Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03126.jsonl.gz/795

Die beiden riesigen, gelben Werftkräne, im Volksmund Samson und Goliath genannt, prägen das Stadtbild von Belfast, oder genauer gesagt, Ost-Belfast. Während mehr als 150 Jahren wurden hier, bei Harland & Wolff, Schiffe gebaut; über 1700. Es ist die Werft, wo die zum Untergang geweihte «Titanic» vom Stapel gelassen wurde.
Am Montag nun wurde bestätigt, dass die Werft in Liquidation gehen wird. Samson und Goliath waren schon seit einiger Zeit mehr Denkmäler als Werkzeuge. Passenderweise gibt es bereits ein Museum für die «Titanic», gleich daneben. Die Werft selbst ist in den letzten Jahren kontinuierlich geschrumpft, am Schluss beschäftigte sie gerade noch 130 Leute.
Damit kann man keine Ozeanriesen wie die «Titanic» und ihre Schwesterschiffe «Britannic» (die ursprünglich «Gigantic» heissen sollte) und «Olympic» bauen. So wurden Ölbohrplattformen und Windturbinen hergestellt und Schiffe repariert.
Identität statt Wirtschaft
Es geht also heute nicht um Wirtschaft, sondern um Identität. In ihren Glanzzeiten beschäftigte die Werft 35’000 Menschen. Belfast war das Kesselhaus der britischen Schwerindustrie, im Dreieck mit Glasgow und Liverpool.
Es geht auch nicht um Nordirland, es geht eigentlich nicht einmal um Belfast, sondern um Ost-Belfast, das überwiegend protestantisch ist. So auch die Belegschaft.
Für Katholiken, die mehrheitlich im Westteil von Belfast wohnen, war Harland & Wolff ein kalter Ort, dekoriert mit den politischen und paramilitärischen Insignien der Protestanten. Doch für diese waren die Werft und ihre Kräne der Brennpunkt ihres Stolzes und ihrer Identität. Ihnen wurden Balladen gewidmet, sie sorgten für die Familien von der Wiege bis ins Grab. Väter zogen ihre Söhne als Lehrlinge nach, Onkel ihre Neffen.
Das ist der Hauptgrund, warum der männliche Nachwuchs der protestantischen Arbeiterklasse bis heute schlechtere Maturnoten als der Durchschnitt schreibt und warum den Eltern der Bildungsehrgeiz für ihre Sprösslinge fehlt.
Arbeitsort für junge Protestanten
Es war für Generationen schlicht nicht nötig, sich dafür zu verbiegen; Harland & Wolff, der Textilmaschinenhersteller James Mackie & Sons, nach dem Zweiten Weltkrieg die Flugzeugfabrik Short Brothers – sie alle fielen in dieselbe Kategorie und beschäftigten junge Protestanten am Fliessband.
Alle diese Firmen sind verschwunden. Verbleiben tut einzig die kanadische Flugzeugherstellerin Bombardier mit ihren etwa dreieinhalbtausend Mitarbeitern, die Short Brothers übernommen hatte. Ihre vier nordirischen Fabriken stehen derzeit zum Verkauf.
Doch der angekündigte Tod der Schwerindustrie von Belfast hat das Verhalten der protestantischen Arbeiterfamilien nur marginal beeinflusst. Umso schmerzhafter ist wohl der endgültige Verlust von Harland & Wolff.