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Wir kennen Sie aus London, Mailand oder Stockholm: die City Maut. Die zunehmende Verdichtung bei gleichbleibender Verkehrsinfrastruktur erhöht den Verkehrsdruck. Auch die Schweiz sucht nach Möglichkeiten zur Reduktion von Lärm, Staus und Abgasen.
Die Verkehrsspezialisten Jesper Engdahl (JEN) und Anne-Kathrin Bodenbender (BAK) geben in einem Interview Einblick in die Thematik.
Wie unterscheiden sich City Maut und Mobility Pricing? Welchen Zweck erfüllen diese?
BAK: City Maut (häufig auch road user charging) bezeichnet die Erhebung von Gebühren für die Benützung städtischer Strasseninfrastruktur. Ziel einer solchen Gebühr ist es, Einnahmen zu generieren, Staustunden zu reduzieren und einen Teil der Transportkosten nach dem Verursacher- und Nutzerprinzip direkt an den Verursacher zu übertragen. Eine City Maut fällt in der Regel nur für Automobilisten (inkl. Transport, Lieferwagen etc.) an, während Nutzer des öffentlichen Verkehrs nicht tangiert sind. Sie dient somit v.a. dem Umsteigen von der Strasse auf die Schiene und der Reduktion der Nachfrage in Spitzenstunden.
Mobility Pricing basiert auf dem Verursacher- und Nutzerprinzip und bedeutet leistungsbezogene Preise für Produkte und Dienstleistungen im Verkehrswesen anstelle von indirekten Steuern, Abgaben und Einheitstarifen. Wer Mobilität konsumiert, soll einen Anreiz haben, sich kostenbewusst zu verhalten. Alle Verkehrsteilnehmer bezahlen für die Nutzung der Infrastruktur. So soll die hohe Nachfrage in den Spitzenstunden reduziert und ein Ausweichen auf Randzeiten erreicht werden.
Andere Städte haben die City Maut schon und diese scheint zu funktionieren. Welche Faktoren können zum Erfolg oder Misserfolg beitragen?
BAK: Die Einführung einer Pilotphase hat sich in verschiedenen Städten als lohnenswert erwiesen. In Stockholm konnten auch harte Kritiker aufgrund der erfolgreichen Pilotphase vom Projekt der City Maut überzeugt werden. Eine breite politische Abstützung und Akzeptanz ist für die erfolgreiche Einführung einer City Maut ausschlaggebend.
JEN: Die beobachteten Auswirkungen von 16 City Maut-Systemen weltweit, neun davon in Europa, zeigen eine signifikante Verringerung des Verkehrsaufkommens. In der Regel ist dieser Effekt nachhaltig und in einigen Fällen liegt die Verkehrsreduktion während der Betriebsstunden weit über 10%.
Einige Städte haben auch untersucht, welche Auswirkungen die Einführung des städtischen City Maut-Systems auf Luftschadstoffemissionen und auf die Luftqualität im Allgemeinen haben. Es zeigt sich, dass die Schadstoffkonzentrationen in der Luft in den untersuchten Städten gesunken sind. Allerdings ist es aufgrund der Vielfalt an Faktoren und des Vorherrschens externer Faktoren nicht immer möglich, die Auswirkungen des Mautsystems auf die Luftqualität eindeutig zu identifizieren.
Entscheidend für den Erfolg einer City Maut ist, dass praktikable öffentliche Verkehrsmittel vorhanden sind und dass geeignete Begleitmassnahmen umgesetzt werden (Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, der Velowege und P+R Anlagen, …) – und dies weitgehend vor dem Betriebsstart des Mautsystems.
Häufig müssen die Vorschriften angepasst werden, um die Erhebung von Strassenbenutzungsgebühren zu ermöglichen und eine geeignete Grundlage des Enforcement-Systems zu gewährleisten.
Das System muss für den Nutzer transparent und übersichtlich sein. Der Nutzer muss zur Anpassung des Mobilitätsverhaltens über die entsprechenden Informationen verfügen. Das erhobene Geld muss sinnvoll und nachvollziehbar verwendet werden.
Es wird als Best Practice angesehen, politische Entscheidungsträger, Verkehrsmodellierer und System-Experten von Anfang an und kontinuierlich bei der Gestaltung des Systems einzubeziehen, um dessen soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Akzeptanz zu gewährleisten.
Schliesslich ist auch eine starke politische Führung des Maut-Projekts Teil des Erfolgsrezepts.
Was ist Ihre Einschätzung zum Potenzial von City Mauts in Schweizer Städten?
BAK: Das Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr oder auch den Langsamverkehr kann nur dann funktionieren, wenn das Angebot entsprechend gut ist. Das Schweizer ÖV Angebot ist – besonders in den Städten – ausserordentlich gut. Die Voraussetzungen für ein Umsteigen sind gegeben, jedoch ist die Auslastung der Züge zu Spitzenzeiten auf vielen Strecken bereits heute sehr hoch. Für ein vermehrtes Umsteigen auf das Velo sind Massnahmen und Ausbauten an der Veloinfrastruktur erforderlich. Eine Verlagerung der Verkehrsnachfrage auf andere Zeitfenster ist nur schwer realisierbar und benötigt Anpassungen auf verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen.
JEN: Ein City Maut-Projekt hat wesentlich grössere Chancen auf politische und gesellschaftliche Akzeptanz, wenn es in ein umfassendes Verkehrs- und Mobilitätspaket als Bepreisungs- und Finanzierungsinstrument aufgenommen wird. Es ist möglich, dass in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren ein City Maut-System als Teil eines solchen Pakets eingeführt wird.