bei Schweizer Radio International absolvierte Volontariat.
Unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer stellte die Schweiz als eines der ersten westlichen Länder ein umfangreiches technisches und finanzielles Hilfspaket zur Verfügung, um die Demokratisierung und den wirtschaftlichen Umbau in Zentral- und Osteuropa zu unterstützen.
Auch die Kultur und die Medien figurierten von allem Anfang an als Schwerpunkte der von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) koordinierten Hilfsprogramme.
In erster Linie profitierten davon die so genannten Visegrad-Staaten, die sich der EU anschliessen: Polen, Ungarn, Tschechische Republik und Slowakei. Visegrad ist das mitteleuropäische Pendant zu Benelux, in der sich die Mitglieder verpflichten, sich dem politisch-wirtschaftlichen System Europas anzuschliessen.
So war Schweizer Radio International beauftragt worden, Ausbildungskurse zu organisieren für hunderte Journalisten aus früheren kommunistischen Ländern, die sich nach dem Wegfallen der Zensur in einer völlig anderen Medienlandschaft wiederfanden.
Die Kulturstiftung Pro Helvetia war hingegen gebeten worden, den Wiederaufbau der kulturellen und künstlerischen Szene in einer Zeit der wirtschaftlichen Probleme und politischen Unsicherheiten zu unterstützen.
Neue Herausforderungen
"Die Schweiz hat aussergewöhnliche Arbeit geleistet: sie verpflichtete sich, lokale und eigenständige Kultur zu fördern, während andere westliche Länder vor allem versuchten, ihre Kultur zu exportieren", unterstreicht Ula Kroviwiec, zuständig für Pro Helvetia in Polen.
Dutzende Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen und Film-Festivals haben in den Neunziger-Jahren stattfinden können dank den Beiträgen, welche von den Koordinationsstellen der helvetischen Kulturstiftung in Budapest, Krakau, Prag und Bratislava zur Verfügung gestellt wurden.
Die während der Zensurperiode besonders vitale und kreative künstlerische Produktion war jedoch nicht nur auf finanzielle Hilfe aus, sondern auch auf neue Orientierungspunkte, neue Werte.
"Mit dem Ende des Kommunismus verloren viele Künstler und Intellektuelle auf einen Schlag die symbolische Rolle des Widerstands gegen die Diktatur, die sie während langer Zeit auf kultureller, wie auch politischer und moralischer Ebene verkörpert hatten", erklärt Ula Kropiewiec.
"Aber es steht fest, dass niemand dem vergangenen Regime nachweint, da schliesslich niemand das Ende der Zensur bedauern kann. Wer nicht unter dem Fehlen von Freiheit im künstlerischen Wirken oder in sonst irgendeinem Bereich gelitten hat, kann nicht verstehen, was das bedeutet."
Kultureller Austausch
Seit 1999, mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in den Visegrad-Staaten, hat Pro Helvetia das Mandat seiner Zweigstellen angepasst, um jetzt vor allem die kulturellen Austauschprojekte mit der Schweiz zu begünstigen.
"Pro Helvetia bleibt jedoch sehr aktiv bei zahlreichen kulturellen Veranstaltungen. Auch dort, wo sie keine finanzielle Hilfe mehr bietet, sind Verbindungen und Kontakte geblieben", betont die Vertreterin der helvetischen Stiftung in Krakau.
Diese Kontakte erweisen sich jetzt als sehr wertvoll, um die schweizerische Kultur einer europäischen Region nahe zu bringen, die während eines halben Jahrhunderts sehr wenig Austausch mit der Eidgenossenschaft gepflegt hatte, auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.
Noch heute, 15 Jahre nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs, ist die Schweiz wenig präsent in den vier mitteleuropäischen Ländern, die sich dafür mit grossen Schritten der Europäischen Union angenähert haben.
"Bis vor einigen Jahren schaute man in Westeuropa ein bisschen von oben herab auf unsere Kultur. Man behauptete oft, dass wir im Osten das zu machen versuchten, was im Westen bereits dreissig Jahre vorher gemacht worden war. Jetzt beginnt langsam eine andere Sichtweise, man ist daran zu verstehen, dass die historischen und künstlerischen Erfahrungen anders sind", unterstreicht Ula Kropiwiec.
Ungewisse Zukunft
"Ganz allgemein lässt sich sagen, dass man uns im Osten viel besser kennt, als umgekehrt", bestätigt Marlis Lami, Koordinatorin der Pro Helvetia-Projekte für Zentral- und Osteuropa.
"Und das gilt auch für die Schweiz. So hat sich zum Beispiel die schweizerische Architektur im mitteleuropäischen Raum bereits einen guten Namen erworben. Wir erhalten ständig Anfragen für Ausstellungen über die grossen Schweizer Architekten".
Gerade jetzt, wo die Visegrad-Staaten der Europäischen Union beitreten, scheint die Zukunft der Pro Helvetia-Zweigstellen in Krakau, Budapest, Prag und Bratislava besiegelt. Aus Spargründen sollen sie wahrscheinlich in den nächsten Jahren geschlossen werden.
Laut Marlis Lami ein misslicher Entscheid. "Es sind noch auf beiden Seiten grosse Lücken zu überwinden. Es herrscht ein Bedürfnis an Information, an gegenseitigem Kennenlernen, das nur die Kultur und die Kunst zu befriedigen vermag."
swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragen aus dem Italienischen: Monika Lüthi)
Fakten
Pro Helvetia besteht seit 1939 und ist von der Eidgenossenschaft beauftragt, sowohl die Kultur in der Schweiz als auch die kulturellen Beziehungen mit dem Ausland zu fördern.
Die Kulturstiftung leitet gegenwärtig 15 Zweigstellen im Ausland.
Für die Tätigkeiten in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei werden jährlich 700'000 Franken aufgewendet.
In Kürze
1990 erhielt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit(DEZA)das Mandat, wirtschaftliche und soziale Hilfe zugunsten der Länder des ehemaligen kommunistischen Blocks in Europa zu koordinieren.
1992, eröffnete Pro Helvetia auf Geheiss der DEZA Zweigstellen in Krakau, Budapest, Prag und Bratislava, um den Wiederaufbau der kulturellen und künstlerischen Szene zu unterstützen.
1999 beendete die DEZA ihr finanzielles Engagement gegenüber den Visegrad-Staaten und EU-Beitrittskandidaten. Pro Helvetia hat ihre Tätigkeit mit reduziertem Budget weiter geführt und schwerpunktmässig auf Kulturaustausch gesetzt.
2004 schlägt Pro Helvetia in der Schweiz das Programm Central European Dreams vor: Polnische, ungarische, tschechische und slovakische Intellektuelle und Künstler sind von April bis Oktober eingeladen, an verschiedenen Orten an Ausstellungen, Aufführungen und Debatten teilzunehmen.