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Der Koran gehört nicht zu den
Büchern, die sich einem Leser leicht erschließen. Das gilt ganz
unabhängig davon, ob dieser Leser Muslim ist oder nicht. Ein
muslimischer Leser hat immerhin den Vorteil, dass ihm der
wesentliche Inhalt des Korans nicht nur vom Lesen, sondern vor allem
vom Hören her und vom Anwenden im Alltag vertraut ist. Diese
Vertrautheit mit dem Wortlaut ist jedoch nicht von vornherein
gleichzusetzen mit seinem Verständnis. Der nichtmuslimische Leser
aber steht vor ganz erheblichen Schwierigkeiten, wenn er den Koran
lesen und verstehen will. Goethe, der dem Islam große Sympathien
entgegenbrachte, hat das Problem für sich persönlich in
eindrucksvoller Weise dargestellt. Der Koran sei ein Buch, so
schreibt er 1819 in den Noten und Abhandlungen zu besserem
Verständnis des West-Östlichen Divans:
Das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuen anwidert, dann
aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.
Man
merkt diesem Satz an, wie schwer Goethe die Annäherung an ein Buch
fiel, das im christlichen Abendland lange Zeit nur als Verfälschung
der Bibel galt.
Ricoldo da Monte Croce, ein
Dominikanermönch aus der Nähe von Florenz, der zu Beginn des 13.
Jahrhundert als arabischkundiger Missionar lange Zeit im Vorderen
Orient lebte und dort sogar mit islamischen Korangelehrten
disputierte, stellte in seiner lateinisch verfassten Streitschrift
„Gegen das Gesetz der Sarazenden“ eine Art „Sündenregister“ auf, in
dem er all das behandelt, was den Koran seiner Meinung nach
„ungenießbar“ macht. So sei der Koran ohne jede einsehbare Ordnung,
ganz im Gegensatz zur Bibel. Das 1. Buch Mose, so heißt es bei
Ricoldo, beginne, wie es die Ordnung verlangt, mit der Weltschöpfung
und fahre danach so fort, wie es der Ablauf der Geschichte gebietet.
Genauso verhalte es sich mit dem Evangelien, also der Geschichte
Jesus. Und wie es im Koran? Hier sei gar keine chronologische
Ordnung feststellbar. Vielmehr folge auf das erste Kapitel, genannt
„Die Eröffnung“ (al-Fatiha), das Kapitel „Die Kuh“, so benannt nach
einem Ereignis, welches sich in der Bibel in 4.Mose 19 finde,
nämlich das Sühneopfer der roten Kuh. Im dann folgende 3. Kapitel
steht der Bericht über die Geburt Jesu. Ähnliche Ungereimtheiten
gebe es zuhauf.
Neben mangelnder Ordnung und Zusammenhanglosigkeit kritisiert
Ricoldo zahlreiche innere Wiedersprüche, die sich im Kioran finden.
So gebiete der Koran einerseits, mit Menschen anderen Glaubens
freundlich zu reden, anderseits aber findet sich auch die
Aufforderung, die Ungläubigen zu bekämpfen ja sogar zu töten.
Fast
noch befremdlicher sind für Ricoldo so phantastische Geschichten wie
die von Salomo und den Ameisen.
Einer anderen, ähnlich gearteten
Geschichte widmet Ricoldo gar ein ganzes Kapitel. Es ist Muhammeds
berühmte Nachreise von Mekka nach Jerusalem und der sich daran
anschließende Aufstieg in den Himmel. Bei der ausführlichen
Präsentation dieser Geschichte stellt Ricoldo u.a. die Frage, warum
Muhammed eigentlich für die Reise nach Jerusalem ein Reittier
benötigte, für den Aufstieg in den höchsten Himmel jedoch keines.
Die Absicht, gerade solche
Geschichten in aller Breite zu schildern, ist klar. Schon der im 8.
Jahrhundert unter islamischer Herrschaft lebende orthodoxe Theologe
Johannes von Damaskus (gest. 750) bezeichnete den Koran als
lächerliches Buch und genau das galt es jahrhundertelang
christlicherseits immer wieder zu beweisen.
Ricoldos in vieler Hinsicht
repräsentatives Werk fand eine außerordentliche Verbreitung. Es
wurde seit 1500 häufig gedruckt und aus dem Lateinischen in weitere
Sprachen übersetzt. Ins Deutsche Übrings von Martin Luther im Jahre
1542 (Titel: Verlegung des Alcoran). Martin Luther legte die Lektüre
dieses Buches besonders Predigern nahe, damit diese von der Kanzel
herab das Volk vor der Versuchung des Islam warnen sollten. Viele
Argumente Ricoldos gegen den Koran wirkten lange nach. Wichtig war
dabei vor allem, dass der Koran ausdrücklich mit der Bibel
verglichen wurde – und zwar formal wie inhaltlich. Nicht nur Ricoldo,
sondern viele andere, die gegen den Islam schrieben, wollten vor
allem die Widersprüche zwischen Bibel und Koran aufdecken, um den
Koran als wertloses, aus einzelnen biblischen Elementen
zusammengeflicktes Lügenbuch zu entlarven.
Die auffälligsten Widersprüche
betrafen die zentralen christlichen Lehrsätze von der
Gottessohnschaft Jesu und der Trinität. Denn im Koran heißt es kurz
und klar Sure 4, Vers 171 oder Sure 5 Vers 73: Ungläubig sind die,
die da sagen, dass Gott der dritte von dreien ist.
Jesus ist dementsprechend nur ein
Knecht Gottes, ein Gesandter und ein Prophet – aber nicht mehr. Das
war für manchen christlichen Theologen schwer zu begreifen.
Man konnte diesen grundsätzlichen
Widerspruch zur christlichen Lehre verschieden erklären. Entweder
unterstellte am Muhammed – den man selbstverständlich als Verfasser
des Korans ansah – absichtliche Verfälschung der christlichen Lehre
und rückte ihn in die Nähe wohlbekannter altkirchlicher Ketzer, wie
z.B.
Arius
(gest. 336) oder
Nestorius
(gest. 4514), die beide die wahre Gottheit Christi bestritten
hatten. Dann konnte man die Falschheit des Korans mit den bewährten
Argumenten aus dem Streit mit Arianer und Nestorianern beweisen und
bekämpfen. Oder man nahm an, dass Muhammed aufgrund mangelnder
Bildung vieles missverstanden bzw. Nur unzuverlässige Quellen zur
Verfügung gehabt habe und man den Koran dementsprechend
„korrigieren“ müsse. Welcher der beiden Auffassungen man auch
folgte, der Koran konnte in keinem Fall ein echtes Offenbarungsbuch
sein.
Im Byzantinische Reich, dem
unmittelbaren Nachbarn des islamischen Staatswesen, hielt man den
Islam lange Zeit für eine abtrünnige christliche Sekte und
interessierte sich nicht sonderlich für den Koran. Erst ein Theologe
des 9. Jahrhundert, Niketas von Byzanz, hatte eine volksprachliche
griechische Koranübersetzung zur Verfügung. Von ihr machte er in
seiner Streitschrift „Widerlegung des von dem Arabern Mohammed
gefälschten Buches“, die er im Auftrag von Kaiser Michael III (reg.
842-67) verfasste, reichlich Gebrauch. Diese Koranübersetzung ist
heute als ganz verloren, bekannt ist sie nur noch durch die Zitate,
die Niketas in seiner „Widerlegung“ anführt.
Im übrigen Europa wurde der Koran
erst durch die lateinische Übersetzung bekannt, die der
cluniazensische Abt Petrus Venerabilis (gest. 1156) in Spanien
anfertigen ließ. Die Entstehung dieser Übersetzung hängt auf das
engste mit dem Scheitern des 1. Kreuzzugs (1096-1099) zusammen.
Petrus hatte die Überzeugung gewonnen, dass der Islam nicht mit
Waffengewalt, sondern nur mit der Macht des Wortes zu besiegen sei.
Das aber setzte die Kenntnis der Grundlehren des Islam, wie sie im
Koran zu finden sind, voraus. Während einer Visitationsreise in den
christlichen Teil Spaniens im Jahr 1142 konnte Petrus den Engländer
Robert von Ketton, der damals an der Übersetzung
mathematisch-astronomischer Werke aus dem Arabischen arbeitete,
dafür gewinnen, den Koran ins Lateinische zu übersetzen. Obwohl
Roberts Koranübersetzung, die er mit Hilfe eines arabischen
Mutersprachlers anfertigte, viele Mängel aufweist, hatte sie einen
erstaunlichen Erfolg, denn länger als ein halbes Jahrtausend war sie
die wichtigste Quelle für die Korankenntnis in der westlichen
Christenheit und Ausgangspunkt für weitere volkssprachliche
Übersetzungen ins Italienische, Deutsche, und Holländische. Das
hatte sie vor allem der Tatsache zu verdanken, dass sie 1543, also
genau 400 Jahre nach ihrer Entstehung, in Basel gedruckt wurde.
Erscheinen konnte sie allerdings
erst nach einem erbittert geführten Streit darüber, ob man in einer
christlichen Stadt wie Basel ein so ketzerisches Buch wie den Koran
überhaupt drucken solle. Die Befürworter, unter ihnen der Züricher
Theologe Theodor Bibliander (1504-1564) als Herausgeber, betonten
das berechtigte Bedürfnis weiter Kreise nach gründlicher Information
über den Glaubensgegner. Demgegenüber warnten die Gegner vor der
Gefahr, die bei ungeübten Lesern von einem Buch wie dem Koran
ausgehen könne. Da muss man vor dem Hintergrund verstehen, dass es
zu dieser Zeit eine starke antitrinitarische Strömung gab, die
zusätzliche Argumente gegen die Trinität aus dem Koran beziehen
konnte.
Erst Luthers Intervention
zugunsten der Befürworter vermochte den Rat der Stadt dazu zu
bewegen, die Veröffentlichung der Koranausgabe zu erlauben. Die
Nachfrage nach dem stattlichen Band war so groß, dass schon sieben
Jahre später eine zweite Auflage notwenig wurde.
1674 erschien in Paris die erste
direkte Übersetzung des Korans aus dem Arabischen in eine
europäische Volkssprache, das Französische. Der Übersetzer, Andre du
Ryer (gest. 1688) hatte lange Zeit als französischer Konsul in der
Levante gelebt. Er zog für seine Übersetzung auch islamische
Korankommentare heran und gelangte dadurch zu einem authentischeren
Verständnis als Robert von Ketton; dennoch zeigt gleich der erste
Satz des Vorwortes, dass sich dadurch an der überkommenen negativen
Einstellung dem Koran gegenüber kaum etwas geändert hatte.
Diese Buch ist ein langer Vortrags Gottes, der Engel und Muhammeds,
den dieser falsche Prophet auf allzu plumpe Weise erfunden hat...
Du
Ryers oft nachgedruckte Koranübersetzung gewann im Zeitalter von
Barock und Aufklärung, als Französisch zur ersten Sprache Europas
aufstieg, eine sehr große Verbreiterung. Voltaire z. B. las sie –
und fand kein gutes Wort über den Koran; er sei, schreibt er 1740 an
Friedrich den Großen,
...ein unverständliches Buch, das auf jeder Seite den gesunden
Menschenverstand erschauern lässt....
Allerdings revidierte Voltaire sein Urteil später. In seinem
erstmals 1753 erschienen „Versuch über die Sitten und den Geist der
Nation“, lässt er dem Koran größere Gerechtigkeit angedeihen, ohne
ihm jedoch wirkliche Sympathie entgegenzubringe.
Der Koran ist nicht ein historisches Buch, mit dem man die Bücher
der Hebräer oder unsere Evangelien hätte nachahmen wollen. Er ist
auch nicht nur ein reines Gesetzesbuch, wie das 3. und 4. Buch Mose,
noch eine Sammlung von Psalmen oder Liedern, noch eine prophetische
oder allegorische Version im Stil der Apokalypse; er ist vielmehr
eine Mischung all dieser unterschiedlichen Gattungen, eine
Ansammlung von Predigten, in denen man eine Tatsachen findet, eine
Visionen, sowie Offenbarungen, religiöser und säkulare
Rechtsvorschriften.
Auch
bei dieser Charakterisierung, in der Voltaire übrigens in ganz
moderner Weise verschiedene Gattungen koranischer Texte
unterscheidet, bleib weiterhin die Bibel der Vergleichsmaßstab.
Der Koran als die schlechtere Bibel
– das war dann „die türkische Bibel“. Der Übersetzer der ersten
direkten aus dem Arabischen übersetzten deutschen Koranausgabe,
David Friederich Megerlin (1699-1778), scheute sich nicht, diese
Bezeichnung als Untertitel seiner 1772 erschienen Arbeit zu
verwenden. Auf der dem Titelblatt gegenüberliegenden Seite prangt
als Kupferstich „Mahumed, der Falsche Prophet“.
(Foto
oben)
Eine elende Produktion befand Goethe in einer Rezension ganz zu
Recht, zumal Megerlin bei aller berechtigten Kritik an früheren
Übersetzungen doch an der alten Grundüberzeugung eines „Lügen- und
Fabelbuchs“ festhält. Aber wenn man Megerlins langatmige Vorrede bis
zum Ende durchliest, stößt man auf die ganze unterwartete, geradezu
erstaunliche Bemerkung:
...man kann hie und dorten auch gute und unärgerliche Stellen
finden, die jedermann lesen darf, und zur Erbauung anwenden kann.
Es
blieb dem bedeutenden katholischen Theologen Johann Adam Möhler
(1796-1838) vorbehalten, die Eigenständigkeit des Kurans als
religiöser Urkunde und die ihm eigene Spiritualität zu erkennen.
Möhler wandte sich in einem Aufsatz, in dem er das Verhältnis von
Jesus zu Muhammed nach der koranischen Lehre behandelt, gegen die
weitverbreitete Auffassung, dass Muhammed nichts als ein Betrüger
und ein „falscher Prophet“ sei. Bei einer solchen Annahme, schriebt
Möhler:
...werde am unerklärlichsten... die Entstehung des Koran sein, in
welchem uns häufig eine ganz originelle Pietät, eine rührende
Andacht und eine ganz eigentümliche religiöse Poesie entgegentritt.
Dies kann unmöglich etwas Erkünsteltes und Erzwungenes sein, was
doch müsste angenommen werden, wenn wir in Muhammed einen bloßen
Betrüger finden wollten... Viele Millionen Menschen nähren und
pflegen aus dem Kuran ein achtungswertes religiöses sittliches Leben
und man glaube nicht, dass sie aus einer leeren Quelle schöpfen.
Obwohl
Möhler diese Gedanken schon 1830 veröffentlichte, blieben sie weit
über hundert Jahre unbeachtet. Erst das II. Vatikanische Konzil
behnte mit seiner Deklaration „Über das Verhältnis der Kirche zu den
nichtchristlichen Religionen“ (Nostra aetate) den Weg für ein
besseres Verstehen der Muslime. Zwar blieb Muhammed und der Kuran im
Text unerwähnt, aber die ausdrückliche erwähnte Aufforderung, „sich
aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen“, kann nichts
anderes bedeuten, als gerade auch den Kuran in dieses Bemühen
einzuschließen.
Denn dieses Buch ist nicht nur so
etwas wie die Gründungsurkunde des Islam, es ist zugleich das bis
heute unumstrittene Zentrum des Islam als Religion in all seiner
Vielfalt, und vor allem die nie versiegende Quelle der dem Islam
eigenen Spiritualität. Und der Kuran ist ein unverzichtbarer
Bestandteil nicht nur der arabischen Literatur, an deren Anfang er
steht und deren Sprache er zutiefst beeinflusst hat, sondern auch
der Weltliteratur. Muslime sprechen von der Unvergleichbarkeit, ja
der Unnachahmlichkeit, des Kurans, und es gibt keinen vernünftigen
Grund, diese Überzeugung nicht ernstzunehmen.
Daher kommt man dem Kuran nicht
näher, man verbaut sich sogar jeden Zugang, wenn man ihn mit fremden
Maße misst: Der Kuran ist nicht die Bibel der Muslime, sondern etwas
ganz Eigenes, Unverwechselbares.