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Back in the 90s gehörten sie in jedes Gesicht. Jede wollte sie: hauchzarte, bleistiftdünne Bögen aka Augenbrauen. Was heute ein absolutes No-Go ist, war zu Beginn der 1990er Jahre ein Must-Have.
Die exzessive Zupferei wurde von keinem geringeren als dem Über-Make-up Artisten Kevyn Aucoin [Ō-kwä gesprochen] losgetreten.
Die Geschichte geht so: Zusammen mit Isaac Mizrahi, Freund und Designer, entschied Aucoin, dass alle “seine” Models diesen bestimmten, von Carole Lombard inspirierten Look haben sollten. Als eine der ersten erhielt Kate Moss den Look verpasst. Das Topmodel erinnert sich noch genau an diesen Moment: Kevyn Aucoin habe mit seiner grossen Hand ihr Gesicht gehalten und ihr wie zufällig alle ihre Augenbrauen gezupft. Obschon sie auf den ersten Blick nicht wirklich begeistert war, versicherte er ihr, dass alles gut aussehen würde. Und er sollte Recht behalten. Auf Moss folgte Cindy Crawford, Naomi Campbell, Christy Turlington und Linda Evangelista – der ganze Supermodel Tribe der frühen 1990er Jahre. Ein weltweiter Beauty-Trend war geboren.
Im kürzlich erschienenen Dokumentarfilm von Tiffany Bartok “Larger than Life: The Kevyn Aucoin Story” wird diese Geschichte zusammen mit vielen anderen erzählt.
Der Film porträtiert Aucoins opulentes, wundervolles und kompliziertes Leben und führt durch die Geschichte seiner bahnbrechenden Karriere und das inspirierende Erbe, das er hinterlassen hat.
Aucoin wurde 1962 geboren und wuchs in Lafayette, Louisiana auf, bei Isidore Adrian Aucoin und Thelma Suzanne Melancon, die ihn als Säugling adoptiert hatten.
Bereits im Alter von 6 Jahren erkannte Aucoin, dass er schwul ist. Die Eltern waren darüber gar nicht glücklich und leugneten zunächst die aufkommende sexuelle Orientierung ihres Sohnes. In der Schule hatte Aucoin täglich mit Schlägen und Beleidigungen zu kämpfen. Die Schikanen gingen in der High School weiter und führten schliesslich dazu, dass Aucoin die Schule verliess. Rückblickend sagt er, dass er sehr stolz auf sich ist und war, sich trotz der Schläge und Schikanen immer treu geblieben zu sein – niemals hätte er sich verstellt; niemals hätte er vorgegeben, jemand anderes zu sein.
Zu diesem “Sich-selber-treu-bleiben” zählte auch seine Liebe zu Make-up. Bereits in seiner Kindheit interessierte er sich für Make-up und schminkte schon mit elf Jahren seine jüngere Schwester. Inspiration dazu holte er sich aus der Vogue, die für ihn das Tor zu einer magischen, ihm unbekannten Welt war. Mit 17 schrieb er sich in der Kosmetikschule ein.
Nach seinem Umzug nach New York und einigen, wenig lukrativen Aufträgen bei kleinen Modemagazinen, gelang ihm 1984 schliesslich bei Revlon der Durchbruch.
1984 stellte Revlon Aucoin im Alter von 22 Jahren als Creative Director für ihre prestigeträchtige Kosmetiklinie The Nakeds ein. Die Linie setzte einen starken Kontrapunkt zu den damals erhältlichen Kosmetika. Zu dieser Zeit gab es vor allem Make-up-Linien für ‘weisse Frauen’ und andere für ‘schwarze Frauen’, weitere Töne existierten praktisch nicht. Aucoin änderte dies, indem er daran arbeitete, Make-up für alle Hauttöne zu entwerfen. Darüber hinaus zielte The Nakeds auf eine radikal andere Ästhetik als die Norm der damaligen Zeit: Foundations, die anstelle von Rosa oder Pfirsich einen gelben Unterton enthielten; braunbasierte Lidschatten, Lippenstift und Rouges; es dominierten neutrale Töne, die frei von Pastell- oder Glitzerfarben waren.
Diese Nude-Looks kommen uns irgendwie bekannt vor, nicht? Genau, Kim Kardashian und Co. lassen grüssen. Apropos Kim Kardashian: Wusstet ihr, dass Kevyn Aucoin himself das Contouring und Highlighting in die Beauty-Branche gebracht hatte? Das Gesicht war für ihn eine Leinwand, die es zu bearbeiten galt. Hinter all seinen Make-up-Visionen stand immer die Idee, die Frauen zu stärken und lediglich ihre natürliche Schönheit zu unterstreichen, statt sie mit Produktlagen zu bedecken.
Nur wenige Jahre später erreichte seine Karriere noch einmal ein ganz anderes Level, als er 1986 Cindy Crawford für das Vogue-Cover schminkte. Der Look war neu und aussergewöhnlich und brachte ihm in den darauffolgenden Jahren weitere neun Vogue-Cover und sieben Cosmopolitan-Cover ein. An der Spitze seiner Karriere war er oft Monate im Voraus ausgebucht und konnte bis zu 6.000 Dollar für eine Make-up-Sitzung verlangen.
Der Film von Tiffany Bartok beleuchtet auch Aucoins Rolle als früher LGBTQ-Aktivist, der darum kämpft, als junger schwuler Mann in seiner Heimatstadt Lafayette, Louisiana, frei und selbstbestimmt zu leben, eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft zu führen und eine eigene Familie zu gründen. Leider erkrankte Kevyn an einer seltenen Tumorerkrankung und starb viel zu früh 2002 mit nur 40 Jahren.
“Larger Than Life” präsentiert einen liebevollen, lebenslustigen und unglaublich inspirierenden Menschen, dessen Einfluss auf die Modewelt bis heute spürbar ist.