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aus: Georg Schmid, Wo das Schweigen beginnt. Wege indischer und christlicher Meditation, Gütersloh 1984, s. 67-72
Yoga ist seit Jahrzehnten im Westen den einen ein Angebot, andern eine Mode und wieder andern ein Begriff. Auch Zen hat - in welcher Form auch immer - den Westen erreicht; später als der Yoga, aber mit ähnlicher Resonanz. Warum ist die altbuddhistische Satipatthana-Methode bisher nur Freunden des Dhamma, der altbuddhistischen Lehre, vertraut? Warum entstand im Westen noch keine Satipatthana-Mode? Ist es die Konsequenz und Nüchternheit, die man dieser Methode zugute hält, die sie in einer Zeit, die Innerlichkeit mit Geheimnis verbindet, wenig empfiehlt? Ist es das Abstandnehmen nicht nur von jedem Interesse an sich selbst, nicht nur von jedem Verliebtsein ins eigene Wesen, sondern von jeder Vorstellung von Ich und Selbst und innerem Wesen, die diese Methode wenig attraktiv erscheinen läßt? Wie kann einer, der meditiert, um zu sich selbst zu finden, eine Methode wählen, die ihm aufzeigt, wie er sich selbst verliert? Oder ist es gar nicht die Nüchternheit, der alle Ich-Bindung auflösende Nihilismus, der kühle Rationalismus, der diese Methode prägt, die sie gegenüber anderen Wegen zurückstellt? Sind es die Praktikanten der Satipatthana-Methode, die diese Methode bei anderen wenig empfehlen? Oft genug verbindet sich gerade diese Methode mit einem Doktrinarismus und einer Wortklauberei, die jedem Anfänger auf dem Weg der Achtsamkeit jede Freude des Anfangs zu ersticken droht. Vielleicht vermag eine Besinnung auf die Intentionen und Mittel des Achtsamkeitsweges zu zeigen, wo die Schwierigkeiten liegen. Sicher aber vermag diese Besinnung zu zeigen, daß der Mensch des Westens Grund genug hat, die Satipatthana Methode ebenso ernst zu nehmen wie Yoga oder Zen.
"Satipatthana" ist wörtlich "Grundlagen der Achtsamkeit".(1) In den uns überlieferten Formen der entsprechenden Lehrrede (2) ist diese Achtsamkeit ihrem jeweiligen Objekt entsprechend vierfach: Achtsamkeit auf den Körper gerichtet, auf das Gefühl gerichtet, auf den Geist gerichtet, auf Geistobjekte gerichtet. Wir haben allerdings Grund zur Annahme, dass diese Systematik der altbuddhistischen Lehrentwicklung entstammt. Der Buddha hat wahrscheinlich nur von Körperachtsamkeit gesprochen. Jedenfalls wirken die anschließenden drei Formen wie ein Annex zu den ersten grundlegenden Übungen.
Worum geht es in der Übung der Achtsamkeit? Mir scheint, daß wir die Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit und die in ihr dargestellte Methode nur verstehen, wenn wir zwei Grundanliegen unterscheiden. Das in seiner Akzentuierung vordergründige und erste Anliegen ist historisch betrachtet wahrscheinlich das zweite, zugeordnete. In der Beschreibung jedes einzelnen Meditationsmittels stoßen wir am Schluß auf die stereotype Formulierung: "Unabhängig bleibt er, und nichts in der Welt hängt er an." Das letzte Ziel ist die völlige Befreiung, das Abfallen jeder Fessel an welthaftes Sein, das völlige Loslassen jeder Bindung, das Nirvana.
Ein guter Teil der in der Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit vorgeschlagenen Meditationen dient direkt oder indirekt diesem Ziel. Man denke nur an die neun Leichenfeldbetrachtungen, in buddhistischen Klöstern immer wieder im Bild dargestellt: Der Meditierende betrachtet eine verwesende Leiche in neun verschiedenen Auflösungsstadien. Bei jeder Übung sagt er sich, seinen eigenen Körper betrachtend: "Auch dieser Körper ist so geartet, so beschaffen, wird dem nicht entgehen." Die Leichenbetrachtung soll also nicht Ekel und Abscheu gegenüber dem eigenen Körper wecken. Das Ziel ist eine souveräne Gleichgültigkeit gegenüber allem Körperlichen. Das Grundanliegen ist die bewußte, klare Entfremdung. Es gilt das Gefühl und die Erkenntnis zu wecken: Das bin ich nicht. Das ist nicht mein Selbst. Erst durch diese Entfremdung findet der Meditierende zur erwähnten Unabhängigkeit.
Ahnliches gilt für die Betrachtung der Körperstellungen. Auch hier ist die Desintegration, das bewußte Aufgeben jeder Identifikation das Grundanliegen. "Die Aufmerksamkeit auf die Körperhaltungen verhilft zu einem anfänglichen Einblick in die Unpersönlichkeit des Körpers und zu der sich daraus ergebenden Entfremdung von ihm. Man wird dabei dazu kommen, die Körperhaltungen wie die Bewegungen und Posituren einer großen Gliederpuppe zu empfinden. Gegenüber diesem Bewegungsspiel der Körperpuppe wird sich ein Gefühl der Fremdheit, ja auch des leichten Belustigtseins einstellen, in dem sich die gewohnheitsmäßige Identifizierung mit diesem Körper zu lösen beginnt." (3)
Wieder Ähnliches gilt für die Gefühlsbetrachtung, die Geistbetrachtung und die Geistobjektbetrachtung. Überall ist das Ziel der Übung die Entfremdung, das Aufgeben der gewohnheitsmäßigen Identifikation mit dem entsprechenden Gefühl, dem entsprechenden Geisteszustand oder den entsprechenden Grundlehren des Dhamma, d.h. den sog. Geistobjekten. Immer ist das Endziel die Feststellung: Gefühl ist da. Geist ist da. Geistobjekte sind da. Also ein nüchternes Feststellen, quasi vor sich hinhalten, aber à distance, ohne sich mit irgendeinem Gefühl, irgendeiner Geistesverfassung oder irgendeinem Lehrpunkt zu identifizieren. Alles, was meditiert wird, rückt im Verlaufe der Meditation vom Meditierenden weg. Mit nichts vermag er sich noch zu identifizieren. Von allem muß er sich sagen: Das ist zwar da, aber nicht mein Selbst. Das bin ich nicht.
Dieses völlige Abrücken von allem, womit wir uns identifizieren könnten, sogar von jeder Vorstellung von einem beharrenden Ich, entspricht selbstverständlich ganz der altbuddhistischen Lehre von den drei Kennzeichen, anicca, dukkha, anatta. Alles ist vergänglich, alles ist leidvoll. Alles ist Nicht-Selbst. Die Satipatthana Meditation ist bloß der Weg, auf dem die Lehre des Buddha zu meiner eigenen Erfahrung wird. Satipatthana ist die Probe aufs Exempel des altbuddhistischen Dhamma, hier wird Anatta nicht mehr gelehrt, sondern erfahren. Satipatthana ist ein schrittweises Sich-Desintegrieren, ein schrittweises Sich-Absetzen von alldem, womit ich mich bei nüchterner Betrachtung nicht identifizieren kann.
Wäre aber Satipatthäna nur dies, dann wäre nicht einzusehen, weshalb diese Einübung der Achtsamkeit auch Nichtbuddhisten empfohlen wird. (4) Wie könnte eine Methode für andere beispielhaft und richtungweisend sein, wenn sie direkt und unmittelbar ins Herz des alten Buddhismus führt? Satipatthana als Angebot an Nichtbuddhisten wäre - wenn dies die einzige Zielsetzung wäre - im besten Fall eine verhüllte Aufforderung zur Konversion, eine Einladung, die Wahrheit der buddhistischen Lehre am eigenen Leib zu erfahren. Weil aber dem Buddhisten wenig an verhüllten Aufforderungen und ebensowenig an Konversionen liegt, wäre es unver antwortlich, wollten wir nur diese eminent buddhistische Zielsetzung der Achtsamkeitsübung sehen.
Die zweite Zielsetzung der Achtsamkeitsübung erkennen wir weniger im systematisch ordnenden Rahmen der Lehrrede als in der Darstellung der einzelnen Meditationsweisen selber. Diese zweite Intention war also historisch gesehen sicher die erste. Sie war schon da, bevor die Systematik der später Geborenen jede Meditationsweise zum Erleben des Anicca, Dukkha, Anatta werden ließ. Wahrscheinlich stoßen wir hier auf den vor-buddhistischen Sinn vieler Achtsamkeitsübungen. Im Beispiel der vier Körperhaltungen lautet hier die Zielsetzung so:
"Gehend weiß da der Mönch: Ich gehe. Stehend weiß er: Ich stehe. Sitzend weiß er: Ich sitze. Liegend weiß er: Ich liege. Wie auch immer seine Körperstellung ist, so eben weiß er es." (5)
In ihrem eigentlichen und ursprünglichen Sinn ist Satipatthana in keiner Weise ein Weg zu einem fixen, zum vornherein durch irgendeine Lehre festgelegten Ziel. In ihrem ursprünglichsten Sinn ist Satipatthana einfach ein Einüben der Achtsamkeit, der Versuch des Menschen, zu wissen, was er tut, der Versuch, ganz bei einer Sache zu sein, vor allem der Versuch, ganz bei dem zu sein, was er im Moment tut, denkt, fühlt und empfindet. Dieses Ganz-bei-sich-Sein ist eine Einübung ins reine Gegenwärtigsein. Der Meditierende versucht, seine Gedanken nicht vom einen zum anderen schweifen zu lassen, sondern ganz und ausschließlich bei dem zu sein, was geschieht. Wenn möglich wählt er sich nur ein Meditationsobjekt, z. B. seinen eigenen Atem. Das Ausatmen und Einatmen im Achten auf die Bewegung der Bauchdecke oder auf den Atemfluß bei den Nasenlöchern verhilft dem Meditierenden, nicht mehr nur beiläufig, sondern bewußt zu atmen. Dabei soll der Atem aber immer frei und ungezwungen fließen. Atemanhalteübungen im Stil des Yoga werden abgelehnt. Es geht nicht um Veränderung, sondern nur um bewußtes Beachten des Atems.
Wie wird erreicht, ganz bei der entsprechenden Sache zu sein? Ein erstes Hilfsmittel ist die Isolation. Ich beachte, was ich beachten möchte, rein für sich, zusammenhanglos. Ich denke nicht an Ursachen, die zum Beachteten führten, an Möglichkeiten, die es noch eröffnen könnte. Ein zweites Hilfsmittel ist das reine Beachten. Ich bewerte nicht. Ich versuche die zu beachtende Sache weder zu beurteilen noch zu beeinflußen. Ich greife in keiner Weise - auch gefühlsmäßig nicht - in das ein, was ich achtsam beobachte. Ich bin rein beobachtend bei der Sache, der ich mich zuwende. Ein drittes Hilfsmittel ist die Beschränkung auf eine einzige Weise des Zugangs. Was ich höre, suche ich nicht gleichzeitig noch zu sehen und zu riechen. Ich lenke meine Achtsamkeit zum Beispiel nur auf einen Ton.
Daß dieses Einüben des reinen Beobachtens einen neuen Zugang zur Wirklichkeit eröffnet, liegt auf der Hand. Wer achtsam wird, wer ganz bei einer Sache sein kann (in reiner Beobachtung), der wird frei von allen Vorurteilen und Gefühlsregungen, von allem Werten und Behandelnwollen. Er wird Wirklichkeit in einer Weise erfahren, wie es ihm bisher noch nicht möglich war. Achtsamkeit eröffnet als reines Beobachten einen neuen Zugang zur Welt.
In diesem ersten und grundlegenden Sinn ist Übung der Achtsamkeit durchaus nicht nur ein buddhistisches Unterfangen. Wahrscheinlich entstammt gerade dieser Aspekt der Achtsamkeitsübung vorbuddhistischer Tradition. Sie kann auch mühelos in nachbuddhistischer Zeit weitergepflegt werden. Gerade auf dieses reine Beobachten legt die in neuerer Zeit wieder aufkommende Satipatthana-Bewegung ihren Akzent. Satipatthana ist - wie es in Kursen eingeübt wird - zum größten Teil Einübung jener Achtsamkeit, die als reines Beobachten bezeichnet werden kann.
Achtsamkeitsübung ist also beides: Übung im reinen Beobachten und Schule der fortschreitenden Entfremdung, Einübung der Unpersönlichkeit. In ihrer ersten Zielsetzung hat der Buddha die Methode wahrscheinlich aus vorbuddhistischer Tradition übernommen. In ihrer zweiten Zielsetzung hat er sie mit dem verbunden, was sich an Wirklichkeitsschau als Ertrag seines eigenen Meditationsweges ergab. Die frühe Theravada-Scholastik hat dann das ihre dazu beigetragen, um die Methode in ihrer ersten und vor allem zweiten Zielsetzung zu systematisieren und auszubauen. (6) Die Schule des reinen Beobachtens wird zur Einübung radikaler Entfremdung, zur Schule völliger Desintegration. "Das bin ich nicht. Das ist nicht mein Selbst." Diese Einsicht ist der aus jedem Einzeischritt der Methode resultierende Ertrag in der Sicht der frühen Scholastik.
Heißt dies, daß das historisch besehen erste und das historisch betrachtete zweite Ziel notwendig und unauflöslich miteinander verbunden sind und verbunden bleiben? Führt das reine Beobachten zwangsläufig zur Erfahrung des Anicca, des Dukkha und des Anatta? Wir müßten selbst zu Scholastikern werden, wenn wir uns an dieser Stelle ein Fragezeichen verbieten wollten. Was ist dies für ein reines Beobachten, dessen Ergebnis von vornherein feststeht? Was wäre dies für eine Einübung in volle Unvoreingenommenheit, wenn jeder weiß, daß das Ergebnis dieser reinen Beobachtung nur das sein kann, was das Lehrgebäude des Theravada als einzig gültige Schau des Wirklichen festhält? Gibt es so etwas wie eine dogmatisch festgelegte Unvoreingenommenheit? Genau dieser Zwiespalt, der die ganze Theravada-Scholastik prägt, wenn sie auf der einen Seite wahre Lehre systematisiert und auf der anderen Seite zu voller Unvoreingenommenheit und reiner Erfahrung aufruft, kann uns erahnen lassen, wo der Wert und die Schwierigkeiten der Methode für den Menschen des Westens liegen. Als Schule des reinen Beobachtens ist der Satipatthana-Weg beispielhaft. Als reine Achtsamkeit hätte er mindestens soviel Aufmerksamkeit verdient wie Yoga oder Zen. Als Schule der Unpersönlichkeit und der konsequenten Entfremdung bereitet er mehr Mühe. Da widerspricht er allem Sehnen und Streben nach Heimat in sich selbst, nach Einkehr ins eigene Wesen, nach Erfahrung des eigenen Selbst. Das zweite Ziel muß aus dem ersten aber nicht zwangsläufig resultieren. Nur das Faktum, daß der Buddha und seine Nachfolger durch reines Beobachten zur Erfahrung der völligen Unpersönlichkeit alles Wirklichen gelangten, heißt nicht, daß reines Beobachten immer zum gleichen Ergebnis führen muß. Gerade als Schule der Unvoreingenommenheit kann die Satipatthana-Methode keinen Ertrag vorschreiben. Die Übung der Achtsamkeit ist eine ausgezeichnete Übung in reiner Präsenz. Wir tun gut daran, uns diese Übung nicht durch lehrmäßig festgelegte Erträge einschränken zu lassen.
1. Vgl. Nyanaponika, Geistestraining durch Achtsamkeit, Konstanz1979, 23 f.
2. Lehrrede in der "Langen Sammlung" (Digha-Nikaya) und etwas kürzer in der "Mittleren Sammlung" (Majjhima-Nikaya) als 10. Rede. Vgl. aber auch Majjhima-Nikaya 118 und 119.
3. Nyanaponika, a.a.0. 60.
4. Nyanaponika, a.a.0. 5.
5. Nyanaponika, a.a.0. 172.
6. Vgl. Kurt Schmidt, Buddhas Reden 1978, 41, Anm. 3.
Georg Schmid, 1984
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