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Das Zürcher Opernhaus gibt «Così fan tutte». Mozarts Klänge erfüllen den Raum und die Herzen des Publikums. Während auf der Bühne Ferrando und Guglielmo in ihrer rational geplanten Intrige alle Register ziehen, um die Treue ihrer Verlobten ins Wanken zu bringen, müsste sich der rationale, auf Effizienz bedachte Ökonom eigentlich enervieren: Während der dreieinhalb Stunden dauernden Oper sind die Fagotte über lange Strecken still. Auch die Pauke kommt nur gelegentlich zum Einsatz. In auffälligen Doppelspurigkeiten sind die Celli und die Geigen besetzt. Wozu die Klarinetten, wenn die Töne auch von den Hörnern gespielt werden können? Und dann ist da der reich ausgestattete Chor, der nur wenige Auftritte hat. Wie verschwenderisch war doch dieser Komponist! Müsste da der rationale Ökonom nicht kurzen Prozess machen und die Zahl der Streicher kürzen, den Chor aus der Partitur streichen, die Klarinetten weglassen – kurzum die Partitur von allem ökonomisch Unvernünftigen befreien und sie in eine effiziente Reinform überführen?
Allein, es findet sich kein Ökonom, der so etwas ernsthaft verlangen oder tun würde, denn entgegen gängigen Klischees fordert kein Ökonom, dass sich die Menschen immer rational verhalten sollen. Auch wenn die Wirtschaftswissenschaft spätestens seit der Finanzkrise vielen als gefühllos und berechnend gilt, haben doch die meisten Ökonomen eine breitere Perspektive für die Komplexität des Menschen und seiner Kultur. Ökonomie und Kultur sind keine Gegensätze, im Gegenteil. Was wäre eine «Così», wenn sie tatsächlich nach rein ökonomischen Kriterien umgeschrieben würde? Ein elender Stumpf, eine «blutleere Abstraktion», um ein Wort Ludwig Erhards zu zitieren, der damit das ökonomische Menschenbild apostrophierte. Vor allem aber würde wohl niemand, schon gar kein rational denkender Ökonom, freiwillig Zeit und Geld hergeben, um ein verstümmeltes, leidenschaftsloses, totes Konstrukt zu hören.
Das Gedankenspiel führt zu zweierlei Überlegungen:
Erstens: Ökonomie ist auch Kultur und umgekehrt. Ökonomie und Kultur bedingen und befruchten sich gegenseitig. Wirtschaftlicher Erfolg ist von kulturellen Faktoren abhängig. Und wirtschaftlicher Erfolg schafft wiederum die Voraussetzungen für die Entstehung von Höherem. Viele kulturelle Leistungen wären nie entstanden, hätten ihre Erschaffer nicht auf einer soliden wirtschaftlichen Basis aufbauen können. Auch der begabteste Künstler muss von seiner Kunst irgendwie leben können.
Zweitens: Ökonomie in Reinform ist schlechte Ökonomie. Dieser Gedanke gründet auf der berühmten Aussage von Friedrich August von Hayek – für viele der Inbegriff des «bösen» Neoliberalen – wonach «wer nur Ökonom ist, kein guter Ökonom sein kann». Für Hayek sind solche «Nur-Ökonomen» nicht nur ein Ärgernis, sondern eine Gefahr für die Gesellschaft. Waren es nicht gerade auch die Sozialisten, die glaubten, auf ökonomisch fundierter, wissenschaftlicher Basis das Beste für die Menschen zu erreichen? Ein kluger Ökonom beschränkt sich folglich nicht nur auf die kalte wirtschaftliche Berechnung, sondern bezieht Erkenntnisse aus Recht, Psychologie, Geschichte, Kunst, Kultur und anderen Bereichen der menschlichen Existenz in sein Denken ein. Nur solche Ökonomie ist gute Ökonomie – und solche Ökonomie darf man mit Fug selbst als Teil der Kultur verstehen.