Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/986

Theologie als Seelsorge
Peter Henrici SJ, Philosophieprofessor und emeritierter Bischof
Ich lernte Hans Küng kennen, als ich anfangs 1953 als Tutor für Philosophie ans «Collegium Germanicum» kam. Er war damals schon im zweiten Jahr seines Theologiestudiums; doch weil er sich auch für Philosophie, namentlich für Hegel, interessierte, haben wir oft miteinander disku-tiert beziehungsweise gestritten. Ein Charakterzug, den ich später bestätigt fand, fiel mir schon damals auf: seine grundlegend seelsorgliche Einstellung. Seine vielen Bücher hat er in erster Linie als einen Beitrag zur Seelsorge geschrieben. In dieser Einstellung fand er die Vorlesungen an der Gregoriana wenig hilfreich und widmete sich lieber zuhause dem Studium Karl Barths.
Ein weiterer Charakterzug, der damals allen auffiel, war seine Vorliebe für Hauptrollen. Zu seinem Abschied vom Kolleg hiess es 1955 in einem Lied: «Er spielte so gerne Theater, Jesuiten und Robbespierre, sein Spiel war für manche ‘ne Marter; denn seine Rolle, die war schwer.» Das war eine Anspielung auf «Das Heilige Experiment» und «Dantons Tod», in denen Küng jeweils eine wichtige Rolle übernommen hatte.
Seine wirkliche Hauptrolle war jedoch eine andere. In jenen Jahren gab es im Kolleg zwei Parteien: Die «Naturalisten», die an der traditionellen «Alles ist Natur»-Lehre festhielten. Und die «Supranaturalisten», die mit Henri de Lubac der Ansicht waren, Gott habe sich den Menschen auf eine Weise offenbart, die den menschlichen Geist übersteigt und sie so zur übernatürlichen Teilhabe an der göttlichen Natur beruft. Hans Küng war der unbestrittene Anführer der «Supranaturalisten», denen später auch das Konzil zugestimmt hat. Seine damals nicht unumstrittene Lizentiatsarbeit über Karl Barth hat Küng aus dieser Perspektive geschrieben.
Schon in dieser, später zu einer Doktorarbeit umgearbeiteten, Schrif war ein dritter Charakterzug Küngs festzustellen: Er konnte seine Gedanken, bei aller Belesenheit, geradezu genial einfach darstellen. Das macht seine Werke, eben auch in seelsorglicher Absicht, für viele relativ leicht zugänglich. Es birgt aber auch die Gefahr, dass manches etwas verkürzt und einseitig dasteht. Über diesen Charakterzug ist Küng später gestolpert. Doch wir dürfen hoffen, dass der gnädige Gott Küngs Verdienste für Seelsorge und Kirche gebührend lohnen wird.
«Das musst du lesen!»
Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster in Zürich
Ich war 14 Jahre alt. Mein Vater, damals Diakon in der evang.-ref. Kirchgemeinde Enge, rief mich zu sich ins Büro. «Du willst ja Pfarrer werden. Da, schau, das musst du lesen.» Er schob mir «Christ sein» von Hans Küng über den Tisch. Orange, blau, der Umschlag, Kaffeeflecken in den Seiten, mit Bleistift unterstrichene Passagen. Hans Küngs Buch aus dem Jahre 1974 war mein Einstieg in die theologische Reflexion von Christsein heute. Dabei interessierten mich weniger die ökumenische Dimension, sondern die Fragen in Bezug mit anderen Religionen und der Gesellschaft. Dann, in Tübingen in den 1980er Jahren, ging auch während seines Forschungssemesters das Gerücht über Hans Küngs Theologie und sein Schicksal mit seiner Kirche nicht an mir vorbei. Sein Vermächtnis, das mich nachhaltig bis heute prägt, war sein Projekt Weltethos. Seine Basissätze über das Zusammenleben, den Frieden und den Dialog unter Religionen wurden für mich zur Kompassnadel für meine Arbeit im Toggenburg, in St. Gallen und jetzt in Zürich am Grossmünster, zusammen mit dem Zürcher Forum der Religionen. Hans Küng öffnete mir das Tor zur Ökumene und zu den Religionen.
Hans Küng am 16. Januar 1980 während einer Vorlesung an der Universität Tübingen. Foto: Kurt Strumpf / Keystone
Zeitgemässe Aktualisierung
Christoph Gellner, Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts TBI in Zürich
Als Doktorand lernte ich am Institut für ökumenische Forschung der Uni Tübingen die beiden Dialogfelder «Theologie und Literatur» sowie «Christentum und Weltreligionen» zu verbinden. Die Pioniere, die dieses Neuland erschlossen, waren Hans Küng und Karl-Josef Kuschel. So nahm ich auch an einem Seminar zur Vorbereitung der «Erklärung zum Weltethos» teil, die das Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago verabschiedete. Fachleute und Vertreter nichtchristlicher Religionen kamen zu Wort, vermittelten grosse Zustimmung und zugleich Respekt angesichts der Herausforderung, die hohe Komplexität gemeinverständlich zu verdichten. Prof. Küngs origineller Textentwurf überraschte und überzeugte: eine eingängig-zeitgemässe Aktualisierung uralter Wegweisungen der Religionen, die auch Säkulare anspricht. Das zeichnet diesen Schweizer Ökumeniker aus: die Fähigkeit, Tradition lebensnah zu verheutigen, ihre Substanz ohne Simplizität prägnant neu zu erschliessen.
«Dä Sausiech hät’s gschafft»
Christian M. Rutishauser SJ, Delegat für Schulen und Hochschulen
der neu gegründeten Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten
Als ich die Bildungsleitung des Lassalle-Hauses übernahm, begann ich, den interreligiösen Dialog weiter auszubauen. In nur wenigen Jahren entstand ein Programm, das weit über den Dialog mit dem schon etablierten Zen-Buddhismus hinausreichte. Die Stiftung Weltethos wurde darauf aufmerksam und fragte an, ob das Lassalle-Haus ihr administrativer Sitz in der Schweiz werden und wir inhaltlich zusammenarbeiten können. Bei der konstituierenden Sitzung war Hans Küng anwesend. Es war ein Jahr nach Amtsantritt von Papst Benedikt. So fragte ich Küng, wie es ihm ergangen sei, als er von der Wahl Ratzingers zum Papst gehört habe. Küng schwieg einen Augenblick. Dann – obwohl wir in der Sitzung hochdeutsch sprachen – brach es aus ihm heraus: «Dä Sausiech hät’s gschafft.» Alle mussten lachen. Der kurze Mundartsatz kam aus seinem tiefsten Bauchgefühl. Er sagt mehr über sein Verhältnis zu Ratzinger als viele klugen Analysen. Vor allem sagt er viel über sein emotionales Verhältnis zum Papsttum aus. Es war wohl eine Hassliebe, die ihn sein ganzes Leben begleitete.
Anruf aus Tübingen
Monika Schmid, Pfarreiverantwortliche Pfarrei St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten
«Mit unserer Kirche stimmt etwas nicht», hatte ich in einem Wort zum Sonntag gesagt. «Priester in einer erwachsenen Beziehung werden von ihrem Dienst suspendiert, Priester, die Kinder missbrauchen, werden oft an eine andere Stelle versetzt.» Bischof Vitus Huonder entzog mir die kirchliche Beauftragung. In dieser schwierigen Situation, ein Anruf aus Tübingen, Hans Küng. Er habe gehört, was vorgefallen sei, er möchte mich unterstützen. Professor Hans Küng ruft mich, eine kleine kirchliche Mitarbeiterin, persönlich an! Einen Anwalt würde ich brauchen. Noch heute höre ich mich sagen: «Aber wir sind doch in der Kirche, da kann man reden miteinander.» Dann ein herzliches Lachen. «Frau Schmid, Sie haben keine Ahnung, wie das in unserer Kirche läuft.» Anwälte kannte ich keine. Ich möge den ehemaligen Bundesgerichtspräsidenten Giusep Nay, einen Freund von ihm, anrufen. Etwas zittrig rief ich an. Keine Frage, Giusep Nay half mir mit allem Wissen seines Fachs und seiner Persönlichkeit. Ich habe in ihm einen väterlichen Freund gewonnen. Später, im Rahmen der Übergabe des Preises «Für Freiheit in der Kirche» der Herbert-Haag-Stiftung, konnte ich Hans Küng auch noch ganz persönlich danke sagen.
25. November 2009, Tübingen. Foto: Martin Ruetschi / Keystone
Selbstbestimmt
Odilo Noti, Präsident von Stiftung Weltethos Schweiz
Hans Küng begegnete ich erstmals, als ich in Tübingen Theologie studierte. Er war damals 49 Jahre alt. Der vielsprachige und kosmopolitische Eidgenosse bewegte sich mit einer Leichtigkeit wie kaum ein anderer Schweizer auf dem internationalen öffentlichen und akademischen Parkett. Fadengerade und ungeschminkt, analytisch und rhetorisch brillant trug er seine theologischen und kirchenpolitischen Positionen vor.
Vor gut einem Jahr habe ich ihn in seinem Heim in Tübingen ein letztes Mal besucht. Er sass am Schreibtisch, von seiner Parkinson-Erkrankung schwer gezeichnet. Nur unter grössten Anstrengungen brachte er ein paar wenige Sätze hervor. Er sah sehr schlecht, und seine Hände waren verkrümmt. Wenn ich an seine früheren Auftritte zurückdachte, sah ich ein Bild des Jammers.
So dachte ich spontan. Zusehend nahm ich jedoch wahr, welche Würde und Selbstbestimmtheit er trotz aller Mühen des Alters ausstrahlte. Da war einer, der seine Tage bewusst – ohne jedes Pathos, lebenssatt und gelassen – im Angesicht des nahenden Todes verbrachte. Er hat mich tief beeindruckt.
Präsent bis zuletzt
Erwin Koller, Nachfolger von Hans Küng als Präsident der Herbert Haag Stiftung
Unvergessen bleibt mir mein letztes Gespräch mit Hans Küng Ende Juli 2020. Auf dem Rückweg von der Ratssitzung der Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche in Regensburg besuchte ich den 92-Jährigen in Tübingen. Weil er bereits schwach war und an den Rollstuhl gebunden, stand ihm sein langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter Günther Gebhardt zur Seite. Unser Gespräch zu dritt und später, als Hermann Häring noch dazu stiess, zu viert, drehte sich – wie könnte es anders sein – um aktuelle Fragen der Theologie und der Kirchenpolitik.
Weil Hans Küng wegen seiner schweren Zunge beim Reden stockte, ergriff er eher selten das Wort – wir waren das früher anders gewohnt. Nachdem schon bald eine Stunde verstrichen war, wollte ich unsere Unterredung zu Ende führen mit dem Hinweis, dass er, Hans Küng, bestimmt müde sei vom langen Gespräch. Doch er wehrte energisch ab: Nein, nein, ich verfolge sehr gerne, was ihr zu berichten und zu diskutieren wisst. Und wir blieben eine weitere halbe Stunde bei ihm.
So war er eben: präsent in der Gegenwart und Anteil nehmend an den Sorgen und Hoffnungen für die Zukunft, bis zuletzt – ein starkes und authentisches Vorbild, wie Kirche zu verstehen und zu leben ist. Und auch sterben konnte Hans Küng erst, als der letzte der 24 dicken Bände der Gesamtausgabe seiner Werke im Herder-Verlag erschienen war – sein bleibendes Vermächtnis.