Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/687

Isabel Charisius unterrichtet seit 2006 an der Hochschule Luzern – Musik, wo sie ihre jahrelang gesammelten Erfahrungen in international anerkannten Orchestern, als Kammermusikerin und als Solistin an junge Studierende weitergibt. Nun trat die Bratschendozentin im Rahmen der Konzertreihe «Kammermusik Akzente» zusammen mit angehenden Berufsmusizierenden im Marianischen Saal in Luzern auf. An diesem Abend spielt sie auf zwei Instrumenten: Bratsche sowie Violine.
Gleich zu Beginn machte Isabel Charisius eine kurze Ansage bezüglich des geplanten Konzertprogramms und dessen Stimmungsvielfalt und verlieh mit ihrer Stimme dem Gesagten den dazugehörigen Ausdruck. Das Publikum schmunzelte und wartete gespannt auf die erste Darbietung.
Meredith Kuliew (va) und Martina Zimmerli (vc) betraten die Bühne und verbeugten sich, leicht nervös lächelnd. Ein sanfter, gedämpfter Klang ertönte, als die Bratschistin und die Cellistin mit einem Wiegelied das Konzert eröffneten. Rebecca Clarkes «Two pieces for Viola and Cello» soll eines der vielen Werke sein, die sie in erster Linie für sich selbst geschrieben hatte. Die britische Bratschistin gilt heute als eine der bedeutendsten Komponistinnen Englands in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die charakteristische Gegensätzlichkeit der beiden Stücke – «Andante very simply» und «Grotesque, Allegro» – könnte man durchaus auf den inneren Konflikt der Komponistin zurückführen. Für Clarke war es schwer, sich als Frau in der männerdominierten Musikwelt durchzusetzen. Das Leben als Komponistin, als Mutter und Hausfrau zu vereinbaren, stellte sich als komplexe Aufgabe heraus.
Nach diesem charmanten Auftritt der beiden Musikerinnen folgte ein Besetzungswechsel: Das «Fantasia Quartet for four violas» op. 41 von York Bowen wurde von Iñigo Armentia Martinez de Salinas, Gregor Bugar, Isabel Charisius und Fabian Aschwanden gespielt. Eine weitere englische Komposition, die jedoch einige Jahrzehnte früher entstand als die Vorangegangene und somit noch unter dem direkten Einfluss der Romantik stand. Das Bratschenquartett stellte sich dieser Herausforderung, die hohe Ansprüche an Intonation, Zusammenspiel und Musikalität stellte. Trotz Unsicherheit andeutender Gesichtsausdrücke und einzelner Patzer sprang der Funke der Freude an der Musik auf das Publikum über und die hochromantischen Harmonien zogen einem in eine Welt, die einer Idylle Walt Disneys glich.
Zwei der Bratschisten setzten ihren Auftritt fort: Wilhelm Friedemann Bachs erste zwei Duos für zwei Violen forderten technisches Geschick, musikalische Raffinesse, einen Sinn für Phrasierungen und mentale Stärke. Diesen Aufgaben stellten sich Gregor Bugar und Fabian Aschwanden und meisterten diese mit einer unheimlichen Konzentration und Souveränität. Ein spannender Verlauf von atemlosen Sechzehntel-Bewegungen, gesanglichen Passagen, fugierenden Verkettungen und sich dabei allmählich verlierender Anspannung, die zur Leistungssteigerung der beiden Bratschisten beitrug. Deren erleichterte Gesichter lösten die Atemlosigkeit der Zuhörerschaft nach dem letzten Unisono-Ton auf.
Der Höhepunkt des Abends folgte nun: Johannes Brahms‘ kammermusikalisches Meisterwerk. Das Streichsextett in G-Dur op. 36 wurde rasch zu einem Verlagserfolg und verhalf Brahms zum Durchbruch. Herzerwärmende Melodien im Geigenregister, lebendige Begleitmuster, beschwingte, fast volkstümliche Passagen, durchgehende Pizzicati, die an kleine Tropfen erinnerten, die sich zu einem reissenden Fluss vereinen, zerbrechliche Variationen. Der eigene emotionale Gemütszustand war ein klarer Hinweis darauf, dass diese Musik viele Menschen berühren konnte. Kammermusikalische Höchstleistungen waren gefordert und mit einer standing Ovation belohnt.
Kammermusik Akzente: In stiller Nacht… (Musikfestival Szenenwechsel)
FR 31. Januar 2020, 19:30 Uhr
Marianischer Saal, Luzern
Sie haben die Veranstaltung verpasst? Abonnieren Sie 041 – Das Kulturmagazin und bleiben Sie auf dem Laufenden über das kulturelle Geschehen in der Zentralschweiz!