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In einem Mönchskloster herrschte – trotz seines der Versenkung und dem Gebet gewidmeten Lebensstiles – Mangel an Novizen, und deshalb machten sich die verbliebenen sieben Mönche auf, um einen Weisen, der im Wald wohnte, um Rat zu fragen. Der Weise gab ihnen eigentlich keinen Rat, sondern erwiderte: „Einer unter euch Brüdern ist der Messias.“
Daraufhin begannen sie einander mit großer Hochachtung und Aufmerksamkeit zu begegnen, denn wer konnte wissen, wer nun der Messias unter ihnen sei. Das ging einige Zeit so und im nahen Dorf sowie in der Umgebung und später in weiteren Landesteilen sprach sich herum, dass in dem Kloster besonders liebenswürdige und gottesfürchtige Mönche lebten. Daraufhin kamen immer mehr Anwerber und wurden in die Gemeinschaft aufgenommen. Die sieben Mönche aber hatten verstanden und beschlossen ihr Leben in großer Freude und Dankbarkeit.
Das Wort Großherzigkeit klingt für viele etwas altmodisch. Sagen wir heute nicht eher Großzügigkeit? Wenn Sie jedoch dem Klang dieser beiden Wörter ein wenig nachspüren, merken Sie gleich, dass die Großherzigkeit weiter gefasst ist.
Descartes schreibt dazu in seinem Buch „Über die Leidenschaften der Seele“: „So glaube ich, dass die wahre Großherzigkeit, die bewirkt, dass sich ein Mensch in so hohem Maße hoch achtet, als er sich legitimerweise nur hoch achten kann, lediglich darin besteht, dass er einerseits weiß, dass es nichts gibt, was ihm wirklich gehörte als diese freie Bestimmung seiner Willensentschlüsse, und auch nichts für ihn lobens- oder tadelnswert sein darf, außer dass er sie zum Guten oder zum Schlechten benutzt; dass er andererseits in sich die feste und beständige Entschlossenheit fühlt, sie zum Guten zu nutzen, das heißt, es nie am Willen fehlen zu lassen, alle Dinge, die sich ihm als die besten darstellen, anzugehen und auszuführen. Was bedeutet, vollkommen die Tugend zu befolgen.“
Descartes meint also, die Großherzigkeit ist zugleich Bewusstsein der eigenen Freiheit und Entschlossenheit, sie zum Guten zu nutzen.
Sri Ram, ein östlicher Gelehrter des 20. Jh., setzt freies Handeln und den menschlichen Willen mit einem göttlichen Prinzip in Beziehung: „Um uns in Freiheit zu bewegen, geführt von dem inneren Gesetz unseres Wesens, dem göttlichen Instinkt in unserem Inneren, müssen wir uns selbst und dem Willen Gottes vertrauen und ihm kein Hindernis von unserer Seite entgegensetzen. Diesem Willen zu folgen, bedeutet, unserem unpersönlichen Selbst zu folgen.“
Wenn wir diese beiden Gedanken miteinander verbinden, könnten wir sagen, dass Großherzigkeit darin besteht, aus freien Stücken einem göttlichen Willen zu folgen und mit Entschlossenheit Gutes zu tun.
Großherzigkeit ist verwandt mit dem lateinischen generositas – Adel der Abkunft oder des Charakters -oder dem griechischen megalopsychia – Seelengröße. Großherzigkeit ist die Tugend des Schenkens – von Gaben oder seiner selbst. Sri Ram sagt: „Wir müssen in uns jene nach außen gewandte Bewegung in Gang setzen, die der Geist des Gebens ist. Das Wesen des Stoffes ist erwerben, besitzen, sich selbst stärken; das Wesen des Geistes ist es, nichts zu halten, und von sich und allem, was er beherrscht, seiner Weisheit gemäß zu geben.“
Das Stoffliche, die Materie verführt uns zum Haften, eines der Grundübel im Buddhismus. Das Geistige will frei sein, fließen, sich ausdrücken, sich verschenken.
In diesem Zusammenhang fiel mir die interessante psychologische Deutung des platonischen Kastensystems ein, die ich vor Jahren gehört habe: Platon spricht in seinem „Staat“ von den „Metallzugaben in den Seelen des Menschen“ – eine sehr häufig missverstandene Lehre, die natürlich symbolisch zu verstehen ist. Menschen mit „eisernen Seelenanteilen“ interessieren sich – dieser Deutung zufolge – hauptsächlich für ihren Besitz und ihr eigenes Wohl, Menschen mit „bronzenen Seelenanteilen“ erweitern dieses Interesse auf ihre Freunde und Angehörigen, Menschen mit „silbernen Seelenanteilen“ sind um das Wohlergehen des Staates besorgt und Menschen mit „goldenen Seelenanteilen“ übernehmen Verantwortung für die gesamte Menschheit. „Goldene Menschen“ besitzen demnach wohl ein hohes Maß an Großherzigkeit… Ich fand diese Deutung spannend, weil es dazu anregt, sich selbst einzuordnen…
Meines Erachtens nach lässt sich wahre Großherzigkeit noch weiter ausdehnen: Unser großes Herz sollte nicht nur die gesamte Menschheit einschließen, sondern auch das Wohl unseres Heimatplaneten und die Liebe zum Göttlichen. Wahre Großherzigkeit ist mit Liebe und Spiritualität verbunden. Lassen wir dazu noch einmal Sri Ram zu Wort kommen:
Großherzigkeit äußert sich, wie ich schon weiter oben sagte, durch Geben, Schenken – von Gaben und vor allem: seiner selbst. Etwas uneigennützig zu geben. Immer mehr Menschen haben heute wieder das Bedürfnis, ehrenamtlich aktiv zu sein. Ich kenne Leute, die auf Krebsstationen von Kinderkrankenhäusern Puppentheater spielen, im Obdachlosencafé mitarbeiten oder Behinderte betreuen, Ökologieteams, die in der Schweiz, Deutschland oder Österreich regelmäßig im Einsatz sind, und viele andere Beispiele mehr – alles unentgeltlich und in der Freizeit. Übrigens: auch die Autoren des Magazins „Abenteuer Philosophie“ arbeiten ehrenamtlich – damit möglichst viele Menschen zum „Philosophieren“, dem Suchen der Wahrheit, angeregt werden…
André Comte-Sponville schreibt in seinem Buch „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“: „Die Großherzigkeit hebt uns zu den anderen empor, könnte man sagen, und sie hebt uns zu uns selbst empor, da sie uns von unserem kleinen Ich freimacht. Die Sprache sagt uns, dass jemand, der überhaupt nicht großherzig ist, gemein, feige, engherzig, nichtswürdig, geizig, raffgierig, egoistisch, widerlich ist… Und wir sind das alles, aber jedenfalls nicht immer und nicht ganz: Die Großherzigkeit ist das, was uns davon trennt und manchmal davon befreit.“
Die Großherzigkeit ist vielgestaltig. Vereint man sie mit Mut, kann sie Heldenhaftigkeit sein. Vereint mit Gerechtigkeit, wird sie Großmut, vereint mit Mitleid Wohlwollen, vereint mit Erbarmen ist sie Nachsicht. Aber ihr schönster Name ist ein Geheimnis, das jeder kennt: Vereint mit Sanftmut heißt sie Güte.
Darf man hier noch einen praktischen Ratschlag geben? Nein. Aber eine Anregung:
Wie wäre es mit einer – regelmäßigen – ehrenamtlichen oder einer anderen uneigennützigen Tätigkeit?
Viel Freude dabei,
Ihre Gudrun Gutdeutsch &
Treffpunkt Philosophie Zürich
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