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Michel DeGraff, Danae Perez und Uchenna Oyali
Vom Jargon zum Storytelling
Wie ist die menschliche Sprache entstanden? Was ist die Essenz der Langlebigkeit? Ist Leben auf dem Mars möglich?
Diese sind nur drei von vielen Fragen, die die Wissenschaft zurzeit zu beantworten versucht. Und auch wenn Sie selbst keine Wissenschaft in diesem Gebiet betreiben, wissen Sie bestimmt, dass diese Forschung stattfindet.
Warum wissen Sie das? Sie wissen es, weil es Wissenschaftskommunikation gibt.
Wissenschaftskommunikation ist eine spezifische Art der Kommunikation. Ihr Ziel ist die Verbreitung von Neuigkeiten über Forschungsprojekte und Forschungsresultate. Kurz gesagt ist Wissenschaftskommunikation die Disziplin, an deren einem Ende die Wissenschaft und an deren anderem Ende die allgemeine Öffentlichkeit steht. Dazwischen liegt die Wissenschaftskommunikation.
Das scheint simpel. Ist es aber nicht. Denn diese beiden Gruppen – Wissenschaftler und die allgemeine Öffentlichkeit – haben weder ein gemeinsames Wissen noch eine gemeinsame Sprache, um reibungslos miteinander zu kommunizieren, auch wenn sie die gleiche Sprache sprechen, wie zum Beispiel Deutsch. Dafür gibt es gute Gründe.
Unter Spezialisten kommunizieren
Am einen Ende sind also Wissenschaftler, die Wissenschaft betreiben. Wenn Wissenschaftler untereinander kommunizieren, tun sie dies in einer Sprache, die ihre Kommunikation effizienter macht – in einem sogenannten Jargon. Ein Jargon ist die Sprache einer Fachgemeinschaft. Sie stattet Spezialisten aus demselben Fach mit spezifischen Fachbegriffen aus, die ihre Kommunikation schnell und klar werden lässt und es ihnen erlaubt, ihre Projekte und Expertise effizient zu besprechen. Das trifft sowohl auf Linguisten, Biologen und Ökonomen wie auch auf Schreiner, Gamer und Fussballspieler zu.
Linguisten bieten ein gutes Beispiel. Sie haben eine Vielzahl spezialisierter Begriffe, um sprachwissenschaftliche Konzepte zu beschreiben, wie zum Beispiel «Frikativ», ein Begriff, der sich auf einen menschlichen Laut bezieht, bei dem eine Reibung im Mund des Sprechers den freien Luftstrom behindert. «F» ist ein häufiger Frikativ des Deutschen. Das Wort «Frikativ» vereinfacht sprachwissenschaftliche Diskussionen, indem es Linguisten eine Abkürzung zu einem Konzept gibt, die viel einfacher einzusetzen ist als eine wortreiche Beschreibung. Und genau dazu sind Jargons da: Sie beschreiben einen Fachbereich in präzisen Worten. Jede Disziplin hat ihr eigenes Vokabular, das gemeinsam mit dem dazugehörigen Wissen gelernt wird.
Doch wissenschaftliche Jargons bestehen nicht nur aus Vokabeln, sondern auch aus ihrem eigenen grammatikalischen Stil. Sie sind grammatikalisch ausgebaut und brauchen meist komplexe Sätze. Diese Komplexität entspringt der Notwendigkeit, komplexe Sachverhalte klar zu vermitteln, was eine eindeutige, präzise Sprache voraussetzt. Darum brauchen wissenschaftliche Jargons nur ganze Sätze. Zudem muss ihr Fokus auf objektiven, replizierbaren Fakten liegen. Aus diesem Grund enthalten Wissenschaftsjargons weder irrelevante Informationen noch Emotionen. Wissenschaftliche Jargons sind präzise, sachlich und frei von persönlicher Wertung.
Es gibt viele Vorteile wissenschaftlicher Jargons. Sie kondensieren Informationen und machen sie für alle Mitglieder der Forschungsgemeinschaft zugänglich, unabhängig von deren kulturellem Hintergrund. Darum ist ein wissenschaftlicher Text eine hervorragende Ablage für wissenschaftliches Wissen. Zugleich ist er aber aufgrund der fehlenden Emotionen nur dann packend, wenn Sie intuitiv am Inhalt interessiert sind.
Von der Wissenschaft in die Welt
Am anderen Ende befindet sich das Publikum: die allgemeine Öffentlichkeit. Dieses Publikum ist weder mit wissenschaftlichen Details noch mit dem Jargon vertraut. Deshalb muss sowohl der Inhalt als auch die Form der Nachricht an das Publikum angepasst werden.
Genau das ist es, was gute Wissenschaftskommunikatoren können: Sie erklären Wissenschaft auf eine Weise, die das Zielpublikum versteht. Sie reduzieren die Komplexität von wissenschaftlichen Inhalten und formulieren den Fachjargon in eine weniger spezialisierte Sprache um, ohne dabei an Wahrheitsgehalt einzubüssen. Einzig die Details gehen verloren.
Folglich brauchen Wissenschaftskommunikatoren ein vertieftes Verständnis von wissenschaftlicher Forschung, deren Fachsprache, sowie ihrem Publikum. Sie müssen wissen, wie sie ihre Nachricht in eine Sprache übersetzen können, die das Zielpublikum versteht. Wissenschaftskommunikatoren sind also Übersetzer – Übersetzer von Wissen aus einer komplexen Sprache in eine verständliche Sprache, von einer Kultur in die andere.
Wissenschaftsgeschichten erzählen
Wenn es also bei Wissenschaftskommunikation darum geht, zwischen zwei Kulturen zu vermitteln, wie gelingt Wissenschaftskommunikatoren das?
Sie berühren die Leser. Wissenschaftskommunikatoren kennen ihr Publikum und machen aus wissenschaftlichen Inhalten eine Geschichte, die ihr Publikum interessiert. Sie bedienen sich relevanter Beispiele, Metaphern und Bildern und fügen Emotionen hinzu. Indem sie dies tun, wird Wissenschaft erlebbar, sichtbar und spürbar.
Auch in der Linguistik. Eine Disziplin der Linguistik befasst sich mit den Veränderungen, die in einer Sprache vorkommen, wenn sie mit anderen Sprachen in Kontakt kommt. Linguisten beschreiben diese sprachlichen Prozesse auf eine Art, die für nicht-Linguisten eher uninteressant klingt: Sie beschreiben Eigenschaften, Häufigkeiten und Implikationen. Ein guter Wissenschaftskommunikator hingegen beschreibt diese Prozesse auf der Basis von erlebbaren Erfahrungen.
Ein Wissenschaftskommunikator in Deutschland zum Beispiel erklärt, wie Missverständnisse auftauchen können, wenn eine junge Berlinerin mit ihrer Grossmutter spricht. Die Teenagerin erzählt vielleicht davon, wie sie «am Ende des Tages» ihre Prüfung bestehen möchte, was eine Lehnübersetzung aus dem Englischen «at the end of the day» ist. Grossmama wird sie wahrscheinlich nicht ganz verstehen, da sie noch mit dem Ausdruck «letzten Endes» vertraut ist, aber sie wird sich daran gewöhnen, dass jüngere Generationen diese Übersetzung aus dem Englischen nun in die deutsche Muttersprache aufgenommen haben und diese sich wahrscheinlich langfristig als Teil der deutschen Sprache etablieren wird. Denn so geschieht Sprachwandel unter dem Einfluss von Sprachkontakt. Und wenn der Wissenschaftskommunikator diesen mit einem bildlichen Beispiel erklärt, ist der Prozess einfacher zu verstehen als sprachwissenschaftliche Diskussionen um Begriffe wie «Calquing», Grammatikalisierung und Sprachgebrauch. Mit anderen Worten, vermittelt ein Wissenschaftskommunikator Wissenschaft auf eine Weise, die das Publikum erreichen wird.
Nun, die offensichtliche Frage, die bleibt, ist folgende: Ist es notwendig, selber Wissenschaftler zu sein, um darüber informieren zu können? Nein. In der Tat sind Wissenschaftler eher dazu geneigt, sich in Details zu verlieren und darum ihre Expertise nicht gekonnt in die Sprache eines Laien packen zu können. Wissenschaftskommunikatoren hingegen sind Geschichtenerzähler. Sie erreichen das Publikum.