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Ein Abkommen für eine Abgeltungssteuer mit Italien wäre für den Tessiner Finanzplatz beruhigend. Doch René Chopard, Direktor des Zentrums für Bankstudien in Lugano, ist überzeugt, dass die Banken in Zukunft ihre Aktivitäten in keinem Fall mehr auf Schwarzgeld konzentrieren können. Diversifizierung ist angesagt.
Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta möchte bis Mitte August die Verhandlungen mit der Schweiz zu einem bilateralen Steuerabkommen gemäss dem Modell Rubik wieder aufnehmen. Die Schweiz hat solche Abkommen bereits mit Grossbritannien und Österreich unterzeichnet.
Gemäss diesem Modell würde die Schweiz einen gewissen Anteil der auf Schweizer Banken deponierten Vermögen von Italienern nach Rom überweisen, ohne jedoch die Identität der Kontoinhaber preiszugeben.
Die italienische Regierung hofft, auf diese Weise mehrere Milliarden Euro einzukassieren. Dieses Geld könnte helfen, die Staatsfinanzen ein wenig ins Lot zu bringen. Gemäss einer neuen Studie sind die verspäteten Zahlungen der öffentlichen Verwaltung der Grund für einen Drittel aller Firmenkonkurse in Italien. Und die Unternehmen haben Schwierigkeiten, Bankkredite zu erhalten.
René Chopard, Direktor des Tessiner Zentrums für Bankenstudien in Lugano-Vezia, ist der Meinung, dass der Finanzplatz Tessin diese Situation nutzen sollte, um seine Position in der Unternehmensfinanzierung in Norditalien zu stärken.
Steuerabkommen Rubik
Seit Jahren steht die Schweiz unter grossem Druck von Seiten der G20-Staaten (die 20 meistindustrialisierten Länder der Welt), der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa) sowie der Europäischen Union (EU), welche die Steuerhinterziehung bekämpfen.
Als Reaktion auf diesen Druck hat die Schweizer Regierung versucht, mit einigen europäischen Staaten bilaterale Abkommen gemäss dem so genannten Modell "Rubik" abzuschliessen. Damit wollte man das Bankgeheimnis in gewisser Weise retten.
Auf Grundlage der jeweiligen Abkommen, die mit Grossbritannien und Österreich abgeschlossen wurden, überweist die Schweiz zuerst einen Betrag, um die in der Vergangenheit hintergangenen Steuern nachzuzahlen. Dieser Betrag wird den Konten der ausländischen Kontoinhaber entnommen.
Nach der Regelung der Vergangenheit wird jedes Jahr eine Art Quellensteuer auf die Kapitalerträge eingezogen. Die Namen der Kontohalter bleiben aber anonym.
Ein entsprechender Vertrag wurde auch mit Deutschland unterzeichnet. Doch der deutsche Bundesrat (Länderkammer) hat den Vertrag nicht ratifiziert. Somit trat er nicht in Kraft.
Verhandlungen mit Italien waren unter der Regierung Monti aufgenommen werden, doch in Folge der italienischen Regierungskrise wurden die Verhandlungen eingefroren. Nun strebt die Regierung Letta eine Wiederaufnahme der Verhandlungen an.Infobox Ende
swissinfo.ch: Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta möchte die Verhandlungen für ein Abkommen gemäss dem Rubik-Modell wieder aufnehmen. Ist solch ein Abkommen zwischen der Schweiz und Italien überhaupt noch realistisch unter den heutigen Umständen?
René Chopard: Ich denke schon. Kurzfristig handelt es sich um eine für alle Parteien interessante Lösung. Italien könnte auf einen bedeutenden Fluss von Geldern zählen, die anfänglich durch die Steuer aufgebracht werden, die auf die so genannten Altlasten erhoben wird, also nicht deklarierte Gelder von italienischen Staatsbürgern auf Schweizer Konten. Und die Kunden hätten den Vorteil, dass Diskretion gewährleistet wäre, was wohl ganz in ihrem Sinne wäre.
Ein Abkommen mit einer Abgeltungssteuer würde auch den Schweizer Banken erlauben, die Beziehungen zu den italienischen Kunden zu normalisieren. Das Abkommen könnte zu einer gewissen Ruhe führen. Zurzeit sind sowohl die Banken als auch die Kunden einem enormen Druck ausgesetzt.
Schliesslich könnte ein solches Abkommen den Schweizer Banken auch einen besseren Zugang zum italienischen Markt gewährleisten. Diese Ausweitung der Finanzaktivitäten wäre die italienische Gegenleistung.
swissinfo.ch: Wäre der automatische Informationsaustausch nicht das bessere Mittel, um eine Beruhigung der Situation zwischen den beiden Staaten zu erreichen? Denn nur so könnte sich der Schweizer Finanzplatz dem internationalen Druck wirklich entziehen.
R.C.: Sicherlich gibt es auch Bestrebungen in diese Richtung. Aber mir erscheint dieses Ziel noch in weiter Ferne. Um einen weltweiten Informationsaustausch sicherzustellen, müssten global alle Länder am gleichen Strick ziehen und ihre Gesetzgebung anpassen, so wie es die Schweiz verlangt. Doch bis wir an diesem Punkt sind, wird noch viel Zeit vergehen.
In der Zwischenzeit hat die Schweiz Interesse daran, ihre Probleme mit den Nachbarstaaten zu lösen. Denn bei diesen handelt es sich um die wichtigsten Partner. Und dies sollte möglichst schnell gehen.
Ein Rubik-Abkommen hätte den Vorteil, dass Banken und Kunden die jetzige Starre durchbrechen könnten. Ansonsten riskieren sie, noch Jahre in diesem Zustand zu verharren.
swissinfo.ch: Hat Ihrer Meinung nach der Tessiner Finanzplatz in den letzten Jahren besonders stark unter dieser Situation gelitten?
R.C.: Der Tessiner Finanzplatz hat genauso gelitten wie die anderen Finanzplätze der Schweiz und die gesamte internationale Finanzwelt. Der Tessiner Finanzplatz war vielleicht besonders anfällig, weil er einerseits sehr einseitig von Italien abhängig war und sich andererseits fast ausschliesslich auf die Offshore-Vermögensverwaltung spezialisiert hatte. Man kann auch von einem Klumpenrisiko sprechen.
swissinfo.ch: Welche Lösungen sehen Sie, um diese Krise zu meistern?
R.C.: In Zukunft muss eine Diversifizierung der Bankenaktivitäten im Vordergrund stehen. Besonders in Bezug auf Dienstleistungen. Mit der Besteuerung oder Abgeltungssteuer auf Vermögen ist es nicht mehr möglich, dass sich ein Finanzsystem auf im Ausland "verstecktes Kapital", also Schwarzgelder, konzentriert.
Offshore ist keine Lösung für die Zukunft. Die Banken sollten im italienischen Markt aktiver werden und dort ein sehr breites Spektrum an Dienstleistungen anbieten, das die unterschiedlichen Facetten der Kundschaft berücksichtigt.
Es gibt Schätzungen, wonach rund die Hälfte aller italienischen Kunden am Tessiner Finanzplatz kleine, mittlere oder sogar grosse Unternehmen sind. Diesen Kunden kann nicht nur Vermögensverwaltung angeboten werden, sondern sie sollten auch Beratungen und Finanzpakete erhalten, die auf ihre unternehmerischen Aktivitäten zugeschnitten sind. Man denke nur an die Kreditvergabe, an den internationalen Vertrieb von Produkten sowie an die Lösung von Erbschaftsangelegenheiten oder Steueroptimierung.
swissinfo.ch: Stellt diese Strategie angesichts der unsicheren wirtschaftlichen Situation in Italien nicht ein grosses Risiko dar?
R.C.: Ganz sicher birgt diese Strategie Risiken. Doch man kann die Risiken minimalisieren, indem man gut funktionierende Unternehmen berät und Garantien verlangt. Aber ich sehe in dieser Strategie vor allem Chancen, denn in Norditalien gibt es eine beachtenswert hohe Dichte an Unternehmen. Und diese haben Bedürfnisse, die heute nicht gestillt werden.
Der Tessiner Markt ist für die Vielzahl der hiesigen Banken viel zu klein. Diese haben sich vor allem im Bereich der Verwaltung von Offshore-Vermögen betätigt, doch sie sind nun gezwungen, ein effektives Wealth Management aufzubauen. Der Italienische Markt bleibt sehr bedeutend, auch wenn er sich in einer Krise befindet.
swissinfo.ch: Ist es denkbar, dass der Tessiner Finanzplatz mit dieser Strategie das Ende des Bankgeheimnisses überlebt?
R.C.: Auf alle Fälle. Das Bankgeheimnis ist nur eines von vielen Elementen, das den Erfolg der Vermögensverwaltung in der Schweiz erklärt. Wichtig sind auch Faktoren wie wirtschaftliche und monetäre Stabilität, Rechtssicherheit und Kompetenz.
Man sollte auch die Diskretion bei der Abwicklung von Finanzgeschäften nicht vergessen. Diese Qualität ist wichtig und Teil der DNA eines Schweizer Bankers, auch wenn sie nicht im Gesetz festgeschrieben ist
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch