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Interview
Lisa Hämmerli, Sie sind Umweltnaturwissenschaftlerin und engagieren sich unter anderem in Ihrer Heimat Glarus für das Klima. Um wie viele Grad ist es denn zu warm auf der Erde?
Wir haben seit Beginn der Messung (1864) in der Schweiz eine Erwärmung von rund 2 Grad. Das ist überdurchschnittlich. Global haben wir eine Erwärmung von 0,9 Grad. Dabei sind alle menschlichen und natürlichen Faktoren miteinbezogen.
Kann die Erwärmung nicht natürlichen Ursprungs sein?
Die natürlichen Faktoren haben eher einen kühlenden Effekt. Gänzlich ohne die menschlichen Faktoren wäre die Durchschnittstemperatur sogar gesunken. Das zeigen Klimamodelle.
Kann sich die Erde wieder erholen?
Die Erwärmung, die man hat, ist irreversibel. Wenn man sie einmal hat, dauert es Jahrhunderte bis Jahrtausende, bis die Erwärmung wieder zurückgeht.
Aber der Planet kann eigentlich gut mit dem Klimawandel leben. Es sind die Lebewesen, die Mühe mit den Auswirkungen des Klimawandels haben. Es stellt sich eher die Frage, wie die Menschheit mit dem Klimawandel umgehen will; wie viel Wert legt der Mensch darauf, dass das, was wir kennen, erhalten bleibt. Das ist eine gesellschaftliche Frage.
Mit der Zeit werden wir also alle aussterben, wenn wir so weitermachen?
Es ist schwierig, solche Prognosen aufzustellen. Wenn wir weitermachen wie bisher, erwärmt sich die Erde bis im Jahr 2100 um 4 Grad. Die Folgen sind klar: irreversibler Biodiversitätsverlust, Tote, tiefere Lebensqualität und höhere Ungleichheit in vielen Ländern. Die Welt hat dann wahrscheinlich noch Ressourcen für eine Milliarde Menschen. Das heisst, dass sechs von sieben Menschen keine Lebensgrundlage mehr haben. So weit sollte oder darf man aber nicht denken. Man muss sich auf das konzentrieren, was man verändern kann.
Die Klimabewegung hat das Ziel, kein CO2 mehr auszustossen, dies bis 2030. Wie ist diese Jahreszahl entstanden?
Wir haben auf der Erde noch ein bestimmtes CO2-Budget. Wenn wir sukzessive unsere Emissionen reduzieren, haben wir bis 2050 Zeit.
Die Schweiz hat als Industrieland bereits sehr früh begonnen, CO2 zu emittieren. Entwicklungsländer haben erst kürzlich damit begonnen. Das Klimaziel 2030 ist auch eine Gerechtigkeitsfrage. Industrieländer haben früher angefangen und sollten auch früher wieder aufhören und anderen Ländern auch eine Entwicklung ermöglichen.
Wenn die Schweiz das Ziel Netto 0 Emissionen bis 2030 erreicht – bringt das überhaupt etwas? Die Schweiz ist ein so kleines Land im Vergleich zu anderen Ländern.
Die Schweiz spielt eine sehr wichtige Rolle. Von den Emissionen her trägt die Schweiz nicht so viel bei. Aber nach dem Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung kann und muss die Schweiz mehr machen. Sie hat das Know-how, viele und gute Hochschulen und sie hat die finanziellen Mittel. So hat die Schweiz eine Vorbildfunktion und eine wichtige Rolle.
Und: Wenn es die Industrieländer schaffen, 2030 auf null zu sein, dann gibt es den Entwicklungsländern etwas Zeit, und sie haben länger Zeit, die Emissionen zu reduzieren.
Haben Entwicklungsländer nicht andere Prioritäten?
Die Entwicklungsländer sollten eigentlich ein grosses Interesse haben, dass sich etwas ändert. Entwicklungsländer sind am meisten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen. Viele befinden sich an Küstengebieten und haben mit dem Anstieg des Meeresspiegels, Dürren und Hitzewellen zu kämpfen, und es gibt schon heute Klimaflüchtlinge.
Was passiert, wenn die Welt das Ziel nicht erreicht?
Wenn das CO2-Budget aufgebraucht ist, besteht das Risiko, dass wir bestimmte Kippelemente umstossen, die sich selber verstärken. Zum Beispiel das Abschmelzen von polaren Eiszonen führt dazu, dass die Erwärmung schneller voranschreitet, denn weisse Flächen reflektieren die Strahlung stärker als dunkle Flächen. Mehr dunkle Flächen bedeuten mehr Erwärmung und mehr Eis schmilzt somit wieder. So geht das immer weiter. Ab einem gewissen Temperaturanstieg können wir den sich selbst verstärkenden Klimawandel nicht mehr beeinflussen.
Was muss sich in unserem Alltag ändern, damit dies nicht geschieht?
Einfach wäre, das CO2 zu besteuern, damit es unattraktiv wird, Sachen mit viel CO2-Emissionen zu benutzen. Zum Beispiel dass man ökologische Autos preislich gleich attraktiv macht wie Autos mit einem hohen CO2-Ausstoss – so wie es heute in Norwegen funktioniert. Damit die Bevölkerung die Wahl hat, ohne mehr für klimafreundliches Verhalten bezahlen zu müssen.
Glauben Sie, dass das Ziel erreichbar ist?
Theoretisch wäre es möglich. Die grosse Herausforderung ist, die Bevölkerung über den Klimawandel aufzuklären, das Bewusstsein zu schaffen und die Politiker überzeugen zu können. Der technische Aspekt ist machbar. Aber ob es politisch und gesellschaftlich akzeptiert ist, ist die andere Frage. Es muss eine tiefere Auseinandersetzung stattfinden, und je früher man damit beginnt, desto einfacher ist es.