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60 Jahre lang war Mission für die Schweizer Kapuziner in Tansania praktisch eine «Einbahnstrasse».
Weisse Missionare gründeten Pfarreien, Schulen und Spitäler, missionierten Einheimische und halfen beim Aufbau der Kirchenstrukturen. Doch dann veränderten 1961 die Unabhängigkeit des Landes sowie 1962 das Zweite Vatikanum alles. Die Kapuziner reagierten darauf mit der Kasita-Erklärung von 1969.
Br. Fidelis Stöckli (1932-2021) war damals in Tansania ganz nahe am Puls des Geschehens und mitverantwortlich für die Kasita-Erklärung, die das veränderte Missionsverständnis der Kapuziner verständlich formulierte. Fidelis Stöckli geniesst heute im Kapuziner-Kloster in Wil seinen Lebensabend, sein Gedächtnis lässt ihn hin und wieder im Stich, doch er stellt gleich zu Beginn des Gesprächs klar: «Es geht nicht um mich, sondern um die Situation in Tansania in den 60er-Jahren und wie wir als Kapuziner auf die Veränderungen dort reagierten.»
Es war eine bewegte Zeit für das aufstrebende Land, als Fidelis Stöckli am 6. Februar 1962 in Dar Es Salaam ankam. Der Freiheitskämpfer Julius Neyerere war daran, das damalige Tanganjika in die Unabhängigkeit zu führen und wurde im Mai 1961 Premierminister. Das Zweite Vatikanische Konzil (Start 11. Oktober 1962 – 1965) stand bevor. Und der damalige Schweizer Provinzial der Kapuziner, Serafin Arnold, gab den Kapuzinern 1961 in Tansania die Erlaubnis, neu erstmals auch einheimische Brüder in den Orden aufzunehmen. Das, nachdem P. Gustav Nigg, Ordensoberer in Tansania, geeignete Postulanten dafür rekrutiert hatte. Es waren dann der neue Ordensobere Br. Victorien Beytrison sowie der erste Novizenmeister (von 1961-1964) Friedbert Gabriel, die 1961 die ersten Tansanier ins Noviziat aufnahmen und drei von ihnen zur ersten Profess führten.
In den Orden integrieren oder eigene Gründungen?
Schon in der Schweiz war Br. Fidelis vorgesehen gewesen, dereinst als Novizenmeister für die afrikanischen Kapuziner im neu erbauten Kloster in Kasita zu amten (Ein Amt, das er dann von 1965-1967 inne hatte). In den ostafrikanischen Ländern gab es zwei unterschiedliche Tendenzen: «Die einen wollten einfach Einheimische in den schon bestehenden Kapuziner-Orden aufnehmen, die anderen plädierten für afrikanische Neugründungen,» erinnert sich Fidelis Stöckli. Um sich ein Bild von der Situation in den verschiedenen Orden zu machen, durfte Br. Fidelis – nach dem Sprachstudium und mehreren Seelsorgeeinsätzen in verschiedenen Pfarreien– 1964 in einer Studienreise zwanzig Missionsgemeinschaften mit zwölf Gründungen für Brüder und Schwestern in Tansania und den Nachbarstaaten besuchen. In der Tendenz, so Fidelis, «war es tatsächlich so, dass die Männerorden eher einheimische Kandidaten in ihren eigenen Missionsorden aufnahmen, die Frauenorden, wie etwa die Baldegger Schwestern, aber einheimische Gemeinschaften gründeten.»
Der Weg der Schweizer Kapuziner war nicht ohne Stolpersteine. Einerseits musste man nun sehr viel Gewicht auf eine gute religiöse und berufliche Ausbildung der einheimischen Kandidaten legen, um nicht eine Zweiklassen-Gesellschaft im Kapuziner-Orden von Tansania zu schaffen (eine einheimische, autonome Kapuziner-Provinz wurde erst 1996 geschaffen!), andererseits brauchte es dafür – als Hauptpunkt – eine vollständige Integration und Gleichstellung der beiden Gruppen – Schweizern wie Tansaniern -, ev. auch auf Kosten der gewünschten Adaption an die Situation im Land.
Wie beeinflusst Unabhängigkeitsbewegung den Orden?
Und dann kam natürlich noch die Frage hinzu: Wie wirkte sich die Unabhängigkeitsbewegung in Ostafrika auf das Ordensleben aus? Jahrzehntelang hatten sich die Schweizer Kapuziner in Tansania eine gewisse Freiheit in ihrem missionarischen Engagement und ihrem Wirken in Pfarreien, Katechese, Schulen und Ausbildungsstätten erworben … und sie hatten sich mit den britischen Kolonialherren einigermassen arrangiert. Es gab darum, wie Fidelis Stöckli betont, «vor allem unter älteren Missionaren, einige, die Mühe bekundeten, ihre kolonialistische Prägung abzulegen, jüngere waren für den Wandel offener.»
Julius Neyerere, selber praktizierender Katholik, verwies zwar alle Briten des Landes, erlaubte aber den Missionsorden im Land zu bleiben: «Neyerere schätze unsere Aufbauarbeit und die Institutionen wie Handwerkerschulen, Spitäler und Primarschulen, sehr. Denn auch viele seiner Spitzenbeamten waren durch unsere Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen gegangen. Er hatte gegenüber uns ein Wohlwollen, aber bevorzugte nicht einfach die katholische Kirche, sondern arbeitete mit allen gesellschaftlichen Kräften zusammen.» Weltberühmt wurde Julius Nyerere allerdings durch seine am 5. Februar 1967 in Arusha veröffentlichte Erklärung, dem Versuch, einen «Sozialismus mit afrikanischem Gesicht» zu etablieren.
Tansania bekam für diese Strategie viel Anerkennung und auch dementsprechend finanzielle Unterstützung, vor allem aus den sozialistischen Staaten. Im Zentrum der Erklärung standen die Schlagworte Ujamaa (auf Swahili «Dorfgemeinschaft, Familien- und Gemeinschaftssinn») und Self-reliance («Eigenständigkeit»). Zentrale Ziele der anvisierten Entwicklung waren die Errichtung und Umsiedlung in Ujamaa-Dörfer, die Verstaatlichung der Banken sowie eine Bildungs- und Landreform.
Die Kasita-Erklärung: Was wir Franziskaner (OFMCap) in Tansania vorhaben
Angeregt von der Arusha-Erklärung wuchs im Kapuziner-Orden, dem mittlerweile auch immer mehr einheimische Mitglieder angehörten, der Wunsch: «So etwas sollten wir auch als Basis unseres Wirkens haben,» erinnert sich Fidelis Stöckli. Er war in dieser Zeit in Itete als Spiritual für die Schwestern zuständig und galt unter seinen Mitbrüdern eher als «Theoretiker». In der Folge entwarf Br. Fidelis eine erste Fassung der «Kasita»-Erklärung, die am 11.-14. November 1969 in Mahenge mit Vertretern der 23 afrikanischen Kapuziner an einer Tagung des Ordensrates verabschiedet wurde. Die Erklärung «Was wir Franziskaner (OFMCap) in Tansania vorhaben.» sei eine «Art Kompendium über das, was unser Orden in Tansania leistete und den Weg in die Zukunft,» betont Fidelis Stöckli, dem seit dieser Zeit der Ruf als «Chefideologe der franziskanischen Bewegung in Tansania» anhaftete. Schon 1975 kehrte Fidelis Stöckli definitiv in die Schweiz zurück, hatte aber hier noch rund 20 Jahre als Provinz- und Missionssekretär viel mit Fragen der Mission zu tun. Bevor er 2018 ins «Alterskloster» in Wil umzog, übernahm er noch diverse seelsorgliche und administrative Aufgaben.
Beat Baumgartner
Wir übernehmen bereitwillig jeglichen Dienst und apostolischen Einsatz, sofern er unserer Lebensform und den Erfordernissen der Kirche entspricht:
– Zuerst beachten wir die seelischen Nöte. Unserer Priester widmen sich in enger Zusammenarbeit mit den Brüdern jedweder apostolischen Tätigkeit. Sie nehmen sich besonders jener an, die die ordentliche Seelsorge entbehren:
– Die Regierung ist überzeugt, dass die «Feinde» des Landes (Armut, Unwissenheit und Krankheit) nur dann behoben werden können, wenn die Leute gemeinsam dagegen vorgehen. Daher drängt sie sehr darauf, dass die Leute in dörflichen Gemeinschaftssiedlungen und in Genossenschaften sich zusammenschliessen. … Hier können wir bedeutende Hilfen leisten.
– Die Entwicklung der Landgegenden nimmt im Fünfjahresplan der Regierung den ersten Platz ein. Wir können dabei der Regierung in verschiedener Hinsicht helfen.
– Die Entwicklung in den Dörfern hängt stark vom Handwerk ab. Wir haben Fachleute unter uns, die den Handwerkern in Landgegenden viel helfen können.
– Seit jeher haben viele Ordensleute in Schulen unterrichtet. Wir können auch auf andere Weise die Bildung der Leute fördern.
– Der Mensch kann nicht recht arbeiten, wenn der Leib krank ist. Wir können hinsichtlich Gesundheit und Wohnverhältnisse viel ändern.
– Unter jenen, die sich nicht selbst helfen können, sind Behinderte aller Art, wie Blinde, Lahme, Waisen und andere. Als Söhne des heiligen Franz sollen wir vor allem auch diesen helfen.
– Gegenwärtig vergrössern sich die Städte ungeheuer. Damit wachsen die Nöte der Stadtbewohner. Auch ihnen helfen wir.
Jeder der acht Punkte wird konkretisiert hinsichtlich konkreter Nöte und Hilfsaktivitäten der Kapuziner in Tansania.