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Ohne Arbeit geht es nicht. Vielfach ist sie Last und zuweilen Vergnügen. Ein Sammelband dokumentiert aktuelle Debatten und Kämpfe um eine «gute Arbeit». Er ist geradezu ein Standardwerk.
Sprache und Arbeit sind jene beiden Merkmale, die am häufigsten herangezogen werden, um Menschen von Tieren zu unterscheiden. «Das arbeitende Tier» hat Hannah Arendt den Menschen in ihrem Werk «Vom tätigen Leben» genannt. Das macht ihn auch zum sozialen Wesen. Die Gesellschaft finde erst ihr Gleichgewicht, wenn sie sich um die Sonne der Arbeit drehe: So zitiert Beat Ringger in seinem Aufsatz «Die Sonne der Arbeit» einen Satz von Karl Marx. Aber welche Arbeit ist da gemeint? Und wie soll sich welche Gesellschaft darum drehen? Das sind die Ausgangsfragen eines Sammelbands zur Arbeit, den der Schweizer Thinktank Denknetz kürzlich vorgelegt hat.
Diese elende sinnlose Plackerei. Dieses beglückende gelingende Schaffen. Arbeit kann beides sein. In kapitalistischen Industriegesellschaften ist sie als Lohnarbeit dominant geworden; dabei wird ebenso viel unbezahlte Arbeit geleistet. René Levy zeigt, wie die zentrale Stellung von Lohnarbeit die Ungleichheit in der Schweiz verfestigt. Ansatzweise kann er auch erklären, warum Lohnarbeit in der Schweiz noch zentraler ist als in den Nachbarländern.
Grundlagen
Zuvor wird in drei Grundsatzartikeln das Feld abgesteckt. Willy Spieler dokumentiert die sozialethische Tradition, die sich um eine Demokratisierung der Wirtschaft bemüht. Diese will den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital herstellen. Dabei wird nicht nur ein Recht auf Arbeit gefordert, sondern ein Recht aus Arbeit: auf die Früchte der eigenen Tätigkeit. Beat Ringger schreibt über die unterschiedliche Produktivität verschiedener Tätigkeitsbereiche. Zum Überleben und zum Leben notwendig sind viele Arbeiten, doch im Profitsystem wird auch ihre Form zum Zwang. Dagegen gilt es, «die Arbeit in das Stoffliche zu befreien», sie auf ihren Inhalt und ihren Sinn zu befragen. Als Beispiel führt Ringger das US-amerikanische Gesundheitswesen an, das grosse Verwaltungskosten und administrativen Leerlauf produziert, weil es, kapitalistisch organisiert, diese Kosten abzuwälzen vermag.
Schliesslich rückt Mascha Madörin, unermüdlich und immer wieder augenöffnend, die Care-Ökonomie und die Sorgearbeit ins Zentrum. Sie betrachtet sie nicht nur als zunehmendes Problem unserer Gesellschaften, sondern als konkreten Arbeitsprozess und fragt sich, wie diese anforderungsreiche, intime Beziehung zwischen Menschen organisiert werden könnte und wie das alles mit den Geschlechterverhältnissen zusammenhängt. Iris Bischel liefert dazu eine Veranschaulichung: Sie beschreibt in einem dokufiktionalen Beispiel die 17 Stunden Arbeit im 24-stündigen Tag einer teilzeitlich berufstätigen Frau mit schulpflichtigen Kindern. Überhaupt die Geschlechterverhältnisse: Sie sind in allen Texten dieses Sammelbands präsent.
Gerade auch in jenen Artikeln, die konkret die zentralen globalen Auseinandersetzungen um eine Arbeit ohne Knechtschaft dokumentieren. Sie zeigen, warum die internationale Arbeitsteilung die Länder des Südens in der Abhängigkeit hält. Wie Sans-Papiers die Schweizer Haushalte und MigrantInnen die Schweizer Landwirtschaft am Laufen halten. Wodurch die Modehäuser die globale Textilindustrie zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen zwingen. Wie die Spitex und die private Altersbetreuung unter Zeit- und Verwertungsdruck geraten (vgl. «Mehr Arbeit, weniger Geld und noch weniger Zeit»). Was sozialstaatliche Massnahmen auf dem Arbeitsmarkt bewirken und was nicht. Das ist nicht immer ganz neu, aber eine überzeugende Zusammenfassung und Dokumentation. Man kann geradezu von einem Standardwerk sprechen.
Perspektiven
So weit, so handlich. Und dann kommt das fünfte Kapitel: Perspektiven. Also was wir brauchen und wie wir es erreichen können. Ruth Gurny ruft in Erinnerung, wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schon vor langer Zeit Kriterien für eine «gute Arbeit» definierte, aus denen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) seinen hilfreichen Index «Gute Arbeit» entwickelt hat. Christa Luginbühl analysiert die Clean Clothes Campaign als Beispiel einer sozialen Kampagne, die internationale und nationale Aspekte und Bewegungen verbindet, auf grundsätzliche Fragen zielt und zugleich mit konkreten Forderungen gegenüber Modefirmen, Unternehmen und Regierungen auftritt. Willy Spieler dokumentiert historische und aktuelle Beispiele erfolgreicher Genossenschaften. Johannes Wickli entwickelt Vorstellungen einer Wirtschaftsdemokratie im Betrieb, aber auch als gesamtgesellschaftliche Rahmenplanung. Die Fachgruppe «Sozialpolitik, Care-Ökonomie und Arbeit» des Denknetzes macht kritische Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen und propagiert ein «bedingungsloses Sabbatical», das heisst drei Jahre Auszeit für jedes Arbeitsleben – ein Vorschlag, der anschaulich und detailliert durchgerechnet ist. Zum Abschluss skizziert die Fachgruppe 24 sozialpolitische Forderungen, von unmittelbaren Schutzmassnahmen der Arbeitenden über Massnahmen gegen Diskriminierungen und Verbesserungen der individuellen Perspektiven bis zur Wirtschaftsdemokratie.
Einige der Ziele sind also klar. Die Wege dorthin werden steiniger.