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Es ist ein sonniger Nachmittag, der 3. Oktober 2023, auf dem Weg zum Gespräch mit Todd Haynes, denke ich, haha, wie blöd wäre es, wenn ich jetzt mit dem Velo in eine Tramschiene geraten würde. Was ich natürlich in genau dem Moment tue. Ein Auto bremst, eine Frau steigt aus und kreischt, meine Knie brennen höllisch, aber die Hose ist noch ganz, die Hände bluten knapp nicht.
Todd Haynes ist mir wichtig. Der Regisseur mehrerer Lieblingsfilme – die Glam-Rock-Ode «Velvet Goldmine», das Melodrama «Far from Heaven» mit Julianne Moore, die Highsmith-Verfilmung «Carol» mit Cate Blanchett und Rooney Mara. Und dann steht er da, sieht aus, als wäre er direkt aus dem Bett gestiegen, zerzaust, zerknautscht, aber mit prächtiger Laune.
Erstens, weil die Betten im Hotel Baur au Lac toll seien, was bei Zimmerpreisen um die 1000 Franken zu erwarten sein sollte. Zweitens, weil er am Abend vorher hervorragend gegessen habe. Den heissesten Gourmet-Shit von Zürich. Jedenfalls für ihn. «Im Niederdorf! Wie heisst schon wieder das Restaurant? Ah, es ist ein Käse-Restaurant!» Ich frage, ob er Fondue gegessen habe. «Nein, kein Fondue, ich hatte Äpplermaggonen.» Älplermagronen? «Genau, es war sooooooo gut, das glaubt man nicht! Das beste Essen überhaupt!» Soso.
Jetzt ist er mit seinem neuen Film «May December» am Zurich Film Festival zu Gast. Der Titel des Films bezieht sich auf die unterschiedlichen Lebensalter eines Liebespaars. Joe (Charles Melton) ist der junge Mai. Seine Frau Gracie (Julianne Moore) der fortgeschrittene Dezember. Sie verliebten sich ineinander, als Joe minderjährig war. Gracie ging ins Gefängnis, wo sie mit Zwillingen schwanger war. Danach heirateten sie. Gracies ältester Sohn aus erster Ehe ist genauso alt wie ihr zweiter Ehemann, die Zwillinge feiern den Highschoolabschluss.
Bis hierher basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit: 1997 wird Mary Kate LeTourneau, eine 35-jährige Lehrerin aus Seattle, zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil sie im Jahr zuvor mit ihrem 12-jährigen Schüler Sex hatte. Im Gefängnis bringt sie das erste gemeinsame Kind zur Welt, nach ihrer Entlassung heiraten die beiden, 2019 lassen sie sich scheiden, ein Jahr später stirbt LeTourneau.
Samy Burch, die zuvor als Casting-Direktorin (u.a. für alle «Hunger Games»-Filme) gearbeitet hatte, machte daraus ein Drehbuch, verpflanzte es von Arizona nach Maine und liess Gracie und Joe nicht in einer Schule aufeinandertreffen, sondern im weit mystischeren Umfeld einer Tierhandlung. Und sie erfand eine weitere Figur, die Schauspielerin Elizabeth, die Gracie in einem reisserischen Biopic über den bekannten True-Crime-Fall von damals spielen soll.
2020, als Covid alles stilllegte, «als viele Drehbücher hin- und hergeschickt und Projekte ent- und verworfen wurden», erzählt Todd Haynes, schickte ihm Natalie Portman das Drehbuch von «May December». Sie hätte zu gerne einmal mit ihm gearbeitet, sie hatte ihm schon einmal vergeblich ein Drehbuch geschickt. «Doch erst als ich May December las, war ich gefesselt. Wir begannen miteinander zu reden, noch nie hatte ich mit jemandem so reden können, sie ist eine so kluge, interessante, intellektuelle, risikofreudige Person und will so sehr das Gleiche wie ich.»
Elizabeth (Portman) ist ein Biest, eine effiziente, aber mittelmässige Schauspielerin, die sich jedes Detail aus dem Leben von Gracie aneignen muss, um ein Gespür für ihre Figur zu kriegen, Gracie, Joe und die Kinder sind für sie nichts als ein Selbstbedienungsladen der Inspiration. Und sie liebt es, die Familie mit Geschichten aus ihrem Arbeitsalltag zu schockieren. Etwa, wenn sie genüsslich vom Dreh von Sexszenen erzählt. «Es machte Natalie Spass, sich vorzustellen, dass das Publikum Rückschlüsse von Elizabeth auf sie selbst ziehen könnte. Viele Schauspielerinnen würden sagen: Oh, darüber mache ich mir echt Sorgen, ist das nicht rufschädigend?»
In «Black Swan» gewann sie dafür einen Oscar. Doch während sie als durchgeknallte Ballerina alles ausagieren musste, arbeitet sie in «May December» feiner und fieser. Und findet in Julianne Moore eine einzigartige Protagonistin. Denn auch bei der ist nur ganz wenig so, wie es scheint. Ihre Mission heisst Manipulation.
Todd Haynes ist besessen von Filmen, besonders von alten, er ist das wandelnde Hollywood-Lexikon schlechthin. «Die Kraft von Julianne und Natalie, die Komplexität ihrer Rollen, überhaupt die Grösse der beiden Frauenrollen sehen wir heute nicht oft. So was hat man Hollywood-Schauspielerinnen in den 30er-Jahren gestattet, da gab es ein riesiges Publikum, das weibliche Stars sehen wollte, gerne auch in moralisch fragwürdigen Rollen, Bette Davis ist das beste Beispiel dafür. Mörderinnen, Betrügerinnen, überhaupt kriminelle Frauen jeder Art.»
Die grösste Nebenrolle in «May December» spielen Tiere. Kleine Vögel, durchscheinende Fische in der Tierhandlung, wo sich Joe und Gracie kennenlernten und wo Elizabeth jetzt auf ihrer Recherche erotische Fantasien auslebt. Zarte Schmetterlinge, die Joe züchtet. Doch so zart und fragil sind die Schmetterlinge gar nicht. «Sie stehen für diesen unheimlichen Drang, sie müssen sich ständig verwandeln, müssen einen Lebenszyklus um den anderen vollenden, vom Ei über die Raupe zur Puppe und zum Schmetterling.»
Haynes pimpt die schönen Flügeltiere mit der ungewöhnlichsten Musik. Sie klingt wie aus einem alten Horrorfilm, ist brachial und schneidend und stammt aus dem Pubertätsdrama «The Go Between» von 1971. «Ich habe den Film letztes Jahr wiedergesehen und ich dachte, wow, dieser Sound steht dermassen ausserhalb der eigentlichen Geschichte, der weckt dich total auf, der schärft deine Sinne, deine Neugier, der ist wie ein Schlag ins Gesicht. Der verändert deine Sicht auf den Film. Genau das wollte ich haben.»
Normalerweise sehen die Filme von Todd Haynes aus wie in Herbstlaub getaucht, satte, glühende Farben, «May December» ist hell, fast ausgewaschen, weiss ist vorherrschend, in den bemalten Holzfassaden der Häuser, den Kleidern, der hellen Haut von Julianne Moore. Die Unschuldsfarbe übertüncht die Schuld der Menschen. «Der Ort hat diese Farbe gewollt. Das Drehbuch spielte ursprünglich in der Kleinstadt Camden, in Maine.»
Wie passend, Maine, die Heimat von Stephen King und allen seinen Büchern. Mindestens so unheimlich wie die von Haynes gewählte Musik! «Ja, die Horror- und Gothic-Konnotation von Maine sind natürlich riesig, aber Samy Burch hat Camden nicht deswegen gewählt, sondern weil es die heimliche Vorlage für ‹Peyton Place› war. Und die Verfilmung wurde dort gedreht.» Cool.
Aber was hat das nun mit den bleichen Farben von «May December» zu tun? «Die Farbpalette von Maine ist so sauber wie frisch gewaschene Wäsche, das sind ganz reine Primärfarben. Savannah in Georgia, wo wir gedreht haben, ist das Gegenteil: feucht, dunstig, trüb, von einem milchigen Weiss, das Licht wirkt kränklich und verunreinigt alles, selbst wenn wir mal eine klare dunkle Linie im Vordergrund eines Bildes zu haben glaubten, wurde sie von diesem Licht aufgelöst. Und ich sagte: Okay, so müssen wir den ganzen Film machen.»
Wie in einem Sumpf? «Genau, wie in einem Sumpf, in dem man nicht mehr weiterkommt.» Sümpfe konservieren auch Leichen. Wie die Erinnerungen von Gracie und Joe, die von Elizabeth wieder ans Tageslicht geholt werden. «Richtig! Ich liebe es, wenn die Leute beim Reden über meine Filme auf Ideen kommen, die ich selbst noch gar nie so genau hatte!»
Denn Charles Melton wurde mit der Teenie-Serie «Riverdale» bekannt. Wie sind Haynes und er zusammengekommen? «Riverdale ist nicht mein Ding, ich hatte kurz reingeschaut, bevor es lief, aber nicht lange genug, um Charles Melton zu sehen. Meine Casting-Verantwortliche legte mir Material von acht oder zehn jungen Schauspielern vor, ich sah ein Foto von Charles und sagte: No way, er sieht viel zu gut aus, wie ein Filmstar, so habe ich mir meinen Joe doch nicht vorgestellt!»
Joe ist der tragische Kern des Films. Der Junge, dessen Leben auf immer zerstört wurde. Und der jetzt von Elizabeth noch einmal zerstört wird. Benutzt und auf den Status des verführten Minderjährigen reduziert. «Und dann kam Charles zum Casting», schwärmt Haynes, «und seine Interpretation von Joe war so nuanciert und subtil, war die geballte Vielschichtigkeit, das Gegenteil dessen, was man einem TV-Schauspieler für gewöhnlich zutraut. Charles ist ein Künstler.»
Wikipedia beschreibt «May December» als «romantisches Drama». «Oh no!», protestiert Haynes. Und Monate nach unserem Gespräch werden die Golden Globes ihn unter «Musical or Comedy» einordnen. Ich persönlich habe einen astreinen, dichten, fesselnden Psychothriller gesehen. «Auch das ist er nicht wirklich», entgegnet Haynes, «es macht mir grossen Spass, dass die Leute ihn nicht kategorisieren können. Hey, es ist einfach ein Film! Früher waren Filme Anlässe zu Debatten, Orte der Verunsicherung, Orte, an die man so noch nicht gegangen war.»
Orte, die man nicht verorten konnte und nicht verorten musste. Bereichernde Orte. So wie Todd Haynes’ Kleinstadt Savannah, die eigentlich Camden und noch eigentlicher Seattle heisst.
Samy Burch ist mit ihrem Drehbuch für einen Oscar nominiert. «May December» läuft ab dem 22. Februar im Kino.