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Miss Jemimas Tagebuch: Dienstag, 7. Juli 1863 (Fortsetzung)
Nach dem Dinner bereiteten wir uns seriös auf die Besteigung der Rigi vor und fanden uns schon bald an Bord des Dampfers wieder, der uns über den See zum Fuss der Rigi bringen sollte.
Zahlreiche ganz unterschiedliche Passagiere leisteten uns Gesellschaft. Natürlich war ein korpulenter und eher verwahrloster Priester dabei, der seine Vaterunser murmelte, Touristen und normale Reisende, blonde Mädchen, die zum Abschied in Richtung Strand winkten und Bergführer, die sich die Überfahrt leisteten, um sich einen Auftrag für die Besteigung der Rigi zu sichern.
Wir engagierten den, der am ehrlichsten aussah, um unsere Umhängetaschen auf seinem Rückengestell zu tragen. Sie wurden geschickt daraufgepackt, dass sie nicht hinunterfallen konnten – diesen Trick kennen nur die Bergführer und Gepäckträger in der Schweiz.
Wenn jeder Mann, Knabe und Maultiertreiber eine Wespe gewesen wäre und jedes Wort von ihnen ein Wespenstich, hätten wir Weggis nicht lebend verlassen.
Wir landeten in Weggis, und wenn jeder Mann, Knabe und Maultiertreiber eine Wespe gewesen wäre und jedes Wort von ihnen ein Wespenstich, hätten wir Weggis nicht lebend verlassen. Dieser aufdringliche Schwarm überfiel uns, liess nicht von uns ab und tanzte um uns herum!
Wir wandten zahlreiche verschiedene Massnahmen und Listen an, um ihnen zu entkommen. Die letzten Hoffnungen der Bewerber wurden erst zunichte, als «la plus jolie dame» sie wissen liess, dass wir den Mont Blanc bestiegen hatten.
Dies war zu viel – sogar für einen Rigi-Bergführer.
Unsere Kletterkünste liessen sie verstummen und so erlaubten sie schliesslich, dass «la plus jolie dame» und die Berg-Amazonen unbehelligt an ihnen vorbeikamen.
Bevor wir Weggis verliessen, küssten wir Mister Toms Trinkschlauch an der sprudelnden Quelle. Dies war das Stärkungsmittel, das wir für eine Bergtour von fünfzehn Kilometer und dreieinhalb Stunden in praller Sonne brauchten, wenn wir den Gipfel vor Sonnenuntergang erreichen wollten.
Der Berg war sehr steinig, wir hatten sogar den Eindruck, dass es sich um einen riesigen, von Lehm zusammengehaltenen Steinhaufen handle.
Der Berg war sehr steinig, wir hatten sogar den Eindruck, dass es sich um einen riesigen, von Lehm zusammengehaltenen Steinhaufen handle, der so lose zusammenhing, dass man die einzelnen Steine immer noch herausoperieren konnte.
Grosse Massen von diesem aus Brekzien und Nagelfluh bestehenden Steinpudding lagen in der Gegend herum und legten den Gedanken nahe, dass die Rigi selbst eines Tages zu Pulver werden könnte und samt den Pilgern und der Kulm in den See gleiten würde, sodass sie nur noch geschichtlich existierte.
Tatsächlich arbeitete sich in diesem Jahr ein einzigartiger Schlammabtrag während 14 Tagen langsam von der Seite der Rigi zum See vor und zerstörte 25 Hektar fruchtbares Land und dreissig Häuser in Weggis. Angeblich wurde dieses Ereignis von Quellen ausgelöst, die durch die Risse der Brekzien flossen und die Lehmschicht unter ihnen in weichen Schlamm verwandelten.
Ein neuer Parasitenschwarm wollte sich an uns laben oder besser gesagt uns erquicken, da seine Mitglieder Kirschen vor unseren Augen baumeln liessen und dazu «Vingt Centimes, vingt Centimes!» riefen.
Einmal mehr werden wir daran erinnert, dass Touristen in den 22 Kantonen der Schweiz ein bedeutendes Wirtschaftsgut darstellen: Ein neuer Parasitenschwarm wollte sich an uns laben oder besser gesagt uns erquicken, da seine Mitglieder Kirschen vor unseren Augen baumeln liessen und dazu «Vingt Centimes, vingt Centimes!» riefen.
Für diese Kirschenverkäufer sind wir eine legitime Beute – fleissig ernten sie auf ihren Rigi-Bauernhöfen und setzen dann alle möglichen Listen und Tricks ein, um uns zum Kauf zu verleiten.
Schon wollen wir uns dazu gratulieren, sie losgeworden zu sein, aber ein dreistes Mädchen, die Anführerin der Bande, will nicht lockerlassen. «Vingt Centimes, vingt Centimes!», ruft sie. Verärgert fragen wir uns, wie man diese lästige Person wohl loswerden könnte. Schliesslich aber ermüdet sie auch und bleibt zurück.
An einer Wegbiegung lag ein grasiger Hügel, so einladend wie jeder «Wiesengrund an des Christen Weg» von Paul Bunyan. Hier waren wir uns einig, dass wir die Aussichten auf den See studieren sollten. Wir kletterten über den Zaun und legten uns faul auf den grünen Abhang, um die üppige Schönheit der langen Landzunge, der Oberen und der Unteren Nase, zu bewundern, die den klaren See in Buchten zerteilte.
«Vingt Centimes! Vingt Centimes!» schrillt es erneut in unseren Ohren. So enden unsere Träume von Geschichte, Heldentum, Poesie und Schönheit.
Fast hätten wir zu unserer Verteidigung einen Korb Kirschen gekauft, aber letztendlich siegten unsere Grundsätze.
Selbst für Miss Elizas Gleichmut war dies zu viel und sie erhob sich, um den Feind so heftig zu beschimpfen, wie ihr verfeinerter Wortschatz es zuliess. Fast hätten wir zu unserer Verteidigung einen Korb Kirschen gekauft, aber letztendlich siegten unsere Grundsätze. Wir wiesen die «Vingt Centimes» hoheitsvoll zurück und packten unsere Bergstöcke, um die Rigi erneut zu attackieren.
Um den steilen Anstieg zu überwinden, bedienten wir uns verschiedener Methoden. Zunächst ein Sturmschritt, dann ein schwerfälliger; danach gehen wir in Dreierreihen und schlagen den Takt mit den beiden Bergstöcken zwischen uns. Dann sind wir die Krücken leid und gehen Arm in Arm, und wenn der Professor den Anführer macht, rasen wir los, als ob wir einen 45-grädigen Abstieg statt eines Anstiegs vor uns hätten.
Dies hatte natürlich bald einen Stopp zur Folge, bei dem uns Mister W. W. zum mindestens fünften Mal versicherte, dass wir «fast oben» seien, «nur noch eine Wegbiegung». Wie der Engländer auf dem Gipfel des Mont Blanc von Albert Smith antworteten wir dann routinemässig «Hier sind wir!».
Wir hätten uns wohl an den Kirschen am Wegesrand vergriffen, aber sie wurden von einem Menschenfresser mit einem Kropf bewacht.
Dann trat unser chronisches Problem auf – der Durst: Obwohl wir versucht hatten, unsere Münder feucht zu halten, hatten wir den orthodoxen Ratschlag des Reiseführers nicht befolgt und keine Steinchen gelutscht, um ein Gefühl von Feuchtigkeit zu bewahren.
Wir hörten allerdings auf zu reden, da wir dazu ganz einfach nicht genug Luft hatten. Und ich glaube, wir hätten uns wohl an den Kirschen am Wegesrand vergriffen, aber sie wurden von einem Menschenfresser mit einem Kropf bewacht.
Wir kamen an der kleinen Heiligkreuzkapelle vorbei, die nicht grösser ist als eine Laube, und dann zu einem Chalet, wo wir uns ausruhten und ihre Kristallkelche leerten, die für die ausgedörrten Pilger bis zum Rand gefüllt wurden.
Drei weitere, noch steilere Kilometer ging es hinauf und wieder wurden wir von heftigem Durst erfasst und konnten nirgends auch nur ein Rinnsal hören. Aber Mister James, hilfsbereit wie immer, dachte, dass es irgendwo eine Quelle geben müsse. Obwohl er ebenso ausgedurstet und müde war wie wir, eilte er auf die Suche, bevor wir widersprechen konnten. Bald kam er zurück und brachte einen Vorrat des gewünschten Getränks mit.
Wir waren fest entschlossen, weder Maultiere noch Sänftenträger zu Hilfe zu rufen.
Jetzt verlief unser Weg zunehmend im Schatten und wir mussten einsehen, dass die Sonne untergegangen wäre, bevor wir die Rigi Kulm erreichen konnten. Wir hatten nicht bedacht, dass ein Aufstieg von fünfzehn Kilometern ungefähr gleich anstrengend ist wie ein neunzehn Kilometer langer Weg in der Ebene. Aber wir waren fest entschlossen, weder Maultiere noch Sänftenträger zu Hilfe zu rufen.
Eine Zeitlang bewunderten wir ein prächtiges natürliches Gewölbe, das sich über den Weg erstreckte. Es besteht aus zwei grossen, getrennten Steinblöcken, die einen Abschlussstein tragen, der alles majestätisch und sicher zusammenhält.
Jemand verkündete, dass ein Gebäude in Sicht sei. Dies verlangte ganzen Einsatz, denn wir glaubten voller Freude, dass es die Staffel sei und der Weg bis zur Kulm dann nur noch 20 Minuten betrage. Aber nein, es war nur eine Badekureinrichtung für eine der zahlreichen «Kuren», die Schweizer Ärzte erfinden.
Kuriose Schweizer Kuren
Aus Miss Jemimas Tagebuch:
Früher war es hier üblich, dass die Patienten voll bekleidet in die Bäder gingen und nach dem Bad in der Sonne spazierten, bis sie wieder trocken waren. Aber diese Methode ist, wie man jetzt sagt, nicht länger die einzige Kurmöglichkeit.
Sie ist kaum sonderbarer als die Bäder, die wir in Leukerbad gesehen hatten, in denen Kranke acht Stunden in heissem Wasser einweichten, oder die Bäder bei Pfäfers, wo die Patienten an Seilen über den Felsen in die heissen Quellen herabgelassen wurden, wo sie in früherer Zeit bis zu einer Woche verbrachten und im heissen Wasser anstelle einer Decke assen, tranken und schliefen.
Man erzählte uns auch von anderen «Kuren», die in der Schweiz üblich waren. In der Nähe von Vevey wird eine «Traubenkur» praktiziert, bei der die Patienten im Laufe eines Vormittags sechs Pfund weisse Trauben essen, und in der Nähe von Neuchâtel gibt es die «Molkenkur», bei der man sich von Milch ernährt, die nach dem Käsemachen übrigbleibt.
Wir taten unser Bestes, um bei den auf dem Balkon des Badehauses versammelten Menschen einen guten Eindruck zu hinterlassen. In gerader Haltung und mit festen Schritten erweckten wir den Eindruck, dass der Weg auf die Rigi für uns ein Kinderspiel sei, obwohl wir einigermassen enttäuscht waren, dass unser Ziel nicht näher rücken wollte.
Etwas später schöpften wir wieder Hoffnung, da ein grosses Hotel in Sicht kam. «Dies muss die Rigi Kulm sein», kam es aus aller Munde, aber ach! Es war nicht dieser heiss ersehnte Bau, sondern erst die Staffel.
Endlich erreichten wir in mühseligem Trott eine Art Ebene und es klingt sonderbar, aber unsere ganze Müdigkeit war verflogen – in die Flucht geschlagen von der berauschenden Bergluft. Jetzt sprangen wir mit elastischen Schritten dem Bergrand entlang, der schwindelerregend auf den See hinabsah, sich aber jetzt in der hereinbrechenden Dunkelheit verlor.
Einmal mehr verbarg hier ein Felshang einen weiteren steilen Saumpfad, so steil wie die Auf- und Abstriche des Buchstabens W – noch ein solcher Aufstieg und nun, nach der letzten Anstrengung, standen wir unterhalb der lang ersehnten Rigi Kulm.
Unsere Betten waren telegrafisch von Luzern aus reserviert worden, sodass wir nun die zusätzlichen rund siebzig Stufen erklommen und unsere Auswahl trafen.
Wir waren die letzten Ankömmlinge für diese Nacht, denn draussen war es inzwischen dunkel und drinnen brannten die Lampen. Im Speisesaal hatte der allgemeine Rückzug bereits eingesetzt, nur noch eine Gruppe stand rund um das Klavier, auf dem recht brillant gespielt wurde.
Für seinen Zweck war der Raum mit rund fünfundzwanzig Metern Länge ausserordentlich gross. Drei lange Tische erstreckten sich über den ganzen Saal und erinnerten eher an Vorbereitungen für festliche Zusammenkünfte in England, als an Übernachtungen in einem einsamen Gasthaus auf 1700 Meter Höhe über dem Meeresspiegel.
Auch unsere Mahlzeit und die Gier, mit der wir das Brot verschlangen und den Tee tranken, erinnerten uns an Teegesellschaften zu Pfingsten, an denen wir uns so häufig über den rasenden Appetit der Kinder und Jugendlichen gewundert hatten.
Um drei Uhr morgens sollten wir mit den Massen oben auf der Kulm sein, um wie die Perser die Sonne glühend anzubeten.
Wir verweilten nicht lange unten im Saal, denn es war bereits zehn Uhr, und um drei Uhr morgens sollten wir mit den Massen oben auf der Kulm sein, um wie die Perser die Sonne glühend anzubeten.
Wir schliefen in einem der oberen Stockwerke des Hotels, ruhig wie Adler in ihrem Horst. Wenn nur der Wind nicht gewesen wäre, der seinen eisigen Atem von den schneebedeckten Bergen hinter uns gegen unsere Behausung donnern liess, wie ein mündlicher Vorwurf, dass wir in der Nähe der königlichen Berge überhaupt schliefen.