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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

103. Vortrag
2.
Mit Rücksicht auf ihr dem inneren Menschen nach noch kindliches und unreifes Alter gab er ihnen schließlich eine Mahnung: "Es antwortete ihnen Jesus: Glaubet ihr jetzt? Siehe, es kommt die Stunde, und sie ist schon gekommenm, daß ihr euch zerstreuen werdet, jeder in das Seinige, und mich allein lasset. Und ich bin nicht allein, weil der Vater bei mir ist". Kurz vorher hatte er gesagt: "Ich verlasse die Welt und gehe zum Vater"; jetzt sagt er: "Der Vater ist bei mir". Wer geht zu dem, der bei ihm ist? Aber dies ist für den, der es versteht, ein Wort, für den, der es nicht versteht, ein Deckwort; auf diese Weise jedoch wird das, was jetzt von den Kleinen nicht verstanden wird, immerhin eingesaugt, und wenn er ihnen auch nicht feste Speise gibt, weil sie dieselbe noch nicht ertragene können, so gibt er ihnen doch eine aus Milch bestehende Nahrung. Von dieser Nahrung kam es, daß sie erkannten, er wisse alles und habe nicht nötig, daß ihn jemand frage. Man kann nun die Frage aufwerfen, warum sie das sagten. Denn es scheint, es hätte vielmehr gesagt werden sollen: Du hast nicht nötig, daß Du jemand fragest, nicht: "Daß Dich jemand frage". Sie sagten nämlich: "Wir erkennen, daß Du alles weißt", und gewiß, wer alles weiß, pflegt mehr von den Unwissenden gefragt zu werden, damit die durch ihre Frage das Gewünschte von dem hören, der alles weiß, nicht aber pflegt er selbst zu fragen, als möchte er etwas wissen, der doch alles weiß. Was hat es also auf sich, daß sie zu dem, von dem sie wußten, daß er alles weiß, während sie doch wohl hätten sagen sollen: Du hast nicht nötig, daß Du jemand fragest, vielmehr sagen zu müssen glaubten: "Du hast nicht nötig, daß Dich jemand frage"? Wie nun, wenn wir lesen, daß beides geschehen sei, nämlich daß Christus sowohl gefragt habe als gefragt worden sei? Aber dies löst sich schnell, weil das nicht für ihn, sondern für jene nötig war, die er fragte oder von welchen er gefragt wurde. Er fragte nicht diese oder jene, um von ihnen etwas zu erfahren, sondern vielmehr um sie zu belehren. Und die ihn fragten, in der Absicht, von ihm etwas zu lernen, sie hatten das allerdings nötig, um etwas zu erfahren von dem, der alles wußte. Natürlich also war es deshalb nicht nötig, daß ihn jemand fragte. Denn wenn wir von denen, die etwas von uns wissen wollen, gefragt werden, so erkennen wir eben aus ihren Fragen, was sie erfahren möchten; also haben wir nötig, daß wir von denen gefragt werden, welche wir etwas lehren wollen, damit wir die Punkte, die zu beantworten sind, kennen lernen. Für den aber, der alles wußte, war nicht einmal dies nötig. Er hatte nicht nötig, das, was jemand von ihm wissen wollte, erst durch seine Fragen in Erfahrung zu bringen, weil er schon, bevor er gefragt wurde, den Willen des Fragers wußte. Aber er ließ es zu, daß man ihn frage, um denen, welche damals zugegen waren, oder welche das Gesagte später hören beziehungsweise das Geschriebene lesen sollten, zu zeigen, was für Leute jene waren, von denen er gefragt wurde. Zugleich sollten wir auf diese Weise sowohl die Schleichwege erfahren, durch die ihm nicht beizukommen wäre, als auch die Mittel, durch welche man bei ihm etwas ausrichten könnte. Die Gedanken der Menschen aber voraussehen und darum nicht nötig haben, daß ihn jemand frage, war etwas Großes nicht für Gott, sondern etwas Großes für die Kleinen, die zu ihm sagten: "Darum glauben wir, daß Du von Gott ausgegangen bist". Viel größer aber war, zu dessen Erkenntnis sie sich gemäß seinem Willen ausdehnen und wachsen sollten, was er, nachdem jene gesagt und zwar wahr gesagt hatten: "Du bist von Gott ausgegangen", mit den Worten ausdrückt: "Der Vater ist bei mir", damit sie sich den Ausgang des Sohnes vom Vater nicht so vorstellten, daß sie meinten, er habe sich von ihm entfernt.