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Mitten in einem der grössten Entwicklungsgebiete Europas trägt der einst ruhmreiche FC Servette Genève seit einigen Jahren seine Heimspiele aus. Ein Sonntagsausflug.
Klaffende Baugruben, einsame Bagger, geschlossene Läden: So also fühlt es sich an, sonntags auf dem grössten urbanistischen Übungsgelände der Schweiz. Hier, zwischen Genf, Lancy und Carouge, wird in den nächsten Jahren ein neues Stadtzentrum mit rund 12 000 neuen Wohnungen entstehen.
Mit dem Bau der Bahnlinie Ceva, die ab 2019 als Genfs neue, teils unterirdische Hauptschlagader den Flughafen Cointrin mit dem französischen Annemasse verbindet, soll das ehemalige Industriegebiet Praille-Acacias-Vernets zum «an- gesagtesten Viertel in der Genfer Region» avancieren. Eine Verdichtung, die auch Konflikte birgt: So wehrt sich derzeit neben Lancy auch das benachbarte Carouge dagegen, dass die neuen Bahnhöfe auf ihrem Boden keinen ihrer Namen tragen sollen. Der Staatsrat sieht die Bezeichnungen «Genève-Pont-Rouge» und «Genève-Bachet» vor – Indizien dafür, wie sehr das binationale Grand Genève zu einer Millionenmetropole verschmilzt.
Als wäre alles nur inszeniert
Servette Genève hingegen, der legendäre Fussballklub, nähert sich nur langsam besseren Zeiten. Seit diesem Sommer spielt der siebzehnfache Schweizer Meister immerhin wieder in der zweithöchsten Liga. 2005, zwei Jahre nach dem Einzug ins Stade de Genève in Lancy, war er konkursbedingt in die dritthöchste Liga zwangsrelegiert worden. Vor einem Jahr sah es gar danach aus, als würde der Klub noch tiefer fallen. Erst im letzten Moment konnte die Fondation 1890 unter der Führung ihres Präsidenten Didier Fischer die fünf Millionen Franken Schulden begleichen und so den Abstieg in die fünfthöchste Liga verhindern.
An diesem Nachmittag kommen gerade mal 2500 ZuschauerInnen für den Match gegen den FC Aarau ins Stadion. Zunächst aber verirrt sich der Reporter mit dem Fotografen noch kurz in den Stadionkatakomben. Ist es die Diskrepanz zwischen dem Anspruch eines Grossklubs und der Wirklichkeit eines Provinzvereins? In den Gängen jedenfalls lauert Tristesse. Als wäre alles nur inszeniert: Security-Angestellte, die sporadisch nach unseren Presseausweisen verlangen; Funktionäre, die bedeutungsschwer in Walkie-Talkies murmeln; Spieler, die aus den Garderoben traben, als ginge es um den Einzug in den Champions-League-Final.
Und schliesslich: Raimondo Ponte. Der ehemalige Schweizer Nationalspieler und heutige Sportdirektor des FC Aarau macht zwei Schritte auf uns zu, will schon die Hände aus den Hosentaschen ziehen, um uns zu grüssen – bis er wohl merkt, dass es sich doch nicht um diesen oder jenen Kollegen handelt. Stattdessen freundliches Nicken, auch zum Monsieur mit Servette-Schal, der schon eine Weile dasteht: «Gérard Dethiollaz», stellt sich der ältere Herr vor, Supporter seit Jahrzehnten, Spieler der Servette-Reserven in den fünfziger Jahren, «numéro neuf, avant-centre!»
Dann öffnen wir die schwere Tür zur Pressetribüne, und schon blendet uns frisch geputztes Tageslicht. Die 2500 Menschen, die sich inzwischen auf den 30 000 Sitzplätzen verteilt haben, wirken ein wenig wie Claqeure in einem zu grossen Opernhaus. Man könnte das Stade de Genève an diesem Sonntag, derweil sich die FC-Aarau-Fans in ihrem Gästesektor im Chorgesang üben, auch eine Kathedrale nennen: Eingerahmt von den eleganten Tribünendächern, zeigt sich der himmlische Ausschnitt in einem zarten Hellblau, verziert mit graziösen Wölkchen – «comme le ciel dans une coupole», sagt der Fotograf.
Im permanenten Grossmanöver
Und so ist dieser Barockhimmel der Höhepunkt eines Bühnenbilds, dessen Kunstrasen nun auch jener gewichtige Mann betritt, den wir zuvor im Presseraum angetroffen haben. In sich versunken lehnte er in seinem hellblauen Pullover an der Theke, schlürfte Kaffee aus einem Plastikbecher, um zwischendrin aus diversen Papiertellern und Schalen Nüsschen, Chips und Kuchenstücke in sich hineinzustopfen.
Dieser Opernsänger also, von dem wir dachten, er sei ein Journalist, nimmt nun das Mikrofon in die Hand und singt mit einem feierlichen Tremolo «Cé qu’è lainô» , die inoffizielle Hymne der Republik Genf, die im alten Dialekt die Verteidigung der Stadt Genf gegen Karl Emanuel von Savoyen in einer Dezembernacht 1602 erzählt: «Celui qui est en haut, le Maître des batailles, / Qui se moque et se rit des canailles / A bien fait voir, par une nuit de samedi, / Qu’il était patron des Genevois.»
Und dann noch eine ganze Schweigeminute – bis endlich die giftgrün gekleideten Aarau-Spieler und die im noblen Granat aufspielenden Servettiens aus ihrer professionellen Erstarrung treten. Nach siebzehn Minuten erzielt der kamerunische Stürmer Jean-Pierre Nsamé das 1: 0 für das Heimteam. Dabei bleibt es bis zum Schluss.
Dazwischen zogen die wundersamsten Wölklein über den Stadionhimmel. Dieses Gemälde über einem Niemandsland, das in ein paar Jahren wohl kaum mehr wiederzuerkennen sein wird. Und wo schon jetzt, an diesem nicht allzu bedeutenden Sonntag, junge Zivilbeamte in Jeans – als befände man sich in einem permanenten Grossmanöver – auffallend unauffällig in die Sonne blinzeln.
Gegen Abend, an der Rue de la Servette im gleichnamigen Quartier hinter dem Hauptbahnhof, wo Servette bis zum Umzug nach Lancy auf der Charmilles spielte, stolpert der Reporter zunehmend in den Takt der Melodie eines Akkordeons, die sich schon von weitem in die Polyfonie des Strassenverkehrs eingeschlichen hat. Einige Schritte später, als er in seiner Hosentasche nach Münzen klaubt, unterbricht der Mann aus Ungarn sein Spiel, wechselt in eine kleine Redseligkeit und erzählt davon, wie die Genfer Polizei seit den Anschlägen in Paris und Nizza strenger geworden sei. Ständig werde er kontrolliert. Dabei sei er doch nur ein Musiker, der die Liebe und die Schönheit besinge. Das Gegenteil von einem Terroristen.
«Servette se donne un peu d’air» titelt die «Tribune de Genève» am nächsten Morgen.