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Ring-Leuchte
Als Filmer habe ich vor einiger Zeit Internet-Werbung für sogenannte Ring-Leuchten erhalten (mit Abbildungen der Lampen, die wirkten, als wären sie aus einer Neonröhre zu einem Kreis gebogen worden, Durchmesser 20 cm bis 50 cm).
Als besondere Qualität wird angepriesen, dass ein Raum mit dieser Lampe gleichmässig ausgeleuchtet werden kann, auch das, was in der Mitte des Vordergrunds steht (anders als im Lichtkegel eines Scheinwerfers).
Das interessierte mich nicht besonders und doch überlegte ich, was man mit einem solchen Ding anfangen könnte. Beispielsweise wären damit Aufnahmen von phantastischen Szenen möglich, die sich von einem realeren Geschehen abheben sollen.
Weiter habe ich mir keine Gedanken dazu gemacht, da die Bilder in meinen Filmen nie ausgeleuchtet sind, immer vom Spiel von Licht und Schatten geprägt. Das reale Licht immer eine Eigenheit eines bestimmten Ortes des Ortes. Einen Raum gleichmässig ausleuchten, hiesse, dessen Charakteristik zu zerstören.
(Wenn sich jemand in den frühen Zeiten des Filmkollektivs über die Filmaufnahme eines Kollegen lustig machen wollte, sagte er, der Kameramann habe hell gemacht.)
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Besonders intensiv wirkt ein Bild, wenn der Eindruck entsteht, die sichtbare Lampe sei das einzige Licht im sonst dunklen Raum.
Bei den Dreharbeiten werden im Raum oft weitere Lichtquellen eingesetzt oder das Licht der sichtbaren Lampe wird von einer Reflexionsfläche (ausserhalb des Bildausschnitts) diskret zurückgeworfen, damit die Schattenseite eines Gesichts nicht ganz im Dunkel versinkt.
Wer Filmaufnahmen macht, ist immer damit konfrontiert, dass das Auge einen grösseren Helligkeitsumfang wahrnimmt, als die Kamera. So wird jeweils etwas nachgeholfen, um ein Bild zu erzeugen, das unserer gewohnten Wahrnehmung entspricht. (Der Kameramann kann sich auch zurechtlegen, dass auf der Schattenseite – weit weg – noch ein zweites Fenster sein könnte.)
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Eine andere Realität der Dreharbeiten: Ich habe immer einige Glühbirnen dabei, durch die ich eine im Bild sichtbare Lampe ersetzen kann (bis 150 Watt, also etwas mehr Licht, die Blende nicht so stark geöffnet, bessere Bildqualität, grössere Schärfentiefe).
Und ich habe einen besonderen Filzstift dabei, mit dem ich die der Kamera zugewandte Seite dieser Glühbirne einschwärzen kann. Der schwarze Fleck wird in der Aufnahme nicht sichtbar sein, da ihn das Licht der Glühbirne überstrahlt. Doch er sorgt dafür, dass kein direktes Licht auf das Objektiv fällt, wodurch hässliche (und unerklärliche) Reflexionen in der Aufnahme entstehen könnten.
In Presse-Fotos früherer Zeiten sehe ich in den Augen der Menschen nur Spiegelungen von Lichtern, die Teil dieser Umgebung sind (oder sein könnten). Es war für diese Fotografen selbstverständlich, dass es um diesen Ort mit seiner Atmosphäre und seinen besonderen Lichtverhältnissen ging, um diese konkrete Realität. Also setzten sie keine zusätzlichen Lichtquellen ein, mussten auch nicht darauf achten, ob sich ein solcher Fremdkörper in den Augen der Menschen spiegelt.
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Wenn uns in einer Zeitung eine Fotografie begegnet, kann uns der Blick der abgebildeten Person berühren und wir nehmen an, diese Wirkung gehe von den Augen aus. Doch in Wirklichkeit schauen wir nicht auf die Augen, sondern auf die ganze Augenpartie des Gesichts.
Für die Augen selbst interessiert sich nur Augenärzte.
Oder um es noch etwas deutlicher zu machen: Wenn jemand sein oberes und unteres Augenlid mit den Fingern zurückschiebt, sodass ein grösserer Teil des Auges freiliegt, wird uns der Blick kaum stärker berühren.
Doch auch wenn sich unsere Aufmerksamkeit nicht direkt auf die Augen richtet – auf das Auge an sich – können wir es doch unbewusst wahrnehmen, wenn sich in den Augen etwas spiegelt. (Und wenn es etwas wäre, das uns gefährlich werden könnte, würden wir sofort darauf reagieren.) Auch wenn uns die Spiegelungen in den Augen der fotografierten/gefilmten Person unbewusst bleiben, ergänzen die Spiegelungen doch unsere Vorstellungen des Raums – links ein helles Fenster, rechts eine Lampe – Bild-Elemente, die die Atmosphäre des Raums mitbestimmen. Oder sie vermitteln uns eine Ahnung von einem unsichtbar bleibenden Garten, in dem eine Person steht, erzählen von den Ästen oder vom dichten Wald (und auch vom Licht an diesen Orten, vom hellen oder gedämpften, harten oder weichen, kühlen oder warmen Licht). Auch wenn uns diese Spiegelungen unbewusst geblieben sind, wir nicht von ihnen berichten könnten, haben sich Ahnungen von Bereichen ausserhalb des engen Bildausschnitts ergeben – wie die Fragmente von Gesprächen und Geräuschen, die wir aus dem 'Off' von Filmen gewohnt sind.
In einer NZZ vom Juli 2020 eine Porträtaufnahme von Jolanda Neff, der Mountain-Bike Weltmeisterin von 2017 (Foto: Christoph Ruckstuhl).
Die Fotografie hob sich vom Durchschnitt der Pressefotos ab, fiel durch die offensichtlich bewusste Gestaltung auf. Etwas scheint meine Aufmerksamkeit besonders angesprochen zu haben, war es ihr Blick?
Erst als ich nicht mehr auf ihre Person konzentriert war, sondern die Fotografie betrachtete, fielen mir deren offensichtliche und verborgene Besonderheiten auf. Genau frontal aufgenommen, gleichmässig ausgeleuchtet, ohne jeden Schatten im Gesicht, keine Beziehung zum Fotografen, direkter Blick zum Objektiv des Fotoapparats, sie ganz bei sich, die Spiegelungen einer Ring-Leuchte in ihren Augen. Eine besondere Intensität des Blicks, hergestellt durch einen hineingespiegelten Effekt.
Ein Spiel mit dem Unbewussten. In den Augen Effekte, die den Betrachter berühren können, ohne dass er sie bewusst wahrnimmt.
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Im Internet Informationen zu Ring-Leuchten
für Amateurfotografen,
Internet-Auftritte,
Spezialisten der Kosmetik-Fotografie.
«Die Ring-Leuchte wurde speziell für Porträtaufnahmen entwickelt. Sie verbessert harte Gesichtszüge. Sie hellt die Augenpartien auf und zieht somit das Auge des Betrachters mit voller Aufmerksamkeit auf sich. Die Ringleuchte schafft einen Effekt, der das Auge sehr attraktiv erscheinen lässt.»
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«Haben Sie sich jemals gefragt, wie gut beleuchtet und von hoher Qualität die meisten Schönheitsfotos und -videos sind, die Sie in letzter Zeit gesehen haben? Nun, wenn Sie dachten, der Grund dafür sei, dass sie einen sehr teuren Kameratyp verwenden, dann liegen Sie definitiv falsch. Die meisten dieser Fotografen und Videokünstler sind in der Lage, diese hochwertigen Videos und Fotos zu produzieren, einfach weil sie ein einzigartiges Beleuchtungsgerät verwendet haben, das als Ringlicht bezeichnet wird. Dieses zaubert nicht nur einen attraktiver Ringeffekt in die Augen, sondern schafft durch das Licht von allen Seiten auch eine schattenfreie Ausleuchtung. Das geht so weit, dass es sich auf die Hautporen auswirkt und ihr quasi eine eingebaute Beauty-Retouche habt – das Gesicht ist nun elfenmässig gleichmässig ausgeleuchtet.»
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«Grosse Augen sind attraktiv, die Spiegelung des Lichtrings direkt ausserhalb der Pupille lässt diese noch grösser erscheinen – ergibt attraktiv grosse Augen.»
Denkt jemand an weibliche Augen, wenn er von der Attraktivität grosser Augen spricht? Empfindet er eine Frau mit grossen Augen als attraktiv, weil ihm grosse Augen als kindlich erscheinen, weil sie ihn an ein Kindergesicht erinnern?
Belladonna: Schwarze Tollkirsche, giftige Pflanzenart aus der Familie der Nachtschattengewächse. Oft wird das italienische belladonna mit «Schöne Frau» assoziiert, da der Saft eine pupillenvergrössernde Wirkung besitzt und früher zu Schönheitszwecken von Frauen eingesetzt worden ist. (Wikipedia)
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Wie die Aufnahme von Jolanda Neff zeigt, kann in den Augen auch etwas zum Funkeln gebracht werden, wenn die Spiegelung des Lichtkreises einen kleineren Durchmesser als die Pupille hat.
Rätselhaft ist mir, wie der Fotograf beim Neff-Porträt vorgegangen ist, damit die Spiegelungen der Ringleuchte auf den Augen erscheinen, nicht aber auf der Brille, die sie trägt.
Wenn es einem Kosmetik-Fotografen nur um das makellose, schattenlose, kosmetisch reine Gesicht geht, könnte er die kleine Spiegelung des Lichtkreises innerhalb der dunklen Pupille leicht mit Fotoshop entfernen. (Das hat der Neff-Fotograf nicht getan; er scheint sich etwas von dieser Spiegelung versprochen zu haben.)
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Wenn uns eine Person direkt gegenüber steht, bemerken wir es kaum, wenn diese leicht schielt. Sehen wir aber die Fotografie der Person mit eingespiegelten Lichtkreisen, fällt auf, kann bewusst werden, dass eine der Pupillen zum Lichtkreis verschoben ist.
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Auf ihrer Webseite kritisiert eine Influencerin, die Helligkeit der Ringleuchte sei so schwach, dass die Lichtempfindlichkeit ihrer Videokamera bis an deren Grenzen hochgeschraubt werden musste.
Fotografen, die an Lichtring-Spiegelungen interessiert sind, die die Pupillen grösser erscheinen lassen, werden sich damit abfinden, denn eine grössere Helligkeit der Leuchte würde ja dazu führen, dass sich die Pupillen verkleinern. Weg wäre die besondere Attraktivität der Augen.
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Die Fans der Influencerin fragen, was sie tun sollen, wenn sie einen Brillenträger vor der Kamera haben und sich die Leuchtringe in den Brillengläsern spiegeln.
Es spricht nicht gegen die Influencerin, dass sie die Sache mit den Pupillen-Vergrösserungs-Effekt nicht zu kennen scheint. Aber sie kommt auch nicht auf die Idee, sich mit zwei seitlichen Scheinwerfern zu behelfen und die Ringleuchte auszuschalten (doch das wäre wohl zu viel verlangt, wenn sie von Ringleuchten-Händlern gesponsert wird).
Also demonstriert sie, wie einfach es ist, die Spiegelungen auf der Brille zum Verschwinden zu bringen. Sie verlängert einfach das Lampenstativ, platziert die Ringleuchte etwas höher und neigt sie entsprechend nach unten.
Ihre Fans bedanken sich für den genialen Tipp. Keinem fällt auf, wie hell nun die Stirne erstrahlt, wenn das Licht von oben auf das Gesicht gerichtet ist.