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- Ich habe meinen ganzen Tag mit einem verdammten Sonett verschwendet, ohne
einen Schritt weiterzukommen. Und dabei fehlt es mir nicht an Ideen. Ich bin
voll davon. Ich habe zu viele.
- Aber, Degas, man macht Verse nicht aus Ideen. Man macht sie aus Worten.
Ein Gespräch zwischen Edgar Degas und Stéphane Mallarmé
Immer mal wieder liest man ein Buch, dessen Autor so viel zu sagen hat, dass er vor lauter Mitteilungseifer nie dazu gekommen ist, es auch verständlich zu formulieren. Vor lauter Betroffenheit hat er die richtigen Tasten seines Computers nicht mehr getroffen. Die Gewichtigkeit seiner Botschaft hat ihm die Grammatik durchgeschüttelt und den Satzbau durcheinander gebracht. Die Gedanken, an denen ihm so viel liegt, laufen kreuz und quer in alle Richtungen. Und kommen nie beim Leser an.
Ich muss bei solchen Büchern immer an einen Koch denken, der das Servieren nicht erwarten kann und deshalb alle Zutaten der geplanten Mahlzeit in einen grossen Eimer schüttet und den – Friss oder stirb! – vor seinen Gästen auf den Tisch klatscht. So ungeordnet kippen solche Bücher ihre Überzeugungen und Meinungen über den Leser aus, dass man am liebsten einen Schirm aufspannen möchte, um sich vor dem Wortgewitter zu schützen. „Lies mich! Lies mich! Ich bin wichtig!“, schreien sie, und sie tun es so laut, dass man sich gegen den Lärm nur wehren kann, indem man sie ganz schnell zuklappt und auf den Brockenhausstapel bugsiert. Buchdeckel drauf.
Die Literaturkritik hat kein Fachwort für diese Art von Überdruck-Literatur. Man muss sich die richtige Bezeichnung aus der Theatersprache borgen, wo solche Text-Eruptionen als „Schwampf“ bezeichnet werden. (Die Legende berichtet von einem jungen Schauspieler, dessen allererste Bühnenrolle nur aus dem Satz „Schwarz war der Himmel von der Schiffe Dampf“ bestand. Als er dann endlich an der Premiere auf der Bühne stand, drückten ihm Erfolgsgier und Lampenfieber so sehr auf die Stimmbänder, dass er nur noch die Silbe „Schwampf“ hervorbrachte.)
„Mir fehlen die Worte“ sagt man, wenn einen ein Ereignis oder ein Gefühl überwältigt hat. Die Konsequenz daraus müsste eigentlich Schweigen sein. Bei Schwampf-Literaten leider nicht. Sie bringen die Worte, die ihnen fehlen, erbarmungslos zu Papier. Im Irrglauben, das Chaos ihrer Formulierungen würde die Aussage, die ihnen so wichtig ist, authentischer machen. Aber alles, was beim Leser ankommt, ist ein authentisches Durcheinander.
Weil man Bücher, genau wie Sonette, eben nicht aus Ideen macht, sondern aus Worten.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. März 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«