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Die Sorge, mit dem wirtschaftlichen Wachstum könnte es bald zu Ende sein, ist in Zeiten schwerer Rezession nicht ungewöhnlich: Der keynesianische Wirtschaftswissenschafter Alvin Hansen schrieb seinen berühmten Artikel, in welchem er den Begriff der säkularen Stagnation einführte, im Jahr 1939, gegen Ende der grossen Wirtschaftskrise. Inspiriert von der Finanzkrise 2008 wird der Begriff gegenwärtig zum wiederholten Male aufgegriffen.
Doch es ist verfrüht, den Niedergang des technologiegetriebenen Wirtschaftswachstums in den Industrieländern auszurufen! Natürlich stimmt es, dass das gemessene BIP-Wachstum und daraus abgeleitete Variablen wie das Wachstum der totalen Faktorproduktivität (TFP) seit 2006 schlecht ausfallen. Es darf jedoch daran gezweifelt werden, ob diese Kennzahlen die Erfolge des technologischen Fortschritts korrekt widerspiegeln. Der ohnehin schwache Zusammenhang zwischen Produktivitätswachstum und dem tatsächlich wohlfahrtssteigernden technologischen Fortschritt scheint in den letzten Jahrzehnten noch schwächer geworden zu sein. Dafür gibt es viele Gründe, darunter die Nichtmessung (nicht zu verwechseln mit der Fehlmessung) von Verbesserungen in der Digitaltechnik, die raschen Qualitätssteigerungen bei vielen schon vorhandenen Produkten und die Schwierigkeit, Verbesserungen im Dienstleistungssektor (inkl. des öffentlichen Sektors) zu messen. Wer den gegenwärtigen technologischen Fortschritt studieren will, sollte sich den TFP-Fetisch abgewöhnen. Aggregierte Messzahlen wie das BIP (die Grundlage für TFP-Berechnungen) waren für eine Weizen- und Stahlwirtschaft konzipiert, nicht für eine Informations- und Massenanpassungswirtschaft, in der Dienstleistungen 70–80 Prozent der Wertschöpfung ausmachen. Während das BIP für die Beurteilung kurzfristiger konjunktureller Schwankungen nützlich sein mag, ist sein Nutzen für die Beurteilung des Mehrwerts von Produktinnovationen fraglich. Entscheidend ist nicht so sehr, dass die TFP die Geschwindigkeit des technologischen Wandels falsch misst (was immer klar war), sondern dass der Fehler im Laufe der Zeit wächst. Das Phänomen selbst, das gemessen werden soll, erhöht die Fehlmessung.
Manche technikpessimistischen Vorhersagen scheinen in sich selbst inkonsistent zu sein: Man kann sich nicht gleichzeitig Sorgen machen angesichts drohender technologiebedingter Arbeitslosigkeit, weil Maschinen menschliche Arbeit ersetzen, und darüber klagen, dass die Arbeitsproduktivität nicht steige.
Was kann ein Wirtschaftshistoriker zu dieser Debatte beitragen? Sehr langsames Wirtschaftswachstum, «säkulare Stagnation» sogar, war vor der industriellen Revolution fast überall die Regel. Ja, es war nicht nur langsam, sondern unregelmässig und reversibel. Jahre des Wachstums wurden meist durch Jahre des Rückgangs ausgeglichen. Auch nach ihr kam es zu wirtschaftlichen Niedergängen, aber die guten Jahre überwogen allmählich die schlechten, und Volkswirtschaften wurden widerstandsfähiger gegenüber natürlichen oder menschengemachten Erschütterungen von aussen.
Für die vorindustrielle säkulare Stagnation gibt es drei Haupterklärungsstränge: erstens die Bevölkerungsdynamik – die sogenannte «Malthusianische Falle»: Höherer Wohlstand führte über höhere Geburtenraten zu Bevölkerungswachstum. Die vorhandenen Ressourcen mussten also auf mehr Köpfe verteilt werden, was das Pro-Kopf-Wachstum wieder umkehrte. Zweitens: Das vorindustrielle Wachstum basierte auf den Vorteilen intensiveren Handels und erhöhter Faktormobilität, auf verbesserter Marktintegration und auf effizienterer Ressourcenallokation dank besseren Institutionen. Diese Faktoren sind aber anfällig auf politische Schocks und institutionelle Änderungen. Sie sind reversibel. Der dritte Grund ist der wichtigste, wird aber oft ignoriert: Die Menschen wussten vor 1700 schlicht nicht genug über die physische Welt um sie herum. Die Erfindungen vor 1700 waren normalerweise das Ergebnis glücklicher Zufälle, einzelner, brillanter Geistesblitze und von «Learning-by-Doing». Es war eine Welt des Ingenieurwesens ohne Mechanik, der Landwirtschaft ohne Bodenkunde, des Bergbaus ohne Geologie, der Wasserkraft ohne Hydraulik und der medizinischen Praxis ohne Mikrobiologie und Immunologie. Der technische Fortschritt im 18. Jahrhundert stützte sich langsam auf Erkenntnisse der Naturphilosophie, auf eine nützlichere praktische Mathematik und auf sorgfältigere experimentelle Methoden, die der wissenschaftlichen Praxis entnommen wurden. Sobald sich der technologische Fortschritt auf formalem und systematischem Wissen abzustützen begann, wuchs der Vorsprung Europas rapide.
Technologie und Innovation messen
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