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Die erste Haarmutation, die bei Hauskaninchen auftrat, war diejenige zu Langhaar. Mitte des 16. Jahrhunderts dürften erste Kaninchen mit längeren Haaren aufgetreten sein. Vermutlich waren sie damals noch wildfarbig; die begehrten weissen Angoras wurden erst im 18. Jahrhundert durch Kombinationszüchtung aus Langhaartieren und Albinos herausgezüchtet, Die Mutation ist rezessiv, sie wird als v bezeichnet. F1-Tiere aus Normalhaar V und Angorahaar v sind immer normalhaarig, erst in der F2-Generation erscheinen wieder langhaarige Tiere.
Die Haarfollikel haben einen inneren Rhythmus mit abwechselnd aktiven haarproduzierenden Phasen und Ruhephasen, in denen das Haar reift und ausfällt. Die Mutation zu Angorahaar bewirkt eine Verlängerung der aktiven Phase, wodurch das Haar länger wird. Fuchskaninchen gehen auf eine Kombinationszüchtung zwischen Angora und Havanna zurück und tragen ebenfalls die Mutation zu v.
Bis zur nächsten Haarmutation dauerte es eine Weile, doch diese Mutation schlug ein wie eine Bombe: 1919 tauchten in Frankreich in zwei Würfen der gleichen Häsin Jungtiere auf, die als Nestlinge viel länger unbehaart waren und deren Fell auch später viel kürzer blieb. Der Dorfpfarrer nahm sich der eigenartigen Jungtiere an und züchtete damit weiter, aber viele der Nachzuchttiere starben, sodass er zur Festigung der Rasse auch normalhaarige Tiere in die Zucht einbeziehen musste. 1924 stellte er die neue Rasse unter dem Namen Castorrex in Paris aus. Castor ist der wissenschaftliche Name des Bibers und an dessen kostbares Fell erinnerte die neue Rasse; es sei das «Fell der Zukunft». Kein Kaninchenzüchter wollte den Anschluss verpassen und so wurden bald riesige Summen für Rexkaninchen bezahlt, selbst für Tiere, die missgestaltet waren. Zu Beginn der Zucht waren die Jungtiere sehr krankheitsanfällig, ihr erster Fellwechsel verlief stürmisch, in dieser Zeit waren die Verluste besonders hoch.
Glänzend und weich
Heute würde eine solche Rasse wohl ein Zuchtverbot erhalten, doch die Züchter schafften es, die Rasse auf eine gesunde Basis zu stellen, sodass Rexkaninchen mittlerweile so vital wie jede andere Rasse sind. Sie werden mit rex bezeichnet und sind rezessiv zum Normalhaar.
In den zwanziger und dreissiger Jahren war offenbar Kurzhaar Trumpf, denn die Natur erfand das Rexfell nicht nur einmal, sondern mindestens dreimal. 1931 tauchten in England Rexkaninchen mit gewelltem Fell auf, eine Mutation, die ihrerseits rezessiv zum Standardrex war. Die neue Rasse wurde als Astrex oder Astrakhan Rex bezeichnet. Die Felle waren zwar am Kaninchen schön – sie erinnerten etwas an Persianerfelle – nahmen aber beim Gerben meist Schaden. Das Interesse an den gelockten Rex blieb deshalb klein und die Rasse starb aus. Allerdings sind die Gene nicht alle verschwunden; in den USA versucht man heute, Astrex wieder herauszuzüchten.
Das Deutsche Kurzhaarkaninchen mit kurzen, schwach gelockten Haaren trat ebenfalls in dieser Zeit auf. Kreuzungen mit dem Standardrex gaben normalhaarige Jungtiere, was beweist, dass es sich um zwei verschiedene Mutationen handelte. Das Kurzhaarkaninchen erlangte keine Bedeutung und verschwand wieder.
1934 war das Geburtsjahr des Satinfells. In den USA fand der Züchter Walter Huey in einem Wurf Havannas Jungtiere mit spiegelglänzendem Fell. Die neue Mutation zu Satin erwies sich als rezessiv gegenüber Normalhaar und wird mit sa bezeichnet. Um das Satinhaar zu verstehen, muss man die Haare unter dem Mikroskop betrachten. Ein normales Kaninchenhaar besitzt einen hohlen Markkanal, der mit Querwänden in kleine Kämmerchen unterteilt ist. Dem Satinhaar fehlen die Querwände, es ist damit biegsamer als Normalhaar und erscheint weicher. Die Pigmente sind auf engem Raum im Markkanal konzentriert und schimmern durch die klare Haarrinde durch. Das verleiht den Farben eine besondere Intensität.
Mit Bart und Mähne
Satinkaninchen sind bei uns nicht anerkannt, erfreuen sich aber in anderen Ländern grosser Beliebtheit. Im Gegensatz zu Satin-Meerschweinchen können Satinkaninchen problemlos rein gezüchtet werden. Das Satin-Syndrom der Cavias, das zu Nierenstörungen und Knochenproblemen führt, ist bei Kaninchen völlig unbekannt.
Gleich zwei neue Mutationen waren nötig für die Bartkaninchen, die in den 1950er-Jahren entdeckt wurden. Wann genau sie entstanden, ist leider nicht bekannt. Ihre partielle Langhaarigkeit geht auf einen rezessiven Faktor z zurück, der für den Bart und die dunklen Abzeichen verantwortlich ist, sowie den etwas rätselhaften, aber recht dominanten Faktor M für die Ausprägung des Langhaars. Ansonsten handelt es sich um ein wildfarbiges Tier, oft mit Rotverstärker. Die Genformel lautet also ABCDGyzM. Das Langhaar dominiert stark; möglicherweise ist der Faktor M ein Mengen-Gen, das sich immer mehr anhäuft. Kreuzt man ein Bartkaninchen mit einem normalhaarigen, erhält man Jungtiere ohne Abzeichen und Bart, aber mit ein paar langen Fransen am Kopf, die im Erwachsenenalter oft verschwinden. Mit Angoras haben die Bartkaninchen nichts gemeinsam; ihr Langhaar unterscheidet sich deutlich in Struktur und Farbe vom Angorahaar.