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Eduard Imhof (1854-1924)
Eduard Imhof ( 1854-1924 ) Es war in den achtziger Jahren, als mein Vater Eduard Imhof seine bergsteigerische und alpinliterarische Tätigkeit begann. Die Zeit der grossen Pioniere des Alpinismus war in der Schweiz vorüber. Die höchsten und berühmtesten Berge waren erstiegen, die Lorbeeren ausgeteilt. Was zu tun übrigblieb, war im wesentlichen nur noch Kleinarbeit. Doch war diese in ihrer Gesamtheit nicht weniger bedeutungsvoll. Es galt, nun alle die unzähligen Gipfel zweiten und dritten Ranges aufzusuchen und bekanntzumachen. Es galt, die Wege zu ebnen für eine von Jahr zu Jahr anschwellende Schar von Bergsteigern. Kaum einer hat sich dieser Sisyphusaufgabe mit brennenderem Eifer hingegeben als mein Vater. Es war, in Verbindung mit der Neukartierung der Schweizer Alpen durch das Eidgenössische Topographische Büro, die Zeit der « Clubgebiete » des SAC.
Im Auftrage des Central-Comité bearbeitete er die « Itinerarien » für die Clubgebiete der Jahre 1890-1899, diejenigen für Rätikon, Plessurgebirge, Albulagruppe, Silvretta- und Ofenpassgruppe. Diese Bergsteigerbücher waren Vorläufer der heute so beliebten « Clubführer ». Mit dem letzten seiner Itinerarien, demjenigen für Silvretta- und Ofenpassgruppe, hatte er - abgesehen von den noch fehlenden Abbildungen - die Form der späteren « Clubführer » bereits vorgezeichnet. Als dann 1910 die Erstellung des « Bündnerführers » in die Wege geleitet wurde, stellte sich Imhof dem SAC wiederum zur Verfügung und übernahm die Bearbeitung der Rheinwaldhorngruppe. Damit brachte er eine alpinistische Rekognoszierungs- und Beschreibungsarbeit zum Abschluss, die als Freizeit-tätigkeit für einen einzelnen Mann einmalig sein dürfte. Imhofs Feder verdanken wir überdies eine reiche Fülle bergsteigerischer und geographischer Schilderungen in verschiedenen Zeitschriften. Von 1888 bis 1896 begegnet uns sein Name alljährlich in den « Jahrbüchern » des SAC. Die Zahl seiner Rekognoszierungsfahrten geht in die Hunderte. Auf manchem stolzen Gipfel Graubündens stand er als Erster, oder er fand neue Anstiege.
So mag es denn geboten sein, einiges aus dem Leben dieses Bergsteigers der Vergessenheit zu entreissen.
Geboren 1854, als Sohn eines trefflichen Berner Uhrmachers und einer nicht minder trefflichen Neuenburgerin, wuchs er in St. Immer und Bern auf. Bereits als Berner Stadtbub, von schwindelnden Höhen angelockt, tastete er sich auf dem Steingesims ausserhalb des Geländers der hundert Meter hohen Nydeckbrücke über das Aaretal, um dann am Ausstieg den Applaus des Bundesrates Schenk und unmittelbar darauf die wohlverdienten Prügel eines ehrenwerten Bernburgers in Empfang zu nehmen. Nicht weniger wertvoll aber war ihm die dicke silberne Sackuhr, die er später am Seminar Muristalden als Preis für gute Zeichnungen erbeutete und die ihm dann fünfzig Jahre lang bergauf und bergab stets den rechten Takt schlug. Nach der Seminarzeit amtete mein Vater als Dorfschulmeister in Adelboden. Ein Jahr darauf, im Frühjahr 1874, wurde er Hauslehrer der Familie Juvalta auf dem unvergleichlich schön gelegenen Schlosse Ortenstein im Domleschg. Im selben Jahre trat er der Sektion Rhätia des SAC bei. Durch Selbststudium erweiterte er sein Wissen so sehr, dass er 1875, im Alter von erst 21 Jahren, als Fachlehrer für Mathematik, Geographie, Methodik und Turnen nach Schiers an das dortige Seminar und Gymnasium berufen wurde.Von nun an entfaltete er eine unermüdliche alpinistische, literarische und pädagogische Tätigkeit. Er durchwanderte nicht nur alle Teile der Schweizer Alpen vom Fluchthorn im Nordosten bis zur Mont Blanc-Kette im Südwesten, er durchstreifte mit demselben Eifer auch das Mittelland und den Jura, die Ortler-, Adamello- und Bergamasker Alpen. Sein Freund und Biograph, der unvergessliche Andreas Ludwig in St. Gallen, schrieb von ihm: « Es dürfte kaum je ein zweiter Wanderer, so wie er, alle schweizerischen Landesteile nach allen möglichen Richtungen zu Fuss durchstreift haben ». ( « Alpina », 32. Jahrgang, 1924, S. 79-82. ) Sein Auge war empfänglich für die Schönheiten der Welt und sein Sinn aufgeschlossen für alle Wunder und Geheimnisse der Natur. Ein unstillbarer Forscherdrang beseelte diesen Wanderer. Es hielt ihn nicht, Berge zu sehen, ohne zu erfahren, wie es oben und auf ihrer Rückseite aussieht. Von vielen Wanderungen schleppte er Gesteinsproben nach Schiers, und um seine botanischen Kenntnisse hätte ihn mancher Fachmann beneiden können. Nicht minder aber interessierten ihn das Leben der Älpler, die Volkswirtschaft Graubündens, der Baustil des Berner Münsters und der « von Michelangelos Fresken verherrlichte Gang ».
Gesegnet mit frohem Gemüt und einer schönen Tenorstimme zog er gerne mit Freunden in die Berge. Im Jahre 1890 gründete er mit Gleichgesinnten die Subsektion Schesaplana der Sektion Rätia des SAC, die spätere Sektion Prätigau. Oft führte er seine Schierser Schüler auf die Schesaplana und in die Silvretta. Wenn es nicht anders zu machen war, scheute er aber auch das Allein- gehen im Gebirge nicht. Dem Alleingänger öffnen sich Auge und Seele. Der Alleingänger ist in höherem Masse aufmerksam und aufgeschlossen.
Mein Vater war der genügsamste Bergsteiger, der mir je begegnet ist. Ein Paar Reservesocken, ein zweites Hemd, ein Stück Käse, ein Laib Brot, zwei Päckli Stumpen, eine Schachtel Streichhölzer, eine Landkarte, dies war der Inhalt seines kleinen Rucksackes. Solch materieller Anspruchslosigkeit entsprach vollkommen ein Wesen, dem jeglicher Geltungsdrang fremd war.
Der Wissensdrang führte meinen Vater dazu, sich noch im vorgerückten Alter, als 43jähriger, dem akademischen Studium zuzuwenden. In den Jahren 1897 und 1898 studierte er an der Berner Universität bei dem bekannten Eiszeitforscher Eduard Brückner und erwarb sich den Doktorhut mit einer vielbeachteten Arbeit über die obere Waldgrenze in der Schweiz. In der Folge schrieb er für das « Geographische Lexikon der Schweiz » Hunderte von Artikeln, worunter die Abhandlungen über Graubünden und den Rhein. Die Erziehungsdirektion seines Heimatkantons Bern übertrug ihm die Bearbeitung einiger geographischer Lehrmittel für Sekundärschulen. Wiederholt auch äusserte er sich in Fachzeitschriften zu geographischen und pädagogischen Fragen.
Im Jahre 1902 zog Imhof mit seiner Familie nach Zürich, um dort bis kurz vor seinem Tode an der kantonalen landwirtschaftlichen Schule Strickhof als Lehrer zu wirken. In späteren Jahren wurde ihm die Bearbeitung eines « Rechenbuches für landwirtschaftliche Schulen » übertragen, ein Buch, das noch zu seinen Lebzeiten drei Auflagen erlebte.
In Zürich war er einer der Initianten zur Gründung der Seniorengruppe der Sektion Uto des SAC.
In den späteren Lebensjahren bedeuteten ihm Bergwanderungen wohl oft auch Flucht aus einem bitteren Alltag. Denn wahrlich, trotz aller beruflichen Erfolge war der Weg dieses Wanderers nicht leicht. Schwere, unheilbare Krankheit seiner Frau und des einen seiner sieben Kinder und damit seelische und finanzielle Not lasteten schwer auf seinen Schultern. Doch trug er seine Bürde als ein Christ und ein Weiser, er trug sie mit der Zähigkeit eines Berners bäuerlicher Herkunft, still und ohne je zu klagen.
Im Januar 1924 schrieb er sich anlässlich einer Sitzung der Sektion Uto als Teilnehmer einer Seniorentour ein. Es war seine letzte Unterschrift. In derselben Nacht hörten ein goldenes Herz und eine silberne Sackuhr für immer auf zu schlagen.
Ein Erinnerungszeichen an den Bergsteiger Imhof ist im Blatte Sulzfluh 1:25 000 der Landeskarte der Schweiz festgehalten. Mein Vater hatte im Sommer 1890 auf neuem Wege von der österreichischen Seite her die Drusenfluh bestiegen. Die Montafoner Bergführer nannten dann diese später oft begangene Aufstiegslinie den « Imhof-Weg » und ein Joch am Nordhange des Berges den « Imhof-Sattel ». Dieser Name wurde von den österreichischen Topographen übernommen und gelangte auf dem Umweg über Wien auch in unsere schweizerische Karte.
Ein Schierser Schüler und langjähriger Bergkamerad meines Vaters Ed. Imhof war ( der bereits genannte ) Andreas Ludwig, einstiger Schierser Bauernbub, später Lehrer in St. Gallen, erfolgreicher Molasse-Geologe und Besitzer der bestgelagerten Geröllhalde der Ostschweiz; denn sein Holzhäuschen auf der Anhöhe von Rotmonten war vom Keller bis unter das Dach mit Gesteinsproben angefüllt. Dieser Mann, später Doctor honoris causa der Zürcher Universität und Ehrenmitglied des SAC, schrieb ein schönes und kluges Buch über « Höhen und Tiefen in den Alpen ». Dieses Buch -es erschien 1908 in St. Gallen— mit den Berichten über manche mit seinem Freunde Imhof ausgeführte Bergfahrt im Rätikon, in der Silvretta, im Tödigebiet usw. bleibt schönstes Zeugnis besten Bergsteigertums zweier heute vergessener Pioniere des schweizerischen Alpinismus. Ed. Imhof, jun.