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(Scopoli, 1786)
- DE: Grosse Schiefkopfschrecke
- EN: Large Conehead
- FR: Le Conocéphale gracieux
- IT: Conocefalo grosso
- Syn.: Conocephalus ambiguus Stål, 1876 | Conocephalus nitidulus variety bicolor Pylnov, 1911 | Locusta erythrosoma Saint-Fargeau & Serville, 1825 | Homorocoryphus eurostratus Jannone, 1936 | Locusta lineata Brisout de Barneville, 1849 | Conocephalus ambiguus macroptercus Bolívar, 1890 | Conocephalus mandibularis Charpentier, 1825 | Conocephalus ambiguus minor Bolívar, 1890 | Locusta tuberculata Rossius, 1790
Morphologie
Ruspolia nitidula ist meist einfarbig grün, kann aber auch bräunlich oder sogar gelblich und violett sein. Die Fühler und Füsse sind bräunlich. Charakteristisch sind der lange, schlanke Habitus und der keilförmige Kopf. Besonders bei grünen Individuen sind die gelben Mandibeln auffällig. Der Hinterrand der Halsschild-Seitenlappen ist tief eingebuchtet und die Seitenkiele werden oft durch eine helle Linie betont. Die langen, schmalen Flügel überragen deutlich die Hinterknie und erreichen beim Weibchen sogar die Spitze der Legeröhre. Das Gesangsorgan des Männchens ist farblich nicht hervorgehoben, wie dies bei Tettigonia viridissima der Fall ist. Die kurzen, kräftigen Cerci der Männchen haben an der Spitze zwei winklig nach innen gerichtete Zähne. Die schwertförmige Legeröhre ist annähernd körperlang. Sie wird oft von den Flügeln verdeckt.
Gesang
Der laute Spontangesang von Ruspolia nitidula gehört zusammen mit den Gesängen von Tettigonia viridissima, Eupholidoptera chabrieri und Phaneroptera nana zur typischen Geräuschkulisse einer Sommernacht im Tessin und im Mittelmeergebiet. Die Stridulation gehört zu einer der lautesten der Heuschrecken Mitteleuropas und ist über 50 m weit hörbar. Obwohl der Gesang aus der Nähe schmerzhaft laut ist, hören ihn ältere Personen aufgrund der hohen Frequenz kaum oder gar nicht mehr. Die Männchen können minutenlang ohne Unterbruch singen. Der Gesang besteht aus gleichförmigen Silben, die 70-100 Mal pro s wiederholt werden. Manche Tiere erzeugen in unregelmässigen Abständen von 1-4 s quietschende Töne, d.h. lautere Silben, denen eine kurze, leisere Phase folgt. Dieselben Laute hört man auch, wenn ein Männchen am Abend mit dem Spontangesang beginnt und nach wenigen Silben wieder abbricht. Diese Lautäusserung ist ohne Erfahrung nur sehr schwer einzuordnen. Das Frequenzspektrum liegt in einem Bereich von 5,5-35 kHz und zeigt ein Maximum bei 14-18 kHz.
Spontangesang von Ruspolia nitidula - CH, TI, Agarone, 20 °C, nachts.
Spontangesang von Ruspolia nitidula - CH, TI, Agarone, 20 °C, nachts.
Ausschnitt aus dem Spontangesang von Ruspolia nitidula - CH, TI, Agarone, 20 °C, nachts.
Verbreitung
Ruspolia nitidula ist in Südeuropa weit verbreitet. Das Verbreitungsgebiet reicht von Nordafrika über Portugal und Spanien bis in den Norden Frankreichs. Im Südosten ist Ruspolia nitidula über den ganzen Balkan bis Griechenland und in die Türkei verbreitet. In der Schweiz gibt es vier Verbreitungsschwerpunkte: Tessin, Genferseebecken, Neuenburgersee und Zürich. Dabei sind in den letzten 20 Jahren in der Nordschweiz laufend neue Fundpunkte dazu gekommen. Bis vor wenigen Jahren war Ruspolia nitidula in Deutschland nur von einem einzigen Standort bei Konstanz am Bodensee bekannt. Seit etwa 2010 breitet sie sich entlang des Rheingrabens rasant Richtung Norden aus und hat bereits die Höhe von Karlsruhe erreicht.
This map is based on occurrence records available through the GBIF network and may not represent the entire distribution.
Phänologie & Lebensweise
Ausgewachsene Tiere sind von Juli bis Oktober anzutreffen.
Oft findet man von Ruspolia nitidula noch Larven, wenn von anderen Heuschreckenarten ausschliesslich ausgewachsene Tiere anzutreffen sind. Die Eier werden in Blattscheiden abgelegt. Es ist unbekannt, ob der Zyklus ein- oder zweijährig ist. Die Larven durchlaufen 5-6 Stadien. Ruspolia nitidula ist vorwiegend nachtaktiv, nur selten hört man die Männchen auch tagsüber singen. Sie sind in der Vegetation, wie die beiden Schwertschrecken auch, vertikal orientiert und halten sich oft an Schilf, Seggen und Gräsern auf. Dabei singen die Männchen meistens mit dem Kopf nach unten. Ruspolia nitidula ernährt sich vorwiegend vegetarisch. Oft konnten wir sie in der Nacht beobachten, wie sie sich von Grasblüten ernährte.
Lebensraum
Ruspolia nitidula ist auf eine hohe Feuchtigkeit und Wärme angewiesen. Nördlich der Alpen besiedelt die Art fast ausschliesslich Feuchtwiesen entlang von Gewässern. Im klimatisch feuchten Tessin findet man sie in verschiedenen Lebensräumen wie Fettwiesen, trockenen Wiesen, Strassenböschungen, Getreide- und Maisfelder und auch in Hecken und Steinbrüchen. Ausgewachsene Individuen ziehen eine Vegetationshöhe von ca. 50 cm niederwüchsigen Wiesen vor. In den letzten Jahren konnte auch nördlich der Alpen beobachtet werden, dass die Art in wechselfeuchtem und trockenem Grünland auftaucht.
Gefährdung & Schutz
Im europäischen Verbreitungsgebiet ist Ruspolia nitidula besonders im Süden eine häufige Art und daher nicht gefährdet. In Deutschland ist Ruspolia nitidula eine geschützt Art, da sie nach wie vor selten ist. Aufgrund des kleinen Verbreitungsgebiets wird sie als vom Aussterben bedroht eingestuft. In der Nordschweiz hat sich die Art trotz der Gefährdung der Feuchtgebiete etwas ausgebreitet, was vermutlich auf die milden Winter zurückzuführen ist. Im Tessin ist Ruspolia nitidula häufig und nicht gefährdet.
- CH: NT (Potenziell gefährdet)
- DE: 1 (Vom Aussterben bedroht)
- AT: NT (Potenziell gefährdet)
- Europa: LC (Nicht gefährdet)
Ähnliche Arten
Aufgrund der Farbe und des spitzen Kopfgipfels kann Ruspolia nitidula mit den Conocephalus-Arten verwechselt werden. Diese sind aber viel kleiner und haben einen braunen Rücken. Ebenfalls ähnlich sind die Tettigonia-Arten, welchen aber der charakteristische, spitze Kopfgipfel fehlt. Zudem sind sie kräftiger gebaut. Der Gesang von Ruspolia nitidula kann mit den Gesängen von Roeseliana roeselii, Roeseliana azami und Gampsocleis glabra verwechselt werden. Gampsocleis glabra ist aber ausschliesslich bei Sonnenschein aktiv. Die Gesänge der beiden Roeseliana-Arten sind in der Nacht deutlich langsamer und die Verse sind im Gegensatz zum lang anhaltenden Gesang von Ruspolia nitidula kürzer und durch längere Pausen getrennt.