Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03616.jsonl.gz/1191

Lesedauer: 12 Minuten
Staub wirbelt auf, als wir nach Little Belize fahren. Wir überholen Pferdewagen, auf denen Frauen mit grossen Hüten und Blumenkleidern sitzen, die ihren Kindern und Männern gerade das Mittagessen auf die Felder bringen. Im Schlepptau haben sie Kleinkinder, die noch nicht mit anpacken können. Auf den Feldern werden gerade Bohnen geerntet. Von Hand. Von Kindern. Blonde Kinder blicken uns blauäugig entgegen, die dreckigen Füsse in alten Flipflops, ihre Hände sind von Schwielen übersät. Wenn sie lachen, sieht man, dass ihnen Zähne fehlen. Die Buben tragen schwarze Latzhosen und die Mädchen wadenlange Blumenkleider. Wir winken, einige winken zurück, andere blicken weg oder verstecken sich hinter den grösseren Geschwistern.
Little Belize ist eine der vier mennonitischen Siedlungen im Norden von Belize, 2886 Personen wohnen hier, ungefähr so viele Mennoniten, wie es schweizweit gibt. Seit Ende der 50er-Jahren leben Mennoniten in Belize. Sie kamen ursprünglich aus Holland und Deutschland, sie verliessen ihre Heimatländer im Jahr 1776 in Richtung Russland. Knapp 100 Jahre später wurden sie dort verfolgt und siedelten nach Kanada über. Um 1920 wechselten sie nach Mexiko, das sie wegen der eingeführten Wehrpflicht in Richtung Belize verliessen. Die meisten sind Bauern. Sie haben für ihre Äcker grosse Flächen an Tropenwald abgeholzt. So gross, dass man sie selbst mit Google Earth erkennen kann. Die neueste Siedlung heisst Neuland. Innert zweier Jahre wurde hier alles gerodet, um Landwirtschaft zu betreiben.
Gerade mal so lang wie der Grand Prix in Bern, also 16 Kilometer lang, und fünf Kilometer breit ist Little Belize. Die Mennoniten sind ein Staat im Staat, ihr Gesetz ist die Bibel, die Polizei mischt sich nicht ein, Kinder fahren schon mit sechs Jahren Traktor, das Oberhaupt ist der Community-Leader. Die Religion verbietet Dinge, die das individuelle Leben vereinfachen. Für die Landwirtschaft dürfen Mennoniten zwar einen Traktor besitzen, ihn aber nur fahren, wenn er Metallräder hat. Sie bewegen sich mit Pferd und Wagen vorwärts. Sie haben keinen Strom und dementsprechend keine modernen Kommunikationsmittel wie Handys oder Computer. In der Familie reden sie noch Plattdeutsch, in der Schule wird Hochdeutsch unterrichtet, und nur Männer reden «un poco» Spanisch und manchmal Englisch.
Die Mennoniten verkaufen Gemüse in den umliegenden Dörfern - die Lastwagen werden von Einheimischen gefahren -, sonst aber leben sie zurückgezogen unter sich. Berührungspunkte mit der einheimischen Bevölkerung gibt es vor allem bei den «fleteros», die Transporte für sie machen. Einer dieser «fleteros» ist der 26-jährige Julio Salazar:
Lesedauer: 12 Minuten
Ohne Julio Salazar wären wir in «Little Belize» verloren gewesen: schnurgerade Strassen, etwas versetzt nach hinten ähnlich aussehende Häuser, flach wie im Berner Seeland. Eingeteilt ist «Little Belize» in 38 Campos, die alle gleich aussehen, in denen sich schon so mancher verirrt hat. Vier bis fünf Familien leben auf einem Campo, das jeweils eine eigene Schule und eine Kirche hat.
Salazar bringt uns zu Abraham Schmitt auf dem Campo 30.5. Er ist kein Bauer, sondern wie der Name schon sagt ein Schmied. Funken sprühen in der Scheune, und der 56-jährige Mennonite baut gerade an einer Giftverteilmaschine:
Abraham Schmitt selber hat kein Land, seine Kinder verdienen Geld auf Feldern anderer. Nach der Bohnenernte im Januar wird Mais gepflanzt, ist dieser geerntet, folgt Soja, der mehrheitlich exportiert werde. Die Felder haben somit nie Pause, und es wird ihnen einiges abverlangt.
Um überhaupt eine Ernte einzufahren, decken sich die Mennoniten mit Pestiziden und Herbiziden in der so genannten La Bodega ein. Sechs Tage die Woche ist sie offen, wir treffen aber fünf Minuten zu spät ein. Vorne steht der Mennonite Cornelius Schmitt und quatscht mit Isaac Peters, der ein Solarpanel, made in China, vor sich balanciert. Damit gebe es nun Licht in seinem Daheim, sagt der achtfache Familienvater. Schmitt, der neben der La Bodega mit seinen sieben Kindern wohnt, meint: «Ich habe auch vier Panels auf dem Dach, damit meine Söhne abends lesen können.» Neben seinem Haus steht ein ausgedienter amerikanischer Schulbus, ohne Räder, der als Schlafzimmer für die Buben dient. Ein Anblick, den man in Little Belize öfters sieht. Ein Bus bedeutet aber auch, dass die Familie zu wenig Geld dafür hat, ein weiteres Haus zu bauen.
Schmitt und Peters arbeiten beide in La Bodega, die sie für uns noch einmal aufmachen. Drinnen stapeln sich Pestizide, Herbizide und Samen, von den Branchenführern Syngenta und BASF. Gemäss ihren Angaben habe der Laden letztes Jahr 3,5 Millionen Belize-Dollar Umsatz gemacht. Jeden Dienstag fährt ein Lastwagen nach Belize City, um Nachschub zu holen.
Die Mennoniten-Kenner Julio Salazar und Joel Dias sind sich einig, dass Mennoniten bei ihrem Anbau viel Gift einsetzen. «Sie haben keine Ahnung, was sie zusammen mischen. Einmal schaute ich zu, wie einer eines der Gifte um das 400-Fache überdosierte», sagt auch Caspar Bijleveld. Regelmässig komme Syngenta zur La Bodega, um neue Produkte vorzustellen. «Syngenta lügt die Mennoniten an, weil sie einfach viel verkaufen wollen», sagt Dias.
Weder Joel Dias noch Caspar Bijleveld sehen die Mennoniten als die Bösen. «Das wäre zu einfach. Bisher hat schlicht niemand mit ihnen gesprochen, ausser die Leute von Syngenta», ist Bijeveld überzeugt. Das soll sich nun ändern, auch mithilfe eines Schweizers.