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Nachdem mein letzter Blogpost über Robert Maillarts Russlandaufenthalt auf ein erfreuliches Echo gestossen ist, möchte ich nun den Blick auf einen Mann richten, der ganz am Anfang von Robert Maillarts Weg zu einem der weltbesten Brückenbauingenieure stand: Wilhelm Ritter (1847-1906), Professor für Graphische Statik und Brückenbau an der ETH.
Der 1847 in Liestal geborene Sohn eines Primarlehrers erwarb 1868 das Bauingenieurdiplom am Zürcher Polytechnikum. 1869 wurde Wilhelm Ritter Assistent des berühmten ETH-Professors und Baustatikers Karl Culmann (1821-1881). 1870 folgte bereits die Habilitation.
Karl Wilhelm Ritter ca. 1876 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr 16191-085)
Karl Culmann als Lehrer und Förderer
Als junger Privatdozent am Poly soll Wilhelm Ritter bei den Studenten sehr beliebt gewesen sein, weil er die baustatischen Theorien des genialen Culmann auf verständliche Art und Weise darzulegen wusste. Ritters Lehrer und Mentor Karl Culmann konnte für sich beanspruchen, ein neues graphisches Verfahren zur Berechnung von Baukonstruktionen entwickelt zu haben.
Culmanns vielbeachtetes Hauptwerk Die Graphische Statik war 1866 erschienen. Die darin aufgezeigte zeichnerische Methode der graphischen Geometrie – nebst der rein rechnerischen mit Hilfe der analytischen Mathematik – wurde wegweisend und brachte Culmann internationale Bekanntheit ein.
Karl Culmann, ca. 1870 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_16191-018)
Wilhelm Ritter trug in den folgenden Jahrzehnten viel zur Verbreitung von Culmanns neuartiger Berechnungsmethode bei und sollte eines Tages Culmanns Erbe antreten. Doch zunächst stand für den jungen Privatdozenten ein wichtiger Ortswechsel an.
Professor in Riga (1873-1882)
Ein Unfall in Riga gab den Ausschlag. Henri Bessard (1837-1873), Professor für Bauingenieurwesen am Polytechnikum in Riga und früherer Assistent von Karl Culmann, stürzte im Januar 1873 bei Belastungsproben an einer Brücke im Beisein seiner Studenten zu Tode.
Culmann schlug daraufhin seinen Assistenten Ritter als Nachfolger von Bessard vor. Da ehemalige Bauschüler und Assistenten des berühmten Culmann sehr gesucht waren und Ritter zudem bereit war, in kürzester Zeit die Professur in Riga anzunehmen, erhielt er 1873 mit knapp 26 Jahren den Ruf als Professor für Bauingenieurwesen nach Riga.
Polytechnikum in Riga, Poststempel 12.11.1900, unbekannt (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Fel_038317-RE)
Das 1862 in Riga eröffnete Polytechnikum muss auf den jungen Ingenieur grossen Reiz ausgeübt haben. Er konnte in unabhängiger Stellung als Professor und in deutscher Sprache unterrichten. Am baltischen Polytechnikum wirkten bereits viele deutschsprachige Lehrkräfte und man pflegte an dieser Hochschule – obwohl zum Russischen Reich gehörig – regen Austausch mit der deutschen Wissenschaft und Kultur.
Ritter lehrte von 1873 bis 1882 in Riga und trieb Culmanns graphische Statik erfolgreich voran. Er wurde Vorstand der Ingenieurabteilung am Polytechnikum, engagierte sich im dortigen „Technischen Verein“, hielt Vorträge und schrieb Artikel in der „Rigaschen Industrie-Zeitung“, dem publizistischen Vereinsorgan. Bei einem Aufenthalt in Zürich 1874 lernte Wilhelm Ritter seine spätere Frau, eine Amerikanerin aus Boston, kennen.
Professur in Zürich?
Im Dezember 1881 verstarb der hochgeschätzte Karl Culmann und das Zürcher Polytechnikum suchte einen geeigneten Nachfolger. Mit Wilhelm Ritter stand ein fähiger Kandidat zur Verfügung. Ritter scheint einen gewissen Respekt davor gehabt zu haben, in die Fussstapfen seines berühmten Vorgängers zu treten. In einem Brief an Wilhelm Fiedler, Professor für Darstellende Geometrie am Poly, schreibt Ritter am 16. Februar 1882 aus Riga:
Hochverehrter Herr College!
Es hat mich gefreut, in Ihrem werthen Schreiben vom 31. Jan. nicht nur einen guten Rath zu finden, sondern auch ein freundliches Willkommen aus Zürich zu erblicken. Wenn mir auch die dortigen Collegen und Verhältnisse von früher her bekannt sind, so trete ich doch jetzt in ganz andrer Weise in diese Verhältnisse wieder hinein und übernehme eine so verantwortliche Stellung, daß mir jeder Freundesbeweis, den ich von Zürich aus erhalte, willkommen ist und zur Ermuthigung dient. […]
Brief von Wilhelm Ritter an Wilhelm Fiedler (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 87: 843)
Im Sommer 1882 trat Wilhelm Ritter schliesslich die Professur für Graphische Statik und Brückenbau am Zürcher Polytechnikum an, die er bis zu seinem Rücktritt 1904 bekleidete. Von 1887-1891 amtete Ritter auch als Direktor.
Von begabten Schülern … Wilhelm Ritter als Lehrer und Förderer
Wilhelm Ritter war nicht nur ein ausgezeichneter Lehrer, sondern auch einer, der Talente erkannte und förderte. Dazu gehörte eben Robert Maillart (1872-1940), der von 1890 bis 1894 am Polytechnikum studierte und im Herbst 1891 Ritters Vorlesung „Graphische Statik und Konstruktionsübungen“ besuchte. Maillarts Notizen aus seiner mutmasslich ersten Vorlesung bei Ritter setzen gleich bei Culmann und der graphischen Statik an:
Vorlesungsnachschrift von Robert Maillart (ETH Zürich, Hochschularchiv, Hs 1084: 32, erste Seite, Herbst 1891)
Ritter unterstützte seinerseits seinen ehemaligen Bauschüler Maillart, als dieser nach Abschluss des Studiums als Angestellter beim Tiefbauamt in Zürich (1897-1899) mit der Projektierung einer Brücke über der Sihl, der Stauffacherbrücke, betraut wurde. Ritter, der für die neue Bauweise in Eisenbeton beim Bau von grösseren Brücken eintrat, verfasste 1898 ein positives Fachgutachten über die von Maillart vorgeschlagene Konstruktion in Eisenbeton statt nur in Eisen.
Die Bogenbrücke mit einer Öffnung und ohne störende(n) Brückenpfeiler in der Mitte wurde schliesslich nach Maillarts Plänen 1899 fertig gestellt. Unter der architektonischen Aussenverkleidung, die vom Stadtbaumeister Gustav Gull (1858-1942) stammt, liegt eine der ersten Stahlbetonbrücken der Schweiz verborgen.
Stauffacherbrücke, Zürich. 1899: Dreigelenkbogen mit Stahlgelenken.
Stützweise 39,60m, Pfeilhöhe 3,70m, Breite 20m (Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)
Neben Robert Maillart konnte Wilhelm Ritter noch einen zweiten grossen Schweizer Brückenbauingenieur zu seinen Schülern zählen: Othmar H. Ammann (1879-1965).
Othmar Ammann besuchte von 1898-1902 die Kurse von Wilhelm Ritter und baute später die damals längsten Hängebrücken der Welt. Doch zu diesem Meister der Brückenbautechnik ein anderes Mal.
Culmanns Vermächtnis und andere Verdienste
Ritter, der auch das publizistische Vermächtnis Karl Culmanns antrat, ergänzte dessen theoretisches Hauptwerk „Die Graphische Statik“ mit einem vierbändigen Anwendungsteil: Anwendungen der Graphischen Statik (4 Bde.; 1888-1906). Es ist Ritter hoch anzurechnen, dass er sich darin nicht als Autor, sondern nur als Bearbeiter aufführt, obwohl er der eigentliche Verfasser war und lediglich auf fragmentarische Vorarbeiten Culmanns zurückgreifen konnte.
1889 wurde Ritter von der Stadt Zürich zum Ehrenbürger ernannt und 1896 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Zürich die Ehrendoktorwürde. Ritter bezeichnete diese Jahre in Zürich als die glücklichsten seines Lebens. Den ehrenvollen Ruf an die Technische Hochschule in München hatte Ritter 1889 nicht angenommen, worauf ihm der Schweizerische Bundesrat eine Anstellung am Poly auf Lebenszeit gewährte.
Leider war es auch Ritter nicht möglich, Culmanns publizistisches Lebenswerk ganz zu Ende zu bringen. Der letzte und vierte Band der „Anwendungen der Graphischen Statik“ (4. Bd., 1906) musste sein Sohn Hugo Ritter vollenden. 1902 war Ritter schwer erkrankt und im Herbst 1904 trat er endgültig von seiner geliebten Lehrtätigkeit am Poly zurück. Er starb zwei Jahre später am 18. Oktober 1906 in einem Sanatorium.
Wussten Sie das? Das Eisenbahnunglück von Münchenstein
Ein besonderes Ereignis, das Wilhelm Ritter sehr mitgenommen und beschäftigt hat, möchte ich zum Abschluss nicht unerwähnt lassen: Die Eisenbahnkatastrophe von Münchenstein (BL).
Dabei handelt es sich um das schlimmste Bahnunglück, das sich je in der Schweiz ereignet hat.
Da Wilhelm Ritter ein gefragter Gutachter war, musste er zusammen mit seinem ETH-Kollegen Ludwig von Tetmajer (1850-1905), einen Expertenbericht über den Einsturz der Eisenbahnbrücke in Münchenstein erstellen.
Am 14. Juni 1891 entgleiste in Münchenstein ein Zug der privaten Jura-Simplon-Bahn, als dieser die Brücke über die Birs überquerte und die Eisenkonstruktion unter der Last des überladenen Zuges in sich zusammenstürzte: 73 Personen starben, 171 wurden verletzt, 1 Soldat verunfallte tödlich bei den Aufräumarbeiten.
Bahnunglück in Münchenstein, 1891 (Reprofotografie aus unbekannter Publikation, ETH-Bibliothek, Bildarchiv, PI_35-D-0051)
Aufgrund dieses Bahnunglücks, das im In- und Ausland auf grosse Anteilnahme stiess, unterzog man alle Eisenbahnbrücken in der Schweiz einer strengen Kontrolle. 1892 wurden unter Mitwirkung Wilhelm Ritters die ersten Brückenbauvorschriften der Schweiz in Kraft gesetzt.
Quellen:
Professor Dr. W. Ritter, [Nachruf], 20. Oktober 1906, Schweizerische Bauzeitung, Bd. XLVII, Nr. 17, S. 206-208.
G. Thurnherr: Prof. Dr. Wilhelm Ritter (1847-1906), [Nachruf], S. 1-19 [1906], Druckerei der Neuen Zürcher Zeitung.
E. Meister: Prof. Dr. Wilhelm Ritter (1847-1906), [Nachruf], Verhandlungen der schweiz. Naturf. Gesellschaft, St. Gallen, 89 (1906), S. CVI-CXX, auch als Separatdruck, S. 1-15.