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Die Migration, verstanden als «historische Normalität»1, und die damit einhergehende Verstrickung der Schweiz in das koloniale Projekt sind Themen, die zunehmend in den Blick der historischen Forschung gerückt sind. Oftmals liegt der Fokus aber auf der langfristigen Siedlungsauswanderung, daher sind denn auch in geographischer Hinsicht Nord- und Südamerika als Zielregionen überrepräsentiert. In seinem Dissertationsprojekt begreift PHILIPP KRAUER (Zürich) auch deshalb die Schweizer Söldnermigration nach Niederländisch-Indien (heute Indonesien) zwischen 1848 und 1914 als «life cycle migration»: Die Söldner flüchteten vor der Armut in die fremden Dienste und erhofften sich mit Sold und Pensionen zurück in der Schweiz ein geregeltes Einkommen und den sozialen Aufstieg. Inwiefern dieser Ansatz in der Gegenwart noch praktiziert wird, untersucht die Ethnologin OLIVIA KILLIAS (Amsterdam) an postkolonialen Migrationsregimes in Indonesien. In ihrer Forschung begleitete sie Frauen aus einem Dorf auf der Insel Java auf ihrer Reise nach Malaysia, wo sie sich als Haushaltshilfen verdingten – in der Hoffnung, Geld zu sparen und in die Heimat zu tragen. Das Panel vereinte die beiden Projekte, die zwar zeitlich unterschiedlich angelegt sind, thematisch jedoch zahlreiche Berührungspunkte aufweisen.
Philipp Krauer erläuterte in sein Referat einleitend, dass durch den Dienst in der holländischen Kolonialarmee rund 5'800 Schweizer zwischen der Gründung des Schweizer Bundesstaates bis zum Ersten Weltkrieg versuchten, ihrer ökonomischen Situation in der Schweiz zu entfliehen. Sie verstanden sich demnach – in modernem Sinne – als «life cycle migrants», die in diesem begrenzten Lebensabschnitt eine Periode der finanziellen Unsicherheit überbrücken wollten, um danach wieder in die Schweiz zurückzukehren, so Krauers These. Die Niederlande waren angewiesen auf die Schweizer Söldner, weil sie selbst zu wenig Personal rekrutieren konnten, um die von Gewalt geprägte Expansion voranzutreiben. Zeitweise hätten Schweizer Söldner bis zu zehn Prozent des europäischen Truppenkontingents der holländischen Kolonialarmee gestellt. Die Warnungen des Schweizer Konsuls auf Java, die meisten Söldner würden ihren Dienst bereuen, begrenzten den Zustrom von Schweizern denn auch nur kurzfristig, zu lukrativ waren die Verdienste.
Dass Tausende in die niederländischen Dienste eintreten konnten, lag auch an den Schweizer Gemeinden und Kantonen. Viele subventionierten die Auswanderung ab den 1840er Jahren. Sie sahen die Auswanderung als willkommenes Mittel, sich unliebsamer Bürger – Heimatloser, psychisch Kranker, Gebrechlicher, Armer – zu entledigen. Der Solddienst war eine günstige Alternative zur zivilen Migration, und sie bot einen weiteren entscheidenden Vorteil: Jene Söldner, die zurückkehrten und regelmässig durch Pensionen ein Einkommen generierten, fielen den Gemeinden weniger zur Last.
Die Motivationen der Söldner ihrerseits seien vielfältig gewesen: Abenteuerlust, Liebeskummer, Flucht vor der Justiz, Aussicht auf ein geregeltes Einkommen und sozialer Aufstieg. Exemplarisch für die letzten beiden Gründe, die laut Krauer die wichtigsten Motive bildeten, steht Carl August Haab, ein arbeitsloser Buchbinder, der 1859 in die niederländische Kolonialarmee eintrat, zurück in der Schweiz eine Anstellung fand und wenig später mit seinem Ersparten eine eigene Fabrik gründete. Entscheidend ist aber, wie Krauer ausführte, dass wohl die Ärmsten einen Weg wie Haab nicht einschlagen konnten, da sie für den Eintritt in die Kolonialarmee oftmals die physischen Aufnahmekriterien nicht erfüllten.
Krauers Forschung zeigt, dass das koloniale Projekt nie rein national war, sondern auf Expertise und Ressourcen anderer Akteure, auch Schweizer Söldner, angewiesen war. Sie trugen also ihren Teil dazu bei, das niederländische Imperium zu stützen. Daneben profitierten Schweizer Gemeinden und Kantone, aber auch ganze Familien von den kolonialen Geldflüssen.
Das niederländische Kolonialreich prägte auch die Arbeitssituation der Bewohnerinnen und Bewohner eines javanischen Dorfes, das die Ethnologin Olivia Killias in ihrer Feldforschung zwischen 2006 und 2016 untersuchte. Seit der Kolonialzeit war nämlich eine lokale Teeplantage ein wichtiger Arbeitgeber für die dortige Bevölkerung. Seit der Teekrise Ende der 1990er Jahre sanken jedoch die Löhne, worauf die klassische «Frauenarbeit» auf der Teeplantage der «Männerarbeit» in Kautschukplantagen weichen musste. Der Verdienst der Teepflückerinnen sei derart gesunken, führte Killias aus, dass viele in der Hausarbeit im Ausland eine Alternative sahen. Killias wies darauf hin, dass die transnationale Arbeitsmigration in Indonesien fast ausschliesslich ein weibliches Phänomen ist: Vor der Heirat migrierten die Frauen oft innerhalb des Landes, nach der Geburt des ersten Kindes würden sie ins Ausland gehen.
Dieses Migrationsregime steuern staatliche, profitorientierte Agenturen. Sie sorgen dafür, dass pro Jahr 100'000 indonesische Frauen ihre Arbeit im Ausland, hauptsächlich als Haushälterinnen, aufnehmen können. Diese Vertragsarbeit erinnert laut Killias stark an «indentured labour» aus der Kolonialzeit: Die Kontrakte seien begrenzt, das Visum an den Arbeitgeber gebunden, die Frauen lebten bei der Familie und eine Auswahl der Arbeitgeber sei nicht vorgesehen, ebenso wenig ein Wechsel der Familie. Oftmals erhielten die Frauen im ersten halben Jahr keinen Lohn, weil sie zuerst ihre Schulden – die Reise- und Organisationskosten – durch die Arbeit abzahlen müssen, nannte Killias als wichtigste Parallele zum kolonialen Konzept der «indentured labour». Es gäbe aber auch Unterschiede: Die Rückkehr der Frauen sei zwingend vorgesehen und werde bereits bei der Ankunft geplant. Interessant ist denn auch die Definition von «Erfolg», wie ihn die Arbeitsmigrantinnen selber erklären. «Erfolg ist, den Arbeitsvertrag bis zum Schluss einzuhalten», zitiert Killias eine Arbeiterin. Danach folge die eigene Gesundheit, die der Familie und erst an vierter Stelle folge das gesparte Geld, das sie investieren können.
Obwohl die Arbeit der indonesischen Frauen gemeinhin als «Aufopferung für das Land» zelebriert wird, stösst die Migrationspolitik der Regierung auch auf Protest, etwa wenn Übergriffe auf Haushälterinnen bekannt werden. Auch der Staat selbst schränkt die Arbeitsexport-Politik zunehmend ein, mit dem Ziel, die «qualifizierte Migration» zu fördern. Indonesien soll nicht mit «ungebildeten Hausarbeiterinnen» in Verbindung gebracht werden. Trotzdem würden viele Hausarbeiterinnen nach der Rückkehr erneut ins Ausland aufbrechen. Sie begreifen die Arbeit auch als eine Art «life cycle», so Killias.
Beide Ansätze – das vorgestellte historische sowie das gegenwärtigen Migrationsregime – zeigten deutlich die transnationalen Auswirkungen des niederländischen Kolonialreiches, fasste ROBERT KRAMM zusammen. In beiden Fällen ist eine funktionierende Bürokratie zur Abwicklung zentral. Zudem stünden sowohl die Eidgenossenschaft im langen 19. Jahrhundert wie auch das heutige Indonesien der Arbeitsmigration ambivalent gegenüber: Einerseits warnten sie davor oder versuchten einen Umbau des Systems, andererseits waren und sind ihnen die «imperialen Finanzspritzen» willkommen. Kramm sieht noch weitere Forschungsfragen, die vertieft werden könnten: Inwiefern trugen Schweizer Söldner ihre kolonialen Erfahrungen und Gewalterlebnisse mit in die Heimat? Und wie erleben indonesische Hausarbeiterinnen konkret ihren Alltag in der Fremde? Fest steht, so Kramm abschliessend, dass die Verflechtung und der Austausch zeigten, wie die vermeintlich klar umrissenen Grenzen der Arbeitswelt verschleiert werden.
Panelübersicht:
Krauer, Philipp: Flucht vor der Armut – Schweizer Söldnermigration nach niederländisch Indien, 1848-1914
Killias, Olivia: Armut exportieren – postkoloniale Migrationsregime des gegenwärtigen Indonesiens
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen