Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/2784

Leute - 12.12.2023 - 09:00
Während seiner Zeit an der Columbia University in den USA und an der Universität Mannheim in Deutschland ergab sich für Tobias Ebert eine perfekte Passung zum Institute of Behavioral Science and Technology (IBT-HSG). Im August 2023 trat der Assistenzprofessor seine neue Stelle an, in welcher er grosse psychologische Datenmengen in praxisrelevante Erkenntnisse für Unternehmen und menschliches Wohlbefinden übersetzt.
Tobias Ebert, erzählen Sie uns kurz, wo Sie waren, bevor Sie an unsere Universität kamen.
Ich habe 2020 an der Universität Mannheim (Deutschland) promoviert und arbeitete danach als Postdoc an der Universität Mannheim und an der Columbia University in New York (USA). Vor meiner Promotion habe ich einen Master in Psychologie an der University of Cambridge (UK) und einen Master in Wirtschaftsgeographie an der Philipps-Universität Marburg (Deutschland) absolviert.
Ihre Forschung scheint interdisziplinär zu sein. Wie würden Sie Ihr Forschungsgebiet beschreiben? Warum passt das Institute of Behavioral Science and Technology (IBT-HSG) so gut zu Ihnen?
Ich denke, man kann sagen, dass meine Forschung Theorien, Daten und Methoden aus verschiedenen Bereichen kombiniert. Basierend auf meinem Hintergrund in Psychologie und Wirtschaftsgeographie untersuche ich räumliche Variation psychologischer Eigenschaften. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass wir fragen, in welchen Städten Menschen eher extrovertiert und mutig sind. Im nächsten Schritt versuchen wir dann herauszufinden, wo solche Unterschiede herkommen und welche Relevanz sie für das Individuum und die Gesellschaft haben. In früheren Projekten haben wir beispielsweise herausgefunden, dass regionale Persönlichkeitsunterschiede damit in Verbindung stehen, wo neue Unternehmen und Innovationen entstehen, oder dass das Kaufverhalten von Menschen nicht nur ihre eigene Persönlichkeit widerspiegelt, sondern auch die Persönlichkeit derer, die um sie herum leben. Das Institute of Behavioral Science and Technology bringt Forschende mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen und besitzt grosse Expertise in quantitativen Methoden. Das Institut bietet daher ein ideales Umfeld für meine Forschung.
In Ihrer Dissertation haben Sie sich mit ‘Geographischer Psychologie’ beschäftigt. Können Sie das näher beschreiben?
Die Geographische Psychologie ist ein neues Forschungsfeld, das untersucht, wie psychologische Merkmale über verschiedene Gebiete verteilt sind. Traditionell haben Psycholog:innen dies untersucht, indem sie grosse kulturelle Kontexte betrachtet und ganze Nationen oder Kontinente verglichen haben. Die Geographische Psychologie knüpft an diese Tradition an, ist jedoch um einen feinkörnigeren Ansatz bemüht. Anstatt sich auf grobe kulturelle Kontexte zu konzentrieren, erlauben es grosse digitale Datensätze heute, Variationen auf kleineren Ebenen zu untersuchen, z.B. Unterschiede zwischen Städten oder sogar zwischen Nachbarschaften innerhalb einer Stadt.
In einer Ihrer jüngsten Studien bauen Sie auf früheren Studien auf, die gezeigt haben, dass Republikanerinnen und Republikaner in den USA im Durchschnitt länger leben als Demokratinnen und Demokraten. Was haben Sie Neues herausgefunden?
Diese aktuelle Studie ist ein Beispiel dafür, dass der Ort, an dem wir leben für unser Wohlergehen relevant sein kann. Die Studie basiert auf vorherigen Studien, wonach die Anhänger:innen der Republikaner in den USA im Durchschnitt eine höhere Lebenserwartung haben als die Anhänger:innen der Demokraten. Wir haben nun gefragt: Ist das überall in den USA so oder nur an bestimmten Orten? Konkret hatten wir die Hypothese, dass Republikaner:innen nur in Staaten mit einer republikanischen politischen Kultur (d.h. in Staaten, in denen Republikaner:innen von vielen anderen Republikaner:innen umgeben sind) eine höhere Lebenserwartung haben. Diese Überlegung stützt sich auf psychologische Theorien, die besagen, dass Menschen davon profitieren, wenn ihre individuellen Eigenschaften von den Menschen in ihrer Umgebung geteilt werden.
Wir haben unsere Hypothese in zwei getrennten Studien getestet. In der ersten Studie nutzten wir Daten von über 40’000 US-Bürger:innen. In der zweiten Studie analysierten wir digitale Biografien und Nachrufe. In beiden Studien bestätigten unsere Ergebnisse frühere Forschungsergebnisse, wonach Menschen, die sich eindeutig als Republikaner:in identifizieren, oder von ihren Nachkommen als solche beschrieben werden, im Allgemeinen eine längere Lebenserwartung haben. Allerdings lebten Republikaner:innen nur in republikanischen Bundesstaaten länger, in eher demokratisch geprägten Bundesstaaten war kein Langlebigkeitsvorteil erkennbar. Unsere Studie stellt die Annahme in Frage, dass eine republikanische Parteizugehörigkeit generell mit gesundheitlichen Vorteilen verbunden ist. Vielmehr scheint der Zusammenhang zwischen politischer Parteizugehörigkeit und Lebenserwartung davon abzuhängen, wo man lebt.
Könnte Ihr Ergebnis etwa damit zusammenhängen, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt? Oder mit dem sozioökonomischen Status?
In der Tat sind politische Überzeugungen nicht gleichmässig über Gebiete und soziale Schichten verteilt. Es ist zum Beispiel bekannt, dass ländliche Gebiete oft traditioneller sind und eher konservative Kandidat:innen wählen. In unseren Analysen haben wir versucht, Unterschiede in Bezug auf Urbanität / Ländlichkeit und sozioökonomischen Status, aber auch andere Dimensionen wie Religiosität, Ethnizität oder Ungleichheit zu berücksichtigen. Wir stellten fest, dass diese grundlegenden soziodemografischen Unterschiede zwar relevant sind, aber unseren Effekt nicht vollständig erklären können.
Gilt dies auch für Demokratinnen und Demokraten, die in überwiegend demokratischen Gebieten leben?
Das ist eine sehr interessante Frage, und die Antwort lautet nein. Wir finden, dass Republikaner:innen in republikanischen Gebieten länger leben, aber wir haben nicht den umgekehrten Effekt beobachtet. In demokratischen Gebieten lebten Republikaner:innen und Demokrat:innen gleich lang. Dieses Muster stimmt mit den Ergebnissen früherer Studien überein, die sich zum Beispiel mit Religiosität beschäftigten. Diese Studien ergaben, dass religiöse Menschen in religiösen Gegenden glücklicher und gesünder sind, während in nicht-religiösen Gegenden keine derartigen Vorteile für nicht-religiöse Menschen festgestellt werden konnten. Derzeit wissen wir nicht genau, was hinter diesem Muster steckt. Es könnte sein, dass in bestimmten Gebieten kulturelle Normen nicht stark genug sind, um Vorteile zu generieren, oder dass es für manche Menschen einfach nicht so wichtig ist, anderen ähnlich zu sein. Dies sind jedoch nur Spekulationen, und es ist weitere Forschung erforderlich, um die zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen.
Gibt es Studien, die diesen Trend in anderen Ländern untersuchen?
Mir sind nicht viele (wenn überhaupt) Studien bekannt, die den Zusammenhang zwischen Parteizugehörigkeit und Sterblichkeit ausserhalb der USA untersucht haben. In dieser Hinsicht stimmt unsere Studie leider mit den meisten geopsychologischen Studien überein. Aus verschiedenen Gründen (ein wichtiger ist Datenverfügbarkeit) konzentriert sich die Forschung häufig auf die westlichen Länder im Allgemeinen und die USA im Besonderen. Dies stellt natürlich eine Einschränkung dar. Es ist daher eine wichtige Aufgabe für die Zukunft, zu untersuchen, ob unsere Ergebnisse auch auf andere Länder übertragbar sind.
Woran arbeiten Sie gerade?
In einem aktuellen Projekt, das mich besonders fasziniert, untersuchen wir in einer Reihe von Studien, wie regionale Unterschiede in der Persönlichkeit mit der Akzeptanz von Innovationen in Städten zusammenhängen. Wir haben herausgefunden, dass es grosse Unterschiede in der Offenheit der Bevölkerung in Städten gibt und dass dieser Unterschiede damit in Verbund stehen, wie schnell sich Innovationen in Städten durchsetzen. Diese Erkenntnisse könnten praktische Relevanz haben, indem sie beispielsweise Unternehmen bei der Identifizierung von Zielmärkten für neue Produkte und Dienstleistungen unterstützen.
Ein weiteres aktuelles Interesse von mir ist etwas skurril. Vor einiger Zeit habe ich begonnen, Informationen über Menschen aus den Bildern und Inschriften auf ihren Grabsteinen zu extrahieren. Ich war erstaunt, wie viel wir auf diese Weise über Menschen erfahren können. Zusammen mit Informatikern haben wir diese Idee weiterentwickelt und eine Datenbasis mit Millionen von Grabsteinbildern erstellt. Dies sind spannende Daten mit grossem Potential. Zum Beispiel nutzen wir sie derzeit, um in der Zeit zurückzureisen und soziale und wirtschaftliche Verschiebungen zu untersuchen, die Jahrzehnte (oder sogar Jahrhunderte) zurückliegen.
Weitere Beiträge aus der gleichen Kategorie
Prof. Dr. Dania Achermann ist seit 1. Februar 2024 Assoziierte Professorin für Wissenschafts- und Technikgeschichte an der Universität St.Gallen.
Prof. Dr. Blagoy Blagoev ist seit 1. Februar 2024 Ordentlicher Professor für Organisation an der Universität St.Gallen.
Prof. Dr. Seraina Grünewald ist seit 1. Februar 2024 Ordentliche Professorin für Internationales Wirtschaftsrecht und Finanzrecht an der Universität…
Prof. Dr. Melinda Lohmann ist seit 1. Februar 2024 Assoziierte Professorin für Informations- und Privatrecht an der Universität St.Gallen.
Das könnte Sie auch interessieren
Die aktuelle «Im Labor»-Folge widmet sich dem Forschungsprojekt «Q-Shift», das einen detaillierten Überblick über Quantencomputing und Quanten-KI und…
Sprachassistenten, Saugroboter, intelligente Kühlschränke: Algorithmen sind heute die treibende Kraft hinter vielen Produkten. Welche Präferenzen…
Die Raumfahrt war lange Zeit ein Gebiet in dem sich hauptsächlich staatlich getragene Organisationen vorwagten. Seit einigen Jahren nimmt aber auch…
«KMU und Momentum», so der Titel des KMU-Tags zum 20. Jubiläum. Die Referate und Diskussionen zeigten, dass auch negatives Momentum häufig positiv…
Entdecken Sie unsere Themenschwerpunkte