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Wir sprechen mit Judi Fairholm, Interims-Ombudsfrau in der globalen Ombudsstelle für SOS-Kinderdorf International, über die Gründung, die Funktion und die Herausforderungen der Ombudsstelle. Sie teilt sich diese Aufgabe mit Andrew Azzopardi.
Wann und warum wurde die Ombudsstelle von SOS-Kinderdorf International gegründet?
Eine der Empfehlungen des «Unabhängigen Berichts zum Kinderschutz», der von SOS-Kinderdorf International bei der Kinderschutzorganisation «Keeping Children Safe» zum Thema Kinderschutz in Auftrag gegeben wurde, war die Einrichtung von Ombudsstellen innerhalb der internationalen Organisation von SOS-Kinderdorf. Deren Hauptziel ist es, ein sicheres Umfeld für Kinder und Jugendliche zu schaffen, wobei die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen auf allen Ebenen eine wichtige Rolle spielt.
Im Juni 2021 begannen wir mit dem Aufbau der Ombudsstellen-Struktur mit drei Pilot-Pilotprojektländern – Benin, Sierra Leone und Uruguay. Im Jahr 2023 begannen 27 weitere Projektländer mit der Umsetzung des Ombudsansatzes und 2024 werden wir mit 41 weiteren arbeiten. Offiziell haben wir unsere Arbeit im Frühjahr 2023 aufgenommen, als der Ombudsrat eingerichtet wurde.
Können Sie die Struktur der Organisation erläutern?
Das Modell der Ombudsstelle besteht aus Ombudsleuten auf globaler, kontinentaler und nationaler Ebene. Darüber hinaus dient der Ombudsrat der Ernennung, Überwachung, Beratung und Bewertung der globalen Ombudsfunktion. Es handelt sich um eine unabhängige Organisation, die ausserhalb von SOS-Kinderdorf International angesiedelt ist. Im Mittelpunkt dieses Modells stehen Kinder und Jugendliche, die Empfehlungen zu den Anforderungen an Ombudsfrauen und -männer abgegeben haben und die kontinuierlich eine aktive Rolle bei der Rekrutierung von Ombudsleuten, der Sensibilisierung und dem Austausch von Feedback spielen.
Können Sie die Arbeit der Ombudsstelle konkret beschreiben?
Unsere Arbeit basiert auf Förderung, Prävention, Beteiligung und Schutz.
Förderung bedeutet Aufmerksamkeit zu schaffen. Programme zur Stärkung von Familien sind in dieser Hinsicht herausfordernder als SOS-Kinderdörfer, weil sie sich weiter ausdehnen und vielfältiger sind. Daher ist es komplizierter, das Bewusstsein zu schärfen, was entscheidend ist, damit Kinder und Jugendliche die Ombudsstelle kennen und sich bei Bedarf an sie wenden können.
Bei den Pilot-Ombudsstellen in Sierra Leone, Benin und Uruguay bestand das Hauptbedürfnis der Kinder darin, dass sie jemanden brauchen, dem sie vertrauen können. Und es dauert lange, bis Kinder Vertrauen fassen, vor allem wenn sie traumatisiert sind. Ein Beispiel aus der Praxis: In einem der Pilotländer machte sich ein Junge Sorgen um seine Schwestern und brauchte Hilfe. In einem anderen Fall wurden die Haare eines Kindes als zu lang empfunden, um in die Schule zu gehen. In solchen Fällen zuzuhören und zu helfen, ist sehr wichtig, um Vertrauen aufzubauen.
Bei der Einrichtung einer nationalen Ombudsstelle werden Vertreter:innen der Kinder und der Mitarbeitenden benötigt. Diese Vertreter:innen werden geschult und haben drei Hauptaufgaben:
- die Ombudsstelle durch Sensibilisierung bekannt machen – sie werden zu Multiplikatoren,
- Kinder und Jugendliche mit den Ombudsleuten in Verbindung bringen,
- sie beobachten die Kenntnis der Ombudsstelle und den Zugang zu ihr.
In welcher Form besteht Kontakt zu den nationalen und regionalen Mitarbeitenden und Verantwortlichen von SOS-Kinderdorf?
Die nationalen Ombudsverantwortlichen arbeiten sehr eng mit den Mitarbeitenden zusammen. Vertrauensvolle Beziehungen sind entscheidend, um Lösungen zu finden, daher ist ihre Rolle sehr wichtig und kompliziert. Sie sind auf gute, freundliche Verhältnisse angewiesen, benötigen aber gleichzeitig völlige Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. Ihre Loyalität besteht darin, ein sicheres Umfeld zu unterstützen, Lösungen zu finden, vertrauensvolle Strukturen zu schaffen, die für Kinder und Jugendliche funktionieren, und verfügbar zu sein.
In welchen Fällen können sich Kinder und Jugendliche an ihre jeweilige nationale Ombudsstelle wenden?
In allen Fällen. Bei der Ombudsstelle geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Im Allgemeinen ist sie dazu da, Situationen, in denen Kindern Schaden zugefügt wird, zu lindern und darauf zu reagieren. Dazu gehören körperlicher, emotionaler und sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und alle Arten von Online-Missbrauch. Der Ombudsmann oder die Ombudsfrau hat aber auch ein offenes Ohr für die täglichen Sorgen und Nöte, denn dies ist der erste Schritt zum Aufbau von Vertrauen. In dem Mass, in dem Kinder und Jugendliche Vertrauen fassen, werden sie in der Lage sein, auch über schwierige, sensible Situationen zu sprechen. Sie müssen sich sicher fühlen, wenn sie um Hilfe bitten.
Können Sie die vier Grundsätze der Ombudsstelle erklären und wie sie in der Praxis umgesetzt werden?
Diese sind Vertraulichkeit (striktes Vertrauen in das, was der Ombudsstelle mitgeteilt wird), Unparteilichkeit (neutrale Ressource für Programmteilnehmende, Gemeindemitglieder und Mitarbeitende), Unabhängigkeit (die Ombudsstelle hat eine eigene Struktur, Verwaltung, Funktion und ein eigenes Erscheinungsbild) und Informalität.
Von besonderer Bedeutung ist der Grundsatz der Vertraulichkeit. Ombudsleute sind sich dessen sehr bewusst. Wenn junge Menschen sich an eine:n Ombudsverantwortliche:n wenden, wird diese Vertraulichkeit immer ausdrücklich betont. Der junge Mensch kann die Erlaubnis erteilen, mit einer anderen Person zu sprechen, aber es gibt drei weitere Ausnahmen, wenn die Ombudsstelle den Kreis der Vertraulichkeit erweitern muss: Wenn ein Gesetz gebrochen wurde, wenn der junge Mensch in Gefahr ist oder wenn eine andere Person gefährdet ist. Wenn eine dieser Situationen eintritt, müssen andere helfende Personen informiert werden. Der junge Mensch wird immer über die nächsten Schritte informiert. Es wird keine Überraschungen geben. Dieses Versprechen ist Teil des Grundsatzes der Vertraulichkeit.
Wie wird die Unabhängigkeit der Ombudsstelle gewährleistet?
Dies war eine immer wiederkehrende und berechtigte Frage der Projektländer von SOS-Kinderdorf. Obwohl die Ombudsstelle völlig unabhängig von den Verwaltungsfunktionen von SOS-Kinderdorf International ist, wird sie von SOS-Kinderdorf International finanziert. Der Haushalt wird jedoch von der Ombudsstelle nach Genehmigung durch den Ombudsrat festgelegt und überwacht. Der Ombudsrat hat Zugang zum Senat und legt jährlich einen Bericht über die Aktivitäten und Ergebnisse der Ombudsstelle vor.
Werden Kinder und Jugendliche einbezogen? Wenn ja, wie?
Kinder und Jugendliche, die von Gleichaltrigen ausgewählt wurden, waren von Anfang an beteiligt – als Beratende, Helfende bei der Erfüllung von Anforderungen, Beobachtende und Teilnehmende. Alle Kinder und Jugendlichen sind beteiligt, da die Ombudsstelle von ihnen für sie eingerichtet wurde. Sie sind die Anfragenden.
Wie baut die Ombudsstelle Vertrauen auf, damit sich Kinder und Jugendliche an sie wenden?
Es muss Anlaufstellen geben, denen die Kinder und Jugendlichen vertrauen und die sie nutzen können. Wenn sie von der Ombudsstelle wissen, ist die wichtigste Folgefrage: Wie kann man mit den Ombudsleuten in Kontakt treten? Wir wissen aus Erfahrung und aus den Aussagen der Kinder, dass sie den persönlichen Kontakt bevorzugen, damit sie sehen können, mit wem sie sprechen. Je nach Land, Kontext und Anzahl der Projekte kann dies eine grosse Herausforderung sein. Einige der Programmteilnehmenden leben in abgelegenen Gebieten. In diesem Fall sind Telefone und Computer eine Alternative. In den SOS-Kinderdörfern sind private Computer, die man unbeobachtet benutzen kann, eine grosse Herausforderung. In den Familienstärkungsprogrammen haben viele Familien keine Computer. Was funktioniert und welche Lösungen umgesetzt werden können, ist von Projektland zu Projektland unterschiedlich.
Abgesehen von diesen Kontaktpunkten sind die in den Projekten vorhandenen Komponenten für die Beteiligung und den Schutz von Kindern ein guter Ausgangspunkt für die Zusammenarbeit und ein entscheidender Faktor für die Einrichtung nationaler Ombudsstellen. Ausserdem ist es wichtig, dass Mütter, Tanten, Koordinatoren und Freiwillige den Ombudsleuten vertrauen und sie kennen. Vertrauen ist der entscheidende Baustein dafür, dass die Ombudsleute auf allen Ebenen arbeiten können.