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Wann immer die Anfänge der heutigen ETH erzählt werden, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf ein paar ausländische politische Flüchtlinge sowie wenige einheimische Staatsmänner und Forscher. Einer fehlt regelmässig im Erinnerungsreigen der mehr oder minder Berühmten, keineswegs ein unscheinbares Mauerblümchen, im Gegenteil: Jules Marcou, Pionier der nordamerikanischen Geologie.
Jules Marcou, Foto : Pach Bro’s, New York USA, 1883 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_09635)
Marcou wurde am 20. April 1824 als jüngstes von drei Kindern eines öffentlichen Angestellten und dessen Frau in Salins im französischen Jura geboren. Er besuchte 1842-1843 höhere Schulen in Besançon und Paris, scheiterte bei der Abschlussprüfung und verzichtete krankheitshalber auf einen weiteren Versuch, publizierte aber eine Arbeit über ein mathematisches Thema. Zurück in Salins lernte er 1844 den Arzt Claude-Marie Germain kennen, Amateurgeologe und Fossiliensammler, der ihn auf seine Exkursionen im Jura mitnahm und in die Grundlagen der Geologie einführte. Nach umfassender Lektüre von Fachliteratur entwickelte Marcou ein eigenes System der zeitlichen Abfolge von Gesteinsschichten, mit dem er die Sammlung seines Mentors ordnete. Dieser machte ihn mit dem aus Porrentruy im Schweizer Jura stammenden Naturforscher Jules Thurmann bekannt, der seinerseits Marcou dem renommierten Paläontologen und Glaziologen Louis Agassiz in Neuchâtel vorstellte. In dessen neugegründetem Fachorgan konnte Marcou 1845 seine erste geologische Arbeit publizieren. 1846 referierte Marcou in Paris vor der Société Géologique de France über seine „Recherches géologiques sur le Jura salinois“. Er erhielt eine Assistenzstelle für Naturgeschichte an der Sorbonne, wechselte in den „Jardin des Plantes“ und wurde hier im Januar 1848 auf Empfehlung von Agassiz zum Forschungsreisenden für eine dreijährige Expedition in Nordamerika ernannt.
Nach einmonatiger Schiffsreise anfangs Mai in New York gelandet, zog Marcou weiter nach Boston und Cambridge zu Agassiz, der da seit 1846 als Professor für Zoologie und Geologie wirkte. Er schloss sich einer Exkursion seines Förderers und dessen Studenten zu den grossen Seen an, erkundete danach allein den Nordosten der USA, die Niagarafälle und den Osten Kanadas. 1850 heiratete er Jane Belknap. eine reiche Erbin, mit der er im Laufe der Jahre drei Kinder hatte. Durch die Heirat materiell abgesichert kündigte er die Stelle beim „Jardin des Plantes“, konnte künftig unabhängig von offiziellen Institutionen forschen und seine Ergebnisse bei Bedarf auch ohne das Entgegenkommen wissenschaftlicher Organe publizieren. Auf der Basis seiner Exkursionen und vorhandener Publikationen anderer Geologen veröffentlichte er 1853 in Boston die erste geologische Übersichtskarte über die Vereinigten Staaten.
Im selben Jahr nahm Marcou das Angebot an, als Geologe an der staatlichen Expedition nach Westen entlang dem 35. nördlichen Breitengrad zur Planung einer künftigen transkontinentalen Eisenbahnlinie teilzunehmen. Nach 4000 Kilometern in 10 Monaten erreichte der Tross Ende März 1854 die Pazifikküste bei Los Angeles. Damit war Marcou der erste Geologe, der den ganzen Kontinent von Osten nach Westen durchquert hatte. Er reiste weiter in den Norden, besuchte dort – in der Ära des Goldrauschs – die Goldminen, schiffte sich ein nach Süden, überquerte mit Maultier und Bahn die Landenge von Panama und gelangte per Schiff zurück nach Boston im Mai 1854. Da er sich in den Tropen Panamas eine hartnäckige Krankheit zugezogen hatte, reiste er mit der Familie zur Erholung nach Europa ins heimatliche Salins.
Im Bulletin der Société Géologique de France veröffentlichte er 1855 eine neue geologische Karte zusammen mit einem Geländeprofil vom Tal des Mississippi bis zum Pazifik, mit Begleittext und Zeichnungen von Fossilienfunden. Weiter skizzierte er in den Annales des Mines eine Klassifikation der Bergketten, die er bereist hatte. Während bisher angenommen worden war, die westlichen Gebiete Nordamerikas bestünden aus erdgeschichtlich jungen Gesteinsformationen, hatte Marcou Formationen aus verschiedenen, auch älteren Erdzeitaltern vorgefunden und zudem jurassische Ablagerungen, die ihn an diejenigen seiner Heimat erinnerten. Die geologische Vergleichbarkeit der „neuen“ Welt mit der „alten“ war eine Sensation, die den Nationalstolz mancher amerikanischer Geologen irritierte. In den USA erschien erst 1856 eine von Marcou nicht autorisierte Edition der Rohfassung seines Expeditionsberichts an die staatlichen Stellen mit Eingriffen von fremder Hand.
Aus: Jules Marcou, Résumé explicatif d’une carte géologiques des Etats-Unis et des provinces anglaises de l’Amérique du Nord, avec un profil géologique allant de la vallée du Mississippi aux côtes du Pacifique, et une planche de fossiles, Bull. Soc. Géol. France, 1855 (2), XII, pp. 813-936, 1 carte. (ETH-Bibliothek, Signatur: P 81457 SER.2: 12 (1854/1855) )
Inzwischen war in der Schweiz 1854 das Eidgenössische Polytechnikum gegründet worden. Dessen Leitung hatte grösste Mühe, mit knappem Budget die vorgesehenen Professuren für Geologie, Paläontologie und Mineralogie adäquat zu besetzen und dabei gleichzeitig die innenpolitisch gebotene Vertretung der zweiten Landessprache Französisch zu berücksichtigen. Da erhielt Bernhard Studer, Schulratsmitglied und Mineralogieprofessor in Bern, von seinem Kollegen Elie de Beaumont, Geologe und ständiger Sekretär der Académie des Sciences, aus Paris im November 1855 den Hinweis auf Marcou. Studer nahm sofort mit diesem Kontakt auf und schrieb am 3. Dezember an seinen Zürcher Freund Arnold Escher, der ebenfalls für eine der zu besetzenden Professuren vorgesehen war:
„Das Ding scheint sich mir am Ende noch gut genug zu gestalten. Marcou von Elie de B. empfohlen, erbietet sich für Fr. 2000 J. Paläontologie zu übernehmen und allenfalls auch einen französischen Cours über Geologie zu lesen, so dass noch Fr. 2 bis 3000 für einen deutschen Mineralogen bleiben, […] sei so gut einstweilen deinen Mund zu halten, sonst könnte die Sache wieder ins Wasser fallen […].“
Offiziell wurde Studer vom Schulratspräsidenten erst am 10. Dezember 1855 beordert, „sich zu vergewissern, ob Herr Marcou in Salins die Lehrstelle für Paläontologie provisorisch zu übernehmen geneigt wäre“. (SR2, Präsidialverfügungen 1855, Nr. 390, 10. Dezember 1855).
Der Umworbene war trotz angeschlagener Gesundheit geneigt, wohl nicht zuletzt deshalb, weil er als weitgehend autodidaktischer Privatgelehrter ohne jegliche Studienabschlüsse endlich eine akademisch anerkannte Position in der Wissenschaftswelt erhielt. Im März 1856 wurde er zum Professor für Paläontologie und Geländegeologie gewählt. Am 30. April hielt er die Eröffnungslektion seines Kurses über Paläontologie, die er drucken liess. Darin erklärt er die Geologie zur Grundlage des technischen und kulturellen Fortschritts, zählt zahlreiche Namen schweizerischer Naturforscher mit ihren Verdiensten von den Anfängen bis in die damals jüngste Gegenwart auf, macht auf die notwendige Aufteilung des Forschungsgebietes in Spezialdisziplinen aufmerksam, kommt schliesslich auf die Paläontologie und deren Spezialisten zu sprechen mit detaillierten Literaturangaben.
Jules Marcou, Ecole Polytechnique Fédérale, Cours de Géologie paléontologique, Leçon d’ouverture, Zurich 1856. Widmungsexemplar für Oswald Heer, Professor an der ETH und Universität Zürich. (Sammelband ETH-Bibliothek, Signatur: 81797).
Damit hatte er sich offenbar zu viel zugemutet, denn schon eine Woche später wurden ihm 14 Tage Krankheitsurlaub gewährt. Im folgenden Wintersemester 1856/57 behandelte er Geschichte, Konstruktion und Kolorieren geologischer Karten und Schnitte. Doch am 22. Januar 1857 ersuchte er wieder um Urlaub auf unbestimmte Zeit wegen seines schlechten Gesundheitszustands infolge der Strapazen seiner vielen Reisen. Als seinen Stellvertreter schlug er den frisch habilitierten, zweisprachigen Charles Mayer vor, der auch französische Vorlesungen halten könne. Obwohl reglementarisch eine Stellvertretung zu Lasten des Polytechnikums gegangen wäre, bot Marcou an, ¾ seines Gehaltes an Mayer abzutreten. Das für die Lehranstalt vorteilhafte Arrangement, ersparte es ihr doch die Mühe der kurzfristigen Suche einer geeigneten Ersatzkraft und die zusätzlichen Kosten, wurde am 5. Februar bewilligt. Die finanzielle Umsetzung klappte allerdings nicht. Wie aus dem Brief Marcous an Mayer vom 22. September 1857 hervorgeht, hatten weder er noch Mayer bis dahin Geld vom Polytechnikum erhalten, so dass Marcou nach Reklamation beim Schulrat kurzerhand seinen Bankier in Paris anwies, Mayer den ihm zustehenden Betrag zukommen zu lassen.
Jules Marcou an Charles Mayer, Zürich 22. September 1857 über die bis dahin vom Polytechnikum noch nicht bezahlte Entschädigung an Mayer für die Stellvertretung des erkrankten Marcou
Marcou hatte im Sommer 1857 seine Lehrtätigkeit vermutlich wieder aufgenommen. Wohl gestützt auf die Bewilligung für unbefristeten Urlaub Anfang Jahr oder in der Annahme, wenn er denn seinen Stellvertreter aus eigener Tasche bezahlen müsse, sei eine Information der Obrigkeit nicht dringlich, hatte Marcou im Wintersemester 1857/58 seine Veranstaltungen zunächst stillschweigend wiederum an Mayer abgetreten. Nach Ansicht des für Unterrichtsbelange zuständigen Direktors Joseph Wolfgang von Deschwanden war aber dazu eine neue offizielle Bewilligung nötig. Daher erneuerte Marcou „auf Einladung des Schulrates“ am 11. November 1857 sein Gesuch um unbefristeten Urlaub, der ihm wieder unter denselben Bedingungen wie beim letzten Mal gewährt wurde.
Im Sommer 1858 las Marcou über die Paläontologie der Juragebirge, wofür sich bei Semesterbeginn nur gerade ein Student interessierte. Marcou schrieb deshalb an Direktor von Deschwanden, dieser möge weiteren Interessenten die genauen Unterrichtszeiten und Lokalitäten anzeigen, denn mangels eines eigenen Gebäudes – Sempers Repräsentationsbau war erst ab 1864 bezugsbereit – fanden die Vorlesungen des Polytechnikums an verschiedenen über die Stadt verstreuten Orten statt. Ob die Resonanz der Veranstaltung sich danach verbesserte oder nicht, ist unbekannt. Marcou reichte jedenfalls am 21. Juni 1858 noch mitten im laufenden Semester sein Entlassungsgesuch ein mit der Begründung, dass eine Kehlkopfentzündung ihm langes Sprechen vor Publikum verunmögliche. Nach Behandlung des Gesuches durch den Schulrat und den Bundesrat im August wurde Marcou auf Ende September verabschiedet.
Jules Marcou 1972, Foto: A. Sonrel, Boston USA. Herkunft: Bibliothèque National de France BNF. Fundort: http://www.christianboyer.com/philatelie/SocietesArticles.htm, Le Timbrophile, n°7, 15 mai 1865, pages 55 et 56.
Die Polytechnikums-Festschrift von 1905, die erste und letzte, die Marcou nicht nur im Personenregister oder gar nicht erwähnt, verdächtigt ihn, der Lehrtätigkeit überdrüssig gewesen zu sein und die Krankheit nur vorgeschoben zu haben, um sich wieder mehr der Forschung widmen zu können. Marcou bemerkte allerdings 14 Jahre nach seinem Rücktritt in einem Brief vom 2. Mai 1872 an Arnold Escher , er habe lange Zeit an einer Kehlkopfkrankheit gelitten, was der Hauptgrund für seine Demission gewesen sei. Die Krankheit war somit keine Ausrede gewesen, doch konzentrierte Marcou die ihm verbleibende Energie tatsächlich wieder ganz auf die Forschung, insbesondere auch auf die Verteidigung seines wissenschaftlichen Rufs.
Unterdessen hatten sich nämlich einige etablierte amerikanische Geologen gegen ihn formiert. Sie bezweifelten seine Neuentdeckungen, bestritten die Zuschreibungen der von ihm gesammelten Gesteinsproben und erklärten seine Übersichtskarte für unbrauchbar. Marcou konterte scharf. In einem offenen Brief widersprach er seinen Widersachern Punkt für Punkt und meinte unverblümt:
„[…] I profess the doctrine that geologists must see with their own eyes in order to decide the difficult questions of the science […]. Finally, I maintain all the observations contained in my preliminary report […] as exact, notwithstanding all the objections advanced against them. From your experience of the Indian Country, you will probably agree with me, that it is much easier to make objections from a comfortable room in a large town, than to observe in the wilderness of the Rocky Mountains; and you will permit me to suggest, that it would be better for the Science if my adversaries would go themselves on the field and follow my route near the 35th parallel, instead of making a show of their powers of argument in Silliman’s Journal, or at the meetings of scientific associations.”
Der Redaktor des Silliman Journal (American Journal of Science) suggerierte darauf, Marcou schmücke sich mit einem nicht existenten staatlichen Titel (sei also ein Hochstapler), seine Entdeckungen seien entweder nicht neu oder dann komplett falsch, und stellte Marcous wissenschaftliche Kompetenz überhaupt in Frage. Nun sah Marcous einflussreicher und wissenschaftlich hoch angesehener Gönner Agassiz sich genötigt, in die Debatte einzugreifen. Unter Androhung künftig nicht mehr mit dem Journal zusammenzuarbeiten, zwang er den widerspenstigen Redaktor, einen öffentlichen Antwortbrief ohne die redaktionell vorgeschlagenen Abschwächungen zu drucken. Darin wies Agassiz die Kritiker seines Schützlings in die Schranken mit dem Hinweis, dieser sei einer der weltbesten Kenner jurassischer Gebirgsformationen und ihm allein käme die Priorität neuer geologischer Entdeckungen in den westlichen amerikanischen Gebieten zu. Damit war der Streit nicht beigelegt. Marcou und seine Feinde liessen bis an ihr Lebensende keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig aufs heftigste zu attackieren.
1860 kehrte Marcou in die USA zurück, unterstützte Agassiz ehrenamtlich beim Aufbau des neuen Naturhistorischen Museums in Cambridge und verlegte sein Forschungsfeld in die Appalachen. 1861 veröffentlichte er eine geologische Weltkarte, die er 1873 revidierte. 1864-1875 lebte er wieder in Frankreich, erhielt 1871 das Ritterkreuz der Ehrenlegion, kehrte 1875 in die USA zurück und nahm an seiner letzten staatlichen Expedition in den Süden Kaliforniens teil. Retour in Frankreich 1878-1881 kritisierte er als einer der ersten das Panama-Kanalprojekt ohne Schleusen von Ferdinand de Lesseps aus geologischen sowie humanitären Gründen als nicht durchführbar und als Betrug an den Geldgebern. 1889 scheiterte das Projekt tatsächlich. 1881 reiste Marcou endgültig in die USA, schrieb unter anderem in den 1890er Jahren eine zweibändige Biografie über Agassiz und starb am 17. April 1898 an Lungenentzündung in Cambridge. Mit der Schweiz war er zeitlebens weiter verbunden geblieben, wie eine Reihe von Briefen an verschiedene alte Freunde und neue Kollegen belegt. Mit ihrem herzlichen Ton voll warmer Anteilnahme am Alltag der Empfänger und von gemeinsamen Bekannten kontrastieren sie auffallend zu Marcous verletzenden Streitschriften an die Adresse seiner Gegner.
Vergrösserung des Emblems aus dem Briefkopf des Schreibens von Jules Marcou an Arnold Escher, Cambridge/Mass. 13.12.1871 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 4:1050): Zwischen den Initialen J und M Marcous gekreuzte Werkzeuge, der Geologenhammer für die Feldforschung, die gespitzte Schreibfeder zum Notieren der Ergebnisse, auch interpretierbar als Giftpfeil gegen Gegner. Unter den Werkzeugen ein Erdkreis mit Kartennetz, Marcous Forschungsgebiet.
Hinweise:
Marcou, Jules: American Geology. Letter on some point of the geology of Texas, New Mexico, Kansas, and Nebraska; adressed to Messrs. F.B. Meek and F.V. Hayden, Zurich 1858 (Sammelband ETH-Bibliothek, Signatur: 81797). Daraus Zitate, pp. 10 und 13f.
Marcou, Jules: Replay to the Criticisms of James D. Dana, including Dana’s two articles with a letter of Louis Agassiz, Zurich 1859 (Sammelband ETH-Bibliothek, Signatur: 81499).
Im Hochschularchiv der ETH an der ETH-Bibliothek wird das historische Schulratsarchiv aufbewahrt mit den Unterlagen zu Marcous Professur. Weiter sind in verschiedenen wissenschaftlichen Nachlässen von Professoren Briefe von Marcou zu finden.
Durand-Delga, Michel/Richard Moreau: Un savant dérangeant: Jules Marcou (1824-1898), géologue français d’amerique. In : Travaux du comité français d’histoire de la géologie (COFRHIGEO), troisième série, t. VIII, 1994, no 6 (séance du 30 novembre 1994), pp. 55-82.
Durand-Delga, Michel/Richard Moreau: Jules Marcou, précurseur français de la géologie nord-américaine. In : La Vie des Sciences, 13 (+), 1996, pp. 59-83.