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Von CÉDRIC WEIDMANN.
Es gibt kein Internet-an-sich mehr. Weil die Hardware personalisiert wurde, ist sie mit dem gewöhnlichen Internet, das vom Kühlschrank über den Kleiderschrank, den Tram-Fahrplan, die Wetterprognose, bis hin zum Hormonhaushalt viel Nützliches koordiniert und verbunden hat, nicht mehr ohne Weiteres kompatibel. Natürlich hätte es viel von seinem Sinn verloren, wenn das Internet nicht mehr seine ursprüngliche Eigenschaft, Menschen miteinander zu verbinden, mit sich brächte. Das ist immer noch möglich. Es bedeutet aber, dass man sein Internet (sowie die Kollektivverbindungen innerhalb von Freundes- und Familiengruppe, wenn man innerhalb dieser Gruppen kurzfristige Hochleistungskommunkationsnetze spannt), nur an bestimmten Stellen und Anknüpfungspunkten mit dem Internet anderer verlinkt. Die Überschneidung ist überschaubar und begrenzt. Einige Dinge sind nicht mehr möglich: Man kann nicht mehr per Zufall auf andere stossen, es ist unwahrscheinlich, die grosse Liebe zu finden oder jemanden kennenzulernen, der dich davon überzeugt, dass du dein Leben komplett anders leben müsstest. Das ist schade, aber, Hand aufs Herz, wie häufig war das schon in den frühen Zeiten des Internet-an-sichs der Fall?
Die Teilung der Internetze bedeutet aber auch, dass man nicht mehr verfolgt oder belästigt werden kann, dass keine Überwachung der eignen Verhalten möglich ist, es sei denn, unter den besten Freunde befände sich ein Spion. Weitere Vorteile sind: Personalisierbare Hochfrequenzleistungen und soziale Umgestaltungen des Internets (wie Internetpartys, die nur für ein Wochenende ein eigenes Netz erstellen, Hochzeitsinternetze und so weiter…).
Das hat damit zu tun, dass die Informationen bereits durch das herkömmliche Internet-an-sich, das in zuverlässigen Algorithmen das Wichtige hervorhebt, zur Verfügung gestellt sind. Man weiss, was passiert: Agenturmeldungen sind von der ganzen Welt zu jeder Zeit verfügbar. Der Informationsgehalt ist noch lange nicht perfekt, aber wird von Tag zu Tag besser und jeder kann sich über die Mängel dieser Informationsbeschaffung informieren. Das Internet geht über die einfache Informationsfunktion längst hinaus: Es weiss auch, welche Informationen innerhalb welcher Kreise beliebter oder umstrittener sind, und stellt dies als Information dem Endnutzer zur Verfügung. Es weiss, worüber geredet wird, aber es sagt nur im Groben, was. Meinungen und Essays haben hier keinen Platz, Werbung ohnehin nicht, denn dafür bräuchten die Werbetreibenden eine Möglichkeit, das Zielpublikum zu erreichen, was nicht ohne Weiteres möglich ist. Soziale Medien sind wertlos, Mails schreiben ist möglich, aber nicht an jeden: Es muss ein Port, ein temporäres Meta-Intranetz zwischen Internetzen aufgezogen werden, um das Mail zu verschicken, und kann also nicht ohne die Einwilligung eines der beiden Personen gemacht werden. Auf die gleiche Weise kann nicht mehr kommuniziert, geteilt und kommentiert werden. Dies hat sich, trotz der Schattenseiten, die alle Erfindungen mit sich bringen, als eine grosse Errungenschaft herausgestellt: Die Menschen fühlen sich befreiter. Die Meinungen, sagen sie, hätten ohnehin nie ihre eigene verändert. Die Empörung hätte sie nicht zu echten Handlungen getrieben und die Diskussionen fast nie zu neuen Freundschaften. – Es waren die Informationen, nicht die Meinungen, mit denen das Internet-an-sich ihr Leben verbessert haben.
Das Meta-Internet, das die Ports zwischen den Internetzen in sich enthält, ist natürlich nur eine begriffliche Konstruktion, die wir benutzen, um uns zu verständigen. In Wirklichkeit gibt es dieses grosse System, das alle anderen zusammenfasst, nicht, die Dezentralisierung war ja bereits der grosse Vorteil des Internet-an-sichs: Nun aber funktioniert es vollständig auf Peer-2-Peer-Basis.
Ein Beispiel. Angenommen, man verlöre den Kühlschrank in der Wüste, weil er aus dem Trucker gefallen wäre, er würde, mit seinen Solarpanels betrieben, weiterhin ein Internetz aussenden: Solange er keinen Kontakt hat, wäre er aber nicht erreichbar. Erst wenn sich ein weiterer Gegenstand, ein Handy, ein T-Shirt, ein Auto, in sein Internet klinkt, wird es weiter aufgebaut. Die Philosophen streiten sich über die Beschaffenheit und Bezeichnung. Ein «Internetz», das nur etwas ‹quasiverbindet›, sei schwerlich als eines zu bezeichnen, lautet die Kritik, ein einzelner Gegenstand, selbst zwei Gegenstände, könnte noch niemals das ausmachen, was man Internet-an-sich nennt. Der Begriff ist sicherlich vage, aber die Argumentation wird schwierig, wenn man grössere Internetze berücksichtigt. Denn, wie gesagt, die Hardware entkoppelt das eine Internetz vom anderen, so dass zwar der Kühlschrank, der sein Internet an das T-Shirt sendet, mit jenem verbunden, und jenes, das es an das Handy weitersendet, mit dem Handy verbunden ist, so dass aber ab einer gewissen Länge dieser Kette der Zustand des Internets unklar wird. Steht hinter hundert Gegenständen etwa eine Haustür oder eine Kettensäge, so ist die Kettensäge, obwohl mit allen anderen Gegenständen (dem Handy, dem T-Shirt, dem Auto) in einem Internetz verknüpft, von jenem des ursprünglichen Kühlschranks entkoppelt. Sie können einander nicht mehr erreichen.
Das galt erst als Nachteil neuer Hardware. Es wurde bald, was man in einer schiefen Bezeichnung als Dezentralisierung gefeiert hat. Das Meta-Internet hat jene Unschärfe der Begriffsränder, die Wittgenstein dem Spiel zugeschrieben hat, zum Konzept gemacht. Sein Name, «Meta-Internet», ist nicht vage. Die Vagheit aber ist sein tragendes Merkmal. Die «Entnetzung», wie es französische Theoretiker genannt haben («tomber de réseau»), hat sich als die evolutionärlogische Entwicklung herausgestellt und bei allen Vorbehalten jenen gegenüber, die dies im folkloristischen Ton als Systembefreiung oder Entschleunigung begrüssen, so ist es doch so, wie die Dinge jetzt sind.