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In den nächsten Tagen wird Stefan Grogg wieder auf dem RAV, dem Regionalen Arbeitsvermittlungsbüro, vorsprechen. Wie damals, im Januar 1997, als er zum ersten Mal arbeitslos geworden war. Der zuständige RAV-Berater schickte ihn damals zur Standortbestimmung in einen Kurs mit dem Ergebnis, dass er mit 38 Jahren noch einmal einen neuen Berufsabschluss machen wollte. In einer dreisemestrigen, berufsbegleitenden Ausbildung erwarb den Fachausweis eines Organisators.
Die Idee der eigenen Übungsfirma
«Dank dieser Ausbildung fand ich wieder Arbeit», erzählt Stefan Grogg. 1999 arbeitet er befristet in einem Informatikprojekt der UBS. Danach wird er bei der Swisscom als Organisator unbefristet angestellt, um an der zentralen Koordinierung der Organisationsstruktur des Konzerns mitzuarbeiten. Berufsbegleitend erwirbt er ein Nachdiplom «Betriebswirtschaftliches Innovationsmanagement». Nach zwei Jahren ist bei der Swisscom alles anders: Sie löst wegen Dezentralisierungen die Human-Resources-Divisin, der Grogg angehört, auf. Seine Stelle wird gestrichen.
Das Swisscom-Arbeitsmarktzentrum Perspec, eine Art konzerninternes RAV, bietet ihm die Möglichkeit, den Businessplan für eine eigene Firma zu erarbeiten. Im Mai 2003 startet er mit «grogg-systems.ch», einer Firma für Managementsysteme. Er knüpft Kontakte, schreibt Offerten, schaltet Inserate. Aber ohne persönliches Netzwerk, das mit Aufträgen die erste Durststrecke überbrückt, ist der freie Markt für ein solches Start-up ein hartes Pflaster. Dreiviertel Jahre später muss Grogg den Handelsregistereintrag seiner Firma löschen lassen, um bei der Arbeitslosenkasse wieder bezugsberechtigt zu sein.
Im Juni 2004 schickt ihn der zuständige RAV-Berater in die Bernag. Das ist eine Übungsfirma in Bern, spezialisiert auf Sport- und Freizeitartikel. Weil aber Arbeitslosenprojekte den Arbeitsmarkt nicht konkurrenzieren dürfen, handelt sie bloss mit virtuellen Produkten: Stellensuchende Kaufleute verkaufen nichtexistierende Produkte an stellensuchende Kaufleute in anderen Übungsfirmen, verbuchen virtuelle Einnahmen, zahlen virtuelle Löhne, mit denen sie wiederum nichtexistierende Produkte kaufen können. In dieser Übungsfirm leitet Grogg den Bereich Marketing und koordiniert die Herstellung eines realen Saisonkatalogs mit neuen Modellen von virtuellen Sport- und Freizeitartikeln.
Nebenbei konzipiert er als ausgebildeter Organisator eine eigene Übungsfirma. Seine Idee stellt er dem Beco, dem kantonalbernischen Amt für Wirtschaft, vor, weil das Beco im Kanton sechs solche Projekte finanziert. Aber es gibt kein freies Projektbudget. Kurz darauf erfährt er, dass in der Leitung der Thuner Übungsfirma eine Stelle frei werde. Er bewirbt sich und wird angestellt. Ab dem 25. Juli 2005 leitet er zusammen mit einem Bewerbungstrainer und einer Assistentin die «Colorful Alps AG», die nichtexistierende Boutiqueartikel und virtuelle Dienstleistungen – zum Beispiel Reisen – «verkauft».
Simulation und Wirklichkeit
«Ziel solcher Übungsfirmen ist es», sagt Grogg, «stellensuchenden Menschen eine bessere Qualifizierung auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen und damit ihre Chancen auf eine real bezahlte Arbeit zu verbessern.» Grogg wächst in eine spannende Aufgabe hinein.
Nun gibt es im Kanton Bern ein neues Gesetz, wonach Trägerschaften von Übungsfirmen als «staatliche Beschaffungsaufträge» öffentlich ausgeschrieben werden müssen. Im Februar 2006 tut dies das Beco erstmals für die Jahre 2007 bis 2009. Auch das Thuner Leitungsteam reicht eine Offerte ein.
Der Auftrag wird aber andersweitig vergeben. Begründung des Beco: Zwar sei die Thuner Offerte in den Bereichen Infrastruktur, personelle Ressourcen und Konzept konkurrenzfähig. Im Kostenbereich jedoch, wo man in Thun den vom Beco bisher finanzierten Kostensatz unverändert offeriert hat, habe eine ausserkantonale Offerte die ihre deutlich unterboten.
Weil die neue Trägerschaft ihren eigenen Geschäftsleiter mitbringt, hat Grogg die Kündigung erhalten. Am 30. September hatte er seinen Letzten. Jetzt schreibt er wieder Bewerbungen. Im Nachhinein sei man klüger, sagt er: «Wir haben uns als Geschäftsleitung nicht genügend überlegt, ob wir beispielsweise unsere eigenen Löhne senken könnten, um die Offerte attraktiver zu machen.» Auf den Einwand, den eigenen Besitzstand zu offerieren, sei ja nicht überrissen, sagt Grogg: «Wer einen Auftrag oder einen Arbeitsplatz will, muss immer häufiger bereit sein, den eigenen Besitzstand in Frage zu stellen und marktgerechte Kompromisse einzugehen.»
Grogg bleibt zuversichtlich. Er ist überzeugt, dank breiter Erfahrung und guter Ausbildung bald wieder eine passende Arbeit zu finden.
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Hand- und Kopfarbeit
Gelernt hat Stefan Grogg (*1959) zwischen 1976 und 1980 Maschinenmechaniker. Nach einem Jahr auf dem Beruf und einem weiteren, in dem er es im Militär zum Korporal bringt, arbeitet er als Mechaniker bei einem Dachdecker, einem Spengler, einem Sanitär, einem Galvaniker und bei der von Roll AG im Stahlbau. Mitte der achtziger Jahre wechselt er in die EDV-Abteilung eines Rechenzentrums. Zudem besucht er Kurse in Betriebswirtschaft und Marketing. Er wird Stellenvermittler im Temporärbereich, dann, ab 1990, für sechs Jahre Terminkoordinator in der Maschinenfabrik Wifag. Gleichzeitig bildet er sich in Betriebswirtschaft weiter. Der Versuch, am Arbeitsplatz konzeptionelle Ideen einzubringen, scheitert. Nach seiner Entlassung wird er 1997 arbeitslos.
Stefan Grogg ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt in Köniz (BE). In seiner Wifag-Zeit war er Smuv-Mitglied. Er verdient «mehr als Handwerker, aber weniger als ein Abteilungsleiter». Er ist ein leidenschaftlicher Leser von Zeitschriften und Büchern in seinem Fachbereich. Daneben fasziniert ihn seit eh und je der Automobilrennsport.