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Kunstmaler Willi Wenk
Pauline Müller
Willi Wenk wird noch den Riehenern der älteren Generation, aber auch nicht wenigen jüngeren in bester Erinnerung sein; denn, was «Eingeborene» sind und waren, kannte er, und viele kannten ihn. Er war am 11. April 1890 an der Schmiedgasse, also im Dorfkern, zur Welt gekommen. Die heutige Bäckerei Trautwein war sein Elternhaus, wo der Bäckermeister Wilhelm Wenk in der Backstube wirkte, während seine Frau, Anne Marie, geb. Löliger, vorne im Laden verkaufte und daneben sich tüchtig der Haushaltung und der Kinder annahm. Diese Kinder waren drei Buben, jeder ein halbes Jahrzehnt älter als der nächste, somit keine richtigen Spielkameraden für einander. Zwei so überlegenen Brüdern gegenüber mußte Willi sich als Untertan fühlen, bis er eines unvergeßlichen Tages den nächstälteren im Hosenlupf zu Boden brachte.
Der Vater starb, bevor Willi ein Jahr alt war. Die kluge und energische Mutter führte das gute Geschäft mit Hilfe von Bäckergesellen aus Baden und Württemberg weiter. Viel mehr als durch Worte hat sie ihre Söhne durch ihr Wesen beeindruckt und erzogen. In gesunder dörflicher Freiheit, aber ebenso gesund von der Mutter gezügelt, wuchsen die Buben heran. Der einfallsreiche Willi verübte manch mehr oder weniger heiteres Bubenstück, für das er die Strafe als verdient hinnahm. Früh schon mußte er mit vollbeladenem Korb auf dem Rücken Brot austragen. Es konnte geschehen, daß er sich am Aubächlein und anderen Gewässern die Zeit ein wenig vertreiben mußte und dabei ein frisches Brot ins Wasser fallen ließ. Mit einem Nastuch aus einem echten Bubenhosensack wischte er den Laib ab und brachte ihn ins Kundenhaus, wonach er die entrüstete Reklamation bei der Mutter und deren entsprechende Reaktion als unvermeidlich hinnahm.
Den Primarschuljahren folgten drei Jahre Sekundärschule (heute Realschule genannt) unter den Lehrern Menet, Reck und andern, die Willi später köstlich schildern konnte. Jahrzehnte später fanden sich auf Willis und anderer Einladung hin die ehemaligen Klassengenossen und -genossinnen als gesetzte Männer und Frauen im Großvater- und Matronenalter zu einem zweitägigen Erinnerungsfest zusammen, das solchen Anklang fand, daß es nach je fünf Jahren wiederholt wurde.
Gerne hätte der aufgeweckte Willi höhere Schulen besucht, aber die Mutter, die wohl seine vielseitigen, auch praktischen Gaben erkannte, überredete ihn zu einer Schreinerlehre. Willi stand sie durch. Zeitlebens blieb ihm die Freude am schönen Holz, und wo er ein schönes Möbelstück sah, konnte er zärtlich darüberstreichen. Später sind ihm seine praktischen Kenntnisse, verbunden mit einer natürlichen Geschicklichkeit, im eigenen Haus sehr zustatten gekommen. Er besuchte den Zeichenunterricht an der Gewerbeschule; seinem Lehrer Schider, den er später oft erwähnte, blieb er zeitlebens dankbar für den ausgezeichneten und gründlichen Unterricht im Zeichnen.
Nach der Rekrutenschule und der Erreichung der Volljährigkeit schlug er der Mutter vor, sie möchte ihm sein väterliches Erbteil herausgeben, damit er sich zum Maler ausbilden könne. Die kluge Frau widersprach ihm zwar energisch, lenkte aber schließlich ein, unter der Bedingung, daß Willi zu passender Zeit das Patent des Zeichenlehrers erwerbe. In strahlender Laune zog Willi 1910 nach München und verbrachte dort an der Kunstgewerbeschule und der Akademie gegen vier Jahre, die in seiner Erinnerung bis ins Alter leuchteten. Mit dem Basler Eduard Schupp, seinem späteren selbstlosen Helfer und Berater, schloß er Freundschaft, die bis zum Tode Bestand hatte. Gemeinsam und mit andern genossen sie vor allem ihr Studium, aber auch die Stadt und ihr Leben, die bayrische Landschaft, den Fasching und was ihre Maleraugen zu fassen vermochten. Auch für Musik und Theater, selbstverständlich von der Flohbühne aus genossen, ging Willi Wenk eine Welt auf, der er sich mit größtem Genuß hingeben konnte. Durch alle späteren Jahre bedeutete ihm gute Musik und gutes Theater festlichen Genuß. Er hatte selber eine Zeitlang geschwankt, ob er Maler oder Schauspieler werden sollte.
Der Erste Weltkrieg schlug für Willi Wenk vorerst die Türen zur Kunst zu. Er rückte als Kanonier ein und leistete dem Vaterland gegen sechshundert Tage Aktivdienst. Spaßvögel sind im Dienst ein wahres Geschenk. Auch Willi gewann dem Soldatenleben neben Drill, Ernst und einsamen Wachtstunden die heitersten Seiten ab. Keiner langweilte sich, wenn er später davon erzählte, denn er war ein guter Erzähler, dem man ebenso gerne zuhörte, wie man sich von ihm erheitern ließ, wobei sein unverfälschter Riehener Dialekt Farbe und Würze dazugab. Ein Wiedersehen mit Spenglermeister Jaussi, einem alten Dienstkameraden, war eine etwas rauhe Sache, wobei kräftige Ausdrücke rumpelten und polterten. Damit bezeugten sie einander ihre unverwüstliche Kameradschaft und Freundschaft. In einer längeren Dienstpause erwarb sich Wenk in Bern das Patent eines Zeichenlehrers, um der Mutter den Gefallen zu tun und sie zu beruhigen. Er selber hätte sich nie träumen lassen, daß es ihm eines Tages einfallen könnte, Schulkinder zu unterrichten.
Nach dem Ersten Weltkrieg galt es für Willi Wenk wie für manchen andern, seine eigene Welt aufzubauen. Er tat es energisch und zielbewußt, besaß er doch als wertvolle Erbgüter echte Hingabe an die Arbeit, in der er sich völlig vergessen konnte, zähe Ausdauer, auch wenn die Wasserfarben auf dem Papier gefroren, und gute Gesundheit. Sein erstes eidgenössisches Stipendium gestattete ihm einen längeren Aufenthalt in Schweden. Zurückgekehrt, lernte er im Pfarrhaus Münchenstein die hübsche Thurgauerin Elise Zimmermann kennen, die er 1921 als Gattin heimführte. Nach den ersten am Hackberg verbrachten Jahren ließ sich Wenk auf einem ansehnlichen, ererbten Stück Land an der Mohrhalde vom Architekten Artaria das einstöckige, originelle Holzhaus mit der schönen Terrasse und dem geräumigen, hellen Atelier bauen. 1926 zog das junge Paar dort ein und verstand, es trotz spärlicher Mittel mit gutem Geschmack auszustatten. Wie viele und welch verschiedene Gäste sind in dem Künstlerhaus ein- und ausgegangen! Noch mehr der besuchsfreudigen Gäste wurden angezogen, als im Garten eine Bocciabahn angelegt worden war. Leute verschiedenster Art kamen oft ungerufen bei Wenks zusammen, spielten abwechselnd stundenlang, kritisierten oder lobten die Spielweise der andern und ließen sich zum Schluß von Frau Wenk in deren stiller und einfacher Art bewirten. Andere Male setzte man sich nach einem Besuch im Atelier auf die Terrasse und genoß bei gutem Gespräch den Blick ins Moostal und zum Maienbühl hinüber. So ausdauernd und selbstvergessen Willi arbeitete, so gemütlich konnte er Feierabend halten, wobei die Pfeife oder der Rößlistumpen nicht fehlen durften. Um ihn herum war gute Atmosphäre. Ungezählte Winterabende vergingen, wenn nach dem Nachtessen ein Gast vorlas, der Hausherr rauchte, die Hausfrau strickte und der große Kater auf dem Kanapee schnurrte.
In das Leben des Ehepaares trat eines Oktobertages ein Töchterchen ein. Keinem Kind könnte man ein kindergemäßeres Heim wünschen als Haus und Garten an der Mohrhalde, damals noch völlig abseits von Lärm, Autos und Benzingeruch, wo die Kleine auf dem Schaukelpferd von der Sonne, den Blumen und den Käfern singen, wo sie mit den
Nachbarskindern spielen, zanken und sich vertragen konnte. Das Idyll an der Mohrhalde ist mit der Zeit enger und kleiner geworden. Kein einziger Kirschbaum gehört mehr dazu. Aber noch steht hohes Gebüsch schützend vor dem Haus, noch nisten die Vögel in den Zwetschgen- und anderen Bäumen, noch leuchten, von der geschickten Hausfrau betreut, ungezählte Blumen in lockeren Gruppen und besuchen Igel, Katzen, Nachbarskinder und -hunde den schönen Garten. Aber auf der Bocciabahn fehlen heute der ansteckende Humor und die träfen Sprüche des einstigen Hausherrn, mit denen er Gewinner und Verlierer, gute und ungeschickte Spieler bei heiterster Laune hielt.
Der Kreis der Freunde und Bekannten erweiterte sich mit den Jahren. Ein besonderes Geschenk bedeutete Wenk, daß Dr. Oskar Wälterlin sein Schauspielertalent entdeckte, ihn für seine Rolle als Bürgermeister Wettstein im Riehener Festspiel 1923 schulte und fortan mit ihm befreundet blieb. Am Festspiel des Eidgenössischen Sängerfestes 1935 war ihm die Rolle des «Alten» zugeteilt; 1936 bei der Wiederaufführung des Kleinbasler Festspiels von 1892 stellte er Rudolf von Habsburg dar. 1942 nahm er als «Bürger» am Totentanzspiel von Frank Martin teil, 1944 als «Zünfter» im Festspiel St. Jakob an der Birs und 1945 als «Bürger» im Friedensspiel auf dem Münsterplatz.
An manchen St.-Niklaus-Festen der Basler Künstler steuerte er Schnitzelbänke oder kleine witzige Szenen bei. Auch bei den Anlässen des Riehener Verkehrsvereins fehlte er nicht, ein Fröhlicher unter den Fröhlichen. Am Bannumgang der Riehener Bürgerkorporation nahm er in gesunden Tagen stets teil. Aber noch viel öfter beschritt er als Spaziergänger die stillen Wege der Grenze entlang. Beim Spaziergang holte er sich Ruhe und Kraft, ließ Gedanken, Pläne und Erinnerungen in sich aufsteigen und freute sich bei jedem Wetter an frischer Luft, Bewegung und an allem, was die Umwelt seinen Augen bot. Sonst war ihm das Velo ein treuer Begleiter; oft stellte er es hinter der Kirche ab, im festen Vertrauen, es bei der Rückkehr aus der Stadt wieder zu finden.
An der Politik seines Dorfes nahm er lebhaften Anteil, ohne sich einer Partei zu verschreiben. Als Parteiloser wurde er in den Weiteren Gemeinderat gewählt.
Als Mensch und als Bürger der Freiheit verpflichtet, hielt er in allem weises Maß; die Achtung vor dem Mitmenschen und das Interesse für ihn zügelten sein Temperament. Ausgesprochenes Feingefühl ließ ihn oft Verborgenes im andern erraten. Nicht selten erzählten ihm auf
Reisen völlig fremde Menschen unaufgefordert ihr Schicksal. Gelegentliche Stipendien im Verlauf der Jahre, Preise in Wettbewerben, ein guter Verkauf ermöglichten Wenk mehrere beglückende Reisen. Er unternahm Fahrten nach Griechenland, nach Norwegen und Spitzbergen und erlebte dabei, wie der große Dampfer «Cervantes» der Hamburg-Südamerika-Linie durch Eisschollen havariert und vom russischen Eisbrecher «Krassin» in der südlichsten Bucht von Spitzbergen notdürftig wieder ausgebessert wurde. Eine Mappe mit zwölf Lithographien fand nachträglich bei zahlreichen Reiseteilnehmern Anklang. Weitere Reisen führten ihn nach Dalmatien, nach Süd- und Westfrankreich, die letzte nach Norditalien. Zwischenhinein fanden sich die Freunde Schupp und Wenk zu kurzen, aber intensiv ausgenützten Wochen in Paris zusammen. Ein schwerer Rucksack, ein Handkoffer, der Jägerstab, ein ältlicher Hut und ein Wettermantel bildeten seine Ausrüstung. Dutzende von Skizzen, Zeichnungen und Aquarellen brachte er jeweils nach Hause. Seinem Charakter entsprachen besonders die rasche und kühne Zeichnung und das Aquarell. Wer sich näher mit Willi Wenks Aquarellen befassen möchte, dem sei die ausgezeichnete Studie von Dr. Peter Mieg «Willi Wenk, der Maler» empfohlen. Sie erschien in dem Bändchen «Der Maler Willi Wenk» von Arnold Weber und Peter Mieg im Amerbach-Verlag 1950 zu Wenks 60. Geburtstag. Uber seine Art zu aquarellieren schreibt Mieg: «Er malt mit leichter Hand in großen raschen Zügen die weiten Himmel; die Himmel seiner Aquarelle enthalten oft schon die stimmungshaften Werte des ganzen Bildes. Dann setzt er in tieferen, satteren, kräftigeren Farben die Mittel- und Vordergründe hinzu, in mehr oder minder breite, meist deutlich getrennte Flächen geteilt. Zuletzt tritt der mit dunkler schwerer Farbe gefüllte Pinsel in das schon Gefügte hinein und verschafft sich auf energische Art Geltung. Die dunklen zeichnerischen Züge eines mit Schwarzblau, Schwarzgrün oder undurchdringlichem Braun gesättigten Pinsels sind innerhalb des gesamten Aquarells von größter Bedeutsamkeit: sie übermitteln auf unverwechselbare Weise Willi Wenks Persönlichkeit, und in ihnen spricht sich seine ganze innere Bewegtheit, sein Miterleben am landschaftlichen Geschehen aus.»
Willi Wenk sichtete als strenger Richter die Ausbeute seiner Reisen. Im Atelier entstanden in besinnlichem Tun ölbilder, von denen manche nebst den Aquarellen in Sammlungen, Geschäfts- und Privathäusern hangen. Andere sind noch im Atelier und finden vielleicht späte Liebhaber. Sein letztes ölbild, von dem er sich kurz vor seinem Tode wehmütig trennte, hängt im Konzertsaal des Landgasthofs und ist Eigentum der Gemeinde. In einem der vorderen Räume zieren zwei Glasbilder von seiner Hand die Fenster. Unter dem sicheren Stift des Künstlers entstanden in früheren Jahren zahlreiche Lithographien. Ihrer manche erfreuen in den Mappen die Liebhaber dieser besonderen Kunst. Später vertauschte Wenk den weichen Stift und die Kreide mit dem Messer und schnitt kräftige Holzschnitte in Birnbaumholz. Seine Sujets waren mannigfaltig: schöne und feine Landschaften in der Lithographie, kräftige, oft humoristische Gestalten und Szenen im Holzschnitt; der Zufall, die Reise und sein zuverlässiges Gedächtnis boten ihm Stoff genug. Nicht wenige Darstellungen verraten auch des Künstlers Humor, der im Verkehr mit arm und reich ohne Ansehen der Person aufblitzte. Eine Reihe von Porträtzeichnungen zeugen von Wenks hervorragender Gabe, sich in Menschen einzufühlen und das Wesentliche herauszulesen. Besonders ältere, vom Leben geprägte Gesichter sprachen ihn an. Ein schönes Denkmal setzte er sich in dem friedlich-ländlichen Fresko im Pavillon des einstigen Friedhofs, der heutigen Anlage an der Mohrhaldenstraße. Zahlreich sind auch die Lithographien und Holzschnitte, die er auf Bestellung für Kalender zeichnete und schnitt. Zu Neujahr erfreute er Freunde und Bekannte mit einem in der einen oder anderen Technik ausgeführten Blatt; an Einfällen fehlte es ihm nie.
Wo Wenk hinkam, besuchte er Museen und andere Kunststätten, am liebsten mit seinem Freund Schupp, mit dem er nach Herzenslust fachsimpeln konnte. Andere Leute schätzten seine Begleitung und Führung durch Bildersammlungen dankbar, wobei seine treffenden Bemerkungen nie von oben herab tönten, sondern dem Begleiter nur helfen wollten, besser zu sehen und zu verstehen. Aber mit der modernen, «abgründigen» Malerei ließ er sich nicht gerne ein; sie verletzte sein Gefühl für Harmonie. Vor den Holländern, vor Grünewald und andern Meistern blieb er andächtig stehen, während ihn die französischen Impressionisten und vor allem Van Gogh zu begeisterter Auseinandersetzung und Bewunderung anregten. Vor Nachahmung bewahrten ihn sein Individualismus und sein eigenes Talent, dem seine Intelligenz in weiser Beschränkung die richtigen Grenzen zog.
Der Zweite Weltkrieg griff wie der Erste tief in Wenks Leben ein. Jedermann brauchte sein Geld für Vorräte oder sonstwie zum Durchhalten, keinesfalls zum Ankauf von Bildern. Ein Jahr vor Ausbruch des
Krieges war er aus der Wehrpflicht entlassen worden. Da nun die Schulen zahlreiche junge Lehrer entbehren mußten, suchte er sein Patent hervor und stellte sich als Zeichenlehrer der Mädchenrealschule und dem Mädchengymnasium in Basel zur Verfügung. Jetzt erwachte in ihm ein begabter Schulmeister, der durch mehr als zwei Jahrzehnte in von jeher geübter Disziplin eine neue Art Dienst absolvierte. Er war streng in seinen Anforderungen, gütig und heiter im Verkehr mit den Schülerinnen.
Wie jedes Schulkind freute er sich auf die Ferien, um wieder «nur» Maler zu sein. Da unser Land während nahezu fünf Jahren völlig eingeschlossen blieb, lernte Wenk die Bergwelt kennen, an die er sich bis anhin nicht gewagt hatte. Zum Berggänger wurde er zwar nie; er blieb dem Spaziergang und kleineren Ausflügen treu. Jetzt gingen ihm die Augen für die Alpen auf, für kühne Gipfel, schroffe Wände, Wettertannen und Bergbäche. Wohl war er sich bewußt, welche Kraftprobe das Gebirge dem Maler stellt und wie sehr Hodler jeden andern zur Bescheidenheit zwingt. Aber Stift und Pinsel gaben ihm keine Ruhe; mit beiden schuf er Aquarelle, die zu seinen besten gehören. überhaupt blieben seine Aquarelle bis zuletzt lebendig und frisch, ohne je Müdigkeit und älterwerden zu verraten.
Mit 64 Jahren gab er die Schulstunden auf und freute sich der neu gewonnenen Freiheit. Leider erkrankte er bei seinem nächsten Aufenthalt in Südfrankreich; trotzdem besuchte er noch Bekannte in Westfrankreich und hielt ein Treffen mit einem deutschen Maler in Rouen ein; aber für Paris reichten die Kräfte nicht mehr. Krank kehrte er nach Hause und mußte mehrere Wochen in der Riehener Diakonissenanstalt verbringen. Nach seiner Rückkehr aus dem Spital verrieten sein Gang und sein Aussehen rasches Altern; nur sein Geist und seine Hand bewahrten ihre Frische.
Noch einmal erlebte er die Freude, daß ihm ein staatliches Stipendium zugesprochen wurde. Erholt und erfrischt kehrte er zurück und schrieb eines Sonntags in seiner bündigen Schreibweise den nachstehenden obligaten Bericht an die Kunstkreditkommission:
Studienreise nach Italien von Willi Wenk «Meine erste Station war das Dorf Tellaro am Südende der großen Bucht von la Spezia. Hier hatte ich einen Fleck Erde gefunden, von dem ich überzeugt war, daß er dem Maler allerlei zu entdecken und zu arbeiten bieten würde. Etwas abseits vom Fremdenstrom und nicht zu teuer, ist Tellaro ein originelles Seeräubernest von einst, in herrlicher Lage und
Umgebung, an malerischem Ufer; darüber ansteigende Olivenwälder.
Anregende Ausflüge führten nach Lerici, la Serra auf 200 m Höhe, nach San Terenzo oder per Schiff an das Nordende der Bucht, nach Porto Venere, einem malerischen Dorf mit einer Basilika, San Pietro, aus dem 11. Jahrhundert, einer Festungskirche. Porto Venere, das auf einem Felsen trotzig ins Meer hinausragt, war der Landungsplatz jener frühen Machthaber im Mittelmeer. Diese Landschaft in ihrer Vielfältigkeit, aber auch die gute private Unterkunft haben mich drei Wochen lang gefesselt.
Der nächste, kurze Aufenthalt galt Pisa, wo leider nur zwei imposante Fresken im Camposanto den Krieg überlebt haben. Die dritte Station war Lucca, eine der interessantesten kleinen Städte Italiens. Sie ist in ihrem mittelalterlichen Charakter mit Ringmauern, Fassaden, Plätzen, Türmen und Toren vollkommen erhalten und wäre eines längeren Aufenthaltes wohl wert.
Doch nach vier Tagen ging es Florenz zu. Auch hier beschränkte ich mich auf die allerwichtigsten und anregendsten Werke in den Uffizien, auf das Archäologische Museum mit einer herrlichen etruskischen und einer ägyptischen Sammlung, und auf San Marco mit Fra Angelico.
Da ich seit meiner Krankheit letztes Jahr körperlich weniger leistungsfähig bin, habe ich nur wenige Orte besucht. Um meine Frau mitnehmen zu können, habe ich die nötigen Batzen dazugelegt. So ist mir die arbeitsreiche Fahrt laut ärztlichem Befund gut bekommen. Ich bin dankbar, daß mir die Möglichkeit zu dieser Reise geboten wurde.»
Der Entwurf zu diesem Bericht wurde am 4. November 1956 geschrieben. Tags darauf fuhr Willi Wenk nach Winterthur, um dort Bilder aus der Sammlung Reinhart zu sehen. Er verbrachte den Abend im Hause einer ehemaligen Klassengenossin aus der Sekundarschulzeit. Dort setzte ein Herzinfarkt dem schönen und reichen Leben ein plötzliches Ende.