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70 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der Befreiung Koreas von der japanischen Kolonialisierung ist die Geschichte des Landes hier omnipräsent. Ich habe mich in den Sommerferien eingelesen, d.h. ich wollte mir einen Überblick verschaffen und war dann so gefesselt, dass ich nichts mehr anderes gelesen habe… Die Bevölkerung Koreas hat enorm gelitten, gekämpft und gearbeitet. Ich habe, von einer Kurzversion von Peter Gautschi von der PH Luzern ausgehend, für unsere Reisegruppe einen Kurzabriss geschrieben. Natürlich gibt es verschiedene Narrative und ich konnte hier nur wenige Facetten und Perspektiven abbilden. (PDF, 12 Seiten, 1.2 MB).
Die Frage, ob es denn mehr als eine Geschichtsschreibung gebe, ist hier allerdings sehr umstritten. Die Regierung möchte auch für die Sekundarstufe I und die Sekundarstufe II wieder „staatlich geschriebene“ Geschichtsbücher einführen, damit nur eine Version von Geschichte gelehrt wird. Für die Opposition ist das Zensur und Gedankenkontrolle.
An unserem zweiten Tag in Korea befassen wir uns schwergewichtig mit Ausschnitten aus der Geschichte des Landes. Ein paar Schritte vom Hotel findet sich auf der Strasse eine Ausstellung über die Zeit von der Kapitulation Japans bis zum Ende des Koreakrieges. Hier finden sich all die Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingeprägt haben, z.B. General MacArthur bei der Landung in Incheon während des Korea-Krieges.
Eigentlich wollen wir das Museum für Zeitgeschichte gleich auf der anderen Strassenseite besuchen. Auf dem Weg dorthin, am Gwanghawmun hat es aber zwei weitere Museen. Sie befinden sich unter den Denkmälern von zwei bis heute verehrten Nationalhelden.
Einerseits die Statue für Admiral Yi (links) der mit seinen Schildkrötenschiffen im Imjin-Krieg Ende 16. Jahrhundert Japan besiegt hat. Im Museum ist ein ein solches Schildkrötenschiff zu besichtigen und die Ausstellung bietet so viele Möglichkeiten, sich interaktiv mit dem Imjin-Krieg auseinanderzusetzen, dass wir (auch wenn die Darstellungen sehr heroisierend sind), Mühe haben, uns loszureissen. Na ja, wenn man mit einem richtigen Ruder rudern kann, und je nach Ruderbewegung und -schnelligkeit auf einem Bildschirm sieht, ob man das Ziel japanischer Schiffe wird oder sie versenken kann, ist das halt schon noch spannend…
Gleich daneben, unter dem Denkmal von König Sejong (oben, rechts) dann das Museum über die Erfindung der Schrift Hangeul, die auch heute noch als Meisterwerk angesehen wird und über andere Errungenschaften seiner Regierungszeit (Website des Museums). Die Zeichen sind der Lautbildung nachempfunden, das ganze System bildet ein logisches Ganzes, mit wenigen Zeichen lassen sich sämtliche Laute abbilden (-> Wikipedia).
Als wir schliesslich aus den unterirdischen Museen auftauchen, stehen wir vor dem Nationalmuseum für Zeitgeschichte. Auf der Rasenfläche vor dem Museum eine Ausstellung mit 70 Bildern aus 70 Jahren. Viele der Bilder glauben wir schon irgendwann einmal gesehen zu haben: Koreakrieg, Militärputsch, Eröffnung der Autobahn nach Busan, Eröffnung der U-Bahn in Seoul, Strassenschlachten, Gwangju-Aufstand, Olympiade, Sewol-Katastrophe. Bei einigen stutzen wir. Dieses Bild z.B. Der 38. Breitengrad 1946, kurz nach der Besetzung der beiden Landesteile durch die Sowjetunion und die USA – ein ziemlich normaler Grenzübergang, wo sich heute die bestbewachte Grenze der Welt befindet.
Oder dieses Bild, dem wir nachher auch im Museum nochmals begegnen:
1977 feierte Südkorea, dass seine Exporte erstmals 10 Milliarden Dollar überschritten: Das „Wunder am Han-River“, der Stolz, eine starke Volkswirtschaft in weniger als 25 Jahren von Null neu aufgebaut zu haben, wurde auch von vielen Gegnern des Park-Regimes geteilt.
Das Museum selbst, das von Kim Dae Jung angeregt und erst vor wenigen Jahren eröffnet wurde, wird unter der Woche von Schulklassen rege besucht – ihre Lehrpersonen profitieren davon, dass ihre Klassen durch Museumspersonal geführt werden, man kann eine „Tour“ buchen. Heute am Sonntag sind die Hagwons, die Nachhilfeschulen dran. Mütter geben ihre Kinder einer Hagwon-Betreuerin ab, die die Kinder durchs Museum führt und sie Arbeitsblätter ausfüllen lässt. Auch das Kindermuseum steht zur Verfügung. Die Kinder können Gegenstände aus sieben Jahrzehnten ausprobieren, sich in einer Leseecke (inkl. Tablets) vertiefen oder etwas gestalten.
Uns scheint, das Museum biete einen guten Überblick über die Geschichte der letzten 100 Jahre. Dargestellt wird die „Meistererzählung“, aber samt den dunklen Zeiten der Yushin-Diktatur Parks und den frühen 1980er-Jahren, der Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter und dem Weg zur Demokratisierung. Einen Bogen macht, soweit wir das beurteilen können, die staatliche Geschichtsschreibung um die Kollaboration während der japanischen Besetzung und um die bürgerkriegsähnlichen Zustände im schon vor dem Koreakrieg auch im Süden tief gespaltenen Land. Statistiken, die die Wirtschaftslage präsentieren und immer steil nach oben zeigen, erhalten einen grossen Raum, aber wir können den Stolz nachvollziehen, in so kurzer Zeit unter enormen Anstrengungen und Opfern so viel erreicht zu haben.Schule wird ebenfalls thematisiert. Und die Museumsmacherinnen und -machern lieben animierte Filme und Dioramen. Hier ein Ausschnitt, in dem die Zustände in der Schule Ende der 1950-er Jahre gezeigt werden: Die Schulzimmer sind überfüllt, einige Schülerinnen und Schüler sind mit Heizen, andere mit Raufen, wieder andere mit Lernen beschäftigt und eine der Hauptattraktionen ist die Pausenmilch (deshalb das Weiss um die Münder der Schüler).
Viele Statistiken sind animiert und hervorragend aufbereitet. Hier eine aufschlussreiche:1980 betrug die durchschnittliche Klassengrösse noch 47.5. 2010 dann 18.7. Das hat einerseits damit zu tun, dass sich Südkorea Bildung viel kosten lässt, andererseits aber auch mit der ständig abnehmenden Schülerinnen- und Schülerzahl. Die Geburtenquote in Südkorea gehört zu den niedrigsten weltweit. Viele können sich nicht mehr als ein Kind leisten.
Bilder: National Museum of Korean Contemporary History, Lizenz.
Am späteren Nachmittag machen wir dann noch eine Fahrt auf dem Han, dem Fluss, der durch Seoul führt. Viele Einwohnerinnen und Einwohner sitzen mit ihren Zelten am Flussufer, plaudern und lesen, mieten ein Velo oder spazieren dem Fluss entlang. Es ist einfacher, ein Buch auszuleihen als ein Coca-Cola aufzutreiben, was uns schliesslich aber auch gelingt.
Abendessen dann in Bukchon. Morgen stehen die ersten Auftritte und Besuche unserer Delegation an, d.h. wir sind eher früh wieder zurück im Hotel.