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Die meisten Personen, die heute Dienstleistungen im Gesundheitssystem beanspruchen, sind multimorbid; sie leiden an mehreren Erkrankungen, deren Behandlung zu unerwarteten Interaktionen führen kann. Für die medizinische Versorgung multimorbider Patienten müssen Dienstleister und das Gesundheitssystem angepasste Ansätze entwickeln.
Verbesserungen in den Lebensbedingungen und die Medizin haben dazu beigetragen, dass sich in der Schweiz die Lebenserwartung bei Geburt in den letzten 100 Jahren fast verdoppelte. Erfolgreiche medizinische Behandlungen lassen Patientinnen und Patienten eine erste akute oder chronische Krankheit überleben und damit eine zweite erleben, eine zweite überleben und damit eine dritte erleben und überleben, usw. … Patient/innen werden durch das Überleben von Einzelerkrankungen multimorbide. In der Schweizer Bevölkerung sind gemäss ersten diesbezüglich erhobenen Zahlen 22 % der Personen ab 50 Jahren multimorbide, im Alter von 85 Jahren sind es doppelt so viele.
Multimorbidität ist die häufigste Krankheitskonstellation
In Kontakten von Patienten mit dem Gesundheitssystem ist Multimorbidität heutzutage die häufigste Krankheitskonstellation, vor allem bei älteren Patienten. Diese Tendenz wird sich weltweit noch wesentlich verstärken und festsetzen, denn die Bevölkerung altert und die Behandlung einzelner Erkrankungen verbessert sich.
Bei Hausarztkonsultationen hatten unter 9 % aller Patient/innen mit einer koronaren Herzkrankheit (Herzkranzgefässerkrankung, zum Beispiel einer Angina Pectoris oder einem Zustand nach Herzinfarkt) nur diese Einzelkrankheit. Die meisten hatten noch zusätzliche Erkrankungen. Selbst auf Notfallstationen Innere Medizin finden eine Mehrzahl aller Konsultationen wegen chronischer Erkrankung und deren Verschlechterung im Rahmen von Multimorbidität statt. Unsere Forschungsgruppe Multimorbidität identifizierte je nach angewandter Definition zwischen 70 % und 90 % aller notfallmässig stationär aufgenommenen internistischen Patient/innen am Universitätsspital Zürich als meist sehr schwer multimorbide.
Interaktionen zwischen Erkrankungen, Konflikte zwischen Therapien
Dabei kommt es zwischen den Behandlungen von verschiedenen Erkrankungen zu Interaktionen, das heisst, es ergeben sich Konflikte zwischen den Therapien. Eine Behandlung, die für eine Erkrankung nützlich wäre, wäre für eine zweite Erkrankung im gleichen Patienten schädlich. In einer retrospektiven Studie haben wir leichte und schwere Interaktionen, bzw. therapeutische Konflikte quantifiziert (siehe Abbildung). Wir analysierten dabei Patienten der Inneren Medizin, die über die Notfallstation des Universitätsspitals Zürich hospitalisiert werden mussten. Wir fanden bei 166 multimorbiden Patienten einem Durchschnitt von 6.6 aktiven Diagnosen(!) und insgesamt 239 therapeutische Konflikte. Bei 41 % der Patienten fanden wir einen leichten therapeutischen Konflikt und bei 29 % unserer Patienten einen schweren therapeutischen Konflikt. Diese Konflikte zu lösen, ist ein wichtiges Anliegen von Patient/innen und eine Aufgabe für Ärzte und Forschung.
Multimorbidität als Zukunftsthema der Gesundheitspolitik und der Forschung
In den letzten Jahren ist das Interesse von Patient/innen, Ärzten, Pflegenden, Gesundheitsberufen generell, Kostenträgern und Politik an Aspekten der Multimorbidität massiv gewachsen. Patienten erwarten einen verbindlichen und kontinuierlichen Ansprechpartner in der Betreuung. Politik und Kostenträger erwarten eine hohe Qualität der Dienstleistungen bei angemessenen Kosten.
Die Erforschung der Multimorbidität steckt noch in den Anfängen. Epidemiologische Daten für zu Multimorbidität sind in der Schweiz spärlich. Multimorbide Patienten/innen werden in klinischen Studien oft ausgeschlossen, entsprechend sind die Resultate dieser Studien für diese Patientengruppen kaum gültig. Die Vielschichtigkeit der unterschiedlichen Probleme bei Multimorbidität verlangt nach neuen Betrachtungsweisen und neu zu entwickelnden Methoden. Dabei müssen neben medizinischen Kernfragestellungen auch Anliegen hinsichtlich Krankheitsbewältigung und Lebensqualität der Patient/innen und deren Angehörigen verstärkt in die Therapiegestaltung einbezogen werden.
Das Kompetenzzentrum Multimorbidität der Universität Zürich hat mit interdisziplinären Ansätzen zum Ziel, die komplexen medizinischen Krankheitsinteraktionen untereinander und mit Patient/in und Umfeld auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zu untersuchen, Modelle zur optimierten Versorgung zu entwickeln, zu testen und gegebenenfalls zu implementieren.
Literaturhinweis:
Markun, S., Holzer, B.M., Rodak, R., Kaplan, V., Wagner, C.C., Battegay, E. & Zimmerli, L. (2014). Therapeutic Conflicts in Emergency Department Patients with Multimorbidity: A Cross-Sectional Study. PLOS ONE (Published: October 13, 2014 DOI: 10.1371). [Online: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0110309]
Prof. Dr. med. Edouard Battegay, FACP
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin
Universitätsspital Zürich
Leitungsmitglied des Kompetenzzentrums Multimorbidität, des Zentrums für Gerontologie und des Universitären Forschungsschwerpunkts ‚Dynamik des gesunden Alterns‚ der Universität Zürich