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Im Alltag einer Qualifikation sind Penaltys bloss eine Fussnote zum grossen Drama. Aber im Frühjahr könnte sich herausstellen, dass Penaltys den Kampf um die Playoffs entschieden haben.
Der Elfmeter (Strafstoss) ist in der Fussballkultur von zentraler Bedeutung. In den letzten 30 Jahren haben mehr als 130 wissenschaftliche Studien versucht, die Faktoren herauszufiltern, die den Erfolg des Schützen bzw. des Torhüters beeinflussen, und es gibt lesenswerte Bücher zum Thema («Elfmeter» von Ben Lyttleton beispielsweise).
Im Eishockey gibt es keine vergleichbare Penalty-Kultur oder -Literatur. Zwar sind schon oft Titelkämpfe im Penalty-Schiessen entschieden worden: der WM-Final 1994 und der Olympia-Final von 1994 zum Beispiel. Bei den ersten olympischen Spielen, bei denen die NHL-Profis zugelassen waren (1998) scheiterten die Kanadier im Penaltyschiessen im Halbfinale gegen die Tschechen. Theo Fleury, Joe Nieuwendyk, Eric Lindros, Brendan Shanahan und Ray Bourque brachten den Puck nicht an Dominik Hasek vorbei. Wayne Gretzky durfte nicht antreten – was dem damaligen Cheftrainer Marc Crawford (später Meister mit den ZSC Lions) bis heute nicht verziehen wird. Und schliesslich und endlich hat die Schweiz ja den WM-Final von 2018 gegen Schweden im Penalty-Schiessen verloren.
Eigentlich gibt es heute Penalty-Dramen nur noch bei internationalen Turnieren. Die entscheidenden Partien der nationalen Meisterschaften (Playoffs) werden bis zur bitteren Neige ausgespielt.
Im Alltag der 50 Qualifikationsrunden haben Penaltys nur eine geringe Bedeutung. Seit der Saison 2006/07 gibt es in der Regular Season kein Unentschieden mehr. Nach einer fünfminütigen Verlängerung wird der Sieger – falls nötig – durch Penaltys ermittelt.
Eine Penalty-Niederlage ist ärgerlich, aber nicht «total». Der Verlierer bekommt ja auch noch einen Punkt. Gerade im Herbst werden solche Punktverluste kleingeredet. Nur keine Aufregung. Die Meisterschaft dauert ja noch lange. Dabei zählen Punkte im Herbst genau gleich viel wie im Februar, wenn jeder einzelne Punktverlust zum Drama erklärt wird. Jeder Punkt zählt. Die Differenz zwischen Platz 9 und Platz 4 betrug letzte Saison nur vier Punkte.
Die Bedeutung der Penaltys wird daher oft unterschätzt. Aber es könnte diese Saison fatal sein, diese Disziplin gering zu schätzen. Bereits vier der bisherigen 23 Partien sind erst nach Penaltys entschieden worden.
Zug – Lugano 3:2 n.P.
Ambri – Servette 2:3 n.P.
SC Bern – Biel 1:2 n.P.
Biel – Langnau 3:2 n.P.
Nie mehr seit der Saison 2014/15 hatten wir schon im Frühherbst so viele Penalty-Entscheidungen.
2018/19 dauerte es 99 Spiele bis zum 4. Penalty-Schiessen.
2017/18 dauerte es 79 Spiele bis zum 4. Penalty-Schiessen
2016/17 dauerte es 43 Spiele bis zum 4. Penalty-Schiessen
2015/16 dauerte es 44 Spiele bis zum 4. Penalty-Schiessen.
Ein Trend, der wohl auch der Ausgeglichenheit der Liga geschuldet ist.
Wer im Fussball einen Elfmeter vergibt, ist ein Versager. Im Eishockey ist das Scheitern des Schützen beinahe normal. Diese Saison sind bloss 8 von 30 Penaltys verwertet worden. Der SCB hat, wenn wir die Partien in der Champions Hockey League mitzählen, nur einen von 18 Versuchen verwertet.
Im Fussball wird der Ball gesetzt und ein Schuss bringt die Entscheidung. Im Fussball ist das Tor gross und der Torhüter klein. Im Eishockey ist das Tor klein und der Goalie gross. Der Schütze läuft von der Spielfeldmitte aus mit der Scheibe erst eine längere Strecke. Einige fahren zügig vorwärts und suchen gleich mit einem Schuss den Erfolg. Andere kurven heran und versuchen den Torhüter zu überlisten. Bleibt der Goalie einfach stehen, hat er eine grosse Abwehrchance.
Der Eishockey-Penalty ist also wesentlich komplexer als im Fussball. Ein Training ist sowieso nur begrenzt möglich. Die Reaktion des Torhüters ist ja nie voraussehbar. Und gute Tricks werden im Video-Studium durchschaut.
Ein Topskorer ist nicht automatisch ein sicherer Penalty-Verwerter. Erfolgreiche Penaltyschützen sind oft Künstler und Gaukler.
Wahrscheinlich ist es nicht nur Zufall, dass Biels schlaues, flinkes finnisches «Kufentier» Toni Rajala soeben in den beiden Penalty-Entscheidungen in Bern und gegen Langnau zweimal getroffen hat. Biel hat diese Saison beide Penalty-Ausmarchungen gewonnen und auch letzte Saison keine verloren. Da waren es aber in 50 Partien nur zwei gewesen.
Vielleicht stellt sich am Ende der Qualifikation heraus, dass die Penaltys eine beinahe vergessene Qualität der Bieler waren und eine entscheidende Differenz gemacht haben.
Oftmals ist die Rede davon, die Penalty-Entscheidung sei eine reine Lotterie. Doch das stimmt nicht. Keine andere Entscheidung ist so fair, ehrlich und transparent.
Es ist das offene Duell Mann gegen Mann («High Noon»), des Schützen gegen den Torhüter. Niemand kann stören, dazwischenfahren, hineinfunken, ablenken oder provozieren. Es mahnt auch niemand zur Eile und es gibt keinen Verfolger. Der Stress ist deshalb eher weniger gross als bei einem «Breakaway» während des laufenden Spiels. Selbst Schiedsrichter-Fehlentscheide sind beinahe (aber nicht ganz) ausgeschlossen.
Es geht um pures Talent, Reflexe, Beweglichkeit, Nervenstärke – und natürlich auch ein bisschen um Glück.
Ohne Glück geht es nämlich nie. Nicht im richtigen Leben und erst recht nicht in einem so unberechenbaren Spiel wie Eishockey. Schon der grosse Feldherr Napoléon pflegte zu sagen, er brauche nicht bloss tüchtige Generäle. Sondern Generäle, die Glück haben. Wenn es um eine Beförderung ging, soll er stets gefragt haben: «Hat er Glück? Sonst will ich ihn nicht.»
Eigentlich sollten die Coaches ihre Penalty-Schützen auch nach diesem «Napoléon-Prinzip» auswählen.