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Interview mit Jürg Richter zur
Silbermünze SSV
Am 2. Juni 2023 lancierte die Swissmint eine neue Sondermünze, die Silbermünze SSV. Wir haben Herrn Richter, dem über die Schweizer Grenzen hinaus bekannten und renommierten Spezialisten für Schweizer Schützentaler und Schützenmedaillen,
5 Fragen zur Schweiz und den Schützentalern gestellt.
Die Schweiz und ihre Schützen haben ein ganz besonderes Verhältnis. Können Sie uns dieses bitte erläutern und erklären, was Münzen damit zu tun haben?
Die Tradition der Schützen und der Schützenvereine reicht weit zurück. Das erste Freischiessen in Zürich fand vor über fünfhundert Jahren 1504 statt. Diese die Schweiz prägende Tradition steht stellvertretend für die Wehrhaftigkeit, für den Zusammenhalt und den Willen, sich gegen fremde Heere verteidigen zu können. Diese Tradition ist heute noch sehr präsent. Die Schützenvereine oder der Wiederholungsdienst nach Abschluss der Rekrutenschule sind nur zwei Beispiele dafür.
Den Schützenvereinen wurde eine grosse Verantwortung übertragen. Sie sorgten dafür, dass die Schweizer Schützen den Umgang mit den Waffen übten und der Waffe mächtig blieben. Es ist auch aus heutiger Sicht gut nachzuvollziehen, wie die Schiessübungen Wettbewerbs- und Sportcharakter angenommen haben. Die Schützenfeste und -Veranstaltungen waren lange Zeit mehr als nur sportliche Herausforderungen. Sie zogen neben den Schützen aus dem In- und Ausland auch viel Prominenz an und boten dem einfachen Volk Gelegenheit, um mit Regierungsvertretern in Kontakt zu kommen.
Gerade zu den Anfangszeiten der Schützenfeste war es noch nicht üblich, Sonerprägungen, sei dies in Form von Medaillen oder nur Jetons, herauszugegeben. Ab 1842 wurden kunstvoll gestaltete Schützentaler, die auch Geldcharakter hatten, geprägt. Die Medaillen wurden sowohl als Prämien verliehen als auch von den Herstellern an deren Verkaufsständen an den jeweiligen Schützenfesten verkauft. Sie wurden schnell zu beliebten Sammelobjekten.
«Ich wage sogar zu behaupten, dass diese Münzen von Personen gekauft werden, die bisher noch keine Sammler-Beziehung zu Münzen hatten.»
In Ihren Veröffentlichungen heben Sie die Rolle der eidgenössischen Schützenfeste und des Schweizerischen Schützenvereins als Wiege für den 1848 gegründeten Schweizerbund hervor. Ist diese Rolle mittlerweile nicht in Vergessenheit geraten?
Das ist sicherlich so. Die Gründung des Schweizerischen Schützenvereins wurde in eine Zeit hineingeboren, welche von ausländischen Machteinflüssen und innerer Zerrissenheit geprägt war. Die Stadt- und Landbevölkerung sehnte sich nach einer neuen gemeinsamen Kraft. Mit den eidgenössischen Schützenfesten entstand diese neue, einheitliche Energie. Dieser gesamtschweizerisch strukturierte Geist überwand föderalistische und zu extreme klerikale Gesinnungen.
So ist es nicht erstaunlich, dass die Schützenvereine schon vor der Gründung des Schweizerbundes sehr populär waren. 1824 wurde das erste Eidgenössische Schützenfest in Aarau durchgeführt, und in den Folgejahren nahmen diese Feste und auch die Vereine eine wichtige gesellschaftliche Rolle ein. Diese nationalen Grossanlässe waren mitunter auch die Wiege für den im Jahre 1848 gegründeten Schweizerbund. 1848 wurde der bewaffnete Bürger zu einem konstitutiven Element des neuen Schweizerbundes, und es erscheint naheliegend, dass den Schützenvereinen die Aufgabe, das obligatorische Schiessen für jeden Schweizer Soldaten zu organisieren, übertragen wurde.
Was sind Schützentaler und welche Bedeutung haben diese für die Schweiz und für Numismatiker im In- und Ausland?
Die Schützentaler sind als Sammelobjekt weit über die Schweizer Grenzen hinaus beliebt. 30 bis 40 % der Sammler befinden sich in der Schweiz, je 20 % in Asien und in den USA, der Rest verteilt sich über die ganze Welt.
Die Gründe für diese Begeisterung für die Schweizer Schützentaler liegen sicherlich in der hohen Prägekunst und den Darstellungen sowohl auf der Münz- als auch auf der Bildseite von Waffen, Kriegern und heraldischen wie auch allegorischen Symbolen. Die Schweizer Schützentaler sind und bleiben Sinnbild des schweizerischen Selbstverständnisses der «bewaffneten Neutralität».
Darüber hinaus sind Sammler fasziniert von der Art und Weise, wie sich Schweizer mit den Schützen, den Schützenvereinen und den Schützentalern identifizieren. Selbstverständlich spielen Wehrhaftigkeit und die Faszination für Waffen als Mittel zur Wahrung der patriotischen Eigenständigkeit wichtige Rollen.
Die Schweizer Schützentaler sind und bleiben Sinnbild
des schweizerischen Selbstverständnisses
der «bewaffneten Neutralität».
Über Jürg Richter
Jürg Richter (*1963) ist leidenschaftlicher Numismatiker. Schon als Kind hat er begonnen, Schweizer Münzen zu sammeln, wurde bei der Schweizerischen Kreditanstalt und der UBS zum Numismatiker ausgebildet und arbeitete als Spezialist für Gold- und Silbermünzen sowie als Fälschungsexperte für Schweizer Münzen und Banknoten. Seit 2011 leitet er die SINCONA AG. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, darunter «Die Schützentaler und Schützenmedaillen der Schweiz».
Text: Gerald Barth, Augenweide, Foto: Jürg Richter, SINCONA AG