Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/778

HearTomorrow
Der Audiophile
Was ist mit dem audiophilen Menschen passiert?
Ganz entspannt zurückgelehnt in einem Sessel, versunken in Rachmaninoff, Al Jarreau oder Queen, umgeben von einer Musikanlage der Spitzenklasse, der besten, die er sich leisten kann, war der audiophile Mensch das Symbol für das Goldene Zeitalter der Audiophonie, einer Zeit, in der bestimmte Menschen ihr Haupt vor dem Altar kostspieliger Hi-Fi Zwei-Kanal-Stereo-Anlagen beugten. Sie waren so etwas wie fahrende Ritter, ständig auf der Suche nach dem perfekten Audioerlebnis.
1980 wurde etwa in einer bekannten Zeitung eine Anlage mit dem Nimbus, der Heilige Gral zu sein, folgendermassen beschrieben: "Bei den orchestralen Texturen herrscht eine größere Transparenz, die jedem Instrument eine fast taktil zu nennende Präsenz verleiht." In fundamentalistischen Grundsatzdebatten standen sich Befürworter von Vakuumröhren-Verstärkern Verfechtern von Festkörper-oder Transistorverstärkern gegenüber. Ihre Heilige Schrift waren Fachzeitschriften wie ‚Stereo Review' und ‚High Fidelity'. Fachgeschäfte für Musikanlagen waren geheiligte Wallfahrtsorte.
Und dann brach die Revolution der Barbaren aus. Der Ghetto-Blaster oder die Boombox, der Walkman und andere Geräte, die leicht zu tragen waren, machten die Musik ortsunabhängig. Die digitale Tontechnik ermöglichte es dem Hörer, sehr viele komprimierte, einfach herunter zu ladende Musikdateien zu speichern – zuerst auf dem Computer und dann auf Kleinstgeräten und Mobiltelefonen. Die Klangqualität der Aufnahmen wurde der Geschwindigkeit und der Bequemlichkeit geopfert. Lautstärke wurde wichtiger als Klarheit. Die Opulenz und Wärme einer Aufzeichnung wurde durch einen blechernen Klang und Splashs ersetzt.
Die Klanglandschaft hat sich verändert
Die Klangqualität ist heutzutage nur noch selten ein Thema in Gesprächen über Musik und für viele Hörer ist High Fidelity kein Thema mehr. Zu bedenken ist insbesondere, dass Musik oft in lauter Umgebung gehört wird, während gleichzeitig etwas anderes getan wird, wie zum Beispiel essen während des Autofahrens oder telefonieren während des Spaziergangs. Heute gleicht das Musikhören sehr dem Umgang mit dem PC. Es ist rund um die Uhr an jedem Ort möglich. Der Mensch nimmt heute seine Musik mit und die Welt an sich hat sich in jeder Hinsicht sehr verändert. Es gibt einfach immer weniger Vertreter der alten Schule, die sich hinsetzen und der Musik lauschen.
Während die Umsatzzahlen für Spitzengeräte mit einer erstklassigen Klangwiedergabe zurückgegangen sind, steigen die Zahlen für Billiggeräte, die immer bessere Audio-Eigenschaften aufweisen. Manche Medien-Konsumenten, die in der Vergangenheit sicher der Gruppe der Audiophilen angehört hätten, haben ihre Begeisterung anderen Übertragungssystemen zugewandt, darunter riesigen Flachbildschirm-Fernsehern, Heim-Kino-Systemen oder audio-visuellen Geräten für mehrere Räume.
Freies Format
Der Massenmarkt trifft die Wahl, der Audiophile perfektioniert. Die Wiedergabe mit Vinyl-Platten war der erste Erfolg auf dem Massenmarkt und die Audiophilen versuchten sie zu perfektionieren und tun dies auch immer noch. Dann kam die CD und die Audiophilen und die Audio-Unternehmen im Spitzensegment haben die letzten Jahrzehnte damit verbracht, die Audiotechnik auf Disc-Basis zu perfektionieren. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen.
Die Art und Weise, wie wir Musik erleben, ist mit der Ausbreitung der MP3-Dateien in den vergangenen zehn Jahren geradezu explodiert. Das optimistische Fazit ist, dass die Online-/Download-Welt für die Audiophilen tatsächlich große Möglichkeiten hält. Und während Audiophile die Unternehmen dazu drängen, den Klang der Musik aus dem Internet zu verbessern, dämmert vielleicht schon das zweite Goldene Zeitalter für den audiophonen Menschen.
Es begann ein wenig holperig mit komprimierten MP3-Dateien, die sich wenig überzeugend anhörten. Aber die Online-Musik wird auf dem Massenmarkt mittlerweile ganz klar akzeptiert. Und wir werden erleben, wie diese Formate, soweit es die Bandbreite erlaubt, eine höhere Auflösung anstreben. Es gibt ausserdem eine große Online-Community im Untergrund, die hoch aufgelöste Dateien austauscht und die immer bessere Übertragungstechniken für alle Arten von Musik fordert.
Da wir nicht mehr in physischen Formaten wie der LP oder der CD gefangen sind, gibt es in einer Online-Welt eine viel größere Flexibilität bei der Einführung hoch auflösender Audioformate. Wie nie zuvor steigt damit für den audiophilen Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass er ein auf ihn abzielendes Format zur Verfügung hat, das mit dem auf dem Massenmarkt verbreiteten Format übereinstimmt.
Vom Klang umgeben
Als vor mehr als einem Jahrzehnt der Markt für Heimkinos zu boomen begann, stiegen Audiophile ziemlich bereitwillig ein, denn wir wissen auch die Vorteile zu schätzen, die es mit sich bringt, einen tollen Film auf einem ausgezeichneten Bildschirm oder Fernseher zu sehen. Anknüpfungspunkt ist jedoch vor allem unsere tief verwurzelte Begeisterung für einen tollen Klang.
Heute kann ein wunderbarer Sound erreicht werden, wenn man hochauflösende Fernsehgeräte an Surround-Sound-Systeme anschließt. Bei diesen Systemen, die auch als 5.1 Systeme bezeichnet werden, besteht die Lautsprecherkonfiguration aus sechs Boxen, Frontlautsprechern rechts und links, einem Zentralkanal für Dialogzwecke, rückwärtigen Kanälen rechts und links und einem Subwoofer – die 1 in der Gleichung - am unteren Ende des Audio-Spektrums.
Diese Anordnung bildet die 360 Grad des Schalls nach, die wir im alltäglichen Leben erleben und sie verbessert insgesamt das audio-visuelle Erlebnis. Denken Sie einmal an die Aufregung, die Sie spüren, wenn Sie sich fühlen, als säßen Sie im Stadion mitten in einer tobenden Menge, während Sie Fussball in High Definition sehen. Oder Sie hören buchstäblich, wie ein Auto über die Klangbühne fährt und in der Entfernung hinter Ihnen verschwindet, während Sie gleichzeitig das Auto auf dem Bildschirm sehen.
Surround-Sound gibt Ihnen das Gefühl, als seien Sie dabei und das ist der Punkt, an dem sich die Welt der Audiophilen mit dem Video schneidet. Wenn das A und das V in einem Zweierteam zusammenarbeiten, dann wird das zu einem ganz erstaunlichen Erlebnis.
Die Schweizerische Nationalphonothek gehört zur Schweizerischen Nationalbibliothek