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Ivan Slatkin mischt überall mit. Der Leiter des Verlags Slatkine und Betreiber eines Literaturcafés in der Stadt Genf teilt seine Ansichten zur Wirtschaftskrise infolge der Coronapandemie. Er stellt sich unseren Fragen als Präsident der Fédération des entreprises romandes (FER).
Anhand welcher Indikatoren kann man ermessen, dass eine Wirtschaftskrise vorliegt, und dass diese mit dem Coronavirus in Zusammenhang steht?
Ausgehend von Schätzungen von April 2020 rechnet die Expertengruppe des Bundes aufgrund der Eidämmungsmassnahmen gegen das Coronavirus bis Jahresende mit einem sehr starken Rückgang des BIP (-6,7 %). Zahlreiche Unternehmen mussten ihre Geschäftstätigkeit einstellen oder drosseln. Diese Notbremsung hat einen Rückgang der Produktion und des Privatkonsums bewirkt. Die Epidemie hat ebenfalls die Investitionen, die Exporte und den Arbeitsmarkt beeinträchtigt. Letzterer wird schrumpfen (-1,5 %) und die Arbeitslosenquote wird im Jahresschnitt mindestens 3,9 % erreichen.
Wann wird sich die Wirtschaft von der Krise erholt haben?
Die allmähliche Lockerung der Schutzmassnahmen sollte dem Rest des Jahres 2020 zu einer – wahrscheinlich moderaten – Erholung verhelfen. Tatsächlich hängt alles von der Gesundheitslage in Europa und einer möglichen zweiten Welle ab. Sollte sich das Virus eindämmen lassen und die Wirtschaft sich erholen, stehen die Chancen für einen Anstieg des BIP im Jahr 2021 gut.
Welche Lehren sollten wir aus dieser Krise ziehen?
Unser Verband hat sich sehr eingesetzt, um die Behörden davon zu überzeugen, insbesondere im Bereich der Kurzarbeitsentschädigungen (KAE) und der Zuschläge für Erwerbsausfall (EO) schneller zu handeln. Diese Krise hat gezeigt, dass sich zwischen den Wirtschaftsverbänden und auch innerhalb der Mitgliedsverbände der FER Synergien ergeben können, um die Interessen unserer jeweiligen Mitglieder sowie der Wirtschaft im Allgemeinen zu verteidigen.
Wie beurteilen Sie die Arbeit des Bundesrats hinsichtlich der ergriffenen Massnahmen und der Schritte zur Lockerung?
Ich finde, dass der Bundesrat im Allgemeinen pragmatisch gehandelt und eine gute Politik verfolgt hat. Das war nicht so offensichtlich wie es schien, angesichts der Besonderheiten des Föderalismus.
Die für die KAE eingeführten Hilfen, oder auch die vom Bund verbürgten Kredite haben sich als wirksam erwiesen. Der Lockerungsplan in drei Schritten hatte seinen Sinn, denn eine Studie hat vor Kurzem bestätigt, dass die Schweiz das Land gewesen ist, das die Pandemie am besten gemeistert hat.
Wie können die Behörden den wirtschaftlichen Aufschwung unterstützen?
Unsere Behörden – sowohl des Bundes als auch der Kantone – müssen den Unternehmen und der Wirtschaft beste Rahmenbedingungen bieten. Diese reichen vom Steuerwesen zum Arbeitsmarkt, von der Mobilität zur nachhaltigen Entwicklung, von der Wahrung der Rechtssicherheit bis hin zu politischer Stabilität.
Um den Aufschwung zu beschleunigen, wird man prüfen müssen, ob es sinnvoll wäre, Investitionen in grössere öffentliche Infrastrukturen zu tätigen. Zudem wird man die Rückzahlungsbedingungen der Darlehen diskutieren müssen, die den Unternehmen gewährt wurden. Schliesslich wird man bürokratische Auswüchse verhindern müssen, damit die Verwaltung den Aufschwung nicht erstickt.
Welche Auswirkungen hätte eine zweite Epidemiewelle auf die Westschweizer Wirtschaft?
Gegenwärtig gibt es keine Szenarien für die zweite Welle. Sollten wir uns aber in vier oder sechs Monaten in der gleichen Lage wiederfinden, fürchte ich eine Katastrophe. Ich bin ungern pessimistisch, weshalb dieses Szenario unbedingt vermieden werden sollte. Aus diesem Grund befürworte ich, die strengen Gesundheitsmassnahmen weiterhin einzuhalten. Das ist zwar unbequem, aber mindestens kommt die Wirtschaft nicht zum Erliegen.
Wie hat sich die FER während der drei Monate Beschränkungen für ihre Mitglieder eingesetzt?
Die FER hat ihre Mitglieder fortwährend begleitet, beraten und orientiert. Sämtliche Dienste der FER wurden benötigt, um eine Lawine an Fragen und Notsituationen zu bewältigen. Die Qualität der übermittelten Informationen wie auch unsere laufende Lobbyarbeit waren erfolgreich, um die Selbständigen und Unternehmensleiter, die Aktionäre ihrer eigenen Unternehmen sind, zu verteidigen. Es war sicher nicht alles perfekt, aber wir müssen uns daran erinnern, wo wir begonnen haben. Innerhalb nur weniger Wochen wurden mit Hilfe der EO-Mechanismen unterstützende Massnahmen eingeführt, die von unserer AHV-Kasse verteilt werden. Die Massnahmen wurden von unseren Teams innerhalb kurzer Zeit auf die Beine gestellt, um die angekündigten Leistungen erbringen zu können. Das ist wirklich bemerkenswert.
Was beschäftigt die Mitglieder der FER jetzt in der Lockerungsphase?
Während der aktiven Phase des Coronavirus waren alle Mitgliedsverbände der FER sehr aktiv, um die Notlagen in zahlreichen Unternehmen, die sich plötzlich ohne Einkünfte wiederfanden, abzufedern. Trotz der Lockerungen brauchen die Unternehmen unsere Unterstützung – sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene. Wir arbeiten darauf hin, eine Welle von Konkursen zu vermeiden, während sich unsere Wirtschaft schon jetzt in Richtung Rezession bewegt. Aus diesem Grund beraten die Mitgliedsverbände der FER die Unternehmen, stellen für ihre Mitglieder nützliche Informationen auf ihre jeweiligen Webseiten und bleiben mit den politischen Autoritäten in Kontakt.
Nachdem Zahlreiche Unternehmen Erfahrungen mit Telearbeit sammeln konnten, halten Sie es für möglich, dass eine neue Organisation der Arbeit entsteht?
Das ist ein komplexes Thema. Die Sozialpartner sowie die Politik werden sich einigen müssen, um gute Rahmenbedingungen für die Telearbeit zu schaffen. Man muss sich bewusst sein, dass sich die allgemeine Ausdehnung der Telearbeit auf zahlreiche Branchen sowie auf das Arbeitsrecht auswirken wird. Bei der Entwicklung des gesetzlichen Rahmens wird man behutsam vorgehen müssen.
Pauschal kann man sagen, dass je nach Gewerbe und Tätigkeit – einige taugen einfach nicht dazu – Telearbeit in zahlreiche Stellen einfliessen wird. Sie wird die Arbeit vor Ort, Gruppensitzungen, kurz gesagt den menschlichen Austausch jedoch nicht ersetzen können.
Wie hat die Krise Ihre Branche getroffen?
Die Schliessung der Buchhandlungen war ein Schock, denn dort erwirtschaften wir 95 % unseres Umsatzes. Während der Beschränkungen haben wir jedoch festgestellt, dass das Buch in den Herzen des Publikums wieder den Platz einnahm, den es mit der Zeit verloren hatte.
Die gesamte Buchbranche war jedoch stark von der Krise betroffen. So waren über 15′000 französischsprachige Neuausgaben während der Beschränkungen blockiert und sämtliche Verleger müssen ihre Verlagsprogramme jetzt überarbeiten. Dies wird sich mindestens auf die nächsten 12 bis 18 Monate auswirken.
Welches Fazit ziehen Sie persönlich aus der Krise?
Krisen haben etwas Beängstigendes, und ich glaube, das ist gerade die schlimmste Wirtschaftskrise, die ich je erlebt habe. In jeder Krise sehe ich aber auch Herausforderungen, denen man sich stellen, Bedrohungen, die man umgehen muss. Jede Krise birgt aber auch Möglichkeiten, die es zu ergreifen gilt.
Die Krise zeigt den Wert der Arbeit auf. Das Gesundheitspersonal, das während der Krise Bemerkenswertes geleistet hat, wurde stark hervorgehoben, aber wir dürfen die vielen Unbekannten nicht vergessen, die mitgewirkt haben, unsere Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte, Sozialversicherungen, Banken, Postämter usw. am Laufen zu halten. Ohne sie wäre es unmöglich gewesen, diese Bewährungsprobe so flexibel und pragmatisch zu bestehen.
Interview von Marie Nicolet