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Mary Lavater-Sloman und Warja Honegger-Lavater
Das Urnengrab Nr. 1889 auf dem Friedhof Fluntern überrascht mit einer ungewöhnlichen, abstrakten Skulptur. Sie ist das Werk des Zürcher Plastikers Gottfried Honegger (*1917), dem früheren Gatten der Künstlerin Warja Honegger-Lavater (1913 bis 2007) und Schwiegersohn der Schriftstellerin Mary Lavater-Sloman (1891 bis 1980), die hier mit Ehemann Emil Lavater und Tochter Warja beerdigt ist.
Manche Frau, die sich inzwischen dem AHV-Alter nähert, holte sich in jüngeren Jahren ihr historisches Wissen aus Mary Lavater-Slomans Büchern. Biographien über Frauen waren damals selten, Frauengeschichte kein Thema. Heraus ragende Frauen – seltener Männer – aus verschiedensten Kulturkreisen, wie die deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff oder Zarin Katharina die Grosse bevölkern Lavaters Universum. Mitten im zweiten Weltkrieg verfasste sie den Hamburger Roman «Die grosse Flut», der die Leiden ihrer Vaterstadt während der napoleonischen Epoche und die Entwicklung einer verwöhnten jungen Frau zur verantwortungsvollen Persönlichkeit schildert, Parallelen zur Gegenwart der Entstehungszeit sind offensichtlich.
Dass Mary Lavater-Sloman zur viel gelesenen Autorin würde, konnte zunächst niemand ahnen. Als junge Frau begleitete Mary Sloman ihren Vater, einen Hamburger Kaufmann, nach St. Petersburg, wo sie 1912 einen Schweizer, den Ingenieur Emil Lavater traf. Die beiden heirateten, liessen sich in Moskau nieder. Dort vertrat Lavater die Winterthurer Firma Sulzer, bis die russische Revolution die Familie unter dramatischen Umständen zur Rückkehr in die Schweiz zwang. Es folgten einige glückliche Jahre in Athen. Noch hatte der Massentourismus Griechenland nicht entdeckt, das Leben im Süden war ein Abenteuer. Dann wurde Emil Lavater1922 nach Winterthur gerufen. Mary Lavater-Sloman hatte inzwischen drei Kinder, vermisste die grosse Welt und fand zu ihrer eigentlichen Berufung, der historischen Schriftstellerei.
Ihr Vorbild war der britische Historiker Thomas Carlyle (1795 bis 1881), dessen Buch «Helden und Heldenverehrung» den Zeitgeist genau traf: ernste Geschichte vor dem Hintergrund der Biographie eines «Helden» leichtflüssig erzählt. Die Autorin machte es sich nicht leicht: «Wer es also mit Hilfe der zahlreichen Hinweise auf das Wesen der Grossen unternimmt, vergangenes Leben neu zu erwecken, dem darf es nicht an Zeit und an Hartnäckigkeit fehlen. Die Quellen befinden sich immer irgendwo, sie müssen nur gesucht und studiert werden – Wort für Wort, und auch zwischen den Zeilen muss geforscht werden.» Nach der Pensionierung des Gatten ging es wieder in den Süden – nach Ascona. Die letzten Lebensjahre verbrachte Mary Lavater-Sloman an der Hochstrasse 40 in Fluntern.
Lavaters älteste Tochter Warja [Barbara] schuf ein völlig anderes Werk. Nach dem Studium an der Zürcher Kunstgewerbeschule und begann sie ihre Laufbahn als erfolgreiche Grafikerin. Mit ihrem künftigen Ehemann Gottfried Honegger kreierte sie das Signet für die Schweizerische Landesausstellung 1939. Zwei Töchter kamen zur Welt, im Laufe der Jahre gedieh ein vielfältiges Oeuvre. Das künstlerische Interesse reichte vom Kinderbuch – Warja Lavater bezeichnete sich auch als «Bildstellerin» – bis zum grossformatigen Wandbild «Die Linie» für die zweite Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich. Die Tafeln zeigten die Geschichte bedeutender Frauen in der Schweiz. Ein kleiner Brückenschlag zu den Anliegen ihrer Mutter?
1958 zog die Künstlerin nach New York. Fasziniert von der Aussagekraft amerikanischer Signale und Werbeschilder entwickelte sie Piktogramme, mit denen sie in Faltbüchern – angeregt von chinesischen Schriftrollen – ihre Geschichten erzählte. 1962 veröffentlichte das Museum of Modern Art den «Willhelm Tell», der in der Erzählung als blauer Punkt dargestellt wurde. 1963 übernahm Adrien Maeght in Paris die Herausgabe der Faltbücher.
Lavater bewegte sich zwischen Zürich, New York und Paris. «Ihre Geschichten sind nicht nur unterhaltsam und dekorativ, sondern enthalten auch politische, kulturkritische und geschichtsphilosophische Aussagen» urteilt das Biographische Lexikon zur Schweizer Kunst. Dennoch beschränkte sich die Künstlerin nicht auf Graphisches, 1972 – 1975 schuf sie drei Wandkeramiken für die Wasserversorgung der Stadt Zürich. In den 1990er Jahren arbeitete sie an Kurzfilmen nach sechs Märchen.
Zurück von der «Bild-» zur Schriftstellerin: Steht eine Lavater-Sloman-Renaissance bevor? Der Römerhof-Verlag ist davon überzeugt und bringt eine Neuauflage der «Lucrezia Borgia». Die optimistische Botschaft der Autorin ist jedenfalls bis heute bedenkenswert: «Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass die Vernunft des Menschen völlig verloren gegangen ist. Meine Bücher sollen dazu beitragen, dass die Weltgeschichte mit mehr Vernunft und Weisheit betrachtet werde.»
Verena E. Müller