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Was würden Sie wählen – Freiheit oder Wohlstand?
Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg war klar: Demokratie bringt Wohlstand. Im Westen wussten die Menschen: Es ist die Freiheit, welche dazu führt, dass sie Arbeit haben, Geld verdienen und glücklich sind. Mittlerweile ist das nicht mehr so selbstverständlich. Zum einen zeigt China der Welt, dass es Wohlstand auch ohne Freiheit gibt, zum anderen merken viele Menschen im Westen, dass der Wohlstand auch ein Gefängnis sein kann. So wenig Freiheit automatisch zu Wohlstand führt, so wenig bedeutet Wohlstand automatisch Freiheit.
Jeden Morgen versuche ich, einen Gedanken in vier Zeilen zu packen. Meistens sind es Ideen, die mich beim Lesen oder Hören von Nachrichten streifen.[1] Diese Woche war das World Economic Forum in Davos der Auslöser dafür, dass ich begonnen habe, über unseren Wohlstand nachzudenken. Nicht wirklich systematisch, mehr so beiläufig, beim Joggen am Morgen, auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, wenn die Gedanken zu wandern beginnen. Daraus sind zwei #Morgenstund-Sätze entstanden:
Wenn die Menschen wählen müssten
Zwischen Wohlstand und Demokratie,
Würden sie wahrscheinlich
Wohlstand wählen.
Und am Tag darauf aus einer anderen Perspektive als Frage formuliert:
Was würden Sie wählen,
Wenn Sie sich zwischen
Freiheit und Wohlstand
Entscheiden müssten?
Die Frage hat einige Kommentare in den sozialen Netzen ausgelöst. Ganz offensichtlich irritiert es viele Menschen, wenn die Kombination von Freiheit und Wohlstand hinterfragt wird. Wir, und das meint: wir Westeuropäer, wir Schweizerinnen und Schweizer, wir haben uns an zwei Glaubessätze gewöhnt: Erstens gilt Freiheit als Voraussetzung für Wohlstand – und zweitens sind wir der Überzeugung, dass Wohlstand frei macht. Spätestens seit dem Wirtschaftsboom in den fünfziger Jahren wurden uns beide Glaubenssätze mit der Muttermilch eingeflösst. Mittlerweile sind aber beide Sätze ins Wanken gekommen.
Freiheit als Voraussetzung für Wohlstand
1945 haben die Alliierten den europäischen Kontinent befreit und die Nazi-Diktatur vernichtet. Europa lag am Boden, die Städte waren zerbombt, die Produktionsanlagen zerstört. Deshalb verabschiedete der amerikanische Kongress am 3. April 1948 das European Recovery Program, besser bekannt unter dem Namen seines Erfinders, des amerikanischen Aussenministers George C. Marshall. Im Rahmen des Marshallplans unterstützten die Amerikaner die europäische Wirtschaft mit Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren. Mit Erfolg: Es kam zum Wirtschaftswunder, zu einem lange anhaltenden Wirtschaftswachstum, zu einem Boom. Seither ist im Westen klar: Freiheit bringt Wohlstand. Freiheit meint in diesem Zusammenhang die Kombination aus Demokratie und Marktwirtschaft. Der «Beweis»: den kommunistischen Diktaturen im Osten ging es wirtschaftlich schlecht. So schlecht, dass die Menschen sich gegen ihre Regierungen erhoben.
Doch dieses Bild hat sich gewandelt. Immer mehr Menschen im freien Westen haben das Gefühl, dass sie an Ort treten. Ein Beispiel dafür ist eine Analyse von Christoph Koellreuter. Wenn man die Menschen in der Schweiz nach der Höhe ihres Einkommens in zehn Gruppen (Dezile) unterteilt und die Höhe des Einkommens in einem Säulendiagramm darstellt, entsteht (logischerweise) eine ansteigende Treppe. Rechnet man jedoch die staatliche Umverteilung durch Steuern und Abgaben einerseits und durch Unterstützungen andererseits dazu, sieht das Bild anders aus: Das tatsächlich verfügbare Einkommen der ersten sechs (!) Dezile unterscheidet sich kaum.[2] Die Folge: Im unteren bis mittleren Mittelstand lohnt sich Anstrengung nicht – die Menschen haben das Gefühl, an Ort zu treten.
Schlimmer noch: Das vorherrschende Gefühl ist nicht mehr Freude auf einen möglichen Aufstieg, sondern Angst vor dem Abstieg. Gleichzeitig geht es zum Beispiel in China immer mehr Menschen immer besser. Die chinesische Wirtschaft wächst, auch in China gibt es heute viele Milliardäre. Laut dem «Global wealth report» der Credit Suisse ist China heute mit über 4,4 Millionen Vermögensmillionären hinter den USA das Land mit den meisten Millionären[3]. Aus der einstigen kommunistischen Diktatur mit Einheitskleidern und einer Schale Reis ist ein Land geworden, in dem die Menschen zwar nach wie vor nicht frei sind, aber durchaus wohlhabend werden können (wenn sie sich an die Regeln halten, die der Staat vorgibt). Ähnlich ist es in Russland, Ungarn oder Polen. Im persönlichen Gespräch habe ich auch schon Menschen sagen hören: Was bringt mir diese Abstimmerei bei uns, wenn ich keine Stelle finde? Mit anderen Worten: Immer mehr Menschen glauben nicht mehr an die Gleichung «Freiheit gleich Wohlstand».
Wohlstand macht frei – wirklich?
Und auch die umgekehrte Gleichung ist in den letzten Jahren ins Wanken gekommen. Mit dem Wohlstand kommt nicht automatisch Freiheit. Das war in den letzten Jahren vielleicht eines der Schlüsselerlebnisse von Menschen, die dem so genannten Mittelstand zugeordnet werden. Das hat verschiedene Ursachen. Ein Grund ist sicher das Gefühl, an Ort zu treten – was wiederum mit den steigenden Gebühren und Abgaben zu tun hat. Jedes Jahr steigen die Krankenkassengebühren. Man ist in einem Hamsterrad eingesperrt, rennt immer schneller, Ende Jahr ist das Ergebnis aber bei aller Anstrengung dasselbe.
Ein zweites, etwas weniger offensichtliches Hamsterrad ist der Konsum selbst. Natürlich zwingt uns niemand zum Konsum – und doch empfinden viele Menschen einen Konsumzwang. Die Klimajugend bringt derzeit andere Werte ins Spiel und unterläuft den Zwang zum Konsum mit Hinweisen auf den Ressourcenverbrauch. Second Hand wird hip, Minimalismus wird zur neuen Maxime. Trotzdem definieren sich noch immer erstaunlich viele Menschen über das neue Auto, den Anzug oder die Ferien. Zu besichtigen ist das Resultat auf Facebook und Instagram. Ganz offensichtlich gibt es viele Menschen, die sich glücklich shoppen, die ihr Glück also in einem Laden finden. Die Freiheit schrumpft plötzlich zu jenem minimalen Bewegungsraum, der sich zwischen den Zahlungen für Hypozins und den Leasingraten für das neue Auto auftut. Freiheit in der westlichen Konsumgesellschaft wird zur Freiheit, zwischen Pepsi und Cola wählen zu dürfen. Sind wir wirklich damit zufrieden?
Tragt der Freiheit Sorge
Die logische Folge daraus wäre, zugunsten von mehr Freiheit auf Wohlstand und Besitz zu verzichten. Wären Sie dazu bereit? Ich bin mir da für mich nicht so sicher. Klar: Ich verzichte gerne sowohl auf Pepsi, wie auf Cola und trinke Wasser. Aber auf meinen Espresso verzichte ich lieber nicht. Und das sind nur die kleinen Beispiele. Ein karges Leben in einer Mönchsklause hätte sicher seine Reize – aber wenn ich ehrlich bin, schätze ich doch ab und zu ein Glas Wein, die Errungenschaften der modernen Telekommunikation und Ferien in interessanten Städten. Nein: So ganz auf Wohlstand verzichten, könnte ich wohl doch nicht.
Vielleicht ist es aber an der Zeit, dass wir dazu stehen. Dass wir uns bewusst werden, dass unser Wohlstand nicht das Ergebnis unserer Freiheit ist und schon gar keine Freiheit mit sich bringt. Das bedeutet nämlich auch, dass unsere Freiheit, die freie Gesellschaft, nicht so selbstverständlich ist, wie man meinen könnte. Ich glaube, dass viele Menschen den Wohlstand wählen würden, wenn sie vor die Wahl gestellt würden, sich zwischen Wohlstand und Freiheit entscheiden zu müssen. Das bedeutet auch: Das chinesische Modell einer wohlhabenden Gesellschaft mit einem starken Staat oder das Modell einer «gelenkten Demokratie» wie es Russland pflegt, könnte für viele Menschen attraktiv sein, wenn es mit genügend Wohlstand für den einzelnen verbunden ist. Und das bedeutet: Wir müssen unserer Freiheit Sorge tragen. Sie ist weniger selbstverständlich, als wir lange gemeint haben.
Basel, 24. Januar 2020, Matthias Zehnder <email-pii>
Quellen
Bild: ©Johannes Menge – stock.adobe.com
[2] Vgl. Stephan Vaterlaus, Christoph Koellreuter: «Es braucht eine Steuerreform für den Mittelstand». Die Volkswirtschaft, 23.02.2017: https://dievolkswirtschaft.ch/de/2017/02/vaterlaus-03-2017/
[3] Vgl. Credit Suisse: The Global Walth Report 2019: https://www.credit-suisse.com/about-us/en/reports-research/global-wealth-report.html
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