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Literatur
Wenn die Literatur Leben rettet
Vor zwanzig Jahren erschien Jeanette Wintersons sowohl erfolgreiches als erschreckendes Debüt "Orangen sind nicht die einzige Frucht". In ihrem neusten Buch "Warum glücklich statt einfach nur normal" widmet sie sich erneut (nicht minder erfolgreich und erschreckend) dem Thema ihrer Kindheit. Anders als im Erstlingsbuch ergänzt Jeanette Winterson die autobiografische Geschichte allerdings nicht anhand fiktiver, sondern anhand dokumentarischer Elemente. Dabei greift die 1959 geborene Winterson auch auf Passagen aus dem ersten Buch zurück. Der Text gleicht einer Collage, die, wie Winterson selber bestätigt, für ihr Schreiben charakteristisch ist: "Alle meine Bücher sind (...) wie Collagen geschrieben - zuerst entstehen Bestandteile, später baue ich sie zusammen."
Das neugeborene Baby - Jeanette - wird von der minderjährigen Mutter zur Adoption freigegeben und darauf von Mrs Winterson und deren Mann, der sich neben der dominanten Mutter in seiner Vaterrolle kaum zu behaupten vermag, adoptiert. Warum genau Mrs Winterson, wie sie im Buch durchgehend genannt wird, ein Kind will (eins selber zu zeugen, kommt nicht in Frage - Sex ist des Teufels), ist für alle Beteiligten nur schwer nachzuvollziehen. Wahrscheinlich, so vermutet die Tochter Jahre später, suchte sie nach einer Freundin. Diese "Freundschaft" hält jedoch bei weitem nicht, was sie allenfalls verspricht. Ist Mrs Winterson böse, und das ist sie häufig, sagt sie: "Der Teufel hat uns ans falsche Bettchen geführt." Immer wieder sperrt sie das Mädchen aus oder in den Kohlekeller - die Kindheit ist geprägt von Verboten, Restriktion, Schlägen und nicht zuletzt auch vom Bibelunterricht.
Bücher sind im Haus Winterson (mit Ausnahme der Bibel und biblischer Ergänzungswerke natürlich) verboten. «Ich fragte meine Mutter, warum wir keine Bücher haben durften, und sie sagte: «Das Problem mit einem Buch ist, dass man nie weiß, was drinsteht, bis es zu spät ist.»» Der Versuch, die Tochter von weltlichen Einflüssen fernzuhalten, misslingt: In der Stadtbücherei von Accrington leiht sie Jeanette Winterson Bücher aus, die sie heimlich lesend verschlingt. Weil sie keine Ahnung hat, welches der vielen Bücher sie lesen soll oder in welcher Reihenfolge, beginnt sie alphabetisch und beginnt bei Austen. Erstmals erfährt sie, was das Leben an Gefühlen und Möglichkeiten zu bieten hat, taucht ein und nicht wieder auf: "Ein Buch ist eine Tür. Man öffnet sie. Man tritt hindurch. Aber kommt man je zurück?" Dank der Parallelwelt der Bücher überlebt Winterson. Die Literatur stärkt ihr sowohl den Rückgrat als auch den Willen, den ihre Mutter ununterbrochen zu brechen versucht.
Mrs Winterson, selber hartnäckige Pfingstlerin, bestimmt die Tochter zur Missionarin. Spätestens als sie die 15jährige händchenhaltend mit einem anderen Mädchen entdeckt, sieht sie allerdings ein, dass daraus nichts werden wird. Vorsorglich kommt es (1974!) dennoch zur Teufelsaustreibung, bei der Jeanette während Tagen in der Dunkelheit und ohne jegliche Nahrung ausharren muss, während ältere Gläubige anhand von Beten und Abschwören versuchen, ihr den Teufel aus dem Leib zu treiben. Jeanette Winterson fasst den Entschluss sich zu entschuldigen und zu tun, was man von ihr verlangte, aber nur äußerlich. "Innerlich würde ich ein neues Ich errichten - eines, das für sie unsichtbar war." Das neue "Ich" führt Winterson nach Oxford ans anglistische Seminar, wo sie als "Arbeiterklassenexperiment" das Studium aufnimmt.
Mit dem zweiten Teil der Geschichte, der in einer "emotionalen Ordnung neben dem ersten Erzählstrang steht", überspringt Winterson in ihrem Erzählen fünfundzwanzig Jahre. Der zweite Erzählstrang schildert die Suche nach der leiblichen Mutter. Jeanette Winterson, die für ihr literarisches Schaffen bereits vielfach ausgezeichnet worden ist, überzeugt mit "Warum glücklich statt einfach nur normal" auf der ganzen Linie. Der Text, der weder Roman noch Memoiren sein will, ist schlicht umwerfend gut geschrieben - in einer Sprache, die dem schier unerträglichen Gewicht der Fakten standhält.