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Das Land, wo Milch und Honig fliessen - schön warm, angenehm, sauber und hell. Arbeiten, nur wie es gerade Spass macht, dafür süsse Früchte von den Bäumen naschen. Wundersame Getränke und körperliche Freuden sind ungestraft zu geniessen. Negative Aspekte wie Krankheit, Tod oder Streit gibt es nicht. Wer wünscht sich nicht ein solch paradiesisches Leben?
Das Wort Paradies stammt ursprünglich von dem altiranischen Wort „pairidaeza“. Es beschreibt einen von einer Mauer umgebenen Garten. In der Bibel ist die Schaffung der Erde und des Menschen im 1. Buch Mose in der Genesis beschrieben. Nachdem Gott den ersten Menschen - Adam – geschaffen hatte, setzte er ihn in einen Garten. Gelegen ist dieser in Eden. Eden bezeichnet in der sumerischen Sprache die „Steppe“, in der hebräischen „Anmut“, „Lieblichkeit“ und „Wonne“. Die spärlichen Informationen der Bibel über die Lage des Garten Edens lassen eine genaue Lokalisierung nicht zu: Angegeben ist, dass der Garten im Osten liegt und im Goldland Hawila. Vier Flüsse sind beschrieben, die aus dem Garten entspringen. Zwei davon sind Euphrat und Tigris, bei zwei weiteren ist nicht klar, welche Flüsse gemeint sind.
Gott sprach: „Aber es ist nicht gut, wenn der Mensch allein sei“… Zuerst bringt er Tiere und Vögel, aber für Adam ist keine Entsprechung, keine „Hilfe“, dabei. Als Adam schläft, schafft er also aus einer Rippe Eva. Als Adam seine Gefährtin erblickt, ist er entzückt: „Diese ist nun endlich Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleische. Sie soll Männin heissen; denn vom Mann ist sie gekommen“ (Gen 2,23).
Den Garten bepflanzte Gott mit Bäumen und mitten hinein den Baum der Erkenntnis. Bekanntlich wird die verbotene Frucht für das erste Menschenpaar zum Verhängnis: Die Schlange verführt Eva zum Genuss der Frucht und diese überzeugt dann auch Adam, davon zu essen. Die beiden erkennen nun, dass sie nackt sind, sie schämen sich und bedecken sich mit Feigenblättern. Sie sind zur Erkenntnis gelangt und können - oder müssen - „Gut und Böse“ unterscheiden. Gottes Strafe: Eva soll von nun an Schmerzen bei der Geburt ihrer Kinder haben, zudem nach dem Mann Verlangen haben, ihm aber untertan sein. Auch den Erdboden verflucht er – Adam und seine Nachfahren müssen von nun an mit Mühsal den Erdboden bestellen. Zwar hatte Adam schon im Garten Eden die Aufgabe, den Garten zu pflegen, aber jetzt im Schweisse seines Angesichts. Mit der Vertreibung aus dem Paradies können sich die Menschen nicht mehr vom Jagen und Sammeln ernähren, sondern vom Ackerbau. Der Mythos geht mit der historisch belegten Klimaänderung im Nahen Osten einher: Am Ende der letzten Eiszeit trocknete in der Levante die einst grüne Steppe aus und zwang die Menschen, die nur noch saisonal verfügbare Nahrung mittels Vorratshaltung zu strecken, was dieser Theorie nach zum Ackerbau führte. Die Stelle, an der der Ackerbau seine bisher ältesten Spuren (etwa 11.000 v. Chr.) hinterlassen hat, liegt am Oberlauf des Euphrats und seiner Nebenflüsse.
Der Ernst des Lebens
So beginnt also das „richtige“ Leben: Mit dem Rauswurf des ersten Menschenpaares aus dem Paradies. Aber was passiert im Laufe der Bibel mit dem Paradies, dem Urzustand, der zugleich ein Leben an Gottes Seite bedeutete? Im neuen Testament fällt nur dreimal das Wort Paradies. So sagt Jesus zum reuigen Schächer: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein“. Zuvor bat der Schächer, ihn nicht zu vergessen, wenn Jesus in sein Reich komme oder wie Heinrich Krauss in seinem Buch „Das Paradies“ die verbesserte Übersetzung vorschlägt: „Wenn sein Reich komme“. Das Reich Gottes kommt dann am Ende der Bibel, zumindest in der Prophezeiung: In der Offenbarung des Johannes werden verheerende Katastrophen Menschen und Erde vernichten. Danach erscheint das Reich Gottes in Form des neuen, himmlischen Jerusalems. In der Offenbarung 21,1-4 schildert Johannes: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde… Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem… gerüstet wie eine Braut, die für ihren Mann geschmückt ist…. Und Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein…. Und er wird alle Tränen abwischen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein und kein Leid und kein Geschrei, kein Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“
Mit der Offenbarung schliesst sich der grosse Erzählbogen der Bibel. Das Neue ist eine Art Rückkehr zum ursprünglichen Paradies, wenn auch unter veränderten Vorzeichen: Die Menschen leben wie Adam und Eva, vereint mit Gott. Sie leben harmonisch und ohne Mühsal. Im himmlischen Jerusalem gibt es keine Nacht mehr, denn alles erstrahlt im Glanz des Herrn. Aus dem paradiesischen Garten für das erste Menschenpaar ist am Ende der Bibel eine paradiesische Stadt geworden, als Ziel und Verheissung für alle gläubigen Christen. Zutritt haben nur diejenigen, die ein gottgefälliges Leben führen, denn das Jüngste Gericht entscheidet, wer hinein darf und wer nicht.
Antike Paradiesvorstellung vom Goldenen Zeitalter
Das Procedere - Zutritt nur für Auserwählte - findet sich übrigens auch in den Paradiesbeschreibungen der Antike, bei den Griechen und Römern. Während Normalsterbliche in der Unterwelt als Schatten vegetierten, durften die Lieblinge der Götter und Heroen auf die Insel der Seligen oder die elysischen Felder: Hier gab es für die Verstorbenen Wonne, Spiele und Muse zur Genüge. Die Vorstellungen antiker Schriftsteller vom Goldenen Zeitalter, in welchem die Menschen ein glückliches und unbeschwertes Leben führen, ähneln stark dem biblischen Urzustand: Auch hier gibt es honigsüsse Früchte, die Menschen leben wie die Götter, ohne zu altern. Ohne Anbauarbeiten wie Pflügen und Säen wachsen Getreide und Früchte. Mehr, als die Menschen ernten können. Die ganze Welt, alle Völker leben vereint und in Frieden. Bei den Griechen und Römern ist das Goldene Zeitalter zeitlich vor der Götterherrschaft des Zeus lokalisiert, unter dem Gott Kronos bzw. seinem römischen Pendant Saturn. Laut dem griechischen Dichter Hesiod, der um 700 v. Chr. lebte, folgte dem Goldenen Zeitalter das Silberne, das den ewigen Frühling mit heissem Sommer und kaltem Winter verkürzte und so Behausung und Heizung notwendig machte. Im dritten, dem ehernen Zeitalter, waren die Menschen schon deutlich schlechter: bereit zu Krieg und Waffen. Mit dem letzten, dem Zeitalter des harten Eisens, ist wohl unser Zeitalter gemeint, in dem alle Schranken fallen: Verbrechen, Verlust von Scham, Gewalt und Besitzgier erobern die Welt. Der Mensch hat dann begonnen, so Hesiod, die Meere mit Schiffen zu befahren und die Erde auszubeuten, beispielsweise mittels des Bergbaus. Auch in den antiken Vorstellungen geht mit dem Übergang vom glückseligen Urzustand in die raue Wirklichkeit, die Aneignung von technischem Wissen und dessen Einsatz einher, wie die Gewinnung von Eisen oder das Pflügen.
Das Paradies im Islam
Neben dem Christentum finden sich vor allem im Islam Schilderungen des Paradieses. Weitgehend deckungsgleich mit der Bibel beschreibt der Koran Adam und Eva im Paradies und ihre Vertreibung. Allerdings werden die beiden getrennt und Adam begibt sich auf die Suche nach der geliebten Eva. Auch eine dem Jüngsten Gericht ähnliche Prüfung aller Verstorbenen wird beschrieben: Wie im Christentum kommen die Guten ins Paradies, die Schlechten in die Hölle. Wer das Paradies betreten darf, gelangt in einen Garten der Freuden, einen angenehm kühlen Ort, dessen Eingänge durch Tore gesichert sind. Der islamische Paradiesgarten wird von vier Bächen durchströmt, der eine führt reines Wasser, der zweite Wein, der nicht trunken macht, der dritte Milch und der vierte Honig. Die Erwählten erwarten wundervolle Gewänder, weiche Polster und nicht zuletzt Jungfrauen, die Huris. Es herrscht ewiger Frühling, Bäume spenden Schatten und wundervolle Musik erklingt. Gekrönt wird das ganze von Allahs Stimme, der die Paradiesbewohner empfängt.
Viele Gärten und Parks in der muslimischen Welt folgen dem göttlichen Bauplan. Es sind abgeschlossene und teilweise überdachte Innenhöfe, mit Wasser als zentralem Element sowie Gebetsnischen. Beispiele dafür sind der Park „Acht Paradiese“ in Isfahan, das „Rote Fort“ im indischen Delhi, errichtet vom Taj Mahal Erbauer, sowie der „Palacio del Generalife“ in Granada.
Viele Maler und Schriftsteller beschäftigten sich mit der Paradiesvorstellung in ihren Werken. Zudem versuchten zahlreiche Expeditionen im Laufe der Jahrhunderte, das sagenumwobene Eden zu finden. Das einfache Volk setzte der theologischen Paradiesvorstellung in der Erzählung des Schlaraffenlands ein plebejisches Gegenstück: Essen, Faulenzen und Vergnügen bis zum Abwinken. Das entspricht schon eher dem, was man heute mit dem Suchwort „Paradies“ in der Internetsuche findet: Swingerclubs, Einkaufs- oder Steuerparadiese sowie touristische Reiseziele, zudem einige Hotels mit dem klangvollen Namen „Eden“.