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Im Auftrag der UNO waren zwei Schweizer Teams von Rechtsmedizinern und Präparatoren in Kosovo, um Beweise für eine eventuelle Anklage Slobodan Milosevics in Den Haag zu sichern. Jetzt sind sie zurück - mit überraschenden Ergebnissen.
Als Carla del Ponte, Chefanklägerin des Kriegsverbrecher-Tribunals in Den Haag, die internationale Gemeinschaft zu Hilfe aufrief, meldeten sich aus Lausannne Rechts-Medizinerin Nathalie Romain und Präparator Heinrich Fink sowie vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel Georg Sasse, Facharzt für Rechtsmedizin, und Chef-Präparator Frank Azzalini. Drei Wochen verbrachten sie in Kosovo, zwischen Prizren, wo sie wohnten, und Orahovac, wo sie arbeiteten.
Internationale Zusammenarbeit
In Orahovac war von der UNO ein zentrales Obduktionslager geschaffen worden. Hierher wurden fast alle Toten gebracht, die in Kosovo gefunden worden und vermutlich auf eine unnatürliche Weise ums Leben gekommen waren. In grossen Kühlcontainern wurden die Leichen gelagert, bevor sie von Rechtsmedizinern und Präparatoren untersucht wurden. Als die Schweizer Teams dort waren, befanden sich rund 800 Leichen in den Kühlcontainern. Bei den meisten handelte es sich um Männer im wehrfähigen Alter, aber auch Frauen und Kinder waren darunter.
Die Aufgabe der Fachleute war es, Alter, Geschlecht, Grösse, Gewicht, Todesart und wahrscheinliche Todesumstände der Toten festzustellen und zu dokumentieren sowie eventuelle Granatsplitter bzw. Projektile zu sammeln. Die Toten wären jeweils mit einer Nummer bezeichnet gewesen und gegebenenfalls mit dem Zusatz "identifiziert" bzw. "nicht identifiziert", beschreibt Sasse ihre Tätigkeit. Etwa 80 bis 90 Prozent der Toten hätten bisher identifiziert werden können, doch nähere Angaben zu den Toten wären den Rechts-Medizinern nicht bekannt gewesen, um ein neutrales Vorgehen sicher zu stellen.
Überraschende Ergebnisse
Die Daten werden nun in Den Haag gesammelt und zu einem Schlussbericht zusammengefasst. Erst dann wird Klarheit darüber bestehen, welcher Nationalität - albanischer, serbischer oder einer anderen - die Toten zuzurechnen sind und wie sie umgekommen sind - ob durch Serben, die UCK oder durch die Nato. Dann auch wird Carla del Ponte darüber zu entscheiden haben, ob Untersuchungen wegen Kriegsverbrechen ebenfalls gegen die NATO und die UCK begonnen werden müssen.
Gemäss Georg Sasse, Oberarzt am Basler Institut für Rechtsmedizin, steht jedenfalls jetzt schon fest, dass es sich nicht wie vermutet um mehrere Hunderttausend Tote handelt, sondern um rund 2'000. "Auch wenn man die noch rund 4'000 vermissten Personen hinzuzählt, kommt man nicht auf die in den westlichen Medien kolportierten Zahlen", erklärt Sasse. Auch seien - ausser in einem Fall - keine Massengräber entdeckt worden. Die unverhältnismässigen Zahlen könnten von interessierten Kreisen in Umlauf gebracht worden sein, vermutet der Mediziner.
Carole Gürtler