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Fotografie erzählt Geschichte. Nach diesem Motto arbeitet der südafrikanische Fotograph Mikhael Subotzky. Wir befassen uns mit einigen Werken von Subotzky, fokussieren aber auf das Fotografie- und Film-Projekt Retinal Shift (2012). Zu diesem Projekt gehört Subotzkys erster Film Moses und Griffiths, den er speziell zur Verleihung des Standard Bank Young Artist Award For Visual Art, der am National Arts Festival in Grahamstown verliehen wird, vor Ort gedreht hat. Der Film porträtiert und setzt sich mit zwei Museums-Führern auseinander: Moses Lamani im Observatory Museum und Griffiths Sokuyeka im 1820 Settlers Monument. Grahamstown ist eine Kleinstadt an der südafrikanischen Ostküste, in der die Spuren der englischen Siedler überall sichtbar sind und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stadtteilen und Einwohnern nicht grösser sein könnten.
Wir haben mit dem Touristenführer Mbuleli Mpokela, mit dem aus Grahamstown stammenden Doktoranden Patrick Grogan am Departement Geschichte der Universität Basel sowie mit dem Subotzky Studio Kontakt aufgenommen.[1] Ziel war es herauszufinden wie Subotzky mittels seiner Kunst Geschichte produziert. Wir waren besonders bemüht seine Werke im Kontext von Grahamstown und den dort lebenden Menschen zu verstehen. Fotografie und Kunst-Projekte wie Subotzkys tragen zu einer neuen Perspektive auf die Geschichte an einem Ort wie Grahamstown bei. Sie eröffnen auf einer kleinen Ebene einen neuen Weg der Kommunikation in einer noch immer geteilten Gesellschaft. Auf diese Weise tragen sie zum Prozess der Auflösung von bestehenden, festgesetzten sozialen Strukturen und zu einem Umdenken in der post-apartheid Gesellschaft bei.
Über Mikhael Subotzky und seine Werke
Mikhael Subotzky ist 1981 in Kapstadt geboren, lebt heute in Johannesburg und ist eines der jüngsten Mitglieder der Magnum Fotoagentur. Seine Fotografie und Projekte beziehen sich bisher ausschliesslich auf Südafrika.[2] Er selbst sieht seine Arbeit als eng mit dem südafrikanischen Kontext verbunden und beschreibt, dass er durch die Fotografie seine eigenen Wahrnehmungen seiner Umgebung festhält. Für Subotzky sind die eigene Perspektive und die eigenen Emotionen, die er mit seinen Bildern verbindet, ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. In einem Vortrag bei TEDxStellenbosch 2012 erklärte er, dass er aufgehört habe, den Leuten seine Projekte zu erklären, da es ihm ein Hindernis für sein eigenes Verständnis sei und er die Interpretation lieber seinem Publikum, das heisst den unterschiedlichen Wahrnehmungen jedes Individuums, überlasse.
Subotzkys eigene Erfahrungen spielen eine grosse Rolle in seinen Werken. Sein erstes grösseres Fototgrafieprojekt veröffentlichte der damals 23-jährige 2004. Es handelt sich um ein Buch mit Aufnahmen aus einem südafrikanischen Gefängnis. Subotzky selbst sagt, dass er sich in diesem Projekt persönlich sehr involviert gefühlt habe. Er baute emotionale Beziehungen zu seinen Fotosubjekten auf, wie etwa beim Fotografieren eines im Gefängnis umgekommenen Sohnes einer Familie. Subotzky erzählt, dass er beim Fotografieren solcher Umstände Angst, Trauer und Wut verspürt habe und dass ihm diese Emotionen viel über die Fotografie gelehrt hätten. Er wollte mit diesen Gefängnisaufnahmen die Beziehung zwischen dem täglichen Leben im Südafrika nach der offiziellen Abschaffung der Apartheid und den historischen und institutionellen Kontrollstrukturen aufzeigen.
Ein weiteres Projekt Subotzkys ist die Monographie Ponte City. Diese Ausstellung besteht aus einer einzigen Aufstellung aus tausend Bildern und Dokumenten von Bewohner_innen eines 54-stöckigen Hochhauses im Zentrum von Johannesburg. Subotzky hat alles, was er in diesem und über dieses Haus finden konnte, zusammengetragen, um sowohl die Geschichte des Hauses selbst und dessen Bewohner_innen, als auch die Geschichte von Johannesburg zu dokumentieren/erschliessen. In seinem neusten Werk Show’n Tell arbeitet Subotzky an verschiedenen Methoden die Geschichte der Entstehung eines Bildes sowie dessen politische Aussagekraft in Verbindung zu bringen. Das Projekt Retinal Shift, mit dem sich diese Arbeit im Weiteren auseinandersetzen wird, wurde 2014 auch an der ART Basel gezeigt.
Motivation und Philosophie hinter Subotzkys Fotographie
Subotzky selbst versteht sich indirekt als politischer Aktivist, dennoch sieht er seine Macht als Fotograph und Künstler als eingeschränkt an. Er lehnt es ab, als Künstler im afrikanischen Kontext verstanden zu werden; viel mehr sieht er sich als Künstler im südafrikanischen Kontext. Er versteht seine Arbeit als seinen Beitrag zur sozialen Verantwortung, die jeder Südafrikaner aufgrund der Geschichte des Landes habe. Eine Verantwortung verknüpft mit einer politischen Aussage, fixierte soziale Strukturen zu durchbrechen. Mit seinen Bildern will er ein Fenster erstellen, durch welches die Betrachter durch diese Strukturen hindurch sehen sollen. Es sei teilweise auch seine Aufgabe, Menschen das sehen zu lassen, was normalerweise versteckt und ungesehen bleiben würde. So findet er es beispielsweise wichtig einen Einblick in staatliche Institutionen wie etwa das Gefängnis zu gewähren. Sein Leben und das eines Gefängnisinsassen seien zwei verschiedene Leben, zwei unterschiedliche Welten, aber zwei Welten in der gleichen Stadt. In einem Interview mit Photograph und Journalist Jörg Colberg 2009 beschreibt Subotzky die Gesellschaft Südafrikas als nach wie vor geteilt, aber durch neue Grenzen, die aus denen der Segregation hervorgetreten seien. Das lässt sich im Folgenden auch auf Grahamstown beziehen.
Subotzky vertritt zudem eine Philosophie der Fotografie, in der er von einem doppelten Bild spricht. Fotografieren ist für ihn ein Akt in zwei Richtungen: vorwärts und zurück. Ein Bild spiegelt immer zugleich auch die Haltung eines Fotographen wieder. Dieser umgekehrte Winkel ermöglicht es dem Bildbetrachter und dem Fotographen in die Schuhe des fotografierten Menschen zu schlüpfen und diesen besser zu verstehen. Subotzky selbst beschreibt diesen Vorgang mit den Worten aus dem Lied “Eyeball Kid”
des amerikanischen Sängers Tom Waits: “How does he dream, how does he think, when he can’t even speak and he can’t even blink, we are all lost in the wilderness we’re as blind as can be he came down to teach us how to really see.”[1] Der Betrachter stellt sich also all diese Fragen, wechselt die Perspektive, sieht und versteht das abgebildete Subjekt folglich besser.
Genau dieses Verständnis für den anderen, spielt in der südafrikanischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Dies zeigt das Beispiel von Grahamstown und stimmt mit den Beschreibungen des Doktoranden Patrick Grogan über diese Stadt überein. Grogan (*1987) ist in Grahamstown aufgewachsen und hat an der Rhodes University Geschichte und Deutsch studiert. Heute lebt er in Basel, wo er seinen MA in African Studies absolviert hat und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Departement Geschichte angestellt ist.
Grahamstown
Grahamstown wurde um 1812 von Britischen Militaristen gegründet, um als Militärstützpunkt zum Schutz gegen die Xhosa zu dienen. Immer wieder wurde die Gegend zum Austragungsort von Auseinandersetzungen zwischen den Xhosa und den Briten. Ab 1820 begannen mehr und mehr Briten nach Grahamstown zu ziehen und die Siedlung wuchs zu einer kleinen Stadt heran, die heute besonders bekannt ist für ihre vielen Kirchen, das National Arts Festival, welches das zweitgrösste weltweit ist, und für die Rhodes Universität, die zu den besten und bekanntesten Afrikas gehört. Seit einigen Jahren wird diskutiert, ob die Umbenennung der Stadt einer noch stark eurozentristischen Geschichtsschreibung entgegenwirken kann. Es gibt aber viele Gegenstimmen. So finden beispielsweise Patrick Grogan und Mbuleli Mpokela, dass eine Namensänderung sehr viel kostspielige bürokratische Änderungen mit sich bringen würde, den Menschen in Grahamstown nicht viel nützen oder Bedeutung für sie haben würde. Viele Menschen hätten auch kein Verständnis für diese Änderung, meint Mpokela, da es dringendere Bedürfnisse gäbe. Von diesen spricht auch Patrick Grogan. Korruption spiele eine grosse Rolle in der Stadt, die finanzielle Situation der Stadt sei kritisch. Es komme immer wieder zu Wasserknappheit und auch die Umweltverschmutzung durch Abfall sei ein wiederkehrendes Problem. Schwierig sei es auch mit der Elektrizität.
In all diesen Beispielen spiegeln sich die sozialen Grenzen der Gesellschaft wider, von denen auch Subotzky spricht und sich bemüht, sie in seinen Werken zu porträtieren. Zum einen lebt die Stadt nach wie vor unter Segregation. Das bestätigt auch Grogan mit einem Beispiel: der Westen von Grahamstown, wo die Weissen wohnen, sei nachts hell erleuchtet, der Osten, wo sich die ärmeren, schwarzen Viertel befinden, sei dunkel. Gleichzeitig sei die Sprache eine natürliche Grenze. Weisse sprächen normalerweise nur Englisch, Schwarze meist Xhosa (oder eine andere afrikanischen Sprache). Dies ermöglicht den meisten Schwarzen einen guten Einblick in beide Gruppen, die Weissen aber erhielten nur sehr selten einen Einblick in die ärmeren Gebiete der Stadt, was sicher auch daran liegt, dass afrikanische Sprachen in der Schule kaum auf dem Lehrplan stehen und die Kommunikation dadurch schwierig ist. Während Schwarze oft in den weissen Vierteln arbeiten, betreten Weisse kaum die anderen Stadtgebiete. Auch an der Rhodes Universität sei diese Atmosphäre zu spüren. Dieser oberflächliche Kontakt muss vermieden werden, meint Grogan. Wann immer eine solche Entscheidung wie die der Namensänderung gefällt wird, sollten Weisse und Schwarze zusammen entscheiden. Insbesondere sollte es kein Top-Down-Entscheid sein. Grogan und Mpokela sehen in den Aktivtäten von Touristenführern, die die Geschichte weiterverbreiten als einen wichtigen Beitrag zur Brückenbildung über diese Grenzen an.
Genauso kann auch Fotografie dazu beitragen, Geschichte neu zu „schreiben“. Grogan meint, dass besonders in Orten wie Grahamstown, aber auch in Afrika allgemein, keine schriftlichen afrikanischen Dokumente existieren und daher die Geschichte nur durch europäische Perspektive übertragen werden kann. Daher seien gesammelte Dokumente und Fotos, wie die von Subotzky, sehr wertvoll und dienen als neue Quellen, die das westliche Verständnis der afrikanischen Bevölkerung prägen können.
Grogan und Mpokela machen auch auf die Rolle der Bildung aufmerksam. Geschichte muss insbesondere der jungen Bevölkerung nahe gebracht werden. Museen mit Projekten wie die von Subotzky können dieses Bewusstsein für die Geschichte stärken und ein erster Schritt im langen Prozess der Verwandlung der sozialen Strukturen der südafrikanischen Gesellschaft bilden. So meint Mpokela beispielsweise auch, dass wann immer er Jugendliche und Kinder am Strassenrand sehe, er sie gratis mitnehme auf seine Touren und zu seinen Erzählungen über die Geschichte der Stadt. Ähnliche Arbeit üben auch die beiden Museumsführer in Subotzkys Filminstallation Moses and Griffiths aus.
Moses and Griffiths
Die Filminstallation Moses and Griffiths (Trailer) ist Teil der Ausstellung Retinal Shift. In Retinal Shift geht es um die Frage, wie Geschichte durch Film und Fotografie betrachtet wird. Die Geschichte allgemein, die Lebensgeschichte einzelner Personen sowie die des Künstlers. Für Subotzky sind seine Werke einerseits ein Aufzeigen von vorhandenen Strukturen sowie auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Subotzkys Arbeit ist immer auch eine Arbeit über ihn selbst und die Umgebung, in der er sich befindet.
So sind die zwei ersten Fotografien der Ausstellung Aufnahmen von Mikhael Subotzkys Augen. Fotos von seinem rechten und linken Auge in sehr hoher Auflösung. Ein solches Bild, kann nur gemacht werden, wenn mit einem sehr starken Blitzlicht gearbeitet wird. Ein Blitzlicht wodurch der Fotografierte kurzzeitig erblindet. Um Gegenstände zu sehen, muss Licht vorhanden sein. Ist das Licht jedoch zu stark, kann es genau die gegenteilige Wirkung haben und zu Blindheit führen, wie die Aufnahmen von Mikhael Subotzkys Augen zeigen. So wird der Künstler, welcher sich mit der Geschichte und dem sehen der Geschichte auseinandersetzt kurzzeitig blind. Die zwei Bilder der Augen zeigen die Ambivalenz des Sehens und auch die Verschiedenheit, wie etwas aus unterschiedlichen Perspektiven gesehen und erzählt werden kann, auf. Einerseits ist Licht in einer Ausstellung notwendig, um etwas zu sehen. Andererseits kann die Anwesenheit von zu viel Licht zu Blindheit führen. So wird auch der betrachtete Gegenstand je nach Licht und Perspektive unterschiedlich betrachtet.
Mit diesem Bild arbeitete Subotzky im Projekt Moses and Griffiths. Auf insgesamt vier Leinwänden zeigt er die Führungen von Moses Lamani und Griffiths Sokuyeka. Dabei nahm er jeweils die offizielle Toure der beiden Südafrikaner sowie eine individuelle Tour auf, in welcher die Führer selber entschieden haben, welchen Teil der Geschichte von Grahamstown und ihrer eigenen Lebensgeschichte sie näher beleuchten wollen. In diesem zweiten Teil sprechen Moses und Griffiths über ihre ganz persönliche Wahrnehmung der Geschichte und geben viele Gedanken und Begebenheiten aus ihrem privaten Leben preis. Während die offiziellen Führungen erstaunlich wenig kritisch gegenüber der weissen Bevölkerung in Grahamstown sind, so kommen im zweiten Teil die Differenzen, welche bestanden haben und noch heute bestehen, viel deutlicher zutage. Die Aufnahmen werden auf den vier Leinwänden immer wieder abgespielt. Damit alles verstanden werden kann, sind die Filme so geschnitten, dass jeweils nur eine Person spricht. Durch das gleichzeitige Abspielen von öffentlichen und privaten Touren entsteht ein Austausch. Die Geschichten überlagern sich und es kommt zu einer neuen Zusammensetzung, wie die Geschichte von Grahamstown erzählt werden kann.
Moses Lamani (1956-2015)
Eine der beiden dokumentierten Touren fand im Observatory Museum in Grahamstown statt. In diesem Museum befindet sich die über zweihundert Jahre alte Camera Obscura. Auf dem Dach des Museums befindet sich die Kamera, welche von innen gesteuert werden kann. Auf einer weissen, runden „Tischplatte“ werden die Fotografie ähnlichen Aufnahmen der Aussenwelt abgebildet. Hier arbeitete Moses Lamani seit 1984. Mit einer Schnur und einem Stab steuerte er die Kamera und das was auf dem Tisch zu sehen war.
Während er in seiner ersten, offiziellen Tour vor allem über die Kamera und über verschiedene Plätze in Grahamstown spricht, so beginnt die zweite Tour viel persönlicher: „I was born and bred here in Grahamstown […] born in 1956 on the 25th of October“ (Retinal Shift, S. 87), erklärt Moses. Nach der Vorstellung von sich selbst, in der offiziellen Tour der Vorstellung der Kamera, beginnt die Stadttour, wobei Moses bei der Hauptstrasse der Stadt beginnt und anschliessend die Kamera in eine Richtung weiterführt, bis er wieder zum Anfangspunkt der Tour gelangt.
Zu jedem Punkt wo er die Kamera stoppt, weiss Moses etwas aus seiner eigenen Geschichte zu erzählen. Schaut man den Film Moses and Griffiths, so erfährt der Besucher beispielsweise nicht nur, dass die Kathedrale in der Mitte der Stadt St. Michael’s and St George’s genannt wird, sondern auch, dass die Kirche so benannt wurde, weil sich die zwei Priester, welche dort arbeiteten nicht einig wurden, nach wem die Kirche benannt werden sollte. Die einzige Lösung war, dass die Kirche die Namen beider Priester trägt. Alle Informationen der ersten Tour sind sehr sachlich.
Erst in der zweiten Tour werden die Ungleichheiten zwischen der Bevölkerung von Grahamstown sichtbar. Als das Bild vom grossen Kreisel mitten in der Stadt auf der Tischplatte erscheint erklärt Moses: „If you want to go to the coloured area, you go that way; if you want to go up High Street, you go this way“ (Retinal Shift, S. 110). Diese räumliche Trennung der Menschen sei auch heute noch vorhanden bestätigt Mbuleli Mpokela. Mittlerweilen gebe es zwar eine Veränderung im Bewusstsein der Menschen, aber bis die Grenzen von Township und Innenstadt überwunden seien, brauche es wahrscheinlich noch sehr viel Zeit.
Später in seiner Tour, zeigt Moses den Makana’s Kop. Ein Hügel mitten in den Townships von Grahamstown. Der Hügel diente dem Xhosa-Führer Makhanda im Jahr 1819 als Ausgangspunkt für den Angriff auf Grahamstown. Während Makhanda der Legende nach als grosser und mutiger Führer dargestellt wird, steht Moses ihm eher kritisch gegenüber: „He was the one who betrayed the Xhosa people […] he misled a lot of black people during the time of wars“ (Retinal Shift, S. 109). Heute gilt Makhanda jedoch als Held und die Stadt Grahamstown wird neu nach ihm benannt. Diese Wendung erscheint sehr erstaunlich, nachdem was Moses über den „Helden“ gesagt hat. Auch Mbuleli Mpokela steht der Umbenennung wie erwähnt eher kritisch gegenüber. „Wahrscheinlich hätte die Stadt längst umbenannt werden sollen“,[1] sagt er. „Im Moment verursacht die Namensänderung vor allem anderen nur Kosten. Es ist sehr teuer, wenn jedes Dokument, jedes Strassenschild geändert werden muss.“ Ausserdem findet er, dass es momentan wichtigere Punkte gibt, um die immer noch vorhandene Segregation zu überwinden. Das Wissen über die Geschichte, sei ein zentraler Punkt: „Wenn wir mehr über unsere Geschichte wissen, wenn uns bewusst ist woher wir kommen, dann können wir jetzt und in der Zukunft besser leben.“ sagt Mbuleli Mpokela. Wer sich mit der Geschichte befasst, lernt also nicht nur etwas darüber, wie die Menschen früher gelebt haben, auch für das Zusammenleben von heute, kann aus der Geschichte gelernt werden.
Nach vielen verschiedenen Stationen endet Moses Lamanis offizielle Tour und auch seine persönliche Tour, an der gleichen Stelle wie sie begonnen hat: „Then, we are just back to our starting point again. So that all makes 360 degrees right around“, sagt Moses, „and that is the end of our Tour“ (Retinal Shift, S. 116). Gemäss einer Meldung von Ismail Mahomed, künstlerischer Leiter des National Arts Festival in Grahamstown, ist Moses Lamani im Jahr 2015 verstorben.
Griffiths Sokuyeka
Auf den zwei weiteren Leinwänden werden die beiden Touren von Griffiths Sokuyeka gezeigt. Er arbeitete als Führer im 1820 Settlers Monument. Das grosse, aus Stein gebaute Monument, befindet sich in Grahamstown auf dem Hügel neben der Rhodes Universität. Griffiths Tour beginnt auf der Terrasse mit dem Boden aus Steineibe. Der Start ist so gewählt, weil man von der Terrasse über die Rhodes Universität sehen kann. Grahamstown sei heute bekannt als Bildungszentrum, sagt Griffiths und fügt an: „Where leaders learn“ (Retinal Shift, S.123). Noch heute steht dieser Slogan neben dem Logo der Universität. Während sich die Wahl des Ortes in der ersten Tour mehr wie eine Werbung für die Stadt anhört, so erwähnt Griffiths in seiner persönlichen Tour, dass er die Terrasse gerne mag, weil man von hier aus über ganz Grahamstown sehen kann. Die Aussicht würde ihn daran erinnern, wie die Bevölkerung während der Apartheid aufgeteilt wurde. Auf der einen Seite sind die Townships zu sehen, auf der anderen Seite die Häuser der Weissen. Das Monument selbst, so Griffiths, sei von der weissen, englischsprechenden Bevölkerung im Jahr 1974 eröffnet worden. Das Monument wurde als Reaktion auf die Wahlen von 1948, als Afrikaans sprechende Personen an die Macht kamen, erbaut. Die einzelnen Räume sind nach englischsprachigen Schriftstellern benannt, um zu zeigen wie wichtig die englische Sprache sei. Ein weiterer Grund das Monument zu bauen sei gewesen, Touristen nach Grahamstown zu locken. Während beiden Touren spricht Griffiths oft über die Vergangenheit und dass Grahamstown heute ein besserer Ort geworden sei, dass sich vieles verbessert hätte seit der Apartheid. Gegen Ende seiner Tour führt Griffiths seine Zuhörer in das Auditorium. Hier erzählt er über das Feuer, welches im Jahr 1994 den Raum zerstört hatte. Da keine Sprinkleranlage eingebaut war, wurde sehr viel vom originalen Raum zerstört. Er erklärt, dass das Feuer durch Mäuse verursacht wurde, welche die Stromkabel angeknabbert hätten. Von den Besitzern des Monuments wurden jedoch als erstes sie, die schwarzen Mitarbeiter, für das Feuer verantwortlich gemacht. Griffiths sagt, dass er nach dieser Beschuldigung nicht mehr in dem Gebäude arbeiten wollte, aber dennoch geblieben sei, weil er seine Arbeit und das Gebäude liebe. Dennoch fügt er an, dass er diese Beschuldigung immer noch in seinem Herzen habe: „still here. They owe us an apology, what they’ve done, because treatment was not so good“ (Retinal Shift, S. 160). Die Apartheid mag vorbei sein, die Wunden, welche sie hinterlassen hat, sind nicht alle verheilt. Griffiths scheint pensioniert worden zu sein. Mbuleli und wir haben versucht ihn zu finden, aber ohne Erfolg.
Schlussfolgerung
Diese detaillierten und persönlichen Erzählungen zeigen was das Projekt so besonders macht. Es sind Menschen, die ihre Geschichte erzählen und somit auch ein Teil der Geschichte von Grahamstown und damit wiederum ein Teil der Geschichte von Südafrika. Die Erzählungen werden durch Subotzkys Projekt verbreitet und gewinnen an Bedeutung. Sie bilden eine neue Perspektive und einen Schritt in Richtung Transformation der Geschichtsschreibung von Grahamstown und Südafrika. Dieses Verständnis wiederum ist notwendig für ein Bewusstsein der eigenen Identität, insbesondere der jüngeren südafrikanischen Bevölkerung und der Bildung des Willens ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, ihre Zukunft mitzugestalten und soziale Strukturen zu verändern. Projekte wie die Werke Subotzkys sind ein erster Schritt dazu beizutragen.
Literaturverzeichnis
Interview mit Mbuleli Mpokela, 24.04.2016, Basel
Interview mit Patrick Grogan, 25.04.2016, Basel
Garb, Tamar (ed.): Figures and Fiction. Contemporary South African Photography. Göttingen 2011.
Subotzky, Mikhael: Beaufort West. Christ Boot 2009.
Subotzky, Mikhael: Ponte City. Gerhard Steidl Verlag, 2014.
Subotzky, Mikhael: Retinal Shift. Gerhard Steidl Verlag 2012.
Interview aus Zeitschrift Conscientious mit Jörg M. Colberg 2009: http://jmcolberg.com/weblog/extended/archives/a_conversation_with_mikhael_subotzky/ (02.05.2016)
Mikhael Subotzky Archive: http://www.subotzkystudio.com/works/ (02.05.2016)
Moses Lamani died: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1127096377318003&id=222531697774480 (02.05.2016)
Moses and Griffiths, Trailer: https://vimeo.com/67312282 (02.05.2016)
BDlive, Looking back in anger to be seen: http://www.bdlive.co.za/life/entertainment/2013/05/30/looking-back-in-anger-to-be-seen (02.05.2016)
Yale News, Through Art, South Africa Speaks: http://yaledailynews.com/blog/2014/08/29/through-art-south-africa-speaks/ (02.05.2016)
Für alle in der Nähe von Basel sind:
- Subotzky, Mikhael: Ponte City. Gerhard Steidl Verlag, 2014.
- Subotzky, Mikhael: Retinal Shift. Gerhard Steidl Verlag 2012.
sind
seit kurzem in den Basler Afrika Bibliographien einsehbar.
[1] Skype Interview, Mbuleli Mpokela, 24.04.216
[1] Daten der Interviews: Skype Interview mit Mbuleli, Grogan in Basel, Studio Subotzky per Email.
[2] sein neustes Projekt befasst sich auf Anfrage der Sherman Contemporary Art Foundation in Sydney nebst Südafrika auch mit Australien. http://sherman-scaf.org.au/exhibition/mikhael-subotzky-wye/ (18.05.2016)