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Gab es wegen des Bienensterbens schon Ernteausfälle?
Weltweit ist kein solcher Fall dokumentiert. Das Szenario eines Ernteausfalls wird oft mit einem angeblichen Einstein-Zitat garniert: «Wenn heute die letzte Biene stirbt, stirbt in vier Jahren der letzte Mensch.» Es gibt allerdings keinen Beleg dafür, dass Einstein diesen Satz gesagt hätte. Und er wäre auch falsch.
Auf dem amerikanischen Kontinent gab es keine Honigbienen. Sie gelangten erst mit den spanischen Eroberern in die Neue Welt. Doch auch zuvor betrieben Menschen dort Landwirtschaft. Es gibt neben den Bienen zahlreiche weitere Insekten, die Blüten bestäuben können. Zudem nimmt die Zahl der Honigbienen weltweit zu. Im Jahr 2016 zählte die Welternährungsorganisation über 90 Millionen Bienenvölker – fast doppelt so viele wie vor 50 Jahren.
Was es in Europa vor rund zehn Jahren gab, war eher ein Imkersterben. In der Schweiz hatte sich ihre Zahl seit 1950 halbiert. Hinzu kamen um 2005 Vergiftungen von Bienenvölkern durch inzwischen verbotene Insektizide. Zeitgleich breitete sich die für die Tiere tödliche Varroamilbe aus. Inzwischen ist Imkern wieder hip und die Zahl der Honigbienen am Steigen.
Weniger beachtet, aber dramatischer ist die Gefahr für Wildbienen und andere Insekten durch die industrialisierte Landwirtschaft. Sie leiden unter Agrargiften und finden in Monokulturen zu wenig Futter und Nistplätze. Für die Bestäubung von Nutzpflanzen sind sie aber mindestens so wichtig wie Honigbienen.
Sind Ernteausfälle zu befürchten?
Zwar gilt bereits die Hälfte der in Europa heimischen Wildbienenarten als bedroht. Das birgt die Gefahr eines dramatischen Verlustes der Artenvielfalt. Honigbienen und viele andere Insekten, die für die Bestäubung von Nutzpflanzen sorgen, können aber jederzeit nachgezüchtet und in Anbaugebiete gebracht werden. Engpässe bei der Versorgung der Landwirtschaft mit Bestäubern sind weltweit nicht absehbar.
Im chinesischen Sichuan wird von Hand bestäubt. Droht uns das auch?
Die Handbestäubung ist ein spezieller und auf einige Dörfer in Hanyuan, einer hoch gelegenen Bergregion Sichuans, beschränkter Fall. Er wurde durch den Film «More Than Honey» weltweit bekannt. Fotos von Menschen, die mit Bienenfleiss in Obstbäume klettern, tauchen seitdem oft in den Medien auf.
Die Handbestäubung in Hanyuan wurde vor allem in den 1980ern und 1990ern praktiziert, weil übermässiger Pestizideinsatz den Bestand der Bestäuberinsekten stark reduziert hatte. Ausserdem hatten viele Obstbauern selbststerile Apfelbäume, nicht aber die erforderlichen Apfelsorten für eine Kreuzbestäubung gepflanzt. 25 bis 30 Prozent solcher Kreuzbestäuber werden in einer Plantage gebraucht, in den betroffenen Dörfern gab es aber weniger als 10 Prozent.
Uma Partap und Tang Ya, zwei Wissenschafter aus Nepal und China, haben 2012 Obstbauern und Imker in Hanyuan ausführlich befragt. Dabei fiel ihnen auf, dass die meisten Imker ihre Bienen nur zur Honigproduktion nutzen und von den Apfelplantagen fernhalten: «Dort werden so viele Pestizide gespritzt, dass die Bienen sterben. Und wenn das passiert, verweigern die Bauern eine Entschädigung», schreiben sie in ihrer Studie. Inzwischen sei die Handbestäubung in Hanyuan aufgrund stark gestiegener Löhne unrentabel und weitgehend eingestellt worden. Die meisten Bauern hätten sich auf andere Obst- und Gemüsesorten verlegt, die einen höheren Preis erzielten und für die Bestäubung gar nicht oder nur teilweise auf Insekten angewiesen seien, zum Beispiel Walnüsse oder Mispeln.
Unabhängig davon werden auch in der chinesischen Landwirtschaft Honigbienen gezielt zur Bestäubung eingesetzt. Die Zahl der Bienenvölker ist in China in den vergangenen 50 Jahren kontinuierlich von 3,7 auf über 9 Millionen angestiegen.
Welche Pflanzen sind bedroht, wenn Bestäuber aussterben?
Fast alle Grundnahrungsmittel wie Getreide, Mais, Reis, Zucker oder Kartoffeln stammen von Pflanzen, deren Vermehrung durch Selbst- oder Windbestäubung erfolgt. Sie sind nicht auf Bienen oder andere Insekten angewiesen. Zusammen machen sie über 90 Prozent der weltweiten Erntemenge aus. Auch ohne Bestäuber müsste also niemand verhungern.
Allerdings wäre der Speiseplan recht dürftig, denn die 90 Prozent beziehen sich auf die Menge und nicht auf die Anzahl der Arten. Drei Viertel der weltweit angebauten Nutzpflanzenarten brauchen für hohe Erträge und gute Qualität eine Bestäubung durch Insekten. Neben vielen Obst- und Gemüsesorten sind das zum Beispiel Raps, Soya, Sonnenblume, Genussmittel wie Kakao und Kaffee und auch Baumwolle.
Keine dieser Nutzpflanzen ist jedoch auf einen einzigen Bestäuber angewiesen. Sie alle können von Honigbienen und vielen weiteren Insektenarten bestäubt werden. Das gilt auch als wichtiger Grund dafür, dass die wilden Pflanzen in der Menschheitsgeschichte überhaupt zu Nutzpflanzen werden konnten. Wären sie in enger Symbiose von einer einzigen Bestäuberart abhängig, wäre das Ernterisiko viel zu gross gewesen.
Wie hoch ist der finanzielle Schaden, wenn Bienen nicht mehr bestäuben?
In der Schweiz hat das Bundesamt für Landwirtschaft den ökonomischen Wert der Bestäubung ermitteln lassen, er liegt bei rund 350 Millionen Franken im Jahr – und beträgt damit mehr als das Vierfache des Werts aller Imkereiprodukte wie Honig und Wachs.
Weltweit schwanken die Zahlen zwischen 150 und 600 Milliarden Franken pro Jahr. Die Spannbreite zeigt, dass es keine einheitliche Berechnungsmethode gibt. In der Regel wird der Erntewert aller Produkte zugrunde gelegt, die von Insekten bestäubt werden. Honigbienen und Wildbienen tragen in etwa gleichen Teilen dazu bei. Neben dem Ernteertrag fliesst auch die Qualität in diese Berechnung ein. Viele Apfelsorten reifen zum Beispiel auch ohne Bestäubung. Allerdings sind die Früchte dann kleiner und nicht so gut haltbar.
Engpässe bei der Bestäubung sind in der Schweiz nicht bekannt. Eine Studie hält künftig lokale Defizite im westlichen Mittelland und im Wallis für möglich. In Nachbarländern gab es bereits einzelne Engpässe, die meist mit ungewöhnlichen Wetterlagen zusammenhingen. Der exakte Zeitpunkt der Obstbaumblüte ist schwer vorherzusagen und dauert auch nur wenige Tage. In den Hauptanbaugebieten müssen dann punktgenau sehr viele Bestäuber gleichzeitig aktiv sein.
Wie können Bestäubungsengpässe behoben werden?
Traditionell stehen Obst- und Gemüsebauern in engem Kontakt mit lokalen Imkern, die ihre Völker zur Blütezeit an den Rändern der jeweiligen Felder aufstellen. Zu einem einzigen Volk gehören rund 12000 Flugbienen. Sie sind in der Lage, mehr als das Doppelte ihres Körpergewichts an Pollen und Nektar durch die Luft zu transportieren, und können an einem einzigen Tag 12 Millionen Blüten bestäuben. Europas grösstes zusammenhängendes Obstanbaugebiet, das Alte Land südwestlich von Hamburg, zieht im Frühjahr Imker aus einem Umkreis von 500 Kilometern an.
Noch grösser sind die Mandelplantagen im kalifornischen Central Valley. Über 80 Prozent aller weltweit gehandelten Mandeln wachsen dort an mehr als 50 Millionen Bäumen. Wenn sie im Februar blühen, löst das eine Bienenvölkerwanderung aus. Imkereibetriebe aus den gesamten USA schaffen ihre Stöcke mit Lastwagenkonvois heran. Rund 1,5 Millionen Bienenvölker werden gebraucht, das sind mehr als die Hälfte aller in den USA verfügbaren. Viele davon verenden, weil sie sich mit Pestiziden vergiften oder vor und nach der kurzen Mandelblüte nicht genügend Nahrung finden.
Aus Europa ist keine derart rücksichtslose Imkerei bekannt. Hier läuft der Kontakt zwischen Imkern und Landwirten noch direkt: Man kennt einander und ruft bei Bedarf an. Erst in jüngster Zeit wurden Start-ups gegründet, die den Kontakt über Internetportale erleichtern wollen. Sie heissen Bee-Rent oder Bee-Sharing und bieten einige Tausend Bienenvölker zur Vermietung an. In der Schweizer Landwirtschaft spielen sie bisher keine Rolle.
Weit verbreitet ist dagegen der Einsatz sogenannter Paketbienen. Im Versandhandel kostet ein rund 1,5 Kilo schwerer Bienenschwarm mit einer begatteten Königin zwischen 100 und 150 Franken. Auch Hummeln und andere Wildbienenarten werden angeboten. Sie kommen vor allem in Gewächshäusern und Folientunneln im Freiland zum Einsatz. Der grenzüberschreitende Handel mit Paketbienen ist umstritten, da sich dadurch Krankheiten schneller ausbreiten.
Was können Landwirte gegen das grosse Sterben tun?
Bauern, die sich um gute Lebensbedingungen für Bestäuberinsekten kümmern, können sich darauf verlassen, dass sie zur Blütezeit auch in ausreichender Zahl vorhanden sind. Wichtig ist dafür ein durchgehend gutes Angebot an Nektar. Dafür eignen sich Blühstreifen mit Wildblumen an den Feldrändern. Hecken bieten Nistplätze für Wildbienen. Monokulturen sollten vermieden und die Bodenversiegelung so gering wie möglich gehalten werden. Auch kleinere Brachflächen sind wichtig. Insekten vermehren sich rasant. Wenn die Umweltbedingungen stimmen, können sich auch Populationen bedrohter Arten recht schnell erholen – solange sie nicht ausgestorben sind.
Werde ich mit einer App mein Bienenvolk überwachen können?
Wie geht es meinem Volk? Werden gerade Drohnen aufgezogen oder eine neue Königin? Ist im Winter ausreichend Futter im Stock? Ein Imker muss seine empfindlichen Bienen nicht mehr stören, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen. Mit kleinen Sensoren ausgestattete und digital vernetzte Bienenstöcke machen es möglich. Gewicht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit lassen Rückschlüsse auf Aktivität und Gesundheitszustand der Bienen zu.
Die deutsche Telekom hat auf dem Gelände ihrer Bonner Zentrale zwei Bienenstöcke aufgestellt, die zu Testzwecken mit Mikrophonen ausgestattet sind. Die online übermittelten Tonaufnahmen werden automatisch ausgewertet. Auf einer Smartphone-App kann der Imker dann jederzeit sehen, wie fleissig sein Bienenvolk arbeitet. Technische Spielereien dieser Art haben durchaus Potential, die Imkerei im digitalen Zeitalter zu optimieren.
Funktioniert die künstliche Bestäubung?
Ja, und sie ist in Gewächshäusern auch üblich, zum Beispiel bei Tomatenpflanzen. In der Natur werden sie vom Wind und von Insekten bestäubt, im Gewächshaus fehlt beides. Dann kann der Mensch nachhelfen. Es reicht, wenn er mit einem weichen Pinsel über die Blüte streicht. Sie ist zwittrig, kann sich also selber befruchten, wenn dabei Pollen auf die Narbe gelangt. Das passiert auch, wenn mit einer elektrischen Zahnbürste an den Ästchen gerüttelt wird. In grösseren Gewächshäusern werden spezielle Vibratoren und Ventilatoren dafür eingesetzt.
Oft bestellen Gewächshausbetreiber aber auch Pakethummeln für die Bestäubung – ein Volk für bis zu 1000 Quadratmeter. Hummeln sind widerstandsfähiger als Honigbienen und leben auch nur eine Saison. Das macht ihren Einsatz im Gewächshaus wirtschaftlicher. Bienen könnten in der Monokultur unter dem Glasdach keine ausreichenden Futtervorräte für den Winter anlegen.
Können Drohnen zukünftig Bestäuberinsekten ersetzen?
Die Idee geht auf ein Experiment zurück, das Forscher der amerikanischen Harvard University 2013 durchgeführt haben. Damals demonstrierten sie, wie zwei Zentimeter kleine, sogenannte Robo-Bees sich mit zwei Kunststoffflügelchen in der Luft halten und kontrolliert bewegen können. Allerdings wurden sie dabei über ein Kabel mit Strom versorgt. Eine Batterie, die leicht genug wäre, die Energieversorgung derart winziger Flugobjekte zu übernehmen, ist mit der heute bekannten Technik unmöglich.
Nachdem es erst einmal still um das Thema geworden war, weckte eine Erfindung des japanischen Chemikers Eijiro Miyako im vergangenen Jahr erneut grosses Medieninteresse. Miyako hatte ein Gel demonstriert, an dem Blütenstaub in Verbindung mit Pferdehaar sehr gut haftet. Ein kleiner Spielzeug-Quadrocopter flog die Pollen von einer Blüte zur nächsten. Bestäubt wurden dabei japanische Lilien. Das war kein Zufall. Die Blume hat extrem grosse Blüten, deren Stempel offen liegen und stabil genug sind, um den Anflug einer Drohne unbeschadet zu überstehen.
Anfang 2018 hat Walmart, die weltgrösste Supermarktkette, ein Patent auf Bestäuberdrohnen angemeldet. Über Minilautsprecher sollen viele Minidrohnen miteinander kommunizieren – und sich neben der Bestäubung auch um die Kontrolle von Pflanzenwachstum und Schädlingsbefall kümmern und Pflanzenschutzmittel versprühen.
Drohnen für das Pflanzenmonitoring aus der Luft zu nutzen ist keine neue Idee. Als Bestäuber kommen sie aber höchstens dort in Frage, wo Insekten nicht leben können, zum Beispiel in Labors oder in einem Gewächshaus auf dem Mars. Sonst wäre ihr Einsatz im Vergleich zu Insekten extrem unwirtschaftlich.
Dirk Asendorpf ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Bremen.