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Plädoyer – Essays von E. Y. Meyer
1982 erschien im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Plädoyer ein Band mit zwei eng aufeinander bezogenen Essays von E. Y. Meyer. Der erste Essay mit dem Titel Gimme Shelter oder eine Monsterschule wurde angeregt durch eine Reise, die Meyer im Spätherbst 1979 nach Norddeutschland unternahm.
Der in unseren Breitengraden von allen Monaten am trübsten und deprimierendsten ausfallende November mag für einen solchen ersten Aufenthalt in dieser Gegend vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt sein. Denn das ohnehin schon eintönige, flache Land unter dem weiten Himmel erscheint, wenn dieser fast immer grau, von undurchdringlichem Nebel, nieselnder Nässe und bitterer Kälte gefüllt ist, wohl noch öder und trister, als es das sonst schon sein muß. (S. 37)
Meyer wollte aber nicht nur die Stadt Bremen und Norddeutschland näher kennen lernen; da er seit einiger Zeit selber fürs Theater arbeitete, ging es ihm vor allem darum, ein Team von Theaterschaffenden, darunter einen Regisseur aus München und eine Bühnenbildnerin aus Rumänien, bei der Inszenierung eines zeit- und gesellschaftskritischen Stücks des jungen englischen Autors Barrie Keeffe zu begleiten.
Der Essay Gimme Shelter oder eine Monsterschule gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil, Reise nach Deutschland und Überlegungen zur Art und Weise, wie Welt-Bilder entstehen, geht u. a. der Frage nach, wie Menschen sich seit Urzeiten Bilder ihrer Umwelt und der Welt überhaupt zu machen versuchten und wie diese Bemühungen in unserer Zeit immer schwieriger würden, weil wir durch das rasante Ausgreifen des menschlichen Wissensdranges ins ungeheuer Weite, in den Makrokosmos, und umgekehrt ins unvorstellbar Kleine, in den Mikrokosmos, längst „aus dem Bereich der uns sinnlich erfahrbaren Welt“ ausgetreten seien.
Auf dem Hintergrund solcher Überlegungen berichtet Meyer im zweiten Teil Gimme Shelter über seine Erfahrungen aus dem Bremer Aufenthalt. Der Titel dieses zweiten Teils ist zugleich der Titel des Theaterstücks, dessen Inszenierung Meyer verfolgt:
… Gimme Shelter – zu deutsch etwa soviel wie „Gib mir Schutz“, „Gib mir Obdach“, „Gib mir Unterschlupf“, „Schirm mich“, „Schütz mich“, „Birg mich“, „Gib mir einen Schutzraum“. Ein Titel, der mir immer wieder ausgesprochen gut in die winterlich abweisende norddeutsche Landschaft und die außerhalb der Altstadt wie jede andere heutige Großstadt weitgehend vom modernen sachlichen und kalten Wirtschafts- und Industrieleben geprägte Stadt zu passen schien. (S. 53 f.)
Der dritte Teil, Eine Monsterschule, schildert Meyers beklemmende Eindrücke, als er mit Theaterleuten die Gesamtschule „Bremen Ost“ besuchte.
Eine kürzere erste Fassung dieses Berichts erschien im November 1980 in einer Zeitung. Daraufhin wurde E.Y. Meyer vom Bund Schweizer Architekten eingeladen, an ihrer Generalversammlung im Mai 1981 zu sprechen. Aus einer Überarbeitung dieser Rede entstand der zweite Essay Rede an Architekten.
Der Essayband Plädoyer ist leider vergriffen, eine Neuauflage wäre sehr zu begrüssen. Einige Abschnitte aus dem zweiten und dritten Teil des Essays Gimme Shelter oder eine Monsterschule sollen wenigstens einen Eindruck vermitteln von dessen Qualitäten.
Aus dem zweiten Teil zunächst eine Schilderung der Altstadt von Bremen; sie bildet so etwas wie den Kontrast-Hintergrund zur später folgenden Schilderung der Gesamtschule.
Das Zentrum von Bremens Altstadt ist der weite, offene Marktplatz auf dem Domhügel, umgeben von dem mit einer reich dekorierten Renaissancefassade versehenen gotischen Rathaus, dem etwas schlichteren, hochaufragenden zweitürmigen Dom und dem modernen, von der schon wieder recht fernen „Wirtschaftswunderzeit“ geprägten, „sachlichen“ beziehungsweise plumpen Betonbau des Hauses der Bürgerschaft mit seinem wellenförmigen Dachabschluß und seiner riesigen, streng geometrisch unterteilten, den ganzen Platz spiegelnden Glasfront.
Vor dem Rathaus erhebt sich überlebensgroß die früher hölzerne, heute steinerne Figur des Roland, der mit Richtschwert und Reichsadlerschild als Wahrzeichen der Stadt unter einem gotischen Baldachin steht. Solche sogenannten „Rolandssäulen“ soll es in Norddeutschland relativ viele geben – als mittelalterliche Sinnbilder für Marktrecht und Gerichtsbarkeit, Dinge, die uns in einer etwas variierten Form heute eigentlich auch wieder ganz gut anstehen würden.
Vor dem Nordwestturm des Rathauses ist mit einer modernen Bronzeplastik auch der berühmten Tiergruppe aus den Grimmschen Märchen gedacht – dem Esel, dem Hund, der Katze und dem Hahn, denen ihre Herren den Tod bestimmt hatten und die nach dem Motto „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“ ihr Schicksal dann selber in die Hand genommen haben und losgezogen sind, um Bremer Stadtmusikanten zu werden, dabei aber gar nie bis nach Bremen gekommen sind.
In der Westseite des Rathauses befindet sich der Eingang zu Deutschlands größtem Weinkeller, dem Ratskeller, in den hinabgestiegen ich mich einmal mehr mit dem deutschen Wein zu befreunden suchte – gezwungenermaßen, wird in diesen unterirdischen Sälen doch nur solcher serviert, dafür allerdings, wie man zugestehen muß, in einer enormen Auswahl, fünfhundert verschiedene Sorten etwa, als älteste einen Rüdesheimer von 1653, den zu kosten ich mir aber leider nicht leisten konnte.
Unter den gleichen Gewölben, unter denen ich da saß und die heute mit Max Slevogt-Fresken bunt bemalt sind, hatte gute hundertfünfzig Jahre zuvor der an Heimweh leidende Schwabe Wilhelm Hauff kurz vor seinem frühen Tod im Alter von nur fünfundzwanzig Jahren noch seine „Phantasien im Bremer Ratskeller“ konzipiert – ihrerseits auch wieder so etwas wie ein barockes Phantasiegewölbe, gefüllt mit burlesker Fröhlichkeit, Weingeistern, Claudius’ Rheinweinlied, der alten Reichsherrlichkeit des steinernen Roland, den zwölf Aposteln, dem Teufel und der Himmelsfahrt ins Nichts.
Der wichtigste Raum des Rathauses ist jedoch eine vierzig Meter lange, dreizehn Meter breite und acht Meter hohe „Große Halle“, die einer der vornehmsten Festsäle Deutschlands sein soll. In ihr findet im Anblick eines Wandgemäldes vom Salomonischen Urteil alljährlich anfangs Februar, das, wie es heißt, „älteste Brudermahl der Welt“, die sogenannte Schaffer-Mahlzeit statt – das feierliche Abschiedsessen der Reeder und Schiffer, ehe nach der Winterruhe wieder die Seereisen beginnen. (S. 40-42)
Der zweite Teil schliesst mit einer Skizze des Theaterstücks Gimme Shelter. Das 1977 entstandene Stück, schreibt Meyer, sei als …
… Aufschrei gegen eine rapid zunehmende Kälte im menschlichen Leben zu verstehen – und kann auch bereits in einer Tradition von englischen Stücken gesehen werden, in denen sich schon seit einem Vierteljahrhundert ein starker Mißmut über die sogenannte „Wohlstandsgesellschaft“ Ausdruck verschafft.
In John Osbornes Stück „Blick zurück im Zorn“ geschah dies 1956 noch in einer bloß verbalen Weise, in Edward Bonds „Gerettet“ 1965 dann in beinahe stumm unternommenen, aber mit heftiger und sinnlos erscheinender Brutalität durchgeführten Aktionen.
Der 1945 geborene Barrie Keeffe ist insofern differenzierter, als es bei ihm beides gibt – den bloß verbalen wie den stumm, aber handfest vorgetragenen Protest –, und zwar in vermischter und so der Wirklichkeit wahrscheinlich näher kommender und entsprechenderer Form.
Auch „Gimme Shelter“ ist ein Stück über Rebellion, Resignation und Anpassung und als Protest gegen die von der Wohlstandsgesellschaft ausgelösten und verbreiteten Gefühle der Sinnlosigkeit zu verstehen. Aber in Keeffe’s Sicht dieser Problematik steckt, wie ich glaube, mehr Ironie – er kann bereits mehr ironische und kritische Distanz zu diesem Sachverhalt einnehmen, ohne dabei die Ernsthaftigkeit seines Anliegens zu „verraten“: es geht ihm nicht nur um die Fragwürdigkeiten, sondern auch um die Notwendigkeiten, beziehungsweise es geht ihm nicht nur um die Notwendigkeiten, sondern auch um die Fragwürdigkeiten – es geht ihm sowohl um die Notwendigkeiten wie um die Fragwürdigkeiten der Anpassung junger Leute an Verhältnisse, die sie nicht geschaffen haben und für die sie größtenteils auch nicht geschaffen sind.
Im Londoner East End geboren, hatte Barrie Keeffe schon während seiner Schulzeit selber als Schauspieler auf der Bühne gestanden und danach, anstatt zur Post zu gehen, wie es seinen Eltern Freude gemacht hätte, die verschiedensten Arbeiten ausgeübt – in der Fabrik, als Totengräber, als Sportjournalist und so weiter. Sein erstes Stück mit dem Titel „Only a Game“ schrieb er über einen Fußballspieler – es wurde 1973 im Shaw-Theatre in London uraufgeführt. Drei Jahre danach wurde die Uraufführung von „Gimme Shelter“ im Londoner Kellertheater Soho Poly zu einem Sensationserfolg und vom Royal Court, der „Ziehschule der modernen englischen Dramatiker“, übernommen. (S. 53-55)
Und zum Schluss die Schilderung der Monsterschule im dritten Teil des Essays:
Damit sie die Atmosphäre für das Bühnenbild des Mittelstücks von „Gimme Shelter“ möglichst echt würden hinkriegen können, hatten die Theaterleute schon während der ersten Probetage auch die Besichtigung einer der umstrittenen neuen deutschen Gesamtschulen auf ihr Programm gesetzt.
Da ich für mich persönlich das Gefühl hatte, in meinem Leben schon genug Schulen gesehen zu haben – die meiner eigenen Schulzeit, die Universität, das Lehrerseminar und die Schule, an der ich selber drei Jahre lang unterrichtet hatte –, und da ich auch glaubte, schon eine Vorstellung von dem zu haben, was eine Gesamtschule ist, wollte ich an dieser Besichtigung zuerst nicht teilnehmen. Dann entschloß ich mich aber doch dazu, auch bei diesem Teil der Theaterarbeit dabei zu sein, und habe dies nicht bereut – denn daß es so etwas wie das, was ich zu sehen bekam, gibt, hatte ich nicht erwartet.
In der deutschen Wochenzeitung Die Zeit hatte ich zufälligerweise kurz zuvor einen Leitartikel von Rudolf Walter Leonhart gelesen, in dem dieser die Schulen als ein „schlimmes Wahlkampfthema“ bezeichnete und den Schluß des „Gesamt-Geschimpfes“ forderte. Leonhart nannte die Gesamtschule ein „sonderbares Gemisch aus pädagogischer Vernunft und ideologischem Eigensinn“, das sich jedoch – obwohl es in Hamburg anders als in Hessen, und in Niedersachsen anders als in Bayern aussehe – auf ein gleiches Modell zurückführen lasse. Ein Modell, das es auch in England und Skandinavien gebe, wo dieses zur Zeit genau so umstritten sei wie in der Bundesrepublik.
Wenn ich dieses Modell richtig verstanden habe, dann gehen die Kinder in ihm von ihrem fünften Schuljahr, ihrem zehnten Lebensjahr an also, nicht mehr wie bisher entweder weiter in die Hauptschule, die Volksschule, sondern bleiben alle beieinander, in der Gesamtschule eben, wo sie den ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Unterricht in entsprechenden Kursen erhalten.
Die auch „sozialistisch“ genannte oder beschimpfte Gesamtschule soll, was an sich ein erfreulicher Gedanke wäre, eine möglichst angstfreie, offene, durchlässige Schule, eine „echte Volksschule“ sein, die jedem Kind die gleichen Chancen bietet.
Mit dem Regisseur, der Bühnenbildnerin und deren Assistenten fuhr ich im Auto vom Goetheplatz in der Innenstadt dann also doch zum Stadtrand hinaus – eine lange, durch dichten Verkehr führende, wenig angenehme, sicher eine gute Stunde dauernde Fahrt. Zuerst durch den Ostertorsteinweg, dann durch Straßen, die Vor dem Steintor und Am Schwarzen Meer heißen. Später kam eine Stresemannstraße, dann fuhren wir unter einer Eisenbahnlinie hindurch.
Die Sebaldsbrücker Heerstraße mußte, wie man sah, bereits eine Ausfallstraße sein, lagen rechts und links von ihr doch ausgedehnte Fabrikgelände, deren Hauptgebäude große farbige Schriftzüge wie Nord Mende Rundfunk AG, Friedrich Krupp GmbH, Silberwarenfabrik, Daimler Benz AG, Hanomag Henschel Fahrzeug-Werke GmbH trugen.
Nachdem wir auf der Osterholzer Heerstraße an einem riesigen, sinnigerweise direkt einem Krankenhaus gegenüberliegenden Friedhofsgelände vorbeigefahren waren, befanden wir uns bald darauf in dem Quartier mit der Gesamtschule, die den schön sachlichen, jedermann verständlichen Namen Bremen Ost trug, von uns jedoch erst nach einigen weiteren Irrfahrten gefunden wurde.
Mir fiel auf, daß in diesem Quartier fast alle Straßen Namen tragen, die aus der Schweiz stammen, was mich, wenn man bedenkt, wieviel weiter im Norden wir uns befanden, doch überraschte. Es gab da zum Beispiel eine Baseler Straße – die für einen Schweizer natürlich bloß Basler heißen sollte –, eine Tessiner Straße, eine St. Gotthard-Straße, eine Brienzer Straße, eine Matterhornstraße.
Dann hatten wir die Schule endlich entdeckt – und was wir sahen, hatte wohl nur insofern etwas mit der Schweiz zu tun, als man hätte sagen können, daß das, was sich in der Ferne, hinter einem weiten, sandig-öden, fast graslosen Platz, der einigen Kindern zum Fußballspielen diente, erhob, eine Art Alpen-Ersatz war. Ein aus der Distanz nicht einmal unschön aussehendes, sondern irgendwie an Pyramiden oder Städte frühgeschichtlicher Hochkulturen erinnerndes Mini-Manhattan, ein von Waben und Zellen durchsetztes Betongebirge.
Auf unserer Seite des überdimensionierten Fußballplatzes hatten wir jedoch das riesige neue Beton-Stahl-und-Glas-Gebäude der Schule vor Augen, das mich zuerst an ein modernes Großspital und dann, nachdem ich auch das separat stehende Heizungshaus mit den beiden gewaltigen Kaminen gesehen hatte, sofort an eine Fabrik denken ließ.
Für ein neues Schulmodell – und besonders für ein solches, wie es die Gesamtschule ist oder sein soll – braucht es natürlich auch die dafür geeigneten Bauten. Und wenn diese nicht da sind, dann stampft man sie halt eben mal, wie das heute so üblich ist, schnell aus dem Boden – auch wenn dieser, wie hier in Bremen, ein als Baugrund höchst ungeeigneter Moorboden ist.
Als Kontrast zu der Schule und dem in der Ferne aufragenden Betongebirge wirkten auf unserer Seite die Reihen- und Einzeleinfamilienhäuser, die sich neben einem schnurgeraden Kanal, der an der Schule vorbeizog, und an den Straßen mit den Schweizer Namen entlang ausbreiteten.
Zwischen hohen glatten Betonwänden hindurch, an Betriebsgebäuden und riesigen Garagen vorbeigehend, über kahle breite Treppen steigend und ebenso kahle weite Terrassen überquerend, fanden wir schließlich den Haupteingang der Schule.
In dem von Kunstlicht gefüllten Innern stürzte dann gleich eine solche Vielfalt von Gängen, Treppen, Symbolen, Schildern und Tafeln auf uns zu – die unbegreiflicherweise alle in den grellsten Farben bemalt und mit ebenso bunter abstrakter Geometrie-Kunst „geschmückt“ waren –, daß ich den Eindruck hatte, in eine optische Folterkammer geraten zu sein und schon nach einer Viertelstunde Aufenthalt stechende Kopfschmerzen spürte.
Wandgroße rotglänzende Rechtecke wurden von weißen Geraden in unzählige kleinere Rechtecke zerschnitten, bei weißglänzenden Rechteckflächen geschah das Gleiche mit schwarzen Geraden, waag- und senkrechte Kolonnen weißer Kreise flimmerten in dunkelgrünem Rechteckgrund, schmale schwarze Metallstreifen zerteilten die weißen Decken in gleichgroße quadratische Felder, lange quaderförmige Lüftungs- oder Heizungskörper zogen sich rot- und orangefarben durch die graubödigen Gänge und spiegelten die ebenfalls quaderförmig an den Decken hängenden Neonleuchten – grelle rote, orange, blaue und grüne Streifen durchschnitten und zerschnitten in rechten Winkeln die rechtwinklig ineinander verschachtelten Beton-, Glas- und Stahlräume, in denen unten und oben, auf den Seiten und im freien Raum schwarze Buchstaben, Zahlen, Punkte, Striche und Dreiecke auf orangen, gelben, blauen und braunen Platten herumschwammen.
Mit der Hilfe dieser ach so „farbenfrohen“ Wegweiser und Symbole fanden wir aber trotzdem noch die Abteilung Naturwissenschaften und dort das mit Chemikalien und Experimentierinstrumenten gefüllte Lehrmittelzimmer.
Ein von unserem Besuch benachrichtigter Lehrer erwartete uns, führte uns herum und gab uns die Auskünfte, die wir wünschten.
„Wir haben hier an der Schule zweitausend Schüler und hundertsechzig Lehrer“, sagte er.
Ja, daß hier alles so gerade sei, in geraden Linien, funktionell und sachlich, im rechten Winkel, und ohne Vorhänge, Blumen oder solche Dinge zum Beispiel – die man zwar als altmodisch oder nostalgisch belächeln könne, die aber doch mehr eine Heim-Atmosphäre schaffen würden als dieser reine Zweckbau hier –, diese nüchterne, quasi gefühllose Umgebung mache die Schüler schon spürbar aggressiver, und zwar sowohl gegen die Dinge, gegen das Gebäude und seinen Inhalt, wie gegen die Personen, die sich darin aufhalten, gab der Lehrer zu.
Während ich durch das Lehrmittelzimmer ging, stach mir plötzlich ein Stapel Informationsblätter der Deutschen Gesellschaft für Sexualberatung und Familienplanung Pro Familia in die Augen, auf denen ein nackter Junge und ein nacktes Mädchen zusammen im Bett saßen und in den sich haltenden Händen an einer Schnur einen über ihnen schwebenden Luftballon mit einem aufgemalten Gesicht hielten, der in einer Sprechblase sagte: Planen ist besser als heulen.
Beim anschließenden Rundgang durch den sicher allgemein als „gut geplant“ bezeichneten Gebäudekomplex verdichtete sich mein Fabrik-Eindruck immer mehr, und immer unvermeidlicher drängte sich mir auch die Vision einer Fließbandproduktion auf.
Alles schien bestens organisiert zu sein. Auf einer allgemeinen Übersichtstafel tauchten Wörter auf wie Tagesstützpunkt, Jahrgangsleitung, Freizeit, Sozialberatung, Elternsprecher, und wir entdeckten auch eine Spielothek. Das, was mit Elternsprecher bezeichnet war, entpuppte sich jedoch eher als eine Art Mischung zwischen einer Sprechzelle in einem Gefängnis und einem Beichtstuhl.
In der Kunst-Abteilung, die sich sicher auch nicht zufällig, sondern auf Grund einer ausgeklügelten Planung im Kellergeschoß befand, trafen wir in den Gängen auf Wandmalereien, die fast ausnahmslos aus der Konsumwelt entnommene Themen darstellten. Mit Stil-Mitteln gestaltet, die in Werbung und Verpackungskunst verwendet werden, grellten uns Köpfe von Stars aus der Film- und Musikwelt, schwere Motorräder und stark stilisierte Tiere entgegen.
Ein Lehrer, der einen Unterrichtsraum verließ, erklärte uns, diese Arbeiten seien von den Schülern frei gestaltet worden. Sie hätten die Themen selber ausgewählt und viel Spaß dabei gehabt. Dann entschuldigte und verabschiedete er sich aber gleich, da er, wie er sagte, einen ziemlich harten Tag hinter sich habe und nun möglichst schnell nach Hause kommen wolle.
Im Schülerclub dann indirekte, aber deutliche Zeichen von unterschwelliger Aggression und Protest: wilde, zum Teil chaotische Zeichnungen, Schriftbilder und Wörter aus dem Sexual- und Fäkalbereich, dazwischen Pläne von „Jahrgangs-Revieren“. Am oberen Ende einer Treppe ein uns erwartendes riesiges Raubtiergesicht.
Um das Lehrerzimmer herum befand sich eine Art Organisations- und Kommunikationszentrum. Eine Vielzahl von Informationen und Plänen in allen Größen war an Wände und Glasscheiben geheftet – Vorschriften, die das Leben in diesem ausgedehnten Labyrinth regeln sollten. Unter der Papierflut allerdings auch etliche nachdrückliche Forderungen der Schüler. So zum Beispiel eine, welche verlangte, die Entlassung einer bestimmten Lehrerin sei rückgängig zu machen. Neben der dem verschachtelten Bau eingegliederten Stadtbibliothek, die wir außerhalb der Gebäude bereits auf einem zur Hälfte zerschlagenen Hinweis-Leuchtkasten erwähnt gesehen hatten, fanden wir in ihm noch eine hauseigene Druckerei, eine Mensa und einen Frühstück-Pavillon.
Die Schüler konnten also – wie gesagt, von ihrem zehnten Lebensjahr an – schon vor dem Frühstück ihre Wohnorte und Eltern verlassen und dann, im ebenfalls bereits vorweggenommenen 5-Tage-Rhythmus der Industrie, den ganzen Tag in der Schule verbringen – so, wie sie später vielleicht auch einmal den ganzen Tag, nur vom Essen in der Kantine unterbrochen, in einer Fabrik würden verbringen müssen.
Und am Abend kehrten sie dann womöglich in eine der Zellen oder Waben des riesigen Betongebirges auf der anderen Seite des öden Platzes zurück, wo sie vor dem Fernsehapparat ihre ungestillte Lebenslust und ihren Mangel an Daseinsgrund mit dem Empfang von Zweithand-Erfahrungen wettzumachen versuchen würden. Mit Secondhand-Erfahrungen, die immer mehr zu den einzigen Erfahrungen würden.
Das vielzitierte Grauen konnte einen packen. Daß sich der Schüler in Keeffes Stück an den Lehrern zu rächen versucht, die sich in den fünf Jahren, in denen er die Gesamtschule besucht hat, nicht einmal seinen Namen haben merken können, verwundert überhaupt nicht mehr.
Draußen war es zum Glück immer noch sonnig – einer der wenigen Sonnentage in diesem norddeutschen November – und zwei Wandmalereien auf den kahlen und sterilen grauen Betonflächen ließen hoffen, daß in den Kindern, die zum Besuch dieser Schule gezwungen wurden, noch nicht alles abgestorben war. Die eine Malerei zeigte einen Ausschnitt aus einem alten, gewachsenen Stadtteil und die andere zwei zwar etwas armselig anmutende, aber immerhin noch so etwas wie Natur darstellende Landschaftsausschnitte.
Auf der Rückfahrt konnte ich den Rolling Stones-Song, der Keeffes Trilogie den Titel gegeben hat und der laut Regieanweisung am Ende des Stücks gespielt werden soll, nicht mehr aus meinem Kopf verdrängen – den nach Geborgenheit und Schutz verlangenden Schrei „Gimme Shelter!“ mit den von Mick Jagger gesungenen Worten: „Oh, a storm is threat’ning / my very life today / If l don’t get some shelter / Oh, yeah, I’m gonna fade away.“
Zu deutsch ungefähr: „Mein Leben ist heut von einem Sturm bedroht / Ohne ein bißchen Schutz / Auweih, bin ich bald tot…“ (S. 67-76)
Der Begriff Plädoyer ist zunächst ein juristischer Fachausdruck und bezeichnet die zusammenfassenden Reden des Staatsanwalts und des Verteidigers vor dem Urteilsspruch. Ein Plädoyer muss auf überzeugende Weise alle Einzelelemente, die zur Urteilsfindung nötig sind, darstellen. Allgemein bildungssprachlich bezeichnet man als Plädoyer eine Rede, mit der jemand für oder gegen etwas eintritt.
E.Y. Meyers Essay ist in einem umfassenden Sinn ein Plädoyer: Er gründet auf genauer Beobachtung aller Einzelheiten, auch scheinbar belangloser Détails; daraus entstehen prägnante Bilder, kontrastierende und einander ergänzende; diese Bilder wiederum schliessen sich zu einem Gesamtbild zusammen, aus welchem das Plädoyer notwendig hervorgeht. Wofür und wogegen er in seinem Plädoyer kämpft, formulierte Meyer in knappster Form im Untertitel des Buches, der sich wie ein Kurzgedicht liest:
Plädoyer
Für die Erhaltung der
Vielfalt
der Natur
beziehungsweise
für
deren Verteidigung
gegen die ihr drohende
Vernichtung
durch die
Einfalt
des Menschen
Das Schweizer Pen Zentrum schlug vor einiger Zeit E.Y. Meyer für den Literatur-Nobelpreis vor. Wie immer in solchen Fällen war das Echo widersprüchlich: Es gab viele positive Reaktionen, und es gab, vor allem in etlichen Medien, hämisch-neidische Kommentare. So warf man Meyer etwa vor, er habe seit seinem fulminanten Start mit den Romanen In Trubschachen und Die Rückfahrt nur noch wenig publiziert und zwischendurch lange geschwiegen. Da wird schlicht unterschlagen, dass E.Y. Meyer auch nach der Rückfahrt gewichtige Bücher schrieb, es sei hier nur der zeitkritische Roman Das System des Doktor Maillard oder die Welt der Maschinen erwähnt, auch das ein Buch, welches eine Neuauflage verdiente. Überdies zeugt ein solcher Vorwurf von einer recht einfältigen Sicht auf die Literatur: Die Bedeutung eines Autors misst sich doch nicht an den Laufmetern, die seine Bücher im Bücherregal einnehmen! Das beginnt man heute auch in der Wissenschaft einzusehen: Es sollte nicht mehr der Massenausstoss wissenschaftlicher Aufsätze in Fachzeitschriften wichtigstes Kriterium für die Wahl von Professoren sein.
E. Y. Meyer ist kein Verfasser süffiger Bücher in Serie. Er betreibt sorgfältige Nachforschungen, er durchdringt seine Stoffe mit philosophischem Blick, er ist ein unerbittlicher Diagnostiker unserer Zeit und Gesellschaft; er erinnert in dieser Rolle an die mythische Figur der Seherin Kassandra aus dem Komplex der Sagen vom Untergang Trojas. Kassandra sah voraus, was kommen musste, aber man glaubte ihr nicht. Liest man E. Y. Meyers Plädoyer, so stellt man Ähnliches fest: Er ist ein unbequemer Mahner, der zitierte Untertitel belegt das deutlich. Und gerade deshalb wäre es keineswegs abwegig, wenn er den Literatur-Nobelpreis erhielte.
Alfred Reber