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CARMENERE - Diplomarbeit zum Weinakademiker - Carsten Fuss
Entdeckt
Mitte der 1980er-Jahre begann sich der chilenische Weinbau zu verändern. Der schon vorher existierende Export nach Europa und den Vereinigten Staaten wurde intensiviert. Einmal mehr schrie die Welt nach günstigen Alternativen zu teuren Bordeaux, Burgundern und Cabernet Sauvignon aus Kalifornien. So kamen Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Sauvignon Blanc und auch Merlot aus Chile in die Weinregale der Supermärkte und Fachgeschäfte der Industrieländer. Schnell realisierten viele Fachleute in Europa und anderen Länder, dass der oft preisgünstige chilenische Merlot, stärker und würziger war als andere vergleichbare Merlot in der restlichen Welt. Es musste etwas anderes sein – nur was? Eine Traubensorte, die eine Kombination all der Qualitäten aufweist, die wir an Cabernet Sauvignon und Merlot lieben, aber doch etwas anders ist. Vielleicht die fehlende Verbindung der zwei am meisten geschätzten kräftigen roten Rebsorten der Vereinigten Staaten, mit fruchtigen Aromen und einer samtigen Struktur, aber mit noch mehr Aroma und Würze?8 Man wollte dem anderen Merlot sein Geheimnis entlocken. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis diese Rebsorte enttarnt wurde. Tatsächlich wurde sie erst 199/9 wirklich wieder entdeckt. In den 1990er-Jahren begannen Ampelographen aus verschiedenen Ländern mit der Untersuchung der verschiedenen Traubensorten, die sie in Chiles Weingärten und Forschungsanstalten vorfanden. Massgeblich beteiligt an dieser Enttarnung war der Professor Jean-Michel Boursiquit von der Universität Montpellier in Frankreich. Anhand umfangreicher DNA-Analysen entdeckte man, dass der bis anhin verwendete Name der Rebsorte, Merlot, nicht auf alle untersuchten Reben zutreffen konnte. Dank noch bestehender Reben der Sorte Carmenere in französischen Rebgärten, konnte die Rebsorte, die bis dahin als Merlot bezeichnet wurde, als Carmenere identifiziert werden.9 Auch die bekannte Universität und Forschungsanstalt Davis in Kalifornien kam Ende der 1990er-Jahre zum gleichen Ergebnis.10 Wie an den Bildern im vorhergehenden Kapitel eigentlich gut zu erkennen ist, kann man sich kaum vorstellen, dass Carmenere so lange unentdeckt blieb.
8 Quelle: Article; When i first heard abaout Carmenere, I was certain it was a Hoax, by Sandy Block MW
9 Webseite Wines of Chile
10 UC Davis California
Vorlieben
Wieso fühlt sich Carmenere vor allen Dingen in Chile so wohl? Vor allem die relativ lange Reifezeit der Carmenere sorgte in der Vergangenheit, und da besonders in Europa, für Probleme. Dies ist in Chile, vor allem in den wärmeren Regionen rund um die Hauptstadt Santiago di Chile, gegeben. Carmenere erbringt besonders in den höher gelegenen Hanglagen der Cordillieren zwischen dem Pazifik und den Anden die besten Resultate und kann bei idealem Reifestadium exzellente Weine hervorbringen. Die Hauptproblematik lag in der Vergangenheit in der unterschiedlichen Reifezeit des Merlot und der Carmenere: Der eine bereits Reif der andere noch nicht … Man hielt eben beide Sorten für Merlot. Das sorgte bei der meist unreifen Carmenere für die extremen grünen Aromen. Heute werden in neuen Rebgärten die Sorten einzeln gesetzt, um so bei beiden den idealen Lesezeitpunkt individuell zu wählen. Dass die Reblaus Phylloxera immer noch keinen Fuss auf chilenischen Boden gesetzt hat, ist für die äusserst anfällige Traubensorte ein wahres Glück. Sicher könnte die Produktion in den Anbauregionen Chiles, wie im Rest der Welt, ebenso auf amerikanische Unterlagsreben gepfropft werden, doch dieser Aufwand würde die chilenische Weinindustrie vor massive finanzielle Probleme stellen.11
11 Quelle: Webseite Wines of Chile
Wie wichtig ist Carmenere in Chile tatsächlich?
Seit der so genannten Entdeckung der Carmenere in Chile stellt sich die Frage, wie hoch der Anteil der Sorte überhaupt ist. Da die Statistiken ja überhaupt erst seit Mitte der 1990er-Jahre vorliegen und man allgemein davon ausgehen kann, dass immer noch nicht alle Carmenere-Bestände genau erfasst sind, ist diese Frage mehr als berechtigt. In der untenstehenden Tabelle des Chilean Minestry of Agriculture sind die Zahlen seit Mitte der 1990er-Jahre erfasst. Im Vergleich mit den wichtigsten roten Rebsorten, die in Chile angebaut werden, zeigt diese Statistik die Entwicklung der Carmenere natürlich erst ab dem Jahr 199. Vor dem Jahre 199 ist der Bestand der Carmenere bei Null, danach zeigt die Tabelle einen regelmässigen Aufwärtstrend. Trotzdem ist hier mit einer relativ grossen Grauzone zu rechnen, da die zu Grunde liegenden Zahlen aus dem Jahre 2001 sind und zudem mit weitflächigen Anbauzonen mit wenig oder keiner genauen Kontrolle der Rebbestände zu rechnen ist. Pedro Izquirdo vom bekannten Weingut Errazuriz rechnet sogar damit, dass nahezu fünfzig Prozent der unter Ertrag stehenden Merlot-Bestände in Chile tatsächlich Carmenere sind.
Im Totalen wurden in Chile im Jahre 2001 10 90 Hektar Reben angebaut. Die am meisten, mit 8 22 Hektar, angepflanzte Rebsorte, Cabernet Sauvignon, stellt den Carmenere etwas in den Schatten, lediglich 0 Hektar sind mit dieser Rebsorte bestockt.1 Doch wie bereits erwähnt, dürfte es sich bei grösseren Beständen der mit 12 88 Hektar am zweithäufigsten verwendeten Sorte, Merlot, eigentlich um Carmenere handeln. Aber das sind bis jetzt nur Vermutungen verschiedener Traubenproduzenten, wie dem Weinproduzenten Ed Flaherty vom Weingut Seña im Aconcagua Valley nördlich von Chile.
12 Quelle: Source: Servicio Agricola y Ganadero (SAG), Chilean Ministry of Agriculture
13 Quelle: Servicio Agricol y Ganadero (SAG), Chilean Minestry of agriculture