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«Der richtige Song zur richtigen Zeit kann die Geschichte verändern», sagte Pete Seeger, der Veteran der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Manche Lieder haben Geschichte geschrieben, indem sie tatsächlich deren Lauf veränderten; andere sind zumindest ikonische Erkennungsmelodien, die mit einem Geschehnis untrennbar verknüpft sind.
Die Reihenfolge dieser 33 Songs ist beliebig, aber ihre Auswahl ist es nicht. Subjektiv hingegen ist sie mit Sicherheit – kaum jemand wird hier nicht empört den einen oder anderen Titel vermissen. Im Kommentarfeld unten findet sich genügend Platz für Vorschläge ...
«We Shall Overcome», der Protestsong par excellence, war die Hymne der Bürgerrechtsbewegung in den USA und gehörte auch zum Repertoire der europäischen Friedensbewegung. Die Herkunft des Stücks ist umstritten; möglicherweise entstand es aus einem Gospelsong. Populär machten «We Shall Overcome» der Songwriter Pete Seeger und vor allem Joan Baez, zu deren Markenzeichen der Song wurde – spätestens nachdem sie ihn 1963 auf dem «Marsch auf Washington» gesungen hatte.
Die Nationalhymne der Französischen Republik ist nicht zufällig so martialisch: Sie hiess ursprünglich «Chant de guerre pour l’armée du Rhin» (Kriegslied für die Rheinarmee). Das 1792 entstandene Lied wurde von Soldaten aus Marseille beim Einzug in Paris gesungen und erhielt deshalb den Namen «Marseillaise». Ironie der Geschichte: Der Komponist und Texter der Revolutionshymne, Claude Joseph Rouget de Lisle, war Royalist. Übrigens: Die Marseillaise taucht im Intro des Beatles-Stücks «All You Need Is Love» auf. Und 1979 sorgte die Reggae-Version von Serge Gainsbourg für einen handfesten Skandal.
Beinahe ging das melancholische Lied, komponiert von Nikita Bogoslowskji und getextet von Wladimir Agatow, im Kriegslärm des Jahres 1943 unter – umso mehr, als es mit seinem leisen Heimweh den sowjetischen Kulturfunktionären nicht patriotisch genug war. Und doch wurde «Tyomnaja Notch», gesungen von Mark Bernes im Film «Zwei Soldaten», für Millionen von Sowjetbürgern zu einer Erkennungsmelodie für die Kriegsjahre.
«Southern trees bear a strange fruit» (Bäume im Süden tragen eine sonderbare Frucht) – so beginnt die erschütternde Anklage gegen rassistische Lynchmorde in den Südstaaten der USA. Die Jazz- und Blues-Sängerin Billie Holiday sang das von Abel Meeropol 1937 komponierte und getextete Stück zum ersten Mal 1939 im Café Society in New York. Ihre Interpretation des Songs – der lange im Radio unerwünscht war – wurde zu einer Hymne der Bürgerrechtsbewegung.
Zu sagen, Jimi Hendrix habe die amerikanische Nationalhymne 1969 in Woodstock neu interpretiert, wäre eine arge Untertreibung: Er riss sie auseinander und setzte sie neu zusammen. Drei Minuten und 46 Sekunden lang jaulte «The Star Spangled Banner» aus den Boxen; aus der gequälten US-Hymne wurde Kanonendonner und Sirenengeheul – der Sound des Krieges. Das ikonische Woodstock-Statement gegen den Vietnamkrieg machte Hendrix unsterblich.
Der Rap-Song der Sugarhill Gang aus New Jersey war 1979 das erste international erfolgreiche Hip-Hop-Stück und bewies damit, dass der junge Musikstil kommerzielles Potential hatte.
«Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!» Der Refrain des deutschen Texts von Emil Luckhardt verherrlicht den proletarischen Internationalismus, einen der Pfeiler der sozialistischen Arbeiterbewegung. Das gilt auch für den französischen Originaltext, der von Eugène Pottier 1871 direkt nach der Niederschlagung der Pariser Kommune verfasst wurde. Das Kampflied, 1888 von Pierre Degeyter komponiert, ist heute noch die Hymne des Sozialismus und Kommunismus.
Tom Robinson schrieb den Song, der dann zur Hymne der britischen Schwulenbewegung wurde, 1976 für eine Gay Pride Parade in London. Obwohl Homosexualität im Königreich schon seit 1967 entkriminalisiert war, wurden Schwule nach wie vor von der Polizei schikaniert und in den Medien negativ dargestellt, was Robinson und seine Band in «Glad To Be Gay» beklagten. BBC Radio 1 weigerte sich, das Stück zu spielen und bewies damit, dass die Vorwürfe zutrafen.
Der schwarze Regisseur Spike Lee fragte die Hip-Hop-Band Public Enemy an, weil er einen Song für seinen Film «Do the Right Thing» (1989) brauchte. Das Resultat, getextet von Chuck D und produziert von der Bomb Squad: «Fight the Power», eine revolutionäre und kraftvolle Anklage gegen Rassismus und Unterdrückung, wie man sie so noch nie zuvor gehört hatte.
Auch Dolly Partons «9 to 5» erschien ursprünglich auf dem Soundtrack eines Films. Zugleich war es das erste Stück auf dem 1980 veröffentlichten Album «9 to 5 and Odd Jobs». Der feministische Song, der die Country-Sängerin Parton näher zum Pop-Mainstream positionierte, bricht eine Lanze für die Befreiung der Frau und prangert die männliche Dominanz am Arbeitsplatz an.
Der Jagger-Richards-Song «Under My Thumb» erschien schon 1966 auf dem Album «Aftermath». Erst drei Jahre später aber kam es zu der Performance, die dem Stück einen Platz auf dieser Liste sichert: Am 6. Dezember 1969 spielten es die Rolling Stones am Altamont Free Concert, als einer der als Ordner angeheuerten Hells Angels den Zuschauer Meredith Hunter erstach. Hunter hatte eine Schusswaffe gezogen. Das Festival, das ein Westküsten-Woodstock hätte werden sollen, wurde zum Symbol für das Ende der Unschuld der Hippie-Bewegung.
Der von Hans Leip getextete und von Norbert Schultze komponierte Schlager wurde 1939 in der Version von Lale Andersen zum ersten deutschen Millionenseller. Zum internationalen Klassiker wurde «Lili Marleen» aber erst während des Krieges. Der Soldatensender Belgrad im seit 1941 von der Wehrmacht besetzten Jugoslawien spielte das Stück regelmässig; es war nicht nur bei den deutschen Soldaten enorm beliebt, sondern auch bei den alliierten.
Über acht Wochen stand «Rock Around the Clock» 1955 auf Platz eins der US-Charts. Es war der erste Rock-'n'-Roll-Hit der diese Position erobern konnte, und er brachte Bill Haley & His Comets den Durchbruch. Der ungeahnte Erfolg des ursprünglich schon 1954 veröffentlichten Millionensellers markierte den Beginn des Rock'n'Roll-Zeitalters und darüber hinaus die Geburtsstunde der modernen Popmusik.
Als der Protestsong der britischen Band The Special AKA 1984 erschien, sass Nelson Mandela bereits 22 Jahre im Gefängnis. Das Stück war besonders in Afrika ein Riesenerfolg; es wurde jeweils an Versammlungen des ANC gespielt. 2008, zum 90. Geburtstag Mandelas, performte die Band mit Amy Winehouse als Sängerin den Song im Londoner Hyde-Park. Winehouse sang jedoch «Free Blakey, My Fella» («Blakey» meinte ihren wegen Drogenhandels inhaftierten Ehemann Blake Fielder-Civil).
Im Mai 1977 schlug «God Save the Queen» der britischen Punk-Gruppe Sex Pistols wie eine Bombe ein. Die BBC weigerte sich, das Stück zu spielen, das ursprünglich «No Future» heissen sollte. Dennoch erreichte der anarchistische Song Platz zwei der britischen Charts – und manche waren überzeugt, «God Save the Queen» sei mit Absicht von der Spitzenposition ferngehalten worden, um die Königin in ihrem Jubiläumsjahr nicht in Verlegenheit zu bringen.
Die sowjetische Gruppe Кино (Kino) um den charismatischen Frontmann Wiktor Zoi – ein Angehöriger der koreanischen Minderheit im Land – bekam schon mit ihrem ersten Album (1982) Probleme mit der Staatsmacht. Dafür war sie umso beliebter bei der regimekritischen Jugend. 1986, im Zuge der Lockerungen unter Michail Gorbatschow, forderte die Band mit dem Song «Перемен» Veränderungen. Darauf folgte der Aufstieg zur erfolgreichsten sowjetischen Rockgruppe, doch im August 1990 verunglückte Zoi tödlich.
John Lennons visionäres Stück «Imagine», das 1971 auf dem gleichnamigen Album erschien, ist zu einer der wichtigsten Hymnen der Friedensbewegung geworden. Lennon ruft darin jedoch nicht nur zum Frieden auf, sondern übt radikale Kritik an Nationalismus, Privateigentum und Religionen. Doch da das Stück «überzuckert» sei, werde es akzeptiert, bemerkte Beatles-Biograph Geoffrey Giuliano.
Das Hauptthema «An die Freude» (ein Gedicht von Friedrich Schiller) aus dem letzten Satz der neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens wurde 1972 vom Europarat zur Europahymne bestimmt. Um keine Sprache zu bevorzugen, wurde eine Instrumentalfassung gewählt. 1985 wurde die Melodie zur Hymne der Europäischen Gemeinschaft (heute EU), denn sie versinnbildliche «die Werte, die alle teilen, sowie die Einheit in der Vielfalt».
Woody Guthrie, dessen Gitarre der Schriftzug «This machine kills fascists» (Dieses Gerät tötet Faschisten) zierte, schrieb «This Land is Your Land» 1940 als Antwort auf Irving Berlins patriotisch-süsses «God Bless America». Der Polit-Folk-Song kam nie in die Charts, wurde aber dennoch ein Klassiker. Für Bruce Springsteen ist die inoffizielle US-Hymne «vielleicht der grösste Song, der jemals über unsere Heimat geschrieben wurde».
Die irische Band U2 veröffentlichte diesen Protestsong 1983 auf dem Album «War». Und in der Tat waren es kriegsähnliche Szenen, die sich am Bloody Sunday (Blutiger Sonntag), dem 30. Januar 1972, im nordirischen Londonderry abgespielt hatten. 13 unbewaffnete Demonstranten waren damals von britischen Soldaten erschossen worden.
Der Soulhit von Otis Redding (1965) wurde erst zwei Jahre später in der Fassung von Aretha Franklin zum Millionenseller – und machte Franklin zum internationalen Soul-Superstar, deren Markenzeichen der Hit war. Die «First Lady of Soul» änderte den Text des Originals und gab «Respect» damit einen feministischen Touch.
Das ukrainische Männer-Duo Greenjolly schrieb den Protest-Hit Разом нас багато (Razom nas bahato – Gemeinsam sind wir viele) Ende 2004 zu Beginn der Massenproteste gegen Wahlfälschungen der Regierung. Der Song wurde zur Hymne der Orangen Revolution in der Ukraine. 2005 nahm Greenjolly mit einer politisch entschärften Version des Songs am Eurovision Song Contest teil – freilich ohne Erfolg.
Das Titelstück von Bob Dylans Album «The Times They Are a-Changin'» (1964) ist einer der berühmtesten Protestsongs aller Zeiten – der Dylan-Kenner Michael Gray nannte ihn sogar «den archetypischen Protestsong». Dylan selbst wies darauf hin, dass sich damals die Bürgerrechtsbewegung und die Folk-Szene eine Weile ziemlich nahe standen und verbündet waren. Doch das Stück, das von zahlreichen Musikern gecovert wurde, ist wahrhaft zeitlos. Es gehört immer noch zu Dylans festem Repertoire. 1984 zitierte Steve Jobs die zweite Strophe von «The Times They Are a-Changin'» bei der ersten Präsentation des Macintosh Computers.
«Smells Like Teen Spirit», die erste Auskopplung aus dem Album «Nevermind» (1991), katapultierte Nirvana zum Erfolg und gilt als erster Grunge-Song, dem es gelang den Mainstream zu erobern. 2004 wurde das Stück vom Musikmagazin «Rolling Stone» zum neuntwichtigsten aller Zeiten gewählt. Das tragische Ende von Kurt Cobain machte aus dem Song endgültig ein Symbol für den Lebensstil, dessen Motto «Live Fast, Die Young» lautet.
Pete Seeger wurde von einigen Zeilen eines ukrainischen Volkslieds aus dem Roman «Der stille Don» von Michail Scholochow zu seinem Antikriegslied inspiriert. «Where Have All the Flowers Gone?», 1955 geschrieben, wurde oft gecovert. Weltbekannt wurde die deutsche Version von Marlene Dietrich unter dem Titel «Sag mir, wo die Blumen sind».
Im Jahr 2000 veröffentlichte die irische Sängerin Enya den Song «Only Time» auf ihrem Album «A Day Without Rain». Das Lied fand Verwendung im Spielfilm «Sweet November» (2001), blieb aber eher erfolglos. Das änderte sich mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001: «Only Time» wurde zum Soundtrack der Katastrophe, der den in Endlosschleifen abgespielten Bildern unterlegt wurde.
Der Song «Killing In The Name», 1992 auf dem Debütalbum der Band Rage Against the Machine erschienen, prangert den Rassismus im amerikanischen Polizeikorps an. 2009 wurde der Anti-Establishment-Song unerwartet zu einem Weihnachtshit in Grossbritannien, weil auf Facebook dazu aufgerufen worden war, «Killing In The Name» zu kaufen. Die Aktion war ein erfolgreicher Protest gegen die Castingshow «The X Factor», deren Gewinner sonst jedes Jahr die Verkäufe anführten.
Der deutsche Liedermacher Wolf Biermann widmete sein 1965 vertontes Gedicht «Ermutigung» seinem Freund Peter Huchel, der damals von der Stasi drangsaliert wurde. Er schrieb es aber auch für sich selbst, wie er später bekannte: «Dieses rote Kirchenlied schrieb ich, als ich selbst in der Gefahr war zu verhärten.» Das Lied war in der DDR so populär, dass manche es zur «heimlichen Nationalhymne» erklärten. 2014 sang Biermann das Lied in einer Gedenkfeier des Bundestags zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Dabei kam es zu einem Skandal, als er die Partei Die Linke beschimpfte.
1979 veröffentlichte die britische Rockband Pink Floyd das Doppelalbum «The Wall», dem ein multimediales Live-Spektakel (1980 erstmals aufgeführt) und 1982 ein Spielfilm folgen sollten. Auf der LP erschien das titelgebende Stück von Roger Waters, «Another Brick in the Wall», in drei Teilen. Der zweite Teil, als Single ausgekoppelt, wurde ein internationaler Millionenseller. Der stark autobiographisch geprägte Song rechnet mit dem autoritären Schulsystem der Nachkriegszeit ab und wurde deshalb oft als anarchistische Hymne verwendet. In Südafrika wurde er deshalb 1980 verboten.
«Looking for Freedom», komponiert von Jack White (Horst Nussbaum) und getextet von Gary Cowton, kam ursprünglich 1978 in einer Interpretation des deutschen Sängers Marc Seaberg heraus. Erfolgreicher war aber die Version des amerikanischen Sängers David Hasselhoff, die 1989 herauskam – dem Jahr des Mauerfalls in Berlin. Viele hielten den Song deshalb für eine Freiheitshymne. Legendär wurde der Auftritt von Hasselhoff in Berlin an Silvester 1989, als er beinahe von einer Feuerwerksrakete getroffen wurde.
Die deutsche Politrock-Band Ton Steine Scherben veröffentlichte den von Rio Reiser komponierten und von Norbert Krause getexteten Song 1970 als Single und 1971 auf dem Album «Warum geht es mir so dreckig?» «Macht kaputt, was euch kaputt macht» wurde schnell zu einem geflügelten Wort in der Autonomen- und Hausbesetzerszene. Bis heute taucht der Slogan an zahllosen Hauswänden als Graffiti und auf Flyers und Flugblättern auf.
Im November 1984 strahlte die BBC einen Beitrag über die Hungersnot in Äthiopien aus. Der irische Rockmusiker Bob Geldof sah die Sendung und entschloss sich, etwas zu unternehmen. Er kontaktierte Midge Ure, mit dem er den Song «Do They Know It’s Christmas?» schrieb, dessen Tantiemen sie spenden wollten. Weitere Musiker wie Sting oder Simon Le Bon von Duran Duran machten bei dem Projekt Band Aid mit. Die Single stürmte in mehreren Ländern auf Platz eins und spielte Millionen ein. Seit 1985 verwaltet der Band Aid Trust die Gelder.
Wind of Change, komponiert und getextet von Klaus Meine, dem Sänger der deutschen Rockband Scorpions, wurde 1991 auf dem Album «Crazy World» veröffentlicht und gilt als «Hymne der Wende», die das Ende des Kalten Krieges feiert. Der Titel der Rockballade bezieht sich vermutlich auf eine Rede von Willy Brandt, der anlässlich des Mauerfalls von den «Winden der Veränderung, die seit einiger Zeit über Europa ziehen» sprach. Die erfolgreichste Single aus deutscher Produktion wurde 2005 in der ZDF-Sendung «Unsere Besten» zum «Jahrhunderthit» gekürt.
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