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Die Aula ist der Hauptrepräsentationsraum der Universität Zürich. Hier finden die Diplom- und Promotionsfeiern, die Antritts- und Abschiedsvorlesungen, die Ehrungen und öffentlichen Veranstaltungen statt. Der Saal nimmt das zweite und dritte Obergeschoss im Halbrund des Haupteingangs an der Rämistrasse ein. Er wird von der quer davor verlaufenden Wandelhalle durch zwei seitliche Eingänge erschlossen. Die Aula ist ihrer Repräsentationsaufgabe entsprechend innen wie aussen reichhaltig ausgestattet.
Von der Haupttreppe aus gelangt man in die Wandelhalle des zweiten Obergeschosses, wo sich direkt gegenüber den beiden Treppenläufen die Eingangstüren der Aula präsentieren. Die steinernen Rahmen der intarsiengeschmückten Türblätter werden von Supraporten bekrönt, die je als Phönix ausgebildet sind. Otto Kappeler (1884–1949) hat sie dargestellt, wie sie aus dem Feuer auferstehen und mit ihren ausgebreiteten Schwingen die Eingänge beschirmen. Zwischen den Eingangstüren sind zwei tabernakelartig umfasste Marmortafeln angebracht, die an die Legate des in Rio de Janeiro zu Reichtum gelangten Schaffhauser Kaufmanns Albert Barth und des Zürcher Dichters Gottfried Keller erinnern.
Opulente Ausstattung
Betritt man die Aula, so leuchten einem die sieben hohen Bogenfenster entgegen, die das Halbrund der Aula gegen Osten abschliessen. Die Wandflächen sind bis zur Kämpferhöhe der Fensterbogen durchgehend mit grau-violetten Marmorplatten verkleidet, die einzelnen Wandfelder mit schwarzen und gelben Linien umrahmt. Bis unter die kräftig profilierte, mit Stuckrosetten geschmückte Kassettendecke umläuft ein reich gegliederter Stuckfries den Raum. Zwischen den Fenstern und an den Wänden ruhen auf Konsolen Bronzebüsten, darunter das 1933 von August Suter (1887–1965) gefertigte Porträt Karl Mosers (vom Eingang aus die dritte Büste links).
Der Raum ist zur Rednertribüne an der Aula-Rückwand hin orientiert. Seitlich davon öffnen sich die Wände zu je einer mit Holz vertäfelten, gestuften Empore hinter Balkonen. Die eine der beiden Emporen – die über das dritte Obergeschoss zugänglich sind – nimmt die anlässlich des Universitätsneubaus gestiftete Orgel auf. Auf der Wandfläche zwischen den beiden Aula-Eingängen realisierte Paul Bodmer (1886–1983) für die Jahrhundertfeier der Universität 1933 als Direktauftrag ein knapp neun Meter breites Fresko. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die Fläche für das Wandbild weiss ausgespart. Bodmers Gemälde, das den doppelten Titel Nicht-Wissen respektive Nicht-Wissen-Können erhalten hat, fügt sich mit seiner pastellenen Farbigkeit zurückhaltend in die Marmorwände und mit den antikisch bekleideten Frauen und den Männerakten, die in einem Hain vor sich hin sinnieren, passend in den klassizistisch gewandeten Aula-Saal ein.
Ferdinand Hodlers Entwurf für das Wandbild
Karl Moser hatte für das Wandbild ursprünglich Ferdinand Hodler (1853–1918) vorgesehen – für Moser der damals grösste zeitgenössische Künstler. Hodler war damals in der Schweiz u. a. wegen seiner Fresken zum Rückzug von Marignano (1900) im Landesmuseum heftig umstritten. Trotzdem erhielt er 1913 den Direktauftrag für ein Honorar von 20’000 Franken – damals eine hohe Summe, jedoch nicht einmal die Hälfte dessen, was Hodler normalerweise für grosse Leinwandbilder verlangte. Das Gemälde kam schliesslich wegen Hodlers Tod nicht zustande. Überliefert sind Entwürfe und zahlreiche Skizzen, die unter dem vorgesehenen Titel Floraison entstanden. Hodlers anhaltende Beschäftigung mit dem Auftrag zeigt sich auf verschiedenen Fotografien (1916/17) von Gertrud Dübi-Müller. Auf einem ihrer Fotos ist hinter Hodler der Aula-Wandaufriss aufgehängt, auf dem Hodler – auf einer anderen Foto zu sehen – zwei Entwürfe fixiert hatte. In der berühmten Fotografie mit Hodler als Tambour ist an die Türe seines Genfer Ateliers eine weitere Skizze zu Floraison geheftet. Darüber, wie das geplante Aula-Bild aussehen sollte, wurde von Anfang an spekuliert, es wurde zum Beispiel auf die damals im Kunsthaus Zürich ausgestellte Variante von Hodlers Reformationsbild Einmütigkeit (1913) im Hannoveraner Rathaus verwiesen. Vermutlich wäre Hodlers Aula-Gemälde ohne das offenbar erwartete historische Thema ausgekommen; es hätte vielmehr seinem Blick in die Unendlichkeit (1916) für Karl Mosers Zürcher Kunsthaus (1907–10) geglichen, an dem Hodler parallel zum Aula-Auftrag arbeitete.
Wandfresko von Paul Bodmer (1886-1983)
Bodmers Aula-Fresko ist mit Hodlers Entwurf verwandter, als es auf den ersten Blick aussieht. Wie bei Hodler wird das Gemälde von einer Frauenreihe dominiert (die Männerakte kamen hinzu aufgrund einer Intervention Heinrich Wölfflins, des damals berühmtesten Schweizer Kunsthistorikers, der ab 1924 an der Universität Zürich lehrte). Wie bei Hodler wird auch bei Bodmer ein symbolistischer Gehalt vermittelt. Wo Hodlers Frauen aber tanzen, sind sie bei Bodmer züchtig in sich gekehrt. Zudem vollzieht Bodmer mit seinen klassischeren Malformen einen bewussten «Rückschritt». Mit diesem klassischeren Stil hatte er sich zuvor in seinen Fresken im Zürcher Fraumünster-Durchgang (1928) für den Aula-Auftrag empfohlen. In der Universitätsaula knüpfte er an das grosse Gemälde Le Bois sacré (1887–89) von Pierre Puvis de Chavannes im Grand Amphithéâtre der Pariser Sorbonne an. Allerdings hat Bodmer dessen «reichere klassische Instrumentierung» reduziert und insgesamt skizzenhafter gemalt.
Der Rückbezug auf den französischen Symbolismus ist besonders interessant im Hinblick auf die Anfänge der künstlerischen Ausgestaltung des Universitätsneubaus. 1913 wurde Bodmer beim Wettbewerb für einen Fries im damaligen Dozentenzimmer mit dem ersten Preis ausgezeichnet – neben Moser sass auch Hodler in der Jury. Der Entwurf und seine Prämierung lösten einen Kunstskandal aus (mehr dazu in Kapitel 12). Protestierende Professoren vermissten «historische Figuren» und verwiesen als Gegenbeispiel auf «die genialen Werke eines Puvis de Chavannes».
Bodmer ist sich in der Auseinandersetzung mit historischen Kunstformen treu geblieben. Gegenüber seinen Arbeiten der 1910er Jahre, wo ihn das sogenannt «Primitive» interessierte, hat sich mit dem Aula-Fresko allein der Epochenbezug verschoben.
Architekturgeschichtliche Bezüge
In seinem epochenübergreifenden Interesse trifft Bodmer sich mit Karl Moser. Mosers Aula hat den Charakter eines Festsaals, wie er mit ebenso konkaven Formen in Barockschlössern vorkommt, etwa im querovalen Grand Salon des Schlosses Vaux-le-Vicomte (1658) oder im ovalen Ahnensaal (um 1690) des mährischen Schlosses Frain (Vranov). Von diesen überkuppelten Beispielen unterscheidet sich Mosers Saal in der Decke. Kassettendecken finden sich hingegen in anderen Zelebrationsräumen mit Analogien zu Mosers Aula. So ist etwa S. Giovanni in Laterano in Rom mit einer (noch reicheren) Kassettendecke ausgestattet. Die Innenwände der frühchristlichen Basilika wurden vom Tessiner Francesco Borromini barockisiert, wobei vor dem Chor zwei Emporen hinzugekommen sind, die wie bei Moser mit zwei konsolengestützten Balkonen in den Raum ausgreifen.
Wollte man die Analogie weitertreiben, würde die Rednertribüne der Aula dem Altar im Chorraum entsprechen. Tatsächlich hat Moser die Aula-Tribüne ähnlich wie die Kanzel in seiner Evangelischen Kirche Flawil (1911) gestaltet. In diesem sakralen Kontext wird Bodmers Wandfresko zum «heiligen Wald»; sein Zusammenhang mit der Rednertribüne ist im Übrigen mit dem vorne angeschnittenen Mäuerchenrechteck angedeutet, das den Raum hinter dem Rednerpult zu einer Art Nische auszuweiten scheint.
Dies führt uns zu den Aula-Eingängen zurück. Der dort zweifach präsente Phönix kommt nämlich im Halbkuppelmosaik der Lateransbasilika ebenfalls vor: In der Lateranbasilika sitzt der Phönix – wie in der Aula mit Strahlennimbus ausgezeichnet – unter dem zentralen Kreuz im Himmlischen Jerusalem auf einer Palme. Otto Kappelers Reliefs ihrerseits nehmen mit dem Feuer, aus dem der Phönix aufersteht, die Opferflammenreliefs auf, welche die querrechteckigen Flächen über den Türen des Eingangsbaus an der Rämistrasse schmücken. Im Zusammenhang mit den dortigen Reliefs mit der Taube des Heiligen Geists ist denn auch der Phönix der Universität als Symbol Christi ausgewiesen.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur
Die Universität Zürich 1933-1983, Festschrift zur 150-Jahr-Feier der Universität, hrsg. vom Rektorat der Universität Zürich, Gesamtredaktion Peter Stadler, Zürich 1983.
Sauter, Max: Churchills Schweizer Besuch 1946 und die Zürcher Rede, Diss. Universität Zürich, Zürich 1976.