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Die Comedian Harmonists
Der Film von Joseph Vilsmaier mit Ulrich Noethen
und Ben Becker. Die wahre Geschichte erzählt von Eberhard
Fechner. Der Roman von Tilo Köhler. Swinging Ballroom Berlin: die Musik anderer Künstler
jener Zeit. DVD bestellen bei Amazon.de.
Eingefügt am 4. Januar 2005: Die Premierenfeier des Kinofilms Comedian
Harmonists fand übrigens im Hotel
Adlon Kempinski Berlin statt.

Am Beginn der bis heute erfolgreichsten deutschen a cappella-Gruppe
und des beliebtesten Ensembles seiner Zeit überhaupt, stand eine Annonce
des jungen Harry Frommermann im Berliner Lokal-Anzeiger vom 18. Dezember
1927. Für die Umsetzung seiner Idee - eine deutsche Version der amerikanischen
Revellers (vier Sänger und ein Pianist) auf die Beine zu stellen -
brauchte Frommermann junge Talente. Das Vorbild der Revellers widerlegt
übrigens die hier und dort zu lesende Behauptung, die Comedian Harmonists
seien die "erste Boygroup der Welt" gewesen. Inmitten der deutschen Wirtschaftsmisere
mit drei Millionen Arbeitslosen versuchte ein junger Mann, der sich trotz
fehlender höherer Musikausbildung als Arrangeur sah, ein Spitzenensemble
auf die Beine zu stellen. Wie in Krisenzeiten üblich, meldeten sich
Dutzende von Arbeitsuchenden ohne geeignete Qualifikation. Doch Frommermann
hatte Glück und fand den Bass Robert Biberti, der zudem seine Bewunderung
für die Revellers teilte. Biberti seinerseits machte Harry mit seinen
Kollegen aus dem Chor des Grossen Schauspielhauses bekannt, dem bulgarischen
Tenor Ari Leschnikoff und dem polnischen Bariton Roman Cycowski. Als zweiter
Tenor war Walter Nussbaum mit von der Partie, der allerdings im März
1929 durch den Arztsohn Erich Collin ersetzt wurde. Bereits ein Jahr zuvor
hatte Leschnikoff seinen Freund, vermögenden Dandy und Pianisten Erwin
Bootz aus Stettin mit in die Gruppe eingebracht.
Nach monatelangen Proben von Anfang bis Mitte 1928 - natürlich
ohne Gage - wagten sie ein erstes, leider erfolgloses Vorsingen an der
Berliner Scala. Sie rafften sich nochmals dazu auf, einen Monat lang weiter
zu proben. Schließlich konnten sie den Agenten Levy von ihren Künsten
überzeugen. Der brachte sie zum Berliner Varietékönig
Erik Charell. Dessen Angebot lehnte Levy zuerst ab. Mit der Drohung, zur
Konkurrenz zu gehen, konnte er Charell zur Verdoppelung seines Angebots
bewegen. Ende September 1928 gaben die Comedian Harmonists in Charells
Großem Schauspielhaus ihr Debut. Der Erfolg kam rasch. Vorstellungen
in anderen Städten und mit steigender Gage waren die Folge. Zu Beginn
waren sie nur eine von mehreren Revuenummern eines Abends. Mit Grammophonplatten,
Rundfunkauftritten und schliesslich einer abendfüllenden Konzertournee
erhöhten sie ihren Bekanntheitsgrad. Die Tournee startete im Januar
1930 in Leipzig und war ein voller Erfolg. Im gleichen Jahr traten sie
in Amsterdam auf und sangen im Film Die drei von der Tankstelle
das Lied Ein Freund, ein guter Freund. Nun verdienten sie als gefeierte
Stars Riesensummen und lebten dementsprechend auf grossem Fuss. Selbst
in der Berliner Philharmonie durften sie auftreten.
Bis zu Hindenburgs Ernennung Hitlers zum Reichskanzler
im Januar 1933 zogen sie von einem zum andern Erfolg. Auch unter den Nazis
kam es nicht sofort zu dramatischen Aenderungen. Da aber drei der sechs
Mitglieder der Comedian Harmonists Juden waren, wurden bereits 1933 erste
vertraglich vereinbarte Konzerte abgesagt. Selbst die UFA machte bei Filmaufnahmen
keine Ausnahmen und unterband den Auftritt von Juden, gemäss den Verordnungen
der Reichskulturkammer. Goebbels machte am 5. März 1934 unmissverständlich
klar, dass Juden nicht Kammermitglied werden und deshalb nicht mehr öffentlich
auftreten durften. Bei Auftritten wurden sie angepöbelt bzw. die Konzerte
wurden gleich abgesagt. Mit dem Lied Auf Wiedersehen, My Dear, nahmen
sie bei ihrem letzten Auftritt Abschied von Deutschland, da am 1. Mai 1934
ihre Sondergenehmigung auslief und sie de facto mit einem Auftrittsverbot
belegt waren. Im Film von Vilsmaier zumindest profitierten die sechs Sänger
eine gewisse Zeit lang von der Protektion durch ihren Verehrer Julius Streicher.
Doch bereits seit dem Frühjahr 1934 waren sie vom Rundfunk ausgesperrt.
Die Beschränkungen übertrugen sich als Spannungen auf die Comedian
Harmonists. Die drei "Arier" verlangten einen grösseren Anteil an
den Einnahmen, da sie nicht an den Verdienstausfällen Schuld seien.
Anders ausgedrückt: da die drei Juden des Ensembles für die Einkommenseinbussen
verantwortlich seien, sollten sie weniger Geld erhalten. Doch es blieb
beim egalitären Verteilungsschlüssel.
Zuletzt traten die Comedian Harmonists zusammen in Dänemark,
Italien, Norwegen und in den USA auf, wo es zum berühmten, auch im
Film von Vilsmaier festgehaltenen Auftritt auf dem Flugzeugträger
"Saratoga" in New York kam, vor der versammelten Atlantik- und Pazifikflotte
der Amerikaner. Mit vielen Rundfunkauftritten testeten sie zusätzlich
die Möglichkeiten einer Karriere im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Doch die Sprachbarriere und die grosse Konkurrenz schreckten sie ab. Zudem
wollten einige zurück nach Deutschland, wo auch Haus, Geld und Familie
auf sie warteten. Die sechs Sänger kehrten deshalb zurück. Im
Februar 1935 erhielten Biberti, Bootz und Leschnikoff den Bescheid, weiterhin
auftreten zu dürfen. Die Nichtarier Frommermann, Cycowsky und Collin
dagegen wurden definitiv mit einem Auftrittsverbot belegt. Kurz darauf
teilte sich das Ensemble. Die Arier traten weiterhin in Deutschland auf,
die Juden gingen ins Ausland. Nach 1935 haben sich die sechs Sänger
nie mehr alle zusammen getroffen.
Neben dem von Joseph Vilsmaier (Herbstmilch 1988,
Schlafes
Bruder 1995) mit einem Budget von DM 14 Millionen gedrehten Film (1997),
der sich im Grossen und Ganzen weitgehend an den Fakten orientiert, allerdings
bezüglich der Trennung und der Zeit danach nicht tiefer lotet, bieten
der Roman von Tilo Köhler (1997) und vor allem das Buch von Eberhard
Fechner (1997) sowie dessen Dokumentarfilm (1976) eine vertiefte Auseinandersetzung
mit der Geschichte der Comedian Harmonists.
Eberhard Fechner: Die Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe.
Taschenbuch, Heyne, München, 1997, 413 S. Als Heyne TB, 2003,
bestellen bei Amazon.de.
Eberhard Fechner: Die Comedian Harmonists. Sechs Lebensläufe.
Dokumentarfilm, 1976.
Tilo Köhler: Comedian Harmonists. Roman.
Aufbau TB, 1999. Bestellen bei Amazon.de.
Joseph Vilsmaier, Gustav Kiepenheuer: Comedian Harmonists
- eine Legende kehrt zurück. 140 S.
Swinging Ballroom Berlin. Swing, Jazz & Sweet in
historischen Originalaufnahmen 1926-1943. 4 CDs mit einem grossformatigem
Begleitbüchlein, Emarcy Rec (Universal Vertrieb), Dezember 1999. Bestellen
bei Amazon.de. In Deutschland begann das Zeitalter des Jazz und der
Hotdance-Music erst richtig Anfang 1924 mit den ersten Gastspielen amerikanischer
Bands. Nicht nur die Comedian Harmonists, Marlene Dietrich (die früh
in die USA ging) und Helmut Zarcharias waren in Berlin die Stars jener
Epoche, sondern auch Arthur Briggs, Ben Berlin, Red Roberts, Billy Baron,
Paul Godwin, Robert Gaden, Bernhard Etté, James Kok, Oskar Joost,
Eugen Wolff, Otto Stenzel, Teddy Stauffer, Kurt Widmann, Horst Winter,
Fud Candrix und viele mehr sorgten in der über vier Millionen Menschen
beherbergenden Stadt für jazzige Unterhaltung - und das erstaunlicherweise
bis in die Kriegsjahre hinein. Der Swing kam 1935 erst auf und erlebte
zwischen 1939 und 1943 ein "heisses" Revival. Bei aller Qualität in
Berlin stand allerdings der amerikanische Jazz stilistisch, handwerklich
und showmässig doch auf einem anderen Niveau (Ellington, Goodman, Calloway, um nur einige Namen zu nennen). Fans jener Berliner Jahre sollten
natürlich trotzdem Zugreifen. CDs und Booklet dieser Qualität
kommen nicht so rasch wieder.
Joseph Vilsmaier: Comedian Harmonists. DVD 1998. DVD bestellen bei Amazon.de.
Film mit Ulrich Noethen als Harry
Frommermann, Ben Becker
als Robert Biberti, Kai Wiesinger als Erwin Bootz, Heinrich Schafmeister
als Erich A. Collin, Max Tidof als Ari Leschnikoff, Heino Ferch als Roman
Cycowsky sowie Katja Riemann als Mary Cycowsky, Meret Becker als Erna Eggstein
und Rolf Becker als Levy.
P.S. Die Geschichte der Comedian Harmonists ist mit Anekdoten
und Legenden verwoben, weshalb wir nicht dafür garantieren können,
dass unser Artikel immer Fakten und Fiktion sauber auseinanderhält.