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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Seit dem Erscheinen der trefflichen Bearbeitung des Kuglerschen Handbuchs der Malerei von Jakob Burckhardt im Jahr 1847 sind über die Geschichte der Malerei in Deutschland und den Niederlanden, sowohl für die frühere Zeit, bis einschliesslich des 16., als für die spätere, bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, so viele Forschungen angestellt worden, dass der Buchhändler John Murray in London es angemessen fand, mich zu einer Umarbeitung einer bei ihm erschienenen Uebersetzung der obige Schulen betreffenden, Theile jenes Handbuches aufzufordern.
Da ich mich seit mehr als vierzig Jahren eifrig mit dem, vornehmlich auf die Anschauung der betreffenden Denkmäler in den meisten Öffentlichen und Privatsammlungen Europas begründeten, Studium dieser Schulen beschäftigt habe, bin ich dieser Aufforderung gern nachgekommen. Obwohl ich nun bei dieser Arbeit für die Epochen bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts manche Theile des Originals beibehalten, so hatte doch schon in diesen, durch die Mehrung des Thatbestandes, wie durch die Verschiedenheit der Beurtheilung, das Meiste eine neue Gestalt gewonnen, für die späteren Epochen erschien aber vollends eine ganz neue Bearbeitung als unerlässlich. Die Meister von Rubens an sind nämlich in dem Kugler’schen Handbuch ungleich weniger ausführlich, ja manche nur skizzenhaft behandelt worden. Ich habe es mir daher angelegen sein lassen, dieser Ungleichheit durch eine ähnlich ausführliche Besprechung derselben abzuhelfen.
Für die deutsche Ausgabe, welche hiermit dem Publikum übergeben wird, war indess in einigen Stücken noch ein anderer Standpunkt erforderlich. Bei dem allgemeineren Interesse, welches in Deutschland auch für die früheren Epochen vorauszusetzen ist, sind dieselben ausführlicher behandelt, manche Abschnitte, z. B. der über Albrecht Dürer, ganz neu gearbeitet worden, so dass von dem Kugler’schen Buche überhaupt nur sehr wenig stehen geblieben ist. Da bei der Auswahl der Denkmäler, welche aus der unermesslichen Anzahl der vorhandenen, anzuführen sind, nächst ihrer besonderen Bedeutung, ihre leichte Zugänglichkeit zu berücksichtigen war, indem mir ganz besonders daran liegt, dass jeder Leser dieses Handbuchs im Stande ist, sich durch eigne Anschauung zu belehren, habe ich hier manche der in England befindlichen Bilder unterdrückt, und vorzugsweise die Gallerien zu Dresden, München, Wien, Berlin, Kassel und Frankfurt am Main, so wie die, jetzt mit der Eisenbahn so leicht zu erreichenden, in Paris, Antwerpen, Gent, Brügge, Brüssel, Amsterdam und dem Haag, benutzt, dagegen nur in wichtigen Fällen auf die Nationalgallerie in London und die Gallerie der Uffizien in Florenz Bezug genommen. Da ich während des Drucks dieses Handbuchs Gelegenheit gehabt habe, die, mir vorher nicht aus eigner Anschauung bekannte, Gemäldegallerie der Ermitage in St. Petersburg einem genauen Studium zu unterwerfen, habe ich mich im Stande gesehen, mich in manchen Fällen noch nachträglich auf dieselbe zu beziehen. Bei der grossen Wichtigkeit dort befindlicher Gemälde für mehrere Hauptmeister, hat hiedurch das Buch einige wesentliche Ergänzungen erfahren, durch welche zugleich die Kunstfreunde auf diese, bisher viel zu wenig bekannten Kunstschätze aufmerksam gemacht wrerden, welche nach der, im nächsten Jahre bevorstehenden, Vollendung der Eisenbahn zwischen Berlin und St. Petersburg, ungleich leichter zugänglich sein werden, als bisher. Um das Auffinden der Bilder in allen diesen Gallerien möglichst zu erleichtern, habe ich die Nummern derselben nach den neuesten Katalogen angegeben. Nur bei der Kaiserl. Gallerie in Wien und der der Ermitage in St. Petersburg habe ich, da bei der ersteren die Angabe nach Stockwerk, Schule und Zimmer, bei jedem einzelnen Bild zu umständlich, bei der zweiten aber weder ein gedruckter Katalog vorhanden ist, noch die Bilder endgültige Nummern haben, davon Abstand genommen. Privatsammlungen habe ich vornehmlich berücksichtigt, wenn sie leicht zugänglich und die Bilder darin besonders wichtig sind. Die vornehmsten dieser auf dem Kontinent sind die Gallerien Liechtenstein, Esterhazy, Czernin und Schönborn in Wien, die Sammlung des Grafen Schönborn in Pommersfelden bei Bamberg, die Sammlung Suermondt in Aachen, die Sammlung Aremberg in Brüssel, die Sammlung Six van Hillegom in Amsterdam, die bedeutendsten in England, die der Königin in Buckingham-Palace und in Windsorcastle, des Grafen Ellesmere, des Lord Askburton, wie der Herrn Thomas Baring und R. S. Holford. Andere Sammlungen habe ich nur bei höchst wichtigen und seltnen Bildern angeführt.
Obwohl nun dieses ein Handbuch der Malerei, ist es mir doch als unerlässlich erschienen, bei solchen Malern, welche Kupferstiche, Holzschnitte oder Radirungen nach ihren eignen Erfindungen ausgeführt, oder auch nur Zeichnungen für den Holzschnitt gemacht haben, kürzlich davon zu handeln. Von verschiedenen der grössten Maler, wie z. B. von Martin Schongauer kann man nämlich, bei der ungemeinen Seltenheit ihrer Bilder, ihre ausserordentliche Erfindungskraft und ihre hohe Bedeutung fast nur aus ihren Kupferstichen und Radeirungen kennen lernen. Andere, denen es an Farbensinn fehlte, z. B. Herman Swanevelt, erscheinen in ihren Radirungen ungleich mehr zu ihrem Yortheil, als in ihren Gemälden, wieder andere, z. B. Simon de Vlieger, welcher als Maler, mit seltnen Ausnahmen, nur Seestücke ausführte, hat seinem Talent für die Landschaft beinah nur in seinen Radirungen Ausdruck gegeben. Ein anderer Grund, wesshalb ich von diesen verschiedenen Gattungen der Druckkunst Notiz genommen, besteht darin, dass es davon eine grosse Anzahl von Exemplaren giebt, so dass recht viele Personen im Stande sind, zu deren Anschauung zu gelangen, worauf es ja doch vor Allem in der bildenden Kunst ankommt. Es versteht sich übrigens von selbst, dass ich bei den Bemerkungen über alle diese verschiedenartigen Blätter vornehmlich! die Seite der Erfindung und des Mal erischen hervorgehoben habe.
Ein näheres Eingehen auf den technischen Theil, eine genauere Beschreibung einzelner Blätter liegt ausserhalb der Grenzen dieses Handbuchs. In beider Beziehung habe ich indess auf das bekannte Werk von Bartsch: „Le peintre graveur“ und auf die Nachträge zu demselben von Rudolph Weigel verwiesen. In Betreff der so wichtigen Handzeichnungen der Meister habe ich mich, bei der erstaunlichen Anzahl derselben, und der schweren Zugänglichkeit der meisten, vollends nur auf wenige Anführungen beschränken müssen. Wenn endlich der Leser die Namen einer grossen Anzahl von Malern ganz vermissen wird, so bemerke ich, dass deren Auslassung nicht aus Vergesslichkeit, sondern mit guter Absicht geschehen ist. Der Zweck eines Handbuchs besteht nämlich darin, auf den Standpunkt der neusten Forschungen von den wichtigeren Erscheinungen der zu behandelnden Schulen, in deren verschiedenen Epochen, sowohl im Betreff des historischen Thatbestandes, als der ästhetischen Würdigung, eine kurze Rechenschaft zu geben, und für diejenigen, welche selbst Forschungen über die betreffenden Schulen machen wollen, die Quellen nachzuweisen. Alle solche Maler, welche weder mit einem namhaften Meister Zusammenhängen, noch selbst sich für ihre Epoche über das Mittelmässige erhoben, noch endlich auf andere Maler von namhaftem Verdienst einen Einfluss ausgeübt haben, habe ich daher, als dem Zweck eines Handbuchs fremd und auf den Leser nur zerstreuend wirkend, unterdrückt. Die Maler dieser Art sind ein Gegenstand für Künstlerlexika. Dagegen habe ich selbst minder bedeutende Maler aufgenommen, wenn sie sich an einen Künstler ersten Rangs, wie Rubens oder Rembrandt, angeschlossen haben, um eine möglichst vollständige Vorstellung von dem Umfange ihrer Wirksamkeit zu erwecken. Aber auch bei den grössten Künstlern konnte es mir nicht einfallen, mich auf die Besprechung aller ihrer Werke einzulassen. Ein Solches ist Gegenstand einer Künstlerbiographie, wie z. B. Passavant von Raphael geliefert hat. Im Einzelnen wird natürlich immer Verschiedenheit der Ansichten darüber herrschen, welche Künstler, oder welche Werke aufzunehmen sind, und welche nicht. Nur in Betreff des, durch seine trefflichen Radirungen so allgemein bewunderten, Waterloo halte ich es für nöthig, hier zu bemerken, dass ich ihn lediglich desshalb ausgelassen, weil weder mir noch dem so viel erfahrenen Kunstforscher, Emst Harzen, jemals ein beglaubigtes Gemälde von ihm vorgekommen ist, so dass es als zweifelhaft erscheint, ob er überhaupt gemalt hat.
Bei der Beschreibung der einzelnen Werke habe ich mich nur sehr selten einer grösseren Ausführlichkeit befleissigen können. Wie anziehend es auch ist, selbst bei Genrebildern auf alle Einzelheiten einzugehen, wie z. B. Burger in seinen, mit so grosser Lebendigkeit geschriebenen, Büchern es häufig tliut, so dass er einmal zwei Seiten auf die Beschreibung eines Bilde des Adriaen van de Velde verwendet, so würde dadurch doch ein Handbuch seinen oben angegebenen Charakter verlieren und zu einer zu grossen Stärke anschwellen. In der Regel habe ich mich daher begnügen müssen, die einzelnen Bilder mit kurzen Andeutungen ihres Werths als Belege der Charakteristik des betreffenden Meisters und der mit ihm im Verlauf seines Lebens in seiner Kunst vorgegangenen Veränderungen anzuführen. Einen Vorzug darf ich dieser Arbeit vor den sonstigen mir über diese Schulen in ihrem ganzen Verlauf, bekannten Büchern beimessen, nämlich, dass ich die Denkmäler, worauf ich meine Urtheile begründe, mit wenigen, ausdrücklich von mir hervorgehobenen, Ausnahmen, selbst gesehen habe. Wenn nun der Leser dessungeachtet finden -wird, dass dieses Handbuch, mit ähnlichen Werken über die italienische Schule verglichen, in den früheren Epochen in der Angabe namhafter Künstler und bedeutender Werke, als sehr mager, in den späteren aber in den historischen Thatsachen, z. B. Geburts- und Todesjahr der Maler, als weniger zuverlässig erscheint, so liegt dieses in den ungleich weniger günstigen Bedingungen, welche für den Bearbeiter der Geschichte der Malerei in Deutschland und den Niederlanden vorhanden sind. Es erscheint mir als angemessen, von diesen Bedingungen hier einige Rechenschaft zu geben. Die beiden Hauptquellen, worauf jede Kunstgeschichte zu begründen ist, sind, in erster Stelle, die vorhandnen Denkmäler, in zweiter die über diese, wie über deren Urheber, die Künstler, vorhandnen Nachrichten. Verschiedene Umstände haben nun zusammengewirkt, dass in Deutschland und den Niederlanden von Denkmälern der Malerei von grösserem Umfang vor dem Jahr 1420 nur kärgliche Ueberreste vorhanden sind, und dass selbst die Zahl der Bilder von dieser Zeit bis zum Jahr 1550, also der ganzen Schule der van Eyck, und der deutschen Meister von Martin Schongauer und Michael Wohlgemuth, bis Albrecht Dürer und Hans Holbein, verglichen mit dem ursprünglichen Reichthum, als sehr mässig erscheint. Schon die grössere Rauhigkeit des Klimas, namentlich der starke Wechsel der Temperatur im Frühjahr und im Herbst, hat in vielen Fällen zerstörend auf die Malereien eingewirkt. Zunächst sind in Folge der Reformation, zumal wo dieselbe in der Form der schweizerischen Reformatoren, welche keine Bilder in den Kirchen zuliessen, zur Geltung kam, als in den Niederlanden und in der Schweiz, eine grosse Anzahl jener früheren Bilder zu Grunde gegangen. Nicht minder verderblich wirkte in den katholischen Theilen von Dentschland und den Niederlanden die Bevorzugung späterer Kunstformen, welche zur Zeit von Rubens eine Art Berechtigung hatte, aber in den Niederlanden, wie in Deutschland auch für die Epochen des entschiedensten Verfalls in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert sich geltend machte und die früheren Kunstformen aus den Kirchen verdrängte.
Sehr namhaft ist auch die Zahl von Bildern aus jenen früheren Epochen, welche in den Niederlanden, sowohl in dem langwierigen Kriege mit den Spaniern im 16., als in den Kriegen mit Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert, in Deutschland im dreissigjährigen Kriege, theils vernichtet, theils geraubt und nach dem Auslande verschleppt worden ist. Viele Bilder der früheren Epochen sind endlich auch durch die allgemeine Geringschätzung zerstört worden, welche im 18. Jahrhundert gegen sie herrschte. Die Erkenntniss der Meister der Mehrzahl der, von allen diesen nachtheiligen Einflüssen verschonten, Bilder aber wird noch durch den Umstand erschwert, dass sie in der Regel gar nicht, oder doch nur mit Monogrammen bezeichnet sind, deren Bedeutung in vielen Fällen verloren gegangen ist. Mit der schriftlichen Kunde über die Geschichte der Malerei in Deutschland und den Niederlanden ist es ebenfalls sehr schlecht bestellt. Die frühsten, spärlichen Nachrichten müssen wir aus einigen italienischen Büchern,1 vornehmlich aber aus dem Werke des Vasari schöpfen. Während nun dieser seine Lebensbeschreibungen schon um 1550 herausgiebt und in seinen Nachrichten über Maler bis in das 13. Jahrhundert zurückgeht, erscheint das Werk des Carel van Mander, als des ersten, welcher eine nähere Kunde von den niederländischen und deutschen Malern enthält, erst im Jahr 1604, und geht nicht weiter, als bis zu Hubert van Eyck, also etwa bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts zurück. Wie unvollständig und unzuverlässig dieser aber auch in so .vielen Stücken ist, so bleibt sein Werk doch die Hauptquelle für die Meister der betreffenden Schulen bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts, und nimmt eine ungleich höhere Stelle ein, als das des frühsten Schriftstellers, welcher in Deutschland über die Geschichte der Malerei geschrieben hat. Dieses ist die, erst 1675-erschienene, deutsche Akademie des Joachim von Sandrart. Für die niederländischen, ja selbst für die Mehrzahl der deutschen Maler bis zum Ausgang des 16. Jahrhunderts enthält dieses Werk wenig mehr, als eine ungenaue Uebersetzung, ja öfter selbst nur einen dürftigen Auszug, aus dem Werke des Carel van Mander.
Nur die Nachrichten über die dem Sandrart gleichzeitigen Meister sind in der Regel zuverlässig und sehr schätzbar. Ueber die niederländischen Künstler befinden sich in dem 1661 und 1662 erschienenen Werke des Cornelis de Bie1 manche gute Notizen. Leider sind aber die Hauptschriftsteller über die Epoche der zweiten, grossen Blüthe der niederländischen Kunst im 17. Jahrhundert, Arnold Houbraken und Campo Weyermann, höchst mangelhaft. In den Nachrichten, welche sie nicht aus den Werken des van Mander und de Bie entlehnt haben, sind sie ebenso dürftig, als unzuverlässig. Dafür sind sie aber desto reicher an müssigem Geschwätz und an durchaus unwahren Anekdoten,, welche selbst öfter das Andenken der Maler in schmählicher Weise verläumden. Johan van Gool, welcher das Werk von Houbraken fortsetzt, ist zwar für die früheren Maler ebenfalls wenig verlässig, giebt aber wenigstens manche gute Nachrichten über die ihm gleichzeitigen. Die bekannten Malerbiographien des Descamps sind fast nur ein Auszug aus den obigen Büchern, welche er, bei einer ungenügenden Kenntniss der holländischen Sprache, nicht einmal überall richtig verstanden hat. Die bei jenen gerügten Mängel sind daher auch in sein Werk übergegangen. Dadurch, dass er bei Malern, deren Geburtsjahr ihm unbekannt ist, das Geburtsjahr irgend eines anderen, gleichzeitigen Malers an den Rand setzt, um so auch deren Geburtszeit annähernd zu bestimmen, hat er aber jene Mängel noch ansehnlich vermehrt. Die meisten späteren Schriftsteller über diesen Gegenstand, welche das Buch des Descamps wieder als erste Quelle benutzt, haben nämlich jene Jahreszahlen am Rande als die wirkliche Angabe des Geburtsjahrs in ihre Werke aufgenommen. Besonders trifft dieser Tadel, namentlich für die Maler des 17. und 18. Jahrhunderts, das für die früheren Epochen viele schätzbare Materialien enthaltende Werk des Fiorillo, und die Künstlerlexika von Füssli, Bryan, Pilinton und Nagler J. Immerzeel unterliegt zwar demselben Vorwurfe, doch hat er wenigstens die schändlichen Verläumdungen von C. Weyerman mit der gebührenden Verachtung widerlegt, und im Einzelnen manche gute Notiz nachgetragen. Das Werk des Rathgeber ist eine sehr fleissige Compilation. Sehr verdienstlich ist endlich das, als Fortsetzung von diesem Buch im Jahr 1859 in Amsterdam erschienene, Werk des Herrn Kramm.
Als nun in Deutschland in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts, theilweise durch die Schriften von Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel angeregt, der Sinn für die hohe Bedeutung der Kunstdenkmale des Mittelalters mit grosser Lebhaftigkeit erwachte, und man das Bedürfniss empfand, sich von denselben möglichst genau zu unterrichten, musste man in Betreff der Malerei bald jenen doppelten Mangel der Seltenheit der Bilder und der Spärlichkeit der historischen Nachrichten gewahr werden. Man bemühte sich daher, Bilder aus den früheren Epochen, bis etwa um 1550, aufzufinden, und in Sammlungen zu vereinigen. Obwohl nun dieses zum Theil mit gutem Erfolge geschah, wie namentlich die, später in die Königl Gallerie zu München übergegangene Sammlung der Brüder Boisseree, die des Engländers Edward Solly, welche jetzt einen höchst werthvollen Theil der Gemäldegallerie des Berliner Museums ausmacht, die durch Vermächtniss dem Museum von Antwerpen einverleibte des Chevalier van Ertborn, und die, erst kürzlich von der Regierung in Württemberg käuflich erworbene, des Herrn Abel in Stuttgart, eine Reihe trefflicher Bilder dieser Art vereinigten, so gewährten diese doch immer nur für die Zeit von etwa 1380 —1550 sehr vereinzelte Beispiele. Dasselbe galt noch mehr für die früheren Epochen von den, an sich oft sehr wichtigen, aber häufig sehr verdorbenen, Wandmalereien, welche man unter der Tünche, meist in kirchlichen Gebäuden, entdeckte. Um theils eine mehr zusammenhängende, künstlerische Anschauung für jene früheren Epochen zu gewinnen, theils dieselbe für die etwas späteren zu vervollständigen, nahm man daher seine Zuflucht zu den, in besonders reich ausgestatteten Manuscripten vom 8. bis 16. Jahrhundert befindlichen Miniaturen, welche durch den Charakter der Schrift, und durch die Personen, für welche sie geschrieben worden, mehr oder minder sichere Anhaltepunkte für die Zeitbestimmung gewähren. Das Yerdienst, zuerst diesen Weg eingeschlagen zu haben, gebührt d’Agincourt in seinem bekannten Werke. In grösserer Ausführlichkeit habe ich zunächst diese Quelle benutzt, und in meinen Werken über die Kunstschätze in Paris und in England, so wie in einem Aufsatz des deutschen Kunstblattes vom Jahr 1850 von einer ansehnlichen Zahl von Manuscripten mit Miniaturen eine nähere Auskunft gegeben. In Deutschland schlug zunächst Kugler denselben Weg ein. Um den Thatbestand der so spärlichen historischen Nachrichten möglichst zu vermehren, suchte man eifrig von Malern oder Bildern handelnde Stellen bei Dichtem, Geschichtschreibern, wrie in Chroniken von Städten oder Klöstern auf. Ja man scheute zu demselben Zweck selbst nicht die meist sehr mühseligen Nachforschungen in Gilden-und Kirchenbüchern, in Archiven und alten Rechnungen. Als ein besonders bedeutendes Ergebniss solcher Forschungen ist das Werk von Merlo über die Künstler der Stadt Köln hervorzuheben. Als nach dem Jahr 1820 auch in Belgien das Interesse für die Grösse der vaterländischen Malerschule der Brüder van Eyck erwachte,, wurden der Forschungen ähnlicher Art angestellt. In der früheren Zeit zeichneten sich besonders Louis de Bast, Delepierre und van Lockeren, in der etwas späteren Wauters, Schayes, de Stoop, Goetgebuer, der Abbe Carton und Edmund van Even aus. Auch einige Fremde müssen hier erwähnt werden. So enthält das, allerdings vorzugsweise für die italienische Kunst wichtige, Werk des Dänen Gaye einige sehr schätzbare Nachrichten. Einen grossen Reichthum sehr namhafter Beiträge aber gewährt ein Werk des Grafen Leon de Laborde, welches die Frucht eines genauen Studiums der verschiedenen Archive der alten Herzoge von Burgund ist.
Zunächst entstand das Bedürfniss auf die genaue Kenntnis», jener Bilder- und auf jene einzelnen Nachrichten kunsthistorische Werke von mehr oder minder grossem Umfang zu begründen,, welche einen, bisher Schriften dieser Art abgehenden, wissenschaftlichen Charakter hätten. Ich war der erste, welcher bereits im Jahr 1822 mit einem Buch über die Brüder van Eyck hervortrat, worin ich mich bemühte, nach dem damaligen Stand der Kenntnisse über dieselben, die hohe Bedeutung dieser grossen Künstler nicht allein für die Malerei in den Niederlanden, sondern in ganz Europa darzuthun. In Deutschland verfolgten dieses Bestreben um etwas später mit besonders glücklichem Erfolg, Schnaase, Passavant, Kugler, Hotlio und Jacob Burckliardt. Als sich in Belgien dasselbe Bedürfniss geltend machte, suchte man demselben von Seiten der Regierung durch eine Unterstützung, welche man dem französischen Schriftsteller, Herrn Alfred Michiels, bei einer Abfassung einer Geschichte der Malerei in den Niederlanden angedeihen Hess, Yorschub zu leisten. Dieselbe ist dem Wesentlichen nach eine sehr fleissige Zusammenstellung aller damals bekannten Forschungen, und geht bis an das Ende des 16. Jahrhunderts. Ein, von der Königl. belgischen Akademie gekrönte Preisschrift über die Brüder van Eyck und ihre Schule von Herrn Heris, stützt sich vornehmlich auf die Ergebnisse der oben erwähnten , deutschen Forschungen. Mit sehr fleissiger Benutzung aller, bis zum Jahr 1857 gesammelten Materialien und auf eigne Anschauung der meisten Bilder gestützt, haben endlich der italienische Kunstforscher, G. B. Cavalcaselle und der englische J. A. Crowe, eine eigentliche Geschichte der früheren niederländischen Malerschule verfasst, welche eine sehr vollständige Vorstellung derselben giebt, so wenig ich auch manchen Urtheilen beipflichten kann. Auch leidet der kritische Werth des Buchs durch den Umstand, dass man öfter nicht weiss, ob die Verfasser über Bilder aus eigner, oder nur nach fremder Anschauung urtheilen.
Da man in Belgien inne ward, auf wie schwachen Füssen auch die ganze Kenntniss der zweiten grossen Epoche der niederländischen Malerei im 17. Jahrhundert stand, fing man gleichfalls an, über diese Forschungen, in der oben angegebenen Art, zu machen, welche schon jetzt die erfreulichsten Früchte getragen haben, und für die Zukunft noch mehr versprechen. Für diese Epoche haben sich in dieser Beziehung besonders die Herrn De Laet, van Lerius, Gerard und de Burbure grosse Verdienste erworben. Diesen schliessen sich eine Reihe von Lebensbeschreibungen einzelner Maler von Edmund Fetis, welche in den Bulletins der mehrerwähnten, belgischen Akademie abgedruckt worden sind, an. In Holland ist leider das Interesse ähnliche Forschungen über die grossen Meister ihrer, derselben so dringend bedürfenden, Schule, wie in Deutschland und Belgien, anzustellen, noch wenig erwacht. Indess sind einige wenige Schriften in dieser Art höchst dankens-werth. Die bedeutendste ist die des Archivars von Amsterdam Dr. P. Scheitern über Rembrandt, durch welche über das Leben und den Charakter dieses grossen Meisters ein ganz neues Licht verbreitet worden ist. Nächst dem verdient auch die des T. van Westrheene über Jan Steen, eine rühmliche Erwähnung. Einzelne schätzbare Nachrichten sind endlich iu Zeitschriften abgedruckt worden.
An Beschreibungen und Beurteilungen einer grossen Zahl von Bildern aus dieser Epoche liegt ein ansehnliches Material vor. Die ausführlichste Kunde über eine massige Zahl von Meistern, von denen die meisten zu den berühmtesten in ihrem Fache gehören, ist in dem Katalog von John Smith enthalten. In der künstlerischen Beurtheilung der Bilder zeigt sich der Verfasser als ein durchgebildeter Kenner und jeder Billige wird ihm gern, im Vergleich des reichen und trefflichen Materials, was er giebt, einzelne Irrthumer zu Gute halten. Treffliche Nachrichten über eine ebenfalls massige Zahl von Meistern enthalten zwei Schriften von C. J. Nieuwenhnys. Eine kritische Würdigung vieler Bilder einer grossen Anzahl von Meistern befinden sich in meinen Werken über die Kunstschätze von Paris und Grossbritannien. Dasselbe gilt von verschiedenen Büchern der Frau Jameson. Endlich hat diese Epoche erst neuerdings in Herrn W. Burger, einem Franzosen, welcher, vorzugsweise von dem genauesten Studium der Bilder und den darauf befindlichen Bezeichnungen ausgehend, sowohl in der ästhetischen Würdigung, als in der Berichtigung und Vermehrung des historischen Thatbestandes, einen Bearbeiter gefunden, welcher in verschiedenen Büchern ungemein dazu beigetragen hat, endlich eine Geschichte dieser grossen Schule zu begründen, welche auf einen wissenschaftlichen Werth Anspruch machen kann.
Indem ich nun hiermit, sowohl von dem früheren, als von dem jetzigen Stand der, über die Geschichte der Malerei in Deutschland und den Niederlanden vorhandenen, Nachrichten Rechenschaft abgelegt, habe ich zugleich die Quellen angegeben, aus welchen ich bei der Ausarbeitung dieses Handbuchs geschöpft, und die zugleich für Jeden massgebend sind, welcher sich auf nähere Forschungen über diesen Gegenstand einlassen will. Mehrere andere Quellen, welelie nur Auskunft über Einzelheiten gewähren, werden sehiek-lieher bei diesen einzelnen Fällen angegeben werden. Verschiedene Gründe haben mieh bewogen, die Gesehiehte der Malerei in jenen Ländern nieht bis auf die Künstler der Gegenwart zu verfolgen. Um über eine Kunstepoehe, wie über einzelne Künstler ein unparteiisches und reifes Urtheil zu fällen, müssen dieselben der Vergangenheit angehören. Erst dann fallen so manelie Vorurtheile, für, oder gegen beide, wovon sieh die Zeitgenossenschaft nie frei maehen kann, und so manche Rücksichten fort, welcho man billig den lebenden Künstlern sehuldig ist. Auch findet man häufig, dass die Freunde der Malerei früherer Zeiten, für welche doch dieses Handbueh vorzugsweise bestimmt ist, an der Malerei der Gegenwart weniger Interesse nehmen. Das Allgemeinste derselben ist überdem unter allen Gebildeten so bekannt, dass es überflüssig gewesen sein würde, dasselbe hier anzugeben, ein genaueres Eingehen aber würde, aueh abgesehen von den obigen Rücksichten, den Umfang und den Preis dieses Handbuchs zu ansehnlich vermehrt haben.
Indem ich nun schliesslich bemerke, dass dieses Buch nicht für die kleine Zahl der Kenner und Forscher, sondern für die grosse Zahl der Kunstfreunde und Künstler geschrieben ist, welehe sieh über die betreffenden Schulen einige zusammenhängende Kenntnisse erwerben wollen, erlaube ieh mir dieser Klasse von Lesern einen auf eigne Erfahrung begründeten Rath zu ertkeilen. Ieh empfehle ihnen nämliek bei der ersten Lecture, ausser der allgemeinen Charakteristik an der Spitze der verschiedenen Abschnitte, nur die Meister zu beachten, welche sich durch die ausführlichere Behandlung als die wichtigsten kund geben, und auch, wenn sie bei dem Besueh der Gallerien den in diesem Buch enthaltenen Angaben folgen wollen, ein ähnliches Verfahren zu beobachten. In der Kenntniss der Kunst kommt es nämlich besonders darauf an, sich zuerst gewisse Haupteindrücke fest anzueignen. Erst dann wird man ein Interesse und ein Verständniss für Meister von minderer Bedeutung gewinnen, welche, wenn man sie auf den ersten Anlauf mit in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen will, nur zerstreuend, ja verwirrend einwirken, und dadurch leicht die Freude an dem ganzen Studium verleiden.
Um jede der einzelnen Schulen in seinem Zusammenhänge verfolgen zu können, wird am Ende des zweiten Bande eine Uebersicht über dieselben gegeben werden. Zwei Register, denen das eine die Namen der Meister, das andere die angeführten Bilder nach den Orten enthält, wo sich dieselben befinden, werden den Leser in den Stand setzen, jeden Maler, wie jedes Bild, leicht aufzufinden.
Ich beabsichtige in der Weise dieses Handbuchs auch die übrigen vornehmsten Malerschulen, und zwar zunächst die italienische und darauf die französische zu behandeln, deren Hauptwerke mir durch den wiederholten Besuch der betreffenden Länder ebenfalls aus eigner Anschauung bekannt sind. Sollte es mir noch vergönnt sein, durch den Besuch von Spanien mir eine ähnliche Kenntniss der dortigen Malerschule zu erwerben, so würde ein Handbuch über dieselbe den Beschluss machen.
Berlin im September 1861.
Der Verfasser.
Text aus dem Buch: Handbuch der deutschen und niederländsichen Malerschulen (1862), Author: G.F. Waagen.
Die Einzelnen Buchkapitel:
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Vorrede
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Erstes Kapitel von 800-1150
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweites Kapitel von 1150-1250
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Der Germanische Stil
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Ausbildung der eigentlichen selbständigen Malerei
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – vollständige Ausbildung des germanischen Kunstnaturells im Geiste des Mittelalters
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der Brüder van Eyck his gegen Ende des 15. Jahrhunderts
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule der van Eyck bis zu ihrem Ausgange
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in ihrem Übergange von der Kunstweise der vorigen Epoche zum Realismus bis zum Jahr 1460
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der realistischen Richtung der van Eyck’schen Schule von 1460-1500
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Köln und dem Niederrhein
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Schulen in der vollständigen Entwicklung ihrer Eigenthümlichkeit Von 1500-1550
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die fränkischen Malerschulen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Sächsische Maler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die schwäbische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei am Niederrhein und in Westphalen
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Verzerrung des germanischen Kunstnaturells in der Historienmalerei durch Nachahmung der Italiener
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Malerei in Deutschland
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Zweite Blüte des germanischen Kunstnaturells in der Form der modernen Geistesart
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Schule von Belgien
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Zeitgenossen und die Schüler von Rubens
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die holländische Schule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Rembrandt van Ryn
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Schüler und Nachfolger von Rembrandt
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Genremaler
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Maler der Blumen, Früchte, Pflanzen oder sogenannte Stillleben
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutschen Maler dieser Epoche
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die Epoche des Verfalls von 1700-1810
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Flämische Malschule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die holländische Malschule
Handbuch der deutschen und niederländischen Malerschulen – Die deutsche Schule