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Die Grenzen Europas verlaufen heute nicht mehr an den Peripherien des Kontinents. Sie hätten sich „in die Mitte des politischen Raumes“ (Balibar) verschoben. Nicht zuletzt würden sie als „ethnische Grenzen“ mitten durch die städtischen Nachbarschaften, was uns vor ein fundamentales Problem unserer Demokratien stelle: In europäischen Städten besteht ein wachsender Schiismus zwischen der de jure auf nationaler Bürgerschaft aufbauenden Demokratie und den de facto postnationalen Bevölkerungen in den Städten. So haben die Verschiebungen und Grenzziehungen, die durch die Prozesse der Globalisierung und der globalen Migration entstanden sind, zu einer laufenden Debatte um postnationale Bürgerschaft geführt. Städte sind bereits Räume von postnationalen Gesellschaften, die eine Globalisierung und Kosmopolitisierung des städtischen Alltagslebens antreiben.
Das Forschungsprojekt will einen kulturwissenschaftlichen Beitrag zur Debatte um postnationale Bürgerschaft leisten, indem es untersucht, wie Formen städtischer und alltagskultureller Raumproduktion an der Veränderung politischer Teilhabe in migrantisch geprägten Gesellschaften beteiligt sind. Dies soll Rückschlüsse darauf ermöglichen, wie sich Bürgerschaft neu denken liesse, um den von Diversität geprägten Städten gerecht zu werden. Anhand von aktuellen Stadtentwicklungsprozessen in Basel und Brüssel wird die Verhandlung sozialräumlicher und politischer Teilhabe in europäischen Städten untersucht. Die Positionierung von Basel als Standort für die Life-Science-Industrie und von Brüssel als Hauptsitz der europäischen Institutionen, die Attraktion hochqualifizierter MigrantInnen, sowie umkämpfte Waterfront-Developments in migrantisch geprägten ‚Problemvierteln’ führen zu mehrschichtigen Verschiebungen bürgerschaftlicher Teilhabe.
Es wird danach gefragt, inwiefern durch die Produktion von urbanem Raum grundlegende politische Prozesse der Teilhabe wirkmächtig werden und wie diese Formen der Teilhabe gleichzeitig durch die alltagsweltlichen Raumaneignungen reproduziert, aber auch transformiert werden. Städte werden heute von Migration geprägt und sind gleichzeitig die wirtschaftlichen und politischen Zentren. So wird die Frage, welche migrantischen Gruppen wie an unserer Gesellschaft teilhaben, besonders in der Entwicklung unserer Städte verhandelt.
Dieses Projekt untersucht die Effekte der Stadtentwicklung auf städtische Bürgerschaft mit zwei Fallstudien: Am Rand des Brüsseler Stadtteils Molenbeek – medial als „Terrorquartier“ gebrandmarkt – entstehen neue Wohnhäuser, die hochqualifizierte MigrantInnen anziehen sollen. Auch in Basel soll auf dem Hafengelände ein neuer Stadtteil entstehen, der direkt an das migrantisch geprägte Klybeck-Quartier anschliesst. Beide Städte versuchen, sich mit solchen Projekten im globalen Standortwettbewerb zu profilieren, während widerständige Gruppen die Verdrängung von QuartiersbewohnerInnen bekämpfen. Anhand dieser Beispiele wird untersucht, wie die Produktion von städtischem Raum die gesellschaftliche und politische Teilhabe verändert. Es wird analyisert, wie Stadtentwicklungsdiskurse und die physischen Räume die Teilhabe migrantischer Gruppen formen und wie sich einzelne Gruppen mittels Raumaneignung selbst politische Macht verschaffen. Das Projekt will zudem untersuchen, wie Prozesse der Migration und der globalen wirtschaftlichen Prozesse im Alltagsleben verhandelt werden.
Das Forschungsvorhaben positioniert sich im interdisziplinären Feld zwischen Migrations-, Stadt- und Citizenship-Forschung mit Fokus auf kulturwissenschaftliche Ansätze. Es leistet einen Beitrag zur Debatte um die Erneuerung der (städtischen) Bürgerschaft im Zeitalter der globalen Migration. Die Forschung soll durch eine vergleichende Analyse der Städte Basel und Brüssel ein Verständnis für verschiedene und vergleichbare europäische Formen der Raumverhandlungen und politischer Teilhabe ermöglichen. Sie verortet sich im „spatial turn“ der Gesellschaftswissenschaften und sucht nach Rückschlüssen auf aktuelle Diskussionen um Raum: Wie kann Raum theoretisch so gefasst und analysiert werden, dass er gleichzeitig als strukturierendes und strukturveränderndes Element verstanden werden kann?