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Wurden Sie schon mal als «Saucheib» betitelt? Ich hoffe es nicht. Der Präfix «sau-» verheisst an sich schon nichts Gutes und der Cheib scheint die ganze Sache nicht besser zu machen. Doch was ist eigentlich mit dem Cheib? Gemäss meinem Lieblingswörterbuch, dem Idiotikon, handelt es sich unter anderem um eine Beleidigung, die man seinen Mitmenschen hinterherrufen kann: «ein gemeiner, roher Schimpfname für einen verhassten Menschen». Doch es steckt noch mehr hinter dem Begriff.
Zürcher Cheibe
In Zürich gibt es einen Stadtkreis, der im Volksmund «Chreis Cheib» genannt wird. Es handelt sich um den Kreis 4, der eine bewegte Geschichte hinter sich hat und heute seinen Platz irgendwo zwischen Arbeiterviertel, Hipsterquartier, Rotlichtmillieu, Ausgehmeile und Gentrifizierungsobjekt finden muss. Aussersihl, wie der Kreis auch heisst, war und ist seit den 1960er-Jahren dafür bekannt, zusammen mit dem Kreis 5 sehr viele Ausländer zu beherbergen. Die Vergnügungsindustrie (tolles Wort, nicht?), die sich auch im Kreis 4 ansiedelte, verschaffte dem Stadtkreis – zusammen mit dem hohen Ausländeranteil – einen nicht gerade ehrenhaften Ruf bei der rechtschaffenen Schweizer Bevölkerung Zürichs. Man kann sich gut vorstellen, dass die Gestalten aus der Vergnüngnugsindustrie und die vielen Italiener, die ja damals noch richtige Ausländer waren, dann und wann als «Saucheiben» bezeichnet wurden. Das kam wahrscheinlich sogar vor. Aber, so plausibel es auch klingt, das ist nicht der Grund für die Bezeichnung «Chreis Cheib».
Tod und Verderben
Das Wort «Cheib» hat nämlich noch mehr Bedeutungen. Gemäss des Idiotikons steht es für den «krankhaften Zustand des Rindviehs», den «Leichnam eines Menschens» oder ein «krepiertes Tier». Wenn ich im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm nachsehe, komme ich auf ähnliche Einträge. Und es passt zusammen: Im heutigen Kreis 4 sollen seit dem Mittelalter Dinge platziert worden sein, die in der Kernstadt nicht erwünscht waren. Unter anderem das Siechenhaus zur Aufnahme Aussätziger, der städtische Galgen oder eben Tierkadaver, so genannte «Cheibe». Es sind also nicht die Betrunkenen und die Italiener oder neu die Hipster und die Gentrifizierung für diese schöne züritüütsche Bezeichnung verantwortlich – obwohl sich die Bezeichnung «Cheib» heutzutage durchaus auch auf die Besuchermassen anwenden liesse, die am Wochenende in Teilen des Kreis 4 einfallen.