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Bei einem Workshop zur sozialen Nahrungsmittelversicherung in Muttenz am 22. Januar wurden drei französische Initiativen und zwei Schweizer Projekte vorgestellt und diskutiert. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse des Workshops.
Einleitung
Das Recht auf angemessene Ernährung, das im Völkerrecht und in der Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der Bauern und anderer in ländlichen Gebieten tätiger Personen (UNDROP) verankert ist, gehört zur Familie der Menschenrechte. Bis heute werden diese Grundrechte kaum umgesetzt: Weder ist eine angemessene und nachhaltige Ernährung für alle Menschen zugänglich, noch erhalten die Produzenten angemessene Preise für ihre Waren. In Frankreich wird das Konzept der Sozialen Sicherheit der Ernährung (SnE) bereits seit mehreren Jahren intensiv diskutiert und in Pilotprojekten umgesetzt. In der Schweiz haben die Diskussionen erst vor kurzem begonnen und stossen auf grosses Interesse.
Ziel: Eine Sozialversicherung für Ernährung
Alle Menschen haben, unabhängig von ihrem Einkommen, genügend Zugang zu gesunden Lebensmitteln. Die ProduzentInnen erzielen faire Preise und die gesamte Wertschöpfungskette ist nachhaltig.
Dazu muss Ernährungssystem demokratisiert werden. Das heisst weg von einem System, das sich nur nach den „Marktbedürfnissen“ richtet und hin zu einem System, das sich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung richtet. Aus linearen Wertschöpfungsketten entstehen Ernährungsgemeinschaften.
Die Ernährung soll keine Variable der Haushaltsausgaben bleiben. Menschen in prekären Situationen sollen nicht länger auf stigmatisierende Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein.
Die Sozialversicherung für nachhaltige Ernährung ermöglicht, dass jede und jeder sein Recht auf eine hochwertige Ernährung wahrnehmen kann.
Ist-Zustand des Ernährungssystems
- 70% der Bevölkerung in der Schweiz wohnt in urbanen Gebieten. Der Grossteil hat den Bezug zur Erde und der Lebensmittelproduktion verloren.
- Seit 1990 sind die Produktionskosten um 11% gestiegen, aber die Preise für die Bauern um 27% gesunken. Gleichzeitig stiegen die Konsumentenpreise um 17% (Prof. Dr. Mathias Binswanger).
- Die Wertschöpfung der Ernährung ist bei der industriellen Verarbeitung und dem Handel. Wobei die Margen für hochwertige Produkte (z.B. «Bio») besonders hoch sind.
- 80% des Detailhandels ist bei Migros und Coop.
- 8.7% der Bevölkerung in der Schweiz lebt unter der Armutsgrenze.
- Hochverarbeitete Lebensmittel bestehen nur selten aus vollständigen Lebensmitteln. Fertig- und Instantprodukte, Snacks, Erfrischungsgetränke und co. minimisieren den Eigenaufwand für die Zubereitung. Allerdings werden ihnen auch etliche «Zivilisationskrankheiten» (Karies, Herz- und Gefässkrankheiten, Diabetes, Bluthochdruck, manche Allergien, Gicht, …) zugeschrieben.
Die Umsetzung
Die Bevölkerung einbeziehen
Der erste grosse Schritt für ein SnE ist daher die Einrichtung eines Ernährungsrates, zu dem die gesamte Bevölkerung eingeladen wird, die später die Ernährungsgemeinschaft auf der Ebene eines Stadtteils, eines Einzugsgebiets oder einer Region bilden wird. Der Aufbau dauert mehrere Jahre und durchläuft folgende Etappen:
- Die Kerngruppe (die Initiatoren) lädt die Bevölkerung ein und gewinnt Menschen, die sich für den Ernährungsrat interessieren.
- Die ErnährungsrätInnen lernen als erstes die Herausforderungen der Ernährungssysteme kennen und verstehen. Mit Betriebsbesuchen, Vorträgen, Diskussionen etc. werden sie in Ernährungsfragen weitergebildet und für Ernährungsdemokratie sensibilisiert. Das vorrangige Ziel des Ernährungsrates: die Entwicklung einer gemeinsamen Vision für ihre Ernährungsgemeinschaft.
- Festlegen, wie eine soziale Sicherheit funktionieren soll. Mit einer Charta, Richtlinien für die Funktionsweise, einer Finanzierung, einem Währungssystem, Kriterien für die Zulassung von Lieferanten, um sicherzustellen, dass die Lebensmittel gesund, lokal und saisonal sind und kurze Wege garantieren etc.
- Lancierung der Sozialversicherung. Ev. bildet der Ernährungsrat die Basis der Sozialversicherung, ev. gibt’s Änderungen und neues Komitee tritt an seine Stelle zur basisdemokratischen Leitung der SnE. Die Bildung in Ernährungsfragen geht weiter – für das Komitee und alle Beteiligten.
Das ganze System neu überdenken
Selbst wenn man sich an den bestehenden Sozialversicherungen (AHV) orientiert, ist die Sozialversicherung für Lebensmittel neu, und da sie den gesamten Lebensmittelsektor betrifft, muss das gesamte System überdacht werden (Produktion, Verarbeitung, Logistik, Transport, Verbrauch). Wenn wir das Recht auf gesunde, unter guten Bedingungen produzierte Lebensmittel garantieren wollen, wird dies zwangsläufig mehr Geld kosten als das derzeitige Lebensmittelsystem – das Problem beschränkt sich nicht auf die Gewinnspannen der großen Einzelhandelsunternehmen.
Wir müssen also
– zuerst gemeinsam entscheiden, wie viel Geld wir ausgeben wollen,
– dann die Organisation festlegen (welche Lebensmittel, welche Landwirtschaft, welche Verarbeitung und welcher Vertrieb wären ideal) und erst, wenn das Budget feststeht,
– festlegen, wie die Finanzierung sichergestellt werden soll.
Mit anderen Worten: Um die Frage der Finanzierung sinnvoll anzugehen, muss zunächst geklärt und genau definiert werden, was finanziert werden soll und warum dies notwendig ist. Es geht darum, das gesamte Ernährungssystem zu verändern.
Herausforderungen
Die verschiedenen Initiativen sind erfolgreicher, wenn sie vernetzt sind, ihre Energien bündeln und voneinander lernen (in Frankreich arbeiten die 27 SnE-Initiativen im Netzwerk zusammen).
Es ist notwendig, Bündnisse und Partnerschaften zu schaffen. Die SnE braucht Verbindungen zu Politik und Verwaltung, zu Forschung und Lehre, zu Verbänden und Stiftungen. So können verschiedene Themen gemeinsam mit den Partnern vertieft werden und das Projekt in den Augen aller glaubwürdig und umsetzbar machen.
Wir erwägen, unsere gemeinsame Grundlage in einen Gesetzesvorschlag umzusetzen, um uns von niemandem unserer Arbeit berauben zu lassen.
Weitere Artikel über die Sozialversicherung für nachhaltige Ernährung
Ein demokratisches, nachhaltiges und solidarisches Ernährungssystem ist möglich. Inspirierender Erfahrungsbericht des Bürgerkomitees von Montpellier über seine gemeinsame Lebensmittelkasse.
Produzent.innen brauchen faire Preise für ihre Produkte und Konsument.innen Zugang zu einer guten Ernährung. Die SNL könnte beides erreichen.