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Körperliche oder seelische Verletzung. "Trauma" bedeutet auf griechisch Verletzung. Ein Trauma ist ein Verletzung, die sowohl körperlich, psychisch oder seelisch sein kann. Definitionsgemäss erfüllt ein traumatisches Ereignis für eine Person folgende Kriterien: die Person war selbst Opfer oder Zeuge einer Situation, wo das eigene Leben oder das Leben einer anderen Person bedroht war oder eine ernste Verletzung zur Folge hatte. Diese Verletzung kann auch darin bestehen, dass jemand über einen längeren Zeitraum immer wieder Entbehrungen oder Gewalt erleben musste. Die Reaktion der Betroffenen beinhalten Gefühle von intensiver Angst, Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühlen oder Verlassenheitsgefühlen.
Traumatisierende Situationen. Alle Fachleute sind sich heute einig, dass Vernachlässigung durch die Eltern, sexualisierte Übergriffe oder Gewalt, aber auch Mobbing und anhaltende Diskriminierung traumatisierend wirken. Ebenso die schwere Erkrankung eines Kindes, chirurgische Operationen aber auch psychisch kranke Eltern können traumatisierend wirken. Sehr verbreitet sind Geburtstraumisierungen durch Komplikationen, Kaiserschnitte und nachgeburtliche Trennung von Mutter und Kind. Medizinische und zahnmedizinische Eingriffe, wie zum Beispiel längere Krankenhausaufenthalte können mit Gefühlen von Verlassenheit, Ausgeliefertsein oder Todesängsten verbunden sein und dadurch traumatisierend sein. Auch kleine "Traumata's" wie wiederholte Demütigungen oder Diskriminierungen können grosse Auswirkungen haben, in dem sie die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls verhindern.
Welche Folgen hat ein Trauma? Ein Trauma wirkt wie extremer Stress, der weiterwirkt. Ein traumatisierendes Ereignis löst im Körper und in der Seele eines Menschen notwendige Überlebensreaktion aus, die aus Fluchtimpulsen, Kampfimpulsen und Unterwerfungsimpulsen Totstellreflex bestehen. Auf Englisch ist das einfach zu merken: Flight, Fight or Freeze. Traumatischen Stress kann man daran erkennen, dass man voller Angst sein kann, ohne dass es dafür einen klaren Auslöser gibt, dass man unbedingt alles unter Kontrolle haben möchte oder dass man das Grundvertrauen in andere Menschen verloren hat oder nie entwickeln konnte und sich deshalb oft selbst isoliert.
Entscheidend bei einer Traumatisierung ist nicht das traumatisierende Ereignis, sondern wie das Ereignis von der betroffenen Person verarbeitet wird. Traumafolgestörungen entstehen in der Regel nur, wenn das Opfer nach der Traumatisierung keine geeignete und ausreichende Unterstützung erhalten hat. Ein durch äussere Faktoren (Unfälle, Katastrophen) verursachtes Ereignis kann in der Regel besser verarbeitet werden als ein durch Menschen verursachtes Ereignis. Je enger die Beziehung zur verursachenden Person, desto schwerer sind im Allgemeinen die Folgen. Es gibt einfach, schwere und komplexe Traumafolgestörungen.
Die Symptome von Traumafolgestörungen. Sie zeigen sich als Übererregungssymptome oder als Vermeidungssymtome. Ein typisches Übererregungssymtpom ist das Flashback. Ausgelöst durch einen Auslöser ("Trigger") tauchen im Kopf traumatische Situationen wieder auf, wie sie damals abgelaufen sind, mit der entsprechenden Erregung im Körper. Vermeidungssymptome sind Verhaltensweisen, wo es darum geht, Trigger zu vermeiden, das kann bedeuten, dass man den Kontakt zu gewissen Menschen, Orten, Gefühlen oder Gedanken vermeidet. Die Vermeidungsymptome sind bei Traumfolgestörungen besonders komplex.
Transgenerationale Traumafolgestörungen. Wir können auch unter Traumafolgestörungen leiden, wenn wir selbst nicht Opfer einer Traumatisierung geworden sind. Traumatische Erfahrungen wie Krieg, sexueller Missbrauch oder schwere körperliche Misshanldungen hinterlassen bei den Opfern derart tiefe Spuren, dass sie epigenetisch abgespeichert oder über die Sozialisation an die nächste Generation weitergegeben werden. Traumatsierungen, die von Eltern nicht verarbeitet werden konnten, werden sehr häufig an die Kinder weitergegeben, weil sie die frühkindliche Entwcklung früh beeinträchtigen.
Aufmerksamkeit und Dissoziation. Gerichtete Aufmerksamkeit und Dissoziation sind Grundleistungen des Bewusstseins. Damit wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten können, müssen wir andere Wahrnehmungen ausblenden können. "Dissoziation" bedeutetet Abspaltung im Gegensatz zu "Assoziation", was Verknüpfung bedeutet. Dissoziation an sich ist also kein Problem, sie ist notwendig, dass wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren können. Bei einem traumatisierenden Ereignis müssen wir in extremer Weise fokussieren und abspalten. Kann das Abspalten nicht mehr abgeschaltet oder reguliert werden, dann entsteht eine dissoziative Störung.
Kernsymptom: dissoziative Störungen. Bei dissoziativen Störungen spalten wir ungewollt und chronisch gewisse Bewusstseinsinhalte ab. Das kann verschiedene Bewusstseinsbereiche betreffen: wird Aufmerksamkeit abgespalten, dann spricht man von Aufmerksamkeitsdefizit oder Tagträumen, wird Wachheit abgespalten, dann fühlt man sich belämmert oder stärker desorientiert. Wird Angst vor Beschmutzwerden abgespalten und führt zu einem übersteigerten Reinlichkeitsverhalten, dann spricht man von Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen, die oft Ausdruck eines übersteigerten Kontrollbedürfnisses sind. Wird die Selbstwahrnehmung abgespalten, spricht man von Depersonalisation. Das kann sich auch schon dadurch ausdrücken, dass man das Gefühl hat "nicht ganz da zu sein", neben den eigenen Schuhen zu stehen. Man befindet sich dann oft im "Autopilot", d.h. man funktioniert irgendwie, ohne sich selbst richtig zu spüren. Der extremste Fall von dissoziativen Traumafolgestörungen sind gespaltene Persönlichkeiten, d.h. dissoziative Identitätsstörungen.
Trauma verstehen, bearbeiten, überwinden. Ein Übungsbuch für Körper und Seele. Prof. Dr. med. Luise Reddemann und Dr. med. Cornelia Dehner-Rau. Das Buch ist auch als Hörbuch erhältlich. Weitere Hinweise unter Literatur-Hinweise.