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Interview mit dem Fotografen Felix Dorn
Gibt es denn auch positive Folgen des Lithiumabbaus? Vor allen Dingen für die einheimische/indigene Bevölkerung wie zum Beispiel Möglichkeit auf Arbeitsplätze? Oder ist das doch alles eher mit negativen Auswirkungen verbunden?
Lokale, regionale und auch nationale Politiker*innen heben selbstverständlich positive Folgen hervor, darunter vor allen Dingen Arbeitsplätze, lokale Einnahmen, ausländische Direktinvestitionen. Diese Punkte hört man am häufigsten. Man hört auch immer wieder dieses Bild der Entwicklung einer armen und rückständigen Region. In der Region selber fassen einige Gemeinschaften den Lithiumabbau durchaus als Chance auf, um Arbeitsplätze zu schaffen, die Dörfer zu stärken und um Jugendliche in der Region zu halten. Positiv kann man auch nennen, dass sich die Transportmöglichkeiten/Mobilität, die gesundheitliche Versorgung und die Schuldbildung verbessert hat. Wobei hier schon die Frage ist, inwiefern diese Effekte allein auf den Lithiumabbau zurückzuführen sind. Liegt es nicht daran, dass der Staat plötzlich ein größeres Interesse an dieser Region hat, die zuvor im nationalen Kontext eher marginalisiert wurde? Auch wurde zwischen 2000 und 2005/2006 die internationale Passstraße nach San Pedro de Atacama asphaltiert. Nach dem Grenzübergang bei Mendoza ist diese Straße 2000 km weiter nördlich, die einzige asphaltierte Passstraße der Region nach Chile.
Einige Effekte sind ausschließlich auf den Bergbau zurückzuführen. Aber sicherlich hatte die marginalisierte Position der Region Auswirkungen darauf, wie leicht der Rohstoffabbau Fuß fassen konnte: Beispielsweise durch sehr einfache Versprechen wie Farbe für das lokale Gemeinschaftshaus oder eine Heizung für die Schule. Ein Kollege aus Chile nennt diese einfachen Versprechen, Schenkungen und punktuelle Gefälligkeiten gerne “asistencialismo”. So kommt es auch, dass viele Gemeinschaften - obwohl es immer in Aussicht stand - nach wie vor gar keinen Vertrag mit den Bergbaufirmen haben. Das macht es für die Bergbaufirmen in Argentinien natürlich deutlich leichter jetzt auch keine Verträge mehr aufzusetzen.
Um die positiven und negativen Auswirkungen für die lokale Bevölkerung etwas abzuwägen: Es sind vor allem unqualifizierte Arbeitsplätze entstanden. Auch kam es zu neuen Ungleichheiten innerhalb und zwischen den Gemeinschaften. Der Großteil der Bewohner*innen haben keinen bezahlten Arbeitsplatz, sondern arbeiten als Lamahirt*e*in. Von den ökologischen Auswirkungen brauchen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen zu sprechen. Man sieht auch so recht schnell, dass die Gewinne ungleich zugunsten der transnationalen Unternehmen verteilt sind. Die langfristigen sozial- ökologischen Folgen gehen indes zu Lasten der lokalen Bewohner*innen. Und was man eben sehr deutlich am Beispiel des Lithiumabbaus sieht: Lithium ist ein vermeintlich nachhaltiger Rohstoff, führt jedoch vor Ort zu starken Machtungleichgewichten. Das sieht man auch an dem generellen Fehlen unabhängiger ökologischer Studien sehr gut. In der Region gibt es einfach keine.
Also glaubst du das momentan einfach viel zu wenig darüber aufgeklärt wird? Also nicht nur vor Ort, sondern auch global gesehen, dass noch nicht genug Wissen darüber herrscht?
Lithium reiht sich ja ein bisschen ein in die Reihe von gefeierten nachhaltigen Stoffen, die später stark kritisiert wurden. Wer sich dafür interessiert, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einen kritischen Beitrag über den Lithiumabbau in irgendeinem Teil der Welt, sei es jetzt in Südamerika, Portugal oder Spanien gelesen.
Ihr hattet ja die Frage „Ist Lithium wirklich die Lösung, um eine grünere und nachhaltigere Wirtschaft aufzubauen?“ formuliert. Ich glaube das ist eine sehr einfache und auch sehr komplexe Frage. Natürlich ist Lithium erstmal nicht die Lösung, aber es verkörpert schon, und das finde ich sehr spannend, das Sinnbild eines westliche Entwicklungsdiskurses. Als ein technologisches Element soll es bei der Ökologisierung der Automobilindustrie eingesetzt werden. Was ich in meiner Arbeit eigentlich kritisiere ist die Fixierung auf technologische Ansätze zur Problemlösung. Wir sprechen die ganze Zeit von einer Mobilitätswende, von einer Nachhaltigkeitswende, von erneuerbaren Energien, aber was dabei überhaupt keine Rolle spielt sind Machtungleichheiten, ungleiche Verteilung, Privilegierung von Eliten usw. Natürlich gibt es in den Sozialwissenschaften Beiträge dazu, aber an diesem empirischen Beispiel des Lithiumabbaus kann man sehr gut sehen, dass ein Austausch unserer Antriebsart eben nicht alle Probleme lösen wird und das auch gar nicht kann.
In meinem Vorwort habe ich geschrieben, dass die Elektromobilität nicht per se schlecht aber auch nicht per se gut ist. Das liegt einfach daran, dass Innovationen natürlich nicht per se schlecht sind, aber Innovationen wie die Elektromobilität immer im Rahmen ihrer sozial-ökologischen Einbettung zu bewerten sind. In unserem Fall ist diese Einbettung ein wachstumszentriertes und ressourcenfressendes System in einer Zeit, in der sehr viele Krisen zusammenlaufen. Nicht nur die Klimakrise! Wir fokussieren uns die ganze Zeit auf irgendwelche CO2 Werte, aber dabei gehört dazu noch viel mehr: Die generelle Umweltzerstörung, Biodiversitätsverlust, Wirtschafts- und Finanzkrise, Pandemie usw.
Die ganzen Ansätze, die auch in der breiten Bevölkerung oder in der Politik diskutiert werden, z.B. Green Economy, der Green New Deal, das Anthropozän oder die Bioökonomie. Diese Ansätze sind in ihrer Diagnose ja durchaus richtig. Sie kennen die Probleme, aber die propagierten Lösungsansätze sind nicht weitreichend genug. Stattdessen führen viele dieser Lösungsansätze zu dem Abbau neuer Rohstoffe, zu noch mehr flex crops, Soja und Palmöl, zu noch mehr transition minerals wie Lithium und Cobalt. Das ist insofern problematisch, weil Rohstoffe wie Lithium in den Extraktionsregionen jetzt eine andere politische und gesellschaftliche Legitimation erfahren. Sie gelten nun nicht mehr nur als Entwicklungstreiber (also den Abbau von Rohstoffen für wirtschaftlichen Wohlstand), sondern sie werden auch als grün und fortschrittlich präsentiert.
Lithium wird ja nicht nur für die E-Autos benötigt, sondern steckt ja auch in unseren ganzen Elektrogeräten (Laptop, Handy…). Aber meinst du diese Probleme des Lithiumabbaus sind jetzt erst durch die E-Mobilität so stark geworden oder war das vorher auch schon problematisch?
Lithium wird ja in verschiedenen industriellen Anwendungen verwendet. Dazu zählt vor allem die Glas- und Keramikproduktion oder auch die medizinische Industrie, da Lithium ein Stoff ist, der in Antidepressiva steckt. Die Verwendung von Lithium auf industrieller Ebene und der Lithiumabbau sind nichts neues. Vor sechs bis sieben Jahren wurden Batterien dann zum wichtigsten Lithium-Anwendungsbereich. Natürlich gab es seit den 90er Jahren eine konstante Nachfragezunahme durch die Verbreitung von portablen Elektrogeräten. Es stimmt auch, in alles was nicht niet- und nagelfest ist wird ja heute eine Batterie eingebaut. Seien es Scooter, Drohnen oder Fahrräder. Das sind natürlich alles leistungsstarke und teilweise auch sinnvolle Geräte, aber natürlich geht es in erster Linie darum, neue Wachstumsmärkte aufzubauen.
Nehmen wir das Beispiel E-Bikes. Das ist natürlich ein sehr relevanter Markt für die Fahrradbranche, weil für ein Fahrrad mit Akku ein Vielfaches wie für ein normales Fahrrad gezahlt wird. Ob das jetzt sinnvoll ist, überall Akkus reinzubauen oder nicht, sei mal dahingestellt. Natürlich sind diese Geräte nicht alle schlecht nur weil Lithium verbaut wurde. Aber man kann dabei auch kein Smartphone mit einem E-Auto vergleichen. In einem E-Auto steckt ungefähr die 10.000-Fache Menge des Rohstoffs und natürlich noch viele andere Rohstoffe. Der Lithiumabbau ist durch die unglaubliche Zahl an Laptops, Smartphones und Tablets ab Anfang der 2000er Jahre relevanter geworden. Der Preis-Boom kam allerdings durch den Boom der E-Mobilität zustande. Weil dort plötzlich ganz andere Mengen gebraucht werden.
Glaubst du es gibt denn eine umweltschonendere Alternative Lithium für die E-Mobilität abzubauen oder wäre der einzige nachhaltige Weg sich von der E-Mobilität abzuwenden?
Ich will definitiv nicht sagen, dass man sich von der E-Mobilität abwenden sollte. Nur verstehe ich eine Mobilitätswende nicht als eine Umstellung aller existierender Fahrzeuge auf elektrischen Antrieb. Auch kann das Ziel nicht lauten, jedes Jahr 2 Millionen Autos mehr als im Vorjahr zu verkaufen. Dieses extreme Wachstumsdenken kritisiere ich. Es ist aber auch schwierig über Alternativen nachzudenken. Sowohl unser monetäres als auch real-ökonomisches System sind entsprechend ausgelegt, wodurch Alternativen oft ausgeblendet werden.
Bei der Debatte um E-Mobilität spielen sicherlich zwei Aspekte zusammen: zum einen saubere Städte im globalen Norden und zum anderen der sich auftuende gigantische Wachstumsmarkt für die Automobilindustrie. Wenn jetzt plötzlich die gesamte Fahrzeugflotte umgestellt wird, dann verspricht das spannende Einnahmen.
Über ressourcenschonendere Alternativen wird geforscht. Es gibt bereits verschiedene Extraktionsmethoden mit Wasserrückführung oder Initiativen zu Lithiumbergbau in Deutschland, Portugal und Spanien, um die Ressourcen-Souveränität in Europa zu wahren. Da ich mich aber eher mit der sozialen Perspektive beschäftige, kann ich nicht allzu viel dazu sagen. Aber natürlich handelt es sich dabei auch um technologiefixierte Lösungen. Im Endeffekt geht es darum, wie man den Status Quo ressourcensparender bewahren könnte. Dafür gibt es leider wenig Präzedenzfälle in der Geschichte des Kapitalismus. Wenn an einer Stelle Ressourcen eingespart werden, verbrauchen wir an anderer Stelle mehr, klassische Rebound-Effekte.
Ich habe mich mit den zugrundeliegenden gesellschaftlichen (Konflikt)Dimensionen beschäftigt und versuche diese zu verstehen oder auch zu kritisieren. Praktisch wäre ein weitreichendes Lieferkettengesetz ein Anfang. Auch wäre eine Ratifizierung des Übereinkommens 169 über Indigene Völker* (Indigenous and Tribal Peoples Convention) der internationalen Arbeitsorganisationen in mehr Ländern ein Anfang. Diese Konvention regelt die Selbstbestimmung und Selbstverwaltung indigener Gemeinschaften und erkennt die Souveränität ihrer Gebiete an. Es wurde 1989 in Genf geschlossen und trat 2 Jahre später in Kraft. Es könnte ein grundlegendes internationales Instrument sein, um indigenes Recht zu gewährleisten. Damit ließen sich indigene Völker besser schützen, ihren Beitrag zum Klimawandel anerkennen und die Sorgfaltspflichten von Unternehmen entlang ihrer Wertschöpfungskette erhöhen. Allerdings wurde die Konvention erst in 23 Ländern, größtenteils in Lateinamerika, ratifiziert. In Europa waren es bis jetzt nur Norwegen, Dänemark, Niederlande und Luxemburg. Dieses Jahr hat es nach über 30 Jahren der Deutsche Bundestag als 24. Land genehmigt. Nun muss man schauen inwiefern es implementiert wird, aber das ist auf jeden Fall ein Anfang.
Für essenziell halte ich jedoch, dass die Menschen vor Ort über ihr eigenes Lebensprojekt entscheiden können. Dabei ist es wichtig, dass Entwicklung kein linearer Prozess ist und definitiv auch nicht überall gleich funktioniert. Es ist sowieso fraglich, wie sinnvoll es ist immer weiter zu wachsen. immer weiter zu expandieren und dem System immer mehr Ressourcen hinzuzufügen. Anhand der diversen aktuellen Krisensituationen gewinnt man schnell den Eindruck, dass wir uns in einer Art Negativ-Spirale befinden. Natürlich kann man über ressourcenschonendere Alternativen nachdenken, aber die Probleme verschieben sich dadurch bestenfalls. Daher muss schon grundlegender über die Krisen nachgedacht werden als nur ein bisschen technologisch etwas zu verändern. Leider.
Stichwort kurzfristige Lösungen. Es scheint ein generelles Problem langfristigen Zielen kurzfristige Lösungen entgegenzusetzen, auch im Klimaschutz...
Ja, definitiv. Gleichzeitig gibt es aber auch sehr positive Beispiele. Wenn man über so große Bergbauprojekte berichtet, schlägt eher die pessimistische Seite durch. Positive Beispiele findet man z.B. mit sozialen Bewegungen, die sich von Fridays for Future bis hin zu Salinas Grandes in die sozial-ökologische Konfliktdebatte einsortieren lassen. Derartige Bewegungen gibt es auch in Portugal mit dem Lithium-Bergbau in Covas do Barroso am Beispiel anderer Rohstoffe. Genauso gibt es eine Vielzahl von Alternativen zu industrialisierten Lebensmittelproduktion.
In meinem neuen Projekt beschäftige ich mich mit diesen Alternativen. Zum Beispiel mit der Community Supported Agriculture (Solidarische Landwirtschaft), bei der es um genossenschaftlich organisierte Lebensmittelproduktion mit einem größeren Fokus auf Ernährungssouveränität geht. Es gibt eine Vielzahl von möglichen Lösungen, die vielleicht im großen Stil noch keine Verwendung finden und auch auf unterschiedliche Ebenen fokussiert sind. Wenn man aber von einer Komplementarität der Alternativen ausgeht, dann bedeutet das, dass all die Initiativen eine Rolle spielen, um Veränderungen anzustoßen und zu einer sozial-ökologischen Transformation einen Beitrag zu leisten. Technologische Ansätze spielen natürlich auch eine Rolle. Sich jedoch auf technologische Ansätze versteifen, halte ich für sehr gefährlich.
Was können wir als Verbraucher*innen/ Konsument*innen tun?
Die Diskussion führe ich mit Freund*innen sehr oft. Viele Freund*innen und Bekannte verändern ihren Konsum, indem sie nur noch die “richtigen” Produkte kaufen. Sie kaufen beispielsweise nur noch Bio-Lebensmittel, Patagonia Jacken oder Bambuszahnbürsten. Ich halte diese Entwicklung der letzten Jahre für sehr gefährlich, weil man so über den Konsum sein Gewissen beruhigt. Wichtiger als konsumieren wäre es, Druck auf die repräsentative Demokratie auszuüben. Ich halte es für viel effektiver auf die Straße zu gehen, als zwischen Produkt A und B zu entscheiden. Wenn jemand etwas für sich selber tun möchte, dann sind Bio-Lebensmittel sicherlich gesünder. Aber man tut das für sich selbst. Deswegen halte ich diese Auslagerung auf die Konsument*innen, diese noch stärkere Individualisierung und Neoliberalisierung, für höchst fatal, aber auch höchst logisch innerhalb des kapitalistischen Systems. Für Veränderungen muss man sich einsetzen, engagieren, schreiben oder eben auf die Straße gehen – kaufen zählt meiner Meinung nicht dazu.
Alle Bilder in diesem Beitrag wurden von Felix Dorn persönlich gemacht und sind Copyright geschützt.