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«Ich war bis jetzt einmal verliebt. In Karo, einen Jungen aus meiner Klasse. Ich fand alles toll an ihm und habe über seine Witze gelacht, auch wenn sie nicht lustig waren. Wenn er in der Nähe war, hat mein Herz schneller geschlagen. Ich wollte seine Aufmerksamkeit.
Das war schon anstrengend. Ich habe dann extra laut geredet, damit er mich bemerkt. In der Pause stand ich in seiner Nähe und wollte, dass er sieht, wie gross ich schon bin, nicht mehr so klein wie die anderen aus der Klasse. Ich habe immer von ihm geredet.
Ich mochte es, verliebt zu sein, und habe damit vor meiner besten Freundin angegeben. Sie ist eineinhalb Jahre jünger und war noch nie verliebt. Es fühlte sich erwachsen an. Irgendwann war meine Freundin komplett genervt und sagte, wenn ich noch einmal von Karo rede, wolle sie nicht mehr mit mir befreundet sein.
Ich habe nie darüber nachgedacht, mit Karo zusammenzukommen. Ich wusste damals noch gar nicht, was es heisst, ein Pärchen zu sein. In der Schule sagten die anderen: Okay, ich bin jetzt mit dem und dem zusammen! Aber geredet haben sie nie miteinander. Das fand ich komisch.
«Ich war mehr als zwei Jahre in Karo verliebt. Ich habe es ihm nie gesagt»
Damals kamen zwei Mädchen neu in unsere Klasse. Sie wirkten, als wären sie schon zwanzig Jahre alt, nicht zehn wie wir. Die haben von Jungs geredet. Ich hörte, wie sie sagten: Gestern hatte ich ein Date! Und ich dachte, was ist denn das jetzt schon wieder? Später bin ich in einem Buch auf das Wort Date gestossen, dort wurde erklärt, was es bedeutet. Ach so, habe ich gedacht.
Ich war mehr als zwei Jahre in Karo verliebt, bis elf. Ich habe es ihm nie gesagt. In der vierten Klasse sassen wir kurz nebeneinander und haben uns gut verstanden. Die anderen aus der Klasse haben gemerkt, dass ich ihn mochte.
Wenn sein Name fiel oder er irgendwas gemacht hat, hiess es: Eva ist das bestimmt auch schon aufgefallen! Wenn die Mädchen mich auf Karo ansprachen, habe ich meine Gefühle abgestritten. Aber ich wurde immer ganz rot. Das war mir unangenehm.
Karo war nie verliebt in mich. Und ich bin es jetzt auch nicht mehr. Er hat sich verändert, ist voll das Arschloch geworden. Ständig ist er auf Social Media und hört im Unterricht nie zu. Die meisten Mädchen finden ihn immer noch toll. Er sieht ja auch gut aus, er ist gross, hat blaue Augen, ganz viele Sommersprossen und blonde Haare, die oben länger und auf der Seite kurz sind. Wie so ein Fussballer.
«Die Mädchen gehen auf die Mädchentoilette und die Jungs auf die Jungentoilette, und dann schicken sie sich gegenseitig Nachrichten»
Wenn ich einen Film sehe, denke ich manchmal, dass ich gerne wieder verliebt wäre. Dann mache ich mir einen Stress und denke: Oh Gott, ich bin schon 13! Bei uns in der Klasse sind ganz viele mit irgendwem zusammen.
In der Schule haben wir ein Handyverbot. Also gehen die Mädchen auf die Mädchentoilette und die Jungs auf die Jungentoilette, und dann schicken sie sich gegenseitig Nachrichten. Sie könnten ja einfach miteinander auf dem Pausenplatz reden.
Manche behaupten, sie seien schon mit zehn Leuten zusammen gewesen. Aber bei diesem Wettbewerb kann ich gar nicht mitmachen. Ich bin eine der wenigen, die kein Social Media und kein Whatsapp hat. Ich gehöre eh zu den Uncoolen.
Wie mein erster Freund sein müsste? Das Aussehen ist mir nicht wichtig. Er müsste auf meiner Seite stehen. Ich müsste ihm total vertrauen können.»
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch «Genauso, nur anders», Verlag Kein & Aber, 24 Fr.
Am 29. November sind die Buchautorinnen Andrea Arežina und Salome Müller im Debattierhaus Karl der Grosse in Zürich zu Gast. Sie sprechen mit Marah Rikli (Moderatorin und Journalistin) sowie Agota Lavoyer (Expertin für sexualisierte Gewalt) und Louise Alberti (Mitarbeiterin bei «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» ) über das Erwachsenwerden mit Fokus auf psychischer und geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Veranstaltung ist kostenlos. Weitere Infos findet ihr hier.