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Im Museum für Musikautomaten Seewen ist man sicher, die lange vermisste Orgel der Britannic - Schwesterschiff der 1912 gesunkenen Titanic - entdeckt zu haben. Eine entsprechende Orgel ist für dieses Schiff auf Zeichnungen und einem Foto dokumentiert, sie war aber nahezu ein Jahrhundert lang verschwunden, bzw. galt bis zum März 2007 als verschollen.
Im Laufe von Restaurierungsarbeiten tauchten Ende März 2007 nämlich unterhalb der Windlade der Seewener Welte-Philharmonie-Orgel.eingestanzte Inschriften auf, die auf den ursprünglichen Verwendungszweck der Orgel hinweisen. Beim Reinigen einiger normalerweise verborgener Holzteile wurde an vier zentralen Stellen der ursprünglichen Orgel das eingestanzte Wort „Britanik" entdeckt. Ende Mai 2007 wurden weitere Inschriften gefunden, so dass nun insgesamt sechs Hinweise vorliegen.
Dr. Christoph E. Hänggi, Direktor des Museums, sagt dazu: „Wir waren eigentlich immer der Meinung, dass unsere Welte-Philharmonie-Orgel aus den Jahren 1912 bis 1914 stammen müsste, doch es fehlten uns die Hinweise auf eine Geschichte vor 1920. Historische Welte-Kataloge in unserem wissenschaftlichen Archiv enthalten zwar ein Foto einer Orgel im Treppenhaus der Britannic, doch dachten wir bisher nicht im Entferntesten daran, dass es sich dabei um unsere Orgel handeln könnte."
Da die Britannic 1916 im Ersten Weltkrieg gesunken war, konnte die Orgel nicht definitiv eingebaut werden. Um 1920 verkaufte die Firma Welte die entsprechende Orgel deshalb an Dr. August Nagel (1882-1943) und installierte sie in dessen Residenz in Stuttgart. Nagel besass seit 1908 eine äusserst erfolgreiche Kamera-Manufaktur und war ein grosser Musikliebhaber.
Nagel gab die Orgel 1935 an den Hersteller zurück, da er sein Haus verkaufte. Die Firma Welte fand jedoch erneut einen Abnehmer und verkaufte das Instrument im Jahre 1937 an Dr. Eugen Kersting (1888-1958), den Besitzer der Elektronikfirma Radium in Wipperfürth, der sie mit einigen Erweiterungen versehen in einem Versammlungssaal seiner Firma einbauen liess. Werner Bosch (1916-1992), ein deutscher Orgelbauer, wurde als junger Angestellter mit den Arbeiten an der Orgel betraut.
Schliesslich wurde Heinrich Weiss, der Gründer des Museums für Musikautomaten Seewen, auf das Instrument aufmerksam und erwarb es 1969 für seine damals bereits ansehnliche Sammlung. Nach der Überführung in die Schweiz investierte Weiss rund 1500 Stunden in den Aufbau der Orgel und liess sie durch Werner Bosch intonieren. Am 30. Mai 1970 fand in Seewen die feierliche Einweihung der Orgel statt. Bosch selbst war von der Sammlung in Seewen und der Rettung "seiner" Welte-Philharmonie-Orgel so angetan, dass er dem Museum 1230 Mutterrollen übergab, die sich aus den Beständen der Firma Welte in seinem Besitz befanden. So kommt es, dass das Museum für Musikautomaten Seewen heute nicht nur ein ausserordentliches Instrument mit einer ausserordentlichen Geschichte besitzt, sondern auch entsprechende Originalaufnahmen dazu in der Sammlung des Museums vorhanden sind.
Bei der Seewener Britannic-Orgel handelt es sich um eine Variante des Grundmodells V-VI der Welte-Philharmonie-Orgel mit zweimanualigem Spieltisch und Pedal und mit einem Rollenmechanismus für automatisches Spiel.
Die Orgel darf als Schwesterinstrument der ebenfalls sehr gut erhaltenen und restaurierten Welte-Philharmonie-Orgel des Salomon Centre von Tunbridge Wells in England bezeichnet werden. Auch in der Solomon-Orgel wurden Einstanzungen - „Salomoons" - gefunden. Die beiden Instrumente entstanden wohl gleichzeitig in den Jahren 1913/14.