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Erinnerungen an einen vom Heimweh geplagten Engeler
Brandruine im Stedtli. (Foto: Thomas Marti)
Am Neujahrsmorgen 2021 brannte im Dorfteil ‚Stedtli‘ ein Doppelfamilienhaus vollständig nieder. Die Feuerwehr konnte das Gebäude nicht mehr retten, sondern musste sich auf den Schutz der nahe gelegenen Nachbarhäuser beschränken. Man nimmt an, dass das Brandunglück auf einen elektrischen Defekt zurückzuführen ist. Aus dem Artikel der Südostschweiz vom 11. Januar 2021, der auf dieses Ereignis zurückblickt, geht hervor, dass rund 90 Personen, Feuerwehr, Polizei und Samariterdienst, im Einsatz standen. Der Sachschaden betrage mehrere hunderttausend Franken. Im Stedtli, in einem alten Siedlungsgebiet des Dorfes, stehen die Häuser sehr nahe beisammen. Ein Brand könnte verheerende Folgen haben. Der Gefahr einer Ausweitung konnte diesmal durch den Einsatz der Feuerwehr mit Erfolg begegnet werden.
Das Brandereignis weckt persönliche Erinnerungen an die Kindheit, an jene Zeit, in der ich mich einmal im nun abgebrannten Haus aufhielt. Dort wohnte nämlich ‚Guutschner Schaagg’, der als Fuhrhalter bei den Vereinigten Webereien Sernftal beschäftigt war.[1] Er transportierte mit Pferd und Wagen hauptsächlich Waren von der Bahnstation Engi-Vorderdorf zur Fabrik hinauf und dort hergestellte Produkte hinunter zur Bahn. Jakob Baumgartner (1878‒1962) war wie meine Grossmutter väterlicherseits eines von siebzehn Kindern meiner Urgrosseltern, des Ochsenwirts Heinrich Baumgartner (1845‒1925) und von dessen Frau Margret (1848‒1931), geborene Baumgartner, die vor ihm das nun niedergebrannte Haus bewohnten.[2] Der gross gewachsene, schlanke Mann besuchte an Sonntagen ziemlich regelmässig, zu Fuss natürlich, den Sonntagsgottesdienst in Matt und trug dann einen schwarzen ‚Schwalbenfrack‘ und den damals für feierliche Anlässe bestimmten gleichfarbigen Zylinder. Ohne sich lange aufzuhalten, erwiderte er meinen Gruss stets freundlich, ein leutseliger Mann. Seine Lebensgeschichte ist nur in Bruchstücken bekannt.
Als junger Familienvater, es muss zwischen 1909 und 1915 gewesen sein, wanderte Jakob Baumgartner, von der Faszinationskraft eines Neubeginns und von den schlechten Zukunftsaussichten im Tal getrieben, nach Amerika aus. Dort hielt er es aber, von starkem Heimweh geplagt, nicht lange aus.
Dem Heimweh, in der Geschichtsschreibung als typische Schweizer Krankheit bekannt, widmeten unter anderem der Zürcher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672‒1733) und der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712‒1778) in seinem Dictionnaire de musique (Paris 1768) eindrückliche Zeilen, nachdem bereits der Basler Medizinprofessor Johann Jakob Harder (1656‒1711) eine Dissertation (Basel 1678) über das damals ,Nostalgie’ genannte Heimweh vom Studenten Johannes Hofer aus Mülhausen hatte verteidigen lassen. Nach heutigem Verständnis bezeichnet ‚Nostalgie‘ ,Sehnsucht nach Vergangenem’ in einem umfassenden Sinn.
,Heimweh’ ist aber nicht nur eine von Dichtern und Gelehrten beschriebene Krankheit, sondern ein weit verbreitetes, der Sehnsucht nach der Fremde komplementäres, nicht negativ bewertetes Gefühl, eine Art Melancholie. Sie wurde einst vor allem Schweizer Söldnern zugeschrieben und daher in der Frühen Neuzeit auch ,morbus Helveticus’ (Schweizer Krankheit) genannt.[3]
In dem undatierten, mit Heimweh eines Glarners in Amerika betitelten und von ,J. Bgt.’ gezeichneten, in St. Gallen (Jos. Zehnder, St. Fiden) gedruckten Gedicht gab ‚Guutschner Schaagg’ seinem Leiden in und an der Fremde sowie der Verbundenheit mit der Heimat, sprachlich etwas holprig, aber gefühlsstark, Ausdruck:
Schickt mir nicht soviel Grüss’ übers Meer,
Macht mir mein Herz nicht so bang und schwer.
Ihr, die Ihr drüben im Schweizerland seid,
Und Euch des Glückes der Heimat freut.
Steigt es mir heiß empor ins Herz,
Packt mich der alte Sehnsuchtsschmerz,
Heimat, du süße Heimat so lieb,
Weh, daß ich dir so lang ferne blieb!
Schreibt, ach schreibt soviel Ihr wollt,
Nur eines bitt’ ich, daß Ihr nicht sollt:
Schreibt mir nicht aus dem kleinen Nest,
Das am Fuße des Freiberg’s gelegt,
Auch nicht aus dem Glarnerland,
Das mich als Bursche und Mann gekannt,
Schreibt mir nicht aus dem Sernftal so traut,
Wo ich meine Jugendjahre geschaut.
Schildert mir nicht das Vaterhaus,
Wo ich dereinst ging ein und aus;
Auch nicht das Bächlein, den Froschenteich,
Wo ich so gerne als Kind verweilt.
Malt mir nicht den Steg über dem Bach,
Wo’s fröhlich ging zum steinigen Schlag;
Wenn in der Fern’ die Nachtigall sang,
Wohl sie wußte: kein Glück währet lang.
Schildert mir nicht zwei Rosse stolz und brav,
Die mir gehorchten vom Zungenschlag.
Schildert mir nicht die gefahrvolle Straß’,
Die ich befahren so viele Jahr,
Vom Glücke begleitet in manch’ schauriger Nacht,
Dem Schöpfer sei heute noch Dank gebracht.
Schreibt mir nicht von Herrschaften nobel,
Muß sie noch über dem Ozean loben.
Schreibt mir nicht von Freunden treu,
Die’s mit mir so aufrichtig gemeint.
Schildert mir nicht die Eltern, die vieles überwunden,
Welch großes Maß von sorgenvollen Stunden!
Was ich schon gedacht und gesonnen, von Sorgen Euch zu befrei’n,
Damit Ihr die letzten Jahre des Lebens noch freut.
Schildert mir nicht meine liebe Frau,
Hab’ ihr geschworen ewige Treu’,
Ihr Haar, das dunkelbraun,
Ihre Augen, wonnig zu schau’n,
Ihren Mund, der heiß mich geküßt
Und schmerzend sprach, daß Gott mich beschütz.
Schreibt mir nicht, vier Kinder daheim verlassen,
Wie konnte Euer Vater diesen Entschluß nur fassen;
Das Weh, das allmählich das Herz mir zerfrißt,
Hätt’s ich gewußt, wie bitter dies ist.
Mahnt mich nicht an den Friedhof so still,
Auch nicht ans Grab eines geliebten Kind’s;
Schmerzet noch die Erinnerung heut’,
Denke dann: es hat so müssen sein.
Heimat, o Heimat, wie liegst du so fern,
Heimat, o Heimat, wie käme ich gern;
Heimat, o Heimat, so schön und so rein,
Schließt mir das Liebste auf Erden ein.
Dazu der handschriftliche Kommentar meiner Mutter Regula Marti (1914‒2010): «Dieses Gedicht wurde von einem Vetter meines Mannes verfasst, welcher nach den USA auswanderte. Er wollte seine Frau und die vier Kinder nachholen. Er hatte so grosses Heimweh, dass er wieder heimkehrte und sein ganzes Leben lang in Engi blieb.»
[1] Vgl. die Foto in: Engi ‒ ein historischer Spaziergang, hrsg. vom Verein zur Erforschung und Dokumentation der Ortsgeschichte von Engi. Glarus 1996, S. 79.
[2] Vgl. ebd., S. 67, Foto des Ehepaars Baumgartner, zusammen mit der jüngsten Tochter Anna (1894‒1983), dem Bäsi Anneli, das unverheiratet blieb, lange Jahre den Haushalt des gelähmten Zürcher Landschaftsmalers Balz Stäger (1861‒1937) führte und von diesem unter anderem mit Bildern beschenkt wurde. Einige davon, Geschenke von Anna Baumgartner an meinen Vater Konrad Marti (1913‒1986), ihr Gottenkind, hängen in Engi in meinem Elternhaus, der Alten Post.
[3] Vgl. Christian Schmid: Heimweh. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Band 6. Basel 2007, S. 233f., wo das Jahr der Verteidigung der Basler Dissertation mit 1688, statt richtig mit 1678, wiedergegeben wird.