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Im Herzen der Ardèche, zwischen Privas und Aubenas gelegen, erhebt sich der Col de l’Escrinet mit einer Höhe von 789 Metern. Da er niedriger als die anderen Pässe in der Umgebung ist und sich am Ausgang des trichterförmigen Tals von Aubenas befindet, bildet er einen strategischen Punkt für den Zug der Vögel vor der Paarungszeit.
Jedes Frühjahr überfliegen hunderttausende Zugvögel diesen Pass. Besucherinnen und Besuchern, die die Vögel dort bei einem Rundblick von etwa 120 Grad aus nächster Nähe beobachten können, bietet sich ein unglaubliches Schauspiel. Doch an der Wende zum 21. Jahrhundert schiessen «gewalttätige Wilderer […] unter den Augen des Staates Tausende von Zugvögel vom Himmel». Von 1995 an werden die Vogelzählungen der französischen Vogelschutzföderation FRAPNA (Féderation régionale des associations de protection de la nature rhônalpine) und der LPO (Vogelschutzliga) nicht mehr möglich sein. Lokalpolitiker erhalten Totenkränze, wenn die Jagd ausgesetzt wird. Staatsbeamte, die Verstösse feststellen sollen, werden von fanatischen Jägern eingesperrt, ihre Fahrzeuge beschädigt und Naturschützer werden bedroht. Verzweifelt wendet sich das Bündnis «Escrinet Col libre» an die Fondation Franz Weber (FFW).
2001 wendet Franz Weber das Blatt
Im März 2001 betritt Franz Weber mit Journalisten aus aller Welt den Pass, natürlich begleitet von Judith Weber und deren Tochter Vera Weber sowie an der Seite von Allain Bougrain Dubourg (LPO), Frédéric Jacquemart (FRAPNA) und Pierre Athanaze (Ornithologisches Zentrum Rhône-Alpes, CORA). Dieser sorgfältig vorbereitete Besuch erregt internationales Aufsehen. Es ist der Beginn eines Kampfes, den die Fondation Franz Weber dank ihrer Entschlossenheit und ihrer Hartnäckigkeit nach und nach gewinnen wird. Vor Gericht fechtet sie die Rückübertragung des Passes an den Jagdverband durch die SAFER (Gesellschaft für Landentwicklung) an. 2007 gibt ihr das höchste französische Gericht Recht.
2012 wird jedoch ein Gebäude, das auf Anregung der Fondation Franz Weber in Zukunft als «Haus des Vogels» dienen soll, von der SAFER kleinmütig an den Gemeindeverband rückübertragen, um dort lokale Erzeugnisse zu verkaufen. Heute steht das nie restaurierte Gebäude leer!
Diskret erwirbt die FFW ein für die Vogelzählung ideal gelegenes Stück Land auf dem Pass. Und allen Drohungen und aller Sachbeschädigung zum Trotz werden die Zählungen endlich wieder aufgenommen.
Seitdem leistet die FFW einen finanziellen Beitrag zur Bezahlung der Arbeitszeit (für Beobachter und Betreuer) und der erforderlichen optischen Geräte. Der Col de l’Escrinet ist nun wieder ein Hort des Friedens, wenn die Vögel vor der Paarungszeit darüber hinwegfliegen: Seit 2010 stört kein Gewehrschuss mehr die Vogelzüge im März!
2019 erweist die LPO dem inzwischen verstorbenen Franz Weber mit der Pflanzung eines jungen Maulbeerbaums auf dem Col de l‘Escrinet die letzte Ehre. Dank seinem entschlossen Handeln können auch heute noch tausende Zugvögel den Pass unbeschadet überfliegen.
Erfassung der Zugvögel
Seit etwa 30 Jahren zählen passionierte Ornithologinnen und Ornithologen zwischen Mitte Februar und Mitte April die Bestände der Zugvögel. Die Erfassung ist durch ein Protokoll geregelt: Das Verfahren besteht darin, Zugvögel zu sichten, zu bestimmen und zu zählen. Die Untersuchungen müssen ohne Unterbrechung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durchgeführt werden. Während Sperlinge mit blossem Auge gesichtet und mit dem Fernglas bestimmt werden, werden die anderen Vögel mit dem Fernglas gesichtet und mithilfe eines Spektivs bestimmt. Die tagsüber in ein Heft eingetragenen Daten werden jeden Abend auf der Webseite www.migraction.net festgehalten.
Dieses Verfahren erfordert von den Beobachterinnen und Beobachtern stundenlange Konzentration. Sie lösen sich regelmässig ab, damit ein Wechsel zwischen Pausenzeiten und Zeiten der Vogeluntersuchung gewährleistet ist. Zudem müssen sie in der Lage sein, fliegende Greifvögel sowie die Rufe von Sperlingen zu erkennen.
Beobachtungen und Ergebnisse
Viele verschiedene Vogelarten überqueren jedes Jahr den Pass. Alljährlich werden durchschnittlich über 120 Arten gesichtet. Mit mehr als 150 000 Individuen kommen die Buchfinken im Schnitt am häufigsten vor, gefolgt von Blaumeisen, Staren, Bach- und Schafstelzen, Ringel- und Hohltauben, sowie von Greifvögeln wie Mäusebussarden, Schwarz- und Rotmilanen, Sperbern, Falken, Weihen, Fischadlern und manchmal auch einigen in diesem Gebiet unüblichen Arten wie Kranichen, Weissstörchen und Lachmöwen. Der Col de l’Escrinet ist ein nationaler Referenzstandort für den Zug der Sperlinge: Die Bestände zählen zu den grössten während des Frühjahrszugs dieser Vögel.
Frühjahrszug 2022
Dieses Jahr begann die Erfassung, die den angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der LPO Auvergne-Rhône-Alpes die Untersuchung der Zugvogelarten und ihrer Bestände ermöglichte, am 19. Februar und endete am 23. April.
Es wurden insgesamt 318 196 Vögel gezählt! Dazu gehörten:
10 260 Taubenvögel (Tauben und Turteltauben)
3 434 Arten, die nicht zu den Sperlingsvögeln zählen (Vögel der Feuchtgebiete wie Reiher, Störche oder Kraniche)
Das sind weitaus mehr Vögel als in der Saison 2021, als 183 244 Vögel beobachtet wurden. Das liegt vor allem daran, dass die Erfassung im letzten Jahr erst am 1. März begann (gegenüber dem 19. Februar im Jahr 2022) und am 30. April endete (gegenüber dem 23. April im Jahr 2022). Diese Differenz von 15 Tagen hatte zur Folge, dass bei der Erfassung von 2021 die Mehrzahl der Vogelarten, wie Stare, Kraniche, Hohltauben, einige Finken, Bussarde und Rotmilane, die überwiegend im Februar ziehen, nicht berücksichtigt werden konnten.
Dennoch stellen die Beobachterinnen und Beobachter fest, dass 2022 ein Jahr mit besonders vielen Vögeln und einer besonders grossen Artenvielfalt darstellt. Der Grund dafür ist möglicherweise, dass viele Vögel in den ersten 20 Märztagen aufgrund starker Regenfälle in Spanien ausharren mussten. Als sich der Durchgang in den Pyrenäen öffnete, trafen die Vögel in grosser Zahl in ihren Zuggebieten ein. Es ist sicherlich dem Regen zu verdanken, dass Vögel, die man selten oder nie sieht, zum Col de l’Escrinet umgeleitet wurden, was die grosse Vielfalt an Zugvögeln in dieser Saison erklären würde.
So konnten die angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LPO Auvergne-Rhône-Alpes 11 Ammern, 8 Ringdrosseln, 6 Rötelschwalben, 5 Löffelenten, 5 Beutelmeisen, 4 Steppenweihen, 4 Zwergadler, 2 Gänsesäger, 2 Pirole, einen Kuhreiher, einen Habichtsadler, einen Feldschwirl und einen Mauerläufer beobachten.
Einige Arten stellten in dieser Saison neue Rekorde auf! So wurden zum Beispiel 1‘348 Sperber, 777 Rohrweihen, 641 Rotmilane, 609 Bergpiper, 228 Eichelhäher und 4 Zwergadler gezählt.
Zudem wurden 2022 einige einzelne Individuen zum ersten Mal beobachtet, nämlich Gleitaar, Mittelspecht, Zistensänger, Alpenkrähe und Italiensperling. Auch zwei Adler wurden beobachtet, wahrscheinlich ein Seeadler und ein Schreiadler.
Immer noch ein Publikumsmagnet
Die Vogelbeobachtung auf dem Col de l’Escrinet ist während der gesamten Saison für die Öffentlichkeit zugänglich, insbesondere an den «Kopf-in-die-Luft»-Tagen, die an einem Wochenende mit Animation, optischen Geräten und Dokumentationen organisiert werden.
2022 erschienen 555 Besucherinnen und Besucher auf dem Pass, darunter zwölf Grundschüler und 19 Schüler des höheren Technikerdiploms «BTS Gestion et Protection de la nature d‘Aubenas» (Verwaltung und Schutz der Natur in Aubenas).
Die LPO Auvergne-Rhône-Alpes dankt allen Freiwilligen, die gekommen sind, um sich an der Erfassung und Zählung der Vögel zu beteiligen und um die Besucherinnen und Besucher des Gebiets zu sensibilisieren. Dieser Dank gilt insbesondere auch der Fondation Franz Weber für ihr Vertrauen und ihre langjährige Unterstützung.