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Von der Skipiste in den Orient
Ella Maillart war ein Multitalent: Sportlerin, Reisende, Autorin. Die unglaubliche Geschichte einer vielseitig talentierten Schweizerin.
Salzige Meeresluft und frischer Neuschnee. Die Gewürze der Basare, die Abgase des Ford, die Luft der Wüste, der Muff der Drogenhöhlen und der Geruch des Papiers ihrer Bücher. Vielleicht sollte man Ella Maillarts Geschichte in Gerüchen erzählen.
Ella Maillart: geboren 1903 in Genf, Tochter begüterter Pelzhändler. Als Kind stand sie sonntags um 4 Uhr früh auf, um mit ihrer Mutter skifahren zu gehen. Mit 13 gewann sie erste Segelregatten, mit 16 gründete sie den ersten Landhockey-Club für Frauen in der Romandie, mit 19 segelte sie mit einer Freundin nach Korsika und mit weiteren Freundinnen nach Griechenland und in die Bretagne. Mit 21 nahm sie als einzige Frau an der olympischen Segelregatta teil und im Winter fuhr sie Rennen für die Ski-Nationalmannschaft. Sie wurde Sekretärin, Schauspielerin, Stuntfrau und Captain der Landhockey-Nati.
Dann begann sie zu reisen und zu schreiben. Moskau, Krim, Kaukasus. Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan. 1934 besuchte sie die Mandschurei, traf in Peking den New-York-Times Journalisten Peter Fleming und reiste mit ihm in sieben Monaten über Tibet ins indische Kaschmir. Moorlandschaften, Wüsten, Gebirge: Es sei eine Reise gewesen, auf der nichts passiert sei, schwärmte sie später. Das Nichts, die Stille: Vielleicht sollte man Maillarts Geschichte auch in Geräuschen erzählen. Oder in Farben. Auf jeden Fall zeigt ihre Biografie, wie viel in den 1920er- und 1930er-Jahren in Bewegung war: Tourismus, Mobilität, Sport, Film. Mit Talent, Geld und Abenteuermut war Unglaubliches möglich.
In Genf packte Maillart im Februar 1939 ihre Sachen in den Ford ihrer Freundin Annemarie. Annemarie Schwarzenbach: Vater Industrieller, Mutter deutsche Gräfin, Grossvater General. Journalistin, Schriftstellerin, lesbisch, morphiumsüchtig und die einzige Schwarzenbach ohne politischen Braunton. Sie fuhren an Zürich vorbei, wo gerade die Landi aufgebaut wurde, fuhren über den Balkan nach Istanbul, Teheran und schliesslich nach Kabul.
Die Reise gelang und die Reise ging schief. Maillart und Schwarzenbach erreichten Afghanistan, doch der Sucht entkam Annemarie damit nicht. Schwarzenbach hing weiter an der Nadel und Maillart, enttäuscht und desillusioniert, verliess sie im September 1939 in Kabul – kurz nachdem sie vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erfahren hatten. Schwarzenbach reiste daraufhin in die USA und schliesslich zurück in die Schweiz, fiel drei Jahre später im Engadin vom Rad und verletzte sich so schwer, dass sie zwei Monate später starb. Maillart hingegen verbrachte die Kriegsjahre bei spirituellen indischen Meistern, führte später ein Leben als Reiseschriftstellerin und Tour Guide und engagierte sich zusehends für die Umwelt. Im Alter zog sie sich mehr und mehr nach Chandolin zurück, wo sie 1997 verstarb. Vielleicht sollte man ihre Geschichte in Geschichten erzählen. Und vielleicht genügt auch einfach ein Blick in ihre unendlich klaren, blauen Augen.