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Blut
(Sanguis) heißt diejenige Flüssigkeit des menschlichen und tierischen Körpers, welche den stofflichen Verkehr der einzelnen Körperbestandteile mit der Außenwelt und untereinander vermittelt und somit den Mittelpunkt des gesamten Ernährungsprozesses darstellt. Während des Lebens sind die einzelnen Bestandteile des Körpers fortwährend einem Wechsel ihrer Materie, dem sog. Stoffwechsel (s. d.), unterworfen. Immerfort werden sie nämlich nach und nach ganz neu erzeugt und teilweise, nachdem sie abgestorben sind, wieder aus dem Körper entfernt, sodaß also jedes Teilchen unsers Körpers immerwährend, solange wir leben, sich verjüngt und mausert.
Dieser
Stoffwechsel kann nur dann zu stande kommen, wenn
jedem unserer Körperteile Material zur Verjüngung zugeführt und
das Abgestorbene (die Mauserschlacke) von ihm weggeführt wird. Dies geschieht eben durch das
Blut, während es in
besondern geschlossenen
Röhren,
[* 2] den sog.
Blutgefäßen (s. d.), fortwährend durch alle
Teile des Körpers hindurchströmt
(
Blutlauf,
Kreislauf
[* 3] oder Cirkulation des
Blut). Sonach ist das Blut, weil es den das Leben bedingenden
Stoffwechsel
unterhält, die
Quelle
[* 4] des Lebens, und
Mangel oder
Veränderungen desselben müssen Aufhören oder falsches Vorsichgehen des
Stoffwechsels
(Tod oder
Krankheit) nach sich ziehen. Die
Gefäße, welche das
Blut zu allen
Teilen des Körpers hinleiten, sind
die Pulsadern, diejenigen, welche das
Blut zum Mittelpunkte des Blutlaufs, zum
Herzen, zurückführen, heißen
Blutadern. (S.
Kreislauf des Blutes.)
Das
Blut des
Menschen und der Säugetiere ist, solange es in den
Blutgefäßen des lebenden Körpers fließt, eine etwas zähe,
klebrige, selbst in dünnen Schichten undurchsichtige, alkalisch reagierende Flüssigkeit von 1,055 spec.
Gewicht, von roter
Farbe (hochrot in den Pulsadern, dunkelblaurot in den
Blutadern) und von etwa 38,5° C. Wärme
[* 5] (etwas wärmer
wie die meßbare
Temperatur der zugänglichen Körperhöhlen), von eigentümlich fadem
Geruch und salzigsüßlichem
Geschmack.
Es ist vorzugsweise aus den
Substanzen zusammengesetzt, aus welchen unser Körper gebildet wird, nämlich hauptsächlich
aus Wasser, sodann aus eiweißartigen Materien
(Eiweißstoff, Käsestoff und
Faserstoff), Fetten,
Fettsäuren,
Traubenzucker,
Eisen,
[* 6] Farbstoffen (besonders aus dem eisenhaltigen roten
Pigment oder
Hämatin) und aus
Salzen (besonders Kochsalz, kohlensaurem
Natron und
Kalksalzen).
Außerdem enthält es noch
Gase
[* 7] (Sauerstoff,
Stickstoff und
Kohlensäure) und die abgestorbenen alten und wieder aufgelösten
Körperbestandteile in Gestalt sehr leicht veränderlicher und deshalb nicht leicht zu erforschender
chem. Materien. Mit dem Sauerstoffgehalt des
Blut hängt der Unterschied seiner
Farbe innig zusammen; nur das sauerstoffreiche
(arterielle) Blut sieht hellrot, sauerstoffarmes (venöses) hingegen dunkelrot aus; durch Schütteln mit Sauerstoff
oder sauerstoffhaltiger Luft wird dunkles Blut hellrot, während hellrotes durch Schütteln mit
Kohlensäure sehr bald eine dunkelrote
Farbe annimmt. Die Menge des Blut ist nach
Alter, Körperbau,
Temperament und Konstitution
sehr verschieden; man hat sie beim Erwachsenen auf 4,5 bis 5 kg angegeben, sodaß etwa der dreizehnte
Teil (7‒8 Proz.) des
Körpers Blut wäre. Sehr fette
Personen haben die relativ geringste Blutmenge, woraus sich auch ihre geringe
Energie und geringe Widerstandskraft gegen äußere störende Einflüsse erklären läßt.
Das Blut verhält sich indes ganz anders, solange es in einem lebenden Körper strömt (cirkuliert), als wenn es aus der Ader und so aus seinem Strome entfernt wird. Das lebende Blut nämlich, so wie es in den Gefäßen des Körpers fließt, besteht aus zwei ganz verschiedenen Bestandteilen: aus einer gleichförmigen, fast farblosen Flüssigkeit, dem sog. Blutplasma oder der Intercellularflüssigkeit des und aus einer unzähligen Menge von mikroskopisch kleinen Gebilden, den Blutkörperchen [* 8] oder Blutzellen, welche in der Flüssigkeit schwimmen und doppelter Art sind. Die einen, die farbigen oder roten Blutkörperchen, sind die kleinern und zahlreichern und stellen kreisrunde, schwach ¶
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bikonkave Scheiben dar, welche übereinander liegend dem Blut seine Farbe geben. Dieselben besitzen weder Hülle noch Kern, sondern bestehen durch und durch aus einer gleichartigen roten oder rötlichgelben, zähflüssigen Masse. Ihr Durchmesser beträgt beim Menschen nur 0,007 mm, ihre Oberfläche 0,000128 qmm. Nimmt man die Gesamtblutmenge des Menschen zu 4400 ccm an, so haben sämtliche darin enthaltene Blutkörperchen eine Oberfläche von 2816 qm, d. i. gleich einer Quadratfläche, deren Seitenlänge 53 m beträgt.
Die roten Blutkörperchen, deren sich beiläufig in einem Blutstropfen von der Größe eines Stecknadelkopfes 4-5 Mill. (das macht für 5 kg Blut 25 Billionen) befinden, haben die wichtige physiol. Aufgabe zu erfüllen, den durch den Atmungsprozeß in der Lunge [* 10] aufgenommenen Sauerstoff der atmosphärischen Luft nach den einzelnen Organen zu transportieren und so in den entferntesten Körperteilen die Oxydation (Verbrennung) der einzelnen Körperbestandteile zu ermöglichen, und zwar geschieht dies dadurch, daß der rote Farbstoff der Blutkörperchen, das sog. Hämoglobin, welches aus einem Eiweißkörper und dem eisenhaltigen Hämatin besteht und leicht durch gewisse chem. Einwirkungen in Krystallform (sog. Blutkrystalle) dargestellt werden kann, den Sauerstoff der Luft in der Lunge chemisch an sich bindet und die Fähigkeit besitzt, denselben während der Cirkulation des an andere Gewebe [* 11] zur Oxydation wieder abzugeben. (S. Blutfarbstoff.) Die roten Blutkörperchen zeichnen sich durch eine jedem Tiergenus eigentümliche Gestaltung und Größe aus, sodaß man durch das Mikroskop [* 12] nicht bloß Menschenblut vom Tierblute, sondern auch das Blut verschiedener Tiere voneinander unterscheiden kann. Die farbigen Blutkörperchen wurden von Swammerdamm 1658 beim Frosch, [* 13] von Leeuwenhoek 1673 beim Menschen entdeckt.
Betrachtet man ein Tröpfchen Menschenblut unter dem Mikroskop bei 500maliger Vergrößerung, so stellen sich die einzelnen Blutkörperchen (s. beistehende [* 9] Fig. 1a) als gelbliche, in der Mitte tellerartig eingedrückte, von einem dickern Rande umgebene Bläschen dar; von ihrer schmalen Kante gesehen [* 9] (Fig. 1b) erscheinen sie wie kleine in der Mitte verschmälerte biskuitförmige Stäbchen. Wenn sie sich im gerinnenden Blut senken, so legen sie sich geldrollenähnlich mit der flachen Seite aneinander und verkleben [* 9] (Fig. 1 c). Die Blutkörperchen der Säugetiere [* 9] (Fig. 2a) bilden wie die des Menschen runde, doch stets kleinere Scheiben, außer denen des Kamels, Dromedars und Lamas, wo sie elliptisch und bikonvex sind. Die Vögel [* 14] (Fig. 2b) haben länglich ovale, in der Mitte erhabene und am Rande scharf zugehende Blutkörperchen; die der Reptilien und Amphibien [* 9] (Fig. 2c und d) sind oval und stark konvex und bei weitem größer als die menschlichen Blutzellen.
[* 9] ^[Abb.: Fig. 1]
[* 9] ^[Abb.: Fig. 2]
Die andere Art von Blutkörperchen, die aber in weit geringerer Anzahl als die farbigen, wie 1 zu 150 - 350, im B. vorhanden sind, heißen weiße oder farblose Blutkörperchen, auch Leukocyten, Lymphoidzellen, Wanderzellen oder Lymphkörperchen. (S. Lymphe.) Als ihr Entdecker gilt Hewson (1770). Sie sind größer als die farbigen Blutkörperchen, von mehr kugeliger Gestalt, mit granulierter Hülle und Kernen und zeigen bei der Körpertemperatur lebbafte amöboide Bewegungen und Gestaltveränderungen, vermittelst welcher sie unter gewissen Verhältnissen die Blutgefäße verlassen, indem sie die Gefäßwandung durchbohren und nun innerhalb der Gewebe als Wander- oder Eiterzellen (s. Eiter und Entzündung) erscheinen können, ein Vorgang, den man als Auswanderung der weißen Blutkörperchen bezeichnet. (S. Diapedesis.) Bei der sog. Leukämie (s. d.) ist die Menge der weißen Blutkörperchen so außerordentlich vermehrt, daß schon auf 10-20 Blutkörperchen je ein weißes kommt.
Wird das Blut aus der Ader in ein Gefäß [* 15] gelassen, so stößt es zuvörderst an der Luft einen in der Kälte sichtbaren Dampf [* 16] (Wasserdunst) mit dem eigentümlichen Blutgeruch (Blutdunst) aus, welcher bei verschiedenen Menschen und Tieren verschieden ist. Nach einigen (2-14) Minuten gerinnt das Blut, indem es von der Oberfläche und Peripherie her allmählich zäher und gallertartig, nach und nach immer fester wird, und endlich nach sehr verschiedener Zeit (12-40 Stunden) in zwei Teile, in einen flüssigen und einen festen, geschieden ist.
Der flüssige heißt Blutwasser (Serum), ist schwachgelblich und enthält den Eiweißstoff und die Blutsalze in viel Wasser aufgelöst. Der feste, welcher nach und nach die innere Gestalt des Gefäßes, in welche das Blut gelassen wurde, annimmt und allmählich durch seine Zusammenziehung das noch in ihm verborgene Blutwasser herauspreßt, führt den Namen Blutkuchen (Placenta, Cruor) und besteht aus dem fest gewordenen, früher im Blutplasma gelösten Faserstoffe und aus den Blutkörperchen, welche letztere aber nur insofern Anteil an der Gerinnung des und Bildung des Blutkuchens nehmen, als sie vom fest werdenden Faserstoffe eingeschlossen und dadurch am Herabsinken in das Blutwasser verhindert werden.
Übrigens besteht der Faserstoff nicht als solcher im B. vorgebildet, sondern entsteht erst bei der Gerinnung durch die chem. Verbindung zweier im B. getrennt nebeneinander befindlicher Eiweißkörper, der sog. fibrinoplastischen (gerinnungsfähigen) und fibrinogenen (gerinnungerregenden) Substanz. Der untere Teil des Blutkuchens ist meist dunkler, der obere heller rot oder, wenn die farblosen Blutkörperchen sich oben auflagern (bei der sog. Speck- oder Entzündungshaut), weiß gefärbt.
Das Blut der Pulsadern gerinnt schneller als das der Blutadern; atmosphärische Luft, höhere Temperatur sowie Schütteln, Umrühren und Quirlen (beim geschlagenen Blut) beschleunigen das Gerinnen, während Säuren, Salze und Alkalien dasselbe verzögern oder ganz aufheben. Auch innerhalb des Körpers gerinnt das und zwar ebenso, wenn es aus den Gefäßen heraustritt (bei innern Blutungen), als wenn es in den Gefäßen in seinem Fließen aufgehalten wird. (S. Thrombose.)
Die Bereitung des Blut (Sanguifikation) kann zuvörderst nur mit Hilfe des Verdauungs- und Atmungsprozesses geschehen, da wir aus den ¶
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Speisen und Getränken die Stoffe (als Speisesaft, Chylus) in das Blut einführen müssen, aus denen dasselbe sowie der ganze Körper zusammengesetzt ist, während das auch aus der atmosphärischen Luft des Sauerstoffs (der Lebensluft) bedarf, um die tierische Wärme und den Stoffwechsel (das Leben) zu unterhalten. Jedoch reicht die fortwährende Neubildung des Blut aus Nahrungsstoffen und Sauerstoff nicht allein hin, um dasselbe zur gehörigen Erhaltung des Lebens tauglich zu machen; es muß das auch seine alten, untauglichen Stoffe ausscheiden und sich dadurch reinigen. Es muß sich also, wie alle übrigen Bestandteile des Körpers während des Lebens, immerfort verjüngen und mausern.
Das letztere geschieht mittels der Ausscheidung überflüssiger und schlechter Stoffe durch die Lungen (Kohlensäure und Wasser) und Nieren (Harnstoff und Wasser), in der Haut [* 18] (Schweiß) und zum Teil in der Leber (Galle). Auch hinsichtlich der geformten Elemente des Blut ist zu bemerken, daß dieselben gleichfalls einem beständigen Wechsel unterliegen, indem fortwährend rote Blutkörperchen zu Grunde gehen und dafür fortwährend neue entstehen, und zwar gehen die letztern aus den weißen Blutkörperchen hervor, die hauptsächlich in den Lymphdrüsen, der Milz und im Knochenmarke gebildet werden.
Wie lange ein rotes Blutkörperchen funktioniert, ist nicht genau bekannt (wahrscheinlich 3-4 Wochen); man weiß nur so viel gewiß, daß in der Milz und der Leber ein massenhafter Untergang roter Blutkörperchen stattfindet und daß der Gallenfarbstoff der Zerstörung der letztern durch die gallensauren Salze seine Entstehung verdankt. Anomalien der Blutmischung sind häufig und finden sich bei verschiedenen Krankheitszuständen (s. Blutkrankheit); sie sind, abgesehen von abnormen äußern Verhältnissen, Vergiftungen u. s. w., stets durch primäre Veränderungen der Gewebe und Organe des Körpers bedingt. -
Vgl. Ranke, Das Blut (Münch. 1878);
Rollet, Physiologie des in Hermanns «Handbuch der Physiologie», Bd. 4 (Lpz. 1880).