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In Lettlands Fussball ist Russisch Trumpf. Die Verflechtungen zwischen dem baltischen Staat und Russland sind eng, auch im Sport. Am Samstag (18 Uhr) trifft Lettland in der WM-Qualifikation auf die Schweiz.
Vor fünf Jahren sorgte Artjom Rudnevs für einen Skandal. Der Spieler des 1. FC Köln sagte in einem Interview, dass es in der lettischen Nationalmannschaft nicht entscheidend sei, die lettische Sprache zu beherrschen. Der lettisch-russische Doppelbürger wurde für die Aussage kritisiert, wehrte sich gegen die Vorwürfe und hielt fest, dass er seine Interviews lieber auf Russisch als auf Lettisch gebe.
Der Fussball spielt in Lettland eine untergeordnete Rolle. Er kämpft in den Medien um Anerkennung, die Hauptsportarten sind Basketball und vor allem Eishockey. Fussball ist der Sport der russischen Minderheit. Aus diesem Grund wird in der lettischen Nationalmannschaft, Gegner der Schweiz am Samstag in der WM-Qualifikation (18 Uhr, Genf), hauptsächlich Russisch gesprochen.
Artjoms Rudnevs (rechts), der Mann mit als skandalös empfundenen Aussagen, spielte in Hamburg mit dem Schweizer Valon Behrami (links) zusammen. (Bild: Keystone/AXEL HEIMKEN)
Überhaupt gibt es viele Verbindungen zwischen Lettland und Russland. Zur Zeit der Sowjetunion wurden zahlreiche Russen in Lettland angesiedelt. Viele von ihnen sind nach dem Zerfall der Sowjetunion im Land geblieben. Die russischsprachige Minderheit macht heute 25,6 Prozent der Bevölkerung aus.
Lettische Vereine in russischen Ligen
Im Sport ist die Verflechtung zwischen den beiden Ländern ohnehin gegeben: Lettlands grösster Eishockeyverein, Dinamo Riga, spielt in der von Russland geführten Kontinental Hockey League (KHL). Und im Basketball spielt der grösste Club, die VEF Riga, in der russischen VTB United League.
Basketball und Eishockey demonstrieren die problematische Lage des kleinen Landes. Auf der einen Seite zeigen die Letten durch ihre Mitgliedschaft in der NATO, der sie 2004 als erste postsowjetische Republik beigetreten sind, und in der EU, dass sie sich als starke, von Russland unabhängige Nation fühlen. Anderseits sind die beiden Länder sportlich noch immer eng miteinander verbunden.
Anders als Basketball und Eishockey ist der Fussballbetrieb jedoch von Russland unabhängig: Die höchste Liga Lettlands, die Virsliga, umfasst acht Vereine und spielt in Europa eine Nebenrolle – in der Fünfjahreswertung der Uefa liegt die Liga abgeschlagen auf dem 42. Platz.
Captain der lettischen Nationalmannschaft ist Kaspars Gorkss – hier bei den Vorbereitungen auf das Spiel gegen die Schweiz. (Bild: Keystone/SALVATORE DI NOLFI)
Nur wenige der lettischen Vereine haben zudem eine sowjetische Vergangenheit. Das liegt zum Teil an der damaligen Erfolglosigkeit. In der sowjetischen Wysschaja Liga, der höchsten Spielklasse, war nie ein Verein aus Lettland vertreten. 1987 spielte Daugava Riga zwar um den Aufstieg, als Dritter der zweitklassigen Perwaja Liga verpasste es diesen aber. In den 1990er-Jahren meldete der Verein Bankrott an und wurde aufgelöst.
Die meisten Vereine stammen aus Städten mit hohem russischen Bevölkerungsanteil
Das bedeutet allerdings nicht, dass Russland keinen Einfluss mehr hat auf den lettischen Fussball. Die meisten Vereine stammen aus Städten, in denen die Russen grosse Bevölkerungsanteile stellen: aus Riga (40 Prozent russisch), Daugavpils (53 Prozent) und Jurmala (35 Prozent).
Viele Nationalspieler, so auch der Kölner Profi Artjom Rudnevs, stammen aus russischen Familien, die in den 1960er-Jahren in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik angesiedelt wurden, um die Industrialisierung voranzutreiben. Bis heute ist dieses Programm in Lettland umstritten, da viele Letten es als Versuch der sowjetischen Zentralregierung in Moskau wahrnahmen, ihre Kultur und ihr Gedankengut zu schwächen und dem Land eine sowjetische Identität zu geben.
Der letzte lettischsprachige Trainer war Janis Gilis, der zwischen 1991 und 1997 im Amt war. Sein Versuch, Lettisch als Hauptsprache einzuführen, scheiterte.
Als Lettland 1991 seine Unabhängigkeit erkämpfte, wurde es auch deswegen den russischsprachigen Bürgen schwer gemacht, die lettische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die in Lettland lebenden Russen mussten nachweisen, dass sie die lettische Sprache beherrschten; Russisch wurde nicht mehr als offizielle Sprache anerkannt, um die lettische Kultur zu stärken.
Das Experiment mit dem letzten lettischsprachigen Trainer scheiterte
Die als Skandal empfundenen Aussagen Rudnevs hin oder her: In der Fussballnationalmannschaft ist Russisch nach wie vor Trumpf. Viele Auswahlspieler haben gar Probleme mit der lettischen Sprache. Deswegen bevorzugt der lettische Verband Trainer, die Russisch sprechen.
Der letzte lettischsprachige Trainer war Janis Gilis, der zwischen 1991 und 1997 im Amt war. Sein Versuch, Lettisch als Hauptsprache einzuführen, scheiterte. Seitdem haben alle Trainer die Nationalmannschaft in russischer Sprache angeleitet. Mit einer Ausnahme: Der Engländer Gary Robinson führte die Mannschaft zwischen 1999 und 2001 – ausschliesslich in Englisch.
Die Tabelle der Qualifikationsgruppe B nach vier Spielen. (Bild: Screenshot fifa.com)
Der aktuelle Trainer ist Marians Pahars. Als Spieler kam der Stürmer auf 75 Einsätze mit der lettischen Nationalmannschaft, 16 Tore schoss er dabei. Als Coach bevorzugt Pahars wie seine Vorgänger die russische Sprache.
Punkt gegen Deutschland und Niederlage gegen die Färöer Inseln
Pahars gehörte als Spieler zu der Generation, die sich 2004 für die Europameisterschaft in Portugal qualifizierte. Dort holten die Letten ein 0:0 gegen Deutschland; Pahars stand auf dem Platz, gegen die Oliver Kahns, die Michael Ballacks, Fredi Bobics und wie sie alle hiessen. Dieser Punktgewinn ist der bisher grösste Erfolg des Landes, seither hat Lettland nie mehr an einem grossen Turnier teilgenommen.
Unter Pahars und mit Andris Vanins, dem Torhüter des FC Zürich, haben die Letten drei von vier Spielen in der Qualifikationsgruppe B verloren, unter anderem gegen die Färöer Inseln, und stehen auf dem vorletzten Platz. Eine lettische Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2018, die ausgerechnet in Russland stattfindet, ist daher unwahrscheinlich.