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Eveline Haslers Haslen
«Ein Tag im April. Die Fenster gestochen scharf in der Föhnluft. Häuser, die wie Fabriken aussahen, mehrstöckig, mit vielen mattblinkenden Fensterreihen. Kosthäuser für die Arbeiter, hatte Davatz gesagt. Die Häuser zogen sich in einer tristen Reihe, auf einer Aufschüttung des Flußufers, dahin.
Eine Korridor-Landschaft, durch die der Föhn blies. (...)
So ging Barbara dem Rattern der Maschinen nach in den Saal. Sie erstickte fast in der Luft, die nach ranzigem Öl roch, an den herumfliegenden Baumwollfasern. Nur mit Mühe fand sie Anton unter all den Kindern, die mit glasigem Blick vor den Maschinen standen, klein, viele fast zwergwüchsige, einige verwachsen, mit einer Krümmung im Rückgrat.
Von der immer gleichen Haltung käme das, der stickigen, von Maschinenöl geschwängerten Luft, zum Glück schreibe das neue Fabrikgesetz seit 1848 vor, daß Kinder erst von zwölf Jahren an und nur von morgens fünf bis abends acht Uhr arbeiten dürften! Ein Fortschritt, das glarnerische Fabrikgesetzt, das erste auf dem Kontinent!»
Mitte des 19. Jahrhunderts herrscht wieder einmal eine Hungersnot in der Schweiz, die Kartoffeln verfaulen im Boden, viele Familien sind verzweifelt, weil sie rein gar nichts mehr haben, was sie zu Nahrung verarbeiten könnten. Das Augenmerk der Erzählerin richtet sich auf eine Gruppe von Auswanderern, die die weite Reise nach Brasilien auf sich nehmen will, gelockt von Versprechungen aus der Zeitschrift «Der Kolonist»: Dort soll es Kaffeeplantagen geben, dort sollen Wohlstand, ja Reichtum möglich sein durch harte ehrliche Arbeit. Doch schon die Überfahrt auf einem völlig überfüllten Passagierschiff entwickelt sich zu einem Alptraum: Alte und Kinder erkranken und sterben, wer überlebt, kommt völlig geschwächt und entmutigt im Hafen von Santos an. Und die Plantagen selbst erweisen sich als Ort von Ausbeutung, Sklaverei und noch grösserer Not als die Ausgewanderten sie zuhause im Glarnerland gekannt haben.
Im «Ibicaba»-Roman sind die Szenen auf hoher See besonders eindrücklich. Mitten in all dem Elend, den Kranken und Sterbenden, hängen einige Figuren ihren Erinnerungen nach. Diese sind zumeist düster, wie jene der Textilarbeiterin Barbara an die Fabriken und die Kinderarbeit in Haslen (Zitat). Und so schweben die Auswandernden tatsächlich zwischen zwei dunklen Polen – einer ungewissen Zukunft und einer trüben Vergangenheit.
Eveline Hasler (Jg. 1933) ist gebürtige Glarnerin. Ihr Erfolgsgeheimnis beruht auf sorgfältiger Recherche und erfindungsreicher Einfühlung in die Figuren, so dass Vergangenes überraschend lebendig wird. Häufig stehen die Ärmsten der Armen, die Recht- und Heimatlosen im Mittelpunkt ihrer Erzählwelten. Ihr erfolgreichstes Werk ist «Anna Göldin, letzte Hexe» (1982). (BP)
Haslen ist ein mehr als 2 Kilometer langes Strassendorf im Glarner Hinterland, unterhalb des Freiberges Kärpf, wo Landammann Joachim Bäldi anno 1548 das erste Wildschutzgebiet Europas einrichtete. Gemsen, Steinböcke und Steinadler sind dort leicht zu beobachten. Das Tal des Glarnerlandes ist tief eingeschnitten, bis zu 1700 Metern hoch ragen die Berge aus dem flachen Talboden. Wie für den Kanton Glarus typisch, setzte die Industrialisierung früh ein, schon 1846 wurde eine Spinnerei angesiedelt. Seit einer umfassenden Gebietsreform im Kanton Glarus ist Haslen keine eigene Gemeinde mehr, sondern Teil von Glarus-Süd.