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Wenn zeitgenössische Kunst sich mit Esoterik, prophetischen Kulten oder spirituellen Praxen beschäftigt, sind zwei Ansätze gängig. Entweder werden ganz zeitgeistig ironische Positionen eingenommen, um sich über diese antimodernen Phänomene und ihren unvorstellbaren Erfolg zu wundern. Oder es wird ganz zeitgeistig auf die Relevanz von marginaler Wissensproduktion abseits moderner Wissenschaft und einer europäisch-aufklärerischen Idee von Rationalität gepocht. Florence Peakes Performance «Voicings» im Rahmen des Eyes On Herbstfestivals im Südpol enttäuschte diesbezüglich ganz vorzüglich alle Erwartungen.
Weder machte sich die Künstlerin lustig über den Bedarf an übernatürlicher Erlösung und esoterischem Heilsversprechen, noch verfiel sie einem verklärenden Primitivismus oder der Romantisierung religiöser oder aussereuropäischer Kultpraxen als unmittelbar und authentisch. Peake irritierte, weil sie komplett unironisch und ziemlich abgeklärt eine Séance in einer Theaterumgebung abhielt. Die Arbeit bezieht sich auf die Praxis des «Channeling», in der ein Medium Mitteilungen aus dem Jenseits, von einem anderen Ort oder aus einer anderen Zeit überträgt. Peake machte selbst in den 1990ern Erfahrung mit einem Channeler und interessiert sich seitdem «für die Theatralik und Körperlichkeit dieser Praktik».
Nach einer Ansprache von Vanessa Gerotto, Südpol-Leitung Tanz/Performance, empfing Peake das Publikum sehr aufgeschlossen. Irgendwie wurde schon in der Einführung klar, was Peake mit diesem Stück bewirken will. Anstatt ein Heil oder Antworten von etwas Abwesendem zu erwarten, rückte sie die anwesenden Personen in den Mittelpunkt. Als gruppenbildende Massnahme formte Peake mit ihrem ganzen Körper skurrile Skulpturen aus Ton, die die Gruppe und sie ganz bildlich als anwesend verdeutlichten.
Nun konnten Fragen gestellt werden, auf die Peake Antworten einer «abwesenden Entität» zu channeln ankündigte. Auf die Beiträge aus dem Publikum («Wer ist wirklich mein Vater?» oder «Wo kann ich mich zuhause fühlen?») reagierte Peake tranceartig mit rhythmischem Summen, ekstatischen Bewegungen oder sinnlosen Wortschleifen. Der an Peakes Händen getrocknete Ton bildete mittlerweile schöne Staubwolken im Scheinwerferlicht und hinterliess Spuren auf den dunklen Wänden.
«I have to make it real, otherwise it doesn`t work.»
Florence Peake
Klare Antworten gab es so offensichtlich nicht, auch weil Sprache nicht das primäre Kommunikationsmedium Peakes war. Da nicht ganz klar sein kann, wie die chaotischen Gesten, Geräusche und Mimik zu verstehen sind, entfalten sich die offene Lesbarkeit (Eco) und der Rätselcharakter (Adorno) dieser Kunst. Nicht Engel, Mondphasen oder die verstorbene Oma lösen meine Probleme durch schlaue Ratschläge, sondern höchstens die eigene Interpretationsarbeit an chaotischer Information kann Einsichten aus sich selbst heraus erzeugen. Peakes «Antworten» sind so absurd, wie die Welt an sich und unser Wunsch der Sinnlosigkeit noch durch Humbug Sinn abzuringen.
Während diese Einsicht in unhintergehbare Absurdität mit Jeff VanderMeers Weird Fiction oder Albert Camus’ Philosophie noch einigermassen zu akzeptieren ist, bleibt bei Peake am Ende das grosse Fragezeichen, gerade weil sie keinen doppelten Boden oder ironischen Fluchtweg einbaut. Im Gespräch mit dem Kulturteil sagt sie noch, «I have to make it real, otherwise it doesn`t work» und doch wissen alle Beteiligten, dass man sich hier gerade selber hinters Licht führt. Während dieser Mechanismus bei Zauberkunst oder professionellem Wrestling ein Unterhaltungsgefühl erzeugt, bleibt das Publikum bei Peake lediglich mit der Gewissheit zurück, dass selbst ein Wissen über offensichtlichen Quatsch keine Gewissheiten produziert.
Eine Gewissheit über die Luzerner Kulturlandschaft konnte an diesem Abend dann aber doch noch gewonnen werden: Während am Eröffnungsabend des Eyes On Herbstfestivals das Theater Aeternam die grosse Halle bis zum Rand füllte und «viel zu lange» seine aufgekratzten Runden drehte, fand sich bei Peake ein kleines Publikum zusammen und wollte dabei gerne mehr von der zu kurz geratenen Performance. Dass der Andrang bei der Luzerner Theatertruppe ungleich grösser war, bestätigt dabei auch, was im Südpol und anderswo immer mehr zur traurigen Einsicht in tiefsitzende Provinzialität führt. Lokale Produktionen sind ein Angebot, das schlicht und einfach «Publikum generiert», wie die Co-Präsidentin des Vereins Südpol, Nina Laky, noch vor kurzem der Luzerner Zeitung sagte.
Künstlerische Positionen von ausserhalb der Stadtgrenzen haben es dagegen schwer, egal ob sie internationale Anerkennung mitbringen – wie etwa Florence Peake. Die Künstlerin hat ihre Arbeiten an so renommierten Orten wie der Biennale von Venedig, dem Pariser Palais De Tokyo oder den Londoner Serpentine Galleries gezeigt. Dass solche Referenzen nicht mehr Publikum angeziehen, ist symptomatisch für die Probleme derjenigen Kulturhäuser der Region, die auf internationale Qualitätsansprüche abzielen anstatt die «richtige» Herkunft der Kunstschaffenden. Irgendwie bleibt auch das an diesem Abend absurd und nur schwer zu akzeptieren.
Eyes On Herbstfestival
Bis DO 24. September
Südpol, Kriens