Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/1670

Selbstmitgefühl leben heisst, eine bewusste Entscheidung zu treffen, die eigenen Empfindungen, Gefühle und Gedanken im gegenwärtigen Moment zu erleben, wie sie sind. Das bedeutet, dass ich versuche, mich dem Schmerzhaften zu nähern, mich behutsam dafür öffne, es aushalte und halte. Darüber hinaus meint das nicht nur das Annehmen eines Gefühls oder Gedankens, sondern dass ich die Person akzeptiere und verstehe, die diese Dinge erlebt: Wir nehmen uns in unserem Schmerz an und mühen uns nicht länger damit ab, uns besser zu fühlen, sondern entwickeln Zuneigung zu uns selbst. Wir fangen an, uns liebevoll zu umsorgen, weil wir gerade einen schmerzhaften Moment durchleben. Dabei werden sogenannt negative Gefühle nicht einfach durch positive ersetzt, sondern positive Emotionen werden ermöglicht, indem die negativen angenommen werden.
«Hier und Jetzt»: der Blog
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat erstmals Burn-out als Krankheit anerkannt, das wurde in Genf bei der Jahrestagung der Organisation bekannt gegeben.
Zuvor hatten die 194 Mitgliedstaaten der WHO eine überarbeitete Version des internationalen Klassifikationssystems der Krankheiten, ICD-11, verabschiedet – eine Art Katalog der anerkannten Krankheiten. Dieser enthält nun auch die Definition und Einschränkungen der Diagnose Burn-out.
Die bisherige Version des internationalen Klassifikationssystems ist seit Anfang der Neunzigerjahre gültig. Ab Januar 2022 soll der neue Katalog den alten ablösen, ein konkreter Zeitpunkt für die Einführung in Deutschland steht noch nicht fest. Im Verzeichnis stehen circa 55.000 Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen – je mit einem spezifischen Code. Mit den Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen sollen Ärzte weltweit künftig ihre Diagnosen registrieren und dadurch statistische Untersuchungen leichter machen.
Drei Dimensionen des Burn-outs
Über die Definition von Burn-out diskutieren Fachleute seit Jahrzehnten. Die WHO beschreibt es als Syndrom aufgrund von “chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird.” Die Krankheit hat laut ICD-11 drei Dimensionen:
- Ein Gefühl von Erschöpfung,
- eine zunehmende geistige Distanz oder negative Haltung zum eigenen Job und
- ein verringertes berufliches Leistungsvermögen.
Zudem weist die WHO darauf hin, dass der Begriff Burn-out ausschließlich im beruflichen Zusammenhang und nicht “für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen” verwendet werden sollte.
Vielen von uns, mich eingeschlossen, scheint es, als vergehe mit zunehmendem Alter die Zeit immer schneller. Als wir jung waren, warteten wir dagegen ungeduldig darauf, bestimmte Altersgrenzen zu überwinden, und unser Leben schien unendlich.
Warum sich unsere Wahrnehmung der Zeit mit dem Alter ändert, beschäftigt Philosophen und Psychologen seit mehr als hundert Jahren. Psychologische Tests haben gezeigt, dass im Lauf eines Lebens die Zeit auf einer nicht linearen Skala zunehmend schneller vergeht – dass Menschen die Zeitspanne zwischen dem 10. und 20. Lebensjahr als ähnlich lang wahrnehmen wie die zwischen dem 20. und 40. oder dem 40. und 80.
Eine Idee, warum dies der Fall sein könnte, ist, dass wir die Zeit als relativ zu unserer Lebenslänge betrachten – eine Theorie, die der französische Psychologe Pierre Janet erstmals 1877 vorschlug. Ein Jahr entspricht zwanzig Prozent des Lebens eines 5-Jährigen, und von einem Weihnachtsfest bis zum nächsten vergeht ein guter Bruchteil eines so jungen Lebens. Ein Jahr ist aber nur zwei Prozent des Lebens, wenn man 50 ist, und man ist schockiert, dass es so schnell vergangen ist.
Auch Neurotransmitter und Medikamente beeinflussen die Zeitwahrnehmung. Eine andere Theorie verbindet die Wahrnehmung der Zeit damit, dass der Neurotransmitter Dopamin nach dem 20. Lebensjahr kontinuierlich abnimmt. Chemikalien, welche Neuronen anregen, sodass diese schneller feuern, könnten die Zeit verlangsamen, weil sie unserem Gehirn erlauben, in einer bestimmten Zeitspanne mehr Erinnerungen zu bilden. Dies könnte auch erklären, weshalb sich die Zeit in Notfallsituationen oder bei Gefahr zu verlangsamen scheint.
Ein ähnliches Phänomen könnte erklären, warum im Alter die Zeit schneller vergeht als in der Jugend. Basierend auf den Ideen des Psychologen William James aus dem 19. Jahrhundert glauben viele, dass das Gehirn aus neuen Erfahrungen mehr Erinnerungen bildet. Da man später im Leben weniger neue Erfahrungen macht, scheint die Zeit schneller zu vergehen. Mit anderen Worten: Das Leben wird mit zunehmendem Alter immer langweiliger. Wenn Sie Ihr Leben also als lang und erfüllt wahrnehmen wollen, halten Sie Ihr Gehirn aktiv, lernen Sie neue Dinge – und sitzen Sie nicht nur herum und tun nichts.
Es gibt viele andere Theorien: Für einen 50-Jährigen scheint die Zeit schneller zu vergehen als für einen 25-Jährigen, weil Ersterer mehr Verantwortung im Leben und auf der Arbeit hat und der Tag nie lang genug ist, um alles zu erledigen. Mit zunehmendem Alter verlangsamt sich zudem unser Stoffwechsel – Kinder erfahren in einem festgelegten Zeitraum mehr biologische Marker wie Herzschläge oder Atemzüge, wodurch das Gefühl entstehen könnte, dass mehr Zeit vergangen ist.
Und laut einer weiteren Theorie, die jüngst veröffentlicht wurde, meinen wir, die Zeit vergehe schneller, einfach weil unser Gehirn altert und wir weniger Ereignisse verarbeiten können, weil unser neuronales Netzwerk stets komplexer wird und sich zugleich verschlechtert. Der angebliche Beweis dafür ist die Geschwindigkeit, mit der unsere Augen sich zwischen der Aufnahme von Bildern der Welt hin und her bewegen. Diese sogenannten Sakkaden des Auges sind in jungen Jahren schneller.
Quelle: Die Storys des Tages #12
„Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss des Lebens zu integrieren, uns wieder mit unserer Weisheit und Vitalität in Berührung zu bringen.” sagt Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn.
Was heißt das konkret? Wenn Sie sich in Achtsamkeit üben, trainieren Sie, Ihre Aufmerksamkeit bewusst zu lenken und zwar auf das, was im gegenwärtigen Moment geschieht. Was Sie dort wahrnehmen, gilt es dann ohne (automatische) Bewertung anzuerkennen.
Achtsamkeit heißt also, im eigenen Leben ganz wach zu sein, jeden Moment in all seiner Lebendigkeit, seiner Wirklichkeit, seinen Freuden und Sorgen so zu erfahren, wie er ist.
Wenn Sie im Augenblick verweilen, fühlen Sie sich im Körper zu Hause, ohne sich selbst zu bekämpfen, anzutreiben oder abzulehnen. Vielmehr nehmen Sie eine friedvolle, anerkennende Haltung gegenüber allen Geistes- und Körperphänomenen ein, die Moment für Moment in Erscheinung treten.
Achtsamkeit bedeutet reines Gewahrsein des Augenblicks, ohne eine kalte, distanzierte Haltung einzunehmen. Diese Geistesgegenwart kultiviert die Bereitschaft zu Gleichmut – alles so sein zu lassen, wie es ist und bewusst wahrzunehmen, was kommt und geht, ganz gleich ob Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken oder andere Geistesobjekte.
Mit der Praxis der Achtsamkeit entwickeln und verfeinern Sie drei zentrale menschliche Fähigkeiten: Wissensklarheit, Gleichmut und innere Stabilität. Zudem unterstützt Sie die bewusste Geistesgegenwart, Mitgefühl mit sich selbst und anderen zu entwickeln und zu pflegen.
Ein Weiser wurde gefragt, welches die wichtigste Stunde sei, die der Mensch erlebt, welches der bedeutendste Mensch sei, der ihm begegnet ist und welches das notwendigste Werk sei.
Die Antwort lautete:
Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutendste Mensch ist immer der, der Dir gerade gegenüber steht.
(frei mach Meister Eckhart, 1260-1328)
Wenn es um Aktivitäten geht, die Glücksgefühle auslösen können, steht sie weit oben: die Dankbarkeit. «Dankbarkeit ist so etwas wie der Königsweg zum Glück. Sie kann vieles sein: Staunen, Wertschätzung, die Erkenntnis, dass eine negative Erfahrung auch ihre guten Seiten haben kann», schreibt die US-Psychologie-Professorin Sonja Lyubomirsky in ihrem Standardwerk «Glücklich sein» (Campus). Sie vereint in diesem Buch viele wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Glücksforschung und setzt sich damit ab von den unzähligen profanen Glücks-Ratgebern.
Dankbarkeit ist für viele Menschen ein altmodischer, religiös gefärbter Begriff und hat im Zeitalter der Machbarkeit beinahe etwas Verstaubtes. Allerdings erleben wir immer wieder Momente und Situationen, in denen wir an die Grenzen dieser Machbarkeit kommen und den Dingen ihren Lauf lassen müssen. Sei es wegen Schicksalsschlägen, Krankheiten oder unüberwindbaren Hindernissen. Laut Lyubomirksy zeigten wissenschaftliche Untersuchungen in der Vergangenheit, dass dankbare Menschen glücklicher sind, mehr Energie haben und häufiger positive Emotionen spüren. Allerdings ging aus diesen Studien nicht eindeutig hervor, ob Dankbarkeit wirklich die Ursache all dieser positiven Eigenschaften ist oder ob optimistische, hilfsbereite und religiöse Menschen nicht umgekehrt zur Dankbarkeit neigen.
Dass Dankbarkeit durchaus lernbar ist, erlebte ich vor Jahren, als ich unter schlimmem Liebeskummer litt und also weit davon entfernt von optimistisch, hilfsbereit oder religiös war. In dieser dunklen Phase meines Lebens musste ich auch noch einen neuen Job anfangen. Ich zweifelte, ob ich fähig sein würde, die neuen Anforderungen zu meistern. Aus einem Inpuls heraus begann ich mich bewusst auf positive Dinge und Erlebnisse zu konzentrieren, mochten sie auch noch so unbedeutend sein – und schrieb sie stichwortartig in ein kleines Notizbuch. Egal, ob ich für einen Artikel gelobt wurde, eine tröstliche Umarmung erhielt oder auch nur meine «Leistung», 24 Stunden ohne Tränen geschafft zu haben. Und ich las diese Aufzeichnungen immer wieder, bis ich davon überzeugt war, dass in meinem Leben die guten Dinge überwogen.
Ich bin kein Einzelfall. Die Psychologin zeigt anhand verschiedener Studien, dass sich so ein Glückstagebuch durchaus lohnt. So wurden die Teilnehmer eines Experimentes in zwei Gruppen aufgeteilt und mussten aufschreiben, wofür sie in ihrem Leben dankbar waren. Das Ergebnis überraschte nicht: Bei allen verstärkten sich die guten Gefühle zu Anfang dieses Tests. Doch dann passierte Überraschendes: Die Stimmung blieb nur gut, wenn die Teilnehmer einmal pro Woche ihre positiven Erlebnisse notierten. Mussten sie dies dreimal in einer Woche machen, verflüchtigten sich die Dankbarkeits- und Glücksgefühle. Die Forscher vermuteten, dass sich diese Probanden zu langweilen begannen, während für die andere Gruppe das Ganze länger frisch und sinnvoll blieb.
Das Glück funktioniert also nicht nach dem Willensprinzip. Aber es scheint zu genügen, dass man sich immer wieder mal bewusst wird, wie viel Gutes und Schönes einem passiert.
Quelle: Von Kopf bis Fuss, Silvia Aeschbach
Es ist keine Frage was etwa Fachkompetenz, Führungskompetenz oder soziale Kompetenz bedeuten. Wer Fachkompetenz besitzt, versteht mehr als nur etwas von seinem Fach. Eine Person mit Führungskompetenz weiss, wie ein Team oder gar ein Unternehmen zu führen ist. Menschen mit sozialer Kompetenz haben einen guten Umgang mit anderen Menschen, kennen Empathie, Mitgefühl und können mit Ärger und Konflikten konstruktiv umgehen.
Anders verhält es sich mit der Selbstkompetenz. Denn das Selbst entzieht sich dem logisch rationalen Verstand, kann weder trainiert noch entwickelt werden. Das Selbst gehört einer anderen Dimension des Menschseins an. Es betrifft den Menschen in seinem Sein, seinem Wesen, ist deshalb nicht handhabbar noch verfügbar. Das Selbst kann nur erfahren werden.
Warum dann aber diese Wortschöpfung „Selbstkompetenz“?
Es spricht von einer Fähigkeit, die im Selbst angelegt ist, nämlich von der Kompetenz, mit dem Selbst, dem Wesenskern verbunden zu sein.
Menschen, die diese Fähigkeit besitzen, haben eine besondere Ausstrahlung:
- Sie sind gelassen in stürmischen Zeiten
- sie gehen voran im Leben in der Haltung, die geprägt ist von einem inneren Wissen, dass Unmögliches möglich ist
- sie werden geleitet vom inneren Kompass, der heisst, sei Gehorsam dem eigenen Wesen
- und sie lieben das Leben, indem sie ihm dienen
Quelle: Dr. Anna Gamma, Zen-Meisterin
Die Zeit-Expertin Anna Jelen empfiehlt, höchstens zwei Mal pro Tag die Mails zu checken und sich auf drei wichtige Aufgaben zu konzentrieren. Hier ein kurzen Auszug aus dem am 14. Januar 2018 im TagesAnzeiger erschienen Interview:
Den Tag pflücken und den Moment geniessen?
Ich empfehle nicht, nur im Moment zu leben – würden wir uns darauf beschränken, hätten wir keine Motivation, etwas aufzubauen, mittelfristig auf etwas hinzuarbeiten. Wir können nicht permanent so leben, als wären wir morgen tot, aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, mit gutem Zeitmanagement allein würden wir unser Zeitproblem in den Griff bekommen. Wenn wir nicht lernen, mehr Nein zu sagen, uns auf wenige wichtige Dinge zu konzentrieren, unser eigenes Lebensbuch zu schreiben, dann brennen wir früher oder später aus oder verpassen unser Leben.
Sie halten also nichts von klassischen Zeitmanagement-Techniken?
Damit werden wir effizienter, aber das ist kein Ausweg aus dem tieferliegenden Dilemma.Mit dem Soziologen Hartmut Rosa bin ich überzeugt, dass es kein individuelles Zeitmanagement-Problem gibt, sondern eine strukturelle gesellschaftliche Herausforderung, die uns zum Umdenken zwingt. Die Beschleunigung des sozialen Wandels, des Lebensrhythmus’ und der Technologie erzeugen weltweit Zeitkrisen. Dazu kommt die Explosion der Möglichkeiten, die uns freier macht, aber auch den Entscheidungsdruck erhöht. Das alles können wir nicht durch klassisches Zeitmanagement meistern. Denn dieses ändert nichts am beklemmenden Gefühl vieler Menschen, sie hätten zu wenig Zeit, ihnen laufe die Zeit davon. Solange wir die Uhr ticken hören, sind wir lebendig und haben Zeit zur freien Verfügung. Die wesentliche Frage ist, wie wir mit ihr umgehen, wofür wir sie nutzen. Wir leben global in einer Zeitkrise und niemand redet davon.
Wie schützen Sie sich konkret davor, dass die Zeit ungenutzt verstreicht und sich Ihr Terminkalender zu sehr füllt?
Ich konzentriere mich darauf, täglich Momente zu kreieren, an die ich mich abends mit Dankbarkeit erinnern werde. Das bedingt eine klare Struktur und Disziplin in der Ausarbeitung und Einhaltung einiger Regeln. So starte ich praktisch nie ohne mein Morgenritual oder Spaziergang in den Tag. Beides steht ganz im Zeichen einer einzigen Frage: «Wie möchte ich mich am Ende dieses Tages fühlen?» Daraus leitet sich alles Weitere ab. Das Geheimnis liegt in der Beschränkung – wir sollten «Not to do»-Listen führen statt viel zu lange «To do»-Listen zu erstellen, die uns frustrieren. Ich nehme mir nie mehr als drei wichtige Dinge pro Tag vor, sage also zur Mehrheit der Möglichkeiten Nein. Und lasse viele Zeitpuffer offen für Unvorhergesehenes. Durch diese morgendliche Ausrichtung starte ich mit Elan und einem Adlerblick in den Tag und vermeide es, mich in der Arbeit oder der Zerstreuung zu verlieren.
Quelle:
“40 tickende Uhren erinnern mich an meine Verantwortung”
TagesAnzeiger, Beruf und Berufung
Mathias Morgenthaler
Den ganzen Tag macht sich der Mensch Gedanken. Meist alles andere als erbauliche: «Meine Nachbarin hat mich heute nicht gegrüsst. Hat sie was gegen mich? Es kratzt im Hals. Hoffentlich werde ich nicht krank. Was wird mein Chef denken, wenn ich schon wieder fehle? Ich bin eine miserable Angestellte.» Dieses Gedankenradio läuft ständig im Hintergrund, während wir essen, arbeiten, die Zähne putzen oder versuchen einzuschlafen. Der englische Mediziner und Bestsellerautor Russ Harris nennt es den «Ojemine-Sender». Dieser warnt uns vor möglichen Gefahren, erinnert uns an schlechte, vergangene Ereignisse oder teilt uns mit, was alles mit uns nicht stimmt.
Doch weshalb sendet unser Hirn ständig dieses unerfreuliche Programm? Russ Harris erklärt das Phänomen in seinem Buch «Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei» durch die Evolutionsgeschichte. Unser Verstand sei darauf ausgelegt, sich Sorgen zu machen. Unseren Vorfahren in der Wildnis half das, zu überleben. Die Gefahren haben sich jedoch gewandelt: Statt vor dem Säbelzahntiger fürchten wir uns heute davor, unseren Job zu verlieren oder an Krebs zu erkranken. Tief verwurzelt ist bis heute die Angst, den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen. Auch das hat einen evolutionären Grund: Für die Urmenschen bedeutete es den sicheren Tod, aus der Sippe ausgeschlossen zu werden.
Erst zulassen, dann handeln
Leider hat das Ojemine-Radio keinen Knopf zum Ausschalten. Also wenden wir andere Strategien an: Wir schieben die schlechten Gedanken und Gefühle von uns, ignorieren sie, lenken uns von ihnen ab, betäuben sie oder versuchen sie durch positive Gedanken zu ersetzen. Aber: «Diese Kontrollstrategien funktionieren meist nur kurzfristig», sagt Klaus Bader, Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. «Langfristig vergrössern und verlängern sie häufig das Leiden.» Mit anderen Worten: Je krampfhafter wir versuchen, das Radio zum Verstummen zu bringen, desto lauter dudelt es vor sich hin.
Diesen Teufelskreis versucht ein Ansatz aus der Psychotherapie namens ACT zu durchbrechen. ACT steht für Akzeptanz- und Commitment-Therapie (engl. commitment = Engagement). Deren Vertreter schlagen vor, negatives Denken und Fühlen zuzulassen, anstatt zu bekämpfen. «Das bedeutet nicht, die Zähne zusammenzubeissen und das Leiden passiv zu erdulden», sagt der Psychotherapeut Klaus Bader. «Sondern offen zu sein für alles, was gerade an Erfahrungen da ist.» Kommt also zum Beispiel Angst auf, kann man versuchen zu beobachten, wo die Empfindung zu spüren ist, wie sie sich anfühlt und ob sie sich verändert. So lässt sich erkennen, dass solche Gefühle von allein kommen und auch wieder von allein verschwinden.
Bei ACT geht es ausserdem darum, sich um das zu kümmern, was einem wirklich am Herzen liegt – auch wenn sich das nicht immer angenehm anfühlt. «ACT hilft den Menschen zu formulieren, was ihnen wichtig ist im Leben, und diese Werte durch engagiertes Handeln zu leben», sagt Klaus Bader. Werte wie «Dankbarkeit», «Familie» oder «der Umwelt Sorge tragen» dienen als Leuchttürme, die dem Leben auch in schwierigen Zeiten eine Richtung geben.
ACT (ausgesprochen wie das englische Wort «act» = handeln) wurde vom amerikanischen Psychologieprofessor Steven Hayes und Kollegen in den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelt, um psychische Störungen zu behandeln. Wie erfolgreich der Ansatz ist, zeigen knapp 200 weltweit durchgeführte Studien. Insbesondere bei Depressionen, Angst- und Essstörungen, Drogenmissbrauch, chronischen Schmerzen, psychotischen Symptomen und bei Partnerschaftsproblemen konnte die Wirksamkeit nachgewiesen werden. ACT eignet sich aber nicht nur für Patienten mit psychischen Störungen, sondern für alle Menschen. «Menschsein bedeutet auch Leiden», sagt der Winterthurer Psychiater und ACT-Trainer Jan Martz. «ACT hilft, besser mit dem Leiden umzugehen und ein erfülltes Leben zu führen.»
ACT ist vor allem in den USA, Australien, Grossbritannien, Skandinavien, Spanien und den Niederlanden weit verbreitet. Auch in der Schweiz fasst die Therapie langsam Fuss. Pioniere sind die Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel, wo ACT im Jahr 2012 in das Behandlungskonzept mit aufgenommen wurde. Heute arbeiten weitere Spitäler wie etwa das Psychiatriezentrum Münsingen BE oder die Klinik Barmelweid AG mit ACT, ebenso eine wachsende Zahl niedergelassener Therapeuten mit eigener Praxis.
Zudem existieren viele Selbsthilfebücher, die sich an ein breites Publikum richten. Gerade hat eine Studie der Universität Basel gezeigt, dass das Durcharbeiten eines ACT-Buches Stress, Burn-out und Depressionssymptome reduzieren kann.
Die ACT-Therapie umfasst verschiedene Elemente, die alle miteinander verbunden sind. Akzeptanz ist eines davon. Ziel ist dabei nicht, schlechte Gefühle nie mehr zu bekämpfen oder zu vermeiden. Solche Kontrollmethoden sind laut dem Psychotherapeuten Jan Martz vor allem dann problematisch, wenn sie einen davon abhalten, Dinge zu tun, die einem wichtig sind. Dies ist etwa dann der Fall, wenn jemand gerne Freundschaften pflegen würde, aber aus Angst vor Ablehnung sich mit niemandem verabredet. Oder wenn jemand, der gerne reist, aus Angst vor dem Fliegen zu Hause bleibt. Geübt wird in der ACT-Therapie auch die sogenannte Entschärfung.
Dabei geht es darum, sich von seinen negativen Gedanken nicht mehr so stark einnehmen zu lassen. «Oft verschmelzen wir mit unseren Gedanken. Wir glauben, sie seien die einzige Wahrheit», sagt Jan Martz. «Unsere Gedanken sind jedoch lediglich Geschichten, die wahr sein können oder auch nicht.» Ob sie der Wirklichkeit entsprechen, ist für ACT-Therapeuten wie Jan Martz gar nicht zentral. «Wichtig ist vor allem, ob sie hilfreich sind», sagt er. «Sind sie es nicht, lohnt es sich, die Gedanken zu entschärfen.» Das heisst, sie als das anzusehen, was sie sind: Worte, die einem gerade durch den Kopf gehen.
Um die Entschärfung zu erleichtern, stellt ACT verschiedene Techniken bereit. Kommt etwa der Satz «Ich bin wertlos» auf, kann man sich sagen: «Ich merke gerade, dass ich den Gedanken habe, wertlos zu sein.» So gelingt es, Abstand zwischen sich und dem Gedanken herzustellen. Manchmal verlieren wir uns regelrecht in unseren Gedanken und versäumen dabei die Gegenwart. Um das zu verhindern, kann Achtsamkeit eine Hilfe sein, ein weiterer Pfeiler von ACT. «Hier geht es darum, sich immer wieder bewusst dem gegenwärtigen Geschehen zuzuwenden», erklärt Jan Martz. Das sei oft nicht einfach und brauche Übung. «Wir Menschen neigen dazu, mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu sein. Handlungsfähig sind wir aber nur im jetzigen Moment.»
Ist es gelungen, das innere Ojemine-Gedudel zu akzeptieren, zu entschärfen und im Alltag präsenter zu sein, kann der Mensch besser das umsetzen, was ihm wichtig ist: «Das Ziel ist, sich von seinen Herzenswünschen leiten zu lassen anstatt von seinen Ängsten», sagt ACT-Therapeut Klaus Bader.
Schritt für Schritt
Nicht immer gelinge es den Menschen, auf Anhieb zu benennen, was ihnen wirklich wichtig ist. «Werte wie Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit oder gesunde Ernährung sollten frei gewählt sein und nicht einfach vom Elternhaus oder von der Gesellschaft übernommen werden.» Herauszufinden, ob die eigenen Werte wirklich von Herzen kommen, sei oft der schwierigste Teil, sagt Klaus Bader. Sind die Werte einmal formuliert, werden sie mithilfe des Therapeuten in konkretes Handeln übersetzt. Das bedeutet nicht, dass man gleich sein ganzes Leben umkrempeln muss. «Kleine Schritte, die keine Überforderung darstellen, genügen», sagt Jan Martz.
Eine depressive Patientin, der die Beziehung zu ihrem Mann wichtig ist, kann sich etwa vornehmen, jeden Tag einen kurzen Spaziergang mit ihm zu machen, auch wenn sie sich antriebslos fühlt. Und ein Banker, dem Fürsorge wichtig ist, muss sich nicht gleich zum Sozialarbeiter umschulen lassen. Er kann versuchen, seinen Mitarbeitern helfend zur Seite zu stehen. Oder diesen Wert in anderen Bereichen wie in der Familie umzusetzen. Nicht nur kleine Schritte, auch Fehltritte sind erlaubt, schreibt der englische Psychotherapeut Russ Harris in seinem Buch. «Commitment bedeutet, dass Sie, wenn Sie straucheln oder vom Weg abkommen – was unausweichlich ist –, einfach wieder aufstehen, sich orientieren und weiter in die Richtung gehen, in die Sie gehen wollen.»
Quelle: TagesAnzeiger, 08.12.2017
(Spanisches Sprichwort)
Schnelle Orte, schnelle Firmen, schnelle Menschen. Das Lebenstempo hat weitreichende Konsequenzen für die Lebensqualität. Es beeinflusst die körperliche und seelische Gesundheit der Menschen und des sozialen Wohlbefindens. Aber diese Konsequenzen spalten sich häufig in Plus- und Minuspunkte auf. Jedes Tempo hat Vor- und Nachteile.
Mitte der fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts bemerkten zwei Herzspezialisten in San Francisco, Meyer Friedman und Ray Rosenman, dass die Herzpatienten in ihrem Wartezimmer angespannter wirkten, als andere Patienten. Genauer gesagt hatten Friedman und Rosenman diese Erkenntnis einem Polsterer zu verdanken, der sie auf die merkwürdige Tatsache hinwies, dass die Stühle in ihrem Wartezimmer lediglich vorn an den Kanten der Sitze abgewetzt waren. Einer spontanen Eingebung folgend leiteten sie ein Untersuchungsprogramm in die Wege, um die bis dahin nahezu unerforschte Frage zu prüfen ob seelischer Stress signifikant zur Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes beitragen könnte.
In einer ihrer ersten Untersuchungen prüften Friedman und Rosenman den Cholesteringehalt im Blut von Steuerbeamten von Januar bis Juni. Deren Essverhalten und das Pensum an Bewegung änderte sich in dieser Zeit nicht. Aber in den ersten beiden Aprilwochen, als der Abgabetermin für die Einkommensteuererklärung – der 15. April – und der damit verbundene Stress näherrückten, stieg ihr durchschnittlicher Cholesterinspiegel sprunghaft an, und die Neigung zu Blutgerinnseln nahm zu. Im Mai und Juni waren die Werte wieder auf ihren normalen Stand gesunken.
Die beiden Herzspezialisten schlossen daraus, dass manche Menschen in einer selbsterzeugten Haltung chronischer innerer Spannung leben. Die stressgeplagten Patienten in ihrem Wartezimmer fühlen sich immer wie die Steuerbeamten Mitte April.
Bei Menschen die immer unter Zeitdruck stehen, getrieben sind und sich konkurrenziert fühlen, ist die Wahrscheinlichkeit an einer Herzkrankheit zu erleiden siebenmal höher als anderen Menschen (Levine, 1999). Ein von Eile geprägtes Lebenstempo, schnelles gehen und essen, wenig Geduld und sogenanntes „Multitasking“ gehören zu den Elemente, die Sie zwar „erfolgreich“ (dieser Begriff ist sehr relativ zu verstehen) aber auch hellhörig machen sollten.
Ja, wir leben in einer Zeit in welcher alles schneller gehen soll. Und das ist nicht nur schlecht. Ein hohes Tempo gibt uns das Gefühl von Vitalität und Dynamik, eventuell auch ein Gefühl von Sinn und Erfüllung. Geniessen Sie also die Zeiten in welchen Ihnen die „temporeichen Herausforderungen“ Spass machen und Befriedigung geben. Aber bleiben Sie auch ehrlich: Ab und zu innehalten hat noch nie jemandem geschadet.
Letzte ArtikelSelbstmitgefühl – was ist das? WHO erkennt Burn out als Krankheit an Das Beste zur Zeit Achtsamkeit – was ist das? Eine kleine Geschichte
Kategorien
Schlagwörter
-
Achtsamkeit
Anspannung
Autonomes Nervensystem
Bewegung
Burnout
Cranio Sacral
Depression
Einsamkeit
Entspannung
Erholung
Ernährung
Erschöpfung
Freude
Gedanken
Gefühle
Gegenwart
Gesundheit
Glück
Hier und Jetzt
Immunsystem
Kopfschmerzen
Krankheit
Körper
Körpertherapie
Loslassen
Natur
Nervensystem
Pflanzenheilkunde
Prozess
Prozessbegleitung
Prävention
Psyche
Ruhe
Schlaf
Schlafstörungen
Schleudertrauma
Schmerzen
Selbsthilfe
Somatic Experiencing
Stress
Stressbewältigung
Tee
Therapie
Verspannung
Veränderung