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Italo-Disco
Sie kamen aus dem Nichts, und verschwanden wieder im Nichts. Praktisch ohne eine Spur zu hinterlassen!
Die Helden des Italo-Disco hatten Künstlernamen wie Den Harrow, Max Him, Sabrina, C.C. Catch, Fancy, Radiorama, Sandra oder aber wohlklingende italienische Namen wie Farina, Crivellente, Spagna, Turatti oder Martinelli. Einziger Überlebender ist ein deutsches Produkt, das sich Modern Talking nennt, und mit aufgewärmten Remixes auch heute noch Furore macht.
Bekannt wurde Italo Disco wohl mit Gazebos "I Like Chopin", das im Jahre 1983 auch die Schweizer Charts eroberte. Oder mit dem Mitgröl-Hit "Vamos a la Playa" von Righeira. Bis dahin war Italien eher als Schnulzen- denn als Discohit-Lieferant bekannt. Mit Produzent Bobby Orlando (Bobby "O"), unter anderem verantwortlich für The Flirts und erste Hits der Pet Shop Boys, wurde der Italo-Stil mit den oktavierten Basslinien salonfähig, und Italo-Disco schwappte aus den Discos rüber in die Charts.
Bald darauf schien es, dass jeder Italiener mit marginalen Englischkenntnissen eine eigene Platte aufnehmen konnte. Das Englisch kam dementsprechend holprig daher. Wie etwa bei Radiorama, einer Retortenband, die mehrere Auftritte pro Abend in verschiedenen Ländern bestritt. Des Rätsels Lösung: die Mitglieder waren dermassen austauschbar, dass jeweils irgendwelche Freunde der Gruppe auf der Bühne zur Playback-Show herumturnten...
Ohne die eine Erfindung wäre der Italo-Disco undenkbar: der Sequencer. Erst diese Möglichkeit, die elektronischen Töne der Synthis abzuspeichern und die Melodiefolgen zu bearbeiten, brachte all die mehr oder weniger innovativen Ideen auch auf die Platten drauf. Ausgefuchste Basslinien und Arpeggios jagten einander; oft auch nur, um von den drögen Texten abzulenken.
1985 und 1986 folgte die Zeit der grossen Disco-Festivals. Es waren schlicht DIE Jahre für den Italo-Disco. Heuler wie Baltimoras "Tarzan Boy" mit dem vielsagenden Tarzanschrei im Refrain gehören in diese Zeit. Aber auch die Schweizer Szene war aktiv: So landete ein gewisser Jules mit "I Want To" einen beachtlichen Hit. Jules, mit bürgerlichem Namen Ueli Schmezer, war damit vor allem auf der spanischen Halbinsel ein Star.
Besonders erfolgreich war das deutsche zyx-Label von Michael Mikulski. Auf ihren Samplern "Italo-Disco Vol. 1" bis mindestens "Vol. 12" versammelte sich die ganze Crème der Italo-Szene, gepaart mit Newcomern. Ein Mix diverser Titel vom Album wurde jeweils ausgekoppelt als Single, und fand kurz darauf als "Italo Boot Mix" zielsicher seinen Weg in die Hitparaden. Unsägliche Mix-Kassetten von allen möglichen DJ's waren die Folge. Sie wurden an den Parties unter der Hand und illegal verkauft...
Obwohl vor allem von Männern dominiert, schaffte es doch eine Frau, durch ihre offene Art einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen: Sabrina mit "Boys, Boys, Boys" und "Sexy Girl". Ihre Videos waren Kult, und ganze Nationen von Männern warteten geduldig vor den Bildschirmen, bis ihr kurz vor Ende des Clips endlich der Oberteil ihres Bikinis einige Millimeter zu viel verrutschte.
Und die Welle schwappte über nach Deutschland: Stars wie Modern Talking, Fancy, Sandra, C.C. Catch und Moti Special lieferten Hit um Hit. Glück hatte dabei vor allem Dieter Bohlen von Modern Talking: aus einer Song-Idee klonte er hundert weitere, und machte damit Millionen. Ein anderer Produzent, der Rumäne Michael Cretu, machte seine Frau Sandra zum Star: "Maria Magdalena" war in dieser Zeit der Disco-Heuler schlechthin. Und mit "Cold Days, Hot Nights" von Moti Special doppelte er gleich noch nach. Aller guten Dinge sind drei, und so schenkte er der Nachwelt auch noch den Song "Samurai" ("...nimm dein Schwert, und hau mich frei..."). Damit brachte er die Stimmung der Vergnügungssüchtigen 80'er-Gesellschaft auf den Punkt: die Form ist tausendmal wichtiger als der Inhalt! Cretu lebt heute auf Ibiza und mischt mit dem Projekt Enigma weiterhin vorne mit.
Der Hit "Easy Lady" von Spagna schliesslich trat eine ungeahnte Lawine in England los: Der inflationäre Einsatz der Handclaps gefiel einem Produzententrio dermassen, dass sie gleich mit dem Cloning begannen. Und so kreierten Stock, Aitken, Waterman Retortenstars wie Kylie Minogue, Rick Astley, Pepsi & Shirlie, Sinitta, Big Fun, Dead or Alive, Haywoode, Mandy Smith, Hazell Dean, Princess, Mel & Kim, Brother Beyond, Samantha Fox, Jason Donovan, und zuletzt produzierten sie auch ihr Vorbild Spagna: der Britalo war geboren! Ihr grösstes Geldgeschenk machten sie sich aber wohl mit der Girl-Group Bananarama, deren Sängerin Siobhan später den Eurythmics-Star David Stewart ehelichte. Pete Waterman ist heute übrigens als Produzent der Gruppe Steps wieder voll mit dabei.
So schnell die Italo-Welle die Welt überrollte, so schnell war sie auch wieder vorbei. Nach 1987 waren nur noch einige wenige Remixes von Italo-Hits erfolgreich. 1989 versuchte vor allem die US Musikindustrie noch, als Nachfolge-Trend von Italo-Disco den sogenannten "Latino-Disco" mit dem New Yorker Latino Noël zu lancieren – vergeblich!
Christian Raaflaub