Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/136

Gegen Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts waren vor allem die grossen Industrienationen Europas von dem Glauben regelrecht besessen, man könne mit Ingenieurskunst, Technik, entsprechenden Investitionen und Forschung nahezu jede natürliche Grenze auf dieser Welt überwinden. Nachdem zuvor der Hochalpinismus dazu führte, dass Menschen in Gebirgsregionen vorgestossen waren, die als unerreichbar galten, sollte nunmehr technischer Fortschritt dafür sorgen, die Alpen vollends zu erschliessen und für die Menschheit besser und effektiver nutzbar zu machen. Das eindrücklichste Bauwerk des 19. Jahrhunderts ist wohl der Gotthard-Eisenbahntunnel, aber dieser war vorwiegend zur Verkürzung von Wegzeiten durch die Alpenregion gedacht. In touristischer Hinsicht ist es die Jungfraujoch-Bahn, die zum gleichnamigen Gebirgskamm zwischen dem „Mönch“ und der „Jungfrau“ führt. Hier oben, direkt auf der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Wallis, wurde 1912 auf 3454 Metern über dem Meeresspiegel die Endstation der Jungfraubahn eröffnet, nicht lange bevor 1913 um die Schweiz herum der erste Weltkrieg ganz Europa ins Chaos stürzen sollte. Der Slogan des Jungfraujoch-Konsortiums „Top of Europe“ ist ein klein wenig irreführend, die Forschungsstation, die hier auf 3466 Metern errichtet wurde, ist nicht der höchste Punkt in den Schweizer Alpen, der mit technischen Hilfsmitteln erreicht werden kann, mittlerweile führen einige Ski-Lifte bis auf knapp 4000 Meter hinauf, aber diese Endstation ist der höchst gelegene Bahnhof Europas, somit ist das Jungfraujoch der höchst gelegene Punkt, den man mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Praktisch jede Bergbahn, die zu jener Zeit in der Alpenregion erbaut wurde, diente von Anfang an fast ausschliesslich rein touristischen Zwecken, aber sie sollten auch Beweise für die technische Machbarkeit so manch einer Unternehmung sein. Es verwundert daher nicht, dass vor allem die Jungfraujoch-Region bis zum heutigen Tag ein Konstrukt ist, welches vom Tourismus und Skisport lebt. Tourismus ist in der Schweiz ein sehr wichtiger und quasi omnipräsenter Wirtschaftszweig und das wird sich auch in den kommenden Jahren nicht grossartig ändern, im Gegenteil, die immer grösser werdenden Touristengruppen vor allem aus dem asiatischen Teil der Welt belegen diese Annahme.
1893 ersann der Unternehmer Adolf Guyer-Zeller die Grundlagen zur Jungfraubahn. Andere Ingenieure dieser Zeit planten bereits zuvor andere Möglichkeiten, um auf den Gipfel der „Jungfrau“ zu gelangen. Die meisten von ihnen bestanden aus Bahnsystemen, die von Lauterbrunnen aus zum Gipfel führen sollten, Guyer-Zeller aber nutzte bereits vorhandene Infrastrukturen und plante den Bau einer Zahnrad-Bahn, die vom Endpunkt der bereits existierenden Wegernalpbahn auf der „kleinen Scheidegg“ zum Gipfel der „Jungfrau“ fahren sollte. Mit Erteilung der Baukonzession 1894 startet eines der kühnsten Unternehmen dieser Zeit, welches erst 18 Jahre später und von da an auch „nur“ in abgespeckter Form vollendet sein sollte. Guyer-Zeller, der während des Baus der Bahn verstarb und somit deren Fertigstellung nicht mehr miterlebte, verpflichtete sich, die Endstation nicht allein für touristische Zwecke zu konzipieren, sondern auch ein Observatorium zu erreichten, welches bis zum heutigen Zeitpunkt den Hauptanlaufpunkt bildet. Hier oben wird inzwischen am Klima der Erde geforscht, zuvor war es vorwiegend ein Sternobservatorium. Im Laufe der Zeit wurde diese Bergstation fortlaufend ausgebaut und verändert. Konnten es sich anfänglich nur kleine und vor allem sehr wohlhabende Touristengruppen leisten, hier hinauf zu fahren, so sind es heute pro Tag zwischen 3000 bis 5000 Touristen aus aller Welt (und über eine Million pro Jahr!), die einen Blick auf die fantastische Bergwelt von „Eiger“, „Mönch“ und „Jungfrau“ werfen wollen. Aber auch die haben Geld, nichts ist hier oben kostengünstig, geschweige denn billig, aber dazu später mehr. Das Ziel Guyer-Zellers, die Bahn bis zum Gipfel der „Jungfrau“ zu führen, konnte aus finanziellen Mitteln nicht umgesetzt werden, sonst wäre diese Endstation auf 4158 Metern Höhe wahrscheinlich wirklich bis zum heutigen Tage der höchste Punkt in den Alpen, den man mit Fahrzeugen erreichen kann. Der Bau der Bahn hatte viele Hürden und Rückschläge hin zu nehmen, immer mal wieder fehlte Geld und es starben insgesamt 30 Arbeiter vor allem aus Italien, die sich mit Teilnahme an risikoreichen Bauprojekten wie der Jungfraubahn oder dem Gottahrdtunnel eine bessere wirtschaftliche Zukunft für sich selbst erhofften. So wurde aus der einst als Zwischenstation geplanten „Jungfraujoch“-Station schliesslich die Endhaltestelle der Bahn.
Von Zürich aus erreicht man das Jungfraujoch in gut vier Stunden Fahrzeit mit den Bahnen der Schweiz. Dreh- und Angelpunkt für Fahrten in die Jungfrau-Region ist Interlaken, von hier aus führen Bahnen bis Grindelwald und von hier aus bis zur „kleinen Scheidegg“. Spätestens hier bekommt man einen Eindruck davon, was einen erwartet: Je nach Saison unglaubliche Mengen an Schneesportlern und Touristen, die meisten davon aus China und Korea. Riesige Reisegruppen, für die ganze Wagenabteile und Restaurantbereiche vorab reserviert wurden, drängen in die Wagen der Jungfraubahn. Es folgen 9,34 Kilometer Fahrt mit dieser Zahnradbahn, die teilweise eine Steigung von 25 Prozent überwindet – herrlich rumpelig, begleitet von fantastischen Aussichten auf die umliegende Bergwelt – und von zahlreichem Kindergequängel und gefühlten Milliarden von Selfies der Touristen aus Asien, die in teilweise höchst befremdlicher und definitiv nicht bergtauglicher Kleidung zum Jungfraujoch strömen. Wirklich: Der Anblick so manch einer Touristengruppe aus Asien erinnerte mich an den Besuch eines Panoptikums, zuweilen fühlte ich mich fast schon als Teil eines Manga-Comics! Apropos „ich“: Der Anteil von Touristen aus Europa beträgt in etwa 1 zu 9, China, Korea und Japan dominieren diesen Bergkamm und die darauf thronende Station überdeutlich, entsprechend geht es auf den Aussichtsplattformen und in den Geschäften da oben zuweilen auch recht rücksichtslos und ruppig zu. Man muss schon ein gewisses Durchsetzungsvermögen an den Tag legen, um die wahrhaftigen Sehenswürdigkeiten ohne einen zusätzlichen Menschen im Bildausschnitt ablichten zu können, für ein- bis zehntausend Selfies vor dem „Mönch“, der „Jungfrau“ oder der Bergstation machen vor allem die Chinesen alles ohne Rücksicht auf Verluste. Es dürfte generell pures Glück bedeuten, wenn man zu einem Zeitpunkt hier oben ankommt, an welchem wenige Besucher anwesend sind und obendrauf vor allem im Herbst und Winter noch zusätzlich fantastische Wetterbedingung herrschen. Das Wetter kann hier oben sehr schnell kippen. Hatte ich gestern noch grosses Glück mit dem Wetter (weniger aber mit den Touristen…), so ist die Bahn heute, an dem Tag, an welchem ich diesen Beitrag schreibe, aufgrund starker Sturmböen bereits wieder gesperrt. Warum weise ich so dezidiert darauf hin? Die einfache Fahrt – also ohne Rückfahrt! – von Grindelwald bis hinauf zum Jungfraujoch kostet satte 95 Franken, von der „Kleinen Scheidegg“ zum Jungfraujoch immer noch 65 Franken, entsprechend mit Rückfahrkarte also 190 bzw. 130 Franken! Es gibt einige Möglichkeiten, diese horrenden Preise vorab etwas zu drücken, dazu später mehr. Was Sie aber unbedingt im Hinterkopf behalten sollten: Wird der Bahnverkehr zum Jungfraujoch aufgrund schlechter Wetterbedingungen eingestellt, so erhalten Sie den bezahlten Billetpreis NICHT zurück! Wenn Sie also sicher gehen wollen, erkundigen Sie sich am Tag der Anreise über die Wetterbedingungen und kaufen Sie ein Billet erst vor Ort, buchen Sie das nicht vorab! Diese Preise vermitteln auch einen Eindruck davon, wieviel man für einen Besuch an Geld einplanen sollte. „Gesalzen“ ist als Beschreibung für die hier oben verlangten Preise eine für meine Begriffswelt „typisch helvetisch diplomatische Untertreibung“, „horrend“ und teilweise auch „absurd“ trifft es weitaus besser – und das betrifft so ziemlich alles, was hier oben mit Geld bezahlt werden muss (dankenswerter Weise sind die WCs hier oben kostenlos).
Natürlich gibt es oben auf der Bergstation des Jungfraujoches das übliche touristische Angebot, vorwiegend in Form von Restaurants und Tourismus-Nippes, aber insbesondere die Restaurants sind strikt unterteilt und fast ausnahmslos geschlossenen Gruppen vorbehalten. Für den kleinen Hunger oder Durst zwischendurch gibt es zwar auch entsprechende Angebote, aber ein kleines Beispiel soll verdeutlichen, von welchen Preisregionen ich hier schreibe: Ein Soft-Drink (nehmen wir als Beispiel „CocaCola“), der im „Flachland“ der Schweiz beim Detailhändler in etwa 2 bis 3 Franken kostet, muss hier oben mit fast 6 Franken beglichen werden, vieles ist hier oben fast doppelt so teuer, als in anderen Regionen. Da es sich bei der Jungfrau-Unternehmung um ein Konsortium handelt, geht hier oben nichts ohne das Wissen eben jenes Konsortiums, entsprechend findet man hier oben auch nur ohnehin schon hochpreisige Produkte lediglich eines einzigen Schokoladenfabrikanten und auch nur ganz bestimmte Uhrenmarken, also keine grössere und unter Umständen billigere Auswahl. Hier oben innerhalb von 24 Stunden 1000 oder mehr Franken los zu werden, ist absolut kein Problem! Immerhin entschädigen andere Einrichtungen auf dem Jungfraujoch für diese jenseitig anmutenden Eindrücke, einige von ihnen hinterlassen aber noch mehr und grössere Fragezeichen, als die Preisgestaltung. So wurde nach der Erbauung der Endstation einige Jahre später ein begehbarer „Eispalast“ in die mehrere Meter dicken Eisschichten, die auf diesem Massiv liegen, geschnitten, eine eigentlich wirklich schöne und sehenswerte Angelegenheit. Allerdings zwingen die enorm hohen Besucherzahlen die Betreiber dazu, eben jene Gänge in den Eisschichten inzwischen zusätzlich zu kühlen, zu viel Eis schmilzt hier weg, wenn pro Tag bis zu 5000 Menschen sich hier durch würgen. Auf mich wirkte dieser Umstand sehr schräg! Da befindet man sich in einer Region, in welcher die jährliche Höchsttemperatur so gut wie nie 12 Grad Celsius übersteigt (denken Sie einfach daran, wenn Sie an einem sehr heissen Sommertag hier hinauf wollen…) und der „Eispalast“ sich in Eisschichten befindet, die seit tausenden von Jahren hier oben entstanden sind, aber um den Tourismus am Laufen zu halten wird hier mit enormen technischem Aufwand Eis zusätzlich gekühlt – anstatt den Zugang zu beschränken! Wo die Prioritäten für ein Unternehmen dieser Art liegen, dürfte anhand solcher Beispiele also offensichtlich geworden sein. Richtig nervig kann das allerdings werden, wenn beispielsweise eine Durchsage im Zug oder Restaurant nicht nur in den drei üblichen Landessprachen und Englisch gehalten ist, sondern noch in Spanisch, Portugiesisch, selbstredend Japanisch, Koreanisch und natürlich noch Chinesisch! Generell gewann ich den Eindruck, dass die Wirtschaftsmacht China hier bereits weitaus intensiver mitmischt, als das für einen Durchschnittstouristen wie mich offensichtlich sein mag. In dem Treppenhaus der Bergstation auf jene recht kitschigen und überfarbigen Gemälde von Gebirgsregionen in China – und eben nicht der Schweiz – zu stossen, war da nur einer von zahlreichen Hinweisen auf jene stille Einverleibung. Mit „typisch Schweiz“ hat hier oben für meine Begriffswelt nur noch wenig etwas zu tun.
Eine letzte Anmerkung betrifft die Einsparungsmöglichkeiten, wenn man gedenkt, diese Region zu besuchen. Man kann vor allem in Bezug auf die Billetpreise der hier tätigen Bergbahnen viel vorab einsparen, wenn man bei verschiedenen Anbietern „Kombi-Angebote“ bucht, also mehrtägige Aufenthalte in einer Unterkunft dieser Region. Aber auch hier gilt: Das wird kein billiger Spass, egal, in welcher Jahreszeit Sie hier verweilen wollen. Immer mal wieder geben die beiden grossen Detailhändler der Schweiz mit Namen „Coop“ und „Migros“ Rabatte auf Fahrten in jener Region, manchmal kann man auch die bei Einkäufen gesammelten Punkte zu Verbilligungen einsetzen. Ist man Mitglied zum Beispiel im „TCS“ (dem Automobilclub, vergleichbar mit dem ADAC in Deutschland) oder bucht vorab einen kompletten Tagesausflug mit Fondue über die Schweizer Staatsbahnen SBB, so kann der Preis mehr oder minder deutlich sinken. Ein Beispiel: Ein Tagesausflug zum Jungfraujoch für einen Erwachsenen, der keine Sondervergünstigung oder Abonnements besitzt und in der zweiten Klasse an- und wieder abreisen möchte, schlägt dann vom Zürich Hauptbahnhof aus „nur“ mit 360 Franken zu Buche. Sollten Sie für eine grössere Schweizer Firma (Versicherung, Bank oder dergleichen) tätig sein, fragen Sie ihren Arbeitgeber nach möglichen Angeboten zu Vergünstigungen. Sind Sie aber im Besitz eines Abonnements (also „GA“ oder „Halbtax“), so möchte ich Sie auf ein Angebot hinweisen, welches mir ein Arbeitskollege empfahl: Die so genannte „Touristik-Zusatzkarte“. Für 100 Franken bekommt man eine Art zusätzliches „GA“ für ein paar bestimmte Bergbahnen, die mit dem regulären „GA“ oder „Halbtax“ nicht abgedeckt sind. Dieses Ticket ist ein Jahr lang gültig und man hat freie Wahl, wann man wie auf welchem Weg zum Beispiel zum Jungfraujoch gelangen will. Mit diesem Ticket kann man so oft man will innerhalb eines Jahres folgende Bergbahnen benutzen:
Jungfraubahn, Wengernalpbahn, Schynige Platte-Bahn, Harderbahn, Grindelwald – First, Brienz-Rothorn-Bahn, Niesenbahn, Pilatusbahn, Mürren – Allmendhubel, Monte Generoso und Gornergratbahn.
Wenn Sie sich an die Preise für eine einfache Hin- und Rückfahrt auf das Jungfraujoch erinnern, dann wird offensichtlich, dass diese zusätzliche investierten 100 Franken sich bereits ab der Benutzung lediglich der Jungfraubahn allein amortisiert haben! Und wenn Sie obendrauf noch in der Lage sein sollten, diese an riesige Ameisenhaufen erinnernden Fluten von Touristen aus Asien zu ignorieren (besser: ihnen geschickt aber mit Nachdruck auszuweichen oder aber zuvor zu kommen), dann werden Sie auf dem Jungfraujoch mit einer wirklich fantastischen und faszinierenden Ansicht dieser Gebirgsregion belohnt. Kleiden Sie sich aber sachdienlich und denken Sie daran, dass der Temperaturunterschied zwischen Grindelwald und Jungfraujoch zuweilen extrem anmuten kann…Schweiz