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Kein Hinterland
Hans Fässler hat aufgeschrieben, wie sich Schweizer an der neuzeitlichen Sklaverei seit deren Anfängen bereicherten
Von Ulrich van der Heyden
Der Band »Reise in Schwarz-Weiß. Ortstermine in Sachen Sklaverei« von Hans Fässler beeinflußt in zweierlei Hinsicht positiv die Forschung. Zum einen kann es als gewichtiger Beitrag zu den »postcolonial studies« angesehen werden, die insgesamt in jüngster Zeit große Fortschritte machen. In ihnen werden die Auswirkungen und Folgen von Kolonialismus auf bzw. in den Gesellschaften der ehemaligen kolonialen Mutterländer untersucht. Zum anderen zeigt die Untersuchung des engagierten Antiapartheidaktivisten und Kabarettisten aus St. Gallen in der Schweiz, wie stark das gemeinhin als friedliebend und neutral geltende Alpenland in Kolonialismus und Sklavenhandel verstrickt war. Fässler Band ist ein weitererer Beitrag zur rückhaltlosen Aufarbeitung der Schweizer Vergangenheit, die oft mit einem Glorienschein versehen wurde. Der wurde schon durch die Aufdeckung der Kollaboration der Berner Regierung mit Hitlerdeutschland sowie durch die Aufdeckung der Kumpanei mit dem Apartheidregime in Südafrika getrübt. Fässler liefert mit seinem Buch gerade linken Aktivisten ein weiteres Argument, warum die Geschichte der »neutralen Schweiz« doch nicht so »neutral« war.
Profiteure
Deutlich wird in dem flüssig geschriebenen und mit zahlreichen Illustrationen versehenen Band, daß es von Beginn des transatlantischen Sklavenhandels an Schweizer Engagement in ihm gab. So half ein Bürger der helvetischen Republik schon im Jahr 1652 maßgeblich, die schwedische Sklavenburg Cabo Corso, das heutige Cape Coast Castle, in Ghana zu errichten. Noch im selben Jahrhundert können Schweizer Sklavenhalter im Süden Afrikas sowie in der Karibik nachgewiesen werden. Schon bald kommen auch Schweizer Banken ins Spiel, die letztlich zu den größten Profiteuren des Sklavenhandels gehörten.
Bis zur Veröffentlichung des vorliegenden Buches glaubten vermutlich die meisten Schweizer Bürger, zumindest in der Deutschschweiz, daß der jahrhundertelange Menschenhandel der Vergangenheit allein ein Problem der »bekannten« Sklavenhändlernationen, wie Frankreich, Portugal, Spanien, Großbritannien oder der USA, gewesen sei. Jedenfalls erklärte der Vertreter der Schweiz bei der Menschenrechtskommision der UNO noch vor einigen Jahren als Antwort auf die Anfrage afrikanischer Vertreter nach Entschädigungen, daß die Schweiz »mit Sklaverei, Sklavenhandel und Kolonialismus nichts zu tun gehabt« habe. Das ist falsch. Es ist genau so irrig, wie die von deutschen Diplomaten zu Beginn der 1990er Jahre vertretene Ansicht, Deutschland sei niemals in den transnationalen Sklavenhandel verstrickt gewesen. Seinerzeit wurde das gerade zusammengeschlossene Deutschland gefragt, ob es sich bei der musealen Neugestaltung der »Sklaveninsel« Goreé finanziell beteiligen würde. Die Antwort war abschlägig. Man brauche und könne die Anti-Sklaverei-Gedenkstätte nicht mittragen.
Lebendige Geschichte
Die Geschichte der Schweizerischen Kaufleute, Bankiers, Finanziers, Siedler, Reisenden und Offiziere, die in den 19 Kapiteln des Buches geschildert wird, zeigt vor allem, daß der Slogan der antikapitalistischen Bewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts »There is no hinterland« schon für die atlantische Welt der Sklaverei des 18. und 19. Jahrhunderts galt.
Der Autor weist eingangs allerdings zu Recht darauf hin, daß nicht die Schweiz als Staat oder Nation in den transatlantischen Sklavenhandel impliziert war, sondern einzelne Bürger und Unternehmen aus eben diesem Lande, das offiziell nie Kolonien in Übersee besaß. Ebenso wichtig ist die Feststellung, daß in den letzten Jahren Projekte, welche Licht auf dieses Kapitel der Vergangenheit werfen, in der Schweiz finanzielle und ideelle Unterstützung, auch von offizieller Seite, erhalten haben.
Das Buch bietet eine lebendige Geschichte, eine Mischung von Porträts der Protagonisten des Sklavenhandels, mehr oder minder ausführliche Geschichten und durchaus von der Wissenschaft ernst zu nehmende Analysen zur Thematik. Insofern handelt es sich um ein Buch, das sich an ein großes Lesepublikum richtet und zugleich um ein bedeutendes Werk der wissenschaftlichen Standardliteratur zu den »postcolonial studies«.
* Hans Fässler: Reise in Schwarz-Weiß. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei, Rotpunktverlag Zürich 2005, 337 S., 22 Euro. ISBN: 3-85869-3003-0