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Halbzeit in Rio: Die olympischen Spiele in Rio sind Geschichte, die Paralympischen stehen noch aus (Start: 7. September). Dopingskandale, Betrug, unfaires Verhalten, aber auch Freudentränen, Begeisterung und neue Weltrekorde prägten diesen Sportevent. Grossanlässe wie die Olympiade in Rio de Janeiro (Brasilien) kosten viel Geld – die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf etwa 10.8 Mrd. Franken. Wie steht der finanzielle Aufwand dem Nutzen solcher Spiele gegenüber?
Ökologische Auswirkungen
Die olympischen Spiele in Rio sollen so nachhaltig wie möglich durchgeführt werden: So lautete das Ziel des über 100-seitigen “Sustainability Management Plan“ von Rio 2016.
“The Games must demonstrate that new standards of sustainability can be successfully adopted.”
Sustainability Management Plan: Rio 2016™ Olympic and Paralympic Games
Rund 3.6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente werden voraussichtlich verursacht. Dies entspricht den Emissionen von 64 Millionen Computern, gebraucht zu Bürozeiten, während eines ganzen Jahres. Die grössten Emissionen fallen durch den Flugverkehr der Zuschauer an. Die diesjährigen olympischen Spiele sollten aber gemäss eigenen Angaben knapp 20 % weniger Emissionen verursachen als Grossprojekte im selben Rahmen. Eine sorgfältige Planung, die Reduktion von emissionsreichen Materialien sowie das Verwenden alternativer Energien sollten dazu beitragen. Konkret heisst dies: Mehr vegetarisches Essen, Holz aus zertifiziertem Anbau, Biodiesel und Textilprodukte aus nachhaltiger Produktion. Ausserdem sollen 1.6 Millionen Tonnen beispielsweise durch Wiederaufforstungsprojekte im Regenwald kompensiert werden. Die Ansätze zur Verminderung sind lobenswert – der Ausstoss dennoch immens.
Nebst den hohen Treibhausgas-Emissionen lässt sich auch das Desaster der Guanabara-Bucht aufführen. Bei der Kandidatur 2007 wurde von Rio versprochen, die Bucht vor Abwässern und Abfall zu säubern. Von diesem Ziel ist Rio weit entfernt. Stattdessen wurden kurzfristige Lösungsansätze wie Schwimm-Barrieren und Reinigungsschiffe eingesetzt, um den grössten Müll abzufangen. Rio 2016 hätte eine Chance darstellen können, den Zustand der Bucht nachhaltig aufzubessern – diese wurde versäumt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist der Golfplatz im Naturreservat “Reserva da Marapendi“. Das Gebiet wurde 1991 zum Naturschutzgebiet erklärt. Darin lebten Kaimane, Wasserschweine und Gürteltiere. Für die olympischen Spiele mussten diese dem Rasenplatz weichen – obwohl die Stadt bereits über zwei grosse Golf-Anlagen verfügt. Doch die Anlagen befanden sich wohl nicht nah genug am olympischen Zentrum, und so liessen sich neu erbaute Luxusimmobilien attraktiv vermarkten.
Ökonomische Auswirkungen
Grossanlässe wie Rio werden gerne mit dem grossen wirtschaftlichen Nutzen propagiert. Fakt ist aber, dass viele Studien nur einen eingeschränkten wirtschaftlichen Nutzen aufzeigen.
Kurzfristig gesehen werden durch die olympischen Spiele zahlreiche Infrastrukturprojekte angestossen, welche nicht im selben Zeitraum realisiert worden wären: Strassenbau, Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel und Abwassersysteme. All diese Infrastrukturprojekte schaffen eine gute Auftragslage in der Baubranche und somit Arbeitsplätze.
In Bezug auf den Tourismus liess sich am Beispiel Londons sehen: Die Auslastung der Hotels war nur minim höher als in anderen Jahren. Während Kaufhäuser Umsatzeinbussen vermeldeten, konnten Restaurants und Clubs Steigerungen verzeichnen. Die Konzentration der Olympiade auf ein kleinräumiges Zentrum schränkte den Profit der lokalen Geschäfte ein und förderte den Umsatz der Grosssponsoren wie McDonalds oder CocaCola.
Gesellschaftliche Auswirkungen
Forscher, welche die Wirkung der olympischen Spiele in London ausgewertet haben, kommen zum Schluss, dass eine kurzfristige Erhöhung der Zufriedenheit der lokalen Bevölkerung mit den Spielen einherging. Gerade in Rio ist dies aber fraglich – wenn man die Abertausenden von Zwangsräumungen betrachtet (siehe Video). So wurden für die Infrastrukturprojekte ganze Siedlungen geräumt. Die Menschen wurden in Gebiete ausserhalb der Sichtweite der Touristen zwangsumgesiedelt.
Während ein Sportanlass zum Aushängeschild einer Stadt, einer Region oder eines ganzen Landes werden kann, zeigt er auch Missstände auf (siehe oben). Am Beispiel der Spiele in Sydney im Jahr 2000 zeigt sich wiederum, dass sich das internationale Ansehen der Stadt kaum verändert hat.
Zurück bleiben nach knapp vier Wochen Sportereignis riesige überdimensionierte Sportanlagen, welche wieder Abbau- oder Umbaumassnahmen erfordern, um sie für kleinere Events und Nutzungen zu adaptieren. Trotz mehrheitlich privater Finanzierung der Spiele musste die brasilianische Zentralregierung rund 815 Millionen Franken Finanzhilfe für den Bundesstaat Rio de Janeiro sprechen – Geld, welches auch anderswo hätte eingesetzt werden können.
Alles in allem bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Grossanlässe können eine Chance sein, sind aber auch eine Belastung für die Gesellschaft, fürs staatliche Budget und nicht zuletzt für die Umwelt.
Weiterführende Informationen/Quellen:
Rio 2016, Sustainability Management Plan
Rio 2016, Carbon Footprint Management Report
Nachhaltiger Sport, Nachhaltigkeitsstrategie der Olympischen und Paralympischen Spiele Rio 2016
Tagesspiegel, Golf statt Naturschutzgebiet