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Titel
Silvrettagruppe
(Kt. Graubünden,
Bez. Inn
und Ober
Landquart). Die
Silvrettagruppe umfasst die ganze Gebirgsmasse
zwischen dem
Prätigau und Unter
Engadin einerseits und der Arlberglinie andrerseits, sowie vom
Rhein im W. bis Finstermünz
und Landeck im O. Als Grenze gegen die
Albulagruppe nehmen wir hier den
Flesspass an, den kürzesten Uebergang von
Klosters
nach
Süs. Schärfer ist die N.-Grenze, die als fast gerade Linie von Feldkirch über den Arlberg verläuft
und sowohl orographisch als geologisch eine ausgezeichnete Grenzlinie bildet, da sie tief eingeschnitten ist - der Arlberg
hat nur 1802 m
Höhe - und die kristallinen Zentralalpen von den n.
Kalkalpen trennt. Die
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Silvrettagruppe ist damit den Zentralalpen zugewiesen. Das ganze so umgrenzte Gebiet teilt man in vier Abschnitte, indem
man die Teilungslinien über das Schlappinerjoch im W., den Fimberpass im O. und das Zeinisjoch im N. zieht, wodurch der Rätikon,
die Samnaungruppe und die Ferwallgruppe vom Zentralstock der
Silvrettagruppe im engern Sinn abgeschnitten
werden. Dieser Zentralstock, der also vom Schlappinerjoch und Flesspass bis zum Fimberpass und Zeinisjoch reicht, zeichnet sich
als solcher nicht nur durch seine Lage, sondern auch durch seine bedeutende Höhen- und Gletscherentwicklung, sowie durch
seine Gesteinsbeschaffenheit aus.
Wir zählen hier mehr als 50 Gipfel von je über 3000 m Höhe, darunter 2 mit über 3400 m (Piz Linard 3414 m und
Fluchthorn 3403 m) und 2 weitere mit über 3300 m (Piz Buin 3316 m und Verstanklahorn 3301 m), dann 12-15 Gipfel mit über 3200 m.
Dagegen hat die Samnaungruppe nur 10 Gipfel mit über 3000 m, wovon 2 auf über 3200 m und weitere 2 auf
über 3100 m kommen (Muttler 3298 m, Stammerspitz 3258 m, Piz Mondin 3147 m und Vesilspitz 3115 m). Die Ferwallgruppe hat noch 8 Gipfel
mit über 3000 m, darunter 4 mit über 3100 m, aber keinen mehr mit 3200 m. Der Rätikon endlich erreicht
trotz seiner imposanten Formen die 3000 m nicht mehr, da sein höchster Punkt, die Scesaplana, nur noch 2969 m hat. Nach der
Höhe erhalten wir also folgende Rangordnung der vier Gruppen: a) Zentralstock der
Silvrettagruppe; b)
Samnaungruppe; c) Ferwallgruppe; d) Rätikon.
Ebenso stark wie in der Gipfelhöhe tritt der Vorrang der zentralen
Silvrettagruppe über die drei Nebengruppen
in der Gletscherentwicklung hervor. Nach Ed. Richter hat die gesamte
Silvrettagruppe eine Gletscherfläche von 116 km2,
wovon 92,8 km2 oder 4/5 auf die Zentralgruppe, aber nur 14,5 km2 auf die Ferwallgruppe, nur 4,5 km2 auf die Samnaungruppe
und nur 4,1 km2 auf den Rätikon kommen. Von den Quellen der Landquart bis gegen den Fimberpass finden
wir eine fast ununterbrochene Flucht von Eisfeldern, von denen manche auch einzeln genommen bedeutende Ausdehnung erreichen.
Die zwei grössten sind der Fermunt- oder Ochsenthalgletscher mit 8,8 km2 und der Jamthalferner mit 8 km2 Fläche. Dann folgen der Silvrettagletscher mit 4,8 km2, der Plan Rai-Tiatschagletscher mit 4,6 km2, der Klosterthalgletscher mit 4,36 km2 und der Verstanklagletscher mit 2 km2. Trotz der beträchtlichen Ausdehnung der Gletscher liegen doch ihre untern Grenzen sehr hoch. Am tiefsten, nämlich bis auf 2200 m, gehen der Verstankla- und der Jamthalgletscher.
Die Firngrenze hat Richter für die
Silvrettagruppe auf 2700-2750 m berechnet. Von den vier Teilen der
Silvrettagruppe im weitern Sinn schliessen sich drei - Rätikon, Zentralstock und Samnaungruppe - zu einem nach N. geöffneten
mächtigen Bogen zusammen, der das Gebirgsdreieck der Ferwallgruppe von zwei Seiten umfasst. Die Zentral- und die Ferwallgruppe
bestehen aus kristallinen Gesteinen und zwar besonders aus Gneis, Glimmerschiefern und Hornblendeschiefern, untergeordnet
auch aus Granit, die beiden Flügelgruppen des Rätikon und der Samnauner Berge dagegen weit vorherrschend aus Schichtgesteinen
verschiedenen Alters vom Phyllit und Verrucano aufwärts bis zur Kreide und zum eozänen Schiefer.
Der Zentralstock bildet nach Theobald ein weites Gewölbe, wo die Gesteinsschichten in der n. Hälfte
nach N., in der s. nach S. fallen. Längs einer Mittellinie vom Weisshorn des Vereinathals über die Verstanklaköpfe und an
der S.-Seite des Piz Buin vorbei nach O. stehen sie vielfach auch senkrecht. Doch ist der innere Bau, die Geotektonik, der
Silvrettagruppe noch nicht genügend aufgeklärt. In seiner äussern Erscheinung zeigt der eben erwähnte Gebirgsbogen ein
schönes Beispiel von liederförmiger Gliederung, wie man sie in den innern Teilen der Alpen neben der radialen vielfach antrifft.
Vom Hauptkamm gehen eine Menge kurzer Seitenäste
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nach N. und S. ab, die die kleinen Seitenthäler des Prätigaus, Montavon, Paznaun und Unter Engadin einschliessen. Besonders schön ist diese fiederförmige Gliederung in den beiden Flügelgruppen ausgebildet, doch tritt sie auch in der Zentralgruppe deutlich genug hervor. Sie kombiniert sich aber hier mit der radialen, indem z. B. aus der Gegend des Piz Buin die Gebirgszweige nach verschiedenen Richtungen ausstrahlen: über das Silvrettahorn und den Litznerstock nach NW., über das Verstanklahorn und den Piz Linard nach SW., über den Piz Fliana nach S. und über den Dreiländerspitz nach O. Im kleinen wiederholt sich diese radiale Gliederung noch mehrfach, so im Litznerstock und am Pillerhorn sw. vom Verstanklahorn. Gabelförmig ist sodann die Verzweigung am Rauhen Kopf (3093 m) n. vom Dreiländerspitz, ferner beim Fluchthorn, wo die beiden Zinken einerseits das Bielerthal, andrerseits das Lareinthal einschliessen. Von der weitern Betrachtung schliessen wir den Rätikon (s. diesen Art.) und die ausserschweizerische Ferwallgruppe aus.
a) Der Zentralstock der
Silvrettagruppe.
Sein wasserscheidender Kamm zieht vom Flesspass und Vereinapass über das Verstanklahorn zum Silvrettapass und Signalhorn nach NO., dann mehr ö. über Piz Buin, Dreiländerspitz, Augstenberg und Piz Fatschalv zur Fuorcla Tasna, endlich wieder nö. über Piz davo Lais zum Fimberpass. Am Signalhorn vereinigt sich damit eine zweite Wasserscheide, die vom Schlappinerjoch über den Gross Litzner und das Silvrettahorn nach SO. zieht. Doch sind diese Wasserscheiden grösstenteils nur solche zweiter Ordnung.
Einzig die kurze Strecke vom Flesspass bis zum Signalhorn und von da bis zum Dreiländerspitz trennt zwei Stromgebiete - diejenigen des Rheins und der Donau - voneinander und ist also erster Ordnung. Der nw. Arm trennt das Gebiet der Landquart von demjenigen der Ill, also nur Unterabteilungen des Rheingebietes voneinander, und der nach O. gehende Arm nur den Inn von einem seiner Zuflüsse, der Trisanna des Paznaun, die sich mit der Rosanna des Stanzerthals zusammen bei Landeck mit dem Hauptfluss vereinigt.
Die Hauptwasserscheide geht vom Dreiländerspitz über die Bielerhöhe und durch die Ferwallgruppe nach N. zum Arlberg, kommt
aber als ausserhalb der Schweiz liegend hier nicht weiter in Betracht. Die drei vorhin erwähnten, am Signalhorn zusammentreffenden
Kämme stellen die Stammstücke der
Silvrettagruppe dar, von welchen zahlreiche grössere und kleinere
Seitenzweige abgehen. Dabei fällt auf, dass mehrere der höchsten Gipfel, unter ihnen insbesondere der Piz Linard und das
Fluchthorn, nicht im Hauptkamm sondern in kleinen Seitenzweigen liegen, indem ersterer südwärts gegen das Engadin, letzteres
nordwärts gegen das Paznaun vorspringt. Es fällt also die Verbindungslinie der höchsten Gipfel nicht
durchweg mit der Wasserscheide zusammen.
Auch die politische Grenze zeigt derartige Unregelmässigkeiten, indem sie vom Piz Fatschalv oder Grenzeggkopf über das Fluchthorn und den Gemsbleiskopf n. ausbiegt und dann das Fimberthal nach O. quert, um in der Nähe der Vesilspitze den Kamm wieder zu erreichen, so dass der obere Drittel des Fimberthals zur Schweiz, die untern zwei Drittel zu Oesterreich gehören. Eine Folge dieser Eigentümlichkeit ist es, dass die Heidelbergerhütte des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins im obern Fimberthal auf schweizerischem Gebiet liegt.
Auch im Gebiet von Samnaun findet eine derartige Abweichung der politischen Grenze vom Gebirgskamm statt, indem jene vom Gribellakopf längs dem Malfragbach sö. zum Samnauner- oder Schergenbach zieht und dann diesem bis zur Mündung in den Inn folgt, so dass das Samnaunerthal ebenfalls teilweise zur Schweiz, teilweise zu Oesterreich gehört, welch letzterem allerdings nur die linke Seite der untern Thalstufe zukommt. Da aber das Strässchen sich an dieser linken Seite befindet, sind die Samnauner vorläufig noch genötigt, über österreichisches Gebiet mit der übrigen Schweiz zu verkehren.
Für die weitere Betrachtung zerlegen wir die
Silvrettagruppe in eine Anzahl kleinerer Stücke oder Glieder.
1) Die Gruppe des Piz Linard zwischen Flesspass und Vernelapass zieht im Bogen von den Ungeheuerhörnern über die Plattenhörner zum Pillerhorn nach O., dann sö. zum Piz Linard, wo sie sich in zwei kurze Arme teilt, die das Val Glims einschliessen. Eine kleine Vorlage dazu bildet die durch den Valtorta- oder Vereinapass vom Hauptstück getrennte Gruppe des Piz Fless zwischen Val Fless und Val Saglains. In der ganzen Gruppe herrschen nackte Felsgestalten, die mit ungeheurer Steilheit sich zu grossen Höhen emporschwingen.
Insbesondere bildet der Piz Linard eine ungemein stolze Pyramide, die von allen Seiten sich als mächtiger Koloss darstellt
und schier unersteigbar erscheint. Sowohl durch seine Höhe (3414 m) als durch seine massige Gestalt ist
der Piz Linard entschieden das Haupt der
Silvrettagruppe. Der Schnee haftet nur wenig an seinen steilen Gehängen, weshalb die
Gletscherentwicklung eine geringe ist. Würdige Trabanten hat er in den Plattenhörnern (3221, 3219 und 3205 m), die ihm an
Höhe nur wenig, an schreckhafter Steilheit nicht nachstehen, ja ihn darin noch überbieten und darum
nur selten bestiegen werden. - 2) Die Gruppe des Verstanklahorns zwischen Vernela- und Silvrettapass bildet eine W.-O. streichende
Kette, die im W. mit den schönen Pyramiden des Canard- und Weisshorns beginnt und im O. mit dem Verstanklahorn (3301 m) endigt.
Dieses ist, besonders vom Silvretta- und Verstanklagletscher aus gesehen, wohl die schönste Gestalt der
Silvrettagruppe, eine schlanke, regelmässige Pyramide, eines der schwierigsten, aber auch anziehendsten Objekte für den
Bergsport in der gesamten Gruppe. Daran schliesst sich der ebenfalls schön gestaltete Schwarzkopf (3225 m) im Hintergrund
des Vernelathals, am Gipfel breit abgestutzt und mit einer dicken Firnkappe gekrönt. Nordwärts vorgelagert
sind dem Verstanklahorn der Gletscherkamm und die Krämerköpfe als Grenze zwischen Verstankla- und Silvrettagletscher. -
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