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Hunde können ein störendes Verhalten an den Tag legen oder von einer Verhaltensstörung betroffen sein. Giuliano Chironi, diplomierter tierpsychologischer Berater I.E.T aus Oberrieden, beantwortet unsere Fragen.
Von einer Verhaltensstörung – also einem krankhaften Verhalten – spricht man, wenn das Verhalten des Hundes deutlich vom Normalverhalten abweicht. Dazu zählt stereotypisches Verhalten wie die Selbstverstümmelung. Diese zeigt sich beispielsweise, wenn der Hund sich die Pfoten wund leckt oder beisst, sich sein Fell ausreisst, seinem Schwanz nachjagt oder eine Zerstörungswut auslebt.
Zu problematischem Verhalten kommt es oft aufgrund schlechter oder nicht gemachter Erfahrungen in der kurzen, aber wichtigen Prägungsphase im Welpenalter, in den frühen Entwicklungsphasen im Junghundealter und in der Pubertät; oder bei fehlender oder mangelnder Sozialisation gegenüber Artgenossen, Menschen und der Umwelt. Infolgedessen entstehen Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen gegenüber Artgenossen oder Menschen, Phobien, Ängste oder Schreckhaftigkeit, Markierverhalten, submissives Urinieren, Unsauberkeit, das Fressen von Kot oder Probleme beim Autofahren.
Für störendes Verhalten ist meist mangelhaftes Wissen der Hundehalterin/des Hundehalters über Haltung und Erziehung eines Hundes sowie über die Merkmale einer Rasse und deren Verhalten in den verschiedenen Lebensphasen verantwortlich. Oftmals liegt dem Verhalten ein Führungsproblem in der Mensch-Tier-Beziehung zugrunde. Für den Hund ist eine sichere Bindung, also Vertrauen zum/zur Halter*in, essenziell. Störendes Verhalten ist demnach die Folge von falsch verstandener Kommunikation und nicht artgerechter Hundehaltung.
Wenn ein*e Hundehalter*in beispielsweise seinen/ihren Hund streichelt, wenn dieser an ihm/ihr hochspringt, belohnt er/sie ihn damit und verstärkt das eigentlich unerwünschte Verhalten. Der Hund verknüpft das Hochspringen positiv und wird dies wiederholen wollen. Auch das Jagdverhalten, das zwar dem natürlichen Verhalten des Hundes entspricht, kann zum Problem werden, wenn der Hund Jogger*innen, Velofahrer*innen oder Kindern hinterherjagt. Buddelt der Hund in der Sommerhitze ein Loch im Garten, entspricht dies einem natürlichen Verhalten – der Hund sucht sich ein kühles Plätzchen. Tut er dies aber im frisch bepflanzten Blumenbeet, ist das für den/die Halter*in ärgerlich.
Bei störendem Verhalten hilft oft ein gezieltes Hundetraining. Wenn das Problem nicht angegangen wird, verstärkt es sich. Hundehalter*innen sollten sich daher lieber frühzeitig bei einer Fachperson Unterstützung holen.
Erwünschtes Verhalten wird belohnt, unerwünschtes Verhalten wird ignoriert. Eine falsche Belohnung im falschen Moment verstärkt ein unerwünschtes störendes Verhalten. Der/die Hundehalter*in sollte daher seinen oder ihren Hund in jeder Situation richtig lesen und verstehen können.
Wenn man sich des Problems bewusst geworden und willens ist, es anzugehen, sollte man professionelle Unterstützung suchen und die von der Fachperson empfohlenen therapeutischen Übungen konsequent umsetzen.
Hier muss man sich fragen, weshalb der Hund Angst vor Artgenossen hat. Dafür gibt es vielfältige Ursachen, die man mit tierpsychologischer Unterstützung abklären sollte. Auch hier ist wichtig, zu verstehen, welche Gründe und Gegebenheiten vorliegen, welche Rolle der/die Halter*in spielt, wie die Führungsrolle gelebt wird. Der Hund braucht eine sichere Bindung zu seinem/seiner Fürsorgegarant*in und muss ihm/ihr in jeder Situation vertrauen können.
Zur Erstberatung gehört eine tierärztliche Abklärung, um medizinische Gründe auszuschliessen. Dabei lasse ich mir das Problem schildern, lerne das Tier und seine*n Halter*in kennen und erstelle eine Anamnese. Darauf basieren die Diagnose und die für das Problem geeignete Methode zur Verhaltenstherapie. Die Erfolgschance, dass sich das Problem löst, liegt bei 75 bis 80 Prozent. In gewissen Fällen aber sind Störungen irreversibel.