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Von der Grenze Georgiens nach Erzerum und weiter zum Berg Nemrut
Tage 90 - 92 (Km 15'613)
Mit normalem Reisetempo fahre ich über eine gut ausgebaut zweispurige Strasse. Es hat wenig Verkehr, was mir erlaubt, links und rechts die schöne Landschaft zu betrachten.
Aus dem Blinkwinkel heraus nehme ich eine Bewegung auf der Fahrbahn war. Ich kann es kaum glauben, da versucht eine Schildkröte die vierspurige Strasse zu überqueren. Ich drücke und trete voll auf die Bremsen, was Dank ABS unproblematisch geht. Kaum bin ich abgestiegen, rauscht auch schon das erste Auto daher. Zum Glück ist die Schildkröte erst in der Mitte der Fahrbahn, wo auf den türkischen Strassen ein ca. 2 Meter breiter Sicherheitsstreifen angelegt ist.
Ich greife mir die Schildkröte und bringe sie über die Strasse, wo sie hinwollte, und lege sie einige Meter im Gelände wieder ab. Es dauert eine Weile, bis sie sich aus ihrem Panzer herausgetraut und friedlich davonkriecht.
Einige Kilometer später steht keine Schildkröte auf der Strasse, sondern schwerbewaffnete Soldaten. Diese haben die zwei Spuren auf eine reduziert und jetzt muss ich neben der Strasse durch einen mit zwei Meter hohen Betonwände gesicherten Korridor fahren. Am Ende stehen vier Soldaten, von denen Einer die Fahrzeuge kontrolliert und die anderen die Sicherung übernehmen. Als ich an der Reihe bin, schauen sie nur auf mein Kennzeichen und lassen mich weiterfahren.
Ich bin immer noch am Überlegen, was der Grund für diesen für mich fix aussehende Militär Check-Point sein könnte, da kommt auch schon der Nächste. Auch hier sind die Soldaten schwerbewaffnet. Jetzt muss ich anhalten und den Motor abstellen. Der Soldat fragt mich etwas auf Türkisch, was ich natürlich nicht verstehe. Ich antworte auf Englisch, dass ich kein Türkisch könne. Er lacht, schüttelt mir die Hand und meint «No englisch you go».
Nun folgen in kurzen Abständen unzählige Kontrollen. Zudem fahre ich an etlichen Militärgarnisonen vorbei, die in der bergigen Landschaft, wie früher die Burgen, jeweils auf dem höchsten Punkt liegen. Bei der Stadt Genc ist die Intensität am Höchsten. Hier schaue ich zuerst in den Lauf eines Maschinengewehrs, dass hinter einem schusssicheren Wall aufgebaut ist, bevor es in den Betonkorridor hinein geht. Zusätzlich sichern gepanzerte Fahrzeuge die Kontrollposten. Spätestens hier habe ich das Gefühl am falschen Ort zu sein.
Bei einem Tankstellenstopp winkt mir einer Gruppe Männer zu. Ich schlendere zu ihnen hinüber und bekomme sogleich einen Stuhl und Tee angeboten. Ich nutze die Gelegenheit und frage sie, was der Grund für diese hohe Militärpräsents sein. Einige schütteln nur den Kopf und einer sagt «Problems» Mehr wollen sie nicht sagen. Auch am Abend im Guesthaus, in der Nähe des Berg Nemrut, erfahre ich von der Gastfamilie nicht mehr. Ihre Antwort ist lediglich «Hier haben wir keine Probleme». Vermutlich bin ich durch ein Gebiet gefahren, wo es viele andersdenkenden Menschen gibt, als es der Regierung genehm ist.
Die Tempelanlage auf dem Berg Nemrut soll angeblich bei Sonnenaufgang am eindrücklichsten sein. Müde von der gestrigen langen Fahrt schlafe ich lieber aus und mache mich bei sahlblauem Himmel nach dem Frühstück auf den Weg.
Über eine teilweise sehr steile 12 Kilometer lange Strasse geht es hinauf zum Besucherparkplatz. Von hier bringt mich eine Shuttelbus zu den Treppen, über welche die auf 2'100 Meter liegenden Tempelanlage erreicht werden kann. Dieser Aufstieg ist ziemlich steil und kurbelt meinen Kreislauf ganz schön an.
Schon auf dem Treppenweg ist das Panorama gewaltig, doch was mich oben erwartet, macht mich zuerst einmal sprachlos.
Der Gipfel ist eine Kombination aus Grabstädte und Heiligtum. Die eigentliche Bergspitze liess der König Antiochos I. Tehos für sein Grabstätte um 45 Meter und mit einem Durchmesser von 150 Metern aufschütten. Riesige Götterstatuen wurden um das Grab herum errichtet. Sie wurden so ausgerichtet, dass sie alle in die weite Ferne blicken. Leider haben Erdbeben, Unwetter und Touristen ihren Teil dazu beigetragen, dass die Statuen mittlerweile kopflos sind und diese verteilt auf dem Boden rumliegen. An solchen Orten überlege ich mir immer, wie es überhaupt möglich war, diese Anlagen zu errichten und wie viele tausende Arbeiter dazu benötigt wurden, sind diese Statuen doch tonnenschwer.
Vom Berg Nemrut nach Göreme
Tage 93 - 95 (Km 16'148)
Musik dringt durch meine Ohren und weckt mein Hirn. "Aufstehen hopp hopp, es ist 05.45 Uhr" brummt meine innere Stimme. Zeit, die aufsteigenden Heissluftballone über Göreme zu beobachten.
Ich krieche mit meinen sich schwer anfüllenden Körperteilen aus dem Bett und schaue zuerst kurz aus dem Fenster, wie das Wetter ist. Das sieht gut aus und so suche ich meine Kleider zusammen, packe den Fotoapparat ein und los gehts zum Aussichtspunkt oberhalb Göremes.
Auf dem Weg nach oben werde ich laufend von Kleinbussen und Taxis überholt, die haufenweise Schaulustige zum Aussichtspunkt fahren. Entsprechend herrscht schon reger Betrieb, als ich aufs Plateau gelange.
Die ersten Ballone steigen bereits in die schöne Morgendämmerung auf und viele weiter bringen sich in Startposition. Die Startplätze sind durch die Landschaft begrenzt, weshalb die Ballone naher aufeinander sind und teilweise in Gruppen aufsteigen.
Als Krönung scheint die aufgehende Sonne die ersten Heissluftballone an und beleuchtet langsam die gesamte Landschaft mit den speziellen Steinformationen.
Fantastisch dieser Anblick.
Die Region Kappadokien ist bekannt für seine spezielle Felsformationen, in denen früher die Einheimischen Wohnhäuser und Zufluchtsorte geschaffen haben. Für die Erkundung dieses Gebietes bildet Göreme ein idealer Ausgangspunkt.
Die lange Fahrt hierher war geprägt von einer permanenten auf heiss zeigenden Temperaturanzeige. Ein Strich mehr und ich hätte die KTM wegen Überhitzungsgefahr des Motors abstellen müssen. Nicht gerade meine entspannteste Tagesfahrt.
Am Abend bei abgekühltem Motor überprüfte ich das Kühlerwasser und siehe da, er war fast keines mehr da. Auf der Ursachensuche stiess ich dann auf einen kleinen Stein, der sich trotz gutem Kühlerschutz zwischen die Schraube des Ventilators und des Kühlers geklemmt hat. Durch die Vibrationen wetzte dieser Stein nach und nach ein kleines Loch in den Kühler. Das ist natürlich ganz schlecht, weil so ein Kühler nicht einfacht zu reparieren ist und niemand in der Umgebung neue passende verkaufen würde.
Der Inhaber meines Guesthauses wusste sofort Rat und rief seinen Freund, einen Squat- und Motorradmechaniker an. Dieser kam am nächsten Tag kurz vorbei und meinte, dass sei flick bar und er kenne jemanden in der Nachbarsstadt, der das löten kann.
Der Kühlerausbau war schnell gemacht und kurz darauf brachte eine Taxifahrer den Kühler in den Nachbarsort zum Spezialisten. Keine drei Stunden später war der Kühler wieder dicht und in der KTM eingebaut. Die nachfolgende Probefahrt verlief ebenfalls gut und ich war froh, keinen neuen Kühler beschaffen zu müssen.
Von Göreme über Istanbul nach Paralia in Griechenland
Tage 96 - 99 (Km 17'572)
Ich ziehe meinen Helm ab und dabei fällt mir ein Handschuh runter. Er landet neben meinem rechten Stiefel. Was ist denn das? der Stiefel ist voll Spritzer. Ich bücke mich, um mit dem Finger etwas Flüssigkeit abzustreifen und bemerke, dass mein Hosenbund ebenfalls nass ist. Nun rieche ich an meinem Finger - Kühlmittel. "Mist" saust es mir durch den Kopf, der ist immer noch nicht.
Ein Blick auf die rechte Motorradseite bestätigt leider meine Befürchtung. Der ganze untere Motorenblock ist voll mit Kühlermittel. Schöne Bescherung.
Die reparierte Stelle kann es aber nicht sein, da diese links aussen beim Kühler war und auf dieser Seite alles trocken ist. Auch am Boden bildet sich keine Lache, was darauf hindeutet, dass das Kühlsystem nur beim Fahren irgendwo Flüssigkeit verliert.
Auswirkungen auf die Motortemperatur hat das neue Leck bis jetzt noch nicht. So kann ich wenigsten weiterfahren und versuchen Istanbul zu erreichen, wo es einen grossen KTM Händler gibt.
Die Fahrt verläuft unspektakulär. Einerseits sind die Strassen zwei oder sogar dreispurig und verschandeln mit ihrer Ausbreitung die schöne Landschaft und andererseits bleibt die Motortemperatur konstant im grünen Bereich, obwohl weiterhin Kühlerflüssigkeit rausspritzt.
Beim KTM Händler angekommen, stellt sich schnell heraus, dass der Kühler eine neue undichte Stelle hat. Vermutlich hat der Handwerker beim Löten den Kühler eingespannt und dadurch eine kleine Delle in den Kühler gedrückt. Zum Glück kann die Werkstatt das reparieren. Ferner überprüfen sie auch nochmals die Kipphebel, Nockenwelle und Zylinderkopfdichtung. Dabei kommt zum Vorschein, dass die Nockenwelle durch den kaputten Kipphebel beschädigt wurde und es besser wäre, diese zu ersetzen. Da ich sowieso bis zum nächsten Tag auf die Kühlerreparatur warten muss, lasse ich die Nockenwelle auch gleich ersetzen. Das kostet hier bestimmt vier Mal weniger, als in der Schweiz.
Nach dem Frühstück mit Aussicht, mein Hotel war direkt am Meer und der Frühstücksraum im 6. Stock, verschiebe ich mich zurück zum KTM Händler. Als ich in die Werkstatt eintrete, erkenne ich meine KTM kaum mehr. Sie würde nämlich gründlich gewaschen und glänzt jetzt wie ein polierter Silberteller. Naja, lange wird sie nicht sauber bleiben, da der Himmel mit Regenwolken vollbehangen ist und ich heute noch einige Kilometer fahren möchte.
Drei Stunden später ist es dann soweit, bei strömendem Regen und zusammen mit hunderten von Autos versuche ich im Schritttempo über den Bosporus nach Europa zu gelangen. Als ich endlich drüben mit, geht es weitere 35 Km schleichend vorwärts. Danach muss ich um einiges kräftiger am Gashahn drehen als üblich, um vor dem Eindunkeln noch bis nach Griechenland zu schaffen. Hinter der Grenze finde ich zum Glück bald ein Hotel.
In der Nacht erwache ich ein paar Mal, weil es mir kalt ist. Mit dem habe ich jetzt gar nicht gerechnet. Fröstelnd ziehe ich die Wolldecke vom zweiten Bett ab und werfe sie mir über.
Geweckt werde ich von einem Pfeifen, das vom starken Wind verursacht wird. Ich öffne die Balkontüre und halte meinen Kopf hinaus. Puuh, das ist ja mega kalt, trotz Sonnenschein. Also alles anziehen, was ich an warmen Kleidern mitgenommen habe und los gehts auf die erste Etappe in Griechenland.