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Was bisher geschah: Gegen den Willen seiner Eltern hatte er sich an der besten Ingenieurschule der Welt angemeldet. Einige Wochen schwerster Arbeit lagen bereits hinter ihm, viele seiner Kameraden waren bereits aus dem Rennen. Und immer wieder galt es neue Prüfungen zu bestehen ...
von Philippe Dubach
Zögernd stemmte er sich gegen die schwere Flügeltür. Mit einem müden Knarren schwenkte sie nach innen, gab den Blick frei auf einen düsteren Saal. Stickige Luft schlug ihm entgegen, drohte seinen Atem zu ersticken. Mit schlurfenden Schritten betrat er den Saal. Ein schwerer, dunkel gebeizter Eichentisch versperrte ihm den Weg. Er hielt inne, drehte seinen Kopf langsam nach beiden Seiten. Der Saal war gefüllt mit Tischen, ausgerichtet in Reih und Glied. Die Last seiner Bücher machte jeden seiner Schritte zur Höllenqual. Müde fuhr er mit den Fingern durch seine pechschwarzen, fettigen Locken. Schweissperlen traten darunter hervor und zeichneten träge Spuren in sein staubiges Gesicht. Gedämpftes Licht drückte schwerfällig durch die dunklen Gardinen welche schlaff von der Decke hingen, wie die Röcke türkischer Marktweiber, welche in der prallen Mittagssonne ihre stinkenden Meeresfrüchte feil halten. Die Tische waren besetzt, bis auf einen. Düstere, bucklige Gestalten beugten sich über ledergebundene Bücher. Emsig kratzen ihre Federn schwarze Hieroglypen auf vergilbtes Papier. Die Holzdielen knarrten mit jedem seiner Schritte. Aus den Ritzen wirbelten dichte Staubwolken und verhüllten seine ausgetragenen Schuhe. Ganz vorne im Raum konnte er schemenhaft die Gestalt eines bärtigen Alten erkennen. Er hörte das den metallischen Klang eines rostigen Schlüsselbundes. In seinen Ohren klang es wie das Rasseln der Speere bei einem spanischen Ritterkampf, ein Kampf um Leben und Tod. Er roch die schwitzenden Pferde, hörte das donnernde Getrampel ihrer Hufe, die Schreie der stürzenden Kämpfer und das Splittern der Lanzen. Einer der Ritter kam direkt auf ihn zu, mit wehendem Bart und knirschender Rüstung, in der Hand ein blutiger Degen. Zitternd verschanzte er sich hinter dem einzigen freien Tisch, schrumpfte auf dem kantigen Holzschemel zu einem erbärmlichen Häufchen zusammen und erwartete den Todesstoss. Stattdessen fiel ein Stoss modrig riechendes Papier auf seinen Tisch. Der aufgewirbelte Staub brannte in den Augen, klebte an seiner ausgetrockneten Zunge. Eine riesige Pendeluhr schaute erdrückend auf ihn herab, die Zeiger mahnend auf die abgeblätterten römischen Ziffern gerichtet. Die Sonne, welche durch ein Loch in der Gardine hereinschien, spiegelte sich im Pendel und warf ein pulsierendes goldbraunes Licht auf sein Gesicht. Das monotone Ticken der Uhr widerhallte in seinem Schädel und riss seine Gedanken mit in die Ferne. Die zahlreichen unverständlichen Skizzen auf dem Papier verschwommen allmählich vor seinen Augen. Sie wurden hin und hergespült, bildeten Wellen deren Schaumkronen wild vor seinen Augen auf und abtanzten. Die Wogen klatschten monoton an die algenbehangene Seite eines verlassenen Piratenschiffes. Vorn am Bug hing der Körper des Kapitäns, ein schweres Tau würgend um seinen Hals geschlungen. Er wand sich in seinem letzten verzweifelten Kampf. Fliegen umkreisten seinen Kopf, nur darauf wartend in seinem Körper ein neues Zuhause zu finden. Seine vom Todeskampf gezeichnete Hand umkrampfte einen Fetzen eines gelblichen Stoffes, auf welches mit schwarzer Tinte merkwürdige Zeichen gekritzelt waren. Sein ganzes Leben hatte er davon geträumt, er musste den Schatz finden. Sein ersticktes Röcheln mischte sich mit dem gierigen Kreischen der kreisenden Raubvögel. Mit letzter Kraft hob er die Skizze vor seine Augen, versuchte in der wirren Linien einen Sinn zu erkennen. Er kniff die vom Salzwasser brennenden Augen zusammen und war sich sicher, die Umrisse der Insel erkennen zu können. Wohl tausendmal war er an ihr vorbeigesegelt, ohne je die Ähnlichkeit mit seiner Skizze zu entdecken. Deutlich konnte er nun das Kreuz sehen. Genau an der Stelle musste der Schatz begraben sein. Wenn er nur noch einmal die Gelegenheit hätte, diesen Ort zu besuchen, nur ein einziges Mal. Die Sonne brannte auf seinen geschwächten Körper, verstärkte den modrigen Geruch vergammelten Proviantes. In diesem Moment verliess ihn seine Kraft, der Leinenfetzen wurde aus seiner Hand geweht und weit auf die See hinausgetragen. Eine schwarze Wolke schien sich auf ihn herabzusenken und ihn zu umhüllen.
Er schreckte auf, gerade rechtzeitig um den bärtigen Alten triumphierend mit seinem Pergament davonziehen zu sehen. Die Pendeluhr gab ein müdes Scheppern von sich, beide Zeiger höhnisch nach oben gerichtet. Sein Kopf fiel vornüber auf den Tisch, schien mit der massiven Holzplatte zu verschmelzen.
Kapitel 38
Gleissendes Licht schlug ihm entgegen, als er die Augen öffnete. Eine Frau mit breitem Gesicht und weissem Kittel lächelte ihn freundlich an, wie um ihn willkommen zu heissen. Die stählerne Nadel blitzte angriffslustig zwischen ihren Fingern. Er erduldete den schmerzhaften Stich, das dumpfe Brennen und entglitt langsam in eine stille Welt, die ihn wie einen alten Freund aufnahm. Farbige Lichter tanzten auf und ab. Ein frischer Wind umwehte sein Gesicht, trug das helle Plätschern einer nahen Quelle mit sich und spielte mit den zartrosa Wolken am Himmel.
In der nächsten Folge: Wie er trotzdem sein Studium erfolgreich abschloss und den festen Entschluss fasste, Dozent an der HTL zu werden.