Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/1081

In seinem im Herbst 2014 erschienenen Buch Mitten in Europa: Verflechtung und Abgrenzung in der Schweizer Geschichte stellt der Berner Historiker André Holenstein Schweizergeschichte als transnationale Geschichte dar. Austausch und Einfluss waren prägend für Staatswerdung und Nationenbildung der Schweiz wie auch für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Im Gespräch erscheint das Bild einer Schweiz, die auf vielfältige Weise mit Europa verbunden war und ist.
Glasscherben erzählen über den Material- und Know-how-Transfer vom Orient in den Alpenraum in frühmittelalterlicher Zeit. Die fragmentierten Flachgläser aus der merowingischen Friedhofskirche Sion-sous-le-Scex (VS) und dem karolingischen Kloster St. Johann in Müstair (GR) legen nach vertieften Studien beredtes Zeugnis von diesem Austausch ab. Denn die chemischen Analysen ergaben, dass die Gläser eine Zusammensetzung haben, die derjenigen von Gläsern aus dem östlichen Mittelmeerraum sehr ähnlich ist. In Müstair bezeugen Glasverarbeitungsabfälle, Glastesserae und Schmelztiegel eine lokale Glasverarbeitung in den frühen Bauphasen des Klosters. Den chemischen Befunden nach wurde das aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Glas (in Form von Rohglas oder auch Bruchglas) in diesen Werkstätten eingeschmolzen und zu farbigem Flachglas verarbeitet. In Sion-sous-le Scex, wo es bis anhin keine Hinweise auf Glasverarbeitung gibt, könnten auch Reste alter Thermenverglasungen oder importiertes Flachglas zur Herstellung der frühen Glasmalereifenster verwendet worden sein.
...weiterlesen
In der Zeit zwischen 1000 und 1800 wurden mehrfach neue Keramiktechniken in das Gebiet der heutigen Schweiz importiert und anschliessend von den lokalen Hafnern angewandt. Gesamthaft betrachtet wurden gleichzeitig jedoch nur sehr wenige, meistens luxuriöse Haushaltsgefässe physisch ins Land gebracht.
Die Haushaltskeramik im 12. Jahrhundert umfasste fast nur Kochtöpfe. Tafelgeschirr aus Keramik fehlte beinahe ganz, denn dieses war damals mehrheitlich aus Holz, Importe sind in dieser Zeit selten. Seit dem späten 13. Jahrhundert zeigen spezielle Gefässe auf der Aussenseite eine Bleiglasur. Es scheint, als sei diese technische Neuerung aus Frankreich in die West- und später in die Deutschschweiz gelangt.
...weiterlesen
Der Militärdienst im Sold europäischer Fürsten, war seit dem ausgehenden Mittelalter fester Bestandteil der eidgenössischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Das Söldnerwesen sorgte für einen regen Austausch. Diejenigen Männer, die in die Heimat zurückkehrten, brachten Güter und Ideen mit nach Hause. Bekannte Beispiele dafür sind die repräsentativen Residenzen der zurückgekehrten Offiziere, die sie sich bei den Adligen im Ausland abgeschaut hatten. Die Soldaten bereicherten die heimische Kultur zudem um neue Tanz- und Kleidermoden und den heimischen Speiseplan um Safran, Kartoffeln oder Mais. Samen von Blumenkohl, «Chycoré», «Barbe de capucin» oder «Salade Romaine», Mandelkerne und Frankfurter Bier wurden ebenso nach Hause geschickt wie exklusive Kolonialwaren: Tabak, Kaffee, Tee, die teuerste Spezialität war (Trink-)Schokolade.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zog die Beliebtheit der französischen Sprache in Russland zahlreiche Erzieher an, wodurch dauerhafte Beziehungen zur Schweiz geknüpft wurden. Im Verhältnis der Dimensionen des russischen Reiches zur Grösse der Romandie, war dieser Markt immens. In der Waadt, die damals um die 120 000 Einwohner zählte, befand sich in den 1760er-Jahren mehr als jeder Zehnte im Ausland. Das Zarenreich bot attraktive finanzielle und soziale Aufstiegsmöglichkeiten.
Im Eigenen und Vertrauten liegen oft unvermutete fremde Elemente und Einflüsse. Manch eine Sache wird erst durch Wahrnehmung von aussen zum landestypischen Merkmal. Und das «Regionale» relativiert sich durch seine mannigfachen internationalen Bezüge und Verflechtungen. Heute existiert in der Schweiz der Begriff des Heimatstils. Diese Reformarchitektur wurde ab 1905 in der ganzen Schweiz durch Architekturwettbewerbe und Heimatschutzschriften als gebaute Heimat propagiert. Wenn man sich um 1900 in Europa umsah, gab es aber nichts Internationaleres als diese nationale Romantik.
...weiterlesen
Heimat ist nicht gegeben, sondern gewachsen. Sie ist ein Geflecht aus persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen sowie aus Elementen des kollektiven Bewusstseins. Allgemeingültiges – «Typisches» – mischt sich mit Individuellem und umgrenzt das vertraute Feld «Heimat». Heimat wird erst bedeutend bei einem tatsächlichen oder nur drohenden Verlust. Gegen den Einbruch des Fremden wird das Eigene in den Vordergrund gerückt, der Unterschied, das – stets positiv konnotierte – Anderssein wird zu dem, was bewahrt, gepflegt werden muss. Der Heidi-Roman der Zürcher Schriftstellerin Johanna Spyri (1827–1901) ist ein Beispiel für die Konstruktion von Heimat. Das romantische und idealtypische Bild der Schweiz, wie es in Spyris Buch beschrieben ist, wird heute lukrativ vermarktet.
Die Schweiz wies in den 1960er-Jahren einen der höchsten Industrialisierungsgrade der Welt auf und verfügt heute über ein dementsprechend reiches Industriekulturerbe. In der Pflege dieses Kulturguts finden sich internationale Beziehungen: Verschiedene Ansätze zum Umgang mit sowie zur Erhaltung des industriellen Kulturerbes fanden hierzulande viel Aufmerksamkeit. Zum Europäischen Jahr des industriellen Kulturerbes soll diese kleine Fotostrecke das Schweizer Industriekulturgut in den Blick rücken und es in den Kontext internationaler Industriedenkmalpflege stellen.
...Artikel als PDF