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EINLEITUNG
In meiner fotografischen Arbeit habe ich die Jagd als Thema gewählt, um diese zu dokumentieren. Dabei beschäftigte ich mich nicht nur mit der Jagd als Thema selbst, sondern ich fragte mich auch, warum dieses Thema eine starke Faszination auf mich ausübt. Ich stellte mir vor, wie es wohl sei, selbst auf die Jagd zu gehen. Wie es sei, mit dem Gewehr durch die Natur zu pirschen und einem Wildtier auf der Lauer zu sein. Zu wissen, wo sich die Wildtiere in der Natur befinden, um wie ein Raubtier sich ihnen anzunähern und zu töten, damit man in der Wildnis leben kann. Zudem erzählte mir einmal ein Bekannter, dass man in einem bestimmten Gebiet in Norwegen schon als Kind fischen und jagen lernt. Da ich selbst eine halbe Norwegerin bin, aber in der Schweiz aufwuchs, regte dieser kulturelle Unterschied in meinem Kopf Bilder an von Menschen, fernab der Zivilisation, mit einer ursprünglichen, aber nicht mehr üblichen Lebensweise. Diese Vorstellung von einem ursprünglichen Leben wurde noch bestärkt, als ich während meinen Recherchen auf die Inuit-Indianer gestossen bin, die als Polarjäger in Kanada und Grönland unterwegs sind, sowie die Tschuktschen, die im Nordosten Sibiriens in der Tundra leben. Beide indigenen Völker leben in einer unwirklichen Eislandschaft und sind Rentier-Nomaden oder aktive Jäger von Seerobben, die sie zum Leben brauchen.
Ich war mir bewusst, dass diese Vorstellung von der Jagd in einer ursprünglichen und unberührten Natur etwas romantisch angehaucht ist, aber ganz speziell merkte ich dies, nachdem ich die vielen Regeln und Bestimmungen in den Jagdbetriebsvorschriften 2014 des Kantons Graubünden gelesen habe. Ich realisierte, dass die Jagd in der Schweiz wohl nicht sehr viel gemeinsam mit dieser Vorstellung zu tun hat.
Und dennoch schien mir diese Sache mit der Suche nach einer unberührten Natur und einer ursprünglichen Welt eine gewisse Rolle zu spielen. Was dies genau ist, wollte ich herausfinden. Ich stellte mir die Fragen, woher diese Vorstellung bzw. dieses Bild einer unberührten Natur kommt, ob es realistisch ist und warum es dieses Bedürfnis nach einer Ursprünglichkeit der Natur gibt.
Ich möchte nun im folgenden Text dieses Naturbild von einer Ursprünglichkeit und Unberührtheit hinterfragen, indem ich zuerst über meine eigenen Erfahrungen und Gedanken von der Jagd berichte, danach die historische Entwicklung aufzeige und auf die Gegenwart beziehe, um damit aufzuzeigen, dass es keine unberührte und ursprüngliche Natur im eigentlichen Sinn mehr gibt, da das Verständnis von einer unberührten Natur stark mit dem Tourismus verknüpft ist sowie mit dem Natur-, Landschafts- und Tierschutz, was die Kontroverse über die Jagd noch zusätzlich anheizt.
ANSITZJAGD IN DEN BERGEN VON BERGÜN
Bei der Ansitzjagd wartet der Jäger über eine längere Zeit im Verborgenen. Zum Beispiel an günstigen Stellen, wo das Wild frisst oder in Erscheinung tritt. Dies meist am Morgen, Abend oder auch in der Nacht. «Man kann das Wild sowohl am Boden (Bodensitz) als auch in erhöhter Position (Hochsitz) erwarten.»
Die erste Jagd, bei der ich dabei war, fand bei der Alp Plazbi in der Gemeinde Bergün (GR) auf 2069 m über Meer statt. Das nächste Dorf heisst Chants und ist am Ende des Val Tours. Man kann die Alp, die sich direkt am Bergbach befindet, vom Dorf aus in gut einer Stunde auf dem Wanderweg erreichen. Die Alp und das Val Plazbi liegen im Kesch-Ducan-Gebiet, das ein Teil des Parc Ela und zurzeit der grösste Naturpark der Schweiz ist. Zudem ist es im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) eingetragen.
Der Park «liegt in einer vielseitigen Landschaft um die Alpenpässe Albula, Julier und Septimer und bietet ursprüngliche Natur, intakte romanische Dörfer und eine gelebte Kultur in den drei Sprachen Romanisch, Italienisch und Deutsch. Die Gemeinden arbeiten gemeinsam daran, die regionale Wirtschaft zu stärken, die Natur und Landschaft zu schützen und das kulturelle Erbe zu bewahren.» Obwohl es ein Naturpark ist, darf gejagt werden, ausser in den spezifizierten Wildschutzgebieten wie im Val Tuors. Ausserdem gibt es in diesem Tal auch grossräumige Kleinvieh-, Jungvieh- und Grossviehweiden.
Gejagt wird im Graubünden relativ kurz, aber intensiv, in mehreren kleinen, aber unabhängigen Jagdgruppen. Das heisst, dass die Jäger während der Jagdzeit zusammen in einer Hütte im Jagdgebiet leben und keine Fahrzeuge benutzen dürfen. Wie bereits erwähnt, konnte ich mit einer kleinen Jagdgruppe während gut drei Tagen zusammenleben und sie während dieser Zeit auch bei der Jagd begleiten. Dies bedeutete, dass ich viel unterwegs zu den Ansitzstellen war und dort für eine längere Zeit wartete und einige Natur- und Tierbeobachtungen machte. Wir waren viel draussen, und dies sowohl bei gutem als auch bei schlechterem Wetter. Geschossen wurde während den drei Tagen eher wenig, und die Jägergruppe war dann auch nicht so beutereich. Dies machte jedoch nichts, denn das ganze Jagderlebnis und das Hüttenleben in der Abgeschiedenheit hinterliessen doch vielfältige Impressionen.
TREIBJAGD IN DEN WÄLDERN VON SCHAFFHAUSEN
Die Treibjagd ist eine Bewegungsjagd, bei der ein «von Jägern umstelltes Gebiet mit Hilfe von Treibern und laut jagenden Hunden zwecks Hochmachen des Wildes» bejagt wird. Das heisst, man versucht das Wild dazu zu bringen, seine Deckung zu verlassen. Die Schützen sind im Wald an verschiedenen Stellen verteilt und dürfen diese Position nicht verlassen. «Die Durchführung grösserer Bewegungsjagden stellt eine organisatorische Herausforderung dar und ist deshalb genau zu planen.»
Die zweite Jagd, bei der ich zu Gast war, war so eine Treibjagd. In den dichten Wäldern bei Lankholz in der Nähe von Hemmental im Kanton Schaffhausen auf ca. 760 m über Meer. In einer leicht hügeligen Landschaft mit einem grossflächigen Laub- und Nadelmischwald, der im regionalen Naturpark Schaffhausen liegt.
Bei dieser Treibjagd wurden mehrere Jäger und Treiber von befreundeten Jagdvereinen eingeladen, um sich bei der Jagd zu beteiligen und um zu helfen, die geforderten Abschussquote zu erfüllen, aber auch, um ein grösseres Gebiet bejagen zu können. Kurz, es war fast schon ein gesellschaftlicher Anlass mit gut ein paar Dutzend Leuten.
Als ich um 8 Uhr bei der Jagdhütte, die ca. 500 m vom Waldrand entfernt war, ankam, war kurz zuvor die Sonne aufgegangen. Beim nahen Grillplatz brannte ein grosses Feuer, an dem sich ein paar Jäger wärmten. Nach und nach füllte sich der Platz mit Jägern, deren Hunden, Treibern und auch anderen Personen, die orangeleuchtende Kleider oder Warnwesten trugen. Es herrschte reger Betrieb. Dann teilte man die Anwesenden in zwei Gruppen auf. Auf der einen Seite standen die Jäger im Halbkreis mit ihren Jagdhörnern in der Hand. Auf der anderen Seite waren die Treiber und Gäste. Nun wurde die Stimmung etwas andächtig, als die Jäger in ihre Hörner zu blasen begannen und damit alle Anwesenden zu Jagd begrüssten. Dann folgte eine kurze Ansprache mit Tagesablauf, Anweisungen zur Sicherheit und Einteilung in Gruppen. Danach ging es los, und ich folgte den mir zugeteilten Jägern und wurde noch kurz über das Wichtigste informiert. Nach einer kurzen Autofahrt kamen wir am markierten Posten im Jagdgebiet an. Den Jagdhocker aufklappen, in den Boden rammen, hinsetzen, warten und aufmerksam horchen. Ich hörte Waldgeräusche, den Wind, die Treiber, die in der Ferne Laute von sich gaben. Dann, nach einer längeren Zeit warten, hörte ich Geräusche in der Nähe. Etwas bewegte sich irgendwo in den Blättern am Waldrand. Ich bemerkte eine Gruppe Rehe im Wald, die vor den Treibern flohen. Zu weit weg, flüsterte mir der Jäger zu. Etwas später trat ein einzelnes Reh aus dem Wald in die offene Wiese. Wartete kurz und überquerte diese mit wenigen Sprüngen. Auch hier war keine gute Gelegenheit zum Schiessen. Ich merkte langsam, wie der Wald in Bewegung geriet. Es war ein seltsames Gefühl. Die Zeit schien stillzustehen, und dennoch geschah irgendwie viel. Nach gut zwei Stunden ertönten nacheinander die verschiedenen Signalhörner der einzelnen Jäger bei ihren Standorten. Die Jagd war zu Ende. Jedenfalls für den Moment, und wir machten uns auf den Rückweg zur Jagdhütte, denn es war bald Mittag. Auf der Rückseite der Jagdhütte stand ein Holzgerüst, auf dem schon ein paar erbeutete Tiere hingen. Weitere Jäger kamen zurück, denen das Jagdglück hold war. Die Tiere wurden abgeladen und gleich von einem erfahrenen Jäger und Metzger ausgenommen. Aufbrechen nennt man dies, und danach wurden sie neben den anderen erlegten Tieren aufgehängt. Mittagspause. Am Nachmittag war nochmals eine kürzere Jagd angesagt. Diesmal war ich mit den Treibern zusammen, um ein Gebiet zu durchkämmen. Es war im Grunde wie bei einem Waldspaziergang. Der Triebführer war beim Waldweg und die restlichen Treiber liefen möglichst in einer Linie und mit gleichmässigem Abstand durch den Wald. Die Hunde bellten laut und rannten herum, wenn sie eine Spur vom Wild aufnahmen. Am Wegrand sah ich manchmal die einzelnen Jäger geduldig warten, in der Hoffnung, dass bald ein Tier auftaucht. Ab und zu hörte ich etwas rascheln im Wald oder einen Schuss in der Ferne. Nach gut einer Stunde war das Treiben vorbei. Einige Treiber und Jäger trafen sich auf dem Waldweg und liefen gemeinsam zur Jagdhütte zurück. Die letzten Tiere wurden aufgebrochen, und dann wurde die gesamte Jagdbeute des Tages als Strecke auf Tannenzweigen am Boden ausgelegt. Alle Beteiligten versammelten sich noch ein Mal. Jedes Tier bekam seinen letzten Bissen und wurde mit einem eigenen Jagdsignal mit dem Jagdhorn geehrt. Der Jagdtag war zu Ende, nachdem das Halali verblasen wurde.
ZUSÄTZLICHES ZU DEN ERLEBTEN JAGDTAGEN
Dass die Jagd sehr unterschiedlich ablaufen kann, habe ich bei meinen beiden Jagdbesuchen miterlebt. Es gibt zwei verschiedene Jagdsysteme in der Schweiz: die Patentjagd und die Revierjagd. Neben den verschiedenen Jagdmethoden wie Pirsch, Ansitz und Bewegungsjagd gibt es noch Spezialformen der Jagd, wie zum Beispiel die geschilderte Triebjagd. Alle diese Jagdmethoden sind sehr unterschiedlich, und es würde wohl länger dauern, bis man alle richtig gut kennt. Zudem ist Wissen und Erfahrung über die Wildtierbiologie und Wildtierökologie eine grundlegende Voraussetzung, um bei der Jagd erfolgreich dabei zu sein. Man muss das Wildtier nach Art, Geschlecht, Alter, sozialer Klasse und Gesundheitszustand genau bestimmen können.
Als Jäger ist man viel draussen in der Natur. Und das nicht nur während der Jagdzeit, sondern auch bei der Pflege der Lebensräume der Wildtiere, beim Bestanderfassen, beim Instandhalten von Wanderwegen und ganz allgemein bei der Naturbeobachtung im Jagdgebiet während des ganzen Jahres.
Während der beiden Jagden waren der soziale Gedanke und die Geselligkeit der Jäger stark vorhanden. Aber da war auch das Alleinsein beim Warten und Beobachten in der Natur. Eine interessante Erkenntnis war, dass eben über längere Zeit nicht sonderlich viel geschieht. Man kann zwar einiges beobachten wie die Bäume, die Wälder, die Blumen in den Wiesen. Wenn man in den Bergen ist, sieht man die Kühe auf der Weide, die Murmeltiere und die weit oben in der Höhe grasenden Gämsen und Steinböcke. Man merkt, dass es nicht wie im Zoo oder im Tierpark ist, in denen einem alles schön präsentiert wird. Einfach, weil es genügend Geduld und Zeit braucht, damit man etwas beobachten kann.
Und dennoch: «Ziel und Aufgabe der Jagd besteht darin, gesunde, den örtlichen Verhältnissen angepasste und natürlich strukturierte Wildbestände zu erhalten. Zu hohe Bestände übernutzen nämlich den angestammten Lebensraum. Ein Überhang an weiblichem und jungem Wild führt zu grossen Wildansammlungen, zu hohen Fallwildverlusten und erhöht die Wildschäden.» Darum dürfen und müssen zu hohe Bestände geschossen und können genutzt werden. Auch wenn es etwas abschreckend klingt, heisst dies, dass ein Jäger eben nicht nur Wildtiere beobachtet und Landschaftspflege macht, sondern auch die Wildtiere aus einem bestimmten Grund schiesst. Dass nun eventuell einige Tierschützer, Veganer oder Vegetarier einen Konflikt damit haben, scheint wohl den meisten einzuleuchten.
Eine Frage scheint jedoch berechtigt zu sein: Ob ein Tier, das in der freien Natur gelebt und sein Futter selbst gesucht hat, vielleicht ökologischer und artgerechter ist, als es bei der üblichen Mast-Tierhaltung der Fall ist. Zudem fragt man sich auch, wie viel ökologisches Bewusstsein noch vorhanden ist, wenn für den Fleischkonsum einfach ein pfannenfertiges Schnitzel aus einer Vakuumpackung befreit werden muss.
Naturschutz, Waldschutz, Tierschutz sowie andere Interessenvertreter aus Landwirtschaft usw. machen es gewiss nicht einfacher, über die Jagd zu diskutieren. Aber je länger ich mich damit beschäftige, umso interessanter finde ich es zu versuchen, die Zusammenhänge in einem Ökosystem zu verstehen.
DIE ENTWICKLUNG EINES NATURVERSTÄNDNISSES
Die Einstellung zur Natur war für lange Zeit auf ihren Nutzen und somit auf die aufzufindenden Ressourcen fokussiert. Erze wurden in den Bergen abgebaut, Wälder gerodet, Moore trockengelegt und für den Ackerbau nutzbar gemacht. Bis ins 18. Jahrhundert verstand man Natur als etwas Rohes und Unzivilisiertes, das vom Menschen beherrscht, gezähmt und kultiviert werden musste, damit es als schön galt. Und so verstand man die «unberührte» Natur eher als etwas Bedrohliches und Furchtbares. Diese Natur hatte auch keinerlei ästhetischen Wert für Künstler oder Schriftsteller. Selbst die noch jungen Forschungsgebiete der Naturwissenschaft und Naturforschung änderten dies nicht. Erst allmählich erwachte ein neues Gefühl für ein Naturerlebnis, das sich bis zur Romantik etabliert hatte. Dies zeigte sich auch in dieser Zeit in den Parkanlagen der Herrscherhäuser in Europa.
Die wachsende Bevölkerung und eine fortschreitende Industrialisierung führten zu einem wachsenden Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen und Energie, was sich direkt auf die Wälder auswirkte. Die Rodungen von ganzen Wäldern wirkte sich auch negativ auf viele wild lebende Tiere aus. Obwohl es Anfang 19. Jahrhundert schon einige Natur- und Landschaftsschilderungen gab, fehlte der Bezug zu wild lebenden Tieren und deren Schutz noch gänzlich. Erst als das erste Schweizer Waldgesetz 1876 und ein Jahr zuvor das erste eidgenössische Jagdgesetz in Kraft trat, in denen die Nachhaltigkeit im Vordergrund stand, wurde für einen zukünftigen Naturschutz eine Basis gelegt. Das Bewusstsein, dass natürliche Ressourcen nicht unendlich vorhanden sind und verschwinden können, setzte sich durch und somit auch der Wunsch, diese zu schützen. Einige dieser Bestrebungen gingen mit dem Grundgedanken des Heimatschutzes zusammen.
Die meisten Pioniere des Alpinismus waren Naturforscher, Kartographen und Kletterer. Mit dem Bau von Alpen- und Bergbahnen wurde die Zeit des Tourismus eingeläutet. Durch die wachsende Industrialisierung in Städten des schweizerischen Mittellandes wuchs auch das Bedürfnis, in der Freizeit in «abseits gelegenen Villen oder in die Berghotels und SAC-Hütten» oder auch «in Naturfreundehäusern» zu verweilen. Dieses Interesse am Naturerlebnis wurde auch für die Tierwelt geweckt, und so wurden vielerorts zoologische Gärten, Anlagen von Wildgehegen und Wildparks erstellt.
1914 ging man noch einen Schritt weiter mit der Errichtung eines nationalen Schutzgebietes, dem Schweizerischen Nationalpark. In diesem Reservat wurde von nun an «die Tier- und Pflanzenwelt vor jedem menschlichen Einfluss geschützt» und sollte auch «der wissenschaftliche Forschung offenstehen». Dieses wissenschaftliche Begleiten des Nationalparks war elementar, den «der Kerngedanke, den die Parkgründer mit dem Schutzgebiet verfolgten, war nicht etwa, Natur in ihrer «ursprünglichen» Form zu bewahren, sondern der modernen Zivilisation eine solche Natur wiederzugeben und den hier erforderlichen Herstellungsprozess wissenschaftlich zu begleiten und auszuwerten.» Es galt demnach, eine Art alpine Ur-Natur, eine Wildnis zu erschaffen, zu erhalten und zu schützen vor jeglichem menschlichen Eindringen.
Das Bedürfnis nach einer intakten und unberührten Natur ist heute immer noch vorhanden und wird als Argument in den Vordergrund gestellt, um eine Region zu besuchen. Wenn man einen Reiseführer in die Hand nimmt, so wird neben Kultur auch die Natur als Sehenswürdigkeit mit vollem Pathos angepriesen. So auch zum Beispiel über den Schweizerischen Nationalpark. «Die Natur soll sich hier so entwickeln, wie sie es tut, wenn der Mensch in keiner Weise in das Geschehen eingreift. Sonne und Regen, Hitze und Kälte, Schnee und Sturm formen und beeinflussen hier die Natur. Dadurch entstanden in nun fast hundert Jahren hochinteressante, eigentümliche, urtümlich anmutende Landschaften mit einer besonders reichen Pflanzen- und Tierwelt. Sie zeichnen sich aus durch eine herbe, ungewöhnliche Schönheit, die den Besucher mit einer Ahnung von Freiheit, einer Ahnung von Ewigkeit erfüllt. Oft stellt sich Ergriffenheit ein auf den Wanderungen durch die stillen Gebiete des Parks und eine unbestimmte Sehnsucht nach einem anspruchslosen Leben in der Zusammengehörigkeit mit der Natur.» Doch der Schein trügt, denn so unberührt ist die Natur auch im Nationalpark nicht. Die Nutzung der Wasserkraft zum Beispiel beim Spölkraftwerk, das 1960−70 gebaut wurde, stellt der grösste Eingriff des Menschen dar. Zudem gab es noch insgesamt 25 weitere Eingriffe an Bauten, Einrichtungen, Strassen, Wege oder Brücken, die sich im Park befinden. Eine Intervention durch Menschen ist somit möglich, wenn beispielsweise Ereignisse zu Schäden an Verkehrseinrichtungen oder Gebäuden führen. Auch die Nutzung des Parks durch Wanderungen von Touristen und Erforschung durch Wissenschaftler hat sicher auch einen gewissen Einfluss auf die Natur.
SCHLUSSWORT
Nun möchte ich auf meine Grundfrage zurückkommen und erläutern, was man konkret unter dem Begriff unberührter Natur verstehen kann. Ohne Zweifel wurde in der Romantik die Idee einer wilden und ungezähmten Natur populär, indem die Naturlandschaften mit Gefühlen wie der Sehnsucht in Verbindung gebracht wurden. Somit wurde der Blick frei auf eine nicht mehr idealisierte Natur, in der man sich auch mit der bis anhin furchtbaren Seiten der Natur auseinandersetzte. Aber auch die zunehmende Industrialisierung und somit die intensive Nutzung von natürlichen Ressourcen brachte die Erkenntnis, dass Natur und Landschaften sich stark verändert haben und ihre Ursprünglichkeit verschwinden könnte. Nun muss man sich jedoch fragen, ob so eine Ursprünglichkeit der Natur überhaupt realistisch ist. Welche Ursprünglichkeit meint man hier genau? Diejenige vor 100, vor 1000 oder vor 10’000 Jahren? Diese Vorstellung leugnet auch, dass Natur und Landschaften sich selbst verändern und weiterentwickeln. Zudem ist eine vom Menschen unberührte Natur aus historischer Sicht recht schwierig auszumachen, wenn man bedenkt, dass in der Menschheitsgeschichte immer irgendwie Einfluss auf die Natur genommen wurde − sei es aktiv oder einfach durch die Präsenz des Menschen selbst. Somit kann man sagen, dass es sich eher um eine idealisierte Vorstellung einer unberührten Natur handelt. Das Bedürfnis nach einer ursprünglichen Natur hängt auch mit einer stark veränderten Umwelt zusammen, die seit der Industrialisierung voranschreitet. Es geht also nicht nur darum, dass etwas verloren oder verschwinden könnte, sondern auch darum zu wissen, woher etwas kommt. Also eine Art Orientierung, auf die man sich besinnen kann. In Bezug auf die Natur bedeutet dies, dass der Mensch im Grunde zwar unabhängig von der Natur leben kann, aber auch eine Furcht besteht, den Kontakt zu ihr ganz zu verlieren. Dies gilt speziell dann, wenn man bedenkt, dass der Mensch ein aus der Natur stammendes Lebewesen ist.
DIE PRAKTISCHE ARBEIT
Der Ausgangspunkt für meine Abschlussarbeit war, als ich mich Anfang August 2015 entschieden habe, eine Fotoreportage oder Fotodokumentation über die Jagd zu machen. Eine Auswahl von Fotografien sollte ausgedruckt und ausgestellt werden. Dieses Thema interessierte mich schon länger. Ursprünglich wollte ich auch die Jagd in anderen Ländern dokumentieren, damit man diese vergleichen konnte. Mein Ziel war, möglichst neutral und ohne Vorurteile dem Thema zu begegnen und dann zu sehen, was sich daraus entwickelt. Da ich aber keine Jäger kannte, war es wichtig, ein paar Kontakte aufzubauen. Dies war auch eine der schwierigsten Aufgaben, weil nicht viele mitmachen wollten oder später absagten und ihre Bedenken äusserten. Mir war klar: Wenn es keine Jäger gibt, die ich bei der Jagd begleiten kann, gibt es auch keine Reportage darüber. Glücklicherweise bekam ich dennoch zwei Zusagen. Eine im September und eine im Dezember.
Beim ersten Jagdbesuch war ich noch etwas aufgeregt, da ich den Ablauf nicht kannte. Ich konzentrierte mich einerseits auf das, was geschieht, aber ich merkte bald, dass ich immer wieder Dinge fotografierte, die ich «auch noch interessant» fand. Ich versuchte mich dennoch, stark zurückzuhalten. So jedenfalls mein Vorsatz. Mir war aber auch wichtig, eine gewisse Bandbreite an Bildern zu haben, da ich noch nicht wusste, worauf ich den Fokus legen wollte.
Beim zweiten Jagdbesuch wusste ich ungefähr, was mich erwartete, und ich versuchte mich primär auf das, was geschah zu konzentrieren und dies in einer Direktheit einzufangen. Die Schwierigkeit bei dieser Jagd war, dass sehr viele Leute im Geschehen dabei waren und somit es komplizierter war, bei ein paar Leuten zu bleiben, um eine Nähe aufzubauen.
Ich wusste schon von Anfang an, dass die eigentliche Arbeit bei der Auswahl der Fotografien beginnt. Damit ich weniger von dem, was ich bei den Jagden erlebt habe, beeinflusst wurde und mich mehr auf die Bilder konzentrieren konnte, liess ich mir gut einen Monat Zeit, bevor ich diese zu betrachten begann. Eine erste Auswahl traf ich im Lightroom, damit ich diese später als Blattkopie ausdrucken konnte. Mit den kleinen Bildern begann nun der lange Prozess, eine Reihenfolge für die Ausstellung zu finden. Dieser Prozess ist im Moment noch nicht 100 Prozent abgeschlossen und wird wohl bis zum Tag der Ausstellung dauern und somit mehr oder minder in der Schwebe bleiben.
Während diesem Ordnungsprozess machte meine Mentorin mich darauf aufmerksam, dass ich öfter Bilder habe, die sich von der Reportagefotografie unterscheiden und eher eine subtile oder auch eine konzeptionelle Bildsprache aufweisen. Dieser Aspekt war für mich eine Überraschung, da dies wohl eher intuitiv geschehen ist.
QUELLENVERZEICHNIS
Bücher:
Stefan Barandun, Katharina Hess, Paul Emanuel Müller: Gemütliches Wandern in Graubünden – Zeit zum Staunen und Verweilen. Glarus 2011.
Hansjakob Baumgartner, Sandra Gloor, Jean-Marc Weber: Der Wolf – Ein Raubtier in Unserer Nähe. Bern 2011
Martin Baumann, Josef Muggli, Dominik Thiel, Conny Thiel-Egenter: Jagen in der Schweiz – Auf dem Weg zur Jagdprüfung. Bern 2014
Karin Breyer: Moorlandschaften der Schweiz – 89 schönste Naturgebiete von nationaler Bedeutung. Basel 2010
Patrick Kupper: Wildnis Schaffen: Eine Transnationale Geschichte Des Schweizerischen Nationalparks. Vol. Nr. 97. Bern 2012
Karl Lüönd (Hrsg.): Dem Jäger auf der Spur: 125 Jahre und eine Zukunft für JagdSchweiz. Bern 2007
Ulrike Wiebrecht: Brandenburg. Ostfildern 2010
Gottfried Zirnstein: Ökologie und Umwelt in der Geschichte, Marburg 1996
Zeitungen und Zeitschriften:
Katalin Vereb: Halali! Auf der Jagd, Coopzeitung Nr.38, 15.09.2015
Filme:
Carmen Butta: Arktis – Ein Junge wird Jäger, Deutschland 2013
Juri Rescheto: Kinder der Tundra – Überleben im Eis, WDR 2012
Wildschutzgebiete im Kanton Graubünden: http://map.geo.gr.ch/gr_webmaps/wsgi/theme/Wildschutzgebiete
Jagdbetriebsvorschriften 2014 des Kanton Graubünden: https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/bvfd/ajf/Gesetztesdokumente/JBV%202014-Jagdbetriebsvorschriften.pdf