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An den Olympischen Spielen 2021 in Tokio brillierten die Schweizer Kunstturner im Team-Wettbewerb mit dem 6. Platz. Vom damaligen Quartett ist einzig Baumann in Belgien dabei. Pablo Brägger ist zurückgetreten, Benjamin Gischard verletzte sich Anfang September an den Schweizer Meisterschaften in Glarus schwer am Knie, und der mit Rückenproblemen kämpfende Eddy Yusof wurde nicht berücksichtigt.
Auch Baumann, der schon 2016 in Rio de Janeiro zum Schweizer Olympia-Team gehört hatte, schlug sich in den letzten beiden Jahren mit Verletzungen herum. Im November 2021 musste er sich am linken Ellbogen operieren lassen, elf Monate später am linken Handgelenk. Da die EM im April in Antalya noch zu früh kam, bestreitet er seinen ersten Grossanlass seit zwei Jahren. Insgesamt ist es für ihn die siebente WM-Teilnahme. «Es bedeutet mir sehr viel, wieder im Team zu sein», sagt Baumann im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Seine erste WM bestritt der 28-jährige Aargauer vor zehn Jahren ebenfalls in Antwerpen. «Damals hatte ich keine Erwartungen und wusste nicht, wo ich stehe. Ich genoss den Wettkampf einfach», blickt er zurück. «Nun geht es um etwas.» Baumann turnt in der Qualifikation am Sonntag an vier Geräten, am Barren, Pauschenpferd, Reck und an den Ringen.
Eigenes Element am Barren
Am Barren ist er mit Silber 2015 und Bronze 2021 zweifacher EM-Medaillengewinner, am Pauschenpferd gewann er 2016 wie auch mit dem Team EM-Bronze. An ersterem Gerät gibt es seit April 2017 gar ein nach ihm benanntes Element, eine Riesenfelge mit einer Dreiviertel-Drehung auf einen Barren-Holmen, gefolgt von einer Dreiviertel-Drehung in den Stütz. «Es war nichts komplett Neues, ich verband zwei Elemente miteinander», sagt Baumann. «Ich fragte mich, warum das noch nie jemand gemacht hatte, und versuchte es im Training.»
In der Folge meldete er es kurzfristig für den Weltcup in Doha an, da er nicht wollte, dass ihm einer zuvorkommt. «An eine WM wäre ich damit noch nicht gegangen», so Baumann, der zwei Anläufe benötigte, ehe es funktionierte. «Es ist schon speziell, wenn etwas nach dir benannt ist. Das macht mich stolz.»
Zu viel Energie als Kind
Baumann begann mit fünf Jahren mit Kunstturnen, das ein Kollege seines Vaters ausübte. «Ich hatte als Kind zu viel Energie, bin immer überall hochgeklettert und fand, ich probiere es mal. Zu Beginn gefiel es mir nicht besonders gut, ich hatte mir etwas anderes darunter vorgestellt», erinnert sich Baumann. Mit der Zeit änderte sich das, auch weil er immer wieder neue Freunde kennenlernte.
Seit 2014 gehört er dem Nationalteam an, das in Magglingen trainiert. «Am Anfang war es aufregend, da ich erstmals von zu Hause weg war. Nun ist es zur Routine geworden», sagt Baumann. Nach dem KV-Abschluss und erledigter Berufsmatur startete er ein Informatikstudium, das er nach einem Jahr abbrach. «Es wurde mir zu viel mit dem Turnen.» Zunächst genoss er es, sich nur auf den Sport zu konzentrieren, da es ihm einfach fällt abzuschalten. Seit diesem Sommer absolviert er nun aber eine Online-Weiterbildung für Webdesign. «Mit der Zeit merkte ich, dass es gut wäre, den Kopf auch noch für etwas anderes zu nutzen.»
Volles Vertrauen in alle
Nun gilt sein ganzer Fokus aber der WM. Gehören die Schweizer Männer in der Qualifikation zu den besten zwölf Nationen, sind sie im kommenden Jahr in Paris zum dritten Mal in Folge an Olympischen Spielen im Team-Wettkampf dabei. Baumann freut sich sehr auf seinen ersten Grossanlass vor Publikum seit der WM 2019. Zwar ist er ein introvertierter Typ, er liebt es jedoch, vor vielen Zuschauern anzutreten. «Das gibt mir sehr viel Energie.»
Was macht Baumann zuversichtlich, dass das Team das Olympia-Ticket löst? «Wir sind als Mannschaft stark. Ich habe in alle volles Vertrauen. Ich denke, unsere Chancen stehen gut.»