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Nr. 851
Die Übernahme des Gutshofes «La Pobbia» von Novazzano ist das bisher umfangreichste, je auf dem Ballenberg realisierte Projekt. Der Gutshof gehörte zu dem in Norditalien weit verbreiteten Wirtschaftssystem des so genannten Agrarkapitalismus, dem «capitalismo delle campagne». Von Mitte des 18. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert wurden 21 Hektar Land bewirtschaftet.
Der Gutshof, dessen Ursprünge ins 14. Jahrhundert zurückreichen, hat eine Seitenlänge von 44,7 Metern und weist über 50 Räume auf: Küchen, Keller, Schlafzimmer, Ställe, Heuräume usw. Bis zu dem Zeitpunkt als ihn Alfonso Maria Turconi (1738–1805) einem Krankenhaus vermachte, war der Hof im Besitz der lombardischen Grafenfamilie Turconi. Anhand der Katasterpläne (1845 und 1856–60) und der sehr detaillierten Inventare bei der Erneuerung der Pachtverträge, kann man die weitere Geschichte des Hofes genau verfolgen.
War im Jahr 1824 noch lediglich ein Halbpächter erwähnt, zählte man 1859 bereits drei Bauern und zur Jahrhundertwende sogar fünf Familien, die sieben statistisch gezählte «Betriebe» führten: fünf Bauern, einen Wirt und einen Wagenmacher. Zwischen den 1930er und 1940er Jahren lebten im Hof 28 Menschen: vier Elternpaare mit ihren 20 Kindern. Nach 1942 verliessen alle sukzessive den Bauernhof und an ihrer Stelle siedelte sich bis 1962 eine sechsköpfige Familie an. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte der verwitwete Pächter noch alleine im Hof. Die Räume und die übrig gebliebenen Ländereien verwahrlosten immer mehr.
Die Pachtverträge zeugen auch von der agrarwirtschaftlichen Entwicklung des Hofes, zuerst von der Korn- und Weinwirtschaft zum Kornanbau und zur Seidenraupenzucht, dann zur Futter- und Tabakwirtschaft und am Schluss zur Viehzucht. Damit verbunden waren markante Veränderungen des Landschaftsbildes.
Am Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich der Hof in einer Umgebung von Weinbergen, Äckern und Wiesen, die in Doppelkultur auf den terrassierten «ronchi» bewirtschaftet wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich Maulbeerbäume auf den Äckern und Terrassen, wo sie die Feldahorne, an denen vorher die Weinreben kletterten, vertrieben hatten.
Die Seidenraupenzucht erreichte 1871 im Tessin ihren Höhepunkt. Neben einem 1845 errichteten Neubautrakt wurden auch fast alle weiteren Wohnräume des Gutshofes «La Pobbia» für die Seidenraupen genutzt und zu diesem Zweck mit Cheminées ausgerüstet. Die letzten Seidenkokons aus einer einheimischen Zucht wurden 1928 der Seidenspinnerei von Capolago geliefert. Nach der Jahrhundertwende wurden die Maulbeerbäume gefällt und immer mehr Tabak und Futtermais wuchsen auf den Feldern. In den 60er Jahren verlor der Hof die Hälfte seiner Ländereien an den Ausbau des Güterbahnhofs von Chiasso und an die Autobahn A2. Ende des 20. Jahrhunderts lag «La Pobbia» inmitten einer diffusen Industrielandschaft als zufälliges Überbleibsel einer verlorenen bäuerlichen Welt.