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Elemente
Bernstein
[* 2] (»Brennstein«, v. niederdeutsch. bernen, d. h. brennen; auch Agtstein, Succinit, gelbe Ambra, gelbes Erdharz, lat. Succinum, Electrum), Mineral aus der Ordnung der Harze, findet sich in rundlichen, stumpfeckigen, knollen- und plattenförmigen Stücken eingewachsen, eingesprengt, auch in getropften und geflossenen Gestalten ganz wie Baumharz, ist wachs- bis honiggelb, gelblichweiß bis braun, in Sizilien [* 3] auch bläulich, smaragdgrün, violett, bisweilen geflammt, gestreift, fettglänzend, durchsichtig bis undurchsichtig, vom spez.
Gewicht 1,0-1,1 und der
Härte 2,0-2,5, entwickelt beim Reiben
Geruch und wird elektrisch, beim Erhitzen in
Öl weich und biegsam,
ist unlöslich in
Wasser, gibt an kochenden
Alkohol,
Äther und ätherische
Öle
[* 4] nur wenig ab, löst sich in
Benzol,
Chloroform und in
Alkohol, welcher sehr wenig
Kampfer enthält, hat die prozentische
Zusammensetzung des
Kampfers (C10H16O)
^[(C10H16O)] mit einem geringen Schwefelgehalt und besteht zu 9/10 aus dem in gewöhnlichen Lösungsmitteln unlöslichen
Bernsteinbitumen, Succinin, enthält außerdem in
Alkohol lösliches
Harz, ätherisches
Öl und
Bernsteinsäure.
Der
Bernstein schmilzt bei 280°, brennt mit rußender
Flamme,
[* 5] entwickelt, auf glühende
Kohlen geworfen, angenehm
aromatisch, eigentümlich stechend riechende
Dämpfe, gibt bei trockner
Destillation
[* 6]
Bernsteinsäure,
Bernsteinöl und
Wasser,
als Rückstand in
Terpentinöl und fetten
Ölen lösliches
Bernsteinkolophonium, welches bei stärkerer
Hitze dickflüssige,
braune Brenzöle und
Bernsteinkampfer liefert. Mit
Salpetersäure liefert Bernstein viel
Bernsteinsäure und etwas
Kampfer, mit
rauchender
Salpetersäure moschusartig riechendes
Harz, mit
Kalihydrat
Borneokampfer.
Bernstein findet sich in der Kreide- und Tertiärformation, [* 7] auf sekundärer Lagerstätte auch im Diluvium [* 8] und Alluvium. Er kommt vor im Schieferthon und Kohlensandstein, im plastischen und im bituminösen schieferigen Thon, im Cerithienkalk, im Sandstein, Gips [* 9] und in der sogen. Glaukonitformation des Samlandes, in den Lehm- und Sandschichten des Tieflandes, im Meeressand der Ostsee etc. Die Hauptfundorte sind die Nordküste Preußens [* 10] von Stralsund [* 11] bis Memel, [* 12] besonders die Frische Nehrung und die Küstenstrecke von Pillau bis Brüsterort, die Westküste von Dänemark [* 13] und Schleswig-Holstein [* 14] und die Küste des Nördlichen Eismeers.
Außerdem fand man in Sibirien, auf Unalaschka, Kadjak, Kamtschatka und Kanin, bei Helsingfors, in Portugal, [* 15] Spanien, Frankreich, in den Niederlanden, sehr schön feurigen und mit kräftigen Farbentönen an der östlichen Küste Siziliens, ferner an der Nordküste Afrikas, in Dalmatien, Ungarn, [* 16] Siebenbürgen, Rumänien, [* 17] Tirol, [* 18] Österreich, [* 19] Galizien, Mähren, [* 20] Böhmen, sehr verbreitet in Schlesien, [* 21] in Polen, Livland, [* 22] Kurland und in der Ukraine, in Brandenburg, [* 23] Hannover, [* 24] Sachsen, [* 25] Altenburg, [* 26] Mecklenburg, [* 27] Schweden, [* 28] England und Australien; [* 29] die ostindischen, afrikanischen und brasilischen Funde beziehen sich nicht auf echten Bernstein, sondern auf ähnliche fossile Harze, welche sich beim Anzünden leicht vom Bernstein unterscheiden lassen.
Bei weitem der meiste Bernstein wird von der Nord- und Ostsee ausgeworfen. An der preußischen Küste lösen die heftigen Nordweststürme den Bernstein von dem Meeresboden los und treiben ihn, in Seetang eingewickelt, mit den Wellen [* 30] dem Lande zu. In der Gegend von Palmnicken und Nodems im Samland wurden in einer Herbstnacht des Jahrs 1862: 2000 kg Bernstein gewonnen. Viel Bernstein wird im Samland gegraben. Die 47-63 m hohen Strandberge des Samlandes zeigen drei verschiedene Schichtensysteme. Auf einem durch viele Grünerdekörnchen (Glaukonit) grünlichgrau gefärbten Sand ruht eine Braunkohlenbildung mit lichtern Sanden und grauen Thonen und auf dieser diluvialer Mergel und Sand mit nordischen Geschieben.
Alle drei Schichtengruppen enthalten aber nur der untere grüne Sand führt ihn in reichlicher Menge und zwar in einer dunkel gefärbten thonig-sandigen Lage von 1,25-6 m Mächtigkeit, der sogen. blauen Erde, in Gesellschaft von Holzresten, Haifisch- und Saurierzähnen, Seekrabbenresten, Muscheln, [* 31] Seeigeln etc. Diese blaue Erde zieht sich am ganzen Nordstrand des Samlandes von Brüsterort bis Rantau fort und ist auch in Kranz nachgewiesen worden. Gegen S. senkt sie sich derart ein, daß sie bei Kraxtepellen schon 12,5 m unter See liegt. Da sie nun am Strand im allgemeinen nahe unter dem Meeresspiegel bekannt geworden ist und beinahe horizontal liegt, so muß sie, weil der Meeresgrund sich einsenkt, nicht fern vom Land aus dem Grund hervortreten, und dadurch erklärt sich der Bernsteinauswurf der See, welche an der blauen Erde nagt und den losgespülten Bernstein forttreibt.
Auch in frühern Erdperioden hat das Meer diese Lagerstätten abgetragen; daher findet sich der Bernstein z. B. in der Tuchelschen Heide in diluvialen Sandablagerungen mit Seetangresten, abgerollten Holzstücken und Steinen. Überhaupt gibt es in West- und Ostpreußen, [* 32] Hinterpommern und Posen [* 33] Forstreviere, wo jährlich nicht unbedeutende Quantitäten Bernstein aus dem Diluvium gegraben werden. Würde der heutige Bernsteinauswurf nicht von Menschen aufgelesen, so würden sich jetzt noch ganz dieselben strich- und nesterweisen Bernsteinablagerungen im Seesand bilden, wie sie sich an den genannten Orten, in der Mark, in Schlesien, bis ins Riesengebirge bei 424 m Seehöhe finden.
Schon früh hat man den Bernstein als das fossile Harz von Nadelbäumen erkannt, und durch die zahlreichen, gut erhaltenen Einschlüsse hat man ein ziemlich deutliches Bild von dem einstigen Bernsteinwald erhalten. Die eigentlichen Bernsteinbäume waren der unsrer Rottanne ähnliche Pinites succinifer, die mehr den Abiesarten entsprechenden Pinus eximius, Mengeanus und radiosus, der unserm P. strobus ähnliche und am häufigsten vorkommende P. strobianus und der unsrer Kiefer nur entfernt gleichende P. anomalus.
Der häufigste Baum des Bernsteinwaldes scheint eine Thuja gewesen zu sein, die mit unserm heutigen Lebensbaum völlig übereinstimmt. Außerdem enthielt der Wald viele Laubbäume, Pilze, [* 34] Flechten, [* 35] Moose, [* 36] ein Farnkraut, die Heidelbeere, viele Heidekräuter etc. Die Bernsteinbäume können in ihrem Harzreichtum mit der neuseeländischen Dammara australis verglichen werden, deren Zweige und Äste von weißen Harztropfen so starren, daß sie wie mit Eiszapfen bedeckt erscheinen. Das Bernsteinharz wurde teils an den Wurzeln der Bernsteinbäume ausgeschieden oder angesammelt, teils tropfte es von den Zweigen und ¶
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fiel auch wohl auf am Boden liegende Blätter, deren Form es im Abdruck erhalten hat. Auch die Bernsteinfauna ist in sehr zahlreichen Einschlüssen erhalten, weist Krustentiere, Tausendfüße, Spinnen, [* 38] Insekten, [* 39] eine Landschnecke, eine Vogelfeder und einen Büschel Fledermaushaare auf. Fische [* 40] und Amphibien fehlen gänzlich. Sämtliche Bernsteintiere sind Landtiere, aber ein einziges Bruchstück eines Seekrebses deutet doch auf die Nähe des Meers und die vielen Neuropteren auf den Wasserreichtum des Bernsteinwaldes. Über das Schicksal dieses Waldes wissen wir nichts; es läßt sich die Existenz von 100 Mill. Ztr. Bernstein berechnen, aber nirgends sind entsprechende Holz- oder Kohlenmassen zu finden, denn die Braunkohlenablagerungen des Samlandes stehen in gar keiner Verbindung mit dem Bernsteinwald.
Gewinnung. Handelssorten. Verarbeitung.
Man gewinnt den Bernstein durch Auflesen des von der See ausgeworfenen und geht auch bis 100 Schritt ins Wasser, um ihn mit großen Netzen, welche an langen Stangen befestigt sind, zu »schöpfen«. Der herantreibende Tang, welcher den Bernstein eingeschlossen enthält (Bernsteinkraut), wird mit den Netzen in der Mitte der überkippenden Welle aufgefangen, an den Strand geworfen und ausgesucht. Nächst dieser ältesten, schon von Tacitus beschriebenen Art der Bernsteingewinnung ist das Bernsteinstechen im Gebrauch.
Man wendet es an, wo große Steine in der Nähe des Strandes liegen, zwischen denen der Bernstein niederfällt; 4-5 Mann fahren bei klarer See in einem Boot hinaus, und während einer mit einem Speer den Bernstein zu lösen oder mit einem Haken den Stein zu wenden sucht, fängt ihn ein andrer mit einem Käscher auf. Bei Brüsterort, wo in 5-9 m Tiefe eine reiche Bernsteinablagerung vorhanden ist, hebt man die Steinblöcke mit Zangen und Flaschenzügen auf ein Floß und bewegt ein Netz mit scharfem Rand kratzend (schrapend) auf dem Grund hin und her.
Großartigere Resultate erzielt man im Kurischen Haff durch Baggerei, welche an der gefährlichen Küste bei Brüsterort nicht anwendbar ist. Die Firma Becker u. Stantien in Memel unternahm bei Schwarzort auf der Kurischen Nehrung diese Gewinnungsart mit 9 Dampfbaggern und 3 Handbaggern und gewann in einem Jahr 36,500 kg Bernstein im Wert von etwa 540,000 Mk. Unter diesem gebaggerten Bernstein findet man viele Kunstprodukte von der Art wie in den altpreußischen Grabstätten, den Hünengräbern.
Seit etwa 200 Jahren wird endlich auch Bernstein auf dem festen Lande durch Graben gewonnen, und diese Methode ist ergiebig geworden, seitdem man die blaue Erde als die eigentliche Lagerstätte des Bernsteins erkannt hat. Der Kubikfuß der blauen Erde enthält durchschnittlich 40 g B. Die Strandberge werden in der ganzen Höhe abgestochen, und während sich eine Arbeiterreihe mit Spaten rückwärts bewegt, sammeln die ihnen gegenüberstehenden Aufseher den bloßgelegten Bernstein Versuche, den Bernstein unterirdisch durch Bergbau [* 41] zu gewinnen, sind schon zweimal gescheitert, indem der sandige, lockere Boden zu große Schwierigkeiten bot und man in den Braunkohlensanden, nicht in der blauen Erde arbeitete.
Gegenwärtig, wo man durch den norddeutschen Braunkohlenbergbau lockere, lose Gebirgsmassen zu überwinden gelernt hat, erwartet man von dieser Methode sehr günstige Resultate. Die ganze Produktion des Bernsteins in Preußen [* 42] beträgt jährlich ca. 100,000 kg, wovon auf die Baggereien im Kurischen Haff 36,500, auf die Gräbereien im Samland 22,500, auf die Gräbereien im Binnenland 3-5000, endlich auf den Seeauswurf 36-38,000 kg kommen. Der Seeauswurf ist in den letzten 300 Jahren ziemlich gleichgeblieben. 50-60 Proz. des gewonnenen Bernsteins sind nur zu chemischen Präparaten und Räucherzwecken verwendbar.
Man unterscheidet den Bernstein im Handel nach Farbe, Reinheit, Größe und Form der Stücke, und um dies zu können, entfernt man zunächst die in der Regel vorhandene chagrinartig genarbte Verwitterungsschicht durch die Feile. [* 43] Stücke über ½ kg Gewicht kommen nur selten vor, das größte Stück Bernstein findet sich im königlichen Mineralienkabinett in Berlin, [* 44] es wiegt 6750 g und hat einen Wert von 30,000 Mk. Stücke über 75 g haben bei guter Farbe und nicht zu ungünstiger Form Silberwert, sie dienen zu Schälchen, Bechern, Nippsachen, flache Stücke (Fliesen) [* 45] zu Broschen etc. Der sizilische Bernstein wird in Catania zu Kreuzen, Rosenkränzen, Heiligenbildern verarbeitet. Nach der Farbe unterscheidet man den kreideweißen oder lichtgelben Knochen, [* 46] der reich an Bernsteinsäure ist, und dem besondere heilkräftige Wirkungen zugeschrieben wurden; durchscheinende, wolkige (flohmige) Varietäten und den ganz klaren Gelbblank und Rotblank; am geschätztesten ist der halbdurchsichtige bis durchscheinende Bastart, Bastardstein, von licht grünlichgelber Kumst- oder Weißkohlfarbe.
Man bearbeitet den Bernstein auf der Drehbank, [* 47] durch Schnitzen, Raspeln oder Feilen, auch mit der Laubsäge und poliert ihn mit Bimsstein, Kreide [* 48] und Wasser und durch Reiben mit dem Daumen oder überzieht Stellen, die nicht poliert werden können, mit Bernsteinfirnis. Durch Erhitzen in Öl kann man Bernstein vorübergehend so weich machen, daß er sich etwas biegen und in Formen pressen läßt (gegossener Bernstein, Braunschweiger Korallen); [* 49] milchiger Bernstein wird dabei durchsichtig. Der Hauptplatz für den Bernsteinhandel und seine erste Verarbeitung ist seit langer Zeit Danzig, [* 50] in zweiter Stelle Memel und Königsberg; [* 51] auch Stolp [* 52] in Hinterpommern, Lübeck, [* 53] Breslau [* 54] verarbeiten viel Bernstein; die großen Stücke gehen aber meist roh ins Ausland und werden in Konstantinopel, [* 55] Wien [* 56] und Paris [* 57] zu den schönsten Schmuckwaren, im Orient zu Pfeifenmundstücken und Bernsteinkorallen als Pferdeschmuck verarbeitet.
Bedeutend mehr Korallen werden aber seit alter Zeit anstatt des Geldes zu den Negervölkern Afrikas, den Eingebornen der Südseeinseln und Ostasiens gebracht. Als Surrogate und Verfälschungen des Bernsteins kommen Glas, [* 58] Kopal und Fabrikate aus Bernsteinabfällen vor, welch letztere man mit Hilfe von Schwefelkohlenstoff oder Äther in eine plastische Masse verwandelt oder mit einem Bindemittel unter hydraulischem Druck in Formen preßt (Ambroid). Die Entdeckung von Fälschungen ist bisweilen recht schwierig, am wichtigsten ist die Beachtung des spezifischen Gewichts, der Härte und der Löslichkeitsverhältnisse. Bernsteinabfälle dienen zur Bereitung von Bernsteinsäure, Bernsteinöl und Bernsteinfirnis. Geschmolzener Bernstein gibt mit 1½ Teil Schwefelkohlenstoff einen ausgezeichneten Schnellkitt.
Geschichtliches.
Der Bernstein stand bei den Alten in sehr hohem Ansehen. Schon lange vor Homers Zeiten erzählten die phönikischen Bernsteinhändler, daß im Nordwesten der Hesiodischen Erdscheibe sich in den Okeanos von den hohen Rhipäen (Alpen) [* 59] der Eridanus ergieße, an dessen Ausfluß [* 60] gewisse Bäume von der Hitze der vorbeischiffenden Sonne [* 61] Bernstein, genannt Elektron oder Sonnenstein, ausschwitzten. Homer spricht in der »Odyssee« von einem Halsband: »golden, besetzt mit Elektron, der strahlenden Sonne vergleichbar«. Die ¶
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Königsburg des Menelaos [* 63] glänzte von Gold, [* 64] Elektron, Silber und Elfenbein. Herodot teilt zuerst die Mythe vom Phaëthon mit, welche später Ovid in den »Metamorphosen« poetisch verarbeitet hat. Thales kannte die anziehende Kraft [* 65] des geriebenen Bernsteins und vergleicht dieselbe mit der des Magnets. Tacitus wußte, daß die Ästyer (Esthen), welche auf der rechten Küste des Suevischen Meers wohnen, den Bernstein, den sie selbst Glesum nennen, als Auswurf des Meers sammeln und an die Römer [* 66] verhandeln; er spricht von den Einschlüssen und hegt keinen Zweifel, daß Bernstein erhärteter Baumsaft sei.
Diodor, Strabon und Plinius haben alles zusammengestellt, was über den Bernstein damals bekannt war; nach Plinius soll man ihn Succinum genannt haben, um anzuzeigen, daß er aus dem Saft (succus) der Bäume entstanden sei, und Plinius selbst leitet ihn von einer Pinie ab. Schon Pytheas hatte zur Zeit Alexanders d. Gr. eine Entdeckungsreise unternommen, um die Heimat des Zinnes, des Bernsteins und köstlicher Felle zu erkunden; er erzählt, daß der Bernstein auf der Insel Abalus im Ozean, gegenüber dem germanischen Volk der Guttonen, von den Wellen angetrieben werde, aber er ist schwerlich über die Weser oder Elbe hinausgekommen, und so kann Abalus nicht auf das Samland bezogen werden.
Plinius spricht bestimmter und verlegt die Bernsteininseln, Glessarien oder Elektriden, ins Germanische Meer, gegenüber Britannien, so daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Alten Bernstein aus der Nordsee erhalten haben. Die erste sichere Andeutung der samländischen Küste gibt Dionysios von Halikarnaß, und wenn Plinius erzählt, daß die Germanen den Bernstein hauptsächlich nach Pannonien gebracht haben, von wo er durch die Veneter rings am Adriatischen Meer verbreitet wurde (daher die Fabel vom Ursprung des Bernsteins aus dem Po), so kann auch hierin wohl eine Hinweisung auf die Ostseeküste gesehen werden.
Daß Überlandhandel mit Bernstein schon in der vorrömischen Zeit stattgefunden habe, scheinen die Massenfunde bei Giebichenstein bei Halle [* 67] a. S. zu beweisen. Verarbeiteten Bernstein findet man in den Nekropolen Norditaliens, in den großen Gräberfeldern von Hallstatt und in süddeutschen Hügelgräbern. Epochemachend für den Bernsteinhandel war die Entsendung eines römischen Ritters durch Kaiser Nero. Wahrscheinlich wurde durch diese Expedition die bernsteinreiche Küste des ostpreußischen Samlandes dem römischen Handel erschlossen, der vorher auf den Zwischenhandel, namentlich der im nördlichen Elbgebiete wohnenden Teutonen, angewiesen war.
Durch diese in der Folge sehr lebhaften Handelsbeziehungen erklärt sich der große Reichtum der Provinz Preußen an römischen Fabrikaten. Der Bernstein war bei den Römern als Schmuckstein ungemein beliebt, auch schrieb man ihm Heilkräfte zu, und die Dichter, besonders Martial, sind seines Lobes voll. Auch in der merowingischen Zeit noch war der Bernstein als Schmuck sehr beliebt, wie dies zahlreiche in Gräbern dieser Zeit gefundene Perlen bezeugen. Mit dem immer mehr hervortretenden Übergewicht des Orients am Ende des ersten Jahrtausends unsrer Zeitrechnung bahnten sich auch Verbindungen für den Bernsteinhandel nach dem Orient an. Zeugen dafür sind die zahlreichen Funde an orientalischen (kufischen) Silbermünzen und Schmuckgegenständen, meistens aus dem 10. und 11. Jahrh. stammend.
Gegenüber der Klarheit der Alten bezüglich der wahren Natur des Bernsteins herrschte in der neuern Zeit viel Verwirrung. Agricola verwarf die Ansicht von der vegetabilischen Abstammung des Bernsteins vollständig, und Linné mußte dieselbe noch verteidigen. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die natürlichen und geologischen Verhältnisse des Bernsteins genauer erkannt, und durch die bis in die neueste Zeit reichenden Bemühungen von Schweigger, Aycke, Berendt, Göppert, Menge, Zaddach, Heer, Runge u. a. haben wir jetzt eine sehr vollständige Kenntnis derselben erlangt.
In den ältesten Zeiten war das Auflesen des ausgeworfenen Bernsteins jedermann erlaubt, erst die Bischöfe erkannten in dem »Börnstein«, lapis ardens, eine sehr ergiebige Einnahmequelle und ein geeignetes Steuerobjekt (die älteste Urkunde datiert von 1264). Die Deutschen Ritter beuteten das Bernsteinregal in größtem Maßstab [* 68] aus und gestatteten niemand, gefundenen Bernstein zu behalten oder auf eigne Rechnung zu vertreiben. Die erste Bernsteindreherinnung bildete sich 1534 in Stolp.
Unter den Markgrafen und Kurfürsten wurden besondere Bernsteingerichte gegen Unterschlagungen eingesetzt, und alle Strandbewohner mußten den Bernsteineid schwören. Sie erhielten als Entschädigung für die anstrengende und gefährliche Arbeit des Schöpfens nur das gleiche Maß Salz, [* 69] dessen sie bei dem Fischereigewerbe bedurften. Diese unnatürlichen Verhältnisse führten bald zur Verpachtung der Bernsteinnutzung an Danziger Kaufleute, welche alsbald die glänzendsten Resultate erzielten, den Handel bis Persien [* 70] und Indien ausdehnten und in vielen Städten Faktoreien einrichteten.
Dies verlockte aber die Regierung, die Sache wieder selbst in die Hand [* 71] zu nehmen, und noch oft wechselten seitdem Verpachtung und Selbstverwaltung miteinander ab. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurde der Bernsteineid abgeschafft, und Friedrich Wilhelm III. überließ 1837 die ganze Bernsteinnutzung von Danzig bis Memel gegen eine Pauschalsumme von 30,000 Mk. den Adjazenten und Strandgemeinden; erst seit 1866 wurde die Gräberei in den Strandbergen, welche etwa seit 200 Jahren betrieben wird, wieder besonders verpachtet.
Gegenwärtig ist der in ganz Ostpreußen und am westpreußischen Strand, mit Ausnahme des Stadtgebiets Danzig, vorbehaltenes Eigentum des Staats. Für die Strandstrecke von Danzig bis Memel bezieht derselbe die oben genannte Pachtsumme, er verpachtet die Bernsteingräbereien in den Strandbergen auf eignen und Privatgrundstücken und die Baggerei im Kurischen Haff. Jeder Grundbesitzer in Ostpreußen muß den auf seinem Grundstück gefundenen Bernstein gegen gesetzlichen Finderlohn (1/10 des Wertes) abliefern, wenn er sich nicht ebenfalls durch Zahlung einer Pacht von dieser gesetzlichen Verpflichtung befreit.
Eine bedeutende Einnahme des Staats aus diesem Regal steht aber den mannigfachen Beschränkungen, welche die Regalverwaltung mit sich bringt, nicht gegenüber; der größte Teil des Gewinnes fällt den Besitzern günstig gelegener Strande oder den Bernsteinhändlern zu. Die vier Stellen Schwarzort, Brüsterort, Sassau und Warnicken liefern eine Pachtsumme von 260,000 Mk.
Vgl. Hartmann, Succini prussici historia (Frankf. 1677);
Berendt und Göppert, Der und die in ihm vorkommenden Überreste der Vorwelt (Berl. 1845);
Runge, Der in Ostpreußen (das. 1868);
Derselbe, Die Bernsteingräbereien im Samland (das. 1869);
Göppert und Menge, Flora des Bernsteins (Leipz. 1883 ff.);
Klebs, Gewinnung und Verarbeitung des Bernsteins (Königsb. 1883);
Müllenhoff, Deutsche [* 72] Altertumskunde (Berl. 1871);
Waldmann, Der Bernstein im Altertum (das. 1883). ¶
Nur Meyers Konversations-Lexikon, 1888
Elemente
Bernstein.
[* 2] Verfälschungen des Bernsteins, der in kleinen Fragmenten in den Handel kommt, sind nicht selten. Der Bernstein unterscheidet sich von den weichern billigen Harzen durch seine Geruchlosigkeit und die dem Fingernagel widerstehende Härte. Kopal ist nahezu ebenso hart wie Bernstein. Auf einer heißen Platte aber gibt Bernstein scharf aromatische, wie Gewürznelken riechende Dämpfe, während Kopaldämpfe medikamentös bitter, an Kopaivabalsam erinnernd riechen. Von Glasimitationen unterscheidet sich Bernstein dadurch, daß er von einer Messingstecknadel geritzt wird, Glas nicht. In einer Lösung von 28 g trocknem Speisesalz in 250 g Wasser sinkt Glas zu Boden, während und Kopal in der Mitte schweben.
Ein klares Spaltungsstück von Steinsalz wird durch eine scharfe Kopalkante nicht geritzt, während eine scharfe Bernsteinkante eine wenn auch nur mit der Lupe [* 73] sichtbare Furche reißt. Geringere Kopalsorten schmelzen bei 180-230°, B. erst bei 287°. Letzterer brennt daher an der Kerzenflamme, ohne abzuträufeln, während dies bei Kopal erfolgt. Auch sind diese Kopalvarietäten in Schwefelkohlenstoff oder Äther merkbar löslich, Bernstein nicht. Falsifikate aus ordinären Harzen schmelzen oder erweichen in kochendem Wasser.
Während Bernstein, namentlich der weiße, undurchsichtige, unter dem Mikroskop [* 74] zahlreiche, der gelbe, durchsichtige seltenere und kleinere Poren zeigt, sind dieselben in dem in heißem Öl erweichten und dann geformten Bernstein verschwunden, wogegen dieser unzählige fischschuppenartige feine Sprünge besitzt. Das aus Bernsteinabfällen mit heißem Schwefelkohlenstoff und Äther dargestellte Ambroid zerfällt, wenn man es längere Zeit in Äther legt. Um zu prüfen, ob größere Bernsteinstücke wirklich aus einem Stück bestehen oder aus mehreren kleinen zusammengesetzt sind, legt man sie in kochendes Wasser, welches gekittete Stücke trennt.
[Geschichtliches.]
Die Ausgrabungen der neuern Zeit haben aus prähistorischen Gräbern, z. B. denjenigen von Hallstatt, der ältesten Eisenzeit aus Italien [* 75] und aus vorhomerischen Gräbern Griechenlands, so zahlreiche Stücke zu Schmuckgegenständen verarbeiteten Bernsteins ans Licht [* 76] gefördert, daß die Frage nach der Herkunft desselben zu einer brennenden geworden war. In den der Vorgeschichte Griechenlands ungehörigen Königsgräbern von Mykenä [* 77] fand Schliemann allein mehr als 1000 Bernsteinperlen der verschiedensten Größen, und ebenso sind die prähistorischen Museen Italiens [* 78] sehr reich an derartigen Funden.
Da man nun das Alter der Gräber von Mykenä noch über die Zeit der sogen, dorischen Wanderung (um 1100 v. Chr.) ansetzt, so würde man hier die sichern Spuren ältester Handelsbeziehungen zwischen Griechen und nordischen Völkern vor sich haben, wenn der Nachweis geführt werden könnte, daß es sich dabei um Ostseebernstein handelt. Früher hat man auch bei der Erwähnung der Bernsteinsagen seitens des Homer und andrer sehr alter Dichter keinen Zweifel daran gehegt, daß es sich so verhalte, und der französische Herodotforscher Larcher trug kein Bedenken, anzunehmen, daß der sagenberühmte Eridanosstrom, aus dem der Bernstein gefischt werden sollte, die Nadaune bei Danzig wäre, während Hasse wohl richtiger den Eridanos auf die Ostsee bezogen hatte. Man nahm an, daß die Phöniker ihre Seefahrten bis zu den nordischen Meeren ausgedehnt und von dort Zinn und Bernstein geholt hätten. Nachdem die letztere Annahme im besondern durch Müllenhoff erschüttert worden war, begann indessen die Meinung, daß an nähern Orten gegrabener Bernstein das Material für diese prähistorischen Schmucksachen [* 79] hergegeben habe, die Oberhand zu gewinnen, und im besondern bemühte sich Capellini, zu beweisen, daß ¶
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der Bernstein der etruskischen Nekropolen aus Funden der italienischen Molasse (Bologna) stamme. Nun ist es allerdings richtig, daß Bernstein nicht bloß an den germanischen Seeküsten, sondern auch an vielen Orten Mittel- und Südeuropas, ja selbst in Nordafrika und Syrien gelegentlich gefunden wird, wenn auch alle diese Fundorte an Ergiebigkeit gegen die Ostseeküsten für den Handel kaum in Betracht kommen.
Inzwischen fand Helm, daß die fossilen Harze südlicher Fundorte vom Ostseebernstein wesentlich verschieden sind, und daß der Bernstein von Mykenä und der prähistorischen Gräber Italiens thatsächlich mit Ostseebernstein identisch ist. Schon vor längerer Zeit hatte er gezeigt, daß die Bernsteinsorten südlicher Herkunft bei der trocknen Destillation höchstens Spuren von Bernsteinsäure liefern, von der man 4-7 Proz. aus Ostseebernstein erhält. Die Benrnsteinsorten des Südens liefern statt dessen Ameisensäure und sind vielleicht als das Harz eines ganz verschiedenen Baumes zu betrachten.
Von allen untersuchten Proben aus südlichen Fundstätten ergab nur der rumänische Bernstein eine annähernde Menge Bernsteinsäure; doch kommt gerade diese Sorte für Schmucksachen am wenigsten in Betracht, da sie an Farbe, Härte und Polierfähigkeit dem Ostseebernstein erheblich nachsteht. Es scheint demnach kaum mehr einem Zweifel zu unterliegen, daß die vorhomerischen Griechen sowohl als die vorgeschichtlichen Etrusker ihren Bernsteinbedarf von den Ostseeküsten bezogen haben, und Krause hat dargelegt, daß diese Thatsache auch den ältern griechischen Schriftstellern und selbst noch dem Herodot wohl bekannt war, und daß erst Äschylos, Sophokles und Euripides durch ihre poetischen Behandlungen der Sage vom Sturz des Phaethon in den Eridanos die alte Tradition verwirrten und zu der später allgemein angenommenen Meinung verleiteten, unter dem Bernsteinfluß Eridanos sei der Po zu verstehen. Noch später verschwand dann bei den Alten alle und jede sichere Kunde von dem Bernsteinland im Norden, [* 81] so daß es durch Pytheas, Plinius und Tacitus wieder völlig neu entdeckt werden mußte.
Die Frage, ob der Bernstein der Ostseeküsten auf dem Wasser- oder Landweg nach dem Süden gelangt sei, dürfte zu gunsten der letztern Verkehrsweise entschieden werden, wenn auch einzelne bis zur Ostsee gedrungene Fahrten der Phöniker kaum zu bestreiten sein möchten. Oppert hat unlängst eine Inschrift des Königs Assurnasirpal von Assyrien (883-860 v. Chr.) veröffentlicht, in der gesagt wird, daß seine Leute bis zu dem Meer vorgedrungen seien, woselbst der Nordstern im Zenith steht, und dort eine Substanz aus dem Wasser gefischt hätten, welche fast wie Kupfer [* 82] aussähe.
Man kann für wahrscheinlich halten, daß damit Bernstein gemeint war und unter »seinen Leuten« die von ihm unterworfenen Phöniker zu verstehen wären, die wenn auch nicht regelmäßig, so doch gelegentlich so weite Seereisen gemacht zu haben scheinen. Sicherlich aber gelangte der meiste Ostseebernstein auf dem Weg eines von Land zu Land gehenden Zwischenhandels an der Oder und Weichsel südwärts bis zur Donau und dann einerseits nach dem Po, anderseits direkt nach Griechenland, [* 83] wie dies unter anderm baltische Münzfunde darthun, die bis zum 6. Jahrh. v. Chr. zurückreichen und die höchst wahrscheinlich noch weiter zurückreichen würden, wenn man schon früher in Griechenland oder Italien gemünztes Geld gehabt hätte. In noch ältern Zeiten wurde der Bernstein höchst wahrscheinlich gegen Bronze- und Eisenwaren eingetauscht, und hier haben wir vermutlich den Ursprung der ältesten etrurischen und griechischen Geräte im
Norden zu suchen. Noch in den Tagen des Plinius kam der nordische Bernstein auf diesem Weg über Carnuntum bis zu den Po-Mündungen; die Küstenplätze des Adriatischen Meers bildeten die Hauptstapelplätze für den Handel mit dem leicht zu bearbeitenden Schmuckstoff, und da nun Bernsteinbalsketten schon damals, genau so wie heute, in dem Ruf standen, die Drüsenanschwellungen des Halses zu verhüten, der Kropf aber an den Südabhängen der Alpen seit jeher heimisch war, so trugen die Landleute an den Po-Ufern allgemein Bernsteinketten, und dies, sagt Plinius, sei die Ursache gewesen, daß man im Altertum den Po für den Eridanos hielt, aus dem der Bernstein gefischt wurde.
Dieser Nachweis des außerordentlich hohen Alters der Handelsbeziehungen zwischen Mittelmeer- und Ostseevölkern ist an sich schon außerordentlich wichtig, wird aber noch merkwürdiger durch den Import nordischer Sagen nach Griechenland, der sich am leichtesten durch denselben erklärt. Krause hat es wahrscheinlich gemacht, daß die zu Homers Zeiten beinahe schon vergessenen, also uralten Mythenkreise von Orion und Meleager, die von den Griechen in nächste Verbindung mit dem Bernsteinmythus gebracht wurden, nur zwei verschiedene Formen des nordischen Mythus von Odin und seiner Eberjagd sind, und wie die Meleagersage wahrscheinlich aus einem Mißverständnis der nordischen Julfeier entstanden ist, bei der Feuerbrände gelöscht und als Lebenssymbole bis zum nächsten Julfest aufgehoben wurden.
Außerdem findet sich das Feuerbrandmotiv in viel organischerer Verbindung in der nordischen Nornagestsage als in dem griechischen Meleagermythus. Wenn es nun in der griechischen Sage heißt, die Schwestern des Phaethon oder Meleager hätten Bernstein geweint, oder wenn Orion dargestellt wurde, wie er den Bernsteinfluß (Eridanos) durchwatet, so deutet das alles auf den nordischen Ursprung dieser und so vieler andrer Homerischer Sagen, wie namentlich auch der Odyssee, in der sogar von den hellen, nur wenige Stunden dauernden Sommernächten Skandinaviens die Rede ist. - Zur Litteratur: Tesdorpf, Gewinnung, Verarbeitung und Handel des Bernsteins in Preußen (Jena [* 84] 1887).