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Gott im Nichts
Er ließ seinen Blick ein letztes Mal schweifen.
Das sterile Weiss, das kalte Licht, der scharfe Klinikduft, die teils fürsorglichen, teils aufmunternden Blicke der Assistenten; alles saugte er in sich auf. Neben ihm wurden die anderen Pods verschlossen. Er war der letzte. Das passte, denn er war auch der älteste in der Gruppe.
«Sind Sie soweit, Doktor Stevenson?», fragte die junge Ärztin mit ihrem Zahnpastalächeln.
Sie war sehr attraktiv, mit voluminösem braunem Haar, warmen, von dichten Wimpern umrahmten Augen und neckischen Sommersprossen auf den Wangen und der Nase. Der Doktor hielt sich selbst nicht als oberflächlich, aber irgendwie war es ein tröstender Gedanke, zu wissen, dass dieses hübsche Gesicht das letzte sein würde das er sah.
«Ja, das bin ich, meine Liebe.»
***
Sanfte Vibrationen und beruhigende Klaviertöne holten ihn aus seinem Schlaf. Das Licht war angenehm gedämmt, als er blinzelnd seine Umgebung erkundete. «Willkommen zurück, Doktor Stevenson», lächelte ihn eine alte Frau an. Ihr Haar war inzwischen weiss und ihre einst strahlenden Augen von Falten umrahmt. «Wie viel Zeit ist vergangen?», krächzte Stevenson.
«Auf den Tag genau 50 Jahre», erklärte die Ärztin bereitwillig. «Wir haben einen Achtel der Reise zurückgelegt. Dies ist eine Routineuntersuchung. Danach werden sie wieder weiterschlummern.»
«Und was ist mit Ihnen?»
Die Ärztin schmunzelte. «Ich habe mich schon vor langer Zeit dazu entschieden, mein Leben hier auf der Arche zu verbringen. Inzwischen habe ich Enkel!»
Nachdem sie alle Tests durchgeführt hatten, schloss sich der Deckel der Kapsel wieder über Stevenson. Sein letzte Emotion bevor er in den traumlosen Schlummer fiel, war Bedauern darüber, dass er die Ärztin das nächste Mal nicht mehr sehen würde.
***
Es war, als hätte jemand eine glühende Lanze in ihn gebohrt. Stevenson riss die Augen auf und zog scharf Luft ein. In seinen Lungen blubberte es. Hustend und würgend drehte er sich zur Seite. Als er sich endlich beruhigt hatte, drängte grelles Neonlicht durch den Tränenschleier seiner Augen. «Der Doktor lebt!», hauchte eine Stimme neben ihm.
Stevenson wandte sich um und betrachtete die Person, die nun zögerlich näherkam. Zuerst dachte er, er hätte eine Frau vor sich, aber das kantige Gesicht gehörte zu einem Mann.
«Natürlich lebe ich», fauchte Stevenson, brüskiert über die unprofessionelle Behandlung. «Wo ist der Arzt?»
«Er fragt, wo der Arzt ist, aber dabei ist er doch selbst einer», kicherte der Mann.
Er kam näher und rieb sich dabei die Hände.
«Ich wollte nur schauen, ob er noch lebt. Manchmal ist es schwierig zu glauben, dass die Menschen in den Kapseln noch leben. Sie sehen aus wie Tote. Aber nun weiss ich, dass er lebt! Deshalb kann er weiterschlafen.»
Stevensons Hirn erholte sich noch immer vom abrupten Aufwachen, sodass sich ihm die Bedeutung der Worte nicht gleich erschloss.
Erst als er die Fernbedienung in den Händen des anderen Mannes entdeckte, begriff er, was dieser vorhatte.
«Nein!», schrie er, doch es war zu spät. Er spürte, wie ein scharfer Schmerz seinen Arm hinaufkroch und dann war er wieder bewusstlos.
***
Das erste, was er hörte, war sein Herz. Es dröhnte in seinen Ohren wie eine riesige Pauke. Desorientiert öffnete er seine Augen. Flackerndes Licht umgab ihn und machte es fast unmöglich etwas von seiner Umgebung zu erkennen. Tastend bewegte er seine Finger. Als sie die Oberfläche durchbrachen, realisierte er, dass er immer noch in der Bioschlacke des Pods lag. Eigentlich hätte dieser abgepumpt werden müssen, bevor er wach war. Doch dies war nicht das einzige, das nicht stimmte. War der Raum, vorher nicht in Weiss erstrahlt? Warum um Himmels Willen war er verlegt worden? Mühsam setzte er sich auf. Die Kraftanstrengung raubte ihm fast die Besinnung. Das Dröhnen wurde so laut, dass er sich instinktiv die Hände über die Ohren hielt. Er realisierte, dass dies nicht sein Herz sein konnte. Kurzsichtig blinzelnd sah er sich um. Die schwarzen öligen Wände und die flackernden Fackeln hatten kaum mehr etwas mit dem sterilen Raum zu tun, in dem er gelagert worden war. Sein Blick fiel auf die anderen Kapseln, die alle dunkel dalagen.
Plötzlich verstummte das Wummern. «Gott ist wach!», rief ein Chor aus den Schatten. Gestalten huschten näher. Sie waren in primitive Fetzen gehüllt, die irgendwann mal Kleidung gewesen waren. Ihr Haar hing in dichten Flechten vom Kopf und ihre Augen wirkten in ihren eingefallenen Gesichtern unnatürlich gross. Entgeistert starrte Stevenson die Gruppe an.
Er wagte es beinahe nicht, die Frage zu stellen, aber er musste Gewissheit haben.
«Wie viel Zeit ist vergangen? Sind wir schon angekommen? Sind wir auf Vikopra gelandet?»
«Gott spricht viel. Wir Archemenschen sprechen wenig.»
Eine Person löste sich von der Gruppe. Metallteile, die wie Schraubenteile aussahen, glänzten in seinem Haar.
«Wie lange seid ihr schon auf der Arche?», fragte der Doktor, darum bemüht ruhig zu bleiben und die Panik in Schach zu halten.
Beim Wort «Arche» merkten alle auf. «Schon immer, Gott»
Stevenson merkte, dass er so nicht weiterkam. «Helft mir auf», befahl er deshalb. Auf wackligen Beinen schleppte er sich zum Kopfende des Pods, doch die Anzeige war dunkel und gab ihm keine weiteren Aufschlüsse darüber was passiert war.
«Gibt es andere wie mich?», wollte er mit brüchiger Stimme wissen.
«Es gibt nur einen Gott. Einst gab es viele. Aber die Lichter haben uns alle verlassen.»
Stevenson nickte bloss, denn er traute seiner Stimme nicht. Er war der einzige Überlebende aus den Schlafkapseln. Irgendetwas war gewaltig schief gegangen. Die Jahrhunderte auf der Arche hatten die Besatzung und die vielen nachfolgenden Generationen verkümmern lassen. Als er später, notdürftig gewaschen und in Lumpen gekleidet an einem der wenigen Fenster stand und in die Weiten der Galaxie hinausblickte, begriff er, dass eine Abkehr von der Intelligenz die einzige Möglichkeit für die Bewohner gewesen war, in dieser Umgebung zu überleben. Die Arche schwebte antriebslos durch den leeren Raum. Die eingegeben Koordinaten ihrer künftigen Heimat Vikopra unerreichbar fern.
Er wandte sich um und befahl: «Bringt mich zu meinem Volk.»
Blieb ihm etwas anderes übrig, als seine Rolle in diesem Gefüge zu akzeptieren?
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.