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Vor Kurzem stolperte ich über ein Gedicht von Thich Nhat Hanh, das mich sehr stark bewegt hat. Und weil es auf mich so viel Kraft und Bedeutung ausstrahlt, möchte ich es gerne mit dir teilen.
Für diejenigen, die nicht vertraut sind: Thich Nhat Hanh war ein bedeutender Zen-Meister unserer Zeit. Geboren in Vietnam, fand er später in Plum Village, Frankreich, seine Zuflucht im Exil. Leider ist er vergangenes Jahr verstorben. Durch seine Schüler:innen lebt sein Vermächtnis aber weiter.
Nachfolgend findest du „Nenne mich bei meinen wahren Namen“ in einer deutschen Übersetzung. Interessierst du dich für die Originalversion? Den Link zur englischen Fassung sowie ein PDF der deutschen Übersetzung findest du am Ende dieses Beitrags. Zudem habe ich dieses berührende Gedicht in einer Spezialausgabe des Zwischenhalt-Podcasts für dich eingelesen.
Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen – Thich Nhat Hanh
Sag nicht, dass ich morgen gehen werde –
denn selbst heute komme ich noch an.
Schau genau hin: jede Sekunde komme ich an
um eine Knospe zu sein, auf einem Frühlingszweig,
ein kleiner Vogel mit noch zerbrechlichen Flügeln,
der in seinem neuen Nest zu singen lernt,
um eine Raupe zu sein, im Herzen einer Blume,
ein Edelstein, der sich in einem Stein versteckt.
Ich komme immer noch an, um zu lachen und zu weinen,
zu fürchten und zu hoffen.
Der Rhythmus meines Herzens ist die Geburt und der Tod
von allem, was lebendig ist.
Ich bin die Eintagsfliege, die sich verwandelt
auf der Oberfläche des Flusses.
Und ich bin der Vogel
der im Sturzflug die Eintagsfliege verschluckt.
Ich bin der Frosch, der fröhlich schwimmt
im klaren Wasser eines Teichs.
Und ich bin die Ringelnatter
die sich still und leise von dem Frosch ernährt.
Ich bin das Kind in Uganda, nur Haut und Knochen,
meine Beine so dünn wie Bambusstäbe.
Und ich bin der Händler,
der tödliche Waffen an Uganda verkauft.
Ich bin das zwölfjährige Mädchen,
ein Flüchtling auf einem kleinen Boot,
das sich in den Ozean stürzt
nachdem sie von einem Piraten vergewaltigt wurde.
Und ich bin der Pirat,
mein Herz ist nicht in der Lage
zu sehen und zu lieben.
Ich bin ein Mitglied des Politbüros,
mit viel Macht in meinen Händen.
Und ich bin der Mann,
der seine Blutschuld an meinem Volk zu zahlen hat
und langsam in einem Arbeitslager stirbt
Meine Freude ist wie der Frühling, so warm
dass er die Blumen auf der ganzen Erde zum Blühen bringt.
Mein Schmerz ist wie ein Fluss aus Tränen,
so gross, dass er die vier Weltmeere füllt.
Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen,
damit ich alle meine Schreie und mein Lachen auf einmal hören kann,
damit meine Freude und mein Schmerz eins sind.
Bitte nenne mich bei meinen wahren Namen,
damit ich aufwachen kann,
und damit die Tür meines Herzens
offen gelassen werden kann,
die Tür des Mitgefühls.
Please call me by my true names – Zum Original auf plumvillage.org
> https://plumvillage.org/articles/please-call-me-by-my-true-names-song-poem
Bitte, nenne mich mit meinen wahren Namen.
Vorgetragen von Reto im Zwischenhalt Podcast 2023.
Bitte, nenne mich bei meinen wahren Namen
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