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Vom jungen Siddhartha zum Weisheitslehrer
Vom jungen Siddhartha zum erwachten Philosophen Buddha
Die meisten Menschen kennen Buddha nicht als ein Philosoph, sondern als Begründer des Buddhismus. Oder sie kennen ihn aus der Erzählung Siddhartha von Hermann Hesse, der auch schon mehrfach verfilmt wurde. Oder von den Legenden, die sich um sein Leben ranken. Sie denken, dass er der Begründer der buddhistichen Religion sei, zu der sich vor allem im asiatischen Raum viele Menschen bekennen. Bei uns ist davon hauptsächlich der Tibetische Buddhismus bekannt geworden. Erstens durch die schreckliche Geschichte der Vertreibung der tibetischen Minderheiten und der Annexion des Landes Tibet durch die Chinesen. Und zweitens durch das wiederholte Auftreten ihres geistigen Oberhauptes, des XIV. Dalai Lama im Westen. Doch dieser Tibetische Buddhismus hat wie einige andere buddhistische Schulen kaum noch etwas mit der ursprünglichen Lehre des Siddhartha Gautama Buddha zu tun.
Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass Buddhas Leben und Wirken in den Medien, Büchern, Filmen und Zeitungen verzerrt wiedergegeben wird: Als eine Religion, in bunten Farben ihrer Riten, in ihren Bildern, mit Mönchen und Priestern und ihren Schutzheiligen, den Bodhisattwas. Dieses Bild wäre dringend zu korrigieren und auf die schlichten Tatsachen der Lehre des Buddha zu stellen, eines Menschen, der die Frage gelöst hat: "Wer oder was bin ich? " und eine Antwort gab auf die Existenz des Leidens und wie man sich davon befreien kann. Er war ein Philosoph und Lebenspraktiker. Aus seiner Lehre machten erst viele Jahrhunderte später andere Menschen eine Religion.
Die meisten Historiker datieren die Geburt Buddhas auf das Jahr 563 v. Chr. unweit des Dorfes Lumbini. In seiner Heimatstadt Kapilavasthu verbrachte er die ersten 29 Jahre seines Lebens. Diese Stadt liegt an der Grenze zu Nepal und war in historischer Zeit von verschiedenen Königreichen umgeben. Sein Vater gehörte dem Stamm der Sakiya an, der Kaste des höchsten Dienstadels. Seine Mutter war die Kusine seines Vaters. Bereits in seiner Jugendzeit fiel er durch seine Empfindsamkeit und seinen Hang zur Reflexion auf, machte sich Gedanken über Alter, Krankheit, Tod und die Vergänglichkeit der Dinge. Er hatte eine Abneigung gegenüber der Kriegerkaste, der er angehörte. Er wollte die Waffenkunst nicht erlernen.
Sein Vater verheiratete ihn im Alter von 16 Jahren. Die Ehe blieb 13 Jahre lang kinderlos, dann wurde ein Sohn geboren. Bei seinen Ausflügen lernte Siddhartha in den Hainen die yogischen Samanas kennen, die als Obdachlose ausserhalb der indischen Kaste standen und durch schamanische Praktiken die Überwindung des Leidens und die Befreiung vom Daseinskreislauf (Samsara) suchten. Diese Samanas und Yogis machten grossen Eindruck auf ihn. Er verliess sein Haus, Frau und Kind und schloss sich ihnen an. Er erlernte ihre Praktiken, blieb aber auf seiner Suche nach dem Unvergänglichen, Todlosen, Leidlosen unerfüllt. Er hatte über die Jahre viele Yogis als Lehrer, lernte ihre Praktiken kennen und wurde ein Meister darin. Aber die gesuchte Erleuchtung fand er bei ihnen nicht. Voller Verzweiflung wollte er von seiner Meditation nicht mehr aufstehen und lieber sterben. Da besann er sich vermutlich der Lehren einiger Philosophenschulen seiner Heimatstadt, die dort die alte Tradition des Samkhya-Yoga fortsetzten. Oder er traf unterwegs auf seiner Suche vielleicht auf einen solchen Lehrer. Genau ist das nicht bekannt, aber es gibt Hinweise darauf und auch Namen werden in den Schriften genannt.
Im Jahre 528 v. Chr. setzte er sich so völlig verzweifelt zu einer Meditation nieder und erinnerte sich an eine besondere Stimmung der Realisation von GEWAHRSEIN in seiner Jugendzeit. Er reflektierte dabei die Bedingtheiten der Existenz und ging in seiner Meditation durch verschiedene Versenkungsstufen (Jhanas, nicht zu verwechseln mit Jnana, Wissen). Zuletzt realisierte er GEWAHRSEIN und "erwachte" zum ungetrübten Leben und zur Seinsweise des Menschen. Dies ist es, was man unter Erleuchtung (bodhi) versteht. Seither nennt man ihn einen Erwachten (buddha). Seine Suche war nun zu Ende, er hatte die letztendliche Befreiung gefunden.
Er wusste, dass dieser Weg nicht leicht zu lehren sei ("Wenn ich die Lehre, die gegen den Strom geht, darlegen würde und die Leute mich nicht verstünden, so wäre dies für mich ermüdend und schmerzlich") und wollte sie für sich behalten, doch schon kamen seine früheren Weggefährten zu ihm. Gefragt nach seiner Erkenntnis konnte er nicht anders als ihnen Antwort geben. Danach folgten Jahrzehnte der Wanderschaft und er legte seine Lehren den Menschen dar.
Diese Menschen schlossen sich zu Lebensgemeinschaften zusammen und folgten seinen Lehren. Als der König Bimbisara zu seiner Lehre übertrat, breitete sie sich über das ganze Reich aus. Aber um den Buddha entstand zunächst keine Priesterschaft, kein Ritualwesen, keine Dogmen. "Prüfet selbst" oder "Seid Euch selbst ein Licht" sind bekannt gewordene Aussprüche von ihm. In seiner Lehre spielt der Glaube an eine Gottheit keine Rolle, er vermittelte kein Geheimwissen, keine Esoterik. Er war ein Lehrer, aber kein Guru. Er gründete keine Sekte und bestimmte auch keine Nachfolger.
Noch als Achtzigjähriger war Buddha im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und ein guter Redner. Er zog sich aber mehr und mehr von seiner Missionstätigkeit zurück. Er war es auch müde, sich mit seinen Kritikern und Gegnern herumzuschlagen. Im Jahre 485 v. Chr. starb er auf seiner letzten Wanderung in Gegenwart seiner engsten Schüler in Pava, wahrscheinlich das heutige Fazilnagar. "Bemüht Euch angestrengt", sollen seine letzten Worte gewesen sein und jene Mahnung: "Seid Euch selbst ein Licht!".
Buddhas Lehre ist eine praktische Lebensphilosophie und keine Religion.
Der Mensch Buddha war ein Philosoph und kein transzendentales Wesen (Gott, Bodhisattwa). Buddha lehrte auch nicht die persönliche Wiedergeburt, denn in Buddhas Lehre gibt es kein Selbst, das den Tod überlebt. Der Buddhismus entstand erst viele Jahrhunderte später. Aus heutiger Sicht ist Buddhas Lehre eine integrale Theorie und Praxis, die zeitlos ist und hat kein anderes Ziel, als den Menschen zu seiner wahren Seinsweise zu führen und mit der Realisation von GEWAHRSEIN alle Umstände seines Lebens zu beleuchten und entsprechend den jeweiligen Umständen zu handeln. Dies ist die wahre Befreiung und das wahre Leben.
Buddhas Lehre ist in den "Vier Edlen Wahrheiten", der "Kette des Bedingten Entstehens" und dem "Achtfachen Pfad" zusammengefasst:
Die vier Edlen Wahrheiten:
1. Die Wahrheit vom Leiden (Vergänglichkeit aller Dinge, Alter, Krankheit, Tod)
2. Die Wahrheit von den Bedingtheiten des Leidens (Nidanakette)
3. Die Wahrheit von der Auslöschung des Leidens (durch das Erwachen)
4. Die Wahrheit vom Pfad, der zur Auslöschung des Leidens führt (die integrale Praxis)
Die Kette des Bedingten Entstehens:
1. Unwissenheit - 2. Bildekräfte - 3. Bewusstsein - 4. Geist-Körperlichkeit - 5. Sinnestätigkeit - 6. Berührung der Sinne mit den Objekten - 7. Empfindung - 8. Lebensdurst - 9. Haften an den Bedingungen - 10. Werden - 11. Geburt - 12. Leiden.
Der Edle Achtfache Pfad:
1. Rechtes Wissen - 2. Rechte Absicht - 3. Rechtes Denken - 4. Rechtes Handeln - 5. Rechte Lebensführung - 6. Rechtes Bemühen - 7. Rechte Achtsamkeit - 8. Rechte Geistesvertiefung (Samadhi).
Ausserdem lehrte Buddha das Nichtselbst (anatta): das wahre SELBST ist das Nicht-Selbst. Deshalb kann es auch nicht gesucht oder gefunden werden. GEWAHRSEIN ist unsere wahre Seinsweise und der Urgrund unseres In-der-Welt-Seins. Dies gilt es zu realisieren.
Die Zusicherung, dass es GEWAHRSEIN gibt, hat Buddha in folgenden Worten zusammengefasst:
"Es gibt Ihr Menschen ein Ungeborenes, Nichtgewordenes, Nichtgeschaffenes
Gäbe es dieses nicht, gäbe es auch keine Befreiung aus dem Geborenen, Gewordenen, Geschaffenen!"
Fazit: Buddha war ein Philosoph und gründete keine Religion. Der Buddhismus entstand viele Jahrhunderte später. Seine Lehre war sie erste Integrale Theorie und Praxis zur Realisation von GEWAHRSEIN und zu einem guten und sinnerfüllten Leben.