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Zeitraumbeanstandung zu «Puls»-Beiträge über Antidepressiva
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Mit Ihrer E-Mail vom 4. Oktober 2019 beanstandeten Sie im Rahmen einer Zeitraumbeanstandung die Sendung «Puls» (Fernsehen SRF) mit ihren Ausgaben vom 26. August 2019 («Antidepressiva ohne Wirkung – welche Alternativen gibt es?»)[1] und vom 30. September 2019 («Depression – Finger weg von Medikamenten?»).[2] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Beide Beiträge betreffen Wirksamkeit bzw. Nebenwirkung von Antidepressiva. Im 1. Beitrag wurde die Studie vorgestellt, wonach der Unterschied zwischen dem Wirkstoff und Placebo minimal sei. Angesichts dieses geringen Unterschiedes und der auftretenden Nebenwirkungen sollten Antidepressiva nicht abgegeben werden. Im 1. Beitrag wurde fast ausschliesslich Gewicht auf die fehlende Wirksamkeit und die schweren Nebenwirkungen gelegt. Das einzige Argument gegen Antidepressiva war, auf ihre ‘Schädlichkeit’ hinzuweisen. Dass auch Medikamente gegen physische Krankheiten bzw. zur Linderung der Symptome Nebenwirkungen auslösen können wurde nicht erwähnt! Warum behandelt man Krebskranke mit Chemotherapie und/oder Strahlentherapie, trotz der massiven Nebenwirkungen? Längst nicht alle Krebskranken genesen! Wenn man das gleiche Argument gegen diese Therapien verwenden wollte wie gegen Antidepressiva, müsste man schleunigst auf Chemotherapie und Strahlentherapien verzichten! Beim 2. Anschauen hat sich mein Eindruck bestätigt, die Information sei, Antidepressiva seien nicht wirksam sondern schädlich. Die Information, dass eine Minderheit von Patienten massive Nebenwirkungen durch Antidepressiva erleidet und dass sie ohne Nebenwirkungen (!) wirksam sind, wurde den Zuschauern vorenthalten. Der Beitrag dürfte vielen Zuschauern Angst vor Antidepressiva eingeimpft haben.
Der 2. Beitrag ist ebenso einseitig wie der 1. Es wurden Patienten vorgestellt, welche erklärten, das von ihnen eingenommene Antidepressivum habe massive, teilweise bis zum Zeitpunkt des Drehs andauernde Nebenwirkung. Lediglich eine Patientin erklärte, ‘ihr’ Antidepressivum sei wirksam gewesen. Dieser Eindruck wurde verwedelt, denn sie macht Yogaübungen und anderes. Wer den 1. Beitrag nicht gesehen hat, wurde im 2. Beitrag nachdrücklich darüber informiert, dass Antidepressiva schädlich seien und v.a. Nebenwirkungen auslösen. Die widersprechenden Ausführungen von Prof. Hell, waren nur schon zeitlich, nicht geeignet, die Botschaft von der überwiegenden Schädlichkeit der Antidepressiva zu relativieren. Es war im 2. Beitrag überwiegend von leicht Depressiven die Rede. Die günstige Wirkung von Antidepressiva für Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Depression wurde nur nebenbei erwähnt. Die Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Depression wurden höchstens zwei- oder dreimal erwähnt. Der 2. Beitrag hat sich vorab mit leicht Depressiven befasst. Ich kann mir eine eigene Meinung bilden, nicht wegen dieser Beiträge. Ich bin depressiv geworden bevor ich 10 Jahre alt war. Die 1. ärztliche Diagnose erfolgte nach meinem 45. Lebensjahr. Genug Zeit, dass sich die Depression chronifizierte. Seit ich in psychiatrischer Behandlung bin, habe ich einiges über Depressionen gelernt - ein Laienwissen. Ich verweise auf meine Kritik an den beiden Beiträgen beim schweizer Fernsehen. Daniel Forrer hat mein E-Mail beantwortet. Der langen Rede kurzer Sinn, in beiden Beiträgen in Puls kann von Ausgewogenheit keine Rede sein. Das Publikum hat nicht die geringste Chance, sich selbständig eine eigene Meinung zu bilden. Auf Grund meines Laienwissens haben es die Autoren der beiden Beiträge nicht geschafft, mir Angst vor Antidepressiva einzujagen.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für «Puls» antwortete Herr Gerald Tippelmann, Redaktionsleiter:
«Frau X beanstandet die unausgewogene, einseitig negative Berichterstattung zur Wirksamkeit von Antidepressiva und deren mögliche unerwünschte Nebenwirkungen.
Gemäss aktueller Verschreibungszahlen bekommen in der Schweiz rund 700000 Menschen Antidepressiva verschrieben. Unerwünschte Nebenwirkungen sind dabei keineswegs ‘das einzige Argument gegen Antidepressiva’. Das Hauptargument besteht in der fehlenden spezifischen Wirksamkeit. Die Frage, wer tatsächlich von Antidepressiva profitiert, ist berechtigt und auch unter Fachleuten in Diskussion. Die aktuelle Metastudie belegt, dass die bislang publizierten klinischen Studien eine Überlegenheit gegenüber Plazebo nur sehr marginal haben zeigen können. So weit die Berichterstattung am 30.August.
Dass vor diesem (zumindest für leichte und mittelschwere depressive Episoden) ungünstigen Verhältnis zwischen Wirksamkeit und unerwünschten Nebenwirkungen ein Überdenken der breiten Anwendung wünschenswert erscheint, steht am 30.September im Zentrum. Vor allem, da das Absetzen nach längerfristiger Einnahme mit einem Wiederauftreten sehr ähnlicher Beschwerden einhergehen kann, wie sie vor der Medikamenteneinnahme bestanden. Daher erscheinen uns diese Fakten und die Darstellung der konkret auftretenden negativen Begleiterscheinung der Medikamenteneinnahme für das Bilden einer eigenen Meinung zentral, relevant und von allgemeinem Interesse. Es liegt uns völlig fern, mit diesen Beiträgen ‘Angst’ vor Antidepressiva schüren zu wollen. Wir möchten darüber informieren, dass es für eine zurückhaltende Verordnung und Einnahme dieser Medikamentengruppe gute Gründe gibt.
Ich habe grosses Verständnis dafür, wenn Betroffene wie Frau X, die persönlich andere Erfahrungen gemacht haben, diese Einschätzung nicht teilen. Deshalb haben wir in beiden Beiträgen ja auch solche Patienten zu Wort kommen lassen. Das ändert aber nichts daran, dass aufs Ganze gesehen vieles dafür spricht, bei der Verordnung und Einnahme von Antidepressiva deutlich zurückhaltender vorzugehen.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Es leuchtet ein, dass Sie als eine Person mit langer Erfahrung als Betroffene und mit vertieften Kenntnissen die Sendungen besonders aufmerksam und besonders kritisch verfolgt haben. Sendungen müssen indes immer für ein Durchschnittspublikum gemacht werden. Sie müssen daher auch Fakten erwähnen, die für Personen mit besonderen Kenntnissen selbstverständlich sind. Trotzdem konnte «Puls» davon ausgehen, dass das Publikum insgesamt weiß, was Depressionen sind und wie man sie bekämpfen kann. Das durchschnittliche Publikum wusste indes eher nicht, dass Medikamente, die als Antidepressiva verschrieben werden, eine eher schwache Wirkung haben, während die Nebenwirkungen verhältnismäßig stark und störend sind. Da setzte die Aufklärung ein.
Meines Erachtens hat «Puls» in den beiden Sendungen die Problematik gut und differenziert dargestellt und sie auch differenziert diskutiert. Vor allem die Interviews mit der Psychologin Birgit Kleim, mit dem Hausarzt Peter Wild und mit dem Psychiater Daniel Hell trugen zur Versachlichung und Differenzierung bei, aber auch die Hinweise aus der Forschung dienten der sachlichen Aufklärung. Die Beiträge haben weder Angst gemacht noch Panik ausgelöst, weder Therapien verteufelt noch zu bestimmten Behandlungsmethoden geraten, sondern neue Erkenntnisse weitervermittelt und sie kritisch besprochen. Genau das ist der Auftrag eines Gesundheitsmagazins. Ich kann jedenfalls nichts finden, was gegen die Bestimmungen des Radio- und Fernsehgesetzes verstösst, und deshalb kann ich auch Ihre Beanstandung nicht unterstützen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann
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