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Arm im
Sinn derGesetzgebung ist derjenige, welcher nicht im stande ist, die für Befriedigung der Bedürfnisse
seiner physischen
Existenz nötigen
Mittel zu beschaffen. Von der
Armut, welche zur Fristung des Lebensunterhalts fremdeHilfe
erheischt, ist der Zustand der Dürftigkeit zu unterscheiden, bei welchem zwar eine Befriedigung der Bedürfnisse der ersten
Existenz, nicht aber auch solcher Bedürfnisse möglich ist, welche aus individuellen oder sozialen Verhältnissen (Klassenbedürfnissen)
erwachsen.
Die
Ursachen der
Armut sind teils individuelle, teils durch äußere Umstände bedingte; teils selbstverschuldete (Müßiggang,
Liederlichkeit,Verschwendung), teils unverschuldete
(Krankheit,
Alter etc.). Zu den letztere gehören insbesondere
auch diejenigen, welche durch äußere Umstände, wie Mißwachs,
Krisen etc., bedingt sind. Spielten unter denselben früher
bei unentwickeltem
Verkehr natürliche Ereignisse, wie Mißwachs, eine große
Rolle, so treten heute mehr solche in den
Vordergrund,
welche Änderungen der sozialem Verhältnisse oder der
Technik (Änderung der Verkehrsrichtung, Vernichtung
des
Handwerks durch die
Großindustrie etc.) entspringen. Ist infolge solcher allgemein wirtschaftlicher Vorgänge,
wie sie vorzüglich in Industriegegenden mit dichter
Bevölkerung
[* 2] zu
Tage treten können, die Zahl der Hilfsbedürftigen sehr
groß, so bezeichnet man einen solchen Zustand als
den der Massenarmut oder desPauperismus (vgl. auch
Proletariat).
Allgemeine Aufgaben der Armengesetzgebung.
Nach richtiger, auch in
Deutschland
[* 3] anerkannter Auffassung hat der
Arme kein vor
Gericht klagbares
Recht auf Armenunterstützung
durch die
Organe des
Staates oder der
Gemeinde, sondern höchstens einen Anspruch gegen nahe, alimentationspflichtige Verwandte.
Nun ist aber das Vorhandensein von
Armen für ein ganzes Gemeinwesen vom Übel und zwar in sozialer wie
in sittlicher Beziehung.
Schon von diesem
Gesichtspunkt aus erwächst, auch wenn von humanen Rücksichten ganz abgesehen und
dem
Armen keinerlei Versorgungsrecht eingeräumt wird, für die
Gesellschaft im eignen
Interesse die in den heutigen Kulturstaaten
allgemein anerkannte Verpflichtung, für ihre
Armen zu sorgen, welche aber keineswegs immer für ihre
wirtschaftliche
Lage ausschließlich verantwortlich
¶
mehr
gemacht werden dürfen. Die Rücksicht auf das Gesamtinteresse gebietet, daß bei Beantwortung der Grundfragen des Armenwesens
einfach nur mit der Thatsache gerechnet wird, daß überhaupt Arme vorhanden sind. Darum ist auch nicht einmal Staatsangehörigkeit
als Vorbedingung der Unterstützung Hilfloser zu fordern, obschon es politisch geboten ist, durch internationale, auf Gegenseitigkeit
beruhende Verträge für die billige Durchführung dieses Grundsatzes zu sorgen.
Die deutsche Armengesetzgebung gewährt auch dem in Not geratenen Ausländer Unterstützung. Bei dieser Sorge hat sich, wenn
sie eine befriedigende sein soll, die Thätigkeit von Privaten, freien Vereinen, Gemeinden und des Staates gegenseitig zu unterstützen
und zu ergänzen. Um dies zu ermöglichen, sind besondere Armenordnungen nicht zu umgehen, durch welche
die Bedingungen und Formen der Armenpflege bestimmt und geregelt werden. Die Aufgaben der Gesellschaft sind teils präventiver,
teils repressiver Natur.
Nächst dem polizeilichen Zwang hat auch das Strafrecht in Wirksamkeit zu kommen, insbesondere gegen diejenigen, welche infolge
von Spiel, Trunk, Müßiggang unfähig wurden, ihre Angehörigen zu ernähren (so in Deutschland nach dem Strafgesetzbuch, §
361, Nr. 5, während in England eine Bestrafung unter anderm auch bei Entlaufen aus dem Arbeitshaus eintritt).
Die Maßregeln und Anstalten der Armenpflege, deren Aufgabe es ist, die Armen in angemessener Weise zu versorgen und die hierfür
erforderlichen Mittel, sofern sie nicht aus allgemeinen Fonds fließen, aufzubringen und die Armenlasten zweckentsprechend
zu verteilen, sind verschieden, je nachdem es sich um erwerbsfähige oder um ganz oder nur teilweise
erwerbsunfähige Personen handelt.
Während man ganz oder nur teilweise erwerbsfähigen Armen in Arbeitshäusern oder außerhalb derselben Beschäftigung verschaffen
kann, werden erwerbsunfähige schon im Interesse einer geordneten Verpflegung, welche meist besondere technische Einrichtung
erfordert, in eigne Anstalten verbracht, so Waisen, sofern sie nicht, was bei kleiner Zahl auch zweckmäßig,
gegen Kostgeld in Familien gegeben werden, in Waisenhäuser, alte und kranke Personen in Armenhäuser, Versorgungsanstalten, Hospitäler,
Taubstummen-, Irrenhäuser etc. Anstalten dieser Art sind je nach dem Umfang, den sie einnehmen müssen, und nach der Zahl
der zu versorgenden Personen bald als Gemeinde- oder Bezirks-, bald als Provinzial- oder Staatsanstalten
zu errichten und zu unterhalten.
Bei vorübergehender Erwerbsunfähigkeit, wie Krankheit des Familienvaters, oder bei
teilweiser Erwerbsunfähigkeit (Witwen)
wird in der Regel die Unterstützung, welche im letztern Fall eine ergänzende sein muß, am besten außerhalb solcher Anstalten
und zwar meist durch Gewährung von Naturalien, wie Arznei, Kleidung, Bezahlung der Miete etc., erfolgen.
Im übrigen ist es schwer, das Wesen und die Aufgabe der Armengesetzgebung in eine bestimmte, allgemein gültige Formel zu
fassen.
Die Bedürfnisse eines modernen Industriestaats mit dichter Bevölkerung sind wesentlich verschieden von denjenigen eines
in seiner Entwickelung weniger vorgeschrittenen, nur Ackerbau treibenden Staates. Die Besonderheit der gesamten
Kulturentwickelung, vorzüglich der allgemeinen religiösen und Rechtsanschauungen, hat überall der praktischen Armenpflege
ihr besonderes Gepräge verliehen. So ist denn auch der Zustand der gegenwärtigen europäischen Armengesetzgebungen ein
sehr verschiedener, wie sich aus folgendem ergibt.
Dem Armen gehörte ein Teil des Ackerlandes, die Ackerecke (peah), welche vom Eigentümer nicht abgeerntet werden durfte, dann
die Nachlese, d. h. alles, was nach der Ernte
[* 7] auf dem Acker blieb, ferner der Armenzehnte, nämlich jedes dritte Jahr der zehnte
Teil der ganzen Ernte; endlich war in jedem siebenten Jahr (Jubeljahr) die ganze Ernte gemeinschaftlich. Das Gesetz bestimmte
auch genau die Höhe des Almosens, das den herumziehenden Armen gereicht werden mußte.
Der Arme hatte also nach mosaischem Recht einen Anspruch auf Unterstützung. Eine logische Folge dieser Zwangsarmenpflege war
es, daß das mosaische Gesetz auch genaue Bestimmungen darüber traf, wer als arm und wer als reich anzusehen sei. Ähnliche
Anschauungen beherrschen noch heute die orientalische Welt. Auch beim Islam ist bürgerliches und kirchliches
Regiment vereinigt. Das Almosen ist jedoch nach dem Koran nicht der von Gott dem Armen zugewiesene Anteil an den Gütern des Landes,
sondern es ist die Sühne der Sünde gegen Gott und wird bald geradezu vorgeschrieben, bald nur vom Gesetz empfohlen. Das erzwungene
Almosen ist der Zehnte, der teils zur Unterstützung des Islam, teils für die Armen bestimmt ist und von
jedem erhoben wird, welcher bei gesundem Verstand, volljährig, frei und wohlhabend ist. Das Betteln ist nur denjenigen gestattet,
welche nicht für einen Tag Existenzmittel haben.
im Krieg Verstümmelten, später alle, die weniger als 3 Minen (ungefähr gleich 240 Mark) hatten und arbeitsunfähig waren,
erhielten Anspruch auf Staatsunterstützung, welche nach vorgängiger Untersuchung durch die Fünfhundert von der Volksversammlung
im höchsten Betrag von 2 Obolen (täglich 20 Pfennig) zuerkannt wurde. Außerdem half man sich auch durch genossenschaftliche
Verbände (eranoi), welche auf Gegenseitigkeit gegründet waren. Die daraus erhaltenen Unterstützungen mußten nach
wiedererlangten bessern Vermögensumständen rückvergütet werden. In Rom
[* 10] findet sich ebenfalls lange Zeit weder eine staatliche
noch eine religiöse Vorschrift, welche die Unterstützung der Armen zur Pflicht gemacht hätte.
Auch die Licinischen und Gracchischen Gesetzvorschläge (leges agrariae), welche die Verteilung der Staatsländereien unter
die armen Bürger zum Gegenstand hatten, gehören hierher. Erst Cäsar hob den Charakter der Armenpflege bei den Getreidespenden
mehr hervor, indem er die Zahl der Empfangsberechtigten auf 150,000 festsetzte und dabei bestimmte, daß
nur die Armen diese Spenden unentgeltlich empfangen sollten. Eine Bestimmung darüber, wer als arm zu betrachten sei, wurde
indes nie getroffen, auch dann nicht, als unter den ersten Kaisern nicht mehr Getreide, sondern Brot
[* 13] in der Art verteilt wurde,
daß jede Tribus eine Anzahl Anweisungen (tesserae) erhielt, die sie unter ihre Angehörigen zu verteilen
hatte.
Diese tesserae wurden in den Tribus wieder nicht nach Bedürfnis verteilt, sondern man konnte sie kaufen, wieder veräußern,
unter Aurelian sogar vererben. Erst unter Nero und Hadrian kamen neben diesen Verabreichungen aus dem Staatsvermögen noch
wirkliche Wohlthätigkeitsanstalten insbesondere für Kinder vor, Alimentationen genannt, die sich dann
auch auf die Provinzen erstreckten. Sie wurden aus dem Privatvermögen der Kaiser gestiftet. Auch in Rom findet sich übrigens
neben dieser Fürsorge des Staates für die Armen unter den Zünften eine Privatwohlthätigkeit für die Kranken, Witwen und Waisen
der Zunftmitglieder.
Mit dem Christentum erhielt die Wohlthätigkeit wieder einen religiösen Charakter. Dieselbe wurde dabei
lange Zeit, ähnlich der Auffassung des Islam, als Gott wohlgefälliges Werk, mithin als Selbstzweck angesehen, so daß es
wenig darauf ankam, wem und wie man gab, sondern nur darauf, was man gab. Erregte doch selbst das Betteln so wenig Anstoß,
daß es durch die Bettelorden eine Art religiöser Weihe erhalten konnte. Die Verwaltung der größern
für die Armen bestimmten Stiftungen wurde, vielfach veranlaßt durch die Geistlichkeit, der Kirche überwiesen und so von letzterer
mit der Zeit als ihr Recht in Anspruch genommen.
Die Kirche selbst ging dabei mit gutem
Beispiel voran, indem sie aus ihrem reichen Einkommen oft den vierten
und dritten Teil für die Armen bestimmte. Diese kirchlichen Gaben reichten sehr bald nicht mehr hin, da sie bei mangelnder
Organisation derArmenpflege und bei unrichtiger Verteilung die Armut förderten, statt sie zu mindern. So kam die Kirche dahin,
ihre politische Macht zu gebrauchen und zur Armenunterstützung zu zwingen, und als die natürliche Grundlage
hierbei erschien ihr die christliche Gemeinde.
Nicht weniger erheblich ward die genossenschaftliche Armenunterstützung, die von Gilden und Zünften im
spätern Mittelalter ausging. Dieselbe erstreckte sich zwar nur auf Gildeangehörige, hatte jedoch dadurch eine große Bedeutung,
daß das Gildenwesen das ganze bürgerliche Leben des Mittelalters umfaßte. Einen Schritt weiter ging man inEngland. In Deutschland
fand sich im Mittelalter keine Bestimmung darüber, wer überhaupt Anspruch auf Unterstützung habe. In
England bestimmte wenigstens König Egbert, daß nur derjenige Unterstützung erhalten solle, welcher nicht im stande sei,
mit seiner HändeArbeit sich zu ernähren.
Dagegen weist das angelsächsische Recht keine Spur davon auf, daß die Gemeinde zur Unterhaltung ihrer Armen verpflichtet sei.
Nur in den skandinavischen Staaten, in Schweden,
[* 15] Norwegen, vor allem aber in Island
[* 16] (die Graugans), hat sich
schon im Mittelalter ein vollständig ausgebildetes System der Armenpflege entwickelt. Wer vier Wochen ohne festen Sitz im Land
umherzieht, wer einen solchen Bettler unterstützt, ist friedlos. Für die wahrhaft Armen hat zunächst der Verwandte je nach
der Erbberechtigung zu sorgen. Jeder hat außerdem einen Armenzehnten zu entrichten für diejenigen Armen, welche auf diesem
Weg keine Unterstützung erhalten. Die Versammlung der Freien entscheidet über die Dürftigkeit.
Die Zahl der Armen und das die öffentliche Ordnung gefährdende Bettelwesen nahmen in den nichtskandinavischen ReichenEuropas
mit der Zeit dergestalt überhand, daß der Staat gezwungen wurde, dem Armenwesen seine Aufmerksamkeit zu widmen.
Anfangs geschah dies nur durch Bettelverordnungen und die allgemeine Bestimmung, wer und von wem die Unterstützung zu beanspruchen
sei. Mit der Zeit entwickelte sich jedoch ein vollständigeres System der Armenpflege und zwar zunächst in England.
Die vielen Kriege, von welchen dieses Land heimgesucht wurde, und welche häufige Entlassungen von der
Arbeit entwöhnten Söldnern zur Folge hatten, sowie die allmähliche Auflösung des Lehnswesens und der Leibeigenschaft förderten
die Entstehung einer auf Bettel und Raub angewiesenen zahlreichen Menschenklasse, während es gleichzeitig an Arbeitern zur
Bebauung des Landes fehlte. Infolgedessen setzte sich die englische Gesetzgebung eine doppelte Aufgabe:
einmal die direkte Beseitigung der Landstreicherei durch Strafgesetze, sodann die Sorge, ländliche Arbeiter für den Ackerbau
zu gewinnen. Für alle Arten¶
Erstattungswesen in Armensachen und die Armenstreitsachen. In territorialer Hinsicht werden die Nachweise eingehend bis auf
die Verwaltungseinheiten (Kreise,
[* 19] Bezirksämter etc.) gebracht und überdies für jeden Kreis
[* 20] etc. Städte, Landgemeinden, Gutsbezirke
und gemischte Armenverbände unterschieden. Als öffentliche Armenunterstützung galt für die Erhebung eine jede seitens eines
Orts- oder Armenverbandes gewährte dauernde oder vorübergehende, ein- oder mehrmalige oder außerordentliche
Unterstützung.
Dagegen blieben außer Betracht die auf Grund des Krankenversicherungsgesetzes gewährten Leistungen, ausdrücklich als Vorschüsse
gewährte Beihilfen, die Befreiung von öffentlichen Lasten und vom Schulgeld, die Gewährung von Suppen aus öffentlichen Suppenanstalten,
Beihilfen durch die kirchliche Armenpflege sowie Unterstützungen durch Privatpersonen oder Privatvereine.
Nach den Aufnahme-Ergebnissen sind im J. 1885 im DeutschenReich 1,592,386 Personen (oder 3,40 Proz. der Bevölkerung) durch die
öffentliche Armenpflege unterstützt worden, nämlich 856,571 Selbstunterstützte (Familienvorstände und Einzelnstehende)
und 705,815 Mitunterstützte (mit den Familienvorständen zusammenlebende Ehefrauen und noch nicht 14 Jahre alte Kinder oder
Kindeskinder derselben). Nach den Ursachen der Hilfsbedürftigkeit gruppieren sich die Unterstützten
wie folgt:
Krankheit des Unterstützten selbst oder in seiner Familie erscheint hiernach als die wichtigste Ursache der Hilfsbedürftigkeit.
Die Ausgaben für die öffentliche Armenpflege erreichten im J. 1885 den Betrag von 92,452,517 Mk. oder von 1,97
Mk. auf den Kopf der Bevölkerung, durchschnittlich für einen Unterstützten in
Als arm bezeichnet man denjenigen, der nicht so viel an wirtschaftlichen Gütern besitzt,
als zur Deckung des zur Lebenserhaltung notwendigsten Bedarfs erforderlich ist. Das Maß dieser notwendigsten Güter bestimmt
sich entweder durch die menschliche Natur (Nahrung, Kleidung, Wohnung), oder durch außerhalb des Individuums liegende Anschauungen
sozialer Art; so kann man z. B. heute die elementare Bildung zu solchen notwendigen Lebensgütern zählen.
Es dürfte wohl mit jeder Gesittung oder Kultur von jeher die Neigung vorhanden gewesen sein, den Mitmenschen solche fehlende
notwendigste Güter aus freiem Antrieb zukommen zu lassen.; die Anschauung von einer Pflichtmäßigkeit einer solchen Überführung
der notwendigsten Lebensgüter von den sie Besitzenden zu den sie Entbehrenden oder Armen entstand aber
in ausgesprochenerm Maße erst durch die christliche Religion.
Seit der Christianisierung Europas bildete die Sorge für die Armen eine wesentliche Aufgabe der Klöster und Stifte, und mit
Entstehung der Städte entstand fast gleichzeitig eine auf religiösem Motiv beruhende Fürsorge für die verarmten Gemeindegenossen,
welcher die zahlreichen Bürger-, Geistspitäler u. dgl.
ihre Entstehung verdanken. Nach der Kirchenspaltung war es insbesondere die helvetische Konfession, welche diesen Inhalt der
katholischen Religion als wesentlichen Bestandteil
übernahm.
Bis heute noch lebt dieses Prinzip der religiösen Pflichtmäßigkeit der Fürsorge für die Armen, allerdings wesentlich an
Intensität und Umfang geschwächt, fort. Neben dasselbe und vielfach an dessen Stelle trat, vornehmlich
in der sogen. Aufklärungszeit, das humanitäre Prinzip, welches die Pflichtmäßigkeit der Sorge für die Armen in dem Gedanken
der allgemeinen Menschlichkeit begründet findet. Dessen Bedeutung war verhältnismäßig ziemlich gering und seine praktische
Ausführung infolge der Verschwommenheit des Begriffs eine meist unmögliche; wir sehen es heute noch
vorwiegend z. B. in den freimaurerischen humanitären Vereinigungen und Anstalten und dann
in den nichtkonfessionellen Vereinen zur Abhilfe gegen die Armut nachwirken. Im laufenden Jahrhundert macht sich ein neues Prinzip
der Pflichtmäßigkeit der Fürsorge für die Armen geltend.
Allerdings wird die Wirksamkeit dieses modernen Prinzips vornehmlich von dem religiösen, dann aber auch von dem humanitären
gestützt, begleitet und durchkreuzt. Die wirtschaftliche Organisation derGesellschaft sieht ihre letzte Wurzel
[* 22] darin, daß jedes Individuum sich die Lebensgüter selbst zu beschaffen habe, wozu im allgemeinsten Sinne die Arbeit dient.
Die Fürsorge für die Armen muß daher zunächst dahin gerichtet sein, die Individuen in stand zu setzen, entlohnte Arbeit,
die Grundbedingung der Existenzmöglichkeit, in zureichendem Maße vorzufinden und erst in zweiter Linie,
falls dies infolge von in der Gesellschaft oder im Individuum liegenden Gründen unmöglich ist, die Erhaltung der Individuen
schlechthin vorzunehmen.
Dieser Gedanke, der sich in der heutigen bürgerlichen und in der jüdisch-konfessionellen Armenfürsorge in ausgesprochenem
Maße vorfindet, hat in der christlichen Anschauung keine zureichende Ausgestaltung erfahren, und es ist dies
einer der Hauptumstände, welche dieselbe auf dem Gebiet der Armenfürsorge zu Falle brachten. Im allgemeinen handelt es sich
dabei um Zuführung von so viel entlohnter Arbeit, resp. Lebensgütern, daß die dringendsten Bedürfnisse befriedigt werden
können. Die Gesellschaft sieht hierin eine Notwendigkeit, woraus sich für die öffentlich rechtliche Organisation derselben,
den Staat und den Inbegriff seiner Organe, eine administrative Pflicht ergibt. Derselben steht jedoch ein
Recht des Individuums nicht gegenüber. Damit ist unleugbar eine Lücke der öffentlichen Organisation gegeben, welche zu überbrücken
erst versucht werden müßte.
Man nennt nun den Inbegriff aller derjenigen von der öffentlich organisierten Gesellschaft ergriffenen Maßregeln, welche
auf die Aufhebung der Armut abzielen, die Armenverwaltung; dieselbe ist ein Teil der innern Verwaltung und zwar derjenigen,
welche sich auf das gesellschaftliche Leben, die Klassenbewegung, bezieht. Der Inbegriff der auf die
¶
mehr
Armenverwaltung gerichteten staatlichen und Selbstverwaltungsgesetze, Verordnungen und Statuten bildet das Armenrecht. Innerhalb
des Gebietes der Armenverwaltung ist das Gebiet der Armenpolizei zu unterscheiden, welche in einem zweifachen besteht. Erstlich
in der Vorbeugung gegen Verarmung durch gewisse Beschränkungen der persönlichen Freiheit (bezüglich Freizügigkeit, Eheschließungen,
Hasardspiel, Genuß geistiger Getränke etc.) und zweitens in der Beseitigung solcher Armutserscheinungen,
welche eine Gefahr oder einen Nachteil für die Gesellschaft darstellen (Bettelei, Landstreichertum etc.). Mit der Armenpolizei
begann die öffentliche Armenverwaltung, und die Zeit seit Mitte des 16. Jahrh. bis tief in
das 19. Jahrh. hinein ist z. B. mit sogen.
Bettlerordnungen reichlich gesegnet. Es ist jedoch leicht ersichtlich, daß eine einfach vorbeugende
und negativ-repressive Thätigkeit, welch letztere vornehmlich in der Polizeipraxis der Abschiebung bis heute sehr verbreitet
ist, nicht zureichen konnte, und zwar dies selbst dann nicht, wenn man die außerordentlich ausgebreitete konfessionelle
Fürsorge für die Armen zu jener Zeit mit in Betracht zieht.
Die Armenverwaltung mußte einen positiven Inhalt bekommen, und denselben kann man am besten als Armenpflege
bezeichnen, welche nun mit der Armenpolizei das Gebiet der Armenverwaltung erschöpft. Die Armenpflege beugt nicht vor, sondern
beschäftigt sich mit der vorhandenen Armut, und sie will nicht die Gesellschaft durch Beseitigung der Armutssymptome schützen,
sondern sie will die Armut aus der Gesellschaft durch Beseitigung der Verarmungsursachen entfernen.
Wenn aber nun die Armenpflege doch schon ihre Stellung in der öffentlichen Verwaltung gefunden hat, so
geht lange noch nicht alle Armenpflege von der öffentlichen Gewalt aus. Es wird vielmehr von der Gesellschaft selbst, unmittelbar,
d. h. ohne Vermittelung ihrer öffentlichen Organisation, für die Armen Sorge getragen. Geschieht dies aus rein religiösen
oder humanitären Motivenan sich, so spricht man von wohlthätigkeit, welcher planmäßiges Vorgehen nicht
wesentlich innewohnen muß.
Die private Armenpflege geht von religiösen Organen, von privaten Vereinigungen und endlich von Einzelpersonen aus. Die letztgenannte
Form stellt sich meist als das planlose Almosen dar, welches als Ausfluß
[* 26] religiöser oder humanitärer
»Wohlthätigkeit« nicht selten mit der planmäßigen sozial-ökonomischen Armenpflege in direktem Gegensatz steht und die letztere
sehr behindert. Von enormer Wichtigkeit ist dagegen jene Spendung von Mitteln, welche seitens der Einzelpersonen nicht direkt
an den Bedürftigen, sondern an die Organe der Armenpflege erfolgt und deren Thätigkeit häufig überhaupt
erst möglich macht.
Die Armenpflege der kirchlichen Organe ist heute sehr eingeschränkt, da in mehreren katholischen Staaten (z. B. Frankreich,
Österreich) deren diesbezügliche Thätigkeit durch das Eingreifen der öffentlichen Gewalt fast ganz beseitigt wurde und
eine solche in andern Staaten allmählich außer Übung kam oder, wie in den Gegenden augsburgischen Bekenntnisses,
nie recht in Übung stand. Was die weiten Gebiete der griechisch-orthodoxen Religion anbelangt, so entbehren diese der Armenpflege
überhaupt fast ganz und auch vollkommen einer kirchlichen Organisierung derselben.
Somit stellt sich als der einzig belangreiche Zweig der privaten Armenpflege die Vereinsarmenpflege heraus, welche
im 19. Jahrh. zu einer großen Blüte
[* 27] anwuchs, nachdem die kirchliche Vereinsthätigkeit, die Brüderschaften und ähnliches
mit Ende des 18. Jahrh. ihre Bedeutung allmählich eingebüßt hatten. Die dem Zwecke der Armenpflege gewidmeten Vereine scheiden
sich in konfessionelle und bürgerliche oder weltliche. Unter den konfessionellen ragen vornehmlich die katholischen Vinzenzius-Vereine
hervor, welche eine großartige, in einem Einheitspunkt zusammenlaufende Organisation besitzen; ferner
sind verschiedene konfessionelle Frauenvereine, die protestantischen Gustav-Adolf-Vereine und die zahlreichen jüdisch-konfessionellen
Vereine zu nennen.
Überhaupt entstanden die Vereine auf dem Boden der Armenpflege zuerst als konfessionelle, und ziemlich spät, meist erst in der
zweiten Hälfte des laufenden Jahrhunderts, folgten ihnen, sie vielfach ablösend, die bürgerlichen oder
nichtkonfessionellen. Die bedeutendste Rolle unter diesen letztern spielen die Vereine gegen Verarmung und Bettelei, welche
nach dem Muster des Berliner
[* 28] Vereins sich allmählich, vornehmlich über die deutschen und deutsch-österreichischen Länder
verbreiteten. Sie stehen vollkommen auf sozial-ökonomischem Boden und operieren mit allen Mitteln der rationellen
Pflegethätigkeit. Auch auf dem Boden der bürgerlichen Vereine sind, wie auf dem
¶
Eine ganz besondere Stellung nimmt der Deutsche
[* 30] Verein fürArmenpflege und Wohlthätigkeit ein, der sich
mit der Ausgestaltung der Armenpflegemethoden befaßt und seine Thätigkeit in jährlichen, von Ort zu Ort wechselnden Zusammenkünften
der Mitglieder sowie durch Veröffentlichung von einschlägigen Schriften, Diskussionen, Referaten, Statistiken etc. ausübt.
Nun ist es begreiflich, daß ein Nebeneinandergehen von öffentlicher und privater, vornehmlich also Vereinsarmenpflege
nicht ungeregelt erfolgen dürfe, soll der Zweck der Armenverwaltung auf die beste Art erreicht werden.
Die Beziehungen, welche sich aus der Erwägung dieses Umstandes ergeben, führen zunächst zu den ganz freien Vereinen, bei
denen das bemerkte Moment nicht beachtet wird, und welche demgemäß ganz unabhängig, oft durchaus nicht zur Förderung des
Zweckes, neben der öffentlichen Armenpflege einherschreiten; dann zu den mit öffentlichen Elementen versetzten
Vereinen, bei welchen die Verknüpfung der privaten mit der öffentlichen Armenpflege als notwendig erkannt und in verschieden
intensivem Maße auch durchgeführt ist. Es muß nun als einer der wesentlichsten Fortschritte in der Armenpflege bezeichnet
werden, daß die Spaltung in zwei ganz unabhängige Durchführungsgebiete fallen gelassen werde. Dies
kann natürlich nur so erfolgen, daß die Vereine ihren Zweck nur im Rahmen der öffentlichen Armenpflege, in steter Fühlung
und Unterordnung unter die letztere, zur Durchführung bringen. In dieser Hinsicht ist allerdings noch sehr viel zu thun.
Die gegenwärtige Armenpflege wird in methodischer Beziehung von Prinzipien regiert, von welchen keines
übersehen werden darf, soll der Erfolg mit den geringsten Mitteln und größtem Nutzen erreicht werden. Das erste ergibt
sich schon aus dem sozial-ökonomischen Charakter des heutigen Armutsbegriffs und verlangt, daß jeder Arme zunächst in stand
gesetzt werde, durch Arbeit selbst seine Existenz zu wahren; nur im Falle der Arbeitsunmöglichkeit erfolgt
die Erhaltung durch die organisierte Gesellschaft.
Das zweite Prinzip steht in vollkommenem Gegensatz zu der echt individualistischen Auffassung des Almosens, welches nur einzelne
Arme kennt, und besteht in der Wahrung der Familie. Jede rationelle Armenpflege muß den einzelnen, der ihr Anlaß zum Einschreiten
gibt, aus dem Rahmen seiner Familie heraus beurteilen; danach ist immer das Familienhaupt (Vater, Witwe)
das nächstliegende Angriffsobjekt, und daraus ergibt sich auch rein der Begriff der Waisenpflege.
Das dritte Prinzip, dasjenige der Individualisierung, verlangt, daß jeder Einzelfall einer Verarmung mit seinen Ursachen und
allen Begleitumständen klargestellt werde, und daß das Eingreifen der Pflege sich genau an diese Eigenart
des Falles anschließe; es ist gerade dieses
mit dem kritiklosen Almosengeben gleichfalls in vollstem Widerspruch stehende
Prinzip, dem die Armenpflege heute ihre größten Erfolge verdankt. Übrigens ist klar, daß mit der Notwendigkeit der Individualisierung
der so enorm zahlreichen Armutsfälle nicht nur eine kolossale Anzahl von Pflegepersonen, sondern auch
eine ungemeine Verfeinerung des Vorgangs bedingt ist.
Der vierte und letzte Grundsatz endlich ist jener der Konzentration, d. h. jeder Armenpflegevorgang muß mit allen übrigen
im Zusammenhang stehen und alle von einem gemeinschaftlichen Punkte aus ihre Leitung empfangen. Die beiden Vorteile, welche
sich aus einer konzentrierten Armenpflege ergeben, sind einerseits Geld- und Kraftersparnis und anderseits,
was noch wichtiger ist, Vermeidung von vervielfachter Beteiligung und damit vollständige Verhinderung der Professionsbettelei.
Die Forderung nach Konzentration kommt vornehmlich rücksichtlich der Scheidung in die öffentliche und private Armenpflege und
innerhalb aller der an einem Orte (z. B. Großstadt) wirkenden Organe der letztern untereinander in Betracht.
Sie hat ihren bisher besten Ausdruck in der auch bereits anderwärts nachgeahmten Zentralstelle des Verbandes der Wohlthätigkeitsvereine
in Dresden
[* 31] (gegründet 1883) gefunden, ersetzt aber natürlich nicht eine Organisation, welche etwa in der stärkern oder schwächern
Verschmelzung aller Armenpflegeorgane zu einem einheitlichen Organ bestehen würde.
Gehen wir nun auf den technischen Prozeß der Armenpflege selbst ein, so begegnet uns zunächst der durchgreifende
Unterschied zwischen der offenen und geschlossenen Durchführung der Armenpflege. Die letztere erfolgt in Anstalten, wie z. B.
Armen-, Waisen-, Krankenhäusern, Naturalverpflegestationen u. dgl.,
während der Arme bei der erstern in seinem eignen Heim verbleibt. Die Vorzüge oder Nachteile jeder der
beiden Arten sind bei den einzelnen Gebieten der Armenpflege verschieden und die ganze Frage nach der Zweckmäßigkeit des einen
oder des andern noch nicht entschieden.
Was die Geldbeteilung und Naturalverpflegung anbelangt, so hat die erstere mit der offenen Durchführung sowie die Naturalverpflegung
mit der geschlossenen engere Fühlung, obgleich damit keine Übereinstimmung der Gebiete gesagt ist. Bis
heute wurde die Geldbeteilung in Gemäßheit des geldwirtschaftlichen Charakters unserer Zeit auffallend und nicht zum Vorteil
der Durchführung bevorzugt; erst in der allerjüngsten Zeit beginnt die Naturalbeteilung, welche in den ersten Tagen der Armenpflege
die vorwaltende war, wieder ihren wohlverdienten Platz einzunehmen.
Der Haupterfolg, der mit ihr zu erzielen ist, ist die Vermeidung von leichtfertiger Verwendung der Geldspenden, aber auch
die Erzielung einer größern Billigkeit bei der Massenanschaffung oder Selbsterzeugung durch die Gemeinden. Der Gegensatz von
vorübergehender und dauernder Verpflegung findet sich nahezu in allen Armenordnungen in irgend einer
Weise ausgeprägt. Für gewöhnlich stehen den Pfründen u. dgl. sogen.
außerordentliche Unterstützungen etc. gegenüber. In jüngster Zeit beginnt man aber (ob ganz
mit Recht, ist noch zu entscheiden) an der Berechtigung einer solchen Zweiteilung zu zweifeln, indem man von dauernder Verpflegung
überhaupt absehen will und jede Armenpflege als eine vorübergehende Hilfe ansieht; in ältern Systemen
steht dagegen dieser Gegensatz in voller Kraft.
[* 32] Die Scheidung in volle und teilweise Verpflegung kann unter Umständen von Bedeutung
werden, ebenso
¶
Der Begriff der Armut umfaßt nur diejenigen Personen, deren wirtschaftlicher Besitz zu ihrem Lebensunterhalte
nicht ausreicht. Es gehören dahin einerseits die Erwerbsunfähigen, andererseits die Erwerbsfähigen, die aus zeitlichen
oder persönlichen Gründen nicht erwerben können oder wollen. Völlig verschieden davon ist das «Proletariat»
(s. Proletarier). Nach den Ursachen, welche bei den einzelnen Personen die Armut hervorrufen, spricht man von unverschuldeter
und verschuldeter Armut.
Unmündige, die kein Vermögen besitzen und ihren Ernährer verloren haben, Personen, die ohne ihr Zuthun durch Krankheit oder
Unglücksfälle ihr Eigentum eingebüßt haben und arbeitsunfähig geworden sind, Arbeiter, denen ungünstige
Verhältnisse im Lande die Erwerbsquellen verschließen, sind unverschuldet arm. Nicht überall ist die Armut gleich verbreitet.
Wenig Arme giebt es z. B. bei wilden Volksstämmen in warmen Klimaten, in Ländern, die sich vorzugsweise mit Ackerbau und Viehzucht
[* 33] beschäftigen, und wo die meisten Einwohner Grundbesitzer sind.
Viele Arme dagegen finden sich überall da, wo die Bevölkerung stark angewachsen ist, die Industrie fast
alle Hände in Anspruch nimmt, der Wettbewerb eine große Rolle spielt, der Grundbesitz in den Händen weniger liegt u. s. w.
Gerade die großen und reichen Städte beherbergen besonders auch deshalb viele Arme, weil dort am freigebigsten und oft ganz
planlos Almosen gespendet werden. Stellt sich in einem Lande ein Zustand ein, in dem viele Menschen sich außer stande sehen,
sich den notwendigen Lebensunterhalt zu erwerben, so nennt man diesen Zustand Massenarmut, Pauperismus (s. d.).
Auf die Armut wirken die Zeitereignisse oft mächtig ein. Bedeutende Stockungen in wichtigen Erwerbszweigen, schlechte Ernten,
starke Erhöhung der Preise vieler Güter, Revolutionen und Kriege können in wenigen Jahren die Armut außerordentlich steigern.
Die gesamte Thätigkeit zur Beseitigung der Armut faßt man unter der Bezeichnung Armenwesen zusammen. Zu diesem gehören alle diejenigen
Maßregeln, welche das Entstehen der Armut verhindern sollen, die vorbeugenden Mittel; ferner diejenigen, welche
die Armen und namentlich solche, die ihre Armut verschuldet haben, zwingen sollen, sich mit eigenen Kräften ihre Lebensbedürfnisse
zu verschaffen, die Maßregeln der Armenpolizei; drittens die Unterstützung der zeitig und dauernd erwerbsunfähigen Armen,
die Armenpflege, sei sie nun öffentliche oder private Armenpflege, und endlich die Beseitigung der vorhandenen Armennot
durch allgemeine Einrichtungen sehr verschiedener Art, wie z. B. Arbeitsanstalten,
Arbeitsvermittlungsstellen, Verpflegungsstationen, Arbeiterkolonien, Auswanderung u. s. w.
Was die Mittel zur Verhütung der Armut betrifft, so gehören zu ihnen alle diejenigen, welche den Volkswohlstand zu heben
geeignet sind; alle Maßregeln, die die körperliche, geistige und sittliche Entwicklung der einzelnen Staatsbürger fördern,
Kenntnisse und Geschicklichkeiten unter den arbeitenden Klassen, aus denen zumeist die Armen hervorgehen,
verbreiten, den Zutritt zu einträglichen Beschäftigungen erleichtern, die Produktion kräftigen, die bessere Verteilung
der Güter ermöglichen und auf die Ausdehnung
[* 34] des Verkehrs hinwirken.
Außer diesen entferntern Mitteln zur Verhütung der Armut giebt
es aber auch andere näherliegende, z. B. die Sparkassen
(s. d.), das Gesamtgebiet der Arbeiterversicherung (s. d.), die Hilfs- und Darlehnskassen und -bureaus
(s. d.), die Anstalten, die den Ärmern den billigen Ankauf der Lebensbedürfnisse ermöglichen u. s. w. Alle diese Mittel setzen
aber freilich, wenn sie wirksam sein sollen, voraus, daß die Personen, denen sie geboten werden, den festen Willen haben,
sich vor derArmut zu schützen.
Mit den Personen, die diesen Willen nicht haben, beschäftigt sich die Armenpolizei. Ihr Zweck ist, diejenigen, welche durch
eigene Verschuldung arm sind und die Verschuldung fortsetzen, durch Verbote und Zwangsmaßregein zur Erwerbung des eigenen
Unterhalts und des ihrer nächsten Angehörigen anzuhalten. In erster Linie hat es die Armenpolizei zu
thun mit Bettlern, arbeitsscheuen Landstreichern, sittlich verwahrlosten Kindern u. s. w. In der Regel ist dabei der Armenpolizei
das Recht zugesprochen, die bestraften Bettler und Landstreicher nach Abbüßung ihrer Strafe auf Monate und Jahre in Besserungsanstalten
und Arbeitshäuser (s. d.) zu verweisen und sie dort zu regelmäßiger Arbeit anzuhalten und an dieselbe
zu gewöhnen. Außerdem darf sie dieselben in ihre Heimatsgemeinde zurückschicken und die Entfernung ans derselben untersagen.
Ebenso ist ihr die Befugnis erteilt, sittlich verwahrloste Kinder in Rettungshäusern (s. d.) unterzubringen.
Vorzugsweise beschäftigt sich mit den Armen die öffentliche Armenpflege. In der Regel liegt dieselbe in der Hand der Gemeinde,
der die Armen angehören, seltener in der Hand von Vereinen und Genossenschaften, denen eine gesetzliche Verpflichtung obliegt.
Fast allgemein ist die Verpflichtung des Staates und der Gemeinde zur Gewährung der Armenunterstützung anerkannt. Die öffentliche
Armenpflege hat sich in der Regel nur mit den ganz oder teilweise erwerbsunfähigen Armen zu beschäftigen.
Zu den erwerbsunfähigen Armen gehören in erster Linie arme Kinder, die elternlos (Waisen), oder deren Eltern für sie ausreichend
zu sorgen nicht im stande sind oder diese Pflicht versäumen.
Für den Unterhalt solcher Kinder hat die öffentliche Armenpflege ganz und gar oder nur teilweise einzutreten. Das erstere
ist der Fall bei den armen Waisen, mit denen sich die Waisenpflege, als Zweig der Armenpflege, beschäftigt,
indem sie dieselben in eigenen Anstalten (Waisenhäusern, s. d.) unterbringt
und erzieht oder geeigneten Familien als sog. Kostkinder gegen Entschädigung zur Unterhaltung und Beköstigung anvertraut.
Ähnlich wird mit Findelkindern verfahren, für die in einigen Staaten (nicht in Deutschland) eigene Anstalten,
die sog. Findelhäuser (s. d.), bestehen.
Ebenfalls erwerbsunfähig sind auch Personen in hohem Alter und Geisteskranke, für die weder Angehörige, noch, beim Fehlen
einer Versicherung, irgendwelche Versicherungsanstalten zu sorgen haben. Erstere werden in Armenhäuser, Versorgungsanstalten,
Hospitäler, u. s. w. aufgenommen oder durch Geld unterstützt; letztere in Irrenhäusern untergebracht. Für die
armen, hilflosen Kranken sind Krankenhäuser fast überall vorhanden; bringt man sie in Familien unter, so sorgt die Armenpflege
für Wohnung, Unterhalt, Pflege, ärztliche Behandlung und Arznei. Zu den teilweise Erwerbsunfähigen dagegen gehören diejenigen
Personen, welche durch Körperschwäche, Gebrechen, Kränklichkeit, herannahendes Alter u. s. w.
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nur einen Teil ihres Unterhalts zu beschaffen vermögen. Bei ihnen tritt die Armenpflege nur ergänzend ein. Ausnahmsweise
werden von der Armenpflege auch arbeitsfähige Personen berücksichtigt, wenn sie aller Bemühungen ungeachtet Arbeit nicht
zu finden vermögen. Der Nachweis, daß die Bemühung vergeblich gewesen sei und daß Arbeitsscheu nicht vorliege, muß indes
geführt sein, und überhaupt wird diese Art Unterstützung nur dann zugelassen, wenn infolge von ungünstigen Verhältnissen
im Lande die Produktion daniederliegt. Doch auch in diesem Falle wird in manchen Ländern, z. B. in England, die unmittelbare
Armenunterstützung nicht gewährt, sondern der Eintritt in ein Arbeitshaus (workhouse) gefordert (s.
Arbeitshäuser). Ein sehr bedeutsamer Zweig der Armenpflege ist die Armenschulpflege (s.
Armenschulen).
Die Bedingungen der Armenunterstützung und die Formen der Armenpflege werden am zweckmäßigsten durch eine Armenordnung bestimmt
und geregelt. Dieselbe setzt fest, wer als arm anzusehen, welche Unterstützungen den einzelnen Klassen der Armen und wie sie
gewährt werden sollen, welche Behörden an der Spitze der öffentlichen Armenpflege stehen, durch welche
Organe (Armenpfleger, Armenkommissionen) die Bedürftigkeit ermittelt und die Armenunterstützung verteilt werden soll, wie
die nötigen Mittel zu beschaffen sind, wer verpflichtet ist, einzelnen Armen (z. B. als Anverwandter, Berufsgenosse) zu Hilfe
zu kommen, u. s. w.
Vielfache Nachahmung hat das zuerst in Elberfeld
[* 36] durchgeführte System erfahren, das eine strenge Individualisierung
der Armenpflege mit persönlicher Beratung und Wiederaufrichtung der einzelnen verarmten Personen anstrebt und die thätige
Teilnahme der wohlhabenden Einwohner zu Gunsten ihrer notleidenden Mitbürger fordert. Elberfeld ist in verschiedene Armenbezirke
und mehrere hundert Quartiere so eingeteilt, daß der einzelne Armenpfleger in der Regel nicht mehr als 4 Familien
seine Thätigkeit zu widmen hat.
Dieses System bietet noch den großen Vorteil, daß die öffentliche Armenpflege sich in engste Beziehung zu der Verwaltung der
privaten Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine setzen kann. Die Kosten der öffentlichen Armenunterstützung werden entweder
durch besondere Armensteuern (s. d.) aufgebracht oder von den Gemeinden oder
dem Staate bestritten. Letzteres ist das Richtige. Besondere Armensteuern schwächen bei den Steuerzahlern den Trieb zur Privatwohlthätigkeit
und erwecken bei den Armen den Gedanken eines persönlichen Rechtsanspruchs. Die Bezeichnung Armentare ist den Engländern
entlehnt, welche die Kosten der Armenpflege vorzugsweise durch Armensteuern zu beschaffen pflegen.
Es betrugen die Kosten der öffentlichen Armenpflege in:
Die Privatarmenpflege wird sich, wenn sie wahrhaft wohlthätig wirken soll, immer den durch die staatliche und kommunale
Armenpflege gegebenen Schranken anbequemen müssen, während diese ihr Augenmerk darauf zu richten hat, den engsten Zusammenhang
mit der Privatwohlthätigteit und deren ausgiebigste Ergänzung zu suchen. Die amtliche Armenpflege muß sich auf das Dringendste
beschränken, während doch darüber hinaus vieles wünschenswert erscheint, was nur durch freie Mildthätigkeit, wenn auch
keineswegs durch blindes Almosengeben, erreichbar ist.
Ohne organisatorische Einrichtungen wird die Privatarmenpflege fast immer so gut wie wirkungslos bleiben. Dazu drängt
schon der Umstand, daß für solche Einrichtungen sich Verhältnismäßig leichter Teilnahme im Volke erwecken
läßt als für Almosenspenden. Bisher sind beispielsweise durch Privatwohlthätigkeit für die Jugend Krippen oder Säuglingsbewahranstalten,
Kinderhorte, Sonntags-, Nachhilfe- und Erwerbsschulen, Anstalten zur Versorgung mit Schulbüchern und Bekleidung, Taubstummen-
und Blindeninstitute, für erwachsene Leute Arbeits- und Arbeitsnachweisungsanstalten, Leih- und Rentenanstalten, Wasch- und
Badehäuser, Rettungsinstitute und Vorschußkassen, Suppenanstalten, Einrichtungen zur billigen Beschaffung
der Lebensbedürfnisse, Baugesellschaften zur Herstellung guter Wohnungen, für ältere Leute Alters- und Invalidenheime und
andere Einrichtungen begründet worden.
In der Regel wirkt die Privatwohlthätigteit durch freie Vereine für bestimmte Zwecke; seltener sind allgemeine Armenpflegevereine.
Außerdem beteiligen sich an ihr Vereine und Genossenschaften, und namentlich haben in neuerer Zeit auch in
Deutschland die kirchlichen Gemeinden eine eigene kirchliche Armenpflege, welche materielle Unterstützung mit sittlicher
und religiöser Hebung verbindet, hervorzurufen gesucht. So dürfte in dem Zusammenarbeiten des Staates und der Gemeinde mit
der Kirche und der Privatwohlthätigkeit die Zukunft der Armenpflege liegen.
Aus der umfänglichen Litteratur über Armenwesen sind hervorzuheben: de Gérando, De la bien-faisance publique
(4 Bde., Par. 1839);