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Man findet sie auf den Strassen von Berlin, Wien, Budapest oder Madrid. Und in hunderten anderen Städten: die «Stolpersteine». Goldene Messing-Gedenktafeln, ungefähr so gross wie ein Pflasterstein. Jeder einzelne erinnert an ein Opfer des Nationalsozialismus. Nun sollen auch in der Schweiz vermehrt Stolpersteine auftauchen.
Das Loch im Trottoir vor dem Haus Nummer 39 an der Clausiusstrasse im Stadtzürcher Uniquartier ist schon bereit – in wenigen Minuten wird hier der erste Zürcher Stolperstein einbetoniert. Roman Rosenstein, der 71-jährige Initiant des Schweizer Stolperstein-Projekts, hält den Stein in der Hand und liest die Inschrift auf der goldenen Messingtafel: «Hier wohnte Lea Berr, geborene Bernheim, Jahrgang 1915.»
Keine Erinnerungs-Weltmeister
Die Tochter einer jüdischen Zürcher Familie wohnte hier, bevor sie einen Franzosen heiratete. Durch diese Heirat verlor sie ihre Schweizer Staatsbürgerschaft, so wie damals alle Schweizerinnen, wenn sie einen Ausländer heirateten.
Als Berr 1944 in Frankreich von der Gestapo verhaftet wurde, setzte sich die Schweiz trotz Bitten der Eltern nicht für sie ein – weil sie offiziell keine Schweizerin mehr war. Das Todesurteil für Berr und ihren zweijährigen Sohn Alain. «Ermordet 1. Februar 1945 in Auschwitz», liest Rosenstein zu Ende.
Berrs Geschichte sei typisch für viele der über 700 Schweizer Nazi-Opfer, sagt Rosenstein ein paar Tage vor der Stolperstein-Setzung in seinem Büro: «Ein grosser Teil der Opfer wurde von der Schweiz nicht mehr geschützt, da sie aufgrund der Heirat mit einem Ausländer die Staatsbürgerschaft verloren haben», so Rosenstein. «Aus heutiger Sicht ist das absolut unverständlich.»
Der Unternehmensberater ist auf das Thema aufmerksam geworden, als er letztes Jahr ein viel beachtetes Buch über die Schicksale von 100 Schweizer KZ-Opfern gelesen hat – Juden, Homosexuelle, Linke, die von der Schweiz nicht vor der Verfolgung durch die Gestapo geschützt wurden.
Die Schweiz ist nicht Weltmeister im Sich-Erinnern an braune Flecken in der Geschichte.
Es inspirierte ihn zur Gründung des Stolperstein-Vereins. Das Ziel der Gedenksteine im Boden: Dass auch künftige Generationen im Alltag wortwörtlich über die Geschichte stolpern – und so aufmerksam werden auf die unrühmliche Politik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Innehalten und nie vergessen
Das Thema sei in den letzten Jahren zu kurz gekommen, findet Rosenstein. «Die Schweiz ist nicht Weltmeister im Sich-Erinnern an braune Flecken in der Geschichte.» Rosenstein erwähnt in dem Zusammenhang, dass es in der Schweiz nach wie vor noch kein offizielles Schweizer Mahnmal zum Gedenken der Schweizer Nazi-Opfer gibt.
Dabei wäre es an der Zeit, sagt auch die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr, die als Vertreterin der Kantonsregierung am Stolperstein-Anlass teilgenommen hat: «Nur mit der Erinnerung halten wir auch die Schrecken wach und bleiben wachsam, im Hier und Jetzt und im Morgen.»
Pläne für eine nationale Gedenkstätte
Fehr macht sich für das Projekt einer nationalen Gedenkstätte stark, an dem die Auslandorganisation ASO zusammen mit Historikerinnen und Vertretern von jüdischen Organisationen arbeitet. ASO-Präsident Remo Gysin ist zuversichtlich, dass im Frühling ein konkreter Vorschlag vorliegt. «Wir arbeiten eng mit den Bundesbehörden zusammen und haben etwa auch die Unterstützung von Bundesrat Ignazio Cassis. Wir hoffen, dass der Bund, wenn wir ihm das Projekt übergeben haben, wirklich an der Umsetzung arbeiten wird.»
In der Zwischenzeit übernehmen die Stolpersteine die Aufgabe, an die Nazi-Opfer zu erinnern. Gemäss Rosenstein sind auch in anderen Städten solche geplant, zum Beispiel in Bern, Genf oder Basel. «Basel als Stadt, wo die Zionistenkongresse stattgefunden haben, drängt sich auf. Entsprechende Opfer kennen wir schon heute, die Liste ist lang. Das wird sich über Jahre erstrecken.»
Den Anfang gemacht haben nun sieben Stolpersteine in der Stadt Zürich. Sieben Gelegenheiten, kurz inne zu halten, zu lesen – und nie zu vergessen.