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Niklaus Kamber ist leitender Arzt des Departements für Endokrinologie und Diabetologie am Kantonsspital Graubünden (KSGR). Noch während seiner Studienzeit hat er einen Auslandeinsatz in Nemba, Ruanda, etwa 60 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kigali, gemacht. Im Interview erzählt er von den Erfahrungen, die er vor mehr als 25 Jahren im damals vom Bürgerkrieg geplagten Land gemacht hat.
Anfang der 90er Jahre war die Situation in Ruanda bereits kritisch. Warum haben Sie trotzdem genau dort einen Auslandeinsatz gemacht?
Ich wurde 1966 in Ruanda geboren. Meine Eltern waren in Ruanda für drei Jahre in der Entwicklungshilfe tätig - kurz nachdem das Land im Jahr 1962 offiziell unabhängig geworden war. Wir sind dann aber zurück in die Schweiz gezogen, als ich ein halbes Jahr alt war. Trotzdem ist das Land in unserer Familie immer ein Thema geblieben und so wuchs mein Wunsch zurückzukehren, um dort für eine Weile zu arbeiten.
Was für einen Einsatz haben sie dort gemacht?
Der Einsatz war organisiert durch Medicus Mundi, eine damals besonders in Spanien weit verbreitete Entwicklungsorganisation mit Fokus auf Gesundheit. Der Plan war es, ein Jahr in Ruanda zu arbeiten. Anschliessend wollte ich mein Studium in der Schweiz abschliessen, um danach noch einmal für drei Jahre in Ruanda zu arbeiten.
Es ist dann aber anders gekommen?
Ja, ich kam im Herbst 1991 in Ruanda an. Damals war der Bürgerkrieg bereits ein Jahr im Gange, aber es war gerade eher ruhig und ich nahm an, dass die Situation stabil genug sei. Die ersten sieben Monate habe ich normal gearbeitet. Im Februar 1992 eskalierte dann die Situation, als die Rebellen vom Norden angriffen. Einige Granaten gingen auf dem Spitalgelände nieder und wir evakuierten die Patienten. Die darauffolgenden zwei Wochen haben wir bei Bekannten verbracht. Danach wurden wir zurück nach Europa geflogen. Zwei Jahre später fanden die grossen Massaker statt. Auch Bekannte unter den Spitalangestellten wurden ermordet. Eine Rückkehr nach Ruanda stand für mich danach lange nicht mehr zur Diskussion, auch wenn das Spital längst wieder in Betrieb genommen wurde und immer noch von Medicus Mundi geführt wird.
Was waren Ihre Aufgaben im Spital, bevor es zum vorzeitigen Ende des Einsatzes kam?
Ich arbeitete als Arzt im Spital und war dabei sehr selbstständig, obwohl mein Studium noch nicht abgeschlossen war. Die Ärzte waren enorm unter Druck und hatten ein grosses Interesse daran, dass ich voll arbeiten konnte. Ich wurde daher hervorragend eingeführt und begleitet.
Wie muss man sich das Spital vorstellen?
Das Spital hatte rund 100 Betten, es wurden etwa 2’500 Geburten und 400 bis 500 Operationen pro Jahr durchgeführt. Das Spitalbudget betrug 250'000 US-Dollar, inklusive Lohn- und Unterhaltskosten. Verbrauchsmaterialien wurden meist gespendet. Es musste deshalb eine sehr pragmatische Medizin praktiziert werden. Darauf haben sich die Ärzte hervorragend verstanden und dank spezifischer Ausbildung sehr gute Arbeit geleistet. Zum Spital gehörte ein einfaches aber zweckmässiges Labor, wo Infusionen selber hergestellt und Tests durchgeführt wurden. Die Laboranten wurden in Europa ausgebildet und haben sehr saubere Arbeit geleistet.
Wie sah Ihr Tagesablauf im Spital aus?
Wir starteten morgens, wie es auch in der Schweiz üblich ist, mit der Visite. Die Krankengeschichte der Patienten waren jeweils auf einem einzigen A5-grossen Karton notiert und dementsprechend kurz. Nach dem gemeinsamen Mittagessen hatten wir Sprechstunde. Wir sahen bis zu zehn Patienten pro Stunde. Es gab eine Warteschlange, die von ruandischen Pflegern triagiert wurde. Bagatellen wurden gleich von ihnen behandelt. So wurde nur etwa die Hälfte der Patienten zu uns weitergeschickt, wo wir sie im Fünf-Minuten-Takt behandelten. Dazwischen schoben sich dann noch die Notfälle.
Mit was für Fällen hatten Sie hauptsächlich zu tun?
Es gab sehr viele Verletzungen, insbesondere Verbrennungen, verursacht durch Herdfeuer, aber auch Brüche und zunehmend Kriegsverletzungen. Während meiner Zeit im Spital wurden rund 40 Amputationen aufgrund von Minenverletzungen vorgenommen. Die Patienten wurden oft stundenlange bis zum Spital getragen. Hinzu kamen Fälle von Parasiten, HIV-Infektionen und damit verbundene Sekundärkrankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose. Eine wichtige Aufgabe war die Geburtshilfe, wobei hier ruandische Hebammen die Hauptarbeit leisteten. Als Anfänger konnte ich in diesem Bereich kaum etwas beitragen.
Wie sah ihr Leben ausserhalb des Spitals aus?
Ich habe mit einem Ruander zusammen in einer Backsteinhütte gewohnt und war mitten drin im lokalen Leben. Die Bevölkerung bestand grösstenteils aus Kleinbauern, die Selbstversorger waren.
Wie haben Sie den Aufenthalt in Erinnerung und was waren die wertvollsten Lehren, die Sie daraus gezogen haben?
Es war eine sehr eindrückliche Erfahrung. Ich habe gelernt, schnell zu entscheiden und dann auch für meine Entscheidungen einzustehen. Zudem war es sehr spannend und wertvoll zu sehen, wie mit wenig Mitteln Medizin praktiziert werden kann.
Würden Sie wieder gehen?
Nach den sieben Monaten in Ruanda hatte ich erstmal für lange Zeit genug. Mittlerweile könnte ich mir einen Aufenthalt wieder eher vorstellen, aber meine Spezialisierung im Bereich Diabetes/Endokrinologie wird in diesem Kontext kaum gebraucht. Zudem habe ich nun eine Familie in der Schweiz und kann nicht mehr so einfach für längere Zeit ins Ausland.
Weitere Informationen über die Endokrinologie und Diabetologie finden Sie unter www.ksgr.ch/endokrinologie.