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Beinahe wäre der inspirierende Song auf HIStory gelandet: Michaels Tribute an Nelson Mandela – an den Bürgerrechtler, der drei Jahrzehnte lang von seinen politischen Gegnern weggesperrt wurde. Die meiste Zeit davon in einer kleinen Zelle auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island, wo Mandela grausam gedemütigt wurde. Im Februar 1990 kam er endlich frei. Anstatt Rache zu üben, reichte Mandela seinen Peinigern die Hand und bewahrte Südafrika vor weiteren Unruhen. 1993 erhielt Mandela für seinen Kampf gegen die Apartheid den Friedensnobelpreis. 1994 wurde er zum Präsident Südafrikas gewählt.
«Faces» ist der angebliche Titel von Michael Jacksons Song, den er in der Hit Factory aufgenommen, aber nie fertig gestellt hat. Begleitet von sphärischen Klängen und afrikanischen Melodien spricht Michael mit eindringlicher Stimme ein Gedicht, das er inspiriert von Nelson Mandelas Wirken geschrieben hat. Dann setzt ein Rhythmus ein, der mit seiner Intensität an «They Don′t Care About Us» und «Money» erinnert.
Das Herzstück des Songs hätte eine Rede von Nelson Mandela sein sollen. Um diese live aufzuzeichnen, schickte Michael seinen Toningenieur Matt Forger nach Südafrika. Doch der Event wurde abgesagt, als Forger bereits am Flughafen stand. In der Folge wurde der Song beiseite gelegt und Michael arbeitete nie wieder daran – obwohl das philanthropische Stück gar dem «Earth Song» das Wasser hätte reichen können.
Wieso die Nachlassverwaltung den aufgenommenen Teil bis heute nicht veröffentlicht hat, ist unklar. Sie könnten ein wichtiges Zeichen setzen – in einer Zeit, in der Populisten und die Algorithmen der sozialen Medien die Gesellschaften rund um die Welt in verfeindete Lager spalten. In einer Zeit, in der das gegenseitige Verständnis, zielführende Dialoge und Kompromissbereitschaft zunehmend in die Ferne rücken…
Die frühere jackson.ch-Mitarbeiterin Vanita Balfer aus Köln hat «Faces» übersetzt und dabei Anspielungen auf den Roman «A tale of two cities» von Charles Dickens und das Gedicht «Where the mind is without fear» von Rabindranath Tagore entdeckt.
Bevor sie den englischen Text zitiert und erläutert, hier ihre deutsche Übersetzung:
Gesichter
Geschrieben von Michael Jackson
Dies sind die schlimmsten Zeiten, und dies sind die besten Zeiten.
Rassismus, Engstirnigkeit, Egozentrismus, Vorurteile, Hass und Gewalt brechen das Herz unseres Planeten und schneiden ihm die Luft ab.
Und doch werden wir lebendig wie nie zuvor!
Nelson Mandela: ein Schwarzer, ein ehemaliges Symbol der Unterjochung und Sklaverei, lenkt Südafrika.
Demokratie und Freiheit gedeihen wie nie zuvor, und ein neues Bewusstsein verkündet den Anbruch des Zeitalters der Aufklärung, in dem das Überleben des Angepasstesten ersetzt wird durch das Überleben des Klügsten.
Lasst uns vom großartigen und plötzlichen Glanz eines neuen Morgens träumen.
Lasst uns vom Erblühen eines neuen Kollektivbewusstseins träumen.
Lasst uns von einem Morgen träumen, an dem wir erhobenen Hauptes unsere Arme der Perfektion entgegenstrecken können.
Lasst uns von einem Morgen träumen, an dem wir unser globales Dorf nicht mehr durch enge regionale Begrenzungen zerstückeln und zerbrechen, an dem Stammestum nicht mehr unter dem Anschein von Nationalismus und patriotischem Eifer dient und an dem wir wahrhaft aus der Seele heraus leben können und die Liebe als die ultimative Wahrheit im Herzen der ganzen Schöpfung erkennen.
Lasst uns von einem Morgen träumen, an dem unsere Kinder genährt und beschützt und gepflegt werden und unsere Ältesten geehrt und anerkannt werden.
Lasst uns von Frieden und Harmonie und dem Lachen träumen.
Lasst uns von Freude und Ekstase träumen.
Lasst uns davon träumen, den kosmischen Tanz zu tanzen.
Und während wir träumen, lasst uns derer gedenken, die sich vor uns wagten zu träumen und ihr Gestern opferten, damit wir unser Morgen haben können.
Übersetzung: Vanita Balfer für jackson.ch, September 2020
Faces
Written by Michael Jackson
These are the worst of times and these are the best of times. (1.)
Racism, bigotry, ego centrism, prejudice, hatred and violence are breaking the heart of our planet and strangling its soul. (2.)
And yet we are coming alive, as never before!
Nelson Mandela: a black man, a former symbol of subjugation and slavery, guides South Africa. (3.)
Democracy and freedom flourish as never before and a new consciousness proclaims the dawn of the Age of Enlightenment (4.), where survival of the fittest (5.) is replaced by survival of the wisest. (6.)
Let us dream of the great and sudden splendor of a new tomorrow.
Let us dream of the full flowering of a new collective consciousness. (7.)
Let us dream of a tomorrow where we can hold our heads high (8.) and stretch our arms toward perfection. (9.)
Let us dream of a tomorrow where we no longer fragment and fracture our global village (10.) with narrow domestic walls (11.), where tribalism no longer services under the pretense of nationalism and patriotic fervor and where we can truly live from the soul and know love as the ultimate truth at the heart of all creation.
Let us dream of [a] tomorrow where our children are nurtured and protected and nursed and our elders revered and honored and venerated.
Let us dream of peace and harmony and laughter.
Let us dream of joy and ecstasy.
Let us dream of dancing the cosmic dance (12.).
And, as we dream, let us remember those who dared to dream before us and sacrificed their yesterday, so we could have our tomorrow!
Erläuterungen:
1. Anspielung auf Kapitel 1 des historischen Romans «Eine Geschichte aus zwei Städten» (A tale of two cities) von Charles Dickens: «It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to Heaven, we were all going direct the other way – in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only.» [Hervorhebungen von der Übersetzerin]
2. Formulierung wie in «Heal the world»
3. Nelson Rolihlahla Mandela war ein berühmter Aktivist gegen die südafrikanische Apartheid, wurde inhaftiert und später der erste schwarze Präsident des Landes. 1993 erhielt er für seine Arbeit den Friedensnobelpreis.
4. Die Zeit der Aufklärung begann um 1700 herum und bezeichnet die philosophische und Intellektuelle Bewegung in Europa und Nordamerika, die die Bedeutung der Vernunft betonte und so den Fortschritt vorantrieb.
5. Charles Darwin beschrieb in seiner Evolutionstheorie, dass die Lebewesen weiter existieren, die am besten an die jeweiligen Umstände angepasst sind. «Survival of the fittest» wurde oft fälschlich als «Überleben des Stärkeren» übersetzt.
6. «Wisdom» verweist wieder auf den Dickens-Roman (s.o.)
7. Das Kollektivbewusstsein bezeichnet in der Soziologie die gemeinsamen Gefühle, Vorstellungen und Werte einer Gesellschaft, z.B. Sprache, Ethik, Recht, Wissen.
8. Anspielung auf das Gedicht «Where the mind is without fear» von Rabindranath Tagore: «Where the mind is without fear and the head is held high»
9. Weitere Anspielung auf das o.g. Gedicht: «Where tireless striving stretches its arms towards perfection»
10. Das globale Dorf ist in der Medientheorie die Bezeichnung für eine immer enger vernetzte Welt.
11. Weitere Anspielung auf das o.g. Gedicht: «Where the world has not been broken up into fragments by narrow domestic walls»
12. Im Hinduismus tanzt der Gott Shiva den kosmischen Tanz von Schöpfung und Vernichtung.
Wir hatten diesen Beitrag von Vanita Balfer an unserem Event «HIStory Continues» vorgestellt. Der Podcast kann hier auf YouTube angehört werden.
Die Freundschaft zwischen Michael Jackson und Nelson Mandela
Als Michael Jackson am 25. Juni 2009 unerwartet starb, las Smokey Robinson an der Gedenkfeier einen Brief von Nelson Mandela vor:
Liebe Jackson-Familie,
Mit grosser Trauer haben wir vom vorzeitigen Tod von Michael Jackson erfahren. Michael kam uns nahe, nachdem er anfing, Südafrika regelmäßig zu besuchen und dort aufzutreten. Wir haben ihn liebgewonnen und er wurde ein enges Mitglied unserer Familie.
Wir hatten grosse Bewunderung für sein Talent und dass er in der Lage war, bei vielen Gelegenheiten in seinem Leben über Tragödien zu triumphieren.
Michael war ein Gigant und eine Legende in der Musikindustrie und wir trauern mit den Millionen von Fans weltweit. Wir trauern auch mit seiner Familie und seinen Freunden über den Verlust eines lieben Freundes. Wir werden ihn vermissen und die Erinnerungen an ihn noch lange Zeit in Ehren halten.
Seid stark,
Nelson Mandela
Nelson Mandela und Michael Jackson trafen sich in den frühen 1990er-Jahren erstmals im Beisein von Michaels Freundin Elizabeth Taylor. Michaels Vertrauensfotograf Harrison Funk hielt das Treffen fest. «Mandela war so aufgeregt, Michael zu treffen», erinnert sich Funk. «Er liess extra seine ganze Familie einfliegen.» Im Gespräch mit The Guardian berichtet er:
Liz Taylor und Michael Jackson hätten Nelson Mandelas Präsidentschaftskampagne mit «einer sehr grosszügigen Spende» unterstützt, sagt der Fotograf.
Das nächste Treffen fand im Juli 1996 in Südafrika statt, als Michael zu Nelson Mandelas privater Geburtstagsfeier eingeladen war und zwei Tage später eine gemeinsame Pressekonferenz gab. Nun war Mandela Präsident Südafrikas.
(Auf dem zweiten Fotos sind rechts von Mandela Michals damalige Manager Charles Bobbit und sein langjähriger Publizist Bob Jones zu sehen.)
Im Oktober 1997 gab Michael die letzten Konzerte seiner HIStory-Torunee in Südafrika. Michael liess seine Eltern Katherine und Joseph Jackson einfliegen, ebenso seine Ex-Frau Lisa Marie Presley und ihre Kinder. Lisa Marie gestand viele Jahre später, dass sie nach der Scheidung eine «on and off»-Beziehung mit Michael geführt, dann jedoch den Kontakt abgebrochen habe.
Zu Nelson Mandelas 80. Geburtstag am 18. Juli 1998 reiste der King of Pop erneut nach Südafrika. Von der Geburtstagsfeier machen Fotos die Runde, wie Michael neben Nina Simone und vielen weiteren Ehrengästen auf der Bühne steht.
Nach der Ankündigung von «MJ + Friends» in Wetten Dass… ?, warb Michael am 23. März 1999 bei einer Pressekonferenz in Südafrika mit Nelson Mandela erneut für die beiden Benefizkonzerte.
Anfang September 1999 reiste Michael nach Sun City und nahm vom namibischen Präsident Hage Geingob den All Africa Music Award entgegen. Bei dieser Gelegenheit überreichte er Nelson Mandela einen Check über 1 Millionen Rand (ca. 166′000 US-Dollar), der dem Nelson Mandela Childrens Fund zugute kam. Ein Teilerlös von den Konzerten in München und Seoul.
Nach Michaels Ableben tauchen Fotos auf, auf denen Nelson Mandela mit Michael Jackson und seinen Kindern Prince und Paris zu sehen ist. Offenbar trafen sich die beiden auch inkognito.
Als Nelson Mandela am 5. Dezember 2013 im Alter von 95 Jahren starb, verfasste Michaels langjährige Vertraute Grace Rwaramba – seine Assistentin und Kindermädchen – die folgenden Worte:
Eine meiner schönsten Erinnerungen an Michael ist vom Juli 1998. Wir kamen am 17. Juli in Johannesburg an, am Tag vor Nelson Mandelas 80. Geburtstagsparty. Am Abend der Party warteten die Kinder und ich auf Michael im Palace Hotel in Sun City – einem seiner Lieblingsresorts auf der Welt. Als er am späten Abend ankam, war ich sehr erschöpft. Michael hingegen war voller Energie. Alles, worüber er reden konnte, war, wie sehr er Mandela liebte und bewunderte. Wir blieben bis in den frühen Morgen wach und sprachen über die Party, die vielen berühmten Gäste und seine private Zeit mit Mandela. Es war die gleiche Geburtstagsfeier, auf der Mandela bekannt gab, dass er einen Heiratsantrag gemacht hatte und dass seine Liebste, Grace Machel, seine Frau werden würde. Michael staunte, wie ‘wunderschön’ es war, Mandela im reifen Alter von 80 Jahren so verliebt zu sehen. Es war nicht das erste Mal, dass er Mandela getroffen hatte, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Was diesen Abend für mich so denkwürdig machte, war die Tatsache, dass Mandela einer der wenigen Menschen war, die in Michael das gleiche Gefühl des Staunens, der Liebe und der Bewunderung hervorriefen, das der Rest der Welt erlebte, wenn sie Michael trafen. Ruhe in Frieden, Madiba. Du hast diese Welt zu einem besseren Ort gemacht.
Grace Rwaramba, am 6. Dezember 2013 auf Facebook
Fotos: PETER MOREY (COPYRIGHT HOLDER), +27825512323, www.petermoreyphotographic.co.za
Foto von Nelson Mandela, Michael Jackson und Elizabeth Taylor: Harrison Funk (eingebettet vom verlinkten Artikel.)