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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998 von Peter Ziegler
Die 1870er Jahre waren für Wädenswil, das damals rund 6000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, eine Zeit des Aufschwungs. Entwicklungen auf den Gebieten des Verkehrs und der Technik wandelten in jenen Jahren das Bauerndorf zur Industriegemeinde. Neuerung über Neuerung prägte Wädenswils Leben. Als wichtig und für die Zukunft entscheidend erwies sich auch die Gründung eines eigenen Gaswerks 1873/74: Anlass, auf 125 Jahre Gasversorgung Wädenswil zurückzublicken.
DIE ZEIT DER GASBELEUCHTUNGSGESELLSCHAFT WÄDENSWIL
Gas für «Klein-Paris»
Im Jahre 1814 brannten in London die ersten von einem städtischen Gaswerk betriebenen Strassenlampen. 1816 folgte Paris mit dieser Neuerung. Früheste Gaswerke auf Schweizer Boden entstanden 1842 in Bern, 1844 in Genf, 1848 in Lausanne, 1851 in Basel und 1856 auf dem Platzspitz in Zürich. Nach Ablauf der Konzession erwarb die Stadt das bisher als Privatunternehmen geführte Werk und baute 1897 das Gaswerk in Schlieren. Dieses produzierte - bis zur Umstellung auf Erdgas im Jahre 1974 - eigenes Gas für Zürich und später zudem für die Region Zürichsee.
Zukunftsgerichtete Bürger im aufstrebenden Wädenswil, das damals auch «Klein-Paris» genannt wurde, interessierten sich verhältnismässig früh für die neue Energie. Industrielle und Gewerbetreibende brachten 1872 im Männerturnverein die Frage der Errichtung eines Gaswerks in Fluss. Nationalrat Walter Hauser (1837-1902), der spätere Bundesrat, unterstützte die Idee tatkräftig. Er präsidierte eine provisorische «Gaskommission», die sich am 11. Januar 1873 auf der Frontseite des «Allgemeinen Anzeigers vom Zürichsee» an die «Tit. Dmfbewohner Wädensweils» wandte. Dem Bericht ist zu entnehmen, dass die Gaskommission im Dezember 1872 in verschiedenen Städten und Dörfern der Schweiz Erkundigungen eingezogen hatte über Anlage, Bau- und Betriebskosten der Gasbeleuchtung. Sie wollte nun von der Wädenswiler Bevölkerung wissen, «wie viele Flammen» Industriebetriebe, Läden, Wirtschaften und Privatwohnungen ungefähr beanspruchen würden.
Wo soll das Gaswerk stehen?
Anfang April 1873 setzte die Diskussion um den Bauplatz für das Gaswerk ein. Zunächst dachte man daran, dieses im Giessen zu erstellen, und zwar auf dem Areal der alten Rotfarb (heute Giessen 6). Als der Landerwerb zu teuer kam, entschied man sich für einen Platz beim Rothaus, der dem Fabrikanten Dollfuss, dem Eigentümer der Schlossliegenschaft, gehörte. Doch vorher nahm die Nordostbahn von diesem Grundstück Besitz.
Die Standortsuche konzentrierte sich in der Folge auf den Wädenswiler Dorfkern. Ein Bauplatz im Steg schied wegen schwierigen Gefällsverhältnissen und weitem Kohlentransport ab Bahnhof wieder aus. Als besser geeignet erwies sich ein Grundstück unterhalb des Friedhofs in der Eidmatt, am Strässchen vom Seehof zur Leigass. Hier hatte eine Gesellschaft Arbeiterwohnungen erstellen wollen, wegen strengen Auflagen das Bauvorhaben jedoch aufgegeben. Das Areal war frei für ein Gaswerk.
Pläne zur Finanzierung
Es verstrich knapp ein Monat, bis die Kommission am 3. Mai 1873 im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» neue Informationen preisgab. Sie drehten sich diesmal um die Finanzierung des geplanten Wädenswiler Gaswerks. Die Sparkasse und die Leihkasse Wädenswil übernahmen Obligationen als erste Hypothek, für den Rest sollten die Gaskonsumenten Inhaberaktien zeichnen. Am 28. Juni 1873 konnte das «Gaskomitee» in der Zeitung ankündigen, das Kapital sei gezeichnet.
Konstituierung der «Gasbeleuchtungsgesellschaft Wädensweil»
Am 29. Juli 1873 trafen sich die Aktionäre zur konstituierenden Generalversammlung im Gasthof Hirschen. Sie genehmigten die Statuten und wählten u.a. folgende Herren in den Verwaltungsrat:
Walter Hauser, Gerber, Nationalrat, Präsident
Friedrich Burghard, Kaufmann, Quästor
Arnold Zuberbühler, Sekundarlehrer, Aktuar
Huldreich Diezinger, Kaufmann, zur Rehlaube
Am 1. Oktober 1873 hatten die Aktionäre eine erste Einzahlung von 25% oder 50 Franken pro Aktie zu leisten. Eine zweite von 50% war am 15. Januar 1874 fällig, die Restzahlung am 30. Mai 1874.
Hochkamin, Kohlenschuppen und Gasbehälter vor dem Abbruch des Gaswerks im Dezember 1926.
Bau des Gaswerks
Am 2. Dezember 1873 schrieb der Verwaltungsrat der «Gasbeleuchtungs-Gesellschaft für Wädensweil» die Erstellung folgender Bauten zur freien Konkurrenz aus:
1. Hochbauten: Retortenhaus mit Kamin, Apparategebäude, Kohlenschuppen
2. Eine Gasometergrube von zirka 35 Fuss lichtem Durchmesser (rund 10 Meter) und etwa 15 Fuss (4,5 Meter) Tiefe.
Die Eigentümer der Liegenschaften am Plätzli, in nächster Nähe des geplanten Gaswerks, konnten sich mit dem Projekt nicht einvers tanden erklären. Auf genossenschaftlicher Basis nutzten sie das Wasser des Plätzlibrunnens und sorgten sich unter anderem um dessen Wasserqualität Der Friedensrichter führte einen Vergleich herbei, und die Brunnengenossen am Plätzli zogen ihre Einsprache zurück.
Ende März 1874 konnte die mit der Gesamtleitung beauftragte Firma Gebrüder Sulzer, Winterthur, mit dem Bau des Gaswerks beginnen. Zunächst wurden die Grabarbeiten für das Verlegen von zirka 20000 Fuss (rund 6 Kilometer) Gasleitungen vergeben. Anfang Juni kamen die Gebäulichkeiten der Gasfabrik unter Dach, und bis zur Monatsmitte war auch die 4 Meter tiefe Gasometergrube erstellt. Öfen und Leitungsrohre lieferte Gebrüder Sulzer. Die Arbeiten schritten planmässig voran. Am Sonntag, 13. September 1874, konnte man im «Engel» die Eröffnung des Gaswerks feiern.
Umstellung der Strassenbeleuchtung von Öl auf Gas
Von 1853 bis 1871 sorgte eine private «Dorfbeleuchtungsgesellschaft» für die Beleuchtung der Wädenswiler Dorfstrassen mit Öllampen, dann nahm die Gemeinde diese Aufgabe wahr. 1874 bot sich Gelegenheit, die öffentliche Strassenbeleuchtung zu verbessern. Auf Antrag des Gemeinderates beschlossen die Stimmberechtigten, im Dorf solle eine Gas-Strassenbeleuchtung mit 72 Laternen - wovon 32 zur Beleuchtung der Seestrasse – geschaffen werden. Die Energie sollte das im Bau begriffene Gaswerk liefern; eine Steuer von 25 Rappen pro 1000 Franken Vermögen hatte die jährlichen Betriebskosten zu decken.
Durch die Umstellung von Öl auf Gas konnte helleres Licht erzeugt werden, was die Nacht gewissermassen zum Tag machte und die Zeitgenossen stark beeindruckte. Die mit Gas betriebene Strassenbeleuchtung bedeutete für Wädenswil allerdings nur eine Übergangsphase. Denn im Jahre 1895 nahm das von einer Aktiengesellschaft gebaute Sihl-Kraftwerk Waldhalde im Gemeindegebiet von Schönenberg den Betrieb auf, und am 1. Februar 1896 brannten in einzelnen Wädenswiler Strassen die ersten elektrischen Lampen.
Der Betrieb bis 1907
Am 1. November 1874 konnten die im «Engel» versammelten Aktionäre mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen, dass der Voranschlag von 130 000 Franken nicht überschritten wurde. Die Generalversammlung setzte sodann den Gaspreis für die erste Rechnungsperiode fest: 53 Rappen pro Kubikmeter. Ein für diesen Zweck angestellter «Gasmeister» hatte die anfänglich 80 Gasuhren abzulesen und die Rechnungsbeträge bei den Gaskonsumenten einzuziehen. Im ersten vollen Rechnungsjahr 1875 produzierte das Gaswerk Wädenswil rund 50 000 Kubikmeter Stadtgas, hergestellt aus Steinkohle, die man aus dem Saargebiet einführte. Das Abfallprodukt Koks wurde öffentlich verkauft. Die Leistungsfähigkeit des Gaswerks wurde gemessen nach der Anzahl der betriebenen Gasflammen und nach dem jährlichen Gaskonsum. 1875 brannten in Wädenswil 1582 Flammen, davon 62 «Bahnhofflammen» zur Beleuchtung des Bahnhofs und des Bahngeleises.
Bis 1895 stieg die Flammenzahl auf 3665. Der Gaskonsum erhöhte sich rasch: 1885 machte er bereits 78 531 m3 aus, 1890 schon 123 334 m3, und bis 1895 stieg er auf 250 551 m3. Dies erlaubte der Gesellschaft, die Dividende schon 1880 von 4 % auf 6 % zu erhöhen und andererseits den Gaspreis – dies auch dank günstigerem Einkauf von Saarkohle – laufend zu senken. 1880 verrechnete das Werk für den Kubikmeter Gas 35 Rappen, 1890 nur noch 27 Rappen und 1895 lediglich 20 Rappen.
Dann erhielt das Wädenswiler Gaswerk durch das 1895 eröffnete «Elektrizitätswerk an der Sihl» scharfe Konkurrenz; der Gaskonsum ging zurück. Zum Glück nahmen die Hausanschlüsse stetig zu. Denn zur selben Zeit wurde das Gas für Kochzwecke immer beliebter. Elektrische Kochherde standen noch nicht zur Verfügung, und dies sicherte dem Gaswerk weiterhin gute Betriebsergebnisse. Hatte man 1874 erst 72 Anschlüsse gezählt, so waren es 1885 schon 96, 1895 dann 157 und 310 im Jahre 1904.
Französischer Gasherd aus der Zeit um 1880/90.
DIE GASVERSORGUNG WIRD ZUR GEMEINDEAUFGABE
1907: Verkauf des Gaswerks an die Gemeinde
Im Sommer 1900 folgte die Gemeindeversammlung dem behördlichen Antrag, die seit 1878 als Privatunternehmen organisierte Quellwasserversorgung mit Rechten und Pflichten der Aktiengesellschaft zu übernehmen und ab 1. Januar 1901 auf öffentlicher Grundlage ein gemeindeeigenes Wasserwerk zu betreiben. Das gab Anlass, auch die Situation des Wädenswiler Gaswerks zu überdenken. Dieser Betrieb erfüllte ebenfalls zunehmend eine öffentliche Aufgabe. Eine gemeinsame Verwaltung als gemeindeeigenes Gas- und Wasserwerk schien sinnvoll. 1901 legte der Verwaltungsrat der Gasbeleuchtungsgesellschaft dem Gemeinderat eine Offerte vor betreffend Verkauf des Gaswerks an die Politische Gemeinde. Die Forderungen und Bedingungen der Gesellschaft schienen indessen der Behörde als unannehmbar.
1906 nahm der Gemeinderat die Gespräche mit dem Verwaltungsrat der Gasbeleuchtungsgesellschaft wieder auf. Der Zeitpunkt war günstig. Die Aktiengesellschaft sollte demnächst einen neuen Gasometer bauen sowie Kohlenschuppen und Ofenanlagen reparieren oder ersetzen und überlegte sich daher ernsthaft wieder die Frage eines Verkaufs an die Gemeinde. Der Verwaltungsrat war nun bereit, Gebäude, Apparate, Land und Leitungsnetz zum Preis von 100 000 Franken zu veräussern, das 1901 neu erbaute Verwaltungs- und Wohngebäude an der Eintrachtstrasse für 50 000 Franken. Die Gemeindeversammlung stimmte dem Erwerb am 14. April 1907 zu. Rückwirkend auf den 4. Januar 1907 wechselten folgende Immobilien die Hand: «Die Gasfabrikationsgebäulichkeiten No. 256 und 1046 an der Eintrachtstrasse, nebst allen zur Gasfabrikation dienenden Apparaten und Anlagen:
Apparatehaus des Gaswerks, seit 1930 Garage.
Ofenhaus, Werkstattgebäude mit Stationsgasuhr und Regulator, Kohlen- und Coakschuppen, 2 Gasometer mit Beheizungsanlage, Hochkamin, Reiniger- und Apparatenhaus mit folgenden Apparaten: 2 Kühler, 1 Teerscheider, 1 Wäscher, 3 Reiniger, 1 Manometertafel, total für 140 950 Franken assekuriert, Gebäudeplatz mit Umgelände, das gesamte Gasleitungsnetz, soweit es Eigentum der Gasbeleuchtungsgesellschaft ist.» Dazu kamen das Verwaltungs- und Wohngebäude Nr. 257 samt Gebäudeplatz und Umgelände, ferner das Büro- und Ladenmobiliar.
1908: Bau eines neuen Gasbehälters
Bei der Übernahme des privaten Gaswerks ins Gemeindeeigentum war sich die Behörde darüber im klaren, dass Werk und Leitungsnetz weitere Investitionen erforderten. Bereits in der Weisung vom 12. März 1907 an die Stimmberechtigten wurde darum aufgezeigt, was für Bauten und Erweiterungen in naher Zukunft geplant waren, um das Gaswerk noch leistungsfähiger zu machen. Schon 1906 war die tägliche Gasabgabe auf 1700 m3 angestiegen. Die beiden Gasbehälter mit 500 m3 bzw. 300 m3 Inhalt erwiesen sich als zu klein. Am 29. März 1908 bewilligte darum die Gemeindeversammlung einen Kredit von 55 000 Franken für den Abbruch des kleineren Gasbehälters und den Bau eines neuen Gaskessels für 1500 m3 Inhalt am selben Standort.
Wenige Wochen nach dem Mehrheitsentscheid formierte sich Ende Mai 1908 Opposition gegen den beschlossenen Bau des Gasometers im Dorfzentrum in nächster Nähe der beiden Eidmattschulhäuser. Eine von 337 Stimmberechtigten unterzeichnete Motion verlangte die sofortige Aufhebung des Beschlusses der Gemeindeversammlung und forderte, der neue Gasometer sei im unüberbauten Gebiet der Au zu erstellen. Zusätzliche Steuerbelastung und Erhöhung des Gaspreises - beides war nicht im Sinne einer Mehrheit der Wädenswiler Stimmberechtigten. In geheimer Abstimmung lehnte die Gemeindeversammlung am 31. Mai 1908 die Motion ab. Das Gaswerk blieb einstweilen im Dorfzentrum, und der grössere Gaskessel wurde gebaut.
Die letzten Jahre des Wädenswiler Gaswerks
In den Jahren 1913 bis 1916 mussten drei Retortenöfen erneuert werden. Da die Zahl der Gasbezüger ständig stieg, genügten die alten Anlagen nicht mehr. Nach dem Umbau war man wieder voll leistungsfähig und konnte die Produktion steigern. Im Jahre 1886 hatte das Gaswerk Wädenswil 87 094 m3 Gas produziert. 1919 dagegen waren es rund 600 000 m3, 1921 schon 695 000 m3 und 1915 gar 749 848 m3. Dementsprechend stieg der Kohleverbrauch. 1886 hatte man für die Erzeugung des Gases 300 Tonnen Saarkohle und 14165 Kilogramm Zusatzkohle verwendet. 1919 benötigte man 1417 Tonnen Kohle und 473 Tonnen übriges VergasungsmateriaL 1924 stieg der Kohleverbrauch auf 2192,5 Tonnen. Im gleichen Ausmass vergrösserte sich der Anfall an Koks, Holzkohle, Teer und Ammoniak.
1920 ersetzte man im Gaswerk acht Öfen und baute Heizschlangen in die unteren Ofenzüge ein, welche Dampf erzeugten, der in einen Dampfkessel geleitet wurde. Von hier aus wurde eine Warmwasser-Heizanlage gespiesen, die alle Gebäude auf dem Fabrikareal versorgte. Grössere bauliche Investitionen wollte man indessen nicht mehr wagen. Denn bereits in der Gemeindeversammlung vom 28. Januar 1917 hatten die Stimmberechtigten die Verlegung des Gaswerks ausserhalb des Dorfgebietes beschlossen und den Gemeinderat beauftragt, geeignetes Land zu suchen und Kostenberechnungen für eine neue Anlage einzuholen.
Ausbau des Gaswerks oder Neubau in der Au?
Mit Datum vom 23. Februar 1925 verabschiedete der Gemeinderat zuhanden der Stimmberechtigten eine Weisung «für die Erstellung einer neuen Gasfabrik im Au-Gebiet» mit mutmasslichen Kosten von 800 000 Franken. Angesichts der knappen Platzverhältnisse auf dem Gaswerkareal an der Eintrachtstrasse schien ein weiterer Ausbau der Anlagen an diesem Standort nicht mehr sinnvoll. Zudem vertrat ein grosser Teil der Bevölkerung die Ansicht, das Gaswerk mitten im Dorf – zwischen zwei Kirchen und in unmittelbarer Nähe von zwei Schulhäusern – verunstalte das Dorfbild und bereite den Anwohnern stets Unannehmlichkeiten. Für die Verlegung des Gaswerks in einen Neubau in der Au hatte sich der Gemeinderat Wädenswil bereits zwei Landstücke vertraglich gesichert. Der eine Platz, ein 8455 m2 grosses Ried- und Wiesengrundstück, lag zwischen Seestrasse und Oberortstrasse in der Rietliau. Hier steht seit 1968 die Kläranlage. Der zweite war bergwärts der Seestrasse und westlich der Schellerstrasse in der Nähe des Altersasyls Au vorgesehen.
FERNVERSORGUNG MIT GAS AUS SCHLIEREN
Die Alternative: Fernversorgung
Nachdem in der Öffentlichkeit gelegentlich angeregt worden war, die Gemeinde Wädenswil mit Gas ab Stadtzürcher Werk in Schlieren zu versorgen, nahm die Behörde in ihrer Weisung vom 23. Februar 1925 zu dieser Frage ebenfalls Stellung. Sie kam zu einer ablehnenden Haltung: Wädenswil begäbe sich in die Abhängigkeit von Zürich, dürfte während 25 Jahren kein eigenes Gaswerk mehr betreiben, Heizer und Arbeiter des hiesigen Gaswerks – zehn an der Zahl – müssten aus dem Gemeindedienst entlassen werden. In der Festsetzung des Gaspreises wäre Wädenswil nicht mehr frei, der Gemeindekasse entgingen die bisherigen grossen Reingewinne, und die Bevölkerung könnte nicht mehr günstig Koks kaufen.
Für die Ferngasversorgung ab Schlieren wurde 1925 im Gwad Wädenswil ein Gasbehälter aufgestellt.
Trotz solcher Bedenken sprach sich die Gemeindeversammlung vom 29. März 1925 – einem Mehrheitsantrag der Rechnungsprüfungskommission folgend – mit 565 gegen 193 Stimmen für die Ferngasversorgung aus und ermächtigte den Gemeinderat, mit der Stadt Zürich einen Gaslieferungsvertrag abzuschliessen. Gleichzeitig erhielt die Behörde den Auftrag, in der Rietliau einen Gasometer von 4000 m3 Inhalt zu erstellen und die Liquidation des Gaswerks an der Eintrachtstrasse in die Wege zu leiten. Unverzüglich wurde auf Kosten das Gaswerks der Stadt Zürich mit dem Bau der Ferngasleitung Zürich – Wädenswil begonnen. Ab der Kompressorstation Wollishofen sollte das Gas mit zwei bis drei bar Druck in den neuen Gasbehälter im Gwad eingespeist und von da mit 18 mbar ins Wädenswiler Verteilnetz abgegeben werden. Anfang August 1926 waren die Arbeiten beendet, und der «Allgemeine Anzeiger vom Zürichsee» konnte am 7. August melden: «Züri-Gas zieht durch das Verteilnetz der Gemeinde Wädenswil! Freitagmorgen wurde die stark strapazierte und bis aufs Äusserste beanspruchte Ofenanlage des Gaswerks Wädenswil ausser Betrieb gesetzt; die Feuer sind gelöscht, und aus dem Hochkamin ist das letzte Räuchlein entflohen. Ein Gemeindebetrieb, der einzige, welcher dem Gemeindesäckel regelmässige und ganz nennenswerte Überschüsse ablieferte, ist damit stillgelegt worden ... »
1926: Abbruch des Gaswerks Wädenswil
Im Dezember 1926 wurde die Gasfabrik an der Eintrachtstrasse abgebrochen. Vom Abbruch verschont blieben einzig das Verwaltungsgebäude sowie das Apparatehaus, das man 1930 in eine Autogarage umgestaltete zur Aufnahme des Kehrichtautos, des Krankenwagens und des Berna-Lastwagens. Der grosse Gasometer konnte ab Platz für 10 000 Franken verkauft werden. Man stellte ihn später in Zug wieder auf. Der kleine Gasbehälter, das Ofenhaus und die Schuppen wurden von der Zürcher Firma Abbruch-Honegger als Meistbieterin für 5500 Franken erworben. Am Morgen des 22. Dezembers 1926 riss ein Traktor mittels Flaschenzug die Mauern des Ofenhauses ein, und abends vier Uhr fiel der Hochkamin.
Die Jahre 1927 bis 1972
Mit Wädenswils Anschluss ans Gaswerk der Stadt Zürich in Schlieren war die Versorgung der Seegemeinde langfristig sichergestellt. Immer mehr Haushaltungen bevorzugten die Energie Gas. Zur Erwärmung des Wassers wurden Durchlauferhitzer installiert, und Hausfrauen schätzten das Kochen mit Gas. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs baute die Gemeinde Wädenswil das Gasversorgungsnetz kontinuierlich aus. Dann begann für das Gaswerk in Schlieren eine schwierige Zeit. Schon 1940 war die Kohlezufuhr erschwert. Die verfügbare Menge ging von Jahr zu Jahr zurück, und die Kohlenpreise stiegen. Am 5. März 1942 verfügte das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement die Einschränkung des Gasverbrauchs pro Person und Haushalt. 1944/45 war nur noch ganz wenig Kohle erhältlich; die Gasproduktion in der Schweiz sank auf einen Tiefststand. In Wädenswil ging der Verkauf von 850 000 m3 im Jahre 1925 auf rund 600 000 m3 Stadtgas im Jahre 1945 zurück.
Am 1. Mai 1947 konnte die Gasrationierung aufgehoben werden. Neue Abonnenten fanden sich in Wädenswil – wie andernorts – nur zögernd. Das Auf und Ab der Kohlepreise bestimmte in den folgenden Jahren die Rechnungsergebnisse und den Gaspreis. Dies wiederum beeinflusste die Konkunrenzfähigkeit und Marktchance des Gases auf dem Energiemarkt Im Ausbau der Versorgungsstruktur verhielt sich die Gemeinde Wädenswil in den 1950er Jahren zurückhaltend. Diese Haltung verstärkte sich in den 1960er Jahren. 1971 stellte sich dann die Frage, ob Wädenswil die Gasversorgung ganz aufgeben oder mit Umstellung auf Erdgas weiterführen solle. Eine Studie über die Energieversorgungspolitik der Gemeinde Wädenswil hatte Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Sie kam zum Schluss, die Gasversorgung sei beizubehalten.
MIT ERDGAS INS NÄCHSTE JAHRTAUSEND
Erdgas oder Elektrizität?
Zum 1920 gegründeten „Verband der Schweiz. Gasindustrie, Zürich“, als Dachorganisation der Gasindustrie in der Schweiz, traten in den 1960er und frühen 1970er Jahren weitere Organisationen: 1964 die Gasverbund Mittelland AG in Arlesheim, als regionaler Verteiler für das Mittelland, 1966 die Gasverbund Ostschweiz AG in Zürich für die Ostschweiz, 1968 die Gazat S.A. in Vevey für die Westschweiz und 1973 die Erdgas Zentralschweiz AG in Luzern für die Zentralschweiz.
Für Wädenswil wurden die Pläne und Aktivitäten des Gasverbunds Ostschweiz von Bedeutung. Dessen Verwaltungsrat hatte sich nämlich entschlossen, zwischen 1972 und 1975 das ganze Versorgungsgebiet von Stadtgas auf Erdgas umzustellen. Als Partner der Gasverbund Ostschweiz AG entschied sich auch das Gaswerk der Stadt Zürich zur Umstellung. Wädenswil war durch Vertrag verpflichtet, bis 1991 Gas aus dem Zürcher Werk zu beziehen. Es blieb der Gemeinde also nichts anderes übrig, als die vom Gasverbund Ostschweiz und der Stadt Zürich eingeleiteten Änderungen mitzumachen. In der Urnenabstimmung vom 4. Juni 1972 gaben die Stimmberechtigten hierfür grünes Licht.
Erdgas – Energie mit Zukunft
Erdgas deckt den weltweiten Energiebedarf zu rund einem Fünftel und nimmt nach Erdöl und Kohle den dritten Platz ein. Das farb- und geruchlose Naturgas besteht zu über 90 % aus Methan (CH,) und enthält geringe Mengen weiterer Gase wie Äthan, Propan und Butan sowie etwas Stickstoff und Kohlendioxid. Es ist für Menschen, Tiere und Pflanzen ungiftig und verschmutzt weder Böden noch Gewässer. Ein Kubikmeter Erdgas hat einen Heizwert von rund 10 Kilowatt. Bei der Verbrennung setzt Erdgas 25 % weniger Kohlendioxid frei als Heizöl, und es entsteht praktisch kein Schwefeldioxid. Die 1992 in Kraft getretene Luftreinhalteverordnung setzte den Gasemissionen strengere Grenzwerte und eröffnete damit dem umweltfreundlichen Energieträger Erdgas sehr gute Marktchancen.
1973: Erdgas auch für Wädenswil
Mitte Januar 1973 machte Wädenswil mit der Umstellung der Gasversorgung ernst. An 16 verschiedenen Stellen im Gemeindegebiet wurde das Stadtgas «abgefackelt», das heisst verbrannt. Beim Gaskessel im Gwad war vorgängig eine Mischanlage zur Gewinnung von Reichgas aufgestellt worden. Dieses Gemisch von verdampftem Flüssiggas mit Stadtgas diente als «künstliches» Erdgas, bis der Gasverbund Ostschweiz das ganze Einzugsgebiet versorgen konnte. Denn gar manches war noch zu tun: Das Gaswerk in Schlieren wurde stillgelegt, und von Zürich bis hinauf in die Region Höfe musste eine neue, grösser dimensionierte Leitung verlegt werden.
Beim Leitungsbau.
Im Jahre 1985 wurde der Gasbehälter im Gwad abgebrochen.
Auch in Wädenswil rief die Umstellung auf Erdgasbetrieb vielen Massnahmen: Das örtliche Gaswerk rüstete alle bestehenden Gasherde auf Erdgas um. Überdies baute man weitere Stationen für die Gaseinspeisung ins damals rund 30 Kilometer lange Wädenswiler Verteilnetz. Die ganze Umstellung auf Erdgas im Jahre 1973 belastete die Gasversorgung Wädenswil mit einer Bauschuld von rund 3 Millionen Franken.
Sanierung des Leitungsnetzes
Das zum Teil aus der Gründungszeit des Wädenswiler Gaswerks stammende Leitungsnetz war veraltet und vermochte neuen Ansprüchen immer weniger zu genügen. Im Jahre 1975 bestand es – nach damaliger und gegenüber 1974 abweichender Beurteilung – noch zu rund zwei Dritteln aus Graugussrohren mit Stemmuffen-Verbindungen. Diese waren ausgetrocknet, dadurch undicht und verantwortlich für hohen Gasverlust Im Sinne einer Notlösung wurde das Verteilnetz mit Penetrol behandelt, einem in die Rohre gespritzten Dichtungs-Quellmittel. Gleichzeitig wurden im Zusammenhang mit Strassensanierungen oder der Erneuerung von Wasserleitungen alte Gasleitungen sukzessive durch Kunststoffrohre ersetzt. Heute ist das Verteilnetz grösstenteils saniert und weist praktisch keine Leckverluste mehr auf.
1985: Abbruch des Gasbehälters im Gwad
Am 6. Mai 1974 wurde die Gaskokerei in Schlieren stillgelegt und das Gaswerk auf Erdgasförderung umgestellt. Veränderte technische Bedingungen im Erdgasverteilnetz machten die kleinen, peripher angeordneten Gasbehälter überflüssig. Auch der teleskopierbare Gasbehälter, den die Kesselschmiede Richterswil im Jahre 1925 südlich der Häusergruppe Oberort im Gwad aufgestellt hatte, wurde nicht mehr benötigt und darum im Dezember 1985 abgebrochen.
Steigender Absatz von Erdgas
Seit den späten 1970er Jahren ist Erdgas als Energie mit Zukunft auch in Wädenswil allgemein anerkannt. Mit gezielter Werbung und Aufklärung konnten die Städtischen Werke immer mehr Kunden in Haushalt, Gewerbe und Industrie für den modernen und umweltfreundlichen Energieträger gewinnen. Der Konsum von Erdgas stieg rasch an. Hatte man für 1980 eine Menge von knapp 18 Gigawattstunden (GWh) ausgewiesen, waren es 1984 bereits 50,7 GWh, 1991 dann 89,9 GWh und 96,4 GWh im Jahre 1995. Mit 106 GWh erreichte der Energieverkauf im Jahre 1996 einen neuen Höchststand. Zum einen konnte sich das Erdgas auf dem Wärmemarkt durchsetzen; sein Anteil beträgt heute in Wädenswil bereits rund 30 %. Zum andern entschlossen sich immer mehr Grossbezüger zum Umstieg auf das umweltfreundliche Erdgas. Dazu kamen grössere neue Wohnüberbauungen.
Die grosse Verbraucherzunahme zwang zum Ausbau des Wädenswiler Verteilnetzes. Ohne Hauszuleitungen hatte das Netz bei der Umstellung auf Erdgasbetrieb im Jahre 1973 eine Länge von rund 30 km. Bis Ende Heutiger Leitungsbau unter Einsatz modernster Hilfsmittel. 1997 wurde es auf 43, 864 km ausgedehnt. Erneuerung und Ausbau des Leitungsnetzes Iiessen die Bauschuld der Wädenswiler Gasversorgung auf 3 672 000 Franken ansteigen, was die Abschreibungs- und Kapitalzinskosten stark belastete. Schliesslich musste mehr als 50 % der Brutto-Marge aus dem Gasverkauf für den Kapitaldienst aufgewendet werden. Am 16. Dezember 1987 bewilligte dann das Gemeindeparlament eine ausserordentliche Abschreibung der Bauschuld im Betrag von 3 Millionen Franken. Dies machte das Erdgas wieder konkurrenzfähig.
Heutiger Leitungsbau unter Einsatz modernster Hilfsmittel.
Erdgas als Treibstoff
Mit Erdgas als Treibstoff kann der Schadstoffausstoss im Strasssenverkehr erheblich gesenkt werden. Denn erdgasbetriebene Fahrzeuge emittieren bis zu 90 Prozent weniger Schadstoffe als herkömmliche Benzin- oder Dieselfahrzeuge und tragen so nachhaltig zur Reinhaltung der Luft bei. Im Frühjahr 1994 erstellten die Städtischen Werke auf dem Areal des Werkhofs Rütibüel eine Erdgas-Betankungsanlage für Motorfahrzeuge. «Ich fahre mit Erdgas», lautete das Motto einer privaten Auto-Teilet-Genossenschaft, welche im April jenes Jahres in Wädenswil einen neuen Personenwagen in Dienst nahm. Auf Initiative der Betriebsleitung konnten die Städtischen Werke das erste erdgasbetriebene Kehrichtfahrzeug der Schweiz anschaffen. Nur zwei Monate später folgte ein LKW 5,2 t mit Kran.
Im Frühling 1998 wurde die Kleintankstelle durch eine öffentliche Schnellbetankungsanlage mit einer Leistung von 445 Nm3/h ersetzt. Mittlerweile ist die Erdgas-Fahrzeugflotte der Städtischen Werke auf sechs Fahrzeuge angewachsen. Für private Kunden ist die Betankungsanlage nun während 24 Stunden über einen Kreditkarten-Automaten zugänglich.
Regierungsrätin Rita Fuhrer eröffnet am 28. August 1998 die neue Erdgas-Betankungsanlage im Städtischen Werkhof Rütibüel.
Die Städtischen Werke
Die Städtischen Werke erbringen gegenwärtig folgende Leistungen:
- Gas-/Wasserversorgung
- Abfallwirtschaft und Transporte
- Öffentlicher Verkehr (Stadtbus).
Als eine Möglichkeit, marktwirtschaftliches Denken und Handeln zu fördern, raschere Entscheide zu erlangen und vermehrt Verantwortung zu delegieren, wird die Werkabteilung seit 1998 nach dem Reformmodell «NPM» oder zu deutsch «wirkungsorientierte Verwaltungsführung» geleitet. Gesamthaft werden in der Abteilung 27 Personen beschäftigt. Davon sind 11 Mitarbeiter in den Produktegruppen Gaslieferung / Versorgungsinfrastruktur und Wasserlieferung / Versorgungsinfrastruktur tätig. Eigene Montage-Equipen erstellen, unterhalten und reparieren die Versorgungs-Infrastrukturen. Dazu gehört auch ein Pikettdienst, welcher rund um die Uhr rasch Betriebsstörungen behebt. Innerhalb der Abteilung werden auch alle notwendigen Planungs-, Energieverkaufs- und Administrativaufgaben wahrgenommen und Kontakte zu den Kunden gepflegt.
Die Überwachung und Steuerung der Wasserversorgung erfolgt durch eine im Jahr 1997 neu erstellte, vollelektronische Leitzentrale. Eine sichere und störungsfreie Erdgas- und Wasserversorgung wird heute von jedermann als Selbstverständlichkeit angesehen. Hinter jeder Aktivität in einem Unternehmen stehen Menschen. Das Unternehmen funktioniert nur, wenn eine gute Zusammenarbeit gewährleistet ist und alle Energie zum besten Gelingen der Unternehmerischen Leistungen eingesetzt wird. Dieser Grundsatz hatte in den vergangenen 125 Jahren seine Gültigkeit. Und er gilt auch für die Zukunft. Unter dieser Voraussetzung sind die Städtischen Werke für das kommende Jahrhundert gut gerüstet.