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Herr Beck, Sie sind Neurowissenschaftler haben ein Buch darübergeschrieben, warum Irren nützlich ist. Verraten Sie uns weshalb?
Die Alternative keine Fehler zu machen, ergäbe eine sehr langweilige Welt. Es ist der Fehler im Denken, der uns von der unkreativen Maschine unterscheidet, denn wenn wir niemals einen Fehler machen würden, hätten wir auch niemals die Möglichkeit, ein Regelwerk zu hinterfragen und zu neuen Regeln zu kommen. Diese Art der Perfektion wäre immer das Ende allen Fortschritts. Wenn alles perfekt ist, wohin wollen wir dann noch schreiten. Also eigentlich geht es bei meinem Buch darum, wie wir das auf den ersten Blick Fehlerhafte, also Regelbrechende nutzen können, um kulturell oder innovativ voranzuschreiten.
Von was für Fehlern sprechen Sie?
Kulturell verstehen wir alles als Fehler, was einer Norm widerspricht. Also immer, wenn man eine Regel bricht, würden wir sagen: «Es ist falsch.» Wer in der Mathearbeit die Regeln nicht beachtet, macht einen Fehler. Wer die Rechtschreiberegeln nicht beachtet, macht einen Fehler. Prinzipiell ist alles, was eine Regel bricht, ein Fehler.
Wir sollen mehr solche Fehler machen?
Es gibt Regeln, die sollten nicht gebrochen werden. Wir sollten uns an Matheregeln, Rechtschreiberegeln oder Verkehrsregeln halten. Aber es gibt viele Dinge in unserem kulturellen Raum, die für unsere Kultur zwar wichtig, aber einer Veränderung unterworfen sind. Wir leben nicht mehr in Steinzeithöhlen. Wir haben ein anderes Regelwerk. Und ein Regelwerk ändert sich prinzipiell: wie wir Sachen sehen, wie wir Dinge benutzen, welche Materialien wir verwenden, oder denken Sie an den technischen Fortschritt, die Art und Weise, wie Menschen denken, das kognitive Regelwerk. All das ist immer einem Wandel unterworfen.
Sie sagen: Damit sich ein Muster ändert, muss es gebrochen werden.
Wenn Sie in die Ideengeschichte schauen, stellen sie fest: Fast jede Veränderung beginnt damit, dass man die Regeln, die da sind, in irgendeiner Form in Frage stellt. Und das wäre per Definition ein Regelbruch aka ein Fehler. Und das ist notwendig, damit man einen kulturellen oder einen Ideenfortschritt überhaupt erzielen kann.
Unterscheiden Sie zwischen absichtlichen Regelbrüchen und Fehlern, die uns passieren?
Es gibt verschiedene Formen von Fehlern. So kann man unterscheiden zwischen einem klassischen Fehler, einem Irrtum und einem Flüchtigkeitsfehler. Ein Irrtum ist eine Fehlervariante, wo man nach bestem Wissen und Gewissen etwas tut und es doch falsch macht. Man hat es falsch gemacht, weil man es nicht besser wusste.
Haben Sie ein Beispiel für diese Fehlervariante?
Christoph Kolumbus steigt in sein Schiff, will nach Indien fahren, kommt aber in Amerika an. Sein Irrtum ist, dass er denkt, er sei in Indien, ist aber in Amerika. Aber er hätte es nicht besser wissen können. Er wusste nicht, dass Amerika existiert. Trotzdem hat er etwas falsch gemacht.
Und die anderen beiden Varianten?
Beim klassischen Fehler wissen Sie, was Sie erreichen wollen, verfehlen es aber. Wenn Sie zum Beispiel einen Elfmeter schiessen und das Tor verfehlen, wissen Sie sofort: Das war ein Fehler. Der Flüchtigkeitsfehler ist etwas anderes. Ich versuche etwas zu tun, aber aus Unachtsamkeit passiert mir ein Missgeschick. Ich habe etwas ausprobiert und es ist mir einfach so durchgerutscht.
Sie sind Neurowissenschaftler. Was passiert im Gehirn, wenn wir Fehler machen?
Unser Gehirn produziert viele Ideen nicht in einem bewussten Zustand. Es ist eher wie bei einer lebhaften Talkshow, wo viele Leute durcheinander brüllen. In unserem Gehirn gibt es eine Region, die vordere Gürtelrinde, die zwischen unserem Stirnbereich, dem präfrontalen Kortex, und dem hinteren Bereich liegt. Diese amtet als eine Art Moderator. Sie filtert die ganzen «Gesprächsbeiträge», also Gedanken, und sorgt dafür, dass bestimmte Ideen eher zu Wort kommen und bewusst werden. Nun ist es aber so, dass hin und wieder ein falsches Muster stabil wird und sich an der Gürtelrinde vorbeimogelt.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Wenn man etwa vor dem Elfmeterschuss immer wieder denkt «Bloss nicht an den Pfosten schiessen, bloss nicht an den Pfosten schiessen», kann es passieren, dass gerade dieses Muster stabil wird und sich durchsetzt. Wir sprechen dann von einem «ironischem Fehler». Wir erkennen den Fehler zwar sehr schnell, aber er ist passiert.
Und die Folge davon?
Im Anschluss werden diese Filtermechanismen geschärft, damit das Gehirn diese falschen Muster besser raussortieren kann. Quasi Top-down wird das Gehirn später dafür sorgen, dass nicht nochmals so leicht der gleiche falsche Gedanke durchrutscht. Das sieht man etwa daran, dass Menschen, nachdem sie einen Fehler gemacht haben, in Konzentrationstests beispielsweise langsamer und genauer arbeiten.
Was muss gegeben sein, dass wir uns über Fehler, Irrtümer, Imperfektionen freuen können? Wann gelingt es uns, Fehler produktiv zu verwerten?
Das kommt immer darauf an, was die Erwartungshaltung ist. Neue Ideen beginnen damit, dass Erwartungshaltungen gebrochen werden. Die spannendsten Erkenntnisse, die Menschen hatten, waren nicht die, die sie erwarteten. Wäre das der Fall, würden wir immer noch in irgendeiner Steinzeithöhle sitzen. Letztlich ist es das Unerwartete, was uns verändert.
Wir müssen also das unerwartete Erwarten?
Genau. Und wir müssen die Frage nach der Nützlichkeit stellen. Hat der Fehler irgendeinen Vorteil? Ein Vorteil könnte sein, dass Bakterien absterben wie bei Alexander Fleming, der seine Pilzkulturen vergessen hat und dabei mit dem Penicillin das erste Antibiotikum fand. Wir Menschen fangen sehr schnell an, die Frage der Nützlichkeit zu stellen. Sie ist das entscheidende Kriterium dafür, ob eine Neuartigkeit weiterverfolgt wird oder nicht. Doch den Blick für das nützliche Unerwartete trainieren wir uns häufig ab, weil wir nach Ähnlichkeit suchen, statt nach dem Fehler, der uns weiterbringt.
Ist Ihr Buch also auch ein Plädoyer für diesen Blick?
Wenn wir versuchen, Fehler permanent auszumerzen und nicht versuchen, optimistisch eine Veränderung auch mal umzusetzen, werden wir niemals voranschreiten. Menschen sollen auch ausprobieren und Fehler machen dürfen. Wenn sie das nicht tun, dann fallen Gesellschaften, dann fallen Unternehmen, dann fallen ganze Gruppen und das darf nicht passieren. Es braucht eine Balance zwischen dem festen Regelwerk und dem Ausprobieren. Man darf nicht versuchen, Fehler permanent grundsätzlich zu vermeiden.
Ich habe für diese Interview-Serie im Rahmen der Ausstellung «Perfectly Imperfect» mit verschiedenen Gestalter:innen gesprochen. Einige sagen, dass sie gerne von Hand arbeiten, weil da Fehler möglich sind. Wie hängen dabei «Kopf und Hand» zusammen?
Menschen denken in Mustern, in Zusammenhängen, in Bildern, sprich: in der Räumlichkeit. Und die händische Arbeit bringt genau diesen Vorteil, dass man arbeitet, wie man denkt. Wenn man mit der Hand schreibt, hat man eine geometrischere, eine dreidimensionalere Abbildung des Gedankens auf Papier. Wenn ich etwas auf dem Papier aufschreibe, bilde ich das auch in der Räumlichkeit ab.
Wie ist es bei Ihnen, welche Fehler machen Sie gerne bei Ihrer Arbeit?
Bei meinen allerersten Praktika, die ich an der Uni hatte, lernte ich, dass neunzig Prozent der Experimente für die Tonne sind. Die allermeisten Dinge, die man tut, funktionieren nicht. Das ist auch bei meiner Arbeit so. In der Coronazeit konnte ich zum Beispiel keine Lesungen mit meinen Büchern machen. Ich habe mir darum in Frankfurt ein eigenes Studio aufgebaut. Vieles hat aber nicht funktioniert.
Inwiefern?
Viele Bereiche, die wir prototypisiert hatten, also Pilotfilme für verschiedene Formate, für Erklärvideos oder dergleichen, wollte keiner haben. Aber dadurch, dass wir das gemacht haben, haben wir wiederum andere Sachen entwickelt, auf denen wir aufbauen konnten. Wayne Gretzky, der erfolgreichste Eishockeyspieler aller Zeiten, hat mal gesagt: Man vergibt hundert Prozent der Schüsse, die man nicht abfeuert. Man muss viel ausprobieren, um viel zu erreichen.
Sie probieren also auch bei der eigenen Arbeit als Experte und Speaker viel aus und sehen, was auf dem Markt funktioniert.
Die deutsche Mentalität ist sehr häufig so, dass man versucht, am Anfang die eine Idee zu finden, die funktioniert. Die kalifornische Mentalität, so wie ich das kennengelernt habe, ist die, dass von zehn Ideen eine funktioniert. Ich muss zehn Ideen ausprobieren, um die eine zu finden. Der Deutsche würde sagen: Ich fang doch gleich mit der einen an, warum muss ich die neun anderen auch noch machen? Doch so läuft das nicht und deswegen ist das Machen wichtiger als das Perfektmachen. Das Perfekte soll am Ende kommen, aber nicht am Anfang einer Idee.