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Was für eine Frau. Unersetzbar.
Das britische Empire wurde in den letzten hundert Jahren kräftig gerupft. Von der Welt- und Seemacht mit riesigen Kolonien (Indien!), von «Britannia rules» geschrumpft, verzwergt. Nicht mal auf der eigenen Insel vertragen sich die Volksstämme. Selbst britisch gilt nicht mehr überall. Oder wie antwortete mir vor Jahren mal ein guter Freund, den ich als Briten bezeichnete: «Sorry, I’m English.»
Das Versnobte, die Haltung, die in jeder Lebenslage zu bewahren ist. Ein Engländer in der Hölle würde wohl sagen: «It’s rather unpleasant hot here, isn’t it.» Oder mitten im Urwald Afrikas begegnet ein Engländer dem einzigen anderen in mehreren tausend Kilometern Umgebung, nach dem er gesucht hat, und zur Begrüssung sagt er höflich: «Mr. Livingstone, I presume.»
Die Engländer, wagen wir, alle Inselbewohner immer noch Briten zu nennen, mögen «very peculiar» sein. Auch ihre Kolonialherrschaft war nicht von glühender Nächstenliebe geprägt. Aber ihre Kolonien, im Gegensatz zu den spanischen, portugiesischen oder holländischen, prosperierten im Allgemeinen auch nach der Unabhängigkeit. Der Begriff des «Fair Play» ist halt ihrer Mentalität eigen. Man kann ihnen sogar verzeihen, dass Cricket wohl mit Abstand der langweiligste, unverständlichste und absurdeste Mannschaftssport ist, der je erfunden wurde.
Englische Inneneinrichtung, die Gärten, der mit der Nagelschere gepflegte Rasen, der «High Tea», die Savile Row, der MI 6, der Zerfall, unerreicht dargestellt von John Le Carré, einem der (vielen) englischen Ausnahmekönner. Selbst Bushs* Pudel Tony Blair, selbst einen Irrwisch wie Boris Johnson hat die Insel überstanden, ohne unterzugehen.
Und all das – und noch viel mehr – hat eine Frau verkörpert, die niemals, kein einziges Mal in ihrem langen Leben und ihrer unerreicht langen Regentschaft die Haltung oder die Fassung verlor. Wer’s noch nicht gesehen hatte, sollte sich im Eingedenken «The Crown» auf Netflix reinziehen. Selten war das Innenleben einer letztlich normalen Familie so spannend aufbereitet.
Natürlich gab es immer wieder Versuche, den alten Zopf der Monarchie abzuschneiden. Geldverschwendung, all die peinlichen Details, die aus dem Eheleben der missratenen Söhne an die Öffentlichkeit drangen. Scheidungen und das Waschen dreckiger Wäsche, eine Diana, die der ganzen königlichen Familie in der Sonne stand – und dann wurde die Queen sogar noch gezwungen, Anteilnahme an deren Tod zu heucheln.
Blumenmeer vor dem Buckingham. Diesmal für die Queen.
Aber auch diese Aufgabe hat sie mit Bravour gemeistert. Während sie selber im Alter leicht schrumpfte, schrumpfte vor ihr jeder Mächtige, jedes aufgeblasene Ego zum Zwergenmass. Der Einzige (und der Letzte), von dem sie gelegentlich Ratschläge entgegennahm, war Winston Churchill, und das war kein schlechter Lehrmeister.
Mit Würde trug sie die unmöglichsten Hüte, die merkwürdigsten Kleiderfarben, um aber auch immer wieder in vollem Strahlenkranz mit funkelnder Krone und glitzernden Juwelen und Diamanten aufzutreten. Sie gab artig die behandschuhte Hand, auch Helen Mirren, die sie in einem nicht nur schmeichelhaften Filmporträt spielte.
Queen Elizabeth wahrte immer etwas, was heutzutage so selten geworden ist: Würde. Haltung. Anstand. Abstand. Höflichkeit. Eben nicht: im Prinzip ja, aber es darf doch Ausnahmen geben. Sondern immer. Stoisch und mit der Zeit gehend machte sie aus der Royal Family ein Business, eine Company, die Unterhaltungswert bot und somit die Unsummen legitimierte, die sie den Steuerzahler kostet.
Sie war unberührbar, im besten Sinne. Als ihr die US-Präsidentengattin Michele Obama bei einem Empfang burschikos den Arm auf die Schulter legte, überging sie auch diesen Fauxpas mit unnahbarer Nonchalance.
15 Premierminister kamen und gingen während ihrer Regentschaft, und wie einer von ihnen mal offen gestand: Wenn man zur wöchentlichen Unterredung von ihr empfangen wurde, erzählte David Cameron, stellte sie kluge Fragen. «Und besser, man hatte auch kluge Antworten», fügte er hinzu. Denn sie war eine Königin ohne Macht. Aber dennoch mächtig, einfach weil sie Elizabeth II. war. Sie durfte sich nicht in die Politik einmischen, und jeweils als «Queen’s Speech» die jeweilige Regierungserklärung verlesen. Dennoch wäre es niemandem in den Sinn gekommen, ihr einen Text zu schreiben, mit dem sie sich nicht wohl gefühlt hätte. Denn sie strahlte auch etwas aus, das weitgehend verloren gegangen ist, die fraglose Haltung: Das tut man. Das tut man nicht. Wer da fragen muss: warum?, der hat’s nicht verstanden und dem kann’s auch nicht erklärt werden.
Ein einziges Mal zeigte sie auf ihre Art, was geschicktes königliches Lobbying ist. Zuzeiten der Apartheid in Südafrika, die von der damaligen Premierministerin Thatcher aus machtpolitischen Gründen nicht sanktioniert wurde, schaffte sie es, im Commonwealth eine Abstimmung durchzuführen und zu gewinnen, die die Apartheid in scharfen Worten verurteilte.
Das war erfolgreiche Machtpolitik mit beschränktesten Mitteln. Aber ansonsten war sie wohl, wenn das gesagt werden darf, ein eher einfaches Gemüt. Ihre Hunde, ihre Pferde, die Spaziergänge auf dem Land, der Abend vor dem knisternden Kaminfeuer, dazu ein Tee, und immer den kleinen Finger dabei abgespreizt – das war auch die Queen.
Eine Würdigung wäre nicht vollständig ohne die Erwähnung ihres Gatten. Prinz Philip starb 2021, zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag. In zunehmendem Alter wurde er recht knorrig und sonderlich. Aber er verbrachte treubrav sein ganzen Leben als Nummer zwei. Immer einen Schritt hinter der Queen, immer der Mann von. Auch er war ein Ausbund von Haltung, verkniff sich jedes öffentliche Wort über das nicht sehr royale Verhalten seiner Sprösslinge und der übrigen königlichen Familie. Aber er muss ihr eine unverzichtbare Stütze gewesen sein, wie sie ein einziges Mal bei der Feier der Goldenen Hochzeit bei einer Tischrede durchblicken liess. Was er mit einem ganz, ganz leichten Schmunzeln verdankte. Denn stärkere Gefühlsausbrüche, das erlaubt man sich nicht.
Die erlaubte auch sie sich nicht, als er vor ihr starb. Sie gestattete der Weltöffentlichkeit nur das Bild einer einsamen Queen in der Kirche, ganz alleine an ihrem Platz.
Zu allem zu war die Queen ein Ausbund von Pflichtbewusstsein. Niemand kann die Bänder zählen, die sie in ihrer langen Regentschaft durchschnitten hat. Die Empfänge zu ihren Ehren, die sie durchlitten hat. Die unbeholfenen Honneurs, die viel zu langen und furchtbar langweiligen Reden, die sie sich anhören musste. Der ewige Pomp der Staatsempfänge, bei denen sie sich stoisch bemühte, ein gepflegtes Tischgespräch am Laufen zu halten, wer auch immer der Gast war.
Es gibt Menschen, die stehen über den Dingen. Der Autor ist alles andere als ein Monarchist und hält diese Veranstaltungen, wo sie noch existieren, für völlig überflüssigen Firlefanz. Mit einer Ausnahme. Denn es ist auch offenkundig, dass es keinem anderen Königshaus auf der Welt gelungen ist, diese einmalige Stellung zu imitieren, die sich die Queen erarbeitet hat.
Es gibt Menschen, die sind einfach da. Die gab es schon, als man auf die Welt kam. Die gab es, als man heranwuchs. Die gab es, als man selber älter wurde. Die gab es, als man langsam so alt wurde, wie man es sich gar nicht hätte vorstellen können. Es gibt Menschen, die geben Halt in haltlosen Zeiten. Nicht deswegen, was sie sind. Sondern einfach, weil sie da sind.
Weil ihre Haltung, ihre Würde unerreicht ist. Zwei Tage vor ihrem Tod empfing die Queen noch die neue Premierministerin. So fragil, gestützt auf einen Stock. Aber von Kopf bis Fuss eine Königin. Nicht nach Titel, sondern nach Sein. Das ist selten und in diesen Zeiten unerreicht.
«God save the Queen! Long live the King.» Es steht zu befürchten, dass der ewig Wartende, der ständig seine Manschetten zupfende, der wohl lieber gärtnernde als repräsentierende Charles in den langen Jahrzehnten seiner Vorbereitung auf die Königswürde wohl nur gelernt hat, dass er seiner Mutter nicht das Wasser reichen kann. Der Arme wird wohl am schmerzlichsten spüren, wie unersetzlich diese ewige Königin ist.
Ein wahrhaft schweres Erbe.
Queen Elizabeth II. hat sich so in unser kollektives Bewusstsein eingeprägt, dass sie gar nicht fort ist. Ihr «oh, really», ihr Ausdruck äussersten Missgefallens und Unbehagens «we are not amused» wird uns weiter begleiten. Auch ihre Anmut, Würde und exemplarische Pflichterfüllung. Sie verdient es, dass man zu ihr aufschaut. Im Leben wie im Tod.
*Korrigiert nach Leserhinweis.