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Zum Jahresabschluss nochmals der meist beachtete meiner Blogs in 2016, derjenige übers Scheitern vom 14. Juni: Das Thema Scheitern beschäftigt mich, ganz besonders seit Martin Senns tragischem Tod. In der Schweiz ist Scheitern stigmatisiert. Kaum ein Schweizer Topmanager, der einmal gescheitert ist, startet ein zweites Mal karrieremässig durch. Mir kommen nur zwei in den Sinn. Und Ihnen?
Ein CEO oder Verwaltungspräsident wird sehr gut bezahlt – auch, weil er sich einem grossem Risiko aussetzt: dem des öffentlichen Scheiterns. Niemand hat Freude daran, entlassen zu werden. Aber wenn dann noch die ganze Welt weiss, dass man gescheitert ist. Nein, das will erst recht niemand. Es gibt in der Schweiz kaum Beispiele dafür, dass es möglich ist, nach einem Scheitern wieder einen Top-Job zu finden. Mir kommen nur zwei in den Sinn: Mathis Cabiallavetta und Philipp Hildebrand.
Nachdem Mathis Cabiallavetta im Oktober 1998 im Zusammenhang mit einem Grossverlust mit dem US-Hedgefonds LTCM als UBS-Präsident zurücktreten musste, gelangte er schon im Mai 1999 an die Firmenspitze des bekannten US-Versicherungsbrokers Marsh & McLennan. Später folgten Verwaltungsratsmandate beim amerikanischen Tabakkonzern Philipp Morris und beim US-Vermögensverwalter BlackRock. Fast zehn Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang bei der UBS wagte er sich wieder in die Schweiz zurück und wurde in den Verwaltungsrat der Swiss Re gewählt, dem er später auch als Vizepräsident diente, und wurdeVerwaltungsrat der Swiss-American Chamber of Commerce.
Das zweite Beispiel eines fulminanten Comebacks: Philipp Hildebrand trat im Januar 2012 als Präsident der Schweizerischen Nationalbank wegen potentiell zweifelhafter Devisengeschäfte seiner damaligen Frau zurück – ein Vorwurf, von dem er später reingewaschen wurde. Was tat Hildebrand? Er heuerte im Oktober 2012 beim weltgrössten Vermögensverwalter BlackRock als Vice Chairman institutionelle Anleger in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Asien sowie Pazifik an. In den letzten Monaten hatte er auch wieder einige prominente Auftritte in der Schweiz, z.B. am diesjährigen WEF.
Die Gemeinsamkeiten
Interessant an diesen beiden Fällen sind die Gemeinsamkeiten: beide fanden Topjobs in amerikanischen Firmen, beide erhielten Mandate bei BlackRock, und beide wagten sich in der Schweiz erst nach einigen Jahren ins Rampenlicht zurück. Kein Wunder, wählten die beiden amerikanische Firmen: in den USA ist nicht das Scheitern tabu, sondern das Aufgeben. Das beste Beispiel ist der Gründer von BlackRock selber: Larry Fink. Er hatte sich bei der Investmentbank First Boston massiv verspekuliert und gründete 1998 BlackRock. Heute verwaltet BlackRock USD 4,7 Billionen, mehr als Credit Suisse und UBS zusammen, dies mit „nur“ 13‘000 Mitarbeitenden. Larry Fink wird zudem als Anwärter auf das Amt des Finanzministers gehandelt, sollte Hillary Clinton die Wahl zur ersten US-Präsidentin gewinnen. Eine Rehabilitierung, die seinesgleichen sucht.
Solche Stehauf-Geschichten sind typisch für Amerika. Vor gut 150 Jahren lebte in Amerika ein Mann, der im Alter von 23 Jahren seinen ersten Job und seinen ersten Wahlkampf verlor. Als er 26 Jahre alt war, musste er seine Geliebte zu Grabe tragen. Zwei seiner Söhne starben im Kindesalter. Zwischen 29 und 49 verlor er sechs weitere wichtige Wahlkämpfe. Aber mit 52 Jahren wurde er zum Präsident der Vereinigten Staaten gewählt. Ich rede von Abraham Lincoln.
Wussten Sie, dass Steve Jobs mit 29 Jahren von seiner von ihm gegründeten Firma Apple entlassen wurde und infolgedessen in eine Depression verfiel, um später zurückzukehren und eine gefeierte Ikone des Erfolgs zu werden? Walt Disney erhielt 302 Absagen, bevor jemand die Finanzierung des Disneylands übernahm. Und Howard Schultz bekam erst von der 245. Bank einen Kredit für sein Unternehmen Starbucks.
USA: nicht aufgeben
In den USA ist man überzeugt: es lohnt sich, trotz aller Widerwärtigkeiten nicht aufzugeben. Klar, eine Krise, ein Scheitern – wer will das schon? Aber die Erfahrung zeigt, dass Krisen Menschen nicht nur viel abverlangen, sie fördern auch ihre emotionale Entwicklung. Man kommt einen Schritt weiter. Scheitern ist nicht das Gegenteil von Erfolg. Es ist ein Teil davon. Schauen wir kleine Kinder an: sie lernen zu laufen durchs Hinfallen – immer und immer wieder. Winston Churchill sagte schon: «Success is about going from failure to failure without losing your enthusiasm.» Nehmen Sie sich seinen Appell zu Herzen!
In Schweiz sind wir leider noch nicht so weit. Oder kennen Sie andere gescheiterte Topmanager als Mathis Cabiallavetta oder Philipp Hildebrand, die danach wieder einen Topjob erhalten haben? Wenn ja, schreiben Sie mir auf <email-pii> oder kommentieren Sie meinen Blogbeitrag auf meinem LinkedIn-Profil. Ein kleiner Anfang machen die sogenannte «Fuckup Nights», die es seit mehreren Jahren in vielen Ländern gibt und seit letztem Sommer auch in St. Gallen. Da erzählen gescheiterte Unternehmer von ihren Misserfolgen und was Sie daraus gelernt haben. Nach dem Motto: aus Fehlern wird man klug! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Scheitern.
© Claudia Kraaz