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Porcus Marinus
In der älteren Zoologie erscheinen mitunter Wesen, die wir so prächtig aufgeklärten Heutigen als ›Fabeltiere‹ abtun – vielleicht allein deshalb, weil sie in Brehms Tierleben oder in der Wikipedia nicht erscheinen. Aber zur Zeit der Entdeckungen war es nicht so leicht, zwischen real existierenden und phantastischen Tieren sauber zu unterscheiden.
Hier wird ein solches Wesen vorgestellt, das Meerschwein (Porcus marinus), das verschiedenen Traditionen entstammt und mehrfach das Medium gewechselt hat – mit Medium ist nicht gemeint Wasser oder Erde, sondern das publizistische Medium: Flugblatt – Wunderbericht – wissenschaftliche zoologische Schrift. Wir folgen der Geschichte chronologisch.
Bereits in der Antike ist von porci marini (Meer-Schweinen) die Rede: Plinius, hist. nat. XXXII, xix, 56 (bei den aus Tieren hergestellten Heilmitteln); Isidor von Sevilla, Etymologien XII, vi, 12 – ohne dass indessen deutlich würde, was für ein Tier gemeint ist. – Diese Textstücke werden ins Mittealalter weitertradiert.
Albertus Magnus (um 1193 – 1280) beschreibt in seinem umfangreichen Buch »De animalibus libri XXVI« ein Tier namnes Porcus Marinus (Buch XXIV, Kap. 48, ¶ 95; bei Stadler; Bd. 2, S.1541f.). Andere Autoren kennen dieses Tier auch und überliefern die Beschreibung in Varianten, so zum Beispiel Thomas von Chantimpré (um 1201 – um 1270), der von Konrad von Megenberg (1309 – 1374) in seinem »Buch der Natur« ins Mittelhochdeutsche übersetzt wurde:
Im »Dyalogus creaturarum moralizatus« des sonst unbekannten Nicolaus Pergamenus (um 1400) ist die Rede von einem Tier namens Ventus marinus (eine Tierbezeichnung, die sonst nirgends bezeugt ist; vielleicht handelt es sich um ein Missverständnis des Schreibers). Das Tier ist äußerst gefräßig, es sucht seine Nahrung im Wasser wie ein Fisch und auf dem Land wie ein wildes Tier. Es ist schlau: das im Wasser Gefundene frisst es an Land und umgekehrt, und es teilt den Fang mit keinem anderen Tier. Im Alter kraftlos bittet es um Almosen, aber niemand bietet ihm etwas von seiner Beute an. Es folgen moralische Auslassungen über Habgier (avaritia) und Gefräßigkeit (gulositas). – Interessant ist das Bild im Druck von Johann Snell in Stockholm 1483:
Im »Hortus sanitatis« (erster Druck Mainz: Jacob Meydenbach 1491) kommt das Meerschwein wieder vor, im vierten Buch, über die Fische, Kapitel LXXI. Der Text folgt den bekannten. Wir zitieren die deutsche Übersetzung aus dem Druck von 1536:
Der Hortus sanitatis / Gart der Gesuntheit ist ein Longseller. Bereits der Druck von 1491 enthält ein Bild, das aus dem Text entwickelt wurde: Die Komposition aus Fisch (vgl. Schwanz und umgebendes Wasser) und Landtier (Kopf, vier paarhufige Füße); die gefährlichen Stacheln sind deutlich markiert. – Vielleicht hat dieses Bild die Darstellung auf dem Flugblatt von 1537 angeregt.
Digitalisat des Drucks von 1491 > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00027846/images/index.ht...
Vorzüglich (mit den zugrundeliegenden Quellentexten) aufgearbeitetes Digitalisat des »Hortus Sanitatis«, Tractatus de piscibus mit dem Kapitel zum Porcus Marinus
1537 erscheint in Rom ein Flugblatt mit dem Titel Monstrum in Oceano Germanico a piscatoribus nuper captum, & eius partium omnium subtilis ac Theologica interpretatio …, Romæ Idibus Octob. M.D.XXXVII.
Das Bild zeigt ein Wesen, das neulich von Fischern im deutschen Meer gefangen worden sein soll. Der Text gibt eine allegorische Auslegung der einzelnen Gliedmaßen: der Kopf eines Schweins ≈ der Verächter der Wahrheit; der Mond am Hinterkopf ≈ der Mond als Zeichen der Kirche ist beim Häretiker nicht an der Stirn (vgl. die deutsche Übersetzung unten).
Es handelt sich um eine der politischen Invektive dienende Karikatur, die zum polemischen Zweck konstruiert wurde, wobei man aber zur argumentativen Stützung vorgibt, dieses Wesen existiere wirklich. Vergleichbar ist der im Tiber aufgefundene »Papstesel«, der 1523 von Luther und Melanchthon publizert wurde; die allegorische Deutung der Gliedmaßen ist hier ein Hinweis Gottes auf den Untergang des Papsttums.
Die Deutung des im deutschen Meer gefangenen Meermonsters 1537 ist von einem gegenreformatorischen Standpunkt aus geschrieben; durchaus denkbar, dass es sich um eine Replik auf den Papstesel handelt.
Digitalisat der BSB > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs...
Vgl.: Ingrid Faust, unter Mitarb. von Klaus Barthelmess u.a., Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann, 1998–2010; Band 5 : Unpaarhufer: Nashörner, Tapire, Pferdeartige; Sammelblätter; Monster; # 761.
1539: Das Wesen erscheint dann – mitten unter anderen wunderlichen Viechern, in seinem Biotop placiert auf der von Olaus Magnus (1490–1557) veranlassten Carta marina et descriptio septemtrionalium terrarum ac mirabilium rerum in eis contentarum diligentissime eleborata anno dni 1539, Venedig 1539. Hier ein Ausschnitt:
Die ganze Karte ist hier digitalisiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Carta_Marina
Die Karte erscheint dann verkleinert als Kupferstich in Rom bei Antonio Lafreri 1572.
1545 erscheint eine stark simplifizierende deutsche Übersetzung des Tierbuchs von Albertus Magnus: Thierbuch Alberti Magni. Von Art Natur vnd Eygenschafft der Thierer, Als nemlich Von Vierfüsigen, Vögeln, Fyschen, Schlangen oder kriechenden Thieren, Vnd vonden kleinen gewürmen die man Jnsecta nennet; Mit jhren Contrafactur Figuren. Hierinn findestu auch viel Artznei krancker Roß vnd anders haußuieheß Auch wider die schedliche gifft der Schlangen vnd anderer gewürme. Durch Waltherum Ryff verteutscht [Frankfurt am Main: Jacob 1545; unpaginiert].
Der Text nimmt ebenso wie die lat. Vorlage (Albertus Magnus) das Tier als völlig real an, beschreibt seine Eigenschaft, seine Lebensweise, seine Verwertbarkeit als Speise:
Interessant ist, dass Ryff oder sein Verleger für die Illustration des Texts von Albertus Magnus auf das Bild des Flugblatts oder der Carta marina zurückgreifen. Es entsteht so ein Mischwesen hoch 2: Eine Verquickung des ›naturwissenschaftlichen Texts‹ (aus Albertus Magnus) und der konfessionspolitischen Karikatur des Mischwesens aus dem Flugblatt, das Realität nur beansprucht:
Digitalisat der k.k. Hofbibliothek > http://books.google.ch/books?id=1c9WAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v...
1550 erscheint die dritte Auflage von Sebastian Münsters (1488–1552) Cosmographei oder beschreibung aller länder/ herschafften/ fürnemsten stetten/ geschichten/ gebreüchen/ hantierungen etc.: ietz zum drittem mal trefflich sere durch Sebastianum Munsterum gemeret vnd gebessert/ […]. Jetz zum drittem mal […] gemeret und gebessert. Basel: Petri 1550.
Die »Cosmographei« enthält im 4.Buch Von den Mitnächtigen ländern ein Kapitel Etlich Seltzame Mörwunder vnd auch andre thier/ wie die im Mitnechtigen mör vnd auch auff dem land gefunden werden. Erst ab dieser dritten Auflage wird ein Holzschnitt von Hans Rudolf Manuel Deutsch gedruckt, der die Meermonster aus Olaus’ »Carta Marina« delokalisiert und alle zusammen in ein riesiges Aquarium versetzt. Die einzelnen Wassertiere sind mit Buchstaben bezeichnet und einer Erklerung diser tafeln wie die seltzamen thier heissen auf den nächsten Seiten beschrieben.
(In der Ausgabe 1567 befindet sich das Bild auf den Seiten MCCXX / MCCXXI) > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0007/bsb00074924/images/
Dasselbe Bild wird 1557 wieder verwendet in dem im selben Verlag erscheinenden Buch des Conrad Lycosthenes (1518–1561): Prodigiorum ac ostentorum chronicon, Quae praeter naturae ordinem, motum, et operationem, et in superioribus et his inferioribus mundi regionibus, ab exordio mundi usque ad haec nostra tempora, acciderunt ..., conscriptum per Conradum Lycosthenem; Basileae, per Henricum Petri [1557] (deutsche Übersetzung im selben Jahr).
Digitalisat der lat. Ausgabe durch die BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087675/image_1
1555 kann Olaus Magnus (1490–1557) in Rom das 800 Seiten dicke Buch »Historia De Gentibvs Septentrionalibvs« drucken. In Kapitel XXI De piscibus monstrosis greift er auf Bild und Text des 1537er-Flugblatts zurück, dessen Bild er ja bereits 1539 in die »Carta marina« aufgenommen hatte. Dem aus konfessionellen Gründen nach Rom ausgewanderten Katholiken kommt das Flugblatt sehr entgegen.
Das Meer-Schwein erscheint nach der Behandlung der Wale als erstes einer ganzen Reihe von See-Monstren (Lib. XXI, Cap. xxvii = S. 756). Einige Formulierungen in seinem Text lassen erkennen, dass Olaus durchaus an die reale Existenz glaubt, wenn auch das Wesen in allen seinen Teile widernatürlich, missgestaltet (portentosus) sei. Es hatte einen Schweinskopf, einen Viertelmond im Nacken, vier Drachenfüße, zwei Augen auf jeder Seite der Lenden und ein drittes, zum Nabel gewandtes am Bauch, der zweigeteilte Schwanz war wie bei den Fischen üblich. Dann referiert er die damals in Rom angefertigte Deutung. (Dass Olaus auf der Realität so beharrt, steht vielleicht immer noch im Dienst der Invektive.)
Historia De Gentibvs Septentrionalibvs, Earvmque Diversis Statibvs, Conditionibvs Moribvs, Ritibvs, Svperstitionibvs, disciplinis, exercitiis, regimine, victu, belis, structuris, instrumentis, ac mineris metallicis, & rebus mirabilibus, necnon vniuersis pene animalibus in Septentrione degentibus, eorumque natura. Opvs Vt Varivm, Plvrimarvmqve Rervm Cognitione Refertvm, ... maxima lectoris animum voluptate facile perfundens. Autore Olao Magno … Romae: G. M. de Viottis M.D.LV.
Als Scan und OCR-Text verfügbar bei > http://runeberg.org/olmagnus/0842.html
1567 erscheint eine deutsche Übersetzung von Olaus Magnus 1555: Olaj Magni Historien der mittnächtigen Länder; von allerley Thuon, Wesens, Condition, Sitten, Gebreüchen, Aberglauben, Underweisung, Uebung, Regiment, Narung, Kriegssrüstung, auch allerley Zeüg, Instrumenten, Gebeüwen, Bergwerck, Metall, und andern wunderbarlichen Sachen warhafftige Beschreibung, dessgleichen auch von allerley vierfüssigen und andern Thieren, so auff und im Erdtrich, Wasser und Lufft, gedachter Orten leben und schweben thun, etc / auss selb eigner Erfahrnuss ... verzeichnet und beschryben durch weilandt den hochwürdigsten Herrn, Herrn Olaum Magnum auss Gothien, Ertzbischoffen zu Upsal in Schweden, und Primaten in Gothien; hernach aber ins Hochteütsch gebracht, und mit Fleiss transferiert, durch Johann Baptisten Ficklern [1533-1610], Getruckt zuo Basel, in der Officin Henricpetrina im Jar 1567.
Der Text lautet (frühneuhochdeutsch):
Digitalisat der ZB Zürich > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-27381
1558 erscheint der den Fischen gewidmete Band von Konrad Gessner (1516–1565): Conradi Gesneri Historiae animalium liber IIII. qui est de piscium & aquatilium animantium natura cum iconibus singulorum ad vivum expressis fere omnib. DCCVI. continentur in hoc volumine Gulielmi Rondeletii quoque, medicinae professoris regii in Schola Monspeliensi, & Petri Bellonii Cenomani, medici hoc tempore Lutetiae eximii, de aquatilium singulis scripta Zürich 1558.
1563 erscheint die stark kürzende deutsche Übersetzung von Konrad Forrer: Fischbuoch: das ist ein kurtze, doch vollkommne Beschreybung aller Fischen so in dem Meer und süssen Wasseren, Seen, Flüssen oder anderen Bächen jr Wonung habend, sampt jrer waren Conterfactur/ zuo Nutz und Guotem allen Artzeten, Maleren, Weydleüten und Köchen gestelt: insonders aber denen so ein Lust habend zuo erfaren und betrachten Gottes wunderbare Werck in seinen Geschöpfften erstlich in Latin durch den hochgeleerten und natürlicher Künsten wolerfarnen Herren D. Cuonradt Gässner beschriben; yetz neüwlich aber durch D. Cuonradt Forer zuo grösserem Nutz allen Liebhaberen der Künsten in das Teütsch gebracht. Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII.
Man muss wissen, dass Gessner – bei aller angestrebten Präzision der Beobachtung – keine ausgefeilte Systematik kennt. Er unterscheidet grob im Meerwasser und im Süßwasser lebende Wassertiere. Aber man staunt, was hier alles zusammenkommt. Eine Auswahl:
Und so ist es nicht ganz verwunderlich, dass er auch den Porcus marinus bringt:
Digitalisat der SUB Göttingen > http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN472755935
Das Wesen steht in einer Reihe von Fischen, die er teils den phantasievollen Holzschnitten aus Ryffs »Thierbuch Alberti Magni« (1545), teils dem eben erst erschienenen »Historia De Gentibvs Septentrionalibvs« des Olaus Magnus (1555) entnimmt. Er erwähnt dessen Angabe des Fangdatums 1537, benennt das Tier aber um in Hyæna cetacea (Wal-Hyäne).
Gessner macht zwar einige Vorbehalte: Auf dem Bild von Olaus halte ich die einem Meertier aufgemalten Öhrchen nicht für glaubhaft. (In hac Olai icone non probo auriculas animali marino appictas.) Die Schnauze scheint mir allzu schweineartig. (Rostrum quoque nimis porcinum uidetur.) Es ist seltsam, dass auf seiner Seite drei Augen abgebildet erscheinen. (Hoc mirum quod in eius latere tres uelut oculi apparent expressi.) Aber trotz dieser Skrupel bringt er das Bild!
1565 erscheint eine bebilderte deutsche Übersetzung (teils kürzend, teils mit anderen Materialien erweiternd) der Bücher sieben bis zehn (Mensch / Vierfüßler / Fische / Vögel) von Plinius’ (ca. 23/24 – 79) »Naturalis historia«:
Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigenschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes / Als nemlich: Von den menschen / jrer Geburt / Aufferziehung / Gestalt / Wandel / Gebreuchen / Künsten / Handtierung / Leben / Kranckheit / Sterben / Begrebniß. Von den vierfüssigen Thieren […] Von den Fischen […] Von den vögeln […] Vnd von den Schlangen / kriechenden Würmern / mit sampt andern mindern Thierlin / den Eimeissen / Bienen vnd jres gleichen. […] auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Mit einem zusatz auß H. Göttlicher Schrifft, vnd den alten Lehrern der Christlichen Kirchen, so viel sie von der Thier, Fisch, Vögel vnd Würm Natur melden oder Exempels vnd gleichniß weise einführen. Sampt vil schönen kurtzweiligen Historien, auß allerley andern Scribenten, damit die Beschreibung der Natur aller vermeldten Geschöpff Gottes bezeuget, vnd als gewiß erfahren für Augen gestellt wirt […] Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565.
Der Verleger Sigmund Feyerabend (1528–1590), ein ausgebildeter Formschneider, war ein Ikonomane. Er konnte auf einen Fundus von Druckstöcken zurückgreifen, die er aus in Konkurs gegangenen Druckereien erworben hatte, und illustrierte damit oft ziemlich wahllos seine Erzeugnisse. In der Plinius-Teilausgabe verwendete er unter anderem auch die Druckstöcke der Ryff'schen Übersetzung des Albertus Magnus von 1554. Der Porcus marinus erscheint gleich zwei mal.
S. 306 wird das Bild verwendet zum Text (Plinius nat.hist. IX, iii, 7): In derselben gegend kommend Fisch auß dem Meer/ […] die fressen die Hecken vnnd Wurtzeln auffem Lande ab/ vnd ziehen alßdenn jhrem streich nach wider ins wasser. Auch sind ettliche Fische da/ unseren Schweinen/ Rossen/ Eseln vnd Ochseln gleich […].
S. 332 in die stark gerafften Passage über die Thunfische (Plinius nat. hist. X,xv) hat Ryff hat den Fisch Hausen inseriert. Über ihn heißt es lakonisch: In der Thonauw facht [fängt] man Hausen/ die sind den Meerschweinen fast durchaus gleich. Grund genug, das Bild eines Meerschweins einzufügen! Der (kleiner gedruckte) Zusatz verweis auf die deutsche Ausgabe von Gessners Fischbuch.
Während Gessner authentischem Bildmaterial nachjagt, ist das Bild des Meer-Schweins für Ryff oder seinen Verleger zum beliebigen Füllmaterial geworden, mit dem man ein Buch attraktiv machen kann.
1573 erscheint das Buch von Ambroise Paré (1510–1590), Deux livres de chirurgie, 1. De la generation de l‘homme, et maniere d‘extraire les enfans hors du ventre de la mere, ensemble ce qu‘il faut faire pour la faire mieux, et plus tost accoucher, avec la cure de plusieurs maladies qui luy peuvent survenir. 2. Des monstres tant terrestres que marins, avec leurs portrait. Plus un petit traité des plaies faites aux parties nerveuses. Par Ambroise Paré, premier Chirurgien du Roy, et juré à Paris, Paris, chez André Wechel, Avec privilege du Roy, 1573.
Paré interessiert sich als Arzt für die Ursachen monströser Erscheinungen. Er nennt dreizehn, geordnet in einer Skala von Gloire de Dieu bis zu den Dämonen und dem Teufel. Unter den vielen Monstra maritima, die er aus der Literatur kennt, bringt er S. 554 auch – als einen Fall von physiologischen Ursachen (commixtion & meslange de semence – wie immer man sich die Paarung bei den beiden vorzustellen hat) – die figure d’vne truie marine, als deren Quelle er Olaus Magnus nennt:
1577: Aus diesem Jahr stammt »Het Visboek«, ein Manuskript des biologisch interessierten holländischen Fischhändlers Adriaen Coenensz van Schilperoort (1514–1587), aufbewahrt in Den Haag, KB: KW 78 E 54
Unter allen naturgetreu wiedergegebenen Fischen finden sich auch die phantastischen Meerbewohner. »Verspreid door het hele Visboeck besteedt Coenen veel aandacht aan wonderlijke natuurverschijnselen, monsterlijke zeewezens en hun mogelijke voorspellende waarde. De afbeeldingen van zulke monsters ontleende hij vaak aan het werk van de Zweedse bisschop Olaus Magnus.« Unser Porcus Marinus steht Fol. 103 verso:
1578: Johann Fischart (1546/1547 – 1591) sammelt im 2.Teil »Von Ehgebürlichkeyten« seines Philosophischen Ehezuchtbüchlein (Erstausgabe 1578, weitere 1591, 1597) bunt allerlei Anekdoten, Exempla, Gleichnisse, Sprichwörter, die er aus drei Quellen bezieht. Eine davon sind die deutschen Übersetzungen von Conrad Gessners Tierbüchern, und hieraus eine Reihe von Meeresungeheuern des Olaus Magnus, die er munter auf sein Thema hin moralisiert. Tobias Stimmer (1539–1584) hat dazu die Bilder in neue Holzschnitte umgearbeitet.
Die Natur hat zur Beschämung der Menschen fürgestelt den grewlichen Wallfisch/ Grabwall gnant/ welcher einen Wilden Schweinskopff/ augen am bauch/ vnd Trachenfueß hat/ nicht allein viler Menschen art anzuzeigen vnnd zustraffen: sondern innsonderheit eine vnordentliche böse Haußhaltung vorzuspiegeln/ darin daß Haupt/ daß ist/ Mann vnnd Weib ein Sawkopff ist/ daß ist/ faul/ wüst/ vnflätig/ schläfferig/ grunsig/ fresig/ seuffig/ da man nicht weiter sinnt/ sorgt noch gedenckt/ dann was für den füssen ligt/ vnnd den wanst füllet: allda hat warlich der Bauch die Augen/ dieweil die Augen im Sawkopff nicht mehr sehen/ dann so vil sie der vnersettlich Säwmagen/ mit seinem Magengrummen erinnert: da gehet zwar die Haußhaltung auff Trachenfüssen/ daß ist/ lauffet zum verderben. (Blatt Miiij)
(Hier nach der Ausgabe) Das philosophisch Ehzuchtbüchlin oder Die Vernunfft gemäse Naturgescheide Ehezucht/ sampt der Kinderzucht. Auß des Berühmbsten vnnd Hocherleuchten/ Griechischen Philosophi Plutarchi/ verunfft gemäsen Ehegebotten vnnd allerley andern Anmuetigen Gleichnussen/ Sprüchwörtern/ Gesangen/ Reimen/ der Fürtrefflichen Authoren vnd Scribenten/ von allerley Nationen zusammen gelesen/ verteutschet/ vnd auff gantz lustige angeme weiß in Gesatzen vnnd Gleichnussen tractiert vnd außgeführt […] Durch Welyand den Ehrnvesten Hochgelehrten Herrn Johann Fischarten genandt Mentzer/ der Rechten Doctorn seligen auß Griechischen vnnd anderen Sprachen verteutschet/ vnd zusammen getragen. Gedruckt zu Straßburg bey B. Jobins seligen Erben 1597.
Digitalisat der Ausgabe 1591 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00033531/image_6
Literaturhinweis:
Chet Van Duzer, Sea Monsters on Medieval and Renaissance Maps, London: British Library 2013 / Seeungeheuer und Monsterfische. Sagenhafte Kreaturen auf alten Karten, Darmstadt: Zabern 2015.
Call for papers:
Aquatic Animals and Monsters of the Northern Seas (Cerisy, Normandie, 31 May - 3 June 2017) > http://mad.hypotheses.org/778
Schlusspunkt: Bailey Henderson hat den Porcus marinus in Bronze gegossen: > http://baileyhenderson.com/artwork/3669951_Porcus_Marinus.html {Zugriff 05.02.2015}
Und dann noch Andreas H. in Z.:
Es war einmal ein Meerschwein,
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