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Der Narzissmus hat eine paradoxe Doppelnatur, die sich im Spannungsfeld zwischen unbedingter Selbstliebe und der verzweifelten Suche nach Anerkennung erkennen lässt. Das Unternehmen, gerechtfertigte und anerkannte Grösse sowie wahres Selbstvertrauen zu erreichen, scheitert in seinen Grundbedingungen. Ein gutes Sprachverständnis und ein wenig Dialektik von Georg Wilhelm Friedrich Hegel reichen aus, um nachzuvollziehen, warum.
Der Ausdruck «Narzisst» wird für Menschen verwendet, die in ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Sozialverhalten von der Norm abweichen. Im Überfluss von Ausdrücken, die in der Alltagssprache für verwandte Phänomene verwendet werden, wird hier eine kurze sprachliche Betrachtung, die für uns relevanten Eigenschaften herauskristallisieren.
Beginnen wir bei den Idioten. So nannte man im antiken Athen Bürger, die sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten und die vornehmlich ihren Privathaushalt pflegten. Was heute anscheinend schon eine eher veraltete Beleidigung ist, war damals eine ziemlich präzise Bezeichnung für einen Schlag von Menschen, die im Geburtsort der Demokratie aus der Reihe tanzten, da sie sich nicht um die Politik kümmerten. Auch damals war der Begriff negativ konnotiert, gerade weil es für Vollbürger ein Privileg war, politische Ämter übernehmen zu dürfen und es die sogenannten Idiotai (Sg.: Idiotes) nicht taten. Später verschob sich die Bedeutung zu den Nicht-Spezialisten und schliesslich – bedauerlicherweise reichlich undifferenziert – zu den Dummköpfen. Würde man behaupten die Idiotai waren Narzissten, läge man sicherlich falsch, aber waren die Idiotai Egoisten? Der Begriff «Egoist» suggeriert zwar etymologisch eine Ich-Bezogenheit, aber wir verwenden ihn nicht für Menschen, die nichts mit den anderen und der Öffentlichkeit zu tun haben möchten, sondern für diejenigen, die andere bewusst zu ihrem Vorteil ausnutzen.
Im Narzissmus finden sich Aspekte der beiden Phänomene wieder. Die Narzissten stehen den Idiotai näher als den Egoisten. Zumindest wenn es um die Fixierung auf das Eigene und das Privatleben geht, wie man es heute auf diversen Socialmedia-Plattformen buchstäblich hautnah mitverfolgen kann. Trotzdem bringt Narzissmus auch die Suche nach dem Kontakt zu anderen Menschen mit sich und, wie beim Egoismus, auch dessen Missbrauch. In einem anderen interessanten altgriechischen Begriff, der Hybris, verbirgt sich letztlich der entscheidende Aspekt, der zu den bereits genannten Eigenschaften dazukommen muss, um den Narzissmus von verwandten Phänomenen abzugrenzen: Die Neigung zum Hochmut und zur Selbstüberschätzung.
Der Narzissmus ist am besten als eine Sammlung spezifischer Charakterzüge zu verstehen. Immanuel Kant beschreibt den Charakter als ein Aggregat aus natürlichen Anlagen und Temperament sowie der «Denkungsart», welche uns hier am meisten interessiert. Sie wirkt sich durch «unveränderliche Maximen» und Überzeugungen disponierend auf das Verhalten und Erleben aus und bestimmt, wer wir sind und was aus uns wird. Der narzisstische Charakter besteht zum einen aus Überzeugungen, die das eigene Erscheinungsbild, die eigenen Fähigkeiten und die Selbstwahrnehmung betreffen. Zum anderen dominieren in dessen Denkungsart Leitsätze und Prinzipien, die sein Verhalten zum Ausdruck der Hybris macht. Dazu gehört die Priorisierung der eigenen Interessen und die grundsätzliche Deklassierung des Wertes anderer. Eben diese Denkungsart des narzisstischen Charakters ist paradox: Bei genauerer Betrachtung werden wir sehen, dass sich die enthaltenen Maximen und Prinzipien auf perfide Art und Weise widersprechen, was den Narzissmus dysfunktional macht. Der Widerspruch sowie auch die Dysfunktionalität des Narzissmus wurzeln beide in einem Neglect gegenüber den vorherrschenden Verhältnissen in dem Ideal, das angestrebt wird: In wahrem Selbstvertrauen. Zuerst kommen wir aber zum Widerspruch im Narzissmus.
Unmittelbar gegeben sind uns nur unsere eigenen Gefühle und Kognitionen. Die der anderen bleiben für uns weitgehend im Dunkeln. Es liegt für narzisstisch veranlagte Individuen deshalb nahe, der eigenen selektiven Einschätzung bei der Selbstbewertung vorerst übermässiges Gewicht zu geben. Der Fokus auf die eigene Erscheinung, die eigenen Fähigkeiten und die eigene Person erhebt und wirkt befriedigend. Wer beginnt, die eigenen Leistungen und Errungenschaften in den Himmel zu loben, stärkt kurzfristig sein Selbstvertrauen und dadurch die Disposition, die eigenen Eigenschaften in Zukunft weiter so zu bewerten. Die Bestätigung dieser Einschätzung von anderen tut gut und treibt dieses Verhalten an. Der Selbstwert steigt und steht dabei immer in Relation zum Wert anderer, der nur mittelbar durch die eigene Einschätzung gegeben ist und von vollkommen subjektiv gewählten Bewertungskriterien abhängt. Dieser Werte-Vergleich kann hervorgerufen werden, wenn man beginnt Schwache, Bedürftige und Diskriminierte um sich zu scharen, um mit ihnen subtil zu kontrastieren. Davon zeugen die exhibitionistischen, öffentlichen Betroffenheitsbekundungen im Internet. Dieser Exhibitionismus wirkt nur mit dem entsprechenden Gegenstück, dem Voyeurismus, welcher durch die Funktionsweise sozialer Medien als moderne Schauplätze gegeben ist. Für Narzissten bietet sich dadurch die perfekte Gelegenheit, ihre Überlegenheit im Kontrast zu den jeweiligen Minderheiten öffentlich darzustellen. Dieses Verhalten kommt dem vornehmlich egoistischen Anteil gleich, denn es ist ein missbräuchliches, in dem die anderen Mittel zum eigenen Zweck werden.
Durch die rigorose Konzentration auf den eigenen Wert, das Selbst und die eigenen idiotischen Angelegenheiten bleibt unbemerkt, dass neben einem exhibitionistischen Grössenwahn auch eine hohe Verletzlichkeitssensibilität kultiviert wird: Die Kritik von anderen Menschen tut weh, obwohl sie das nicht dürfte. Das Ziel des Narzissten, unabhängig von anderen zu bleiben, selbst das Mass der Dinge zu sein und die eigene Omnipotenz zu feiern, scheitert an seiner Grundbedingung. Eigentlich wurde ja die Meinung anderer mit ihrem Wert als nichtig und unbedeutend abgetan, aber dass diese Maxime der ständigen Suche nach Bestätigung von aussen komplett widerspricht ist offensichtlich. Kritik und Lob sind zwei Seiten derselben Münze: der Meinung der anderen. Wie nun unschwer zu folgern ist, besteht das Paradoxon in dieser inneren Widersprüchlichkeit. Wörtlich genommen hat «paradoxon» (altgr: entgegen der Meinung) in unserem Fall sogar noch grössere Ausdruckskraft: Entgegen der Meinung der Betroffenen ihren Wert über andere stellen zu können, geben sie der Meinung und Kompetenz anderer paradoxerweise einen grösseren Stellenwert als üblich.
Trotz der Kunst der Narzissten, sich selbst zu blenden und ihre Aufmerksamkeit zu lenken, entgeht den meisten dieser überaus triviale Widerspruch nicht. Er nagt an der eigenen Integrität und dem Fundament des Selbstvertrauens. Dieser tiefgehende Widerspruch und die folgende Verunsicherung bewirken aber keine Revision der unveränderlichen Maximen im Charakter, sondern verstärken die verzweifelte Suche nach Anerkennung, um eben dieses Selbstvertrauen wiederaufzubauen. Wenn wir dies nun als eigentliches Ziel des Narzissmus verstehen, begreifen wir, dass nachhaltiges Selbstvertrauen durch den eben betrachteten Widerspruch gar nicht wirklich erreicht werden kann. Die Dysfunktionalität des narzisstischen Charakters besteht darin, entgegen seinem Ziel widersprüchliche Grundbedingungen zu enthalten und dieses Ziel dadurch nicht erreichen zu können. Damit wir verstehen, worin denn eigentlich die Diskrepanz zwischen echtem Selbstbewusstsein und Narzissmus besteht und warum unser Paradoxon überhaupt entsteht, hilft uns die hegelianische Dialektik.
Blick aufs grosse Ganze
Georg Wilhelm Friedrich Hegel verwendet seine dialektische Methode unter anderem in der Phänomenologie des Geistes, um die Wahrheit über komplexe Sachverhalte, deren Entwicklung und Einzelteile scheinbar widersprüchlich sind, ans Licht zu führen. Hegel fragt sich, ob unsere Wirklichkeit erkennbar und vernünftig ist und kommt zu dem Schluss: Richtiges verstehen und wahres Wissen zeichnet sich dadurch aus, vielschichtige Probleme nicht zuletzt durch ihre Vielschichtigkeit zu begreifen. Für Hegel heisst das, die Welt in ihrer Zerrissenheit zu verstehen. Diese besteht nämlich darin, dass in einem Begriff überraschend viele Gegensätze enthalten sein können. Der Anwender der Dialektik als Methode begreift solche Vielschichtigkeit in ihrer Widersprüchlichkeit und Einheit zugleich. Am besten wird in diesem Fall ein psychologischer Sachverhalt betrachtet: Widmen wir uns zum Beispiel der Frage, was wahres Erwachsensein auszeichnet. Wie man an altklugen Kindern und unreifen Jugendlichen sieht, drückt sich ernstzunehmendes Erwachsensein wohl nicht dadurch aus, stur die eigene Reife und Überlegenheit gegenüber «kindischen» Gleichaltrigen zu beweisen. Es besteht vielmehr darin, als Erwachsener ab und zu wieder Kind sein zu können und sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Alles andere wirkt ironischerweise verbohrt und unreif. Die einzelnen Komponenten widersprechen sich absolut betrachtet, denn kein Erwachsener kann erwachsen und Kind zugleich sein.
In einer dialektischen Sichtweise, in der wir begreifen, dass die hier enthaltenen Gegensätze zusammen eine übergeordnete Einheit konstituieren, verstehen wir aber vollends, was es bedeutet erwachsen zu sein. Dialektische Verhältnisse finden sich in vielen Sachverhalten wieder, insbesondere, wenn es um Entwicklungen und langfristige Prozesse geht. Dabei kann es vorkommen, dass sich gegensätzliche Teilvorgänge zwar gleichzeitig und unter demselben Aspekt betrachtet widersprechen würden, aber begriffen im Prozess unentbehrlich für einander sind. Es finden sich solche auch im Narzissmus selbst, was aber irrelevant ist, denn es geht hier um die Verhältnisse, die sich im Narzissmus leider nicht finden lassen. Die dialektische Methode hilft nämlich zu begreifen, was wahres Selbstbewusstsein ist und wie sich wahre Grösse zeigt. Narzissten lassen in ihrer Schonungslosigkeit bei sich, weder nach aussen hin noch nach innen, jegliche Schwäche oder Fehler zu, weil diese die Selbstliebe trüben und Rechtfertigungsbedarf gegenüber dem exhibitionierten Grössenwahn kreieren. Dialektisch gesehen wird nun klar, dass die radikale Ausmerzung jeglicher Gegensätze, im Versuch selbstbewusst und überlegen zu sein, den Narzissmus herausbildet. Begreift man, dass Gegensätze wie Schwäche und Selbstsicherheit oder Fehler und Fähigkeit ein übergeordnetes Ganzes konstituieren, versteht man auch folgendes: Tiefgreifend selbstsichere Menschen sind sich ihrer Schwächen bewusst. Sie haben diesbezüglich kein absolutes Ideal vor Augen und lassen sich hinsichtlich ihrer Begabungen und Eigenschaften weder blenden noch blenden sie sich selbst, um einem Ideal gerecht zu werden. Auch die unbedingte Selbstliebe findet sich in diesem Konstrukt nicht. Sie ist viel mehr bewusst an Bedingungen geknüpft, wie tatsächliche Erfolgserlebnisse, die gelegentliche Anerkennung von anderen, aber auch eine gesunde und realistische Selbsteinschätzung. Erst die eigenen Schwächen zu akzeptieren, eröffnet uns die Chance an diesen zu arbeiten und sie bei Bedarf zu überwinden. Solche Selbstwirksamkeitserfahrungen konstituieren ein Selbstbewusstsein, dass sich tatsächlich (und nicht nur scheinbar) minimal an anderen orientieren muss. Diese Welt bleibt den Narzissten verwehrt.
Ohne Schwäche, keine Stärke
Die Dysfunktion des Narzissmus besteht in der Unmöglichkeit sein Ziel zu erreichen (insofern keine grundsätzlichen Charaktereigenschaften geändert werden). Die Diskrepanz zum Selbstbewusstsein ist unerwartet gross. Auch unser Widerspruch wird nun durch das dialektische Verständnis der Sachlage klarer, denn im genuinen selbstbewussten Charakter entsteht er nicht. Der rigorose Ausschluss von Komponenten, die dem Ideal des absoluten Selbstbewusstseins entgegengesetzt sind, werden ignoriert und fälschlicherweise nicht anerkannt. Zum Ideal strebend ziehen sich Betroffene mit den falschen Mechanismen in die gegensätzliche Richtung: Der Narzissmus synthetisiert, im Streben nach absolutem Selbstvertrauen und absoluter Grösse, die pure Abhängigkeit von der Anerkennung der anderen. Auf der zweiten Seite der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes macht Hegel folgendes Beispiel zu seiner dialektischen Herangehensweise:
«Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, dass jene von dieser Widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. […] ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.»
Von allen Pflanzen scheinen die Narzissen, in ihrem fehlgeleiteten Streben nach einem Ideal, diese Strukturen nicht zu erkennen.
Unser Experte Maximilian Nietschke ist Masterstudent in Philosophie. Er wurde bei der Redaktion des Artikels von Prof. Gianfranco Soldati unterstützt.