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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Für keine der ausgeschriebenen Stellen wäre ich geeignet gewesen. Ich hatte zu viele Skrupel. Vor allem konnte ich meine Kunden nicht hinters Licht führen. Kurzum, ich war nicht manipulierbar. Mir blieb nichts anderes übrig, als gewisse Stellenangebote abzulehnen. Aber es gibt keinen Mangel an Kandidaten, die anders als ich denken, wie es diese frei erfundene Geschichte veranschaulicht.
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Ein internationales Forschungsinstitut suchte 4 neue Mitarbeiter. Die Bewerbungsschreiben wurden minutiös überprüft. Zuletzt blieben pro Stelle 3 Anwärter übrig. Eine in mancher Beziehung hoch qualifizierte Dame war für diese mysteriöse Zweigstelle verantwortlich. Der letzte Ausscheidungswettbewerb fand in einem abgelegen Gebäude statt. In einer halben Stunde war der neue Chef der Kommunikation (M1) bestimmt, im Beisein des Generaldirektors. Ihm folgten jene für die Marketingabteilung (M3) und für die Forschung und Entwicklung (M5).
Endlich kam der Kandidat M2 an die Reihe. Der Posten war vage mit „Handelsbeziehungen“ umschrieben. Die Personalchefin der Zweigstelle war sich lange unschlüssig gewesen, ehe sie ihn für die Stelle vorschlug. (Ihr weiblicher Instinkt wird sich im Verlauf der Geschichte noch erweisen). Er dürfe Handelsbeziehungen nicht mit Public Relations verwechseln, ermahnte sie M2, und sie fügte hinzu: „Sie und M1 sind für Kommunikation zuständig, werden eng zusammenarbeiten. Sie haben ein ausgeprägtes psychologisches Einfühlungsvermögen“. M2 hatte ihre Schwäche geortet. Sie trug den Codename A2, war hoch gewachsen und attraktiv. Bei der Türe standen sie einander nahe gegenüber. „Gehen Sie die Treppe hinunter und betreten Sie den Empfangsraum rechts“, sagte sie. „Dort finden Sie Ihre neuen Kollegen. Der Generaldirektor wird bald erscheinen und eine Ansprache halten. Ein Stehbüffet erwartet sie nachher.“ Mit diesen Worten entliess sie ihn.
„Das hat aber lange gedauert“, wandte sich sein neuer Kollege M5, verantwortlich für Forschung und Entwicklung, an ihn. „Das ist alles relativ“, entgegnete M2 schlagfertig. 10 Minuten später erschien der Generaldirektor, ein wendiger Mann mittleren Alters. Seine Ansprache war kurz und bündig: „Wie Sie wissen, beginnt die Einführungsperiode nächste Woche in Nizza. Sie lernen einander kennen und Sie spielen sich in Ihre Rolle ein. Das Protokoll muss strikte eingehalten werden. Jeder von Ihnen hat einen gleichwertigen Verantwortungsbereich. A2 wird das 3-wöchige Trainingsprogramm in Nizza leiten. Geschäftlich reisen Sie ausschliesslich mit Ihren neuen Pässen. Sie haben alle eine neue Identität erworben. Jeder von Ihnen hat den Vertrag für die Geheimhaltung unterschrieben – eine unabdingbare Vorsichtsmassnahme, die Sie ohne jede Abweichung befolgen müssen.“
Der festliche Teil des Treffens begann mit dem Knallen von Champagnerpfropfen. Ein neues Kapitel hatte für die Beteiligten begonnen, vom trefflichen Wort „Kapital“ begleitet.
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Das Schulungszentrum des dubiosen Forschungsinstituts war in Valbonne, oberhalb von Nizza, eingerichtet. Alle Teilnehmer waren mit ihren neuen Pässen angereist. Die Codes waren einzig der internen, geheimen Kommunikation vorbehalten. M2 hiess jetzt Ferdinand, bald mit dem Spitznamen „Fernandel“ traktiert. A1 verwandelte sich zur Brigitte, und fand sich gern mit dem Spitznamen „Bardot“ ab.
Hier seien bloss einige der Fallstudien genannt, etwa diese: Wie man das Vertrauen von Kunden gewinnt und hält; wie man Schwachstellen in Patenten ausfindig macht; wie man korrupte Mitglieder innerhalb der Geschäftsleitung findet und für sich gewinnt; wie man Medienskandale inszeniert – unter vielen anderen Tricks, wie sie das heutige Geschäftsgebaren erheischen.
Nur in einer Fallstudie versagten die Teilnehmer: Diese Bardot war nicht zu haben … ihre Abfuhr traf besonders Louis (M1 Kommunikation) hart, der goldfarbene Schuhe trug und den Beinamen „Goldfinger“ bekam. Mit diesen Schuhen, das sei hier verraten, hatte er in einer bekannten Bar unten im Zentrum von Nizza mehr Erfolg. Fernandel und Goldfinger mussten, wie zuvor angetönt, eng zusammenspannen. Das kam Fernandel gelegen. Der Chauffeur des Zentrums fuhr sie wiederholt durch die steile, kurvenreiche Strasse zu dieser Bar und holte sie jeweils kurz nach Mitternacht zur Rückfahrt ab. Fernandel erfuhr nebenbei viel von Goldfingers Denk- und Arbeitsweise.
Einzig Ferdinand hielt Abstand zur Bardot, doch zeigte er sich als gelehriger Schüler. Insgeheim wunderte sich Brigitte, weshalb Ferdinand sie nicht als Frau würdigte. Damit reizte er absichtlich ihre Neugier. Die Trainingszeit näherte sich ihrem Ende. Ferdinand bewunderte eines frühen Abends die schöne Aussicht vom Balkon, als Brigitte neben ihn trat.
„Sie haben Ihr Programm glänzend bewältigt“, lobte sie ihn. Er verdankte ihr Lob.
„Darf ich Ihnen eine Frage vertraulicher Art stellen?“ fragte er sie.
„Das kommt darauf an, was Sie mit vertraulich meinen“, antwortete sie.
„Besteht nicht die Gefahr, dass eines Tages die Seifenblase platzt?“
Sie war perplex, doch erfasste bald, was er mit dem Wort Seifenblase sagen wollte. „Das ist reinste Häresie!“ entfuhr es ihr abrupt. „Die ganze Welt ist korrupt … Wer hier nicht loyal mithält, ist bei uns fehl am Platz. Sie haben Glück, dass ich Ihre Zweifel als vertraulich behandle!“ Raschen Schrittes entfernte sie sich. Aber seine Frage blieb wie ein Dorn in ihr haften.
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Weder Brigitte noch sonst jemand ahnte, dass sich Ferdinand als Spion ins Unternehmen eingeschlichen hatte. Monate verstrichen, und die geschäftlichen Machenschaften warfen Dividenden ab. Das Unternehmen erwarb sich auf krummen Wegen kritische Anteile an vielen Grossunternehmen. Wie das zu und her geht, sei in dieser Geschichte ausgeklammert. Inzwischen hatte M2 stichhaltige Indizien gesammelt, die zur Strafverfolgung ausreichten.
Warum hielt er sich mit der Preisgabe zurück? Der Grund dazu war einfach: Er wollte Brigitte beschützen. Nur als Zeugin und nicht als Angeklagte sollte sie vor dem Gericht erscheinen. Als gewiegter Anwalt wollte er Brigitte einen Ausweg aus dem Schlamassel bahnen.
Ferdinand mit dem falschen Pass hiess Armand (Beschützer). Er beschloss, sofort zu handeln. Er kontaktierte Brigitte als A2 und vereinbarte unter dem Stichwort „Seifenblase“ ein Rendez-vous mit ihr. Sie erbleichte, als er ihr, wiederum vertraulich, mitteilte, was ihr bevorstehen könnte, falls sie seinen angebotenen Fluchtweg ausschlage. „Am besten und in Ihrem Interesse sollten Sie Ihre Stelle sofort kündigen,“ schlug er vor.
„Grenzt das nicht Ihrerseits an Korruption?“ flocht sie ein.
„Haarscharf an der Grenze“, gab er zu.
„Weshalb bieten Sie mir Schutz an?“
„Sie tun mir einfach leid“, sagte er ausweichend. „Sie sollten als Personalchefin nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.“
Elodie, dies war ihr wirklicher Vorname, schaute ihm traurig ins Gesicht.
„Vielleicht spielt mehr als Mitleid mit“, fügte er zögernd hinzu.
„Das wird sich weisen, so es die Umstände fügen.“
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Die Seifenblase platzte. Ein langer Prozess begann, mit Anwälten auf beiden Seiten, zusammen mit den Anwälten der geprellten Firmen. Die Medien hatten ihr Fressen. Immer wieder wurde das Urteil verschoben, weil die Anwälte des Forschungsinstituts den Handlungsverlauf mit allerlei Finten verzögerten.
Eine Beziehung bahnte sich zwischen Elodie und Armand an, sei abschliessend noch hinzu gefügt.
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