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In einer hier rekonstruierten Momentaufnahme eines über hundertjährigen Details möchte ich mit diesem Beitrag in erster Linie eine Trivialität aufzeigen, scilicet, dass neue Quelleneindrücke eine Triebfeder der Geschichte sind.
Dieser Artikel kann auch als eine Fortsetzung des Blogs «Kein Sonnenstich! ETH-Fussballmannschaft wird Schweizermeister» gelesen werden, in welchem sich Monica Bussmann auf die Ergebnisse der Quellenrecherchen von Saro Pepe Fischer bezieht, welche dieser 2015 in einer Story mit dem Titel «The Chemical Brothers» im Fussballmagazin «zwölf» publiziert hat.
Fischer begab sich auf eine Spurensuche nach dem «Anglo-American Club» [AAFC], dem ersten «verschollenen» Schweizer Meister von 1898/99. Im Hochschularchiv der ETH Zürich entdeckte er die Matrikel dieser ehemaligen Meisterspieler. Aus diesen geht hervor, dass die ersten Schweizermeister als Studierende am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich eingeschrieben waren und sich z.T. aus gemeinsamen Vorlesungen kannten.
Zur geschichtswissenschaftlichen Bearbeitung des frühen Schweizer Fussballs können die Historikerinnen und Historiker im Allgemeinen auf die Quellenlage der damaligen Presseerzeugnisse und der Vereinsarchivsituation der frühen Schweizer Fussballklubs zurückgreifen. Dabei gibt es eine kleine Beeinträchtigung. Die Vereinsakten reichen im besten Fall bis zur Gründung dieser Klubs zurück.
Auf den ersten Blick mag die folgende Aussage ohne Weiteres widersprüchlich anmuten, aber als in der Schweiz im «Fin de Siècle» die ersten institutionellen Fussballvereinsstrukturen im Entstehen begriffen waren, gab es bereits Fussballmannschaften in der Schweiz.
Als dieser «englische Sport» in die Schweiz kam, brachten Briten diesen mit, die sich aus verschiedensten Gründen (Arbeit, Ausbildung, Ferien, etc.) hierzulande aufhielten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts spielten bereits britische Schüler und Lehrer an den Ufern des Lac Lémans und des Bodensees Fussball. Durch eine Analyse der zeitgenössischen Presse zeigt Christian Koller, dass es zu dieser Zeit auch fussballerische Aktivitäten ausserhalb der Internate in den britischen Kolonien Genf und Lausanne gab.
In einigen Fällen waren die Namen der Mannschaften eine Art übergeordnetes Etikett, unter dem sich eine englische Sportlergemeinschaft zusammenfand, um gemeinsam Fussball zu spielen. Ich stelle mir vor, dass dies auf eine Art und Weise geschehen ist, wie wenn sich eine Gruppe für die Teilnahme an einem «Grümpelturnier» einen Namen gibt. So hiessen die historischen Teams, welche sich zum ersten von der Presse dokumentierten Fussballspiel in der Schweiz am 21. Januar 1869 in Genf trafen: «11 English from Lausanne» und «Genova Eleven».
Neben diesen «freien» Mannschaften fanden fussballbegeisterte Briten sich auch unter dem Label eines Internats oder einer Hochschule zusammen. Einige dieser Internatsmannschaften hatten einen grossen Einfluss auf die institutionellen Anfänge des Schweizer Fussballs. So waren zum einen mehrere Westschweizer Internatsmannschaften (La Villa FC Ouchy, Château de Lancy FC Genf, La Châtelaine FC und La Villa Longchamp FC) an der Gründung der Schweizerischen Football Association beteiligt. Zum anderen waren die Schweizer Vereinsgründungen durch die fussballerischen Aktivitäten von Briten an Hochschulen und Internaten angeregt. Es ist z.B. bekannt, dass die Gründung des FC St. Gallen durch Zöglinge des Instituts Wiget am Bodensee beeinflusst war und dass eine Mannschaft aus britischen und amerikanischen Studenten des Polytechnikums den ersten Schweizer Fussballmeister stellte.
Diese britischen Teams besassen im Gegensatz zu den von ihnen inspirierten Schweizer Vereinen keine Vereinsstrukturen im eigentlichen Sinne. Es ist anzunehmen, dass es bei diesen weder ein Statutenwerk noch Vereinsarchivakten gab.
Wo lassen sich also Quellen zu diesen britischen Teams auffinden? Einige Quellen sind, wie bei den Recherchen zu «The Chemical Brother» ersichtlich, im Hochschularchiv der ETH Zürich auffindbar. Im Folgenden möchte ich hier nun meine eigene kleine Matrikelsuche präsentieren.
Für meine Recherche gehe ich von der in den Zürcher Tageszeitungen dokumentierten Tatsache aus, dass der Grasshopper Club Zürich [GCZ] in den frühen Jahren seiner Existenz mehrere Spiele gegen den «Polytechniker Football Club» [PFC] austrug. So berichtet die Neue Zürcher Zeitung in den Jahren 1887 und 1888 über mehrere Partien zwischen dem GCZ und dem PFC.
Am Sonntag, den 18. November 1888, war in der Neuen Zürcher Zeitung ein Spiel zwischen diesen beiden Teams angekündigt, welches der PFC, gemäss eines weiteren Berichts dieser Tageszeitung, mit drei zu zwei gewann. Eine Mannschaftsaufstellung war zu dieser Zeit aber noch nicht in der Presse abgedruckt.
Zum Glück für meine Recherche war für dieses Spiel nicht nur in der Presse geworben worden, es wurde damals auch ein Plakat gedruckt. Von dieser Match-Werbung gibt es eine Reproduktion in Henry Eggenbergers Jubiläumsband «100 Jahre Grasshopper-Club Zürich» von 1986. Durch dieses Zeitzeugnis, welches als Original nicht mehr auffindbar ist, ist eine Liste der Spieler dieses Matchs von 1888 vorhanden.
Aufgeführt auf dieser Spielankündigung sind die Namen der Mitspielenden und des dreiköpfigen Schiedsrichterteams. Die Spieler sind zu je elf Spieler sortiert und den Mannschaften «P. F. Cl.» und «Gr. Cl. Z.» zugeordnet. Die Linienrichter «R. Westermann» sowie «J. Morkel» sind als «Umpire» und «Dr. A. Mason» ist als «Referee» notiert. Zwei Spieler sind als «Capt.» der Teams gekennzeichnet.
Dank der Unterstützung durch die ETH-Archivarinnen und Archivare kamen mit Hilfe dieser Namensliste zehn Matrikelbögen ehemaliger Fussballspieler aus der frühen Pionierzeit zutage.
Nicht unerwartet stehen der Forschung ETH-Matrikel von sechs Spielern des 1888 spielenden PFC zur Verfügung: Frank William Swift, Oliver Heslop, Robert Mond, Valère Fynn, Louis Dryfoos und Jan Rudolf Christiaan Semmelink. Es liessen sich aber auch ETH-Matrikel von vier Spielern des 1888 spielenden GCZ auffinden: Ernst Westermann, Richard Vogel, J. Rudolf Hess und Arnold Tobler.
Durch diese Matrikel sind einige historische Details über dieses Spiel in Zürich von 1888 erfahrbar.
Es sind ausländische Studenten, die für den PFC auf dem Platz standen. Diese kamen aus Liverpool, Newcastle, London, Dublin, Fremont (USA) und Pleyharie (heute Indonesien, damals Borneo). Der PFC war also international aufgestellt.
Im Gegensatz dazu formierte sich das Team des GCZ – wie es die Namen auf der Spielankündigung schon vermuten lassen – aus Schweizer Studenten, welche aus Wiesendangen (Zürich), Eggersried (St. Gallen) sowie den Städten Genf und Zürich stammten.
Eine weitere historische Tatsache, welche durch diese Matrikel herausgefunden werden kann, ist, dass drei Spieler vom GCZ um einige Jahre älter als ihre Kontrahenten waren. Während diese GCZ-Spieler ihr Studium schon abgeschlossen hatten, standen ihre Gegenspieler vom PFC mitten in ihrer Ausbildung. Alle Spieler des PFC absolvierten das Schuljahr 1888/89 am Polytechnikum.
Die Fussballer vom PFC waren zwischen siebzehn und zweiundzwanzig Jahre alt. Beim GCZ ist ein grösserer Altersunterschied feststellbar. J. Rudolf Hess war mit siebenundzwanzig der älteste Spieler. Ernst Westermann, der spätere GCZ-Kapitän von 1895, war mit fast fünfzehn der Jüngste auf dem Platz und immatrikulierte sich erst vier Jahre später am Polytechnikum.
Aus diesen Quellenaussagen können neue Thesen aufgestellt werden.
Aufgrund der biografischen Angaben aus den Matrikeln könnte der PFC ein Vorläuferklub des AAFC gewesen sein. Es können bei beiden Teams ausländische Spieler ausgemacht werden, die am Polytechnikum studiert haben. Dagegen spricht, dass schon in den 1880er Jahren in Zürich nachweislich ein Ruderclub mit dem Namen «Anglo-American Boating Club» [AABC] existierte. Der AAFC könnte durch eine Fusion von PFC und AABC entstanden sein.
Ausserdem überrascht es nicht wirklich, dass die Spieler des PFC auch Studenten des Polytechnikums waren. Beim GCZ ist diese Erkenntnis schon ein wenig eindrücklicher. Daraus kann die These geschlossen werden, dass die Anfänge des Zürcher Fussballs durch die fussballerischen Aktivtäten der früheren Polytechniker beeinflusst sind.
Diese Archivalien bestehen aus je einem Matrikelbogen, in welchem die absolvierten Fächer und Leistungen der ehemaligen Studenten vermerkt und z. T. noch weitere Dokumente wie der Anmeldungstalon oder das Abschlussdiplom beigelegt sind. Durch weitere Untersuchungen dieser Dokumente könnten wahrscheinlich noch mehr Details aufgedeckt werden und es könnte auf der Basis anderer Namenslisten an Archiven von Hochschulen, Universitäten, Gymnasien oder Internatsinstituten möglicherweise weitere Quellenfunde geben.
Die aufgefundenen ETH-Matrikel der Spieler vom «Polytechniker Football Club»
Quellen
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/5178, Matrikel von J. Rudolf Hess.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/5436, Matrikel von Arnold Tobler.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/5690, Matrikel von Louis A. Dryfoos.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/5936, Matrikel von Jan Rudolf Semmelink.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/5938, Matrikel von Robert Mond.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/6081, Matrikel von Frank William Swift.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/6623, Matrikel von Richard Vogel.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/6360, Matrikel von Olivier Heslop.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/6666, Matrikel von Valère Fynn.
Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/7538, Matrikel von Ernst Westermann.
«Match-Werbung schon bei den GC-Gründern», in: Henry Eggenberger: 100 Jahre Grasshopper-Club Zürich, Zürich 1986 (Festschrift zur Erinnerung an den 63. Schweizer Cupfinal in Bern), S.42.
Neue Zürcher Zeitung, Dezember 1887 – Dezember 1888.
Literatur
Berthoud, Jérôme / Quin, Grégory / Vonnard, Philippe: Le football Suisse. Des pionniers aux professionnels (La collection Le savoir Suisse 115), Lausanne 2016.
Fischer, Saro Pepe: Anglo-American Club Zürich. The Chemical Brothers, in: Zwölf – Fussball-Geschichten aus der Schweiz 51/6 (2015). <http://www.zwoelf.ch/anglo-american-club-zurich/> [Stand: 30.12.2020].
Koller, Christian: Transnationalität und Popularisierung. Thesen und Fragen zur Frühgeschichte des Schweizer Fussballs, in: Ludica – Annali di storia e civiltà del gioco 17-18 (2011/12), S.151-166.
Koller, Christian: «Little England» (Prolog): Die avantgardistische Rolle der Schweiz in der Pionierphase des Fussballs, in: Beat Jung (Hg.): Die Nati. Die Geschichte der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, Göttingen 2006, S.11-22.
Scherrer, Hanns-Jakob: Die Spuren der frühen Spielgestalter. Die Archivsituation zum Deutschschweizer Klubfussball der 1880er und 1890er Jahre, 2020 (Masterarbeit Universität Zürich). <https://doi.org/10.5167/uzh-191553>