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Ueli Wyss aus dem bernischen Heimiswil möchte wissen, was im Weilername Hirsegg steckt. Der Weiler liegt in einer Exklave der Gemeinde an einer nordexponierten Hangseite rund 800 Meter über Meer am Ende eines nach Nordosten verlaufenden Tals. Kurz vor dem Ende gabelt sich das Tal, in dem der spätere Öschbach entspringt, und der Weiler Hirsegg liegt zwischen diesen beiden Geländeeinschnitten auf einem langgezogenen Ausläufer.
Dieser ausführliche Geländebeschrieb ist darum notwendig, weil er für die Namendeutung grundlegend ist. Dieser ebenbeschriebene Ausläufer stellte zwischen den beiden sich hinziehenden, noch feinen Tälchen eine Geländekante, ein natürliches Hindernis dar, das nur in einer geschwungenen Wegführung quer überwunden werden kann, ohne viele Höhenmeter zurücklegen zu müssen.
Von Eggen und Kanten
Solch einen Ausläufer nennt man landläufig auch Egg. In der ganzen Deutschschweiz finden sich zahlreiche solche Stellen, die als Egg bezeichnet werden. Es sind Stellen an einer Ecke, an einer Geländekante, bei oder auf einem Hangausläufer oder an denen sich ein Tal markant biegt. Im luzernischen Hasle liegt die Hirsegg, ebenfalls erhöht auf einem Ausläufer zwischen zwei Geländeeinschnitten. Und in Flühli, auch im Kanton Luzern, bezeichnet die Hirsegg ein Gebiet mit mehreren Liegenschaften, das auf einem langgezogenen Geländerücken zwischen der Waldemme und dem Südelgraben liegt.
Von Hirs zu Hirsch
Was aber bedeutet Hirs? Wird oder wurde da Hirse angebaut? Für eine landwirtschaftliche Nutzung eignet sich das Gebiet heute sicherlich nicht. Aber auch in früherer Zeit dürfte auf dieser nordexponierten Flanke kein bevorzugtes Getreideanbaugebiet gewesen sein. Hirs ist daher zurückzuführen auf das mittelhochdeutsche Wort hirz, was nichts anderes als Hirsch bedeutet. Die Hirsegg ist also die Geländekante, auf der sich Hirsche aufhalten. Dafür spricht auch die abgelegene, leicht hügelige Landschaft mit vielen Waldpartien.
Auch wenn mir keine historischen Belege vorliegen, so kann ich mir sehr gut vorstellen, wie ein Rudel Hirsche an einem sonnendurchfluteten Herbsttag aus dem kühlen Wald über die exponierte Geländekante ins nächste Tal wechselte. Dies zu beobachten oder früher auch als Jagdgebiet zu nutzen, dürfte ein Privileg gewesen sein. Glücklich ist, wer heute Hirsche in freier Wildbahn erleben darf.
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin. Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.
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