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Michael Riedel (*1972) hat in den letzten zwanzig Jahren ein Werk geschaffen, das gerne missverstanden wird und sich mit anderen kaum vergleichen lässt. Ähnlich dem Gemini Zauber, bei dem sich Gegenstände bei der geringsten Berührung vervielfachen und die Vervielfachungen weitere Vervielfachung erfahren, sind Riedels Werke Zeugen eines zeitlich sich fortsetzenden Prozesses innerhalb des Kunstsystems.
Seine Ausstellung CV in der Kunsthalle Zürich ereignet sich gleich zwei Mal. Als Ausstellung und automatisch als Eintrag in Riedels CV. Dem dabei entstehenden performativen Widerspruch gilt Riedels Interesse. Wie von selbst entfaltet sich das Paradoxiedesign zur Perfektion Riedels künstlerischer Autonomie, die sich als Wiedereinführung der Form in die Form – CV im CV – beschreiben lässt und wechselseitige Irritation auslöst. Mit der Praxis der Wiedereinführung gelingt es Riedel von gemachten, nicht gemachten beziehungsweise zu machenden Vorgängen zu sprechen, vom Zusammenspiel von Aktualität und Potentialität. So ist im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte ein Werk entstanden, das in seiner formalen Brillanz, kritischen Klarheit und eleganten Hermetik die Kunst als Kopie in die Kunst wieder einführt und die Produktion quasi verselbständigen lässt.
Der CV ist heute die allgemein akzeptierte Form der Selbstdarstellung und führt vor, wie ein Einzelner sich in ein System einschreibt. Er ist Leistungsausweis, Spiegel und Legitimation in Einem. Dabei verschweigt er immer mehr, als er Preis gibt. Das Nicht-Erwähnte bestimmt das Aufgelistete in gleicher Weise, wie das Verdrängte die Normalität definiert. Nicht zufällig steht am Anfang von Michael Riedels Künstlerkarriere die eigene Signatur. 1994 unterschreibt er ein entworfenes Signet und signiert seine eigene Signatur. Mit dem Akt des Bezeichnens steckt er genau den Zwischenbereich ab, wo Kunst fortlaufend stattfindet. Die erste Handlung des jungen Künstlers war es denn auch, seinen Namen im Rahmen einer Performance auf Michael S. Riedel zu erweitern, sich also anders zu bezeichnen. Darauf folgte eine nie stattgefundene Ausstellung in Paris, die er jedoch durch eine Zeitung besprechen liess. Den Artikel hängte er in der Städelschule, wo er studierte, an die Bibliothekstür, welche als Anschlagbrett für berufliche Erfolge diente und entdeckte damit die Eigendynamik des Textmaterials. Somit war eine Karriere geboren, die auf Leerstellen im System baute: das signierte Signet war ein Kunstwerk, das nur auf sich selbst verwies; die Erweiterung des Namens um den Buchstaben S verwies auf die Millionen von Möglichkeiten, ein anderer zu sein; und die Nicht-Ausstellung verwies auf das Nicht-Gemachte, welches jeder CV ausblendet. Eine Kunst nahm hier ihren Anfang, die uns bis heute gleichzeitig vertraut ist und merkwürdig fremd. Es ist eine Fremdheit von Innen, eine buchstäbliche Fremdsprache. In diesem Sowohl-als-auch und seiner produktiven Instabilität liegt die Schönheit von Riedels Kunst.
Wie jeder Eintrag in den CV einen neuen Einstieg in einen Lebenslauf simuliert, so wird auch in der Ausstellung CV der Eintritt mehrmals wiederholt: Die Eingangssituation der Kunsthalle Zürich wird drei Mal nachgebaut, so dass die Besucherinnen und Besucher immer wieder von Neuem die Ausstellung betreten. Das führt umgekehrt dazu, dass der ursprüngliche Eingang selbst nicht Eingang, sondern Ausstellung ist. Hier gibt es kein Zurück mehr, auch wenn man die Ausstellung nicht besuchen sollte. Dieses Prinzip des Wieder-Eintritts liegt als wiederkehrende Bewegung dem ganzen Werk zugrunde, und Riedel wendet es, wie die Ausstellung CV über 1000 m² darlegt, auf unterschiedliche Bereiche an. So hat er von 2000 bis 2006 gemeinsam mit Dennis Loesch und einer Gruppe von Freunden in Frankfurt am Main im Rahmen des Ausstellungsraumes «Oskar-von-Miller Strasse 16» die Sprache der Kulturindustrie nachgesprochen: Ausstellungen wurden wiederholt, Lesungen wieder gelesen, gefilmte Filme vorgeführt, Konzerte nachgestellt, bestehende Clubs «geclubt», Performances re-performt, Reden nachgesprochen und so weiter.
Dieselbe Methode hat Riedel in die Welt des Publizierens übertragen und dabei Bücher neu «gebüchert», Plakate als Archive verwendet, gedruckte und nicht gedruckte Plakate zu Büchern gebunden, bestehende Zeitschriftformate neu gefüllt oder farbige Publikationen in ihre vier Farben (CYMK) aufgeteilt.
Als weiteren Schritt hat Riedel in den letzten Jahren sein umfangreiches Material, das sich wie von Zauberhand endlos erweitert, den digitalen Werkzeugen zugeführt: Computerstimmen, Ordnungsprogrammen, 3D-Tools, Spracherkennungssoftware u.a.m. Dabei nutzte der Künstler diese Programme für nicht dafür vorgesehene Vorgänge. Zum Beispiel ordnete er alle Buchstaben eines Textes alphabetisch an und liess diesen neuen Text von einer Computerstimme einlesen. So entstand ein Lautgedicht, das den ursprünglichen Text buchstabengetreu wieder gab, sich selbst aber fremd blieb. Während also auf der unteren Etage die Ausstellung CV in das Dreigestirn «Idee – Aktion – Vermittlung» einführt, so breitet sich auf der oberen Etage die Selbstbeschreibung des Kunstsystems in Form von Malerei, Grafik, Installation, Ton und Partizipation aus. Dort entsteht dieser Zwischenbereich, der Kunst genannt wird, das heisst dieses weite Feld voller Untiefen und Überraschungen zwischen Gegenwart, rückwirkender Vergangenheit und verheissendem Versprechen.
Zur Ausstellung erscheint bei Walter König ein Katalog (dt./engl.) mit einem Text von Michael Riedel sowie Installationsansichten der Ausstellung in der Kunsthalle Zürich.
Die Katalogvernissage ist am Sonntag, 11. Juni 2017 um 16 Uhr, begleitet von einem Gespräch zwischen Daniel Baumann, den Kunstkritikern Silke Hohmann und Jörg Heiser sowie Michael Riedel.