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Nach etwas mehr als zwei Jahren ist im Wallstein-Verlag eine weitere Abteilung der Tagebücher des Hamburger Oberaltensekretärs Ferdinand Beneke erschienen. Die Herausgeber haben sich dafür entschieden, nach Teil I zuerst Teil III zu liefern; Teil II soll offenbar im Jahr 2018 folgen. Teil III enthält die Jahre 1811 – 1816 und umfasst 2 Bände eigentliches Tagebuch + 4 Bände Beilagen (das sind Briefe und weitere Schriftstücke, die die Tagebucheinträge erläutern sollen und oft schon von Beneke selber in dieses hineingesteckt worden sind). In Teil III ist ausserdem der Begleitband der Herausgeber als erstes eingeordnet, nicht als letztes, wie in Teil I. Wie schon beim Begleitband I lässt Begleitband III kaum Wünsche offen, was die ‘technische’ Seite betrifft: Ein Index der Personen, Abkürzungen und französischen Begriffe, die Beneke verwendet, ist Selbstverständlichkeit. Es gilt also für Begleitband III, was ich schon bei Begleitband I festgehalten habe:
Der Beiband zu Ferdinand Benekes Tagebüchern unterscheidet sich schon optisch von den eigentlichen Tagebüchern: Broschur statt Leinen und weisser Buchrücken statt roter. Dieser Beiband ist mehr als das übliche Personenverzeichnis (hat es auch) oder gar die übliche Auflösung von rätselhaften Stellen und idiosynkratischen Abkürzungen (hat es auch). Dieser Beiband ist in Tat und Wahrheit ein ganzer Theorie- und Geschichtsband, der vieles berührt und in vielem weit über Beneke hinausgeht. (Zu finden hier)
Nur, dass diesmal der von Frank Hatje verfasste, rund 100-seitige Essay Leben und Ansichten der Ferdinand Beneke, Dr. näher an Beneke bleibt als die Essays in Begleitband I dies taten. Das wird allerdings auch dadurch erreicht, dass Beneke zum Modell des Bildungsbürgers seiner Zeit gestempelt wird. (Auch der Begriff ‘Bildungsbürger’, der so einfach nicht ist, wird übrigens im Rahmen des Essays diskutiert!) So kann Hatje eine dreistufige Entwicklung von Benekes Denken in Bezug auf die Religion feststellen. Da ist der junge, von der Freimaurerei und der Französischen Revolution beeinflusste Mann, der in einem Zeitraum von 10 oder 15 Jahren gerade zweimal das Abendmahl einnimmt. Er glaubt an eine Existenz der Seele vor der Geburt, womit er sich mit Aufklärern wie Leibniz, Lessing oder Kant trifft.
Ab 1817 kommt Beneke mit den Werken seines Leidensgenossen in Ausbildung und ungeliebtem Amt in Berührung, E. T. A. Hoffmann. Beiden ist ein gewisser Mystizismus und eine Liebe für Mozarts Spätwerk eigen. Beneke – der jetzt öfters zur Kirche geht als auch schon und das Abendmahl regelmässig einnimmt – vermisst seit den neuesten Anpassungen des lutheranischen Gottesdiensts an den reformierten die liturgischen und musikalischen Passagen. Beneke trifft auch auf Georg Anton von Hardenberg, den jüngern Bruder des bereits verstorbenen Novalis. Während Novalis seine Freunde immer wieder mit einem möglichen Übertritt zur katholischen Kirche neckte, hatte Georg Anton diesen Schritt tatsächlich vollzogen. Friedrich Schlegel oder Zacharias Werner waren bereits vorher konvertiert. Kein Wunder, wurde Beneke von seinen lutheranischen Zeitgenossen ob seiner Kontakte zu Frühromantikern des Krypto-Katholizismus verdächtigt.
Durch Hoffmann wurde Beneke auch mit Friedrich de la Motte-Fouqué bekannt. Dies und der zunehmende Einfluss seiner Frau läuten den dritten Abschnitt in Benekes Leben ein, wo er beginnt, mehr und mehr die Bibel als das wichtigste Buch überhaupt zu betrachten. Er gründet Bibelgesellschaften bzw. tritt welchen bei, um die Verbreitung dieses Buchs propagieren zu helfen, und gleitet langsam in eine pietistische Denkrichtung – auch wenn zu sagen ist, dass die norddeutsche Nüchternheit ihn und seine Frau vor jedweder Form von Schwärmerei bewahrt hat.
Bei all diesem handelt es nicht etwa um nachträglich Erschlossenes. Wir haben es schon in Abteilung I gesehen: Schon früh verschriftlicht Ferdinand Beneke sein Denken, auch in metaphysischer Hinsicht, und versucht gar, eine grafische Gestaltung davon zu liefern.
Man sieht: Auch in Begleitband III geht der Essay Hatjes weit über den Rahmen hinaus, den die Tagebücher vorgeben. (Vom Kartografen Beneke, der er auch war und für den ob seiner Karten berühmten Perthes arbeitete, spricht Hatje ebenfalls – als Beispiel für das die Weite suchende Denken Benekes, das er wiederum mit E. T. A. Hoffmann teilt, wo Fernrohre immer wieder eine grosse Rolle spielen, oder mit dem gleichaltrigen Caspar David Friedrich, den er gar nicht kannte, was für Hatje ein weiterer Beweis ist dafür, wie Beneke Dinge verarbeitete, die ganz einfach ‘in der Luft lagen’.) Nimmt man noch Benekes Hass gegen Napoleon hinzu (die der Freundschaft und dem Briefwechsel mit Jean Paul ein Ende setzen sollte, betrachtete doch Jean Paul den französischen Kaiser mit ganz andern Augen als der Hamburger, der seinen schönen Stadtstaat durch ihn ruiniert fand), ergibt sich ein schönes, rundes Bild von Beneke als politischem und kulturhistorischem Seismographen seiner Epoche.