Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03290.jsonl.gz/1096

Als Franz Kafka an jenem Septembermorgen des Jahres 1912 die vom Sitzen steifgewordenen Beine kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen konnte, an den er sich am Vorabend um zehn Uhr gesetzt hatte, als er leichte Herzschmerzen verspürte und den letzten Satz niederschrieb, während das Dienstmädchen zum erstenmal durchs Vorzimmer ging – in dieser Nacht vom 22. auf den 23. September 1912, befiel ihn der Moment des vollkommenen Glücks, und er hatte ein literarisches Meisterwerk geschaffen: «Das Urteil».
Die psychischen und physischen Anstrengungen, unter denen Kafka in jener Nacht zu schreiben pflegte, waren kein Zu- und auch kein Einzelfall. Er konnte stets nur im Zusammenhang, meist nachts, in vollständiger Abgeschiedenheit, arbeiten, woraus sich auch seine ausserordentlichen Schwankungen in der literarischen Produktivität erklären lassen. In der Zeit zwischen Februar 1913 und Juli 1914 entstand nicht eine einzige grössere Arbeit, in den Wochen hingegen zwischen dem 22. September und dem 6. Dezember 1912 schrieb er über 400 Manuskriptseiten voll, abgesehen von den mehr als 60 Briefen (oft über zehn Seiten lang) an seine Braut.
Franz Kafka hat nie im Sinn gehabt, als Schriftsteller zu leben. Es schrieb ihm einfach des nachts, und tagsüber ging er als Doktor der Rechte seiner Arbeit – zuerst in der «Assicurazione», später in der Arbeiter-Versicherungsanstalt – nach. Es hat kaum einen Grossen der Literaturgeschichte gegeben, dessen Lebenswerk stiller, unauffälliger verlaufen wäre als derjenige Kafkas. Lediglich zweimal hat er öffentlich aus seinem Werk gelesen, 1912 in Prag, wo er seine Lieblingserzählung «Das Urteil» vortrug, und später noch einmal in München.
Und hätte sich sein Freund und Gönner Max Brod an die ihm brieflich zugestellte Verfügung gehalten, alle ihm übergebenen unveröffentlichten Manuskripte zu vernichten, so wären nach seinem Tod (Kafka starb am 3. Juni 1924) neben anderem auch die drei grossen Romanfragmente «Der Prozess», «Das Schloss» und «Amerika» verloren gegangen.
Gewaltiger Aufwand
Nur ein kleiner Teil von Kafkas Werk ist zu seinen Lebzeiten erschienen. Um so gewaltiger ist der Aufwand, um seinen 100. Geburtstag, mit dem sein Leben und Werk durchforstet wird. Dabei ist die Prosa dieses Prager Juden erst in den letzten Jahrzehnten weltberühmt geworden, ausgehend von einem kleinen Kreis deutscher Literaturkenner in den zwanziger Jahren, gefördert besonders in Frankreich, zuerst von André Breton und der Gruppe um den «Minotaure», später von Camus und Sartre und schliesslich durchgesetzt in England und Amerika, von wo das Werk 1950 in den deutschsprachigen Raum zurückschwappte.
Prag und Kafka – schwieriges Verhältnis
Erst 1957 erschienen, nach einigen Versuchen in den zwanziger Jahren, die ersten tschechischen Übersetzungen in jener Stadt, die Kafka neben Gustav Meyrink, Jaroslav Hasek, Rainer Maria Rilke und auch Franz Werfel zu einer Metropole auf der Landkarte der Literatur gemacht hat: Prag. Ausgerechnet diese Stadt hat heute zu Kafka ein schwieriges Verhältnis, zumal die offizielle Kulturpolitik in der Tschechoslowakei den Ausgangspunkt der Reformbewegung, die zum «Prager Frühling» des Jahres 1968 führte, in einer Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice bei Prag im Jahre 1963 vermutet.
Überdies wurde an einem Seminar, das dieser Tage zum 100. Geburtstag des Schriftstellers veranstaltet wurde und unter dem Thema «Kafkas Werk und die Gegenwart» stand, an westlichen Forschern dahingehend Kritik geübt, Kafkas Werk einseitig und unhistorisch zu deuten. Ein etwas wunderlicher Vorwurf angesichts der Tatsache, dass von den rund 10000 existierenden Werken über Kafka weitaus das meiste westlichen Ursprungs ist. Der französische Germanist Claude David hat einmal ausgerechnet, dass in den verflossenen Jahren allwöchentlich mindestens zwei Bücher und einige Artikel über Kafka erscheinen. Die Palette von Beiträgen reicht dabei von positivistischer Faktenhuberei über psychoanalytische beziehungsweise sprachanalytische Deutungsversuche und einer Reihe von Bildbänden bis hin zu Spekulationen über Wirkung und Anerkennung Kafkas bei Zeitgenossen.
Monströses Handbuch vergisst Bordelle nicht
Das von Hartmut Binder herausgegebene «Kafka-Handbuch» zum Beispiel unternimmt in zwei Bänden den ehrgeizigen Versuch, alles Auftreibbare über Kafkas Leben, sein Werk und Nachleben, zu sammeln. Dies führt bisweilen so weit, dass selbst die statistisch erfasste Zahl der Prager Bordelle im Jahre 1905 darin Niederschlag findet: es waren 35. Bei aller Fragwürdigkeit in Sachen Methode ist dieses monströse Handbuch von 1600 dünnbedruckten Seiten eine respektable Leistung.
Im Band «Franz Kafka, Ein Schriftstellerleben», hat Joachim Unseld die gesamte Publikationsgeschichte Kafkas aus den Archiven und Korrespondenzen studiert und zweifelt überhaupt nicht daran, dass Kafkas Bücher zu seinen Lebzeiten «kein Interesse in der Öffentlichkeit fanden» und auch keinen Erfolg hatten, zumindest nicht bei Buchhändlern und Lesern. Dem wiederum halten Jürgen Born und seine Mitarbeiter entgegen, die Dokumente der Kafka-Rezeption von 1912 bis 1924 zeigten, dass Kafka schon zu Lebzeiten «einen Kreis von Bewunderern» besass, zu dem neben den Prager Freunden auch Kurt Tucholsky und Robert Musil zu zählen sind.
100. Geburtstag am Sonntag
Sei dem wie es wolle, heute jedenfalls kennt der Kafka-Kult keine Krise. Fest steht auch, dass Franz Kafka an jenem Tag, dem 3. Juli 1983, da er seinen 100. Geburtstag hätte feiern können, mehr denn je lebt – in Bildern, Interpretationen, Kontroversen seiner Nachfahren, und dass die Frage nach der Transzendenz, die seinem Prosawerk so bestimmend zugrunde liegt, auch heute und in Zukunft nicht zur Ruhe kommt.