Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03096.jsonl.gz/2915

Vom Migrationshintergrund der «Neuen Zürcher Zeitung»
Wer hätte gedacht, dass die Wurzeln der Buchhandlung Orell Füssli und der «Neuen Zürcher Zeitung» auf Migranten und ihre Nachkommen zurückgehen, die im 16. Jahrhundert nach Zürich eingewandert sind? In der Zeit der Reformation wurde der Bayer Christoph Froschauer nach Zürich berufen, um eine Staatsdruckerei aufzubauen. Unter anderem, um die Werke von Zwingli und Erasmus von Rotterdam zu verlegen. Später kam die Druckerei in die Hände verschiedener Zürcher Bürger, bis schliesslich Conrad Orell und Hans Rudolf Füssli 1735 das Geschäft übernahmen. Sie machten daraus ein vielseitiges Unternehmen, das neben der Druckerei einen Verlag und eine eigene Zeitung führte, die noch heute unter dem Namen «Neue Zürcher Zeitung» existiert. Conrad Orell stammte von der eingewanderten Locarner Familie von Orelli ab, die sich zu diesem Zeitpunkt schon einen Namen gemacht hatte, vor allem im Seidenhandel.
Luigis Krämerladen
Aber aller Anfang ist schwer und beginnt im Kleinen. Im Fall der von Orelli mit einem kleinen Krämerladen, den der Stammvater der Zürcherlinie Aloisio (Luigi) in einem gemieteten Raum gründete und betrieb. Das Handwerk blieb damals den Zunftmitgliedern vorbehalten. Aloisio und viele der Tessiner Migranten betätigten sich darum im Handel, so zum Beispiel auch die Familie von Muralt. Aloisio führte sein kleines Geschäft behutsam, denn er wusste, dass die Zünfte eifersüchtig darüber wachten, damit ihnen von den Migranten keine Konkurrenz erwuchs. Ganz ohne das Vermögen der im Tessin einflussreichen Familie wäre der Start noch schwieriger gewesen. Nicht allen Glaubensflüchtlingen aus dem Tessin erging es so gut. Die reformierte Gemeinde der Locarneser Glaubensflüchtlinge unterhielt deshalb eine Kasse, mit der die bedürftigeren Mitglieder unterstützt wurden.
Die von Orelli aber waren aber schnell erfolgreich in ihren Geschäften. Die Söhne des Krämers Aloisio exportierten Zwirn, Woll- und Baumwolltuch nach Oberitalien. Sie führten auch neue und unbekannte Gewerbe in Zürich ein, weil ihnen der Zugang zum alten Gewerbe als Söhne von Eingewanderten verschlossen blieb. Der Handel mit Seide, Wolle und später Baumwolle und ihre Verarbeitung machte die Orelli und auch die Muralt reich. Johann Melchior Aloys Orell – einer der Krämerssöhne – gründete im 17. Jahrhundert nach ihren Stammhäusern benannte Seidenhandelsfirmen, unter anderem die zum Mohrenkopf, deren Haus noch heute am Zürcher Neumarkt steht. Schon 1700 standen die Unternehmen an der Spitze der Zürcher Kaufmannschaft. Dieser florierende Handel schuf Arbeitsplätze und machte Zürich zu einem Mittelpunkt des Textilhandels, der mit Como, Bergamo, Venedig, Mailand und Lyon rege Beziehungen pflegte. Die Leistungen der Zugewanderten wurden 1855 auch anerkannt.
In der ersten Reihe
In einer Urkunde aus diesem Jahr ist dokumentiert, dass das Wirken der Familien von Muralt, von Orelli und Pestalozzi in der Zürcher Zunft zur Saffran gefeiert wurde. «Durch drei Jahrhunderte leben und blühen die gefeierten Geschlechter in unserer Vaterstadt. In immer engeren Verbande ihr angehörend, geachtet stets und geehret, den Flor des Handels hebend und in allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Staat und Kirche, als Pfleger der Wissenschaft und Förderer des Gemeinwohls in den ersten Reihen stehend.» Der Blick zurück erweist sich aber als beschönigend. Die Schwierigkeiten, welche die Familien zu meistern hatten, um in Zürich Fuss zu fassen, werden im Moment des Feierns nicht erwähnt. Die Zürcher Nobilität hatte es den Neuankömmlingen nicht leicht gemacht. Unter anderem dadurch, dass ihnen der Zugang zum vollen Bürgerrecht mehrmals verwehrt wurde. 1855 aber ist klar: Die geflüchteten Locarneser haben Zürich zu bedeutendem Reichtum und wirtschaftlichem Aufschwung mitverholfen.
Reformierte Grossstädte haben profitiert
Die Geschichte der beiden Familien von Orelli und von Muralt ist exemplarisch für die Bedeutung der Glaubensflüchtlinge, die im 16. Jahrhundert in die reformierten Grossstädte der Schweiz kamen. Ebenso leisteten auch die französischen Hugenotten, die nach Holland und Deutschland auswanderten, einen Beitrag für die wirtschaftliche Prosperität in der neuen Heimat. Ähnlich wie später die Puritaner, die aus England in die Neue Welt zogen. Die Migrationsbewegungen, die durch die Reformation ausgelöst wurden, hat Europa geprägt, und besonders die reformierten Grossstädte haben in vielerlei Hinsicht davon profitiert.
Im ersten Teil Anfang Oktober zeigten wir, wie schwer es für die Familien war, das volle Bürgerrecht in Zürich zu erhalten. Artikel hier
Nathalie Dürmüller / ref.ch / 15. November 2016
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
«Die Vertreibung» auf der Bühne
Zum Reformationsjubiläum führt der «Verein Associazione R500» 2017 das Theaterstück «Die Vertreibung» auf, das vom Exodus der reformierten Locarnesi aus ihrer Heimat handelt. Es wird ab April 2017 an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgeführt. Weitere Informationen