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Wenn gewaltige Eisberge in Antarktika abbrechen, treiben sie normalerweise ins offene Meer hinaus und werden dann von den Strömungen und Winden rund um den Kontinent getrieben. Doch hin und wieder bleiben die riesigen Eisklötze am Meeresboden hängen und schmelzen erst etwas ab, bevor es auf die Reise geht und sie ihrem Ende entgegentreiben. Ein Eisberg am bekannten und wichtigen Thwaites-Gletscher in der Westantarktis hat aber ziemlich lange gebraucht, um sich von Antarktika zu lösen.
Mehr als 22 Jahre war der Eisberg B-22A an seiner Stelle vor der antarktischen Küste festgesessen und hatte das Küstenbild geprägt. Nun hat er sich von seinem Liegeplatz losgerissen und treibt in die Amundsensee, wo er von den Strömungen und Winden der Küste entlangtreiben dürfte und langsam aber sicher immer weiter auseinanderbrechen und abschmelzen wird. Der Vorgang des Lostreibens wurde von den NASA-Satelliten Terra und Aqua mithilfe der MODIS-Geräte an Bord aufgenommen.
Experten der NASA hatten auf den Satellitenaufnahmen, die zwischen dem 24. Oktober 2022 und dem 26. März 2023 erstellt worden waren, entdeckt, dass der Eisberg sich von seiner Stelle losgelöst hatte, an der er seit 2012 festgesteckt hatte. Dank seiner Grösse von rund 3’000 Quadratkilometer war der Eisberg auch während der ganzen Zeit klar sichtbar auf allen möglichen Satellitenbildern. Zurzeit herrscht nun Dunkelheit in der Region, doch dank einiger Geräte kann der Weg des Eisberges trotzdem verfolgt werden.
Die Tatsache, dass Eisberge einige Jahre brauchen, bis sie sich von ihrem Startpunkt ins offene Meer treiben lassen können, ist schon lange bekannt und hängt mit der Grösse des Eisberges und der Topographie an der antarktischen Küste zusammen. Oft bleiben die eisigen Kolosse an Unterwasserhindernissen hängen und schmelzen erst langsam, bevor sie weiterreisen. Doch B-22A hat mit seinen rund 22 Jahren aber ein biblisches Alter für einen Berg an derselben Stelle erreicht. Dieser Meinung ist auch Christopher Shuman, Glaziologe an der Universität Maryland und Experte bei der NASA. Seiner Meinung nach haben die Bedingungen in der Amundsensee mit kalten Tiefenströmungen und wenig Bewegungen in den vorangegangenen Jahren den Eisberg nur wenig beeinflusst.
Forschungsteams haben mehrfach entdeckt, dass nun auch hier wärmere Tiefenwasser aus Norden in die Region strömt und alles Eisige langsam von unten her schmilzt. Da der Eisberg auch wie ein Korken gewirkt hatte und die zwischen ihm und der Küste liegenden Eismassen etwas zurückgehalten hatte, wird es für die Thwaites-Teams nun spannend zu beobachten, ob in die Eismassen Bewegung kommen wird oder nicht. Zumindest für den Moment dürfte es aber noch ruhig bleiben, denn es herrscht erstmal Winterruhe an der Küste. Für B-22A aber beginnt nun seine lange Wanderung, immer weiter weg von Antarktika in Richtung Norden und seinem schmelzenden Ende entgegen.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal