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Letzes Mal habe ich über den Crossover von Rock/Pop und Klassik erzählt.
Heute möchte ich über eine andere Art von "Crossover" erzählen: Die Kastraten.
Sie waren und sind bis heute Legenden. Menschen in seltsam gewachsenen, männlichen Körpern mit Frauenstimmen. Doch wer waren sie? Was waren ihre Schicksale?
Geschichte der Kastraten
In der Spätantike, in Byzanz und dann vor allem in Italien vom späten 16. Jahrhundert bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Knaben mit schönen Sopran- und Altstimmen kastriert, um ihnen eine Sängerlaufbahn zu ermöglichen. Die Ursache liegt wie bei vielen Dingen der Geschichte in kirchlichen Bestimmungen:
Ab dem 4. Jahrhundert wurde es Frauen verboten in der Kirche zu singen. Im Byzanz hat sich daher der Kastratengesang in der Kirche bereits im 11./12. Jahrhundert etabliert. Man vermutet, dass der Brauch der Kastration über Spanien, wo sie bereits im frühen 16. Jahrhundert gemacht wurde, noch unter Einfluss der islamischen Herrschaft, die einst vorherrschte, durch Europa nach Italien kam. Belegt ist, dass ab 1562 der spanische Kastrat Francisco de Soto als Mitglied der päpstlichen Kapelle sang. Unter Papst Clemens wurden 1599 die ersten italienischen Kastraten eingesetzt.
Später bemerkte die Kirche, dass die Kastration problematisch war. Diese Männer konnten keine Kinder zeugen und kein "normales" Leben führen. Gleichzeitig wuchs in der Gesellschaft der Druck, dass auch Frauen wieder auf der Bühne und in der Kirche singen durften. Im Zuge der Aufklärung und des gleichzeitigen Verfalls der italienischen Konservatorien wurde die Kastration durch päpstliche Erlässe verboten. Trotzdem setzte sich diese Praktik noch eine Weile hartnäckig fort, bis es schliesslich, 1870 nach der Auflösung des Kirchenstaats, zur endgültigen Abschaffung der Kastration kam. Papst Pius X schrieb 1902 vor zur Besetzung von Sopran und Altstimmen entweder Knaben oder Frauen zu nehmen. Damit schuf er die Beschäftigung der Kastraten in der Kirchenmusik ab und entzog somit der Kastrationspraxis für eine sängerische Karriere den letzten Nährboden.
Wie aus einem Knaben ein Kastrat wird
Kastraten haben in der Geschichte viele Namen erhalten: Eunuchen, Musico, Virtuosi und unzählige mehr. Manche von ihnen erlangten unglaubliche sängerische Erfolge durch ihre Virtuosität. Durch ihre spezielle Physiognomie war es ihnen möglich unendlich lange Phrasen und Koloraturen zu singen, die über eineinhalb Minuten gingen. Ihre Stimmen waren weich, klar und schmiegsam. Doch der Preis für diese Virtuosität war sehr hoch.
Meistens wurden Knaben mit auffallend schönen Sopran- oder Altstimmen im Alter zwischen 8 bis 12 Jahren einer nicht ungefährlichen Operation unterzogen. Für diese Operation mussten die Familien der Knaben ihre Einwilligung geben und die Knaben selber auch. Es sind Berichte bekannt, wo bitterarme Familien ihre Söhne verkauften, damit sie die Chance hatten als Kastraten eine Ausbildung zu erhalten und mit Glück eine Karriere zu machen und damit das Leben der Familien zu verbessern. Kastraten waren in der Hochblüte ihrer Zeit Superstars und konnten extrem viel Geld verdienen.
Niemand weiss, wieviele Knaben kastriert wurden. Die Operationen geschahen im Verborgenen und wurden nicht dokumentiert. Sie wurden nicht unter den Hygiene Verhältnissen durchgeführt wie wir sie heute kennen und Antibiotikum gab es auch noch nicht. Deswegen ist auch anzunehmen, dass mancher den Eingriff, beziehungsweise die Verheilung danach nicht überlebte. Doch dazu finden sich bis heute keine Zahlen. Auch aus den Registern der Kirchen ist die reale Zahl der Kastraten nicht rekonstruierbar. Es sind einzig ein paar Bittbriefe von Knaben an Fürsten erhalten, wo sie um das Tragen der OP-Kosten bitten.
Nach dem Eingriff waren es nicht nur die Stimmbänder, die nicht weiterwuchsen. Durch das fehlende Testosteron blieb der Bartwuchs und auch die Glatze aus. Das vielleicht erst mal die "positiven" Aspekte. Die negativen Aspekte waren, dass durch das Ausbleiben der männlichen Geschlechtshormone auch die Wachstumsregulation ausblieb. Viele Kastraten wurden sehr gross über 190cm, hatten sehr lange Arme und Beine, einen Brustkorb wie bei einem ausgewachsenen Mann, aber einen verhältnismässig kleinen Kopf und kurzen Hals mit einem "Knabenkehlkopf". Ihr Erscheinungsbild war also durchaus speziell. In jungen Jahren wirkten viele Kastraten "engelhaft", was gerade in der Barockoper, die das Aussergewöhnliche und Überirdische suchte, geschätzt wurde. Bei vielen setzte eine frühe Osteoporose ein und im späteren Lebensalter eine Leibesfülle mit deutlich erkennbarem Brustansatz.
Über das vorhandene oder eben nicht vorhandene Sexualleben der Kastraten lässt sich fast nur spekulieren. Es sind ein, zwei Andeutungen aus Briefen von zwei Kastraten vorhanden, die besagen, dass Kastraten sexuell nicht aktiv sein konnten, doch wirklich wissen tun wir es bis heute nicht.
Die Kastration selber war keine Gewähr für eine Sängerkarriere. Im Alter wo die Jungen kastriert wurden, konnte noch nicht garantiert werden, wie sich die Singstimme und Musikalität der Jungen weiterentwickeln würde.
Die Jungen, die den Absprung zu einer Sängerkarriere nicht schafften hatten es in der Gesellschaft sehr schwer. Sie durften nicht heiraten, weil in der katholischen Kirche jener Zeit die Heirat jenen vorbehalten war, die auch zeugungsfähig waren. Das waren die Kastraten logischerweise nicht. Viele von ihnen traten daher in den Klerus ein.
Manche der Kastraten wurden an den europäischen Höfen Gesangslehrer.
Und manchen war wirklich eine einmalige Karriere vergönnt und sind bis heute bekannt so wie...
...Farinelli
Farinelli wurde als Carlo Maria Michelangelo Nicola Brosch 1705 in eine musikliebende Familie niedrigen Adels geboren. Vermutlich wurde er 1714 kastriert und zur Ausbildung nach Neapel geschickt. Er kam bei der Magistratsfamilie Farina unter und wurde Schüler vom Komponisten Nicola Porpora. In seiner Ausbildung erwarb sich Carlo eine aussergewöhnliche Atem- und Gesangstechnik. Zu Ehren der Familie Farina wählte er den Künstlernamen Farinelli.
Ab 1720 begann sein Stern an den Opernhimmel zu steigen. Seine Anfangsjahre, in denen er vor allem Frauenrollen sang, sollten ihn vor allem nach Neapel und Rom führen.
1722 soll der Wettstreit während einer Aufführung mit einer Trompete ihm zu ungeahntem Ruhm gebracht haben. Carlo liess die Trompete mit seinen Gesangstönen, die er formte von Piano ins Forte und zurück, trillernd und mit den verrücktesten Koloraturen einfach im Regen stehen. Ab dieser Aufführung war er in Süditalien in aller Munde als "il Ragazzo".
Mit wachsender Bekanntheit und steigendem Erfolg trat Farinelli in unzähligen Theatern Italiens auf. In der Uraufführung der Oper "Idaspe" seines Bruders Ricardo war eine Bravourarie "Son qual guerriero in campo armato" die sein ganzes Können und seinen unglaublichen Stimmumfang von g- c````darstellte und zeigte. Es sollte eines seiner absoluten Paradestücke werden im Verlaufe seiner Karriere. Schliesslich folgte 1732 ein Abstecher nach Wien. Die kaiserliche Familie, die grosse Musikkenner und Liebhaber waren, nahmen ihn wohlwollend auf. Neben zahlreichen, wertvollen Geschenken, erhielt er eine jährliche Rente von 1000 Gulden. Das war damals ein Vermögen. Als Vergleich: Ein Direktor, der ausserdem als Buchhalter arbeitete erhielt damals 33 Gulden pro Monat. Ein Maler 5 Gulden im Monat. Ein Taglöhner fürs Holzhacken 8 Gulden pro Monat.
Der Kaiser meinte eines Tages: „Jene gigantischen Schritte, …, jene unendlichen Noten und Gurgeleyen (ces notes qui finissent jamais) überraschen uns, und itzt ist es an der Zeit für sie zu gefallen; sie sind mit den Gütern, die ihnen die Natur verliehen hat, zu verschwenderisch; wenn sie die Herzen einnehmen wollen, so müssen sie einen ebenern, simplern Weg gehen.“
– Karl VI.: laut Charles Burney, 1770.
Das nahm sich Farinelli zu Herzen und passte seinen Gesangsstil an. Er mischte das Lebhafte mit dem Pathetischen, das Simple mit dem Erhabenen. Damit erreichte er die Herzen seiner Zuhörer.
Ab 1734 versuchte Farinelli mit seiner Gesangskunst England zu erobern, das damals in zwei musikalische Lager geteilt war: Das Lager vom deutschen Komponisten Georg Friedrich Händel, der sehr erfolgreich war, und das Lager von den Leuten, die Händel nicht begrüssten, zu denen auch Farinellis langjähriger Wegbegleiter und Lehrer Porpora zählte. Rund drei Jahre lang versuchte Farinelli sein Glück in England. Schliesslich reiste er 1737, nach einigen schlechten Kritiken und Erlebnissen mit dem englischen Publikums ziemlich rasch über Frankreich nach Spanien ab, wo er dem Ruf des spanischen Hofes folgt.
Unterwegs verbrachte er einige Zeit im kastratenfeindlichen Frankreich. Frankreich war das einzige Land, das die Kastration und alles was damit in Verbindung zu bringen war strikt ablehnte, also auch das "Produkt" Kastrat und den Kastratengesang. Trotzdem sang Farinelli König Louis XV vor.
Mit nur 32 Jahren zog sich Farinelli von der Opernbühne zurück um für den depressiven König Philipp V zu singen. Geplant war ein 5 Monatiger Aufenthalt in Spanien. Pläne sind schön, aber es kam auch hier anders: Es wurden 25 Jahre daraus. Er sang jeden Abend für den König bis zu dessen Tod 1746. Als Dank wurde er vom König zum Minister ernannt. Farinelli war klug genug seine Macht nur diskret zu nutzen. Offensichtlich lag ihm die Politik fern. Auch unter dem Nachfolger Ferdinand VI hatte er das Ministeramt inne und zusätzlich beauftragte ihn die hochmusikalische Königin Maria Barbara de Bragança mit der Leitung der Oper. Farinelli holte die besten und bekanntesten Sänger:innen Europas an die königliche Bühne.
Als Karl der III 1759 an die Macht kam musste Farinelli Spanien verlassen.
Farinelli verbrachte seine letzten Lebensjahre in einer Villa mit viel Wohlstand in Bologna. Umgeben von vielen Freunden, seinem Neffen und dessen Kindern und vielen Menschen, die bei ihm ein und aus gingen.
Im September 1782 starb Farinelli.
Zurück blieb bis heute ein Mythos über eine perfekte Atemtechnik, eine ungewöhnliche Sopranstimme mit einem extremen Tonumfang. Sein Sopran soll sich durch eine Süsse, Schönheit und gleichzeitiger Kraft ausgezeichnet haben und bis heute unerreicht sein.
Der letzte Kastrat
Farinelli ist eine Ikone seiner Zeit. Dank seiner aussergewöhnliche Technik und seiner ganzen Persönlichkeit. Leider sind von ihm keine Tondokumente erhalten, wie von allen anderen auch nicht, bis auf einen: Alessandro Moreschi. Er wurde 1858 geboren und wurde kurz vor dem endgültigen Verbot der Kastration der OP unterzogen. Vermutlich 1868. 1871 begann er sein Studium unter Gaetano Capocci in der Sixtinische Kapelle. 1883 erlangte Moreschi während der Fastenzeit seinen Durchbruch als Kastrat, als er die Beethoven Bearbeitung "Christus am Ölberg" durch Franz Sales sang. In dieser Bearbeitung muss der Seraph bis zum dreigestrichnen e hoch, was ihm den Beinamen "der Engel von Rom" einbrachte. Moreschis Einsatzgebiet als Solist blieb, im Vergleich zu Farinelli, relativ beschränkt und auf die Kirche und den Papst bezogen. Er war bis zu seiner Rente 1913 Mitglied des päpstlichen Chores und wirkte auch danach im Chor mit.
Er starb 1922 an den Folgen einer Infektion von 1919.
Von ihm sind die einzigen Tondokumente eines Kastraten erhalten, die 1902 und 1904 aufgenommen wurden.
Fazit
Das Zeitalter der Kastration ist zum Glück vorbei und Vergangenheit. Offensichtlich ist die Gesellschaft zur Einsicht gekommen, dass die Kastraten mehr Nachteile als Vorteile aus ihrem Eingriff zogen. Die Aufklärung und auch die Emanzipation der Frauen haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Kastration nicht mehr stattfindet. Heute werden die typischen Kastratenpartien in den Opern meistens mit Frauen oder sehr gut ausgebildeten Falsettsängern besetzt, die nicht im entferntesten so klingen, wie die Kastraten klangen.
Rein gesetzlich ist die Kastration in Deutschland möglich, aber nur bei Männern ab 25 Jahren und aus ganz anderen Gründen, als dem Singen.
Das Zeitalter der Kastration war einerseits faszinierend, anderseits gegenüber den Knaben grausam: In der Musikwelt geliebt und verehrt, in der Gesellschaft als Sonderlinge geächtet.
Diese Knaben hatten keine andere Wahl, als ihr Leben der Musik und dem Gesang zu widmen. Doch das Leben sollte für uns alle viele verschiedene Aspekte bereithalten und vor allem auch eine gewissen Entscheidungsfreiheit, die den Kastraten durch den Eingriff gänzlich genommen wurden.
Insofern empfinde ich das Zeitalter der Kastraten auch als eines der dunkelsten Kapitel in der Musikgeschichte und ich bin dankbar, dass diese Praxis heute nicht mehr vorhanden und eigentlich, aus unserer heutigen Sicht, unvorstellbar ist.
Trotzdem möchte ich Euch das musikalische Dokument nicht vorenthalten. Die Qualität der Aufnahme lässt zu wünschen übrig. Damals steckte die Aufnahmetechnik noch in Kinderschuhen. Trotzdem lässt sich die Faszination des Klanges erahnen, doch hören Sie selbst: