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Was geht mit der Suche nach dem “Paradies” einher? – Philosophische und psychoanalytische Überlegungen
Was geht mit der Suche nach dem “Paradies” einher?
Philosophische und psychoanalytische Überlegungen
Universität Basel / Theologische Fakultät / Thementag 2005: Zugang zum “verlorenen Paradies”
Einleitung
Gemäss der aus dem Aramäischen ins Hebräische, ins Griechische und Lateinische, später in alle übrigen Sprachen übersetzten jüdischen und christlichen Schöpfungsgeschichten sowie anderer kultureller und religiöser Mythologien, die schriftlich dokumentiert werden konnten, war den Menschen ursprünglich ein unbeschwertes, ja glückliches Leben ermöglicht gewesen, das durch den weiblichen Erkenntnishunger mit Sorgen und Ängsten, mit Mangel und Not belastet wurde, sodann in der transgenerationellen Fortsetzung infolge der Liebes- und Machtkonflikte unter zwei Brüdern mit Neid und Eifersucht, mit nicht mehr kontrollierbarer Gewalt, später durch die Masslosigkeit an Erwerb und Besitz, an Unterwerfung und Herrschaft mit der Verwirrung und Verunmöglichung sprachlicher Kommunikation, dadurch mit dem Verlust des wechselseitigen Verstehens und mit dem Anwachsen des Missverstehens, mit sich steigernder Missgunst und Feinderklärung, mit Kriegen und noch mehr Kriegen in ständiger Steigerung der Verwüstung und Zerstörung der Natur sowie der von den Menschen geschaffenen Lebensbereiche, gleichzeitig mit der Verwundung (gr. “trauma”, Traumatisierung) und Vernichtung der Menschen selber, auch der völlig schuldlosen Kinder und Kindeskinder. Menschen leben weit vom “Paradies” entfernt unter stetem Mangel an Glück, unter steter Not und vielfältiger Angst.
“Dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der ‘Schöpfung’ nicht enthalten”[1], hielt Sigmund Freud in einem seiner bedeutenden gesellschaftsanalytischen Texte fest, die er schrieb, als er beinah 74 Jahre zählte. Freud, der in seiner letzten kreativen Phase – selber begleitet von bedrohlichen gesundheitlichen und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen – sich zunehmend auch auf die Tora bezog als einer bedeutungsvollen Fundgrube der Deutung der Entwicklung des individuellen Menschseins im Zusammenleben mit einer vielfach unterschiedlichen, sowohl machthungrigen und regelüberschreitenden wie erkenntnishungrigen und zugleich ohnmächtigen Menschheit, Freud stellte fest, dass „Glück“ nur als „episodisches Phänomen“ erlebbar ist, dass die „Fortdauer einer vom Lustprinzip ersehnten Situation nur ein Gefühl von lauem Behagen“ ergebe. „Wir sind so eingerichtet, dass wir allein den Kontrast intensiv geniessen können, den Zustand nur sehr wenig“. Er fasste damit die Komponenten des sowohl existenz- wie kulturbedingten „Unglücks“ zusammen: die Körperlichkeit mit ihrer Triebhaftigkeit sowie mit der Anfälligkeit für Krankheiten und Leiden, letztlich die menschliche Sterblichkeit, sodann die „Aussenwelt mit ihren unerbittlichen, zerstörenden Kräften“, resp. die fremdbestimmten oder externen, nicht zur Disposition stehenden Bedingungen unseres Lebens (darunter die klimatischen und technologischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit), schliesslich die Bedingungen, die sich aus den Beziehungen zu anderen Menschen, aus dem Zusammenleben ergeben.
Die kritische Frage nach den Ursachen des menschlichen Unglücks richtet sich in der Philosophie und Psychoanalyse an die Menschen selber. Sie steht nicht mehr im Konflikt der Aufklärung, als sie noch anklagend und voller Aufbegehren an den für die Schöpfung der “zerstörenden Kräfte” verantwortlichen Gott gestellt wurde, wie es zum Beispiel Voltaire noch tat, der festhielt:
“Wie einen Gott sich denken, der, die Güte selbst,
den Kindern, die er liebt, die Gaben spendet,
und doch mit vollen Händen Übel auf sie giesst?”[2]
Das “verlorene Paradies”, das als Thema für die heutige Tagung gewählt wurde, bietet ein weites Spektrum des Hinterfragens an, der Deutungen und Erklärungsversuche. Ich werde mich nicht mit den religiösen Fragen um den strafenden Gott befassen noch um die Schulderklärung des Mangels weiblichen Widerstands gegen Verführung (in John Milton’s “Paradise Lost” von 1667 – wie in den meisten religiösen und literarischen Bibelinterpretationen), da die verhängnisvollen patriarchalen Zusammenhänge dieser Schuldzuweisung in theologischer – insbesondere in feministisch theologischer – Hinsicht genügend hinterfragt und teilweise auch korrigiert wurden. Ich werde mich in philosophischer und psychoanalytischer Hinsicht mit der Diskrepanz zwischen dem menschlichen Bedürfnis nach Glück und der gleichzeitig vom Menschen immer wieder erlebten und oft kaum tragbaren Fortsetzung von Unglück und von Angst vor weiterem Unglück befassen. Dabei stellen sich die Fragen der Wahlmöglichkeiten resp. der Freiheit und der Verantwortung sowie der Bedeutung von Glück und Unglück, von Gut und Böse auf vielfältige Weise. Worauf ich mich bei der Klärung der Fragen beziehe, ist eine kleine Auswahl aus der Fülle von Quellen, die zur Verfügung stehen.
Der erste Teil meiner Untersuchungen bezieht sich auf die philosophische Unterscheidung dessen, was als “gut” und was als “nicht gut” resp. als “böse” verstanden wird und worauf in psychoanalytischer Hinsicht das menschliche Unglück beruht, das in religiöser Hinsicht mit dem sogenannten “Sündenfall” und dem Verlust des Paradieses einhergeht. Der zweite Teil befasst sich mit der philosophischen Suche nach Werten, welche durch die Überzeugungskraft des Erkennens ein gutes Leben und Zusammenleben ermöglichen könnten, wobei jedoch die Nichtübereinstimmung von Denken und Tun – von Theorie und Praxis –, die seit jeher besteht, durch die Entwicklung, die “Fortschritt” genannt wird, zunehmend folgenschwerer wird. Im dritten Teil werden wir auf die psychoanalytisch-therapeutischen Möglichkeiten eingehen, dem Bedürfnis nach Glück, insbesondere dem Bedürfnis nach einem angstfreien Leben, unter den Bedingungen von heute näher zu kommen. Es geht dabei um die Frage, wie die Umsetzung von Grundbedürfnissen die über Generationen fortgesetzte Realität der Mangel- und Leidenszustände, der Entwürdigung und Gewalt zu korrigieren vermöchte, so dass die Suche nach Glück sinnvoll bleibt. Wie diese Möglichkeit umsetzbar ist, so dass sie nicht eine Utopie ist, wird zu diskutieren sein.
I … “wer aus Überhebung frevelt” – vom Mythos zur Philosophie
Das Bedürfnis, kraft des Denkens und der Sprache zu deuten, was das Leben der Menschen und das Zusammenleben der Geschlechter unter den geheimnisvollen, dunkeln Bedingungen des vielfältigen Ordnungssystems der Natur bedeutet – der vegetativen und animalischen, der klimatischen und astronomischen – , dieses Deutungsbedürfnis wurde während Jahrtausenden über das Erzählen der menschlichen Geschichte fortgesetzt, wie es durch das indogermanische “-my / mu”- “Ton, tönen”, das sich in “Mythos”, “Mythologie”, aber auch in “Musik” etc. findet, belegt wird. Mit dem Beginn der Zeichensprache, allmählich der Schriftsprache begann die geschichtliche Dokumentation der menschlichen Klärungsbedürfnisse, die während Jahrtausenden allein durch die Erinnerung getragen und weiter vermittelt worden waren.
Die Anfänge der Philosophie fallen mit den Anfängen der Schriftreligionen zusammen. Beide handeln zuerst von der Trennung der Elemente – Erde, Feuer, Wasser Luft -, von der Trennung von Finsternis und Licht, von den Gestirnen, vom Kreislauf des Lebens, kurz, von den Ursprüngen der Welt und des vielfältigen Lebens in der Welt. Sie handeln noch nicht vom Guten, resp. vom Bösen. Zwar wird mit der hebräischen Silbe „ra‘ah“ alles bezeichnet, was nicht gut, was schlecht ist: die verdorbene Frucht, der unfruchtbare Boden, ein Tag, der Unglück bringt, eine Naturkatastrophe etc. Schlecht ist eine Eigenschaft, die den Dingen oder eventuell auch den Menschen anhaftet, die Teil der natur sind, eine Eigenschaft, die nicht weiter hinterfragt wird, die einfach auf die Wirklichkeit verweist. Die Unterscheidung des guten und des schlechten, eventuell schuldhaften Handelns folgt später. Sie geschieht mit dem Erkennen der Folgen des Handelns, resp. mit der Wahlmöglichkeit von Handlungsentscheiden. Die Frage nach den verborgenen, nicht aussprechbaren Bedürfnissen, die das Entscheiden und Handeln beeinflussen, wird erst durch die Entdeckung des psychoanalytischen Klärungsprozesses ermöglicht.
Ich verbleibe bei der philosophiegeschichtlichen Unterscheidung. Die Fragmente aus der vorsokratischen griechischen Philosophie weisen immer wieder auf die Widersprüchlichkeit der menschlichen wie der göttlichen Handlungsentscheide, Verhaltensweisen, Macht- und Ohmacht hin. Obwohl Massstäbe des richtigen Handelns erkannt werden, ist deren Nichtbeachten und Übergehen eine Tatsache. Unkontrollierbare Triebhaftigkeit, Besitz-, Herrschafts- und Unterwerfungsansprüche, Gewalt und Rache wie Weisheit und Weitblick sind zugleich göttlich und menschlich. Dass Böses im Zufügen von Leiden besteht, findet sich meines Wissens bei den Vorsokratikern bei Xenophanes (589/77-485/80), und zwar in einer kleinen Geschichte, die er von Pythagoras, einem der grossen Zeitgenossen (580-500), erzählt. Xenophanes‘ Fragment 7 lautet: „Und es heisst, als er (Pythagoras) einmal vorbeiging ( und sah), wie ein Hündchen misshandelt wurde, habe er Mitleid empfunden und dieses Wort gesprochen: ‚Hör auf mit deinem Schlagen, denn es ist ja die Seele eines Freundes, die ich erkannte, wie ich seine Stimme hörte‘.“ Die Geschichte verweist sowohl auf die Pythagoreische Seelenwanderungslehre, die bei Sokrates und Platon zur Lehre von der Göttlichkeit und daher Unsterblichkeit der “psyche” – der menschlichen Seele – wurde; doch der von Xenophanes überlieferte Satz drückt auch die klare Erkenntnis aus, dass das Misshandeln eines Lebewesens ein nicht tragbares Zufügen von Leiden bedeutet und daher etwas Übles, etwas Böses ist, das es zu vermeiden gilt.
Bei anderen vorsokratischen Denkern wird früh das Masslose und die Überheblichkeit als das dem Guten Widerstrebende, resp. als das Böse dargestellt. Ein Beispiel u.a. ist Prometheus‘ überheblicher Griff nach dem Feuer. In einem Fragment von Pherekydes von Syros heisst es, dass von Zeus in den Tartaros geworfen werde, wer „aus Überhebung frevelt“. Von Heraklit (544-483), dem bedeutenden Denker aus Ephesos, wird in Fragment 43 festgehalten, „Überhebung soll man löschen mehr noch als Feuerbrunst“. An anderer Stelle – im Fragment 133 – werden von Heraklit „böse Menschen als die Widersacher der wahrhaftigen“ beurteilt. Schon in diesen Zeitzusammenhängen wird in der Beurteilung des Verhaltens und der Handlungsentscheide einzelner die wechselseitige Abhängigkeit der Menschen voneinander in Betracht gezogen: als “wahrhaftig” gelten diejenigen Menschen, die sich um Übereinstimmung von Erkennen und Handeln bemühen, deren Streben nach dem Guten jedoch die Überheblichkeit und Rücksichtslosigkeit, insbesondere die Masslosigkeit anderer Menschen entgegenwirkt und zuleide wirkt. So setzt sich eine stete menschliche Nichtübereinstimmung auf destruktive Weise fort.
Auf zunehmend erkenntnistheoretische Weise wird das Gute und der Gegensatz zum Guten in Platons (427-347) Ideenlehre erläutert. Die monotheistische Glaubensentwicklung und die platonische Ideenlehre erscheinen mir nah verwandt. Das Gute wird Gegenstand des intellektuellen Erkenntnisprozesses. Die Erkenntnis erfolgt nicht über Sinneswahrnehmungen, auch nicht über die Untersuchung oder Klärung von Lebenserfahrungen, sondern über das reine Denken, das, analog zum mathematischen und geometrischen Erkennen, richtig und falsch zu unterscheiden sucht. Das Gute gilt als das Eine, damit als das Unteilbare, Wahre und Vollkommene. Alles, was nicht das Eine ist, ist daher auch nicht das Gute. Aber was ist es dann? Da es sich bei Platon um eine „Seinslogik“, eine Ontologie, handelt, ist es weder das Schlechte noch das Böse, sondern das Nicht-Wahre, das Falsche, d.h. das, was im Bemühen um Klarheit, um Wahrheit „nicht übereinstimmt“, was irreführt und täuscht, was eben falsch ist. Doch da es dem Guten, resp. der Wahrheit entgegensteht, ist das Falsche zugleich das Böse: es verunmöglicht das Gute.
Der Vergleich der Anfänge der Schriftdokumente ermöglicht die Annahme, dass Religion und Philosophie sich da trennen, wo der Zustand der Welt nicht mehr der göttlichen Kosmogonie anheim gestellt wird, sondern das So- oder Anders-Handeln der Menschen dafür verantwortlich gemacht wird. Das menschliche Handeln wird dadurch Gegenstand der Ethik, d.h. der Philosophie vom guten Leben. Damit wird auch das böse Handeln Gegenstand der Philosophie. Es resultiert aus der menschlichen Wahl des Entscheidens und Handelns, jedoch immer noch im Gegensatz zum Guten. Überraschend ist bei Aristoteles (384/3-322/1), dass nicht mehr eine Idee, sondern der Gute das Mass für das Gute darstellt. Mit anderen Worten, was gut und was böse ist, resp. was tugendhaft und was schlecht ist, misst sich am Menschen und am praktisch-tätigen Leben, am Handeln. Dabei genügt es nicht, dass die Handlung sittlichen Kriterien genügt, dass sie zum Beispiel nicht-schädigend oder gerecht ist, sondern der Handelnde (Frauen gelten noch nicht als sittliche Wesen) muss selber bestimmte Eigenschaften aufweisen, um den Kriterien des Guten zu genügen. Aristoteles nennt drei Bedingungen: der Handelnde muss, erstens, bewusst handeln; zweitens mit Vorsatz handeln, und drittens im Handeln sicher und ohne Schwanken sein. Der Analogieschluss ist zulässig, dass, was für den Guten gilt, in der Umkehrung auch für den Bösen gilt. Nicht das – zufällig – gute oder schlechte Handlungsresultat ist entscheidend, sondern Wissen, Absicht und Unbeirrbarkeit des handelnden Menschen. Somit liesse sich sagen, dass auf dem Höhepunkt der griechischen Philosophie von sittlichem Verdienst oder, umgekehrt, von Schuld nur gesprochen werden kann, wenn die von Aristoteles in der Nikomachischen Ethik genannten Voraussetzungen erfüllt sind.
Nicht erklärbar erscheint Aristoteles allerdings, weshalb die einen Menschen gut und tugendhaft sind, die anderen böse und schlecht. Aristoteles mutmasst, dass dies entweder von Natur aus so sein könnte, oder eventuell durch Gewöhnung, eventuell durch Belehrung geschehe; andernorts führt er noch den Zufall und die göttliche Fügung ein. Auf diese zwei letztgenannten Erwägungen einzugehen ist hier nicht möglich.[3] Wichtig ist festzuhalten, dass es bei Aristoteles letztlich immer um einen Entscheid geht, der in Konfliktsituationen, d.h. in bestimmten Momenten des praktischen Lebens gefordert wird, auch dass der antike Denker schon drei entscheidende mögliche Einflüsse auf die moralische Entwicklung, resp. auf das Handeln der Menschen in Betracht zieht, die der modernen Forschung gar nicht so sehr widersprechen. Was er als „von Natur aus“ nennt, könnte heute als Einfluss genetischer Faktoren bezeichnet werden; was bei ihm „Gewöhnung“ heisst, liesse sich durch die Begriffe „Sozialisation“ und „Beziehungserfahrungen“ übersetzen; und was er als „Belehrung“ bezeichnet, könnte sich sowohl mit den Welt-, Gesellschafts- und Erziehungstheorien decken, mit denen ein Mensch schon als Kind konfrontiert wird, wie auch das Über-Ich meinen, d.h. die innere Stimme, die sich als „Gewissen“ äussert und welche die internalisierten Verbote, Gebote und Vorbilder, resp. den frühen Einfluss der Vater und Mutter-Vorbilder widergibt.
Tugenden, an denen sich, gemäss Aristoteles, das Gute, resp.„der Gute“ am stärksten misst, sind Gerechtigkeit, Klugheit und Freigebigkeit. Diese sind die Voraussetzungen für ein gutes Leben und Zusammenleben der Menschen. Die Nicht-Erfüllung dieser Tugenden kennzeichnet somit auf unmissverständliche Weise den sittlich schlechten Menschen. Nur, was ist mit der Erfüllung resp. der Nicht-Erfüllung dieser Tugenden gemeint? Aristoteles sagt diesbezüglich, dass „was wir tun können, nachdem wir es gelernt haben, das lernen wir, indem wir es tun“. Dabei gibt er nicht nur klar zu verstehen, dass jede Theorie sich durch die Praxis bestätigt; er geht auch davon aus, dass es für dieses „Tun“ materieller Voraussetzungen bedarf, resp. dass ohne Geld weder Gerechtigkeit noch Freigebigkeit gepflegt werden können. Der Rang der Tugendhaftigkeit ist somit, bei Aristoteles, ein Standesprivileg. Andererseits stellt er fest, dass die Ausübung jeglicher Tugend von der Klugheit ausgehe, da nur das tugendhafte Handeln zum Ziel führe, das im „guten Leben“, resp. im Glück, in der Glückseligkeit – „eudaimonia“ – der tugendhaft Tätigen bestehe.
Um diesen ersten Teil abzuschliessen, darf eine kulturell wichtige Ergänzung nicht vergessen werden, resp. eine Wiederholung dessen, was ich schon erwähnt habe: Die Nikomachische Ethik ist, trotz des erstaunlich Neuen, das sie mit dem Praxisrekurs bietet, eine Art Verhaltenskodex für besitzende, freie Männer. Es handelt sich dabei nicht um eine Lehre vom guten Leben, gemäss welcher das menschliche Tun des Guten und das Tun des Bösen generell unterschieden und untersucht werden könnte. Das Glück – “eudaimonia” – steht nur einer Elite zu. Dass die Grundbedürfnisse des Menschseins, auch das Grundbedürfnis nach einem guten, glücklichen Leben, die gleichen sind, trotz unterschiedlicher Herkunfts- und Zeitbedingungen, dazu kam es erst sehr viel später. Wir werden darauf eingehen; allerdings besteht bis in unsere Zeit eine enorme Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Praxis.
Die Beurteilung des gelingenden oder nicht gelingenden “guten” Lebens richtete sich seit frühester Zeit in starkem Mass nach Wertekriterien aus. Wir begeben uns damit auf die Ebene des praktischen Lebens. Eine knappe Zusammenfassung der Wertekategorien erscheint mir im Zusammenhang der heutigen Thematik von Nutzen:
- Werte – Von den Paradoxien zum kategorischen Imperativ
Die Frage ist, nach welchen Kriterien wird etwa als wertvoll, resp. als gut, und etwas anderes als weniger wertvoll oder als wertlos, als untauglich oder als schlecht angesehen. Auch diese Frage führt in die Ursprünge der menschlichen Kultur zurück, und die Veränderung des Wertebegriffs geht einher mit der Entwicklung der Kultur überhaupt. Materielles und Immaterielles vermischt sich ineinander. Der Wertebegriff muss entstanden sein, als erste Formen der Selbstversorgung nicht mehr genügten, als der Tauschhandel und damit die Arbeitsteiligkeit begannen, als mit dem Abtausch resp. mit der Abtretung von Produkten, Gegenständen oder Leistungen, über welche die einen Menschen verfügten, ohne deren zu bedürfen, gegen andere, die als gleichwertig empfunden wurden oder galten. Schon sehr früh wurden Waren oder Leistungen im Tauschhandel durch die symbolische Gleichwertigkeit von Münzen, resp. von Geld abgelöst, bis das Geld, der Geldbesitz und die Anhäufung von Geld mit der Entwicklung des Kapitalismus zum Wert an sich wurde.
Obwohl der ursprüngliche Gütertausch per definitionem an materielle Güter gebunden war, schloss er immer schon etwas Immaterielles mit ein: ein Abwägen und Erwägen, eine Vorstellung von Wert, die an Begriffe wie Nützlichkeit, Dringlichkeit, Unverzichtbarkeit gebunden war und für welche ohne Zweifel schon sehr früh eine Prioritätenordnung und damit die Erfordernis eines Entscheides galt, der einerseits Gewinn, andererseits Verzicht bedeutete. Der Entscheid für das eine Gut schloss ein anderes aus. Und so muss der Wertebegriff sich auch für immaterielle Güter, für Werte der persönlichen Lebensführung, des Verhaltens und der Organisation des Zusammenlebens durchgesetzt haben. Was an Geboten und Verboten, später an Gesetzen entstand, beruhte auf der Fortsetzung von Werte-Erfahrung hinsichtlich eines Zwecks. Die Überlegung von Nutzen oder Schaden ging damit einher.
Zum Beispiel bedeutete der Entscheid, einen Feind zu schonen, statt ihn zu töten, als Abtausch die Gewähr, selber geschont und nicht getötet zu werden. Oder der Entscheid, zu verzeihen statt Rache zu üben, zieht als Gegenwert die Aussicht nach sich, dass auch eigene Fehler verziehen und nicht mit Strafe geahndet werden. Oder der Entscheid, ein gegebenes Versprechen zu halten, berechtigt zur Erwartung von Gegenseitigkeit. So entwickelten sich aus dem Abwägen von Werten und aus dem Entscheid für einen bestimmten Wert in einer Rangordnung von Werten bestimmte wertorientierte Regeln des Verhaltens, welche durch die wiederholte Einhaltung internalisiert wurden und zu einem Werte- und Regelbewusstsein führten, das sich wiederum im persönlichen Gewissen ausdrückt: dem “guten Gewissen”, bei Beachtung der internalisierten Wertekategorien und bei Einhaltung der Regeln, dem “schlechten Gewissen” bei deren Nichtbeachtung und Übertretung. Die Entwicklung des eigenen Urteilsvermögens und der eigenen Handlungsverantwortung führt zu einer Veränderung der sozialisierten und internalisierten Wertevorstellungen und Regelcodices.
Das übernommene oder persönlich entwickelte Werte- und Regelbewusstsein entspricht der persönlichen Moral eines Menschen, während unter Ethik (ethos / Sitte, Brauch) die Auseinandersetzung um die obersten Grundsätze der verschiedenen Moralen verstanden werden kann, mit dem Ziel ein gutes Leben im Zusammenleben der Menschen zu sichern. Allerdings ist bezüglich des guten Lebens Verschiedenes und Ungleiches gemeint: das diesseitige gute Leben, oder das jenseitige gute Leben, oder das gute Leben einer bestimmten Gruppe von Menschen (wie eben z.B. der freien Männer in der griechischen Antike und noch während Jahrhunderten in den Systemen des Patriarchats, oder der Arier im Nationalsozialismus, oder aller Menschen, auf Grund einer reziproken Anerkennung des gleichen Menschseins und einer konsensfähigen Wertehierarchie u.a.m.). Damit wird deutlich, dass jede Ethik ein bestimmtes Menschenbild voraussetzt, und eine bestimmte Zeit widerspiegelt.
Es ist eine Tatsache, dass im Lauf der Menschheitsgeschichte sowohl die Prioritätenordnung der Werte wie die daraus abgeleiteten Regeln zumeist autoritär bestimmt wurden, häufig nicht im Sinn einer möglichst breiten Konsensfindung, nicht in Hinblick auf das grösstmögliche “bien commun”, sondern in Hinblick auf partikuläre Vorteile derjenigen, die sich die Definitionsmacht für die Rangordnung der Werte und Regeln zubilligten, um dadurch die danach handelnden Menschen zu kontrollieren, ob dies Fürsten, Potentaten, religiöse Autoritäten, Arbeitgeber, politische Führer, die sogenannte “öffentliche Meinung” usw. war oder noch immer ist. Auch gehörte eine gleichzeitige Vielzahl von Wertordnungen, die untereinander rivalisierten, im Lauf einer komplexer werdenden Welt zu den sich bietenden Orientierungsmöglichkeiten. Daraus entstanden jene Orientierungskonfusionen, jene Paradoxien, auf die ebenfalls schon Aristoteles in seiner “Nikomachischen Ethik” hinwies, und jene Gewissenskonflikte, die wir zum Teil auch heute kennen, deren Ursprung in der Nichtübereinstimmung eventuell gleichrangiger Werte oder Handlungsregeln liegt, die aber verschiedenen Ordnungen entstammen, d.h. in der Tatsache, dass das eine oder das andere, was man tun oder unterlassen sollte resp. müsste, sich widerspricht. Nach wie vor erscheint es mir wichtig, sich der schon con Aristoteles erarbeiteten Paradoxien bewusst zu sein und sich zu ermöglichen, nach einer Lösung zu suchen, oft nicht im Entscheid des Entweder-Oder, sondern durch den Mut, einen dritten – oder weiteren – Weg zu erwägen und zu wählen.
Ich will kurz auf die aristotelischen Paradoxien eingehen; sie mögen heute noch von Belang sein. Es handelt sich um drei Bereiche von Entzweiungspositionen, resp. von Entscheidungskonflikten, von denen jeder Bereich wiederum eine Menge von widersprüchlichen Situationen beinhaltet.
– Der erste Bereich betrifft die Paradoxien, die sich durch das Aufeinanderprallen von Urteilen, Meinungen und Lehren von “Weisen” (resp. Intellektuellen, Philosophen/Philosophinnen, Lehrern/Lehrerinnen etc.) und von Menschen einer bestimmten, herkunftsbedingten Alltagsorientierung ergeben. Aristoteles erklärt, dass diese Paradoxa unausweichlich seien, und dass es keine Position gäbe, welche die Wahrheit für sich beanspruchen könne, ja dass häufig keine der antithetischen Positionen zustimmungswürdig sei, etwa bei den Fragen “Muss man seinem Vater oder dem Weisen gehorchen?” oder “Muss man tun, was gerecht oder was nützlich ist?” oder auch “Muss man eher Unrecht leiden als Unrecht tun?”
– Der zweite Bereich bezeichnet nicht-übereinstimmungsfähige Positionen, die durch die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen philosophischen Schulen (Theorien, Ethiken, z.B. einer konfessionellen Ethik und einer Berufsethik, ev. auch zwischen verschiedenen Wirtschaftstheorien oder Religionen etc.) entstehen und mit denen die nicht-philosophische Bevölkerung konfrontiert wird.
– Mit dem dritten Bereich thematisiert Aristoteles Widersprüche im einzelnen Menschen selbst, wobei er die Widersprüche zwischen den geheimen Wünschen und den ausgesprochenen Grundsätzen meint. “Die Wünsche stimmen ja oft nicht zu den Worten”, sagt er deutlich, “sondern man hält die schönsten Reden und will doch nur, was vorteilhaft erscheint”.
Das schon von Aristoteles festgehaltene Erkennen der häufigen Nichtübereinstimmung von Gesagtem und Gedachtem, von Theorie und Praxis verweist auf eine Fülle von Betrug und von Enttäuschungen, von Zweifel und von Leiden, welche das Leben und Zusammenleben der Menschen belastet. Aristoteles erwähnt mehrmals die Nutzlosigkeit aller Theorie und allen Lehrens von Regeln, wenn nicht das gelebte, vorgelebte Vorbild der Lehrenden, der “Weisen” damit einhergehe. Neben dem kritischen und warnenden Aspekt dieser Überlegungen lässt sich davon ableiten, welch hoher Wert menschliche Verlässlichkeit bedeutet, insbesondere wenn sie mit selbstkritischer Bescheidenheit einhergeht, gleichzeitig mit Sorgfalt und Respekt vor jedem Fragen und Erkunden von Klarheit. Es ist dieses Bemühen um Verlässlichkeit, das im privaten wie im gesellschaftlichen Zusammenhang Vertrauen ermöglicht.
Die Frage stellt sich, woran es liegt, dass so bedeutende Erkenntnisse während Jahrhunderten kaum beachtet wurden. Liegt dies tatsächlich an der Nichtübereinstimmung von Theorie und Praxis? – oder an der Tatsache, dass so oft von einem autoritären Elfenbeinturm universitärer, religiöser oder staatlicher Funktionen aus Erkenntnisse gelehrt oder Regeln diktiert werden, ohne dass die Komplexität des Alltags und die schwierigen, zwischenmenschlichen Machtstrukturen, die damit einhergehen, beachtet werden?
Die Frage stellt sich auch im Zusammenhang von Immanuel Kants[4] kritischer Philosophie, in welcher die Absage an die herkömmlichen metaphysischen Tugendlehren mit dem Rekurs auf die menschliche Vernunft – auf die Freiheit, auf das Selberdenken und auf die Selbstverantwortung -, gleichzeitig mit dem Rekurs auf die Praxis einhergeht und so die menschliche Befähigung anerkennt, selber unterscheiden zu können, was gutes und was schlechtes oder böses Handeln ist. Dabei bietet Kant Maximen an, die hinsichtlich der individuellen Rechte und menschlichen Werte, die dadurch im Zusammenleben zentrale Beachtung finden, so einleuchtend sind, dass sie als generelle Stützen dienen könnten.
Man könnte sagen, dass Kant zugleich einen egoistischen und einen altruistischen Ansatz vorschlägt, bei dessen Befolgung der kategorische und der praktische Imperativ wegweisend sein können: der kategorische Imperativ besagt, dass die Handlungsentscheide so zu treffen seien, dass sie zum allgemeinen Gesetz erklärt werden könnten, und der praktische Imperativ hält fest, dass zur Erreichung eines bestimmten Zweckes nie ein Mensch zum Mittel gemacht resp. benutzt oder gar missbraucht werden darf, dass nie ein Mensch wie eine Sache, wie ein Ding eingesetzt werden darf, dass der Mensch immer selber Zweck sein muss. In der Umkehrung lässt sich somit sagen, dass ein Handeln, dessen Folgen für den Menschen selbst abträglich oder unerträglich wären, weil sie Leiden verursachen, von diesem Menschen nicht zum allgemeinen Gesetz erklärt werden könnte. Dazu gehört jede Art der Instrumentalisierung und damit der Verdinglichung von Menschen, jede Art der Entwürdigung und der menschlichen Entwertung. Gemäss Kant’s Überlegungen und Begründungen menschlicher Vernunft und Urteilskraft sollten diese Maximen so überzeugend sein, dass sie im Sinn des Imperativs – des von der Vernunft begründeten Gebots – befolgt werden sollten. Wieder stellt sich die Frage, warum dies nicht der Fall ist. Warum der Wert des wechselseitigen Respekts mit Kant’s Angebot der freien Entscheidungsmöglichkeit in der vielseitigen Abhängigkeit der Menschen von einander nicht als zwischenmenschliche Grammatik des gleichen Subjektwertes angenommen und umgesetzt wurde. Was bedeutet letztlich “freie Entscheidungsmöglichkeit”?
Gewiss, der Kant’schen Ethik liegt das Menschenbild der Aufklärung zugrunde, eine – so erstmals säkular definierte – Gleichheit der Menschen auf Grund des gleichen Menschseins (der gleichen “Menschheit”) in jedem Menschen – mit der Einschränkung allerdings, dass damals, Ende des 18. Jahrhunderts, weder die Sklaverei abgeschafft war noch die Emanzipation (d.h. die rechtliche Gleichstellung) der Juden und schon gar nicht der Frauen oder gar der Kinder erreicht war. Es fanden Revolutionen statt, die sich auf hohe Doktrinen menschlicher Gleichheit und Gerechtigkeit beriefen, jedoch die traditionellen Machtsysteme nicht durch die Überzeugungskraft dieser Doktrinen veränderten, sondern durch Gewalt vernichteten und durch neue Machtsysteme mit noch grösserer Gewalt ablösten. Gleichzeitig setzte – mit dem Beginn der Industrialisierung – die systematische Ausbeutung einer faktisch rechtlosen, ganz und gar vom Arbeitgeber abhängigen Arbeiterschaft ein, die durch die Fliessbandarbeit anonymisiert, des “Produkts” entfremdet und ausschliesslich zur Mehrwertsteigerung des Kapitals missbraucht, resp. instrumentalisiert wurde, trotz des von Kant erarbeiteten praktischen Imperativs. Und trotz dessen steigerte sich auch gleichzeitig das System des Imperialismus, das sich im Lauf des 19. Jahrhunderts zu einem globalisierten Herrschaftssystem ausweitete und festigte, mit Kriegen und bürokratisierten administrativen, militärischen und wirtschaftlichen Unterwerfungssystemen, bei denen der Herrschaftsanspruch der “Mutterländer” durch die “Unentwickeltheit” und “Minderwertigkeit” der kolonialisierten “Objekte” in Afrika, Asien etc. legitimiert wurde. Damit setzte sich weltweit der systematische Rassismus der “Herrenvölker” und “Herrenrassen” durch, der in die verhängnisvolle Geschichte des eben vergangenen Jahrhunderts mit seinen menschenverachtenden Ideologien und Diktaturen hineinführte, in den Ersten und in den Zweiten Weltkrieg, in Hunderte weiterer Kriege, so dass dieses Jahrhundert – trotz Aufklärung und Emanzipation, trotz wissenschaftlichem “Fortschritt” – zum blutigsten und schuldbeladensten aller Zeiten wurde. So kommt es, dass die Suche der Menschen nach Glück auf kaum mehr tragbarem Unglück beruht. Sie gleicht der Suche verdurstender Menschen nach Wasser.
III. Die Suche nach Glück – Erfüllung der Grundbedürfnisse
Wo stehen wir heute? Gewiss, eine grosse Hoffnung verband sich mit dem Aufklärungsprozess der Moderne, als die bislang verallgemeinerungsfähigste Ethik zustande kam, die sich auf den Respekt vor dem gleichen Menschsein in jedem Menschen abstützte. Von John Milton’s “Areopagitica” von 1644 zu den Habeas Corpus Akten von 1679 zur englischen “Bill of Rights” zehn Jahre später, weiter von Voltaire’s “Lettres Anglaises” von 1733-34 (die öffentlich verbrannt wurden) zu Montesquieu’s “Esprit des Lois” von 1748 bis zur französischen “Déclaration des Droits de l’Homme” von 1791, die in der patriarchalen Einschränkung der Rechte mit grossem Mut[5] von Olympe de Gouges durchschaut und mit der “Déclaration des droits de la femme et citoyenne” korrigiert wurde, schliesslich von Kant’s kritischer Philosophie in allen Bereichen und zu einer weiteren grossen Anzahl von Werken bedeutender Denkerinnen und Denker, die Menschen ihrer Zeit zu überzeugen vermochten – all diese bedeutenden Dokumente des Denkens vermochten nicht, die Zeitentwicklung von Gewalt, von menschlicher Entwertung und menschlichem Unglück zu befreien.
Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg verband sich mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eine Hoffnung, obwohl jegliche Hoffnung erschöpft zu sein schien. Mit der übergeordneten normativen Erklärung der menschlichen Würde und der menschlichen Rechte sollte eine die Staaten verpflichtende Korrektur menschlichen Zusammenlebens zustande kommen. Hoffnung im Sinne Ernst Bloch’s[6] sollte tragendes Prinzip der Erneuerung sein. Doch erneut kam es zu keiner Übereinstimmung von Theorie und Praxis. Neue nationale und globale Diktaturen, eine Steigerung der Umsetzung von Gewalt, erneute menschliche Entrechtung, Entwertung und Unwerterklärung setzten ein und setzten sich durch. Die technologischen Entwicklungen des digitalen und virtuellen Kommunikationssystems führten dazu, wechselseitiges Misstrauen und Angst als Zeitdiagnose zu verbreiten. Zunehmend setzte sich Globalisierung als Marktdiktatur durch. Die Diskrepanz zwischen menschlicher Ohnmacht und menschlicher Allmacht wuchs ins Masslose an. Heraklit’s Warnung vor menschlicher Masslosigkeit hatte prophetische Bedeutung. Wieder stellt sich die Frage: Warum können grosse Erkenntnisprozesse nicht ins Zusammenleben der Menschen umgesetzt werden? Warum kommt keine Übereinstimmung zwischen den Grundsätzen des guten Lebens und der tatsächlichen Realität zustande?
Wichtig erscheint mir, nicht beim gesellschaftsanalytischen Blick auf das “verlorene Paradies” zu verharren. Der Blick auf den einzelnen Menschen macht deutlich, dass die Suche nach Glück auf einer Ahnung beruht, was gutes Leben bedeuten könnte, wobei die Ahnung immer wieder durch Mangelerfahrungen in Leidenszustände, ja in die Verzweiflung führt. Es ist ein Mangel in der Erfüllung von Grundbedürfnissen, der bewirkt, dass, was nicht erreichbar ist, Gegenstand utopischer Sehnsucht wird. Grundbedürfnisse kennzeichnen die menschliche Bedürftigkeit und gleichzeitig den menschlichen Lebenswert in der vielfältigen, reziproken Abhängigkeit jedes Menschen von anderen Menschen. Grundbedürfnisse sind komplementär und sind zentral, wie jene nach Sicherheit und nach Freiheit, nach Wissen und nach Nahrung, nach Nähe und nach Liebe. Mangelerfahrungen wirken sich in vielfachem, unterschiedlichem Leiden aus, in “Hungerkrankheiten”, wie der Basler Psychiater Raymond Battegay[7] die mit psychischen oder physischen „Unersättlichkeiten“ verbundenen Ersatzversuche von Menschen bezeichnet.
Sigmund Freud hatte schon in „Unbehagen in der Kultur“[8] auf die menschliche Gefährdung durch existentielle “Ersatzbefriedigungen“ aufmerksam gemacht (resp. auf die “Hilfskonstruktionen“, wie er Theodor Fontane aus dessen Roman „Effi Briest“ zitiert). “Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. (…) Solcher Mittel gibt es dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen lassen. Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgend etwas dieser Art ist unerlässlich“. Und etwas weiter, nachdem er die „ungezählte Male gestellte Frage nach dem Lebenszweck“ aufgenommen hat, bemerkt er, dass die Menschen einfach nach dem Glück streben: “Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an. An seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos eben sowohl wie mit dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm“. Hier kommt er zum Schluss, den ich schon zitiert habe, “dass der Mensch ‘glücklich’ sei, sei im Plan der ‘Schöpfung’ nicht enthalten“.
Freuds Feststellung, die “Schicksalsfrage der Menschenart scheine es zu sein, ob und in welchem Masse es ihrer Kulturentwicklung gelingen werde, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden“, gilt heute noch immer. Unabdingbar erscheint mir, dass die Gefühle der Ohnmacht angesichts der überwältigenden “Unglücksbedingungen“ durch das Stärken von Vertrauen in die eigenen psychischen Kräfte gemindert werden, sowohl in die emotionalen und kommunikativen, wie in die praktischen und theoretischen. Hoffnung und Vertrauen sind sich ergänzende psychische Kräfte, die in Kenntnis und im Bewusstsein der Not-, Mangel und Leidensursachen den Zweifel am Wert zu leben nicht überhandnehmen lassen. Sie aktivieren den Mut, auf Werte zu achten, die dem Wert zu leben gerecht werden. Machtübergriffen und Marktdiktatur, welche ungezählte Menschen zu “Überzähligen“ stempelt, können nur die Menschen selber entgegenwirken, indem sie sich entschliessen, auf ihre Suche nach Glück so zu achten, dass sie sich nicht betören lassen. Es ist möglich, mit dieser Sorgfalt einen Beitrag zu leisten zu einer Veränderung des Zusammenlebens, bei welchem der wechselseitige menschliche Respekt als partizipative soziale “Grammatik” umsetzbar wird, bei allen Schwierigkeiten im Zusammenhang von Paradoxien, die immer wieder der Klärung und der Lösungsmöglichkeiten bedürfen.
Interessanterweise ging die französische Philosophin Simone Weil, die 1943, nach der Flucht aus Frankreich, im Exil in London an den Folgen einer sich über Jahre fortsetzenden Anorexie starb[9] – einer Hungerkrankheit, die keinen Ersatz für die “Nahrung”, deren sie bedurfte, zuliess -, in ihrem letzten, kurz vor dem Tod abgeschlossenen Werk „Enracinement“[10] auf eine Untersuchung der Bedeutung der Grundbedürfnisse ein, die beachtenswert ist. Gemäss Simone Weil betreffen die Grundbedürfnisse das körperliche und das psychische Leben jedes Menschen, sowohl als Individuum wie als Teil einer Sozietät. Das Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit und Integration, nach Schönheit und nach verlässlicher Zuwendung sind ebenso prioritär wie dasjenige nach körperlicher Ernährung und nach einem Dach über dem Kopf, und dieses wiederum ebenso unverzichtbar wie jenes nach Freiheit und nach einer zustimmungsfähigen Ordnung. In der Befriedigung der Grundbedürfnisse sind alle Menschen aufeinander angewiesen. Es ist eine wechselseitige Abhängigkeit, deren Bedeutung die Beziehungen untereinander erwärmt und deren Anerkennung die Voraussetzung für gerechte Verhältnisse des Zusammenlebens schaffen könnte. Simone Weil stellt fest, dass die Nichterfüllung der Grundbedürfnisse, insbesondere der affektiven Grundbedürfnisse, die auch jene nach Gerechtigkeit und nach Frieden sind, immer Ursache ist von grossem Leiden ist, das durch die Summierung des Mangels nicht mehr tragbar wird. Wenn der Hunger nach psychischer und körperlicher, nach affektiver und intellektueller Nahrung unerfüllt bleibt, führt er, gemäss Simone Weil, zum Tod.
Ich komme zum Abschluss: Ein zentrales menschliches Grundbedürfnis ist, angstfrei leben zu können. Im heutigen “Klima der Angst”[11], das durch die wirtschaftliche und technologische, militärische und ideologische Entwicklung der Grossmächte resp. Grossfirmen geschürt wird, gehört für den einzelnen Menschen das Hinterfragen der Angst zu den dringlichen Aufgaben. Beim Hinterfragen wird deutlich werden, dass Angst sehr unterschiedliche Bedeutungen hat.
Als warnende Kraft kommt der Angst eine schützende Funktion zu. Sie hängt mit momentanem Erschrecken zusammen, dessen Ursachen erklärbar sind. Sie stärkt das Bewusstsein eigener Schutzmöglichkeiten und kann somit als Erfahrung im positiven Sinn verstanden werden kann. Diese Art von Angst, bei welcher dem einzelnen Menschen die Ursachen sowie die Abwehr-, Rettungs- und Sicherheitsmöglichkeiten bekannt sind, hat eher die Bedeutung von Furcht.
Beruht die Angst jedoch auf wiederholten, fortgesetzten Erfahrungen der Verlassenheit, der Wehrlosigkeit gegenüber Willkür und Täuschung, Missbrauch und Gewalt, so geht es dabei um Erfahrungen, die mit der Infragestellung des Existenzwertes, des Lebenswertes, des Ich-Wertes einhergehen. Diese Angst aufzuarbeiten, die mit zahlreichen seelischen Mangelprägungen verbunden ist, sowohl mit der Tatsache eigener, persönlicher Hilflosigkeit wie gleichzeitig mit der Tatsache der bedrohlichen Macht anderer Personen, die in der rücksichtslosen Undurchschaubarkeit als Übermacht oder gar Allmacht erlebt wurde, als Kälte und Härte, dies ist schwieriger. Die Aufarbeitung kommt einem Heilungsprozess gleich, und jeder Heilungsprozess bedarf der Zustimmung. Diese geht einher mit der Möglichkeit, nicht länger Opfer zu sein, sich nicht mehr zu ducken und zu schweigen; gleichzeitig mit dem Bedürfnis, bei anderen Menschen selber nicht Angst zu verursachen. Der eigene Mut – die Kraft des “Herzens” – eine Neuorientierung zu ermöglichen und Werte, die einen Halt bedeuten, tatsächlich umzusetzen, vermag, die Angst als lähmende, negative Kraft zu lösen. Neue Beziehungserfahrungen können so erlebt werden, sowohl in der Beziehung zu sich selbst wie in jener zu anderen Menschen. Es kann erlebt werden, dass Angstbesetztheit keiner Fortsetzung bedarf, dass sie korrigierbar ist. Die Aktivierung des Grundbedürfnisses nach Freiheit, das einhergeht mit dem Grundbedürfnis nach persönlichem Wert und nach Lebenssicherheit, findet eine Unterstützung durch diese neue Erfahrung, die zu Erinnerung wird. Die Suche nach Glück schafft sich einen Boden, und langsam beginnt ein kleines Vertrauen gegenüber der Zukunft zu keimen und zu wachsen.Durch diese Zustimmung zum Wert des Lebens auch unter anderen, begrenzteren Bedingungen lassen sich neue Möglichkeiten der Erfahrung menschlicher Verlässlichkeit erleben, lassen sich neue Möglichkeiten der Kommunikation – des Verstehens und des Verstandenwerdens – finden.
Was Anna Freud als „privaten Kompass“ der Psyche versteht, ist eine das Unbewusste mit dem Bewusstsein verbindende Intuition des richtigen Weges. Damit der „private Kompass“ und dadurch eine persönliche Weisheit zustande kommt, bedarf es der sich fortsetzenden zwischenmenschlichen, der aufmerksamen und wohlmeinenden affektiven Beachtung sowohl des leidvollen Mangels in der Erfüllung der Grundbedürfnisse wie der individuellen Fähigkeiten. Wer andere beachtet, wird selber beachtet und erlebt Achtung vor dem eigenen Wert zu leben. Es ist die wechselnde und vielfache, stärkende Reziprozität, die vermag, dem Unheil der Verlorenheitsgefühle entgegenwirken. Es geht in der Suche nach Glück nicht mehr um das “verlorene paradies”, auch nicht um das Streben nach “eudaimonia”. Was bei der Suche erlebt wird, mag tatsächlich Glück sein: eine innere Sicherheit, dass die begrenzte Zeit und der vielfache Mangel, der das Leben begleitet, gut ertragen werden kann. Es ermöglicht, einen Halt zu kennen und selbst das Flüchtige als sinnvoll zu erleben.
[1] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1930
[2] Im Zusammenhang des grossen kollektiven Unglücks des Erdbebens von Lissabon von 1755 geschrieben.
[3] Der Rekurs auf die „göttliche Fügung“ findet sich in der Prädestinationslehre wieder, und es wurde damit ebensoviel Unheil angerichtet wie mit der späteren biologistisch-rassistischen Vererbungslehre. Was andererseits bei Aristoteles mit dem „Zufall“ gemeint wurde, verbindet sich mit dem über Jahrhunderte benutzten Bezug auf das Schicksal. Nach meiner Deutung könnte damit das Unberechenbare gemeint sein, das sich im Wirken des Unbewussten zeigt.
[4] cf. “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” von 1785, “Kritik der praktischen Vernunft” von 1788 und schliesslich “Metaphysik der Sitten” von 1797, die in die “Rechtslehre” und in die “Tugendlehre” aufgeteilt.
[5] Von Robespierre zur Tötung auf dem Schaffott verurteilt, cf. Olympe de Gouges. Oeuvres. Mercure de France. Mille et une femmes. Paris 1986
[6] 3 Bde. 1954-57
[7] Raymond Battegay. Hungerkrankheiten. Unersättlichkeit als krankhaftes Phänomen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1992; Erstausgabe Verlag Hans Huber, Bern 1982. (Gemäss Battegay: Anorexia nervosa, Adipositas, der „Hunger“ nach Fusion bei narzissstisch Gestörten, die unersättliche, destruktive Tendenz zu einer totalen Fusion mit einem Objekt und dessen Zerstörung, Herz-Kreislauferkrankungen bei behindertem Tatenhunger, der emotionale Hunger bei lebensbedrohenden Krankheiten und weitere mehr. Auch die „Unersättlichkeit“ der Workaholics mag dazugehören, oder jene der Medikamenten-, Konsum-, Kauf- und Sammelsüchtigen, vor allem der ungezügelte, masslose Machthunger).
[8] Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur (1929/30). Studienausgabe Bd.9, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 1974
[9] cf. Maja Wicki. Simone Weil – Eine Logik des Absurden. Haupt Verlag, Bern 1983 – M.W. Handlungen die wie Hebel hin zu mehr Wirklichkeit sind. Wie funktioniert das?“ oder Warum hungerte Simone Weil zu Tode? S. 151-169 in: Imelda Abt/Wolfgang W. Müller. Simone Weil. Ein Leben gibt zu denken. Eos Verlag, St. Ottilien 1999.
[10] Simone Weil. Enracinement. Prélude à une déclaration des devoirs envers l’être humain. Hrg. von Albert Camus. Editions Gallimard, Paris 1948.
[11] Wole Soyinka. Klima der angst. (Übersetzung aus dem englischen: Gerd Meuer). Ammann Verlag, Zürich 2005. Originalausgabe: The Climate of Fear. The Reith Lectures 2004. Profile Books Lim. London 2004.