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Ich glaube, das Raumschiff Enterprise hat mich politisch beeinflusst.
Als Kind schaute ich, selbstverständlich verbotenerweise, auf dem neuen Sender Sat 1 die erste Star-Trek-Serie aus dem Jahr 1966, gruselte mich vor grünen Pappmaché-Aliens und nahm alles sehr ernst.
Wenn man sich die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise heute, digital aufgerüstet in Knallfarben, anschaut, ist das Kitsch-Trash erster Güte. Dennoch: Im Amerika von 1964 eine schwarze Frau als Offizierin auf die Brücke eines Raumschiffs zu stellen – das war schon etwas. Dazu kamen Mr. Sulu (ein Chinese!), Mr. Checkov (ein Russe!) und Mr. Spock (ein Halbausserirdischer!), angeführt natürlich von einem all-American white boy, William Shatner als Captain Kirk. Auf dem Raumschiff Enterprise küsste zum ersten Mal im Fernsehen eine schwarze Frau (Lieutenant Uhura) einen weissen Mann (Captain Kirk). Der politische Mut wird dadurch relativiert, dass man den Kuss nicht so richtig sah und Captain Kirk durch eine Alien-Droge auf einem Trip war. Aber immerhin. Nichelle Nichols, die Darstellerin von Lieutenant Uhura hat viel später zu Shatner gesagt: «Let’s make TV history again – and you can kiss my black ass!».
Auf dem Raumschiff Enterprise hat man also gewissermassen Diversität praktiziert. Die Idee, dass die Welt in einer Föderation vereint ist, bleibt schön, ebenso wie die – immer wieder gebrochene – Erste Direktive der «Sternenflotte»: Sie untersagt es, sich in die Entwicklung anderer Spezies einzumischen. Für die 60er-Jahre war das nicht schlecht. Und ich glaube, es gehörte zum pädagogisch Klügeren, was ich mir damals, in einem Alter, in dem Kinder eigentlich nicht so viel auf einen Bildschirm schauen sollten, zugemutet habe.
Meine frühjugendliche Leidenschaft wurde die Folgeserie «The Next Generation», ein Design- und Frisurentraum der 1990er. Die nächste Generation bleibt voller Klischees und bei den Frauenrollen ging nicht viel seit den 1960ern, auch wenn es zu einer Chefärztin (Dr. Beverly Crusher!) gereicht hat. Aber ein Mann glänzt: Patrick Stewart als Captain Jean-Luc Picard. Ein erstklassiger Schauspieler, der einen kultivierten reflektierten Kapitän spielt. Picard – was für ein moderner Mann, ohne aufgesetzte Maskulinität! Der nicht gleich angreift, sondern die Diplomatie voranstellt. Der sich von Whoopy Goldberg beraten lässt. Der mit seiner Glatze so gar nicht mit der Föhnästhetik seiner muskulösen Offiziere konkurrieren will.
Picard bewundere ich seit meinem elften Lebensjahr. «Was würde Captain Picard tun?», überlege ich mir in kniffligen Situationen, auch wenn es nicht direkt um die Vernichtung aller Zivilisation geht. Was würde er denn tun? Er würde alle verfügbaren Fakten durchdringen, sich mit Fachleuten und Vertrauten beraten, reflektieren (möglicherweise auf dem Holodeck), entscheiden, begründen und es dann durchziehen. Picards Herangehensweise an allerlei ausserirdische Fährnisse war meine Entscheidungslehre im Popkultur-Format. Die kleine Picard-Statue aus Plastik steht streng-gütig blickend in meinem Büro als Talisman, falls ich die Grundsätze für gute Entscheidfindung oder die erste Direktive zu vergessen drohe.
Nachtrag: Neben Picard ist Spock ein Faszinosum, mit seiner strengen Logik und seinen doch immer durchdringenden Emotionen. Der 2015 verstorbene Leonard Nimoy war ein guter Schauspieler und konnte schreiben. Seine im Abstand von zwanzig Jahren verfassten beiden Autobiographien «I am not Spock» und «I am Spock» (!) lohnen den Leseausflug. Und der sehr persönliche Film seines Sohnes «For the Love of Spock» ist sehenswert (es gibt ihn auf Netflix).