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Sich etwas grösser und erfolgreicher darzustellen, als man ist – das tun einige. Nick Clark hat das Spiel auf die Spitze getrieben. Als Besitzer eines Bike Shops in den USA erfindet er seine Vergangenheit neu: als Strassenprofi in den Neunzigern und frühen Nullerjahren. Weil er sich auch auf Strava schneller macht, als er ist, fliegt er auf. Dabei kommt noch viel mehr ans Licht.
So viel ist bestätigt: Nick Clark ist Australier, ein Rennrad-Enthusiast und ehemaliger Besitzer eines Bike Shops in den USA. Als er wieder einmal – mit Mitte 40 – auf Strava eine Bestzeit auf einer Bergstrecke notiert, werden einige Strava User misstrauisch und beginnen Fragen zu stellen. Das sind die ersten Risse in der Fassade, die in den folgenden Monaten komplett zerbröselt.
Das australische Online-Magazin Cyclingtips rollt die Geschichte des begnadeten Hochstaplers in allen Details auf. Autor Iain Treloar schreibt, dass er mehr als ein Jahr recherchierte, mit Dutzenden von Leuten sprach, mit Athletinnen, Vertretern von UCI-Teams, Unternehmen, Universitäten, Armeeeinheiten – Menschen die Clark kennen oder ihn kennen sollten, wenn seine Version der Geschichte stimmt. Dabei zeigt sich: Es ist gar nicht so einfach, jemandem zu beweisen, dass er lügt, wenn die falschen Tatsachen zwanzig Jahre und mehr in der Vergangenheit liegen.
Das Leben als Rollenspiel: Radprofi, CEO, Soldat, Doktorand …
Dass Nick Clark in einem Jahr australischer U23-Landesmeister im Zeitfahren geworden sein will, in dem dieses Land noch gar keine U23-Titel in dieser Disziplin vergab, ist eine der einfacher zu widerlegenden Behauptungen. Mitgliederlisten von Radsport-Teams in den Neunzigern sind schon komplizierter. Zwischendurch erdichtet sich der Australier auch noch eine Karriere als Downhill- und Motocross-Fahrer. Je tiefer der Autor in die über die Jahre immer wieder ändernde Biografie hinab steigt, desto mehr Widersprüche tun sich auf, überlagern sich angebliche Militäreinsätze (UNO-Friedensmission in Kambodscha) mit Universitätsstudien in den USA und Worldtour Radrennen in Europa. Treloar machte sich die Mühe, so gut wie jedem Eintrag in Clarks diversen CVs nachzugehen, um diesen entweder zu bestätigen oder zu falsifizieren.
Der Journalist hat ein ellenlanges, aber faszinierendes Feature geschrieben (Lesezeit ca. eine Stunde), über den vermeintlichen Radprofi, der mit erfundenen Universitätsabschlüssen tatsächlich CEO einer börsenkotierten Firma war, für dessen militärische Laufbahn es aber keine Bestätigung gibt. Als Bike-Shop-Besitzer (wahr) gründet er ein Frauen-Rad-Team (wahr), das von Colnago mit Velos ausgestattet wird. Wie sich später zeigt, hat er die 10’000+ Dollar teuren Rennräder selber bezahlt. Dass Clark als Coach einzelne Athletinnen mit aggressivem Verhalten bis hin zu Mobbing verletzt haben soll, ist eine Geschichte für sich. Dabei hat er selber genug zu kämpfen mit seinem Leben.
In bester angelsächsicher Erzählkunst arbeitet Iain Treloar heraus, dass Clarks Lügengebilde einen tragischen Hintergrund hat und zugleich zur Zeit passt, in der er dieses immer weiter spinnt. Zufall oder nicht: Der Australier beginnt in dem Jahr seine Biografie zu frisieren, in dem Donald J. Trump die Präsidentschaftswahlen gewinnt. Der pflegt bekanntlich bis heute einen alternativen Zugang zu Fakten.