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Auf dem knallgelben Cover einer DVD-Hülle ist in naiver Kinderzeichnung der Oberkörper einer dunkelhaarigen Frau im Bikini zu sehen, darunter steht in Grossbuchstaben der Filmtitel «La Planète rêveuse», auf der Rückseite in krakeliger Schrift: «Paravision présente: Tyrone Power, Gene Tierney, Yvonne de Carlo, Victor Mature, Maria Montez, Rock Hudson, Tony Curtis, Debra Paget». Und: «Réalisation: Guy Brunet». Schöner Titel, grossartige Besetzung, aber wer ist dieser Regisseur? Und was ist das für ein Studio? Selbstverständlich gibt imdb.com Auskunft. Directed by, Writing Credits, Produced by, Cinematography by, Film Editing by: überall steht Guy Brunet; unter Country steht France und unter Filming Locations Viviez, Aveyron, France. So weit, so gut, aber es bleibt die Frage: Wer ist Guy Brunet?
Umfassend Auskunft darüber gibt aktuell eine wunderbare Ausstellung in der Collection de l’Art Brut in Lausanne. Nach Kassenvorraum und ein paar Schritten durch den ersten Raum der Sammlungsausstellung wird man vom Quasifaksimile einer Hauswand empfangen, über die in Grossbuchstaben «L’âge d’or du cinéma d’Hollywood» prangt und auf der unter einem Fries von naiv gemalten Schauspielerporträts in Figuren und Motiven Lieblingsgenres des Hollywoodkinos von 1930 bis 1960 gefeiert werden: Musical, Western, Peplum, Komödien … Dahinter breitet sich auf drei Stockwerken und über mehrere Räume verteilt das cinephile Universum von Guy Brunet aus: Les studios Paravision (der Zusammenzug aus Paradis und Vision).
Der 1945 geborene Guy Brunet hat Kinoluft mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Eltern führten ein Kino in Cagnac-les-Mines im Département Tarn, das Le Plaza, das vor allem Hollywoodstreifen zeigte. Von hier bezieht Brunet seine gesamte Inspiration. Schon als Siebenjähriger schreibt er Drehbücher, schneidet aus Papier Figuren aus, mit denen er seine erfundenen Geschichten in Dekors, die er selber zeichnet, nachspielt. Später hilft er seinem Vater bei der Projektion, beginnt das von den Verleihern zugesandte Pressematerial zu den Filmen zu studieren und zu sammeln, hebt Plakate auf, später wird er regelmässig Filmzeitschriften kaufen und über Film und Kino lesen. Filme schaut Brunet sich jeweils mindestens dreimal an: das erste Mal lasse er sich von der Intrige tragen, beim zweiten Mal beobachte er das Spiel der Stars, beim dritten Mal die Arbeit des Regisseurs.
1963 muss das Kino aufgrund des massiven Besucherschwunds wegen des aufkommenden Fernsehens schliessen. Guy Brunet jobt bis zu seiner Pensionierung als Verkäufer, Minenarbeiter, zwischendurch auch als Conférencier und Animateur von Tanzveranstaltungen. Er schreibt aber weiterhin Drehbücher, auch ein Theaterstück, dessen Text sogar publiziert wird. 1994 installiert er in einer ehemaligen Metzgerei in Viviez endlich Les studios Paravision, wo er seiner Leidenschaft frönt. Er entwirft und malt Kinoplakate seiner Lieblingsfilme, meist auf die Hinterseite von bereits vorhandenen Kinoplakaten; er baut in ausgeweidete Fernsehapparate Dekors ein; später malt er raumfüllende Dekors; er beginnt aus Kartons beinah mannshohe Silhouetten seiner Lieblingsdarsteller auszuschneiden und bemalt sie sorgfältig, verstrebt sie mit Holzlatten, damit sie aufrecht stehen können. Sukzessive kommen zu diesen Darstellern auch Produzenten, Regisseure, Musiker und die Kostümbildnerin Edith Heath hinzu. Inzwischen füllen knapp 800 solcher Silhouetten die Räume (fein säuberlich getrennt nach ihrem Geschlecht). Er malt auf Karton, Papier oder gar Glas die Signete der Hollywood Majors. Und schliesslich dreht er auch eigene Filme und entwirft natürlich dafür Kinoplakate und für einige davon gar DVD-Hüllen.
Guy Brunets Welt ist die Welt Hollywoods zwischen 1930 bis 1960, so wie er sie im Kino seiner Eltern erlebt hat. Es ist das Kino der grossen Stars, der aufwendig ausgestatteten Dekors, der prunkvollen Kostüme und der grossen Emotionen. Nachher gebe es nur noch ein Kino voller Blut und Gewalt, das er überhaupt nicht möge. Seine ganz grosse Bewunderung gilt Cecil B. DeMille. Über diesen Hollywood-Tycoon hat er 2001 dann auch seinen ersten Film gemacht. Dazu kommt eine Begeisterung für frühe populäre französische Fernsehserien und ihre Stars (seine Kompilation La grande parade des feuilletons von 2015 dauert gut acht Stunden), den Midi (in Le soleil de la Provence leiht er Schriftstellern wie Frédéric Mistral und Alphonse Daudet aus der Provence seine Stimme) und der Musik (Une journée en chansons de Paris et de Marseille zeugt davon).
In der Ausstellung vermitteln Mario del Curtos grossformatige Fotos von Les studios Paravision in Viviez einen Eindruck von der obsessiven Leidenschaft von Brunet: überfüllte Räume, an den Wänden die grossformatigen Plakate und Dekors, Gänge voller ausdrucksreicher Kartonsilhouetten, Tische beladen mit Farbtöpfen, Utensilien und Figurinen von Filmstars, Gestelle überquellen von Manuskripten, Büchern, Zetteln und Notizheften. Mitten in einem überfüllten Raum dann ein Stehpult, eine kleine Kamera auf einem Stativ, ein Scheinwerfer: Hier stellt Brunet seine Silhouetten auf und leiht ihnen mit seiner Stimme ihre Dialoge. Hier ist Brunet ganz bei sich, er, der das höchst arbeitsteilige Hollywood der Glanzzeit verehrt, verkörpert hier alles in einer Person: Er ist sowohl Drehbuchautor, Kameramann wie Produzent, zeichnet für Dialoge, Schnitt, Kostüme, Maske verantwortlich, und selbstverständlich liegt auch die Publicity in seinen Händen.
Sein Kino ist – wie soll man sagen – ein minimalistisches? Seine Filme über Lieblingsregisseure wie Cecil B. DeMille, Jean Renoir und die Gebrüder Lumière sind kompiliert aus Fernsehaufzeichnungen in nicht so toller Qualität, dazwischengeschnitten Aufnahmen von sich selbst, wie er die fein säuberlich aufgeschriebenen Texte dazu vorliest (Texte im Übrigen, die sowohl von vertieftem sachlichem Wissen wie grosser Begeisterung nur so strotzen). In seinen «Spielfilmen» ruckelt die Kamera langsam von der einen Silhouette, deren Dial0g Brunet gerade abliest, zur andern und wieder zurück, mehr oder weniger hell ausgeleuchtet von einem Scheinwerfer. In all ihrer Unbeholfenheit strahlen die Filme aber grossen Charme aus. Sie und all die wunderbar handgemalten Plakate, die Auszüge aus Drehbuchentwürfen, die naiven Starporträts zeugen von der obsessiven Leidenschaft und der unbändigen Kreativität, mit der Guy Brunet der «Sache des Kinos» verfallen ist.