Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03551.jsonl.gz/1322

Susi Stühlinger über Zürichs heisses Pflaster und Ovo-Büchsen im Miniformat
Da leider nicht alle eingegangenen Wünsche von der Redaktion berücksichtigt werden konnten, nimmt sich diese Rubrik einiger herrenloser Themen an. Das Wort «herrenlos» ist übrigens nicht geschlechterdiskriminierend gemeint, sondern wird vom Gesetz nun mal verwendet, wenn sich niemand einer Sache annimmt, und wir wollen ja formell korrekt bleiben – was uns gleich zum ersten Thema führt: Leser Martin Schwab fragt: «Wie formell korrekt einen Plüschteddy an der Bahnhofstrasse verbrennen?»
Formell korrekt wäre: An die Bahnhofstrasse gehen. Plüschteddy anzünden. Eventuell wäre ein Brandbeschleuniger hilfreich. Sprachlich Spitzfindige könnten allerdings darauf hinweisen, dass einen Teddy «an» der Bahnhofstrasse zu verbrennen gegebenenfalls voraussetzen würde, dass die Bahnhofstrasse zu diesem Zweck auf die Temperatur einer durchschnittlichen Herdplatte erhitzt werden und das Plüschtier so lange auf den Belag gedrückt werden müsste, bis es so richtig schön kokelt. Allerdings soll das richtig heisse Pflaster Zürichs laut Medienberichten derzeit eher in der Gegend Europaallee zu finden sein. Interessanter wäre ohnehin die Frage nach den materiellen Beweggründen für ein solches Tun: Geht es dabei womöglich um die Verhinderung einer kapitalistischen Sozialisierung von Kindern?
Um die sorgt sich nämlich Leser Joachim Meili. Er wünscht sich eine «Aufklärung über die Folgen und Auswirkungen der kapitalistischen Sozialisierung von Kindern beim Verkäuferlis spielen». Es wird noch Verkäuferlis gespielt? Hurra! Man hätte vermuten können, dass die heutige Jugend sich nur noch mit dem Smartphone beschäftigt, auf dem sie Onlinepoker zockt oder bei «World of Warcraft» virtuelle GegnerInnen niedermetzelt, auf dass sie genügend «Gold» erringe, um sich den «Ring des unendlichen Zuwachses» anzueignen – aber weit gefehlt! Sie spielt noch Verkäuferlis und später vielleicht gar Monopoly oder wenigstens «Die Siedler von Catan», wo sie Getreide und Erz erwirtschaftet, um Städte zu bauen und das Spielbrett zu zersiedeln.
Aber die eigentliche Frage kann die Verfasserin dieses Texts ganz praktisch aus der eigenen Lebenserfahrung beantworten: Sie hat dereinst in einem hochgradig kapitalistisch geprägten Umfeld leidenschaftlich gern Verkäuferlis gespielt und ist trotz des frühen Handels mit Aromat- und Ovo-Büchsen im Miniformat heute durchwegs kapitalismuskritisch eingestellt. Allerdings ist diese positive Entwicklung hin zu einer kritischen Zeitgenossin womöglich dadurch beeinflusst worden, dass als Krämerladen mangels Alternative damals das Kasperlitheater hat herhalten müssen.
Was es beim Verkäuferlis noch nicht gab, scheint es in der heutigen Zeit nicht mehr zu geben: «Weshalb gibt es seit circa einem Jahr kein hundertprozentiges Erdnussmus mehr in den Reformhäusern?», fragt Leser Martin Schwab zum Zweiten. Die gute Nachricht zuerst: Zürich ist eben doch nicht der Nabel der Welt. Im Kaff der Schreibenden führt das Reformhaus jedenfalls ein hundertprozentiges Erdnussmus. Es gibt es also noch, das reine Erdnussmus. Ebenso wie den Kapitalismus, während andere -mus wie der Sozialismus schon tot oder der Liberalismus vielerorts, so etwa an der Zürcher Falkenstrasse, arg am Serbeln sind.
Susi Stühlinger wünscht kapitalismuskritische Festtage.
* Diverse Wünsche von Joachim Meili und Martin Schwab: «Wie verbrennt man Teddybären, und wo gibt es Erdnussmus?»