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Gunta Stölzl
1897-1983
Gunta Stölzl (1897-1983) war eine deutsche Textilkünstlerin. Sie war Mitbegründerin der Frauenklasse, sowie Meisterin am Bauhaus.
Lebenslauf
Adelgunde «Gunta» Stölzl wurde am 5. März 1897 in München geboren. Von 1913-1916 besuchte sie die Kunstgewerbeschule in München, wo sie sich auf Glasmalerei und Keramik spezialisierte. Ab 1917 bis Ende des ersten Weltkrieges engagierte sie sich freiwillig als Rotkreuzschwester.
1919 wurde sie am Bauhaus Weimar aufgenommen. Dort gründete sie ein Jahr später mit ein paar anderen Frauen die sogenannte «Frauenklasse», die sich zur Webklasse weiterentwickelte. 1925 wurde sie Werkmeisterin in Bauhaus Dessau und somit die erste Frau im Meisterkollegium. Trotz dieses Rangs wurde gegenüber ihrer männlichen Kollegin wesentlich benachteiligt: Sie bekam weniger Lohn, hatte keinen Rentenanspruch und erhielt keinen Profesor:innentitel. Nichtsdestotrotz wurde die Weberei eine der wichtigsten Einnahmequellen des Bauhauses und Gunta Stölzl entwickelte eine neue Herangehensweise an die Weberei, die mit jeglichen Traditionen brach: Sie mischte Materialien, Formen und Farben nach der Bauhauslehre und behandelte den Webstuhl als Leinwand.1
1931 verliess Stölzl aufgrund nationalsozialistischer Anfeindungen und interner Spannungen die Schule. Sie zog nach Zürich, wo sie eine Handweberei mitbegründete und fortan als Textilkünstlerin arbeitete. Sie erhielt 1947 das Diplôme du Grand Prix an der Exposition Internationale de l’Urbanisme et de l’Habitation (Section Suisse) in Paris. 1967 löste sie ihre Weberei auf und widmete sich bis zu ihrem Tode der Herstellung von Wandteppichen. Gunta Stölzl verstarb am 22. April 1983 in Küsnacht.2
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Werk
Der Wandbehang Schlitzgobelin Rot-Grün entstand um 1927-1928 in Bauhaus Dessau und ist 150cm x 110cm gross. Es wurde mit der Gobelintechnik, einer Handwebetechnik, aus Baumwolle, Seide und Leinen erstellt und befindet sich heute im Bauhaus-Archiv in Berlin.
Die Bildwirkerei bricht mit der rechtwinkligen Grundstruktur des Gewebes und schöpft das bildnerische Potential der Weberei aus und womit es das Textildesign der Moderne revolutioniert. Da viele Frauen am Bauhaus in die Weberei «verbannt» wurden, nutzten sie die Textilien als Leinwand. In dem Werk von Stölzl wird der Einfluss der Bauhaus-Lehren in der visuellen Sprache der Gestaltung, ganz besonders in den namengebenden Rot-Grün Kontrasten, die in den Farbenlehren von einem Bauhausmeister als Komplementärfarben gelten, ersichtlich. Der Wandbehang wird zur abstrakten Kunst, die von den experimentierfreudigen Kontrasten in Farbe (Komplementärfarben), Form (rund und eckig) und Material (Leinen und Seide), lebt. Diese Experimentierfreudigkeit war auch Teil der von Gunta Stölzl entworfenen Ausbildung, die ab 1929 in acht Semestern am Bauhaus mit einem Diplom absolviert werden konnte. Diese bestand aus zwei Teilen: «Die Entwicklung zum Gebrauchsstoff für Innenausbau» und «Spekulative Auseinandersetzung mit Materie, Form, Farbe in Gobelin und Teppich».3
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Historischer Kontext
20er und 30er Jahre – die Zwischenkriegszeit
Als Zwischenkriegszeit bezeichnet man die Zeit zwischen 1918, dem Ende des Ersten Weltkrieges und den 30er Jahren, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. In diese Zeit fällt auch die Entstehung der Weimarer Republik in Deutschland, die die Monarchie der Kaiserzeit ablöst und deren Ende 1933 durch die nationalsozialistische Machtübernahme bedingt war.
Der Anfang des 20. Jahrhunderts war geprägt von einem Fortschrittsglauben, der aus der Industrialisierung resultierte. Maschinen, Geschwindigkeit und Technik waren hoch gefeierte Errungenschaften, die sich in der ganzen westlichen Welt verbreiteten. Die Massenproduktion stand im Sinne einer demokratischen Ideologie: Alle sollen Zugang haben zu Wohnraum, Design, Kunst. Die technischen und ideologischen Entwicklungen waren an kapitalistische Wertvorstellungen geknüpft.10
Die industrielle Produktion hatte eine hohe Arbeitslosenquote zur Folge, die maschinelle Produktion ersetzte viele Arbeitsplätze. So sank der Lebensstandard in westlichen Ländern drastisch. Zusätzlich kam es an der New Yorker Börse zu einer Spekulationsblase und einem folgenden Kurssturz, der eine Weltwirtschaftskrise auslöse, auch «Great Depression» genannt.6
Die beiden Jahrzehnte der Zwischenkriegszeit waren also geprägt von Instabilität und Krisen, was historisch gesehen immer zur Folge hatte, dass die Menschen nach Stabilität und Alternativen suchen, und sich in diesem Zuge politisieren. So entstanden politische Massenbewegungen. Auch in den 20er Jahren positionierten sich immer mehr Menschen politisch, die Arbeiter:innenbewegung wurde grösser und machte Gebrauch von publizistischen Medien in Massenauflagen. Das Proletariat war selbstbewusst und sah sich als Subjekt der Geschichte, das im Zuge war, einen revolutionären Umsturz zu erreichen. Politische Versammlungen, Demonstrationen und Flugblätter waren weit verbreitete Mittel, um die Bewegung wachsen zu lassen. Auch die Kunst wurde als Waffe im Klassenkampf angesehen, viele Künstler:innen, darunter war eine der bekanntesten Käthe Kollwitz, unterstützten die Kommunistische Partei und nutzten ihre Kunst, um die eigene politische Haltung aufzuzeigen und zu verbreiten. In diesen progressiven Kreisen verbreitete sich das Bild der «Neuen Frau», einer emanzipierten, starken Frau, die teil hatte an der Arbeitswelt und der Gesellschaft.7
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland, die Sicherheit und Stabilität versprach und darum in der Bevölkerung auch auf Gutheissen stiess, wurden viele der Errungenschaften aus der Zwischenkriegszeit wieder rückgängig gemacht, gerade die Stellung der Frau verschlechterte sich wieder drastisch.8
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Kunst
Geprägt von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges veränderte sich auch die Kunst. Von den abstrakten und formalen Ideen der Avantgarde wie beispielsweise dem Kubismus wollte man sich abgrenzen und näherte sich vermehrt einer realistischen Wiedergabe der Wirklichkeit. In dieser Entwicklung ist auch die Stilbezeichnung «Neue Sachlichkeit» einzuordnen, die auf eine Ausstellung von 1925 zurückgeht. Der Begriff intendiert eine kühle, sachliche, objektive Darstellung von Lebenswelten und beschreibt die Kunst, die dieser Stilrichtung zugeordnet wird, daher eher schlecht. Vielmehr zeigen uns die Bilder kritische, hoffnungsvolle, gebrochene und suchende Haltungen, Schwächen werden enthüllt, die aber nahe an der Lebensrealität der Menschen bleiben. Parallel dazu entwickelt sich in der Fotografie eine dokumentierende Haltung, das realitätsnahe Aufzeigen von Menschen und ihren Leben schien also wichtig zu sein in der Zwischenkriegszeit. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden viele Künstler:innen der Neuen Sachlichkeit verfolgt und ihre Kunst als entartet abgewertete, so emigrierten die meisten ins Ausland.9
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Frauen am Bauhaus
Obwohl sich im Gründungsjahr mehr Frauen als Männer auf die freien Studienplätze beworben haben und die Institution massgeblich mitgeprägt haben, wurden sie in der Geschichtsschreibung kaum beachtet. Die Versprechen der Gleichberechtigung und des Brechens der Traditionen lockte die Studentinnen ins Bauhaus Weimar, wurde aber nie erfüllt.
Nach anfänglicher Euphorie in Bauhaus Weimar kamen die ersten Enttäuschungen. Da der Leiter des Bauhauses nicht mit so einem hohen Ansturm an Frauen gerechnet hatte, verkündete er schon ein Jahr nach der Gründung, dass Frauen nicht für schwere Arbeiten geeignet wären und riet von jeglichen Experimenten ab. Des Weiteren legte er nahe, die Aufnahme von Frauen zurückzuhalten und nur in besonderen Fällen eine Ausnahme zu machen. Weitere Lehrende waren der Auffassung, dass Frauen «das Genie» nicht besitzen könnten und gewährten ihnen daher keinen Platz in der freien Kunst.
Viele Künstlerinnen wurden daher in die Weberei verfrachtet, da man ihnen nicht einmal zutraute, dreidimensional sehen zu können. Die Weberei war (und ist es heute noch) nicht nur ein weiblich konnotiertes Handwerk, es galt auch nur als Kunstgewerbe. Dem wirkten die Künstlerinnen mit revolutionären Textildesigns entgegen und wollten das Weben neu erfinden. Sie wurden zur erfolgreichsten Werkstätte und trugen damit massgeblich zu den Einnahmen des Bauhauses bei. Trotzdem standen sie immer an letzter Stelle, da der Leiter des Bauhauses sie nicht zum Aushängeschild seiner Schule machen wollte.
Nichtsdestotrotz schafften es einige Frauen, in anderen Abteilungen mitzuwirken. Friedl Dicker war die Erste am Bauhaus, die schon 1922 ein flaches Dach entworfen hatte. Alma Buscher entwickelte für die Bauhausausstellung ein Kinderzimmer mit Multifunktionsmöbel, wobei 1923 noch nicht üblich war, ein Kinderzimmer zu besitzen. Obwohl Annie Albers von ihren männlichen Kollegen in der Metallwerkstatt nicht gerne gesehen war, wurde sie zu einer der erfolgreichsten Metallkünstlerin am Bauhaus.
1925 zog die Schule aufgrund der politischen Atmosphäre , dem Rechtsrutsch in Weimar und den damit verbundenen finanziellen Kürzungen am Bauhaus, nach Dessau. Gunta Stölzl wurde durch Forderungen der Studierenden zur ersten Meisterin am Bauhaus, obwohl der Meisterrat zunächst nicht hinter der Idee stand.
Nicht nur den Studentinnen, auch den Ehefrauen von den Bauhausmeister fehlte es an Anerkennung. Lucia Moholy-Nagy war durch ihre Fotografien massgeblich am Imageaufbau des Bauhauses beteiligt. Nicht nur die gemeinsamen Arbeiten mit ihrem Ehemann wurden nur ihm zugeschrieben, sie musste auch in einem jahrelangen Rechtsstreit um das Bildrecht ihrer ganzen Fotografien mit dem Gründer des Bauhauses kämpfen.
Frauen, die nicht mit Meistern verheiratet waren, wurden nach einer Familiengründung aus dem Bauhaus verdrängt. Auch Gunta Stölzl wurde regelrecht herausgeekelt. Sie heiratete einen jüdischen Mann und fand darauf ein Hakenkreuz an ihrer Türe, worauf sie die Kündigung einreichte. Trotz der späteren Schliessung des Bauhauses machte nationalsozialistisches und antisemitisches Gedankengut auch vor den Köpfen des Bauhauses keinen Halt.4 Obwohl das Bauhaus als linke, revolutionäre Schule galt passten sich viele Mitglieder an das nationalsozialistische Regime an. Mehrere grosse Namen am Bauhaus verbreiten sogar aktiv nationalsozialistisches Gedankengut: sei es durch Ideologien ihrer Webschulen, Mitarbeit an Propaganda-Ausstellungen, Stellen als Reichsarchitekten, von antifaschismus ist hier also nicht mehr zu sprechen.5
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Weiterführende Literatur
1 Müller Ulrike und Radenwalt Ingrid, Gunta Stölzl in: Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne, München: Knesbeck 2019. S. 22-27.
2 https://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4001644, 21.04.21.
3 https://www.bauhaus.de/de/sammlung/highlights/207_textil/, 29.04.2021.
4 Radelhof Susanne, Bauhausfrauen, Berlin: mdr, rbb, Koberstein Film 2019.
5 Schneider Beat, Penthesilea. Die andere Kultur- und Kunstgeschichte, Sozialgeschichtlich und patriarchatskritisch, Bern: Zytglogge Verlag 1999, S. 299-301.
6 https://www.webcitation.org/63vrtG5bW?url=http://elsa.berkeley.edu/~cromer/great_depression.pdf, 13.5.21
7 Penthesilea. Die andere Kultur- und Kunstgeschichte. Sozialgeschichtlich und patriarchatskritisch. Beat Schneider. Zytglogge Verlag. S. 307-322.
8 Penthesilea. Die andere Kultur- und Kunstgeschichte. Sozialgeschichtlich und patriarchatskritisch. Beat Schneider. Zytglogge Verlag. S. 323-344.
9 https://artinwords.de/neue-sachlichkeit/, 13.5.21
10 Penthesilea. Die andere Kultur- und Kunstgeschichte. Sozialgeschichtlich und patriarchatskritisch. Beat Schneider. Zytglogge Verlag. S. 276-306.
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Schlitzgobelin Rot-Grün, 1927-1928, Wandbehang,
150 x 110 cm
Copyright holder Bauhaus Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn.
150 x 110 cm
Copyright holder Bauhaus Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn.