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Im Jahr 1873, als die deutsche Professorentochter Netta Tobler-Hattemer in Zürich eine private Töchterschule gründete, machte Joseph Viktor Widmann, damals Direktor der Berner Fröhlich-Schule, sie auf seine Schülerin Ida Bindschedler, neunzehn, Tochter des Zürcher Baumwollkaufmanns Friedrich Rudolf Bindschedler, aufmerksam. 24 Jahre lang hielt sie der Tobler-Schule die Treue: als Primarlehrerin zunächst und später, nach einer Zusatzausbildung und einem Paris-Aufenthalt, als Sekundarlehrerin. Problemlos fügte sich Ida Bindschedler in die strenge Zucht der in deutschem Geiste geführten Schule ein und ging als lediges Fräulein restlos in ihrer pädagogischen Aufgabe auf, die ihr bis zu vierzig Wochenstunden und zusätzlich noch Lektionen an der Stadtschule bescherte. Als sie mit 43 Jahren wegen eines Herzleidens den Beruf aufgab, zog sie zu einer Freundin nach Augsburg, wo sie die verbleibenden 22 Jahre ihres Lebens verbringen sollte. Am 28. Juni 1919 starb sie 65-jährig während eines Besuchs in Zürich. Ein Lehrerinnenschicksal wie viele andere damals, und niemand würde sich des Namens Ida Bindschedler heute noch erinnern, wäre er nicht 1906 auf dem Umschlag eines Jugendbuchs unversehens aufgetaucht. «Die Turnachkinder im Sommer» hiess es, und der einstige Lehrer Widmann, als «Bund»-Redaktor inzwischen eine unbestrittene Kapazität, hatte seine helle Freude da ran: «In Frage steht ein Buch von erzieherischem Wert, aus dem jedoch nirgends die erzieherische Physiognomie sich vordrängt. Gemütbildend und doch moralinfrei, vor allem frisch, lebendig, poetisch ist dieses wunderbar geglückte Buch.» Tatsächlich muss Ida Bindschedler ihre pädagogische Existenz restlos verdrängt haben, als sie sich im fernen Augsburg daran machte, ihre Zürcher Kindheit zu einem Jugendroman zu verarbeiten. Schilderte sie im ersten Band locker und anmutig den Sommeraufenthalt der Familie Turnach in ihrem Landhaus im damals noch dörflichen Zürcher Seefeld, so beschrieb sie in der 1909 erschienenen Fortsetzung «Die Turnachkinder im Winter» in ebenso leichter und doch souveräner Manier das Stadtleben der Kaufmannsfamilie am Zürcher Weinplatz, das im Weihnachtsfest seinen Höhepunkt findet. Dabei gelang es ihr auf überzeugende Weise, den vier Kindern Hans, Marianne, Werner und Lotti – Letztere ist das Selbstporträt der Autorin – eine je eigene Individualität zu verleihen, ohne typisieren zu müssen. Weil sie in lebendiger Weise präzise Einzelheiten aus dem Alltagsleben einer grossbürgerlichen Zürcher Familie der 1860er Jahre festhalten, sind «Die Turnachkinder» für den kulturhistorisch interessierten Erwachsenen heute fast noch spannender zu lesen als für Kinder, die da und dort Erklärungen benötigen. Das Beglückendste aber bleibt, wie diese Turnachkinder zu spielen verstehen! Mit einem Nichts an Spielzeug nehmen sie als Indianer, Seeräuber, Verwandlungskünstler oder historische Figur spielerisch von Welten Besitz, die heutige, mit Spielsachen vielfach übersättigte Kinder höchstens noch aus zweiter Hand vor dem Bildschirm kennenlernen. Die vier in Matrosenkleider gesteckten Kinder, die auf der Erstausgabe von 1906 brav um den Familientisch sitzen, sind übrigens nicht Ida und ihre Geschwister, sondern die Kinder des Frauenfelder Verlegers Arnold Huber, der in Ermangelung eines authentischen Bildes kurzerhand seine Sprösslinge Modell sitzen liess.
Bindschedler, Ida
*Zürich 6.7.1854, ebd. 28.6.1919, Jugendbuchautorin. Die Tochter eines Zürcher Baumwollkaufmanns begann erst mit 43 Jahren, nachdem sie sich in Augsburg niedergelassen hatte, zu schreiben und vermochte ihre jahrzehntelange Tätigkeit als Lehrerin in Zürich vollständig zu verdrängen, als sie daran ging, ihre Kindheit zu den frisch und keineswegs schulmeisterl. anmutenden Jugendbüchern »Die Turnachkinder im Sommer« (1906) und »Die Turnachkinder im Winter« (1909) zu verarbeiten. Ein weiteres Werk, »Die Leuenhofer« (1919), erreichte den Erfolg des Erstlings nicht mehr, welcher neben Johanna Spyris »Heidi« für Generationen zum beliebtesten Schweizer Jugendroman wurde. (Schweizer Lexikon CH 91)
Bindschedler, Ida
* 6. 7. 1854 Zürich, 28. 6. 1919 Zürich; Grabstätte: Friedhof Erlenbach bei Zürich. - Jugendbuchautorin.
Tochter eines Schweizer Baumwollkaufmanns u. einer dt. Mutter, wuchs B. in Zürich auf u. bildete sich in Zürich u. Bern, wo sie Schülerin von Joseph Viktor Widmann war, zur Lehrerin aus. Zu schreiben begann sie erst, als sie mit 43 Jahren eines Herzleidens wegen den Beruf aufgeben mußte u. nach Augsburg zog. Dort verfaßte sie in Erinnerung an ihre Zürcher Kindheit den zweiteiligen Jugendroman Die Turnachkinder, der sie mit einem Schlag neben Johanna Spyri zur bekanntesten Schweizer Jugendbuchautorin machte. Schilderte sie im ersten Band Die Turnachkinder im Sommer (Frauenfeld 1906) den Sommeraufenthalt der Kaufmannsfamilie Turnach in ihrem Landhaus am See vor den Toren Zürichs, so beschrieb sie in der 1909 im selben Verlag erschienenen Fortsetzung Die Turnachkinder im Winter in ebenso leichter u. doch souveräner Manier das Stadtleben der Turnach-Familie, wie es im Weihnachtsfest seinen Höhepunkt findet. »Ein Buch von erzieherischem Wert, aus dem jedoch nirgends die erzieherische Physiognomie sich vordrängt«, charakterisierte Widmann den Jugendroman, der heute eher noch von kulturhistorischem Interesse ist.
WEITERE WERKE: Die Leuenhofer. Frauenfeld 1919 (R.). (Bertelsmann Literaturlexikon)