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Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, sind Sie zufrieden, dass Barack Obama weitere vier Jahre Präsident der USA ist?
Selbstverständlich bin ich zufrieden.
Finden Sie, Obama war in den ersten vier Jahren ein guter Präsident?
Er war ein wichtiger Präsident.
Inwiefern?
Er war der erste Schwarze, der zum Präsidenten der Weltmacht USA gewählt wurde. Das war die Sensation. Dann lenkte er diese Weltmacht in den ersten vier Jahren in ruhigeres Fahrwasser, eine beachtliche Leistung nach den wirren acht Jahren Bush.
Was bedeutet vor diesem Hintergrund die Wiederwahl Obamas?
Die Wiederwahl des schwarzen Präsidenten ist noch wichtiger als die Wahl 2008: Stellen Sie sich vor, der Farbige im Weissen Haus wäre jetzt abgewählt worden – Bush zwei Legislaturperioden, Obama nur eine – und damit gescheitert. Das wäre doch die fatale Aussage, für Amerika, für die ganze Welt: Ein Schwarzer ist nicht geeignet, der mächtigste Mann der Welt zu sein. Darum erleben wir erst mit dieser Wiederwahl die neue amerikanische Normalität: Auch Obama ist einfach ein Präsident und nicht ein Lottotreffer der US-Demokratie. Das ist die historische Dimension der Wahl vom 6. November 2012.
Betrachten wir Obama als Präsidenten anders, weil er kein Weisser ist?
Vor vier Jahren war das der Fall. Obama erfüllte die Sehnsucht der Europäer nach dem Ende des Rassismus in ihrem Sehnsuchtsland. Allerdings weckte er auch Hoffnungen, die er gar nicht erfüllen konnte, weil er damit an den politischen und wirtschaftlichen Realitäten scheiterte. Das führte zu einer gewissen Enttäuschung: Zum ersten Mal gewählt wurde er als aussergewöhnlicher Präsident, der dann leider gewöhnliche Politik machen musste; wiedergewählt haben die Amerikaner jetzt einen normalen Präsidenten, der das Ausserordentliche wagen kann, weil er nicht ein drittes Mal gewählt werden muss.
Was macht denn Präsident Obama jenseits seiner faszinierenden Persönlichkeit aus? Sie beobachten Politik seit vierzig Jahren – ist er ein grosser Politiker?
Er ist, ich wiederhole mich, ein sehr wichtiger Politiker.
Warum?
Er verkörpert die Rückkehr der gesellschaftlichen Solidarität in den USA. Nach dreissig Jahren Marktideologie, die mit Präsident Ronald Reagan triumphierte, gelten wieder soziale Werte. Obama hat die obligatorische Krankenversicherung eingeführt – ein Jahrhundertwerk. Er betrieb Industriepolitik, zum Beispiel in Detroit, wo er die Automobilindustrie gerettet hat – General Motors macht wieder Profite. Er sieht den Staat in der Pflicht, den jungen Menschen Bildungs- und Aufstiegschancen zu garantieren – eine Revolution im Land des intellektuellen Niedergangs. Für Obama ist die Armut ein gesellschaftliches Problem, das der Staat zu lösen hat – eine gewaltiges Vorhaben in einer Nation der Suppenküchen für Abermillionen Menschen.
Mitt Romney wäre beinahe neuer Präsident geworden. Hätte er dies alles nicht ebenso angepackt?
Mit Sicherheit nicht! Die Wahl zwischen Obama und Romney war die Wahl zwischen zwei Vorstellungen von Gesellschaft: Romney ist als Chef einer Private-Equity-Firma hundertfacher Millionär geworden, indem er mit Unternehmen spekulierte. Er ist ein tief überzeugter Marktradikaler, selbst wenn er als Gouverneur von Massachusetts gelegentlich gezwungen war, pragmatisch zu handeln. Mit ihm hätte das Prinzip gewonnen: Jeder ist seines Glückes Schmied, also ist auch jeder seines Unglückes Schmied – wer arm ist, wer sozial schwach ist, wer bedürftig ist, hat versagt, ist selber schuld. Romney hat dieses menschenverachtende Denken brutal zum Ausdruck gebracht, als er 47 Prozent der Amerikaner zu Staatsschmarotzern erklärte – die Hälfte der Bevölkerung, die nicht im Wohlstand lebt.
Für Sie steht diese Wahl also für die Wahl zwischen zwei Weltanschauungen?
Ganz genau. Wir erleben spätestens seit der Finanzkrise ein historisches Ringen zwischen dem Prinzip des sozialen Staates und dem Prinzip der radikalen Gewinnmaximierung. Obama verkörpert als bedeutendster Politiker der Welt das soziale Prinzip. Verändert sich Amerika, verändert sich die Welt.
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