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«Hier ist die Réception, guten Abend, Mr. Harrison, how can I help you?»
Die Stimme antwortet mir in breitgekautem Amerikanerenglisch. Ich habe den Namen vom Display des Telefons abgelesen: Es ist eine Regel des Hauses, dass man den Gast immer beim Namen nennen muss. Damit er versteht, dass wir wissen, wer er ist. Der Gast muss immer die Gewissheit haben, mehr als nur eine Zahl auf einem Schlüssel oder einer Tür zu sein. Eine Frage des Stils, und im Grand Hotel geht nichts über den Stil.
Der Akzent – und das, was er sagt – verrät mir seine Herkunft: New York, vornehme Gegend, 5th Avenue oder etwas in dieser Art, wo die Gutbetuchten leben, gestresste Leute, gewohnt, alles zu bekommen und sofort, sie haben mindestens ein Lifting hinter sich, besitzen einen Mops oder einen anderen tragbaren Kläffer, Tiere, die nur Reiche lieben können. Ich antworte auf Englisch und kaue dabei die Wörter breit, genau so, wie ich es den Schauspielern in den Leihfilmen abgeschaut habe.
«Das ‹Cangelli› ist perfekt, wenn Sie typische Küche wünschen, aber wenn Sie gestatten, würde ich Ihnen eher das ‹Quattro Colonne› empfehlen. Die Küche ist moderner, könnte man sagen. Stilvolles Ambiente. Ja. Sehr angenehme Gäste, Mr. Harrison, wie Sie übrigens auch.»
Er lacht. Das ist ein gutes Zeichen. Sie lieben es, wenn sie erkannt werden.
«Selbstverständlich. Um acht für zwei. Einen sehr guten Tisch.»
Man muss immer von einem sehr guten Tisch sprechen, auch wenn er dann erbärmlich in einer dunklen Ecke steht.
«Wenn Sie gestatten, reserviere ich Ihnen einen Tisch mit Blick auf die Küche. Das ist eine exklusive Position.»
Sie lieben das Exklusive. Selbst wenn es sich dabei um trostloses Mittelmass handelt. Sie müssen nur fest daran glauben, brauchen nur eine Vergleichsgrösse.
«Am ehesten wohl mit ‹Le Cinque› vergleichbar, Mr. Harrison, in ‹Mayfair›.»
Im Vergleich erkennen sie sich wieder, sie fühlen sich sicher, er ist die Bestätigung dafür, dass ich erkannt habe, mit welcher Sorte Gast ich es zu tun habe.
«Ich weiss, dass Sie es kennen, Mr. Harrison, deswegen erlaube ich mir, Ihnen ein Restaurant zu empfehlen, das Ihnen gefallen wird. Ausgezeichnet, um acht für zwei. Das Taxi erwartet Sie um zehn vor acht.»
Immer auch an das Taxi denken! Das beweist erstklassige Organisation und Sorgfalt. Das ermöglicht dem Gast, sich um nichts zu kümmern, sich keine Sorgen zu machen. Und es erhöht das Trinkgeld.
Ich vermerke im Hotelbuch Zimmer, Restaurant, Personenzahl und Uhrzeit. Man weiss nie. Oft verlieren die Gäste alles, was man ihnen anvertraut. Dann rufe ich im «Quattro Colonne» an. «Enzo? Hallo, ich bin’s. Hör zu, einen Zweiertisch, heute abend um acht. Ja, einen guten, wenn möglich mit Blick auf die Küche. Ja, ich weiss, aber versuch es halt. Ein dicker Fisch. Harrison. Mit H, wie der von den Beatles. Genau. Und tu mir einen Gefallen: Führ sie erst mal in den Keller. Erzähl ihnen was Schönes und zeig ihnen die Barolo-Kollektion, einen wirst du sicher los. Sag ihnen auch, dass es dir eine Ehre sein werde, sie nach dem Essen nach unten auf ein Glas Chinato einzuladen. Ja. Einfältiger Typ, Amerikaner. Ja, eben, ein fetter Fisch, du wirst sehen, das gibt Trinkgeld.»
Das werde auch ich sehen. Deswegen muss das Restaurant ein Erlebnis sein. Sie wollen immer ein Erlebnis, sie erwarten eines. Etwas Einzigartiges, das in Erinnerung bleibt und später erzählt werden kann. Wir konstruieren die Wirklichkeit nach ihren Vorstellungen. Eine perfekte Wirklichkeit.
Mit den Amerikanern ist es am einfachsten: Sie sind leichtgläubig, geben unglaubliche Trinkgelder und bewahren noch ein Italienbild aus den Zeiten der Bella Vita, Sechzigerjahre, Lambretta, jeden Abend ein Fest. Wenn man ihnen das…