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Ihrem Buch «Bourgeois Dignity» erklären Sie mit einer beeindruckenden Aufzählung von Fakten über die Weltwirtschaftsgeschichte, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist. Welches waren die treibenden Kräfte?
Bei der Entstehung der Weltwirtschaft handelt es sich wohl um die wichtigste säkulare Entwicklung seit der Erfindung der Agrikultur. In «Bourgeois Dignity» gebe ich dieser Entwicklung den Namen «The Great Enrichment» – die grosse Anreicherung. Die Schweiz bietet dafür – wie andere westliche Länder auch – ein ideales Beispiel: Einst war das Land extrem arm, inzwischen ist es extrem reich. Der durchschnittliche Schweizer verdiente um 1800 wohl an die drei Dollar pro Tag. Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit einem für heutige Verhältnisse ähnlich niedrigen Lohn über die Runden kommen. Unglaublich!
Wenn man durch die Strassen Pompejis geht, kommt einem vieles bekannt vor, von den Villen bis zu den Schildern, die vor Hunden warnen. Wir sind geneigt zu glauben, die Lebensqualität hätte sich seit der Antike nicht gross verbessert. Täuschen wir uns?
Man denkt sich: Die haben ja genau wie wir gelebt. Aber das haben sie nicht. Etwa die Hälfte der römischen Kinder starb vor dem fünfzehnten Geburtstag, viele im ersten Lebensjahr. Die Lebenserwartung betrug, das wissen wir aus Dokumenten und Inschriften, etwa 35, 30 Jahre.
Manche, beispielsweise der Kulturwissenschafter Joseph Vogl in seinem Buch «Das Gespenst des Kapitals», behaupten ja, dass es früher gar nicht so schlecht war, wie wir gerne denken. Laut Vogl wurden z.B. die Sklaven in den USA gut behandelt und bekamen sehr grosse Essensrationen.
Na ja, sie wurden gut behandelt, weil die Vereinigten Staaten reicher geworden waren. In Brasilien, das viel ärmer war, war die Behandlung eindeutig nicht so human. Aber auch in den USA wurden sie bloss deswegen gut behandelt, weil sie als teure Maschinen gesehen wurden, die sich nicht mehr ersetzen liessen. Sie durften ja seit dem Verbot des transatlantischen Sklavenhandels (1808) nicht mehr importiert werden. Das ist eine schreckliche Art, über Menschen zu reden, aber so sah man das damals. Und «gute Behandlung» hiess damals, dass man ein wenig Maisbrot bekam. Die Lebenserwartung war zwar etwas höher als bei den Römern, aber nicht sehr viel höher, weil es noch keine Möglichkeit gab, Krankheiten zu kontrollieren. Die Biologie war noch nirgends.
Ich bin davon überzeugt, dass unsere Ururenkel, wenn sie auf uns zurückblicken, auch finden, dass wir im Elend gelebt hätten.
Das denke ich auch. Der Wohlstand wird langsam weiter wachsen, wenn vielleicht auch nicht überall. Natürlich wird die Schweiz nie die heutigen Wachstumsraten von China erreichen. Aber auch die Schweiz, die Vereinigten Staaten oder Italien werden weiterhin wachsen. Wir wachsen ständig. Das erfahren Sie ja tagtäglich in Ihrem Alltag. Vor zwanzig Jahren war es ein Ärgernis, jemanden anzurufen, während man unterwegs war. Zuerst musste man eine Telefonzelle suchen, dann genug Kleingeld dabei haben, und dann streikte auch noch die Telefonzelle. Vieles ist nicht nur einfacher, sondern auch günstiger geworden. Wenn ich ein Ferngespräch mit meiner Grossmutter geführt habe, pflegte sie zu sagen: «Das kostet dich bestimmt ein Vermögen!» Denn als sie ein Mädchen war, kostete es tatsächlich ein Vermögen. In den 1920er Jahren brauchte es sehr viel Zeit- und Arbeitsaufwand, damit man jemanden am anderen Ende der USA anrufen konnte. Heute kann man für ein paar Cent mit Leuten in Indien telefonieren. Es ist wunderbar!
Grosse Teile der politischen Elite verdrängen die Wohlstandssteigerung nur zu gerne. Was glauben Sie, woran liegt es, dass in den meisten Köpfen Wachstum nicht mit positiver Veränderung verbunden ist?
Sowohl Rechte wie Linke haben Probleme, wirtschaftliches Wachstum zu akzeptieren. Das Problem der Rechten ist es, dass das Wachstum die Hierarchien aufgelöst hat. Tatsächlich ist es sogar so,…