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Als sie 1759 unweit von London als zweites von sechs Kindern zur Welt kam, standen ihre Chancen nicht gut: Der Vater hatte das Familienerbe durchgebracht, sie galt weder als gute Partie, noch genoss sie eine Ausbildung. Aber sie war intelligent und las gern: die Bibel, antike Autoren, Shakespeare. Ein Leben als Gesellschafterin oder Gouvernante war vorgezeichnet, doch die Bürgertochter hatte anderes vor: Knapp zwanzig Jahre alt, gründete sie mit ihren Schwestern eine Privatschule – ein Experiment, das in einem finanziellen Fiasko endete. Zum Glück hatte sie da schon ihr erstes Buch über Mädchenerziehung beendet; das brachte ihr nicht nur ein Auskommen, sondern auch Anschluss an die Welt der Literatur und der Wissenschaft.
Als die Französische Revolution ausbrach, zog es sie als Volkserzieherin nach Paris, wo sie schriftstellerisch auf die Barrikaden ging: In einer Streitschrift legte sie sich mit dem konservativen Staatstheoretiker Edmund Burke an, verteidigte die Revolution, trat für Menschenrechte und Sozialismus ein; die Schrift fand grosses Echo – bis man herausfand, dass sie von einer Frau stammte. Zwei Jahre später erschien ihr heute wichtigstes Werk, «Eine Verteidigung der Rechte der Frau», in dem sie Gleichberechtigung forderte und vom Staat verlangte, für die Ausbildung der Mädchen zu sorgen: Wenn man diese nur auf die Ehe vorbereite, könnten sie keine ernst zu nehmenden Bürgerinnen werden und blieben zu einem unglücklichen Leben in permanenter Abhängigkeit verurteilt.
Sie wollte nie heiraten, doch auch mit der freien Liebe hatte sie Mühe. Ihre Affäre mit dem verheirateten Maler Johann Heinrich Füssli endete unglücklich. Ausgerechnet William Godwin, der erste Theoretiker des Anarchismus, sorgte dann für geordnete Verhältnisse und heiratete sie. Mit 37 starb sie jedoch nach der zweiten Geburt am Kindbettfieber.
Wer war die lange verpönte Frauenrechtlerin, deren Tochter Mary einen weltberühmten Roman über einen Italoschweizer schrieb, der sich zum Schöpfer aufschwang?
Wir fragten nach der englischen Schriftstellerin und Übersetzerin Mary Wollstonecraft (1759–1797). Mit ihrer «Verteidigung der Rechte der Frau», die heute als erste feministische Schrift Europas gilt, wurde sie berühmt. Nachdem William Godwin ihre Biografie geschrieben hatte, geriet sie jedoch wieder in Vergessenheit, denn mit dem «gottlosen» Lebenswandel der radikalen Frauenrechtlerin mochte frau sich damals nicht identifizieren. Ihre Tochter war Mary Wollstonecraft Shelley, aus deren Feder der Roman «Frankenstein oder Der moderne Prometheus» stammt; den Protagonisten Viktor Frankenstein liess sie in Genf aufwachsen.