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01.12.2016 - Maja Petzold
01.12.2016
Maja Petzold
Der feine Unterschied
Nach zahlreichen Veröffentlichungen zu den Fähigkeiten unserer nächsten Verwandten, den Primaten, fragt man sich: Was unterscheidet den Affen vom Menschen?
Affen zu beobachten, finden wir immer wieder spannend. Zuzuschauen, wie ein Äffchen tobt, weil es in einer Versuchsreihe immer nur ein Stück Gurke und nicht wie sein Nachbar eine Traube erhält, amüsiert uns menschliche Zuschauer. Lachen wir über die ähnliche Gefühlsäusserung? Sind Affen für uns wie kleine Kinder? Das Verhalten von Menschen und Affen im Vergleich ist heute wie vor 150 Jahren ein Forschungsthema.
Der Gebrauch von Werkzeugen, die Fähigkeit zu sprechen und die Fähigkeit, intellektuell, d.h. über den eigenen Geist nachzudenken, an diesen Kriterien werden die Unterschiede zwischen Menschen und Primaten gemessen, seit Forscher und Forscherinnen das Verhalten unserer nächsten Verwandten beobachten und einzuschätzen versuchen. Es ist schon lange unbestritten, dass Affen ebenso in der Lage sind, Werkzeuge herzustellen und zu benutzen, wie Menschen. Sprechen zu lernen, sich differenzierter als nur durch ein paar undeutliche Vokale auszudrücken, scheint Affen jedoch weitgehend unmöglich; nur durch Gebärden ist eine gewisse Kommunikation möglich. Inwieweit solche Gesten aber darüber hinausgehen, eigene Bedürfnisse zu befriedigen, können die Forscher nicht eindeutig entscheiden. Ein Mitteilungsbedürfnis, wie wir es bei Kleinkindern beobachten, die auf Dinge zeigen, die sie erkennen, findet man bei keiner Affenart.
Mensch und Affe sind verwandt
Die heutige Forschung beschäftigt sich hauptsächlich damit, worin die Unterschiede der geistigen Kapazitäten zwischen Mensch und Affe bestehen. Inwieweit kann ein Schimpanse sein eigenes Denken von dem anderer in seiner Gruppe differenzieren. Einen schwachen Hinweis meinen die Forschenden gefunden zu haben: Schimpansen können durch einen anhaltenden Blick – möglicherweise – Zweifel oder Skepsis ausdrücken; und sie erkennen sich selbst im Spiegel.
Charles Darwin hatte 1859 den Anstoss zu diesem Diskurs gegeben. Er definierte die Evolution des Lebens auf der Erde als kontinuierliche Entwicklung vom einfachsten Lebewesen zu den höchstentwickelten, den Primaten zuerst und dann den Menschen. Es war Darwin bewusst, dass die in ihrem Sinn verkürzte Behauptung „Der Mensch stammt vom Affen ab“ schockieren würde. Erst 1871 erlaubte er sich, seine These zu veröffentlichen: Der Mensch ist mit dem Affen verwandt, er teilt mit ihm gemeinsame Vorfahren. Die Diskussion darüber war damals schon sehr hitzig und ist bis heute nicht beendet. Der Amerikaner Jerry Fodor, Philosoph und Kognitionswissenschaftler, stellte noch im 21. Jahrhundert Darwins Prinzip der Natürlichen Selektion als Grundlage der Evolution in Frage und postulierte in der geistigen Entwicklung eine radikale Diskontinuität zwischen Affe und Mensch. – Auch diese These blieb nicht unwidersprochen.
Affen sind auf sich selbst bezogen
Julia Fischer, Direktorin des Leibniz-Instituts für Primatenforschung in Göttingen forscht über die Evolution von Sozialverhalten und Intelligenz bei Primaten speziell im Verhalten von „Altaffen“, das sind Makaken und Paviane. In ihrem Vortrag im Rahmen der Reihe des Collegium Generale der Universität Bern zeigte sie einige Unterschiede zwischen Affen und Menschen auf. Wenn es beispielsweise gilt, unter Hütchen versteckte Leckerbissen zu entdecken, raten die Affen zumeist. Auch Kinder, vor allem kleine, raten oft, aber Erwachsene finden die versteckten Dinge selbstverständlich zu 100%.
Junger Schimpanse am Gombe-Fluss © Ikiwaner / commons.wikimedia.org
Frappant ist ein Test, in dem Mengenunterschiede erkannt werden sollen: Schimpansen zeigen immer auf die grössere Menge – die kleinere ist ihnen gleichgültig. In anderen Versuchsanordnungen zeigte sich, dass die Affen gemäss ihren Vorlieben auswählen, nicht gemäss der Menge, wie es der Versuch präsentierte.
In einer weiteren Fragestellung ging es um die Verarbeitung sozialer Reize. Können Affen wie Menschen sich vergewissern, ob der andere ebenfalls das interessante Objekt anschaut („geteilte Aufmerksamkeit“)? – Wenn der andere die Perspektive übernimmt, geht die Wissenschaft davon aus, dass dies einer mentalen Fähigkeit entspricht. – Halbjährige Affenkinder sind bereits sehr aufmerksame Beobachter. Jugendliche Affen schauen mehr und länger, erwachsene Affen eher bei Fremden, jedoch deutlich weniger bei Gruppenmitgliedern. Die Gruppenmitglieder kennen sich untereinander sehr gut. Spielt das eine Rolle? „Sie machen nichts anderes, als sich untereinander zu beobachten“, sagt Julia Fischer, aber sie vergleichen sich nicht, wie Menschen es ständig tun („Macht es der andere so gut wie ich?“). In ihren Handlungen funktionieren Affen nach dem Prinzip „trial and error“. Verglichen mit Kindern, verstehen Affen soziale Hinweise ziemlich schlecht. Was der andere macht, ist ihnen egal, so lange sie (bei den Belohnungen) gleich berücksichtigt werden. Affen seien sehr auf sich bezogen, auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse, sagt Julia Fischer.
Im Alter ähneln sich Menschen und Affen
Die Forscherin hat auch untersucht, ob sich alte Berberaffen in ihrem Verhalten ändern. Alte Affen sind in ihrem sozialen Bezugsnetz sehr viel selektiver als junge. Sie beginnen selbst seltener mit der Fellpflege, lassen sich aber gern pflegen. – Jüngere kommen auch gern, um ihnen das Fell zu pflegen. Ein Test mit Fotos zeigte: Alte mögen offensichtlich Fotos von Freunden, Freundinnen und von Babys. Die Lust auf neue Erkundungen lässt bei Alten deutlich nach, aber sie beobachten immer noch genau, was in der Gruppe läuft.
Das Fazit, das Julia Fischer zieht, lautet: Offensichtlich trägt der Menschen ein „Primatenerbe“ mit sich, aber die Suche nach einem eindeutigen Kriterium zur Unterscheidung führt in die Irre. Den entscheidenden Unterschied macht die Kombination der Fähigkeiten, die der Mensch entwickelt hat. Insofern haben sowohl Charles Darwin als auch Jerry Fodor recht – zu diesem Schluss kommt Julia Fischer aufgrund ihrer Forschungen.
Die eingangs erwähnte Episode erklärt Frans de Waal: