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13.März 2024/Stiftsschule Einsiedeln: In einem Vortrag informierte P. Thomas interessierte Lehrpersonen über seine vor kurzem abgeschlossene historische Forschung zu den Beziehungen des Hauses Hohenzollern zum Kloster Einsiedeln. Doch wie kam es dazu, dass das hohenzollersche Geschlecht in Kontakt mit Einsiedeln trat, eine jahrhundertelange Beziehung in Form von Briefen, Geschenken und Besuchen pflegte und inwiefern ist die These, dass der Hl. Meinrad selbst ein Hohenzoller war, glaubwürdig? Eine historische Perspektive.
Maria Egartner; Titelbild: Wilhelm II. von Hohenzollern, 1902; lizenzfreies Bild
Vorausgeschickt sei, dass die Hohenzollern seit dem 13. Jahrhundert in eine fränkisch bzw. später brandenburgisch-preussische (ab dem 16. Jahrhundert protestantische) sowie eine schwäbische (katholisch gebliebene) Linie geteilt ist, wobei zweitere sich ab 1576 zusätzlich in drei Zweige aufgliederte, wobei lediglich der Zweig Hohenzollern-Sigmaringen (heute nur „Hohenzollern“ genannt) bis heute besteht.
Gehen wir aber zurück in eben das 16. Jahrhundert, zeigt sich für Einsiedeln als auch für die Hohenzollern eine ähnliche Situation: Einsiedeln hatte 1526 mit einem einzigen (86jährigen) Mönch den Tiefststand an Mönchen in seiner Geschichte erreicht und blühte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts neu auf. Auch die schwäbischen Hohenzollern kamen zur selben Zeit zu neuen Kräften und machten sich in Hinblick auf die sich abzeichnende Erbteilung auf die Suche nach ihrer eigenen Geschichte und Identität. In diesem Kontext entstand der Mythos vom Hl. Meinrad als Spross ihrer Familie. Ein Basler Humanist half 1576 dabei mit, indem er mit viel Fantasie einen historisch nicht belegten Stammbaum rekonstruierte, in den er eben den hl. Meinrad einfügte.
Briefe, Geschenke, Besuche
Während das Interesse Einsiedelns an den Hohenzollern im 16. Jahrhundert noch mässig ausgeprägt war, so stieg es aber im 17. Jahrhunderts auch von Seiten Einsiedelns und die Beziehung intensivierte sich. So besuchte etwa Fürstin Anna Maria von Hohenzollern- Sigmaringen 1681 Einsiedeln, betete vor der Schwarzen Madonna und nahm, wie eine Quelle erzählt, auch einige kulinarische Geschenke entgegen.
Im Tagebuch von P. Joseph Dietrich (1645-1704) heisst es über den Besuch von Fürstin Anna Maria (1613-1682) vom 28.-30.Juni 1681: „Ist angelangt Ihro Fürstl. Gnaden Fürstin von Zimmeringen (=Sigmaringen), hat ihre Einkehr bey dem weissen Wind (=Name einer Gaststätte ) genommen , und folgenden Morgen ihre Andacht gegen der jungfräulichen Einsiedlischen Mutter eyfrig verrichtet (…).“KAE, A.HB.3; S.106
Über den Besuch der Familie Hohenzollern 1859 ist zu lesen:
“Am Morgen (…) langte die ganze erlauchte Familie, Fürst, Fürstin, Erbprinz Leopold, die Prinzen Karl, Anton und Friedrich und Prinzessin Maria hier an. Sofort begaben sie die hohen Pilger in die Gnadenkapelle, wo Abt Heinrich für sie das hl. Messopfer darbrachte. Der Kelch, dessen er sich dabei bediente, war ein älteres Hohenzollernsches Weihegeschenk. Nach der hl Messe erteilte der Abt mit dem Haupte des hl. Meinrad den Segen.”
Quelle: Odilo Ringholz, Das erlauchte Haus Hohenzollern und das Fürstliche Benediktinerstift U.L. Fr. Zu Einsiedeln in ihren gegenseitigen Beziehungen, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde; in: Hohenzoller 32 (1898/99), Separatdruck, S.32f.)
Es sollten weitere Besuche folgen, vor allem aber pflegte man den Kontakt mit Briefen, etwa Kondolenzbriefen beim Tod eines Abtes oder gegenseitigen Weihnachtsgrüssen. Bis 1955 ist dieser Briefwechsel im Archiv dokumentiert. Auch der Austausch von Geschenken ist vor dem Hintergrund dieser Beziehungspflege zu verstehen. So schenkten die Hohenzollern dem Kloster Einsiedeln etwa aufwändige Messgewänder, Messkelche, einen türkischen Hengst, Kleider für die Schwarze Madonna, ein Hohenzollern-Hochzeitskleid, das zu priesterlichem Ornat umgeschneidert wurde, oder auch Gemälde. Von Fürst Karl Anton wurde ein Bildnis seiner selbst gestiftet, das im Fürstensaal (heute „Grosser Saal“) neben anderen Fürstenportraits aufgehängt wurde. Der Saal sollte damals also die „guten Beziehungen“ des Klosters und damit seine Bedeutung repräsentieren.
1798 kam beim Franzoseneinfall in Einsiedeln zwar ein Gutteil dieser Geschenke abhanden, jene ab 1798 sind aber erhalten, etwa ein 1909 gespendetes Kleid für die Madonna und aus der vor-französischen Zeit ein Kelch aus dem Jahr 1615.
Einsiedeln wiederum schenkte vor allem „immaterielle“ Güter, mitunter auch Reliquien, vor allem aber die Teilhabe an den „guten Werken“ (communicatio bonorum operum), die zuletzt 1961 zum 1100. Todestag des Hl. Meinrad den Hohenzollern noch einmal erneuert wurde.
Auch in der Namensgebung zollte man sich gegenseitig Respekt: Drei Novizen erhielten im Jahr 1861 vom Abt Namen aus der Tradition der Hohenzoller und hiessen fortan Fr. Wilhelm, Fr. Leopold und Fr. Berthold. Auf Seiten der Hohenzollern nannte etwa Kaiser Wilhelm seine Söhne Wilhelm Benedikt und Ferdinand Meinrad. Auch so mancher Sohn von Freunden der Hohenzollern fand seinen Weg in die Stiftsschule.
Meinradsverehrung der protestantischen Hohenzoller
Ein Höhepunkt der Meinradsverehrung kann im 19. Jahrhundert auf Seiten des schwäbischen Zweigs in Form der Errichtung eines gemalten Meinradzyklus in der Grablegekirche der Familie im Jahr 1861 zum Ausdruck. Doch auch in der protestantischen Linie der Hohenzoller wurde der Hl. Meinrad und mehr noch die benediktinische Tradition im 19. Jahrhundert neu entdeckt.
Friedrich Wilhelm IV., preussischer König und begeisterter Historiker, schickte etwa eine Delegation nach Einsiedeln, um die dortigen Archive zu studieren. Vor allem aber zeigte man sich begeistert über den Fleiss und die Intellektualität der Benediktiner, was die preussischen Hohenzoller fortan dazu motivierte, auch in ihren Landen das benediktinische Mönchtum zu fördern. Es entstanden die Benediktinerklöster Beuron, Maria Laach und auch die Dormitio in Jerusalem. Dem Wunsch, Einsiedler Mönche nach Berlin zu holen, konnte der damalige Abt allerdings nicht entsprechen.
Als sein Nachfolger Wilhelm I. Kaiser geworden war, schrieb ihm der Abt von Einsiedeln und griff den Kontakt weiter auf. Das Anliegen Einsiedelns: Der Kaiser sollte vor allem vor dem Hintergrund des Kulturkampfes auch auf die Kirche schauen.
Auch Wilhelm II. nahm sich der preussischen Katholiken an und organisierte sie in Berlin im „St. Meinrads-Verein“ und erreichte damit, die Katholiken besser ins Reich zu integrieren. Die Legitimation für dieses für Protestanten ungewöhnliche Bestreben konnte durch den Bezug auf die familiäre Verbindung zum Hl. Meinrad erreicht werden.
Die Katholiken ihrerseits zeigten sich dankbar: Eine Karte aus dem Ersten Weltkrieg zeigt in diesem Zusammenhang auch Kaiser Wilhelm II. mit ernstem Blick vor dunklem Hintergrund. Auf der Rückseite: Handschriftliche Zeilen mit einem Bittgebet an die Mutter Gottes von Einsiedeln, den Kaiser in diesen stürmischen Zeiten zu schützen.
Gibt es auch einen Gegenwartsbezug?
Hat diese historische Forschung auch einen Gegenwartsbezug? Für P. Thomas, seines Zeichens Historiker und Schulseelsorger der Stiftsschule, ist die Untersuchung dieser Beziehung vor allem wissenschaftlicher Natur. Sie bietet Einblick in die Diplomatie zwischen Herrscherhäusern und Klöstern in früheren Jahrhunderten und veranschaulicht den Prozess der Mythenbildung, in dem der Mythos fast ebenso wirkmächtig wie historische Fakten sind. Spannend ist dabei vor allem die Neuannäherung im 19. Jahrhundert, die tatsächlich durch eine reale Begegnung von Vertretern der Familie mit (fleissigen) Benediktinern zustande kam und zu einer Annäherung führte. Eine Erneuerung der diplomatischen Beziehung ist derzeit jedenfalls nicht auf der Agenda von Einsiedeln, ein wissenschaftlich-historischer Austausch könnte aber durchaus gegenseitig bereichernd sein.