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Es gibt ein kleines, blitzsauberes Land in Europa mit freundlichen, aber diskreten Bewohnern, das hartnäckig den EU-Beitritt verweigert, seine autonome Eigenständigkeit beschwört, bockig sein Bankgeheimnis gegen die gierige amerikanische Steuerbehörde verteidigt und sich für etwas ganz Besonderes hält. Eine kleine Nation mit hohem Ausländeranteil – vornehmlich aus dem ungeliebten grossen, nördlichen Nachbarland. Eine Gegend mit grandioser Naturkulisse und braunen Kühen, die besonders reichhaltige Milch geben. Nein, es ist nicht die Schweiz.
Landläufig zusammengefasst lautet der Name dieses Landes Kanalinseln. Sie bestehen aus den Inseln Jersey (87'000 Einwohner), Guernsey (60'000 Einwohner), Sark (600 Einwohner) und Herm (26 Einwohner) und dem etwas abseits gelegenen, als «Säuferinsel» verschrienen Alderney (2600 Einwohner). Daneben gibt es viele kleine Inseltupfer, die praktisch alle unbewohnt sind, bis auf einen, der ist in Privatbesitz.
Kein Landesteil, keine eigene Nation, aber Kronbesitz
Jersey, Guernsey, Sark und Herm gehören nicht zu Grossbritannien – zu England schon gar nicht –, sondern sind direkt der englischen Krone unterstellt. Ergo gilt auf den Inseln kein englisches Gesetz, keine englische Einkommens- und Vermögenssteuer, keine Mehrwertsteuer, kein Wehrdienst. Sogar eine eigene Währung haben sie. Das normale englische Pfund ist aber als Währung überall üblich. Die Kanalinsulaner sprechen ordentliches Englisch – the Queen’s English – mit der Marotte, einen Satz gern mit der Silbe «Eh» zu beenden, was in etwa dem helvetischen «oder» entspricht. Die Schweizerin Sandra Porter (48) lebt seit 15 Jahren auf Guernsey. Besonders gern fährt sie mit ihrem Mann Rod (57), einem Einheimischen, über Mittag mit dem eigenen Motorboot hinaus aufs Meer: «Wir ankern irgendwo an der Südküste und picknicken an Bord. Am liebsten gekochte, einheimische Krabben mit Zitronensaft und Baguette. Das ist wie Ferien.» Und für die Insulaner so normal wie ein Sonntagsausflug zum französischen Festland – Fahrzeit 1,5 Stunden.
Sandra und Rod Porter sind beide Programmierer und haben eine kleine Firma, die spezielle Software für Banken, Versicherung und Telekommunikationsunternehmen schreibt. «Guernsey», sagt Sandra Porter, «punktet mit Meer, einem kleinen, überschaubaren Rahmen, dem Fehlen einer richtigen Stadt sowie geringer Kriminalität.»
Die Insel Guernsey liegt etwa 120 Kilometer vor der englischen Südküste, aber nur gut 50 Kilometer von der Normandie in Frankreich entfernt im Ärmelkanal. Schon die Anreise ist ein kleines Abenteuer. Die private Fluggesellschaft Blue Islands fliegt sechs Mal pro Woche mit kleinen Propellermaschinen des Typs ATR 42 von Zürich und Genf nach Jersey. Dort heisst es umsteigen zum Weiterflug (20 Minuten) oder ab auf die Schnellfähre (eine Stunde).
In den Fliegern gibt es reichlich Platz, das ist etwas ungewohnt. Die Passagiere bestehen zur Hauptsache aus Bankern und Wanderern. Die Verpflegung ist reichhaltig: verschiedene Sandwiches – auch für Vegetarier –, dazu Getränke mit und ohne Alkohol sowie Kaffee, Tee und belgische Schokoladeguetsli. Alles kostenlos und inklusive. Aus der Luft sind das glasklare Wasser des Inselreichs – Obacht, die Maximaltemperatur erreicht 17 Grad! –, die weiten Sandstrände und die atemberaubend grüne Landschaft besonders schön zu sehen.
Im Frühling explodiert die Flora geradezu, dank des Golfstroms ist das Klima ganzjährig mild, und nur alle Naselang fällt im Winter überhaupt Schnee. Die stetige Brise vom Meer kühlt im Sommer, sodass das Thermometer selten über 21 Grad steigt. Laut Gesetz hätten dann die Schüler hitzefrei. Aber in solch astronomische Höhen klettert das Thermometer höchstens im August – und dann sind sowieso Sommerferien. Ohnehin täuschen die Zahlen. An sonnigen, windgeschützten Ecken wird es wie überall auf der Welt sehr schnell sehr wohlig warm.
Die geradezu perfekten Verhältnisse auf den Inseln sind für Menschen unter 30 todlangweilig. Zumal auch Guernseys Hauptstadt St. Peter Port keine nennenswerte Clubszene und eine lausige DJ-Dichte ausweist. Kilometerlange Kliffwanderwege, beschauliche Örtchen mit gepflegten, windschiefen Cottages, ein gut ausgebautes Netz von Pubs mit Livemusik sowie unzählige Restaurants mit exquisiter, französisch angehauchter Küche machen Guernsey indes zur Traumdestination für verliebte Pärchen, vergnügte Wandervögel und Sportbegeisterte. Allen voran Radfahrer, Jogger, Golfer und Kanupaddler.
Sandra und Rod Porter wohnen in einem Dorf im Nordosten und müssten «weder Haus noch Velo abschliessen», sagt sie – und machen es natürlich trotzdem. Schliesslich ist sie Schweizerin. Ausserdem hat sie gar kein Velo: «Das traue ich mich nicht, die Strassen sind mir zu eng.» Tausende Touristen sind anderer Ansicht und erkunden mit Freuden die Insel auf zwei Rädern. Ein Ansinnen, das die Regierung ausdrücklich begrüsst und mit dem kontinuierlichen Bau neuer Radwege fördert – und mitunter darüber lamentiert, dass die Velotouristen sich auf den flachen Westen und die Nordküste beschränken und sich dadurch die versteckten Naturschönheiten in den bergigen Regionen abseits der Trampelpfade entgehen lassen. Wobei bergig etwas weit gegriffen ist. Der höchste Punkt, genannt Hautnez, ist 111 Meter über Meer.
«Ich stamme aus einem abgeschlossenen Tal, das von Bergen umgeben ist», sagt die gebürtige Rheintalerin Sandra Porter, «nun lebe ich halt auf einer abgeschlossenen Insel und bin von Wasser umgeben. Das ist fast das Gleiche – darum ähnelt sich auch die Mentalität.» Nach anfänglichen Sprachschwierigkeiten – sie konnte nur rudimentär englisch – fand Sandra Porter schnell Freunde. Sandra und ihr Mann pflegen aber auch ihre Beziehungen in der Schweiz, was zur Folge hat, dass sie in den Sommermonaten ihre private kleine Tourismussaison haben: «Freunde und Verwandte kommen uns dann sehr gern besuchen.»
Mit den freundlichen Menschen kommt man schnell ins Gespräch
Die Menschen auf den Kanalinseln beschreibt Sandra Porter als unaufdringlich, aber wahnsinnig freundlich, und wenn man selber offen sei, komme man schnell ins Gespräch. Zum Beispiel über das Essen. Ein wichtiges Thema und eine noch wichtigere Beschäftigung. Gegessen wird auf Guernsey, was die Insel hergibt: Gemüse und Früchte, Fleisch und Meeresfrüchte in ihrer ganzen Artenvielfalt. Also Austern, Muscheln, Krabben, Fisch und vor allem fangfrische einheimische Hummer. Sie sind etwas kleiner als ihre amerikanischen Artgenossen, werden aber zunehmend von denen verdrängt.
Schuld sind die unzähligen Kreuzfahrtschiffe, die nicht verzehrte Hummer einfach über Bord ins Meer entsorgen – was diese in der Regel überleben und sich dann freudig in ihrem neuen Habitat vermehren. Hummer, Fisch und anderes Getier liebt der Kanalinsulaner à la mode française, sprich in Mayonnaise, Sauce Hollandaise oder mindestens Rahmsauce oder Knoblauchbutter ertränkt. Aber kein Küchenchef grollt, wenn man das liebevoll zubereitete Getier ohne Sauce bestellt.
Ein Mann ist lieber allein in der Küche
Der gute Ruf der Insel in Sachen Gastronomie ist längst kein Geheimtipp mehr und Starköchen wie Tony Leck zuzuschreiben. Er ist Chef der Brasserie The Pavilion in St. Peter Port, offiziell das kulinarische Aushängeschild von Guernsey und vehementer Vertreter der regionalen Küche: «Ich koche grundsätzlich nur mit saisonalen und lokalen Zutaten. Nur ein paar wenige Produkte stammen nicht von der Insel. Zum Beispiel Mehl und Öl.»
Auch privat steht Tony persönlich am Herd. Seine Frau, sagt er, wolle er überall sehen, ausser in der Küche. Ehrensache, besorgt er auch den Einkauf selber, und zwar nach einem praktischen System: Auf dem Nachhauseweg fährt er so über die Insel, dass er an mehreren Bauernhöfen vorbeikommt, um sich dort mit erntefrischen Lebensmitteln einzudecken.
Eine Spezialität der Kanalinseln sind natürlich die Banken. Davon gibt es etliche. Unter anderem auch die Credit Suisse, bei der sich Sandra und Rod Porter kennengelernt haben. Allerdings arbeiteten damals beide an der Zürcher Bahnhofstrasse. Selbstverständlich unterhält das Finanzinstitut auch im Finanzparadies einen Ableger. Und zwar prominent in einem schlossähnlichen Gebäude an der Meerespromenade in der Hauptstadt St. Peter Port. Geschmückt ist das Gebäude mit den Fahnen der 26 Kantone, trägt den Namen Helvetia und beherbergt passenderweise gleichzeitig das Schweizer Konsulat.
Diese Reise erfolgte auf Einladung von Travelhouse/Falcontravel. Infos unter www.travelhouse.ch/reisen/guernsey-kanalinseln