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Glaube und Denken müssen nicht als Konkurrenten betrachtet werden. Sie können einander fruchtbar ergänzen. «Fides quaerens intellectum» (Der Glaube sucht nach Einsicht), so hat es der Theologe und Bischof Anselm von Canterbury bereits im Mittelalter formuliert. Ihn hat vor allem die Frage umgetrieben, warum Gott Mensch geworden ist. Denkerisch hat er nach einer Antwort gesucht.
Glaube und Denken müssen nicht als Konkurrenten betrachtet werden. Sie können einander fruchtbar ergänzen. «Fides quaerens intellectum» (Der Glaube sucht nach Einsicht), so hat es der Theologe und Bischof Anselm von Canterbury bereits im Mittelalter formuliert. Ihn hat vor allem die Frage umgetrieben, warum Gott Mensch geworden ist. Denkerisch hat er nach einer Antwort gesucht.
Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass die jeweiligen Erfahrungen und die denkerischen Horizonte von Menschen sich im Laufe der Zeit verändern (können). Wie das Denken ist auch der Glaube stets in seinem geschichtlichen und biografischen Kontext zu betrachten. Glaubenssätze also sind nicht in dem Sinne ewig und allgemeingültig, dass sie von einer Generation zur nächsten wörtlich weitergegeben werden könnten. Wer beispielsweise kirchliche Lehren oder Sätze von Theolog:innen zitiert, kommt nicht umhin zu fragen: In welcher Zeit sind diese Aussagen entstanden? Wie sahen Leben, Denken und Glauben damals aus? Welche Erfahrungen stecken (möglicherweise) dahinter?
Am Beispiel der Erlösungslehre Anselm von Canterburys (1033-1109) lässt sich gut veranschaulichen, wie der zeitgeschichtliche Kontext die Theologie prägt – und was passieren kann, wenn sich die denkerischen Voraussetzungen im Laufe der Zeit wandeln und ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Die mittelalterliche Weltordnung
Anselm lebte in einer Zeit, die vom Vasallenwesen bestimmt war: In der gesellschaftlichen Hierarchie gab es Lehensherren, welche Macht und Ländereien besassen. Als Eigentümer konnten sie Land und Ämter an sog. Lehensmänner verleihen. Mit einer solchen Gabe waren auch Schutz und Unterhalt garantiert. Im Gegenzug schuldeten die Lehensmänner ihren Lehensherren Treue und Gehorsam und waren ihnen zu Dienst, Rat und Hilfe verpflichtet.
Das Zusammenwirken dieser beiden Seiten war rechtlich genaustens geregelt. Als der Höhere von beiden war der Lehensherr Garant der gesellschaftlichen Ordnung. Wo seine Stellung, sein Besitz oder seine Ehre verletzt werden, da wird die gesellschaftliche Ordnung als solche bedroht, weil das hierarchische Gleichgewicht aus den Fugen gerät. In dieser Logik wiegt ein Delikt eines Tiefergestellten gegenüber einem Höheren schwerer als gegenüber einem Gleichgestellten. Und bei einem Delikt wird längst nicht nur Besitz veruntreut, sondern es geht dabei immer auch um die Ehre des Höheren, welche verletzt wird. Diese Ehre muss wieder hergestellt werden, damit die gesellschaftliche Ordnung wieder ins Lot kommt.
Die theologische Tradition
Neben dem beschriebenen germanisch-feudalen Lehensrecht war Anselms Denken auch geprägt von älteren Theologen: Von Paulus hat Anselm den Gedanken übernommen, dass Jesus am Kreuz für uns gestorben ist und die Menschheit dadurch aus der Macht der Sünde befreit hat. Auch der Gedanke des Kirchenvaters Augustinus (354-430), dass das Unheil über die (Erb-)Sünde in die Welt gekommen ist und von Generation zu Generation weitergegeben wird, hat Eingang gefunden in Anselms Überlegungen.
Als Theologe wollte Anselm den Tod Jesu – die Frage: Warum musste Jesus sterben? – logisch klären. Ausgehend von Augustinus und vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Weltordnung schien ihm klar: In der Weltordnung zeigt sich die göttliche Ordnung. Denn die Welt selbst, so wie sie ist, beruht auf Gottes Willen. Nun ist aber Gott – der allerhöchste Lehensherr – durch die Sünde Adams verletzt worden. Dadurch ist die Ordnung der Welt aus ihrem Gleichgewicht geraten. Dies sieht man etwa daran, dass das Gute längst nicht immer die Welt und das menschliche Leben bestimmt.
Anselms Logik
Als Herr der gesamten Schöpfung gebühren Gott Ehre und Unterwerfung. Wo Menschen sündigen und gegen die vorgegebene Ordnung verstossen, da verletzen sie die göttliche Ehre. Gemäss dem mittelalterlichen Standesdenken muss der für Gott dadurch entstandene Schaden wieder gutgemacht werden. Das Lehensrecht sieht dazu zwei Möglichkeiten vor: Entweder ist der Schuldner zu bestrafen, oder er muss eine Genugtuung (lateinisch: Satisfactio) leisten. Mit letzterem ist eine aktive Aufarbeitung der Schuld gemeint, was dann auch zu einer friedlichen Konfliktlösung führt.
Bei beiden Wegen gibt es in Bezug auf Gott ein Hindernis: Eine Strafe müsste – laut Anselm – aufgrund der Schwere menschlicher Schuld so gross sein, dass sie einer Verdammung gleichkäme. Dies sei jedoch keine Option, weil Gott ja die ewige Seligkeit der Menschen will. Und eine Genugtuung ist nicht möglich, weil – aufgrund des Standesunterschieds zwischen den Menschen und Gott – keine menschliche Handlung in der Lage sei, die Schwere der Ehrverletzung Gottes aufzuwiegen.
Für Anselm ergibt sich ein Dilemma: Der Mensch schuldet Gott Genugtuung, ist aber nicht fähig, diese zu leisten. Nur Gott selbst könnte den geforderten Ausgleich leisten, und so zieht Anselm den in seiner Zeit logischen Schluss, dass Gott Mensch geworden ist, um als schuldloser Mensch für die in Schuld geratene Menschheit in die Bresche zu springen. Jesus hat sein Leben freiwillig hingegeben und damit den in seiner Ehre verletzten Gott ausgesöhnt. Folglich hat der Tod Jesu erlösende Wirkung, indem er den Menschen den Zugang zum göttlichen Heil wieder eröffnet und das Gleichgewicht der Schöpfungsordnung wieder herstellt.
Stolpersteine
Ganz so bestechend, wie Anselms Logik in seiner Zeit schien, war sie schon damals nicht. Dass Jesu Versöhnungstat im Tod endete, passte nicht ins System. Denn eigentlich zielte die Wiedergutmachung ja gerade auf eine friedliche, unblutige Konfliktlösung. Auch die Tatsache, dass die Welt nach Jesu Leben und Sterben nicht zu einem besseren Ort geworden ist, dürfte Anselms Erlösungslehre schon damals in Frage gestellt haben.
Bereits ab dem 13. Jahrhundert war das feudale System von Ehre und Genugtuung für viele Menschen keine Realität mehr – und damit nicht mehr nachvollziehbar. Anselms Theologie ging zwar tief und folgenreich in die Geschichte ein, doch der Kontext dieser Theologie wurde bald nicht mehr verstanden. Das hatte verheerende Konsequenzen: Weil der für Anselms Zeit zentrale Unterschied zwischen Strafe und Genugtuung nicht mehr gesehen wurde, deutete man fortan Jesu Tod im Sinne einer Strafe für die Sünden der Menschheit: Der strafende Richtergott fordert das Leben seines Sohnes. Fliessendes Blut lässt auf Rache schliessen. Jesu Heilstat bestand demnach darin, den Zorn Gottes zu besänftigen.
Die christliche Erlösungslehre hat sich infolgedessen auf die Themenbereiche Opfer, Leiden und Kreuz verengt und dabei Wesentliches von Gottes Menschwerdung aus dem Blick verloren: das Leben Jesu, die Art und Weise, wie er Gott den Menschen in seinem Handeln vergegenwärtigt hat, sowie seine Auferstehung. Erlösung erschien fortan als äusserliches Geschehen von Kreuz und Tod, wobei auch ein Leistungsdenken Eingang in die Theologie gefunden hat: Das Heilsgeschehen funktioniert in der Logik des Zurückzahlen-Müssens. Gott selbst erscheint quasi als Sklave dieser Ordnung, denn er kann gar nicht anders, als von der Menschheit die nötige Genugtuung zu fordern.
Neue Horizonte
Auch wenn die denkerischen Voraussetzungen, welche für Anselm logisch waren, durch gesellschaftliche Veränderungen bald ihre Logik einbüssten, blieb Anselms Gedankengut im Christentum dennoch für lange Zeit äusserst prägend. Bis heute spielt die menschliche Schuld etwa in der Liturgie eine zentrale Rolle. Und bis heute provoziert das Bild von einem beleidigten Gott, der sich erst durch den Tod seines Sohnes versöhnen lässt, dass Menschen mit einem solchen Gott (zu Recht) nichts mehr anfangen können – und sich vom christlichen Glauben distanzieren.
Dass es auch anders geht und jede Zeit darum ringen kann und muss, was «Erlösung» bedeutet, wird bereits im Mittelalter greifbar: Der Theologe Petrus Abaelard (1079-1142) hat bewusst einen anderen Zugang als Anselm gewählt. Er hat Erlösung nicht nur mit Blick auf das Kreuzesgeschehen gedeutet, sondern im gesamten Leben Jesu Spuren dafür gesucht und gefunden. So war für ihn das entscheidende Stichwort nicht «Sühne», sondern «Liebe»: Sie ist es, die die Menschheit verwandelt, erlöst, versöhnt. Bei der Liebe handelt es sich auch nicht um eine Leistung, die eingefordert werden kann, sondern um einen Akt personaler Hingabe. Gott schenkt sich dem Menschen, wobei sich dieses Geschehen nicht über die reine Logik ergründen lässt, wohl aber im konkreten Leben erfahren werden kann.1
- Bildnachweise: Titelbild: «Kinder ihrer Zeit.» Theologische Denkmuster genau betrachten. Sky Mirror, Himmelsspiegel, Installation von Anish Kapoor im Palazzo Manfrin, Venedig 2022. Bild: Andreas Krummenacher / Bild 1: Maria erscheint Anselm von Canterbury, Kloster Ossiach, Josef Ferdinand Fromiller. Wikimedia Commons / Bild 2: Diemittelalterliche katholische Kirche St. Michael in der Stadt Bevagna, Umbrien, Italien. Unsplash@gabiontheroad / Bild 3: Wandmalerei von zwei Figuren, die sich umarmen. Unsplash@j0rt / Bild 4: Sieben goldene Schalen mit dem Zorn Gottes werden von dem Löwen, einem der vier lebenden Wesen, an sieben Engel verteilt, mittelalterliche Handschrift. Wikimedia commons / Bild 5: Ein Geschenk aus Liebe. Unsplash@towfiqu999999.