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In Nairobi befinden sich die grössten Slums Kenias. Das Strassenleben in Mukuru pulsiert. Damit die Slumbevölkerung die sich hier bietenden Perspektiven nutzen und der Armutsfalle entrinnen kann, braucht sie nachhaltigen Zugang zu Bildung und Einkommen. Zudem müssen die menschenunwürdigen Wohnzustände mit einer hygienischen Wasser- und Abwasserversorgung verbessert werden. Caritas Schweiz arbeitet an einer so ausgerichteten Stadtentwicklung mit.
Das 21. Jahrhundert ist geprägt von massiven Migrationsbewegungen und einer raschen Verstädterung der Bevölkerung. Die Urbanisierung gilt als Phänomen der Industrialisierung die nun auch die südliche Hemisphäre erfasst hat. Lebten hier Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa 309 Millionen Menschen in Städten, so wird sich die Stadtbevölkerung im Süden bis 2030 verzehnfacht haben. In den nächsten 30 Jahren haben die Länder des Südens die Urbanisierungsraten von Europa und Nordamerika eingeholt.
Ein Grossteil der Menschen die vom Land in die Stadt ziehen, sind nahezu mittellos und werden dann mit den hohen Kosten des Stadtlebens konfrontiert. Viele lassen sich in Gebieten nieder, die von der Stadtverwaltung vernachlässigt wurden und für den Immobilienmarkt unattraktiv sind. Informelle Siedlungen befinden sich daher meist am Rand von Industriezonen, Flussbetten oder Müllhalden.
Slums sind keine statischen Siedlungen, sondern dynamische Sozialsysteme verbunden durch starke Netzwerke, die das Überleben der Bewohnerinnen und Bewohner sichern. Über Netzwerke finden Neuankömmlinge aus verarmten ländlichen Regionen Unterstützungsmöglichkeiten und ermöglichen ihnen Teilhabe an der städtischen Wertschöpfungskette.
Pulsierendes Strassenleben zwischen giftigen Abwässern
Auch in Nairobis Slum Mukuru besteht ein dichtes Netz an sozialen Beziehungen. Wer Mukuru besucht erlebt ein pulsierendes Strassenleben und lebhafte Nachbarschaften, allerdings stets begleitet vom beissenden Gestank der giftigen Abwässer, die ungeschützt neben spielenden Kindern durch die engen Gassen rinnen.
Stadtverwaltungen fehlt es häufig nicht nur am politischen Willen, sich mit den Slums und dem rasanten Bevölkerungszuwachs innerhalb ihrer Gebiete auseinanderzusetzen. Es mangelt auch am Verständnis ob der Chancen, die sich durch eine geplante demokratische Stadtentwicklung bieten. Der Bevölkerungszuwachs bleibt zu oft ungeregelt oder wird als «grassierender Wildwuchs» bestenfalls ignoriert oder schlimmstenfalls gewaltsam unterdrückt.
Verlorene Generation verhindern
Wenn Stadtverwaltungen Slums auflösen, werden fundamentale Bürgerrechte verletzt und durch Zwangsräumungen wird Besitz systematisch zerstört. Die armutsbetroffene Bevölkerung wird in immer unsicherere Gebiete vertrieben. Den kommenden Generationen eröffnen sich in den Slums kaum Chancen, der Armuts- und Gewaltspirale zu entrinnen. In dieser Perspektivenlosigkeit der "lost generations" finden radikalisierende Strömungen einen fruchtbaren Nährboden, um Konfliktherde zu schüren.
In Mukuru drängen sich 120 000 Menschen auf einen Quadratkilometer. Das entspricht der zwölffachen Wohndichte von Genf. 250 Familien müssen sich einen einzigen Wasseranschluss teilen und rund 550 Haushalte eine Toilette. Es gibt kaum Zugang zu leistbaren Bildungseinrichtungen und Gesundheitsversorgung. Ein paar behelfsmässige Schulen stehen zwischen den Blechhütten. Wer hier lebt, muss pro Liter Wasser und pro Quadratmeter Wohnraum vergleichsweise mehr bezahlen als jemand aus der Mittelklasse und lebt zudem in äusserst prekären Verhältnissen, umgeben von Gewalt und Krankheit. Die Frage wem das Land eigentlich gehört, bleibt ungeklärt und trägt zum Missstand bei. Mafiöse Strukturen ersetzen in den Slums das Vakuum, welches die Stadtverwaltung hinterlässt. Gangs lassen sich teure Mieten und Kosten für Wasser bezahlen. Wer hier etwas verändern will, braucht eine breite Koalition und viel Geduld.
Bevölkerung wird bei Stadtplanung einbezogen
Mittels demokratischer Stadtplanung würden sich Armutsbekämpfung und Urbanisierung erfolgreich verbinden lassen, wie dies in vielen europäischen Städten des 20. Jahrhunderts gelungen ist.
Inzwischen hat die Stadtregierung von Nairobi realisiert, dass sich die Slums nicht ohne Widerstand räumen lassen. Will Nairobi den wackeligen, sozialen Frieden nicht riskieren, dann muss die Stadtverwaltung mit Mukuru zusammenarbeiten. Die Stadtregierung hat Mukuru zur Sonderplanungszone erklärt und will einen integrativen Entwicklungsplan gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern erarbeiten. Das erklärte Ziel ist die Verbesserung der Lebensbedingungen in Mukuru. Eine breite Allianz aus Regierungsvertretern, Nichtregierungsorganisationen und Universitäten wurde gebildet, um sich dieser enormen Planungsaufgabe zu widmen. In Form eines integrativen Prozesses werden die Bedürfnisse der Bevölkerung möglichst breit erfasst. Caritas Schweiz hat mit den ersten Finanzierungsmassnahmen zur Umsetzung von Projekten bereits begonnen und leitet das Planungskonsortium für Wasser, Abwasser und Energie.
Ende 2019 soll der Stadtentwicklungsplan für Mukuru fertig sein und richtungsweisend Stadtplanung und Urbanisierungspolitik über Nairobi hinaus prägen. Wird der Plan von der Stadtregierung angenommen, dann ist der Weg frei für dessen Umsetzung und mit nachhaltigen Investitionen, auch aus der Privatwirtschaft, kann begonnen werden.
Bild: Mukuru 2017. (c) Alexander Angermaier/Caritas Schweiz
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