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Die wechselvolle Vorgeschichte des Wiggispark
von Kurt Meyer
Harziger Anfang (1823 - 1850)
Johann Jakob Leuzinger (1762 – 1840) und sein Sohn Johann Heinrich Leuzinger (1801 – 1878) gründeten 1823 im Zaun eine Türkischrotfärberei. Es war die zweite im Glarnerland. Da Vater Leuzinger das Restaurant "Raben" besass, hiess seine Fabrik im Volksmund "Rappenfabrik". Rappen hat nichts mit unserer Währung zu tun, man sagte auch in meinen jungen Jahren bei einem Besuch im Restaurant "Raben": Ich guu i Rappe.
Von 1831 an hiess die Firma "Leuzinger & Cie". Es wurde neben der Färberei der Ätzdruck von Baumwolltüchern eingeführt. Das Geschäft rentierte trotz Geldspritzen von verschiedenen Teilhabern nicht und die "Rappenfabrik" stand 1840 vor dem Konkurs. Erst als die Brüder Kaspar Kubli (1803 – 1845) und Felix Kubli (1818 – 1904) das Geschäft übernahmen, ging es bergauf. Felix, der in Russland bei seinem Onkel Michael Weber als Kolorist gearbeitet hatte, brachte ein kleines Vermögen mit nach Hause und steckte dieses in das Geschäft. Auch der dritte Bruder Johann Jakob Weber–Rott, der ebenfalls beim Onkel gearbeitet hatte, kam aus Zerewa bei Moskau zurück nach Netstal und beteiligte sich an der Neu-Gründung der "Rappenfabrik". Die Fabrikanlage wurde erweitert und bestand 1846 bereits aus: 1 Farbhaus, 2 Druckgebäuden, 1 Wasserhaus, 1 Modelsägerei, 3 Waschhäusern, 1 Absiedegebäude, 2 Türmen zum Trocknen der Textilien, 2 Lufthängen und 1 Bleicherei.
Blütezeit und Niedergang (1851 - 1926)
Als 1851 durch einen Kanal Linthwasser zur Fabrik geführt wurde, war ein weiterer Ausbau möglich. Anstelle des natürlichen Farbstoffes Türkischrot, der aus der Pflanze Krapp gewonnen wurde, verwendete man ab 1876 synthetische Farben. Die Firma "Felix Weber & Cie" handelte über ihre grossen Lagerhäuser in Ancona und Livorno mit der ganzen Welt. Den Drucken von Hand entstand immer mehr Konkurrenz durch die Rouleau – Druckmaschinen. So verloren viele Handdrucker ihre Stelle. Da sich die Brüder Weber nicht entschliessen konnten, diesen maschinellen Druck einzuführen, entschlossen sich Felix und Jakob Weber 1880 ihre Anteile der "Rappenfabrik" an Bruder Kaspar zu verkaufen. Dieser führte das Unternehmen mit seinen drei Söhnen Felix, Hilarius und Kaspar weiter. Da der Absatz der Produkte zurückging, musste die Belegschaft abgebaut werden. Als 1892 die Fabrik fast vollständig niederbrannte, entschloss man sich, trotz wenig aussichtsreicher Lage, die Fabrik wieder aufzubauen.
Der zweite Brand am 3. Oktober 1903 brachte das endgültige Aus der Firma. Dessins und Farbrezepte wurden an andere Glarner Druckereien verkauft. Die Firma "Leumann, Boesch & Cie." aus Kronbühl SG erstellte 1909 auf dem Areal der "Rappenfabrik" eine Feinweberei, die auf 124 Webstühlen Mousseline herstellte. In ihrem
Zweigbetrieb in Netstal beschäftigte sie über 80 Personen. Wegen der Krise in den 20er-Jahren musste die Firma 1926 das Werk in Netstal schliessen.
Das Welthandelshaus Stoffel steigt ein (1926 - 1967)
Ein halbes Jahr nach der Schliessung zog in die leeren Räume die Seidendruckerei "Grasser & Cie" ein. Doch auch Franz Josef Grasser (1875 – 1937) hatte in der Krise zu kämpfen. Erst 1928 als das Welthandelshaus Stoffel in St. Gallen Grasser in ihr Unternehmen einband, gab es eine Besserung. Das Vorhandensein von genügend Grundwasser sowie die gelernten Drucker von "Grasser & Cie" bewogen die Firma Stoffel, sich an der Firma von Grasser zu beteiligen. Die Fabrikanlagen wurden auf den neuesten Stand gebracht und auch der nötige Gewässerschutz geschaffen. Nach dem Tod von Franz Josef Grasser, der keine Nachkommen hinterliess, wurde die Firma von einer Erbengemeinschaft in Grasser & Co AG umgewandelt und weitergeführt. Max Stoffel kaufte die Firma 1943 und schloss mit der Gemeinde Netstal einen Vertrag ab, in dem sich der neue Besitzer verpflichtete, bei einem geplanten Neubau die Abwasserreinigung und die Filterung der Rauchemissionen auf den neuesten Stand zu bringen sowie Wohnungen für die Arbeiter zu bauen.
Von 1947 bis 1949 baute die Firma Stoffel im Zaun eine moderne Ausrüsterei und Druckerei, die 1951 etwa 240
Personen beschäftigte. 1960 waren es gar 340 Arbeitnehmer, die für die seit 1955 neu benannte Firma Textil-Veredelungs-AG Netstal Vorhang-, Kleider-, Hemden-, Regenmantel- und Dekorationsstoffe herstellten. Ihr bekanntestes Produkt war das "Stoffel-Tüechli".
Neue Blütezeit mit Jeans-Stoff-Produktion der Firma Legler (1967 - 1979)
Als sich 1965 Max Stoffel aus der Firmenleitung zurückzog, wurden nur zwei Jahre später alle Stoffelbetriebe an die Firma Burlington Industries verkauft. Dieses amerikanische Grossunternehmen modernisierte die
Produktionsanlagen. Alle Massnahmen mit Rationalisierung und Modernisierung brachten den Amerikanern zu wenig Rentabilität, so dass sie einen Käufer für die Stoffelbetriebe in Mels, Schmerikon und Netstal suchten. Sie fanden ihn in der Schweizer Legler-Gruppe. Das Mutterhaus dieser Weberei- und Spinnereifirma stand
in Diesbach im Glarner Hinterland, heute Glarus Süd. Ein zweiter Sitz der Firma Legler wurde 1875 in Ponte San Pietro bei Bergamo (Italien) gegründet. Dieser entwickelte sich zu einem Grossunternehmen, das vor allem wegen der hohen Automatisierung der drei Fabriken in der Schweiz und den günstigen Bedingungen, die die Kantone Glarus und St. Gallen dem Unternehmen boten, diese von Burlington Industries kauften. Die Firma Legler, die als erste in Europa den von Amerika bekannten Jeans-Stoff produzierte, stellte den Betrieb in Netstal auf diese Stoffart um. Mitte der 70er-Jahre wurde in Netstal auf den modernsten Produktionsanlagen Europas Stoff hergestellt. Dies erklärt auch, dass wegen der Automatisierung die Zahl der arbeitenden Person von 320 (1960) auf 240 (1975) zurückging.
Das Ende der Textilproduktion (1979 - 1985)
Am 6. März 1979 kam es bei Schweissarbeiten an der Belüftung zu einem Grossbrand. Die über 100 Feuerwehrleute konnten nicht verhindern, dass drei Viertel der Produktionsanlagen zerstört wurden. Für rund 30 Millionen Franken liess die Firmenleitung eine neue grosse Halle mit modernsten Produktionsstrassen erstellen. Als Neuheit produzierte man auf einer Strasse einen Stoff aus einem Gemisch von baumwollenen und synthetischen Fasern. Bis 1982 waren die drei Betriebe in der Schweiz von Bergamo aus geleitet worden,
doch in diesem Jahr wurde eine neue Gesellschaft Sintesco AG gegründet. Als die Verwaltung der Betriebe Mels, Schmerikon und Netstal ihre Büros im Neubau in Netstal bezog, glaubte man, dass dadurch der Standort Netstal gesichert sei.
Umso grösser war der Schock als 130 Arbeitskräfte im Februar 1985 die Kündigung erhielten. Wegen der hohen Zölle der EG, zu der die Schweiz nicht gehörte, sah sich die Leitung gezwungen, die Produktion in den EG-Raum zu verlegen. Nach einer Teilschliessung erfolgte vier Jahre später die vollständige Stilllegung der Produktion. Damit ging die auf diesem Areal betriebene Textilproduktion zu Ende.
Das Portierhaus der Firma Stoffel
Text und Bild von Jakob Kubli
Im Sommer 2000 wurde das ehemalige Portierhaus der damaligen Firma Stoffel abgebrochen. Auf dem
gewonnenen Land sind zusätzliche Parkplätze für den Wiggispark geschaffen worden.
Das Portierhaus entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Veredlungsfirma Stoffel, St. Gallen die
Firma Grasser übernommen hatte und das ganze, damals noch von Rütenen besiedelte Land überbaute. Ein uniformierter Portier hatte damals mittels einer Barriere den gesamten Fabrikbetrieb zu kontrollieren und
zu überwachen.
Entstehung und Entwicklung des Einkaufszenters "Wiggispark" (ab 1990)
Anfangs der 90er-Jahre gründeten die Familien Legler die Wiggis-Park AG und legten dem Gemeinderat Netstal ein Projekt zur Umnutzung der Fabrikgebäude vor. Die kantonale Baudirektion gab für das Umbauprojekt
"Gewerbepark Wiggis" grünes Licht. Nun mussten die Stimmberechtigten der Gemeinde Netstal noch über die Umnutzung befinden. An der Gemeindeversammlung im März 1992 wurde diese aber abgelehnt. Ein Jahr später
stimmten die Stimmbürger trotz grossen Bedenken, dass das Einkaufscenter die bestehenden Detailgeschäfte im Dorf verdrängen würde, knapp zu. Um die reibungslose Zufahrt zu den Parkplätzen des Einkaufscenters zu gewährleisten, musste die Wiggispark AG im Klausen einen Kreisel erstellen lassen. Der Kanton und die Gemeinde Netstal bezahlten einen Beitrag an die Baukosten, die grösstenteils von der Wiggispark AG übernommen wurden. Dies und der Beschluss des Generaldirektoriums Zahlungsverkehr PTT das Postcheckamt von Glarus nach Netstal zu verlegen und zu einem der sechs schweizerischen Verarbeitungszentren auszubauen, mag zum Meinungsumschwung beigetragen haben. Es wurden 100 neue Stellen geschaffen. 1995 nahm das PTT-Zentrum den Betrieb auf. Das Bundesamt für Genie und Festung mietete für sein Festungsmaterial über 6000 m2
der Räumlichkeiten der ehemaligen Textilfabrik. Als dieses Amt die Miete auflöste, bekam Coop die Bewilligung für die Erweiterung seiner Ladenfläche. Coop richtete im Stock über seinem Verkaufsladen auf der 7200 m2 grossen Fläche einen Bau- und Hobbymarkt ein, der im April 2002 eröffnet wurde.
Am 1. September 2005 gab es einen Besitzerwechsel. Die Wiggispark AG wurde von einer Zürcher Firma mit dem Namen EPiC Three Property Investment AG gekauft. Im gleichen Jahr erhielt Coop die Bewilligung für die
Erstellung einer Tankstelle und einem Pronto Shop. Seit dem 1. April 2006 können die Kunden zwischen dem Kreisel und der Bushaltestelle einkaufen und tanken.
Nach zweijähriger Bauzeit kann seit dem 22. Oktober 2014 in der südlichen Erweiterung des Wiggispark-Centers auf einer Fläche von 3500 m2 eingekauft werden. Unter diesem Bau erstellte man auch eine Tiefgarage für
hundert Autos. Ochsner-Sport verlegte seine Filiale von Glarus nach Netstal in den Erweiterungsbau des Wiggisparkes. In dessen Obergeschoss mietete sich das bekannte Möbelgeschäft Jysk ein. Auch die Filiale von Otto`s AG vergrösserte ihre Verkaufsfläche im alten Gebäude um tausend Quadratmeter.
Seit dem 4. Juni 2015 hat auch die Glarner Kantonalbank eine Geschäftsstelle im Wiggispark. Diese bringt ihren Bankkunden grosse Vorteile, sind doch die Öffnungszeiten gleich wie die der übrigen Läden.
So sind aus den anfänglich wenigen Geschäften 25 Dienstleistungsbetriebe entstanden, in denen man fast alles, was man gerade braucht oder zu brauchen glaubt, kaufen kann.
Quellen:
Hans und Paul Thürer, Geschichte der Gemeinde Netstal
Susanne Peter-Kubli, Netstal - Ein Industriedorf im Wandel