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John Webber wurde als Sohn des Schweizers Abraham Wäber (1715-1780) und der Engländerin Mary Quant in London geboren. Sein Vater war ein Berner Bildhauer, der aus einer wohlhabenden Händlerfamilie stammte und in seiner Jugend nach Grossbritannien ausgewandert war. Dass der junge John künstlerisch begabt war, wurde schon früh klar, und so schickten ihn die Eltern im Alter von sechs Jahren nach Bern. Er verbrachte seine Kindheit in Künstlerkreisen mit seiner Tante väterlicherseits Rosina Wäber (1712-1787), die Schwägerin und gute Freundin des bekannten Kunsttischlers Mathäus Funk (1697-1783). Seine Tante verschaffte Webber eine Lehrstelle beim Maler Johann Ludwig Aberli (1723-1786) in Bern, wo er von 1767 bis 1770 arbeitete.
Aberli war führend in der Alten Eidgenossenschaft und unter dessen Anleitung konnte Webber sein Talent voll entfalten. Webber begleitete seinen Lehrmeister auf Reisen ins Berner Oberland, an den Neuenburgersee, den Bielersee und den Genfersee, wo er an seinen Fähigkeiten als Landschaftsmaler feilen konnte. Aberli hatte mehrere Jahre als Künstler und professioneller Radierer in Paris gearbeitet, und es ist wohl seiner Ermunterung zuzuschreiben, dass Webber seine künstlerische Ausbildung schliesslich in der Weltstadt Paris fortsetzte. Aberli hatte enge Verbindungen zu den führenden französischen und deutschen Künstlern, die zu jener Zeit in Frankreich tätig waren, und konnte Webber so mit Referenzen und Empfehlungsschreiben wichtige Türen öffnen.
Über die ersten fünf Jahre Webbers in der französischen Hauptstadt ist nur wenig bekannt. Man weiss jedoch, dass er unter dem deutsch-französischen Landschaftsmaler und internationalen Kunsthändler Jean-Georges Wille (1715-1808) an der Académie Royale studierte und auch mit ihm zusammenarbeitete. Wille war der offizielle Kupferstecher von Ludwig XV. (r. 1715-1774) und Ludwig XVI. (r. 1774-1792). Zudem führte er eine erfolgreiche Kupferstichschule, an der er naturalistisches Zeichnen lehrte und regelmässig Aktmodelle engagierte.
Aus den verfügbaren Belegen weiss man, dass sich Webber weiterhin auf die Landschaftsmalerei spezialisierte und dass er Wille auf mehreren Reisen durch Frankreich begleitete. Die wenigen Werke Webbers, die aus jener Zeit erhalten sind, zeigen eine deutliche Ähnlichkeit mit den deutschen und niederländischen Drucken des 17. Jahrhunderts, die Wille an seine Kunden in Deutschland verkaufte. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen zog Webber in seinen Landschaftsmotiven einen lebensnahen Stil dem idealisierten vor.
Im April 1775 hatte Webber schliesslich genug von Paris. Die Spannungen zwischen Frankreich und Grossbritannien eskalierten und würden als Folge des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-1783) ziemlich schnell in einen offenen Konflikt ausbrechen. Webber war klar, dass Frankreich für ihn bald kein sicherer Ort mehr sein würde. Sein jüngerer Bruder, Henry Webber (1754-1826), hatte sich in England als erfolgreicher Bildhauer einen Namen gemacht und Webber beschloss, sein Glück nun auch in der Heimat zu suchen. Er verliess Paris und schrieb sich sogleich zum Studium an der Royal Academy in London ein.
Obwohl er sich seinen niedrigen Lohn oft mit Gelegenheitsarbeiten aufbessern musste, war er in regem Kontakt mit der Crème de la Crème der Londoner Kunstwelt: mit Francis Hayman (1708-1776), einem Gründungsmitglied der Royal Academy, dem berühmten amerikanischen Maler Benjamin West (1739-1820), der als Aufseher über die königlichen Gemälde von George III. (r. 1760-1820) amtierte, dem gefragten Porträtmaler Nathaniel Dance-Holland (1735-1811) und dem irischen Maler James Barry (1741-1806), einem frühen Vertreter der romantischen Tradition.
Dank eines glücklichen Zufalls wendete sich Webbers Schicksal: Der schwedische Botaniker Daniel Carlsson Solanger (1733-1782) sah seine naturalistischen Landschaften in einer Ausstellung der Royal Academy of Arts. Die Ausdruckskraft von Webbers Bildern beeindruckte Solanger und so empfahl er ihn dem englischen Naturforscher Sir Joseph Banks (1742-1820). Banks’ Empfehlung oder Ersuchen war vermutlich der Grund dafür, dass die britische Admiralität Webber als Künstler für die dritte Weltumsegelung (1776-1780) von Captain James Cook (1728-1779) anheuerte.
Webber war Cook direkt unterstellt und dieser gab ihm persönlich Anweisungen zur künstlerischen Ausrichtung. Cooks Sanitätsmaat William Wade Ellis (1751-1785) würde Webber als Künstlerkollege und Gehilfe zur Seite stehen. Illustrationen waren für die Expedition von grosser Bedeutung, denn sie dienten als Beleg für die sensationellen naturwissenschaftlichen und kulturellen Funde, die Cook in seinen Tagebüchern und wissenschaftlichen Abhandlungen beschrieb.
Die HMS Resolution mit Webber an Bord verliess das englische Plymouth am 12. Juli 1776. Während der nächsten vier Jahre war Webber mit der Anfertigung von Skizzen und Aquarellen der Küstentopografie und anderer Landschaften beauftragt. Zudem fertigte er völkerkundliche Porträts indigener Völker an. Seltener gehörten auch Tiere und Pflanzen zu seinen Motiven. Ob befestigte Dörfer der Maori in Neuseeland, felsige Küsten in Alaska oder schroffe Täler auf den Gesellschaftsinseln – die Detailgetreue von Webbers raffinierten Zeichnungen verrät den virtuosen Künstler, der Naturphänomenen Leben einhauchen will.
Auch Porträts waren wichtig, denn sie dienten als Basis für ethnologische und physiognomische Unterscheidungen. Als einer der wenigen Künstler des 18. Jahrhunderts hatte Webber die Gelegenheit, selbst Bildnisse der verschiedensten Menschen aus dem Pazifikraum anzufertigen. Er zeichnete oder malte hauptsächlich Porträts von Paaren im Alter von etwa 25 Jahren, wobei er deren Gesichtszüge und Körperschmuck genau wiedergeben wollte.
Zu Webbers eindrucksvollsten Porträts der Reise gehört das Konterfei der Prinzessin Poedua von Ra’iatea (1758-1788), das er in Öl malte. Damit gelang es Webber – 120 Jahre vor Paul Gauguin (1848-1903) –, die Anziehungskraft und Schönheit der indigenen Tahitianer nuanciert einzufangen. Auf der Expedition zeigte Webber grosses persönliches Interesse an den religiösen Ritualen und Artefakten der indigenen Bevölkerung und zeichnete Tempel, Götzenstatuen, Friedhöfe, Prozessionen und Festmähler. Das entsprach genau Cooks Wünschen und Vorstellungen: Unter britischen Gelehrten bestand nämlich ein grosses Interesse an den kultischen Ritualen der indigenen Völker und deren Verständnis von Spiritualität.
Als Cooks Schiffe wegen Reparaturen vier Wochen im Nootka Sound im heutigen British Columbia (Kanada) vor Anker lagen, tauschte Webber sogar zwei Goldknöpfe mit den Nootka, damit er eine Zeichnung von zwei lebensgrossen Totem-Statuen der Nootka fertigstellen konnte.
Schon kurz nach Cooks Tod am 14. Februar 1779 auf Hawaii begann Webber mit dem Sortieren und Vorbereiten einer Reihe von fast 200 Illustrationen für einen geplanten Atlas, der den abschliessenden Bericht der Expedition bilden sollte. Viele Werke mussten neu gezeichnet und koloriert werden. Zudem überwachte Webber das Aufbereiten und Überarbeiten der 240 von Ellis gefertigten Zeichnungen.
Diese Bemühungen blieben nicht unbemerkt. Als Webber im August 1780 nach London zurückkehrte, bat ihn König George III. zu einer persönlichen Audienz, um seine Werke zu begutachten. Auch die angesehene Schriftstellerin Fanny Burney (1752-1840) und John Montagu, der 4. Earl of Sandwich und Erste Lord der Admiralität (1718-1792), waren darum bemüht, sich mit ihm zu treffen.
Während der nächsten fünf Jahre beaufsichtigte Webber weiterhin die Fertigung von Kupferstichen seiner Kunstwerke und deren Veröffentlichung in verschiedenen Publikationen. Er widmete sich auch weiter der Landschaftsmalerei. Rund 50 Werke waren zwischen 1784 und 1792 in Ausstellungen der Royal Academy zu sehen. Webber arbeitete vor allem in London, unternahm aber im Jahr 1787 Reisen nach Paris und Bern. Im selben Jahr reiste er auch nach Wales, um dort zu zeichnen.
Als Folge seiner Teilnahme an Cooks letzter Entdeckungsreise wurde Webber 1785 als Anwärtermitglied in die Royal Academy aufgenommen; 1791 wurde er Vollmitglied. In den frühen 1790er-Jahren verschlechterte sich seine Gesundheit jedoch zunehmend und das Malen bereitete ihm mehr und mehr Mühe. 1793 starb Webber in seinem Haus an der Oxford Street an einer Nierenerkrankung. Er wurde nur 41 Jahre alt.
Webber war der erste Schweizer, der das heutige Australien und Neuseeland besuchte, und der erste europäische Künstler, der nach Hawaii reiste. Seine Werke sind daher einzigartige Zeitdokumente, denn sie halten die ersten Begegnungen der Briten mit den indigenen Völkern des Pazifikraums vor der Kolonialisierung fest. Bei keiner anderen Forschungsreise entstanden so viele Abbildungen wie bei Cooks Expedition. Durch Webbers Teilnahme an Cooks letzter Weltumsegelung konnte zuvor in Europa unbekanntes Wissen auf den Gebieten der Nautik, Klimakunde, Kartografie, Zoologie und Ethnografie weiter verbreitet werden. Dieses beeindruckende naturwissenschaftliche und geografische Vermächtnis beeinflusste die Forschung in verschiedenen Disziplinen bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Dennoch ist weitere Forschung erforderlich, um Webbers Platz unter den europäischen Künstlern des 18. Jahrhunderts zu bestimmen sowie die Art und Weise, wie seine Arbeit die ethnologische Forschung beeinflussten. Heute befinden sich wichtige Sammlungen von Webbers Werken in Museen in Australien, Alaska, Hawaii, Grossbritannien und Neuseeland. Obwohl er um die Welt gereist war und den grössten Teil seines Lebens in Grossbritannien verbracht hatte, hat Webber seine starke Bindung zur Schweiz nie aufgegeben oder vergessen. Vor seinem Tod vermachte Webber der Burgerbibliothek in Bern mehrere Werke und über 100 ethnografische Sammelstücke der Expedition. Viele dieser Ausstellungsstücke sind heute im Historischen Museum in Bern zu sehen.