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Ein vergessenes Sportereignis von Bern
Im Nachkriegsjahr trafen sich Polizisten aus Bern und Prag auf der Ringermatte
von Gerhard Remus
Der Weltkrieg war noch kein Jahr beendet. Der Völkerbund ging in diesem Jahr in den Vereinten Nationen auf, im deutschen Nürnberg standen die einstigen Eliten des Deutschen Reiches vor einem internationalen Gerichtshof. Winston Churchill besuchte die Schweiz, Alle europäischen Länder lagen wirtschaftlich am Boden. Das wirkte sich auch auf die Schweiz aus. Die Tschechoslowakei beherrschten noch nicht die Kommunisten. Das alles und mehr charakterisierte das Nachkriegsjahr 1946.
In dieser Zeit kam es zu einem erstaunlichen völkerverbindenden aber vergessenen Sportereignis.
Ein Foto tauchte auf, das man im Nachlass eines Verstorbenen in der tschechischen Hauptstadt Prag entdeckte, und das in die Schweiz gelangte. Es zeigt eine Ringermannschaft der Polizei Bern bei einem Kampf in Prag. Diese Abbildung aus dem Jahr 1946 weckte Neugierde. Es stellte sich heraus, dass das Bild die zweite Begegnung beider Teams dokumentiert, denn der erste Kampf fand in Bern am 12. April 1946 statt. Dort feierten Ringkampffreunde im voll besetzten großen Alhambra - Saal frenetisch die Mannschaft der Berner Polizei (Zitat:“ Lebhaftes, spannendes Ringen entzückt die mächtig mitgehenden Zuschauer …“ Berner Tagblatt, 15. April 1946). Der erste vereinbarte Termin im März des Jahres ließ sich nicht halten. Den Pragern wurde der Transit durch die Alliiertenzone verweigert. Doch für den April war dann alles administrativ geregelt und so fand die Veranstaltung in der Schweiz endlich statt. Die Berner Ringer - Polizeimannschaft wies in ihren sportlichen Konkurrenzen bis zu diesem Aufeinandertreffen eine beachtliche Bilanz auf: 15 bestrittene Wettbewerbe, davon 5 Siege, drei Unentschieden sowie sechs knappe Niederlagen. Die Öffentlichkeit erwartete einen sechsten Sieg. Doch man rechnete mit einer starken tschechischen Mannschaft; unter ihnen den mehrfachen tschechischen Meister Frantisek Novak, den Vizeeuropameister Karel Zvonak und den Gewinner der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1932 Josef Urban. So bahnte sich eine sportlich hochklassige Veranstaltung in Bern an, die auch Anerkennung durch die Öffentlichkeit fand. So zeigten der Nationalrat Dr. Freimüller, der als Ehrenpräsident der Veranstaltung fungierte, der Bundesrat von Steiger und Regierungsrat Seematter (der kantonalen Polizeidirektor) sowie Stadtpräsident Dr. Bärtschi reges Interesse an dieser internationalen Sportbegegnung. Die Quellen erwähnen weitere Vertreter der Berner Polizeidirektion sowie von Sport- und Turnverbänden. Anlässlich der Begrüßung beider Mannschaften überreichten die Berner ihren Gästen einen geschnitzten Bär. Der Technische Leiter der Prager Polizisten Fiala dankte herzlich.
Mannschaftsvorstellung im Berner Alhambrasaal
Zuschauer sahen guten Ringkampfsport
Dann begann der sportliche Teil mit zwei Vorkämpfen von Nachwuchsathleten. Der Berner Landjäger Vetter schulterte Bäschler. Hansruedi Wilhelm und der Prager Josef Balesch waren gleichwertige Partner. Dem Prager sprachen die Kampfleiter den Sieg nach Punkten am Ende der Kampfzeit zu. Im dritten Vorkampf punktete der Berner Franz Probst mehr als sein Widerpart Henri Devaur (Freiburg) und gewann.
Dann begann der sehnlichst erwartete Mannschaftskampf. Die Kampfdauer war auf 12 Minuten festgesetzt und man wertete die Ergebnisse mit „Schlechtpunkten“, so der damalige Ausdruck zur Belastung des Teams bei einer Niederlage. Im Leichtgewicht bereits wirbelten die Ringer auf der Matte und zeigten technische Raffinessen. Der Prager Jiri Mestek sammelte erfolgreich Punkt für Punkt gegen Debütant Jacob Hofmann. Das Weltergewicht gestaltete sich zum schnellsten Sieg für die Berner. Ringkampffuchs Hans Hofmann besiegte den Tschechen Emil Kunst nach 33 Sekunden durch einen inneren Brienzer auf Schultern. Im Mittelgewicht folgte nach 2 Minuten 15 Sekunden Ernst Hubacher seinem Mannschaftskameraden mit einem weiteren Schultersieg. Einen äußert lebhaften Kampf gab es in der gleichen Kategorie zwischen Karel Zvonar aus Prag und dem Berner Forster. Zvonar agierte sehr beweglich und nutzte einen Fehler des Schweizers nach 4 Minuten und 40 Sekunden zum Schultersieg. Begeisterung löste die Begegnung des Ex-Berners Paul Dätwyler gegen den Prager Antonin Splitek (der später die tschechische Nationalmannschaft bei olympischen Spielen führte) aus. Dätwyler, der erst kürzlich für die Nationalmannschaft aufgestellt wurde, überzeugte das interessierte Publikum. Mit einem Nackengriff beendete er den Kampf vorzeitig.
Pausenführung 5 zu 10 zugunsten der Berner
Der junge Berner Ernst Brechbühl im Halbschwergewicht verlor, leicht führend, durch eine überschnelle Kampfrichterentscheidung. Im zweiten Halbschwergewichtskampf des Abends siegte Otto Brönnimann gegen Karel Pelikan eindeutig. Im Schwergewicht verletzte sich der erfahrene Olympiamedaillengewinner Josef Urban an der Schulter. Gegner Fritz Stöckli rang als Ersatz gegen den eine Gewichtsklasse tiefer einrangierten Frantisek Novak und hatte wenig Mühe. In weiteren Kämpfen Folin (Prag) gegen Ernst Hubacher sowie Karel Pelikan gegen Paul Dätwyler zeigten die Schweizer eindeutige Kämpfe. Das Publikum war begeistert. Ein weiterer Mannschaftssieg ging in die Bilanz der Berner Polizeiauswahl ein.
Rückkampf in Prag
Vereinbart war auch eine Rückbegegnung, die im berühmten Saal der Lucerna in Prag zur Austragung kam. Für die Berner verlief die Anreise mit einem Reisecar problemlos. Bei den Tschechen erwarteten die Berner einige Veränderung, da das Polizeikorp auf 500 Mann aufgestockt worden war. Doch die Schweizer überzeugten: Jacob Hoffmann gewann gegen Karel Zvonar, Hans Hoffmann brachte mit einem Schwung Emil Kunst (Prag) auf die Schultern, gleiches erreichte Paul Dätwyler , Forster rettete in einem Schlussspurt einen Punktesieg gegen Splitek, Hubacher drückte Novak nach hartem Kampf auf die Schultern. Dieses Ergebnis erreichte auch Brechbühl, der zum ersten Mal auf fremden Matten kämpfte mit einem Hüftwurf. Im Schwergewicht stellte sich der erfahrene und über 100 kg wiegende Urban, von seiner Verletzung in Bern genesen, gegen den Berner Brönnimann. Der Schweizer kämpft verbissen und befreite sich aus so mancher heiklen Situation. Doch am Ende schnürte Urban ihn und zwang Brönnimann auf die Matte. Das war der einzige Sieg für die Prager Polizisten vor heimischer Kulisse. Die Berner Polizeimannschaft verbesserte ihre Gesamtbilanz erneut.
Das Polizeiteam aus Bern in Prag
Diese beiden Begegnungen von Ringerteams der Polizei von Bern und Prag errang mehr öffentliches Interesse, wobei solche Ereignisse an der Basis des Sports die Sportbewegung europaweit wieder in Schwung brachte, als Kämpfe der Nationalmannschaften. Das hat aus Schweizer Sicht ursächliche Gründe. Der Ringkampfsport war lediglich regional organisiert, damit bestand auch ein mehrheitlich regionales Interesse.
Jedoch forderte der Internationale Ringer-Verband bereits 1946 einen schweizumfassenden Verbund der Ringkampfsportler (Zitat:“Der Vorsitzende des Internationalen Ringerverbandes gab schwedischen Pressevertretern die Erklärung ab, es sei die schweizerischen Delegation beim kürzlich abgehaltenen internationalen Ringerkongress aufgefordert worden, innert sechs Monaten einen einheitliche Ringerbehörde zu bilden … „ Berner Tagblatt, 19. Juni 1946).
Der Verband, der die einzelnen regionalen Verbände zusammenfassen und koordinieren sollte, kam erst am 6. Januar 1973 zur Gründung. Der Schweizer Amateurringer – Verband (SARV) nahm 2011, um den vielen internationalen Präsenzen gerecht zu werden, den Namen Swiss Wrestling Federaton an.
Quellen:
- Ausgaben „Berner Tagblatt“ 1946