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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D, zurzeit in Rajasthan (Indien)
Im hinduistischen Glauben in Indien können Menschen Inkarnationen von Göttern sein. Sie leben auf der Erde, manchmal zuerst unerkannt, dann fallen sie durch besondere Taten auf. Sie sind Göttern ähnlich, das heisst nicht, dass sie allmächtig sind. Oft haben sie eine besondere Verbindung zu anderen Göttern. Ihre guten Werke lassen sie manchmal zu Schützgöttern werden. Karni Mata war im 14. Jahrhundert so eine Frau; sie wurde schon zu Lebzeiten die Schutzgöttin der Rajputen, der Bewohner von Rajasthan, und sehr verehrt. Der Name Karni bedeutet etwas tun, zu etwas gut zu sein, und Mata bedeutet Mutter.
Sie lebte damals in einem kleinen Ort in Rajasthan, in der Nähe von Bikaner. Der Ort heisst Deshnoke. Einmal war in ihrer Familie ein Kind gestorben. Karni brachte sich in Trance, nahm Verbindung zum Totengott Yama auf und bat ihn um die Seele des verstorbenen Kindes, um es wieder lebendig werden zu lassen.
Yama lachte nur über das Ansinnen dieser untergeordneten Frau. Er wollte die Seele des Kindes nicht hergeben, sondern sagte, sie sei schon in einem anderen Kind wiedergeboren worden.
Karni wollte sich nicht damit zufrieden geben. Sie schwor, dass keine Seele aus dem Ort und der Umgebung je wieder das Reich Yama betreten, sondern sie alle nach dem Tod als Ratten wiedergeboren werden sollen. Stirbt die Ratte, so wird die Seele wieder in ein neugeborenes Kind eingehen. Diese Kinder werden dann oft fahrende Sänger.
Die Ratten sollten einen besonderen Ort haben, in dem sie leben können. Schliesslich tragen sie alle die Seele eines Menschen. So wurde ein Tempel gebaut, in dem sie leben können. Die Anfänge gehen 600 Jahre zurück. Über Stufen kommt man durch eine reich verzierte silberne Tür in Innere des Tempelgeländes.
Eine lange Schlange von Menschen – jeder von ihnen hat ein Päckchen mit Lebensmittel in der Hand –, wartet darauf, ins Tempelinnere zu kommen, was Nicht-Hindus verwehrt ist. Aber schon hinter dem Eingang sieht man in den Ecken überall Ratten. Sie sind nicht gross und huschen umher. An einer grossen Schale mit Milch sitzen einige am Rand und trinken. Danach laufen sie weiter, verschwinden in eines der vielen Rattenlöcher. In einer Ecke des Tempelgeländes verarbeiten Menschen die Lebensmittel in einem grossen Kessel zu einem braunen Brei. Plötzlich taucht eine weisse Ratte auf. Die Menschen rufen und machen sich gegenseitig auf sie aufmerksam. Sie freuen sich. Eine weisse Ratte zu sehen, bringt Glück. Manche Gläubige versuchen auch, sie durch Leckereien anzulocken.
Die Ratten huschen umher, laufen mit- und übereinander, verweilen in den vielen Ecken der Mauern und Gitter. Es sind besondere Ratten. Sie trinken Milch. Sie könnten das Gelände verlassen und in das Dorf einfallen und alles verwüsten, bleiben aber strikt im Tempelgelände. Gewöhnliche Ratten vermehren sich mehrmals im Jahr und werfen viele Jungen. Die Rattenpopulation im Tempel bleibt konstant.
Die Gläubigen nehmen auch Nahrung zu sich, von der zuvor Ratten geknabbert haben. Die Menschen werden nicht krank davon.
Wissenschaftlich lässt sich das alles nicht erklären.
Ich empfand die Ratten nicht abstossend oder ekelig, sondern eben als kleine Tiere, ähnlich wie Mäuse. Es stinkt auch nicht besonders. Raubvögel können nicht ins Tempelgelände eindringen, sie werden von einem Gitter abgehalten.
Der Rattentempel in Deshnoke ist der einzige in Indien. Der Zustrom der Pilger steigt von Jahr zu Jahr. Sie kommen aus einem grösseren Umkreis von Deshnoke, auch aus der 32 km entfernten Stadt Bikaner. Zu besonderen Gelegenheiten, einer grösseren Anschaffung wie ein Jeep zum Beispiel, fahren sie zum Tempel und erbeten den Segen der Göttin. Es ist ein lebendiger Volksglaube.
Hier hat Yama, der Gott des Totenreiches, keine Macht mehr.
Hinweis auf weitere Indien-Berichte von Richard Gerd Bernardy