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Militärputsch hautnah
Wir haben sie vor etwa vier Jahren kennen gelernt. In unserem beschaulichen Emmentaler Dorf waren Hellen, Munya, Jonathan und Jeremy Exoten. Die Leute haben die vierköpfige Familie „die Asylanten“ genannt.
In Wahrheit waren sie eine Akademikerin und ein Akademiker aus Zimbabwe mit zwei Jungs und einer Vision. Der Ältere von ihnen ging mit unserer Tochter in den Kindergarten. Hellen studierte in Deutschland Germanistik. Munyaradzi in der Schweiz Elektrotechnik. Ihr Plan: die westliche Welt kennenlernen, ihre Skills erweitern, eines Tages zurück in ihr Heimatland kehren und dort beim Wiederaufbau helfen. Beim Wiederaufbau, der bis heute noch gar nicht begonnen hat. Munyaradzi möchte Arbeitsplätze schaffen. Die Arbeitslosenquote in Zimbabwe liegt irgendwo zwischen 80% und 90%. Zudem interessiert er sich während seines Aufenthaltes für unsere Demokratie und für unser Steuersystem. Sein Herz brennt.
Nach seinem Master mit Bestnoten, der Abschied. Sie müssen ein Stück lieb gewonnene Heimat zurücklassen. Wir verlieren liebe Freunde in nächster Nähe.
***
Mitte November dann erste Meldungen, dass das Militär in Zimbabwe aufgefahren ist. Sofort schreibe ich meiner Freundin: „Hellen, r u ok?“
Sie schreibt mir zurück, dass alles damit angefangen habe, dass der Vizepräsident gefeuert wurde und die First Lady dessen Amt übernommen hat.
Nun habe das Militär die Macht übernommen. So weit, so bekannt. Sie wisse aber nicht, wie es nun weiterginge. Die Kinder würden sie nicht zur Schule schicken und sie versuchten, so gut es geht, in den Häusern zu bleiben. Später frage ich sie, ob es sicher sei, über WhatsApp zu schreiben. Sie schreibt zurück:
„Political messages encouraging unrest or violence ar not safe to write, if they are censored one can get arrested. So normally it is safe to limit any political discussion.“
Wir schreiben nun täglich. Versuchen möglichst neutral zu schreiben. Die Ungewissheit, wie es weitergeht, strapaziert die Nerven. Die Kinder gehen zwar wieder zur Schule und der Vater verrichtet seine Arbeit an der Universität in Harare, aber alles scheint sehr instabil. Man ist vorsichtig geworden. Immer wieder schreibt Hellen in den folgenden Tagen: „We are not sure what’s going to happen.“
Diese Ungewissheit. Immer wieder. Kaum sieht es nach etwas Ruhe aus, schreibt sie mir wieder, dass vor der University of Zimbabwe Demonstrationen stattfänden. Die Studentinnen und Studenten weigerten sich, ihre Prüfungen abzulegen, solange Mugabe noch an der Macht sei. Ihr Mann sei noch im Gebäude, er sei jedoch in Sicherheit. Hoffen wir es, denke ich.
Nun beschliesst die Uni, den Betrieb bis im Januar einzustellen. Für meine Freunde eine weitere Katastrophe. Das Gehalt eines Uni-Dozenten in Harare reicht nicht weit. Sie können sich knapp über Wasser halten. Das Schulgeld für ihren älteren Sohn versuchen wir in der Schweiz zusammenzukriegen. Die Jugendgruppe meiner Kirchgemeinde legt zusammen. Reichen tut es nicht.
Und nicht selten müssen unsere Freunde über mehrere Wochen die verschiedenen Banken abklappern, bis sie eine finden, welche ihnen das überwiesene Geld auch auszahlen kann. Unterdessen können die Schulgebühren sogar mit Ziegen bezahlt werden. Denn Geld hat es nicht nur auf den Banken schon lange keines mehr.
***
Mugabe ist zurückgetreten. Die Freude war gross. Doch sein Nachfolger ist nicht wirklich beliebter. Trotzdem wird auf einen Neuanfang gehofft. Man versucht, die schreckliche Vergangenheit des neuen Präsidenten zu verdrängen und hofft darauf, dass er die Wirtschaft reformieren wird.
Und meine Freunde? Ihnen steht die nächste grosse Herausforderung bevor. Der Vertrag von Munya ist befristet. Er wird vielleicht erneuert, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall frühstens auf das neue Semester hin. Das bedeutet, dass er im neuen Jahr über mehre Wochen keinen Job und die Familie kein Einkommen hat. Hellen schreibt dazu:
„We will see how it will go.“