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Es ist unbestritten, dass die Folgen des Klimawandels wie unter anderem Meeresspiegelanstieg, Dürren und Eisschmelze vielen Lebewesen auf der Erde Schaden zufügen. (i) Oft hören wir, dass wir klimaschädliche Aktivitäten einschränken sollten. Doch was hat der Klimawandel überhaupt mit Moral zu tun? Ist er nicht einfach ein natürliches Phänomen wie es einige behaupten? Schliesslich können auch andere natürliche Phänomene wie ein Erdbeben viele Opfer fordern. Der moralische Unterschied zwischen den beiden Phänomenen wird klarer, wenn wir uns den Begriff der Verantwortung näher anschauen.
Ganz grob kann zwischen kausaler und moralischer Verantwortung unterschieden werden. Die Verschiebung von Erdplatten ist kausal für das Erdbeben und dafür dass Lebewesen leiden, verantwortlich. Analog sind auch der Klimawandel und seine schädlichen Konsequenzen (in diesem Fall von uns Menschen) kausal verursacht (ebd.). Doch im Unterschied zum Erdbeben haben wir beim Klimawandel Handlungsspielraum. Damit rückt der Begriff der moralischen Verantwortung ins Zentrum. Moralische Verantwortung schreiben wir einer Person in der Regel dann zu, wenn sie auch anders hätte handeln können, also zum Beispiel die schädliche Handlung hätte unterlassen können. Dies bedingt, dass die Person zudem über Wissen verfügt, beispielsweise dass sie mit ihrer Handlung etwas Schlechtes tut. So kann mich meine Freundin tadeln, wenn ich mal wieder zu spät zum Treffen erscheine, weil ich noch "schnell" den lustigen Film fertig schauen wollte. Ähnlich kann man mich dafür tadeln, eine lange Flugreise anzutreten, schliesslich sind mir die umweltschädlichen Konsequenzen des Fliegens bekannt und ich hätte anstatt Strandferien in Bali auch einfach Wanderferien in der Schweiz verbringen können.
Doch stimmt dies wirklich? Obwohl wir die Intuition haben, dass Menschen moralische Verantwortung für den Klimawandel tragen, ist damit noch nicht klar, wer denn nun genau die Verantwortung trägt und ob ich persönlich einen Beitrag zu leisten habe. Dies liegt zum einen daran, dass die Leidtragenden sowohl räumlich als auch zeitlich sehr weit entfernt sind. Es ist einfacher einzusehen, dass ich gegenüber meiner Freundin eine Pflicht habe, als gegenüber einer Person auf einem anderen Kontinent, die vielleicht noch nicht einmal geboren ist. Doch es gibt noch ein anderes Problem: der Klimawandel stellt ein globales und so immenses Phänomen dar, dass ich persönlich kaum Einfluss habe. Meine einzelne Handlung, z.B. mein Flug nach Bali, hat einen so winzigen Effekt, dass sie niemandem Schaden zufügt, geschweige damit der Klimawandel überhaupt verstärkt wird. Meine Handlung hat schlicht keine Konsequenzen. Diese Gegebenheit wird deshalb in der Literatur auch Inkonsequentialismus-Problem genannt. (ii) Folgt nun daraus, dass ich mich verhalten kann wie ich will? Dies scheint paradox, denn wenn ich keinen Beitrag leisten muss, dann müssen logischerweise auch alle andern keinen Beitrag leisten. Angesichts der leidvollen Konsequenzen des Klimawandels scheint eine solche «Nach-mir-die-Sintflut» - Mentalität unbefriedigend. Wir wissen also, dass wir irgendwie zum Klimawandel beitragen, aber gleichzeitig besteht wenig Anreiz persönlich etwas dagegen zu unternehmen.
Man kann versuchen, individuelle Unterlassungspflichten mit einer ethischen Theorie zu begründen. Der Utilitarismus schreibt vor, dass eine Handlung moralisch richtig ist, wenn sie den Gesamtnutzen maximiert. Nun bedeutet aber mein Verzicht auf den Strandurlaub einen grossen persönlichen Verlust, während der Nutzen bezüglich Klimawandel verschwindend klein ist und sehr wahrscheinlich niemals bemerkt wird. Somit kann mein Flug moralisch nicht verurteilt werden, denn es scheint, dass der Gesamtnutzen durch den Flug deutlich ansteigt.
Kann mir vielleicht der Kategorische Imperativ (KI) weiterhelfen? Dieser besagt, dass ich nach derjenigen Maxime handeln sollte, von der ich auch wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. (iii) Doch eine Handlung ist nicht per se schlecht, weil sie Emissionen verursacht und es folgen daraus auch keine irrationalen Konsequenzen. Schliesslich gehen fast alle unsere Handlungen mit der Entstehung von Emissionen einher: einen Kaffe trinken, Kleidung erwerben, das Haus heizen; und selbst essen und atmen. Viele dieser Handlungen können wir nicht unterlassen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder schlicht um zu überleben. Es kann also nicht richtig sein, diese Handlungen kategorisch abzulehnen, sondern man müsste sich eher die Frage stellen, inwiefern wir sie limitieren sollten. Hinzu kommt, dass ich mit der Produktion von Emissionen keine bösartigen Absichten hege und niemandem schaden will, sie sind bloss ein unerwünschter Nebeneffekt.
Man könnte sich auch vorstellen, den Fokus auf Charaktereigenschaften zu legen. Das Unterlassen von Handlungen die mit der Entstehung von Emissionen einhergehen, könnte als lobenswerte Eigenschaft betrachtet werden. Eine Person, die sich um das Wohl von anderen schert und integer leben möchte, wird somit einen Anreiz haben, ihren Beitrag zu leisten. Auch hier besteht jedoch das Inkonsequentialismus-Problem. Um dieses anzugehen, gibt es aber zum Beispiel eine Studie von John Nolt, die aufzeigt dass eine durchschnittliche nordamerikanische Person mit den Emissionen, die sie während ihres ganzen Lebens verursacht, zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat. (iv) Dies zeigt immerhin, dass der persönliche Effekt – wenn auch winzig – so doch nicht gleich null ist.
Es scheint relativ plausibel anzunehmen, dass ich als Individuum zumindest irgendwie moralisch mitverantwortlich bin für den Klimawandel. Mit diesem Artikel habe ich versucht zu zeigen, dass eine Begründung dieser Verantwortung aufgrund des Inkonsequentialismus-Problems aber nicht ganz einfach ist. Auch hoffe ich, dass ich einige Herausforderungen aufzeigen konnte, mit denen Philosophinnen und Philosophen im 21. Jahrhundert konfrontiert sind.
Quellen
- IPCC (2014): Climate Change 2014, Synthesis Report: Summary for Policymakers. Online: https://www.ipcc.ch/pdf/assessment-report/ar5/syr/AR5_SYR_FINAL_SPM.pdf [October, 21 2017].
- Sandler, Ronald (2010): Ethical Theory and the Problem of Inconsequentialism. In: Journal of Agricultural and Environmental Ethics, 23: 167-183.
- Kant, Immanuel (2004): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Jens Timmermann (Hg.). Vandenhoeck & Ruprecht.
- Nolt, John (2011): How Harmful Are the Average American's Greenhouse Gas Emissions? In: Ethics, Policy & Environment, Vol. 14, No. 1: 3-10.
Fragen an die Leserschaft
Gibt es eine kollektive Verantwortung? Inwiefern betrifft dies die Einzelperson?