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Die antike Philosophie hatte wesentlich ein praktisches Interesse. Von manchen Autoren wird sie gar gänzlich als Lebenspraxis verstanden.1 Sie ist ein Handwerk, eine Kunst, sie ist praktische Betätigung.2
Das Ziel der antiken Philosophie bestand darin, Philosophierenden ein glückliches Leben zu ermöglichen.3 Die Philosophie heilt die Leiden der unglücklichen Seele, sie befreit von Beunruhigungen, Sorgen und Ängsten, und sie verhilft dem Menschen dazu, das Leben zu führen, wie es ihm bestimmt ist.4 – Er soll moralisch gut, vernünftig, und vor allem glücklich leben.5
Epikur (* 341 v. Chr.; † 270 v. Chr.), ein Philosoph der hellenistischen Epoche, bringt diese Auffassung der Philosophie wie folgt auf den Punkt:
„Weder soll man solange man noch jung ist, zögern zu philosophieren, noch soll man im Alter ermüden in der Philosophie. Denn für die Gesundheit der Seele ist niemand entweder zu früh oder zu spät dran. Wer aber sagt, die richtige Zeit für das Philosophieren sei noch nicht gekommen oder sei schon vorbei, der gleicht einem, der sagt, die richtige Zeit für das Glücklichsein sei noch nicht gekommen.“6
Eines von vielen Hindernissen auf dem Weg zu diesem Leben bildet die Todesangst. Sie ist in zweierlei Hinsicht problematisch: Einerseits ist ein angstvolles Leben kein glückliches, und andererseits führt die Angst vor dem Tode dazu, dass man sich in manchen Situationen nicht adäquat verhält und moralisch fragwürdige Entscheidungen trifft. Man lässt etwa den Freund im Stich, um sich selbst aus der Gefahr zu retten.
Damit man nicht unter der Verängstigung leidet, und moralisch fehl geht, muss man diese Angst loswerden. Will man ein gutes und glückliches Leben führen, muss man sich mit dem Tod auseinandersetzen, und ihn argumentativ bezwingen. Ein ewiges Leben ist dem Menschen nicht gegeben, aber das Bewusstsein des eigenen Todes beunruhigt ihn. Wie kann man den Tod so denken, dass er einen nicht beunruhigt?
Eines der praktischen Ziele der Philosophie Epikurs, besteht darin, den Menschen von seiner Todesangst zu befreien. Er argumentiert, dass der Tod deshalb nichts Schlimmes sein könne, weil man im Tod keine Empfindung mehr haben könne, und ohne Empfindung keine Übel existierten.7 Dieser Idee liegt die Annahme zugrunde, dass die Schmerzfreiheit das höchste Gut, der Schmerz aber das grösste Übel sei.8 Im Tod kann man keine Schmerzen empfinden und so ist man vor Übeln gefeit.
Wer von Qualen in der Unterwelt oder im Jenseits verängstigt wird, hat nicht verstanden, was mit dem Begriff „Tod“ bezeichnet wird. Wer stirbt, verliert nämlich im Moment des Todes die Fähigkeit, überhaupt irgendetwas zu empfinden. Es kann nach dem Tod keine Qualen geben, weil Qualen – um den Namen zu verdienen – empfunden werden müssen. Daher sagt Epikur:
„Der Tod hat keine Bedeutung für uns. Denn was sich aufgelöst hat, hat keine Empfindung, was aber keine Empfindung hat, hat keinerlei Bedeutung für uns.“9
Es lohnt sich also nicht, sich vor dem Tod zu fürchten, weil man erwartet, nach dem Tod in einer misslichen Lage zu kommen oder für Untaten in diesem Leben zu büssen. Nach dem Tod ist man in überhaupt keiner Lage mehr, weil man nicht mehr ist, und die Angst ist vor dem Tod ist daher unbegründet.
Man mag das wenig tröstlich finden. – Ist es nicht mindestens so beunruhigend, dass man mit dem Tod die Fähigkeit zu empfinden und zu denken verliert? Ist es nicht beunruhigend, dass man aufhört zu existieren? Epikur scheint vom Gegenteil auszugehen. Gleich nach der oben zitierten Stelle fährt er fort:
„Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Sterblichkeit des Lebens erst zu etwas, das wir geniessen können, nicht, indem sie eine unendliche Zeit (zum Leben hinzufügt), sondern indem sie das Streben nach Unsterblichkeit aufhebt.“
Sein Argument scheint folgendes zu sein: Wenn der Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss, dann gibt es auch keinen Grund, ihn zu vermeiden. Das Streben nach Unsterblichkeit ist daher keine sinnvolle Beschäftigung, weil sie erstens nicht zu erreichen ist, und zweitens durch das Vermeiden des Todes nichts gewonnen ist. Wenn der Tod bedeutungslos ist, muss man ihn nicht meiden.
Bemüht man sich zwanghaft darum, dem Tod zu entgehen, dann verschwendet man bloss wertvolle Lebenszeit mit Unfug und macht sich selbst dadurch unglücklich. Menschen sind eben sterblich. Daran ist nicht zu rütteln. Epikur beschreibt die Lage wie folgt:
„Im Hinblick auf den Tod bewohnen wir Menschen alle eine Stadt ohne Mauern.“10
Wer aus Angst vor dem Tod das Leben mit erfolglosen Versuchen verschwendet, dem Tod zu entgehen, kann nur als höchst unglücklich beschrieben werden:
„Geboren sind wir nur einmal, zweimal geboren zu werden ist nicht möglich – es ist notwendig, dass man eine Ewigkeit lang nicht mehr existiert –, du aber, der du nicht einmal Herr über den morgigen Tag bist, schiebst das Erfreuliche auf. Das Leben wird durch Aufschieben vergeudet, ein jeder von uns stirbt, ohne zur Musse gelangt zu sein.“11
Es gilt also, sich unter Anwendung der genannten Argumente vor der Todesfurcht zu befreien, und ein Leben zu gestalten, das den Fokus auf den gegenwärtigen Augenblick legt. Ist man frei von Beunruhigung und Ängsten, ist man frei von Schmerzen, dann lebt man glücklich. Man sollte dieses Glück nicht dadurch trüben, dass man sich vor dem Tod fürchtet. Der ist nur vermeintlich ein Übel. Er muss uns, so Epikur, nicht weiter beschäftigen.
Diese Argumente, die dabei helfen, die Todesfurcht zu bezwingen, sollte man stets griffbereit haben. Man sollte zu jedem Zeitpunkt über sie verfügen können, man sollte sie stets in Erinnerung rufen können. Wenn man sie bedacht und verinnerlicht hat, und in der Lage ist, sie in Momenten der Unsicherheit zu gebrauchen, dann wird einen der Tod zu keinem Zeitpunkt schrecken, und zumindest ein Hindernis auf dem Weg zum glücklichen Leben ist beseitigt.
„Dies also, und die damit verwandten Dinge, bedenke Tag und Nacht bei dir selbst […], und niemals wirst du im Wachen oder Schlafen beunruhigt werden, sondern wirst leben wie ein Gott unter Menschen.“12
Quellen:
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Epikur: Ausgewählte Schriften. Übersetzt und herausgegeben von Christof Rapp. Stuttgart: Kröner 2010. (Alternativ: Rapp, Christof: Epikur. Ausgewählte Schriften, Stuttgart: Kröner 2010.)
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Platon: Apologie des Sokrates. Ἀπολογία Σωκράτους. Griechisch/Deutsch, übersetzt von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 1986.
Sekundärliteratur:
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Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, übersetzt von Ilsetraut Hadot und Christiane Marsch. Berlin: Gatza 1991.
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Horn, Christoph: Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern, München: Beck 1998.
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Hossenfelder, Malte: Stoa, Epikureismus und Skepsis, in: Wolfgang Röd (Hg.): Die Philosophie der Antike, Band 3, München: Beck 1995.
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Hossenfelder, Malte: Epikur. München: Beck 1991.
Abkürzungen:
Men. Brief an Menoikeus
GV Gomologium Vaticanum Epicureum/Vatikanische Spruchsammlung
KD Kyrai Doxai/Hauptlehrsätze
apol. Ἀπολογία Σωκράτους /Apologia Sokratous/Apologie des Sokrates
epist. Epistulae morales ad Lucilium/Briefe (über Ethik) an Lucilius
1 Vgl z.B. Hadot 1991, S. 164-176. Insbesondere S. 174, wo Hadot schreibt: “In der Antike stellt die Philosophie eine permanente Übung dar”.
2 Vgl. zum Beispiel: Seneca: epist. 16.3.
3 Vgl. Hossenfelder 1995, S. 23-25.
4 Vgl. z.B. Horn 1998, S. 12-13. S. 31.
5 Die Verbindung von Moral, Vernunft und Glück geschieht explizit in KD 5.
6 Epikur: Men. 122. Übersetzung Rapp.
7 Das Argument ist älter als Epikur. Man findet es prominent in Sokrates Verteidigungsrede vor Gericht. Vgl. Platon: apol. 40c-e.
8 Vgl. Epikur: Men. 128-129.
9 Epikur: KD 2.Ganz ähnlich auch: Epikur: Men. 124.
10 Epikur: GV 31.
11 Epikur: GV 14.
12 Epikur: Men. 135.