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Will Ferrell ist ein Axiom. Also ein Grundsatz, der nicht weiter begründet werden kann. Wenn er auf nichts zurückzuführen ist, dann weil er alles bloss wiedergibt. Die gnadenlose Strenge in seinem Gesicht, das ist der unerbittliche Stumpfsinn von jemandem, der ausschliesslich damit beschäftigt ist, etwas wiederzugeben, als sei er eine Festplatte, die man programmiert hat. Ferrell ist jemand, der weniger selbst spricht, als dass er gesprochen wird.
Um dieses Axiom näher zu umschreiben, nehme man folgende Beispiele. Erstens Ferrells Rolle als Fernsehmoderator Ron Burgundy in den Anchorman-Filmen von Adam McKay. Burgundy hat den Ruf, wirklich alles abzulesen, was auf dem Teleprompter erscheint, und wenn da plötzlich statt des üblichen «Stay classy, San Diego» ein «Go fuck yourself, San Diego» steht, dann wird Burgundy, ohne mit der Wimper zu zucken, vor laufender Kamera genau diese Worte verlesen. In Jay Roachs The Campaign spielt Ferrell den Politiker Cam Brady, der in einer Szene auf einer Wahlkampfveranstaltung das Vaterunser aufsagen muss, das er nicht kennt und dessen Wortlaut ihm von einem Assistenten in Zeichensprache souffliert werden muss. Und dann wäre da noch Ferrell als Rennfahrer Ricky Bobby in Talladega Nights, ebenfalls von McKay. Dort versucht ein verzweifelter Fernsehreporter, Bobby dazu zu bringen, vor der Kamera irgendetwas Gescheites mit seinen Händen zu machen, mit denen dieser aber nichts anzufangen weiss: Es ist, als würde man eine Marionette dirigieren.
Ferrell wird programmiert, Ferrell gibt wieder. Doch im gleichen Zug beginnt er auch schon zu improvisieren. Alte Gebete werden ihm in den Mund gelegt, dabei erfindet er schon neue. In Talladega Nights betet er zu seinem ganz persönlichen «Lord Baby Jesus», in The Campaign liefert er eine originelle (und ziemlich versaute) Version des Vaterunsers. Ferrell, so unschuldig, dass er das Gebet nicht kennt und der Geist zum ersten Mal durch ihn hindurchweht, ist bereits die Stätte einer ersten Transgression.
The House von Andrew Jay Cohen ist ein sehr guter Ferrell-Film, weil sein System ganz und gar auf diesem Ferrell-Axiom errichtet ist. Es geht um ein Ehepaar, die Johansens (Ferrell und Amy Poehler), die mit einem Freund in dessen Keller ein illegales Casino eröffnen, um mit dem Gewinn die Studiengebühren ihrer Tochter zu bezahlen. Woraufhin sich die lieben Eltern zunehmend in mafiöse Gestalten verwandeln. Fremde Verhaltensweisen programmieren nun den braven Familienvater um, als hätte man auf seiner Hard Disc ein neues Programm aufgespielt. Irgendwann steht Ferrell da wie Robert De Niro in Casino, in edlem Anzug. Aber die Dinge ergreifen nicht von ihm Besitz, ohne dass sie ihr irres Eigenleben entwickeln. Jemand weist ihn auf entscheidende Details hin: Hat De Niro in Scorseses Film wirklich eine Frauensonnenbrille getragen und lange Damenzigaretten geraucht? So gibt es immer ein kleines Surplus, das Ferrell seiner Imitation draufsetzt.
Wir haben gesagt, dass Ferrell wie eine Festplatte funktioniere, und Festplatten können gemeinhin nichts als rechnen. Folglich: Ferrell kann ebenfalls nichts als rechnen. Ausser dass er sich unaufhörlich verrechnet. Es geht viel um Zahlen in Cohens Film, und Ferrell nennt beinahe immer die falschen. Schon am Anfang ist das Trio in Las Vegas unterwegs. Sie haben eine Gewinnsträhne und würfeln eine Vier nach der andern. Ferrell kapiert, wie der Hase läuft, er weiss, dass er vor jedem Wurf eine Vier beschwören muss, bis er irgendwann zu improvisieren beginnt: «Auf keinen Fall eine Sieben!» – woraufhin natürlich gerade die Sieben kommt und sie alles verlieren. Später erklärt seine Frau, dass ihr Mann noch nie besonders gut mit Zahlen war. Im besoffenen Zustand weiss er nicht, wie viele Finger sie ihm vor die Nase hält; selbst nüchtern hat er Probleme, vierzig und zwanzig zusammenzuzählen, als sie ihm klarmachen will, wie alt er wäre, wenn er im Fall einer Verurteilung wegen illegalen Glücksspiels aus dem Knast käme. Bei Ferrell ergeben vierzig und zwanzig neunzig. Ferrell, der ständig rechnet und sich ständig verrechnet, ist gewissermassen nicht nur ein Axiom, sondern ein Axiom des Axioms, das sich ständig erneuert, ständig neue Ergebnisse und Berechnungsgrundlagen präsentiert. In der Tat durch nichts ableitbar. Womit in diesem Film (und vor allem in Ferrell) das Unvorhergesehene programmatisch wiederkehrt – was wahnsinnig komisch ist.