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Die Nachrichten über immer schneller schmelzende Gletscher, abnehmende Meereisausdehnung und steigende Temperaturen in der Arktis reißen nicht ab. Zwei in den letzten Tagen erschienene Studien zeichnen die Zukunft der Arktis noch etwas düsterer, oder besser gesagt wärmer, als bisher angenommen: Der Eisverlust von Grönlands Gletschern in den letzten knapp 30 Jahren entspricht dem extremsten Szenario, das das IPCC in 2014 ausgegeben hat und, das arktische Meereis könnte schneller verschwinden als gedacht.
Das grönländische Eisschild schmilzt enorm schnell – zwischen 1992 und 2018 verlor es 3,8 Billionen Tonnen Eis. Dies ist das Ergebnis der ersten Studie, bei der die Wissenschaftler die Daten von 26 Satelliten kombiniert haben. Der führende Autor, Andrew Shepherd von der University of Leeds, Großbritannien, bestätigt, dass der beobachtete Eisverlust dem Extrem-Szenario des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) folgt. Dieses geht davon aus, dass der Meeresspiegel global um 52 bis 98 Zentimeter bis 2100 ansteigen wird, teilweise durch den Eisverlust in Grönland verursacht.
Dank der Studie weiß man nun, dass der grönländische Eispanzer in den 1990er Jahren noch in der Balance war: Eis, das durch Gletscherkalbungen und die sommerliche Eisschmelze an der Oberfläche verloren ging, wurde durch die Schneefälle im Winter wieder nachgeliefert. Ein Temperaturanstieg war damals zwar auch schon zu beobachten, allerdings lagen sie in Grönland noch weitestgehend unter 0°C.
Das Gleichgewicht kippte erst kurz nach der Jahrtausendwende. Seitdem “fließen die Gletscher schneller, weil der Ozean zu warm ist. Und die Oberfläche schmilzt, weil die Luft zu warm ist. Es ist ein Angriff von zwei Seiten für Grönland”, so Shepherd. Heute schmilzt das grönländische Eis sieben mal schneller als noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts.
Die neue Analyse hat ergeben, dass seit 1992 der Eisrückgang in Grönland 1,06 Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg beigetragen hat. Rechnet man das Schmelzen anderer Gletscher und des antarktischen Eises sowie die Ausdehnung des Meerwassers bei Erwärmung hinzu, beträgt der Gesamtanstieg des Meeresspiegels in etwa im selben Zeitraum 7,5 Zentimeter. Auch wenn ein Anstieg um wenige Zentimeter nicht viel erscheint und langfristig keine Landflächen unter Wasser setzen wird, so nimmt doch das Risiko von Überflutungen von Küstenstreifen bei Stürmen erheblich zu. Laut Shepherd sind für jeden Zentimeter, den der Meeresspiegel global ansteigt, sechs Millionen Menschen mehr von Küstenüberflutungen betroffen.
In der anderen Studie befassten sich koreanische und amerikanische Wissenschaftler mit Modellen, die die Temperaturentwicklung in der Erdgeschichte berechnen. Besonders interessant ist der Zeitraum 6000 bis 8000 Jahre vor heute, eine wärmere Phase des Holozäns. Bisher gab es eine Diskrepanz von 0,5°C in den Berechnungen aus der Analyse von Pollen und dem Ergebnis vom Klimamodellen, was unter Wissenschaftlern auch als “Holocene temperature conundrum” (Holozän-Temperatur-Rätsel) bekannt ist.
Die Autoren dieser Studie glauben, die Lösung für das Rätsel gefunden zu haben und die scheint in der Arktis zu liegen. Sie ließen 13 Klimamodelle laufen, um die Temperaturen während dieser Warmphase zu untersuchen und verglichen diese mit Proxies, also “Klimaanzeigern“ (z.B. Baumringe, Eisbohrkerne, Korallen oder Pollen). Sie fanden heraus, dass die modernsten Simulationen die Temperaturlücke von 0,5°C geschlossen haben, weil diese einen stärkeren sommerlichen Meereisverlust, der sich bis in den Winter hinein fortsetzt, mit einbezogen. Und der größere Meereisverlust bedeutet noch schnellere Erwärmung, da das dunkle Wasser die Sonnenenergie aufnimmt im Gegensatz zu Eisflächen, die einen großen Teil reflektieren.
Für die Bemühungen, den Klimawandel einzudämmen, sind dies keine guten Nachrichten. Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die derzeitige Erwärmung zu einem schnelleren Rückgang des arktischen Meereises führen wird, als die meisten Modelle vermuten lassen. Schon jetzt ist sichtbar, dass der Meereisverlust eher den extremen Prognosen der Klimamodelle folgt.
Hierzu passen auch die neuesten Daten aus Spitzbergen: seit 1961 stieg die Temperatur in Svalbard um 5,6°C. Die Erwärmung auf dem arktischen Archipel ist sechs mal größer als der globale Temperaturanstieg von 0,9°C, so Ketil Isaksen vom norwegischen Meteorologischen Institut. Isaksen erklärt weiter, dass die sogenannten Winter-Regen-Ereignisse, die früher als Schnee gefallen sind, nun immer häufiger durch starke Regenfälle ersetzt werden. “In manchen Monaten lag die Temperatur rund um Longyearbyen 12°C bis 14°C über der normalerweise beobachteten Temperatur.”
Quellen: NewScientist, Norway Today, imbie.org