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Der gefeierte Schweizer Filmregisseur Emil Nägeli flieht aus seiner «verknöcherten» Heimat nach Deutschland. Christian Krachts neuer Roman folgt seiner Odyssee durch die frühen 1930er Jahre – Zürich–Berlin–Tokio und retour. Immer wieder erinnert Nägeli sich an seine fürchterliche Kindheit im Berner Oberland, begegnet dazwischen Filmgrössen wie Heinz Rühmann (hier: «Schrumpfgermane») und Charlie Chaplin (hier: Schwätzer und Mörder) oder dem UFA-«Gott» und medialen Wegbereiter der Nationalsozialisten Alfred Hugenberg. Dessen Auftritt ist ein erster Höhepunkt des Romans, sein indignierendes Klavierspiel, sein Gebrüll am Fenster, das Kracht in bester Tradition eines Juan-Carlos-Onetti-Zooms gestaltet hat, aber auch die prompt folgende, derbe Einordnung durch den Erzähler: «…und lächelt wie das garstige Schwein, das er ist.»
Überhaupt, dieser Erzähler! Wir haben es – ähnlich wie in «Imperium» – mit einem andeutungs- und meinungsfreudigen Exemplar zu tun, dessen Ein- und Ausführungen nie ganz zu trauen ist. Er gibt dem Leser klare, aber wenig differenzierte Anweisungen zur moralischen Einordnung des auftretenden Personals, er schaut weg, wenn er hinschauen sollte, und er verdreht gern historische Tatsachen. Beispiel japanisches Nō-Theater: das traditionelle Nō-Stück, so wussten bereits einige Rezensenten zu erzählen, sei in die drei Akte Jo-ha-kyū – langsamer Beginn, erhöhte Geschwindigkeit im Mittelteil und dramatisches Ende – eingeteilt. Für «Die Toten» gehe Kracht kompositorisch einen ähnlichen Weg. Das ist so richtig wie selbstevident. Stutzig machen sollte uns, wie das Nō-Theater in «Die Toten» eingebettet wird: Kracht benutzt die Umstände eines fehlgeschlagenen Anschlags auf Charlie Chaplin am Abend des 15. Mai 1932. Chaplin besucht an besagtem Abend einen Sumo-Ringkampf, statt mit dem Premierminister Japans zu dinieren, weshalb letzterer ganz alleine – statt mit dem Feind aus dem Westen – von Kugeln durchlöchert wird. Kracht, der Alchemist, nennt -solche fast vergessenen historischen Begebenheiten «Nuggets» – und setzt Chaplin kurzerhand ins Nō- statt ins Sumo-Theater. Daraus schöpft er dann sein eigenes literarisches Edelmetall. Ein Schelm, wer deshalb glaubt, dass die Sterbenden in «Die Toten» ihr Leben mFFit einem «Ha» aushauchen, weil Kracht an einer Trilogie arbeite, deren zweiter Teil, ha, uns nach «Imperium», jo, gerade vorliegt? Oha: Die Exegese von «Die Toten» kann unzählige solcher Fährten aufnehmen, man kann den Roman aber auch als eingängigaberwitzige Kostümkomödie mit hoher Promidichte lesen. Oder als zutiefst bestürzendes Totalitarismus-Kabarett. Egal wie: es handelt sich um eine derart überbordend inszenierte, teils absurde, teils düstere Vision des Vorabends des Zweiten Weltkriegs, dass man ob all des hübschen Zwielichts fast geblendet wird. Ganz im Sinne des Filmkritikers und Soziologen Siegfried Kracauer («Nichts darf je vergessen werden und nichts, was unvergessen ist, darf ungewandelt bleiben»), der im Roman ebenfalls einen wunderbar rohen Gastauftritt hat, verfolgt Kracht auch die verschiedensten Ab- und Umwege seiner Nebencharaktere weiter – ganz ruhig und dann sogar über Dekaden hinweg. Spielend entwickelt er so eine Motivik, die, gespickt mit dem Personal aus bis zur Unkenntlichkeit karikierten Granden einer durch und durch opportunistischen Filmindustrie, das Böse in den verschiedensten Facetten erst nur kurz andeutet, dann ausblendet und schliesslich urplötzlich wieder laut hervorpreschen lässt. So gelingt es ihm – anders als noch im betont manierierten «Imperium» –, anhand des technischen und kulturellen Umbruchs vom Stumm- zum Tonfilm den flackernd sich einprägenden Eindruck zu vermitteln, wir hätten es nicht mit einem Roman, sondern mit dessen perfekter, aber gerade im Projektor verglühender Montage auf Zelluloid zu tun. Wenn Kracht also wirklich an einer Trilogie arbeitet, so dürfen wir uns nun schon auf ein grosses Finale freuen.
Michael Wiederstein
ist Literaturwissenschafter und Chefredaktor dieser Zeitschrift.
Buch:
Christian Kracht: Die Toten. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016.