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Emergenz und Prozesshaftigkeit
Der Begriff der „Emergenz“ ist für das Verständnis des Systemismus von entscheidender Bedeutung. Obrecht bezeichnet „System“ und „Emergenz“ als „begriffliche Zwillinge“, die im Mittelpunkt der Theorie stehen (2000, S. 208).
Systemtheorien gehen grundsätzlich von einer hohen Prozesshaftigkeit aus. So befindet sich das Universum im systemistischen Weltbild in einem kontinuierlichen Wandlungsprozess. Systeme müssen sich neuen Gegebenheiten anpassen, gehen dabei neue Verbindungen ein und entwickeln laufend neue Eigenschaften. Dieser Prozess, im Rahmen dessen Eigenschaften neu entstehen, wird als „Emergenz“ bezeichnet; das Gegenstück dazu – das Verschwinden von Eigenschaften – wird als „Submergenz“ definiert (Bunge & Mahner, 2004, S. 79–80)6.
Die Abgrenzung vom Atomismus und vom Holismus
Zur Begründung der spezifisch systemistischen Perspektive bezieht sich Staub-Bernasconi in ihrem Werk immer wieder auf die von Bunge eingeführte paradigmatische Unterscheidung zwischen Atomismus, Holismus und Systemismus.
Mit Atomismus beziehungsweise Individualismus bezeichnet Staub-Bernasconi „eine philosophische, metatheoretische Position, die davon ausgeht, dass alles Existierende aus isolierten, unverbundenen Einheiten besteht (…)“ (2012, S. 268). Mit den Begrifflichkeiten der ZUS-Analyse werden Atomisten „mikroreduktionistisch“ die Zusammensetzung von Systemen betrachten, dabei jedoch Umgebung und Struktur vernachlässigen (Bunge & Mahner, 2004, S. 78).
Das holistische Paradigma konzentriert sich im Gegenteil auf die grossen Zusammenhänge, vernachlässigt dadurch jedoch Eigenschaften und Beziehungen einzelner Systeme und Teilsysteme. „Holisten bevorzugen als Makroreduktionisten die Umgebung (…) und lassen Zusammensetzung und Struktur aussen vor“ (Bunge & Mahner, 2004, S. 78).
Den Mittelweg zwischen Atomismus („Jedes Ding geht seinen eigenen Weg“) und Holismus („Jedes Ding hängt mit allen anderen Dingen zusammen“) nennt Bunge „Systemismus“ (Bunge & Mahner, 2004, S. 71–72). Erst jetzt bewegen wir uns somit im Rahmen einer Systemtheorie.
Staub-Bernasconi nutzt die scharfe Abgrenzung vom Atomismus und vom Holismus, um die Überlegenheit des Systemistismus gegenüber individuumszentierten bzw. ausschliesslich gesellschaftsorientierten Theorien zu bekräftigen. So kritisiert sie (tiefen-)psychologisch-humanistische oder auch sozialpsychologisch-lebensweltlich fundierte Zugänge (←→ Atomismus) und wendet sich vehement gegen „neomarxistische Ansätze der 70-er Jahre“ und gegen „makrosoziale Ansätze Parsonscher und Luhmannscher Provenienz“ (←→ Holismus) (Staub-Bernasconi, 2012, S. 269)7. Der besondere Vorzug des systemistischen Zugangs ist, dass „er eine theoretisch begründete und gleichzeitige Betrachtung des Mikrosozialen wie auch des Makrosozialen erlaubt“ (Staub-Bernasconi, 2012, S. 273).
Die Bedeutung der systemistischen Bedürfnistheorie
Im Systemismus werden Menschen als lern-, sprach- und selbstwissensfähige Biosysteme betrachtet, die von Bedürfnissen determiniert werden. Diese Bedürfnisse können biologisch, psychisch oder sozial sein und sind von Wünschen zu unterscheiden. Bedürfnisse sind elementar und lebensnotwendig. Wünsche können durchaus legitim sein, ihre Erfüllung darf aber nicht zu Lasten der Bedürfnisbefriedigung anderer gehen (Sagebiel, 2012, S. 46). Die Bedürfnisdeterminiertheit des Menschen ist vielleicht der entscheidende Baustein für die Übertragbarkeit des philosophischen Systemismus in die Soziale Arbeit und bestimmt somit wesentlich die Inhalte von Staub-Bernasconis Theorie8. Drei besonders wichtige Implikationen werden im Folgenden kurz erläutert.
(1) Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
Das grundsätzliche Recht auf die Befriedigung von Bedürfnissen geht notwendigerweise mit einer ethisch-normativen Haltung einher. Dazu bieten die Menschenrechte einen Bezugsrahmen mit universellem Anspruch. Sie sollen die individuelle Bedürfnisbefriedigung der Mitglieder einer Gesellschaft sicherstellen und gelten gleichermassen für alle Menschen, und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe9. Ethische Aussagen sind somit integraler Bestandteil einer Theorie Sozialer Arbeit.
(2) Soziale Probleme als Gegenstand Sozialer Arbeit
Die mangelnde Befriedigung von Bedürfnissen führt zu inneren Spannungszuständen und ist somit ein primärer Faktor für die Entstehung sozialer Probleme. Das ist wiederum für die Gegenstandsbestimmung der Sozialen Arbeit bedeutsam: Gegenstand Sozialer Arbeit sind gemäss Staub-Bernasconi soziale Probleme (1996, S. 12).
In diesem Zusammenhang knüpft Staub-Bernasconi an die – auf Bunge zurückgehende – Unterscheidung der drei Paradigmen. Aus atomistischer (mikrosozialer) Sicht sind soziale Probleme „Selbstverwirklichungs- und Selbstbehinderungsprobleme von Individuen“, die konsequenterweise nur individuell bearbeitet werden können. Aus holistischer (makrosozialer) Perspektive ergeben sich soziale Probleme durch defizitäre gesellschaftliche Prozesse, zum Beispiel das „Versagen von Sozialisation“ oder „Etikettierungs- und Stigmatisierungsprozesse“. Deren Entstehung wird vor allem durch die Soziologie und Kulturtheorien erklärt – mit dem nachteiligen Effekt, dass dabei der Blick auf das Individuum verloren geht. Im systemistischen Paradigma sind soziale Probleme das Resultat individueller, sozialer und gesellschaftlicher/kultureller Faktoren: Konsequenterweise fragt „das systemistische Paradigma nach dem Erklärungsbeitrag aller Grundlagendisziplinen“ (Staub-Bernasconi, 2012, S. 272–273).
(3) Der Umgang mit Macht
Die ungerechte Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen führt dazu, dass eine volle Bedürfnisbefriedigung nur einer Minderheit vorbehalten ist. Das ist für Staub-Bernasconi Anlass für eine differenzierte gesellschaftliche Machtanalyse, in die sowohl gesellschaftliche (makrosoziale) wie auch individuelle (mikrosoziale) Betrachtungen einfliessen. In Anlehnung an Jane Addams klassische Gegenüberstellung legitimer und illegitimer Macht unterscheidet Staub-Bernasconi dabei zwischen Begrenzungs- und Behinderungsmacht. Machtausübung wird somit nicht grundsätzlich tabuisiert – im Gegenteil: Sie wird in spezifischen Kontexten als legitim und notwendig erachtet10. Eine solche transparente Haltung soll Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern erlauben, die eigene Positionsmacht kritisch zu reflektieren11.
Soziale Arbeit als Handlungstheorie
Staub-Bernasconi betrachtet die Soziale Arbeit als eine Handlungstheorie und -wissenschaft, die durch die Verknüpfung sechs verschiedener Wissensformen gekennzeichnet ist: Beschreibungswissen, Erklärungswissen, Wertwissen als Basis für die Zielformulierung, Akteur- und Verfahrenswissen als Interventionswissen zur Erreichung von Veränderungen (vgl. Staub-Bernasconi, 1996, S. 11).
Durch die Formulierung der Wissensformen als W-Fragen entsteht ein Phasierungsmodell methodischen Handelns, das im Aufbau mit der klassischen Phasierung (Anamnese, Diagnose, Intervention, Evaluation) übereinstimmt, diese jedoch differenziert.
Tabelle 1: Die W-Fragen als Phasierungsmodell
Vom klassischen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat
Neben der prozessual-systemischen Denkfigur ist die Ausweitung des klassischen Doppelmandates zu einem Tripelmandat der im Fachdiskurs wohl am meisten rezipierte Beitrag von Staub-Bernasconi.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit von Hilfe und Kontrolle. Bezugnehmend auf die klassische Konzeption von Bönisch und Lösch als ein zentrales „Strukturmerkmal der Dienstleistungsfunktion“ ist die Soziale Arbeit angehalten, ein „stets gefährdetes Gleichgewicht zwischen den Rechtsansprüchen, Bedürfnissen und Interessen des Klienten einerseits und den jeweils verfolgten sozialen Kontrollinteressen seitens öffentlicher Steuerungsagenturen andererseits aufrechtzuerhalten“ (zit. nach Staub-Bernasconi, 2007, S. 6).
Grafisch lässt sich Staub-Bernasconis Idee des Tripelmandats wie folgt darstellen:
Abbildung: Das Tripelmandat in der Sozialen Arbeit (Abplanalp, Cruceli, Disler, Pulver & Zwilling, 2020, S. 57)
Das Erste Mandat entspricht in diesem Modell dem klassischen Doppelmandat. Gegenstand des Zweiten Mandats sind Anliegen und Wünsche der KlientInnen und Klienten; diese stimmen nicht notwendigerweise mit dem Anspruch auf Hilfe aus dem Ersten Mandat überein. Erst das Dritte Mandat macht die Soziale Arbeit in den Augen Staub-Bernasconis zur Profession.
In einer engen Auslegung des doppelten Mandats, so Staub-Bernasconi, genügt es, die entsprechenden „gesellschaftlichen Normen, Gesetze sowie methodischen Verfahren zu kennen“ und „die sozial abweichenden Tatbestände“ subsumtionslogisch bestimmten „Gesetzen, Verfahren, Vorschriften, Fallsteuerungskontingenten“ zuzuordnen. Bei diesem Verständnis Sozialer Arbeit bleibt kaum Raum für eine eigenständige Expertise (Staub-Bernasconi 2007, S. 6).
Erst durch die Konzeptualisierung eines dritten Mandats wird der Beruf Soziale Arbeit zur Profession. Dieses Mandat besteht zum einen aus einer wissenschaftlichen Fundierung der professionellen Praxis und zum anderen aus einem „Ethikkodex, den sich die Profession unabhängig von externen Einflüssen gibt und auch seine Einhaltung kontrolliert, kontrollieren sollte“ (Staub-Bernasconi, 2007, S. 6–7)12. Im Zusammenhang mit dem Ethikkodex stärkt Staub-Bernasconi die eigenständige Expertise mit dem Verweis auf den Umstand, dass Gesetze wohl legal, aber nicht unbedingt ethisch legitim sind“ (2018, S. 112).
Die beiden ersten Mandate können dabei „aufgrund des dritten Mandates auch einer kritischen Beurteilung und Revision unterzogen werden“ (Staub-Bernasconi, 2018, S. 116-117)13.
Alles in allem stellen im Professionalisierungsdiskurs die explizite Benennung und die inhaltliche Ausformulierung des Tripelmandates einen klaren Fortschritt dar.
Die prozessual-systemische Denkfigur
Ausgehend von den beschriebenen theoretischen Grundvoraussetzungen, entwickelt Staub-Bernasconi mit der prozessual-systemischen Denkfigur ein methodisches Vorgehen, das eine systematische und wissenschaftlich gesicherte Problembeschreibung und -analyse erlaubt.
Staub-Bernasconi unterscheidet dabei vier Problemkategorien (Staub-Bernasconi, 1996). Diese dienen der konkreten Analyse sozialer Probleme, und zwar sowohl im individuellen (mikrosozialen) wie auch im gesellschaftlichen (makrosozialen) Bereich.
Abbildung 2: Kategorien sozialer Probleme
(1) Ausstattung
Sie wird wiederum in sechs verschiedene Dimensionen unterteilt: körperliche Ausstattung, sozio-ökonomische beziehungsweise sozial-ökologische Ausstattung, die Ausstattung mit Erkenntniskompetenz, die symbolische Ausstattung, die Ausstattung mit Handlungskompetenz und schliesslich die Ausstattung mit sozialen Mitgliedschaften. So können einzelne Individuen, aber auch Familien, Gruppen oder sogar grössere Gemeinschaften und Institutionen in Bezug auf ihre Probleme analysiert werden.
(2) Austausch
Diese Dimension erlaubt es, ausgewählte Austauschbeziehungen durch die verschiedenen Ausstattungsebenen hindurch zu analysieren. Im Vordergrund steht dabei die Frage nach den ausgetauschten Gütern und ob es sich dabei gesamthaft um einen symmetrischen oder asymmetrischen Austausch handelt. In letzterem Fall ist die Soziale Arbeit dazu aufgerufen, genauer hinzuschauen und allenfalls zu intervenieren.
(3) Macht
Hier werden ausgewählte Machtbeziehungen durch die verschiedenen Ausstattungsebenen hindurch analysiert. Dabei fragen wir nach den eingesetzten Machtquellen. Aus Sicht der Sozialen Arbeit ist besonders relevant, ob die Machtausübung begrenzend oder behindernd ist. Im Falle einer behindernden Machtausübung wird eine Intervention durch die Soziale Arbeit notwendig.
(4) Kriterien
Hier geht es um die Frage nach konkreten gesellschaftlichen Kriterien (Werten), die in der analysierten Problemlage von Bedeutung sind. Diese Dimension fragt ausschliesslich nach gesellschaftlichen Bedingungen und unterstreicht damit den Anspruch der Sozialen Arbeit, neben der Mikroebene auch den Makrobereich abzudecken.
Abhängig vom jeweiligen kontextuell definierten hierarchischen Verhältnis werden soziale Beziehungen entweder als (horizontale) Austausch- oder (vertikale) Machtbeziehungen analysiert.
Im Falle der Analyse einer (horizontalen) Austauschbeziehung fragen wir nach den Medien, die durch die jeweiligen Ausstattungsdimensionen hindurch ausgetauscht werden. Geiser (2015) differenziert die Austauschmedien folgendermassen:
- Kontakt/Berührung/Sexualität (körperliche Ausstattung)
- Gütertausch
(sozioökonomische und sozialökologische Ausstattung)
- Kommunikation und Koreflexion
(Ausstattung mit Erkenntniskompetenz und symbolische Ausstattung)
- Kooperation/Koproduktion
(Ausstattung mit Handlungskompetenz)
Falls dabei das „Gegenseitigkeitsprinzip“ (Staub-Bernasconi, 1996, S. 21–22) missachtet wird, sprechen wir von einer asymmetrischen Austauschbeziehung. Aus Sicht der Sozialen Arbeit besteht grundsätzlich Handlungsbedarf.
Im Falle der Analyse einer (vertikalen) Machtbeziehung fragen wir nach den Machtquellen, die durch die jeweiligen Ausstattungsdimensionen hindurch eingesetzt werden. Geiser (2015) definiert diese folgendermassen:
- Körpermacht (körperliche Ausstattung)
- Güter- und Ressourcenmacht (sozioökonomische und sozialökologische Ausstattung)
- Artikulationsmacht (Ausstattung mit Erkenntniskompetenz)
- Definitions- oder Modellmacht (symbolische Ausstattung)
- Positions- und Organisationsmacht (Ausstattung mit Handlungskompetenz)
Aus Sicht der Sozialen Arbeit besteht Handlungsbedarf, wenn die Machtausübung illegitim beziehungsweise behindernd ist.
Die prozessual-systemische Denkfigur wurde von Staub-Bernasconi im Rahmen ihrer Dissertationsarbeit Anfang der 1980er-Jahre entwickelt und danach in verschiedenen Publikationen immer wieder neu aufgenommen14. Kaspar Geiser, ein prominenter Vertreter der Zürcher Schule, hat die prozessual-systemische Denkfigur in seinem Hauptwerk „Problem- und Ressourcenanalyse in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in die Systemische Denkfigur“ (2007) zu einem fundierten methodischen Vorgehen weiterentwickelt. Dieses wurde in der Praxis breit rezipiert und wenn wir heute in unterschiedlichsten Praxisfeldern mit Staub-Bernasconis Zugang in Berührung kommen, dann steht häufig Geisers sehr zugängliches Buch in den Regalen der betreffenden Praktikerinnen und Praktiker15.
Arbeitsweisen
Neben einem fundierten theoretischen Gerüst und einem wissenschaftlich begründeten diagnostischen Verfahren braucht die Soziale Arbeit ein Repertoire handlungsleitender Methoden und Verfahren. Um diesen Anspruch einzulösen, entwickelt Staub-Bernasconi acht Arbeitsweisen. Sie geht dabei von den Problemkategorien und -dimensionen der prozessual-systemischen Denkfigur aus und stellt damit sicher, dass auch die angewendeten Verfahren spezifisch für die Soziale Arbeit sind. Das ist ein weiterer Beitrag Staub-Bernasconis zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit.
Tabelle 2: Die Zuordnung der Arbeitsweisen zu den Problemkategorien bzw. Dimensionen