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Ausharren
Was bedeutet der Begriff «Ausharren» in der Bibel? Wer von «ausharren» spricht, der verweist automatisch an eine schwierige Situation. Wem es gut geht, der geniesst einfach. Wer jedoch in einer schwierigen Situation bleibt, wer «ausharrt», der setzt sich mit unangenehmen Dingen auseinander. Können wir dem Wort «Ausharren» vielleicht auch etwas Gutes abgewinnen?
Geht es nur um Genuss im Leben?
Hedonismus ist eine Lebensanschauung, die Lebenserfüllung im lustvollen und freudigen Genuss sieht. Vereinfacht dargestellt wird alles dem Lustprinzip untergeordnet. In diesem Beitrag gehe ich vom volkstümlichen Verständnis eines Hedonismus aus: Der eigene Genuss steht im Zentrum. Ein Hedonist ist kraft seiner inneren Ausrichtung stets egozentrisch. Ein Hedonist lebt für Genuss, welchen er selbst erfahren will. Bestimmt kann man dem etwas Gutes abgewinnen. Wer will schon leiden? Ein Hedonist strebt nicht nach etwas, was andere nicht haben wollen. Alle wollen es haben. Alle möchten ein Leben ohne Leid, ohne Stress, ohne Verlust, ohne Krankheit oder Tod. Der Unterschied liegt darin, dass ein Hedonist den gesamten Lebensinhalt ausschliesslich im Genussvollen sieht und alles diesem Genuss unterordnet – was mehr Genuss verspricht hat Vorrang. Nicht «was» ein Hedonist will, sondern «wie» er es will, das kann rasch zur Problematik innerhalb von Beziehungen, von Ausbildung und Arbeit, oder in der Gemeinschaft werden.
Das Gebet von Jabez
In der biblischen Berichterstattung ist die Geschichte von Jabez bemerkenswert. Er bittet Gott einfach, dass er gesegnet werde und dass er weder Übles noch Schmerz erfahre. «Und Gott liess kommen, was er erbeten hat», hiess es dann nüchtern.
«Jabez war angesehener als seine Brüder; zwar hatte seine Mutter ihm den Namen Jabez gegeben, denn sie sagte: Mit Schmerzen habe ich ihn geboren. Aber Jabez hatte den Gott Israels angerufen und gesagt: Dass du mich doch segnen und mein Gebiet erweitern mögest und deine Hand mit mir sei und du das Übel von mir fernhieltest, dass kein Schmerz mich treffe! Und Gott ließ kommen, was er erbeten hatte.»
1. Chr 4,9–10
War Jabez ein Hedonist? Wohl kaum. Er hat das gemacht, was vielleicht jeder von uns gemacht hätte. Er betete ein einfaches Gebet zu Gott und alle Probleme waren gelöst. Nirgendwo sonst lesen wir in der Bibel von einem ähnlichen Gebet. Was sollen wir davon halten? Dabei ist wenig erstaunlich: Ein solch einfaches Leben ist in der Bibel nicht mehr interessant. Die Bibel ist durch und durch nüchtern in ihrer Betrachtung. Auch wenn Jabez nach einem kurzen Gebet prompt gesegnet wurde, so sieht die tägliche Realität meist anders aus. Das wurde bereits in dem Beitrag «Geistlicher Segen» ausführlicher dargestellt. Die Bibel widmet ein ganzes Buch dem Leiden von Hiob, jedoch nur drei Verse dem «perfekten» Leben von Jabez. Unsere Lebensrealität liegt wohl näher zu dem von Hiob als zu dem von Jabez. Das Leben ist für die meisten Menschen viel komplexer als das, was Jabez erlebt. Leiden werden in der Bibel nicht ausgeblendet, sondern schwierige Situationen werden immer wieder eingeblendet. Hedonismus ist eine Weltanschauung, die quer auf die Lebenserfahrung der meisten Menschen steht. Es gibt keine Verheissung, dass wir von allem Leiden verschont bleiben. Im Gegenteil, wir sind ganz in dieser Welt eingebettet. Glaube ist nicht etwa eine «Methode», sich dem Leiden zu entziehen.
Ausharren
Die Lebensrealität erlaubt es uns nicht, immer den Genuss in den Vordergrund zu stellen. Es gibt Situationen, die benötigen Zeit, auch wenn das «Warten» Anstrengung bedeutet. In diesem Zusammenhang wird im Neuen Testament das Wort «ausharren» (gr. hupomonê) genutzt. Die Etymologie führt das Wort auf die beiden Elemente «unter» und «bleiben» zurück. Man kann dabei an eine Last denken, die man trägt, und man bleibt unter dieser Last stehen. Man läuft nicht weg. Man harrt aus. Ein Hedonist würde eine Last vielleicht abwerfen, weil sie unangenehm ist. Andere jedoch harren aus. Sie bleiben unter der Last stehen und tragen diese weiterhin, weil sie darin einen Sinn sehen. Das Ausharren ist zwar nicht angenehm, aber wer geduldig ist, kann dadurch Dinge erreichen, die mehr Wert haben. Hiob ist dabei das Beispiel schlechthin:
«Vom Ausharren Hiobs habt ihr gehört und den Abschluss des Herrn gewahrt, da der Herr voll innerstem Erbarmen und mitleidig ist.»
Jak 5,11
Paulus schreibt aus seiner Lebenserfahrung:
«… wir mögen uns auch in den Drangsalen rühmen, wissend, dass die Drangsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Erwartung. Die Erwartung aber lässt nicht zuschanden werden, weil die Liebe Gottes in unserem Herzen ausgegossen ist durch den uns gegebenen heiligen Geist.»
Röm 5,3-5
Ausharren bringt Bewährung und die Bewährung fördert eine zuversichtliche Erwartung. Damit erhält das Leben Inhalt und Ausrichtung. Bei Hiob sehen wir, dass Gott erst in der Zeit gewirkt und geantwortet hat. Es gab keine sofortige Lustbefriedigung, aber eine Lebenserfüllung kam später. Auch wenn Hiob das nicht sofort erfahren hat, so spricht das Buch (worin wir ja die ganze Geschichte lesen) von dieser Zuversicht, dass alles Leiden einst von Gott zurechtgebracht wird. So und ähnlich lesen wir auch an anderer Stelle über dieses Ausharren (2Kor 1,6; 2Thess 1,4; 2Tim 3,10 u.a.).
Wenn Zeit eine Rolle spielt
Der Zeitaspekt ist eine wichtige Komponente. Wir können mit Ausharren auf etwas warten, was noch in der Zukunft liegt:
«… Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet. Erwartung aber, die erblickt wird, ist keine Erwartung; denn das, was jemand erblickt – erwartet er das etwa noch? Wenn wir aber erwarten, was wir nicht erblicken, so warten wir mit Ausharren darauf.»
Röm 8,24-25
Ausharren ist auch Ausdauer. So spricht Paulus beispielsweise von der Ausdauer in guten Werken (Röm 2,7). Ausdauer ist auch eine Qualität des Glaubens. Paulus betet für die Kolosser, dass sie «in der Erkenntnis Gottes wachsen und mit aller Kraft nach der Gewalt Seiner Herrlichkeit gekräftigt werden zu aller Ausdauer und Geduld mit Freuden» (Kol 1,11). Dasselbe «hupomonê» wird auch im Sinne von Beharrlichkeit genutzt, wenn Paulus von den Thessalonichern bezeugt: «Unablässig gedenken wir vor unserem Gott und Vater eurer Arbeit im Glauben, eures Mühens in der Liebe und eurer Beharrlichkeit in der Erwartung unseres Herrn Jesus Christus» (1Thess 1,3). Damit weist Paulus darauf hin, dass wir hier auf Erden auch in Erwartung unseres Herrns leben. Es gibt noch Dinge, die vor uns liegen, die wir noch nicht haben. Es gibt die Beziehung zu Ihm, die sich noch nicht in jeder Hinsicht erfüllt hat. So schreibt Paulus mit anderen Worten im Epheserbrief:
«In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis seiner Herrlichkeit.»
Eph 1,13-14
Wir sind versiegelt mit dem Geist der Verheissung. Dank dieser Versiegelung ist die Verheissung gewiss. Wir warten aber noch auf die Erfüllung. Und so manche Dinge müssen wir mit Beharrlichkeit erwarten. Auszuharren kann eine tiefe geistliche Haltung sein, wenn darin Gottes Wirken erwartet wird. Ausharren ist der Gegensatz von schneller Lustbefriedigung, weil etwas Besseres erwartet wird. Deshalb können wir in bestimmten Situationen unter der Last stehen bleiben. Das ist kein Masochismus, sondern Realismus. Nicht das Leiden wird verherrlicht, sondern in der Realität dieser Welt erwarten wir zur rechten Zeit Gottes Eingreifen. Ausharren ist auch keine Passivität, als müsste man die Hände in den Schoss legen, sondern es ist das bewusste Umdenken hin zu Gottes Wirken, wodurch die Welt in einem anderem Licht erscheint. Ausharren ist auch ein Zeichen menschlicher und geistlicher Reife – wenn wir abschätzen können, ob es gut und gesund ist, in einer Situation noch etwas auszuharren.
Zuspruch der Schriften
Die Bibel enthält einen Schatz an Verheissungen. Diese können unser Leben prägen. An die Römer schreibt Paulus:
«Denn all das, was vorher geschrieben wurde, ist gerade uns zur Belehrung geschrieben worden, damit wir durch Ausharren und durch den Zuspruch der Schriften Zuversicht haben mögen.»
Röm 15,4-5
Kombinieren wir unser Ausharren mit dem Zuspruch, den wir aus den Schriften gewinnen, dann entsteht dadurch viel Zuversicht. Das nun ist das Ziel des Ausharrens. Wer ausharrt, der richtet sein Leben auf etwas Grösseres aus, und wird durch unmittelbare Erfahrungen nicht abgelenkt.