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**** Ulrich Bretscher's Black Powder Page ****

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Die Erfindung des Schwarzpulvers
Eine unvoreingenommene Studie
Einführung: Vor ungefähr 25 Jahren begann ich mit meinen ersten Studien zur Geschichte und Chemie von Schwarzpulver. Dies im Zusammenhang mit meinem Beitritt zu einem Vorderlader-Schützenverein. Zunächst studierte ich die in jeder Buchhandlung erhältliche Literatur zum Thema. Verunsichert von repititiven Behauptungen und Zitaten vieler Autoren, welche sich stets gegenseitig als Referenz angeben, niemals aber eine prüfbare Original-Literatur zitieren, studierte ich jede Originalliteratur deren ich habhaft werden konnte, soweit dies meine limitierten Kenntnissse von Latein und Chinesisch erlaubten. Bei fraglichen Angaben überprüfte und ergänzte ich diese durch eigene Versuche, ballistische Messungen und Analysen.
Definition Schwarzpulver
"Fein gepulvertes Gemisch aus Salpeter (KNO3) und Holzkohle (Näherungsformel C7H4O). In einem geschlossenen Raum auf 400 °C erhitzt, explodiert dieses Gemisch heftig. Durch Zugabe von Schwefel wird die Zündtemperatur erheblich herabgesetzt, allerdings verbunden mit einer starken Entwicklung von weissem Rauch (K2S)."
Der Name "Schwarzpulver" ist ein neuzeitlicher Begriff und erscheint erstmals um ca. 1890. Man musste diesen Begriff damals einführen, um Schwarzpulver vom neuen den Nitropulver, "Weisspulver" wie es zunächst genannt wurde, zu unterscheiden. Man nahm deshalb wohl bei der Namensgebung in Kauf, dass Schwarzpulver effektiv grau bis graubraun und nicht schwarz ist. Die heutige tiefschwarze Farbe stammt von der Graphitierung des Pulvers, welche früher unüblich war. In der Schwarzpulverära wurde Schwarzpulver schlicht als "Schiesspulver" oder einfach als "Pulver" bezeichnet.
Schlüsselsubstanz ist Salpeter. Ohne ihn hätte Schwarzpulver nicht "erfunden" werden können. Jedem Entdecker von Salpeter muss sofort aufgefallen sein, dass dieser die Verbrennung jeder organischen Substanz beschleunigt (Siehe folgenden Film).
Den Erfinder des Schwarzpulvers wird man wohl nie namentlich ermitteln können. Weil die Kirche seit dem 7. Jahrhundert Alchemie als Zauberei verboten hatte, wäre eine namentliche Publikation damals mit Lebensgefahr verbunden gewesen. - Und hätte der Erfinder das Rezept dennoch veröffentlicht, dann bestimmt nicht unter seinem richtigen Namen, wie wir gleich sehen werden.
Dank dem kirchlichen Verbot der Alchemie im 7. Jahrhundert gewannen die islamischen Araber gegenüber den Christen bis zum 13. Jahrhundert einen grossen, für lange Zeit uneinholbaren Vorsprung in Sachen Chemie. Das hat bis heute seine Auswirkungen, denn viele chemischen Fachwörter sind arabischen Ursprungs. Z.B. "Al-Chemie" (al chimia = die Erde), "Alkohol" (al kuhl), "Alkali" (al khalia = die Asche) und viele mehr. Damit haben wir gleich bemerkt, dass der Begriff "Al" der arabische Artikel der-die-das ist; - wie im Englischen gibt es nur einen Artikel. Viele weitere deutschen Worte welche mit "Al-" beginnen sind arabischen Ursprungs. Beim Wort "Chemie" wurde der arabische Artikel erst etwa im 17. Jahrhundert weggelassen. Unter "Alchemie" versteht man heute den philosophischen Aspekt der Chemie, unter "Chemie" den wissenschaftlichen Aspekt.
Als grösste Autorität unter den arabischen Chemikern galt Djaber ben Hayyan Eç Confy, meist kurz als Djaber oder Geber bezeichnet. Er wirkte im 8. oder 9. Jahrhundert. Originalarbeiten liegen heute nicht mehr vor, nur noch Fragmente von Abschriften. Danach scheint er sich wenig mit stofflicher Chemie befasst zu haben, sondern mehr mit philosophischen Überlegungen betreffend die Beschaffenheit von Materie. Woher seine Autorität stammt ist deshalb unverständlich. Dennoch wurden später unter seinem Namen viele Plagiate geschrieben, sogar noch bis ins 14. Jahrhundert hinein. Diese neueren Schriften wurden offensichtlich direkt in Latein verfasst und sind klar keine arabischen Übersetzungen. Dass solche neueren Schriften deshalb von Salpeter und Schwarzpulver handeln, wundert nicht. Es sind aber immer wieder Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts darauf hereingefallen die behaupten, schon die Araber hätten Schwarzpulver gekannt. Diese Behauptung ist völlig unbegründet. Es existiert heute keine authentische, arabische Schrift aus dem 12. Jahrhundert oder älter, welche die Schlüsselsubstanz Salpeter beschreibt oder ein Schwarzpulverrezept nennt.
Theophilus, der Mönch
Dieser deutsche Chemiker wird mit dem Zunamen "der Mönch" bezeichnet, um ihn vom antiken, griechischen Alchemisten Theophilus zu unterscheiden. Hinter diesem Pseudonym versteckte sich Rogerus von Helmarshausen, wobei der Vornamen Rogerus die latinifizierte Form von "Rüdiger" ist. Im 12. Jahrhundert verfasste er ein umfassendes Werk über die gesamte damals bekannte Chemie: "Schedula Diversarum Artium" (Aufzeichnung verschiedener Künste).
Als Chemiker hat man ein gutes Gefühl darüber, ob ein Schreiber selber etwas von der Materie versteht oder ob er nur Theoretiker und Abschreiber war, wie es leider auch heute noch so viele gibt. Man erkennt dies als Berufskollege anhand von in den Text gestreuten Kleinigkeiten, welche nur ein Profi kennen kann.
Theophilus war nun tatsächlich ein Fachmann, welcher seine Erfahrung offensichtlich aus erster Hand hatte. Sein Werk blieb lange unbeachtet. Weder Albertus Magnus, Roger Bacon (beide 13. Jahrh.) noch Agricola (16. Jahrh.) kannten ihn. Erst 1781 wurde es durch Zufall in der Bibliothek Wolfenbüttel durch den damaligen Bibliothekar Gotthold Ephraim Lessing (1729 1781) entdeckt. Die beste englische Übersetzung erfolgte durch J.G. Hawthorne & C. St. Smith (1963) 1) .Vielleicht hatte sich Theophilus seinerzeit absichtlich der Aufmerksamkeit seiner Kirche entzogen, welche seine Tätigkeit verboten hatte. Dadurch hat er glücklicherweise sein Wissen bis in die heutige Zeit hinübergerettet.
Mit was befassten sich die Chemiker im 12. Jahrhundert? Jedenfalls selten mit der Herstellung von Gold, wie die meisten heutigen Zeitgenossen glauben. Nein, eigentlich mit denselben alltäglichen Dingen wie wir heutigen Chemiker es auch tun. Hauptsächlich mit der Herstellung von Medikamenten, von Waschmitteln, Textilfarbstoffen, Glas und Glasuren, mit Metallen und deren Legierungen, oder mit Farbpigmenten für Malerfarben.
Theophilus' Kapitel über Glas (vitrum) beginnt interessanterweise mit einer Überlegung betreffend der Herkunft des Wortes vitrum selber: Es stammt laut Theophilus von "visui" (durchsichtig). Im Folgenden gibt er sich in seiner Schrift als guter Fachmann der Glasherstellung zu erkennen. Bemerkenswerterweise unterlässt er es aber, Salpeter zu erwähnen, welcher später eine so wichtige Stellung in der Glasmacherei einnimmt (beim Läutern der Glasschmelze). Es ist dies ein sicheres Zeichen für die Unbekanntheit von Salpeter im 12. Jarhundert.
Marcus Graecus und sein "Liber ignum per comburandum hostes"
Wegen des kirchlichen Verbots der Alchemie publizierten seinerzeit viele christlichen Chemiker unter einem Pseudonym. Ein bekanntes Pseudonym ist "Marcus Graecus" (= Markus der Grieche) unter welchem der makabre Titel "Liber ignum ad comburendos hostes" oder "das Buch vom Feuer, um Feinde zu verbrennen" in mehreren, z.T. noch noch vorhandenen Abschriften, veröffentlicht wurde. Laut verschiedenen Autoren könnten die ersten Fassungen dieses Buches ab dem Jahr 800, wahrscheinlich aber erst etwa seit dem Jahre 1000 geschrieben worden sein. Da es damals keinen Buchdruck gab, kam zur Vervielfältigung des Werks nur die händische Abschrift in Frage. Dabei haben offensichtlich viele Abschreiber laufend eigene Rezepte hinzugefügt. Es liegen heute sechs Exemplare dieses Buches in verschiedenen Bibliotheken vor, z.B. in Paris (2 Ex), Wien und München, Berlin und Nürnberg (je 1Ex). Die meisten davon undatiert. Fachleute können aber anhand der Handschrift und der Buchbindung das Alter von Büchern schätzen. Das älteste noch vorhandene Exemplar dürfte um 1250 entstanden sein, das jüngste ist datiert von 1481.
Die nicht sehr umfangreichen Bücher sind mehr oder weniger identisch und enthalten jedes etwa 160 Rezepte. Heute fänden diese Rezepte auf etwa sechs Schreibmaschinenseiten Platz. Unmissverständlich werden hier die Reindarstellung von Salpeter (sal petrosus = Salz aus Stein) und Schwarzpulver zum ersten Mal genannt. Im Zusammenhang mit Salpeter und Schwarzpulver sind die folgenden Rezepte interessant:
Rezept 12: Merke, es gibt zwei Arten von durch die Luft fliegendem Feuer von welchem das erste:
Nimm ein Teil Kolophonium und gleich viel Schwefel und(?) Teile Salpeter. Dies gut pulverisiert in Leinöl sättigen, was besser als Lorberöl ist. Dann füllt man es in ein Schilfrohr oder in einen ausgehöhlten Stock. Angezündet schiesst es plötzlich davon, an jeden Ort den Du Dir wünschst, und verbrennt alles.
Rezept 13: Die zweite Methode von "fliegendem Feuer" geht wie folgt:
Nimm 1 Pfund Schwefel, 2 Pfund Holzkohle aus Linden- oder Weidenholz, und 6 Pfund Salpeter. Diese werden auf einer Marmorplatte fein gerieben. Danach füllt man dieses Pulver nach Belieben in eine Hülle, entweder zum Fliegen (Rakete) oder zum Donnermachen (Sprengen).
Rezept 14: Merke, Salpeter ist ein Mineral der Erde und wird als büschelförmige Ausblühungen auf Steinen gefunden. Diese Erde wird in siedendem Wasser gelöst und danach durch Filtration gereinigt. Die Lösung wird darauf während einer ganzen Nacht und einem ganzen Tag gekocht und Du wirst am Boden des Gefässes Schuppen des Salzes finden, fest und klar.
Rezept 33: Merke, ein weiteres fliegendes Feuer wird aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle aus Reben oder Weiden gemacht. Sie werden zusammengemischt, in eine Papierhülse gefüllt und angezündet und es fliegt plötzlich in die Luft. Und merke, mit Bezug auf Schwefel sollst Du 3 Teile Holzkohle nehmen und mit Bezug auf Holzkohle 3 Teile Salpeter. (D.h. 9 T Salpeter, 3 T Kohle, 1 T Schwefel)
Roger Bacon auf der Suche nach einer universellen Wissenschaft
Roger Bacon (1214-1292) gilt häufig als "Erfinder" des Schwarzpulvers. Das ist er zwar mit Sicherheit nicht, aber immerhin der erste, welcher ein exakt datierbares Schwarzpulverrezept publizierte.
1250 ist er dem Franziskanerorden in Oxford beigetreten. Zwischen 1250 und 1260 erlernte er die griechische und hebräische Sprache. Arabisch sprach er nicht, konnte somit selber keine arabische Alchemie studieren. Die Zeit zwischen 1257-67 verbrachte er in einem französischen Franziskanerkloster, wohin er von seinem Orden aus disziplinarischen Gründen verbannt worden war. Der Grund: Bacon hatte immer wieder autoritäre, kirchliche Auffassungen kritisch hinterfragt, was absolut unerwünscht war.
Während seiner Pariserzeit hatte er sich mit Kardinal Guy de Foulquois befreundet. So beauftragte ihn dieser1263 mit der Verfassung einer Universallehre der Wissenschaften. Die beiden waren der Ansicht, dass dies die Kirche festigen würde, so etwa nach dem Schema: Wenn die Bibel die Wahrheit verkünde und die Wissenschaft dies bestätige, so verdopple sich Wahrheit, was zu einer Super-Wahrheit führe.
Offenbar überkamen Bacon nach der Niederschrift seiner beiden Werke Bedenken, ob dem Papst zwei derart umfangreiche Werke als Lesestoff zugemutet werden können. Ob Foulquois als Papst überhaupt Zeit finden würde, diese zu lesen? Deshalb liess er den beiden Hauptwerken eine gekürzte Zusammenfassung, genannt Opus tertium (=drittes Werk) folgen.
Und die Chinesen?
Hartnäckig kursieren Gerüchte, welche behaupten, die Chinesen seien die eigentlichen Erfinder des Schwarzpulvers. Da hat immer wieder einmal ein Forscher in einem "alten chinesischen Buch" aus dem 11. Jahrhundert, manchmal auch schon aus dem 9. oder gar 3. Jahrhundert, über die Verwendung von Schwarzpulver durch die Chinesen gelesen. Oft mit dem Vorbehalt, dass dies nur Feuerwerk betreffe, manchmal auch für Geschütze. Einer Prüfung halten alle diese Gerüchte nicht stand. Aus folgenden Gründen nicht:
Ferner existiert tatsächlich eine Abschrift eines Buchs von Wu Ching Sung Yao, angeblich 1044 verfasst. Die prüfbare Abschrift datiert aus dem Jahre 1550 und enthält tatsächlich ein Schwarzpulverrezept. Es ist dabei aber zu beachten, dass Abschreiber häufig eigene Rezepte zugefügt haben, wie z.B. beim Liber Ignum (Siehe oben).
Zwei Gründe sprechen gegen die Chinesen als Erfinder des Schwarzpulvers:
Die Reisen des Marco Polo
Dagegen liefert Marco Polo gute Gründe, welche nahelegen, dass die Chinesen im 13. Jahrhundert das Pulver nicht kannten. Dazu die folgende, kurze Geschichte:
Als wahrscheinlich erste Europäer besuchten die drei Venezianer, Marco Polo, sein Vater Niccolo und sein Onkel Maffeo die Mongolei. Teilweise auf dem Seeweg, teilweise auf dem Landweg, erreichten sie um 1275 den Hof von Kublai Khan in Kanbalik, heute Pei-ping . Die drei gewannen das Vertrauen des Khans. Marco übernahm in der Folge während 17 Jahren das Amt eines Provinzgouverneurs im neu von dem Mongolen eroberten China.
Während dieser Zeit belagerten die Mongolen die Stadt Hsiang-yang bereits drei Jahre vergeblich, was den Khan sehr ungehalten machte. Der besprach die Lage mit den Polos, worauf die drei dem Khan zusicherten, dass sie Maschinen bauen würden, mit denen die Mauern von Hsiang-yang gebrochen werden können.
Sie zogen also vor die besagten Mauern und bauten vor Ort einige Bliden, welche 150 Kilogramm schwere Steine bis zu 60 Schritt zu werfen vermochten. Der Chronist berichtet, dass die fliegenden Steine ein Geräusch wie ein Sturmwind verursachten. Damit konnten die Mauern nun nach kurzer Zeit gebrochen werden.
Die Niederschrift dieser Geschichte erfolgte nach einem Diktat durch Marco Polo in einem Genueser Gefängnis im Jahre 1298 in französischer Sprache.
Damit dürften alle Sagen über frühe Chinesische Erfindungen von Schwarzpulver und Geschützen endgültig begraben werden. Andernfalls hätten die Polos bestimmt Kenntnis von solchen Geschützen gehabt.
Konstantin Anklitzen, alias Berthold Schwarz
Im Gegensatz zu Roger Bacon, gibt es über Berthold Schwarz keine zeitgenössischen Aufzeichnungen, weder von ihm selber, noch in Akten. Hingegen wird er seit dem 15. Jarhundert in verschiedenen Quellen als "Erfinder der Geschütze" genannt.
Etwas Wahres wird also an der Sache sein. Der erste geschichtlich bezeugte Einsatz von Kanonen geschah zur Verteidigung von Meersburg am Bodensee, Sitz des Freiburger Bischofs Nikolaus I, im Jahre 1334. Berthold mag ein Zeuge dieses Gefechts gewesen sein oder massgeblich an der Entwicklung dieser Geschütze beteiligt gewesen sein. Doch als Erfinder des Schwarzpulvers kommt er nicht in Frage. Dies wurde seiner Person auch erst in neuerer Zeit zugeschrieben. Auch ist das Schwarzpulver sowenig nach ihm benannt (was hauptsächlich Deutsche glauben) wie die Bratpfanne eine Erfindung des Herrn Brat war. Der Begriff "Schwarzpulver" taucht erst um 1890 auf, um es vom weissen Nitropulver zu unterscheiden. Zuvor bezeichnete man es einfach als "Pulver" oder allenfalls als "Schiesspulver"
Die älteste Quelle betreffend Berthold Schwarz ist ein anonymes Feuerwerkerbuch aus dem Jahre 1420. Berthold wird hier "niger Berchtoldus" genannt, was "Berchtold der Schwarzkünstler" heisst". (Eine Fotokopie der entsprechenden Stelle im Originaltext, in Alamannischer Sprache, finden Sie hier gelb markiert.)
Literatur: