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Foto: P. Mauritius mit den beiden erfolgreichen Hebraicum-Absolventinnen Sarah Aschwanden und Veronika Kralikova. Die Prüfung wurde von Frau Dr. Monika Egger an der Universität Luzern abgenommen.
Es fing mit einem Kursfach an, von dem zunächst niemand gedacht hat, dass es wirklich stattfinden würde: Hebräisch, genau genommen das biblische Althebräisch, geleitet von P. Mauritius. Und doch: Vier Lehrpersonen und drei Schülerinnen wagten sich an dieses Experiment heran und besuchten zwei Jahre lang zwei Mal wöchentlich den Sprachkurs der etwas anderen Art. Eine Kooperation mit der Theologischen Fakultät der UNI Luzern machte es im Sommer schliesslich sogar möglich, dass zwei Schülerinnen am offiziellen Hebraicum, der Sprachbefähigungsprüfung für Theologiestudierende, teilnehmen konnten: Veronika Kralikova und Sarah Aschwanden bestanden die anspruchsvolle universitäre Prüfung beim ersten Durchgang! Wir gratulieren herzlich!
Im Interview erzählt Veronika von diesem intellektuellen Abenteuer:
Wie hast Du Dich auf die Prüfung vorbereitet?
Ich habe zwei Jahre lang den Althebräischkurs bei Pater Mauritius besucht und dann noch in den Ferien die noch nicht behandelten Kapitel angeschaut und grösstenteils Vokabular gelernt.
Wie kann man sich den Ablauf der Prüfung vorstellen?
In Luzern angekommen mussten wir zuerst eine schriftliche Prüfung lösen. Da hat man eine Bibelstelle zum Übersetzen bekommen, und man musste noch einige Verben näher bestimmen. Nachdem man das Bestimmungsblatt mit den Verben abgegeben hat, hat man als Hilfe zumindest die Lösungen dazu erhalten (dieses Blatt gab aber die Hälfte der Punktzahl!). Nach einem Mittagessen in der Mensa der Universität Luzern folgte dann eine 15-minütige mündliche Prüfung ohne Vorbereitung, bei welcher man einen Vers vorlesen und übersetzen musste.
Wie lange dauerten diese beiden Prüfungsteile?
Die schriftliche Prüfung dauerte zwei Stunden und die mündliche Prüfung dauert 15 Minuten. Beide waren am gleichen Tag, welchen ich eigentlich fast ganz in Luzern verbracht habe.
Was unterscheidet Hebräisch von anderen Sprachen?
Hebräisch ist eine semitische Sprache, also ganz anders als die indo-europäischen Sprachen, welche ich gewohnt bin. Die erste Schwierigkeit ist sicher das fremde Alphabet, aber dies ist eigentlich meiner Meinung nach ziemlich einfach verglichen mit den verschiedenen Modi bei den Verben. Diese Modi sind ganz speziell, da es im Althebräischen zwar nur 2 Zeiten gibt, aber die Verben mithilfe von verschiedenen Modis noch weiterbestimmt werden. So kann ein Verb dann zum Beispiel im Qal etwas ganz anderes Bedeuten als im Piel als Hofal.
Was ist Deiner Meinung nach das komplexeste Grammatikthema?
Das komplexeste Grammatikthema sind meiner Meinung nach die unregelmässigen Verben. Grundsätzlich haben Verben im Althebräisch, mit Ausnahme der «Hohlen» Wurzeln, immer drei Radikale (= Konsonanten). Aber bei den unregelmässigen Verben kann auch mal ein Radikal verschwinden. Dass ist dann so, als ob auf einmal ein Drittel oder mehr vom Verb fehlen würde, und dann muss man erstmals überhaupt erkennen, um welches Verb es sich nun handelt.
Worin besteht der Gewinn, Althebräisch zu lernen?
Althebräisch ist eine sehr komplexe Sprache. Das ist für mich schon in sich ein Gewinn, da sich Althebräisch übersetzen immer wie Puzzle lösen anfühlt – ebenfalls mit dem tollen Gefühl, wenn man einen grossen Teil vom Puzzle nun gelöst hat. Noch dazu bringt Althebräisch eigentlich eine ganz neue Denkweise mit sich, was sicher auch in anderen Lebensbereichen helfen kann. Ich persönlich finde es auch noch sehr spannend, wie man auch schon nur an der Sprache erkennt, wie die Menschen damals gelebt und gedacht haben. Zum Schluss ist es auch immer einfach lustig mal eine ganz neue Sprache zu lernen, und Althebräisch ist da einfach etwas, dass man sonst wirklich gar nicht kennt. Noch dazu ist es doch schön in den Lebenslauf schreiben zu können, dass man Althebräisch gelernt hat – das zeigt, denke ich, ein gewisses Niveau an Bereitschaft, Neues zu lernen.
Wie hast Du die Uni Luzern erlebt?
Als ich die Prüfung abgelegt habe, war ich zum zweiten Mal an der Uni in Luzern. Davor war ich schon einmal mit Pater Mauritius und Sarah an der Universität, um an einer Hebräischlektion teilzunehmen. Dass hat mir sicher denn Vorteil gebracht, dass ich vor der Prüfung nicht unbedingt irgendwo herumirren musste, sondern das Klassenzimmer relativ problemlos fand. Die Atmosphäre an der Universität schien mir sehr modern, freundlich und familiär. Das Mittagessen habe ich gemeinsam mit einigen Studenten von der Universität gegessen und es war sehr spannend, ein bisschen über die Universität zu erfahren. Die Atmosphäre hat sich sicher mal anders angefühlt als an der Stiftsschule, ich weiss ehrlich gesagt aber gar nicht, wie ich den Unterschied beschreiben soll.
Vielen Dank für das Interview!
Auch den Leiter des Kursfaches, P. Mauritius, konnten wir zum Interview bitten:
Wie kam der Kontakt zur Uni Luzern zustande?
Ich habe zunächst auch mit der Theologischen Hochschule Chur Kontakt aufgenommen; doch dort hiess es gleich zu Beginn, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich sei.
In Luzern kannte ich den Assistenten am Lehrstuhl für Judaistik, Martin Steiner, der an der Dormitio Abtei in Jerusalem das Theologische Studienjahr absolvierte, als auch ich in Jerusalem studierte. Er leitete mich an die richtige Person weiter: Markus Wehrli von der Studienberatungsstelle der Theologischen Fakultät. Herr Wehrli wies dann auf das Programm “Early Birds” der Universität Luzern hin. Das Ziel dieses Programms ist es, Gymnasiastinnen und Gymnasiasten Uni-Luft schnuppern zu lassen, indem sie sich relativ unkompliziert für einzelne Vorlesungen einschreiben können. Herr Wehrli klärte dann alles ab und fädelte alles für uns ein. Er stellte dann auch den Kontakt mit der Dozentin für Bibelhebräisch her: Frau Dr. Monika Egger, die ebenfalls sehr freundlich und hilfsbereit war. Sie freute sich sichtlich, als sie hörte, dass an unserer Schule junge Leute freiwillig Hebräisch lernen, und schrieb einmal: “Dass es so etwas heute noch gibt: ein Gymnasium, wo man Hebräisch lernen kann!”
Ich bin diesen Personen an der Uni Luzern sehr dankbar, dass sie uns diese Möglichkeit eröffnet haben. Es ist doch wichtig, dass der Eifer von jungen Leuten nicht durch bürokratische Hürden gebremst oder abgewürgt wird. Die Perspektive, an der Uni zu einer Prüfung anzutreten, war für die Schülerinnen des Kursfaches sicher eine zusätzliche Motivation beim Lernen der hebräischen Sprache.
Wie lange “braucht” man, um das Hebraicum bestehen zu können?
An der Universität Luzern kommt diese Prüfung am Ende eines zweisemestrigen Kurses, d.h. nach einem Jahr. Im Kursfach haben wir uns mehr Zeit gelassen und sind in zwei Jahren etwa gleich weit gekommen.
Was sind die besonderen Herausforderungen der hebräischen Sprache?
Wir bewegen uns normalerweise ausschliesslich in indo-europäischen Sprachen. Auch an unserem Gymnasium, wo wir viele Sprachen lernen: Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch – alle diese sind indo-europäische Sprachen und haben eine ähnliche Struktur. Hebräisch hingegen gehört zu den semitischen Sprachen, d.h. man muss sich in ein ganz neues System eindenken. Die Syntax, der Satzbau, ist im Hebräischen zwar relativ simpel, es gibt nämlich fast nur Hauptsätze, aber die Morphologie, Formenlehre, ist sehr komplex. Dass Hebräisch ein anderes Alphabet hat und von rechts nach links gelesen wird, ist am Anfang auch gewöhnungsbedürftig.
Welche Grammatikthemen findest Du selbst am spannendsten?
Etwas sehr Faszinierendes sind die Stammesmodifikationen der hebräischen Verben: Mit kleinen formalen Änderungen kann man aus einer Verbwurzel ganz unterschiedliche Bedeutungen ableiten, z.B. fallen, fallen lassen, umhauen, gefällt werden.
Und ich bin beeindruckt von der hohen Präzision, die die hebräische Sprache verlangt, da es beim Übersetzen manchmal auf kleine Details ankommt.
Worin besteht Deiner Meinung nach der Gewinn darin, Hebräisch zu lernen/zu können?
Für Theologen sind hebräische Sprachkenntnisse wichtig, damit sie das Alte Testament in der Originalsprache verstehen können. Aber das gilt ja nicht ausschliesslich für Theologen. Hebräisch ist auch ein Schlüssel zur jüdischen Kultur und baut eine Brücke zu den Angehörigen dieser altehrwürdigen Religionsgemeinschaft. Wir wissen aus der Geschichte, wie fatal es herauskommen kann, wenn man keine genauen Kenntnisse von anderen Religionen hat, sondern seine Meinung auf Vorurteile abstützt.
Hebräisch ist aber auch ein Gehirntraining. Wer gerne knobelt und tüftelt, der hat in der hebräischen Sprache ein schier unendliches Spielfeld. Insofern ist es auch eine Demenzprophylaxe.
Ist eine weitere Zusammenarbeit mit der Uni Luzern geplant?
Die Tür, die geöffnet wurde, steht weiterhin offen. Wenn in der Zukunft wieder ein Kursfach Hebräisch zustande kommt und es Schülerinnen und Schüler gibt, die den Ehrgeiz haben, das Hebraicum zu machen, können wir diese Möglichkeit über das Early Bird-Programm wieder nutzen.
Hast Du Frau Egger vorab auch selbst getroffen?
Ich habe Veronika und Sarah einmal zu einer Vorlesung nach Luzern begleitet, wo ich Frau Dr. Egger persönlich getroffen habe und kennen lernen durfte. Im Internet habe ich später auch Predigten von ihr gelesen.
Herzlichen Dank!