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Oliver Schneider, DrehPunktKultur (19.02.2008)
Nach konzertanten Anläufen in Wien und in Graz beweist Nikolaus Harnoncourt nun gemeinsam mit Martin Kušej in Zürich, dass Schumanns einzige Oper "Genoveva" zu Unrecht im Dornröschenschlaf liegt.
Verglichen mit 1996 - es liegt ein CD-Mitschnitt vor - arbeitet Harnoncourt die Kontraste jetzt noch pointierter heraus und setzt durchweg auf langsamere Tempi. Das geht wie schon bei seinem Salzburger "Don Giovanni" nicht auf Kosten der Spannung, im Gegenteil. Harnoncourt gibt dem symphonischen Atem der Partitur Raum und entwickelt so Spannungsbögen innerhalb jedes der vier Akte und über das gesamte Werk. Mal lässt er die Musik strömen, dann arbeitet er wieder die liedartigen Momente heraus oder treibt das meist souverän und prägnant artikulierende Orchester auf dramatische Gipfel.
Im 19. Jahrhundert war die Sage von der heiligen Genoveva bekannt. Der Diener ihres Mannes, Golo, versucht Genoveva zu verführen. Schumann, der auch das Libretto verfasste, verflocht die an "Lohengrin" erinnernde Geschichte mit seiner eigenen Biographie und seinen Erlebnissen 1848 in Dresden. Hier setzt Martin Kušej mit seiner psychologisch bis ins kleinste Detail ausgefeilten Deutung an. Hauptperson ist konsequenterweise Golo, der zum Alter Ego des Komponisten wird (Kostüme: Heidi Hackl). Kušej und sein Bühnenbildner Rolf Glittenberg lassen das Werk in einer beissend weißen, fensterlosen Zelle spielen, die in einem pechschwarzen Bühnenraum vor und zurück geschoben wird.
In der Kammer scheinen die vier Hauptpersonen - Golo, Siegfried, Genoveva und die Amme/Hexe Margaretha - wie Gefangene zu leben. Sie bilden gemeinsam die verschiedenen Facetten von Golos Persönlichkeit ab. So steht Siegfried für das von Sekundärtugenden geprägte deutsche Männlichkeitsideal des 19. und 20. Jahrhunderts. Wenige Gesten beim Abschied von Genoveva im ersten Akt reichen, um Siegfrieds Frauenbild zu zeigen (Martin Gantner mit wohltönendem Bariton). Als verlogen wird der treue Ehemann spätestens dann entlarvt, als er sich sexuell von Margaretha befriedigen lässt (darstellerisch etwas blass Cornelia Kallisch).
Dem Regisseur gelingt es kongenial, mit charakteristischen Bewegungen und einer symbolreichen Bildsprache, die Wünsche, Begierden und Charakterzüge Golos herauszuarbeiten. Meist sind alle vier Protagonisten gleichzeitig anwesend zum Zeichen dafür, dass die gegensätzlichen Eigenschaften latent immer vorhanden sind.
Die Nebenpersonen dringen nur kurzzeitig in die weiße Kammer. Das verdreckte und verlumpte Volk (von Ernst Raffelsberger fabelhaft einstudierte Chöre) bleibt ebenfalls meist im Dunkeln, darf erst dann in den Raum, als sie die weiß gekleidete Genoveva des Ehebruchs bezichtigen. Mit ihren schwarzen Händen beflecken sie die unschuldige Frau. In der Kammer bricht das Chaos aus. Der Schlusschoral würde ein Happy End suggerieren. Bei Kušej jedoch verharrt das hohe Paar in der mit Blut und Asche verschmierten Zelle.
Darstellerisch und sängerisch gehört der Abend dem Amerikaner Shawn Mathey, der im August als Tamino ans Theater an der Wien zurückkehren wird. Seine Stimme verfügt über eine warme und sensible Tongebung, leuchtenden Klang sowie dramatisches Feuer. Juliane Banses Genoveva gefällt vor allem in den dramatischen Aufschwüngen. Eine Produktion, die das mäuschenstille Premierenpublikum zu fesseln wusste.