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Beitrag «Dokumentierte Olympia-Ruinen» von «Tagesschau» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 26. Februar 2018 beanstandeten Sie die «Tagesschau» von gleichen Tag, und dort den Beitrag «Dokumentierte Olympia-Ruinen».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Die Tagesschau berichtete in ihrer Hauptausgabe vom 26. Februar über einen Fotografen, der illustriert hat, wie Bauten von Olympischen Spielen Jahre nach deren eigentlichen Verwendung heute aussehen. Ich beanstande, dass bei diesem Beitrag das Vielfaltsgebot missachtet wurde.
Der Beitrag wurde bereits einseitig und wertend durch den Moderator eingeführt, als erwähnt wurde, dass für die gebauten Skipisten in Südkorea Bäume in einem Wald gerodet wurden, welcher ‹vielen vor Ort als heilig gilt›.
Im Beitrag wurden ausschliesslich negative Beispiele präsentiert, also Bauten, die nicht nachhaltig genutzt worden sind oder Unmengen an Geld gekostet haben. Die Auswahl der Spielstätten scheint dabei willkürlich gemacht worden zu sein: Athen 2004, Peking 2008 und Sotschi 2014. Hierbei handelt es sich um Schwellenländer respektive nicht besonders stark entwickelte Industrieländer. Indem der Beitrag ausschliesslich Beispiele von Olympiabauten zeigt, welche sich als nicht nachhaltig erwiesen haben, wird den Zuschauerinnen und Zuschauern suggeriert, dass Bauten von Olympischen Spielen per se nicht nachhaltig sein können. Unzählige andere olympische Bauten, die nach deren eigentlichem Gebrauch nachhaltig weiterverwendet worden sind, würden diese Fehlannahme jedoch widerlegen. So wurde zum Beispiel auf die Olympischen Spiele von Vancouver 2010 oder London 2012 – welche im Vergleich zu den im Beitrag dargestellten Spielen nachhaltiger und kosteneffizienter waren – überhaupt nicht eingegangen.
Des Weiteren wurde im Beitrag indirekt der Gigantismus von Olympischen Spielen prominent in Szene gesetzt, indem gesagt wurde, wie viel Millionen und Milliarden die einzelnen Events und Bauten gekostet haben. Dies geschah leider, ohne die Summen in einen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang zu stellen.
Der beanstandete Beitrag muss in einem gesamtpolitischen Kontext betrachtet werden. Obwohl es sich beim erwähnten Beitrag wohl um einen vermeintlichen Kulturbeitrag handelt, ist dessen politische Brisanz und Relevanz nicht von der Hand zu weisen. Fakt ist, dass die Schweiz mit ‹Sion 2026› in einem aktiven Prozess für eine Olympia-Kandidatur steht. Entsprechend wird sowohl im Parlament als auch in der breiten Bevölkerung ein gesellschaftspolitischer Diskurs über mögliche zeitnahe Olympische Spiele in der Schweiz geführt. Unter anderem wird auch darüber debattiert, ob solch eine Kandidatur gezwungenermassen durch eine eidgenössische Volksabstimmung genehmigt werden müsse. Vor diesem Hintergrund impliziert der beanstandete Beitrag auf subtile Art und Weise, dass grundsätzlich Bauten von Olympischen Spielen nicht nachhaltig genutzt werden und ergo Olympische Spiele an sich nicht nachhaltig seien. Somit ist dieser Beitrag in Bezug auf die anstehende Olympia-Kandidatur ‹Sion 2026› und dem damit verbundenen gesellschaftspolitischen Diskurs in seinem Aussagegehalt klar einseitig und politisch unausgewogen.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Tagesschau» antwortete Herr Franz Lustenberger:
«Mit Mail vom 26. Februar hat Herr X den Beitrag über die Olympia-Stätten beanstandet. Die Redaktion nimmt im Folgenden zu den einzelnen Punkten der Beanstandung Stellung.
Heiliger Wald
Die Aussage, dass es sich um einen «heiligen Wald» handelt, ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Berg wurde von der letzten koreanischen Dynastie als «königliches, verbotenes Areal» bezeichnet. Die Moderation ist also korrekt.[2]
Auswahl der Olympiastätten
Die Tagesschau hat aus aktuellem Anlass (Ende der Olympischen Spiele in Südkorea) einen Fotoband eines renommierten Schweizer Fotografen besprochen. Dieser hat selber eine Auswahl getroffen. Aus dieser hat die Tagesschau nochmals drei Orte herausgegriffen.
Die Auswahl ist nicht willkürlich oder tendenziös. Die Tagesschau hat beispielsweise bewusst Sarajewo weggelassen. Die bosnische Hauptstadt, Austragungsort der Winterspiele 1984, wurde im Krieg anfangs der 90er Jahre immer wieder beschossen; deshalb konnte Sarajewo nicht als Beispiel in den TS-Beitrag integriert werden, obwohl der Fotograf sehr eindrückliche Bilder aus Sarajewo in seinem Bildband veröffentlicht hat.
Die TS hat die drei Austragungsorte Athen, Peking und Sotschi aus den folgenden Überlegungen gewählt: Athen ist die Urstadt der Olympischen Spiele, die ja ihren Ursprung in den Wettkämpfen im antiken Griechenland hatten. Peking ist die einzige Stadt, die nach den Sommerspielen 2008 im Jahre 2022 auch Winterspiele ausrichten wird. Sotschi war Ausrichter der Winterspiele 2014 und damit der letzte Ausrichter vor den Spielen in Südkorea.
Kosten von Olympischen Spielen
Im Beitrag wurden Fakten über Kosten und Nachhaltigkeit von Olympischen Spielen zusammengetragen. Laut einer Studie der Oxford University hat kein Olympischer Winterort in den vergangenen Jahren mit einem Gewinn abgeschlossen. [3]
Danach haben alle Olympischen Spiele deutlich mehr gekostet als budgetiert. Die Autoren der Studie weisen klar auf die finanziellen Risiken Olympischer Spiele für die Veranstalter hin:
<Given the above results, for a city and nation to decide to stage the Olympic Games is to decide to take on one of the most costly and financially most risky type of mega-project that exists, something that many cities and nations have learned to their peril.>
Grosse Beachtung
Der Fotoband von Bruno Helbling wurde in verschiedenen Zeitungen besprochen. Stellvertretend das Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung.[4] Darin sagt er, dass er mit der Auswahl der fotografierten Olympiastätten einen breiten geografischen und zeitlichen Rahmen schaffen wollte. Der Fotograf selber hat also für sein Buch schon eine Auswahl getroffen. Die Tagesschau hat in ihrem Beitrag auf diese vom Fotografen ausgewählten Stätten zurückgegriffen. Sarajewo wurde wie oben begründet als Beispiel weggelassen. In diesem Sinne ist der Beitrag ein ‹Kulturbeitrag›, in dem das Werk des Fotografen Bruno Helbling im Vordergrund steht.
Beiträge über kulturelle Werke gehören in die Tagesschau, wie Beiträge über Politik und Wirtschaft. Das Buch ist aktuell und beleuchtet ein Thema, die Nachhaltigkeit olympischer Stätten, über das in der Öffentlichkeit immer wieder diskutiert wird. Es gehört zur Programmfreiheit gemäss Bundesverfassung (Artikel 93, Absatz 3) und des Bundesgesetzes für Radio und Fernsehen (Artikel 6, Absatz 2). Im RTVG ist festgehalten, dass die Programmveranstalter in der Wahl der Themen frei seien.
Diskussion in der Schweiz
Die Diskussion in der Schweiz über eine Olympiakandidatur ist in vollem Gange. Während der Bundesrat aus Zeitgründen auf eine Olympiakandidatur ohne Volksabstimmung setzt, hat der Nationalrat in der Märzsession eine Motion von Silva Semadeni überwiesen, welche eine Volksabstimmung über den Bundesbeitrag verlangt.
In der Abmoderation wird die Olympiakandidatur Sitten aufgegriffen. Zum einen wird gesagt, dass man in Zukunft auch provisorische Stadien und Anlagen bauen könne, was die Kosten markant reduzieren könnte. Damit hat das IOC selber dem Gigantismus den Kampf angesagt und günstigere Möglichkeiten in Betracht gezogen. Zum zweiten wird extra darauf hingewiesen, dass Sitten im Jahre 2026 die Mehrzahl der Wettkämpfe auf bestehenden Anlagen austragen möchte.
Die Tagesschau wie auch die anderen Informationssendungen von SRF berichten kontrovers über die bevorstehende Volksabstimmung im Kanton Wallis im Juni 2018 sowie über den weiteren Verlauf der Beratungen im Parlament; die Motion Semadeni kommt nun in den Ständerat.
Dabei muss die Berichterstattung klar ausgewogen sein, in dem beide Seiten mit ihren besten Argumenten zu Worte kommen müssen. Ein Beitrag über ein Buch mit hervorragenden Fotos von Olympiastätten ist demgegenüber primär ein ‹Kulturbeitrag›.
Fazit
Die Tagesschau hat über ein aktuelles Buch berichtet, das einen fotografischen Blick auf Olympiastätten ‹vorher – nachher› wirft. Das Publikum wurde über die Fotografien informiert; es konnte sich eine eigene Meinung bilden.
Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung des Beitrags. Vielleicht ist Ihnen entgangen, dass es sich beim Beitrag der «Tagesschau» in Wirklichkeit um eine Buchbesprechung handelte. Es war sicher nicht zwingend, zum Abschluss der Olympischen Winterspiele in Südkorea auf dieses bereits 2015 erschienene Buch zu sprechen zu kommen, aber es bot sich an, weil man sich am Ende von Spielen ja immer fragt: Was geschieht jetzt mit den Anlagen? Das Buch des Fotografen Bruno Helbling[5] geht just der Frage nach, wie Städte und Stätten nach den jeweiligen Olympischen Spielen ausschauen. Helbling fotografierte in Athen mit Blick auf die Spiele von 1896 und 2004, in Berlin (Spiele von 1936), in Sarajewo (Spiele von 1984), in Turin (Spiele von 2006), in Peking (Spiele von 2008) und in Sotschi (Spiele von 2014). Das, was man auf den Bildern sieht, wird in dem Buch durch sechs Autoren eingeordnet, nämlich durch Werner van Gent (Athen), Peter Dittmann (Berlin), Ahnod Burić (Sarajevo), Francesco Pastorelli (Turin), Barbara Lüthi (Peking) und Martin Müller (Sotschi). Das Buch ist also darauf angelegt, zu zeigen, wie sich Städte jeweils nach den Olympischen Spielen präsentieren, was bleibt und was verrottet. Und der Fotograf hat sich für sechs Städte und für sieben Olympische Spiele entschieden, so dass die Auswahl auch für die «Tagesschau» zum vorneherein eingeengt war. Es liegt auf der Hand, dass sich das aktuelle Medium nicht in erster Linie für die über 80 Jahre zurückliegenden Spiele der Nationalsozialisten interessierte, auch nicht für die ersten modernen Olympischen Spiele vor über 120 Jahren in Griechenland, sondern für neuere. Und da hat die Redaktion drei ausgewählt, nämlich Athen 2004, Peking 2008 und Sotschi 2014 und damit auch solche, bei denen besonders bombastisch gebaut wurde; Herr Lustenberger hat ja die Auswahl in seiner Stellungnahme einleuchtend begründet. Da es sich um eine Buchbesprechung handelte, ging es nicht darum, eine Bilanz zu ziehen, wo insgesamt nach Olympischen Spielen die Anlagen weiter genutzt werden und wo nicht, sondern es ging um Impressionen, für die dieses Buch den Anlass gab. Und in der Abmoderation hat ja Franz Fischlin darauf hingewiesen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) jetzt die Errichtung provisorischer Anlagen und die Nutzung von Anlagen im jeweiligen Ausland zulasse und dass bei der Kandidatur von Sion vorgesehen sei, vor allem auch bestehende Anlagen zu nutzen, also nicht einfach neue zu bauen. Ein Plädoyer gegen die Kandidatur von Sion war daher der Beitrag gerade nicht, und da auch sonst alles korrekt ablief, kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
[2] https://www.theguardian.com/environment/2015/sep/16/olympic-organisers-destroy-sacred-south-korean-forest-to-create-ski-run; https://www.pri.org/stories/2016-02-03/2018-olympics-are-already-destroying-sacred-forest-land
[5] Bruno Helbling (2015): Olympic Realities: Sechs Städte nach dem Grossanlass. Basel: Birkhäuser.
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