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Lieber Matthias
Nach ein wenig Schlaf möchte ich nun unsere kleine Diskussion
(ich hoffe, es
wird eine echte Diskussion) fortsetzen und noch ein wenig die Grundlagen
unseres Denkens betrachten.
Du bezeichnest Dich ja als Agnostiker und Skeptiker. Der Begriff
Agnostizismus wurde ja von T.H.Huxley, Darwins Befürworter, geprägt. Und
geht noch auf die Lehren von Protagoras (480-410 v.Chr.) zurück. Der
Skeptizismus gab es ab ca. 300 v. Chr. (Pyrrhon) und geht bis 200 n. Chr.
(Sextus Empiricus). Ich will Dich aber nicht in ein Schema drücken, sondern
möchte von Dir selber wissen, wie Du Dein Glaube definierst und
rechtfertigst. Könntest Du das bitte für mich tun?
Als Agnostiker besteht aber bei Dir die Gefahr, dass Du Deinen
Standpunkt
gar nicht rechtfertigen willst. Du schiebst dann schön bequem die Beweislast
auf uns arme Christen ab, was ja ein Charakteritikum des Agnostizismus ist.
Ein lieber Freund von mir, Philip Stott aus Südafrika, war früher ebenfalls
Agnostiker, bevor er gläubig wurde. Er hat also den genau umgekehrten Weg
wie Du gemacht. Bei ihm war es aber so, dass er primär deshalb Agnostiker
war, weil es ihm Spass machte, die Gläubigen in Verlegenheit zu bringen. Er
hat auch zugegeben, dass keiner seiner Kollegen etwas anderes als das hinter
ihrem Agnostizismus sahen. Dies meist aus Frust und Rebellion gegen den
Glauben und das Christentum. Ich muss ehrlich sein und sagen, dass ich bis
heute ebenfalls noch keinen Agnostiker kennengelernt habe, der wirklich
ehrlich und aufrichtig war. Es ging ihnen niemals darum, einen eigenen
Glauben aufzurichten und zu rechtfertigen, es ging ihnen nur darum, mit
"Vernünfteleien" den Glauben Anderer anzufechten und kaputt zu machen.
H.J. Blackham sagt: "Historically, 'agnosticism' does
not merely mean a
suspension of judgment. Rather, it means intellectual justification for a
disregard of theology." Wenn Du also ein echter Agnostiker bist, dann willst
Du, nur mit Deinem Verstand gewappnet, beweisen, dass Theologie (bzw.
christliche Lehre im weitesten Sinne) unnötig oder sogar falsch ist. Das ist
für mich keine sehr konstruktive Philosophie.
Bis jetzt habe ich nicht versucht, Dich zu meinem Standpunkt
zu bekehren.
Ich habe lediglich versucht, Dir meinen Standpunkt auf eine vernünftige Art
zu erklären und die Begriffe, die ich verwende, zu definieren. Dies hat
nichts mit Glaubenserfahrungen zu tun, die persönlich sind, sondern damit,
die Grundlagen meines bzw. des christlichen Glaubens einmal darzulegen. Dein
Satz jedoch:
> Lieber Peter, versuche einmal aus diesem "Gotteskreis"
aus-
> zubrechen.
bewerte ich als sanften Bekehrungsversuch. Können wir
uns darauf einigen,
dass keiner von uns versucht, den andern zu seiner Sicht zu bekehren,
sondern dass wir uns darauf beschränken, die eigene Sicht darzulegen? Dann
sagst Du noch folgendes:
> Tatsaechlich ist es die obengenannte Argumentation, die
> viele Christen davon abhaelt, die Bibel kritisch zu be-
> leuchten. Widersprueche und Unschoenheiten DARF es nicht
> geben.
Hiermit gibst Du den Standpunkt verschiedener Christen wieder,
nicht aber
meinen. Ich glaube, dass alle Aussagen des ursprünglichen Textes der Bibel,
vom Standpunkt des Autors gesehen, ganz sicher wahr sind. Dies bedeutet aber
nicht, dass alle diese Aussagen in sich abgeschlossen sind. Im Gegenteil,
kann ich kaum erwarten, etwas, das in die Unendlichkeit hineinreicht, als
"abgeschlossen" zu betrachten. Johannes sagt selber (Joh. 21, 25):
"Es gibt aber auch viele andere Dinge, die Jesus getan
hat, und wenn diese
alle einzeln niedergeschrieben werden, so würde, scheint mir, selbst die
Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen."
Dies ist auch was nötig wäre, um die Unendlichkeit
schriftlich festzuhalten:
unendlich viele Bücher. Die Bibel ist aber nur ein Buch, welches uns nur das
Wesentlichste, das wir zu wissen brauchen, einmal mitgibt. Darüber, was z.B.
vor der Zeit passierte, wissen wir nur sehr wenig bis gar nichts (Eph. 1, 4)
und auch darüber, was nachher geschehen wird, sind unsere Vorstellungen sehr
mangelhaft, weil auch die Bibel dazu sehr wenig sagt. Da schlussendlich
alles im Universum irgendwie zusammenhängt, macht die Bibel auch ganz sicher
Aussagen, die auf diese Tatsache hinweisen, die jedoch nicht weiter gehen
und uns fast ein wenig im luftleeren Raum lassen. Das ist für mich
vernünftig und sogar logisch.
Ich kann mir vorstellen, dass Du mit dem Standpunkt der Brüder
in der
Brüderbewegung Mühe hattest. In dieser Bewegung wird tatsächlich verlangt,
die Bibel als ein in sich abgeschlossenes System zu betrachten, was sie aber
nicht ist, auch niemals sein kann und auch nicht von sich behauptet. Sie
behauptet von sich, wahr und vollkommen zu sein. Hinter diesen zwei
Eigenschaften kann ich voll stehen. Ich bin überzeugt (ich glaube), dass
jede in der Bibel gemachte Aussage wahr ist. Ich glaube, dass die Bibel
vollkommen ist, weil sie keine Fehler enthält, nicht aber deshalb, weil sie
alle Informationen enthält.
Von diesem Standpunkt aus betrachtet überrascht es mich
überhaupt nicht,
sogenannte Widersprüche in der Bibel zu finden. Es werden immer wieder Dinge
gesagt, die nicht genauer erklärt werden (sonst wäre dieses Buch ja noch
dicker), und deshalb auch manchmal keinen Sinn ergeben, weil uns hierzu die
nötigen Informationen schlichtweg einfach fehlen.
Ich will das an einem Beispiel beleuchten. Du hast die folgende
Stelle mit
einem Pastor diskutiert:
Denn es wird geschehen, daß der Menschensohn kommt in
der
Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird
er einem jeden vergelten nach seinem Tun. Wahrlich, ich sage
euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken,
bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.
(Matth.16.27-28)
Zuerst müssten wir uns also fragen, was hier genau gemeint
ist. Wir müssen
die einzelnen Begriffe definieren und hoffen, dass wir sie richtig
verstanden haben. Wenn wir dann aber zu keinem logischen Schluss kommen, was
haben wir schlussendlich damit bewiesen? Nur eines, dass die Bibel eben kein
in sich geschlossenes System darstellt, das nur für sich dasteht und
sämtliche Warheiten presigibt. Ein Trugschluss wäre es aber, diese Aussage
Jesu als falsch einzustufen, nur weil sie nicht meinen Vorstellungen
entspricht.
Du fragst noch, warum es Apologetik gibt und warum sie nötig
ist. Ganz
einfach deshalb, weil die Bibel uns dies schon vorschreibt (Kol. 4, 6; 1.
Petr. 3, 15-16) und zweitens, weil der Herr ja will, dass wir unseren
Verstand gebrauchen. Es ist einfach wichtig, dass wir erkennen, wo die
Grenzen unseres Verstandes sind und uns auch diesbezüglich gründliche
Gedanken machen.
Nun muss ich aber zur Arbeit (es ist inzwischen 7 Uhr morgens).
Melde mich
dann später wieder.
Ganz liebe Grüsse
Peter