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Was ist Sprache? Ich sah meine Studenten vor mir. Sie sitzen an ihren Tischen, äußern sich mit Logik und Leidenschaft, lauschen mit Zustimmung und Zweifel. Überall liegen Stifte und Notizen, Skripte und Marker. Jemand tippt etwas in sein Notebook. Wir sprechen und schreiben, wir hören und lesen. Sprache ist ein Wunder. Ein Text aus der Bibel kam mir in den Sinn:
„Und als der Tag kam, waren alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus. Es erschienen ihnen Flammen und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und alle wurden sie erfüllt von dem Geist und fingen an zu predigen, wie der Geist es ihnen eingab. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“
Aber heute saß ich in dieser Konferenz über Sprache und Psychiatrie. Der nächste Vortrag handelte von Menschen, denen der Geist abhandengekommen war, nämlich von Sprachbehinderungen oder Aphasien. Ich war schon den ganzen Tag neugierig gewesen auf die beiden jungen Dozentinnen. Die ältere, Professorin für klinische Linguistik an der Schweizer Hochschule für Logopädie, hielt sich zurück, als sei sie nur als Gast der jüngeren mitgekommen. Diese, sie hatte einen M.A. in Speech Sciences, hielt den Vortrag alleine.
Ich erfuhr, dass es Kinder gab, die Sprache gar nicht oder nur unvollständig erwarben, und Erwachsene, die sie vollständig oder teilweise wieder verloren. Ihnen fehlte das Zusammenspiel von Phonetik, Semantik und Syntax, das für die Verständigung notwendig ist. Die junge Forscherin spielte uns beklemmende Videos von Patienten vor, die vergeblich nach einem Alltagswort suchten, die ein bestimmtes Bruchstück endlos wiederholten oder die einfach plapperten, ohne dass es einen Sinn ergab. Andere gaben unwirkliche Geschichten von sich und benutzten nichtexistierende Wörter.
Die eine wahre Liebe. Taschenbuch-Ausgabe 2017, S. 52-53