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Ein guter Wärter ist das vorzüglichste Heilmittel...

Die Geschichte der Geisteskrankenpflege in den vierzig Jahren zwischen dem Entstehen moderner Heilanstalten am Ende des 19. Jahrhunderts und ihrer Pervertierung im Nationalsozialismus zeigt positive Entwicklungen, aber auch Sprünge und Rückschritte.
Als besondere Merkmale der Geisteskrankenpflege sind hervorzuheben:
(1) Die Korrespondenz der Lebens- bzw. Arbeitsbedingungen der Geisteskranken und ihres Pflegepersonals
(2) Die Arzt- und Konzeptabhängigkeit der Geisteskrankenpflege
(3) Die Sonderrolle gegenüber der Krankenpflege
1. Die sozialen Unterschiede zwischen Irren und Wartpersonal in der "alten" Anstalt waren gering. Beide Gruppen waren unmündig, die eine durch ihre Krankheit und die damit einhergehende Entmündigung, die andere durch Kost- und Logiszwang und jederzeitige Kündbarkeit. Die Isolation der Anstalt verband beide, Vertrauen und Gewalt lagen dicht beieinander. Im gesellschaftlichen Bewußtsein war es beinahe gleichgültig, ob man in der Anstalt als Kranker oder als Wärter war. In dem Maß, in dem sich das Ansehen der Heilanstalten nach der Jahrhundertwende besserte und die Behandlungsmethoden "moderner" wurden, verlor der Beruf des Irrenpflegers und der Irrenpflegerin sein Negativimage. Als sich in den Zwanziger Jahren die Geisteskrankenpflege zum Ausbildungsberuf mit Pensionsanspruch etablierte und der Krankenpflege annäherte, wurde auch die Behandlung der Kranken freizügiger. Ausweitung der Arbeitstherapie, Frühentlassungen und Offene Fürsorge sind einige Stichworte dieser Epoche.
Wirtschaftliche Krisen trafen beide Gruppen. Beispielsweise im Ersten Weltkrieg, als verwundete Soldaten Vorrang in Aufnahme und Verpflegung hatten, dabei aber weniger Pflegekräfte zur Verfügung standen, in noch größerem Maße am Ende der Weimarer Republik, als viele Reformen für das Pflegepersonal zurückgenommen wurden und die Geisteskranken zunehmend in Heilbare und Unheilbare aufgespalten wurden. Theoretisch schon in den Eugenikdiskussionen, praktisch mit dem Beginn des Nationalsozialismus, endete die Korrespondenz im Verhältnis der Pflegenden mit den Geisteskranken; erstere wurden zu Mittätern bei Zwangssterilisationen und Euthanasie, letztere wurden, wenn sie als "unheilbar"
galten, vom gesellschaftlichen Auftrag der Pflege ausgeschlossen und mißhandelt oder getötet.
2. Die Irrenärzte bildeten die Gruppe, die bis weit ins 20. Jahrhundert den größten Einfluß auf Arbeits- und Lebensbedingungen des Irrenpflegepersonals hatte. Zumindest ein Teil von ihnen trat jahrzehntelang für bessere Bezahlung, Pensionsberechtigung und Ausbildung der größten Beschäftigtengruppe in den Anstalten ein. Natürlich geschah dies auch im eigenen Interesse, waren doch die Wärterinnen und Wärter das "vorzüglichste Heilmittel, was der Arzt verschreiben könne" . Ärzte schrieben die Lehrbücher, unterrichteten das Irrenpflegepersonal und ein Arzt war Herausgeber der ersten Zeitschrift in diesem Bereich. Dieser "fortschrittliche" Teil der Ärzteschaft, der sich schließlich mehr und mehr durchsetzte, wollte ein beständiges, zuverlässiges Wartpersonal, das seine Anordnungen nicht nur mechanisch, sondern mitdenkend ausführen solle. Der andere Teil der Ärzteschaft versprach sich eine größere Machtstellung durch ein etwas "beschränktes" Pflegepersonal, wie es bisher charakteristisch für diese Berufsgruppe war, und befürchtete Aufmüpfigkeit und Kritik an der eigenen Arbeit durch zu viel Bildung. Solange die Geisteskrankenpflege kein Ausbildungsberuf war mit einem eigenen Berufsprofil, war die Arztabhängigkeit eine fast totale. Alle Anordnungen des Arztes mußten ausgeführt werden, z.B. Füttern oder Dauerbadbehandlung gegen den Willen der Patienten, auch wenn dieses mit großer Gewaltanwendung verbunden war.
Durch die stärkere Organisierung, eine geregelte Ausbildung und das wachsende Selbstbewußtsein der in der Geisteskrankenpflege Beschäftigten in den Zwanziger Jahren veränderte sich auch das Verhältnis zwischen pflegerischem und ärztlichen Personal. Das Charakteristikum des "Heilhilfsberufes" blieb , jedoch konnte auf Ausbildungsinhalte oder berufliche Qualifikation hingewiesen und pflegerisches Handeln dokumentiert werden. Auf Behandlungskonzepte hatten Pflegekräfte weiterhin keinen Einfluß. Abhängig vom Anstaltsdirektor und den von ihm favorisierten Therapieformen, wurden ihre Aufgaben unterschiedlich definiert.
In wirtschaftlichen Krisenzeiten gewannen wieder die Vertreter der Ärzteschaft die Oberhand, die große Einsparmöglichkeiten beim Pflegepersonal sahen. Streichung bzw. drastische Kürzung der Ausbildungsvergütung war die Folge und auch die ohnehin unter der allgemeinen Krankenpflege stehende Ausbildung wurde infrage gestellt. Für eine Psychiatrie, die sich mehr für die Verhütung von Geisteskrankheiten als für ihre Behandlung interessierte, war auch eine gute Ausbildung des Pflegepersonals nicht mehr verteidigungswürdig.
3. Irrenpflege und Krankenpflege haben unterschiedliche historische Wurzeln. Die Krankenpflege war bis ins 20. Jahrhundert dominiert von christlichen Ordensgemeinschaften. Daneben etablierte sich seit der Jahrhundertwende die freiberufliche weibliche Krankenpflege in der Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands, der zumeist bürgerliche Frauen angehörten.
Die in der Irrenpflege Beschäftigten kamen mehrheitlich aus niedrigen sozialen Schichten. sie wählten die Tätigkeit als Irrenwärter oder -wärterin oft als Durchgangsberuf; die Frauen, bis sie heirateten, die Männer, bis sie einen besser bezahlten Beruf fanden.
Mit der Entwicklung der Irrenpflege als Ausbildungsberuf fand eine gewisse Vermischung statt, die aber nicht die Mehrheit der Pflegekräfte betraf; so arbeiteten auch bürgerliche Frauen und Angehörige religiöser Orden und Diakonissenanstalten in der Irrenpflege, wie das Beispiel Aplerbeck in den Anfangsjahren zeigt.
Ein weiterer bedeutender Unterschied lag in der Geschlechterverteilung. Im Gegensatz zur Krankenpflege waren in der Irrenpflege immer ähnlich viele Männer und Frauen beschäftigt.
Dieses hatte Auswirkungen auf die gewerkschaftliche Organisierung, da männliche Beschäftigte sich traditionell stärker gewerkschaflich engagierten, als auch auf anstaltsinterne Auseinandersetzungen um Heiratsverbote, Logiszwang, Freiwilligkeit von Familienpflege etc.
Neben vielen gemeinsamen Interessen von männlichen und weiblichen Pflegekräften kam es auch zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen, wie die Konflikte wegen des Einsatzes von Pflegerinnen auf Männerstationen deutlich machen.
Sowohl der christlich orientierte Deutsche Verband der Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen als auch der sozialdemokratisch orientierte Staatsarbeiterverband (mit der Sektion Gesundheitswesen) waren von Beschäftigten aus der Krankenpflege und hier wiederum von männlichen Vertretern dominiert. Beide Organisationen traten für eine Angleichung von Kranken- und Irrenpflege ein mit einer vergleichbaren Ausbildung. Zu dieser Angleichung kam es nicht; stattdessen wurde die Irrenpflege weder in die 1907 verabschiedete gesetzliche Regelung noch in die 1921 empfohlene zweijährige Ausbildung in der Krankenpflege miteinbezogen. Der geringere Status zeigte sich in den Zwanziger Jahren bei der Besetzung der Leitungsstellen in den Heilanstalten, die fast ausschließlich Pflegekräften mit allgemeiner Krankenpflegeausbildung offenstanden. Während die Krankenpflege im Nationalsozialismus eine Aufwertung erfuhr, besonders in der Kriegskrankenpflege, sank das Image der Geisteskrankenpflege mit dem ihrer Pfleglinge.
Bis in die 60er Jahre behielt die Geisteskrankenpflege ihre Sonderrolle als "Stiefkind der Krankenpflege" , die sich sowohl in einem niedrigeren Sozialprestige als auch in einer minderqualifizierenden Ausbildung niederschlug.
Art: Dissertation
Erstellungszeitraum: 31.12.1998 bis 20.09.2009
Seitenanzahl: 117
Autor/en
Falkenstein, Dorothe
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Projektleiter
Schröck, Ruth
Sprache
Deutsch
Schlüsselwörter
FAMILIENPFLEGE, GESCHICHTE, IRRENPFLEGE, KRIEGSKRANKENPFLEGE, MÄNNERSTATION, PFLEGEFORSCHUNG, HISTORISCHE, PSYCHIATRIE, WÄRTERFRAGE, ZWANG
Literatur:
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Blasius, Dirk: "Einfache Seelenstörung", Geschichte der deutschen Psychiatrie 1800-1945, Ffm 1994
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Dörner, Klaus: Bürger und Irre, Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie, Ffm 1984
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