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1895-1961
Oskar Wälterlin
Ausstellungstext, Basel, 2004:
" 'Die Leitung eines Theaters wird noch darunter leiden, wenn der Direktor homosexuell veranlagt ist. Der sexuell Perverse muss als Psychopath behandelt werden; unser Theater braucht einen vollwertigen, gesunden Führer.'
So äusserte sich 1932 Victor-Emil Scherer [RDP Radikal-Demokrat.-Partei, ab 1972 FDP], Basler Gross- und Nationalrat und Vorstandsmitglied der Genossenschaft des Stadttheaters im Fall Wälterlin. [...] Oskar Wälterlin, 1895 in Basel geboren, war Direktor am hiesigen Stadttheater. [...] Er hatte eine Beziehung mit dem Schauspieler Wilfried Scheitlin. Das war bekannt und geduldet. Erst im Jahr 1932 wurde daraus ein Skandal. [...] Während einer Vorstellung vergriff sich ein Sänger an einem mitspielenden 13-jährigen Jungen. Der Fall wird angezeigt. In den folgenden internen Verhandlungen wird nun aber Wälterlins Homosexualität zum Problem, obwohl er keinerlei Vergehens schuldig ist. [...] Es kommt zu obigen Äusserungen. [...] Darauf reicht Wälterlin seine Demission ein. Auch ein Aktionskomitee zu seiner Unterstützung, das über 3000 Unterschriften sammelt, bewirkt nichts. Wälterlin geht erst an die Frankfurter Oper, dann 1938 nach Zürich ans Schauspielhaus. 1942 bis 1944 leitete er daneben auch das Schauspiel in Basel. In der Saison 1961/62 sollte er nochmals Theaterdirektor in Basel werden. Er wollte, 'dass der Kreis sich schliesst im Guten'. Aber er stirbt kurz vor dem Amtsantritt."1
Oskar Wälterlin war Abonnent des Kreis. Wir (Röbi Rapp und Ernst Ostertag) haben ihn öfter an Festanlässen im KREIS gesehen, meist zusammen mit Wilfried Scheitlin. Das war in den 50er Jahren. Gelegentlich haben wir dort auch miteinander gesprochen, mal nach der Theater-Hauptprobe für ein Herbstfest oder nach Proben von Liedern und Texten, die Röbi Rapp und andere, etwa Bertie Wolf vortrugen. Denn Wälterlin folgte, wenn er Zeit dazu fand, den Einladungen Karl Meiers / Rolf, doch mal als Fachmann sich eine Probe anzusehen.
In seinem Buch "mein Schauspielhaus" schrieb Erwin Parker2:
"Es war eine Sternstunde, als die Wahl der Gründer auf Oskar Wälterlin fiel und damit einem Mann die Direktion übertragen wurde, der in seiner Person das verkörperte, was der Geist des Hauses werden sollte. Seine Gaben und Eigenschaften erwiesen sich in den Kriegsjahren als lebensrettend für uns und - mit den Mitteln des Theaters - bewahrend für die Werte, die unsere abendländische Kultur ausmachen. Oskar Wälterlin war ein Basler, was nicht nur ein sprachliches Charakteristikum ist, sondern ihn als Sohn einer Humanistenstadt ausweist. [...] Oskar Wälterlin gehörte zu den von der Natur bevorzugten Menschen. Bei all seiner Gescheitheit, bei all seinem Wissen war er vor allem ein Künstler, einer der 'gesättigt' war mit Künstlertum, so dass Bildung sein Schaffen nicht störte."
Maria Becker, auch sie, zwar keine Emigrantin, aber als Jüdin eine ebenso Gefährdete und bereits ab 1938 eine ganz Grosse am Schauspielhaus, äusserte sich zu Wälterlin3:
"Er hatte sehr viele Eigenschaften, die ihn für die Leitung eines Theaters absolut prädestinierten. Vor allem hatte er - was in der damaligen Zeit fast das Wichtigste war - grossen persönlichen Mut. Oskar Wälterlin kämpfte mit grossem Geschick und grossem Einsatz mit der Fremdenpolizei für die Erhaltung seines aussergewöhnlichen Ensembles. [...] Als der Krieg zu Ende war [...] musste er nicht mehr Kapitän auf einem Boot sein, das gegen Sturm und Unwetter kämpfte - aber seine grosse Leistung bestand mit Sicherheit eben darin, dass er dieses Boot sicher durch das Unwetter führte und unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen und Umständen zusammen mit seinen künstlerischen und technischen Mitarbeitern ein aussergewöhnliches Theater machte."
Ernst Ostertag, Oktober 2004
Weiterführende Links intern
Quellenverweise
- 1
unverschämt unterwegs in Basel, Ausstellungstext, April/Mai 2004.
- 2
Erwin Parker: Mein Schauspielhaus, Seite 89 ff
- 3
Peter Löffler: Eine grosse Zeit, Orell Füssli, Zürich, 1995. Zitat von Maria Becker.