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Markus öffnet die Augen. Der Kopf brummt noch vom Vorabend. Grelles Licht peitscht ihm durch die Augenlinsen auf die Netzhaut, ein stechender Schmerz, der sich zusammen mit einem ausgewachsenen Vertigo zu einem unaushaltbaren Inferno verbündet. Reflexartig schliessen sich seine Augenlider wieder und es erscheinen bruchstückhafte Bilder vom gestrigen Abend. Die schwarzhaarige Rita, wie sie da mit ihrem weissen Sommerkleid steht. Rita, wie sie ihn anlächelt und ihn beim Vorbeigehen, als er auf der Festbank neben seinen Arbeitskollegen sitzt, scheinbar unbeabsichtigt mit ihrer Hüfte streift. Rita, wie sie durch einen anderen zum Tanz aufgeboten wird. Rita, wie sie mit diesem anderen davonzieht.
Traurigkeit mischt sich in sein benebeltes Bewusstsein. Er steht auf, tastet sich gangunsicher zur Küche fort, stellt die Espresso-Maschine ein und während er darauf wartet, dass diese mit dem Vorheizen des Wassers fertig ist, trinkt er einen gefühlten Liter Wasser direkt aus dem Wasserhahn. Nach dem er den Espresso am runden, weissen Kunstmarmortisch in der Küche mit Blick auf das gegenüberliegende Wohnsilo fertiggetrunken hat, macht sich der gegen die Übelkeit wirkende Effekt des Koffeins bemerkbar. Dazu noch etwas salziger Aufschnitt, nochmals Wasser. Bald geht es ihm etwas besser.
Es ist Sonntag. Er hat nichts vor. Die wöchentliche Konfrontation mit der existenziellen Tatsache der Sinnlosigkeit. Er kommt sich nutzlos vor und hat eindringlich das Gefühl, das Leben zu verpassen.
Um sich etwas abzulenken, macht er sich auf zu einem Spaziergang. Sobald er sich in Bewegung setzt, um sich anzuziehen, macht sich wieder ein flaues Gefühl im Magen und eine schleichende Übelkeit bemerkbar. Einmal würgt es ihn gar. Unbeeindruckt davon, verlässt er die Wohnung und schlendert die zwei Stockwerke hinunter. Durch den grösser werdenden Türspalt strömt ein laues Sommerlüftchen herein, es ist 11 Uhr, ca. 25 Grad. Mit schneller werdendem Schritt geht er entlang der Strasse, die sein Wohnhaus und das gegenüberliegende, vorher als Wohnsilo bezeichnete, Wohnhaus voneinander trennt. Schon bald beugt er in einen Feldweg mit raueren Steinen und Sand, beidseits gesäumt von saftigen, grünen Wiesen, in der Mitte sich im Wind bewegende Grashalme.
Während sich sein Körper automatisch und mechanisch weiterbewegt, schweifen seine Gedanken ab, ohne dass er irgendetwas von der zauberhaften Umgebung wahrnimmt. Die Frage, die unaufhörlich in seinem Kopf widerhallt, ist: «Wie habe ich es verdient, immer Pech zu haben? Ich habe es einfach nicht drauf. Ich bin ein Versager.» Verloren in dieser Gedankenwolke von Selbstabwertung stolpert er über einen kantigen Stein, verliert das Gleichgewicht, stürzt nach hinten und schlägt mit dem Hinterkopf auf ein neben dem Feldweg liegendes Steinbeet.
Die schwarzhaarige Rita, die zur selben Zeit unweit mit dem anderen nach einer überschwenglichen Liebesnacht Hand in Hand auf einem senkrecht verlaufenden Feldweg unterwegs ist, sieht den Unfall. Sie löst sich aus der Hand des anderen und eilt zum reglos in den Steinen liegenden jungen Mann.
Bei ihm angekommen, erkennt sie Markus, den netten Mann von gestern Abend. Augenblicke später erblickt sie, wie Blut über die umliegenden Steine neben dem Kopf herabrinnt und zieht mit zitternder Hand ihr Mobiltelefon aus der Handtasche, welches ihr zunächst entgleitet und auf den Boden fällt. Vor Angst und Entsetzen erstarrt, gelingt es ihr erst nach mehrmaligem Versuch, die Notrufnummer einzugeben. Gleichzeitig kommt auch der andere beim Unfallort an. Während sie auf den Ambulanzhubschrauber warten, betrachtet Rita das bleiche Gesicht von Markus wie hypnotisiert von seiner Anmut in der Bewusstlosigkeit.
Es vergeht eine unendlich lange Viertelstunde. Von fern ist das peitschende Geräusch der Rotorblätter zu hören, das kontinuierlich lauter wird, dann ohrenbetäubend. Der Ambulanzhubschrauber landet auf einer ebenen Grasfläche etwa fünfzig Meter entfernt. Markus wird vorsichtig, aber eilends auf die Fahrtrage geschnallt und dann behutsam zum Hubschrauber bewegt. Rita möchte mitfliegen, was aber nicht bewilligt wird, da sie keine Angehörige sei. Rita fleht, gibt an, die Freundin des Verunfallten zu sein. Immer hysterischer werdend darf sie schliesslich einsteigen und schnallt sich auf einem Sitz neben der für den Flug fixierten Trage an. Als der Hubschrauber abhebt, trifft das Abbild des anderen auf ihre Netzhaut, ohne dass es jedoch zum Bewusstsein von Rita vordringt.
*
Als Markus die Augen öffnet, blickt er um sich, ohne den Kopf zu bewegen, weil er schmerzt. Es ist still. Weisse Wände. Ausserhalb des Fensters breitet sich die Stadt grau in grau mit unterschiedlich geformten, wild durcheinander gewürfelten Häusern aus.
Plötzlich öffnet sich leise und sanft die breite, weisse Tür und eine schwarzhaarige Frau tritt ein. Sie spricht ihn mit «Markus» an und erzählt von Schädel-Hirn-Trauma, von der Operation, vom Hubschrauberflug, vom Sturz, wie er dagelegen habe. Er weiss nicht so recht, was dies mit ihm zu tun haben soll. Sie sei Rita, stellt sie sich vor. Sie kommt ihm irgendwie vertraut vor, obwohl er sich nicht erinnern kann, sie schon einmal gesehen zu haben. Die langen, fast geraden schwarzen Haare reichen etwas über ihre Schultern, ein paar Strähnen fallen ihr immer wieder ins Gesicht. Mit einer gekonnten Handbewegung, als ob sie verstohlen blickende Lausbuben wegschicken wollte, streicht sie sie sich aus dem Gesicht.
Sie sitzt eine Weile da schaut in heimlich an, starrt wieder aus dem Fenster hinaus. Ohrenbetäubende Stille. Wenn sie ein Bein über das andere schlägt, raschelt der Stoff ihres weissen Sommerkleides. Draussen wird es langsam dunkel. Als sie feststellt, dass Markus kurz davor ist einzuschlafen, kommt sie an den Bettrand und flüstert ihm zu, dass sie nach den vielen Stunden des Wartens und Bangens müde sei und nachhause gehen wolle. Sie verabschiedet sich mit einem leichten Lächeln und deutet eine Winkbewegung mit der rechten Hand an, ehe sie leise aus dem Krankenzimmer schleicht.
*
Nach drei Tagen zeigt sich noch keine Besserung, was laut dem zuständigen Facharzt aussergewöhnlich sei. Markus kann sich an nichts mehr erinnern, was vor seinem Unfall passiert war. Nicht nur das, sein gesamtes biographisches Gedächtnis scheint gelöscht. Der Facharzt nennt es «retrograde Amnesie». Am vierten Tag ist es ihm erlaubt, sein Bett und damit sein Zimmer alleine zu verlassen.
Ein Sonnenuntergang, ein leiser Wind streicht durch sein Haar, dunkler werdende Wolken über dem Horizont, ein rhythmischer ferner Donner… Das Bild fällt in sich zusammen und Markus öffnet die Augen. Nochmals klopft es an der Tür, bis sie sich langsam öffnet und dahinter Ritas Kopf, diesmal mit zusammengebundenem Haar, langsam hervorguckt.
Nach ihrem Eintritt und der Begrüssung eröffnet sie ihm, dass man ihr beim Stationszimmer mitgeteilt habe, dass es ihm erlaubt sei, ja sogar empfohlen werde, sich auch mal im Klinikareal zu bewegen. Er zieht den Sportanzug an, den ihm Rita aus seiner Wohnung mitgebracht hat; und so gehen beide die drei Stockwerke hinunter und begeben sich, nachdem sie durch die grosse Drehtüre geschleust worden sind, ins Freie, den lieblich gestalteten Park vor dem Eingang mit geometrisch angeordneten Sträuchern und verschieden farbenen Blumenbeeten, Bänken auf denen andere Patienten mit ihren Angehörigen sitzen, entweder stumm oder in ein Gespräch vertieft.
Markus schwankt ein wenig, was von Rita bemerkt wird. Sie bietet ihm wortlos an, sich bei ihr einzuhaken. Reflexartig nimmt er das Angebot an, während er gleichzeitig beinahe über die Schwelle der Eingangstür strauchelt. So schlendern sie dem breiten, asphaltieren Weg zu den Parkplätzen entlang, biegen am Ende des kleinen Parks nach rechts ab und gehen langsamen Schrittes mehrmals den äussersten Weg um den Park und das Spitalgebäude herum.
Es weht ein laues Sommerlüftchen, die Sonne versteckt sich immer wieder hinter vorbeiziehenden Wolkengebilden, die Rita und Markus auf dem Rücken im Gras liegend betrachten und sich gegenseitig auf Gestalten, Formen, ganze Szenen aufmerksam machen und dabei sich in kindlicher Freude wiegen. Unabsichtlich berühren sich ihre Hände, was Markus elektrisiert und dann sich in Form von Wärme wellenförmig in seinem Körper ausbreitet.
Er dreht seinen Kopf zu ihr, schaut in ihre blauen Augen und plötzlich wird der Augenblick wie mit einem Messer von seinem Erleben abgeschnitten und es breitet sich die Frage «Warum besuchst Du mich und tust das alles für mich?» im tagträumerischen Bewusstsein auf und rollt und stürzt über seine Lippen, automatisch, wie in Trance, wie in einem Film. Rita, beschämt, schaut ihn wortlos an. Seine Frage verhallt. Ab diesem Moment war etwas verändert. In das schweigende Einverständnis und Selbstverständnis ihres Umgangs schlich sich zusehens Befangenheit.
*
Mit der Hilfe von Rita wurde es möglich, die Identität von Markus festzustellen, inklusive Wohnadresse. So wurden auch die ältere Schwester und die Eltern von Markus über den Unfall und die retrograde Amnesie informiert. Noch am gleichen Tag kamen alle drei vorbei und stellten sich vor, als ob sie sich noch nie zuvor gesehen hätten; so hat es ihnen der Facharzt, der Erfahrung mit Patienten hatte, die unter einer vollständigen retrograden Amnesie leiden, empfohlen.
Da kamen seine Schwester und Eltern ins Krankenzimmer herein und stellten sich in einer Reihe auf. Stille. Unsicherheit und Scham füllten den Raum, eine immer grösser und unerträglicher werdende Anspannung, die schliesslich durch Markus mit folgenden Worten durchbrochen wurde: «Du bist Maria und Ihr seid meine Eltern, nehme ich an. Ihr kommt mir vertraut vor, aber doch fremd. Es sind da keinerlei Erinnerungen.»
Die Schwester fragte ihn neugierig gequält: «Wie ist es, keine Erinnerungen mehr zu haben? Weisst Du noch, wer Du bist?» – «Es fühlt sich gar nicht so schlecht an; ich habe den Eindruck, dass es eine Befreiung ist. Auf der anderen Seite bin ich auch sehr verunsichert und kann die Frage, wer ich denn bin, nicht beantworten. Ich habe kein Selbstbild mehr und doch bin ich noch da. Wer bin ich denn, Deiner, beziehungsweise Eurer Ansicht nach?»
Die Anwesenden berichteten abwechselnd von gemeinsamen Erlebnissen, von typischen Verhaltensweisen, von seinen Interessen (darunter das Hören von Musik aus den 60iger Jahren, das Lesen von Lebenshilfeliteratur), von seinem Beruf (Informatik-Fachmann). Zunehmend gelangweilt von den Berichten und ermattet von erneuter Müdigkeit, kam er innerlich kurzerhand zum Schluss, dass dies für ihn die Frage, wer er sei, nicht beantworte, ja dass die Antwort gar nicht aus vergangenen Ereignissen, sondern vielleicht vielmehr durch Taten im Hier und Jetzt erschlossen werden könne. Er schloss langsam die Augen, gab sich als einer auf dem Krankenbett liegender die Erlaubnis, wegzudösen, während die Anwesenden noch in ihre Erzählungen vertieft waren. Als er etwas später wieder die Augen öffnete, war er alleine im Zimmer.
Er fühlte sich immer mehr gelangweilt, kannte jedes noch so feine Detail seines Krankenzimmers (so z.B. der kleine Kratzer auf dem oberen Bildschirmrand des Fernsehgeräts). Er wusste, dass Rita erst nach ihrer Arbeit, um ca. 17 Uhr Zeit haben würde, bei ihm vorbeizuschauen. Es war erst 10:40 Uhr. Schrecklich. Er läutete und Momente später trat schwungvoll genervt die zuständige Pflegefachfrau herein. Er richtete an sie die Frage, wann er denn nachhause gehen könne. Sie verwies auf die Zimmervisite, die um ca. 15 Uhr stattfinden werde. «So eine Frechheit!» beschwerte er sich, geriet ganz ausser sich. Er steigerte sich immer mehr ins Toben hinein, wurde immer hemmungsloser, stand auf und machte sich an der Halterung des Fernsehgeräts zu schaffen. Gleichzeitig (oder früher, oder auch später – egal) das betörende Surren des Pflegealarms. Während er es endlich schaffte, das Fernsehgerät aus der Halterung zu hieven, um sich damit mit dem Fenster anzulegen, wurde ihm ein Hin- und Herlaufen auf dem Flur vor der Zimmertür Gewahr; flüsternde Stimmen, eine kommandierende Stimme, Unruhe – dann Stille.
Sich selbst zuschauend, wie er mit Teilen des zerbrochenen Fernsehgeräts um sich warf, hielt er geistig inne, als der Oberarzt der Station ins Krankenzimmer trat. Er räusperte sich und schrie dann: «Was soll diese Scheisse!» (er war eben nicht Psychiater, sondern ein Somatiker) – «Sie haben mir mein Gehirn herausoperiert, Sie haben mich zu einem Niemand gemacht!» bedrohte er den Oberarzt, fuchtelte näher kommend mit spitzen Plastikteilen des ehemaligen Fernsehgeräts um sich. Als Markus ausholte und mit der Faust auf den Oberarzt einschlagen wollte, wurde dieser plötzlich zurückgezogen und ein anderer Arzt trat daneben zum Vorschein, der in etwa äusserte: «Ich kann verstehen, dass Sie nach diesem Schicksalsschlag so aufgebracht sind. Ich wäre das an Ihrer Stelle auch.» (offensichtlich ein Psychiater) Die Lage beruhigte sich zusehends. Als Markus das Versprechen abgezwungen wurde, dass er weder sich noch andere gefährden werde, konnte er auf der Station bleiben. Markus entschuldigte sich für den Kollateralschaden. Der Psychiater entgegnete, dass er in seiner Abteilung noch verfügbares Budget habe für Einrichtungsgegenstände und er für den Schaden aufkommen werde. Augenzwinkernd verabschiedete sich der Psychiater und versprach vor der Entlassung – wenn es zeitlich ausgehe – nochmals vorbeizuschauen. Markus bedankte sich; und blieb beschämt alleine im Zimmer zurück. Es wurde ihm indes von der zuständigen Pflegefachfrau, die nun plötzlich freundlich mit ihm umging, eine Tablette Lorazepam angeboten. Er warf sie rein, entspannte sich mehr und mehr, immer mehr. Dann aufs Bett. Dann Augen zu. Niemand mehr da. Niemand.
*
Rita kam nicht. Sie rief ihn an und erzählte davon, dass sie aufgrund des heutigen «Vorfalls» bei der Arbeit angerufen worden sei und sie sich nicht leisten könne, einfach von der Arbeit wegzulaufen, und überhaupt wachse ihr all dies über den Kopf, sie brauche eine Pause, sie wisse auch nicht, was sie dazu angetrieben habe, sich so um ihn zu kümmern, etc. etc. Der Anruf kam um ca. 18 Uhr (nach Arbeitsschluss), Markus war immer noch beduselt von der zweiten Lorazepam-Tablette, die er nun als Festverordnung zusätzlich zu den Schmerzmitteln dreimal täglich einnehmen musste. Er driftete während Ritas Erklärungen ab, erwiderte automatenhaft «mh», «ja, verstehe», «ja, dann»; und irgendwann, er musste mindestens eine halbe Stunde geschlafen haben, hing immer noch der Telefonhörer neben dem Spitalnachttisch herunter. Ganz leise war ein rhythmisches Summzeichen nahe an der Wahrnehmungsschwelle hörbar. Plötzlich drängten sich ihm Bilder von einer Party in einer Sommernacht auf, eine Frau, die der schwarzhaarigen Rita sehr ähnlich sah, kam darin vor. Ein beklemmendes Gefühl machte sich breit. Einsamkeit. Nicht einmal er selbst war anwesend. Allein, sich selbst verloren, uferlose Einsamkeit … wieder weggespült von der nächsten Dosis Lorazepam. ‹Gutes Zeug›, dachte er, während er in abgrundtiefen Schlaf versank.
Ach ja: Während der Zimmervisite erfuhr er, dass in sieben Tagen ein Kontroll-MRI gemacht werde und er dann entlassen werde, falls darin keine neue Blutungen oder andere Pathologien festgestellt würden.
Nach dem «Vorfall» erhielt er täglich Besuch von einer jungen Psychologin, die genau 50 Minuten Zeit für ihn hatte (das sagte sie zu Beginn des Gesprächs und wiederholte es wie ein Mantra während der Sitzung). ‹Psychologen: 50-Minuten-Leute. Wie schaffe ich es, dass sie länger bleibt oder früher geht?› fragte er sich.
Jeden Tag bekam er mehr Besuch (Rita war nicht dabei), wurde es betriebsamer an seinem Krankenbett: Sozialarbeiter, auch der Chefarzt schaute vorbei, da er aufgrund der persistierenden retograden Amnesie ein aussergewöhnlicher Fall war, der auch international Aufsehen erregte. Einmal schaffte Markus es, dass die Psychologin länger als 50 Minuten blieb. Er führte sich ähnlich auf, wie beim ersten Vorfall, zerstörte aber keine Sachgegenstände mehr. Die Psychologin hatte ihn schnell durchschaut und frage: «Was würden Sie sich jetzt von mir wünschen?» Durch die Frage wurde sein Anfall unterbrochen. Erstaunt schaute er sie an, schweigend. Er konnte es nicht sagen. Sie traktandierte das «Thema» für das nächste Gespräch, verabschiedete sich und entfernte sich hastig aus seinem Zimmer. ‹Was Fragen alles bewirken …›, ging es ihm durch den Kopf.
Nach sieben Tagen wurde er tatsächlich entlassen. Kontroll-MRI war blande. Bei der Invalidenversicherung sei er angemeldet geworden; bis auf weiteres arbeitsunfähig. Der Psychiater kam nicht mehr vorbei – es würde zeitlich nicht mehr ausgehen, hiess es.
Er vermisste Rita.
*
Noch im Spital, als er alle seine Sachen zusammengepackt hatte, versuchte er, Rita anzurufen. Keiner ging ran. Er machte sich mit der Wegbeschreibung zu seiner Wohnung, die ihm von der Pflege am Vortag ausgehändigt wurde, auf den Heimweg, wobei «Heimweg» nicht mehr als eine Floskel war.
Er trat in «seine» Wohnung ein, zog reflexartig seine Schuhe aus, liess seine Tasche bei der Eingangstür auf den Boden fallen und besichtigte seine Wohnung. Eigenartige Gefühle übermannten ihn: ein Bouquet aus Traurigkeit, Bedrücktheit und Unsicherheit. Er konnte sich schwer vorstellen, in den letzten Jahren (oder vielleicht auch kürzer) hier gewohnt zu haben. Auf dem Küchentisch stand eine Expressotasse, der Kaffee war auf dem Tassenboden festgetrocknet. Erneut krochen Bilder von einer Sommernachtparty in sein Bewusstsein wie Wasserdampf, der am Glasrand kondensiert. Eine schwarzhaarige Frau kam darin vor, die ihn scheinbar unabsichtlich mit ihrer Hüfte beim Vorbeigehen streifte. Dazu gesellten sich andere Bilder von einem Grossraumbüro, Funktionen geschrieben in C-Programmiercode. In diesem Moment wünschte er sich, dass er immer noch auf dieses Lorazepam zurückgreifen könnte. Dieses wurde noch im Spital ausgeschlichen, da es abhängig machen würde (das konnte sich Markus gut vorstellen).
Er setzte seinen Rundgang durch die Wohnung fort, kam beim Schlafzimmer vorbei, ein ca. 140 cm breites Bett, 140 cm Einsamkeit. In einer Zimmerecke stand verstaubt und mit einer fehlenden Stahlseite eine Gitarre. «Meine Gitarre», sagte er leise zu sich, während er Wörter mit einem Finger in den Staub auf der Gitarre kritzelte: Einsamkeit, Liebe, Sinn, Rita, Leere, Fuck.
Wie angewurzelt blieb er neben seiner Gitarre sitzen. Die Sonne stand draussen schon tief, im Zimmer war es ziemlich dunkel. Kinderschreie vom Spielplatz, der sich neben dem Wohnhaus befand, drangen durch das gekippte Fenster herein. In seiner Wohnung war es still. Schritte auf dem Stock darüber, ein klingelndes Telefon ein Stockwerk tiefer. Zögerlich und als ob er etwas verbotenes tun würde, nahm er behutsam und zärtlich die Gitarre in seine Hände und legte den hölzernen Resonanzkörper zwischen seine Beine. Seine Finger verselbständigten sich. Es erklangen die Akkorde von Bob Dylans «It’s all over now, baby blue». Seine Lippen begannen sich lautlos zu bewegen, dann mischte sich leise seine Stimme dazu. Als die Finger schon eine weile reglos den Gitarrenhals umklammert hatten, widerhallten in seinem Kopf immer wieder die Zeilen:
‹Leave your stepping stones behind,
something calls for you.
Forget the dead you’ve left,
they will not follow you.›
Er stutzte, als er die Gitarre wieder an ihren Platz stellte, jedoch nicht ohne den Staub abzuwischen: ‹An diese Verse kann ich mich also erinnern›, stellte er für sich fest. Bald würde er neue Saiten aufziehen. Jetzt noch nicht.
*
Gerade als er sich erheben wollte, klingelte es an der Tür. Sein Herz stockte; beklemmt machte er sich auf zur Tür und öffnete sie. Da stand Rita vor ihm, in einem schwarzen Kleid, ihre schwarzen Haare offen tragend. Sie erzählte etwas davon, dass sie einen verpassten Anruf vom Spital auf ihrem Mobiltelefon gesehen habe, erfolglos zurückgerufen habe, sich Sorgen gemacht habe, ihr dann mitgeteilt worden sei, dass Markus entlassen worden sei, etc. Als der Strom der aus ihrem Mund heraus purzelnden Worte versiegte, standen sie beide da.
In schweigendem Einverständnis trat Rita in seine Wohnung ein. Er nahm sie an der Hand und führte sie durch die Wohnung, als ob sie beide Gäste wären. Er kommentierte die Ordnung, die Einrichtungsgegenstände, kritisierte humorvoll, dass hier wohl ein verträumter Philosoph lebe, usw. Sie stimmte mit ein, ergänzte «ein einsamer Philosoph», als sie feststellte, dass der Stuhl am weissen Kunstmarmortisch in der Küche der einzige Stuhl in der Wohnung überhaupt war. Mangels anderer Sitzgelegenheit, setzten sie sich beide schliesslich auf den Bettrand im Schlafzimmer. Die Gitarre entdeckend fragte sie, was für welche Musik er spiele, ob er auch singe. Nein, eigene Lieder habe er (noch) nicht geschrieben.
Das Herz schlug ihm bis zum Hals als er ihr anvertraute, dass er immer wieder ganz deutliche Bilder von einer Sommernachtparty sehe: «In diesen Bildern kommt auch eine schwarzhaarige Frau vor, die so aussieht wie Du, Rita.» Er beschrieb die Vorstellungen mit immer mehr Details, flocht auch nebenbei und möglichst unauffällig ein, dass ihm diese Frau sehr gefallen würde. Rita wurde sich während Makrus’ Bericht immer sicherer, dass es sich um Erinnerungen («ER-INNER-UNGEN» – man stelle sich das vor!) an die Party bei einem gemeinsamen Bekannten vom vorletzten Samstag handelt. Sie meldete ihm diese Vermutung zurück und rief begeistert aus: «Dein Gedächtnis kommt wieder zurück!» Markus konnte es selbst fast nicht glauben; diese sich aufdrängenden Bilder waren also Erinnerungen.
*
«Spiel mir etwas auf der Gitarre», fordert ihn Rita auf. Er erfüllt ihren Wunsch, besteht davor darauf, die fehlende Saite zu ersetzten. Es erklingt gefühlvoll die Einleitung von «Baby blue», dann singt er dazu. Das erste Mal spielt er vor Publikum. Rita wiegt sich im Takt und schliesst langsam ihre Augen. Erstmals erlebt er das Wunder einer musikalischen Begegnung. Sie möchte den Song immer wieder hören, summt mit, dann kann sie schon einzelne Sätze. Die Atmosphäre im Schlafzimmer verdichtet sich mit jeder Zeile. Er legt die Gitarre auf die Seite, während Rita weiter summt. Er greift sanft nach ihrer Hand; seiner Hand folgend steht sie auf und sie beginnen zu tanzen. Wie in Zeitlupe verschmelzen Augenblick um Augenblick, während sich Markus und Rita immer mehr auflösen. Sich zärtlich umarmend, tanzen sie immer weiter. Immer weiter.
*
In den folgenden Wochen kamen die Erinnerungen Stück für Stück wieder zurück. In Gesprächen mit Angehörigen, Freunden, mit Arbeitskollegen versuchte er zu überprüfen, ob die aufkommenden Bilder auch «wirklich» Erinnerungen waren. Oft stimmten seine Bilder nicht ganz mit den Bildern von anderen überein – doch er stellte fest, dass auch deren Bilder unter einander nicht übereinstimmten. Ja, durch das Besprechen der Erinnerungen lebten die Ereignisse wieder auf, wurden neu synchronisiert, neu geformt und konstruiert, so dass sie jeder wieder verändert, aber abgeglichen einpackte. Wahrscheinlich würden sich die Erinnerungen auch in paar Jahren wieder unterscheiden, auch die Erinnerung an das Besprechen der Erinnerung.
Markus wurde nicht mehr der alte, sondern ein neuer oder einer, der wirklicher war. Sich selbst entdeckte er erst als er sich selbst verlor, als er sein biographisches Gedächtnis verlor. Die Stelle als IT-Fachmann behielt er vorerst noch. Zusammen mit Rita trat er regelmässig in verschiedenen Clubs auf. Sie präsentierten Songs, die Markus geschrieben hatte.