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Lieber Oliver, bitte erzähle zunächst etwas von dir.
Ich werde dieses Jahr 39 Jahre alt und komme aus Schaffhausen. An der dortigen Kanti habe ich meine Matura gemacht. Es folgte ein Studium an der Jazzschule St.Gallen, das ich mit einem Lehrdiplom für Klavier abgeschlossen habe. Nach einigen Jahren als Klavierlehrer an Jugendmusikschulen und Pianist und Keyboarder in der freien Wildbahn der Musikszene habe ich 2009 dann den Schulmusik II-Master an der ZHdK begonnen und 2012 abgeschlossen. Seit 2011 unterrichte ich Schulmusik an Kantonsschulen, seit 2015 mit sicheren Pensen an der Kanti Zürich Nord, wo ich eine 50%-Stelle habe (mbA) und an der Kanti Wil, wo ich seit 2013 arbeite und mittlerweile auch festangestellt bin. Ich wohne im Zürcher Weinland mit meiner Frau und meinen zwei Kindern.
Du bist neben deiner Lehrtätigkeit als Musiker aktiv. Welches sind deine Stilrichtungen?
Ich habe in jüngeren Jahren fast alles ausprobiert: Ich habe unter anderem in einer progressiven Power-Metal Band gespielt („Neverland“), den Soulsänger „Camen“ an einigen Konzerten begleitet, war Teil eines Singer-/Songwriter-Trios und habe 2008 ein Soloalbum („The Curtain“) realisiert. Daneben habe ich mir das Studium auch durch das Begleiten von Gospelchören finanziert. Ich denke, dass ich im Bereich der Popularmusik ein relativ breites Spektrum von Stilen einigermassen authentisch abdecken kann. Da ich noch singe, habe ich auch viele Songs von singenden Pianisten wie Elton John, Billy Joel oder Freddie Mercury im Repertoire.
Welche Art von Musik machst du?
Mein aktuelles Projekt, „The Twin Solution“, das ich gemeinsam mit dem Sänger Michael Frei gegründet habe, ist sehr episch, melancholisch und atmosphärisch. Es ist Rockmusik im weitesten Sinne. Aber es gibt auch jazzige Klangfarben und Harmonien, klassische Strukturen und Queen- inspirierte Backing Vocals zu hören.
Du hast eine CD veröffentlicht. Erzähl uns etwas darüber.
Wir haben zu zweit Songs komponiert, die aus Jamsessions entwickelt wurden. Mit diesen Songs und einer Vorproduktion im Gepäck sind wir nach Berlin gereist und haben dort in einem auf Jazz spezialisierten Tonstudio („AudioCue“) mit zwei renommierten deutschen Studiomusikern die Basic Tracks (Drums, Bass, Flügel) aufgenommen. Auch wenn wir keinen Jazz machen, so wollten wir doch in einem Studio aufnehmen, welches weiss, wie man ein Schlagzeug in guter Qualität aufnimmt. Ausserdem hat es dort einen Steinway Flügel der Extraklasse. In der Schweiz haben wir bei Andreas Canzani im Tonstudio „Die Rampe“ den Gesang aufgenommen und das Ganze mit ein paar Gitarrenspuren von Jean-Pierre von Dach veredelt. Das Album erschien um den Jahreswechsel 16/17 herum. Online ist es überall verfügbar, physisch ist es bei cede.ch erhältlich.
Welchen Song würdest du zeigen, wenn jemand wissen möchte, welche Art Musik du machst?
Vom aktuellen Twin Solution Album „Cocoon“ wäre das vielleicht der Song „I don’t mind“. Er ist sehr ruhig und atmosphärisch, beinhaltet eine melancholische Abfolge von Moll-Akkorden mit einigen Jazzvoicings und baut sich langsam auf. Und grad dann, wenn man als Hörer langsam glaubt, dass man den Song durchschaut hat, beginnt ein komplett neuer, rockiger und leicht „gestörter“ Part, bevor es in einer Art Reprise in einen epischen und etwas grössenwahnsinnigen Schlusspart geht. Das ist die Art von Song, die mir auch gefallen würde, wenn ich nicht selber mitgespielt hätte. Und das war das Ziel des Albums: Musik zu machen, die wir mögen.
Wie kombinierst du deine musikalische Aktivität mit deinem Lehrerberuf.
Normalerweise trenne ich das ganz gut. Aber hin und wieder gibt es die Möglichkeit mich auch an einer Schule als professioneller Musiker zu profilieren. So hatte ich an der letzten Serenade der Kanti Wil einen Gastauftritt als Sänger bei einem Song eines Schülerprojekts. Oder natürlich bei den Auftritten meines Freifachchors: Dort bin ich nicht nur der Chorleiter, sondern auch der professionelle Pianist, der begleitet und die Band anleitet. Da ich aber ein grosses Pensum habe und Familienvater bin, ist es nicht so einfach musikalische Aktivitäten ausserhalb der Schule zu forcieren. Aber immerhin hat es jetzt für dieses Album mit „The Twin Solution“ gereicht.
Was bedeutet dir die Arbeit mit Jugendlichen?
Die Arbeit mit Jugendlichen macht mir grundsätzlich viel Spass. Ich wusste immer, dass ich mal Lehrer werden möchte. Das liegt mir. Und jetzt, wo ich mit Jugendlichen an Kantonsschulen meine Leidenschaft für Musik teilen und weitergeben kann, habe ich schon stark das Gefühl, dass ich am richtigen Ort bin. Ich denke, dass ich jetzt, mit ein wenig Erfahrung, auch einen guten Mix gefunden habe. Ich begegne den Kids freundlich und wohlwollend, habe aber auch klare Ziele und Erwartungen. Und es hilft, wenn man sich selber und den Jugendlichen mit Humor begegnet. Ich nehme mich selber nicht allzu ernst, den Beruf aber schon und die Musik erst recht. Das spüren und mögen die Schüler. Und ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen und halte die Zügel so locker als möglich, aber nicht zu locker in der Hand.
Welche Ziele hast du für die Zukunft?
In Würde zu altern… Ich denke, dass die Weichen gestellt sind. Ich habe nun zwei Kinder im Alter von vier Jahren und 6 Monaten, habe dieses Jahr ein Haus im Zürcher Weinland gekauft und habe mich beruflich etabliert. Ich bin in der privilegierten Situation nicht nur einen Schulmusik II-Master, sondern auch tatsächlich fixe Jobs an Kantonsschulen zu haben. Daneben möchte ich weiterhin eigene Musik kreieren, weil das auch den zwingend nötigen Ausgleich schafft. Ansonsten weiss man nie was noch alles kommt. Insofern gilt primär: „Keep on going and don’t fuck up“. Ich denke, ich werde mich auch musikalische noch lange weiterentwickeln. Eine Zukunftsvision wäre die Komposition eines grösseren Werkes für einen Chor und ein kleines Orchester.
Hast du ein musikalisches Vorbild?
Ich bin mittlerweile zu alt für Vorbilder, finde ich. Ich habe viele Musiker, die ich mag und bewundere und die mich inspirieren; Ben Folds, Neal Morse, Steven Wilson, Queen und viele andere gehören hier dazu. Aber Inspiration kommt von überall. Das letzte was mich sehr begeistert hat war ein Interview von Leonard Bernstein und Kompositionen von Ola Gjeilo, der sakrale Chormusik mit Filmmusik-Touch komponiert.
Kann man dich live erleben?
Ja, das wäre schön. Aber eben: Mit meinem Pensum und meiner Familie kommt das Live spielen seit Längerem zu kurz. Das Organisieren von Konzerten ist schwierig und zeitintensiv, gerade wenn ein Projekt am Start hat, das nicht zwingend massenkompatibel ist. Aber mal schauen…
Hast du ein Lieblingszitat/Motto?
Carpe diem.