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In seinem leider nahezu vergessenen Film The Reluctant Saint (1962) befasst sich Edward Dmytryk mit dem naturverbundenen, geistig beschränkten Franziskaner-Priester Josef von Copertino, der im 17. Jahrhundert in Süditalien lebte und von der katholischen Kirche wegen seiner Levitationen und Wunderheilungen rund 100 Jahre nach seinem Tod selig- und heiliggesprochen wurde. Heute kennt man ihn als Schutzpatron der Flieger und Prüflinge.
Für die Besetzung konnte der Regisseur eine multikulturelle Truppe um sich scharen. Maximilian Schell überzeugt als Josef mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen belämmert, abwesend und verständnisvoll hin- und herschwankt. Lea Padovani spielt seine resolute, aber sympathische Mamma und Ricardo Montalban seinen ebenso genervten wie skeptischen Vorgesetzten, während Akim Tamiroff in einer kleinen, aber unvergesslichen Rolle als Bischof zu sehen ist.
Dreizehn Jahre nach dem englischen Film Noir Obsession kam es bei The Reluctant Saint noch einmal zur Zusammenarbeit zwischen Edward Dmytryk und Nino Rota, und die daraus resultierende Musik ist ein Leckerbissen, der uns viel zu lange vorenthalten wurde. Ein grosses Dankeschön daher an Juan Àngel Saiz, der praktisch in allen Belangen für diese Erstveröffentlichung zuständig war, mit Ausnahme der Liner Notes, denn die stammen von Stefan Schlegel, dem Experten für italienische Filmmusik schlechthin. Das Album präsentiert nebst dem kompletten Original Film Score auch eine stolze Anzahl Bonus-Tracks und Alternates.
Sehr engagiert vermittelt Rota die unterschätzte Persönlichkeit des Protagonisten. Die einfache Herkunft Josefs betont er durch Folklore, etwa mit einem volksliedhaften Thema, das ‒ auch wenn es Josef im Film ein paar Mal anstimmt ‒ im Score nur instrumental verarbeitet ist. Dieses Thema ist sehr wandelbar, wie übrigens auch das Hauptthema, das vor allem im Zusammenhang mit dem Kopf einer zerbrochenen Madonnenfigur immer wieder angespielt wird.
Beiden Themen ist zu eigen, dass sie ‒ wenn sich wie in Recovering the Madonna’s Bust (hier sorgt eine kurze Passage mit völlig entrückten Holzbläseren für einen der impressivsten Momente des gesamten Scores) und The MiracleKinderchor und Kirchenorgel dazugesellen ‒ eine wahrhaft göttliche Spiritualität ausstrahlen.
Um diese zu verbreiten, ist auch ein ehrfürchtiger Männerchor präsent. Nebst frommem Gesang in They are singing Vespers und einem Credo in No flying Monks zieht er insbesondere mit dem wundervollen Choral «The Deum Laudamus», der sowohl vokal in Praying before the Madonna’s Bust und Flying Monk, als auch instrumental in Thank you for the Chestnuts and goodbye my Brother und My Son Father Giuseppe zu hören ist, in seinen Bann.
Zu den weiteren musikalischen Bezugspunkten gehören ein kurz angebundenes, dramatisches Motiv (dem vor allem im Bonus-Track Dramatic Music etwas mehr Zeit gewidmet wird, sowie ein Thema, das die unerfreulichen Ereignisse in Josefs Leben aufgreift, etwa den Tod seines Vaters im elegischen Living is more important then loving, oder in Children’s Attack and Return to the Convent seine verschämte Rückkehr ins Kloster, nachdem er von Kindern ausgeraubt wurde. Es gibt davon in I’ll kill you und End Credits aber auch heitere Varianten in Form eines folkloristischen Walzers, mit Rota-typischen Arrangements für Gitarre, Akkordeon und Holzbläser.
Die Wandlung Josefs vom Dorftrottel zum hoch angesehenen Wunderheiler lässt sich auch ohne Kenntnis des Filmes anhand der Musik sehr gut nachvollziehen, man beachte nur etwa die spöttischen oder zumindest foppenden Holzbläser, die zu Beginn häufig auftauchen und dann von den religiösen Klängen mehr und mehr verdrängt werden. The Reluctant Saint ist ein inspirierter und ‒ vielleicht auch für Nichtgläubige ‒ inspirierender Score, der es mehr als wert ist, Zugang in die Rota-Sammlung zu finden.