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Nicole Schweizer, Kunshistorikerin
Februar 2005 (Auszug)
(...) Als ich Adela Picóns Projekt Locutorio entdeckte, das wir heute Abend eröffnen, dachte ich an ein Video von Ursula Biemann zurück, mit dem Namen "Performing the Border", das die Künstlerin 1999 verwirklichte. In dem Video zeigt die Künstlerin das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA. Dort filmt Ursula Biemann und lauscht lieber mexikanischen Frauen, die in diesem Gebiet leben und arbeiten, als die Grenze darzustellen, als die Demarkationslinie zu betonen, sie filmt, ohne die repressive Gewalt direkt zu zeigen, die diese hoch militarisierte Zone prägt. Aus ihrer filmischen Konstruktion geht hervor, dass die "Grenze" ein unbeständiges Konzept ist, konstruiert und bestätigt von den Körpern, die sie überqueren, von diesen Körpern, über die Verbote verhängt und restriktive Genehmigungen zu Reisen, zur Arbeit oder zur Bewegungsfreiheit erteilt werden. Sie zeigt also unmittelbar eine "performative" Grenze, die ständig durch die Praxis und durch Handlungen aufrechterhalten wird – und nicht als starre kartografische Realität. Wie Biemann es formuliert: "...vermochte die akademische Disziplin der Geografie die grundlegenden Umwälzungen nicht abzubilden, die sich in der postkolonialen, postmigratorischen und postkommunistischen Welt zugetragen haben, so ist vielleicht die Kunst imstande, das Verhältnis der Geografie zu Ort und Mobilität neu zu entwerfen?"
Die BetrachterInnen folgen Gesprächen in verschiedenen Sprachen, Spanisch, Türkisch, Arabisch, usw. und wenn sie die eine oder andere Sprache verstehen, bemerken sie, dass sich alle diese Telefonate nicht um die alltäglichen Leiden und Freuden drehen, auch nicht um Reise- oder Exilerzählungen, sondern um ein einziges Thema: Die zeitgenössische Kunst und die eigene Erfahrung der Sprechenden als KünstlerIn. Tatsächlich hat Adela Picón ausländische, in der Schweiz lebende Künstler für die Tonaufzeichnung aufgenommen. Nicht die Gespräche selbst sind also fiktiv, sondern ihr Bezug zu den in der Installation gezeigten Bildern.
So weist Adela Picóns Arbeit die Illusion einer "durchschaubaren" Darstellung von Wirklichkeit zurück. Sie gibt nicht vor, eine Situation zu "dokumentieren" – zum Beispiel die Situation von Migranten mit Kommunikations- oder Übersetzungsschwierigkeiten – da sie selbst das Dispositiv ihrer Videoinstallation konstruiert, sie nutzt vielmehr die durch die Bild- und Textmontage erzeugte Vieldeutigkeit, um Fragen zu formulieren: Was sind unsere nicht hinterfragten Grundlagen, unsere Projektionen, was erwarten wir beim Hören dieser Gespräche in anderen Sprachen? Überrascht es uns, in uns nicht geläufigen Sprachen wie Deutsch, Englisch oder Französisch über zeitgenössische Kunst sprechen zu hören? Wie interpretieren wir die Kluft zwischen den gehörten Texten und dem sichtbaren Dispositiv? Welche Bedeutung messen wir also Fragen der Übersetzung bei, des Übergangs einer Sprache in eine andere, eines Kontextes in einen anderen? (...)
Adela Picón liefert uns keinen Schlüssel zur Interpretation; um es den BetrachterInnen zu ermöglichen, ihre eigenen Fiktionen, ihre eigenen Projektionen zu hinterfragen, legt sie den Finger in die Abweichungen, in die Bedeutungslücken. So wie die Kulturwissenschaftlerin Irit Rogoff kürzlich schrieb: "Heute glauben wir nicht mehr, dass die Kunst ein bereits existierendes Wissen durch andere Mittel bereit stellt, illustriert, analysiert oder übersetzt. Vielmehr glauben wir, dass sie sowohl eine eigene Form der Forschung als auch ein Mittel der Wissensproduktion an und für sich darstellt. Somit sind Kunst und visuelle Kultur in der Lage, neues Wissen genauso wie neue Wissensarten zu produzieren, die dazu beitragen können, wichtige Themen (...) neu zu betrachten, abseits des moralisierenden Diskurses, der sie auf eine Weise verfälscht, dass man dem etwas entgegensetzen muss."