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Dieser Themenabend fand in zwei Teilen statt: Im ersten Teil kommt das Thema «Schöpfung» zum Zug. John Lennox schrieb ein Buch mit dem Titel «Hat die Wissenschaft Gott begraben?» — Darauf gibt Marc Wäckerlin im ersten Teil eine klare Antwort, indem er das Buch und seinen Inhalt analysiert. Im zweiten Teil stellt Philipp Wehrli vor, wie die Entstehung de Lebens tatsächlich vonstatten gegangen sein könnte, und wo es allenfalls noch Unklarheit gibt.
Videos des Abends
Alles in einem Stück
Die einzelnen Teile
- Teil 1: John Lennox «Hat die Wissenschaft Gott begraben?»
- Teil 2: Chemische Evolution
- Teil 3: Diskussionsrunde
Text zu Teil 1: Die Wissenschaft hat «Gott» begraben
Wer ist John Lennox
John Lennox ist ein emeritierter Professor für Mathematik der Universität Oxford. Er befasst sich insbesondere mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion und ist ein Vertreter des unwissenschaftlichen christlichen «Intelligent-Design»–Kreationismus. Bekannt ist er aus Diskussionen mit Richard Dawkins. Er ist Autor des Buchs «Hat die Wissenschaft Gott begraben?; Eine kritische Analyse moderner Denkvoraussetzungen» aus dem evangelisch–missionarischen Verlag «Institut für Glaube und Wissenschaft», das ich im folgenden widerlegen werde.
Warum dieses Buch?
Nach einer langen Diskussion mit Schülern einer christlichen Schule über Werte und vor allem über Evolution schenkte mir ihr Lehrer das Buch «Hat die Wissenschaft Gott begraben?» von John Lennox mit der Anmerkung, dass hier ein Wissenschaftler und Professor einer grossen Universität Wissenschaft und Glaube für vereinbar halte.
Das Renommee des Autoren
Normalerweise beurteile ich den Inhalt einer Botschaft und nicht den Überbringer. In diesem Fall mache ich eine begründete Ausnahme: Zum einen war das Renommee von Lennox als Wissenschaftler ein Argument das der Lehrer vorbrachte, um die Position von Lennox zu stärken, zum anderen besteht das halbe Buch daraus, sich auf irgendwelche vermeintlichen wissenschaftlichen Autoritäten zu berufen. Darauf werde ich später nochmals zurück kommen.
Zuerst ist anzumerken, dass John Lennox zwar als Mathematiker ein Wissenschaftler ist, aber kein Naturwissenschaftler. Die Mathematik nimmt in der Wissenschaft nebst der Logik eine Sonderstellung ein, da nur diese beiden Gebiete geschlossene Beweisführungen zulassen. Sie ist zwar grundlegende Methode der Naturwissenschaft, gehört aber eher in den Bereich Geisteswissenschaft. Insbesondere hat er durch sein Mathematikstudium kein besonderes Wissen angeeignet über Physik oder Biologie. Wenn er also über die Evolution oder den Ursprung des Universums spricht, tut er das als interessierter Laie mit Hochschulabschluss. Genauso wie ich.
Sowohl in seinem Wikipediaartikel, als auch auf seiner Homepage definiert sich John Lennox nicht über seine wissenschaftlichen Arbeiten, sondern über seine Auseinandersetzung mit Richard Dawkins und seinen christlichen Glauben. Die Wikipedia listet gerade einmal zwei wissenschaftliche Arbeiten mit ihm als Mitautor auf, eine von 1987 und eine von 2004. Für einen Universitätsprofessoren ist das eine dürftige Leistung.
Fazit: John Lennox hat keinerlei besondere Qualifikation in den Bereichen, über die er schreibt. Seine Bekanntheit basiert nicht auf seiner Leistung, sondern auf seiner Auseinandersetzung mit Richard Dawkins.
Die Argumente im Buch
Das Buch ist mühsam zu lesen. Nicht weil es schwer verständlich wäre, im Gegenteil, sondern weil es langatmig, repetitiv und sehr seicht ist. Dieselben Argumente werden in leicht abgewandelter Form immer wieder vorgetragen. Es gibt kaum echte Argumente, sondern eher Appelle an die Gefühle und Berufung auf vermeintliche Autoritäten, sowie seitenlange Abhandlungen darüber, wer wann was gesagt oder geglaubt haben soll. Ich werde hier die von Lennox verwendeten Argumente und Argumentationsschienen zusammen fassen und widerlegen.
Autoritäten
Wenn man sich auf eine Autorität beruft (z.B. S.27), dann sollte sich diese Autorität in dem Gebiet, in dem man sich auf sie beruft, durch besondere Leistung und Kompetenz ausgezeichnet haben. Selbst ein hervorragender Wirtschaftswissenschaftler mit Nobelpreis kann deswegen noch lange nicht als Experte für Medizin heran gezogen werden. Noch weniger kann uns ein mittelmässiger Mathematikprofessor den Ursprung des Lebens erklären.
Das willkürliche Zitieren historischer Persönlichkeiten ist in diesem Kontext ganz besonders unsinnig. Sie lebten zu einer ganz anderen Zeit, mit einem ganz anderen Umfeld. Es ist kein Wunder, dass ein Wissenschaftler vor vierhundert Jahren an Gott glaubte, zu einer Zeit vor Darwin, und als Ketzer noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Ausserdem sind die Ansichten eines Experten, der vor hundert Jahren lebte, selbst auf seinem eigenen Gebiet möglicherweise überholt, so dass jeder heute lebende Wissenschaftler in seinem Gebiet in der Regel mehr Kompetenz zugesprochen werden kann, zumal er auf den Forschungen seines Vorgängers aufbaut.
Bereits das Vorwort ist voll mit Zitaten, wer wann was gesagt haben soll. Damit unterscheidet sich das Buch «Hat die Wissenschaft Gott begraben» massiv von einem wissenschaftlichen Buch, selbst von einem populärwissenschaftlichen Buch. Bei Lennox geht es um Namen und Persönlichkeiten, in der Wissenschaft um Fakten. Zwar zitiert auch die Wissenschaft, mit Quellenangabe, aber das dient nur dazu, eine Aussage überprüfen zu können. Bei Lennox hingegen dienen Zitate nur dazu, seine persönliche Position zu stärken. Ein wissenschaftliches Buch nennt Erkenntnisse und wie man diese erworben hat. Lennox listet auf, wer wann was gesagt, gedacht oder geglaubt haben soll.
Es ist völlig irrelevant, was Galilei dachte oder glaubte (S.33). Es ist auch völlig irrelevant, ob die Naturwissenschaft aus dem Monotheismus hervor gegangen ist (S.28) — was ich bestreite—, auch die Chemie ist aus der Alchemie hervor gegangen, das sagt nichts über die Qualität der Alchemie aus. So wie die Chemie die Alchemie vollständig abgelöst und ersetzt hat, so hat die Wissenschaft bei der Erklärung unseres Daseins und der Schaffung menschlicher Erkenntnis die Religion vollständig abgelöst, Glaube wurde durch Wissen ersetzt.
Einerseits zitiert Lennox gern ausschweifend alle möglichen bekannten, unbekannten und möchtegern Wissenschaftler, die seiner Meinung nach seine eigene Position unterstützen. Wenn ihm eine Autorität nicht passt, dann greift Lennox diese gern mal in ihrer Person an und wertet sie mit einem fiesen Nebensatz ab, so schreibt er in Kapitel 5 (S.121): «Der Paläontologe Stephen Jay Gould, Materialist aus philosophischer Überzeugung, vertritt, dass…» — Peng! Einmal unter die Gürtellinie voll in die Eier. So etwas nennt man ein «argumentum ad hominem», ein Argument, das auf die Abwertung der Person zielt. Es geht dann nicht mehr darum, was Stephen Jay Gould tatsächlich gesagt hat, sondern nur noch darum, dass er ein «Materialist aus philosophischer Überzeugung» und damit sowieso voreingenommen ist. Auch das ist kein Argument, sondern wieder nur eine rhetorische Floskel.
Nachdem ich diese Zeilen schrieb, wollte ich zum Vergleich nochmals den Schreibstil von Dawkins prüfen und schlug willkürlich «Der Gotteswahn» auf. Zufällig sprang mir exakt die selbe Statistik angeblich gläubiger Wissenschaftler ins Auge, die ich eben bei Lennox (S.25) sah. Tatsächlich: Obschon Lennox’ Buch eine Reaktion auf Richard Dawkins «Der Gotteswahn» ist, hat Dawkins dieses Argument bereits in den Kapiteln 1 und im Unterkapital «Das Argument der bewunderten religiösen Wissenschaftler» in Kapitel 3 vorweg genommen und ausführlich widerlegt. Dem führt Lennox leider nichts neues hinzu.
Das ist etwas, was ich immer wieder beobachten muss, wenn ich mit Christen diskutiere: Sie tragen immer wieder dieselben abgedroschen Pseudoargumente vor. Dann werden diese Argumente von den Atheisten widerlegt. Darauf hin ist die Diskussion meist vorerst zu Ende. Doch nicht viel später bringen dieselben Personen bereits zu ihrer Kenntnis widerlegten Argumente wieder vor, ohne aber auch nur im Geringsten auf die eben erfolgte Widerlegung einzugehen. Religionskritik ist ein ewiges Drehen im Kreis, ohne Aussicht auf Fortschritt. Wenn mal eine Antwort kommt, dann zeigt diese höchstens, dass das Argument nicht verstanden wurde,so wie die folgenden beiden:
Definition von «Gott»
Beim Lesen des Buchs machte ich mir Randnotizen, um später diese Zusammenfassung hier schreiben zu können. Gleich auf der zweiten Seite des ersten Kapitels schrieb ich: «Definition von ‹Gott› → Gottesvorstellung aus dem Nichts.» Damit meinte ich, dass Lennox, wie alle vor ihm, den Begriff «Gott» aus dem Hut zaubert, ohne ihn je genau zu definieren: Was ist dieser «Gott», woher kommt er, warum existiert er, was sind seine genauen Eigenschaften? Kann «Gott» denken, wenn ja, wie und womit? Hat «Gott» ein Hirn? Aus welcher Evolution entwickelte sich «Gottes Hirn», und woraus? Was war vor «Gott», oder warum sollte «Gott» ewig sein? Und wenn «Gott» das unbekannte Zauberwesen ewig sein kann, warum kann nicht auch etwas anderes, einfacheres, bereits bekanntes ewig sein, zum Beispiel das Entstehen und Vergehen von Universen?
Auf all diese wichtigen und grundlegenden Fragen habe ich noch nie eine befriedigende oder gar umfassende Antwort erhalten. Man hält den «Gottesbegriff» lieber schwammig, im Numinosen, denn das hat zwei Vorteile: Erstens kann sich jeder unter «Gott» vorstellen, was immer er will. So können zwei Menschen in der Illusion leben, dasselbe zu glauben, obschon sie tatsächlich völlig unterschiedlicher Ansicht sein. Zweitens führt jede konkrete Definition zu einer Überprüfbarkeit der Aussage und damit zu deren Widerlegung. Was hingegen nicht exakt definiert wurde, kann auch nicht widerlegt werden. Darum ist der Begriff «Gott» äusserst unwissenschaftlich, denn er ist absichtlich so konstruiert, dass er nicht widerlegt werden kann. Das einzige, was man im Buch zwischen den Zeilen findet, ist eine Definition in der Art: «‹Gott› ist ein ‹intelligenter Designer›, der ‹Schöpfer› des Universum. Er war schon immer da.» — aber damit ist rein gar nichts gesagt. Der Begriff «Gott» ist wertloser Humbug zur Verwirrung schwacher Gemüter.
Die Komplexität Gottes
Erst in Kapitel 11 kommt er endlich auf ein wichtiges Thema. Aber in «Zur Komplexität Gottes» (S.254) beweist er nur, dass er das Problem nicht verstanden hat. So vergleicht er die Komplexität Gottes mit der Komplexität vieler Universen, also der Multiversum-Theorie.
Das ist gleich doppelt falsch. Zum einen ist das Multiversum als Theorie sehr viel einfacher, als die eines «Gottes». Zumanderen ist das Multiversum nicht die einzig mögliche Theorie, die wesentlich einfacher ist, als die eines «Gottes».
Ein Multiversum ist aus folgendem Grund eine sehr viel einfachere und naheliegendere Theorie,als die eines «Gottes»: Selbst ein einfacher Stein bedarf einer hoch komplexen Theorie. Man muss erklären, was dieser Stein ist, woher er kommt, wie er entstanden ist, Dazu muss man zurückgehen bis zum Urknall und davor. Bereits ein einfacher Stein an sich ist eine hochkomplexe Sache. Wieviel Komplexität kommt dazu, wenn statt einem zwei Steine existieren? Nein, nicht das doppelte, sondern praktisch nichts! Der zweite Stein hat die identischen Eigenschaften wie der erste, er ist dieselbe Art entstanden, basiert auf demselben Urknall. Ob ein Stein existiert oder Milliarden, es ist die gleiche Komplexität, die diesen einen Stein hervorgebracht, die auch die restlichen Milliarden entstehen liess. Es sind verschiedene Instanzen desselben Objekts, Kopien desselben Konzepts. Es kommt kein neues Konzept hinzu. Zwei Steine machen unsere Theorie des Steins nicht komplizierter. Und so ist es auch, wenn statt einem Universum zwei existieren, oder drei, oder viele. Beim Übergang vom Universum zum Multiversum werden nur dieselben Abläufe mehrfach durchgeführt. Eine Multiversumstheorie ist nicht komplexer, als eine Theorie für ein Universum, im Gegenteil, wenn ein Universum aus dem Nichts entstehen kann, und so sieht es aufgrund der momentanen Faktenlage aus, dann ist es schwieriger zu erklären, warum nur genau ein Universum existiert, unseres. Es wäre viel naheliegender, anzunehmen, dass unendlich viele Universen existieren können. Tatsächlich also ist die Theorie eines Universums komplexer, als die eines Multiversums.
Doch dieser Vergleich, den Lennox vorbringt, ist wie immer nur leeres Gerede. Nicht aus der Welt geschaffen ist damit die Tatsache, dass mit «Gott» etwas postuliert wird, was noch nie irgendwo gesehen wurde und wofür es kein Beispiel gibt, kein bekanntes Konzept. Dieser «Gott» muss ausserhalb unseres bekannten Universums existieren, um es erschaffen zu können. Wir kennen nichts vergleichbares, was ausserhalb des Universums existieren kann. Ein «Gott» ist ein völlig unbekanntes neues Konzept. Wie soll das gehen? Dieser «Gott» soll intelligent sein, denken können. Wir kennen zum Vergleich nur die menschliche Intelligenz, und die ist das Resultat einer Milliarden Jahre langen Evolution. Woher soll ein «Gott» seine Intelligenz haben, wenn nicht als Resultat einer Evolution? Man will erklären, warum das Universum existiert und setzt dafür einfach irgend ein intelligentes Wesen voraus, das schon immer da gewesen sein soll. Das braucht eine hoch komplexe Erklärung. Dieses «Gottwesen» muss begründet, untersucht und erklärt werden. «Intelligenz» ist eine hoch komplexe Sache. Die Behauptung, dass es einen intelligenten «Gott» gäbe, ist somit sehr viel komplexer, als die ganze Komplexität des gesamten Universums inklusive möglicher Multiversen zusammen genommen. Das Multiversum ist eine sehr naheliegende auf Bekanntem aufbauende einfache Theorie. «Gott» hingegen ist ein hochkomplexes Ding, das perPostulat nicht einmal untersucht werden kann.
Normalerweise führt man Unbekanntes auf Bekanntes zurück, ein Multiversum auf unser Universum. Hier aber führt man von Bekanntem, lebendigen denkenden Menschen auf Unbekanntes, den denkenden «Gott» ohne Geschichte. Aber erklären will man damit eigentlich die Menschen und nicht «Gott». Das ist ein arumentatives und logisches Chaos. Mit der vermeintlichen «Erklärung» «Gott» zäumt man das Pferd vom Schwanz her auf.
«Wer schuf Gott?»
Auch auf diese wichtige Frage kommt er erst in Kapitel 11. Und dann zeigt Kaiser Lennox, dass er keine Kleider trägt, entlarvt er sich doch selbst mit der Aussage (S.257): «Wer schuf Gott? Schon diese Frage zeigt, dass derjenige, der sie stellt, einen erschaffenen Gott im Sinn hat.» — Aha, wer nach dem Schöpfer Gottes fragt, ist also voreingenommen, aber wer nach dem Schöpfer des Universums fragt, ist es nicht? Glaubt er, wenn andere ihm den Spiegel vorhalten und dasselbe tun wie er, dann sei es doch nicht dasselbe?
Auch hier ist das einzige, was Lennox dazu einfällt, die bekannte Plattitüde «Gott ist ewig», was rein gar nichts erklärt und alle Fragen offen lässt. Man kann redlicherweise nicht einen intelligenten «Gott» postulieren, ohne erklären zu können, woher dieser kommt, warum es ihn gibt, warum ist er ewig?, warum existiert er überhaupt?, und vor allem: Woher er seine Intelligenz hat!
Wir wissen nicht, ob es einen «Gott» gibt, noch wissen wir, was das genau sein soll. Hingegen wissen wir sehr genau, dass es Naturgesetze gibt,und viele davon haben wir bereits verstanden. Statt also einen unbekannten intelligenten unendlichen «Gott» zu postulieren, ist es sehr viel naheliegender anzunehmen, dass die zumindest einige der Naturgesetze in irgend einer Form unendlich gültig sind, und damit wäre das Potential zur Entstehung von Universen unendlich.
«Wissenschaft kann Religion nicht ersetzen»
Lennox schreibt (S.26) als Antwort zu einer Aussage von Peter Atkins, der im Zusammenhang mit dem Vergleich zwischen Naturwissenschaft und Religion schrieb, die Naturwissenschaft sei die höchste Freude des Intellekts und sollte als dessen Königin anerkannt werden: «Auch wenn Naturwissenschaft eine wirkliche Freude ist, ist sie tatsächlich die höchste Freude des Intellekts? Haben Musik, Kunst, Literatur, Liebe und Wahrheit nichts mit dem Intellekt zu tun? Ich kann die zunehmende Welle des Protestes aus der Geisteswissenschaft bereits hören.»
Das zeigt, wie ausgesprochen dumm die Polemik des Buches ist, von Argument mag ich da schon gar nicht nicht mehr reden. Das ist reine Effekthascherei. Tatsächlich sieht man hier aus dem Kontext, dass es Peter Atkins um den Vergleich der Naturwissenschaft mit Religion ging. Es geht im gar nicht um die Geisteswissenschaften. Musik, Kunst, Literatur sind Kultur und nicht von der Religion abhängig. Zwar gibt es auch religiöse Kultur, aber nicht ausschliesslich. Ausserdem sind diese Künste, wie auch die Liebe, mehr emotional als intellektuell. Wahrheit hingegen gibt es sowieso nur mit der wissenschaftlichen Methode.
Wieviele der anderen «Zitate» mögen wohl genau so willkürlich aus dem Kontext gerissen worden sein? Hier zumindest war es offensichtlich. Im Zusammenhang mit Einstein weiss ich es aus anderer Quelle (Albert Einstein «Mein Weltbild»). Einstein glaubte nicht an einen «Gott», die Vorstellung eines persönlichen «Gottes» lehnt er in einigen Aussagen sogar ausdrücklich ab. In seiner bekannten Aussage «Gott würfelt nicht» ist «Gott» eine Allegorie.
Fakt ist, die Naturwissenschaft steht nicht alleine da, sie wird sekundiert von den Geisteswissenschaften (die sich in allen Fakten der Naturwissenschaft und ihrer Methodik unterordnen müssen) und begleitet von der Kultur. Das zusammen ersetzt nicht nur locker die Religion, es bietet vieles, was Religion nicht leisten kann, insbesondere neue Erkenntnisse und Zugang zu Wissen!
Die Wissenschaft in ihrer Gesamtheit ist auch zuständig die elementaren kindlichen Fragen (S.43), die Religion kann auch da nichts gescheites beitragen:
- «Wie hat alles angefangen?» → das ist ausschliesslich Sache der Physik
- «Wozu sind wir da?» → das ist Sache der Philosophie
- «Was ist der Sinn des Lebens?» → das ist Sache der Philosophie
«Wissenschaft und Religion ergänzen sich»
Lennox unterstellt in Kapitel 2, die Wissenschaft habe Grenzen und die Religion sei für das jenseits dieser Grenzen zuständig. Diese Behauptung ist unsachlich, völlig willkürlich und falsch. Die Wissenschaft kennt keine Grenzen. Alles, was auf irgendeine Art mit unserer Welt interagiert, was irgendeinen Einfluss hat auf uns, kann mit wissenschaftlichen Methoden erforscht werden. Selbst Geister, wenn es sie gäbe, könnten durch ihren Spuk nachgewiesen werden.
Wissenschaftliche Theorien können sogar Aussagen darüber machen, ob es ausserhalb unseres Universums noch andere Universen gibt, selbst wenn wir keinerlei Kontakt oder Zugang dazu haben können. Ebenso können wir erforschen, wie das Universum war, als es noch keine Menschen und kein Leben gab, wie das Universum und das Leben entstand. Wir müssen zum Beweis das Leben nicht künstlich reproduzieren, es reicht, wenn sich die Theorien nahtlos ineinander fügen und ein fehlerfreies stimmiges Gesamtbild ergeben.
Einen «Schöpfergott» könnte die Wissenschaft eindeutig nachweisen, wenn es einen gäbe. Der einzige Grund, warum die Wissenschaft «Gott» noch nicht entdeckt hat, ist der, weil es keinen Gott gibt. Gäbe es «Gott», wüssten wir das und es gäbe weder Glaube noch Religion. Die Existenz von Religionen (und das erst noch im Plural) ist der klarste und eindeutigste Beweis dafür, dass es keine Götter gibt.
Noch jede Grenze, welche die Gläubigen der Wissenschaft setzen wollten, hat diese gnadenlos überschritten. ich erinnere mich dabei an ein Buch, das ich vor langer Zeit las: Stephen Hawking beschreibt in seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Zeit» eine Anektote, als er an einer Konferenz im Vatikan teil nahm und der Papst erläuterte, die katholische Kirche anerkenne den Urknall, aber Gott sei der Auslöser des Urknalls und das sei die Grenze, die Wissenschaft nicht überschreiten solle. Vor dem Urknall sei die Kirche zuständig, danach erst die Wissenschaft. Zu dem Zeitpunkt forschte Hawking bereits über den Urknall hinaus, hatte diese Grenze somit bereits überschritten.
Hinzu kommt, dass es gar keine Alternative zur Wissenschaft gibt. Angenommen die Wissenschaft hätte tatsächlich eine Grenze, die sie nicht überschreiten könnte, dann würde das bedeuten, dass kein Mensch auch nur irgend eine Aussage darüber machen könnte, was jenseits der Grenze ist. Nur die Wissenschaft bietet eine zuverlässige Methodik, wie durch Forschung und Theorie, durch Experimente und Formeln die Wahrheit erarbeitet werden kann.
Wenn in der Wissenschaft zwei Experten unterschiedlicher Meinung sind, dann gibt es ganz klare Methoden, wie definitiv und sicher entschieden werden kann, welcher von beiden recht hat und welcher unrecht. Und der Verlierer beugt sich den Fakten des Resultats. Schon oft mussten Wissenschaftler ihre Überzeugungen aufgeben, weil sie durch neue Forschungen widerlegt wurden. Das ist keine Schwäche der Wissenschaft, das ist ihre grösste Stärke!
Glaube oder Religion hingegen bietet absolut nichts, was dem auch nur nahe kommen würde. Wenn zum Beispiel ein Moslem und ein Christ sich darüber streiten, ob Jesus Gottes Sohn war, dann gibt es keine Möglichkeit, diesen Streit jemals zu entscheiden. Religion taugt zu gar nichts, auch nicht dort, wo die Wissenschaft noch keine Antworten hat. Die Religion kennt kein Kriterium, um unabhängig und objektiv bei Widerspruch zweier religiöser Aussagen klar zu entscheiden, welche korrekt ist und welche falsch, respektive generell zu prüfen, ob eine Aussage wahr ist oder falsch.
Die Wissenschaft hingegen kann das. Und genau darum kommt Erkenntnis, kommt Wahrheit ausschliesslich nur aus der Wissenschaft. Darum ist es sehr gut begründet, dass die Wissenschaftliche Methodik das alleinige Monopol auf die Wahrheitsfindung hat.
Wissenschaft ist auch keine Weltanschauung (S.54), sondern die Wissenschaft ist Basis für unsere Weltanschauungen. Weltanschauungen können und müssen ändern, wenn die Fakten ändern, auch wenn das immer mit grossem Widerstand verbunden ist.
Ich bin Atheist, weil das die einzig logische Konsequenz aus allen mir bekannten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist. Wenn mir jemand etwas anderes beweisen kann, werde ich mein Weltbild sofort anpassen. Wenn mir jemand einen «Gott» beweisen kann, dann werde ich zum Theisten. Aber eines werde ich ganz sicher nie sein: Gläubig! Wenn ich einen Gott in mein Weltbild einfüge, dann nicht weil ich daran glaube, denn «Glaube» ist ein äusserst dummes und unbrauchbares Konzept, sondern weil es durch klare Fakten bewiesen ist. Und die Beweispflicht liegt wie immer bei denen, welche eine Behauptung aufstellen, also in dem Fall die Behauptung: «Es gibt einen ‹Gott›.»
Tante Mathildas Kuchen
In Kapitel 2 (S.57) bringt Lennox die Parabel von «Tante Mathildas Kuchen». Damit meint er: Wer einen Kuchen sieht, weiss er, dass dieser Kuchen von jemandem gemacht worden sein muss. In diesem Fall ist der Kuchen von Tante Mathilda. Und auch ohne Tante Mathildas Kuchen zu sehen, können wir wissen, dass es so etwas wie eine Tante Mathilda geben muss, die den Kuchen gemacht hat. Eine Abwandlung davon ist ein Auto, von dem aus man auf Henry Ford schliessen könne. Daraus zieht er den Schluss, dass wir, wenn wir die Welt sehen, daraus schliessen könnten, dass es einen intelligenten Schöpfer geben müsse, der die Welt gemacht habe.
Nun, die erste Schlussfolgerung ist richtig: Wir können vom Kuchen auf die Bäckerin oder vom Auto auf den Autobauer schliessen. Aber die zweite Schlussfolgerung ist völlig falsch, wir können nicht von der Welt (gerne auch tendenziös als «Schöpfung» bezeichnet) auf einen «Schöpfer» schliessen.
Hier gibt es eine ganze Reihe von Denkfehlern. Wir können nur darum vom Kuchen auf die Bäckerin schliessen, weil wir wissen, dass Kuchen gebacken werden. Wir können nur vom Auto auf den Autobauer schliessen, weil wir wissen, dass Autos in Fabriken gebaut werden. Wir wissen, dass es Menschen gibt, die Kuchen backen oder Autos bauen. Wir wissen auch, was Menschen sind. Diese Schlussfolgerung basiert auf Dingen, die wir kennen, wir erklären das Unbekannte (Herkunft von Kuchen oder Auto) durch etwas Bekanntes (Bäckerin, Autobauer). Lennox hingegen erklärt etwas Unbekanntes (Herkunft der Welt) durch etwas noch viel Unbekannteres («Gott»). Damit ist aber gar nichts erklärt.
Ausserdem fragen wir auch danach, woher diese Menschen kommen, wessen Tante ist Tante Mathilda? Was ist sie für eine Person,wann wurde sie wo geboren? Ist sie Bäckerin von Beruf oder als Hobby? Wer sind ihre Eltern? Wie ist Tante Mathilda entstanden, woher kommen die Menschen? Welchen Regeln unterliegen die Menschen? Ich habe noch niemals einen Christen gehört zu fragen, geschweige denn zu erklären, was «Gott» ist, woher «Gott» kommt, wie «Gott» entstanden ist oder gar welchen Regeln «Gott» unterstellt ist.
Wir unterscheiden in unserem Sprachgebrauch ganz bewusst und völlig zu recht zwischen dem, was eine intelligente Lebensform geschaffen hat, das nennen wir «künstlich», und dem, was nicht geschaffen worden ist, das nennen wir «natürlich». Wenn man einen Kuchen sieht, denkt man an den Schöpfer des Kuchens. Wenn man aber einen Stein sieht, denkt niemand an einen Schöpfer. Vielmehr denken wir an die Geologie, die diesen Stein hervorgebracht hat, an den Druck im Erdinneren, an Lava, an Plattentektonik. Lennox, der grosse Schwadronierer, sollte sich vielleicht einfach mal ein paar Gedanken zum alltäglichen Sprachgebrauch machen, denn da liegt manchmal mehr Wahrheit drin, als in seinem ganzen Buch.
Wenn wir etwas sehen, egal was, können wir immer nach der Ursache fragen. Richtig ist es, nach der Ursache zu fragen und zu forschen. Falsch ist es, eine bestimmte Ursache («intelligenter Schöpfer») als einzige Möglichkeit zwingend voraus zu setzen. Die Suche nach der Ursache muss immer ergebnisoffen erfolgen. Das aktuell gültige (Zwischen-) Ergebnis bei der Suche nach der Ursache von uns selbst ist: Urknall aus dem «Nichts» (wobei das «Nichts» auch Teil der Forschung ist), physikalische, chemische, biologische und dann intellektuelle Evolution. Einen «Gott» hat die Wissenschaft bei dieser objektiven Ursachenforschung bis heute noch nicht gefunden.
Letztlich läuft die Parabel auf folgende falsche, unbegründete und unbewiesene Behauptung hinaus: «Alles was existiert, muss einen Schöpfer haben!» — Diese Annahme ist bereits in sich logisch falsch, denn wenn alles geschaffen wäre und einen Schöpfer brauchen würde, was ist dann mit dem Schöpfer selbst? Wer hat den Schöpfer erschaffen und wer den Schöpfer des Schöpfers? Die Aussage der Parabel muss zwingend falsch sein, denn sie führt in eine unendliche Regression.
Fakt ist: Mit oder ohne Schöpfer, irgendwie muss irgendetwas entweder ewig sein oder es muss etwas aus dem Nichts kommen. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Dabei ist «Gott» eine absolut überflüssige These (S.62). Wir Menschen haben bei all unseren Untersuchungen nur Naturgesetze gefunden und nachgewiesen, aber nie einen «Gott». Daher ist die naheliegendste Annahme, dass wir aus den Naturgesetzen entstanden sind, und dass die Naturgesetze in irgend einer Form ewige Gültigkeit haben.
Wie kommt die Information in die DNA?
Wie viele Christen stellt sich Lennox die Frage, wie die Information in die DNA kommt. Und wie die meisten Gläubigen kann sie nur von «Gott» kommen.
Dabei übersieht er wiederum die Frage, wie den die Information in «Gott» hinein kam, so dass dieser sie später in die DNA pflanzen konnte? Auch hier begeht er wieder den Fehler der unendlichen Regression, den die er nur mit einem weiteren zusätzlichen Postulat auflösen kann, welches aber ebenso falsch ist: Wenn «Gott» die Information erschaffen hat,ohne selbst in irgendeiner Form selbst auf Information zurückgreifen zu können, dann wäre auch hier Information aus Nichtinformation entstanden, und man hätte in der Erklärung nichts dazu gewonnen. Wenn hingegen die Information schon immer und ewig in «Gott» war, dann wäre «Gott» von der Information beherrscht und nicht ihr Schöpfer. Auch die Annahme, das «Gott» mit der Information identisch sein könnte bringt uns nicht weiter: «Gott» muss mehr sein, als nur reine Information, denn er kann denken. Ausserdem agiert «Gott», indem er das Universum schafft, also braucht er noch so etwas wie Gliedmassen oder Werkzeuge, um zu handeln. Laut Bibel braucht er mindestens einen Mund, um seine Worte Wirklichkeit werden zu lassen. Also ist der «Gott» der Kreationisten im Minimum Information + Intelligenz + Sprechorgan. Aber das sind meine eigenen Überlegungen, so viele Gedanken macht sich Lennox nicht, er bleibt lieber ganz oberflächlich und vage.
Im Gegensatz zu den wilden Behauptungen von Lennox wissen wir aus der Evolution sehr genau, wie Information in die DNA kommt: Durch einen ungeleiteten auf den Naturgesetzen beruhenden natürlichen Prozess. Die DNA ist kein Buch, dass irgendwann geschrieben wurde, sondern das Resultat aus einem fortwährenden biologischen Prozess, der sich durch Vermehrung und Variationen in einem natürlichen Auswahlprozess über lange Zeit an eine Situation anpasst. Es ist der reine Ablauf von Naturgesetzen ohne jegliche Intelligenz, ohne Planung und ohne schöpferische Kraft.
«Die Feinabstimmung des Universums»
Im Wesentlichen repetiert Lennox in seinem Buch nur das, was andere Christen auch behaupten. Dazu gehört die Behauptung, das Universum sei fein abgestimmt worden (S.97-108), also müsse eine Intelligenz dafür verantwortlich sein, sonst könnten wir nicht existieren. Dieses Argument ist ein typischer «Gott der Lücken»: Wir wissen schlicht und einfach nicht, warum einige Naturkonstanten so aufeinander abgestimmt sind, dass wir existieren können.
Wenn wir etwas nicht wissen, müssen wir uns dieses Wissen nur durch wissenschaftliche Forschung aneignen. Hier einfach einen «Gott» als vermeintlich bequeme Lösung zu postulieren ist nur dumm. Damit versteift man sich dogmatisch auf eine vermeintlich einfache Antwort, bevor die Sache untersucht und die richtige Antwort gefunden wurde.
Es kann verschiedene Gründe geben, warum wir dem Anschein nach genau abgestimmte Naturkonstanten beobachten. Vielleicht entstehen dauernd Universen. Wenn in der unendlichen Ewigkeit immer wieder neue Universen entstehen und vergehen, dann ist zwangsläufig von Zeit zu Zeit eines dabei, in dem alles so abgestimmt ist, dass intelligentes Leben entstehen kann. Oder vielleicht gibt es so etwas wie eine Evolution auf Stufe der Universen, die besser abgestimmte Universen in der Selektion irgendwie bevorzugt. Vielleicht gibt es auch einen mathematischen Zusammenhang, den wir noch nicht kennen, und die Konstanten müssen zwingend genau so sein, wie sie sind, aufgrund eines noch nicht entdeckten Naturgesetzes.
So oder so, das ist alles nur reine Spekulation. Fakt ist: Wir wissen es nicht und können keine Aussage darüber machen. Vielleicht werden die Physiker es eines Tages heraus finden, aber bis dahin können wir höchstens Vermutungen anstellen.
«Mikroevolution und Makroevolution»
Ein Hauptargument von Lennox gegen die Evolution und für einen intelligenten Schöpfer ist die vermeintliche Unterscheidung zwischen «Mikroevolution» und «Makroevolution». Dabei anerkennt er, dass es die Evolution im Kleinen gibt, wie die Darwinfinken, aber keine Entstehung neuer Arten. Neue Arten würden quasi durch kleine Anpassungen von einem göttlichen «Grundtypen» abstammen.
Das ist einfach nur falsch und wird in der Wissenschaft als unwissenschaftlich abgelehnt. Es entspricht nicht dem aktuellen Stand der Evolutionsforschung. Die naheliegende Widerlegung: Aufgrund der DNA kann man einen durchgehenden Stammbaum des Lebens entwerfen, ohne Lücken und Sprünge.
Man kann nicht einfach irgend etwas behaupten, nur weil es einem gerade in den Glauben passt. Bei diesem Thema geht es nicht um wilde Spekulation, sondern um seriöse Naturwissenschaft, um die einzige Quelle wahrer Erkenntnis. Wenn schon müsste sich Lennox mit dieser Ansicht auf namhafte Evolutionsbiologen berufen, welche eine in der Fachwelt allgemein anerkannte Position vertreten. Doch Lennox widerspricht allen Biologen mit seiner ganz eigenen These, die ihm als Laie aus seinem Glauben heraus plausibel erscheint. Lennox nimmt sich von der Wissenschaft das, was in seinen Glauben passt, und lehnt ab, was ihm widerspricht.
Fakt ist: Die weltweit wissenschaftlich anerkannte Position in der Evolutionsbiologie unterscheidet nicht wesentlich zwischen «Mikroevolution» und «Makroevolution». Was Lennox und seinesgleichen als «Makroevolution» bezeichnen ist in der offiziellen Evolutionsforschung nur die Summe von vielen kleinen Evolutionsschritten über lange Zeit hinweg. Bis heute sind keine grössere «Mutationssprünge» bekannt, die man als Makroevolution bezeichnen könnte.
Wir werden noch in diesem Jahr einen Vortrag organisieren, der am gut erforschten Beispiel der Vogelevolution zeigt, wie durch kleine Evolutionsschritte ganz neue Arten entstehen können.
Weitere Fehler
Lennox schliesst von Zeichen auf Indizien (Kap.1, S.23). Unsere Existenz ist für ihn ein «Indiz» auf «Gott». Das ist keine gültige Schlussfolgerung. Abgesehen davon, dass «Gott» nicht definiert und damit ein völlig willkürlicher Begriff ist, müsste er konsequent sein und weiter fragen: «Und die Existenz von «Gott» ist ein Indiz auf was?» Von unserer Existenz kann man nicht auf Gott schliessen. Aus unserer Existenz kann man hingegen schliessen, dass es einen Weg gegeben haben muss, wie wir hier her gekommen sind. Diesen Weg kann nur die Wissenschaft entdecken. Aber «Gott» ist auf diesem Weg keine brauchbare Antwort. Brauchbare Thesen liefern nur die Naturwissenschaften, die Biologie erklärt die Entstehung des Lebens, die Physik die Entstehung von Zeit, Raum, Materie und das Wesens des Nichts. Die Religion hingegen konnte noch nie etwas zur menschlichen Erkenntnis beitragen.
In Kapitel 3 behauptet Lennox, die Wissenschaft betreibe «Reduktionismus». Das ist dann falsch, wenn man damit implizit unterstellt, dass «Reduktionismus» etwas mit «Reduktion» im Sine von «Weglassen» zu tun hätte. Wissenschaft umfasst alles, ohne Einschränkungen, sie lässt nichts weg. Die Wissenschaft forscht ohne Einschränkungen in allen Bereichen nach Wissen, Erkenntnissen, Wahrheit. Sie ist auch uneingeschränkt offen für jede mögliche Wahrheit. Die Annahme, von gesetzmässigen Zusammenhängen auf kausal-deterministische Ereignisse, also wissenschaftlicher Reduktionismus, ist kein Dogma, sondern es entspricht schlicht der aller bisherigen Erfahrung. Im Resultat gibt die Wissenschaft mittlerweile ein in allen Punkten durchgängiges und stimmiges Weltbild ab.
Selbst die «Warum»-Frage wurde beantwortet: Es gibt kein «höheres Warum», keinen «göttlichen Sinn», wie es Gläubige dogmatisch voraussetzen. Es gibt uns nur darum, weil es möglich ist. Es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens, ausser dem Leben selbst. Aber die Naturwissenschaft wird ja bekanntlich durch die Geisteswissenschaften sekundiert. Die Philosophie unterstützt den Menschen bei der Sinnfindung, ohne ihm dabei etwas konkretes vorzuschreiben (Philosophie ist nun mal keine exakte Wissenschaft, keine Naturwissenschaft). «Sinn» ist eine Frage, die nur ein Intelligentes Wesen stellen kann, und der Mensch ist das einzige intelligente Leben, das wir kennen. Darum ist die Sinnfrage nur für uns Menschen relevant, ein Tier stellt diese Frage gar nicht. Die Frohe Botschaft der Realität lautet daher: Der Mensch darf seinem Leben selbst einen Sinn geben, und zwar so, wie es ihm am besten gefällt.
In Kapitel 4 (S.85) zitiert Lennox Eugene Wigner und Roger Penrose mit ähnlichen Texten: «In der Tat muss die Übereinstimmung zwischen Mathematik und Physik […] einen äusserst tiefliegenden Grund haben.» — Ja, klar. Die Mathematik ist nichts weiter als eine Sprache, ein bequemes Werkzeug, ein Instrument, das von der Physik benutzt wird. Genauso gut könnte man sagen: «In der Tat muss die Übereinstimmung zwischen der deutschen Sprache und Kants Philosophie […] einen äusserst tiefliegenden Grund haben.» Das sind alles nur billige rhetorische Floskeln aber keine Argumente! Das ganze Buch ist voller leerer Floskeln.
Wer die falschen Fragen stellt, bekommt auch falsche Antworten. In Kapitel 5, S.124 fragt Lennox: «Schliesst die Evolution Gott aus?» — Nein, die Evolution schliesst «Gott» nicht aus, aber sie benötigt ihn nicht. Das ist etwas völlig anderes. Das erste wäre voreingenommen und dogmatisch, das zweite ist völlig unvoreingenommen und objektiv. Es ist dasselbe Prinzip, wie die oft gehörte Behauptung: «Auch Atheisten glauben! Atheisten glauben, dass es keinen Gott gibt!» — Das ist genauso falsch, es muss heissen: «Atheisten glauben nicht, dass es einen Gott gibt.» Das ist derselbe sehr wesentliche Unterschied. Atheisten glauben nichts, unter anderem glauben sie nicht, dass es einen Gott gibt. Daneben glauben sie auch nicht, dass die Zahnfee existiert, und sie glauben nicht, dass Hexen in der Walpurgisnacht auf Besen reiten.
In Kapitel 5 gibt es ein Unterkapitel mit dem Titel «Die Frage, die nicht gestellt werden darf» (S.132). Dieser Titel, wie auch der Text, unterstellt, es gäbe Fragen, die in der Wissenschaft nicht gestellt werden dürften. das ist völliger Quatsch. Die Wissenschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass jede Frage gestellt werden darf. Allerdings ist nicht jede Frage gleich sinnvoll. Und wie wir gerade an oben gesehen haben, sin Fragen nicht immer neutral, siekönnen sehr tendenziös formuliert sein. Wenn man mit einer Frage etwas unterstellt, was der weltweit akzeptierten und vielfach bestätigten gültigen Theorie widerspricht, dann darf man das durchaus tun, muss das aber sehr gut begründen, um sich nicht nicht der Lächerlichkeit auszusetzen. Lennox liefert auch hier keine substanziell überzeugende Begründung.
Lennox kann sich die Entstehung des Lebens aus toter Materie nicht erklären. Nun, nur weil er es nicht kann, heisst das noch lange nicht, dass es nicht doch so war. Das ist ein typisches «argumentum ad ignoratiam».
Die Biologie kann hingegen sehr wohl erklären, wie Leben aus toter Materie enstanden sein könnte, auch wenn die Kette noch nicht vollständig ist, so kennt man sie doch in den groben Zügen. Auch hier gilt: Nur weil man etwas noch nicht genau bis ins Detail weiss, ist noch lange kein «Gott» notwendig. Stichwort: Chemische Evolution. Analog dazu ebenfalls in der Form eines argumentum ad ignoratiam wärmt Lennox bezüglich der lebenden Zelle in Kapitel 7 das alte, in der Biologie längstens abgelehnte Konzept der «Nichtreduzierbaren Komplexität» wieder auf (S.173).
Insgesamt zeigt Lennox immer wieder völliges Unverständnis dafür, wie die Wissenschaft funktioniert und was sie so besonders macht: Ihre Methode, Theorien prüfen zu können, Fehler zu erkennen, zu korrigieren und aus Fehlern zu lernen! Wie es Karl Popper richtig auf den Punkt brachte: Was die Wissenschaft so besonders macht, ist der andauernde Versuch, ihre eigenen Resultate zu falsifizieren un zu hinterfragen. Wesentlich ist nicht die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnis, die vermittelt nur ein vorübergehendes Bild, sondern es ist der wissenschaftliche Fortschritt,der ständige Zuwachs an neuer Erkenntnis.
In der Naturwissenschaft geht es darum, Beobachtungen zu machen, aus den Beobachtungen Theorien abzuleiten, und dann zu versuchen, die gefundenen Theorien zu widerlegen. Je länger eine wissenschaftliche Theorie nicht widerlegt werden kann, desto wahrscheinlicher ist sie richtig. Religionen tun genau das Gegenteil: Sie verbieten den Zweifel an ihren Behauptungen. Religiöse Ansichten genügen auch nicht den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Theorie. Religion wäre längstens Vergangenheit, wenn es die Prediger den Wissenschaftlern gleich tun würden und ihre Behauptungen aus den Beobachtungen ableiteten, um dann die Widerlegung ihrer eigene Aussagen zu ihrer obersten Aufgabe zu machen.
Der Gotteswahn
Im Vergleich zu Lennox ewiges Drehen um die gleichen längstens widerlegten Pseudoargumente und deren repetitiver Wiederholung in unterschiedlichem Kontext war das Lesen von Richard Dawkins «Der Gotteswahn» höchst spannend, interessant und amüsant. Dies obschon Dawkins in seinem Werk nur die bekannten Argumente zusammenfasst und zumindest meinem damaligen Wissensstand nichts neues hinzugefügt hatte, so hat er doch stringent formuliert. Anders als Lennox strukturiert Dawkins seine Kapitel klar und geht in jedem Kapitel Punkt für Punkt auf ein Argument oder einen Aspekt ein, ohne «Namedropping»,ohne Schwadronieren und ohne unnötige Wiederholungen. Ich kann «Der Gotteswahn» mit gutem Gewissen jedem zum Lesen empfehlen, den Atheisten um mit christlichen Standardargumenten besser umgehen zu können und den Christen, um doch bitte endlich einmal ihre eigene Argumentation zu überdenken und geistig einen Schritt nach vorn zu gehen.
Fazit
John Lennox ist ein Schwätzer, ein Rhetoriker, der ein dickes Buch mit viel heisser Luft und wenig Substanz füllt. Seine wesentlichen Fehler nochmals zusammengefasst:
- Er postuliert einen «Gott», ohne diesen zu hinterfragen oder zu erklären. Woher kommt diese angebliche ursprüngliche «schöpferische Intelligenz»?
- Die Frage ist nie, ob ein «Gott» als Erklärung ausgeschlossen wird, sondern nur, ob es für eine Erklärung zwingend einen «Gott» braucht. Und selbst wenn es eines Tages so sein sollte, dass einzig ein «Gott» als Erklärung in Frage käme, hälfe das nicht wirklich weiter, denn dann muss man als nächstes «Gott» genauestens definieren, analysieren und erklären,
- Er denkt nicht zu Ende und versteht dadurch seine eigenen Logikfehler nicht: Wenn alles erschaffen sein muss, wer erschuf den Schöpfer? Und wenn der Schöpfer nicht erschaffen sein muss, dann kann es auch etwas anderes geben, dass nicht erschaffen sein muss, z.B.die Naturgesetze.
- Er beruft sich in unzulässiger Weise auf Autoritäten, aber auch da nur auf die, welche seine Thesen zu stützen scheinen.
- Er widerspricht den aktuellen wissenschaftlich anerkannten Positionen in der Physik und in der Biologie, obschon er beides nicht studiert hat und keine besondere Kompetenz aufweist.
- Jeder darf jeder wissenschaftlichen Aussage widersprechen, das ist die Grundlage des Wissenserwerbs. Aber dann muss er die Fachwelt von seinen Ideen überzeugen, nicht ein Laienpublikum, das nur seinen Glauben rechtfertigen will.
- Er hat ein falsches Verständnis davon, was Naturwissenschaft ist, was sie ausmacht, warum nur ihre Methodik zum Ziel führen kann.
- Er begreift nicht, dass der Glaube keine Alternative sein kann, weil ihm die Methodik fehlt, er dadurch beliebig ist und nicht im Mindesten in irgendeiner Form eine Leistung erbringen kann.
- Er unterstellt seinen Gegnern, sie seien nicht objektiv, würden auf Dogmen basieren. Das ist völlig falsch, es gibt nichts objektiveres, als die Wissenschaft. Der einzige, der von seinen Dogmen voreingenommen ist, das ist Lennox selbst.
- Lennox ist nicht in der Lage, logisch klar und konsequent zu denken.
Es ist beschämend, dass ein Professor der Mathematik nicht klar denken kann und ein Buch schreibt, das von vor bis hinten aus einer Aneinanderreihung gravierendster Denkfehler besteht. Das bestätigt leider wieder mal mein Urteil: Glaube besiegt das Denken, wer glaubt, hat aufgehört klar zu denken.
Das Buch bringt keinerlei neue Erkenntnisse. Man kann sich die Zeit sparen und gleich die Widerlegung der vermeintlichen Argumente in Richard Dawkins «Der Gotteswahn» lesen.