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Kunstmuseum Basel | Neubau
Donnerstag, 15. Juni 2023
18–19.30 Uhr
AUSVERKAUFT
Die Performance «Piano Destructions» der deutschen Künstlerin Andrea Büttner (*1972) wurde ursprünglich 2014 in zweijähriger Zusammenarbeit der Künstlerin mit der Walter Phillips Gallery und dem Banff Centre realisiert. Die laufende Einzelausstellung «Andrea Büttner. Der Kern der Verhältnisse» (22.04.–01.10.2023 / Kuratorin: Maja Wismer) im Kunstmuseum Basel ist Anlass, diese seitdem nie mehr gezeigte Performance im Basler Kontext zu präsentieren.
Die Performance «Piano Destructions» von Andrea Büttner beinhaltet eine Auswahl an projiziertem Archivmaterial: Es zeigt Künstler wie Nam June Paik, Wolf Vostell, Ben Vautier, Günter Uecker und andere mehr bei der Zerstörung von Klavieren. Als Reaktion auf diese Szenen von Klavierzerstörungen lässt Büttner neun Pianistinnen auf neun Flügeln live und vor Publikum in der Formation eines Chors oder Ensembles spielen. Das Repertoire der live gespielten Stücke besteht aus Werken der Romantik von Komponisten wie Frédéric Chopin (1810-1849) und Robert Schumann (1810-1856) sowie der Komponistin Fanny Hensel (1805-1847). Auf die romantischen Werke folgen zwei Teile aus der «Marienvesper» des Renaissance-Komponisten Claudio Monteverdi (1567-1643), die ursprünglich für mehrere Stimmen geschrieben wurden.
Monteverdi ist nicht zuletzt Teil des Programms, weil er, wie Büttner bemerkt, «der Lieblingskomponist eines der Gründer von Fluxus, George Maciunas (1931-1978)» war. Mit den beiden Ausschnitten aus Monteverdis Sakralwerk, die fürs Klavier transkribiert wurden, möchte die Künstlerin die Lektüre der romantischen Kompositionen komplexer machen: Sie führen Aspekte wie gemeinschaftliches Wirken, Zusammenarbeit, das Tun des Kollektivs oder Polyphonie in der ästhetischen Produktion ein und werden zugleich Vorstellungen von individueller Schöpfung und Genie gegenübergestellt. «Piano Destructions» fusst auf Büttners umfangreicher Recherche zu filmischem Material, welches überwiegend männliche Künstler ab den 1960er Jahren zeigt, die Klaviere als Teil ihrer Praxis zerstörten. Wie die Filme zeigen, ist die Geste der Zerstörung im Umfeld von experimenteller Musik und Performance vor allem in der internationalen Fluxus-Bewegung verwurzelt, wo sie im Regelfall als kritischer, den Kunstbegriff erweiternder Akt intendiert war. Das Spektrum der Zerstörungsweisen ist dabei breit: die Künstler verbrennen Klaviere, lassen sie fallen, zerschlagen und zertrümmern sie. Nun ist das Klavier beziehungsweise der Flügel bedeutungsmässig aufgeladen und versinnbildlicht wie kaum ein anderes Musik-Instrument bürgerliche Kultur. Das Klavier ist zudem seit dem 19. Jahrhundert stark «weiblich» konnotiert, weil es im Rahmen der Bildung von Frauen und Mädchen einen prominenten Platz einnimmt, und zwar in Form von Klavierunterricht und -spiel. Das Üben, die Wiederholung und das Einstudieren, welche zur Grammatik jeglicher musikalischen Ausbildung gehören, setzt Büttner zur sich ungleich radikaler gerierenden Geste wiederholter Zerstörung in der Nachkriegsavantgarde in Bezug. Auch wenn die Performance «männliche» und «weibliche» Protokolle im gleichen Raum zusammenführt, liegt der Fokus von Büttner nicht auf geschlechtlichen Festschreibungen, sondern auf den Arten und Weisen, wie Verhaltensformen sich artikulieren, wirken und gedeutet werden. «Piano Destructions» zitiert und inszeniert Kultur- und Bildungstechniken wie häuslichen Klavierunterricht und das Konzert oder die avantgardistische Klavierzertrümmerung, um an kulturelle Einschreibungen, ihr Fortleben in der Gegenwart sowie die darin eingebettete politische Ambivalenz zu rühren.