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Von Greggenhofen nach Rot
Martin Ertle wird am 21. Mai 1641 in Greggenhofen im Oberallgäu geboren.[1] Die Ortschaft liegt bei Immenstadt, damals im Hochstift Augsburg. Er kommt schon mit neun Jahren an die Lateinschule der Prämonstratenserabtei Rot an der Rot. 1657 leistet er hier Profess. Abt ist zu dieser Zeit Ludwig Locher,[2] der die Reichsabtei bravourös in den Zeiten des Dreissigjährigen Krieges leitet und in Rot nach dem Vorbild Dillingens ein Gymnasium einrichtet. Schon 1664, im Alter von erst 23 Jahren, wird der junge Frater Martin zur Priesterweihe zugelassen.
Abt in Rot
Er ist Pfarrer in Haisterkirch, als er 1672 mit 31 Jahren als Abt Martin IV. zum Nachfolger des Abtes Friedrich Rommel[3] gewählt wird. Die Herrschaft Rot hat sich nach dem Dreissigjährigen Krieg relativ rasch erholt. Abt Martin kann aus seinem Konvent dem Kloster Ursberg Lehrer zur Verfügung stellen, auch zwei Konventualen zum Studium an die Universität Innsbruck senden und einen theologischen Lehrstuhl in Rot einrichten. Die Ruhe nach dem Dreissigjährigen Krieg wird aber schon 1675 durch die ersten Aggressionskriege des französischen Sonnenkönigs gestört. Durchzüge und Einquartierungen von Reichstruppen in der Klosterherrschaft belasten auch die Untertanen.
«Architectus noster infulatus»
1681 wird zum Katastrophenjahr für die Klostergemeinschaft. Vom April bis Mai bricht mehrmals Feuer aus und vernichtet die Konventgebäude und auch den Dachstuhl der Kirche. Abt Martin zeigt sich jetzt als begnadeter Organisator, lässt vorerst die Kirche neu decken und beginnt noch 1681 mit dem Wiederaufbau des Klosters. Schon 1684 können drei Flügel wieder bezogen werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts sind auch die Erweiterungen mit den prägenden Stichflügel erstellt und die Kirche ist barockisiert. Auch ein zweiter Kirchturm wird gebaut. Zum Abschluss lässt Abt Martin 1701 die Verenaglocke aufziehen, auf der die Namen von Abt und 23 Konventmitglieder aufgeführt sind. Alle Bauten seit 1681 plant und leitet der Abt selbst. Er betreibt die Bauten energisch uns ist jeweils schon bei Sonnenaufgang auf der Baustelle präsent. Abt Martin wird deshalb als «architectus noster infulatus» bezeichnet.
Ökonom und Bauherr
Abt Martin baut nicht nur das Kloster wieder auf, auch im Klosterort und in den Pfarreien der Herrschaft ist er reger Bauherr. Schon 1676 baut er die repräsentative Klostermühle, 1692 das Brauhaus im Klosterhof, 1695 das Gesindehaus und auch das Klosterwirtshaus. In Haisterkirch[4] und Haslach[5] baut er neue Kirchen. Die spätere Wallfahrtskirche in Steinbach lässt er um 1686 barockisieren. Trotz der grossen Bauausgaben seit 1681 kann sich die Abtei noch Gütererwerbungen leisten. In Meersburg kauft der Abt einige Weinberge. 1692 erwirbt er zusammen mit dem Kloster Gutenzell das Dorf Kirchberg an der Iller.
Generalvikar
1692 ernennt ihn der Generalabt von Prémontré zum Generalvikar und Visitator der neun Prämonstratenser-Abteien der Zirkarie Schwaben. Er übt dieses mit vielen Reisen und Verhandlungen verbundene Amt bis 1707 aus.
Spanischer Erbfolgekrieg
1702 beginnt der bayerische Kurfürst an der Seite Frankreichs den Krieg gegen das Reich und seine Alliierten. Wieder ist die Region Kriegsgebiet und wieder leiden die Bauern der Herrschaft am meisten. Das nahe Memmingen und Ulm werden schon 1702 vom Kurfürsten besetzt. Abt Martin flüchtet wie auch die Äbte von Ochsenhausen und Obermarchtal an den Bodensee, der Abt von Wiblingen sendet einen Teil seiner Konventualen in Klöster der Schweiz und Oberösterreichs. Alle Klöster werden von Truppen besetzt. Mit dem Sieg der Alliierten bei Höchstädt im August 1704 und der anschliessenden Besetzung Bayerns durch Österreich beruhigt sich die Lage. Abt Martin kehrt bereits im Juli wieder zurück. Aber noch 1707 dringen französische Truppen in die Region ein. Trotz des Krieges und der Kontributionen an die bayerischen Truppen von 10 000 Gulden kann der Abt noch Baudurchhaben durchführen. Er baut in Berkheim[6] und Illerbachen[7] Pfarrkirchen. 1709 erstellt er die spätere Klosterschule beim Prälatengarten. In Haidgau erhöht er den Turm und baut 1710 das Langhaus neu. Den Friedensschluss erlebt Abt Martin nicht mehr.
Resignation und Tod
1711 resigniert er als Abt und zieht sich, inzwischen 70-jährig, im Kloster in eine Zelle zurück. Am 11. Mai 1712 stirbt er hier und wird in der Martinskapelle beerdigt, wo ihm sein Nachfolger Hermann Vogler eine aussagekräftige und schöne Grabplatte stiftet.[8] Er würdigt im Text den verstorbenen Abt als «praesul incomporabilis» und «secundus fundator», als unvergleichlichen Vorsteher und zweiten Gründer.
|Wappen

Der Wappenschild des Abtes Martin bekrönt auch seinen Grabstein. In Feld 2 und 3 liegt das persönliche Wappen, eine stilisierte Lilie auf rotem Grund, während das neuere Abteiwappen mit dem Verenafisch in Feld 1 und 4 liegt. Die Wappenkombination Lilie und Verenafisch ist sehr eindrücklich auf einer Wappentafel zu sehen, die am Verenatag in das erste Rundfenster über dem Seitengang eingefügt wird. Schildhalterin ist hier die hl. Verena. Sie hält mit der linken Hand Kamm und Schildkombination, die heraldisch links das Lilienwappen des Abtes Martin und heraldisch rechts das Klosterwappen den beringten Fisch zeigt. In der rechten Hand und abgestellt auf den Lilienschild hält die hl. Verena ihr zweites Attribut, den Krug. Im Gegensatz zum Wappen des Abtes auf dem Grabstein sind hier die Wappenembleme Fisch und Lilie nicht golden, sondern silbern tingiert. Das Wappenbild ist eine Neuschöpfung nach einem hochbarocken Email-Medaillon an einem Standkreuz.[9]

Pius Bieri 2019
|Literatur

|Rohr, Ignaz: Die Kunst im Kloster Rot bei Leutkirch unter Abt Martin Ertle 1672–1711, in: Archiv für christliche Kunst, Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins Band 36. Ulm 1918.|
|Tüchle, Hermann und Schahl, Adolf: 850 Jahre Rot an der Rot. Sigmaringen 1976.|
|https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Ertle|
Anmerkungen:
[1] Das genaue Geburtsdatum und der korrekte Herkunftsort hier aus der Wikipedia. Bei Tüchle (1976) fehlen die genauen Daten, der Herkunftsort und auch die Altersangaben sind bei ihm falsch.
[2] Ludwig Locher (1600–1667) aus Frauenfeld im Thurgau, wegen einer päpstlichen Adelsverleihung (1598) an die Patrizierfamilie meist unter dem Zusatz «von Haselberg» aufgeführt. Profess in Rot 1615. 1622 Studium der Theologie in Dillingen. 1630–1667 Abt in Rot, 1639–1660 auch Generalvikar der Zirkarie Schwaben
[3] Friedrich Rommel (1635–1672). Er soll aus Überlingen stammen, mehr ist über seine Herkunft nicht bekannt. 1655 ist er in Dillingen für das Studium der Logica (Philosophie) eingeschrieben. 1667–1672 ist er Abt in Rot. Vor der Wahl ist er Prior. Er stirbt erst 37-jährig in Seefeld auf einer Visitationsreise nach Wilten nach nur fünf Jahren Regierung.
[4] Kirche St. Johannes Baptist Haisterkirch. Neubauähnlicher Umbau 1699–1705.
[5] Kirche St. Petrus in Ketten Haslach. 1693 erster Umbau, bis 1711 Erweiterung.
[6] Kirche St. Konrad Berkheim. 1702–1703 neu gebaut. Der heutige Bau nach Brand 1785 neu erstellt. Umbau 1876.
[7] Kirche St. Joseph Illerbachen. Neubau 1707–1708.
[8] Die Äbte Mauritius Moriz und Willebold Held lassen offensichtlich 1780/83 beim Abbruch von Kirche und Kapellen die Grabsteine der Vorgängeräbte als Baumaterial verwenden. Der Respekt der Äbte der Aufklärung vor ihren Vorgängern scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Die Grabplatte des Abtes Martin Ertle wird erst bei der Renovation der 1960er-Jahre, umgekehrt in die Aussenfassade eingemauert, entdeckt.
[9] Mitteilung P. Johannes-Baptist Schmid OPraem.
Grabplatte des Abtes Martin Ertle 1712
|Geburtsdatum||Geburtsort|
|21. Mai 1641||Greggenhofen Oberallgäu D|
|Titel und Stellung|
|Abt OPraem in Rot an der Rot|
|Sterbedatum||Sterbeort|
|11. Mai 1712||Rot an der Rot, Baden-Württemberg D|
|Land 18. Jahrhundert|
|Hochstift Augsburg|
|Regierungszeit|
|1672–1711|
|Land 18. Jahrhundert|
|Reichsherrschaft Rot|