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Aus seinen Erinnerungen als Kriegsgefangener
Das nach Lebensjahren älteste Mitglied der Priesterbruderschaft St. Pius X. ist verstorben. Am 18. August 2020 verstarb im Alter von 103 Jahren Bruder Pierre Laurençon, ein Ordensbruder unserer Kongregation.
Die letzten Jahre lebte er im Altenheim Le Brémien Notre Dame (ca. 100 Kilometer westlich von Paris), das von den Schwestern der Bruderschaft St. Pius X. betreut wird.
Als Witwer von 65 Jahren bat er um Aufnahme in die Reihen der Brüder. So verbrachte er die Hälfte seines Lebens im Ehestand, die andere Hälfte im Ordensstand.
Geboren wurde Pierre Laurençon am 10. April 1917 in der Region Beaujolais. Er leistete seine vaterländische Pflicht als Soldat und gelangte 1940 in Kriegsgefangenschaft. 1942 gelang ihm die Flucht. Im Alter von 26 Jahren heiratete er seine Frau Marthe. Die Ehe wurde mit acht Kindern gesegnet. Die Arbeit als Winzer und Landwirt verband ihn eng mit der Erde seiner Heimat.
Ein Sohn wurde Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X., Pater Pierre-Marie Laurençon, eine Tochter Oblatin, Schwester Marie-Dominique. Einer seiner Enkel ist ebenfalls Ordensbruder, Bruder Jean-Philippe.
Im Jahr 2017 konnte Bruder Pierre Laurençon seinen hundertsten Geburtstag feiern, umgeben von 170 Familienmitgliedern, darunter 37 Enkeln und 112 Urenkeln. Er durfte „die Kinder seiner Kinder sehen“ (Segen der Brautmesse).
Im Alter von 65 Jahren, nach 37 Jahren katholischer Ehe, verlor er seine geliebte Ehefrau. Nach Exerzitien bat der Witwer um die Aufnahme in das Noviziat der Brüder der Priesterbruderschaft St. Pius X. Diese Prüfungszeit verbrachte er im Haus „Étoile du Matin“ im Elsass, heute Schule und Exerzitienhaus. Diesem Haus, das so viele Berufungen hervorgebracht und Bekehrungen erlebt hat, diente er bis zu seinem 90. Lebensjahr. Seine besondere Sorge galt dem Garten. Seine letzte „Ernennung“ erfolgte in das Pflegeheim Le Brémien Notre Dame „ut oret pro societate“ („dass er für die Bruderschaft bete“).
Wie er Vater einer großen katholischen Familie war, war er auch ein Vater für die Brüder der Priesterbruderschaft St. Pius X., für die er durch seine unerschütterliche Regeltreue, seine große Freundlichkeit, seine bewundernswerte Geduld und seine bescheidene Diskretion ein erbauliches Vorbild war. 37 Jahre lebte er im Ordensstand.
Seine Beerdigung wurde am 24. August von seinem Priestersohn vorgenommen. Die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. empfiehlt ihn den Gebeten ihrer Mitglieder und der mit ihr verbundenen Gläubigen. Möge er in Frieden ruhen!
Aus den Erinnerungen von Pierre Laurençon
„... Es kam dann der Krieg 1939. Ich war in einem Maschinengewehrzug: Zuerst war ich Assistent eines Schützen, dann selbst Schütze, dann Scharfschütze. Als 1940 die Offensive der deutschen Wehrmacht begann, befanden wir uns mit unserem Zug in den Ardennen. Irgendwann ging uns die Munition aus, so dass unsere kleine Truppe unter der Führung von Sergeant Teillet versuchte, unseren Frontabschnitt zu erreichen.
Am 18. Juni, dem Tag des Waffenstillstands, wurden wir gefangengenommen. Wir waren vielleicht vierzigtausend Kriegsgefangene: Franzosen, Araber, Afrikaner. Wir waren in Remilly zusammengepfercht, einem zwei Hektar großen Sumpfgebiet, das im Sommer ausgetrocknet war. Während der Grabungsarbeiten konnten wir trinken. Wir erhielten eine Ration Essen pro Tag. Die Gefangenschaft dort dauerte zwei Monate und das Leben war sehr hart. Wir lebten dicht beieinander. Es gab Unmengen Läuse. Der Hunger erschöpfte uns bis zur Ohnmacht.
Diese Zeit endete, soweit es mich betraf, mit einem Angebot der Deutschen, beschlagnahmte Pferde von Reims nach Köln zu bringen. Das Versprechen sofortiger Freilassung nach der Ankunft wurde natürlich nicht eingehalten. Wir wurden wieder in ein in ein großes Gefangenenlager, ein Stalag, gebracht, das sich in der Nähe von Krefeld, etwas nördlich von Köln, befand. Dort mußte ich zwei Jahre bleiben, bis ich fliehen konnte.
Im Stalag VI J
Wir wurden ziemlich gut behandelt. Es war kein „Konzentrationslager“, sondern eine Fabrik, in der wir arbeiten und Rucksäcke herstellen mussten. Wir bekamen sogar eine geringe Entlohnung, eine Reichsmark pro Tag. So konnte ich meiner Mutter fünfzig Reichsmark schicken, um bei der Fertigstellung der schönen Statue der Muttergottes vom Heiligen Herzen zu helfen, die sich im Dorf Mas Rillier, in der Nähe von Lyon, befindet. Die Statue überschaut das ganze Land. Wir mussten jedoch unter den aufmerksamen Augen der Wachen hart arbeiten. Sie hatten ein Interesse daran, dass es uns gut ging, denn wenn Gefangene entflohen, wurden die Wehrmachtssoldaten zur Strafe an die russische Front geschickt.
Es gab viele Fluchtversuche, aber nur wenige davon waren erfolgreich. Die einzige Möglichkeit zu entkommen, war, es nicht als Gruppe zu versuchen. Am besten war es, auf sich allein gestellt zu fliehen, dem Gefangenenlager mitten in der Nacht zu entkommen und tagsüber in Zivilkleidung voranzukommen, um nicht aufzufallen.
So ist es mir gelungen, aus der Gefangenschaft zu entkommen. Um die Gitter des Fensters durchzusägen, lieh mir ein Kamerad, ein gelernter Schlosser, eine Feile. Die beste Zeit, sie zu benutzen, war jede Nacht, wenn die Flugzeuge vorbeiflogen, denn dann gab es Alarm. Wenn die Sirenen ertönten, suchten die Wehrmachtssoldaten Zuflucht in den Bunkern. Ich hatte auch einen Kompass. Meine zukünftige Frau hatte ihn mir zukommen lassen, versteckt in einem Käse. Einen Anzug hatte ich aus der Kleiderkammer bekommen. Ich hatte ja etwas Geld, da wir bezahlt wurden und fast nichts kaufen konnten.
Ich konnte dem Stalag erst nach zwei Jahren, am 20. Juni 1942, entkommen. So lange hatte ich gebraucht, um mich vorzubereiten. Neben Arabisch konnte ich nun auch etwas Deutsch, das uns unsere Wachen durch ihr Gebrüll beigebracht hatten.
Zunächst ließ ich drei zusammengeknotete Bettdecken vom Fenster herab. Wir waren auf dem Dachboden der Fabrik untergebracht. Sobald ich das Gebäude, in dem ich mich aufhielt, verlassen hatte, musste ich durch die Hintertür nach draußen gelangen. Ein von meinem Schlosser-Kameraden zur Verfügung gestellter Haken konnte als Dietrich zum Öffnen der Tür verwendet werden. Für die Verpflegung sorgten Verpflegungspakete mit Würstchen, Käse und Keksen, die ich beiseitegelegt hatte. Da mein Anzug zu groß war, wurde alles unter der Kleidung versteckt: zwei Proviantbeutel, ein Ein-Liter-Kanister, Handtücher.
Die Angst, erwischt zu werden
Das Land, das ich durchqueren musste, um zu entkommen, war das Rheinland, wo die französische Besatzung in den 1920er Jahren bei den Einwohnern gute Erinnerungen hinterlassen hatte. Diese Menschen hatten Mitleid mit uns. Sie hätten uns Nahrung gegeben, wenn sie das Recht dazu gehabt hätten. Mitten in der Nacht aus der Stadt herauszukommen – das dauerte lange! Ich musste mich jeweils in die Eingangstore hineindrücken, um die Einsatzfahrzeuge passieren zu lassen. Um drei Uhr morgens war ich endlich aus der Stadt heraus. Im Juni begann zu dieser Zeit schon das Morgengrauen.
Hier war ich auf dem Land. Mein Plan war, an die Maas zu gelangen und auf einen Fischerkahn zu steigen, der mich über Givet in den Ardennen nach Frankreich bringen sollte.
Ich kam am Ufer der Maas an. Es gab eine Brücke, aber sie war gut bewacht. Ich folgte also dem Fluss, bis ich ein Fischerboot sah. Dem überraschten Besitzer erklärte ich meine Lage als Kriegsgefangener. Er antwortete mir, dass er mir nicht helfen könne, denn einem anderen Bootsbesitzer seien alle Schiffe beschlagnahmt worden, weil er einen Flüchtigen versteckt habe. Der Fischer brachte mich schließlich doch über den Fluss. Da ich immer mehr hinkte, wies er mich auf ein nicht weit entferntes Bauernhaus hin, wo gute Leute wohnten, die sich um mich kümmern würden. Dort gebe es ein Mädchen, das Krankenschwester sei. „Du kannst dich ausruhen, morgen werde ich dir helfen.“
Am nächsten Tag nahm mich dieser Fischer auf seinem Fahrrad mit, und wir fuhren viele Kilometer durch das Land. Dann zeigte er mir den Weg nach Brüssel, wo ich den Zug nehmen konnte. Aus Angst, dass ich ihn bei Gefangennahme verraten würde, nannte er mir weder seinen Namen noch seine Adresse.
Also lief ich fünf oder sechs Tage lang in Richtung Brüssel. Auf dem Weg begegnete ich einem deutschen Förster. „Wohin gehen Sie?“ – „Ich gehe nach Hause, nach Frankreich, ich war Kriegsgefangener in Deutschland.“ Da sagte er mit freundlicher Stimme: „Kommen Sie, ich muss Ihnen etwas erzählen.“ Er führte mich auf sehr liebenswürdige Weise zu einer nicht weit entfernten Jagdhütte und ließ mich in ein mit Brettern abgeschlossenes Gehege treten.... und schloss zweimal hinter mir ab. Er ging die Treppe hinauf. Ich hörte das Wählen des Telefons. Er denunzierte mich.
Am unteren Ende des Geheges stand ein Rutenbündel an den Zaun gelehnt. Ich sprang darauf und konnte so entkommen. Diese Geschichte hat meinen „Spaziergang“ um zehn Kilometer verlängert!
Meditationen
Während meiner Flucht habe ich die ganze Zeit innerlich gebetet und betrachtet. Ich hatte ein Betrachtungsbuch für das ganze Jahr von meinen künftigen Schwiegereltern geschenkt bekommen. Diese Meditationen haben mich geistlich am Leben gehalten. Die Betrachtungen stammten aus der Feder eines Kriegsgefangenen und waren ursprünglich für seinen Priester-Sohn bestimmt. Ich war während der Monate der Flucht innerlich sehr entspannt. Nachher packte mich allerdings die Angst. Monatelang hatte ich starke Albträume. Ich dachte an die anderen Gefangenen, vor allem an einen Kameraden, dem ich die Briefe meiner Verlobten anvertraut hatte. Er schicke sie mir per Paketpost und wurde drei Jahre später freigelassen.
Zurück zu meiner Flucht. Noch bevor ich Brüssel erreichte, traf ich in einem Dorf auf ein paar deutsche Offiziere, die aus einem Haus herauskamen. Sie kamen mir entgegen und ich konnte nicht ausweichen. Ich begrüßte sie mit einem „Heil Hitler“, auf das sie antworteten … Nie war ich aufgeregter.
Nachdem ich Brüssel erreicht hatte, nahm ich den Zug. Die Abfahrt war um elf Uhr abends. Die Ankunft in Paris war für sieben Uhr morgens geplant. Ich blieb die ganze Nacht auf dem Korridor. Ich blieb wach, bereit, in die eine oder andere Richtung zu fliehen.
Am Morgen machte ich einen Fehler. Erschöpft und fast am Ziel angekommen, fand ich einen freien Platz in einem Abteil und schlief sofort ein. Plötzlich ein Schrei: Ein deutscher Soldat fragte die Passagiere nach Fahrkarte und Ausweis. „Es ist vorbei“, dachte ich mir, „ich bin geliefert!“ Aber nachdem drei oder vier Passagiere in meinem Abteil kontrolliert wurden, rief der Deutsche: „Wir sind in Eile!“ Und er ging!
Als ich in Paris ankam, stieg ich aus dem Zug und nahm die Metro. Alles lief gut. Der Zug Paris – Lyon – Marseille wurde sehr streng bewacht. Ich entschied mich für den Zug nach Bourges, der um sieben Uhr morgens vom Bahnhof Austerlitz abfuhr und dessen Ankunft in Bourges für drei Uhr nachmittags vorgesehen war. Bei der Ankunft erwarb ich an einem Kiosk eine Michelin-Karte, auf der die Demarkationslinie [zwischen der deutschen Besatzungszone und dem freien Frankreich] sehr gut zu erkennen war: Sie verlief zwölf Kilometer südlich von Bourges.
Ich erreichte die Demarkationslinie am Abend. Sie wurde alle sieben- oder achthundert Meter von deutschen Posten bewacht. Ich wartete bis zum nächsten Morgen, um zu versuchen, die Grenzlinie zu überqueren, und nutzte die Gelegenheit, mich hinter einem Heuhaufen auszuruhen. Tatsächlich wollten viele in der Nacht die Linie überschreiten und wurden erwischt, da Hunde eingesetzt wurden. Auch tagsüber war die Kontrolle streng, jeder wurde in beide Richtungen angehalten, sogar die Bauern und ihre Werkzeuge wurden überprüft.
Die Demarkationslinie
Um sechs oder sieben Uhr abends begann ich, indem ich mich in gleichem Abstand zu zwei Posten aufstellte. Dann wagte ich mich hinaus, ging leise mit einem Werkzeug auf meiner Schulter an den Wachen vorbei und watschelte wie ein guter Bauer. Wenn es einen Warnruf gegeben hätte, hätte ich meine Füße in die Hände genommen. Aber es kam kein Ruf der Wachen!
Dann verlor ich Aufregung auch noch meinen Hut. Aber das machte nichts. Sobald ich für die Wachen nicht mehr sichtbar war, rannte ich los, um etwas Abstand zwischen sie und mich zu bringen. Dann konnte ich ganz normal den Weg in Richtung Châteauroux fortsetzen.
Sobald ich die Demarkationslinie überquert hate, traf ich auf zwei [französische] Polizisten auf Fahrrädern. „Wohin wollen Sie?“ – „Ich bin ein Kriegsgefangener, ich bin gerade geflohen.“ – „Was ist das für eine Geschichte? Zum Revier!“
Zum Glück trug ich unter meinem Hemd noch meine Häftlingsuniform und hatte meine Haftunterlagen bei mir. Ich zeigte sie den Gendarmen. Sie glaubten mir und ließen mich gehen. Da es Abend wurde, bot man mir Unterkunft in einem ziemlich schmutzigen Lagerraum an. „Vielen Dank“, sagte ich, „aber ich werde auf dem Land schlafen, im Stall des benachbarten Bauernhofs.“
Am nächsten Tag kam ich nach einer Stunde Fußmarsch in Châteauroux an, wo es ein spezielles Demobilisierungszentrum für entflohene Gefangene gab. „Ehemalige“ hießen die entflohenen Gefangenen willkommen. Sie gaben uns ein Handgeld von tausend Francs, ein Paar Schuhe und eine Zugfahrkarte nach Hause. Also nahm ich den Nachtzug von Châteauroux nach Lyon. Mein Ticket war dritter Klasse und es waren viele Leute im gleichen Zugteil. Ich musste stehen. An der ersten Station stieg ich aus und in der zweiten Klasse wieder ein. Der Fahrkartenkontrolleur, der nicht glauben wollte, dass ich ein entflohener Gefangener war, verhängte eine Strafe. Ich habe ihm meinen letzten Geldschein gegeben.
Ich kam am 29. Juni 1942, neun Tage nach Beginn meiner Flucht, in Lyon an. Es war ein Uhr morgens. Ich ging zum Haus meines Bruders, der Bäcker und Konditor war, in die Rue Bugeaud. Ich klopfte an ein Fenster. Seine neunjährige Tochter, die meine Patentochter war, sah mich, erinnerte sich aber nicht an mich. Sie hielt mich für den Ehemann meiner Schwester, Onkel Antonin, der wie ich ein Kriegsgefangener war. Mein Bruder kam an die Tür, und es war ein großes Wiedersehen. Er bot mir eine Erfrischung an. Nach diesem Wiedersehen besuchte ich sofort meine Mutter. Ich blieb dort einen Monat lang und sägte Holz. Dann nahm ich meine Arbeit als Gärtnerhelfer wieder auf. In sechs Jahren Militärdienst, Krieg und Gefangenschaft hatte ich meine Familie nur zweimal gesehen.
Quelle: „Fideliter“ Nr. 210 (November–Dezember 2012)