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Musik, Kunst und Philosophie im Dialog
Was Kunstwissenschaftler, Musikwissenschaftler und Philosophen dazu veranlasst, gemeinsam ein Wochenende einem Symposium zu widmen, ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Es gibt jedoch einige Überschneidungspunkte, und einer davon ist der Berner Maler Paul Klee.
Am 21. und 22. Mai setzten sich Akademikerinnen und Akademiker aus aller Welt im Zentrum Paul Klee mit Themen wie den Identitätsbedingungen eines musikalischen Werkes, der perfekten Aufführung oder den Zusammenhängen zwischen Boulezʼ und Paul Klees Schaffen auseinander. Der interdisziplinäre Austausch war von einer familiären Atmosphäre geprägt.
Nach einer kurzen Ansprache von Dale Jacquette (Universität Bern), einem Mitglied des Organisationsteams, begann das Symposium mit einer Präsentation des amerikanischen Philosophen Peter Kivy (Rutgers University). Er hat seine Studien hauptsächlich der Ästhetik und der Philosophie der Musik gewidmet. Mit seinem Buch The Corded Shell: Reflections on Musical Representation hat er 1980 den Grundstein für das Wiederaufleben der Philosophie der Musik gelegt, obwohl er heute von seinem noch häufig zitierten Werk nicht mehr überzeugt ist. Weshalb Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Blickfeld der Philosophie geraten war, erörterte er im Referat On the recent remarriage of Music to Philosophy. Die Dominanz der absoluten Musik im späten 19. Jahrhundert führte dazu, dass sich die Philosophie auf eine Definition von Musik als formal organisierte Klangstrukturen fokussierte und sich den Inhalten von Musik, dem Vermittelten, nicht näher widmete. Kivy jedoch wagte den Versuch, erneut eine Brücke von der Musik zu den Emotionen zu schlagen und löste damit eine ganze Welle von Texten aus, die sich der Musik wieder aus der philosophischen Perspektive widmeten.
Marcello Ruta und Annabel Colas (beide Universität Bern) präsentierten anschliessend Fragen der Ontologie der Musik. Ruta argumentierte, dass die hermeneutische Herangehensweise durchaus auch performative Aspekte von Musikwerken fassen könne. Die Doktorandin Colas erläuterte die (Un-)Möglichkeit der perfekten Aufführung. Den frühen Nachmittag bestritten Thomas Gartmann (Hochschule der Künste Bern) und Alessandro Arbo (Universität Strassburg). Gartmann sprach darüber, was alles in der Partitur eines Werkes zu finden ist und wonach man vergeblich sucht. Arbo erörterte, was wir genau meinen, wenn wir sagen, etwas als ein bestimmtes Werk zu erkennen.
Klee und Interdisziplinarität
Paul Klee war in Jim Dickinsons (Bath Spa University) Referat zum ersten Mal Thema der Diskussion. Dickinson analysierte eines der am häufigsten vertonten Werke Klees, Zwitscher-Maschine (1922). Er zeigte eine mögliche Übersetzung dieses Bildes in Musik an Birtwistles Komposition Carmen Arcadiae Mechanicae Perpetuum (1977) auf. Die Musiker Paulo de Assis (Orpheus Institute Ghent) und Albert Frantz (Wien) rundeten den Tag aus praktischer Perspektive ab.
Die Präsentationen des zweiten Tages drehten sich grösstenteils um den Namensgeber des Veranstaltungsortes. Paul Klee hat nicht nur viele philosophische Ansätze in seinen Skizzen und Bildern verarbeitet, sondern war auch Amateurviolinist. Er erregt somit sowohl das Interesse von Kunstinteressierten wie von Musikern, Musikwissenschaftlern und Philosophen. Damit ist er ein ideales Thema für interdisziplinarische Forschung, wie sie in diesem Symposium gefördert wurde. Auch Pierre Boulez hatte eine ganz besondere Beziehung zu Paul Klees Schaffen, wie Ulrich Mosch (Universität Genf) in seinem Referat aufzeigte.
Christian Berger (Universität Freiburg) und Walter Kreyszig (University of Saskatchewan) hatte die Verbindungslinien von Johann Sebastian Bach zu Klee im Fokus. Klee versuchte immer wieder, Abstraktes visuell darzustellen und so wurden auch bachsche Kompositionen mit ihrer hohen Strukturiertheit zu Ausgangpunkten für seine Werke.
Am Nachmittag folgte eine Führung durch das Zentrum Paul Klee mit Kurator Michael Baumgartner. Anschliessend erläuterte dieser in einer Präsentation die zentrale Rolle der Natur in Klees Werken. Weitere Analysen wurden vorgetragen von Linn Buchert (Friedrich-Schiller-Universität Jena); sie beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit der Rolle der Atemmetapher in visueller Kunst.
Kompositionsstudentinnen und -studenten der Hochschule der Künste Bern und das Vertigo-Ensemble bereicherten das Symposium mit einem abschliessenden Konzert. Gespielt wurden Stücke, die inspiriert waren von Boulezʼ Structures I, einem Werk, das Boulez 1951 ursprünglich An der Grenze des Fruchtlandes nennen wollte, in Anlehnung an Klees Bild Monument an der Grenze des Fruchtlandes. Wie die Eindrücke aus dem zweitägigen Symposium die Perzeption beeinflussen, das konnten die Teilnehmenden beim Anhören dieser Uraufführungen direkt erleben.