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“Die Lymphe, das ist das Allerfeinste, Intimste und Zarteste in dem ganzen Körperbetrieb … Man spricht immer von dem Blut und seinen Mysterien und nennt es einen besonderen Saft.
Aber die Lymphe, die ist ja erst der Saft der Säfte, die Essenz … Blutmilch, eine ganz deliziöse Tropfbarkeit.”
Thomas Mann “Der Zauberberg”
“Panta Rhei – alles fliesst”
Heraklit
Wie Thomas Mann wunderschön beschrieben hat, ist die Lymphe eine der Körperflüssigkeiten des Körpers, welche sehr oft im Schatten des Blutes steht und den Meisten auch heute noch unbekannt ist. Dabei kennt man diese Flüssigkeit seit dem 17. Jahrhundert.
Entdeckt wurde sie 1627 von Gaspare Aselli, einem italienischen Anatomen. In seinem Buch “De lactibus sive lacteis venis” beschreibt er auf eindrückliche Weise den Hergang seiner Entdeckung:
“Was das Geschichtliche anbelangt, so hat sich die Sache folgendermassen zugetragen. Am 23. Juli hatte ich mich auf Bitten einiger Freunde, die durchaus die nervos recuttentes in Augenschein nehmen wollten, an die Sektion eines lebenden, gut genährten Hundes gemacht, der sich bei bestem Wohlsein befand. Nach Demonstration der Nerven wollte ich an demselben Hund die Bewegung des Zwerchfells beobachten. Während ich zu diesem Zweck die Leibeshöhle öffene und Magen und Darm mit der Hand zurückschlage, bekomme ich plötzlich zahlreiche ganz feine und blendend weisse Gebilde wie Stränge zu Gesicht, die sich in unzähligen Verzweigungen über das ganze Mesentericum und die Därme hinziehen. Auf den ersten Blick hielt ich sie für Nerven und wollte kein Aufhebens davon machen. Aber bald sah ich meinen Irrtum ein, denn ich erkannte, dass die zu den Därmen gehörenden Nerven sich von diesen Strängen ganz und gar unterschieden und völlig anders verliefen. Betroffen über diesen unerwarteten Fund verharre ich eine Weile in Schweigen, indem ich mir die Streitereien durch den Kopf gehen liess, die die Anatomen über die Venae mesaraicae und deren Aufgabe ebenso wortreich wie erbittert untereinander führen. … Als ich mich wieder gefasst hatte, schneide ich, um der Sache auf den Grund zu gehen, mit einem scharfen Skalpell einen der grösseren jener Stränge an. Kaum hatte ich den Schnitt geführt, da sehe ich unverzüglich eine weisse Flüssigkeit wie Milch oder dicken Schleim herausfliessen.”
(aus der deutschen Übersetzung von Prof. Dr. Leo Mendel in der Faksimile der Originalausgabe, erschienen 1968 in der Edition Leipzig)
In Aselli’s Buch wurden vier farbige Drucke veröffentlicht, die als erste buntfarbige Illustrationen der Anatomie gelten sollen (Mendel).
Im Verlaufe der Jahrhunderte wurde das Lymphgefässsystem immer genauer untersucht und auch auf verschiedene Arten dargestellt.
Die wohl schönsten Darstellungen wurden in Florenz im ausgehenden 18. Jahrhundert aus Wachs gefertigt. Sie können noch heute im “Museo La Specolo” in Florenz besichtigt werden. Dieses wurde am 21. Februar 1775 eröffnet und war für das allgemeine Publikum zugänglich.
An diesem Wachsmodell, welches einen liegenden Mann zeigt, werden die oberflächlichen Venen und Lymphgefässe gezeigt. Wie man sieht, sind die Gefässe nicht nur fein, sondern sie sind mit blossen Auge sichtbar. Die vollständige Sammlung der “Anatomischen Wachsmodelle” ist in dem Buch “Encyclopaedia Anatomica“, erschienen im Taschen Verlag, auf eine einmalige Art dokumentiert.