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Nie hat der dänische Film derart direkt und eindringlich sein Publikum angesprochen wie in diesen Jahren – und nie ist die einheimische Bevölkerung vor den Kinokassen so lange Schlange gestanden, um dänische Filme zu sehen. Der inländische Marktanteil lag in den letzten fünf Jahren stets zwischen 27 und 30 Prozent. In Europa kann nur Frankreich eine ähnlich starke Stellung des einheimischen Filmschaffens im eigenen Land behaupten. Seit Mitte der Neunzigerjahre schreibt der dänische Film eine vielbeachtete nationale und internationale Erfolgsgeschichte, und man muss weit zurückblicken, um in den Jahren 1910–1915 eine einheimische Produktion zu finden, die damit konkurrieren kann. Damals war die heute noch existierende Nordisk Film Kompagni die zweitgrösste Produktiongesellschaft der Welt. Die Dänin Asta Nielsen (1883–1972) wurde zum ersten europäischen Filmstar: Sie debütierte in Afgrunden (The Abyss, Urban Gad, 1910), in einem jener erotischen Melodramen, die Dänemark in der Stummfilmzeit in die ganze Welt exportierte.
Intime Alltagsschilderungen
Susanne Bier war mit ihrer romantischen Komödie Den eneste Ene (The One and Only, 1999) eine der Wegbereiterinnen für den aktuellen Publikumserfolg des dänischen Films: Für den Film zahlten 800 000 Däninnen und Dänen Eintritt – bei einer Gesamtbevölkerung von gut 5 Millionen Menschen. Wie dieses Werk waren eine Reihe der Kassenschlager der letzten Jahre intime Alltagserzählungen von Frauen und Männern Ende dreissig, die in der Grossstadt leben und sich ihren Weg durch verschiedene Formen von Midlifecrisis suchen. Die Filme präsentieren sich als Mischung aus Komödie und Drama und nützen die besten Instrumente jedes Genres, um die Rolle der Familie in der dänischen Gesellschaft zu sezieren.
Kritische Stimmen haben bemängelt, dass sich die dänischen Produktionen der letzten Jahre sehr ähnlich geworden sind. Aber wenn Annette K. Olesens Små ulykker (Minor Mishaps, 2002), Jesper W. Nielsens Okay (2002) und Susanne Biers Elsker dig for evigt (Open Hearts, 2002) einander gleichen, dann weil sie alle eine grosse Begabung für engagierte und humoristische Schilderungen des Alltagslebens zeigen.
Nicht alle neuen Produktionen passen jedoch in dieses Muster der intimromantischen Komödie oder des Dramas. Eines der herausragenden Werke von 2003 ist Per Flyes Arven (Inheritance), ein konzentriert gestaltetes und von beeindruckenden Schauspielleistungen getragenes Drama, das die Spielregeln in einem kapitalistischen System zu entlarven versucht: Als der Fabrikdirektor Selbstmord begeht, wird der Sohn der Familie von seinem Restaurant in Frankreich in seine Heimat geholt, um den Familienbetrieb zu retten. Er willigt nur zögerlich ein und muss einen hohen persönlichen Preis für seine Hilfsbereitschaft bezahlen. Arven ist das zweite Werk einer Trilogie, die sich dem dänischen Klassensystem gewidmet hat. Das erste, Bænken (The Bench, 2000), handelt von einem ehemaligen Koch mit schwerwiegenden Alkoholproblemen, der versucht, den seit Jahren abgebrochenen Kontakt zu Tochter und Enkelkind wieder aufzunehmen. Auch Bænken ist bei Publikum und Kritik im Inland auf Begeisterung gestossen. Wogegen er ausserhalb der Landesgrenzen vor allem mit Verwunderung aufgenommen wurde, gilt doch Dänemark als ein sozial sehr homogenes Land, in dem «wenige zu viel und die Wenigsten zu wenig» haben, wie es in einem populären Vaterlandslied heisst.
«Dogma»-Ästhetik
Ein Reihe von Filmen der letzten Jahre wurden gemäss den «Dogma»-Regeln gedreht (siehe www.dogma95.dk) oder zumindest davon inspiriert. Die wichtigsten Punkte in diesem Regelwerk – alle Aufnahmen «on location» ohne Zuhilfenahme von mitgebrachten Requisiten; nur die am Drehort vorhandenen Lichtquellen einsetzen; ausschliesslich Handkamera – haben den Filmen eine eigenwillige und markante Prägung gegeben. Trotzdem lässt sich nicht sagen, dass ein durchgehender visueller Stil die «Dogma»-Werke verbinden würde. Die aufgestellten Regeln machen es einfach, eine Masse von Material zu belichten, aber dessen Bearbeitung verfährt nicht nach bestimmten gestalterischen Prinzipien, durch die sich alle Filme angleichen würden. In den ersten «Dogma»-Filmen, Festen (1998) von Thomas Vinterberg und Idioterne (1998) von Lars von Trier, wurde das neue Regelwerk im Zusammenspiel mit Erzählung und Figurenzeichnungen genial ausgenützt. Einige der folgenden Produktionen wären sicherlich auch mit einer konventionellen Filmsprache sehr gut angekommen. Zweifellos aber hat «Dogma» kreative Freiheiten geschaffen für Filmschaffende, die sich eingeengt fühlten vom schwerfälligen und umständlichen Produktionsapparat. Daraus resultierte eine Serie von international erfolgreichen Werken, darunter Lone Scherfigs Italiensk for begyndere (Italian for Beginners, 2000) und Elsker dig for evigt (Open Hearts, 2002) von Susanne Bier.
Von Trier und Zentropa
Lars von Trier stritt sich während mehrerer Jahre mit Bille August um die Rolle des international bekanntesten dänischen Regisseurs. Gewonnen hat vorläufig Lars von Trier, der auch eine grosse Inspirationsquelle für die jüngeren Filmschaffenden darstellt. Er besitzt die Produktionsgesellschaft Zentropa Entertainments zusammen mit dem schillernden, Zigarren rauchenden Produzenten Peter Aalbæk Jensen, der nicht davor zurückschreckt, nackt am Swimmingpool zu posieren oder fingierte Konflikte rund um seine Filmprojekte zu kreieren, wenn öffentliche Beachtung und Medienpräsenz gefordert sind. Im Verbund mit der Produzentin Vibeke Windeløv und dem Produzenten Ib Tardini haben von Trier und Aalbæk Jensen in der «Filmstadt» Hvidovre südlich von Kopenhagen ein einzigartiges kreatives Klima geschaffen.
Mit seinem jüngsten Film, Dogville (2003), scheint Lars von Trier die melodramatische Linie von Breaking the Waves (1996) und Dancer in the Dark (2000) weiterzuverfolgen: Im Mittelpunkt steht wiederum eine Märtyrerin. Allerdings setzt er sich mittlerweile wie in den frühen «Dogma»-Tagen wieder strenge gestalterische Regeln und Begrenzungen. Die Handlung konzentriert sich in Dogville zwar ausschliesslich auf eine Kleinstadt im amerikanischen Teil der Rocky Mountains, wurde jedoch nur in Studiodekorationen aufgenommen, wo die verschiedenen Häuser lediglich mit Kreidezeichen auf dem Boden kenntlich gemacht waren. So ist Dogville nicht zuletzt zu einer faszinierenden Studie Brecht’scher Verfremdungseffekte geworden.
Drehbuchentwicklung im Fokus
Die dänische Filmschule, welche weltweit einen sehr guten Ruf geniesst, hat zweifellos einen wesentlichen Anteil an der gegenwärtigen Erfolgsgeschichte. Der Leiter der Drehbuchabteilung, Mogens Rukow, wurde zum Mentor einiger der herausragenden Jungregisseure wie Lars von Trier und Thomas Vinterberg. Er war beteiligt an der Drehbuchentwicklung der «Dogma»-Filme Festen und En kærlighedshistorie (Kira’s Reason – A Love Story, 2001), ein feinfühliges, beklemmendes Ehedrama. Rukow arbeitete auch am Drehbuch für Vinterbergs letztes, englischsprachiges Werk, It’s All About Love (2003) mit Joaquin Phoenix und Claire Danes in den Hauptrollen. Die prätentiöse Liebesgeschichte wurde in Dänemark von der Kritik wohlwollend aufgenommen, verkaufte sich aber miserabel an den Kinokassen und muss heute schlichtweg als Fiasko betrachtet werden; das metaphysische Pathos des Films kam weder in Dänemark noch im Ausland beim Publikum an. Mogens Rukow wird auch als Drehbuchautor in den Credits von Christopher Boes Reconstruction (2003) aufgeführt, welcher 2003 in Cannes die Camera d’or für das beste Erstlingswerk gewann. «All is construction, all is film. And it hurts», heisst es in der Voice-over mit einer typischen Formulierung Rukows. Was immer man vom ambitiösen Reconstruction hält, der in seiner «kühlen» Ästhetik stark an den frühen Lars von Trier erinnert – der 29-jährige Boe wird ganz sicher wieder auf sich aufmerksam machen.
Der Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen ist derzeit das «Wunderkind» des dänischen Films. Der emsige Dreissigjährige hat das Skript geschrieben und auch gleich selber die Regie geführt bei den zwei schwarzen Komödien Blinkende lygter (Flickering Lights, 2000) und De grønne slagtere (The Green Butchers, 2003), die in Dänemark hohe Zuschauerzahlen verzeichneten, aber kaum Zugang zu ausländischen Festivals fanden. Jensen ist auch Mitverfasser von Drehbüchern zu einigen Erfolgsfilmen anderer Regisseure, etwa zu Jannik Johansens Rembrandt (2003), Susanne Biers Open Heart, Søren Kragh-Jacobsens Mifunes sidste sang (Mifune, 1999) und Lone Scherfigs Wilbur begår selvmord (Wilbur Wants to Kill Himself, 2002). Erwähnenswert ist auch, dass er vor den Spielfilmen an drei Kurzfilmen beteiligt war – Ernst og lyset (Ernst & The Light, 1996), Wolfgang (1998) und Valgaften (Election Night, 1998), die alle für den Oscar nominiert wurden, wobei Letztgenannter sogar einen Oscar in der «Live-Action-Kategorie» gewann. Wie der andere zurzeit tonangebende Drehbuchautor, Kim Fupz Aakeson (Okay, Små Ulykker), ist Jensen ein Meister der wirklichkeitsnahen und eindringlichen Dialoge und der Schilderung von Mikro-Konflikten.
Nehmt die Kindheit ernst
Seit 1982 ist durch das dänische Filmgesetz gesichert, dass mindestens 25 Prozent der staatlichen Fördermittel an den Kinder- und Jugendfilm gehen. Das führte in den Achtziger- und Neunzigerjahren sozusagen zu einem goldenen Zeitalter dieser Produktionen, die auch international grosse Resonanz fanden. Die Kinderfilme begegneten den Kleinen gewissermassen auf Augenhöhe in ihrer vertrauten Lebenswelt und entsprachen ihrem Bedürfniss, die Umwelt unter ihren spezifischen Bedingungen zu erfahren.
Der Kinderfilm hat nicht zuletzt die Funktion eines inoffiziellen Gewächshauses für den Erwachsenenfilm übernommen. So hat Bille August, zweifacher Gewinner der Palme d’or in Cannes mit Pelle Erobreren (Pelle the Conqueror, 1987) und Den gode vilje (The Best Intentions,1991), seine Karriere mit herausragenden Kinder- und Jugendfilmen wie Tro, håb og kærlighed (Twist and Shout, 1984), Zappa (1983) und Busters verden (In the World of Buster, 1984) begonnen. Thomas Vinterberg gelang mit dem Novellen-Film Drengen der gik baglæns (The Boy Who Walked Backwards, 1993) einer der schönsten dänischen Kinderfilme überhaupt, und Søren Kragh-Jacobsen ist ebenfalls über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine feinfühligen Werke für Kinder und Jugendliche, darunter Skyggen af Emma (Emma’s Shadow, 1988) und der Klassiker Gummi Tarzan (Rubber Tarzan, 1981).
Im Gegenzug zum Erfolg des dänischen Erwachsenenfilms, der im Verlaufe der Neunzigerjahre den Druck auf die Filmschaffenden stetig erhöhte, immer wieder neue Kassenrekorde zu brechen, wurde das Kinderpublikum zusehends vernachlässigt. Die dafür vorgesehenen Mittel wurden oft für mehr oder weniger blöde Familienkomödien eingesetzt, die gewiss viele Menschen in die Kinos lockten, deren erzählerische Universen aber weit entfernt vom Kinderalltag liegen. In den letzten Jahren haben die Kinderfilme zudem die Tendenz, abenteuerlicher und trendiger als die Kinder selbst zu werden. So sagte mein achtjähriger Sohn letzthin nach dem Besuch eines neuen Kinder-Familienfilms: «Ein toller Film, aber die Geschichte war sehr klein.» Daneben waren aber auch einzelne anspruchsvollere Produktionen zu sehen, etwa Natasha Artys Mirakel (Miracle, 2000), Hans Fabian Wullenwebers Klatretøsen (Catch That Girl, 2002) und En som Hodder (Someone Like Hodder, 2003) von Henrik Ruben Genz.
Dänisch in Englisch
Seit Ende der Achtzigerjahre ist der Begriff «Koproduktion» zur Zauberformel geworden, welche die Geldschränke in den nordischen Ländern sowie im übrigen Europa zu öffnen vermochte und damit eine zusätzliche Finanzierungsquelle für dänische Spielfilme bot. Die Einrichtungen Eurimages und Nordisk Film- & TV-Fond (welche Koproduktionen zwischen den fünf nordischen Ländern fördert) waren der Grund dafür, dass sich die einheimischen Produzenten und das staatliche Filminstitut (Det Danske Filminstitut) über die Landesgrenzen hinaus orientierten. Mittlerweile ist Dänemark hinsichtlich der internationalen Zusammenarbeit eines der engagiertesten Länder Europas.
Vor 1989 musste das Kulturministerium jeweils eine Ausnahmegenehmigung erteilen, wenn für einen Film staatliche Unterstützung beantragt wurde, der in einer anderen Sprache als Dänisch gedreht werden sollte. Lars von Triers erster Spielfilm, Forbrydelsens element (The Element of Crime, 1984), musste aus Gründen der geografischen Situierung und der erzählerischen Glaubwürdigkeit in Englisch gedreht werden. Nachdem akzeptiert worden war, dass zwei ausländische Schauspieler die Hauptrollen besetzen, war Det Danske Filminstitut, das die Anträge auf staatliche Finanzierung bearbeitet, zunächst nicht bereit, deren Zahl auf vier zu erhöhen. Nachdem trotzdem eingewilligt worden war, verlangte man aber eine Nachsynchronisation in dänischer Sprache, welche der Regisseur verweigerte. Schliesslich wurde das Werk erst am Tag vor der Vorführung im Hauptwettbewerb am Festival in Cannes offiziell als dänische Produktion anerkannt.
Dänische Filmschaffende haben mit wechselndem Erfolg versucht, englischsprachige Filme zu lancieren. Abgesehen von Lars von Triers internationalen Autorenfilmen und den Grossproduktionen The House of the Spirits (1993) und Smilla’s Sense of Snow (1997) von Bille August gibt es kaum englischsprachige Filme aus Dänemark, die ein grosses inund ausländisches Publikum erreicht hätten. Keine der erfolgreichen Filmemacherinnen und Filmemacher wie Thomas Vinterberg, Lone Scherfig, Søren Kragh-Jacobsen und Nicolas Winding Refn, die ihre letzten Werke in Englisch gedreht haben, konnten damit zufriedenstellende Zuschauerzahlen erreichen. Am besten lief noch Scherfigs Wilbur begår selvmord (Wilbur Wants to Kill Himself), der in Schottland gedreht wurde und in den dänischen Kinos immerhin 170 000 Karten verkaufte. Was allerdings weit von den sagenhaften 800 000 Eintritten entfernt ist, die sie mit Italiensk for begyndere (Italian for Beginners) verzeichnen konnte. Vinterbergs It’s All About Love (2003), dessen Produktionskosten gleich zehn Mal höher waren als jene von Festen, wurde nur von 51 000 Däninnen und Dänen gesehen – Festen hatte 404 000 Eintritte verbucht. Kragh-Jacobsens letzter Film, Skagerak (2003), der ebenfalls in Schottland gedreht wurde, kam nur auf 35 000 bezahlte Eintritte in Dänemark, obwohl der dänische Star Iben Hjejle in der Hauptrolle lockte. Dagegen wurde sein «Dogma»-Film Mifunes sidste sang (Mifune) von 351 000 Menschen gesehen. Nicolas Winding Refn fand noch einen grossen Publikumszuspruch mit seinen wirklichkeitsnahen Grossstadtgeschichten Pusher (1996) und Bleeder (1999). Sein englischsprachiger Fear X (2003) mit John Turturro wurde jedoch vom dänischen Kinopublikum verschmäht.
Im Grossen und Ganzen verlieren die dänischen Filme in Englisch oft ihre spezifische Prägung. Das Publikum vermisst die filmischen Angebote sprachlicher, kultureller und geografischer Identifikation. Viele Filmschaffende wollen ins Ausland, um mit internationalen Partnern zu arbeiten, aber das dänische Publikum bevorzugt die lokalen Geschichten der lokalen Geschichtenerzähler.
Übersetzung: Jan Sahli