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Aus den Bergeller Bergen
Ton Prof. Dr. Minnigerode in Greifswald ( Section Basel ).
Aus den Bergeller Bergen Am 4. September 1879 verliess ich Morgens 3 Uhr 15 Minuten Pontresina, begleitet von meinem Führer Alois Pinggera aus Sulden. Es war unsere Absicht, zunächst die Besteigung des Monte della Disgrazia auszuführen und dann einigen Bergeller Bergen einen Besuch abzustatten.
Wir schlugen den Weg in das Rosegthal ein und befanden uns um 9 Uhr auf der Höhe des Sellapasses. So weit war mir der Weg aus früheren Jahren wohl bekannt, Pinggera befand sich zum ersten Mal an dieser Stelle.Von jetzt an mussten wir uns den Weg selbst suchen und hatten dadurch den Reiz, den neue Unternehmungen gewähren. Ich wusste, dass man, um von unserer Stelle aus nach Chiesa im Malencothai zu gelangen, in der Regel den Weg nach dem Fellariagletscher einschlägt und an den östlichen Abhängen des Sasso Moro absteigend den unteren Theil des Val Lanterna und von da aus Chiesa erreicht. Meine Absicht war, direct über den Scerscengletscher den oberen Theil des Val Lanterna zu gewinnen, ein zuerst vom Präsidenten Sarraz und seinem Begleiter Rüedi ausgeführter, seitdem selten wiederholter Uebergang.
Wir liessen die Séracs des oberen Scerscengletschers links liegen und kletterten in den Felsen abwärts; nachdem wir eine kaminartige Schlucht passirt hatten, gelangten wir an ein schmales, ziemlich steil abfallendes Schneefeld. Wir hielten uns bald rechts, bald links an den Felsen, rutschten auch einmal ein kurzes Stück hinab, so dass wir rasch vorwärts kamen, als plötzlich der Weg zu Ende war, indem wir an einen über den unteren Theil des Gletschers überhängenden Felsen gelangten. Links von uns waren schlimme Séracs, rechts unnahbare Felswände; wollten wir also nicht sehr viel Zeit mit Stufenhacken im blanken Eis oder weitem Umweg über die Felsen verlieren, so mussten wir direct hinunter. Glücklicherweise war die Höhe unseres Standpunktes über dem Gletscher nicht sehr gross ( etwa 15 Fuss ); Pinggera liess mich also am Seil hinab, dessen eines Ende ich dann fest hielt, während er das andere um einen Felsvorsprung schlang und langsam zu mir herabglitt. Nun ging es wieder rasch den Gletscher hinunter, bis dieser sich zu einer grossen, ebenen Fläche ausbreitete ( 11 Uhr 55 Minuten ). An einem kleinen Eissee lagerten wir uns zum Frühstück und brachen 12 Uhr 45 Minuten wieder auf.
Ich hatte die Berninagruppe seit Jahren von Pontresina aus nach den verschiedensten Richtungen bin durchstreift; der Anblick von der italienischen Seite aus war mir aber vollständig neu und überraschte mich aufs Höchste. ( Bei einer vor mehreren Jahren ausgeführten Wanderung von Maloggia über den Murettopass nach Chiesa wurden alle meine Unternehmungen im Malencothal durch die Ungunst des Wetters vereitelt. ) Die mir so wohl bekannten Berge hatten vollständig ihren Charakter geändert: statt der mächtigen auf der Schweizerseite sichtbaren Schneemassen überall dunkle, schroff abfallende Felsen. Der untere Theil des Scerscengletschers dehnt sich ziemlich weit aus, und immer wieder hielten wir an, um die Blicke rückwärts zu wenden. In nächster Nähe treten aus dem Gletscher verschiedenfarbige Felsen hervor, im Hintergrunde, hebt sich die gewaltige Felsmauer der Berninagruppe empor. Dominirend ist Piz Roseg, daneben Monte Scerscen, während Piz Bernina gegen diese zurücktritt. Einen imponirenden Eindruck macht der Felsblock der Crast'agüzza, unmittelbar aus der Tiefe des Scerscengletschers aufstrebend; daneben erhebt sich Piz Argient. Auch die niedrigeren Gipfel auf der andern Seite des Sellapasses treten bedeutender hervor, als auf der Engadiner Seite. Um 2 Uhr 20 Min. erreichten wir das Gletscherende und rasteten an einer Quelle bis 3 Uhr.
Nun ging es weiter über Felsblöcke den wilden Gletscherbach entlang in das Val Lanterna. Ein enges, wüstes Thal, vegetationslos; nichts als Felsen und Trümmergestein, zwischen dem sich der Bach gewaltsam, mit donnerndem Getöse hindurchdrängt. An der Brücke, bei der wir zum linken Bachufer übertraten, bildet der Gletscherbach eine prächtige Stromschnelle. Nun ging es auf leidlich gebahntem Wege aufwärts, immer über Felsen. Bei den Senn- hütten von Caspoggio verlor die Landschaft den Charakter schauerlicher Wildheit, auch war der Weg von nun an über Erwarten gut. Wir hatten noch einen tüchtigen Marsch vor uns, und es war längst dunkel, als wir Chiesa erreichten ( 7 Uhr 35 Minuten ).
Den grössten Theil des Tages war das Wetter prachtvoll gewesen, gegen Abend aber kamen Nebel, und die folgenden Tage sass ich, auf gutes Wetter wartend, in Chiesa. Während daselbst als Wirthshaus früher nur eine massige Spelunke existirte, findet man jetzt ein vortreffliches Hôtel vor. Als einzige Gäste wohnten da eine Dame aus Mailand und ihre Begleiterin. Die liebenswürdige Mailänderin hatte Noten bei sich, und ich war nicht wenig erstaunt, in diesem abgelegenen Thal bei Klavierbegleitung Schubert'sche und Mendels-sohn'sche Lieder ( in italienischer Uebersetzung ) zu vernehmen. Am Abend des 7. klärte sich der Himmel auf, und ich beschloss sogleich, noch in der Nacht nach dem Monte della Disgrazia aufzubrechen. Am 6. waren Hr. Dr. Lederer aus Graz und der Suldener Führer Josef Reinstadler eingetroffen, mit derselben Absicht wie ich. Wir beschlossen, die Tour gemeinsam auszuführen, und verliessen in der Nacht um 1 Uhr 10 Minuten bei Mondschein Chiesa.
Es war ursprünglich meine Absicht gewesen, die Besteigung des Monte della Disgrazia von Chiareggio aus auf dem von Hrn. Dr. Emil Burckhardt zuerst eingeschlagenen Weg ( die Besteigung des Monte della Disgrazia ) auszuführen ( s. Jahrbuch XIV, S. 519 ); dies schien jetzt ohne Zugabe eines vollen Tages nicht mehr thunlich. Wir einigten uns, auf kürzestem Wege dem Sasso Bisolo-Gletscher zuzusteuern, um von da aus die Besteigung zu unternehmen. Josef Reinstadler kannte diesen Weg, der über die Alp Rali führt, und leitete uns vortrefflich durch Wald und Wiesen bei oft kaum sichtbarem Pfad. 4 Uhr 20 Minuten erreichten wir die Alp, auf der wir uns Kaffee kochten 5 Uhr 30 Minuten brachen wir auf, den Torreggiobach entlang gehend, bald über grosse Felder von Felsblöcken, bald über Geröll und Schneefelder. Ueberall, wo in Felsen zn klettern war, entzückte uns deren ausgezeichnete Beschaffenheit. Um 7 Uhr 45 Minuten erreichten wir eine Einsattelung an dem vom Monte della Disgrazia nach Südwesten führenden Grat; zu unseren Füssen lag der Sasso Bisolo-Gletscher.
Bis zu diesem Augenblick waren wir vom Wetter in ausgezeichneter Weise begünstigt gewesen, und einige Zeit hindurch genossen wir auch noch von unserem Standpunkt aus einen herrlichen Blick auf Monte della Disgrazia und die Bergeller Berge. Aber bald kamen einzelne Nebel, und rasch war ein grosser Theil der Aussicht verschwunden; nur Monte della Disgrazia selbst gönnte uns den Anblick seiner herrlichen Form und blieb uns auch während unseres ganzen Aufstiegs sichtbar. 8 Uhr 40 Minuten verliessen wir das Joch und kletterten direct hinunter nach dem Sasso Bisolo-Gletscher. Die Schneeverhältnisse waren vortrefflich, so dass wir gut vorwärts kamen und 11 Uhr 15 Minuten den tiefsten Punkt des Grates erreichten, der Monte della Disgrazia mit Monte Pioda verbindet. Das waren aber auch die beiden einzigen Gipfel, die wir erblicken konnten, sonst war Alles in Nebel gehüllt; auch die Thäler waren von ihm erfüllt, nur der schauerliche steile Abfall zum Sissonegletscher war sichtbar. Nach sehr kurzem Aufenthalt wandten wir uns der Spitze zu. Die ersten Schritte gingen wunderschön, aber bald gelangten wir an blankes Eis, so dass Pinggera's Axt etwas zu thun bekam. Bei den folgenden Felspartien fanden wir wiederum unvergleichlich schönes, festes Gestein, und um 12 Uhr 55 Minuten befanden wir uns auf der Spitze bei einem Steinmann. Die in ihm enthaltene Flasche lieferte zahlreiche Notizen über frühere Besteigungen; bei Durchsicht derselben entstand unter uns eine Meinungs-differenz. Ich erklärte eine folgende, durch eine Scharte von der unsrigen getrennte Spitze für die höhere, was von meinen Begleitern bestritten wurde. Ich habe nachträglich durch Vergleich der Literatur, sowie durch Besprechung in Pontresina festgestellt, dass meine Ansicht in der That die richtige ist. Wir sind nur auf der von Siber-Gysi erreichten Spitze gewesen. Ich bestand nicht darauf, nach der höchsten Spitze hinüberzuklettern, theils weil wir absolut keine Aussicht hatten, indem unsere ganze Umgebung in Nebel gehüllt war, theils auch der vorgeschrittenen Zeit wegen. Hr. Dr. Lederer wollte noch Chiesa, ich noch die Bäder von Masino erreichen. Bei der Trostlosigkeit der Aussicht beschloss ich aber sofort, möglichst bald eine neue Besteigung des herrlichen Berges zu unternehmen, der so oft auf den Gipfeln der Berninagruppe mein Entzücken erregt hat. Dann aber soll auch die höchste Spitze nicht unbetreten bleiben. Noch sei bemerkt, dass bei einer Reihe früherer Partien, wie ich mit Sicherheit constatirt habe, die höchste Spitze unbestiegen geblieben ist.
Die Luft war übrigens ruhig und gar nicht kalt, so dass der Aufenthalt an sich nicht übel war. Um 2 Uhr traten wir den Eückweg an, erreichten 3 Uhr 5 Minuten die Einsattelung am Grat und machten ein Stück tiefer ( 3 Uhr 15 Minuten ) einen kurzen Halt; es war die Stelle, an der sich unsere Wege trennten. Hr. Dr. Lederer verfolgte unsere Spur vom Vormittag, während ich mich mit Pinggera dem Val di Mello zuwandte. Der Schnee war famos, und wir tollten geradezu den Piodagletscher hinunter; als wir sein Ende erreicht hatten, ruhten wir ein wenig und erquickten unsere durstigen Kehlen mit einem kräftigen Schluck Wasser. Um zu dem tief unter uns liegenden Weg zu gelangen, war noch ein Stück Felsenkletterei nöthig; dabei bewährte sich Pinggera's Spürnase vortrefflich in Auffindung eines practicabel Weges, wie ich deutlich erkannte, als wir von unten die colossalen Felsplatten erblickten, die den obersten Grund des Mellothales umgürten. Das Ende des Thales schien nicht allzu entfernt, doch zog sich der meist miserable Weg noch sehr in die Länge. Unterwegs langweilte uns noch ein ekliger Kerl, ein Jäger, der ein junges Murmelthier geschossen hatte, indem er durchaus wollte, ich solle bei ihm die Nacht zubringen, da die Bäder von Masino in der Nacht schwierig zu erreichen wären. In der That war es allmälig recht dunkel geworden, als wir S. Martino erreichten. Hier fragten wir nach dem Weg und kamen, stets in raschem Tempo gehend, endlich 8 Uhr 15 Minuten in den Bädern an.
Am 9. September waren wir eingeregnet. Ich benutzte die Zeit zur Einziehung von Nachrichten über die Berge im Hintergrunde des Porcellizzathales, deren nach der Schweiz gerichtete Wände das Bergell überragen. Die über diese Berge in verschiedenen Schriften vorhandenen Angaben sind einander durchaus widersprechend; auch die beiden von mir benutzten Karten, die eidgenössische Generalstabskarte und die Ziegler'sche, stimmen in dem italienischen Gebiet wenig unter einander ( und mit der Wirklichkeit ) überein. Im Hintergrund des Porcellizzathales gibt die Dufour'sche Karte zwei hervorragende Gipfel an: Cima di Tschingel ( 3308 m ) westlich und Piz Trubinesca ( 3365 m ) östlich, während sich auf der Ziegler'schen in der Richtung von Westen nach Osten der Reihe nach folgende vorfinden: Piz Trubinesca ( 3308 m ), Piz Badile oder PizLarg ( 3380 m ), Piz Lung, Piz Cinghel, Cengal, diese ohne Höhenangabe. Dann kommt der Bondopass und weitere, hier nicht in Betracht fallende Gipfel. Es war mir von Wichtigkeit, zu erfahren, wie die Thalbewohner selbst ihre Berge bezeichnen. Man wusste nur von zwei höheren Gipfeln zu berichten, Punta Trubinasca oder Trubinesca* ) und einem östlich davon liegenden, namenlosen und unbesteigbaren Berg. Die einzige Bezeichnung, die man für ihn hatte, war Punta Virgina. Von dem ersten Gipfel erfuhr ich noch, dass er mehrmals von italienischen Touristen erstiegen worden sei; dann, dass am 31. August Hr. Lurani aus Mailand mit einem Bergamasker Führer Punta Virgina, ohne jedoch zum Gipfel zu gelangen, in Angriff genommen habe. Die Namen Badile und Tschingel kannte man nicht.
Ueber Mittag hatten wir ein heftiges Gewitter, aber gegen 4 Uhr klärte sich der Himmel auf und alle Spitzen erschienen mit frischem Schnee bedeckt. Ich benutzte mit Pinggera die Zeit zu einem Spaziergang nach dem schönen von der unteren Stufe des Porcellizzathales abstürzenden Wasserfall.
Am 10. brachen wir 4 Uhr 25 Minuten auf, um Piz Trubinasca zu besteigen und zugleich die Punta Virgina einer Besichtigung zu unterwerfen. Diesem Gipfel zu Liebe war ich hauptsächlich in die Gegend gekommen; er war mir von den Berninabergen aus öfters gezeigt und mit dem Namen Badile bezeichnet worden. Er galt bei den Pontresiner Führern für jungfräulich.
In den untern Partien des Weges war der Rasen stark bereift, weiter oben trafen wir frischen Schnee. Um 6 Uhr erreichten wir die Alp Mazza, die einen vollständigen Ueberblick über den Hintergrund des Porcellizzathales gewährte. Schon während des lezten Theils des Aufstiegs zeigten sich nicht nur zwei, wie wir erwartet, sondern drei, dem Anschein nach etwa gleich hohe, die übrigen entschieden überragende Spitzen. Ich erkundigte mich nun bei den Sennen, die zuerst gar nicht begreifen konnten, dass ich auf einen der Berge hinauf wolle, und mir Passübergänge wiesen. Mit Mühe brachte ich heraus, dass der am westlichsten liegende Gipfel Trubinasca genannt und mitunter bestiegen werde. Ueber die beiden andern wussten sie nichts auszusagen, nur Einem der Sennen war der Name Badile bekannt.
Wir zogen nun weiter über die mit Schnee ganz bedeckten Grashalden und Steine der Trubinasca zu, mit steten Seitenblicken nach den Nachbarn. Beide sind äusserst schroff abfallende Gesellen; der östliche ist durch einen Grat mit einem vor ihm stehenden niedrigeren Felszahn verbunden und macht dadurch einen malerisch wirksamen Eindruck. Gereizt durch die wilde Schönheit der Bergformen, zum Theil auch um die Punta Virgina ja nicht zu verfehlen, beschlossen wir, nach der Trubinasca auch die beiden andern Gipfel noch in Angriff zu nehmen. Die grösste Anziehungskraft übten die steilen Wände des mittleren ( Badile ) auf uns aus, und Pinggera rief: wenn nicht der Schnee läge, der bis morgen noch wegschmelzen kann, so ginge ich gleich auf ihn los.
Um 7 Uhr 30 Minuten machten wir eine Pause von 20 Minuten und stiegen dann den kleinen Gletscher hinan. 8 Uhr 40 Minuten befanden wir uns auf einer Einsattelung des von der Trubinasca nach Westen führenden Grates; zu unsern Füssen lag der Trubinascagletscher, über den der kürzeste Weg von den Bagni nach Promontogno führt. Von da ging es den Grat entlang über Gletscher und mit Schnee bedeckte Steine zum Gipfel, der 9 Uhr 10 Minuten erreicht wurde. Die Partie, die keinerlei Schwierigkeiten bietet, verdient im höchsten Grad die Aufmerksamkeit der Touristen wegen der wunderbar schönen Aussicht, die sie zum Theil schon während des Aufstiegs darbietet und die uns antrieb, so schnell als möglich zu steigen, um sie vollständig geniessen zu können. Pinggera rief 100 Fuss unter der Spitze sich umkehrend: Welch ' schöner grosser See liegt da? Ich antwortete: es ist der Corner See und oben werden wir auch die Engadiner Seen sehen. Das war nun freilich nicht der Fall. Ich behauptete es auf die Autorität von Herrn Freshfield hin, der mir vor einigen Jahren die Besteigung der Trubinasca dringend empfohlen hatte. Ich sah nun, dass der von Herrn Freshfield Trubinasca genannte Berg nicht der von mir bestiegene war.
Das Wetter war prachtvoll. Die einzelnen Gipfel der Walliser und Berner Alpen traten deutlich hervor, mächtig das Rheinwaldhorn; die Berninagruppe ist verdeckt, dagegen zeigt sich wunderbar schön Monte della Disgrazia. Von den nächst gelegenen Gipfeln fesselt die Aufmerksamkeit vor Allem der Badile mit seinen schroff abfallenden Platten. Aber immer wieder wendet sich der Blick nach dem tief unten liegenden Corner See, von dem ein grosser Theil sichtbar ist: der nördliche mit einer Reihe von Ortschaften und Landhäusern gezierte Theil, die äusserste Spitze der Landzunge von Bellaggio und ein Theil des Corner Arms. Im Gegensatz der milden Ruhe des See's zur schroffen Wildheit der nächsten Umgebung liegt der Hauptreiz der Aussicht. Die im Steinmann befindliche Flasche enthielt einige italienische Namen.
10 Uhr 30 Minuten verliessen wir den Gipfel, rutschten am Gletscher ein gutes Stück hinab und erreichten 1 Uhr 45 Minuten die Bäder von Masino. Der frische Schnee war grossentheils abgeschmolzen.
Am folgenden Tag, den 11. September, nahmen wir den Badile in Angriff. Dass diess durchaus der richtige Name für den mittleren der drei Berge ist, Aus den Bergeller Bergen.
wurde mir zwei Tage später evident, als ich ihn vom Bondascagletscher aus betrachtete. Piz Badile heisst auf deutsch Schaufelspitze, und die schaufelförmige Gestalt des Berges ist von der Bergeller Seite, namentlich auch von Promontogno aus gesehen, unverkennbar, während der Name auf keine der übrigen Spitzen passt.
Pizzo Cengalo.
Piz Badile.
J. Mütter-Wegmarm del.
Badile und Cengalo von unterhalb Promontogno aus gesehen.
Ich war mit einem starken, 50 Fuss langen Manillaseil versehen; um möglichst allen Schwierigkeiten gewachsen zu sein, lieh ich mir in den Bädern noch ein langes Waschseil, nicht so dick als das meinige, aber immerhin stark, das uns sehr gute Dienste geleistet hat.
Um 3 Uhr 10 Minuten verliessen wir die Bäder, anfangs beim Licht der schmalen Mondsichel und bei vollkommen reinem Himmel. Bald nach Tagesanbruch zeigte sich, während sonst Alles klar blieb, am Badile eine beunruhigende Wolke, bald sich an die Spitze hängend, bald darüber oder an der Seite hinschwebend. niemals ganz aus seiner Nähe weichend. Um 5 Uhr erreichten wir die Alp Mazza und schritten weiter dem östlichen Rand des Berges entgegen. 6 Uhr 25 Minuten wurde zwischen alten Schneeflecken und Felsen ein Frühstück eingenommen und der Plan der Besteigung festgestellt.
Vom Porcellizzathal gesehen macht der Badile im Grossen und Ganzen den Eindruck einer Ungeheuern Platte, die eine ihrer Flächen dem Thal zukehrt; in Wirklichkeit ist er aber aus lauter einzelnen Platten zuzammengesetzt. Von der höchsten Spitze aus erstreckt sich nach beiden Seiten ein kurzer, kaum geneigter Grat, der dann plötzlich in schroffster Weise abfällt; der nach der Ostseite abfallende besteht aus einer Reihe überhängender Felsen, aber auch der westliche macht einen äusserst unzugänglichen Eindruck. In seinem untern Theil fallt der Badile in senkrechten Platten nach dem Gletscher ab; als einzige Angriffspunkte erscheinen zwei steile Felsspalten, die allerdings mit Hüten ( in die Spalten gerutschte Felsblöcke ) bedeckt sind, deren Umgehung aber nicht als ganz hoffnungslos zu erachten war und jedenfalls versucht werden musste. Oberhalb der Spalten erschienen Felsleisten und Vorsprünge, die ein Erreichen des Gipfels in Aussicht zu stellen schienen, sobald nur die Felshüte überwunden waren.
Wir nahmen zuerst den uns zunächst liegenden östlichen Spalt in Angriff ( 8 Uhr ). Nach kurzem Frühstück auf dem Gletscher liessen wir allen Proviant zurück, mit Ausnahme einer Flasche Wein, die ich ziemlich unvorsichtig in eine Seitentasche meiner Joppe steckte. Zunächst bewegten wir uns auf einer Eiskante am Gletscherrand, zwischen der und dem Felsen eine Kluft gähnte. Pinggera ging voran, ich folgte; das Seil hatten wir angelegt. Ich war noch keine 20 Schritt gegangen, als bei der ersten lebhaften Bewegung die schöne Flasche Wein aus meiner Tasche in den Abgrund stürzte. Da war nichts zu machen.
Vom Gletscher gelangten wir direct an den Felsspalt. Die Kletterei war von Anfang an entschieden schwierig, sowohl wegen der Steilheit als wegen der Glätte der Felsen: Ueberreste des frischen Schnee's überzogen als dünne Eisschichten die Wände und verweigerten den Fingern jede Handhabe; nur in Schorn-steinfegermanier, mit Ellbogen und Knieen arbeitend, konnte man nach und nach die einzelnen Absätze des Kamins überwinden. Wenig nur belästigte das herabträufelnde Wasser, eher ab und zu ein Regen feinster Eisnadeln, die sich hoch oben unter dem Einfluss der Sonne loslösten und auf uns herabstürzten. Doch muss ich dem Badile nachrühmen, dass am ganzen Tage nicht ein einziger Stein fiel, die Felsen waren von ausgezeichneter Festigkeit.
Zwanzig Fuss unter dem Felshut hielten wir und versuchten eine Umgebung durch Schwenkung nach rechts. Eine kurze Strecke sehr böser Kletterei brachte uns nach einem kleinen Absatz, über den hinauszukommen unmöglich war: über ihm nichts als überhängende Platten. Vorsichtig stiegen wir wieder zurück und noch ein Stück aufwärts dem Hut zu, bis wir wieder durch überhängende Platten zurückgewiesen wurden. Mit schwerem Herzen »traten wir den Rückzug an und gelangten 10 Uhr 38 Minuten zu unserm Proviant.
Indessen hatte sich das Wetter sehr verschlechtert: der Gipfel des Badile sowohl als unsere ganze Umgebung waren vom Nebel überzogen und nur hie und da zeigten sich kleine Lichtblicke. Wir dachten unter den obwaltenden Umständen nicht daran, den Gipfel noch erreichen zu können, beschlossen aber, den Berg einer genauen Untersuchung zu unterwerfen, um für den am folgenden Tag zu erneuernden Versuch eine möglichst sichere Basis zu gewinnen. Wir begaben uns also zu dem zweiten, westlichen Felsspalt ( 11 Uhr 15 Minuten ), an dessen Fuss unser Proviautrest zurückblieb, bis auf ein Paar Täfelchen feiner Chocolade und ein Täschchen mit Rosinen, Geschenke von einem Pontresiner Freunde, die uns noch vortreffliche Dienste thaten. Ich liess auch meinen Eispickel zurück, während Pinggera den seinigen behielt, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Der Felsspalt war im Anfang überraschend leicht, so dass wir flott vorwärts kamen und nicht einmal das Seil gebrauchten. Aber es kam noch anders.
Wir waren jetzt 50 Fuss unter dem überragenden Felsblock angelangt. Dieser war zu beiden Seiten festgeklemmt und ruhte ausserdem an seiner tiefsten Stelle auf dem Felsen, an dem hier eine senkrecht abfallende Rippe hervortrat, die bis einige Fuss über unsere Köpfe herabreichte. Der Bergspalt, dessen Wände nun vollkommen senkrecht wurden, wurde so durch ihn in zwei neben einander befindliche kaminartige Abtheilungen zerlegt. Hier vollbrachte Pinggera ein Meisterstück im Klettern. Bald mit Schultern und Fussen zu beiden Seiten des einen Kamines sich andrückend, bald mit den Fingerspitzen an kleinen Vorsprüngen sich aufziehend und mit Umschwung um die Leiste in das Nebenkamin übergehend, dann nach Schornsteinfegerart mit Ellbogen und Knieen sich anstemmend, gelang es ihm, sich bis zum Block aufzuschwingen. Zwischen diesem und der Felswand zeigte sich nach hinten ein geräumiges Loch, in dem mehrere Personen bequem hätten Unterkunft finden können.
Hier setzte sich Pinggera bequem fest, und meine Aufgabe war es nun, am Seil gehalten zu folgen. Mit grenzenloser Anstrengung kam ich langsam auf demselben Wege in die Höhe. Einige Mal musste ich, irgendwie im Kamin festgestemmt und durch das Seil unterstützt, ausruhen. Bei diesen Momenten war der Gebrauch des Seiles, abgesehen von der Sicherheit, die es mir gewährte, eine grosse Erleichterung, während ich zum eigentlichen in die Höhe Kommen — gelegentlich einen kleinen Ruck abgerechnet — doch wesentlich auf eigene Leistung angewiesen war. Im weiteren, sogleich zu erwähnenden Verlauf der Partie zog ich weit grösseren Nutzen vom Seil und hätte bei Anwendung der späteren Gebrauchsweise mir die Sache sehr erleichtern können. Ernstlich erschöpft kam ich bei Pinggera an, einige Fuss unter ihm auf einem Vorsprung stehend. Doch zum Rasten war keine Zeit. Es handelte sich jetzt darum, den Felshut zu umgehen. Pinggera hiess mich zur Seite ( westlich ) nach einer über mir vorspringenden Platte aufsteigen und schimpfte mörderlich über mein miserables Klettern, als es mir durchaus nicht gelingen wollte. Die Plätze wurden getauscht. Ich setzte mich unter dem Block fest und liess ihn seine Kletterkünste versuchen. Ich war vollständig überzeugt, dass die Ueberwindung des Felsblocks die unumgängliche Bedingung für das Gelingen des Unternehmens sei, aber ich muss es gestehen, nach dem grässlichen Geschimpfe, das ich, wehrlos an dem Felsen mich abquälend, hatte anhören müssen, genoss ich entschieden eine kleine Schadenfreude, als auch er unten blieb, obwohl ich natürlich in diesem Augenblick jede Bemerkung unterdrückte. Die Stelle, zu der wir hin mussten, war gar nicht sehr hoch über unserem Standpunkt, wenn auch direct nicht erreichbar; aber bis dorthin bestand die Felswand aus glatten über einander gelagerten Platten, die keinerlei Haltpunkt gewährten. Ein Stützpunkt, um bloss die Finger aufzulegen, würde genügt haben, einen Aufschwung zur ersehnten Platte zu ermöglichen, aber nicht ein einziger war vorhanden. Gegenseitige Hülfe war auch unmöglich, dazu war alles zu eng.
Bisher hatten wir an der westlichen Seite des Fels-spalts gearbeitet; das westliche Kamin hatte an unserm Standpunkte seinen Abschluss. Das östliche Kamin reichte aber noch ein gutes Stück weiter in die Höhe, begrenzt durch die Felswand und unseren Block. Indess war der Abstand der Wände, wenigstens in seinem unteren Theil, so weit, dass für Leute unserer mittleren Körperlänge zwischen ihnen nicht aufzukommen war. Da hatte Pinggera einen höchst sinnreichen Gedanken.
Oberhalb der Stelle, an der der Block an die östliche Felswand festgeklemmt war, war ein kleiner Spalt vorhanden, der von meinem Sitz leicht erreichbar war. Pinggera hiess mich ein Seilende durch denselben stecken und das Seil nachschieben wie über eine Rolle, bis das Ende frei über den Abgrund hinab-lu ng und von ihm seitlich erfasst werden konnte. Ich zog nun das Seil von innen fest an, während er am herabhängenden Ende hinauf turnte, bis er einige Felsvorsprünge ergreifen und sich von da zur Höhe des Blocks aufschwingen konnte. Nun suchte Pinggera den Spalt, durch den das Seil gezogen war, mittelst « eines Pickels von oben zu erweitern, hoffend, dass ich dann nach oben hindurchkriechen könne. Doch wurde die Oeffnung dazu nicht weit genug. Ich band mich von dem Seil los, das Pinggera nun ganz zu sich hinaufzog, und stieg wieder hinunter auf den Absatz unterhalb des Blocks. Er warf mir ein Seilende zu, an dem ich mich festband, während er oben feste Stellung nahm und das Seil um einen Felsvorsprung schlang. Ich trat seitlich vom Absatz weg und schwebte nun frei in der Luft. Dann fasste ich das Seil mit den Händen und zog mich so wie an einem Turnseil aufwärts, bis ich eine Stelle erreichte, an der ich mich mit Ellbogen und Knieen festklemmen konnte. Ich liess nun das Seil los und Pinggera zog an, bis es wieder gespannt war. Diess Verfahren wurde wiederholt, wobei ich mich nun schon mit den Knieen halten konnte, bis ich bei Pinggera ankam. Dieses letzte Stück mochte 15 Fuss hoch sein.
Oberhalb des Blockes ging der Spalt noch ein Stückchen in die Höhe; der mässig ansteigende Boden war noch mit frischem Schnee bedeckt. Dabei war das Ganze so eng, dass man sich zu beiden Seiten an den Felswänden halten konnte. Nachher wurde es freier und es begann das Klettern über Felsleisten und Platten. Während wir so im besten Thun waren,, sagte ich zu Pinggera: So eine Kletterei wie vorhin ist denn doch eigentlich ein Unsinn. Nach einiger Zeit bemerkte er: Ich habe vorhin wieder sehr viel Respect vor Ihnen bekommen. Wodurch? fragte ich. Weil Sie selbst sagen, dass so etwas ein Unsinn sei, erwiderte er.
Es war freilich die bei weitem schwierigste Kletterei, die wir Beide jemals durchgemacht haben, aber nun waren wir frohen Muths und voll Hoffnung. Die Felsen waren nicht gerade ganz leicht; doch war durch das Geleistete unser Selbstvertrauen gesteigert, und nach dem eben Durchgemachten hätte schon etwas ganz Ausserordentliches kommen müssen, um uns zum Halt zu bringen. Wären wir noch auf ähnliche Schwierigkeiten gestossen, wie die eben überwundenen, so hätten wir freilich am selben Tage den Gipfel kaum mehr erreichen können. Wir setzten fest, dass wir in solchem Falle umkehren, unsere Seile oberhalb des Blockes befestigen und dann am folgenden Tage mit geringerer Mühe den Angriff wiederholen würden.
Wir fanden Wasser und löschten den brennenden Durst. Dann wurde die Chocolade hervorgeholt und getheilt. Pinggera liess nun auch seinen Pickel zurück und'wir stiegen eiligst weiter. Die Felsen waren durchweg äusserst steil, aber von vorzüglicher Beschaffen- heit. 2 Uhr 30 Minuten erreichten wir den Gipfel des Piz Badile, beide überglücklich über das Vollbrachte * ).
Das Wetter hatte sich nun auch theilweise aufgeklärt. Wunderbar schön und deutlich erschienen die Engadiner Seen vor uns, die Bernina- und Disgraziagruppe. Nur nach Italien zu lagen Wolken. Selbst das Porcellizzathal zu unseren Füssen war durch hin-überstreichende Nebel meist verdeckt. Vom Comer See, den man unter anderen Umständen unzweifelhaft gesehen hätte, war nichts zu erblicken.
Der Gipfel des Berges ist ein fast horizontaler Grat von höchstens 70 Schritt Länge, überall nur wenige Fuss breit. Der höchste Punkt wird durch einen etwa in der Mitte aufliegenden Felsblock gebildet. An beiden Gratenden geht es ganz schroff, zum Theil überhängend, nach unten. Nach dem Bondascagletscher zu fallen die theilweise beeisten Felswände furchtbar steil ab, der Blick dahin ist von ungeheurer Wildheit. An einer Stelle hängt mächtiges Schneeg'wächte über. Wir durchsuchten den Gipfel nach Spuren früherer Ersteigungen, konnten aber nichts finden. Wir errichteten drei Steinmännchen, eines auf der höchsten Spitze, dann noch rechts und links eines. In jedem deponirte ich einen Zettel mit den Daten unserer Besteigung; da ich über keine Flasche zu verfügen hatte, so legte ich den einen in das Futteral meinesIch habe von Zeitangaben mitgetheilt, was in meinem Taschenbuch notirt ist; in der Aufregung des Klettern lag mir alles Andere näher, als auf die Uhr zu sehen.
Opernguckers, den zweiten in einen wollenen Handschuh, den dritten in das Rosinentäschchen, dessen Inhalt uns zum Schluss noch erquickte.
3 Uhr 15 Minuten verliessen wir den Gipfel und verfolgten im Wesentlichen den Weg des Aufstiegs, nur an einer Stelle konnten wir ein wenig abschneiden. Als wir am Felsblock anlangten, liess mich Pinggera am Seile frei hinab, bis ich den Absatz unterhalb des Blocks erreichen konnte. Ihm selbst gelang es, sich durch die Oeffnung zwischen Block und Felswand durch-zuschmiegen und sich mit mir zu vereinigen. Er fasste nun feste Stellung und ich kletterte, von ihm am Seil gehalten, den Felsspalt abwärts, bis ich mich in gesicherter Position befand. Pinggera schlang nun das Seil, dessen eines Ende ich festhielt, um einen Felszahn und kletterte, beide Seilstücke erfassend, abwärts bis zu mir. Nun konnten wir aber das Seil nicht wieder loskriegen. Wir schleuderten und zogen auf alle Weise, jedoch ohne Erfolg. Da wir es nicht im Stiche lassen wollten, kletterte Pinggera nochmals nach oben und gab ihm eine bessere Lage. Nachdem er wieder bei mir angekommen war, gelang es endlich, dasselbe zu uns herunterzuziehen. Nun waren alle Schwierigkeiten überwunden. Das Seil von Stufe zu Stufe vor uns herwerfend, eilten wir dem Gletscher zu, fassten unsere Sachen zusammen und schritten schleunigst über den Schnee weg dem Lande zu. Es war 6 Uhr und dunkelte schon, als wir den Gletscher verliessen und einige Minuten pausirten.
Der obere Theil des Porcellizzathales besteht aus mit Steinen bedeckten Grashalden, über die wir noch rasch hinüberkamen. Glücklicherweise hatte sich der Himmel gegen Abend vollkommen aufgeklärt, sonst hätten wir im Freien übernachten können. Schon so, beim hellen Schein des Jupiter, tappten wir nur mühsam zwischen den riesigen Felsplatten nach einer practicabeln Passage und erreichten endlich die Alp Mazza, die bereits geschlossen war. Erst gegen 10 Uhr kamen wir in den Bädern an, wo längst Alles dunkel war. Man hatte uns nicht mehr erwartet. Wir alar-mirten die Bewohner, tranken noch eine Flasche köstlichen Weins und ruhten dann gründlich aus von den Strapazen des Tages.
Der folgende war ein Ruhetag. Wir trafen zugleich unsere Vorbereitungen zur Abreise nach dem Bergell.
Am 13. verliessen wir 5 Uhr 5 Minuten die Bäder von Masino und schritten nun zum dritten Mal in vier Tagen nach dem Hintergrund des Porcellizzathales. 8 Uhr 15 Minuten rasteten wir und besprachen den weiteren Feldzugsplan. Meine Absicht war es, das dritte der drei Häupter in Angriff zu nehmen, das nach der Excursionskarte des S.A.C., die gerade noch bis an dasselbe heranreicht, aber leider das Porcellizzathal nicht mehr enthält, Piz Cengalo geschrieben werden muss. Das Wetter, früh morgens ganz gut, hatte sich sehr verschlechtert; unser Piz hatte sein Haupt vollständig in Wolken gehüllt, so dass wir die Frage ernstlich erörterten, ob es nicht angezeigt sei, direct über den Bondopass den Uebergang nach Promontogno im Bergell zu machen; denn bei absolut schlechtem Wetter zur Spitze zu steigen, bot nur geringen Reiz. Da traf Pinggera das Richtige durch einen Vermittlungsvorschlag. Zwischen Badile und Cengalo befindet sich eine niedrigere, felszahnartige Spitze ( Piz Lung auf der Ziegler'schen Karte ?), von der ein Grat zum Cengalo führt. Pinggera schlug vor, wenigstens bis zu dieser vorzudringen und dann erst die Entscheidung zu treffen. Die Höhe war dann nicht mehr sehr weit; ausserdem schmeichelten wir uns mit der Hoffnung, vielleicht von irgend einem Punkte des Grates einen directen Abstieg nach dem Bondascagletscher zu ermöglichen.
8 Uhr 45 Minuten brachen mir auf und befanden uns 9 Uhr 45 am Fuss der senkrecht gegen den Gletscher abfallenden Felswände. Am vorerwähnten Grat waren 3 Scharten bemerkbar; wir wandten uns der mittleren, tiefsten, zu, da der Aufstieg zu ihr am practicabelsten schieb, und befanden uns nach einer leichten Kletterpartie auf der Höhe derselben. Da wurde es freilich klar, dass von keinem Punkte des Grates ein directer Abstieg nach dem Bondascagletscher auch nur annähernd durchzuführen war. Das Wetter hatte sich indessen wunderbar zum Guten gewendet, namentlich der Osten war ganz klar, auch unser Piz selbst wolkenfrei geworden. Wir wandten uns also aufwärts über Schnee und Felsen, die, wie immer in diesen Gegenden, an Festigkeit nichts zu wünschen übrig liessen, zuletzt über einen Schneegrat dem Gipfel zu, den wir 11 Uhr 15 Minuten erreichten.
Zunächst fesselt die Blicke Monte della Disgrazia, die Berninagruppe, links davon die Weisskugel. Die Engadiner Seen sieht man nicht so vollständig, wie Tom Badile aus, vom Süser See nur ein kleines Stück; dagegen reicht der Blick tief in 's Unterengadin. Vom Comer See, der wenigstens kurze Zeit nebelfrei war, ist der nördliche Theil sichtbar, doch nicht so viel, wie auf der Trubinasca. Diese, sowie die schroffen Wände des Badile, bilden die Nahsicht, auf dem Gipfel des letztern unsere Steinmännchen.
Der Steinmann des Cengalo enthielt eine Blechkapsel, deren Inhalt wir untersuchten. Zunächst fand sich eine Visitenkarte von Hrn. C. Comyns Tucker, der mittheilt, dass er « and Douglas W. Freshfield A. C. made the first ascension of this peak with François Devouassoud of Chamonix in 4 h. 40 min. from the Baths of Masino. July 25, 1866. » Nun war ich auf dem Gipfel, von dem mir Hr. Freshfield erzählt hatte.
Ausserdem war ein Zettel vorhanden, der beur-kundete, dass Hr. Francesco Lurani, C.A.I., und Hr. Filippo Cavi mit dem Führer Antonio Baroni di S. Pellegrino wenige Wochen vor mir oben gewesen waren. Zugleich theilt Hr. Lurani mit, dass Sig. Emilio Torri di Colvensa am letzten Juli des Jahres, in dem die erste Besteigung stattgefunden hat, mit demselben Führer Baroni oben gewesen sei. Hr. Lurani schreibt den Berg Pizzo di Cengal.
Wir hatten unsere Tornister bis zum Gipfel mitgenommen, in der Hoffnung, auf der Ostseite des Piz einen Abstieg zu ermöglichen und so den grossen Umweg zu vermeiden, den der Rückweg über unsere Spuren nothwendig gemacht hätte. Wir verliessen 12 Uhr 10 Minuten den Piz und wandten uns der Einsattelung zu, die sich zwischen ihm und dem von der Alp Mazza aus gerade vor ihm sichtbaren früher erwähnten Felszahn befindet. Von da wandten wir uns nach links ( östlich ) und fingen an, in den Felsen abwärts zu klettern. Anfangs ging es ganz leicht, dann aber wurden die Platten sehr steil, so dass wir uns nur mit grosser Vorsicht fortbewegen konnten. Wir passirten eine senkrecht abfallende Wand, die nur nothdürftig Haltpunkte für die Fingerspitzen und Zehen gewährte. Mehrmals schlangen wir das Seil um Felsvorsprünge, um uns an demselben herabzulassen; den schwierigsten Stellen am Badile war die Partie nicht gleich, aber immerhin ganz respectabel. Wir waren indess so brillant auf einander eingeklettert — wenn diese Wortbildung gestattet ist — dass es ganz famos ging. Einmal rief mir Pinggera zu: Sie klettern ja heute wahrhaftig besser als ich — oder, fügte er sich verbessernd hinzu, doch eben so gut. Wir kamen dann ein kurzes Stück auf Eis und an eine kleine Lawinenrinne; Lawinengefahr ist freilich im Herbst am Cengalo nicht zu befürchten, aber ein kleiner Steinhagel fuhr gerade an exponirter Stelle über uns her. Als wir kurz darauf ( 2 Uhr 40 Minuten ) am Gletscher anlangten, zeigte uns die Menge des umherliegenden Gesteins, dass an dieser Stelle öfters etwas herunterkommt.
Das Wetter war indessen ganz schlecht geworden. Wir steckten tief in Wolken, nicht 50 Schritt weit reichte der Blick. Im Nebel den uns ganz unbekannten Bondascagletscher überschreiten zu wollen, wäre eine Thorheit gewesen; da aber die Möglichkeit vorlag, die Bergeller Seite nebelfrei zu finden, so beschlossen wir doch, die Höhe des Bondopasses zu gewinnen. Um ihn nicht zu verfehlen, hielten wir uns hart an den Cengalofelsen und erreichten 3 Uhr einen schönen, breiten Schneesattel; der Himmel war klar, und wir glaubten schon gewonnenes Spiel zu haben, als sich zu unseren Füssen ein furchtbarer Abgrund aufthat, der jedes Weiterkommen unmöglich machte. Ich verdanke der Güte des Hrn. Flury in Pontresina ausser zwei Photographien des Badile auch eine solche des Cengalo mit Bondascagletscher. Auf letzterer ist diese Stelle sehr schön zu sehen zwischen dem Piz und dem spitzen Felszahn zu seiner Linken. Wir eilten weiter und gelangten zu einem Felsgrat, vielleicht eine Lücke zwischen den auf der Excursionskarte als Gemelli bezeichneten Gipfeln ( der Nebel liess es nicht entscheiden ): keine Möglichkeit des Abstiegs nach dem Gletscher. Fieberhaft erregt drangen wir weiter vor und erreichten 3 Uhr 45 Minuten den wirklichen Bondopass. Dieser besteht aus einem Felsgrat und nicht, wie man nach der Excursionskarte, die gerade bis hieher reicht, erwarten sollte, aus einem Schneegrat. Die Dufourkarte ( 1:100000 ) und die Ziegler'sche sind in dieser Gegend ganz unzuverlässig. Dicht unter der Höhe fanden wir auf der italienischen Seite Spuren früherer Ueberschreitung im Geröllsand. Nachdem wir noch einen Bergschrund passirt hatten, befanden wir uns auf dem Bondascagletscher, den wir stürmisch. hinabeilten. Ueber uns war der Himmel klar, nur die Bergspitzen in Wolken gehüllt.
Der Gletscher war auffallend glatt, doch ermöglichte die pulverige Schicht frischen Schnee's, die ihn bedeckte, ein verhältnissmässig rasches und sicheres Fortkommen. In meinen vieljährigen Hochgebirgswanderungen sind mir wenig Gletscher vorgekommen, die mit so mächtigen, fast ihre ganze Breite umfassenden Spalten durchzogen gewesen wären. Schneidig, wie immer, ging Pinggera darauf los und wusste immer noch eine Schneebrücke zu finden, die über den Schrund führte. Zuletzt kamen wir an einen colossalen, einige hundert Fuss tiefen Spalt; das gegenüberliegende Ufer war 15 Fuss tiefer als wir, der Horizontalabstand betrug 20 und mehr Fuss. Nur an einer Stelle kam uns von der gegenüberliegenden Seite eine Schneegewächte entgegen, die zwar nicht ganz herüberreichte, aber doch im Sprung zu erreichen war. Auf einen Punkt wies Pinggera mit den Worten: dahin springen Sie! Ich machte den Sprung, und eine halbe Minute später stand er neben mir. Damit war das Schlimmste überwunden. Die Spalten wurden geringer, der Gletscher zahmer. 5 Uhr 30 Minuten machten wir bei einer Gletscherquelle Halt und betraten die Moräne.
Mein Uebergang über den Bondascagletscher erinnerte mich in mehr als einer Beziehung an eine Partie auf dem Feegletscher bei einer vor einigen Jahren ausgeführten Ueberschreitung des Alphubelpasses, gleichfalls nach frischem Schneefall. Zunächst ist die Mächtigkeit der Spaltenbildung bei beiden Gletschern eine ähnliche. Der Bondascagletscher wird freilich nicht durch so colossale Firnmassen genährt, wie der genannte Walliser, aber bei jenem treten an einer auch auf den Karten hervortretenden Stelle zu beiden Seiten die Felswände näher zusammen und zwingen dadurch das gepresste Eis zum Bersten. Meine Begleiter auf dem Feegletscher waren François Devouassoud aus Chamonix und Peter Taugwalder aus Zermatt; ersterer, der die Führung hatte, imponirte mir damals durch die unfehlbare Sicherheit, mit der er mitten auf das Spaltennetz losging und überall ohne Weiteres den richtigen Weg auffand. Pinggera's Leistung auf dem Bondascagletscher war der Devouassoud'schen durchaus ebenbürtig, und ich konnte nicht umhin, ihm über seine ausgezeichnete Führung mein Compliment zu machen.
Die Moräne des Bondascagletschers ist eine sehr mächtige. Wir brachten über eine Stunde auf ihr zu; erst 6 Uhr 45 Minuten, bei vollkommen eingetretener Finsterniss, erreichten wir einen dürftigen Pfad zur Rechten des Gletscherbaches ( der richtige Weg befindet sich, wie wir später constatirten, zur Linken ). Wir tappten in der Dunkelheit durch den Wald, bis wir bei einer Brücke auf den richtigen, nun wirklich rechts führenden Weg gelangten. 8 Uhr 30 Minuten erreichten wir Promontogno. Es war die letzte meiner diesjährigen Bergfahrten. Den folgenden Tag brachte uns ein Einspänner nach Pontresina.
Ich habe mich bemüht, meine Erlebnisse möglichst objectiv zu schildern und will nur noch einige Bemerkungen machen über die vielfach verwirrte Terminologie. Auf der italienischen Seite der Bergeller Berge wusste man, wie schon früher erwähnt, so gut wie nichts; auf der Schweizer Seite bedient man sich, mehrfach von mir eingezogenen Nachrichten zufolge, 9 der auf der Excursionskarte adoptirten Bezeichnung, der ich mich angeschlossen habe. In Pontresina wurde Badile ebenso bezeichnet, dagegen Cengalo ( oder Tschingel ) und Trubinasca vertauscht. Die Darstellung Tschudi's ( Schweizerführer, 21. Auflage ) ist mir nicht ganz verständlich. Seite 423 spricht er von Punta di Trubinesca als einem ( von welchem Standpunkt ausohne Schwierigkeit zu ersteigenden Gipfel; Seite 485 identificirt er Cima di Tschingel und Badile ( von den Masinobädern aus zu ersteigen ).
Aus Freshfield's « Italian Alps » sehe ich, dass dieser, mit Kenntniss der Bergeller Terminologie — um die eingerissene Verwirrung nicht fortzusetzen, die Bezeichnung der Dufour'schen Karte beibehalten hat ( Seite 42 ) und also der von ihm Trubinesca genannte Gipfel Cengalo ist, was ich schon auf der Höhe desselben bemerkt hatte. Hr. Freshfield bezeichnet ( Seite 382 ) den von ihm Cima di Tschingel ( Trubinasca? Badile ?) genannten Berg als bestiegen, ohne sich näher darüber auszulassen.* ) Auch die Mittheilungen im vorigen Jahrbuch ( Seite 16 ) und in Studer's « Ueber Eis und Schnee » ( Seite 141 ) weisen nur darauf hin, dass Hr. Coolidge vom Masinobad aus einen Gipfel im Hintergrund des Porcellizzathales erstiegen hat, ohne dass aus den gemachten Angaben mit Sicherheit zu entnehmen wäre, welchen.Ich habe auf keinem der von mir erstiegenen Berge Spuren von Hrn. Coolidge auffinden können. Auch in Pontresina konnte ich nichts über die von ihm ausgeführte Tour erfahren; ich hörte bloss, dass die Herren Weilenmann aus St. Gallen und Caviezel aus Sils-Maria vor einigen Jahren eine Badile-Ersteigung versucht haben.* ) Ich wünsche, dass diese Zeilen dazu beitragen mögen, manchen Touristen nach den schönen Gipfeln im Hintergrunde des so wenig besuchten Porcellizzathales zu locken; wer einen derselben bei gutem Wetter besucht, wird reich für seine Mühe belohnt werden. Trubinasca und Cengalo sind auch ungeübteren Bergsteigern mit tüchtigem Führer sehr wohl zugänglich. Jener kann ausser auf dem von mir eingeschlagenen Wege auch bequem von Promontogno aus bestiegen werden,für diesen sind die Masinobäder der gegebene Ausgangspunkt. Den von mir gemachten Abstieg möchte ich nicht Jedermann empfehlen; auch erspart man keineswegs Zeit dabei. Piz Badile ist der grossartigste von den dreien,aber seine Besteigung habe ich ausserordentlich schwierig gefunden.
Ich kann nicht schliessen, ohne meinem wackeren Führer einige Worte zu widmen. Ich habe Alois Pinggera im Jahre 1878 in Sulden kennen gelernt,Vergl. Weilenmann: „ Ans der Firnen weit ", III, pag. 184 u. ff.Anm. d. Red.
Ohne den Weg gemacht zu haben, konnte ich denselben doch so weit übersehen, dass ich die gänzliche Abwesenheit ernsthafter Schwierigkeiten versichern kann.
Die Excursionskarte gibt für sie folgende Höhenzahlen: Trubinasca 2916 m, Badile 3307 », Cengalo 3368™.
als ich es unternahm, mit ihm den Ortler vom hinteren Grat aus zu besteigen. Am Fuss der Felsen angelangt, erregte die vom Ortler zwischen dem hinteren und dem südlichen Grat nach dem Suldengletscher hinabziehende Lawinenrinne meine Aufmerksamkeit, und ich schlug vor, dieser entlang den Gipfel zu erklimmen. In schneidigster Weise war er sofort, obwohl wir bis dahin noch nichts zusammen ausgeführt hatten, bereit, den neuen Anstieg mit mir zu versuchen. Es war eine mehrstündige Hackerei in Eis und Schnee an exponirtester Stelle; als wir hoch oben am hinteren Grat ankamen, war der Schnee so erweicht, dass wir auf der Firnkante reitend zum Gipfel ansteigen mussten. An diesem Tage lernte ich Alois'Fähigkeiten zum ersten Mal schätzen; ich machte dann noch mehrere Partien in der Ortlergruppe mit ihm. Dieses Jahr hat er mich auf meinen sämtlichen Bergfahrten begleitet. Nachdem wir uns in der Brenta-, Presanella-und Adamellogruppe umgesehen, vollführten wir in der Ortlergruppe mehrere zum Theil neue und schwierige Besteigungen, von denen ich bei anderer Gelegenheit noch etwas erzählen werde. Wir begaben uns dann nach der Berninagruppe; die hier geschilderten Fahrten bilden den Schluss unserer gemeinsamen Thätigkeit im Jahre 1879. Ich habe so Gelegenheit gehabt, Alois Pinggera in den allerverschiedensten Verhältnissen kennen zu lernen, in seinen heimatlichen Thälern, wie in Gegenden, die er zum ersten Mal betrat, in Schnee und Eis wie in Felsen. Jedesmal war sein Benehmen den auftretenden Schwierigkeiten gegenüber ein ausgezeichnetes; vollkommen frei ist er von der Liebhaberei vieler, selbst ausgezeichneter Führer, entweder möglichst Schnee oder möglichst Felsen aufzusuchen, in beiden ist er gleichmässig Meister, der von ihm eingeschlagene Weg ist immer ein den obwaltenden Verhältnissen angemessener.
Dabei sind Pinggera's Ansprüche die bescheidensten, sein Humor unverwüstlich. Er hat, ehe ich ihn kennen lernte, schon im Berner Oberland und in den Zermatter Bergen geführt und orientirt sich sofort in neuen Gebieten. Ich kann unternehmenden Touristen Alois Pinggera nicht dringend genug empfehlen als schneidigen Führer und angenehmen Gesellschafter, wenigstens für den Theil der Reisezeit, in der ich ihn nicht selbst brauche.