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Jahrzehntelang durften Gastarbeiter in der Schweiz keine Familie haben. Ihre Kinder leiden bis heute.
Ana Méndez: «Diese Zeit bekommen wir nicht zurück»
Ana Méndez, 49, musste als Baby die Schweiz verlassen. Sie lebte jahrelang ohne ihre Eltern in Spanien.
Es fühlt sich an, als hätte man mir meine Kindheit vorenthalten. Nicht nur mir, auch meinen Eltern. Es fehlt etwas, das ich mit nichts anderem ersetzen kann.
Ich wurde 1970 in Bern geboren. Meine Eltern kamen aus Galizien, mein Vater war Bauarbeiter, meine Mutter putzte. Nach meiner Geburt lebten wir alle in einem Zimmer bei einem Witwer. Er hatte meine Mutter noch im Spital angeworben, das sei doch praktisch, so könne sie mich zur Arbeit mitnehmen, daneben seinen Sohn betreuen und den Haushalt führen.
Doch es war nicht wie abgemacht. Sie musste rund um die Uhr auf Abruf sein, meinen Vater wollte er nicht dahaben, er durfte nicht einmal richtig duschen, als Bauarbeiter. Die Situation eskalierte. Als das Arbeitsverhältnis aufgelöst wurde, konnte ich nicht mehr bleiben. Meine Eltern waren Saisonniers – meine Mutter musste arbeiten. Ohne neue Arbeit hätte auch sie die Schweiz verlassen müssen.
Leben wie in einer WG
Ich war acht Monate alt, als sie mich zu meiner Grossmutter nach Spanien brachte. Ob die Fremdenpolizei bei uns war, weiss ich nicht. Auf der spanischen Botschaft hatte man meiner Mutter dringend geraten, das Kind wegzubringen. Mich. Es war für Leute wie meine Eltern ja auch deswegen so schwierig, weil sie kaum Informationen bekamen, die Sprache nicht verstanden, die Gesetze nicht kannten.
Die Reise dauerte damals zwei Tage. Meine Eltern gingen ja davon aus, dass sie bald nachkämen, sie sparten für ein Haus. Doch als ich elf war, gab es in Spanien einen Putschversuch der Franco-Anhänger, meine Eltern bekamen Angst, holten uns in die Schweiz.
Am Anfang war es fast wie ein Leben in einer WG. Wir kannten uns ja kaum, hatten uns lediglich ein-, zweimal pro Jahr gesehen. Meine Schwester und ich besuchten eine Integrationsklasse. Ich gab mir Mühe, möglichst nicht aufzufallen, immer gut zu sein. Meine Schwester Beatriz war anders, sie rebellierte. Aber wir haben ja auch nicht die gleiche Geschichte, sie war nur ein Jahr in Spanien.
Sommerliche Traurigkeit
Ich merkte erst mit Anfang 30, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich nicht einfach ein melancholischer Mensch bin, sondern dass es Gründe dafür gibt, wie ich bin. Ich hatte Mühe, Beziehungen zu führen, zu vertrauen, loszulassen. Ich habe jung geheiratet, einen Spanier aus unserem Dorf, die Ehe ging in die Brüche. Kinder habe ich nicht. Bis heute hänge ich an Dingen, kann kaum etwas wegwerfen, will alles kontrollieren.
Wenn ich sie im Sommer besuche, wird meine Mutter noch heute traurig. Wie ich jetzt auch, mit fast 50, wenn ich davon erzähle. Die Abschiede damals, nach ihren Besuchen, waren uh mega schlimm. Wir heulten alle. Ich habe meine Mutter so sehr vermisst.
«Mich hat es versöhnt, zu spüren, wie furchtbar das auch für meine Mutter war.»
Ana Méndez
Meine Mutter sprach sehr lange nicht mit mir über unsere Trennung. Ich glaube, sie hatte das Gefühl, mich verraten zu haben. Dass es ihr wichtiger war, Geld zu verdienen. Als ich damit anfing, unsere Geschichte aufzuarbeiten, habe ich immer wieder nachgefragt. Lange kam nichts. Irgendwann aber redeten wir, weinten zusammen. Das hat gutgetan.
Mich hat es versöhnt, zu spüren, wie furchtbar das auch für meine Mutter war. Mein Vater redet es bis heute klein. Ich glaube, für ihn war das Schlimmste, seine Frau leiden zu sehen.
Nach der Pensionierung sind sie in ihr Haus in Spanien gezogen; meine Schwester, ihre Familie und ich blieben hier. Wir sind wieder getrennt.
Diese Zeit bekommen wir nicht zurück. Aber zumindest haben wir ein gutes Verhältnis, und ich bin mit mir im Reinen, weiss, wie ich ticke, wer ich bin und warum. Nicht alle haben dieses Glück. Ich glaube, es gibt noch sehr viele Familien wie wir, die bis heute nicht über ihre Trauer und ihren Verlust sprechen können.
Aufgezeichnet von Sarah Berndt