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Ball im Mittelpunkt des Spiels
Bei jeder Ballsportart bildet der Ball den Mittelpunkt des Spiels – alles dreht sich um ihn und er ist das Objekt der Begierde. Nur mit ihm kann ein Tor oder ein Korb erzielt und letztlich das Spiel gewonnen werden.
Im Basketball gibt es zwei Möglichkeiten, den Ball übers Feld zu bewegen: man dribbelt, also prellt den Ball im Laufen gegen den Boden. Hält man den Ball in den Händen, ist das Laufen nicht mehr erlaubt. Die andere, schnellere Methode ist der Pass, das heisst man wirft einem Mitspieler den Ball zu. Ein guter Pass zum Mitspieler ist die Grundlage für ein funktionierendes Spiel. Das Dribbling mit Ball sollte für spezielle Situationen wie die Bewegung zum Korb oder für die Korrektur der Position auf dem Feld genutzt werden.
Passverhalten
Das Passverhalten kann Rückschlüsse darauf zulassen, wie eine Mannschaft aufgestellt ist, wie sie sich auf dem Spielfeld bewegt und welcher Spieler im richtigen Moment am richtigen Ort ist, um einen Pass entgegen zu nehmen. Indirekt spiegeln sich in der Anzahl und Verteilung der Ballkontakte auch die Ausgewogenheit und Abgeglichenheit der Spielerbewegungen.
Diese teamspezifischen Faktoren zu analysieren, würde auch bedeuten, den Mechanismen des Zusammenspiels auf die Spur zu kommen. Ich habe dazu verschiedene Untersuchungen durchgeführt.
Pass und Ballbesitz
Der erste, einfachste Schritt war, die Anzahl der Pässe zwischen den einzelnen Spieler und die Menge der individuellen Ballkontakte zu untersuchen. Dazu habe ich alle Pässe eines Teams festgehalten und mit Hilfe des Programms „Gephi“ visualisiert:
Man sieht deutlich, dass hauptsächlich ein Spieler viel Ballkontakt hat und, dass von ihm sehr viele Linien wegführen, also dass er viele Pässe erhält und weitergibt.
Um die Visualisierung verständlicher und aussagekräftiger zu machen, habe ich weitere Parameter in die Grafik einfliessen lassen: Jeder Spieler erhält eine eigene Farbe – mit derselben Farbe werden auch die Linien bzw. Pässe markiert, die er an seine Mitspieler lanciert. Je dicker also die Linie ist, die in seiner Farbe von ihm wegführt, desto mehr Pässe hat er gegeben. Je grösser der Name und darunterliegende Kreis, desto mehrbekommt dieser Spieler während eines Matchs den Ball. Spieler, die auf der Position 1 im Einsatz sind, werden mit Grün ausgestattet. Sie weisen sehr viele Pässe zu anderen Spielern und sehr viel Ballbesitz auf, allen voran „Kazadi“.
Auch ganz deutlich wird sichtbar, dass der dunkelblaue Spieler „Reid“ zwar sehr viel Ballbesitz hat, jedoch kaum anderen Spielern den Ball passt. Er ist auch der Spieler, der am meisten Korbwürfe zu verzeichnen hat, was man aus der allgemeinen Statistik raus lesen kann. Der Auswechselspieler auf der Position 4“ Almanson“, hat zwar ein paar Bälle bekommen, jedoch wesentlich weniger als sein Mitspieler Yates auf der gleichen Position.
Um die Lesbarkeit und damit das Verständnis zu erhöhen, habe ich die Daten nochmals überarbeitet. Mit Hilfe der Software „Cytoscape“ liessen sich die Pässe zwischen den Spielern auf eine Spielfeldgrafik legen, sodass man die Positionen der Spieler besser erkennt:
Die Grafik zeigt alle Pässe, die von den Spielern der Anfangsaufstellung während eines kompletten Spiels gemacht wurden. Die von einem Spieler wegführenden Pässe sind in der Farbe seines Kreises und am Ende mit einem Pfeil gekennzeichnet.
Es wird hier sehr deutlich sichtbar, dass die Pos. 1 zwar am meisten Bälle verteilt und auch erhält, jedoch kaum Pässe zu den Innenspielern gibt. Pos. 1 passt den Ball in der Regel zu den Pos. 2/3, die den Ball weiter zu den Pos 4/5 laufen lassen. Dies entspricht auch dem Prinzip des 2-Linien-Passes unter Einhaltung des Spacing und der Spielerrotation.
Durch die Visualisierung wird klar, wer welche Pässe spielt und welche Spieler sich in erster Linie die Bälle zuspielen. Dies erfolgt vor allem unter Einhaltung des zu spielenden Systems.
Ballpositionen
Als zentrales Objekt wird der Ball in einem Basketballspiel aber nicht nur zwischen den Händen der Spieler weitergereicht, sondern auch auf den Korb geworfen. Ausserdem kommt es durchaus vor, dass ein Pass nicht ankommt und in die gegnerischen Finger gerät.
Der Ball als Marker verändert den Spieler oder das Objekt, wo er sich gerade befindet. Er beeinflusst den Zustand eines Spielers und dessen Handlungsoptionen. Was passiert mit dem Ball im Spielverlauf, in welchen Bahnen bewegt er sich und wer oder was berührt ihn? In einer weiteren Visualisierung sollen seine Stationen unabhängig von seiner Feldpositionierung sichtbar werden, was weitere Rückschlüsse zum Spielverlauf zulässt.
Nun wurden alle Ballbewegungen aufgezeichnet und die beeinflussenden Akteure unabhängig davon, ob es sich um einen Spieler, einen Korb oder eine andere Spielaktion wie einen Rebound handelt, gleichberechtigt dargestellt.
Als Instrument diente wiederum die Software „Cytoscape“. Je weiter oben und je zentraler die ballbeeinflussenden Akteure in dieser Darstellung platziert sind, desto mehr Ballkontakte gehen auf ihr Konto. Die Aktionen, die noch nicht erfolgt sind, befinden sich unten links.
Nun wird ersichtlich, was dem Ball in dieser Spielzeit genau widerfährt: wurde er zwischen Spielern gepasst, mit oder ohne Punkteerfolg auf den Korb geworfen oder in einer Konfrontation an das gegnerische Team verloren (Turnover, Steal, Foul).
Ist es bei einem Spielviertel noch möglich, den einzelnen Linien zu folgen, wird es rasch unübersichtlich, wenn das ganze Spiel in einer Darstellung visualisiert wird:
Eine Grafik, die alle Ballbewegungen zeigt, hat sicherlich ihren Reiz, jedoch lassen sich die verarbeiteten Informationen nur noch schwer herauslesen. Zwar ist es weiterhin möglich, gewisse Häufungen von Ballbewegungen zu erkennen, doch der Liniensalat wird selbst mit Farbakzentuierungen nicht übersichtlicher:
Die Statistik – Zahlen der Wahrheit
Ein wichtiges, übliches Werkzeug zur nachträglichen Analyse eines Spiels ist die
Statistik:
Statsbild
In einer Statistik wird alles in Zahlen festgehalten, was spielrelevant ist:
Wie oft hat welcher Spieler auf den Korb geworfen, wer hat wie oft den Ball verloren oder wie viele Rebounds (Abpraller) geholt.
Die Statistik präsentiert sich in einem Zahlenblatt und gilt heute als klassische Darstellung eines Spiels. Die Zahlenerhebung nimmt den Spieler als Ausgangpunkt und fokussiert auf seine Aktionen.
Um die vergangenen Ereignisse auf dem Spielfeld nachvollziehen zu können, ist diese Sichtweise jedoch nicht sehr hilfreich.
Gleichwertige Akteure im Netzwerk
Beim Versuch, von der Spielerperspektive wegzukommen, habe ich erneut auf die Software „Cytoscape“ zurückgegriffen.
Mit ihr ist es möglich, komplexe Netzwerke darzustellen und interaktiv in diese einzugreifen. Es lassen sich auf diese Weise beispielsweise diverse Akteure herauslösen und ihre Beziehungen, die durch den Ball als Marker hergestellt wurden, aufzeigen.
Mit dieser Art der Spielauswertung lässt sich jede Aktion gleichwertig betrachten. Es ist beispielsweise möglich, einen erfolgreichen oder misslungenen Korbversuch zum Werfer und einen Steal bis zum Tournover zurückzuverfolgen. Da die Daten während eines Spiels erfasst wurden, lässt sich nachvollziehen, welche Aktionen sich in welcher Reihenfolge ereignet haben.
Die Knotendarstellung erlaubt zudem Auskünfte darüber, wie oft ein Spieler in Ballbesitz war und mit wie vielen anderen Knoten beziehungsweise Spielern er agiert hat. Dadurch wird auch visuell viel klarer, wie stark ein Spieler in ein Spiel involviert war.
Das normale Verständnis einer Spielauswertung wird mit dieser Darstellungsform grundsätzlich auf den Kopf gestellt. Beschäftigte sich die normale Auswertung nur mit spielrelevanten Fakten wie erzielte Punkte, Steals usw., wird mit der Netzwerk-Grafik sofort klar, dass ein Spieler mehr Aufgaben hat, als die harten Faktoren zu erfüllen. Die Nachverfolgung des Balls durch ein Spiel eröffnet den Blick ins Innerste des Basketballs: Sie lässt Rückschlüsse darüber zu, ob die Spielsysteme dem gewünschten Ablauf folgen oder ob sie bei einem spezifischen Spieler stoppen. Es ist sozusagen möglich, das Enzym, das für die verschiedenen Aktionen verantwortlich ist, im Genom zu isolieren.
Mehr zur biologischen Team-Analyse im Kapitel Basketball-Biologie.
Spielerfokus
Durch die Änderung der Darstellung und Isolierung eines Spielers wird seine Wichtigkeit im Spiel ersichtlich. So lässt sich beispielsweise auch ablesen, ob er mehr Pässe erhält als gibt und wie oft er auf den Korb wirft oder den Ball verliert.
Ballverfolgung
Bei dieser Art der Visualisierung ist es möglich, den Ausgangspunkt einer Aktion zu ermitteln.
Falls jemand einen Korb erzielt, sind alle Stationen, die der Ball durchläuft, nachvollziehbar – dies vom ersten Ballkontakt auf dem Feld bis zum Korberfolg.
Durch diese Art der statistischen Auswertung ist sofort sichtbar, wer der Ursprungsort von positiven oder negativen Aktionen ist und wer eine schlechte Entscheidung getroffen hat.
Reflexion
Eine solche Auswertung ist extrem zeitraubend, bietet aber eine Reihe von interessanten Fakten, die man bei einer normalen Statistik nicht erhält.
Das Herausziehen einzelner Akteure aus der Grafik und Zurückverfolgen der Aktionen kann sich als sehr wertvoll herausstellen. So wird optisch sofort sichtbar, wer mit wem gut zusammenspielt und welche Kombinationen von Spielern gute Resultate liefern.
Als Coach ist es wichtig zu wissen, welche Spieler harmonieren und auf dem Feld eine Einheit bilden.
Ohne eine solche Auswertung ist man auf sein Gefühl angewiesen, das aber bei der Spielbeobachtung sehr trügerisch sein kann – allzu leicht lässt man sich von wenigen herausragenden Aktionen blenden.
In Kombination mit der normalen Statistik, in die alle Spiele einfliessen, wäre es durch die Erfassung aller Ballbewegungen durchaus möglich, das effektivste Team auf den Platz zu stellen.
Zudem wäre es mannschaftsintern eine gute Argumentationsgrundlage bei Diskusionen über die Zusammenstellung des Teams. Dies könnte einen eventuell bestehenden Verdacht eines Spielers, aus nicht stichhaltigen Gründen benachteiligt zu werden, aus dem Weg räumen.