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SAGEN UND LEGENDEN DER ÍNDIOS AUS BRASILIEN
Der Curupira, Caipora, Pai do Mato (Vater des Waldes), Caiçara, Caapora oder Anhangá – womit man je nach Region ein und dieselbe Sagengestalt bezeichnet – ist aus der Mythologie der historischen Tupi-Indianer bis in den Aberglauben der heutigen Caboclos des Regenwaldes herübergewechselt. Die ersten Erzählungen stammen aus der brasilianischen Südost-Region, aus der Zeit der europäischen Entdeckung Brasiliens. Man sagt dem Curupira übrigens auch nach, dass er tote Tiere wieder zum Leben erwecken kann. Es gibt eine Version aus dem Bundesstaat Acre, die erzählt, dass der Curupira Frau und Kinder des bösen Wilderers in jagdbare Tiere verwandelt, damit dieser sie unwissentlich töte – ein unberechenbarer Dämon, aber auch ein guter Geist der Umwelt.
Joca war von seinem Onkel, Zé Pedro, aufgezogen worden, dem weithin bekannten Jäger und Bruder seiner Mutter. Die Eltern des Jungen heirateten damals im Regenwald, und als das Kind kam, hatten sie nicht mehr die Mittel, sich in dieser menschenfeindlichen Gegend durchs Leben zu schlagen, also entschlossen sie sich, in eine grössere Stadt umzuziehen und liessen den Kleinen bei den Grosseltern mütterlicherseits, wo sich sein Onkel, Zé Pedro, selbst noch ein junger Mann, besonders um ihn kümmerte. Ihm gefiel der kleine Neffe, und er widmete sich fortan seiner Erziehung.
Aus den besonderen Umständen heraus, und weil es in der Gegend eben an normaler Arbeit mangelte, suchte Zé Pedro sein Auskommen durch die Jagd. Er schoss zielsicher und verbrachte die meiste Zeit irgendwo im Wald, von wo er jedes Mal mit mindestens zwei guten Stücken Wildbret heimkehrte, die er auf dem offenen Markt der Nachbarschaft verkaufte. Und dieserart sicherte er sich eine gewisse sorglose Existenz.
Als Joca achtzehn Jahre alt war, wurde von seinem Onkel zur Jagd mitgenommen, wo dieser ihm die noble Kunst beizubringen gedachte. Und gleich auf diesem ersten Ausflug zeigte ihm der Onkel einen grossen Seriema (Laufvogel) und gab ihm die doppelläufige Flinte in die Hand, damit er auf ihn schiesse – aber Joca traf den armen Vogel so unglücklich, dass dessen Federn nach allen Richtungen stoben und das Fleisch auseinander gefetzt wurde. Ihm wurde speiübel von der Szene.
Joca war ein Gitarrespieler. Singen war ihm eine Lust und ein Bedürfnis, und unter Musikern fühlte er sich wohl und zuhause. Dagegen spürte er nicht die geringste Affinität zu diesem Leben eines Tiermörders. Von nun an, jedes Mal wenn ihn sein Onkel, fast mit Gewalt, in den Wald schleppte, schoss er tunlichst daneben. Dann fluchte der Onkel fürchterlich und sagte: „Es ist dieses schiefe Auge des Jungen! Er kann kein Ziel anvisieren, der Idiot“! Aber weil er den Jungen nun mal gern mochte, log er, als er mit seiner Jagdbeute ins Dorf kam: „Seht her, dieses Wildschwein hat mein kleiner Neffe heute geschossen, aus dem wird einmal ein besserer Jäger als ich es bin“! Und Joca hielt den Mund, als er die bewundernden Blicke der Nachbarn auf sich ruhen fühlte.
Die Zeit verging, und der Onkel Zé Pedro starb an einer Blutvergiftung – mitten im Wald, wo er von seinem Neffen auch begraben wurde. Danach besuchte dieser, jede Woche die Gott werden liess, sein Grab, um ihm seine Ehrerbietung zu erweisen. Dort gab er ein paar Schüsse mit dessen Lieblingsgewehr in die Luft ab, sah sich aber vor, um kein Tier zu verletzen oder gar zu töten. Auf dem Rückweg zum Dorf, weil er jenen vom Onkel fälschlicherweise geschaffenen Ruf als grosser Jäger genoss, fragten ihn die Leute dann jedes Mal, wo er denn seine Jagdbeute gelassen hätte? Und Joca antwortete ihnen stets mit der gleichen vorbereiteten Ausrede: „Die habe ich ein paar Hungerleidern gegeben, die ich unterwegs traf“!
Eines schönen Tages, beschloss die ungläubige Gruppe der Dorfbewohner, ihm einen Streich zu spielen, und sie vereinbarten, dass sie heimlich hinter ihm herschleichen würden, wenn er das nächste Mal in den Wald ginge. In derselben Woche regnete es stark, deshalb blieb Joca zuhause. Erst in der Woche darauf entschloss er sich zum üblichen Besuch des Grabes. Und als die Nachbarn ihn in Richtung auf den Wald davongehen sahen, das Gewehr geschultert, schlichen sie hinter ihm her.
Joca schritt kräftig aus, der ihm aus zahlreichen Ausflügen mit seinem Onkel vertraute Pfad führte teilweise durch dichtes Gestrüpp und dann wieder über grüne Lichtungen – als er plötzlich von einer Sturmböe ergriffen und in ein Gebüsch abseits des Pfades geschleudert wurde. Dort sah er sich einem kleinen Männlein mit roten Haaren gegenüber, im Mundwinkel hielt er eine Art Pfeife. Erschauernd bemerkte Joca, dass die Füsse des Zwergs nach hinten zeigten – wo bei den Menschen normalerweise die Fusszehen waren, sah er die Fersen – auch die Knie waren verdreht. Joca erschrak furchtbar, dann aber beruhigte ihn das breite Lächeln des Wichtes vor ihm.
„Wer bist du“? „Solltest du mich nicht kennen? Ich bin der Curupira – hast du nie von mir gehört“? Joca zitterte jetzt am ganzen Körper. Dieser Dämon hatte, wenn man den vielen Legenden glauben durfte, grosse Macht. Er vermochte diejenigen, welche in seinen Wald eindrangen, in alle möglichen Tiere zu verwandeln. Deshalb fing Joca an zu stottern, als er endlich die Frage herauspresste:
„Was habe ich dir getan“? „Immer mit der Ruhe! Du hast nichts Böses getan – ich bin hier, um dir zu helfen – antwortete der Geist des Waldes. „Mir zu helfen“? Und ohne noch weiter Zeit zu verlieren, übergab ihm der Zwerg verschiedene tote Tiere, und dann sagte er: „Los, los! Mach zu! Sag deinen Nachbarn, dass die heutige Jagd nicht besonders ergiebig gewesen ist“!
Kaum hatte er geendet und war gerade noch rechtzeitig verschwunden, als auch schon die Verfolger auftauchten. Diese wunderten sich nicht schlecht, als sie den Haufen toter Tiere zu Jocas Füssen liegen sahen – und der Mutigste unter ihnen fragte: „Alle diese Tiere hast du heute schon erlegt“? Und dann zogen sie vereint mit der vermeintlichen reichen Jagdbeute zurück ins Dorf. Von diesem Tag an verehrten sie Joca als den grössten Jäger aller Zeiten, und niemand war darunter, der an seinen Fähigkeiten zweifelte.
Wieder einmal sass der junge Mann am Grab seines Onkels, als sich der Curupira zu ihm gesellte und sich neben ihn setzte. Joca schwieg – er wusste nicht, was er sagen sollte. Dann begann der Zwerg, nachdem er die Pfeife aus seinem Mund genommen hatte: „Du bist ein guter Kerl, der die Tiere des Waldes beschützt, deshalb wirst du unter uns immer willkommen sein“. Joca atmete tief und dann, als er seinen erneuten Schrecken endlich überwunden, raffte er sich zu einer Frage auf:
„Aber mein Onkel? Er hat viele Tiere getötet. Warum hast du ihn nicht daran gehindert“? „Wir haben nicht die Macht, die du dir vorstellst – wir können nicht in das Leben der Menschen eingreifen. Dein Onkel hat zudem von der Jagd gelebt und mit ihr seine Existenz bestritten. Trotzdem hat er den Tod gefunden, den er gesucht: die Verdammnis des Waldes! Er hat sich sein Bein an einem fauligen Ast geritzt, und das hat ihn sein Leben gekostet“.
„Und alle die toten Tiere, die du mir gabst“? „Sie alle haben bereits ihr Leben gelebt und ihr Schicksal erfüllt. Ich habe sie lediglich so aufbereitet, als ob sie von deinem Gewehr getötet worden seien“. Joca hatte dem nichts mehr hinzu zu fügen. Aus dem Zwerg sprach die Natur selbst in ihrer unergründlichen Weisheit. Also schulterte er sein Gewehr und nahm den Heimweg unter die Füsse – es war das letzte Mal, dass er dem Curupira begegnete und auch das letzte Mal, dass er mit einem Gewehr in den Wald ging.