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Cannoli und Cantucci
Ein erfahrener Reporter des «Spiegels» hat mir einmal gesagt, er könne nicht schlafen, wenn am anderen Tag ein Artikel von ihm erscheint. «Die Angst, dass ich etwas Falsches geschrieben habe, bringt mich um», sagte er. «Das geht so, seit ich Journalist bin, und es wird immer schlimmer.»
Das Gefühl kenne ich. Es ist die Angst vor dem Sich-schämen-Müssen. Wenn man einen Namen falsch geschrieben hat. Oder zwei Filmtitel verwechselt. Oder man schreibt, die Konditorei Carreda an der Josefstrasse habe die besten Cantucci. Dabei ist Caredda berühmt für seine Cannoli. Man errötet noch zwanzig Jahre später, wenn man daran denkt.
Gut, heute gibt es eine Onlineausgabe, die man rasch verbessern kann, bevor die Klugscheisser dieser Welt dich in Stücke reissen. Aber früher, da war etwas in Stein gemeisselt, wenn es gedruckt war. Man stand am Pranger, bis der Lastwagen kam fürs Altpapier.
Und trotzdem schreibt man weiter. Warum? Der Fehler mit den Cannoli und den Cantucci ist mir letzte Woche tatsächlich passiert. Wie konnte ich die mit saftigem Quark gefüllten Teigröhren aus Sizilien verwechseln mit den trockenen Mandelbiskuits aus der Toskana? Gewöhnlich schaue ich im Internet nach, aber diesmal war ich mir so sicher. Eine freudianische Fehlleistung? Wegen der obszönen Form des Gebäcks?
Ja warum schreibt man weiter? Vielleicht ist es wegen der Momente, in denen man das Gefühl hat, etwas Wahres zu erleben. Etwas, das man weiter sagen muss. Man erzählt sich ja so viel Unsinn, so viel Überflüssiges. So viel Bullshit. Vor ein paar Tagen kreuzte ich unter den Arkaden am Limmatquai einen jungen Mann und eine junge Frau. Sie hatte einen Kurzhaarschnitt, er war grösser als sie, Wintermantel, nachlässige Eleganz. Sie reden sicher über die letzten Geschenke, dachte ich. Und dann sagte er, als sie vorbeigingen: «Hast du dir nicht überlegt, dass dein Leben ärmer werden könnte ohne mich?» Wow, dachte ich. Sie schaute zu ihm hoch, ihre Antwort habe ich nicht mehr verstanden. Vielleicht haben sie sich kurz vorher getrennt, dachte ich. Vielleicht hat sie ihm gesagt, es sei Schluss. Für einen Moment wehte bittere Luft über das Limmatquai. Das meine ich mit Wahrheit.
Am Central stieg ich in den Dreier. Volles Tram, eine junge Frau zog einen kleinen Buben, mit der anderen Hand manövrierte sie den geschenkbeladenen Kinderwagen. Der Kleine fuchtelte mit einem Stecken im vollen Tram herum. Sie versuchte ihm die Waffe wegzunehmen. Er begann zu schreien, drückte gegen die Türe, sie wusste nicht, wie sie ihn bändigen sollte. «Der ist wohl müde», sagte eine alte Frau freundlich. Da packte die Mutter entnervt den Stecken, der Junge liess nicht los, man hörte ein Knacken. Das Geschrei wurde noch lauter. «Im Wald hat es noch viele Stecken», sagte die alte Frau zum Buben.
Wie es weiterging, weiss ich nicht, weil ich aussteigen musste. Aber im Grunde war alles gesagt. Die alte Frau hatte die Worte gefunden, die es gebraucht hat.
Für die Cannoli und Cantucci bitte ich um Verzeihung, wie für die anderen Fehler des Jahres 2017. Zur Strafe müsste ich eigentlich beide Süssspeisen im Jahr 2018 selber zubereiten.