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Ein Satz mit 1077 Wörtern
1952 schrieb der österreichische Schriftsteller Hermann Broch den Roman „Der Tod des Vergils“. Das Werk beschreibt die letzten 18 Stunden des römischen Dichters. In dem Roman gibt es einen Satz, der ist 1077 Wörter lang.
Der Athener Staatsmann und Lyriker Solon soll einen Satz mit etwa 4500 Silben verfasst haben. Bedenkt man, dass die normale Sprechgeschwindigkeit etwa 350 Silben pro Minute beträgt, so dauerte das Vorlesen dieses einzigen Satzes zwölf Minuten.
In „Joseph und die Brüder“ schrieb Thomas Mann einen Satz mit 347 Wörtern.
Das sind Anekdoten. Es gehört zur Liturgie vieler Deutschstunden, dass lange Sätze, Schachtelsätze mit Nebensätzen zweiten, dritten oder gar vierten Grades, unverständlich sind.
Die deutsche Sprache hat einen kapitalen Nachteil: das Verb steht am Schluss. Man muss viele Informationen im Kopf behalten, um dann endlich zu erfahren, um was geht.
Die Versetzung und Beförderung des deutschen Verfassungsschutzchefs Massen, der schon seit Jahren angeprangert wird und jetzt wegen einer als tendenziös bezeichneten Erklärung nach den Ereignissen von Chemnitz am 1. September nicht nur von der SPD und den Grünen, sondern auch von wichtigen Politikern der CDU kritisiert worden war und nach mehreren Krisensitzungen zwischen Merkel, Nahles und Seehofer von der Leitung des Verfassungsschutzes entbunden, wurde, ist von der SPD als ‚Desaster’ und ‚Skandal’ bezeichnet worden.
Man muss mindestens acht Informationen im Kopf behalten, bevor man erfährt, um was es geht.
Nach dem Durchzug des Taifuns Mangkhut auf den Philippinen, der mindestens 30 Tote gefordert hat, haben internationale Hilfsorganisationen in einer koordinierten Aktion als Soforthilfe 60 Tonnen Reis, 50 Tonnen Mais, 50'000 Wolldecken sowie Trinkwasser und medizinisches Material im Wert von 20 Millionen Dollar in das verwüstete Katastrophengebiet geliefert.
Weiss da noch jemand, was geliefert wurde?
In schriftlichen Texten mag das angehen: Man kann ja „zurücklesen“. In mündlichen Texten geht das nicht.
Sprechen wir hier von mündlich vorgetragenen Texten, also von Reden, Podiumsdiskussionen, Wahlkampfauftritten und Radio- und Fernsehberichten.
Untersucht man zum Beispiel die Auftritte von Managern, Bankern und Wirtschaftsvertretern an Aktionärsversammlungen oder bei Präsentationen von Jahresberichten, erfährt man Schreckliches. Da gibt es vertrackte und verwickelte, nicht enden wollende, langweilig vorgetragene Bandwurmsätze. Die Manager glauben dann, wenn sie dazu überquellende Powerpoint-Folien einsetzen, würden ihre gebrummelten Monologe verständlicher.
Tatsache bleibt: Je kürzer ein Satz, desto weniger Informationen muss man im Kopf behalten, bevor man weiss, um was geht. Kurz: Je kürzer der Satz, desto verständlicher.
Dazu kommt, dass in der heutigen Zeit mit all ihren Informationsreizen die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen gesunken ist. Wir sind weniger aufmerksam als früher, wir hängen den Rednern weniger an den Lippen als noch vor wenigen Jahren.
Untersuchungen zeigen: Mündlich vorgetragene Sätze, die länger als zwölf Wörter sind, werden zunehmend unverständlich. Zwölf Wörter sind wenig.
Der deutsche Linguist Erich Strassner sagt, 7–14 Wörter sei die Obergrenze für die Verständlichkeit gesprochener Sätze. Bei den Nachrichtensendungen des Schweizer Fernsehens gelten zwölf Wörter als ideal.
Zusammengefasst gilt für die gesprochene Sprache:
- Sätze bis 12 Wörter: sehr gut verständlich
- Sätze bis 20 Wörter: verständlich
- Sätze zwischen 20 und 30 Wörtern: knapp verständlich
- Sätze ab 30 Wörtern: kaum verständlich
Nicht nur in der mündlichen, auch in der schriftlichen Sprache werden zunehmend kurze Sätze gefordert.
Schon die Autoren des Johannes-Evangelium wussten, dass kurze Sätze verständlicher sind. Ihr Evangelium weist eine durchschnittliche Satzlänge von nur 17 Wörtern auf.
Die Deutschen Presse-Agentur (dpa) empfiehlt ihren Journalistinnen und Journalisten, Sätze mit bis zu höchstens 20 Wörtern. Sätze ab 30 Wörtern sind verboten.
Puristen beklagen, dass kurze Sätze abgehackt wirken und dass dadurch die „Schönheit der Sprache“ leidet. Mag sein. Doch man kann sich fragen, will man „schön“ schreiben oder verständlich sein. Auch kurze, gut ineinander verwobene Sätze können „schön“ sein – und dann sind sie erst noch verständlich.
Also: möglichst wenig Nebensätze, möglichst wenige Kommas. Macht aus Nebensätzen Hauptsätze! Auch Professoren beginnen das zu merken.
Ein Dozent an der Uni Zürich sagte mir kürzlich zynisch: „Wenn ich in Sätzen spreche, die mehr als zwei Kommas haben, hört mir keine und keiner mehr zu.“ Und noch zynischer: „Wenn ich nicht alle zwei Minuten einen Gag oder eine Pointe bringe, verkriechen sich alle in ihrem Smartphone.“
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