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Die Prostata oder Vorsteherdrüse ist ein Organ, das nur Männer haben. Erstaunlicherweise wissen jedoch die meisten von ihnen wenig über diesen Körperteil und seine Funktion. Vielen Männern kommt ihre Prostata erst so richtig zum Bewusstsein, wenn sie Probleme macht – und das ist meist der Fall, wenn sie grösser wird.
Die Prostata (Betonung auf der ersten Silbe) ist eine kleine Drüse, die sich von unten an die Harnblase anschmiegt. Von der Grösse einer Esskastanie, hat sie ein Volumen von etwa 25 Millilitern. Ihr Name kommt vom griechischen Wort prostates, was Vorsteher oder Vordermann bedeutet. Das erklärt sich dadurch, dass das Organ aufgrund seiner Lage den Blasenhals und damit den Verschluss der Blase unterstützt. Durch die Mitte der Prostata verläuft die Harnröhre (Urethra).
Viele Männer denken, die kleine Drüse sei eigentlich unwichtig und zu nichts nütze. Von wegen. Hauptaufgabe der Prostata ist die Bildung eines Sekretes, das einen Teil der Samenflüssigkeit bildet. Zusammen mit den Samenzellen aus den Hoden und den Sekreten von zwei anderen Drüsen bildet es das Sperma. Beim Samenerguss hat die Prostata eine ähnliche Funktion wie die Einspritzpumpe beim Motor eines Autos: Wenn sich ihre Muskeln zusammenziehen, schiesst die Samenflüssigkeit in die Harnröhre.
Zudem spielt das Sekret der Prostata für die Zeugungsfähigkeit eines Mannes eine grosse Rolle. Es enthält neben einer Reihe von anderen Stoffen wichtige Enzyme wie die saure Prostata-Phosphatase und das prostata-spezifische Antigen PSA. Dieses verflüssigt das Sperma. Das Prostatasekret regt die Bewegung der Samenfäden an und macht sie zu kräftigen Schwimmern; der Inhaltsstoff Spermin schützt die Erbinformation der Spermien.
Mit der Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr hat das Drüsensekret jedoch nichts zu tun. Reguliert wird die Funktion der Prostata über das Hormon Testosteron. Erst in der Pubertät, mit Eintreten der Geschlechtsreife, wächst die Prostata zu einem funktionstüchtigen Organ heran.
Die benigne (gutartige) Prostatahyperplasie (Vergrösserung der Prostatazellen), kurz BPH, ist die häufigste Ursache für Blasenentleerungsstörungen bei Männern.
Bereits ab dem 30. Lebensjahr kommt es zu einer Zunahme des Prostatagewebes. Von den genannten 25 Millilitern im 30. bis 35. Lebensjahr vergrössert sich ihr Volumen langsam auf etwa 45 Milliliter im 70. Lebensjahr. Gleichzeitig nimmt der Harnfluss in Menge und Schnelligkeit ab. Die Ursachen für diese Veränderungen sind trotz umfangreicher Untersuchungen noch nicht völlig geklärt. Als gesichert gilt, dass genetische Faktoren sowie das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Hormonen eine Rolle spielen.
Das Verhältnis der androgenen Hormone, Geschlechtshormone des Mannes, von denen das wichtigste Testosteron ist, zu Östrogen ändert sich mit zunehmendem Alter. In der Körperchemie zu beobachten ist die erhöhte Aktivität einer bestimmten Enzymgruppe, der Steroid-5-alpha-Reduktase, die die Umwandlung des Sexualhormons Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) katalysiert. Dadurch steigt die Konzentration an DHT, das Ungleichgewicht der Hormone wird stärker, das Prostatagewebe wächst.
Doch die Veränderung des Prostatagewebes heisst noch lange nicht, dass auch Beschwerden eintreten. Die frühzeitig einsetzende Vergrösserung der Vorsteherdrüse ist weitgehend normal und noch keine Krankheit. Der Grossteil aller Männer (etwa 80 Prozent) haben zwar eine vergrösserte Prostata, aber keine behandlungsbedürftigen Beschwerden.
Kommt es jedoch durch das wachsende Gewebe zu einer starken Einengung der Harnröhre, und stellen sich Probleme ein, sollte der Mann nicht zu lange warten, sondern sich zum Arzt seines Vertrauens begeben.
Das durchschnittliche Alter, in dem bei Prostatahyperplasie Beschwerden auftreten, liegt bei 65 Jahren. Symptome für eine BPH können ein langsamer Miktionsbeginn sein (Miktion = Wasserlassen), ein schwächer werdender Harnstrahl und häufiger nächtlicher Harndrang.
Die Anfangssymptome einer BPH sind oft rein körperlich gesehen harmlos, aber für die meisten Männer unangenehm und irritierend. Der immer häufiger werdende Gang zur Toilette, das Gefühl, die Blase nicht mehr vollständig entleeren zu können, das Warten, bis es endlich anfängt, zu „laufen“ oder das lästige Nachtröpfeln aufhört, strapazieren die Nerven. Störungen des Sexuallebens, z.B. eine Erektionsstörung, die ebenfalls eintreten können, werden als gravierende Beeinträchtigung der Lebensqualität empfunden.
Die Symptomatik der BPH verläuft recht schwankend. Bis zu 20 Prozent der Patienten erleben eine spontane Besserung. Beim Grossteil aller betroffenen Männer, zwischen 60 bis 80 Prozent, ist ein wellenförmiger Verlauf zu beobachten. Bei weiteren 10 bis 20 Prozent entwickelt sich die Erkrankung kontinuierlich weiter.
Laut Untersuchungen der Universitätsklinik Heidelberg weist etwa die Hälfte der Männer über 60 Jahre eine stärker vergrösserte Prostata auf, wobei die Zunahme des Gewebes allein eben noch nicht mit einer Erkrankung der Prostata gleichzusetzten ist. Im achten Lebensjahrzehnt lässt sich bei nahezu allen Männern eine gutartige Prostatavergrösserung nachweisen. Behandlungsbedürftige Beschwerden entwickeln jedoch nur etwa zehn bis 20 Prozent.
Die Medizin unterscheidet je nach Fortschreiten der Erkrankung und den entsprechenden Beschwerden drei Stadien unterschiedlicher Schwere. Ausschlaggebend ist weitgehend die Frage, ob sich die Harnblase noch vollständig entleeren lässt. Ist dies nicht der Fall und verbleibt Urin in der Blase, bildet er einen idealen Nährboden für Bakterien, die sich dort schlagartig vermehren. Das hat wiederkehrende Blaseninfektionen zur Folge, begünstigt die Bildung von Blasensteinen und möglicherweise einen gefährlichen Harnstau in den Nieren. Dieser kann dauerhafte Schäden zur Folge haben; im Extremfall den Tod durch Nierenversagen oder Sepsis („Blutvergiftung“).
- Stadium I, auch Reizblasenstadium genannt:
leichtere Beschwerden wie verzögerter Miktionsbeginn, häufiges, auch nächtliches Wasserlassen, Nachtröpfeln. Das seelische Wohlbefinden und die Sexualität können eingeschränkt sein. Kein Restharn in der Blase.
- Stadium II, Restharnstadium mit mässigen Beschwerden:
Zunahme der Beschwerden des Reizblasenstadiums, eventuell Inkontinenz, Restharnbildung durch unvollständige Blasenentleerung.
- Stadium III, das Dekompensationsstadium mit starken Beschwerden:
Es bildet sich eine Überlaufblase, d.h. die Harnblase bleibt über längere Zeit stark gefüllt und lässt sich nur noch unkontrolliert in kleinen Portionen entleeren, ständiges Nachtröpfeln. Durch die Störung des Harnabflusses kann sich eine sogenannte Harnstauungsniere entwickeln. Das bedeutet, dass sich Nierenbecken und Nierenkelche krankhaft erweitern und geschädigt werden. Es kommt zu Nierenfunktionsstörungen bis hin zu Nierenversagen und Harnvergiftung (Urämie).
Obwohl Prostatakrebs ebenfalls mit einer Vergrösserung der Prostata einhergeht, stellt die benigne Prostatahyperplasie an sich kein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs dar.
Vielen Männern ist es unangenehm, mit Beschwerden beim Wasserlassen zum Arzt zu gehen. Es handelt sich um einen Bereich des Männerkörpers, über den man nicht so gerne spricht. Peinlich, nicht mehr mit kräftigem Strahl den Urin abschlagen zu können, mühsam, zweimal in der Nacht die Toilette aufsuchen zu müssen, lästig das ständige Nachtröpfeln. Eine gutartige Prostatavergrösserung kann eben auch eine erektile Dysfunktion begünstigen – und spätestens dann bekommt das männliche Selbstbewusstsein meist einen Knick. Ängste kommen dazu: Was habe ich? Stimmt vielleicht sogar mit meiner Sexualität etwas nicht? Muss ich zum Arzt? Und was passiert dann?
Doch Scham ist bei Prostatabeschwerden fehl am Platze. Je früher eine gutartige Prostatavergrösserung erkannt wird, desto einfacher ist es, mit den Symptomen umzugehen und desto schneller findet man Erleichterung.
Der erste Schritt zur Diagnose besteht in einer rektalen Untersuchung. Das bedeutet, dass der Arzt mithilfe von Einmalhandschuhen und Gleitgel einen Finger in den After einführt, um die Vorsteherdrüse zu ertasten. Das ist nicht besonders angenehm, aber nicht schmerzhaft, und vor allem sehr schnell erledigt. Auch wenn es Ihnen unbehaglich zumute ist – für einen erfahrenen Mediziner ist es Routine, die ganze Sache in einer halben Minute vorbei.
Eventuell wird noch eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, die genauere Aussagen über Grösse der Prostata zulässt. Hierbei kann auch die Menge des Restharns in der Blase bestimmt werden. Schnell und einfach läuft auch die Untersuchung ab, mit der der Urologe feststellt, ob und in welchem Ausmass der Harnabfluss behindert ist: Bei der sogenannte Uroflowmetrie uriniert man in einen an der Toilette angebrachten Trichter mit einer Messvorrichtung. So lässt sich das maximale Urinvolumen pro Zeiteinheit bestimmen.
Sicher klingt das alles nicht gerade nach dem schönsten Tag Ihres Lebens. Doch praktisch alle Männer, die sich zu der Untersuchung durchgerungen haben, berichten übereinstimmend, dass die Erleichterung jegliche Peinlichkeit überwog. Zu wissen, was los ist, und in einem frühen Stadium der BPH geeignete Massnahmen ergreifen zu können, ist tausendmal besser als mit Unsicherheit, Angst und zunehmenden Beschwerden zu leben.
Je nach Stadium, Schweregrad der Symptome, Allgemeinzustand und Befinden des Patienten wird der behandelnde Arzt verschiedene Möglichkeiten ins Auge fassen. Viele Männer können sich auf die Beschwerden einstellen und ganz gut damit leben. Erleben sie die Erkrankung als Belastung, z.B. weil sie nachts ständig aufstehen müssen, gibt es natürliche wie auch chemische Substanzen, die die Symptome lindern und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen können.
In den frühen und mittleren Stadien der BPH ist für viele Betroffene das Medikament der Wahl ein Naturheilmittel. Hier hat die Sägepalme Serenoa repens ihren grossen Auftritt: Aus ihren Früchten werden Extrakte hergestellt, die Symptome und Verlauf der Erkrankung signifikant verbessern (zu den Inhaltsstoffen der Sägepalmenfrüchte siehe den Abschnitt „Arzneipflanze“).
Auch wenn, wie so häufig in der Naturheilkunde, immer wieder Studien erschienen, die Sägepalmen-Präparaten eine kaum bessere Wirksamkeit als einem Placebo zuschrieben, kam ein sogenannter „Cochrane Review“ 2009 zu einem anderen Schluss. Diese Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten, die international als Qualitätsstandard in der evidenzbasierten Medizin anerkannt sind. In dieser Arbeit hiess es: “Serenoa repens erbrachte eine ähnliche Verbesserung bei den Symptomen des Harntrakts und dem Abfluss des Urins wie Finasterid (einem häufig angewandten synthetischen Wirkstoff, d. Red.) und ist von weniger unerwünschten Nebenwirkungen begleitet.“
Dass neben der Wirksamkeit gegen die BPH-Symptome der Vorteil von Sägepalmen-Präparaten die sehr gute Verträglichkeit und Nebenwirkungsfreiheit, ist stellte auch eine sehr aktuelle Studie fest. 2016 führten spanische Wissenschaftler eine Untersuchung mit über 1700 Teilnehmern durch, in der Sägepalmen-Extrakt mit gängigen, ebenfalls häufig verordneten Medikamenten wie Alpha-Blockern und Reduktase-Hemmern verglichen wurde.
Das Ergebnis: Das pflanzliche Therapeutikum war ebenso wirksam wie die synthetischen, und dies bei deutlich besserer Verträglichkeit. Bei der Behandlung mit den synthetischen Wirkstoffen treten nicht selten unangenehme Nebenwirkungen auf wie ein unerwünschter Blutdruckabfall, depressive Verstimmungen und Ejakulationsstörungen (Alpha-Blocker) oder eine sogenannte erektile Dysfunktion (Reduktase-Hemmer). Bei der Therapie mit Sägepalmen-Extrakten war dies nicht der Fall.
Wie bereits erwähnt, spielt das Enzym 5-alpha-Reduktase eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der BPH, da es die Umwandlung von Testosteron in seine aktive Form Dihydrotestosteron (DHT) vermittelt. Ein hoher DHT-Spiegel in der Prostata wiederum fördert ihr Wachstum. Sägepalmen-Extrakt verringert die Aktivität des Enzyms, wodurch weniger männliches Sexualhormon produziert wird, und der DHT-Spiegel sinkt. Das bezeichnet man als anti-androgene Wirkung (Androgene sind Hormone, die die Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale steuern). Gleichzeitig hemmen Inhaltsstoffe der Sägepalmen-Früchte bestimmte Rezeptorbindungen, wodurch das übermässige Zellwachstum eingeschränkt wird und das Volumen der Prostata zurückgeht.
Behandlungsstudien zeigen, dass sich die quälenden Symptome bei einer konsequenten Einnahme von Sägepalmen-Extrakt deutlich bessern. Der Urinfluss wird wieder stärker, die Menge des in der Blase verbleibenden Restharns nimmt ab. Zwar kann das Wachstum der Prostata nicht endgültig aufgehalten werden, doch mit der Linderung der Symptomatik geht eine deutliche Besserung der Lebensqualität einher.
Wichtiger noch ist das Ausbleiben gravierender Nebenwirkungen. Ein grosser Vorteil des Phytotherapeutikums ist, dass es selektiv anti-androgen wirkt. Dadurch bleiben unerwünschte Wirkungen wie Verlust der Libido oder das Wachstum der Brustdrüse (Gynäkomastie) aus, die bei anderen anti-androgenen Therapien durchaus vorkommen können. Wie oben schon angeführt, treten auch weitere unerwünschte Effekte wie Blutdruckprobleme und depressive Verstimmungen bei der Sägepalmen-Therapie nicht ein. Ejakulations- und Erektionsstörungen sind rar. Die einzigen bisher beobachteten unerwünschten Effekte sind Magenbeschwerden, die aber leichter Natur waren (und in der Therapie mit Reduktase-Hemmern ebenfalls auftreten).
Selbstverständlich ist auch die Behandlung mit den genannten synthetischen Substanzen bei entsprechender Symptomatik eine Option.
Alpha-Blocker sind gefässerweiternde und blutdrucksenkende Wirkstoffe, die ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck (Hypertonie) entwickelt wurden. An Prostata und Harnröhre bewirken sie eine Entspannung der Muskulatur, was den Harnfluss verbessert. Auf die Grösse der Vorsteherdrüse bzw. das Wachstum des Gewebes haben sie jedoch keinen Einfluss. Zu den häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen gehören Ejakulationsstörungen und ein Blutdruckabfall, der sich beim Aufstehen vom Sitzen oder Liegen einstellt (orthostatische Hypotonie). Letzteres ist bei neueren Alpha-Blockern, z.B. dem häufig verordneten Wirkstoff Tamsulosin, seltener geworden.
5-alpha-Reduktase-Hemmer, am häufigsten verordnet wird der Wirkstoff Finasterid, haben einen ähnlichen Wirkungsmechanismus wie Sägepalme-Extrakte. Sie reduzieren die Dihydrotestosteron-Konzentration, wirken also anti-androgen. Auch die Symptomatik verbessert sich wie unter der Behandlung mit Sägepalme, allerdings oft erst nach etlichen Monaten: Der Harnfluss verbessert sich, das Prostatavolumen kann sich verkleinern.
Der bedeutsame Unterschied ist wiederum die Häufigkeit und Schwere von Nebenwirkungen: Bei etwa 12 Prozent der Patienten kommt es bei der Einnahme von Finasterid zu Nebenwirkungen bezüglich des Sexuallebens, wie vermindertes Lustgefühl, Ejakulationsstörungen und Impotenz.
Bei schweren Prostatabeschwerden wird oft eine Kombination von Alphablockern und 5-alpha-Reduktase-Hemmern eingesetzt. Ob eine solche doppelte Behandlung mit synthetischen Wirksubstanzen allein gegen die Prostatasymptome auf Dauer sinnvoll ist, ziehen viele Ärzte in Zweifel. Bei vielen älteren Männern stehen schliesslich andere gesundheitliche Probleme wie behandlungsbedürftiger Bluthochdruck, zu hohe Cholesterinwerte oder Herzbeschwerden im Vordergrund. Bei der Einnahme vieler Medikamente zur gleichen Zeit ist auch immer das Problem möglicher Wechselwirkungen in Betracht zu ziehen. (Für Sägepalmen-Präparate sind übrigens keine Interaktionen mit anderen Medikamenten oder unerwünschte Wechselwirkungen nachgewiesen worden.)
Die radikalste Behandlungsoption ist die Operation, bei der in verschiedenen Verfahren Prostatagewebe eingeschnitten wird, um der Harnröhre mehr Platz zu verschaffen, Gewebe abgetragen beziehungsweise durch Laser zerstört oder die Prostata ganz entfernt wird. Für die BPH wurden spezielle Operationstechniken entwickelt. Das Standardverfahren ist die „transurethrale Resektion der Prostata“ (TURP). Mithilfe einer winzigen Kamera und einer Metallschlinge, die über ein kleines Röhrchen in die Harnröhre eingeführt werden, wird dabei das wuchernde Prostatagewebe schichtweise abgetragen. Neueste Verfahren, wie z.B. die Verwendung von Implantaten, die die Harnröhre offenhalten sollen, sind noch in der Erprobung.
Eine OP kommt in Frage, wenn andere Behandlungsmethoden keine ausreichende Besserung verschaffen oder beispielsweise immer wieder Harnwegsinfektionen auftreten. Auch die OP hat öfters unerwünschte Folgen. Dauerhafte Erektionsstörungen und Inkontinenz sind heutzutage selten, doch kann es zu verminderter Fruchtbarkeit, Harnwegsinfektionen oder einer zeitweisen Blasenschwäche kommen.
Was ist denn das nun für ein Gewächs, das sich so eindrucksvoll als wirksame und gleichzeitig schonende und fast nebenwirkungsfreie Behandlungsoption bei BPH präsentiert?
Eher unscheinbar, ein wenig struppig kommt die Sägepalme daher, auch wenn das oft als Zwerg- oder Buschpalme bezeichnete Gewächs bis zu drei, manchmal vier Meter hoch werden kann. Die Stämme wachsen nicht aufrecht, sondern kriechen am Boden entlang und recken sich nur an der Spitze bogig dem Licht entgegen. Belaubt sind sie mit einem Gewirr aus frischen grünen und braunen, vertrockneten Blättern. Die abgestorbenen Blattscheiden bilden am Stamm eine Matte aus dunkelbraunen Fasern.
Erst auf den zweiten Blick und am schönsten gegen das Licht gesehen offenbart sich der Reiz der grossen, regelmässig geteilten Blattfächer von grüner bis blaugrüner Farbe, deren einzelnen Blattsegmente am Rand fein eingekerbt sind – daher der Name Sägepalme. Auch die nur wenige Millimeter grossen Blüten gelten als unscheinbar. Bei näherer Betrachtung sind sie jedoch filigrane, weisse bis cremefarbige Gebilde mit gelben Staubblättern, die sich in bogig aufrechten Blütenständen von bis zu einem Meter Länge zwischen den Laubblättern nach oben strecken.
Aus diesen Blüten entwickeln sich im Herbst die Früchte, zwei bis drei Zentimeter lang, die ein wenig Oliven ähneln. Anfangs grünlich, gelblich oder fast orangefarbig, verfärben sie sich zu dunklem Rot und werden beim Trocknen bläulich-schwarz. Aus den reifen getrockneten Sägepalme-Beeren werden die Medikamente zum Einsatz bei einer Prostatavergrösserung gewonnen.
Im deutschen erklärt sich der Name Sägepalme durch die Pflanzenfamilie (Palmengewächse, Arecaceae) und die am Rand scharf eingekerbten, „gesägten“ Blätter. Früher wurde auch der botanische Name Sabal serrulata verwendet, weswegen heute noch öfters kurz von „Sabal“ gesprochen wird. Auch „serrata“ bedeutet „sägeartig“. Diese Eigenschaft der Palmblätter ist durchaus eindrucksvoll; an den scharfen Blatträndern kann man sich blutende Wunden zuziehen. Unsere stachelige Stechpalme (Ilex) ist dagegen harmlos!
Heute heisst das Gewächs botanisch korrekt Serenoa repens, nach dem amerikanischen Botaniker Sereno Watson. Der Artname „repens", was „kriechend“ bedeutet, bezieht sich auf die niederliegenden Stämme und das unterirdische Wurzelwerk, über das sich die Pflanze verbreitet. Die Sägepalme ist aber ist die einzige Art der Gattung Serenoa. In den USA wird sie „saw palmetto“ genannt.
Der Baum hat keine grossen Ansprüche an seinen Standort, bevorzugt aber ein mildes Klima. Heimisch ist die Sägepalme in den küstennahen südöstlichen Staaten Nordamerikas. In Florida ist sie recht weit verbreitet und sogar „state tree“, offizieller Staatsbaum. Im „sunshine state“ gedeiht sie auf fast allen Böden, ob mageren Sandböden, trocken oder sumpfig, und bildet einen dichten Unterwuchs in den Kiefernwäldern und den Weiten der Everglades.
Die Südstaaten South Carolina und Missisippi bilden die Ränder des Vorkommens, hier wird das zähe Gewächs schon seltener. Einige Bestände finden sich auf Kuba und den Bahamas. Oft werden in den USA auch Vorkommen in Texas oder gar Kalifornien genannt; dies sind aber kultivierte Standorte, an denen Serenoa repens eigentlich nicht heimisch ist, was auch auf die Bestände im Mittelmeerraum, z.B. in Nordafrika, zutrifft. Die arzneilich verwendeten Früchte stammen immer aus Wildvorkommen.
Fühlt sich die Sägepalme zuhause, ist sie kaum auszurotten und erobert sich Lebensraum, in dem sich andere Pflanzen schwertun. Dürre oder Überschwemmungen können dem widerstandsfähigen Baum nicht viel anhaben. Nach Bränden ist Serenoa häufig die erste Pflanze, die sich wieder ausbreitet, dank ihren unterirdischen Rhizomen.
Die Inhaltsstoffe der Sägepalmenfrüchte, die sie z.B. für die Behandlung einer Prostatavergrösserung interessant machen, sind vor allem Fettsäuren wie Laurinsäure, Capron-, Capryl-, Myristin-, Palmitin- und Ölsäure, die in verschiedenen chemischen Formen vorliegen. Nach dem Europäischen Arzneibuch müssen die unvollständig getrockneten Früchte mindestens 11 Prozent Gesamtfettsäuren enthalten. In einem Sägepalmenextrakt müssen laut Wikipedia mindestens 80 Prozent Fettsäuren nachweisbar sein. Laurinsäure spielt neben Myristin- und Ölsäure eine Schlüsselrolle im Wirkungsmechanismus; mindestens 23 Prozent werden für einen medizinisch wirksamen Extrakt gefordert.
Weitere wichtige Inhaltsstoffe sind pflanzliche Sterine, also Hormone, insbesondere das beta-Sitosterol. Phytosterine werden therapeutisch zur Cholesterinsenkung, manchmal zur Behandlung von Hautreizungen und Juckreiz, vor allem aber zur symptomatischen Behandlung der gutartigen Prostatavergrösserung eingesetzt. Zudem enthalten die Sägepalmenfrüchte Flavonoide wie Isoquercitrin, langkettige Zuckermoleküle sowie ätherische und weitere Öle.
Nebenbei sei erwähnt, dass die Bewohner Floridas nicht nur auf die Früchte samt ihrer heilsamen Stoffe Wert legen. Die zarten Palmenherzen der saw palmetto, das Mark im Inneren der Stämme, sind bis heute eine begehrte Spezialität der regionalen Küche. Als „swamp cabbage“, Sumpfkohl, findet man sie noch in manchen urigen Beizen auf dem Lande.
Die Ethnie der Seminolen, wie wir sie heute kennen, entstand vor mehr als 250 Jahren in Florida. Ihre Geschichte ist wie die aller Ureinwohner Nordamerikas tragisch; heute versteht sich ein Grossteil der Seminolen als souveräne Nation. Im Laufe des 18.Jahrhunderts pflegte der Stamm eine enge Beziehung zu der Pflanze, die die Landschaft Floridas prägt. Die Blätter dienten zur Herstellung von Dächern, Teppichen, Matten und Körben. Als Werkzeug und Puppen für die Kinder waren die Wedel ebenso zu gebrauchen wie als Tanzfächer und Rasseln bei zeremoniellen Veranstaltungen.
Die Früchte, obwohl sehr bitter, galten als kräftigendes Nahrungsmittel. Wichtiger noch aber war ihr Einsatz als pflanzliche Medizin – damals schon als Mittel gegen eine vergrösserte Prostata und die damit einhergehenden Beschwerden sowie andere Probleme des Urogenitaltraktes. Ausserdem wurden sie Frauen gegen Unfruchtbarkeit und schmerzhafte Menstruationen sowie für den Milchfluss nach der Geburt eines Kindes verabreicht. Da man heute weiss, dass Inhaltsstoffe der Früchte das Zusammenspiel von weiblichen und männlichen Hormonen im Körper beeinflussen, waren solche Anwendungen vermutlich durchaus erfolgversprechend.
Amerikanische Ärzte und Apotheker des 19. Jahrhunderts übernahmen das Wissen der Seminolen und versuchten sich auch an neuen Einsatzgebieten. In Europa wurde die Sägepalme als Heilmittel erst im 20. Jahrhundert bekannt; der deutsche Mediziner Gerhard Madaus nannte in seinem 1938 erschienenen „Lehrbuch der Biologischen Heilmittel“ bereits die Prostatahyperplasie und begleitende Blasenleiden. Heute ist sie etabliertes Arzneimittel.