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Fünf Jahre lang (1958–1963) unterhielt das berühmte Literatenpaar Ingeborg Bachmann (1926–1973) und Max Frisch (1911–1991) eine intime Beziehung. Jetzt liegt der Briefwechsel der beiden vor, unter dem Titel «Wir haben es nicht gut gemacht». Ein aufregendes Buch!
Es geht um das, was man gemeinhin «Liebe» nennt und tatsächlich: Hier wird das Phänomen literarisch aufs Grossartigste, menschlich aufs Erschütterndste thematisiert. Ob diese Liebe noch so benannt werden kann, ob sie nicht besser in Anführungszeichen gesetzt werden sollte? Schwer zu sagen, wenn man sich in die Lektüre vertieft. Das Material, das die Frage aufwirft und, vielleicht, beantwortet, liegt jetzt vor und es lässt keine Wünsche offen.
Zwei Arten von Lektüre
Man kann die tausend Seiten, die das Buch umfasst, auf verschiedene Art lesen. Entweder konzentriert man sich allein auf die Briefdokumente, die ziemlich genau die Hälfte des Buches ausmachen, und liest sie wie einen zweistimmig geschriebenen Roman, was seinen hohen Reiz haben wird, oder man nimmt sich die – sehr lohnende – Mühe des ständigen Nachschlagens im zweiten Teil des Buches, der Einführungen der Herausgeber und, als wichtigstes Element, ausführliche Stellenkommentare zu den einzelnen Briefen liefert. Darin werden akribisch Sachverhalte beschrieben und erläutert, die in den Briefen angedeutet sind, es werden für das Verständnis der Brieflektüre wichtige Informationen geliefert. So wird der Briefroman in grössere zeitliche und gesellschaftliche Zusammenhänge eingefügt und das macht ihn erst recht zu einem bedeutenden Dokument.
Vier Herausgeberinnen und Herausgeber haben sich der Aufgabe unterzogen, die im Zürcher Frisch-Archiv und im Literaturarchiv der österreichischen Nationalbibliothek in Wien gelagerte Korrespondenz zu sichten und zu publizieren. Es handelt sich um fast dreihundert Briefe. Frisch hat von seinen Beiträgen vielfach Durchschläge und Abschriften gemacht. Die im Archiv gelagerte Korrespondenz war mit einer Sperrfrist belegt, die aber längstens abgelaufen ist. Bachmann wollte ihre Briefe an Frisch nach der Trennung zurückhaben, ein Wunsch, den Frisch ablehnte. Der Publikation der in ihrem Besitz befindlichen Dokumente haben ihre Geschwister, die auch ihre Erben und Nachlassverwalter sind, zugestimmt.
Legenden werden demontiert
Die Liebesgeschichte der Berühmtheiten Frisch/Bachmann hat schon immer im literarischen Milieu, das für Klatsch und Tratsch überaus empfänglich ist, für Furore gesorgt und dazu beigetragen, dass Legenden aller Art entstanden. Die schossen nach dem tragischen Unfalltod Ingeborg Bachmanns 1973 in Rom ins Kraut und stempelten Max Frisch zu einem liebesunfähigen Monster ab, das die unglückliche Ingeborg Bachmann in den Tod getrieben habe. Bachmann war nach der Trennung zeitweise tablettensüchtig, erlitt Nervenzusammenbrüche, war schreibgehemmt.
In seinen einfühlsamen Einführungen nimmt das Herausgeberquartett (Thomas Strässle und Barbara Wiedemann für Zürich, Hans Höller und Renate Langer für Wien) jeweils Partei für den Landsmann und die Landsfrau, ohne den Bogen zu überspannen. Literaturwissenschaftliche Untersuchung und Interpretation halten sich die Wage – Legenden werden als solche gesehen und ausser Kraft gesetzt. Die Liebes- und Leidgeschichte der beiden literarischen Stars verlief auf Augenhöhe beider.
Wie ein Blitz schlug die Leidenschaft im Juli 1958 in Paris ein – und stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Frisch, sicher kein abergläubischer Mensch, nimmt Bezug auf das Ereignis und schreibt in seinem Roman «Montauk»: «PARIS, die ersten Küsse auf einer öffentlichen Bank, dann in die Hallen, wo es den ersten Kaffee gibt: am Nebentisch die Metzger mit den blutigen Schürzen, diese zu plumpe Warnung.» Euphorie und Verzweiflung, Selbstzerfleischung und Momente grossen Glücks prägen den Briefwechsel von Anfang an. Der heilenden Kraft der beschworenen Liebe hängt das Unheil an, Skepsis stoppt die Höhenflüge.
Ungestillte Sehnsucht
Ein atem- und rastloses Leben eint und trennt die beiden von Anfang an. Berühmt, wie sie sind, werden sie eingeladen, Lesungen, Vorträge zu halten, sie erhalten Preise, Frisch besucht die Theater, die seine Stücke aufführen. Ständig sind sie auf Reisen – oder am Wohnung Einrichten in Zürich, Uetikon, Rom. Das gemeinsame Wohnen klappt selten, das Sitzen an der klappernden Schreibmaschine bleibt ein einsames Geschäft und da die Arbeit, das Schreiben, bei aller Liebe doch immer an erster Stelle kommt, gelingt es den beiden nur für kurze Zeiten, richtig zusammenzuleben.
Sich nach dem andern verzehren und doch alles Mögliche unternehmen, damit diese Sehnsucht ungestillt bleibt, das ist eines der unlösbaren Probleme, die der Briefwechsel aufwirft und die den Leser, die Leserin faszinieren. Denn die hohe Sprachkunst der beiden entzündet sich am Thema immer aufs Neue, wobei Frisch mit seinen scharfsinnigen, die Dinge ins Paradox treibenden Argumenten besticht und Bachmann mit mehr philosophisch-poetischen Passagen. Beide können beim intimen Briefeschreiben aus ihrer schriftstellerischen Haut nicht hinaus, beide haben das, was sie erleben und im Brief zu beschreiben versuchen, auch in ihren Werken benutzt: Frisch in «Montauk» und in «Sein Name sei Gantenbein»; Bachmann in «Malina».
Wenn Frisch am Ende der Beziehung feststellt: «Wir haben es nicht gut gemacht», bleibt er sehr milde. In Wirklichkeit ist dieses Ende grausam und hässlich. Die beiden setzten ihr Talent ein, um den andern subtil oder weniger subtil zu verwunden, zu bestrafen. Bachmann inszeniert sich als Opfer eines Mannes, der ihr ständig etwas vorgemacht, sie nie wirklich geliebt hat. Frisch fühlt sich unverstanden, verkannt, verachtet und rechnet auf, was ihm alles angetan wurde, was er auszuhalten hatte. Es tönt pervers und soll doch gesagt sein: Auch dieses böse Ende der Liebe liest sich spannend, aufregend; es gehört halt leider zur Geschichte und man muss sich nicht als Voyeur fühlen, wenn man es zur Kenntnis nimmt.
Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemacht» der Briefwechsel. 1038 Seiten, Piper und Suhrkamp Verlag, 2022