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Der erste Weltkrieg
Am 6. März 1916 erhält Paul Klee den Einberufungsbescheid zum Militärdienst in der Bayerischen Arme als Landsturmmann. Der Kriegsskeptiker trat widerwillig dort seinen Dienst an. Am 4. März 1916 war sein Maler-Freund Franz Marc in Verdun gefallen. Am 11. März meldet er sich am Rekrutendepot in Landshut. Am 20. Juli kommt er zum 2. Reserve-Infanterieregiment 1. Ersatzkompanie nach München. Im August erfolgt die Versetzung zur Werftkompanie der Königlich Bayerischen Flieger-Ersatzabteilung in Schleissheim. 1917, am 16. Januar, findet seine Versetzung an die Königlich Bayerische Fliegerschule V in Gersthofen statt. Glücklicherweise wird man auf sein Talent aufmerksam: der Hauptmann Friedrich Moosmeier. Er möchte, dass Paul Klee ein Fotoalbum für ihn ausmalt und er kommt dann dementsprechend in die Kassenverwaltung, wo er ab 22. Februar als Schreibkraft tätig ist. Ab 1. Januar 1918 wird Klee zum Zahlmeister-Anwärter. Er erhofft sich deshalb nicht an die Front versetzt zu werden. Damit schlägt er eine Offizierslaufbahn ein. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November verlässt Klee zu Weihnachten 1918 due Königlich Bayerische Fliegerschule V in Gersthofen und ist bis zur seiner offiziellen Entlassung am 4. Februar 1919 vom Dienst befreit.
Das Fliegen war für Paul Klee kein physisches Ereignis, er hat es aus dem Blickwinkel des Bodenpersonals wahrgenommen. Für den Künstler Paul Klee ist das Fliegen jedoch weitaus mehr, als die Wahrnehmung eines solchen Phänomens, es ist eine existenzielle Vorstellung, die die Dualität von Himmel und Erde erfahrbar macht. Anschaulich erlebbar waren für ihn das Starten und Landen der Flugzeuge, aber auch die zahlreichen Flugunfälle an der Königlich Bayerischen Fliegerschule V, die Klee in seinem Tagebuch schilderte und teils sarkastisch kommentierte, denn gerade diese zeigten ihm die Fragilität des Gleichgewichts von Himmel und Erde.
Tagebücher, Nr. 1106, 21.2.1918, S. 454f: «Diese Woche hatten wir 3 Tote, einer vom Propeller erschlagen, zwei derhutzten sich aus der Luft. Ein vierter sauste gestern mit Krach, Splitter-Riss und Schurf auf das Dach der Werft. Zu tief geflogen, an einer Telegraphenstange hängengeblieben auf dem Werftdach einmal aufgehupft, überpurzelt und verkehr liegengeblieben wie ein Trümmerhaufen. […] Ausserdem liegen an diesem Tag 3 restlose Maschinen in der Umgebung. Schön wars.»
(derhutzen= durch einen Aufprall ums Leben kommen)
Paul Klee hat seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg in Bildern über die Fliegerei verarbeitet. Es war eine äußerst produktive Schaffensphase Klees. Er, der von der Welt bereits einiges gesehen hatte, der Berlin und Paris kannte und der auf seiner berühmten Tunisreise bis nach Nordafrika gekommen war, war von seinem Einsatzort zunächst alles andere als begeistert. Doch in zunehmendem Masse faszinierten ihn die Auenwälder zwischen Gersthofen und Langweid, bald nutzte er jede Gelegenheit, um im Freien zu malen.
Bei schlechter Witterung konnte Klee, der in einer Mannschaftsunterkunft schlief, nur in seiner Schublade malen. Doch im September 1918 ergaben sich neue Perspektiven, und schon einen Monat später war es so weit: er bekam sein eigenes Zimmer.
In der Ausstellung in Augsburg im Jahr 2013/14 wurden Fotografien von solchen abgestürzten Fliegern, dem Flugplatz und der Staffel gezeigt. Die eine oder andere Aufnahme, so erfährt man, könnte sogar von Klee selbst stammen. An manchen Tagen vertritt er den Militärfotografen. Im zweiten Teil der Ausstellung werden rund 80 künstlerische Werke Klees gezeigt, schwerpunktmäßig von 1917/18.
Zeichnungen wie «Schicksalsergebenheit», «Schwere des Schicksal» oder «Katastrophe» unterstreichen in ihrer formalen Gestaltung Klees Gefühle gegenüber dem Krieg. Der Kurator der Augsburger Ausstellung Shahab Sangestan sagt dazu: «Die Angst kann man sehr gut beobachten an einem stilistischen Mittel: Gerade in der Zeit tauchen Winkelformationen, Zickzack-Linien, die auch aggressiv zu deuten sind, auf – und interessanterweise hören die auch kurz nach dem Krieg wieder auf. Also das ist eine absolute Spezifik für die Werke, die in dieser Zeit entstanden sind. Das ist ein Ausdruck für Bedrohung, Angst, Todesangst, für den Krieg und für Zerstörung.»
Inhaltlich taucht in diesem Zusammenhang regelmäßig als Motiv, der Mythos des Fliegens auf. Bei Klee ist dieser einerseits – ganz der Ikaruslegende nach – ein Verweis auf die menschliche Hybris, wie im Bild «Der Held mit dem Flügel»:
Eine verstörende Radierung, die einen missgestalteten Krieger mit verkümmertem Engelsflügel zeigt. Klee selbst notiert dazu im Bildrand: Paul Klee: «Von der Natur mit einem Flügel besonders bedacht, hat er sich daraus die Idee gebildet, zum Fliegen bestimmt zu sein, woran er zugrunde geht.»
Zeichnungen wie «Fliegersturz» oder «Luftkampf» folgen ebenfalls dem Ikarustopos. Andererseits ist das Fliegen für Klee aber auch Ausdruck einer Transzendenz und Erlösung. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch:
Paul Klee: «Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog.»
Kurz gesagt: Klee illustriert eine Dialektik des Fliegens, in der Absturz und Auferstehung gleichermaßen berücksichtigt werden. Die Ausstellung zeigt das. Nach allem, was man weiss, ist der Künstler selbst nie geflogen. Die Angst vor dem Absturz hat – nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges – die Hoffnung auf Auferstehung dann wohl doch überwogen.
Zwischen Januar 1916 und Dezember 1918 entstanden ca. 380 grafische Arbeiten. Er erschloss sich neue Themenfelder und erarbeitete sich künstlerische Mittel, die weit über seine Augsburger Zeit hinaus wirksam bleiben sollten.
Im «Gedenkblatt an Gersthofen», dem einzigen Werk, welches einen direkten Bezug zu seiner damaligen Umgebung zeigt und dass den Anfang einer Reihe perspektivischer Studien bildet, stellt Klee dieses Zimmer aus einer ungewöhnlichen Perspektive dar: ein Einblick von schräg oben in eine transparente Architektur, eine Art perspektivische Konstruktion. Klee selber liegt im Bett, mit der linken Hand zeichnend. Viele Details sind dargestellt, sein Schreibtisch mit Briefpapier und Briefumschlag, ein Waschtisch, ein Kohleofen, ein Esstisch, mit Schemel, ein Schrank und anderes mehr. Es ist die einzige Zeichnung dieser Zeit, die Wirklichkeit abbildet. Die Art der Abbildung, besonders die der Raumdarstellung, wird später in Richtung Zentralperspektive konsequent fortgeführt, so im Bild «Zimmerperspektive mit Einwohnern».
An seine Familie schreibt er in dieser Zeit:
Meine geliebte Lily!
Für den Fall, daß ich am Samstag nicht kommen sollte, möchte ich Dich nicht ganz ohne Nachricht von mir lassen. Dass das nicht gerade lustig ist, weiß ich zum Beispiel heute am Donnerstag Abend wohl zu würdigen, denn ich habe bis jetzt überhaupt nichts von Euch erhalten. Doch denke ich, es werden zufällige Hinderungsgründe sein. Ich bin ganz wohl und gelassen. Habe jetzt Aussicht auf ein Schlafzimmer für mich allein, da die Kaserne bezogen wird. Ich muss als Kassenhüter nebenan wohnen. Das ist natürlich recht günstig für mich und meine Arbeit ausser Dienst. Ich werde manches mit mehr Überblick schaffen können, als jetzt, wo alles sich in eine Schublade fügen muss. Und wie geht es Euch? Hoffentlich kommt bald gute Nachricht. Vermutlich seid Ihr nach Wiessee durchgebrannt?
Herzlichst, Dein Paul. Ohne Tabak!
Und später, als es mit dem Zimmer geklappt hat:
Für mich ist jetzt die Hauptsache, ein eigenes Zimmer zu haben. Keine Aufsicht, kein Lichtauslöschen, kein Wecken, nichts Militärisches mehr ausser dem edlen Gewand. Mittags ist der Zahlmeister mit mir herein, und das ist eher nett als unangenehm. Wir haben ein Tischtuch, wenn auch kein sehr reines. Und wie viel Platz hab ich! Und was für einen schönen grossen Schrank für mich allein. Dass ich mich in erster Linie auf’s Arbeiten einstelle, kannst Du Dir denken. Das prachtvolle electrische Licht von 100 Kerzen trägt das seinige dazu bei. Nun muss nur noch der Heilige Geist dazu kommen, dann ist es gut. Heut war er noch nicht da, drum schreib ich lieber ein paar Zeilen, dazu braucht man nicht so sehr erleuchtet zu sein.
Quelle: Vom November 2013 bis Februar 2014 fand eine Ausstellung der Kunstsammlungen und Museen Augsburg statt mit dem Namen «Paul Klee Mythos Fliegen». Der gleichnamige Katalog diente mir als Quelle für meinen WEB-Text.
Zimmerperspective mit Einwohnern 1921,24
Mystische Landschaft mit Gestirnen und Kreuz 1917, 144
Kosmische Flora, 1917,44
Der grosse Kaiser reitet in den Krieg, 1920,173
Kosmische Reise zu Schiff, 1917, 95
Herabstossende Vögel und Luftpfeile, 1919,201
Der schwarze Blitz, 1917,110
mit dem Kometen, 1917, 125
Ziele im Nebel, 1917, 141