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«Sind nicht jeder Gesellschaft Ungleichheiten inhärent – gerade der freiheitlichen, in der jeder über weite Strecken ‹seines eigenen Glückes Schmied› sein kann? Die Autoren dieses Dossiers legen den Finger bei der Beantwortung der Frage auf störende Privilegien und fehlende Chancengleichheit, die Teilen einer Gesellschaft den sozialen Aufstieg verwehren können. Das ist wichtig, denn Liberale sind aufgerufen, stets gut zu prüfen, für welche Ideale sie sich im Kampf für die sogenannte Chancengleichheit auf die Barrikaden begeben – es könnten die falschen sein.»
Hans-Dieter Vontobel
Präsident Vontobel-Stiftung
Im Februar dieses Jahres erschien im «Commentary Magazine» ein vielbeachteter Beitrag des Ökonomen Nicholas N. Eberstadt mit dem Titel «Our Miserable 21st Century»1. Eberstadt nahm darin eine kritische Auslegeordnung wenig beachteter ökonomischer und sozialer Kennzahlen aus den USA – von der versteckten Arbeitslosigkeit über die Verteilung des Wohlstands bis zur Gesundheit – vor, um den Wahlsieg Donald Trumps auch jenen «Blasen» aus Gutbetuchten und Gebildeten erklärbar zu machen, die sich keinen Reim auf den Erfolg des neuen Präsidenten machen konnten. Der konservative Autor zeichnet ein düsteres Bild der amerikanischen Wirtschaft, stellt fest, dass die Lebenserwartung eines durchschnittlichen Amerikaners heute geringer ist als die eines ehemaligen DDR-Bürgers, und legt dar, dass die Chancen, in den USA aufzusteigen, seit Jahren alles andere als intakt sind. Eberstadts zentrale Erkenntnis: «Der grossartige amerikanische Aufzug, der Generation um Generation von Amerikanern auf höhere Ebenen des Lebensstandards und des Wohlstands befördert hatte, steckt nicht nur kurz fest – er funktioniert nicht mehr.»
Ein Forscherteam um den Yale-Psychologen Paul Bloom publizierte wenige Wochen später das Ergebnis einer brisanten Studie2, das die Wichtigkeit von Eberstadts Erkenntnis unterstreicht: Entgegen vielerlei Behauptungen in Politik und Medien ist nicht wachsende materielle Ungleichheit der Grund für die Frustration vieler Menschen in den USA und Europa, sondern der berechtigte Eindruck, dass nicht mehr für alle Aufstiegswilligen dieselben Regeln gelten – und immer mehr ungerechtfertigte Privilegien weniger den Wettbewerb um die Aufstiegsplätze aller verzerren.
Dass Donald Trump dauernd von «Fairness» redet, erscheint in einem neuen Licht, wenn offenbar immer mehr Menschen feststellen, dass das liberale Versprechen unserer Meritokratien – «Du steigst auf, wenn du dich anstrengst!» – für einige Teile unserer Gesellschaften nicht mehr gilt.
Wie konnte es dazu kommen? Wie steht es um die liberalen Ideale von Leistungsprinzip und Chancengleichheit? Kann man Chancengleichheit herstellen, ohne zu bevormunden? Wer steigt in der Schweiz auf – und wer ab? Welche grossen Trends sind absehbar? Und: wo kann politisch und privat Gegensteuer gegeben werden?
Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten. Erhellende Lektüre wünscht
Die Redaktion
1 https://www.commentarymagazine.com/articles/our-miserable-21st-century/
2 https://www.nature.com/articles/s41562-017-0082
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