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Die Zuger Parteien versuchen bei den Kantonsratswahlen möglichst in allen Gemeinden mit Kandidaten anzutreten. Notfalls auch mit solchen, die ganz woanders wohnen. Thomas Rubin von den Grünliberalen erzählt, wie er für seine Partei die Kohlen aus dem Feuer holt.
«Ich bin ein Parteisoldat», sagt Thomas Rubin und lächelt. Der Stadtzuger will Kantonsrat werden, aber im Parlament die Gemeinde Steinhausen vertreten. Rubin ist ein «Pukelsheimer».
«Doppelter Pukelsheim» heisst das Verhältniswahlrecht, nachdem der Kanton Zug am 7. Oktober schon zum zweiten Mal seinen Kantonsrat wählt. Ein besonders faires, aber auch besonders kompliziertes Wahlsystem (siehe Kasten).
Jede Listenstimme zählt
Es hat eine Konsequenz: Kleine Parteien, die nicht in allen Gemeinden Kandidaten aufbieten können, entsenden solche aus andern Orten. Damit ihnen die Wählerschaft, auch wenn sie nur wenige Dutzend Leute umfasst, die Stimme geben kann. Selbst falls der ortsfremde Kandidat nicht gewählt wird, ermöglichen die Listenstimmen möglicherweise jemandem aus einer andern Gemeinde den Einzug in den Kantonsrat.
Grob gesagt funktioniert der doppelte Pukelsheim so: Erst werden alle Listenstimmen im Kanton zusammengezählt, und daraufhin ausgerechnet, welche Partei Anrecht auf wie viele Sitze hat. Der ganze Kanton wird bei der sogenannten Oberzuteilung der Mandate als einziger Wahlkreis betrachtet.
Dann werden die Stimmen in den einzelnen Gemeinden berücksichtigt – die Unterzuteilung. So wird festgelegt, in welchen Wahlkreisen die Sitze realisiert werden.
Das Verfahren setzt Algorithmen ein, um einerseits zu garantieren, dass jede Gemeinde so viele Sitze kriegt, wie ihr zustehen, andererseits auch, dass jede Partei so viele Sitze kriegt, wie ihr in der Oberzuteilung zugesprochen wurden.
Eigentlich handelt es sich um ein doppelt proportionales Zuteilungsverfahren, welches nach dem deutschen Mathematiker Friedrich Pukelsheim benannt wurde. Der hatte das Wahlsystem für den Kanton Zürich ausgetüftelt, wo es 2006 erstmals zum Einsatz kam.
Der Dörfligeist regiert
Rubin ist in Steinhausen bereits vor vier Jahren für die GLP zur Wahl in den Kantonsrat angetreten. Im Strassenwahlkampf war er im Dorfzentrum unterwegs, hat über 70 Einzelgespräche geführt und ist dabei teils auf massives Unverständnis gestossen, wie er erzählt.
Etwa ein Drittel der Gesprächspartner habe nicht verstanden, warum jemand mit Wohnsitz in der Stadt Zug für den Kantonsrat im Wahlkreis Steinhausen antritt. «Einzelne gaben mir zu verstehen, dass ich hier nicht verankert sei und machten mir klar: Geh zurück nach Zug, hier hast du nichts zu suchen.»
Steinhausen lohnt sich für GLP
Die Mehrheit der Diskussionen sei indes konstruktiv verlaufen, er habe sich über Politik austauschen können. Und grünliberale Politik ist durchaus ein Thema in Steinhausen, das mit knapp 10’000 Einwohnern ziemlich gross ist und inzwischen einen urbanen Einschlag hat. Rubin sieht es als Agglomerationsgemeinde für Leute, die in Zug, Zürich oder Luzern arbeiten.
Für die GLP hat sich Rubins Engagement durchaus gelohnt. Man habe über 400 Listenstimmen verbuchen können – «ungefähr zwei Drittel so viel wie die SP», so Rubin. Und die Sozialdemokraten traten mit waschechten Steinhausern zur Wahl an.
40 Jahre Politikerfahrung
Auch wenn Rubin selber sagt: «Ich rechne nicht damit, dass ich gewählt werde», soll sein Wahlkampf den Grünliberalen dabei helfen, das Wahlziel zu erreichen und im Zuger Kantonsrat endlich Fraktionsstärke zu erreichen.
«Steinhausen ist schon fast mustergültig, was die Verkehrsberuhigung im Dorfzentrum betrifft.»
Thomas Rubin, Kantonsratskandidat GLP
Wählbar ist Rubin auf jeden Fall: Er hat jahrzehntelange Politikerfahrung und sass früher für die FDP in der Rechnungsprüfungskommission der Luzerner Gemeinde Malters. In seiner Jugend sei er links gewesen, erzählt er, nun habe er bei den Zuger Grünliberalen seine politische Heimat gefunden.
Lösung der Verkehrsprobleme
Der «studierte Bauer», wie sich der Agrarökonom selber nennt, hat zwölf Jahre im Ausland gearbeitet und ist in seinem Leben 14 Mal umgezogen. Nach längerer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit war er Raumplaner, später Berater für Prozessmanagement – jetzt ist der 68-Jährige als Segellehrer und professioneller Fotograf unterwegs. Politisch ist Rubin ein weltoffener Bürgerlicher mit einem Faible für Technik, Wirtschaft und vor allem: Ökologie.
Steinhausen sei schon fast mustergültig, was die Verkehrsberuhigung im Dorfzentrum anbelange, sagt er. Für die Stadt Zug hat er eine klare Empfehlung, wie sie des Verkehrschaos Herr werden könnte: «Man müsste einfach zwei, drei Pförtneranlagen an den Einfallachsen installieren. Das wäre alles.»

Mollet und Franzini: Auch prominente Politiker treten anderswo an

In allen 11 Wahlkreisen, die im Kanton Zug den Gemeinden entsprechen, sind die SVP, CVP und FDP und die ALG vertreten. Am meisten ortsfremde Kandidaten setzt die SP ein. Ein typischer «Pukelsheimer» ist etwa Fabian Gold (37) aus Zug, der sich in Oberägeri zur Wahl für den Kantonsrat stellt. In Risch kandidiert bei den Chamer Sozialdemokraten Michael Leyh (58), in Baar der Zuger SPler Oliver Ranger (25).
Doch nicht nur SP und GLP entsenden «Pukelsheimer» zur Wahl – auch grössere Parteien, die in allen Gemeinden Kandidaten stellen, haben ortsfremde Kandidaten aufgestellt. Prominentestes Beispiel ist Patrick Mollet von der FDP, der in Walchwil wohnt, aber Kantonsrat der Stadt Zug werden möchte. Allerdings ist Mollet schon lange mit der Stadtzuger FDP verbunden – seit 2013 ist er deren Präsident.
Ein informeller «Pukelsheimer» ist Luzian Franzini, der Vizepräsident der Grünen Schweiz. Er hat seinen Wohnsitz von Rotkreuz zu Parteifreunden nach Zug verlegt und möchte nun die Stadtzuger Alternativen im Kantonsrat vertreten. Ein Blick auf die Wahlliste erklärt die Rochade: Die beliebte parteilose Kantonsrätin Susanne Giger, die sich der ALG-Fraktion angeschlossen hatte, kandidiert nur noch fürs Stadtparlament. Ein zugkräftiger Kandidat soll ihren Sitz im Kantonsparlament verteidigen.
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