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Edwin Beeler – Der Filmemacher regt sich über jene auf, die die Filmarbeit kritisieren ohne die geringste Ahnung der Branche zu haben. Und er versucht zu begründen, weshalb gerade der Film eine grosse Angriffsfläche für Kritik und Nörgelei bietet.
Ob sich ein Filmschaffender auch als Künstler verstehen könne, werde dadurch bestimmt, ob er mit seinem Schaffen vom Bund unterstützt werde, meinte kürzlich ein Kunsthistoriker während einer Diskussionsrunde im Anschluss an die Luzerner Premiere eines Kino-Dokumentarfilmes. Für die «richtigen» Künstler sei es hingegen schwieriger, vom Bund alimentiert zu werden.
Besagter, namhafter Kunsthistoriker sprach dauernd vom Film, den er gerne gesehen hätte, aber kaum vom Film, der soeben tatsächlich gezeigt worden war. Es war die Rede von dicken Büchern, Sachverständigen, Erklärungsbedarf, Fachwissen. Auf die Eigenheiten und Qualitäten, die Machart, Schwierigkeiten und Hintergründe des eigentlich zur Diskussion stehenden Filmes wurde kaum eingegangen.
Sie kritisieren die Filmarbeit
Ein bekanntes Phänomen: Experten und Filmpublizisten hätten gerne einen anderen Film gesehen. Was projiziert wurde, wird moniert, sei zu impressionistisch, unausgegoren, dramaturgisch inkohärent, zu kitschig. Gut gemeinte Gesellschaftskritik. Zu wenig stringent. Zu wenig Imagination. Es fehle der Wolf, im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Filmen fehle der psychoanalytische Aspekt gänzlich, die Frauenfrage sei völlig ausgeklammert. Oder, um ein selber erlebtes Beispiel zu nehmen: Ich solle doch einen anderen Titel wählen (meinte das Mitglied einer über Beiträge befindenden Kommission im Falle meines ersten Filmes); in meinem Film komme zuviel Grau vor (Film «Arme Seelen») oder zuviel Kies (Film «Gramper und Bosse»). Oder auch: Hinter die Wissenschaftlichkeit eines im Filmkonzept vorgestellten Mitwirkenden seien Fragezeichen zu setzen. Ein Schriftsteller und Lyriker meinte gar, die Sequenzen mit einem bestimmten Protagonisten gehörten ganz gestrichen, weil gefährlich für ein unsachverständiges Publikum, die Schluss-Szene mit den beiden Älplern gehöre an den Anfang des Films und es fehle auch der Bezug zur Volksfrömmigkeit zwischen dem Entlebuch und dem Emmental.
Würde ich aber umgekehrt mit dem Schöpflöffel der intellektuellen Allwissenheit fordern, der Lyriker hätte seinerseits die Schlussstrophe seines Gedichtes an den Anfang zu stellen, ein Kapitel in einem seiner Romane ganz zu streichen oder in einer Fussnote dazu die nötigen Erklärungshintergründe zu liefern, würde ich wohl eine Verstimmung provozieren, die über den Zustand der Beleidigung weit hinausginge. Ganz allgemein ist es tabu, eine Kritik zu kritisieren, oder wie ein Filmjournalist meinte: «Wir machen unsere Arbeit, und du die deine, klar?»
Die anderen Sparten haben’s einfacher
Warum bleiben andere Kunstsparten von solchen Borniertheiten oder Herumklitterungen eher verschont bzw. warum begegnet man ihnen und ihren Werken eher mit Respekt? Vielleicht, weil sie eher mit sieben Verklausulierungssiegeln daherkommen, sich über eine Vielfalt von Epochen zu ihrer jeweiligen Gattungsgeschichte mit entsprechender Rezeption entwickelt haben und nicht ständig mit anderen Sparten verglichen werden. Wie der Film, dem man teils literaturtheoretische Kriterien überstülpt und keine Eigenständigkeit zugesteht. Vermutlich auch, weil der Film ursprünglich ein Vergnügen für die kleinen Leute war, vom Jahrmarkt her kommt und weil mit seinen Mitteln, ähnlich wie in der Fotografie, sehr früh erotische und pornografische Bilder, aber auch Horror- und Gewaltszenen inszeniert und dargestellt wurden. Deshalb haben Erzieher und Prälaten den Film und das Kino zuerst in die Schmuddelecke verdammt, haben Zensurmassnahmen gefordert und durchgesetzt, Prädikate, Bewertungen, Empfehlungen und Rezeptionsrichtlinien herausgegeben und einen Index der verbotenen Werke erstellt. Später dann sind einstmals skandalumwitterte Filme wie Bergmans «Das Schweigen» oder Josef von Sternbergs «Der blaue Engel» zu Filmklassikern geworden, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Film als Schund
Vielleicht hat es mit dem Katholizismus zu tun, mit dem rot-schwarzen Kulturkampf, dessen Auswirkungen bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts spürbar waren und auch mit der Verteufelung des technisch-industriellen Fortschritts und der Aufklärung seitens der Kanzelprediger. Behaupten wir deshalb in bewusster Übertreibung, dass die Filmförderstrukturen und -mittel der katholisch geprägten Region Zentralschweiz jenen der Regionen Romandie, Bern oder Zürich (und bald auch Basel) hinterherhinken, weil letztere früher industrialisiert und aufgeklärt wurden als wir hier, weil wir hier seinerzeit den Sonderbundskrieg verloren haben gegen die damals frei gesinnten, den Idealen der französischen Revolution zugeneigten Bundesstaatsbefürworter. Umgekehrt sind wir selbstverständlich ausserhalb unserer Region stigmatisiert als Bergsagen-, Kuhgülle-, Älplerjuuz-, Heiditracht- und Schwyzerörgeli-Ur-Miststockfilmer und Schlachtenmythos-Verfilmer, die zu allem Neid auch noch Erfolg haben an der Kinokasse, wo doch die wirklich brennenden Themen in den urbanen Zentren liegen und Flüchtlingsdramen, Minderheitenprobleme, Secondostorys und Genderstudien erzählt werden sollten.
Die Hoffnung bleibt
Es besteht jedoch Hoffnung: Vielleicht überwinden wir dank der anstehenden Jubiläumsfeiern der Metzeleien von Morgarten 1315 und Marignano 1515 das Trauma der katholisch-konservativen Niederlage von 1847 und finden den interregionalen Anschluss an die filmkulturellen Bestrebungen der damaligen Bürgerkriegsgegner Zürich, Bern, Basel und der Romandie und schaffen den Paradigmenwechsel bei der Auswahl der verfilmten Filmthemen: Die alten Ur-Eidgenossen von 1315 waren schliesslich eine Minderheit mitten im habsburgischen Territorium, also ein Sonderfall. Und die Söldner des Schlachtfeldes von Marignano standen den Nachfahren der heutigen Secondos gegenüber, kämpften also gegen die Einwanderung (bekanntlich erfolglos).
Vielleicht kann in die Salle Modulable ein genrevariables Filmstudio miteingeplant werden.
Zudem: wenn eine Luzerner Salle Modulable – die laufenden Betriebskosten nicht eingerechnet – statt mit 120 Millionen nun auch mit 80 Millionen realisiert werden könnte (40 Millionen kosten offenbar der Bermuda-Prozess und die Erfolgsprämie der Londoner Juristen), nehmen sich die angestrebten jährlichen zwei Millionen Franken Filmzentralschweizer Fördermittel eher bescheiden aus. Vielleicht kann in die Salle modulable ein genrevariables Filmstudio miteingeplant werden. 2044 steht nämlich das Jubiläum der Schlacht am Hirzel an. Dann könnten wir den alten Zürichkrieg mit modernster Digitaltechnik im Filmstudio der Salle modulable verfilmen.