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Von Florian Leu, Redaktor bei «NZZ Folio»
Ich lese in letzter Zeit eher Bücher als Zeitungen. Ich habe immer stärker den Eindruck, von Büchern wesentlich mehr zu lernen als von Medien, auch was die Formenvielfalt betrifft, die sprachliche Spielfreude. Deshalb: Hier ein paar Buchempfehlungen, ein einziger Hinweis auf eine Reportage und auch ein paar Hörhinweise – fast schon in Buchlänge.
«Globale Bewegungsfreiheit» von Andreas Cassee: Es ist höchste Zeit für philosophische Texte, die aktuelle Themen auf stringente, klare, kluge Weise betrachten. Cassee ist ein Philosoph aus Zürich, dessen intellektuell sehr bewegliche Dissertation gerade bei Suhrkamp erschienen ist. Hier ein Auszug.
«Was this man a genius?» von Julie Hecht: Andy Kaufman bezeichnete sich selbst nicht als Komiker, sondern als Song and Dance Man. «I just want to mess with their heads», war seine Antwort auf die Frage, was er vor Publikum eigentlich tut. Hecht setzt ihr kurzes Buch über ihn aus dichten Beschreibungen zusammen: Kaufman nach einem Auftritt auf Long Island, zu Besuch bei seiner Mutter, in einem Vorstadt-Diner tief in der Nacht. So entsteht das subtile Portrait eines Ungreifbaren, kein Wort zu viel. Obwohl Kaufman bestritt, ein Komiker zu sein, ist das Buch doch zu einer unterschwelligen Untersuchung dessen geworden, was Komik eigentlich ausmacht. Zur Einführung für jene, die ihn noch nicht kennen: Andy Kaufman als «Foreign Man».
«Known and strange things» von Teju Cole: Eine Sammlung von Portraits, Aufsätzen, Vorträgen, Reportagen, Essays. Ein Beispiel: Cole geht einer seiner liebsten Fotografien nach, «Men on a Rooftop, São Paulo» von René Burri, die Ikone eines unfassbar stratifizierten Landes. Cole sucht nach Burris Standort, als der das Bild aufnahm, und reist dabei durch die brasilianische Metropole, die sich während des zwanzigsten Jahrhunderts so rasch wandelte, dass Paulistanos mit einem gewissen Recht sagen können, sie hätten nicht nur in einer, sondern in vielen Städten gelebt.
«Quando a cidade era mais gentil» von Martin Jayo (auf portugiesisch): Jayo ist ein brasilianischer Historiker, der eine Gabe für Kürzest-Essays hat. Er sammelt alte Bilder seiner Stadt: São Paulo auf vergilbten Postkarten, in den erstaunlich gut konservierten Farben alter Dias, im Sepia alter Fotografien. Meines Wissens gibt es leider noch immer kein grosses Werk über die Geschichte der Stadt, das sich etwa mit Suketu Mehtas «Maximum City: Bombay Lost and Found» oder Joseph Mitchells grandioser Geisterbeschwörung New Yorks «Up in the Old Hotel» vergleichen liesse. Jayos Kurztexte sind ein Ersatz. Kleine Schnappschüsse, die über die vielen gesellschaftlichen Schichten Auskunft geben, Verwerfungen andeuten, den Marginalisierten nachspüren, geschrieben in einem schlichten, federleichten Portugiesisch.
An Veranstaltungen wie dem Reporter-Forum wird manchmal so getan, als wäre das Erzählen ein besonders fintenreiches Unterfangen – du musst nur die Tricks und Kniffe kennen, dann steht dir nichts mehr im Weg. Das Wichtigste wird oft vergessen: Dass man einfach etwas zu sagen haben muss. Das ist auch das Prinzip des amerikanischen Erzählcafés «The Moth» – die Teilnehmerin, der Teilnehmer hat jeweils fünf bis fünfzehn Minuten Zeit, um eine wahre Geschichte aus ihrem oder seinem Leben zu erzählen. Ashok Ramasubramanian hat das besonders charmant getan. Und die Liebesgeschichte der Astrophysikerin Janna Levin, ach, die ist wunderbar verschlungen.
«No doubt I've gotten a million things wrong»: Terry Gross führt seit vielen Jahrzehnten Interviews, ihre Sendung heisst «Fresh Air». Gross ist in den USA sehr beliebt, wurde auch schon in den «Simpsons» gewürdigt. Seit langem gibt es einen Hype, was amerikanische Podcasts betrifft, und ohne Zweifel sind «Radiolab» oder «Love & Radio» anregende Sendungen. Oft aber wirken sie meiner Meinung nach überproduziert, unterlegt mit zu vielen Piepsern und sonstigen Soundeffekten. Gross macht einfach ganz normale, bullshitfreie und nur schon deswegen aussergewöhnliche Interviews, ähnlich wie Studs Terkel. Das Gespräch mit der Schriftstellerin Mary Carr ist eins von vielen, und doch eins meiner liebsten. Zwei Stimmen, the rest is silence.
«Music is Music» Noch ein Podcast. Jede Woche stellen die Leute von «Music is Music» eine Künstlerin, einen Künstler vor. Die Episoden dauern selten länger als zehn Minuten, und sind von wohltuender, unaufgeregter Intelligenz.
«Virtuelle Liebesspiele in Japan» von Roland Fischer: Eine Reportage über die Fans des Computerspiels «Loveplus», die mit dem beträchtlichen Problem ringen, dass sich die virtuellen Freundinnen in den Äusserungen nur noch wiederholen. Was damit zu tun hat, dass das Spiel mehr als zwei Jahre lang kein Update mehr bekommen hat. Aus meiner Sicht ist dieser grosse Text nur halb geglückt. Aus folgendem Grund: Leider sitzt Fischer zu sehr dem Cliché des neurotischen, sonderbaren, unfassbar struben Japaners auf, vor allem in der zweiten Hälfte seines Artikels. Dabei hätte das Thema – ähnlich wie Spike Jonzes Film «Her» – eine tiefere Meditation über romantische Liebe werden können. Im Sinn des Wortes: Du begehrst, was du nicht haben kannst. Die Reportage hätte so vielleicht berührender, tragischer werden können, wenn diese Typen nicht einfach als superlativistische Weirdos dargestellt worden wären. Sondern als die letzten wahren Romantiker. Dennoch ein sehr interessanter Artikel.
«Sum» von David Eagleman: Eagleman ist Neurologe, sein Buch «Sum» eine Fundgrube für interessant und neuartig erzählte Texte, hier ein Auszug.
«Botany of Desire» von Michael Pollan: Das Buch steuert etwas zum Thema bei, worüber man in der Schule und in den Medien selten wirklich Spannendes erfährt – Pflanzen. Es besteht aus vier Kapiteln, handelt von Äpfeln, Kartoffeln, Tulpen und Cannabis. Dabei gelingt es Pollan auf leichtfüssige Weise, die Genres zu überschreiten, die Kapitel sind eine anregende Mischung aus Reportage, Kulturgeschichte, Erfahrungsbericht. Was wirklich besticht, ist jedoch die Perspektive, angedeutet im Untertitel: «A plant's-eye view of the world.»
«Anarchist Calisthenics» von James C. Scott: Scott ist Politologe, ein emeritierter Yale-Professor. Er hat ein Buch («Six Easy Pieces on Autonomy, Dignity, and Meaningful Work and Play») geschrieben, das aus einer Reihe von knappen Denkstücken besteht, gewissermassen der Steinbruch einer anarchistischen Theorie. Anarchismus nicht als Schreckgespenst, wie es bürgerliche Medien oft sehen («Chaos»), sondern als egalitäre Organisationsform für eine Gesellschaft. In diesem Auszug geht es um sinnlose, aber dennoch alltagsbestimmende Verbote, über die man sich öfter hinwegsetzen sollte.
«In the Mood for Love» von Jeff Pourquié: «La revue dessinée» ist eine französische Reportagenzeitschrift, die nur aus gezeichneten Geschichten besteht. Eine Rubrik ist besonders schön, «La revue des cinés» – eine Auseinandersetzung mit jeweils einem Film, der dem Zeichner, der Zeichnerin wichtig ist. Pourquié hat sich in der letzten Ausgabe mit Wong Kar Wais «In the Mood for Love» beschäftigt – ein Remix, der fast noch schöner ist als das Original. Nur am Kiosk oder im Buchhandel, hier eine winzige Vorschau.
Um Trump doch nicht ganz auszulassen, hier wieder ein Hinweise zu einem Buch: George Packers «The Unwinding» («Die Abwicklung») ist oft gelobt worden, unter dem Blickwinkel der Wahlen scheinen mir zwei kurze Kapitel daraus besonders relevant: das über Newt Gingrich und jenes über Andrew Breitbart. Gingrich gilt politischer Ahne Trumps, was die Grellheit und Gehässigkeit angeht, die Lust an der politischen Obstruktion. Und Breitbart, weil er mit seinem Blog wie wenig andere das Zeitalter des Postfaktischen vorwegnahm, als dessen herausragenden Vertreter man Trump sehen kann. Kürzlich war Packer bei der bereits erwähnten Terry Gross zu Gast, das Interview ist hörenswert, weil Packer auch hier die historische Perspektive betont.
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