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Mário de Sá-Carneiro (1890-1916) gilt – gemeinsam mit Fernando Pessoa – als Begründer der Literarischen Moderne Portugals. Im deutschen Sprachraum kennt man ihn kaum; übersetzt wurde nur sein kleiner Roman A Confissão de Lúcio. Selber bin ich auf ihn über seinen Freund Fernando Pessoa gestossen. Da die englische Übersetzung von A Confissão de Lúcio greifbarer war als die deutsche, habe ich mir das kleine Taschenbuch besorgt, das 1993 (und dann wieder 2009) bei Dedalus in Grossbritannien erschienen ist.
Die Geschichte spielt in den Städten Paris und Lissabon. Zeit: das angehende 20. Jahrhundert. Zwei Dichter lieben eine Frau. Oder doch nicht? Der Autor liebt das Versteckspiel mit verschiedenen Identitäten. Ricardo ist mit Marta verheiratet, sie aber beginnt ein Verhältnis mit Lúcio. Bald entdeckt Lúcio, dass er entgegen seiner ursprünglichen Meinung keineswegs der einzige ist (ausser Ricardo natürlich), dem Marta ihre Zuneigung schenkt. Eifersucht und Verachtung für Ricardo ergreifen den jungen Protagonisten, und er ergreift die Flucht – aus dem Bohème-Leben der Grossstadt Paris ins provinzielle Lissabon. Schliesslich treffen sich Ricardo und Lúcio dennoch wieder und es kommt doch noch zu einer Aussprache zwischen den beiden Männern. Ricardo gesteht, Marta sozusagen nur vorgeschoben zu haben, da in Wirklichkeit er selber in Lúcio verliebt gewesen sei. Marta sei nur seine Körper gewordene Sexualität, seine Körper gewordene Liebe zu Lúcio. Nichts aber solle sich zwischen ihn und Lúcio stellen können, meint er, wie von einem Fieber oder einem Anfall von Wahnsinn ergriffen. Er schleppt den jungen Freund in die Wohnung seiner Frau und erschiesst sie vor den Augen des vor Überraschung gelähmten jungen Mannes. Wie gross aber ist das Erstaunen dieses jungen Mannes und Ich-Erzählers, als plötzlich nicht Marta da leblos vor ihm liegt, sondern Ricardo selber. Und Ricardos Revolver liegt rauchend vor Lúcios eigenen Füssen.
Der Roman endet mit einem kurzen Epilog. Lúcio wird verhaftet und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Er wehrt sich nicht gross gegen seine Verurteilung, auch wenn er daran festhält, dass er unschuldig sei. Hier nämlich haben wir Sá-Carneiros Hauptthema vor uns: das Verschwimmen der Grenze von Realität und Traum. Sa-Carneiro vertritt die These, dass das Gefühl und nicht die verstandesgemässe Analyse unser Verhältnis zur Umwelt bedingen sollte. Für das Gefühl aber sind die Dinge andere als für den Verstand, für das Gefühl ändern sich die Grenzen und Verhältnisse zwischen den Dingen öfter als für den Verstand. Wir kennen das vorwiegend aus unsern Träumen. Und so erhält der Leser bei der Lektüre von A Confissão de Lúcio den Eindruck, einen Traum erzählt zu bekommen, in dem sich die Verhältnisse immer wieder ändern. (Wobei Sá-Carneiros Traumtheorie, wenn er überhaupt eine hatte, eine ganz andere gewesen sein muss, als die von Sigmund Freud.)
Der Roman bleibt dem Leser letzlich ein Rätsel. Ist es eine Dreiecksgeschichte? Oder gar eine Vielecksgeschichte? Der Leser kriegt es nicht zu fassen. Und der Erzähler weigert sich, es zu fassen. Und wenn er zu Beginn sagt: After spending ten years in prison for a crime I did not commit but against which I offered no defence, numb now to life and to dreams, with nothing more to hope for and no desires, I have finally come to make my confession, that is, to prove my innocence. – wenn der Ich-Erzähler Lúcio also so anhebt, so müssen wir festhalten, dass es ihm nicht gelungen ist. Der Leser zweifelt auch ganz zum Schluss an jedem einzelnen Teilchen der Erzählung.
Darin liegt die Genialität des Autors Sá-Carneiro: Es gelingt ihm, den Leser mit seinen Worten in ein Geflecht von Beziehungen und Stimmungen hineinzusaugen, dem dieser Leser kaum zu entwischen vermag und der, wenn ihn dann der Roman zum Schluss ausspeit, hoffnungslos verwirrt zurückgelassen wird. 120 kurze Seiten, die sich lohnen!