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Herr Nielsen, wie oft müssen Sie sich mit privaten Angelegenheiten ihrer Spielerinnen auseinandersetzen?
Nils Nielsen: Sehr oft. Als Frauen-Trainer musst du dich darauf einstellen, das gehört dazu. Frauen tragen ihre privaten Probleme mit auf den Platz. Sie sorgen sich von Natur aus mehr, denn sie sind so geboren. Was erwartet die Gesellschaft von Frauen? Wir möchten, dass sie empathisch sind und sich um andere Menschen kümmern. Wenn ich das als Trainer nicht akzeptiere und ernst nehme, werden sie ihre Leistung nie abrufen können.
Können Sie mir ein Beispiel machen?
Als ich noch die dänische Nationalmannschaft trainierte, hatte eine Spielerin keinen Vertrag für die nächste Saison und ihre Lebenspartnerin stand gleichzeitig kurz vor einer Operation. Sie war völlig aufgebracht und überfordert und konnte sich während des Trainings nicht konzentrieren. Es verging keine Woche bis sie einen neuen Vertrag unterschrieb und ihre Lebenspartnerin die OP heil überstanden hat. Erst dann war alles wieder beim Alten und sie war in der Lage, sich voll und ganz dem Sport zu widmen.
Dieses Szenario könnte auch bei Spielerinnen eintreffen, die eine Liebesbeziehung führen. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe absolut kein Problem damit. Einmal kam es zu einer Ausnahmesituation im Training, das war letztes Jahr vor dem Spiel gegen Italien, als Ramona Bachmann und Alisha Lehmann noch ein Paar waren. Alisha hatte sich im Training schwer verletzt und musste das Gelände verlassen. Ramona war daraufhin nicht mehr in der Lage, sich auf das Training zu fokussieren und brach es ab, um Alisha zu begleiten. Das war das einzige Mal, als mir auffiel, dass Ramona und Alisha ein Paar sind. Sie gehen sehr professionell damit um. Du kannst es mit zwei besten Freunden vergleichen, die gerne Zeit miteinander verbringen. Das kommt in jedem Team vor.
Und was, wenn es mal so richtig kracht?
Aber das könnte auch unter guten Freunden passieren. Das ist auch schon vorgekommen, die Auseinandersetzung ist dieselbe. Die wichtigsten Menschen um dich herum sind in der Lage, dich am meisten zu verletzen – sei es nun unter Freunden oder einem Liebespaar. Ich sehe da keinen Unterschied.
Ist es als Mann schwierig, sich in gewisse Situationen hineinzuversetzen?
Es gibt Momente, da sprechen mich Spielerinnen auf ihre Probleme an. Teilweise denke ich mir: «Ist das wirklich ein Problem? Ich würde mir niemals den Kopf darüber zerbrechen.» Diese Haltung darf ich natürlich weder ausstrahlen noch aussprechen. Im Gegenteil: Ich nehme das sehr ernst und versuche eine Lösung zu finden. Ich versuche zu erklären, dass die Welt sich weiter dreht, auch wenn man seinen Problemen mal weniger Aufmerksamkeit schenkt und sie einige Stunden beiseite legt.
Wäre es nicht einfacher, eine Trainerin einzustellen? Die kann sich mit dem weiblichen Geschlecht besser identifizieren.
Doch, dafür muss man ihnen aber die Türen öffnen. Die besten Coaches im Frauenfussball werden in Zukunft Frauen sein. Jemand muss für sie aber diese Barrieren überwinden und die Möglichkeiten bieten, die sie verdienen. Wir müssen das Spiel noch weiterentwickeln. Der SFV hat sich für die Person zu entscheiden, die den Job als bestes erfüllen kann – sei es nun eine Frau oder ein Mann. Ich will in 15 Jahren nicht weiterhin hier sitzen. Mein grösster Wunsch ist es, diesen Job einer Frau zu überlassen, die den Frauenfussball weiterentwickeln wird. Am liebsten einer Schweizerin, denn «Swiss Girls» sind sehr speziell.
Wie sind denn «Swiss Girls»?
Schweizerinnen sind von Natur aus sehr sportlich, gehen mit der Familie wandern, Ski fahren oder campen. Der Wille, hart zu arbeiten, ist ebenfalls angeboren. Einzig das Selbstvertrauen, ihre Stimme zu erheben, fehlt im Vergleich zu anderen Ländern. Daran arbeiten wir im Team. Inzwischen sind wir so weit, dass jede ihre Meinung frei äussern kann. Das war zu Beginn nicht so. Das liegt daran, dass ich zuhöre. Werden die Frauen ignoriert, so trauen sie sich auch nicht, etwas zu sagen.
Was könnte der Grund sein für dieses mangelnde Selbstvertrauen?
Ich weiss nicht wie es ist, eine Frau zu sein, die erst seit 1971 abstimmen kann. Ich weiss nicht wie es ist, schwanger zu werden und dann nur 16 Wochen Mutterschaftsurlaub zu erhalten. Ich weiss nicht wie es ist, wenn man von mir als Frau behauptet, ich spiele so gut wie ein Mann. Es gibt viele Faktoren, die dazu führen, dass sich Frauen minderwertig fühlen. Es muss ein Umdenken stattfinden in der Bevölkerung.
Wie kann man dieses Umdenken fördern?
Es ist ganz einfach: Frauenfussball ist ein Sport für sich. Frauen sind nicht langsamer, weniger kräftig oder weniger belastbar. Sie sind Frauen, die Fussball spielen. Wenn das jede und jeder so sehen würde, wäre die Akzeptanz grösser, und entsprechend erhielte der Sport mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz.
Als Nationaltrainer repräsentieren Sie den Frauenfussball in der Schweiz. Spielt ihr Team gut, steigt auch das Interesse in der Bevölkerung. Ist Ihnen diese Verantwortung bewusst?
Diese Verantwortung ist mir bewusst und ich kenne die Situation auch schon aus Dänemark. Dort haben wir es durch Leistung geschafft, den Frauenfussball in der Bevölkerung zu etablieren. Die Dänen kennen die Nationalspielerinnen, inzwischen werden auch viele Spiele übertragen. Auch in der Schweiz gibt es einen medialen Aufschwung. Aber der wichtigste Grund, warum ich das mache, ist, dass ich es liebe mit Menschen zu arbeiten, die bodenständig sind und sich bedanken. Das sind die Schweizerinnen zu 100%.