Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/2698

Weihnachten in der elsässischen Stadt Colmar ist etwas ganz Besonderes. Sind Elsässer nun Deutsche oder Franzosen? Für einige Franzosen ausserhalb des Elsass gelten die Elsässer auch heutzutage noch als Deutsche. Jahrhundertelang gehörte das Elsass zum Deutschen Reich. Seit 1945 jedoch ist das Elsass eine französische Region. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Deutschland das Elsass erneut abtreten. Doch 1940 besetzten die Nationalsozialisten das Elsass wieder, und zwar bis 1944. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte liess die Elsässer endgültig zu Franzosen werden. Vielleicht ist die wechselhafte Kriegsvergangenheit Colmars mit ein Grund, weshalb Colmar eine Insel des Friedens ist und viel Wert legt auf den Reichtum seines Erbes.
Colmar ist eine friedliche Weihnachts-Insel inmitten einer von Kriegslärm erschütterten Welt. Annektiert und dann wieder freigekämpft, stets auf der Suche nach einer eigenen Identität, erinnert das Elsass in manchem an die heutigen Auseinandersetzungen im Osten Europas. Vielleicht auch deshalb verwandeln sich Städte wie Colmar zur Weihnachtszeit in magische Inseln des Friedens und zu Traumorten der Seligkeit. Der Weihnachtsmarkt ist weltberühmt und wurde mit dem Label „Christmas Cities and Villages“ ausgezeichnet.
In einer der zauberhaften Buchhandlungen in der malerischen Altstadt werden die Werke des ukrainischen Schriftstellers Serhji Zhadan feilgeboten. Er hat den Friedenspreis 2022 erhalten. Er gehöre zu den wichtigsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur, erklärt mir die charmante Buchhändlerin, zuerst auf Französisch. Wie viele Elsässer*innen ist sie zweisprachig. Seit den unseligen Kriegszeiten sei die französische Sprache auch die Verkehrs-, Amts- und Schulsprache, aber natürlich spreche sie auch immer noch die deutschen Dialekte und auch Standarddeutsch, sagt sie. Man müsse sich nun mal arrangieren und Kompromisse suchen, ist Buchhändlerin Jeanne (oder Johanna) überzeugt. Mit diesen Worten reicht sie mir einige Bücher des ukrainischen Friedenspreisträgers Serhji Zhadan über den Ladentisch.
Serhji Zhadan ist 1974 in Luhansk geboren. In Charkiw hat er Literaturwissenschaft studiert und dabei auch einen Schwerpunkt auf die Germanistik gelegt. Promoviert hat er mit einer Arbeit über den ukrainischen Futurismus. Er veröffentlicht Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Seit dem Einmarsch der Russen in die Ukraine leistet er humanitäre Hilfe. In seinem literarischen Werk setzt sich Serhji Zhadan intensiv mit der Umbruch-Zeit in der Ukraine auseinander. Er übersetzt Lyrik aus dem Deutschen und schreibt Songtexte für verschiedene Rockbands.
Die Bilder und Berichte, die uns in den täglichen Nachrichten-Sendungen aus dem ostukrainischen Krisen-Gebiet erreichen, seien nur die halbe Wahrheit, schreibt der Träger des Friedenspreises 2022. Serhji Zherdan zeigt in seinen Werken, wie die Menschen in der Ukraine trotz aller Gewalt versuchen ein unabhängiges Leben in Frieden und Freiheit zu führen. Im Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“ verwandelt der Autor das Industriegebiet Donbass in eine fantastische Landschaft. Protagonistin ist die geheimnisvolle Anarchistin und Jazzkomponistin Gloria Adams. In „Internat“ erzählt Zhadan eindrücklich vom Krieg im Donbass. Ein Lehrer reist durch das Kriegsgebiet, gerät wiederholt zwischen die Fronten und sieht sich mit der Frage konfrontiert: Kann ich in einem Krieg überhaupt neutral bleiben?
Können wir in einem Krieg überhaupt neutral bleiben? „Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht“, schreibt der Träger des Friedenspreises 2022. Schlimm vielleicht auch deswegen, weil es die Menschheit bis anhin nicht geschafft hat, aus der eigenen Geschichte zu lernen. Trotz aller Fortschritte in Wissenschaft, Forschung und Technik ist und bleibt die Menschheit unfähig, die Konsequenzen aus den Tragödien und Traumata ihrer kriegerischen und sie selbst vernichtenden Vergangenheit zu ziehen. Leidtragende sind insbesondere die Völker, welche zwischen die Fronten der Grossmächte geraten. So, wie die Menschen in der Ukraine heute. Und so, wie die Menschen im Elsass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.