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Wie aber entsteht dieses Gefühl? Es bedingt zunächst, dass man ein Bild von sich hat. Dieses Bild wiederum wird von drei Faktoren beeinflusst: Erstens von der Vorstellung, wie man auf andere wirkt. Zweitens von der Vorstellung, wie man von anderen bewertet wird. Drittens von den eigenen Gefühlen, die man zu dieser Bewertung entwickelt. All das bedingt, dass ein Mensch sich als Person, als «Ich» wahrnehmen kann und in der Lage ist, seine Handlungen und Gedanken zu reflektieren. Dies vollzieht sich in einem Prozess, der mit der Geburt beginnt.
Ein Kind wird nicht als Persönlichkeit geboren. Es erblickt die Welt als sogenannter Genotyp, als Träger genetischen Materials, das ihm von seinen Eltern mitgegeben wurde. In den ersten Lebenswochen empfindet sich das Kind noch nicht als eigene Person, sondern als ganz eins mit der Mutter.
Gleichzeitig macht es die Erfahrung, dass sein Verhalten etwas bewirkt: Wenn es schreit, wird es beruhigt, wenn es Hunger hat, genährt, wenn es die Bezugsperson anlächelt, lächelt diese zurück. Diese Antworten spiegeln das kindliche Verhalten. Es sind die allerersten Erfahrungen, die das Kind in Bezug auf seine eigene Person macht.
Im Austausch mit dieser Umgebung entwickelt sich der Phänotyp des Kindes, der beobachtbare Ausdruck des Genotyps, der sowohl die körperlichen Merkmale als auch das Verhalten einer Person umfasst. Die elterlichen Antworten auf der Gefühlsebene sind für das kleine Kind die Basis, aus der sich sein Selbstwertgefühl und seine Selbstachtung speisen. «Wenn es gut läuft, erfahre ich als Neugeborenes, dass mich meine Eltern liebevoll anschauen und umsorgen», erklärt die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast. Diese Erfahrung des Sich-gut-Fühlens, Beachtet-Werdens, Gewollt-Seins speichert das kleine Kind als sogenanntes Grundvertrauen ab.
Und dann der grosse Moment: Das Kind entdeckt sich als Person. Es sieht in seinem Spiegelbild nicht mehr einen potenziellen Spielpartner, sondern weiss: Das bin ich!
«Das Ausmass an Wertschätzung, die dem Kind in den ersten sechs Lebensjahren zuteil wird, ist der wichtigste Faktor fürs spätere Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.»
Ulrich Orth, Professor für Entwicklungspsychologie
Fortan wird das Kind selbständiger, lernt laufen, selbst essen, sich anziehen. Diese Erfahrung kann es nur machen, wenn es Zutrauen in seine Handlungen und gleichzeitig Vertrauen in seine Person hat. «Dieses Vertrauen ist nur möglich, wenn es den Eltern gelingt, dem Kind Wärme, Schutz, Trost, Fürsorge und Geborgenheit zu schenken, es in seinen autonomen Bestrebungen zu unterstützen und in seiner kognitiven und sozialen Entwicklung zu fördern», sagt Ulrich Orth, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern.
Um es in einem Satz zusammenzufassen: «Das Ausmass an Wertschätzung, die dem Kind in den ersten sechs Lebensjahren zuteil wird, ist der wichtigste Faktor fürs spätere Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.»
Das Kind sollte von seinen Eltern vermittelt bekommen: «So, wie du bist, bist du gut und gewollt.» Wenn es diese Gewissheit hat, ist es auch nicht schlimm, wenn Eltern hin und wieder aufbrausen oder ärgerlich reagieren, weil das Kind wiederholt zu spät nach Hause kommt, sein Zimmer nicht aufräumt oder ausgiebig mit dem Geschwisterkind streitet. Dies zerstört nicht sein Grundvertrauen.
Auf die sozialen Beziehungen kommt es an
Die Gewissheit, auf die Unterstützung seiner Bezugspersonen vertrauen zu können, gehört zu den wichtigsten Ressourcen eines Kindes. In einem emotional positiven Erziehungsklima mit Erwachsenen, die einen konstruktiven Umgang mit Belastungen vorleben, kann es Erfahrungen von Sicherheit, Struktur und Sinnhaftigkeit machen.
Sein Selbstwert ist in permanenter Entwicklung: Von den eher unbewussten Erfahrungen im Kleinkindalter erweitert es diese mit anderen Personen, mit Kollegen, Nachbarn, Babysittern. Freunde sind prägend und werden spätestens in der Pubertät zum wichtigsten sozialen Einflussfaktor. «Insgesamt wissen wir aus vielen Studien, dass soziale Beziehungen der bestimmende Faktor für den Selbstwert sind. Sie sind wichtiger als Leistung, Noten, Beruf oder Prestige», sagt Ulrich Orth.
Wie wichtig sie sind, wissen wir aus eigener Erfahrung. Welcher Erwachsene leidet nicht, wenn er in der Liebe einen Korb bekommt? Und welches Kind ist nicht enttäuscht, wenn es nicht an eine Geburtstagsparty eingeladen ist? Diese Notwendigkeit des «Dazugehörens» beruht auf evolutionsgeschichtlichen Notwendigkeiten: Sozial integriert zu sein hatte in frühen Menschheitskulturen eine überlebenswichtige Bedeutung, der Ausschluss aus der Gemeinschaft war eine existenzielle Bedrohung.
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