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Als Stéphane Dählers (31) erster Sohn vergangenes Jahr das Licht der Welt erblickte, wollte sein Grossvater ihn unbedingt so rasch wie möglich sehen. Das Problem: Der jüngste Enkel lebt im zentralamerikanischen Costa Rica, Johann Dähler (64) in der Elfenbeinküste in Afrika. Aber er hatte einen Geschäftstermin in Brasilien und entschied, quasi «auf dem Weg» schnell in Costa Rica vorbeizuschauen.
Statt also via Südafrika relativ zügig und direkt nach Brasilien zu fliegen, machte er einen rund 24-stündigen Umweg via Brüssel, Houston, Panama, San José (Costa Rica) und nochmals Panama. Aber Familie ist den Dählers wichtig, vielleicht gerade weil sie über drei Kontinente verteilt sind und wohl auch weil sie einiges zusammen durchgemacht haben.
Etwa 20 000 Tonnen Ananas werden heute auf der Dähler-Farm in Costa Rica pro Jahr geerntet.
Johann Dähler war 24, als er 1977 durch Zufall das Management einer Ananasplantage in der Elfenbeinküste übernahm. Ursprünglich wollte er schon damals nach Costa Rica, weil ein Onkel dort lebte. Doch 1974 bekam er als Landwirtschaftsstudent die Chance, ein Praktikum in Zentralafrika zu machen. Einige Jahre arbeitete er dort und in anderen Ländern des Kontinents. Denn immer wieder gab es einen Putsch oder sonstige Gewaltexzesse, was ihn jeweils in ein neues Land trieb.
Schliesslich hatte er die Nase voll und bestieg ein Schiff nach Costa Rica, die Überfahrt verdiente er sich durch Mitarbeit an Bord. Bei einem längeren Zwischenstopp in Abidjan erkundete er die Gegend und bekam die Gelegenheit, eine Ananasplantage im Norden der Elfenbeinküste zu besichtigen. Dort war gerade der Manager bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und als man ihm spontan dessen Nachfolge anbot, fand er: «Warum nicht?».
Durch Zufall in Afrika hängen geblieben
Er sah darin eine Chance, für ein paar Monate genügend Geld zu verdienen, um nach Costa Rica fliegen zu können anstelle der langwierigen Schiffsreise. Doch er machte seine Arbeit so gut, dass er dort hängen blieb. 1979 gründete er mit seinen Brüdern eine Firma und startete sein eigenes Ananasgeschäft – die erste Bestellung kam von der Migros Zürich.
Nach einigen Anfangsschwierigkeiten kam das Business in die Gänge. 1982 konnte er eine Farm übernehmen, die er später zur grössten Ananasplantage der Elfenbeinküste aufbaute. Bald schon gab es in der Schweiz erste Artikel über den «Ananaskönig» in Afrika. Dähler heiratete, bekam eine Tochter und drei Söhne und führte ein gutes Leben.
Doch dann brach im Land ein Bürgerkrieg aus, gleichzeitig erschwerten ausbleibende Regenfälle den Anbau der Ananas, die Geschäfte wurden schwieriger. Zur gleichen Zeit meldete sich die Schweizer Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) bei den Dählers und fragte sie um Unterstützung bei einem Entwicklungshilfeprojekt für lokale Bauern an. Diese sollten ihre Ananas produzieren, die Dählers ihre Infrastruktur für den Vertrieb zur Verfügung stellen und dafür von der Deza bezahlt werden. Das versprochene Geld jedoch kam nie an, die Familie setzte ihr eigenes Vermögen ein und geriet so schliesslich in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten.
Nach dem Konkurs Neustart in Costa Rica
Über das, was damals genau passierte, sind der Bund und die Dählers bis heute uneins. Fakt ist aber, dass sie wegen dieser finanziellen Schwierigkeiten Konkurs anmelden mussten, die Ländereien in Afrika fielen an die Eidgenossenschaft, und das Ehepaar kehrte mit seinen vier Kindern im Teenageralter zurück in die Schweiz, praktisch mittellos. «Das war eine sehr harte Zeit für uns», erinnert sich Dähler. «Zum Glück fand meine Frau schon bald eine Stelle an der Hochschule St. Gallen, damit konnten wir uns einigermassen über Wasser halten.»
Er selbst streckte derweil seine Fühler aus nach neuen Investoren und neuen Möglichkeiten. «Wir hatten damals in Afrika ja nichts falsch gemacht, zumindest nicht im Ananasgeschäft. Es waren äussere Umstände ausserhalb unserer Kontrolle, die uns das Genick gebrochen hatten.» Mit seinem ältesten Sohn Johann (heute 33) erkundete er auf Anraten eines Investors ein Stück Land in Costa Rica und realisierte, dass es sich mit seiner hügeligen Landschaft perfekt für den Ananasanbau eignete. «Die Frucht braucht viel Wasser, steht aber nicht gerne darin – es ist also wichtig, dass der viele Regen gut abfliessen kann, was hier der Fall ist.»
Am 4.4.2004 begann der Aufbau des neuen Ananas-Geschäfts in Costa Rica . «Das Land war mir schon immer sehr sympathisch, weil es die Armee abgeschafft hatte und generell ziemlich fortschrittlich und sicher ist», sagt Dähler. Doch er realisierte rasch, dass seine Söhne einen guten Job machten, und wollte ihnen nicht im Weg stehen. Zudem kam es immer wieder vor, dass vor den Toren der Plantage Schweizer standen, die irgendwo von den Dählers gelesen hatten und sich das mal anschauen wollten. So kam die Familie auf die Idee, Touren auf der Farm anzubieten.
Und schliesslich schlug Vater Dähler vor, nebenbei ein Reisegeschäft aufzubauen, um das er sich kümmern würde – exklusive Trips in Costa Rica, mit ihm als Reiseleiter. Wenige Monate vor der ersten Tour im Herbst 2009 erlitt er jedoch einen schweren Herzinfarkt; weitere gesundheitliche Komplikationen führten dazu, dass er für zwei Jahre komplett ausfiel.
So sprang sein Zweitjüngster, Stéphane, ein und baute das Reisegeschäft stark aus und kümmert sich heute exklusiv darum. Seine Brüder Johann und Michael (30) führen derweil die Ananasplantage. Die Dählers produzieren pro Jahr rund 20 000 Tonnen der Frucht und exportieren sie in alle Welt. Damit gehören sie nicht zu den richtig grossen Playern in Costa Rica, sind aber in den Top Ten. Insgesamt exportiert das Land etwa 1 Million Tonnen Ananas pro Jahr und ist damit der grösste Ananasexporteur der Welt.
Dank Edelweiss bald wieder «Flug-Ananas»
Rund 130 Leute sind auf der Farm angestellt, es ist eine harte, körperlich anstrengende Arbeit. Aber gute Leute sind gesucht, und wer keine anständigen Arbeitsbedingungen bietet, verliert sie an einen der anderen Ananasfarmer im Land. Was Dählers Plantage von anderen, grösseren abhebt, ist ihre Flexibilität – Sonderwünsche von Kunden können in der Regel problemlos erfüllt werden.
Und ernten kann man jederzeit, es gibt keine bestimmte Saison für die Frucht, sie muss einfach ein Jahr lang unter den richtigen Bedingungen reifen. Auf den Feldern wird jeden Tag ein Teil geerntet und ein Teil neu angepflanzt, sodass sich das ganze Jahr hindurch pausenlos Früchte exportieren lassen. Die am Vormittag frisch geernteten Früchte gehen gleichentags auf ein Containerschiff im nahe gelegenen Hafen.
Dank des neuen Direktflugs von Edelweiss zwischen Zürich und San José planen die Dählers, ab Juli auch wieder «Flug-Ananas» anzbieten, was sie einst von Afrika aus mit der Swissair schon taten. Statt per Containerschiff kommen die perfekt ausgereiften Früchte praktisch frisch vom Feld per Flugzeug in die Schweiz.
Stéphane Dähler leitet das Reisegeschäft in Costa Rica. Der in der Elfenbeinküste aufgewachsene Schweizer fühlt sich heute auf drei Kontinenten gleichermassen zu Hause.
«Die Geschäfte laufen gut, aber wir sind hier etwa viermal kleiner als damals in Afrika», sagt Stéphane Dähler, der sich ebenso als Schweizer fühlt wie als Afrikaner und Costa Ricaner oder, wie man dort sagt, als Tico. Zu seinem 30. Geburtstag lud er «nur meine engsten Freunde» ein – es kamen 115 Leute. «Die Menschen hier sind herzlich und unkompliziert, man kommt schnell ins Gespräch. Und wenn es passt, entstehen gute und enge Freundschaften.» So können er und seine Brüder sich gut vorstellen, auch längerfristig hier zu bleiben. «Aber wir haben erlebt, wie schnell die Dinge sich ändern können, und wir sind darauf eingestellt, dass nichts von Dauer ist», sagt Dähler. «Das Wichtigste ist in jedem Fall die Familie – wo sie ist, ist unser Zuhause.»
Rückkehr in die Elfenbeinküste
Seine Eltern sind derweil vor fünf Jahren zurück in die Elfenbeinküste gegangen, wo Tochter Andrea (34) schon länger wieder lebt. Zusammen mit anderen Investoren, darunter dem «Gipfelikönig» Fredy Hiestand, der auch schon mal sein Geschäft verloren und wieder neu aufgebaut hat, gelang es Dähler, seine Ländereien zurückzukaufen. Heute baut er dort Kautschuk, Kakao und Moringa an, engagiert sich aber auch sozial in der Region. Er hat den Bau einer mobilen Klinik und einer Schule finanziert – und sogar ein Gotteshaus, in dem Christen und Muslime gemeinsam beten. Demnächst will er es sogar noch einmal mit Ananas versuchen. «Ich kann es einfach nicht lassen», sagt er und lacht.
Autor: Ralf Kaminski
Fotograf: Paolo Dutto