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Stellen wir uns vor, die Schweiz wäre eine geschlossene Volkswirtschaft. In einer geschlossenen Volkswirtschaft wird alles, was innerhalb der Landesgrenzen produziert wird, auch dort verwendet. Wäre dies die tatsächliche Ausgangslage unserer Betrachtungen, bräuchte es die Statistiken zur Zahlungsbilanz und zum Auslandvermögen nicht. In einer offenen Volkswirtschaft dagegen sind die Verflechtungen mit dem Ausland von Bedeutung, da unter anderem Waren und Dienste sowie finanzielle Vermögenswerte grenzüberschreitend ausgetauscht werden. Weil die Schweiz eine kleine und offene Volkswirtschaft ist, zeigen die Statistiken zur Zahlungsbilanz und zum Auslandvermögen das Ausmass der grenzüberschreitenden Verflechtungen der Schweiz mit dem
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat den gesetzlichen Auftrag, die Zahlungsbilanz- und die Auslandvermögensstatistik der Schweiz gemäss den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu
Weltweit erfassen Nationalbanken und Statistikämter grenzüberschreitende Transaktionen von Waren, Dienstleitungen und Kapital auf Basis der gleichen Grundlage. Das «Balance of Payments Manual» des IMF definiert international verbindliche Vorgaben für die Erfassung dieser
Die Zahlungsbilanz und das Auslandvermögen werden genutzt, um zum Beispiel zu vergleichen, wie offen ein Land ist oder wie stark es an der Globalisierung beteiligt ist. Da sie auf den gleichen statistischen Grundlagen des IWF basieren, kann z.B. die Höhe des Leistungsbilanzsaldos in Prozenten des BIP zwischen Ländern direkt verglichen werden und es müssen keine komplizierten Umrechnungen vorgenommen
Angenommen, ein Unternehmen in der Schweiz produziert ein Medikament. Für die Produktion müssen die Wirkstoffe zum Preis von 50 aus dem Ausland eingeführt werden. Nach der Herstellung des Medikamentes wird es zum Wert von 100 ins Ausland exportiert. Das Unternehmen in der Schweiz hat also Ausgaben für den Import von Wirkstoffen und Einnahmen aus dem Export des Medikamentes. Gleichzeitig müssen Import und Export finanziert werden.
Wie beeinflussen die Investitionsentscheidungen des Unternehmens die Zahlungsbilanz und das Auslandvermögen?
Importe und Exporte werden in der Leistungsbilanz verbucht. In diesem Beispiel ist das Geschäftsmodell des Schweizer Unternehmens profitabel, die Ausgaben für den Wirkstoff waren geringer als die Einnahmen für das hergestellte Medikament. Damit steht am Ende ein positiver Saldo von 50 in der Leistungsbilanz, der sich aus Einnahmen minus Ausgaben ergibt. Gleichzeitig wird die Finanzierung der Importe und Exporte in der Kapitalbilanz verbucht. Die Ausgaben für die Importe führen zu einem Abbau von Aktiven im Ausland von 50, da das Unternehmen Geld an den Zulieferer von seinem Bankkonto im Ausland überweist. Die Einnahmen aus dem Export führen zu einer Zunahme der Aktiven von 100 gegenüber dem Ausland, da das Unternehmen Zahlungen auf sein Bankkonto im Ausland erhält. Wenn alle Transaktionen richtig erfasst wurden, sind der Saldo in der Leistungsbilanz und jener in der Kapitalbilanz gleich hoch.
Die Zahlungsbilanz ist keine Bilanz im klassischen Sinne. Sie bildet grenzüberschreitende Transaktionen ab. Eine Transaktion muss die folgenden Eigenschaften haben, um Eingang in die Zahlungsbilanz zu finden: Erstens, es müssen ökonomische Werte ausgetauscht oder transferiert werden (change of ownership). Zweitens, es muss sich um eine Interaktion zwischen einem Gebietsansässigen und einem Nicht-Gebietsansässigen handeln. Ob dabei ökonomische Werte die Landesgrenze physisch überschreiten, ist nicht entscheidend. Die Zahlungsbilanz ist eine systematische Aufstellung der Transaktionen eines Wirtschaftsgebietes mit dem Ausland während eines bestimmten Zeitraumes.
Das Auslandvermögen enthält den Bestand der Auslandaktiven und -passiven eines Wirtschaftsgebietes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ähnlich wie beim Konto eines jeden von uns ist es interessant, wie viel am Ende des Monats übrigbleibt, bzw. ob man im Minus ist. Im Nettoauslandvermögen spricht man hier von einer Gläubiger- oder einer Schuldnerposition.
Betrachtet man das Auslandvermögen, sieht man eine Art Zwischenbilanz: Haben wir mehr an das Ausland verkauft als das Ausland an uns? In unserem Beispiel ist das Nettoauslandvermögen positiv. Im Unterschied zur Zahlungsbilanz werden im Auslandvermögen keine Transaktionen verbucht, sondern Bestände. Dies ist vergleichbar mit meinem Kontostand am Ende des Jahres. Im Beispiel nimmt die Schweiz eine Gläubigerposition gegenüber dem Ausland ein. Das Pharmaunternehmen hat mehr an das Ausland verkauft als vom Ausland gekauft. Die Veränderungen im Auslandvermögen werden also durch die Transaktionen der Kapitalbilanz bzw. der Leistungsbilanz bestimmt. Aber nicht ausschliesslich … Das unten stehende Schema zeigt, dass auch Wertveränderungen und sogenannte sonstige Änderungen die Veränderung des Auslandvermögens bestimmen.
Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie die Schweiz ist der ökonomische Austausch mit dem Ausland wichtig. Der grenzüberschreitende Austausch von Waren ist das «greifbarste» Beispiel für eine Verflechtung mit dem Ausland. Neben solchen «sichtbaren» Gütern gibt es aber auch «unsichtbare» Güter wie z.B. Dienstleistungen oder Banktransfers.
Welches sind die wichtigsten Handelspartner der Schweiz? Um diese Frage zu beantworten, muss man die Ländergliederungen der Leistungsbilanz betrachten: Im Austausch von Waren, Dienstleistungen und Arbeits- und Kapitaleinkommen ist die Schweiz eng mit der EU / den Nachbarländern verbunden. Mit dem Rest der EU und der USA besteht ebenfalls ein reger Austausch. Wie sieht es bei den finanziellen Transaktionen der Kapitalbilanz der Schweiz aus, welches sind dort die wichtigsten Gegenparteiländer? Es sind wiederum die EU und die USA. In der Kapitalbilanz muss jedoch berücksichtigt werden, dass z.B. Banktransfers oder Direktinvestitionen nicht immer direkt mit der betroffenen Gegenpartei abgewickelt werden, sondern auch über Drittländer erfolgen können. Betrachtet man die Transaktionen in der Leistungsbilanz, erwirtschaftete die Schweiz in den letzten Jahrzehnten einen Leistungsbilanzüberschuss. Anders formuliert: Die Schweiz verkauft mehr an das Ausland als umgekehrt. Dies liegt hauptsächlich an exportstarken Sektoren wie der Pharmaindustrie aus unserem Beispiel. Wenn man den Leistungsbilanzsaldo der Schweiz kumuliert darstellt, ergibt sich eine kontinuierlich steigende Gerade. Da dies der Saldo aus Einnahmen und Ausgaben der Schweiz ist, könnte man meinen, dass die im Auslandvermögen der Schweiz erfassten Bestände in ähnlich starkem Umfang steigen. Das wäre ungefähr so, wie wenn meine privaten Einnahmen aus Lohn und Kapitalerträgen jedes Jahr meine Ausgaben für Miete, Kredite und Nahrungsmittel übersteigen. Langfristig müsste ich also Vermögen aufbauen. Im Fall der Aussenwirtschaftsstatistiken müsste das Nettoauslandvermögen (Aktiven minus Passiven) zunehmen.
Im Fall der Schweiz ist dies nicht so einfach. Das Auslandvermögen der Schweiz hat in den letzten 20 Jahren nur leicht zugenommen. Aber warum, wenn doch jedes Jahr unsere Einnahmen die Ausgaben übersteigen und der Leistungsbilanzsaldo positiv ist? Dies liegt in erster Linie am starken Franken. Da das Auslandvermögen zum grossen Teil Fremdwährungen und Wertschriften beinhaltet, bestimmen neben den Transaktionen der Leistungsbilanz Wechselkurseffekte und die Preisentwicklungen an den Börsen die Höhe des Auslandvermögens. In den vergangenen 20 Jahren war der Wechselkurseffekt hauptsächlich dafür verantwortlich, dass das Auslandvermögen der Schweiz nicht zugenommen hat.