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Bereits vor der Tunis-Reise vom April 1914 hatte sich Paul Klee intensiv mit Problemen der abstrakten Bildordnung aus weitgehend autonomen Farben- und Flächenformen befaßt. Dies zeigen Aquarelle wie „Erinnerung an einen Garten“ und „Stadt mit den drei Kuppeln“, wo Klee die bildnerische Komposition an architektonische Strukturen anzunähern versuchte. Das Motiv der Kuppel, das Klee in den Skizzen und Aquarellen der tunesischen Stadt Kairuan immer wieder aufgegriffen hat, muß ihn ebenfalls schon vorher als bildnerisches Element interessiert haben. Zu Beginn seiner Tunis-Reise sah sich Klee zunächst überwältigt von den optischen Eindrücken des Orients. Seine ersten zeichnerischen Notate hielten sich deshalb noch stark an das unmittelbar Gesehene. „Synthese Städtebauarchitektur – Bildarchitektur in Angriff genommen. Noch nicht rein, aber ganz reizvoll, etwas viel Reisestimmung und Reisebegeisterung dabei, eben das Ich. Es wird später schon noch sachlicher werden, wenn der schöne Rausch etwas verrauchen wird“, notierte Klee in sein Reisetagebuch am 8. April in Tunis (1). In Kairuan, dem vierten Aufenthaltsort und Höhepunkt der Reise, gelang Klee die weitestgehende Freisetzung der künstlerischen Mittel. Hier entstand das Aquarell „Vor den Toren von Kairuan (ursprüngliche Fassung vor der Natur)“, 1914.216, das als unmittelbare Voraussetzung von „Rote u. weisse Kuppeln“ anzusehen ist. Das vor Ort entstandene Aquarell zeigt in einem lockeren orthogonalen Aufbau eine weitläufige Stadt-Landschaft mit nur wenigen gegenstandsbezogenen Zeichen, einigen Kuppeln in der linken Bildhälfte und einer Reihe von Kamelen rechts. Auf das Element der Linie hat der Künstler fast ganz verzichtet und das Aquarell aus einer reichen Farbstufung sich überlagernder heller Blau-, Beige-, Braun- und Orangetöne aufgebaut. Ende April oder Anfang Mai, nach der Rückkehr aus Tunesien, fertigte Klee auf der Grundlage dieser Reiseskizze eine querformatige Komposition, die er später mit der Schere zerschnitt und auf diese Weise in zwei eigenständige Werke verwandelte: die Aquarelle „Rote u. weisse Kuppeln“ und „in der Einöde“ (1914.43, Privatbesitz Zürich). Als autonome Werke wurden die beiden Teilstücke erstmals ab dem 15. Mai 1914 in der Münchner Galerie Hans Goltz ausgestellt.
Eine von Wolfgang Kersten und Osamu Okuda vorgenommene Rekonstruktion der Komposition vor der Teilung zeigt, in welcher Weise Klee die lockere Gitter-Konstruktion der Reiseskizze aufgenommen und durch eine Struktur rechteckiger Farbfelder überlagert hat. Zentrale Blickpunkte der Vorlage wie die Kuppeln oben links und ein Kamel aus der Gruppe der Tiere rechts adaptierte Klee in seiner Komposition; zusätzlich integrierte er die X-Formen und nahm Veränderungen vor allem in der Breite der Himmelspartie vor. Die Rasterstruktur, die den kubischen Formen der orientalischen Architektur auf der linken Bildhälfte entsprach, wurde in etwas größerem Maßstab auch auf die Struktur der Landschaft rechts übertragen. Die weiße Kuppel, in „Rote u. weisse Kuppeln“ am äußersten rechten Bildrand, markierte annähernd die Bildmitte des ungeteilten Blattes. Durch die Hervorhebung der Kuppel in leuchtendem Temperaweiß könnte Klee – so vermuten Kersten und Okuda – den Stadtrand in der Farbigkeit der Wüste gefaßt und auf diese Weise die Verbindung von Stadt und Natur in der ursprünglichen Komposition gefestigt haben. Das Verfahren der Bildteilung hat der Künstler in weit über 200 Fällen praktiziert, wie die Forschungen von Kersten und Okuda zur Technik der Bildherstellung Paul Klees belegen. Durch die Teilung vollzog Klee eine Trennung der motivisch unterschiedlichen Bildbereiche, der Stadtarchitektur auf der linken und der Wüste auf der rechten Seite. Kultur und Natur sind auf diese Weise auseinandergerückt. (2)
„Rote u. weisse Kuppeln“ wurde nach der Teilung zusätzlich unten beschnitten, so daß sich ein annähernd quadratisches Bildformat ergab, das mit den Feldern der Rasterstruktur korrespondiert. Außerdem wurde das Blatt, auch nach der Montage auf Karton, mit dem Pinsel weiterbearbeitet. Ein dichtes Gewebe aus sich überlagernden Braun-, Rot-, Beige- und Gelbtönen sowie einigen Partien in Violett bestimmen das Aquarell. In der unteren Zone sammeln sich die wärmeren Töne, während die obere kältere Zone den Himmel anzeigt. Die Perspektive als räumliches Ordnungssystem ist aufgegeben, allerdings ergibt sich aus der transparenten Überlagerung der Farbschichten eine gewisse Tiefenwirkung. Ohne den ausgewogenen Charakter der Farbkomposition in Frage zu stellen, bewirken die gestauchten Bogenformen der Kuppeln eine subtile Anbindung ans Gegenständliche. Die „Synthese Städtebauarchitektur – Bildarchitektur“, die Klee in seinen Reisenotizen projektiert hatte, ist hier, nicht zuletzt durch die Abtrennung von der Landschaftsszenerie, anschaulich vollzogen worden.
Pia Müller-Tamm, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 518f. mit Farbabb. S. 63
(1) „Paul Klee, Tagebücher 1898–1918“, Stuttgart/Bern 1988, S. 340
(2) Wolfgang Kersten/Osamu Okuda, „Aufbewahren, Umarbeiten, Zerwirken. Tunesische Aquarelle, 1914-1923“, in: Ausst.-Kat. „Paul Klee. Im Zeichen der Teilung“, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf/Staatsgalerie Stuttgart, Ostfildern 1995, S. 48ff.