Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03598.jsonl.gz/2662

SRF News: woher kam denn eigentlich diese schon fast göttliche Verehrung für König Bhumibol?
Serhat Uenaldi: König Bhumibol wurde ab den 1950er Jahren gottgleich inszeniert – als Antwort auf den aufkommenden Kommunismus in Thailand. Die damalige Militärdiktatur promotete zusammen mit den USA den König als Halbgott, der der Bevölkerung Wohlstand bringt – wie es in der offiziellen Geschichtsschreibung Thailands heisst. Er wurde sozusagen als «Vater der Thais» aufgebaut. Fakt ist aber auch, dass es stets eine anti-monarchische Bewegung im Land gab.
Hat denn das Bild, das die Medien vom König aufgebaut haben, gar nicht so viel mit der Realität zu tun?
Doch, schon. Thailand ist im Vergleich mit den Nachbarn Kambodscha oder Burma viel erspart geblieben. Das hat aber auch damit zu tun, dass die USA Thailand als Bollwerk gegen den Kommunismus genutzt haben.
König Bhumibol hat zwar viele Projekte für die ländliche Bevölkerung lanciert, aber keine strukturellen Veränderungen initiiert. Solche gab es erst, als 2001 Thaksin, ein Multimilliardär, Premierminister wurde. Er vergünstigte durch Gesetze etwa die Kredite für Bauern. Durch neue Gesetze veränderte Thaksin tatsächlich die Strukturen in Thailand, was ihn bei einem Teil der Bevölkerung auch sehr beliebt machte. Weil die Royalisten aber um die Bedeutung des Königs fürchteten, kam es 2006 zum Coup gegen Thaksin.
Welche Rolle spielte König Bhumibol nach diesem Militärcoup?
Seine Gesundheit verschlechterte sich stetig und Bhumibol war nur noch Legitimationsquelle, ohne selber aktiv zu sein. Während seiner ganzen Regentschaft wurde er als Legitimationsquelle für Militärherrscher oder antidemokratische Kräfte benutzt. Dagegen hat er nie viel getan. So liess er sich auch vor zwei Jahren erneut vom Militär für den letzten Coup benutzen und setzte seine Unterschrift unter die Putsch-Order.
Sein 64-jähriger Sohn soll nun Nachfolger auf dem Thron werden. Was weiss man über ihn?
Kronprinz Vajiralongkorn ist eine sehr kontroverse Figur. Er räumte im letzten Jahr seine dritte Ehefrau aus dem Weg, sie wurde zur Persona non grata erklärt – unter anderem mit Hilfe des Militärs. Er gilt als Womanizer und ist bekannt für seine Wutausbrüche und Gewalttätigkeiten. Auf Thailändisch wird er auch als «Gangsterprinz» bezeichnet, er ist bei vielen Thais sehr unbeliebt. Eine Zeitlang wurde angenommen, dass er Thaksin nahe steht, doch das Militär unternahm viel, um diese Verbindung zu unterbrechen und die Loyalität Vajiralongkorns zu gewinnen.
Was ist mit der ältesten Tochter von Bhumibol? Hatte sie keine Chance auf den Thron?
Nein. Es wurde zwar das entsprechende Gerücht kolportiert, hatte aber nie eine Chance. Es kam von einer Fraktion der thailändischen Elite, die den Kronprinz verabscheute. Inzwischen hat sich auch dieser Teil der Elite dem Kronprinzen angedient und stützt ihn – auch bei der Entfernung seiner Frau – oder, indem Widersacher des Prinzen umgebracht wurden. Auch das Thronfolge-Gesetz ist eindeutig: Nachfolger wird der Sohn des Königs.
Nun soll ein «Gangsterprinz» neuer König werden. Was heisst das für die Monarchie in Thailand?
Die Monarchie wird eine neue Rolle erhalten. Der König wird nicht weiter alles legitimieren, was sich eine Bangkoker Elite für das Land überlegt hat. Die strukturellen Probleme zwischen der armen, ländlichen Bevölkerung und der reichen, städtischen Elite werden stärker zutage treten. Das hat politische Auswirkungen, die sich vielleicht auch erst nach der einjährigen Trauerperiode für den verstorbenen Bhumibol zeigen werden.
Die Gräben, die sich unter Bhumibol aufgetan haben – er war kein Vermittler zwischen den Welten, sondern schlug sich stets auf die Seite der Eliten – werden sich vertiefen. Man wird sehen, dass Thailand grosse Probleme hat, die mit dem neuen König noch weniger zu lösen sind, als mit dem alten.
Das Gespräch führte Samuel Wyss
Serhat Uenaldi
Der Spezialist für Thailand hat kürzlich ein Buch über das Königshaus geschrieben. Er lehrt und doktoriert am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universtität in Berlin.