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Francesco Micieli wurde 1956 im Kalabrien geboren. Seine Familie gehört der albanischen Minderheit in Italien an, den Arbëresh.1965 kam er mit seinen Eltern nach Lützelflüh im Emmental, er durchlief die dortige Schule und das Gymnasium in Burgdorf und studierte anschliessend Romanistik und Germanistik an den Universitäten in Bern, Cosenza und Florenz. Nach dem Lizentiat und arbeitete er als Assistent an der Universität Bern, daneben wirkte er als Autor, Schauspieler und Regisseur an Bühnen in Solothurn und Burgdorf. Von 1992 bis 1999 hatte er einen Lehrauftrag an der Schule für Gestaltung in Bern und Biel inne. Seine schriftstellerische Tätigkeit verbindet er seit Jahren mit einer Dozentur an der Hochschule für Gestaltung in Bern.
Francesco Micieli ist Verfasser von erzählender Prosa, Theaterstücken und Libretti. In seinen Prosawerken verarbeitet er in einer knappen und doch lyrischen Sprache die Geschichte der Migration von Angehörigen der albanesischen Minderheit aus Italien. Die Migrationsthematik wird aus der Perspektive beider Geschlechter der ersten und zweiten Generation in fiktionalisierter Form behandelt. Die Prosa changiert zwischen Lyrik, Erzählung und Monolog und orientiert sich an literarischen Vorbildern für verdichtete Kurzprosa wie etwa István Örkény.
Diese Reise nach Norden bedeutete für den Neunjährigen nicht nur einen familiären und kulturellen, sondern auch einen sprachlichen Bruch – und das in doppelter Hinsicht: Die Bewohner von Santa Sofia d’Epiro gehören zu einer albanischstämmigen Minderheit, die vor 500 Jahren auf der Flucht vor den Osmanen das Mittelmeer in Richtung Italien überquerte. Ihre Sprache, das Arbrëshë, ist ein Subdialekt des Toskischen, eines der zwei Dialekte des Albanischen. Das Italienische, die Sprache der Schule und der Kirche und somit der Befehle (vgl. Francesco Micieli, Texte zu Sprache und Heimat, S. 28), ist für Micieli die erste Fremdsprache, das Erlernen der (schweizer)deutschen Sprache bedeutet somit eine weitere Entfremdung von der Muttersprache. Trotz dieser erschwerenden Voraussetzungen wird Micieli zum «Vorzeigeobjekt der emigratorischen Intelligenz» (Francesco Micieli, Meine Italienische Reise, Bern: Zytglogge 1998, S. 241). Seit 1985 sind von ihm u.a. acht mittellange Prosa-Texte erschienen: «Ich bin ein Hundert-Seiten-Autor.» (Francesco Micieli, Meine Italienische Reise, S. 241.)
In der deutschsprachigen Schweiz ist Francesco Micieli der erste Vertreter der Migrantengeneration der 1960er- und 1970er-Jahre, welcher sich durch die Beschreibung der Realität des Migrantendaseins Klarheit über die eigene Stellung innerhalb des sozio-kulturellen und politischen Systems des Aufnahmelandes sowie des Herkunftslandes verschafft. Insbesondere die Trilogie Ich weiß nur, daß mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes (1986), Das Lachen der Schafe (1989) und Meine italienische Reise (1996) spielen diese Bedingungen auf zwei Generationenebenen und dem Herkunfts- sowie dem Ankunftsland durch. Die Erzählung Schwazzenbach. Schlaflos in Lützelflüh (2012) greift das Thema aus dem Rückblick auf – es dreht sich um einen Besuch des Ich-Erzählers in seinem Dorf, wo er den Erinnerungen des Jugendlichen zur Zeit der Fremdeninitiative von James Schwarzenbach nachspürt.
In Mein (em)mentaler Lebenslauf äussert sich Miclieli zum Beweggrund für sein Schreiben: «Schreiben hat mit Verletzung zu tun. Meine grosse Verletzung […] ist die erzwungene Auswanderung aus dem Dorf der Kindheit, genauer aus Santa Sofia meiner Kindheit.» (Francesco Micieli, Texte zu Sprache und Heimat, S.38). Der zweifache kulturelle Bezugsrahmen und die daraus erwachsenden Spannungen – aber auch Chancen – gehören unabdingbar zu dieser Verletzung.
Francesco Micieli ist Mitglied des Verbandes Autorinnen und Autoren der Schweiz, und von 2007 bis 2010 war er dessen Präsident. Er erhielt u. a. folgende Auszeichnungen: 1987 Förderpreis des Kantons Bern; 1990 Werkpreis des Kantons Solothurn; 1996 Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung; 2002 Förderpreis zum Adelbert-von-Chamisso-Preis; 2003 Werkpreis der UBS Kulturstiftung; 2009 Auszeichnung Weiterschreiben der Stadt Bern; 2011 Chamisso – Poetikdozentur Dresden.
Quellen
- Francesco Micieli, Mein Vater geht jeden Tag vier Mal die Treppe hinauf und hinunter. Texte zu Sprache und Heimat, Biel: Verlag die Brotsuppe, 2007.
- Francesco Micieli, Meine Italienische Reise, Bern: Zytglogge 1998
- Corinna Jäger-Trees, «Ich bin meiner Heimat fremd geworden. Also muss der Süden hier stattfinden.» Francesco Micielis Auseinandersetzungen mit zwei Kulturen, in: Vesna Kondric Horvat (Hg.), Transkulturalität in der Deutschschweizer Literatur. Entgrenzung durch Kulturtransfer und Migration, Suttgart: Metzler, 2017, S. 189–202.
- Eintrag zu Francesco Micieli auf Literapedia: https://www.literapedia-bern.ch/Micieli,_Francesco (15.8.2019).
- Eintrag zu Francesco Micieli auf Bibliomedia: https://www.bibliomedia.ch/de/autoren/Micieli_Francesco/380.html (15.8.2019).