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Am 24. September 2006 weilte Bernard Houriet in der Toskana in den Ferien. Er erhielt zig Nachrichten aus der Schweiz: Das Freiburger Volk habe Ja gesagt zur Poyabrücke. Houriet öffnete eine gute Flasche Wein und stiess mit seiner Familie an. Auf diesen Moment hatte er lange gewartet.
1989 gewann die Ingenieurgemeinschaft GIPP den Wettbewerb für die Poyabrücke. Zur Gemeinschaft gehörte das Ingenieurbüro GVH, das Houriet 1982 zusammen mit Pierre Gorgé und André Vaucher gegründet hatte. Houriet war für den Entwurf der Brücke verantwortlich, er war damals 38 Jahre alt. «Das Projekt wurde nie völlig blockiert, aber manchmal hatte ich trotzdem Zweifel, dass die Brücke jemals gebaut wird», sagt der 63-Jährige heute. Umso mehr freut es ihn, dass das Projekt jetzt beendet ist. «Wir sind glücklich und stolz, an dieser aussergewöhnlichen Baustelle mitgearbeitet zu haben.»
Die Stadt nicht erdrücken
Die Poyabrücke hat einige markante Eigenschaften, welche die Handschrift Houriets tragen: Da sind die Pylonen mit auf der Spitze stehenden Rauten. «Damit haben wir den Wettbewerb gewonnen», sagt Houriet. Auch der untere, vertikale Teil der Pylonen ist speziell: Er ist sechseckig und geht harmonisch in den Y-förmigen oberen Teil über.
Das ästhetische und schlanke Gesamtbild der Brücke überzeugte die Jury. «Freiburg hat so viele besondere Brücken, die Poyabrücke sollte auch etwas Spezielles werden. Gleichzeitig wollten wir keine schwere Brücke, sie sollte die Stadt nicht erdrücken. Die Pylonen überragen die Kathedrale deshalb nicht.» Sein ehemaliger Doktorvater an der ETH Lausanne habe genau dies gemacht, eine zu mächtige Brücke entworfen. «Wir konnten ihn später noch ein paar Mal schlagen», erzählt Houriet.
Über 25 Brücken gebaut
Zwischen 1989 und 2006, als Houriet wieder an der Poyabrücke zu arbeiten begann, gab es für ihn in Freiburg nicht viel zu tun. Er widmete sich anderem: Sein Büro projektierte zum Beispiel die Löwenberg-Viadukte in Murten, die Brücken über die Mentue in Yvonand und die Creugenat-Viadukte in Pruntrut. Neben den über 25 Brücken hat das Büro GVH mit Sitz in Tramelan, St-Blaise, Delémont und La Chaux-de-Fonds in verschiedenen Ingenieurgemeinschaften an acht grossen Tunnels mitgearbeitet.
Ärger über Mehrkosten
Die lange Zeit, die zwischen Wettbewerb und Baustart des Poya-Projekts verging, hatte Auswirkungen: Das St.-Leonhard-Quartier hatte sich komplett verändert. Das Projekt musste angepasst werden, was zu massiven Mehrkosten führte (siehe Artikel S. 28). «Die Kostenerhöhungen waren für uns sehr ärgerlich», sagt Houriet. Denn sie seien auf die Ingenieure zurückgefallen, obwohl die Kostenschätzungen auf einem Vorprojekt basiert hätten und ohne Reserven zur Abstimmung gekommen seien. «Oft wurden auch die Kosten für die Brücke und für das ganze Projekt verwechselt. Der Preis für die Brücke pro Quadratmeter ist absolut vernünftig.» Es gebe in der Schweiz deutlich teurere Brücken.
Neben den Mehrkosten ärgerte ihn noch etwas anderes: «Alle Medien haben zu den Finanzen Fragen gestellt, die Technik hat niemanden interessiert», sagt er. «Aber ich will mich nicht darüber beklagen, jetzt wo die Brücke gebaut ist.»
Ständig angepasst
Ist die Poyabrücke denn noch modern, obwohl Houriet sie vor fast 30 Jahren entworfen hat? «Natürlich, wir haben sie immer wieder angepasst, was Ästhetik und Technik betrifft. Dies in Zusammenarbeit mit verschiedenen Architekten.»–«Wir haben uns oft über Details unterhalten», wirft Christophe Bressoud ein, kantonaler Manager des Poya-Projekts. «Und wir mussten zwischendurch den Architekten auf die Finger schauen», sagt Houriet, beide lachen. Beispielsweise sehe die Kante der Brücke von weitem sehr schmal und deshalb schlank aus. «Das ist, weil der Stahl darunter dunkler ist als der Beton.» Die Architekten hätten den Stahlbau in der hellen Farbe des Betons machen wollen. «Aber dann gäbe es diesen Effekt nicht», sagt Houriet.
Bressoud und Houriet haben sich während der langen Zusammenarbeit offenbar angefreundet. Gemeinsam fahren sie die Journalistin durch den Tunnel zur Poyabrücke. Dabei fachsimpeln sie. «Siehst du, hier fällt das Licht durch die Scheiben ein», sagt Bressoud. «Ah, das habt ihr jetzt so gelöst», sagt Houriet und stellt eine Frage zu den elektrischen Installationen.
Bressouds Aufgabe als Angestellter des Kantons war, die Arbeit der Projektverantwortlichen zu kontrollieren. So auch jene von Houriet, der ab 2010 nicht mehr nur Projektleiter der Brücke war, sondern auch von «tout le reste».
«Die Zusammenarbeit mit Christophe Bressoud war sehr gut», sagt Houriet. «Wir schrieben uns nicht 20 Mails pro Tag, sondern telefonierten entweder morgens früh oder abends spät und besprachen alles Wichtige. Dann, wenn alle anderen noch nicht oder nicht mehr arbeiteten.» Er fügt an: «Wissen Sie, mein Natel funktioniert im sens unique.»–«Was heisst das?»–«Ich rufe die Leute an, mich kann niemand anrufen. Ich habe einfach nicht die Zeit dafür, ständig zu telefonieren.»–«Und wie war das für Sie, Herr Bressoud.»–«Das war okay. In Notfällen habe ich einfach seine Frau angerufen.» Sagt’s und zeigt auf seinem iPhone den Kontakt von Colette Houriet.
Die Brücke gefällt
Trotz der zahlreichen Projekte, die Bernard Houriet in seiner bisherigen Karriere realisiert hat, ist die Poyabrücke für ihn etwas Spezielles geblieben. Mit einer Hauptspannweite von 196 Metern ist sie die grösste Schrägseilbrücke der Schweiz und hat die längste Spannweite. Und so einen Rekord stellt selbst der routinierte Brückenbauer nicht jeden Tag auf. «Die Brücke ist einmalig.» Sie präge auch das Stadtbild stark. «Wenn wir eine Autobahnbrücke bauen, ist das ganz anders.» Bei einem Projekt wie der Poyabrücke sei die Verantwortung für die Ingenieure viel grösser.
Houriet ist zufrieden damit, wie die Brücke heute aussieht. «Sie ist ein sehr schönes Objekt und in allen Details gut gelungen.» Und was den Ingenieur besonders freut: «Ich habe noch nie jemanden gehört, dem die Brücke nicht gefällt.»
«Ich höre sicher nicht auf»
Die Poyabrücke wäre ein schönes Projekt, um anschliessend in Pension zu gehen. Könnte man meinen. «Ach was», sagt Houriet. «Es gibt noch so viel zu tun, ich höre sicher nicht auf.» Im Moment baue sein Büro sechs Brücken. Die Nachfolge für das Ingenieurbüro hätten er und seine Kollegen sicherheitshalber geregelt. «Mit 65 Jahren werde ich mir aber höchstens ein normales Arbeitspensum zulegen.» Er spiele drei Mal pro Woche Eishockey und fahre Mountainbike. «Wenn ich nicht so viel Sport treiben würde, könnte ich nicht so viel arbeiten.» Und: «Ich gehöre zur Sorte hyperaktiv.»