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Ein Buch wie für 1002 Feuilles geschrieben: Der junge Edmond Charlot eröffnet 1935 in Alger die Buchhandlung "Les Vraies Richesses". Sie soll ein Treffpunkt werden für Freunde, welche die Literatur und das Mittelmeer lieben, er will Schriftsteller und Leser aus allen Ländern des Mittelmeers zusammenbringen, ohne Unterschied von Sprache oder Religion, Menschen dieser Erde, dieses Meeres.
Die junge algerisch-französische Autorin Kaouther Adimi macht die Buchhandlung und den Verlag von Edmond Charlot zum Thema ihres dritten Romans Nos richesses. Und obwohl viel historische Recherche dahinter steckt, kommt der Text leicht und lebendig daher. Drei Ebenen wechseln sich ab: das knappe Tagebuch von Edmond Charlot, in dem er Begegnungen und Gespräche mit Autoren und Kollegen, Erfolge und Schwierigkeiten notiert, kurze zeitgeschichtliche Kommentare aus algerischer Sicht und schliesslich die Erlebnisse von Ryad, einem Studenten, der 2017 das Lokal räumen soll, damit dort ein Laden für Beignets, in Öl frittierte Küchlein, eingerichtet werden kann. Dagegen versucht sich Abdallah, der alte Mann, der die Buchhandlung, die zu einer Art Quartierbibliothek und Annex der Nationalbibliothek geworden war, zuletzt betreut hatte, durch seine stille Präsenz zu wehren. Doch der Staat hat das Lokal einem Privaten verkauft, da lässt sich nichts machen. Abdallah, der Arabisch in der Koranschule und Französisch erst spät und mit Mühe erlernt hatte, weiss um den Wert von Büchern. "Ein Mensch, der liest, ist zwei wert", steht auf der Schaufensterscheibe. Ryad hingegen hat mit Literatur nichts am Hut. Merkwürdig kommt ihm allerdings vor, dass kein Laden in der ganzen Umgebung ihm Farbe zum Streichen der Wände verkaufen will.
1930 feierte Frankreich den hundertsten Jahrestag seiner Besetzung des Landes und die darauf folgenden Jahre waren die Zeit, wo die Algérie française, in der die "Eingeborenen" nichts als subalterne Arbeitskräfte und pittoreske Staffage waren, noch stärker konsolidiert werden sollte. Edmond Charlots Initiative, hier einen Verlag und eine Buchhandlung zu gründen, die sich klar multikulturell und offen für Lesende und Schreibende verschiedenster Herkunft verstand, war in diesem Umfeld einzigartig – und auch ein Abenteuer, das ihm wirtschaftlich und persönlich manche Schwierigkeit bescherte. Die erste Publikation war Révolte dans les Asturies, ein Theaterstück, das Albert Camus zusammen mit drei Schauspielschülern geschrieben hatte. Und weil der Bürgermeister von Alger die Aufführung des Stücks verbot, aus Angst, dass die Idee der Revolte auf Schauspieler und Zuschauer überspringen könnte, sollte es wenigstens in gedruckter Form zugänglich gemacht werden. In den folgenden Jahren publizierten die Editions Charlot Bücher von Camus, Emmanuel Roblès, Max-Pol Fouchet, Jean Paulhan um nur die bekanntesten Autoren zu nennen, mit andern zusammen gründete Charlot auch die Literaturzeitschrift Rivages.
Im September 1939 wird Edmond Charlot ins Militär eingezogen, kann aber neun Monate später wieder in seine Buchhandlung zurückkehren. Doch die Zeiten unter der Vichy-Regierung sind hart: Es gibt kaum Papier, eine Ausgabe von Rivages zu Federico Garcia Lorca wird von der Zensur zerstört, die Veröffentlichung eines Buches von Gertrude Stein bringt Charlot für zwei Monate ins Gefängnis. 1942 landen die Amerikaner in Alger und Algerien ist nun befreite Zone. Charlot wird wieder eingezogen, diesmal als Stellvertreter des Admirals, der für die Propaganda zuständig ist. Viele bekannte französische Autoren kommen nach Alger oder wollen hier publizieren, Saint-Exupéry, Gide, Bernanos, Giono. Auf zusammengesammeltem Papier in allen Farben lässt Charlot Le silence de la mer von Vercors drucken, ein Buch, das von der Freien Armee über dem besetzten Frankreich abgeworfen wird. Nach der Befreiung von Paris wird Charlot, immer noch als Militär, nach Paris versetzt. Er gründet eine Pariser Niederlassung der Editions Charlot, die jedoch 1949 Konkurs geht.
Doch kehren wir nach Alger zurück, wo Charlot seine Tätigkeit in Verlag und Buchhandlung wieder aufnimmt. Er entdeckt neue Schriftsteller wie den kabylischen Autor Mouloud Feraoun. Doch nachdem die Unabhängigkeitsbestrebungen Algeriens von Frankreich niedergeschlagen werden, kommt es zu einem Krieg, geprägt durch Terroranschläge, Folterung, Hinrichtungen. Die Buchhandlung wird 1961 zweimal zum Ziel von Anschlägen der OAS und beinahe vollständig zerstört. Charlot folgt seiner Familie nach Frankreich. Später wird er den französisch-algerischen Kulturaustausch aufbauen helfen, als französischer Kulturattaché in Izmir (Türkei) und Tanger (Marokko) arbeiten, eine Anthologie marokkanischer Poesie herausgeben, bevor er sich schliesslich ins Städtchen Pézenas in Südfrankreich zurückzieht. Doch auch dort spielen die Bücher eine zentrale Rolle in seinem Leben, er hilft mit, eine kleine Buchhandlung zu betreiben und gibt bei den Editions Domens die Kollektion Méditerrannée vivante heraus.
Soweit die Fakten. Doch in einem Punkt hat Kaouther Adimi uns hinters Licht geführt: Am Schluss des Romans gesteht sie, dass sie die Geschichte mit dem Beignet-Laden erfunden hat. Die Buchhandlung "Les Vraies Richesses" gibt es noch. Und sie lädt uns ein, sie zu besuchen, 2bis rue Charras, die jetzt rue Hamani heisst. Elisa FuchsKlappentext:
Was der ahnungslose Student Ryad bei seinem Ferienjob in Algier vorfindet, ist ein geschichtsträchtiger, einzigartiger Ort: In der Buchhandlung, die er ausräumen soll, wirkte einst Edmond Charlot (1915-2004), der hier 1936 mit "Les Vraies Richesses" ein blühendes Zentrum der Bücher gründete, Bibliothek, Verlag und Treffpunkt in einem.
Charlot entdeckte Albert Camus, Jules Roy und weitere literarische Grössen des 20 Jahrhunderts. Während des Zweiten Weltkriegs galt er als "der Verleger des freien Frankreichs", namhafte Autorinnen und Autoren gingen bei ihm ein und aus. Trotz politischem Druck, einer Inhaftierung unter dem Vichy-Regime und kriegsbedingtem Papiermangel engagierte er sich unermüdlich für die Literatur. Nach Kriegsende wirkte er in Paris, wo er bald in finanzielle Not geriet und seine Autoren an die grossen Verlage verlor. Doch den Buchladen in Algier gibt es bis heute.
Der jungen algerischen Autorin gelingt mit ihrem preisgekrönten Roman eine Hommage an die Literatur und einen herausragenden Förderer. Lebensnah und einfühlsam skizziert sie in einem fiktiven Tagebuch Edmond Charlots bewegtes Leben. Sie erzählt zudem von einem politisch und kulturell engverwobenen und gleichzeitig zerrissenen Mittelmeerraum in einer turbulenten Zeit. Und sie schlägt den Bogen in die Gegenwart, wo Charlots Welt der Literatur neu zu entdecken ist.Über die Autorin / über den Autor:
Kaouther Adimi, geboren 1986 in Algier, lebt und arbeitet seit 2009 in Paris. Sie veröffentlichte bisher drei Bücher, die zahlreiche Preise erhielten. Nach Des ballerines de papicha und Des pierres dans ma poche (dt. Steine in meiner Hand, 2017) war ihr dritter Roman Nos richesses 2017 für den Prix Goncourt nominiert und wurde mit dem Prix Renaudot des lycéens und dem Prix du Style ausgezeichnet.Preis: CHF 30.90