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Es regnet in Olten, dieser nebligen Kleinstadt, an der alle immer nur vorbeifahren. Ich trinke Grüntee und möchte genau hier sein. Vor kurzem bin ich in die Schweiz zurückgekehrt. Ich habe in Peking gelebt, in Schanghai, in Paris. Vor 10 Jahren, ich war keine 20, bin ich von der anderen Seite des Juragebirges in die Welt hinaus geflüchtet. So begann meine Liebe zu China. So begann das Abenteuer meines Lebens.
Bevor mein kleiner Bruder und ich eingeschult wurden, hatten meine Eltern ein Stück Land am Rande eines winzigen Dorfs im Baselbiet gekauft. Meine Mutter war in einem Basler Vorort aufgewachsen, mein Vater in der Stadt Zürich. Hier, inmitten der weichen Hügel, wollten sie uns eine behütete Kindheit schenken. Das Zweifamilienhaus war türkisfarben und aus Holz, aus dem Wohnzimmer blickten wir auf die Felder und Wiesen.
Meine Mutter kümmerte sich um uns Kinder und den Haushalt, später kümmerte sie sich um die Administration eines kleinen Unternehmens im Dorf. Mein Vater war Pfleger und leitete eine Abteilung in einer Klinik, an den Abenden kam er früh nach Hause und spielte mit uns Kindern. Ich freundete mich mit den Nachbarsmädchen an, wir streiften durch den Wald und ritten auf Eseln durchs Dorf.
In der Schule lernte ich als letztes von sechs Kindern lesen. Als ich es endlich konnte, tat ich nichts mehr anderes. Bald sprach ich von fernen Ländern und benutzte fremde Worte, die es in der Welt meiner Mitschüler gar nicht gab. Sie lachten über mich. Ich stellte viele Fragen, ging der Lehrerin auf die Nerven.
Mit 15 wechselte ich ans Gymnasium im Kantonshauptort, in eine Klasse, die auf deutsch und englisch unterrichtet wurde. Meine Mitschülerinnen kamen zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule, sie sagten Sätze wie «I was in Key West, Florida, over the Summer» und «The Fiji Islands are absolutely stunning». Ich kam mit dem Postauto und hatte die Ferien mit meinen Eltern im Bündnerland verbracht. Ich war wütend auf sie, dass sie mich in dieses abgelegene Dorf ohne Bahnhof verschleppt hatten, wo man mich «sBüchebacher Katrin» nannte und alle wussten, was ich tat.
Ich wollte weit weg und bewarb mich noch während der Maturaprüfungen für eine Stelle als Flugbegleiterin. Bald kaufte ich mir Make-up und lernte, nach Anleitungen auf Youtube roten Lippenstift und Bronzer aufzutragen. Ich bestellte einen «Cosmopolitan» in teuren Hotelbars, fuhr Taxi, löste ein Fitness-Abo. Die Männer drehten sich nach uns um, wenn wir als Crew in unseren Uniformen durch den Flughafen stolzierten. In wenigen Wochen war ich von der Hinterwäldlerin zur Jetsetterin geworden, reiste nach Kuba, Alaska, Südafrika, auf die Malediven und schliesslich, im Spätsommer 2011, zum ersten Mal nach China.
Es gebe neun Millionen Fahrräder in Peking, singt Katie Melua, aber ich sah überall nur Autos. Die Luft roch leicht verbrannt, und die Hitze legte sich wie eine Decke über die fünfspurigen Schnellstrassen und Hochhäuser. Ich wollte sofort aufbrechen in diese hässliche, lärmige, seltsame Stadt. Doch die Crew zog sich nach dem Flug erst ins Fünfsternehotel zurück. Das «Crowne Plaza» hatte junge Damen dazu angestellt, für die Gäste den Liftknopf zu drücken. Im 56.Stock gab es einen Swimmingpool, doch die Aussicht reichte nur bis zum nächsten Hochhaus, dann wurde der Himmel grau und verschwommen.
Ich ging alleine los. Ich wollte zum Lama-Tempel im Zentrum der Stadt. Ich hatte ihn im Reiseführer entdeckt, er erinnerte mich an die Geschichten meines Lateinlehrers. Ich sprach kein Wort Chinesisch damals, zeigte Passanten mein Reiseziel, stolperte in den nächstbesten Bus. Dort lächelten mir kleine Männer mit schwarzen Haaren in verblichenen Hemden zu. Sie beäugten mich neugierig. Ich blickte an mir herunter und merkte, wie anders ich aussah: 1 Meter 80 gross, helles Haar, nackte Haut. Nahe dem Lama-Tempel schubsten mich meine Mitpassagiere sanft hinaus und zeigten mir den Weg. Ich sah sie gleich, die purpurnen Mauern und goldenen Ziegeldächer.
Ich zückte mein iPhone 4, das ich mir von einem meiner ersten Löhne als Flugbegleiterin gekauft hatte. Ich machte ein Bild und postete es auf Instagram. Es brauchte keinen Filter, der Staub hatte dem Tempel längst die knallige Farbe genommen. Das Bild sagte: Ich bin am anderen Ende der Welt, einem ganz und gar fremden, verheissungsvollen Ort.
China fühlte sich für mich an wie ein Versprechen. Das Land war das Gegenteil des kleinen Dorfes, in dem ich gross geworden war. Doch wir flogen Peking danach nicht wieder an. Erst Jahre später würde ich unter ganz anderen Umständen zurückkehren.
Ich kündigte meine Stelle als Flugbegleiterin, um an der Universität Freiburg i.Ü. Medienwissenschaften, Geschichte und Recht zu studieren. Ich wollte Journalistin werden, aber zuerst musste ich besser Französisch lernen. Ich fuhr für einen Monat an eine Sprachschule in die Bretagne. Dort lernte ich Y. kennen.
Er war kleiner als ich und viel schlanker
Y. war mir aufgefallen, weil ich ihn als einzigen unter all den Chinesen an der Sprachschule überhaupt wiedererkannte mit seinem wachen Blick hinter der schwarzen Hornbrille. Er war eine Klasse über mir. An der Bushaltestelle auf der Place de Strasbourg in Brest sprach ich ihn an, nach einem Konzert im Hafen. Am nächsten Tag trafen wir uns zufällig am Strand. Ich ging ins Wasser, er zögerte, dann schwamm er ein paar Züge Delphin. Von da an organisierten wir Ausflüge zusammen, sie endeten oft in der Bar bei Bier und Tequila. Später zeigte Y. mir sein Tagebuch von damals: «Zhe haizi zhen shenle.» – «Stille Wasser gründen tief.» Ich hatte ihn damit beeindruckt, dass ich mehr trinken konnte als er. Einmal haben wir uns mit Freunden in einem Café verabredet, doch es kamen nur wir beide. Wir hörten chinesische Schlagersongs, er trug einen Kopfhörer im linken, ich einen im rechten Ohr. Er übersetzte den Text, es waren Liebeslieder. Als wir draussen auf den Bus warteten, begann es zu regnen, er öffnete seinen Schirm über mir, sein Arm berührte meinen.
Nach diesem Sommer 2012 in der Bretagne begann Y. sein Studium in Paris und ich meines in Freiburg. Wir schickten uns jeden Tag Nachrichten auf Whatsapp, «Guten Morgen», «Wie geht es?», «Was machst du?», «Gute Nacht». Wir liessen einander gegenseitig am Alltag teilhaben, er wusste, wann ich ausging, ich, wann er eine Prüfung hatte. Ich begann, Chinesisch zu lernen, im chinesischen Lebensmittelladen einzukaufen. Im November besuchte er mich in der Schweiz, wir fuhren in das Dorf, in dem ich aufgewachsen war, nach Luzern, Schaffhausen, Interlaken. Als er in den Zug stieg, weinte ich. Im Februar spazierten wir zusammen durch Paris: Sacré-Cœur, Louvre, Eiffelturm. Als ich abreiste, drückte er mir einen Brief in die Hand, er hatte ihn in der Nacht zuvor geschrieben, als ich in seinem Einzelbett schlief, während er auf dem Boden lag. Nachdem ich die letzte Zeile gelesen hatte, sass ich steif im TGV nach Basel, mein Herz raste, in meinem Kopf kreiste dieser eine Satz. «J’osais pas de t’embrasser sous la tour Eiffel.» – «Ich habe mich nicht getraut, dich unter dem Eiffelturm zu küssen.»
Ich hatte damals einen Freund, wir waren seit vier Jahren ein Paar, meine Mutter mochte ihn. Y. stammte aus China, aus einer Kultur, die mir fremd war. Irgendwann würde er in sein Heimatland zurückkehren. Er war kleiner als ich und viel schlanker. Wie würde es sich anfühlen, ihn zu küssen? Ich konnte es nur wissen, wenn ich es ausprobierte. Ich trennte mich von meinem Freund. Ein paar Monate später fuhren Y. und ich gemeinsam nach Nizza in die Ferien. Im Flugzeug hielten wir uns die Hände, vor dem Einschlafen sang er chinesische Lieder. Schliesslich war es Y., der mich zuerst küsste, es war längst dunkel geworden, nur die Strassenlichter leuchteten ins Zimmer. Noch in derselben Nacht fragte er mich, ob wir eine «ernsthafte Beziehung» miteinander eingehen wollten. Was für mich wie ein Heiratsantrag klang, war für ihn der normale nächste Schritt. Wollte ich wirklich eine Beziehung mit einem Chinesen?
Wenn wir in der Schweiz Hand in Hand die Strassen entlanggingen, spürte ich die Blicke der Menschen auf mir. Wenn wir an einem Fest auftauchten, dachten die Leute, er sei ein Austauschstudent und ich seine Sprachlehrerin. Ich versuchte abzunehmen, während er Muskeln antrainieren wollte. Wir scheiterten beide.
Als die Tante von Y. und sein Onkel in Paris erfuhren, dass er mit einer Schweizerin zusammen sei, zitierten sie ihn sofort zu sich nach Hause. Seine Tante sagte, dass er sich aufs Studium konzentrieren solle. Sie hatte Zweifel gegenüber westeuropäischen Frauen: «Sie sind auf sich selbst bezogen. Früher oder später wird sie dich verlassen», prophezeite sie meinem Freund. Ich war wütend. Was fiel seiner Tante ein? Ich fragte meine Mutter, ob sie Y. kennenlernen wollte. «Nein», sagte sie. Sie hing noch an meinem Ex, es ging ihr alles zu schnell.
Sonntags Zopf mit Schweinefuss?
Y. teilte damals seine Wohnung im Pariser Studentenheim mit einem chinesischen Mitbewohner, der schlecht putzte und scharf kochte. In seinem Zimmer hatte Y. ein Bett, einen Schreibtisch, einen Stuhl und sogar einen Mini-Fernseher, auf dem er sich «The Voice of France» anschaute, um besser Französisch zu lernen. Als ich an einem Sonntagmorgen – ich war für ein Wochenende auf Besuch – aufwachte, sah ich die Postkarten an der Wand, die ich ihm geschickt hatte. Geweckt hatte mich ein stechender Geruch in der Nase.
Es roch nach Schweinefleisch, nach Anis, Nelken und Gewürzen, die ich nicht kannte. Ich torkelte in die Küche. Y. trug eine Schürze, in der rechten Hand rührte er mit dem Holzkochlöffel in einem tiefen Topf. «Du musst probieren», sagte er. Ich schielte in die Pfanne. Ganzer Sternanis schwamm in einer braunen Flüssigkeit, ich sah Nelken, und plötzlich tauchte etwas glasig Schimmerndes dazwischen auf. Haut, ein paar Zehen. Es waren Schweinefüsse. Schweinefüsse zum Frühstück. Ich schluckte leer, damals ernährte ich mich rein pflanzlich. Wie sollte das weitergehen mit uns, sonntags Zopf mit Schweinefuss?
Er nahm einen Fuss heraus, das Messer fuhr durchs Fleisch wie durch Butter. Fleisch habe es keines dran, belehrte er mich, dies sei Haut und Fett. Ich steckte mir den Bissen in den Mund, schloss die Augen, zuckte zusammen wegen der fremdartigen Konsistenz. Der Geschmack war salzig, würzig und, wenn ich nicht zu sehr an die Zehen dachte, gar nicht so schlecht.
Y. hatte sich das Kochen aus purer Not selbst beigebracht, denn der europäischen Küche fehlt es seiner Meinung nach an Geschmack und Würze. Alle guten Gefühle werden in China mit dem Essen in Verbindung gebracht: Die Mutter zeigt durch ein dampfendes Gericht die Liebe für ihren Sohn, eine Einladung pflegt die Freundschaft oder fördert das Geschäft. Essen, chi auf Mandarin, ist so wichtig, dass es unzählige Redewendungen gibt mit dem Wort. Chi ku, zum Beispiel, «Bitteres essen», bedeutet Strapazen aushalten.
Bald teilte ich die Leidenschaft meines Freundes für die chinesische Küche: Flusskrebse mit Chili und Sichuan-Pfeffer, Quallensalat mit Gurke, Lamm-Feuertopf mit Sesamsauce. An jenem Sonntagmorgen war ich auf den Geschmack gekommen. Dann lernte ich die Familie von Y. kennen.
Eine Ziege passe nicht zu einem Drachen
Der Onkel und die Tante von Y. in Paris wollten mich doch noch kennenlernen. Die Grosseltern aus Peking waren zu Besuch. Ich trug nur dezentes Make-up auf, da Y. mich vorgewarnt hatte: Seine Grossmutter dachte, alle Frauen, die sich schminkten, seien Flittchen. Ein kurzes Kleid zog ich trotzdem an, es war schliesslich Hochsommer. Bestechen wollte ich sie mit Baselbieter Rahmtäfeli.
Wir setzten uns an den Tisch, die Grossmutter holte im Zimmer ein abgegriffenes Taschenbuch, wollte mein Geburtsdatum und meine Geburtszeit wissen. Dann sagte sie mir die Zukunft voraus: «Du wirst Erfolg haben und sozial aufsteigen.» Erst hinterher erfuhr ich, dass sie die Mutter von Y. schon lange gewarnt hatte: Eine Ziege, wie ich eine bin im chinesischen Tierkreis, passe nicht zu einem Drachen, wie Y. einer ist. Ich hätte einen Hang zur Melancholie und wäre zu ehrgeizig. Die Grossmutter war enttäuscht, dass sich ihr geliebter ältester Enkelsohn verliebt hatte. Sie hätte lieber selbst eine Frau für ihn gefunden.
Bevor ich zu Y. nach Paris zog, machte ich ein Praktikum bei einer Lokalzeitung und schloss meinen Bachelor ab. Ich hatte mich für ein Masterstudium an der Sciences Po beworben, der berühmten Universität für Sozialwissenschaften, und war tatsächlich aufgenommen worden. Das erste Jahr würde ich in Frankreich studieren, das zweite in China, an der Journalistenschule der Fudan-Universität in Schanghai.
Als ich die beiden Semester in Paris abgeschlossen hatte, wollte ich per Autostop durch Frankreich reisen. Y. war dagegen, er fand es zu gefährlich. Wir stritten uns in unserer winzigen Pariser Wohnung. Ich wollte gerade gehen, da klingelte es. Der Onkel stand vor der Tür. Y. hatte ihn angerufen, damit er mich davon abhalten würde, auf Reise zu gehen. Auch meine Eltern hatte er informiert, selbst seine Grosseltern in Peking wussten schon Bescheid. Was als intimer Konflikt zwischen uns beiden begonnen hatte, involvierte plötzlich Menschen von Paris über Basel bis Peking. Es fühlte sich wie Verrat an. Ich ging erst recht auf Reisen.
Später wurde mir bewusst: Ich war Teil dieser chinesischen Familie gewesen, bevor ich es selbst realisierte. Was ich tat, betraf nicht nur mich, sondern das ganze Kollektiv. Mit meinem europäischen Individualismus war ich angeeckt. Auch meine Entscheidung, in Schanghai zu studieren, fanden die Verwandten von Y. seltsam: Seine Eltern lebten nämlich in Peking.
Frei in China?
In Schanghai hatte Y. für mich ein rüschenverziertes Prinzessinnenstudio in einem traditionellen Quartier gesucht. Er würde vorerst in Paris bleiben. Zum ersten Mal im Leben sollte ich ganz alleine wohnen, in einer Stadt mit 22 Millionen Einwohnern. «Wieso willst du ausgerechnet in China Journalismus studieren? Die Unis in Europa sind doch dafür viel besser geeignet», hatte Y. gesagt. Und er hatte natürlich recht. Aber ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen.
Ich fühlte mich frei, wenn ich auf dem Fahrrad oder mit dem Töff-Taxi durch die Gegend fuhr. «Dein Chinesisch ist miserabel», sagten mir die Fahrer manchmal, wenn wir uns kaum verständigen konnten. Tatsächlich waren meine Sprachkenntnisse recht dürftig. In Freiburg hatte ich mit einem Doktoranden aus China geübt, an der Sciences Po nahm ich zum ersten Mal Unterricht. Gleichzeitig sprachen die Leute in Schanghai mit starkem Akzent, darauf hatte mich mein Mandarin-Lehrbuch nicht vorbereitet.
Manchmal war es einsam in meinem pastellblauen Zimmer. Abends hörte ich den Zikaden in den Bäumen beim Zirpen zu, am Morgen dem China-Pop während der Gymnastikstunde an der nahe gelegenen Schule. Ich lauschte den Kartonsammlern und Messerschleifern, die durch das Quartier fuhren und ihre Dienste anpriesen. Aber eben: Ich war frei. Ich war 24, Studentin und Ausländerin. Anders als von den Chinesinnen erwartete niemand etwas von mir. Die Strassenverkäuferin, meine Nachbarn, mein Professor: sie alle fragten mich immer als erstes, woher ich komme. Sie waren neugierig, nicht interessiert. Sie wollten mich einordnen. Die Reaktion auf die Antwort «Schweiz» war immer ein anerkennendes Nicken, ein hao guojia, ein «gutes Land.»
Während ich noch studierte, begann ich in Schanghai bei der Lokalauflage der englischsprachigen Zeitung «Global Times» mit einem Praktikum. Nach dem Abschluss wollte ich in China bleiben. Ich hatte gerade erst begonnen, die Sprache besser zu sprechen und das Land zu verstehen. Y. hingegen wollte in Europa leben, er hatte sein Studium schon zwei Jahre zuvor beendet und eine Stelle als Informatikingenieur gefunden, die ihm gefiel. Er genoss das Leben in Paris, traf dort seine Freunde, sah eine sichere Zukunft. Wir diskutierten gerne zusammen über Politik, über Flüchtlinge, Frauenrechte, über die Ehe für alle: Er mit seinem kritischen und analytischen Geist, ich mit meinen idealistischen Ansichten, wir waren uns selten einig. Das machte Auseinandersetzungen spannend. Würde er in China noch ehrlich seine Meinung äussern können?
Da bot sich mir die Chance für eine Stelle: Die Chefredaktorin der «Global Times» in Schanghai empfahl mich der Hauptredaktion in Peking. Die Zeitung ist staatsnah, aber es war der einzige Job, den ich kriegen konnte. Ich durfte über Gesellschaftsthemen schreiben und erhielt ein Arbeitsvisum in China, als einzige meines Jahrgangs. Y. gab seinen Job in Paris mir zuliebe auf. Wir zogen zu seinen Eltern.
«Darüber schreiben wir jetzt nicht mehr»
Beide hatten sie lebenslange Anstellungen in einer staatlichen Arbeitseinheit: Der Vater fuhr jeden Tag mit dem Auto hundert Kilometer ins Büro, die Mutter war schon pensioniert, arbeitete aber noch am Empfang eines Doktoranden-Wohnheims und kümmerte sich um ihre Eltern und die ihres Mannes.
Die Wohnung war den Eltern von Y. zugeteilt worden. Sie war schön und alt und hatte hohe Decken nach russischem Vorbild. Die Sonne schien durch die Zitronenbäume und Jasminsträucher auf dem Fenstersims jeden Morgen aufs Bett und weckte uns. Der Waschraum lag zwischen unserem Schlafzimmer und der Küche. Oben hatte die Holztüre einen grossen Spalt, damit der Dampf abziehen konnte. Während ich duschte, roch ich, wenn der Vater Fisch fritierte. Am Abend fragte mich die Mutter, ob ich lieber jianbing, chinesische Crèpes, zum Frühstück wollte oder baozi, gedämpfte Brötchen mit Fleischfüllung.
Doch trotz all der Fürsorge kam mir beim Zähneputzen abends in der Küche dieses alte Lied von Plüsch in den Sinn, «Heimweh nach de Berge». Ich musste über mich lachen, doch liess mich das Gefühl nicht mehr los. In Schanghai war ich Studentin gewesen und konnte mich mit naiver Neugierde mit China beschäftigen. Jetzt musste ich mein eigenes Geld verdienen, ohne dabei meine Ideale zu verraten. Sich als Anfängerin im undurchsichtigen Dschungel von Zensur und Propaganda der chinesischen Medien durchzuschlagen, verlangte viel Kampfesgeist und Kalkül von mir.
«Weisst du denn, dass du bei chinesischen Medien nicht schreiben kannst, was du willst?» fragte mich der Grossvater von Y. warnend. Ich wusste es, ich war ja nicht naiv, aber neugierig. Bald realisierte ich, wie sich die Zensur in meinem Alltag auswirkte: Jeder Themenvorschlag war ein Ausloten, die Grenzen veränderten sich ständig, ich tastete ab, probierte aus. An einem Tag recherchierte ich über #MeToo in China, am nächsten war das Thema tabu. «Darüber schreiben wir jetzt nicht mehr», sagte die Chefredaktorin.
Einmal verfasste ich einen Artikel über die Eintrittsprüfung für die Universität, er wurde gedruckt und ging online, aber verschwand kurz darauf wieder. Meine junge, ehrgeizige Redaktorin erklärte mir, der Text sei zu negativ gewesen und entspreche nicht der Realität. Es war frustrierend und gleichzeitig faszinierend zu beobachten, wie meine Grenzen immer enger wurden. Nach zwei Jahren wurde unsere Ausgabe eingestellt. Jetzt sollten wir Videos drehen. Ich kündigte.
Beim englischsprachigen Staatssender CGTN fand ich eine neue Stelle. Aber meine ehemalige Chefin hatte mich gewarnt: Das Staatsfernsehen sei ein riesiger, langsamer, bürokratischer Apparat. Ich traf dort drei Sorten von Kollegen: Die Journalisten wollten mit ihren Geschichten informieren, kritisieren, fesseln. Die Patrioten wollten den Ruf Chinas im Land und in der Welt verbessern. Die Funktionäre wollten eine «eiserne Reisschüssel»: ein sicheres Einkommen und eine Niederlassungsbewilligung in der Hauptstadt – mit Zugang zum Wohnungsmarkt, zum Gesundheitssystem, zu den Schulen und den Sozialversicherungen.
Am schwierigsten hatten es die Journalisten – und zu ihnen wollte ich mich zählen. Die Vorgesetzten erwarteten von mir, dass ich Artikel redigierte, in denen stand, die Demonstranten von Hongkong seien Terroristen und der Grossbrand von Notre-Dame sei ein Zeichen des europäischen Untergangs. Ich wollte mich mit China beschäftigen, stattdessen wich ich immer mehr auf andere Länder wie die Philippinen, die Slowakei oder Algerien aus, damit ich der Zensur weniger ausgeliefert war. Schliesslich arbeitete ich immer häufiger als freie Journalistin für ausländische Medien. Dabei riskierte ich, meine Stelle beim Staatsfernsehen zu verlieren, sollten es meine Vorgesetzten merken.
Nach der Arbeit brauchte ich ein Bad, um die Anspannung des Tages abzuwaschen. Ich verbrachte viel Zeit in den Bergen rund um Peking, beim Yoga, ging jeden Sonntag zur Kirche. Peking erschien mir immer grösser, grauer, geisterhafter. Ich freute mich mehr auf den täglichen Chinesischkurs – inzwischen sprach ich fliessend – als auf meine Arbeit. War ich überhaupt eine Journalistin? Ein Arbeitskollege von mir, ein Amerikaner, stieg eines Tages, ohne zu kündigen, in ein Flugzeug und flog zurück in seine Heimat. Nichts hatte ihn noch in Peking gehalten. Ich aber hatte hier eine zweite Familie, meine Freunde, zwei Katzen und meine Liebe. Am Silvester 2018 hatte ich Y. einen Heiratsantrag gemacht.
Der Ehe-Crashkurs
«Bist du dir ganz sicher?» fragte mich meine Mutter. Meine Eltern waren zum zweiten Mal auf Besuch in China. Zuletzt hatten sie Europa verlassen, als sie noch gar kein Paar waren.
Am grossen Tag zwängten wir uns zu viert in ein Taxi. Sieben Jahre nachdem Y. mich in Nizza zum ersten Mal geküsst hatte, gingen wir in Peking aufs Standesamt. Ich trug ein zinnoberrotes Etuikleid aus Spitze, Y. einen Anzug, und wir waren spät dran. In Peking muss man mindestens eine Stunde einrechnen für jeden Weg. Man kommt immer in den Stau, den die Behörden erfolglos bekämpfen. Die Stadt verlost und versteigert Lizenzen, nur durch Zufall oder mit sehr viel Geld kommen Autofahrer an ein Nummernschild. Y. und sein Vater nehmen seit zehn Jahren erfolglos an der Lotterie teil. Schliesslich holte sich der Vater ein Nummernschild der Nachbarprovinz, das er in Peking jede Woche neu registrieren muss. An manchen Tagen sind gerade Nummern auf der Strasse erlaubt, an manchen ungerade. Trotzdem hat es viel zu viele Autos. Wir hatten uns längst daran gewöhnt.
Ich sass ruhig da, Y. schlief sogar, nur mein Vater starrte leicht genervt auf die Autoschlange vor uns, «Warum geht es nicht vorwärts?» fragte er. Ich musste schmunzeln. Mein Vater hatte Stau schon immer gehasst und mit seinen Freunden über «Dichtestress» und «Überbevölkerung» diskutiert. Aber der Verkehr in Peking gab diesen Begriffen eine ganz neue Bedeutung.
Wir schafften es noch pünktlich auf das Standesamt. Meine neuen Schwiegereltern warteten schon, die Mutter strahlte, der Vater trat nervös von einem Bein auf das andere. Nach chinesischem Brauch würde ich sie nach diesem Tag mama und baba nennen. Sie waren in Peking tatsächlich meine zweiten Eltern geworden, und doch fühlte es sich zu vertraut an, sie so zu nennen. Aber in China ist es respektlos, ältere Familienmitglieder beim Vornamen zu rufen. Deshalb weiss Y. bis heute nicht, wie er meine Eltern ansprechen soll: Mama und Papa wäre zu seltsam für sie, sie beim Vornamen zu nennen zu unhöflich für meinen Mann.
Wir heirateten zusammen mit einem Dutzend anderer Paare. Sie waren jünger als wir, viele trugen weisse T-Shirts und blaue Hosen, ich kam mir in meinem Kleid etwas overdressed vor. Wir waren die einzigen, die von unseren Eltern begleitet wurden, offenbar war das unüblich. «Ihr habt Glück», sagte die Dame am Empfangsschalter, die uns eine Wartenummer ausstellte, «normalerweise heiraten Hunderte Paare». An manchen Tagen wollten sich noch mehr scheiden lassen.
Eine uniformierte Beamtin winkte uns an den Schalter und prüfte unsere Dokumente. Erst als sie meinen Pass sah, verzog sich ihr Mund zu einem schiefen Lächeln, ich atmete auf. Sie sei vergangenes Jahr in der Schweiz in den Ferien gewesen, sie wolle wieder dahin, hao guojia, ein gutes Land. Sie forderte uns auf, den Daumen in rote Tinte zu tunken, um das Heiratsdokument zu unterzeichnen. Jeder von uns hielt ein rotes Büchlein, das unseren Ehebund bestätigte, in der Hand. Was nun folgte, war freiwillig.
Zusammen mit einigen anderen Paaren drängten wir uns auf die kleine Bühne vor dem rotgoldenen Emblem der Kommunistischen Partei. Wir sollten laut das Gelübde lesen, aber es ging viel zu schnell für mich, ich bewegte nur die Lippen. Schliesslich durften wir uns küssen – aber die anderen umarmten sich bloss. Hatte ich etwas falsch verstanden? Die Beamtin nahm unsere Handys und machte ein paar Bilder.
Nun konnten wir uns dem Ehe-Crashkurs zuwenden. Er fand in einem kleinen Kubus beim Ausgang des amtlichen Gebäudes statt. Die Innenwände waren mit gelben, blauen und rosaroten Post-its zugepflastert, auf denen Wünsche der Frischvermählten für ihre Zukunft standen. Der Psychologe erzählte uns von gegenseitigem Verständnis, wie wichtig es war, dass man seine Schwiegereltern achtete, und dass es jetzt Zeit sei, ein gemeinsames Konto zu eröffnen. «Wer ist Chef über die Finanzen in der Ehe?» fragte er in die Runde. «Die Damen», sagten die Bräute, sie waren sich einig. Die Männer tauschten Blicke aus, protestierten aber nicht. Zum Schluss drückte der hagere Herr uns eine Visitenkarte in die Hand und sagte: «Rufen Sie bei Problemen die staatliche Helpline an, sie ist kostenlos.»
Für die Feier hatten wir im Innenhof eines traditionellen Pekinger Restaurants einen Tisch reserviert. Ich bestellte Flusskrebse mit Chili und Sichuan-Pfeffer. Nach dem Essen fuhren wir zu den Grosseltern, die uns dicke, rote Umschläge mit Geld überreichten. Y. war das erste ihrer Enkelkinder, das geheiratet hatte. Dass ich eine Ausländerin war, hatte Vorteile für ihn: Ich stellte weniger Forderungen. In China ist es üblich, dass der Mann eine Eigentumswohnung und ein Auto mit in die Ehe bringt. Ich wollte bloss seine Liebe.
Meine Pflichten kamen nach der Hochzeit. Die Grossmutter von Y. nahm meine Hände, drückte sie fest und sagte: «Jetzt wird es Zeit für Urenkelkinder. Am besten zwei. Eines nehmt ihr mit in die Schweiz, und eines lasst ihr da für uns!»
«Und, wie war China?»
An Kinder dachten wir nicht, aber ich wollte in die Schweiz zurück und fragte mich: Konnte das Land auch zur neuen Heimat von Y. werden? Der Gedanke, schon wieder einen Neuanfang zu wagen, machte ihm Sorgen. Aber er wollte es versuchen. Y. hatte beobachtet, wie sich China verändert hatte in den vergangenen Jahren. Das Klima war rauher geworden, die Grenzen des Sagbaren immer enger. Viele unserer ausländischen Freunde waren bereits weggezogen. Das China, das ich liebte, war jenseits der repressiven Newsrooms, jenseits von Behörden, von Politik, von der Kommunistischen Partei. Es war über dem Lamm-Feuertopf meiner Schwiegereltern, in meinem Schanghaier Wohnquartier, bei Gesprächen mit Freunden im Restaurant oder mit Fremden im Park, bei denen ich herauszufinden versuchte: Was beschäftigt die Menschen im Alltag? Wovon träumen sie? Was fürchten sie? Wie lieben sie, was essen sie, worüber lachen sie?
Über dieses China wollte ich schreiben. Aber um das zu machen, musste ich das Land verlassen. An Weihnachten vergangenen Jahres stiegen Y. und ich in ein Flugzeug Richtung Europa. Ich kehrte zurück ins türkisfarbene Holzhaus im kleinen Baselbieter Dorf. Y. kam mit, zunächst in die Ferien. Die Pandemie zwang ihn dann, gleich ganz in der Schweiz zu bleiben. Wir trafen Freunde von früher, fanden eine Wohnung in Olten und Jobs in Zürich.
Einmal, als ich auf das Postauto wartete, öffnete eine Frau das Fenster und rief mir zu: «Und, wie war China?» China, dachte ich, ist noch lange nicht vorbei.
Katrin Büchenbacher ist Volontärin bei der «NZZ».