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23. Feb. 2006
Aargauer Zeitung
Mittellandzeitung

Der Widerspruch unserer Zeit -
Zu den nationalen Gefühlen
transnationaler Existenzen
Von Andreas Gross
Andreas Gross (Zürich / St-Ursanne) ist Historiker und Politikwissenschafter, National- und Europarat. Seine beiden Studien finanzierte er in den 1970er Jahren als Sportjournalist. Er schrieb schon 1972 in den "Basler Nachrichten" selig einen Leserbrief gegen den "Totalitarismus", welcher die "totalen Triumphe" von Russi & Nadig & Ogi & Co an der Winterolympiade in Sapporo (Japan) in den schweizerischen Zeitungen hervorriefen.
Am Sonntagabend, Mitternacht war schon vorbei, meldete die Sprecherin an der deutschen Tagesschau der ARD, Deutschland hätte nun im Medaillenspiegel der olympischen Winterspiele von Turin die USA überholt und liege an der Spitze der "Nationenwertung". Am Montagmorgen schwelgten die Sprecherinnen auf mindestens fünf Kanälen von zwei der drei schweizerischen Landessender (DRS 1,2,3 und RSR 1 und 3) von der Errungenschaft, "wir" hätten nun schon acht Medaillen gewonnen.
Östterreich 1 oder 3 versuchte ich gar nicht zu finden. Ich konnte mir vorstellen, wie es getönt hätte. Bundeskanzler Schlüssel, immerhin Vorsitzender der EU, offenbar aber ohne grössere Sorgen, reichte mir, als ich ihn am Sonntagabend hörte, wie er den von Olympia ausgesperrten, aber privat dennoch anwesenden Betreuer für den Dopingskandal seiner nordischen Schifahrer verantwortlich machte und in keinem Wort das Umfeld («Der Zweck heiligt die Mittel», «tot oder lebendig - Hauptsache Gold!») problematisierte, dass solche Verirrungen überhaupt erst möglich macht.
Ganz abgesehen davon, dass ich noch nie am Radio einen nicht hauptberuflich mit dem Sport befassten Sprecher sagen hörte, "wir haben verloren". "Wir" gewinnen immer; verlieren tun immer "sie". Wenn Schweizer verlieren oder enttäuschen sind es "sie"; wenn eine, die unter anderen auch noch einen roten Pass hat, gewinnt - auch wenn sie vor vier Wochen hierzulande noch kaum einer kannte, sie wohnt nämlich mit ihrem norwegischen Partner und Trainer in den Wäldern des südlichen Teils von Norwegen - dann wird sie eine "wir".
Siege transformieren Identitäten. Gewinner werden kollektiviert und zum Gemeineigentum erklärt. Verlierer bleiben individualisiert und werden ausgestossen. Sieger holt man heran und heftet sie sich an die Brust, Verlierer weist man ab und lässt sie alleine. Als ob einer gewinnen könnte, der noch nie verloren hat. Und wie wenn der Sieger von heute morgen nicht zu den Verlierern gehören würde. Als der arme Simon vor vier Jahren zweimal Gold holte, war er "voll geil" und "unser Simon" und der Sportminister sprach öffentlich mit und zu ihm; als der gleiche Simon in Turin zweimal nicht ganz so weit sprang, Zuspruch wohl nötiger gehabt hätte, wollte niemand mit ihm reden, er war wieder nur der "Simon Amann", niemand schaltete um in eine Toggenburger Beiz.
Die Sportredaktion der weltläufigen NZZ unterlief den nationalen Überschwang in der ihr eigenen ganz subtilen Art. Sie verdrückte vor einer Woche, damals "hatten wir drei", den nationenwertenden Medaillenspiegel erstens ganz klein nach ganz unten rechts auf die Seite 57 und setzte zweitens statt "Schweiz" wahrheitsgemäss "Berner Oberland", denn die Frauen Schilt und Bieri, verheiratete Pedersen, und Bruno Kernen kommen aus Thun, Grindelwald und Wengen. Ein Berner schrieb darauf für die Wochenendausgabe einen begeisterten, ein Zürcher einen ebenso erbosten Leserbrief - nachdem die Schweiz im Eishockey den Lehrmeister Kanada bezwungen hatte, dürften sich beide wieder miteinander versöhnt haben.
Am schlimmsten sind die Meldungen am Radio oder Fernsehen - Herkunftsland unwichtig - in denen nur darüber informiert wird, wenn der eigene Landsmann Dritter, die eigene Landsfrau Zweite geworden war und nicht einmal den Sieger, oder die Gewinnerin erwähnt. Eine ignorante Respektlosigkeit, welche den Sportlerinnen und Sportlern selber nie unterlaufen würde. Sie wissen meist die Listung des heute Besseren, Schnelleren oder Stärkeren zu achten und zollen ihm den Respekt, den sie an dessen Stelle für sich auch reklamieren würden.
Der Einwand und der Verweis auf Patriotismus sticht im übrigen nicht. Patrioten mögen die Landsleute und die Heimat, doch sie haben im Unterschied zu Nationalisten nichts gegen andere - Patrioten.
Der Nationalismus war eine der wichtigsten Ursachen für all die Kriege des 20. Jahrhunderts.187 Millionen Menschen fielen ihnen zum Opfer - etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung von 1913, zu Beginn dieses Jahrhunderts der Gewalt. Deshalb waren kluge und weitblickende Intellektuelle wie der Italiener Alterio Spinelli (1907 - 1986) schon in der Mitte des 20.Jahrhunderts überzeugt davon, dass «die Nation aufgehört hat, die ideale Organisationsform der Völkergemeinschaft zu sein.»
Die Wirtschaft funktioniert heute längst dem entsprechend. Freilich ohne, dass sie es sagt und problematisiert. So ging die Swissair in den 1990er Jahren an der nationalistischen Selbstherrlichkeit der vermeintlichen Zürcher Wirtschaftselite zu Grunde - ein Aspekt den der erste Film zum "Grounding" völlig verkennt, der noch an irgendwelche nationale oder regionale Sensibilitäten der Wirtschaft glaubt und wie derzeit Olympia entsprechende Gefühle reaktiviert, die im Alltag längst ihre Wirklichkeit verloren haben.
Wer Kapitalrenditen von 25 bis 30 Prozent erzielen will, kann - siehe Reconvillier - auf Menschen, ihre regionalen Wurzeln, Heimatgefühle und kleinräumigen Welten keine Rücksicht nehmen. Soll uns die Aktivierung entsprechender Gefühle darüber hinweghelfen? Besser wäre die Diskussion entsprechender Einsichten und die Einrichtung von demokratischen Institutionen auch auf transnationaler Ebene, die alle zwingen, aufeinander wirklich Rücksicht zu nehmen.
Andreas Gross
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