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Amor Ben Hamida
Ankunft im ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›
Es muss Februar des Jahres 1970 gewesen sein, als mein Dorfdirektor mich vom Fussballspiel zu sich rief. Fussball nannten wir es, weil wir es mit den Füssen spielten, nicht wegen des Balls, denn diesen haben wir aus einer alten Socke und Papier und Stoffresten gebastelt. Er war kleiner als ein Handball, als Tor stellten wir zwei Steine hin, der beste Torwart war jener, der es schaffte, unbemerkt den Abstand der Steine zu reduzieren. Aber zurück zu meinem Dorfdirektor. Er rief mich in sein Haus und erklärte mir, ich könnte, wenn ich wollte und meine Mutter zustimmte, in die Schweiz, vorausgesetzt, ich bestünde im Auswahlverfahren. Ich glaube, ich sagte ja und ging wieder Fussball spielen. Was für ein Glück, dass das menschliche Gedächtnis seine Grenzen hat: Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich noch heute fühlen würde, wie es meinen kleinen Brüdern damals erging, als ich sie alleine liess. Einer hatte Zahnweh, das weiss ich noch heute, der Kleinere war krank, ass wenig und nahm stark ab. Wir haben über diesen Abschied niemals mehr gesprochen, vielleicht weil wir nicht nachempfinden wollten, wie es für sie und mich war. Vielleicht müssen wir diese Phase, diesen Moment unseres Lebens mal als erwachsene Männer und mehrfache Väter ansprechen, auch wenn vielleicht dabei ein gewisser Schmerz und eine gewisse Trauer über unser gemeinsames Schicksal heraufbeschworen werden. Einige Tage später bekam meine Mutter einen Brief, denn das Telefon war damals so eine Sache… Sie sollte entscheiden. Meine arme Mutter wusste damals absolut nichts über die Schweiz, einige Bekannte erzählten ihr von Neutralität, guten Ausbildungsmöglichkeiten und dass die Schweiz auf der anderen Seite des Mittelmeers lag, sie hätte doch diese Leute im Fernsehen meines Grossvaters gesehen, die auf Brettern den weissen Hang eines Berges rutschten, ja, das sei die Schweiz.
Einige Wochen später liess ich meine zwei jüngeren Brüder zurück und nahm den Bus nach Tunis. Mir machte es schon Sorgen, die Verantwortung für meine Brüder abzugeben; wie würden sie zurecht kommen? Würde sich der Kleinere durchsetzen? Würde er genug essen? Und was ist, wenn einer von ihnen krank würde? Ich war damals zwölf, und meine Brüder zehn und acht Jahre alt! Ich bekam einen kleinen Koffer, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, vermutlich Kleider, ein Stück Seife, ein Tuch, viel mehr war es nicht, und wurde in einen Bus gesetzt mit der Instruktion an den Fahrer, er solle mich in Tunis an einem gewissen Ort abladen, ich würde erwartet. In Tunis wurde ich an einen Sammelort gebracht, ein kleines Kinderdorf, wo ich die anderen Kandidatinnen und Kandidaten kennen gelernt habe. Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns damals genau wusste, um was es ging. Wir waren Waisen oder Halbwaisen, wir genossen lediglich die angenehme Atmosphäre, vor allem meine Kameraden aus dem Süden. Wir stellten uns vor, erzählten über unsere Herkunft, unsere Vergangenheit, und einige Pädagogen schrieben mit, machten gelegentlich einfache Tests mit uns, nichts Besonderes. Auf die Frage, was wir werden wollten, kam meistens dieselbe Antwort: «Arzt» oder «Lehrer». Ich wollte Lehrer werden. Das wollte ich, seit ich etwa sieben Jahre alt war. Ich bildete eines Tages hinter unserem Haus, im Schatten eines grossen Eukalyptusbaumes, meine Klasse nach: 48 Steine habe ich mühsam und sorgfältig gesammelt und in Achterreihen so neben- und hintereinander gestellt, dass ich mit meinem langen Stock jeden der Schüler beim Schwätzen oder Spicken sehen konnte. Ich lehrte die Steine… Was kannten wir schon für andere Berufe? Maurer wollte niemand werden, und Ansehen hatten nur Lehrer und Ärzte.
Einige von uns wurden ein paar Tage später wieder nach Hause geschickt. Ich weiss nicht mehr, ob sie enttäuscht waren oder froh, in ihre gewohnte Umgebung und ihren Freundeskreis zurückzukehren. Wir ‹glück-lichen› sieben Auserwählten, drei Mädchen und vier Jungen, durften einige Nächte länger in Tunis bleiben, bis es so weit war. Meine Mutter reiste aus dem Süden an, um mich doch noch vor der Abreise zu sehen. Weiss Gott, was damals in ihr vorging: dachte sie, sie würde mich verlieren, oder wusste sie, dass sie mich in eine Welt entliess, die mir mehr bieten könnte als meine Heimat? Wenn sich heute einer meiner Söhne, besonders der Kleinere, fürs Wochenende oder eine Skilagerwoche verabschiedet, habe ich einen kleinen Vorgeschmack davon, was unsere Mütter damals im Flughafen Tunis-Carthage fühlten, als sie uns sieben kleinen Knirpse durch die Zollschranken gehen sahen. Wir fassten unseren ganzen Mut, um nicht mit ihnen zu weinen. Wir gingen einer neuen, interessanten, fast sagenhaften Welt entgegen, und sie blieben zurück, mit ihren Gedanken und Befürchtungen und Hoffnungen und Tränen und Sorgen. Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass sie zuhause anfangs belächelt wurde: Ich ginge nicht in die Schweiz, nicht ‹Suisse›, sondern nach ‹Sousse›, einer Stadt im Norden Tunesiens, dort gäbe es auch Kinderdörfer. Wie sollte auch ein Waisenkind so unverhofft eine solche Chance kriegen, wo Minister es nicht schafften, ihre Kinder in die Schweiz zu schicken. Die Aufregung war umso grösser, als sie von Tunis zurückkam und sich die Tatsache als unwiderlegbar erwies: Niemand steigt in ein Flugzeug, um nach Sousse zu gehen! Das anfängliche Belächeln und Bemitleiden wich einem Neid. Es vergingen Monate, bis es alle glaubten, spätestens, als meine Mutter meine ersten Briefe und Postkarten zeigte.
Der 18. April 1970 war ein Samstag. Um die Mittagszeit landeten wir in Zürich-Flughafen, und uns wurde sofort klar, dass wir hier in einer anderen, fremden, unfreundlich kalten, aber reichen, schönen Welt ankamen, wo alle Autos neu zu sein schienen, alle Menschen waren schön, wohl genährt, gut gekleidet, makellos und sauber. Die Gerüche waren anders, die Töne waren anders, die Farbe des Tages war anders, als wir es soeben hinter uns liessen. Es war ruhig. Wir waren es auch, denn jetzt hatten wir festgestellt, dass es sich weder um Traum noch Halluzination handelte. Wir waren ausserhalb unserer Heimat und unserer gewohnten Welt. Die Fahrt nach Trogen verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle: Gelegentlich baten wir unseren Betreuer um Erklärung von etwas, das wir sahen und nicht kannten. Gelegentlich unterdrückte der Eine oder die Andere eine Träne, denn Sehnsucht und Heimweh fangen schon beim Abschied an. Jetzt, da kein Weg mehr zurückzuführen schien, jetzt schnürte es mir die Gurgel zu. Ich konnte kaum atmen, trotz der Gruppe, die mir nicht fremd war, schien es mir, als wäre ich auf einer einsamen Insel, mitten im Ozean, und ich kann nicht schwimmen. Ich dachte daran, was meine Familie wohl tut, ich konnte ihnen nicht sagen, dass es mir gut ging, und dass ich sie jetzt schon vermisste. Zum Glück war unsere Betreuung darauf vorbereitet und hatte diesbezüglich Erfahrungen, wir wurden mit Ablenkungsmanövern wieder zum Reden und gelegentlich zum Lachen gebracht. In Trogen angekommen, hielt der Bus mitten im Kinderdorf an. Alle Dorfbewohner wussten von unserer Ankunft und waren da, uns willkommen zu heissen. Eines der Kinder hielt eine Fahne. Sie enthielt einen Käfer in der Mitte und viele internationale Flaggen. Darunter erkannte ich auch unser Emblem. ‹Kinderdorf Pestalozzi› verstand ich damals nicht, aber ‹Village d’ Enfants Pestalozzi›, das konnte ich lesen!
Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Häuser ohne Flachdächer, Wiesen und Hügel, die ich unter den Schneemassen vermutete, fremde Bäume wie Tannen! Die Sehnsucht wich einem Staunen und einer kindlichen Neugier. Die anderen Kinder beobachteten uns nicht so befremdet, wie wir sie anschauten: Wir sahen zum ersten Mal echte Blonde mit tiefblauen Augen, die uns an Märchenprinzessinnen erinnerten, denn in vielen arabischen Märchen haben die Prinzessinnen goldenes Haar; wir sahen Kinder mit Schlitzaugen und komischen Sprachen. Und natürlich lernten wir als erstes nur Schimpfwörter auf Deutsch. So fragte mich ein kleiner Dorfbewohner ganz freundlich, nach ein paar Tagen Aufenthalt: «Spielst du?» Ich fauchte ihn an und bedrohte ihn, antwortete dann: «Du spinnst!» Er sagte nur lachend: «Nein, nein, spielen, Fussball, spielst du auch?» Ich lächelte ihn an, nachdem ich mein Missverständnis eingesehen hatte, und wir spielten Fussball, dieses Mal mit einem echten Lederball, auf Rasen und mit einem richtigen Tor! In dieser Gesellschaft wuchs ich auf. Ich knüpfte Freundschaften, die für die meisten Menschen auf dieser Welt nicht denkbar sind. Freundschaften zu Kindern aus allen Kontinenten. Ich verbrachte fünf Jahre mit Kindern, die Namen hatten wie Hirut Eskelalem, Günther Adomeit, Morris Calvert, Arto Pekkanen, Jacques Trace, Jannis Papadopoulos, Mani Ramaswami, Nicola Ceveri, Yun-Su Kim, Ferenc Petrik, Sonam Gyaltag, Phan Dien Tri. Gott segne Dr. Walter Robert Corti, der 1944 aufrief: «Lasst uns ein Dorf für Kinder bauen!» Was ein Mann mit einem einzigen zur Verfügung stehenden Leben bewirken kann! Tausende von Menschen verdanken ihm durch seine Initiative ein ausserordentliches Leben.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 91-94.
Erstpublikation: Amor Ben Hamida: Schnee in der Sahara. Autobiographische Erzählung, Zürich 2015. Erstpublikation in: Saiten 238, 21 (2014), 10 (Oktober). S. 42–43.