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Vor dem Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen, verkaufte er einst Bücher im «Lindwurm» in Freiburg: 25 Jahre später wird der Schriftsteller Lukas Bärfuss anlässlich des Dies Academicus am 15. November 2022 zum Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg ernannt. Dazwischen liegt ein mit existentiellen Fragen ringendes, so vielfältiges wie umfangreiches literarisches Werk.
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren, schlug sich nach der Schulzeit in vielen Berufen durch: Tabakbauer, Gabelstaplerfahrer, Eisenleger, Gärtner. Nach der Rekrutenschule arbeitete er in Buchhandlungen in Bern und Fribourg. 1997 schloss er ein Buchhändler-Diplom ab, verstand sich aber von nun an selbst als Schriftsteller.
Ende der 90er Jahre folgten die ersten Theaterstücke und Erzählungen. Aus der frühen Schaffensphase trugen insbesondere die Theaterstücke «Meienbergs Tod» (2001) und «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» (2003) sowie die Novelle «Die toten Männer» (2002) zu seiner Etablierung als Schriftsteller bei. Nach ersten Auszeichnungen für sein dramatisches und erzählerisches Frühwerk gelang ihm 2008 mit «Hundert Tage» (2008) auch als Romancier der Durchbruch. Für den Nachfolgeroman «Koala» (2014), aus dem Bärfuss einst auch vor Studierenden der Universität Fribourg las, erhielt er den Schweizer Buchpreis.
2019 wurde Bärfuss für sein bisheriges Gesamtwerk mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Es umfasst mittlerweile fast 30 Theaterstücke, drei Romane, drei Essaybände, eine Novelle, eine Sammlung an Erzählung und verschiedene Kolumnen. «Das Schreiben ist ihm Instrument, die Welt zu greifen, ihre Zusammenhänge zu erkennen, Orientierung zu finden – vielleicht dadurch auch Halt», sagte die Dramaturgin Judith Gerstenberg in ihrer Laudatio: «Er ändert dafür immer wieder den Rahmen, die Genres, spielt virtuos mit verschiedenen Stilen, doch die Suchbewegung ist die gleiche, sie richtet sich darauf, den Abgrund zu überbrücken.» Bärfuss sprach in seiner Dankesrede die dunklen Abgründe seiner Literatur auch selbst an: «Ich bin ein Schriftsteller aus dem Europa des zwanzigsten Jahrhunderts: Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab.»
Zuletzt hielt Lukas Bärfuss im Mai 2021 an der Universität Freiburg im Rahmen der Ringvorlesung «Die Vermessung Europas in Literatur und Geschichte» einen Vortrag. Unter dem Titel «Europäische Nachtgedanken» forderte eine Neuorientierung der Schweiz in der Europafrage. Um nicht weniger als die Existenz ging es Lukas Bärfuss auch in seinem Vortrag zur Verleihung der Ehrendoktorwürde: «Wie wollen wir leben?» Es ist die zentrale Frage seiner Literatur.
© Claudia Herzog