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Sept. 2009
Maturaarbeit
Kanti Aarau
Militärdienstverweigerer in der Schweiz
zur Zeit des Kalten Krieges: Friedenskrieger
oder Feiglinge?
Fragen: Pino Dietiker
Wie sah Ihre militärische Laufbahn aus?
Andreas Gross: Ich war Kanonier und habe fünf WKs gemacht und konnte mich 1983 im gegenseitigen Einvernehmen von der Armee trennen. Ich verweigerte dann nach einem Tag im Zivilschutz die Fortsetzung dieses damals als Anti-Atomkriegsschutz konzipierten Dienstes und ging dafür 1993 45 Tage ins Gefängnis.
Würden Sie heute – angesichts gemachter Erfahrungen / heutiger Ansichten / aktueller Gesetzeslage – wieder denselben Weg in Sachen Armee einschlagen?
Nein, unter den heutigen Voraussetzungen würde ich Zivildienst leisten.
Der Arbeitstitel meiner Maturitätsarbeit heisst: «Dienstverweigerer – Friedenskrieger oder Feiglinge?» Der Titel eines Buches von Alfred Stucki aus dem Jahre 1986 lautet: «Dienstverweigerer – Prophet, Patient oder Parasit?» (Frauenfeld, Huber) – Wie würden Sie einen Militärdienstverweigerer definieren?
Bis 1990 war ein MDV in aller Regel ein Pazifist, der viel auf sich nahm, um seinem Gewissen treu zu bleiben.
Ist ein Dienstverweigerer ein Idealist oder ein Egoist?
Damals war er ganz klar ein Idealist.
Ist für Sie eine Militärdienstverweigerung je nach Motiv mehr oder weniger gerechtfertigt? Wenn ja, bei welchen Motiven?
Wer den Militärdienst nicht mit seinem Gewissen und seiner Überzeugung vereinbaren konnte, der verweigerte ihn; seiner Gewissensüberzeugung zu folgen ist immer gerechtfertigt.
Welchen Einfluss haben Ihrer Meinung nach berufliche Überlegungen auf den Entscheid für oder gegen eine Militärdienstverweigerung?
Wer vor 1990 den MD verweigerte, nahm immer grosse berufliche Nachteile auf sich; in gewissen Berufen – zum Beispiel Lehrer im Kanton ZH – hatte er als solcher keine Chance mehr!
Glauben Sie, dass alle, die vor der Einführung des Zivildienstes (1996) den Militärdienst verweigerten, heute Zivildienst leisten würden?
Es kann davon ausgegangen werden, weil sie viel mehr Nachteile auf sich nahmen als heute ein ZD Leistender auf sich nehmen muss.
Hat die Einführung des Zivildienstes den Militärdienstverweigerern in einem gewissen Sinne recht gegeben?
Es geht nicht ums Recht geben, sondern die Schweiz hat einfach endlich ein Menschenrecht akzeptiert, für das 90 Jahre lange gekämpft werden musste in der Schweiz. Die allermeisten MDV waren ganz gewiss froh und dankbar, dass nach der GSoA-Entscheidung der ZD als erster Kompromiss eingeführt worden ist.
Was ist in Ihren Augen heute die Aufgabe, die Funktion der schweizerischen Armee?
Innenpolitisch hat sie keine Aufgabe mehr, deshalb sollte die Wehrpflicht endlich aufgehoben werden. Wer freiwillig Militär leisten will, soll dies im Rahmen der UNO als Teil einer Weltpolizeitruppe unter der Aufsicht des UNO-Generalsekretärs leisten können.
Hat diese Aufgabe in der Vergangenheit – etwa zur Zeit des Kalten Krieges - anders ausgesehen?
Die meisten Leute in der Schweiz glaubten dies. Doch im Kalten Krieg hätte die Schweizer Armee die Schweiz nicht verteidigen können, weil dieser notwendigerweise zu einem Atomkrieg eskaliert wäre. Diesen musste man politisch verhindern. Die Armee hat damals im Frieden bedroht und zerstört, was sie im Krieg niemals hätte verteidigen können. Die Armee war eine riesige Last für die schweizerische Gesellschaft, von der sie sich 1989 erfolgreich befreit hat.
Waren Sie 1989 für die Abschaffung der schweizerischen Armee?
Ich habe diese Abstimmung ab 1981 massgeblich vorbereitet und zum guten Ergebnis viel beigetragen.
Sind Sie heute für die Abschaffung der schweizerischen Armee?
Heute ist dies nicht mehr die entscheidende Frage; die Aufhebung der Wehrpflicht und die Integration der freiwillig Militärdienstleistenden in die UNO wäre fortschrittlicher und weltgemeinwohlorientierter.
Kontakt mit
Andreas Gross
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