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Kommentar
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Geschichte von Noldi Hediger
Mitteilungen von Gertrud Seybold über Noldi (Arnold Hediger)
Der Vater Arnold Eichenberger (1911 – 1992)
Der Vater von Noldi kam am 28. Mai 1911 in Winterthur-Wülflingen zur Welt. Er war das älteste von sieben Geschwistern. Arnolds Vater arbeitete bei Sulzer. Die Mutter war, wie man so sagt, aus besserem Haus, hatte bemerkenswert schönes Haar, doch nicht die Kraft, sich gegen ihren Mann durchzusetzen. Wenn wieder Nachwuchs anstand, soll der Vater jeweils gesagt haben: «Schon wieder eins». Die Familie bewohnte ein kleines Haus. Der Haushalt war nach altem Brauch Frauensache, kein männliches Familienmitglied musste Hand anlegen. Arnold bekam von seinem Vater oft Prügel. Als Ältester wurde er verantwortlich gemacht für alles, was die Geschwister anstellten. Bereits als Knabe lief Arnold von zu Hause weg. Der Unterweisungspfarrer weigerte sich, ihn zu konfirmieren, ein anderer musste es für ihn tun. Nach der Schule lernte Arnold Schriften- und Dekorationsmalerei bei der Firma Dünner in Winterthur. Mit zwanzig verliess er das Elternhaus. Der Vater hatte ihm seinen guten Anzug weggenommen und gegen das zu knapp gewordene Konfirmandenkleid ausgetauscht, am nächsten Tag ging Arnold. Bald darauf musste er wegen einer Blinddarmentzündung ins Spital. Dorthin schickte ihm sein Vater eine Zahnarztrechnung nach. Sein selbständiges Leben begann damit, dass er ein Zahnarzthonorar abstottern musste. Bei seiner Patin, einer Fellhändlerin, lernte Arnold einen Dr. Schoch kennen, der ihn ermutigte, sich als Kunstmaler auszubilden zu lassen. Er unterstützte ihn finanziell und kaufte Bilder von ihm. Arnold Eichenberger besuchte in Paris eine private Akademie und in Zürich die Kunstgewerbeschule, wo der berühmte Ernst Georg Rüegg sein Lehrer war. Er hätte vielleicht sogar dessen Nachfolger werden können, wäre er gesellschaftstauglich und weniger unstet gewesen.
Arnold Eichenberger musste darben in seinen jungen Jahren, oft hatte er zu wenig zu essen. Er wurde lungenkrank und musste nach Davos zur Kur, brach diese aber vorzeitig ab, entgegen ärztlichem Rat. In Davos hatte er die Freiwirtschaft nach Silvio Gsell kennengelernt, in Zürich besuchte er hierüber die Vorträge des Architekten Hans Bernoulli. Arnold war sehr bewandert in diesen Dingen und hielt sein Wissen nicht zurück. In Diskussionen konnte er heftig werden, Künstlerkollegen sollen ihn deswegen für staatsgefährlich gehalten und gegen ihn intrigiert haben. Er glaubte, es seien ihm deswegen Stipendien und Ateliers vorenthalten worden und bei Ausstellungen hätte man ihm immer nur schlechte Plätze zugewiesen. Derartige Benachteiligungen verfolgten ihn geradezu wahnhaft. Dem stand einiges entgegen: Dank der Winterhilfe für Künstler kamen mehrere seiner Bilder in den Besitz der Stadt Zürich, bei einer Ausstellung junger Maler im Zürcher Kunsthaus erhielt er eine kleine Rotunde ganz für sich, bei Kunstsammlern fanden seine Winterbilder Anklang, die Zeitschrift «Leben und Glauben» brachte ein Bild von ihm auf dem Titelblatt, durch die Rektorin Dr. Hedwig Strehler, die ihn schätzte, konnte er ein grosses Bild für den Singsaal der Töchterschule verkaufen. Der Erlös erlaubte ihm, nach Brasilien zu reisen, wo einer seiner Brüder lebte. Arnold Eichenberger schuf eindrückliche Porträts. Sie sind herb und wollen nicht gefällig sein. Eichenberger pflegte zu sagen, wenn ein Bild gefällig sei, tauge es nichts. Vor allem porträtierte er Menschen, die ihm besonders nahestanden, aber auch den Freiwirtschafter Dr. Schwarz oder einen stadtbekannten Zeitungsverkäufer. Gerne hätte er mehr Porträts gemalt, konnte sich aber auf diesem Gebiet nicht etablieren, da er über kein passendes Atelier verfügte. Ungegenständlich malen wollte er durchaus nicht. Er hielt solches für unehrlich, weil sich damit fehlendes Können bemänteln lasse. Religiöse Bilder hätte er nie gemalt, obwohl er in die Kirche ging. Auch Akte waren nicht sein Thema. An seiner künstlerischen Berufung hat er kaum gezweifelt, und für seine Kunst war er zu grossen Opfern bereit. Arnold Eichenberger konnte unterhaltsam sein. Gerne machte er Witze, die etwas Vertracktes hatten, man musste denken um sie zu verstehen, zweideutig aber waren sie nie. Wenn Eichenberger redete, durfte man ihn nicht unterbrechen. Stets trug er ein Veston und gediegene Krawatten. Wenn er Geld hatte, gab er es gerne aus.
Die Mutter Ida Hediger (1911 – 1994)
Ida Hediger wohnte als junge Frau bei ihren Eltern an der Zurlindenstrasse in Zürich-Aussersihl und arbeitete in einer alkoholfreien Wirtschaft des Zürcher Frauenvereins, wo sie auch Arnold Eichenberger kennenlernte. Sie bewunderte den jungen Mann, der so gut zeichnen und malen und auch über Kunst reden konnte. Sie erfuhr auch von seinen Sorgen und so brachte sie dem hungernden Künstler oft Essbares: Resten oder auch Fleisch, aus dem sie sich nichts machte. Ida liess sich von ihrem Freund auch immer wieder porträtieren. Der immer enger werdenden Beziehung entsprang schliesslich auch ein Kind. Dieses brachte die jungen Leuten in grosse Not: an eine Heirat war nicht zu denken, Arnold konnte als junger Kunstmaler Mutter und Kind nicht ernähren, ein Leben als Schriften- und Dekorationsmaler wäre für ihn Verrat an seiner Berufung gewesen, auch fiel seine Lungenkrankheit in diese Zeit. Ein uneheliches Kind aber galt damals als Schande. Der am 25. Februar 1934 geborene Bub wurde Arnold getauft, wie sein Vater, und erhielt von Amtes wegen den Familiennamen seiner Mutter. Damit er nicht in Erscheinung trat und seine Mutter weiter einer Arbeit nachgehen konnte, gab man ihn in das Kinderheim Pilgerbrunnen des evangelischen Frauenbundes in Zürich- Aussersihl.
Ida Hediger lernte dann einen Mann kennen, der sie heiraten wollte, der aber ablehnte, ein Kind eines Anderen aufzuziehen. Aus der Ehe mit diesem Mann gingen zwei Söhne hervor. Nach rund zehn Jahren wurde die Ehe geschieden und Ida verheiratete sich ein zweites Mal. Vom zweiten Mann hatte sie keine Kinder. Als Arnold Eichenberger ein Bild als Geschenk zu Idas zweiter Hochzeit brachte, soll die Mutter zu Eichenberger gesagt haben: «Dich vergisst sie nie». Nach dem Tod ihres zweiten Mannes ging Ida öfters allein ins Kunsthaus. Dort hörte sie einmal die Stimme von Eichenberger, der eine Führung machte und von da an trafen sie sich wieder.
Gertrud Seybold (1911 –1995)
Tante Gertrud oder das Seyböldli, wie Noldi sie unter Vertrauten auch nannte, war in seinem Leben die Hauptperson. In einem feierlichen Moment, auf einer Zinne hoch über den Dächern von Zürich, sagte Noldi zu Gertrud: «Wenn ich dich nicht hätte, hätte ich niemanden auf der Welt».
Die Schwäbin aus Feuerbach bei Stuttgart kam als junge Damenschneiderin nach Zürich und heiratete da einen Kunstschlosser, von dem sie sich jedoch, weil er trank, bald wieder scheiden liess. Eine zweite Beziehung ging sie ein mit einem Mann, durch den sie die Anthroposophie kennen lernte. Diese wurde für ihr ganzes Leben von grosser Bedeutung, den Mann hingegen spannte ihr eine ihrer Arbeiterinnen aus. 1938 lernte sie dann Arnold Eichenberger kennen. Ihn fütterte sie sozusagen durch den Krieg. Einmal pro Woche schickte sie ihren Kostgänger in die Kronenhalle, wo die Wirtin bedürftigen Künstlern einen Mittagstisch bot. Gertrud war für Eichenberger eine anregende Gespanin. Er schätzte ihren Kunstsinn sehr. Sie besuchte mit ihm Galerien und das auch Kunsthaus gleich nebenan. Sie wohnte an der Krautgartengasse in einem Haus, das später dem sogenannten Bührle-Trakt weichen musste. Gertrud hatte damals oft in der Nacht Arbeit nachzuholen, die am Tag wegen Kunstbetrachtung oder auch Modellsitzen liegen blieb. Gertruds Wohnung füllte sich nach und nach mit Bildern ihres Freundes. Für die Arbeiterinnen und Lehrtöchter im Nähatelier war der Mann eine interessante Abwechslung. Damals war es im Grunde etwas höchst Unschickliches, wenn ein Mann ohne Heiratsabsichten bei einer Frau ein- und ausging. Die Beziehung der Beiden war sehr explosiv, Eichenbergers streitbares Wesen stiess bei Gertrud auf starke Gegenkräfte. Als sie einmal beim Modellsitzen die Geduld verlor, drohte er ihr, die Palette an den Kopf zu werfen, so wie Hodler es bei einem zappeligen Modell getan habe. Sie gab zurück, er solle zuerst einmal das Format von Hodler erreichen, bevor er sich so etwas erlaube. Das letzte Porträt, das er von Gertrud malte, zeigt sie zornig. Es ist von allen das lebendigste. Gertruds Überlegenheit war für ihn nicht leicht zu ertragen. Er rächte sich, indem er sich mokierte über ihre mangelnden Kenntnisse von Fremdsprachen. Als Eichenberger seinen Angehörigen Gertrud vorstellen wollte, befahl er ihr, nur zu reden, wenn sie etwas gefragt würde. Über die Neigung von Gertrud Seybold zur Anthroposophie spottete er nie, mag sein, weil die Frau seines besten Malerkollegen eine aktive Anthroposophin war. Gertrud suchte einmal einen Psychologen auf, um sich zu erkundigen, ob man bei Eichenberger etwas ändern könnte. Dieser sagte, was derart verbogen worden sei in der Jugend, könne man nicht mehr gradbiegen. Mit der Zeit machte sich Eichenberger bei Gertrud über Gebühr breit. Als er einmal, in Erwartung des Mittagessens, im Nähatelier, wo heikle Stoffe herumlagen, Rahmen schleifte, platzte Gertrud der Kragen und sie hiess ihn, innert 36 Stunden das Haus zu verlassen. Als Künstler werde sie ihn jederzeit achten, als Mensch sei er jedoch unerträglich, und er würde sie über kurz oder lang ins Irrenhaus bringen. Eichenberger ging, zog aber ein Jahr später als Mieter wieder in das Haus an der Krautgartengasse. Damals hatte er eine Frau kennen gelernt, die früh Witwe geworden war und die bis zu seinem Tod, während rund vierzig Jahren, ein ruhender Pol in seinem Leben sein sollte. Sicher war er auch für sie kein einfacher Kumpan. Gertrud hatte um 1960 erneut Kontakt mit Eichenberger. Noch immer war er in materieller Bedrängnis. Sie gab ihm monatlich 100 Franken. Sonst aber beschränkten sich die Kontakte auf gemeinsame Besuche bei Noldi.
Der Sohn Noldi, Arnold Hediger (1934 – 2023)
Noldis Kindheit
Seine ersten Jahre verbrachte Noldi in Zürich. Im Heim zum Pilgerbrunnen kam man mit ihm aber nicht zurecht, weil er so schusselig war. Einmal fand man ihn im dritten Stock aussen am Haus hängen, was den Ausschlag gab, ihn in ein Kinderheim nach Küsnacht zu bringen, wo man mit schusseligen Kindern besser umzugehen wusste und wo die Häuser nicht so hoch waren. Später dann kam er ins Kinderheim Bühl in Wädenswil. Dieses wurde Noldi zur Heimat und in der dortigen Hausmutter, Ida Roggli, fand er auch eine Mutter. Später als er nicht mehr im Heim wohnte, konnte er jederzeit dorthin zu Besuch gehen. Er war beliebt und man erinnerte sich gerne an ihn. Bis ins fortgeschrittene Alter besuchte er den alljährlichen Tag der Ehemaligen. Bei Ida Roggli lernte Noldi Sauberkeit, aber auch Singen und Beten, lernte das Bettenmachen und andere Hausarbeiten. Was er nicht lernte, war Lesen und Schreiben. Damals hielt man dies nicht für besonders wichtig bei Behinderten. Eine Heilpädagogin, die nach seiner Zeit in Wädenswil tätig war und die Noldi kannte, meinte, mit geeigneten Methoden hätte er es vermutlich bis zu einem gewissen Grade gelernt. Lesen und Schreiben war ein empfindlicher Punkt bei Noldi. Er erklärte, er hätte keine Zeit gehabt es zu lernen, weil er viel hätte arbeiten müssen. Spätere Versuche scheiterten, er empfand sie als demütigend. Immerhin lernte er später Uhrzeit und Zahlen kennen. Er hatte ein gutes Zahlengedächtnis. Wenn er am 12. des Monats um 13:30 Uhr auf den Zug musste, konnte er sich das zuverlässig merken. Unbestritten war Noldi nicht so wie die meisten anderen Kinder. Sein Vater erklärte dies mit einem Sturz aus dem Fenster im Kinderheim. Seine Mutter meinte, er sei so, weil sie einen Monat vor Noldis Geburt auf einem Spaziergang am Üetliberg ausrutschte. Es hatte aber auch Noldis Vater eine geistig behinderte Schwester.
Wie Noldi nach Muri kam
Zur Zeit als Noldi dem Kinderheim in Wädenswil entwuchs, heiratete eine Angestellte einen Bauern aus Zweidlen im Zürcher Unterland. Noldi konnte zu den jungen Leuten ziehen und dort als Knecht dienen. Er half bei allen Feldarbeiten und eine seiner Aufgaben war, die Tiere zu striegeln. Das machte er gern, denn er mochte Tiere. Die junge Frau war gut zu ihm. Allerdings musste er dort weg, weil er den Buben nachstellte, als sie älter wurden. Von Zweidlen kam Noldi zu Bauersleuten ins nahe aargauische Rekingen. Dort lernte er die Uhrzeit kennen und von Arbeitern, die er in ihren Baracken besuchte, auch einige Brocken Italienisch. Von Rekingen kam Noldi auf einen Bauernhof bei St. Anton in derselben Gegend. Dort ereignete sich etwas, das seinem Leben eine entscheidende Wende gab. Einer der Buben dort hänselte ihn ständig. Einmal machte er Noldi mit seiner Neckerei derart wütend, dass er den Buben zum Fenster hinausschmiss. Noch zur selben Stunde musste Noldi das Haus verlassen. Da man nicht wusste wohin mit ihm, steckte man ihn in das Gefängnis eines Polizeipostens. Am Tag darauf brachte man ihn nach Muri im Aargau, in die Arbeitskolonie Murimoos. Dort bekam er die ersten vier Sonntage keinen Ausgang zur Strafe. Noldi begriff nicht, wofür man ihn strafte. Vorübergehend war er in der Irrenanstalt im Kloster, wo man aber feststellte, dass er da nicht hingehörte. Die Einweisung ins Murimoos im Jahr 1966 erwies sich längerfristig als ein Glück für Noldi. Bei seiner Ankunft war er sehr dreckig. Er, der an Sauberkeit gewöhnt war, hatte bei den Bauern kaum eine Möglichkeit, sich richtig zu waschen. Er litt auch oft unter rissigen Händen. Die ihm zugewiesenen Kammern waren primitiv, die eine hatte kaum einen richtigen Zugang. Im Murimoos musste Noldi zuerst ebenfalls in der Landwirtschaft arbeiten, man gab ihm aber bald passendere Arbeit in der Küche. Besonders stolz war er da auf sein Amt, das in der Küche zubereitete Essen ins Haus des Verwalters zu bringen. Zu seinen Pflichten gehörte auch, dem Küchenchef das Bett zu machen. Während der Zeit, in der Noldi dort lebte, wandelte sich die Institution Murimoos stark. Als er ankam, war es eine geschlossene Anstalt. Er musste in einem Raum zusammen mit mehreren andern schlafen. Die Köche waren Anstaltsinsassen, die mit mehr oder weniger Geschick und Zuverlässigkeit die Küchenmannschaft betreuten. Dem einen Koch musste Noldi immer englische Zeitschriften und Schnaps im Dorf holen. Einem anderen, der fliehen wollte, musste er im Wald ein paar gute Schuhe verstecken. Beides kam aus und er wurde dafür bestraft. Später sorgten angestellte Köche für einen geordneten Betrieb, was Noldi sehr zugute kam. Im Jahr 1988 erhielt die ehemalige Arbeitskolonie grosszügige Neubauten und Noldi hatte fortan ein Zimmer mit eigenem Lavabo, Fernsehapparat und Kühlschrank, mit Radio, Kassettengerät und Kaffeemaschine.
Noldi und Gertrud Seybold
Gertrud Seybold lernte Noldi kennen als er sechs Jahre alt war, seinen Vater zwei Jahre zuvor. Für diesen war es äusserst schwer, zu gestehen, es existiere da noch ein Kind von ihm. Gertrud hatte etwas geahnt und ihm keine Ruhe gelassen. Sie drängte darauf, mit ihr das Kind zu besuchen. Es war Ostern, sie hätten schon früh am Nachmittag in Wädenswil sein können, doch es wurde Abend, bis Eichenberger sich überwand. Der Bub lag bereits in seinem Bettchen und man musste ihn wecken. Eichenberger sagte nur: «Das isch er jetz». Dieser trat wenig vorteilhaft in Erscheinung: ein schielendes Häuflein Elend, stumm und mit Rotznase. Eichenberger nannte ihn nie bei seinem Namen, bis zuletzt nannte er ihn «Gigerli». So etwas sagte der kleine Noldi, wenn er nach seinem Namen, Hediger, gefragt wurde. Eichenberger besuchte Noldi hin und wieder, nahm ihn mit auf kleine Ausflüge mit dem Auto und schickte ihm Postkarten, unterzeichnet mit: dein Vater. Vater nennen durfte ihn aber Noldi nicht. Später traf Eichenberger den Noldi gelegentlich auf dem Flohmarkt am Bürkliplatz in Zürich, wo Gertrud Seybbold einen Stand hatte. Dort befahl ihm Eichenberger leise zu reden, damit niemand verstehen konnte was sie redeten. Als Eichenberger in späten Jahren in der Rotapfelgalerie ausstellen konnte, durfte Noldi dort nicht in Erscheinung treten, weil er fürchtete, man würde die Verwandtschaft gleich erkennen. Eichenberger wusste, wann Noldi samstags am Flohmarkt anzutreffen war. Bei solchen Gelegenheiten gab er ihm immer einen bescheidenen Batzen. Als es einmal nur 2 Franken 65 Rappen waren, machte ihm Gertrud heftige Vorwürfe. Einmal wollte Eichenberger der Ida den gemeinsamen Sohn unerkannt zeigen, doch ausgerechnet an jenem Samstag war Noldi weggeblieben. Gertrud meinte, die Frau später noch mehrmals in der Nähe ihres Standes gesehen zu haben. Nachdem sich Eichenberger einmal lange Zeit nicht gezeigt hatte, suchte ihn Gertrud in seinem Stammlokal auf und beschimpfte ihn vor den Anwesenden, seinen behinderten Sohn zu vernachlässigen. Eichenberger suchte sie nach dieser Szene zu Hause auf und warf ihr vor, ihm damit verunmöglicht zu haben, jenes Lokal, das ihm so viel bedeutete, zu besuchen. Es kam zu einem heftigen Streit, nach welchen ihm Gertrud verbot, ihr Haus nochmals zu betreten. Wie schon oft hielt sie ihm vor, dem Staat, über den er immer schimpfe, ein Kind zur Last gelegt zu haben. Sie aber, Gertrud, werde Noldi nie im Stich lassen. Eichenberger sagte, «dafür bin ich dir ewig dankbar» und entfernte sich mit unsicheren Schritten. Er hatte vermutlich Parkinson. Eichenberger soll einen schweren Tod gehabt haben. Als es ans Sterben ging, musste man ihn nach Winterthur in ein Pflegeheim bringen. Er fühlte sich dort im Stich gelassen und nahm dies sehr übel. Ida, die Mutter von Noldi, war an seinem Sterbebett, es schien ihr, er hätte ihr noch etwas sagen wollen. Bei der Abdankung in Winterthur fragte jemand Arnolds Brüder, ob ihnen bekannt sei, dass der Verstorbene einen Sohn hatte. Von einem solchen war ihnen jedoch nichts bekannt und sie wollten es auch nicht glauben. Eine Schwester aber soll es gewusst haben. Eichenberger verschwieg Noldi auch seiner Freundin der zweiten Lebenshälfte. Gertrud und Noldi standen dieser Frau einmal in einer engen Altstadtgasse plötzlich gegenüber. Der Versuchung, ihr Eichenbergers Sohn vorzustellen, gab Gertrud aber nicht nach, sie musste sich da heraushalten. Erst spät sagte sie besonders vertrauten Menschen, wer Noldi sei. Nach seiner Mutter hat Noldi oft gefragt. Als sich Gertrud Seybold einmal beim Fürsorgeamt nach ihr erkundigte, wurde ihr abgeraten, die beiden zusammenzuführen, wenn nicht Gewähr für regelmässige, aufbauende Kontakte gegeben sei. Als man Noldi nach dem Tod des Vaters Bilder zeigte, die seine Mutter in jungen Jahren darstellten, sagte er: «Ach, mis Müeti! Es soll scheint’s gestorben sein». Auch Gertrud nahm an, dass sie nicht mehr lebte, bis sie ihr begegnete an einer Gedächtnisausstellung für Eichenberger in Zürich-Wiedikon. Ida hatte durch das Tagblatt davon erfahren und erschien mit ein paar Fotografien. Sie gab sich den Anwesenden als ehemaliges Modell von Eichenberger zu erkennen. Die kleine weisshaarige Frau mit braunen Augen und frischem Teint wirkte auf Gertrud wie eine Bibelstundengängerin und ihr fiel auf, dass sie einen schönen Amethystring trug. Gertrud erkannte sie sofort, obwohl sie eine gerade Nase hatte und nicht eine gebogene wie auf den Bildern und sagte: «Dann sind Sie die Ida». Diese verliess darauf den Ort, offensichtlich unangenehm berührt. Kurz nach Idas Tod erschien im Murimoos einer ihrer Söhne, ein Halbbruder von Noldi, mit seiner Frau.
Als Noldi einmal mit einem gebrochenen Bein im Spital Muri lag, fragten ihn die Pflegerinnen nach seiner Mutter. Er konnte sich erinnern, einmal an der Zurlindenstrasse in Zürich bei ihr gewesen zu sein. Dort waren auch noch zwei Buben und eine Grossmutter. Als ihn Gertrud Seybold besuchte, fragte er, was er den Pflegerinnen antworten solle. «Sag ihnen, du habest einen Vater und die Tante Gertrud». Von seinen Kollegen im Murimoos wurde Noldi ausgefragt, wo er denn schlafe, wenn er bei der Tante sei und wie alt sie sei. Diese riet ihm zu sagen, sie sei hundert Jahre alt und er schlafe immer im eigenen Zimmer. Letzteres stimmte: So eng sie auch wohnte an der Augustinergasse, dies machte sie immer möglich. Gelegentlich durfte er auch bei Gertruds Freundinnen an der Trittligasse übernachten. Eine Frau fragte einmal Gertrud, ob sie nicht Angst habe vor Noldi. Soweit Gertrud wusste, war sein Geschlechtstrieb immer auf Männer ausgerichtet. In ihrem Umkreis machte sich dies jedoch kaum bemerkbar. Einmal aber musste sie zu ihrem Entsetzen erfahren, Noldi sei in Zürich gewesen, ohne dass sie davon wusste. Auch ein anderer Vorfall beunruhigte sie sehr. Noldi tauchte am Flohmarkt mit einem Burschen auf, offenbar in starker Erregung, wie sie es bei ihm noch nie gesehen hatte. Als sie später Noldi zum Zug begleitete, sah sie den Burschen in den gleichen Wagen steigen. Sie musste auch vernehmen, dass jener mit Noldi in ihrer Wohnung war. Gertrud orientierte den Verwalter vom Murimoos. Dieser wusste von solchen Aktivitäten und zu Gertruds grossem Erstaunen sagte er, es sei oft Noldi, von dem die Initiative ausgehe. Er versuchte, sie zu beruhigen: Noldi sei über die Gefahren und über die nötigen Schutzvorkehren unterrichtet. Bei Aufenthalten im bernischen Oberaargau unternahm Noldi gerne selbstständige Ausflüge nach Langenthal. Von einem solchen brachten ihn einmal zwei Polizisten nach Hause. Etwas Schlimmes, das man sich nicht auszudenken wagte, musste vorgefallen sein. Es stellte sich aber heraus, dass ihn die beiden auf ihrer Patrouille aufgegriffen hatten, weil er ihnen den Eindruck einer verwirrten Person machte. Eine Rückfrage bestärkte sie, denn von einem Noldi Hediger hatte man in Muri noch nie etwas gehört. Nun konnte Noldi nicht wissen, dass Berner, wenn sie Muri hören, an den noblen Vorort von Bern denken und nicht an sein Muri. Immerhin fanden sie dann zusammen mit Noldi sein Feriendomizil. Noldi wurde im Laufe des Lebens immer selbständiger. Früher musste ihn Tante Gertrud in Muri abholen und wieder hinbringen. Um Geld zu sparen, fuhr sie via Dietikon-Bremgarten-Wohlen. Für sie bedeutete dies: insgesamt sieben Stunden Reisezeit pro Besuch. Später lernte er, allein nach Zürich reisen. Sogar die Fahrt in den Oberaargau mit mehrmaligem Umsteigen bewältigte er ohne Begleitung.
Gertrud Seybold bot Noldi Gelegenheit, mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Selbstverständlich auch mit der Familie ihrer Schwester, die in Zürich mit dem Stadtweibel verheiratet war. Dort feierten sie jeweils Weihnachten. Einmal hinterbrachte ihr die Schwester, Mann und Sohn hätten sich beschwert, dass an Weihnachten immer der Goof von Eichenberger dabei sein müsse. Die beiden mochten Eichenberger nicht und hatten eher etwas gegen diesen als gegen den Buben. Dem nächsten Weihnachtsfest blieb Gertrud fern. Das machte Eindruck und bewirkte, dass fortan auch Noldi wieder dazu gehörte. Als Gertrud nach ihrer zweiten Scheidung alleinstehend war, nahm sie Noldi regelmässig mit in die Ferien. Ihre Schwester konnte zwar ganz gut mit Noldi Spässe machen, jedoch kaum verstehen, wie Gertrud ihre Ferien mit einem Menschen verbringen konnte, mit dem sie nicht normal reden konnte. Öfters waren die beiden zusammen im Goms in einem ausgebauten Stadel. Dabei war dort jeweils eine der Freundinnen von der Trittligasse. Diese Freundin, kurz «d’Trittligass» genannt, verstand sich besonders gut mit Noldi. Er war ihr auf ihren Wanderungen ein willkommener Begleiter. Sie entsetzte sich bloss, wie viel er essen mochte. Ferien verbrachten Gertrud und Noldi auch im Bündnerland, in Vättis, in Lugano, im Oberaargau und im Schwarzwald. Seit ihrer Kindheit hatte Gertrud eine enge Beziehung zur Zinzbachmühle bei Pfalzgrafenweiler. Noldi fühlte sich dort ebenfalls zu Hause, bei der Müllerin, die ihn gut mochte und bei den vielen Tieren. Überall wo Noldi hinkam, konnte er dank seiner offenen und leutseligen Art Bekanntschaften schliessen. Solche machten ihm seinen Mangel an Angehörigen wett. Wenn Noldi in Gesellschaft war, sang er gerne ein Lied. An einem Geburtstagsfest in der Zinzbachmühle sang er zur grossen Freude der Jubilarin «Es Burebüebli ma-n-i nit». Zu Ehren von Gertrud sang er «Grosser Gott» und «Der Mond ist aufgegangen», obwohl sie sich solchen Sologensang zuvor verboten hatte. Eine traurig gestimmte Freundin von Gertrud tröstete er an einer Weihnachtsfeier mit einem eigens für sie gesungenen Lied. Durch die Heimmutter in Wädenswil hatte Noldi eine Verbindung zur Heilsarmee. Als Bub trug er dort den «Kriegsruf» aus. Später ist er, wenn immer möglich, am Auffahrtstag nach Zürich gekommen. Gertrud Seybold erlebte, wie er als Sechzigjähriger an der Feier im Kongresshaus auf die Bühne ging, um sein Bekenntnis abzulegen. Es kamen nachher Leute zu ihr die sagten, er hätte da vorne etwas sehr Tiefsinniges und Wertvolles gesagt. Noldi liebte schöne Sachen, Kleider, Socken, Sandalen, Reisegepäck, auch schönes Essgeschirr. Bei Gertrud Seybold und in ihrem Bekanntenkreis fühlte er sich wohl, weil er hier überall eine gepflegte Umgebung antraf. Noldi wusste sich zu benehmen, auch beim Essen. Einmal überraschte er Gertrud, als er einem Zimmermädchen im Hotel für eine Dienstleistung ein Trinkgeld gab. Noldi reiste fürs Leben gern. Gertrud unternahm mit ihm von Zürich aus ungezählte Carfahrten. Gertrud zeigte sich gerne mit ihm. Seine Behinderung war ihm nicht ohne weiteres anzusehen. Es gibt ein Foto von ihm mit dem Schloss Mainau im Hintergrund, welches jemanden veranlasste zu fragen, ob dies der Sohn des Schlossherrn sei. Auf solchen Ausflügen konnte Gertrud auch unerwartete Seiten von ihm kennen lernen. Auf einer Bächtelistag-Fahrt wurde getanzt. Noldi schaute interessiert zu und ging schliesslich auch auf die Tanzfläche. Die Frau, mit der er tanzte, begleitete er galant zurück zu ihrem Platz. Diese sagte später zu Gertrud, er habe gut geführt. Trotzdem mied Gertrud von da an Fahrten mit Tanz. Oft wurde Noldi gefragt: «Und, was hat dir jetzt am besten gefallen»? Auf diese nicht besonders subtile Frage antwortete er jeweils: «Alles».
Diese Mitteilungen wurden anfangs Januar 1995 in Madiswil gemacht. Gertrud Seybold meinte zuerst, keine Zeit dafür zu haben, weil sie in Zürich dringend ihre Wohnung in Ordnung bringen wollte. Dies mag eine Vorahnung ihres Todes gewesen sein, der für alle unerwartet am 16. Januar erfolgte. Damit gab es keine Gelegenheit mehr für Klarstellungen oder Ergänzungen. Die damaligen Aufzeichnungen wurden, ohne inhaltlich daran etwas zu ändern, in die vorliegende Form gebracht. Den Anstoss gab der Tod von Noldi Hediger am 11. November 2023. Gertrud Seybold lernte der Schreibende kennen, als er ihre Meinung über einen Rechtsstreit erfahren wollte, in den eine gemeinsame Bekannte verwickelt war. Aus einem ersten Treffen entstand ein Vertrauensverhältnis und aus diesem eine Freundschaft in die bald auch ihr Schützling Noldi einbezogen wurde. Durch Noldi lebte die Freundschaft weiter nach ihrem Tod.
Madiswil, Dezember 2023 / Niklaus Gräub
Arnold Eichenberger / Ida Hediger
Selbstporträt Arnold Hediger
Gertrud Seybold / Noldi 62-jährig
Gertrud Seybold
Anmerkungen zu den Mitteilungen von Gertrud Seybold
Er war das älteste von sieben Kindern > Arnold hatte eine Schwester mit Jahrgang 1910 und hatte sieben Geschwister
Dr. Schoch > Dr. med. Adolf Schoch, Winterthur-Wülflingen; Hausarzt in manchen Haushaltungen
Ida Roggli > Lydia Roggli-Zürrer (1899 – 1982); im Kinderheim Bühl tätig 1929-1973