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Die folgenden Abbildungen stammen alle aus dem Miroir des Modes, einer französischen Modezeitschrift, die monatlich erschien (Preis pro Ausgabe: 1 Franc, im Jahresabonnement 10 bzw. 12 Francs im Ausland). Jede Ausgabe enthielt Modezeichnungen, Erläuterungen zu den neuesten Trends, aber auch Handarbeits-Anleitungen, Innen-Einrichtungs und Dekorations-Tips, Koch-Rezepte, Artikel zur Hygiene, zur Schönheitspflege und allerlei Erbauliches. Einzelne Blätter mit kolorierten Illustrationen findet man heutzutage samt happiger Preise auf ebay und ähnlichen Plattformen (dabei sollte nicht vergessen werden, dass dafür komplette Ausgaben zerstückelt wurden).
Der Miroir des Modes war das französische Flagschiff des Butterick-Imperiums, das Maison Butterick wurde auf der Titelseite denn auch als Herausgeber genannt. Wer jemals mit einem Schnittmuster aus Seidenpapier gekämpft hat und zwischen gefühlten 1000 sich überkreuzenden Linien nach dem richtigen Muster für die eigenen Grösse suchte, steht in der Schuld des Ehepaars Butterick. Ebenezer Butterick entwickelte in den 1860er Jahren zusammen mit seiner Frau Schnittmusterbögen, auf denen entsprechend den von Schneidern verwendeten Masstabellen dasselbe Modell in verschiedenen Grössen skaliert aufgedruckt war. Bisher hatte man die erhältlichen Standardmodelle jeweils von Hand vergrössern bzw. verkleinern müssen. Aus dieser simplen Idee (auf die man erstmal kommen musste) entwickelte sich ein heute noch bestehendes Unternehmen. Der Erfolg war umwerfend, schon nach kurzer Zeit gab Butterick ein eigenes Modemagazin heraus, eröffnete Boutiquen in allen grossen Städten Nordamerikas und eroberte dann auch die Alte Welt; so kam der Miroir des Modes auf den Markt. Für jedes der gezeigten Modell konnte man Schnittmusterbögen (patrons) im Maison Butterick in Paris erstehen bzw. bestellen.
Die Illustrationen stammen alle aus der Ausgabe vom Januar 1915. Zu sehen ist die neue schlanke Linie, die die S-Figur früherer Jahre ablöste. Jacken und Mäntel in Kaftan-Länge erfreuten sich grosser Beliebtheit. Oberteile zeigten oft Drapierung und Wickeleffekte vor allem um die inzwischen weniger stark ausgeprägte und tiefer angesetzte Taille. Im Nacken hochgestellte Kragen galten als très chic. Die Farben der Saison waren verschiedene Grüntöne (vor allem Russischgrün), Braun, Taupe und Blautöne. Pelzverzierungen an Kragen und Saum und Manschetten spielten eine wichtige Rolle. Bei den Hüten ist ein Trend zu Kappen mit extravagantem Schmuck festzustellen.
Der Krieg hatte in der Modeindustrie zum damaligen Zeitpunkt noch keine Spuren hinterlassen (das sollte sich allerdings bald ändern). Zwar gibt es Tafeln zur aktuellen Trauermode, doch das entsprach den damaligen Sitten und war kein makabres Zugeständnis an die vielen Toten der ersten Kriegsmonate.
In den verschiedenen Textbeiträgen (Einrichtung des Speisezimmers, Raphaels Madonnen etc.) taucht der Krieg nicht auf. Doch im Vorwort ist er das beherrschende Thema. Unter dem Titel "La Fin d'un Rêve" (Das Ende eines Traums) wird beschrieben, wie Pazifisten und Antimilitaristen vor Kriegsausbruch lauthals für Abrüstung und eine diplomatische Lösung, für eine "unmögliche Bruderschaft zwischen Wölfen und Lämmern" geworben hätten. Dies hätten sie getan, "ohne die Rechnung mit den Kaisern und ihren Banden" zu machen. Dabei hätten die Pazifisten sich nur mit den Schriften deutscher Philosophen auseinandersetzen müssen, um die Wahrheit zu erkennen. An dieser Stelle folgt das berühmt-berüchtigte Clausewitz-Zitat vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Doch stattdessen hätten diese Herrschaften lieber lauthals die Friedens-Marseillaise* geschmettert, bis sie sich eines Morgens unter Waffen an der von Barbaren-Horden bedrohten Grenze wieder fanden. "Da erst erkannten sie, dass sie sich einem Traum hingegeben haben, zweifelsohne einem schönen Traum, auf den aber ein böses Erwachen folgte."
* Eine vom französischen Politiker und romantischen Dichter Alphonse de Lamartine 1841 verfasstes Version der Marseillaise, die versuchte, den Frieden zwischen Deutschland und Frankreich zu beschwören. Es handelt sich um eine Replik auf Nikolaus Beckers martialisch-chauvinistische Rhein-Lied, das auch Heine in seinem Wintermärchen kommentierte. Der historische Kontext dieses "Sängerkrieges" bildete die Rhein-Krise von 1840.