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Seit 15 Jahren präsidiert Marco Solari das Filmfestival von Locarno. In dieser Zeit hat er der Veranstaltung Form und Farbe verliehen. Als überzeugter Liberaler calvinistischer Prägung verteidigt der 70-Jährige die künstlerische Freiheit gegen alle Einmischungsversuche von aussen. Zugleich wirbt er für die Multikulturalität der Schweiz.
swissinfo.ch: Als Sie im Jahr 2000 die Präsidentschaft übernahmen, steckte das Filmfestivals Locarnoexterner Link in einer organisatorischen, künstlerischen und finanziellen Krise. Wie steht das Festival heute da?
Marco Solari: Uns ging es noch nie besser. In 15 Jahren konnten wir das Budget von 4 auf 13 Millionen Franken steigern. Wir konnten ein Gleichgewicht zwischen öffentlichen und privaten Zuwendungen erreichen. Um das Festival zu retten, brauchte es einen unternehmerischen Ansatz. Ich brachte den mir eigenen calvinistischen Geist nach Locarno.
Trotzdem: Wie für alle Kulturveranstaltungen gibt es auch für Locarno ständig Risiken. Es gibt weltweit 3000 Festivals, aber nur ein Dutzend zählt wirklich. Wenn das Filmfestival Locarno in dieser obersten Liga weiter mitspielen will, muss es eine sehr starke Identität bewahren.
swissinfo.ch: Wie würden Sie die Identität von Locarno definieren?
"Die künstlerische Direktion ist keinem politischen oder wirtschaftlichen Druck ausgesetzt"
M.S.: Wir sind wohl das Festival mit der weltweit grössten Freiheit und Autonomie. Die künstlerische Direktion verfügt über diese Freiheit. Sie ist keinem politischen oder wirtschaftlichen Druck ausgesetzt.
swissinfo.ch: Doch gewisse Entscheide der künstlerischen Direktion werden regelmässig kritisiert. Wir erinnern an die Einladung von Roman Polanski im letzten Jahr oder die Zusammenarbeit mit dem Israeli Film Fund in diesem Jahr.
Streit um Israel
Der Entscheid des Filmfestivals Locarno, 2015 für die Sektion "First Look" (bisher "Carte Blanche") eine Partnerschaft mit dem Israeli Film Fund einzugehen, hat zu Protesten im In- und Ausland geführt.
In einer Petition, die auf der Webseite der Palästinensischen Kampagne für den akademischen und kulturellen Boykott Israelsexterner Link (Pacbi) veröffentlicht wurde, wird kritisiert, dass dieser Fonds direkt von der Regierung Israels alimentiert werde. Es wird gefordert, die Zusammenarbeit mit dem Israeli Film Fund zu stoppen.
Der Appell "Keine Carte Blanche für die Apartheid Israelsexterner Link" wurde von mehr als 200 Filmschaffenden unterzeichnet. Das Festival hat die Kritik in einer Stellungnahmeexterner Link zurückgewiesen.
M.S.: Das Festival findet in einem demokratischen Umfeld statt, und jede Debatte ist daher erwünscht. Wenn die Entscheide der künstlerischen Direktion intellektuell redlich sind, wie in den erwähnten Fällen, werde ich es aber nie zulassen, dass dem Druck von aussen nachgegeben wird.
Es gibt immer wieder Versuche von Privatpersonen, Institutionen, Interessensgruppen oder gewissen Wirtschaftskreisen, auf das Programm und die eingeladenen Gäste Einfluss zu nehmen, aber wir konnten das immer verhindern. Andernfalls würden wir Gefahr laufen, die Seele des Festivals zu verkaufen.
In Bezug auf die Israel-Diskussion möchte ich betonen, dass Locarno ein Ort des Gesprächs und des Dialogs ist. Wenn dieser Dialog auf politischer Ebene nicht existiert, ist es womöglich eine Illusion zu glauben, dass dieser in Locarno geführt werden kann. Aber wir versuchen es. Und manchmal geschehen Wunder.
swissinfo.ch: Im Jahr 2014 verzeichnete das Filmfestival fast 170‘000 Besucherinnen und Besucher. Wie wirkt sich das Festival auf den Tourismus in der Region aus?
M.S.: Die Bedeutung für den Tourismus ist sehr gross. Und dies nicht nur wegen der Anzahl der Gäste, sondern weil durch das Festival auch ein gutes Marketinginstrument für die ganze Region und den Kanton gegeben ist. Die wirtschaftliche Bedeutung liegt zwischen 30 und 50 Millionen Franken. Damit das Filmfestival als Kulturveranstaltung weiterhin Erfolg haben kann, muss es sich treu bleiben und darf keine Kompromisse eingehen. Die Filme von Locarno stellen nicht den angenehmen Ausklang für einen schönen Ferientag am See dar. Es handelt sich häufig um anspruchsvolle und harte Filme, manchmal Faustschläge, weil Kino ein Spiegel und ein Seismograph der Welt ist. Und heute geschehen in dieser Welt eben viele schreckliche Dinge.
swissinfo.ch. Als Präsident repräsentieren Sie das Filmfestival im Ausland. Welches Image hat diese Kulturveranstaltung im Ausland?
Die Schweiz in Locarno
Das 68. Filmfestival Locarnoexterner Link findet vom 5. bis 15. August statt.
Unter den 19 Filmen im internationalen Wettbewerb läuft "Heimatlandexterner Link", ein Gemeinschaftswerk von 10 jungen Schweizer Regisseuren.
Mit "La Vanitéexterner Link", dem jüngsten Film des Westschweizer Regisseurs Lionel Baier, wird die Schweiz auch auf der Piazza Grande vertreten sein. Zudem läuft der Kurzfilm "Erlkönigexterner Link" von Georges Schwizgebel und "Amnesiaexterner Link" des franko-schweizerischen Regisseurs Barbet Schroeder.
M.S.: Locarno ist in der Schweiz bekannt, vielleicht noch bei Kulturinteressierten im europäischen Ausland. Aber damit hat es sich. Ausserhalb Europas ist Locarno nur Filmschaffenden ein Begriff. Doch dies überrascht nicht wirklich. Denken wir etwa daran, wie wenig das Tessin im benachbarten Mailand bekannt ist. Es gibt so viele Gemeinplätze. Wenn ich im Ausland über das Festival berichte, hoffe ich einfach, dass etwas hängen bleibt und meine Worte irgendwann Früchte tragen.
Hier im Tessin denken wir, der Bauchnabel der Welt und sehr wichtig zu sein, auch weil auf Grund einer sehr hohen Mediendichte alles aufgebauscht wird. Doch die Realität ist eine andere. Wir sind nur ein klitzekleiner Flecken dieser Erde. Das gilt nicht nur für das Tessin, sondern für die ganze Schweiz.
Sicherlich gibt es Bereiche, etwa die humanitäre Hilfe, in der die Schweiz eine gewisse Bedeutung hat. Doch die Wahrnehmung unserer Bedeutung ist umgekehrt proportional zu unserer realen Bedeutung. Dies sage ich in aller Bescheidenheit, denn es gilt zum Teil auch für das Filmfestival Locarno.
swissinfo.ch: Das Filmfestival Locarno präsentiert sich als offener Ort der Diskussion, und dies in einem Kanton, der sich zusehends nach aussen abzuschotten scheint.
M.S.: Das Festival muss die Befindlichkeit der Bevölkerung anerkennen und respektieren. Als Präsident bin ich zudem verpflichtet, super partes, also über den Parteien zu stehen. Obwohl ich ein überzeugter Liberaler bin, bewege ich mich ausserhalb der parteipolitischen Realitäten. Das ist nicht immer einfach, aber es ist der Preis, den ich zu bezahlen habe.
swissinfo.ch: Im Tessin herrscht das Gefühl vor, vom Rest des Landes nicht verstanden und vernachlässigt zu werden. Wie erklären Sie sich das?
M.S.: Ich bitte die anderen Kantone der Schweiz stets um ein gewisses Verständnis für die besondere Situation des Tessins. Ein guter Tessiner ist nicht einfach eine Person aus dem Tessin, die Italienisch spricht, aber wie ein Deutschschweizer oder Westschweizer denkt. Ein Tessiner hat eine andere Herangehensweise an Dinge, andere Wertvorstellungen und eine andere Art der Beziehungspflege.
"Man darf das Tessin nicht wie ein unerzogenes Kind behandeln"
Wenn es uns mit der Multikulturalität dieses Landes wirklich ernst ist, müssen wir dies anerkennen und respektieren. Man darf das Tessin nicht wie ein unerzogenes Kind behandeln.
In Zürich ist man sich nicht bewusst, dass das Tessin in die Lombardei und damit eine der grössten europäischen Agglomerationen mit mehr als 8 Millionen Personen hineinragt. Man ist sich der gewaltigen Lohnunterschiede zwischen der Lombardei und dem Tessin nicht bewusst. In Genf oder Basel ist dies nicht der Fall.
Seit Inkrafttreten der bilateralen Verträge und der Öffnung der Grenzen hat im Tessin eine Invasion stattgefunden, eine Art Tsunami von italienischen Arbeitskräften, die bereit sind, für geringste Löhne zu arbeiten. Dies hatte grosse Folgen für den Tessiner Arbeitsmarkt und die Stimmung in unserem Kanton.
swissinfo.ch: Haben Sie im Alter von 70 Jahren und nach 15 Jahren Präsidentschaft bereits daran gedacht, in Pension zu gehen?
M.S.: Meine drei wichtigsten Aufgaben sind es, die Finanzierung zu sichern, die Finanzierung zu sichern und die Finanzierung zu sichern. Und solange mir dies gelingt, mache ich weiter und stelle mir die Frage nach dem Ende der Präsidentschaft nicht. Ganz im Gegenteil. Wir haben hier alle, inklusive meiner selbst, ein grosses gemeinsames Ziel: Locarno75 im Jahr 2022. Sie können nun selbst rechnen!
Marco Solari (70) wuchs in Bern auf. Sein Vater war Tessiner, Direktor der Eidgenössischen Fremdenpolizei, die Mutter stammte aus dem Emmental. Nach dem Lizenziat in Sozialwissenschaften an der Universität Genf und Erfahrungen als Reisemanager wurde Solari 1972 Direktor der kantonalen Tourismusbüros im Tessin.
1988 berief ihn der Bundesrat als Delegieren für die Durchführung der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft von 1991. Danach wurde er Mitglied der Verwaltungsdelegation des Migros-Genossenschafts-Bundes in Zürich, von 1997 bis 2004 war er stellvertretender Konzernchef der Ringier AG, einem der grössten und international tätigen Verlagshäuser der Schweiz.
Von 2007 bis 2014 war Solari Präsident des Tessiner Verkehrsvereins ETT. Seit 2000 ist er Präsident des Filmfestivals von Locarno.
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch