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Ephraïm, Emma, Noémie und Jacques sind Vorfahren der französischen Schriftstellerin Anne Berest. Alle vier waren zwei Jahre vor der Geburt von Annes Mutter im Jahre 1942 deportiert und in Ausschwitz ermordet worden. Einzige Überlebende der fünfköpfigen Familie war Myriam, Annes Grossmutter. Was diese grausamen Morde mit den Nachkommen der Familie Rabinovitch gemacht hat, rekonstruiert Anne Berest in ihrem neuen Buch.
Auslöser für die intensive Aufarbeitung der Familiengeschichte sind zwei Ereignisse im Leben der Protagonistin Anne: ihre kleine Tochter erzählt zuhause, dass man «in der Schule Juden nicht besonders mag». Zur selben Zeit lädt ihr Freund George sie an ein Pessachfest ein. Dort bekommt sie von einem weiteren Gast vorgehalten, sie sei „nicht wirklich Jüdin“. Tatsächlich kennt sie die Rituale kaum, denn bereits ihre Eltern haben das Judentum nicht praktiziert.
Sie ist gekränkt. Sie ist zwar nicht mit jüdischen Ritualen vertraut, aber doch Kind einer Holocaust-Überlebenden! Sie stellt sich die Frage, ob sie in Frankreich mit diesem biographischen Hintergrund ein «ganz normales» Leben führen könne oder nicht.
Sie erinnert sich wieder an die anonyme Postkarte, die 2003 im Haus ihrer Mutter eintraf. Auf der Vorderseite ein touristisches Motiv aus Paris, auf der Rückseite die Namen ihrer Urgrosseltern, ihrer Grosstante und ihres Grossonkels in wackeliger Schrift. Die rätselhafte Karte verschwindet für Jahre in einer Schublade. Annes Suche nach sich selbst und der Geschichte ihrer Vorfahren beginnt …
Anne Berest rekonstruiert in Rückblenden die Geschichte ihrer jüdischen Familie, die Ende der 20er Jahre über Umwege von Russland über Lettland und Palästina nach Frankreich kam. Frankreich war eine Falle, stellte sich heraus. Papiere, Dokumente, Briefe, Tagebücher, Fotos und Notizen ihrer Grossmutter und Gespräche mit ihrer Mutter dienen ihr als Grundlage für die aufwändige Spurensuche der hundertjährigen Familiengeschichte. Sie holt die Vergangenheit in die Gegenwart und verbindet die Holocaust-Geschichte ihrer Familie mit der Suche nach der eigenen jüdischen Identität in Frankreich und der jüdischen Community.
Ein autofiktionaler Text, der nahe geht und Fakten mit der Genauigkeit eines Sachbuches verbindet. Ein Roman, sorgfältig erdacht und kraftvoll erzählt.
Susanne Bühler