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Die Ausreise aus Europa beginnt mit einer Rolltreppe. Sie führt am Rand der Fussgängerzone Istiklal in die Tiefe. Am Ende der Rolltreppe folgt eine weitere Rolltreppe und dann noch eine. Es sind sehr viele Rolltreppen. Ganz weit unten riecht es nach einer Mischung aus feuchtem Keller und Topferde. Es ist angenehm kühl. Im Marmorboden spiegeln sich die Deckenleuchten. In die Tunnelwand ist eine Plakette mit dem Namen der Station einbetoniert: Sishane. Die Plakette ist mit Blumen und Schnörkeln verziert, aber die Tunnelwand wölbt sich aus Rohbeton und Kabel hängen heraus. Ein säuselnder Wind kommt auf, gefolgt von einem Surren. Der Zug hält. Eine halbe Stunde später zucken an der Tunnelwand Lichtquadrate auf. Ein Mann sitzt neben einem Turm aus Kartonschachteln. Mütter wiegen Babys in den Armen. Irgendwo über uns sind Fische, Schiffe, Tanker und Möwen. Diese Metro-Strecke unter dem Bosporus durch wurde letztes Jahr vom Präsidenten persönlich eingeweiht – sein Vorzeigeobjekt. Der Spass dauert nicht lange. Draussen wird es plötzlich hell. Die Türen des Zuges gleiten zurück. Wir sind weg aus Europa. Asien.
Eine hungrige Tour durch Istanbul
Der politische Aktivist redet seit 45 Minuten über die kommenden Präsidentschaftswahlen in der Türkei und schüttelt die ganze Zeit den Kopf. Er sitzt an einem Tisch aus naturbelassenem Holz im obersten Stock eines Hotels im Zentrum der Stadt. Kühler Wind weht durch die offenen Fenster. Dann sagt er: „Essen. Ihr wollt gut essen. Geht ins Tavan Arasi.“ Tavan bedeutet „Decke“, Arasi bedeutet „dazwischen“. Tavan Arasi heisst so viel wie „unter dem Dachboden“. Der politische Aktivist sagt, das Restaurant sei nicht angeschrieben, es sei durch eine handgebastelte Weltkarte gekennzeichnet. Auf unsere Frage, was wir uns unter einer handgebastelten Weltkarte vorzustellen hätten, sagt er, das würden wir sehen wenn wir davor stehen. Dann erhebt sich der Aktivist und verlässt das Lokal. An seinem Hosenboden ist ein L-förmiger Riss zu sehen, der mit blauem Faden geflickt wurde.
Drei Türken am frühen Morgen im Zentrum Istanbuls. Einer trägt Hemd und Krawatte, er steigt aus einem weissen Auto, öffnet die Hecktür und hievt ein weisses Babybett heraus. Er geht zum Eingang eines renovierten Hauses und drückt die Tür auf. Der zweite ist ein alter Mann, der einen Stapel Dachlatten mit einem Metallseil umwickelt. Der dritte ist ein Mann Mitte vierzig, der mit seinem Kleinlaster in die Gasse braust, aus dem Wagen hüpft und einen blauen Wasserkanister wegträgt. Vom Dach ist ein Ruf zu hören und der alte Mann wickelt das Metallseil wieder von den Dachlatten weg. Der Wasserlieferant holt den nächsten Kanister. Der Mann in Hemd und Krawatte kommt zu seinem Auto zurück, zieht einen grossen Beutel voll Babykleider aus dem Kofferraum und geht zurück zum renovierten Haus. Der Alte wickelt ein Band aus Stoff um die Dachlatten und befestigt das Band an einem Haken, der an einem Seil vom Dach heruntergelassen wird. Der Mann im Hemd ist zurück bei seinem Auto und schaut die Gasse hoch und runter. Er geht zum Kastenwagen, drückt die Hupe und der Wasserlieferant rennt heran, steigt ein und fährt weg. Der Mann im Hemd fährt hinterher. Die Dachlatten schweben langsam die Stockwerke empor. Der Alte wickelt rot-weisses Plastikband von einer Rolle und sperrt die Strasse ab.
(Istanbul)
Auf Ikaria in Griechenland leben die Menschen länger als anderswo in Europa. Ein Besuch in einer fernen Welt.
Am östlichen Rand Europas liegt eine Insel, wo die Menschen sehr alt werden. Ich fuhr zur Insel, weil ich sehen wollte, was für ein Leben die Menschen führen. Auf dem Schiff sass ein alter Mann an einem Kaffeetisch, ein Heft mit Kreuzworträtseln vor sich. Der Mann trug eine Sonnenbrille, einen abgewetzten schwarzen Kittel und eine staubige Mütze. Manchmal döste er und manchmal schrieb er Buchstaben in die Quadrate, und einmal pro Stunde stand er auf, um auf dem offenen Deck eine Zigarette zu rauchen. Als wir auf der Insel ankamen, ging er die Mole entlang, setzte sich in einen weissen Fiat und fuhr davon. Ich schätzte ihn auf etwa 80 Jahre.
Fünf junge Männer stellen in einer Einkaufsstrasse einen CD-Spieler auf den Boden. Die Männer verneigen sich. Ein paar Passanten bleiben stehen.
Einer der Männer drückt am CD-Spieler einen Knopf und Musik strömt durch die Strasse. Die Männer machen Saltos aus dem Stand, sie machen Handstände und hüpfen auf den Händen auf und ab. Sie werden zu Robotern und staksen hin und her. Eine Zuschauerin in einem roten Kleid beginnt den Kopf im Takt hin und her zu bewegen. Eine ältere Frau mit einem Hund an der Leine wackelt mit den Hüften. Ein Junge wippt mit dem Fuss, während er mit dem Daumen über sein Handy streicht. Das nächste Lied ist eine Hip-Hop-Version des Film-Soundtracks von Amélie. Amélie kennen alle.
Die jungen Männer wirbeln herum. Passanten beginnen zu tänzeln sobald sie in die Nähe kommen. Während die Sonne langsam hinter die Häuser sinkt, sieht es aus, als würde die ganze Strasse tanzen.
(Athen)