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25.11.2015 - Am Unterlauf des Alpenrheins stehen grosse Veränderungen an. Die Verbesserung des Hochwasserschutzes soll dem Fluss einen Teil seiner ursprünglichen Dynamik zurückgeben und damit auch den ökologischen Wert deutlich erhöhen. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt die langfristige Sicherung der Trinkwasserversorgung aus dem Grundwasserstrom des Rheintals. Das zwischenstaatliche Projekt «Rhein - Erholung und Sicherheit» (Rhesi) gilt als Jahrhundertwerk.
Text: Urs Fitze
Eine Gruppe Paddler rastet auf einer Kiesbank, daneben versucht eine Anglerin ihr Glück, und wagemutige Jugendliche wagen sich ins kalte Nass des Alpenrheins. Der Fluss hat sich bei Diepoldsau (SG) in seinem breiten Bett eingerichtet, fliesst in Seitenarmen um Kiesbänke herum und lässt in Ufernähe etwas Platz für ein aufkeimendes Auenwäldchen. Die Steinwuhren, die ihn einst in ein schmales Korsett zwängten, sind abgebaut, das Rheinbett ist bis auf einen Landstreifen am Hochwasserdamm verbreitert und die Flusssohle reich strukturiert. Die Aufweitung des Gerinnes hat den Schutz vor Überflutungen entscheidend verbessert, kann der Alpenrhein doch nun selbst sehr grosse Hochwasser bewältigen, wie sie nur etwa alle 300 Jahre vorkommen.
Eingezwängt in ein kanalisiertes Gerinne
Noch ist diese Beschreibung Zukunftsmusik, doch in etwa drei Jahrzehnten könnte sie auf den 26 Kilometern zwischen der Mündung des Ill am österreichischen Ufer des Rheins und dem Bodensee die Realität wiedergeben. In der Gegenwart fliesst der nach dem Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein insgesamt 90 km lange Alpenrhein vorläufig noch in einem sich stetig verschmälernden, kanalisierten Bett, denn sein Wasser soll so schnell wie möglich durch das Rheintal strömen. Das Gerinne wird am Unterlauf von zwei mächtigen, mit Steinen ausgekleideten Wuhren gesäumt, die den Fluss bei mittlerem Hochwasser daran hindern, das Vorland zu überfluten. Dies kommt nur alle paar Jahre vor, und dann kann sich der Alpenrhein jeweils hier austoben, solange das Hochwasser anhält. Erst die über 7 m hohen Hochwasserdämme in grossem Respektabstand hindern ihn daran, sich ins Rheintal zu ergiessen.
Internationale Rheinregulierung
Die Rheinregulierung ist das Ergebnis eines Jahrhundertprojekts, dessen Anfänge bis ins ausgehende 18. Jahrhundert zurückreichen. Damals realisierten die Anrainerstaaten, dass sich der regelmässig über die Ufer tretende, seinen Lauf immer wieder ändernde Fluss nur mit gemeinsamen Anstrengungen zähmen lässt. Doch es brauchte eine Reihe weiterer katastrophaler Überschwemmungen, bis sich die Schweiz und Österreich 1892 zusammenrauften. Mit der Internationalen Rheinregulierung (IRR) legten sie die Basis für ein Jahrhundertwerk, das den Hochwasserschutz stark verbesserte. Als Rheinbauleiter Schweiz ist Daniel Dietsche beeindruckt von der Arbeit der damaligen Ingenieure und Baufachleute, die noch ohne leistungsstarke Maschinen wasserbautechnische Pionierarbeit leisteten.
Dank der Rheinregulierung gewannen die Talbauern auf den Vorlandflächen zwischen Wuhr und Hochwasserdamm rund 350 Hektaren bestes Wiesland, das der Viehwirtschaft dient. Bis zu vier Heuernten sind auf den mit Jauche oder Mist gedüngten Böden möglich. Genutzt wird auch das sauerstoffreiche Grundwasser. Verschiedene Gemeinden beidseits des Flussbetts fördern hier ihr Trinkwasser und versorgen damit rund 200‘000 Menschen. Als Naherholungsraum hat der Alpenrhein dagegen heute kaum eine Bedeutung. Auf dem Hochwasserdamm flitzen zwar Velofahrerinnen über den Radweg und Spaziergänger führen ihre Hunde aus, doch am Ufer ist kein Mensch zu sehen. Das Gewässer bietet hier nur die langweilige Kulisse eines gezähmten, kanalisierten Wildbachs, der auch ökologisch praktisch wertlos ist.
Defizite beim Hochwasserschutz
Doch dies soll sich ändern. 2005 legte die Internationale Regierungskommission Alpenrhein (IRKA) zusammen mit der IRR das Entwicklungskonzept Alpenrhein (EKA) vor. Die Regierungen der Schweiz und Österreichs erkannten Handlungsbedarf. So hat sich der Fluss am Oberlauf - vor allem als Folge der enormen Kiesentnahmen zwischen 1950 und 1970 - immer tiefer eingegraben, derweil die Flusssohle am Unterlauf verflacht. Während Bad Ragaz (SG) heute selbst die extrem seltenen Hochwasser nicht fürchten muss, ist die Sicherheitsmarge auf den letzten Kilometern vor der Mündung unter das tolerierbare Mass gesunken.
© Peter Rey, Hydra-Institute, St. Gallen
Im Alpenrheintal leben heute rund 500‘000 Menschen, wobei die Siedlungsdichte an manchen Stellen - wie etwa in Lustenau (A) - längst städtisches Niveau erreicht. Kurt Fischer, Bürgermeister der Vorarlberger Gemeinde Lustenau, erschrak kurz nach seinem Amtsantritt 2010, als ihm bei einer Überprüfung der Katastrophenschutzmassnahmen die möglichen Auswirkungen eines Dammbruches bewusst wurden. «Wir hätten keine Chance, die Menschen aus den flussnahen Quartieren zu evakuieren. Uns bliebe nur, ihnen zu raten, sich auf die Dächer zurückzuziehen. Ich bin mir sicher: Es würde Tote geben.» Katastrophal wären auch die zu erwartenden Sachschäden von mehreren Mrd. CHF. Die Dämme am Unterlauf des Alpenrheins halten nur einem Ereignis mit einer Wiederkehrdauer von 100 Jahren stand. Dabei ist mit Abflussmengen von 3100 Kubikmetern pro Sekunde (m3/s) zu rechnen.
Mögliche Dammbrüche
Doch es kann noch viel schlimmer kommen. Bei einem etwa alle 300 Jahre zu erwartenden Hochwasser könnten aus dem gut 6100 Quadratkilometer grossen Einzugsgebiet des Alpenrheins 4300 m3/s abfliessen - die Gemeinden im St. Galler Rheintal und am österreichischen Ufer stünden dann unter Wasser. Eine solche Katastrophe ereignete sich letztmals 1762. «Salez, Büchel, Hirschensprung, Oberried, Montlingen, Griesern, Widnau, der grösste Theil von Dieboldsau, Schmitter, in der Au, St. Margrethen und alten Rhein stuhnden völlig im Wasser, das liefe in Stuben und Kammern hinein», schrieb der Bernecker Pfarrer Gabriel Walser in der Appenzeller Chronik. «In den schönsten Kornfeldern, sahe man die Spitze der Korn-Ähren und der Hanf-Stengeln nicht mehr.» Die höchsten Abflussmengen der vergangenen Jahrzehnte wurden 1987 erreicht, als bei Fussach (A) der linke Damm brach, obwohl der Alpenrhein deutlich weniger als 3100 m3/s mit sich führte.
Ein Auftrag der Bundesregierungen
2009 erteilten die Regierungen der beiden Länder der IRR den Auftrag, für den Alpenrhein ein Hochwasserschutzprojekt zu erarbeiten. Ziel ist ein Ausbau der Abflusskapazität auf mindestens 4300 m3/s. Dabei soll das Projekt «Rhein - Erholung und Sicherheit», kurz Rhesi, in beiden Anrainerstaaten zwingend den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. «Bei Eingriffen in das Gewässer muss dessen natürlicher Verlauf möglichst beibehalten oder wiederhergestellt werden», schreiben auf Bundesebene sowohl das Wasserbaugesetz als auch das Gewässerschutzgesetz vor. In Österreich gilt die europäische Wasserrahmenrichtlinie als Richtschnur, welche die gleichen Ziele verfolgt. «Eine weitere Verschlechterung der ökologischen Situation ist somit ausgeschlossen», betont Hans Peter Willi, Leiter der BAFU-Abteilung Gefahrenprävention und Vertreter der Schweiz in der Gemeinsamen Rheinkommission.
Diskussion der Varianten
So ändern sich die Zeiten: Noch in den 1950er-Jahren liessen die Behörden im Rheinvorland die letzten Auenwälder roden, um die Hochwassersicherheit zu verbessern. Nun wollen sie den Alpenrhein zwar nach wie vor auf weiten Strecken in die Schranken der bestehenden Hochwasserdämme verweisen. Gemäss den im Jahr 2012 präsentierten Planvarianten soll sich der Fluss darin aber viel freier bewegen dürfen. Die Variante K1 bezeichnet Rhesi-Projektleiter Markus Mähr als «ökologisch», die Variante K2 als «technisch», da sie insbesondere Rücksicht auf die vorhandenen Trinkwasserbrunnen nehme.
Im Konsultativverfahren fanden beide Vorschläge nicht nur Freunde. Die in der Plattform Lebendiger Alpenrhein zusammengeschlossenen Naturschutzverbände der Region votierten für die Variante K1 als «weniger schlechten Vorschlag», wie Lukas Indermaur vom WWF Schweiz sagt. Von den tatsächlich möglichen Verbesserungen sei auch diese weit entfernt. «Mit K1 erreichen wir vor allem die für eine ökologische Aufwertung des Alpenrheins notwendige Vernetzung von Lebensräumen durch mehrere Aufweitungen. Es sind rund fünf solcher Trittsteine nötig, welche für die Entwicklung von Auenwäldern, aber auch als Laichplätze unabdingbar sind.»
Bedenken der Landwirtschaft
Kompromisslos geben sich die Vertreter der Landwirtschaft und lehnen beide Vorschläge als zu weit gehend ab. Tatsächlich würde der Verlust von rund 200 der 350 bewirtschafteten Hektaren im Rheinvorland die Existenz von 5 Betrieben gefährden. Diese Produktionseinbussen der Bauern sollen jedoch zumindest teilweise kompensiert werden. Geplant ist, die im Rheinvorland abgetragenen fruchtbaren Böden für eine Melioration des absinkenden Kulturlandes im Umland einzusetzen, um hier langfristig eine intensivere Nutzung zu ermöglichen.
Das Rheinvorland, welches die Bauern gerne weiter bewirtschaften würden, gehört allerdings nicht ihnen, sondern den Anrainerstaaten, wobei die Pachtverträge jährlich kündbar sind. Folgerichtig wird die Diskussion auf die politische Bühne getragen. Die konkrete Auslegung der gesetzlichen Vorgaben sei alles andere als klar, meint etwa der St. Galler SVP-Kantonsrat Walter Freund, Präsident des Vereins «Pro Kulturland und Hochwasserschutz am Alpenrhein». Doch Hans Peter Willi widerspricht: «Gerade die gesetzlichen Vorgaben schreiben ein umfassendes Hochwasserschutzprojekt am Alpenrhein zwingend vor. Ansonsten haben wir im Parlament bei der Genehmigung des Staatsvertrags und der Finanzmittel keine Chance.»
Die Trinkwasserversorgung sichern
Aus Sorge um die Trinkwasserversorgung melden auch einige Gemeinden Vorbehalte an. Weitere Expertengutachten und ein Beirat zur gemeinsamen Diskussion der Probleme sollen diesbezüglich mehr Klarheit bringen. «Es gibt Interessenkonflikte zwischen den Anliegen des Hochwasser- und Naturschutzes sowie denjenigen der Trinkwasserversorgung», sagt die Gemeindepräsidentin von Widnau (SG), Christa Köppel, welche die Trinkwasserversorgungen im mittleren und unteren Rheintal vertritt. «Aber klar ist, dass die Versorgung mit genügend einwandfreiem Trinkwasser höchste Priorität hat. In unserem Fall geht es um 80‘000 Menschen. Wie dies technisch gelöst wird, ist Sache der zuständigen Experten.» Inzwischen zeichnen sich Kompromisslösungen ab, indem die Pumpwerke entweder erhalten bleiben oder innerhalb des Rheinvorlandes verlegt werden sollen.
Noch ein langer Weg
Spruchreif ist das Projekt trotzdem noch nicht. Bis Mitte 2016 sollen die Grundlagen und Anforderungen für die nächste Planungsphase - das Generelle Projekt - fixiert sein. Ist dieses erarbeitet, folgt das Detailprojekt und schliesslich ist beidseits des Rheins eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen. Erst dann schlägt die Stunde der Wahrheit.
Aus heutiger Sicht lässt sich kaum beurteilen, ob allfällige Einsprachen die weitere Projektbearbeitung verzögern werden. Seitens der Umweltverbände stellt Lukas Indermaur klar: «Wenn keine Aufweitungen kommen, beschreiten wir den Rechtsweg, denn das Gesetz ist klar auf unserer Seite.»
Danach entscheiden die beiden Parlamente. Österreich und die Schweiz teilen sich die auf 600 Mio. CHF geschätzten Gesamtkosten. Zudem braucht es einen neuen Staatsvertrag. Auch der Kanton St. Gallen und das Bundesland Vorarlberg werden nach nationalem Recht finanziell in die Pflicht genommen. Im Kanton St. Gallen wird es ebenfalls zu einer Entscheidung im Parlament und allenfalls zu einem Referendum kommen. Realisiert wird Rhesi in mehreren Etappen über einen Zeitraum von gut einem Vierteljahrhundert.
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Letzte Änderung 25.11.2015