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Fritz Schaub, Neue Luzerner Zeitung (11.04.2006)
Puccinis «Turandot» als spektakuläre Arena-Oper oder als Vehikel für aktuelle Problemstellung? Die Zürcher Neuinszenierung möchte beides unter einen Hut bringen.
Fernsehbilder der Tagesschau am späten Sonntagabend: Vor der Skyline von Schanghai werden Passanten über ihre Meinung zum bevorstehenden Auftritt der «Rolling Stones» befragt. Für die Jungen seien diese kein Begriff, meint eine Passantin, nur die über Vierzigjährigen, die als Erste in China Rockmusik gehört hatten, würden ans Konzert gehen. Aber leisten könnten sich dies bei Preisen bis 500 Franken nur die Neureichen.
Szenenwechsel: Am Ende von Puccinis «Turandot»- Premiere im Zürcher Opernhaus verschwindet der monumentale Kaiserpalast und gibt die Skyline auf eine hypermoderne Stadt (Schanghai?) frei, während aus dem verliesartigen Trichter der Chor heraufsteigt und sich über die ganze Bühne verteilt nicht mehr versklavt in den gepanzerten altchinesischen Kostümen, sondern in bunter, leichter Westkleidung.
Der Prinz aus dem Westen
Möglich gemacht hat dies der unbekannte Prinz Kalaf, der als Erster die drei Rätsel der Prinzessin Turandot löst und damit sinnbildlich eine verkrustete Vergangenheit aufbricht. Dieser Kalaf in der Inszenierung von Giancarlo del Monaco, dem Sohn des berühmten Heldentenors, ist ein Westler mit Kurzhaarschnitt, schwarzer Lederjacke und dunkler Sonnenbrille. Bei der Rätselszene zündet er sich leger eine Zigarette an und nimmt ein Laptop hervor. Ein paar Manipulationen und das, was Hunderte vor ihm vergeblich versucht haben und daher um einen Kopf kürzer gemacht wurden, ist erreicht.
José Cura, der argentinische Startenor, wird dem Macho- und Imponiergehabe, das zweifellos in der Rolle angelegt ist, gerecht und ist mit seinem füllig-dunklen, in der Höhe mächtig gleissenden Tenor an den Höhepunkten jeweils eindrücklich präsent. Den Pavarotti-Schlager «Nessun dorma ...» singt er auf dem Rücken liegend, aber eben nicht als isolierte Arie, sondern als Überleitung zwischen der Orchestereinleitung und der nachfolgenden grossen Chorszene.
Lyrik und Hochdramatik
Zu dieser Sehweise passt, dass man für das Finale die gekürzte Fassung von Puccinis unvollendet hinterlassenem dritten Akt wählte, in der die Eroberung der Prinzessin doch eher einer Vergewaltigung gleichkommt. Diese Prinzessin alias Paoletta Marrocu vermag nach der Kussszene noch Reserven freizumachen und steigert sich mit ihrem höhensicheren, biegsamen Sopran nach eher vorsichtigem Beginn imponierend.
Dass Puccini sich in diesem «Lyrischen Drama» nicht so weit von seinem früheren Schaffen entfernt hat, wie immer behauptet wird, macht Elena Mosuc als Liu mit wunderbar phrasierten Kantilenen bewegend spürbar. Der Dirigent Alan Gilbert setzt hingegen mit dem Orchester der Oper Zürich und dem durch Zusatzchor und Jugendchor verstärkten Chor effektvoll mehr auf geballte musikalische Ladungen und explosive Höhepunkte, beinahe als gelte es, die Arena von Verona oder das Hallenstadion zu füllen, kostet auch das chinesische Kolorit eher opulent als dezent aus.