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Rund drei Millionen Menschen sind seit Kriegsbeginn aus Syrien geflohen. Sie warten darauf, endlich wieder in ihr gewohntes Leben zurückzukehren. In Bulgarien hilft das Schweizerische Rote Kreuz, Ernährung und Unterkunft der Flüchtlingsfamilien sicherzustellen.
«Ich verstecke mich jetzt, suchst du mich?» Die vierjährige Haya, ein kleiner Wirbelwind, wirft einen bettelnden Blick zu ihrer grossen Schwester Sara (12) und zupft so lange an ihrem Ärmel, bis diese mit einem Seufzer nickt. Sara hält sich die Augen zu und zählt langsam bis zehn. Haya hat nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken. Das einzige Zimmer, das sie zurzeit mit ihrer Familie am Stadtrand von Sofia bewohnt, ist spärlich eingerichtet und rasch überschaubar: Es gibt lediglich drei Etagenbetten, einen Schrank und einen Tisch mit ein paar Küchenutensilien. Die Kleine spannt rasch eine Wolldecke vor eines der Etagenbetten und schon verschwindet ihr dunkler Lockenkopf hinter dem improvisierten Versteck. «…acht, neun, zehn, wo bist du?», ruft Sara und tut so, als würde sie ihre Schwester im Schrank suchen. Haya kichert vergnügt und späht hinter der Wolldecke hervor. «Ich habe dich gesehen», spielt Sara das Spiel mit und schenkt ihrer kleinen Schwester damit einen kurzen Moment unbeschwerter Kindheit.
Familie auf der Flucht
Unbekümmerte Momente wie dieser waren für die Schwestern in den letzten Monaten undenkbar. Sich zu verstecken war kein Spiel, sondern bitterer Überlebenskampf: Die fünfköpfige Familie von Sara und Haya ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor Bomben, Gefechten, Vergewaltigungen. Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat Syrien.
Als die Gefahr zu gross wurde, in ihrem Haus in der Nähe von Aleppo zu bleiben, liess die Familie ihr gesamtes Hab und Gut zurück und brach auf, um den Kriegswirren zu entkommen. Ihr Ziel: Europa. Dort, so sagten sich Vater Zacharia (34) und Mutter Budur (32), warte ein besseres Leben, Sicherheit, Arbeit, Ausbildung für die beiden Töchter und den Sohn Mustafa (10), oder kurz gesagt eine Zukunft auf die Familie.
«Ich will arbeiten und meine Kinder sollen zur Schule gehen können.»
Schlepper brachten die Familie für teures Geld durch die Türkei an die bulgarische Grenze, dem nächsten Eingangstor in die EU, das von Syrien auf dem Landweg erreichbar ist. Das letzte Stück bis zur Grenze legten Vater, Mutter und die drei Kinder zu Fuss durch den Wald zurück, bevor sie im letzten Oktober nach einer langen, beschwerlichen Odyssee in Bulgarien ankamen, genau so wie über 12‘000 weitere Syrerinnen und Syrer seit Ausbruch des Bürgerkrieges.
Abwarten und hoffen
Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa erwies sich bald als Illusion. Denn in Bulgarien, einem der ärmsten Länder der EU, ist man vom plötzlichen Zustrom an Flüchtlingen völlig überfordert. Es fehlt an Unterkünften, an Nahrungsmitteln, an medizinischer Versorgung. «Wir sprechen die Sprache nicht, es gibt keine Arbeit, wir fühlen uns allein gelassen», sagt Zacharia. In einem alten Schulgebäude am Rande der Hauptstadt Sofia, das kurzum in ein Flüchtlingscamp umgewandelt wurde, hat die Familie ein Zimmer zugewiesen bekommen. Hier leben sie nun seit mehreren Monaten zu fünft in einem Raum, teilen sich eine Toilette und einen Kochherd auf der Etage mit gut 100 anderen Flüchtlingen, haben keine Privatsphäre und kein Geld mehr, um weiterzureisen in ein Land, das ihnen Zukunftsperspektiven bietet. Die Kinder können die Schule nicht besuchen, da sie im Unterricht nichts verstehen, Integrationsprogramme oder Sprachkurse gibt es auf die Schnelle nicht. «Ich möchte nicht hier bleiben. Ich will arbeiten, um meine Familie versorgen zu können. Meine Kinder sollen Zugang zu Bildung haben», sagt der Vater.
Das Rote Kreuz in Bulgarien
Apropos Zur Hälfte gehen die Waren der Aktion «2 x Weihnachten» an Bedürftige in der Schweiz und in Osteuropa. Die andere Hälfte geht die syrischen Flüchtlinge in Bulgarien. Vom 24. Dezember 2014 bis zum 10. Januar 2015 können Sie Ihr Warenpaket mit der Aufschrift «2xWeihnachten» an jeder Poststelle kostenlos aufgeben. Oder Sie schenken ein virtuelles Paket über die Internetseite. Die Warenverteilung wird durch die Allianz Suisse unterstützt. CEO Severin Moser: «Es liegt mir und meinen Mitarbeitern am Herzen, das SRK zu unterstützen. Mit der Aktion «2xWeihnachten» helfen wir konkret Menschen in Not.»
Der Wunsch nach Arbeit und Schulbildung dürfte für die Flüchtlinge in Bulgarien in absehbarer Zeit nicht in Erfüllung gehen. Zu gross ist das Chaos, zu gross sind die Probleme, die das Land schon ohne die Zuwanderer hat. Doch zumindest soll niemand Hunger leiden oder krank sein müssen. Das SRK unterstützt die Nothilfe des Bulgarischen Roten Kreuzes vor Ort mit einem Beitrag von 200‘000 Franken und mit einem Beitrag von 100‘000 Franken aus den Zahlungen für virtuelle Pakete der Aktion «2 x Weihnachten».
«Ich bin dankbar, dass wir wenigstens nicht hungern müssen und die medizinische Versorung gewährleistet ist.»
Damit werden vorwiegend Lebensmittel und Medikamente finanziert, aber auch die nötigsten Haushaltartikel, Schulmaterial oder Spielsachen. Jeden Tag können die Campbewohnerinnen und –bewohner drei warme Essensrationen pro Familienmitglied beziehen. Und in der camp-internen Medizinpraxis kann sich jede Person kostenlos behandeln lassen und bekommt die entsprechenden Medikamente. «Ich bin unendlich dankbar, dass wir in unserer ausweglosen Situation wenigstens nicht hungern müssen und dass die medizinische Versorgung gewährleistet ist», sagt die Mutter leise und drückt die kleine Haya fest an sich. Haya sieht, dass ihre Mutter mit den Tränen kämpft und versucht zu trösten: «Du musst nicht traurig sein, Mama. Hilfst du verstecken spielen?»