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Die Suche nach dem optimalen Klang für seine Instrumente bestimmt die Arbeitstage von Jorge Sentieiro. Der portugiesische Instrumentenbauer lebt seit zwanzig Jahren in der Schweiz. Er präsentiert sich wie ein mittelalterlicher Kunsthandwerker und ist gleichzeitig ein grosser Fan von Rockmusik.
Das Atelier befindet sich im Untergeschoss eines Wohnhauses in einem ruhigen Quartier unweit des Stadtzentrums von Basel. Kein Laut ist zu vernehmen. Jorge Sentieiro öffnet die Tür und zeigt uns sein kleines Reich, in dem er den Grossteil seiner Arbeitstage verbringt. Wir nehmen auf einem Polstersessel Platz.
Zuerst hat der Besucher den Eindruck, sich in der Werkstätte eines chaotischen Alchemisten zu befinden. An den Wänden hängen eine Reihe von historischen Instrumenten und scheinbar merkwürdige Holzteile, die an die Skelette von Tieren erinnern. In den Regalen türmen sich Werkzeuge, Skizzen und Musiknoten.
Auf den Tischen stapeln sich Bücher, Behälter, Aufzeichnungen. Und dann liegt dort ein Stück Holz in Muschelform, das von Schraubzwingen zusammengehalten wird. Es könnte der Rahmen einer Laute sein. Auf dem Boden sind Holzleisten verstreut. Man muss aufpassen, nicht darüber zu stolpern.
Ein Land voller Musik
Jorge Sentieiro ist 51 Jahre alt und wurde in Lissabon geboren. Doch einen Grossteil seiner Kindheit verbrachte er in Brasilien. Er erinnert sich an chaotische und verschmutzte Städte, die für einen Asthmakranken wie ihn Gift waren. Aber er erinnert sich auch an ein von Musik durchtränktes Land.
Auf dem Plattenspieler zu Hause liefen nicht nur Songs von Caetano Veloso oder João Gilberto, sondern auch progressiver Rock, etwa Gruppen wie Pink Floyd oder Genesis – Musik, die er heute noch gerne hört.
"Auch mein Vater hörte sehr gerne Musik", erinnert er sich. Vielleicht gab dies den Ausschlag, dass er sich nach seiner Rückkehr nach Portugal entschied, Anglistik an der Universität von Lissabon zu studieren sowie Laute und Gitarre am Konservatorium der Hauptstadt.
Nach seinem Hochschulabschluss schlägt Sentieiro in den 1980er-Jahren zuerst den Weg eines Profimusikers ein. Portugal befindet sich in dieser Zeit in einer Übergangphase zwischen Nelkenrevolution und Integration in die Europäische Gemeinschaft. Er spezalisiert sich auf Kompositionen aus der Renaissance-Zeit.
Doch der Abenteurergeist, der vielen Portugiesen innewohnt, erwacht auch in ihm. Der berühmte Aphorismus von Fernando Pessoa "Navegar é preciso; viver não é preciso" (Segeln ist notwendig, das Leben ist es nicht) beflügelt auch Jorge, an andere Ufer zu denken.
Im Lande von Johann Sebastian Bach
So führt ihn der Weg 1987 nach Stuttgart. Dort lebt er zwei Jahre, um Deutsch zu lernen. Während eines Musikseminars lernt er George Hopkinson Smith kennen, einen der bedeutendsten Lautenspieler der Welt.
In der Hoffnung, mehr über dieses Instrument zu erfahren, zieht Sentieiro nach Basel, wo Hopkinson Smith seit vier Jahrzehnten an der renommierten Schola Cantorum Basilensis für Alte Musik lehrt. Er verliebt sich sofort in die Rheinstadt. Basel mit seinem reichhaltigen kulturellen Angebot ist ein perfekter Ort für den Portugiesen.
Doch die beruflichen Perspektiven für einen Lautenspieler sind nicht leicht. Das aus dem arabischen Raum stammende Instrument erlebte eine Blütezeit zwischen dem Mittelalter und dem Barock; heute ist es ein Nischeninstrument. Man kann Unterricht erteilen oder Konzerte im kleinen Kreis veranstalten. Jorge schaute sich daher nach Alternativen zu einer Musikerkarriere um.
Seine Neugierde zu wissen, wie Instrumente gebaut sind, brachte ihn dann darauf, den Beruf des Lautenmachers zu ergreifen. Doch wie wird man dies? Jorge zeigt uns eine grosse Illustration, die er neben der Tür aufgehängt hat. Es ist die Anleitung zum Bau einer Gitarre nach Plänen des berühmten Antonio Stradivari.
Ganz bescheiden erzählt Jorge Sentieiro, dass er schon diverse Nachbauten angefertigt hat, wobei er auch auf die kleinsten Details des Schalllochs und Verzierungen des Resonanzbodens achtete.
Lernen aus Büchern
Um Lautenmacher zu werden, vertraute Jorge ganz auf das Selbststudium. Er liess sich besonders von Büchern inspirieren, die er in Basel fand, einem Mekka der Alten Musik in Europa. Basel verfügt über spezielle Musikbibliotheken und Handschriftensammlungen für den Instrumentenbau.
In der Küche baut er seine erste Laute. Doch das Ergebnis überzeugt ihn nicht. So baut er ein neues Instrument. Und es folgen viele weitere. Jedes Mal steht er vor der gleichen Herausforderung: Der Klang soll noch besser sein als beim zuvor gebauten Instrument.
Heute zeigt er seine Instrumente voller Stolz. Er wählt das Holz selbst aus, mit den Handknöcheln prüft er den Klang von Holzleisten aus Ahorn und Tanne. Der Leim ist aus tierischen Bestandteilen, so wie in der Vergangenheit. Sentieiro setzt auf Leim aus Kaninchenhaut.
Aber lässt sich mit einem guten Rezept allein schon ein gutes Instrument bauen? "Die grösste Herausforderung für einen Lautenmacher besteht darin, den Klang zu erzeugen, den man sich vorstellt. Holz ist eine irrationale Materie, daher müssen wir den richtigen Klang suchen."
Kein Geheimrezept
Wer glaubt, dass die Instrumentenbauer mit Gemeinrezepten vorgehen, liegt falsch. Der Portugiese jedenfalls glaubt vor allem an die Beschaffenheit des Holzes. Je älter das Holz, desto besser. Ein 400 Jahre altes Instrument klingt daher meist besser als ein modernes Instrument.
Jede Laute, welche die Werkstatt des Portugiesen verlässt, ist ein kleines Kunstwerk. Jorge streichelt gerne die fertigen Instrumente und spielt Stücke, um den Klang zu prüfen. Dabei fällt seine Wahl häufig auf Bach, dessen Werke seiner Meinung nach besonders schwierig zu spielen sind. Oder er setzt bei Renaissance-Lauten auf Francesco Canova da Milano, einen Komponisten aus dem 16.Jahrhundert.
Sein Blick spiegelt nach wie vor die Bewunderung für dieses Instrument, "das schön anzusehen ist und schöne Musik zu erzeugen vermag". Doch die Faszination ist nicht nur ästhetischer Natur.
"Die Laute ist ein kleines Wunder", sagt er. "Die Spannung auf den Saiten beträgt rund 60 Kilo. Zugleich wiegt das Instrument aber nur ein oder eineinhalb Kilogramm. Es muss also enorme Kräfte aushalten. Die Entwicklung dieses Instruments dauerte Jahrhunderte. Erst dann gelangte man zu einer baulichen und klanglichen Perfektion."
Der Weg zu einem guten Instrument ist lang. Es braucht Zeit und Einführungsvermögen. Wenn er einen Fehler entdeckt, prüft und überarbeitet er alle Details. Vielleicht hat der Leim nicht gut gehalten? Nur wenn der Leim gut getrocknet ist, wird er fast wie Glas und überträgt den Schall in der gewollten Art und Weise.
Nicht nur Musik
Die Arbeit des Lautenmachers ist einsam. Aber das ist für Sentieiro kein Problem. Er hört auch während der Arbeit kaum Musik. Er konzentriert sich ganz auf das Material, das er bearbeitet, und dessen Klangeigenschaften.
Nach einem Arbeitstag geht er gerne nach Hause und widmet sich anderen Leidenschaften: Dem Studium der klassischen Sprachen wie Latein und Griechisch, oder auch der Malerei, indem er alte Stilleben kopiert oder auch seiner Fantasie freien Lauf lässt.
Portugal bleibt in seinem Herzen, auch wenn die Erinnerungen immer mehr verblassen. Die Ferien verbringt er gerne in seinem Heimatland, zusammen mit seiner aus Frankreich stammenden Frau und dem 18-jährigen Sohn.
Die Vereine von Emigranten in Basel interessieren ihn kaum, denn er fühlt sich in erster Linie als Weltenbürger. Und an Beschäftigung in der Freizeit fehlt es ihm nicht. In einer Ecke der Werkstatt steht ein halbfertiges Clavicembalo. Er baue es als Geburtstagsgeschenk für seine Frau, sagt er. Doch es macht den Eindruck, dass dieses Instrument noch lange nicht fertig ist. "Ich habe nicht gesagt, dass es für den nächsten Geburtstag ist", schmunzelt Jorge Sentieiro.
Laute
Der Name Laute entstammt der arabischen Sprache. Al’ud bedeutet "das Holz". Das Saiteninstrument wurde von den Arabern im 9. Jahrhundert nach Spanien gebracht.
Charakteristisch für die Laute ist der aus mehreren Holzspänen tränenförmig zusammengesetzte Schallkörper (Muschel). Die Laute war als Begleitinstrument für Gesang besonders verbreitet.
In der Renaissance erlebte die Laute ihre Blütezeit. Sie wurde bis zum 18. Jahrhundert viel genutzt, bevor sie zusehends in Vergessenheit geriet.
Im Rahmen der Alten Musik und historischen Aufführungspraxis wird sie aber bis heute genutzt.
(Übersetzung aus dem Italienischen: Gerhard Lob) , swissinfo.ch