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Hochverehrter Herr & Freund!
Gestatten Sie mir, Ihnen vorerst meinen herzliche Freude über die Verbesserung Ihres Gesundheitszustandes auszusprechen, welche sich mir aus Ihrer geschätzten Zuschrift1, wenn auch nicht direct, so doch indirect kund gab. Erlauben Sie mir aber auch daran die Bitte zu reihen, sich nicht auf einmal zu viel zuzumuthen, haben Sie ja während Ihrer gegenwärtigen Krankheit die Erfahrung gemacht, wie sehr während der Zeit der Reconvalescenz Zurückhaltung geboten ist.
Zu der Angelegenheit übergehend, die Sie in Ihrem Schreiben behandeln, theile ich vollkommen Ihre Anschau| ungsweise, daß die Elemente zu einer Verständigung durchaus vorhanden sind & daß es unter diesen Umständen toppelt beklagenswerth wäre, wenn die Verständigung nicht zu Stande käme. Ich will mich über den bisherigen Gang der Verhandlungen & über die Stellung, welche Glarus dabei eingenommen, nicht aussprechen. Es ist dieß für den Augenblick nicht nöthig & mag daher auf einen gelegeneren Zeitpunct verschoben werden. Nur das muß ich sagen, daß, wenn auch ich unter denen, die warm geworden2, verstanden sein sollte, ich lediglich in dem Bestreben, eine Verständigung mit Glarus herbeizuführen, warm geworden bin. Die Frage, die gegenwärtig zunächst Actualität hat, ist die Frage der Bezalung der mit 1 Mai fälligen Obligation von einer Million Franken.3 In dieser Beziehung kann die N.O.B. sich unmöglich der Gefahr aussetzen, auf der einen Seite die fragliche Million zu| rückzuzalen & auf der andern Seite zu «energischem Weiterbaue», welcher Ausgaben in einem höhern Betrage als in demjenigen einer Million bedingt, verhalten zu werden. Daß die N.O.B. diese Gefahr nicht laufen darf, ist auch die Ansicht des Hrn. Studer4, dessen Glarusfreundliche Gesinnung niemandem besser bekannt ist als Ihnen. Deshalb ist die Rückzalung der sämmtlichen 3 Obligi5 , welche die N.O.B. Glarus schuldet, das mit 1 Mai fällige nicht ausgenommen, in den Bereich der Unterhandlungen über den Fortbau der Linie Glarus–Linthal einbezogen worden & muß in diese Unterhandlungen einbezogen bleiben, so lange sie nicht abgebrochen sind. Als abgebrochen werden sie aber weder von uns noch von dem Ctn. Glarus angesehen. Es kann sich also nur darum handeln, die Unterhandlungen, zu deren Gelingen auch nach Ihrer Ansicht die Elemente durchaus vorhanden sind, mit thunlichster Beförderung weiter & zum Ziele zu führen. Da| zu ist eine Conferenz unter Anderwert's6 Leitung der geeignetste & zugleich der einzig mögliche Weg.7 Wir haben uns an Hrn. Anderwert gewendet & die Veranstaltung einer solchen Conferenz nachgesucht. Wir haben Glarus hievon benachrichtigt & dasselbe ersucht, ein gleiches zu thun. Bisanhin hat Glarus weder Ja noch Nein gesagt. Es hat also noch offene Hand. Warum soll es nicht, & zwar ohne Verzug, Ja sagen? Glaubt es sich nicht in der Stellung, dieß ohne eine weitere Anregung zu thun – was mir zwar unverständlich wäre, – so könnte vielleicht Hr. Anderwert gerade durch Sie veranlaßt werden, die Anfrage an Glarus zu richten, ob es mit dem Gesuche der N.O.B. um Veranstaltung einer Conferenz einverstanden sei. Ich denke, Glarus würde eine solche Anfrage nicht im verneinenden Sinne beantworten. So könnte dann das uns vorschwebende & allen Theilen zusagende Schlußergebniß herbeigeführt werden.
Ich erlaube nur noch, bevor ich | schließe, eine Idee zu berühren, welche in Glarus hie & da obzuwalten scheint. Man glaubt, der Canton Glarus sei in einer günstigern Lage, als alle andern Mitcontrahenten der N.O.B., weil er bereits fr. 3,200/m bezalt habe. Er ist aber im Gegentheile deshalb in einer gefährdeteren Stellung & darum um so mehr dabei interessirt, daß ein Arrangement zu Stande komme. Der Canton Glarus läuft nämlich Gefahr, daß er auf dem Gelde, welches er der N.O.B. dargeliehen, einen Verlust mache & daß seine Bahn nicht gebaut werde. Doch Sie wissen das ja viel besser als ich.
Mit den wärmsten Wünschen für Ihre baldige gänzliche Wiederherstellung verbleibe ich in freundschaftlicher Hochachtung
Ihr
Dr A Escher
Zürich
30 April 1877