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| Tertullian († um 220) - Gegen Hermogenes. (Adversus Hermogenes)

6. Cap. Er sagt weiter, die Materie besitze unbeschadet der Eigenschaften Gottes die Ewigkeit und andere göttliche Eigenschaften. Man kann ihm aber seinen Satz auch umkehren und sagen: Gott besitzt sie unbeschadet der Materie. Es kommt nun darauf an, was denn die Materie im Unterschiede von Gott für Eigenschaften besitze.
Der einzige zu sein, der erste, der Urheber und Herr aller Dinge und mit niemandem vergleichbar — das, behauptet Hermogenes zwar, sei Gott allein vorbehalten, legt aber eben diese Eigenschaften alsbald auch der Materie bei. Gott ist allerdings so. Gott wird das selbst bezeugen und er hat es zuweilen auch bei sich selbst beschworen, dass kein anderer sei wie er.1 Allein Hermogenes macht ihn zum Lügner. Denn seine Materie würde gerade so sein, wie Gott, ungeschaffen, unentstanden, ohne Anfang und ohne Ende. Gott sagt also: „Ich bin der erste.”2 — Wie könnte er der erste sein, wenn die Materie ebenso alt ist? Bei gleichaltrigen und gleichzeitigen Dingen kann es keine Aufeinanderfolge geben. Oder war etwa die Materie auch zuerst? „Ich habe allein den Himmel [S. 67] ausgespannt”, sagt Gott.3 Aber er hat es ja nicht allein gethan, denn er hat ihn in Gesellschaft mit der ausgespannt, aus der er ihn entnahm. Wenn unser Gegner den Satz aufstellt, die Materie habe existiert, ohne das Bestehen Gottes zu beeinträchtigen, so kann es ihm passieren, dass er von uns mit der Gegenbemerkung verhöhnt wird, dann habe ebenso Gott existiert ohne Beeinträchtigung des Bestehens der Materie, da das Bestehen ja beiden gemeinsam zukommt. Es würde auch also der Materie ihre Existenz verbleiben, aber in Gemeinschaft mit Gott; denn auch Gott existiert ja allein, aber — in Gemeinschaft mit ihr. Sie war auch das erste Existierende — in Gemeinschaft mit Gott; denn Gott war ja auch der erste — in Gemeinschaft mit ihr. Sie ist mit nichts zu vergleichen — in Gemeinschaft mit Gott, da ja auch Gott mit nichts zu vergleichen ist — aber in Gemeinschaft mit ihr. Sie ist auch Urheberin der Dinge — zusammen mit Gott — und Herrin — mit Gott. Das heisst es, Gott habe einige, aber nicht alle Eigenschaften der Materie. Somit hat Hermogenes Gott nichts übrig gelassen, was er nicht auch der Materie beilegt, so dass nicht sowohl die Materie von Gott, als Gott von der Materie absorbiert wird. Wenn folglich die Eigenschaft, die wir als Gott zustehend reservieren, nämlich allzeit existiert zu haben, ohne Anfang und ohne Ende, und der erste und einzige Urheber aller Dinge gewesen zu sein, der Materie ebenfalls zukommt, so frage ich: Welche Eigenschaften hat denn die Materie noch im Unterschiede und abgesehen von Gott und folglich für sich allein besessen, vermöge deren sie mit Gott nicht in Vergleich gestellt werden kann? Da alle Eigenschaften Gottes bei ihr vorkommen, so gibt das für sonstige Gleichheit genügende Anhaltspunkte.
1: Is. 45, 23.
2: Is. 41, 4; 44, 6.
3: Is. 44, 24.