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Aktualisiert: 12. Nov. 2021
Tivoli ist heute ein Vorort Roms, in den herrlichen Sabinischen Bergen gelegen. Berühmt wurde es vor allem durch die Villa Adriana, einem Lust- und Wohnsitz des Kaisers Hadrian, und durch die Villa d'Este. Nicht erst im 20., sondern auch bereits im 18. und 19. Jahr-hundert bezeichnete man Orte der Lust gerne als «Tivoli». So auch in zürcherischen Landen.
Lust- und Wonnhaus von Hauptmann Bodmer. Zeichner Johann Melchior Füssli, 1717.
Zentralbibliothek Zürich (e-rara).
Ob Hauptmann Bodmer dem Zeichner und Kupferstecher Johann Melchior Füssli (1677-1736) einen Auftrag erteilt hatte? Eher nicht, denn unter der Legende hat Füssli noch hingeschrieben: «Dedié par son tres humble serviteur» – und das machte keinen Sinn, wenn ein Auftrag erteilt worden wäre. Füssli hat im übrigen auch noch weitere Lusthäuser von Stadtzürcher Bürgern auf der Zürcher Landschaft gezeichnet und gestochen: Es dürfte den Herren recht gewesen sein. 1702, als die Kirche Wollishofen erbaut wurde, gehörte das Haus «dem Leutnant Leonhard Schmid, Bleiker in Zürich», später der Offiziersfamilie Lochmann. Schon vor 1800 ging der städtische Landsitz an Wollishofer, längere Zeit hatte es die Familie Bleuler inne. Um 1850 erbte Kaspar Burkhard, der Kupferstecher und Maler, das Haus; bis zu seinem Tode 1882 wohnte er darin, und führte auch den Spezereienladen im Parterre.*
Etwa 200 Jahre später wanderte der junge Kunsthistoriker Conrad Escher (1882-1944) durch Wollishofen und hielt 1906 in der Zürcher Wochen-Chronik in mehreren Folgen seine Eindrücke über Wollishofen fest. Er kam natürlich am Haus «Tivoli» nicht vorbei, ohne einige kunsthistorische Betrachtungen zu machen. Er hatte mit Sicherheit das Bild von Füssli vor Augen, als er schrieb: «Wir kommen nun zu einem alten interessanten Haus, dem sogenannten «Tivoli», in welchem sich ein Konsumladen befindet. Auf demselben ist ein kleiner Aufbau mit einem Zimmer. Ohne Zweifel stellt unser Bild [eben das von Füssli] dieses Haus dar.» Weshalb musste er «ohne Zweifel» schreiben? Weil man eben hätte Zweifel haben können. Denn er schreibt weiter: «Die Zeichnung ist im einzelnen nicht ganz genau, aber doch spricht vieles dafür, daß hier das «Tivoli» dargestellt sei, so z. B. die Kirche zu äußerst links. Etwas auffallend ist, daß der See im Bilde auch gar so weit an das Haus herantritt und daß man den Fußweg, der ungefähr dem Seeufer entlang in südlicher Richtung sich hinzog, und namentlich auch die Hauptstraße, die damals schon vorn um das Haus herum und gegen die Kilchbergstraße hinaufführte, nicht genau erkennen kann. Aber die Künstler der damaligen Zeit gestatteten sich oft große Freiheiten, noch mehr als die von heutzutage, wenn nur der Aspekt recht malerisch ausfiel und dies ist bei unserem Bild in der Tat der Fall.»
Wie sah das «Tivoli» zu Zeiten von Conrad Escher anfangs des 20. Jahrhunderts aus? Das Bild unten aus dem Baugeschichtlichen Archiv Zürich zeigt die Häuserzeile, die an der beginnenden Albisstrasse – stadtauswärts rechterhand – stand, teils sehr alte, wie das «Tivoli», teils aber auch jüngere, die erst mit der Albisstrasse – also nach 1845 – erbaut wurden. Die Häuserzeile musste dann später, gegen die Mitte des 20. Jahrhunderts, der «neuen» Post weichen. Der Fotograf musste wohl nicht lange warten, bis die Strasse so leer war, dass kein vorbeifahrendes Auto die Sicht auf die Häuser verdeckt hätte. Vielleicht mussten die Statisten länger warten: Insbesondere die beiden Männer in der Ladentür waren wohl vom Fotografen zur Belebung ins Bild gerückt worden. Sie wussten kaum mehr, dass sie ihre Ware in Hauptmann Bodmers Lusthaus verkauften.
Das «Tivoli». Fotograf unbekannt, Aufnahme 1931. Abriss des Hauses1943.
Baugeschichtliches Archiv Zürich.
«Hauptmann Bodmer» war übrigens 1643 geboren, Mitglied der Weggenzunft und Pfleger des Stiftes zum Grossen Münster. Escher ordnet ihn deshalb als «einen höheren Verwaltungsoffizier» ein. Das weist nun wieder darauf hin, dass wir mit dem Wort «Lust» im Rahmen des 18. Jahrhunderts vorsichtig sein sollten. Mit Fleischeslust konnte das im prüden, orthodoxen Zürich nicht viel zu tun gehabt haben. Eher mit Freude, etwa Freude an der Natur, etwa wie die Wanderlust.
(SB)
* Zur Besitzergeschichte nach Bodmer vergleiche Stauber, Alt-Wollishofen, S. 57.