Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03646.jsonl.gz/1274

Emigrant, «Ritchie Boy», Literaturprofessor, Exilforscher – nun feiert Guy Stern seinen 100. Geburtstag.
Fotos zeigen Guy Stern fast durchweg mit strahlendem Lachen. Ein freundlicher Gesichtsausdruck macht diesen bis ins hohe Alter agilen und neugierigen Mann aus. Dahinter stehen ein lebhaftes Interesse an Austausch, Gespräch und Vermittlung. Als Sohn einer assimilierten jüdischen Familie am 14. Januar 1922 im niedersächsischen Hildesheim geboren, verbrachte Günther Stern eine unbeschwerte Kindheit mit sonntäglichen Familienausflügen und Theaterbesuchen. Dieser laut Stern beinahe idyllische Anfang endet jäh mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 und bringt «das Ende der Welt, in der wir gelebt hatten». Das Regime nahm Juden die Bürgerrechte. Die Sterns erfuhren dies, als ein brutaler Angriff auf den Vater folgenlos blieb. So schickten die Eltern ihr ältestes Kind Ende 1937 aus Deutschland fort. Doch die Hoffnung, dass er von Amerika aus der ganzen Familie zur Flucht würde verhelfen können, erwies sich als unerfüllbar. Seine Eltern und seine jüngeren Geschwister wurden im März 1942 deportiert und ermordet.
Ermordung der Angehörigen
Stern landete in St. Louis, ging dort zur Schule und lernte dort als Abräum-Kellner auch das Berufsleben kennen. Nach dem Kriegseintritt der USA meldete sich der Student freiwillig zum Militär und wurde im legendären Camp Ritchie, Maryland, neben anderen meist jüdischen Emigranten ausgebildet. Nach der Landung in der Normandie 1944 verhörten diese «Ritchie Boys» deutsche Kriegsgefangene. Aus Günther war mittlerweile Guy und seit 1. Mai 1943 ein amerikanischer Staatsbürger geworden. Von der Ermordung seiner Angehörigen erfuhr der nun 23-Jährige erst nach der Befreiung Deutschlands. Stern kehrte in die USA zurück und studierte Romanistik, später Germanistik, eine bewusste Form von Selbstbehauptung sowie Heimatverbundenheit.
Seine akademische Laufbahn führte ihn 1981 zu einer Professur für Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der Wayne State University in Detroit. Stern hielt die Position bis 2003 und wurde eine mit zahlreichen Ehrungen gewürdigte Instanz für Exilliteratur. Dazu kamen Gastprofessuren und Ämter sowie eine rege Tätigkeit als Mitgründer der «Society for Exile Studies». Stern wurde zudem ein gesuchter Redner, etwa 1988 bei der Eröffnung des Mahnmals für die zerstörte Hildesheimer Synagoge. 2012 ernannte ihn seine Geburtsstadt zum Ehrenbürger.
Überlebensschuld-Syndrom
Vor zwei Jahren hat Stern in den USA die nach einer Mahnung seines Vaters betitelten Memoiren «Invisible Ink» vorgelegt: Günther und seine Geschwister sollten unter dem Nationalsozialismus wie «unsichtbare Tinte» sein. Dass Guy Stern mit seinem Lebenswerk das Gegenteil erreichte, führen die von seiner Frau Susanna Piontek unter dem Titel «Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys» ins Deutsche übersetzten Erinnerungen lebhaft vor Augen. Stern, der sich selbst «als einen Nachfahren des Zeitalters der Aufklärung» sieht, fragt auch nach den Motiven für sein stetes Arbeitspensum und verweist auf «das Überlebensschuld-Syndrom»: «Wer eine Katastrophe überlebt, verspürt das Bedürfnis, seine weitere Existenz zu rechtfertigen.»
Dieses so reichhaltige Schaffen, aber auch seine Vita stehen nun im Mittelpunkt der umfangreichen Festschrift «Von der Exilerfahrung zur Exilerforschung: Zum Jahrhundertleben eines transatlantischen Brückenbauers» beim Verlag Koenigshausen & Neumann in Würzburg. Darin weist Julius H. Schoeps vom Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam in die Zukunft: Als Anregung für neue Generationen und Würdigung dieses humorvollen «Workaholic» soll 2024 in Hildesheim ein neues Studentenwohnheim den Namen «Guy-Stern-Haus» erhalten.