Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/1004

Von Sparschälern, Schokolade und Uhren: Robert Casagrandes Familie verkauft in Luzern seit Ende des Zweiten Weltkriegs Souvenirs an Touristen. Weil diese oft nur kurz Zeit haben, müsse der Schwanenplatz gut erschlossen sein. Und die Politik müsse aufhören, kurzfristig zu denken.
Seit bald 70 Jahren prägt die Familie Casagrande mit ihren Souvenir-Läden das Stadtbild der Touristen, die nach Luzern kommen. Damals, 1948, verkaufte der gelernte Elektriker Carlo Casagrande gemeinsam mit seiner britischen Frau Kyra Casagrande-Marsh vor allem Kupferware. «Es war damals schwierig, für die Händler in Luzern Souvenirs zu bekommen, denn da gab es nur noch ‹Schmid-Linder› beim Löwendenkmal», erzählt ihr Sohn Robert Casagrande, der mit seinem Bruder John heute das Geschäft führt.
Europa: 250'000 (−17,4% gegenüber vor 5 Jahren)
Amerika: 237'000 (+27,9%)
Australien: 52'000 (+14,6%)
Afrika: 6000 (−7,5%)
Asien: 403'000 (+32%)
- China: 136'000 (+60,6%)
- Korea: 33'000 (+125,7%)
- Golf-Staaten: 41'000 (+83,8%)
Nach einem ersten Aufblühen des Tourismus in Luzern seit Mitte des 19. Jahrhunderts musste sich die Branche nach den beiden Kriegen wieder erholen. «Luzern ist ein Touristenmagnet, weil wir Swiss en miniature haben. Der See und die Berge. Unsere Stadt ist gut gelegen und hatte viele Tourismus-Pioniere wie Bucherer und Gübelin oder Kurt Illi», erklärt der Unternehmer den Erfolg von Luzern.
Touristen sind oft im Stress
So habe sich denn die Stadt in diesen Jahren nicht wesentlich verändert. «Die Anzahl Hotelbetten ist stabil geblieben, nur die Agglomeration wächst, die Kundschaft kommt im Car. Nur 38 Prozent unserer Touristen schlafen in Luzern», sagt Robert Casagrande. Touristen aus China, Korea und den Golfstaaten haben in den letzten fünf Jahren massiv zugenommen (siehe Box).
«Diese Reisenden lieben Shopping und haben keine Zeit. Es ist für die Luzerner Tourismusbranche deshalb essentiell, dass die Touristen am Schwanenplatz ein- und aussteigen können. Sonst waren die Investitionen von Bucherer, Gübelin, Embassy oder uns für nichts», betont er. Da gäbe es wenig Spielraum: «Ein Parkhaus Musegg würde gehen, aber schon die Variante, beim Verkehrshaus zu parkieren und mit einem Bus oder Boot zum Schwanenplatz zu kommen: unmöglich», ist er überzeugt.
«Es gibt so viele Orte in Luzern, an denen sich keine Touristen befinden. Da sollten wir mit den Touristen auf der Kapellbrücke oder beim Schwanenplatz umgehen können und tolerant sein.»
Mit der Kundschaft haben sich im Laufe der Jahre auch die Souvenirs verändert. «Die Amerikaner, die bis zu den Terroranschlägen von 9/11 kamen, hatten grosse Häuser. Sie kauften grosse, breite Souvenirs. Die Asiaten, die jetzt die wachsende Touristengruppe sind, haben daheim nicht viel Platz, kaufen also eher schmale, hohe Mitbringsel, wie zum Beispiel Messer und Uhren», verrät Casagrande. Als in den 80er Jahren Bucherer anfing, Souvenirs zu verkaufen, reagierte Robert Casagrande damit, auch Uhren zu verkaufen: «Heute verkaufen wir bis zu 80 verschiedene Uhrenmarken. Die Uhren machen fast den halben Umsatz aus, der Rest fällt auf Messer, Schoggi und alle anderen Souvenirs. Total führen wir 18’500 Artikel.»
Toilettenbenützung sorgt für Sauereien
Neben einfach und schnell erreichbaren Shoppingmöglichkeiten sei es aber auch wichtig, dass sich die Touristen willkommen fühlen. «Über ein Viertel des Volkseinkommens von Luzern kommt aus dem Tourismus. Nur schon unser Geschäft beschäftigt 100 Mitarbeiter. Es gibt so viele Orte in Luzern, an denen sich keine Touristen befinden, etwa im Kastanienbaum, beim Konservatorium oder auf dem Dietschiberg. Da sollten wir mit den Touristen auf der Kapellbrücke oder beim Schwanenplatz umgehen können und tolerant sein», findet Robert Casagrande.
Tolerant müssen auch die Angestellten bei Casagrande sein. Tolerant und interkulturell vermittelnd. Je nach Herkunftsregion der Touristen müssen den Menschen andere Aspekte der Schweizer Kultur erklärt werden. «Ende der 90er Jahre kamen die ersten Gruppen aus Indien. Sie kamen in unseren Laden, sammelten diverse Souvenirs zusammen und verlangten dann an der Kasse einen Discount.» Als sie keinen bekamen, hätten sie einfach die Produkte liegen gelassen und seien gegangen. Da musste der Ladenbesitzer den Touristen und Reiseveranstaltern erläutern, dass in der Schweiz die Preise gelten, die angeschrieben sind. Heute hätten sie das akzeptiert. «Andere standen dafür auf dem Toilettenring und machten ihre Zielübungen. Da hängten wir Bilder auf, wie man unsere Toiletten benützt», erzählt der Unternehmer lachend.
Sparschäler sind Verkaufsschlager
Während andere Branchen mit der Konkurrenz aus dem Internet kämpfen, sieht Robert Casagrande diese Gefahr bei den Souvenirs nicht sehr, denn es sei den Menschen wichtig, die Produkte vor Ort zu kaufen, das löse die Emotion aus. Trotzdem gibt es auch bei Souvenirs immer aktuelle Trends. «Immer mehr gefragt sind Souvenirs, die zweifachen Nutzen bringen. Zum Beispiel Schoggi, deren Verpackung auch für Farbstifte verwendet werden kann», erzählt er.
Schon Robert Casagrandes Vater hat zur Entwicklung der Souvenirs beigetragen. «Die damaligen Kuckucksuhren hatten vor allem tote Tiere drauf. Er hat angeregt, besser Chalets zu benützen», erinnert sich der Sohn. Es gibt auch immer wieder Souvenirs, deren Verkaufserfolg den Profi überraschen. Wie etwa die Sparschäler: «Die Chinesen kaufen die Victorinox-Sparschäler wie wild. Wohl, weil die Qualität sehr gut ist.»
«Wenn ich ein Souvenir kaufe, dann eine Figur oder ein Bild, das mich an eine grosse Reise erinnert.»
Selber kauft Robert Casagrande nicht mehr viele Souvenirs, wenn er reist. Wobei reisen für ihn auch immer Arbeit ist. «Ich schaue mir andere Geschäfte an, recherchiere Trends. Wenn ich ein Souvenir kaufe, dann eine Figur oder ein Bild, das mich an eine grosse Reise erinnert. Wie zum Beispiel eine Maske aus Brasilien, die von Eingeborenen gemacht wurde.» Wenn Robert Casagrande nicht ans Geschäft denken will, geht er Golf spielen, gerne auch in wärmeren Gefilden.
Die Zukunft kann Robert Casagrande jedenfalls entspannt angehen, denn mit seinem Neffen Fabrice ist bereits für die nächste Generation in der Geschäftsleitung gesorgt. «Luzern wird weiterhin interessant bleiben, wegen der sauberen Luft, den intensiven Farben mit See und Bergen und dem Schnee. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft an unseren Standorten arbeiten können und die Politik nicht nur für die nächsten zwei, drei Jahre denkt, sondern langfristiger», wünscht sich der Unternehmer, der mal Japanisch gelernt hat. Und Chinesisch? «Nein, das will ich nicht mehr lernen.»