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Die internationale Organisation Ashoka fördert weltweit Projekte im Bereich Social Entrepreneurship. Emilie Romon Carnegie, Direktorin von Ashoka Schweiz, spricht über die Motivation und die Herausforderungen auf diesem Gebiet.
Hinter einer gesellschaftlichen Entwicklung steht oft die innovative Idee einer Person. Genau solche humanistischen Bestrebungen nimmt Ashoka ins Visier. Die internationale Organisation vereint in ihrem Netzwerk mehr als 3'700 Social Entrepreneurs sowie Menschen, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, sogenannte Changemaker. Sie wurde 1980 gegründet und ist heute in über 100 Ländern vertreten. Erläuterungen von Emilie Romon Carnegie, Direktorin von Ashoka Schweiz.
Wie lässt sich Social Entrepreneurship definieren?
Emilie Romon Carnegie: Mit dem Begriff bezeichnet man einen Ansatz, bei dem sich engagierte Menschen dafür einsetzen, dass ein von ihnen beobachtetes Problem gelöst wird. Social Entrepreneurship dient dem Gemeinwohl. Das wichtigste Ziel eines Social Entrepreneur ist also nicht die Gewinnmaximierung, sondern der höhere Wirkungsgrad – und zwar auch auf indirekte Weise – einer Idee, zum Beispiel durch die Festlegung von Regeln, mit deren Hilfe andere Personen oder Organisationen sie ebenfalls umsetzen können. Als anschauliches Beispiel aus der Geschichte kann man Henry Dunant nennen. Nachdem er Zeuge davon wurde, wie Kriegsopfern medizinische Versorgung verwehrt blieb, gründete der Geschäftsmann und Humanist 1863 in Genf das Rote Kreuz. Doch sein Wirken ging über die Gründung dieser Institution hinaus, wurde zur Inspiration für die Genfer Konventionen und trug zum Aufbau neuer Standards im humanitären Sektor bei.
Welche Eigenschaften zeichnen einen Social Entrepreneur aus?
Romon Carnegie: Es sind Führungspersönlichkeiten, die häufig gute Analyse- und Beobachtungsfähigkeiten haben, sodass sie ein zu lösendes Problem erkennen, und zugleich über Empathie gegenüber Menschen in Not verfügen. Ausserdem sind sie kreativ und in der Lage sich innovative Lösungen auszudenken. Für die Lancierung eines Projekts im Bereich Social Entrepreneurship braucht es auch die Fähigkeit, andere Menschen für die eigene Vision zu begeistern, damit man sie dazu bringt, beispielsweise neue Gesetze zu verabschieden, eine neue staatliche Einrichtung aufzubauen oder die Marktmechanismen zu verändern.
Welche Ziele verfolgt die Organisation Ashoka?
Romon Carnegie: Im Zentrum unserer Arbeit steht die Unterstützung von Social Entrepreneurs bei der Weiterentwicklung ihres Projekts. Nach einem strengen Auswahlverfahren fördern wir unsere Fellows (Mitglieder) für die Dauer von drei Jahren mit einem Stipendium, damit sie sich ganz auf ihr Konzept konzentrieren können. Sie profitieren auch von unserem Netzwerk aus Gleichgesinnten, von strategischer Beratung und von Angeboten für Weiterbildung oder Mentoring. Wir sind seit 2009 in der Schweiz vertreten und begleiten hier aktuell 16 Personen.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Projekte aus, die Sie fördern wollen?
Romon Carnegie: Zuerst überzeugen wir uns davon, dass die Bewerberinnen und Bewerber vertrauenswürdig sind. Dann bewerten wir die "Skalierbarkeit" der Projekte, also das Entwicklungspotenzial, indem wir die Fähigkeit der innovativen Idee beurteilen, eine Branche oder eine ganze Industrie zu transformieren. Wir erwarten, dass das Projekt schon eine gewisse Reife erlangt hat. Diese Voraussetzung bringt einen echten Mehrwert. Wir helfen unseren Fellows ausserdem, ihr Projekt mit dem nötigen Abstand zu betrachten und über eine Vergrösserung ihres Sozialunternehmens nachzudenken. Denn das Wachstum eines Sozialunternehmens unterscheidet sich von dem einer traditionellen Firma: Während eine Privatfirma sich über ein Franchising-System vergrössern kann, muss ein Social Entrepreneur andere Strategien verfolgen, zum Beispiel mit Hilfe einer OpenSource-Politik mit Daten, deren Code von jeder Person verbessert werden kann, oder durch den Aufbau neuer Partnerschaften.
Können Sie einige Projekte der Schweizer Mitglieder von Ashoka vorstellen?
Romon Carnegie: Unsere Fellows arbeiten auf sehr unterschiedlichen Gebieten. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem die Genfer Neurobiologin Caroline Kant ausgewählt, die sich über die Stiftung EspeRare für die Entwicklung neuer Therapien gegen seltene Krankheiten einsetzt, unter anderem indem sie Pharmaunternehmen ermutigt, sich in diesem Bereich zu engagieren. Eine andere Stipendiatin aus jüngster Zeit ist Sonja Betschart, Mitgründerin der waadtländischen Firma WeRobotics, die ein Hilfsnetzwerk aufbaut, das Entwicklungsländer dabei unterstützt, lokale Experten für neue Technologien zu befähigen und damit besser auf die dringendsten Bedürfnisse ihrer Gemeinschaften reagieren zu können.
Wie ist die Schweiz im Moment beim Thema Social Entrepreneurship aufgestellt?
Romon Carnegie: Die Schweiz bleibt gegenüber ihren Nachbarländern im Rückstand. Das vorherrschende Denken bestand lange darin zu sagen, dass es auf lokaler Ebene keine Probleme gibt und wir uns darauf beschränken können, Geld in entfernte Länder zu schicken. Diese Sichtweise blendet die globale Natur vieler Probleme aus, zum Beispiel in Bezug auf die Umwelt. Heute stellen wir aber ein wachsendes Bewusstsein für diese Zusammenhänge fest, egal ob es um Klima, Gleichstellung oder Inklusion geht.
Die Social Entrepreneurs in der Schweiz müssen darüber hinaus auch kreativ mit der rechtlichen Struktur ihrer Organisation umgehen, indem sie zwischen der Rechtsform eines klassischen Unternehmens und der einer gemeinnützigen Organisation navigieren. Es gibt zwar vereinzelt einige Erleichterungen, aber es bleibt kompliziert, Steuerbefreiungen zu erhalten, wenn man Gewinne erzielt. Darum müsste man die Einrichtung hybrider Rechtsformen erleichtern, wie es zum Beispiel in Frankreich und Deutschland schon der Fall ist.