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Von Felicitas Witte, NZZ am Sonntag, 10. April 2011
Die Studie ist Teil einer Langzeituntersuchung, welche die Forscher in ländlichen Gebieten Europas durchführen. Sie wollen herausfinden, welche Faktoren zu der Entstehung von allergischen Krankheiten beitragen und wie man sie möglicherweise verhindern kann. Für die jetzigen Ergebnisse werteten die Forscher Daten von 1063 Kindern aus.
Haustiere nicht weggeben
«Wir empfehlen nun nicht allen Schwangeren, sich eine Katze zu kaufen oder Ferien auf dem Bauernhof zu verbringen», sagt Roger Lauener, Allergologe am Christine-Kühne-Center for Allergy Research and Education an der Hochgebirgsklinik Davos. «Aber wenn niemand in der Familie Allergien hat, muss man nicht mehr raten, Haustiere zur Vorbeugung einer Neurodermitis wegzugeben. Andere Krankheiten, die durch Haustiere übertragen werden können, gibt es natürlich immer noch, etwa Toxoplasmose.»
Laut der Studie können Faktoren vor der Geburt die Entstehung einer Neurodermitis in den ersten beiden Lebensjahren beeinflussen. «Ob das Erreger sind, die auf den Tieren wohnen und das Immunsystem der Schwangeren beeinflussen oder irgendetwas anderes, ist unbekannt», sagt Lauener.
Schon seit langem diskutieren Forscher, was Neurodermitis auslöst. «Leider wissen wir immer noch viel zu wenig darüber», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologe am Unispital Zürich. «Vermutlich reagieren die Patienten wegen vererbter genetischer Veränderungen empfindlicher auf Einflüsse aus der Umwelt. Ungeklärt ist aber nach wie vor, welche Rolle Keime spielen.» Ende der 1980er Jahre erwähnte ein Epidemiologe aus London zum ersten Mal die «Hygiene-Hypothese»: Infektionen in früher Kindheit sollen demnach vor Allergien schützen. «Aus Studien wissen wir, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener Asthma oder Heuschnupfen bekommen», sagt Roger Lauener. «Ob ein solcher Effekt auch für Neurodermitis besteht, war bisher unklar.» «Die neue Studie ist verlässlicher, weil sie prospektiv angelegt ist», sagt Markus Ollert, Allergieforscher am Klinikum der Technischen Universität München. Das bedeutet, dass die Forscher erst die Schwangeren in die Studie einschlossen und dann über längere Zeit beobachteten. «Bei einer retrospektiven Analyse können die Ergebnisse leicht verfälscht werden, wenn sich die Teilnehmer im Nachhinein erinnern müssen, ob sie Kontakt zu Tieren hatten.»
Früher Kontakt mit Erregern
Die Studie bringt noch etwas Neues: Aus dem Nabelschnurblut hatten die Forscher eine Blutprobe entnommen und sogenannte Toll-like-Rezeptoren (TLR) bestimmt. Das sind Substanzen des angeborenen Immunsystems, die schon sehr früh in der Entwicklung körperfremde Stoffe erkennen können. Hatten die Babys besonders viel TLR5 und TLR9 im Blut, bekamen sie später seltener eine Neurodermitis.
«Die Abwehrsysteme dieser Mütter und ihrer Föten könnten sich schon während der Schwangerschaft mit bestimmten Keimen vom Bauernhof auseinandergesetzt haben», sagt Ollert. Die Menge an TLR hängt unter anderem von den Erbanlagen ab. «Womöglich profitieren Menschen mit bestimmten Genen eher von einem vorgeburtlichen Kontakt mit Tieren als andere.» Noch sei es aber zu früh, um definitive Schlüsse zu ziehen. «In Zukunft könnten wir vielleicht die TLR-Gene messen und so das individuelle Risiko für eine Neurodermitis bestimmen», so Ollert.