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Adventszeit ist Spendezeit. Die Hilfswerke sammeln in dieser Zeit bis zu einem Fünftel ihrer jährlichen Spendengelder. Doch wie legen sie ihre Vermögen selber an?
Alec Gagneux ist ein beharrlicher Kritiker. Deshalb ist der Ingenieur und entwicklungspolitische Aktivist nicht überall gern gesehen. Vor allem, wenn er in der Vorweihnachtszeit, der besten Spendenzeit für Hilfswerke, auf seiner Website schreibt: «Vor Weihnachten flattern wieder Bettelbriefe in die Haushalte. Schicken Sie kein Geld, sondern fragen Sie nach, wie glaubwürdig Hilfswerke sind, und unterstützen Sie nur Arbeiten, die auch Ursachen vorbildlich bearbeiten.»
Gagneux versucht seit Jahren, mit Aktionen und Interventionen am Weltwirtschaftsforum in Davos, in Reichenoasen wie Gstaad oder in Kirchen wie dem Zürcher Fraumünster grundsätzliche Debatten über Armut, Reichtum und soziale Verantwortung voranzutreiben – auch bei Hilfswerken und Nichtregierungsorganisationen. Irgendwann fragte sich Alec Gagneux deshalb: Welchen Hilfswerken kann ich voll vertrauen? Vor einigen Jahren verschickte er an Organisationen wie Helvetas, Heks, Caritas, Solidar Suisse oder Brot für alle einen Fragebogen. Die NGOs sollten angeben, mit welchen Banken sie arbeiten, welche Pensionskassen sie haben und wie es mit ihren Anlagen steht. Gagneux kritisiert, dass das Geld oft in Investitionen fliesse, die mit den Zielen der Hilfswerke unvereinbar seien.
Die Antworten – so sie überhaupt eingingen – ergaben ein ganz unterschiedliches Bild. Das Heks zum Beispiel verzichtet auf die Dienste von Grossbanken wie UBS oder CS, nicht jedoch das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). Kleinere Hilfswerke wie Miva, New Tree oder Co-Operaid vertrauen auf die Coop-Bank oder die Raiffeisenbanken, andere auf die Post oder auch auf die Alternative Bank Schweiz. Ebenso verschieden fielen die Angaben bezüglich Vermögensverwaltung und Vorsorgeanlagen aus. Helvetas etwa gab an, das Kapital von der Zürcher Kantonalbank «in einer Nachhaltigkeitsanlage» verwalten zu lassen. Das SRK kennt für die Vermögensverwaltung ethische Richtlinien, die keine Anlagen in Bereichen wie Tabak, Alkohol oder Waffen zulassen.
Weniger wählerisch zeigten sich hingegen die SOS-Kinderdörfer. Sie verzichten zwar auf spekulative Kapitalanlagen, verschmähen aber ansonsten Anlagen «ausschliesslich in erstklassigen Wertpapieren» nicht. Eco Solidar gab an, das Geld «von verschiedenen Finanzinstituten» unter Beachtung der eigenen Grundsätze verwalten zu lassen. Alles in allem: Das Bewusstsein für die sozialen und ökologischen Folgen von Geldanlagen scheint nicht überall gleich stark ausgeprägt.
Die Hedgefonds-Quote erhöht
Die Debatte um ethisch verantwortliche Anlagen findet schon länger statt, und zwar sowohl bei den Hilfswerken als auch bei den Kirchen. Im Jahr 2006 nahm der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) die kirchlichen Pensionskassen unter die Lupe. Die Studie zeigte, dass die Vermögen meist von den Pensionskassen des kantonalen Staatspersonals verwaltet werden. Ein Teil des Kapitals, so die Studie, ist nach Nachhaltigkeits- und Sozialkriterien angelegt. Die Volumina aller versicherten Kirchenangestellten beliefen sich zu jenem Zeitpunkt auf geschätzte 1,2 bis 1,5 Milliarden Franken. Ihr Einfluss auf die Anlagepolitik sei jedoch gering.
Die Studie riet, die Möglichkeit eines Anlagepools oder eines eigenen Kirchenfonds abzuklären. Dadurch würde die Verhandlungsposition gegenüber den Finanzinstituten gestärkt, und es könnte ein eigenes Anlageprofil gebildet werden. Daraus ist aber wenig geworden, wie eine Nachfrage beim SEK ergibt. Eine Vereinheitlichung sei unrealistisch, heisst es. Wegen der enormen Vielfalt kommt ein Pool wohl auch bei den Hilfswerken und NGOs nicht infrage. Immerhin wurde kürzlich bei Solidar Suisse über den verantwortungsvollen Umgang mit dem eigenen Geld am Personaltag des Hilfswerks Anfang November diskutiert, wie Sprecher Christian Engeli bestätigt.
Eingeladen wurde mit Georges Fritz ein langjähriger Pensionskassenkritiker. Er forderte die Anwesenden auf, die hohen ethischen Ansprüche in der Entwicklungszusammenarbeit auch bei den eigenen Geldanlagen zu beachten. Gemeint war konkret die Pensionskasse der Stadt Zürich (PKZH), bei der das Personal von Solidar Suisse angeschlossen ist. Dort ist Fritz, der im städtischen Sozialdepartement arbeitet, selbst seit zehn Jahren Mitglied des Stiftungsrats als Arbeitnehmervertreter. Mit der Anlagepolitik der Kasse ist er nicht einverstanden. «Ich gelte wegen meiner Kritik als schwarzes Schaf», bekennt er gegenüber der WOZ.
Fritz stört sich daran, dass in der Anlagestrategie zwar Richtlinien für die ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit formuliert sind. Doch seien diese «hohl», wenn trotzdem in sogenannt alternative Anlagen wie Rohstoffe («Commodities»), Unternehmensbeteiligungen («Private Equities») und Hegdefonds investiert werde. Diese machen sieben Prozent des gesamten Anlagevermögens von dreizehn Milliarden Franken aus. Also fliesst heute knapp eine Milliarde in diesen Bereich. Damit unterstütze die Kasse spekulative Termingeschäfte und beteilige sich an Umweltzerstörungen und Hungerkatastrophen, die durch den Rohstoffhandel verursacht würden, so Fritz.
Ihn ärgert die Tatsache, dass die Hedgefonds-Quote in der neuen Anlagestrategie noch auf acht Prozent erhöht wurde. Mit seiner Kritik sei er «völlig allein» dagestanden, sagt er mit Blick auf linke StiftungsrätInnen, von denen er sich im Stich gelassen fühlt. Diesen ist die Kritik bekannt. Jorge Serra, Vizepräsident der Pensionskasse der Stadt Zürich, sagt: «Die Diskussion über solche Anlagen ist notwendig, kann aber nicht mit Schlagworten geführt werden.» Das Gegenargument lautet, dass Investitionen in solche Anlagen wegen der Diversifizierung und des Zwangs, eine ausreichende Rendite für die Versicherten zu erwirtschaften, nötig seien.
Dialog mit Unternehmen
Man müsse genau hinschauen, fordert der Anlagechef der Kasse, Andi Hoppler. In einem Interview mit der Zeitung der Gewerkschaft VPOD sagte er über die vielgescholtenen Hedgefonds: «Das sind nicht alles Heuschrecken, die aus Profitgründen Beschäftigte und Mieter auf die Strasse stellen.» Die PKZH nimmt für sich in Anspruch, zusammen mit anderen Investoren den Dialog mit Unternehmen in der ganzen Welt zu suchen. So trage man zur Verbesserung der Nachhaltigkeit bei. Rund 200 Unternehmen wurden bisher aus dem Anlageuniversum der Kasse ausgeschlossen, etwa die in der Schweiz angesiedelte Tiefseebohrfirma Transocean, da sie soziale und ökologische Standards verletzten.
Die Debatte führt immer wieder zum Zielkonflikt zwischen ethischen Grundsätzen, guter Rendite und Versicherungsschutz – ein Dilemma, das in der Praxis kaum widerspruchsfrei aufzulösen ist. Immerhin scheint die Sensibilität für Geldanlagen allgemein zu steigen. Bisherige Anlagen werden hinterfragt, und man sucht Alternativen. So etwa beim katholischen Hilfswerk Fastenopfer. Dort wird jetzt ein Wechsel zu einer Pensionskasse wie Nest oder Abendrot geprüft, die nach strengen Nachhaltigkeitskriterien wirtschaften. Die Auskunft über die jetzigen Anlagen bei einer Sammelstiftung der Basler Versicherung sei unbefriedigend gewesen, sagt Geschäftsleiter Antonio Hautle. Als Hilfswerk müsse man den ethischen Ansprüchen auch intern genügen.