Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/2936

Wie haben Sie darauf reagiert, als Sie erfuhren, dass Sie die Schweiz in Bulgarien vertreten werden?
Positiv. Ich war nicht mehr interessiert, in der Schweiz weiter tätig zu sein und habe deshalb den mir angebotenen Posten sofort angenommen. Heute steht Bulgarien an einem wichtigen Punkt seiner Gegenwartsgeschichte. Der Beitritt zur EU steht bevor. Das ist mit Herausforderungen verbunden und hat mich interessiert. Bulgarien ist ein Land, das in den letzten fünfzehn Jahren eine Riesenentwicklung erlebt hat.
Sie sind seit kurzem in Bulgarien. Was haben Sie schon gesehen und was hat Sie beeindruckt?
Im Juli habe ich mein Beglaubigungsschreiben überreicht. Das ist der eigentliche Beginn der offiziellen Mission, die man in seinem neuen Residenzland ausübt. Seit dem 20. Juli bin ich also offiziell in Bulgarien. Leider habe ich aber noch nicht so viel gesehen, ganz einfach weil ich noch nicht über ein eigenes Fahrzeug verfüge. Ich habe Sofia ein bisschen kennen gelernt und war angenehm überrascht. Ich habe in der Stadt schöne Kirchen gesehen und in bestimmten Museen hochinteressante Kunstsammlungen besucht.
Können Sie einen Vergleich zwischen Bulgarien und der Schweiz machen?
Ich kenne Bulgarien noch nicht gut, aber es sieht so aus, als ob Bulgarien ähnliche topographische Bedingungen wie die Schweiz aufweist. Es gibt relativ hohe Berge mit Wintersportmöglichkeiten und ein Hochtal, wo teilweise Landwirtschaft betrieben wird. Zudem hat Bulgarien Zugang zum Meer, während es in der Schweiz vor allem grosse Seen gibt. Bevölkerungsmässig sind die beiden Länder gleich, doch ist Bulgarien flächenmässig doppelt so gross.
Die wirtschaftlichen Strukturen aber sind nicht ganz vergleichbar, auch wenn in Bulgarien wie in der Schweiz die kleineren und mittleren Unternehmen die Überhand haben und demzufolge das Rückgrat der Wirtschaft bilden. Die Schweiz ist aus Mangel an Rohmaterialien ein Land, das sehr stark vom Handel geprägt ist und von der Industrie her einen Schwerpunkt bei der Produkteveredelung setzt. Kulturell wiederum hat wahrscheinlich Bulgarien mehr zu bieten. Es ist ein starkes Bindeglied zwischen der europäischen Kultur und der Kultur im Nahen Osten.
Worin bestehen Ihre Verpflichtungen als Schweizer Botschafter?
Es gibt zwei Tätigkeitsbereiche auf einer Botschaft: Das konsularische Wesen, also die Betreuung der Schweizer in Bulgarien und die Gewährung von Visa für bulgarische Bürger, falls sie in die Schweiz kommen möchten, und das diplomatische Wesen, das drei Aufgaben umfasst: berichten, informieren und unterstützen. Die Botschaft berichtet seinem Ministerium über die Ereignisse und Probleme im Residenzland, steht im Kontakt mit den bulgarischen Behörden und informiert diese über die Politik der Schweiz. Ausserdem unterstützen wir Schweizer Unternehmer, Kulturschaffende und die politischen Vertreter, wenn sie hier in Bulgarien Kontakte suchen oder aktiv werden wollen. Wir tragen dazu bei, Probleme zu lösen und wenn es nötig ist, helfen wir bei der Ausarbeitung und Verhandlung von Verträgen.
Auf welcher Stufe sind momentan die bulgarisch-schweizerischen Beziehungen?
Die bilateralen Beziehungen sind sehr gut. Im politischen Bereich haben wir keine Probleme und kulturell pflegen wir einen aktiven Austausch. Auch gibt es regelmässige Besuche von beiden Seiten. Wirtschaftlich hingegen könnte man noch mehr herausholen, da haben wir einen ungenügenden Handelsumsatz. Die Beziehungen sind also sehr positiv, aber ausbaufähig.
Warum ist die Schweiz kein Mitglied der EU?
Aus zwei Gründen: Der eine ist, dass die Schweiz ein föderativer Staat ist, während sich die EU eher in Richtung eines Einheitsstaates bewegt. Das widerspricht ein bisschen der Schweizer Natur. Die Schweiz ist der direkten Demokratie verpflichtet. Das Volk ist davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Möglichkeit zu haben, die Entscheidungen der Regierung in Frage zu stellen. Aus dieser Perspektive ergibt sich der zweite Grund: Damit die Schweiz der EU beitreten könnte, müssten wir unsere Verfassung ändern. Der Bereich der Handelsfragen müsste aus der Zuständigkeit der direkten Demokratie ausgeklammert werden, was wiederum bedeuten würde, dass das Schweizer Stimmvolk den Entscheidungen der EU Kommission nicht widersprechen könnte. Eine solche Verfassungsreform verlangt eine doppelte Mehrheit. Das heisst, nebst einer Zustimmung seitens der Stimmbürger bräuchte es mindestens auch ein JA von 14 der insgesamt 26 Kantone und Halbkantone. Es dürfte also noch einige Jahre schwierig sein sich vorzustellen, dass die Schweiz dereinst Mitglied der EU wird.