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1858 vertonte, der aus dem evangelisch geprägten Hamburg stammende, Johannes Brahms erstmals geistliche Texte. 1861 begann er mit der Zusammenstellung von geistlichen Texten für sein Requiem. So entstanden erst die Texte der Sätze 1-4. Nach dem Tod seiner Mutter 1865 nahm er die Arbeit am Requiem wieder auf. Bis 1866 wurden so die Sätze 1-4 und 6-7 fertiggestellt. Der 5. Satz wurde erst im Nachhinein, im Mai 1868 komponiert und in dieses Requiem eingefügt. Das Werk wurde, in der Form wie wir es heute kennen, erst am 18. Februar 1869 im Gewandhaus in Leipzig aufgeführt.
Das besondere an diesem Requiem ist, dass es sich Textlich nicht an die uns sonst bekannte Kirchenliturgie hält. Die Texte von Brahms` Requiem stammen alle aus der Bibel, teilweise sind sie den Psalmen entnommen. Brahms hat Texte ausgewählt, die den Hinterbliebenen Trost spenden soll. Noch eine Besonderheit ist zu vermerken: Das Wort "Christus" oder "Jesus" ist kein einziges Mal zu finden. Als Brahms darauf angesprochen wurde, soll er gesagt haben, dass er mit allem Wissen und Gewissen auf diese Worte verzichtet habe in seinem Werk. Er schuf ein Werk, das nicht im Auftrag der Kirche, sondern autonom entstanden ist. Im 19. Jahrhundert gewannen solche Werke immer mehr an Bedeutung. Die Solisten (Bariton und Sopran) singen nicht einfach ein Arie, sondern korrespondieren mit dem Chor und dem Orchester als Teil des grossen Ganzen.
So ist es nicht verwunderlich, dass Brahms mit seinem "Deutschen Requiem" der Durchbruch als Komponist gelungen ist und es bis heute eines der bedeutendsten und auch populärsten seiner Werke ist in der Konzertliteratur.
"Ihr habt nun Traurigkeit..."
Diese wunderschöne Arie begegnete mir das erste Mal im Studium. Ich war von Anfang an fasziniert von der wunderschönen Melodie und der Aussagekraft die dahinter stand und begierig sie zu lernen, auch wenn damals alle sagten "Du bist zu jung, Deine Stimme ist zu leicht für die Grösse des Orchester..." Irgendwie spürte ich intuitiv, dass ich eines Tages den Klang und das Volumen haben würde die Anforderungen an diese Arie zu erfüllen. Ich liess mich nicht beirren und arbeitete immer wieder an dieser schönen Arie über all die Jahre.
Das erste Mal gesungen habe ich dieses Werk im Konzerthaus mit dem Konzertchor Berlin vor rund 10 Jahren als blutjunge Solistin. Ich sass auf dem Stuhl auf dem Podium und wartete. Stillsitzen war noch nie meine Stärke und ist es bis heute nicht! Als es dann auf die Arie zuging begann ich mich so unauffällig wie es ging zu recken und strecken und versuchte auch meine Stimme unauffällig in Gang zu bekommen. 40 Minuten warten ist lange...da kann man sich vorher noch so gut einsingen, die Stimme ist dann fast wieder kalt und als Sopranistin muss man genau in der Übergangslage auf einem hohen "d" einsetzen und sich in recht exponierte Höhen aufschwingen über eine angeführte Phrase, die einen sehr konzentrierten Atem braucht...kein einfacher Start. Auf jeden Fall meisterte ich an jenem Abend meine Aufgabe gut und es bestärkte mich, weiter an diesem Werk dran zu bleiben.
Seither habe ich die Arie recht oft mit Orchester gesungen, in Kirchen, im grossen Saal der Philharmonie, im Nikolaisaal in Potsdam und und und.
Dann kam die Pandemie und die Konzerte und Kultur im allgemeinen lag fast brach.
Unzählige Konzerte wurden abgesagt oder verschoben.
Zeitweise waren noch einige Konzerte in kleinster Besetzung möglich, ohne Publikum, dann je nach Raum, wieder mit Publikum aber extrem eingeschränkt und nun nach fast 2 Jahren scheint sich der Konzert- und Kulturbetrieb wieder zu "normalisieren" und Konzerte mit Orchester und Chor scheinen, wie durch ein Wunder, wieder möglich zu sein, natürlich unter strengsten Hygienekonzepten und Einhaltungen von den g- Regeln.
Montag, 1.11.2021 Allerheiligen, HP
Pünktlich um 20 Uhr traf ich in der Kirche zur Probe ein. Der Saal war gut gefüllt mit dem Orchester und dem 100 Mann/Frau starkem Chor. Es war gerade Pause als ich eintraf. Ich unterhielt mich kurz mit einer Schülerin von mir, die das erste Mal das Requiem überhaupt und in diesem Chor mitsang. Danach zog ich mich für einen Moment in eine Stille Ecke, die man in jedem noch so belebten Probesaal finden kann, wenn man will, und begann meine Konzentration mit ein paar Qigong Basics zu mir zurück zu holen.
An jenem Abend war ich müde. Von der vergangenen Reise, dem Wochenende, der Zeitumstellung. Draussen war es stockdunkel und richtig Herbst. Durch das bewusste Atmen und die Übungen gewann ich die notwendige Energie wieder.
So stand ich kurze Zeit später vor dem Orchester und sang. Es gab ein paar kleine Korrekturen und der Dirigent Thomas Hennig besprach mit mir einige Übergänge und Tempi. Als die Reprise einsetzte hatte ich auf einmal einen Kloss im Hals, weil ich einfach so dankbar war, wieder mit Orchester singen zu können, mit all diesen Menschen gemeinsam Musik machen zu können, dieses Gemeinschaftsgefühl vom zusammen Musizieren wieder zu erleben. Es wurde mir bewusst, wie sehr mir der differenzierte, vielfältige Klang eines Orchesters gefehlt hat, oder die vereinten Stimmen eines Chores. Es berührte mich tief an diesem Abend.
Inzwischen nehme ich Proben grundsätzlich zu meiner Arbeit auf und höre sie hinterher ab, um allenfalls noch Verbesserungen vorzunehmen, was meistens der Fall ist.
So auch an jenem Abend. Beim Abhören wusste ich genau, was ich am nächsten Tag verbessern wollte.
Dienstag 2.11.2021 Allerseelen
Vormittags legte ich mir die Stellen noch mal sehr genau zurecht. Ansonsten hielt ich mir den Tag weitgehend frei und machte andere Sachen, die anstanden, es gibt immer irgendetwas zu tun und mir ist grundsätzlich nie langweilig. Das erklärt vielleicht auch, warum ich Mühe mit Stillsitzen im Allgemeinen habe und schon immer hatte... ;)
Um 19h traf ich mit meiner kleinen Tochter in der Philharmonie ein. Jalia musste an jenem Abend mitkommen und warten, bis Jochen, ihr Papa, fertig war mit seiner Arbeit und sie dann mit nach Hause nahm. Es war ein sehr schwarzer, aber klarer Abend. Die Philharmonie leuchtete majestätisch im Dunkeln. Jalia staunte. Am Eingang wurde uns gesagt, dass auch Jalia mit ihren 5 Jahren eine Maske tragen soll. Das sei Vorschrift. Zum Glück hatte ich eine zusätzliche medizinische Maske dabei. In Deutschland müssen Kinder sonst erst ab 6 Jahren eine Maske tragen. Ich war schon etwas erstaunt darüber.
Wir gingen auf meine Garderobe. Ich zeigte Jalia auch den grossen Saal, den sie sich mit grossen Augen anschaute. Sie war unruhig und so gingen wir wieder in die Kantine kurz etwas trinken und dann in die Garderobe um den Chor nicht beim Einsingen zu stören.
In der Garderobe sang ich mich warm, Jalia beschäftige sich unterdessen alleine, ohne mich zu stören. Bald schon holte Jochen Jalia ab und die beiden gingen nach Hause.
Etwas Zeit für mich. Ich nutze sie und machte die Atmung nach Wim Hoff und einige andere Übungen. Danach ging ich in den grossen Saal und hörte der Generalprobe zu, lernte so meinen Kollegen den Bariton Artur Just kennen und übte schon das Stillsitzen und Schweigen für die Konzertsituation, mit dem Unterschied, dass ich im Publikum sass.
Alles lief ohne Komplikationen.
Gegen 22 Uhr war ich wieder zu Hause und gegen 23 Uhr im Bett.
Konzerttag, 3.11.2021
Ich versuche mir Auftrits- und Konzerttage grundsätzlich mir frei zu halten. An solchen Tagen versuche ich das zu machen, was mir angenehm ist und mich bei mir behält. Wenn ein Konzert unter der Woche statt findet bedeutet das für mich so aufstehen wie immer, also vor um 7.00Uhr am Morgen, Frühstücken wie immer, Kind in die KiTa bringen. Und das war auch an dem Tag so. Ich brachte Jalia in die KiTa und ging etwas spazieren. Wieder zu Hause, suchte ich mir das Konzertkleid heraus, das ich anziehen wollte und probierte es an. Ich kontrollierte es, ob alles in Ordnung war, oder noch etwas genäht werden musste. In dem Fall war es ein Hacken, der neu befestigt werden musste. Ich packte es sorgfältig ein, zusammen mit dem passenden Bolero und den Konzertschuhen und packte dann die Strumpfhose und eine Ersatzstrumpfhose ein (bei mir halten dünne Strumpfhosen von 12.00Uhr bis Mittags, also eigentlich gar nicht, vor allem dann, wenn ich KEINE Ersatzstrumpfhose dabeihabe. Wenn ich eine dabei habe, stehen die Überlebenschancen meiner Strumpfhosen irgendwie besser, oder zumindest bis nach dem Konzert...) und trug das ganze bereits in die Garderobe, damit ich es nicht im letzten Moment vergessen konnte...
Später sang ich mich ein und sang die Arie noch einmal sorgfältig durch und ging noch einmal an die frische Luft, bevor ich Jalia abholte.
Der Zufall wollte es, dass Jalia am Nachmittag zu einer Freundin, die in der Nähe wohnt spielen gehen wollte. Das verschaffte mir noch einmal viel, fast ungewohnte, Ruhe, die ich nutze um alles noch einmal durchzugehen, mich in Ruhe zu schminken, da und dort aufzuräumen und sauber zu machen. Um 17.30Uhr kam Jalia heim und wir assen das Abendbrot. Essen vor Konzerten besteht bei mir immer aus leichter Kost wie einem Obstsalat, etwas Brot oder ähnlichem und mit mindestens 3 Stunden Abstand zum Auftritt. Kurz vor 18h war Gisela da, die an dem Abend auf Jalia aufpasste.
Mit dem Auto fuhr ich zur Philharmonie. In aller Ruhe konnte ich in meine Garderobe gehen, mich umziehen, noch einmal ein paar Phrasen singen.
Als das Konzert mit der Welturaufführung von Richard Strauss` "Besinnung" begann, das Thomas Hennig aus den Skizzen zu Ende Orchestriert und zusammengestellt hat machte ich meine Atemübungen, trank noch eine Kleinigkeit.
Als sich das Stück dem Ende zuneigte wurden die Solisten bereits zur Bühne gebeten.
Auftritt! Über 1200 Menschen sassen mit Maske im Publikum.
Das Werk begann.
Nach dem ersten Satz wollte das Publikum applaudieren, was bei dem Werk doch unüblich ist. Als nach dem 2. Satz dasselbe einsetzen wollte bat Thomas Hennig das Publikum bis zum Ende zu warten. Der Applaus war lieb gemeint, aber störte die Konzentration von allen Beteiligten.
Als der 5. Satz näher rückte war ich schon etwas nervös und mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Doch ich schaffte es mir Ruhe zu bewahren. Nach dem der 4. Satz verklungen war, liess ich noch 1, 2 Sekunden verstreichen, bevor ich mich erhob und anfing zu singen. Es legte sich eine grosse Stille über den ganzen Saal. Ich schaute immer wieder in die Ferne und in die einzelnen Ränge und versuchte so jeden Menschen, der an diesem Abend da war, mit einzubeziehen. Ich hörte das Echo meiner Stimme in der weite des grossen Saals verklingen und wurde dabei vom Orchester, vom Dirigenten und auch vom Chor wunderbar getragen.
Nach dieser langen Zeit war es ein erhabenes Erlebnis, das mich berührte in dem Raum dieses Werk zu singen.
Als ich zu Ende gesungen hatte erfüllte mich eine tiefe Dankbarkeit und auch eine grosse Hoffnung, dass in naher Zukunft Konzerte und Kultur erklingen darf und es noch sehr lange so bleiben möge.
Alleine die Tatsache, dass zu einem solchen Konzert an einem Mittwochabend über 1200 Menschen kamen, zeigt wie sehr die Kultur und die Musik den Menschen gefehlt hat.
Der lange und herzliche Applaus mit Standingovations belohnte uns alle für unsere Arbeit.
Ich danke an dieser Stelle allen Beteiligten: Thomas Hennig, Artur Just, den Chören, dem Orchester und allen weiteren die hinter der Bühne beteiligt waren.
Hoffentlich auf ganz bald wieder!
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