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Titel
Bennigsen,
alte niedersächs. Adelsfamilie, erbaute im 13. Jahrh. die Burg Bennigsen im Amt Kalenberg; bemerkenswert sind:
1) Levin August Theophil, Graf von, russ. General, geb. zu Braunschweig, [* 2] ward 1755 Page am hannöverschen Hof, [* 3] 1759 Fähnrich in der hannöverschen Fußgarde und nahm als Hauptmann an dem letzten Feldzug des Siebenjährigen Kriegs teil. Nach dem Tod seines Vaters Besitzer des Guts Banteln, nahm er den Abschied, lebte jedoch so verschwenderisch, daß seine Finanzen in Verfall kamen, und trat daher 1773 als Premiermajor des Wjatkaschen Musketierregiments in das russische Heer ein. 1774 focht er unter Rumänzow gegen die Türken, 1778 ward er Oberstleutnant und zur Reiterei versetzt; nach dem Sturm auf Otschakow unter Potemkin wurde er 1790 Oberst. 1792 führte er in Litauen ein fliegendes Korps zur Deckung von Weißrußland. 1794 schlug er die Polen bei Soly und wurde zum Generalmajor befördert. Im Juli nahm er bei Wilna [* 4] eine feindliche Batterie, wofür er bedeutende Landgüter im Gouvernement Minsk erhielt. Im Krieg mit Persien [* 5] 1796 trug er wesentlich zur Einnahme von Derbent bei.
In dem folgenden zehnjährigen Frieden avancierte er 1798 zum Generalleutnant und 1802 zum General der Kavallerie. Er war eins der Häupter der Verschwörung gegen Kaiser Paul und trug bei der Ermordung Pauls wesentlich zum Gelingen des Attentats bei, wiewohl er bei der Ausführung selbst nicht gegenwärtig war. Von Kaiser Alexander zum Generalgouverneur von Litauen und dann zum General der Kavallerie ernannt, zog er im November 1805 mit der Nordarmee Österreich [* 6] zu Hilfe, erhielt aber bei Breslau [* 7] den Befehl zur Rückkehr, da der Preßburger Friede geschlossen worden war. Im Oktober 1806 rückte er mit einem starken Hilfskorps in Preußen [* 8] ein u. behauptete seine Stellung bei Pultusk gegen den heftigen Angriff der Franzosen wodurch das russische Heer aus einer mißlichen Lage gerettet wurde.
Kaiser Alexander ernannte ihn dafür zum Oberbefehlshaber der Armee. Als solcher lieferte er den Franzosen die Schlachten [* 9] bei Eylau (7.-8. Febr. 1807), in welcher die Russen sich für die Sieger hielten, und bei Friedland, in der er eine entscheidende Niederlage erlitt, welche den Frieden bei Tilsit [* 10] 1807 zur Folge hatte. Seitdem lebte Bennigsen bis 1812 auf seinen Gütern bei Wilna. Bei Eröffnung des Feldzugs von 1812 befand er sich in der Umgebung des Kaisers, nahm an der Schlacht bei Borodino teil und schlug Murat bei Tarutino (18. Okt.). Bald darauf begab er sich wegen Differenzen mit Kutusow auf seine Güter zurück, wurde aber Anfang 1813 zum Oberbefehlshaber der neuformierten sogen. polnischen Armee ernannt und rückte mit derselben Anfang Juli in das Herzogtum Warschau [* 11] ein. Nachdem er 12. Okt. Saint-Cyr bei Dohna geschlagen und nach Dresden [* 12] zurückgetrieben hatte, eilte er in forcierten Märschen nach Leipzig, [* 13] wo er am 17. gegen Abend eintraf und durch das Übergewicht, das er den Verbündeten gab, den Sieg sicherte. Am 18. Okt. erhielt er den Befehl über den rechten Flügel der verbündeten Armee und erstürmte am 19. die Grimmaische Vorstadt von Leipzig. Hier wurde er vom Kaiser Alexander I. in den Grafenstand erhoben und hatte dem König von Sachsen [* 14] die Gefangenschaft anzukündigen. Dann schloß er Torgau, [* 15] Wittenberg [* 16] und Magdeburg [* 17] ein und befehligte auch die Truppen, welche Saint-Cyr in Dresden beobachteten. Im Dezember schritt er zur Einschließung von Hamburg [* 18] und blockierte dasselbe bis zum ersten Pariser Frieden. Darauf ward er zum Oberbefehlshaber der südlichen Armee ernannt, welche in Bessarabien gegen die Türken aufgestellt wurde, nahm aber 1818 wegen zerrütteter Gesundheit seine Entlassung und verlebte den Rest seiner Tage in Hannover, [* 19] wo er starb. Er verfaßte ein taktisches Werk über die allen Offizieren unentbehrlichen Kenntnisse (2. Aufl., Wilna 1805).
2) Alexander Levin, Graf von, hannöv. Staatsmann, Sohn des vorigen, geb. zu Zakret bei Wilna, kam 1818 mit seinem Vater nach Hannover, wo er das Lyceum besuchte, studierte seit 1826 zu Göttingen [* 20] die Rechte und trat 1830 in den hannöverschen Staatsdienst, aus welchem er 1840 wegen Kränklichkeit wieder ausschied. 1841 wählte ihn die Provinziallandschaft der Fürstentümer Kalenberg, Göttingen und Grubenhagen zum Schatzrat, womit er zugleich Mitglied der Ersten Kammer der hannöverschen Ständeversammlung sowie des Obersteuerkollegiums und der Generaldirektion der indirekten Steuern wurde. Am beauftragte ihn der König mit der Bildung eines neuen Ministeriums, in welchem er das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten und des königlichen Hauses sowie den Vorsitz erhielt.
Eine Sendung nach Wien [* 21] in Betreff der deutschen Angelegenheiten, mit welcher er im Februar 1850 betraut wurde, hatte nicht den gewünschten Erfolg. Am erhielt er die von ihm und seinen Kollegen wiederholt nachgesuchte Entlassung. Auch nach derselben blieb er den Staatsgeschäften nicht fern und suchte als Mitglied und als Präsident der Ersten (später der Zweiten) Kammer zwischen den Reaktionsgelüsten des Ministeriums und den Forderungen der Liberalen zu vermitteln.
Als er aber zum Teil in solchen Dingen, welche, wie die Domanialausscheidung, die persönlichsten Interessen des Monarchen berührten, in entschiedene Opposition zur Regierung trat, fiel er beim König in völlige Ungnade und sah sich auch aus der Kammer auf Grund der Verordnung vom welche auch für die pensionierten Staatsminister die Nachsuchung eines Urlaubs festsetzte, ausgeschlossen. 1864 sendete ihn die Hauptstadt als ihren Vertreter in die Zweite Kammer, welche ihm aufs neue den Vorsitz übertrug. Seit 1866 lebt er in völliger Zurückgezogenheit.
3) Rudolf von, deutscher Staatsmann, geb. zu Lüneburg, [* 22] wo sein Vater, der als Generalmajor a. D. in Hildesheim [* 23] starb, in Garnison stand, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt, dann das Lyceum zu Hannover und studierte von 1842 bis 1845 in Göttingen und Heidelberg [* 24] die Rechte. 1846 trat er als Amtsauditor zu Lüchow in den Staatsdienst, ward bald darauf nach Osnabrück [* 25] versetzt, kam 1850 als Justizkanzleiassessor nach Aurich [* 26] und 1852 auf kurze Zeit nach Osnabrück zurück, um im Herbst d. J. bei der großen Umgestaltung der Rechtspflege als Stellvertreter des Staatsanwalts in die Hauptstadt überzusiedeln. 1854 ward er als Richter an das Obergericht in Göttingen versetzt. 1855 zu Aurich in die Zweite Kammer gewählt, nahm er, da ihm die erforderliche Erlaubnis zum Eintritt versagt ward, 1856 seinen Abschied aus dem Staatsdienst und übernahm die Verwaltung des Familienguts am Deistergebirge. Nachdem er 1856 in Göttingen zum Mitglied der Zweiten Kammer gewählt worden, trat er in derselben bald an die Spitze der liberalen und nationalen Opposition gegen das Ministerium Borries. Nach dem Wiederaufleben der deutschen Frage nahm er auch diese Bewegung in die Hand. [* 27] In einem von ihm verfaßten Schriftstück erklärten 35 hannöversche Politiker daß die Bundesverfassung Deutschland [* 28] nicht zu sichern ¶
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vermöge und einer starken, von einem Parlament umgebenen Zentralgewalt Platz machen müsse, wozu sie als den einzig möglichen Weg Preußens [* 30] gesetzliche Initiative bezeichneten. Diese Erklärung traf mit einer ähnlichen Regung in Thüringen zusammen, und nachdem beide Gruppen sich 14. Aug. zu Eisenach [* 31] und 15. und 16. Sept. zu Frankfurt [* 32] a. M. verständigt hatten, ward der Deutsche [* 33] Nationalverein gegründet, dessen Vorsitzender bis 1867 Bennigsen war. Im Frühjahr 1866 bemühte sich Bennigsen vergebens, Hannover vor dem Bündnis mit Österreich zu bewahren, und erhob noch im letzten Augenblick warnend seine Stimme.
Nach der Annexion trat er als Abgeordneter für den Wahlkreis Otterndorf-Neuhaus in das preußische Abgeordnetenhaus und den norddeutschen, später den deutschen Reichstag, welchen Versammlungen er seitdem ununterbrochen angehörte. Er war bei der Einfügung Hannovers in den preußischen Staat und bei der Gründung des Deutschen Reichs hervorragend beteiligt und gehörte bald zu den Führern der nationalliberalen Partei. Das Abgeordnetenhaus wählte ihn wiederholt zum Vizepräsidenten, 1873-79 stand er als Präsident an der Spitze desselben. 1868 wurde er vom hannöverschen Provinziallandtag zum Landesdirektor der Provinz ernannt.
An den Debatten der Parlamente beteiligte sich Bennigsen nur bei wichtigen Gelegenheiten der innern und äußern Politik, bewährte sich aber bei jedem Auftreten als bedeutender und wirksamer Redner und bemühte sich lange mit Erfolg, ein Zusammenwirken der nationalliberalen Partei mit der Regierung und Bismarck zu ermöglichen. Er brachte 1874 das Kompromiß über die Militärfrage und 1876 das über die Justizgesetze ein und verteidigte diese Anträge mit Entschiedenheit und mit Glück.
Nachdem ein Plan, ihn in das Ministerium zu ziehen, sich 1878 zerschlagen hatte, trat eine Verstimmung zwischen ihm und Bismarck infolge der Ablehnung des Sozialistengesetzes ein, welche sich durch Bennigsens Opposition gegen die neue Zoll- und Wirtschaftspolitik steigerte. 1879 ward Bennigsen von der konservativ-ultramontanen Majorität des Abgeordnetenhauses nicht wieder zum Präsidenten gewählt. Da infolge der Verschärfung der Gegensätze zwischen Bismarck und den Liberalen seine vermittelnde Politik aussichtslos war, legte er 1883 seine Mandate für den Reichstag und das Abgeordnetenhaus nieder und beteiligte sich nur noch als Leiter der hannöverschen Nationalliberalen an der Politik.