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Ganz vertraulich. –
Paris 21 Juli 1862.
Mein lieber Freund.
Trozdem, daß ich wohl weiß, wie sehr du während des Präsidiums in Anspruch genommen bist, u. trozdem daß du aus meinen nachträglich. 2 Rapporten an den Bundesrath v. 18 & 19ten d. M. aus den Briefen an Dubs & Kreis die ich hie bat, dir zur Einsicht mitzutheilen, mit dem ganzen Stand der Frage vertraut bist, kann ich doch nicht unterlassen, dem Schreiben an Schiess auch noch einen Brief für dich beizulegen, um dir offen die Stimmung auszudrüken welche die von mir unbezweifelten Angriffe auf meine Ehre, die v. E.l. & Andern mit ihm! ausgingen auszudrücken. –
Der Umstand, daß Viele nicht den entferntesten Begriff vom Leben in Paris in solcher Stellung haben, u. daß Andere glaubten, es handle sich wirklich darum mein Einkommen zu erhöhen mag Einiges erklären. Sodann der fatale Umstand, daß die Frage des Aequivalentes für die mir entzogenen Sporteln von Hr. Stämpfli benuzt werden wollte, um Herrn Tourte eine wirkliche u. erhebliche Erhöhung seines | Einkommens zu verschaffen, hat bei Vielen zum Glauben geführt; es handle sich auch bei mir um eine Besoldungserhöhung. Es wäre vielleicht besser, noch jezt zu trennen u. zuerst zu bestimmen das Aequivalent für das bisherige Sportelneinkommen. Da mir lezteres durch Dekret zugesichert ist, so glaube ich erwarten zu dürfen, daß auch der Ersaz in Dekretsform gewährt werde, um nicht jedes Jahr politischen Gegnern einen Anhaltspunkt zu Reibungen offen zu lassen. – Ich seze großen Werth hierauf. Man hat in der Commission des Ständeraths (in welcher, wie ich mit Vergnügen vernehme, Haeberlin meinen Gegnern entschieden entgegengetreten ist) von «Begehrlichkeit, von unrepublikanischer Besoldungserhöhung» u. dgl. gesprochen. – Ist es Begehrlichkeit, wenn ich erkläre man werde mir doch mein bisheriges Gesammteinkommen nicht noch schmälern wollen?? Ist es unrepublikanisch wenn, nachdem ich 42000 frk. für Installationskosten (ohne Luxus zu treiben; Andre erhalten hiefür 50 bis 60000 fr. Vergütung) | (wovon mindesten 22000 reiner Verlust ist) verwendet habe; (nachdem ich aus 4jähriger Erfahrung gesehen habe daß ich zu Bestreitung eines standesgemäßen Unterhaltes auf jezigem Fuße, –, so bescheiden als nur irgend ein andrer College, – ich neben dem fixen Gehalt u.neben dem Betrag der Sporteln nach dem Durchschnitt der 4 Jahre berechnet doch noch beinahe die ganze Rente des Vermögens meiner Gattin jährlich zulegen muß, wenn ich daher keine Neigung verspüre, in Folge der Reduction des Sportelneinkommens auch noch aus ihrem Capitalvermögen zu zehren?? – Wes Begehrlichkeit, wenn ich auch nachdem ich wußte, daß St.i beabsichtige einige Tausend frk. wirkliche Erhöhung für seinen Freund Tourte zu beantragen, die von mir verlangten Nachweisungen über die hiesigen Besoldungen damit schloß, daß ich es – so ferne es sich um Revision der Besoldgen für die 3 Agenten handle – den Behörden ganz anheim stelle, wie fern sie auf die verlangten u. ertheilten Nachweisungen Rüksicht nehmen wollen. –
Nun hat der Ständerath für Tourte u. für Steiger je 2000 fr. beschlossen, sehr bescheiden allerdings, aber doch eine Erhöhung ihres bisherigen Einkommens. | Mir gegenüber hat er eine Verminderung des bisher genossenen Einkommens um ein Paar Tausend frk. zu beschließen sich veranlaßt gefunden. Ich kann hieraus nur schließen entweder, daß die heillose Verdächtigung v E. & seinen Genossen bei der Mehrheit Eingang gefunden haben; od. aber, daß leztere mit meinen Leistungen gar unzufrieden sei: denn einem Beamten, mit dessen Leistungen man zufrieden ist, reduzirt man nicht den Gehalt, während er in Zahlen nachweist daß er 1) schon jezt bedeutende Opfer aus eigenen Vermög. bringen muß u. 2) daß seit seiner Anstellung der Lebensaufenthalt in Paris um ¼ bis ⅓ theurer geworden ist, als zur Zeit seiner Anstellung. – Darum ist die Frage für mich gar nicht mehr eine bloße Einkommens-; sondern eine Ehrenfrage u. ich sage dir als Freund was ich absichtlich sonst noch gegen Niemand eröffnet habe, | um nicht den Schein auf mich zu laden, als wolle ich irgend drohen udgl. Je nachdem der definitive Endentscheid der beiden Räthe in dieser Frage ausfällt, wird er auf mein kürzeres od. längeres Bleiben in jeziger Stellung Einfluß haben. –
Ich werde natürlich niemals bei Anlaß od. vielmehr motivirt, durch eine bloße ökonomische
Frage mich in den Privatzustand zurükziehen. – Aber ich habe noch andre Gründe, die Ursache sind, daß ich an meiner
Rolle nicht mehr die Freude habe wie früher. Es ist
eine höchst unangenehme Stellg, wenn
man, wie es seit leztes Jahr unter K. u. St. war u. nächstes Jahr noch nicht
besser sein wird erfahren muß.
1) Daß wichtige Mittheilgen die mir gemacht werden sollten v Bern aus mir ganz vorenthalten werden, so daß selbst Thouvenel über solche Vorgänge gegen mich sein Befremden äußerte. |
2. Wenn man auf mehrere Einfragen die man im Intresse des Landes einläßlich motivirt stellt 4 u. 5 Monate ungeachtet wiederholter Mahnung gar keine Antwort erhält etc etc. etc.
In der neuesten Zeit ist etwas Neues hinzugekommen. St. unterhandelt wie du schon weißst direkte durch Turgot, durch den französch. Minister! mit dem Kaiser in der Dappenthalfrage. Nachdem endlich meine so oft gestellten Anträge für direkte pourparlers mit dem Kaiser zu eröffnen angenomm worden sind u. ich mich zu solchen geneigt erklärt hatte, benuzt man hierzu nicht den schweizersch. Gesandten; sondern denjenigen Frankreichs. Ist hierin nicht ein Akt v. Mißtrauen gegen mich? – Ich habe nicht ein Wörtchen beschwerend verlauten lassen; im Gegentheil j'ai fait bonne mine au mauvais jeu in meinen Briefen, damit man mir ja nicht etwa gewönl. Empfindlichkeit vorwerfen könne. – Und noch jezt bin ich sehr froh | daß endlich mein Antrag wenigstens bezüglich der Dappenthalfrage angenommen worden ist. Aber über dieses leztere sehr ungewohnte Verfahren u. über noch andre Fragen werde ich suchen während meines Urlaubs v. Dubs u. Pioda & Frei mir klaren Wein einschenken laßen, u. mir daher vorbehalten, nach Umständen zu handeln. Vorläufig kann ich dieses Procedere nicht als ein normales ansehen! – Du hattest die Akten u. Correspondenzen in Handen u. konntest sehen, wie oft meine Anfragen einfach ins Wasser gefallen zu sein scheinen. Man nahm kaum Notiz davon! – Lies besonders meine Correspondenzen üb. Dapthalstreit in den lezten Monaten unter Knüsels Praesid. u. prüfe wie du in gleicher Lage wie ich, solches procedere aufgenommen hättest. –
Ich habe noch jezt die Uebzeugg, daß dr hiesige Gesandtschftsposten vielleicht die allerwichtigste Stelle der Schweiz ist, wo man oft durch Abwehren v Gefahren mehr nüzen kann als manche glauben; aber man muß sehen, daß man Vtrauen bei seiner Bhörde genießt u. man erwartet ein Vfahren, wie es bei allen | Regiergen gegen ihre Minister Uebung ist. Ich freute mich ungemein der Wahl von Dubs ; aber es dauert noch 1½ Jahr ehe er ins Amt trit u. das ist noch lange!! – In solchen Situationen fühlt man den Wunsch d er Unabhängigkeit, u. schon mehr als einmal fragte ich mich. Soll ich fortfahren mich dem Vdacht auszusezen, «man wolle sich in Paris durch ein großes Einkommen à tout prix seine Stellg erhalten», «man dürfe dem Herrn Minister schon etwas sein Einkommen schmälern», «er werde doch noch froh sein nur bleiben zu können» u. d.gl. –! So, lieber Freund denken die Herrn Ständeräthe, die eine Reduction des Einkommens dekretirt haben! – Sie irren sich! – Je nach dem weitern Vlauf der Dinge wird dieß die Erfahrg lehren. Das sage ich dir und nur dir als aufrichtiger Freund, dem ich auch alle Offenheit schuldig bin. Ich kann in Zürich wieder unabghängig leben, aus dem was ich hier zum Gesandtschftseinkommen zulegen muß, & verspreche dir, daß ich dennoch meine Zeit nicht unnüz zubringen werde. – Als President & als Freund wirst du dich natürlich bei den Debatten nicht betheiligen wollen: Wird aber in so niederträchtiger Weise, wie es von Mitgldern des Ständerathes geschehen ist (mehr od. weniger verdekt od offen) sogar meine Redlichkeit in Zweifel gestellt, so wirst auch Du finden, das Maaß sei voll. – |
Wie sehr mich Deine 4te Wiederwahl freute kannst Du denken & das schöne Mehr. Im Nationalrathe scheinen die Vtreter der gemäßigten Richtg Boden zu gewinnen. Im Ständerath scheint Eitel zu imponiren!! – |
Für Deinen lezten Brief mein herzlicher Dank, wenn er auch lange auf sich warten ließ. Ich begreife, daß Du voraus sagtest der Bundesrath werde mir da ich dann offiziell die gleichen Fragen an ihn richtete, antworten. Ich glaube nicht zu viel zu sagen wenn ich sage, der hat mich mindestens 5 fünf Monate ohne alle Antwort gelassen! Bleibe stets meiner herzlichen u. aufrichtigen Freundschaft versichert
Dein
Kern.