Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03185.jsonl.gz/138

mehr
Sponneck, im höchsten
Grade verhaßt,
und sie ruhten nicht eher, bis er gegen Ende 1865
Geschichte verließ. Bei der Revision
der Verfassung
kam es zu einem
Konflikt mit der Nationalversammlung. Diese beschloß mit 211 gegen 62
Stimmen die Abschaffung des
Senats. Der König wollte diesen Beschluß nicht sanktionieren, aber die Versammlung gab nicht nach und
löste sich 28. Nov. von selbst auf, ohne das
Budget beraten zu haben. Es blieb bei der revidierten
Verfassung und der Ersetzung
des Senats durch einen
Staatsrat, der dann durch ein Gesetz vom ebenfalls beseitigt wurde.
Die Finanznot stieg indes von Jahr zu Jahr. Die vertragsmäßige Zinszahlung auf die
Staatsschuld von 1832 konnte
nicht geleistet, den
Beamten kaum ihr Gehalt ausbezahlt, geschweige auf den Gebieten des Verkehrs und der
Industrie von
Staats
wegen etwas Nennenswertes unternommen werden. Und doch war
Geschichte nahe daran, in einen
Krieg mit der
Türkei
[* 3] hineingerissen zu werden. Die griech. Bewohner der
Insel
Kreta (s. d.) erhoben sich im
Aug. 1866 und beschlossen in einer Versammlung
vom
2. Sept., daß die türk. Herrschaft auf
Kreta abgeschafft sei, und daß die
Insel sich mit
Geschichte vereinige.
Darauf landeten türk.
Truppen, und es entstand ein verzweifelter Kampf, der sich drei Jahre hinzog. Die
meisten Großmächte rieten der
Türkei,
Kreta an
Geschichte abzutreten;
nur England sprach, aus
Eifersucht auf den Einfluß
Rußlands,
dagegen.
Geschichte konnte sich der Unterstützung seiner Stammesgenossen nicht entziehen. In
Athen
[* 4] bildete sich ein Hilfskomitee;
Tausende von Kretensern, die sich nach
Geschichte flüchteten, mußten unterhalten werden;
Freiwillige strömten nach der Insel;
Geld und Munition wurden dahin geschickt.
Die großgriech.
Träume erwachten aufs neue, trotz der Unzulänglichkeit
der
Mittel. Vergebens warnte und drohte die
Pforte. Als aber im Nov.
1868 der Minister des
Auswärtigen, Delijannis, offen in der
Kammer erklärte, die Politik der Regierung bezüglich
Kretas sei die der
Annexion, sandte die
Pforte 10. Dez. ein
Ultimatum nach
Athen, und als man dieses verwarf, wurden dem griech. Gesandten in
Konstantinopel
[* 5] seine Pässe zugestellt. Das
griech. Schiff
[* 6] Enosis, das die Überfahrt der griech.
Freiwilligen nach
Kreta vermittelte, wurde von den
Türken im
Hafen von
Syra eingeschlossen und der
Hafen blockiert gehalten; in
Thessalien sammelte sich eine türk.
Armee unter
Omer Pascha. In
Geschichte fehlte es zur Kriegführung an
Geld und an
Soldaten. Da half die
Diplomatie.
Graf
Bismarck schlug die
Berufung der Unterzeichner des
Pariser Friedens von 1856 zu einer Specialkonferenz vor, und wurde
diese unter dem Vorsitz des franz. Ministers Lavalette in
Paris
[* 7] eröffnet. Die Forderung der
Türkei, daß
Geschichte die
Bildung neuer Freiwilligenscharen verhindern, die Korsarenschiffe entwaffnen oder aus seinen Häfen ausschließen und
den nach
Geschichte ausgewanderten kretensischen Familien die Rückkehr nach
Kreta gestatten solle, wurde als berechtigt anerkannt,
und ein Abgesandter der Konferenz lud
Geschichte zur
Annahme dieser
Beschlüsse ein. Das Ministerium nahm
2. Febr. seine
Entlassung;
das neue
Kabinett Zaimis unterwarf sich den Konferenzbeschlüssen, die diplomat.
Beziehungen zwischen der
Pforte
und
Geschichte wurden wiederhergestellt, und
Kreta mußte sich wieder unter die türk. Herrschaft beugen.
In der Zwischenzeit hatte König Georg durch seine Vermählung mit der russ. Großfürstin Olga und durch die erfolgte Geburt eines Prinzen, der in der Landeskirche getauft und erzogen wurde, der Dynastie mehr Sicherheit und Popularität gegeben. Die Ermordung dreier vornehmer Engländer und eines Italieners, die auf der Rückkehr von Marathon nach Athen unter Räuber geraten waren, war die Veranlassung zu dem energischen Gesetze vom das dem Räuberwesen den letzten entscheidenden Stoß gab. In einen Konflikt mit Frankreich und Italien [* 8] kam die Regierung durch die sog. Laurionfrage.
Sie hatte die Konzession zur Ausbeutung der alten Bergwerke von Laurion einer franz.-ital. Gesellschaft erteilt, und als diese daraus einen ziemlich bedeutenden Gewinn zog, erklärte die griech. Regierung, auf zweifelhaft gültige Gesetze sich berufend, alle metallhaltige Erde für Staatseigentum. Die von ihren Unterthanen angerufenen Regierungen von Frankreich und Italien protestierten, und dem Ministerium blieb nichts übrig, als jener Gesellschaft alle Rechte und Besitzungen abzukaufen, was die Kammer genehmigte. 1874 war die Thätigkeit der Regierung und der Kammer durch eine fast permanente Ministerkrisis gelähmt.
Weder Deligeorgis, noch Bulgaris oder Zaimis und Kumunduros vermochten ein Ministerium zusammenzubringen, das auf die Mehrheit der Kammer hätte zählen können. Als das Ministerium Bulgaris vor der Opposition nicht zurückhat, machte jene 17. Dez. durch ihren Austritt die Kammer beschlußunfähig und sandte dem König eine mit 58 Unterschriften versehene Beschwerdeschrift zu. Als der Rest der Kammer trotzdem forttagte und der König ihre Beschlüsse unterzeichnete, wurde die Stimmung in Athen sehr bedenklich.
Das Ministerium nahm 9. Mai seine Entlassung, und das Oppositionsmitglied
Trikupis bildete ein provisorisches
Kabinett. Die Kammer
wurde aufgelöst und die neugewählten
Abgeordneten 23.
Aug. einberufen. Der fast einstimmig zum Präsidenten der Kammer gewählte
Kumunduros wurde mit der
Bildung eines parlamentarischen
Kabinetts beauftragt, das 27. Okt. zu stande kam.
Sofort wurden von der Kammer die Exminister Valassopulos und Nikolopulos, die Erzbischofssitze um hohe Preise verkauft hatten,
in Verhör und Haft genommen und darauf einem außerordentlichen Gerichtshof zur
Verurteilung übergeben, 10. Nov. das ganze
Ministerium
Bulgaris wegen Verfassungsbruch in Anklagezustand versetzt sowie 1
2. Nov. die in der vorigen Session mit
ungenügender Stimmenzahl beschlossenen Gesetze annulliert; dagegen wurde 18. Nov. der mit dem
Deutschen
Reiche abgeschlossene
Vertrag bezüglich der
Ausgrabungen in Olympia genehmigt. Das Bestreben der päpstl. Kurie,
Geschichte einen röm.-kath.
Erzbischof von
Athen aufzudrängen, wurde von der Regierung zurückgewiesen und dem
Vatikan
[* 9] die Antwort erteilt, die Ernennung
der Erzbischöfe sei Sache des Kultusministers.
Das J. 1876 begann mit den Verhandlungen in dem Simonieprozeß gegen die Exminister Valassopulos und Nikolopulos, von denen 1
2. April jener
zu einjährigem Gefängnis, Ehrverlust auf drei Jahre und 56200
Drachmen Geldbuße, dieser zu zehnmonatigem Gefängnis verurteilt
wurde. Die drei Erzbischöfe, die den
Handel mit den Ministern eingegangen hatten, mußten an den Armenfonds
das Doppelte der Bestechungssumme bezahlen. Die beiden verurteilten Minister saßen 1. Mai noch
¶
mehr
einmal auf der Anklagebank, um sich mit den übrigen Mitgliedern des Ministeriums Bulgaris wegen Verfassungsverletzung zu rechtfertigen. Der Prozeß zog sich lange hinaus und endigte im Dezember mit der Freisprechung sämtlicher Angeklagten. Der orient. Krisis gegenüber, die durch die Aufstände in der Herzegowina, Bosnien [* 11] und Serbien [* 12] entstanden war, hielt sich das Ministerium Kumunduros zunächst sehr reserviert. Wegen der Aufregung in Thessalien und Epirus wurden an der Nordgrenze einige Truppen aufgestellt und die Organisation einer Nationalgarde beschlossen.
Als aber die Pforte gegen 800 tscherkess. Familien nach Thessalien übersiedelte, Nachrichten von Mißhandlung der dortigen griech. Bevölkerung [* 13] eintrafen und Überschreitungen der Grenze vorkamen, sandte die griech. Regierung einen Protest an die Pforte und ein Memorandum an die Garantiemächte, ließ auch im Dezember den in Konstantinopel versammelten Konferenzmitgliedern eine Denkschrift vorlegen. Zahlreiche Volksversammlungen wurden gehalten, und an die Stelle der bisherigen Ruhe trat eine offene Parteinahme für Serbien; in der Presse [* 14] wurde die Vereinigung von Thessalien, Epirus und Kreta mit Geschichte gefordert, und das Ministerium hatte Mühe, die angekündigte Neutralität aufrecht zu halten.
Die Kammer wurde
2. Okt. ohne eine die Orientfrage erwähnende königl. Rede eröffnet. Als das
Ministerium 30. Nov. behufs außerordentlicher Maßregeln und zur Erlangung einer Anleihe die Einführung einer neuen Steuer
vorschlug, erlitt es eine Niederlage, worauf Kumunduros dimissionierte und Deligeorgis die Bildung eines neuen Kabinetts übernahm.
Kaum war dieses im Amt, so wurde es 9. Dez. durch ein Mißtrauensvotum wieder gestürzt, worauf Kumunduros wieder die Präsidentschaft
übernahm. Am 18. Dez. bewilligte die Kammer den von ihm verlangten Kredit von 10 Mill. Drachmen zum Zweck
einer neuen Militärorganisation, genehmigte gleich darauf die Vorlage bezüglich der Einberufung von 120000 Mann und nahm die
seit Nov. 1876 begonnene Beratung des Gesetzentwurfs über Einführung der allgemeinen Wehrpflicht wieder auf.
Infolge eines Mißtrauensvotums in einer Pensionsfrage nahm Kumunduros 8. März aufs neue seine Entlassung, und Deligeorgis trat 10. März an seine Stelle. Die Kammer nahm 28. März das Gesetz über Aufstellung einer außerordentlichen Reserve von 20000 Mann und das ganze Militärgesetz in dritter Lesung an und vertagte sich darauf. Inzwischen erfolgte die Kriegserklärung Rußlands an die Türkei. Die Versuchung lag für Geschichte nahe, seine Armee in Thessalien einmarschieren zu lassen, während die türk. Hauptmacht an der Donau beschäftigt war. Um dies zu verhindern, ließ das engl. Ministerium Beaconsfield in Athen die Erklärung abgeben, daß es eine Überschreitung der türk. Grenze durch griech. Regierungstruppen nötigenfalls mit einer Ausschiffung engl. Truppen im Peiraieus beantworten würde.
Die Presse forderte nun entschieden die Umwandlung des Parteiministeriums in ein Koalitionsministerium, in dem die Führer sämtlicher Parteien sich in die Portefeuilles teilen sollten. Am 7. Juni kam ein Kabinett zu stande, in dem der alte Seeheld Kanaris das Präsidium und die Marine, Trikupis das Auswärtige, Kumunduros das Innere, Deligeorgis die Finanzen, Zaimis die Justiz, Delijannis den Kultus, Zimbrakakis das Kriegswesen übernahm. Neue Finanz- und Militäranträge wurden der Kammer vorgelegt und von dieser bereitwillig genehmigt.
Rüstungen [* 15] wurden in ausgedehntem Maße betrieben. Aus allen türk. Provinzen, in denen Griechen wohnten, strömten Freiwillige herbei und wurden sofort in die Armee eingereiht. Diese Vorgänge in Athen erregten die Aufmerksamkeit der türk. Regierung in hohem Grade, sodaß sie drohte, nötigenfalls türk. Truppen nach Athen marschieren zu lassen. Die Einnahme von Plevna (10. Dez.) machte die Ausführung der türk. Drohungen aber sehr unwahrscheinlich, und die Kriegslust ließ sich auf diese Nachricht hin in Geschichte kaum mehr zurückhalten. Kumunduros bildete nach dem 14. Sept. erfolgten Tod von Kanaris ein neues Ministerium, und dieses beschloß den Einmarsch in Thessalien. Aber bevor die hierzu nötigen Vorbereitungen vollendet waren, war 31. Jan. der Waffenstillstand von Adrianopel von Rußland und der Pforte schon unterzeichnet.
Als endlich das 12000 Mann starke griech. Heer unter General Sutzos in Thessalien und Epirus einmarschierte, beschloß die Pforte, die Panzerflotte nach dem Peiraieus zu schicken und Truppen in Thessalien landen zu lassen. Da gleichzeitig auch die Gesandten der Großmächte die griech. Regierung aufforderten, ihre Truppen aus Thessalien zurückzuziehen, erließ das Ministerium schon 7. Febr. den Befehl zum Rückmarsch, worauf die Pforte von Feindseligkeiten abstand. Im Frieden von San Stefano sah Geschichte das von Rußland projektierte Bulgarien ungebührlich vergrößert, sich selbst gar nicht berücksichtigt.
Seine Bitte um Zulassung zum Berliner Kongreß [* 16] fand nur eine beschränkte Erfüllung, sofern seine Vertreter, der Minister des Auswärtigen, Delijannis, und der Gesandte in Berlin, [* 17] Rhangabé, der Kongreßsitzung vom 29. Juni, in der die griech. Frage beraten wurde, beiwohnen und die griech. Ansprüche darlegen durften. Der Kongreß nahm den Vorschlag des franz. Bevollmächtigten Waddington an, wonach die beiden Flüsse [* 18] Salamvria (Peneios) und Kalamas künftig die nördl. Grenze G.s bilden und die Städte Larissa und Jannina mit Geschichte vereinigt werden sollten, jedoch sollte dieser Beschluß vom Kongreß der Pforte nicht als Friedensbedingung diktiert, sondern seine Ausführung ihr nur anempfohlen werden; Geschichte und die Pforte sollten direkt darüber miteinander verhandeln. Da diese Verhandlungen ohne irgend welches Ergebnis verliefen, appellierte Geschichte aufs neue in einem Rundschreiben vom ohne Erfolg an die Großmächte. Die Pforte zog größere Truppenmassen im südl. Thessalien zusammen, während Geschichte im Nordwesten des Landes ein Lager [* 19] errichtete, die Reserven und das zweite Aufgebot der Territorialarmee einberief. Da aber die Kammer das Kriegs- und Marinebudget nicht in der von Kumunduros verlangten Höhe bewilligte, trat dieser zurück, worauf wiederum Trikupis ein neues Ministerium bildete.
Mit dem Rücktritt Beaconsfields und der Konstituierung des Kabinetts Gladstone gestalteten sich die Aussichten G.s günstiger. Die auf Englands Vorschlag einberufene Berliner Konferenz (s. d.) beschloß auf Vorschlag Frankreichs, daß die neue Grenzlinie östlich bei der Mündung des Flusses Mavrolongos beginnen, über die höchsten Höhen des Olympos und Pindos sich hinziehen, ¶
mehr
bei Han-Kalbaki den Lauf des Flusses Kalamas erreichen und diesem bis zur Mündung folgen solle. Dieser Beschluß wurde 16. Juli der griech. und türk. Regierung in einer Kollektivnote mitgeteilt und von jener angenommen, von der Pforte aber abgelehnt. Damit war die ganze Konferenzarbeit wieder beiseite geschoben. Das Ministerium Trikupis trat, da die Kammer den von der Opposition aufgestellten Kandidaten zu ihrem Präsidenten wählte, zurück, und Kumunduros bildete wieder 25. Okt. ein neues Kabinett.
Die europ. Diplomatie entfaltete die äußerste Thätigkeit, um Geschichte von einem offensiven Vorgehen gegen die Türkei abzuhalten und andererseits die Pforte zur Abtretung Thessaliens zu bewegen. Zwar war das engl. Kabinett bereit, auch einen stärkern als bloß diplomat. Druck auf die Pforte auszuüben, und Gambetta versprach, Geschichte durch Absendung von Offizieren, Gewehren u. s. w. zu unterstützen; aber Deutschland [* 21] und Österreich [* 22] widersetzten sich der Anwendung von Zwangsmaßregeln.
Dagegen wurde der von der Pforte gestellte Antrag, wonach die Vertreter der Großmächte und
der Pforte in einer Konferenz zu Konstantinopel aufs neue miteinander verhandeln sollten, von den Großmächten angenommen.
Die 6. März eröffnete Konferenz gelangte 30. März zu einer Einigung, worauf 2
2. Mai zwischen den Großmächten und der Pforte eine
Konvention abgeschlossen wurde, worin sich letztere verpflichtete, von Thessalien das südlich vom Salamvriafluß
und von Epirus das südlich vom Artafluß gelegene Gebiet an Geschichte abzutreten. Geschichte erklärte sich einverstanden
mit dem Konferenzbeschluß, und im November wurde das abgetretene Gebiet von 13370 qkm mit etwa 300000 E. von den Griechen
besetzt.
Doch war die Bevölkerung mit dem errungenen Gebietszuwachs nicht zufrieden. Die Folge dieser Mißstimmung war der Rücktritt des Ministeriums Kumunduros, dem ein Ministerium Trikupis folgte, das die panhellenische Idee offen in sein Programm aufnahm. Das Ministerium des Auswärtigen, das seither Trikupis neben dem Präsidium und dem Innern geleitet hatte, wurde dem bisherigen Gesandten in London, [* 23] Kondostavlos, übertragen und im Laufe des Sommers wurden noch einige weitere Veränderungen im Kabinett vorgenommen.
Den am einberufenen Kammern legte Trikupis das Budget von 1884 vor, in dem die Ausgaben auf 84 ½ Mill. Drachmen berechnet waren, die Einnahmen einen kleinen Überschuß ergaben. Darauf genehmigte die Kammer die Konvention über eine Anleihe von 170 Mill. zum Zweck der Abschaffung des Zwangskurses, mehrere Steuergesetze und Monopole, das Reservistengesetz, den Gesetzentwurf über Revision des allgemeinen Zolltarifs, das Budget und den mit Deutschland abgeschlossenen Handels- und Schiffahrtsvertrag; da sie aber in einer finanziellen Frage gegen die Regierung entschied, so reichte Trikupis sein Entlassungsgesuch ein, ließ sich aber von dem König bewegen, im Amte zu bleiben, und ordnete die Auflösung der Kammer an. Da aber die Neuwahlen vom 19. April zu Gunsten der Opposition ausfielen, erhielt Delijannis 30. April den Auftrag, ein neues Kabinett zu bilden.
Der Aufstand in Philippopel, der 18. Sept. die Vereinigung Ostrumeliens mit dem Fürstentum Bulgarien zur Folge hatte und auch Macedonien in seinen Bereich zu ziehen schien, erregte in Geschichte große Aufregung. In Athen fanden öffentliche Kundgebungen statt, die den Zweck hatten, die Regierung zur Wahrung der Rechte und Interessen des Hellenismus zu veranlassen. Die Regierung schickte Truppen nach der türk. Grenze, berief drei Jahrgänge der Reserve ein, rüstete die Flotte, einschließlich der Torpedoboote, und nahm bei der Nationalbank eine Anleihe von 24 Mill. Drachmen auf.
Die Gesandten der Großmächte suchten im Sinne des Friedens einzuwirken und übergaben in Athen 9. Okt. eine gemeinsame Erklärung. Im Kabinett entstand Zwiespalt über die Haltung der griech. Politik, infolgedessen die Minister des Kultus Zygomalas, der Marine Romas und der Justiz Antonopulos 23. Okt. zurücktraten. An demselben Tage wurde die Kammer eröffnet, bewilligte alle militär. Forderungen und genehmigte den Gesetzentwurf, wonach von allen Beamtengehalten während der Dauer der Mobilisierung 5–25 Proz. abgezogen werden sollten, und die Aufnahme einer Anleihe von 100 Mill. Drachmen.
Der Stand der Armee wurde auf 72800 Mann gebracht, zwei Panzerschiffe [* 24] gekauft, mehrere Torpedoboote bestellt. Diese Lage, wobei beständig ein blutiger Konflikt zu befürchten war, erfüllte die Großmächte mit Besorgnis, und sie beschlossen, die Forderungen G.s abzuweisen, die militär. Abrüstung zu verlangen und sie nötigenfalls zu erzwingen. Sie teilten Delijannis in einer Note vom das in betreff Ostrumeliens getroffene Übereinkommen mit (s. Bulgarien, Bd. 3, S. 723b) und verlangten Anordnung der Abrüstung. Da Delijannis auf eine besondere Note Frankreichs dem diplomat.
Vertreter desselben, Grafen Mouy, 25. April erwiderte, daß Geschichte der Aufforderung zur Abrüstung entsprechen werde, den andern fünf Mächten aber auf ihre Noten keine direkte Antwort gab, so richteten diese 26. April ein Ultimatum an Geschichte, worin sie Abrüstung binnen acht Tagen verlangten. Zugleich erschien ein aus deutschen, engl., österr. und ital. Schiffen bestehendes Geschwader, das sich in der Sudabai (in Kreta) gesammelt hatte, 27. April in der Phaleronbucht. Da die Antwort Delijannis’ als unannehmbar befunden wurde, so verließen die Gesandten der fünf Mächte 7. Mai Athen, und über die griech. Küsten wurde Blockadezustand verhängt.
Die nächste Folge dieser Maßregel war, daß Delijannis 9. Mai sein Entlassungsgesuch einreichte; wenige Tage früher hatte schon der Kriegsminister Mauromichalis seine Dimission gegeben. Die Bildung eines neuen Kabinetts war schwierig, weil niemand eine Erbschaft übernehmen wollte, bei der es sich zuerst um eine Demütigung G.s handelte. Nach der kurzen Existenz des provisorischen Ministeriums Valvis (9. bis 20. Mai) bildete Trikupis 21. Mai ein neues Kabinett. Sofort wurden die Reserven entlassen und die griech. Truppen von Thessalien zurückgezogen, wo 21. bis 23. Mai bereits ernste Konflikte mit den türk. Truppen stattgefunden hatten. Hiervon machte Trikupis den fünf Mächten Mitteilung, verlangte Aufhebung der Blockade, die 7. Juni erfolgte, und verständigte sich mit der Pforte über die Grenzverhältnisse.
Die Kammer genehmigte 17. Juni den Gesetzentwurf über die Reform des Wahlgesetzes, wodurch die Zahl der Abgeordneten auf 150 vermindert, die Wahlbezirke erweitert und die Wählbarkeit von Militärpersonen erschwert wurde, und wurde 19. Juni ¶