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Subversiver Glanz bei trockenem Wetter: Alle sind gleich, ob arm, ob reich
Pavillon-Skulptur an der Bahnhofstrasse in Zürich als demokratischer Ausdruck
Von Erich Schmid
Beispiel Bahnhofstrasse in Zürich, vielleicht das teuerste Pflaster der Welt, auf dem Bill eine Skulptur errichtete, von der die Menschen, ohne einen Cent dafür zu bezahlen, Besitz ergreifen können, finanziert von der Grossbank UBS, auf Bills Wunsch hin geschenkt der Stadt Zürich, eine begehbare Archi-Skulptur als ästhetisches Verbindungsstück zwischen der mittelalterlich-kleinräumigen Altstadt und der gegenüberliegenden Verwaltungsarchitektur der Jahrhundertwende, ein Knoten im Raum, wie Bill ihn nannte, oder das Gegenteil von einem Labyrinth, etwas gegen die Konfusion, in der wir heute leben oder gegen den überbordenden Individualismus, ein kostenloser Treffpunkt inmitten einer Konsummeile, wo der Luxus, an dem alle teilhaben können, darin besteht, dass die Skulptur mit ihren polierten Granitquadern das Umfeld visuell zum Vibrieren bringt, ausgerichtet nach der Lichtdurchlässigkeit der Jahreszeiten und der Nächte, wo es 18 Tore hat und man sich die Wege frei wählen kann, das Gegenteil also von Verklärung, Verlockung und Verführung (deren Mittel sich die dunklen Mächte bedienten, vom Cäsaropapismus bis Faschismus) – Max Bills Pavillon-Skulptur mit ihrer gestalterischen Klarheit als demokratisches Manifest der Transparenz.
Dass man den demokratischen Ausdruck in Bills Werken nicht gleich sieht, liegt wohl daran, dass diese nicht figurativ sind und keinen literarischen Ausdruck haben, denn sie entstammen einer Idee. – Aber was war die Idee von Max Bill?
Sie liegt wohl im Subtext seiner eigenen Aussagen verborgen: der Knoten im Raum, das Gegenteil eines Labyrinths, der überbordende Individualismus, die Konfusion, in der wir heute leben, und dass man die Wege frei wählen kann. Zwei Lösungswörter dieser Attribute treten erst hervor, wenn man sich genauer mit der Skulptur auseinandersetzt und realisiert, dass sie aus lauter gleichen Elementen besteht – die Gleicheit und die Freiheit als zentrale Begriffe, die das Zusammenleben jeder Gesellschaft bestimmen, ob wir wollen oder nicht. Die gleichen Elemente setzte Bill der Bewegungs-Freiheit in der Skulptur gegenüber – und gleichzeitig schaffte er Transparenz. Dieser gestalterische Ausdruck fordert uns auf, die zwischen Gleichheit und Freiheit unweigerlich bestehenden Spannungen transparent zu regeln, indem man eine politisch-demokratische Lösung findet im Zusammenhang mit der Tatsache, dass zu viel Freiheit es den Stärkeren ermöglicht, die Schwächeren zu unterdrücken – und dass zu viel Gleichheit Eintönigkeit und Langeweile produziert. Wäre eine sprachliche Aussage zu der von Bill gewählten Problemstellung möglich gewesen, dann hätte er die Lösung in der Sprache gesucht. Im Gegensatz zu sprachlichen Antworten erfordert jedoch die nicht-figurative, konkrete Kunst, eine Anstrengung auf bildsprachlicher Ebene. Wenn man die Werke einfach betrachtet, ohne darin Antworten auf das Leben zu suchen, können sie einem gefallen oder nicht. Im letzteren Fall führt dies oft zu Bemerkungen wie: „Das könnte ich doch auch!“, da ein Werk auf den ersten Blick einfach und reduktiv aussehen kann. Diese Rezeption vernachlässigt, dass die konkrete Kunst im besonderen Masse gerade (auch) das ausmacht, was man nicht gleich sieht: die Problemstellung, die dahinter steht, die Metapher, den Ausdruck von Erkenntnissen (die vielleicht noch nicht eingelöst sind), den gestalterischen Ausdruck eines zeitlosen, klassischen Zustands. Übertragen auf die heutige Zeit, könnte dies bedeuten: Je mehr wir uns dem geschichtlichen Wendepunkt und der globalen Umweltkrise nähern, welche die postmoderne Üppigkeit und die individuelle Beliebigkeit verursachen, desto deutlicher treten jene Lösungsansätze hervor, die Max Bill (und einige der Konkreten) politisch propagiert und in eine ästhetische Form gebracht hatten. Sie führten zumeist übrigens in die Reduktion.
Wäre es möglich, sie heute noch gegen den Widerstand der Bevölkerung durchzusetzen, der sich im Entstehungsjahr 1983 regte? Die Bahnhofstrasse (allen voran deren Vereinigung mit Rudolph Sprüngli) und der damals bürgerliche Stadtrat waren dagegen, die Bankgesellschaft (SBG, heute UBS) aber, die die Skulptur bezahlte, schliesslich dafür. Unschwer übrigens zu erraten (weil die Plastik heute ja steht), wer das Sagen hatte. Dabei war die SBG=UBS (ihrer Boykott-Umgehungsgeschäfte mit dem Apartheidstaat Südafrika wegen) weit über die lokalen Kreise hinaus umstritten, und auch innerhalb der Bank musste der damalige freisinnige Nationalrat und UBS-Kulturvermittler Ernst Mühlemann in der obersten Banketage zugunsten der Bill-Skulptur massive Überzeugungsarbeit leisten.
Es ist bei aller gebotenen UBS-Kritik nicht ganz uninteressant, wie sich deren Kulturverständnis seither gewandelt hatte. Die Marcel Ospel-Ära verstand die Kunst nur noch als Wertanlage, was schief gehen musste, weil der Kunsthandel noch volatiler ist als die Börse und die Bank vom Geschäft mit der Kunst nichts verstand. Konsequenterweise rückte sie davon wieder ab. Fazit: Aus Bankensicht hätte die Realisierung der Pavillonskulptur heute keine Chancen mehr.
Ähnlich verhält es sich bei der Stadtregierung, die zwar politisch gewechselt hat, von bürgerlich zu linksgrün, aber ihr Kulturverständnis blieb. Die heutige Kunstbeauftragte der Stadt Zürich, Barbara Basting, hat als frühere Journalistin und kurzzeitige Kulturchefin beim 2. Schweizer Radio im Tages-Anzeiger geschrieben: man könne Max Bills Fähigkeiten als Bildhauer «mit Fug» in Zweifel ziehen – nachdem Max Bill 1993 für seine Skulpturen den sogenannten Nobelpreis der Künste, den Praemium Imperiale in Tokio, erhalten hatte; u. a. nebst Jasper Johns für seine Malerei. – Wie hätte also mit dieser Kunstfördererin der Stadt Zürich – abgesehen von ihrer unklaren Qualifikation – diese Pavillon-Skulptur heutzutage durchgesetzt werden können, dies auch noch gegen den Widerstand der Bevölkerung und mit einer in Kunstfragen defizienten Grossbank? – Unmöglich!
Der damalige Stadtpräsident Thomas Wagner hatte so viel Skepsis gegen Bills Werk, dass er von der Werkstatt des Opernhauses ein Pavillon-Modell 1:1 aus Styropor errichten liess, «naturalistisch angemalt», wie der bekannte Künstler Gottfried Honegger im Film «Max Bill – das absolute Augenmass» sagt, um es in tatsächlicher Grösse beurteilen zu können. Eine Jury internationaler Sachverständiger, darunter Eduardo Chillida und Kenzo Tange, wurden eingeflogen, Hotel, Diäten und Honorare entrichtet, um on the spot anzuschauen, was man auf Styropor gar nicht sehen konnte: den subversiven Glanz auf poliertem Granit, der laut Bills Originalton die Skulptur zum Vibrieren bringt – «eine unwahrscheinliche Blamage für die Zürcher Regierung», sagt Gottfried Honegger: Chillida habe sich «geschämt», Bills Werk beurteilen zu müssen. «Und heute ist die Skulptur eine Selbstverständlichkeit. Man könnte sie gar nicht mehr wegnehmen. Die Bevölkerung würde ja rebellieren dagegen!»
Als sie eingeweiht wurde, hatten sich die vehementesten Gegner von einst nach vorne gedrängt, um sich, neben Max Bill posierend, stolz ins (Presse-)Bild zu rücken.
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