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Oh, Los Angeles, du schöne Stadt, Wildnis der Zitronenbäume und der weissen Jaguars, die über zehnspurige Highways schnurren, der Frangipani-Blüten, Fastfood-Buden und schlafenden Bus-Stop-Junkies, der blauen Himmel, brandenden Pazifikwellen und Marihuana-Wolken – danke, dass du mich aufnimmst! Weiss Gott, was ich hier mache, denn: ich kann nichts, ich kann überhaupt nichts! Ich bin eine Hochstaplerin – und jeden Moment werde ich auffliegen und bestraft werden dafür.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich unter dem Zeltdach des Caterers Schlange stand, um mir einen Teller mit Steak bordelaise zu holen, im Garten fremder Leute, mit fiebrigen Schweisstropfen wie Pailletten auf meiner Stirn; es war Tag drei meines ersten Films.
Ehrlich gesagt war es nicht «mein Film», es macht nur Spass, ihn so zu nennen. Zusammen mit dem Regisseur hatte ich das Drehbuch geschrieben. Es war eine Liebesgeschichte, und der Regisseur, für Liebesgeschichten berühmt, hatte das Gerüst für die Story geliefert.
Mein Job war es, den Figuren Bedürfnisse, Ängste und Vorlieben anzudichten, ihnen Dynamik, Hintergrund und Stil zu verleihen, Gewohnheiten, Beziehungen, ihre persönlichen Wunder und Katastrophen. Als Hauptfigur hatte man mir eine verlorene Frau gegeben, und ich sollte herausfinden, warum sie so verloren war. Es war wie ein Spiel und auch wie eine Bestandesaufnahme, ihr mit Versatzstücken aus meinem Leben eine Psyche zu basteln.
Der Regisseur hatte innert Rekordzeit von asiatischen Geldgebern ein paar Millionen Dollar aufgetrieben. Im Februar 2018 hatten wir das Drehbuch geschrieben, und jetzt, im Oktober, sah ich zu, wie die Ideen, die wir am Telefon ausgetauscht hatten, Gestalt annahmen – und zwar die Gestalt eines bildschönen Stars in Goldlamé. Die Schauspielerin schlenderte an einer unglaublich fiktionalen Silvesterparty einem aquamarinblauen Pool entlang.
Allerdings hatte ich nicht geahnt, dass ich, während ich am Rand des Filmsets stand und zusah, wie die Schauspieler falsche Zigaretten rauchten, künstlichen Champagner schlürften und «sich verliebten», eine Panikattacke haben würde. Ich wusste nichts von der Liebe! Ich hatte sie nie verstanden und glaubte, ich würde sie nie verstehen. Dass eine Liebesgeschichte, die ich geschrieben hatte, verfilmt wurde – das war so, als operierte jemand, der sich als Neurochirurg verkleidet hatte, plötzlich an einem lebenden Patienten. Oder so, als fahre ein Kind einen Sattelschlepper. In anderen Worten: gefährlich unqualifiziert.
Was Einsichten in die Liebe angeht, war ich mein Leben lang Aussenseiterin gewesen. Nicht, dass ich mich nicht verliebt hätte – das tat ich, ohne Rücksicht auf Verluste. Aber ich hatte Freunde, deren Beziehungen wirkten, als kannten sie sich mit der Liebe aus. Als wüssten sie, was sie taten, wie Liebe anfing, wie man sie am Laufen hielt, wie man sie reparierte.
Dieses Gefühl, aussen vor zu sein, begann bei mir in der achten Klasse. Ich weiss noch, wie ich andere auf dem Pausenhof flirten sah, während ich wie gelähmt neben der Schaukel stand, ausserstande, mich meinem Schwarm zu nähern, ihn zu grüssen oder auch nur kurz in seine Richtung zu sehen.
Obwohl ich inzwischen seit Jahren mit meinem Freund zusammenlebe, bin ich noch immer nicht in der Lage, irgendwelche Aussagen über die Liebe zu treffen, die handfest oder relevant sind. Wie in aller Welt also kam ausgerechnet ich dazu, dieses Drehbuch in die Welt zu setzen und unzählige Investoren, Schauspieler und Agenten zu Komplizen meiner Scharade zu machen?
Am Ende von Tag sechs am Set kam ich nach Hause und sank von dem kollaborativen Experiment völlig ausgelaugt auf die Couch. Wir hatten den ganzen Tag in einer Villa gedreht, mit prächtigen Zimmerfluchten, ausgestopften Tieren auf Marmortischen, einem Flügel, der in der Sonne glänzte, und Kronleuchtern mit tropfenden blauen Kristallen.
Ich konnte nicht fassen, dass die Ideen, die der Regisseur und ich uns im vergangenen Winter an unseren Schreibtischen aus den Fingern gesogen hatten, inzwischen an Kostümdesigner, Bühnenbildner, Kameraleute, Tontechniker und Beleuchter überstellt und in eine Welt verwandelt worden waren. Das Team stammte aus Skandinavien, aus Ungarn, aus Seoul, und jeder reicherte die Szenen mit seinen eigenen Vorstellungen vom Leben und Begehren an.
Und die Schauspieler! Wie sie sich in der goldenen Halle küssten, wie er sie im roten Zimmer mit der Samttapete ansah, bevor er ging: Jede und jeder brachte etwas Eigenes in die Geschichte – einen Hauch von persönlicher Erfahrung oder verborgene Geheimnisse im Blick oder neue Dimensionen in jedem Dialog. Und plötzlich begriff ich, dass das Drehbuch mehr Frage als Antwort war – und genauso sollte es sein.
Die Idee erhärtete sich, als ich mich mit einer Komparsin der Dinner-Szene unterhielt. Während sie auf ihren Einsatz wartete, erzählte sie mir, sie habe eine Zeit grossen Liebeskummers hinter sich. Wir standen auf der Strasse in Silver Lake, über uns leuchtete die von riesigen Scheinwerfern angestrahlte Villa, und der Lippenstift der Frau hatte die gleiche Farbe wie die Rosen im Garten.
Sie war verlassen worden, ihr Liebster war fort. Trotzdem wachte sie jeden Morgen auf und öffnete ihr Herz; sie weigerte sich, sich zurückzuziehen. Sie war noch immer voller Liebe. Nicht zu ihm, sondern zu allen Menschen, zu sich selbst und zum Leben. Es war nicht leicht, aber sie strengte sich an. Sie war entschlossen, jeden Tag hinaus in die Stadt zu gehen und die Stadt in ihr Herz einzuladen.
Irgendwann, etwa um Tag zehn, merkte ich, dass dies nicht mehr «meine Geschichte» war. Sie hatte sich zu etwas anderem entwickelt, zum Glück! Das Drehbuch war zu einer Art Umfrage geworden. Andere Menschen mit anderen Phantasien machten sich Gedanken, und die Fragen, die von ihnen zurückkamen, gestalteten den Film schliesslich mit.
Ich bin mit meinem Freund wegen der Dreharbeiten von Austin nach Los Angeles gezogen, und auch er ist glücklich hier. Er liebt das Klettern, und es gibt überall Felsen und Berge, über dem salzigen Wasser, hinter dem pflaumenblau schimmernden Sonnenaufgang. Wir haben vor, eine Weile zu bleiben – Hollywood auszuprobieren, wie so viele Schriftsteller und Drehbuchschreiber. Wir haben keine Ahnung, was wir in Zukunft tun werden, und dieses Gefühl beginnt mir zu gefallen. Früher dachte ich, Gewissheit und Sicherheit wären die Ziele des Lebens. Jetzt glaube ich, es geht darum, durchlässig zu bleiben und immer auf der Suche.
Neulich ging ich abends mit dem Hund spazieren, den Kopf in den Sternen, in Gedanken versunken – und schloss mich aus unserem Haus aus. Mein Freund war nicht da, ich kannte niemanden in unserem Viertel, hatte mein Handy nicht dabei, und es war schon nach Mitternacht. Die Welt wirkte bedrohlich und kalt, und nachdem ich vergeblich versucht hatte, durch eins der Fenster einzubrechen, stand ich verzweifelt auf der Terrasse und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Am Ende ging ich runter zum Sunset Boulevard und fand eine Drogerie, die rund um die Uhr offen hatte. Ich bin kein leutseliger Typ und habe Hemmungen, Fremde um Hilfe zu bitten. Aber die Leute dort waren so nett. Sie riefen einen Schlosser und wünschten mir viel Glück.
Neunzig Minuten später hielt ein Truck vor unserem Haus. Der Mann, der sich auf ein Knie niederliess und sich an meiner Tür zu schaffen machte, war dem Akzent nach erst vor kurzem aus El Salvador oder Guatemala gekommen. Er hatte Gold hinter den Vorderzähnen, war höflich und zuversichtlich, eine Kombination, die die Illusion verstärkte, aus seinem Mund scheine Licht. Schliesslich fand sein Dietrich Halt, und mit einem Lächeln öffnete er die Tür für mich. Die Rechnung war nicht hoch, und er fuhr davon.
Als ich in meinem Wohnzimmer sass – die Asche im Kamin glühte noch, und die Granatapfelbäume vor dem Fenster wiegten sich in der Nacht –, strahlte ich über das ganze Gesicht.
Alles, was du tun musst, ist fragen, dachte ich. Fragen und fragen und fragen. Liebe ist fragen, nicht antworten.
Jardine Libaire, 1973 in New York geboren, ist Schriftstellerin und Drehbuchautorin; ihr Roman «Uns gehört die Nacht» ist im vergangenen Jahr bei Diogenes erschienen. Übersetzung: Sophie Zeitz, Berlin.