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Philosophie der Homöopathie
Was ist der grosse Unterschied zwischen der Schulmedizin und der klassischen Homöopathie?
Die Schulmedizin ist oft eine symptombezogene Medizin, d.h. der Arzt verschreibt seine Medizin gegen ein bestimmtes Symptom; z.B. der Patient hat Kopfschmerzen, er bekommt ein Schmerzmittel. Dieses Medikament heilt nicht etwa die Schmerzen, der Patient spürt diese nur nicht mehr – die Schmerzen werden unterdrückt. So geschieht dies mit vielen Symptomen.
Die Homöopathie dagegen ist eine ganzheitliche Medizin. Sie stellt den ganzen Menschen in den Mittelpunkt. Sie versucht diesen auf allen Ebenen zu erfassen, sowohl auf der körperlichen – als auch auf der psychischen, der geistigen und der emotionalen Ebene. Dies ist ein zeitlich sehr aufwändiges Verfahren.
Die klassische Homöopathie unterliegt sehr strengen Regeln, welche dem Therapeuten nicht sehr viel Spielraum lassen. Diese Regeln wurden von Samuel Hahnemann erforscht und aufgestellt. Hahnemann lebte von 1755 bis 1833. Er war ein hochintelligenter und sprachbegabter Schüler und Student, der schon im Gymnasium Fremdsprachen unterrichtete. Er hatte sich mit Übersetzungen das Medizinstudium finanziert. 1779, im Alter von 24 Jahren, erlangte er den Doktor der Medizin. Mit 27 Jahren gründete er eine Familie und studierte neben seiner Praxistätigkeit noch Chemie und Pharmazie. Je länger er praktizierte, um so unzufriedener wurde er mit seinem Arztberuf. Er stellte fest, dass man von Krankheit und Heilung so gut wie nichts wusste. Am meisten quälte ihn, dass über die Wirkung der verordneten Arzneien so gut wie gar nichts bekannt war. Er konnte nur sehen, dass sie meistens geschadet haben. Dieser Gewissenskonflikt ging so weit, dass er trotz der daraus resultierenden Armut seine Praxistätigkeit aufgab und fortan nur mit Übersetzungen sein Geld verdiente. Bei einer dieser Übersetzungen stiess er auf die verwirrenden Theorien über die Chinarinde, die damals schon eifrig gegen Wechselfieber (Malaria) eingesetzt wurde.
Bei der Chinarinde wollte er nun genau wissen, wie sie wirklich wirkte und darum machte er einen Selbstversuch. Er nahm in regelmässigen Abständen ein Quäntchen pulverisierte Chinarinde ein und – wurde krank! Die bei Wechselfieber bekannten Symptome traten auf. Dieses Paradoxum dauerte jedes Mal zwei bis drei Stunden und erneuerte sich, wenn er die Einnahme wiederholte, sonst nicht. Er hörte auf und war gesund.
So erlebte Hahnemann am eigenen Leibe und bewusst, dass ein Arzneimittel bei einem gesunden Menschen ganz bestimmte Wirkungen hervorrufen kann. Er wollte wissen, ob auch bei anderen Menschen dieses Phänomen auftrat und so führte er an sich, seiner Familie und Freunden weitere Arzneimittelprüfungen auch mit anderen Stoffen als der Chinarinde durch.
Er erkannte bald, dass bei einer Prüfung eines bestimmten Stoffes charakteristische Symptome auftraten: bei jeder Pflanze, jedem Metall, jedem Salz. Und jetzt kam ihm die entscheidende Idee: Aus der Erfahrung aus seiner eigenen Praxis und von Kollegen wusste er, dass Chinarinde nicht jeden Patienten mit Wechselfieber heilen konnte. Er fragte sich, warum das so ist. Und so fragte sich Hahnemann, ob es nicht sein könnte, dass ein Mittel nur dann seine Wirksamkeit entfaltet, wenn das Symptombild, welches der Patient zeigt, dem Symptombild ähnlich ist, welches das Mittel bei der Prüfung am Gesunden hervorruft. Er fand heraus, dass die Chinarinde tatsächlich nur dann beim Wechselfieber hilft, wenn die Symptome des Patienten denen ähnlich waren, welche die Chinarinde in der Prüfung verursacht. War dagegen diese Symptomähnlichkeit zwischen dem Patienten und dem Mittel nicht vorhanden, dann wirkte das Mittel nicht. Daraus formulierte Hahnemann den für den Homöopathen fundamentalen Satz: Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfall eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann als sie auch heilen soll.
Häufig wird dieser Satz auch in Angleichung an Formulierungen benutzt, die auch schon bei Hippokrates zu finden sind: Similia similibus curantur (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt). Lieber wäre es dem Homöopathen, wenn er in heilbaren Fällen das Simillimum (das Ähnlichste) finden würde, weil er dann mit Sicherheit wüsste, dass das Mittel heilt. Schon auf den ersten Blick erkennt man hier den himmelweiten Unterschied von der Homöopathie zur Schulmedizin und vielen anderen Heilmethoden, bei denen es heisst: Contraria contrariis curantur (Gegensätzliches wird durch Gegensätzliches geheilt).
In diesem Abschnitt finden wir bereits zwei grundsätzliche Regeln der Homöopathie:
- Die Ähnlichkeitsregel
- Die Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen
Das homöopathische Arzneimittel erzeugt eine sogenannte Kunstkrankheit; diese entspricht im Falle des Similia oder Simillimum den Krankheitszeichen des Patienten. Die Kunstkrankheit muss ein bisschen stärker als die Krankheit selber sein, so kann sie diese Krankheit löschen. Diese Erstverschlimmerung ist ein Zeichen dafür, dass ein gut gewähltes Arzneimittel verabreicht wurde.
Hahnemann ging bald dazu über, die Arzneien zu verdünnen. Einerseits wollte er seine Patienten nicht vergiften (Belladonna, Arsen, Phosphor, Aconitum, u.s.w.), andrerseits stellte er die obenerwähnte Erstverschlimmerung fest. Diese wollte er möglichst gering halten. Er stellte sehr bald fest, dass er es mit den Verdünnungen nicht zu weit treiben durfte, sonst nützten seine Mittel nicht mehr. Er stand da vor dem selben Dilemma wie die moderne Schulmedizin mit ihren Chemotherapeutika, Antibiotika u.s.w.: Ist die Dosis zu stark, schadet sie dem Patienten, ist sie zu schwach, wirkt sie nicht mehr. Dabei den Mittelweg zu finden, ist äusserst schwierig, weil jeder Patient anders reagiert.
Hahnemann fand einen anderen Weg: Er verdünnte seine Mittel stufenweise und schüttelte oder verrieb zwischen den Verdünnungsstufen das Mittel kräftig. Auf diese Weise blieb auch bei immer höheren Verdünnung die Wirkung erhalten, ja, sie steigerte sich sogar noch gewaltig. Und nun kommt das Erstaunlichste: Selbst wenn die Verdünnung so hoch getrieben wurde, dass vom Ausgangsstoff kein Molekül mehr in ihr enthalten sein konnte, wirkte das Mittel immer noch, und zwar viel besser und durchgreifender, als wenn noch Materie der Ursubstanz in ihm vorhanden wäre. Daher nannte er diese Arzneiaufbereitung Dynamisation oder Potenzierung (=Kraftentfaltung).
Hahnemann hat jahrelang mit dieser Dynamisation experimentiert, bis er sich für seine Krankheitsbehandlungen für eine Potenz entschied, die weit jenseits der Loschmidt’schen Zahl lag: der C30. Bei ihr blieb er jahrzehntelang.