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Die grosse Armbanduhr an seinem Handgelenk, die Sonnenbrille mit silbernem Metallgestell, welche einen Grossteil seines Gesichtes verdeckt, und der mit Nieten besetzte Gürtel blitzen in der Sonne. Die Konturen seines grauen Kurzhaarschnitts sind perfekt und müssen wahrscheinlich einmal in der Woche aufgefrischt werden. Sein Oberkörper steckt in einem engen blauen Hemd, die Beine in einer weissen, ebenfalls engen Jeans, die Füsse in hellgrauen Wildleder-Mokassins. Es ist von allem etwas zu viel, gleichzeitig wirkt sein Erscheinungsbild in seiner Gesamtheit doch auf irgendeine Weise stimmig.
Die Schultern weit nach hinten gezogen, läuft er mit einem breitbeinigen Gang langsam und doch zielstrebig vom Bahnhof in die Richtung einiger Terrassen-Lokale. Die leicht O-förmigen Beine lassen erahnen, dass er Fussball spielt. Womöglich hatte er in seiner Jugend eine Karriere vor Augen, sich dann aber doch für die Sicherheit entschieden. Und jagt heute mit demselben Ehrgeiz wie früher, jedoch in seiner Freizeit, als Stürmer dem Ball hinterher. Vielleicht. Was dagegen sicher ist: Er nimmt viel Raum ein, was unter anderen Umständen schön unangenehm sein könnte. Doch im Moment ist er mit seiner Aufmachung, wie sie in Filmen so ähnlich auf Yachten getragen wird, ein unübersehbares, willkommenes Anzeichen dafür, dass die kalte Zeit des Jahres nun endgültig vorbei ist.
In einer schmucken Seitenstrasse steht sie vor einer schweren, alten Türe. Ob sie hier wohnt? Sie unterhält sich mit einem Mann, welcher angesichts ihrer Strahlkraft nahezu unsichtbar scheint. Ihr Körper ist umhüllt von einer schwarzen Bluse sowie einem knöchellangen Faltenrock derselben Farbe. Um ihre schlanke Hüfte, wo Bluse und Rock aufeinandertreffen, hat sie sich einen schwarzen Ledergürtel gelegt. Ebenfalls aus schwarzem Leder: die flachen Schuhe an den Füssen und die Handtasche mittlerer Grösse am Arm. All das wirkt überaus wertig und mit viel Bedacht ausgewählt. Am schmalen Handgelenk, an einigen Fingern, um den Hals sowie an den Ohrläppchen, trägt sie dezent-opulenten Schmuck aus Gold. Einzeln betrachtet wirken die Stücke teils ganz schwer, an der Frau jedoch ganz leicht. So aufrecht und anmutig steht und bewegt sie sich vor ihrem Gegenüber, als würde sie wie eine Gliederpuppe an Fäden immerzu nach oben gezogen werden. Sie scheint jedoch weder auf die Welt hinunterzuschauen noch eine Marionette zu sein. Viel mehr als Hochmut strahlt sie Erfahrung aus. Und sie macht den Eindruck einer Grande Dame, die weiss, was sie will und was nicht. Was sie kann und was nicht. Die schöne wie auch dunkle Zeiten durchlebt hat, von denen sie – egal welcher Art – nicht mehr allzu viele vor sich hat. Das ist unbestreitbar. Bestimmt hat sie sich darüber bereits so einige Gedanken gemacht und weiss: sie will das Leben mit derselben Würde verlassen, mit der sie sich darin bewegt. Daher hat sie wahrscheinlich längst der Vorsicht halber ihre Unterschrift unter eine EXIT-Patientenverfügung gesetzt.
Eingefallen wie ein Jahrmarkt-Ballon, dem langsam die Luft ausgeht, sitz er auf dem kniehohen Buchsbusch im Park. Die Spitzen seiner Chucks zeigen aufeinander, seine Augen verfolgen aufmerksam das Pétanque-Spiel, das sich vor ihm ereignet. Vier Männer und eine Frau mittleren Alters spornen sich gegenseitig an, die Kugeln möglichst nahe an die Zielkugel zu werfen, albern herum. Es macht den Eindruck, dass sie gemeinsam eine gute Zeit unter der Sonne verbringen.
Schnell zeigt sich, dass auch der vermeintliche Zaungast dazugehört. Denn immer wieder aufs Neue steht er auf, greift sich eine der schweren Kugeln, und wirft sie konzentriert aufs Spielfeld. Er ist gut und die anderen bestärken ihn: «Weiter so!» und «Super Wurf!». In diesen Momenten lächelt er schüchtern und seine Augen leuchten beinahe wie sein türkisfarbenes Polo-Shirt. Dann wirkt er nicht mehr kleiner, als er eigentlich ist.
Für seine Mitspielenden ist die Partie Pétanque im Park wohl ein schöner, kurzweiliger Zeitvertreib unter Freunden und er ist natürlicherweise dabei. Für ihn ist dieser Rahmen jedoch offenbar keine Selbstverständlichkeit. Es scheint, als wäre ihm diese Anreihung an Augenblicken wirklich wichtig, dass er sie ganz bewusst wahrnimmt, und sich dabei als echter Teil von etwas fühlt.
Mit einem etwa zehnjährigen Jungen, der wahrscheinlich ihr Sohn ist, sitzt sie auf einem Doppelsitz im Bus. Er hat am Fenster, sie am Gang Platz genommen. Sie hat sich Mühe gegeben mit ihrem Aussehen. Zwar kleidet sie sich auffällig unauffällig, aber alles sitzt. Und von den Schuhen bis zur Frisur wirkt sie überaus gepflegt. Und starr wie eine Statue. Ihre Beine sind angespannt, die Arme samt ihrer Handtasche drückt sie fest an ihren Oberkörper.
So versteinert sie von aussen ist, so stürmisch scheint es in ihrem Inneren. Ihre Augen sprechen Bände. Sie sind glasig, weit aufgerissen, und blicken ins Nichts. Zwischen den Augen: zwei tiefe Sorgenfalten.
Der Junge ist in einen kleinen Bildschirm vertieft und nimmt ihren Zustand wohl nicht wahr.
Sorgt der Ort, den die beiden mit Sicherheit bald erreichen, für ihre Beklommenheit? Befinden sie sich momentan in brisanten Lebensverhältnissen, die für die innere Unruhe verantwortlich sind? Erinnert sie sich an eine angsterfüllte Situation in der Vergangenheit? Ist ihre scheinbar besorgniserregende Verfassung lediglich eine Missinterpretation? Wie angebracht ist es, eine fremde Person in einem gut gefüllten Bus nach ihrem Befinden zu fragen?
In schwarzen Culottes, einem schwarzen Top und ohne BH steht sie an der Bushaltestelle. Einige kleine Tattoos zieren ihre unverhüllten Arme, ein Pony umspielt ihre Augen, und ein leichtes Lächeln ihre Lippen. Was sie ausstrahlt ist Entspannung durch und durch. Was auch immer sie gleich vorhat – ob sie auf jemandes Ankommen wartet, auf dem Weg zu einer schönen Runde ist oder den Abend alleine Zuhause verbringt – sie scheint zufrieden und gänzlich bei sich zu sein.
Wie in einer Stadt üblich, ist die Autorin während einem Spaziergang auf so verschiedene Menschen gestossen, wie sie einem innert kurzer Zeit und im Alltag nur im urbanen Raum begegnen. Die hier beschriebenen Personen sind ihr aus unterschiedlichen Gründen besonders aufgefallen.
Bilder: Ryoji Iwata/Unsplash