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«Einstein»: Juliane Kaminski, verstehen uns Hunde wirklich?
Juliane Kaminski: Hunde sind besonders gut darin, unsere Kommunikation zu deuten, Gesten zu interpretieren und zu nutzen, zum Beispiel um Futter zu finden. Sie sind darin besser als jedes andere Tier mit dem wir in der Forschung gearbeitet haben. Das schliesst auch unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, mit ein.
Sind Hunde intelligenter als andere Tiere?
Wir wissen, dass Schimpansen ausgesprochen intelligent sind und sehr viel über andere Schimpansen verstehen. Aber wenn es darum geht, die Gesten des Menschen zu nutzen, um Futter zu finden, dann können sie das nicht. Hunde hingegen reagieren sehr aufmerksam auf solche Zeichen. Das Spannende ist, dass sie das nicht erst im Laufe ihres Lebens erlernen. Wir finden diese spezielle Sensibilität für menschliche Kommunikation schon bei sehr jungen Welpen.
Es heisst: Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Ist er das, weil er uns so gut lesen kann?
Wir gehen davon aus, dass Hunde sich diese Fähigkeit innerhalb der langen Zeit angeeignet haben, in der sie mit dem Menschen leben. Wir haben den Hund vor etwa 30‘000 Jahren domestiziert – damals waren wir noch Jäger und Sammler, sind in der Gegend herumgezogen und haben grosses Wild erlegt. Dafür haben wir den Hund gebraucht. Wir vermuten, dass sich Hunde, die in dieser Jagdsituation die Kommunikation des Menschen besser lesen konnten als andere, besser überlebt haben. Im Umgang mit dem Menschen war es also nützlich, diese Fähigkeiten zu besitzen.
Aber verstehen uns Hunde wirklich oder interpretieren manche Halter da da etwas hinein?
Die Frage ist natürlich, wie man Verständnis interpretiert. Wenn man sagt: Hunde nutzen die Kommunikation erfolgreich für sich selbst, um zum Beispiel Futter zu finden, dann wissen wir, dass Hunde das können. Wenn wir dem Hund eine Geschichte erzählen und fragen, ob er die versteht, dann ist das natürlich nicht der Fall.
Die Kommunikation mit Hunden hat ja sehr viel mit Mimik und Gestik zu tun. Wie wichtig ist dieser Teil der Kommunikation?
Hunde achten zum Beispiel ganz genau auf die Augen. Wenn ich einem Hund irgendetwas zeige, das ihn interessieren müsste, ihn dabei aber nicht anschaue, dann ignoriert er diese Zeigegeste. Aber wenn ich sie wirklich an ihn richte, weil ich ihn angucke, dann folgt der Hund meiner Geste. Alle Signale, die vom Gesicht kommen, sind besonders wichtig.
Warum gerade die Augen?
Augen sind in der menschlichen Kommunikation ungemein wichtig. Wenn wir miteinander kommunizieren, dann setzten wir unsere Augen sehr gezielt ein. Es kann sein, dass Hunde die Fähigkeit entwickelt haben zu wissen: Augen sind etwas Wichtiges. Das können sie in ihrem Leben erlernt haben, es kann aber sogar sein, dass auch das ein angeborenes Signal ist.
Wohin geht die Forschung?
Wir haben gerade ein System entwickelt, mit dem wir die Gesichtsmimik eines Hundes detailliert analysieren können. Wir nennen es Hunde FACS – Facial Acting Coding System. Wir können sehen, wie der Hund verschiedene Muskelgruppen im Gesicht bewegt; welcher Muskel ist bei welcher Gesichtsbewegung aktiv? So können wir seine Mimik unter standardisierten Bedingungen analysieren. Das ist eines der spannendsten neuen Werkzeuge, die wir für die Hundeforschung entwickelt haben. Uns interessiert natürlich, ob Hunde in der Kommunikation mit dem Menschen ihre Gesichtsmuskeln anders einsetzen, als wenn sie mit anderen Hunden kommunizieren.
Verstehen Sie Hunde besser, weil Sie sich wissenschaftlich mit ihnen befassen?
Wir wissen heute viel mehr über Hunde als noch vor zehn Jahren. Aber es muss noch wesentlich mehr geforscht werden. Es gibt viele Menschen, die einen Hund zuhause haben und Menschen neigen dazu sich Meinungen zu bilden. Die können richtig oder falsch sein – aber sie beruhen selten auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Doch gerade im Umgang mit Hunden, die einen so wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft haben, sollten wirklich wissenschaftliche Fakten erarbeitet werden.
Juliane Kaminski erforscht seit 2001 das Verhalten von Hunden und gehört weltweit zu den führenden Kapazitäten auf dem Gebiet. Die Biologin arbeitete am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und leitet seit 2012 den Lehrstuhl Dog Cognition an der University of Portsmouth in England.