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Ich höre immer wieder aus mehr oder weniger Esoterik-nahen Kreisen der Komplementärmedizin die Ansicht, dass wir „nicht werten“ sollen.
Dieses „Gebot“ halte ich für sehr problematisch, was ist mit einem Beispiel erläutern möchte.
Auf einer Karma-Yoga-Website finde ich folgenden Beitrag einer Lehrerin für Karma-Yoga unter der Überschrift:
„Tun und nicht werten“
Danach folgt:
《 Gestern Morgen habe ich von einer Freundin eine E-Mail bekommen, in der unter anderem der folgende Satz stand:
“Gleich frühstücke ich und dann muss/will/darf ich (such dir eines aus!) mit meinen Schwiegereltern, die bei uns zu Besuch sind, einen Ausflug machen.“
In meiner Antwort-Mail habe ich dazu geschrieben:
“Sag doch einfach: ‘… und dann mache ich mit meinen Schwiegereltern einen Ausflug. Ohne zu werten.”
Einfach tun, was gerade zu tun ist. Eines der Grundprinzipien des Karma Yoga.
Ohne Widerwillen, ohne Aufschub, ohne Murren, ohne Unlust.
Mit Gleichmut eben.
Wenn wir aufhören, unsere Aufgaben und Pflichten – die ja einen grossen Teil unseres Alltags beanspruchen! – in angenehm und unangenehm, erwünscht und unerwünscht aufzuteilen, und alles mit der gleichen liebevollen Hinwendung tun, wird unser Leben um einiges leichter! 》
Quelle:
http://www.karma-yoga.eu/?p=311
Kommentar & Ergänzung: Einfach tun, was gerade zu tun ist. Ohne Aufschub, ohne Murren. Nicht werten.
Massenmörder und Folterknechte rechtfertigten und rechtfertigen weltweit ihre Taten damit, dass sie einfach ihre Aufgabe erfüllen, ihre Pflicht tun, ohne Aufschub, ohne Murren.
Beispielhaft dafür ist die berüchtigte Rede von Reichsführer-SS Heinrich Himmler an 4. Oktober 1943 an einer SS-Gruppenführer-Tagung in Posen (Polen).
Hier ein paar Auszüge:
„Genau so wenig, wie wir am 30. Juni gezögert haben, die befohlene Pflicht zu tun und Kameraden, die sich verfehlt hatten, an die Wand zu stellen und zu erschiessen.“
Ohne zu zögern, ohne Aufschub, ohne Murren seine Pflicht tun……
„Von Euch werden die meisten wissen, was es heisst, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben, und dabei — abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen — anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“
…und dabei anständig geblieben sein…
„Insgesamt aber können wir sagen: Wir haben diese schwerste Aufgabe in Liebe zu unserem Volk getan. Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“
..und auch schwerste Aufgaben mit Liebe erfüllen.
Das sind zentrale Punkte in der Ideologie des Heinrich Himmlers. Er redet sehr oft von Aufgaben und Pflichten, die zu erfüllen sind.
Quelle der Zitate aus der Posen-Rede:
Vergleich
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was denn der Massenmörder Heinrich Himmler mit dem Karma-Yoga zu tun habe, und ob dieser Vergleich nicht etwas gar abstrus sei.
Nun, Heinrich Himmler war ein Anhänger der indisch-buddhistischen Karma-Lehre. Sie war für ihn ein tiefes Glaubensdogma, auf das er immer wieder zu sprechen kam, und das er mehrmals für die Sinndeutung der eigenen Existenz in Anspruch nahm.
Die Bhagavadgita, die zentrale Schrift des Karma-Yoga, soll Himmler so geschätzt haben, dass er sie ständig bei sich trug.
Heinrich Himmler verglich Hitler mit dem in diesem Lehrgedicht auftretenden Gott Krishna.
Die Bhagavadgita liest sich fast wie ein Katechismus für die SS. Viele NS-Ideologen nahmen daher auf diese indische Kriegerschrift immer wieder Bezug.
Die Philosophie der Bhagavadgita wurde nach dem Kriege von rechtsextremer Seite als Legitimation von Auschwitz herangezogen.
(weitere Infos dazu: http://www.trimondi.de/H-B-K/inhalt.hi.htm)
Albert Schweitzer kommt in seinem 1935 geschriebenen Werk „Die Weltanschauung der Indischen Denker“ zu einer sehr kritischen Einschätzung der ethischen Wertvorstellungen wie sie in der Bhagavadgita zu finden sind.
„Er schreibt: Weil sich in ihr so wunderbare Sätze von der innerlichen Losgelöstheit von der Welt, von der hasslosen und gütigen Gesinnung und von der liebenden Hingebung an Gott finden, pflegt man das Nicht-Ethische, das sie enthält, zu übersehen. Sie ist nicht nur das meist gelesene, sondern auch das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.“
(Quelle: Wikipedia)
Aber kommen wir zurück in die Gegenwart:
1. Das alte oder neue Esoterik-Gebot „Nicht Werten!“ stellt Werten als negativ dar und wertet damit selber. Ein eklatanter Selbstwiderspruch.
2. „Nicht werten“ kann ein angemessene Grundhaltung sein zum Beispiel in einem therapeutischen Setting oder während einer Meditationsübung. Wer aber „Nicht werten“ im Alltag propagiert, schafft jede Ethik ab.
Kein Mensch wir ohne Wertung einen Finger rühren, wenn in der S-Bahn jemand angegriffen oder angepöbelt wird. Nicht einmal einen Anruf bei der Polizei wird es geben, wenn nicht zuvor dieser Angriff als inakzeptabel gewertet wird.
3. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Konsumenten verhalten. Der Kauf von Bio-Produkten beispielsweise basiert auf einer Wertung.
4. Wie bitte sollen sich Menschen, die nicht werten, als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger verhalten. Jede Abstimmung, jede Wahl setzt eine Wertung voraus. Wer eine Grundhaltung des Nicht-Werten propagiert, stellt das Funktionieren demokratische Staatsformen in Frage.
Fazit: Meiner Ansicht nach ist die „Nicht-Werten-Propaganda“ ein kompletter Holzweg.
Wir sollten nicht weniger, sondern eher mehr werten.
Aber wir sollten zugleich auch so gut wie möglich lernen, sorgfältiger zu werten, genauer, differenzierter – weniger vorschnell und pauschal.
Dazu braucht es unter anderem ein Wissen darum, dass wir für unsere Wertungen keine absolute Gültigkeit beanspruchen können und dass sie perspektivisch sind. Das heisst auch, dass wir einerseits für unsere Wertungen mit Argumenten einstehen sollten, aber genauso bereit sein müssen, sie falls nötig zu revidieren.
P. S.:
– Sorgfältige Wertungen sind auch im Bereich Komplementärmedizin bzw. Alternativmedizin nötig.
Kriterien dazu bietet das Tagesseminar:
Komplementärmedizin – Kriterien zur Orientierung im überquellenden Angebot
– Auf den ersten Blick irritiert das starke Interesse eines Heinrich Himmlers an den Lehren der Bhagavadgita. Das überrascht aber nur, weil weitgehend unbekannt ist, dass führende Exponenten des „Dritten Reiches“ stark von esoterischen Vorstellungen geprägt waren und zudem eng verbunden waren mit Naturheilkunde, Homöopathie, Anthroposophie, Schüssler Salzen und Heilpflanzenkunde, die in jener Zeit politisch gefördert wurden.
Ich halte es für wichtig darüber nachzudenken, weshalb diese unsägliche Verbindung zwischen Naturheilkunde und Nationalsozialismus zustande kam und vor allem, weshalb ihre Weltbilder an vielen Punkten so kompatibel waren.
Die Fakten dazu im Tagesseminar
Naturheilkunde und Nationalsozialismus – eine fast unbekannte, unheilsame Verbindung – und was wir heute daraus lernen können
– Generell scheint es mir wichtig, dass wir vor allem bei traditionellen Heilmethoden verstehen, auf welchen Weltbildern sie gewachsen sind. Info dazu im Seminar:
Die Heilkräfte der Pflanzen im Wandel der Zeit – Beiträge zur Ideengeschichte der Pflanzenheilkunde
Vorgestellt werden die Welt- und Menschenbilder der magisch-mythischen Medizin, der antiken Viersäftelehre (Humoralpathologie), der mittelalterlichen Klostermedizin (Hildegard von Bingen), der Signaturenlehre der Renaissance (Paracelsus), der Bachblüten-Therapie und der Phytotherapie.
Ausserdem:
Übersicht meiner eigenen gesellschaftspolitischen Texte und Buchempfehlungen.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildungen / Heilpflanzen-Kurse & Heilkräuter-Exkursionen / Weiterbildung Pflanzenheilkunde / Kräuterwanderungen:
Infos auf www.phytotherapie-seminare.ch
Info-Treff Pflanzenheilkunde
Besuchen Sie auch unseren „Info-Treff Pflanzenheilkunde“ für Information und Erfahrungsaustausch in den Bereichen
Phytotherapie / Pflanzenheilkunde / Naturheilkunde: