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Die Zimmermania und die Vorgängerbauten an deren Stelle haben, untypisch für die Berner Altstadt, nichts mit dem Mittelalter zu tun; da gab es nur die Häuser auf der Aussenseite (Nordseite) der Brunngasse.
An der Innenseite der Brunngasse befanden sich jahrhundertelang nur Gärten, kaum Bauten. Noch auf dem Brennerplan von 1757 gibt es kein Haus an der Ecke Brunngasse/Schlossergässchen; nur weiter innen am Schlossergässchen hat es eine Baute, die 1835 bei einer Handänderung als „Remise mit Stall, Höfli und Baugrube“ (Mistplatz) beschrieben wird.
Auf alten Stadtplänen sieht man, dass zuerst nur die äussere Häuserreihe der Brunngasse gebaut wurde. Von der Innenseite bis zu den Rathausgasse-Häusern erstreckten sich Gärten. Die nach und nach entstehenden Bauten waren grossenteils Ställe, Werkstätten, Schuppen, Gartenhäuschen (der Buchantiquar Alexander Wild, der bis zu seinem Tod 2015 an der Brunngasse/Rathausgasse lebte, bezeichnete die Zimmermania lächelnd als „spätbarockes Gartenhäuschen“). Erst im 19. Jahrhundert ergab sich nach und nach eine fast durchgehende Bebauung auf der Innenseite. Die letzten „störenden“ Bauten Brunngasse 13 und 15 (ein querstehendes niedriges Walmdachhaus, ein Innenhof mit offenem Zugang zur Gasse und anderes „Unpassendes“) wurden erst 1976 abgerissen und durch ein Doppelhaus, das die Gassenlinie schliesst, ersetzt.
Die Brunngasse hat ihren Namen vom Stettbrunnen hinter dem Alten Schlachthaus (unten an der Treppe, die aus der untern Kurve der Brunngasse zur Schüttestrasse führt).
Sie wird zum ersten Mal im Jahr 1349 urkundlich erwähnt („vicus fontis“). Die deutsche Bezeichnung „Brungass“ erscheint in einer Urkunde von 1360 erstmals.
Von 1316 bis ins 16. Jahrhundert befand sich am westlichen (oberen) Ende das St. Jakobsspital, eine „Elendenherberge“ für Arme. Ebenfalls weit oben, in der heutigen Nr. 70, war 1537-47 die erste Berner Druckerei, geführt von Matthias Apiarius. In der Nähe hatte der Maler Sigmund Holbein (Bruder von Hans Holbein dem Älteren) sein Atelier.
In der oberen Brunngasse befanden sich im 17. und 18. Jahrhundert die ersten Mädchenschulen Berns und die Obrigkeitliche Salzkammer.
1839 wurde im Neubau Brunngasse 66/Grabenpromenade 3 das Brunngassschulhaus eingeweiht. Dort war die Burgerliche (ab 1852 Städtische) Realschule einquartiert, später auch andere Schulen, insbesondere ab 1922 die Städtischen Zeichenklassen.
1853 wurde in einem Neubau an der obern Brunngasse die Akademische Entbindungsanstalt eingerichtet. Um sie herum entstand ein Wohnquartier namhafter Hochschullehrer.
In neuerer Zeit hatte die Brunngasse einen ähnlichen Ruf wie die Metzgergasse (Rathausgasse) als Rotlichtviertel. Aber in den 80er Jahren zogen die letzten Sexarbeiterinnen aus.
Um die Jahrtausendwende hat die Städtische Liegenschaftsverwaltung ihre lange vernachlässigten Häuser an der obern Brunngasse saniert, was zu einer bestimmten „Gentrifizierung“ führte. Die vorherigen Mieter konnten die neuen Mietzinse nicht bezahlen. So wohnte 2003 bis 2007 Bundesrat Blocher im Haus Nr. 58, am Klingelschild als „I. Horna“ angeschrieben. Blochers Wohnungsnachfolger war Nationalrat Toni Brunner.
1842 wird das Gebäude zu einem Wirtshaus umgebaut: ein Steinbau bis an die Brunngasse. Der erste Wirt, der bereits dort lebende Lohnkutscher und Artillerist Friedrich Zimmermann, gibt dem Lokal den Namen Zimmermania. Er selbst erhält bald den Übernamen „Czaar“ (die Idee dazu kam anlässlich der Erstaufführung von „Zar und Zimmermann“ in Bern). Eine Zeichnung von H. Meyer aus dem Jahr 1851 zeigt ihn als wohlbeleibten ansehnlichen Bürger; sie hängt bis heute im vorderen Raum des Restaurants.
Die Zimmermania wurde sogleich das Stammlokal der damaligen Progressiven, dh. der jungen Radikalen (Freisinnigen), die bei Prof. Wilhelm Snell studiert hatten oder noch studierten. Es darf behauptet werden, dass die neue Staatsverfassung Berns von 1846 mindestens teilweise in der Zimmermania entstanden ist, da deren Hauptverfasser, der junge Fürsprech Jakob Stämpfli, meistens nicht in seinem Büro, sondern in der Zimmermania anzutreffen war.
Dr. Christoph Blocher hatte zu seiner Bundesratszeit (2003-2007) im Haus Brunngasse 58 eine 3-Zimmer-Wohnung. Auf dem Klingelschild stand „I. Horna“, was ein wenig lächeln liess. „I horne“ bedeutet etwa „i heepe“, „i rüefen uus“, „i mache luti Tön“; ab Dezember 2007 kam vielleicht auch die Nebenbedeutung „i gränne“ zum Tragen. Blocher war nicht Stammgast in der Zimmermania. Dafür fuhr zu seiner Zeit stündlich ein Polizeiauto („Botschaftsschutz“) langsam durch die Brunngasse.
Die Bernische Staatsverfassung von 1846 soll grossenteils in der Zimmermania entstanden sein. Der Jurist Jakob Stämpfli, seit 1840 Mitglied der Helveter, war mit andern jungen Radikalen Stammgast in der Zimmermania und übte seine Bürotätigkeiten zu einem guten Teil dort aus. Er war Sekretär des Berner Verfassungsrates. Der 26jährige war federführend beim Ausarbeiten der neuen Verfassung. Er war verheiratet mit Susanne Snell, Tochter des radikalen Professors Wilhelm Snell. Als Tagsatzungsdelegierter Berns wurde er Mitglied der Kommission, die die Eidgenössische Verfassung von 1848 ausarbeitete.
Stämpfli war 1846-50 Regierungsrat, 1848-54 und 1863-79 Nationalrat, 1855-63 Bundesrat, immer für die Radikalen (Freisinnigen). Als Berner Finanzdirektor ersetzte er die alten Feudalabgaben durch eine allgemeine Einkommenssteuer. Im Gegensatz zum wirtschaftsliberalen Flügel der Freisinnigen (Escher ua.) setzte er sich für die staatliche Eisenbahn ein.
Den politischen Gegnern der Radikalen galt die Zimmermania als Brutstätte des Übels. Der Konservative Karl Howald, Pfarrer am Inselspital und Sekretär der Bibelgesellschaft, bezeichnet sie als Kneipe der liederlichen und ausschweifenden Burschen und lässt auf seinem Bild der Zimmermania (1848) zwei Betrunkene im Vordergrund auf der Strasse liegen.
Die Restauration brachte 1815 die alte Garde an die Macht. Bern bekam eine Art konstitutionelle Aristokratie. Die städtischen Gewöhnlichen und die Bewohner der Landgebiete waren hintangesetzt. In den Landstädten, besonders in Burgdorf, formierte sich die liberale Opposition. An einer Volksversammlung 1831 in Münsingen stellten die Brüder Hans und Karl Schnell aus Burgdorf ein politisches Programm auf, das in der Forderung nach einer neuen Staatsverfassung gipfelte. Die Regierenden (Schultheiss, Kleiner Rat, Grosser Rat) verzichteten auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Stellung, sie traten zurück. Die Aristokratie war definitiv abgeschafft.
Die Liberalen wurden manchmal die „Schnellenpartei“ genannt. Die Brüder Schnell kämpften zunehmend gegen die Brüder Snell, die ihnen zu radikal waren.
Die Brüder Schnell werden heute noch beim Jassen erwähnt: wenn das Nell, die zweithöchste Trumpfkarte, gespielt wird, brummt gelegentlich einer etwas wie „Da chunnt ja no der Schnäll vo Burdlef“.
Wilhelm und Ludwig Snell mussten wegen demokratischer Umtriebe aus Nassau emigrieren und wurden in der Schweiz aufgenommen. Der Flüchtling Wilhelm Snell wurde 1834 der erste Rektor der eben gegründeten Universität Bern.
Für die Radikalen wie Wilhelm und Ludwig Snell ging die liberale Revolution von 1831 zu wenig weit. In der Verfassung von 1831 hatte das Volk keinen direkten Einfluss auf die Gesetzgebung und die Regierungsgewalt. Die Gemeinden wählten auf je 100 Einwohner einen Wahlmann. Die Wahlmänner eines Amtsbezirkes bildeten je eine Wahlversammlung, welche erst die Vertreter in den Grossen Rat zu wählen hatte, aber bloss fünf Sechstel des Grossen Rates, der selber 40 von 240 Mitgliedern ernannte. Aktives und passives Wahlrecht waren noch an ein nicht unansehnliches Vermögen von 500 respektive 5000 Franken gebunden.
Die Brüder Snell wurden die schärfsten Kritiker der Berner Regierung. Sie forderten „One man, one vote“, wie man später sagte. Stimmberechtigt und wahlfähig wurde nach der Verfassung von 1846 (weitgehend von Wilhelm Snells Schwiegersohn Jakob Stämpfli in der Zimmermania verfasst) jeder Bürger des Kantons, ohne Vermögensvorbehalte. Die Wahlen waren nun direkt, ohne dazwischengeschaltete Wahlmänner. Dazu kamen die Verfassungsinitiative bzw. das Gesetzesreferendum, und neben den schon 1831 postulierten Freiheitsrechten (Glaubensfreiheit, Lehrfreiheit, Pressefreiheit, persönliche Freiheit, Petitionsfreiheit, Gewerbefreiheit, Niederlassungsfreiheit) auch die Kultusfreiheit und Vereinsfreiheit.
Die radikale Studentenverbindung der Helveter ernennt 1861 die Zimmermania zu ihrem Stammlokal. Nach dem Tod des „Zaren“ kauft die Witwe 1862 die Wirtschaft. 1864 wird das Haus zur heutigen Form mit den zwei parallelen Firsten ausgebaut. Die Front zur Gasse ist nun doppelt so breit. 1868 erwirbt der Bierbrauer Ludwig Baumeister (früher Brauerei zum Maulbeerbaum am Hirschengraben) das Haus und setzt neue Pächter ein. 1872 setzt er durch, dass nur noch das „Beeri-Bier“ seiner Brauerei ausgeschenkt wird. Das hat zur Folge, dass die Helveter wegen „gänzlicher Abwesenheit von trinkbarem Bier“ in ein anderes Stammlokal ausziehen. Damit verliert die Zimmermania ihre Bedeutung. Sie wird eine einfache Altstadtwirtschaft.
Von 1939 bis zu seinem Tod 1964 führte Marcel Biland die Zimmermania. Sein Schwiegervater hatte seinen verwaisten Hof verkauft und damit die Zimmermania erstanden. Ohne Wirtesonntag oder Wirteferien bediente Biland Altstadtbewohner, Dienstkollegen, Theaterleute, Italiener, Landleute, den Jodlerclub „Berner Oberland“, aber auch den Stadtpräsidenten oder den Münsterpfarrer Tenger mit einem Bundesrat. An den Wochenenden spielte eine Musikkapelle, an Silvester wurde durchgefeiert, sogar an Weihnachten war in den ersten Jahren offen. Als früherer Schwinger bekam er auch von Schlägern Respekt. Er war weitherum bekannt. Reich wurde er nicht, er war vielleicht zu grosszügig. Zwei seiner drei Kinder verlor er: eine Tochter als Zweijährige, den Sohn mit 10 Jahren. Seine Frau starb schon 1951.
Die Tochter Sonja Biland wollte selber nicht wirten; aber die Zimmermania sollte weiterbestehen, obwohl die Philanthropische Union unbedingt das Patent übernehmen wollte. Es mussten zunächst neue Auflagen erfüllt werden (Klärgrube, WC ins Untergeschoss verlegen, Keller vergrössern und andere teure Umbauten).
Sonja Biland engagierte als neuen Pächter den Sohn des „Tübeli“-Wirtes: René Leuenberger, der für Marcel Biland fast wie ein Sohn gewesen war. René Leuenberger führte die Zimmermania im alten Stil als volkstümliche Wirtschaft weiter, bis 1990. Er beliess alles beim alten, zB. die Gantrischbilder von Franz Schöni, die Marcel Biland dem Maler aus Gutmütigkeit abgekauft hatte. René Leuenberger starb 1999 und wurde im Familiengrab der Biland beigesetzt.
1990-2005: drei verschiedene Wirte(paare). Seit 2005: Janine Mangiantini. Bringt sie es auf 25 Jahre? Gourmets und Nachbarn hoffen es.
Zum Glück wird sie nicht verändert. So kann sie 1972 problemlos als schönes Lokal im „Dällebach Kari“- Film dienen (die Szene mit der versenkbaren Nähmaschine). Bei der umfassenden Renovation des Hauses 1982 wird das berühmte Cachet des Restaurants erhalten: Raumeinteilung, Windfang, Deckenglas, Täfer, Farben bleiben, die Art des Mobiliars wird beibehalten; der uralte Helvetertisch aus dem Estrich wird restauriert und bekommt seinen Ehrenplatz; an den Wänden hängen Fotos und Zeichnungen aus früheren Zimmermania-Zeiten.
Im vorderen Raum sieht man an der linken Wand zwei Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert: rechts posiert der „Czaar“, der erste Wirt der Zimmermania, und links Ludwig Baumeister, der Brauer des „Beeri-Biers“, der dreissig Jahre später Besitzer der Zimmermania war. Dazwischen eine Foto aus den vierziger Jahren: Marcel und Frieda Biland hinter der Theke.
An der gegenüber liegenden Wand sieht man den älteren, nicht mehr schlanken Marcel Biland bei einem Händedruck mit dem Präsidenten des Metzgergasse/Brunngasse-Leistes (Hafner Zulliger). Auf zwei weiteren alten Fotos daneben entdeckte die aktuelle Wirtin den Hans Gilgen, seinerzeit Knecht bei ihrem Grossvater in Gümligen, der jeden Sonntag schön gsunndiget mit gestärktem Hemd und schwarzem Knopf nach Bern ging, unter anderem, was sie nicht wusste, offenbar auch in die Zimmermania.
Von 1990 an entwickelt sich die Zimmermania von der einfachen Gastwirtschaft zu einem gehobenen Gastrobetrieb. Nach mehreren nur kurz amtierenden Wirten oder Wirtepaaren übernimmt 2005 Janine Mangiantini das Bistrot und führt es bis heute auf sehr sympathische Weise als Gourmet-Tempel und zugleich Quartier-Bistrot weiter.
Ich mag den Charme des Zimmermanias. Durch die Lage und die Einrichtung findet man sich irgendwie in eine frühere Zeit zurückversetzt. Das Essen hingegen ist alles andere als von Gestern. Die Karte ist übersichtlich. Der Tagesteller ist ausgezeichnet. Der Preis ist fair. Das Ambiente einmalig in Bern.