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Emilie Louise Frey - die erste Basler Studentin

Am 8. Juni 1869 bekamen der Seidenhändler Eduard Frey und seine Gattin Emilie, geborene Stampfer, ihr zweites Kind. Frau Frey schenkte während ihrer Ehe über einem Dutzend Kindern das Leben, wovon tragischerweise fünf, auch das erstgeborene, wenige Tage nach der Geburt starben. Somit wurde die im Sommer 1869 geborene Tochter das erste ihrer Kinder welches sie heranwachsen sehen sollten. Sie wurde auf den Namen Emilie Louise getauft.
Das Kind absolvierte in Basel die Primarschule um danach für die Dauer dreier Klassen die Töchterschule zu besuchen. Als Eduard Frey 1883 mit seiner Familie nach Zürich umzog, ging Emilie Louise dort noch zwei Jahre zur Sekundarschule. 1885/87 kam sie in den Genuss eines Sprachstudiums in der Romandie und im Tessin. Schliesslich erlangte sie in Zürich 1887/90 die Matur. Inzwischen erwog ihr Vater eine Rückkehr nach Basel.
Das alte Kollegium der Universität am Rheinsprung welches zu Emilie Louise Freys Studientagen nur noch für einen kleinen Teil der Vorlesungen ausreichend Platz bot.
Eduard Frey war bestrebt seiner vielversprechenden Tochter die ihr angemessene Laufbahn zu ermöglichen und bemühte sich um einen Studienplatz für sie an der Universität Basel. In Zürich war es Frauen möglich zu studieren, seit 1867 Nadeshda Suslowa an der dortigen Universität offiziell für ihr Medizinstudium immatrikuliert wurde. In Basel verschloss sich indes die Universität nach wie vor der Aufnahme weiblicher Studenten.
Den Frauen verschlossen
Als 1885 Meta von Salis (1855-1929) den Antrag stellte nur als Zuhörerin die Vorlesungen von Jacob Burckhardt zu besuchen, lehnte die Universität dies aus grundsätzlichen Erwägungen ab, zum grossen Bedauern von Burckhardt selbst. Emilie Louises Vater wandte sich am 1. Juni 1889 gar nicht erst an die Universität sondern direkt an das Erziehungsdepartement, das die Anfrage an die Kuratel weitergab welche die Aufsicht über die Universität inne hatte,
Diese beauftragte die Regenz der Universität mit der Erstellung eines Gutachtens zum Frauenstudium. In der Folge wandte sich Dekan Hermann Fehling an andere Universitäten. Er bat bei den Universitäten Genfs, Zürichs und Berns um Erfahrungswerte. Sein Genfer Kollege meinte dass seine Studentinnen sich zwar ordentlich benähmen und kleideten aber dass seiner Meinung nach dem weiblichen Geschlecht weniger Intelligenz als den Männern gegeben sei.
Der Zürcher Dekan äusserte sich zurückhaltend; ihm lagen die vielen russischen Studentinnen an seiner Uni schwer im Magen. Eine positive Rückmeldung bekam Fehling nur aus Bern, wo man angab nie Probleme mit oder wegen weiblichen Studenten gehabt zu haben und dass deren Leistungen zu keinen Bemänglungen Anlass gäben. An der Universität Basel kam es zu intensiven Diskussionen über die Aufnahme von Frauen und es bildeten sich zwei Lager.
Die Bedenken des Professor Miescher
Ein entschiedener Gegner weiblicher Studenten war Professor Johann Friedrich Miescher (1844-1895). Der Pathologe scharte um sich jene Männer die seine Ablehnung von Studentinnen teilten. Aus ihren Reihen kamen zum Beispiel Bedenken moralischer Natur. Die Frauen könnten unter den Studenten Dinge hören die für ihre zarten Ohren nicht zumutbar seien. Und zudem seien die Lokalitäten der Universität für getrennten Unterricht nicht geeignet.
Auch einige Medizinstudenten fühlten sich berufen mit einer eigenen Eingabe an Regenz und Kuratel ihre Meinung kundzutun. Sie hätten es geschätzt dass ihre alte Universität bislang wie die deutschen Universitäten vom Frauenstudium verschont geblieben seien, und dies hätte ihnen nicht geschadet. In Bern würden 48 "Frauenzimmer" Heilkunde studieren, davon 43 Russinnen. Unter Ausländerinnen gäbe es belegbar bedenkliche Individuen.
Ein Gegenspieler von Professor Miescher war Professor Moritz Roth (1839-1914). Wie Miescher war auch er Pathologe, und er sprach sich dafür aus dass man Bewerberinnen mit absolvierter eidgenössischer Matur versuchsweise zulasse möge, was aber von der Fakultät in einer Abstimmung knapp abgelehnt wurde. Obwohl in der Frage überwiegend Ablehnung herrschte, empfahl die Kuratel dem Erziehungsrat versuchsweise die Zulassung von Frauen.
Die Studentin Frey wird zugelassen
Regierungsrat Richard Zutt beantragte als Vorsteher des Erziehungsdepartements bei der Regierung die Annahme des Vorschlags. Die Auflagen waren unter anderem eine Begrenzung der Anzahl weiblicher Studenten auf eine mässige Menge. Die Matur war Voraussetzung. Vor allem sei darauf zu achten dass nicht zu viele Bewerberinnen aus dem Osten in die Universität drängten. Ausländerinnen mussten in Basel ihre Vorbildung erhalten haben.
Der Regierungsrat folgte dem Antrag und erhob ihn am 8. März 1890 zum Beschluss. Für Emilie Louise Frey war der Weg zum Studium frei; doch es sollte ein steiniger Weg werden. Am 21.April immatrikulierte sie sich an der Universität Basel für ihr Studium. Feindseligkeit schlug ihr entgegen. Zum Beispiel waren Studententumulte zur Ablegung ihres Handgelübdes in der Universität angekündigt, worauf der Rektor ihren Termin verschob.
Während die über dreihundert männlichen Studenten planmässig im Rahmen der Immatrikulationsfeier ihren Eid ablegten, musste Emilie Louise Frey ihr Gelübde eine Woche danach alleine auf dem Rektorat leisten. Hundertsechzehn Medizinstudenten hatten mit lautem Radau gedroht wenn sie an der Feier erscheine. Die Studentin wurde von ihren Kommilitonen gemieden und hatte vieles zu ertragen. Einmal musste sie sich ein Heft leihen.
Der freundliche Student der ihr ein Heft zur Verfügung stellen wollte, wurde daraufhin von seiner Verbindung getadelt. Er war von der allgemeinen Linie abgewichen und wurde zur Rechenschaft gezogen. Schwerer als solche Boshaftigkeiten von Mitstudenten dürfte die ablehnende Haltung von Lehrpersonen auf Emilie Louise Frey gelastet haben. Es gab Professoren die keinen Hehl auf ihrer abschätzigen Meinung gegenüber der Studentin machten.
Kampf gegen Widerstände
Im Jahr 1891 amtete der frühere Dekan Hermann Fehling als Rektor der Universtität. Er hielt am Dies academicus eine Rede über "Die Bestimmung des Frau, ihre Stellung zu Familie und Beruf" worin er das Frauenstudium als närrische Modeerscheinung geisselte und seiner Hoffnung Ausdruck gab, dass es auch in ferner Zukunft wie jeher dem schöpferischen Geist des Mannes exklusiv vorbehalten sei die Welt zu bewegen und gestalten.
Emilie Louise Frey hatte es jedoch zum Zeitpunkt von Fehlings Rede im November 1891 geschafft den Herren Studenten und Professoren ein Bild von sich selbst zu vermitteln, an dem es nichts zu tadeln gab. Sie achtete etwa sorgfältig darauf dass ihre Kleidung gepflegt war und der biederen Frauenrolle ihrer Tage entsprach. Ihre exponierte Stellung machte sie rasch zur Zielscheibe kleinlicher Kritik und das war ihr stets bewusst.
Ihr Fleiss war bespielhaft und übertraf den vieler männlichen Studenten. Sie bot keine Angriffsfläche und bald war die Tatsache dass sie eben die erste Frau auf der Universität war das einzige Argument ihrer Gegner, und immerzu auf dem selben Punkt herumzureiten verleidete allmählich den meisten. Schlimmer noch - man machte sich lächerlich. Es setzten langsam Respekt für Durchhaltewillen und Leistungen der jungen Frau ein.
Staatsexamen und Doktortitel
Nicht dass Emilie Louise Frey deswegen verwöhnt worden wäre. Aber in der Universität hatte ein Umdenken begonnen. Dies zeigte zum Beispiel sich wenige Jahre später, als mit Serena Buser eine andere Frau in Basel Medizin studierte. Ein Professor weigerte sich die Vorlesung zu beginnen solange die Dame den Hörsaal nicht verliesse. Sie verliess ruhig den Hörsaal und solidarisch schlossen sich ihr die männlichen Studenten an.
Die Studentin Frey war in Basel Stadtgespräch, und liess sie sich auf den Strassen sehen dann waren mindestens Getuschel wenn nicht gar offener Spott ihr sicher. Sie entsprach nicht den damaligen engen Normen und die Wege von Pionieren waren noch nie mit Rosen gepflastert. Zielstrebig absolvierte sie 1895 das Staatsexamen und im November 1896 erlangte sie mit einer Dissertation über die Ätiologie der Rachitis den Titel eines Doktors.
Sie erweiterte ihr Wissen mit Studienaufenthalten in Dresden und Berlin. Dort traf sie die Ärztin Franziska Tiburtius (1843-1927) die ihr Medizinstudium 1871 in Zürich antreten musste weil in Deutschland damals für Frauen Studierverbot galt. Die Ärzteschaft machte ihr in Deutschland das Leben schwer und nötigte sie den Titel "Dr.med. in Zürich" zu führen, damit jeder sah dass sie ihren Doktor nicht in Deutschland gemacht hatte.
Die Praxis in der St.Alban-Vorstadt
Emilie Louises Vater hatte sich indes an der St.Alban-Vorstadt 58 eine Liegenschaft gekauft um dort seine Textilhandlung einzurichten. Im selben Haus eröffnete seine Tochter ihre Arztpraxis, die sich bald bei Frauen aus Basel und Umgebung grosser Beliebtheit erfreute. Sogar aus dem Grossherzogtum Baden und aus dem Elsass kamen Patientinnen in die St.Alban-Vorstadt zur "Jumpfere Doggter", der einzigen Frauenärztin Basels.
Die Liegenschaft St.Alban-Vorstadt 58 in der Emilie Louise Frey nach dem Erlangen des Doktortitels rund vierzig Jahre ihre Praxis als Frauenärztin unterhielt.
Eine hilfreiche Zusammenarbeit ergab sich mit Professor Carl Sebastian Haegler (1862-1916), einem ihrer früheren Lehrer der am Petersgraben eine private Praxis unterhielt. Dorthin schickte Emilie Louise Frey ihre Patientinnen, denn ihr stand dort ein Bett frei. Die Zusammenarbeit mit dem sieben Jahre älteren Professor Haegler bedeutete Frey viel, und sein Tod im August des Jahres 1916 war ihr ein besonders harter Verlust.
Knapp vierzig Jahre lang unterhielt sie ihre Praxis an der St.Alban-Vorstadt. Nachdem sie aus Krankheitsgründen in ihrer Arbeit zunehmend eingeschränkt wurde, musste sie diese 1935 definitiv schliessen. Am 22.Mai 1937 erlag Emilie Louise Frey einem Hirnschlag. Mit ihr starb die Wegbereiterin des Frauenstudiums in Basel. Sie hatte sich gegen antiquiertes Rollendenken und männliche Vorurteile durchgesetzt.
Interner Querverweis:
>> der Basler Chirurg August Socin
Beitrag erstellt 20.03.08 / Quellen nachgeordnet 15.09.10
Quellen:
primär genutzte
Cornelia Eggmann / Claudia Studer, Die erste Ärztin in Basel: Louise Frey, publiziert in Basler Stadtbuch 1990, Christoph Merian Verlag, Basel, 1991, ISBN 3 856 16 041 8, Seiten 145 bis 147
Elisabeth Flueler, "Die Geschichte der Mädchenbildung in der Stadt Basel", 162. Neujahrsblatt der GGG, Helbing & Lichtenhahn, Basel, 1984, ISBN 3-7190-0859-2, Seiten 98 bis 102
Elisabeth Flueler, Die ersten Studentinnen an der Universität Basel, publiziert in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 90, herausgegeben von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel, Verlag der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft, Basel, 1990, Seiten 155 bis 157
sekundär genutzte
Edgar Bonjour, Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart, Helbing und Lichtenhahn, Basel, 1960, Seiten 449 bis 453
Eduard His, Basler Gelehrte des 19. Jahrhunderts, Verlag Benno Schwabe & Co Basel, Basel, 1941, Seite 142 bis 143
Adressbuch der Stadt Basel und der Gemeinden Riehen und Bettingen 1923, Band 57, Verlag Benno Schwabe, Basel, 1923, Seite 149 (einsehbar Staatsarchiv BS)