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Griséldis Réal, Schriftstellerin und Prostituierte, verzeichnete ihre Stammkunden in einem Notizheft, das mit der Zeit literarische Identität erlangte.
Von Stéphanie Cudré-Mauroux
Dem Aussehen nach handelt es sich um ein kleines schwarzes Wachsheft, wie man sie in Archiven oft findet: ein einfaches Verzeichnis von 10,5x14,8 cm, mit gelbem Daumenindex und abwechslungsweise roten und schwarzen Buchstaben von A bis Z. Sein Gebrauch hingegen ist alles andere als gewöhnlich. Es trägt den Titel « ‒ Klienten ‒ » und ist gleichsam das Logbuch von «Grisélidis Réal, genannt Solange, Genf», Prostituierte und heute bekannte Schriftstellerin. Von 1977 bis 1995 war es ihr Arbeitsrequisit, denn es handelt sich um das Register ihrer regelmässigen Kunden.
Die Liste wurde mit schwarzem Kugelschreiber geführt, nur am linken Rand ist sie mit roten Nummern von 1 bis 11 ausgeschmückt. Diese auf den ersten Blick geheimnisvollen Zahlen erweisen sich als Kennziffern für Stammkunden gleichen Namens: ein einziger Tonio neben elf Männer namens Pierre!
Der Inhalt des Heftes ist bei frankophonen Lesern seit einem Vierteljahrhundert bekannt, wurde es doch bereits 1979 in der Avantgarde-Zeitschrift Le Fou parle von Jacques Vallet erstmals publiziert. 2005 erschien es schliesslich im Verlag Verticales mit einem von der Autorin wenige Monate vor ihrem Tod verfassten Vorwort «Trente ans de métier».
Jeder Eintrag beginnt mit einem unterstrichenen männlichen Vornamen und wird mit einer Kurzbeschreibung fortgesetzt («grosser sensibler Trampel», «Schwarzer aus Madagascar, sehr intelligent», «dicker witziger Spanier, ergeben, einfach, anständig»). Es folgen die sexuellen Charakteristiken und Vorlieben jedes Einzelnen, mit kraftvollen Details und Genauigkeit. Für die um gute Arbeit besorgte Grisélidis Réal war dieser knappe Abriss unverzichtbar. «Die einzige authentische Prostitution», schreibt sie, «ist diejenige der grossen technischen Künstlerinnen und Perfektionistinnen, die dieses besondere Handwerk mit Intelligenz, Respekt, Fantasie, Herz und Erfahrung freiwillig als eine Art angeborene Berufung ausüben.»
Das Beeindruckende an dieser oft im Telegrammstil verfassten Kurzprosa sind die Kunst, die Effizienz und die Genauigkeit der Porträts: In drei oder vier schwungvollen Zeilen gelingt es Réal, das zusammenzubringen, was ihr erlaubt, ihre Klienten zu identifizieren und vor allem zufriedenzustellen. Die Absicht ihrer Notizen ist weder zotig noch obszön, es handelt sich auch nicht um erotische Prosa. Sie zielen vielmehr auf eine ungeschminkte und technische Präzision ab - nicht ohne gelegentlichen ironischen Unterton. Die prosaischsten Situationen können Poetisches anregen: So bringt ihr ein «Wagen der Dämmerung» Micky aus London; den «Simenon mit Brille» müsse man «spielen und schnörkeln» lassen.
Das schwarze Heft erschien in literarischen Zeitschriften und Verlagen als Würdigung der Schriftstellerin Réal. Die Vermischung der Gattungen, der dem «Unbedeutenden» zugestandene Raum in den Avantgarde-Zeitschriften der 1970er-Jahre (wie Tel Quel oder TXT) wie auch die Kritik an der Überlegenheit der sogenannt «höheren Künste» erlaubten, dass ein solcher Text nicht nur herausgegeben, sondern auch von anspruchsvollen Lesern anerkannt wurde.
Das Adressverzeichnis Réals sowie weitere Dokumente aus dem Schweizerischen Literaturarchiv können während der Kabinettsausstellung «Érotisme et modernité?» vom 14. bis 26. November 2016 in der Schweizerischen Nationalbibliothek besichtigt werden.