Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03593.jsonl.gz/1342

Text: World Vision Afghanistan
Parwaneh, ein Dorf mit etwa 5000 Einwohnern, liegt eingebettet in den Hügeln der afghanischen Provinz Herat. Ein ausgetrocknetes Flussbeet trennt das abgelegene Dorf in zwei Teile.
Obwohl in Parwaneh viele Menschen leben, gab es weder eine Gesundheitseinrichtung noch eine Apotheke. Die nächste Stadt mit einer Klinik lag weit weg. Wenn es bei einer Geburt zu Komplikationen kam, waren die Überlebenschancen für die Mutter oder das Kind sehr klein. Die Zahl der Todesfälle bei Geburten hatte in den letzten Jahren zugenommen. Dank ihrer von World Vision unterstützen Hebammen-Ausbildung, können die beiden junge Frauen Azizeh und Laila daran jetzt etwas ändern.
Vom Land in die Hebammenausbildung
World Vision hat dafür ein ungewöhnliches Projekt ins Leben gerufen: Gemeinsam mit dem örtlichen Gesundheitsamt werden junge Frauen in abgelegenen Gebieten für eine zweijährige Hebammenausbildung am Institut für Gesundheitswissenschaften ausgewählt. Während die Frauen ausgebildet werden baut World Vision in deren Heimatdörfern Gesundheitsposten auf, so dass die ausgebildeten Hebammen nach ihrem Abschluss zurückkehren und die dringend benötigte medizinische Versorgung übernehmen können.
«Zwei Jahre lang bin ich jeden Tag in die Stadt gependelt», sagt Azizeh, selbst Mutter. Ihr Mann, der nur gelegentlich als Tagelöhner arbeitet, kümmerte sich in dieser Zeit um ihren dreijährigen Sohn. Als Azizeh vor rund sieben Monaten ihren Abschluss machte, war sie eine von 37 neuen Hebammen, die in ihr Heimatdorf zurückkehrten und eine Klinik gründeten. «Wir wollen gesunde Mütter und Babys sehen, und genau deshalb sind wir hier», sagt sie.
Voll funktionstüchtig
«Hier haben wir alle Hände voll zu tun», sagt Laila, die gerade geholfen hat, ein gesundes Mädchen zur Welt zu bringen. «Ich habe heute Morgen gegen vier Uhr morgens ein Klopfen an meiner Tür gehört», erzählt sie. «Es war eine Frau kurz vor der Geburt mit ihren Verwandten.» In den dunklen Morgenstunden machte sich die kleine Gruppe auf den Weg zum Geburtszentrum, wo Laila bei der Geburt des Babys half. Das Mädchen, das noch keinen Namen hat, liegt nun ruhig neben ihrer Mutter, eingewickelt in ein dickes Tuch. Sie ist bereits geimpft und untersucht worden und darf, sobald sich die Mutter von den Strapazen der Geburt erholt hat, nach Hause.
«Normalerweise arbeiten wir von 8 bis 16 Uhr, aber wir sind jederzeit verfügbar, wenn jemand unsere Hilfe braucht», erklärt sie. Ihre Zweizimmer-Klinik, sauber und hellgelb lackiert, ist mit Medikamenten, medizinischer Ausrüstung sowie einem voll funktionsfähigen Kreisssaal ausgestattet. Die Behandlung ist kostenlos. Die jungen Frauen behandeln und beraten schwangere Frauen und überweisen kompliziertere Fälle in das nächstgelegene Krankenhaus. «Unsere Klinik ist brandneu. Viele Menschen wissen noch nicht, dass sie existiert, obwohl wir diesen Monat bereits sechs Babys zur Welt gebracht haben», sagt Laila stolz.
Mit Rat und Tat
Unterstützt wird die Arbeit der beiden Hebammen von einer Aktionsgruppe aus dem Dorf; einem Team von sieben Frauen, die Hygienepraktiken in ihrem Dorf bekannt machen. Die Damen – die meisten von ihnen stehen bereits kurz vor dem Rentenalter – gehen jede Woche von Haus zu Haus und klären über Gesundheit und Hygiene auf und beantworten Fragen dazu. Sie sind es auch, die der Bevölkerung erzählen, dass es nun eine Klinik im Dorf gibt.
SORAYA (MITTE) UND DIE FRAUENGRUPPE: ZUERST EINMAL EINE TASSE GRÜNTEE, DANN KÖNNEN DIE VORBEREITUNGEN BEGINNEN
Die Gruppe trifft sich regelmässig, um ihre Anliegen zu besprechen und Vorbereitungen für die Hausbesuche zu treffen. Die Treffen beginnen normalerweise mit einer Tasse heissen grünen Tees.
«Letztes Jahr haben wir durch die Dürre viel von unserer Ernte und Vieh verloren. Ausserdem haben wir Nachbarn und Verwandte durch Krankheiten und bei der Geburt verloren. Wir haben entschieden, dass das aufhören muss», sagen die Frauen übereinstimmend. Jede von ihnen hat ein Lehrbuch, Seife und Medikamente bekommen, die sie bei den Hausbesuchen verteilen können.
Es braucht Hebammen
Nur etwa 30 Prozent aller Geburten in ganz Herat werden von einer professionellen Geburtshelferin oder Hebamme unterstützt. In armen Gemeinden, wo der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen nach wie vor eine Herausforderung ist, sind es gar noch weniger. «Früher riefen die Menschen aus unserem Dorf traditionelle Geburtshelferinnen um Hilfe, die nie eine formelle Ausbildung erhalten haben und nur Basishilfe anbieten konnten. Jetzt fragen sie uns um Hilfe», erklärt Azizeh.