Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03520.jsonl.gz/1305

INTAKT RECORDS CD-REVIEWS
LUCAS NIGGLI

LUCAS
NIGGLI ZOOM. ROUGH RIDE. INTAKT CD 082
Swiss drummer Lucas Niggli is unquestionably one of the more interesting and multifaceted talents to grace that country's creative music scene. Not only is he a very able-bodied traps player, but a bandleader, composer and founder/director of another of his country's more interesting indie labels, Unit Records. Having stepped back from that latter role, he has been pursuing a wide variety of projects in recent years, including the oddly named power-post free rock trio Steamboat Switzerland (with an issue on the German Grob label) and a very introspective sounding duo with compatriot pianist Sylvie Courvoisier (Lavin, Intakt 049). These two recordings capture him in what apparently is his most recent undertaking, the first of these in its basic trio configuration, the second in a slightly augemented one. In the former, the leader is joined by guitarist Phillip Schauffelberger and the highly touted trombonist from Cologne Niels Wogram. By and large, this is a band that has worked before, as there is a fine chemistry between the players which allows them not only to simply play the music but work through, around and with it at the same time. Yet, in spite of its title 'Rough Ride', the romp is not that bumpy, especially in the second half of the disc (tracks 5 to 7) where a thread of lyricism runs through each of the pieces. Conversely, the first half grinds more, starting from the skittering intro of the opening cut (one of two versions of the title track) and up until the drum solo feature "Fratzensack," where Niggli gives us his oblique (or updated) take on Gene Krupa. While listening to these pieces, I couldn't help think of Dave Douglas's Tiny Bell trio, not only because of the fact that this too is a bassless trio with a brass instrument up front, but also because of the writing itself that, on more than one occasion, evokes certain turns of phrases close to those of the American trumpeter. While not being wholly derivative, this trio's music is very much imbued by some of the more contemporary strands of American jazz.
As for the second disc, it
features a quintet this time, but what a difference can two extra musicians
make. Joining the basic threesome are bassist Peter Herbert (a native
Austrian now living in the Apple) and clarinetist extraordinaire Claudio
Puntin, a musician who has to be included asap on TDWR lists. Indeed,
his solos on straight b-flat and bass clarinets (tracks 1,3,7,8) are
simply breathtaking, virtuosic for sure, but full of exciting ideas
which are flawlessly connected together. What's more, Niggli's originals
are just that, except in one case, "eine kleine Bop Musik" (co-written
with the trombonist), in which a dizzyingly-tempoed line is spun out
effortelessly, but one can sense the underlying irony behind this exercise
in style. Interestingly enough, all applause has been edited out on
this side, which was culled from performances last year at the Willisau
festival and an early 2002 gig in Zurich. By and large, these two solid
outings are worth checking out, but no need to tell you which one is
the pick of the pair. -
Zwei Schweizer, ein Deutscher,
Schlagzeug, Gitarre, Posaune. Keine traditionelle Verteilung in Melodie-
und Rhythmus mehr, sondern pendelndes Fliessen. Ausgangspunkt ist das
freie Spiel, das sich in dieser Generation auch Elementen aus Rock und
Zeitgenössischem angenommen hat. Lucas Niggli, perkussiver Melodiker
und Stiljongleur, hat sich nach Erfahrungen in diversen Kontexten mit
Zoom eine stabile Band gebaut. Die agiert unverkrampft, reif und mit
Spass. Lucas Niggli Zoom. Rough Ride. Intakt CD 082.
Denken in Wirbeln: Lucas Niggli, Drumst
Der Ustermer Jazzmusiker überzeugt mit seiner Band Zoom. Manfred Papst 2002 war ein gutes Jahr für Lucas Niggli. Mit seiner Formation Zoom machte er an den Festivals von Moers, Saalfelden, Willisau und Schaffhausen, die für die Erkundung des «state of the art» im europäischen Jazz von zentraler Bedeutung sind, Furore. Der 35-jährige Ustermer Schlagzeuger wartete dabei weder mit einem spektakulären Grossprojekt noch mit klingenden Namen von Gaststars auf. Er begeisterte allein durch die Intensität seiner ideenreichen, im Trio und Quintett gespielten Musik, in der sich komplexe, ausgeschriebene Passagen mit freien Improvisationen verweben. Publikum und Kritik waren sich einig darüber, dass sie Sternstunden an Innovation und Interaktion erlebt hatten.
Besonders die «kleine» Zoom-Band mit Nils Wogram an der Posaune und Philipp Schaufelberger an der Gitarre überrascht immer wieder mit ihrer waghalsigen Klangarchitektur. Aber auch in der erweiterten Formation mit Claudio Puntin an der Klarinette und Peter Herbert am Bass, die ja ein klassisches Quintett mit hohem und tiefem Melodieinstrument, Harmonieinstrument und Rhythmusgruppe ist, sind die Rollen nicht im traditionellen Sinn verteilt. Es gehört weder zu Nigglis Neigungen noch zu seinen Stärken, sich aufs Time-Keeping zu konzentrieren und mit dem Bass zusammen einen Teppich auszulegen, über den die Solisten dann toben können. Er ist ein Musiker, der sich einmischt, mitredet, den es ins Offene zieht. «Er spricht unverdrossen vom Schlagzeug aus», hat der Schriftsteller Peter Weber mit präziser Empathie über ihn geschrieben, «er denkt in Wirbeln, in Silben, sprengt auf, schafft seinem Instrument Atem.» Jetzt lässt sich der Jubel, den die Band im letzten Sommer hervorrief, auf je einer Trio- und einer Quintett- CD überprüfen. Diese bringen indes nicht, wie man hätte erwarten können, ein integrales Konzert, sondern Trio- Aufnahmen aus Saalfelden und Schaffhausen sowie Quintett-Aufnahmen aus Willisau - mit jeweils einer Ergänzung aus dem Zürcher Jazzclub Moods. Auf das vielgepriesene Moers-Konzert wurde ganz verzichtet, weil die Tonqualität gemäss Niggli stark abfällt. «Mir ging es nicht darum», sagt er, «einen Auftritt abzubilden, sondern darum, die Kompositionen optimal zu zeigen. Ich habe deshalb auch an einigen Stellen geschnitten und den Szenenapplaus ausgeblendet.»
Das Resultat überzeugt. Zoom löst ein, was der Begriff im Film und Comic verspricht: Die Musik bewegt sich in pulsierendem Wechsel zwischen Totalen und Close-ups, sie hat Tempo, Drive, Groove, und sie ist witzig. Übrigens soll sie sich im Modulsystem weiter entwickeln: Gerade geht das Quintett auf Europatournee, danach soll Puntin für Wogram im Trio spielen. Bodyguards und Finanzberater benötigt Niggli, der etwas von einem Turbo-Heinzelmännchen hat, auch nach seinen jüngsten Erfolgen nicht. Sein Alltag als Musiker und Hausmann hat sich kaum verändert: «Meine Frau arbeitet nach wie vor halbtags als Lehrerin. Um unsere drei Kinder kümmern wir uns gemeinsam. Aber ich muss, wenn es um neue Engagements geht, nicht mehr ganz so ausführlich erklären, wer wir sind.» Auf den kommerziellen Durchbruch spekuliert er gar nicht erst. «Meine Musik ist nun einmal randständig.»
Man nimmt es dem wirbligen Musiker, der seine Kindheit in Kamerun zugebracht hat, ohne weiteres ab, dass er mehr für seine als von seiner Musik lebt. Wo immer man ihm begegnet ist - im Avantgarde-Trio Kieloor Entartet, in den Klangpoesien der Singing Drums seines Lehrers Pierre Favre oder im freien Energy Play von Steamboat: Stets war und ist zu spüren, dass er, so sprudelnd lebendig, so offen und heiter er ist, doch gleichsam unberührbar in seiner musikalischen Welt lebt.
Manfred Papst. © NZZ am Sonntag; 2003-04-20; Seite 58; Nummer 016 Kultur
Effektvoll
Meisterschüler von Pierre Favre
«Musik muss dicht und schlau sein, gleichzeitig aber auch leicht und transparent.» Lucas Niggli spricht schnell - er denkt auch schnell. Zappelig sei er schon immer gewesen, sagt der kleine Mann mit Pferdeschwanz und Brille. Und weil er früher in der Klavierstunde die rhythmische Bewegung der Hände auch immer mit den Füssen kommentierte, war ein Wechsel zum Schlagzeug unvermeidlich. Mittlerweile hat sich Niggli, Meisterschüler des Perkussionspoeten Pierre Favre, zu einem der exzellentesten Schlagzeuger des Schweizer Jazz entwickelt. 2002 machte er mit seinen beiden Bands an Festivals im In- und Ausland Furore. Die Stücke, die Niggli schreibt, basieren oft auf vertrackten Polyrhythmen und rhythmischen Modulationen. Das ist unglaublich schwer zu spielen und kommt doch ganz leicht daher. «Mich interessiert Komplexität in der Musik, nicht aber das Komplizierte», meint er dazu.
Dass diese Philosophie letztlich aufgeht, dafür sorgen auch seine hervorragenden Mitmusiker - der virtuose Posaunist Nils Wogram und der lyrische Gitarrist Philipp Schaufelberger im Trio genauso wie Claudio Puntin (Klarinette) und Peter Herbert (Bass) zusätzlich im Quintett. Lucas Niggli interessiert mehr als nur das klassische Jazzdrumming. Energie und Intensität seien im Jazz exemplarisch, ebenso die Freiheit in der Improvisation, meint er. «Was ich aber vermisse, ist der präzise Umgang mit Klangfarben.» Da sei die zeitgenössische Klassik viel weiter. Deshalb scheut er auch nicht vor dem Blick über den Gartenzaun zurück. «Musikalische Dogmen sind mir wirklich fremd», betont Niggli. Jazz, freie Improvisation und zeitgenössische E-Musik lägen ihm gleichermassen am Herzen.
Vermittler zwischen Klassik und Jazz
Diese vielfältigen Einflüsse prägen auch den Sound seines Trios. «Zoom» ist das Konzentrat der verschiedenen Ausdrucksformen, in denen ich mich bewege», sagt Lucas Niggli. Eine Fortsetzung findet die genreübergreifende Verdichtungsarbeit in einer Auftragskomposition des Zürcher Ensembles für Neue Musik, die er bis zum Oktober fertig stellen will. An der Uraufführung werden auch Nigglis Trio und der Sänger Phil Minton mit von der Partie sein. Die unterschiedliche Herkunft der Musiker soll aber nicht zu einer musikalischen Zweiklassengesellschaft führen. Denn für den Komponisten ist klar: Die Klassiker werden auch improvisieren, die Jazzer interpretieren. Auch hier also verbindet Niggli, was sich auf den ersten Blick auszuschliessen scheint.
Roger Nickl, © Aargauer
Zeitung / MLZ; 2003-06-06
© Weltwoche; 2003-05-01; Seite 88; Nummer 18
Jazz
Swingend zwingend
Wie immer, Schweizer Musiker finden sich zu oft in der Fallgrube, die zwischen der Verkennung des Naheliegenden und kulturellem Heimatschutz klafft. Beides ist des Teufels. Beides ficht den Schlagzeuger Lucas Niggli nicht mehr an, dafür hat er lange gearbeitet. Der aktuelle Tourneeplan für sein Quintett Big Zoom zeigt den nahe liegenden und fern gesteckten Hallraum seiner Kunst: 28.4. Bologna, 29.4. Mailand, 30.4. Winterthur (Gaswerk), 1.5. Nigglmühle, 2.5. München, 3.5. Prag, 4.5. Wien, 5.5. Zürich (Moods), 8.5. Genf (AMR), 9.5. Göppingen, 10.5. Bern (Dampfzentrale), 12.5. Besançon, 13.5. Frauenfeld (Eisenwerk).
Lucas Niggli, geboren 1968 in Kamerun, von 1987 bis 1995 Drummer von «Kieloor entartet» und ab 1995 von «Steamboat Switzerland», gründete 1999 sein Trio Zoom mit Philipp Schaufelberger an der Gitarre und Nils Wogram an der Posaune, 2002 Big Zoom: das Trio erweitert um die Klarinette von Claudio Puntin und den Bass von Peter Herbert. Er ist seit 1994 regelmässiger Partner von Pierre Favre, dem Gründervater der Schweizer Schlagzeug-Poesie (was kein Paradox ist). Das kommt nicht von ungefähr. Niggli ist eine seltene Mischung von in architektonischen Konstruktionen denkendem Analytiker, einem gelegentlich fast dadaistisch verspielten Kauz und einem ziemlich handfest vitalen Drummer, der auch schon mal jenen swingenden zwingenden Drive vorlegt, der in den rechtgläubigen Zirkeln der «innovativen Improvisation» noch gestern aufgenommen wurde wie ein Herrenwitz in einem Damenkränzchen. Wie er sind seine Mitmusiker - nicht weil er sie dominiert, sondern weil er sie, ohnehin alles Wahlverwandte, in seine gleichzeitig vegetative und konstruktive Konzeption verstrickt.
Literarisch begleitet von Peter Weber
Das ahnt, wenn ich’s richtig lese, sein Freund, der Schriftsteller Peter Weber, in einem bemerkenswerten Begleittext zur CD «Big Ball», der einen Hälfte von Nigglis jüngster Ernte. Sie dokumentiert die Live-Höhepunkte des Quintetts vom letzten Jahr, eine zweite, «Rough Ride», die des Trios. Liest sich die musikalische Epochentheorie von Weber etwas enigmatisch (der «einst überfettete, jetzt brachgefallene Achtzigeracker», die «gläsernen neunziger Jahre»), ist diese sprachliche Parallelaktion zur Musik nachzuvollziehen: «Aus dem versengten Unterholz steigt Qualm in Schwaden, die Bläser blasen (...) blaue Ferne, Linien, in ihnen stickt sich die Gitarre unverwüstlich entlang (...), wie Ahnungen stehen sie über den rauchenden Rodungsflächen, Melancholien, die Bläser blasen Wolken und warme Ballone, wahrscheinlich über gläsernen Städten, weisen den Weg in den nächsten Dschungel, der (...) zwischen Glasbauten spriesst. Niggli liebt komplexes Gehölz, baut Treppenmelodien, Leitern und Stiegen, um die höher liegenden Beeren zu pflücken, errichtet ein filigranes Leiterwerk, das in die Baumkronen führt, in die Wipfel.»
Etwas verstiegen vielleicht, aber einleuchtend, irgendwie. Nigglis Konzept der kalkulierten Unvorhersehbarkeit ist tatsächlich eine Art Dschungel im Glashaus. Die Musik mag manchem kompliziert erscheinen, ist aber von jener Komplexität, die Kinder auf Anhieb verstehen. Philipp Schaufelberger, dieser raumschaffende, auch in der Zurücknahme beschwörende und betörende Gitarrist, gefällt mir besonders gut. Und Nils Wogram, ein ganzes posaunistisches Universum: leichtfüssig und brachial, butterweich und rau.
Das ist improvisierte und geschriebene Musik (die Grenzen sind schwer auszumachen), die auf engem Raum lange Geschichten erzählt. Abenteuergeschichten. Auch die mögen Kinder. Klingt so die Postpostmoderne? Wir hoffen es.
Peter Ruedi. Die Weltwoche Nr. 18.03
Lucas Niggli Zoom Rough
Ride (Intakt 2003) * * * * *
Lucas Niggli, Schweizer Bandleader
und Komponist, legt grossen Wert auf die Kultivierung individueller “Spielplätze³
für seine Musiker. Gleich zwei neue CDs, einmal im Trio und einmal im
Quintett, fordern zu spannenden Entdeckungsreisen heraus, die Ohren
und Geist öffnen und Emotionen befreien. Berückend charaktervoll sind
die solistischen Passagen. Gitarrist Phillipp Schaufelberger taucht
ein in ein unerschöpfliches Ausdrucks-Reservoire von zarter Lyrik bis
zu verzerrten Klanggewittern. In eine ähnliche Welt ziehen die hochverdichteten
Luftströme von Posaunist Nils Wogram und der musikantische Jubel von
Claudio Puntins Klarinettenspiel unwiderstehlich hinein. Peter Herberts
zupackendes Basspiel und Nigglis grenzenlos variable, mal feinsinnig
mitfühlende und gerne auch lustvoll rockende Rhythmusarbeit sind Energiequelle
und Steuerzentrale. Detailversessen konsequent hat Lucas Niggli das
Improvisatorische in weit gespannte kompositorische Bezüge gestellt.
Da kann die Basis ruhig in seriellen Tonsystemen bestehen und das feinsinnig
Auskomponierte so komplex wie sinfonische Partituren oder ausufernder
Progressive Rock sein Lucas Nigglis Bands schaffen es dennoch, dass
die Musik in jedem Moment auf Hochspannung lebt, dabei emotional und
direkt ankommt!
Nach ihrem Studiodebut "Spawn
of Speed" (Intakt 067) zeigt die Wiederbegegnung mit LUCAS NIGGLI ZOOM
das Trio des Schweizer Schlagwerkers mit seinem Landsmann Philipp Schaufelberger
an der Gitarre und Nils Wogram an Posaune und Melodica nun auch live
in Aktion. Rough Ride (Intakt 082) wurde im Mai bzw. August 2002 auf
den Jazzfestivals in Schaffhausen und Saalfelden mitgeschnitten. 'Zoom'
ist ein geläufiger Begriff in der Film- und Comic-Welt, zwei wesentlichen
Inspirationsquellen für Musiker, die ausgangs des 20. Jahrhunderts auf
der Höhe der Zeit sein wollten, mit John Zorn als quicksten Toonisten
und Zapper. Niggli & Co. beherrschen die Tricks der Beschleunigung,
des Schnitts und der Abkürzung, der Zurückfahrens und der Annäherung,
der Ausschnittsvergrösserung, des Pars pro Toto und der Grossaufnahme
mit einer derart flüssigen Selbstverständlichkeit und Autonomie, dass
die Technik ganz im Resultat, der Dynamisierung des Raumes (Panofsky),
aufgeht. Nichts ist Mache, alles ist nahtloser, transparenter Zauber.
Im kammerjazzigen Wechselspiel dreier nach allen Richtungen hin beweglicher
Handkameras werden Schwerelosigkeit und ein Godard-Feeling suggeriert.
Inwiefern dieser Ritt 'rough' sein soll, leuchtet mir, anders als bei
Nigglis um einiges weniger handzahmen Band Steamboat Switzerland, nicht
spontan ein. Die Gäule sind bestens zugeritten und finden ihren Weg
in Englischen Gärten blind. Auch in der um den brillanten Klarinettisten
Claudio Puntin und den Kontrabassisten Peter Herbert zu LUCAS NIGGLI
BIG ZOOM erweiterten Quintettversion dominieren Transparenz und Leichfüssigkeit.
Big Ball (Intakt 083), ebenfalls live entstanden, überwiegend am 1.9.2002
auf dem Jazzfestival Willisau, bekennt seine tänzerischen Vorlieben
bereits mit Titeln wie 'Drei kleine Tänze' oder 'Space Waltz' und spielt
mit 'Eine kleine Bop Musik' auf seine zwittrige Herkunft aus Alt-Europa
und Neuer Welt an. Abgeklärtheit und Raffinesse mischen sich zu einer
'Between The Lines'-Ästhetik, die dem auf den Kopf gefallenen 'Zeitgenössischen'
wieder auf swingende Füsse zu helfen versucht, wobei der "kontrollierte
Gestus der Neuen Musik", den Marcus Maida zurecht konstatiert, die kurzen
Zügel führt. Um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, dazu fehlt freilich
nicht nur solchen bürgerlichen Aufschwüngen ins Reich der Edelmenschen
das Rezept. Es mag freilich sein, dass in solch zivilisierter Interaktion
mehr gangbarer und wünschenswerter Modus vivendi angelegt ist, als in
konfrontativeren Ansätzen, die dem eigenen Querschlägerimage besser
schmeicheln. Meinen Frieden mit ECM, Winter & Winter und ähnlichen Pillendrehern
fürs komfortable Leben im Falschen möchte ich mir dennoch für die Zeit
nach der Verrentung oder nach der Revolution aufsparen.
3 stars (good)
Der Schweizer Schlagzeuger
Niclas Niggli hat sich in letzter Zeit einen hervorragenden Ruf ertrommelt.
In drei gleichzeitig erschienenen eigenen Gruppen machte er sich auf
der Szenen unentbehrlich. Mit zwei Bands legte Niggli zuletzt Alben
vor, Alben, die sich ebenso gut ergänzen wie die beiden Bands. Wenn
der 35-jährige Schlagzeuger sein Trio Zoom zum Quartett erweitert, summiert
sich die Kraft perkussiver Energie.Freilich verbindet sich Nigglis Energiespiel
immer mit differenzierten Tüfteleien, wie sie seinen ausgeklügelten
Stücken entsprechen. Power und Energie nehmen die Mitspieler Nils Wogram
(tb) und Philipp Schaufelberger (g) auf. Mit ausgefeileten Techniken
und enormen Sounds vervollständigen die beiden das Spiel mit den Genres.
Es fügt sich wie ein Patchwork zu einem Gesamtklang zusammen. Das intensive,
kommunikative Zusammenspiel setzt sich in BIG ZOOM fort, der um Claudio
Puntin (cl) und Peter Herbert erweiterten Gruppe fort. Die Kontinuität
des 1999 gegründeten Trios ist gewahrt, ein Moment, das Niggli wichtig
ist. Hier ist ein Schlagzeuger, der in Musik denkt, will sagen, mit
grosser kompositorischer Auffassungsgabe. Wie er seine Stücke mit Improvisationen
würzt, dabei allerlei klangliche Raffinessen zaubert, dies verdeint
allerhöchsten Respekt.
Big Ball signifies one of
two, concurrent 2003 releases by Swiss drummer Lucas Niggli. As he calls
this band, «Big Zoom.» Here, Niggli steers his quintet thru
spirited free-form exchanges, founded upon climactically oriented cadenzas
spanning softly accented, mood-evoking themes and more. Clarinetist
Claudio Puntin and trombonist Nils Wogram work well together amid contrapuntally
based dialogues, and layered unison lines. While Niggli's very musical
mode of drumming consists of booming polyrhythms, swing beats and understated
accompaniment. On the piece titled «Nirvana,» Puntin molds
fiery phraseology with sanguine lyricism atop the band's gentle flow.
However, the multidirectional demeanor of the group provides an overriding
tone to the entire production, as the musicians employ quite a few diversionary
tactics throughout. The multipart suite titled 'Drel Kleine Tonze,'
features Niggli's booming rock pulses and the hornists' folk-tinged
arrangements and sparkling jaunts. Guitarist Philipp Schaufelberger
renders supple lines during many of these works, but through it all,
the unit maintains an identifiable sound and style.
Deux années séparent
Spawn of Speed (Intakt 067), Rough Ride et Big Ball. L'art du rebond,
cher au percussioniste helvète, semble s'être aujourd'hui
effacé au profit d'un jeu plus concentré sur la frappe
et le coup (il semble en être de même du jeu batteriste
du moment, n'est-ce pas Jim Black?). Mais revenons aux deux dernières
productions de Lucas Niggli. Là où Rough Ride multiplie
pistes, aventures et responsabilités (chaque musicien devenant,
selon le besoin de l'instant, soliste ou accompagnateur), Big Ball reste
prudent dans son itinéraire, les thèmes ou les structures
rythmiques amenant presque toujours au chorus de l'un des musiciens.
A ce jeu-là, c'est le tromboniste Nils Wogram qui s'en sort le
mieux grâce à des solos denses, virtuoses et magnifiquement
construits. Claudio Puntin, Peter Herbert et Philipp Schaufelberger
ne sont pas en reste: modulations excentrées du premier, ruptures
et découpes du deuxième (un air de Bruno Chevillon dans
la gestion des espaces et des relances), guitare voyageuse et ondoyante
du dernier. Rough Ride, malgré l'absence de contrebasse (la grosse
caisse vibratoire du leader remplace parfois celle-ci), me semble ètre
un disque plus aventureux: violences, accélérations, pivots
mouvants, contraintes du cadre, ça joue serré et risqué
ici, dense et souple ailleurs. Deux disques aux itinéraires rigoureusement
précis, détaillés et parfaitement balisés.
Qui s'en plaindra?
Interview with Lucas Niggli