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Aug
28
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Nun lieg ich hier zwischen all den Verlierern und Spinnern und habe ein schlechtes Gewissen.
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Abgabe eines neuen Antibiotikums, erstmalig an Menschen. Verweildauer in der Klinik, ohne Freigang: zwei Tage, drei Nächte. Entgelt: CHF 1000.–.
Ich betrete das Zimmer, fünf Betten, vier davon belegt, alles Männer, man erwartet mich.
Neben mir liegt M.. M. ist Anfang 40, Ostschweizer und sieht aus wie die Mischung aus Rumpelstilzchen und einem Schlagersänger. Wie sich später bei den zahlreichen EKGs herausstellt, welche die Probanden nach der Medikation, nebst Blutentnahmen, Blutdruckmessungen und weiterem, über sich ergehen lassen müssen, ist sein Oberkörper weich, ohne jegliches Anzeichen einer Muskulatur und bietet Unterlage für ein Goldkettchen. M. verbringt mehrere Wochen im Jahr in Thailand und auf den Philippinen. Er hat hierzulande angeblich eine Festanstellung, in einer Küche, bei der er jederzeit zur Arbeit antreten und sich wieder verabschieden kann und die trotzdem gut bezahlt sein will. M. redet die ganze Zeit, von morgens bis abends. Er redet über seine Auslandsdestinationen, Billigflüge, Autos, sein Auto, Internetseiten für Occasionsautos, Thai-Frauen, Thai-Essen, Thai-Klima, darüber, wie “toll” doch unsere Probanden-Gruppe sei, über seine Lieblingskrankenschwester, S., 23, der er schon Blumen und Süssigkeiten mitgebracht hat, obwohl er “nichts von ihr will”. Als jemand ihm eine konkrete Frage stellt, ob eine bestimmte Schweizer Bank für einen Deutschen, der hier ein Bankkonto eröffnen will, zu empfehlen sei, guckt er erst ratlos, sagt dann: “Ja, ich denke deren Leistungen sind gut.” Er kennt die Vornamen und Lebensläufe aller Ärzte und Krankenschwestern. Es ist seine dritte Studie in diesem Jahr. Seine Eltern wissen nichts davon.
Andere treibens noch doller, man nennt sie die “Profis”, die, die nur noch hiervon leben, meistens Deutsche, die zwischen öffentlichen Geldern und Studien in ihrer Heimat und solchen in der Schweiz pendeln und so mangels internationaler Kontrolle auch die Mindestwartefrist zwischen zwei Teilnahmen von 30 Tagen umgehen können. Einer von ihnen sitzt mir jetzt in der Kantine gegenüber, alleine am anderen Tisch, und macht sich heftigst übers Abendessen her, zum Zwecke des Probandenfastens diesmal nur ein Salat. Er beugt seinen Kopf beim Essen bis dicht über den Teller und hat zusätzlich eine kleine Schüssel mit Salatsauce gefüllt, in die er immer wieder Brotstücke taucht. Er weiss, dass dies für heute seine letzte Mahlzeit ist. Daneben stehen drei mit heissem Tee gefüllte Gläser, die gleichzeitig erkalten. Mitnehmen, was man kriegen kann …
Die Deutschen sind überhaupt in der eindeutigen Mehrzahl. Will ich jemanden anreden, den ich noch nie habe sprechen hören, tu ichs gleich auf hochdeutsch. Vielen von ihnen wirken verbraucht, resigniert, manche aggressiv oder gar seltsam, als hätten sie schon ein, zwei Studien zuviel hinter sich. Trotzdem behauptet jeder, selbst der Hartgesottenste, bei der Abgabe von “Psychopharmaka” sei für ihn Schluss. Ich habe meine Zweifel. Einer der harmloseren Sorte liegt im andern Bett neben mir. Er hat einen starken Berliner Akzent und ist neben den Studien “selbständiger Speise- und Visitenkartendrucker, spezialisiert auf China-Restaurants”. Als das EKG bei ihm zu tiefe Werte anzeigt, heisst man ihn, aufzustehen und sich zu bewegen; ein alternder, abgehalfterter Mann, mit nacktem, schlaffem Oberkörper, an dem noch Elektroden hängen, der vor jungen, angezogenen Krankenschwestern den Hampelmann macht. Peinlich berührt gucke ich weg.
Obwohl ich nur zwei Tage dort bin und mir für Schreibarbeiten einen Laptop sowie ein paar schlaue Bücher mitgenommen habe, plagt mich, zwischen all den Verlierern und Spinnern, permanent ein schlechtes Gewissen. Ich hier drin, jung und stark und voller Leben, und ebendieses spielt sich derweil draussen ab.
Kurz währender Ausnahmezustand bei mir, leicht verdiente Kohle und hübsche Krankenschwestern mit netten Hintern hin oder her – künftig ohne mich!