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Was bisher geschah:
Der Umschlag aus Peru mit dem Express-Aufkleber enthielt nur einen Gegenstand. Es war ein Foto, auf dem Raoul zu sehen war. Anne strich mit dem Zeigefinger sanft über das glänzende Papier und Sehnsucht überschwemmte ihr Herz. Nichts wünschte sie sich sehnlicher als Raoul endlich gegenüber zu stehen. Ihre Augen schweiften über das Foto und erkundeten jedes Detail. Das Bild wurde nicht in Peru aufgenommen, das erkannte sie sofort, denn Raoul stand vor einem Büchergeschäft an dessen Schaufenster Plakate mit deutschen Texten hingen. Er trug eine hellbraune Baumwollhose mit aufgesetzten Taschen, einen abgewetzten Ledergürtel und ein dunkelbraunes Hemd, dessen obere Knöpfe offen waren und eine kräftige und braun gebrannte Brust erahnen liessen. Scheine schwarzen Locken glänzten im Sonnenlicht und seine Augen leuchteten geheimnisvoll.
Als sie das Foto umdrehte, fand sie anstatt der erwarteten persönlichen Worte nur eine Reihe von Zahlen und vier Zeilen Text sowie einen Gruss und Raouls Unterschrift. Schnell wurde ihr klar, dass die erste Reihe von Ziffern eine Telefonnummer darstellte und sie kombinierte rasch, dass dies die Nummer von Raouls neuem Handy sein musste. Doch darunter fand sich eine merkwürdige Reihe von weiteren Zahlen und ein geheimnisvoller Text:
18/5 33/18 9/5
100/4 117/3 49/20-47/2 60/6
17/13 61/1 101/2 110/8 23/2 41/3 87/18 99/1 48/4 69/2 – 113/1 9/2 25/3 40/19 – 59/42 18/5 39/1 53/2 64/3 87/6 127/4 44/8 60/3 77/3
Die Offenbarung zeigt sich nur dem der hinter diese Zeilen blickt
Fern dem Herzen und nahe dem Verstand ist die Wahrheit versteckt
Die Lösung des Rätsels wirst Du erkennen und verstehen
Forsche in gemeinsamen Erinnerungen – dann wirst es Du sehen!
In Liebe Dein Raoul
Anne runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Was meinte er wohl damit und was sollten die Zahlen zu bedeuten haben? Sie hatte schon von vielen Codes und Verschlüsselungen gehört. Vielleicht handelte es sich hier um eine Buchverschlüsselung? Die Zahlenpaare führten sie auf die richtige Fährte. Vermutlich bezeichneten die Zahlen vor dem Schrägstrich die Zeilen- oder Seitennummer eines Textes oder eines Buches. Die zweite Zahl entsprach der Reihenfolge der Buchstaben. Dies war ein sehr sicheres Verschlüsselungsverfahren und es war nicht zu knacken, wenn man das „Schlüssel-Buch“ nicht kannte! Doch welches konnte das besagte Buch sein? Anne dachte nach und las die Textzeilen unter dem Zahlencode immer wieder.
Die Offenbarung zeigt sich nur dem der hinter diese Zeilen blickt
Was wollte er wohl damit sagen? Was lag hinter diesen Zeilen? Anne versuchte sich zu konzentrieren und musste plötzlich lachen. „Natürlich!“ entwich es ihr und sie drehte das Foto um. Hinter den Zeilen lag das Bild auf der Rückseite! Sie betrachtete das Foto intensiv und versuchte zu erkennen, welche Bücher in der Auslage des Schaufensters lagen. Aber sie konnte die Titel nicht erkennen, sie waren zu klein. Anne las die zweite Textzeile auf der Rückseite des Fotos:
Fern dem Herzen und nahe dem Verstand ist die Wahrheit versteckt
Plötzlich hatte Anne die zündende Idee: Das Herzen war links im Körper, also musste die Lösung rechts von Raoul zu finden sein, fern dem Herzen. In der Nähe des Kopfes vielleicht, nahe dem Verstand? Sofort war ihr klar, um welches Buch es sich handeln musste! Denn rechts hinter Raouls Kopf hing ein Plakat an der Schaufensterscheibe mit einem Buchtitel, den sie kannte. Damals, als sie zusammen arbeiteten, hatten sie oft über Bücher gesprochen. Und bevor Raoul damals abreiste, hatte er ihr eine gebundene Ausgabe von Paulo Coelhos „Handbuch des Krieger des Lichts“ geschenkt.
Anne durchdrang plötzlich eine fieberhafte Nervosität. Welcher Hinweis steckte in dem Code, den Raoul ihr so übermittelt hatte? Welche Wahrheit würde sich ihr offenbaren? In was für ein Rätsel war sie hier geraten? Und wo zum Teufel, hatte sie Raouls Buch hingestellt? Dieser letzte Gedanke holte Anne zurück in die Realität. Sie musste das Buch finden! Sie hatte nur einige Kartons mit ihren Habseligkeiten mit zu Sandra genommen. Der Rest befand sich bei Ihrem Vater. Anne konnte nicht warten, sie musste das Buch so schnell wie möglich suchen um zu überprüfen, ob ihre Vermutung stimmte! Sie schnappte sich ihre Jacke und machte sich auf den Weg zu ihrem Vater.
Dort angekommen klingelte sie an der Haustür. Doch es antwortete niemand. Die Tür war nur angelehnt und Anne trat in das grosse Haus ein. „Paps, bist Du da?“ rief sie in den Flur und horchte gespannt. Doch es kam keine Antwort. Plötzlich kam ihr die Stille in dem Haus sehr unheimlich vor und ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrem Körper aus. Sie trat vorsichtig und angestrengt lauschend weiter in den Flur. „Pa-aps!“ rief sie nun lauter und auf Antwort hoffend. Doch wieder beantwortete niemand ihren Ruf.
Langsam eroberte die Angst Annes Gedanken und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie versuchte die dunklen Bilder beiseite zu schieben, die sich in ihren Kopf drängten. Doch mit jedem Schritt den sie sich weiter in den Flur hineinwagte, gewann die Panik mehr Macht über ihren Verstand und sie machte sich auf das Schlimmste gefasst! Sie riss sich zusammen und ging, zitternd vor Angst, weiter den Flur entlang.
Weiter mit Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit