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Es gibt viel zu sagen darüber, was in der Ukraine derzeit passiert. Eine gelbe und eine rote Karte hatte Andrej Lushnycky, Präsident der ukrainischen Gesellschaft in der Schweiz, mitgenommen, um die Teilnehmer eines Podiums über die Ukraine an ihre befristete Redezeit zu erinnern. Er nahm die Karten nie zur Hand, obwohl die Eintretensrunde rund das Doppelte der geplanten Zeit in Anspruch nahm. Zu engagiert traten die Teilnehmer am Anlass der Universität am Donnerstag auf, zu fundiert waren ihre Interventionen.
Der ukrainische Botschafter in der Schweiz, Ihor Dir, stellte klar, dass die neue Regierung der Ukraine ihre verfassungsmässige Basis habe und dass Janukowitsch definitiv nicht mehr als Präsident der Uk raine angesehen werden dürfe: «Er ist geflohen und hat seine Pflicht nicht mehr wahrgenommen.»
«Revolution der Würde»
Boris Gudziak, Präsident der Ukrainischen Katholischen Universität, bezeichnete die Ereignisse der letzten Wochen als eine «Revolution der Würde». Unterdrückung sei nichts Neues in der Ukraine. Alleine im 20. Jahrhundert seien 17 Millionen Ukrainer getötet und die Kirchen ausgelöscht worden. Jetzt aber würden die Bürger Verantwortung übernehmen.
Vor allem aber sieht der Geistliche eine geeintes ukrainisches Volk. Die Moslems seien vereint, und auch die Juden stünden hinter der Bewegung des Maidan-Platzes. Er kritisierte, dass die jetzt an die Macht gekommenen Oppositionspolitiker den «Geist von Maidan» noch nicht aufgenommen haben. Doch Maidan baue eine neue Bürger-Gesllschaft auf, so Gudziak und ergänzte: «Maidan könnte auf Russland übergreifen.»
Der Professor und Honorarkonsul für die Schweiz und Liechtenstein, Bohdan Hawrylyshyn, meinte: «Die Ukraine hat ein enormes Potenzial, und die grösste Ressource ist das menschliche Kapital. Doch dieses Kapital wurde bisher noch nicht genutzt.»
«Nie stärker als heute»
Bohdan Nahajlo, ein Kenner der internationalen politischen und humanitären Angelegenheiten, ist der Meinung, dass das, was derzeit in der Ukraine passiert, die Folge eines unvollendeten Prozesses seit der Unabhängigkeit 1991 ist: «Die Entsowjetisierung ist noch nicht vollendet.» Man müsse mit der Vergangenheit brechen, so Nahajlo. Er sieht nun eine Entwicklung, bei der völlig neue Akteure wie die Kirchen und neue Mittel wie die sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle spielen. «Die Ukraine war nie stärker als heute», sagte er. Die neuen Machtverhältnisse würden auch durch viele Ukrainer im russischsprachigen Osten und Süden unterstützt, und dessen seien sich auch die Oligarchen bewusst.
Föderalismus als Vorbild
Daniel Warner, ein amerikanischer Fachmann für Internationale Beziehungen, meinte, die Betrachtungsweise «für den Westen oder für Russland» sei zu simpel. Als Beispiel für ein zukünftiges Modell für die Ukraine sei die Schweiz mit ihrem Föderalismus bestens geeignet.
Nationalrat Dominique de Buman meinte, es sei von Vorteil, dass die Schweiz in der OSZE den Lead für eine Lösung im Krim-Konflikt habe. Seine Ratskollegin Christa Markwalder forderte einen Marshall-Plan für die Ukraine, der durch eine internationale Institution überwacht werde.