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Matratze mit Insektenschutz
Seit mindestens 77 000 Jahren bettet sich die Menschheit, das hat die Archäologin Lyn Wadley 2011 bewiesen. Sie untersuchte 15 Sedimentschichten aus der südafrikanischen Sibudu-Höhle und fand fossilierte Pflanzenmatratzen aus Riedgräsern, die die Frühmenschen mit einer Schicht aus Blättern des immergrünen Lorbeergewächses Cryptocarya woodii bedeckten. Es scheint, als hätten sie gewusst, dass die Blätter eine Chemikalie enthalten, die Insekten abstösst. 5000 Jahre später begannen die Höhlenbewohner, ihre Schlafstätten hin und wieder abzufackeln, wohl auch, um Schädlinge zu beseitigen.
Die Bettenprobe der Penelope
In Homers «Odyssee» sorgt das Bett fürs Happy End: Als Odysseus nach zehnjähriger Irrfahrt nach Ithaka und zur treuen Ehefrau Penelope zurückkehrt, erkennt sie ihn nicht wieder und stellt ihn auf die Probe. Sie befiehlt, für den vermeintlich Fremden das Ehebett vor die Kammer zu stellen und es dort aufzuschlagen. Dabei weiss Odysseus, dass dies unmöglich ist, schliesslich hat er das Bett eigenhändig gebaut. Mit der Verve des Heimwerkers berichtet er, wie ihm der Stamm eines Ölbaums als unverrückbarer Pfosten diente, um den er das Bett zimmerte. Danach habe er es mit Gold und Silber ausgeschmückt und Gurte aus pupurfarbener Stierhaut durch den Rahmen gezogen. Für Penelope blieb kein Zweifel: Das konnte kein anderer wissen als ihr Ehemann.
Vom ersten und vom zweiten Schlaf
Unsere Vorstellung, eine durchschlafene Nacht sei eine gute Nacht, ist vielleicht ein Irrtum. Der amerikanische Historiker Roger Ekirch hat mehr als 500 Belege gefunden, die bis zu Homer zurückführen und bezeugen, dass die Menschen ursprünglich in zwei Segmenten schlummerten: in einem «ersten Schlaf», dem eine Wachzeit von einer bis zwei Stunden folgte, in denen man rauchte, umherging, plauderte oder ass, und dann in einem «zweiten Schlaf». Noch im 16. Jahrhundert riet der französische Arzt Laurent Joubert Paaren mit Kinderwunsch, erst nach dem «ersten Schlaf» miteinander zu schlafen, man habe so mehr Vergnügen, und es gelinge besser. Das segmentierte Schlafen verschwand dann ab dem 17. Jahrhundert langsam und parallel zur Verbreitung von künstlichem Licht. Eine Studie aus den 1990er Jahren lässt aber vermuten, dass der segmentierte Schlaf unserem natürlichen Rhythmus besser entspricht. Als der amerikanische Psychiater Thomas Wehr Versuchspersonen in ein Gebäude steckte, in dem es jeden Tag 14 Stunden lang stockdunkel war, gewöhnten sie sich innert weniger Wochen das neue alte Schlafverhalten an: vier Stunden Schlaf, zwei Stunden Wachzeit, vier Stunden Schlaf.
Liegen lernen im alten Rom
Keine Gesellschaft war so vom Liegen besessen wie die römische. Neben dem «lectus cubicularis», in dem man schlief, existierten das Ehebett für Geschlechtsverkehr, das Ruhebett, wo gelesen wurde, und Speisebetten, auf denen man die Mahlzeiten einnahm. Kein Wunder, kamen die Römer auf den Geschmack der «lectica», eines Betts, in dem sich ursprünglich wohlhabende Kranke von Sklaven durch Rom tragen liessen. Nach und nach gewöhnten sich auch kerngesunde Bürger an diese bequeme und repräsentative Art der Fortbewegung in der Sänfte.
Jedem sein Bett
Ohne Kleider, Leib an Leib: So schlief die Mehrzahl der Menschen in den «dunklen Zeiten». Das Kapitel 22 der «Regula Benedicti» ist deshalb visionär. Der Heilige Benedikt von Nursia verfügte im 6. Jahrhundert, jeder Mönch solle ein eigenes Bett haben, in dem er angekleidet und umgürtet schlafe, und «die jüngeren Brüder haben die Betten nicht nebeneinander, sondern zwischen denen der älteren.»
Flach wie eine Leiche
Dass die Betten im Mittelalter viel kürzer waren, lag nicht nur an der Grösse unserer Vorfahren. Sondern auch daran, dass sie beim Schlafen mehr sassen denn lagen. Die stark erhöhten Kopfenden hatten mehrere Gründe. Unter anderem erinnerte das flache Liegen auf dem Rücken wohl zu sehr an ein Totenbett, es blieb den Leichen vorbehalten. Und manchmal hat ein Ruhender dabei auch gleich den Tod vor Augen: Im Engadiner Museum in St. Moritz etwa steht ein aussergewöhnliches Memento mori: ein Bergüner Himmelbett aus dem 18. Jahrhundert, von dessen Baldachin ein Skelett auf den Liegenden hinabgrinst, daneben der Spruch «Wie ich bin, wird auch dein Leib».
Der Tresor des Mittelalters
Entstanden sind die Himmelbetten aus wenig romantischen Gründen: Als sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Mode kamen, sollte der hölzerne Himmel vor allem das Ungeziefer auffangen, das durch die Ritzen in der Zimmerdecke fiel. Ausserdem hielten die Vorhänge die Wärme im Innern und schützten vor Zugluft. In den hölzernen Baldachinen baute man übrigens gerne ein Geheimfach ein, und zwar in die obere, die «hohe Kante». Allerdings ist umstritten, ob der Ausdruck «auf die hohe Kante legen» tatsächlich auf dieses Geldversteck zurückgeht oder nicht doch eher auf Adam Riese, bei dem der Rest bei einer Division an den Rand des Rechenbretts, die «hohe Kante», gelegt wurde.
Nicht alles Gute kommt von oben: Ein Himmelbett aus dem Jahr 1691. (Schweizerisches Nationalmuseum LM-30088.1-21)
Besser schaukeln
Bahamas, 17. Oktober 1492: Christoph Kolumbus schrieb in sein Bordbuch, die Menschen schliefen hier in einer Art Netz; er hatte die Hängematte entdeckt, die sich daraufhin von Europa aus in alle Kolonien verbreitete. Sie war leicht, praktisch, hygienisch – und man schläft darin leichter ein. Dies stellte 2011 auch eine Gruppe von Schweizer Hirnforschern an der Universität Genf fest, die den Zusammenhang von Schaukeln und Schlaf untersuchte. Sie massen dafür die Hirnströme von Erwachsenen, die auf reglosen oder auf leicht schwingenden Betten lagen. Dabei zeigte sich, dass alle geschaukelten Teilnehmer rascher einschliefen als die nicht geschaukelten.
Shakespeares Riesenbett
26 Metzger samt Ehefrauen hätten gleichzeitig darin übernachtet, heisst es von diesem gewaltigen Bett. 1596 wird das «Bed of Ware», das in einem Wirtshaus des englischen Städtchens Ware stand, erstmals erwähnt, fünf Jahre später war es so berühmt, dass Shakespeare es in «Twelfth Night» auftauchen lässt – als Metapher für Grösse. 3,38 Meter lang und 3,26 Meter breit, wäre es wohl eng geworden für all die Metzger und Frauen, aber 15 Leute verbrachten darin durchaus gemeinsam die Nacht.
Heute im Besitz des Victoria & Albert Museum: Das «Bed of Ware». (V&A Images/Victoria and Albert Museum, London)
Faules Lotterleben
Faust verwettet seine Seele dafür: «Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, so sei es gleich um mich getan!» bietet er Mephisto an für ein wenig Müssiggang. Ein «Faulbett» war ein schmales Ruhebett für den Mittagsschlaf; in der Schweiz, wo solche Liegen häufig in Bauernhäusern standen, hat sich ein anderer Name verbreitet: das Lotterbett, vom althochdeutschen «lotar» für locker, schlaff, leichtfertig.
Das Geheimnis des Nawab
1882 ging beim Pariser Silberwarenhersteller Christofle die Bestellung eines anonymen Kunden ein: Ein Prunkstück von einem Bett sollte es werden, mit Silber verkleidet und geschmückt von vier lebensgrossen nackten Frauen mit beweglichen Augen und Armen. Christofle fertigte das Meisterwerk aus Palisanderholz und 290 Kilo Silber. In jeder Ecke placierte man eine Frau mit Fächer, eine Französin, eine Spanierin, eine Italienerin und eine Griechin, wie die Hauttöne und die echten Haare (frisiert vom damaligen Starcoiffeur Lesage) andeuten sollten. Das Bett war auch eine Spieluhr, die durch Bewegung auf der Matratze in Gang gesetzt wurde: Die Frauen fächerten und zwinkerten, die Musikmechanik spielte 30 Minuten aus der Oper «Faust» von Gounod. Unter grösster Geheimhaltung und durch Mittelsmänner wurde das Bett verschifft an den Nawab von Bahawalpur (heute Pakistan), Sadiq Muhammad Khan Abbasi IV., damals 20 Jahre alt; den Namen des Kunden erfuhren die Welt und Christofle erst 1983, 2009 war es im Victoria & Albert Museum in London zu sehen.
Spielwiese für einen 20jährigen: Prunkbett, gefertigt von Christofle. (Christofle Paris)
Die Notzimmergarnitur
Eine ganze Wohnung in einer Schachtel erfand Mauritius Ehrlich. Der Jude war 1938 aus Wien nach Zürich geflüchtet, und während er sein Zigarettenetui betrachtete, kam er auf die Idee, ein Zimmer für die Westentasche zu entwickeln: die vollständig zerlegbare Notzimmergarnitur «Patent Ehrlich» als Aufbauhilfe für Gestrandete und Ausgebombte. Sie enthielt zwei Betten mit Maträtzchen, einen Schrank, einen Tisch, vier Hocker, dazu Kochtöpfe, Milchkessel, ein Viererset Geschirr. Das Geniale am «Patent Ehrlich» war, dass dies alles in einer Kiste Platz fand, die von den beiden Bettrahmen gebildet wurde. So wog die Notzimmergarnitur 166 Kilogramm und kostete 400 Franken, und genau 50 davon fanden in einem Schweizer Eisenbahnwagen Platz. 1944 entstand in der Embru AG der Prototyp, eine eigene Firma wurde Ehrlich von den Behörden verweigert. Bis 1947 wurden rund 30 000 Garnituren hergestellt und in die Wiederaufbaugebiete gesandt. Keine einzige davon ist erhalten geblieben, im Landesmuseum in Zürich befindet sich noch ein Modell im Massstab 1 : 3.
Nur noch als Modell erhalten: Die Notzimmergarnitur «Patent Ehrlich». (Schweizerisches Nationalmuseum LM-73303)
Rost statt Federn
Das «Rückgrat für Ihr Bett», so der Slogan bis heute, ist einem Schweizer zu verdanken. Der Erfinder Hugo Degen hinterfragte gemeinsam mit dem Möbeltischler Karl Thomas die damals gängigen Konstruktionen aus Drahtgeflecht und Stahlfedern. 1956 entwickelten die beiden dann den ersten hölzernen Lattenrost, den Lattoflex.
Die letzten magischen Finger
15 Minuten Schütteln für einen Vierteldollar: Die vibrierenden Motelbetten namens «Magic Fingers» verdanken wir John Houghtaling. Schon in den 1950ern verkaufte er vibrierende Betten, in die ein Motor eingebaut war, sie waren schwer, teuer und fehleranfällig. Houghtaling begriff, dass es besser wäre, einen Motor zu verkaufen, den man an die Springfedern in herkömmlichen Betten montieren konnte, und dazu einen Münzautomaten. 1958 funktionierte das Set, in den 1960ern und 1970ern vibrierten Millionen von Betten in den Hotels und Motels in den USA. Inzwischen sind sie so gut wie verschwunden, eines der letzten Motels, in denen noch jedes Zimmer mit «Magic Fingers» bestückt ist, ist das Flamingo-Motel in Coeur d’Alene, Idaho; gut möglich, dass es das letzte seiner Art ist. 15 Minuten Schütteln kosten dort übrigens immer noch einen Vierteldollar, und, schreibt die Besitzerin, «das wird so bleiben, bis es das Motel nicht mehr gibt».
Aufstieg und Fall des Wasserbetts
Es war ein Designstudent namens Charlie Hall, der den Prototyp des Wasserbetts entwickelt hatte. Im Herbst 1968 lud er zur Projektkritik seine Mitstudenten ein, und 19 Jahre später, 1987, schliefen 22 Prozent der Amerikaner auf einer mit Wasser gefüllten Matratze. Die Idee war aber nicht so neu: Schon Anfang des 19. Jahrhunderts hatte ein schottischer Arzt Wasserbetten für Invalide propagiert, um Wundliegen zu vermeiden. Und der Science-Fiction-Autor Robert A. Heinlein schrieb in den 1940er Jahren von wassergefüllten Betten – ohne allerdings eines zu bauen. Charlie Hall gelang es, sein Wasserbett patentieren zu lassen, und er belieferte unter anderem den «Playboy»-Gründer Hugh Hefner mit einer gewaltigen Konstruktion, mit Opossumpelz bezogen. Bald aber gab es Konkurrenten, die billigere Wasserbetten lieferten, oft waren sie undicht und liefen aus; heute schätzt man, dass nur noch in 2 Prozent der Haushalte ein Wasserbett steht.
Luxus für den Frieden
Eine Woche lang dauerte das «Bed-in», mit dem John Lennon und Yoko Ono 1969 gegen den Vietnamkrieg protestierten, seit 44 Jahren profitiert das Hilton-Hotel in Amsterdam davon: Das Bett, in der das Happening damals stattfand, stand im damaligen Zimmer 902; für ein privates «Bed-in» in der «John and Yoko»-Suite zahlt man heute ab 1700 Euro pro Nacht.
Der etwas zu schöne Massenschlag
2004 entwickelte die Firma Huber und Steiger GmbH ein neues, offizielles Bett für die Schweizer Jugendherbergen, die längst mehr als Billigunterkunft sein wollen. Das multifunktionale Möbel kann dazu rasch vom Kajütenbett in zwei Einzelbetten verwandelt werden; es bleiben keine Teile übrig, die gelagert werden müssten. Das Bett ist ein Paradebeispiel für Schweizer Perfektion, selbst die Schrauben waren eigens angefertigt worden. Das machte das Bett aber teuer: rund 2000 Franken kostete das Stück. Und so kann der Gast heute einzig in der Jugi Zürich in diesem offiziellen Bett nächtigen.
Sollte in allen Jugendherbergen stehen: Stockbett für 2000 Franken. (Schweizerisches Nationalmuseum LM-99285)
Magnetisches für Millionäre
2006 stellte der niederländische Architekt Janjaap Ruijssenaas auf einer belgischen Millionärsmesse das futuristische Schlafen vor. Sein «Floating Bed» schwebt dank Magneten im Fussboden und unter dem Bett im Raum; vier Seile sorgen dafür, dass die Liegefläche in Position bleibt. 150 000 Euro kostet ein Floating Bed pro Quadratmeter. Ruijssenaas hat sich allerdings Neuem zugewandt: 3D-gedruckten Fertighäusern.
Schwebt laut Hersteller 2000 Jahre: Das magnetische «Floating Bed». (Janjaap Ruijssenaars, Universe Architecture, Amsterdam)
Vom Bettrand purzeln
Eine nicht repräsentative Umfrage des unabhängigen Testportals «Sleep like the Dead» widmete sich unlängst einer vernachlässigten Eigenschaft von Matratzen: der Sexfreundlichkeit. 445 Matratzenbesitzer bewerteten ihr Modell in Kategorien wie «Viele Stellungen möglich», «Schneller Höhepunkt» oder «Bouncy», also «gut springend». Das Wasserbett punktete bei «Diskretion», dafür könne es wegen des fehlenden Widerstands schwierig sein, einen Rhythmus hinzukriegen. Die Federkernmatratze ist ziemlich «Bouncy», dafür nicht so stabil. Zwiespältig schneidet die momentan besonders beliebte Matratze aus Memory Foam ab, jenem Material, von dem es heisst, die Nasa habe es eigentlich zur Schockabsorbierung von Astronautensesseln entwickelt. In diese Matratze sinkt man durch die eigene Körperwärme tiefer und tiefer ein, was guten Schlaf, aber nicht unbedingt guten Sex verspricht. Bei Stellungen, die an Rändern und Ecken des Bettes stattfinden, kann die Materialeigenschaft tückisch sein. Manche Paare beklagten, sie seien durch die Hitze des Augenblicks so weit eingesunken, dass sie vom Bettrand purzelten. Andere bemängelten, man ermüde schnell und komme schwer aus den Kuhlen raus, ein Zustand, den ein Besitzer das «Toter Käfer»-Gefühl nennt.