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Auf Distanz sind die Scharten der Geschütze mit Front gegen einen Gegner trotz dicker Panzerung ein Schwachpunkt eines Artilleriewerkes. Eine Verbesserung wurde in Kettenvorhängen gesehen, die auch getestet wurden. Im Januar 1949 erfolgte der Beschuss einer Mg-Scharte auf dem Waffenplatz Thun, in der so genannten «Kleinen Versuchsmauer».
Erste Versuche in Thun
Als Munition wurden Panzerwurfgranaten PZ-WG 44, Panzergranaten 4,7 cm für Pak 41 und 7,5 cm Stahlkerngeschosse (Mg 11) verwendet. Die beiden Panzerwurfgranaten explodierten im Vorhang, beschädigten die Aufhängung, hatte aber kaum Wirkung auf die Scharte (Bild Schuss1). Die Munition der Pak 41 wurden vom Vorhang abgelenkt, trafen nicht mehr senkrecht auf die Schartenpanzerung und ergaben nur kleinere Dellen (Bild 11904/07). Die abgefeuerten 70 Schuss aus dem Maschinengewehr zerstörten en Vorhang selber stark, hatte etliche Querschläger zur Folge und einige Schuss blieben in der Panzerung stecken (Bild11906). Obwohl das Mg grossen Schaden am Vorhang selber anrichtete, sah man einen verbesserten Schutz bei grösseren Kalibern durch frühzeitige Detonation oder Ablenkung.
Versuche mit dem Artilleriewerk Wissifluh
Im Herbst 1949 wurden deshalb Beschussversuche auf eine grosse Scharte mit einem neu entwickelten Kettenvorhang gemacht. An diesem sollten Geschosse detonieren, bevor sie Panzerung treffen würden. Die Versuche fanden im Artilleriewerk A2250 Wissifluh statt und wurden vom Festungskreis 2 durchgeführt. Dabei ging es um den Schartenschutz und die Tarnung. Die Kettenvorhänge wurden im Oktober mit Maschinengewehren, 24 mm Tankbüchsen und 4,7 cm Infanteriekanonen scharf beschossen. Aus dem Bericht geht hervor, dass ein einzelner Vorhang nicht genügen würde, um eine Scharte bei eingebautem Geschütz «in jeder Stellung ausreichend zu schützen». Deshalb wurde für die Versuche folgende Konstruktion gewählt:
- Vorn ein erster langer Vorhang, der bei Horizontalstellung des Rohres bis zur Rohrachse herunterhängt.
- Etwas zurückgestaffelt ein zweiter mittellanger Vorhang, bei mittlerer Elevation bis zur Rohrachse reichend.
- Dahinter ein dritter kurzer Vorhang, der bei Maximalelevation bis zur Rohrachse hing.
Diese Anordnung gewährleistete den vollen Schutz der Scharte beziehungsweise die Schliessung des Vorhanges in jeder Rohrstellung.
Der Beschuss erfolgte aus einer Distanz von 450 Metern. Vor dem Versuch wurde das Rohr ausgebaut, der ganze Schartentopf zur Kenntlichmachung von Treffern mit Holzausgekleidet und das Schartenloch mit Sandsäcken verdämmt.
- Mit dem Maschinengewehr 11 erfolgten 25 Schuss respektive 50 Punktfeuer. Einige wenige Ketten wurden beschädigt, die hinteren Vorhänge nicht touchiert oder beschädigt.
- Drei Granaten vom Kaliber 24 mm ergaben verhältnismässig unbedeutende Beschädigungen des vorderen Vorhanges, in der Tiefe keinerlei Treffer oder Splitter.
- Von zwei Panzergranaten Kaliber 4,7 cm drang eine durch den ersten Vorhang und traf auf den Beton, die zweite wurde vom ersten Vorhang auf die Vorhangführung abgelenkt, ohne Zerstörungen zu erwirken. Mit zwei Langgranaten wurde die (provisorische) Aufhängevorrichtung des unteren Vorhangs zerstört und ein Volltreffer mit Detonation riss ein deutliches Loch in den ersten Vorhang, aber ohne tiefere Zerstörungen.
Das Fazit in drei Punkten:
- Die Versuche haben gezeigt, dass die Tarnung durch die Kettenvorhänge allein wegen den senkrechten glatten Flächen ungenügend ist. Es müssen die grossen Schartenlöcher ausserhalb der eigentlichen Schartentöpfe durch spezielle Tarnungsvorhänge der Sicht entzogen werden.
- Kettenvorhänge sind geeignet, Schartentöpfe und die dahinter stehende Geschützbedienung während einer Zeit vor der Wirkung des Beschusses durch kleinere Kaliber zu schützen. Es muss daher nach wie vor die Aufgabe der Fliegerabwehr oder der Aussenverteidigung sein, beginnenden Schartenbeschuss sofort energisch zu bekämpfen.
- Es müsse bei einer definitiven Konstruktion dafür gesorgt werden, dass die Aufhängevorrichtung für den unteren sehr notwendigen Kettenvorhang durch geeignete Massnahmen geschützt wird.
Die ansprechenden Resultate hatten aber keine unmittelbaren Folgen im Festungsbau. Erst einige Jahrzehnte später tauchten diese Ketten wieder auf.
Grimsel-Kommandant wollte auch Vorhänge
In den Werken Furkels und Sasso da Pigna wurden bei den grossen Scharten der 15 cm-Bunkerkanonen solche Vorhänge montiert. Die Beurteilung des Kommandanten des Artilleriewerks Grimsel 1989: Gegenüber dem Kommando Festungskreis 23 schrieb er, dass er diese Verstärkung im letzten WK erstmals gesehen habe. Aus taktischer Sicht handle es sich um eine eindeutige Verbesserung. «Die bisher weithin sichtbaren Schiessscharten werden wirkungsvoll getarnt und sind ohne genaue örtliche Kenntnisse nicht mehr ohne weiteres auszumachen.» Aus technischer Sicht ergäben sich keine nennenswerten Behinderungen. Insbesondere seien die Rohre nach wie vor frei schwenkbar und die etwas erhöhten Lärmimmissionen von der Geschützmannschaft ohne weiteres zu verkraften (leichtes Rasselgeräusch). Die Tarnung hatte damals erkennbar mehr Gewicht als allfälliger Zusatzschutz vor Beschuss. Allerdings erhielt sein Werk dann keine Kettenvorhänge. Der Grund ist unklar.
Auch die Bison wurde «versteckt»
Auch die modernsten Bison-Geschütze erhielten übrigens solche Kettenvorhänge als eines von mehreren Elementen des Schutzkonzeptes für die Scharten.
Quelle: u.a. «Kettenvorhänge zum Schutz der Scharten bei Art. Werken.» Bericht über die Versuche beim Art. Werk A2250 Wissifluh und Unterlagen über das Artilleriewerk Grimsel. (Bundesarchiv)