Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/608

Josef Zisyadis findet, dass der Glaube nicht Opium fürs Volk ist, sondern am Beginn jeder Revolte steht. Ausserdem fordert er, dass alle in der Schweiz gesprochenen Sprachen in unseren Schulen auch gelehrt werden müssen.
WOZ: Herr Zisyadis, Sie wollten einmal Pfarrer werden. Weshalb?
Josef Zisyadis: Ich entschied mich dafür, als ich zwölf war. Dann studierte ich Theologie. Ich komme aus einer sehr christlichen Familie. Ich fand über das Christentum zum Kommunismus, und ich habe die Spannung zwischen den beiden Denkwelten immer geschätzt. Auch wenn sich diese manchmal fundamental widersprechen: Ich bin ein marxistischer Christ.
Wie geht das?
Der Marxismus ist ein gutes Analysewerkzeug für die heutige kapitalistische Gesellschaft. Der persönliche Glaube steht auf einem anderen Blatt. Ich glaube nicht, dass der Marxismus stalinistischen Stils recht hatte, als er alles Religiöse und Spirituelle ausradieren wollte. Damit wird dem Individuum seine gesellschaftliche Rolle genommen. Jeder hat seinen eigenen, persönlichen Glauben. Ich pflege einen christlichen Glauben, ich lese jeden Tag sowohl die Bibel als auch Zeitungen. Das geht für mich zusammen. Das ist beides Teil des Lebens.
Wofür ist denn der Glaube gut?
Nun, der erste Akt, mit dem eine Gesellschaft verändert werden kann, ist kein kollektiver, sondern ein individueller. Wenn du glaubst, dass du nur eine Schachfigur in einer kollektiven Entscheidung bist, führt das in den Stalinismus. Am Anfang der Veränderung eines Kollektivs steht aber eine individuelle Entscheidung: Du entscheidest, dass du die Gesellschaft verändern willst, weil du davon überzeugt bist, dass sie verändert werden muss. Dadurch bekommt die Arbeit an der gesellschaftlichen Veränderung eine ganz andere Qualität: Das Individuum wird ins Kollektiv integriert, statt dass es eliminiert wird. Das Kollektiv ist auch nicht immer schlauer als das Individuum, eben, weil wir alle unseren eigenen Glauben haben.
Weshalb müssen wir glauben, um unsere Individualität zu pflegen?
Weil unser Glaube uns ermöglicht, gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt zu kämpfen. Wenn du gegen Ungerechtigkeiten kämpfst, dann tust du dies nicht, weil du davor eine grosse politische Analyse gemacht hast, bei der du denkst: «Oh, là, là, da sehe ich eine Beziehung zwischen meinem gesellschaftlichen Ort und der Ungerechtigkeit: Jetzt mobilisiere ich mich!» – Man kann diese Analyse natürlich machen, aber am Anfang des Kampfes steht die Revolte. Und diese Revolte ist individuell.
Sie meinen, Utopie und Glaube laufen auf dasselbe hinaus?
Klar, die sind direkt miteinander verknüpft. Dahinter steckt das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch.
Ihre Mutter ist Jüdin, Ihr Vater ein orthodoxer Grieche. Sie sind in Istanbul geboren und leben seit fünfzig Jahren in Lausanne. Wer sind Sie überhaupt?
Ich bin ein Kosmopolit. Sehen Sie: Ich bin manchmal Schweizer, dann wieder Grieche, Türke, von meiner Mutter her Jude, Waadtländer, ich lebe wie ein Immigrant, bin in der Schweiz aber völlig akklimatisiert. Mein Land ist die Schweiz. Gleichzeitig ist für mich die Multikulturalität etwas sehr Wichtiges.
Was verstehen Sie unter Multikulturalität?
Multikulturalität heisst für mich nicht, dass man sich mischt. Man bewahrt seine eigene Kultur. Gleichzeitig ist die Kraft dahinter aber der Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen. Es geht nicht um Assimilation, niemand, der eingewandert ist, sollte aufs Haar den anderen gleichen. Wir sind divers. Wir müssen diese Diversität bewahren. Was auch Respekt gegenüber der lokalen Kultur bedeutet.
Die Leute, die die Schweiz besuchen, wollen nicht nur eine internationalisierte Schweiz sehen, sie wollen, wenn sie hier sind, auch eine Schweiz der lokalen Traditionen kennenlernen. Auch ich mag diese traditionelle Seite der Schweiz.
Wieso wollen Sie dieses ursprüngliche Eigene überhaupt bewahren? Wieso soll ein Secondo mit türkischen Eltern denn unbedingt türkisches Essen oder türkische Musik mögen müssen?
Ich denke, dass ein Immigrant, der die Werte seiner Herkunft nicht konserviert, destrukturiert ist.
Was meinen Sie damit?
Ein Mensch, der nicht mehr wissen will, woher er kommt, der seine Herkunft nicht pflegt, sich zum Beispiel nicht für die jeweilige Küche oder die Geschichte seines Herkunftslandes interessiert, ist nicht mehr er oder sie selbst. Ausserdem kann die Pflege einer doppelten oder dreifachen Herkunft für eine gewisse positive Distanz zur Scholle sorgen, auf der man gerade lebt.
Schauen Sie sich mal unsere Schulen an: Die Sparpolitik in Europa bedroht die Sprachschulen für die Diasporakinder in der Schweiz. Spanien, Italien oder Portugal wollen diese bei uns nicht mehr finanzieren. Deshalb müssen wir die Sprachen aller Kulturen, die in der Schweiz präsent sind, in unseren regulären Schulbetrieb integrieren. So würden unsere laizistischen und demokratischen Schulen einen wichtigen Beitrag zu einer fortschrittlichen Integrationspolitik leisten.
Als Josef Zisyadis zwei Jahre alt war, zog seine Familie von Istanbul nach Athen, wo sein Vater eine Uhrenboutique eröffnete. 1962 ging es mithilfe von Waadtländer Uhrmachern weiter nach Lausanne. Dort lebt Josef Zisyadis noch heute.