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Spiritueller Impuls – Die Reise der Heiligen Familie nach Ägypten
«Steh auf, Josef, und flieh»
Am 24. des koptischen Monats Bashon – nach dem gregorianischen Kalender der 1. Juni – feiert die koptische Kirche die Ankunft unseres Herrn und Heilands, Jesus Christus, in Ägypten. In der Bibel berichten die Evangelisten Mätthaus und Lukas über die Kindheit Jesu. Lukas schreibt über die Darbringung im Tempel, 40 Tage nach der Geburt, und die Begegnung mit dem greisen Simeon und der Prophetin Anna. Danach kehren die Eltern mit Jesus nach Nazareth zurück.
Matthäus erzählt im Kapitel 2, 13–15:
Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Der zornige Herodes lässt nun in Bethlehem und Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten. Über die Zeit und was die heilige Familie in Ägypten gemacht hat, berichtet Matthäus nichts, sondern fährt gleich mit der Rückkehr der Heiligen Familie von Ägypten nach Israel fort (Mt 2, 19-21):
Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf Josef, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.
Den ägyptischen Christinnen und Christen bedeutet der Aufenthalt von Jesus mit seiner Familie in ihrem Land sehr viel. An den Orten, die nach mündlicher Überlieferung durch den Aufenthalt der Heiligen Familie gesegnet wurden, wurden Kirchen und Klöster errichtet. Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, baute nicht nur in Jerusalem und Bethlehem Kirchen, sondern auch an verschiedenen Orten im Niltal, wo die heilige Familie sich aufgehalten hatte. Das Nonnenkloster St. Georg in Alt-Kairo hat 2016 die verschiedenen historischen Quellen in einem Buch «The Journey of the Holy Family to Egypt» mit reichen Illustrationen zusammengetragen.
Das erste Ziel der Flucht Josefs war demnach die Festung Babylon im heutigen Alt-Kairo. Dort lebten Verwandte der Familie Jesu unten den zahlreichen Jüdinnen und Juden um die nun Ben Ezra genannte Synagoge. Auf dem Weg vom Nord-Sinai durch das Nil-Delta musste Josef mit Maria und Jesus auf dem Esel mehrfach die Richtung ändern, um den Soldaten von Herodes auszuweichen. Die Bevölkerung verjagte sie, weil die Götterbilder in den Tempeln angesichts des
Jesuskindes zerbarsten, wie in Tel-Basta die Statuen der katzenköpfigen Bastet.
Über dem Raum, wo sich die Heilige Familie in Alt-Kairo mehrere Tage aufgehalten haben soll, wurde die Sergius und Bacchus-Kirche errichtet. Im südlichen Vorort von Kairo, Maadi, bestiegen die drei ein Segelboot, um nach Süden zu gelangen.
Am längsten – nämlich sechs Monate und zehn Tage – soll sich die heilige Familie in Oberägypten aufgehalten haben, wo heute das Moharraq-Kloster in der Nähe von Assiut steht. Dort soll Josef im Traum nach einer frühchristlichen Tradition vom Engel zur Rückkehr aufgefordert worden sein.
Gemäss dem Manuskript von Patriarch Theophilus aus dem 4./5. Jahrhundert dauerte die Reise insgesamt drei Jahre und sechs Monate. Auf den Spuren der Heiligen Familie hat die ägyptische Tourismusbehörde heute verschiedene Pilgerorte renoviert und für den Empfang von Touristinnen und Pilgern hergerichtet.
Hans Rahm