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Die ersten Käufe von Waldgebieten an der Gotthardlinie wurden 1875 durchgeführt, also noch während der Bauphase. Zur Sicherung des Betriebes erwarb die Gotthardbahn laufend neue Waldstücke und Wiesen, wobei letztere gezielt aufgeforstet wurden. Das grösste Waldgebiet war und ist dabei der Wald an der Rigi-Nordlehne, oberhalb der Bahnstrecke Immensee – Arth-Goldau im Kanton Schwyz. Aber auch in den Kantonen Uri und Tessin wurden entlang der Strecke Waldparzellen angekauft.
Beim Rückkauf der Gotthardbahn durch den Bund im Jahr 1909 gingen auch die Wälder der Gotthardbahn in den Besitz der SBB über. Dabei wurde der Ertragswert der bereits erworbenen und noch zu erwerbenden Wälder im Kanton Schwyz (mit einer Gesamtfläche von 396.71 ha) mit nur 164'330 Franken beziffert, obwohl die Bahn für deren Ankauf das Fünffache dieser Summe bezahlt hatte! Wo lag also für die Gotthardbahn der Wert dieser Wälder, und wieso führte die SBB deren Pflege weiter?
Die Bahnwälder, welche oftmals oberhalb der Bahnstrecke liegen, sind aus zwei Perspektiven zu betrachten: Einerseits bietet der Wald einen natürlichen Schutz vor Lawinen, Steinschlägen und Murgängen, welche die Sicherheit der Bahn bedrohen. Andererseits muss dieser Wald auch bewirtschaftet werden und beim Abführen des geschlagenen Holzes, dem sogenannten Reisten, können Schäden entstehen oder der Bahnbetrieb bedroht werden. Ist der Wald nicht im Besitz der Bahngesellschaft, so müssen zum Schutz der Strecke zusätzliche Schutzbauten wie Dämme und Mauern oder Transportmittel wie Seilriesen erstellt werden.
Ab 1886 wurde zudem die Bewirtschaftung von Wäldern an der Gotthardstrecke, die nicht der Bahn gehörten, durch die eidgenössische Bahnverwaltung eingeschränkt. Kann nun durch bauliche Massnahmen der Schutz der Strecke nicht gewährleistet werden, oder würden die Entschädigungszahlungen aufgrund der Beeinträchtigung der Waldbewirtschaftung zu hoch anfallen, so macht es für die Bahngesellschaft Sinn, den Wald zu kaufen und sich selbst um dessen Bewirtschaftung zu kümmern.
Zu diesem Zweck stellte die Gotthardbahn 1899 mit Franz Xaver Burri einen eigenen Forstinspektor an und legte somit den Grundstein für den Eisenbahn-Forstdienst. Den Nutzen – respektive die Nutzung durch die Bahn – benennt Burri in einem 1911 gehaltenen Vortrag wie folgt:
«Wer mit dem Gotthard-Schnellzug nach Lugano reist, der freut sich über die schöne Fahrt und die herrliche Landschaft und fühlt sich wohlig und sicher im bequemen Coupé; meist aber ahnt er nicht, mit welch konstanter Aufmerksamkeit und Umsicht die Bahn gehütet werden muss, und mit welch weitgreifenden und kostspieligen Werken die Bahnverwaltung an den steilen Lehnen bis hinauf in weite Höhen den zerstörenden Einflüssen des Gebirges Widerstand leistet, indem sie die Natur selbst zu Hilfe ruft und ihre schützenden Kräfte in den Dienst der menschlichen Wohlfahrt stellt.»
Burri, seines Zeichens Absolvent des forstwissenschaftlichen Studiengangs an der ETH Zürich sowie auch Schwiegersohn des Direktors der Gotthardbahn, leitete den Forstdienst bis ins Jahr 1935.
In dieser Zeit kümmerte sich Burri um die verschiedensten Aufgaben, vom Ankauf von weiteren Waldungen über die Regelung der Holzerei sowie die Planung und Anlage von Lawinenschutzbauten, Bachverbauungen und Wiederaufforstungen bis zur Erstellung eines Wirtschaftsplans für die Bahnwälder.
Letzterer, laut Oberingenieur der Generaldirektion auch mit viel Liebe und Sorgfalt erstellt, ist äusserst detailliert und beschreibt die einzelnen Waldungen und ihre Besonderheiten, vorkommende Flora und Fauna sowie auch Geschichte und Nutzungsmöglichkeiten ausführlich.
Nun zeigt sich die Hauptnutzung der Wälder im Schutz der Bahn, doch auch im Bahnwald wird Holz geschlagen und verwertet, beispielsweise konnte in den 1980ern direkt beim Forstdienst Brennholz bezogen werden.
Um die Schutzwirkung stets gewährleisten zu können, wird dabei aber zurückhaltend vorgegangen, was auch den vergleichsweise geringen Ertragswert erklärt. Zur Bewirtschaftung des Waldes gehört zudem die Erschliessung durch Weganlagen und Hütten sowie das Heranziehen des Nachwuchses im Pflanzgarten um den Baumbestand gesund zu halten und bei der Aufforstung zu helfen.
1909 erhielt die SBB durch den Rückkauf der Gotthardbahn die besagten Waldungen wie auch die Dienste des Forstinspektors. Dabei waren nicht mehr nur die Wälder der Gotthardbahn zu bewirtschaften, sondern auch alle anderen Waldgebiete im Besitz der SBB. Zu diesem Zweck wurde dem Forstinspektor des Kreises II (Gebiet der ehemaligen Gotthardbahn) 1939 die Verantwortung über sämtliche Waldungen der SBB übertragen. Burri selbst war 1935 im Alter von 71 Jahren in Pension gegangen.
Danach gab es nur noch drei weitere Männer, die sich SBB-Forstinspektor nennen konnten. Es waren dies Frank Schädelin, Alfred Schwab und Max Kläy, welche alle die Arbeit des Forstdienstes durch ihren langjährigen Dienst stark prägten. Seit der Bahnreform 1998 und der Umstrukturierung der SBB in eine spezialrechtliche Aktiengesellschaft werden die Aufgaben des ehemaligen Forstdienstes heute durch Anlagenmanagement Natur und Naturgefahren ausgeübt.
Dieser Blog wurde begleitend zur Führung «Schutzbauten am Gotthard» vom Donnerstag, 28. April 2022, verfasst.