Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03281.jsonl.gz/1049

Vom bekannten Seebacher Primarlehrer und Hobbyfotografen August Muggler ist überliefert, dass er nach etwa 1930 ein Zehnderli fuhr. Dabei war er in Seebach nicht der einzige, sondern einer unter mehreren. Darum wird das Zehnderli in der OGS als Beitrag aufgeführt. Das Zehnderli war ein Produkt des Aargauer Mechanikers und Konstrukteurs Jakob Zehnder aus Gränichen bei Aarau, welcher in den 1920er Jahren auf der Basis eines deutschen Leichtkraftrades einen eigenen, kleinen Töff entwickelte, der etwa 50 kg wog. Das Normalzehnderli war sozusagen ein relativ schweres Leichtmotorrad, welches von der Konstruktion her die Entwicklung des Mofas in den 1960er Jahren um mehrere Jahrzehnte vorweg nahm.
J. Zehnder & Söhne AG und das Zehnderli
Seit 1895 stellte Jakob Zehnder verschiedene andere Produkte her und arbeitete oft auch als Reparateur. 1912 nannte sich die Firma dann J. Zehnder & Söhne und noch später wandelte er seine Firma in eine AG um. Velos und Motorräder kamen erst 1923 so richtig hinzu, waren dann aber so erfolgreich, dass Zehnder seinen kleinen Töff in Serie bauen konnte. Zehnderli siegten an den damals sehr beliebten Bergrennen fast immer oder waren doch in den ganz vorderen Rängen platziert und zwar gegen harte deutsche und schweizerische Konkurrenz. Das Zehnderli hatte einen Zweitaktmotor mit 112 cm³ Hubraum und einer Leistung von 2.25 PS. Der Verbrauch lag bei ruhiger Fahrt bei 2 Litern/100 km. Es gab sowohl Damen- wie Herrenmodelle, was darauf zurück zu führen war, dass sich die Konstruktion des Zehnderlis noch stark am Velo orientierte. Alle Zehnderli verliessen die Werkshallen in schwarzer Farbgebung.
Um 1926 erreichte das Zehnderli einen Anteil von etwa 10% am Schweizer Markt. Da das Nachfolgemodell mit einem doppelt so grossen Hubraum längere Zeit an Kinderkrankheiten litt und zugleich wirtschaftlich harte Zeiten anbrachen, mussten die Gebrüder Zehnder 1930 die Firma ihren Gläubigern überlassen. Die Zehnderli wurden von einem Nachfolgeunternehmen namens Maschinenfabrik Gränichen AG, noch eine Zeit lang weiter produziert, doch lief deren Produktion um 1935 aus, da das Zehnderli inzwischen als veraltet galt. Die Maschinenfabrik Gränichen AG spezialisierte sich nun auf die Heiztechnik und existiert immer noch. Sie legte sich wieder den alten Namen zu und nennt sich heute Zehnder Group AG und ist weiterhin in Gränichen angesiedelt.
Obwohl Zehnderli heute als Oldtimer eine grosse Rarität sind, sah man am Oldtimer Grand Prix Safenwil vom 3. September 2005 auf dem Areal der Emil Frey AG gleich zwei der seltenen Exemplare. Zwei weitere befinden sich im Besitze einer Mechanischen Werkstätte im Kanton Zug. Angeblich sollen etwa 80 alte Zehnderli bis heute überlebt haben, davon soll auch die Firma Zehnder eine Sammlung besitzen.
Das Sternmotor-Zehnderli
Die OGS erinnert sich an einen bebilderten Bericht in einer Motorrad-Fachzeitschrift in den 1970er Jahren, wo von einem Zehnderli mit Sternmotor (!) aus der Zeit um 1930 berichtet wurde. Da ein Sternmotor in einem Töff nicht so leicht unterzubringen ist, kam der Konstrukteur auf die unglaubliche Idee, den Sternmotor im Hinterrad (!) einzubauen, was vom Erfinder einiges an Genialität abverlangte. Es wurde offensichtlich nur ein einziger Prototyp gebaut. Da der Bericht das kleine Töffli mit dem Sternmotor mit mindestens einem Bild zeigte, müsste es entweder als Original oder doch zumindest als Foto überlebt haben. Leider fand die OGS trotz intensiver Suche in alten Motorradheften nur einen kleinen Bericht in der deutschen Fachzeitschrift «Das Motorrad» über die Megola, welche allerdings mit einem fünfzylindrigen Sternmotor im Vorderrad unterwegs war.
Inzwischen fand ich nun doch noch ein Motorrad namens Pax, welches von 1916 bis um 1918 herum durch Friedrich Gockerell gebaut und im Hinterrad von einen Dreizylinder-Sternmotor angetrieben wurde. Es wurde später von Fritz Gockerell und dem Geldgeber Johann Meixner als Mego mit eben diesem Motor weiterentwickelt. Die Bezeichnung Mego entstand aus den Namen der Konstrukteure Meixner und Gockerell. An die Geschichte mit dem Sternmotor-Zehnderli kann ich mich nur noch ganz dunkel erinnern. Es dürfte daher viel eher so gewesen sein, dass nicht Zehnder selbst, sondern ein Bastler aus dem Zürcher Oberland ein Serienzehnderli mit einem alten Pax- oder Mego-Motor umgebaut hat. Eher unwahrscheinlich erscheint mir, dass er den späteren Megola-Motor mit 5 Zylindern benützt hat, da dort der Motor im Vorderrad verbaut wurde.
Bisher konnte ich noch folgendes herausfinden: Der von Zehnder für sein Kleinmotorrad gebaute 110 cm³-Motor war eine Lizenzproduktion und stammte von der Firma Friedrich Gockerell in Nürnberg. Friedrich Gockerell war aber auch der Produzent für den Sternmotor der Megola. Wenn jemand sein Zehnderli mit dem Sternmotor von Gockerell ausrüsten wollte, dürfte dies am ehesten über die Firma Zehnder selbst vermittelt worden sein. Genau darüber findet sich aber in den öffentlich zugänglichen Informationen über die Firma J. Zehnder & Söhne AG nichts. Daraus kann mit grosser Wahrscheinlichkeit geschlossen werden, dass Zehnder nicht in den Bau des Sternmotor-Zehnderli involviert war, sondern dass er bestenfalls den Kontakt zu Friedrich Gockerell vermittelt hat. Der Bau des Sternmotor-Zehnderlis dürfte daher ein Einzelstück und eine reine Bastler-Arbeit gewesen sein.
Vom Zehnderli findet man unter "Google Bilder" eine grosse Anzahl Fotos, welche einen guten Eindruck vermitteln, wie August Mugglers Töffli ausgesehen hat. Nur vom Einzelstück des Sternmotor-Zehnderlis findet sich leider nichts. Unter Google findet man aber Fotos vom Pax und vom Mego-Motorrad unter dem Suchbegriff "Fritz Gockerell, Pax". Diese vermitteln durchaus, wie das Sternmotor-Zehnderli ausgesehen haben könnte. Damit dürfte das Geheimnis über das Sternmotor-Zehnderli weitgehend geklärt sein mit Ausnahme des Namens des Bastlers aus dem Zürcher Oberland. Ich halte weiterhin Ausschau.
Quellen: - Werner Schönenberger jun. (Hinweis auf den Seebacher Fahrer Muggler) - Wikipedia (Kurzportrait der Firma + technische Details, Zehnderli + Megola) - www.dream-cars.ch (Hinweis auf Damen- und Herrenmodell + Fotos) - Friedrich Gockerell, Nürnberg unter http://www.meisterdinger.de/kon/gockerell/index.htm - Wikipedia, unter Cockerell, Gockerell und Zehnder - http://www.cockerell.de/05%20PAX.htm - https://www.baulinks.de/webplugin/2020/1304.php4 (hier findet man eine sehr schöne, Farbaufnahme eines Zehnderlis) - Forum für Oldtimer: https://pantheonbasel.ch/de/carfinder.html?detailUUID=e85a0df2-07ad-4ef6-b14b-de761d418855 (hier findet man einen erstklassigen Bericht über das Töffli samt toller Foto)