Document ID: /curiavista/filtered/00000_business.jsonl.gz/199000

<h2>SubmittedText<h2><p>Das Umweltinstitut München hat im Südtirol von März bis im Spätsommer 2018 eine Dauerbelastung der Luft durch Pestizide gemessen. Dies notabene in Mels, einer Südtiroler Gemeinde, die sich 2014 per Volksabstimmung zur ersten pestizidfreien Gemeinde Europas erklärt hatte. Unter den nachgewiesenen Pestiziden waren auch gesundheitsgefährdende Stoffe. Betroffen sind unter anderem Anwohnerinnen und Anwohner, Feriengäste oder Biobauern, in deren Kulturen diese Stoffe gar nicht vorkommen sollten.</p><p>In der Schweiz gibt es Gebiete mit intensivem Pestizideinsatz. Auch hier dürften signifikante Mengen an Pestiziden zum Teil kilometerweit vom Wind verfrachtet werden und so unerwünscht Wirkung entfalten auf Insekten, Amphibien, Singvögel, Kinder auf Spielplätzen, Sportlerinnen und Sportler und Menschen, die sich im Freien aufhalten. Da sich verschiedene Substanzen in der Luft mischen, entstehen Kombinationen, die gefährlicher sein können als der jeweilige Einzelwirkstoff (Cocktail-Effekt).</p><p>Ich bitte den Bundesrat daher, folgende Fragen zu beantworten:</p><p>1. Gibt es in der Schweiz eine ähnliche Studie zur Verfrachtung von Pestiziden über die Luft?</p><p>2. Falls nein, muss davon ausgegangen werden, dass Messungen in der Schweiz vergleichbare Resultate hervorbringen könnten?</p><p>3. Ist der Bundesrat bereit, mittels Langzeitmessungen die Pestizidverfrachtung in Schlüsselregionen der Schweiz zu überwachen und über die Erkenntnisse zu berichten? </p><p>4. Das Umweltinstitut München kritisiert, dass das europäische Zulassungssystem die Dauerbelastung sowie die Verbreitung von Pestiziden durch die Luft ignoriert. Wie berücksichtigt das Schweizer Zulassungssystem diese Punkte? Müsste das Zulassungssystem angepasst werden?</p><p>5. Das Umweltinstitut München kritisiert, dass das europäische Zulassungssystem die Cocktail-Effekte ignoriert. Der Bundesrat erläutert in seiner Antwort auf meine Interpellation 16.4153, das Risiko dieser Effekte werde als niedrig eingestuft. Werden diese Cocktail-Effekte im Rahmen des heutigen Zulassungsverfahrens überhaupt untersucht?</p><p>6. Falls nein, ist dem Bundesrat bekannt, dass z. B. Kombinationen aus gewissen Insektiziden und Fungiziden synergistische Effekte aufweisen, sich die Wirkung ihrer kombinierten Wirkstoffe also mehr als summiert? Wie setzt sich die Zulassungsbehörde mit solchen Erkenntnissen auseinander?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>1. Eine vergleichbare Studie mit Rindenmonitoring wurde bis heute in der Schweiz nicht durchgeführt. Die Verfrachtung von Substanzen über die Luft wurde in der Schweiz für ausgewählte persistente organische Schadstoffe (POP) anhand von Flechten untersucht.</p><p>2. Die Studie zeigt, dass von den 500 untersuchten Pestiziden 15 Wirkstoffe und Abbauprodukte in einem Rindenmonitoring gefunden wurden. 8 Wirkstoffe davon sind derzeit in der Schweiz bewilligt. Es ist durchaus möglich, dass Messungen in der Schweiz vergleichbare Ergebnisse zeigen würden. Vergleiche der obenerwähnten Flechtenmonitorings von 1995 und 2014 zeigen eine starke Abnahme der Belastung durch persistente organische Schadstoffe, inklusive persistenter Organochlor-Pestizide (u. a. DDT und Lindan).</p><p>3. In der Schweiz wird die Luftverfrachtung von Pestiziden nicht systematisch gemessen. Die Aufnahme eines systematischen Monitorings der Verbreitung von zugelassenen Pestiziden auf dem Luftweg ist nicht geplant.</p><p>4. Der Eintrag eines Pflanzenschutzmittels in die Luft wird im Rahmen des Zulassungsprozesses beurteilt. Dabei werden Prozesse wie die Volatilität - Verdampfen des Wirkstoffs - als auch der fotochemische Abbau in der Luft berücksichtigt. Mittels chemischer Parameter (Dampfdruck, Henry-Konstante, Halbwertzeit in der Luft) wird beurteilt, ob ein Wirkstoff das Potenzial hat, in die Atmosphäre zu gelangen, und ausreichend stabil ist, dass er über weite Distanzen transportiert werden könnte ("long-range transport"). Die meisten Pflanzenschutzmittel sind kaum flüchtig.</p><p>Höchste Depositionsraten von Pflanzenschutzmitteln ausserhalb der Kultur sind bei der Applikation durch Abdrift zu erwarten. In der Zulassung werden für diesen Eintragsweg in angrenzende Flächen mögliche Risiken für Mensch und Umwelt bewertet.</p><p>5. Aktuell werden "Cocktail-Effekte" im Rahmen der Zulassung nicht systematisch berücksichtigt. Nach heutigem Stand des Wissens wird das Risiko eines Cocktail-Effekts in Lebensmitteln als gering eingestuft. Es sind aber sowohl auf internationaler Ebene als auch national im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel Massnahmen vorgesehen, um mögliche Gesundheitsgefährdungen durch Mehrfachrückstände in Lebensmitteln noch intensiver und genauer zu prüfen.</p><p>6. Dem Bundesrat ist bekannt, dass die Kombination gewisser Insektizide und Fungizide für Bienen bei der Anwendung im Feld zu synergistischen Effekten führen kann. Sind solche Wirkungen für spezifische Pflanzenschutzmittel erkannt, so werden diese im Rahmen der Zulassung berücksichtigt.</p>  Antwort des Bundesrates.