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Über Hull weiss man entweder alles oder nichts. So kursieren zahlreiche Gerüchte darüber, dass die in Ost-Yorkshire liegende Stadt zu den kriminellsten und gefährlichsten Gemeinden Englands gehöre, die Schulen zu den schlechtesten des Landes zählten und die Stadt aufgrund der Perspektivlosigkeit auch die meisten Teenagerschwangerschaften verzeichne. Viele dieser Halbwahrheiten sind Resultat einer blühenden Fantasie, die der mangelnden Kenntnis über die Region geschuldet sind. Denn in Hull lassen sich nicht nur gute Universitäten finden, sondern die mittelgrosse Stadt hat auch historische Bedeutung. So wurde beispielsweise der Anführer gegen Sklaverei und Sklavenhandel, William Wilberforce, in der Stadt an der Mündung des Flusses Hull in den Humber geboren. Doch nach massiven Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg sowie dem Zusammenbruch der englischen Hochseefischerei in den 1970er Jahren hat Hull nicht wirklich die Kurve gekriegt und zählt leider tatsächlich zu jenen Regionen, die nicht nur in der Imagination der hippen Londoner, sondern auch in der wirtschaftspolitischen Landschaft Englands einen blinden Fleck darstellen. Über 65 Prozent der Stimmberechtigten dieser Region haben für den Brexit gestimmt, obwohl der noch heute bedeutende Hafen massgeblich vom Handel mit dem europäischen Festland abhängig ist.
Im Jahr 2017 scheint jedoch alles anders. Hull wurde nach Derry / Londonderry (2013) zum zweiten Standort für die UK City of Culture gewählt und ist somit über das ganze Jahr verteilt Austragungsort einer beeindruckenden Menge an kulturellen Veranstaltungen, die nicht nur das englische, sondern auch internationales Publikum in die Stadt locken sollen. Ganz unter dem Banner der sogenannten kreativen Städte und deren Potential zum wirtschaftlichen Aufschwung präsentiert sich Hull aufpoliert und dennoch nicht gänzlich frei vom melancholischen Grauschleier, der über der Stadt und seinen Menschen zu hängen scheint. Doch wie lässt sich das Verhältnis zwischen den zahlreichen kulturellen Manifestationen in der Stadt und deren Bewohner*innen beschreiben? Wie stehen diese zu dem Umstand, dass die Stadt nun plötzlich zur Bühne für zahlreiche britische Künstler*innen und deren Werke wird?
Anfang Oktober verbrachte ich einen Sonntag in Hull und konnte im Rahmen der UK City of Culture Initiative zum ersten Mal technologische Neuheiten testen und damit einen Einblick in futuristische, beinah postapokalyptische Fantasien erhaschen, von der Fahrt in einem TESLA bis zur Virtual Reality-Brille inklusive Körpersensoren. Dies alles geschah im Kontext von Performances, die genauso wie ihr Schauplatz Hull um Perspektiven einer Gesellschaft der Zukunft kreisten. Wo wollen wir im Jahr 2097 sein? Wie soll unsere Stadt der Zukunft aussehen? Was haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt?
Mit diesen Fragen konfrontiert uns Blast Theory (Blast Theory), das Performance-Kollektiv aus Brighton, in 2097. We made ourselves over vor den Toren eines heruntergekommenen Shopping-Centers ausserhalb des herausgeputzten Stadtzentrums. Auf der Grünfläche zwischen ehemaligen Arbeiterhäusern werden den ganzen Nachtmittag über fünf Filme auf eine Leinwand projiziert. Sie zeigen, wie drei Teenager-Mädchen dazu auserwählt wurden, die Stadt zu zerstören, um diese nach jahrzehntelangem Raubbau an der Natur von neuem aufzubauen. Die Zukunft der Stadt liegt in der Hand dieser drei jungen Frauen, vielversprechenden Führungspersönlichkeiten, die wir im Anschluss an die Filme persönlich kennenlernen dürfen. Von einer Telefonzelle aus ruft man die Nummer 50 2097 an und spricht mit einer Vertreterin der Zukunft. Falls man Glück hat, wird man auserwählt und macht sich in einem schwarzen TESLA auf eine kurze Reise. In dieser interaktiven Eins-zu-eins-Performance resp. während der Autofahrt stellen wir uns die Frage, was wir uns für die Welt wünschen würden, wenn wir diese von Null auf neu gestalten könnten. Welche Veränderungen wünschen wir einer geliebten Person? Welche Fehler der Vergangenheit würden wir vermeiden wollen?
Blast Theory denkt die Apokalypse neu und verspricht Hoffnung. Parallel zur European City of Culture 2017 in Aarhus (Dänemark) findet diese Performance über den ganzen Oktober verteilt an immer wieder neuen Standorten in den beiden Städten statt. Dass das Performance-Kollektiv sich erst zum Ende des Monats in das neu renovierte Stadtzentrum Hulls vorarbeitet, sagt viel über die tief gespaltene Region und deren öffentlichkeitswirksame Präsentation nach aussen hin aus. Denn auch das heruntergekommene Shopping-Center mit seinen One-Pound-Shops gehört zu Hull, genauso die argwöhnischen Blicke der Einkaufenden, die sich erst allmählich für das kulturelle Geschehen, den sogenannten “City of Culture-Stuff“, interessieren. Damit bietet Blast Theory einen sozialkritischen Kommentar zum Versprechen des Konzeptes der kreativen Stadt als Wirtschaftsmotor und lässt mich mit der Frage zurück, wer überhaupt über die Zukunft einer Stadt wie Hull mitbestimmen kann oder vielmehr: sollte?
Auch die site-specific Performance One Day Maybe des ebenso aus Brighton stammenden Theaterkollektivs dreamthinkspeak ( dreamthinkspeak) setzt sich mit der Frage einer unklaren Zukunft auseinander und führt sein Publikum in die Welt eines fiktiven koreanischen Unternehmens namens Kasang ein. Was als Besichtigung des englischen Kasang-Headquarters beginnt, endet als eine Reise in eine ungewisse Zukunft, die uns mit der Frage konfrontiert, wie wir tatsächlich leben wollen. Inspiriert von den demokratischen Aufständen in Korea zu Beginn der 1980er Jahre wird uns mit Kasang ein neoliberales Märchen von Freiheit und unbegrenztem Unternehmertum präsentiert. Denn wie wäre die Welt ohne Samsung, ohne Hyundai oder gar Kia Motors? Diese immersive Performance schwankt zwischen Fiktion und Faktualität: auf der einen Seite versetzt sie uns in das Korea der 1980er Jahre zurück, andererseits skizziert sie jedoch mit der Kasang-Technologie eine Zukunft im digitalen Zeitalter, die alles andere als hoffnungsvoll erscheint. Durch das Narrativ des fiktiven Videospiels Hostage 4 bewegen wir uns als Teilnehmer*innen in ein Labyrinth aus Ungewissheit, brüchigen Versatzstücken der Vergangenheit und neuesten Technologien. So kann ich die Irrgänge der Kasang-Welt nur dann überleben, wenn ich den Wachen entkommen bin und zuvor genügend Punkte mit meinem Kasang-Pad gesammelt habe. Diese wiederum kriege ich nur dann, wenn ich mich dem blinden Shopping-Wahn hingebe und wahllos Sportbekleidung oder Make-up einkaufe.
Wie sich herausstellt, bin ich im Gegensatz zu meinen Mitstreiter*innen schlecht im Shopping, dafür aber gut im Suchen sogenannter Points-of-Interest – das sind sich im Labyrinth befindende Codes, die mir Details über die repressive Situation in den 1980er Jahren verraten. Ich stecke mitten drin in Hostage 4 und gebe mich gänzlich den Performer*innen hin, die mich auf Koreanisch durch den riesigen leerstehenden Gebäudekomplex mitten in Hull lotsen. Gegen Ende führt die Reise in eine mögliche Kasang-Zukunft, die ihre wohl beeindruckendste Manifestation in einer Wand hat, in der wir die zuvor mit VR-Brille erkundete Standardwohnung der Zukunft als Miniatur wiedererkennen. Ihre Bewohner*innen sind allesamt hoffnungslose Figuren, die sich vor dem Fernseher betrinken oder versuchen aus dem Fenster zu springen. Das Spiel zeigt, wie der Kampf für die Demokratie als Kampf um die Rentabilität eines Megaunternehmens entlarvt wird. Die Logik des Kapitalismus wird bis aufs äusserste ausgereizt und offen als Ideologie gebrandmarkt. Kasang ist die düstere Projektion einer Welt, in der es keine Öffentlichkeit mit kritischen Stimmen gibt. Die Menschen bleiben in ihren hochmodernen und dennoch lieblosen Zellen vor grossen HD-Bildschirmen. Was war die Erfahrung? Repression als Vergangenheit, konzentrierte Uniformität die Zukunft? Vielversprechend klingt das nicht, wie die auf jeden Fall einzigartige Theatererfahrung eindringlich deutlich machte.
Beide Performances dringen in die Stadtstruktur Hulls ein und reflektieren deren wirtschaftliche und soziale Situation. Während Blast Theory den “City of Culture-Stuff” in die Wohngebiete verlagert und damit eine direkte Konfrontation verschiedener Welten provoziert und inhaltlich auch reflektiert, bespielt dreamthinkspeak einen verlassenen Bürokomplex, der in den 1970er Jahren sicherlich bessere Zeiten erlebt hat. Was mich letztlich interessieren würde: wie sich die Stadt nach 2017 entwickelt, nach der UK City of Culture. Inwiefern bieten diese grossflächigen staatlichen und privaten Investitionen eine längerfristige Perspektive für die Bewohner*innen, ohne in die brutale Logik der Gentrifizierung zu verfallen? Wie entwickelt sich die von Industrie und Fischerei geprägte Region nach dem Brexit? Das sind offene Fragen, die Hull und das neoliberale Versprechen der kreativen Stadt bewusst offen lassen.