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Der Frauenschuh, verewigt in einem Gedicht
Mir ist nur ein Gedicht bekannt, in dem eine einheimische Orchidee - der Frauenschuh - vorkommt, wenn auch nur in einer unbedeutenden «Nebenrolle». Es stammt von Silja Walter (1919 - 2011).
Der Seidelbast
Im Walde wiegt der Seidelbast
sich leise her und hin.
Seitdem du mich vergessen hast,
vergess ich, dass ich bin.
Ich weiss nicht, was mir hängt im Haar,
ob Schleh, ob gelber Schuh.
Ich singe scheu und sonderbar,
und hör mir selber zu.
Seitdem du mich vergessen hast,
träum ich so tief und schwer.
Im Walde wiegt der Seidelbast
Sich leise hin und her.
Silja Walter verbrachte den grössten Teil ihres Lebens als Ordensfrau im Kloster Fahr. Für ihr reiches literarisches Schaffen, das mehr als 60 Werke umfasst, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Unvergesslich bleibt mir die Begegnung und das Gespräch mit ihr im Jahre 2007.
Kleine Deutung: Dass es sich beim «gelben Schuh» um einen Frauenschuh handelt, ist unzweifelhaft. Das hat mir Silja Walter bestätigt, als wir im Kloster Fahr unter anderem über dieses Gedicht sprachen. Das Gedicht drückt eine Melancholie aus, die sich einstellt, nachdem uns ein geliebter Mensch verlassen hat, eine Beziehung auseinandergegangen ist - aus welchen Gründen auch immer: weil sie nicht gelebt werden durfte, weil einer nicht mehr wollte oder konnte?
Im Hin-und-Her-Wiegen des Seidenbasts ist Bewegung - und doch bleibt alles am Ort. Die Wiederholungen unterstreichen, dass sich nichts verändert. Man nimmt wahr, dass etwas im Haar hängt, weiss aber nicht, was es ist. Zu sehr ist man auf sich zurückgeworfen, eingekapselt in die eigene Welt. Fremde Stimmen hört man nicht mehr, nur noch die eigene. Das Gedicht erinnert mich an die Lyrik von Ingeborg Bachmann oder von Alexander Xaver Gwerder («Ich geh unter lauten Schatten»).