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Die Inselgruppe hält zahlreiche weitere ähnliche Rekorde: In der Forschungssiedlung Ny Ålesund befindet sich das nördlichste Postamt der Welt, im russischen Grubenstädtchen Barentsburg braut die nördlichste Brauerei der Welt „Krasnyj Medwed“-Bier (Roter Bär) und die Geisterstadt Pyramiden brüstet sich mit dem bedeutendsten dieser Rekorde, der nördlichsten Lenin-Statue der Welt.
Was haben Lenin und die Russen auf dieser norwegischen Inselgruppe verloren? Spitzbergen ist gar nicht so norwegisch, wie es ein Blick auf die Landkarte vermuten lässt: Es gehört nicht zum Schengen-Raum, anders als bei fast allen anderen Flügen innerhalb Europas werden die Identitätsdokumente der Passagiere am Flughafen Oslo kontrolliert (eine Einreisekontrolle in Spitzbergen gibt es aber nicht). Der Grund dafür ist der Spitzbergenvertrag von 1920, der Norwegen zwar die Souveränität über das Gebiet zuspricht, es aber den Einwohnern aller unterzeichnenden Länder erlaubt, sich in Spitzbergen anzusiedeln und wirtschaftlich tätig zu sein. Zu den Unterzeichnerstaaten gehören Länder wie Afghanistan oder die Dominikanische Republik.
Dennoch ist Spitzbergen noch kein Ziel für Migranten aus der halben Welt geworden. Die norwegische Regierung lässt die Wohnsitznahme auf Spitzbergen nämlich nur bei Personen zu, die dort eine Arbeitsstelle haben – egal ob Norweger oder Ausländer, es müssen alle gleichberechtigt behandelt werden. Dies hat zur Folge, dass Einwohner beim Eintritt in die Rente Spitzbergen verlassen müssen. Früher lebten überhaupt nur Männer (Kohlenminenarbeiter) dort, mittlerweile ist das Geschlechterverhältnis aber ziemlich ausgeglichen und es gibt auch Kinder. Aber auch hier greift der Sonderstatus: Da Norwegen das ius solis kennt, würden alle auf Spitzbergen geborenen Kinder automatisch die norwegische Staatsangehörigkeit erhalten, ihre Eltern dürften sich danach mit ihnen auch auf dem norwegischen Festland ansiedeln. Aus diesem Grund müssen alle schwangeren Frauen rund zwei Monate vor dem Geburtstermin in ihr Heimatland reisen, um zu gebären – auf Spitzbergen ist dies nicht erlaubt!
Die Möglichkeit der wirtschaftlichen Ausbeutung nehmen derzeit nur Norwegen und Russland wahr, deshalb gibt es norwegische und russische Ortschaften auf der Insel. Norwegisch sind der Hauptort Longyearbyen (ca. 2500 Einwohner), die Grubensiedlung Sveagruva (ca. 300 Einwohner) und Ny Ålesund (ca. 35 Einwohner), russisch die Grubensiedlung Barentsburg (ca. 470 Einwohner) und die 1998 aufgegebene Ortschaft Pyramiden (heute 15 Einwohner). Hinzu kommt eine polnische Forschungsstation am Hornsund mit 12 Einwohnern. In diesen Siedlungen leben allerdings zahlreiche Einwohner aus anderen Ländern. In Longyearbyen sind die Thais die grösste Minderheit, die mehrheitlich in Gastronomie und Tourismus tätig sind. Die meisten Minenarbeiter in Barentsburg stammen aus dem ukrainischen Donbass, daneben leben auch viele Tadschiken, Usbeken und Armenier dort. In Pyramiden stellen die Tadschiken sogar fast die Hälfte der Bevölkerung (7 Personen). Entsprechend sind neben der norwegischen und russischen Sprache auch Englisch, Thai und Persisch häufig zu hören.
Spitzbergen ist an Vegetation sehr arm, Flora und Fauna sind darum einfältig. Bäume (und Insekten!) gibt es gar keine, und sogar das Gras wachst nur sehr spärlich. Mit etwas traurigen Konsequenzen für die Spitzbergen-Rentiere: Diese werden in der Regel nur acht Jahre alt. Danach haben sich ihre Zähne wegen dem steinigen Grund so stark abgenutzt, dass sie nicht mehr fressen können, und sie verhungern langsam. Als weitere Säugetiere gibt es nur noch den Polarfuchs und den Eisbär. Diesem begegnet man auf Schritt und Tritt: Fast jedes Hotel, Restaurant, Geschäft etc. hat einen ausgestopften Eisbär ausgestellt, und auf den meisten Souvenirs ist er in irgendeiner Form abgebildet. In Spitzbergen leben mehr Eisbären als Menschen, und er stellt die einzige wirkliche Gefahr für Touristen dar: Es ist verboten, die geschlossenen Siedlungen ohne Gewehr zu verlassen. Immer wieder ereignen sich nämlich tödliche Unfälle mit dem Raubtier, das sich ab und zu auch am Rand von Siedlungen zeigt. Dafür besteht eine realistische Chance, auf einer Schifffahrt auf den Spitzbergen Eisbären aus sicherer Distanz zu beobachten.
Vögel gibt es übrigens auch zur Genüge, und Kenner haben offenbar viel Freude an den Vogelfelsen. Ein Reiseführer zählte sich nicht zu diesen und erwähnte als seinen Lieblingsvogel lediglich das Backhendl. Mir machte neben dem plumpen Papageientaucher vor allem die Küstenseeschwalbe (engl. arctic tern) Eindruck. Dies durchaus wörtlich: An meinem ersten Spaziergang am Strand von Longyearbyen wurde ich von diesen Vögeln zuerst laut angeschrien, danach sogar tätlich angegriffen. Ich fand dann heraus, dass dies ein Brutgebiet der Küstenseeschwalbe ist und dass diese zur Brutzeit sehr aggressiv ist. Deshalb muss man, wenn man durch das Gebiet geht, einen Stecken mit sich führen und diesen stets über den Kopf halten. Die Küstenseeschwalbe hat die weiteste Migrationsroute der Tierwelt: Im Sommer hält sie sich in der Arktis auf, im Winter in der Antarktis.
Dieser Vogel sieht wohl fast nie die Dunkelheit: In Spitzbergen kann man nämlich die Mitternachtssonne ganze vier Monate lang geniessen. Da es sehr trocken ist, hat man sowas wie eine Gutwettergarantie: Bei meinem Besuch war es durchgehend angenehme 10° C warm, und nur zweimal gab es kurze Phasen mit Nieselregen – der Sonnenschein überwog klar. Die Polarnacht dauert allerdings auch vier Monate. Deshalb sind die Phasen, in denen es am Tag hell und in der Nacht dunkel ist, sehr kurz. Im Herbst gibt es täglich etwa 40 Minuten weniger Sonnenlicht – die Sonne geht 20 Minuten später auf und 20 Minuten früher unter.
Reisen in Spitzbergen
Foto: (EN) Highlight of a Svalbard trip: Whale barbecue in front of Nordenskiöld Glacier, close to the Russian ghost town of Pyramiden. (DE) Höhepunkt einer Spitzbergen-Reise: Grillierte Walschnitzel beim Nordenskiöld-Gletscher in der Nähe der russischen Geisterstadt Pyramiden.
Spitzbergen (norwegisch und englisch Svalbard) ist ein einfacheres Reiseziel als man sich denken könnte: Täglich gibt es Linienflüge mit SAS und Norwegian ab Oslo und Tromsø, die nicht mal extrem teuer sind: Ich bezahlte eine Woche vor der Abreise (der Ausflug war recht spontan) 450 € von der Schweiz aus inkl. Rückflug. Schon der Flug über Gletscher und Gebirge und die Landung in Longyearbyen sind die halbe Reise wert! Eine Anreise auf dem Seeweg ist natürlich auch möglich: Ab Tromsø im Norden Norwegens gibt es ab und zu Fähren, welche die Strecke in drei Tagen zurücklegen. Auch vom russischen Murmansk aus soll es ab und zu Schiffe nach Barentsburg geben.
In Spitzbergen selbst gibt es an öffentlichem Verkehr eigentlich nur den Bus, der für 60 NOK zwischen dem Flughafen und Longyearbyen verkehrt. Viel länger ist das Strassennetz auch gar nicht: Um Longyearbyen herum gibt es etwa 20 km, zwischen der einzigen aktiven Kohlenmine im Adventsdalen und den Ferienhäusern im Bjørndalen, die vor allem wegen ihrer guten Internetverbindung beliebt sind. Weitere etwa 5 km gibt es zwischen dem russischen Barentsburg und dem Helikopterlandeplatz. Russland (bzw. der Trust Arktikugol) wollten diese Strasse zur verlassenen Siedlung Grumantbyen und eventuell weiter nach Longyearbyen ziehen, aus naturschützerischen Gründen war der norwegische Gouverneur aber gegen dieses Vorhaben. Es reichte wohl, dass die Russen Eisenbahntunnels bei Grumantbyen und Pyramiden gebaut hatten…
Von Longyearbyen aus gelangt man am besten per Ausflugsschiff in die russischen Ortschaften Barentsburg und Pyramiden – in der Sommersaison verkehren täglich ein oder zwei Schiffe. Bei beiden Fahrten gehört ein Halt bei einem der mächtigen Gletscher, die bis ins Meer reichen, dazu. Beim Halt vor dem Gletscher wird auf Deck Walfleisch und Lachs grilliert. Obwohl ich kein Freund von geführten Ausflügen bin, fand ich diese Schiffsausflüge absolut lohnenswert und unterhaltsam – und es gibt sowieso keine Alternativen (ausser dem sehr teuren Helikopterflug). Wer die russischen Ortschaften länger besuchen will, kann auch ein One-Way-Ticket kaufen. Im Winter ist übrigens der Schnee-Scooter das Verkehrsmittel der Wahl – von Longyearbyen gelangt man in anderthalb Stunden nach Barentsburg, deutlich schneller als im Sommer.
Nach Sveagruva gelangt man nur mit den Charterflugzeugen des Unternehmens, das die Kohlenmine betreibt – für Touristen nicht zugänglich. Das gleiche gilt für Ny Ålesund, das allerdings zudem von einigen Kreuzfahrtschiffen angefahren wird und dadurch einige Touristen sieht (ein Grund, die dortige Poststelle zu öffnen).
Reisen in Spitzbergen ist wirklich interessant, hat aber auch seinen Preis. Nicht nur die Tagesausflüge per Schiff, die jeweils ca. 200 € kosten, schlagen zu Buche, sondern auch die Unterkünfte in Longyearbyen. Diese haben limitierte Kapazitäten, was mich bei der Organisation der Reise vor die grösste Herausforderung stellte: Es war fast alles ausgebucht. Schliesslich kann ich meine Wahl, das Gjestehuset 102, aber sehr empfehlen: Eine ehemalige Bergleute-Unterkunft mit Jugendherbergen-Standard für ca. 120 € pro Nacht im Doppelzimmer. Das offenbar beste Hotel ist jenes in Barentsburg (das einzige!), das mit der für Russland üblichen Fantasie „Hotel Barentsburg“ heisst. Ein Doppelzimmer kostet dort weniger als 100 €, man findet mühelos freie Zimmer und kann sich danach die ganze Nacht auf dem Первый Канал (1. Kanal Russlands) die russische Propaganda zum Krieg in der Ukraine ansehen.
In kulinarischer Hinsicht hat mich Spitzbergen absolut überrascht. In den Restaurants Kroa und Huset in Longyearbyen habe ich deutlich besser gegessen als je zuvor auf dem norwegischen Festland – absolut empfehlenswert. Beide Restaurants führen „arktische Spezialitäten“ wie Rentier und teils Wal. Das beste Walfleisch sind aber die marinierten Schnitzel, die auf den Ausflugsschiffen von den Thais bei den Gletscher-Stopps grilliert werden. In den Hotels in Barentsburg und Pyramiden wird natürlich russische Küche serviert, was ich mir für einmal erspart habe.
Die Spitzbergen sind übrigens ein absolut sicheres Reiseland – weitab von Konflikten und Kriminalität, wobei doch festzuhalten ist, dass alle Siedlungen im 2. Weltkrieg komplett zerstört worden sind. Derzeit sind aber die Eisbären die einzige ernstzunehmende Gefahr.
Longyearbyen
Foto: (EN) View on a residential area, Longyearbyen’s town centre and the industrial district with harbour. (DE) Aussicht auf ein Wohnquartier, die Innenstadt und den Industriebezirk mit Hafen in Longyearbyen.
Longyearbyen ist der Hauptort Spitzbergens, als Sitz des norwegischen Gouverneurs (Sysselmann) für die Insel. Es ist die einzige Siedlung der Inselgruppe, die man als Stadt bezeichnen kann, und ist damit selbstverständlich die nördlichste Stadt der Welt (was auch Wikipedia bestätigt). Und tatsächlich hat Longyearbyen die Infrastruktur einer Stadt, mit Flughafen, Spital, Schulen, Schwimmbad, Forschungszentrum, einigen Hotels und Restaurants und einer grossartigen industriellen Vergangenheit.
Longyearbyen entstand nämlich als Bergarbeiterstadt, die Siedlung wurde 1906 vom US-Unternehmer John Munroe Longyear gegründet. Erst 1916 wurde die Siedlung norwegisch, als die Kohlengruben in den Besitz der Store Norske Kulkompani überging, welche bis heute im Kohleabbau tätig ist. Nach und nach erschöpften sich die Kohlevorkommen, und die Gruben 1 bis 6 stehen mittlerweile still. Als einzige ist die recht weit von der Stadt entfernte Grube 7 noch in Betrieb. Deren Ertrag ist aber sehr bescheiden: Er reicht nur für die Produktion von Fernwärme und Energie für Longyearbyen selbst aus, es wird keine Kohle exportiert. Dies geschieht nur noch von der etwa 40 km südlich gelegenen Sveagruva, aber auch diese Grube sei nicht rentabel.
Die Hinterlassenschaft des Kohleabbaus ist in Longyearbyen überall präsent – insbesondere aufgrund der Seilbahnen, die einst überall durch das Stadtgebiet führten. Es waren recht geniale Konstruktionen: Sie funktionierten ohne Energiezufuhr und rein mit Schwerkraft, da die gefüllten Kohlebehälter der Minen jeweils die leeren Behälter aus dem Tal wieder hochbeförderten. Vor etwa 20 Jahren wurde die letzte Seilbahn geschlossen. Die Masten (teils auch die Seile) stehen aber immer noch in der Gegend und werden dies wohl auch noch lange tun, denn aufgrund von Trockenheit und Permafrost erhalten sie sich bestens. Die Kohlegruben – insbesondere die Grube 2, die direkt über der Stadt liegt – eignen sich bestens für Entdeckungen und geben ein gutes Fotomotiv ab.
Da die Entwicklung der im 2. Weltkrieg komplett zerstörten Stadt seither relativ geplant vor sich ging, ist die Stadt thematisch geordnet: Es gibt eine Hafengegend, einen Industriebezirk, einen Hang mit vielen farbigen Wohnhäusern und die „Innenstadt“, eine recht hässliche Fussgängerzone, an der fast alle Institutionen liegen (u.a. der nördlichste Supermarkt der Welt, die Svalbardbutik). Historische Gebäude sucht man abgesehen von den Kohlegruben fast vergebens. Der älteste Stadtteil heisst ironischerweise Nybyen (Neustadt) und liegt etwa zwei Kilometer von der Innenstadt entfernt in Richtung Gletscher, er besteht aus einem Teil der Unterkünfte für die Bergleute, die nach dem zweiten Weltkrieg erstellt worden sind.
Ausserdem gibt es einen Stadtteil namens Gamle Longyearbyen (Alt-Longyearbyen), in dem sich die Kirche, der Sitz des Gouverneurs und das Zentrum der Seilbahnen befindet. Hinzu kommt die Spitaltreppe: Der polare Winter gilt in Longyearbyen nämlich als beendet, sobald ein erster Sonnenstrahl das Ende der Spitaltreppe erreicht. Danach folgt eine ganze Woche Feiern. Dieser Spital wurde im Weltkrieg allerdings zerstört. Beim Wiederaufbau der Stadt beschränkte man sich auf die Treppe (zur Anzeige des Winterendes), der neue Spital entstand in der heutigen Innenstadt.
Insgesamt ist die Stadt – auch dank der fehlenden Vegetation – sehr übersichtlich und lädt aufgrund ihrer Weitläufigkeit zu längeren Spaziergängen ein. Diese sind ohnehin notwendig, denn öffentlichen Verkehr gibt es abgesehen vom Flughafenbus keinen.
Barentsburg
Foto: (EN) Centre of the Russian mining settlement of Barentsburg in Svalbard. (DE) Ortszentrum der russischen Bergwerksiedlung Barentsburg in Spitzbergen.
Barentsburg ist die grösste russische Siedlung in Spitzbergen mit rund 470 Einwohnern. Ursprünglich war es natürlich eine sowjetische Siedlung, und so prangt auch heute noch der Slogan „Наша цель – коммунизм“ (Unser Ziel ist der Kommunismus) im Ortszentrum, direkt hinter der Leninstatue. Obwohl Russisch allgemeine Umgangssprache ist, stammen die Einwohner auch aus anderen Ex-Sowjetrepubliken. Ein Grossteil der Kohlearbeiter kommt aus den momentan umkämpften ukrainischen Industriestädten Donezk und Luhansk – die Schachtarbeiter verdienen im Norden viel besser als im Donbass. Viele Einwohner sind auch aus Tadschikistan, und so hört man hier auch immer wieder die persische Sprache. Die Einwohner haben üblicherweise zweijährige Arbeitsverträge und bleiben für vier bis sechs Jahre in Spitzbergen.
Fast alle arbeiten für den Trust „Arktikugol“ („ugol“ bedeutet Kohle), der staatlichen russischen Kohleabbaugesellschaft. Arktikugol ist kein erfolgreiches Unternehmen: Der grösste Teil der geförderten Kohle wird direkt im Elektrizitätswerk der Siedlung verbrannt, um Energie für Barentsburg zu produzieren. Ein Teil wird nach Deutschland und in die Niederlande exportiert, dennoch ist das Unternehmen nicht rentabel. Dies ist aber auch nicht der Zweck von Arktikugol: Russland geht es in erster Linie darum, einen Fuss in der Arktis zu behalten. Arktikugol betreibt in Barentsburg das Hotel und auch sonst einen grossen Teil der Infrastruktur und funktioniert somit zusammen mit dem russischen Konsulat (einmal mehr ein Rekord: die nördlichste diplomatische Vertretung der Welt!) als Ortsverwaltung. Nur ein paar Forscher, die eine eigene Strasse oberhalb der Kohlengrube haben, sind keine Angestellte von Arktikugol.
Barentsburg hatte einst eine für Ortschaften vergleichbarer Grösse beeindruckende Infrastruktur, die sich auch heute noch sehen lässt: Neben dem Konsulat verfügt die Siedlung über einen Sportkomplex mit Hallenbad, ein Spital, einen Konzertsaal und sogar eine Schweinefarm. Früher wurden wurden in den Ställen auch andere Tiere gehalten und in einem Gewächshaus Gemüse gezüchtet. Dafür gibt es mittlerweile eine kleine orthodoxe Kapelle, die nach einem Flugzeugunglück 1996 entstand, als zahlreiche ukrainische Grubenarbeiter in Longyearbyen verunglückten. Allerdings gibt es abgesehen von einem nur sporadisch geöffneten Souvenirgeschäft keinen Laden, einzig die Bar des einzigen Hotels verkauft Lebensmittel. Sie führt immerhin das Bier der nördlichsten Brauerei der Welt – Красный Медведь (Roter Bär). Davon gibt es erfreulicherweise sogar drei Sorten (hell, Amber und dunkel). Weniger erfreulich ist, dass es aufgrund der norwegischen Gesetze nur 2.5% Alkohol enthält und daher geschmacklich nicht so ein Erlebnis ist. Neben der Bar befinden sich im Hotel auch das (norwegische) Postamt und ein Reisebüro.
Barentsburg muss vor einigen Jahren noch einen völlig trostlosen Eindruck gemacht haben – ein Restposten der Sowjetunion am Ende der Welt. Mittlerweile wurde aber die Verschönerung der Ortschaft in Angriff genommen: Einige der nicht mehr benutzten, älteren Holzgebäude wurden abgerissen (glücklicherweise nicht alle), Wohnblocks erhielten neue, farbige Fassaden. Entsprechend dem russischen Zeitgeist wurde sogar der Kommunismus-Slogan sorgfältig restauriert.
Herz der Stadt ist aber immer noch die Kohlengrube, um die sich alle anderen Gebäude (und auch die bescheidene Betonplatten-Hauptstrasse Starostina) gruppieren. Auch hier laufen einige Modernisierungsarbeiten. Die Abbaumethoden (zumindest das, was an der Oberfläche erkennbar ist), muten aber museal an. Es lohnt sich hier, sich von der in Russland üblichen Geheimniskrämerei um Industriegebiete nicht abhalten zu lassen und das Werksgelände einfach zu betreten. Trotz Verbotsschildern kann man einfach so darin herumspazieren und z.B. in einer Halle beobachten, wie Kohle in uralte Eisenbahnwaggons gefüllt wird, die danach in Richtung Elektrizitätswerk davonrasseln. Einzig beim sehr fotogenen Rostplatz hinter der Siedlung scheint man es mit dem Fotoverbot leider ernst zu nehmen. Ein Hinweis darauf, dass dies nicht Russland, sondern Norwegen und damit ein freies Land sei, verhinderte aber immerhin weiteren Ärger.
Pyramiden
Foto: (EN) Welcoming sign at the entrance of the Russian ghost town of Pyramiden on Svalbard. (DE) Repräsentatives Ortsschild der russischen Geisterstadt Pyramiden in Spitzbergen.
Pyramiden, die zweite russische Ortschaft auf Spitzbergen, war einst ein sozialistisches Utopia: Über 1’000 Personen lebten hier in für den Sozialismus komfortablen Verhältnissen: Es gab unter anderem ein Sportzentrum, ein Kulturhaus, ein sehr gut ausgerüstetes Spital und verschiedene landwirtschaftliche Betriebe. Die damals modernen Wohnungen hatten keine Küchen, da alle Einwohner in der gemeinsamen Kantine spiesen – das Essen dort war für alle kostenlos! Kühlschränke gab es auch nicht, dafür hatte jede Wohnung eine ins Fenster eingebaute Metallbox. Dort war es genügend kühl.
Der Kapitalismus forderte aber sein Tribut, und im März 1998 war es zu Ende mit dem Utopia: Aus Rentabilitätsgründen wurde die Kohlengrube geschlossen. Der letzte Kohlewaggon steht immer noch am Ortseingang von Pyramiden, direkt unter dem überdimensionierten Ortsschild auf dem Foto oben. Offenbar ist diese Kohle ein beliebtes Souvenir und der Waggon wurde schon mehrfach geleert. Dies ist aber kein Problem, da auf der Halde daneben noch genügend Kohle herumliegt, um den Bedarf der Touristen über Hunderte Jahre zu decken.
Fast zehn Jahre war Pyramiden eine richtige Geisterstadt, ganz ohne permanente Einwohner. Seither hat der russische Trust Arktikugol aber wieder ein paar Leute dort angesiedelt, die das renovierte Hotel betreiben, die Ortschaft etwas aufräumen und forschen. In Zukunft soll sich Pyramiden in eine Polarforschungsstation entwickeln. Derzeit leben in Pyramiden 15 Personen: Acht Russen und sieben Tadschiken. Die Russen leben im Hotel, die Tadschiken in der „Garage“. Dies tönt schlechter, als es offenbar ist, dort ist es nämlich deutlich wärmer. Offenbar besteht diese Trennung aufgrund des islamischen Tagesablaufs der Tadschiken (mit Gebeten). An kalten Tagen gesellen sich aber auch die Russen gerne zu den Tadschiken in die warme Garage.
Alle anderen Gebäude sind aber nicht bewohnt, und so ist Pyramiden weiterhin grösstenteils eine Geisterstadt. Sämtliche Infrastruktur wurde aufgegeben – abgesehen von den im Sommer täglichen Touristenbooten kommt nur noch monatlich ein Versorgungshubschrauber aus Barentsburg an. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind äusserst begrenzt, es gibt weder Internet noch Mobilfunknetz. Einzig an einer kleinen Stelle am Hafen ist es möglich, über das norwegische Netz SMS zu empfangen oder zu senden, wenn man ein bisschen wartet.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit von Pyramiden ist die Leninstatue – die nördlichste der Welt! Sie blickt auf die zentrale Strasse der Grossen Oktoberrevolution, die von den Einheimischen bescheiden „Champs-Elysées“ genannt wurde. Sie ist sehr grün – nirgendwo in Spitzbergen wächst das Gras besser und höher. Dies liegt daran, dass hierher extra die wertvolle Schwarzerde aus der Ukraine gebracht worden ist – bis heute hat sich deren Fruchtbarkeit erhalten. Sie ist so heilig, dass die Wiese nicht betreten werden darf. Gleich hinter der Leninstatue befindet sich das Kulturhaus und Juri-Gagarin-Sportzentrum. Das Gebäude kann besichtigt werden – es liegen dort immer noch alle möglichen Gegenstände herum aus der Zeit, als Pyramiden bewohnt war, und erinnerte mich deshalb stark an meine Besuche in Tschernobyl.
Zur Zeit meines Besuchs hatte die Siedlung übrigens Ärger mit einem aggressiven jungen Eisbären, der immer wieder am Siedlungsrand herumgeisterte. Einmal vertrieben ihn die Norweger zwar mit einem Helikopter auf den Berg daneben. Als der Helikopter verschwunden war, kam der Eisbär aber bald wieder den Berg herunter. Aus diesem Grund verlief die Führung durch die Siedlung unter strengen Sicherheitsvorkehrungen – die Reiseführer hatten Gewehre dabei, niemand durfte sich von der Gruppe entfernen. Natürlich hielten sich die russischen Touristen nicht daran, glücklicherweise passierte aber dennoch nichts.
Grumant und andere Ortschaften
Foto: (EN) View on the former Soviet mining settlement of Grumant, which was closed in 1965. (DE) Blick von einem Ausflugsschiff auf die 1965 aufgegebene sowjetische Bergwerkssiedlung Grumant.
Ausserhalb der drei von Touristen am häufigsten besuchten Ortschaften Longyearbyen, Barentsburg und Pyramiden gibt es in Spitzbergen noch zahlreiche weitere besiedelte oder ehemals besiedelte Orte. Dazu gehören diverse Forschungsstationen, ehemalige Walfischersiedlungen, Sendestationen und einzelne Hütten in der Wildnis. Einige davon werden bis heute unterhalten und sind bisweilen sogar für wilde Partys bekannt.
Wohl die grösste vollends aufgegebene Siedlung ist Grumant (Bild oben), das zwischen Barentsburg und Longyearbyen am Isfjord und damit an der Route der Ausflugsschiffe liegt. Grumant war eine russische Bergwerkssiedlung, die nach dem 2. Weltkrieg für einige Zeit über 1’000 Einwohner hatte. Das Bergwerk wurde aber schon 1965 geschlossen und die Siedlung aufgegeben: Die russischen Arbeiten zogen aus und hinterliessen die vollständige Ortschaft. Dies war nicht im Sinne der norwegischen Regierung, welche die Sowjetunion darauf per Brief zum Rückbau drängte. Die Sowjetunion ignorierte dieses Schreiben, worauf Norwegen erneut schrieb und an ihre Verpflichtung erinnerte. Als danach mit dem Rückbau schon begonnen worden war, besann sich Norwegen allerdings auch auf den Denkmalschutz und bat die Sowjets, stehen zu lassen was noch erhalten war. Heute stehen deshalb immerhin noch fünf Häuser, an recht spektakulärer Lage.
Diese leider auch ungeschützte Lage verunmöglichte damals den Bau eines Hafens zur Verschiffung der abgebauten Kohle. Stattdessen wurde einige Kilometer entfernt in der Coles-Bucht ein Hafen gebaut und mit einer Eisenbahnstrecke mit der Siedlung verbunden. Diese Strecke beinhaltet sogar einen recht langen Tunnel! Angespornt von diesem bemerkenswerten Bahnbau versuchten die Russen danach offenbar auch, von Pyramiden aus ein Kohlefeld auf der gegenüberliegenden Fjordseite zu erschliessen und begannen dazu, einen Tunnel unter dem Fjord hindurch zu bauen. Dieser wurde allerdings nie vollendet.
In Ny-Ålesund wurde die Kohlengrube ebenfalls geschlossen, die Ortschaft blieb aber als Forschungsstation mit einer permanenten Bevölkerung von etwa 35 Personen erhalten. Für Touristen ist sie recht schwer zugänglich: Ab und zu halten Nordmeer-Kreuzfahrtsschiffe für eine Stunde oder zwei in Ny-Ålesund. Individuell müsste man aber per Flugzeug anreisen. Dies ist nur möglich, wenn die Charterflugzeuge des Forschungsunternehmens Kings Bay freie Plätze haben, und sehr teuer. Ausserdem ist dazu offenbar auch eine Bewilligung des Gouverneurs (Sysselmann) von Spitzbergen notwendig. Ny-Ålesund ist die nördlichste permanent besiedelte Ortschaft Spitzbergens. Die nördlichste Poststelle der Welt ist jeweils geöffnet, wenn ein Kreuzfahrtschriff in Ny-Ålesund Station macht.
Unzugänglich für Touristen ist die norwegische Bergwerkssiedlung Sveagruva . Die Einwohner leben alle nur temporär in der Ortschaft und pendeln per Charterflugzeug aus dem etwa 45 km entfernt gelegenen Longyearbyen. Sveagruva ist die einzige norwegische Mine auf Spitzbergen, die für den Export produziert (jene bei Longyearbyen versorgt nur die Stadt mit Energie und Fernwärme). Gewinn wirft sie trotzdem nicht ab. Im Winter ist Sveagruva übrigens auf dem Landweg per Schneemobil in einer Stunde aus Longyearbyen erreichbar.
Sehr interessant dürfte auch die polnische Forschungsstation in Isbjørnhamna am Hornsund (Polska Stacja Polarna Hornsund) sein. Diese Station war bereits zu Zeiten des Sozialismus in Betrieb. Die Sowjets aus Barentsburg versuchten stets, die Polen in Hornsund zur Deckung ihrer teils militärischen Operationen auf Spitzbergen zu bewegen. Polen hielt sich aber trotz offizieller Moskautreue an den Spitzbergen-Vertrag und meldete verdächtige russische Bewegungen den norwegischen Behörden in Longyearbyen. Bis heute arbeiten Polen und Norweger auf Spitzbergen hervorragend zusammen. Nur die offizielle Begeisterung für Moskau ist in Polen etwas zurückgegangen…