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Weisser Tod im Ersten Weltkrieg
Im Winter 1916 /17 ereignete sich in den südöstlichen Alpen eine der folgenreichsten Wetterkatastrophen überhaupt. Auf ein massives Schneefallereignis folgten zahlreiche Lawinen, die tausende von Soldaten und Zivilisten unter sich begruben. Nun erlaubt eine in interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener OCCR-Forschungsgruppen entstandene Studie neue Einblicke in die Hintergründe dieser Katastrophe. Eine anhand von Wettervorhersagemodellen erstellte, detaillierte Rekonstruktion des Ereignisses verdeutlicht das Potential der Kombination von numerischen Techniken und historischen Dokumenten.
Vor genau hundert Jahren befand sich Europa inmitten des Ersten Weltkriegs. An der italienischen Front standen sich die österreichisch-ungarische und die italienische Armee auf den Berggipfeln der südöstlichen Alpen gegenüber. Während eines Grossteils des Jahres ruhten die Gefechte allerdings weitgehend, denn es begann ein anderer Kampf – derjenige gegen Kälte, Eis und Schnee. Mit einem durchschnittlichen Niederschlag von 2 m pro Jahr gehört diese Region der Alpen zu den feuchtesten Gebieten des Kontinents. Zwischen November 1916 und Januar 1917 verzeichnete ein Regenmesser, der sich heute auf der Grenze zwischen Italien und Slowenien befindet, 1432 mm Niederschlag, was rund 80 % der durchschnittlichen Jahresmenge entspricht. Die Soldaten wurden damals buchstäblich unter Schnee begraben. Noch heute geben die schmelzenden Gletscher jährlich Leichen dieses katastrophalen Ereignisses frei, eine traurige Erinnerung an das absurde Gemetzel des Ersten Weltkriegs.
Tausende von Lawinentoten
Es war vor allem ein einzelner Tag, der tragischerweise in die Geschichtsbücher einging: der 13. Dezember 1916. Nach einer Woche reichlichen Schneefalls brachten an diesem Tag warme und feuchte Luftmassen aus dem Mittelmeerraum starken Niederschlag, was zu einem Anstieg der Schneegrenze führte. Diese Bedingungen lösten in der ganzen Region zahlreiche Lawinen aus. Die Opferzahl dieser Lawinenniedergänge war beispiellos – mehrere Tausend Soldaten und Zivilisten kamen ums Leben. Da sich das Unglück inmitten einer weit grösseren Tragödie, dem Ersten Weltkrieg, zutrug, blieb sie zu jener Zeit so gut wie unbeachtet. Nichtsdestotrotz handelt es sich gemessen an der Opferzahl um eine der schlimmsten wetterverursachten Katastrophen der europäischen Geschichte. Als „Worst Case“ hilft das Ereignis bei der Beurteilung gegenwärtiger und künftiger Extreme.
Die Auswirkungen der Katastrophe sind gut dokumentiert, doch die atmosphärischen Vorgänge die dazu geführt haben, liessen sich bis heute nicht detailliert und quantitativ rekonstruieren. Über das Wetter vom Dezember 1916 waren bisher vor allem qualitative Beschreibungen aus Tagebüchern oder Memoiren vorhanden. Zusätzlich lagen einige Messungen von Stationen der nationalen Wetterdienste vor. In den letzten Jahren aber wurden neue numerische Techniken entwickelt, die es ermöglichen, nicht nur das Klima, sondern auch das Wetter zu rekonstruieren.
Sogenannte Reanalysen, welche Wetterbeobachtungen und numerische Wettervorhersagemodelle kombinieren, gehören in den Klimawissenschaften heute zu den Standarddatensätzen. Bis vor kurzem waren diese Daten aber auf die letzten 30 – 50 Jahre beschränkt, für welche genügend Wetterballondaten vorhanden waren. Neue Entwicklungen ermöglichen nun, bereits mit wenigen Beobachtungen das Wetter zu rekonstruieren. Verschiedene globale Datenprodukte reproduzieren heute die meteorologische Situation vom Dezember 1916. Allerdings ist deren Auflösung zu schlecht, um ein regionales Ereignis in der komplexen Topographie der Alpen zu analysieren. Eine Lösung für dieses Problem stellt das dynamische „Downscaling“ dar. Auf dieselbe Weise werden in der Wettervorhersage aus globalen Prognosen genaue Vorhersagen auf regionaler Skala gemacht.
Neue Art von interdisziplinärer Zusammenarbeit
Diese neuen Techniken ersetzen die Arbeit der Historiker nicht, aber liefern eine wertvolle Ergänzung: Während die Reanalyse die dynamische Interpretation des dokumentierten Ereignisses ermöglicht, beschreiben die historischen Dokumente die Auswirkungen des rekonstruierten Wettersystems. Dadurch entsteht eine neue Art der interdisziplinären Zusammenarbeit, wie die Aufarbeitung der Katastrophe vom Dezember 1916 zeigt. Die Beobachtungen allein würden nur ein unvollständiges Bild ergeben, da gerade für die am meisten betroffenen Regionen nur für wenige Tage Beobachtungen existieren. „Downscaling“ und Beobachtungen zusammen hingegen geben aber einen detaillierten Einblick in das Ereignis und erlauben eine physikalisch sinnvolle Interpretation. Damit sind die wichtigsten Zutaten der extremen Wettersituation erfasst: über Tage blockierte Zirkulation, warmes Mittelmeer, Feuchtetransport sowie Temperaturanstieg.
Die Aufarbeitung der Hintergründe, die zur Lawinenkatstrophe im Dezember 1916 führte, zeigt auch die gesellschaftliche Verletzlichkeit. In Kombination mit der Analyse der aussergewöhnlichen meteorologischen Verhältnisse erlaubt dies, Veränderungen in einem zukünftigen Klima und einer zukünftigen Gesellschaft zu untersuchen, um so das zukünftige Risiko zu beurteilen. Extreme Wetterereignisse der Vergangenheit sowie in der Zukunft können damit besser verstanden werden.
(Quelle: «Dezember 1916: Weisser Tod im Ersten Weltkrieg» Geographica Bernensia, Geographisches Institut der Universität Bern)