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Von unsrer Karakorum-Expedition im Jahre 1929
Von Ph. C. Visser.
Es ist allezeit eine schwierige Aufgabe, in gedrängter Form Bericht zu geben über eine Expedition wie diese, die schon mehr als drei Vierteljahre dauert, wobei so unsagbar viele neue Eindrücke aufgenommen werden, und die überdies auf so verschiedenen Gebieten tätig ist. Für ausführliche Schilderungen unserer Erlebnisse verweise ich auf das Buch, welches ich bald nach unserer Rückkehr zu veröffentlichen hoffe. Ausserdem beabsichtigen die Mitglieder unserer Expedition, die wissenschaftlichen Ergebnisse unserer Reise durch das zentralasiatische Hochgebirge in Fach- und andern Zeitschriften festzulegen.
Ungefähr die Hälfte unseres Werkes liegt jetzt hinter uns. Es schliesst sich mehr oder weniger den Forschungen an, die wir 1922 in den östlichen Seitentälern des mittleren Nubratales unternahmen und, was die glaziologischen und meteorologischen Untersuchungen anbetrifft, auch unserer Arbeit von 1925 in den Hunzagebieten des Karakorum und Sarikol.
Dass wir in der Lage waren, unsere Expedition durchzuführen, danken wir in allererster Linie der ausserordentlich wohlwollenden Mitwirkung, die uns zuteil wurde durch die britisch-indische, die kaschmirische und die chinesische Regierung. Zu grösstem Danke verpflichtet sind wir Lord Irvin, dem Unterkönig von Indien, dessen Gäste wir in Delhi waren, und dem Maharadscha von Kaschmir, der seine persönliche Anteilnahme unserer Expedition damit bewies, dass er Lokalbehörden und andere Amtsstellen anwies, uns überall und zu allen Zeiten behilflich zu sein. Mit grösster Dankbarkeit gedenken wir auch des Generals Thomas und des Majors Mason von der indischen Landesvermessungsanstalt, die uns mit Rat und Tat so kräftig zur Seite standen, ebenso des Residenten von Kaschmir, in dessen gastfreier Wohnung wir die letzten Tage vor unserem Aufbruch zubringen durften.
Lassen Sie mich zunächst die Expeditionsteilnehmer vorstellen: Da nenne ich vorerst meine Frau, die auch 1922 und 1925 meine Reisegefährtin war und die wiederum, wie damals, die botanische Sammlung übernommen hat; dann folgt Herr Sillem für Zoologie, besonders als Ornithologe; der Geologe Dr. Rudolf Wyss aus Bern; unser alter, bewährter Freund und Führer Franz Lochmatter aus St. Nikiaus; Khan Sahib als Topograph. Letzterer wurde auf Vorschlag der britisch-indischen Regierung von der indischen Landesvermessung mit der grössten Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt. Ich selber besorge die Leitung der Expedition und ausserdem die meteorologischen und glaziologischen Beobachtungen.
Unser Plan war, vorerst die noch unbekannten Gebiete beim Siachengletscher und im obern Nubratal einer möglichst genauen Untersuchung zu unterwerfen, um hernach über die Karakorumkette ostwärts zu ziehen nach der « terra incognita » westlich des Shyocktales. Endlich wollten wir ein ausgedehntes Gebiet östlich des Karakorumpasses, der in jedem grösseren Atlas gezeichnet ist, besuchen und erforschen. Wir beabsichtigten, dies 1930 von chinesisch Turkestan aus zu tun, denn wir planten, in Yarkand, also nördlich vom Karakorum- und Kuen-Lun-Gebirge, zu wintern. So hatte unser Programm, was den Umfang betrifft, unverkennbare Ähnlichkeit mit dem eines neu antretenden Ministeriums, worin auch wohl etwa einiges versprochen wird, das vielleicht nicht ausgeführt werden kann.
Ausgangspunkt war, ebenso wie die vorigen Male, Srinagar, von wo wir am 2. Mai abreisten. Über den Zoji La zogen wir nach der Nordseite des Himalaya, und es glückte uns, entgegen allen schwarzseherischen Voraussagen, unsere Ausrüstung mit Ponys statt mit Trägern über diesen Pass zu bringen. Dank sei dem Geschick, das uns den Übergang in der Nacht bei gefrorenem Schnee ausführen liess.
Dies war auch die beste Vorsichtsmassregel gegen Lawinengefahr, die hier beim späteren Aufstieg um diese Jahreszeit in hohem Grade droht; denn der Weg führt durch eine mächtige, enge und lange Schlucht, dem Sammelplatz all des Schnees, der im Winter und Frühjahr von den ausgedehnten Berghängen niederstürzt. Wogegen wir uns jedoch nicht wappnen konnten, das waren die meist plötzlich einbrechenden Witterungswechsel, durch welche der Pass berüchtigt ist. Wenn der Schneesturm dort oben wütet, dann kann er sehr gefährlich sein für Mensch und Tier. So fanden wir im Frühling 1922 die ausgeaperten Leichen verunglückter Reisender und die Gebeine einer kleinen Ponykarawane, und in der kleinen Schutzhütte jenseits des Passes lag auch ein gestorbener Mann. Das schlechte Wetter am Zoji La ist beinahe sprichwörtlich. In fast allen Reiseberichten lesen wir über Schneetreiben oder Nebel, und auch wir trafen 1922 beim Hin- und Rückweg erbärmliches Wetter. Aber am frühen Morgen des 7. Mai 1929 glänzten die Sterne am wolkenlosen, transparenten Himmel. Das Glück war mit uns, und wir deuteten es als gutes Zeichen für die Zukunft.
Der Weiterweg nach Leh war uns bekannt, und wieder genossen wir die prächtigen Landschaftsbilder: die kleinen, grünen Oasen mit ihren Dörflein inmitten der unfruchtbaren, doch grossartigen Täler; die wilden Bergströme, welche durch düstere Schluchten jagen; die malerischen Lamaklöster auf hohen, steilen Felsenerkern.
In Leh, das wohl auch die westliche Hauptstadt des tibetanischen Lamaismus genannt wird, zeigten sich die ersten grösseren Schwierigkeiten der Nahrungsfürsorge. Wir mussten damit rechnen, dass in den nächsten fünf Monaten die Lebensmittel für uns und die Kulis nicht ergänzt werden konnten. Die kaschmirische Regierung lieferte uns aus ihrem Getreidevorrat soviel nur irgendwie möglich war, das übrige hatten wir bei den umwohnenden Kleinbauern einzukaufen; doch viel war in dem unfruchtbaren Bergland, dessen Bewohner kaum genug für sich selber haben, nicht zu finden. Da erst noch das Korn gemahlt werden musste und die Abreise drängte, kam uns die Obrigkeit wiederum entgegen und befahl, dass alle Mühlen von Leh und Umgebung zwei Tage lang nur für unsere Expedition mahlen sollten. Aber dadurch wurde das wenige Wasser, das auch zum Bewässern der Felder dient, so stark in Anspruch genommen, dass eine neue Order für diese zwei Tage die ganze Quantität den Mühlen zur Verfügung stellen liess.
So wuchsen unsere Vorräte, zusammen mit der Ausrüstung, auf 445 Kulilasten an, zu deren Transport über den mehr als 5300 m hohen Khardong-pass ebensoviele Träger nötig waren; denn an Ponys war um diese Jahreszeit bei dem tiefverschneiten Passweg nicht zu denken. Ein neues Problem also, denn so viele Träger waren in der weitesten Ferne nicht zu finden. Es wurde so gelöst, dass wir nur für zwei Monate Proviant mitnahmen und den Rest uns später nachbringen liessen, wenn der Weg für Lasttiere geöffnet sein würde.
Einhundert Kulis brachten das erste Hundert Lasten nachts, als der Schnee gefroren war, über den Pass. Das war aber nicht genügend; wir brauchten unbedingt zweihundert Lasten. Unsere 40 ständigen Träger erklärten sich bereit, den schweren Gang ein zweites Mal zu unternehmen. Die anderen 60 weigerten sich, ein Gleiches zu tun, und nur mit grosser Mühe konnten zu hohen Löhnen neue Träger gefunden werden.
Das schlimmste war, dass unterdessen kostbare Zeit verstrich, wo wir doch so schnell als möglich vorwärts kommen mussten, wenn nicht die Expedition blockiert werden sollte, bevor sie das Arbeitsgebiet erreichte. Um nämlich nach dem Siachengletscher zu kommen, hatten wir mehrmals den Fluss zu durchqueren. Und jetzt wuchs die Hitze von Tag zu Tag; mit ihr die Schmelzwasser eines fast ungeheuerlich grossen Eis- und Firngebietes ( nur das des Siachengletschers misst schon mehr als 2300 km2 ); zusehends nahmen die Fluten des Nubrarivers zu. Ich bin nie für diese Wasserdurch-querungen begeistert gewesen, denn man hat es dabei mit zu vielen unberechenbaren, gefährlichen Möglichkeiten zu tun. Zuerst durchwateten wir den Shyock. Früher überspannte ihn eine hohe Hängebrücke. Diese wurde aber 1926 im Gefolge des Kondamgletscherdurchbruches weggeschlagen.
In Panamik, dem letzten etwas bedeutenderen Ort im Nubratal, wurden so schnell wie möglich die Vorbereitungen getroffen für unsere Fahrt nach dem Siachengletscher. Am 11. Juni waren wir wieder unterwegs. Schon jetzt ging das Durchqueren des Nubra unter grossen Schwierigkeiten vor sich und kostete uns ungefähr 2 1/2 Stunden. Mit sehr gemischten Gefühlen — Gefühlen, die einige unserer Kulis und Bedienten teilten, die über den Kopf eingetaucht waren — sah ich der Zeit entgegen, da wir auf der Rückreise den Fluss neuerdings würden queren müssen.
Auf unserem Weg nordwärts durch das Nubratal, wobei wir ungezählte Male stark angeschwollene Seitenarme des Flusses querten, besuchten wir einige der unerforschten rechten Seitentäler des Kailasgebirges. Das sind anstrengende, aber auch durchaus schöne Tage gewesen.
Anstrengende Tage!... An einem von ihnen, da Wyss und ich nachts 4 Uhr weggingen, erreichten wir erst abends 11 Uhr wieder das Lager, nach einem ununterbrochenen Gang von 19 Stunden. Dabei trug der stark geschwollene Gletscherbach, der uns in der engen Schlucht des Talausganges den Weg versperrte, ein gutes Teil Schuld. Schöne Tage!... Es war an diesem gleichen, strahlend sonnigen Tag, dass Wyss und ich im selben Augenblick wie an den Grund genagelt stehen blieben, weil sich vor uns am Ende des Tales ein überwältigender Berg emportürmte, der uns wie aus einem Mund ausrufen liess: « Das Matterhorn », aber ein Matterhorn, grösser denn der Berg bei Zermatt, ein Matterhorn, dessen Gipfel bis über 7000 m ragte, mit steileren Wänden und schärferer Spitze, sonnbraun gefärbt, mit Schnee bestreut. So stand er da vor einem tiefblauen Himmel als Hintergrund.
Nachdem drei Täler erforscht waren, zogen wir weiter nach dem Siachen, der Erde grösstem Gletscher, die Polgebiete ausgenommen. Und dann erlebten wir die Überraschung, just in dem Augenblick, da wir unsern Fuss auf den Gletscher setzen sollten, dass unsere Expeditionsgruppen getrennt waren, einander durch das Wasser nicht wieder erreichen konnten und so in zwei Hälften beidseitig des Flusses nächtigen mussten. Schliesslich glückte es, mit Hilfe langer Seile über äusserst steile Felswände wieder zusammenzukommen.
Unsere Untersuchungen galten nicht dem Gletscher selber, welcher bereits durch Longstaff und später durch die Bullock Workmans besucht und kartiert worden war. Aber unbekannt war das Gebiet zwischen dem unteren Lauf des Siachen und dem Hauptkamm des Karakorumgebirges.
Nach langen, mühsamen Märschen entdeckten und explorierten wir das merkwürdige Tal, in welches ein Teil des Siachengletschers hineinströmt, so dass dieser zwei Schnauzen hat, entdeckten mächtige Gletscher, die den oberen Teil dieses Tales und seine Nebentäler füllten, Gletscher, deren einer die Länge von 30 km misst.
Über die mit Steinen und Schutt bedeckten Eisströme zogen Lochmatter, Wyss, Khan Sahib und ich in zwei Gruppen vorwärts, die je einen Teil des Gebietes auf ihre Rechnung nahmen. Lochmatter und ich verfolgten den östlichen Arm durch ein Chaos von Türmen, Mauern und Klüften aus Eis, die alle Vorstellungen übertreffen. Da war es auch, als wir in die Bergflanken ausweichen mussten, um weiter zu kommen, dass unsere kleine Karawane von einer Steinlawine überfallen wurde, die von den Felsen heruntersauste und knatterte und zwischen unseren neun Kulis niederschlug, sie in eine Staub- und Sandwolke hüllend, woraus jedoch alle neun, während ich mit angehaltenem Atem zuschaute, ohne die kleinste Verletzung wieder zum Vorschein kamen.
Und über den gewaltigen Gletschersturz gingen Lochmatter und ich wieder empor, ein Aufstieg durchs Eis, wie ich ihn in meinem Leben selten unternommen, denn, wie alles im Karakorum, sind auch die Ausmasse von Seraks und Schründen grösser als irgendwo in den Alpen.
Angesichts der überhängenden Eistürme biwakierten wir in unseren kleinen Zelten mit sehr wenig Essen und um so mehr Kälte, um am folgenden Morgen wieder weiter zu steigen über Eis und Schnee und Felsen nach der höchstgelegenen Firnfläche dicht bei der Wasserscheide.Von da setzten wir unseren Marsch fort, bis nach scharfem Anstieg einer der silberweissen Gipfel erreicht war und wir von 6200 m Höhe rundum staunten in die unmess-bare Weite und über die Welt von Eis und Schnee, die sich ausdehnte, soweit das Auge reichte. Selbst im fernsten Horizont reihten sich die blanken Berge aneinander, da und dort die Silhouette unterbrochen durch weissbestäubte Granitriesen oder schlanke Pyramiden, die ihre nadelscharfen Spitzen in das Blau des Himmels bohrten. Und diese Welt gehörte uns! Mit einem einzigen Rundblick überschauten wir Tausende von Quadratkilometern des grössten Gebirgslandes, das die Natur auf Erden geschaffen hat. Und das alles genossen wir an einem windstillen Tag, an dem kaum einige weisse Wölklein ruhig am Himmel hingen. Dann kehrten wir wieder den langen und mühsamen Weg zurück, den wir gekommen.
An einigen Orten hatten die Schwierigkeiten sogar zugenommen. So fanden wir das Wasser derart angewachsen, dass wir nur mit allergrösster Anstrengung und mit Hilfe unserer Seile über nahezu senkrechte Granitwände Auswege finden mussten.
Auf unserem Rückweg nach Panamik durch das Nubratal wurden noch einige bedeutende Gletschertäler untersucht, wobei die Arbeit wieder verteilt war. Ohne Unfall durchwateten wir nochmals und öfters den Nubra-fluss, doch tat ich einen Seufzer der Erleichterung, als das Wasser endlich hinter uns lag. Wahrhaftig, wir hätten nicht viel später zurück sein müssen, so wäre uns der Weg versperrt gewesen.
Von Panamik aus drangen Wyss und Khan Sahib in eines der grossen, linken Seitentäler vor, Lochmatter und ich bestiegen einen Aussichtspunkt, der uns Gelegenheit bot, ein anderes Nebental in die Karte zu bringen. Meine Frau und Herr Sillem besorgten die ihnen zukommenden botanischen und zoologischen Arbeiten.
Über den noch mit recht viel Schnee bedeckten, 5400 m hohen Sasirpass erreichten wir das Shyocktal, in welchem unser nächstes Untersuchungsgebiet gelegen war: zwei grosse, noch unerforschte rechte Seitentäler des genannten Haupttales. Hier lag eine ganz besondere Gefahr. Es dürfte wohl bekannt sein, dass der obere Teil des Shyockflusses durch den stark vordrängenden Kondamgletscher abgedämmt war. Wie wir später vernahmen, hatte sich ein See von ungefähr 65 km2 Oberfläche mit einer mittleren Tiefe von mehr denn 50 m gebildet. Durch den Ausbruch des Sees von 1926 waren uns die Folgen einer solchen Katastrophe bekannt. Mit fast unumstösslicher Sicherheit war ein solcher Durchbruch wieder zu erwarten. Um die Seitentäler zu erreichen, hatten wir zum Teil den Boden des sehr breiten Shyocktales zu begehen, was bei einem allfälligen Durchbruch äusserst gefährlich sein konnte.
Im ersten Seitental münden verschiedene mit Gletscher gefüllte Nebentäler, die alle durch uns exploriert wurden. Wir drangen vor bis an die Wände des höchsten Gipfels in diesem Sasirgebiet, einem prächtigen Berg von fast 7700 m Höhe, auf dessen Hängen wir 1922, jedoch auf der Westseite, biwakiert hatten. Es war ein Hochgebirge von unvorstellbarer Schönheit und Grösse. Beinahe 2500 m stiegen die angsterweckend steilen Eiswände aus den Gletschern empor, Eiswände, von denen die Lawinen mit kurzen Zwischenpausen niederdonnerten.
Zur kartographischen und geologischen Aufnahme wurden mehrere Gipfel bestiegen.
In das zweite Nebental war äusserst schwierig hineinzukommen. Das Wasser, welches wild brausend eine enge Schlucht durchjagte, hinderte immer und immer wieder das Vorwärtsgehen, während von beiden Talwänden die Steinlawinen niederstürzten. Auch hier drangen wir in ein Hochgebirge voll grosser Schönheit vor.
Trotz der zahllosen Hindernisse, die uns auf unserem Weg durch das Karakorumgebirge entgegentraten, war unsere Expedition so günstig verlaufen, dass das ganze Programm von 1929 schon in der ersten Hälfte August durchgearbeitet war. Wohl hatten wir noch ungefähr einen Monat zu rechnen, um Yarkand in chinesisch Turkestan zu erreichen; allein dies hinderte uns nicht am Beschlusse, das unbekannte Gebiet östlich des Karakorumpasses zu besuchen, was ursprünglich für 1930 bestimmt war, um zu erfahren, wie weit wir da noch eindringen möchten.
Als wir zum letztenmal das fast einen Kilometer breite Shyocktal durchschritten, um unsere Reise fortzusetzen, schien der Fluss stark angeschwollen zu sein, ein höchst verdächtiges Vorzeichen, aus dem ich schloss, dass jetzt das Wasser unter dem Kondamgletscher durchfliesse und den Beginn der Katastrophe einleite. Das Durchwaten war mühsam, nicht ungefährlich und nahm mehr Zeit in Anspruch, als uns lieb war.
Längs des Karawanenweges Indien-Turkestan, der mit Hunderten von Lasttierkadavern bedeckt war, zogen wir über das mehr als 5000 m hoch gelegene Depsangplateau zum Südfuss des Karakorumpasses. Da liessen wir unsere Ponykarawane zurückkehren, um das unbekannte Gebiet von nun an nur mit Trägern zu begehen.
Der Charakter dieses Gebietes wird wohl am besten mit der Bezeichnung « Gebirgswüste » angedeutet. Das ganze Gelände lag auf ungefähr 5000 m Höhe, woraus mehr oder weniger parallel laufende Bergketten und -rücken aufsteigen, diese wieder überragt von Gipfeln bis ungefähr 6500 m. Wasser war äusserst rar, und nur hie und da wuchs die anspruchslose Burzapflanze, deren Wurzel als Feuerung diente. So waren die Lagerplätze mit Sorgfalt zu wählen, und nicht selten geschah es, dass die Kulis dennoch stundenweit nach Burza suchen gehen mussten.
Eine andere ernsthafte Erschwerung war, dass wir anfangs ungefähr dreimal mehr Lasten hatten als Träger, so dass diese den gleichen Weg dreimal hin und zweimal zurück machen mussten. Und man vergesse nicht, dies alles geschah in einer Höhe von 5000 m und mehr, wo wohl ein bisschen weniger Luft zur Verfügung steht als in den Niederungen. Aber unsere Mühe wurde auch belohnt. Fünf Wochen lang durchkreuzten wir das weite Gebiet und brachten es in die Karte. Wir entdeckten einen unbekannten Zufluss des Shyock, der länger war als alle andern, so dass wir die wirkliche Quelle des genannten Flusses fanden. Wir entdeckten Süss- und Salzwasserseen, Bergrücken und verschiedene Gletscher, wenn auch in bescheidenerem Ausmass als die im Karakorum; wir hatten sie überhaupt nicht erwartet in diesem Land, das als vollkommen gletscherlos galt. Obendrein glückte es uns, den höchsten Gipfel, 6500 m, der mittleren Berggruppe über einen steilen Gletscher und schön geschwungenen Firnkamm zu ersteigen, während Wyss auch den höchsten Gipfel der nördlichen Gruppe erstieg. Die weitgedehnte Aussicht an diesem nahezu wolkenlosen 31. August 1929 gab uns einen vortrefflichen Eindruck des schon von uns durchforschten und noch zu erforschenden Gebietes.
Aber nach diesem Tag hielt das gute Wetter nicht mehr an. Die Temperatur sank mehr und mehr. Bei — 11 Grad Celsius wurden wir vom Schneesturm überfallen, und wenn das Schneien auch aufhörte, so kehrte doch mit beinahe unfehlbarer Sicherheit jeden Nachmittag und jede Nacht ein kalter Sturm zurück, und mehr und mehr erwachte der Wunsch nach dem Ende unserer Fahrt. Denn auch unser Proviant wurde knapp, und in den letzten Tagen war Wasser kaum mehr zu finden, so dass wir uns zufrieden geben mussten, etwas Schnee zu schmelzen, wovon wir eine sehr geringe Menge trafen.
So ging es weiter, bis wir am 15. September auf eine kleine Kirgisen-niederlassung und das mit Grün umsäumte Ufer eines klaren Bergbaches stiessen. Das erste Grün nach vielen Wochen! 55 Tage hatten wir über 4500 m zugebracht, davon 29 selbst über 5000 m. Aber auch ungeachtet der oft schlechten Witterung hatte am Ende der Tur nicht einer unter der Höhe gelitten. Ich will noch erwähnen, dass wir am Anfang unserer Durchforschung dieses Gebietes an einem frühen Morgen ein fernes, fürchterliches Donnern und Krachen hörten. Es war uns sofort klar, dass es vom Durchbruch des Kondamgletschers herkam, was uns später bestätigt wurde. Dreissig Kilometer weit war der Donner über hohe Bergketten zu uns gekommen!
Längs des Karakashflusses erreichten wir endlich am 18. September Suget Karaul, den ersten chinesischen Grenzposten. Wir waren in grosser Spannung, ob man uns hier mit unseren Empfehlungsschreiben den Eintritt gestatten würde, was in der Tat geschah. Hier erwarteten wir auch unsere Ponykarawane, die mit den Lebensmittelvorräten über den Karakorumpass kam und ausserdem noch einige unbeladene Lasttiere mitbrachte, so dass wir auch unsere Ausrüstung weiterbefördern konnten. Denn unsere ständigen Träger, die uns all die Monate hin willig gedient, kehrten von hier nach ihren Heimstätten in Ladakh zurück. Unser vorzüglicher Topograph, Khan Sahib, war bereits etliche Tage früher abgereist, um noch einige Lücken in unserer Karte auszufüllen.
Die Reise nach Yarkand verlief ausgezeichnet. Noch einmal überschritten wir einen mehr als 5000 m hohen Pass, der uns über das schon tief im Winterschnee liegende Kuen-Lun-Gebirge führte. Unsere schwer beladenen Ponys mussten stellenweise entlastet und ihre Fracht den Yaks aufgeladen werden. Aber auch so war der Übergang noch recht mühsam und schwierig. Wie die Tiere über den mit Eis und Schnee bedeckten Pfad nach oben und wieder hinunter kamen, war mir ein Rätsel, kostete es doch mich selber dann und wann Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Allerdings sah man die Tiere manchmal fallen, so dass sie mit vereinten Kräften wieder aufgerichtet werden mussten, und auf den schwierigsten Stellen hackte Wyss Tritte in das Eis, um den Hufen Halt zu schaffen. An diesem Tag bestiegen Lochmatter und ich vom Pass aus über einen schmalen, verschneiten Felsgrat noch einen Gipfel. Noch einmal genossen wir die endlose Fernsicht über den Kuen-Lun, auf den entlegenen Karakorum und auf die Berge des eben von uns durchforschten Gebietes; dann blickten wir nach Norden über all die vielen Bergrücken hin, hinter denen wir die weithin ausgebreitete Takla Makan, die geheimnisvolle Wüste, ahnten, welche unter ihrem Sand die alten Städte und die Zeichen einer alten Kultur verborgen hält, von deren Wundern uns Sven Hedin und Aurei Stein, Grünwedel und Von Le Coq erzählen. Noch einmal genossen wir da oben die unsagbare Ruhe und Stille des Hochgebirges, die um so eindrucksvoller waren, da wir uns im Herzen Asiens befanden. Dann stiegen wir ab und vereinigten uns wieder mit den andern und unserer Karawane, mit der wir weiterzogen, viele Tagemärsche lang, nach China hinein, bis endlich Yarkand erreicht war. Auch dieser Teil der Reise wird immer nur die besten Erinnerungen in uns wecken, denn in jedem grösseren Ort wurden wir durch die chinesischen Behörden, die schon von unserem Kommen unterrichtet waren, mit der grössten Aufmerksamkeit und Freundlichkeit empfangen. Da und dort krachten selbst die Ehrensalven bei unserer Ankunft und standen die Soldaten in Reihen, um uns militärischen Gruss zu erweisen. In Kargalik und Yarkand wurden von den Autoritäten grosse Festessen zu unserer Ehre geboten; und so ein chinesisches Diner ist keine Kleinigkeit! Es dauert ununterbrochen mindestens drei Stunden lang. Man fängt mit Tee und Delikatessen an; dann werden Schüsseln mit Vorgerichten angeboten ( später, beim General in Kaschgar, zählte ich deren 42 ), und danach beginnt erst die eigentliche Mahlzeit von oft zwanzig Gängen, darunter vielerlei, das für uns Europäer fremd ist, so Tintenfisch, Schnecken, Haifischflossen, Bambus-wurzeln und anderes.
Wo es für die Fremden so ausserordentlich schwierig ist, die Bewilligung zur Einreise in diesen Teil des chinesischen Reiches zu bekommen, fühlen wir die allergrösste Dankbarkeit für die besondere Gastfreiheit, welche uns durch die chinesische Regierung hier und überall geboten wird.
In Yarkand bleiben wir nun den Winter in dem netten, in hübscher Umgebung gelegenen Landhaus des britisch-indischen Konsularagents, des sogenannten Aksakal, einem Kaschmiri, der diese Wohnung auf wohlwollendste Weise zur Verfügung stellte.
Von Yarkand aus leisteten wir auch der Einladung des englischen Generalkonsuls in Kaschgar Folge, um die Festtage von Weihnacht und Neujahr bei ihm zuzubringen. Auch in dieser Stadt hatten die chinesischen Behörden uns den freundlichsten Empfang bereitet. Es war an diesen Tagen eine Aufeinanderfolge von Diners und Festlichkeiten, die uns kaum daran glauben liess, in Zentralasien zu stehen. In diesem Land muss man mit andern Massen messen als in Europa. So bedeutet das Ausflüglein nach Kaschgar eine Reise von 400 km zu Pferd hin und zurück, zum Teil durch die Wüste. Schon auf dem Hinweg machte sich der ausserordentlich strenge Winter fühlbar; es fiel mehr Schnee, als man sich je erinnern konnte. Auf dem Rückweg sank das Thermometer zu einem Minimum von — 30 Grad Celsius und verzeigte so einen Kälterekord für diese Gegend während der ganzen bisherigen Beobachtungsperiode des Generalkonsulats. Besonders die Nächte, die wir in den aus Lehm gebauten Unterkunftshäusern zubrachten, waren bitter und bitter kalt. Und bei dieser tiefen Temperatur über schlechte, verschneite, oft spiegelglatt gefrorene Wege 40 bis 50 km am Tag zurückzulegen, ist kein Kinderspiel, vor allem nicht für eine Frau. Doch bewältigte sie es aufs beste, ebenso die andern Reisegenossen. Aber als ich am dritten Tag der Rückreise 6 Stunden auf dem Pferd gesessen hatte, schien das Gefühl aus einem meiner Beine beinahe verschwunden zu sein.
Wenn wir die Ergebnisse unserer Expedition bis jetzt durchgehen, können wir zweifellos zufrieden sein. Es wurden beinahe 6000 km2 Berggebiet, wovon ein grosser Teil mit Firn und Eis bedeckt war, durchforscht und kartiert. Was unser Topograph Khan Sahib dabei geleistet hat, ist enorm, nahm er doch zugleich die Höhenbestimmung von mehr als 1000 Berggipfeln, Pässen usw. vor. Jede Tagesstunde nutzte er aus, und bis spät in der Nacht sass er in seinem Zelt beim Lampenlicht zur Ausarbeitung seines Tagewerkes. Und so auch R. Wyss. Er hat geologisch nicht weniger wertvolle Arbeit geleistet. Seine Untersuchungen beschränkten sich nicht auf das engere Forschungsgebiet, sondern umfassten auch die Gebiete, welche wir nicht zu explorieren brauchten, da sie schon in der Karte aufgenommen, aber geologisch unbekannte Erde geblieben waren. Er sammelte eine grosse Zahl von Gesteinsproben, machte geologische Kartenaufnahmen, nahm viele Profile auf und zeichnete zahllose geologisch-tektonische Skizzen.
Botanisch sammelte Frau Visser soviel als möglich, während Herr Sillem eine inhaltsreiche entomologische und ornithologische Sammlung schuf und überdies in verschiedenen Bergbächen Fische fing und präparierte.
Der Gletscherbildung in diesen Gebieten, wo die Gletscher ganz anderen klimatologischen Einflüssen ausgesetzt sind als in den Alpen, wurde grosse Aufmerksamkeit geschenkt und die nötigen Beobachtungen vorgenommen.
Dreimal täglich wurden die meteorologischen Ablesungen gemacht, wenn möglich gleichzeitig auf verschiedenen Höhen. Wie auf unseren früheren Expeditionen, wandten wir unsere besondere Aufmerksamkeit auch den hochtreibenden Wolken, ihrer Richtung und Geschwindigkeit zu und so überhaupt den meteorologischen Erscheinungen, der Eisbedeckung des Karakorums und seiner Nachbargebirge.
Und jetzt unsere Pläne. Es ist unsere Absicht, wenn die Verhältnisse es erlauben, wiederum über Kuen-Lun, Karakorum und Himalaya nach Kaschmir und Indien zurückzukehren und dabei die letzten Flecken unbekannten Landes in unserem Untersuchungsgebiet zu explorieren und in die Karte aufzunehmen, damit unsere Arbeit über diesen Teil Zentralasiens ein abgeschlossenes Ganzes bilde.
Yarkand ( chinesisch Turkestan ), Februar 1930.