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1521 eroberten die Spanier die Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán und errichteten ein Kolonialreich in Mexiko. Über die Geschichte der Azteken ist relativ viel bekannt unter anderem dank Aufzeichnungen in aztekischen Bilder-Handschriften. Die berühmteste ist der Codex Mendoza.
Dieser Codex erscheint jetzt erstmals in deutscher Sprache. Der Historiker Stefan Rinke gehört zu einem Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die das Werk übersetzt haben.
Stefan Rinke
Historiker
Stefan Rinke ist Historiker und seit 2005 Professor an der Freien Universität Berlin. Er lehrt und forscht am Lateinamerika-Institut sowie am Friedrich-Meinecke-Institut.
SRF: Der Codex Mendoza ist fast 500 Jahre alt. Welche Bedeutung hat das Schriftstück heute?
Stefan Rinke: Die Eroberung Mexikos steht am Anfang der europäischen Kolonialherrschaft über die Welt. Wenn wir heute über Kolonialismus, über Rassismus, über Restitution von Objekten diskutieren, dann ist dafür das Verständnis der Ursprünge dieser ganzen Probleme notwendig.
Der Codex hilft, unsere heutige Welt besser zu verstehen.
Der Codex Mendoza legt wie kaum eine andere Schrift Zeugnis ab von dieser Eroberung und vom Leben der Menschen vor Ankunft der Europäer. Der Codex hilft deshalb auch, unsere heutige Welt besser zu verstehen.
Was zeigt uns diese Bilder-Handschrift über das Leben der Azteken?
Der Codex besteht aus drei Teilen. Der erste Teil zeigt die Geschichte der aztekischen Herrscher von der Gründung der Stadt Tenochtitlán bis zur Eroberung durch die Spanier und damit bis zum Ende des Azteken-Reichs.
Der zweite Teil ist eine sehr umfangreiche Schilderung von Tributen, die den Azteken-Herrschern aus den benachbarten Besitzungen erbracht wurden. Das gibt uns eine genaue Kenntnis über Produkte und Waren, die in bestimmten mexikanischen Regionen damals produziert wurden.
Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Alltagsleben der Azteken. Er zeigt uns, welche Berufe sie ausübten, welche Riten und Traditionen mit dem Akt der Heirat verbunden waren, mit der Geburt eines Kindes, aber auch, welche Verpflichtungen sie gegenüber der Obrigkeit hatten und welche Gesetze sie zu befolgen hatten.
Wenn man durch diesen Codex blättert, fallen die Tierdarstellungen auf, Jaguare oder Adler etwa. Welche Bedeutung hatten diese Tiere für die Azteken?
Sie hatten eine vielfache symbolische Bedeutung, denn sie stellten nach den Vorstellungen der Azteken auch Götter dar. In der Flora und Fauna des Landes sahen die Azteken Verkörperungen ihrer Götter und entsprechend wurden diese Tiere verehrt.
Gleichzeitig waren sie für den Krieg wichtige Symbole. Deshalb bekleideten sich Krieger zum Beispiel mit Leopardenfellen oder eben auch mit Adlerfedern. Diese Symbole waren aber nur ranghohen Kriegern erlaubt.
Der Adler prangt heute noch auf der Fahne Mexikos. Was hat das mit den Azteken zu tun?
Das geht auf den Gründungsmythos der Stadt Tenochtitlán zurück. Demnach kamen die Vorfahren der Azteken nach langer Wanderung und Beschwernis an einen Ort, wo ein Adler auf einem Feigenkaktus sass und eine Schlange im Schnabel hatte.
Dieses Bild findet sich im Codex und ist wohl die berühmteste Darstellung. Es findet sich in der mexikanischen Flagge und zeigt, wie stark sich Mexiko in seiner Identität diesem aztekischen Erbe verpflichtet fühlt.
Den Schreibern des Codex war bewusst, dass die Spanier für Menschenopfer kein Verständnis aufbrachten
Noch etwas fällt auf: Die Azteken, die im Codex gezeigt werden, haben immer wieder kleine Wölkchen vor dem Mund. Das erinnert an Sprechblasen, wie wir sie aus Comics kennen.
Ja, wahrscheinlich hat das die spätere Comiczeichnung inspiriert. Allerdings ist die damalige Bedeutung dieser Sprechblasen eine andere. Sie symbolisieren den Sprechakt als solchen. Ein bestimmtes Zeichen konnte durch eine solche Sprechblase genauer definiert werden, eben als Sprecher.
Was hingegen nicht vorkommt im Codex Mendoza sind Menschenopfer. Das erstaunt doch etwas, denn Menschenopfer waren ja fester Bestandteil des aztekischen Götterglaubens.
Der Codex Mendoza wurde etwa 30 Jahre nach der Eroberung geschrieben, um den König in Spanien davon zu überzeugen, dass das Azteken-Reich eine hochzivilisierte, kulturell und juristisch weit entwickelte Staatenwelt war. Die Azteken hofften so, ihre Herrschaftsansprüche unter der spanischen Oberherrschaft weiterführen zu können.
Den Schreibern des Codex, die schon christianisiert waren, war sehr bewusst, dass die Spanier für Menschenopfer überhaupt kein Verständnis aufbrachten. Deshalb wurden sie im Codex auch nicht erwähnt.
Das Gespräch führte Teresa Delgado.
Buchhinweis
Rinke, Stefan / Navarrete, Federico / Vallen, Nino: Der Codex Mendoza – Das Meisterwerk aztekisch-spanischer Buchkultur. wbg Edition (erscheint am 23.09.2021).