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Die Stadt Lausanne benennt dieses Jahr eine Allee nach dem Begründer der griechischen Republik, dem Grafen Ioannis Capodistrias. Warum? Weil er sie vor der Herrschaft ihrer Nachbarstaaten bewahrte, als er in russischen Diensten war. Der ehemalige Schweizer Botschafter Lorenzo Amberg über seine Begegnungen mit Capodistrias.Dieser Inhalt wurde am 18. Juni 2021 - 15:00 publiziert
In Griechenland, das heuer den 200. Jahrestag seiner nationalen Unabhängigkeit feiert, wird er als Gründer und erster Präsident des modernen griechischen Staates als Nationalheld gefeiert. In Russland wird Graf Ioannis Capodistrias als grossartiger Diplomat des Zaren Alexander I erinnert. Auch die Schweiz verdankt ihm viel: ihre erste Verfassung, die internationale Anerkennung der Neutralität und die bis heute unveränderten Grenzen. Dennoch bleibt er hierzulande grösstenteils unbekannt.
Gewiss, die Kantone Genf und Waadt haben Capodistria zu ihren Ehrenbürgern gemacht und Lausanne benennt eine Allee nach ihm. Aber wer wie ich in Bern, nur einen Kanton weiter, geboren und aufgewachsen ist, hat wenig Chancen, im Geschichtsunterricht ein Loblied auf Capodistria zu hören bekommen: Das mächtige Bern wollte die vornapoleonische Ordnung wiederherstellen und stimmte 1814 nicht nur gegen den Bundesvertrag, sondern besonders auch gegen die Unabhängigkeit der Waadt. Durchgesetzt hat sie Capodistria, auf Anweisung von Zar Alexander I., der dank seinem republikanischen Waadtländer Privatlehrer Frédéric-César de la Harpe die helvetischen Zustände genau kannte.
Ich begegnete Capodistria erstmals als in Genf mein Studium begann, auf einem Spaziergang in der Altstadt, einige Schritte von der Kathedrale St. Pierre, wo eine Gedenktafel an seinen Aufenthalt 1822 bis 1828 erinnert.
Lorenzo Amberg studierte in Genf, Leningrad und Paris slawische und deutsche Philologie. Nach einem dreijährigen Einsatz als Übersetzer an der schweizerischen Botschaft in Moskau und einem Doktorat an der Universität Zürich trat er in das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein, wo er in Bern, Belgrad, New Delhi und Moskau im Einsatz stand. Er war schweizerischer Botschafter in Georgien und Armenien und - von 2010 bis 2015 - in Griechenland.End of insertion
Der Grieche hatte den Dienst in Russland quittiert, da er sich fortan ausschliesslich der Befreiung seines Landes vom ottomanischen Joch widmen wollte. Von seiner Wohnung an der rue de l’Hôtel-de-Ville aus flocht er ein dichtes Beziehungsnetz in ganz Europa. So war er mit dem Genfer Bankier Jean-Gabriel Eynard befreundet, der den griechischen Freiheitskampf finanziell unterstützte. Dank Capodistrias wurde die Rhonestadt zu einem Zentrum der so genannten philhellenischen Bewegung in der Schweiz.
>> Der Genfer Philhellenismus hielt sich lange - und wirkte sich selbst in Griechenland aus:
Eine Büste auf der Gartenseite des Palais Eynard, das heute die Stadtverwaltung beherbergt, erinnert an die Freundschaft der beiden Männer, und wer der Arve entlang spaziert, kann dort den Quai entdecken, der den Namen des Korfioten trägt.
Später, während eines Auslandsemesters in Leningrad 1975/76, hatte ich als Philologe das Glück, die Gebäulichkeiten der staatlichen Universität zu frequentieren, das früher das Aussenministerium des Zarenreichs beherbergte. Dort war Capodistrias eine zeitlang der Vorgesetzte des jungen Puschkin. Als der aufmüpfige Poet in seiner Freiheitsliebe in einem Gedicht etwas zu weit gegangen war, sollte er 1820 in den Hohen Norden oder nach Sibirien verschickt werden. Capodistria setzte sich beim Zaren erfolgreich dafür ein, dass Puschkin ins gnädigere Klima von Moldawien verbannt wurde.
Im Laufe der Jahre wurde meine Bekanntschaft mit Capodistria immer enger. Als Diplomat interessierten mich nämlich in den Ländern, wo ich im Einsatz war, stets auch die Persönlichkeiten, die in der Geschichte unserer gegenseitigen Beziehungen eine herausragende Rolle gespielt hatten.
In Armenien war das beispielsweise der Appenzeller Jakob Künzler, der nach 1915 Tausende von Überlebenden des Genozids rettete und beherbergte, und in Serbien der Lausanner Kriminalist Rodolphe Reiss, der im Ersten Weltkrieg Kriegsverbrechen der Mittelmächte auf dem Balkan dokumentierte. In den historisch-kulturellen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland sind etwa die Tessiner Architekten und Vertreter der revolutionären russischen Diaspora wie Bakunin und Lenin zu erwähnen.
Fraglos den bedeutendsten Beitrag Russlands zur Geschichte der Schweiz leistete indes der Grieche Capodistrias. Nach Napoleons Niederlage schickt ihn Zar Alexander I. Ende 1813 als Gesandten in die Schweiz. 1814 wird er von der Tagsatzung in Zürich akkreditiert. Das ist der Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland.
"...diese vortrefflichen Leute..."
Die Eidgenossenschaft droht 1814 an den gegensätzlichen Interessen der 19 Kantone zu zerbrechen; sie steht am Rande eines Bürgerkriegs. Zudem sind 130’000 russische und österreichische Truppen auf ihrem Territorium stationiert. Unter den drei Gesandten, die die Verbündeten Russland, Österreich und England in die Schweiz schicken, spielt Capodistria bei der Konsolidierung und Neugestaltung der Eidgenossenschaft nach der 15-jährigen französischen Herrschaft die erste Geige. Die Aufgabe ist komplex, Capodistrias begreift schnell: "In den Republiken redet man viel, entscheidet mit Mühe und handelt mit grosser Langsamkeit."
Er verhandelt unermüdlich, besucht alle Kantone, droht einmal sogar mit dem Abbruch der Verhandlungen und überzeugt die Schweizer schliesslich, dass eine Einigung in ihrem eigenen Interesse liegt. Von den Siegermächten will nur Russland eine unabhängige und neutrale Schweiz im Zentrum Europas. Neun Monate nach Capodistrias Ankunft in Zürich, im September 1814, hat jeder Kanton sein eigenes Grundgesetz und die Schweiz ihre erste Verfassung, den Bundesvertrag.
Erleichtert teilt Capodistrias seinem Vater in Korfu mit: "Das Ende einer derart komplizierten Verhandlung hat mir unendliche Mühen, Reisen, Schriften, Proben, Verfassungen und Projekte gekostet - aber das macht nichts. Diese vortrefflichen Leute (seine schweizerischen Gesprächspartner, L.A.) haben mich mit Zeichen der Freundschaft und aufrichtiger Herzlichkeit überhäuft. Das Vertrauen, mit dem sie mich beehren, hat mich für all meine Anstrengungen vielfach entschädigt. Wenn sie in Zukunft glücklich sein und sich ihrer Unabhängigkeit erfreuen können, werde ich meinen, dass ich weder meine Zeit noch meine Mühe verloren habe."
Seine Erfahrungen mit der Schweiz fasst er in die Worte zusammen: "Die Wiedergeburt und die echte Unabhängigkeit eines Volkes können nur sein eigenes Werk sein. Eine Hilfe von aussen kann sie erleichtern, aber sie kann sie nicht schaffen." Seine in der Schweiz gewonnene Einsicht wird Capodistria auch bei der Schaffung und Einrichtung der hellenischen Republik anwenden.
Ihr neuer völkerrechtlicher Status erlaubt es der Schweiz, am Wiener Kongress teilzunehmen. Die zentrale Figur der Schweizer Delegation ist der Genfer Staatsmann Charles Pictet de Rochemont, der mit einem Mandat der Republik Genf ausgestattet ist. Sein Auftrag ist es, das Territorium Genfs so zu gestalten, dass es mit dem Kanton Waadt auf dem Landweg verbunden ist.
Pictets Verbündeter ist Capodistrias. Dank dessen Verhandlungsgeschick willigt Frankreich schliesslich ein, Genf einen Streifen seines Gebiets entlang dem Genfersee abzutreten. Pictet und Capodistrias halten während des Kongresses insgesamt 92 (!) gemeinsame Arbeitssitzungen. Nach Aussage von Pictet ist der Grieche "der beste und treueste Vertreter der Genfer und Schweizer Interessen" am Wiener Kongress. Mit Bewunderung nennt er ihn den "Phönix der Diplomatie". Schliesslich gelingt dem Duo Pictet-Capodistrias auch die völkerrechtliche Anerkennung der schweizerischen Neutralität durch die Grossmächte.
Gewiss, die Schweiz ist damals noch ein Staatenbund. Aber dank dem Mandat des russischen Zaren und der diplomatischen Gewandtheit Capodistrias wird 1815 die Grundlage des Bundesstaates 1848 gelegt. Und der Status der Neutralität hat sich trotz gelegentlicher Neudefinitionen, Relativierungen und Infragestellungen bis heute als Grundlage der schweizerischen Aussenpolitik bewährt und hat unserem Land einen seit 1815 dauernden Frieden und eine international geachtete Stellung verschafft.
Es hat fast 200 Jahre gedauert, bis Capodistrias Verdienste um die Schweiz auch auf der Ebene der Eidgenossenschaft gebührend anerkannt wurden: 2009 weihten die damalige Vorsteherin des EDA, Micheline Calmy-Rey und ihr russischer Amtskollege Sergej Lavrov am Quai von Ouchy eine vom Moskauer Bildhauer Wladimir Surowzew geschaffene Büste des grossen Diplomaten ein.
Richtig vertraut mit Capodistrias wurde ich während meinem Mandat als schweizerischer Botschafter in Griechenland 2010-2015. In Korfu befinden sich sein Geburtshaus und ein ihm gewidmetes Museum sowie sein Grab im Kloster Platytera. In der altehrwürdigen "Lesegesellschaft" wird sein Schreibtisch sorgsam aufbewahrt. In Ägina, der kurzlebigen ersten Hauptstadt der hellenischen Republik, ist das erste Lehrerseminar des jungen Staates, finanziert von Jean-Gabriel Eynard, zu sehen. In Nafplio, der zweiten Hauptstadt, steht die Kirche des heiligen Spiridon, vor der Capodistrias nach der Messe am 27. September 1831 ermordet wurde. An diesen geschichtsträchtigen Gedenkorten und anderswo durfte ich an Konferenzen und Festanlässen teilnehmen und Vorträge halten.
Ich hatte auch das Glück, Persönlichkeiten wie den hervorragenden Genfer Hellenisten Bertrand Bouvier und dessen Frau, die Historikerin Michelle Bouvier-Bron kennenzulernen, die sich zeitlebens intensiv mit Leben und Werk Capodistrias beschäftigt haben. Ich realisierte, wie eng Capodistria unsere beiden Länder verbunden hat und wie lebendig sein Andenken dort heute noch ist. Mögen die Feierlichkeiten der griechischen Diaspora in verschiedenen Schweizer Städten im Jubeljahr 2021 dazu beitragen, dass die wahrhaft historische Leistung des russischen Diplomaten griechischen Ursprungs auch in der Schweiz, die ihm so viel zu verdanken hat, in der weiteren Öffentlichkeit besser bekannt wird.
>> In umgekehrter Richtung machten sich Schweizer Philhellenen auf den Weg nach Griechenland, um in den 1820er-Jahren den Aufstand gegen die Osmanen zu unterstützen:
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