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Das Schweizerische Nationalmuseum zeigt seit kurzem eine Maschine der Firma Crypto AG. Mit dieser Firma verbindet mich eine spezielle Geschichte. Ich habe sie für den Tössthaler vom 3.März 2020 aufgeschrieben.
Ende 90er Jahre fiel mir der Roman «Enigma» des Beststellerautors Robert Harris in die Hände. Ich war fasziniert und dachte, es wäre doch spannend einmal als Journalist über diese sagenhafte Chiffriermaschine aus dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben. Deutschland hielt sie für sicher, die Briten knackten sie und sind heute noch darauf stolz. Auch die Schweiz nutzte im Zweiten Weltkrieg solche Maschinen! Darüber schrieb ich einen Artikel, der in der NZZ vom 30. November 2001 erschien: „Das Rätsel um die ‚Neue Maschine‘: Die deutsche Chiffriermaschine Enigma und die Schweiz“.
Schon wenige Tage nach Erscheinen des Artikels meldete sich ein Leser: Er sei heute 81 und der erste Mitarbeiter des Zuger Chiffriergeräte-Herstellers Boris Hagelin gewesen. Seine zweite Frau sei kürzlich gestorben und beim Swissair-Absturz von Halifax am 2.September 1998 hätte er seine einzige Tochter verloren. Eine traurige Geschichte. Kurz darauf trafen wir uns im Café des Hotels Central. Der Mann hiess Oskar Stürzinger und erzählte mir eine lange Geschichte – und am Schluss des Gesprächs zog er einen Stoffsack mit einer kleinen Kiste hervor: Ein Taschen-Chiffriergerät der Firma Crypto AG aus dem Jahr 1957.
In der Zeit danach wurde mir Oskar Stürzinger zu einem guten Freund und ich erfuhr mehr von seiner Geschichte: Im Jahr 1952 trat er als junger ETH-Ingenieur in die Firma des Schweden Boris Hagelin in Zug ein. Man arbeitete im Chalet des Besitzers an der Zuger Weinbergstrasse. Hagelin hatte schon vor dem Krieg in Schweden Chiffriergeräte hergestellt und verkauft. Besonderen Erfolg hatte er in den USA und deshalb entwickelte er auch beste Beziehungen zum amerikanischen Spezialisten William F. Friedman, der später der leitende Kryptograf bei der Nationalen Security Agency NSA wurde – das ist der technische Arm der US Geheimdienste. Oskar Stürzinger tüftelte mit dem Besitzer Hagelin an weiteren Erfindungen, davon zeugen viele Patente in seinem Namen. Als man von der Mechanik zur Elektronik wechselte, wurde Oskar Stürzinger Verkaufs-Ingenieur und bereiste die ganze Welt.
Oskar Stürzinger starb 2011 in Monaco – dorthin war er nach seiner Pensionierung gezogen. Damit endet aber seine Geschichte noch nicht. Im Dezember letzten Jahres meldete sich eine Fernsehredaktorin bei mir und fragt mich Löcher in den Bauch über Oskar Stürzinger. Was wusste er über die Hintergründe der Firma Crypto`? – Was wusste er über die Affäre des Verkaufsingenieurs Hans Bühler, der 1992 im Iran verhaftet wurde, weil der Iran vermutete, die Maschinen der Crypto AG seien nicht sicher.
Es seien Dokumente aufgetaucht, welche die Vermutung von damals bestätigt hätten und sie seien zusammen mit dem ZDF und der Washington Post an einer grossen Geschichte`.
Nun, ich konnte nicht weiterhelfen. Dafür schrieb ich für meinen Blog ein paar Einträge über das Thema Kryptografie. Am dann 12.Februar berichtete die Rundschau: Die Firma Crypto AG verkaufte sichere und weniger sichere Maschinen. Dadurch konnte die US-Geheimdienste alle Nachrichten mitlesen. 1970 kaufte der CIA zusammen mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst die Firma Crypto AG – die Operation gilt als eine der grössten Geheimdiensterfolge nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein handfester Skandal für die kleine Schweiz!
Und wiederum meldete sich die NZZ und fragte für einen Artikel. Er erschien Mitte Februar 2020. Und nun meldete sich eine Frau – sie sei ebenfalls eine der ersten Angestellten von Boris Hagelin gewesen. Als ich sie nach ihrem Wohnort fragte, kam die zweite Überraschung: Kollbrunn, wir sind also fast Nachbarn. Doris Kreidler-Schweizer ist heute 84. 1952 trat sie als 18jähriges Mädchen in die Dienste von Boris Hagelin und besorgte dort die Korrespondenz – in drei Sprachen! Zu Beginn war man nur zu viert im Chalet in Zug. Der Firmengründer Boris Hagelin, der Ingenieur Oskar Stürzinger mit seiner Frau Emmy – sie starb wenige Jahre später an Krebs – und sie selber.Das Büro war im Erdgeschoss, Labor und Werkstatt in der Garage. Nicht selten kamen illustre Gäste, wie etwa ein Bruder des ersten ägyptischen Präsidenten Muhammad Nagib – er hätte ihr den Hof gemacht, erzählt sie heute mit einem Schmunzeln. Aber ohne Erfolg!
Und auch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Vor zwei Wochen meldete sich auch das Schweizerische Nationalmuseum – man möchte gerne ein Gerät der Firma Crypto ausstellen und in in die Sammlung integrieren.
Ich konnte dem Museum einen Sammler vermitteln, der eine Maschine der Crypto AG besass. Seit letztem Freitag steht sie nun im Landesmuseum. Es ist eine der allerersten Maschinen, die in der Schweiz gebaut wurden. Sie hat das Land wohl nie verlassen und schlummerte in einem Lager und später in einem Schrank des Sammlers ihrer zukünftigen Bestimmung entgegen.
Blog des Schweizerischen Nationalmuseum: Die Chiffriermaschine CX-52 und ein Spionage-Skandal (Februar 2020)