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Rationalismus
(von lat. ratio,
Vernunft), in erkenntnistheoretischer Bedeutung die
Richtung, welche den
Quell der Erkenntnis
nicht oder nur in zweiter Linie in den
Sinnen oder der Erfahrung, sondern in der
Vernunft, d. h. in der
ursprünglichen Gesetzlichkeit der Erkenntnis selbst (oder in Principien
«A priori», s. d.) sucht. In allgemeinerer Bedeutung
versteht man darunter den Grundsatz, in allem allein der
Vernunft zu folgen, so namentlich in theol. Anwendung (s. unten).
In jener allgemeinern wie in dieser speciellen Anwendung deckt sich der
Rationalismus ungefähr
mit
Aufklärung (s. d.); daher ist das Zeitalter der
Aufklärung zugleich das des
Rationalismus.
Im theologischen
Sinne ist
Rationalismus die namentlich zu Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrh.
verbreitete theol.
Richtung, die die
Vernunft als das oberste religiöse Erkenntnisvermögen betrachtete
und derselben die
Entscheidung über die Frage zuschrieb, welche
Bestandteile der kirchlichen
Glaubenslehre als wesentlicher
Kern der christl.
Religion, und welche nur als lokale und temporelle Zuthaten anzusehen seien. Den Gegensatz zum
Rationalismus bildet
der
Supranaturalismus, der die Unterordnung der
Vernunft unter die
Autorität der heiligen
Schrift fordert und
die
Entscheidung darüber, was als christl. Wahrheit geglaubt werden müsse, lediglich von
der richtigen Ausmittelung des Schriftsinns abhängig macht.
Das altorthodoxe Dogma war gegen Mitte des 18. Jahrh. durch den Pietismus und die Wolfsche Philosophie bereits vielfach abgeschwächt, als unter dem Einfluß des engl. Deïsmus und der franz. Encyklopädisten auch in Deutschland [* 2] das Zeitalter der sog. Aufklärung hereinbrach, die das ganze Fundament des kirchlichen Dogmas in Frage stellte, die ganze Vorstellung von einer übernatürlichen Offenbarung samt dem Wunderglauben verwarf und die christl. Religion durch eine ¶
mehr
allgemeine Vernunftreligion mit rein moralischen Wahrheiten ersetzen oder doch nur so weit gelten lassen wollte, als sie
mit letzterer übereinstimme. Im Unterschied von diesem Naturalismus schlug nun der
Rationalismus einen Mittelweg ein, indem er formell
den Supranaturalisten, materiell den Naturalisten beipflichtete. Indem er die Vorstellung einer übernatürlichen Offenbarung,
d. h. nach damals allgemein bestehender Voraussetzung einer übernatürlichen Belehrung der Menschen durch
Gott, kritisch untersuchte, kam er zu dem Ergebnis, daß die Möglichkeit derselben nicht zu bestreiten sei, die Anerkennung
ihrer Wirklichkeit aber von einer Prüfung ihres Inhalts abhänge. Ob etwas übernatürlich offenbart sei oder nicht, könne
nur die Vernunft entscheiden, mit welcher die Offenbarung nicht im Widerspruch stehen könne.
Die von den Supranaturalisten festgehaltene Annahme übervernünftiger Wahrheiten wurde verworfen, weil das Übervernünftige ein Widervernünftiges sei, und nur zugestanden, daß Gott durch übernatürliche Veranstaltung den Menschen Vernunftwahrheiten früher mitgeteilt haben könne, als sie, sich selbst überlassen, auf dieselben gekommen sein würden, oder etwa verloren gegangene Wahrheiten auf jenem außerordentlichen Wege für das menschliche Bewußtsein wieder aufgefrischt habe.
Dennoch wollte auch der
Rationalismus an der Autorität der Bibel
[* 4] festhalten und behauptete, sich im vollen Einverständnis mit ihrem
wahren Sinn zu befinden. Da er aber ebenso wie der Naturalismus die Wunder als widernatürlich verwarf,
so beseitigte er das Wunderbare aus den biblischen Erzählungen durch die sog. natürliche Auslegung, und deutete die dem
Zeitalter fremd gewordenen religiösen Vorstellungen der Bibel entweder um oder schaffte sie durch die Annahme fort, daß die
biblischen Schriftsteller sich nur aus pädagogischen Gründen den jüd. oder heidn.
Zeitmeinungen anbequemt hätten. Auf diese Weise behielt man als wesentlichen Inhalt der Schrift nur die
sog. vernünftigen Wahrheiten übrig, unter denen der gewöhnliche
Rationalismus die
drei höchsten «Vernunftideen» Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als notwendige Bedingungen alles moralischen Handelns begriff.
Hiermit glaubte man zwischen Christentum und Vernunft Frieden gestiftet, die Autorität der Bibel gerettet
und zugleich den berechtigten Forderungen des Naturalismus genügt zu haben.
Die Schwächen jenes
Rationalismus sind leicht zu erkennen. Es war Verflüchtigung des religiösen Gehalts des Christentums, ihn einfach
auf Morallehre zu reduzieren. Es ist auch verwirrend, die Vernunft als «religiöses Erkenntnisvermögen» zu bezeichnen, d. h.
den religiösen Inhalt aus ihr ableiten zu wollen, da dieser nur aus der innern Erfahrung der Frommen
entnommen werden kann. Auch die unhistor. Willkür der rationalistischen Behandlung der Bibel liegt gegenwärtig offen zu
Tage und insbesondere die natürliche Auslegung der Wunder.
Aber selbst vor einem schärfern philos. Denken konnte jener
Rationalismus nicht bestehen. Denn was er als unwandelbare,
zu allen Zeiten anerkannte Vernunftwahrheit betrachtet hatte, war mindestens in der Form, die dem
Rationalismus über jeden
Zweifel erhaben schien, selbst nur ein Niederschlag der damaligen Zeitbildung. Andere gegen den
Rationalismus erhobene Anklagen, wie seine
Nüchternheit und platte Verständigkeit, sein philos. und ästhetisches Unvermögen, seine äußerliche Moral mit
ihrer Werkgerechtigkeit und Tugendseligkeit u. a. m., treffen nicht sowohl ihn
selbst,
als das ganze Zeitalter.
Dagegen hat der
Rationalismus, indem er auf die innere Einheit aller menschlichen Erkenntnis drang, die unklare Lehre
[* 5] von übervernünftigen
Wahrheiten siegreich bekämpft und gegenüber der blinden Unterwerfung unter äußere Autoritäten das unveräußerliche Recht des
Subjekts, nichts für wahr anzunehmen, als was im eigenen Innern des Menschen seine Begründung findet,
aufs nachdrücklichste geltend gemacht. Seine Forderung, alle Überlieferung, einschließlich der in der Bibel enthaltenen,
auf ihren vernünftigen Gehalt hin zu prüfen, ist den dogmatischen Vorstellungen der Bibel und der Kirche gegenüber ebenso
berechtigt als seine an die sog. übernatürlichen Thatsachen angelegte Kritik. Ganz besonders bedeutsam
aber ist die durch den
Rationalismus begonnene geschichtliche Forschung über die menschliche Entstehung der Bibel und ihre Behandlung
nach denselben kritischen Grundsätzen, die für alle andern Litteraturprodukte gelten, gewesen. Als die namhaftesten Vertreter
des
Rationalismus sind die Dogmatiker Wegscheider und Bretschneider, der Exeget Paulus und der Kanzelredner Röhr zu
nennen.
Vgl. Stäudlin, Geschichte des
Rationalismus (Gött. 1826);
Hase, [* 6] Theol. Streitschriften (3 Hefte, Lpz. 1834‒37);
Rückert, Der
Rationalismus (ebd.
1859);
Frank, Geschichte des
Rationalismus und seiner Gegensätze (in der «Geschichte
der prot. Theologie», Tl. 3, ebd. 1875).