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Gewohnheit
10. September 2000
von Patrick Armbruster
Diese Geschichte enthält Teile, die für ein minderjähriges Publikum nicht geeignet sind. Ich möchte darum bitten, dies zu beachten.
Eine melancholisch-erotische Geschichte...
Ich halte mich nicht für einen Menschen, dem allzu oft Gutes widerfährt. Ich bin weder reich noch berühmt - nicht einmal wirklich berüchtigt. In meiner Heimatstadt, wo ich seit mehr als dreissig Jahren wohne, kennt man mich nicht - vielleicht noch in dem Café, in dem ich manchmal weile, um meine Kritiken zu schreiben. Sie werden abgedruckt in verschiedenen Schweizer Tageszeitungen, und man scheint sie gerne zu lesen, denn die Zeitungen bitten mich immer wieder, neue Kritiken zu schreiben. Ich selber halte sie für Mittelmass. Sie sind der Teil meiner Arbeit, der bezahlt wird. Vom anderen Teil hat die Welt bislang keine Ahnung, und auch wenn ich hoffe, einst ein berühmter Schriftsteller zu sein, so glaube ich doch ehrlich nicht daran, dass es mir zu meiner Lebzeit noch vergönnt sein soll. Vielleicht findet jemand, der meinen Nachlass bekommen wird, Gefallen an den Geschichten, die ich geschrieben habe, und bringt tatsächlich einen Verlag dazu, sie posthum zu veröffentlichen.
Doch ich denke selten darüber nach, und aus meiner atheistischen Überzeugung heraus ist es mir egal, was nach mir kommt.
Ich habe in meinem bisherigen Leben sehr viel Zeit darauf verschwendet, mehr Geschichten und bessere zu schreiben, und habe dabei ganz vergessen, sie jemandem zu zeigen, was sich mit der Zeit als Gewohnheit niederschlägt. Auch die Selbstverachtung, die ich fast professionell betreibe, führt nicht gerade dazu, dass ich mit meinen Werken ans Licht treten möchte.
Jedenfalls traf ich vor einer Woche einen Menschen, der mir die Augen für einen Moment lang geöffnet hat. Man kommt ja selbst selten auf die einfachen Lösungen, die sich für ein aktuelles, persönliches Problem geradezu anbieten.
Ich sass im Café und tippte an einer Kritik für die Neue Zürcher Zeitung herum, als die Serviertochter mir den Kaffee brachte. Sie stellte ihn hin, drehte sich um, drehte sich wieder um und fragte mich, ob sie sich kurz zu mir setzen dürfte.
Ich erlaubte es ihr und blickte sie auffordernd an. Als sie nichts sagte, fragte ich sie, was sie denn wissen wolle.
Sie sagte: "Ich habe mir seit acht Wochen - und ich arbeite seit acht Wochen hier - immer wieder dieselbe Frage gestellt, wenn Sie hier hereingekommen sind. Ich frage mich, ob Sie schwul sind."
Die Serviertochter wurde rot bei dieser Frage, doch ich schüttelte nur leicht verwirrt den Kopf und fragte: "Wie kommen Sie darauf?"
Sie fasste sich wieder und sagte: "Von all den alten Käuzen, die in diesem Café herumirren, sind Sie der einzige Mann, der nicht ein einziges Mal einer der Serviertöchter nachschaut, sobald sie sich umdreht."
Ich lachte. "Ich könnte nicht sagen, ob ich heute homo- oder heterosexuell bin," sagte ich. "Ich habe seit Jahrzehnten keine Frau mehr geliebt. Und in meinem Leben gab es keinen Mann, den ich sexuell interessant gefunden hätte."
Die Serviertochter lachte. "Dann sind Sie also heterosexuell, aber im Moment - oder wie Sie sagen, seit Jahrzehnten - nicht an Sex interessiert?"
Ich verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln und nickte. "Man könnte es so ausdrücken."
Sie blickte mich für einen langen Moment lang an und sagte dann: "Sie sind aber doch eigentlich ein recht ansehnlicher alter Kauz. Die fünfzigjährigen Frauen müssen doch grosses Interesse an einem wie Ihnen zeigen!"
Ich war nicht beleidigt, da ich mich selbst nicht für einen zwanzigjährigen Adonis hielt. Aber ich sagte, was ich dachte: "Wenn ich eine Frau sexuell attraktiv finden soll, darf sie kaum über fünfunddreissig Jahre alt sein. Denn in jenem Alter habe ich das letzte Mal gevögelt."
Die Serviertochter wurde dieses Mal nicht rot, und so vermutete ich, dass es das erste Mal nicht an ihrer eigenen Scham, sondern an ihrer Nervosität gelegen hatte, mir gegenüber zu zeigen, dass sie sich nicht schämte.
Ich beschloss, weiterhin keine Scham meinerseits zu zeigen und fragte sie, ob sie denn mit mir schlafen würde, um herauszufinden, ob ich es noch könnte.
Es war mehr ein Gedankenspiel mit der Möglichkeit, als dass ich wirklich gedacht hätte, die junge Frau würde tatsächlich mit einem für sie sechzigjährig wirkenden Mann ins Bett gehen (ich war fünfundvierzig Jahre alt), doch ihre Antwort lautete: "Gerne. Ich mache hier um 18 Uhr Schluss. Holen Sie mich am Eingang ab."
Ich stand um 18 Uhr vor dem Eingang des Cafés, und pünktlich kam Sonja (den Namen hatte sie mir beim Abschied verraten) heraus, hakte sich bei mir ein und sagte: "Los, zeigen Sie mir Ihre Wohnung."
Ich lächelte und führte sie die zwanzig Schritte bis zum Eingang des Hauses, in welchem ich im dritten Stockwerk eine Vierzimmerwohnung für mich allein beanspruchte.
Nachdem ich ihr die Tür zur Wohnung geöffnet hatte, blickte sie sich in jedem der Räume kurz um, auch im Bad und in der Küche, legte dann ihren Mantel in der Stube ab, dann auch ihre Schuhe, ihre Jeans und ihren Pullover. Sie stand in weinroter Unterwäsche vor mir. Ich genoss den Anblick ihrer zarten Haut, die sich an den richtigen Stellen wölbte. Ich ging auf sie zu, küsste die Stelle über ihrem Büstenhalter sanft und streichelte mit meinen Fingerspitzen ihre zarten Schultern. Dass meine Berührung ihr eine Gänsehaut bereitete, erregte mich selbst mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte.
Sie öffnete meinen Gürtel und meine Hose, streifte mir den Pullover über den Kopf und zog mir die Hose herunter. So stand ich in Socken und Unterhosen vor ihr da. Sie legte sich - in weinroter Unterwäsche und schwarzen Söckchen - vor mir auf den Boden und öffnete mit den Händen hinter ihrem Rücken ihren BH.
Ich liess mich ebenfalls zu Boden sinken und zog ihr ihren Slip aus. Ich küsste kurz ihren Mund, bevor ich mir meine eigene Unterhose auszog.
Dann drang ich in sie ein, und wir hatten den sanftesten, festesten, zärtlichsten und schönsten Sex, den ich in meinem Leben gehabt hatte.
Danach fragte ich sie, ob sie es jemals wieder in Betracht ziehen würde, hierher zu kommen, um mit mir zu schlafen, und sie sagte, dass sie das gerne täte.
Als ich an jenem Abend alleine in der Stube sass, dachte ich, dass ich meine Geschichten veröffentlichen sollte. Und ich habe mehr als zwei Dutzend Verläge angeschrieben, ihnen meine Geschichten und einen Begleitbrief gesandt, ich habe Sonja angerufen, ob sie mir dabei helfen würde - und sie kam, half mir dabei, und wir verbrachten die Nacht gemeinsam in meinem Bett, wo wir aus einem Fick am späten Nachmittag eine Liebesnacht machten, die ich nie mehr würde vergessen können.
Seitdem ist ein Monat vergangen, und ich habe weder Kontakt zu einem Verlag, noch habe ich seither Sonja wiedergesehen.
Ich nehme an - mangels echten Wissens - dass sie aus der Stadt weggezogen ist. Ich könnte anhand ihrer ehemaligen Telefonnumer herausfinden, wo sie jetzt ist, was sie jetzt dort tut, aber ich lasse es sein. Ich habe zurückgefunden zu meiner alten Haltung: Ich halte mich nicht für einen Menschen, dem allzu oft Gutes widerfährt. Ich bin weder reich noch berühmt - nicht einmal wirklich berüchtigt. In meiner Heimatstadt, wo ich seit mehr als dreissig Jahren wohne, kennt man mich nicht - vielleicht noch in dem Café, in dem ich manchmal weile, um meine Kritiken zu schreiben. Meine Geschichten werden nicht veröffentlicht, jedenfalls nicht zu meinen Lebzeiten. Ich bin oft allein. Doch ich denke selten darüber nach, und aus meiner atheistischen Überzeugung heraus ist es mir egal, was nach mir kommt.
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