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Anaxagoras (als Vorsokratiker und Naturphilosoph) verging sich in seinem Versuch, die Welt ohne Zuhilfenahme metaphysischer Hypothesen zu erklären, gegen ein solches, anfangs noch ungeschriebenes Gesetz, wobei die Nähe des Naturphilosophen zu Perikles für den Prozess (inklusive einer politischen Motivation) von Bedeutung war. Sein Vergehen bestand – unter anderem – darin, dass er die Sonne als einen glühenden Stein, den Mond hingegen als aus Erde bestehend bezeichnet hat. Diese Behauptungen gewinnen durch die Vergöttlichung der Himmelskörper an Brisanz: Es erscheint wenig sinnvoll, bewusstlose Materie anzubeten. Durch diese Entthronung der Götter würde, so die Ankläger (solche Ankläger waren für jeden Prozess notwendig (im Falle des Anaxagoras – durch seine Verbindung zu Perikles, den man indirekt damit schwächen wollte – wird kein Mangel an solchen Personen gewesen sein), da es die moderne Institution eines Staatsanwaltes, der von sich aus eine Verfolgung einleitet, damals nicht gab), nicht nur der Respekt vor den Göttern sondern auch vor den politischen Institutionen unterminiert.*
Damit ist das Entscheidende auch für die beiden anderen Prozesse schon gesagt: Protagoras mit seinem „homo-mensura-Satz“ (Der Mensch ist das Maß aller Dinge) weist auf einen ebensolchen Relativismus hin (außerdem behauptet er – möglicherweise in Anlehnung an Xenophanes – dass man von den Göttern nichts wissen könne, „weder dass sie sind noch dass sie nicht sind“) wie Sokrates (der sein Unwissen, dass dann auch die Götter umfasst, zum Prinzip seines Denkens macht): Und beiden, insbesondere aber Sokrates, wird der verderbliche Einfluss eines solchen Denkens zur Last gelegt. Die – mögliche – Unterminierung der gängigen Moral gilt als Gefahr für das ganze Staatswesen: An diesen grundsätzlichen Überlegungen hat sich bis in die Gegenwart nicht viel geändert. „Das Gespenst“ von Herbert Achternbusch ist in Österreich noch heute mit einem Aufführungsverbot belegt.
Die Arbeit von Dressler ist – wie erwähnt – anspruchsvoll, aber dennoch gut lesbar, er bemüht sich um eine genaue Quellenanalyse und zitiert einen umfangreichen Katalog an Sekundärliteratur zum Thema. Trotz dieser eigentlich positiven Beurteilung ist das Ganze aber typisch für das philosophische Denken bzw. die Ausbildung an den Universitäten: Philosophie, die doch immer auch mit Denken und damit eigener Meinung zu tun hat (oder haben sollte), verkommt zu einer philologischen Hilfswissenschaft, es wird ausgelegt und interpretiert, die verschiedenen Lesarten der Originale gegeneinander abgewogen, darauf hingewiesen, dass Autor A im Gegensatz zu Autor B ein Personalpronomen (wahrscheinlich) falsch zuordnet und deshalb zu Schlüssen kommt, die Autor C teilweise zu Recht kritisiert, obwohl dieser – wegen Nichtberücksichtigung zweier Fragmente – ebenfalls zu einer fragwürdigen Interpretation der Stelle kommt. Usf. Man kennt das – und man lernt das.
Was man aber nicht lernt und auch nicht erfährt, ist irgendetwas über das eigenen Denken, die eigene Meinung des Schreibenden. Und dies ist offenbar weder von seiten der Professoren noch der Studenten gewünscht: In einem Seminar über den Kantschen Imperativ erfährt man viel über dessen Entstehung, die Bezüge zu anderen Philosophen, an denen sich Kant orientiert hat, über die Rezeption der nachfolgenden Philosophengeneration, der Modifikationen – bis hin zur Gegenwart. Niemals aber wird an den Seminarteilnehmer die Frage gerichtet, wie sich er selbst zu diesem Imperativ stellt, welche Bedeutung er in dessen moralischem Sein besitzt, welche Modifizierungen ihm notwendig erscheinen würden, worin die Problematik moralischer Normen besteht in seinem ganz konkreten Leben. Man lernt das Denken anderer nachzuvollziehen, man lernt auch Inkonsistenzen in den Auslegungen zu eruieren, problematische Interpretationen anderer Philosopen zu kritisieren (oft im Wunsch, den „reinen“ Gedanken des behandelten Philosophen wiederherzustellen). Selbstverständlich ist der kategorische Imperativ ein gut gewählter Ausgangspunkt für eine Normendiskussion, selbstverständlich muss man den Text kennen, auch verschiedene Auslegungen. Aber entscheidend scheint mir das von mir hervorgehobene Wort Diskussion: Erst in einer solchen klären sich für den Einzelnen die Positionen, lernt er, Ansichten zu korrigieren, anderes zu verstehen und in sein eigenes Weltbild zu integrieren. Philosophie darf nicht zu hermeneutischer Philologie verkommen, zu einem blutleeren Geschäft der Interpretation: Philosophie ist lebendiges Denken (übrigens wäre dies ganz im Sinne Platons, der auf Diskussionen allergrößten Wert legte), ist eigene, individuelle Meinung. Es mag nicht ganz unwahrscheinlich sein, dass die so in Dissertationen geäußerten Ansichten angreifbar, manchmal sogar peinlich wären. (Das wäre dann die Aufgabe des betreuenden Professors, in Gesprächen auf Inkonsistenzen und Probleme hinzuweisen: Heute beschränkt sich die Betreuung häufig auf die Auflistung entsprechender Sekundärliteratur zum Thema.) Aber es wäre im Sinne der Philosophie, des Philosophierens, das eine Tätigkeit ist, die sich nicht auf passive, rezipierende Arbeit beschränken soll, sondern die Aktualität eines individuellen Denkens betont.
*) Aristophanes zeigt in den „Wolken“ am Beispiel des Sokrates, wohin eine solche Missachtung der göttlichen Gebote führt: Der Bauer Strepsiades, dann sein Sohn Pheidippides begeben sich zu Sokrates, um die Kunst der „Wortverdrehung“ zu erlernen. Dies in der Absicht, um einer gerechtfertigten Geldforderung zu entgehen. Pheidippides nimmt jedoch die sophistischen Ausführungen zum Anlass, seinen Vater zu verprügeln und sich damit gegen die enorm wichtige Pflicht der Verehrung der Eltern in Athen zu stellen. Denn er meinte aus der Relativität aller menschlichen Gesetze (wenn sie eben nicht göttlich und damit unangreifbar sind) zu einem solchen Verhalten berechtigt zu sein: Wo kein Gott absolute Werte festsetzt, ist alles und jedes erlaubt.