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Gesammelte Werke in Einzelausgaben / Urwang
Januar 1987
978-3-85791-661-8
Ein kleines Tal irgendwo in der Innerschweiz soll einem Stauwerk zum Opfer fallen; fünf Bauernfamilien müssen gegen ihren erklärten Willen von ihren Heimwesen ausziehen. Der Vertreter des ausführenden Unternehmens bemüht sich, durch gütliche Vereinbarungen die zwangsweise Expropriation zu vermeiden. Diese fast alltägliche Geschichte verdichtet sich zu erregender Aktualität. Es geht um die Frage, ob der Natur oder der Technik der Vorrang gebühre, ob die Bauern in ihrem Kampf um die angestammte Heimat oder die Ingenieure und Vertreter der Industrie Recht bekommen sollen, um die Frage schliesslich, wo die eigentlichen Werte liegen.
Unter immer neuen Aspekten wird hier die Problematik auch unserer Gegenwart abgewandelt; leidenschaftliche Anteilnahme und überlegener Humor haben ein Buch zuverlässiger Lebenswahrheit geschaffen, das der Zwiesprache mit der Natur immer wieder wunderbare Ruhe- und Höhepunkte verdankt.
© Keystone / Photopress Archiv
Meinrad InglinMeinrad Inglin (1893–1971) aus Schwyz zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Nach Abbruch einer Uhrmacher- und Kellnerausbildung sowie des Gymnasiums studiert er Literaturgeschichte und Psychologie in Genf und Neuenburg. Arbeit als Zeitungsredaktor und ab 1923 als freier Schriftsteller. Für sein Werk (vor allem Romane und Erzählungen, einzelne Aufsätze, Notizen und eine Komödie) wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.
An einem heiteren Junimorgen ...1
An einem heiteren Junimorgen sprang in Aaschwanden ein Mann von seinem Fuhrwerk und ging zum nächsten Hause, ohne sich um Roß und Wagen zu kümmern. Der kastanienbraune Wallach zog den leeren Leiterwagen gemächlich aus der stillen Dorfstraße über den hell besonnten Postplatz und hielt im Schatten zwischen Post und Bäckerei an. Der Fuhrmann, ein mittelgroßer, flinker Vierziger, folgte bald, in jeder Hand ein Paar neugesohlter Schuhe, und rief im Vorbeigehen mit kräftiger Stimme durch ein offenes Fenster hinein: «He, Posthalter, erwach und steh auf!» Ein heiserer Baß antwortete knurrend: «So früh wie du, Mannli, bin ich auch aufgestanden.» Der Mann stellte die Schuhe unter das Wagensitzbrett und trat mit einem lauten Ruf in den Bäckerladen. Er kam mit einem Sack voll frischer Brote zurück, den er an ein Hinterrad lehnte, dann holte er ein gerolltes Drahtseil und zwei Kisten, die ihm der grauhaarige, dicke Posthalter durch das offene Fenster schob. Während er den Wagen belud, drehte er sein kantiges, schmales Gesicht anredend und antwortend dahin und dorthin, wo eben ein teilnehmender Mensch auftauchte, und wirkte auf die ganze Umgebung so belebend, als ob vor seiner Ankunft hier wirklich alles geschlafen hätte.
Indessen kam das Postauto angefahren und hielt prustend auf dem Platz im grellen Sonnenschein. Die schwere Wagentür ging langsam auf, ein Mann in der Dienstmütze stieg aus, und hinter ihm sprang blitzschnell etwas wie eine große schwarze Ratzmaus über den Tritt hinab, ein rauhhaariger Dackel, der sogleich über den Platz hinjagte und drüben bissig kläffend um eine Ecke bog. Nach dem Dackel erschien ein stattlicher Mann in Nagelschuhen und braunem Sportanzug unter der Wagentüre, blickte schmunzelnd nach den Zuschauern aus und stieg dann behender ab, als man ihm nach Alter und Aussehen zugetraut hätte. Er begrüßte den Fuhrmann mit einem Händedruck, überließ ihm den Rucksack, den er sich flüchtig an die Seite gehängt hatte, nickte dem Posthalter zu und ging über den Platz dorthin, wo das Gebell herdrang. Der Dackel hatte eine Treppe erstürmt und sich vor der Haustür am Geländer der Laube bellend aufgerichtet; auf dem Geländer stand mit hohem Buckel und gesträubtem Haar eine fauchende Katze. «Sophie, hieher!» befahl der Mann scharf, worauf der Dackel, eine Hündin also, gehorsam umkehrte. «Entschuldigung!» rief er, den Lodenhut lüftend, zu einem offenen Fenster hinauf, wo ein scheues Frauengesicht verschwand. Mit vergnügter Miene kehrte er zum Fuhrmann zurück, begrüßte das Roß, das er Barnabas nannte, und hob die Dachshündin auf eine Kiste in den Leiterwagen, dann setzten sich die beiden Männer nebeneinander auf das lose Brett, das vorn die Leiterbäume überbrückte, und fuhren unter allgemeiner Anteilnahme zum Dorf hinaus.
«Wenn Inglin auch die Vertreter der Elektrizitätswirtschaft sehr menschlich zeichnet und auch die Technik in keiner Weise verteufelt, so wird doch auf jeder Seite fühlbar, für wen sein Herz schlägt. Den Leser aber beeindruckt, mit welcher Sicherheit Inglin die Kräfte und Gegenkräfte von Natur und Technik in den Figuren seines Dramas verkörpert und wie sicher er die Handlungsfäden knüpft und löst. Ein grosser Erzähler!» St. Galler Tagblatt