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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XX. Rede
5.
Nachdem wir mit Worten an der persönlichen Reinigung der Theologen gearbeitet haben, wollen wir nun im Vertrauen auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, denen unsere Rede gehören soll, uns kurz über Gott unterhalten. Ich will mit Salomon von mir sagen können, daß ich über Gott weder eigene Gedanken noch eigene Worte habe. Wenn nämlich Salomon erklärt: „Ich bin der törichteste von allen Menschen, und menschlicher Verstand ist nicht in mir1“, so will er sich damit keineswegs der Torheit beschuldigen. Wie soll er, der doch Weisheit, Kenntnis und Weite des Herzens, was er von Gott vor allem erfleht hatte, in einer Fülle und Menge, welche den Sand übertrifft, empfangen hatte, und der so weise war und solche Gnaden erhalten hatte, sich selbst als den allertörichtesten bezeichnen? Er will offenbar sagen, daß er seine Weisheit nicht aus sich habe, daß göttliche und vollkommene Weisheit in ihm wirke. Wenn Paulus sagte: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir2“, wollte er sich keineswegs als tot bezeichnen, sondern erklären, daß sein Leben vorzüglicher ist als das der Menge, weil er an dem wahren, von keinem Tod begrenzten Leben Anteil erhalten habe.
Wir beten den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist an, ihre Proprietäten3 unterscheidend, aber ihre Einheit in der Gottheit bekennend. Um nicht in die Krankheit des Sabellius zu fallen, verwischen wir nicht [S. 408] die Drei zu Einem. Und um nicht an dem Wahnsinn des Arius teilzunehmen, trennen wir sie nicht in drei fremde, verschiedene Wesen. Muß man denn ein Bäumchen, wenn es sich nach der verkehrten Seite hinüberneigt, gewaltsam nach der entgegengesetzten Seite wenden? Soll man die Verkrümmung durch Verkrümmung heilen? Soll man nicht vielmehr in der Mitte gerade aufrichten, um innerhalb der Grenzen des Glaubens zu bleiben?
1: Sprichw. 30, 2.
2: Gal. 2, 20.
3: ἰδιότητες.