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In der ursprünglichen Vorstellung des Ayurveda ist der Mensch tief in der ökologischen Gemeinschaft seiner Lebenswelt verwurzelt.
Ebenso wie Tiere und Pflanzen in Verbindung stehen mit einer speziellen Landschaft und einem besonderen Klima, so steht auch der Mensch in umittelbarer Wechselwirkung mit der Landschaft in der er lebt. Aus dieser Verbundenheit ergibt sich, in der ayurvedischen Medizin, die grundlegende Bedeutung der Umwelt für das Wohlbefinden des Menschen.
Dass alle Gemeinschaften des Lebendigen den Lebensbedingungen einer bestimmten Gegend unterworfen sind, ist an sich ist noch nicht bemerkenswert. Doch die Vorstellung des Ayurveda geht noch tiefer. Wie der Anthropologe Francis Zimmermann schreibt, ist die Landschaft das Element, das die Leiblichkeit und die Natur aller Wesen bestimmt, die in ihr leben.
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Laut dem Autor der Charaka Samhita, sind alle Wesen, die in derselben Umgebung leben und sich von den Dingen ernähren, die diese Landschaft bereitstellt, mit denselben Qualitäten durchdrungen wie die Landschaft selbst.
Die Essenz (rasa) der Umgebung geht auf die Nahrung über; und der Mensch, der diese Nahrung aus einer bestimmten Gegend zu sich nimmt, nimmt damit auch deren Qualitäten (die sich positiv oder negativ auswirken können) in sich auf (Zimmermann: 1987).
Die Idee des Körpers als Analog der Welt - die Idee von Mikrokosmos und Makrokosmos - die immer wieder als zentrale und älteste Körpervorstellung im Ayurveda betont wird, erhält hier eine ganz handfeste Dimension. Der Körper des Menschen ist nicht nur ein Ab-Bild der ihn umgebenden Welt, sondern ist in gewisser Weise wesensgleich mit ihr (vgl. Wujastyk:2009).
In seiner Suche nach den Ursprüngen der ayurvedischen Medizin hat Francis Zimmermann entdeckt, dass sich die Konzepte des klassischen Ayurveda auf eine konkrete geographische Realität zurückführen lassen.
Jangala, das weite Land der heissen, halb-trockenen Ebene zwischen Indus und Ganges, war die zentrale Lebenswelt. Dieses Land konnte bewässert und fruchtbar gemacht werden und bildete in seinem Gegensatz zu den feuchten Grenzgebieten des Marschlandes, anupa, den zentralen Hintergrund für die Vorstellung, dass alle Dinge entweder trocken oder feucht, heiss oder kalt, nährend oder verzehrend sind (Zimmermann: 1987).
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Nach der genauen Analyse der klassischen ayurvedischen Schriften, spricht also sehr vieles dafür, dass die ursprüngliche Dualität, aus der die Ideenwelt des Ayurveda entsprungen ist, in der Landschaft, in der Erde selbst verwurzelt ist.
Zusammen mit der mittleren Region, sadharana, die zwischen den beiden extremen Klimaregionen liegt, ergibt sich eine dreifache, traditionelle Ökologie, die die Grundlage bildet für Vorstellungen von vata, pitta und kapha, von verschiedenen Geschmäckern, Qualitäten und pathologischen Faktoren. Im Laufe der Zeit hat sich diese Ideenwelt vermutlich immer mehr von den physischen Realitäten der drei geographischen Regionen gelöst und bildete ein immer komplexeres System von Vorstellungen aus dem sich schliesslich die verschiedenen Richtungen ayurvedischen Gedankenguts entwickeln konnten.
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Diese Weltsicht, die den Tiefen der ayurvedischen Medizin zugrunde liegt, ist zwar alt, aber keineswegs „out of date“. Tatsächlich kann sie uns auffordern, den Menschen innerhalb seiner gesamten Lebenswelt, als ein verbundenes Wesen, zu betrachten. Und sie regt dazu an, unser Verhältnis zu unserer unmittelbaren natürlichen Umgebung zu pflegen und zu erforschen; zu der Landschaft, in der wir leben. Ganz im Sinne einer „Ökologie des verkörperten Menschen“ (Chakravarthi, 2018).
Bei diesem Blick auf den Menschen ist sein „Körper“ nicht von den Grenzen der Haut bestimmt, sondern Körperlichkeit ist fliessend. Gesundheit ist kein Zustand, sondern eine Bedingung, die sich ständig ändert und von der Verbundenheit mit der individuell unterschiedlichen Umwelt (mit)bestimmt wird. Jeder von uns ist aktiv eingebunden in ein Netz von Beziehungen, Handlungen und Wirkungen, die uns mit der Landschaft, der Tier-und Pflanzenwelt und den Mitmenschen - mit der Welt an sich - verbinden.
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References:
Ram-Prasad Chakravarthi - Human Being, Bodily Being. Phenomenology from Classical India. Oxford Univ. Press, 2018-10-27
Dominik Wujastyk - The Concepts of the Human Body and Disease in Classical Yoga and Ayurveda. Archiv für Indische Philosophie, 2009
Francis Zimmermann - The Jungle and the Aroma of Meats. An Ecological Theme in the Hindu Medicine, Univ. of California Press, 1987