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Vor dem Hintergrund des immer stärker umstrittenen Antibiotika-Einsatzes gewinnt die Suche nach Alternativen in der Landwirtschaft an Bedeutung. Antibiotika können notwendig sein, um verschiedene Krankheiten zu behandeln, welche die Kälber schon von klein auf betreffen. Eine Versorgung mit Beta-Carotin während der Galtphase könnte eine Lösung für die Stärkung des Immunsystems bei Kälbern sein und zur Antibiotikareduktion beitragen. Diese Hypothese wurde im Rahmen einer Bachelor-Arbeit an der HAFL überprüft.
Die Immunität der Kälber
Aufgrund der Art der Plazenta beim Rind ist der Blutkreislauf zwischen Mutter und Kalb getrennt. Deshalb werden Kälber ohne aktive Immunität geboren. Die Immunitätsübertragung muss zwingend über die Kolostrum-Versorgung erfolgen. Das Kolostrumunterscheidet sich von der normalen Milch durch einen höheren Gehalt an Trockenmasse und vor allem durch einen erhöhten Wert an Immunglobulinen (IgG), auch Antikörper genannt. Der Gehalt an Antikörpern im Kolostrum wird auf 10 bis 150 g/l geschätzt. Von der ersten Tränke an lässt sich mit jeder Stunde eine sehr schnelle Zunahme des IgG-Gehalts im Blut des Kalbes feststellen. MehrereStudien zeigen auf, dass die Anfälligkeit für Krankheiten stark zunimmt, wenn die Übertragung der Immunität nicht funktioniert. Um die Immunität erfolgreich zu übertragen, gilt es, eine Antikörperkonzentration von über 10 mg/ml im Blut des Kalbes zu erreichen.
Kolostrumverabreichung
Die Betriebe, welche an diesem Versuch teilgenommen haben, haben sich verpflichtet, dem Kalb innerhalb seiner ersten sechs Lebensstunden vier Liter Kolostrum zu verabreichen, um die Übertragung der Immunität zu optimieren. Die Darmwand der Kälberist zwar durchlässig, doch die Aufnahmefähigkeit nimmt mit dem Verlauf der Stunden ab. Deshalb ist es wichtig, dass das Kolostrum nach der Geburt schnell verabreicht wird. Den Tierhaltern stand ein Refraktometer zur Verfügung, um eine erste Qualitätsbeurteilung des Kolostrums vorzunehmen. Ein Kolostrum mit einem Antikörpergehaltvon über 75 g/l gilt als reichhaltig.
Was ist Beta-Carotin?
Beta-Carotin, auch Provitamin A genannt, gehört zur Gruppe der Carotinoide. Diese Pigmente sind hauptsächlich in Pflanzen enthalten. Milchkühe, deren Sommerration mehrheitlich aus Weidegras besteht, haben im Allgemeinen keinen Mangel an Beta-Carotin, da diese Substanz in frischem Gras in grossen Mengen (2000 mg/kg TS)enthalten ist. Bei der Winterfütterung, die oft aus Dürrfutter besteht, können hingegen Mängel auftreten. Heu und Grassilage enthalten durchschnittlich 25 respektive 120 mg Beta-Carotin pro Kilogramm Trockensubstanz. Da Beta-Carotin leicht zur Oxidation neigt, verändert es sich unter dem Einfluss von Licht und wird während der Trocknungsphase des Futters durch ein Enzym zersetzt.Über 80 Prozent vom ursprünglichen Beta-Carotin können durch die Sonne zerstört werden. Dieser Abbau ist bereits während dem Anwelken und beim Silieren erkennbar.
Der Beta-Carotin-Bedarf einer Kuh liegt zwischen 300 bis 500 mg pro Tag und ist für Rinder unerlässlich, um das Vitamin A zu synthetisieren. Der Beta-Carotin-Gehalt ist im Kolostrum ersichtlich. Hell weisses Kolostrum ist ein Hinweis für einen tiefen, goldgelbes Kolostrum für einen ausreichenden Gehalt. Rotes Kolostrum hingegen bedeutet, dass Blut enthalten ist.
Beta-Carotin Mangel
Vitamin A spielt eine wichtige Rolle für die Fortpflanzung, das Wachstum und die Gesundheit der Wiederkäuer. Die Tiere können dank des Beta-Carotins Vitamin A bilden. Deshalb führt eine Unterversorgung an Beta-Carotin zu einem Vitamin A-Mangel. Dies hatvor allem Fruchtbarkeitsstörungen sowie Veränderungen der Darmschleimhaut und der Atemwege zur Folge. Bei Kälbern kann ein Vitamin A-Mangel Wachstumsstörungen und das häufige Auftreten von Krankheiten wie Lungenentzündung oder Durchfall hervorrufen.
Untersuchte Parameter
Während des Versuchs zwischen Januar und Anfang April 2018 wurden mehrere Parameter untersucht, um die Auswirkung der Beta-Carotin-Verabreichung zu untersuchen.
Als Erstes wurde auf jedem Hof eine Kontrollgruppe (ohne Beta-Carotin) sowie eine Testgruppe gebildet. Diese erhielt einen Zusatz von 600 mg Beta-Carotin pro Kuh und Tag in Form von 200 g Mineralfutter während mindestens 14 Tagen vor dem errechneten Abkalbetermin.
Anschliessend wurde von jeder Kuh eine Kolostrum-Probe entnommen und für eine exakte Analyse des Antikörper-Gehalts ins Labor geschickt. Bei der Analyse des Kolostrums wurden Parameter wie Anzahl Laktationen der Kuh, die Anzahl Tage der Beta-Carotin-Ergänzung sowie die Milchmenge berücksichtigt.
Zwischen 24 und 72 Stunden nach der Geburt des Kalbes erfolgte eine Blutentnahme, um den IgG-Gehalt im Blut zu ermitteln. Die Parameter Menge des getrunkenen Kolostrums, Intervall zwischen dem Abkalben und dem ersten Tränken sowie Zeitabstand bis zur Blutentnahme wurden miteinbezogen. Jeder der genannten Parameter wurde anschliessend auf eine mögliche Auswirkung auf den IgG-Gehalt untersucht.
Versuchsergebnisse
Bei Kälbern, deren Mütter keinen Beta-Carotin-Zusatz erhielten,lag die Wahrscheinlichkeit für einen IgG-Gehalt im Blut von über 10mg/ml und somit eine erfolgreiche Immunitätsübertragung bei 65 Prozent.
Bei Kälbern, deren Mütter während der Galtzeit einen Beta-Carotin-Zusatz erhielten, belief sich diese Wahrscheinlichkeit hingegen auf hohe 93 Prozent. Die Beta-Carotin-Verabreichung während der Galtzeit hat somit die Immunität der Kälber begünstigt.Dadurch können diese während den ersten Lebenswochen von einer besseren Gesundheit profitieren.
Bei den Bedingungen im Versuch zur Verabreichung von Kolostrum -idealerweise vier Liter Kolostrum innerhalb der ersten sechs Stunden nach der Geburt – handelt es sich um die optimalen Bedingungen für eine erfolgreiche Immunitätsübertragung. Es gilt für die Tierhalter zu bedenken, dass, selbst wenn die Immunität der Kälber durch eine Beta-Carotin-Gabe besser zu sein scheint,Parameter wie die Hygiene beim Abkalben, die Haltungsbedingungen oder Fütterung ebenfalls Faktoren sind, die das Leben des Kalbes beeinflussen.
Die Ergebnisse zeigen auf, dass eine Verabreichung von Beta-Carotin an Galtkühe sich in Bezug auf die Begrenzung des Antibiotikaeinsatzes bei Aufzuchtkälbern als interessant erweisen kann.