Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03551.jsonl.gz/869

Wir Menschen können in den allermeisten Fällen selber entscheiden, wie gross unser soziales Umfeld ist. Ob wir alleine, paarweise oder in einer grösseren Gruppe zusammenleben. Und mit wem wir uns, wenn denn überhaupt, paaren und fortpflanzen wollen. Hühner haben diese Möglichkeiten in unseren Breitengraden meist nicht. Sie müssen sich mit den Gegebenheiten arrangieren, die sie vorfinden und von uns vorgegeben werden. Doch es gibt einige Untersuchungen von Verhaltensforschern, die einen Einblick geben, in welchem sozialen Umfeld Hühner leben und sich fortpflanzen würden, wenn sie denn eine Wahl hätten.
Wild lebende Hühner, die Vorfahren unserer Haushühner, fühlen sich im dichten Unterholz, in undurchdringlichem Gestrüpp und an den Rändern der Wälder von Asien am wohlsten. Diese Umgebung bietet genügend Schutz gegen Fressfeinde, viele Möglichkeiten zum Aufbaumen und kommt der Kurzsichtigkeit der Hühner entgegen. Unter diesen natürlichen Bedingungen leben Hühner dort in sozialen Gruppen zusammen, in denen sie einander erkennen und ihr Verhalten ihrem Gegenüber anpassen.
Die Grösse der Gruppe verändert sich je nach Jahreszeit und Nahrungsreserven. Eine typische Hühnergruppengrösse kann nicht genau angegeben werden, aber Hühnergruppen ohne Einschränkungen durch den Menschen bestehen meist aus drei bis 30 Individuen. Sobald die Gruppe eine Grösse von etwa 90 Tieren überschreitet, können Hühner nicht mehr zwischen bekannten und unbekannten Artgenossen unterscheiden, was unweigerlich zu Konflikten führt. Kennt ein Huhn sein Gegenüber nämlich nicht, muss zuerst die Hierarchie ausgelotet werden, was in der
Regel zu einem Kampf führt. Dieser kostet die beteiligten Tiere Kraft und löst einen grossen sozialen Stress aus, der sich negativ auf die Abwehrkräfte und somit auf die Gesundheit und die Produktivität der Tiere auswirkt.
Wie überall gibt es auch bei den Hühnern Vor- und Nachteile für das Zusammenleben in einer Herde. Zu den Nachteilen gehören sicherlich der zunehmende Wettbewerb um Ressourcen, das Risiko von Krankheiten wie parasitären Infektionen und die allgemeine Sichtbarkeit für Raubtiere. Gleichzeitig aber erhöht sich in der Gruppe die Wahrscheinlichkeit, Nahrung zu finden und Feinde frühzeitig zu erkennen oder zu hören.
Der Wildhahn im Korb
Das Leben in einer Gruppe fördert auch die Balz und somit das reproduktive Verhalten, wie auch die Kommunikation und die soziale Dominanzstruktur. Die meisten Vogelarten sind während aufeinanderfolgenden Brutzeiten seriell monogam. Das heisst, sie haben mehrere aufeinanderfolgende Beziehungen zu jeweils einem einzigen Partner, die sie nach einer gewissen Zeit beenden. Eine Minderheit der Arten zeigt eine lebenslange
Monogamie. Vor diesem Hintergrund ist es relativ ungewöhnlich, dass Hühner ein polygames Paarungssystem haben, bei dem die männlichen Vögel jeweils versuchen, sich mit mehr als einem Weibchen zu paaren.
Bei den wild lebenden Hühnern sind jeweils mehrere Männchen an eine kleine Gruppe von Weibchen gebunden. Diese bleiben in unmittelbarer Nähe und haben immer wieder soziale Begegnungen. In diesem Zusammenhang ist erwiesen, dass dominante Männchen mehr Paarungen erreichen als unterlegene. Zudem zeigen Untersuchungen, dass in der Regel ein grosser Zusammenhang zwischen der Paarungshäufigkeit und der Vaterschaft besteht, dass also dominante Männchen mehr Nachkommen zeugen als untergebene. Da ein Hahn seinen eigenen Nachwuchs nicht erkennt, ist sein Paarungserfolg der beste Indikator, den der männliche Vogel in Bezug auf seine Vaterschaft hat.
Spannend ist auch die Beobachtung, die man bei Zwerghühnern in Bezug auf die Paarung und die Kommunikation machen konnte. So zeigt sich, dass Zwerghähne mit einer grossen Erfolgsquote bei der Paarung tendenziell mehr Alarmrufe abgeben als untergeordnete Hähne. In ähnlicher Weise stellte der australische Verhaltensforscher Chris Evens fest, dass Hähne mit aktueller oder kürzlich erfolgter Paarungserfahrung ein Drittel mehr Alarmrufe abgaben als Hähne, die sich nicht paaren durften. Herausgefunden hat man dies dadurch, dass man in einem Experiment Golden-Sebright-Hähne entweder paarweise mit Hennen untergebracht hat, auf die sie zugreifen konnten, oder paarweise mit Hennen, die durch eine Drahtgitter-Trennwand von ihnen separiert waren.
Konkurrenten mit Einfluss
Die Beziehung zwischen Paarungserfolg und Alarmruf ist sinnvoll, da Alarmrufe potenziell gefährlich sind und am effektivsten an die Nachkommen des Ausrufers gerichtet sind. Der Fortpflanzungserfolg dominanter Vögel ist teilweise auf die Konkurrenz zwischen den Hähnen zurückzuführen. Auch konnte man feststellen, dass untergeordnete Männchen ihre Balzversuche verringern, wenn ein dominanter Hahn in der Nähe ist.
Der Einfluss des Wettbewerbs der Hähne untereinander auf das Sozialleben der Hühner zeigt sich auch in der Feststellung, dass Hähne, die im Umfeld mit mehreren Männchen eine geringe Vaterschaftserfolgsrate haben, eine hohe Fruchtbarkeit aufweisen können, wenn sie einzeln mit Weibchen gehalten werden, wie Verhaltensforscherin Christine J. Nicol in ihrem Buch «The Behavioural Biology of Chickens» schreibt. Somit kann man sagen, dass die vorhandene männliche Konkurrenz mitentscheidend darüber ist, mit welchen Hähnen sich eine Henne paart und mit welchen nicht.
Eine grosse Wahl hat sie jedoch nicht, da die Hähne den Kampf um die Hennen schon vor der Annäherung ausgefochten haben und der Unterlegene gar keinen Versuch zur Paarung mehr unternimmt. Ebenso kann man festhalten, dass das Leben in Gruppen den Hühnern sehr viele Vorteile bringt – nicht nur für ihr soziales Verhalten, sondern auch für die Gesundheit und die Lebenserwartung.