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V. sind Körperschaften, die auf einem Zusammenschluss von Personen (in den Anfängen des Vereinswesens oft nur von Männern) basieren, welche sich regelmässig treffen und im Rahmen ihrer Organisation selbst gesteckte Ziele verfolgen. Die Mitgliedschaft ist freiwillig, die Mitglieder sind grundsätzlich gleichberechtigt, wobei die in Statuten schriftlich festgehaltenen Regeln und Kriterien über den Zweck, die Aufnahme oder den Ausschluss von Mitgliedern, die Befugnisse von Mitgliederversammlung und Vereinsvorstand usw. bestimmen. Rechtsgrundlage sind Art. 60-79 des Schweiz. ZGB.
Vielfältige Formen der Geselligkeit prägten auch in der Schweiz das "gesellige Jahrhundert" (Ulrich Im Hof). Als Institutionen einer aufklärer. Soziabilität (Aufklärung) waren die Sozietäten des 18. Jh. auf den Zweck der Reform in Staat, Kirche und ständ. Ges. angelegte, von staatl. oder kirchl. Obrigkeit nicht direkt abhängige, sondern primär freiwillige Zusammenschlüsse einzelner Personen, die in der Regel der gesellschaftl. Elite entstammten. Durch ihr krit. Räsonnement über alle Fragen ihrer Zeit gehörten sie zu den hauptsächl. Trägern der entstehenden polit. Öffentlichkeit.
Die schweiz. Sozietätsbewegung war Teil der europ. Akademiebewegung (Akademien) und brachte zwischen 1600 und 1798 ca. 150 konkret fassbare Reformgesellschaften hervor. Nach frühen Bibliotheksgesellschaften (Zürich 1629-1916, Schaffhausen 1636-19. Jh.), die später obrigkeitl. Anerkennung erhielten, entstand als erste bedeutende Sozietät in der Schweiz nach dem Vorbild ausländ. Akademien das Collegium Insulanum (Zürich 1679-1709). Als gelehrte Sozietät beschäftigte es sich mit neuen Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften, der Medizin und der auf die Praxis der Pfarrer ausgerichteten Theologie. Bildung für ein nicht fachgelehrtes Publikum, Sprachverbesserung und Literaturkritik vermittelten ab 1720 die dt. Sprachgesellschaften (Bern 1739-47, Basel 1743-61) und die literar. Gesellschaften; die Verfassergesellschaften der Moral. Wochenschriften (Gesellschaft der Mahler in Zürich 1720-22/23, Neue Gesellschaft in Bern 1721-24) bezweckten darüber hinaus publizist. Kritik und Reform von Denkweisen, Sitten und Moral im Alltagsleben. Ganz der prakt. Reform in Schulwesen, Sozialfürsorge und Hauswirtschaft widmeten sich die gemeinnützigen Gesellschaften (Moral. Gesellschaft in Zürich 1764-1862, Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige in Basel seit 1777). Theoret. Erkenntnis und prakt. "Verbesserung" verknüpften die Ökonomischen Gesellschaften bei der Förderung von Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie; sie erlebten ihre Blütezeit in den 1760er und 70er Jahren. Parallel dazu, aber lang anhaltend wuchs die Zahl der Lesegesellschaften, die das gemeinsame Lesen und die Rezeption neuer Bücher förderten. Die naturforschenden Gesellschaften führten die Linie der Gelehrten Gesellschaften popularisierend weiter. Die Patriotischen Gesellschaften erforschten die Quellen der vaterländ. Geschichte und lehrten die Söhne der herrschenden Familien republikan. Staatskunde. Die militär. Gesellschaften (Militärische Vereine) als Sonderfall in einem Milizsystem schliesslich verbanden die Tradition der Schützengesellschaften (Schützenwesen) mit naturwissenschaftl. Erkenntnissen (Mathemat.-militär. Gesellschaft Zürich, seit 1765).
Die wichtigste Schweizer Sozietät des 18. Jh. war die sich jährlich zunächst in Schinznach versammelnde Helvetische Gesellschaft, deren Programm das ganze Spektrum der aufgeklärten Reformdiskussion der Schweizer Sozietäten umfasste. An sie angelehnt entstand 1779 die Helvet.-militär. Gesellschaft, der als gesamtschweizerisch konzipierte Zusammenschlüsse auf dem Gebiet der Medizin und der Naturwissenschaften die Helvet. Gesellschaft korrespondierender Ärzte und Wundärzte (Zürich 1788/91-1807) und die Allg. helvet. Gesellschaft der Freunde der vaterländ. Physik und Naturgeschichte (Herzogenbuchsee 1797) folgten.
Autorin/Autor: Emil Erne
Einzelne Organisatoren bildeten als Gründer, Präsidenten oder Sekretäre an ihrem Wirkungsort einen gesellschaftl.-kulturellen Mittelpunkt und hielten die Reformbestrebungen in Bewegung: in Basel der Ratsschreiber Isaak Iselin (1728-82), in Zürich die Literaten und Prof. Johann Jakob Bodmer (1698-1783) und Johann Jakob Breitinger (1701-76) sowie der Arzt und Prof. Johann Heinrich Rahn (1749-1812), in Bern u.a. die Patrizier Niklaus Emanuel (1727-94) und Vinzenz Bernhard Tscharner (1728-78) und in Genf der Apotheker und Naturforscher Henri-Albert Gosse (1753-1816).
Die Verbreitung der einzelnen Gesellschaftstypen widerspiegelt den Verlauf des Aufklärungsprozesses vom exklusiven Gelehrtenzirkel zur populären Lesegesellschaft und vom hauptstädt. Zentrum (Zürich, Bern, Basel, Genf) über die kleinere regierende Stadt (Schaffhausen, St. Gallen, Chur, Biel) und die Munizipalstadt (Winterthur, Lausanne) zur untertänigen Landschaft (Toggenburg, Waadt, Zürichseegebiet). Die Bewegung war auf prot. Territorien konzentriert; von den kath. Orten wiesen Solothurn mehrere sowie Freiburg, Luzern und Nidwalden kurzlebige Gründungen auf. Die Innerschweiz besass allerdings in der Helvetischen Konkordiagesellschaft, die ihre barock-repräsentativen Tagungen an wechselnden Orten abhielt, ein Gegenstück zu der sich auf konfessionelle Toleranz hin orientierenden Schinznacher Gesellschaft. Nach Sprachgebieten dominierte die Deutschschweiz, sowohl bezüglich der Anzahl Organisationen als auch nach der Anzahl Mitglieder in überregionalen Gesellschaften.
"Gesetze" formulierten den Zweck des Zusammenschlusses, legten die Rechte und Pflichten der Mitglieder, die Beitritts- und Finanzierungsmodalitäten sowie die Aufgaben der Organe und die Ämterverteilung fest; sie galten als Garanten des Zusammenhalts und der Dauer. Mit der Verabschiedung der Statuten wurde der Gründungsakt vollzogen. Die Gleichrangigkeit der Mitglieder innerhalb derselben Kategorie war konstitutiv. Grössere Sozietäten unterschieden zwischen aktiv mitarbeitenden, vollberechtigten ordentl. Mitgliedern (membra ordinaria) und auswärtigen oder Ehrenmitgliedern (membra honoraria), die dank Mehrfachmitgliedschaften zu überregionaler Vernetzung und Anerkennung verhalfen. Vereinzelt gab es die Aufteilung der Funktionen in eine Hauptversammlung mit primär repräsentativem Charakter, ein eigentl. Entscheidungsgremium und einen vorberatenden Ausschuss. Die Disziplin nach innen war wichtig: Die Reihenfolge der Vorträge nach bestimmten Prinzipien, Bussen bei Absenzen oder Zuspätkommen, das Verbot, zu rauchen und Wein zu trinken, und die Weisung, einander nicht ins Wort zu fallen, dienten der Einübung einer neuen Form gesellschaftl. Umgangs. Ämterrotation wirkte der Machtkonzentration und Aristokratisierung entgegen. Nüchternheit und Arbeitsamkeit grenzten gegen die verpönten Trink- und Spielgesellschaften auf den Zunftstuben und in den Wirtshäusern ab (Trinkstuben). Organisationsgeschichtlich stellten die Sozietäten den Übergang von der altständ. Korporation zur modernen Massenorganisation her.
Autorin/Autor: Emil Erne
Der Wirkung nach innen auf die eigenen Mitglieder (Selbstbildung durch gemeinsame Lektüre, gegenseitige Belehrung und eigene Untersuchungen) stand die Wirkung nach aussen auf ein breiteres Publikum gegenüber ("Aufklärung" durch Verbreitung und prakt. Anwendung neuen Wissens in der Öffentlichkeit). Grössere Gesellschaften publizierten die Ergebnisse ihrer internen Aktivitäten in Zeitschriften oder Sammelbänden (u.a. "Abhandlungen und Beobachtungen durch die ökonom. Gesellschaft zu Bern gesammelt" 1762-73, "Abhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich" 1761-66). Mitglieder waren vorwiegend jüngere, noch nicht zu Ämtern gelangte städt. Patrizier, Vertreter der bürgerl. Intelligenz -- wie Geistliche, Professoren, Ärzte und Juristen -- sowie Kaufleute, also Angehörige einer begüterten, gebildeten Oberschicht. Bauern wie der Zürcher "Kleinjogg" (Jakob Gujer) waren die berühmten Ausnahmen. Nur vereinzelt traten Frauen auf. Immerhin verstärkte sich ihr Anteil gegen Ende des 18. Jh. (Zürcher. Frauenzimmergesellschaft auf Zimmerleuten 1784-98/1806).
Die Wirksamkeit der Sozietäten lag mehr im Erwerb neuer theoret. Erkenntnisse als bei deren prakt. Umsetzung. Das bestehende polit. System und Interessenkollisionen mit den herrschenden Schichten hielten die Reformpostulate in engen Grenzen. Die Gesellschaften verstanden sich nicht als Opposition zu Staat und Kirche, sondern als deren Ergänzung in bisher vernachlässigten Gebieten oder bei sich in der wandelnden Gesellschaft neu stellenden Aufgaben. Schweizer Sozietäten wie die Berner Ökonom. Gesellschaft (seit 1759) und die Dt. Christentumsgesellschaft in Basel (1779/80-2003) hatten eine Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Das aufklärer. Ziel der allg. Glückseligkeit blieb aber auch in der Schweiz Utopie. Die tatsächl. Leistungen der Schweizer Vereinigungen bestanden lokal in beschränkten Verbesserungen und überregional in der Förderung eines eidg. Zusammengehörigkeitsgefühls.
Autorin/Autor: Emil Erne
Direkte Einwirkungen der Obrigkeiten waren selten, die Sozietäten befolgten eine vorsichtige Selbstbeschränkung. Gravierend war der Eingriff in die Aktivitäten der Ökonom. Patrioten durch die Berner Regierung um 1766, als jene sich mit Bevölkerungsstatistiken und Fragen der Bevölkerungsentwicklung beschäftigten und dabei geheime Staatssachen tangierten. Am schärfsten war die Reaktion der Zürcher Obrigkeit gegen die aus ihrer Sicht aufrührer. Umtriebe im Stäfnerhandel 1794-95, in den auch die Lesegesellschaften am Zürichsee verwickelt waren. In Genf geriet das Sozietätswesen ab 1782 in den Strudel der polit. Ereignisse, die in manchem die Franz. Revolution vorwegnahmen.
Nur wenige Sozietäten blieben vom polit. Umsturz von 1798 gänzlich unberührt und arbeiteten ungestört weiter. Die meisten unterbrachen ihre Aktivitäten abrupt, nahmen sie indessen in mehr als der Hälfte aller Fälle in den ersten zwei Dezennien des 19. Jh. in der gleichen Organisation wieder auf, z.T. allerdings mit verlagerter Zielsetzung. Etliche Lesegesellschaften entpolitisierten sich und betonten den gesellig-unterhaltsamen Aspekt stärker. Untergegangene Gesellschaften fanden grösstenteils Nachfolgeorganisationen mit ähnl. Zielen. Daraus ergab sich eine grössere Kontinuität der Sozietätsbewegung vom 18. bis zum 19. Jh., als der polit.-verfassungsrechtl. Einschnitt hätte erwarten lassen.
Autorin/Autor: Emil Erne
Das 19. Jh. ist das "Jahrhundert der Vereine". Gesellschaften und V. als neue Formen der Geselligkeit der sich entwickelnden bürgerl. Gesellschaft entstanden in grosser Zahl. Das von ihnen abgedeckte Spektrum gesellschaftl. und geselligen Tuns reichte von Schützen-, Gesangs- und Musikvereinen über Studentenverbindungen bis zu Armen- und Missionsvereinen.
Eng verknüpft mit den polit. und sozialen Verhältnissen und Veränderungen in der Schweiz hat sich die Zahl und die Art der V. bis zum 1. Weltkrieg entwickelt. Bis 1848 können rund ein Sechstel aller bis 1914 erfassten V. nachgewiesen werden. Nach 1860 nahm die Zahl der V. rasch zu, rund die Hälfte entstand nach 1880. Diese Verdichtung entspricht weitgehend der wirtschaftl. und demograf. Entwicklung in der Schweiz. Ihren Höhepunkt erreichte die Welle der Vereinsgründungen um die Wende zum 20. Jh. Auf 1'000 Einwohner entfielen zu dieser Zeit rund zehn V. Im gesamten 19. Jh. wurden in der Schweiz mind. 30'000 V. gegründet. Im 20. Jh. nahm die Zahl der V. weiter zu. Am Ende des 20. Jh. gab es in der Schweiz schätzungsweise 100'000 V.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Die jeweiligen polit. Umstände und das Vereinswesen beeinflussten sich gegenseitig. Aufbauend auf den aufklärer. Sozietäten des Ancien Régime, unterstützte die Helvet. Republik den Vereinsgedanken und die damit verbundenen bürgerl. Ideen einer gesellschaftl. Emanzipation. In der Restauration entstanden weitere kulturelle und gemeinnützige V., in denen sich die einem gemässigten Liberalismus verbundenen Bürger zusammenfanden. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, die 1810 mit dem Ziel gegründet worden war, das Erbe der aufgeklärten Philanthropie in die bürgerl. Gesellschaft einzubringen, entwickelte sich in der Folge zu einem Forum, in dem die Probleme der Modernisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat diskutiert wurden, sowie zu einer Schrittmacherin in der Sozial- und Schulpolitik.
Die neuen Gesellschaften trugen dazu bei, den Boden für die Regeneration von 1830-31 und die Gründung des Bundesstaats von 1848 vorzubereiten, indem sie eine polit. Öffentlichkeit schufen, in der neue Formen des Zusammenseins und der ungehinderte Austausch von Ideen ebenso vorgelebt wurden wie die Gleichberechtigung der Mitglieder. Die Verfassungen der regenerierten Kantone und die Bundesverfassung von 1848 garantierten dann die Vereinsfreiheit.
Bereits in der 1. Hälfte des 19. Jh. schlossen sich viele der ursprünglich lokalen und regionalen V. zu nationalen Verbänden zusammen, so zum Schweiz. Kunstverein 1806, zur Schweiz. Musikgesellschaft und zur Schweiz. Gesellschaft zur Beförderung des Erziehungswesens, die beide 1808 gegründet wurden, zur Schweiz. Geschichtforschenden Gesellschaft 1811 (Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz) und zur Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft 1815. Zu den V.n mit ausgeprägt nationalem polit. Profil und zu den Trägern der liberalen Bewegung gehörten etwa der Eidg. Turnverein (1832, Sportverbände), der Grütliverein (1838), die Studentenverbindungen Schweizerischer Zofingerverein (1819) und Helvetia (1832) oder der Schweizerische Nationalverein (1835), der mit dem ausdrückl. Ziel geschaffen wurde, die polit. Errungenschaften der liberalen Kantone gegen die Konservativen zu verteidigen. V. waren im 19. Jh. denn auch in erster Linie eine liberal-radikal-prot. Angelegenheit und entstanden in weit grösserer Zahl in städt. und industrialisierten ländl. Gebieten als in agrar. Regionen.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Die Bundesstaatsgründung hatte weitreichende Konsequenzen für die Entwicklung der V. Da es lange Zeit auf nationaler Ebene keine polit. Parteien gab, übernahmen die V. die Vermittlerrolle zwischen den Bürgern und dem Staat. Ihnen kam die Aufgabe zu, die wirtschaftl., polit. oder kulturellen Interessen ihrer Mitglieder gegenüber dem zusehends zentralist. Staat und seiner Verwaltung zu vertreten. Um besondere Gruppeninteressen auf nationaler Ebene durchzusetzen, entstanden in der 2. Hälfte des 19. Jh. vermehrt V. mit speziellen Zielen, die sich in gesamtschweiz. Dachverbänden zusammenschlossen. In dieser Zeit erhielt das Vereinswesen zunehmend eine wirtschaftspolit. Ausrichtung, die sich vom vornehmlich kulturellen und philanthrop. Engagement vieler V. in der 1. Hälfte des 19. Jh. unterschied. Diese Differenzierung und Neuausrichtung der V. liess auch neue Vereins-Kategorien wie die Unternehmerverbände und die Arbeitnehmerverbände entstehen. Da diese Organisationen vielfach ihren Ursprung im Vereinswesen hatten und oft noch heute als V. organisiert sind, ist eine eindeutige Zuordnung zuweilen schwierig. Das Bürgertum schuf zur Wahrung und Durchsetzung seiner wirtschaftl. Interessen Verbände wie den Schweizerischen Handels- und Industrieverein (1870), den wichtigsten Interessenverband der modernen Schweiz, oder den Schweizerischen Gewerbeverband (1879). Mit dem Schweizerischen Bauernverband entstand 1897 ein weiterer einflussreicher Spitzenverband.
Diese V. übernahmen auch staatl. Aufgaben, für die dem Staat oft die Mittel fehlten, etwa für die Erstellung von Statistiken oder für Erhebungen und Umfragen. Zudem konnten sie ihre Meinung in den breit angelegten Vernehmlassungsverfahren einbringen. Diese Interaktion zwischen den Behörden und den Verbänden verwischte zusehends die Trennung der Kompetenzen. Bald übernahmen die Verbände auch die Ausführung der Gesetze und Beschlüsse, zu deren Entstehung sie massgeblich beigetragen hatten. Die enge Verflechtung des polit. Lebens mit der Tätigkeit der V. manifestierte sich auch in der Tatsache, dass für die Erlangung von polit. Ämtern die Mitgliedschaft und das Engagement in V.n vielfach eine unabdingbare Voraussetzung war.
Gegen Ende des 19. Jh. entstanden vermehrt polit. V. oder Parteien. Umschwung von 1830-31 kam es zu ersten Gründungen von Organisationen mit teils parteipolit. Zügen. Doch die eigentl. Gründungsphase von polit. V. n und Parteien setzte erst um 1880 ein und erstreckte sich bis zum 1. Weltkrieg. Bezeichnend für die polit. Kräfteverhältnisse war, dass es in dieser Zeit viermal mehr liberal-freisinnige als kath.-konservative polit. V. und Parteien gab und die Sozialdemokraten als Vertreter der Arbeiterschaft noch relativ unbedeutend waren.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Für die Katholiken waren die V. eine gesellschaftl. Organisationsform, die dem Liberalismus und Radikalismus mit ihren egalitären Postulaten angemessen schien. In ihrem Kampf gegen den liberalen Staat schufen die Katholiken dennoch mit einem gewissen Erfolg vergleichbare gesellschaftl. Bewegungen, namentlich den Schweizerischen Studentenverein (1841) und den Piusverein (1857). In der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde das Vereinswesen für Katholiken, die ausserhalb ihrer ländl.-bäuerl. Stammlande lebten, aber auch im Zeichen des Kulturkampfs, zur wichtigsten Organisations- und Mobilisationsform. Das in der Diaspora aufgebaute Netz von V.n und Institutionen sorgte dafür, dass die Katholiken in ihrer Freizeit soziale Kontakte möglichst nur im kath. Milieu pflegten. Der organisator. Polyzentrismus zwischen Stammlanden und Diaspora wurde 1903 mit dem ersten schweiz. Katholikentag und der 1904 folgenden Gründung des Schweizerischen Katholischen Volksvereins aufgehoben. Wichtigstes Ziel des kath. Vereinswesens war es, die Werte der kath. Kirche zu vermitteln und die Katholiken in ihrem Katholischsein zu bestärken. Die Meisten V. gaben sich allerdings unpolitisch. Sie organisierten in erster Linie das Besitz- und Bildungsbürgertum.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Die Arbeitervereine sozialist. Prägung schlossen sich 1880 im Schweizerischen Gewerkschaftsbund zusammen, während sich die christlich (v.a. katholisch) gesinnte Arbeiterschaft im Rahmen der Christlichsozialen Bewegung organisierte. Der Grossteil der Arbeiterorganisationen entstand erst nach 1890. Ihre Zahl war aber weit geringer als jene der bürgerl. Wirtschaftsorganisationen. Um sich vom bürgerl. Vereinswesen abzugrenzen, gründete die Arbeiterschaft Ende des 19. Jh. Parallelverbände wie den Schweiz. Arbeiter-Turn- und Sportverband (Satus), Naturfreunde-, Sänger-, Schützen- und Jodlervereine. Neben der institutionellen Trennung ging es den Arbeitern auch darum, sich kulturell zu emanzipieren. Das Verhältnis der Arbeiterkultur zur dominanten bürgerl. Kultur blieb allerdings geprägt durch eine "eigentüml. Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz" (Schwaar, 1992). Die zumindest partielle Trennung der Arbeitervereine von ihren bürgerl. Pendants und die damit verbundene gegenkulturelle Programmatik löste sich nach der Annäherung der Arbeiterschaft an den bürgerl. Staat im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung in den 1930er Jahren allmählich auf. Endgültig aufgegeben wurde die selbstgewählte Isolation erst um 1960. Die zunehmende Entpolitisierung wird illustriert durch die Tatsache, dass sich der Satus seit 1994 als politisch, wirtschaftlich und konfessionell unabhängig bezeichnet.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Bereits in der 1. Hälfte des 19. Jh. wurden in der Schweiz weit über hundert Frauenvereine gegründet, die aber oft nur kurze Zeit existierten, wie etwa jene, die in den Krisen- und Hungerjahren 1816-17 ins Leben gerufen wurden, um die Not zu lindern, und die sich nach getaner Arbeit wieder auflösten. Diese frühen Frauenvereine waren meist Organisationen, die Männervereinen zudienten und direkt oder indirekt männl. Leitung unterstanden. Im Einklang mit der traditionellen Rollenverteilung übernahmen die Frauenvereine gemeinnützige und wohltätige Aufgaben wie Krankenpflege, Armenfürsorge, die Beaufsichtigung von Arbeitsschulen oder die Betreuung von weibl. Gefangenen. V.a. in den ref. Regionen leisteten sie damit einen Dienst an der Gesellschaft, der in der kath. Schweiz vielfach von Ordensfrauen, aber auch von den 1912 im Schweizerischen Katholischen Frauenbund zusammengeschlossenen kath. Frauenvereinen erfüllt wurde. Eine wichtige Nebenwirkung der Armenerziehung und Arbeitsvermittlung war die soziale Kontrolle der Unterschichten, denen auf diesem Weg bürgerl. Lebensformen und Verhaltensweisen anerzogen werden sollten. In den 1880er Jahren engagierten sich viele Frauenvereine im Rahmen der europ. Abolitionismus-Bewegung.
Die ersten feminist. Frauenorganisationen waren die Association internationale des femmes (1868-70) und ihre Nachfolgeorganisation Solidarité -- Association pour la défense des droits de la femme (1872-80). Gegen Ende des 19. Jh. entstanden Frauenvereine wie die Union des femmes de Genève (1881) oder der Verein Frauenbildungs-Reform (1892) und die daraus hervorgegangene Union für Frauenbestrebungen (1896), die sich für eine Verbesserung der rechtl. und sozialen Stellung der Frau einsetzten. 1900 wurde mit dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen ein gesamtschweiz. Dachverband gegründet, der sich zur Vermittlerinstanz zwischen den Interessen der Frauen und den Behörden entwickelte. Die Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen wurde zu einem zentralen Anliegen der Frauenbewegung.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Bereits im 19. Jh. organisierten sich Ausländer. Dt. Immigranten schufen in den 1830er Jahren Arbeiterbildungsvereine (Deutsche Arbeitervereine). 1900 gründeten in die Schweiz geflohene ital. Sozialisten eine eigene Partei, den Partito Socialista Italiano. Daneben gab es andere, kulturell-gesellig orientierte Italienervereine. Ein Grossteil dieser V. geriet in den 1920er Jahren unter den Einfluss und die Kontrolle von Mussolinis Regime.
Autorin/Autor: Thomas Gull
Im Lauf der Zeit veränderte sich die innere Struktur der V., die sich in den 1840er und 50er Jahren dem breiten Publikum öffneten und zu Massenorganisationen wurden. Um dennoch den Zusammenhalt aufrechtzuerhalten, entwickelten sich die Jahresversammlungen zu mondänen oder spektakulären Anlässen. Die bescheidene und regelmässige Soziabilität der Biedermeierzeit machte period. Grossveranstaltungen Platz. Die Eidgenössischen Feste markieren für viele Vereinsmitglieder den Höhepunkt des Vereinslebens. Sie haben eine lange Tradition, die bis in die 1. Hälfte des 19. Jh. zurückreicht. Der Schweiz. Schützenverein feierte bereits 1824 sein erstes Eidg. Verbandsfest. 1832 folgten die Turner und 1843 die Sänger. In dieser Zeit hatten die Feste als Foren des liberalen Bürgertums eine wichtige Bedeutung. Diese polit. Dimension wurde im letzten Drittel des 19. Jh. weitgehend an die Parteien und Interessenverbände abgetreten. Die "Eidgenössischen" mit ihrer medialen Präsenz stellen aber noch immer eine Plattform dar, die Regierungsmitgliedern und Exponenten von polit. Parteien dazu dient, ihre Ansichten und Anliegen unters Volk zu bringen.
Trotz der ungebrochenen Popularität ihrer Verbandsfeste haben die traditionellen V. im Lauf des 20. Jh. an gesellschaftl. Bedeutung verloren, was nicht zuletzt die Tatsache belegt, dass sich die Trägerschaft vom politisch engagierten Bürgertum des 19. Jh. zum wenig politisierten unteren Mittelstand verlagert hat. Das Vereinsleben, im 19. und frühen 20. Jh. das wichtigste organisierte Freizeitangebot der Gesellschaft, steht in Konkurrenz zu einer ständig wachsenden Zahl anderer Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Ein Teil der Jugend, v.a. in den urbanen Gebieten, interessiert sich nicht mehr für die von vielen V.n angebotenen traditionellen Formen der Geselligkeit und Betätigung und geht auch in der Freizeit eigene Wege. V. spielen aber vorab in ländl. Gebieten und konservativen Milieus nach wie vor eine wichtige Rolle. In den 1980er Jahren gaben 56% der Einwohner der Schweiz an, Mitglied einer oder mehrerer Vereinigungen zu sein. Am meisten Mitglieder wiesen die Sportclubs und Turnvereine mit Anteilen von jeweils 10% aus. Mehr als 5% der Bevölkerung gehörten jeweils Schützenvereinen, Berufsverbänden, religiösen V.n, polit. Parteien sowie Musik-, Frauen- oder Naturvereinen an. 40-50% der befragten Personen waren der Ansicht, die V. seien ein wichtiges gesellschaftl. Element an ihrem Wohnort. V. haben somit am Ende des 20. Jh. eine zwar gewandelte, aber nicht zu unterschätzende gesellschaftl. Bedeutung.
Autorin/Autor: Thomas Gull