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von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.
Den zunehmend expeditionären und offensiveren Taten von Chinas Marine folgen jetzt Worte. Ganz offiziell hat Peking Mitte April 2013 ein neues Defence White Paper veröffentlicht. Trotz diplomatischen, friedensorientierten Formulierungen sind die aggressiveren Töne eindeutig. Lokale Kriege will China gewinnen können.
Wie jedes White Paper beginnt das Papier mit einer Bestandsaufnahme der Sicherheitslage. Auf die bekannten Veränderungen des internationalen Systems der letzten Jahre lohnte es sich nicht näher einzugehen. Interessant ist folgender Absatz:
Some country has strengthened its Asia-Pacific military alliances, expanded its military presence in the region, and frequently makes the situation there tenser. On the issues concerning China’s territorial sovereignty and maritime rights and interests, some neighboring countries are taking actions that complicate or exacerbate the situation, and Japan is making trouble over the issue of the Diaoyu Islands. The threats posed by “three forces,” namely, terrorism, separatism and extremism, are on the rise. The “Taiwan independence” separatist forces and their activities are still the biggest threat to the peaceful development of cross-Straits relations.
“Some country” steht für die USA. Das versteht sich von selbst. Durch Vermeidung der Namensnennung wird, wie es scheint, zu Beginn des Papiers versucht, nicht zu viel politisches Porzellan zu zerschlagen. Oder man traut sich die ganz offensive Rhetorik in Peking noch nicht zu. Allerdings gibt China in diesem Absatz zu, dass den USA die Stärkung ihrer Allianzen bereits gelungen ist. Ein bemerkenswertes Eingeständnis. Gegenüber Japan scheut man sich nicht, das Kind beim Namen zu nennen. Gegenüber Tokio sieht sich Peking folglich in einer Position der Stärke. Nicht ganz zu Unrecht. Die folgenden Sätze rund um Taiwan verwundern dagegen überhaupt nicht. Eine selbstbewusste Kampfansage ist der folgende Absatz:
Facing a complex and volatile security situation, the People’s Liberation Army (PLA) resolutely carries out its historical missions for the new stage in the new century. China’s armed forces broaden their visions of national security strategy and military strategy, aim at winning local wars under the conditions of informationization, make active planning for the use of armed forces in peacetime, deal effectively with various security threats and accomplish diversified military tasks.
Dass Chinas Streitkräfte ihre Missionen “resolut” austragen, macht noch keinen Paradigmenwechsel. Die offene Erklärung, Ziel der Streitkräfte sei, auch “local wars” zu gewinnen, mit besonderem Schwerpunkt auf Cyber, ist jedoch eine klare Ansage an das “Some country” USA, Japan und vor allem die kleineren Staaten rund um das Südchinesische Meer. Auf letztere würde der Fall eines “local war” wohl am ehesten zutreffen.
Quer durch das Papier finden sich diplomatische Formulierungen, die eine friedliche, wenig aggressive Ausrichtung suggerieren sollen. Nicht nur durch den obrigen Absatz ist dieser Versuch, sofern es so gedacht war, auf jeden Fall misslungen.
China’s armed forces unswervingly implement the military strategy of active defense, guard against and resist aggression, contain separatist forces, safeguard border, coastal and territorial air security, and protect national maritime rights and interests and national security interests in outer space and cyber space. “We will not attack unless we are attacked; but we will surely counterattack if attacked.” Following this principle, China will resolutely take all necessary measures to safeguard its national sovereignty and territorial integrity.
Was aktive Verteidigung bedeutet, lässt genau so viel Interpretationsspielraum offen wie alle anderen Begriffe. China beansprucht rund 80 Prozent des Südchinesischen Meeres für sich. Aktive Verteidigung könnte also ohne weiteres heißen, mit der Marine eben diese Ansprüche gegen Anrainerstaaten durchzusetzen. Dass China nicht mehr bereit ist, zurückzustecken, macht dieser Passus überdeutlich. Man werde auf jeden Fall zurückschlagen, wenn man angegriffen werde. Was einen Angriff darstellt, steht da nicht. Eine Eingrenzung, dass nur kinetische Gewaltanwendung einen Angriff darstellt, gibt es nicht. Folglich lässt dieses Passus alle Interpretationsräume zu und China könnte etwa den Aufbau einer neuen Station eines Anrainerstaates auf einer Insel im Südchinesischen Meer als Angriff verstehen. Allerdings steht da auch nicht, was “counterattack” beinhaltet. Man hält sich also alle Optionen offen.
Interessant ist allerdings auch – und das veranschaulicht strategisches Denken absolut auf der Höhe der Zeit -, dass China Luftraum, See, Land, Weltraum und Cyber-Space in einem Atemzug nennt. Sprich, mit China ist zumindest theoretisch überall zu rechnen.
Die geografische Eingrenzung auf “local wars” ist letztlich nichts anderes als eine Anpassung an die vorhandenen Fähigkeiten. Höhere Ambitionen wären sinnlos, da China noch weit von den notwendigen Fähigkeiten entfernt ist. Umgekehrt veranschaulicht ein eigener Absatz über “local wars”, wenngleich eine geografische Eingrenzung von “local” fehlt, dass der politische Wille zur Gewaltanwendung generell vorhanden ist. Natürlich ist das Papier auch als deutlich Signal an alle regionalen Mitspieler gedacht. “Local” dürfte sich wohl vor allem auf Taiwan sowie das Ost- und Südchinesische Meer beziehen.
Aiming to win local wars under the conditions of informationization and expanding and intensifying military preparedness. China’s armed forces firmly base their military preparedness on winning local wars under the conditions of informationization, make overall and coordinated plans to promote military preparedness in all strategic directions, intensify the joint employment of different services and arms, and enhance warfighting capabilities based on information systems. They constantly bring forward new ideas for the strategies and tactics of people’s war, advance integrated civilian-military development, and enhance the quality of national defense mobilization and reserve force building. They raise in an all-round way the level of routine combat readiness, intensify scenario-oriented exercises and drills, conduct well-organized border, coastal and territorial air patrols and duties for combat readiness, and handle appropriately various crises and major emergencies.
Bei lokalen Ambitionen muss es in Zukunft aber nicht bleiben, da von überseeischen Interessen bereits die Rede ist:
In addition, they strengthen overseas operational capabilities such as emergency response and rescue, merchant vessel protection at sea and evacuation of Chinese nationals, and provide reliable security support for China’s interests overseas.
Man darf annehmen, bei fortschreitendem Wachstum der Militärausgaben und maritimer Aufrüstung wird ein Defence White Paper 2023 wesentlich offensiver über Interessen in Übersee sprechen. Der Absatz über Kapazitäten bleibt dazu sehr unkonkret:
The PLAN is composed of the submarine, surface vessel, naval aviation, marine corps and coastal defense arms. In line with the requirements of its offshore defense strategy, the PLAN endeavors to accelerate the modernization of its forces for comprehensive offshore operations, develop advanced submarines, destroyers and frigates, and improve integrated electronic and information systems. Furthermore, it develops blue-water capabilities of conducting mobile operations, carrying out international cooperation, and countering non-traditional security threats, and enhances its capabilities of strategic deterrence and counterattack. (…) In September 2012, China’s first aircraft carrier Liaoning was commissioned into the PLAN. China’s development of an aircraft carrier has a profound impact on building a strong PLAN and safeguarding maritime security.
Die Entwicklung von U-Booten, Zerstörern und Fregatten ist bestens bekannt. Neue Kommando- und Kontrollsysteme dafür verstehen sich von selbst. Über neue amphibische Einheiten (LPD, LHA, LHD) steht dort ebenso wenig wie über die Zukunft des chinesischen Trägerprogramms. Entweder sollen die bestehenden Pläne also nicht öffentlich gemacht werden oder man will es mit der Kampfansage nicht übertreiben, in dem neue Großprojekte gleich nach dem Ziel von “winning local wars” bekannt gegeben werden. Nichtsdestotrotz kann sich bei den Worten “blue-water capabilities of conducting mobile operations” jeder Informierte vorstellen, wohin die Reise geht. Gelder für Entwicklung eines Nuklearantriebs für Flugzeugträger wurden vor Kurzem wohl nicht ohne Grund bewilligt.
Die maritime Welt wird sich auf mehr expeditionäre Operationen Chinas einstellen müssen. Das White Paper gibt die Marschroute in diese Richtung eindeutig vor:
Intensifying blue water training. The PLAN is improving the training mode of task force formation in blue water. It organizes the training of different formations of combined task forces composed of new types of destroyers, frigates, ocean-going replenishment ships and shipborne helicopters. It is increasing its research and training on tasks in complex battlefield environments, highlighting the training of remote early warning, comprehensive control, open sea interception, long-range raid, anti-submarine warfare and vessel protection at distant sea.
Während man sich heute öffentlich zum Sieg in lokalen Auseinandersetzungen in der Lage sieht, arbeitet man an der Umsetzung, Gleiches auch in Zukunft weit ab des eigenen Hoheitsgebiets tun zu können. Warum, stellt das White Paper auch klar. China hat seinen kontinentalen Fokus aufgegeben und sieht sich als See- und Landmacht (die See wird als Erstes genannt) zugleich:
China is a major maritime as well as land country. The seas and oceans provide immense space and abundant resources for China’s sustainable development, and thus are of vital importance to the people’s wellbeing and China’s future. It is an essential national development strategy to exploit, utilize and protect the seas and oceans, and build China into a maritime power. It is an important duty for the PLA to resolutely safeguard China’s maritime rights and interests.
Für die geo- und machtpolitische Nummer 2 der Welt ist eine immer ambitionierte maritime Agenda nur natürlich. Die Abhängigkeiten Chinas von sicheren Seewegen – Stichwort Malakka-Dilemma – ist allseits bekannt. Neu ist die offensive Rhetorik, denn 2003 hieß es noch “Peaceful Rise”. Es drängt sich auch der Verdacht auf, dass China die Gunst der Stunde nutzt, da der Sequester den US-Streitkräften immer weiter zusetzt. Man Vergleiche, dass China “local wars” gewinnen will, während der Kommandeur der US-Pazifikflotte Admiral Locklear öffentlich vor dem Kongress zugeben muss: “I can’t do it“. Laut Locklear verfügen die US im Pazifik gegenwärtig nicht über die notwendigen “force levels”.
Bisher sind all das nur Worte einerseits in einem Weißbuch und andererseits in einer Kongressanhörung. Aber Thomas Donnelly hat im Kern recht, dass eine Welt bestehend aus “I can’t do it”-USA und “winning local wars”-China wesentlich gefährlicher wird.