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Das Leben gleicht zunehmend einem chemischen Experiment, das die Kontrolle über das Labor übernommen hat. Alles Leben wird zu Asche, wenn es stirbt. Oder anders ausgedrückt: Es zerfällt in seine einzelnen Bestandteile, in Atome und in Moleküle aus Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Phosphor und so weiter.
In gewisser Hinsicht jedoch stirbt Leben nicht wirklich: Es beginnt einfach wieder von vorne, entwickelt sich aus einer kleinen Zelle und begibt sich auf einen Beutezug durch Erde, Luft und Wasser, um die erforderlichen Elemente zur Bildung einer Schusterpalme, eines Elefanten oder eines Oberstaatsanwalts zu finden. Dafür nutzt es lediglich die Rohstoffe, die gerade zur Hand sind, und einen rund 150 Millionen Kilometer entfernten thermonuklearen Reaktor, die Sonne. Der frischgebackene, sich selbst replizierende Organismus wächst heran, er altert und schwindet wieder dahin. Aber nicht ohne zuvor einen Teil seiner selbst weitergegeben zu haben, aus dem eine neue, nicht identische Kopie gezogen wird. Dieser Vorgang läuft überall auf unserem Planeten ab, sichtbar und transparent und dennoch zutiefst geheimnisvoll. Seit mindestens 3,5 Milliarden Jahren ist dieser Prozess bereits im Gange, und die Forscher werden wohl nie restlos zufriedenstellend erklären können, wie das Ganze begann.
Das Geheimnis wird wohl weiterbestehen. Denn als die Lebensmaschine erst einmal gestartet war und Fahrt aufgenommen hatte, wirbelte sie so viel Staub auf, dass ihre ursprüngliche Spur darunter verborgen wurde. Dieser Staub veränderte die Luft, er trübte das Wasser und schliff die Berge ab.
Keine Antwort in Darwins Teich
Mindestens 30 Jahrhunderte lang schrieben die Gelehrten den Beginn des Lebens einer ausserirdischen Instanz zu: Sie sprachen von der Hand Gottes, vom göttlichen Atem, vom Lebensfunken oder von der «Saat des Lebens», die durch den Kosmos reist. Erst um das Jahr 1850 begannen Chemiker, Physiker, Geologen und Biologen, viele davon tief gläubig und alle eng vertraut mit der religiösen Tradition, das Problem ernst zu nehmen. Sie kamen zu dem Schluss, dass das komplexe Leben sich in gewissem Sinne aus einfacheren Anfängen entwickelt haben musste und dass es die es umgebenden Materialien für sein eigenes Überleben nutzte.
1859 präsentierte Charles Darwin seine Idee, das Leben habe sich in einer Suppe organischer Chemikalien, in einer Art «warmem, kleinem Teich» auf der Oberfläche der urweltlichen Erde zusammengebraut. Doch auch Darwin liess die Frage nach dem Ursprung unbeantwortet, und sie ist es bis heute geblieben. Darwins Nachfolger waren der Meinung, das Leben könnte in den ersten sonnendurchfluteten Ozeanen entstanden sein, die über den jungen Planeten schwappten, oder im Krater eines Asteroideneinschlags. Andere wiederum meinten, es habe sich nach eigener Vorlage in feuchtem Lehm gebildet oder in der dunklen Stille unterseeischer Vulkane. Oder es sei als Teil eines Meteoriten von einem weit entfernten Planeten zu uns gelangt.
Zufall im Chemiebaukasten?
Soweit wir wissen, existiert Leben jedoch nur auf der Erde und nirgendwo sonst. Das stellt uns vor ein Rätsel, denn eigentlich sieht das Universum aus, als ob es geradezu prädestiniert wäre, Leben zu produzieren. Erstens sind die physikalischen Konstanten derart fein abgestimmt, dass, wenn sie auch nur im Geringsten abweichen würden, weder Sterne noch Planeten, keine Kohlenstoffatome, kein Sauerstoff, keine Schusterpalmen, Elefanten oder Oberstaatsanwälte existieren würden.
Zweitens ist der Raum zwischen den Sternen, wo kein Leben je existieren könnte, reich an den Hauptbestandteilen des Lebens: den organischen Chemikalien. Astronomen haben mehr als 100 davon identifiziert, darunter Cyanid, Formaldehyd, Alkohol, Ammoniak und Azetylen. Kometen enthalten viel Kohlenwasserstoff. In einem 1969 in Australien niedergegangenen Meteoriten hat man bisher über 70 Aminosäuren gefunden. Sie sind die Bausteine der Proteine, des Stoffs, aus dem alles Leben besteht.
Im Jahr 1953 füllten zwei Chemiker aus Chicago einen Glaskolben mit Ammoniak, Methan, Wasser und Wasserstoff – Stoffen, die in der primitiven Erdatmosphäre enthalten gewesen sein müssen – und setzten den Cocktail elektrischen Entladungen aus. Das Ergebnis: Nach nur einer Woche waren zahlreiche Aminosäuren entstanden, die Komponenten von Protein. Wenn das binnen einer Woche in einem Labor geschehen konnte, so folgerten die Wissenschaftler, wäre es gewiss im Laufe einer von Blitzschlägen erfüllten Milliarde von Jahren möglich gewesen.
Es ist aber ein gewaltiger Schritt von den Bausteinen des Lebens hin zu selbstreplizierendem, den ganzen Planeten veränderndem Leben. Ein so gewaltiger Schritt, dass der Astronom Sir Fred Hoyle seine berühmte Einwendung machte: Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Chemiebaukasten zufällig Leben entstehe, sei nicht grösser als die, dass ein Wirbelsturm, der über einen Schrottplatz fege, rein zufällig einen Jumbojet zusammenbaue. Und doch existiert das Leben. Es hat eine allgemeine Biochemie, und die Spezies sind so gruppiert, dass sie den Anschein eines gemeinsamen Erbes erwecken. Wie es jedoch begann, wann und wo genau, das bleibt ein Rätsel.
Autor Tim Radford wurde viermal als britischerWissenschaftsjournalist des Jahres ausgezeichnet.
© «The Guardian» | Übersetzung: Tolingo.com
Albert Einstein: Der Sinn des Lebens
«Was ist der Sinn des Lebens?», wollte die Studentin Marion Block 1951 von Albert Einstein wissen. In fünf Zeilen beantwortete der Physiker die Frage und tat seine Ansicht über die Religion kund:
Liebe Miss Block
Die Frage: «Warum?», ist für den menschlichen Bereich einfach zu beantworten: um Zufriedenheit für uns selbst und andere zu schaffen. Für den nichtmenschlichen Bereich hat die Frage keine Bedeutung. Auch der Glaube an Gott ist kein Ausweg, denn in diesem Fall könnte man fragen: «Warum Gott?».
Hochachtungsvoll, Albert Einstein