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Frühe Ansätze der Industrie
Als Elemente einer frühen Industrialisierung oder «Protoindustrialisierung» entstanden ab dem 16. Jh. Manufakturen
und das Verlagswesen. Abgesehen von der Manufaktur fanden die meisten Produktionsschritte ausserhalb der Eigenbetriebe der Unternehmer in Heimarbeit statt. Der Verleger kaufte Rohwaren ein und stellte den Heimarbeitern Webstühle zur Verfügung. Diese stellten Seidenbänder oder Posamenten her. Der Verleger organisierte den Transport von Rohstoffen und Fertigprodukten, bezahlte die Heimarbeiter und Boten und verkaufte die Seidenbänder mit Gewinn weiter.
Glaubensflüchtlinge hatten schon in der zweiten Hälfte des 16. Jh. diese Wirtschaftsform im Kanton Basel eingeführt. Weil die Zunftordnung in der Stadt Basel eine Ausweitung der Produktion verbot, begannen Unternehmer ihre Webstühle in den Stuben der Bauernhäuser im ländlichen Baselbiet aufzustellen.
Vor allem im Reigoldswilertal, teils auch im Waldenburgertal und in noch bescheidenerem Masse im mittleren und unteren Baselbiet, fand die Posamenterei Verbreitung. Erst um 1800 dehnte sie sich auch auf das Gebiet um Sissach und Gelterkinden aus. Diese «Protoindustrialisierung» prägte die Dörfer der Basler Landschaft massgeblich und hatte Einfluss auf die Architektur der Bauernhäuser mit relativ stattlichen Häusern, grossen Stuben und grossen Fenstern.
Erster Industrialisierungsschub: Das Aufkommen der Textilindustrie im Elsass
Die Textilindustrie als erste industrielle Unternehmensform bot durch die Färberei und die Textilveredelung der chemischen Industrie im Gebiet von Mulhouse wesentliche Ansatzpunkte. 1746 wurde in Mulhouse, welches damals als «zugewandter Ort» zur Eidgenossenschaft gehörte, die erste Indiennefabrik gegründet. Indienne ist ein ursprünglich handbemaltes, später industriell bedrucktes (Baumwoll-)Gewebe. Damit setzte eine schlagartige Industrialisierung im Elsass ein. Durch die Indienneproduktion entstand die Baumwollindustrie in geschlossenen Fabriken.
Die Weiterentwicklung wurde namentlich durch die «Société Industrielle» (1826) in Mulhouse unterstützt und gefördert. Somit wurde das Oberelsass Mitte 19. Jh. industrielles Zentrum unserer Region. Ab 1835, mit dem Beitritt Badens zum deutschen Zollverein, wurden Spinnereien und Webereien vermehrt auch von Basel aus als Filialbetriebe im Wiesental
eröffnet. Die starke Industrialisierungswelle in der ersten Hälfte des 19. Jh. im Oberelsass fand 1871 mit dem Sieg der Preussen im Deutsch-Französischen Krieg ein abruptes Ende. Das Elsass fiel an Preussen und Mulhouse verlor dadurch seine dominierende Stellung im französischen Eisenbahnnetz. Die Stadt wurde als Endstation an das deutsche Netz angeschlossen. Basel dagegen erhielt Anschluss an das europäische Eisenbahnnetz.
Die Entwicklung in Basel
Die traditionelle Hauptindustrie in der Stadt Basel war die Seidenbandindustrie. Sie war als Verlagssystem organisiert. 1843 arbeiteten rund 1500 Arbeiter- und Arbeiterinnen in den mechanisch betrieben Bandfabriken. Über die Zeit der Kantonstrennung von 1833 hinaus waren die meisten Gewerbe der Stadt durch ihre Zünfte reguliert. Erst 1875 fielen die Schranken, indem die Gewerbefreiheit eingeführt wurde. Entscheidende Schritte zur fabrikindustriellen Produktion stellen der Anschluss von Bandwebstühlen an ein Wasserrad und die erste Dampfmaschine in der Schappe-Spinnerei dar.
Der Bau der ersten Eisenbahnlinie bewirkte einen ersten Industrialisierungsschub und eine beginnende Wanderbewegung der Bevölkerung (Landflucht) vom Land nach Basel. Zwischen 1888 und 1900, aber v.a. im letzten Jahrfünft des 19. Jh. erlebte Basel einen sehr starken Bevölkerungszuwachs. Zuwanderer waren vorwiegend junge Leute, die zur frühen Heirat neigten, und so nahm die Zahl der jüngeren Bevölkerungsgruppe signifikant zu. Die verstärkte Migration kam allerdings v.a. dem Dienstleistungssektor zugute (Verkehr, Eisenbahner, Tramangestellte).
Innerhalb des 2. Sektors setzte sich der Rückgang der Textilindustrie fort, sie blieb jedoch immer noch Hauptindustrie. Die wachsende Bevölkerung fand Arbeit in aufstrebenden Industrien wie Baubranche, Maschinenindustrie und chemische Industrie. Typisch für das letzte Jahrzehnt des 19. Jh. war auch die Entstehung neuer Arbeiterviertel wie Gundeldingen, Breite und Horburg. Durch die starke Bevölkerungsentwicklung als Folge der Industrialisierung entstanden in den Mietskasernen oft unhaltbare hygienische und soziale Verhältnisse, aber auch eine prekäre Wohnungsnot. In diesem Zusammenhang ist auch die Gartenstadtbewegung
zu sehen.
Die Entwicklung im Baselbiet: Frühe Heimindustrie, späte Fabrikindustrie
Baselland war lange Zeit ein Agrarkanton. Neben der erwähnten Seidenbandweberei existierten bereits im 17. Jh. und sogar schon früher Gewerbebauten wie Mühlen, Sägen, Ziegeleien und Schmieden. Sie dominierten die Dorfkerne oder liessen sogar Dorfteile entstehen. Um 1834 gab es in Baselland drei Papierfabriken (Augst, Lausen und Waldenburg), zwei mechanische Baumwollspinnereien (Schönthal, Neuenwelt), eine Florettspinnerei (Schappe Arlesheim), eine Schnellweberei, einen Hochofen mit Hammerwerk (ebenfalls im Schönthal). 1860 existierten bereits 18 Textilfabriken, davon 8 Seidenbandfabriken. Daneben gab es Papierfabriken, Uhrmacherateliers, eine Nagelfabrik und die Saline Schweizerhalle sowie die daran angrenzende chemische Fabrik. Die Wasserkraft als Energieträger für die Fabriken war Standortfaktor.
Die Industrialisierung fand in drei Expansionsphasen statt. Die erste erfolgte 1820–1850. Eine zweite wurden 1850–60 durch den Bau der Eisenbahn ausgelöst. Die Elektrifizierung war für die dritte Phase ab 1890 verantwortlich. Baulich prägten im Laufe des 19. Jh. die Fabriken, die sog. «Kathedralen des 19. Jh.», die Dörfer. Die Fabrikhochbauten mit ihren Hochkaminen zeichneten ein neues Bild der Landschaft und wurden zum Ausgangspunkt zukünftiger Industriezonen.
Ab 1940 löste die Uhrenindustrie die Textilindustrie ab. Gleichzeitig erfolgte eine Verlagerung der wirtschaftlichen Zentren vom oberen zum unteren Kantonsteil.
Auswirkungen der Industrialisierung auf die Landschaft - der Preis für die Entwicklung?
Die Industrialisierung löste in der Landschaft vielfältige Veränderungen aus, welche das Landschaftsbild nachhaltig beeinflussten. Die Bedürfnisse nach Energieträgern waren vielfältig. So mussten neue Kanäle für die Wasserräder und später für die Stromerzeugung gebaut werden. Kohle als Energieträger für Dampfmaschinen und Heizungen erzeugte Luftverschmutzung. Der grosse Bedarf an elektrischem Strom führte zum Bau von Wasserkraftwerken.
Mit der Industrialisierung einher ging ein enormes Bevölkerungswachstum, das dazu führte, dass vor allem Basel und die umliegenden Dörfer rasant und oft ungeplant anwuchsen wie zum Beispiel Muttenz
. Fabrikgebäude, Hochkamine, Strommasten und -leitungen wurden zu neuen Elementen der Landschaft. Mit dem Bau der Eisenbahn stieg das Verkehrsaufkommen stark an. Menschen pendelten von ihren Wohnstätten zur Arbeit, aber auch Güter mussten aus wirtschaftlichen Gründen möglichst schnell über grosse Strecken transportiert werden. Mit dem Aufkommen des Automobils und dem folgenden Ausbau der Strassen ging diese Entwicklung weiter. Mit dem Wachstum der Industrie ergaben sich immer mehr Abfall- und Abwasserprobleme, aber auch Lärmemmissionen und Luftverschmutzung.
HPM