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Geschichte
Vor dreihundert Jahren sprach noch niemand von einem Dorf Häggenschwil. Herggentswil, von dem es auch andere Schreibweisen gab, war ein bescheidener Weiler im heutigen Unterdorf. Von einer Kirche noch keine Spur. Weit grössere Bedeutung besassen damals Lömmenschwil und Stegen: Lömmenschwil war fürstäbtischer Gerichtsort und Mittelpunkt der Gemeinde. Stegen besass Bedeutung als Sammelplatz für die äbtischen Wehrpflichtigen und war der Ort, wo ein neuer Fürstabt die Huldigung der Untertanen von Wittenbach, Berg, Lömmenschwil und Muolen entgegennahm.
Es fällt nicht leicht, die geschichtliche Vergangenheit der Gemeinde auf so knappem Raum darzustellen. Wir beschränken uns auf eine Darstellung interessanter Fakten von den Anfängen der Besiedlung bis über die Schwelle ins 20. Jahrhundert.
Die Landschaft
ist geprägt durch den Sittergraben südwestwärts und durch das leichtgewellte abfallende Gelände seeabwärts mit den parallel verlaufenden Moränenhügeln aus der letzten Eiszeit. Eine Landschaft, die sich zur Besiedlung und Bewirtschaftung vorzüglich eignete.
Die Besiedlung
erfolgte hierzulande vor rund 1200 Jahren und kaum vor dem 6. Jahrhundert n.Chr. Im flacheren Mittelland hatte sie früher eingesetzt. Wir sehen hier ab vom entdeckten Brandgrab aus der Hallstattzeit, das 1897 im Walde nördlich von Holzrüti-Kügeliswinden gefunden wurde. Es ist noch lange kein Beweis für eine damalige Dauersiedlung.
Die älteste Urkunde im Stiftsarchiv St. Gallen, die unsere Gegend betrifft, stammt vom Jahre 854. Es handelt sich um eine Vereinbarung zwischen dem Abt von St. Gallen und dem Bischof von Konstanz, die aufgrund einer Neumarkierung den Grenzverlauf zwischen den äbtischen und den bischöflichen Grundherrschaften festlegt. In der Urkunde sind ausser Berg und Watt (Gemeinde Roggwil) die Ortsnamen Villa Liubmani = Liubmannswilare = Lömmenschwil sowie Balgen und Rothen an der Sitter erwähnt.
Der Schreiber der zweitältesten Urkunde von 904 soll, nach der Feststellung von Stiftsarchivar Dr. Staerkle, kein Geringerer gewesen sein als der spätere Kirchenpatron von Häggenschwil, der gelehrte Notker der Stammler. In dieser Urkunde überträgt Abt Salomo drei Güter in der Umgebung von Lömmenschwil einem Wolfhere zur Bewirtschaftung.
Die Fluchtburg an der Sitter
Als im Jahre 926 die wild einfallenden Ungarn plündernd, brandschatzend und mordend die ganze Bodenseegegend unsicher machten, riet die fromme Klausnerin Wiborad zu St. Mangen den St. Gallen Mönchen, an sicherer Stelle drunten an der Sitter eine Fluchtburg zu bauen, damit sie sich samt Kirchenschatz und Büchern dort in Sicherheit bringen konnten. So wurde auf der Halbinsel bei Tobel ein starkes Kastell gebaut mit Wall und Graben, mit eingebautem Bethaus, mit Lager- und Unterkunftsräumen. Die Ungarn entdeckten wohl die Waldburg, fanden sie aber uneinnehmbar und sahen von einem Überfall ab.
Das Kastell zerfiel im Laufe der Zeit und wurde vom Wald überwachsen. Fachmännische, systematische Grabungen könnten wohl einiges zutage fördern.
Ortsnamen geben Auskunft
über frühere Zustände. So weisen die Namen Atzenholz, Wäldi, Tannsegeten, Holzrüti, Waldhof, Oberbuech, Buo, Bauel auf grössere Wald- und Baumbestände. Rohrenmoos, Weier und Rietwiesen erinnern an ausgedehnte Moore.
Der Finkenbachweiher und das Moos bei Eglishus waren noch bis ins vorletzte Jahrhundert grossflächige und ausgiebige Fischweiher, die von den Ramschwagern (als Dienstherren der Abtei St. Gallen) und von den Klosterleuten selbst reichlich genutzt wurden.
Dann sind es die Ortsnamen, die auf den ersten Siedler hinweisen wie Lömmenschwil (Liubmann), Häggenschwil (Haggo), Debeslehn (Tebes), Hilteren (Hilto), Eglishus (Eglolf), Fidishus (Fides), Ruggisberg (Ruggo), Wetzensberg (Wezzo) usw. Inhaber der Höfe von Täschlihusen waren die Täschler. Örtlichkeiten mit der Endung –wil (villa, wilare, weiler) wie Gerschwil und die bereits genannten stammen wahrscheinlich alle aus der ersten Besiedlungszeit. Ortsnamen mit -berg, -büel, -stein, -egg reden für sich selbst, ebenso die Namen Stegen, Tobel, Loch, Schmitten oder jene auf -hueb. Ein Lehenshof von der Grösse einer Hueb umfasste 10 bis 15 Hektaren.
Der Hof im Agen war ein aagener (eigener) und kein Lehenshof.
Von der Burg Ramschwag
und ihren Bewohnern berichtet erstmals eine Konstanzer Urkunde aus dem Jahre 1167. Die Ritter von Ramschwag hatten in der Umgebung keinen guten Ruf. Sie waren viel in Streitigkeiten mit dem Abt, dem Bischof und anderen Adeligen verwickelt. Sie waren deshalb weit herum verhasst.
Im Jahre 1271 überfielen die Ramschwager die Stadt Bischofszell und brannten diese nieder. Es heisst, dass sieben unschuldige Landleute einfach erhängt worden seien. So wurde auch das Appenzellerland überfallen und die Stadt Appenzell wurde eingeäschert. Am erfolgreichsten waren die Ramschwager nach 1278. Damals rettete nämlich ein Ritter von Ramschwag bei einer Schlacht König Rudolf von Habsburg das Leben. Der König von Habsburg lag in einem Graben und wartete auf den Todesstoss. Da stürzte sich Heinrich Walter von Ramschwag auf den König und half ihm auf das Pferd und sie konnten fliehen und dem Feind entkommen. Deshalb erhielten die Ramschwager verschiedene Ländereien und Vogteien im Fürstenland und im Rheintal. Ulrich von Ramschwag wurde sogar Reichsvogt vom Thurgau.
Nun kannte der Übermut der Ramschwager keine Grenzen mehr. Sie waren die mächtigsten Herren der heutigen Ostschweiz. Sie waren sehr machthungrig und schraken vor nichts zurück. Sie trieben ein böses Spiel und waren gehasst und gefürchtet.
Die erste bittere Niederlage erlebten die Ramschwager im Jahre 1292. Sie hatten einen Überfall auf die Stadt St. Gallen geplant. Die Stadt erfuhr jedoch vom Plan der Ramschwager und konnten sich auf die Schlacht vorbereiten. Sie überraschten die Ramschwager bei Mörschwil. Die Ritter von Ramschwag erlitten grosse Verluste. Viele von ihnen wurden bei der Schlacht getötet.
Die vielen Streitigkeiten mit dem Kloster und anderen Adeligen zermürbte das Geschlecht der Ramschwager immer mehr. Ihre Macht brach allmählich zusammen. Im Jahre 1385 verliessen die Ritter ihre Burgen (Alt- und Neu-Ramschwag) an der Sitter und verlegten ihren Wohnsitz in die Burg Blatten bei Oberriet. Durch weitere Kämpfe und Streitigkeiten schwand das Vermögen der Ramschwager und sie wurden ärmer und ärmer. Sie verwandelten deshalb die Burg Blatten in ein Wirtshaus und bewirteten selber die Gäste, um ein Einkommen zu erzielen. Im 15. Jahrhundert verarmten die Ramschwager ganz und sie verliessen unsere Gegend. Die Burgen in Häggenschwil verfielen je länger je mehr zu Ruinen.
Es gab aber auch bei den Ramschwagern rühmenswerte Personen. Im Jahre 1320 wurde Margarethe von Ramschwag Äbtissin vom Kloster Magdenau. Und im 14. Jahrhundert lebte eine Anna von Ramschwag, welche später selig gesprochen wurde. Eine weitere Frau wurde zur Äbtissin des Damenstiftes Schänis erwählt.
Was von den Ramschwagern geblieben ist, ist das Gemeindewappen mit den zwei Leoparden auf goldenem Grund. Das gleiche Wappen mit den zwei Leoparden aber auf silbernem Grund hat übrigens die Gemeinde Nenzing. So bleiben die Ramschwager den Häggenschwilern auch in Zukunft erhalten.
Mehr zur heutigen Ramschwag finden Sie hier
Das Schloss Ruggisberg
stammte aus dem 14. Jahrhundert und wurde – für uns heutige fast unverständlich – 1942 wegen Baufälligkeit abgetragen. Warum? Eine Schutzverfügung bestand keine. Eine Sanierung des mächtigen Gebäudes wäre viel zu kostspielig gewesen. So erstellte der Schlossbesitzer ein präsentables Wohnhaus, das nun mit der verbliebenen frühbarocken Schlosskapelle aus dem 17. Jahrhundert eine sehr gefällige Baugruppe darstellt.
Pfarrei schafft Einheit
Seit dem 15. Jahrhundert bildete Häggenschwil bzw. Lömmenschwil wie Hagenwil-Muolen und Wittenbach eine sogenannte Hauptmannschaft des äbtischen Landhofmeisteramtes, das seinen Sitz in St. Finden hatte. Kirchlich aber war das Gemeindegebiet unwahrscheinlich aufgesplittert. Schon lange wehrte man sich für eine eigene Pfarrei. Doch die Widerstände, vor allem seitens der Gemeinde Berg, waren gross. Erst als die langwierigen Bemühungen um eine eigene Kirche und Pfarrei sowie um eine eigene Schule in Erfüllung gingen, war auch der Grund gelegt zu einem neuen Gemeindeleben. Vorher fehlte diese Einheit, und es gehörten die verschiedenen Weiler und Höfe kirchlich zu Bischofszell, Sitterdorf, Hagenwil, Arbon, Wittenbach, Bernhardzell, grösstenteils aber zur alten St. Michaels-Kirche Berg.
Wäre es nach dem damaligen Berger Pfarrer gegangen, wäre Ruggisberg, wo bereits die Schlosskapelle stand, ungefähr in der Mitte zwischen Häggenschwil und Berg, zum Standort der neuen Kirche geworden. Dieser Berger Pfarrer war ein Pfister aus Wittenbach. Der Zufall wollte es, dass dann der Kirchenbau in Häggenschwil 1728/29 von einem andern Wittenbacher Pfister, der als Pfarrer in Bernhardzell wirkte und ein Fachmann in Baufragen war, in die Tat umgesetzt wurde.
Endgültig bestärkt in seiner Einheit aber wurde Häggenschwil erst nach der Aufhebung der Fürstabtei St. Gallen, als es 1803 zur selbständigen politischen Gemeinde des neugegründeten Kantons St. Gallen erhoben wurde.
Das Ortsbild von Häggenschwil
Während im alten Gemeindehauptort Lömmenschwil ausser dem Ochsen nur wenig von der alten Bausubstanz übriggeblieben ist, hat sich Häggenschwil nach dem Kirchenbau zu einem der schönsten und einheitlichsten Strassendörfer des Kantons entwickelt. Pfarrhaus, altes Mesmer- und Schulhaus, Bären, Kaufhaus, Krone, die alte Kaplanei mit dem Mansardendach bilden zusammen stattlichen Dorfkern, dem sich die späteren öffentlichen und privaten Bauten mehr oder weniger harmonisch angeschlossen haben.
Stegen hat durch den Abbruch des Rössli und weitere Altbauten seinen altertümlichen Reiz vollends verloren. In der Ladhueb blieb der schöne Riegelbau unversehrt erhalten. Der malerische Fachwerkbau der Finkenbachmühle ist durch Einsturz infolge Unterspülung am 19. Mai 1985 von der Bildfläche verschwunden. Eine uralte noch ziemlich intakte Siedlung ist Täschlihusen mit dem herrlichen Blick auf das Dorf Häggenschwil.
Der Atzenholzer Weiher ist der noch verbliebene obere Mühlweiher der ehemaligen Mühle Atzenholz und weiterer Mühlen an der Aach.
Exklaven und Enklaven
Exklaven sind Gebiete , die ausserhalb des Gemeindegebietes liegen, Enklaven solche in der eigenen Gemeinde, die aber zu einem andern Gemeinwesen gehören. Berg und die drei unteren Tablater Gemeinden, zu denen auch Häggenschwil gehört, weisen einige solcher Besonderheiten auf. Schuld daran sind meist historische Gegebenheiten, die auf die st.gallische Klosterzeit zurückgehen.
So ist der Hof Raach (zur Eiche) eine Häggenschwiler Exklave im Kanton Thurgau und gleichzeitig die einzige Exklave des Kantons St. Gallen. Die Höfe Hinterberg, Chrüzegg und Schöntal sind als Wittenbacher Exklave von Häggenschwiler und Roggwiler Gemeindegebieten umgeben. Der halbe Ruggisberg (Kapelle und Wirtschaft) gehört wohl zu Häggenschwil, ist aber vom übrigen Gemeindegebiet abgetrennt. Der südliche Hof hingegen gehört politisch zu Roggwil (Liegenschaft Angehrn).
Zusammenfassend einige wichtige Marksteine aus der Vergangenheit
854 erste Urkunde, die das Gemeindegebiet von Häggenschwil betrifft.
1278 Ein “Häggenschwiler”, nämlich Ritter Walter von Ramschwag, rettet König Rudolf von Habsburg das Leben, was ihm und seinen Nachfahren besondere Gunstbezeugungen einbringt.
1469 Erhebung Lömmenschwils zu einer Hauptmannschaft des äbtischen Landhofmeisteramtes.
1728 Bau der St. Notkers-Kirche, Gründung einer eigenen Pfarrei und bald darauf Eröffnung der ersten Schule.
1803 Nach tausendjähriger Zugehörigkeit zur Fürstabtei St.Gallen wird Häggenschwil selbständige politische Gemeinde des neugegründeten Kantons St.Gallen.
1866 und in den folgenden Jahren wird als Ersatz für die Alte Konstanzerstrasse die neue Staatsstrasse Löhren-Lömmenschwil gebaut, mit Fortsetzungen nach Romanshorn und nach Amriswil.
1876 erste Postablage in Lömmenschwil mit Postkutschenverkehr.
1910 Häggenschwil-Winden wird Station der neueröffneten Bodensee-Toggenburg-Bahn
2012 Häggenschwil eröffnet als erste Gemeinde der Schweiz eine eigene Privatschule
2013 Die Gemeinde übernimmt Ruine Ramschwag von der Erbengemeinschaft Thaler