Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/2767

Wie man mit einem neurotischen
Besitzer fertig wird

Von B.M. Morgan
Sherlock Holmes sagte, dass Hunde immer den Charakter ihrer Besitzer widerspiegeln. Eine grantige Familie hat immer auch einen bissigen, knurrenden Hund. Wenn hingegen der Wächter des Hauses dich schwanzwedelnd begrüsst und sich liebevoll an deine Beine drückt, dann weisst du instinktiv, dass er auch liebenswürdige Besitzer hat, die dich freundlich willkommen heissen werden.
Die Tierärzte verkünden, dass es jedes Jahr mehr neurotische Hunde gibt und die Ärzte behaupten dasselbe von den Menschen. Wenn ein neurotischer Hund in den Besitz einer neurotischen Person gerät, vermute ich, dass beide völlig bekloppt werden und wahrscheinlich auch alle ihre zwei- und vierbeinigen Bekanntschaften in den Wahnsinn treiben.
Falls aber ein neurotischer Hund in die richtigen Hände gerät, kann er bei konsequenter, vernünftiger Behandlung, mit Einfühlungsvermögen und ohne allzu viel Berücksichtigung seiner Vorlieben und Abneigungen rehabilitiert werden. Für den armen kleinen Kerl, der in den Besitz einer neurotischen Person gerät, sind die Aussichten hingegen nicht so rosig. Zum Glück sind neurotische Besitzer selten lieblos sondern im Gegenteil fast hysterisch um das Wohlergehen und die Bequemlichkeit ihres Lieblings bemüht. Alles äusserst langweilig für einen taffen kleinen Hund wie den Corgi.
Natürlich wird niemand einer solchen Person einen Welpen verkaufen (auch wenn der Hund dir völlig egal ist, wird sein Besitzer eine Plage sein, der dich mit endlosen Fragen und unberechtigten Klagen nervt). Solche Leute sind jedoch nicht leicht zu durchschauen, wenn sie kommen, um einen süssen kleinen Welpen zu kaufen. Vor allem (unter gar keinen Umständen) verkaufe einen Hund an eine solche Person, die auch dein Nachbar ist. Ich beging einmal den fatalen Fehler, einen gesunden und munteren Welpen einem sehr netten Herrn zu verkaufen, der nur wenigen Minuten von uns entfernt wohnte. Später fand ich heraus, dass er ein Hypochonder war mit Bezug auf sich selbst und den Hund. Er rief jeweils an und sagte: "Kann ich Toby vorbei bringen, er lahmt stark und ich glaube, seine Augen schmerzen ihn". Kurz darauf erschien Toby, sprang herum, erpicht auf einen Spaziergang, und es war weder mit seinen Beinen noch seinen Augen etwas los.
Einige Tage später: "Mit Toby stimmt etwas nicht - er gähnt die ganze Zeit". Diesmal parierte ich schnell. Er musste zugeben, dass Toby nicht gähnte, wenn er mit ihm spazieren ging oder mit dem Ball spielte. Also sagte ich resolut: "Er langweilt sich! Sie müssen mehr Zeit mit ihm verbringen und mit ihm spielen." Der Höhepunkt kam, als er eines Abends spät Toby brachte, mit "schrecklichen Schmerzen und einem schwarzen Ausschlag am Bauch". Es war sehr nasses Wetter und er wusste nicht, dass auch Rüden Brustwarzen haben. Der schwarze "Ausschlag" waren die mit Dreck verklebten Warzen und die schrecklichen Schmerzen existierten nur in der Phantasie des Besitzers. Danach riet ich ihm, einen Tierarzt zu konsultieren, wenn er sich über die Gesundheit seines Hundes solche Sorgen machte. Das würde natürlich etwas kosten und ich glaube nicht, dass er den Rat befolgte.
Da war auch die Dame, die sich erkundigte, was sie ihrem Hund zur Abwechslung verfüttern könne. Auf meine Frage, was sie ihm gebe, erhielt ich zur Antwort: Steak, Leber, Gehacktes, Hühnchen, Kaninchen, Fisch. Mir fiel nichts anderes mehr ein!
Mein Mitgefühl gehört voll und ganz dem Hund, der von seinem Besitzer hingebungsvoll geliebt wird, weil er sonst niemanden hat, dem er seine Zuneigung schenken kann. Für einen solchen Hund wird das Leben zur Hölle. Seine Tage in Watte gepackt und überfüttert zu verbringen macht keinen Spass und ein früher Tod muss eine Erlösung sein. Leider besteht wenig Hoffnung für einen Welpen, der zu einer solchen Person kommt. Er wird aufwachsen und die Persönlichkeit seines Besitzers übernehmen. Vermutlich wird er bösartig und mit grosser Wahrscheinlichkeit gesundheitlich angeschlagen sein.
Aber hier sind ein paar Ratschläge für den erwachsenen Hund mit gutem Wesen, der vernünftig aufgezogen wurde und das Pech hatte, in die Hände einer neurotischen Person zu geraten. Wenn er sie befolgt, gelingt es ihm vielleicht, seinen Besitzer umzukehren und in eine normale Person zu verwandeln.
Es gibt einiges, das du tun kannst. Wenn dein Meister glaubt, dass ein gemütlicher kleiner Spaziergang um den Block genug Bewegung ist, dann schlüpf aus deinem Halsband und mach dich davon für ein paar muntere Stunden mit dem Rudel. Wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dein Meister dich voller Erleichterung empfangen und dir vergeben. Mit der Zeit wird dein Meister entweder nachgeben und realisieren, dass eine halbe Stunde im Schneckentempo dir nicht genügend Bewegung verschafft und sich vielleicht überzeugen lassen, dich im Park frei laufen zu lassen, oder, falls er ein unglaublicher Miesepeter ist, wird er dein Halsband enger machen, damit du es nicht mehr abstreifen kannst. In diesem Fall gibt es nur eine Möglichkeit. Dreh dich um und beisse die Leine durch, pass aber auf, dass du sie nicht zu hoch oben durchbeisst. Der verbleibende Rest der Leine könnte sich verfangen und dich in grosse Schwierigkeiten bringen. Wenn selbst dieser Trick nichts bringt und dein Meister richtig gemein ist und eine Kette kauft, dann nimm einen Anlauf und springe die Strasse hinunter, dass es ihm fast den Arm ausrenkt. Vielleicht lässt er dich dann los. Wenn dieser Versuch scheitert, dann versuche, dich mit der Leine um seine Beine zu wickeln. Vielleicht gelingt es dir, ihn zu Fall zu bringen; das würde ihn erschüttern.
Ich vermute, dass du nicht Hund genug wärst, um dich nicht überfüttern zu lassen. Welcher Hund könnte schon widerstehen? Sollte jedoch dein Meister merkwürdige Ideen bezüglich Diät hegen, dann musst du unbedingt standhaft bleiben. Friss das Zeugs auf keinen Fall. Er ist wahrscheinlich ein Gesundheitsapostel und du kannst immer nach essbarem Abfall suchen, wenn du unterwegs bist. Er wird dich schon bald mit Tränen in den Augen anflehen zu fressen was immer du gerne magst. Wenn er dir dauernd etwas gegen dieses und jenes verabreichen will, dann gehe nicht auf diesen Unsinn ein, erbreche einfach seine widerlichen Medikamente, vorzugsweise auf seinen besten Teppich. Das wird ihn eines Besseren belehren. Du kannst natürlich auch beissen, aber brave Hunde tun so was nicht.
Wenn er um deine Bequemlichkeit besorgt ist, brauchst du dir keine Mühe zu machen. Wenn er nicht mag, dass seine Leintücher nass und schmutzig sind, was kümmert dich das. Du hast nie darum gebeten, in seinem Bett zu schlafen. Wenn er will, dass du einen Mantel trägst - Corgis sehen in Mänteln wie Weicheier aus - dann zerreiss ihn. Er kann ja immer einen neuen kaufen, den du ebenfalls zerreisst.
Wenn du gerne raus möchtest und er lieber fernsehen will, dann belle heftig. Er wird nichts mehr hören und nachgeben. Wenn Gäste kommen, sei stets lieb zu ihnen, dann wird er sich nicht trauen, sich über dich zu beklagen. Mach nie eine Szene im Auto. Denk daran, dass wenn du ihn ablenkst und er einen Unfall verursacht, du ebenso verletzt werden kannst wie er. Und zum Schluss, sei immer brav beim Tierarzt. Du könntest eines Tages wirklich krank sein und ihn benötigen.
Aus Welsh Corgi League Handbook 1965
Übersetzung ANo
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männliche Form verwendet. Gemeint ist stets sowohl die weibliche als auch die männliche Form.