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Vor 40 Jahren, am 25. Mai 1982, ist Peter Weiss gestorben. Ist seine engagierte Literatur, vom «Marat/Sade» bis zur «Ästhetik des Widerstands», noch aktuell? Oder ist sie doch im Orkus der Geschichte versunken?
Im bücherraum f stehen diese Fragen am Mittwoch, den 6. Juli im Raum. Organisiert von der Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung wird Stefan Howald sich mit dem Werk von Peter Weiss auseinander setzen.
Marat oder Sade? Der Radikale Jean Paul Marat, der zur Sicherung der Französischen Revolution zunehmend gewalttätige Mittel rechtfertigte, oder der Individualist Marquis de Sade, der die Verzweiflung über die Weltzustände in sinnlichen Exzessen zu ertränken versuchte? 1964 hat Peter Weiss in seinem ersten erfolgreichen Stück, dessen ellenlanger Titel etwas lesefreundlicher zu «Marat/Sade» abgekürzt wird, diese beiden Personen und Positionen in einer burlesken Tragödie miteinander konfrontiert. Ein Jahr später hat er in «Die Ermittlung» anhand des Auschwitz-Prozesses die Verbrechen des deutschen Faschismus quasi-dokumentarisch auf die Bühne gebracht. So war der politische Antrieb grundlegend. Neben weiteren Stücken über den antikolonialen Befreiungskampf und über Trotzki steht dafür vor allem die monumentale «Ästhetik des Widerstands», in drei Bänden 1975 bis 1981 erschienen. Sie behandelt, als Hadeswanderung, den gescheiterten Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus, stellt weit darüber hinaus Personen voller Widerstand und Tragik.
Auf dieses Werk versucht Stefan Howald am 6. Juli einen neuen Blick zu werfen.
Anfang Jahr ist im Übrigen als Versuch der Aktualisierung ein neuer Twitter-Account @weissnotizen gestartet worden. Nein, mit Provokationen und Skandalen oder prestigeträchtigen Stellungnahmen kann er nicht aufwarten. Seine Absicht ist es vielmehr, Informationen zum Leben und Werk von Peter Weiss sowie dessen Umfeld zu vermitteln, auf Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Initiativen hinzuweisen und Verknüpfungen mit ähnlichen Projekten im Spannungsfeld von politischer Literatur und kritischer Politik herzustellen. Auf 280 Zeichen verknappte Meinungen gibt es durchaus, aber nicht tagespolitische, sondern kultur- und theoriepolitische. Man findet also keine Stellungnahme zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber vielleicht einen Hinweis auf die Auseinandersetzung von Peter Weiss mit den Verheerungen des Kriegs.
Warum überhaupt ein Twitter-Account für Peter Weiss? Nun, der ist vielleicht doch eine Möglichkeit, schneller an ein interessiertes Publikum zu gelangen, und womöglich auch an ein jüngeres Publikum. Deshalb habe ich Anfang 2022 @weissnotizen mit Unterstützung der Internationalen Peter-Weiss-Gesellschaft IPWG begonnen; bislang, Stand Ende Mai sind über 80 Tweets in die Internetsphäre entlassen worden, und es gibt 280 Follower.
Ist das viel oder wenig? Verglichen mit 97 Millionen für Elon Musk ist die Zahl eher bescheiden. Aber, siehe oben, man kann von @weissnotizen keine börsentreibenden Aussagen erwarten. Für einen zurückhaltenden, sachorientierten Account im Literaturbereich ist es nach relativ kurzer Zeit nicht gar so schlecht.
Wie kommt man als neuer Account zu Followern? Ein Trick ist es, sich als Follower von hunderten anderer Accounts zu erklären und auf Reziprozität zu hoffen. Das hab ich nicht gemacht, um nicht in der reziproken Informationsflut unterzugehen und auch ein wenig, seis geflüstert, aus Stolz, auf solche gelinde Schummeleien nicht angewiesen zu sein. Dagegen habe ich ein paar hundert womöglich interessierte Personen und Organisationen via E-Mail angeschrieben und sie auf den neuen Account hingewiesen. Letztlich geht es dann doch darum, Tweets zu verschicken, die von einer spezifischen Klientel als halbwegs informativ und nicht unter ein gewisses Niveau fallend erachtet werden.
Aus den bisherigen Rückmeldungen lassen sich erste vorsichtige Schlüsse ziehen. AbonnentInnen kommen bislang weniger aus dem akademischen Bereich, sondern eher aus einem politisierten Umfeld. Sagen wir: mehr Widerstand denn Ästhetik; an der Verbindung der beiden wird weiterhin gearbeitet. Vielleicht darf man ganz wertungsfrei die Vermutung äussern, dass LiteraturwissenschaftlerInnen an Universitäten und in einem gewissen Alter sich weniger auf Twitter tummeln. Dagegen sind, eher links orientierte, Zeitschriften und Verlage interessiertere AbnehmerInnen (allerdings hat sich ein für Peter Weiss nicht ganz unwichtiger Grossverlag, der hier nicht genannt sei, bislang trotz mehrfacher Anfrage nicht angeschlossen). Durch Twitter haben sich aber auch Beziehungen etwa zum Peter Weiss Haus in Rostock verstärkt. Und den BenutzerInnennamen, Kurzbeschreibungen und entsprechenden Follow-Listen nach zu schliessen, gibt es erstaunlich viele Individuen, die erfreulich breite Interessen anmelden.
Um den Account zu betreiben, braucht es Unterstützung und Material. Entsprechende Informationen werden dankend entgegen genommen und möglichst schnell verarbeitet.
Für die @weissnotizen
Stefan Howald
<email-pii>
Peter Weiss – aktuell. Mittwoch, 6. Juli, 19 Uhr. bücherraumf, Jungstrasse 9, 8050 Zürich. Der Eintritt ist frei. Bitte um Anmeldung an <email-pii>