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Wer einen besonderen Kick sucht, wenn demnächst die Profifussballer wieder ans Werk dürfen, der kann nach dem Röstigraben auf dem Spielfeld Ausschau halten. Das geht so: Man sucht sich Spiele aus, bei denen die Mannschaften aus unterschiedlichen Sprachregionen kommen und man feststellen kann, aus welcher Region der Schiedsrichter stammt. Ist es die gleiche wie die des einen Teams? Das wird bei deutsch-welschen Paarungen fast immer der Fall sein, ausser beim seltenen Einsatz eines italienisch- oder gar romanischsprachigen Unparteiischen.
So: Jetzt muss man nur noch die roten und gelben Karten zählen, die jede Mannschaft erhält, und am Schluss notieren, wie viele Punkte sich jede in der Rangliste gutschreiben lassen darf. Hat man das bei einer genügenden Anzahl Spiele getan, so wird man wahrscheinlich den guten alten Heimvorteil bestätigt finden: Auswärts pflegen Teams weniger gut abzuschneiden als zuhause, und hartnäckig hält sich der Verdacht, der Schiedsrichter helfe dabei nach, indem er die Gäste grosszügiger mit Strafkarten eindeckt. Schlimm genug – aber ist es noch schlimmer, nämlich so, dass die Gunst des Spielleiters auch von der Sprache abhängt?
Nach der Sprache pfeifen
Genau so sei es, meinen drei Forscher nach der Auswertung der 1404 Spiele, die von 2005 bis 2017 in den beiden höchsten Schweizer Männerligen den genannten Kriterien entsprachen. Bei den Schiedsrichtern stellten sie meistens auf den Wohnort ab; konnten sie den Geburtsort ermitteln, dann auf diesen. Je etwa in der Hälfte der erfassten Matches hatte die Heim- bzw. die Gästemannschaft einen Schiedsrichter der eigenen Sprache, also jener des Vereinssitzes. Hatte das Heimteam es mit einem fremdsprachigen Pfeifenmann zu tun, so kassierte es immer noch durchschnittlich 0,13 Karten weniger als die Gäste; dieser Heimvorteil wuchs aber auf 0,4, wenn der Schiedsrichter lokalsprachig war. Bei der Tordifferenz betrug der Heimvorteil je nach Sprachvorteil 0,25 oder 0,5. In ähnlichem Mass wirkte sich die sprachliche Übereinstimmung von Heimteam und Schiedsrichter auf die Meisterschaftspunkte aus, die durchschnittlich in gemischten Spielen erzielt wurden.
Die Studie ist bisher als Vorveröffentlichung der Uni St. Gallen auf der Plattform Researchgate erschienen (Richard Faltings / Alex Krumer / Michael Lechner: Rot-Jaune-Verde. Language and Favoritism: Evidence from Swiss Soccer). Die drei in der Schweiz, den USA und Norwegen tätigen Forscher wandten ausgeklügelte statistische Methoden an, um Fehlerquellen auszuschliessen.
Korruption braucht’s nicht
So wurde berücksichtigt, ob Mannschaften und Schiedsrichter aus den verschiedenen Sprachregionen generell unterschiedlich oft Karten kassieren bzw. austeilen. Der Umstand, dass Deutschschweizer mit gut 80 Prozent der Schiedsrichter überproportional vertreten sind, wurde rechnerisch korrigiert. Sogar daran, dass Korruption unter Gleichsprachigen leichterfallen könnte, haben die Autoren gedacht: «Da es jedoch keinerlei Indizien für auf Sprache gegründete Bestechung im Schweizer Fussball gibt, nehmen wir an, ein solches Szenario sei sehr unwahrscheinlich.»
Sie stellen aber fest, die Benachteiligung anderssprachiger Mannschaften sei statistisch signifikant. Daher empfehlen sie, bei der Ausbildung das Problembewusstsein der Schiedsrichter zu schärfen. Deren Training und Begleitung seien allerdings schon auf hohem Niveau – und doch gebe es bei ihnen «Begünstigung der eigenen Gruppe». Das bedeute einen «Weckruf für andere Berufsgruppen wie Manager, Richter oder Personalrekrutierer», die Leute unterschiedlicher Sprachgruppen zu beurteilen hätten. Selbst für die – damals noch nicht absehbaren – Geisterspiele haben die Forscher einen Ansatz bereit: Ob ein Stadion grösser oder kleiner und ob es besser oder schlechter gefüllt war, habe sich in der Karten- und Punktestatistik nicht ausgewirkt. Ob der Heim- bzw. Sprachvorteil auch ganz ohne Publikum funktioniert, können sie jetzt untersuchen.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»