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Clara A'Campo
2020
wie nehmen die Rosen
Der Engel verliebte sich in den Mond. Der Himmel war weit, die Satelliten zogen schnell von links nach rechts durchs Nachtdunkel. Unten war das Gras grau, die Wiese neigte sich zum Tal. Der Engel zeigte dem Hang den Rücken, der Weite das Gesicht. Er sah abgestorbene Kometen, tot, knapp über den Hügelspitzen. Abgeschaltete Fabriken längs des Flüsschens, das die Talebene teilte. Sie spuckten noch Feuer, Funkenschwärme ab und an, wie von schläfrigen Drachenhaufen. Einige Junggesellen, die sich zum Abschied als Leuchttürme verkleidet hatten, bewegten sich langsam flussabwärts dem Talausgang zu. Bald würden sie die bläulichen Lichtpunkte der Hauptstadt erreicht haben. Das Licht konzentrierte sich heute im Laborviertel, zerstreute sich in den Aussenbezirken. Die Stadtmitte lag vollständig im Dunkeln. Seit die Nacht andauerte, waren fünf von sieben Brücken beleuchtet.
Freitag, dachte der Engel.
Er zündete sich eine Zigarette an, hielt sie zwischen zwei Fingern, liess Rauch aufsteigen. Hörte sanft den Wind im Wiesengras. Mit der freien Hand strich er über die rechte Flügelspitze, die sich auf seine Schulter gelegt hatte. Der Mond, hoch oben, war weiss, rund, schön. Der Engel tastete nach der Flügellizenz in der Brusttasche, sie war noch da, er legte die Finger zurück auf die Flügelspitze. Sie war ein bisschen kalt. Er musste dringend die Flügel warten lassen, sie fingen schon wieder an, empfindlich zu werden. Im Kopf ging er die Öffnungszeiten des Zentrums für Flügelerneuerung durch. Schaute dabei einem Windstoss zu, der im Zigarettenrauch geisterte. Die Zigarette wurde allmählich kürzer, verlor Asche. Als sie ausging, liess er sie zwischen seine Füsse fallen, wo das Gras geknickt war. Er faltete die Flügel als Decke um sich. Schaute noch lange zum Mond hinauf.
Kyra und Egon kamen vom Standesamt, wo man sie für fünf Jahre verheiratet hatte. Im Blumenladen wiesen sie ihre Ehebescheinigung vor. Sie durften einen Strauss aussuchen. Gemeinsam traten sie vor die kurze Reihe von Vasen, aus denen Blumen blühten. Zarte Farben im trüben Licht. Der Verkäufer wartete in ihren Rücken, atmete in ihre Nacken. Ein weiteres Paar betrat den Laden. Samstag, dachte Kyra.
«Wir nehmen die Rosen», sagte Egon.
Der Verkäufer hob den Rosenstrauss aus einer Vase, rote Rosen, trug ihn zur Kasse. Egon bezahlte, Kyra umschloss mit beiden Händen die glatt abgeschnittenen Stängel, als der Verkäufer ihr die Blumen reichte. Sie gingen nach Hause, Rosenduft vor sich her tragend. Füllten die vorgeschriebene Wassermenge in einen Kanister, steckten den Strauss hinein. Schauten die Rosen an, einander, und wieder die Rosen.
Abends trafen sie sich mit Freunden im Quartierrestaurant. Mont hatten sie eingeladen, und Birke, Amsel, Tau. Im Schneidersitz sassen sie um das Geschirrfeld, ein Kellner brachte Wein. Alle stiessen an auf das Brautpaar, auf dass es glücklich werde und seine Ehebescheinigung noch vielmals erneuere.
«Was für Blumen habt ihr genommen?», fragte Amsel, die auch einmal verheiratet gewesen war.
«Rosen», sagte Kyra. «Wunderschöne.»
«Die sind am beliebtesten», sagte Birke.
«Habt ihr die richtige Wassermenge genommen?», fragte Mont.
«Sicher.» Egon trank einen Schluck Wein.
«Ein Freund von mir», sagte Mont, «wusste gar nicht, dass es da Beschränkungen gibt, erst Wochen nach dem Ehevertrag hat er es erfahren! Aber es stellte sich heraus: Sie hatten sogar weniger genommen, als erlaubt gewesen wäre.»
«Welken die Blumen nicht schneller?», fragte Kyra.
«Sie welken sowieso», meinte Amsel, als der Kellner kam und das Menü servierte. Er schöpfte bunte Inhalte aus zwei Töpfen, zwei Pfannen, einem Korb, zwei Schälchen, einer Schüssel auf ihre Teller. Wünschte gutes Gewissen. Sie begannen zu essen.
«Ich habe lang nicht mehr so komplett gegessen», sagte Tau.
«Früher waren die Gabeln grösser», flüsterte Amsel, und Kyra dachte, dass es stimmte. Sie behielt die Bissen lange im Mund, füllte die Gabel mit Bedacht. Neben ihr war Egon und schaute immer wieder ernst zu ihr hin.
Tau hob die Weinflasche. «Wir hatten Glück gestern», sagte er, während er Egon nachschenkte. «Mit dem Wetter, meine ich, für die Party. Dass es uns die Leuchttürme nicht geknickt hat! Heute stand auf der Wettertafel: es gibt Sturm morgen.»
«Vermutlich stark erhöhte Aschewerte», sagte Mont.
«Und Nanopartikel. Zehn Prozent über dem Grenzwert! Mindestens. Dazu noch Weltraumschrottgase, Substanzregen. Und das ab zehn Uhr morgens.»
«Wann geht euer Solarwagon?», fragte Birke.
Kyra und Egon sahen sich kurz an.
«Früh.»
Als es eindunkelte, heftete das Servicepersonal sich Lämpchen an die Ärmel. Die hellen Punkte schwirrten durch das umso lauter, je grauer werdende Lokal. Die Gäste hatten sich ihre Teller in die Schösse gesetzt, um näher zusammenrückend für Neuankömmlinge Raum zu schaffen. Mit den Fingern tasteten sie über den Boden, nach Salz, Brot, Wasser, stiessen dabei an fremde Schuhe, Knie, Hände. Kellnerbeine schoben sich an ihren Rücken entlang, stiegen über Arme. Die Stimmen hingen in der Hitze. Manchmal strich ein kühles Nachtlüftchen herein, das von einem weit entfernten, weit aufstehenden Fenster kam.
«An wen geht eure Heiratsspende?», fragte Mont.
Egon kaute zu Ende.
«Wir spenden nicht», sagte Kyra. Sie glaubte zu sehen, wie Monts Kiefer einen Moment in der Kaubewegung innehielt.
Egon hob zu sprechen an. Birke unterbrach ihn. «Es wird oft nichts gespendet», sagte sie.
Der Solarwagon raste, Landschaft zog vorbei. Unten Ockertöne, oben Grau, dazwischen silbrig der Fluss. Hin und wieder Explosionen in Rot auf Augenhöhe, die sich ins Streifenmuster frassen. Egon und Kyra sassen an ihre Rucksäcke gelehnt im beinahe leeren Wagen, spürten das Gleisrütteln unter sich. Egon hatte den Kanister mit dem Rosenstrauss zwischen die Knie geklemmt. Er hielt ihn mit beiden Händen, das Wasser schaukelte darin. Sie hatten zu Hause den Strauss herausgehoben, einen Schal um die Blumenstiele gewickelt, die Rosen wieder durch die Öffnung ins Wasser gestellt. Nun dichtete der Stoff die Kanisteröffnung ab. Vielleicht würde er Löcher bekommen von den Dornen, dachte Kyra. Ihr Blick fixierte die Rosen.
Bei der früheren Zementfabrik mussten sie umsteigen, sie warteten auf dem Perron. Der Wind pfiff durch die Löcher in der Glasüberdachung. Staub flog durch die Luft, sammelte sich zwischen den Rosenblättern, der Kanister stand am Boden neben Egons Beinen. Es gab weissliche Linien im Blütenrot.
«Da raucht einer», sagte Egon.
Er deutete zu dem Ende der kurzen Plattform, an dem ein Mann mit einem Seesack über der Schulter eine Zigarette in den Wind hielt, dass es ihr den Rauch zerblies. Locken wirbelten dem Mann um den schmalen Kopf, ab und zu verdeckten sie seinen Sidecut. Sie schauten zu ihm hin, bis der Solarwagon kam. Der Mann nahm keinen einzigen Zug, die Zigarette musste längst erloschen sein. Sie hing wie vergessen in seinen Fingern, qualmte in der Staubluft. Beim Einsteigen warf er sie auf die Gleise. Im Wagen waren sie einander näher, der Mann sass nur wenige Meter abseits von ihnen, streichelte den Seesack auf seinem Schoss. Kyras Blick wechselte vom Seesack zum Rosenstrauss und zurück. Egon zog die Rosen einzeln aus dem Kanister, schüttelte den Staub auf den Wagenboden, pustete ihnen zwischen die Blätter, steckte sie zurück.
Nahe der Landesgrenze gab es eine halbe Stunde Aufenthalt. Die Reisenden wurden nacheinander ins Zollhäuschen gerufen, das allein in der Ödnis stand, einige Meter neben der Gleisspur. Sie warteten auf einer Kiesfläche neben dem Wagon, wandten die Gesichter vom Wind ab, der von den umliegenden Brachflächen heranbrauste. Der Mann hielt den Seesack vor dem Bauch, fast zärtlich, dachte Kyra. Sie stand hinter Egon, das Kinn auf seine Schulter gelegt. Die Rosen hatten sie im Wagon gelassen, um sie nicht dem Wind auszusetzen.
Eine Zollbeamtin bat Egon ins Häuschen. Dessen dunkelgraue Fassade und das niedrige Ziegeldach hoben sich kaum ab vom rundumliegenden Gestrüpp und Geröll. An einer Hausecke hatte sich ein durchsichtiges Stück Plastik in der Regenrinne verhakt, der Wind zerrte daran. Egon strich Kyra über den Rücken, bevor er sich von ihr löste und der Beamtin folgte. Als die Metalltür sich hinter ihnen schloss, ging Kyra zurück in den Solarwagon. Sie zog eine Rose aus dem Kanister, knöpfte ihre Jacke auf, legte die Rose an den Oberkörper, verschloss die Jacke. Trat hinaus in den Wind und ging mit schnellen Schritten auf den Mann zu, der noch an derselben Stelle stand, er hatte den Seesack auf dem Kies abgelegt. Sie blieb vor ihm stehen, sah ihm ins fragende Gesicht. Er strich sich die Haare mit beiden Händen nach hinten, hielt sie dort fest, damit sie nicht im Wind wucherten. Kyra lächelte kurz, zog die Rose aus ihrer Jacke, hielt sie vor sich, die Blütenblätter zitterten.
«Ich möchte diese Rose gegen eine Zigarette tauschen», sagte sie, blickte dem Mann in die grauen Augen. Sie blitzten. Der Mann nahm die Hände von den Haaren, bückte sich zum Seesack. Kyra reichte ihm die Rose hinunter, er packte sie ein. Richtete sich auf und übergab ihr eine Zigarette, zog die Hand zurück, kaum hatte sie sie angenommen. Egon stand neben Kyra, hinter ihm die Zollbeamtin. Kyra steckte die Hand mit der Zigarette in die Hosentasche, strich Egon mit der anderen über den Rücken, lächelte, drehte sich zu der Beamtin. Sie gingen ins Zollhäuschen. Egon schaute ihnen nach.
Am Montag ging der Engel ins Zentrum für Flügelerneuerung. Er zeigte seine Lizenz vor und gab die zusammengefalteten Flügel ab. Sie sagten ihm, er könne in einer Woche wiederkommen. «Viel los», entschuldigten sie sich. «Wind und Wetter.»
«Schon gut», meinte der Engel. Er trat hinaus auf die Strasse, fühlte sich grässlich. Der nun leicht gewordene Seesack hing ihm am Arm. Er lief durch die Strassen bis an den Stausee, setzte sich auf eine Betonbank. Wollte über das Wasser starren, hinüber zum Gebirge, bis es eindunkeln und der Mond erscheinen würde. Die Rose zog er an ihrem Stiel aus dem Seesack, vorsichtig, damit die Dornen nicht in den Stoff stachen. Die Blüte kam heraus. Ihre Blätter wurden bereits dunkel an den Rändern. Er legte die Blume neben sich.