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Über die Langeweile wird seit der Mitte des 17. Jahrhunderts immer wieder nachgedacht. Für Blaise Pascal war die Langeweile unangenehmer Stillstand. Ähnlich sah das auch Immanuel Kant im 18. Jahrhundert. Laut Goethe hilft die Langeweile in kreativer Not. Auf teuflischem Wege bringt Goethes Mephisto die Menschen dazu, sich zu «übereilen», also dem Stillstand zu entsagen.
Friedrich Nietzsche fand im späten, 19. Jahrhundert: «Wer sich völlig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber.» Auf ihren 100 Seiten über die Langweile, die in der gleichnamigen Reihe von Reclam erschienen sind, sammelt Barbara Streidl alles, was es zu Langeweile zu wissen gibt. Das Resultat ist alles andere als langweilig und gibt zu denken. Zum Beispiel deckt Streidl in wenigen Sätzen Goethes Kapitalismuskritik auf. Das kapitalistische ständig mehr und ständig schneller nannte Goethe «veloziferisch», eine Zusammenführung des lateinischen «velocitas», die Schnelligkeit, und dem gefallenen Engel und späteren Teufel «Luzifer». Ihr Buch ist ein wunderbar leichtfüssiger Spaziergang durch die Geistes- und Sozialgeschichte der Langweile, alle paar Seiten unterbrochen durch kleine Merklisten, eingeführte Klammerbemerkungen und Exkurse. Streidl zeigt, inwieweit Langeweile mit der Entschleunigung nach Hartmut Rosa zusammenhängt, was Langsamkeit mit Langeweile zu tun hat und wie das Smartphone (zu unserem Schaden) die Langeweile aus unserem Leben vertrieben hat. Sie bezieht sich auf Goethes «Faust» und den «Zauberberg» von Thomas Mann, aber auch auf die «KänguruChroniken» von Marc-Uwe Kling, «The Girls» von Emma Cline und «Watching the Wheels» von John Lennon, auf einen eigenen Krankenhausaufenthalt und eine Tupperwareparty und natürlich immer wieder auf das Smartphone. Barbara Streidls Langeweile ist deshalb ein Buch, zu dem Sie gerne aus Langeweile greifen dürfen. Danach werden Sie die Weile neu schätzen, auch wenn sie Ihnen lang wird. Kurz: Empfehlenswert.
Barbara Streidl: Langeweile. 100 Seiten. Reclam, 100 Seiten, 14.50 Franken; ISBN 978-3-15-020453-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783150204535
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Buchtipp zum Wochenkommentar vom 19. Oktober 2018: Wir klicken uns zu Tode
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps samt Link auf den zugehörigen Wochenkommentar finden Sie hier: