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Ein Leserbriefschreiber, der in der ehemaligen Wiler Gastwirtschaft «Löwengarten» an einem Fronleichnamsonntag ein Glas Bier trinken wollte, empörte sich: An einem Tisch sass eine Gruppe junger Wilerinnen.
Ob es nicht ein trauriges Zeichen der Zeit sei, dass junge katholische Töchter in ihrem geziemenden Anstand so weit zurückgehen, dass sie es nicht unter ihrer Würde halten, die Bierhalle dem öffentlichen Gottesdienste vorzuziehen? fragte der erboste Bürger rhetorisch am 14. Juni 1873 im «Wyler Anzeiger».
Arbeit und Freizeit trennen sich
Die Freizeit war damals offensichtlich nicht frei von gesellschaftlichen Zwängen.
Die begriffliche Trennung zwischen Freizeit und Arbeitszeit kam mit der fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert auf. «Allgemein waren Arbeit und Freizeit in der vorindustriellen Zeit noch nicht scharf getrennt», heisst es dazu im Historischen Lexikon der Schweiz. Geselliges Beisammensein war öfters mit Handarbeiten oder mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten kombiniert.
Das Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877 brachte dann eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit mit sich. Neu waren Stunden für die Erholung, für die Geselligkeit und die Pflege eigner Bedürfnisse reserviert.
Zur strukturierten Nutzung der neu gewonnen Zeit entstanden im 19. Jahrhundert verschiedene Vereine, deren Mitglieder sich regelmässig zum gemeinsamen Singen, Schiessen oder Turnen zusammenfanden.
Zudem lockten in Wil verschiedene Gaststätten mit Blaskapellen, Artisten, Zauberkünstlern, Lustspielen und mit Tanzveranstaltungen Publikum an. So war etwa im ehemaligen Restaurant «Pfauen», an der Ecke Konstanzer-/Fürstenlandstrasse, war ein «Edison Phonograph, allerneuster Construction» zu bestaunen. 1885 war im «Adler» ein mechanischer Schiesssalon sowie ein Münchner Kasperletheater präsent. Die ersten bewegten Bilder eines Kinematographen wurden dem Publikum im «Schwanen» vorgeführt.
Ärgernis Baden
Als Reaktion auf die Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstand eine Bewegung, die eine gesunde Lebensweise propagierte., dazu gehörte auch das Badevergnügen im Freien. Die Behörden befassten sich in der Folge mit dem «Ärgernis des Nackt- und Wildbadens». Um es einzudämmen, reagierten sie mit verschärften Badevorschriften, Polizeipatrouillen sowie mit dem Bau von Badeanlagen.
Einer der umstrittensten Pläne war das Einrichten von gemischtgeschlechtlichen Familienbädern. Es entwickelte sich eine vehemente Gegnerschaft, vor allem aus kirchlichen Kreisen. Die Körperkultur dürfe nicht zum <Körperkult> werden, hiess es in Flugblättern kirchennaher Organisation, sonst sei die Moral und die Schamhaftigkeit der Jugend schon im Aufkeimen bedroht.
Bischöfliche Warnung
Auch in Wil erhitzte das Badevergnügen die Gemüter. 1925 forderte ein Bürger den Gemeinderat zum Bau einer Badeanlage auf. Er argumentierte mit sittlichen Gefahren, denen Jugendliche durch das Wildbaden in der Thur ausgesetzt seien, berichten Verena Rothenbühler und Oliver Schneider. Die Historiker sind Autoren der neuen Wiler Chronik, die 2020 erschienen ist. Sie berufen sich auf einen Artikel in der damaligen Zeitung «Wiler Bote». Der Bürger war mit seinem Thema nicht allein: Im Bettagsmandat von 1932 kritisierte der St. Galler Bischof die modernen Entwicklungen in der Gesellschaft und nannte neben dem Sport explizit das «Badeunwesen».
Drohender Sittenzerfall
Trotz bischöflicher Gegnerschaft, wurde auf Initiative des Verkehrs – und Verschönerungsvereins Wil (heute Verein Wil Tourismus) 1930 eine Badeanstalt Wil AG gegründet. Die Trägerschaft waren die politische Gemeinde sowie die Orts- und Schulgemeinde. Am 8. August 1931 wurde das Freibad Weierwise eröffnet.
Als die AG an zwei Nachmittagen das gemischtgeschlechtliche «Familienbad» erlauben wollte, regte sich Widerstand. Mit einer Zweidrittelmehrheit kippte der Gemeinderat das Begehren. Rothenbühler und Schneider fassen den Kern des damaligen Kontoverse so zusammen: «Der Bau der Weierwise wurde von den Konservativen unterstützt, da die Badeanstalt das ausufernde Badevergnügen an der Thur zum Verschwinden bringen sollte. Keinesfalls wollten sie aber, dass der Sittenzerfall innerhalb des Bades weiterging.» Ein Stundenplan regelte die Zugangszeiten der Geschlechter zum Freibad. Das Gelände war von einem hohen Bretterzaun umgeben, der Einblicke verunmöglichen sollte.
Am 23. Juli 1967 endete das geschlechtergetrennte Baden auf spektakuläre Weise: An einem besonders schwülen Nachmittag waren einige Frauen des Wartens überdrüssig. Vor dem Zeitpunkt ihres regulären Einlasses, um 16.30 Uhr, überstiegen fünf von ihnen kurzerhand den Gitterzaun.
Freizeit ohne Aufsicht
Der sogenannte «Badisturm» fiel in die Zeit der geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer. Nach dem 2. Weltkrieg hatte die junge Generation stark zugenommen. Um 1970 war die Hälfte der Wilerinnen und Wiler unter Dreissig. Die jungen Leute verlangten nach Treffpunkten in der Freizeit. Dies führte immer wieder zu Generationenkonflikten.
In den siebziger Jahren beendete der Pfarreirat die Möglichkeit zu Discos und Konzerten im Untergeschoss des katholischen Pfarreiheims. Als Alternative wurde das Freizeitzentrum «Obere Mühle» eingerichtet. Es stand allen Altersgruppen und Bevölkerungskreisen offen. Eine Betriebskommission sowie ein Leiter wachten über die Einhaltung der Hausordnung.
Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen wollten jedoch Lokalitäten, die sie selber verwalten konnten. In Wil engagierte sich der Verein Kulturlöwe lautstark für ein entsprechendes Projekt.
Ein eigenes Musiklokal
Nachdem zwei verschiedene Objekte in der Region Bleichparkplatz vom Stadtrat bzw. von der Stimmbevölkerung zur Umnutzung abgelehnt worden waren, wurde ab März 1989 ein ehemaliger Bahnschuppen in Fronarbeit zu einem Musiklokal umgebaut.
Um Weihnachten-Neujahr 1989/90 startete das erste Veranstaltungsprogramm in der Remise, darin waren Konzerte, Feste, Filmnächte, Theatervorstellungen enthalten. Ab 2008 wandelte sich der ursprünglichen Remise zum heutigen Gare de Lion.
Weitere Infos zum Tag des Denkmals: www.nike-kulturerbe.ch/index.php?id=26