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Für Banker und Regierungsmitglieder ist klar: Bei den neusten Aktivitäten der Chinesen handle es sich nur um die Spitze des Eisbergs. Banken und Investmentfonds aus der Volksrepublik suchen inzwischen in mehreren europäischen Staaten nach Kaufmöglichkeiten im Bankbereich, darunter in Deutschland und Spanien. Die China Development Bank, ein riesiger staatlicher Kreditgeber, ist laut Insidern eine von vier Parteien, die sich einen grossen Teil der in Not geratenen deutschen WestLB einverleiben will.
Eine andere grosse Bank, die Industrial & Commercial Bank of China ICBC, macht den Schritt nach Europa gleich selber. Sie eröffnete diesen Monat Filialen in Paris, Brüssel, Amsterdam, Mailand und Madrid. Vergangene Woche kaufte die Bank zudem 80 Prozent an einem amerikanischen Bankunternehmen.
China, das über Devisenreserven in Höhe von 2850 Milliarden Dollar verfügt, wovon ein Grossteil in amerikanischen Staatsanleihen angelegt ist, möchte seine Anlagen diversifizieren. Chinesische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren darum weltweit Investments getätigt und alles gekauft, von Immobilien über Minenunternehmen bis zu weltweiten Marken wie Volvo - und sogar einen siebenprozentigen Anteil am Club Med.
Die Aktivitäten im Ausland sind von der Regierung abgesegnet, der viele der zukaufenden Konzerne gleich selbst gehören und die will, dass die Unternehmen international eine grössere Rolle spielen. Ein Bereich, wo Peking zuletzt bremste, waren Investments in westliche Banken. 2007 machten chinesische Geldhäuser einen ersten Vorstoss im Ausland. Der Staatsfonds China Investment kaufte milliardenschwere Anteile an Morgan Stanley und Blackstone, während die China Development Bank einwilligte, Milliarden in die britische Barclays zu investieren.
In Grossbanken eingekauft
Im Zuge der Finanzkrise stürzte der Wert der Anteile aber ab, was zu Kritik in China führte und die Regierung dazu brachte, in Zukunft vorsichtiger vorzugehen. 2008 verweigerte Peking der China Development Bank die Erlaubnis, Anteile an der Dresdner Bank zu kaufen.
Das Interesse der China Development Bank an der WestLB ist nun aber das letzte Zeichen dafür, dass diese Zurückhaltung langsam schwindet. Dafür spricht auch, dass die ICBC im Januar darüber übereingekommen ist, für 140 Millionen Dollar 80 Prozent des amerikanischen Arms der Bank of East Asia zu kaufen. Damit erwirbt das erste von Peking kontrollierte Finanzinstitut Filialen einer Privatkundenbank in den Vereinigten Staaten.
Viele chinesische Banken sind darauf erpicht, in der ganzen Welt vertreten zu sein. Denn auch ihre Kunden - die Unternehmen aus der Volksrepublik - haben erhöhte globale Ambitionen. Da sie in Europa, den USA und Afrika Aussenstellen errichten, bemühen sich chinesische Banken, ihnen zu folgen, damit sie deren Bankbedürfnisse abdecken können. Das erklärt auch einen von Chinas grössten Ausflügen in den internationalen Bankbereich bis dato. 2008 zahlte die ICBC etwa 5,5 Milliarden Dollar für einen 20-prozentigen Anteil und zwei Verwaltungsratssitze bei der südafrikanischen Standard Bank, Afrikas grösstem Kreditgeber.
Der Sprung nach Afrika
Dieser Abschluss markierte einen wichtigen Schritt, um die Durchsetzung von Chinas Ambitionen in Afrika zu erleichtern. Südlich der Sahara pumpen chinesische Unternehmen riesige Summen in Energie-, Infrastruktur- und andere Entwicklungsprojekte. ICBC und Standard Bank haben sich darum an Dutzenden von Unternehmen beteiligt und Kredite vergeben, um Unternehmen wie China Oilfield Services und China Electrical Equipment zu helfen, ihre Expansion in Afrika zu finanzieren und Aufträge an Land zu ziehen.
Investmentbanker, die mit chinesischen Finanzinstituten zusammenarbeiten, sagen, ICBSs Abschluss mit der Standard Bank könne als Modell für Deals chinesischer Banken in Europa dienen. Um keine politischen Kontroversen hervorzurufen, werden die Institute jedoch eher Minderheitsbeteiligungen suchen als vollständige Übernahmen, so die Banker.
In ganz Europa gibt es für begierige Käufer oder Investoren auf dem Trümmerfeld des europäischen Banksektors massenhaft Gelegenheiten. Einige europäische Regierungen werben sogar aktiv um Hilfe von aussen.
Chinesische Banken könnten gut positioniert sein, da wahrscheinlich nicht viele europäische Banken bereit sind, ebenfalls zuzuschlagen. Generell versuchen sie, ihre Finanzen wieder zu verbessern und ihr Kapital zu bewahren oder sie trachten danach, sich in schneller wachsenden Märkten zu engagieren.
In Irland will der Zentralbank-Gouverneur, dass eine ausländische Bank einen der angeschlagenen Kreditgeber des Landes kauft oder mit ihm eine Partnerschaft eingeht. Die spanische Regierung drängt darauf, das Netzwerk der Cajas genannten Sparkassen zu verkleinern oder zu stärken. Spanische Beamte haben Investmentbankern gesagt, dass sie einen Retter aus dem Ausland willkommen heissen - egal, ob es sich um einen vollständigen Kauf oder um eine Kapitalspritze handelt. Chinesische Institutionen untersuchten mögliche Deals in Spanien sehr genau, obwohl noch keiner unmittelbar bevorstehe, so Banker.
Mit den Vorgängen vertraute Personen berichten, dass Offizielle der chinesischen Staatsfonds in Grossbritannien die Royal Bank of Scotland und Lloyds Banking angegangen haben, um die Möglichkeit zu prüfen, eine grössere Beteiligung an den teilweise staatlichen Banken einzugehen.
Laut einem deutschen Beamten haben chinesische Offizielle bei bilateralen Treffen während der vergangenen Jahre ihren Gesprächspartnern gesagt, dass sie am Kauf einer Bank interessiert wären. Es sei nach wie vor unklar, wie ein WestLB-Deal strukturiert wäre und ob die Bieter die ganze Bank kaufen oder nur ein beträchtliches Investment tätigen würden. Doch die Stossrichtung ist klar: Einsteigen.
Bis vor Kurzem nahmen sich euro- päische Regierungen in Acht vor Investments von chinesischen Staatsunternehmen. In Deutschland wurde 2009 sogar ein Gesetz verabschiedet, das der Regierung erlaubt, Übernahmen von deutschen Unternehmen zu blockieren, wenn es Bedenken über einen möglichen politischen Eingriff in die Wirtschaft durch ausländische Regierungen gibt. Diese Massnahme zeigt die Unruhe über den wachsenden Einfluss auf Finanzdinge von stattlich kontrollierten Investmentfonds und Unternehmen aus China, Russland und Arabien.
Aber China hat hart daran gearbeitet, die europäischen Bedenken zu zerstreuen. Politische Analysten betonen, dass Europas Bedürfnis, grössere Investments aus dem Ausland anzuziehen, den Kontinent weiter öffnen werde für Chinas eigentliches Ziel - den Aufbau eines Portfolios von Investments in europäische Unternehmen, Industrie und Infrastruktur.
Kurs für Chinas Bankmanager
Als ein Hinweis für Chinas Interesse am deutschen Bankensektor gilt, dass die Goethe Business School der Frankfurter Uni ein Programm für Manager der China Development Bank anbietet. 20 und 30 hochrangige Kader aus verschiedenen Abteilungen des Instituts nehmen daran teil. Jährlich gibt es sechs Gruppen. Dozenten sind sowohl Universitätsprofessoren als auch Manager von deutschen Unternehmen, darunter der Deutschen Bank und der Deutschen Telekom oder auch der Deutschen Bundesbank.
Reinhard H. Schmidt, Professor für Internationales Bank- und Finanzwesen, gibt Seminare über deutsche Banken, das Finanzsystem und die Wirtschaft des Landes. Er sagt: «Die Angst vor ausländischen Übernahmen in der deutschen Bankenwelt ist vorüber.»