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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
„Nomen est omen.“ Wenn jemand Blei heisst und ein Dichter, Kritiker, Essayist und Übersetzer war, suggeriert der Name, seine Texte könnten „schwer wie Blei“ sein.
Wie bei Friedrich Schiller: „Drei Worte nenn' ich Euch – inhaltsschwer“, womit dieser die Worte „Freiheit, Tugend, Glaube“ meinte.
Inhaltsschwer waren die Texte von Franz Blei immer, so inhaltsschwer, wie die derjenigen, über die er schrieb und die er zu lesen empfahl: Robert Musil, Hermann Broch, Aldous Huxley, B. Traven, Rudolf Borchardt, Elisabeth Langgässer, Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Bahr. Bücher, wie er schreibt, „die mit einer einmaligen Lektüre nicht erschöpft sind, sondern Bücher, die in Ehren das Signum des Geschenks tragen, den dauernden Wert.“
Ein Intellektueller, der die Grössen in der Literatur erkennt, der der festen Überzeugung ist, sie seien auch noch viele Jahrzehnte später anerkannt und unvergessen, weiss, was gute Literatur ausmacht, erkennt das, was Jacob Burckhardt, der Schweizer Kulturhistoriker, einmal so kulminiert hat: „Die grossen Individuen sind die Koinzidenten des Verharrenden und der Bewegung in einer Person.“
Recht hat er; denn „100 Jahre später“ stehen nicht nur auf meinem bescheidenen privaten Bücherregal Bücher dieser Dichter. So schreibt Franz Blei:
„Der Schreibende muss das Leben haben, nicht das Erleben. Der Dilettant sagt: ‚Wenn ich schreiben könnte, ich könnte was erzählen.’ Gar nichts könnte er. Denn er glaubt, es komme auf das Erlebnis als Stoff an, während es das Leben als Substanz ist, die der rechte Schreibende manifestiert.“
Schon diese wenigen Sätze machen für mich Franz Blei lesenswert. Geboren ist er 1871 in Wien, gestorben 1942 in New York. Promoviert hat er bei Ferdinand Avenarius in Zürich, wohnte in den USA, in München, Berlin, auf der Insel Mallorca, in Wien, bei Rudolf Borchardt in Saltocchio bei Lucca, in Cagnes-sur-mer, bei der Tochter in Lissabon und starb schliesslich „in grosser Vereinsamung“ in New York. Seine beiden literaturkritischen Hauptwerke sind „Das grosse Bestiarium der Literatur“ und „Das Kuriositätenkabinett der Literatur“ (1924). Im „Bestiarium“ beschreibt Franz Blei in scherzhafter Weise die Schriftsteller seiner Zeit, auch sich selbst:
„Der Blei ist ein Süsswasserfisch, der sich geschmeidig in allen frischen Wassern tummelt und seinen Namen – mittelhochdeutsch heisst ‚bli’ soviel wie licht, klar – von der ausserordentlich glatten und dünnen Haut trägt ...“
So historisch schwerwiegend die Zeit war, in der er gelebt hat und die gewiss erforderte, sich ein Urteil zu bilden über die gesellschaftliche und politische Entwicklung vom Kaiserreich zum 1. Weltkrieg, von der Weimarer Republik zur nationalsozialistischen Diktatur bis hin zum 2. Weltkrieg; so verständlich ist es, wenn sich ein sensibler, wacher, intellektueller Denker zu einem Skeptiker entwickelt, und trotzdem sich selbst in Frage stellt:
„Wir müssen uns bis auf die letzte Faser unserer Person ignorieren, das ist unsere Aufgabe.“
Diese seine Maxime macht Franz Blei auch in dem Gedicht „Grabschrift eines Dichters für sich selber“ deutlich:
„Steh nicht, Wanderer, still, und gib diesem Hügel nicht Ehre,
Meine Seele erkennt nicht wieder sich unter dem Steine.
Nur ein Spiegel zerbrach, doch weiter besteht das Licht,
Nur eine Welle zerrann, doch ewig donnert das Meer.“
Auf eine Rundfrage der „Literarischen Welt“ antwortete Blei, indem er die Maximen seines Lebens in 4 Imperative zusammenfasste:
„Exzessiv leben und das Gleichgewicht nicht verlieren.
Sich charakterologisch nicht vom Beruf bestimmen lassen, von keinem!
Nie den höchstens und bloss sozialen Nutzwert der Ideologien vergessen.
Sich nicht über dem Umweg ‚Menschheit’ Komplimente machen.“
Er fragte nach dem Sinn des Lebens und gleichzeitig stellte er einen Sinn in Frage:
Städte oder Wildnis, Menschen oder Einsamkeit, Abenteuer oder Bücher, Gehen oder Stillstehen, Neugierde oder Ruhe, die Welt oder ein Samenkorn: dass man sich immer wieder vor dieses Entweder-Oder stellen muss, weil man die Täuschung nicht los wird, alles müsse sich zu einem ‚Sinn des Lebens’ ordnen und wäre dieser Sinn auch weit ab von aller bekannten Weisheit und wäre nichts sonst, als zweckmässiges Weiter- und Ableben nach einmal gegebenen Bedingungen!
Davon wohl bekommt das Leben dieses Zögernde, durch Vor- und Nachgedanken, auch bei den sogenannten Stärksten, den ‚Aktivisten’; denn auch diese täuscht ‚ein Ziel’, wenn es eben auch nichts weiter ist als diese ‚Stärke’ und deren Äusserung.
Aber es gibt doch nichts als die Anfänge und mitten in einem Anfang einen Schock, der ein Ende bedeutet, weil er ein Ende macht: den Tod.
Und Blei nennt diese Täuschung „Vortäuschung“ und notwendig, „dass ich sie meines Lebens Sinn und Ziel nennen kann“:
„… Denn man geht und braucht einen Weg: ich muss von ihm in die Wildnis abschweifen können, doch immer sicher sein, ihn wieder zu finden, wäre es auch erst kurz vor Sonnenuntergang. Denn dies ist einzige Sorge: im Dschungel von der Nacht überrascht zu werden.“
Ich habe meinen Blogger-Kollegen diesen Text zur Diskussion zugesandt. Walter Hess, Herausgeber dieser Website, antwortete mir dankenswerterweise so:
„Selbstverständlich ergibt sich dieses Entweder-Oder nur aus der Vereinfachung unseres auf Weiss-Schwarz reduzierten Denkens. Die Wirklichkeit ist unendlich komplexer, von einer wandelbaren, geradezu unfassbaren Komplexität, nicht in Blei gegossen.
Auch die Lebenssinn-Suche ist im Prinzip eine sinnlose Angelegenheit, eine Ausflucht. Was ist der Sinn eines Edelweiss-Bouquets in einer Felsspalte, wo es niemand die sieht? Es möchte überleben, sein Leben weitergeben, kann nicht anders. Die menschliche Spezialität der Sinnsuche hilft bestenfalls über die Sinnlosigkeit hinweg. Der Sinn, wenn es ihn schon gibt, ist das Leben selbst, das Leben als solches. Das genügt meines Erachtens vollauf. Aber auch das ist nicht die Wahrheit. Diese erstreckt sich weit abseits von allem, was über eine Tastatur zusammengefügt werden kann.“
Ja, ist es „sinnvoll“, sich nicht um einen „Sinn des Lebens“ zu scheren, ihn nur in der Evolution zu suchen und nicht in uns selbst? Und dann ergibt sich nicht mehr dieses „Entweder-Oder“, sondern das „und“: Städte und Wildnis, Menschen und Einsamkeit, Abenteuer und Bücher, Gehen und Stillstehen, Neugierde und Ruhe.
Ist es nicht vielmehr das Einbeziehen, das Zusammenspiel auch der vermeintlichen Gegensätze, die das Leben so überaus interessant und facettenreich macht?
Natürlich braucht auch das „und“ etwas Ordnendes, vielleicht ist es das, was ich mit dem Wort „Heimat“ verbinde: ein Hafen auf meinem Lebensweg.
Mein Blogger-Kollege Emil Baschnonga griff in seiner Antwort, die ich dankend las, den Satz von Franz Blei auf:
„Dann geht man und braucht einen Weg …“ und sagt aus seiner persönlichen Sicht,
„dass es viele Wege gibt und braucht im Leben. Darunter gehören auch Wege ins Ausweglose, Umwege, Irrwege und Rückwege. Hinzu kommen Wegkreuzungen. Jeder Mensch kann seine eigenen Wege gehen, so er es vermag, mit oder ohne Wegkarte und Kompass.“
Ich stimme ihm zu, und diese verschiedenen Wege sind vielleicht diejenigen, die Blei mit der „Wildnis“ meint, in die ich „vom Weg abschweifen können muss“, von denen ich vorher nicht weiss, wohin sie führen und die auch die Angst hervorrufen können, sich selbst nicht wieder zu finden, denn „die Nacht im Dschungel“ kann tödlich enden.
Oder weist Bleis Text ins Weglose, der Emil Baschnonga wie der „Abgesang einer Epoche“ anmutet?
Mir selbst gefällt die oben genannte erste Maxime seines Lebens am meisten: „Exzessiv leben und das Gleichgewicht nicht verlieren.“
Für mich bedeutet es, das Leben in allen Facetten auszuschöpfen, auch einmal vom Weg abzuschweifen, solange es noch geht, und dennoch mit mir selbst im Reinen zu sein und mich nicht zu verlieren. Ist das nicht „Lebenssinn“ genug?
Quellen
Franz Blei: „Zwischen Orpheus und Don Juan“, Stiasny-Bücherei Band 154,
Graz und Wien 1965.
Franz Blei, Würdigung, NZZ 09.11.2004.
Hinweis auf weitere Blogs über den Lebenssinn
27.12.2004: Glücksstreben, Glückwünsche und Lebenssinn