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02-2018
Silvia Schroer Gab es schon im frühen Chalkolithikum Göttinnenverehrung? [1]
Abstract:
The article presents recent findings from the earliest Chalcolithic age in Israel/Palestine that may contribute to the discussion around goddesses and their veneration in ancient times. It seems that from the 5th millennium the idea and symbolic representation of a “mother of all living” came into being. This earth goddess was the origin and patroness of plants, animals and humans in life, but also the earth where all living creatures return to at the end of life. Shedding light on the emergence and development of symbolic constellations, this contribution also points to some implications for biblical exegesis.
Seit den 1980er Jahren spielt in der feministischen Bibelexegese die Frage nach der Göttin oder den Göttinnen eine zentrale Rolle. Dabei ging und geht es um den berechtigten Verdacht, dass die alttestamentlichen Texte über die Verehrung von Göttinnen nichts Verlässliches sagen, da sie solche Kulte fast immer rein polemisch oder sehr kritisch zeichnen. Manche Theologinnen schlossen sich in den 1980er und 1990er Jahren bei ihrer Spurensuche nach den Göttinnen der damals intensiv diskutierten neueren Matriarchatsforschung an. [2] Sie nahmen also an, dass Göttinnenverehrung im Zusammenhang einer universalgeschichtlich nachweisbaren, kulturellen Organisationsform steht, einer matriarchalen Kultur, die zunehmend von patriarchalen Systemen verdrängt wurde, um schließlich gänzlich unterzugehen. Die Grundhypothese der weltweiten Existenz eines Matriarchats, im Kern ein Rückgriff auf Ideen des 19. Jahrhunderts (Johann Jakob Bachofen und andere), fand in der feministischen Theologie und darüber hinaus längerfristig keinen breiten Boden. [3] In unserem Buch „Feministische Exegese“ hat Marie-Theres Wacker bereits die Probleme und Widersprüche aufgezeigt. [4] Mein eigenes religionsgeschichtliches Interesse für Bildmaterial aus den ältesten Kulturen des Vorderen Orients und Ägyptens hat mich immer wieder zu den sog. Idolen und den sog. Göttinnen geführt. Es ist mir wichtig, Artefakte, die nackte Frauen darstellen, von den herrschenden, oft ganz unreflektierten Klischees abzulösen. „Fruchtbarkeitsidol“ ist beispielsweise eine Klischeebezeichnung, die eher der puritanischen Verdrängung von „Erotik“ im 19. Jahrhundert geschuldet ist als dass sie zutreffend einzelne oder Gruppen von solchen Figürchen beschreiben würde. [5] Auch im seltenen Fall von neolithischen Frauenfigürchen, die aus Ausgrabungen stammen, wie denen aus Schaar ha-Golan, ist es wichtig, nicht vorschnell von Göttinnen zu reden. Denn wer von Göttinnen spricht, nimmt von der Begrifflichkeit her die Existenz von Göttern und Göttinnen an, wie sie aus den polytheistischen Symbolsystemen ab dem 3. Jahrtausend im Vorderen Orient gut dokumentiert ist, für die vorangehenden Epochen aber nicht. Auch die Rede von einer „Großen Göttin“ oder „Großen Mutter“ bezeugt und weckt Vorstellungen, die durch die Funde nicht belegt werden können. Zwar gibt es eine unbestreitbare Dominanz von weiblichen Figürchen in vielen prähistorischen Kulturen, aber sie alle als Erscheinungen ein- und derselben „Muttergöttin“ zu betrachten, ist mehr als spekulativ. Hinter all den Typen von Frauenbildern in großen Kulturräumen und über Jahrtausende hinweg eine quasi urmenschliche Idee des Weiblichen, Mütterlichen, Göttlichen auszumachen, erscheint nicht zuletzt wie eine utopische Spiegelung der monotheistischen Konzeption des Göttlichen in eine Vorzeit oder Frühzeit.
Im Folgenden sollen neuere Funde aus dem Raum Palästina/Israel religionsgeschichtlich situiert werden. Sie werden als Zeugen von Entwicklungen in einer bestimmten Region (und ihrem kulturgeschichtlichen Umfeld, dem Vorderen Orient) und auf einer bestimmten Zeitachse (Neolithikum und Chalkolithikum mit Ausblick auf die Frühbronzezeit) betrachtet. Eine direkte Beziehung zur (verdrängten) Verehrung von Göttinnen, die auch in biblischen Texten eine Rolle spielen (Aschera, Himmelskönigin), gibt es nicht. Die Entstehung von symbolischen Konstellationen, die sich praktisch über Jahrtausende tradieren, ist jedoch grundsätzlich eine wichtige Hintergrundfolie für das Verständnis religiöser Vorstellungen.
Beachtenswerte neuere Funde
Aus dem frühen 3. Jahrtausend stammt eine seit längerem bekannte Alabasterplatte aus einem Tempel in Mari (Abb. 1). [6] Sie zeigt unten ein punktiertes Schamdreieck, umgeben von antithetisch angeordneten Capriden an Bäumchen und laufenden Capriden. Oben sind kreisrunde, strahlend wirkende Augen eingeritzt, über ihnen die Brauen; die Haare sind durch fischgrätartige Muster zuoberst angedeutet. Die stark stilisierte Darstellung erinnert an ein Gesicht mit großen Augen. Gesicht und Schamgegend sind übergangslos übereinander angeordnet.
Diese Alabasterplatte aus Mari wird nun durch neuere Funde in ein klärendes Licht gerückt. In spätneolithischen oder frühchalkolithischen Grabungskontexten (früheres 5. Jahrtausend v. Chr.) der südlichen Levante wurden geritzte Knochenfigürchen gefunden, die bereits in ganz ähnlicher Stilisierung wie die Mari-Platte Schamdreieck, Capride und/oder Bäumchen zeigen. [7] Insbesondere ein Knochenfigürchen aus Hagoscherim im nördlichen Obergaliläa (Abb. 2) [8] weist eine frappante Ähnlichkeit mit der jüngeren Alabasterplatte aus Mari auf. Die Knochenstäbchen und ein Kalksteinplättchen aus En Zippori zeigen im oberen Bereich deutlich Augen in einer rhombischen, nicht kreisrunden Form. [9]
Für die großen Entwicklungslinien ist bedeutsam, dass die Motivkonstellation Schamdreieck – Capride – Zweig/Baum mit diesem Fund nun erwiesenermaßen schon seit dem 5. Jahrtausend im Norden der südlichen Levante bekannt ist. [10]
Das keramische Neolithikum, insbesondere die Jarmuk-Kultur mit Zeugnissen in Anatolien, Syrien und Palästina/Israel, kennt die sitzenden Frauenfigürchen, die zwar noch nicht unbedingt durch große Brüste gekennzeichnet sind, ihre Brüste aber bisweilen bereits präsentieren, eine später über Jahrtausende tradierte Pose. Auch Capriden kommen als Ritzungen, allerdings im Bereich des Halses vor. [11] Ansonsten wird das Neolithikum stark vom Thema Totenkult oder Ahnenverehrung beherrscht. [12] Das gilt auch für das Chalkolithikum, das Hörnertieren wie Wildziegen, Steinböcken und Widdern besondere Beachtung schenkt und beispielsweise teure Zepterköpfe aus Kupfer mit stilisierten Tierköpfen erschafft. Während im Neolithikum besondere Verstorbene unter den Wohnbereichen bestattet und Schädel bearbeitet und in Wohnbereichen aufbewahrt wurden, entwickelte sich im Chalkolithikum eine Totenbestattungskultur außerhalb der Siedlungen mit Friedstätten, wo die primäre Dekarnation durch Geier und andere Aasfresser vorgenommen wurde. [13] Die sekundäre Bestattung erfolgte dann in Ossuaren, die in großer Zahl in dafür bestimmten Grabhöhlen deponiert wurden. Diese Kisten aus gebranntem Ton und einer Öffnung, meistens an der Frontseite, zum Hineinlegen der Knochen haben wegen ihrer länglichen Form wohl fälschlich manche Forschende an Häuschen erinnert. Aber die plastische Gestaltung und Bemalung der zumeist rechteckigen Frontseite zeigt Gesichter, häufig große Nasen, seltener Brüste oder große Augen, sodass das gesamte Ossuar wohl eher einen Menschen- oder vielleicht Tierkörper als ein Haus symbolisieren dürfte. Die abgebildeten Exemplare aus Azor (Abb. 3–4) [14] zeigen im einen Fall ein Gesicht mit einer für das Chalkolithikum typischen großen Nase und kreisrunden, strahlenden Augen darüber und an den Seiten vielleicht Brauen und Haare, im anderen Fall sind nur Brüste erkennbar. Bei vielen Ossuaren könnte die Bemalung des länglichen Knochenbehälters eine Körperbemalung oder Textilien andeuten, wie sie bei Figürchen dieser Zeit ebenfalls anzutreffen ist. [15]
Sind die neolithischen und chalkolithischen Repräsentationen von Frauen als Göttinnen zu identifizieren?
Die besprochenen Funde aus Palästina/Israel werfen erneut die Frage auf, ob hier bereits die Ursprünge der Vorstellung von einer Göttin dokumentiert sind, einer weiblichen numinosen, also übermenschlichen Macht, die im Leben und im Tod der Menschen einen festen Platz einnahm, mit ihren Ängsten, Hoffnungen und ihrem gesamten Weltbild verbunden war, vielleicht auch an bestimmten Orten verehrt wurde.
Folgende Überlegungen könnten bei der Beantwortung der Frage hilfreich sein.
1. Die Sitzenden aus dem präkeramischen Neolithikum [16] mit ihrer ganzen Leibesfülle, ihrer Körperbemalung und hohen Kopfbedeckung waren, soweit aus den Grabungen von Schaar ha-Golan erschließbar ist, keine Kultbilder, allenfalls die kleinen Repräsentationen eines solchen. Sie wurden exklusiv in häuslichen Bereichen, zumeist in den Höfen, gefunden. [17] Ihre handwerklich professionelle Anfertigung könnte ein Hinweis sein, dass es sich um die Darstellung einer von der ganzen lokalen Gemeinschaft verehrten Vorfahrin, also einer Ahnmutter handelt. Die neolithischen Totenschädel und Masken, aber auch fast lebensgroße Lehmfiguren aus En Ghazal in Jordanien zeigen, dass die frühesten religiösen Vorstellungen eng mit der Erfahrung des Todes von Mitmenschen verbunden waren. Man versuchte, bestimmte Tote wieder in das Leben der Gemeinschaft zurückzuholen und ganz nah bei sich zu haben. Die kleinen Frauenfigürchen der Jarmuk-Kultur oder bauchige Gefäße in Frauengestalt symbolisieren allerdings ganz anders als Totenschädel das strotzende Leben. Im Chalkolithikum verschwinden die fülligen, sitzenden Frauen bereits und machen stehenden, schlankeren Frauenbildern Platz. [18] Die neolithischen Frauenfigürchen stehen mit einiger Sicherheit im Kontext von Ahnenverehrung, ob sie bereits auf eine Göttin hinweisen, die verehrt wurde, ist offen. Es sind jedoch Übergänge vorstellbar, z.B. dass bestimmte Verstorbene Verehrung und damit eine Art von Vergöttlichung erfuhren.
2. Wenngleich ab der Frühbronzezeit, also ab dem 3. Jahrtausend, die Frauen stehend statt sitzend und weniger füllig dargestellt werden, sind doch etliche Elemente der früheren Darstellungen als Fortsetzung der Tradition zu bestimmen. Der weibliche Körper wird immer noch mit dem Krug assoziiert. [19] Schamdreieck, Zweige und Ziegen bilden eine variable Konstellation, wie z.B. auf der oben erwähnten Alabasterplatte aus Mari. Die Verbindung von Schamdreieck und Zweig sowie Schamdreieck und Ziegen ist in der Keramik- und Siegelkunst in etlichen Varianten in der Mittelbronze- und Spätbronzezeit kontinuierlich bezeugt und in diesen Epochen gehört die Symbolik ohne Zweifel zur Vorstellung und Verehrung einer Göttin. [20] Manchmal substituieren Bäumchen und/oder Capriden diese Göttin, wobei das Schamdreieck und das Bäumchen sogar austauschbar sind, aber noch in der Spätbronzezeit ist auch die vollgestaltige Darstellung bezeugt. Es gibt Motivlinien vom Neolithikum bis in die Spätbronzezeit, wie beispielsweise auch die Verbindung von Frau und Löwe, was für die kontinuierliche Entwicklung von Vorstellungen spricht.
3. Schamdreieck, Zweig, Capride und Frau/Göttin – diese Verbindung drückt aus, was in Genesis 3,20 mit dem Ehrentitel der Hawwah „Mutter alles Lebendigen“ [21] zusammengefasst wird. Es geht um Leben und die Regeneration des Lebens, nicht im engen Sinn der Mutterschaft und der Beziehung Mutter – Kind, sondern im Sinn von Mutterschaft als Ursprung allen Lebens, der Pflanzen, Tiere und Kinder. Die biblische Eva ist Erbin der göttlichen Mütter und Herrinnen allen Lebens. Im Neolithikum und im Chalkolithikum scheint es zu ersten Formationen solcher Ideen gekommen zu sein. Ikonographisch stehen im Neolithikum die dicken, ihre Brüste präsentierenden Frauen neben Zeugnissen für Ahnen- und Totenkult, im Chalkolithikum neben numinosen Hörnertieren wie den Steinböcken. Das Chalkolithikum scheint die Epoche zu sein, in der sich im Totenkult und über den Totenkult hinaus Vorstellungen von übergeordneten numinosen Wesen entwickelten. [22]
4. Im Anschluss an die Studie von Irit Ziffer und Dina Shalem [23] sind die Ossuarbestattungen im Chalkolithikum höchstwahrscheinlich so zu deuten, dass die Toten bzw. deren Knochen in den Leib einer nährenden Mutter gelegt wurden. Dass diese als Regengöttin zu identifizieren sei, wie Ziffer und Shalem vorschlagen, scheint mir weniger überzeugend. Die hergestellte Verbindung der fließenden Brüste mit Regen ist nicht plausibel. Die Milchströme dürften eher die segensreiche, nährende Fülle der Mutter, die diese Milch gibt, hervorheben. Die Brüste werden auf manchen Ossuaren mit Pflanzenmotiven assoziiert, ähnlich wie auf anderen Artefakten Scham und Pflanzen. Die symbolische Reihung läuft über Leben und Gedeihen und der Totenkult scheint eher auf eine Erdgöttin als auf eine Regengöttin hinzuweisen.
Fazit
Tatsächlich sprechen die Funde aus chalkolithischen Grabungen in Palästina/Israel dafür, dass dort und wahrscheinlich auch in anderen Gebieten des Vorderen Orients ab dem 5. Jahrtausend die Lebenskraft, die Pflanzen wie Tiere und Menschen von der Erde beziehen, als eine numinose, d.h. außer- und übermenschliche Macht, wahrgenommen und gedeutet wurde. Die Verstorbenen hat man der Erde zurückgegeben, vermutlich in der Hoffnung, dass sie dort geborgen, genährt und vielleicht auch belebt würden. Im Chalkolithikum werden früheste Vorstellungen von übermenschlichen Mächten auch in der Repräsentation von Mischwesen, z.B. menschengestaltigen mit einem Steinbockkopf oder stilisierten Tierköpfen mit Hörnern, greifbar. Doch sind die Querverbindungen zwischen der chalkolithischen „Mutter alles Lebendigen“ und diesen Mischwesen nicht recht greifbar, während ihr Zusammenhang mit Tod und Totenbestattung gut erkennbar ist. Diese Verbindung ist möglicherweise – allerdings ohne das symbolische Scharnier über Flora und Fauna – schon im Neolithikum angelegt, wo Totenschädel und die Figürchen von wohlgenährten und nährenden Frauen – bei denen es sich allerdings auch um irdische oder verstorbene Potentatinnen handeln könnte – zeitnah auftreten. [24] Schaut man vom Chalkolithikum aus in die jüngeren Epochen, so entfaltet sich die Vorstellung von Göttinnen und Göttern, denen verschiedene Symbole und Aufgaben zugeordnet werden. Die Verbindung Göttin – Erde – Vegetation – Tierwelt wird und bleibt gerade für Palästina/Israel zentral, insbesondere in der Mittelbronzezeit, aber noch lange über diese formative kanaanäische Zeit hinaus bis in die Eisenzeit. Eine durchgehende Entwicklung von einer frühen Vorstellung einer lebenschaffenden, nährenden, mütterlichen Erde, die für die Lebenden und die Toten zuständig war, bis zu den späteren Göttinnen mit ähnlichen, aber oft schon spezielleren Profilen, wird nun immer besser erkennbar. Im Hinblick auf die in den biblischen Texten erwähnte Ascheraverehrung untermauern die neueren Funde unser Wissen, dass der mit Bäumen und Zweigen verbundene Göttinnenkult im Land außerordentlich stark verwurzelt war. Es ist – und das wäre ein neuer Aspekt – möglich, dass die auffällige Leerstelle der JHWH-Religion bezüglich der Totenwelt hier eine Erklärung findet. Die einheimische, kanaanäische Religion hat die Sorge um die Toten der Erd- und Vegetationsgöttin zugewiesen, Israels Gott JHWH hat dieses Ressort bis zum Exil nicht einmal beansprucht. Die Erde war zuständig für die Toten, nicht der eher mit den himmlischen Sphären verbundene Gott JHWH. Othmar Keel hat schon vor langer Zeit auf die biblischen Vorstellungen von der Erde als Mutterschoß hingewiesen. [25] So heißt es in Ijob 1,21 (vgl. Kohelet 5,14; Sirach 40,1; Johannes 3,4):
Nackt bin ich aus dem Leib meiner Mutter hervorgekommen,
nackt kehre ich dorthin zurück.
Das „dorthin“ kann sich vom Sinnzusammenhang her nicht auf den realen Mutterleib, sondern nur auf die Erde beziehen. Dass die menschlichen Geschöpfe im Tod zur Erde zurückkehren, wird auch in Genesis 3,19 und in Psalm 90,3 festgehalten. Im selben Zusammenhang stehen auch gelegentliche Bestattungen unter Bäumen (Genesis 35,8; 1Samuel 31,13). [26]
Es fällt auf, dass die Erinnerung daran, dass Adam, der Erdling, seine Frau Hawwah, Eva, nannte, da sie die „Mutter alles Lebendigen“ geworden sei (Genesis 3,20), direkt auf die Ankündigung der Mühsal des Lebensunterhalts (von der Erde) und der Rückkehr des Menschenlebens zur Erde folgt (3,19). Die chalkolithischen Funde lassen den inneren Zusammenhang oder die enge Assoziation hinter diesen biblischen Versen besser erkennen. Die Erde ist nach Genesis 1,11f; 24f eine – nicht wirklich entthronte – göttliche Macht, die die Pflanzenwelt sprießen lässt und die Tiere hervorbringt. Nach Genesis 2,7 wird der Erdling Adam aus der Erde (adamah) erschaffen, auch die Bäume (2,9) und die Tiere (2,19) wachsen aus der Erde, werden aus Erde gebildet. Von dieser Erde ernährt sich der Mensch und zu dieser Erde kehren die Menschen nach Genesis 3,19f zurück. Der Erdling nennt die Erdenfrau „Mutter alles Lebendigen“, damit übernimmt sie die Rolle der nährenden Erde und erhält eine mythische Bedeutung. Die erste Menschenfrau tritt das Erbe der Erdgöttin an.
[1] „Nicht vom Text allein ... Gender, Bibel und Ikonographie“ war der Titel meines Referats beim Abschiedssymposion von Marie-Theres Wacker (5.–6. Juli 2018 in Münster) zu „Gender braucht die Theologie“. Ich widme diesen Beitrag Marie-Theres Wacker, die die Diskussionen um die Göttin(nen) wie keine andere von Anfang der theologischen Frauenbewegung an analysiert und bereichert hat, zu ihrer Emeritierung – in anhaltender Bewunderung für ihren feministisch-theologischen Scharfsinn.
Im Folgenden werden einige Artefakte nach dem vierbändigen Werk „Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient“ zitiert. Die genaueren bibliographischen Angaben sind:
IPIAO 1 Schroer, Silvia – Keel, Othmar, Die Ikonographie Palästinas/ Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 1: Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit, Freiburg CH 2004.
IPIAO 2 Schroer, Silvia, Die Ikonographie Palästinas/ Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 2: Die Mittelbronzezeit, Freiburg CH 2008.
IPIAO 3 Schroer, Silvia, Die Ikonographie Palästinas/ Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 3: Die Spätbronzezeit, Freiburg CH 2011.
IPIAO 4 Schroer, Silvia, Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 4: Die Eisenzeit bis zum Beginn der achämenidischen Herrschaft, Basel 2018.
[2] Vgl. schon Schottroff, Luise et al. (Hg.), Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt 1995, 47f.
[3] Vgl. die recht verschiedenen Beiträge unter dem Artikel „Matriarchat“ in der ersten und zweiten Auflage von Gössmann, Elisabeth et al. (Hg.), Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloh (1991: 283f; 2002: 408f). Es ist unmöglich, auch nur die Matriarchatsforschung und ihre Rezeption im Kontext altorientalischer Religionsgeschichte oder der Bibelwissenschaft an dieser Stelle zu diskutieren. Einen Überblick gibt der Beitrag von Jost, Renate, Art. Matriarchat / Mutterrecht, in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de), 2006: https://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/25599/
[4] Vgl. schon Schottroff, Luise/Schroer, Silvia/Wacker, Marie-Theres, Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt 1995, 47f.
[5] Keel, Othmar/Schroer, Silvia, EVA – Mutter alles Lebendigen. Frauen- und Göttinnenidole aus dem Alten Orient, Freiburg CH 32010, 22–25.
[6] IPIAO 1 No 106. Ich habe dort die Deutung der Kreise als Brüste vertreten, was mir aber angesichts der neuen Parallelstücke nicht mehr plausibel erscheint.
[7] Galili, Ehud et al., Figurative Representations from Neveh Yam and Other Sites in Israel: Markers of the Late Neolithic/Early Chalcolithic South Levant Cultures: Israel Exploration Journal 66 (2016) 129–150; vgl. auch Milevski, Ianir et al., Die Palette von Ein Zippori und andere weibliche Kompositfiguren aus dem sechsten und fünften Jahrtausend v. u. Z. in der südlichen Levante und in Mesopotamien: Das Altertum 60 (2015) 241–262. Anders als die AutorInnen dieses Beitrags halte ich es durchaus für möglich, dass die Levante im 6./5. Jahrtausend eine führende Rolle bei der Ausprägung von Traditionen und auch deren Ausbreitung übernahm.
[8] Galili et al. 2016, 136 fig. 3; Zeichnung nach Staubli, Thomas, Die kanaanäische Vegetationsfrömmigkeit und ihr Fortleben in Judentum, Christentum und Islam, in palästinischer Volkskultur und säkularer Staatsemblematik. Neue Einsichten aus der Ikonographie der Südlevante, in: Bauks, Michaela et al. (Hg.), Zur Kulturgeschichte der Botanik, Trier 2013, 73–106, 81 Abb. 4a.
[9] Eine Zusammenstellung aller Funde bei Milevski et al. 2015, Abb. 16. Vgl. die Augen der frühbronzezeitlichen Augenidole vom Tell Brak (IPIAO 1 No 196).
[10] In früheren Beiträgen habe ich diese Motivkonstellation von der Frühbronzezeit an nachgezogen; vgl. insbesondere Schroer, Silvia, Die Göttin auf den Stempelsiegeln aus Palästina/ Israel, in: Keel, Othmar et al. (Hg.), Studien zu den Stempelsiegeln aus Palästina Bd. II (OBO 88), Freiburg CH/Göttingen 1989, 89–207, ebd. 104–110.
[11] IPIAO No 25.
[12] Vgl. dazu IPIAO 1 54–63.
[13] Arav, Rami, Excarnation. Food for the Vultures, Biblical Archaeology Review 37 (2011) 40–50. Ausgrabungen auf dem Golan haben gezeigt, dass dort runde, umfriedete Bestattungsplätze Erstbestattungen dienten. Die Toten wurden zunächst den Geiern oder anderen Aasfressern überlassen. Vögel spielen bereits in der Kunst des Neolithikums eine Rolle (IPIAO 1 Nos 15–16), im Chalkolithikum sind sie in verschiedenen Materialien häufiger dargestellt worden (IPIAO 1 Nos 64–68). Die Art der Darstellung macht eine sichere Identifikation – aufgrund von Kopf, Schnabelkrümmung, Halslänge, Beinlänge, Schwanzform – oft unmöglich. Bei IPIAO 1 No 68 ist im Anschluss an Arav eine Korrektur der Deutung vorzunehmen. Die beiden Vögel auf dem Rand der Kupfer„krone“, die zum Hortfund der berühmten Höhle vom Nahal Mischmar gehört, sind wohl keine Tauben, sondern trotz der eher untypischen Sitzhaltung doch Geier. Dafür sprechen die gebogene Kopfform, der lange Hals und die langen Beine. So wird die Zuordnung der „Krone“ zum Totenkult die wahrscheinlichste. Das teure Metallobjekt symbolisiert eine Stätte der Toten. Dass die Geier, die sich die Verstorbenen einverleibten, schon früher in den religiösen Vorstellungen eine dominante Rolle spielten, zeigen die Wandmalereien aus Çatal Höyük (siehe IPIAO 1 No 16). Ein Standartenaufsatz in Gestalt eines fliegenden Geiers gehört aber auch zum Hortfund der Schatzhöhle von Nahal Mischmar (IPIAO 1 No 64).
[14] IPIAO 1 Nos 80–81.
[15] IPIAO 1 Nos 69–70.
[16] Zur Semantik der Körpersprache von sog. Idolen, der Bedeutung des Dickseins, des Sitzens und Brüstepräsentierens vgl. Keel/Schroer 2010, 27f.
[17] Vgl. im Überblick zu diesen Funden IPIAO 1, 60–63; Keel/Schroer 2010, 17ff.
[18] Ein Figürchen aus einer als Tempelanlage identifizierten Fundstätte in Gilat bei Beerscheba (IPIAO 1 No 69) trägt auf dem Kopf das typisch chalkolithische „Butterfass“, es ist das jüngste dieses sitzenden Typs.
[19] Vgl. Kipfer, Sara/Schroer, Silvia, Der Körper als Gefäß. Eine Studie zur visuellen Anthropologie des Alten Orients: lectio difficilior 1/2015 www.lectio.unibe.ch/15_1/kipfer_schroer_der_koerper_als_gefaess.html
[20] Vgl. Schroer, Silvia, Die Zweiggöttin in Palästina/Israel. Von der Mittelbronze IIB-Zeit bis zu Jesus Sirach, in: Küchler, Max/ Uehlinger, Christoph (Hg.), Jerusalem. Texte – Bilder – Steine (NTOA 6), Zum 100. Geburtstag von Hildi und Othmar Keel-Leu, Freiburg CH/ Göttingen 1987, 201–225.
[21] Keel/Schroer 2010, 10f.
[22] IPIAO 1 Nos 58–60.68.
[23] Ziffer, Irit/Shalem, Dina, “Receive my Breast and suck from it, that you may live”. Towards the Imagery of two Ossuaries from the Chalcolithic Peq‘in Cave, Ugarit-Forschungen 46 (2015) 455–488.
[24] Unter den Lehmstatuen aus En Ghazal vom Ende des präkeramischen Neolithikums ist eine weibliche Figur, die die Brüste präsentiert (IPIAO 1 No 45). Die Gruppe von Skulpturen, die in einer Grube vergraben worden waren, dürfte mit dem Toten- oder Ahnenkult vor Ort zu tun haben, die Gesichter ähneln den mit Lehm bearbeiteten Totenschädeln.
[25] Die Ω-Gruppe. Ein mittelbronzezeitlicher Stempelsiegel-Typ mit erhabenem Relief aus Anatolien-Nordsyrien und Palästina, in: Keel et al. 1989, 39–87, bes. 70–75; vgl. IPIAO 2, 62; vgl. auch Keel, Othmar/Schroer, Silvia, Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Freiburg CH/Göttingen 22008, 52–61.
[26] Zum Tod als „Rückwärtsgeburt“ vgl. Staubli, Thomas/Schroer, Silvia, Menschenbilder der Bibel, Ostfildern 2014, 58f.
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Silvia Schroer,
ist Mitgründerin und Mitherausgeberin der lectio difficilior. Sie ist seit 1997 ordentliche Professorin für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Bern und seit 2017 Vizerektorin der Universität Bern. Sie hat zahlreiche Fachbücher zu Themen der feministischen Exegese, der altorientalischen Ikonographie und der biblischen Anthropologie publiziert.
© Silvia Schroer, 2018, <email-pii>, ISSN 1661-3317