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Wo ist der Kanonenofen?
Entlang der Geleise des Zürcher Hauptbahnhofs steht ein Glasklotz: Das Polizei- und Justizgebäude. Würde Kommissär Maigret da seine Fälle auch so gut lösen können, wie er es Quai d’Orfèvres 36 in Paris konnte?
Das Haus aller Polizeihäuser steht in Paris. Am Quai d’Orfèvres 36 löste Jules Maigret, Kommissar der Pariser Kriminalpolizei, in seinen fast vierzig Amtsjahren 103 Fälle. Neulich hat das werdende Zürcher Polizei- und Justizgebäude seine Gerüsthülle verloren und steht als riesiger Glasklotz entlang der Geleise des Zürcher Hauptbahnhof. Und ich frage: «Werden Maigrets Nachfahren auch so erfolgreich sein wie der beste Kommissär der Kriminalgeschichte? Haben sie dieselben architektonischen Bedingungen für ihre Arbeit?» Denn wir dürfen die Umgebung und Architektur eines Ortes auf Arbeitseifer und -erfolg ja nie unterschätzen.
So suche ich durch die Umgebung ein Lokal wie die «Brasserie Dauphin». Steckte Maigret in einem Fall fest, liess er von dort Schinkenbrote und Bier holen. Für sich, seine Gehilfen Lucas und Lognon und für die verstockten Bösewichte, die dann bald zu reden anfingen. Es gibt wohl einige Wirtschaften ums PJZ, keine aber, die gerüstet wäre Tag und Nacht das Nötige über die Strasse zu liefern. Auch ist der Zugang zum Polizeihaus den Kellnern ja keineswegs so offen wie im Quai d’Orfèvres 36. Kurz – die Planer haben die Bedeutung der städtebaulichen Umgebung für die Kriminalarbeit wohl unterschätzt, vielleicht vergessen.
Die Architektur des Zürcher Justizpalastes verlängert das hartkantige, seelenlose Neuzürich der Europaallee – ein grosser Glas- und Stahlklotz, wie er überall in den Weltmetropolen herumsteht. Maigrets Quai d’Orfèvres 36 dagegen war ein grosses, elegantes neoklassizistisches Stadthaus, nicht so herrisch und laut wie der Justizplast von Wien, der den Verbrechern vorgeführt hat, wer der Meister ist, aber auch nicht so geschniegelt wie das PJZ, das manch einen Bankräuber verwirren wird, weil er denkt, er sei nun wieder am Tatort gelandet, oder – noch schlimmer – sein Tat- und der Strafort steckten unter einer Decke.
Und dann das Interieur, das ich kürzlich auf Renderings sah: Kommissar Maigret quetschte die Übeltäter in einem raffiniert eingerichteten Zimmer aus – Schreibtisch, sanftes Licht, bequeme Stühle und wohlige Wärme aus einem Kanonenofen. Und über allem der Duft seiner Tabakspfeife. In dieser gemütlichen Stube dauerte es nie lange und Maigrets Psychologie hatte die Hartgesottenen weichgekocht. Im PJZ gibt es stattdessen einen Haufen spezielle Verhörzimmer, eingefärbt nach neuesten Erkenntnissen der Psychologie und ausgestattet mit seriellen Möbeln und wohl mit Rauchverbot. Haben die Raumgestalterinnen und Interior-Designer eine Chance verpasst? Haben sie genügend Maigret gelesen, um zu lernen, wie Raum und Verbrechen zusammenhängen?
Wie die Welt im Grossen, so hat sich auch die Verbrechensbekämpfung entwickelt – die Abläufe sind ebenso perfektioniert und sicherheitstechnisch optimiert, wie die Ausblicke aus den Käfigzellen kompatibel sind mit den Anordnungen des Menschenrechts. Da ist das PJZ gewiss menschenfreundlicher als die Verliesse am Quai d’Orfèvres 36. Die Zürcher Architektur aber lehrt: Arbeiteten Maigret und seine Verbrecher noch als Handwerker mit Eigensinn, so sind ihre Nachfolger gewohnt an industrielle Standards von der Ausübung der Missetat bis zu deren Verfolgung und Aufklärung in einem durchwegs optimierten Setting von Räumen und Stimmungen. Und statt des Kanonenofens, bei dessen Anfeuerung Kommissar Maigret manch eine Erleuchtung für den Schlüssel zu einem Fall hatte, gilt nun saubere Zentralheizung im Netto-Null-Standard.
Köbi Gantenbein frischt sein Französisch auf und liest dafür mit Gewinn und Vergnügen Georges Simenons Romane über Kommissar Maigret im Original. Zurzeit den ersten der 75 Bände: «Pietr le Letton», Erstausgabe: Edition Fayard, Paris 1931, Antiquarisch zu haben für 17 Euro. Sonst für wenige Euro in einer der zahlreichen späteren Ausgaben z.B. bei Hachette. Auf deutsch hat Diogenes alle 75 Maigret-Romane herausgegeben.