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Imposante Stadtvillen bezeugen den Erfolg, den manche Tessiner Auswanderer im Ausland hatten. In Someo bauten die Rückkehrer sogar ihren eigenen, schöneren Friedhof
VIELEBAUWERKEDER EMIGRANTEN STEHEN NOCHvon Martina Kobiela
Der heutige Hauptsitz der UBS in der Nähe der Piazza Grande in Locarno wurde vor über 100 Jahren, von 1899 - 1901 gebaut. Der Architekt Alessandro Ghezzi hatte das Gebäude im Auftrag der Banca Americana-Svizzera (Schweizerisch-amerikanische Bank) erstellt. Eine der wichtigsten Filialen des Kreditinstituts befand sich in San Francisco, in Kalifornien. Der erste Verwaltungsrat der Bank bestand grösstenteils aus erfolgreichen Tessiner Emigranten, darunter auch Giovanni Pedrazzini, der in Mexiko, Nevada, Arizona und Kalifornien zu Reichtum gekommen war und in Locarno viele Zeugen seines Erfolgs hinterliess. Darunter eine heute nicht mehr bestehende Strassenbahn, die Bergbahn zur Madonna del Sasso und mehrere Stadtvillen, wie zum Beispiel die Villa Miramonte und die Villa alla Fonte am noch heute beeindruckenden Brunnen an der Piazza Fonte Pedrazzini. Die Villa Mexico, die im Quartiere Nuovo stand, musste nach der Jahrtausendwende der Abrissbirne und einem modernen Wohnhaus weichen.
Erstes Haus mit Elektrizität Die Villa Buenos Aires in der Ortschaft San Nazzaro wurde vor genau 100 Jahren, 1913, von Giovanni Pedretti erbaut. Pedretti erblickte 1851 am Ufer des Lago Maggiore das Licht der Welt. Mit 30 Jahren wanderte er nach Argentinien aus. Dort gründete er eine Schiffswerft. In seinem Betrieb reparierte Pedretti auch Dampfmaschinen und Heizkessel. Ob Giovanni Pedretti, der es in Buenos Aires zu ansehnlichem Vermögen gebracht hatte, jemals ins Tessin zurückkam, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass er in seinem Heimatort San Nazzaro den Bau der Villa Buenos Aires in Auftrag gab. Das Haus war das erste im ganzen Gambarogno, das über elektrischen Strom verfügte. Die Erben Pedrettis verkauften das zweistöckige Haus an einen Psychiater. Es wird heute als Pflegeheim genutzt.
Ein Friedhof für die Reicheren Doch die erfolgreichen Auswanderer erbauten nicht nur Gebäude. Eines der kuriosesten Beispiele ist der kalifornische Friedhof (Cimitero Californiano) in Someo im Maggiatal. Erbaut wurde er zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts von Rückkehrern aus Kalifornien. Nach Jahrzehnten harter Arbeit auf dem nordamerikanischen Kontinent hatten die ausgewanderten Tessiner einen gewissen Wohlstand erreicht, der es ihnen erlaubte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein eigentliches kalifornisches Viertel, das auch Viertel der “sciur” (Dialekt für Herren) genannt wurde, in Someo zu bauen. Ebenso wie die etwa zehn Häuser schöner und grösser waren als die restlichen des Dorfes, so fällt auch auf, dass der kalifornische Friedhof wohlhabender ist als der “normale” Friedhof nebenan. Ein Besuch auf dem Friedhof lohnt auch heute noch, viele der Grabsteine tragen noch Spuren der Abenteuer der Tessiner im fernen Kalifornien auf sich. Als Geburts- oder Todesort sind im Maggiatal sehr exotisch anmutende Namen wie Soledad, Santa Cruz, El Dorado oder Monterey zu lesen.
Hausdiener findet Goldschatz Heute beherbergt das Collegio Papio ein privates Gymnasium und eine private Mittelschule. Erbaut wurde das Gebäude zwischen 1585 und 1597 und diente mit seiner der Heiligen Maria der Barmherzigkeit gewidmeten Kirche zunächst als Kloster. Im Inneren des Gebäudes befindet sich einer der bemerkenswertesten Innenhöfe der Renaissance in der Schweiz. Der Urheber des Kollegiums war der 1526 in Ascona geborene Bartolomeo Papio. In jungen Jahren entschied er sich, nach Rom auszuwandern, und nahm eine Stelle als Hausangestellter bei der Familie Orsini an. Jahr um Jahr legte der Tessiner einen Teil seines Gehalts beiseite, bis er eines Tages bei einer Grabung unter einem mächtigen Felsbrocken eine grosse Menge Münzen, Gold, Silber und Edelsteine entdeckte. Papio konnte sich dank seines Finderanteils selbstständig machen und kaufte ein Haus in der Nähe desjenigen seines Arbeitgebers. Mit seinem neuen Reichtum baute er einen Schaf-, Pferde- und Rinderhandel auf. Schnell stieg Papio in der Gunst der Römer auf und freundete sich mit Prälaten und Kardinalen an. Er plante, sich im Alter wieder in Ascona anzusiedeln, das er regelmässig besuchte. 1564 begannen die Bauarbeiten an seiner Villa. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1580 vermachte Papio sein Haus in Ascona und eine grosse Geldsumme an die Kollegiumsstiftung, die seinen Namen bei seinen Landsleuten am Leben erhalten sollte.
Bestes Beispiel für Barock-Bau Die Casa Baccalà wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in Brissago erbaut. Sie gilt als Vorzeigebeispiel für Barock-Architektur im Bereich des nördlichen Lago Maggiore. Erbaut wurde das heute noch immer die Originalstruktur aufweisende Bauwerk im Auftrag der Brüder Giovanni Battista, Giuseppe, Giuseppe Antonio und Antonio Francesco Branca. Ursprünglich stammte deren Familie aus Cannobio in Italien, war aber bereits im 16. Jahrhundert Teil der Brissageser Burgerschaft geworden. Antonio Francesco Branca war mit 15 Jahren über Nürnberg nach Sankt Petersburg in Russland ausgewandert.
Ingenieur am Hof Louis XIV Der Palazzo Morettini in Locarno wurde 1700 von Pietro Morettini, der in Frankreich zu Vermögen gekommen war, erbaut. Der Architekt war u. a. am Hof von König Louis XIV als Militäringenieur tätig und ist auch im Tessin und in der Schweiz für zahlreiche Bauwerke veranwortlich. Darunter auch den 1708 erbauten, 200 Meter langen Tunnel “Urnerloch” am Gotthardpass, den ersten Strassentunnel der Schweiz.