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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
19. Überall bekennt sich der Herr weder als denselben wie den Vater noch auch als verschieden von ihm.
[S. 85] Diese klarumgrenzte Lehre des kirchlichen Glaubens hat der Herr aber immer innegehalten, daß er den Vater als den einen Gott verkündete und daß er sich von dem Geheimnis des einen Gottes nicht abtrennte, indem er vermöge der Wesensgeburt sich weder als einen andersartigen Gott bekannte noch als einen und denselben (wie den Vater). Denn sein Wesen als des einen Gottes duldet es nicht, daß er ein (vom Vater) verschiedenartiger Gott sei; und die Geburt läßt es nicht zu, daß er in seiner Sohnschaft unvollkommen sei. So kann er also von Gott (-Vater) nicht abtrennbar sein, noch auch ist er derselbe (wie Gott-Vater).1
Deswegen hat er die ganzen Bezeichnungen seines Wortes in solchen Grenzen gehalten, daß er mit ganz bescheidener Beanspruchung alles das auch als sein Eigentum bezeichnete, was er an Ehre für Gott den Vater forderte. Denn wenn er sagt: „Glaubt an Gott und glaubt an mich”,2 so frage ich, in welcher Hinsicht sich im Wesen unterschieden habe, wer sich nicht in der Ehrerweisung von ihm geschieden hat. Denn erkennt man nicht, daß er mit seinem Wort: „Und glaubt an mich” ― nach seinem anderen Wort: „Und glaubt an Gott” ― mit diesem „an mich” nicht auch sein Wesen bezeichnet hat?
Gewiß: trenne das Wesen, wenn du den Glauben trennst! Wenn es das Leben ist, ohne Christus an Gott geglaubt zu haben,3 reiße nur Christus dem Namen und der Eigentümlichkeit nach von Gott ab! Wenn dies aber das Leben vollendet, daß die Gottgläubigen an Christus glauben, dann möge der sorgfältige Leser die Kraft des Wortes abwägen: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!” Wenn er nämlich sagt: „Glaubt an [S. 86] Gott und glaubt an mich,” so hat er sich dadurch mit dem Glauben an Gott in eins gesetzt und zugleich mit dem Wesen Gottes, da er ja zuerst anführt, daß man an Gott glauben müsse, und dann lehrt, daß man auch an ihn glauben müsse. Seine Gottheit lehrt er dadurch, daß er sich gegenüber die Glaubenspflicht von denen fordert, die an Gott glauben.
Dennoch hat er einen Anlaß zu falschgläubiger Einheit4 ausgeschlossen. Da er die Glaubenspflicht sowohl Gott als auch sich selbst gegenüber gelehrt hat, hat er keinen Glauben an sich in schroffer Vereinzelung möglich gelassen.
1: Hilarius denkt an die Lehre des Sabellius.
2: Joh. 14, 1.
3: Vgl. Joh. 17, 3.
4: d. h. Vater und Sohn als verschiedene Namen einer Person aufzufassen.