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In diesem Jahr feiert das Kammerorchester Wädenswil (KOW) sein 125-jähriges Bestehen, und nach 47 Jahren beendet Felix Schudel seine Tätigkeit als Dirigent des Ensembles.
Allen Turbulenzen und Modeströmungen zum Trotz besteht in Wädenswil seit 125 Jahren ein Orchester für klassische Musik. Massgeblich zu seiner Gründung im Jahr 1898 trugen Wädenswiler Firmenbesitzer, wie Paul Blattmann (Metallwarenfabrik) und Fritz Weber (Brauerei Wädenswil) bei. Erster Dirigent war Max Ringeisen und erster Präsident Paul Blattmann. Die Zusammenarbeit mit dem bereits 1883 gegründeten Musikverein Harmonie war eng, aber nicht unproblematisch, da die Harmonie eine Abwanderung von Mitwirkenden ins Orchester befürchtete. Am 19. März 1899 fand das erste Konzert im «Engel-Saal» statt. Im Sommer 1899 wurden zwei Sommerkonzert-Abende im «Du Lac-Garten» durchgeführt und bereits am 5. November erneut ein Herbstkonzert im «Engel-Saal». Auch auswärts trat der damalige Orchesterverein Wädenswil (OVW) auf, von 1900 bis 1904 jährlich in Richterswil, 1901 in Lachen und Glarus. 1904 fand das erste Weihnachtskonzert in der neu elektrisch beleuchteten reformierten Kirche Wädenswil statt. In den Anfangsjahren stand ganz klar die Operetten- und teilweise Marschmusik im Zentrum der Konzertprogramme.
Der Anfang ist gut dokumentiert
Kürzlich wurde dem KOW aus einem Wädenswiler Privatbesitz das Buch der Original-Jahresberichte des OVW ab 1902 zur Verfügung gestellt. In schwungvoller, feinsäuberlicher Handschrift und mit Feder geschrieben, füllten die damaligen Präsidenten jährlich Seite um Seite eines Notizbuches, um Tätigkeit und Geschäfte in recht markiger und undiplomatischer, aber wohlformulierter Sprache festzuhalten. Ab 1926 wurden die Jahresberichte mit Schreibmaschine geschrieben. Eine Herausforderung, welche das Orchester damals und bis heute beschäftigt, ist der Probenbesuch. Dazu wurde bereits 1904 in dramatischer Form von präsidialer Seite festgehalten: «Was die Proben anbelangt, so herrscht hier immer die alte Geschichte. Es fehlt nicht an der Anzahl der Proben, wohl aber an der Qualität derselben, d.h. an der Beteiligung von Seiten der Mitglieder». Dennoch blieb auch die Freude am musikalischen Gelingen nicht auf der Strecke, wenn 1906 unter Concerte & Geselliges berichtet wurde: «Wenn auch das Gebotene nicht immer mit Note eins (damals wohl die beste Schulnote) bezeichnet werden konnte, so stand doch Alles bedeutend über dem Durchschnitt, und es sind mir noch selten abfällige Urteile über unsere Concerte zu Ohren gekommen». Das vom Orchester gebotene Konzertangebot war gross, allein 1906 wurden acht Konzerte durchgeführt.
Herausforderungen und Zusammenarbeit
Das Orchester hat verschiedene Epochen, darunter auch schwierige Phasen, wie die Weltkriege, die Grippeepidemie um 1918, interne Konflikte und zuletzt die Corona-Wellen überlebt. 1916 wurde gemeinsam mit dem Kirchengesangverein (heute Kirchen- und Oratorienchor Wädenswil) das Oratorium «Die Schöpfung» von Haydn aufgeführt, eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Formationen, welche bis heute andauert. Nach den 1930er Jahren war das Orchester enger mit der reformierten Kirche in Wädenswil verbunden. Verschiedene Dirigenten waren gleichzeitig Organisten und leiteten oft auch den Kirchengesangsverein, der später zum Kirchen- und Oratorienchor wurde. So entwickelte sich die Tradition der gemeinsamen Aufführung von Teilen aus Kantaten durch das Kammerorchester und den Chor in den Gottesdiensten, mit Vorliebe von Johann Sebastian Bach. Das war auch im Jubiläumsjahr 2023 wieder der Fall mit der Aufführung von Teilen des Magnificat von Joh. Seb. Bach im Palmsonntags-Gottesdienst.
Felix Schudel dirigiert das KOW 47 Jahre lang
Dass ein Dirigent ein Laienorchester über derart lange Zeit leitet, ist aussergewöhnlich und bemerkenswert. Was ist das Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte? Es sind wohl mehrere Faktoren, die dazu beitrugen. Schudel ist bestrebt solide Aufbauarbeit mit einer Musikformation zu leisten und ist offen für verschiedene Stilrichtungen. Anspruchsvolle Arbeit, aber keine Verbissenheit, sondern eine gute Portion Humor sowie die Devise: «Lieber einmal einen falschen Ton als gar keinen hörbaren Ton», resultierten in einer Spielfreude, welche animierte und begeisterte. Der 1976 gewählte Dirigent Felix Schudel führte Neuerungen ein wie Konzertreisen, Konzerte in der Vorderen Au und später im Schloss Au, teilweise «Open Air» und die legendären Musikwochen in Gwatt am Thunersee, zusammen mit dem Kirchen- und Oratorienchor sowie Mitgliedern weiterer Chöre, ebenfalls unter seiner Leitung. Sie ermöglichten intensive musikalische Arbeit und gesellschaftlichen Austausch. Innert einer Woche wurde ein Konzertprogramm mit Werken für Orchester, Chor, sowie Orchester und Chor zusammen vom Blattlesen bis zum öffentlichen Werkkonzert erarbeitet und erlebt.
Stand bei der Orchestergründung eher die leichte Muse mit Operettenausschnitten und dergleichen im Vordergrund, ist seit längerem die klassische Musik in allen ihren Facetten vorherrschend. Das Orchester, das heute aus rund 25 Mitwirkenden besteht, leistet einen beachteten Beitrag zum kulturellen Leben in Wädenswil und der Region und kann auf eine treue Zuhörerschaft und einen Gönnerkreis zählen. In den letzten Jahren fanden jeweils an einem Wochenende Ende Juni die Konzerte im Schloss Au sowie das Adventskonzert Mitte Dezember in der ref. Kirche Wädenswil statt. Wertvoll war das Beziehungsnetz unseres Dirigenten zu Solisten und Zuzügern, viele davon waren ehemalige Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Küsnacht, wo er unterrichtete.
Die Zukunft
Die 125 Jahre Geschichte und der Dirigentenwechsel sind Ansporn für die Zukunft. Als Nachfolgerin von Felix Schudel wurde Anne-Cécile Gross zur neuen Dirigentin des Orchesters gewählt. Sie bringt reiche Erfahrung als Dirigentin mit und beginnt im November 2023. Wichtig ist zudem das Orchester zu verjüngen und neue Mitspielende zu gewinnen. Wer gerne mitspielen möchte, findet alle Infos auf www.ko-waedi.ch.
Markus Kellerhals, Kammerorchester Wädenswil
Jubiläumskonzert
Am Sonntag, 1. Oktober 2023, findet um 16.30 Uhr in der ref. Kirche Wädenswil das Jubiläumskonzert statt mit der 2. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, der «Pavane Couleur du Temps» von Frank Martin und dem Trompetenkonzert von Johann Nepomuk Hummel. Solist ist der Trompeter Basil Hubatka aus Männedorf. Für dieses Programm wird das Streichorchester ergänzt durch zahlreiche zugezogene Bläser und eine Pauke. Zudem ergänzen ein paar ehemalige Mitwirkende das Orchester.