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Mit der Ausbreitung von Internet und elektronischer Post ist der Papierbrief durch die digitalisierte Form der raschen Mitteilung abgelöst worden. Da der Prozess nicht umkehrbar ist, stellt sich die Frage, in welcher Weise die Selbstdarstellung des Subjekts inzwischen erfolgt, die über Jahrhunderte im Brief ihr wichtigstes Medium gefunden hatte. Die Antwort liefert das Internet: es ist das Tagebuch. Nachdem es im 18. Jahrhundert als Mittel der Selbsterforschung fast so beliebt wurde wie der Brief, erfährt es als Online-Tagebuch seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine Renaissance ungeahnten Ausmasses. Weblog oder Blog lautet die Bezeichnung für die neue Darstellungsform, auf die inzwischen auch andere Medien zurückgreifen, um Informationen und Stellungnahmen zu Ereignissen zu erhalten, die auf anderen Wegen nicht zur Verfügung stehen. Da Weblogs per E-Mail kommentiert werden können, weisen sie Überschneidungen mit Briefwechseln auf. Zwar übertreffen sie diese an Reaktionsschnelligkeit und dialogischer Gegenwärtigkeit, setzen aber die Tradition der Selbstdarstellung unter neuen technischen Bedingungen fort. Die historischen Wissenschaften müssen sich mit diesem Wandel der persönlichen Aufzeichnungen vertraut machen, wenn sie die Zukunft nicht aus dem Blick verlieren wollen. An ihre grosse Tradition, die zur Gründung von Archiven und Editionsvorhaben führte, werden sie dabei nur anknüpfen können, wenn sie das Internet als neues Archiv auffassen, das mit dem alten zu einer Einheit zusammenwächst. Wie Goethe ein Vordenker des traditionellen Archivs war, so sind es Ernst Jünger und Walter Kempowski für das der Zukunft.
«Blätter für die Nachwelt»
In der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der Brief, der in Stil-Lehren seit der Antike als Spiegel der Seele seiner Verfasser galt, zum wichtigsten Medium der Selbstdarstellung von Individuen geworden. Er hat wie keine andere Gattung das Programm einer neuen Literaturgeneration aufgeklärter Empfindsamkeit geprägt, das Johann Fürchtegott Gellert in seiner «Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen» (1751) wie folgt zum Ausdruck brachte: «Wenn man also dem andern seine Traurigkeit, sein Mitleiden, seine Freude, seine Liebe, in einem hohen Masse zu erkennen geben, oder in ihm selbst die Empfindungen erwecken will: so lasse man sein Herz mehr reden, als seinen Verstand.» Nachwirkungen dieses Programms reichen bis in die Gegenwart, wie die endlose Zahl von Briefwechseln und herausragenden Briefen zeigt, die Nachgeborene immer wieder mit Hingabe und Aufwand edieren und kommentieren.
Erfolgreich war die Idee der Empfindsamkeit vor allem im Briefroman, der in vielen Fällen zugleich Tagebuch-Roman ist, wie Goethes «Die Leiden des jungen Werthers» (1774) zeigt. Die fiktionale Verwendung von Briefen und Tagebüchern bereitet jene Radikalisierung der Selbstdarstellung vor, die viele Briefe der Romantiker kennzeichnet. Karl Heinz Bohrer («Der romantische Brief», 1989) hat sie einmal als «autonome Texte» bezeichnet, in denen das Ich sich durch ästhetische Selbstreflexion «semantisch» erst erfinde. Der romantische Brief greift damit auf Darstellungsweisen des Tagebuchs zurück, das seit Ende des 18. Jahrhunderts durch die Simulation mündlicher Kommunikationsformen und die Ansprache an einen fiktiven Partner seinerseits dialogische Formen angenommen hat.
Empfindsame Selbstdarstellung und romantische Selbsterfindung waren seit Mitte des 18. Jahrhunderts aber nur ein Versuch, der Subjektivität Bedeutung zu verleihen. Zugleich wurde die antike Idee der weltlichen Unsterblichkeit erneuert, die in Mittelalter und Barock durch die christliche Auffassung vom Weiterleben der Seele im Jenseits verdrängt worden war. Poesie und Schrift galten wegen ihrer Langlebigkeit seit je als Möglichkeit, den biologischen Tod zu überwinden und das Individuum im Bewusstsein der Nachwelt weiterleben zu lassen. Friedrich Nietzsche hat die Idee in seiner Schrift «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben» (1873) im Begriff des «hohen Geistergesprächs» zusammengefasst und populär gemacht: «Ein Riese ruft dem andern durch die öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen hinwegkriecht, setzt sich das hohe Geistergespräch fort.» Diese Vorstellung universeller Präsenz über Zeiten und Räume hinweg bestimmt auch die Idee des Cyberspace, die seit ihrer fiktionalen Beschreibung in William Gibsons Roman Neuromancer (1984) die Theo-rie des Internets geprägt hat.
Auch für die Idee der Selbstentgrenzung des schreibenden Ich wurden Brief und Tagebuch die wichtigsten Medien. Schon Gellert vertrat in seiner «Praktischen Abhandlung» die Auffassung, dass der Brief «die Stelle eines Gesprächs» einnehmen könne. Doch ging er nur von einer räumlichen Trennung der Briefpartner in ihrer Zeit, nicht aber von der Möglichkeit eines zeitübergreifenden Dialogs aus. Erst Goethe hat die doppelte Funktion des Briefes als intimen Selbstgesprächs und Dokuments für die Nachwelt betont. In der Einleitung seines Buches «Winckelmann und sein Jahrhundert» (1805) schreibt er: «Briefe gehören zu den wichtigsten Denkmälern, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Lebhafte Personen stellen sich schon bei ihren Selbstgesprächen manchmal einen abwesenden Freund als gegenwärtig vor, dem sie ihre innersten Gesinnungen mitteilen, und so ist der Brief eine Art Selbstgespräch. Denn oft wird der Freund, an den man schreibt, mehr der Anlass als der Gegenstand des Briefes. Was uns freut oder schmerzt, drückt oder beschäftigt, löst sich von dem Herzen los, und als dauernde Spuren eines Daseins, eines Zustandes sind solche Blätter an die Nachwelt immer wichtiger, je mehr dem Schreibenden nur der Augenblick vorschwebte, je weniger ihm eine Folgezeit in den Sinn kam.»
Goethe hat nicht nur die Person Winckelmanns durch die Publikation seiner Briefe bekannt gemacht, sondern zehn Jahre später auch Teile seiner eigenen Aufzeichnungen und Korrespondenzen veröffentlicht, wie die «Italienische Reise» (1816/17) und den «Briefwechsel mit Schiller» (1828/29). Neben seiner Autobiographie «Dichtung und Wahrheit» war damit sein Überleben in frühen und späten Briefen wie Aufzeichnungen gesichert. Dennoch handelt es sich hier um eine Ausnahme. Denn Briefe und Tagebücher gelangen in der Regel – auch im Falle Goethes – erst Jahrzehnte nach dem Tod ihrer Verfasser durch Editionen an Leser. Sie konservieren damit Subjektivität, die durch Lektüre in der Imagination des Lesers zum Leben erweckt wird. «Die Ferne hält dieses Leben schon beruhigt fest», schreibt Kafka in seinen Tagebüchern über Goethe, um dann über dessen private Aufzeichnungen hinzuzufügen: «diese Tagebücher legen Feuer daran». Noch intensiver war die Wirkung der Briefe Hebbels. An Felice Bauer schreibt Kafka während der Lektüre im Januar 1913: «Wieder komme ich, Liebste, von Hebbels Briefen zu Dir. Ich weiss nicht, wie Menschen, die von einem bürgerlichen Beruf und von bürgerlichen Sorgen ausgefüllt sind, solche Briefe lesen, in denen sich ein Mensch aus seinem durch die dichterische Aufgabe aufgeregten und ewig, selbst in der Ohnmacht, strömenden Innern mit den wildesten Selbstgeständnissen erhebt, –fühle ihn tatsächlich […] ganz nah an meinem Leib, er klagt an meinem Hals, er rührt an meinen Schwächen unmittelbar mit seinen Fingern und manchmal, selten genug, reisst er mich mit sich fort, als wären wir zwei Freunde.»
In der Tat haben Schriftsteller seit je erhofft und formuliert, was die Philologie seit ihrer Konstituierung als akademische Disziplin im 19. Jahrhundert erfolgreich verdrängt hat: dass Autoren im Medium ihrer Briefe und Tagebücher mit ihren Interpreten und Lesern über die Zeiten hinweg in einen Dialog treten. So schreibt Friedrich Hebbel als 22jähriger, noch unbekannter Autor zu Beginn seiner Tagebücher, die er fast 30 Jahre lang (1835 bis 1863) führen sollte: «Ich fange dieses Heft nicht allein meinem künftigen Biographen zu Gefallen an, obwohl ich bei meinen Aussichten auf Unsterblichkeit gewiss sein kann, dass ich einen erhalten werde.» Als Begründung fügt er quasi entlastend hinzu, was ohnehin selbstverständlich ist, also nicht ausschliesslicher Zweck gewesen sein kann: «Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein.» Schon Johann Caspar Lavater hatte Teile seines Geheimen Tagebuchs zur Lektüre an Freunde weitergegeben, so dass einer von ihnen, vermutlich ohne sein Wissen, die Texte 1771 publizierte. Doch bekannte er sich in einem zweiten Band (1773) zu seiner Verfasserschaft und publizierte damit als erster ein Tagebuch zu Lebzeiten. Obwohl dies bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht üblich war, hat das Tagebuch eine erstaunliche Kontinuität, wie Gustav René Hocke in seinem Buch «Das europäische Tagebuch» (1963) umfassend gezeigt hat.
Vom «Haus der Briefe» zum Internet
Wer – wie Goethe – private Briefe als «Blätter für die Nachwelt» auffasst oder – wie Hebbel – im «Notenbuch» seines «Herzens» schon an «künftige Biographen» denkt, beansprucht als Person dauerhafte Geltung. Die elektronischen Speicher- und Übertragungsmedien, die seit Ende des 19. Jahrhunderts mit Brief und Tagebuch in Konkurrenz getreten sind (wie Telefon, Phonograph, Tonband oder Diktaphon), haben an der zeitübergreifenden Bedeutung privater Texte nichts geändert, sondern neue technische Möglichkeiten für das mündliche Gespräch und die schriftliche Mitteilung geschaffen. Erst mit der Ausbreitung des Internets ist ein einschneidender Wandel eingetreten, da E-Mails den Brief auf Papier weitgehend verdrängt haben, ohne dessen Haltbarkeit zu gewährleisten, so dass spätere Generationen sich nicht mehr mittels Briefen über die subjektive Dimension der Vergangenheit werden informieren können.
Ernst Jünger, der das Tagebuch als zeitdiagnostische Darstellungsform erneuerte und viele umfangreiche Briefwechsel führte, die in den letzten Jahren publiziert wurden, hat auch ein nachhaltiges Plädoyer für die Archivierung von Briefen verfasst. Der Text trägt den Titel «Das Haus der Briefe». Es handelt sich um ein Kapitel, das Jünger aus seinem utopischen Roman «Heliopolis» (1949) ausgegliedert und 1951 als Separatdruck veröffentlicht hat. Gegenstand ist ein Archiv, in dem ausschliesslich persönlich verfasste Schriftstücke gesammelt und durch eine hochkomplizierte Technik zugänglich gemacht werden. «Das Haus», so lässt der Autor den Direktor erläutern, «beschäftigt zweihundert Angestellte und ungefähr die doppelte Anzahl von Hilfskräften. Dazu kommen die Bergleute, die laufend den Ausbau der unterirdischen Anlagen fortführen. Ich möchte hinzufügen, dass, was registrierende und koordinierende Kraft betrifft, kein menschliches Gehirn sich mit den hier eingebauten Maschinen messen kann.» Die Gründe für diesen Aufwand entsprechen – neben verwaltungspraktischen Zwecken, die nicht frei von totalitären Zügen sind – Goethes Auffassung, dass Briefe als Dokumente der Subjektivität bewahrt werden müssen. «Wenn wir nun darauf sinnen», so Jünger, «was Menschen an Bleibendem hinterlassen könnten, bietet sich der Brief als bestes Zeugnis an. Er ist Handschrift und Urkunde zugleich, ein Signet des Autors und seines Verhältnisses zur Welt. Briefe sind leicht zu verwahren, leicht zu ordnen und dort, wo grosse Mengen zusammenfallen, als Spiegel brauchbar, auf dem man die mannigfaltigen Bildungen und Geflechte ablesen, ja beschwören kann.»
Jüngers Erzählung ist in der Literatur- und Mediengeschichte ohne Vergleich, weil sie die Würdigung einer Kommunikationsform mit Überlegungen zu ihrer Sicherung und Erschliessung verbindet und dabei, wenn man so will, die Idee des Internets vorwegnimmt: «Die Welt schien hier vereinfacht zu einem Netz von Korrespondenten, denen man den gleichen Rang zubilligte. […] Vergängliche Blätter von Myriaden, die wie Gras dahingegangen waren, und doch vielleicht ein Text, der alle einte wie ein gebundenes Buch.» Trotz dieser visionären Archivkonzeption reichte Jüngers Phantasie nicht aus, sich vorzustellen, dass es keine Briefe auf Papier mehr geben und an die Stelle subjektiver Darstellungen Kurzmitteilungen treten würden, die darüber hinaus an jedem Tag so zahlreich sind, dass ihre Archivierung undenkbar ist. Denn selbst wenn alle Briefe der Vergangenheit digitalisiert und zugänglich würden, das Internet also auch zu einem «Haus der Briefe» würde, was noch denkbar wäre, so bleibt die Vorstellung, dass alle E-Mails gesichert werden könnten, eine Illusion und ein Alptraum zugleich, weil ihre Bewahrung und Benutzung sowohl Institutionen wie Leser überfordern würde.
Dennoch lassen solche Erwägungen deutlich werden, mit welchen Fragen sich Archivare und Philologen des Internet-Zeitalters beschäftigen müssen, wenn sie künftigen Generationen Einblicke in die Mitteilungs- und Darstellungsformen seit Beginn des 21. Jahrhunderts gewähren wollen. Die Tatsachen sprechen für sich: 1995 wurde dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach erstmals ein papierloser Nachlass übergeben. Es handelt sich um den Personalcomputer des mit 37 Jahren gestorbenen Autors Thomas Strittmatter (Süddeutsche Zeitung vom 26. Mai 2003). Kein Zweifel, dass dem Einzelfall in Zukunft weitere Geräte, Disketten und DVDs mit Nachlässen folgen werden, ohne dass deren dauerhafte Sicherung und Bearbeitung geklärt ist.
Der Philologie und dem Archivwesen stehen hier Aufgaben bevor, die nur in der Theorie vorbereitet sind. Der Begriff «Hypertext» spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Danach sind digitale Texte räumlich strukturiert und verweisen durch das Prinzip der «links» immerfort auf weitere Texte, Bilder und Tondokumente. Durch diese Eigenschaften, die man als interaktiv, dezentralisiert und diskontinuierlich bezeichnen kann, weisen Hypertexte Übereinstimmungen mit Briefwechseln und Tagebüchern auf. Ob diese nun in handschriftlicher oder in gedruckter Form vorliegen – immer handelt es sich um Texte, die in unterschiedlicher Weise miteinander verbunden sind oder verbunden werden können: als ungegliedertes Konvolut, als chronologische Folge, als thematische Auswahl oder als vollständiges Werk. Durch die Möglichkeit von Beigaben, zu denen Bilder und Noten, aber auch Gegenstände wie Blüten oder Locken gehören können, werden Hypertexte zu räumlichen Gebilden, die als Hypermedien zu bezeichnen wären.
Wie bei Hypertext haben auch Verfasser von Briefen und Tagebüchern nur einen geringen Einfluss auf deren Verwendung, falls sie nicht die Benutzung testamentarisch ausschliessen oder festlegen. Nur in diesem Fall gilt für private Aufzeichnungen, was Heinrich Bosse im Titel seines Buches «Über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit» (1981) als These formuliert hat: Autorschaft ist Werkherrschaft. Ansonsten ordnen Archivare oder Editoren die Texte nach Regeln oder eigenen Bedürfnissen und prägen so das Bild des Autors durch Auswahl, Zusammenstellung oder Kommentierung. Aber auch ihr Einfluss steht noch hinter dem des Lesers und Interpreten zurück, wenn mehrere Briefsammlungen vorliegen. Durch Querverbindungen können Leser und Interpreten Zusammenhänge herstellen, die es in dieser Form nie gab, so dass sie einen Autor nach eigenen Vorstellungen und Interessen zum Leben erwecken. Auf dieser Wiederbelebung basiert zu einem wesentlichen Teil jene «Macht der Philologie» (2000), die Hans Ulrich Gumbrecht beschrieben hat, ohne freilich Personalcomputer und Internet in den Blick zu nehmen. Erst durch diese aber werden Zugriffe auf Dokumente der Vergangenheit so universell, wie Jünger sie für sein Haus der Briefe entworfen hat.
Vom «Echolot» zum «Echonetz»
Tatsächlich sind Philologie und Geschichtsschreibung der Bedeutung von Briefen und Tagebüchern kaum gerecht geworden, da diese von jenen zur Illustration der historischen Fakten, nicht aber als Grundlage ihrer Vermittlung verwendet werden. Diesen Weg ist Walter Kempowski mit seinem «Echolot» als erster gegangen. Das zehnbändige Werk erschien in den Jahren 1993 und 1999 in jeweils vier Bänden, wurde 2002 um einen Band erweitert und 2005 mit einem letzten Teil abgeschlossen. Der Untertitel «Ein kollektives Tagebuch» verdeutlicht die Konzeption, die eine geheime Verwandtschaft mit Jüngers «Haus der Briefe» aufweist. «Die Welt», um dessen Formulierung zu wiederholen, «schien hier vereinfacht zu einem Netz von Korrespondenten, denen man den gleichen Rang zubilligte.» In diesem Sinne hat Kempowski für die Zeit von Januar bis Februar 1943, für den entsprechenden Zeitraum im Jahr 1945 und für einige Wochen der Jahre 1941 und 1945 Auszüge aus gedruckten und ungedruckten Briefsammlungen, Tagebüchern und Autobiographien bekannter und unbekannter Autoren so miteinander verbunden, dass die historischen Vorgänge im Spiegel subjektiver Darstellungen vor dem Auge des Lesers erscheinen. Auch Jüngers Aufzeichnungen sind in Auszügen im Echolot abgedruckt und nehmen hier wegen ihrer literarischen Qualität eine zentrale Stellung ein, wie Kempowski in seinem Tagebuch bestätigt, das nach Abschluss des zehnbändigen Werkes unter dem Titel «Culpa» (2005) erschienen ist. «Die Jünger-Texte», so schreibt er, «sind natürlich Kleinodien. Ein ganz grosser Autor, der Autor.»
Kempowskis begleitende Aufzeichnungen zum Echolot zeigen nicht nur, wie sich die Konzeption unter zahlreichen Selbstzweifeln und Verwerfungen in einem zehnjährigen Arbeitsprozess herausgebildet hat, sie lassen zugleich deutlich werden, dass die Konzeption die Idee des Hypertextes umsetzt, bevor deren Theorie formuliert wurde. So nahm Kempowski seit 1983 Fotos in seine Sammlung auf. Von einer sogenannten «Sprechspur», die die Texte durch eigene Tagebuch-Notizen ergänzen sollte, nahm er zwar Abstand, um den dokumentarischen Charakter zu wahren. Doch beharrte er theoretisch auf der Idee einer multimedialen Erweiterung der Textcollage. «Möglich», so heisst es 1989, «wäre auch ein mitgeliefertes Tonband oder eine Videokassette, etwa Wochenschauen der betreffenden Woche.» Seit 1989 ordnete er die Texte «dialogisch», so dass die Collage Briefcharakter annimmt. 1993 bezeichnete er das Ergebnis seiner Arbeit schliesslich sogar als Netz: «Dies ist kein ‹Echolot› mehr, es ist ein Echonetz.» Damit war die Konzeption eines Hypertextes nicht mehr fern: «Man müsste, wenn alles fertig ist, die ganze Geschichte durch den Reisswolf jagen, der nach ständig wechselnden Prinzipien die einzelnen Sätze austauschen würde. Das Ganze wäre dann zwar unlesbar, käme jedoch dem, was ich beabsichtige, näher.»
Trotz der Verknüpfung von Texten und Bildern hat Kempowski mit dem «Echolot» ein lesbares Werk geschaffen, das es erlaubt, sich zwischen ganz unterschiedlichen Texten wie ein Flaneur hin- und herzubewegen, ohne den roten Faden zu verlieren, der in diesem Fall in die kollektive Dimension der Geschichte führt. Das «Echolot» kann deshalb als neue Form der historischen Dokumentation bezeichnet werden, die ohne Vergleich ist. Zwar wird Benjamins «Passagen-Werk» nach dessen Erscheinen (1983) in den Culpa-Notizen mehrfach als unerreichbares Vorbild erwähnt, doch unterscheidet es sich vom Echolot durch eine kulturhistorische Ausrichtung mit thematischer Gliederung, bei der Subjekte keine Rolle spielen. Auch zwei andere umfassende Werke der Nachkriegsliteratur, die mit dem Prinzip der Collage arbeiten, sind mit dem Echolot nicht zu vergleichen, da in erster Linie Autoren im Mittelpunkt stehen: Arno Schmidts «Zettels Traum» (1970) ist ein texttheoretisches Werk zu Edgar Alan Poe und seinem Interpreten Schmidt, und Uwe Johnsons «Jahrestage» (1970–1983) sind trotz der Verwendung von Tagebuch-Aufzeichnungen und ihrer Verbindung mit Artikeln der New York Times ein fiktionales Werk des individuellen Erinnerns.
Während Benjamin in der Bibliothek Exzerpte aus Büchern anfertigte, Schmidt Tausende von handgeschriebenen Zetteln zusammenklebte und Johnson Artikel aus Zeitungen ausschnitt, um sie in seinen Roman einzuarbeiten, bekam Kempowski seine Quellen aufgrund von Zeitungsannoncen ins Haus geschickt, wo er sie archivierte und bearbeitete. Historiker und Philologen der Zukunft werden private Dokumente dagegen vor allem im Internet suchen müssen, was für die Massenmedien bereits gängige Praxis ist. So hat die Süddeutsche Zeitung einen Tag nach den Bombenanschlägen in der Londoner U-Bahn Auszüge aus Online-Tagebüchern im Feuilleton gedruckt, um die Lage und ihre Beurteilung zu veranschaulichen (8. Juli 2005). Viele solcher Weblogs sind unter persönlichen oder professionellen Websites wie myTagebuch.de oder tage-bau.de zu finden. Nicht Unbekanntheit, wie im Falle der Tagebücher, die Kempowski per Zeitungsanzeige suchte, sondern massenhafte Präsenz ist hier das Problem der Recherche. So ergab eine Google-Anfrage im April 2006 für das Stichwort «Tagebuch» 10’400’000, für das Stichwort «Weblog» 25’700’000 Treffer. Laut Aussage der Betreiber werden Websites wie myTagebuch.de im Monat viele Millionen mal aufgesucht. Die Praxis ist so populär, dass sie in Büchern wie «Das Blog-Buch» (2003) oder «Generation Blogger» (2004) auch für Interessenten erläutert wird, die nie einen Brief oder ein Tagebuch auf Papier geschrieben haben.
Angst um Vergänglichkeit ist bei Online-Tagebüchern ebensowenig angebracht wie bei Briefen oder Tagebüchern auf Papier. Auch Blogger (so die Selbstbezeichnung) schreiben nicht nur, um anderen auf die Schnelle etwas mitzuteilen, sondern erhoffen sich, wie Tagebuch- und Briefautoren, von ihren Texten Dauer und damit ein Stück Unsterblichkeit. Mehr noch als ihre Vorläufer haben sie die Möglichkeit, sich ein digitales Archiv aufzubauen, das alles enthält, was ihnen wichtig ist und anderen zugänglich gemacht werden soll. Das Internet ist nicht nur eine gigantische Kommunikationsmaschine, sondern auch ein gigantisches Archiv, das alles hinter sich lässt, was einmal «Blätter für die Nachwelt», «Haus der Briefe» oder sogar «Echolot» hiess – ein «Echonetz», das auf Bewältigung wartet.
Detlev Schöttker, geboren 1954, ist seit 2000 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienanalyse an der TU Dresden. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen «Mediengebrauch und Erfahrungswandel» (Hg. 2003), «Schrift Bilder Denken. Walter Benjamin und die Künste» (Hg. 2004), «Dresden.
Eine literarische Einladung» (Hg. 2006).