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Nahrungsmittelkrise: Familien nehmen ihr Schicksal in die Hand
Eine ständige Angst hindert Aïssata daran, sich die Zukunft vorzustellen. «Meine grösste Sorge ist, dass wir es nicht schaffen, uns vernünftig zu ernähren, und meine Kinder nicht gesund sind», vertraut uns die Mutter von fünf Kindern sorgenvoll an. Sie lächelt, ihre Gesichtszüge sind jedoch angespannt. Ihre Familie ist eine derjenigen, die von den Projekten von Terre des hommes in Boucle du Mouhoun unterstützt werden, einer wegen der in Burkina Faso herrschenden Unsicherheit stark destabilisierten Region. Sie hat insbesondere Lebensmittel erhalten: Reis, Bohnen, Kindermehl, Öl und Zucker. «Das ist eine grosse Erleichterung für uns», sagt Aïssata.
Aïssata mit ihrer Tochter Safiatou auf dem Arm. Sie hat Kindermehl erhalten, das sie zur Zubereitung von Brei verwenden kann.
Der Lebensweg ihrer Familie veranschaulicht die vielen Herausforderungen, die sich einem wachsenden Teil der Bevölkerung dieses 22 Millionen Einwohner zählenden Landes in der Sahelzone stellen. Vor einigen Monaten noch lebten Aïssata und die Ihrigen friedlich in Gomboro, im Norden der Region Boucle du Mouhoun. Doch der Ausbruch bewaffneter Gewalt in ihrem Dorf zwang sie, mehr als 150 Kilometer nach Süden bis nach Cari zu fliehen, in eine Ortschaft in der Nähe von Dédougou, der Regionshauptstadt.
«Burkina Faso befindet sich in einer beispiellosen humanitären Krise.»
erklärt Salifou Ouedraogo, der Koordinator des Nothilfeprogramms von Tdh in Burkina Faso. «Sie ist vor allem auf die Sicherheitskrise zurückzuführen, die den Alltag von mehr als 70 Prozent der Bevölkerung beeinträchtigt. Bewaffnete Angriffe, die in den Regionen Est, Sahel, Centre-Nord, Nord und Boucle du Mouhoun für Instabilität sorgen, zwingen die Bevölkerung, in sichereren Gebieten Zuflucht zu suchen, hauptsächlich in den Regionshauptstädten», erläutert er.
Zusätzlich zur schwierigen Sicherheitslage macht Burkina Faso auch der Klimawandel sehr zu schaffen. Er mindert die Wasserressourcen und verschlechtert damit die Erträge der Landwirtschaft, eines Sektors, in dem mehr als 80 Prozent der Bevölkerung tätig sind. «In den letzten beiden Sommern erlebte Burkina Faso wie die anderen Länder im Sahel eine Dürre, die die nationale Produktion drastisch verringerte. Es gab nur beschränkt Zugang zu Wasser für die Viehzucht und Zugang zu Futtermitteln. Haushalte, die ihr Einkommen mit Landwirtschaft und Viehzucht erwirtschaften, mussten schwere Einbussen hinnehmen», gibt Salifou zu bedenken.
Ernährungsunsicherheit bekämpfen
Der Mangel an Nahrungsmitteln und die mangelnde Vielfalt der Lebensmittel, aus denen die Mahlzeiten bestehen, haben zu einer Erhöhung der Ernährungsunsicherheit und damit zu einem besorgniserregenden Anstieg der Mangelernährung geführt. Kinder wie Safiatou, die Tochter von Aïssata, sind die Hauptbetroffenen.
Um gegen diese Ernährungskrise anzugehen, konzentriert Tdh die humanitären Aktivitäten auf Gebiete, die durch den Zustrom von Vertriebenen destabilisiert wurden. Dabei wird keinerlei Unterschied gemacht zwischen entwurzelten Haushalten und den Aufnahmegemeinschaften. Die Familien werden mit der Verteilung von lebensnotwendigen Gütern unterstützt. Um dem Verschwinden staatlicher Sozialdienste entgegenzuwirken oder diese zu stärken, wo sie noch vorhanden sind, werden auch Ernährungsberatung und medizinische Leistungen angeboten.
Über diese Nothilfe hinaus setzt Tdh zudem ein Programm um, das der Ernährungssicherheit und der Existenzsicherung gewidmet ist. Die bedürftigsten Familien erhalten Unterstützung in Form von Lebensmitteln, aber vor allem auch von Bargeld oder Einkaufsgutscheinen.
«Diese haben den Vorteil, dass sie die Familien stärker in die Verantwortung nehmen,
die selbst kaufen, was sie brauchen»
betont José. Das erhaltene Bargeld soll auch in unternehmerische Mikroprojekte reinvestiert werden, die es den Familien ermöglichen, nachhaltigere Ressourcen zu generieren und so ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen.
Einige Dörfer sind im Winter wegen überfluteter Strassen nur schwer zugänglich. Tdh organisiert dort Informationsveranstaltungen für Mütter und Schwangere über die Vorbeugung von Mangelernährung. An diesem Tag versammeln sich viele von ihnen auf dem Dorfplatz. Claudine, eine strahlende Mitdreissigerin, ist vierfache Mutter. Sie erzählt: «Ich habe bei diesen Sensibilisierungsaktivitäten viel gelernt: wie ich den Brei für Barsabasse, mein neun Monate altes Baby, zubereite oder wie ich das imprägnierte Moskitonetz verwende, um meine Kinder vor Malaria zu schützen. Neben diesen Aktivitäten wurde auch ein Gemeinschaftsbeet angelegt, wo wir bestimmte Anbautechniken lernen. Ich schätze diese Aktivitäten sehr.» Andere verwirklichte Vorhaben haben dazu beigetragen, das Leben der DorfbewohnerInnen zu verbessern, insbesondere die Bohrung eines Brunnens, der Zugang zu Trinkwasser bietet und das Bewässern der Gemüsegärten ermöglicht.
Probleme beim Stillen
Aus der Abhängigkeit herausfinden und das Schicksal der Familie wieder in die Hand nehmen: Genau das wünscht sich Azèta, eine Mutter aus Baraboulé, in der Region Sahel. Nach wiederholten Überfällen bewaffneter Gruppen auf ihr Dorf und der Androhung von Entführungen lebt sie mit ihrer Familie nun in Ouahigouya, der Hauptstadt der Region Nord. Seither wurden Zwillinge in die Familie geboren, zwei Energiebündel in karierten Shirts. «Als ich meine Babys bekam, hatte ich Probleme mit dem Stillen», erzählt Azèta. «Dann hörte ich von der NGO Terre des hommes, die Müttern und ihren Kindern hilft.» Azèta ging in der Folge in die Sprechstunde des Gesundheitspostens von Tdh. «Sie haben mir kostenlos geholfen. Ich habe Informationen zum Stillen erhalten. Später besuchte uns ein Tdh-Team zu Hause und brachte uns Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Windeln und Seife sowie einen Geldbetrag.»
Ihr Ehemann Issouf erinnert sich:
«Diese Hilfe war eine grosse Erleichterung für uns. Meine Familie blühte richtig auf.
Ich sah, wie meine Frau zunahm, und freute mich!»
Er bricht in Gelächter aus. Er räumt aber auch ein, dass der Haushalt noch nicht wieder ganz im Gleichgewicht ist. Issouf sucht noch immer Arbeit und trotz der Hilfe fehlt es der Familie an Küchenutensilien und Brennholz, um Mahlzeiten zuzubereiten und nachts Licht im Haus zu haben.
Azètas und Issoufs vollzählige Familie. Sie haben alle die gleiche Hoffnung: dass wieder Frieden herrscht und sie nach Hause zurückkehren können.
«Zu Hause ist es am schönsten»
«Dank unserer Aktionen gelingt es den Menschen, mit dieser Situation umzugehen», bringt es Issaka Koanda auf den Punkt, der für die Mobilisierung der Gemeinschaft in Ouahigouya zuständig ist. «Die Bedürfnisse sind hingegen beträchtlich. Spenden für die Nothilfe können diesen Menschen enorm helfen.» An eine ockerfarbene Erdwand gelehnt, gibt sich Azètas Mann Issouf seinen Träumen hin. Seine brav auf einer Matte sitzenden Kinder sind um ihn herum versammelt. «Ich möchte, dass in meinem Land wieder Frieden herrscht, damit wir in mein Dorf zurückkehren können, denn zu Hause ist es immer noch am schönsten. Aber ich stelle mir immer wieder die Frage, wann das sein wird.»