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Verschwinden Kopfbälle aus dem Fussball? Nicht unmöglich. Vor allem in Grossbritannien, aber auch anderswo, packen die Verbände das Problem an, das eine Studie mit 8000 Ex-Fussballern herausfand: Dass Fussballer angeblich ein deutlich höheres Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Als besonders gefährdet gelten Abwehrspieler.
Fussball ohne Kopfball? Fussballspiele ohne Kopfballtore? Eine Regeländerung wäre einschneidend – und würde uns Treffer wie die zehn Exemplare dieser völlig subjektiven Auswahl vorenthalten.
1:0 führt Titelverteidiger Spanien an der WM 2014 im Gruppenspiel gegen die Niederlande, die Pause steht kurz bevor. Da trabt Daley Blind mit dem Ball am Fuss über die Mittellinie, schlägt ihn weit vors Tor – und der Rest ist Geschichte. Robin van Persie setzt an der Strafraumgrenze zum spektakulären Flugkopfball an und trifft zum 1:1.
«Das war das beste Tor meiner Karriere», sagt der zweifache Torschützenkönig der Premier League hinterher. Die Niederländer spielen sich in einen Rausch, gewinnen 5:1 – und weshalb van Persies Bild auf dem Wikipedia-Eintrag zur Oper «Der fliegende Holländer» nicht auftaucht, ist nicht nachvollziehbar.
In Europa ist der Stürmer vor allem ein Begriff, weil er in einem Länderspiel mal drei Penaltys verschoss und weil er einst die WM verpasste, nachdem er vor den Fans jubelte, die Tribüne einstürzte und Palermo sich Schien- und Wadenbein brach. In der Heimat Argentinien ist Martin Palermo hingegen nichts anderes als ein Fussball-Gott, der besonders von Fans der Boca Juniors in einem Atemzug mit Diego Maradona genannt wird.
Für seinen Klub, bei dem er mit 236 Toren Rekordtorschütze ist, erzielte Palermo 2009 gegen Velez Sarsfield einst ein Kopfballtor aus 39 Metern. Kein Wunder, nannte man Palermo auch «El Loco», den Verrückten.
Dass Cristiano Ronaldo zu den besten Fussballern der Geschichte gehört, ist unbestritten. Genauso wie der Fakt, dass sein Kopfballspiel überragend ist und ebenfalls zum Besten gehört, das dieser Sport in dieser Hinsicht gesehen hat.
CR7 besitzt eine Sprungkraft, als ob er Trampoline in den Schuhsohlen hätte. Weit über 100 Treffer erzielte er für seine Klubs schon mit dem Kopf, auch viele der bislang 111 Tore für Portugal buchte Ronaldo mit dem Schädel. Sein wohl spektakulärstes ist das Tor im Video oben, mit dem er Juventus kurz vor Weihnachten 2019 zum 2:1-Sieg bei Sampdoria schoss. Mit dem Kopf stieg er damals auf 2,56 Meter hoch und schien dabei für einen Moment in der Luft zu stehen.
Nach der nervenaufreibenden Barrage für die WM 2006 gegen die Türkei sorgte die Schweizer Fussball-Nati auch am Turnier in Deutschland für Schlagzeilen. Nach einem 0:0 gegen Frankreich und dem legendären 2:0-Sieg gegen Togo im mit Schweizer Fans gefüllten Dortmunder Westfalenstadion stand zum Abschluss der Gruppenphase das Duell mit Südkorea in Hannover an. Philippe Senderos erzielte das berühmteste Tor seiner Karriere – das nicht nur deswegen so berühmt wurde, weil der Ball den Weg ins Netz fand. Unmittelbar nachdem er mit der Stirn den Ball bugsiert hatte, prallte Senderos mit der Stirn in einen Gegenspieler. Das Bild, wie er blutend den Treffer feiert, brannte sich ins Gedächtnis der Schweizer Fussballfans ein.
Die Schweiz hatte sich als Gruppensiegerin für den Achtelfinal gegen die Ukraine qualifiziert (ein Spiel, das wir am liebsten für immer vergessen würden). Für Senderos war die WM da aber bereits vorbei. Zwar konnte er nach dem Zusammenprall der Köpfe weiterspielen, kurz nach der Pause musste er jedoch mit einer ausgekugelten Schulter ausgewechselt werden. Für ihn kam Johan Djourou – der dann im Achtelfinal ebenfalls verletzt ausschied. Irgendwie leider symptomatisch.
«Abédi, was hast du gemacht?», fragte Basile Boli im Mai 1993 seinen Mitspieler Abédi Pelé, «innerhalb von drei Tagen hast du mich zwei Tore fürs Geschichtsbuch erzielen lassen!»
Das brillant herauskombinierte und herrlich erzielte Tor war sein zweiter Treffer, erzielt im Stile eines Torpedos im Schlager zwischen Olympique Marseille und Paris Saint-Germain. Verteidiger Boli, 45-facher französischer Nationalspieler, hatte am Mittwochabend OM mit seinem Kopfballtor beim 1:0-Sieg gegen die AC Milan (Video unten) zum ersten Gewinner der neuen Champions League gemacht, nun stand am Samstag das vorentscheidende Direktduell um die französische Meisterschaft an. Marseille mit Fabien Barthez, Marcel Desailly, Didier Deschamps und Rudi Völler schlug PSG mit George Weah und David Ginola 3:1 und holte sich den Titel. Später wurde er wegen der Manipulation eines anderen Spiels aberkannt.
Logisch, eines seiner beiden berühmtesten Tore erzielte er mit dem Kopf – glaubte zumindest der Schiedsrichter. Diego Maradona selber gab nach dem Sieg über England an der WM 1986 zu, dass die «Hand Gottes» ihm dabei geholfen habe.
Doch Maradona erzielte trotz seiner geringen Körpergrosse von 1,65 Meter auch reguläre Kopfballtore. So wie dieses hier für Napoli gegen Milan-Keeper Giovanni Galli. Ein weiterer Beleg für das unfassbare Genie, das der «Goldjunge» war. Denn Maradonas Lob war keine Verzweiflungstat, sondern pure Absicht, und der Kopfball präzise getimt und mit der nötigen Kraft ausgeführt. Ein Meisterwerk des ewigen Meisters:
Kein klassisches Kopfballtor, aber eines, das man sich immer wieder gerne anschaut – solange man nicht Chris Brass, geboren 1975 in Easington (England) ist. Der Verteidiger des FC Bury brachte 2006 das Kunststück fertig, sich den Ball an den eigenen Kopf zu schiessen, von wo aus er dann ins falsche Tor flog. Dabei verletzte sich Brass zu allem Übel auch noch an der Nase. «Das Stadion in Darlington ist nicht gross, es waren vielleicht 4000 Leute da, aber jeder einzelne von ihnen lachte. Wir waren fassungslos und ich bin mir sicher, dass ‹Brassy› am liebsten im Erdboden versunken wäre», erinnerte sich Mitspieler Dave Challinor später. «In der Kabine sagte niemand ein Wort, aber jeder dachte: Ist das gerade wirklich geschehen?»
Chris Brass schilderte gegenüber «The Athletic»: «Der Ball kam herein und ich dachte, dass ein Darlington-Spieler im Abseits stand. Ich hob den Arm, um zu reklamieren, und dachte, ich schlage den Ball einfach weg und verliere ein bisschen Zeit. Ich habe zu gut getroffen und der Ball prallte gegen mein Gesicht. Ich erwartete noch die Abseitsfahne, aber es gab keinen Freistoss.»
Die BBC tröstete den Unglücksraben mit den Worten: «Das war so ein grosses Pech, dass selbst die talentiertesten Fussballer der Welt es nicht schaffen würden, dieses Tor zu kopieren, wenn sie es den ganzen Tag versuchen würden.» Zum Glück für Brass gewann sein Team dennoch 3:2. «Es ist wahrscheinlich das einzige Mal, dass ich einen Mitspieler auf dem Spielfeld geküsst habe», sagte Brass, dem ein Stein vom Herzen gefallen war. «Ich werde Matthew Tipton ewig für sein Siegtor dankbar sein.»
Erstmals traf in der Bundesliga ein Torhüter aus dem Spiel heraus, also nicht vom Penaltypunkt. Das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 war im Dezember 1997 auch das Duell zwischen dem amtierenden Champions-League- und dem amtierenden UEFA-Cup-Sieger. Schalke lag 1:2 zurück, immer wieder war Goalie Jens Lehmann nach vorne gesprintet, um beim Ausgleich mitzuhelfen.
Auch tief in der Nachspielzeit war er im Strafraum – und köpfte den Ball zum 2:2 ins Tor. «Ich habe dem Johan (de Kock, d.Red.) gesagt, ich gehe auf den langen Pfosten, und irgendwie kam der Ball dann dahin. Und dann stand ich da und dann war's auch nicht mehr schwer», strahlte Lehmann. Dass dem Treffer ein Makel anhaftete, brauchte den Keeper nicht zu kümmern. Denn der Eckball, der ihm vorausging, war keiner. Lehmann rettete Schalke einen Punkt, wechselte wenig später zur AC Milan und nach wenigen Monaten von dort zum Rivalen BVB.
Mit Kopfbällen können nicht nur Tore erzielt, sondern auch verhindert werden. In dieser Beziehung nur schwierig zu toppen ist eine Parade von Lyons Torhüter Grégory Coupet aus der Champions-League-Saison 2001/02 im Camp Nou. Nach einem verpatzten Rückpass von Verteidiger Caçapa schien der Ball über ihn hinweg ins Tor zu segeln. Doch Coupet setzte in höchster Not zum rettenden Kopfball an und lenkte den Ball noch an die Latte. Von da klatschte er zurück ins Spiel, Barcelonas Rivaldo nahm Mass – doch mit einem Wahnsinnsreflex rettete Coupet ein zweites Mal in Extremis.
Während Caçapa scherzte, sie hätten das mit Absicht gemacht, wurde Coupet das Ausmass seines Doppel-Saves erst mit der Zeit bewusst. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen, erst in den vergangenen Jahren sei seine Parade immer bekannter geworden. «Mir ist klar geworden, dass sie vielen Menschen Eindruck gemacht hat.»
Innenverteidiger Sergio Ramos von
Real Madrid Paris Saint-Germain (daran muss man sich erst gewöhnen) zählt seit Jahren zu den besten Kopfballspielern des Planeten. Den Spanier zeichnet es zudem aus, dass er immer dann zu treffen scheint, wenn es wirklich zählt – wie im Champions-League-Final 2014.
Stadtrivale Atlético Madrid führte mit 1:0, hatte schon eine Hand am Henkelpott, als Real in der 93. Minute noch einmal einen Corner schlagen durfte. Luka Modric flankte zur Mitte, wo Sergio Ramos sich in die Höhe wuchtete und zum Ausgleich traf: Verlängerung! Die «Königlichen» gewannen 4:1 und feierten «La Decima», den zehnten Triumph in Meistercup oder in der Champions League. «Dieses Tor hat etwas verändert», sagte Modric im Rückblick. «Die Mentalität hat sich verändert. Von diesem Moment an wurden wir sehr stark in Europa und die gegnerischen Teams hatten Angst vor uns.» Die Folge: Real Madrid gewann die Champions League auch 2016, 2017 und 2018.
Mannschaftsport ist im Jahre 1992 in der Schweiz populär wie vielleicht nie zuvor. Die Eishockey-Nationalmannschaft stürmt bei der WM in Prag bis ins Halbfinale und auf den 4. WM-Schlussrang. Die Fussballer starten mit einem 6:0 in Estland, einem 3:1 über Schottland, einem 2:2 auswärts gegen Weltmeister Italien und einem 3:0 gegen Malta sensationell in die WM-Qualifikation.