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Versicherungsfranchisen: Ein Abwägen zwischen Effizienz und Solidarität
01.04.2016
Die Gesundheitskosten steigen schneller als das Einkommen. Das ist ein globales Phänomen. In Ländern mit einer allgemeinen Krankenversicherung bedeutet dies auch, dass die Prämien für die Krankenversicherung Jahr für Jahr steigen. In der Schweiz stiegen die Prämien gemäss dem Bundesamt für Gesundheit um durchschnittlich 4% von 2015 auf 2016 und somit deutlich stärker als der zu erwartende Einkommensanstieg.
Eine Möglichkeit, das Wachstum der Gesundheitskosten zu begrenzen, ist eine Wahlfranchise. Durch die Wahlfranchise werden die Versicherten an ihren Gesundheitsausgaben beteiligt, was eine Überbeanspruchung von Gesundheitsleistungen verhindert. In der Schweiz gibt es seit 2005 sechs unterschiedliche Stufen der Wahlfranchise: 300, 500, 1000, 1500, 2000 und 2500 Franken. Dabei gilt für Versicherte die Faustregel: Eine höhere Franchise führt zu einer tieferen Prämie.
Die unterschiedlichen Franchisen bedeuten aber auch eine Umverteilung von Einkommen. Bei der allgemeinen Krankenversicherung ist es so, dass gesündere Personen durch ihre Prämien teilweise die Gesundheitsausgaben der Versicherten mit einer schlechteren Gesundheit übernehmen. Dies wird unter dem Begriff der Solidarität zusammengefasst. Wenn jedoch gesündere Personen eine höhere Franchise wählen können, zahlen sie geringere Prämien und ein Teil dieser Solidarität geht verloren. Grundsätzlich zeigt sich, dass die Ausgestaltung der Wahlfranchise ein Abwägen zwischen Solidarität und Effizienz ist.
Maximalfranchise steigert Kostenbewusstsein nur gering
Die bisherige wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema vergleicht vor allem hohe Franchisen mit niedrigeren. Die Evidenz deckt sich dabei bisher mit den theoretischen Überlegungen. Einerseits findet man Belege für ein grösseres Kostenbewusstsein bei den Versicherten und beträchtliche Kostenersparnisse durch höhere Franchisen. Andererseits stellen bisherige Studien fest, dass gesündere Personen eine höhere Franchise wählen. Dabei spricht man von einer Selektion von gesunden Versicherten in die höheren Wahlfranchisen. Da die Prämien für höhere Franchisen tiefer sind, wird dies meist als geringere Solidarität interpretiert.
Es gibt aber auch noch unbeantwortete Fragen bezüglich Franchisen: Insbesondere ist unklar, ob es zwischen höheren Franchisestufen zusätzliche Kosteneinsparungen gibt. Dies untersucht nun eine neue Studie von Stefan Pichler und Jan Ruffner. In dieser Studie steht der Vergleich zwischen den Franchisen von 1500 und 2500 Franken im Fokus. Um den Vergleich vorzunehmen, betrachten die Autoren das Jahr 2005, da in diesem Jahr die Maximalfranchise auf 2500 Franken erhöht wurde. Es werden zwei unterschiedliche Gruppen verglichen: Personen, die auch nach der Erhöhung der Maximalfranchise ihre persönliche Franchise auf 1500 Franken beliessen, mit Personen, welche die 2500er-Franchise wählten.
Der erste Teil der Ergebnisse deckt sich mit der bisherigen wissenschaftlichen Literatur: Es gibt immer noch beträchtliche Unterschiede zwischen den Gesundheitsausgaben der beiden Gruppen, welche sich auf den unterschiedlichen Gesundheitszustand zurückführen lassen. Die Ergebnisse zeigen, dass Versicherte, die im Jahr 2005 in die höhere Franchise wechselten, bereits 2004 knapp 350 Franken oder 50% tiefere Kosten aufwiesen.
Aber auch über fünf Jahre hinweg betrachtet, zeigt sich, dass die Gesundheitsausgaben der Personen mit der höheren Franchise deutlich tiefer sind (siehe G 8). Zudem wird ersichtlich, dass dieser Unterschied über die Jahre relativ konstant bleibt. Insbesondere wird der Unterschied nicht durch die erstmalige Einführung der höheren Franchise im Jahr 2005 erhöht. Dies deckt sich mit der Datenanalyse in der Studie. Auch hier werden keine Kostenersparnisse durch die höhere Franchise festgestellt.
Auffallend bei der genaueren Datenanalyse ist, dass Versicherte, welche in die höhere Franchise wechselten, zum Teil sogar höhere Kosten hatten als solche, die in der 1500er-Franchise verblieben sind. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen ist, dass zu hohe Franchisen dazu führen, dass Versicherte Arztbesuche vermeiden und dies in einzelnen Fällen sogar zu höheren Kosten führt. Dieses Muster ist vor allem bei Männern ausgeprägt, während bei Frauen keine Unterschiede festzustellen sind.
Erwähnenswert ist, dass diese Resultate nicht so überraschend sind. Bereits das Bundesamt für Gesundheit hat im vergangenen Jahr die obersten Franchisen genauer analysiert 1. Diese Studie findet, dass die höchste und zweithöchste Franchise nur minimale Sparanreize bei Versicherten auslöst.
Schlussendlich stellt sich für die Politik die Frage, ob die oberste Franchise genügend Sparanreize auslöst, um die geringere Solidarität zu kompensieren. Diese Studie kann kein endgültiges Urteil zu diese Frage geben, da nur ein Teilbereich der obersten Franchise angeschaut wird. Trotzdem zeigt die Studie, dass die Sparanreize bei sehr hohen Franchisen doch eher gering sind.
[1] Bundesamt für Gesundheit BAG: Prämienermässigung für Wahlfranchisen vom 17. September 2015
Das KOF Working Paper Nr. 404 «Does it really make a difference? Health care utilization with two high deductible health care plans» von Stefan Pichler und Jan Ruffner finden Sie bei uns auf der Website.