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«Der Waldbademeister»
Ruedi Schneiter lebt allein, mit seinem Dackel, in einem kleinen Haus am Rande des Föhrenwäldli. «Hüseli» nennt er es liebevoll. So ist es auch angeschrieben.
Das «Hüseli» steht auf einer Lichtung und ist, dank der Büsche und Bäume, die es umgeben, vor den neugierigen Blicken der Sonntagsspaziergänger gut geschützt. Die Auffahrt vom Feldweg bis zu seinem Haus hat Ruedi Schneiter mit einer Kette abgesperrt. Entlang der Auffahrt stapelt er sein Brennholz. Die Scheite sind gleichmässig unter einem Wellblechdach aufgeschichtet.
Der Holzbrunnen vor Ruedi Schneiters Haus ist aus dem Stamm einer Lärche gefertigt. Er hat ihn mit der Axt selbst gehöhlt. Das Baumhaus in der alten Buche, in dem er als Kind während der Sommerferien spielte, das hatte jedoch der Grossvater gebaut. Er hatte jede Holzlatte mit einer anderen Farbe angemalt. Dieser Anstrich wird von Ruedi Schneiter jeden zweiten Frühling erneuert. Auch wenn er keine Kinder hat.
Als Ruedi Schneiter älter geworden war, begann er in dem Baumhaus Hefte zu lesen, die man ihm verboten hatte. Er hielt sie in einem Hohlraum zwischen der Hütte und dem Baum versteckt.
Das «Hüseli» ist nicht sehr gross. Es hat zwei Schlafzimmer, eine Küche mit hellblauen Schiebetürenschränkchen, die beim Schliessen immer ein wenig harzen, eine Stube mit einem Kamin und einem Sofa, dessen brauner Cordbezug bereits damals abgesessen wirkte, als seine Eltern noch lebten.
Neben dem Haus steht eine Garage, in der Ruedi Schneiter seine Äxte- und Handsägen-Sammlungen aufbewahrt. Darin finden auch noch der grüne Suzuki Samurai und eine Werkbank Platz.
Im Keller, der nur über die stets vermooste Treppe hinter dem Haus zugänglich ist, stehen ein bis oben gefülltes Weinregal, ein Gestell mit Dosenvorräten, eine Waschmaschine und die Ölheizung.
Ein paar Jahre vor seinem Unfall hat sich Ruedi Schneiter einen Traum verwirklicht. Mit seinem Freund, dem Jäger, hat er, direkt hinter dem Haus, eine Sauna aus Fichtenholz gebaut. Zwischen den Saunagängen legt sich Ruedi Schneiter nackt in den Buechibach, der nur wenige Meter von der Sauna entfernt durch sein Grundstück fliesst.
Ruedi Schneiter hatte bei den Frauen Erfolg. Sein Humor, sein gutes Aussehen und seine kräftige Statur gereichten ihm immer zu einem Vorteil. Doch binden wollte er sich nie. Die Unabhängigkeit war ihm wichtig. Zu oft musste er sich anhören, wie sich seine Freunde am Stammtisch über ihre Ehe beklagten. Einmal störte die Ehefrau des Jägers den Jass-Abend, und kommandierte den Abtrünnigen vom Stammtisch weg. Das war nicht Ruedi Schneiters Leben.
Ruedi Schneiter verlor beim Arbeiten mit der Seilwinde einen Unterarm. Er war Forstwart gewesen – mit ganzem Leib und ganzer Seele. Drei Jahre brauchte er, um sich von seinem Unfall zu erholen. Danach hat sich für ihn vieles verändert.
Vom Waldbaden erfuhr er aus einem Magazin, das im Warteraum seines Therapeuten auflag. «Waldbaden» oder «Shinrin-yoku», wie es in der Originalsprache heisst, werde in Japan schon lange als Stresstherapie angeboten und habe sich unlängst auch in Europa als Trend im Gesundheitswesen durchgesetzt, las Ruedi Schneiter da. Das brachte ihn auf die Idee, selbst solche geführten Waldspaziergänge anzubieten. Wald gab es genug. Und gestresste Grossstädter auch.
Ruedi Schneiter holte sich Hilfe. Er gründete eine Einzelfirma, erstellte eine Webseite, gab in dem Magazin, das bei seinem Therapeuten auflag, ein Inserat auf und baute unter der alten Kiefer, ein paar Meter vom «Hüseli» entfernt, ein Plumpsklo.
Doch als er am Stammtisch von seiner Idee erzählte, mochte keiner so richtig an den Return seiner Investments glauben. Erst als die ersten SUVs die steile Strasse zum Parkplatz des Föhrenwäldli hochfuhren, wurde es auch dem letzten Zweifler klar, dass Ruedi Schneiter mit seiner Idee nicht nur den Nerv der Zeit getroffen, sondern auch seinem Schicksal als IV-Rentner ein Schnippchen geschlagen hat.
Seither nennt man Ruedi Schneiter «Zapf-Li».
Heuer ist der dritte Sommer, in dem «Zapf-Li» beinahe jeden Tag mit zwei Gruppen stressgeplagter Grossstädter in die Tiefen des Föhrenwäldli eintaucht. Er lässt sie barfuss über den Waldboden trippeln, an jungen Tannenästchen schnuppern, ihre Initialen in Eicheln ritzen und auf Baumstämmen balancierend in ihre Unterbäuche atmen.
Am Nachmittag, wenn der tiefenentspannte Tross wieder nach Hause fährt, heizt Ruedi Schneiter die Sauna ein, holt eine Flasche Wein aus dem Keller und vertieft sich in eines der Hefte, die ihm keiner mehr verbietet.
Der frühmorgendliche Besuch des Plumpsklos übrigens bietet den der Natur entwöhnten Grossstädtern bereits eine erste mystische Grenzerfahrung: Die ungewohnte Düsterheit, das Knacken der Ästchen, das ovale Loch im schummrigen Licht der alten Glühbirne – und die Vorstellung davon, was sich darunter alles auftürmt – vermögen das Walderlebnis zu einem unvergesslichen Ganzen abzurunden.
Und dann sind da noch die auf dem Sitzbrett kunstvoll drapierten, braunen Kiefernzapfen. Ein Scherz, den sich Ruedi Schneiter immer erlaubt.
Mehr zur Autorin:
Susan Brandy wurde 1968 in Zürich Seebach geboren. Sie war ein aufgewecktes Kind, sprudelte über vor Phantasie und war meistens gut drauf. So überstand sie ihre Kindheit, die Pubertät, die Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten und den Einstieg in die Werbebranche. Vor ein paar Jahren hängte Susan Brandy ihren Job als Werbeberaterin an einen Nagel und begann zu schreiben.
Ihre vielen lyrischen Ichs lebt Susan online aus: Auf ihrer Webseite susanbrandy.com, wie auch auf Facebook, Instagram und Twitter, wo sie zur Mannschaft des von Martin Suter gegründeten #poesiepingpong gehört.
Susan Brandy beschreibt ihre Webseite als literarischen Spielplatz für kleine grosse Geschichten, echte falsche Reime und eindeutig zweideutige Gedichte. Sie ist überzeugt davon, dass Poesie und Humor die Welt vor dem Untergang bewahren könnten.