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B32 Der Quintenzirkel
Nach Hinzufügung der 5 chromatischen Töne im hinteren Bereich der Klaviatur haben wir es mit 13 nebeneinander angeordneten Tasten zu tun.
Klaviatur mit Doppelbenennung der chromatischen Tasten
In Kreisdarstellung reduziert sich diese Zahl aufgrund des Zusammenfallens des Anfangs- mit dem Endton auf 12, womit die 13-1-Symbolik noch einmal deutlich wird - ebenso die des A und Ω. Weitere Bildvergleiche finden sich in Video VIII: "Einführung in die christliche Zahlensymbolik".
Für einen Physiker ergäbe sich keine Notwendigkeit, die Frequenzen in Kreisformation anzuordnen und den jeweils verdoppelten Frequenzen - hier dem "C" - gleiche Namen zu geben. Auch käme ihm nicht in den Sinn, bestimmte Töne als Stammtöne festzulegen und andere als Erhöhungen und Erniedrigungen derselben aufzufassen. Die musikalische Sicht ist freilich eine andere, und diese wiederum lässt sich von der theologischen klar unterscheiden.* Welche Vorstufen nötig waren, um beide Sichtweisen miteinander in Einklang zu bringen, darüber informiert Blog B31: "Die Stammtöne".
Beim Quintenzirkel handelt es sich um eine Analogie zu Weltgerichtsdarstellungen, in denen Christus als Weltenherrscher erscheint. Daher die Kreisformation. In manchen künstlerischen Darstellungen begegnet er uns im Zenit eines Regenbogens mit der Erdkugel zu seinen Füssen. Im Quintenzirkel nimmt das "C" wie Christus, resp. das "Do", welches als "dominus" gelesen werden kann, seine Stelle ein.
Quintenzirkel
Hans Memling, Weltgericht, Muzeum Narodowe, Danzig
Töne mit einem Kreuzzeichen gelten als um einen Halbton erhöht, solche mit b-Vorzeichen als um einen Halbton erniedrigt. Der Quintenzirkel zeigt auf der einen Seite sämtliche hinauf führenden Vorzeichen, auf der gegenüber liegenden Seite sämtliche hinabführenden. Gegenüber der Eindeutigkeit und Klarheit im Zenit wird es im Nadir unübersichtlich und doppeldeutig. Eine prekäre Zone, wenn man bedenkt, dass der akustische Vollzug der enharmonischen Verwechslung, der den Tasteninstrumenten vorbehalten bleiben sollte, erst mit der gleichschwebend temperierten Stimmung möglich war. Zu Memlings Zeiten (* zwischen 1433 und 1440 - † 1494) konnte der Kreisbogen - wie im Bilde aus anderen Gründen zu sehen - im Nadir kein geschlossener sein. An dieser Stelle nimmt der Erzengel Michael die Wägung der Seelen vor.
In theologischer Lesart gelangt zu Christus, wer in seiner Nachfolge das Kreuz annimmt, während sich alles Böse von ihm entfernt. Musikalisch begegnet uns im Nadir des Quintenzirkels der Tritonus, welchen Andreas Werkmeister als «Diabolus in Musica» bezeichnete», weil es sich um ein ausgesprochen dissonantes Intervall handelt. In einem Rezitativ der Matthäuspassion, das Jesu Begegnung mit einem Aussätzigen thematisiert, kommt die Todessymbolik des Tritonus ebenso zur Anwendung wie auch in der Bach-Kantate 170 «Mir ekelt mehr zu leben». Musikalische Ausdrucksformen und jene des Glaubens verschmelzen miteinander. (vgl. Blog C3: "Das Credo Johann Sebastian Bachs in Bild und Ton"). So nimmt es nicht Wunder, dass bereits in der ältesten überlieferten Darstellung eines Quintenzirkels von Nikolay Diletsky (*ca. 1630 - †nach 1680) das Kreuz auf einen theologischen Bezug aufmerksam macht.
Nikolay Diletsky, Idea grammatiki musikiyskoy, Moskau 1679. In Off. 21 ist das himmlische Jerusalem als quadratisch beschrieben: "die Stadt ist viereckig angelegt und ihre Länge so gross wie die Breite.... die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich".
Beziehen wir die Resonanzbodenrosetten und Masswerkrosen in unsere Betrachtung ein, wird das kulturelle Umfeld in voller Grösse sichtbar. Kreisdarstellungen mit 12Teilung lagen schon zu einer Zeit vor, als vom Quintenzirkel noch keine Rede war.
Chartres, Nordrose, in 12 Quadraten 12 Könige Israels darstellend, oben mittig König David, im äusseren Ring die 12 Propheten des Zwölfprophetenbuchs.
Rosette eines Chitarrone aus dem Jahr 1608: Christus, umgeben von 4 Herzen für die 4 Evangelisten, eingefügt in eine 8teilige Flechtwerkornamentik auf die 8 Seligkeiten verweisend mit einbezogener Kreuzform. Das Haupt Christi, umgeben von einem Kreis in 2 Quadraten, eines davon auf seiner Spitze stehend, an die Länge, Breite und Höhe des himmlischen Jerusalem erinnernd. Ungarisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. 1911-46
Kann in der Wahl des Johannes-Hymnus, dem die Solmisationssilben entnommen wurden, bereits ein Hinweis auf das Kommen Christi gesehen werden - Johannes der Täufer war Schutzpatron der Kirchenmusik, bevor die Hl.Caecilia ihn ablöste - haben wir hier eine abstrakte Vorausschau vor uns, welche das gesamte Tonmaterial in den Dienst derselben theologischen Aussage stellt. Jegliche Musikausübung erinnert daran. In simultaner Wahrnehmung mit Architektur und Kunst - in Sakralräumen - ist dies besonders stark erfahrbar und der Bezug wird dort zuweilen deutlich vorgeführt.
Eglise de Gésu, Toulouse, neugotisch (engl: gothic revival), Baubeginn 1845, 12teilige Masswerkrose mit 12 Achtpässen, in Analogie zur Gegebenheit, dass von jedem der 12 Töne eine neue diatonische Tonleiter aufsteigen kann. Unmittelbar davor die Orgel.
Ihre Immaterialität macht das Licht, den Klang und den ebenso fühlbaren Grossraum zu Verbindungselementen mit dem Göttlichen, für deren Wahrnehmung bis auf den heutigen Tag geradezu jeder Aufwand gerechtfertigt erscheint.
Sagrada Familia, Barcelona
*Zur Unterscheidung der angesprochenen Sichtweisen seien diese nachfolgend kurz charakterisiert:
Physiker greifen beobachtete Sachverhalte in Definitionen auf und setzen diese in Relation zueinander. So ist eine Tonhöhe festgelegt durch die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde [Einheit: Hz]. Lautstärkeschwankungen, welche sich durch Überlagerung zweier Töne ergeben, werden Interferenzen (musikalisch: Schwebungen) genannt. Die Geschwindigkeit der Schwebungen entspricht der Differenz zweier Frequenzen. Naturtöne erscheinen als ganzzahlige Vielfache der Grundfrequenz.
Musiker arbeiten mit geschulter Sinneswahrnehmung und der Klangerzeugung mit Hilfe der eigenen Stimme. Präzise (absolute) Tonhöhen sind ohne Hilfsmittel (Stimmgabel) nicht zu ermitteln, wohl aber Relationen / Abstände der Töne zueinander. Die Solmisation dient dazu, sich bestimmte Tonabstände / Intervalle einzuprägen. Zur Orientierung dienen aufgrund der Wiederholgenauigkeit Konsonanzen, d.h. schwebungsfreie Tonverbindungen. Die Benennung spielt bei alldem eine untergeordnete Rolle, so lange man sich auf ein System geeinigt hat. Beim Vorgang des Stimmens werden physikalische Kenntnisse hinzugezogen und - vor allem in der temperierten Stimmung - zuvor ermittelte, auch rasche Schwebungsgeschwindigkeiten miteinander verglichen. Allein die sog."Oktav" bleibt schwebungsfrei.
Die theologische Perspektive ist an der Beziehungssetzung zur Hl. Schrift erkennbar. Hierdurch ergeben sich einige Unstimmigkeiten - vor allem zur Perspektive des Physikers. Es war bedeutsam, eine Übereinstimmung der Konsonanzen mit den Zahlen 1 und 8 zu erreichen, ist doch im Alten Testament von der Reinigung und Heiligung des Tempels innerhalb von 2x8 Tagen die Rede. 2 Chr 29, 17. So erklärt sich die Einführung der "Prim" mit der Grösse Null als selbsterzeugte Konsonanz sowie die Zusammensetzung der Oktav aus 5 Gantzon- + 2 Halbtonschritten + Prim. (s. Video VII "Wie die Oktav zu ihrem Namen kam). Dahinter ist zu erkennen, dass die Frührchristen, welche die Vielgötterei verabscheuten, nicht bereit waren, das Kulturgut ihrer Peiniger unverändert zu übernehmen. Auch die Verschiebung der Tonnamen – aus A wurde C - erklärt sich auf diese Weise.
Symbolik baut eine Brücke zur Spiritualität, denn Immaterielles und Abstraktes sind der Greifbarkeit entzogen stehen dem Immaginären näher. In der Vorstellungswelt verklingen die Töne nicht sondern begeben sich auf eine Reise ins Jenseits. Laudate eum in cordis et organo. Gott hört die Musik, die zu seinem Lob erklingt, so der Glaube. Daher ist in der Musikausübung nur eine andere Form der Kontaktaufnahme-, eine andere Form des Betens zu sehen. In umgekehrter Richtung wurde Musik als Geschenk Gottes betrachtet: MUSICA DONUM DEI.
Die kritische Perspektive ist die, dass durch Einwirkung auf die menschliche Psyche und durch Indoktrination Einfluss genommen wurde, bei gleichzeitiger Zensur von Erkenntnissen, die nicht ins Weltbild passten. Der sachliche Umgang mit Symbolen bedarf einer distanzierten Betrachtungsebene, wie sie die Geisteswissenschaften anbieten, indem sie verschiedene Auffassungen vergleichend nebeneinander stellen und die Wirkungsmacht der Symbolik analysieren, s. Blog B12 "Symbole, Spiegel des Menschen". Dies geschieht aus dem übergeordneten Interesse an der geistigen Verfasstheit des Menschen. Diese Haltung ist ebenso unverzichtbar im interkulturellen Dialog, der mit dem Kennenlernen des Gegenübers und mit der Bestandsaufnahme von Perspektivdifferenzen seinen Anfang nimmt.
Der Kulturhistoriker sieht diese drei Ebenen im zeitlichen Verlauf und nimmt entsprechende Zuordnungen vor. Während wir es bei physikalischen Erkenntnissen mit Konstanten zu tun haben - am Satz des Pythagoras wird sich ebensowenig ändern wie am Schwingungsverhalten der Saite - unterliegen Theologie, Musik- und Kunstauffassung einem Wandel. Die diatonischen (weissen) Tasten liegen auf einer älteren zeitlichen Ebene als die chromatischen (schwarzen), wobei die Tastenfärbung des Cembalos die genau umgekehrte war.
Vor dem dargelegten Hintergrund wird nun deutlich, warum J.S. Bach die "Majestät der alten Musik" gegen den Zeitgeist der Aufklärung zu verteidigen trachtete und wie es zum Verlust des theologischen und ethischen Gehalts der Harmonielehre kommen konnte.
In neuerer Zeit ist zu dokumentieren, wie die Kirche ihren liturgischen Gehalt, zu dem die Symbolik der Harmonielehre zählt, in Schutz nimmt (s. Blog 12: "Benedikt XVI zur abendländischen Musik", Papst Franziskus zur Bedeutung der Harmonie)und wie das Bundesamt für Kultur, resp. die Gesellschaft, mit ihrem eigenen Kulturerbe umgeht, d.h. konkret, ob sie bereit ist, den Stoff in die Lehrpläne aufzunehmen und der heranwachsenden Generation zugänglich zu machen. Sollte dies geschehen, ist fachlich übergreifendes Arbeiten unabdingbar, denn Zugang zur Symbolik ist nur über den jeweiligen Kontext möglich. Nicht einmal das bedeutendste Symbol des Christentums, die Hostie, verrät die ihr gegebene Bedeutung von sich aus.
Monstranz
Wer allein auf den Quintenzirkel blickt, nimmt ihn nicht als ein über Jahrhunderte zusammengefügtes bedeutendes Element des katholischen Weltbildes wahr. In der Liturgie-Konstitution des II. Vatikanischen Konzils heisst es: „Der Schatz der heiligen Musik muß mit größter Sorge bewahrt und gefördert werden“. Die Zeitrechnung ab Christi Geburt und die hier zu beobachtenden Übereinstimmungen des Quintenzirkels mit dem Zifferblatt der Uhr, den 12 Monaten des Jahres und der gezeigten Monstranz gehen auf ein theologisches Analogiebedürfnis zurück.
© Aurelius Belz 2023