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Der Elefant muss aus dem Raum
Prognosen über den möglichen Wirtschafts- und Konjunkturverlauf in den nächsten Jahren werden laufend verbreitet und angepasst. Alle möglichen Einflussfaktoren werden erörtert, die Politik der Notenbanken, die Lohnrunde, die Konjunkturaussichten in Europa bis China, der Einfluss der Digitalisierung usw. Nur der Elefant im Raum wird sorgfältig umtrippelt.
Ruedi Winkler
In einer vor kurzem im ‹Spiegel Online› veröffentlichten McKinsey-Studie wird die Verschuldungsentwicklung weltweit so zusammengefasst: «Im Jahr 2000 addierten sich die Schulden dieser Welt zu 87 Billionen Dollar, 2007 betrugen sie bereits 142 Billionen Dollar – um bis zum zweiten Quartal 2014 auf nun 199 Billionen Dollar emporzuschnellen. Betrugen im Jahr 2007 die Schulden noch 269 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, ist das Verhältnis nun auf 286 Prozent gestiegen».
In diesen Gesamtsummen sind alle Schulden der privaten Haushalte, der Unternehmen (inkl. des Finanzsektors) und der Staaten zusammengefasst. Wir finanzieren einen beträchtlichen Teil unseres Wohlstands auf Pump.
Das Volumen des internationalen Finanzsektors liegt nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich bei 1,5 Trillionen Dollar. Da Zahlen in dieser Grössenordnung uns nicht viel sagen, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass sich diese Blase seit 2008 um 20 Prozent vergrössert hat, aussagekräftiger. Schlicht und einfach: Wir haben nichts gelernt.
Mahner in den eigenen Reihen
Warren Buffet, der schwerreiche Finanzmagnat in den USA, sprach schon 2008 von einer Zeitbombe im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Finanzsektor. Der Ökonom und frühere stellvertretende Finanzminister in der Regierung Reagan, Paul Craig Roberts, sagt, 2008 sei eine Warnung gewesen. Aber niemand habe darauf gehört. Bis die Finanzblase das nächste Mal platze, sei nur eine Frage der Zeit. Und sie habe das Potenzial, die ganze westliche Zivilisation zu zerstören.
Notenbanken in der Falle
Wer Artikel zur Politik der Notenbanken liest, begegnet rasch dem Begriff «quantitative easing». Das heisst einfach, dass die Notenbanken andere Mittel einsetzen, um die Geldmenge auszuweiten, wenn sie die Zinsen nicht mehr senken können, weil diese praktisch schon bei Null sind. Das ist zwar gegen alle ökonomischen Lehrbücher und alle Vernunft. Die US-Notenbank spricht z.B. schon seit langem über die Erhöhung ihrer Zinssätze, hat sich aber bisher nicht getraut, diesen Schritt zu vollziehen. Zu gross ist die Angst, die Konjunktur zu bremsen, und zu ungewiss sind die Reaktionen der sogenannten Investoren, d.h. jener Leute, die Verfügungsgewalt über hohe bis sehr hohe Geldsummen haben. Da die Investoren die einzigen Wirtschaftsakteure sind, von denen niemand wirklich gesellschaftlich und sozial verantwortliches Handeln verlangt, handeln sie auch entsprechend. Angela Merkel, die mächtigste Politikerin in Westeuropa, sagte schon kurz nach der Finanzkrise 2008: «Wir dürfen die Investoren nicht beunruhigen». Und das gilt immer noch.
Wirtschaftswachstum und Geld
Unser Wirtschaftssystem beruht im Grunde genommen auf zwei Pfeilern, Wachstum und Geld. Treiber des Wachstums ist das Gewinnstreben. Gewinn heisst Geld verdienen. Kein Wunder, dass findige Leute Wege suchten, wie man mit Geld Geld verdienen kann. Ohne die Mühen, reale Güter und Dienstleistungen herzustellen und sie an die Leute zu bringen. Das ist wunderbar gelungen. Die Finanzblase ist das Ergebnis davon.
Dieses Wirtschaftsystem hat uns den materiellen Wohlstand gebracht, den wir heute haben. Und dieses System ist daran, seine eigenen Kinder zu fressen. Um das System zu erhalten, aber die ärgsten Folgen zu lindern, dafür treiben die Notenbanken die abenteuerlichste Geldpolitik, die man sich nur denken kann, dafür arbeiten Heerscharen von Fachleuten an Regulationsmodellen für die Banken und das Finanzsystem, um den Kollaps zu vermeiden, dafür lassen sich Politikerinnen und Politiker dazu treiben, von Sparen und Schuldenabbau zu reden, währenddem die Staatsschulden ungerührt steigen, dafür wählen Bürgerinnen und Bürger immer wieder andere Regierungen, obwohl die ihnen nur das Gleiche mit einem etwas anderen Überzug versprechen.
Ein gutes Beispiel ist Griechenland. Die Syriza kam mit radikalen, aber doch recht vagen Rezepten an die Macht. Als es dann darum ging, wieder gewählt zu werden, musste sie so stark zurückkrebsen, dass sie kaum mehr zu erkennen war und kein grosser Unterschied mehr zu ihren Konkurrenten besteht.
Die Wählerinnen und Wähler ahnen grundsätzlich sehr wohl, dass etwas nicht stimmt. Sie wissen aber auch, dass der Umbau des heutigen Systems in Richtung gerechterer Verteilung, nachhaltigeren Umgangs mit der Umwelt, fairer Handesbeziehungen und des Zurückdrängen des Geldes in seine Funktion eines Tauschmittels viele Vorteile hätte. Sie wissen aber auch, dass dies starke Veränderungen für die Lebensweise und materielle Einbussen mit sich bringen würde. Sie wissen, dass anderslautende Versprechungen Augenwischerei sind. Aber wenns drauf an kommt, wagen auch sie den Sprung nicht.
Daraus ergibt sich die heutige Situation: Alle versuchen scheinbar, die nächste Finanzkrise zu vermeiden. Aber für alle kommen letztlich nur die beiden Mittel Geld und Wachstum in Frage.
Einstein hat einmal gesagt, man könne Probleme nicht mit den Rezepten lösen, die dazu geführt hätten. Aber genau dieser Versuch wird heute gemacht. Es ist, wie wenn eine Gruppe entzugsunwilliger Alkoholiker und Drogensüchtiger eine suchtfreie Gesellschaft aufbauen möchte.
Was tun?
Aus meiner Sicht sollten alle Kräfte, die gewillt sind, den Kopf noch aus dieser Schlinge zu ziehen, sich zusammentun und auf drei Ziele hin arbeiten:
- Zeitlich die höchste Prioriät hat, alle Mittel dafür einzusetzen, um das Wachstum der Finanzblase zu bremsen und sie abzubauen. Da kann auch die Schweiz Wesentliches beitragen. Das primäre Ziel muss die Erhöhung der Eigenkapitalquote der Banken in einem solchen Masse sein, dass sie in jedem Fall ihre Verbindlichkeiten selbst tragen können. Das würde gewaltig dämpfen und die eingegangenen Risiken auf ein vernünftigeres Mass zurückstutzen und die Möglichkeiten ihrer Finanzgeschäfte reduzieren (und die Zahl der gut bezahlten Arbeitsplätze im Banken- und Finanzsektor beträchtlich reduzieren). Aber der Elefant muss aus dem Raum.
- Neue Wirtschaftmodelle ernsthaft diskutieren und entwickeln. Das heutige System ist pervertiert. Es richtet sich auch gegen die, die einmal dank ihm materiell auf ein Niveau gekommen sind, von dem sie früher nur träumen konnten. Es muss klar sein, der materielle Lebensstil, wie wir ihn im Westen pflegen, ist ohne Zerstörung der Umwelt, Verteilungskriege und gesellschaftliche Spannungen nicht zu haben. Ideen, in welche Richtung wir uns bewegen sollten, gibt es. Z.B. das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie, das in verschiedenen Ländern zunehmend breiter diskutiert wird.
- Verstärkt bewusste Pflege und Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe, gegebenenfalls mit Regionalwährungen. Diese Art regional abgestützter Wirtschaftsmodelle gibt es schon an vielen Orten. Sie bleiben auch stabil bei wirtschaftlichen Verwerfungen, bringen die Leute einander näher und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung. Und vor allem: Das können Bürgerinnen und Bürger sofort und selbst an die Hand nehmen.