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Ich habe Tauchen gelernt. Das wollte ich eigentlich schon lange. Nur getraut habe ich mich nicht. Wovor ich zurückgeschreckt bin, weiss ich nicht genau. Das erste, wonach ich meinen Tauchlehrer Steffen gefragt habe, war nach dem Geschmack von Atemluft. Er schaute mich kurz an und meinte dann lapidar: Keinen. Das sei einfach Luft. Ich hatte erwartet, ein Gas mit einem Geschmack einatmen zu müssen. Aber was ich aus der Flasche sog, schmeckte wirklich nach nichts. Luft eben. Und das erste Abtauchen im Pool war ebenfalls eine Überraschung. Ich atmete einfach weiter, während ich langsam dem Grund entgegensank. Das Unerwartete fühlte sich ganz leicht an.
Den Pool habe ich lange hinter mir und war schon einige Mal im Meer. Inzwischen schaffe ich es auch einigermassen, meine Position unter Wasser zu halten. An den felsigen Tauchgründen rund um die Azoreninsel Santa Maria gleite ich Klippen entlang, und mit einem Atemzug gewinne ich soviel Auftrieb, dass ich es über eine Krete schaffe. Manchmal lasse ich mich in einen Graben absinken, und ich bin auch schon in das Innere von Höhle getaucht, wo plötzlich im Lichtkegel der Taschenlampe eine Wolke rostroter Garnelen auftauchte und sich wie eine Flutwelle über die Steine am Grund ergoss, eine Flutwelle im Wasser.
Dutzende Augenpaare starren mich an
Über einem Plateau, das vor der Küste von Santa Maria liegt, kam eine Schule Drückerfische auf mich zu. Hier heissen sie Peixe Porco, Schweinefische. Sie sehen nicht aus wie Schweine, werden hier aber häufig und gern gegessen. Vielleicht rührt der Name daher, von ihrer Verfügbarkeit als Nahrungsmittel. Was im Überfluss vorhanden ist, schätzt man bekanntlich wenig.
Sie sind flach wie eine Scheibe und auch von rundlicher Form. Die beiden Augen sitzen ziemlich hoch am Kopf, und der offenstehende Mund ist ein mit kleinen Zähnchen bewehrter Schnabel. Die Fische schwammen direkt auf mich zu und Dutzende Augenpaare blickten mich an, abwechselnd mal das linke und dann wieder das rechte. Wahrscheinlich erkennen sie in dieser schwarzen Wurst mit dem komischen Ding auf dem Rücken das behäbige Wesen, das ich unter Wasser bin – kein Vergleich mit den behänden Schwimmern, die mit einem flinken Flossenschlag einfach davon sausen können.
Schon beim Segeln formt sich die Gewissheit klar und deutlich in meinem Kopf, dass ich auf dem Meer nicht zuhause bin. Ich kann da draussen unterwegs sein, weil ein fähiger Schiffsbaumeister eine Yacht gebaut hat, die der Wucht des Ozeans trotzen kann, zumindest zu einem gewissen Grad. Ich aber muss irgendwann an Land zurückkehren, weil das Trinkwasser ausgeht oder das Schiff repariert werden muss oder ich den Koller bekomme. Unter Wasser wird mir diese Wahrheit noch eindrücklicher vorgeführt. Meine Tauchzeit beschränkt sich auf den bescheidenen Luftvorrat in der Flasche auf meinem Rücken; nach 40 Minuten ist für mich zumeist schon die kritische Grenze erreicht. Meine Fähigkeiten reichen gerade einmal aus, um auf 40 Meter Tiefe zu gehen. Und dann droht auch noch die Taucherkrankheit. Wahrlich, ich bin kein subaquatisches Wesen.
Wenn das nicht Neugierde ist?
Umso eindrücklicher ist das Erlebnis, mit Lebewesen zu schwimmen, die man vielleicht aus Filmen kennt oder von der Fischtheke – wo sie, tot, ihrer Schönheit beraubt, mit glasig-starren Augen liegen. In ihrer grün-bläulichen Welt leuchten nicht nur ihre Körper in bunten Farben oder wie poliertes Silber. Die Fische, die mich Runde um Runde umschwimmen, sich nähern ohne ein Anzeichen von Aggressivität, observieren mich aus äussert lebendigen Augen. Wenn das nicht Neugierde ist? Für uns beide ist die Begegnung wohl eine der anderen Art – und aus der Sicht der Fische bin ich ganz bestimmt ein Alien.
Dieses Alien ist leider kein harmloser Besucher, trägt es doch auch dazu bei, dass die Ozeane leerer und schmutziger werden. Die Fische hätten allen Grund, wütend auf mich zu sein. Zum Glück kennen sie meine individuelle Schuld nicht. Auch die Moräne nicht, die mich mit ihren unheimlichen Punktaugen aus einer Höhle heraus anstarrt. Ihr aufgerissenes Maul ist ein Sägewerk. Trotzdem lässt sie wohl einfach Vorsicht walten und hält mich, dieses fremdartige Wesen, mit ihrer Drohgebärde auf Abstand.
Eigentlich bin ich ja ein Rückkehrer
Aber so fremd kann mir diese Welt doch auch nicht sein. Im Grunde bin ich Rückkehrer. Irgendwo steckt bestimmt noch ein Rest jener Meeresbewohner in mir, die unsere Vor-vorfahren einst waren. In seinem wunderbaren «Buch vom Meer» schreibt Morten A. Strøknes, wir seien eigentlich nichts anderes als umgebaute Fische, und der Fötus im Mutterleib durchlaufe die Schritte der Evolution vom Wasser- zum Landwesen in neun Monaten.
Irgendwo muss also eine Erinnerung vorhanden sein an das, was wir mal waren, eingekapselt in unseren Genen. Vielleicht ist sie für die Sehnsucht nach dem Meer und die Neugierde verantwortlich, die mich immer wieder anstacheln, rauszufahren und nun auch noch abzutauchen. «Hallo Fisch», hätte ich dem Anführer des Schwarms also zurufen können, «wir sind verwandt.» Nur ist das Sprechen unter Wasser bekanntlich schwierig und so blieben bloss hilflose Gesten, die der Fisch vielleicht falsch verstanden hätte. Ohnehin ist die Erkenntnis für mich wichtiger als für ihn, da ich ja seine Artgenossen verspeise und nicht umgekehrt.
Schliesslich verlor der Schwarm sein Interesse und schwamm seiner Wege. Dafür vollführte eine Schule silberner Bernsteinmakrelen vor mir ein Ballett mit einer Choreographie voller Überraschungen. Die kleine bläuliche Qualle, deren Schirm in der Strömung pulsierte, blieb jedoch stur auf ihrem Kurs, der direkt auf mich zu führte. Ihre langen, fadendünnen Tentakeln zwangen mich ein paar Meter nach oben. Hier sind oft die kleinsten und noch dazu die einfachsten Kreaturen die Gefährlichsten. Zum Glück habe ich inzwischen gelernt, wie ein Astronaut im Weltraum zu schweben und ihnen aus dem Weg zu gehen.
Warum zu anderen Planeten fliegen?
In einem früheren Text habe ich geschrieben, dass durch die Nacht zu segeln, wenn die Sterne den Himmel überziehen und das Boot eine funkelnde Spur im Meer hinterlässt, wie eine Reise durch den Weltraum anmutet und ich das Gefühl habe, eher von Planet zu Planet als von einem Flecken Land zum nächsten unterwegs zu sein. Der Besuch unter Wasser ist wie die Potenzierung dieser Metapher. Warum nur wollen wir da rauf, zu irgendwelchen Planeten, wenn wir da runter können? Dahin, wo die anmutigsten Geschöpfe ihre Runden drehen.
Ein Unterwasserflieger
Weit draussen vor der Insel gibt es ein weiteres Plateau, das aus über hundert Metern bis auf fünfzig Meter Tiefe aufsteigt. Es heisst Ambrosia. Als ich mich dort an der Ankerleine nach unten abseilte, tauchte aus dem tiefen Blau ein Unterwassersegler auf mit weit ausgespannten Schwingen. Er bewegte sich wie in Zeitlupe. Sein Rücken war grünlich, die Unterseite leuchtete weiss mit ein paar dunklen Flecken, seine individuelle Marke. Der Mobula-Rochen mit seinen spitzen Kopfflossen, die wie Rammspiesse aus dem Kopf ragen, kam in einer eleganten Kurve auf mich zu und schwamm so nah an mir vorbei, dass er das Suchfeld meiner Kamera vollständig ausfüllte. Sein Gleiten schien mühelos. Seine Bahn änderte er mit einer unmerklichen Biegung seiner Flügelspitzen. Und wie er gekommen war, verschwand er wieder in der Bläue des Ozeans, nachdem er sich das blubbernde Ding angesehen hatte, das da an der Leine hing.
Im Moment der Begegnung muss meine Atmung deutlich schneller gegangen sein; nachher schmerzte mir der Brustkorb. Angst hatte ich keine empfunden. Vielmehr war ich überwältigt von dieser Erscheinung.
Ich glaube, ich sollte mich meiner aquatischen Vergangenheit noch stärker bewusst werden. Wie der Mobula werde ich zwar nie schwimmen können. Aber ein wenig besser werde ich es bestimmt noch hinbekommen, damit ich, schwerelos schwebend, wenigstens für eine kurze Zeit etwas anderes als ein Mensch auf zwei Beinen sein kann. Damit ich mich von der Erde und auch von meinem allzu geerdeten Bewusstsein lösen kann. Damit ich nach der Erinnerung tauchen kann. Denn wer nicht weiss, woher er kommt, weiss wohl auch nicht, wohin er geht.