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Als sich Franklin Sanchez um eine Stelle als Polizist bewirbt, wird er im Dezember 2006 in Miami verhaftet. Jetzt erst erfährt er, dass er zwei Jahre zuvor in der Schweiz zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.
Acht Jahre vor seiner Verhaftung in den USA hatte der Dominikaner eine Schweizerin geheiratet und war zu ihr in ihre Heimat gezogen. Später nahm seine Frau eine Nichte aus schwierigen Familienverhältnissen auf. In der Patchworkfamilie kam es immer häufiger zu Spannungen, die Ehe begann zu kriseln. Schliesslich beschuldigte ihn die damals 16-jährige Nichte, er habe sich an ihr vergangen. Am 16. Januar 2002 wird Sanchez deshalb in der Schweiz verhaftet.
Er bleibt viereinhalb Monate in Untersuchungshaft, wird vernommen, bestreitet aber alle Vorwürfe. Schliesslich wird er aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Aussagen der Nichte sind widersprüchlich. So ist sie etwa trotz angeblicher Vergewaltigung nachgewiesenermassen immer noch Jungfrau. «Ich war überzeugt, dass damit meine Unschuld bewiesen sei», sagt Franklin Sanchez.
Selbst seine Pflichtverteidigerin Brigitta Maag rechnet nicht mit einer Anklage. So schreibt sie dem Staatsanwalt ein Jahr nach Sanchez’ Entlassung aus der U-Haft: «Es ist mir bewusst, dass es Ihnen äusserst schwer fallen dürfte, aufgrund der an Widersprüchen und Ungereimtheiten kaum mehr zu überbietenden Aussagen des ‹Opfers› eine (...) Anklageschrift zu erstellen.» Sanchez’ Aufenthaltsbewilligung ist inzwischen abgelaufen, er kehrt im Frühling 2003 in die USA zurück. Im Winter 2004 klagt ihn die Bezirksanwaltschaft V des Kantons Zürich doch noch an. Was danach passiert, darüber gehen die Aussagen auseinander.
Aussage steht gegen Aussage
Anwältin Brigitta Maag behauptet, sie habe ihn informiert und ihm die Vorladung zur Gerichtsverhandlung zugestellt. Er widerspricht: Seine Verteidigerin habe ihm ausrichten lassen, er müsse sie nicht dauernd anrufen, sie werde sich schon bei ihm melden, sollte etwas passieren. «Selbstverständlich erhielt Franklin Sanchez die Vorladung zur Gerichtsverhandlung», schreibt seine damalige Anwältin Brigitta Maag dem Beobachter. Sie hat ihm die Vorladung doch bestimmt eingeschrieben geschickt? Nein, belegen könne sie das nicht, sagt sie.
Auch Beweise dafür, dass sie ihn angerufen hat, gibt es nicht. Die Juristin notierte auf ihrer Honorarrechnung mehrfach, dass sie ihn auf seinem Handy angerufen habe - allerdings mit unterdrückter Nummer. Doch Sanchez kann beweisen, dass das nicht stimmt. Seine amerikanische Telefongesellschaft registriert auch Anrufe mit unterdrückter Rufnummer. Doch auf keinem Auszug seines Mobiltelefons findet sich in der fraglichen Zeit auch nur ein einziger solcher Anruf.
Damit konfrontiert, erinnert sich die Anwältin plötzlich, dass sie «ihn wohl doch meist auf dem Festnetz angerufen» habe. Die falsche Eintragung auf ihrer Honorarrechnung erklärt sie damit, dass es sich um «ein Versehen unserer Sekretariatsmitarbeiter» handeln müsse.
Wer vor Gericht fehlt, ist benachteiligt
Für den Basler Strafrechtsprofessor und ehemaligen Strafrichter Peter Albrecht ist dieser Fall besonders stossend, weil der Angeklagte den schwerwiegenden Vorwurf der Vergewaltigung bestreitet. Denn bei Sexualstraftaten kann sich ein Gericht meist nur auf die Aussagen des Opfers abstützen, es fehlen Indizien, Beweise und Zeugen. Damit steht Aussage gegen Aussage. «Deshalb fällt der persönliche Eindruck des Angeklagten, dessen Glaubwürdigkeit, vor Gericht besonders stark ins Gewicht», sagt Albrecht, der ein Vierteljahrhundert als Strafgerichtspräsident des Kantons Basel-Stadt geamtet hat. Angeklagte, die an der Verhandlung fehlten, seien benachteiligt.
Umso seltsamer mutet es an, dass Sanchez’ Anwältin vor dem Obergericht eine schriftliche Verhandlung wollte. Der Staatsanwalt hingegen sträubte sich anfangs dagegen: Weil der Angeklagte die Vorwürfe bestreite, sei es wichtig, dass sich das Gericht einen persönlichen Eindruck von ihm machen könne. Heute erklärt Anwältin Maag: «Franklin Sanchez wäre umgehend verhaftet worden, wenn er vor Gericht erschienen wäre.» Das habe sie verhindern wollen.
Hätte das Gericht die Vorladung zur Gerichtsverhandlung nicht nur seiner Anwältin, sondern auch ihm direkt geschickt, wie etwa in Basel üblich, hätte es gar nie so weit kommen müssen. Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch verteidigt die Zürcher Gerichtspraxis dennoch: «Wer in eine Strafuntersuchung verwickelt ist und das Land verlässt, muss selbst dafür sorgen, dass er informiert wird.»
Am 27. April 2004 verurteilt das Obergericht Franklin Sanchez in Abwesenheit zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus und sieben Jahren Landesverweis. Im Herbst 2006 bewirbt er sich dann um die Polizistenstelle in Miami und wird verhaftet. «Ich wusste, dass überprüft wird, ob gegen mich etwas vorliegt», sagt er. Doch sei er davon ausgegangen, dass die Sache längst erledigt sei. Ein folgenschwerer Irrtum. Nach seiner Verhaftung wird Sanchez an die Schweiz ausgeliefert.
Nächste Station ist das Bundesgericht
Sein jetziger Anwalt Bernhard Rambert hat beim Kassationsgericht Beschwerde eingereicht und fordert, dass die Verhandlung vor Strafgericht neu aufgerollt wird. Doch das Kassationsgericht lehnt ab und schreibt dem Dominikaner, der nur wenig Deutsch spricht, es hätte von ihm erwartet werden können, dass er sich entweder bei der Bezirksanwaltschaft oder beim Bezirksgericht nach dem Verfahrensstand erkundigt. Jetzt liegt sein Fall beim Bundesgericht. Bis zum Entscheid des höchsten Gerichts bleibt er im Gefängnis.