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Auf der Klosterhalbinsel Wettingen findet sich an Gebäuden, in Gemälden und im Wappen des Klosters selbst eine Meerjungfrau mit zwei Schwanzflossen. Was hat dieses Wesen mit dem Kloster Wettingen, weit weg vom Meer, zu tun?
Geschichten von Frauen, welche halb Mensch halb Fisch sind, gehen zurück bis in die Antike. Es ist deshalb schwierig, klare Unterscheidungen zu treffen zwischen Begriffen wie Sirenen, Meerjungfrau und Melusine. Sie haben jedoch ganz unterschiedliche Hintergründe.
Woher kommt der Mythos der Meerjungfrau?
Meerjungfrauen sind laut den Legenden hilflose Gestalten, verdammte Wesen, welche nur durch die Liebe eines Mannes befreit werden können. Die Version der Meerjungfrau, die heute am weitesten verbreitet ist, stammt aus dem Märchen von Hans Christian Andersen "Die kleine Meerjungfrau", welches 1837 erschienen ist. In Andersens Version, ist die Meerjungfrau unschuldig, etwas naiv und möchte gerne mit dem Prinzen auf dem Land leben. Auch in neuen Adaptionen des Meerjungfrauenmythos sind diese Elemente oft vorhanden.
Im Gegenteil zu den unschuldigen Meerjungfrauen stehen Sirenen und Nixen. Sie entstammen der griechischen Mythologie und sind Todesdämoninnen. Durch betörenden Gesang, locken sie Schiffsleute an, um sie zu töten. Sie galten deshalb im Christentum als Symbol der weltlichen Verführung.
Dem mittelalterlichen Westeuropa entspringt noch eine weitere mythische Gestalt, die Melusine. Melusine ist der Name der Nixe in der Geschichte, welche niemandem verraten darf, was sie für ein Wesen ist. Als ihr Mann sie beim Baden sieht und ihr Geheimnis erfährt, ergeben sich verschiedene Verstrickungen. Eine weit verbreitete deutsche Übersetzung der Geschichte aus dem Französischen stammt von Thüring von Ringoltingen aus Bern und erschien 1456. Ältere Quellen reichen jedoch bis ins 12. Jahrhundert zurück.
Im Verlauf des Mittelalters durchmischten sich die Mythen der Meerjungfrauen, Sirenen und Melusinen. Bei Wappen, in denen Meerjungfrau-ähnliche Wesen dargestellt werden, ist oftmals unklar auf welche der verschiedenen Mythen genau Bezug genommen wird. Symbolisch stehen die Meerjungfrauen auf Wappen meist für eine Verbindung zu Gewässer.
Wie gelang die Meerjungfrau aufs Wappen des Klosters Wettingen?
Im Wappen des Klosters Wettingen erschien die Meerjungfrau erstmals im 16. Jahrhundert, rund 300 Jahre nach der Gründung des Klosters. Das Kloster ist der heiligen Maria gewidmet. Sie gilt als Schutzpatronin der Seeleute und wird in dieser Anrufung Maris Stella (lateinisch für "Stern des Meeres") genannt. Laut der Gründungslegende ist Maria als Stern dem späteren Gründer des Klosters, Freiherr Heinrich II., erschienen, als dieser in Seenot war. Er versprach daraufhin Maria ein Kloster zu widmen. Die Meerjungfrau auf dem Wappen kann entsprechend als symbolische Darstellung von Maris Stella verstanden werden.
Es ist jedoch nicht auf allen Wappen die zweischwänzige Meerjungfrau zu sehen – auf einigen handelt es sich um eine Frau, die zwei Fische hält. Diese Figur findet sich auf verschiedenen Wappen, es ist jedoch unklar, ob ihr eine spezielle Bedeutung zukommt.
Hat das Wappen des Klosters Wettingen etwas mit dem Starbucks-Logo zu tun?
Beim Spazieren über die Klosterhalbinsel fragen sich Besuchende oftmals, weshalb sie das Bild der Meerjungfrau, welches weltweit auf Kaffeebechern zu sehen ist, auch im Kloster Wettingen wiederfinden. Als Logo des Unternehmens Starbucks dient nämlich ebenfalls eine zweischwänzige Meerjungfrau. Die optische Ähnlichkeit zwischen dem Starbucks-Logo und der Meerjungfrau auf dem Wappen des Klosters Wettingen zeigt die starke Durchmischung der verschiedenen Mythen. So basiert das Starbucks-Logo auf einer Sirene – eine gefährliche und verführerische Gestalt. Im Gegensatz dazu steht das Meerjungfrauensymbol im Wappen des Klosters für Maris Stella, eine Anrufung der heiligen Maria, das christliche Bild der Unschuld.