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Schon fast alle im Saal haben ihre Plätze eingenommen. Ein gedämpftes Gemurmel füllt den Opernsaal. Unsichtbar für die Besucher sitzt Felix Bierich (48) in seinem schwarzen Kabäuschen, das sich direkt hinter den goldenen Stuckaturen des rechten Bühnenrands befindet. Er drückt auf einen der unzähligen Knöpfe seines Schaltpults und sagt mit sanfter Stimme: «Bitte Klingelton spielen.» Wenige Sekunden später ertönt im Saal ein lautes Klingeln, das die Opernbesucher daran erinnern soll, ihr Handy auszuschalten. Ein wenig später betätigt er einen anderen Knopf und gibt erneut eine Anweisung durch: «Und Saal dunkel» — das Gemurmel verstummt.
Felix Bierich ist Inspizient. Die Berufsbezeichnung leitet sich vom lateinischen Begriff «inspicere» für besichtigen oder untersuchen ab. Bierich ist dafür verantwortlich, dass während der Vorstellung alles so läuft, wie es soll. Via Headset und Schaltknöpfen kann er alle Kollegen kontaktieren, die einen Knopf im Ohr oder einen Lautsprecher in ihrer Nähe haben. Manchen gibt er nur per Lichtzeichen Anweisungen — wie dem Schnürmeister, der für alles zuständig ist, was von oben auf die Bühne schwebt.
Die Partitur ist Drehbuch und Fahrplan zugleich
Heute wird «Woyzeck» gespielt, ein Ballett nach dem Dramenfragment von Georg Büchner. Die Tänzer und die Trommler hat Bierich schon vor ein paar Minuten hinter die Bühne gerufen. Jetzt überprüft er via Monitor, ob Bühne und Orchestergraben bereit sind. Der Inspizient gibt dem Dirigenten grünes Licht. Ein Glockenspiel in Moll erklingt. Bierich blickt in die Noten, schon naht der zweitletzte Takt des Vorspiels. Er löscht das Lichtzeichen für den Schnürmeister. Der schwarze Samt, der den Blick auf die Bühne bisher verborgen hat, hebt sich.
Das Opernhaus Zürich beschäftigt insgesamt vier Inspizienten, die pro Jahr 270 Vorstellungen und unzählige Proben betreuen. Sie haben alle einen unterschiedlichen Werdegang, denn im deutschsprachigen Raum gibt es keine Ausbildung für Bühnenwarte oder Stage Manager, wie die Inspizienten auch genannt werden. Felix Bierich kommt vom Sprechtheater, wo er in diversen Häusern in Deutschland als Schauspieler und Regieassistent gearbeitet hat. Dass er heute am Opernhaus tätig sein kann, hat er seinem Hobby, dem Klavierspielen, zu verdanken. Denn als Inspizient muss er Noten lesen können.
Auf der Bühne stehen fünf Trommler vor einem weissen Schleier. Woyzeck tanzt zu ihrem Wirbel, als ob er exerzieren würde. «Requisite bereitmachen zum Nebelstarten.» Bierich betätigt erneut den Schalter für den Schnürmeister. Der Schleier lüftet sich. Woyzeck zieht sich aus seinem Lichtkegel zurück. «Uuund Nebel Start.» Nebel wabert auf die Bühne.
Beim «Woyzeck» arbeiten rund 200 Personen auf, hinter oder über der Bühne. Alle ihre Aufgaben werden von Felix Bierich koordiniert. Die Partitur, die offen auf dem Inspizientenpult liegt, gibt den Fahrplan vor. Deren Seiten sind voller Post-its, farbiger Markierungen und Bleistiftzeichnungen: «Mit der Zeit kenne ich den Ablauf wie im Schlaf, aber bis es so weit ist, muss ich mir Notizen machen.»
Das Stück nimmt seinen Lauf. Schon x-mal haben die Tänzer die bewegliche Wand auf der Bühne um 180 Grad gedreht, und x-mal schickte Felix Bierich die Möbler los, um Stühle und Tisch bereit oder wegzustellen. Bald beginnt der Anfang vom Ende: Woyzecks Geliebte Marie wird sich vom Tambourmayor verführen lassen.
Rettungsanker bei Hustenreiz und anderen Problemen
Konzentration und die Fähigkeit, auf verschiedenen Ebenen zu denken, sind das Wichtigste in Bierichs Job. Je nach Kommunikationsmittel und je nach Adressat muss er mit Zeitverzögerungen rechnen, bis seine Anweisung durchgeführt wird. Und obwohl er ganz bei der Sache sein muss, sprechen ihn die Leute immer wieder an: «Wo sind wir?» Oder: «Darf ich ein Ricola?» Bierich ist allen ein Rettungsanker. Egal, ob es sich um Orientierungsprobleme oder einen Hustenreiz handelt.
Auf der Bühne tanzen Woyzeck und Marie einen Kampf. «Druckaufbau für den Regen», sagt Bierich. Woyzeck hat die Untreue entdeckt. Bierich betätigt die Taste für den Schnürmeister. Wasserdampf nieselt herunter. Woyzeck bohrt Marie ein Messer in den Bauch.
Alles läuft wie am Schnürchen. Das ist nicht immer so. Bei der Oper «Die Soldaten» musste Bierich kürzlich auf die Bühne, um einen verkeilten Wagen wieder in die Fahrspur zu rücken — während der Aufführung.
Woyzeck kniet neben Marie. Die Musik verklingt. Schwarz senkt sich von oben nieder. Das Publikum klatscht. Bierich ist nassgeschwitzt — und geniesst den Applaus.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Hutmacherin Dominique Stauffer
Autor: Andrea Freiermuth
Fotograf: Gian-Marco Castelberg