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Eine exil-chinesische Forscherin behauptet in einer neuen Studie, dass das Coronavirus aus dem Labor stammt. Während Wissenschaftler die Studie kritisieren, hypten sie andere, bevor sie publiziert war.
Woher stammt das Coronavirus? Ist es natürlichen Ursprungs? Oder stammt es doch eher aus einem chinesischen Labor? Während die Mehrheit der Wissenschaftswelt die Labor-Theorie verwirft, verleiht die chinesische Wissenschaftlerin Li-Meng Yan der Labor-Theorie neuen Schub.
Li-Meng veröffentlichte am Montag auf dem Online-Speicherdienst Zenodo, der hauptsächlich für wissenschaftliche Datensätze verwendet wird, eine nicht peer-reviewte Studie. Darin schreibt sie, dass sie bei der Analyse des Virus bestimmte Strukturen identifizieren konnte, die eine menschliche Manipulation des Virus belegen würden.
Die Studie erhielt vor allem in den USA grosse mediale Aufmerksamkeit – aber auch in der Schweiz. Am Anfang der Kampagne stehen jedoch rechte US-Netzwerke, wie eine Recherche von The Daily Beast zeigt.
Li-Meng ist eine chinesische Wissenschaftlerin, die dieses Jahr aus Hongkong in die USA geflohen ist. Sie arbeitete als Postdoc-Forscherin an der Universität Hongkong (HKU) zu Infektionskrankheiten.
In ihren zahlreichen Medienauftritten während der letzten Tage behauptet sie, dass sie Belege für die Labor-Herkunft bereits vor Monaten gefunden habe. Die Ergebnisse seien aber von ihrer Universität missachtet worden – und von ihrem Computer gelöscht.
Li-Meng sei von einem HKU-Professor im Dezember 2019 mit einem Geheimauftrag versehen worden. Sie solle ein neues Coronavirus untersuchen. Dieser Darstellung widersprachen allerdings die HKU und der genannte Professor, berichtete die South China Morning Post im Juli. Li-Meng habe im Zeitraum zwischen Dezember und Januar keinerlei Forschung zum Thema Coronavirus betrieben.
Ganz ehrlich? Diese Frage ist ohne biologisches und chemisches Vorwissen sehr schwierig zu beantworten. Die wissenschaftliche Sprache ist für Laien schwer zu verstehen.
Klar ist das Fazit: Das Coronavirus stammt aus dem Labor. Li-Mengs Argumentation stützt sich auf den Genom-Vergleich zwischen SARS-CoV-2 und «Fledermaus-Viren» wie ZC45 und/oder ZXC21. Hauptunterschied: Den «Fledermaus-Viren» fehlen bestimmte Proteine, die das Eindringen in menschliche Zellen erlauben, sogenannte Spike-Proteine. Die Ähnlichkeit sei «verdächtig» und würde auf Genmanipulation hinweisen.
Die Ähnlichkeit zwischen den Viren deute darauf hin, dass den «Fledermaus-Viren» manuell das fehlende Protein hinzugefügt wurde, ZC45 und/oder ZXC21 diente dabei als «Schablone» oder «Rückgrat».
Die Mehrheit der Experten, Forscher und Regierungen weltweit halten eine natürliche Entwicklung des Virus für den wahrscheinlichsten Ursprung. Wissenschaftliche Studien stützen diese Theorie. Dementsprechend war auch die Kritik an Li-Mengs Artikel gross. Mehrere Wissenschaftler kritisierten auf Twitter die Studie als unwissenschaftlich und unvollständig.
Der Immunologe Kristian Andersen, spezialisiert auf übertragbare Krankheiten und Genomik, schreibt etwa, dass es einfach nicht wahr sein könne, weil SARS-CoV-2 und ZC45 zu unterschiedlich seien.
Zusätzlich ignoriere das Paper alle jüngsten Erkenntnisse zum Coronavirus und Fledermäusen. Angela Rasmussen, Virologin an der renommierten Columbia-Universität in New York, schreibt: «Denke ich, dass ihre Analyse die Behauptungen ausreichend untermauert hat? Schallendes NEIN.»
Gegenüber «The Daily Beast» wird Rasmussen noch deutlicher: «Im Grunde sind es nur Indizien und einiges davon frei erfunden.» Li-Meng würde ausserdem grundlegende Fakten über das Virus falsch darstellen.
Alina Chan, Postdoc am MIT und Harvard, stimmt den beiden Hauptkritikpunkten von Andersen zu. Li-Mengs Paper ignoriert jüngste Publikationen zum Thema. Und die Behauptung, dass SARS-CoV-2 auf den «Fledermaus-Viren» basieren, habe die Glaubwürdigkeit von Li-Mengs Bericht «zerstört».
Kristian Andersen bilanziert auf Twitter:
Li-Meng behauptet weiter, dass die etablierten Wissenschafts-Journale gezielt abweichende Meinungen unterdrücken würden – wie konkret das funktionieren soll, beschreibt sie aber nicht. So bleibt sie etwa die Erklärung schuldig, wie alle führenden medizinischen Fachjournale unabhängig voneinander gezielt bestimmte Meinungen zu einem kontroversen Thema zensieren.
Dazu kommt ein eigenartiges Literaturverzeichnis. Nebst wissenschaftlichen Publikationen sind darunter auch Blogbeiträge und obskure Newsportale wie etwa «nerdhaspower.weebly.com» oder «gmwatch.org».
Jetzt wird es interessant: Es gibt eindeutige Verbindungen zwischen Li-Meng, dem chinesischen Milliardär Guo Wengui und einflussreichen US-Rechtspopulisten wie etwa Trumps Ex-Berater Steve Bannon.
Li-Meng und ihre drei Co-Autoren sind allesamt Mitglieder der Organisation «Rule of Law Society». Diese in New York ansässige Gesellschaft gehört Guo Wengui, der sich nach Korruptionsvorwürfen in die USA absetzte. Er betreibt mehrere Newsportale, die sich kritisch mit der chinesischen Diktatur befassen – und dabei auch oftmals Falschinformationen verbreiten. Die politische Ausrichtung ist klar dem rechten Rand in den USA zuzuordnen.
Guos Seiten berichteten in den letzten Tagen mehrheitlich über Li-Mengs Paper. Beispiel hier im Screenshot unten etwa «Voice of Guo» – welches in Zusammenarbeit mit Steve Bannon betrieben wird.
Das Titelbild auf Twitter zeigt etwa Guo im gemeinsamen Gebet mit Bannon in einer Kirche. Guo selbst tritt immer wieder in Bannons Podcasts auf.
Übrigens: Wer mag sich noch erinnern, als Bannon auf einer Yacht festgenommen wurde? Weil ihm Betrug vorgeworfen wurde? Wem gehörte wohl die Yacht?
Richtig geraten, sie gehört Guo Wengui.
Auch Li-Meng trat bereits in Bannons Podcast «War Room» auf – und das schon im Juli. Ebenfalls am Start: der unter Regime-Gegnern einflussreiche chinesische Journalist Lude Fangtan. Dieser zeigte in seiner eigenen Youtube-Sendung ein Foto, das ihn zusammen mit Steve Bannon, Li-Meng Yan und Rudy Giuliani, Anwalt von Trump, zeigt. Das war am 10. September, kurz vor der Veröffentlichung von Li-Mengs Paper.
Und dann am 13. September, einen Tag vor Veröffentlichung, erhielt Li-Meng einen Auftritt in Giulianis Podcast. Thema: «Dr. Li-Meng Yan ist hier, um über die Ursprünge des Coronavirus und das Wuhan-Labor im Zentrum des Geschehens zu diskutieren.»
Übrigens: Li-Meng richtete sich im September einen Twitter-Account ein. Nach kurzer Zeit löschte ihn Twitter wieder. Über die anderen drei Co-Autoren in Li-Mengs Studie ist nichts bekannt.
Was die Studie von Li-Meng wirklich hergibt, können nur Wissenschaftler beurteilen. Bislang fielen die Reaktionen aber kritisch bis sehr kritisch aus. Gepusht wurden aber Li-Mengs Theorien vor allem von US-amerikanischen rechtspopulistischen Seiten, zusammen mit einflussreichen Gegnern der chinesischen Regierung.
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