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07.03.2021, 06:00 Uhr
Dieses Jahr dürften Schwellenländer unter anderem dank eines schwächelnden US-Dollars ein grösseres Wirtschaftswachstum verzeichnen als entwickelte Märkte. Laut Juliana Hansveden von Nordea Asset Management...Artikel lesen
Heuer gehe es bei den staatlichen Interventionen vorwiegend darum, die Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Struktur zu erhalten und vor dem Absturz in eine deflationäre Depression zu bewahren, meint Mikio Kumada von LGT Capital Partners. Das Reflationsthema werde dominant bleiben.
"Die staatliche Omnipräsenz im Wirtschaftsleben hat sich seit Langem angekündigt. Es ist einerseits die natürliche Konsequenz einer Entwicklung hin zur Wohlstandsgesellschaft, in der der Staat neben seiner ordnenden Funktion auch soziale Wohlfahrtsziele zu erreichen versucht, mittels Umverteilung beispielsweise", sagt Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Partners. Aber die staatlichen Hilfspakete nach der Finanzkrise vor zehn Jahren läuteten eine Ära ein, in der dem Staat neue Verantwortlichkeiten aufgebürdet wurden. Rechne man die extremen Massnahmen, die jüngst nötig wurden, um die Auswirkungen der Pandemie abzufedern, hinzu, dann hätten wir heute eine Situation, wie sie früher nur in Zeiten der "Kriegswirtschaft" herrschte – mit dem Unterschied, dass die Regierungen heute ihre Interessen an den Unternehmen und Arbeitnehmenden ausrichten und nicht umgekehrt, stellt der Stratege fest. Eine Planwirtschaft werde also nicht angestrebt.
Nach Meinung Kumadas geht es heute bei den staatlichen Interventionen vorwiegend darum, die Wirtschaft in ihrer gegenwärtigen Struktur zu erhalten und vor dem Absturz in eine deflationäre Depression zu bewahren. Diesbezüglich bestehe grosse Unsicherheit über die langfristigen Schäden, welche die Gesundheitskrise der Wirtschaft möglicherweise zugefügt hat, zumal sich die Arbeitsmärkte nur langsam erholen und eine Konkurswelle immer noch im Bereich des Möglichen liegt.
In vielen Schwellenländern zeigte sich die Regierung weniger grosszügig, was deren Erholung deutlich verzögern könnte. "Nichtsdestotrotz könnten sich die beispiellosen geldpolitischen und fiskalischen Stimulierungsmassnahmen in den Industrieländern in Zukunft als ungeheuer wirksam erweisen. Sobald wir die Pandemie überstanden haben, werden die angestaute Nachfrage und die anhaltende Staatsunterstützung endlich die herbeigesehnte Reflationierung der Wirtschaft einleiten", betont Kumada.
Richtlinien und Vorschriften seien die oft weniger gütliche Form staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft. Auch hier deute der langfristige Trend ganz klar auf eine wachsende Bürokratie und Regulierungsdichte hin. Regierungen, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, seien selten und oft gehe es lediglich um eine Verlagerung der Prioritäten: So war die Trump-Regierung im Grunde gegen Regulierung, doch die zahlreichen Dekrete zur Erhebung von Strafzöllen und andere Schutzmassnahmen haben den internationalen Handel beispielsweise stark belastet. Unter dem neuen Präsidenten Joe Biden dürften sich wiederum Interventionen mehren, um die USA im Kampf gegen den Klimawandel voranzubringen.
Wie Kumada weiter ausführt, zeigt sich für die Anleger Big Government besonders bedeutsam, wenn es um die Einmischung der Politik an den Finanzmärkten geht. Mit Leitzinsen nahe bei oder gar unter null und umfangreichen Wertpapierkäufen bewirkten die Zentralbanken eine Verzerrung der Marktmechanismen zur Preisbildung. So sind die Renditen von Staatsanleihen mittlerweile fester Bestandteil des geldpolitischen Instrumentariums geworden. Seiner Ansicht nach widerspiegeln diese infolgedessen schon seit Jahren nicht mehr nur rationale ökonomische Erwartungen. Dies könnte auch anderen Anlageklassen wie Unternehmensanleihen oder sogar Aktien blühen, die derzeit vermehrt den Weg in die Bilanzen der Zentralbanken finden. Insofern habe der Covid-19-bedingte Crash kein neues Paradigma geschaffen, sondern lediglich eine Politik verstärkt und beschleunigt, welche schon die vorherige, jahrzehntelange Hausse befeuerte.
"Im günstigen Fall wird sich die Geldpolitik in einer starken Wirtschaft langsam zurückziehen. Sollte die Ausweitung der Notenbankbilanzen jedoch unbegrenzt andauern, könnte der Vertrauensverlust in Fiat-Währungen das Endspiel werden. In absehbarer Zukunft dürfte indes keines der beiden Szenarien eintreffen. Die Zinsen werden nahe bei null verharren und die Nachfrage nach risikoreichen Anlagen stützen", ist Kumada überzeugt. Finanzblasen seien in Zukunft denkbar, aber noch nicht auf breiter Front akut: Die oftmals parallel verlaufenden Anleihen- und Gewinnrenditen (das Gegenstück zum Kurs-Gewinn-Verhältnis bei Aktien) haben sich auseinanderbewegt. Das weist darauf hin, dass die Aktienmärkte noch nicht gewillt sind, eine dauerhafte Nullzinspolitik (ZIRP) einzupreisen. "Theoretisch besteht also noch reichlich Spielraum für steigende Preise von Vermögenswerten, wenn die Cashflows nahe null abdiskontiert werden", folgert er.
Der Technologiesektor profitiere besonders von diesem Effekt, indem das künftige starke Wachstum schon heute zu eindrucksvollen Bewertungen abdiskontiert wurde. Doch die Anleger sind nun mit dem Risiko einer strengeren Regulierung konfrontiert. Insbesondere die dominante Stellung der Tech-Riesen hat Befürchtungen um Monopolgebaren aufkeimen lassen. Sorge bereitet auch der Schutz persönlicher Daten. Die vorgeschlagenen Gegenmassnahmen reichen von einer strikteren Regulierung bis hin zu kartellrechtlichen Eingriffen wie die erzwungene Abspaltung von Geschäftsbereichen.
"Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Mischung aus unternehmerischer Überexpansion und politischer Intervention etablierte Branchenführer zu Fall bringen. Banken und Energieunternehmen zählten in punkto Marktkapitalisierung zu den Top-Ten-Unternehmen, bevor sie mit ihren exzessiven Geschäftspraktiken den Zorn der Bevölkerung und des Gesetzgebers auf sich zogen", kommentiert der Stratege.
Laut Kumada bleibt das Reflationsthema dominant, da die fiskalische Grosszügigkeit zumindest in den USA anhält, während die Zentralbanken locker bleiben und die Impfkampagnen die Coronakrise im Jahresverlauf zurückdrängen. All dies untermauere die Erholung des aufgestauten Konsum- und Investitionsbedarfs. Einen weiteren Grund für diese Dominanz sieht der Stratege darin, dass die Mehrheit der Demokraten in beiden Kammern der US-Legislative die Fortsetzung des internationalen Aspekts des Reflationshandels unterstützt – d.h. einen weichen US-Dollar mit limitierter Zunahme der Anleiherenditen und damit auch die Aufholjagd der Nachzügler der Erholung (Small Caps, zyklische Value-Segmente, Schwellenländer usw.)
Primäre Risiken seien technischer Natur und daher relativ harmlos auf Dauer, so der Stratege. Er stellt eine extrem einseitig bullische Stimmung und Anlegerpositionierung fest. Dies unterstreiche jedoch die Bedeutung der Risikoabsicherung – sei es über diskretionäre Strategien, z.b. Dynamic Protection oder News Based Trading, oder über Anlagen in Gold.
Sekundärrisiken seien fundamentaler und vor allem politischer Natur – aber vorerst auch weniger wahrscheinlich. Dazu zählt Kumada den vorzeitigen Ausstieg aus der Makrolockerung, insbesondere in China ("first in, first out"), anhaltende Probleme mit Corona und extreme Lockdowns sowie Überreaktionen bei der Regulierung des Big-Tech-Sektors und steigende Steuern in den USA.