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Dominik kauft Kondome
von Cedric Weidmann
Seine Hand zitterte nur ganz, ganz leicht. Er war fast gar nicht nervös. Seine Augen waren zusammengezogen, was verriet, dass er mit sich selbst ein ernsthaftes Gespräch führte.
Der Vater in Dominik sagte: Mach dir keine Sorgen, jeder fängt einmal klein an. Aber Kondome, das muss man einfach einmal gekauft haben. Vergiss nicht, du bist da nicht alleine. Es ist eine Natürlichkeit. Fast alle Menschen haben eine Sexualität. Vor allem Jugendliche. Du brauchst dich nicht zu schämen.
Der Sohn in Dominik sagte: Ich schäme mich nicht.
Und er langte zu, nahm die Schachtel in die Hand, und drehte sie in den Händen. Plötzlich schien das Umgekehrte zu passieren wie beim Nibelungenring: Er wurde durch das Halten der Kondome nicht unsichtbar, sondern tauchte erst auf. Er spürte sofort prüfende Blicke in seinem Nacken und eine Frau in der Nähe, die an der Schlange der Apotheke stand, schüttelte den Kopf, obwohl sie ihn gar nicht gesehen haben konnte. Die Leute warfen beim Ausgang noch einmal einen Blick über die Schulter, um zu sehen, was er gerade in der Hand hielt und ihm schien, die Zeit, um es natürlich wirken zu lassen, dass er eine Kondompackung musterte, verfloss in rasantem Tempo.
Der Sohn in Dominik: Ich schäme mich nicht.
Der Vater in Dominik: Gut so, du brauchst dich nicht zu schämen. Nimm die Kondome jetzt und kauf sie. Lächle zufrieden, die sind professionell, bei denen in der Apotheke kaufen Menschen Puder, der ihren Anus wieder zusammenklebt, oder Medikamente gegen Vorhautentzündungen. Da kann doch das Natürliche – das Normale – gar keine so schlimme Sache sein, nicht wahr? Das ist eine Natürlichkeit.
Dominik stellte die Packung zurück, nahm aber eine andere in Augenschein. Die Zeit verfloss, zerrann, verschwand, immer schneller.
Der Sohn in Dominik sagte: Das ist eine Natürlichkeit? Wie die Natürlichkeit Gottes, die manche verklären? Wie das Böse im Menschen? Wie die kapitalistische Ungleichverteilung? Natürlich wie Krieg und überzüchtete Ziegen, die sofort in Schreckstarre fallen? Natürlich wie giftiges Kohlenmonoxid? Oder natürlich wie man einst Sprache für natürlich gehalten hat – oder die Beweisbarkeit der reellen Zahlen aus der Logik? So natürlich wie Krankheiten und Klimaveränderung? Was ist das überhaupt für ein Argument, dass das eine Natürlichkeit sei?
Der Vater in Dominik sagte: Reiss dich zusammen, Mensch.
Dann stellte sich Dominik in die Schlange und versuchte die Packung auf so natürliche Weise wie möglich zu halten, er fand aber die Höhe nicht: herunterbaumelnd wirkte es zu lässig, angewickelt viel zu verkrampft. Man würde sofort erkennen, dass er das erste Mal Kondome kaufte – und das war es ja, was das Schlimmste an allem war. Dann kam noch der Weihnachtsverkauf hinzu, die langen Drängeleien und die feierliche, keusche Adventsstimmung, jemand hatte eine Eukalyptus-Zimt-Mischung in ein Duftkerzchen aufgegossen.
Langsam kam er vorwärts, während sein Herz weiter nach oben wanderte, bis in den Hals hinauf und je mehr er dachte, dass es keinen Grund zu schämen gab, desto lächerlicher wurde es und je lächerlicher es wurde, desto mehr Grund gab es, sich zu schämen.
Als er ganz vorne an der Kasse angelangt war, hatte ihn die Stimme verlassen.
„Was möchten Sie bitte?“, fragte die Apothekerin mit einem viel zu ernsten Gesicht.
Als ob sie angesprochen wäre, antwortete eine Frau an der Kasse daneben: „Etwas gegen Scheidepilz, bitte.“
Aber wieso denn nur, wieso bitte? Wieso konnte sich Dominik nicht zurückhalten, sie anzuschauen. Dann hätte er wenigstens nicht seine Französischlehrerin erblickt.
„Man ist, was man ist“, sagte sie nach einem kurz beschämten Blinzeln und plötzlich in der grössten lächelnden Natürlichkeit. Mit dieser scheiss Natürlichkeit.