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Essay zum Projekt Kriegsnachrichten (die Spanische Grippe 1918 im Spiegel der Fricktaler Presse) von Dr. med. Markus Klemm
1. Das «Schlimme Übel»
Im Jahre 1918 kam Hoffnung auf, dass der Weltkrieg in seinem 4. Jahr beendet werde und sich die Weltmächte zu Friedensverhandlungen durchringen könnten. Für viele Familien waren zunehmender Mangel an Nahrungsmitteln und finanzielle Sorgen eine schwere Last. Da erschien völlig unerwartet ein neues Unheil: in der Weltpresse wurde von einer Grippeepidemie berichtet, welche im Frühjahr 1918 ähnlich bisheriger Grippewellen verlief, im Sommer jedoch eine bedrohliche Zahl von Todesopfer forderte. Da Spanien keine Kriegsmacht war und deshalb keine Pressezensur pflegte, kamen erste Berichte aus diesem Land. So meldet unsere Lokalpresse am 6.6.1918, dass in Madrid über 120 000 Personen an Grippe erkrankt sind, so auch König Alfons XIII, hohe Staatsbeamte und Würdeträger. Die kriegsführenden Nationen mieden eine beunruhigende Berichterstattung. Obwohl bereits im Frühjahr 1918 erste Grippefälle in USA und kurz darauf weltweit bekannt sind, wird die Epidemie deshalb fälschlicherweise als «Spanische Grippe» bezeichnet. Die «geheimnisvolle Krankheit» wird verharmlosend als «Blitzkatarrh», «Pseudo-Influenza», von deutschen Ärzten als «Modekrankheit» bezeichnet.
Erst im Jahre 1919 kam es zu einem Rückgang der wohl grössten Pandemie (Epidemie in allen Ländern der Welt) der gesamten Menschheit überhaupt, mit geschätzten Todeszahlen zwischen 50-100 Millionen. Damit forderte die Spanische Grippe wahrscheinlich mehr Menschenleben als sämtliche Opfer der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und wird als «das grösste Massaker des 20. Jahrhunderts» bezeichnet.
2. Die Grippe in der Schweiz
Am 9.7.1918 berichtet die Lokalpresse im Hauptbeitrag, «die spanische Grippe ist nun auch in der Schweiz angekommen». Verharmlosend wird ihr ein «durchaus gutartiger Charakter» zugebilligt, es sei «ausgeschlossen, dass sich Komplikationen einstellen». Eine retrospektiv völlig falsche Beurteilung; schon damals sind ungewohnt häufige Todesfälle im Ausland rapportiert. Die kantonale Sanitätsdirektion erlässt ein Kreisschreiben, dass «es sich glücklicherweise um eine meist ungefährliche Fiebererkrankung» handelt. Wenige Tage später lesen wir jedoch, «die Spanische Grippe verläuft nicht so gutmütig, wie erwartet werden dürfte.» In Zürich seien «äusserst heftige Lungenentzündungen» aufgetreten. Vermehrt wird auch über die Grippefälle in der Armee berichtet; bis Ende Juli sind bereits 305 Todesfälle zu beklagen. Der militärische Sanitätsdienst ist völlig überfordert, Rekrutenschulen werden aufgelöst, Aufgebote sistiert. Gegen den Armeearzt Oberst Carl Hauser (Oberfeldarzt) wird wegen «Misswirtschaft» eine Kampagne losgetreten, sodass dieser schliesslich zurücktritt. Aber auch der zivile Sanitätsdienst ist belastet: Ende Juli wird von «Übermüdung der Ärzte» berichtet, welche täglich bis zu 150 Patienten zu versorgen haben. Bis zum Jahresende lesen wir schweizweit von schwerem Schicksaal und Not, ausgelöst durch Grippekranke und Grippetodesfälle. Perioden mit Rückgang der gemeldeten Fälle wechseln mit Meldungen von bedrohlicher Zunahme. Allerdings sind dies meist lediglich Kurznachrichten, ohne dass sich der Berichterstatter dabei weitere Gedanken zu dieser ausserordentlichen Epidemie gemacht hätte. Auch Führungspersönlichkeiten publizieren kaum Überlegungen zur Bedeutung der Epidemie für unsere Gesellschaft und Wirtschaft. Weit wichtiger scheinen Betrachtungen über politische Themen, den Kriegsverlauf, die anlaufenden Friedensverhandlungen und im November über den Generalstreik. Dies obwohl für unsere Bevölkerung die Grippe weit mehr Todesopfer forderte und Not verursachte. In der Schweiz verstarben an der Spanischen Grippe insgesamt etwa 25 000 Personen.
3. Die Grippe im Aargau und im Fricktal
Von Grippefällen im Kanton Aargau wird erstmals im Juli 1918 berichtet, als unter den Teilnehmern des Turnfestes von Windisch «eine Massenerkrankung» ausgebrochen sei. Im Fricktal werden erste Zahlen von Grippekranken und -toten Ende Juli publiziert. Die lückenhafte Statistik zeigt in den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden eine starke Zunahme der Fälle von Mitte Oktober bis anfangs Dezember. Bis zum Frühsommer 1919 werden Grippefälle gemeldet, dann erlischt die Seuche endlich. Die Epidemie fordert im gesamten Kanton geschätzte 750 Todesopfer, im Fricktal etwa 100.
Der Sanitätsdienst und die Gemeindebehörden sind auch im Fricktal gefordert: im September 1918 wird in den Turnhallen Laufenburg und Möhlin ein Lazarett eingerichtet, ebenso im Gasthof «Pfauen» in Laufenburg. In Rheinfelden werden Grippekranke im Absonderungshaus des Bezirksspitals und im Solbadsanatorium aufgenommen. In den Protokollen der Spitalkommission fehlen erstaunlicherweise Hinweise auf die Epidemie; lediglich die GV des Spitalvereins muss anfangs 1919 wegen «Veranstaltungsverbot infolge Grippegefahr» verschoben werden. Die Gemeindebehörden erlassen periodisch Veranstaltungsverbote, entsprechend den Anweisungen der kantonalen Sanitätsdirektion. Im Oktober muss die Postzustellung in Rheinfelden wegen grippekrankem Personal von 3x täglich auf 2x täglich reduziert werden!
4. Die Grippe medizinisch erklärt
Die saisonal auftretende Grippe ist der Menschheit seit der Antike bekannt. Husten, Niesen, Fieber, Kopfschmerzen, Leistungsschwäche sind Leitsymptome, die uns auch heute noch wohl bekannt sind. Als Ursache wurde bis 1943 fälschlicherweise das Bakterium Haemophilus influenzae (entdeckt durch Geheimrat Michael Pfeiffer) angesehen. Dieses wurde aus Sekreten und Lungengewebe der Erkrankten isoliert. Viren konnten erst später elektronenmikroskopisch nachgewiesen und als Krankheitserreger erkannt werden. Heute wissen wir, dass ein Grippevirus, das in der Vogelwelt vorkommt, die Ursache der Spanischen Grippe war. Dieses wurde vor wenigen Jahren in ausgegrabenem Gewebe eines amerikanischen Soldaten und einer Inuit in Alaska isoliert, bzw. rekombiniert. Bisher nur teilweise erklärt ist jedoch die ungewöhnliche Häufung von bakteriellen Pneumonien (Lungenentzündungen), welche die Grippekranken als Superinfektion damals erfasste. Diese Pneumonien erklären den schweren und oft dramatisch überstürzten Krankheitsverlauf, insbesondere während der 2. Grippewelle im Herbst 1918. Innert 12-24 Stunden erlitten die Betroffenen Atemnot, blutigen Auswurf, Bewusstlosigkeit und schliesslich den Tod. Mögliche Faktoren, welche diesen ungünstigen Verlauf verursachten, sind Mutationen des Erregers, die durch Hunger und Kriege geschwächte, auch demoralisierte Bevölkerung und die durch die Kriege verursachten weltweiten, häufigen Verschiebungen grosser Menschengruppen (Soldaten). Weshalb oft junge Männer zwischen 20-40 Jahren der Grippe erlagen, ist bis heute weitgehend ungeklärt.
5. Die Grippe behandeln
Da der Erreger der Grippe unbekannt war und damals antivirale und antibiotische Medikamente fehlten (Penicillin wird durch Alexander Fleming erst 1928 entdeckt), konnte weder das Grippevirus noch die sekundäre bakterielle Infektion ursächlich behandelt werden. Die Ärzte verabreichten bewährte Mittel wie Aspirin, empfahlen regelmässige Mundspülungen und Gurgeln, Bettruhe und Teetrinken. Aus der Not wurden auch heute unverständliche Massnahmen ärztlich empfohlen: Sublimat (Quecksilber) Injektionen, Seruminjektionen, Schnupfen oder Rauchen von Tabak, Zwiebelsaft durch die Nase einziehen, GABA Tablettchen lutschen. Honig gilt als «Vorbeugungs-und Heilmittel bei Grippe, wegen seines hohen Gehaltes an Ameisensäure». So ruft der Bienenzüchterverein Rheinfelden zur «Honigspende» für die an Grippe erkrankten Soldaten auf. Auch die Wichtigkeit einer vollwertigen Ernährung ist erkannt: im November 1918 erlässt die schweizerische Armeeverwaltung eine «dringende Bitte / helft rasch»: zur Verpflegung der an Grippe erkrankten Soldaten sollen 30 000 Stück Eier gespendet werden.
6. Vorsorgemassnahmen
Die Übertragung der Grippe durch Tröpfchen aus dem Mund-Rachenraum und über Lungensekrete war wohl bekannt und unbestritten. Deshalb erlässt der Gemeinderat von Rheinfelden schon am 23.7.1918 eine Verfügung: Versammlungen sind nur im Notfall (nach Einholung einer polizeilichen Bewilligung) gestattet; Theater und Kino sind zu schliessen; Gottesdienste werden eingestellt; Kehren von Strassen und Entstauben sind strengstens verboten (?); Ess-und Trinkgeschirre rein zu halten. Diese Empfehlungen werden in den kommenden Monaten periodisch wiederholt. Deshalb wird keine 1. Augustfeier abgehalten; in der Weihnachtszeit unterbleibt sogar das Brunnensingen der Sebastiani Bruderschaft. Der Schulbetrieb in allen Abteilungen wird entsprechend dem Verlauf der Epidemie zeitweise eingestellt. Der Präsident der Schulpflege A. Doser verkündet am 13.8.1918, dass «wegen der Grippeepidemie die Schulferien bis auf weiteres zu verlängern sind». Auch der «hochwürdigste Bischof» verfügt, gemeinschaftliche Gottesdienste der Epidemie wegen bis auf weiteres zu sistieren. Dies bleibt jedoch nicht unbestritten, da «die Wirtschaften ganz nett offen bleiben»! Die Generaldirektion der SBB verfügt am 22.10. 1918 eine «sofortige Perronsperre» für den Bahnhof Zürich, d.h. das Betreten der Bahnhofhalle ist ausschliesslich den Ankommenden und Abreisenden gestattet. Auch kurios anmutende Vorschläge sind dokumentiert: Dr. E. Hegg, Augenarzt in Bern empfiehlt, «zur wirksamen Bekämpfung der Grippe die gesamte Bevölkerung mit Schutzmasken zu versehen. Das allgemeine Tragen dieses Maulkorbes würde einen grotesken Zug ins öffentliche Leben bringen».
7. Pandemien heute
Auch nach der «Spanischen Grippe» sind bisher unbekannte Epidemien aufgetreten. In unserer Zeit versetzten HIV, Vogelgrippe, Schweinegrippe und Ebola die Menschen in Angst und Schrecken. Heute sind jedoch die wissenschaftlichen und epidemiologischen Kenntnisse weit besser entwickelt, sodass frühzeitig wirkungsvolle Massnahmen ergriffen werden können.
Nachrichten aus kriegerischer Zeit
Das Fricktaler Projekt «Kriegsnachrichten» macht die Originalausgaben der «Volksstimme aus dem Frickthal» und der «Neuen Rheinfelder Zeitung» aus den Jahren 1914 bis 1918 im Internet für jedermann zugänglich (die NFZ berichtete). Zudem erscheint viermal jährlich ein Essay, basierend auf der Berichterstattung des jeweiligen Quartals, in welchem der Autor das Kriegsgeschehen thematisiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet.
Markus Klemm, Autor des hier publizierten Beitrages, ist Arzt. Er wohnt in Rheinfelden. (nfz)