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4/2017 Vorbilder
FOKUS.THEMA
Konstruktive Schönheit
«Löse die Aufgabe dem Zweck entsprechend, wähle die Konstruktion, die ihn am besten in dem vorgegebenen Material verwirklicht, und die Schönheit wird sich von selbst einstellen.» So definierte Architekturhistoriker Julius Posener 1964 funktionale Architektur. Dieser Aufforderung scheinen auch die Architekten des Werkhofs in Loveresse gefolgt zu sein.
Text Helen Oertli | Bilder Nils Sandmeier, Rasmus Norlander
Von oben im Dorf ist der Werkhof gut sichtbar. In der Talsohle, dort, wo die Trame in die Birs mündet, zwischen Kuhweiden und traditionellen Bauernhäusern, liegt der Bau, trotz seiner schieren Grösse von 150 Metern Länge und 32 Metern Breite, eingebettet in der jurassischen Landschaft. Sechs kantonale Stützpunkte, die bisher im Berner Jura verteilt waren, ersetzt der neue Werkhof. Lagerhalle, Wasch- und Einstellhalle für den Fuhrpark, Mechanikwerkstatt, eine Schlosserei, ein Salzlager, Verwaltungsräume und eine Cafeteria sind in der Anlage in Love-resse untergebracht. Noch ist das Salzlager bis oben gefüllt und die Schneepflüge stehen im Lager. Im Herbst werden die Leitplanken entlang der Autobahn repariert, Abfälle vom Strassenrand gesammelt und Stauden gestutzt. Die 35 Mitarbeitenden unterhalten das umliegende Kantonsstrassennetz und die kürzlich fertiggestellte Autobahn A16 Süd.
DER BAU: DEM ZWECK ENTSPRECHEND
Sämtliche Nutzungen sind in der langen, linear aufgereihten Halle unter einem Dach vereint. Den Eingang markieren zwei hohe Silotürme auf dem Vorplatz. Der breite Platz verjüngt sich nach hinten zu einer Umfahrt um das gesamte Gebäude. Die Werkstrasse führt entlang der Nordostfassade an der Fahrzeughalle und den Werkstätten vorbei und an der südwestlichen Fassade an den Büros, Sitzungsräumen und Lagern. Nach Südosten liegen die frostsicheren Hallen, nach Nordwesten sind die beheizten Räume für Büros und Werkstätten zusammengefasst. Ein quer durch das Gebäude verlaufender Durchgang im Erdgeschoss trennt die beiden Bereiche und dient gleichzeitig als Zugang. Über dem Durchgang befindet sich die Cafeteria, das Herzstück der Anlage. Von dort blickt man durch Kastenfenster ins Werkhofinnere oder nach draussen auf die Hügelkette des Moron.
DAS MATERIAL: HOLZ AUS DER SCHWEIZ
Bauen mit Holz wurde von der Bauträgerschaft, dem Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern (AGG), vorgegeben. Der Kanton Bern ist einer der grössten Waldbesitzer und fördert den Einsatz von Holz bei kantonalen Bauprojekten. Dabei wird Holz ausschliesslich aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern eingesetzt. Bis auf das Plattenmaterial stammt das gesamte verbaute Holz - 1235 Kubikmeter - aus Schweizer Wald. Eine gigantische Masse, die erst einmal verarbeitet werden muss. Auch für PM Mangold Holzbau, den ausführenden Holzbauer, war eine solche Materialmenge ein Novum. "Das Volumen war herausfordernd, weil wir 'just in time' produzierten und auf die Baustelle lieferten. Kein Lager hätte diese Mengen fassen können", berichtet der Projektleiter Michael Rapold. Die verschiedenen Lieferungen mussten laufend aufeinander abgestimmt werden. Verspätete sich ein Lastwagen, wurde neu geplant und die weiteren Abläufe mussten angepasst werden. Unkompliziert war hingegen die Produktion und das Aufrichten. Die vielen gleichen Teile - wie zum Beispiel die 165 identischen Sparren mit Gerberstoss für das Dach - liessen sich effizient produzieren und montieren.
SYSTEMATISCH KONSTRUIERT
Die Idee der Architekten war, mit einem durchgehenden System die Anforderungen an die grossräumigen Hallen genauso wie für die kleinteiligen Büros zu lösen. Claudia Meier und Markus Bachmann, Gründer des Architekturbüros MBAA, entwarfen von diesem Gedanken ausgehend eine einfache, wirksame und sich wiederholende Struktur. Drei Stützenreihen mit Pfettenträgern, die die Längsachsen kennzeichnen, bilden das primäre Tragsystem. Senkrecht dazu verlaufen in einem Raster von 90 Zentimetern schlanke Dachsparren aus Brettschichtholz. Diese formen das umlaufend auskragende Dach. Die Sparren sind über einen Dorn auf der Pfette verbunden. Weil beim Auflagern der Pfetten auf die Stützen Querdruck entsteht, wurden die hohen Kräfte über eine Verstärkung mit Vollgewindeschrauben und einer Stahlplatte aufgenommen. Für die Erdbebenaussteifung diente die Mittelachse. Bei einem Erdbeben würde die Kraft durch die Pfette in die aussteifenden Wandscheiben geleitet. Die Gerberstösse der Dachsparren sind mit einem Flachstahl und langen, schräg verlaufenden Schrauben zusätzlich verstärkt.
Beim Übergang von den Aussenwänden zum Dach sind Pfette und Dachsparren als sichtbares Stapelwerk konstruiert - fast eineinhalb Meter hoch ist das Detail. Es erinnert an das Geschicklichkeitsspiel Jenga, wo hölzerne Bausteine zum Turm gestapelt werden. So spielerisch die Konstruktion wirkt, steckt doch mehr dahinter. Um im beheizten Teil dem Standard Minergie-P-Eco zu entsprechen, setzte Lukas Rüegsegger, Holzbauingenieur bei Timbatec, bei den Büroräumen eine luftdichte Abklebung hinter der Verkleidung ein. In den Werkstätten wurden Dichtungsbänder eingenutet und so die bauphysikalisch heiklen Stellen abgedichtet.
Sogar der Liftschacht ist mit Holz gebaut und entsprechend den Brandschutzvorgaben gekapselt. In der Waschanlage werden die Grobspanplatten mit transparenten, glasfaserverstärkten Kunststoffplatten vor der Nässe geschützt, dahinter bleibt die Holzkonstruktion sichtbar. Beton wurde ausser für das Fundament und die Böden nur in der Salzhalle verwendet. Sechs Meter hoch ist dort das Salz aufgeschüttet. Die mehreren Tonnen Salz entwickeln enorme Spreizkräfte auf die Wände. Vorgängig zur fertigen Holzkonstruktion wurde deshalb eine Betonwanne gebaut, die diese Spreizkräfte aufnehmen kann. Bei einem Funktionswechsel könnte die Betonwanne einfach rückgebaut werden. Maximale Flexibilität für äussere Erweiterungen, innere Anpassungen und Nutzungsveränderungen ist durch den systematisch konzipierten Holzbau in der ganzen Anlage gegeben.
IMMER WIEDER DIE GLEICHEN MASSE
An der langen nordöstlichen Fassade dominieren hohe Tore für die Zufahrt der Lastwagen, auf der gegenüberliegenden Gebäude-seite, wo auch die Büros liegen, wechseln sich Fenster und eine Fassadenfüllung mit Deckelschalung aus Fichte ab. Die 90 Zentimeter breiten Abstände der oben verlaufenden Dachsparren haben die Architekten auch für die Fassadengestaltung übernommen. Das wirkt ruhig, und die Deckelschalung nimmt ein vertrautes Bild von den alten Scheunenwänden aus der Umgebung auf. Beim Eindunkeln zeigt sich auf der Fassade ein überraschendes Lichtspiel: ein Schattenwurf mit regelmässigen Rhomben, geformt von den auskragenden Dachsparren. Die Räume sind hell. Das Licht kommt von schlichten LED-Leuchten, die verborgen zwischen den Sparren verlaufen, oder von Oberlichtern, die entlang der Mittelachse - ein Licht pro Stützenfeld - angeordnet sind. Auch hier trifft man wieder auf das 90er-Mass: Wo die Platten - Grobspanplatten im frostsicheren Teil und weiss lasierte Dreischichtplatten in den beheizten Räumen - nicht der Standardbreite von neunzig Zentimetern entsprechen, wurde das vorgegebene Raster eingefräst. Das gleichmässige Muster zieht sich durch das ganze Gebäude.
Roh und sichtbar sind die Platten. Schrauben, Leitungen, nichts wird hinter Gips versteckt. Vom Holzbauer forderte das grosse Sorgfalt. Und von allen Beteiligten eine detaillierte Planung. Wo die Haustechnik verlaufen soll, wurde schon zu Beginn festgelegt. Vorgegeben von den Bauherren war, dass die Technik nicht eingebettet werden darf und eine konsequente Systemtrennung umgesetzt wird. Denn die Lebensdauer der Haustechnik ist im industriellen Gebrauch relativ kurz. Lüftungssystem, Wasser- und Stromleitungen müssen deshalb einfach repariert oder ausgetauscht werden können. Die Hauptverteilung läuft entlang der drei Hauptpfetten, versteckt zwischen den Dachrippen wird die Feinverteilung geführt. Dort, wo Lüftungen oder Heizungsrohre sichtbar sind, wurden sie bewusst so eingeplant. Das schimmernde Stahlblech wirkt dekorativ in den sonst schlichten Innenräumen. Helles Holz, geschliffener Beton, Fensterrahmen aus Holz-Aluminium: Die Materialisierung ist klar und sorgfältig ausgewählt. Nur hin und wieder blitzt irgendwo ein leuchtend oranger Farbklecks auf. Die Farbe der Schneeschaufeln, Helme und Schutzwesten findet sich auch bei den Ablageflächen im Büro, dem Papierkorb und dem Stiftköcher.
SCHÖNHEIT STELLT SICH NICHT VON SELBST EIN
So ganz "von selbst" hat sich die Schönheit bei diesem Bau nicht eingestellt - zumindest war sie mit grossem Einsatz von Claudia Meier und Markus Bachmann verbunden. Dass ihr Wettbewerbsentwurf wie konzipiert umgesetzt wurde, ist nicht selbstverständlich in solchen Projektprozessen. Mit dem Zuschlag für ihren Entwurf gründeten sie das Architekturbüro MBAA in Zürich. "Der Werkhof in Loveresse war ein grossartiger Start für uns", sagt Bachmann. Pünktlich und unter Budget wurde die Anlage nach 15-monatiger Bauzeit fertiggestellt. Wie es aussieht, wenn Funktionalität und Ästhetik zusammenkommen, ist am Werkhof in Loveresse fast beispielhaft ablesbar. Und zeigt, dass Feuerwehrgebäude, Sicherheitszentren und Werkbetriebe nicht nur funktional, sondern auch schön sein können. Und nachhaltig: In gerade mal fünf Stunden wächst das gesamte Kon-struktionsholz von Loveresse im Schweizer Wald wieder nach. timbatec.com, mbaa.ch, pm-holzbau.ch
Das Projekt – die Fakten
Das Objekt: Autobahnwerkhof, Loveresse (BE)
Baujahr: 2017
Bauherrschaft: Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern, Bern
Miteigentümer: Bundesamt für Strassen (Astra), Ittigen (BE)
Architektur: Claudia Meier & Markus Bachmann / MBAA, Zürich
Holzbauingenieur: Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, Bern
Bauingenieur: Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Bern
Holzbauer: PM Mangold Holzbau AG, Ormalingen (BL)
Energiestandard: Minergie-P-Eco
Anlagekosten: CHF 20,8 Millionen
Gebäudevolumen: 39?460 m³
Verwendetes Holz: Brettschichtholz aus 1125 m³ Schweizer Fichte und Tanne; Rahmenholz aus 110 m³ Schweizer Fichte und Tanne; 450 m³ Dreischichtplatten; 110 m³ OSB-Platten