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Interview
«Ich schätze jeden einzelnen Tag»
Die schottische Poplegende Rod Stewart (76) erzählt im Exklusiv-Interview, wie er seinen Kampf gegen zwei Krebserkrankungen überstand, woher seine Leidenschaft für Fussball rührt und was ihm seine riesige Modelleisenbahn bedeutet.
Hallo Rod, bei unserem letzten Interview vor 15 Jahren sassen wir uns noch persönlich in einem Hotelzimmer gegenüber und Penny, damals Ihre Verlobte, lag neben Ihnen auf dem Bett. Heute sehen wir uns per Zoom, und Penny und Sie sind längst verheiratet und haben zwei Kinder …
Ja, the times they are a-changin’, wie schon Bob Dylan sang! (Lacht.)
Sie sind 2016 geadelt worden. Soll ich Sie mit Sir Rod ansprechen?
Nein, bleiben Sie ruhig bei Rod!
Weshalb haben Sie gerade «The Tears Of Hercules» als Titel Ihres neuen Albums gewählt, obwohl dies einer der wenigen Songs ist, die Sie nicht selbst geschrieben haben?
Ich dachte, dass er viel Aufmerksamkeit erregen würde, weil er die Fantasie der Leute anregt.
Wann haben Sie selber zum letzten Mal geweint?
Das muss während des Lockdowns gewesen sein, wie bei vielen anderen Menschen, die jemand verloren haben, der ihnen nahestand.
«Touchline» ist ein Lied über Ihren Vater. Welche Emotionen hat es bei Ihnen geweckt?
Ich hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als ich es im Studio zum ersten Mal sang. Auf den Song bin ich wirklich stolz. Er berührt mich noch immer, denn er handelt davon, wie viel mein Dad mir und meinen zwei Brüdern mitgab und was er uns lehrte. Er war es auch, der meine Liebe zum Fussball weckte.
Er war Ihr Trainer und ziemlich hart zu Ihnen, wenn es sein musste. Einmal soll er gesagt haben, dass Sie nicht zum Spass auf dem Fussballfeld stehen würden.
Für uns Söhne war es nicht einfach, von unserem Vater trainiert zu werden. Manchmal tat uns seine Kritik tatsächlich sehr weh. Ich kann mich allerdings nicht erinnern, ob er wirklich, wie es im Lied heisst, das Wort «fun» benutzte. Er wollte mir wohl einfach klarmachen, dass das Match kein Vergnügen würde, da wir nicht besser waren als die gegnerische Mannschaft.
Wie viele Ihrer acht Kinder sind Berufsfussballer geworden?
Mein Sohn Liam (27) ist Eishockey-Nationalspieler! Alle anderen Jungs spielten in ihrer Jugend leidenschaftlich gerne Fussball, aber bisher ist keiner von ihnen Profi geworden. Wenn es einer schaffen könnte, dann vermutlich der Jüngste. Er macht grosse Fortschritte. Ich habe eine U10-Fussballmannschaft gegründet, für sie einen Trainingsplatz mit Garderoben gebaut und die ganze Ausrüstung gekauft. Sie heissen The Hoops (zu Deutsch: die Ringe), nach dem grün-weissen Trikot meines Lieblingsklubs Celtic Glasgow. Nun lebe ich meine Fussballbegeisterung als Manager dieses Teams aus. Es ist wirklich ein grosser Spass!
Wenn sich die Schweiz nicht direkt für die Fussball-WM qualifiziert hätte, wäre sie vielleicht auf Schottland getroffen. Wie wäre ein solches Match wohl ausgegangen?
5:0 – natürlich für uns!
Kennen Sie Schweizer Spieler?
Ich kenne nur dieses kleine Kraftpaket, das für Liverpool spielte. Wie war doch gleich sein Name? (Überlegt.) Ah, Shaqiri! Ein guter Spieler.
In der schönen Ballade «I Can’t Imagine» singen Sie: «Lovers come and lovers go.» Ist das die Art, wie Sie über die Liebe denken?
Das ist nicht, wie ich heute denke, sondern was ich damals dachte! Ich hatte mit vielen Frauen Spass und genoss es, Sex zu haben. Aber das war auch eine andere Zeit. Heute singe ich viel mehr, als ich Sex habe! (Lacht.)
«Born To Boogie» ist Glam-Rock-Legende Marc Bolan alias T. Rex gewidmet, der wie Sie Anfang der Siebzigerjahre bekannt wurde. Mit welchen anderen Künstlern hätten Sie gerne einmal gesungen?
Mit den grossen schwarzen Künstlern wie Sam Cooke, Otis
Redding, Muddy Waters und Ella Fitzgerald. Leider sind sie alle schon gestorben. Für mein Weihnachtsalbum «Merry Christmas, Baby» habe ich immerhin die Erlaubnis bekommen, «What Are You Doing New Year’s Eve?» im virtuellen Duett mit Ella Fitzgerald zu singen. Das war wundervoll. Ella war unvergleichlich.
Sie überstanden zwei Krebserkrankungen. Was hat das verändert?
Das verändert vor allem die Perspektive. Als ich Schilddrüsenkrebs hatte, belastete mich das nicht gross. Ich musste nicht ständig Therapien machen. Die Operation dauerte zwei Stunden – damit hatte es sich erledigt. Dagegen war der Prostatakrebs eine regelrechte Schlacht. Gott sei Dank bin ich nun auf der besseren Seite. Ich schätze jeden einzelnen Tag. Deshalb antworte ich, wenn ich gefragt werde, weshalb ich noch singe: «Warum nicht? Ich liebe es, das zu tun, was ich liebe!» Da ich nicht ewig leben werde, versuche ich das Beste aus meiner Zeit auf diesem Planeten zu machen.
«Hold On» ist eine Ballade gegen Hass und Rassismus. Waren Sie als Schotte in England ebenfalls damit konfrontiert?
Nein, nein! Ich betonte auch nie extra, ich sei ein Schotte. Ich klinge nicht wie einer, ich wurde nicht dort geboren. Aber ich und meine Brüder lieben dank meinem Vater alles Schottische, das schon. Wir trinken auch viel Whisky …
Kürzlich war zu lesen, dass Sie Ihre riesige Modelleisenbahn in sieben Containern von Los Angeles nach England zügelten. Woher rührt die Leidenschaft für Ihr Hobby?
Wo ich geboren wurde, in der Archway Road in Nordlondon, blickt man auf Schienen, eine Strasse, nochmals Schienen und Fussballplätze, also auf die grossen Lieben meines Lebens! Modelleisenbahnen sind ein wundervolles, dreidimensionales Hobby. Besonders viel Freude bereitet mir das Zusammenbauen der Gebäude.
Nebst all der Freude und dem Spass, den Sie haben, dürften Sie sich auch ärgern. Über was am meisten?
Über Politiker, die sich weigern, ehrliche Antworten zu geben, sondern lieber um den heissen Brei herumreden. Das nervt und passiert in unserem Land andauernd. Wie ist das bei euch in der Schweiz?
Das ist vermutlich überall gleich. Was für eine Beziehung haben Sie zu unserem Land?
Ich habe ein paar Schweizer Uhren, und die sind wirklich herausragend.
Sie treten regelmässig in Las Vegas auf. Warum gerade im Spielerparadies?
Ganz einfach: Vegas ist lovely. Waren Sie auch schon mal im Caesars Palace?
Ja, aber nur bei den einarmigen Banditen …
Das Casino hat auch ein Theater mit einem tollen Sound und einer enorm grossen, aber niedrigen Bühne mit Sitzplätzen, die sehr nahe dran sind. Wenn ich in den fast 40 Jahren, die ich in Los Angeles lebte, dort auftrat, machte ich um 16.30 Uhr den Soundcheck, gab später zwei Konzerte und lag um Mitternacht wieder in meinem Bett in Los Angeles. Das war sehr bequem!
Was tun Sie, damit Ihr Markenzeichen – die raue Stimme – nicht zu klar klingt?
Ich weiss nicht genau, weshalb meine Stimme klingt, wie sie klingt, aber scheinbar ist eines der Stimmbänder etwas kräftiger als das andere. Viel Wasser zu trinken und genug Schlaf sind die besten Mittel, um in Form zu bleiben. Die Stimme vor den Auftritten gut aufzuwärmen und auszusingen, ist ebenfalls wichtig. Es ist wie bei einem Sportler, oder besser gesagt: wie bei einem älteren Sportler. (Lacht.)
Rod Stewart, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Popidol mit Herz und Stimme
Rod Stewart
Rod Stewart (76), der zuerst Sänger der Jeff Beck Group und Faces war, schaffte den Durchbruch als Solokünstler 1971 mit dem Hit «Maggie May». Evergreens wurden auch «Sailing», «Da Ya Think I’m Sexy», «Baby Jane» und «Downtown Train». In den Nullerjahren folgten fünf Alben mit Cover-Versionen, ehe er wieder mit Songschreiben begann. Das neue Album «The Tears Of Hercules» ist sein überzeugendstes Spätwerk. Der 2016 zum Ritter geschlagene Sir Rod ist zum dritten Mal verheiratet und hat acht Kinder.