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Gesprächsstoff:
Florian Grafs Rollenspiel
In den Filmen Subversive (2009) und Air (2010) spielt Florian Graf die Rolle des Aktionskünstlers Olf Graphenheim. Im ersteren beseitigt er als Olf Graffiti, also eine Umkehrung von dem, was man sonst als subversiv bezeichnet und eine Handlung, die nicht ein Objekt schafft, sondern es tilgt. Obwohl der leidenschaftliche Olf vollkommen überzeugend wirkt, existiert dieser nur dank Graf, der den fiktiven Künstler spielt, der seinerseits den «realen» Künstler, der ihn spielt, parodiert. In verschiedenen Projekten versetzt sich Florian Graf in Situationen, in denen die «ziellose Zielgerichtetheit» der Kunst dazu führt, die Grenzen zwischen Disziplinen und Orten zu verwischen und Barrieren in Verbindungen zu verwandeln, so dass die Betrachter ihre gedanklichen Automatismen hinterfragen und die Welt auf neue, ungeahnte Weise wahrnehmen.Graf hat auch andere Rollen gespielt, etwa in der Fotoserie Orkney Conqueror (2007) als Trenchcoat-Soldat im Zweiten Weltkrieg, wo er auf das Verhältnis zwischen Landschaft, Gedächtnis und Geschichtsdarstellung eingeht. In den Fotografien sieht man ihn alleine mitten in vom Winde verwehten Ruinen militärischer Installationen. Dabei versetzt er uns in eine andere historische Dimension und verwandelt sie in eine romantische Fiktion, in Bilder, die eine verlorene, fremde Vergangenheit evozieren und zugleich ersetzen und somit die Fragwürdigkeit solcher Darstellungen als Sinnbilder der Geschichte vor Augen führen.Eine weitere Rolle, in die Graf schlüpft, ist die eines Händlers in einer fiktiven Immobilienfirma, die es einmal im Jahre 2009 in Cumbernauld tatsächlich gab. Cumbernauld ist eine «neue Stadt» in Schottland, die in den 1960er Jahren als Auffangbecken für Glasgows Bevölkerungsüberschuss grosses Lob geerntet hatte. Seither ist sie jedoch zum Inbegriff für städtischen Zerfall und den damit verbundenen sozialen Problemen geworden. Graf entwirft für sein Projekt U(r)agency absurde Werbeanzeigen und parodiert die Vorstellungen und Fantasien zukünftiger Hauseigentümer, z. B. das Bedürfnis nach Sicherheit oder das Spannungsfeld zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, und zwar so, dass hinter der Zerstörung der Gegenwart die Freuden der Landschaftsgärten mit ihren Verspieltheiten und Ausblicken hindurchscheinen.Nicht nur dem Künstler, auch Gegenständen und Gebäuden werden Rollen zugeteilt. Das Verständnis von Raum und Zeit hat sich durch die globale Migration und die damit verbundene Entwurzelung radikal verändert. In Presumptions (2008) fotografierte Graf Bauten, als ob sie über einer felsigen, moosbedeckten Meereslandschaft oder über einem Hafen schweben würden. Das Schweben deutet ganz wörtlich die Entwurzelung an. Grafs Arbeiten spielen oft mit dem Gegensatz zwischen Obersicht, also einem Überblick, der vermeintlich das Ganze versteht, und der Einbettung in einen bestimmten Schauplatz oder in eine bestimmte Situation. Teil von Edinburgh CloseUp (2008), einem Projekt, das Graf mit zwei Freunden am Edinburgh Art Festival lancierte, war Watch Out, eine architektonische Intervention in der Strasse Advocates Close, wo Graf einen kleinen Turm auf einer Mauer errichtete. Er spielte so mit der Idee des Überblicks in seinen zwei Bedeutungen: ein Über-blick und etwas, das leicht über-sehen wird. Das Machtgehabe wird durch einen Bau, der sich erhaben und bescheiden zugleich gibt, unterlaufen.Grafs Eingriffe verkehren oft die angebliche Beziehung zwischen aktivem Subjekt und passivem Objekt ins Gegenteil. Für sein Projekt an der Art Chicago 2010, Waltzing Walls, schuf Graf drei frei stehende Stellwände, auf die er Bilder montierte. Doch diese wanderten dank eines im Innern versteckten Assistenten in der Ausstellung umher. In der ganzen Ausstellung verteilte Zettel mit Kontaktnummer gaben an, ein Galerist suche verzweifelt nach seinen abhanden gekommenen Skulpturen. Die Nummer war an einen Anrufbeantworter angeschlossen, so dass die Reaktionen der Leute an Grafs Stand zu hören waren. Die Wände, gewöhnlich nur der «Hintergrund» der Kunst, wurden aktiv und unterbrachen das geschäftige Kaufen und Verkaufen von Kunstgegenständen. Der Kunstmarkt wurde für einen Moment zum Karneval.Grafs Interventionen machen Grenzen durchlässig und übertretbar. Die ortsspezifische Installation College Support (2009) bestand aus einer hohlen quadratischen Säule, die alle Etagen des Edinburgh College of Art durchlief. Beim Anblick einer kleinen Tür zuunterst an der Säule dachten die Betrachter unwillkürlich an Gulliver in Liliput. Die Grössenordnung verkehrte sich ins Gegenteil, wenn der Betrachter von einem Balkon aus hinein schaute und den Kopf eines Kindes erblickte, das wie in einer Falle steckte – eingeengt durch die Säulenwände und dadurch an seiner Entwicklung gehindert. Das Projekt deutet auf eine grundsätzliche Mehrdeutigkeit: Bietet die Kunstschule Befreiung oder ist sie eine Form von Zwang? Dies verweist wiederum auf die Architektur: Richtet sich ein Gebäude nach seinem Programm oder regt es die Einbildungskraft an? Es gibt noch einen weiteren Aspekt: Eine Säule ist eigentlich ein statisches Element, hier jedoch ist sie ein Kunstwerk ohne Funktion, denn sie stützt und trägt nichts. Es ist gerade diese ästhetische Zwecklosigkeit, die es ermöglicht, dass man beim Betrachten der Säule solche Verbindungen macht.In The Folly of De-Fence (2010), einem Projekt für den Kunstverein Binningen, verwandelte Graf einen Lattenzaun dergestalt, dass er nicht mehr den Garten eines Privathauses defensiv eingrenzte, sondern eher als Tor zu einer Ranch in einem Western oder als räumliche Verbindung wie in einem abstrakten Bild wirkte. Die Rolle des Zauns wird zu einer Art Tor-heit, zu etwas Verrücktem und zu einem funktionslosen architektonischen Element, das amüsiert und für Gesprächsstoff sorgt. Grafs Kunst ist utopisch, nicht in dem Sinn, dass sie eine der Gegenwart entgegengesetzte Zukunft projiziert, sondern indem sie die Gegenwart sich selber entgegensetzt.
Michael Newman ist Professor für Kunstkritik am Goldsmiths College an der University of London, und Dozent für Kunstgeschichte, Theorie und Kunstkritik an der School of the Art Institute of Chicago; Publikationen über Richard Prince (2006), Jeff Wall (2007) und Seth Price (2010) und Verfasser vieler Beiträge zur modernen und zeitgenössischen Kunst.
2011