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| Athanasius (295-373) - Abhandlung über die Synoden zu Rimini in Italien, und zu Seleucia in Isaurien. (De synodis Arimini et Seleuciae in Isauria)

35.
Dieses ist aber die tollkühne Verfahrungsweise der Sadducäer, ja vielmehr der von den Griechen sogenannten Atheisten. Deßhalb werdet ihr sagen, auch die Schöpfung sey nicht das Werk des wahren Gottes, wenn anders die Namen „Vater“ und „Gott“ nicht die Wesenheit dessen, der ist, bezeichnen, sondern etwas Anderes, was ihr erdichtet. Allein so etwas auch nur zu denken, ist gottlos und höchst schändlich. Wenn wir hingegen hören:1 „Ich bin der, welcher ist;“ und:2 „Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde;“ und:3 „Höre Israel! Der Herr, dein Gott, ist Ein Herr;“ und: „Dieses spricht der Herr, der Allmächtige;“ so denken wir nichts anders, als die einfache, selige und unbegreifliche Wesenheit dessen, welcher ist, selbst; denn obgleich wir nicht begreifen können, was er ist, so denken wir doch, wenn wir hören: Vater, Gott, allmächtig, daß dadurch nichts anders, als die Wesenheit dessen, der da ist, selbst angedeutet werde. Auch ihr habet gesagt, der Sohn sey aus Gott, er sey nämlich aus der Wesenheit des Vaters. Da aber schon vor euch die Schriften sagten, der Herr sey der Sohn des Vaters, und da schon vor den Schriften der Vater sagte:4 „Dieser ist mein geliebter Sohn;“ und da der Sohn nichts anders ist, als das aus dem Vater Erzeugte: so ist es ja augenscheinlich, daß die Väter mit Recht sagten, der Sohn sey aus der Wesenheit des Vaters, indem sie nämlich glaubten, der Ausdruck „aus der Wesenheit“ bedeute ebendasselbe wie der „aus Gott,“ wenn dieser im richtigen Sinne gesagt werde. Denn alle Geschöpfe sind, obgleich von ihnen gesagt wird, daß sie von Gott geschaffen worden seyen, doch nicht, wie der Sohn, aus Gott; denn sie sind ihrer Natur nach nicht gezeugt, sondern geschaffen. Also hat Gott im Anfange den Himmel und die Erde, und Alles, was auf dieser und in jenem ist, nicht gezeugt, sondern geschaffen, wie geschrieben steht5. Und es heißt nicht: Der da zeugt, sondern: „Der da macht seine Engel zu Winden, und seine Diener zu brennendem Feuer6.“ Wenn aber der Apostel sagte:7 „Ein Gott, von welchem alle Dinge sind,“ so sagte er dieses gewiß nicht, als wenn er den Sohn allen übrigen Dingen beizählte, sondern weil Einige von den Heiden der Meinung sind, die Schöpfung sey durch Zufall und durch Verbindung der Atome8. Soll ich mich nicht wundern, sagt er, daß irgend ein Mensch die Ueberzeugung gewinnen konnte, gewisse feste und untheilbare Körper bewegten sich selbst durch ihre natürliche Schwere, und durch ihren zufälligen Zusammenstoß sey eine so schöne Welt entstanden? Wer so etwas für möglich hält, muß der es nicht auch für möglich halten, daß, wenn Jemand eine Menge goldener oder aus irgend einer andern Materie bestehender Charaktere, welche die ein und zwanzig Buchstaben des Alphabetes vorstellten, auf die Erde werfen würde, sie in einer solchen Ordnung und Verbindung niederfallen könnten, daß daraus die Annalen des Ennius ganz lesbar zusammengesetzt würden? Ich glaube nicht, daß der Zufall die Charaktere in genügender Ordnung zusammenwerfen könne, um nur einen einzigen Vers zu Stande zu bringen. Wie können denn jene Menschen behaupten, baß Körperchen, welche weder Farbe, noch Qualität, noch Empfindung haben, sondern bloß vermittelst eines Spieles des Zufalles herumschweben, diese Welt gebildet haben, oder vielmehr in jedem Augenblicke unzählige Welten schaffen, welche die andern wieder ersetzen? — Wie, wenn der Zufall, wenn das Zusammentreffen der Atome eine Welt hervorbringen kann, muß es dann nicht ungleich leichtere Dinge als z. B. einen Säulengang, einen Tempel, ein Haus, eine Stadt, zu Stande bringen können? — ) und aus gleichen Theilen von Ungefähr entstanden, und habe keinen Urheber, Andere dagegen meinen, dieselbe sey zwar von einer Grundursache, aber doch nicht durch das Wort geschaffen worden. Von den Ketzern aber erdichtet und fabelt ein Jeder nach Belieben über die Schöpfung. Deßwegen sagte der Apostel nothwendiger Weise „von Gott,“ um eines Theils auf den Schöpfer hinzuweisen, andern Theils zu erkennen zu geben, daß die Erschaffung aller Dinge durch seinen Willen geschehen sey. Er fügt aber sogleich hinzu: „Und Ein Herr, Jesus Christus, durch den Alles ist,“ um dadurch den Sohn von allen Dingen auszunehmen , (denn Alles, wovon gesagt wird, daß es Gottes sey, ist durch den Sohn gemacht worden, und es ist unmöglich, daß die Geschöpfe Eine Entstehung mit dem Schöpfer gemein haben;) und um zu lehren, daß der hier gebrauchte Ausdruck „von Gott,“ anders in Bezug auf die Geschöpfe, und anders in Bezug auf den Sohn verstanden werde; denn dieser ist gezeugt, jene aber sind geschaffen. Und daher ist der Sohn das eigene Erzeugniß der Wesenheit, jene aber sind Werke des Willens.
1: Exod. Ill, 14.
2: Genes. I, 1.
3: Deut. Vl, 4.
4: Matth. lll, 17.
5: Genes. I, I.
6: Psalm CIII, 4.
7: I Kor. VIII, 6.
8: Die Atome oder Monaden sind untheilbare Einheiten, einfache Grundwesen, aus welchen alle Körper zusammengesetzt seyn sollen. Das Unsinnige dieser Ansicht bemerkte schon Cicero (de natura deorum II, 37)