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Wieso Glasgow?
Die Inspiration für «Lärmparade»
Am Anfang war «Schott 'n' Rock»
«Glasgow?», fragt die Mutter von Janosch in einer gekippten Szene aus den Deleted Scenes. «Was um alles in der Welt wollt ihr in Glasgow?»
Dass Pete und Janosch nicht nach London reisen, dem Zentrum des Indierock der Nullerjahr, sondern in eine abgewrackte Industriestadt in Schottland, hat einen simplen Grund. Im Oktober 2005 erschien im Magazin des «Tages-Anzeigers» (das damals samstags auf jedem Küchentisch lag) eine Reportage namens «Schott'n'Rock» von Max Küng. Darin stellte er eine rauhe Stadt mit diffusem Licht vor, die vor guter Musik nur so aus allen Nähten platzt. Ich verschlang den Text, umso mehr, als meine damlige Lieblingsband Franz Ferdinand auch aus Glasgow und insbesondere aus dem Umfeld der renommierten Glasgow School of Art (im Hintergrundbild) kam.
Sollte nicht auch ich mit meiner Band nach Glasgow reisen und dort unser Glück versuchen?, fragte ich mich. Denn Zürich schien mehr an DJs als an Gitarrenbands interesssiert zu sein. Ich setzte das Vorhaben nie um, aber Glasgow blieb in meinem Kopf hängen. Und irgendwann reifte aus dem Gedanken, mit der Band dorthinzugehen, die Idee, einen Roman über Musiker zu schreiben, die genau dies tun.
Früher Prunk, heute Imbissbuden
Im Oktober 2018 reiste ich deshalb, um für «Lärmparade» zu recherchieren, für sechs Wochen in die grösste Stadt Schottlands. Und landete auf einem Pflaster, das so massiv und rau, aber auch so lebendig war, wie ich es mir in der Reportage vorgestellt hatte. Ich wohnte in der Allison Street (wo dann auch Pete und Janosch leben), einer endlos scheinenden Strassen mit Sandsteinhäusern im Süden Glasgows. Die Neonlichter der allgegenwärtigen Imbissbuden leuchteten in der früh einsetzenden Dunkelheit; die lauten und nicht zu selten betrunkenen Glasgower torkelten schnatternd durch die im Schachbrettmuster angelegten Strassen der City. Deren geschwärzter und in die Jahre gekommener Prunk reichte, so weit das Auge reichte. Schliesslich war Glasgow im ausgehenden 19. Jahrhundert die Schiffswerft der Welt gewesen – und die viertgrösste Stadt Europas hinter London, Berlin und Paris!
Doch die Deindustrialisierung der 70er traf Glasgow so hart wie kaum eine andere Stadt. Sie hinterliess eine vernarbte Metropole un geknickte Bewohner, die in einem Strudel aus Arbeitslosigkeit, Depression, Gewalt und Kriminalität gefangen waren. 2005, kurz bevor Janosch und Pete in «Lärmparade» anreisen, versah die WHO die Stadt mit dem wenig schmeichelhaften Label «Mordhaupstadt Europas». Auch wenn es seither wieder aufwärts geht mit der Stadt, hat sich in der Soziologie der Begriff des «Glasgow Effects» gehalten. Er bezeichnet die mysteriöse Tatsache, dass die Lebenserwartung der Glasgower auch im Vergleich zu gleich hart getroffenen Industriestädten im Norden Grossbritanniens noch niedriger ist. In einem Quartier liegt sie für Männer gar bei 66 Jahren.
Ich setzte mein Vorhaben nie um, aber Glasgow blieb in meinem Kopf hängen.
Glasgow spielt in «Lärmparade» mit
Was für die Glasgower*innen bitterer und oft auch blutiger Ernst ist, erwies sich für «Lärmparade» als Glücksfall. Die Stadt bildet mit ihren massiven Sandsteinfassaden, dem oft feindseligen Wetter und ihren nicht aufs Maul gefallenen Bewohnern eine solch lebendige Kulisse, dass mich beim Schreiben von «Lärmparade» manchmal das Gefühl beschlich, dass Glasgow in der Geschichte als eigener Charakter mitspielt. Zumindest liess ich sie immer gerne dazwischenfunken, wenn Janosch und Pete Gefahr liefen, zu leichtes Spiel zu haben; etwa mit einer Wetterkapriole oder ein paar Hooligans, die hinter einer Ecke lauern.
Auch denn die Glasgower*innen hundert Gründe hätten, mit einer Schnute unter dem bedeckten Himmel herumzulaufen, tun sie es nicht. Im Gegenteil: Glasgow wird regelmässig zur freundlichsten Stadt der Welt erklärt. Tatsächlich lernte ich in den sechs Wochen dort nicht nur den bissigen Glasgower Humor schätzen, sondern auch die unbändige Energie der Stadt, von der in «Lärmparade» insbesondere Pete gepackt wird: Der Leidenschaft seiner Bewohner, die selbst die laute Musik der unzähligen Pubs übertönt.
Der Fussball ...
Dass Glasgow trotz all seiner Sorgen und dem hundstraurigem Wetter vor Lebensfreude nur so überschäumt, liegt an den beiden Motoren, die die Stadt seit jeher am Laufen halten: Dem Fussball und der Musik.
Das jedenfalls erklärte mir Andy Reilly, ein leidenschaftlicher Hobby-Musikjournalist und Glasgow-Chronist, dessen Buch über die Musikszene ich zur Vorbereitung gelesen hatte.
Dabei gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied. Der Fussball euphorisiert die Stadt genauso wie er sie entzweit, weil er ständig Salz in alte Wunden streut.
Die Nachkommen irischer (und damit katholischer) Einwanderer, die einst nach Glasgow kamen, um in den Schiffswerften und Fabriken zu schuften, feuern Celtic an. Die Fans der Rangers hingegen sind traditionell schottische Protestanten, die zumindest früher das Sagen in der Stadt hatten. Dank grossen Polizeiaufgeboten verwandeln die «Old Firm» genannten Derbys Glasgow nicht mehr in ein Schlachtfeld. Doch noch immer hängt an diesen Tagen die endemische Gewalt, mit der die Stadt kämpft, in der Luft. «Vice» hat eine exzellente Doku über die toxische Fankultur in Glasgow gedreht, die mir auch als Inspiration für die Celtic-Fans in «Lärmparade» diente.
... und die Musik!
Doch neben dem Fussball gibt es da noch diese andere, womöglich noch wichtigere Sache, die Glasgows Bewohner*innen mehr vereint statt trennt: Die Musik.
Auch wenn die Songs nicht dieselben sind – die Celtic- oder Rangers-Fans, die an den Spieltagen zum Stadion strömen, geben sie ebenso inbrünstig und geübt zum Besten wie das Publikum die Hits ihrer Lieblingsbands an den zahlreichen Gigs. Verbringt man einige Wochen in Glasgow, beginnt man zu ahnen, wieso diese Stadt so viel gute Musik hervorgebracht hat: Simple Minds, Texas, Travis, Belle&Sebastian, Mogwai und natürlich Franz Ferdinand. Denn die Musik ist hier so allgegenwärtig wie die Feuchte, die durch jede Gebäuderitze kriecht.
In «Lärmparade» muss Kenny, der erste Produzent von Pete und Janosch, die beiden kurz nach ihrer Ankunft in Glasgow aber enttäuschen. Denn die dortigen Musiker sehnen sich nicht in erster Linie nach Ruhm und dem grossen Geld. Weit weg von London hat sich eine familiäre Indieszene gebildet, deren Bands einander ebenso gerne aushelfen, wie sie jeweils einen ganz eigenen Sound und Stil kreieren Wer wissen will, wie die Glasgower Indieszene der Nullerjahre tickte, dem lege ich die ebenso eigenwillige Dokumentarfilm «Lost in France» ans Herz, in der unter anderem Alex Kapranos von Franz Ferdinand sowie Stuart Braithwaite von Mogwai einen chaotischen Trip in der Bretagne unternehmen.
Mich beschlich das Gefühl, dass Glasgow als eigener Charakter mitspielt.
Zwei Motoren halten die Stadt am Laufen: Der Fussball und die Musik.
Die Fussballfans singen in Glasgow genauso gut wie die Konzertgänger.