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In den vergangenen drei Jahren habe ich verstärkt zu den überaus heterogenen Diskursen des Trans- und Posthumanismus gearbeitet. Die Ergebnisse meiner Forschung ließen sich nun in die Form eines Buches bringen, das gerade im Junius Verlag erscheint und die erste deutschsprachige und systematische Einführung in den Trans- und Posthumanismus darstellt (ISBN: 978-3-88506-808-2). Die folgenden Zeilen sind ein Auszug aus der Einleitung:
»Ist die menschliche Evolution bereits abgeschlossen oder befindet sich die Menschheit auf dem Weg zu einer anderen, vielleicht besseren Form des menschlichen Daseins? Was kann, was wird aus ihr werden in einer Welt, in der eine technologische Entwicklung der Superlative die nächste jagt? Kann der Mensch seinen Status als ›Krone der Schöpfung‹ behaupten? Hat er ihn überhaupt jemals besessen? In welchem Verhältnis stehen artifizielle Kreaturen zu ihren menschlichen Schöpferinnen und Schöpfern? Sind sie deren Freund oder Feind, Konkurrenten um den Platz an der Spitze der Evolution gar, eine neue Spezies, die die Menschen überflügeln wird, oder bleiben sie stets nur Erweiterungen der Menschen, die sich mit ihrer Hilfe künstlich zu optimieren versuchen?
Um die Beantwortung dieser Fragen, die seit längerer Zeit die philosophische Reflexion herausfordern, bemühen sich zwei heterogene Strömungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts: der Transhumanismus und der Posthumanismus. Beide vereinen Diskurse aus der Philosophie, den Sozial- und Kulturwissenschaften, den Neurowissenschaften, der Informatik, der Robotik und KI-Forschung und lassen sich an der Grenze von philosophischer Anthropologie und Technikphilosophie verorten […]. Ihre Vertreter*innen begreifen sich einerseits in der technologisch erweiterten Tradition des Renaissance-Humanismus, andererseits in kritischer Distanz zu diesem und schließen teils an das Programm der Postmoderne an. Sowohl der Trans- als auch der Posthumanismus setzen einen unter humanistischen Vorzeichen verstandenen Menschen als Ausgangspunkt für ihre technologischen und wissenschaftstheoretischen Überlegungen.
Der Transhumanismus (TH) will den Menschen weiterentwickeln, optimieren, modifizieren und verbessern. […] Die transhumanistische Methode ist die technologische Transformation des Menschen zu einem posthumanen Wesen. Das ›posthumane Wesen‹ oder ›Posthumane‹ kennzeichnet sowohl im TH als auch im PH die Zielvorstellung der Entwicklung des Menschen […]. In diesem Sinne kann man nicht sagen, dass der TH ›den‹ Menschen zu überwinden sucht, sondern er will durch den Menschen, wie er ihn gegenwärtig erkennt, hindurch (›trans‹) zu einem Posthumanen gelangen, zu einem Menschen x.0 […]. Die menschliche Evolution wird im TH als generell unabgeschlossen verstanden […]. Die Technik spielt im transhumanistischen Denken die Rolle des Mediums und Mittels zum Zweck der Optimierung des Menschen zu einem Menschen x.0.
Anders als dem TH ist dem Posthumanismus (PH) nicht mehr primär an ›dem‹ Menschen gelegen, sondern er hinterfragt die tradierten, zumeist humanistischen Dichotomien wie etwa Frau/Mann, Natur/Kultur oder Subjekt/Objekt, die zur Entstehung unseres gegenwärtigen Menschen- und Weltbilds maßgeblich bei- getragen haben. Der PH möchte ›den‹ Menschen überwinden, indem er mit konventionellen Kategorien und dem mit ihnen einhergehenden Denken bricht. So gelangt der PH an einen philosophischen Standort hinter oder jenseits (›post‹) eines spezifischen und für die Gegenwart essenziellen Verständnisses des Menschen. Dieser PH als Kritik des humanistischen Menschenbildes wird […] kritischer PH […] genannt, […] ›kPH‹. Auch der kPH hat eine Vision des Posthumanen, die allerdings nicht in einer verbesserten Variante des jetzigen Menschen zu sehen ist wie im TH, sondern in einem neuen Verständnis vom Menschen. Aufgrund der fundamentalen Umwälzungen, die mit einer radikalen Hinterfragung des Humanismus einhergehen, wird in dieser Strömung darüber hinaus in letzter Instanz auch der Kosmos im Ganzen einer Totalrevision unterzogen […]. […]
Zwischen TH und kPH ist eine weitere Strömung zu verorten, die zuweilen als technologischer PH […] bezeichnet wird, […] ›tPH‹ […]. Sowohl kPH als auch tPH haben nicht primär eine Veränderung ›des‹ Menschen im Blick. Aus diesem Grund stellen beide Variationen des PH dar. Allerdings ist dem tPH nicht an einer Infragestellung tradierter Kategorien oder an einer Kritik des (humanistischen) Menschenbildes gelegen, sondern primär an der Erschaffung einer artifiziellen Alterität, die die menschliche Spezies ablösen und damit ›den‹ Menschen überwinden soll. Auf dem Weg dorthin soll zwar auch der Mensch von den technologischen Errungenschaften profitieren, er werde modifiziert und so zu einer weitaus besseren Version seiner selbst – insbesondere durch die Verschmelzung mit sogenannten Nanobots, worauf später das Mind Uploading folgt, das ›Hochladen‹ des menschlichen Geistes auf einen Computer […]. Jedoch stellen diese Entwicklungen […] eher automatische Schritte auf einem Weg dar, auf dem es nicht an erster Stelle um den Menschen, […], sondern vorrangig um die Kreation einer maschinellen ›Superspezies‹. Die Modifizierung des Menschen stellt im Denken des tPH eine Art angenehmer Nebenfolge dar. Aus diesem Grund wird die Technik im tPH eher als Ziel und Zweck denn als Medium und Mittel (wie im TH) verstanden. Im kPH hingegen steht Technik (inklusive Kultur und Wissenschaft) als Gegenspielerin zur Natur insbesondere für eine Stellvertreter-Kategorie innerhalb einer die Menschen und ihr Verständnis von der Welt fundamental prägenden Dichotomie, die zugleich ein progressives Potenzial zum Ausbruch aus diesen konventionellen Deutungsmustern verspricht.
Auch der tPH schließt eine Vorstellung vom Posthumanen ein. Dabei handelt es sich allerdings weder um einen Menschen x.0 wie im TH noch um ein neues nach-humanistisches Verständnis des Menschen wie im kPH, sondern eben um eine artifizielle Alterität, eine künstliche Superintelligenz.«
Frage an die Leserschaft
Was bedeutet "der unter humanistischen Vorzeichen verstandenen Menschen"?
Was würden Sie - als Gedankenexperiment - an diesem Menschen optimieren (wollen), was überhaupt nicht?