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Kerbela am Bosporus: Aushandlungsprozesse religiöser Identität in schiitischen Gemeinschaften in Istanbul
Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, die Erinnerung der schiitischen Gemeinschaften an die Schlacht bei Kerbela in Istanbul und ihre Selbstverortung der religiösen Identität in der Interaktion mit Staat und Gesellschaft in der Türkei ab 1978 zu untersuchen. In religiöser Selbstsicht und Praxis ist für die Schiit*innen in der gesamten islamischen Welt die Schlacht von zentraler Bedeutung, da sie als Höhepunkt des Nachfolgestreits um die Führung der Umma zur endgültigen Abspaltung vom umayyadischen Kalifat unter Yazīd 680-683 führte.
Migrationswellen aus den ostanatolischen Gebieten Kars und Iğdır sowie aus Aserbaidschan, Iran, Irak und dem Libanon führten zu wachsenden schiitischen Gemeinschaften in Istanbul und der Aufnahme von öffentlichen ʿĀšūrāʾ-Prozessionen, Taʿzīye-Aufführungen und Reden in den Tagen vom ersten bis zum zehnten Muḥarram. Im Zuge dessen schlossen sich die Schiit*innen im Stadtteil Halkalı zu Gemeinschaften zusammen und erbauten 1978-1979 die Zeynebiye Camii, die bis heute das schiitische Zentrum Istanbuls darstellt.
Das Projekt hat zum Ziel, historische, philologische und ritualpraktische Forschungsansätze zu verknüpfen und zu untersuchen, welchem Wandel die Ritualpraxis, kondensiert in der Erinnerung an die Schlacht bei Kerbela, durch historische Gegebenheiten im nationalen Kontext unterworfen ist. Hierzu soll der Schwerpunkt besonders auf drei wesentliche Felder gelegt werden: a) schiitische Gemeinschaften als religiöse Minderheit im Vergleich zur sunnitischen Mehrheitsgesellschaft in Istanbul in der historischen Perspektive des späten 20. und 21. Jahrhunderts, b) sprachliche Hegemonien und innerschiitische Dynamiken über die Deutungshoheit der Erinnerungskultur, c) Aushandlungsprozesse zu religiösen und nationalen Identitäten, in der Weise nämlich, dass dem türkischen und iranischen Nationalstaatskonzept jeweils eine starke sunnitische bzw. schiitische Komponente eingeschrieben ist.
Bio
Sophie Moser studierte die Master „Moderne islamische Welt“ (M.A. 2019) und „Interdisziplinäre Anthropologie“ (M.A. 2020) an der der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seit dem Sommer 2020 ist sie als Doktorandin am Seminar für Nahoststudien bei Prof. Dr. Maurus Reinkowski. Die Graduate School of Social Sciences des Departements Gesellschaftswissenschaften förderte sie mit einem Startstipendium von Oktober 2020 bis März 2021. Seit April 2021 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts „Kerbela am Bosporus: Aushandlungsprozesse religiöser Identität in schiitischen Gemeinschaften in Istanbul“, das durch den Schweizerischen Nationalfonds mit der Laufzeit 2021-2025 gefördert wird.
M.A. Sophie Moser
Assistentin / Doktorandin Professur Reinkowski
Department Gesellschaftswissenschaften
Seminar für Nahoststudien
Maiengasse 51
4056 Basel
Schweiz