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«Das universale Wort spricht nur Dialekt»
Integration in fremde Kulturen
Von Anfang an hat das Christentum Symbole aus benachbarten Kulturen integriert und gleichzeitig auch deren Symbolsprache beeinflusst. Diese über all die Jahrhunderte kulturübergreifenden Interaktionen haben faszinierende Synthesen hervorgebracht.
Ein beachtenswertes Beispiel einer solchen Synthese stammt aus der Zeit, als das nestorianische Christentum in China auf den Buddhismus traf: Auf der Stele von Xian (ca. 738) sind Kreuz und Lotus vereint zu finden.
Ein Blick auf den indischen Subkontinent illustriert vielfältige Entwicklungen, sowohl in der Vergangenheit wie der Gegenwart. Bereits ab ca. 40 n. Chr. zeigt sich eine erste Form von Christentum, das sich auf den Apostel Thomas beruft und weitgehend unbefangen mit der lokalen Kultur in Kontakt tritt. Historisch gut dokumentiert ist die Phase positiver Kulturbegegnungen im aufstrebenden, islamisch geprägten Mogulreich Ende des 16. Jahrhunderts. Herausragend war Akbar der Grosse. Seine Dynastie hatte ihren Ursprung ausserhalb von Indien in Zentralasien.
Er war sich bewusst, dass er seine Vormachtstellung nur durchsetzen konnte, wenn er die lokale Kultur und Religion der von ihm unterworfenen Bevölkerungsgruppen in seinem Reich integrierte. Nachdem die Europäer erste Handelsstützpunkte in Indien errichtet hatten, bemühte sich Akbar auch um den Austausch mit portugiesischen Handelsleuten und ihrem römisch geprägten Christentum, das sich durch die, sie begleitenden, Missionare auszubreiten begann.
Welche Elemente der ursprünglichen Religion übernehmen?
In dieser Phase ergaben sich, sobald lokale Gemeinden von lokalen Neuchristen entstanden, wesentliche Spannungen. Die Konvertiten brachen in der Regel radikal mit ihren vorhergehenden religiösen Gebräuchen. Es stellte sich darum die Frage, ob und welche Elemente der ursprünglichen Religion und Kultur, die nun distanziert als heidnisch betrachtet wurde, die Konvertiten in ihre neue Identität als Christen integrieren konnten? Auch unter den europäischen Missionaren gab es unterschiedliche Auffassungen. Ob eine lokale Tradition als religiös zu interpretieren ist oder als kulturell, führte zum sogenannten Ritenstreit.
Rom untersagte 1742 den Missionaren in China lokale kulturelle Ausdrucksformen, wie zum Beispiel die Ahnenverehrung, in ihre Missionsmethoden zu integrieren. Ab 1744 galt dieses Verbot auch für die Missionare in Indien. Erst seit dem apostolischen Schreiben «Maximum illud» von 1919, also vor bald hundert Jahren, wird eine positive Öffnung für den Eigenwert fremder Mentalitäten und kulturellen Ausdrucksformen auch von kirchenamtlicher Seite gefördert: Wenn die Kirche wahrhaftig katholisch sein wolle, dürfe sie «keinem Volk und keiner Nation eine Fremde» sein.
Die Betonung liegt auf der lokalen Situation
Das Vatikanum II initiierte auch in diesem Bereich ein Paradigmenwechsel. Bisher wurde das Prinzip der Akkommodation (siehe auch Artikel S. 14) angewendet: Es verstand das Christentum als mehr oder weniger feststehende Grösse und versuchte, dieses in anderen Kulturen anzupassen, zu adaptierten. Nach dem Vatikanum II entwickelte sich das Konzept der Inkulturation oder Interkulturation. Waren bei der Akkommodation die Missionare aus dem Westen die Handelnden, werden bei der Inkulturation der Heilige Geist, die örtliche Gemeinde und vor allem die Laien als Hauptakteure gesehen. Der Akzent liegt nun wirklich auf der lokalen Situation. Pedro Casaldáliga, Altbischof von São Félix in Brasilien, brachte es auf die Formel: «Das universale Wort spricht nur Dialekt.»
Inkulturation folgt bewusst dem theologischen Konzept der Inkarnation: Kirche wird in jedem neuen Kontext und in jeder neuen Kultur neu geboren. In dieser Bildsprache bleibend, ergeben sich bis in die Gegenwart hinein «Geburtswehen» im Findungsprozess um eine angepasste, lokale religiöse Kunst und Kultur.
Nehmen wir als Beispiel erneut Indien: Einige von indischen Künstlern geschaffene Kunstwerke, die sich in Kapellen von Ordensgemeinschaften befinden, wurden von offizieller Seite kritisch hinterfragt, weil sie an die Grenzen dogmatischer Festlegungen der Lehre gingen.
Um den Stellenwert christlicher Kunst in Indien verstehen zu können, müssen wir sowohl die Missionsgeschichte wie auch die gegenwärtig soziopolitische Situation mit bedenken. Die syro-malabarischen Christen im Süden Indiens, die ihren Ursprung auf den Apostel Thomas zurückführen, haben bis heute einen eher unbefangenen Umgang mit der traditionellen Kultur. Sie haben diese entsprechend in ihre Bildsprache integriert. Als tendenziell intolerant gegenüber der traditionell indischen Kultur erweisen sich die Christen, deren christliche Wurzeln in Missionierungsphasen vor dem Vatikanum II liegen. Bis heute ist erkennbar, dass ihre christliche Identität auf einem radikalen Bruch mit der Kultur ihrer Vorfahren aufbaut. Die entsprechende Abwertung von all dem, was gemeinhin als heidnisch bezeichnet wird, hat sich tief eingeprägt.
Traditionell westliche Bildsprache gibt Identität
Auch in der Zeit nach dem Vatikanum II zeigen sich Spannungslinien. So stammen viele der neuen Christen der letzten Jahrzehnte aus den marginalisierten Bevölkerungsgruppen der Urbevölkerung (Adivasi) und der Dalit. Diese zwei Gruppen habe eine je eigene Kulturgeschichte und stehen vor verschiedenen Herausforderungen. Beiden wird bis heute – aufgrund der im indischen Kastenwesen ausgeprägten Sichtweise auf rituelle Reinheit – nur eine Randexistenz zugebilligt. Entsprechend attraktiv ist für diese Bevölkerungsgruppen das Christentum, da Jesus wiederholt die Ausgegrenzten in die Mitte stellt. Einmal zum Christentum konvertiert, haben sie kein Interesse, die kulturellen Formen der Kastengesellschaft zu übernehmen. Jesus kann in ihren Augen nicht aussehen wie ein Gott der Brahmanen.
Adivasi und Dalit suchen ihre Identität als indische Christen stärker in einer traditionell westlichen Form- und Bildsprache. Aus ihrer eigenen kulturellen Tradition bringen sie Elemente wie Trommeln und Tanzen ein in ihrer Weise, das Christentum zu leben.
Statt christliche Kunst mit Niveau oft nur Kitsch
Ein weiterer Punkt für die eher langsame Ausbreitung einer eigenständigen, indischen religiösen Kunst liegt in der politischen Grosswetterlage. Die «Safranisierung» (Safran-Orange gilt als Farbe des Hinduismus), eine seit einigen Jahrzehnten stärker werdende politische Hindu-Bewegung, wirft den Christen vor, dass ihre Religion keine Wurzeln hätte in der traditionell indischen Kultur. Eine Folge davon ist, dass in Indien seit mehreren Jahrzehnten kaum grössere, repräsentative Kirchen gebaut werden können.
Um sich versammeln zu können, bauen die Christen darum oft Mehrzweckhallen. Aufgrund ihrer einfachen Architektur und vielfältigen Nutzung werden derartige Versammlungsräume kaum von Künstlern gestaltet. Entsprechend finden sich meist in diesen Räumen nur sich an westlichen Vorbildern orientierte, kitschig fromme Bilder und Statuen ohne künstlerisches Niveau. Dies wiederum wird von den indischen Künstlern sehr bedauert, deren Werke kaum im öffentlichen Raum zu finden sind.
Toni Kurmann, SJ