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Von CÉDRIC WEIDMANN.
Der Begriff Panludismus existiert (noch) nicht ausserhalb von Freies Feld. Es ist aber nötig, ihn zu etablieren. Die Vorsilbe ›pan‹ bedeutet »alles, umfassend, ganz« und ›ludus‹, wie ein gewissenhafter Freies Feld-Leser längst weiss, »Spiel«. ›Panludismus‹ bezeichnet folglich die Vorstellung, dass die ganze Welt ein Spiel sei. Es kann sich, im weiteren Sinne (denn es lässt sich immer fragen: Was genau ist denn die Welt?), auch auf Tendenzen beziehen, die das Spiel oder das Spielen einem möglichst weiten Spektrum von Gegenständen und Verhalten zugehörig sieht.
Panludistische Kosmogonie
Das mag Vorahnungen von Okkultismus oder sektenartigen Jenseitsvorstellungen auslösen und tatsächlich ist nicht ausgeschlossen, dass es gewisse Religionen, Kulte oder Sekten gibt, die das Spiel als Grundlage einer kosmischen Ordnung betrachten und deshalb panludistisch sind. Panludistisch können aber auch ganz wissenschaftliche und nüchterne Betrachtungen sein. Ein halb nüchternes, halb wissenschaftliches Beispiel zeichnet Stanislaw Lem, in seinem kurzen Text »Alfred Testa: Die neue Kosmogonie«, vor: Ein Nobelpreisträger entdeckt, dass Naturgesetze nicht unumstösslich feststehen. Sie sind einem komplexen, dynamischen Prozess unterlegen, den er ›Spiel‹ nennt. Verschiedene (ausserirdische) Zivilisationen verändern die Naturgesetze, indem sie aufeinander einwirken, ohne es zu wissen. Weil sie dabei nichts voneinander wissen können (da sie unter komplett verschiedenen physikalischen Zuständen leben), ist dieses Spiel unsagbar komplex.
Panludistische Spieltheorie
Ein wissenschaftliches Beispiel für Panludismus gibt es auch: Die (mathematisch-sozialtheoretisch-formalisierte) Spieltheorie. Die Spieltheorie hat nämlich Folgendes beobachtet: »in games of business, politics, and ordinary life, the players can make their own rules to a greater or lesser extent.« Und was macht sie damit? »In such situations, the real game is the ›pregame‹ where rules are made, and your strategic skill must be deployed at that point.« Diese Vorstufe oder tiefere Stufe von Spiel wird auch »superficial game« genannt. Es handelt sich dabei um ein wissenschaftliches Herauszoomen, bei dem man plötzlich mehr der Welt ins Spiel formalisiert. Betrachtet man zum Beispiel das Spiel einer politischen Abstimmung, kann man ja auch formalisieren, was die Jahre zuvor passiert ist. Oder wenn man ein Schachspiel analysieren will, kann man ja auch darauf achten, wer den Zeitpunkt des Spiels vorgeschlagen hat, wer auf die Idee gekommen ist, ja man könnte es so weit zurückverfolgen, dass man sogar die Erfindung des Schachs vor tausenden Jahren in dieses Spiel einbezieht um das Resultat besser vorherzusehen. Was ist, wenn man die Bedingungen des superficial game genauer betrachtet? Dann findet man ein weiteres, noch tieferliegendes Spiel. Theoretisch könnte es immer so weiter gehen! Zwar wenden manche Spieltheorie-Bücher ein, es sei irgendwann alles auf Faktoren zurückzuführen, die festgegeben sind (womit für Spieltheoretiker gemeint ist: die unabhängig sind von irgendwelchen strategischen Lebewesen). Man dürfte aber Schwierigkeiten haben, diesen Einwand gewissenhaft zu beweisen. Schliesslich steht alles auf der Welt schon seit sehr langer Zeit in Wechselwirkung mit Lebewesen. In der Theorie ist die Game Theory also panludistisch, denn sie könnte alles und jeden Sachverhalt über Spiele beschreiben – und will das auch.
Panludistische Anthropologie?
Es lässt sich noch die Frage stellen, ob jemand wie Johan Huizinga Panludist ist? In einem weiteren Sinn des Wortes: ja, denn er beschreibt das Spiel als Ursprung der Kultur und setzt es damit sozusagen ins systematische und hierarchische Zentrum. In einem viel engeren Sinn könnte man ihm dieses Attribut aber auch absprechen. Schliesslich ist die Kultur noch längst nicht die gesamte Welt, oder?
Damit sollte der Begriff Panludismus verständlich gemacht und seine Einführung einigermassen gerechtfertigt worden sein. Denn es wird sich in Zukunft, durch den Aufschwung von Game Studies, Spieltheorie und Videospielen, mit Sicherheit immer öfter die Möglichkeit bieten, einen Panludisten zu entdecken und anzupragern oder hochzujubeln.