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In der Aula, die für rund 350 Personen Platz bietet, wurde bis anfangs der 1940er Jahre der Dies academicus feierlich begangen. Heute wird sie für Preisverleihungen, Abschiedsvorlesungen und andere festliche Anlässe genutzt. Hier sind im vergangenen Jahrhundert unzählige bedeutende Persönlichkeiten zu Wort gekommen, darunter Nobelpreisträger, Staats- und Kirchenoberhäupter, Schweizer Politikerinnen und Politiker jeglicher Couleur sowie Wirtschaftsführer.
Besonders in Erinnerung geblieben sind etwa die Auftritte von Hillary Clinton (als First Lady 1998 und später als US-Aussenministerin bei der Unterzeichnung des Annäherungsvertrags zwischen der Türkei und Armenien 2009) oder auch des Dalai Lama (1979 und 1990).
Churchill-Besuch 1946
Aber sie werden alle in den Schatten gestellt vom Auftritt Winston Churchills. Am 19. September 1946 hielt Winston Churchill, britischer Premierminister von 1940 bis 1945, in der Aula der Universität Zürich seine Rede an die akademische Jugend der Welt. Es war ein knappes Jahr, nachdem er Grossbritannien durch den Zweiten Weltkrieg geführt hatte, und er sprach zur «Tragödie Europas». Die Rede in der Aula fand am Ende seines Aufenthalts in der Schweiz statt, nachdem er die Wiederwahl zum Premier verloren hatte und Oppositionsführer der konservativen Partei wurde.
Churchill begab sich Ende August 1946 nach Bursinel am Genfersee, um dort Ferien zu machen. Sein früherer Mallehrer, der Winterthurer Carl Montag, gehörte zu den Organisatoren des Aufenthalts; finanziert wurde er von Schweizer Finanz- und Industriellenkreisen, die ein Interesse daran hatten, dass Schweizer Firmen von den Schwarzen Listen der Alliierten getilgt wurden. Nach einem Besuch des Roten Kreuzes in Genf und einem Bankett mit dem Bundesrat in Bern kam Churchill mit dem «Roten Pfeil» der SBB nach Zürich. Bei seiner Ankunft im Bahnhof Enge, der aus Sicherheitsgründen dem Hauptbahnhof vorgezogen wurde, erwartete ihn eine jubelnde Menge. Er logierte im Grand Hotel Dolder. Auf dem Weg von einem Empfang im Zürcher Rathaus zur Universität wurde er, in der offenen Staatskarosse stehend, vom damals dreizehnjährigen René Burri, dem späteren Starfotografen der Agentur Magnum, fotografiert. Er betrat in Begleitung von Rektor Ernst Anderes und flankiert von spalierstehenden Burschenschaftlern die Universität von der Rämistrasse her.
In seiner Aula-Rede rief Churchill dazu auf, «eine Art Vereinigte Staaten von Europa» zu schaffen, damit die «europäische Familie» «in Frieden, in Sicherheit und in Freiheit leben» könne. Er schloss mit dem Satz: «Therefore I say to you: let Europe arise!» Churchills Rede wurde ins Auditorium maximum (KOL-F-101) übertragen, innerhalb und ausserhalb des Universitätsgebäudes waren Radioempfänger aufgestellt. Im Anschluss an seine Rede fuhr Churchill zum Münsterplatz, wo er sich mit seiner Tochter Mary vor dem Zunfthaus zur Meisen – den Bowler-Hut auf seinem Stock balancierend – von der begeisterten Menge feiern liess. Der bedeutende Zürcher Fotograf Hans Staub hat den Moment festgehalten, als Churchill dort sein legendäres Victory-Zeichen machte. Zum Abschluss fand ein Bankett im Landgut «Schipf» in Herrliberg statt.
Über die Schweizer Filmwochenschau fand Churchills Besuch den Weg in die Kinos. Doch trotz aller Begeisterung verwehrte Zürich ihm im Vorfeld des Besuchs die Verleihung des Ehrendoktortitels und des Ehrenbürgerrechts – aus Angst vor antisowjetischen Tönen.
Gedenktafel
Eine Gedenktafel in der Aula erinnert seit 1967 an Churchills Zürcher Rede. Die Inschrift endete ursprünglich mit «Therefore I beg you that Europe arise.» So war Churchill zwar in der NZZ zitiert worden, aber das Zitat entsprach, wie unschwer aus den Tonaufzeichnungen hervorgeht, nicht dem gesprochenen Wort. Zwei Jahrzehnte später, zum 40. Jahrestag von Churchills Rede in der Aula, wurde die Tafel schliesslich herausgenommen, auf der Rückseite neu graviert und wieder eingelassen. Der Text endet nun korrekt mit: «Therefore I say to you let Europe arise.»
Michael Gnehm