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Aus der Höhe sieht Athen aus wie eine jener Fotokompositionen, die grosse Unternehmen für die Werbung benutzen und in denen jedes Pixel wiederum aus einem Bild besteht. Das durchschnittliche Athener Pixel besteht aus einem mediokren, fünfstöckigen Gebilde mit vielleicht fünfzehn Wohnungen, das von einem Menschen entworfen wurde, den man in Italien Geometra nennt. Ein Geometra ist jemand, der Dinge bauen kann, die nicht einstürzen, mehr nicht.
Nach und nach begreift man, welches Verhängnis die Kunst der Geometri über die Stadt gebracht hat. Nur eine gewaltige Sintflut könnte diesen architektonischen Guano hinfortspülen, doch selbst wenn man jeden Bewohner samt Habseligkeiten evakuieren, die Katastrophe aus der Ferne beobachten und die Versicherungssumme kassieren könnte, würde dies niemand wollen. Warum? Weil die Flut auch den Parthenon in Mitleidenschaft ziehen könnte, dessen bleich strahlende Säulen fingergleich über der Stadt schweben wie eine feingliedrige Hand, innig bemüht, den Morast unten nicht zu berühren.
Jedes Gebäude wurde ohne jede Rücksicht auf seine Umgebung errichtet. In Übereinstimmung mit dieser Haltung des Ihr-könnt-mich-alle-mal hat der Schweizer Architekt Bernard Tschumi ein absurdes Museum gebaut, das wie eine überdimensionierte Toyota-Vertretung aussieht und vielleicht bald zu einer wird, wenn Griechenland so weiterwirtschaftet.
Athen, einst der Inbegriff menschlicher Weisheit, ist heute ein Monument ihres Fehlens. Die vielgepriesenen mediterranen Familienwerte, die Wertschätzung des Häuslichen und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl sind hier vollends aus dem Ruder gelaufen. Die Griechen haben den Ort zerstört, an dem der Staatsbürger erfunden wurde. Natürlich sind sie nicht selbstsüchtiger als andere, im Gegenteil: Fremden gegenüber sind sie wahrscheinlich liebenswürdiger, gastfreundlicher und hilfsbereiter als alle anderen Europäer. Doch eine Mischung aus Habgier, fehlender Stadtplanung und der Abwesenheit von Geschmack hat diese Stadt unwiederbringlich zugrunde gerichtet.
Das windgeplagte, sonnenverbrannte Attika, das die Hauptstadt umgibt, ist übersät von heiligen Stätten, die heute umzäunt sind, als sollte den Satyrn die Flucht verwehrt werden, als wolle man sie vor dem schnellem Tod auf den brausenden Autobahnen bewahren.
Antike Schönheit entsprang für gewöhnlich unterirdischem Zauber. Der Artemistempel von Brauron, von allem ausser den Göttern verlassen, liegt an einer Quelle, die noch sprudeln wird, wenn die Erinnerung an Autos und Strandferien längst verlöscht ist. Er steht in einer schütteren Ansammlung von Marmorzuschneidefirmen und Jachtparkplätzen – beides gleichermassen trostlos in dieser mageren Zeit. Nahbei das Amphitheater von Laurion sowie die Silberminen, die im 6. Jahrhundert v. Chr. die Grösse Athens begründeten: Demokratie war ein Luxus und ist es noch heute.
Eine Wegstrecke weiter liegt der «See» von Vouliagmeni, ein versunkener Süsswasserteich unmittelbar neben dem plebeiischen Strand, durch hohe Kalksteinwände abgeschirmt gegen das Treiben am salzigen Gestade – ein irdenes Badehaus, scheinbar direkt aus Vichy oder Baden-Baden importiert. Dies sind die unvergänglichen Punkte der Erde, und im Vorüberfahren spürt man unter den Rädern Drachenblut in ihnen pulsieren.
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
Artikel in Englisch: Athens