Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03186.jsonl.gz/2455

Es liegt in der Natur der alchemistischen Schriften, dass sie schwer zugänglich und verständlich sind. Noch dazu haben solche Drucke oftmals eine obskure Editionsgeschichte. In besonderem Mass trifft dies auf Heinrich Kunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae zu. Wie Umberto Eco schreibt, ist die posthum erschienene Hanau-Ausgabe dieses Werkes eine unter vielen aber weitaus die bekannteste. Der Deutsche Arzt, Alchemist und Kabbalist Heinrich Khunrath (1560-1605) gab den Druck bereits 1595 in kleiner Auflage vermutlich in Hamburg für einen engen Kreis von Eingeweihten heraus. Während die spätere Hanau-Ausgabe heute in mehreren Bibliotheken und Sammlungen vorhanden ist, ist die Erstausgabe mit nur gerade zwei bekannten Exemplaren sehr rar.
Die Exemplare der Hanau-Ausgabe sind keineswegs alle gleich gebunden. Bei vielen fehlen einzelne Tafeln und deren Anordnung im Text variiert von Exemplar zu Exemplar:
Lorsqu’on signale à un collectionneur un exemplaire de l‘ Amphitheatrum, sa première question est: y-a-t-il la planche avec la chouette? (Appelée aussi orfraie). Ensuite même question pour la planche avec les ennemis (Eco, S. 18).
Die Tafel mit der Eule, die Eco hier anspricht, fehlt im Exemplar der ETH-Bibliothek tatsächlich, während die offenbar eher seltene Tafel der „Feinde“ – dieser erstaunliche J.J. Grandville „avant la lettre“ – vorhanden ist:
Tafel „Feinde“ (Khunrath umgeben von seinen Feinden, die in Grandville‘ scher Manier als Vögel und Insekten dargestellt sind)
Selbst ein gewiefter Bücherwurm wie Eco bekundet seine liebe Mühe mit der Vielzahl von verschiedenen Ausgaben des Amphitheatrum. So gibt es nicht nur verschiedene Kollationen der Hanauer und Hamburger Ausgaben, sondern auch mehrere Phantome, die zwischen und nach diesen Ausgaben in den Katalogen und in der Literatur herumgeistern.
Ein mögliches Szenario
Im kriminalistischen Stil, wie wir ihn von Il Nome della Rosa her kennen, versucht Eco schliesslich, die Verwirrung aufzulösen: 1595 möchte der gute Khunrath seine Karriere mit dem Amphitheatrum krönen und lässt die runden Platten schneiden. 1598 ist er schon so weit, dass er um das königliche Druckprivileg anfrägt. 1602, schreibt und datiert er den Epilog und lässt die Titelseite gravieren – dies um Zeit zu gewinnen. In den drei Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 1605 gibt er Instruktionen für die Herstellung der rechteckigen Tafeln. 1605 tritt sein Freund Erasmus Wolfart auf den Plan und gibt das Werk in den Druck – es erscheint 1609 mit entsprechendem Kolophon. Hier passiert nun das Entscheidende: A) Der Drucker Guillaume Antoine bindet seine Ausgabe mit allen bereits existierenden Tafeln und fügt das mit 1602 datierte Titelblatt hinzu. Auf diesen Moment hat der gerissene Buchhändler von Magdeburg Levinus Brauns nur gewartet, denn er sitzt bereits seit 1608 auf einem Stapel von Titelblättern, die mit 1608 datiert sind, und die er nun in seine Lieferung der 1609er Ausgabe einfügt und diese sozusagen „vordatiert“, um den drohenden Verlust des königlichen Druckprivilegs abzuwenden. Oder Hypothese B): Levinus Brauns ist der tatsächliche Auftraggeber und sonst irgend ein Schlitzohr missbraucht die Exemplare aus Hanau, indem er sie sie mit dem Titelblatt von 1602 zirkulieren lässt.
Ungelöste Fragen
Wie auch immer das gewesen sein mag, ist damit die Diversität der Hanauer Ausgabe noch nicht geklärt. Wie kommt es, dass in einigen Hanauer Exemplaren die Eule und wieder in anderen die Tafel mit den „Feinden“ fehlt? Weshalb erscheinen die Tafeln derselben Ausgabe in verschiedener Reihenfolge? Eco kommt zum Schluss, dass wahrscheinlich jedes Exemplar der Hanau-Ausgabe ein Unikat ist. Die 16 Exemplare, die er vergleicht, weisen alle eine andere Abfolge der Tafeln auf. Eine Überprüfung unseres Exemplars zeigt, dass auch hier die Tafeln in einer Sequenz auftreten, die in keinem anderen Exemplar zu finden ist. Auch unser Exemplar mit der Reihenfolge „Titelblatt, Porträt, Feinde, Christus, Adam, Rebis, Laboratorium, Designatio Pyramidum, Porta Amphitheatri, Adumbratio Gymnasii, Hypotyposis Arcis, (Eule fehlt)“ darf somit als weltweit einzigartig gelten.
Titelblatt
Porträt
Feinde
Christus
Adam
Rebis
Laboratorium
Designatio Pyramidum
Porta Amphitheatri
Adumbratio Gymnasii
Hypotyposis Arcis
Links:
Literatur:
Roland Lüthi: „Ein typisches Unikat: Das Exemplar von Heinrich Khunraths Amphitheatrum Sapientiae Aeternae (Hanau 1609) in der ETH-Bibliothek“ in Librarium, Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft, Heft II/III, Zürich: November 2013 (S. 99-107).