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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

8. Cap. Die Körperlichkeit der Seele involviert jedoch nicht die Materialität derselben, sondern ist von ganz besonderer Art.
Darum ist es auch in den übrigen Hinsichten grundlos und unsinnig, irgend etwas von der Klasse der Körper auszunehmen, weil es die sonstigen Analogien mit dem Körperlichen nicht in gleicher Weise besitzt. Wo blieben denn da die besondern Unterschiede der Eigenschaften, durch welche sich die Erhabenheit des Urhebers in der Mannigfaltigkeit seiner Werke zeigt, indem diese ebensowohl verschieden als gleich, ebenso einander befreundet als feindlich sind? Die Philosophen sagen selber, dass das All aus lauter entgegengesetzten Dingen bestehe, im Sinne der Freundschaft und Feindschaft des Empedokles. Wenn so also das Körperliche dem Unkörperlichen entgegengesetzt ist, so unterscheiden sich auch diese beiden Klassen von Dingen untereinander selber wieder in der Weise, dass der Unterschied ihre Arten vermehrt, nicht die Gattung ändert, so dass zur Ehre Gottes auf diese Weise der körperlichen Dinge viele sind, indem sie mannigfaltig, mannigfaltig, indem sie verschieden sind, verschieden, indem die Wahrnehmung einer Eigenschaft durch diesen Sinn, einer andern durch jenen geschieht, indem die einen diese Nahrung aufnehmen, die andern jene, diese das Leichte, jene das Schwere, diese das Sichtbare, jene das Unsichtbare.
[S. 298] Man behauptet nämlich, auch deswegen die Seele für unkörperlich ansehen zu müssen, weil nach ihrem Austritt die Leichen schwerer werden, da sie doch durch die Wegnahme eines Körpers, wenn die Seele ein Körper wäre, leichter werden müssten. Was würde man dazu sagen, fragt Soranus, wenn geleugnet würde, das Meer sei ein Körper, weil ein ausserhalb des Meeres befindliches Schiff unbeweglich und schwer wird? Um wie viel kräftiger muss daher der Körper der Seele sein, wenn sie den nachher so schweren Leib mit solcher Behendigkeit und Beweglichkeit herumträgt!
Auch die Unsichtbarkeit der Seele entspricht der Beschaffenheit ihres Körpers, der Eigentümlichkeit seiner Substanz und der Natur dessen, wodurch sie die Eigenschaft des Unsichtbarseins erlangt hat. Die Nachteulen wissen nichts vom Sonnenschein wegen ihrer Augen, die Adler aber können ihn so gut vertragen, dass sie den echten Adel ihrer Nachkommenschaft danach beurteilen, ob deren Augen ihm zu trotzen vermögen; andernfalls ziehen sie dieselbe nicht auf, als sei aus der Art geschlagen, wer sich vor dem Sonnenstrahl wegwendet. Was also dem einen unsichtbar ist, ist es dem andern nicht, und braucht darum doch nicht unkörperlich zu sein, weil sich jene Fähigkeit nicht gleich bleibt. Denn die Sonne ist ein Körper, da sie ja Feuer ist. Allein was der Adler bekennt, das dürfte die Nachteule am Ende leugnen, ohne darum ein Präjudiz gegen den Adler hervorzurufen. Ebenso sehr ist auch der Seelenkörper höchstens für das Fleisch unsichtbar, dem Geiste aber ist er sichtbar. So erblickte z. B. Johannes, vom Geiste Gottes überkommen, die Seelen der Märtyrer.