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«Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek» – das war in den Siebzigerjahren meine erste Begegnung mit Lëtzebuergesch, nur wusste ich damals noch nichts von dieser Sprache. Der Zeitungstitel stand auf einem Blatt Papier, das in einer mechanischen Schreibmaschine stak – einer der vielen im Luxemburger Presseraum der EG, wie die EU damals hiess. Es war üblich, dass sich Journalisten mit einem Papier auf der Walze einen Arbeitsplatz reservierten, nur hielt ich die Formulierung für einen mundartlichen Scherz. Zu Unrecht: Das kommunistische Parteiblatt heisst tatsächlich so und existiert bis heute, inzwischen auch dank Presseförderung durch den luxemburgischen Staat (einst besorgte das die DDR mit Druckaufträgen). Seit je ist diese Zeitung hochdeutsch abgefasst, anders als ihr Titel.
Das gilt auch für andere Blätter mit deutschen oder lëtzebuergeschen Namen; manche rücken deutsche und französische Artikel bunt gemischt ein, ohne Übersetzung, und machen damit der einheimischen Leserschaft kaum Mühe. Seit 1984 ist Lëtzebuergesch die Nationalsprache; alle drei Sprachen sind für Amts- und Justizzwecke anerkannt. Französisch ist seit Napoleon die Gesetzessprache. Die Primärschule heisst so und verwendet Deutsch. Französisch kommt in den höheren Klassen dazu; französische Pressetitel sind eher rar. Als mündliche Alltagssprache überwiegt Lëtzebuergesch, ausser bei den vielen Zugewanderten, denen mehrheitlich das Französische leichter fällt.
Reservat für Moselfränkisch
Sprachwissenschaftlich gesehen, gehört Lëtzebuergesch zum Moselfränkischen. Auch im Unesco-Atlas der gefährdeten Sprachen wird es dieser deutschen Regionalsprache zugerechnet, die als «verletzlich» eingestuft ist. Für Alemannisch wird ebenfalls diese mildeste Form der Gefährdung festgestellt – in beiden Fällen wegen des Verblassens in Deutschland. In Luxemburg bzw. der Schweiz sind die Regionalsprachen ja quicklebendig, jedenfalls im mündlichen Gebrauch. Anders als Schweizerdeutsch deckt Lëtzebuergesch ein ganzes Staatsgebiet ab und ist politisch aufgewertet worden. Es habe dort schon vor etwa hundert Jahren als «Nationaldialekt» gegolten, hält der Luxemburg gewidmete aktuelle «Sprachspiegel» fest. Seither ist daraus die Nationalsprache geworden, mit einem Regelwerk versehen. Wegen dieser Standardisierung hat der kürzlich gestorbene Ulrich Ammon, ein Pionier der Variantenforschung, Lëtzebuergesch als eigene Sprache eingestuft.
Mehr noch als Schweizerdeutsch wird dieses Luxemburgisch in den neuen Medien auch geschrieben, nicht nur privat und halbprivat, sondern bis in die Kommentarspalten hochdeutsch verfasster Onlinemedien. In der Werbung ist es schon länger stark präsent; in Erinnerung sind mir Geschenkangebote für den «Pappendag» oder eine Kampagne gegen Alkohol und Tabak, die einen «futti maachen» wie andere Drogen auch.
Abkapseln oder Einbringen?
Der «Sprachspiegel»-Autor Michael Langner hat als Sprachprofessor in Luxemburg gearbeitet und hält fest, dass die «schriftliche Verwendung des Luxemburgischen in Chat, SMS etc. selten der offiziellen Norm gehorcht». Das kann man auch für Hochdeutsch feststellen, egal wo, während für unsere Mundarten keine solche Norm verletzt werden kann, weil es keine gibt. Aufrufe in den 1930-er Jahren, ein geregeltes schriftliches Einheits-Schweizerdeutsch zu schaffen und auch amtlich zu verwenden, hatten zum Glück keinen Erfolg.
Besser als eine solche Abkapselung vom grösseren Sprachraum ist es, innerhalb des Standarddeutschen die anerkannten schweizerischen Varianten zu wahren und zu mehren. Sie finden sich im Duden «Rechtschreibung» und ausgiebiger noch im Spezialband «Schweizerhochdeutsch». Für Luxemburgs Hochdeutsch gibt es nichts Vergleichbares, nur einige wenige Einträge im «Variantenwörterbuch des Deutschen». Langner findet: «Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein nicht nur für das Lëtzebuergesche, sondern auch für das verwandte Deutsche täte gut.»
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»