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Die Europäer haben vom 11. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg eine privilegierte Beziehung zu den Märkten als Institution unterhalten. Dabei folgten sich zwei Phasen. Während der ersten, zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, blühten die Märkte hauptsächlich in und zwischen den Stadtstaaten, die in ganz Europa, doch besonders in Nord- und Mittelitalien und im gesamten Rheingebiet entstanden. Die Städte bildeten spontan Netze, die sich über ganz Europa erstreckten und mit der byzantinischen und islamischen Welt in Verbindung standen. Diese lokalen, regionalen, kontinentalen und interkontinentalen Netzwerke machten aus Europa einen integrierten und gleichzeitig nach aussen offenen Markt.
Die zweite Phase wird nach der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erkennbar, mit dem Übergang von der feudalen politischen Zersplitterung zu konstituierten Fürstentümern und Königreichen und dem Auftauchen dessen, was nach dem Frieden von Westfalen 1648 zum «europäischen Gleichgewicht» oder zum «Konzert der europäischen Nationen» werden sollte. Darin ist ein System zwischenstaatlichen Zusammenspiels zu sehen, in dem sechs oder sieben nach aussen aktive Staatswesen vereinigt und die Machtverhältnisse so verteilt sind, dass keines von ihnen die Oberhand über eine Koalition der andern erringen kann.
Diese etwas summarische Zusammenfassung zeigt das Spannungsfeld auf, aus dem heraus in Europa der Markt entstanden ist. In einer ersten Phase war es die feudale Zersplitterung und die maximal verwässerte politische Macht, die jedwede politische Instanz daran hinderten, irgendeinen Markt und folglich Tausch und Verteilung zu kontrollieren. Dieser Umstand erklärt hinreichend die ausserordentliche kulturelle Explosion im Europa des 11. bis 13. Jahrhunderts. Die zweite Phase überwindet die Zersplitterung dank der Wiederherstellung stabiler und strukturierter Staatswesen; doch führt die Restauration nicht bis zum logischen Abschluss, der in einer über Kriege und Eroberungen erreichten Schaffung eines europäischen Imperiums nach chinesischem Muster bestanden hätte. Die politische Vereinigung wurde definitiv durch die reale europäische Machtverteilung blockiert. Kein Staatswesen hat es je geschafft, das Ganze durch Gewalt zu einigen, sondern die Koalitionen trugen am Ende stets den Sieg davon.
Das zeigt sich auch an der einzigen imperialen Episode – derjenigen der französischen Revolution und ihres Erben Napoleon, zwischen 1792 und 1815. Mit einem Wort: in der Weltgeschichte steht Europa als einsame Ausnahme da, dank seiner Unfähigkeit und Unwilligkeit zu imperialer Vereinigung. Allein schon die Abwesenheit einer solchen Vereinigung genügt zur Erklärung des Triumphs und Fortbestands des Marktes.
Diese Erklärung lässt sich in alle Richtungen und alle Einzelheiten hinein verifizieren. Halten wir uns an die wichtigsten Kraftlinien. Die entscheidendste liegt in der Unmöglichkeit, eine Kontrolle der Märkte des gesamten Europa zu erzwingen, sei es qua autokratische Strategie eines allgewaltigen Machtapparates, sei es via die demokratische Strategie des Politmarktes, in dem sich Politiker und Pressuregroups treffen. Es gibt ganz einfach kein europäisches Staatswesen, in dem eine solche Strategie hätte wirksam werden können.
Doch existiert eine weitere entscheidende Entwicklung, die sich sowohl im Mittelalter als auch in der Moderne feststellen lässt. Europa ist – ungeachtet der politischen Trennungen – ein konstituierter und geeinter Kulturraum. Demgemäss zirkuliert alles in diesem Raum – Güter, Personen, Ideen. Nicht nur kontrolliert keine imperiale Macht den Austausch, sondern es gelingt auch keiner der in irgendeinem der Staatswesen aktiven Mächte, auf Dauer eine wirksame Kontrolle ihrer Staatsangehörigen zu erzwingen. Die Unmöglichkeit der Vereinnahmung des Austauschs führt spontan zur Bildung von Netzwerken, die gleichzeitig integriert, hierarchisch strukturiert, elastisch, offen und frei sind. In dieser Konstellation sind Austausch und Verteilung maximiert.
Die Folge war ein allgemeines Masshalten der politischen Regimes in Europa und eine wirksame Aufteilung der Aufgaben zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Nicht einmal dort, wo der Staat die Zivilgesellschaft sein Gewicht spüren liess, wie in der von Ludwig XIV. Frankreich aufgezwungenen und quer durch Europa von aufgeklärten, modernisierungsbedachten Despoten imitierten Verwaltungsmonarchie, stand eine…