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Der Anflug aufs tibetische Hochplateau ist atemberaubend: anfänglich schrauben sich nur weisse Bergspitzen aus der unter uns liegenden Nebeldecke, tiefer unten warteten starke Farben der wellenden Hügelformationen. In Lhasa, das auf tibetisch „Götterort“ bedeutet, ist die Luft dünn; auf 3500 m.ü.M. fällt das Atmen zunehmend schwerer. Das Stadtbild wird immer stärker von den chinesischen Bauten dominiert, breit angelegte Strassen und die Geschäfte, wie man sie auch in Beijing sieht, verdrängen das tibetische Antlitz. Tibet war über Jahrtausende hinweg eine der abgeschiedensten Regionen Asiens. Seine Berge, die Gipfel des Himalaja und Transhimalaja, bildeten eine natürliche Grenze, Eindringlinge waren ungern gesehen. Die uralte Kultur und Lebensweise hat sich hier länger gehalten als anderswo. Noch heute findet man in Tibet den am tiefsten verwurzelten Buddhismus der Welt. Erst der Einmarsch der Chinesen im Jahr 1950 beendete die geistige und politische Eigenständigkeit. Eine schrittweise Annexion, als Befreiung getarnt. Das Land wehrte sich vergeblich. Eine kaum überschaubare Zahl von Tibetern kam ums Leben, der Dalai Lama, religiöser und weltlicher Führer Tibets, flüchtete ins Exil. Die Grenzen wurden geschlossen. Tempel wurden demoliert, Bilder und Kunstgegenstände verkauft oder eingeschmolzen. Von den 2463 Klöstern, die man 1959 gezählt hatte, waren zwanzig Jahre später noch zehn übrig, alle anderen zerstört. Einige dieser Klöster sind inzwischen restauriert worden. Doch der „grosse Vorsitzende“ wütete nicht nur in Tibet, während dieser schrecklichen Zeit der Kulturrevolution wurden viele bedeutende architektonische oder kulturelle Denkmäler in ganz China beschädigt oder ganz zerstört. Tempel, Klöster, Moscheen oder Gräber, die teils aus der Ming-Zeit stammten, wurden abgerissen, Bilder und Statuen zerstört und durch Mao-Porträts ersetzt.
Doch die Religion lebt umso stärker weiter in Tibet, überwältigt beobachten wir am Barkhor-Platz, dem zentralen Geviert vor dem Jokhang-Tempel, das rege Treiben der Pilger: Ein Mann liegt am Boden und rührt sich nicht, die Stirn auf dem kalten Pflasterstein, die Hände vor sich ausgestreckt. Ein sehniger Körper, in einen bunten Umhang geschnürt, darunter dreckige Baumwoll-Jogginghose, an Knien und Ellbogen hat er sich Polster um die Gelenke gezurrt. Er ruht still, wie tot. Doch plötzlich kommt Leben in den Mann, er richtet sich auf, reckt sich gen Himmel und lässt sich wiederum ein paar Pflastersteine weiter auf seine Gelenke fallen. So ist er im Uhrzeigersinn unterwegs auf der „Kora“, der heiligen Umrundung des Tempels, begleitet von unzähligen Gebetsmühlen, die durch das Summen der „Mantras“ für alle Zeit in Bewegung bleiben. Ein magischer Ort einerseits, andrerseits auch eine Absorbierung aller Energie, die die Tibeter auch für andere Bestreben einsetzen könnten. Von aussen gesehen scheint es, dass sie sich ihrem Schicksal hingegeben, die chinesiche Übermacht als unumstösslich akzeptiert haben. Sie flüchten sich in eine religiöse Hörigkeit.
Mit der Engländerin Jill und dem Australier Paul, die wir in unserem Hotel kennen lernen, organisieren wir einen Jeep plus Fahrer und Führerin, die uns in 5 Tagen über den „Friendship Highway“ zum Mount Everest Base Camp und zurück bringen sollen. Unterwegs besichtigen wir in Gyantse die berühmte Kumbu-Stupa, in der sich 112 Kapellen voll mit Ehrfurcht gebietenden Statuen und Wandgemälden befinden. Imposant erhebt sich auf der gegenüberliegenden Seite die Festung Gyantse, auf einem kleinem, steilen Hügel über der Stadt thront. Weniger erquickend sind die sanitären, tibetischen Anlagen: Nachdem Mona all ihre Überredungskünste gegenüber Jill angewendet hat, um ihr den unliebsamen Gang zu erleichtern, tue ich mir den Slalomlauf zwischen „Scheisshäufchen“ nicht an und verkneife mir die Notdurft. Ganz anders die Stimmung in den Klosteranlagen: Alle Räume im Dämmerlicht der flackernden Butterkerzen, schwach leuchtenden Glühbirnen wirken mystisch und heilig zugleich. Die tibetischen Mönche ziehen an uns vorbei, verrichten Ihre Andacht, als wären wir nicht zugegen. An der Vielfalt der mittelalterlichen Figuren, der feinen Schnitzwerke und der Malereien kann man sich kaum satt sehen. Auf Hügeln und Häusern begleiten uns die Gebetsfahnen nach Shigatse. Die zweitgrösste Stadt Tibets ist uralt und erhebt sich noch höher in den klaren Himmel Tibets als Lhasa. Shigatse liegt in 3810 m.ü.M. Höhe auf dem tibetischen Plateau inmitten einer zerklüfteten Berglandschaft, zerfurchtet von Gletschern und Wasserfällen. Wir besichtigen das Tashi-Lunpo Kloster, das im Jahre 1447 erbaut wurde und Sitz des Panchen Lama ist, dem Pendant zum Dalai Lama. Die Furcht vor chinesischer Repression ist gross, niemand will uns etwas über den Panchen Lama erzählen. Wir finden jedoch heraus, dass er als jüngster politischer Häftling von den Chinesen an einem unbekannten Ort gefangen gehalten wird, mit der Absicht, ihn zu beeinflussen und als „Marionettenherrscher“ in Tibet einzusetzen.
Lange haben wir uns darauf gefreut, endlich den höchsten Berg der Erde, den Mount Everest, mit eigenen Augen zu sehen. Vom Eingang des Everest Nationalparks weg wird die Strasse sehr ruppig und Jill, Mona, Paul und ich kommen uns nach angeregten Diskussionen nun auch physisch näher. Ungeduldig blicken wir bei der Auffahrt zum Gyathso-La-Pass (5220 m) aus dem Fenster, oben angekommen hat sich leider eine Wolkenwand vor der Himalaja-Kette aufgebaut. Nur einige Bergwipfel sind zu sehen und wir mutmassen, welcher denn nun Mount Everest sei. Wir entscheiden uns für eine Spitze in den Wolken, werden aber nach der Lichtung der Wolken sprachlos überrascht: Der von uns vermutete Gipfel ist nur eine Flanke der Westwand, das Dach der Welt ist noch dreimal höher. Den Anblick werden wir nie vergessen: Die Himalajakette zeigt ihre Muskeln mit den Achttausendern Makalu, Lhotse, Cho Oyu und eben Everest. Doch wir wollen näher an den Bergriesen heran; der Jeep bringt uns auf 5400 Meter ins Basislager des Everest. Die Fahrt durchs Khumbu-Tal offenbart immer wieder Blicke auf schneebedeckte Zacken, die den Sherpas, den Trägern der vielen internationalen Bergsteigerkompanien, heilig sind. Nach der Auffassung der Sherpas bewohnen Geister und Dämonen Quellen, Bäume und eben auch die Gipfel. Die erste gesicherte Besteigung des Mount Everest datiert vom 29. Mai 1953 durch den Neuseeländer Sir Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay aus Nepal über die Südroute. Für eine Besteigung haben wir leider keine Zeit mehr, die Nordseite bei Sonnenaufgang wollen wir aber unbedingt sehen und so machen wir uns mitten in der Nacht auf den Weg vom Rombuk-Kloster Richtung Basislager. Ganz alleine stehen wir auf einem in bunten Gebetsfahnen eingehüllten Hügel vor dem Lager und beobachten, wie die Sonnenstrahlen von Osten her die Gletscher in ein feuriges Weiss tauchen. Das reflektierende Licht der gleissenden Schneemassen blendet uns, brennt den unvergesslichen Anblick gleichzeitig in unsere Erinnerung.
Auf der Rückreise nach Lhasa trennen wir uns in Shigatse frühzeitig von unserer unfähigen Führerin, unsere Reisegruppe beschliesst aber, auch den höchstgelegenen See der Welt, den Namtso-Lake, gemeinsam zu erkunden. Je weiter man ins tibetische Hochland vordringt, desto mehr nimmt die Steppe Besitz von dem weiten Nichts; nur die Jurtenzelte der umherziehenden Hochland-Cowboys, die sich nicht an Zügeln, sondern an den geschwungenen, von farbigen Fahnen umwehten Motorradlenkern festhalten, zeugen von Leben. In der kristallblauen Wassermasse der Namtso-Lake spiegeln sich alle Farben dieser Welt; die Tibeter sagen, dass man in ihm die Zukunft lesen kann. Würde der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren, würde er das Reting-Kloster als sein Domizil wählen. Die Mönche dieses Klosters hatten die Aufgabe inne, den zukünftigen Dalai Lama zu bestimmen. Der chinesischen Besatzungsmacht ist die uralte Bedeutung dieses Heiligtums ein Dorn im Auge, sie geben die Anlage bewusst dem Verfall preis, damit seine ehemalige Wichtigkeit aus dem Gedächtnis des tibetischen Volks gelöscht wird. Über Holperstrassen geht die Fahrt weiter durch unser Shangri-La, das Kyi-Chu-Tal. Die Landschaft ändert im Minutentakt, gelb glänzende Wiesen werden von eisig blauen Fjordarmen und steilen Klippen durchbrochen. Weit oben in den Bergen sehen wir ab und zu eine Klosterfestung, an die sich graue Steinhäuser schmiegen, ansonsten begegnen wir kaum einer Menschenseele. Ein weniger schönes Bild gibt unser Nachtlager in der Tidrun-Nunnery ab; der dreckigste Ort auf unserer ganzen Reise, das ganze Kloster eine einzige Kloake. Abscheulich! Doch all das nimmt man gerne auf sich, wenn man am nächsten Tag ein so erhabenes Bauwerk wie das Ganden-Kloster sieht. Die Kora ums Kloster, an kleinen Schreinen und Flächen von Gebetsfahnen vorbei, wird uns immer in Erinnerung bleiben.
Lange war nicht sicher, ob wir unsere Reise aus Tibet hinaus auch wirklich mit dem Zug antreten können. China feiert die Tibetbahn als Jahrhundertbauwerk aus lauter Superlativen: die höchste Eisenbahn der Welt, mit den längsten Hochgebirgstunneln und den tollkühnsten Ingenieursleistungen. Man wusste jedoch nicht, ob sie den Ausländern Einblick in ihre mutige Tat gewähren möchten. Weit im Voraus sichern wir uns ein Ticket im Schlafwagenabteil und freuen uns umso mehr, also uns der Schaffner freundlich an den Menschmassen vorbei auf den überdimensionierten Perron durchwinkt.
Hunderttausend Arbeiter und Ingenieure aus allen Teilen Chinas haben in den vergangenen Jahren dieses Prestigeprojekt verwirklicht, das mittlerweile in einem Atemzug mit dem Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse und der Chinesischen Mauer genannt wird. Für die Neubaustrecke von Golmud in der westchinesischen Provinz Qinghai nach Lhasa haben sie 1142 Kilometer Schienen verlegt, Tunnel in die Berge des Himalajas gesprengt und gigantische Brückenpfeiler in den Dauerfrostboden getrieben. Europäische Ingenieure rieten von dem Projekt ab, trotzdem haben es die Chinesen gewagt. Und das alles in einer im Wortsinn atemraubenden Höhe: Fast neunzig Prozent der Strecke liegen mehr als 4000 Meter hoch. Vierzig Arbeiter starben beim Bau, angeblich niemand an der gefürchteten Höhenkrankheit. Amüsiert beobachten wir die chinesischen Reisenden, die sich Sauerstoffkanülen in die Nase stecken, um künstlichen Sauerstoff aus den Düsen zu erhalten. Das gesamte Menü ist auf Chinesisch, wir ernähren uns auf der zweitägigen Fahrt von Instant-Nudeln. Kilometer für Kilometer erklimmt der Zug den Tanggula-Pass, der in 5072 Meter Höhe thront und damit nur etwa dreihundert Meter tiefer liegt als das Basislager des Mount Everest. Ein Gedenkstein markiert den höchsten Punkt auf der Erde, den je eine Eisenbahn passiert hat. Damit löst die Tibetbahn den Andenexpress in Peru als Rekordhalter ab und überbietet ihn um zweihundert Meter an Höhe. Von hier geht es hinab in die Ausläufer der mongolischen Steppe, nur Herden der tibetischen Antilope können wir über die gezuckerte Landschaft springen sehen. Ausgeruht kommen wir nach 36 Stunden im Zug im betongrauen Bahnhof der Provinzstadt Xian an.