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Michèle Magema – Pfade für die Erinnerung und Linien zur Wiedergutmachung
Nanina Guyer
17.03.2023
Michèle Magema (*1977) gehört zu den wenigen Künstlerinnen in der von Männern dominierten Kunstszene der DR Kongo und seiner Diaspora. In ihren Werken befragt sie die in Archiven eingeschriebenen Ordnungen und Machtdynamiken und erschafft neue Topografien von Archiven.
Michèle Magema, die heute in der Nähe von Paris lebt und arbeitet, untersucht in ihrer Kunst die komplexe Hinterlassenschaft der belgischen Kolonialherrschaft in der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Ein wichtiges Rohmaterial für Magemas künstlerische Auseinandersetzungen stellen Archive dar, die von dieser Zeit zeugen.
In ihrem künstlerischen Schaffensprozess eignet sie sich die Archive an und ordnet sie neu. Eine wichtige Rolle in diesem Aneignungsprozess spielt das Einritzen von Linien auf Trägermaterialien wie Papier oder Holz. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Installation Under the Landscape (2015). Die während der Kolonialzeit festgelegten Landesgrenzen der heutigen DR Kongo ritzte Magema in 81 kleine Blöcke aus dem weichen Holz des Kautschukbaums ein. Kautschuk war während der frühen Kolonialzeit einer der wichtigsten Rohstoffe aus dem damaligen Freistaat Kongo. Für dessen Gewinnung wurde die Bevölkerung schonungslos ausgebeutet. In ihrer Installation hat Magema die Blöcke so angeordnet, dass die Grenzen nicht mehr den Umrissen der DR Kongo entsprechen. Vielmehr erzeugt die Anordnung eine neue Grenzlandschaft.
Auch in Magemas künstlerischer Erforschung des Fotoarchivs von Hans Himmelheber spielten Linien eine wichtige Rolle. Magema zeichnete für Evolve (2019) und später für A la rencontre de nos souvenirs ou comment marcher sur nos terres (2023) Fotografien, die Himmelheber während seiner Reise 1938/39 in die damalige Kolonie Belgisch-Kongo aufnahm, schemenhaft mittels feinen Tuschestrichen ab. Für Evolve wählte Magema 26 Fotografien aus Himmelhebers Kongo-Archiv aus, die auf die Kolonisierung der Region verweisen, wie zum Beispiel Aufnahmen von Himmelhebers Auto oder von einem Kunstkauf.
Dem gegenüber stellt Magema Fotografien von historischer Architektur, leeren Dörfern und scheinbar unberührter Natur. Mit dieser Auswahl spielt sie bewusst mit der mittlerweile überholten Ansicht, dass es sich bei den Konzepten «Tradition» und «Moderne» um zwei unverbundene Gegenstücke handelt. Die Reise von Hans Himmelheber verbindet die Künstlerin mit der Geschichte der Familie Magema. Zurzeit von Himmelhebers Aufenthalt im Kongo arbeitete der Grossvater von Michèle Magema, Malongo Isaac Magema, in der Verwaltung von Belgisch-Kongo. Wie Himmelheber war Magemas Grossvater als hoher Beamter bei der Steuerbehörde ein Nutzniesser vom kolonialen Projekt der Belgier. In Evolve lässt Magema Hans Himmelheber auf ihre Grosseltern väterlicherseits treffen und verweist auf den Umstand, dass auch einige wenige Kongoles*innen vom kolonialen System profitierten.
In diesem Kontext tritt eine weitere Bedeutung des Einritzens von Linien in Magemas Werk hervor: Jeder Strich legt Zeugnis ab von der wiederholten Geste der Künstlerin, als wolle sie ein Ritual vollziehen zur Wiedergutmachung einer verstümmelten, vergessenen, geheimen kolonialen Geschichte.
In ihrem jüngsten Werk A la rencontre de nos souvenirs ou comment marcher sur nos terres (dt: Auf dem Weg zu unseren Erinnerungen oder wie man auf unserem Land wandelt) erkundet Magema das Potential von Körpern und Landschaften als Orte der Erinnerung und des Nachdenkens. Wieder eignet sich Magema Fotografien von Himmelheber – von Landschaften, Dörfern und Personen – mittels feiner Tuschestriche an. Die Künstlerin verbindet die abgezeichneten Fotografien mit grafischen Linien, welche die Reiseroute von Himmelheber im Kongo nachzeichnen. Die Fotografien werden so neu im Raum verortet. Gleichzeitig hinterlässt Magema ihre eigenen Spuren und schreibt sich damit auch in das Archiv und in seine Geschichte ein. Auf diese Weise entsteht eine neue Topografie des Archivs, die Besucher*innen dazu aufgefordert, die in Archiven eingeschriebenen Ordnungen und Machtdynamiken zu hinterfragen.