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Bei Am Vorabend (Накануне) von 1860 handelt es sich um den dritten Roman, den Turgenew (früher auch ‚Turgenjew‘ transkribiert) verfasst hat. Hierzulande kennt man von Turgenew vor allem natürlich Väter und Söhne, den grossen Roman mit – soweit ich sehen kann – der ersten Erwähnung der Philosophie bzw. der Politik des Nihilismus.
Dabei würde sich eine Bekanntschaft mit Am Vorabend durchaus lohnen. Es ist ein recht kurzer Roman, eine Art Kammerspiel. Turgenew beschreibt das Leben des russischen Mittelstandes um 1850, am Vorabend des Krimkriegs. Im Zentrum des Romans steht Elena, Tochter aus gutbürgerlichem Haus. ‚Gutbürgerliches Haus‘ meint: Genügend Geld für einen Wohnsitz auf dem Land und einen in der Stadt, genügend Geld für ein paar Leibeigene und ein paar Bedienstete – genügend Geld also für parasitätes Nichts-Tun. Der Vater ist ein pensionierter Lieutenant der zaristischen Garde. Er hat ganz offen eine Geliebte, was er damit begründet, dass Anna Vassilyevna Stahow, seine Gattin, nach Geburt des ersten und einzigen Kindes Elena, ihm offenbar jeden weiteren Geschlechtsverkehr verweigert. Tatsächlich ist die Mutter Elenas eine weitere nichtsnutzige Drohne, die davon und dafür lebt, krank zu sein. Mit ihrer Krankheit tyrannisiert sie die ganze Familie.
Im Laufe des Romans finden sich für Elena drei Verehrer ein: Schubin, ein Freigeist und sich selbst ausbildender Bildhauer; Bersyenew, ein junger und ernsthafter Gelehrter mit Hoffung auf eine Professur, und – Insarov. Insarov ist ein Bekannter von Bersyenew, den dieser aus Moskau anschleppt. Noch bevor Bersyenew sich seiner eigenen Gefühle gegenüber Elena ganz klar ist, noch bevor Elena sich ihrer aufkeimenden Liebe zu Bersyenew klar wird, lobpreist der unschuldige Gelehrte seinen Freund gegenüber dem Objekt seiner Liebe derart, dass diese sich, noch ungesehen, in Insarov verliebt. Auch der Bulgare Insarov studiert irgendetwas in Moskau; wichtiger aber ist, dass er zu einer Zelle von Revolutionären gehört, die eine Unabhängigkeit Bulgariens vom Osmanischen Reich zu erlangen sucht – wenn nötig mit Gewalt.
Elena, ein Leben in zielloser Nichtsnutzigkeit gewohnt, lässt sich von der absoluten Zielgerichtetheit Insarovs verführen. Die beiden heiraten heimlich, obwohl Elenas Vater sie mit einem russischen Bürokraten verheiraten will. Der Bruch mit dem Elternhaus ist komplett. Elena und Insarov ziehen gegen Süden, gegen Bulgarien (das der Vater eigensinnig, aber durchgehend, Montenegro nennt – so, wie wir heute vom ‚Balkan‘ sprechen, wenn wir die dortige Völkervielfalt meinen). Doch Insarov war schon in Russland schwer erkrankt; er stirbt in Venedig, noch bevor er in irgendeiner Weise in den beginnenden Unabhängigkeitskampf der Bulgaren hätte eingreifen können. Elena lässt sich mit seiner Leiche heimlich an die gegenüber liegende Küste des Adriatischen Meers bringen, und verschwindet dann mit Insarovs Lebenswerk, ein paar Gedichten und Übersetzungen, im Getümmel des Kriegs. Ihr Vater, endlich aus seiner Lethargie erwacht, sucht sie nach Kriegsende – vergebens: Niemand weiss, was aus ihr geworden ist.
Der Roman zeichnet sich durch eine grosse Melancholie aus. Fast immer im auktorialen Stil verfasst – nur in der Mitte des Romans, beim Höhe- und Wendepunkt der Liebe Elenas, kommt diese selber zu Wort, in Tagebuchauszügen und Briefen – gelingt es der Erzählung, die Welt eitlen Nichtstuns zu beschreiben, die das gehobene Bürgertum jener Zeit umsponnen hat. Ein Nichtstun, das selbst den Nichtstuern irgendwie suspekt zu sein scheint, auch wenn sie es nicht in Worte fassen können. Das ist die grosse Kunst Turgenews: In Worte fassen zu können, wie die Protagonisten fast alles – nicht in Worte fassen können. Bersyenew nicht seine Liebe, Schubin nicht seine manisch-depressiven Schübe, Elenas Vater nicht seine Enttäuschung über den geringen sozialen Stand seiner Familie. Nur Elena selber, und auch nur sich selber gegenüber, kann ihre Gefühle in Worte fassen.
In Erinnerung bleiben dem Leser die Eröffnungs-Kapitel, in denen der Künstler Schubin und der Gelehrte Bersyenew im Schatten eines Baumes auf einer Sommerwiese liegen und sich über ihre Gastgeber, die Familie Elenas, austauschen. In Erinnerung bleibt auch der dicke Onkel Elenas, der zwar überhaupt nichts zur eigentlichen Handlung beiträgt, aber für verschiedene Personen, allen voran Schubin, zum reflektierenden Spiegel ihrer Gedanken wird.
Ich weiss nicht, ob es ausserhalb der Gesammelten Werke eine Einzeledition von Am Vorabend auf Deutsch gibt oder je gegeben hat; ich weiss nicht einmal, ob die (auch nur digital erhältlichen) Gesammelten Werke diesen kurzen Roman überhaupt enthalten. Wer nicht Russisch kann, muss auf eine englische Übersetzung zurückgreifen. Eine Lektüre lohnt sich auf jeden Fall!