Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/724

Nicht immer ist es gut gekommen, wenn sich Steven Soderbergh aufs Experimentieren und Improvisieren verlegt hat; mit gähnendem Schrecken sei etwa an Kunstfreies wie «Full Frontal» oder «The
Girlfriend Experience» erinnert. Und nicht viel besser ists ihm bislang geraten, wenn er statt fürs Kino für einen Streamingdienst gewerkelt hat: Sowohl das mit einem iPhone 8 gedrehte Sportdrama
«High Flying Bird» als auch die selbst von Meryl Streep nicht zu rettende Geldwäschereisatire «The Laundromat», die er beide im Jahr 2019 für Netflix abgefilmt hat, waren ziemliche Rohrkrepierer.
Skepsis war also definitiv angebracht, als der Mann mit der Hornbrille unlängst «Let Them All Talk» präsentierte: eine für den noch jungen Dienst HBO Max gefertigte Dramedy, die fast ausschliesslich aus
mehrheitlich improvisierten Dialogen besteht.
Meryl Streep spielt darin die renommierte Literatin Alice Hughes, die in England einen prestigeträchtigen Preis entgegennehmen soll. Weil sie nicht fliegen will, schlägt ihre neue Agentin Karen (Gemma Chan), die mit allmählich eskalierender Besorgnis auf Alice’ neustes Manuskript wartet, die Überfahrt auf der «Queen Mary 2» vor. Nach anfänglichem Zögern willigt Alice ein, freilich unter der Bedingung, dass sie zur Unterstützung ihren Neffen Tyler (Lucas Hedges) und zur Unterhaltung ihre entfremdeten Studienfreundinnen Roberta (Candice Bergen) und Susan (Dianne Wiest) auf den Luxusdampfer einladen darf. Was nun folgt, ist ein oftmals geistreiches Geplänkel zwischen drei Grandes Dames des amerikanischen Kinos und ein sympathisch zurückhaltendes Anbandeln zwischen dem jungen Tyler und der auf die 40 zugehenden Karen, die sich ohne Alice’ Wissen quasi zur Kontrolle ebenfalls aufs Schiff geschlichen hat. Sicher: Die verbalen Schlagabtäusche driften mitunter auch ins Banale, und wie sich der fraglos talentierte Lucas Hedges in dieser Damenrunde schlägt, ist teils arg ungelenk. Aber dieser fast nur mit natürlichem Licht und minimalem Equipment an Bord der «Queen Mary 2» gefilmte Versuch einer (Wieder)annäherung hat nicht nur einen entwaffnenden Charme; Soderbergh macht hier auch etwas, was nicht viele seiner Berufskollegen zu tun bereit sind: Er stellt drei Schauspielerinnen in reiferem Alter auf ein komödiantisches Parkett, ohne sie dabei einer schrulligen Putzigkeit preiszugeben.