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Die Historikerzunft ist gegenwärtig hoch beschäftigt mit dem Demontieren falscher Mythen wie Marigniano, Morgarten & Co. Höchste Zeit, dass auch mit Alpinen Mythen aufgeräumt wird, etwa mit der Meinung, die Egländer hätten das Bergsteigen erfunden und alle Alpengipfel erstbestiegen. Hier also Publikationen, die das Gegenteil beweisen – auf Italienisch, nicht auf Englisch.
„Besonders im nichtdeutschen Auslande scheint man anzunehmen, die Schweiz sei, bevor englische Touristen sie besuchten, ein Land der Pfahlbauten und Steinäxte gewesen.“
So wunderte sich Bernhard Studer, erster Professor für Geologie an der Uni Bern, in „Geschichte der Physischen Geographie der Schweiz bis 1815“, die 1863 erschien. Nun, Äxte brauchte man schon, bevor die Engländer kamen, aber nicht nur um Bäume zu fällen, sondern um Berge zu besteigen. Für den von der Sezione di Varallo Sesia des Club Alpino Italiano organisierten Kongress „Wie entstand der Alpinismus. Von der Erforschung der Alpen zur Gründung der Alpenclubs“ machte ich eine Zusammenstellung der Erstbesteigungen in den Schweizer Alpen von 1740 (Schesaplana) bis 1850 (Piz Bernina). Bis zum Jahr 1800 waren 24 Gipfel erstmals bestiegen worden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging es richtig aufwärts: 119 weitere Erstbesteigungen, und nur gerade bei vier waren Engländer beteiligt und nur bei einer (Cime de l’Est an den Dents du Midi) eine Dame. Unter den damals erstmals bestiegenen Gipfeln finden sich immerhin acht Viertausender, zum Beispiel das Lauteraarhorn, das zu den schwierigsten 4000ern der 48 Viertausender der Schweiz zählt. Und dann gibt es immer noch Leute, auch Historiker, die behaupten, die Engländer hätten das Bergsteigen erfunden.
Zu den Vorläufern eines modernen Alpinismus gehört der Disentiser Klosterbruder Placidus Spescha (1752–1833), der in seiner engeren Heimat, dem Bündner Oberland, zahlreiche Touren unternahm und dabei 19 Gipfel erstmals bestieg, darunter so hervorragende Gipfel wie Rheinwaldhorn/Adula (3402 m) und Oberalpstock (3327 m). Seine Bergreisen, wie er die Touren nannte, beschrieb er im Werk „Genaue geographische Darstellung aller Rheinquellen im Kanton Graubündten nebst der Beschreibung vieler Gebirgsreisen in dieser wenig besuchten und erforschten Alpengegend.“ Um diese Gegend zu erforschen, kletterte Placidus Spescha auf die Gipfel; er kletterte aber auch aus alpinistischem Ehrgeiz hoch, wie beim Oberalpstock im August 1792: „Niemand hatte noch diesen Berg erstiegen, und Niemand wollte ihn auch um einem billiges Regal ersteigen, denn man hielt ihn für unersteiglich.
Von allen Seiten her schien er mir sehr hoh und wild zu seyn, und nur ein Wagstuck von groβer Anstrengung konnte seine Ersteigung möglich machen. Gleich nach dem Jahre 1792, als ich den piz Aul erstiegen und seine Lage beβer in Augenschein genommen hatte, versuchte ich seine Ersteigung, und sie gelang mir vollkommen.“
Ein direkter Nachkletterer von Placidus Spescha war der Berner Gottlieb Studer (1804–1890), der von 1825 während 50 Jahren unermüdlich mit Pickel und Zeichenstift durch die Alpen streifte, viele Gipfel als erster bestieg, beschrieb und zeichnete. In seinem Buch „Topographische Mittheilungen aus dem Alpengebirge“ von 1843 gesteht der Mitgründer des Schweizer Alpen-Club: „Von früher Jugend an zog ein unwiderstehlicher, tief in meinem Innern wohnender Trieb mich hin nach den schönen und wilden Bergen meines Vaterlandes; ein heimwehähnliches Sehnen drängte und lockte mich stets wieder von Neuen, die einsamen Wildnisse, die Schrecken und Wunder der erhabenen Alpennatur aufzusuchen, von Fels zu Fels emporzuklettern über das Gewirre grauser Fluhgestalten, die Kristallmeere der Gletscher zu überschreiten, an glatten Wänden und schwindlichen Firsten, mit den Gemsen im Wettstreit, hinanzustreben nach den weithin erglänzenden Zinnen der Alpen.“ Kann man die Faszination des Bergsteigens (um seiner selbst willen) besser beschreiben?
Studer wird noch deutlicher in der Schilderung einer Reise in die Berner und Walliser Alpen im Sommer 1842, bei welcher die Jungfrau zum fünften Male bestiegen wurde: Diese Reise sei nicht zu wissenschaftlichen Zwecken unternommen worden, „sondern einzig aus angeborener Lust an kühnen Streiferein in die höchsten und minder bekannten Gebiete der Gebirgswelt, die dem unerschrockenen Wanderer so herrlich, wenn auch hie und da nicht ohne Gefahr zu erringende Genüsse darbieten.“ Weiter hinten im Jungfrau-Text fragt sich Studer, ob sich die Strapazen und Gefahren einer solchen Tour lohnen, ohne dass man sich wissenschaftlich betätige. Seine Antwort ist ein klares Ja, und er zählt die auf der Jungfrau verbrachte Stunde zu den ergreifendsten und schönsten seines Lebens. Die individuelle Empfindung ist wichtiger als die wissenschaftliche Arbeit. Bergsteigen als sportliches Plaisir, nicht als akademische oder patriotische Aufgabe.
Wer noch mehr zum Alpinismus in der Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lesen und wer vor allem auch die Liste mit den „Prime ascensioni nelle Alpi Svizzere 1740–1850“ anschauen möchte, kann zur Publikation greifen, die nun zum Kongress in Varallo vom September 2013 erschienen ist. Auf italienisch. Doch allein die zahlreichen Abbildungen sind einen Augenschein wert. Und neben den beiden Kapiteln zum Alpinismo svizzero hat es noch weitere mit Bezug zu unserem Land, so „Ein völlig deutscher Berg. Trent’anni di viaggiatori tedeschi intorno al Monte Rosa prima della sua conquista (1816-1842)” von Massimo Bonola. Wer die Sprache von Giovanni Gnifetti fast so beherrscht wie den Eispickel, mag noch eine weitere italienische alpinhistorische Arbeit in die Hand nehmen: „Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista“. Das letzte Kapitel ist dem Cervino gewidmet, vom Wettlauf um die Erstbesteigung bis zu den ersten geologischen Erforschungen. Darin gibt es allerdings ein paar lose Steine. Doch ist nicht gerade am Matterhorn mit etwas Steinschlag zu rechnen?
Riccardo Cerri (a cura di): Come nacque l’alpinismo. Dall’esplorazione delle Alpi alla fondazione dei Club Alpini (1786–1874). Edizioni Zeisciu, Alagna Valsesia 2015, Euro 25.-
Alberto Conte (a cura di): Le Alpi: dalla riscoperta alla conquista. Scienziati, alpinisti e l’Accademia delle Scienze di Torino nell’Ottocento. Il Mulino, Bologna 2014, Euro 24.-