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Der Wortschatz eines Menschen ist der wichtigste Einzelindikator für seine Intelligenz. Vom Umfang seines Verstehenswortschatzes hängt die Fähigkeit ab, gesprochene Rede und geschriebene Texte zu verstehen, von Quantität und Qualität seines Mitteilungswortschatzes die Fähigkeit, Gedanken zum Ausdruck zu bringen und sich mit anderen Menschen zu verständigen. Der grösste Teil des Wortschatzes wird in den Jahren erworben, in denen man zur Schule geht. Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Schulen überhaupt, des Deutschunterrichts insbesondere, ist es, diesen Wortschatzerwerb zu fördern.
Lehrer und Lehrerinnen dürfen sich nicht darauf verlassen, dass Wortschatzerweiterung nebenbei und automatisch beim Lesen erfolgt. Sie dürfen auch nicht vor der grossen Zahl bereits erlernter Wörter in der Muttersprachekapitulieren (5000-6000 bei Einschulung, danach jährlich bis zu 3000). Es kommt darauf an, auf dem Weg exemplarischen und entdeckenden Lernens die Ordnung des Wortspeichers im Gedächtnis, des mentalen Lexikons, zu untersuchen und zu durchschauen. Wer nämlich Teile des semantischen Netzwerkes, das die Wörter bilden, durchschaut, erfasst dessen Strukturen und kann viel besser in seinem inneren Lexikon blättern, wenn er nach bereits vorhandenen Wörtern und Wortbedeutungen sucht und wenn er neue, vorher unbekannte Wörter aufnehmen und an der richtigen Stelle einordnen möchte. Der Zugriff auf die gespeicherten Wörter wird erleichtert und beschleunigt.
Reflexion über Sprache im Unterricht darf sich nicht auf die Grammatik(Satzbau, Wortarten) beschränken, sondern muss sich in Zukunft viel mehr als heute noch üblich auf den Wortschatz beziehen. Das ergibt sich aus der kognitiven Wende in Linguistik und Sprachdidaktik. Wer die Aufmerksamkeit von Schülern und Schülerinnen auf Wortbedeutungen und auf Bedeutungsbeziehungen zwischen verschiedenen Wörtern lenkt, sensibilisiert die Lernenden für Bedeutungsunterschiede, für Differenzen und Nuancen im sprachlichen Ausdruck. Ist eine solche Sensibilisierung an ausgewählten Beispielen erst einmalerfolgt, darf man auf Transferwirkungen hoffen: Die Lernenden nehmen dann tatsächlich beim Lesen aufmerksam nicht nur den Inhalt der Texte, sondern auch die Ausdrucksweise wahr, verinnerlichen sie und speichern mit der Zeit auch die unterschiedlichen Nebenbedeutungen unserer zumeist mehrdeutigen Wörter. Dann haben wir es nicht mehr mit blosser Wortschatzerweiterung, sondern mit Wortschatzvertiefung zu tun.
Der vorliegende Band soll in seinem eher theoretischen Einführungsteil zur Wortschatzarbeit ermuntern und anregen, dann aber über eine grosse Zahl fertiger Arbeitsblätter konkrete Anstösse für den Unterricht geben und die Vielfalt der Übungsformen vor Augen führen.