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von Dr. med. Simone Kamm
Die meisten Mädchen und Frauen leiden an Periodenschmerzen. Mit Schmerzmitteln oder einer Antibabypille können diese in der Regel gut therapiert werden. Was aber, wenn diese Mittel nicht helfen? Was, wenn im Schul- und Berufsleben monatliche Absenzen auffallen und die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigt ist?
Was ist eine Endometriose?
In der Gebärmutterhöhle wächst, von den weiblichen Geschlechtshormonen Östrogen und Progesteron gesteuert, zirka alle vier Wochen eine Schleimhaut heran. Entsteht keine Schwangerschaft, wird die Schleimhaut als Periodenblutung wieder abgestossen. Wächst eine solche Schleimhaut – beziehungsweise ein Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnlich ist – auch ausserhalb der Gebärmutter, spricht man von der sogenannten Endometriose. Endometriose- Herde können an den verschiedensten Stellen im Körper vorkommen. Am häufigsten sind sie am Bauchfell des kleinen Beckens, an den Eierstöcken, Eileitern, in der Gebärmutterwand oder in der Scheide. Seltener kommen sie an Darm, Harnblase, Nabel oder in Operationsnarben vor. Sehr selten können Lunge, Leber, Haut und andere Organe betroffen sein.
Oft treten Endometriose- Herde an mehreren Orten gleichzeitig auf.
Vielschichtige Symptomatik
Je nach Lage der Endometriose entstehen unterschiedliche Symptome. Starke Unterbauchschmerzen zum Zeitpunkt der Periode und wiederkehrende Unterbauchschmerzen generell sind die Hauptsymptome. Weitere Beschwerden sind aussergewöhnlich lange oder starke Monatsblutungen, Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs, Blasen- und Darmprobleme (wie zum Beispiel Blähungen oder Schmerzen bei der Entleerung) sowie ungewollte Kinderlosigkeit (Sterilität).
Die Krankheit ist ein Chamäleon, will heissen: Sie kann andere Krankheiten imitieren. Fehldiagnosen wie Reizdarm, Reizblase oder psychogene Beschwerden kommen häufig vor. Für die betroffenen Mädchen und Frauen ist es darum eine der schlimmsten Erfahrungen, nicht gehört oder ernst genommen zu werden und mit dem chronischen Leiden alleine dazustehen.
Diagnosestellung und Behandlung
Ein zentraler Erfolgsfaktor bei der Diagnosestellung ist daher bereits zu Beginn das systematische Erfragen der Beschwerden. Eine umfassende gynäkologische Untersuchung ist ebenso unerlässlich. Diese muss bei Verdacht angepasst und das Augenmerk auf die typischen körperlichen Veränderungen bei Endometriose gelegt werden. Dazu gehören das Einsehen der gesamten Scheide, das Abtasten der Scheide und des Enddarms sowie die Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter, der Eierstöcke, des Enddarms, der Blase und der Nieren. Manchmal helfen eine Magnetresonanztomografie (MRI) oder eine Blasen- und Darmspiegelung.
All diese Schritte können eine Endometriose jedoch nicht beweisen. Dies ist ausschliesslich mit der Entnahme einer Probe möglich. Dazu ist eine Operation nötig, bei der gleichzeitig das krankhafte Gewebe entfernt wird. Die Operationstechnik der Wahl ist die Bauchspiegelung (Laparoskopie). Dabei können wir mit der Kamera die gesamte Bauchhöhle nach Endometriose-Herden absuchen und entsprechend operieren. Das Ziel ist die möglichst vollständige Entfernung des Endometriose- Gewebes, ohne gesundes Gewebe zu schädigen. Je nachdem, welches Organ befallen ist, kann die Operation äusserst anspruchsvoll sein. Ein Eingriff muss hingegen nicht immer der richtige Behandlungsansatz sein. Da es sich um eine chronische Erkrankung handelt, gilt für Operationen: «So wenig wie möglich, so viel wie nötig.»
Alternativ sind medikamentöse Therapien möglich. Da die genaue Ursache der Endometriose nach wie vor unbekannt ist, gibt es keine spezifischen Medikamente. Das Hauptziel ist immer, die Aktivität der Endometriose so weit zu unterdrücken und die Beschwerden so weit zu lindern, dass ein normales, weitgehend schmerzfreies Leben möglich ist.
Klinisches Endometriosezentrum Limmattal: Erfahren interdisziplinär
Von grundlegender Bedeutung ist immer das routinierte und koordinierte interdisziplinäre Vorgehen aller beteiligten Fachpersonen, sei es aus der Chirurgie, Urologie oder Anästhesie. Bei uns im Endometriosezentrum ist dieses Vorgehen Standard. Um die gemeinsam mit der Patientin geplante Behandlung zu optimieren und den eingeschlagenen Weg zusätzlich zu unterstützen, arbeiten darüber hinaus verschiedene Spezialisten aus den Bereichen der Schmerztherapie, Ernährungsberatung, Physiotherapie und Alternativmedizin eng mit uns zusammen.
Das Wissen über die Krankheit ist in der Ärzteschaft wie auch in der Gesellschaft noch immer niedrig – und dies, obwohl Endometriose die zweithäufigste gutartige Erkrankung bei Frauen ist. Jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter leidet an Endometriose. Bei rund der Hälfte aller Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch besteht eine Endometriose.
An dieser Stelle sind wir Frauenärztinnen und -ärzte in der Pflicht, das Bewusstsein und die Erkenntnis über Diagnose und Therapie der Endometriose zu fördern – durch Fortbildung und durch Öffentlichkeitsarbeit. Genau dies fördern wir in der Frauenklinik des Spitals Limmattal gezielt.
Wir behandeln Frauen mit Endometriose, wenn immer nötig, interdisziplinär, mit grossem Effort und Know-how. Jährlich operieren wir über 100 Endometriose- Patientinnen. Der fachübergreifende Austausch sowie unsere jahrelange Erfahrung ermöglichen es uns, die betroffenen Mädchen und Frauen noch umfassender und ganzheitlicher zu behandeln und zu begleiten.
Die Zertifizierung des klinischen Endometriosezentrums Limmattal im Januar 2021 durch die Stiftung Endometriose-Forschung ist dabei nur ein zusätzlicher Schritt, die Qualität der Behandlungsmethoden und die Vernetzung der Disziplinen weiter voranzutreiben.
Dieser Artikel wurde am 16. Februar 2021 in der Limmattaler Zeitung publiziert.
Autor
Dr. med. Simone Kamm
Stv. Leiterin Endometriosezentrum Limmattal
Endometriosezentrum Limmattal
Urdorferstrasse 100
8952 Schlieren
+41 44 733 21 77