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Studienanleitung
Traduction (Allemand)
12. Welche Autoren man in allen diesen Disziplinen hauptsächlich lesen soll
Wir haben gezeigt, wie man die Philosophen, Dichter, Redner und Historiker lesen soll, und wie das alles für einen edlen Menschen eine Notwendigkeit ist, und dass man auch die Mathematik, Medizin und Rechtsgelehrsamkeit nicht vernachlässigen darf. Nun sehen wir, welche der Autoren, die uns diese Gegenstände vermitteln, man besonders lesen soll. Also möge jemand, dem Mannigfaltigkeit ein solches Herzensanliegen ist, dass er lieber aus einem Buch und einem Autor eine Kostprobe von allen Themen geniessen will, die Weltgeschichte lesen, die Plinius in 37 Büchern verfasst hat; bei diesem Autor wird er nämlich Folgendes finden: die Lehre von den Elementen, der Astronomie und der Geographie, das Wesen der Dinge – Tiere, Bäume, Sträucher, Pflanzen, Kräuter, Wurzeln, Metalle und Edelsteine –, die medizinische Überlieferung und ethische Unterweisung, philosophische Debatten etc. Er möge Ludovicus Coelius lesen, den Verfasser der Antiken Lesefrüchte. Er berührt fast alle Disziplinen und erläutert sehr viele schwierige Stellen in den Autoren, an denen ein Lernbegieriger nicht teilnahmslos vorübergehen soll, sondern die er mit den Autoren selbst vergleichen und manchmal auch den Kopisten zuschreiben soll. Er möge auch die Adagia des Erasmus lesen, ein Werk, das des Apolls würdig ist und ein höchst wertvolles Bündel aus allen edlen Künsten darstellt. Er möge auch die Attischen Nächte Aulus Gellius lesen, die mit vielseitiger Gelehrsamkeit vollgestopft sind. Er wird auch bei diesem philosophische Debatten, poetisch verhüllte Aussage, Geschichtliches und Redekunst finden. Kurz gesagt, diese sich kurz fassenden Bücher enthalten alles, was an edlen Künsten existiert. Er möge Macrobius Kommentar zum Traum des Scipio lesen, worin er in höchstem Masse philosophiert und sich mit Mathematik beschäftigt, er möge auch desselben Saturnalien lesen, Kommentare zu Dichtern, besonders aber zu Vergil – und das siebte Buch behandelt die gesamte Naturphilosophie. Er möge Raphael Voloterras Philologie lesen, die alle Gegenstände einmal berührt, indem sie Plinius nachahmt und aus allen Autoren schöpft. Diesen Büchern kann man noch Polizianos Miszellen hinzufügen.
Von den Philosophen soll man nach meinem Dafürhalten besonders Seneca lesen, der über das Göttliche philosophiert, hierauf aber Ciceros Grenzen, seine Tusculanischen Fragen, seine Pflichten, seine Akademischen Fragen, seine Weissagung und sein Wesen der Götter. Und jedenfalls nach meiner Meinung gibt es in allen philosophischen Büchern nichts Wissenswertes, was sich nicht bei diesen Autoren finden lässt.
Von den Dichtern soll man vor allem Vergil lesen. Wenn du dich nämlich für die Landwirtschaft interessierst, hast du die Georgica, wenn du dich aber für Geschichte, Redekunst, Mythen und eine höchst vollendete Philosophie interessierst, hast du die Aeneis. Nach diesem soll man Horaz lesen. Denn der gibt in seinen Episteln ethischen Unterricht, tadelt in den Satiren die Laster, schafft in den Oden ein feierliches Gedicht und gibt in der Kunst dichtungstheoretischen Unterricht. Ebenso soll man Ovid lesen, und zu Beginn, wenn du nach Mythen und verborgenen philosophischen Lehrern suchst, hast du die Metamorphosen, wenn du dich für die Lehren der Priester und die Zeitrechnung interessierst, hast du die Fasten. Wenn du ferner eine höchst wirksame Redekunst kennenlernen willst, hast du die Heroidenbriefe. Seine übrigen Bücher, die einen erotischen Inhalt haben, möchte ich nicht preisen.
Geschichtsschreiber-Dichter aber sind Lucan, der die Bürgerkriege, Statius, der die Kämpfe um Theben und Silius Italicus, der die Punischen Kriege schildert. Von den Satirikern haben wir schon vorhin Juvenal und Persius zusammen mit Flaccus [Horaz] erwähnt. Von den Komikern haben wir Terenz und Plautus vorgestellt, von den Tragikern Seneca. Wenn du willst, kannst du Horaz als Lyriker bezeichnen. Epigramme haben Martial und Ausonius geschrieben. Es gibt auch andere Dichter, die wir noch nicht erwähnt haben: Tibull, Catull, Properz sehr gefällige, aber schamlose Dichter. Ich wollte lieber, dass man statt ihrer die überaus christliche Dichtung des Prudentius läse.
Die allergrössten Redner sind Fabius Quintilian und, als Fürst der Redekunst, M. Cicero: Ich halte dafür, dass die Lerneifrigen ihn beständig in ihren Händen halten sollen. Von den Historikern aber lies, wenn du nach Kürze und unglaubliche stilistische Kunst begehrst, Sallust, wenn du nach Ausdrucksfülle und herrlicher Beredsamkeit begehrst, Titus Livius. Zu diesen kannst du Justin, Sueton und Caesar hinzufügen und, wenn du viele kleine Text willst, Valerius Maximus, oder, wenn du lieber willst, dass sie alle einzeln bei einem einzigen Autor in einer fortlaufenden Geschichtsdarstellung ihre Stimme erheben, dann lies Antonius Sabellicus. In der Geographie ist es am besten, sich an Pomponius Mela zu gewöhnen; ihm muss man die Tafeln des Ptolemaios beigesellen und dazu noch Strabo und Solinus hinzunehmen.
Unter den Ärzten nehmen Hippokrates und Galen den ersten Platz ein, Plinius nützt aber auch sehr viel. Leute von schmutzigerer Gesinnung finden an Avicenna Vergnügen. Im bürgerlichen Recht hat niemand gelehrter geschrieben als Guillaume Budé in seinen Pandekten und Zazius aus Freiburg; die aber, die Bartholus und Baldus loben, sind Dummköpfe.
Und bis hierher haben wir lateinische Autoren erwähnt, davon abgesehen, dass wir Ptolemaios, Strabo, Hippokrates und Galen bei der Behandlung von Geographie und Medizin als griechische Autoren genannt haben. Nun wollen wir die vorzüglichen Autoren der Griechen aufzählen: Unter den Griechen haben Lukian und Plutarch über mannigfaltige gelehrte Gegenstände geschrieben, zwei in jeder Hinsicht höchstgelehrte Männer. Unter den Philosophen nimmt Plato den ersten Platz ein, hierauf Aristoteles, auch wenn ich möchte, dass man den Büchern des Letzteren eine Auswahl trifft. Die besten Dichter sind Homer, Hesiod und Euripides, es gibt auch epigrammatische Dichter. Als Redner gab es Demosthenes, Isokrates, Aristides und Philostratos. Unter den Historikern ist am bekanntesten Thukydides, hierauf Josephus; es gibt auch Pausanias, Herodian und Diogenes Laertios.
14. Wozu das Studium der profanen Wissenschaften nützlich ist
Diese Studien sind aber sehr nützlich für die Auslegung der Heiligen Schrift, wie alle wissen, die sich mit der Schrift beschäftigen, und es wird durch die Beweise plausibel gemacht, die ich ein wenig weiter unten anfügen werde.
Diese Studien machen die Menschen ausserdem wahrhaft klug, da man bei ihnen weise Ratschläge einholt. Das konnte man einst am römischen Senat beobachten, der sich aus den hochgelehrten Männern Cicero, Cato, Caesar, Porcius und anderen sehr gebildeten Männern zusammensetzte, und deshalb unternahm man dort nichts unbedacht, nichts auf schimpfliche Weise, ja, nicht Unkluges oder etwas, das man später bereut hätte. Diese Studien machen so weise, dass man unter allen menschlichen Angelegenheiten nichts anführen kann, was du dann nicht ganz genau weisst.
Sie formen aber auch den sittlichen Charakter, vermitteln eine ehrbare Gesinnung, pflanzen die Liebe zum Guten ein, erzeugen Hass auf das Böse, und sie vermitteln auch den Menschen bei ihrem vertrauten Umgang miteinander geistreichen Witz und Kultur. Daher bezeichnet man sie als die menschlichen bzw. guten Wissenschaften. Wenn man aber irgendeinen Gegenstand erörtern muss, wenn es gilt, zu lehren, zu loben, zu ermuntern, zu ermahnen, anzuklagen oder zu verteidigen, dann liefern diese Studien dazu die geeigneten Worte und vor allem auch den Sachverhalt selbst. Wenn der Mensch sie nicht besitzt, dann sehe ich nicht, wie man ihn dann noch als Mensch bezeichnen kann, oder was er überhaupt noch Menschliches an sich hat, abgesehen von dem blossen Namen «Mensch». Da also die menschlichen [humanistischen] Wissenschaften erst wahrhaft Menschen aus uns machen, weil wir ohne sie kaum etwas taugen, weil sie einen nicht geringen Beitrag zum Auslegen der Schrift und ihrem wahrheitsgemässen Verständnis leisten, deshalb dürfen alle edlen und wahrhaft studienbeflissenen Menschen sie nicht vernachlässigen, sondern müssen sie mit höchster Sorgfalt erlernen.
Guillaume Budé (1468-1540): Ein bedeutender französischer Humanist; er edierte und kommentierte (Paris 1508) die Pandekten, eine unter Kaiser Justinian 530-533 erstellte spätantike Zusammenstellung von Aussagen wichtiger römischer Juristen.
Baldus de Ubaldis (1327-1400):Eer ist bedeutend durch seine Kommentare zum Corpus Iuris Civilis und zum kanonischen Recht sowie durch zahlreiche juristische Gutachten.
Die französischen Humanisten (wie Budé) kritisierten den durch Bartolus und Baldus repräsentierten mos Italicus (italienischen Brauch) einer scholastischen Auslegung und Kommentierung der überlieferten Rechtstexte, die man als überzeitliche Autoritäten ansah; dabei wurde auf die philologisch korrekte Auslegung und Überlieferung der Rechtstexte jedoch oft keine Rücksicht genommen, sondern diese den Bedürfnissen der juristischen Praxis angepasst. Der humanistische mos Gallicus (französische Brauch) dagegen bemühte sich um Rekonstruktion des originalen Wortlautes und eine Interpretation der Texte auch unter Absehung von ihrer aktuellen praktischen Verwendbarkeit. In diesem Fall wie auch schon bei der Nennung Avicennas macht sich Bullinger eine verächtliche Sichtweise zueigen, wie sie bei Humanisten seiner Zeit nicht untypisch war; sie passt zu seiner manchmal recht undifferenzierten Ablehnung des Mittelalters; s. dazu P. Stotz, «Bullingers Bild vom Mittelalter», Zwingliana 31 (2004), 37-60, hier: 37-38 (der Aufsatz zeigt freilich insgesamt, dass Bullingers Mittelalterbild sich nicht auf eine solche reine Ablehnung reduzieren lässt).