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Jetzt auch deutsch lieferbar: How to Speak Money
Wo über Geld geredet wird, verstehen viele Bahnhof
Der britische Romancier John Lanchester hat sich die Sprache des Geldes angeschaut – und ein phänomenales Buch darüber geschrieben.
Eigentlich ist er ein Geschichtenerzähler, der 1962 in Hamburg geborene und im Fernen Osten aufgewachsene John Lanchester. Aber ähnlich wie Robert Menasse, der ein halbes Jahr in Brüssel lebte, damit sein Roman, der in Brüssel spielen sollte, auch der Realität gerecht werde, so befasste sich John Lanchester, der Sohn eines (kleinen, harmlosen) Bankangestellten, mit der Sprache der Finanzhaie, um dieser Welt in seinen Erzählungen gerecht zu werden. Und so, wie Robert Menasse dann keinen Roman schrieb, sondern das Sachbuch «Der Europäische Landbote», so schrieb John Lanchester keine Banker-und-Gauner-Geschichte, sondern das Sachbuch «How to Speak Money. What the money people say – and what they really mean.»
Es ist ein phänomenales Buch geworden! Und es ist sehr zu begrüssen, dass es jetzt auch in deutscher Sprache herausgekommen ist: «Die Sprache des Geldes – und warum wir sie nicht verstehen (sollen)». Es umfasst rund 70 Seiten einführenden Text zum Thema und rund 220 Seiten lexikalische Begriffserklärungen von A- und B-Aktien, AAA und Anebnomics bis Zombiebank, Zwiebeln und zyklisch und azyklisch. In einem 30seitigen Nachwort referiert Lanchester schliesslich über die Erfolge des Wirtschaftswachstums – zum Beispiel über den phantastischen Rückgang der weltweiten Kindersterblichkeit in den letzten 20 Jahren – und erklärt, warum es doch nicht so weitergehen kann.
Darum müssen wir die Sprache des Geldes verstehen
Lanchester erklärt in seinen Einführungen in höchst plausibler Form, warum es den Finanzmarktleuten sehr recht ist, dass ihre Sprache fast zur Geheimsprache geworden ist, denn sie profitieren von der fast automatischen inneren Abwendung vieler Menschen, die diese Sprache nicht verstehen und sich nicht überwinden wollen, sie verstehen zu lernen.
Lanchester wörtlich: «Manchen Menschen, die sich der Finanzsprache bedienen, ist tatsächlich alles, was nicht mit Geld zu tun hat, scheißegal. Sie glauben, dass die Armen arm sind, weil sie faul oder dumm oder schwach sind, und dass die reichen Leute reich sind, weil sie hart arbeiten und intelligent und stark sind. Sie glauben, dass all die offenkundigen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die es auf dieser Welt gibt, nur auf diesen grundsätzlichen, hässlichen Fakten beruhen. Aber auch das ist auf gewisse Weise interessant. Es wäre nämlich besser, die Leute, die so denken, würden das auch tatsächlich so aussprechen und in ihre Argumentation mit einfließen lassen. Im Augenblick bewegen wir uns – zumindest in der englischsprachigen Welt – in eine politische und ökonomische Richtung, in der die Ungleichheiten immer weiter zementiert werden, ohne dass die Fürsprecher dieses Arrangements ihre Ansichten auch ehrlich darlegen würden.»
Und ein paar Zeilen weiter unten, wieder wörtlich: «Unser öffentliches Leben wird von Scheinheiligkeit beherrscht, von Menschen, die nicht sagen, was sie eigentlich meinen, weil sie nicht zur Zielscheibe der Medien werden wollen. () In der Finanzsprache gibt es so etwas kaum – im Allgemeinen neigt sie nicht zur Scheinheiligkeit. Sie ist in der Lage, mit lobenswerter Schnelligkeit zum Kern der Sache vorzudringen – wenn man über das sprachliche Rüstzeug verfügt, das man zur Teilnehme an der Diskussion benötigt.»
Klare Erklärungen für schwammige -ismen
Selbstverständlich kommt Lanchester in seinem einleitenden Text auch auf die neoliberale Ökonomie zu reden. Doch was ist das eigentlich, die neoliberale Ökonomie, fragt er, und antwortet gleich selber:
«Kurz gesagt, handelt es sich dabei um eben jenes Denksystem, das seit ungefähr einem Dritteljahrhundert die englischsprachige Welt und Finanzinstitutionen wie die Weltbank und den IWF beherrscht. Die ersten und politisch prominentesten politischen Vertreter waren die 1979 zur Premierministerin gewählte Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan, der 1980 Präsident der USA wurde. Der Neoliberalismus hat sowohl einen praktischen als auch einen philosophischen Aspekt. Da seine praktische Seite unmittelbar ins Auge fällt, beschäftige ich mich mit ihr zuerst.»
«Im Neoliberalismus spielen folgende politische Maßnahmen eine Rolle: die aktive Stärkung des Handels, des Unternehmertums und des Individuums; die Beschränkung der staatlichen Einflussnahme; die Senkung öffentlicher Ausgaben; die Erweiterung der Chancen und Verantwortlichkeiten des Einzelnen, sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg; die Förderung des Freihandels und dementsprechend auch die Abschaffung protektionistischer Hemmnisse und Zölle; die Einschränkung der Rolle der Gewerkschaften und der Tarifverhandlungen; die Minimierung von Steuern; politische Weichenstellungen, die der Schaffung von Wohlstand und Reichtum zugute kommen, gepaart mit dem Vertrauen darauf, dass allmählich auch andere Bereiche der Wirtschaft von diesem Wohlstand profitieren; und die Privatisierung staatlicher Unternehmen.»
«Hinter diesem spezifischen politischen Programm steht ein philosophisches Gedankengut, das die Rolle und Bedeutung des Individuums betont. Der Neoliberalismus ist davon überzeugt, dass der Weg zum Wohl der Allgemeinheit nur über die Stärkung des Einzelnen führt. Aber vielleicht ist das falsch ausgedrückt, vielleicht sollte man es eher so sagen: Das Individuum hat als moralisches Wesen oberste Priorität; die Chancen, das Potenzial und das Glück des Einzelnen sind alles, was zählt.»
«Wenn die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert und gedeiht, umso besser, aber letztendlich sollte das moralische und praktische Augenmerk einer jeden Gesellschaft dem Individuum gelten. Daraus ergibt sich notwendigerweise, dass bei der strukturellen Gestaltung einer Gesellschaft und folglich auch eines Wirtschaftssystems die Möglichkeiten des Individuums im Zentrum stehen. Die Wirtschaft sollte so eingerichtet sein, dass der Einzelne die Gelegenheit bekommt, sein Potenzial zu maximieren. Das praktische Versprechen, das dahinter steht, lautet folgendermaßen: Wenn die Regierung den Weg für die 'Wohlstandsschöpfer' ebnet, wird der Reichtum, den sie anhäufen, letztendlich allen zugute kommen: Zunächst einmal zahlen ja die Reichen wesentlich mehr Steuern als die Armen, außerdem geben sie auch noch wesentlich mehr aus – und von ihren Steuern und Ausgaben profitiert dann schließlich die gesamte Gesellschaft. Es ist wie ein Zaubertrick: Man fördert das Allgemeinwohl, indem man einzelnen Leuten erlaubt, ihren Gewinn in selbstsüchtiger Manier zu maximieren.»
«Aus dieser Auffassung ergaben sich politische Maßnahmen, die es den Reichen ermöglichten, noch schneller noch sehr viel reicher zu werden als die Armen. So funktioniert das System des freien Marktes: Die Reichen häufen darin immer wesentlich schneller Einnahmen und Vermögen an als die Armen; dieses Gesetz ist so elementar wie die Gesetze der Schwerkraft. Dabei verspricht der Neoliberalismus, diese Entwicklung sei unbedenklich, solange die Armen dabei ebenfalls reicher werden. Mit der Flut steigen alle Boote – so lautet der Gemeinplatz. Zwar heben sich die reichen Boote schneller in die Höhe, aber in der neoliberalen Weltordnung ist das kein Problem. Soziale Ungleichheit ist nicht einfach nur der Preis, den man für steigenden Wohlstand bezahlen muss – sie macht ihn überhaupt erst möglich. Die wachsende Ungleichheit ist also keineswegs eine hässliche, unbeabsichtigte Begleiterscheinung des Neoliberalismus, sondern vielmehr der Motor, der den gesamten wirtschaftlichen Prozess antreibt.»
Lanchester, etwas weiter unten, wieder wörtlich:
«Konkurse, hohe Arbeitslosigkeit, Menschen, die obdachlos geworden sind – all das sind menschliche Tragödien. Aber in der neoliberalen Weltsicht sind sie noch etwas anderes, nämlich eine Erinnerung daran, was passiert, wenn man nicht hart genug arbeitet. Wirtschaftssysteme brauchen Gewinner, wie Mrs Thatcher klar gemacht hat, aber diese ökonomische Variante ist auch auf Verlierer angewiesen: Sie sind es, die den Gewinnern die nötige Angst einjagen, die das Feuer in ihnen entzünden und sie antreiben. Es gibt ein Bibelzitat, das diese Weltsicht und die Richtung, in die sich die englischsprachige Welt seit ungefähr 1980 bewegt, perfekt zusammenfasst: «Denn wer da hat, dem wird gegeben.» (Mk 4,25).»
Rund 400 Begriffe der Sprache des Geldes
Nein, auch einzelne Beispiele aus dem 220 Seiten starken Lexikon-Teil des Buches hier anzuführen, würde nicht Sinn machen. Manche Fachwörter werden da auf einer Zeile erklärt, für manche Begriffe, etwa für die Erklärung des Hochfrequenzhandels, braucht auch John Lanchester fast zwei Buchseiten. Aber immer sind die Erklärungen verständlich formuliert, auch wenn man dabei oft gezwungen wird, gleich auch noch weitere Begriffe zu studieren.
Ganz fehlerfrei ist allerdings auch John Lanchester nicht. Unter dem Stichwort Fiatgeld, einem Synonym von Giralgeld, erklärt er, dass hinter dem heutigen Geld gar kein Gegenwert mehr steckt wie damals, als das Geld noch mit Goldreserven gedeckt sein musste. Das Geld werde – schwuppdiwupp – aus dem Nichts geschöpft. Das ist zwar richtig, nur haben nicht, wie Lanchester schreibt, nur die Staaten beziehungsweise deren Zentralbanken sich das Recht genommen, Geld aus der Luft herzuzaubern, sondern, was tatsächlich eine ganz üble Sache ist, die Banken! Aber als Engländer weiss Lanchester eben nichts von unserer Vollgeld-Initiative. Wüsste er davon, er wäre mit Sicherheit ein begeisterter Befürworter.
Oder ein anderer Fehler: Unter dem Stichwort ESM (European Stability Mechanism) ist von einem Stammkapital von 700 Millionen Euro die Rede. Es müsste da natürlich 700 Milliarden Euro stehen.
Aber wer macht schon keine Fehler! Vielleicht war's ja auch der Übersetzer. Und so oder so, der lexikalische Teil des Buches ist eine äusserst lohnende Lektüre! Und sehr unterhaltsam dazu!
«So können wir nicht weiterleben»
in seinem – ebenfalls sehr lesenswerten – Nachwort zitiert John Lanchester den leider im Jahr 2010 viel zu früh verstorbenen englischen Historiker und Philosophen Tony Judt. Die Stelle, sie stammt aus dem erst posthum erschienenen Werk «Dem Land geht es schlecht», verdient es, auch hier wiedergegeben zu werden:
«Die materialistische und eigennützige Lebensart, der wir heute begegnen, ist nicht zwingend im Menschen angelegt. Was heute so selbstverständlich erscheint, hat sich in den achtziger Jahren herausgebildet: die Jagd nach dem Geld, der Kult um Privatisierung und Kapitalismus, die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm. Und vor allem die dazugehörige Sprache: unkritisches Lob für den uneingeschränkten Markt, Verachtung für den öffentlichen Sektor, die Illusion unaufhörlichen Wachstums.
So können wir nicht weiterleben. Die Finanzkrise von 2008 hat gezeigt, dass der unregulierte Kapitalismus sich selbst der schlimmste Feind ist. Früher oder später wird er Opfer seiner Exzesse werden und den Staat um Hilfe bitten. Wenn wir aber nach dieser Krise zum Alltag zurückkehren und so weitermachen wie bisher, sollten wir uns auf größere Katastrophen gefasst machen.
Und doch sind wir scheinbar unfähig, uns Alternativen vorzustellen.»
Wie recht Tony Judt doch hatte!
(Die Schweizer Mainstream-Medien haben dem Buch noch keine Beachtung geschenkt. Zufall?)
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine.
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