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Newsletter 125
Mai 2020
Diese Ausgabe enthält folgendes Thema:
- Carl Zibung (1930-1998), die treibende Kraft hinter club68
Carl Zibung (1930-1998), die treibende Kraft hinter club68
eos. Corona ist omnipräsent, wo man hinhört, hinsieht oder was man liest. Berichte und Kommentare allüberall, gescheite bis dumme, und wie ein Affe springt der menschliche Geist von Baum zu Baum. Krisen gibt es immer wieder. Sie stellen das Leben, die Existenz in Frage und bringen Ängste. Sie wecken aber auch Energien des Überwindens und schaffen Veränderung. Wer lange lebt, hat solche Rhythmen erfahren und weiss, Krisen lassen Menschen auch über sich hinauswachsen. Einen solchen Menschen brauchte es, als die Krise der Repression von Homosexuellen mit dem Ende des KREIS 1967 den Höhepunkt erreichte und alle lähmte, weil damit der letzte Treffpunkt für geistigen Austausch erloschen war. Einer, der die Situation erfasste und sie als Chance sah, war Carl Zibung. Er war die treibende Kraft hinter der Zeitschrift, die sich club68 nannte und eine Wende in der Geschichte der Schweizer Schwulen mitbestimmte. Zibi, wie man ihn unter Freunden nannte, war vom Fernsehen bekannt. Dieses Jahr wäre Carl Zibung 90 geworden.
Die Abonnenten des Kreis lernten Carl Zibung 1952 unter dem Namen Charly kennen. Zum 20. Jubiläum trat er zusammen mit dem gleichaltrigen Röbi Rapp in einem Theaterstück auf. Ein Jahr zuvor war der 21-Jährige dem KREIS beigetreten. Fünf Jahre später standen beide wieder auf der KREIS-Bühne und gaben zur Jubiläumsfeier von 1957 eine Reprise desselben Stücks, "David und Jonathan" von Otto Zarek, wobei Charly erneut den David spielte.
Fernsehpionier
Ebenfalls 1952 begann er seine Arbeit beim Versuchsbetrieb des Schweizer Fernsehens. Dies in einer Zeit, in der Schwulsein den meisten Arbeitgebern und Wohnungsvermietern einen Grund zur Kündigung oder Nichtanstellung lieferte. Ein Mensch des Versteckens war Carl nicht. Er wusste seine Privatsphäre zu wahren, arbeitete unermüdlich, strotzte vor Ideen. Auf ihn zu verzichten war beim Fernsehen kein Thema. 1954 gelang ihm eine erste Reportage der Fussball-WM und drei Jahre später die Direktübertragung einer Matterhorn-Besteigung. Doku-Sendungen waren neu und wurden zu Publikumslieblingen. "Unter Einschluss der Öffentlichkeit" hiess eine frühe Reihe unter seiner Leitung, worin es um fiktive Gerichtsfälle mit echten Richtern und Anwälten ging. Sie war so erfolgreich, dass sie von anderen Sendern übernommen wurde. 1966 verliess Carl Zibung für sieben Jahre das Fernsehen. Er wurde Werbechef bei renommierten Firmen und gründete 1971 seine eigene Unternehmung, Bild+Ton AG. 1973 holte ihn der damalige Direktor Guido Frei zum Fernsehen zurück, zunächst als Leiter der internen Aus- und Weiterbildung. Dann entwickelte er zusammen mit einem jungen Team das Vorabendmagazin "Karussell".
Neue Ziele
Als er in der Werbebranche tätig war, eröffnete sich mit dem Ende des Kreis eine für ihn neue und wichtige Aufgabe als Leiter und Redaktor der Nachfolgezeitschrift club68. Das war seine Stunde. Die letzte Jahresversammlung des "Lesezirkels DER KREIS" mit den Leitern von Redaktion und Organisation und den Abonnenten fand am 22. Oktober 1967 statt. Es wurde die Auflösung beschlossen und eine Kommission eingesetzt in der vagen Hoffnung, dass diese Gruppe die Idee des KREIS fortsetze. Wir waren sieben etwa Gleichaltrige, die sich in der Diskussion für "etwas Neues" stark gemacht und Ideen präsentiert hatten. Nun hatte man uns in diese Kommission gewählt. Ausser Carl Zibung gehörten der Architekt Constantin Zuppiger dazu und Fredy Lohner als Leiter des Conti-Clubs, Robert Abraham als Präsident, Hugo Portmann als Geschäftsführer und schliesslich auch Röbi Rapp und ich.
Uns war klar, dass ein Ende der fest gefügten bisherigen Gesellschaftsstruktur sowohl in der Schweiz wie in Westeuropa nahe war und eine grundsätzliche Veränderung kommen musste. Die bestehende Ordnung hatte sich mit den Gefahren der Kriegsjahre und danach in Konjunktur und Ost-West-Spaltung des Kalten Krieges etabliert. Damals ging es ums Überleben und Durchstehen. Mit dem aussichtslosen Vietnam-Krieg kam ein Ende dieser Haltung. Es schien, als wollten die jüngeren Generationen das "Alte" sprengen und offenere Formen des Zusammenlebens erproben, Verantwortung für eine ganzheitliche Welt übernehmen. Auch wir waren bereit, die überholte Repression abzuschütteln. Es musste gelingen. Zusammen mit den erwachenden Bewegungen wollten wir als Homoeroten (schwul war noch ein Schimpfwort) mitmachen und mitgestalten. Öffentlich und gleichberechtigt dabei sein, mitten drin, so das - noch ferne - Ziel.
Zunächst galt es, ein lebendiges Clubleben zu ermöglichen mit progressiver Musik, neuen Tanzformen, die auch trendige Darbietungen einschlossen, mit lesbischen Frauen oder Frauenabenden, ja einem gemischten Publikum mit Heteros in einer nicht allzu fernen Zukunft. Zugleich sollte die Organisation nicht als loser Lesezirkel, sondern als Verein von homophilen Männern neu gestaltet und für weitere assoziierte Clubs auch in der Romandie und im Tessin geöffnet werden. Zusätzliche Vereinsaufgaben wären Verbindungen mit gleichartigen Verbänden in Westeuropa und Amerika - und die ganz grosse Herausforderung: Der mutige Gang in die Öffentlichkeit. Einmal mussten wir dafür bereit sein.
Vielfältige Inhalte
Die Zeitschrift dreisprachig wie bisher herauszugeben war unmöglich. Dafür sollte sie in modernem Layout als Mitteilungs- und Nachrichtenblatt in Grossformat erscheinen und mit Illustrationen, auch Aktbildern, geschmückt sein. Carl Zibung hatte klare inhaltliche Vorstellungen: Ein Editorial zum Anfang jeder Ausgabe, dann sollte es regelmässige Rubriken geben wie Reportagen zu Gesellschaft, Politik, Wissenschaft, literarische Beiträge, Hinweise auf Neuerscheinungen von Büchern oder Zeitschriften und Passagen daraus, Geschichte, etwa Biografien berühmter Homoeroten, Reiseberichte und Reisetipps, Kurznachrichten aus der Schweiz und aller Welt, Lachen und Lächerliches, Leserbriefe, Briefkasten und Beratung, Mitteilungen und Hinweise. Natürlich enthielt die Zeitschrift auch Annoncen von Firmen.
Bald schied Röbi Rapp aus. Er sagte, einer von uns beiden sei genug. Später verliess uns auch Fredy Lohner wegen Überlastung. Dafür stiessen Neue hinzu: Walter Boesch, der Chef-Redaktor für Kultur beim Tages-Anzeiger war, und Jürg Amstein, bekannter Verfasser von Kabarett- und Lied-Texten oder Theaterstücken wie "Der Schwarze Hecht / Feuerwerk", Schulfunksendungen und Libretti von Radio-Operetten. Sie waren für Literatur und Geschichte zuständig. Auf grosses Interesse stiessen auch die Kolumnen des Juristen Kurt Bänninger, der sich zu rechtlichen Fragen aus dem Leserkreis äusserte.
Gesellschaftliche Veränderungen
Doch es war Carl Zibung, der die grossen Visionen hatte mit besonderem Augenmerk für gesellschaftliche Veränderungen. In der Mai-Ausgabe (5/1968) berichtete er über die Lage in Europa, wo sich Jugendunruhen ereigneten. Er setzte die Überschrift "Europas Jugend im Aufbruch…" Am 29. Juni kam es in Zürich zum "Globus-Krawall", dessen Folge sowohl das "Zürcher Manifest", mitunterzeichnet von Max Frisch, wie die "68er-Bewegung" war. Und in der September-Nummer liess Carl einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung nachdrucken, der Agitationen von Homosexuellen in den USA schilderte. Sein Titel dazu: "Unsere Amerikanischen Freunde im Kampf um Gleichberechtigung". Das war ein Jahr vor Stonewall.