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Penibel gesäubert, kann der Times Square in New York als Modellfall für die Privatisierung des urbanen Raums in einen Themenpark à la Disney gelten.
«Hier ist alles sehr real (...) Der Park ist eine Realität. Die Leute sind hier ganz natürlich; sie haben Spass, sie kommunizieren. (...) Die Fantasie ist draussen, jenseits des Eingangs von Disneyland. Sie ist dort, wo die Menschen Hass verspüren und Vorurteile haben.» So verteidigte sich Walt Disney in den sechziger Jahren, nachdem er von Kritikern als Erfinder einer pseudotrostspendenden Realität kritisiert worden war. Ganz in diesem Sinne betonten die Architekten von Disneyland, der Park stelle keinen Fluchtort des Alltagslebens, sondern im Gegenteil eine bereicherte Version der realen Welt dar: «Was wir hier kreieren, ist eine Art Disney-Realismus», argumentierte einer der Architekten, «wir programmieren die negativen und unerwünschten Elemente hinaus und die positiven Elemente hinein.»
Die Kernaussage des «Disney-Realismus» behauptet, dass Urbanität eine Sache des Imaginationsvermögens ist, mit dem Willen und der absoluten Überzeugung Perfektion in die Praxis umzusetzen. Ein Blick auf die aktuelle US-amerikanische Stadtlandschaft zeigt, dass Disneys spezifische Definition von Realität längst das abgeschirmte Terrain der Themenparks verlassen und in jenen urbanen Raum eingedrungen ist, der einst unter dem Begriff Downtown bekannt war. Seit Ende der neunziger Jahre übertragen VertreterInnen der Stadt gemeinsam mit privaten Investoren Disneys Standards für heitere Themenparks auf den städtischen Raum – sicher, sauber, lustig. Downtown-Revitalisierung heisst die Devise, sie meint zunächst schlichte Säuberungsaktionen: In Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, verteilten StadtvertreterInnen einfache Billets an Obdachlose für die Fahrt aus der Stadt. In Los Angeles gabs Strafzettel für Obdachlose, die den Gehsteig blockierten oder verkehrswidrig die Strasse überquerten. Und während sich der Disney-Konzern am Times Square niederliess, pries der damalige neo-konservative Bürgermeister New Yorks, Rudolph Giuliani, unverblümt sein «scharfes Vorgehen» gegenüber Obdachlosen an. «In zivilisierten Gesellschaften schlafen die Menschen nicht auf der Strasse. Schlafzimmer sind zum Schlafen da», argumentierte Giuliani in seiner wöchentlichen Radiosendung im November 1999. In seinem Kampf für eine saubere und sichere Stadt verbot er kurzerhand das Schlafen, Liegen, Sitzen und Stehen im öffentlichen Raum.
Was KritikerInnen als «sanktionierten Sadismus» bezeichnen, entpuppt sich als US-weites Programm zur Transformation der Downtowns in korporative Themenparks. In vielfacher Hinsicht gilt der Times Square als Modellexemplar dieser Umstrukturierung. 1992 hatten hier die lokalen Geschäftsbesitzer mit der Stadt die Partnerschaft Times Square Business Improvement District (TSBID) gegründet; über Eigenbesteuerung finanzierten sie private Wachposten und die private Müllabfuhr und setzten damit einen ersten entscheidenden Schritt in Richtung Privatisierung des urbanen Raumes. Zu diesem Zeitpunkt war der Times Square primär für das Aufeinandertreffen distinguierter Broadway-Theater, Untergrundökonomien und «illegaler Liebe» bekannt. Zwei Jahre später, nachdem der Disney-Konzern Interesse an einer Niederlassung an der berühmtesten Strassenkreuzung der Welt signalisiert hatte, verabschiedete die Stadt unterwürfig einen Flächenwidmungsplan, der das ansässige Rotlichtmilieu mit dem Vorwand der moralischen Belästigung in die Vorstädte vertrieb. Mit Rekurs auf gigantische staatliche Subventionen wurde der Times Square penibel gesäubert, weich gespült und als Themenpark seiner eigenen Vergangenheit auf dem internationalen Tourismusmarkt verwertet.
In Anlehnung an die Prinzipien des Disney-Realismus propagieren nun seit Ende der neunziger Jahre die schwingenden Fahnen des New Times Square die Werte «safe, clean and fun». Die Präsentationsstrategien greifen auf Nostalgie und Retro-Chic zurück, die hyperbolisch das Thema Stadt hochleben lassen. Die themenspezifische Organisation des Platzes und der einzelnen Geschäfte kannibalisiert die Legende des Times Square; sie reinszeniert die aufregenden Bilder der stürmischen zwanziger Jahre, die nun, eingebettet in den Überwachungsapparat der privat-öffentlichen Partnerschaft, mit der Vergewisserung von Sicherheit konsumiert werden. So bedient sich beispielsweise die Szenografie der Videoarkade auf der 42. Strasse am Imagerepertoire historischer Strassen- und U-Bahnschilder; der McDonald’s Flagship Store imitiert mit künstlichen Stahlkonstruktionen eine Fabrik der Jahrhundertwende. Und auf der Strasse sichert eine von der Stadt verabschiedete Fassadenregulierung eine bunte Kakophonie von Neonlicht, die dem posthistorischen Pastiche einen formalen Rahmen setzt.
Seit der umfassenden Sanierung kommt kaum noch ein Medienkonzern ohne repräsentative Niederlassung am Times Square aus. Wie kaum an einem anderen Ort inszenieren hier Konzerne ihre Marken als Unterhaltungsspektakel: Ein rauchender Nudeltopf über elektronische Laufbänder mit aktuellen Aktieninformationen, die nostalgisch glitzernde Coca-Cola-Flasche, Werbeclips auf Megascreens neben einem wüsten Konglomerat aus Neonschriftzügen und Riesenplakatwänden. Während im Luftraum dicht gedrängte Zeichen nach Aufmerksamkeit heischen, kämpfen auf dem Boden Millionen Passanten um ihre Bewegungsfreiheit. Der Times Square ist zu einem Treffpunkt globaler Urlauber und kosmopoliter Marathonläuferinnen geworden; für jene Randgruppen, die vor dem Make-Over am Times Square zuhause waren – Obdachlose, jugendliche AusreisserInnen, Prostituierte und Transsexuelle – ist kein Platz mehr.
«Disneyitis» ist ein Virus, das mehr und mehr US-amerikanische Innenstädte erfasst und dabei ein Set identischer Symptome verbreitet: eine Obsession mit Sauberkeit und Sicherheit, visueller Kohärenz und korporativem «Spass». Disneyitis hat sich als erschütternde Krankheit erwiesen – nicht, weil die Städte nun alle gleich aussehen, falsch und künstlich wirken, sondern weil die urbanen Erfahrungen, die die neuen Stadtzentren ermöglichen, über das Prinzip des Disney-Realismus produziert werden. In der konkreten Nutzung der Stadt wird das künstlich inszenierte Strassenbild zur «realen Fälschung», das heisst, die Fälschung wird in der Interaktion real. Aber die urbane Erfahrung der BenutzerInnen ist ein Erlebnis, das selektiv produziert und von Störfaktoren bereinigt wurde. Dieser Mangel an Authentizität wird nicht nur über die Regeln des Designs oder der Architektur hervorgebracht, sondern auch durch eine totale Überwachung und Kontrolle, die die Erfahrung einer komplexen und vielschichtigen Urbanität unmöglich machen.
Der Disney-Realismus hat sich als effizientes, politisches Instrumentarium zur sozialen Umverteilung in den US-amerikanischen Stadtzentren erwiesen. Bis in die neunziger Jahre fungierten die Innenstädte vielfach als Auffangbecken für ImmigrantInnen, die hier ihren Einstieg in die Gesellschaft fanden und dann im Zuge ihrer Assimilation sukzessive stadtauswärts zogen. Seit den Transformationen ist die Innenstadt als korporativer Themenpark mit ihrer scheinbar perfekten, sozialen Harmonie zur Zugriffsfläche der Mittelschicht geworden. Sie fungiert nun als ausgedehnte Unterhaltungs- und Einkaufszone, die primär die Gruppe der Young Urban Professionals bedient. Unabhängig von ihrem konkreten Standort setzen sich die Zentren nun immer häufiger aus einem standardisierten Set an Franchiseniederlassungen zusammen: McDonald’s, KFC, Gap, Virgin Megastore, Tower Music, Barnes and Nobles, Starbucks verwandeln die Stadtzentren in Brandscapes (Markenlandschaften), in denen «going downtown» gleichbedeutend ist mit «going shopping».
Allen korporativen Interventionen zum Trotz illustriert der Times Square in New York die relative Formbarkeit des städtischen Raumes. Während die Nasdaq-Börse ihren achtstöckigen, mit einem Screen umhüllten Zylinderbau kontinuierlich mit Militärvideos und der amerikanischen Flagge bespielt, schwingen AntikriegsdemonstrantInnen im Zentrum des Platzes ihre eigenen «No Blood For Oil»-Flaggen. Auf der Verkehrsinsel posiert ein in Cowboystiefeln und rot-weiss-blauem Slip gekleideter Mann; für einen Dollar können sich hier Touristinnen mit einem einheimischen Patrioten vor den Neonfarben des Platzes ablichten lassen. In der Mitte dieser konkurrierenden Mischung an Symbolen attackiert ein Priester mit blond gefärbten Haaren die repressive Präsenz der Markenikonografie. Die von den Billboards lächelnden Supermodelle, so klagt er, ruinierten sein Sexleben, weil sie ihn in ihrem Perfektionismus kontinuierlich auf seine Unzulänglichkeiten verwiesen und den Konsum als ultimative Erlösung anpriesen. «Du kannst deine Seele heute retten – hör auf einzukaufen! Halleluja, Amen!» Hinter dem leidenschaftlichen Pfarrer verteilen Mitglieder der Aktivismusgruppe «StayFree»-Karten der Stadt New York, die die Ausdehnung der korporativen Symbole dokumentieren. Auf den Plakatwänden sind zahlreiche Köpfe der Calvin-Klein- und der Budweiser-Modelle mit grossen, schwarzen Punkten verklebt: «Adbusters», so genannte «Subvertisements» sind ein geheimer Code, den nur Informierte zu lesen verstehen: Raus mit den Konzernen. Die Stadt gehört uns. Wir haben ein Recht auf die Stadt.