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Der gelassene Pragmatiker auf Real Madrids Trainerbank
Er kaut Kaugummis in hoher Frequenz und zeigt sein Missfallen subtil mit dem Heben der linken Augenbraue: Trainer Carlo Ancelotti ist der bestimmende, ruhende Pol im Starensemble von Real Madrid.
Er kaut Kaugummis in hoher Frequenz und zeigt sein Missfallen subtil mit dem Heben der linken Augenbraue: Trainer Carlo Ancelotti ist der bestimmende, ruhende Pol im Starensemble von Real Madrid.
Es ist eine Szene aus dem fantastischen letztjährigen Halbfinal gegen Manchester City, die speziell gut zeigt, wie aussergewöhnlich Carlo Ancelotti als Trainer funktioniert: In der Verlängerung der Rückspiels tauschte er sich mit Toni Kroos und anderen Spielern auf der Ersatzbank aus, bevor er den nächsten Wechsel vollzog. Am Ende gewann Real Madrid 3:1 und zog in den Final ein, vielleicht auch weil es in der Hektik die nötige Gelassenheit behielt.
Ruhe und Kommunikation sind Eigenschaften, die Ancelotti besonders hoch schätzt im Trainerjob. Wie ein strenger, aber gerechter Lehrer steht er an der Seitenlinie, verfolgt die Spiele, ohne dabei exzessiv zu jubeln oder zu schimpfen. Er überträgt den Spielern eine Ruhe, die im besten Fall zu Reaktionen wie im Achtelfinal gegen Liverpool Ende Februar führen kann. Damals machte sein Team an der Anfield Road unaufgeregt und brillant aus einem frühen 0:2 ein 5:2.
«Mein erster Lehrer für meinen Beruf war mein Vater», erklärte Ancelotti an einer Veranstaltung der Liverpooler Universität vor zwei Jahren, als er noch Everton trainierte. «Mein Vater war niemals wütend. Er war immer ruhig und verständnisvoll. Er half mir sehr in meiner Karriere als Spieler und Trainer», blickte der Italiener auf seine Kindheit in der Reggio Emilia zurück, wo seine Eltern auf einem Bauernhof Milch und Käse produzierten.
Der unterschätzte Pragmatiker
Wie gross Ancelottis Beitrag zum Erfolg ist, bleibt unklar. Viel unklarer als bei anderen Trainern, die lauter denken und forscher dirigieren, die umstellen und erfinden. Viermal hat er als Trainer die Champions League gewonnen, öfters als jeder andere Coach. Und trotzdem lautet der Verdacht: Ancelotti hatte in seinen erfolgreichsten Zeiten einfach die richtigen Spieler zur Hand. Momentan sind es Luka Modric, Karim Benzema, David Alaba oder Vinicius Junior.
Ancelotti holt aus den Spielern, die ihm zur Verfügung stehen, das Beste heraus. Er schenkt ihnen Vertrauen und setzt sie in einem System ein, das ihnen entspricht. Darin unterscheidet er sich entscheidend von Pep Guardiola, der ihm am Dienstagabend auf der Trainerbank von Manchester City gegenüber sitzt. Während der Spanier seinen Idealen verpflichtet ist, denkt Ancelotti von Fall zu Fall. Sein Pragmatismus wirkt gut gegen Guardiola: Wenn beide ähnlich stark besetzte Mannschaften hatten, gewann öfters der Italiener.
Meister in fünf Ländern
Als Spieler war Ancelotti ein Dirigent im Mittelfeld, der bei Milan unter Arrigo Sacchi und mit Teamkollegen wie Marco van Basten oder Ruud Gullit die grössten Erfolge feierte. Übergangslos wechselte er dann von der Spielerkarriere ins Trainermetier. 1994 war er der Assistent von Nationalcoach Sacchi, als Italien an der WM in den USA bis in den Final vorstiess. Danach arbeitete er sich in der europäischen Trainerhierarchie hoch: Reggiana, Parma, Juventus Turin, Milan, Chelsea, Paris Saint-Germain, Real Madrid, Bayern München, Napoli, Everton und wieder Real Madrid.
Nicht überall wurde Ancelotti glücklich. In Turin freundete man sich nie mit der Milan-Ikone an, in München wurde er als Nachfolger von Guardiola rasch als zu wenig konsequent und streng empfunden. Und auch in Neapel und bei Everton blieb der grosse Erfolg aus. Trotzdem schaffte er es als einziger Coach, in allen fünf europäischen Topligen mindestens einmal Meister zu werden. Vielen ehemaligen Spielern ist er zudem in bester Erinnerung geblieben, auch solchen, die als schwierig gelten wie Zlatan Ibrahimovic oder Cristiano Ronaldo.
Bald Brasiliens Nationalcoach?
In fünf Sprachen findet Ancelotti oft die richtigen Worte in wenigen Sätzen. Der frühere Bayern-Spieler Philipp Lahm sagte mal im Rückblick auf die Zeiten unter Ancelotti und Guardiola: «Was Ancelotti in einer Woche sagte, sagte Guardiola in einer Stunde.» Gern redet der Italiener über anderes als Fussball. Der 63-Jährige, der in zweiter Ehe mit einer Kanadierin verheiratet ist, erzählt mit Charme, wie er zum Kurzauftritt im Film «Star Trek Beyond» kam, mehrere Jahrzehnte nachdem er in «Keiner haut wie Don Camillo» an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer erstmals vor der Kamera gestanden hatte.
Wie die Zukunft von Ancelotti aussieht, weiss momentan wohl auch er nicht. Mit Real Madrid hat er eben den Cup gewonnen und ist in der Champions League auf Kurs. Die Meisterschaft hingegen ist gegen Barcelona verloren. Im Hintergrund bemüht sich der brasilianische Verband auf der Suche nach einem Nationaltrainer um die Dienste von Ancelotti, während dem Vernehmen nach Real Madrid bei Leverkusens Trainer Xabi Alonso angeklopft hat. Trotz Vertrag in Madrid bis 2024 ist gut möglich, dass Ancelotti Brasilien bald das gibt, was er im Überfluss hat und den Südamerikanern zuletzt fehlte: Ruhe und Souveränität.