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Der Basler Aufklärer und Menschenfreund
Mit seiner «Geschichte der Menschheit» ist die Neuausgabe der Schriften von Isaak Iselin abgeschlossen.
Ein Schulhaus, ein Stadtquartier und ein Restaurant sind nach ihm benannt, und seine Statue steht gross und schwarz glänzend im Schmiedenhof. Zudem gründete er die «Gesellschaft zur Aufmunterung und Beförderung des Guten und Gemeinnützigen», die heutige GGG. So kennen viele den Basler Stadtschreiber und Philanthropen Isaak Iselin (1728–1782). Er gehörte zu den Promotoren der europäischen Aufklärung, die in ihrem Denken vieles vorwegnahmen, was später in Staat und Gesellschaft Allgemeingut wurde.
Als Einzelkind mit seiner Mutter aufgewachsen und von seinem Onkel Isaak Burckhardt gefördert, studierte Iselin an der Universität Basel und schloss sein Rechtsstudium mit dem Doktorat ab. Stationen waren Göttingen und Paris, wo er in Kontakt mit dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau kam. Mit 28 Jahren wurde er durch Losentscheid Ratschreiber und heiratete im gleichen Jahr Helena Forcart. Die beiden gründeten eine Familie mit neun Kindern und lebten im Schönauer- und später im Reischacherhof am Münsterplatz; ihre finanziellen Verhältnisse bleiben eher bescheiden.
Lesen, schreiben, korrespondieren
Weder an der Universität, wo er sich vergeblich um eine Berufung bemühte, noch in der Politik machte Iselin Karriere. Immerhin reiste er einige Male als Gesandter an die Tagsatzung und gehörte zu den Gründern der Helvetischen Gesellschaft, einer Vereinigung von fortschrittlichen Aufklärern. Neben seinem Beruf als Ratschreiber war er überaus aktiv: In erster Linie las, schrieb, übersetzte und rezensierte Iselin, gab eine Zeitschrift mit dem Titel «Ephemeriden der Menschheit» heraus, führte Tagebücher und korrespondierte mit andern Aufklärern in ganz Europa.
Seine wichtigsten Texte sind jetzt besser zugänglich: Soeben abgeschlossen sind die in Dunkelblau gehaltenen Gesammelten Schriften, die von einem interdisziplinären Team der Universität Basel im Schwabe-Verlag herausgegeben wurden. Nach Texten zu Politik, Ökonomie und Pädagogik ist nun als vierter Band Iselins Hauptwerk «Über die Geschichte der Menschheit» von 1764 erschienen. Dieses Buch erlebte noch im 18. Jahrhundert sechs Auflagen – eine Neuausgabe der Schrift nach über 250 Jahren war damit längst fällig.
Von der Natur zur Kultur
Einbezogen in die Edition der «Geschichte der Menschheit» wurden neben der handschriftlichen Version auch die Tagebücher und ein grosser Teil der Briefe. Von diesem Material sei vieles noch immer nicht publiziert, sagt Claudia Opitz, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Basel und Präsidentin des Kuratoriums. Die Bearbeiter haben den Text ausführlich kommentiert und dabei erstmals auch jene Hunderte von Anmerkungen des Autors erschlossen, die bisher unverständlich waren. In zwei Jahren soll das Werk auch öffentlich zugänglich in digitalisierter Form vorliegen.
Wie andere Aufklärer, aber als einer der Ersten im deutschsprachigen Raum, versuchte sich Iselin an einer Universalgeschichte. Die wesentliche Frage war: Wie kam der Mensch vom Natur- in den Kulturzustand und wie sieht der ideale Zustand aus? Iselin sah die Historie als eine natürliche Entwicklung dessen, was im Menschen biologisch und psychologisch angelegt ist. Doch anders als Rousseau – und ähnlich wie britische und schottische Gelehrte – beurteilte er den Gang der Weltgeschichte optimistisch. Wenn man die Vernunft der Menschen weiter entwickle, würden die Staaten immer vollkommener, so die damalige Vorstellung.
Der Gelehrte als Reformer
«Iselin war eher ein Vermittler von Ideen als ein origineller Kopf», resümiert Opitz. So habe er als offener und vielseitiger Gelehrter Brücken zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Aufklärung geschlagen, indem er zum Beispiel die französischen Philosophen im deutschsprachigen Raum bekannt machte. Er schrieb unentwegt Briefe an die verschiedensten Persönlichkeiten und konnte: so die Strömungen der deutschsprachigen Aufklärung angemessen beurteilen.
Daneben setzte sich Iselin in den letzten Jahren des Ancien Régime auch praktisch für gesellschaftliche Neuerungen und Reformen ein, die erst viel später verwirklicht wurden. Wichtig war ihm etwa, Mädchen und junge Frauen in ihrer Schulausbildung zu fördern. So unterstützte er die Bildungsbestrebungen seiner ältesten Tochter Anna Maria – doch sein Versuch scheiterte, in Basel eine höhere Mädchenschule zu gründen. Er war, so Opitz, in seiner Heimatstadt wohl mental zu wenig verankert: Die Basler Oberschicht, der «Daig», in dem ein Pietismus konservativer Prägung vorherrschte, stand seinen neuartigen Ideen reserviert gegenüber.
Gegen Intoleranz und Beschränkung
Weitere Ziele Iselins waren ausser pädagogischen Reformen mehr Freiheitsrechte für die Bürger und die Abschaffung von Privilegien. Den Staatshaushalt und die Volkswirtschaft wollte er umgestalten, indem er etwa für den Freihandel und für eine neue Landwirtschaft plädierte. Er wandte sich gegen religiöse Intoleranz und staatliche Beschränkung. «Als Geschichtsphilosoph ging er relativ schnell vergessen», sagt Opitz, doch behielt er seinen Ruf als «Menschenfreund», wie er sich selber einmal bezeichnete: Mit der GGG, die sich heute noch sozial engagiert, wirkt Iselin bis heute nach.
Noch immer als Ratschreiber tätig, starb der Philanthrop im Sommer 1782, einige wenige Jahre vor den grossen Veränderungen, welche die Französische Revolution in Europa auslöste. Mit seinem Engagement für gesellschaftliche Verbesserungen hatte er von Basel aus seinen Beitrag geleistet. Sein Grab mit einer Tafel samt dem Familienwappen befindet sich im Kreuzgang des Münsters.