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Beat Schweitzer: Gott hat meinen Rahmen gesprengt. Und ich möchte Gott nicht wieder in einen neuen Rahmen zwängen. Ich möchte mich viel lieber immer wieder überraschen lassen. Ich war angetreten mit der Überzeugung, dass Intelligent Design Gott beweist. Dass Intelligent Design eine rein naturalistische Evolutionstheorie vielleicht einmal beerdigen würde. Aber so einfach ist das nicht.
Intelligent Design ist ein Denkansatz, der davon ausgeht, dass die Natur zu komplex ist, als dass sie durch einen planlosen evolutionären Proze s von ielen, kleinen Veränderungsschritten entstanden sein könnte. Ein typisches Beispiel sind Blutgerinnungskaskaden: Sie funktionieren nur, wenn verschiedene Teile gleichzeitig zusammenspielen. Fehlt nur ein Teil davon, gerinnt das Blut nicht, was bei einer Wunde verheerend sein kann. Wie kann dieser Mechanismus entstanden sein, wenn alles gleichzeitig da sein muss, damit er funktioniert? Also braucht es jemanden, der diesen Mechanismus geplant hat: einen «Designer». Diese Denkschule ist in den USA entstanden und stark verknüpft mit der Entdeckung des DNA-Codes in den 1960er Jahren. Man entdeckte, dass in der DNA enorm viele Informationen stecken. Können diese Informationen aus Nichts entstehen?
Nein. Der Kreationismus geht davon aus, dass Gott die Welt geschaffen hat. Intelligent Design an sich sagt nichts über Gott aus, sondern nur: Prozesse in der Natur zeigen Planung auf, also Design. Wenn in Medien von Kreationismus die Rede ist, dann ist in der Regel der «Junge-Erde-Kreationismus» gemeint, der davon ausgeht, dass man die Bibel im wörtlichen Sinn verstehen muss und die Erde demnach rund sechs- bis zehntausend Jahre alt ist. Es gibt aber auch einen Alte-ErdeKreationismus, für den die Erde viel älter ist. Intelligent Design äussert sich nicht zum Alter der Erde und sagt auch nichts dazu, wie die Bibel zu verstehen ist. Einige Kreationisten verwenden aber das Argument von Intelligent Design, um ihren Standpunkt zu untermauern. Deshalb werden beide Ansätze häufig in einen Topf geworfen.
Darwin hat Gottes Handschrift nicht übersehen, er wollte mit seiner Theorie auch nicht Gott ersetzen. Er sah neben Gottes Handschrift aber auch eine andere, die er nicht mit Gott in Einklang bringen konnte: nämlich die Handschrift des Leids, der Brutalität, der Grausamkeit, des Sterbens. Darwin führte einen intensiven Briefwechsel mit dem amerikanischen Botaniker Asa Gray, für den Darwins Evolutionstheorie der Entwicklungsprozess war, durch den Gott mit seiner Schöpfung zum Ziel kommt. Er diskutierte mit Darwin darüber, ob Gott solch einen Plan haben könnte. Darwin fand das zum Teil überzeugend, hatte aber trotzdem seine Schwierigkeiten damit. Eben wegen der Grausamkeiten, aber auch weil er das Zwingende in der Argumentation nicht sah. Aufgrund seiner Naturbeobachtungen merkte Darwin, dass Veränderungen in den Tier- und Pflanzenarten nicht zum damaligen statischen Naturbild passten, das besagte, dass Gott die Arten unmittelbar so geschaffen hat, wie sie sind. Seiner Theorie nach entstand die Vielfalt der Arten durch viele kleine Veränderungen im Laufe der Zeit. Vorteilhafte Änderungen setzen sich durch, nachteilhafte verschwanden wieder.
Darwin ist Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft, die versucht, die Welt ohne Gott zu erfassen. Damit ist sie offensichtlich erfolgreich, misst man es an den wissenschaftlichen Fortschritten und Errungenschaften. Ist sie nicht trotzdem auf dem Holzweg, wenn sie Gott aus ihrer Gleichung weg lässt?
Es ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite fallen wir herunter, wenn wir alles mit einem Wunder erklären nach dem Motto: Gott hat es gemacht, also brauchen wir es nicht mehr erklären. Das nenne ich Denkfaulheit. Auf der anderen Seite fallen wir herunter, wenn wir sagen: Wir brauchen Gott nicht zur Erklärung der Welt - und wir ihn demzufolge auch nicht in unseren Überlegungen finden und dann daraus schliessen, dass es ihn gar nicht gibt. Wenn ich kein Salz in meine Suppe gebe, dann hat es kein Salz drin - das heisst aber nicht, dass es kein Salz gibt. Seriöse Naturwissenschaftler sagen: Ich versuche, Naturbeobachtungen soweit es geht innerweltlich zu erklären; entdecke ich einen Wirkmechanismus in der Natur, dann heisst das noch lange nicht, dass es niemanden geben kann, der diesen Wirkmechanismus in Kraft gesetzt hat. Wer mit dieser Sensibilität Naturwissenschaften betreibt, ist auf einem guten Weg.
Wenn wir von Evolutionstheorie sprechen, meinen wir in der Regel «eine Weltentstehung ohne Gott». Die Evolutionstheorie muss aber nicht per Definition gottlos sein. Evolution kann durchaus mit einem Schöpfergott in Einklang gebracht werden. Intelligent Design stellt sich gegen eine Welterklärung, die besagt, dass man die Entstehung der Welt ausschliesslich über natürliche Prozesse erklären kann. Für die Vertreter von Intelligent Design muss es jemanden geben, der einen Plan hatte und es in Gang gesetzt hat - aber wer der Designer ist, lassen sie bewusst offen, und auch über den Mechanismus schweigen sie.
Du meinst einen Gottesbeweis? Der Philosoph Immanuel Kant war einer der Hauptkritiker von Gottesbeweisen. Kant sagte, es gebe keinen Beweis, der Gott zwingend beweise wie z.B. mathematischer Beweis. Umgekehrt gebe es aber auch keinen zwingenden Beweis gegen Gott. Die Frage bleibt offen. Gottesbeweise überzeugten Kant schon, aber nur im Sinne einer Selbstvergewisserung. Deshalb kann ich mit der Schönheit der Natur Gott nicht beweisen. Aber ich kann mich mit ihr meines Glaubens vergewissern. Denn sie passt in unser Gottesbild.
Evolution bedeutet, dass aus etwas Vorhandenem etwas Neues entsteht. Zum Beispiel geht die Evolutionstheorie davon aus, dass die Vögel aus den Reptilien entstanden sind - diese trugen plötzlich Federn statt Schuppen und Flügel, die sie vorher nicht hatten. In beiden Fällen braucht es eine genetische Veränderung. Wie findet die nun statt? Durch Zufall? Wenn nicht, könnte auch Evolution nicht durch Zufall entstehen. Und wenn es doch Zufall ist, kann Gott trotzdem eingreifen?
Wenn wir etwas als Zufall erachten, muss es nicht gottlos sein. Denn Zufälle sind in der Regel Konsequenzen von etwas, das sich uns entzieht, weil wir es nicht exakt bestimmen oder berechnen können. Auch ein Würfelwurf ist kein Zufall. Es ist uns bloss unmöglich, den Würfelwurf zu berechnen, weil es so viele unbekannte Faktoren gibt, die ihn beeinflussen. Also ist ein scheinbar zufälliges Ergebnis eines Würfelwurfes eine Folge von Gesetzmässigkeiten, die wir blass nicht berechnen können. Mit einer genetischen Mutation kann es genauso sein.
Ich finde es faszinierend, wenn Naturwissenschaftler etwas nachweisen und messen können. Vor kurzem etwa die Gravitationswellen, von denen bereits Albert Einstein auf Grund seiner Relativitätstheorie annahm, dass es sie geben müsse. Die Naturwissenschaft ist in der Hinsicht aber begrenzt: Sie kann nur beschreiben. Über einen allfälligen Sinn kann sie nichts Konkretes sagen, sondern nur spekulieren. Hier tritt die Theologie an ihre Seite, denn sie muss nicht beim Beschreiben stehen bleiben, sondern soll über Sinn und Ziel nachdenken. Die Naturwissenschaft hilft also der Theologie, Gottes Schöpfung besser zu verstehen. Die Theologie hilft den Naturwissenschaften, Sinn und Ziel im Ganzen zu finden.
Für mich war das nie ein Problem. Biologen und Theologen leben beide in derselben Welt und reden über dieselbe Welt. Mir war immer bewusst: Als Naturwissenschaftler beschreibe ich diese Welt nur. Wenn ich darüber nachdenke, wie Gott in dieser Welt handelt, komme ich als Naturwissenschaftler an meine Grenzen. Ich kann als Naturwissenschaftler keine Aussage machen über etwas, was ich nicht messen, nicht nachweisen kann. Aber da komme ich auch als Theologe an Grenzen: Wie handelt Gott? Mittelbar oder unmittelbar? Das ist auch für mich als Theologe ein Geheimnis.
Als Teil der Schöpfungslehre könnte man das Thema im Fach Dogmatik unterbringen oder bei der Auslegung des 1. Buch Mose. Unabhängig von Intelligent Design werden uns im Ethik-Unterricht etwa evolutions-biologisch oder sozio-biologisch geprägte Entwürfe von Ethik begegnen. Zum Beispiel besagt die evolutionäre Ethik, dass Normen nicht gottgegeben sind, sondern sich mit der Zeit ergeben haben. Dadurch sind sie in gewisser Weise beliebig und können sich verändern. Und in der Neuroethik fragt man sich, ob ein Mensch überhaupt für Entscheidungen verantwortlich gemacht werden kann, wenn diese doch bloss neurochemische Prozesse sind. Solche Ansätze stellen Anfragen an eine christliche Ethik und ich finde es wichtig, dass unsere Absolventen Wege gefunden haben, solchen Ansätzen angemessen zu begegnen.
Ich finde Intelligent Design nach wie vor faszinierend, auch wenn es Gott nicht zwingend beweisen kann. Es unterstützt meinen Glauben, beweist oder begründet ihn aber nicht! Intelligent Design bestätigt nur den Gott, an den ich schon glaube. Ich erkenne Gott in der Natur nur darum, weil mir Gott bereits bekannt ist, weil er sich mir bereits auf andere Weise offenbart hat.