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Mark Zeitoun, Christian Bréthaut et Caroline Pellaton
Warum eine Wasser-Friedens-Diplomatie?
Sommer 2022: Hunderte von Kindern und doppelt so viele Erwachsene ertrinken bei Überschwemmungen in Pakistan, während überschwemte Flüsse weite Teile von Europa verwüsten. In den Staaten entlang der Flüsse Nil, Tigris, Helmand und Amu Darya - um nur ein paar zu nennen - wartet man angespannt, ob die errichteten Dämme halten. Wassersysteme in aktiven Konfliktzonen stehen mit an Monotonie grenzender Vorhersagbarkeit unter Beschuss, weshalb sich über die Gewässer der von Covid gebeutelten Länder Syrien, Libanon und Jemen Cholera ausbreitet.
Oftmals als Quelle des Lebens gepriesen wird Wasser zum Ursprung von Not.
Mit einer Wasser-Friedens-Diplomatie kann das Internationale Genf dieses Leid eindämmen und Beziehungen transformieren. Damit Frieden durch Wasser möglich wird, muss die Gemeinschaft 2023 jedoch tief in die Thematik eintauchen.
Ein pragmatischer Zugang
Die Arbeit könnte damit beginnen, dass Genf im März 2023 in New York einen Fussabdruck auf der Halbzeitbilanz-Konferenz der Internationalen Aktionsdekade der UN hinterlässt – der ersten von der UNO geförderten Konferenz seit Mar del Plata im Jahr 1977. Diese Konferenz verhalf Wasser zu „Ansehen und Bekanntheit“ und wies gleichzeitig der weltweiten Wasserpolitikgemeinschaft einen so rigiden Platz zu, dass diese in den vergangenen 50 Jahren hauptsächlich mit sich selbst sprach.
Seither ist die Weltordnung wiederholt zerbrochen und neu aufgebaut worden. Die Kriegstechnologie hat sich in grossen und kleinen Sprüngen weiterentwickelt. Dennoch bleibt der Zwiespalt über internationale Gewässer unerschütterlich bestehen, während die Nutzung und der Missbrauch von Wasser im Rahmen militärischer oder wirtschaftlicher Kriegsführung noch immer gleich vonstatten gehen wie 1914 (als in Belgien Schützengräben mithilfe des Flusses Yser geflutet wurden).
Um die Situation zu verbessern, kann die herkömmliche Diplomatie an einschlägige Normen anknüpfen, wie zum Beispiel die entsprechenden Punkte des Humanitären Völkerrechts und des internationalen Wasserwirtschaftsrechts. Zudem stellen kreative DiplomatInnen im staatlichen Dienst eine neue Generation dar, die Wasserfachpersonen mit WasseradvokatInnen verbindet.
„Wasser zwingt Menschen zur Zusammenarbeit. Ein Fluss, der plötzlich durch einen Chemieunfall Schwermetalle transportiert, oder gebrochene Dämme zwingen die flussabwärts lebenden Menschen, sich mit den flussaufwärts lebenden Menschen auseinanderzusetzen, ungeachtet der Beziehungen, die ihre Hauptstädte zu einander haben (als Beispiel dienen hier Usbekistan und Kasachstan). UmweltschutzaktivistInnen verfügen über die Fähigkeit, über Grenzen hinauszuschauen.“
Es gibt jedoch auch einen wesentlich überzeugenderen und pragmatischeren Grund, warum das internationale Genf sich ernsthaft mit Wasser als neue Form der Diplomatie befassen sollte, wie Maurer und Mohamedou in ihrem Text ausführen. Wasser zwingt Menschen zur Zusammenarbeit. Ein Fluss, der plötzlich durch einen Chemieunfall Schwermetalle transportiert, oder gebrochene Dämme zwingen die flussabwärts lebenden Menschen, sich mit den flussaufwärts lebenden Menschen auseinanderzusetzen, ungeachtet der Beziehungen, die ihre Hauptstädte zu einander haben (als Beispiel dienen hier Usbekistan und Kasachstan). UmweltschutzaktivistInnen verfügen über die Fähigkeit, über Grenzen hinauszuschauen. Ebenso arbeiten Fachleute auf beiden Seiten einer Grenze bemerkenswert flexibel zusammen, um das Wasser fliessen zu lassen, wenn die Wasserquelle von der einen Seite und die Wasserhähne von der anderen kontrolliert werden. Diese Zusammenarbeit funktioniert nicht immer, aber überraschend oft – wie jede technische Fachkraft für humanitäre Hilfe bestätigen kann.
Aufbauend auf diesem Dialog könnten aber auch andere politische Ziele verfolgt werden. Beziehungen können gestärkt werden, bevor sich Vertrauen gebildet hat, und noch davor können bestimmte Massnahmen in die Wege geleitet werden. Weil Track 1, 1,5 oder 2 der Wasser-Friedens-Diplomatie von Natur aus interdisziplinär und mehrstufig sind und auf mehreren Ebenen stattfinden, leisten sie besonders gute Dienste bei den Bemühungen um Entspannung und Annäherung zwischen Staaten.
Warum das Internationale Genf
Das ist der Grund, warum sich die Friedensförderung, die Entwicklungsarbeit und die humanitären Hilfe vermehrt mit dem Thema Wasser auseinandersetzen und es als Eintrittspunkt nutzen, um gemeinsame Lösungen für komplexe Themen zu finden, die weit über den Bereich Wasser hinausreichen. Mit innovativen internationalen Organisationen, wichtigen Hochschuleinrichtungen und einer einsatzfähigeren diplomatischen Gemeinschaft als in New York, ist Genf der richtige Ort, um diese Schritte zu fördern.
Die von Genf vorangetriebenen, stark vernetzten multilateralen Beziehungen sind in dieser Hinsicht unabdingbar. Da Wasser bereits eine zentrale Bedeutung für die fortschrittlichen Klima- und Gesundheitsprogramme der Weltorganisation für Meteorologie (World Meteorological Organisation; WMO), der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation; WHO) und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (International Committee of the Red Cross; ICRC) erlangt hat, sollte es in Genf auch die Friedensförderung und diplomatischen Prozesse eingebunden werden.
Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich 2023 mit Wasser zu befassen. Bei den im Februar stattfindenden Debatten des High-Level Advisory Board on Effective Multilateralism des UN-Generalsekretärs (UNSG) kann es eine herausragende Rolle spielen. Unter dem Vorsitz Sloweniens kann die Genfer Group of Friends on Water for Peace auf ihren Sitzungen im April und September die Staaten zu gemeinsamen Zielen anspornen. Der Stellenwert von Wassersystemen in Kriegen kann dem Sozialforum des Menschenrechtsrats vorgelegt werden. Und natürlich können Personen aus den Bereichen Friedensförderung und humanitäre Hilfe auf der grossen Wasserkonferenz in New York im März aufzeigen, welches Potential Wasser für den Frieden hat oder sich zusammen mit anderen Aktivisten in der Wasser-Friedens-Diplomatie engagieren. Zum Schluss kann die Geneva Peacebuilding Platform die Grenzen der Wasser-Friedens-Diplomatie auf der Geneva Peace Week 2023 im November weiter verschieben.
Kurz gesagt: Die Gemeinschaften in Genf, die sich ganz grundsätzlich für mehr Dialog einsetzen, sollten in Zukunft auch darüber beraten, wie Wasser für den Frieden eingesetzen werden kann. Die Dürren, Überschwemmungen, Spannungen und Krankheiten werden sich nicht von alleine auflösen und das Internationale Genf hat alles, was es braucht, um die Lage zu verbessern. Je mehr Genf die Wasser-Friedens-Diplomatie als eine effiziente Massnahme ausbaut, umso effizienter kann die Stadt sein.
Über die Verfassenden
Prof. Mark Zeitoun ist Generaldirektor des Geneva Water Hub und Professor für Wassersicherheit an der University of East Anglia. Seine Forschung konzentriert sich auf grenzüberschreitende Wasserkonflikte und Zusammenarbeit sowie die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf die Wasserversorgung. Er leitete mehrere Forschungs- und Wasserversorgungsprojekte, unterstützte Verhandlungen über Wasser im gesamten Nahen Osten und Afrika und beriet ein grosses Spektrum an Organisationen für humanitäre Hilfe und Entwicklung. Er studierte Maschinenbau an der McGill University und Humangeografie am King’s College London. Er ist der Verfasser von “Power and Water: the Hidden Politics of the Palestinian-Israeli Water Conflict” (IB Tauris 2008), “Water Conflicts: Analysis for Transformation” (OUP 2020, mit Naho Mirumachi und Jeroen Warner), und „Reflections: Understanding our use and abuse of Water“ (OUP 2023).
Prof Christian Bréthaut hat an der Universität von Lausanne in Geowissenschaften und Umweltschutz promoviert. Seit August 2014 leitet er den Bereich Education and Knowledge des Geneva Water Hub. Sein Fachgebiet ist die Analyse der Wasserpolitik und der Konsequenzen von der Bewirtschaftung grenzüberschreitender Flüssen. Prof. Bréthaut beschäftigt sich insbesondere mit der Adaptionsfähigkeit von Institutionen, dem Wasser-Nahrungsmittel-Energie-Ökosystem-Nexus und der Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik.
Caroline Pellaton promovierte in Geowissenschaften an der Universität Genf. Seit Juni 2018 ist sie Corporate Operations Administrator am Geneva Water Hub. Sie ist für verwaltungstechnische Aufgaben zuständig und überwacht die unternehmerische Leistung und die Umsetzung von Unternehmenszielen. Ausserdem kümmert sie sich um betriebliche Aufgaben und ist für die Beschaffung von Geldmitteln und die Beziehungen zu Geldgebenden zuständig. In den letzten zehn Jahren arbeitete sie als Programmmanagerin für Wasser auf Landesebene in Notfall- und Post-Konflikt-Kontexten in Ländern wie Sri Lanka, Niger, der Republik Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, Jemen und Jordanien.
Disclaimer
Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Meinungen sind die der Autoren. Sie geben nicht vor, die Meinungen oder Ansichten des Geneva Policy Outlook oder seiner Partnerorganisationen wiederzugeben.
Dieser Artikel ist eine Übersetzung einer englischen Originalversion. Für jegliche offizielle Verwendung des Artikels beziehen Sie sich bitte auf die englische Version.