Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03345.jsonl.gz/2421

Zainabu Jallo
In den Praktiken des Candomblé spielen Trommeln eine grosse Rolle. Und auch ausserhalb des religiösen Kontexts sind afrikanische Trommeln tief in die brasilianische Kultur eingebettet. Dabei gelten Candomblé und Capoeira – eine in Angola wurzelnde Kombination von Kampfsport, Trommeln und Musik – als die frühesten Formen afrikanischer Trommelmusik in Brasilien. Aus ihnen sind im Laufe des 20. Jahrhundert viele Musikgenres hervorgegangen, die heute als ausdrücklich brasilianisch gelten, wie Samba, Choro, Maracatu und Baião. Auch in den aktuelleren Subgenres Sambalanço (eine Mischung aus Samba und Funk), Manguebeat (eine Fusion von Maracatu und Rock), oder im Samba-Reggae Axé ist der spezifische Klang der afrikanischen Trommeln nicht zu überhören.
Im rituellen wie im nicht-rituellen Gebrauch werden afrikanische Trommeln in Brasilien mit körperlicher Bewegung und Tanz assoziiert. In den rituellen Zeremonien des Candomblé kann der Tanz zur Trance der Gläubigen führen. In den Zeremonien werden Tanz und Gesang vom Klang der drei heiligen Atabaqué-Trommeln angeleitet. Die Atabaqués werden aus Holz und eisernen Reifen gefertigt, die das Trommelfell gespannt halten. Das Trommelfell besteht aus der Haut eines Tieres, das dem Orixá geopfert wurde. Die Rum ist die grösste Trommel und hat den tiefsten Ton, gefolgt von der mittleren Trommel Rumpi und der kleineren Le mit dem höchsten Ton. Die drei Atabaqués werden oft von der Doppelglocke begleitet, Agogô oder Gâ genannt, und von weiteren Instrumenten wie dem Piano de Cuia, in Bahia als Xekeré bezeichnet, einer Kürbisrassel, die mit einem mit Kauris bestückten Netz oder heute häufig auch mit Kunststoffperlen überzogen ist.
Die Trommeln müssen rituell geweiht werden, um sie mit Kraft aufzuladen, und durch regelmässige Opfergaben muss diese rituelle Kraft von Jahr zu Jahr erneuert werden. Als sakrale Instrumente haben die Atabaqués Heilungskräfte, die ihnen von den Orixás verliehen wurden/werden. Zusammen mit der polyrhythmischen Musik und den call-and-response-Gesängen in Yorùbá zu Ehren des Orixá erzeugt das Trommelspiel einen hypnotischen Zustand, durch den der Trommler eine ekstatische Begegnung mit der Gottheit erfährt. Ein Grundelement im Candomblé ist der tiefe Glaube an Axé, die spirituelle Lebenskraft, welche das tägliche Leben bestimmt. Für die Gläubigen ist die Musik eine Manifestation des Axé, durch die sie an eine körperliche Besessenheit durch die Orixá herangeführt werden.
Atabaqués werden nicht einfach als unbelebte Objekte verstanden, sondern als rituelle Akteure. Da jedes Set von Atabaqués einen oder eine Orixá repräsentiert, werden ihnen die gleichen Rituale gewidmet wie der Gottheit selbst, und die Gläubigen gehen ähnliche Beziehungen und Abhängigkeiten zu ihnen ein. Sie werden als männlich oder weiblich vorgestellt, angekleidet und umgezogen, sie können fröhlich oder unglücklich sein und von Zeit zu Zeit auch hungrig. An Tagen, an denen keine rituellen Zeremonien stattfinden, werden die Atabaqués als Ausdruck des Respekts mit einem weissen Tuch oder einem Stoff in der Farbe ihres jeweiligen Orixá abgedeckt.
Für Uneingeweihte ist das Spielen auf den heiligen Atabaqués verboten. Nur initiierte Trommler, Alagbês oder Ogân genannt, spielen die Atabaqués und kümmern sich um ihr Wohlergehen. An Festtagen muss sich der Ogân durch ein Bad mit heiligen Kräutern reinigen, bevor er die Atabaqués berührt. Zudem muss er bestimmte Essenstabus beachten und dem Alkohol entsagen. Wenn die Atabaqués aus dem Terreiro, dem geweihten Tempel, entfernt werden müssen, um sie instand zu setzen, muss der Ogân sie zunächst vor dem Altar rituell darauf vorbereiten.
Den Komponisten Letiers Leite aus Salvador da Bahia inspirierten Rum, Rumpi und Le zum Namen seines Okestra Rumpilezz, das die Rhythmen der drei Atabaqués mit Jazz fusioniert. Zu ihrer engen Beziehung zu den Werten des Candomblé hat sich das Orchester stets ausdrücklich bekannt.
***
Header: Foto © Roberto Pereira 1969 / wikimedia commons
***
Literatur
Cohen, Peter F. “Orisha Journeys: The Role of Travel in the Birth of Yorùbá-Atlantic Religions.” Archives de Sciences Sociales Des Religions, no. 117 (January 1, 2002): 17–36.
Henry, Clarence Bernard. Let’s Make Some Noise: Axé and the African Roots of Brazilian Popular Music. University Press of Mississippi, 2010.
Merrell, Floyd. Capoeira and Candomblé: Conformity and Resistance in Brazil. Markus Wiener Publishers, 2005.
Sterling. “Women-Space, Power, and the Sacred in Afro-Brazilian Culture.” The Global South 4, no. 1 (2010): 71.
Header-Foto: By Roberto pereira 1969 – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71071436