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Chantal Steiner, VOX SPECTATRITIS (10.04.2006)
Die gestrige Premiere von Puccinis „Turandot“ endete mit frenetischem, einhelligem Applaus. Warum bloss konnte ich nicht ganz so begeistert sein?
Sicherlich liegt es daran, dass ich dieses Werk nicht mag. Ich kann mit diesem „Märchen“ der eiskalten Prinzessin nichts anfangen, die aus Angst, das Schicksal ihrer Ahnin zu teilen (von einem fremden Prinzen „entführt“ zu werden), allen fremden Prinzen ein 3-teiliges Rätsel aufgibt, das zu lösen praktisch unmöglich ist. Als Preis für ihr Scheitern werden sie geköpft. Ein fremder Prinz hingegen vermag diese Rätsel zu lösen. Die Prinzessin, die ihm als Preis dafür zusteht, wehrt sich vehement gegen seine Besitznahme. Er, in seiner absoluten Arroganz, gibt ihr nun seinerseits ein Rätsel auf: Erfährt sie bis zum Morgengrauen seinen Namen, ist er bereit zu sterben. Dass dadurch die Sklavin Liù, die ihn liebt, und sein Vater in Gefahr geraten, nimmt er billigend in Kauf (oder denkt er in seiner Eroberungslust gar nicht so weit?). Liù geht lieber in den Tod, als den geliebten Menschen zu verraten. Calaf macht zwar die Prinzessin dafür verantwortlich (!), vergisst in der Folge aber sofort sowohl Vater wie auch Liù und beide gehen ins Happy End. Für mich eine unerträgliche Geschichte! Kommt dazu, dass die fernöstlichen Klänge (oder das, was Puccini dafür hielt) mich nicht begeistern können, auch wenn sie vollendet gestaltet sein mögen. Sicher ist die Verbindung zwischen fernöstlich und europäisch magistral vertont; mir gefallen nur die „europäischen“ Klänge, wobei „Non piangere, Liù“ für mich das schönste Stück der Oper ist.
Das Orchester der Oper Zürich spielte unter Alan Gilbert in der gewohnten souveränen Art und setzte die Intentionen des Dirigenten bravourös um. Fraglich bleibt für mich, ob „Turandot“ eine Oper für ein solch intimes Haus wie Zürich ist, denn sie sprengt hinsichtlich Lautstärke fast dessen Rahmen.
Ein besonderes Kränzchen ist dem Opernchor, verstärkt durch den Zusatzchor und den Jugendchor, zu winden. In dieser Saison haben sie sich ein höchst beachtliches, konstantes Niveau erarbeitet, das hier besonders hervorstach, spielt doch der Chor - als kommentierender Teil der Handlung - praktisch die Hauptrolle.
Lobenswert und homogen war das Trio Ping, Pang und Pong, ironisch verkörpert durch Gabriel Bermúdez (Ping), Andreas Winkler (Pang) und Boguslaw Bidzinski (Pong), wobei vor allem der wohlklingende, strömende Bariton von Gabriel Bermúdez wieder einmal auf sich aufmerksam machte. Ein Sänger, den man im Auge behalten muss.
Obwohl ich persönlich Pavel Daniluks Interpretationen (ausser im russischen Fach) nicht sonderlich mag, da er mir viel zu nasal und gaumig singt, muss doch neidlos anerkannt werden, dass er ein schönes Stimmmaterial besitzt und den Timur technisch einwandfrei sang.
Hervorragend war die Leistung von Elena Mosuc (Liù). Auch wenn sie wohl premierenbedingt manchmal noch etwas unsicher wirkte, vermochte sie die Liù so anrührend zu singen, dass ein Premierengast ihr unumwunden zuraunte „Sie haben meine Seele so berührt, dass ich fast zu weinen anfing“. Und genau diese Sensibilität vermag mich immer wieder für diese Sängerin zu begeistern. Ihr warmer, weicher, strömender Sopran ist auch in den Höhen glockenklar. Diminuendi und Crescendi sind so wenig ein Problem wie lyrische oder dramatische Passagen. Frau Mosuc verkörperte eine liebliche, herzergreifende, packende Liù, die wohl keine(n) unberührt liess.
Glänzend auch der Calaf von José Cura. Die gestalterischen „Mätzchen“, die er während einer gewissen Zeit zur Schau stellte, sind einer musikalisch einwandfreien Interpretation gewichen. Sicher, man könnte bemängeln, dass die Stimme ab und an noch etwas zu sehr in den Hals rutscht und dass der Vokalgebung (vor allem bei „Nessun dorma“) etwas mehr Beachtung geschenkt werden sollte, aber zurzeit wird kaum ein anderer Tenor diese Partie so spielend bewältigen. Die bronzene, baritonale Stimmfärbung, gepaart mit einer unglaublichen Ausdrucks- und vokalen Kraft, jedoch auch – wo nötig – mit samtener Weichheit, entfachten Begeisterungsstürme. Die Nonchalance beim Spielen und die Leichtigkeit, mit welcher er die Spitzentöne erklomm, taten ihr Übriges, um ihn zum Gewinner des Abends zu machen.
Hingegen kann ich nicht nachvollziehen, was das Publikum zu Begeisterungsstürmen für Paoletta Marrocus Leistung bewog. Zugegeben, die Frau sieht umwerfend aus und ist – ähnlich wie Cura – ein Bühnentier. Trotzdem: Sie hat so ziemlich jeden Ton versiebt und von der Stimme sind meines Erachtens nur noch Bruchteile vorhanden. Und nur laut zu singen, ist mir einfach zu wenig.
Die kleineren Rollen (Altoum: Miroslav Christoff; Mandarin: Valer Murga) wurden – wie immer – adäquat besetzt.
Giancarlo del Monaco liess das Märchen als eine Art Zeitreise („Indiana Jones auf der Suche nach dem Glück“ o.ä.) spielen. In einem faszinierenden Bühnenbild von Peter Sykora (das mich zwar bisweilen mehr an Ägypten denn an China erinnerte) wird Calaf in die antiquierte Zeit zurückgeworfen.
Offensichtlich von einer Zeitmaschine ins Geschehen versetzt, liegt er anfangs in der Mitte der Bühne, während aus den Tiefen der Chor aus einem trichterförmigen Untergrund heraufsteigt. Ob es sinnvoll ist, Calaf mit einer Sonnenbrille oder einer brennenden Zigarette auszustatten, bleibe dahingestellt - fremd wirkt der „principe ignoto“ in seiner Lederkluft auf alle Fälle; er erinnerte mich ein bisschen an den „Rebellen“ James Dean. Sicherlich neu dürfte es sein, dass Calaf die Lösungen der gestellten Rätsel mittels Laptop „ergoogelt“. Er hat’s im Gegensatz zu seinen unglücklichen Mitstreitern einfach: Aus der Zukunft kommend, kann er das Libretto der „Turandot“ im Internet aufrufen und so die Antworten bekommen… Ansonsten wird das Werk mit viel Detailtreue wiedergegeben. Es werden keine neuen Sichtweisen präsentiert, sondern die Geschichte spannend bebildert. Am Schluss, als Turandot sich ihrer Liebe beugt, löst Calaf ihre chinesische Tracht und Turandot steht in einem atemberaubenden, roten Abendkleid da. Beide gehen zur Besiegelung ihrer Liebe feierlich in ein 3-Sterne-Restaurant essen (in dem ihnen Ping, Pang und Pong als Kellner resp. Koch das Essen auftischen), während der Chor in zeitgenössischen Freizeitkleidern aus der Tiefe kommt und im Hintergrund das Bild der beleuchteten Skyline Hongkongs (Shanghais?) – Peking kann es kaum sein, da es meines Wissens nicht am Wasser liegt – zu sehen ist. Die „zivilisierte“ Welt hat die antiquierte besiegt…
Schade, dass vom 2. Rang aus wiederum vieles nicht ersichtlich war. Vom Kaiser, der auf einer Art Aufzug steht, sowie von der ersten Erscheinung Turandots waren nur Beine zu sehen und auch der finale Prospekt liess viele Fragen offen, da er nicht vollständig ersichtlich war.
Fazit: Ein durchschlagender Publikumserfolg – zumindest für jene, die das Werk mögen und die Frau Marrocus Ausstrahlung stärker gewichten als ihre stimmlichen Fähigkeiten.