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Es handelt sich bei meiner Ausgabe um die 5. Auflage, einen Obraldruck von 1922 (ein „Obraldruck“ ist eine Art fotomechanischer Nachdruck), basierend auf der 4. Auflage von 1888. Um den Umstand zu kaschieren, dass da im Grunde genommen ein über 30 Jahre altes Werk dem Publikum tel quel nochmals vorgelegt wurde – Zeller konnte es ja nicht mehr überarbeiten, er war schon 1908 verstorben – wurde offenbar beschlossen, dem ersten Teil des zweiten Bandes noch einen Aufsatz eines gewissen Dr. Ernst Hoffmann, Der gegenwärtige Stand der Platon-Forschung, anzuhängen.
Um es vorweg zu nehmen: Auf diesen Aufsatz hätte man wahrscheinlich damals schon verzichten können, kann der heutige Leser ganz sicher verzichten. Hoffmann weist zwar netterweise darauf hin, dass seit Zellers Zeiten die Meinung der gelehrten Welt in Bezug auf die Echtheit dieser oder jener Schrift Platons geändert habe, was 1922 von Wert gewesen sein mag; weil in den letzten 90 Jahren diese Meinungen aber wieder geändert haben, und der heutige Platon-Kanon nochmals ein bisschen anders aussieht, ist selbst dieser Teil für den Leser von 2013 überflüssig. Der grösste Teil des Aufsatzes aber besteht aus einem Versuch Hoffmanns, Platons philosophische Tätigkeit mit der medizinischen eines Hippokrates bzw. der Hippokratiker parallel zu setzen, indem für beide galt, dass sie als erste versuchten, festzusetzen, was Gesundheit (an Körper und Geist respektive) sei, bzw. dass die Gesundheit (an Körper und Geist respektive) ein Gut sei, das erstrebenswert ist. Das ist zwar eine interessante Idee, gehört aber nicht in die Ergänzungen einer Philosophiegeschichte, die gerade darum bemüht war, solche Teilaspekte und Separatinterpretationen beiseite zu lassen.
Nachdem Eduard Zeller im ersten Band seiner Philosophiegeschichte – in der 6. Auflage aufgeteilt in zwei Teilbände, die hier (Teil 1) resp. hier (Teil 2) vorgestellt wurden – die Vorsokratik präsentierte, sind also in Band II/1 Sokrates und Platon (Zeller schreibt prinzipiell latinisierend „Plato“ ohne Schluss-n) an der Reihe. Zuerst gibt er eine kurze Zusammenfassung der Entwicklung des griechischen Geistes im fünften Jahrhundert. Hier fasst Zeller die Beiträge der antiken Nicht-Philosophen zur Geistes- und Ideengeschichte zusammen: namentlich der drei Tragiker Aeschylos, Sophokles und Euripides, sowie der beiden Historiker Herodot und Thukydides. Aber auch Pindar und Aristophanes werden erwähnt.
Dann werden auf rund 350 Seiten Sokrates und die unvollkommenen Sokratiker vorgestellt. Unter letzteren versteht Zeller eigentlich alle Schüler und Nachfolger Sokrates‘ ausser Platon: Xenophon natürlich, weniger bekannte wie Aeschines, Simmias und Cebes – dann die Schulen der Megariker, die elisch-eretrische Schule, die Zyniker und die Cyrenaiker. Vor allem den „Schule machenden“ Nachfolgern Sokrates‘ ist es gemeinsam, dass sie das starke Gewicht, das Sokrates selber auf Ethik und Lebensführung legt, beibehalten, ja verstärken. Hier hat der Hedonismus seine endgültige Pflanzstätte, der Gedanke, dass Lust das höchste der Güter sei – nicht die sinnleere und rein körperliche Lust, sondern ein vom Weisen geschickt gesuchtes und gebildetes Niveau an gleichmässig guter Lebensführung. Worin sich die Cyrenaiker denn auch mit den Zynikern berührten, in denen sie (bzw. beide zusammen dann in der Stoa, die ausserhalb der von Zeller jetzt behandelten Periode liegt) aufgehen sollte.
Somit haben wir auch schon berührt, was für Zeller der Schwerpunkt ist bei der Darstellung von Sokrates: Sokrates‘ Abkehr von der ausgearteten Aufklärung der Sophistiker, seine Abkehr somit von den naturwissenschaftlichen Interessen der Vorsokratiker, seine Hinwendung zu Fragen der Lebensführung. Mit einem Wort: Ethik. Als echter Philosophiehistoriker stellt Zeller natürlich auch Sokrates‘ mäeutische Methode vor, die Ironie, mit der dieser an seine Gesprächspartner herantritt, und auch Sokrates‘ Schicksal wird geschildert. Daneben aber kämpft er den Kampf eines jeden Philosophiehistorikers im Kasus ‚Sokrates‘, den Kampf mit der Tatsache, dass wir nur zwei Überlieferungsstränge zu Sokrates haben: den von Xenophon und den von Platon. Zwei Überlieferungsstränge, die zu allem Übel ein je unterschiedliches Bild ihres Gegenstandes zeichnen. Zeller entscheidet sich für Platons Bild, wohl wissend, dass er nun das Problem meistern muss, zu entscheiden, ab wann ‚Sokrates‘ für Platon nur noch eine Chiffre war und nicht mehr das Abbild eines realen Menschen.
Um das zu können, muss Zeller natürlich entscheiden, welche Dialoge Platons echt sind, welche nicht. Und er muss sich für eine gewisse Reihenfolge der Dialoge entscheiden. Zeller versucht es aus Leibeskräften. Über 100 Seiten sind nur diesem Thema gewidmet. Dass er dabei Fehlentscheidungen getroffen hat, z.B. allen Briefen die Echtheit abgesprochen hat, andererseits Minos für echt hielt, und vieles in seiner Darstellung mit diesem Dialog belegte, tut – und das ist das Grossartige an dieser Philosophiegeschichte – letzten Endes seiner Darstellung Platons und platonischen Denkens keinen Abbruch.
Gemäss Zeller nimmt auch Platon seinen Ausgangpunkt in der sokratischen Abkehr von der Naturwissenschaft und Hinwendung zu ethischen Fragen. Die Problematik einer Begriffsbildung, auf die Sokrates ziemlich sicher als erster hingewiesen hat, wird von Platon ebenfalls aufgenommen – in den frühen, sokratischen Dialogen noch ohne konkretes Ergebnis. Dann wird Platon seine Ideenlehre entwickeln. Die Ideenlehre ist kein Kind des Sokrates mehr, das ist reiner Platon. Zeller gibt offen zu, dass es mit der Ideenlehre so seine Schwierigkeiten gibt. Die Idee ist für Platon im Grunde genommen das einzig Reale; unsere alltägliche Realität wird nur real dadurch, dass sie irgendwie an den Ideen teil hat oder nimmt – aber wie das genau funktionieren soll, kann Zeller den platonischen Schriften nicht entnehmen. Daneben entwickelt Platon auch Sokrates‘ Ethik weiter, indem er die individualistische Version seines Lehrers zu einer Staatsphilosophie ausweitet. Dass er dabei im Grunde genommen in den engen Grenzen eines griechischen Stadtstaats bleibt, und im Grunde genommen nichts anders macht, als den spartanischen Staat zu idealisieren, hält Zeller ebenso fest, wie die Tatsache, dass Platon sich zur Religion eigentlich nie, zur Kunst nur en passant und ohne grösseres Verständnis äusserte.
Dass der alte Platon zusehends die ursprünglich pythagoräische Zahlenmystik sich anverwandelte, ist für Zeller offensichtlich. Selbst einen Dualismus in Bezug auf die Weltseele, Platons Demiurgen, will Zeller sehen, indem der alte Philosoph offenbar nun auch eine böse Weltseele annimmt, die mit der guten konkurrenziert.
Vor allem die Zahlenmystik, die Annäherung an den Pythagoräismus also, wird in der frühen Akademie, Platons Schule, weiter entwickelt. Speusippus und Xenokrates sind die Schulhäupter, die Zeller in den Vordergrund stellt.
Hier bricht der erste Teil des zweiten Bandes ab, indem der zweite Teil ausschliesslich dem grössten und bekanntesten Schüler Platons gewidmet sein wird: Aristoteles.