Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03523.jsonl.gz/1954

Gabunviper
Bitis gabonica
© 2012 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)
Artwork © Owen Bell
Die Gabunviper (Bitis gabonica) ist ein Mitglied der weltweit rund 300 Arten umfassenden Familie der Vipern oder Ottern (Viperidae) und gilt als eine der grössten Giftschlangen der Welt. Tatsächlich kann sie in Ausnahmefällen eine Länge von über zwei Metern und ein Gewicht von über zehn Kilogramm erreichen. Im Allgemeinen beträgt die Länge der erwachsenen Gabunvipern allerdings «nur» 120 bis 150 Zentimeter und das Gewicht 3,5 bis 5,5 Kilogramm, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas länger und schwerer sind als die Männchen.
Die Erstbeschreibung der Gabunviper erfolgte anhand eines Exemplars, das aus dem zentralafrikanischen Land Gabun stammte, daher der wissenschaftliche wie auch der volkstümliche Name. Sie sind jedoch beide missverständlich, denn die Gabunviper lebt keineswegs nur in Gabun, sondern hat ein überaus weites Verbreitungsgebiet in Afrika südlich der Sahara. Es erstreckt sich über den gesamten äquatorialafrikanischen Regenwaldgürtel und umfasst zudem mehrere separate Waldgebiete südlich und östlich desselben.
Innerhalb dieses weiten Areals kommt die Gabunviper hauptsächlich in Wäldern mit verhältnismässig viel Niederschlag vor und führt, wie ihre senkrecht geschlitzten Pupillen erkennen lassen, ein nachtaktives Leben. Tagsüber verbirgt sie sich gewöhnlich in einem Dickicht; auf die Jagd geht sie jeweils in der Dunkelheit der Nacht. Meistens legt sie sich neben einem Wildwechsel auf die Lauer und bewegt sich stundenlang nicht von der Stelle. In Windungen gelegt - wie eine Sprungfeder - wartet sie geduldig, bis ein ahnungsloses Beutetier in ihre Nähe gerät.
Sobald dies der Fall ist, schiesst sie unvermittelt auf dieses zu, packt es mit ihren kräftigen Kiefern und tötet es durch die Injektion ihres starken Gifts. Beim Zustossen wurden Geschwindigkeiten von über 20 Metern je Sekunde gemessen, was rund 80 Kilometern je Stunde entspricht. Dem Opfer bleibt angesichts dieses explosiven Angriffs keinerlei Zeit zu einer Fluchtreaktion.
Ratten und Mäuse bilden die Hauptspeise der Gabunviper. Die Liste der Beutetierarten umfasst aber auch diverse Vögel, Echsen und Amphibien sowie zahlreiche ungewöhnliche «Bissen» wie Stachelschweine, Schleichkatzen, Fledertiere und Affen.
Die meiste Zeit des Jahres führen die Gabunvipern ein einzelgängerisches und sesshaftes Leben. Oft halten sie sich wochenlang praktisch an ein und derselben Stelle auf. Während der Paarungszeit begeben sich die Männchen jedoch auf die Suche nach paarungswilligen Weibchen und wandern dann weit umher. Zwar streifen auch die paarungsbereiten Weibchen während der Paarungszeit deutlich weiter umher als sonst. Sie suchen aber nicht aktiv nach Männchen, legen jedoch bei ihren Streifzügen viele Duftspuren, die den Männchen den Weg weisen, erhöhen also auf diese Weise ihre Chance, von Männchen gefunden zu werden.
Die Gabunviperweibchen sind ovo-vivipar («ei-lebendgebärend»): Die befruchteten Eier werden nicht abgelegt, sondern im weiblichen Körper ausgebrütet, und die Jungtiere schlüpfen gleich nach dem Geburtsvorgang aus der dünnen Embryonalhaut, die sie bis dahin umhüllt hat. Je Geburt kommen meistens 20 bis 50 Jungtiere zur Welt. Sie weisen eine Länge von etwa 25 Zentimetern auf, wiegen um 35 Gramm und gehen vom ersten Tag an selbstständig auf Beutefang.
Im Alter von einem Jahr weisen die jungen Gabunvipern eine Länge von etwa 60 Zentimetern auf. Mit drei Jahren sind sie etwa 130 Zentimeter lang und erreichen die Geschlechtsreife. Ausgewachsen sind sie allerdings erst mit ungefähr sechs Jahren; ihre Körperlänge nimmt hernach nur noch geringfügig zu. Die Lebensspanne von Gabunvipern in Menschenobhut beträgt bis 30 Jahre.
Die Gabunviper steht nicht auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten der IUCN. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass die Art nicht gefährdet ist. Es bedeutet einzig, dass ihre Bestandssituation noch nicht eingeschätzt worden ist und wir ihren Gefährdungsgrad nicht kennen.
Ohne Zweifel leidet die Gabunviper afrikaweit unter der Zerstörung der Wälder und damit ihres Lebensraums. Mancherorts wird sie ferner nicht nur aufgrund der allgemeinen Angst des Menschen vor Schlangen getötet, sondern auch gezielt wegen ihres Fleischs bejagt. Auch der Fang für den internationalen Reptilienhandel dürfte den Beständen regional zusetzen, denn die Gabunviper ist bei Terrarianern sehr populär.
Zweifellos sind die Bestände der Gabunviper aufgrund dieser Schadfaktoren in den letzten Jahrzehnten vielerorts deutlich geschwunden. Möglicherweise liegt die grosse Schlange aber weiterhin in gesunden Beständen in der Laubstreu der verbleibenden äquatorialafrikanischen Regenwälder auf der Lauer. Wie die Bestandssituation der Art ausschaut, weiss schlicht niemand.
ZurHauptseite