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Helen Meier
Schlimme Zeiten
Die Geschichte gehört zu einer Sammlung von bisher unveröffentlichten frühen Texten, die in den Jahren 1955 bis 1980 entstanden sind und für den Band Die Agonie des Schmetterlings ausgewählt und redigiert wurden.
Nun ja, jedermann hat schon schlimme Zeiten erlebt, Zeiten, die man gemeinhin als Hölle bezeichnet; so wie jedermann seinen Himmel kennt, so erfährt wohl jeder seine ihm eigene Hölle, die meine war eine Woche Abgeschiedenheit, eine Woche Alleinsein in einer Villa, es war ein sehr schönes Haus mit Garten, Hallen und vielen Zimmern, möbliert im Stile von 1970, unten in der Gartenhalle war ein Schwimmbad, jeder Komfort scheint in der Hölle vorhanden zu sein, Kühlschränke voll guten Essens, Teppiche, Badezimmer, Bücher, Fernseh- und Stereoanlagen, Luxus, Wohlstand, damit auch ja die Hölle zu Wirkung sich voll entfalte; unbelastet von dem, was man mit materiellen Kümmernissen zu bezeichnen pflegt, wird man ungeschützt, vollumfänglich und preiswert der Hölle preisgegeben, unabgelenkt von Wünschen nach mehr Materie und Bequemlichkeit, wie sie in einer ärmlichen Umgebung aufsteigen könnten, unbeeinflusst von der Droge des In-der-Zukunft-noch-zu-Erwerbenden, also sozusagen auf der Höhe der erfüllten Wünsche, hat die Hölle es leicht, sich auszubreiten, schöne Dinge und Freizeit sind der geeignete Nährboden für sie, auf dem sie spriesst und blüht, jeder Bekämpfung trotzt, ein unlokalisierbarer Virus. Ich stand jeweils sehr spät auf, nahm ein Glas Alkohol, nahm auf der kühlen Terrasse das Frühstück ein, Toast, Butter, Kaffee, Fruchtsaft, Eier, rotes Fleisch, dann wanderte ich im Garten umher, es war sozusagen ein Park mit alten Bäumen, wie es im Buche steht, mit Rasenplätzen und Rosenbeeten, nichts fehlte, sogar der Springbrunnen war da, die leichten Nymphen am launigen Teich, benetzend das moosige Herzensreich, blaue Blume, wissen Sie, also ich wanderte, nachher las ich, dann ging ich schwimmen, vier mal zehn Meter, weiches, sauberes, ventiliertes Wasser, kein Gekreisch von spritzenden, seichenden Kindern, kein Fussschweiss und kein Fusspilz im blaugrünen Wasser, Stille, Sonne, Geplätscher, Pflanzen, Blumen, Wassergeruch, das Paradies selbst ist in der Hölle, nur wenn man nackt schwimmt, ist das Vergnügen voll, dann legte ich mich auf den Rasen unter die Sonne, nackt, haben Sie sich schon nackt unter die Sonne gelegt, man wird aufgeladen wie eine Batterie, man würde zehn Männer wollen, zehn gute, abwechslungsreiche, dann ging ich wieder spazieren, unter den Bäumen aus dem Märchenkalender, dann das Mittagessen, leicht, fettlos, Salate, grilliertes Fleisch, dann Lektüre, ich las, las, was, war einerlei, am liebsten etwas mit Sex, Lady Chatterley und Konsorten, es war heiss, man konnte nur im abgedunkelten Zimmer lesen, hinter roten, jawohl, roten schweren Vorhängen, das Haus war wie das Haus aus einem Film, keine Requisite fehlte, Treppengeländer, Bilder, Cheminée, dann ging ich wieder schwimmen, dann legte ich mich wieder unter die Sonne zum Aufladen, dann sprang ich wieder unter den Bäumen herum, haben Sie sich schon nackt unter Bäumen bewegt, man bekommt neue Sinnesorgane, auf jedem Hautquadratzentimeter einen Fühler, wie ihn wahrscheinlich Polypen, Pieuvres haben, polypenhaft wand ich mich im Grase und sprang ins chlordosierte hygienische Wasser, man hätte sich freuen müssen, die junge gute Figur und die Mühelosigkeit des Schwimmens, wenn die Hölle nicht gewesen wäre, die Hölle, die nicht aus den Gedanken schwand, die einem folgte auf Schritt und Sprung, hereinströmend mit jedem Atemzug, blühend auf jedem Hautquadratzentimeter, die Hölle im gekachelten Wasser, die Hölle in den gekühlten Himbeeren, in der abendlichen Mozartsymphonie und dem ebenso abendlichen Wein, die Hölle im gebratenen Huhn, in der Leber und den Pilzen, die Hölle in dem roten Himmel hinter den Bäumen, auf den flatternden Nachtschwärmern, die zum Wasserlicht kommen, die Hölle der Langeweile, der tödlichen Langeweile, des Daseins ohne Liebe, die Hölle … Was wollen Sie, Frauen sind nur ausserhalb der Hölle, wenn sie lieben, wer wüsste das nicht, also nichts Neues, nichts Erwähnenswertes, kein Grund, es zu erzählen.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 224–225.
Erstpublikation: Helen Meier: Die Agonie des Schmetterlings. Böse Geschichten. Zürich: Xanthippe, 2015. S. 13–15.