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Sagenumwoben sind der Hügel und seine nähere Umgebung. Die Lage der Kirche auf dem Staufberg erinnert mehr an eine Wallfahrtskirche als an eine Gemeindekirche. Leider fehlt uns eine zuverlässige Kunde über den Bau des Gotteshauses. Umso leichter konnte die Sage ihre feinen Fäden spinnen.
Eine sogenannte Wanderlegende berichtet über den Kirchenbau:
«Zu einer Zeit, da die Stadt Lenzburg noch ein Dorf war und mit den Nachbarorten Staufen, Schafisheim und Niederlenz eine Gemeinde bildete, war man übereingekommen, die Kirche zu bauen an einem Punkt, der gleich weit von den ebengenannten Dörfern entfernt wäre. Man wählte dazu eine Stelle auf dem Lenzhardfelde, die jetzt noch wohl bekannt ist und durch ihre muldenförmige Austiefung des Bodens auf die Gestalt eines Kirchenschiffes hinweist. Dieser Platz liegt unfern dem alten Hochgerichte zu den Fünflinden und hält die Mitte zwischen Lenzburg, Niederlenz, Staufen und Schafisheim. Balken und Gestein waren herbeigeschafft. Am folgenden Tag sollte der Bau beginnen. Doch als die Arbeiter herankamen, war das ganze Baumaterial verschwunden und erst nach zwei Tagen meldeten die Leute aus dem Dorfe Staufen, dasselbe liege alles droben auf der Spitze des Berges. So baute man die Kirche auf dem Staufberg und weihte sie dem heiligen Nikolaus.»
In einer anderen Form der Legende heisst es, dass die Bauleute die Balken zuerst wieder vom Berg an den bestimmten Bauplatz getragen hätten. Doch als am folgenden Tag das Baumaterial wieder verschwunden war und schliesslich auf dem Staufberg gefunden wurde, hiess es laut und leise im Volk: «Engel haben die Balken auf den Staufberg getragen. Darum muss auch die Kirche dort gebaut werden.»
Diese Legende kann nichts anderes bedeuten als eine Erklärung für die merkwürdige und für die Bevölkerung so ungünstige Lage der Kirche. Sachgemäss ist wohl die einfache Annahme, dass die Kirche da gebaut wurde, wo von alters her eine Gebetsstätte der Gegend war, dort wo wahrscheinlich ein heidnischer Altar stand, und wo später die Christen das erste Kreuz aufrichteten und sich zum Gottesdienst versammelten. Das älteste Gotteshaus war wohl klein, aus Holz gebaut und mit Stroh bedeckt.
In die Zeit des ersten Gotteshauses zurück weist auch die Sage vom Begräbnis des Herrn von Leutwil auf dem Staufberg: «Da die Leichenträger sich unterwegs betrunken hatten, liessen sie beim Aufstieg zum Berg den Sarg fallen, so dass er weit hinunterrollte. Zur Strafe müssen die Geister der unzuverlässigen Leichenträger jeden Monat einmal um Mitternacht auf den Staufberg wandern, wo am ehemaligen Grab eine Totenmesse gehalten wird. Wenn der nächtliche Zug an den Bettenthalerhöfen vorbeizieht, dann hören die Bewohner heute noch ein Rasseln und Poltern.»
Aus dem Buch «900 Jahre Staufberg», Chronik einer aargauischen Kirchgemeinde von Pfarrer Karl Schenkel, erschienen im Zwingli-Verlag Zürich (1942)
Eine Beinahe-Katastrophe auf dem Staufberg zum Choralvorspiel zu «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» von Johann Sebastian Bach
Kirche Staufberg, 1. Juli 1953 – Ein markerschütternder metallischer Knall, ein gleichzeitiger sonnenheller Blitz, - etwas später die Kirche verdüstert mit grauem Rauch, die Fenster kaum mehr zu sehen.
Was war geschehen?
Ich war damals Seminarist und Schüler von Karl Grenacher, sass wie schon oft auch an diesem Mittwochnachmittag auf der Orgelbank in der Kirche Staufberg. Auf dem Notenpult lag das «Orgelbüchlein» von Johann Sebastian Bach, aufgeschlagen war Nr. 40, Choralvorspiel zu «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ», f-moll, für zwei Manuale und Pedal. Auf dem 1. Manual erklang mit einer Zungenstimme die Choralmelodie, auf dem 2. floss mit einer Flötenstimme die ruhige Wellenbewegung der Sechzehntel, und im Pedal schritten gleichmässig die Achtel dazu. Ich liebte diese choralgebundene Musik. Sie bedeutete mir viel in einer Phase der Selbst- und Glaubensfindung. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, auch im Vorspiel den Choraltext mitzudenken, so auch diesmal. «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, ich bitt, erhör mein Klagen. Verleih mir Gnad zu dieser Frist, lass mich doch nicht verzagen.»
Es war ein schwüler Nachmittag, Gewitterwolken zogen auf, in der Kirche wurde es düster.
Ich gedachte bald aufzuhören, wollte aber das Vorspiel noch zu Ende bringen. Nach dem Wiederholungszeichen die Worte: «Den rechten Glauben, Herr, ich mein, den wollest...», Takt 9, Mitte, da geschah, was am Anfang dieses Berichtes steht.
Wieder bei voller Besinnung war mein erster klarer Gedanke die Frage: «Feuer?» – Kein Feuer! Ich rannte die Treppe hinunter, eilte zur Kirche hinaus, da erschien auch schon die Sigristin in höchster Aufregung. Das Wichtigste: kein Feuer! Und für die Sigristin: Ich lebte noch! –
Wie war es geschehen?
Der Blitz hatte zwar in den Blitzableiter eingeschlagen, fuhr aber nicht in den Erdboden, sondern sprang über auf die nahebei installierte elektrische Haupt- Zuleitung, erreichte über diese das Tableau mit allen Zählern, Sicherungen und Schaltern im Kircheninnern, direkt unter der Holzempore. Die enorme Hitze verkohlte alle Isolationsteile, verwandelte diese in schweren Rauch, und das geschmolzene Metall der Gehäuseteile brannte sich in den Holzboden ein. Und dabei blieb es.
Ein Feuer wäre die totale Katastrophe gewesen. Empore, Orgel und Holzdecke hätten im Nu gebrannt, und das Feuer hätte schnell das Dachgebälk erreicht. An ein Löschen des Brandes wäre nicht zu denken gewesen. - Die Staufbergkirche war durch ein Wunder von einem Grossbrand verschont geblieben. Ich selber und meine Familie, Trudi, – das ich seit vier Monaten kannte, und das meine Frau fürs Leben werden sollte, – wir alle hatten für mein Leben und für meine Unversehrtheit zu danken.
Ein paar Tage lang, bis alle elektrischen Installationen wieder erneuert waren, blieb die Kirchenuhr auf 15.15 Uhr stehen. Der Holzboden wurde durch einen Steinboden ersetzt und die Schalter- und Zähleranlage verlegt.
Es versteht sich von selbst, dass ich jedes Jahr am 1. Juli an dieses Ereignis denke, oftmals auch genau um 15.15 Uhr.
Ernst Weber, pensionierter Lehrer in Lenzburg
Die Seite aus Johann Sebastian Bachs «Orgelbüchlein» mit dem Choralvorspiel zu «Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ» mit
dem handschriftlichen Stern und dem Vermerk von Ernst Weber: «Am 1.
Juli 1953 schlug an dieser Stelle der Blitz in die Kirche ein. Zeit
15.15»