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Thanatos hat geschrieben:
Da haben wir's! Da ich überzeugt bin, eine Meinung zu haben, du allerdings behauptest, dass ich keine hätte, siehst du mal wieder, wie sich der Mensch – oder zumindest ich, da ich ja ein Mensch bin (oder vielleicht täusche ich mich da?) – ständig selbst täuscht.
Klar, der Punkt ist aber dass ich davon ausgehe, dass sich der Mensch immer und umfassender täuscht als du das anzunehmen bereit bist. Zudem: als Materialist ist die Rede von "eine Meinung haben" schon sehr gewagt, genauer müsstest du sagen, dass dein Hirn auf deterministische Weise die Illusion eines mentalen Gebildes erzeugt welches (d)ein Bewusstsein (sprich: Hirn) wahrnimmt und als illusorische selbstgenerierte Meinung interpretiert (ich weiss: eine wenig erfreuliche Redeweise, weshalb man es auch meidet..."intellektuelle Integrität": wenn das in diesem Kontext kein beschönigender Ausdruck ist!).
Verdrängung kann sehr wohl als Selbsttäuschungsmechanismus interpretiert werden. Ich selbst interpretiere das so, woraus du sehen kannst, dass es möglich ist.
Mein Einwand bezieht sich auf den Begriff "Selbsttäuschung" überhaupt. Wie kann man sich selber täuschen ohne es zu wissen? In der Formulierung von K. Beier: "Wie kann eine Person etwas glauben, von dem sie weiss, dass es falsch ist?" (Wie kann also jemand glücklicher sein als er es eigentlich ist?). Da Verdrängung definiert wird als unbewusster Vorgang (zumindest in seinem psychoanalytischen Kontext), Täuschen doch eher nicht, widersprechen sich die beiden Begriffe. Nimmst du an, dass Täuschung unbewusst ist, dann entfällt es übrigens umso mehr als Argument im Kontext einer Entlarvung des Lebens als besser nicht sein sollend!
Unbewusstes Schönreden als entlarvungswürdig oder -notwendig anzunehmen, ist noch weit schwerer zu begründen als bewusste oder halbbewusste Selbstlüge...wobei das Problem immer dasselbe bleibt: wie ist das bewusste Lüge möglich? Wenn du ohne zu begründen einfach etwas behauptest (interpretierst, definierst), dann könnte man ja alles behaupten und müsste alles akzeptieren...das ist doch absurd. Insofern zeigst du nur auf, dass du auch willkürlich, wie es gerade passt, interpretieren kannst (was wiederum im Widerspruch steht zu deiner Bezugnahme auf das Autoritätsargument).
Überdies kann ich mich dabei auf Autoritäten wie Professor Thomas Metzinger und gewisse Psychologen (deren Namen mir gerade entfallen sind und die ich jetzt nicht versuchen werde, wieder in Erinnerung zu rufen – ganz zu schweigen davon, dass ich mich ja täuschen könnte) berufen, die es tatsächlich fertigbringen, Verdrängungsmechanismen als Selbsttäuschungsmechanismen zu entlarven.
Autoritätsargumente sind problematisch: der eine Experte sagt dies der andere das weshalb sie in Argumentationen kaum je eingesetzt werden. Es gilt von der Sache her zu argumentieren nicht von Autoritäten (wer sagt, dass die von der Sache her argumentieren?!). Und ich frage dich nochmals: wie kann man sich bewusst täuschen bzw. anlügen? Täuschungen/Lügen fliegen in der Regel auf wenn man sie als solche erkannt hat...
Diese Selbsttäuschungsmechanismen sind durchaus behebbar, zumindest teilweise. Man kann sich nämlich um intellektuelle Integrität bemühen. Das Risiko dabei ist allerdings, eventuell seine emotionale Sicherheit zu verlieren und dadurch die schönen Gefühle, die die Selbsttäuschung verleiht.
Falsch, wenn die Täuschungen unbewusst sind, kann man sie nicht beheben, weil man ja nicht weiss dass sie existieren. Verdrängungen können in Therapien angeblich aufgedeckt werden, das ist ja eine Kernidee der Psychoanalyse (Verdrängungen sind allenfalls an ihren unglücklich machenden (!) Symptomen erkennbar, nicht direkt). Wer anderen Verdrängung vorwirft, bewegt sich natürlich immer auf dünnem Eis, da ihm vorgeworfen werden kann, er werfe einem Verdrängung vor weil er selber verdränge (das ist so weil Verdrängung nie konkret nachweisbar ist). Mit dem Intellekt kommt man an solche Verdrängungen übrigens nie ran, dafür gibt es ja dann spezielle Aufdeckungsmethoden (freie Assoziation, Traumdeutung etc.).
Nebenbei bemerkt, habe ich den Eindruck, dass so manche psychotherapeutische Methode genau darauf abzielt, den Leuten beizubringen, sich selbst etwas vorzumachen, weil das offenbar die einzige Möglichkeit für sie ist, das Leben zu ertragen. Ich schließe das aus einigen Therapieopfern, ähm, ehemaligen Patienten von Therapeuten, die ich persönlich kennenlernte.
Psychotherapie zielt immer (vermute ich) darauf ab, dass man besser funktioniert (fähig sein lieben und arbeiten zu können gemäss Freud). Ist das verwerflich? Man könnte auch sagen: dass der Mensch weniger leidet (Menschen gehen in Therapien weil sie weniger leiden wollen). Das Aufdecken von Verdrängtem (gemäss Psychoanalyse und "Verdrängung" sollte zunächst in diesem Sinn verwendet werden) ist ja zweischneidig: die Aufdeckung und Verarbeitung mag schmerzhaft sein das Resultat ist aber oder soll ein befriedigenderes Leben als zuvor sein (Verdrängung ist ja die Wurzel von Neurosen). Ich beziehe mich auf Psychoanalyse, weil sie explizit mit Verdrängungen arbeitet, andere Therapieformen aber nicht unbedingt.
Nur mal ein weiteres Beispiel für Selbsttäuschungen: Der weit überwiegende Teil der Menschheit ist in Wahnsysteme verstrickt, nämlich Religionen mit ihren oft absurden Dogmen. Ist das etwa auch ein „...Teil unserer faktischen und allenfalls unaufhebbaren Funktionsweise“ (was auch immer das bedeuten mag)?
Genug! Ich wollte mich dazu ja gar nicht äußern.
Nun, das behauptest du. Und genau darum "belügst" (weit eher ist es eine halbbewusste Sache auf die du nicht zu viel Achtsamkeit lenkst) du dich schon und auch in diesem Punkt, denn ganz sicher kannst du ja gar nicht sein, das sagt mir meine intellektuelle Redlichkeit. Man kann aber berechtigter Weise auf die Absurdität hinweisen oder auf Widersprüche hinweisen (wobei Wahnsysteme durchaus logisch konsistent sein können), das hat bestimmt auch mit intellektueller Aufrichtigkeit zu tun. Aber auch da: ganz ausschliessen kann man es nicht, dass die Welt noch weit absurder ist als wir es eh schon befürchten. Mir fehlt bei solchen Behauptungen der letzte Funke verbleibender Skepsis, die, ist man redlich, nicht aufhebbar ist. Genau darum vermute ich, dass dir "dein" Cioran als Ersatzreligion dient. Du magst (dogmatischer) Nihilist sein, aber bestimmt kein Skeptiker...die einzig wirklich redliche Position (wobei Skepsis durchaus fast - aber eben nicht ganz - bis zur Gewissheit nihilistisch sein kann)!
Ich sagte nirgends, dass Religion unabdingbar zum Menschsein gehört, sondern dass ganz generell Schönreden, Falschreden nicht zu eliminieren ist. Und selbst wenn: da man kein Kriterium hat um das Fehlen solcher Mechanismen oder deren Resultate festzustellen, könnte man es nie wissen.
Und nochmals: ich behaupte, dass der Mensch sich weit umfänglicher täuscht als du das annimmst! Glaubst du an eine Aussenwelt? Glaubst du an dein Ich? Glaubst du, dass dein Denken irgendwie relevant ist für das was du denkst (als Marerialist müsstest du dies verneinen!), im selben Kontext: bist du überzeugt dass es keinen freien Willen gibt? etc. etc. D.h. auch wenn du einiges zu durchschauen vermeinst, bewegst du dich, gemäss deinen eigenen Prämissen, doch ständig in einem Bereich purer Illusion und Kompromisses.
Hm, da das hier ein Buchtipp-Thread ist, muss ich wohl noch eine Buchempfehlung bringen, um nicht völlig am Thema vorbeizugehen: „The Sorceries and Scandals of Satan“ von Henry M. Tichenor
Besten Dank! Mein Tipp für dich: "Philosophische Theologie im Schatten des Nihilismus" (herausgegeben von J. Salaquarda) und K. Beier "Selbsttäuschung"
PS: Hier die Fragen die du nicht beantwortet hast in komprimierter Form:
1) Aufzuzeigen ist, dass "Selbsttäuschungen" im überwiegenden Masse dem Schönreden dienen bzw. ein glücklicheres Leben ermöglichen (die wohl am leichtesten zu beantwortende Frage, wenn auch nicht so eindeutig wie du vielleicht annimmst).
2) Wie begründest du die Annahme, dass das sich täuschende Leben nicht das massgebende ist wenn es um die Frage der Bewertung eines Lebens geht? Inwiefern ist die Aussage zu rechtfertigen: "Dir geht es viel schlechter als du meinst". (In deinem Sinn unmöglich zu beantworten, es sei denn mit massiven unethischen Implikationen...siehe auch Sterbehilfe).
3) Wie ist der eigentliche, unverfälschte Zustand des Menschen? Du zitierst den Depressiven, wie begründest du das? Welches Kriterium steht dir da zur Verfügung der dir einen objektiven Standpunkt einnehmen lässt? Ein solcher Standpunkt wird in der Regel nur von Gläubigen in Anspruch genommen.
4) Wie willst du wissen ob deine Entlarvungen nicht immer teil deiner eigenen Selbsttäuschungsmanöver sind (d.h. dem Erträglichsein deines Lebens dienen) ?
5) Auf Grund welcher Kriterien ziehst du eine Grenze zwischen entlarvungswürdigen "Selbsttäuschungen" und nicht entlarvungswürdigen?
Brauchst nicht antworten, wenn du nicht willst...ist doch eine arge Zumutung meine Schreiberei...
(Gruss an den Niedrigtraber, amüsiere dich gut!)