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«Tuch des Todes», «des Traumes», «Vorhang des Aufbruchs» oder «der Todesstunde» – die Leinwand, auf dem die Schatten der Marionetten erscheinen, hat viele Namen. «Das Schattenspiel hat immer mit dem Tod zu tun», erklärt Mares Jans, ehemalige Konservatorin des Schweizer Marionettenmuseums in Freiburg. «Die Schattenwelt ist die Totenwelt.»
Einer chinesischen Legende zufolge habe das Schattentheater seinen Ursprung in der Han-Dynastie: Um hundert vor Christus lebte der Kaiser Wudi. Als dessen Frau verstarb, suchte er einen Magier namens Shao Wong auf. Dieser versprach ihm, seine verstorbene Frau wiederauferstehen zu lassen. Dazu spannte er ein Tuch auf, hinter dem er eine Figur mit der Silhouette der Verstorbenen erscheinen liess. Auf diese Weise konnte der Kaiser abends mit dem Schatten seiner Frau reden.
Eine Opfergabe
«Im indonesischen Raum ist das Schattenspiel etwas Heiliges», sagt auch Pierre-Alain Rolle, Freiburger Marionettenspieler und Gründer des Kindertheaters «Guignol à roulettes». In balinesischen Tempeln beispielsweise würden Schattentheater nicht für die Zuschauer aufgeführt, sondern als Opfergabe. «Die Marionettenspieler sitzen hinter den Leuten, diese können das Spektakel gar nicht sehen», sagt er. Das Feuer sei in der hinduistischen Religion heilig. Durch die Verwendung einer Öllampe im Schattenspiel bekomme es seine religiöse Bedeutung. Gespielt würden seit Jahrhunderten immer Stücke aus den zwei grossen hinduistischen Epen Mahabharata und Ramayana.
Aus Asien kam das Schattentheater bis in die Türkei. Dort ist die Figur des Karagöz bis heute sehr beliebt. Er nimmt die Bedeutung ein, die im französischen Raum der Guignol oder im deutschen der Kasper erfüllen. Nach Europa kam das Schattentheater erst im 17. Jahrhundert. «Die europäische Tradition ist im Vergleich zu den anderen Ländern sehr jung», sagt Pierre-Alain Rolle.
Ein Lichtspiel
Das Licht spielt im Schattentheater die wichtigste Rolle: «Der Stil des Lichts definiert den Stil des Theaters», sagt Pierre-Alain Rolle. Das rötliche Licht des Feuers sei typisch für religiöse Werke. Bei kaltem Licht hingegen müsse es sich um ein komisches Stück handeln, wie beim türkischen Karagöz. «Schatten gibt es eigentlich kaum. Man müsste eher von einem Lichtspiel sprechen», sagt er weiter. Gerade in der chinesischen Tradition wird dies deutlich: Die Figuren sind bunt bemalt, und wenn sie vom Licht auf die Leinwand projiziert werden, erkennen die Zuschauer diese Farben. «Das macht das Theater lebendiger, sehr farbig und leuchtend. Schatten jedoch sind darin kaum vorhanden.»
Gerade mit der modernen Technik, wie sie das bekannte italienische Teatro Gioco Vita einsetzt, habe sich das Schattenspiel in den letzten Jahren stark weiterentwickelt, sagt er. «Alles ist mobil: Das Licht kann bewegt werden, die Figuren, sogar die ganze Szene.»