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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

3. Buch
11. Das Bildnis des Apollo von Cumä soll durch Vergießen von Tränen die Niederlage der Griechen angezeigt haben, denen es nicht helfen konnte.
Denn nur deshalb hat der Apollo von Cumä im Kriege wider die Achaier und den König Aristonikos1 , wie berichtet wird, vier Tage lang geweint; die Zeichendeuter waren über dieses Wunder entsetzt und meinten, man solle das Bildnis ins Meer werfen; aber die Greise von Cumä erhoben Einsprache und erzählten, daß sich die gleiche wunderbare Erscheinung an demselben Bildnis im Krieg2 wider Antiochus und Perses gezeigt habe; auch versicherten sie, daß diesem ihrem Apollo, weil die Sache damals gut ausging für die Römer, auf Grund eines Senatsbeschlusses Geschenke übermittelt worden seien. Darauf ließ man vermeintlich erfahrenere Zeichendeuter kommen und sie sprachen sich dahin aus, das Weinen des Apollobildnisses sei für die Römer eine günstige Vorbedeutung; denn Cumä sei eine griechische Kolonie und der weinende Apollo verkünde seinem eigenen Lande, aus dem er herbeigeholt worden sei, also dem Lande der Griechen, Trauer und Niederlage. Bald darauf erfuhr man, daß Aristonikos besiegt und gefangen worden sei, was dem Apollo eben nicht recht war und leid tat, wie er sogar in Tränen seines steinernen Bildnisses zum Ausdruck brachte. Demnach sind die Schilderungen, die die Dichter in ihren, wenn auch sagenhaften, so doch der Wahrheit nahekommenden Dichtungen von den Gepflogenheiten der Dämonen geben, nicht so ganz unzutreffend. So wenn bei Vergil Diana die Camilla betrauert3 oder Herkules über den nahen Tod des Pallas weint4 . Deshalb vielleicht hat auch Numa Pompilius, als er in der Fülle des Friedens, ohne zu wissen oder zu überlegen, wessen Gabe dieser Friede sei, mit Muße dem Gedanken nachhing, welchen Göttern er des Reiches Wohlfahrt zum Schutze anvertrauen solle, in der Meinung, der wahre, allmächtige, höchste Gott kümmere sich nicht um die irdischen Dinge, und anderseits doch mißtrauisch gegen die trojanischen Götter, die Äneas mit sich geführt hatte, die aber, wie er wohl wußte, weder das trojanische, noch das von Äneas selbst gegründete lavinische Reich lange zu erhalten vermocht, weitere Götter vorsehen zu müssen geglaubt, um in ihnen den alten Göttern, die teils schon mit Romulus nach Rom übergesiedelt waren, teils in der Folge nach der Zerstörung von Alba dorthin übersiedeln sollten, entweder als Ausreißern Wachen an die Seite zu setzen oder als Schwächlingen Helfer.
1: von Pergamos [130 v. Chr.]
2: der Römer, 168 v. Chr.
3: Aen. 11, 836 ff
4: Aen. 10, 464 f.