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Es war einmal – die gute alte Zeit. Eine Zeit, die nicht immer gut war, die sich aber im Regelfall von der rezenten philosophischen Situation unterschied […] (Philosophische Zeiten).
Was scheichsbeutel im Oktober hier zur Philosophie sagte, möchte ich heute abwandeln – zur Politik. Die gute alte Zeit, als ein Politiker auch ein erstklassiger Verfassungs-, Staats- und Menschenrechtler war, seinen Stil an Cicero übte und in seinem Denken auf John Locke und David Hume zurückgriff. Und das alles in einem Land, das damals wie heute den Ruf denkerischer Einöde trägt. Das alles aber gibt es, bzw. gab es. Die Gründerväter der USA waren als Vertreter der Aufklärung äusserst belesene Männer. Thomas Jeffersons Bibliothek war riesig. (Nachdem der erste Bestand der Library of Congress 1814 im Britisch-Amerikanischen Krieg vernichtet worden war, bot Jefferson seine private Bibliothek, die rund doppelt so gross war, 6’500 Bände vorwiegend juristischen und philosophischen Inhalts, als Ersatz an.)
Jefferson war schon früh einer der Wort- bzw. Schriftführer in der Auseinandersetzung zwischen dem britischen Mutterreich und der nordamerikanischen Kolonie. Viele der staatsrechtlichen Argumente, die die Kolonie dabei ins Feld führte, waren Waffen, die der gelernte Jurist aus gutem virginischem Hause geschmiedet hatte. Daneben lesen sich Jeffersons Verfassungsentwürfe auch sehr gut; Ciceros geschmeidiger und eleganter Stil war beim Amerikaner in guten Händen. So erlangte der junge Jurist bald Berühmtheit über ganz Virginia hinweg. Er wurde Abgeordneter im House of Burgesses, der zweiten Kammer des virginischen Parlamentes. Bald darauf war er Gouverneur seines Heimatstaats – und mitten im Unabhängigkeitskrieg. Er war als Schlachtenführer einigermassen glücklos, und musste Virginias Hauptstadt temporär den Engländern überlassen. Vom Vorwurf der Feigheit vor dem Feind wusch ihn dann eine parlamentarische Untersuchungskommission allerdings frei.
Immer wieder war Jefferson Karriere von Momenten unterbrochen, wo er sich auf sein väterliches Gut, Monticello, zurückzog. (Immer wieder auch behauptete er, dieser Rückzug ins Privatleben sei nun der endgültige, er habe genug vom politischen Alltag.) So auch 1781, nach Ablauf seiner Amtszeit als Gouverneur. Schon bald aber, 1785, wurde er zum amerikanischen Gesandten in Paris ernannt, als Nachfolger des in Europa ungleich bekannteren Benjamin Franklin. Jefferson bereiste Europa, wo er v.a. die Architektur eines Palladio sehr genau studierte – Studien, die er später beim Bau seines eigenen Hauses, aber auch des Zentralgebäudes der University of Virginia in die Praxis umsetzen sollte. Bevor er 1789 zurück berufen wurde, konnte er noch die ersten Ereignisse der Französischen Revolution miterleben und unterstützen. Er blieb dann auch Zeit seines Lebens Partisan dieser Revolution, was ihm “drüben” oft Ungemach bescherte.
Einmal mehr plante Jefferson, sich ins Privatleben zurück zu ziehen. (Seine privaten Vermögensverhältnisse hatten sich mittlerweile durch seine ständigen Abwesenheiten nicht gerade zum Besseren gewendet.) Doch er wurde zum Aussenminister der jungen USA und des ersten US-amerikanischen Präsidenten, George Washington, ernannt. Für dessen Nachfolge kandidierte er selber, aber er erhielt nicht genügend Stimmen aus dem Wahlmännergremium und wurde ‘nur’ Vizepräsident. John Adams, der zweite Präsident, war ursprünglich Jeffersons Freund gewesen, doch die Tatsache, dass Adams dazu tendierte, wieder engeren Schulterschluss mit Grossbritannien zu suchen, während Jefferson Partisan auch des revolutionären Frankreichs blieb, führte zu einer Entfremdung; erst als “elder statesmen” versöhnten sich die beiden wieder. Der Altersbriefwechsel Jefferson-Adams ist einer der interessantesten, die mir untergekommen sind, wenn es um die Diskussion politisch-verfassungsrechtlicher Fragen ging, aber auch um Themen wie Ausbildung der Jugend (Jefferson ist Gründervater auch der University of Virginia!), sogar über die weibliche Jugend machten sie sich diesbezüglich Gedanken – allerdings äusserst konservative.
Die nächsten Wahlen brachten Jefferson dann einen hauchdünnen Sieg. Zwei Amtsperioden lang füllte er das Amt eines US-Präsidenten aus. Während die erste Amtszeit durchaus als Erfolg verbucht werden konnte (Jefferson veranlasste den Kauf von “Louisiana”, also praktisch dem gesamten mittleren Westen der heutigen USA und schickte eine Expedition unter der Führung von Lewis und Clark zu dessen Erkundung), war Jefferson in seiner zweiten Amtszeit vom Glück verlassen. Ein Kauf von Teilen Floridas scheiterte an innenpolitischen Querelen, und als Grossbritannien im Krieg gegen Napoléon auch US-amerikanische Schiffe davon abhielt, Waren nach Frankreich zu liefern, versuchte er mit einem Handelsembargo das ehemalige Mutterland zu einem Meinungswechsel zu zwingen – doch das Embargo wandte sich gegen die junge USA selber, zahlreiche amerikanische Seeleute verloren ihre Arbeit.
Wohl auch aus Frustration beschloss Jefferson, kein drittes Mal zu kandidieren und zog sich – diesmal endgültig – nach Monticello zurück. Er baute, gründete eine Universität. mischte sich in die Ehen seiner beiden überlebenden Töchter ein, und musste miterleben, wie sein Vermögen immer weiter schrumpfte.
Jefferson ist heute berühmt als einer der “Erfinder” der Rechte des Individuums, der sog. Menschenrechte. Dass seine diesbezügliche Haltung in der Praxis anders als in der Theorie war, und gelinde gesagt, fragwürdig, steht ausser Zweifel. Die Kriege gegen die indianische Urbevölkerung Amerikas rechtfertigte er als utilitaristisch eingefärbter Aufklärer damit, dass die Indianer in Ruhe gelassen werden konnten, sobald sie den Bildungsstand der Weissen hätten und sich ebenso zu Handels- und Agrarwirtschaft entschliessen könnten wie diese. Mit dieser Haltung stand er in jener Zeit natürlich keineswegs alleine da. Komplizierter wird’s bei den als Sklaven eingeführten Schwarzen. Einerseits konnte Jefferson nicht umhin, deren Status als Menschen zu akzeptieren und deshalb gegen die Sklaverei zu sein; andererseits betrachtete er die Sklaverei als eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Ebenso wie George Washington hielt er in Virginia selber Sklaven. Man munkelte schon zu seinen Lebzeiten, dass er auch mit einer in seinem Besitz stehenden Mulattin ein Verhältnis angefangen habe. Die Kinder aus dieser merkwürdigen Beziehung blieben selbstverständlich in Jeffersons Besitz – als Sklaven.
Alle diese – und noch viele weitere – Informationen habe ich aus einem Band An Expression of the American Mind, in der die Folio Society viele Originaldokumente Jeffersons versammelt hat, und die R. B. Bernstein mit einem äusserst illustrativen Kommentar versehen und untereinander verknüpft hat. Dadurch wird dieser Band zu einer Biografie ebenso wie zu einer Autobiografie Jeffersons. Und zu einem faszinierenden Stück Geschichtsschreibung. Chapeau!