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Zwei Clubfahrten in den Glarnerbergen
Zwei Clubfahrten in den Glarnerbergen Von /. Brunner, Präsident der Section Tödi S.A.C.
I. Der Bifertenstock vom Griesgletscher aus.
Bericht über die offizielle Excursion der Section Tödi S.A.C. ( 9. August 1876. ) In der Frühlingsversammlung vom 30. April 1876 wurde die Besteigung des Bifertenstockes vom Griesgletscher aus beschlossen und der Präsident mit der Führung der Excursion betraut.
Der Bifertenstock oder Piz Durdin ( Durschin ), wie er im Vorder-Rheinthal genannt wird, ist mit 3426 m neben dem Piz Rusein der höchste jener Felsencolosse, welche die Grenze des Kanton Glarus nach Süden bilden.
Schon einmal stand er als Ziel einer offiziellen Excursion auf den Traktanden des S.A.C. Die erste Tour ( 1863 ) scheiterte an der Ungunst der Witterung* ). Von den beiden Theilnehmern kehrte Herr Jenny un- verrichteter Dinge zurück, und nicht viel besser erging es dem andern, Herrn Scheuchzer. Derselbe hatte sich die Aufgabe gestellt, die Besteigung direkt vom Griesgletscher aus zu bewerkstelligen, wurde aber durch schlechtes Wetter an der Ausführung verhindert und inmitten des Plattalvafirn zur Umkehr gezwungen. Er hatte damals in erster Linie dem Vorderselbsanft seinen Besuch zugedacht und wählte dann den Abstieg durch die steile Kehle zwischen 3029 und 2986 ( Excursionskarte 1876/77 ) nach dem Tentiwang. Diese Kehle war schon im Jahre 1848 von Hrn. Dr. Hoffmann von Ennenda benutzt worden, wie aus seinem der Section Tödi gewidmeten Aquarell des Selbsanft deutlich hervorgeht.
Herr Dr. Abrah. Roth war einige Wochen später der erste, welcher das Glück hatte, den noch jungfräulichen Biferten zu betreten. Der von ihm eingeschlagene Weg war der seither stets befolgte, von Linththal über Alp Baumgarten, Rinkenthal, Nüschen, Kistenpasshöhe und von da in südwestlicher Richtung am Kistenstöckli vorüber und längs der südlichen Abdachung des Felsgrates hinan, welcher als westliche Fortsetzung des letztern die Grenze zwischen den Kantonen Glarus und Graubünden bildet.
Eine zweite Clubtour auf den Stock wurde 1871 unter Leitung Herrn Gabr. Freuler's mit glücklichem Erfolge ausgeführt.
Ueber die Besteigung des Biferten vom Griesgletscher aus hatten die Excursionen Scheuchzer's und Roth's nichts Positives zu Tage gefördert; beide bezeichneten das Unternehmen als zweifelhaft, jedenfalls nur bei ganz günstigen Schneeverhältnissen ausführbar.
Ich konnte mich also über die Schwierigkeiten, die meiner harrten, nicht täuschen. Mein Erstes war daher, mich mit unserm Führer Eimer in Verbindung zu setzen, welcher Hrn. Dr. Roth auf den Biferten und Hrn. Rathsherr Hauser auf das Hauserhorn ( Vorderselbsanft ) begleitet hatte und daher mit den Localitäten vertraut sein musste. Eimer meinte: « Es gaht schu, wenn d'r Schnee guet ist»-, und ich überliess es ihm, den günstigen Moment zu wählen; das Zuwenig hatten wir bei dem starken Schneefall des Winters 1875176 weniger zu befürchten als das Zuviel und er konnte in Elm sich besser über diese Verhältnisse orientiren, als ich in Glarus.
Mein zweites Bemühen gieng dahin, Reisegefährten zu erhalten, allein vergeblich; selbst die Bewährtesten uhsrer Section konnten sich nicht zur Theilnahme entschliessen, mit Ausnahme eines Einzigen, der aber leider durch « force majeure » zurückgehalten wurde.
So war ich denn allein, als Eimer den 9. telegraphirte, dass nun der Moment der Ausführung gekommen sei; rasch wurde zusammengepakt und noch den nämlichen Nachmittag, 9. August, erwartete ich in voller Ausrüstung die Abfahrt der Post. Trotzdem die Tour schon längst beschlossene Sache war, hatte die Eile, mit welcher die letzten Vorbereitungen getroffen werden mussten, mich höchlich aufgeregt und liess mir der Gedanke an die Schwierigkeit des Unternehmens und einen möglichen Echec keine Ruhe. Je näher ich indessen dem Ziel meiner Fahrt, Stachelberg, kam, wo Eimer Vater und sein Sohn Peter meiner harren mussten, um so ruhiger wurde ich, und ich möchte sagen mit Siegesgewissheit verliess ich meinen unbequemen Sitz auf. der Vache de » Postwagens, als beim Einbiegen unter die Veranda des rühmlichst bekannten Badehotels der graue Tschopen Heiris sichtbar wurde; er war mit Peter vor einer Viertelstunde über das Richetli zum Rendez-vous eingerückt. Eine kleine Erfrischung eingenommen, unsern Proviant vervollständigt, das Gepäck in Ordnung gebracht und dann fort, unserm Nachtquartier auf der hintern Sandalp zu!
Von Freunden begleitet, erreichten wir rasch die Kuranstalt Tödi im Thierfehd. Ein letztes Adieu und Glückauf! Die leichten Föhnwölkchen, welche den Tag über am Himmel hingezogen, hatten sich gegen Abend in eine graue Decke verwandelt und liessen uns Schlimmeres fürchten. Es war einige Tage mehr als ein Jahr, dass ich unter den gleichen Auspizien der Grünhornhütte zugewandert; der Regen erreichte uns damals schon beim Betreten der untern Sandalp und zwang uns, in ihren hintern Hütten Zuflucht zu suchen. Während wir unsere durchnässten Glieder mit Thee zu erwärmen suchten, stieg vom Bifertenbrückli her eine Gesellschaft herab, deren erbarmenswerter Zustand uns sogleich ein Unglück ahnen liess. Voran der Führer ohne Kopfbedeckung, die Haare vom strömenden Regen über das Gesicht herabgewaschen; hinter ihm, die schwarze Tuchkappe des Führers auf dem Haupte, eine Binde um den Kopf, die grosse Gestalt zusammengesunken, schweren, mühsamen Schrittes folgend ein würdiger Pfarrer unseres Kantons, mit seinem Reisegefährten, der den Strohhut mit einem rothen Halstuche über die Ohren herabgebunden hatte und zitternd vor Frost und Nässe den Nachtrab bildete. Morgens von der Grünhornhütte zum Tödi aufgebrochen, hatten sie zu sehr der trügerischen gefrorenen Schneedecke vertraut und war der Geistliche in eine tiefe Spalte versunken, aus der er nur mit äusserster Anstrengung seiner Gefährten herausgeholt werden konnte. Lange hatte er die Folgen des Falles zu entgelten.
Heute jedoch sollten sich unsere Befürchtungen nicht erfüllen; denn als wir nach kurzer Ruhe um 2 Uhr unser Lager verliessen, überstrahlte der prächtigste Vollmond mit seinem milden, verklärenden Lichte unsere Umgebung, ein Bild hervorzaubernd, wie nur die Allgewalt der Natur es vermag.
In feierlich gehobener Stimmung begannen wir unser Tagewerk. Die Riedtlen hinansteigend wurden wir von der kalten Gletscherluft des Bifertenfirns begrüsst. Bald hatten wir das Bifertenbrückli erreicht, von dem aus, den gewöhnlichen Weg zum Grünhorn verlassend, wir uns dem rechten Ufer des Bifertenfirns zuwandten. Die steilen magern Grasplanken des Tentiwanges längs des Fusses verfolgend, gelangten wir an ihr Südende, welches plötzlich steil abfallend die unterste nördliche Begrenzung jenes Couloirs bildet, das uns zum Griesgletscher führen sollte.Von unten bis oben dasselbe überblickend, konnte kein Zweifel sein, dass es uns harte Arbeit bereiten werde; also zuerst Kraft gesammelt, Kochapparat hervor, Kaffee hinein, allein oh Jammer! « mer hei d's Pack vergessen! » klagte Peter, in Voraussicht, einen Kaffee ohne jenes Surrogat zu geniessen, welches jeden Namen eher als den des Kaffee verdient. Als er jedoch die erste Portion gekostet hatte, heiterte sich sein missvergnügtes Gesicht sichtlich auf und mit grösstem Behagen schlürfte er zwei ganze Liter des angezweifelten Getränkes.
Aber nun vorwärts, die Zeit drängt, um 4 Uhr 10 Min. haben wir unsern Halt begonnen und jetzt ist schon eine Stunde dahin. Die Felshänge des Tentiwang betretend, klettern wir langsam empor; immer steiler wird der Weg, bald über öden Fels, bald über magere Planken führend. Eine kleine Terrasse wird erreicht, welche sich gegen das Couloir hineinzieht und uns den Zugang zu den obern Felsregionen der Scheibe eröffnet. Eine kurze Rast gestattet uns die für die nun beginnende eigentliche Kletterei nöthige Erholung. Peter, der unaufhaltsam vorwärts dringt, zeigt uns durch einen frohen Jauchzer an, dass er durch das untere der beiden vor uns liegenden Felsenbänder eine günstige Passage in die Kehle gefunden habe. Rasch folgen wir ihm und betreten nun endlich das Couloir selbst. Bald über hart gefrornen Schnee uns emporhackend, bald mit Händen und Knien über kleine. Felsabstürze empor-krabbelnd, oder uns durch eine Verengung durchzwängend, erreichen wir nach vierstündiger strenger Arbeit den Griesgletscher und haben somit den ersten Theil unseres Tagewerkes vollendet. Der Grund des Couloirs, in seiner untern Partie mit Gerolle bedeckt, liess, je weiter wir nach oben drangen, um so deutlicher ein röthliches Kalkspathband zu Tage treten. Mehrmals mussten wir über Blöcke dieses Minerals von 1-11km Dicke wegklettern, und das Betreten des Gletschers war durch einen aufrechtgestellten Block von 4,5 à 5 m Höhe und ungefähr lm Dicke beinahe unmöglich gemacht, so dass wir auf seiner südlichen Seite uns nur knapp durchschieben konnten.
Auf dem Griesgletscher angekommen, drängten wir rasch vorwärts; denn einen Theils hatte die Sonne den Schnee schon stark aufgeweicht und andern- Theils waren wir begierig, eine Stelle zu finden, von welcher aus wir in aller Musse unsern fernem Feldzugsplan entwerfen konnten. Dem Plattalvafirn den Rücken kehrend ( von den auf der Excursionskarte eingezeichneten Felspartien war keine Spur sichtbar ) wandten wir uns südwestlich der Scheibe entlang gegen Punkt 3084, in dessen Nähe wir eine geeignete Raststelle fanden.
Der Bifertenstock mit seinem in nordöstlicher Richtung auslaufenden Grate bildete eine Schnee- und Eiswand, mit Gries- und Limmerngletscher eine Masse bildend, in der auch nicht eine Spur von Felsen sichtbar war; nur die Platten des Schafselbsanft hatten sich; den Sonnenstrahlen besser ausgesetzt, von Schnee entblösst. Die einzige uns practicabel scheinende Passage bot eine Art Schneerunse, welche etwas westlich vom zweithöchsten Punkte ( 3371 m ) des Bifertengrates auf den Gletscher hinab sich erstreckte. Eine nähere Untersuchung liess jedoch wenig Hoffnung auf das Gelingen von dieser Seite, indem die Runse über eine beinahe senkrechte Firnwand herabstürzte, welche hätte erklommen werden müssen, und so setzten wir nach ali ständiger Rast unsern Marsch fort, um auf der Westseite des keilförmig gegen den Griesgletscher auslaufenden Stockes einen bessern Angriffspunkt zu finden. Wir wandten uns zu dem Zwecke dem Punkte 3063 zu, welcher 11 Uhr 30 Min. erreicht wurde. Rechts unten am Grünhorn erblickten wir die Clubhütte, deren Thür geöffnet, obwohl von Bewohnern keine Spur bemerkbar war. Hier hatten wir jene Stelle vor uns, welche mir die Eimer heute Morgen schon als wahrscheinlich den Aufstieg ermöglichend bezeichnet hatten. Beim Betreten des Tentiwangs sieht man hoch an der Firnwand des Stockes, da wo sich zwischen ihm und dem Scheibengrat eine Lücke öffnet, einen grossen Felsen zu Tage treten, welcher, einen schwarzen dreieckigen Fleck bildend, von seiner blendend weissen Umgebung scharf absticht und senkrecht über dem Bifertenfirn liegt. Von der obern Spitze dieses Dreieckes zog sich eine schmale Gletscherrippe, welche, durch den Nordwind von Schnee stellenweise gesäubert, azurblau schimmerte, bis zum Stock hinauf. Rechts von dieser Rippe wandte sich die immer steiler werdende Firnhalde nach Südwesten gegen den Bündner Tödi; links von derselben hatte sich eine kaum bemerkbare Einsenkung gebildet, welche in ihrem untern, weniger steilen Auslaufe noch eine Kruste hartgefrornen Schnees zeigte; gegen oben nahm sie immer stärkere Neigung an, bis sie sich an einer kleinen Terrasse brach, von deren Erreichung das Gelingen der Besteigung abhing. Wie der Schnee im obern Theile der Einsenkung beschaffen war, konnten wir von unserm Standpunkte aus nicht beurtheilen. Wir beorderten daher Peter, in der Richtung auf den Felsen vorzugehen und von ihm aus den östlichen Rand der Einsenkung zu rekognosziren.
Ohne auf besondere Schwierigkeiten zu stossen, gelangte Peter rasch zum bezeichneten Felsen; von dort an änderte sich aber der Weg, und deutlich konnten wir die losgehackterr Eissplitter unter seinem Pickel aufspritzen sehen. Peter liess sich jedoch nicht abschrecken, und nach einstündiger strenger Arbeit winkte er uns, zu folgen. Es war halb 1 Uhr, als wir uns in Marsch setzten. Der anfänglich reichliche und weiche Schnee wurde immer spärlicher, bis er. in der Nähe des Felsens einem Reife Platz machte, unter dem überall blankes Eis zum Vorschein kam. Langsam rückten wir vor, immer den Bifertenfirn in grauser Tiefe unter uns. Endlich erreichten wir Peter, der uns schon von weitem tröstete, wir hätten bei ihm angelangt das Schlimmste überstanden. Eimer Vater traute seiner Versicherung nicht recht und rekognoszirte nun selbst die Fortsetzung des Weges. Wenige Schritte über unserm Standpunkte war der Schnee locker auf den Firn hingeweht, nirgends festen Stand bietend, so dass das Ergebniss seiner Rekognoszirung war: zurück in die Mulde und einer kleinen Spalte zu, welche sich quer durch jene gebildet. Den Leib dicht an den kalten Firn gepresst, nur mit Händen und. Füssen wie auf einer Leiter den Körper hinaufschiebend, dringen wir vor; die vom Pickel losgesprengten Eisstücke umsausen unsere Köpfe in ihrem Wege zu dem 1000 m unter uns gelegenen Bifertenfirn; die kleinsten Splitter verursachen Schürfungen an den halb erstarrten Händen. Von der Grünhornhütte aus hätte man uns deutlich sehen und unsere äusserste Anstrengung, vorwärts zu gelangen, wahrnehmen müssen.
Gottlob, da ist die Spalte! ertönt es wie aus einem Munde. Schnell logirten wir uns ein, froh, den erschöpften Gliedern die so nothwendige Ruhe für einen Augenblick gönnen zu können; denn die Zeit drängte und vom Tödi her fingen dichte Nebel an über den Bifertenfirn herein zu treiben. Also wiederum vorwärts, aber wie nun? Folgten wir der nach Osten allmälig gegen den Rand der zu erreichenden Terrasse auslaufenden Spalte, so hatten wir vielleicht gangbarem, aber jedenfalls weit längern Weg; nahmen wir uns noch zu einer äussersten Anstrengung zusammen, so konnten wir den ungefähr 40 m über uns liegenden Rand der Halde erreichen, und wenn die schwach überhängende Wächte durchbrochen werden konnte, auf die Terrasse gelangen. Frisch gewagt ist halb gewonnen! Den alten Eimer voran schreiten wir zum Angriff; von Neuem beginnt die Kletterei, und mit frischem Elan erreichen wir bald die Wächte, die uns weniger Widerstand entgegensetzt als wir vermuthet. Um 2 Uhr 25 Min. betraten wir ein- kleines sanft gewölbtes Schneefeld, von dem wir freudig dem nun nahen Ziele unserer Anstrengungen zueilten; in 20 Minuten erreichten wir den Bifertenstock.
In stolzem Selbstbewusstsein, mit eigener Kraft und energischem Wollen allen Schwierigkeiten zum Trotz das Problem gelöst zu haben, stand ich hier oben, hinüberblickend zum Rusein, dessen Haupt sich in dichte Wolken gehüllt hatte. Kaum fanden wir noch Zeit, hinabzublicken in den öden schaurigen Kessel des hintern Frisalthales und unsere Gedanken über die Möglichkeit eines Abstieges nach dem Bündner Tödi auszutauschen, die bejahend lauteten, als wir schon mitten in einem Nebelmeere standen. Rasch kreiste der Becher, ein Hoch den treuen Wächtern unserer Alpen, und zurück gieng es wieder dem Thale zu. 3 Uhr 50 Min. brachen wir aufr den nämlichen Weg einschlagend, der bisher zum Aufstiege gewählt wurde. Eiligen Schrittes gieng es über den schneebedeckten Grat hinab, bis wir in die sichelförmig eingebogenen Felsbänder hoch über dem Val Frisai eintraten. Trotz des dichten Nebels dieselben glücklich verlassend, eilten wir über den aus lockerm, verwittertem Schiefer gebildeten Grat dem Kistenstöckli zu, südlich von demselben über Muot de Robi in den Kistenpassweg ein-lenkend, der uns ohne Aufenthalt zu den obern Hütten der Alp Rubi führte. Als wir hier anlangten,* empfingen uns die Aelpler freundlich, aber ungläubig das Haupt schüttelnd, als wir ihnen erzählten, von jenem Riesen zu kommen, der nun wieder umflossen von wundervollem Abendschein sein weisses Haupt gen Himmel hob. Durch köstliche Milch erquikt und gestärkt flogen wir den Berg hinab dem unter uns brausenden Frisalbache zu, längs dessen Laufe uns ein schönes Strässchen nach Brigels führte. Etwas vor 9 Uhr stöberten wir in seinen dunkeln Gässchen nach einem Nachtquartier. Eimer, hier sonst wohl bekannt, wusste nicht, wo wir ein solches finden könnten, indem das von ihm besuchte Gasthaus vor einem Jahre abgebrannt und seines Wissens nicht wieder eingerichtet sei. Endlich trafen wir einen einsamen Nachtwandler, der uns mit grösster Bereitwilligkeit ein Unterkommen anwies, als dessen Eigenthümer er sich sphliesslich entpuppte. Nachdem wir unsere Zimmer in Augenschein genommen und nothdürftige Toilette gemacht hatten, harrten wir in der schwach besetzten Gaststube unseres frugalen Nachtmahles. Im anstossenden Herrenstübehen wurde lebhaft conversirt; wir unterhielten uns stille mit unsern heutigen Fahrten und Erlebnissen, in unserm Unbekannten einen aufmerksamen Zuhörer findend, bis derselbe plötzlich heftig auffahrend halb deutsch, halb romanisch unsere Wahrheitsliebe anfocht und unsere heutige Besteigung als absolut unmöglich bezeichnete. Die ruhigen Erwiderungen unsererseits hatten einfach zur Folge, dass er uns als Eigenthümer des Gasthauses sammt und sonders die Thüre wies. Durch den Lärm angezogen, legte sich einer der Herren aus dem anstossenden Zimmer inV Mittel und ihm gelanges, unsern unfreundlichen Gastgeber zu entfernen.
Bald darauf lagen wir in Morpheus Armen. Der frühe Morgen des 11. August traf uns gestärkt und ausgeruht wieder auf den Beinen. Meine Absicht war, über den Panixer nach Elm zurückzukehren, allein zweifelhafte Wetteraussichten liessen mich davon abstrahiren und so zog ich vor, meinen Führer allein diesen Weg ziehen zu lassen, für mich den Umweg über Chur-Sargans wählend.
II. Sauren, Piz Segnes und Vorab.
Bericht über die Excursion Nr. V der freien Vereinigung in Glarus.23./24. Juli 1877. ) Vom Centralcomite aufgefordert, hatte die Section Tödi ein. sehr umfangreiches, die Hauptgruppen dea Excursionsgebietes berücksichtigendes Programm für die freie Vereinigung ausgearbeitet. Es sollte nach Wunsch des genannten bei dessen Aufstellung möglichst jeder Grad von Leistungsfähigkeit berücksichtigt und daher Touren von 1,2,3 und 4 Tagen darin aufgenommen werden. Die Section verhehlte sich die Schwierigkeiten. einer Massenexpedition bei grössern, den Charakter eines einfachen Alpenganges überschreitenden Touren nicht, glaubte aber dem Dringen des Centralcomite nachgeben und den Versuch wagen zu müssen, indem in einer gemeinsamen Exploration des Excursionsgebietes das Hauptgewicht der Unterscheidung zwischen freier Vereinigung und den Generalversammlungen liegen sollte.
Leider wurden die im Schoosse der Section gehegten Befürchtungen bei Weitem übertroffen, so dass wahrscheinlich für die Zukunft es bei dieser ersten Probe bleiben wird. Die äusserst -zahlreiche Betheiligung namentlich für die schwierigsten Programms-nummern hatte zur Folge, dass sehr ungleiche Kräfte zusammen kamen, das vorhandene Führerpersonal nicht ausreichend und die zu benutzenden Schutzlokalitäten zu beschränkten Raumes waren. Diese Uebelstände allein wären aber nicht im Stande gewesen, ein so bedauerliches Endresultat herbeizuführen, wenn sich ihnen nicht höchst ungünstige Witterungsverhältnisse zugesellt hätten, welche die Ausführung namentlich zweier Touren ( Tödi und Hausstock ) geradezu unmöglich machten. Von der Section Tödi und einzelnen ihrer als Excursionschefs fungirenden Mitglieder, welche weder physische noch pecuniäre Opfer gescheut haben, war das Mögliche gethan worden, um das Gelingen des Unternehmens herbeizuführen, und es ist namentlich.
für diese Letztern äusserst bemühend, wenn sie da und dort der Schuld des misslungenen Ausganges bezichtigt werden.
Als Excursionschef der Gruppe Saurenstock-Segnes-Vorab war mir ein glücklicheres Loos beschieden, als meinen Collegen. Nachdem ich das mühsame Geschäft der Sonderung der einzelnen Gruppen vollendet, verblieb mir eine Reisegesellschaft, wie ich mir keine bessere wünschen konnte. Herr Hoffmann-Burkhardt und Herr Charles Nägeli, beide von der Section Basel, und Herr Leonhard Blumer von Engi hatten sich mir angeschlossen, während eine grössere Anzahl Clubisten den blossen Uebergang über den Segnespass nach Flims vorgezogen und bereits in früher Morgenstunde Glarus verlassen hatten. Wir sollten von ihnen keine Spur mehr finden. Herr Leonh. Blumer hatte seinen Anschluss in Elm zugesagt, wo wir auch unsern Führer Heinrich Eimer und seinen als Träger engagirten Sohn Peter treffen sollten.
Als wir mit den beiden Basler Collegen in der Mittagsstunde vom Glarnerhof abfuhren, brannte eine stechende Föhnsonne auf unsere Häupter hernieder, die Nachwehen des gestrigen Bankettes und einer beinahe durchwachten Nacht doppelt fühlbar machend.
In plötzlichem Wechsel hatte sich der Himmel im Laufe des 21. aufgehellt, golden sank die Sonne hinter den Wiggis hinab, einer sternenklaren Nacht war ein prachtvoller Morgen gefolgt, unsern den Bergen zuwandernden Gästen das Schönste versprechend. Allein schon der Vormittag des 22. brachte seine Wolken-fischchen an 's Himmelsgewölbe, welche als Vorboten « ines baldigen Wetterumschlages gedeutet werden und sich auch gewöhnlich als solche erwahren. Wir erblickten mit Besorgniss das immer massenhafter werdende Auftreten jener Föhngebilde, jedoch immer noch mit der Hoffnung, dass es bei der Drohung verbleiben und den vielen heute unternehmungslustig Da-hinwandernden die Freude nicht vergällt werden möchte. Die Fahrt bis nach Schwanden bot meinen beiden Gefährten nichts Neues, dem Einen war sie durch frühern Besuch wohlbekannt, der Andere, schon vor acht Tagen hieher gekommen, hatte trotz des ungünstigen Wetters die näher gelegenen reizenden Fusspartien, wie Uscherieter, Schwändi etc., sogar die auf unserm Programm ebenfalls figurirende wunderschöne Tour Guppen-Oberblegi-Braunwald-Stachelberg aus eigener Anschauung kennen gelernt. In Schwanden bogen wir in das engschluchtige, von grossartiger Gebirgsnatur umschlossene Sernfthal ein. An den grünbewaldeten Hängen des Gantstockes vorüber, dem nördlichsten Vorposten der Freiberge, welche dem Bergwild ein unantastbares Asyl bieten sollten, dem tief eingeschnittenen Lauf der Sernf folgend, fuhren wir langsam die Landstrasse aufwärts, den von der Fässisalp in einer Reihe von schönen Wasserfällen herabstürzenden Hellbach zu unserer Linken lassend; an dem berüchtigten Steinschlage und den beiden Lauizügen links und rechts der Strasse ( Schmal- und Kreuzlaui ) vorüber erreichten wir das freundliche Engi, am Eingang in das felsige Mühlebachthal gelegen. Leider war unsere Zeit zu kurz, um den daselbst befindlichen renommirten Thonschieferbrüchen einen Besuch ab- statten zu können; ein Specimen ihrer Versteinerungen wollten sich jedoch meine Gefährten bei dieser Gelegenheit nicht entgehen lassen; ein kurzer Aufenthalt im Wirthshaus zur Sonne brachte sie in den Besitz des Gewünschten, und nebenbei wurde uns daselbst der nicht verachtenswerthe Genuss eines Trunkes vorzüglichen Bieres zu Theil, welches unsern durstigen und verstaubten Lebern wahrer Balsam war. Unsere Weiterfahrt führte durch Matt, den Geburtsort unseres berühmten Landsmannes Prof. Oswald Heer; von da zieht sich der Passweg nach dem Weisstannental, anfänglich ziemlich stark ansteigend, durch das rauhe Krauchthal über den Kiesetengrat. Wie man sich Elm nähert, erweitert sich das Thal zusehends, und immer deutlicher überblicken wir die steilen Felshänge der Scheibe, des Sauren und des Piz Segnes, die zackigen, verwitterten Felszinnen der Mannen, den langgestreckten Rücken des Bündnerbergfirns mit der gewaltigen Kuppe des Vorab auf seiner äussersten Westgrenze. In einer Ausdehnung von beinahe 10 Kilometern lag das von uns zu durchwandernde Gebiet vor uns; scheinbar unnahbar erhob sich das starre Gestein seines Nordabhanges vor unsern Blicken, und wir bemühten uns, einen Zugang zum Saurenstock zu finden, welcher zuerst das Ziel unserer Anstrengungen sein sollte. Hoch oben über der Alp Falzüber steigen ein paar fast nur als weisse Linien sich zeichnende, mit Schnee gefüllte Rinpen herab zu ihren höchsten Planken; durch sie werden wir wahrscheinlich den Aufstieg suchen müssen. Mit schwerem Herzen sahen wir nach den immer drohender werdenden Wolkenmassen, welche sich bereits in dichtem Schleier über den Hausstock gelegt haben und uns dessen majestätischen Anblick entziehen, fürchtend, in der Ausführung unseres Projektes gehindert zu werden und auf das Grossartige und Herrliche, das unser harrte, verzichten zu müssen.
/. MüUer-Wegmann.
Scheibe und Sauren. Gezeichnet von der mittleren Camperdunalp aus.
Heiri, der uns beim Gasthause des Herrn Richter Eimer, dem heutigen Nachtquartier, in Empfang nahm, konnte unsere Besorgnisse nicht beschwichtigen. Trotzdem trafen wir alle Vorkehren für unser morgiges Unternehmen, um uns dann schleunigst der so lange entbehrten Ruhe hinzugeben.
Der 23. Juli hatte kaum begonnen, als wir, zu jedem Thun entflammt, uns in der Gaststube beim Morgenimbiss zusammenfanden. Blumer war in Be- gleitung Herrn Stauffacher's, des Landesplattenberg-verwalters, bereits eingerückt, Eimer mit seinem Sohne am Zusammenpacken des Proviantes, welcher der Zweckmässigkeit wegen in zwei Theile vertheilt wurde. Wir hätten nämlich nach dem offiziellen Programm unserer Excursion den Piz Segnes, mit Weglassung des Saurenstockes, von der Segnespasshöhe aus zu erreichen gehabt; anstatt dessen hatte in Uebereinstimmung sämmtlicher Theilnehmer die bereits oben angedeutete Abänderung Annahme gefunden, am nördlichen Ende unseres Excursionsgebietes zu beginnen, vom Segnes auf den Pass hinabzusteigen und von da unsern Weg fortzusetzen; desshalb wurde nur der nöthigste Proviant mitgenommen und das Uebrige mit einem Jüngern Sohne Eimers, Walter, direkt nach dem Segnespass dirigirt, mit der Ordre, uns auf der Wasserscheide zu erwarten.
In voller Dunkelheit lagerte die vom drohenden Unwetter geschwärzte Nacht noch auf dem Thale, als wir durch das Dorf hinaus der Raminerschlucht zuzogen. Wir hatten die Landstrasse noch nicht verlassen und schon fielen grosse Tropfen Regens schwer auf uns hernieder. Diese Mahner jedoch nicht achtend, bogen wir in das nach dem Unterthale führende Fahrsträsschen ein, an den erst seit Kurzem ausgebeuteten Schieferbrüchen vorüber dem Gehren zu. Hier zwingt uns der immer dichter fallende Regen, Unterkunft in einem Stalle zu suchen Es war halb 4 Uhr. Der Dämmerung war ein trübes Tageslicht gefolgt, das, durch abwechselndes Wetterleuchten momentan grell aufgehellt, uns den Kärpf und Hausstock in einem dun- kein Wolkenkranze erblicken liess, während gegen Norden der Himmel vom Föhn geröthet war. Was thun? war die Frage, deren Antwort nach kurzer Ueberlegung « Zuwarten » lautete; und es sollte mit Erfolg gekrönt werden, dieses Zuwarten, denn nach Verlauf von drei Viertelstunden konnten wir unsern Weg fortsetzen, den ganzen Tag unbelästigt von weiterem Regen. Unser Weg wandte sich nun, immer steiler werdend, der Raminerschlucht zu, über deren südlichem Rande, den tosenden Bach zu unsern Füssen, auf Wegen, die Einen kaum glauben liessen, dass sie zur Alpfahrt benutzt werden könnten, wir hinan stolperten; dann zog er sich, von vielen Wurzeln durchsetzt, durch spärlichen Wald, bald über stufenartig ausgewaschenen Schiefer hinauf, bald quer über nasse schlüpfrige Platten oder durch schwarzen Schieferschlamm. 53/4 Uhr erreichten wir endlich den untern Stafel der Alp Falzüber, wo uns vom freundlichen Senn Milch und Butter gereicht wurde. Unserm Standpunkt gegenüber am jenseitigen Thalhänge konnten wir den Weg nach dem Foopasse verfolgen, wie er, aus dem Walde heraustretend, sich die Raminalp hinaufziehend der Lücke zwischen dem Foostöckli und dem nördlichsten Ausläufer der Scheibe zuwendet, während mehr westlich die Alp Camperdun, einer prächtigen Wiese gleich, über die gegenüberliegende Höhe sich ausdehnt.
Um halb 7 Uhr marschiren wir ab, dem obern Stafel zu, dessen Hütte im Frühjahr von einer Lawine weggerissen worden war. Im steilen Zickzack geht der Weg die Planken hinauf, welche verlassend er in Felsköpfe eintritt, die Grenze zwischen unterem und oberem Stafel bildend. Aus diesen heraustretend sagen wir dem letzten gebahnten Pfad Valet, indem wir uns der Geisseck zuwenden. Die nördliche Begrenzung des obern Stafel bildend, bricht dieselbe in steilem, felsigem Abstürze nach der Raminerschlucht hin ab, oben einen kleinen terrassenförmigen Vorsprung bildend, der nur noch spärliche Spuren von Vegetation zeigt.
9 Uhr 10 Minuten hatten wir diesen Punkt, ungefähr 1000 Meter über Elm, erreicht und gönnten nun unsern vom jähen Aufstiege ermüdeten Lungen eine wohlverdiente Ruhepause. Nach einer kurzen halben Stunde brachen wir wieder auf, schmale, theilweise mit Geröll bedeckte Bänder betretend, welche in südöstlicher Richtung der südlichsten der gestern vom Thale aus gesehenen Kehlen sich näherten. Langsam und vorsichtig bewegten wir uns vorwärts, von einem Band zum andern kletternd und höher steigend, bis wir endlich das von unersteigbaren Felswänden gebildete Couloir erreichten, in dessen Grunde abgelagerter Schnee unserm Fortkommen behülflich war, so dass wir um 11 Uhr 25 Minuten auf dem Saurengletscher standen, den Punkt 3013 beinahe direkt nach Osten uns gegenüber. Der Aufstieg zum nordöstlich gelegenen Saurenstock war des weichen Schnees wegen mühsam und erforderte drei Viertelstunden. 12 Uhr 10 Minuten standen wir oben, in das öde Steinrevier der Scheibe hinüberblickend, welche, mehrere hohe Spitzen bildend, in einer letzten Erhöhung circa 220 Meter über dem Foopass gegen denselben plötzlich abbricht, während die grosse Scheibe durch einen langgedehnten, über den Muttenthaler Grat sich erstrecken- den Felsrücken mit den Grauen Hörnern in Verbindung tritt und das Calfeuserthal nördlich begrenzt. Die südliche Begrenzung genannten Thales ist durch die Verbindung der Ringelspitze mit dem Trinserhorn hergestellt und durch eine schwache Erhöhung des unter uns liegenden Sardonagletschers, welche Erhöhung die Wasserscheide zwischen diesem und dem Segnesgletscher bildet, bis zu dem Sauren und Segnes verbindenden Firnrücken fortgesetzt.
Der Uebergang zum Piz Segnes geschah mit Leichtigkeit bis an den Fuss des plötzlich aus dem Firn herauswachsenden Gipfels. Hier verkürzte der weiche Schnee unsere bisher eiligen Schritte und mühsam erreichten wir um 1 Uhr 30 Minuten die höchste Erhebung; welche wir schneefrei fanden. Auffallend war es uns, daselbst nur kleine Bruchstücke von ^Schiefer zu finden, während wir bei'unserm Gang über den theilweise schneeentblössten Rücken zahllose, in allen Grossen variirende Sernifitstücke getroffen hatten, von rundlicher Form, aussen an den gewölbten Seitenflächen grünlich, an den Kanten schiefergrau schimmernd, im Innern braun gefärbt.
Eine heute Morgen nicht geahnte, bei den drohenden Wetteraussichten für unmöglich gehaltene Aussicht belohnte unsere Mühe. Die baierischen und theilweise die Tyroler Alpen dehnten sich in weiter Ferne vor uns aus, während der Vorab, Kärpf, Hausstock, Rüchi, die Glärnischgruppe wolkenfrei zu uns herüber lugten. Der Tödi leider sah sich auch jetzt nicht bewogen, zu der strahlend über uns stehenden Sonne aufzublicken, und verhüllte sich immer noch in dichte Wolken. Nach unsern Berechnungen hätte die Abtheilung Rüchi-Hausstock ebenfalls an ihr Ziel gelangt sein müssen, allein alle unsere Beobachtungen blieben fruchtlos und wir mussten annehmen, dass sie durch das schlechte Wetter von heute früh zurückgehalten worden.
Um 2 Uhr 25 Minuten schieden wir von der bei ganz klarem Wetter jedenfalls eine äusserst lohnende Rundsicht gewährenden Spitze. Ihren den Segnesgletscher westlich abschliessenden Grat hinuntersteigend gelangten wir nach kurzer Kletterei rasch zu dem eine gefahrlose Rutschpartie gestattenden, noch hoch in seine Westflanke hinaufreichenden Schnee. Sausend flogen wir dem Thale zu, wo wir den vorausgeschickten Proviant in Empfang nahmen und uns in gemüthlicher Ruhe unser Mittagsmahl wohlschmecken liessen. Der Träger, welcher mit Walter Eimer die Last getheilt hatte, wurde wieder zurückgeschickt und freudig benutzten wir Alle die Gelegenheit, unsern Lieben zu Haus die frohe Botschaft des Gelingens unserer heutigen Unternehmung durch ihn der Post und dem Telegraph zu übermitteln.
Um 5 Uhr brachen wir auf, um wo möglich noch bei Tage unser Nachtquartier zu erreichen. Den Passweg verfolgend steigen wir nach Segnes sut hinab. Die Alp ist von zahlreichen Wasserzuflüssen beinahe überschwemmt, so dass wir kaum durchkommen und uns schliesslich über die kreuz und quer laufenden Bäche hinübertragen lassen müssen, indem die obere Brücke, zunächst dem von Segnes sura herabkommenden prachtvollen Falle, weggerissen war. Von der untern Brücke wandten wir uns die steilen Geröllhalden am Sauren, Piz Segnes und Vorab.25- Fusse der den westlichen Thalrand bildenden Felswände-entlang der Alp Nagiens zu, auf welcher wir nach langweiligem Suchen endlich um 7 Uhr Abends die der Gemeinde Schleuis gehörenden Sennhütten fanden.
Der Empfang, der uns daselbst zu Theil wurder war nichts weniger als einladend; meine Frage nach Unterkunft schienen die sich in romanischer Sprache-unterhaltenden Sennen nicht verstehen zu wollen. Als-sie endlich, meinem Drängen nachgebend, sich zu Unterhandlungen herbeiliessen, erklärten sie, uns kein. Nachtquartier bieten zu können, versprachen aber, uns-wenigstens Milch zu verabfolgen. Wir mussten vorerst mit diesem Bescheide vorlieb nehmen und sahen uns nun selbst nach einem Lager für die hereinbrechende Nacht um. Der neben der Hütte befindliche Stall konnte in seinem defecten, baufälligen Zustande unmöglich uns aufnehmen, in der Hütte selbst war nur der auf den Bündner Alpen übliche Bretterverschlag bemerkbar, der durch das unpropere Aussehen der darin befindlichen Lager wenig zur Benutzung einlud,, überdies höchstens für drei Mann Raum gewährte. Da wurde von einem der Sennen die Milchkammer geöffnet und sofort machten wir uns auch an ihre Untersuchung. Sie war durch eine 2 à 2V2 Meter hohe Mauer in zwei Theile getheilt, von denen der nebenliegende zum Aufbewahren von Butter und Käse benutzt und daher auch oben durch eine Balkendecke von dem für die Milch bestimmten Raum abgeschlossen wurde. Da oben sollten unsere müden Glieder die ersehnte Ruhe finden. Bald erhielten wir die Zustimmung der nun immer entgegenkommender werden- den Sennen und schleunigst ging es an die Aufsuchung von Material, um die grossen Unebenheiten, welche von dem Hervortreten der Balken herrührten, auszugleichen. Aber o Jammer! kein Heu, kein Stroh, nichts, was nur einigermassen Anspruch auf Weichheit machen konnte, war zu finden. Endlich entdeckten wir einige Bündel Dachschindeln, die nun gleichmässig zwischen den Balken vertheilt wurden und uns die Federmatratzen ersetzen mussten. Eine Decke darüber, den Tornister unter den Kopf und unser Lager war fertig.
Nach frugalem Abendmahl legten wir uns mit dem tröstlichen Gedanken nieder, morgen durch ein tüchtiges Regengeplätscher aufgeweckt zu werden; denn seit unserer Ankunft hatte der Himmel eine immer unfreundlichere Miene angenommen und ein schweres Gewitter wälzte sich über das Lugnetz- und Savien--thal herein, seine Vorboten zu uns herüber sendend. Es verblieb indessen bei der Drohung und der Morgen brach nun, wenn auch nicht einen sonnenklaren, so doch einen leidlichen, regenlosen Tag in Aussicht stellend, an.
Den 24. halb 4 Uhr brachen wir auf, von unsern Gastgebern aufs Freundlichste verabschiedet. Unser etwas hartes Lager hatte der Ruhe keinen Eintrag gethan. Rüstig wanderten wir dem Bündnerbergfirn zu, den Vorab, dem es nun galt, stets vor Augen. Leichten Schritts gieng es über das sanft ansteigende Alpgelände hinauf bis an den Firn, der sich bis zur grünen Weide herab erstreckte. Derselbe bot uns, spaltenlos, wie er war, anfänglich ebenfalls keine Schwierig- leiten; wir stiegen über seine südliche Wölbung hinauf, bald eine langgestreckte, flache Mulde erreichend, die sich bis an den Fuss des Berges hinzog. Stauffacher, ungeduldig, sein liebes Heim von da oben zu grüssen, hatte sich gleich beim Betreten der Einsenkung von uns direkt nach Norden gewandt, um den höchsten Rücken des Firns zu gewinnen. Unserer Rufe nicht achtend eilte er seinem Ziele zu, als plötzlich dichter Nebel, vom Sernfthale heraufsteigend, ihn unsern Blicken entzog. Glücklicherweise wurde unsere Besorgniss seinetwegen durch eben so plötzliches Wieder-verschwinden des Gewölkes gehoben. Allein auch der Vorab hatte sich inzwischen eingehüllt und wir mussten die letzte Strecke durch dichten, kalten Nebel zurücklegen. Um 6814 Uhr oben angelangt, haften wir gerade Zeit, einen Moment durch den gelüfteten Nebelschleier zu blicken und uns eine Idee von der prachtvollen Rundschau des Gipfels zu bilden. Meine vom eisigen Winde halb erstarrten Finger versagten beinahe ihren Dienst zum Schreiben des Wahrzeddels, welchen ich schleunigst zu den übrigen zahlreich in der Flasche befindlichen hineinbugsirte, um dann eben so schleunig eine vor dem Winde geschützte Stelle zum Ausruhen aufzusuchen. Die Kreuz und die Quer, hinauf und hinab durch den Nebel geführt, gelangten wir auf einen erhöhten, schneeleeren Punkt ( 2983 oder 3008 t ), welcher vor Wind ziemlich geschützt war. Rasch wurde ausgepackt und in unserm Proviant frische Kraft zur Weiterreise geschöpft; um 8 Uhr 25 Minuten wurde dieselbe angetreten. Ueber den nach der Sether Furka auslaufenden, die Kantonsgrenze bildenden Grat hinab- steigend gelangten wir bald durch diese letztere zur Panixerpasshöhe. In rascher Rutschpartie gieng es von hier über ein Schneefeld zur « Gurgel a hinab. Wir wandeln nun die Wege und Stege, welche Suwarow bei seinem berühmten Rückzug im Oktober des Jahres 179£ eingeschlagen, von dem noch bis in die neueste Zeit Spuren aufgefunden worden sein sollen. Je tiefer wir in 's Thal hinabkamen, um so höher stieg die Temperatur, sich endlich zu richtiger Föhnschwüle entwickelnd. Am obern Stafel der Jätzalp wurde noch einmal Halt gemacht. Es waren kurz vor uns daselbst auch Gäste eingerückt. Von der Kantonsregierung beordert, hatte der Strassenmeister die Passhöhe behufs Erstellung einer Schirmhütte besucht und mit seinen beiden Begleitern, den fJebernehmern des Baues, für die Ausführung derselben nöthige Vorbereitungen getroffen; seither ist die massiv gebaute Hütte dem Verkehr übergeben worden, soll aber keinerlei Anspruch auf Bequemlichkeit machen. Bei der Frequenz des Passes und der günstigen Lage der Hütte für die Besteigung des Hausstockes gelangte die Section Tödi an den Rath mit dem Gesuch um Abhülfe des gerügten Uebelstandes und Schaffung des allerbescheidensten Comforts. Inwiefern uns entsprochen wird, muss die Zukunft lehren. Längs des wilden Jätzbaches, durch das wieder enger werdende rauhe Thal, verlassen wir die baumlose Jätzalp und betreten die schöne Wichlenalp in der Nähe ihrer vor vielen Jahren verschütteten Heilquellen. Stolz erhebt sich in ihrem Hintergrunde der Hausstock, in seiner Fortsetzung zum Mättlenstock und Leiterberg den Abschluss des Thales bildend.
Um 1 Uhr 10 Minuten waren wir wieder in Elm und die Abendzüge noch desselben Tages führten unsere Basler Collegen wieder nach ihrer Heimat, der wir Alle im Bewusstsein einer gelungenen, genussreichen Tour froh zueilten. Es war Zeit, dass wir wieder nach Hause kamen, denn noch dieselbe Nacht schüttete der Föhn seinen Regen über das Thal aus, beinahe den ganzen Rest der Saison für grössere Unternehmungen unmöglich machend.