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Gastbeitrag von Sylvia Oehninger, Winterthur
Die Amerkikanerin Lily King entführt uns mit ihrem Roman „Euphoria“ nach Neuguinea. Dort untersuchen in den 30er Jahren drei junge Forscher, ein Ehepaar und ein einzelner Mann, Stämme von Eingeborenen am Fluss Sepik.
Für die Frau „Nell“ dient die berühmte Ethnologin Margarete Mead als Vorbild, ansonsten ist die Geschichte Fiktion.
Das Werk, packend geschrieben, kann einfach als Abenteuergeschichte gelesen werden. Wer in tiefere Schichten vordringt, findet sich mitten in heute noch akutellen Auseinandersetzungen:
Da ist einmal das Gender-Thema: Nell und ihr Ehemann brechen zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt auf. Die Abmachung lautet: Sie erforscht das Leben der Frauen und Kinder, er bearbeitet die Männerbereiche, zu denen Frauen keinen Zutritt haben. Gemeinsam will das Paar die Ergebnisse zusammengetragen und publizieren.Mit dem Forscher Andrew Bankson bildet sich rasch ein klassisches Dreiecksverhältnis: Bankson erforscht mit dem Geld seiner Mutter allein einen Stamm am Sepik. Nach einem Jahr fühlt er sich so einsam, dass er versucht sich umzubringen.
Für ihn ist die Ankunft des Forscherpaars zunächst ein Segen. Er gewinnt neuen Lebensmut und setzt all seine Hoffnungen in die beiden.
Er ist fasziniert von Nells Arbeitsweise, überglücklich eine Gesprächspartnerin für seine Arbeit gefunden zu haben und verliebt sich in sie.
Ihr Ehemann versucht, ihn auf seine Seite zu ziehen und nimmt ihn mit an die Männerveranstaltungen. Er ist eifersüchtig auf den Erfolg seiner Frau, die mit ihrem früheren Buch einen Bestseller geschrieben hatte. Entgegen der Abmachung hört er auf, die Lebensweise der Männer zu dokumentieren und versteckt seine Ergebnisse vor ihr, weil er ein eigenes Buch schreiben will.
Bankson ist hin und hergerissen zwischen den beiden. Er empfindet Mitgefühl für Nell, die krank ist und versorgt die offenen Wunden an ihren Beinen. Nell, die unter der Rohheit und Gleichgültigkeit ihres Mannes leidet, ist empfänglich für die Fürsorge des Freundes.
Das zweite grosse Thema zeigt, wie die Anthropologen kolonialistische Denk- und Verhaltensweisen mitbringen, denen sie sich grösstenteils nicht bewusst sind und die ihre Ergebnisse beeinflussen und letztlich die Kultur, die sie gefunden haben verändern und stören:
Nell mischt sich unter die Frauen, macht regelmässig Veranstaltungen in ihrem Haus, wo sie sie interviewt und schreibt jedes Wort auf, auf ihrer Schreibmaschine, die sie samt Schreibtisch und umfassender Bibliothek von Einheimischen in den Dschungel transportieren lässt. Einmal hilft sie bei der Geburt eines Kindes, das später stirbt.
Ihr Mann beteiligt sich an Jagden und Ritualen und gewinnt so das Vertrauen der Männer, das er später schwer missbraucht. Er reflektiert sein Verhalten nicht mehr und benimmt sich eher als Abenteuertourist statt als Forscher.
Der Roman portraitiert eine einmalige Forscherpersönlichkeit und ihre Zeit und ist so sinnlich geschrieben, dass er zunehmend einen Sog entwickelt. Wir halten den Atem und staunen, wie die drei Protagonisten ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit und ihr Leben immer tiefer in das Dickicht von Verrat und Begehren verirren, getrieben von der Gier nach Ruhm, Erkenntnis und den Fieberschüben der Malaria.
Lily King: Euphoria; Deutsch C.H. Beck, München 2015