Document ID: /curiavista/filtered/00000.jsonl.gz/150101

<h2>SubmittedText<h2><p>Die Zunahme von Arbeitsplätzen im Gesundheitsbereich scheint unvermindert voranzuschreiten. Gemäss OECD-Bericht 2013 weist die Schweiz für 2011 die international höchste Pro-Kopf-Zahl an Pflegenden auf (welche etwa doppelt so hoch liegt wie in Frankreich und Österreich). Die Schweiz verfügt zudem auch über vergleichsweise viel Nachwuchs in der Pflege (mit 78,1 "nursing graduates" pro 100 000 Einwohner verfügt sie über deutlich mehr Absolventinnen und Absolventen als zum Beispiel Österreich (55,6/100 000), Frankreich (35,5) und Deutschland (27,8)). Es stellt sich daher die Frage, ob die schweizerische Produktivität im Gesundheitswesen im internationalen Vergleich adäquat ist. Diese Frage ist umso brisanter, als landläufig von einem Mangel an Pflegepersonal und an Ärzten gesprochen wird. </p><p>Der Bundesrat wird daher eingeladen, folgende Fragen zum Bestand der Fachkräfte zu beantworten:</p><p>1. Wie hoch war der Zuwachs an Arbeitsplätzen im Gesundheitsbereich in den letzten 5 Jahren? Wie viel betrug er in den fünf Jahren zuvor (2004-2009), aufgeteilt nach Leistungserbringer und Geschlecht?</p><p>2. Wie viel beträgt der Anteil der ausländischen Stelleninhaber in den beiden Zeiträumen (2004-2009 bzw. seit 2009)?</p><p>3. Wie hoch war die Zunahme der ausländischen Stelleninhaber in denselben Zeiträumen in absoluten Zahlen und prozentual?</p><p>4. Wie lassen sich die Personalengpässe in der Pflege erklären, wenn die Schweiz gleichzeitig im internationalen Vergleich die höchste Pro-Kopf-Rate an Pflegepersonal sowie die vierthöchsten Nachwuchszahlen aufweist?</p><p>5. Wie gross ist das Potenzial weiterer Massnahmen (z. B. Förderung des Einbezugs Freiwilliger in die Pflege) in Bezug auf einen geringeren Bedarf an Pflegepersonen? Der steigende Anteil an Arbeitskräften im Gesundheitswesen entzieht Fachkräfte aus anderen Bereichen. </p><p>6. Um wie viel hat die Arbeitsproduktivität im Gesundheitsbereich in den beiden Zeiträumen zugenommen?</p><p>7. Wie definiert er die Arbeitsproduktivität im Gesundheitswesen?</p><p>8. Erachtet er es nicht als nötig, die Produktivität im Gesundheitsbereich zu erhöhen, um den Personalbedarf zu reduzieren, damit diese nicht anderen Bereichen entzogen werden (oder im Ausland rekrutiert werden müssen)?</p><p>9. Falls ja, welche Massnahmen plant er?</p><p>10. Durch welche Anreize wird im Gesundheitswesen sichergestellt, dass sich arbeitssparender technischer Fortschritt (z. B. Behandlungsmethoden) rasch durchsetzen kann?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Der Vollständigkeit halber und mangels Abgrenzungsmöglichkeiten werden in der Antwort auch die Bereiche "Heime" und "Sozialwesen" erfasst.</p><p>- Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan hat 2010 in seinem Bericht "Gesundheitspersonal in der Schweiz - Bestandesaufnahme und Perspektiven bis 2020" den Personalbestand analysiert. Obsan geht dabei aufgrund der demografischen und epidemiologischen Veränderungen von einem stark steigenden Personalbedarf aus.</p><p>- Nach der Annahme der Volksinitiative "gegen Masseneinwanderung" am 9. Februar 2014 werden im Gesundheitsbereich zusätzliche Anstrengungen zu einer besseren Ausschöpfung des inländischen Potenzials an Arbeitskräften nötig.</p><p>- Die Beschäftigung im Gesundheitsbereich ist durch einige Besonderheiten gekennzeichnet: ein anhaltend starkes Wachstum mit einer entsprechend hohen Nachfrage nach Fachkräften, ein hoher Frauen- und Ausländeranteil und ein im Vergleich zur Gesamtwirtschaft überdurchschnittlich hoher Anteil an Teilzeitstellen.</p><p>1. Gemäss einer Spezialauswertung der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake), der Grenzgängerstatistik (GGS) und für Kurzaufenthalter/innen des Zentralen Migrationsinformationssystems (Zemis) wuchs zwischen 2004 und 2014 die Zahl der Erwerbstätigen im Gesundheitswesen (Noga 86) um 79 000 Personen (total +32 Prozent; Frauen 59 000, +32 Prozent; Männer 20 000, +34 Prozent) und in Heimen und im Sozialwesen (Noga 87-88) um 88 000 Personen (total +45 Prozent; Frauen 69 000, +47 Prozent; Männer 20 000, +39 Prozent). Mit insgesamt 167 000 Personen (+38 Prozent) expandierten beide Bereiche ("Gesundheitswesen" und "Heime und Sozialwesen") überdurchschnittlich: In der Gesamtwirtschaft stieg als weitere Referenz die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 2004 und 2014 um 669 000 (+16 Prozent). Differenzierte Daten nach Leistungserbringer liegen nicht vor. Aufgrund der Revision der Allgemeinen Systematik der Wirtschaftszweige (Noga) und des üblichen Stichprobenfehlers können die Zahlen in den Subperioden 2004-2009 und 2009-2014 nicht ausgewiesen werden.</p><p>2. Genaue Daten liegen ab 2010 für die Spitäler vor. Gemäss den Spitalstatistiken waren 2010 31,1 Prozent des in Schweizer Spitälern beschäftigten Personals Ausländerinnen und Ausländer (40,8 Prozent bei der Ärzteschaft und 31,4 Prozent beim Pflegepersonal). 2013 waren es 32,2 Prozent (41,9 Prozent bei der Ärzteschaft und 33 Prozent beim Pflegepersonal). Diese Statistiken decken Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal sowie die anderen Gesundheitsberufe ab. 2012 hatten 27,1 Prozent des tertiär ausgebildeten Pflegepersonals in Alters- und Pflegeheimen einen ausländischen Abschluss. Gemäss dem Obsan, Bulletin 3/2012, hatten 2008 14,1 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte einen ausländischen Abschluss, und 2011 waren es 17,4 Prozent. Laut der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) besassen 2013 29,4 Prozent der in der Schweiz tätigen Ärztinnen und Ärzte einen ausländischen Abschluss.</p><p>3. In der Gesamtwirtschaft war im Zeitraum 2004-2014 eine Zunahme der Erwerbstätigkeit von Ausländerinnen und Ausländern von 406'000 Personen (+39 Prozent) zu verzeichnen. Die Erwerbstätigkeit von Ausländerinnen und Ausländern erhöhte sich im Zeitraum 2004-2014 im Gesundheitswesen und in Heimen und im Sozialwesen um insgesamt 49 000 Personen (+ 49 Prozent) und damit überdurchschnittlich. Insgesamt stieg die Erwerbstätigkeit in den zwei Bereichen, wie bereits in Antwort auf Frage 1 dargestellt, um 167 000 Personen (+38 Prozent).</p><p>4. Die Personalengpässe in der Pflege werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Eine abschliessende Beantwortung der Frage ist schwierig. Als Determinanten des Personalbedarfs werden die demografische Entwicklung und der Gesundheitszustand, die in Anspruch genommenen Gesundheitsdienste, die Produktivität des Systems und der Beschäftigungsgrad einbezogen. Eine von der Universität Basel 2013 durchgeführte Shurp-Studie (Swiss Nursing Homes Human Resources Project) hat erhoben, dass heute rund 90 Prozent der Alters- und Pflegeheime Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Pflegefachpersonal haben.</p><p>Vergleiche mit anderen Ländern sind angesichts der unterschiedlichen Bildungssysteme und Ausbildungen sowie der Aufgabenteilung in der Praxis im Pflegebereich schwierig. Fälschlicherweise wurde die Fachfrau/Fachmann Gesundheit mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) bis 2013 in den Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) miterfasst, obwohl es sich nicht um einen Abschluss als diplomierte Pflegefachfrau/diplomierter Pflegefachmann (Tertiärstufe) handelt. Dieser Fehler wurde korrigiert. Gemäss den jüngsten, im Dezember 2014 veröffentlichten Zahlen gab es in der Schweiz 2012 etwas mehr als 10 Pflegefachleute pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Der europäische Durchschnitt beläuft sich auf 8 pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. Bei der Fachfrau/Fachmann Gesundheit EFZ handelt es sich um einen noch jungen Berufsabschluss. Die Integration dieser Berufsleute in den Berufsalltag ist in vollem Gange und wird neue und effizientere Formen des Skill- und Grad-Mix im Pflegebereich ermöglichen. Zu erwähnen sind auch die Assistentin/der Assistent Gesundheit und Soziales mit einem eidgenössischen Berufsattest (EBA), die namentlich in Alters- und Pflegeheimen wichtige Aufgaben übernehmen.</p><p>5. Sowohl Freiwillige als auch betreuende Angehörige ersetzen keine qualifizierten Fachpersonen. Ihre unentgeltlichen Dienste für kranke oder pflegebedürftige Personen zu Hause sind jedoch eine unentbehrliche Ergänzung im Gesundheitswesen. Der Aktionsplan zur Unterstützung von pflegenden Angehörigen, den der Bundesrat am 5. Dezember 2014 guthiess, wird den Zugang zu diesen Hilfeleistungen nachhaltig sicherstellen.</p><p>6. Die Messung der Produktivität im marktwirtschaftlich und politisch gesteuerten Gesundheitsbereich bleibt schwierig. Ein Beispiel ist die neue Regelung der wöchentlichen Arbeitszeit für Assistenzärztinnen und -ärzte, die 2005 in Kraft getreten ist. Die wöchentliche Arbeitszeit wurde auf 50 Stunden reduziert, wodurch die Spitäler mehr Assistenzärztinnen und -ärzte einstellen müssen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Gemäss der Wertschöpfungsstatistik hat die Produktivität im Gesundheitswesen im Zeitraum 2004-2012 abgenommen (- 1,1 Prozent). Diese Entwicklung fiel im Zeitraum 2004-2009 markanter aus (-1,5 Prozent) als im Zeitraum 2009-2012 (-0,4 Prozent). Damit entwickelt sich das Gesundheitswesen gegen den Trend der Gesamtwirtschaft (+0,8 Prozent über den gesamten Zeitraum). Bei der Interpretation solcher Zahlen muss man jedoch zahlreiche Besonderheiten in Zusammenhang mit der Wertschöpfungsmessung berücksichtigen, die eine vertiefte Analyse dieser Thematik erfordern. Das Hauptaugenmerk in diesem regulierten Markt muss auf der Erfüllung des Versorgungsauftrags, der Versorgungsqualität, mehr Transparenz und der Steigerung der Produktivität (Effizienz) liegen. Dabei ist die Produktivität stets in einen engen Kontext zur angestrebten Qualität zu setzen. </p><p>7. Es gibt keine Produktivitätsmessung, die spezifisch auf das Gesundheitswesen ausgerichtet ist. Grundlage für die Messung der Produktivität bilden internationale Empfehlungen der OECD. Demnach ist die Arbeitsproduktivität das Verhältnis zwischen der Wertschöpfung einer Produktionseinheit (Output) und dem für diese Wertschöpfung erforderlichen Arbeitseinsatz (Input). Mit diesem Quotienten kann also die Effizienz gemessen werden, mit der ein Produktionsfaktor zur Generierung eines Outputs (Mehrwert, Produktion usw.) eingesetzt wird. Produktivitätsanalysen eignen sich hauptsächlich für Einheiten, deren Produktion auf dem Markt zu wirtschaftlich signifikanten Preisen erfolgt (sogenannte gewerbliche Wirtschaft).</p><p>8. und 9. Die Strategie "Gesundheit2020" für das Gesundheitssystem umfasst ein Handlungsfeld für die Versorgungsqualität. Es ist namentlich vorgesehen, die Umsetzung der Qualitätsstrategie für mehr Transparenz und bessere Qualität weiterzuführen. Eine weitere Massnahme besteht darin, das Health Technology Assessment (HTA) zu verstärken, um unwirksame und ineffiziente Leistungen, Medikamente und Verfahren zu reduzieren, damit die Qualität steigt und die Kosten sinken. Ausserdem ist ein verstärkter Einsatz von eHealth vorgesehen. Damit kann die Effizienz verbessert werden, weil Doppelspurigkeiten in der Diagnostik vermieden werden. Zudem muss sichergestellt werden, dass genügend Gesundheitsfachleute auf allen Stufen ausgebildet werden. Die Förderung der medizinischen Grundversorgung und der Interprofessionalität sowie eine bessere Koordination der Gesundheitsversorgung sind ebenfalls Massnahmen, welche die Produktivität erhöhen können.</p><p>10. Förderung von eHealth und insbesondere elektronischem Patientendossier, Qualitätsstrategie und Health Technology Assessment, Förderung der medizinischen Grundversorgung sowie Gewährleistung einer ausreichenden Anzahl Gesundheitsfachleute bilden Schlüsselelemente der Strategie "Gesundheit2020" des Bundesrates. Ausserdem muss man die Versorgungsforschung unterstützen, damit möglichst angemessene Massnahmen getroffen werden können.</p>  Antwort des Bundesrates.