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„Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.“ So ein erster Satz kann mich bis in den Schlaf hinein verfolgen – nicht, weil er so gruselig wäre, sondern weil die verwendete Metapher so wunderlich schief hängt …
Der Golem wurde 1915 zum ersten Mal veröffentlicht und verschaffte seinem Autor rasch Weltruhm. H.P. Lovecraft (in seinem Essay Supernatural Horror in Literature von 1925/1927) kennt das Buch und führt es an als „one of the best examples of its literary use so far“ – mit „its“ gemeint die jüdische Sagenwelt. Der Antisemit Lovecraft gibt die literarische Qualität eher zähneknirschend zu, und ich kann auf Grund der sehr allgemein gehaltenen Formulierung nicht sagen, wie weit da ein Missverständnis involviert ist. Wenn Lovecraft mit der „literarischen Verwendung“ auch eine sehr freie Umgestaltung meint, hat er Recht.
Denn mit dem Golem, den der Prager Rabbi Löw Ende des 16. Jahrhunderts geschaffen haben soll, um sein Volk vor den Verfolgungen durch die Christen zu schützen, hat Meyrinks Fabelwesen nur den Namen und die Heimatstadt gemein. Meyrinks Buch ist im wesentlichen expressionistisch – und romantisch. Der Expressionismus zeigt sich ja schon in der missglückten Metapher des ersten Satzes, und er zieht sich durchs ganze Buch. Zum einen sprachlich – das Anakoluth ist ein Lieblingsstilmittel Meyrinks. Zum andern auch thematisch – Meyrinks Figuren sind ähnlichen Stimmungsschwankungen und/oder Oszillationen zwischen Normalität und Wahnsinn unterworfen wie z.B. die Figuren in Döblins Die Ermordung einer Butterblume.
Die Romantik zeigt sich eher motivisch. Romantisch ist die grosszügige Verwendung des Doppelgänger-Motivs. Der Golem ist ein Doppelgänger des Protagonisten, Meister Pernath. Er ist aber bei weitem nicht der einzige. Selbst der Erzählrahmen verwendet das Doppelgängermotiv, indem die Geschichte jenes Prager Gemmenschneiders Pernath die Vision eines namenlosen Ich-Erzählers ist, der zum Schluss erkennen muss, dass Pernath und er ein und dieselbe Person sind. Das Motiv des Somnambulismus ist ein weiteres Standardmotiv Meyrinks. Schliesslich finden wir – ähnlich wie bei E. T. A. Hoffmann – den Schauerroman immer auch vermischt mit dem Kriminalroman. Im Golem sind z.B. verschiedene Morde aufzuklären – was zum Schluss auch geschehen ist. Es ist Meyrink zu Gute zu halten, dass er dabei auf eine rationalistische Erklärung der übernatürlichen Phänomene verzichtet. Das Übernatürliche hat mit den Morden eigentlich gar nichts zu tun.
Selbst die literarische Strömung des Realismus finden wir. Pernath, der schon vorher im Prager Judenviertel mit der Unterwelt in Kontakt gekommen war, wird unschuldigerweise verhaftet und über Monate im Gefängnis in Untersuchungshaft gehalten. Schon dies weist klar auf einen ganz bestimmten Autorenkollegen hin, und auch sonst, aber v.a. in der Art und Weise der Schilderungen der Prager Unterwelt, zeigt sich dieser nicht zu vernachlässigende Einfluss – der von Charles Dickens. Meyrink hatte zwischen 1909 und 1914 einiges vom Engländer übersetzt. Diese Übersetzungstätigkeit hat eindeutig ihre Spuren hinterlassen.
Last but not least klingen religiöse (wahrscheinlich buddhistische) Motive an. Der Golem ist das Symbol der Weltseele, die alles lenkt. Zum Schluss der Vision stürzt Meister Pernath ins Leere und stirbt (?). Der wiedererwachte Ich-Erzähler macht sich auf die Suche nach dessen Spuren in der Prager Judenstadt. Obwohl der Meister nun weit über 90 Jahre alt sein müsste, findet er ihn – ungealtert – in einem Haus, das gar nicht existiert, zusammen mit der Frau, die er zu Lebzeiten geliebt hatte. Dieses Haus und sein Garten sind voller Ruhe und Frieden – das Paradies oder das Nirwana. Dem Ich-Erzähler ist es verwehrt, den Garten zu betreten. Er sieht den Meister von weitem und erkennt in ihm – sich selber.
Recht mystisch also, und auf Grund des expressionistischen Sprachduktus oft auch recht schwülstig. Aber auch eigenständig – keine billige Kopie eines andern Werkes. Insofern also bin ich von dieser Lektüre positiv überrascht und bereue sie nicht.