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In den vergangenen 15 Jahren hat die Europäische Union (EU) den Sektor der Finanzdienstleistungen schrittweise mit einer Reihe von Richtlinien für Banken und Versicherungen dereguliert. Ziel war die Schaffung eines EU-Binnenmarktes für Finanzdienstleistungen. Zum ersten Mal wurde damit im europäischen Versicherungsmarkt für Privatkunden ein echter Preis- und Produktwettbewerb sowohl im Leben-Bereich als auch im Nichtleben-Bereich eingeführt. Mit den Richtlinien wurde das «Single Passport»-Konzept umgesetzt, wonach seit 1994 ein Versicherer, der in einem EU-Land eine Bewilligung besitzt, in allen EU-Ländern Geschäfte tätigen kann. Als Nicht-EU-Land ist die Schweiz nicht Teil des EU-Binnenmarkts für Versicherungen. Die Schweizer Versicherungsunternehmen profitieren jedoch von diesen Entwicklungen über ihre Niederlassungen in den EU-Ländern.
Die schrittweise Liberalisierung der nationalen Versicherungsmärkte auf europäischer Ebene hat die Beziehung zwischen Marktstruktur und Performance dieser Märkte auf drei Arten beeinflusst: – Konkurrenz von Versicherern aus anderen EU-Ländern, die ihre Rechte gemäss «Single Passport»-Konzept wahrnehmen; – Markteintritt von Versicherern aus anderen EU-Ländern, die im Heimmarkt neue Niederlassungen eröffnen oder übernehmen; – Fusionen und Übernahmen (M&As) in grosser Zahl im europäischen Versicherungsmarkt. Zwischen 1990 und 2002 waren europäische Versicherer an 2595 M&As beteiligt; bei 1669 davon kam es zu einem Führungswechsel. Für die Schaffung eines Einheitsmarktes sprach hauptsächlich die Aussicht auf Kosteneinsparungen. Diese sollten einerseits durch den verschärften Wettbewerb über die Landesgrenzen hinaus und die damit verbundene Bereinigung von Ineffizienzen erreicht werden und andererseits durch die Konsolidierung über M&As und damit verbundene Skaleneffekte. Ein Nebeneffekt des Konsolidierungsprozesses besteht allerdings darin, dass die Position der Unternehmen in ihrem Heimmarkt durch die wachsende Grösse gestärkt wird. Das kann zur Folge haben, dass die Wettbewerbsanreize für Innovationen und zur Kostensenkung mittels Bereinigung von Ineffizienzen geschmälert werden.
Grenzen bisheriger Forschungsarbeiten
Trotz dieser substanziellen Veränderungen im europäischen Markt für Finanzdienstleistungen existieren bisher nur wenige Forschungsarbeiten zu den wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung. Dies gilt namentlich für den Versicherungsmarkt, dessen Marktstruktur einschneidende Veränderungen erfahren hat. Nachfolgend ein Überblick der gemachten Studien zu diesem Thema: – Gemäss Schätzungen von Barros (1996) zum portugiesischen Autoversicherungsmarkt bewirkte die Deregulierung eine klare Abnahme koordinierter Entscheidungen. Die Liberalisierung hatte also einen positiven Einfluss auf den Wettbewerb. – Die Untersuchung der direkten Auswirkungen der Deregulierung auf die Effi-zienz von deutschen und britischen Lebensversicherern von Rees und Kessner (2000) lieferten – allerdings relativ unsichere – Hinweise dafür, dass die weniger starke Regulierung, der Wettbewerb und die Konkursgefahr zu einer Angleichung des Effizienzstandards vieler Unternehmen an die Besten führten. – Auch Cummins und Rubio-Misas (2001) kamen im Rahmen einer Data Envelopment Analysis (DEA) zum Schluss, dass die Konsolidierung in der Versicherungsbranche Spaniens zwischen 1989 und 1998 zu wesentlichen Effizienzsteigerungen und Preissenkungen sowohl im Lebenals auch im Nichtleben-Bereich führten. – Cummins und Weiss (2004) stützen sich bei Ihrer Analyse zu den Auswirkungen der Fusionen und Übernahmen in der europäischen Versicherungsbranche von 1990-2002 für den Shareholder Value auf eine Ereignisstudie. Sie stellten einen deutlich positiven Einfluss der grenzüberschreitenden M&A-Transaktionen fest; bei nationalen Transaktionen hingegen fielen die Ergebnisse nicht eindeutig aus. – Eine Studie zu den Auswirkungen der Deregulierung im italienischen Markt für Motorfahrzeugversicherungen von Turchetti und Daraio (2004) ergab, dass die Kosteneffizienz und die Gesamtfaktorproduktivität im untersuchten Zeitraum (1982-2000) zunahm, namentlich in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, also nach der Deregulierung. – Schliesslich analysierten Bikker und Leuvensteijn (2005) den Wettbewerb und die Effizienz in der niederländischen Lebensversicherungsbranche anhand verschiedener Faktoren, welche die Wettbewerbssituation in einem Markt beeinflussen können. Alle fünf Indikatoren lassen auf einen begrenzten Wettbewerb im niederländischen Versicherungsmarkt schliessen. Angesichts des Aggregationsgrads der Arbeit und der Tatsache, dass möglicherweise relevante institutionelle Gegebenheiten nicht berücksichtigt wurden, scheint jedoch bei der Interpretation dieser Ergebnisse eine gewisse Vorsicht geboten.
Wie Kosteneffizienz im europäischen Versicherungsmarkt messen?
Das Ziel des aktuell im Centre for Risk and Insurance Studies an der Nottingham University Business School laufenden Forschungsprojekts ist es, die Kosteneffizienz im europäischen Versicherungssektor mittels einer «Stochastic Frontier Analysis» (SFA) zu modellieren und zu messen. Damit lassen sich – unter Berücksichtigung von Unternehmensgrösse und Marktstruktur – Anhaltspunkte zur Effizienz in den einzelnen Ländern und über deren Entwicklung in einem bestimmten Zeitraum gewinnen. Einer der wichtigsten Vorteile der SFA bei der Schätzung von Cost Frontiers (siehe Kasten 1 Eine (Best Practice) Cost Frontier ist definiert als Mindestkosten (C) zur Produktion einer bestimmten Output-Einheit (x) bei gegebenen Input-Preisen (p): C = C (x, p)Weil bei allen reellen Daten sowohl Messfehler als auch Ineffizienzen auftreten, müssen diese Komponenten bei einer Schätzung der Best Practice Cost Frontier ausgeklammert werden. Die Stochastic Frontier Analysis (SFA) bietet einen Lösungsansatz für dieses Problem. Das Konzept der SFA wurde von Aigner, Lovell und Schmidt (1977) eingeführt. Durch explizite Annahmen über die Verteilung der Messfehler und die Ineffizienz spezifischer Unternehmen lässt sich die Frontier schätzen, und es lassen sich positive und negative Skaleneffekte identifizieren. Auch eine Veränderung der Frontier im Laufe eines Beobachtungszeitraumes lässt sich schätzen. Damit kann der Anteil des technologischen Fortschritts am Produktivitätswachstum eruiert werden.) besteht darin, dass zwischen Messfehlern und systematischen Ineffizienzen unterschieden werden kann. Als wichtigste Datenquelle wurden die Eurothesys-Daten von Standard and Poor’s über Versicherungsunternehmen aus 15 europäischen Ländern für die Jahre 1995-2003 herangezogen. Diese enthalten u.a. Daten zu Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden und der Schweiz. Der europäische Versicherungsmarkt zeichnet sich durch das Nebeneinander verschiedener Organisationsformen aus. Einerseits gibt es zahlreiche multinationale Grosskonzerne, die Lebens- und andere Versicherungen über eine Reihe von zum Teil auf bestimmte Produktlinien spezialisierte Niederlassungen verkaufen. Diese Niederlassungen können ihre Tätigkeit jedoch zu Regulations- und Marktwertzwecken in konsolidierten Konten ausweisen. Sie verfügen normalerweise über einen (unterschiedlichen) Grad an Unabhängigkeit in ihrer Geschäftstätigkeit und konkurrieren mit einer grossen Anzahl vollständig unabhängiger Unternehmen, die auf das Lebenoder das Nichtleben-Geschäft spezialisiert oder in beiden Bereichen aktiv sein können. Anhand der Eurothesys-Daten konnten wir für jedes Unternehmen und jedes Jahr konsistente Messungen zu den Betriebskosten vornehmen. Die Kosten sind definiert als Gesamtverwaltungsaufwand vor aktivierten Abschlusskosten, einschliesslich Aufwendungen für die Verwaltung von Kapitalanlagen und Schadenregulierungskosten gemäss versicherungstechnischer bzw. nichtversicherungstechnischer Erfolgsrechnung per Jahresende. In der Fachliteratur gab es eine breite, ungelöste Debatte über die geeignete Methode zur Messung der Produktion von Versicherungsfirmen. Vgl. Cummins und Weiss (2000), S. 791-793. Unseres Erachtens entspricht das von den Versicherern an die Versicherten gelieferte Produkt am ehesten dem erwarteten aktuellen Wert der künftigen Forderungen, die aufgrund der Policen vermutlich bezahlt werden müssen. Da es sich bei diesem Wert um eine latente, nicht beobachtbare Variable handelt, muss sie mittels Proxy-Variablen gemessen werden. Für eine Annäherung an den Output von Versicherungsunternehmen verwenden wir deshalb den Nettoschadenaufwand für Leben- bzw. Nichtleben-Policen. Dieser entspricht für beide Geschäftsbereiche den geleisteten Bruttozahlungen, abzüglich der Rückerstattungen von Rückversicherern, plus Deckungsrückstellungserhöhung, plus Beitragsrückerstattung, aber vor Schadenregulierungskosten. Der Nettoschadenaufwand lässt sich für Leben- und Nichtleben-Versicherer anhand der versicherungstechnischen Erfolgsrechnung per Jahresende berechnen. Die Angaben zu Gesamtkapital und Reserven, versicherungstechnischen Rückstellungen und übrigem Fremdkapital stammen von Eurothesys. Wir gehen davon aus, dass es sich beim Fremdkapital und bei der Arbeit um variable Inputs handelt, die sich kurzfristig verändern lassen. Darüber hinaus nehmen wir an, dass Gesamtkapital, Reserven und versicherungstechnische Rückstellungen feste Input-Grössen sind, die über einen langen Zeitraum aufgebaut wurden und nicht sofort angepasst werden können Vgl. Berger, Cummins, Weiss und Zi (2000).. Bei den Input-Preisen benutzen wir eine versicherungsspezifische Lohnvariable und eine Zinsvariable für die Schätzung der Fremdkapitalkosten. Die Lohnvariable wurde aus den nominalen Lohndaten der Kategorie «Versicherungen (ohne Sozialversicherung)» von Eurostat vom Oktober übernommen. Die Zinsvariable wurde anhand der Sätze für langfristige Staatsanleihen geschätzt. Angaben von Eurostat und den Zentralbanken verschiedener Länder.
Erste Ergebnisse des laufenden Forschungsprojektes
Die von uns geschätzten Cost Frontiers für europäische Leben- und Nichtleben-Spezialisten sowie in beiden Bereichen tätige Konzerne passen gut zu den verfügbaren Daten. Allerdings bestehen klare, signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, die möglicherweise in Zusammenhang mit unterschiedlichen Rechnungslegungs- und Regulierungssystemen sowie der Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Märkte stehen. Was die «Form» dieser Frontiers betrifft, scheint diese in allen Geschäftsbereichen einheitlich, mit substanziell zunehmenden Skalenerträgen. Ebenfalls geprüft wurde die Veränderung hinsichtlich Skaleneffizienz. Dabei ergaben sich für alle Bereiche sehr signifikante Steigerungen der Skaleneffizienz als Folge des Wachstums der durchschnittlichen Firmengrösse und der damit verbundenen Skalenerträge. Insbesondere im Lebengeschäft dominierten diese Skaleneffizienz-Verbesserungen die relativ geringen Veränderungen im Bereich des technischen Fortschritts und der Ineffizienzen («X-Ineffizienz»). Falls sich überhaupt etwas geändert hat, kam es im Lebengeschäft in diesen Produktivitätsbereichen zu Verschlechterungen, wenn auch in den meisten Jahren die Skaleneffizienzsteigerungen so gross waren, dass insgesamt eine Produktionszunahme resultierte (siehe Grafik 1). Die Liberalisie-rung des europäischen Lebensversicherungssektors dürfte dazu beigetragen haben, dass der Shareholder Value in erster Linie durch einen anhaltenden Wachstums- und Konsolidierungstrend gesteigert wurde, was möglicherweise die Anreize für Innovationen und zur Beseitigung von Ineffizienzen schmälerte.
Unterschiedliche Effizienzsteigerungen in den einzelnen Ländern
Ein Vergleich zwischen den einzelnen Ländern zeigt, dass gewisse europäische Länder beim grenzüberschreitenden Handel mit Versicherungsleistungen eindeutig ein stärkeres Wachstum zu verzeichnen hatten als andere (siehe Grafik 2). Wichtig ist nun die Beantwortung der Frage, ob die relative Offenheit gewisser Versicherungsmärkte in Europa seit 1994 dazu geführt hat, dass die Versicherer in gewissen Ländern stärker an Effizienz gewannen als in anderen. Diese Frage ist Gegenstand unserer aktuellen Forschungsarbeit.
Grafik 1 «Komponenten des Produktivitätswachstums, Lebensversicherungsspezialisten 1996-2003»
Grafik 2 «Internationaler Vergleich: Importe von Versicherungsleistungen, 1985-2004»
Kasten 1: Cost Frontier – Definition Eine (Best Practice) Cost Frontier ist definiert als Mindestkosten (C) zur Produktion einer bestimmten Output-Einheit (x) bei gegebenen Input-Preisen (p): C = C (x, p)Weil bei allen reellen Daten sowohl Messfehler als auch Ineffizienzen auftreten, müssen diese Komponenten bei einer Schätzung der Best Practice Cost Frontier ausgeklammert werden. Die Stochastic Frontier Analysis (SFA) bietet einen Lösungsansatz für dieses Problem. Das Konzept der SFA wurde von Aigner, Lovell und Schmidt (1977) eingeführt. Durch explizite Annahmen über die Verteilung der Messfehler und die Ineffizienz spezifischer Unternehmen lässt sich die Frontier schätzen, und es lassen sich positive und negative Skaleneffekte identifizieren. Auch eine Veränderung der Frontier im Laufe eines Beobachtungszeitraumes lässt sich schätzen. Damit kann der Anteil des technologischen Fortschritts am Produktivitätswachstum eruiert werden.