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Der Aufstieg der St. Galler Stickereiindustrie begann laut Wikipedia 1828 mit der Erfindung der Handstickmaschinen. Später folgten die industriellen Stickmaschinen, die grössere Mengen zu produzieren vermochten.
«In den Jahren nach 1860 nahm der Bedarf an Stickereiprodukten so stark zu, dass Stickereien wie Pilze aus dem Boden schossen», heisst es bei Wikipedia. «Viele Bauern, Handwerker und vormalige Weber liessen sich gegen Anzahlung eine Stickereimaschine in ihr Haus installieren»,
Technologische Fortschritte
Einen weiteren Wachstumsschub erhielt die Branche 1863 mit der Erfindung der Schifflistickmaschine. Ein Zahlenvergleich um der Dimensionen des Booms veranschaulicht: um 1850 gab es im Kanton St. Gallen eine Stickereifabrik, 1875 waren es über 200.
1898 folgte die Weiterentwicklung als Schifflistickautomat, der die produzierte Menge weiter erhöhte. Mit 18 Prozent waren Stickereien um 1910 der grösste Exportzweig der Schweiz.
Gesundheitliche Schäden
Die Stickerei-Arbeit war sehr ungesund. Die Heimarbeit wurde laut Wikipedia in feuchten, schlecht belüfteten und ungenügend geheizten Räumen ausgeführt. Die tägliche Arbeitszeit betrug 10 bis 14 Stunden. Die Folgen waren verkrümmte Wirbelsäulen, Blutarmut sowie Lungentuberkulose. 25 Prozent der Sticker wurden bei der militärischen Musterung als untauglich klassifiziert.
Zudem war die Säuglingssterblichkeit sehr hoch. Um rasch wieder arbeiten zu können, stillten die Mütter nach der Geburt früh ab. In der Folge bekamen die Babys Magen-Darm-Entzündungen, woran viele starben. Zwischen 1881und 1885 lag die durchschnittliche Säuglingssterblichkeit in der Schweiz pro 1000 Neugeborenen bei 171, in St. Gallen lag sie bei 209.
Situation in Wil
Gemäss den Historikern Verena Rothenbühler und Oliver Schneider etablierten sich in Wil ab 1860 die ersten industriellen Stickereibetriebe.
Neben Fabriken, gab es auch zahlreiche sogenannte Einzelstickerinnen und –sticker, die in Heimarbeit produzierten. «1905 gab es in Wil rund hundertdreissig Einzelsticker, von denen mehr als die Hälfte im West- und im Südquartier wohnten», schreiben Rothenbühler und Schneider in der neuen Wiler Stadtchronik.
Gemäss ihren Angaben war die Heimstickerei attraktiv, weil die Auftragnehmenden nicht an die strengen Arbeitszeiten in der Fabrik gebunden waren. Und sie hatten ein höheres Einkommen als die Stickenden in der Industrie. Allerdings waren sie einem hohen wirtschaftlichen Risiko ausgesetzt, da sie bei einem Auftragseinbruch als erste ihr Einkommen verloren.
Schutzbestimmungen umgangen
Bei den Heimstickenden musste die ganze Familie mithelfen, dies an Arbeitstagen von 13 Stunden. Durch diese Form der Stickerei, liess sich laut Schneider und Rothenbühler das 1877 geschaffenen Fabrikgesetz umgehen, das die täglichen Arbeitszeiten limitierten und Kinderarbeit verbot.
Verbilligtes Bauland
Die Stadtregierung war sehr bemüht, neue Betriebe nach Wil zu locken, da zeitweise ein Rückgang der Arbeitsplätze registriert wurde. In der Folge standen Wohnungen leer, weil Arbeitskräfte abwanderten, die Immobilienpreise sanken.
Die St. Galler Stickereifirma Reichenbach & Cie war bereit, 1896 in Wil einen Schifflistick-Betrieb zu eröffnen, wenn sie dafür preisgünstiges Bauland in Bahnhofsnähe bekam. Die Bürgergemeinde als Landbesitzerin kam für die Differenz zwischen dem Verkaufs- und dem Marktpreis auf.
Berufsschule
Die neue Industrie florierte so sehr, dass 1909 eine zweite Fabrik mit zweihundert Arbeitskräften eingerichtet wurde. Zusätzlich entstanden ab 1890 kleinere und mittelgross Betriebe. Um eine genügende Zahl an qualifizierten Mitarbeitenden zu gewinnen, wurde eine entsprechende Berufsschule eingerichtet. Im September 1908 begannen die ersten Lehrlinge die Ausbildung.
Ostschweiz schwer betroffen
«Der Stickereiboom hatte Wil am Ende des 19. Jahrhunderts eine ungeahnte Wachstumsphase beschert», schreiben Rothenbühler und Schneider.
Der 1. Weltkrieg stürzte den Kanton St. Gallen in eine tiefe Wirtschaftskrise, weil die globale Nachfrage nach Stickereien zusammenbrach und der Preis für den Rohstoff Garn in die Höhe schnellte.
Die Krise fiel in der Ostschweiz verheerender als in anderen Landesteile aus, da rund ein Viertel der Erwerbstätigen in der Stickereibranche beschäftigt war. In Wil richtete die Gemeinde eine «Krisenkasse» ein, um die zahlreichen arbeitslosen Sticker finanziell zu unterstützen.
Vergebliche Rettung
Man hoffte, nach dem Krieg werde die Stickereiindustrie wieder zu alter Blüte zurückfinden. Es wurde in neue Betriebe investiert. Der anhaltende Erholung blieb aus. Die Unternehmen gingen bald pleite.
«Nach 1921 stürzte die Ostschweizer Stickerei ins Bodenlose und erholte sich nicht mehr», heisst es bei Rothenbühler und Schneider. Zwischen 1923 und 1943 wurden in der Ostschweiz 6500 Stickereimaschinen zerstört. Der Abbau von Überkapazitäten in der Produktion sollte der Branche wieder auf die Beine zu helfen. Der Erfolg stellte sich nicht ein, auch weil sich der Modegeschmack geändert hatte. Rothenbühler und Schneider schreiben: «In Wil markierte die Schliessung der Stickerei-Fachschule im Jahr 1931 das symbolische Ende der Stickerei-Ära.»