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Der Agromulti Monsanto wollte mit einer Studie belegen, dass seine neue Maissorte unbedenklich sei. Doch die Studie zeigte das Gegenteil. Jetzt herrscht Verwirrung.
Vergangenen Freitag sollte der Rat der EU-UmweltministerInnen über die Zulassung des gentechnisch veränderten Maises Mon 863 des US-amerikanischen Konzerns Monsanto als Futtermittel entscheiden. Weder für noch gegen die Zulassung kam eine qualifizierte Mehrheit zustande. Damit liegt der Ball nun bei der EU-Kommission, die auch über die Zulassung von Mon 863 als Lebensmittel befinden wird (in der Schweiz wurde die Zulassung bislang noch nicht beantragt). Damit geht ein Verfahren in die nächste Runde, das schon einige Kapriolen geschlagen und neben den Behörden auch die Gerichte beschäftigt hat – ein Lehrstück für Mauschelei in der Wissenschaft.
Beantragen Firmen die Zulassung einer neuen Gentech-Sorte, müssen sie deren Unschädlichkeit in Studien nachweisen. Im Fall Mon 863 hatte Monsanto die Firma Covance beauftragt, vierhundert Ratten neunzig Tage lang mit Mon 863 zu füttern und sie danach zu untersuchen. Covance ist eine so genannte Corporate Research Organisation. Solche Firmen betreiben Auftragsforschung vor allem für die Pharma- und Lebensmittelindustrie und stehen im Ruf, Gefälligkeitsgutachten zu liefern. Monsanto reichte die Fütterungsstudie vertraulich bei den Behörden ein und veröffentlichte lediglich eine Zusammenfassung, wonach bei den Ratten «kein Anzeichen für negative Effekte» aufgetreten sei.
Kranke Rattennieren
Das war gelogen. In Frankreich sah sich die Zulassungsbehörde die mehr als tausendseitige Studie genauer an und stellte fest, dass die Zusammenfassung sich «nicht in Übereinstimmung mit den Daten im Hauptteil des Dossiers befand» (Monsanto sollte in einer späteren Pressemitteilung betonen, dass vierzehnvon fünfzehn EU-Mitgliedstaaten keine Bedenken gegen Mon 863 geäussert hätten ...). Das war im Oktober 2003; im April 2004 veröffentlichte «Le Monde» Auszüge aus der Studie: Bei den Ratten, die mit Mon 863 gefüttert worden waren, wurden in statistisch signifikantem Ausmass Veränderungen an Nieren und Blutbild festgestellt.
Am 10. Juni 2005 schliesslich erzwang Greenpeace Deutschland vor dem Kölner Verwaltungsgericht gegen Monsanto die Freigabe der gesamten Studie.
Gegen den Maiswurzelbohrer
Mon 863, in den USA zugelassen seit 2003, ist ein Mais des Bt-Typus: Es enthält ein künstlich eingesetztes Gen, das ein Insektizid produziert. Dieses Insektizid ist nicht mit dem Bt-Gift bereits zugelassener gentechnisch veränderter Nutzpflanzen identisch. Es soll insbesondere gegen den westlichen Maiswurzelbohrer wirken; ein aggressiver Schädling, der in Europa erst in den neunziger Jahren aus Nordamerika eingeschleppt wurde. Ausserdem enthält der Mais das Gen NPTII, das zu Antibiotikaresistenz führt. Monsanto sagt, die Antibiotikaresistenz sei ungefährlich, da sie nicht in die Umwelt gelangen könne – eine wissenschaftlich nicht belegte Behauptung.
Beweist die Fütterungsstudie nun die Gefährlichkeit von Mon 863? Nein, sagt Monsanto und relativiert die Aussagekraft – mithin ihre wissenschaftliche Qualität – der Studie, die der Konzern selber in Auftrag gegeben hat. Damit trifft sich Monsanto mit seinen KritikerInnen, die ebenfalls mangelhafte Qualität monieren – allerdings ist davon auszugehen, dass Monsanto-Auftragnehmerin Covance die Studie daraufhin angelegt hat, unerwünschte Folgen möglichst nicht sichtbar werden zu lassen.
Dass die Studie mangelhaft sei, bestätigt der ungarische Forscher Arpad Pusztai, der die Studie im Auftrag der deutschen Bundesregierung begutachtet hat. Pusztai hat am schottischen Rowett Research Institute als einer der Ersten Fütterungsstudien mit gentechnisch veränderten Pflanzen durchgeführt. Er wollte nachweisen, dass solche Pflanzen unschädlich seien – wovon er überzeugt war –, fand aber das Gegenteil dessen, was er erwartete.
Pusztai hatte Ratten mit Kartoffeln gefüttert, die mit einem Schneeglöckleingen ein Insektengift (Lektin) entwickeln. Die Forschungen ergaben, dass das von der Kartoffel erzeugte Lektin die Ratten nicht schädigte – die Kartoffeln selbst das aber sehr wohl taten. Offenbar bewirkte die Einschleusung des fremden Gens neben der Lektinproduktion unerwartete, gesundheitsschädigende Effekte in der Kartoffel. Pusztai wurde 1998 auf Druck der britischen Regierung entlassen, nachdem er seine Bedenken öffentlich geäussert hatte.
Verbieten erlaubt
Das ganze Hin und Her macht deutlich, dass Zulassungsentscheide unter politischem Druck gefällt (oder eben nicht gefällt und von Instanz zu Instanz geschoben) werden, während die wissenschaftliche Faktenlage prekär ist. Da mutet es wie ein schlechter Witz an, wenn – ebenfalls dieser Tage – die Weltgesundheitsorganisation anlässlich der Präsentation eines Berichts über Biotechnologie, Gesundheit und Entwicklung verlauten liess, zugelassene gentechnisch veränderte Lebensmittel stellten keine Gefahr für die Gesundheit dar, da sie vor der Zulassung ja auf solche Risiken getestet worden seien.
Entscheidungsfreudiger als in Sachen Mon 863 war der Umweltministerrat am vergangenen Freitag in einer anderen Frage: Mitgliedstaaten dürfen Import und Anbau gewisser Gentech-Sorten verbieten, auch wenn diese in der EU zugelassen sind. Konkret ging es um die Maissorten Bt 176 von Syngenta (verboten in Deutschland, Österreich und Luxemburg) sowie Mon 81 und T 25 von Monsanto respektive Bayer (verboten in Österreich). Die EU-Kommission hatte die einzelstaatlichen Verbote aufheben wollen.