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Das Wetter in Europa wird vor allem durch die Westwind-Zone beeinflusst. Charakteristisch sind also Westwinde, die vom Atlantik her immer wieder wechselndes Wetter mit sich bringen. Auf Regenschauer folgt trockenes Wetter mit Sonnenschein und unterschiedlich starken Westwinden. Für diese Wetterlagen ist das Zusammenspiel von Island-Tief und Azoren-Hoch massgebend.
Sucht man nun nach dem Regen- oder dem Sonnenschirm als Schutz vor diesen unterschiedlichen Wettereinflüssen, muss man in unseren Breitengraden bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen. Wahrscheinlich sind sie durch die Kolonialmächte Grossbritannien und Frankreich eingeführt worden. Die ersten tragbaren «Regendächer» tauchten denn auch in den Grossstädten Paris und London auf und waren für die Allgemeinheit bestimmt.
Nichts für den Mann?
Erstaunlich ist, dass in dieser Zeit ein Vorurteil entstand, das bis heute noch nicht ganz ausgerottet ist. Es hiess: «Mann und Regenschirm – niemals». Lieber wird «Mann» nass bis auf die Haut, als dass er einen Regenschirm aufspannen würde. Der Regenschirm wurde zu einem Reizthema. Er war «etwas Weibisches», und in Frankreich wurden männliche Schirmträger sogar als «petites maîtresses» verspottet.
Im 19. Jahrhundert widmete der schottische Schriftsteller Robert Louis Stevenson dem Schirm eine eigene Philosophie, die «philosophy of umbrella». Das Ergebnis war vernichtend. Er schrieb: «Männer, die so etwas tragen, müssen hypochondrisch (selbstquälerisch) veranlagt sein. Es sind Narren, Gimpel, die jeder neuen Modeströmung hinterherrennen.»
Schirme als Zeichen von Armut
Wie kam es zu diesem fast unglaublichen Wertewandel beim Schirm? Vermutlich liegt der Grund darin, dass sich damals die reichen und angesehenen Leute in Sänften und Kutschen durch die Strassen transportieren liessen. Einen Schirm brauchte es dazu nicht, die Überdachung war gegeben. Der einfache Bürger fing an, auf den Parapluie zu verzichten, weil sonst seine Umgebung meinen könnte, dass er sich eine Kutsche nicht leisten könne.
So benützten nur noch die gesellschaftlich Minderbemittelten einen Schirm, um sich und ihre spärlichen Kleider vor dem Regen zu schützen, was ihnen aber den Spott der wohlhabenden Schicht einbrachte.
Zum Schutz vor der Sonne
Eine richtige Renaissance erlebte der Schirm, als Anfang des 20. Jahrhunderts der Parasol, der Sonnenschirm, aufkam. In der gehobenen Gesellschaft durfte die feine und blasse Haut der vornehmen Dame nicht durch die Sonnenstrahlen rot oder braun werden. Um diesem Modediktat zu folgen, wurde der Parapluie durch den Parasol ersetzt. Der Sonnenschirm sollte aber auch zur Garderobe der Damen passen, und deshalb wurden dafür die buntesten, schönsten und kostbarsten Stoffe verwendet.
Gab es noch andere Anwendungsmöglichkeiten? Oh ja, man konnte mit dem «Pärisou» auch flirten oder einen zudringlichen Verehrer mit einem energischen Auf- und Zuklappen des Schirms abweisen!! Der französische Schirmmacher René-Marie Cazal drückte das einmal sehr poetisch aus: «Der Schirm verleiht dem weiblichen Gesicht weichere Züge. Er belebt den Teint und umspielt das Gesicht mit wunderhübschen Lichtreflexionen. Unter seiner rosa- oder azurfarbenen Kuppel keimen das Gefühl und die Leidenschaft.» Der deutsche Maler Franz Carl Spitzweg liess sich für eines seiner Werke ebenfalls durch einen Regenschirm inspirieren. Sein Bild «Der arme Poet» ist berühmt und zeigt den Dichter in einer kleinen, kalten Mansarde, in die es anscheinend hineinregnet. Ein aufgespannter Schirm soll ihn vor der Nässe schützen.
Schirm mit Geheimfächern
Im späten 19. Jahrhundert wurde der Griff des Schirms zum Geheimfach. Für die Herren liess sich da eine Taschenlampe oder ein Zigarettenanzünder einbauen. Für die Damen gab es Platz für ein Puderdöschen, ein Parfümfläschchen oder geheime Liebesbriefe. In Deutschland entstand eine eigentliche Schirmindustrie, die in den besten Zeiten bis zu 70 Prozent des Weltmarkts abdeckte. Übrig geblieben ist heute nur noch die bekannte Marke Knirps, der erste Schirm, der sich auf Knopfdruck automatisch entfaltete.
Erinnerungen an die Glanzzeiten von «Pärisou» und Parapluie findet man noch in Kinos oder in Museen. In alten Filmen wie «Mary Popins», «Irma la Douce» oder «Singing in the Rain» lebt die Stimmung vergangener Schirmzeiten wieder auf. Und wer erinnert sich nicht an «Krimis» wie «Mit Schirm, Charme und Melone» oder «Hiram Holiday», in denen der Schirm immer eine wichtige, siegbringende oder beherrschende Rolle spielte.
Technisches Wunderding
Der Parasol und der Parapluie haben also eine reichhaltige 5000-jährige Kulturgeschichte hinter sich, und es gäbe noch vieles mehr zu erzählen. Vor diesem Hintergrund verdient das technische Wunderding eigentlich nicht, dass es heute zu den am meisten liegen gelassenen oder verloren gegangenen Gegenständen gehört, um die sich kaum jemand mehr kümmert. Man müsste dieser genialen Erfindung wieder mehr Respekt entgegenbringen…!
Mario Slongo ist ehemaliger DRS-Wetterfrosch. Einmal im Monat erklärt er in den FN spannende Naturphänomene. Weitere Beiträge unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Wetterfrosch».