Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03586.jsonl.gz/882

Kunst
Über die Magie des Fotos
Wer wie der amerikanische Kunsthistoriker Douglas Crimp der Meinung ist, 'die Fotografie' sei letztlich nichts als "eine quantitative Ansammlung photographisch hergestellter Bilder ohne Eigenschaften, die erst durch ihre ideologische oder diskursive Aufladung überhaupt zu etwas werden", sollte sich die Lektüre dieses Werkes dennoch nicht sparen - einmal, weil das Nachdenken über Fotografie ganz einfach Not tut, dann aber auch, weil dieses Buch vielfältige Anregungen liefert.
Der Fotografie wird häufig etwas Magisches zugeschrieben. So schrieb etwa William Henry Fox Talbot (1800-1877): "Wenn man einer Person, die mit dem Verfahren nicht bekannt ist, sagt, dass nichts von all dem von Hand ausgeführt worden ist, muss sie glauben, dass einem der Geist aus Aladins Wunderlampe dienstbar ist. Es ist ein kleines Stück an wahrgewordener Magie - an Naturmagie." Doch auch Personen, von denen man annehmen darf, dass ihnen das Verfahren zur Herstellung von Fotografien geläufig sein dürfte, reden von Magie. So spricht Walter Benjamin vom "magischen Wert" der fotografischen Technik, Susan Sontag davon, "dass der Prozess des Fotografierens etwas Magisches hat", Roland Barthes will Fotografie "als Magie und nicht als Kunst" verstanden wissen und Jean Baudrillard erwähnt die "objektive Magie des Fotos".
Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert.Im ersten Kapitel werden den Überlegungen von William Henry Fox Talbot, Charles S. Peirce, Rosalind Krauss, Roland Barthes, Philippe Dubois, Georges Didi-Huberman, die alle, gemäss Peter Geimer, die Fotografie als Abdruck, Spur und Index verstehen, Raum gegeben, doch auch die Kritiker dieser Auffassungen, Wolfgang Kemp, Joel Snyder ("Mir ist nicht klar, was damit gewonnen sein soll, immer wieder zu betonen, dass Fotografien uns in jedem Fall zeigen sollen, was existiert hat {...} Das Insistieren darauf, dass hier ein Index vorliegt, besagt nicht viel mehr, als dass ein Bild eine oder mehrere Ursachen hat. Das wird wohl niemand bestreiten wollen.") und Christoph Hoffmann kommen zu Wort.
Kapitel 2 handelt von der "Fotografie als Botschaft und Konstrukt". Geimer führt aus: "Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht länger auf das konkrete, fotografische Bild, sondern auf die sozialen Regeln und Diskurse, die es mit Bedeutung aufladen." Und: "Die entsprechenden Studien liefern letztlich keine Theorien der Fotografie, sondern Theorien der sozialen und historischen Funktionen und Faktoren, die sich der Fotografie bemächtigen, sie umformen und definieren." So gibt es zum Beispiel für Bourdieu, Tagg und Sekula nichts, was sich über die Fotografie, jenseits ihres sozialen Gebrauchs, sagen liesse (also keine autonome Definition); Barthes hingegen sieht die Fotografie durchaus eigenständig: als Botschaft ohne Code. Dazu Geimer: "Während Bourdieu sämtliche Erscheinungsweisen der Fotografie durch soziale Prozesse determiniert sieht, gibt es für Barthes einen Ort jenseits des Sozialen, der zwar nicht einsehbar ist, aber gleichwohl existiert und sogar die 'eigentliche fotografische Botschaft' darstellt." Sicher, möglich ist vieles, doch das die 'eigentliche fotografische Botschaft' unsichtbar sein soll, na ja. Allan Sekula wiederum argumentiert ganz anders als Barthes: für ihn sind Fotos Projektionsflächen, auf denen sich, in den Worten von Geimer, "das Schauspiel der Diskurse entfalten kann".
Im Kapitel 3, das den Titel trägt: "Zeit im Bild - Bilder in der Zeit", finden sich u.a. Ausführungen zu den Darlegungen Kracauers, dass ein fotografisches Bild zum Zeitpunkt der Aufzeichnung und aus zeitlicher Distanz betrachtet, zwei ganz verschiedene Dinge sind. Treffend formuliert Geimer: "Was im Moment der Aufnahme ins Bild eingeht, überlebt dort nicht. Das Bild hält das Dargestellte nicht auf Dauer lebendig, sondern bestätigt im Gegenteil seine Abgeschiedenheit." Ja und Nein, ist man da versucht zu sagen, schliesslich ist ja nicht ganz unwesentlich was der Betrachter mit dem Bild macht - und wer will das schon so genau wissen?
Kapitel 4 ist mit "Fotografie im Plural: Serialität, Reproduktion, Zirkulation" überschrieben. "Die Reproduktionstechnik, so liesse sich allgemein formulieren, löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab", schrieb Walter Benjamin und dies meint u.a. dass dem Kunstwerk, weil es reproduzierbar ist, seine Aura abhanden gekommen ist, doch Geimer argumentiert, die Dinge seien nicht ganz so eindeutig: "Man kann Benjamins Theorie des Auraverlusts durch die fotografische Reproduktion als eine Kritik an der Nivellierung des Einmaligen lesen. Es gibt aber auch Passagen, die nahelegen, das Verschwinden der Aura nicht als Verlust, sondern als Befreiung, nämlich als Loslösung aus alten Bindungen, zu verstehen." Weiter wird in diesem Kapitel auf Themen eingegangen wie "Reproduktion als Bedeutungsgewinn", "Kritik der 'Bilderflut'", auf das Werk von Vilém Flusser sowie auf Wolfgang Ullrichs Essay "Ohne Folgen? Bilder im Plural", der sich u.a. mit der Frage befasst, weshalb es eigentlich schlimm sein soll, wenn viele Bilder im Umlauf sind. Es könnte ja schliesslich sein, dass die Kritik an der Bilderflut in einem übertriebenem Glauben an die Macht des einzelnen Bildes begründet liegt.
Das letzte Kapitel widmet sich der Kunsttheorie. Von einigen (zum Beispiel Kracauer oder Barthes) wird die Fotografie als Nicht-Kunst gelobt, von anderen (etwa Baudelaire) als Nicht-Kunst kritisiert. "Es verwundert nicht", schreibt Geimer erhellend, " dass die Vertreter eines fotografischen Realismus zu keiner positiven Bestimmung der Fotografie als Kunst finden. Wenn man in der registrierenden Funktion der Fotografie ihr eigentliches Wesen erkennt, muss die gestalterische Dimension zwangsläufig als uneigentliche Zutat oder Abweichung erscheinen. Dasselbe gilt freilich auch in umgekehrter Richtung: Wo die formalen und gestalterischen Aspekte der Fotografie im Zentrum stehen, bleibt wenig Raum für eine Bestimmung ihrer registrierenden Funktion." Man kann natürlich auch die fotochemische Aufzeichnung, das Negativ, auch lediglich als Grundlage für die gestalterische Arbeit am Bild sehen, wie das der französische Schriftsteller Robert de Sizeranne 1897 tat. Was dabei herauskommt ist eine Art "Foto-Malerei" und diese ist ja bekanntlich in der modernen Digitalfotografie sehr gängig. Von da ist der Schritt zur Inszenierung der Wirklichkeit, auf die Geimer ebenfalls eingeht, nicht mehr weit. Mit Bezug auf Jeff Walls, meint er, dass "die gezielte Inszenierung fotografischer Ereignisse ... keine Preisgabe des Dokumentarischen .... (sondern) einen alternativen Zugang zum Faktischen" darstelle. Einverstanden, nicht zuletzt, weil das Allermeiste, was unter dokumentarisch läuft, sowieso inszeniert ist. Das Problem ist nur, dass wir (die meisten Menschen) von der Fotografie etwas ganz anderes wollen - dass sie dem Moment Bedeutung gibt.
Summa summarum: ein guter Überblick über die bekannteren Theorien, die sich mit Wesen und Bedeutung der Fotografie auseinandersetzen, der nicht chronologisch, sondern nach Themen gegliedert ist, doch auch - sowohl die Kapitelüberschriften als auch das Personenregister machen dies möglich - eine an den Autoren (und den wenigen Autorinnen) ausgerichtete Lektüre erlaubt.