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Fast ein Fünftel aller Menschen nimmt Stimmungen wie durch einen Verstärker wahr, reagiert auf Geräusche oder Unbekanntes ängstlicher als andere: Sie sind hochsensibel. Eltern können viel tun, um ihr hochsensibles Kind gut zu unterstützen.
Der zehnjährige David ist ein geselliges Kind, das gut auf andere Leute zugehen kann und in der Schule auch keine Schwierigkeiten hat. Er isst alles, was auf den Tisch kommt, zieht alles ohne Murren an. Allerdings mag er weder Lärm noch grosse Geburtstagspartys. David braucht viel Ruhepausen, spielt gern alleine und benötigt einen festen Tagesablauf. Seine Sensibilität manifestierte sich schon in den ersten Lebenstagen. Er schrie viel, sodass seine Eltern manchmal am Rande der Verzweiflung standen. Eine geniale Lösung für sich fand er mit eineinhalb Jahren: Als seine Eltern einen Laufstall kauften, war er praktisch nur darin glücklich. Dort ass, spielte und schlief er. Wollte seine Mutter ihn rausnehmen, schrie er. Also setzte sie ihn so oft wie möglich wieder hinein. Und selbst als Verwandte oder Freundinnen ihr vorwarfen, den Kleinen immer alleine im Laufstall zu lassen, nahm die Mutter den Lieblingsplatz ihres Kindes nicht weg.
Ein Fünftel ist hochsensibel
Davids Mutter hat richtig reagiert, auch wenn ihr damals gar nicht bewusst war, dass sie einen etwas aussergewöhnlichen Sohn hat. Nämlich ein hochsensibles Kind. Hochsensibilität ist weder krankhaft noch abnormal, sondern eine Verhaltensauffälligkeit, die häufig vorkommt. Untersuchungen, etwa von der amerikanischen Psychotherapeutin Elaine Aron in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, haben gezeigt, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel sind. Es handelt sich um einen angeborenen und meist vererbten Temperamentstypus. Dieser äussert sich zwar in sehr unterschiedlichen Formen, weist aber einige typische Eigenschaften auf. David ist somit ein Beispiel unter vielen, und viele Kinder und Erwachsene haben mit dieser Veranlagung mehr Schwierigkeiten als er.
Wichtige gemeinsame Eigenschaften der Hochsensiblen sind:
Sie nehmen Reize, auch unterschwellige, viel stärker wahr als normal sensible Menschen. Sie empfinden freudige wie auch schmerzhafte Gefühle stärker als andere, können Lärm oder Gerüche kaum ausblenden. Sie verarbeiten alle Informationen tiefer als andere. Hochsensible halten oftmals zuerst inne, um Informationen und Eindrücke zu verarbeiten, ehe sie sich in ungewohnte Situationen begeben. Allgemein werden diese Kinder und Erwachsenen oftmals als schüchtern eingestuft und häufig werden sie Opfer von Mobbing oder werden auf andere Art ausgeschlossen.
Unter Fachleuten, Therapeuten und Ärzten ist das Thema «Hochsensibilität» noch recht unbekannt. Es sei, so schreibt Elaine Aron, derzeit unter Fachleuten, die sich mit Temperament befassen, sogar noch strittig, ob es sich bei vielen ADS-Fällen (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) schlicht um eine missverstandene Hochsensibilität handle. Die Psychotherapeutin erachtet es somit als dringend notwendig, «diesem Wesenszug einen neuen Namen zu geben». Denn bisher wurden hochsensible Kinder mit allen denkbaren Bezeichnungen ausgestattet: Da sprechen Fachleute von niedriger Reizschwelle, angeborener Schüchternheit, Introvertiertheit, Ängstlichkeit, Hemmungen oder negativer Grundhaltung. Diese Terminologien würden diesen Kindern nicht gerecht, so Eliane Aron. «So neigen wir dazu, ein eher beobachtendes Kind für scheu oder ängstlich zu halten, ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sein Verhalten die angeborene Neigung eines sensiblen Individuums ist – nämlich erst einmal innezuhalten und zu beobachten, bevor es aktiv wird.» Von anderen hiesse es wiederum, sie würden überreagieren, weil sie eine Antenne für jede Stimmung und jedes Detail in ihrer Umgebung hätten.
Befreiender Jähzorn
Marianne Schauwecker hat ihre eigene Hochsensibilität erst als Erwachsene entdeckt. Heute unterhält die 62-jährige Stimmausdrucks- und Musiktherapeutin und Liedermacherin die Website hochsensibilitaet.ch und berät Erwachsene, so auch Eltern von hochsensiblen Kindern. «Hochsensibilität kann sich positiv äussern, etwa durch eine vielschichtige, fundierte Wahrnehmung, durch erhöhte Differenziertheit und Reflexionsfähigkeit, durch Einfühlungsvermögen, Gewissenhaftigkeit, Intuition, Kreativität und andere schätzenswerte Eigenschaften. Häufig werden diese jedoch überdeckt durch hemmende Faktoren wie etwa Überforderung, Überreizung, Stress, Überreaktionen, Rückzug, Schüchternheit, mangelnde Frustrationstoleranz.»
Marianne Schauwecker war ein «typisches» hochsensibles Kind, das von Eltern und Lehrpersonen mangels Kenntnis keine Unterstützung oder Verständnis für ihre Veranlagung erhielt. Auch der Vater war schon hochsensibel und, so erinnert sie sich, oft am Limit. «Ich war schüchtern, aber nicht passiv und sehr kreativ. Einerseits wollte ich mich zeigen, andererseits hatte ich Angst davor. Die Meinung anderer war mir sehr wichtig und ich war sehr besorgt, wenn ich den Vorgaben nicht entsprach. Dazu war und bin ich sehr verletzlich. Dies äusserte sich als Kind mitunter in Jähzornattacken, die ich als befreiend empfand.»
War sie überfordert, musste sie ein Drama machen, dass man ihr beistand. Besonders irritierend war für sie, dass sie Botschaften von Erwachsenen spürte, die ihr jedoch nicht ehrlich erklärt wurden. «Ich erhielt keine Bestätigung für meine Wahrnehmungen und lernte nicht, mir selber zu vertrauen.» Es sei darum sehr wichtig, die Veranlagung bei sich und seinen Kindern zu kennen. «Wenn man darüber nichts weiss, fokussiert man sich leicht auf die schwierigen Aspekte in seinem Leben oder im Leben des Kindes. Es droht die Gefahr, dass man sich selbst dann als nicht dazugehörig betrachtet, wenn nicht sogar als krank oder gestört», erklärt sie.
Eltern sind besonders gefordert
Was sie als Kind vermisste, waren – und das ist auch ihr Rat an alle Eltern von hochsensiblen Kindern – das Vermitteln, dass man «so in Ordnung ist, wie man ist» sowie eine klare Information darüber, was mit einem los ist. Das Wissen, dass man vielleicht etwas anders ist als viele andere, aber dennoch normal. Nur so könne ein Kind, das ja immer wieder an seine Grenzen stösst und jeden Tag merkt, dass es etwas anders reagiert, ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.
Es ist übrigens unmöglich, sich «ein dickes Fell» anzueignen. Denn es ist das Gehirn, das bei hochsensiblen Menschen in bestimmten Regionen aktiver arbeitet, als dies bei normal sensiblen Personen der Fall ist. Ein «Wahrnehmungsfilter» fehlt offenbar, weshalb es für Hochsensible schwierig ist, zwischen wichtigen und unwichtigen Wahrnehmungen zu unterscheiden. Die einzige Lösung für Hochsensible besteht demnach vor allem darin, diese Veranlagung zu erkennen, zu akzeptieren und sein Leben, wenn möglich, danach auszurichten. Sich nicht verunsichern zu lassen von Aussagen anderer, man sei ein «Sensibelchen» und zu feinfühlig, man sei nicht lebenstüchtig, scheu, unsozial oder neurotisch. Das beginnt etwa mit der bewussten Wahl des Alleinseins und einem aktiven Abgrenzen, reicht über das Wissen, dass man schneller als andere erschöpft ist und viel Schlaf benötigt, dass man auf Medikamente überreagieren kann bis hin zur passenden Berufswahl.