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Wie kann in einem Dorf in den Alpen, dem Wasserschloss Europas, das Wasser knapp sein? Dafür sind die geologischen Launen des Massivs Pierre Avoi verantwortlich. Die gefalteten und zerklüfteten Kalkschichten leiten das Quell- und Regenwasser überall hin, ausser nach Levron. Der Ort ist durch eine steile Runse, die den klingenden Namen «Le Merdenson» trägt, von der Talsenke von Verbier abgeschnitten. Im 15. Jahrhundert mussten die Einwohner von Levron wie in vielen anderen Dörfern des rechten Rhoneufers mit Schaufeln, Pickeln und Hacken gerüstet weit entfernt das Wasser herholen, das in der Region des Mont-Fort fliesst. Sie haben von La Chaux aus einen Kanal gegraben, der die gesamte Talsenke von Verbier durchquert und gerade genug Neigung hat, damit das Wasser abfliesst.
Dies führte jedoch zu Unmut bei den Bürgern von Sarreyer, einem tiefergelegenen Dorf, das sein Wasser aus einem der Wildbäche bezog. Da sie für die Bewässerung ihrer Felder dringend auf das Wasser angewiesen waren, zerstören sie mehrmals die Wasserfassung der Suone. Diese wurde aber von den Bewohnern Levrons immer wieder instand gesetzt. So musste 1492 die höchste Autorität in der Person des Bischofs von Sitten, Jodoc de Silininen, einschreiten. Seine Verordnung sollte die Wasserrechte von Levron gewährleisten und Sarreyer zur Ordnung rufen. Die abenteuerliche Aufrechterhaltung der Suonen von Levron und Verbier sind sogar Thema eines Buches[1]. Seit der Kanal wieder instand gesetzt wurde, fliesst die Suone von Verbier nun friedlich oberhalb des Ortes und bietet eine wunderschöne Szenerie für eine gemütliche Wanderung entlang des Wasserlaufs. Dann stürzt sie sich am «Chute du Bisse» (Wasserfall der Suone) in den Wildbach. War also die ganze Arbeit für nichts? Verliert sich das ganze, unter grosser Anstrengung umgeleitete Wasser im Geröll?
Nein. Die langwierigste Arbeit des Kanalunterhalts war, dass dieser einige hundert Meter tiefer ständig ausgehöhlt werden musste, sodass das Wasser des Wasserfalls zwischen dem Geröll aufgefangen werden konnte. So gelang es den Einwohnern von Levron Tag für Tag, das flüssige Gold bis zu ihren Feldern zu befördern.
Heute wird das in La Chaux aufgefangene Wasser in einer langen Rohrleitung unter der Strasse befördert, die auf 2000 Meter Höhe die gesamte Talsenke von Verbier durchquert. Der planierte Kanal ermöglicht hier Spaziergänge mit dem Kinderwagen oder Biketouren zwischen La Caux, Les Ruinettes, La Croix de Cœur, La Tournelle und bis zum Fuss des Pierre Avoi, wo ein Tunnel den Merdenson im hinteren Teil durchbricht und am Col de Lein wieder hervortritt. Zwischen La Chaux und La Croix de Cœur ist der fast flache Weg von Skulpturen, Kunstwerken und Exponaten verschiedener internationaler Künstler geschmückt. Organisiert werden die Ausstellungen von der Verbier 3-D Foundation, die von der Bildhauerin Kiki Thompson mitgegründet wurde.
Nicht weit von der Quelle, unter dem wunderschönen Sumpfgebiet von Patiéfray, wo sich der Wildbach seinen Weg bahnt, kann man sogar sehen, wie die Suone den Wildbach von Sarreyer auf einer Steinbrücke überquert. Hier fliesst das Wasser für einmal auf der Brücke!
[1] «Bataille pour l’eau» von Clément Bérard, erschienen bei Éditions Monographic
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