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Glosse des Monats
„Wie lange braucht man, um ein Buch zu schreiben?“
„Das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Auf alles.“
Joël Dicker
Georges Simenon verfasste 193 Romane und 167 Erzählungen. Und das sind nur diejenigen, die er unter seinem eigenen Namen veröffentlichte. Unter verschiedenen Pseudonymen kommen noch etwa 200 weitere Romane dazu. Er soll, so erzählte er selber, für ein Buch selten mehr als vierzehn Tage gebraucht haben. (Um eine Frau zu erobern und wieder zu verlassen, sagt man, brauchte er noch weniger Zeit.)
Robert Musil hinwiederum arbeitete am „Mann ohne Eigenschaften“ einundzwanzig Jahre lang. Er starb, ohne den Roman vollendet zu haben.
Natürlich, man soll literarische Werke nicht miteinander vergleichen. (Nicht, dass sie alle unvergleichlich wären. Es wird mir wohl niemand widersprechen, wenn ich behaupte, dass „Buddenbrooks“ ein besseres Buch ist als „Suche impotenten Mann fürs Leben“.) Aber ich stelle mir doch manchmal die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit des Schreibprozesses und der Qualität des Produkts?
Ich persönlich wäre dankbar, wenn langsames Schreiben immer auch besseres Schreiben bedeutete. Es wäre ein schöner Trost an all den mühseligen Tagen, an denen man sich jedes Wort einzeln aus den Fingern saugen muss, nur um am Abend die wenigen Sätze, die man geschafft hat, mit der Delete-Taste in den Literatur-Orkus zu schicken.
Andererseits… Dass es mit einem Text so überhaupt nicht vorwärts gehen will, könnte ja auch einfach bedeuten, dass man diesen Text besser überhaupt nicht schreiben sollte. Weil einen die Muse nicht küssen kann, wenn sie sich gleichzeitig die Nase zuhalten muss.
Und nochmal andererseits… Wenn es läuft wie geschmiert – doch, auch das kommt durchaus mal vor –, bedeutet das dann nicht, dass man eigentlich gar nicht schreibt, sondern eben nur schmiert?
Und ein drittes Mal andererseits… Ben Jonson berichtet über William Shakespeare, wenn der seine Dramen verfasst habe, „he never blotted out a line“. Der grösste aller Theaterautoren war also ein Schnellschreiber, der immer gleich mit der ersten Textfassung zufrieden war. Sollte man angesichts seiner Meisterwerke nicht versuchen, seinem Vorbild zu folgen?
Die Frage nach dem richtigen Schreibtempo wird sich wohl nie beantworten lassen. Aber es wäre schön, wenn mal jemand ein Buch darüber schreiben würde. Ob schnell oder langsam – das ist mir völlig egal.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. September 2016,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«
Zufälle gibt’s…
In meinem Roman „Kastelau“ behaupte ich in einer Fußnote, die Dokumente,
deren Montage das Buch ausmacht, in der Filmbibliothek der UCLA in Los
Angeles gefunden zu haben. Als Adresse der Bibliothek gebe ich 302 East
Melnitz an.
Viele Leser (auch professionelle) glaubten darin eine Insider-Pointe entdeckt zu haben, einen versteckten Hinweis auf meinen Roman „Melnitz“. Manche leiteten daraus sogar eine ganze Theorie über mein Humorverständnis ab. Zum Teil hochinteressant – aber leider falsch. Die Bibliothek befindet sich tatsächlich an dieser Adresse.
Ich bin der Sache nachgegangen und habe folgende unwahrscheinliche Zufälle entdeckt: Die Filmabteilung der UCLA ist in einem Gebäude namens „Melnitz Hall“ angesiedelt, benannt nach Professor William Wolf Melnitz, der diese Fakultät viele Jahre geleitet hat. Dieser William Wolf Melnitz, im Jahr 1900 in Köln geboren, war in Deutschland ein erfolgreicher Dramaturg und Regisseur, bis er vor der Nazi-Diktatur aus dem Land fliehen musste. Das Visum für Amerika besorgte ihm sein Onkel Curtis Melnitz, der bei United Artists als Produzent arbeitete und einige Jahre auch für deren Europageschäft zuständig war.
Und dieser Curtis Melnitz wiederum, als Kurt Chmelnitzki geboren, war ein entfernter Verwandter meiner Familie und soll, wie mir meine Großmutter erzählte, im Jahr 1938, vor seiner endgültigen Ausreise, bei ihnen in Leipzig aufgetaucht sein, um zur sofortigen Flucht aus Deutschland zu raten.
Die Zufälle gehen noch weiter: Diese Familiengeschichte, die ich als kleiner Junge hörte, war der Auslöser, aus dem viele Jahre später die Figur des untoten Melnitz entstand, der einem meiner Bücher den Namen gab.
So dass hinter der Adresse East Melnitz tatsächlich eine Insider-Story steckt. Nur eine ganz andere, als man vermuten würde.
Fürchtet euch nicht, ich bin es
Wenn man für ein Pressebild vor der Linse eines Fotografen steht, kommt
früher oder später die Aufforderung: „Stellen Sie sich ins Profil und drehen
Sie den Kopf zur Kamera.“ Trotz der immer gleichen Posen sehen die Bilder,
je nach Fotograf, ganz verschieden aus, und weil sie alle gefühlte
zehntausend Mal auf den Auslöser drücken, ist die Chance ganz gut, dass
einem das Endprodukt auch einigermaßen ähnlich sind.
Bei Zeichnungen wird das schon schwieriger. Der Zeichner hat einen nie gesehen und was er in der Fotografie, die man ihm hingelegt hat, zu erkennen glaubt, ist einem nicht immer wirklich ähnlich. Diese Zeichnung zum Beispiel stellt nicht, wie mein Sohn behauptet, den berühmten Revolutionär Mao Tse Winsky dar, sondern tatsächlich mich. Sie erschien in der Literaturbeilage des holländischen „Het Parool“
www.parool.nl
Das Startup-Unternehmen
„Brotseiten“ hat eine wie mir scheint brillante Geschäftsidee: Sie liefern für Pendler gute Literatur in akustischer Form, und zwar in Häppchen, die gerade lang genug sind, um die langweilige Fahrt im Auto oder in der S-Bahn ein bisschen angenehmer zu machen. Ich hoffe, sie kommen beim Hörer ein bisschen ähnlicher an als die Zeichnung aus ihrer Website bei mir.
Für die Wochenzeitschrift
"tachles"scheine ich vor allem unrasiert zu sein. Vielleicht hat das ja etwas mit der Stachligkeit der Glossen zu tun, die ich dort manchmal veröffentliche.
Auch die „Basler Zeitung“ hat einen Zeichner engagiert, um ein Interview zu illustrieren. Jetzt stellt sich nur noch die Frage: Mit welchem dieser Bilder soll ich mich identifizieren?
(Zeichnung Kristof Luyckx / Shop Around)
Am meisten gefreut habe ich mich über die Karikatur von André Carrillho der für „Bücher am Sonntag“ seit der ersten Ausgabe jeweils einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin für die Titelseite karikiert. Mehr von seinen Arbeiten können Sie hier sehen
andrecarrilho.com
Rezept gefällig?
Der „Beobachter“ lebt, wie so viele andere Zeitschriften, im Irrglauben, dass Promis alles können – also auch kochen. Folglich hat er mich für die entsprechende Rubrik um mein bestes Rezept gebeten. Und das möchte ich den Besuchern meiner Homepage nicht vorenthalten. Guten Appetit!
Gefülltes Perlhuhn «Lewinsky»
Zutaten für 4 Personen:
1 Perlhuhn
für die Füllung:
6 Schalotten,
5 Knoblauchzehen,
frische Kräuter (Rosmarin, Salbei, Schnittlauch),
12 entsteinte Datteln,
2 Deziliter Noilly-Prat,
2 Esslöffel Olivenöl,
Salz, Pfeffer,
2 Teelöffel Schwarzkümmel,
1 Prise Lebkuchengewürz,
1 Prise Kardamom,
1 Teelöffel Chilipfeffer,
1 Hand voll schwarze Pfefferkörner;
als Beilage:
Bohnen
Zubereitung der Füllung:
Die Schalotten, den Knoblauch, alle Kräuter und die Datteln fein hacken und in eine Schüssel geben. Die Hälfte des Noilly-Prat, das Olivenöl und die Gewürze daruntermischen, mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Weiteres Vorgehen:
Zwei Drittel der Mischung in den Bauch des Perlhuhns füllen. Mit dem Rest das Huhn aussen einreiben. In einen Bratbeutel legen. Die zweite Hälfte des Noilly-Prat sowie die Pfefferkörner dazugeben. Den Beutel zubinden und mit einer Stecknadel oben einige Male einstechen. In den auf 200 Grad vorgeheizten Ofen geben und 15 Minuten anbraten. Die Hitze auf 60 Grad reduzieren und das Perlhuhn mindestens weitere drei Stunden garen. Unterdessen die Bohnen blanchieren und beiseite stellen. Vor dem Servieren den Bratbeutel öffnen, die Sauce in einer Pfanne auffangen und die Bohnen kurz darin aufkochen.
Was man im Internet nicht so alles findet…
Jeder Mensch, der neugierig ist – und ich bin sehr neugierig – googelt regelmäßig den eigenen Namen. Und da findet er dann die seltsamsten Dinge. In der New York Times vom 4. April 1884 (also in den ganz frühen Tagen des Internets…) habe ich einen Artikel über einen Namensvetter von mir entdeckt, den man glatt zur Grundlage eines Romans machen müsste. Oder zumindest einer Kurzgeschichte. Oder vielleicht packe ich ihn doch lieber nur auf meine Website, damit Sie sich mit mir amüsieren können. Hier ist er: