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Der bisher grösste Fehler meines Lebens: über zwei Monate lang zu arbeiten, “alles” durchzuziehen, das Semester zu Ende zu bringen, obschon ich krank war. Das findet auch meine Anwältin. Aber im Nachhinein ist man immer gescheiter, meint auch sie. Das war blöd, so richtig blöd, und wenn ich nur eine einzige Person davon abhalten kann, das Gleiche zu tun, habe ich etwas erreicht.
Mit “krank” sind nicht Erkältungen gemeint, mit “krank” sind (oft schwere und oft komplexe) chronische Erkrankungen gemeint. Mit “krank” sind nicht eine laufende Nase und ein kratzender Hals gemeint – diese sind sowieso häufige Begleiterscheinungen von das Immunsystem unterdrückenden Therapien und für Betroffene meistens nicht wirklich der Rede wert… -, mit “krank” sind innere Entzündungen, Blutungen, Schmerzen, Krämpfe, eine Müdigkeit, die mit den “herkömmlichen” Arten von Müdigkeit herzlich wenig zu tun hat, Übelkeit und Bewusstlosigkeiten gemeint. Mit “krank” ist nicht Kopfweh gemeint; mit “krank” sind Ängste, Unsicherheiten, Ungewissheiten und eine dadurch grosse Bedrängnis gemeint. Ich erinnere mich so genau, als meine Hausärztin mich krankschreiben wollte und sagte, das gehe nicht mehr, als ich ihr sagte, ich müsse die Noten noch ausrechnen und festlegen, die Noten abgeben bzw. in die eigens dafür aufgestellten Computer eintragen, die Noten besprechen an den sogenannten Notenkonventen. An denen dann das Blut floss, so richtig floss; ich habe den Vorfall einmal in einem Text beschrieben. Wie ich versuchte, den Blutfluss zu kontrollieren, zu stoppen. Wie es nicht gelang und ich – zum ungezählten Mal – auf einer der Einzeltoiletten zusammenbrach, wieder zu mir kam, ein Medikament einnahm und an den nächsten Konvent ging.
Und am Mittag in die Kantine, wo ich aber nur einen Tee trank. Und dann nach Hause, wofür ich mich später rechtfertigen musste. Obschon ich an sämtlichen mich betreffenden Notenkonventen teilgenommen und mich für den am Nachmittag stattfindenden allgemeinen Konvent korrekt entschuldigt hatte. Spät zwar, aber korrekt. Nein, die Kinderbetreuung war es nicht gewesen. Und nein, Blutungen und Schmerzen lassen sich weder vorhersehen noch planen noch wegdenken. Ich erinnere mich so genau, wie ich die 100%-Krankschreibung auf 8% (entsprechen zwei Lektionen, nämlich dem Abendkurs, den ich damals gegeben hatte) hinuntergebracht hatte. Bis zum Semesterende, jedenfalls, und zum Unmut meiner Hausärztin, die mich einerseits verstand, andererseits aber auch nicht verstand. Sie sollte recht behalten: Es war dumm gewesen, so richtig dumm, die Schule vor die eigene Gesundheit und somit vor das eigene Leben und die Familie zu stellen. Die Quittung kam dann schon mal am 30. Januar 2016 in Form einer viel zu engen Umarmung und viel zu intensiven Begegnung mit dem Fährmann und eines mir viel zu laut in den Ohren dröhnenden “Now there’ll be no turning back.”
Auch darüber habe ich schon berichtet.
Die zweite Quittung kommt jetzt in Form der Behauptung, meine Kündigung sei selbstverschuldet gewesen. Was diese Behauptung genau bedeutet und in welche Situation sie mich bringt, werde ich beschreiben, wenn die Sache vorüber ist. Was sie innerlich in mir auslöst, kann ich vielleicht gar nie richtig ausdrücken. Aber versuchen werde ich es. Vorerst aber müssen meine Ärztinnen und Ärzte bescheinigen, dass ich nicht erst ab Februar 2016, sondern schon ab November 2015 krank war. Schwierig ist das nicht; wir sind erstens dokumentiert und zweitens haben es schubweise verlaufende Erkrankungen so an sich, dass sie langsam, aber sicher wieder ausbrechen und die meisten Betroffenen wohl hoffen, die Symptome mögen von alleine wieder zurückgehen oder seien vielleicht sowieso etwas anderes, kein erneuter Krankheitsschub. Drittens hatte ich mehrfach und klar kommuniziert, dass ich krank war, und die Kortisontherapie in Bezug auf den Abendkurs, den ich nicht mehr gab, erwähnt. Die hatte ich ja auch nicht zum Spass begonnen… Oder gibt es Leute, die das tun?!
Schade…, ich könnte jetzt schon ein paar so richtig “krasse” Texte schreiben und über ein paar so richtig “krasse” Vorfälle berichten, aber ich muss warten. Das heisst, ich muss nicht, aber ich will. Wenn die Sache vorüber ist, werde ich aber nicht mehr wollen. Dann werde ich berichten müssen – über meinen Fall, über meine momentane Situation, über die Auswirkungen auf meine “Gesundheit”, auf unsere Familie, auf meine Zukunft, über weitere ähnliche Fälle, von denen es viele, viel zu viele gibt. Meine Anwältin hat mir ein paar Beispiele geschildert: erhellend, ernüchternd, erschreckend. Wir sind in der Schweiz. In der Schweiz, wo die Korruption einfach eine andere ist: verborgen, verdeckt, verlogen. Um mich selbst mache ich mir keine grossen Sorgen, frage mich aber je länger, je mehr, wie viele Menschen in diesem furchtbaren System untergehen, unbemerkt untergehen. Für mich sieht es ja ganz gut aus – dank zahlreicher Ressourcen, die nicht mein Verdienst sind, sondern die ich als Geschenk mit auf den Weg bekommen habe. So, wie die Krankheiten nicht meine Schuld sind, sind die Ressourcen nicht mein Verdienst. Ich habe sie einfach, nicht mehr, nicht weniger. Die Ressourcen. Die Krankheiten. Nicht weniger, nicht mehr. Ich habe sie einfach. Darum kann ich mich auch wehren, darum kämpfe ich einen Kampf um ein wenig Gerechtigkeit, und darum sieht es auch ganz gut aus, dass ein wenig Gerechtigkeit in die Geschichte einkehren wird. Wenn dem so sein wird, bin ich sogar bereit, vielleicht doch nicht über ganz alles zu berichten, sondern das eine oder andere für mich zu behalten. Wenn nicht, werde ich zur Kriminalautorin. Gar nicht mein Ding eigentlich, aber ich habe da so einiges auf Lager. Jemandem in Personalunion zu verdanken, würde ich mal vermuten. Hat mein Leben um unschlagbare Erfahrungen bereichert. Echt “cool”. Und vor allem: Mir wäre es sonst ja langweilig geworden, so ein bisschen Herausforderung im Leben tut schon mal gut… Endlich. Mit 44. Danke. Hat auch auf meine “Gesundheit” äusserst positive Einflüsse gehabt, die ich nicht missen möchte.
Die Sommertage geniesse ich trotzdem. Wenn es so heiss ist, sollte ich nicht an die Sonne gehen…, die starke Sonneneinstrahlung könnte einen Krankheitsschub aulösen. Manchmal halte ich mich nicht daran. Bis jetzt habe ich Glück gehabt, ich vertrage das Sonnenlicht erstaunlich gut. Dieses Wochenende jedoch bin ich zu Hause geblieben. Wenn zu den inneren Faktoren, die einen Schub auslösen könnten und die zur Zeit – auch für starke und resiliente Menschen – ein fast untragbares Ausmass angenommen haben, noch äussere Faktoren treten, werden die Erfolgsaussichten der laufenden Therapie erst recht zunichte gemacht. Und nein, ich schreibe jetzt nicht – noch nicht (!) – wie lustig das für mich ist: auf die Sonne und das Zusammensein mit der Familie im Sonnenschein verzichten zu müssen, weil ein paar wenige Leute, da sie ja auf gar keinen Fall verantwortlich sein und auf gar keinen Fall bezahlen wollen, für so viele innere Belastungen sorgen, dass ich mir unmöglich auch noch einen äusseren “Trigger” leisten und die ganze, an sich schon ziemlich harte “Imurek”-Geschichte aufs Spiel setzen kann. Und bitte nicht mit der “anderen Seite” kommen. Die gibt es meistens natürlich schon…, klar; heutzutage wird sie aber oft missbraucht, um Wahrheiten zu vertuschen und um feige sein zu dürfen, anstatt Farbe bekennen zu müssen. Ausserdem: Wenn es bei einer Seite um das Leben geht, wird die “andere Seite” hinfällig. Ausser, es gehe bei ihr auch um das Leben…
Zum Glück haben wir ein Haus mit Garten, und es kann auch ganz schön sein, einmal zu Hause zu bleiben und den Garten – im Schatten (!) – zu geniessen sowie im Haus aufzuräumen. Mein Mann besuchte mit Taieb die “Rheinbadi” bei uns in Eglisau. Sie hätten auf der Wiese am Ufer fast keinen Sitz- und Liegeplatz mehr gefunden, erzählte Taieb. Naila durfte fast das ganze Wochenende mit Pia verbringen, ging mit ihr und Holly, der Hündin ihrer Tochter, im Wald spazieren und machte heute einen achtstündigen Ausflug mit ihr: zu Fuss, mit Rucksack, Picknick, Wurst und Wanderschuhen dem Rhein entlang, Pausen, Spielen und Baden inbegriffen. Unterwegs hätten sie Gedichte von Gottfried Keller gelesen, erzählte Naila. Sie wusste den Namen noch. Gottfried Keller. Eine Art Literatur-Weg. Die Gedichte hätten ihr gefallen.
Und ich solle nächstes Mal auch mitkommen, habe Pia gesagt.