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Ein guter Teil der Kakaobauern und -bäuerinnen in Ghana hat wahrscheinlich noch nie Schokolade gegessen. Das Produkt, das aus ihrer Ernte hergestellt wird, können sie sich gar nicht leisten. Viele leben an der Armutsgrenze. Die Kinder müssen mithelfen und für neue Felder wird Wald abgeholzt.
Armut, Kinderarbeit und illegale Abholzung im Kakaoanbau sind seit Jahrzehnten bekannte Probleme. Wer den Schokoladenweihnachtsmann oder -osterhasen ethisch verantwortungsvoll erwerben will, sollte daher die Finger von den grossen Marken lassen. Zu diesem Ergebnis kommt die britische Konsumentenorganisation «Ethical Consumer», die 82 Schokoladenmarken auf ihren «Ethikgehalt» geprüft hat. Von 82 Marken erreichten nur 17 einen ausreichenden «Ethiscore».
Meiden sollten Konsumentinnen und Konsumenten demnach Produkte von Mars, Nestlé und Mondelez. Auch Ferrero und Lindt erhielten schlechte Noten. Untersucht hatte «Ethical Consumer» unter anderem, ob die Hersteller Palmöl verwenden, wie viel Plastik sie einsetzen, ob die Produzentinnen und Produzenten ein existenzsicherndes Einkommen haben, ob es in der Lieferkette Kinderarbeit gibt und wie es um die Abholzung von Wäldern für neue Felder steht.
Die meisten grossen Hersteller haben eigene Nachhaltigkeitsprogramme, die solche Probleme bekämpfen sollen. Diese decken aber meist nur einen Teil der Lieferanten ab, so «Ethical Consumer». Und selbst auf zertifizierten Farmen könnten die Zustände haarsträubend sein. Das beweise zum Beispiel eine Reportage des britischen «Channel 4», der 2022 Plantagen von Mondelez besucht hatte.
Eigenzertifizierungen der Hersteller sind unzureichend
Die Konsumentenorganisation empfiehlt stattdessen die hierzulande wenig bekannten Marken Tony’s Chocolonely, Divine und Chocolat Madagascar. Sie gibt aber ganz konkrete Tipps, welche Produkte Konsumentinnen und Konsumenten kaufen sollten, und zwar:
- Schokolade, die im Anbauland verarbeitet wurde, und
- Schokolade, die ein Fairtrade- oder Rainforest Alliance-Siegel trägt.
Beides mache es wahrscheinlicher, dass die Kakaobäuerinnen und -bauern existenzsichernde Erlöse erzielen können, und verringere die Wahrscheinlichkeit von Kinderarbeit. Ein «Not to buy» sei dafür Schokolade, die von einem multinationalen Unternehmen hergestellt wurde. Siegel, die der Hersteller selbst vergebe, seien «in der Regel untauglich».
Der «Guardian» fragte bei den genannten Herstellern nach:
- Mondelez verwies auf seinen Nachhaltigkeitsbericht und sein «Cocoa Life Programme».
- Ein Sprecher von Nestlé erklärte, die Einstufung von «Ethical Consumer» erfasse die Bemühungen Nestlés um nachhaltige Kakaobeschaffung «nicht in vollem Ausmass».
- Ferrero verwies auf Standards wie Rainforest Alliance und Fairtrade, sowie ein Programm des Schokoladenherstellers Barry Callebaut namens Cocoa Horizons, nach denen es seinen Kakao beziehe. Ausserdem bezahle das Unternehmen den Produzentinnen und Produzenten zusätzlich zum Handelspreis eine Bargeldprämie.
- Mars verwies auf ein Unternehmensziel, nach dem Mars-Kakao bis 2025 «zu 100 Prozent verantwortungsvoll beschafft und rückverfolgbar» sein soll, sowie auf sein 2018 lanciertes Programm «Cocoa for Generations».
Kinderarbeit im Kakaoanbau weit verbreitet
Mit einer Tafel Schokolade nicht Kinderarbeit zu kaufen, ist, zugegeben, schwierig. Aber machbar, sagt «Ethical Consumer», das Konsumentinnen in Form eines Flussdiagramms konkrete, nachhaltige und ethisch einwandfreie Einkaufstipps für jedes Budget gibt.
Drei Fünftel der weltweiten Kakaoernte stammen aus Westafrika, hauptsächlich aus Ghana und der Elfenbeinküste. Die Produzenten sind meist Familienbetriebe und die Erlöse so niedrig, dass viele auf Kinderarbeit zurückgreifen müssen.
Schon kleine Kinder schleppen Säcke mit Kakaofrüchten und hantieren mit Pestiziden. Die Ernten verschiedener Betriebe werden oft vermischt. Das mache es schwer, nachzuvollziehen, woher eine bestimmte Kakaobohne nun stamme, sagt Mike Rogerson, Experte für moderne Sklaverei in Lieferketten, im Interview mit dem «Guardian».
In schätzungsweise 60 Prozent der Anbaufamilien in Ghana und in 40 Prozent der Kakaobauernfamilien an der Elfenbeinküste arbeiten laut dem «Guardian» Kinder mit.
Hauptgrund für die desolate Situation ist der niedrige, schwankende Kakaopreis. Würden von einer Tafel Schokolade nur wenige Cent mehr die Produzent:innen erreichen, könnten diese schon sehr viel besser leben. Der Marktmacht der grossen Konzerne können die kleinen Produzenten aber wenig entgegensetzen.
Selbstverpflichtungen zeigen wenig Wirkung
Schon Anfang des Jahrtausends hatten einige Schokoladenhersteller in einer Selbstverpflichtung angekündigt, Kinderarbeit reduzieren zu wollen, darunter Mars und Nestlé. Dennoch gibt es kaum Verbesserungen.
Ein 2020 veröffentlichter Bericht zeigte, dass Kinderarbeit sogar zugenommen hatte. Das «Kakao-Barometer» stellte 2022 erneut fest, dass die Risiken für Kakaoanbauende zugenommen hatten und sich in Sachen Kinderarbeit und Entwaldung nicht viel verbessert hatte (Infosperber berichtete). Es überraschte daher auch wenig, als die «SRF Rundschau» im Januar 2024 über Kinderarbeit in der ghanaischen Lieferkette von Lindt & Sprüngli berichtete.
Das Hauptproblem ist Armut
Die Hauptursache dafür ist und bleibt Armut, das heisst: schwankende, sehr tiefe Erzeugerpreise. Mitverantwortlich seien aber auch die Regierungen der kakaoproduzierenden und der kakaokonsumierenden Länder, sagte Katie Bird von der International Cocoa Initiative zum «Guardian».
Die Verarbeitungsschritte mit der höchsten Wertschöpfung finden in der Regel im Ausland statt. Die Kakaoverarbeitung im Anbauland ist daher ein Ansatzpunkt für Nachhaltigkeitsprogramme, um die Situation in Westafrika zu verbessern.
Während in Afrika angebaut wird, wird in Europa genossen. Etwa die Hälfte der Weltkakaoernte gehe nach Europa. Drei Viertel des Endprodukts würden von dort exportiert, oft in die Nachbarländer, führt «Ethical Consumer» auf.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.