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Oft sind es Zufälle, dass man auf etwas Wertvolles stösst. Bis zum 19. Januar kannte ich den Namen Max Tau nicht. Aber am Morgen hörte ich beim Autofahren die Sendung «Kalenderblatt» im Deutschlandfunk. An diesem Tag wurde an Max Tau erinnert, der vor 125 Jahren geboren worden war, am 19. Januar 1897. Der Beitrag des Radiosenders, so das Ergebnis meiner Recherchen in den folgenden Tagen, war der einzige im Internet zu findende zu diesem Geburtstag. Und auch sonst gibt es nur ein paar wenige Einträge, in denen man ein wenig mehr über Max Tau erfährt.
Das, was ich lesen konnte, hat mich sehr beeindruckt.
Zwei Schulen sind nach ihm benannt. Seit 1967 eine Schule in Kiel, und seit 1998 heisst eine Schule in Norwegen «Deutsche Schule Oslo – Max Tau».
Auf der Internetseite der Kieler Schule las ich: «Max Tau studierte bis 1928 in Kiel Literaturwissenschaft, arbeitete dann in Berlin beim Cassirer Verlag als Lektor und gilt als Entdecker vieler wichtiger Schriftsteller, zum Beispiel von Marie-Luise Kaschnitz, Luise Rinser und Wolfgang Koeppen. 1938 halfen ihm Freunde, Deutschland zu verlassen, weil er als Jude in Lebensgefahr war. Viele seiner Angehörigen und Freunde sind von den Nationalsozialisten umgebracht wurden. In Norwegen konnte er leben und arbeiten, bis er 1942 vor den deutschen Besetzern nach Schweden floh. Mitten im Krieg half er dort, einen Verlag für deutsche Literatur zu gründen.»
Herzenswärme
Dann folgen die Passagen, die mich besonders angesprochen haben.
«Nach dem Ende des Krieges 1945 setzte sich Max Tau sofort für die Versöhnung der von den Nationalsozialisten überfallenen Länder mit Deutschland ein sowie für die Aussöhnung von Juden und Christen. Er blieb bis zum Ende seiner Lebenszeit in Oslo, arbeitete dort als Lektor und schrieb Bücher über sein Leben. […] In seinen zahlreichen Reden sprach er über die Verständigung der Menschen und den Frieden der Völker.
1950 war er der erste Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Viele Auszeichnungen und Preise folgten. […] 1965 ernannte ihn die Kieler Universität zu ihrem Ehrenbürger. […] Einmal im Jahr besuchte er die Schule, und die Schüler und Lehrer liebten ihn wegen seiner Herzenswärme.»
Es folgt noch ein Satz, den der damalige Schulrat bei der Einweihungsfeier der Max-Tau-Schule am 23. Juni 1967 sagte: «Wer sich zu Max Tau bekennt, bekennt sich zur Verständigung, zur Brüderlichkeit.»
«Versucht, die Menschen einander näher zu bringen»
Der Deutschlandfunk zitierte am 19. Januar den Mitbegründer des Friedenspreises, Friedrich Wittig: Die Haltung von Max Tau war «keine vage Schwärmerei. Sondern die wissende Liebe eines vom politischen Schicksal gejagten Menschen, der trotz schwerer Erfahrungen den Glauben nicht verloren hat, dass wir alle Geschöpfe eines Gottes sind, verbunden in aller Zerspaltenheit». In seiner Kindheit habe er erlebt, «dass die Konfessionen in Eintracht und Frieden miteinander leben können». Diese Erfahrung habe ihm «die Kraft gegeben, mitzuhelfen, die Wege der Versöhnung zu bahnen». Dann zitiert der Sender noch aus Taus Roman «Denn über uns ist der Himmel»: «Versucht nicht, die Welt durch Pläne und Organisationen zu verbessern. Versucht einander näher zu kommen, die Menschen einander näherzubringen, mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand.»
Woanders lese ich, Max Tau habe sich auch dafür eingesetzt, dass Albert Schweitzer den Friedensnobelpreis erhält. 1955, drei Jahre nach der Auszeichnung für Schweitzer, hat er ein kleines Büchlein über diesen anderen grossen Menschenfreund geschrieben.
Glaube an den Menschen gegen das Gift des Misstrauens
Natürlich habe ich auch sofort nach der Laudatio und der Rede des Preisträgers selbst anlässlich der Verleihung des ersten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 22. April 1950 gesucht. Der Laudator Adolf Grimme, sozialdemokratischer Politiker in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik, fand damals Worte, die hochaktuell klingen. «Sie [sind] ein lebendiger Zeuge dessen, dass es auch für den einzelnen möglich ist, in einem Zeitalter teuflischer Inhumanität dem Humanen menschliche Gestalt zu geben. Dieser skeptisch belächelte, wenn nicht verachtete Imperativ des ‹Glaube an den Menschen›. Sie haben ihn zum Gesetz Ihres eigenen Lebenswegs gemacht. […] Und geworden sind Sie es deshalb, weil der Grundzug Ihres Wesens das Vertrauen ist. Wenn mehr Menschen so wären wie Sie, Herr Tau, dann stünde es besser um uns alle und würden die Nationen friedlich miteinander leben. Dass Sie so sind, wie Sie sind, ist nur möglich, weil Sie gegen das Gift des Misstrauens immun geblieben sind, jenes Misstrauen, dass in unserer Zeitlage zu jener Weltkrankheit geworden ist, die den Menschen in seiner nackten Existenz bedroht.»
«Wer den Frieden will, muss erst den Frieden in sich selbst schaffen»
Dann die Sätze von Max Tau selbst – vor mehr als 70 Jahren gesprochen. Sind sie nicht auch heute wieder hochaktuell?
«Es ist nicht die Arbeitslast, die die Menschen drückt, es ist die Sinnlosigkeit, die oft zur Verzweiflung treibt.»
«Der Friede ist unteilbar. Keiner kann ihn allein erreichen. Alle müssen versuchen, ihn zusammen zu finden. Der Krieg ist sinnlos. Keine Macht kann den Frieden diktieren. Nur die geistigen Kräfte vermögen ihn zu sichern.»
«Der Mensch ist einsam geworden. Er kann alle technischen Verbindungen in einem Augenblick herstellen, aber die einzige Verbindung, die ihm unentbehrlich ist, die Verbindung zum Menschen, ist abgebrochen. Die mechanisierte Welt erschwert, was die menschliche fordert. Zu Menschen kann man nur hinwachsen. Wer den Frieden will, muss erst den Frieden in sich selbst schaffen.»
Hoffnung auf die Jugend und das Zusammenwirken der Generationen
Besondere Hoffnung setzte Max Tau auf die Jugend und das Zusammenwirken der Generationen.
«Jeder Mensch wird mit einem Traum geboren. Er will das Wesentliche seines Eigenen in der Welt verwirklichen. […] Darum müssen wir versuchen, den Geist des Friedens in den Kinderherzen zu bewahren. Darum vermag nur die Jugend eine unpolitische neue geistige Friedensbewegung ins Dasein zu rufen. Die jungen Menschen in allen Ländern, die Überlebenden aus den Konzentrationslagern, sie wissen, dass nur der, der sich überwunden hat, die Versöhnung finden kann. Er sieht das Licht in allen Dingen. Er glaubt, weil er sich selbst gefunden hat. Er besitzt Vergebung, weil er die Leiden kennt. Von ihm strahlt der neue Geist der Versöhnung aus.»
Sein Appell an die Jugend:
«Von hier aus geht der Ruf an alle jungen Menschen aller Nationen. Wir möchten so gerne, dass die Jugend zu den Gelehrten ihres Landes geht, um zu erfahren, welche Werte das Leben hat. In jedem Land sollen die jungen Menschen das Märchen ihres Lebens schreiben. Die Eigenart der Anschauung, die Melodie der Muttersprache sollen das hohe Lied vom Leben singen, und der verantwortliche Forscher soll in knappen Sätzen die Gefahr des Krieges verkünden. Die Jugend in allen Ländern soll dann bestimmen, wer das Märchen vom Sinn des Lebens am besten erzählt hat.»
Den Menschen wieder zu einer ethischen Grundlage verhelfen
Von den deutschen Verlegern fordert Max Tau die Einrichtung einer «Friedensbücherei» – er selbst hat sechs Jahre später eine solche in Zusammenarbeit mit internationalen Verlagen gegründet. Der Literatur misst er eine besondere friedensstiftende Bedeutung bei:
«Die Literatur befindet sich in einer Schicksalsstunde. Von ihrem Geist hängt es ab, ob wir den Frieden erreichen können. Sie trägt die Verantwortung, den Menschen wieder zu einer neuen ethischen Grundlage zu verhelfen. […] Was den Politikern nicht gelungen ist, das muss dem Geist und der neuen Literatur gelingen – die Wiedererweckung des Vertrauens, die Ehrfurcht vor dem Leben und den Respekt vor dem Menschen zu erneuern.»
Am Ende seiner Rede schliesst er den Bogen zum Beginn.
«Die Menschen müssen wieder versuchen, sich zu finden. Der Friede kann nur von Mensch zu Mensch geschlossen werden. […] Wenn durch die Kraft der Seele wieder das Vertrauen für den Geist erweckt werden wird, dann wird der Himmel des Friedens für alle Länder wieder erreichbar sein. […] Die Opfer aller Länder haben uns eine Verpflichtung auferlegt. Wir müssen uns der Verpflichtung der Toten würdig erweisen.»
Nun habe ich mir drei Bücher von Max Tau bestellt, antiquarisch: «Trotz allem. Lebenserinnerungen aus siebzig Jahren», «Albert Schweitzer und der Friede» und «Glaube an den Menschen». •
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