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Im Alter von sechs Jahren ist Mark O'Brian (John Hawkes) an Polio erkrankt. Doch er wollte nicht aufgeben und besuchte die High School, machte seinen Abschluss, und dies obwohl er seinen ganzen Körper ausser seinem Kopf nicht bewegen kann. 1988 ist Mark 38 Jahre alt und verdient sein Geld als Journalist und Dichter. Meistens arbeitet er von Zuhause aus, wo er an eine mechanische Lunge angeschlossen ist. Als Mark das Gefühl bekommt, dass seine Zeit langsam abläuft, beschliesst er Sex zu haben.
Doch dies ist alles andere als leicht für ihn. Er holt sich Rat beim neuen Priester Brendan (William H. Macy), der zuerst gar nicht begeistert ist von der Idee. Mark kontaktiert aber trotzdem die Sex-Therapeutin Cheryl (Helen Hunt), die ihm helfen soll, seine Jungfräulichkeit zu verlieren. In sechs geplanten "Sessions" wollen sie mit kleinen Schritten zum Ziel kommen. Die Erlebnisse während dieser Zeit werden nicht nur Mark verändern.
Die Sexualität behinderter Menschen wird nicht gerade oft auf der Leinwand diskutiert, doch Regisseur Ben Lewin wagt es trotzdem mit der Verfilmung dieser wahren Geschichte. Das Resultat ist annehmbar und erstaunlich unsentimental, hat aber trotzdem mit vielen Problemen zu kämpfen. Das Drehbuch ist repetitiv, Moon Bloodgood ist nicht sehr "good", William H. Macys Figur ist für die Katz, und der hochgelobte John Hawkes darf lediglich seine Stimme ein wenig verstellen.
Schaut man sich Videos des echten Mark O'Brien an, kommt man nicht darum herum, Hauptdarsteller John Hawkes ein Kränzchen zu winden. Die Sprechweise und den Schalk des Polio-Erkrankten hat er drauf. Prunkvoll geschmückt ist das gewundene Kränzchen jedoch nicht, da die Tatsache, dass es sich um eine Performance handelt, nicht zu übersehen ist und Hawkes nie volkommen in seiner Rolle verschwindet. Dafür verschwindet Helen Hunt während des Filmes immer wieder - aus ihren Kleidern. Doch nicht nur deshalb ist ihre Darstellung komplex und mutig. Die emotionale Reise, die ihre Figur durchmacht ist mindestens so interessant wie die von Mark O Brien, wenn nicht interesannter.
Weniger geglückt als die beiden Hauptakteure sind die Nebenfiguren. Insbesondere William H. Macy als superliberaler, supercooler Priester und Moon Bloodgood als Assistentin sind zum Davonlaufen. Bei Macy liegt es am Drehbuch, das zu wenig aus der Figur und dem Konflikt zwischen offener Sexualität und der katholischen Kirche macht. So bleibt eine Karikatur, deren Szenen am Boden des Schneideraums ähnlich viel Sinn wie im fertigen Film gemacht hätten. Schade, dass das Thema Glaube und Sex so oberflächlich behandelt wird. Moon Bloodgood ist in ihrer Rolle einfach nur langweilig. Punkt.
Da, wie der Titel vermuten lässt, mehrere "Sessions" zwischen Mark und seiner Therapeutin stattfinden, fühlt sich der Film etwas repetitiv an. Zwischen diesen Treffen spricht Mark entweder mit dem Priester oder der Assistentin. Diese strukturierte Erzählweise macht den Film ziemlich voraussehbar und damit gar langfädig. Was man The Sessions aber hoch anrechnen muss ist, wie Ben Lewin völlig auf Kitsch verzichtet. Dies gibt dem Film eine erfrischende Realitätsnähe, die durch Helen Hunts glaubwürdige Darstellung noch einen Extraschub Echtheit bekommt. The Sessions ist sicherlich interessant, doch gleichzeitig auch zu belanglos für ein so spannendes und wichtiges Thema.
Bildtechnisch gibt es bei diesem Blu-ray-Transfer absolut nichts zu beanstanden. Der für diesen Film typische "Indie-Look" wird toll wiedergegeben und die Detailschärfe ist exzellent. Die Hauttöne sind teilweise ein wenig unnatürlich, was aber mit den üblichen Color-Timing-Entscheidungen zusammenhängt. Der Dialog ist rauschfrei und absolut klar. Viel mehr bietet der DTS-HD-Master-Mix nicht. Zwar erweitern zwitschernde Vögel und Beltramis Score einige Maale den Raum ein wenig, doch das Ganze bleibt eine auf den Centerkanal konzentrierte Sache. Die wenigen Extras auf der Disc sind kaum der Rede wert und lassen Fans des Films ziemlich in die Röhre gucken.
Marco Albini [ma]
2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.
The Sessions ist ein sehr intimes Drama über Zuneigung, Sexualität, Glauben und Loslösung von Ängsten. John Hawkes und Helen Hunt sind gigantisch. Ihrem Schauspiel und dem dazu nötigen Mut eine Rolle mit einer solchen Intensität zu übernehmen, gehört höchste Anerkennung. Die Geschichte greift vielleicht das Thema 'Glauben' teilweise zu oft auf und lässt es auch immer wieder in jede Aktion miteinfliessen. Ebenfalls ist es nicht verwunderlich, wenn man sich als Zuschauer auch mal ein wenig berührt oder gar leicht beschämt wegdreht, denn das Dargestellte ist nicht gerade alltäglich. Trotzdem ist The Sessions sehr gelungen und gefällt nicht nur dank den grossartigen Schauspieler. Die Story ist trotz ernsthafter Krankheit des Hauptprotagonisten eher erheiternd und sympathisch und so macht das Mitfiebern auch gleich viel mehr Spass.