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Der Einfluss von Kindheitstraumata auf den Bindungsstil bei Erwachsenen
Schwere traumatische Ereignisse in der Kindheit hinterlassen sowohl äusserlich, als auch innerlich Spuren. Zahlreiche Folgeerkrankungen wie die posttraumatische Belastungsstörung, Persönlichkeitsstörungen und noch viele weitere können Betroffene ihr ganzes Leben lang begleiten. Von zunehmendem Interesse ist allerdings nicht nur die Ursache-Wirkungsbeziehung von Trauma und konsekutivem Störungsbild, sondern auch Mediatoren wie die Entwicklung von sicheren bzw. unsicheren Bindungsstilen, welche ihrerseits Ausgangspunkt für psychische Erkrankungen sein können. Man unterscheidet grob:
sichere Bindung: Vertrauen über die Verfügbarkeit einer Beziehungsperson (sichere Basis, aufgrund derer man Unterstützung erhält und die Welt um sich herum physisch wie auch emtional erkundschaftet) ist vorhanden. (Levy, 2010)
unsichere Bindung: hier unterscheidet man einerseits ängstlich-ambivalente und vermeidende Bindungsstile: Diese unsicheren Bindungsstile unterscheiden sich bezüglich ihrer späteren Ausprägung von Verlangen nach Akzeptanz bei gleichzeitiger Angst vor Zurückweisung (bei ängstlich-ambivalent gebundenen Erwachsenen) und der Distanziertheit bzw. Vermeidung enger Beziehungen einhergehend mit mehr Konflikten (bei vermeidend-gebundenen Erwachsenen) (Myers & DeWall, 2021)
Ca. 60% der Kinder sind sicher gebunden, was sich durch sensible, responsive Mütter zeigt, die mit den Kindern spielen. Sicher gebundene Kinder geraten in Stress, sobald die Mutter abwesend ist. Dem gegenüber ist die unsichere Bindung charakterisiert durch Angst und Vermeidung von vertrauensvollen Beziehungen (-> unsensible, nicht-responsive Mütter). Solche Kinder zeigen weniger exploratives Verhalten (wenn Mutter anwesend) und schreien oder sind indifferent in deren Abwesenheit. (Ainsworth et al. 1979) Die Art der Bindung (sicher vs. unsicher) hat auch einen Einfluss auf spätere Beziehungen. So sind sicher gebundene Kinder im Erwachsenenalter anpassungsfähiger, haben sichere Freundschaften und zeigen bessere akademische Leistungen. Sicher gebundene Kinder haben ein Gefühl, dass die Welt vorhersehbar und vertrauenswürdig ist (Erikson’s «grundlegendes Vertrauen»). (Myers & DeWall, 2021)
Im Folgenden soll die aktuelle Literatur bzgl. der Art des Traumas (emotional, physisch, sexuell) und deren Einfluss auf den Bindungsstil bei Erwachsenen skizziert werden. Ich werde bewusst auf eine Zusammenstellung der Art des Traumas als Ursache bestimmter Erkrankungen verzichten, da dies den Rahmen sprengen würde und für sich allein schon einen (oder mehrere) Beitrag wert wäre. Ich werde in der Folge die wichtigsten Punkte der einzelnen Studien resp. Übersichtsarbeiten auflisten und dies versuchen einzuordnen.
Oshri et al. (2015)
"Die unterschiedlichen Assoziationen wurden beispielsweise deutlich, als sexueller Missbrauch und emotionaler Missbrauch jeweils signifikant mit vermeidender und ängstlicher Bindung assoziiert waren [...], während verbaler Missbrauch kein signifikanter Prädiktor für einen der beiden Bindungstypen im Erwachsenenalter war [...]."
Er folgerte daraus, das traumatische Erlebnisse viele Entwicklungsprozesse in Gang setzen, welche ähnliche oder unterschiedliche Verhaltensmuster zur Folge haben.
Unger (2011):
"Körperliche Misshandlung wurde mit einem vermeidenden Bindungsstil und psychische Misshandlung mit einem ängstlichen Bindungsstil in Verbindung gebracht. Sexueller Missbrauch wurde weder mit einem vermeidenden noch mit einem ängstlichen Bindungsstil assoziiert."
Quelle: https://www.proquest.com/docview/1294959122?pq-origsite=gscholar&fromopenview=true
Finzi et al. (2000):
"[...] körperlich missbrauchte Kinder wurden hauptsächlich mit einem vermeidenden Bindungsstil in Verbindung gebracht, während vernachlässigte Kinder eher einen ambivalent-ängstlichen Bindungsstil aufwiesen."
Unger et De Luca (2014):
Körperlicher Missbrauch war mit einem vermeidenden Bindungsstil assoziiert, aber es wurde auch ein gewisser Zusammenhang zwischen körperlichem Missbrauch und ängstlichem Bindungsstil gezeigt.
Sutten et al. (2018) fasst die Datenlage wie folgt zusammen: "Thus, future research in the area of family violence could focus on the differential association between several abuse types and the development of attachment and could explore factors that might link exposure to domestic violence between caregivers to childhood and adulthood attachment styles."
Die Resultate der einzelnen Studien sind sehr heterogen, d.h. es konnte keine klare Assoziation zwischen Art des Traumas und dem Bindungsstil im Erwachsenenalter gezogen werden. Oshiri et al. (2015) erklärt diese Ergebnisse aus einer Entwicklungspsychopathologie-Perspektive und erwähnt in diesem Zusammenhang den Begriff "Multifinalität" - zwei unterschiedliche Traumaarten führen zu einem ähnlichen Bindungsstil. Im gleichen Paper wurde weiterhin der Zusammenhang von Bindungsstil und Risikoverhalten untersucht. So konnte gezeigt werden, dass ein ängstlicher Bindungsstil mit Alkoholkonsum und ein vermeidender Bindungsstil mit Drogenkonsum sowie antisozialem Verhalten in Verbindung stand. Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass Forschung auf dem Gebiet weiterhin nötig ist, da die Art des Traumas im Zusammenhang mit Bindungsstil und Risikoverhalten im Erwachsenenalter steht und somit Einfluss auf die Therapie und die Gestaltung von Beziehungen hat.
Für Interessierte: Hier eine kritische Dokumentation über Experimente mit den "Harlow-Affen", um das Bindungsverhalten zu untersuchen.
https://www.youtube.com/watch?v=oro_sYO3shc