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Eine Frauenstimme erklingt aus dem Cockpit eines Airbus A320 – zuerst auf Arabisch, dann auf Englisch: «Dear guests, hello, good evening, welcome on board…». Hadeel Khamash heisst die 35-jährige Jordanierin, eine von nur acht Pilotinnen bei der Royal Jordanian Airlines. Und von diesen dürfen sich lediglich drei Frauen Captain nennen. Hadeel Khamash gehört zu diesem Kreis. Die anderen sind Co-Pilotinnen.
Als Kind hätte sie sich nie träumen lassen, dass sie eines Tages fliegen würde. Angefangen hat für sie alles am Boden der jordanischen Realität. Die Frau, die sich in der Uniform eines Flugkapitäns zum Dienst meldet, hatte vor ihrer Pilotinnenausbildung mit Aviatik gar nichts zu tun.
Erster Flug gleich im Cockpit
«Ich war nie vorher in einem Flugzeug, nicht einmal als Passagierin», sagt Hadeel Khamash. «Als ich das erste Mal flog, war ich im Cockpit», lacht sie.
Im Crew-Zentrum am internationalen Flughafen von Amman holt sich die Pilotin am Automaten einen Kaffee, bevor ihre Besatzung zum Briefing kommt. Sie erzählt von ihrem Werdegang und ihrer Familie, die zwar nicht reiste, sie aber als Mädchen gleich behandelte wie ihre Brüder. Keine Selbstverständlichkeit in Jordanien.
Arbeitende Frauen in der Minderheit – trotz Förderung
Nicht einmal ein Fünftel der jordanischen Frauen hat einen bezahlten Job. Damit hat Jordanien weltweit einen der tiefsten Anteile von berufstätigen Frauen. Dabei verfügt das Land über ein Bildungssystem, das Frauen und Männern gleichermassen Zugang gewährleistet.
Trotz Initiativen des Königshauses und Gleichstellungsprogrammen von internationalen Organisationen: Die Rolle der Frau als Gattin, die sich ausschliesslich um Haushalt, Kinder und Schwiegerfamilie kümmert, ist tief in der Tradition des Landes verwurzelt. Berufstätige Frauen widersprechen der sozialen Norm.
Die jordanische Regierung unterstützt grundsätzlich eine grössere wirtschaftliche Beteiligung von Frauen, aber ihr fehlen die finanziellen Mittel für mehr Engagement in diesem Bereich.
«Mein Vater hat mich nicht anders behandelt als meine Brüder», erzählt sie. Sie durfte als Kind draussen spielen und eigentlich machen, was sie wollte. Auch studieren durfte sie. Hadeel Khamash wurde Elektroingenieurin.
Mein Vater war begeistert. Er sagte, bewirb dich, das kannst du!
Auf der Suche nach Arbeit entdeckte sie in der Zeitung ein Stelleninserat der nationalen jordanischen Fluggesellschaft. Diese suchte Leute mit einem Uni-Abschluss für die Pilotenausbildung.
«Mein Vater war begeistert. Er sagte, bewirb dich, das kannst du!», erinnert sich Khamash. Ihre Mutter hingegen habe sich Sorgen gemacht, sie würde mehr Zeit in der Luft als am Boden verbringen. «Aber dann hat sie mich umarmt und gesagt, du bist erwachsen, wenn du das willst, bewirb dich, und du wirst die Stelle bekommen!»
Die Besatzung der A320-Pilotin trifft langsam ein: der Co-Pilot, der Maître de Cabine und drei weibliche Flight-Attendants. Die Frauen sind an diesem Abend in der Mehrzahl. Die Pilotin weiss: Dieses Bild ist in ihrem Land alles andere als repräsentativ. In Jordanien arbeiten nur 16.2 Prozent der Frauen ausser Haus.
Männliche Kollegen zeigen Respekt
«Als ich diese Zahl zum ersten Mal las, war ich schockiert. Sie nervt mich auch», sagt sie. Jordanische Männer hätten oft das Gefühl, sie würden ihre Ehefrauen, Schwestern und Töchter beschützen, wenn sie sie zwingen würden, ihre Ausbildung abzubrechen oder sie nicht ausser Haus arbeiten liessen.
Die Frau, die entgegen allen sozialen Normen Linienpilotin geworden ist, fordert mehr Aufklärung an den Schulen: Jedes Mädchen habe das Recht darauf, sich selbst zu verwirklichen.
Sie erfahre als Frau bei ihren männlichen Kollegen Respekt, sagt Hadeel Khamash. Was die beiden Männer in ihrer Crew an diesem Abend beweisen: Der Co-Pilot und der Maître de Cabine grüssen sie respektvoll mit «Captain».
Kurz und knapp informiert Hadeel Khamash ihre Besatzung über den bevorstehenden Flug. Sie erwartet ein paar Turbulenzen beim Start, sonst einen normalen Flug. Das Briefing ist beendet, die Besatzung steigt in den Bus zum Abflugterminal. Captain Khamash steigt als letzte ein.
Naher Osten ohne Grenzen
Fliegen habe ihren Blick auf die Welt verändert, sagt die Frau, die nicht reisen konnte, bevor sie Pilotin wurde. «Wenn ich fliege, sehe ich die Grenzen nicht, die uns Menschen voneinander trennen», sagt sie. Am Boden hier im Nahen Osten, sehe sie ständig, was Grenzen bewirkten: Konflikte, die ihr Leben bestimmten.
Sie habe Verwandte in Syrien und in der palästinensischen West Bank, die sie wegen der Konflikte nicht besuchen oder zu sich einladen könne. Es sei Zeit, ein Ende dieser Konflikte zu fordern. Damit auch die Menschen in dieser Region leben könnten, wie jene in Europa.
An diesem Abend fliegt die Pilotin ausgerechnet nach Saudi-Arabien, wo Frauen bis vor acht Monaten noch nicht einmal Auto fahren durften. Sie schickt später eine Aufnahme aus dem Cockpit von ihrem Landeanflug auf Dschidda. Diese zeigt: Die Saudis im Kontrollturm zucken nicht mit der Wimper, wenn eine Frau dort ihre Landung anmeldet.
Nach der Landung in der saudi-arabischen Hafenstadt wird Hadeel Khamash den Flughafen nicht verlassen. Eine Stunde später fliegt sie bereits wieder nach Amman zurück.
Eine eigene Familie hat die Pilotin noch nicht. «Wenn ich eine Person finde, die damit leben kann, dass ich auch die Linienpilotin – also der Captain – bin, dann schliessen sich Karriere und Familie nicht aus.»
Um 00:21 Uhr landet Hadeel Khamash wieder sicher in Amman, und fährt nach Hause zu ihren Eltern und Geschwistern.
Frauen im Cockpit – weltweit eine Seltenheit
Es ist auch in unseren Breitengraden noch recht selten, dass eine Frau im Cockpit eines Linienfluges sitzt. Von den 1300 Piloten, die die Swiss beschäftigt, sind fünf Prozent Frauen. In Ländern, wo nur eine Minderheit der Frauen überhaupt ausser Haus arbeiten darf, ist eine Pilotin aber sehr aussergewöhnlich. Von den 313 Piloten bei der nationalen Fluggesellschaft Jordaniens Royal Jordanian Airlines sind 8 Frauen. Ihre erste Pilotin hatte die Airline aber bereits 1985, nur zwei Jahre nachdem die Crossair die erste Schweizer Linienpilotin eingestellt hatte. Im Cockpit der Swissair nahm 1987 erstmals eine Frau Platz.