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Stress – stiller Killer des Frauenherzens
Wieso sterben Frauen häufiger an einem Herzinfarkt? Warum reagieren Männerherzen anders auf Stress? Und welche Herzrisiken sind für Frauen besonders gefährlich? Dies erklärt die Gender-Medizinerin und Interventionelle Kardiologin Catherine Gebhard.
Catherine Gebhard, ein Herzinfarkt betrifft immer häufiger auch Frauen. Brechen Frauenherzen leichter?
Aus medizinischer Sicht ist dies tatsächlich so, denn Frauen reagieren sensibler auf emotionalen Stress. Dies kann sich unter anderem in einer schweren Funktionsstörung des gebrochenen Herzens, dem sogenannten Broken-Heart-Syndrom, äussern. Es entsteht meistens durch eine starke emotionale Belastung. Diese verursacht die Freisetzung von Stresshormonen, die bewirken, dass sich vor allem die Gefässe an der Herzspitze verengen. Dadurch kommt es zu einer temporären Herzschwäche. Das Herz pumpt nicht mehr richtig, vor allem im Bereich der Herzspitze. Das alles äussert sich ähnlich wie bei einem Herzinfarkt mit Brustschmerzen, Luftnot oder auch anderen Beschwerden.
Wie sieht ein gebrochenes Herz im Ultraschall aus?
Ein Broken-Heart-Syndrom ähnelt von den Symptomen her einem Herzinfarkt. Es gibt jedoch auch Unterschiede: Im Herzkatheter sieht man, dass es keine Gefässverschlüsse gibt. Das Herz sieht in der Röntgenaufnahme aus wie die japanische Tintenfischfalle Tako-Tsubo. Von daher stammt übrigens der medizinische Fachbegriff Tako-Tsubo-Syndrom.
Sind Frauen solche Sensibelchen, dass ihnen Stress stärker zusetzt?
Psychosozialer Stress in der Familie ist bei Frauen ein stärkerer Risikofaktor für die Entstehung einer koronaren Herzkrankheit als bei Männern. Bei einer koronaren Herzkrankheit kommt es zu einer Verengung oder sogar einem Verschluss der Herzkranzgefässe. Wichtig ist, Frauen mit einem Risiko für stressbedingte Herzerkrankungen Stresspräventions- und Entspannungsprogramme anzubieten, statt nur auf medikamentöse Therapien zu fokussieren.
Partnersuche, Dating, wechselnde Beziehungen und am Ende ein gebrochenes Herz. Sind vor allem jüngere Frauen betroffen?
Nein, 90 Prozent der Patientinnen haben die Menopause bereits hinter sich. Bei den älteren Frauen tritt das Broken-Heart-Syndrom meist nach einem für sie einschneidenden Ereignis auf. Das kann der Tod des Partners sein oder ein anderes emotional belastendes Ereignis.
Sind Männerherzen immun gegen Stress?
Sie reagieren ebenfalls auf Stress, jedoch ist der Stimulus unterschiedlich. Psychosozialer Stress in der Familie und Partnerschaft setzt ihnen weniger zu als Frauen. Hingegen reagieren sie stärker auf Stress bei der Arbeit. Auch sind Sportereignisse bei Männern ein Risikofaktor für einen Herzinfarkt. Das konnten wir anhand einer Studie aus Kanada zeigen: Hier kam es 12 bis 24 Stunden nach einem Eishockeyspiel zu einem Anstieg der Herzinfarkte bei Männern, nicht jedoch bei Frauen. Gleiches gilt für Fussballübertragungen. Sport ist gesund! Allerdings nicht für die (männlichen) Zuschauer.
Gut zu wissen
- Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Stress.
- Viele Frauen unterschätzen ihr Herzinfarktrisiko.
- Raucherinnen haben ein grösseres Herz-Kreislauf-Risiko als männliche Raucher.
- Nach Sportereignissen erleiden männliche Zuschauer häufiger einen Herzinfarkt als Frauen.
- Männer überleben einen Herzinfarkt häufiger als Frauen.
Kann Frau am gebrochenen Herzen sterben?
Es kann beim Broken-Heart-Syndrom zwar zu lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen kommen. Zum Glück sterben Patientinnen jedoch sehr selten an einem Tako-Tsubo-Syndrom. Man sollte sie allerdings im Spital überwachen. Meist bessert sich die Herzfunktion nach ein paar Tagen. Insgesamt sterben inzwischen jedoch mehr Frauen als Männer an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: fast jede zweite Frau, hingegen nur 40 Prozent der Männer. Auch einen akuten Herzinfarkt überleben Männer häufiger als Frauen.
Woher kommt dieses Ungleichgewicht?
Die Besonderheiten des weiblichen Herzens werden bei der Behandlung häufig nicht berücksichtigt. Auch verordnen Ärztinnen und Ärzte Frauen seltener eine Herzkatheteruntersuchung oder medikamentöse und intensivmedizinische Therapien. Zudem äussert sich der Herzinfarkt bei Frauen öfter als bei Männern durch atypische andere Symptome. Bei Frauen tritt statt der typischen Brustschmerzen häufiger als bei Männern eine vegetative Symptomatik mit Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Atemnot auf.
Sollten Ärzte die geschlechtsspezifischen Eigenheiten bei der Behandlung besser beachten?
Das wäre gut. Auch bereits vor einem kardiologischen Ereignis liesse sich einiges verbessern. Ein Beispiel: Erleiden Frauen in der Öffentlichkeit einen Herz-Kreislauf-Stillstand, erhalten sie seltener Hilfe durch Laien. Zudem sollten die Frauen selbst schneller aktiv werden. Sie warten bei einem Herzinfarkt länger als Männer, bevor sie einen Arzt rufen.
Dabei heisst es doch, Frauen horchen besser in ihren Körper hinein als Männer und gehen häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen?
Das ist richtig. Zum Beispiel bemerken Frauen viel eher ein Herzstolpern und lassen dies auch häufiger abklären als Männer. Das Problem beim Herzinfarkt ist indes, dass Betroffene die Beschwerden oft falsch deuten. Daraus resultieren gefährliche Verzögerungen, sodass es im Durchschnitt 37 Minuten länger dauert, bis Frauen medizinische Hilfe erhalten. Dabei zählt bei einem Herzinfarkt jede Minute!
Die Öffentlichkeit sollte also besser über die Symptome eines Herzinfarkts bei Frauen Bescheid wissen?
Das Problem ist, dass Herzerkrankungen immer noch als typische Männererkrankung gesehen werden. Gerade jüngere Frauen unterschätzen ihr Risiko massiv. Sie wissen nicht genügend über ihre Risikofaktoren Bescheid. So nehmen Herzkrankheiten auch bei Frauen vor der Menopause zu. Denn Frauen übernehmen zunehmend die Risikofaktoren der Männer. Wenn zum Beispiel ein Mann und eine Frau die gleiche Anzahl an Zigaretten pro Tag rauchen, hat die Frau ein deutlich höheres Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung als der Mann. Wenn dann noch Stress hinzukommt, hat sie bereits zwei erhebliche Risikofaktoren.
Bedingt Geschlechtergerechtigkeit in der Medizin also, dass die körperlichen Unterschiede von Frauen und Männern stärker in den Fokus rücken?
Nur wenn Ärzte die Geschlechter individuell anschauen, besteht die Chance auf eine gerechte medizinische Behandlung von Frauen und Männern. Dies beginnt bereits bei der Pharmaforschung: In Studien zur Herzgesundheit liegt der Frauenanteil durchschnittlich nur bei 18–24 Prozent! Und so erhalten Frauen und Männer in der Regel bei Medikamenten die gleiche Dosierung. Untersuchungen weisen jedoch in vielen Bereichen darauf hin, dass Frauen von einer niedrigeren Dosis profitieren würden. Ich merke das auch in der Praxis. Ich sehe viele Frauen, die erheblich mehr Nebenwirkungen haben als Männer.
Kardiologie am KSB
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