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Täglich nutzen rund 2500 Grenzgänger die Schiffe der Schifffahrtsgesellschaft (CGN), um zur Arbeit in der Schweiz zu fahren. Die CGN prüft nach Angaben ihres Generaldirektors Luc-Antoine Baehni die Anschaffung eines zwanzigsten Schiffs sowie neue Strecken, vor allem zwischen Frankreich und Vevey-Montreux.
swissinfo.ch: Wie hoch ist der Anteil der Grenzgänger, die täglich mit der CGNexterner Link fahren, am Gesamtaufkommen ihrer Passagiere?
Luc-Antoine Baehni: Die Grenzgänger machen zwei Drittel unserer Passagiere aus: Von 2,3 Millionen sind 1,4 Millionen Grenzgänger. Die Grenzgänger nutzen zum Pendeln drei Verbindungen: Lausanne-Evian, Lausanne-Thonon und Nyon-Yvoire. Letztere ist die Strecke mit dem grössten Wachstum in den vergangenen fünf Jahren (+12,4%). Dies ist mit Abstand unser grösstes Passagiersegment.
Vor zehn Jahren waren Touristen die deutliche Mehrheit der CGN-Passagiere. Das hat sich geändert. Deshalb wurde die CGN kantonalisiert. Dass die Waadt, Genf und das Wallis vermehrt Interesse zeigen, kommt daher, dass diese Schiffe zu einem öffentlichen Verkehrsmittel wurden. Wenn sie bloss ein touristisches Transportunternehmen sind und ihre Geschäfte schlecht laufen, ist dies weniger schlimm, als wenn sie ein öffentliches Transportunternehmen sind, das für das Wirtschaftsleben unerlässlich ist.
"Vor zehn Jahren, waren Touristen die Mehrheit der CGN-Passagiere. Heute ist der Transport von Grenzgängern mit Abstand unser grösstes Passagiersegment."
swissinfo.ch: Kann sich die CGN angesichts dieses Erfolgs die Einführung weiterer Strecken vorstellen?
L-A.B: Ja, es gibt viele Ideen in diese Richtung. Die Strasse zwischen Evian und St-Gingolph ist überlastet, und es kommt dort auch zu Steinschlägen. Es gibt Leute, die eine Verbindung zwischen Evian-Villeneuve oder Evian-Vevey-Montreux in Betrieb nehmen möchten.
Es gab auch Untersuchungen über die Eröffnung einer Strecke zwischen Thonon und Nyon sowie zwischen Yvoire und Genf-Versoix-Bellevue, oder im Petit-Lac zwischen Asnière und Versoix. Es wird bald einmal eine Abstimmung geben. Auch zwischen Genf und Bellevue, wo die Privatbank Lombard-Odier ihr neues Zentrum gebaut hat, besteht eine Nachfrage.
Es werden zahlreiche Ideen geprüft, aber aktuell besteht vor allem der Wille, die drei bestehenden Verbindungen zu verstärken. Die CGN hat weder die Mittel, noch die Schiffe oder die nötigen Anlegestellen für diese neuen Ambitionen. Ein Schiff zu kaufen ist recht einfach und auch ziemlich preiswert. Der Bau von Anlagestellen hingegen ist komplizierter.
Wenn man auf 50 Jahre hinaus projiziert, wird es sicher viel mehr Verbindungen geben. Der Genfersee könnte in Zukunft vielleicht einem grossen Venedig gleichen, mit Schiffen, die in alle Richtungen verkehren. Wie überall, wo es Gewässer und ein Bevölkerungswachstum gibt, und wo es auf den Strassen und Zügen nicht mehr genügend Platz hat.
swissinfo.ch: Ist es eine politische oder eine wirtschaftliche Frage?
L-A.B: Es ist vor allem eine Frage der Raumplanung. Auf der französischen Seite muss man die ganze Logistikkette mit Bussen und Parkplätzen organisieren. Und auf der Schweizer Seite muss der öffentliche Verkehr organisiert werden. In Lausanne-Ouchy muss die M2-Metro innerhalb von zwei Stunden 2000 Personen transportieren, die mit den Schiffen ankommen. Um 7 Uhr morgens füllen 600 bis 700 Personen aufs Mal zwei ganze Züge der Metro.
swissinfo.ch: Nimmt Ihr Unternehmen damit viel Geld ein?
L-A.B: Ein Abonnement kostet pro Monat je nach Klasse und Strecke zwischen 250 und 400 Franken. Dies sind Abonnemente für Grenzgänger zu einem im Vergleich mit Einzelfahrten sehr günstigen Tarif. Wenn wir Marktstudien durchführen, steht die Preisfrage nie im Vordergrund.
Den Nutzern der Schiffsverbindungen sind vor allem Frequenzen, Geschwindigkeit und Sicherheit ein Anliegen. Die Überfahrt aus Frankreich dauert 35 Minuten. Ohne die Grenzgänger wäre die CGN ein anderes Unternehmen. Unsere Flotte wäre mit unseren 19 Schiffen, darunter acht Belle-Epoque-Booten, viel zu gross.
swissinfo.ch: Wie viel kostet ein neues Schiff?
L-A.B: Etwa 15 Millionen Franken. Zwischen dem kleinsten Boot mit 125 Sitzen für 3 Millionen, und den grössten, die zwischen 10 und 15 Millionen kosten, gibt es eine ganze Bandbreite an Preisen. Auf eine Lebensdauer von 50 Jahren ausgelegt ist das nicht sehr teuer. Die Renovation eines Boots der Belle-Epoque oder der Kauf eines neuen Schiffs kostet etwa 15 Millionen. Der Preis ist gleich hoch.
Das neue Schiff könnte etwa 700 Passagiere an Bord nehmen: Es hat 500 Sitzplätze, 100 Klappsitze und 100 Steh- oder Aussenplätze, vor allem für Touristen im Sommer. Es ist ein Schiff, das etwa 60 Meter lang und zwischen 10 und 12 Metern breit ist sowie sehr wendig und allzeit schiffbar.
"Der Genfersee könnte in Zukunft vielleicht einem grossen Venedig gleichen, mit Schiffen, die in alle Richtungen verkehren."Ende des Zitats
Ein Problem sind in erster Linie schlecht geschützte Anlegestellen, vor allem in Thonon, Yvoire und Nyon. Das neue Schiff wäre etwas schneller: 30 bis 35 km/h verglichen mit derzeit 25 bis 30 km/h. Die Überfahrt würde weniger als eine halbe Stunde dauern. Die Thonon-Strecke wäre etwa 10 Minuten kürzer, das heisst, eine Überfahrt würde also etwa 40 Minuten dauern.
Der Energieverbrauch wäre etwa gleich gross wie heute, denn der Rumpf dieser Schiffe hat eine bessere Stromlinienform, und es werden Hybridboote sein (Dieselmotor ergänzt durch Batterien). Sie werden den Hafen still verlassen. Und es wird für den Genfersee eine Premiere sein.
swissinfo.ch: Wo wird das Schiff gebaut werden?
L-A.B: Ende dieses Jahres wird es eine öffentliche Ausschreibung geben für eine Inbetriebnahme im April 2021. Das Schiff wird im Ausland gebaut werden. Danach muss es demontiert und transportiert und schliesslich auf dem Genfersee wieder zusammengesetzt werden. Das erhöht den Bau des Boots um eine Million Franken. Unsere traditionellen Lieferanten befinden sich in Deutschland, Österreich und Frankreich – das Schiff könnte aber auch aus Italien oder Spanien kommen.
swissinfo.ch: Wie wird das Schiff heissen?
L-A.B: Das ist noch offen. Gemäss Gerüchten könnte es den Namen der Stadt Evian tragen. Frankreich wird die Hälfte der Betriebskosten übernehmen, da der See zu beiden Ländern gehört. Es handelt sich um öffentlich subventionierte Transporte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Schiff den Namen "Frankreich", "Evian" oder "Thonon" tragen könnte.
Zurzeit gibt es auf dem See keine Schiffe mit französischen Namen mehr. Frankreich beteiligt sich aber wie gesagt an den Betriebskosten, aber nicht am Kauf. Üblicherweise kann jemand, der einen gewissen Betrag aufwendet, dem Schiff den Namen geben, wie im Fall der Boote "Coppe" oder "Lavaux".
swissinfo.ch: Sie haben unter ihrem Personal sicher auch Grenzgänger.
L-A.B: Etwa 25% der insgesamt 200 CGN-Angestellten sind Franzosen. Und zwar auf allen Ebenen, vor allem auch Kapitäne. Wir haben keine Quoten, es ist eine Frage der Kompetenzen. Wir stellen niemanden an, der nicht schon eine Berufsausbildung hat: etwa als Mechaniker, Zimmermann oder Matrose der französischen Marine.
Sollte die CGN angesichts der Lohnunterschiede nicht mehr französische Angestellte haben?
Die CGN beschäftigt viele Schweizer, denn bei uns gibt es keine Löhne unter 4000 Franken. Ein Kapitän verdient zum Beispiel nach 30 Jahren Dienst 8000 Franken. Das Personal arbeitet oft sehr intensiv während zwei Wochen, mit zehn Stunden oder mehr pro Tag auf der Stechuhr. Danach haben sie dann eine Woche frei.
Die Einsatzpläne können sehr unregelmässig sein, was aber auch seine Vorteile haben kann. Andererseits ist der Dienst wenig komfortabel, wenn das Schiff Lausanne um 5 Uhr morgens verlässt, damit es um 5.40 Uhr in Evian Grenzgänger an Bord nehmen kann. In Zukunft wird ein Schiff die Nacht in Evian verbringen. Die Angestellten arbeiten mehr als 40 Stunden in der Woche, auch die Franzosen, die nicht unter die 35-Stunden-Woche fallen.
swissinfo.ch: Kann die CGN mit noch mehr Grenzgängern als Passagiere rechnen?
L-A.B: Ja, es besteht noch grosses Potential. Von allen Grenzgängern, die mit dem Schiff zur Arbeit in der Schweiz kommen, pendeln gegen 10'000 Personen aus dem Hinterland von Thonon und Evian nach Lausanne. Die CGN transportiert davon täglich etwa 2500. Für diejenigen, die in grösserer Entfernung von Lausanne arbeiten, hat das Auto allerdings weiterhin Priorität vor dem Schiff.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)