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Vom Verschwinden in Büchern
Goran Petrovic: “Die Villa am Rande der Zeit” (Roman)
Goran Petrovic beschwört in „Die Villa am Rande der Zeit“ die Macht von Fantasie und Literatur, er lässt das alte Belgrad auferstehen und erzählt die Geschichten von Menschen, die in Büchern verschwinden.
Von Sandra Despont.
Es ist eine seltsame Arbeit, die Jelena annimmt. Das zur Melancholie neigende Mädchen, das beharrlich Englisch lernt, um eines Tages vor ihrer eigenen Traurigkeit in ein anderes Land fliehen zu können, findet bei einer skurrilen alten Dame, die sich als Fräulein Natalija Dimitrijevic vorstellt, eine Stelle als Gesellschafterin. Sie betritt eine wunderbar faszinierende Wohnung, in der die Bibliothek einem Garten gleicht, in der die Möbel regelmässig verrückt werden müssen, damit sich hinter ihnen nicht zu viel Dunkelheit ansammelt, in der Waren aus Kaufhäusern auftauchen, die längst aus Belgrads Stadtbild verschwunden sind, und in der vor allem bei einer Tätigkeit viel Sorgfalt am Platze ist: beim Lesen. Ohne zu ahnen, welche Bedeutung das sorgfältige Lesen für ihre Arbeitgeberin hat, verpflichtet sich Jelena dazu, regelmässig gemeinsam mit Natalija zu lesen. Erst langsam erkennt sie, dass die Welt der Bücher genau so real sein kann wie die vermeintlich wirkliche Welt.
Ein seltsamer Auftrag, ein seltsames Buch
Es ist ein seltsamer Auftrag, den Adam Lozanic annimmt. Der Slawistikstudent müht sich normalerweise mit dem Lektorieren einer Zeitschrift namens „Die Schönheiten unseres Landes“ ab, um seine Miete zu bezahlen. Doch dann wird ihm von einem rätselhaften Mann ein äusserst lukratives Angebot gemacht: Er soll – gegen eine hervorragende Bezahlung – das Buch eines ihm völlig unbekannten, längst verstorbenen Autoren namens Anastas S. Branica redigieren. So geheimnisvoll sein Auftraggeber, so mysteriös das sorgfältig gebundene, „Mein Vermächtnis“ betitelte Buch, das Adam in Händen hält: Es enthält nichts als eine ausführliche, äusserst genaue Beschreibung eines Hauses mit Garten. Keine Handlung, keine Personen, nichts, was man als Leser erwarten würde. Trotzdem ist Adam fasziniert und nimmt den Auftrag an. Nach und nach bemerkt er, wie belebt das Buch ist, das er nach Vorgaben seiner Auftraggeber abändern soll. Bald wird er zum Bewahrer von Haus und Garten, bald begegnet er einem rätselhaften Mädchen: Jelena.
Leben in Büchern
„Die Villa am Rande der Zeit“ spielt mit der faszinierenden Vorstellung, dass die Grenze zwischen Fiktion und Realität bloss hauchdünn ist und von aufmerksamen Lesern jederzeit überschritten werden kann, und zwar nicht nur in Form einer Fantasiereise, sondern tatsächlich. Die Parallelwelt der Bücher eröffnet die Möglichkeit, anderen Lesern zu begegnen, die diese Bücher bevölkern, sie lässt zu, in die Vergangenheit einzutauchen, sie ermöglicht konspirative Treffen ebenso wie die Begegnung Liebender, die in der Wirklichkeit nicht zueinander finden dürfen. Petrovic lässt seine Figuren rund um das „Vermächtnis“ Anastas S. Branicas kreisen, lässt sie mit den unterschiedlichsten Zielen und Haltungen in das Buch eintauchen. Er schildert die Entdeckung des fliessenden Übergangs zwischen Lektüre und Leben in einem Buch, er geht zurück zu der Verzweiflung des jungen Anastas, der sich unsterblich in ein Mädchen verliebt, das er in der Wirklichkeit niemals erfolgreich umwerben könnte, und der für dieses Mädchen deshalb eine Welt in einem Buch schafft, eine Welt, der er seine ganze Existenz hingibt, er lässt Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen, er berichtet von unerwiderter Liebe und Schwüren, die in Kopfkissen gestammelt werden. Petrovics Roman erzählt von einer ganzen Reihe schicksalhafter Begegnungen, Menschen, die nacheinander in Büchern verschwinden, von ihren Schicksalen sowohl in der fiktionalen als auch in der wirklichen Welt. Der Gedanke, dass man so intensiv lesen kann, dass ein vollständiges Eintauchen in die Welt eines Buches möglich ist, ist dabei so einfach wie bestechend. Petrovic gelingt es, diesen Übergang bildhaft und als etwas völlig Natürliches zu beschreiben, so dass einem die Idee bald nicht mehr abenteuerlich, sondern gänzlich logisch vorkommt. Folgerichtig schildert er alternative Wirklichkeiten und was passiert, wenn imaginierte und wirkliche Welt aufeinander treffen, wie die Welt der Bücher auch für die Realität um uns herum ganz handfeste Konsequenzen haben kann.
Beschreibungen, die Schicksale überlagern
„Die Villa am Rande der Zeit“ ist zwar keineswegs ein Buch ohne Figuren und Handlung wie das „Vermächtnis“ Branicas, trotzdem nehmen Beschreibungen einen grossen Raum ein. Aufzählungen über Einrichtungen eines Raumes, über aktuelle Lektüren, über Gegenstände, die sich auf einem Pult befinden, über die Machart von Möbelstücken, über Dinge, die sich nicht in einem Gepäckstück befinden, ziehen sich über Zeilen hin, füllen manchmal annähernd eine halbe Seite. Sie fordern die Imaginationskraft der Leser heraus und lassen Handlung und Figuren hinter sich zurücktreten, so dass man Gefahr läuft, diese aus den Augen zu verlieren. Dadurch erhält der Roman etwas Schwerfälliges, Unhandliches, dadurch wird die Sicht auf die darin geschilderten menschlichen Schicksale zeitenweise verstellt. Der Roman fliesst, von den endlosen Beschreibungen zusammengehalten, wie eine träge Masse dahin, was, je weiter die Handlung fortschreitet und je deutlicher die Beziehungen zwischen einzelnen Figuren hervortreten, desto mehr Ungeduld beim Leser verursacht. Oft ist nicht klar, welche Bedeutung den langen Beschreibungen zuzumessen ist, oft führen sie nicht zu einem genaueren Bild der Dinge, sondern halten bloss die Handlung, der man gespannt folgt, auf. Das ist schade, denn Innendekorationen, so schön sie auch sind, Gärten, so prächtig sie auch geschildert werden, lassen einen letztendlich angesichts so berührender Schicksale, wie Petrovic sie beschreibt, kalt. So aber überlagern die langatmigen Beschreibungen und die scheinbar willkürlichen Aufzählungen allzu oft die Figuren, die neben all dieser Wortanhäuferei irgendwie farb- und leblos bleiben. Der von zahlreichen Worten befrachtete, letztendlich aber kalte und nüchterne Stil, lässt einen gleichgültig werden gegenüber den einzelnen Figuren. Es bleibt die Ahnung, dass hier ein grosser Liebes- , Lese-, Gesellschafts- und Geschichtsroman hätte geschrieben werden können.
Titel: Die Villa am Rande der Zeit
Autor: Goran Petrovic
Übersetzerin: Susanne Böhm-Milosavljevic
Verlag: dtv premium
Seiten: 400
Richtpreis: CHF 24.90