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Fernsehserien gelten als uramerikanische Erfindung und als erfolgreiches Hollywood-Exportgut. Das trifft auch zu, aber nicht immer. Manche Produktionen zum Beispiel sind so stark in einer spezifischen US-amerikanischen Realität verankert, dass sie die Erfahrungswelt des amerikanischen Publikums zwar bestens spiegeln und diesem viele Identifikationsmöglichkeiten anbieten, aber jenseits der Landesgrenzen einen schweren Stand haben. Das galt für «The West Wing» ebenso wie für «Friday Night Lights», die Weltraum-Politallegorie «Battlestar Galactica» oder das Balzac-mässige Baltimore-Epos «The Wire». «Good Christian Belles» sollte die Nachfolge von «Desperate Housewives», Link öffnet in einem neuen Fenster antreten, doch die keifenden evangelikalen Südstaatlerinnen mochten zwar konservative Landsleute brüskieren, das internationale Publikum hatte dazu kaum einen Bezug.
Remakes für das internationale Publikum
Remakes, bzw. so genannte «localizations» können da abhelfen. So konnte z.B. einst «All in the Family» - seinerseits ein Remake der BBC-Serie «Till Death Us Do Part» - in Deutschland als «Ein Herz und eine Seele» Erfolge feiern, weil die Vorurteile des ekelhaften Familienvaters den örtlichen soziokulturellen Verhältnissen angepasst wurden. Ähnliches gilt für «The Office», Link öffnet in einem neuen Fenster, das nach dem Erfolg des Originals von Ricky Gervais und Stephen Merchant bei der BBC, in den USA mit Steve Carell und in Deutschland als «Stromberg», Link öffnet in einem neuen Fenster mit Christoph Maria Herbst nachgemacht wurde.
Dergleichen kann auch ins Auge gehen, besonders wenn es sich um inoffizielle Nachahmungen handelt, die auf einen vermeintlichen Trend aufspringen möchten. So erinnert man sich mit Grauen an «Verschollen» und «Beauty Queen», die abgewatschten deutschen Abklatsche von «Lost» und «nip/tuck» aus der RTL-Küche. Eigenständiger ist «Der letzte Bulle», aber auch diese Serie spielt eigentlich mit Anachronismus-Motiven aus der BBC-Serie «Life on Mars».
Britisches Qualitätsfernsehen
Womit wir bei der anderen grossen Serienquelle wären: Die Briten haben jahrzehntelang das Qualitätsfernsehen im Bereich Fiktion dominiert, und obschon in den USA die gleiche Sprache gesprochen wird, wurden die britischen Originale faktisch nur vom nichtkommerziellen Sender PBS gespielt. Für kommerzielle Networks waren stets Remakes vonnöten. Das galt für «Life on Mars» ebenso wie für «Queer as Folk» oder «Prime Suspect». Heuer waren die «Mistresses» an der Reihe. Auch skandinavische Serien wie «The Killing» müssen amerikanisiert werden, um ein US-Publikum zu finden.
Die auf Werbeunterbrechungen ausgelegte Dramaturgie der Hollywood-Produktionen ist dabei ebenso von Belang, wie die Besetzung der Rollen mit bekannten, furchenlosen Gesichtern. Eine sarkastisch überzeichnete Perspektive auf die typischen Unterschiede zwischen britischen Serien und Hollywood-Remakes bietet die (amerikanische!) Comedy «Episodes», in welcher ein schüchternes Autorenpaar nach seinem Serienerfolg in England über den Atlantik gelockt wird und in Hollywood selber ein Remake schreiben soll, wenn auch unter erschwerten Rahmenbedingungen. So wird ihnen anstelle ihres feisten alten britischen Hauptdarstellers (gespielt von Richard Griffiths) der durchtrainierte, aber dümmliche «Friends»-Star Matt LeBlanc (in einer schönen Selbstparodie) untergejubelt.
Schöner, schicker, amerikanischer
Nicht nur die Briten liefern den Amerikanern Vorlagen. «In Treatment» und «Homeland» etwa beruhen auf israelischen Serien. Zu einer bizarren Rückkopplung kommt es im Falle von «Braquo», einer rabiaten Polizeiserie von Canal+, die stark von der amerikanischen Cable-TV-Produktion «The Shield» inspiriert war und nun ihrerseits als Vorlage für ein US-Remake dienen soll.
The Next Big Thing?
Was in Europa massentauglich ist, lässt sich schwer vorhersagen. Als 2004, im «Annus mirabilis» der neueren Seriengeschichte, «Desperate Housewives», «Grey's Anatomy», «Lost» und «House» starteten, war man sich in der Branche zwar einig, dass das tolle und innovative Produktionen waren. Dass aber die «Housewives», die sichtlich Anleihen bei David Lynch machten, zu solchen Publikumslieblingen avancieren würden, war nicht offensichtlich: In der ersten Fassung der Pilotfolge, die in L.A. zu sehen war, wurde die Hausfrau Mary Alice, die sich in der scheinbar perfekten Vorstadtwelt von weissen Lattenzäunen und piekfeinen Gärten verzweifelt eine Kugel in den Kopf schiesst, noch von „Twin Peaks“-Star Sheryl Lee verkörpert.
«Lost» hingegen erwies sich hierzulande als Quotengift, wie andere Fantasy-, Sciencefiction- und Mystery-Serien, die am allzu nüchternen Realitätsbegriff des Durchschnittsschweizers scheitern.
In den letzten Jahren gab es keine neuen US-Serien, die auch nur im Heimmarkt ähnliche Erfolge erzielt hätten, wie die inzwischen angejahrten, bzw. abgesetzten Hits von 2004. Den internationalen Durchbruch schafften ein paar konventionelle Comedies wie «How I Met Your Mother» oder «The Big Bang Theory», während eine innovativere Serie wie «Modern Family» erst noch beweisen muss, dass sie im deutschsprachigen Raum breiten Anklang findet. Auch im Krimisektor lassen langjährige Favoriten wie «CSI» oder «The Mentalist» quotenmässig stark nach, so dass guter Nachschub gefragt wäre. Dieser ist jedoch nicht in Sicht, selbst wenn man abseits von Hollywood sucht.
Krimis gegen Hollywood-Hits
Und auch wenn ein neuer Titel wie «Revenge» sich am Montagabend auf SF zwei zum Publikumsliebling mausern sollte, darf man nicht vergessen: Deutsche Krimiserien wie «Der Alte», «Ein Fall für zwei» und «Der Kriminalist» sowie die erbauliche Nonnensaga «Um Himmels Willen» erzielten in der Deutschschweiz am Hauptabend weit höhere Quoten, als die grossen Hollywood-Hits, geschweige denn im Vergleich zu erlesenen britischen Produktionen wie «Downton Abbey» oder «Sherlock».