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Vor uns liegt Diderots Alterswerk – und es ist von einer verblüffenden Modernität. Es könnte praktisch genau so auch im 21. Jahrhundert geschrieben worden sein und hätte auch als Werk des 21. Jahrhunderts noch das Zeug, die Literaturkritik der ganzen Welt in Lobeshymnen ausbrechen zu lassen. Schon damals gefiel es ausnehmend, zum Beispiel den deutschen Klassikern, Goethe und Schiller. Letzterer übersetzte gar eine darin eingebettete Erzählung (allerdings unter Tilgung aller Spuren, die den übergeordneten Erzählebenen des Romans zuzuordnen waren) unter dem Titel Merkwürdiges Beispiel einer weiblichen Rache und veröffentlichte sie 1785 in einer seiner Zeitschriften. (Andere Klassiker zwar, zum Beispiel Wilhelm von Humboldt, standen der avantgardistischen Kompositionstechnik Diderots verständnislos gegenüber – der mit zunehmendem Alter wie die ganze Romantik immer konservativer werdende Kritiker und Literaturpapst jener Zeit, Friedrich Schlegel, sowieso. Im 20. Jahrhundert hingegen haben Autoren wie Joyce oder Faulkner viel von Diderots Jacques gelernt.)
Das Schicksal von Diderots literarischem Werk war es, in Deutschland bekannt zu sein, lange bevor man es in Frankreich zur Kenntnis nahm. Zur Kenntnis nehmen konnte. Aus Furcht vor Zensur und Verfolgung publizierte es Diderot nämlich nicht (mehr) in seiner Heimat. Es zirkulierte aber offenbar im Freundeskreis als Manuskript und wurde auch abgeschrieben. Einer der Abschreiber war Melchior Grimm, der für seine Correspondance littéraire solche Texte suchte. Diese Correspondance wurde – handgeschrieben! – an ausgesuchte Fürstenhöfe in Deutschland verschickt. Da Grimm sie unter dem Siegel diplomatischer Post versenden konnte, war er vor der Zensur gefeit. So kam es, dass Diderots Texte in Deutschland, zumindest in auserwählten Kreisen, offen und ungehindert gelesen werden konnten, während die Franzosen darauf noch einige Zeit nach dem Tod des Autors warten mussten.
Diderot hat seine avantgardistische Schreibtechnik – zumindest deren Grundlagen – nicht selber erfunden. Er weiß das und gibt der Leserschaft sogar gleich zu Beginn des Textes einen unübersehbaren Hinweis darauf, dass er es weiß. Schon beim ersten Anlauf zeigt sich nämlich, dass Jacques, der Diener, nie dazu kommen wird, seine Liebesgeschichte seinem Herrn zu erzählen, weil er immer wieder unterbrochen wird durch andere Ereignisse, andere Erzählungen. Diderot imitiert hier bis hin zu einzelnen Formulierungen die Geschichte von Onkel Shandys Verletzung und gibt das auch augenzwinkernd zu.
Jacques und sein Herr sind auf einer Reise in der französischen Provinz. Woher sie kommen und wohin sie reiten, erfahren wir nie – und auch der Grund der Reise wird erst ganz zum Schluss enthüllt. Diese Reise bildet den Rahmen für alles, und darin Jacques Liebesgeschichte, die nie zu Ende erzählt wird, den Basso continuo: Diderot hat diese Form des Erzählens, ich habe es bereits gesagt, aus einem anderen Roman ‘geklaut’, den er sehr bewunderte: Laurence Sternes Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Nicht, dass er nun diesen Roman 1:1 kopierte, dazu ist Diderots eigene Kunst zu groß. Aber auch Jacques der Fatalist und sein Herr ist einer der Romane, die deswegen so gut und so groß sind, weil sie die überlieferte Tradition dessen, wie ein Roman zu sein hat, dekonstruieren, bevor die alte Theorie auch nur fertig konstruiert worden wäre. Der Don Quijote gehört zu diesen Werken, der Tristram Shandy auch – und nun also folgt ihnen Jacques der Fatalist.
Diderots Roman besteht aus einem Tohuwabohu angefangener Geschichten, die im Rahmen dieser Reise erzählt oder erlebt werden. Manche Geschichten werden nie zu Ende erzählt, manche nach Unterbrechungen, bei manchen überrascht Diderot den Leser auch und bringt sie geradewegs zu einem Ende. In Jacques der Fatalist existiert zusätzlich eine Metaebene, die sich ständig in die Erzählebenen einmischt, und in der sich der Autor mit seinem quengelnden Leser zankt und über solche Dinge diskutiert, wie zum Beispiel, dass er, der Autor, jeder Geschichte jederzeit eine unerwartete Wendung geben könnte, die die ganze Geschichte, den ganzen Roman, kaputt machen würde. Der Leser wiederum quengelt, er drängt auf Fortsetzung dieser oder jener Geschichte, will dann doch lieber zuerst eine andere zu Ende erzählt haben – und überhaupt macht ihm der Autor zu langsame Fortschritte. (Sofern er ihm nicht zu schnell voran geht.)
Ein Wort noch zum Begriff des Fatalisten. Jacques, der einmal von seinem Herrn als Philosoph tituliert wird (ein Begriff, den Diderot in anderen Erzählungen für sich selber reserviert hat), war früher Soldat und hat von seinem Hauptmann, der unter anderem Spinoza gelesen haben soll, die Einstellung übernommen, dass alles, was geschieht, immer schon vorbestimmt ist. Oder, wie sich Jacques ausdrückt, da oben in einer großen Rolle bereits aufgeschrieben steht. Der Schreiber der Rolle ist nicht unbedingt der christliche Gott, vielmehr wohl als der Lauf der Natur zu verstehen. (Diesen Schluss haben zu Diderots Zeit auch ganz andere Köpfe als der des ehemaligen Soldaten Jacques, bzw. seines Hauptmanns, aus Spinozas Ethik gezogen. Es war nicht ganz, was Spinoza selber gemeint hatte.) Dadurch werden für Jacques auch die Begriffe von Gut und Böse irrelevant, und er kann beobachten und schildern, ohne moralisch zu werten. Ich bin überzeugt, dass sich Diderot zumindest in dieser Hinsicht durchaus mit Jacques identifizierte: Im Alter ist er selber zum Fatalisten geworden – zum Materialisten und Atheisten, was er allerdings in jenen Tagen nicht offen bekennen durfte, ohne in große, sehr große Schwierigkeiten zu geraten. Ob Diderot sich auch hinsichtlich des Weinkonsums mit Jacques identifizierte, kann ich nicht beurteilen. Letzterer zumindest hatte immer eine jeden Morgen prall mit Wein nachgefüllte Flasche bei sich, aus der er jeweils einen Schluck nahm, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu fällen oder auch nur, die Gurgel zu ölen für den nächsten Fetzen seiner Liebesgeschichte. Abends war die Flasche dann pünktlich leer.
Auch die Diskussion des Verhältnisses von Herr und Diener (die Hegels entsprechende Passagen in dessen Werk beeinflussen sollten, und auch noch Brecht) birgt Zündstoff. Die Paarung an sich war schon in der Antike eine Standardsituation der Komödie. Diderot ändert daran nicht einmal so viel. Der Herr, ein vehementer Vertreter der Theorie des freien Willens, ist in Tat und Wahrheit eine völlig antriebslose Figur – ein Spielball seiner Umwelt. Nicht einmal einen eigenen Namen hat er im Roman verdient. Jacques, der Diener, hingegen ist trotz seines deterministischen Glaubens der, der handelt. Anders aber als zum Beispiel bei Plautus ist dem Diener diese verkehrte Welt aber sehr wohl bewusst. Das gibt ihm das moralische Recht, sich offen als den eigentlichen Herrn seines Herrn zu postulieren. Jacques ist im Übrigen zwar Determinist, aber kein Stoiker. Das zeigt sich in seinen Handlungen: Trotz seiner Theorie, nach der er ja denken müsste, dass er wenig oder keinen Einfluss darauf habe, wie es komme, wie es kommen müsse, versucht er sehr wohl, Einfluss zu nehmen und kann er sich über ein Ereignis sehr wohl ärgern oder freuen. Er kann sich ja auch verlieben.
Womit wir beim Anfang wären. Ich werde jetzt nicht verraten, ob wir Jacques’ Liebesgeschichte je erfahren. Nur so viel: Ich habe mich bei der Lektüre glänzend amüsiert. (Ich habe mich auch beim Tristram Shandy glänzend amüsiert.)
Denis Diderot: Das erzählerische Werk in vier Bänden. O.O.: Aufbau-Verlag, 1995.
[Dieser Band (= Band 3) wurde mit Kupferstichen versehen, die ursprünglich aus der ersten Ausgabe von Louis-Sébastien Merciers Tableaux de Paris stammen und Standardsituationen des damaligen Pariser Lebens nach Mercier wiedergeben. Sie passen tatsächlich nicht übel zu den verschiedenen Erzählungen und Erzählfetzen des Jacques. Auch wenn sie keiner Situation des Romans 1:1 entsprechen. Vor allem die Ironie des Romans ist ja auch bei Mercier oft zu finden. Allerdings fehlt Diderots Roman für einmal die beissenden Satire, die wir in den Illustrationen finden.]