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Die Dattelpalme
Wenn wir die 10 bis 20 Meter hohen Bäume sehen, die keine seitlichen Äste haben, dafür aber einem Büschel von gefiederten und riesigen Blättern, kann ein Gefühl von Mittelmeer, Exotik oder Ferien entstehen. Die Palme zählt zu den ältesten Obstbäumen im Nahen Osten, ja zu den ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Es gab in alter Zeit viel mehr Palmen im Mittelmeergebiet als heute. Im Jordantal zum Beispiel, die Gegend zwischen dem See Gennesaret und dem Toten Meer, standen einmal dichte grosse Wälder. In diesem Tal liegt Jericho, die man für die älteste Stadt der Welt hält und die durch ihre besonders wohlschmeckenden Datteln berühmt war. Sie heisst in der Bibel «die Stadt der Palmen» (Deuteronomium 34, 4).
Wo Palmen, da Wasser
Zu der Familie der Palmgewächse rechnet man über zweitausend Arten, doch wenn in der Bibel von einer Palme die Rede ist, geht es immer um die Dattelpalme. Schon vor 5000 v. Chr. ist sie in Ägypten und Mesopotamien belegbar und seit Jahrtausenden ist sie der bedeutendste Nahrungslieferant der Wüstenvölker. Dank ihrer riesigen Blätter spenden die Palmen Schatten oder zeigen Wasservorkommen an. Ganz einfach auf einen Nenner gebracht: Wo Palmen, da Wasser, wo Wasser, da Leben. Sie ist noch heute in Nordafrika und Asien als wichtigster Oasenbaum verbreitet. Es galt als ein ungeschriebenes Gesetz, Oasen während eines Krieges von jeglichen Kämpfen auszunehmen. Zu wichtig waren die Wasserquellen für das Überleben aller Parteien. In einem arabischen Sprichwort heisst es daher: «Die Palme will ihre Füsse im Wasser, ihr Haupt aber im Feuer des Himmels baden.»
Die Dattelpalme: ein wahres Multitalent
Ihre Nutzung zeigt, wie die Palme das Leben der Menschen sicherte und prägte. Es gibt eigentlich nichts, was nicht von ihr verwendet werden könnte und sie ist im Alltag eigentlich nicht ersetzbar – ein wahres Multitalent. Das Herz der Palme und die jungen Blätter lassen sich als Palmkohl essen, während die älteren Blätter als Viehfutter gebraucht werden. Die gerösteten Steinkerne der Früchte finden als Kaffeeersatz Verwendung. Die fleischigen Beeren, die Datteln, die sich nach der Bestäubung in einem Zeitraum von sechs Monaten entwickeln, isst man ganz frisch oder getrocknet. Die Datteln werden auch zu honigähnlichem Sirup gepresst. Vermutlich war es dieser Dattelhonig, der das gelobte Land als das Land kennzeichnet, «wo Milch und Honig fliessen» (Exodus 3, 8). Aus ihren Früchten gewinnt man auch den Palmwein und das Palmdestillat. Es gibt auch Medizin, für die die Palme steht, etwa gegen Infektionen und verschiedene Krankheiten. Mit dem Holz stellte man Zäune, Dächer und Flosse her oder es wurde als Brennholz gebraucht. Mit den Blattfasern wurden Seile, Körbe und Matten geknüpft. In den alten Kulturgebieten liessen sich die festen Palmblätter zum Decken der Dächer verwenden. Noch nicht genug, denn aus diesem Allrounder konnte man dann noch Viehfutter herstellen. In einer jüdischen Bi-belauslegung, einem Midrasch, vergleichen die Weisen das ganze Volk Israel mit einer Dattelpalme, von der nichts verschwendet wird.
Kraftvoll und lebendig im Alter
Die Palme ist ein Plädoyer fürs Alter. Wenn die Palme in der Bibel vorkommt, muss man sich nämlich vergegenwärtigen, dass der Ertrag der Dattelkulturen mit zunehmendem Alter zunimmt. Die erste Ernte liefern die vier bis sechs Jahre alten Pflanzen. Dann nimmt der Ertrag ständig zu und sogar über hundertjährige Dattelpalmen bringen noch beachtliche Fruchtmengen ein: «Die Gerechten gedeihen wie die Palmen, sie wachsen wie die Zedern des Libanon … sie tragen Früchte noch im Alter und kraftvoll und lebendig werden sie sein» (Psalm 92, 13–15).
Baum des Lebens
Die Dattelpalme ist immergrün und in verschiedenster Verarbeitung ist sie Lebensgrundlage und Lebenssicherung. Mit ihrem tiefreichenden Wurzelsystem bringt es die Dattelpalme fertig, auch in trockenen Böden das Grundwasser zu erreichen, was viele andere Pflanzen nicht vermögen. Daher hat die jüdische Tradition im «Baum des Lebens» (Genesis 2, 9), der im Garten Eden steht, die Dattelpalme gesehen. Daran schliesst sich die christliche Überlieferung an, in der wir Palmen und Palmzweige finden, die das Paradies darstellen und auch Kirchen mit Säulen, die wie Palmen geformt sind. König Salomo verwendete Palmen und Palmzweige als Motive in Tempelreliefs und Skulpturen. Die Palmen im Jerusalemer Tempel wollten die lebenspendende Seite der Welt darstellen (1. Buch der Könige 6 oder Ezechiel 40,16–41,26). Mit der Palme liessen sich aber auch Gegensätze gegenüberstellen. So ist sie in der biblischen Weisheitsliteratur ein Bild, um Gerechte und Frevler miteinander zu vergleichen. Der eine orientiert sein Leben an Gott, worauf dieses Leben Frucht bringt und gedeihen kann wie die immergrüne Palme. Der andere aber, der Gott ignoriert, gleicht einer vertrockneten Palme, deren Wurzeln das Wasser nicht mehr erreicht (Psalm 1 und Psalm 92,13–16 oder Hiob 15,32).
Gericht unter Palmen
Die Palme war ein Ort für die Rechtssprechung. Die Richterin Debora etwa sprach unter einer Palme Recht und es hiess, Debora sei dabei aufrichtig wie der Stamm einer Palme (Buch der Richter 4,4). Die Palme wurde daher auch zum Symbol für Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit.
Laubhüttenfest und Palmsonntag
Auf ihrer Wanderung durch die Wüste erlebten die Israeliten die Palmen der Oasen als ein Ort, der für Heilung, Rast, Nahrung und Frieden stand: «Von Mara brachen sie auf und kamen nach Elim. In Elim gab es zwölf Quellen und siebzig Palmen, daher schlugen sie dort ihr Lager auf» (Exodus 15, 27 und Numeri 33, 9). Aus den Wedeln der Dattelpalme errichteten sie provisorische Hütten, die «Sukkot». In Erinnerung daran wird jedes Jahr das siebentägige Laubhüttenfest (Sukkot), gefeiert – fünf Tage nach dem Versöhnungstag im September oder Oktober. Beim fröhlichen Laubhüttenfest werden Palmzweige, Citrat-Zitrone (Etrog), Myrte und Weiden zu einem Strauss gebunden, der bei den Segensgebeten geschüttelt wird. Im Zweiten Makkabäerbuch wird davon berichtet, wie der Sieg mit Freudenliedern und Musikinstrumenten erlebbar wurde. Auch in der griechischen und römischen Kultur waren das Palmblatt und der Palmwedel ein Zeichen des Sieges, des Triumphes und der Freude. Eine Überlieferung die auch Eingang in die christliche Symbolik fand. Es erklärt auch, welchen Bedeutungshintergrund der Palmsonntag hat und warum Jesus in Jerusalem mit Palmzweigen jubelnd begrüsst wurde: Er zieht wie ein siegreicher König in die Stadt ein (Levitikus 23,40; 2. Makkabäer 14,51; Johannesevangelium 12,13). Jesus wählte einen Esel als Reittier und alle, die die biblischen Verbindungen kannten, wussten, dass sein Einzug zugleich eine Friedenskundgebung war (Sacharja 9,9–10). Die Menschen kamen Jesus mit Palmzweigen entgegen: «Viele Leute, die zum Fest gekommen waren, hörten, dass Jesus nach Jerusalem käme und sie nahmen Zweige von Palmen und gingen hinaus in die Stadt, ihm entgegen und riefen: ‹Hosanna! Gepriesen, der kommt im Namen Gottes, nämlich der König Israels› » (Johannesevangelium 12, 13).
Weisse Gewänder und Palmzweige
Im Neuen Testament werden der Sieg über den Tod, die Auferstehung und das ewige Leben ebenfalls mit den Palmzweigen in Verbindung gebracht. Das ist besonders sichtbar auf den Ikonen der Ostkirchen, wo die Palmzweige Symbol für den Lebensbaum, das fruchtbringende Leben des Gerechten und Aufrichtigen vor Gott ist. Der Visionär Johannes sieht in seinem Traum die Erlösten mit den Palmzweigen: «Eine grosse Schar von Menschen stand vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weissen Gewändern, und alle trugen Palmzweige in den Händen» (Offenbarung 7, 9).
Niklas Raggenbass