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Bei den dreieckigen Giebelflächen steigt daher diese «Kopflinie» von den Ecken bis zur Mitte an. Dadurch ergaben sich allerdings manche seltsame Mißverhältnisse, welche aber die späteren Künstler trefflich zu beseitigen verstanden.
Färbung. Auch die Flachbildwerke wurden gefärbt, jedoch nur zu dem Zwecke, um die einzelnen Teile von einander zu scheiden, nicht aber um die natürliche Farbe wiederzugeben. Die Ausgrabungen auf der Akropolis zu Athen haben Ueberreste des älteren, von den Persern zerstörten Parthenon zu Tage gefördert, bei denen die Farbe noch gut erhalten war. Diese Bemalung war nun höchst merkwürdig: rote Leiber, blaue Haare, grüne Augen;
ein blauer Stier hat einen roten Schwanz.
Die Standbilder. Die freien Standbilder dieser Zeit erscheinen noch steif. Bei diesen läßt sich am besten erkennen, wie die Bildnerei aus der Holzschnitzerei sich entwickelte. Aus dem runden Holzstamme konnte man keine bewegte Figur schnitzen; es waren daher die Beine geschlossen und die Arme an den Körper gepreßt. Daß die Augen geschlossen waren, deutet vielleicht darauf hin, daß die Standbilder Tote vorstellen sollten; dem entspräche die steife Haltung der Gliedmaßen natürlich noch mehr.
Die griechische Sage verknüpft mit dem Namen des Daidalos den Fortschritt, Beine und Arme gelöst und auch zuerst offene Augen gebildet zu haben. Immerhin behielten zunächst noch die Arme die gerade herabhängende Haltung und die Füße die Parallelstellung bei, und erst allmählich kam man dazu, mehr Leben in die Gestalt zu bringen, indem die Arme etwas gebogen, die Faust geöffnet, der eine (linke) Fuß vorgesetzt wurde. - Durch die Oeffnung der Augen verlor das Gesicht wohl das Aussehen einer Totenmaske, es erhielt aber einen lächelnden Ausdruck, den die Figuren der älteren Zeit aufweisen, selbst wenn sie Sterbende darstellen. Das Festhalten an diesem «lächelnden Zug" müßte befremdlich erscheinen, wenn man nicht annimmt, daß auch bei den Griechen, obwohl sie sonst der künstlerischen Entwicklung viel Freiheit ließen, schon frühzeitig sich gewisse «Stilgesetze» ausbildeten, und somit dieser Gesichtsausdruck gewissermaßen durch einen Kunstlehrsatz bedingt war. (S. Fig. 93.)
Der Zug ergab sich aus den weichen rundlichen Formen, welche im Allgemeinen die Bildnerei dieser Zeit kennzeichnen: die Gestalten erscheinen vollfleischig, nicht muskelkräftig. Dies tritt natürlich deutlicher bei den nackten Jünglingsfiguren hervor, welche schon eine weitere Entwicklungsstufe darstellen. Zuerst hatte man bekleidete Figuren gebildet, was ja
^[Abb.: Fig. 104. Der Speerträger des Polyklet.
Marmornachbildung. Neapel, Museo Nazionale.] ¶
auch für die Holzschnitzerei leichter war, da die Formen dabei einfacher sind. Erst bei gereifterem Können wagte man sich an die Darstellung des nackten Körpers.
Archaischer Stil. Man pflegt den Stil dieser älteren Zeit - 7. bis Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. -
den «lax-archaischen» (weichlich-altertümlichen) zu nennen, jenen des Zeitabschnittes bis nach den Perserkriegen den «streng-archaischen», welcher nur die Formen schärfer ausbildet und lebendige Bewegung giebt.
Kunststätten. Athen. Athen tritt jetzt in den Vordergrund, obwohl die eigentlichen Stätten der Entwicklung anderwärts liegen, aber es lockt die fremden Künstler an sich und wird der Mittelpunkt des Schaffens, in dem sich die verschiedenen Richtungen begegnen und vermengen. Dieses Emporkommen verdankte Athen dem «Alleinherrscher» (Tyrannen) Peisistratos, der, aus adeligem Geschlechte stammend, sich mit Hilfe der unteren Volksschichten (um 560 v. Chr.) der Regierung bemächtigt hatte. In der Burgstadt (Akropolis), wo er seinen Herrschersitz genommen hatte, baute er den Haupttempel der Stadtgottheit, das (ältere) Parthenon; aber auch die unteren Stadtbezirke wurden mit großangelegten Bauwerken bedacht. Um den Ruhm seines Namens zu erhöhen, zog er nicht nur die Dichter, sondern auch die besten bildenden Künstler seiner Zeit heran: aus Kleinasien, von den Inseln und dem Peloponnes.
Peloponnes. Aegina. Im letzteren Gebiete waren schon früher Argos und Sikyon - auch Korinth - bedeutsame Kunststätten. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts trat nun auch die Insel Aegina hinzu, die als Sitz eines ausgebreiteten Handels reich geworden war. Die Herstellung der Bronze und der Erzguß überhaupt waren hier zur hohen Vollkommenheit gebracht worden, und die äginetischen Künstler arbeiteten daher hauptsächlich in Bronze. Von diesen Erzbildern, die nach den Berichten in großer Menge namentlich für die heiligen Stätten von Olympia und Delphi hier verfertigt wurden, ist leider nichts erhalten geblieben und wir können den «äginetischen Stil» nur aus späteren Werken beurteilen, vor allem aus den Giebelfiguren des Tempels von Aegina, die sich in München befinden. (Fig. 94-96.)
Dorisch-peloponnesischer Stil. Es ist beachtenswert, daß wie in der Baukunst auch in der Bildhauerei die Dorier zuerst zu einem streng durchgebildeten, einheitlichen und abgeschlossenen Stil gelangen, auf dessen Grundlage sich die weitere Vervollkommnung vollzieht. Während die Künstler der Inseln - welche vorwiegend in Marmor arbeiteten - bekleidete Gestalten bevorzugten, verwandten die Peloponnesier ihre ganze Kraft auf die Darstellung nackter männlicher Körper (und Pferde).
Scharfe Beobachtung der Natur paarte sich hierbei mit dem Streben, das Wesen des Menschen geistig zu erfassen, das Bedeutsame und Bezeichnende herauszuarbeiten.
^[Abb.: Diskoswerfer.
Marmornachbildung. Rom, Vatikan.] ¶