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Das Murmeltier gilt als gut erforscht. Trotzdem überrascht der Nager immer wieder mit bisher unbekannten Verhaltensweisen: So erwerben Weibchen bereits im Mutterleib von ihren Brüdern dominantes Verhalten.
In den Bündner Alpentälern haben Murmeltiere in der Schweiz 2000 Quadratkilometer Grasfläche zur Verfügung, in einer Höhe, die für die Nager wie geschaffen ist. Sie leben zwischen 900 und 2500 Meter über Meer. Wildbiologe Hannes Jenny lenkt die Jagd gezielt auf Gebiete, in denen die Murmeltiere besonders aktiv die Weiden besiedeln. 5000 bis 6000 Abschüsse verzeichnet er pro Jahr.
Doch Murmeltiere produzieren so fleissig Nachwuchs, dass ihnen die Abschüsse wenig anhaben. Selbst ihr natürlicher Feind, der Adler, wird ihnen nicht Herr; obwohl der Adlerbestand in der Schweiz hoch ist. Das fröhliche Vermehren überrascht, denn nur das ranghöchste Weibchen einer Gruppe, das Alphaweibchen, kriegt Junge – im Durchschnitt drei. Es paart sich in erster Linie mit dem ranghöchsten Männchen, aber je nach Lust und Laune auch mit anderen. Die anderen Männchen und Weibchen einer Gruppe paaren sich ebenfalls, haben aber während der Paarungszeit im April und Mai die Rechnung ohne das Alphaweibchen gemacht.
Es macht seinen Anspruch auf alleinige Nachkommenschaft geltend und wird zur Furie: Die sogenannt subdominanten Weibchen werden zwar noch trächtig. Doch dem Alphaweibchen entgeht dies nicht. In den ersten drei Wochen der Schwangerschaft verwickelt es die subdominanten Weibchen in Rangkämpfe. Dabei steigt bei den rangniederen Tieren die Konzentration an Corticoiden, Hormone aus der Nebennierenrinde, so stark an, dass sie ihre Embryonen wieder verlieren. Dank rabiaten Umgangsformen, ist das Chefweibchen schliesslich das einzige Weibchen mit Nachwuchs. «Es handelt sich hier um ein Matriarchat», beobachtet der Wildbiologe Hannes Jenny das Monopol des Alphaweibchens auf alleinige Mutterschaft – selbst bei Gruppen bis zu 20 Mitgliedern.
Vor zwei Jahren hat Walter Arnold herausgefunden, wie ein Weibchen so aggressiv wird, dass es sich an der Spitze einer Gruppe behaupten kann. Der Ursprung liegt im Mutterleib, wo normalerweise drei Föten nebeneinanderliegen, zwei Männchen, ein Weibchen. Es liegt zwischen seinen Brüdern. Walter Arnold geht davon aus, dass aus den männlichen Embryos im Uterus das männliche Sexualhormon Testosteron diffundiert und in den weiblichen Embryo eindringt, sodass dieser «vermännlicht». Über Jahrzehnte begleitete Walter Arnold eine Murmeltiergruppe im deutschen Nationalpark Berchtesgaden und stellte fest, dass Weibchen aus mehrheitlich männlichen Würfen aggressiver und deshalb erfolgreicher waren. Sie wurden Alphaweibchen, entweder durch Palastrevolution im eigenen Revier oder durch das Erobern eines fremdes. Überraschend dabei ist, dass diese vermännlichten Weibchen trotzdem so viele Nachkommen zeugten wie feminine Weibchen ohne das männliche Sexualhormon Testosteron.
Schon der Römer Plinius (23 –79 n. Chr.) berichtete von der « Mus montis », der Alpenmaus. Aus dem späteren lateinischen Namen «mur(rem) montis» entstanden das rätoromanische Murmont und das deutsche Murmeltier. Conrad Gessner schrieb 1558 in seinem «Thierbuch», dass Männchen und Weibchen, Grasbüschel umschlungen haltend, sich abwechselnd auf dem Rücken liegend mit den Zähnen am Schwanz fassen und so gegenseitig zur Höhle ziehen. Murmeltiere, welche sich gegenseitig als Heutransporter benutzten, beschrieben Autoren über Jahrhunderte.
Doch das ist vollkommener Unsinn. Man versuchte später, Murmeltiere als Haustiere zu halten. Pietro Andrea Sanese Matthioli berichtete 1621 von einem solchen Versuch, doch die Murmeltiere «zerreissen Tücher und jede andere Sache, die herumliegt». Man versuchte sie zu zähmen: «Es ist eine grosse Sache, dass wenn man ihnen die Zähne mit einer Zange schneidet, (…) diese in einer Nacht wieder nachwachsen.» Auch dies ist Unsinn. Nagezähne wachsen zwar nach, aber nicht in diesem Tempo, schon gar nicht über Nacht.
Hundert Jahre nach Matthioli schrieb ein gewisser Buffon Ende des 18. Jahrhunderts: «Übrigens ist die Milch, die einzige Flüssigkeit, die ihnen mundet; nur selten trinken sie Wasser, und Wein mögen sie nicht.» Buffon bleibt schon etwas näher bei den Tatsachen: Murmeltiere trinken aber nicht. Flüssigkeit entnehmen sie den Pflanzen, die sie fressen.
Doch das Murmeltier ist noch lange nicht erforscht. Neben den Erkenntnissen zur Fortpflanzung kommt langsam Licht ins Dunkel des Winterschlafs. Wie alle Winterschläfer befinden sich Murmeltiere nicht andauernd im Schlaf. Alle zwei Wochen wachen sie in den sogenannten Aurosalphasen für zwölf bis achtzehn Stunden auf und erwärmen sich von fünf auf 36 Grad, ihre normale Körpertemperatur. Neuere Messungen bei winterschlafenden Tieren zeigen, dass der Winterschlaf zwar Energie spart, aber wenig mit Schlaf zu tun hat. Im Gegenteil, lautet der Befund neuerer Forschung: Winterschlaf entspreche eher einem Schlafentzug als einer Erholungsphase. Messungen der Hirnströme bei den mit dem Alpen-Murmeltier verwandten arktischen Erdhörnchen deuten darauf hin, dass Tiere die «Wachphase» meist verpennen – so die verblüffende Erkenntnis. Der Begriff Winterschlaf ist irreführend, denn mit echtem Schlaf hat die kühle Ruhe wenig gemeinsam.