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Clara Salvemini stirbt bei einem Autounfall auf der Strasse zwischen Bari und Tarent. Nackt und blutüberströmt war sie mitten auf der Strasse unterwegs, als ein Lastwagen nicht mehr bremsen konnte. Am nächsten Tag wird ihre Leiche am Fuss eines Parkhauses gefunden – sie hätte sich in den Tod gestürzt. Aus der Perspektive verschiedener Personen lernen wir Clara und durch sie ihre Familie kennen. Ihr Vater, Vittorio Salvemini, ist Bauunternehmer in Bari, der gerade arg unter Druck ist wegen Vorwürfen gegen seinen Touristikkomplex im Gargano, in einem Naturschutzgebiet; ihre Mutter, Annamaria, eine distanzierte Frau, die in der Familienvilla dem Vater die Stange hält; der ältere Bruder, Ruggero, der als Krebsspezialist stellvertretender Direktor einer renommierten Krebsklinik ist; die kleine Schwester, Gioia, die noch an ihrem Studium ist; und insbesondere ihr jüngerer Bruder Michele, der nur ihr Halbbruder ist. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern sind von einer emotionalen Kälte, die einen schaudern lässt. Nur zwischen Clara und Michele gibt es eine Nähe, eine tiefe Verbundenheit. Doch Michele hat die letzten Jahre in Rom gelebt und der Kontakt zwischen ihnen ist sehr lose geworden.
Nicht nur die Familie stellt ein Netzwerk aus Schuld und Verpflichtungen dar, auch die vielfältigen Unternehmungen des Bauunternehmers Vittorio beruhen auf dem Prinzip von Absprachen, Gefälligkeiten, Erpressungen. Richter müssen auf seiner Seite sein, die Presse darf nichts Schlechtes über die Projekte schreiben, Politiker müssen die Eingaben stützen. Vittorio versteht dieses Spiel meisterhaft und zögert auch nicht davor, seine eigene Familie darin einzuspannen.
Nicola Lagioia beschreibt dieses System von Gefälligkeiten und Absprachen, dieses System, das parallel zum Rechtssystem funktioniert, als eine Art von System, das sich an Familientraditionen orientiert, an Werten wie Ehre und Würde. Und nicht mafiös ist – die Mafia kommt dann erst noch obendrauf. Aber ein System, das wohl gut funktionieren kann, in einem Land oder Region, wo Perspektiven sozusagen inexistent sind, wo nur die eigene Leistung niemanden weiterbringen kann, wo es eigentlich immer darum geht, was oder wer nützt mir. Das Bild, das Lagioia zeichnet ist sehr düster. Ob die emotionale Eiseskälte Voraussetzung oder Folge für den Zustand der Gesellschaft ist? Oder ob in einem solchen System emotionale Bindungen nur in zerstörerische Beziehungen münden können?
Das Buch ist sehr spannend zu lesen und entwickelt einen enormen Sog. Die Bilder aus der Natur, die Mottenschwärme, die Vögel und Katzen, lassen auch die menschlichen Kämpfe in einem anderen Licht erscheinen. Auch wenn die Sprache manchmal ein wenig aufgesetzt scheint und die Satz- und Bedeutungsebenen zwischendurch sehr undurchdringlich sind, ist es eine äusserst empfehlenswerte Lektüre! cnKlappentext:
Nackt und blutüberströmt streift eine junge Frau entkräftet durch das vom Mond beschienene Villenviertel von Bari. Längs ihrer Beine verlaufen Striemen, Blutergüsse zeichnen sich auf ihrer Haut ab, ihre Lippen sind aufgeplatzt, das Gesicht ist geschwollen. Als sie aus den Gärten auf eine Strasse tritt, gerät ihre Gestalt vor die Scheinwerfer eines Kleintransporters. Stunden später wird sie tot auf dem Asphalt vor einem Parkhaus aufgefunden. Der Vater des Opfers, der Bauunternehmer Vittorio Salvemini, nutzt den als Suizid verschleierten Mord an der Tochter, um sein Imperium vor dem Ruin zu retten. Michele, der jüngste Bruder der Toten und aufs engste mit ihr verbunden, beginnt das Verbrechen zu ahnen und wird eine Konsequenz von ungeheuerlichem Ausmass ziehen.
Nicola Lagioia seziert die Abgründe der menschlichen Natur und entlarvt die salonfähig gewordene Brutalität der Jagd nach Macht, Prestige und Reichtum. Zugleich beschreibt er in seinen ausdrucksstarken Sprachbildern die Kraft der Liebe und die Schönheit der Natur, in denen er Gegenkräfte gegen die Zerstörungen einer korrupten, kalten und raffgierigen Gesellschaft erkennt. Für dieses herausragende Portrait der gegenwärtigen italienischen Gesellschaft hat Nicola Lagioia 2015 den wichtigsten italienischen Literaturpreis erhalten, den Premio Strega.Über die Autorin / über den Autor:
Nicola Lagioia, geboren 1973 in Bari, veröffentlichte seinen ersten Roman Tre sistemi per sbarazzarsi di Tolstoj im Jahr 2001. Sein Roman Riportando tutto a casa (2009) wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem renommierten Premio Viareggio. Neben seinen Romanen veröffentlichte er Erzählungen in verschiedenen Anthologien. Von 2013 bis 2015 war er Mitglied der Auswahljury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Für seinen Roman Eiskalter Süden (La Ferocia) wurde er 2015 mit dem Premio Strega ausgezeichnet. Nicola Lagioia lebt in Rom.Preis: CHF 34.00