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Im Werk des kurdischen Künstlers Ismail Khayat verbinden sich Kunst und politisches Engagement. Als wichtigste Veränderung im kurdischen Kunstschaffen bezeichnet er die verstärkte Präsenz von Frauen.
Bereits als Kind begann Ismail Khayat zu malen. Er entwickelte eigene Techniken, arbeitete mit den Materialien und Themen, die er vor Ort fand: Steine aus den Flüssen, Erde aus den Feldern, Tiere in der Wildnis. Heute verfertigt er Skulpturen und malt Bilder. Und seit neustem bearbeitet er einen Berg. Er bemalt und übermalt, beschriftet und behaut ihn – der Eingriff der Kunst in die Gestaltung des Landes als politische Botschaft.
Ismail Khayat wurde 1944 im irakischen Khanaken geboren. Er ist Kurde, und sein Leben und seine Arbeit sind zutiefst von den politischen und gesellschaftlichen Kämpfen der KurdInnen geprägt. Er lebt heute in der Stadt Sulaymaniya im südlichen Kurdistan, wo er Ausstellungen kuratiert. Seine eigenen Arbeiten stellt er inzwischen auch in New York, Japan und Europa aus. Ein grosser Teil seiner Werke ging jedoch während des letzten Kriegs, der 2003 begann, verloren. Plünderer drangen in die Museen ein, entwendeten die Bilder, zerstörten oder verkauften sie.
Masken und zerstörte Gesichter
Khayat arbeitet oft mit Symbolen. Als er während der Herrschaft Saddam Husseins noch in Bagdad ausstellte, erkannten die Leute sofort, was er über die politischen Schwierigkeiten der kurdischen Bevölkerung erzählen wollte – ohne dass er explizit werden musste und sich so in Gefahr gebracht hätte. Er wagt es aber auch, nackte Menschen zu zeigen. In einer Serie stellt er die nackten Körper von Frauen und Männern dar, die an einer Behinderung leiden und zusammen Sex haben.
Für die irakische Gesellschaft war dies eine Sensation, das Werk spaltete das Publikum. Die einen reagieren mit heftiger Empörung, für die anderen bedeutet es Befreiung und Fortschritt. Wobei Khayat lachend anfügt, es sei für ihn als Mann wohl eher möglich, ein solches Risiko einzugehen; eine Künstlerin, die nackte Menschen während des Liebesakts zeigen würde, das sei im Irak bis heute absolut undenkbar. Aber es geht ihm nicht um die Provokation. Die politische Botschaft besteht vielmehr darin, versehrte Körper zu zeigen, die sich in Liebe vereinen und so zur Metapher für das Überleben, für den Sieg werden.
Ebenfalls mit der menschlichen Verwundbarkeit setzt sich eine Serie auseinander, die aus Masken besteht. Der Giftgasangriff, den das Regime von Saddam Hussein im Zuge einer Vernichtungskampagne gegen die KurdInnen im März 1988 in der Stadt Halabdscha verübte und bei dem gegen 10 000 Menschen qualvoll starben, hinterliess eine schwer traumatisierte Bevölkerung. Die Überlebenden leiden bis heute an schwersten körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen.
Khayat begann im Jahr 2000 mit der Maskenserie, die jeweils das zerstörte Gesicht einer getöteten Person repräsentieren soll. Er bezeichnet sie als Schatten der gepeinigten Opfer. Mit Öl oder Aquarellfarben gemalte grossflächige Gesichter wechseln sich mit fein gezeichneten, auf dem Papier dicht und geometrisch angeordneten Menschengruppen ab. Denn für ihn, der sich trotz seines Engagements als einen in der Politik nicht sehr bewanderten Menschen bezeichnet, sei die Kunst das Mittel zum Kampf. Er spricht auch von seinem Werk als einem Brief, der eine Botschaft enthalte, die weltweit jeder Mensch verstehe – und die es zu lesen gelte.
Veränderungen brauchen Zeit
Dies tat ein britisches Künstlerduo im Sommer 2008. Während einer Zusammenkunft in einem Hotel in der Türkei gründeten Ben Hodson und Ian Rowlands zur Unterstützung des Hilfswerks Preemptive Love das Projekt «Iraq – The Forgotten Story» und lancierten es in ihrem Onlinemagazin «A Thin Place».
Hodson und Rowlands reisten nach Sulaymaniya und besuchten Ismail Khayat in seiner Galerie. Khayat, der als der Grossvater der zeitgenössischen kurdischen Kunst gilt und massgeblich junge KünstlerInnen unterstützt und fördert, hat für sie eine Werkgruppe zusammengestellt, die nun auf Ausstellungen in der ganzen Welt gezeigt werden soll. So will er an die Vernichtungskampagne erinnern und auch auf die Korruption und Klientelwirtschaft der Regierung der Autonomen Region Kurdistan aufmerksam machen. Sie unterlässt es, den Überlebenden, die unter gesundheitlichen und wirtschaftlichen Spätfolgen leiden, Hilfe zu leisten.
Die erste Station im Juni dieses Jahres war im britischen Luton. Die Sammlung macht sichtbar, wie sich das künstlerische Schaffen des südlichen Kurdistans in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Auf die Frage, wie er den Wandel im Kunstschaffen beschreiben würde, antwortet Ismail Khayat lapidar: «Es gibt viel mehr Frauen heutzutage, die Kunst machen. Und wir haben zwar viele Tragödien erlebt, aber in der heutigen Kunst wird eher über das Schöne und vor allem das Alltägliche gesprochen. Auch gibt es technische Unterschiede. Die Künstlerinnen arbeiten mit modernen Technologien, die weltweit die gleichen geworden sind, und sie sind international vernetzt.»
Die neue Kommunikationstechnologie prägt aber auch – wie in anderen Ländern – den Alltag in der 1970 gegründeten Autonomen Region Kurdistan, die seit dem Sturz von Saddam Hussein im April 2003 weitgehend unabhängig geworden ist. Und Khayat ergänzt, die jüngeren Leute wüssten viel mehr, der Informationsaustausch und die Aktivitäten hätten sich wie überall rasant beschleunigt. Und trotzdem: Nachhaltige Veränderungen bräuchten immer noch viel Zeit. Sehr viel Zeit.
Die Ausstellung mit Ismail Khayat in Zürich ist eine Zusammenarbeit der Autonomen Schule Zürich (ASZ), der International Federation of Iraqi Refugees (IFIR) und der Halgzhan-Gruppe. Die IFIR ist eine international tätige Menschenrechtsorganisation, die sich für die Belange der irakischen Flüchtlinge einsetzt. Sie führt deportierte Familien zusammen, setzt sich gegen Ausschaffungen zur Wehr und unterstützt Jugendliche, die – in der Migration geboren – Probleme mit ihrer kulturellen Identität haben. Sie hat bereits in der Vergangenheit mit dem Bleiberecht-Kollektiv und der ASZ zusammengearbeitet.
Anonym und versteckt
Neu hinzugekommen ist nun die Halgzhan-Gruppe, die am 21. März dieses Jahres gegründet wurde und aus vier Personen besteht. Aras Hassan, der ebenfalls aus Kurdistan stammt, erzählt, Halgzhan sei eine Kulturgruppe, die in Zürich Projekte mit KünstlerInnen aus der ganzen Welt realisieren wolle. Die aktuelle Ausstellung ist ihr erstes Projekt, und auch die ASZ stellt zum ersten Mal bildende Kunst in ihren Räumen aus. Michael Schmitz, Aktivist in der Autonomen Schule, wünscht sich für die Zukunft eine intensivere Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Migrationsorganisationen. Es sei aber nicht einfach, an diese heranzukommen, da sie oft anonym und im Versteckten arbeiten würden. Man müsse sich vernetzen, das sei ganz wichtig, fügt er noch an.
Ismail Khayat geht derweil durch die Baracke und überlegt, wie er seine Bilder hängen soll. Er kommt zwischendurch schnell ins Sitzungszimmer zurück und äussert den Wunsch, während seines Aufenthalts in Zürich andere KünstlerInnen kennenzulernen und Ateliers zu besuchen.
Der 68 Jahre alte Mann ist klein und mager, wirkt müde und verschlossen. Beginnt Khayat jedoch zu reden, gestikulieren seine feinen Hände lebhaft und unterstreichen seine leidenschaftlichen Worte. Das Gesicht wirkt plötzlich wach und sehr, sehr jung.
Ismail Khayat, Vernissage mit kurdischem Essen und Diskussion, Autonome Schule Zürich, Hohlstrasse 170, Freitag, 31. August 2012, ab 18.30 Uhr. Anschliessend Ausstellung in Zürich an der Münstergasse 11, 1. Stock, 1./2. September 2012, 14 bis 20 Uhr.