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Minnesang,
die vom Ende des 12. bis zum Anfang des 14. Jahrh. in
Deutschland
[* 3] blühende höfische, meist von adligen
Dichtern geübte Liebeslyrik. Der als solcher war das Ergebnis roman. Einflüsse;
doch ist es falsch, anzunehmen, daß es nicht schon früher deutsche Liebesgedichte gegeben habe.
Schon im 9. Jahrh. sind
winileod, d. h. Liebeslieder, bezeugt, und einzelne kurze schlichte Reime, die etwa den noch
heute in Süddeutschland üblichen Schnadahüpfln sich vergleichen lassen, sind uns wirklich aus der Zeit vor dem
Minnesang erhalten
(vgl.
Burdach, Das volkstümliche deutsche Liebeslied, im 27.
Bande der «Zeitschrift für deutsches
Altertum», Berl. 1883),
so der bekannte Vers «Ich bin dein, du bist mein, Des sollst du gewiß sein, Du bist beschlossen in meinem Herzen, Verloren ist das Schlüsselein, Du mußt immer drinnen sein». Zu gute kam der Entwicklung dieser volkstümlichen Liebeslyrik die Vertiefung des Gemütslebens, die die ascetische geistliche Dichtung des 11. und 12. Jahrh. mit sich gebracht hatte, nicht minder die muntere, lebensfrische und formgewandte Lyrik der fahrenden Vaganten, die, obgleich meist lateinisch, doch auf das Volkslied Einfluß gewann.
Die größte Sammlung dieser Vagantenlieder, die sog. Carmina burana (s. d.), enthalten auch deutsche Verse. Unter diesen günstigen Umständen erwuchs namentlich im österr. Donauthal bald nach 1150 eine erste Blüte [* 4] deutscher Lyrik, kurze, frische, meist einstrophige Gedichtchen, die in rührender Schlichtheit und urwüchsiger Kraft [* 5] die Sehnsucht der Frau, das Selbstgefühl des Mannes in der Liebe zum Ausdruck bringen. Auch Frauen beteiligten sich an diesen Dialogen und Monologen, die ein naives Liebesgefühl mit natürlicher Unbefangenheit ohne Reflexion, [* 6] doch mit epischen und didaktischen Elementen wiedergeben.
Dichter aus diesem Kreise [* 7] waren der von Kürenberg, der in der Nibelungenstrophe sang, Dietmar von Aist, die Burggrafen von Regensburg [* 8] und Rietenburg, Meinloh von Sevelingen (bei Ulm), [* 9] der die ersten Spuren des höfischen Frauendienstes zeigt. Eine andere Gattung volkstümlicher Lyrik, den kurzen Lehr-, Lob- und Scheltspruch, Sprichwort und Parabel, [* 10] vertritt in dieser Zeit ein ungenannter bayr. Fahrender, dessen Verse unter dem Namen eines jüngern Kunstgenossen, des Spervogels, überliefert sind. Durchweg siegt in diesen ältesten Strophen die schlichte Wahrheit der Empfindung und des Urteils über die Form; jeder Dichter benutzt immer wieder eine und dieselbe Strophenform, ein Unterschied der Stände macht sich schon darum kaum geltend, weil der Unterschied der Bildung unter den Laien sehr gering war.
Das wurde anders, als die nordfranzösische und namentlich die provençal. Lyrik der Troubadours über den Rhein zu wirken anfing. Die ersten Träger [* 11] dieser neuen Richtung waren der Maastrichter Heinrich von Veldeke, der die Kunst des reinen Reimes lehrte, sonst aber in seinen kurzen niederfränk. Liedern naturwüchsigen Humor nicht verleugnet, dann der vornehme Pfälzer Friedrich von ¶
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sen, der einflußreichste Förderer der neuen höfischen Salon- und Reflexionslyrik, und Graf Rudolf von Neuenburg [* 13] in der Schweiz, [* 14] dessen Lieder zum großen Teil nur Übersetzungen aus dem Provençalischen sind. Der Einfluß der roman. Lyrik brachte einen Umschwung nach Form und Inhalt. Die Lieder werden mehrstrophig, die Strophen dreiteilig und mit der Zeit immer künstlicher, die Verse mit peinlicher Sorgfalt gebaut, klingender und stumpfer Reim genau unterschieden, die Reimverschlingung und Reimhäufung immer höher gesteigert;
in den Daktylen und den fünftaktigen Versen wird die romanische zehnsilbige Langweile kopiert. In jedem Ton wird nur ein Lied verfaßt;
der Dichter, der zugleich stets Komponist war und eine gewisse musikalische Schulung nicht entbehren konnte, hat ein Eigentumsrecht an seinem Ton;
wer es verletzt, wird als «Tönedieb» gebrandmarkt.
Neben den Liedern, die in jeder Strophe dieselbe Melodie haben, kommen die umfänglichen durchkomponierten Reimgebäude des Leichs (s. d.) in Gebrauch, die größtenteils auf einer kirchlichen Form, den Sequenzen, beruhen, sich aber zuweilen auch an volkstümliche Reigen anlehnen. Noch einschneidender ist die Veränderung gegen die frühere Lyrik im Inhalt; das nahezu alleinherrschende Thema wird der höfische Minnedienst, ein unwahres, erkünsteltes Verhältnis, das den Ritter nötigt, sehnsüchtig klagend nach der Gunst einer verheirateten Frau zu begehren, frei nach dem Musterbeispiel der romantischen Liebe zwischen Tristan und Isolde.
Verboten ist im rechten
Minnesang Freude über erhörte Liebe als indiskret, ebenso jeder Ausbruch heißer Leidenschaft, die in eine
Gesellschaft nicht paßt, deren Ideal die «mâze» (das Maßhalten) ist;
die echte Empfindung macht einer tifteligen Liebesreflexion Platz. Auch für die Natur bat der höfische
Sänger keinen Blick; nur dem Lobe Gottes und der heiligen Jungfrau wird neben dem Lobe der Frau ein Platz gewährt. Der
Minnesang ist
jetzt eine Standespoesie, die hauptsächlich dem Adel ziemt: scheint doch sogar Kaiser Heinrich VI. Minnelieder gedichtet zu
haben.
Schnell siegte die neue, modische Richtung. Der geniale Thüringer Heinrich von Morungen weiß trotz aller
konventionellen Beschränkung seinem warmen Temperament, seiner kräftigen Bildlichkeit in ihr Luft zu machen. Dagegen ist
Reinmar der Alte oder von Hagenau,
[* 15] der den höfischen
Minnesang aus seiner elsäss. Heimat nach Wien
[* 16] trug und dort der bewunderte Modedichter
des Tages wurde, der Typus dieser blut- und farblosen, raffiniert eleganten, weinerlich tiftelnden Gedankendichtung.
Doch der Rückschlag blieb nicht aus; schon Hartmann von Aue spricht von den ewig klagenden Minnesingern spöttisch, und es
war das große Verdienst Walthers (s. d.) von der Vogelweide, daß er die Lyrik wieder aus den Banden erstarrter Konvention befreite.
Er, ein Adliger, der sich doch als fahrender Sänger sein Brot
[* 17] verdienen mußte, setzte sich auch über
das Vorurteil hinweg, daß nur der
Minnesang dem Ritter gezieme, und dichtete im Dienste
[* 18] des Kaisers gegen den Papst seine gewaltigen,
mächtig zündenden polit.
Sprüche. Zugleich pries Wolfram von Eschenbach, der Meister des Tageliedes (s. d.), das Glück der Ehe. Die
gesunde Empfindung schlug die gesellschaftliche Mode. Unter den Epigonen der mittelhochdeutschen Dichtung seit 1220 blühte
der
Minnesang am reichsten in Schwaben und der Schweiz. Ein vornehmer Kreis
[* 19] am Hofe Heinrichs VII. pflegte zwar auch die reflektierte
und kühl inhaltlose aristokratische Grübelpoesie Reinmars des Alten, übte daneben aber in andern Dichtungen
eine volkstümliche Tanz- und Naturdichtung: so der originelle und geniale Burkard von Hohenfels, der formglänzende Ulrich
von Winterstetten und Gottfried von Neifen, dessen Balladen zum Teil ohne weiteres als derbe Volkslieder gelten könnten.
Schüler Walthers und Reinmars waren die Schweizer Schenken Ulrich von Singenberg und Konrad von Landeck, der Tiroler Rubin und der Steiermärker Ulrich von Liechtenstein, [* 20] dessen Lieder seine übrigen Dichtungen weit überragen. Ein durch Morungen angeregter Kreis von Thüringer Dichtern, Christian von Hamle, Heinrich Hetzbold von Weißensee, Christ, von Lupin u. a., zeigt eine fast antike sinnliche Lebensfreude bei meisterhafter Technik. Den Höhepunkt der Technik aber bezeichnen doch die Lieder Konrads von Würzburg, [* 21] der als Minnesinger durchaus zu den Schweizern zu stellen ist.
Bei aller Einförmigkeit des Themas, in das fast niemand durch Einflechten persönlicher Erlebnisse Abwechselung gebracht
hat, weist der spätere
Minnesang selbst in seinen rein höfischen Richtungen eine überdachende Fülle stilistischer, technischer
und inhaltlicher Nuancen auf. Hatte aber Walther von der Vogelweide Kunst- und Volkslyrik zu höherer Einheit mit glänzendem
Gelingen zusammengefaßt, so erstand in seinen spätern Jahren in Österreich
[* 22] eine neue Richtung, die er als Ruin höfischen
Gesanges bedauerte.
Die höfische Dorfpoesie Neidbarts und seiner zahlreichen Nachahmer führt uns in die Kreise der hübschen
lebenslustigen Bauerndirnen und ihrer tölpischen Liebhaber: die ironische Manier, die Cynismen und komischen Derbheiten,
die Neidhart noch mit künstlerischem Takte übt, sinken in seiner Schule mehr und mehr zur rohen Zweideutigkeit herab. Ein
schweiz. Dichter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrh.,
Herr Steinmar, ist Neidhart in manchem ähnlich; er liefert realistische Parodien des höfischen
Minnesang und
führt die Herbstlieder ein, volkstümliche Lieder auf Saufen und Fressen.
Darin folgte ihm der Züricher Hadlaub, der sonst durch sentimental detailreiche und lebenswahre Schilderungen einer hoffnungslosen
Liebe lächelndes Mitleid erweckt. In den Bahnen der halbgelehrten Vagantenpoesie schritt der Tannhäuser, dessen
ausgelassene Tanzleiche mit ihrem abenteuerlichen Wissenskram zu den amüsantesten Erzeugnissen des
Minnesang gehören.
Seit dem 14. Jahrh. sinkt der
Minnesang vom Adel ins Volk herab; das Volkslied des 15. Jahrh. dankt eine Reihe seiner wirkungsvollsten
Züge der Nachwirkung des höfischen
Minnesang. Die Spruchdichtung, die Walther in sein Repertoire aufgenommen hatte,
fand nach ihm nur noch einen adligen Vertreter, Walthers Schüler Reinmar von Zweter.
Bei ihm wird aber die polit. Dichtung bereits weit überwogen von lehrhaften und unterhaltenden Sprüchen aller Art. Außer Walther und Reinmar waren die mittelhochdeutschen Spruchdichter alle arme Fahrende, die sich lehr ungeniert durch Vetteln, Loben und Schelten ihren Unterhalt an den Höfen erwarben: der geistvolle Bruder Wernher, ein Österreicher, jüngerer Zeitgenosse Walthers, ist ein Virtuose des Scheltens. Die natürliche Entwicklung der Spruchdichtung wird beeinträchtigt durch das Eindringen gelehrter Elemente, die zuerst in Süddeutschland auftauchen. Die mit einem Anflug scholastischer Bildung versehenen «Meister», wie der Schwabe Marner, der Tiroler Sunburg, später ¶