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Wie bereits vor dem Bezirksgericht Baden spielte der 48jährige Philologe Jürgen Graf, einst Lehrer und Übersetzer, auch vor dem Aargauer Obergericht die Rolle des biederen Wissenschafters: «Wenn wir Meinungs- und Forschungsfreiheit hätten, wäre ein solcher Prozess nicht möglich.» Ein Standardschlagwort der Holocaust-Leugner. Offenbar im Bestreben eine gute Zukunftsprognose und damit eine bedingte Gefängnisstrafe zu erhalten, tönte Graf auch an, er wisse nun um die strafrechtlichen Grenzen und werde - ohne seine Überzeugung zu ändern - in Zukunft nicht mehr die Rassismus-Strafnorm verletzen. Der Überzeugungstäter verwies insbesondere auf sein letztes Buch über das Vernichtungslager Majdanek, wegen dem er ja nicht eingeklagt worden sei. Bereits ein kurzer Blick in dieses Werk, das Graf zusammen mit seinem italienischen Gesinnungskameraden Carlo Mattogno verfasste, reicht, um festzustellen, dass der Basler Holocaust-Leugner noch immer mit viel rabulistischem Aufwand die Nazis von ihrem grössten Verbrechen, dem Holocaust, freisprechen will. Das Aargauer Obergericht bestätigte auch die Verurteilung Grafs wegen Beschimpfung von Ekkehard Stegemann. Auch hier zeigte sich Graf uneinsichtig. Seine schriftliche Beschimpfung bezeichnete er zutreffend als «kindische Sache», meinte aber anschliessend: «Ein Theologieprofessor sollte sich schämen, wegen einer solchen Sache ein solches Theater zu machen.» Grafs Berufungsverhandlung war ein Gruppentreffen der Schweizer Holocaust-Leugner, rund dreissig bis vierzig Sympathisanten markierten Präsenz und beklatschten mehrmals Grafsche Auslassungen. Unter den Anwesenden waren Bernhard Schaub und Arthur Vogt, beide - zusammen mit Graf und dem nach Spanien abgehauenen Andres J. Studer - im Frühjahr 1994 Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der Zeitgeschichte (AEZ), dem Zusammenschluss der Schweizer Holocaust-Leugner. Aus Bern angereist waren Roger Wüthrich, einst Begründer der Wiking-Jugend Schweiz, und Ahmed Huber, beide Aktivisten der völkisch-heidnischen Avalon-Gemeinschaft, in deren regelmässigen Treffen sich auch Jung- und Altnazis treffen. Anwesend auch René-Louis Berclaz aus Châtel-Saint-Denis, der einst in einem Buchvertrieb einschlägige Bücher anbot, auch dafür verurteilt und nun den Verein «Vérité et Justice» führt, welcher Personen unterstützt, die wegen der Rassismus-Strafnorm angeklagt sind.
Hans Stutz
Jüdische Rundschau, 1. Juli 1999
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