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Die Weltöffentlichkeit sorgt sich vor einem Angriff Russlands auf die Ukraine. Was würde ein solcher Konflikt für die Börsen bedeuten?
Für die Börsen ist ein militärischer Konflikt meistens nur kurzfristig belastend, doch die realwirtschaftlichen Auswirkungen könnten weit dramatischer ausfallen. Würden bei einem militärischen Angriff wirtschaftliche und politische Sanktionierungen gegenüber Russland ausgesprochen, wäre unmittelbar mit einer drastischen Reduktion oder gar einem Abbruch der Gaslieferungen nach Europa zu rechnen.
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Da Russlands Anteil an den gesamten Gasimporten in die EU ungefähr einen Drittel beträgt, würde dies nicht nur eine Preisexplosion des Energieträgers auslösen, sondern könnte auch unmittelbar die Versorgungssicherheit beeinträchtigen. Ob in einem solchen Szenario die Börsen tatsächlich nur kurzfristig korrigieren würden, stelle ich infrage.
Angriff Russlands auf die Ukraine: «Ob in einem solchen Szenario die Börsen tatsächlich nur kurzfristig korrigieren würden, stelle ich infrage.»
Der Preis für Öl der Sorte Brent hat Anfang Woche den höchsten Stand seit sieben Jahren erreicht. Wird der Höhenflug des Rohstoffs an der Börse anhalten?
Im Zuge der im obigen Abschnitt genannten Unsicherheiten ist der Ölpreis zum Jahresstart noch einmal signifikant angestiegen und notiert aktuell auf dem höchsten Stand seit sieben Jahren. Im Zuge der ungelösten oder gar noch zunehmenden Konfliktsituationen kann der Preis kurzfristig noch weiter ansteigen.
Diese Situation ist für die konjunkturelle Entwicklung insofern gefährlich, als der Konsum deutlich gebremst werden könnte, wenn von den Haushalten das freie Budget stärker für die Energieausgaben verwendet werden müsste.
Mittelfristig erwarte ich eine Entspannung und eine Rückbewegung, da die Fördermengen erhöht werden und 2022 – ganz im Gegensatz zum vergangenen Jahr – sogar ein leichter Angebotsüberhang resultieren sollte. Im Jahresverlauf erwarte ich eine spürbare Beruhigung des Ölpreises, was sich ebenfalls dämmend auf die teilweise extrem hohen Inflationszahlen auswirken sollte.
Die Credit Suisse hat diese Woche mit Axel Lehmann einen neuen Präsidenten erhalten. Könnte dieser Führungswechsel dem CS-Titel wieder zum Steigen verhelfen? Und was halten Sie von der UBS-Aktie?
Hauptaufgabe von Axel Lehmann muss es sein, die Bank zurück in ruhigere Gewässer zu führen. In den letzten Jahren sind fast quartalsweise immer wieder neue Skandale und Verfehlungen rund um die Credit Suisse und ihre Führung aufgetaucht. Entsprechend war die Bank nahezu permanent im Krisenmodus und konnte sich gar nicht mehr auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.
Dies lässt sich auch aus der Entwicklung des Aktienkurses der letzten Jahre herauslesen. Aus Tradingsicht, und wenn es Axel Lehmann schafft, die Bank vor weiterem Ungemach zu verschonen, trauen wir dem Börsenkurs durchaus zu, sich wieder positiv zu entwickeln und den Bewertungsabschlag von etwa 25 Prozent gegenüber der Rivalin UBS wieder aufzuholen.
Chinas Wirtschaft wächst nicht so stark wie gewohnt, zudem bereitet die Ausbreitung der Omikron-Variante des Covid-19-Virus in dem Land Sorgen. Raten Sie derzeit von Investitionen in China ab?
Die chinesische Wirtschaft dürfte dieses Jahr mit leicht über 5 Prozent deutlich weniger stark wachsen als in den Jahren zuvor. Die Null-Toleranz-Politik gegenüber Covid-19, die eher schwache Binnennachfrage sowie der in Schieflage geratene Immobiliensektor belasten die Konjunkturentwicklung des Landes spürbar.
Der Börse machte letztes Jahr zusätzlich die Regulierungsfreude schwer zu schaffen. In dieser negativen Grundkonstellation finden sich jedoch durchaus auch gute Gründe, um in den chinesischen Aktienmarkt zu investieren. Zum einen sind die Bewertungen aufgrund der letztjährigen Performance im Vergleich zu anderen Märkten attraktiv.
Zum anderen dürften sowohl die Geld- wie auch die Fiskalpolitik dieses Jahr deutlich expansiver werden, um die Wirtschaft zu stützen. Zu guter Letzt könnte der schwächelnde Immobilienmarkt mehr Zuflüsse in den Aktienmarkt als attraktive Alternative auslösen.
«Es sich finden sich durchaus auch gute Gründe, um in den chinesischen Aktienmarkt zu investieren.»
Welche Aktien haben in den vergangen beiden Wochen aus Ihrer Beurteilung übertrieben stark korrigiert und haben daher Aufholpotenzial?
Swissquote und Kühne+Nagel. Die Aktie der führenden Online-Bank Swissquote ist mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis 2022 von 12,4x attraktiv bewertet. Die Übernahme von Keytrade Bank in Luxemburg sowie die Kooperationen mit Postfinance und mit Leonteq eröffnen weiteres Wachstumspotenzial.
Der Logistiker Kühne+Nagel wird von den guten Perspektiven der Wirtschaft und des Welthandels weiterhin profitieren. Die Qualitätsaktie ist mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis 2022 von 18,7x zudem ebenfalls attraktiv bewertet.
Der rapide Zinsanstieg zu Beginn des Jahres hat die Aktienmärkte ordentlich durchgerüttelt. Könnten höhere Zinsen das ganze Börsenjahr 2022 belasten?
Die Befürchtung um nachhaltig erhöhte Inflationsraten hat die Zinsen in den letzten Wochen merklich ansteigen lassen. Da die Firmenbewertungen in erster Linie den diskontierten Wert zukünftiger Cashflows abbilden, sind höhere Zinsen natürlich Gift für deren Wert. Wir prognostizieren zwar ebenfalls, dass die Renditen mittelfristig moderat ansteigen werden, markant höhere Zinsen beurteilen wir jedoch weiterhin als unwahrscheinlich.
Rapide Zinsanstiege konnten bereits letztes Jahr beobachtet werden, beruhigten sich aber jeweils relativ rasch. Auf relativer Basis sind Aktien auch nach den jüngsten Bewegungen an der Zinsfront weiterhin deutlich attraktiver als Obligationen.
In der Schweiz sind die Aktienrisikoprämie von 5 Prozent sowie die Dividendenrendite von 2,5 Prozent auch auf längere Sicht signifikant höher als die Renditen der «Schweizer Eidgenossen». Dies spricht weiterhin für Aktien.
Welchen Einfluss haben die negativen Realzinsen auf die Entwicklung der Aktienmärkte?
Tatsächlich sehen wir in zahlreichen Volkswirtschaften ein Umfeld von stark negativen Realzinsen, da die Inflation vielerorts massiv höher notiert als die Renditen von Staatsanleihen und Sparguthaben.
Im aktuellen Umfeld, in dem die stark verschuldeten Industriestaaten gar keinen allzu starken Zinsanstieg verkraften können, ist davon auszugehen, dass das Negativzinsregime über mehrere Jahre anhalten könnte. Der Umstand, dass Gläubiger von Nominalwerten laufend an Kaufkraft verlieren, wird Anleger vermehrt in Sachwerte wie Aktien drängen.
Blicken wir zum Schluss noch auf das allgemeine Geschehen an den Börsen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte noch?
Die Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante hat Ende November die Märkte zunächst deutlich belastet. Die jüngsten Erkenntnisse von weniger gravierenden Krankheitsverläufen konnten diese Befürchtungen jedoch besänftigen und halfen den Aktienindizes zu neuen Rekordniveaus.
Die Finanzmärkte scheinen einmal mehr über die kurzfristige Wachstumsdelle, die Omikron zweifellos auslösen wird, hinwegzuschauen und eine längerfristige Perspektive in Richtung der endemischen Phase einzunehmen. Deutlich belastender wirken aktuell die Schritte in eine restriktivere Geldpolitik zahlreicher Zentralbanken, der starke Ölpreisanstieg mit den zunehmenden geopolitischen Unsicherheiten und die hartnäckige Inflation.
Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Inflationsängste drücken auf die Kursgewinner des vergangenen Jahres. Wir beobachten Depotumschichtungen aus hochbewerteten Titeln in Value- und Finanzaktien. Bis zur US-Notenbanksitzung von Ende Januar dürften die Aktienmärkte nervös bleiben. Darüber hinaus wird vermehrt der Blick auf die Unternehmensergebnisse gerichtet.
Je stärker der Kurs- und Bewertungsanstieg im letzten Jahr ausgefallen ist, desto kritischer beäugt der Markt die Zahlenkränze. Vermag ein Unternehmen die Erwartungen nur zu erfüllen und nicht stark zu übertreffen, antwortet der Markt in der aktuellen Phase meist mit Kursverlusten. Sobald sich die Marktteilnehmer aber an die leicht steigenden Zinsen gewöhnt haben, erwarten wir, dass sich qualitativ starke Aktien wieder positiv entwickeln werden. Investoren dürften daher in den nächsten Wochen wieder diverse interessante Einstiegsmöglichkeiten finden.
Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Sofern sich die aktuellen geopolitischen Krisenherde um Russland/Ukraine und China/Taiwan nicht weiter dramatisieren, erwarten wir einen Stand um die 13’300 Punkte.
Renato Flückiger beantwortete die Fragen schriftlich.