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Alle Madagassen kennen den Namen Tsiroanomandidy. Selber dort gewesen sind die allerwenigsten. Doch als Zentrum des Viehhandels ist die Stadt in ganz Madagaskar bekannt.
Der Name der Stadt bedeutet ‘hier regiert nur einer’ und geht 200 Jahre zurück, als in einer Entscheidungsschlacht die Hochland-Merina gegen die Küsten-Sakalava gewannen. Damit dehnte sich das Merinagebiet von Antananarivo bis in die Steppengebiete des Westens aus. Es entstand Tsiroanomandidy als Grenzstadt, Aussenposten und Pfeiler der Hochlandkultur.
Natürlich setzte sich auch die katholische Kirche fest und Tsiro wurde gar Bischofssitz. Die Kathedrale dazu erschien immer wie ein zu grosser Kittel auf schmächtigem Körper. Die Stadt hatte ein paar Tausend Einwohner, meist arme Zuzügler aus dem Hochland auf der Suche nach Glück und Reichtum.
Doch das Hinterland war reich: trotz Trockenzeiten und karger Weide fanden Viehherden immer Futter. Tsiroanomandidy wurde zu einem der drei wichtigsten Viehmärkte. Die Stadt wuchs und wurde gar zur Hauptstadt der Region Bongolava. Der Boom der letzten 10 oder 20 Jahren hat die Stadt verändert. Ganze Quartiere sind entstanden, mehrstöckige Häuser und plötzlich erscheint die Kathedrale nicht mehr unangebracht gross. Trotzdem ist Tsiroanomandidy Grenzstadt geblieben. Und Sackgasse: die Piste nach Maintirano wird nur von wenigen risikofreudigen Taxi-Brousse-Fahrern bedient.
Die gravierende Unsicherheit der wenig besiedelten Westgebiete macht sich auch im Bongolava breit. Es zirkulieren zuviele Waffen, es gibt zuviele Käufer für gestohlenes Vieh. Nur wenige wagen sich hinaus in die Prärien voll wogendem strohblondem Gras. Nur die Viehhirten harren mit ihren Herden aus, stets in Angst vor Diebesbanden.
Die Region wird von Flüssen durchzogen, hat aber wenig Gewinn davon. Hingegen existieren ein paar Gunstzonen, wo arbeitssame Bauern Reis, Maniok und Mais anpflanzen. Reis ist gar so wichtig, dass im Wappen der Region Bongolava zwei Reishalme gleichwertig neben zwei Zebuköpfen stehen.
Tsiroanomandidy ist seltsam auf sich selbst konzentriert. Besucher werden zwar bemerkt, aber in Ruhe gelassen. Leben und leben lassen, scheint die Devise zu sein.