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Der Begriff "klassische Dressur" umfasst bekanntlich ja so Vieles. In den meisten Fällen wird der Hals und der Kopf des Pferdes entweder mittels Impulstraining (französische/spanische/barocke Reitweise mit hoch aufgerichtetem Genick und weggedrücktem Rücken) oder mittels klarer Einschränkung (Hilfszügel oder harte und unnachgiebige Reiterhand wie es häufig im Dressur-Turniersport gesehen wird) eingestellt. Das Pferd lernt, weder gegen die Hand noch hinter die Hand zu gehen und "hält sich" an dem definierten Punkt im Hals und Genick "fest". Das Resultat ist schlussendlich ähnlich: Vorne Top, hinten Flop. Die anscheinend so "feine Anlehnung - nur noch am Zügelgewicht" in den Arbeitsreitweisen (spanisch, französisch, barock) ist weit entfernt von einer "ehrlichen Anlehnung". Die "Anlehnung" des klassischen Dressurreiters beinhaltet mehrere Kilos in der Hand und kann dort nur kraftvoll "gehalten" werden. Mit einer normalen Wassertrense geritten reicht die Kraft des Reiters kaum mehr aus, das Pferd im Maul zu halten. Sperrriemen verhindern zudem, dass das Pferd dem Druck mittels "Maul aufreissen" oder Zungenspiel versucht auszuweichen. In allen Fällen geschieht zudem Folgendes: Der Rücken des Pferdes kommt nicht ins Schwingen. Im Dressur-Turniersport deutlich zu sehen an zwar spektakulären jedoch unregelmässigen Gangbildern (keine parallelen Röhrbeine im Mitteltrab, geschweige denn in der Passage) mit ausfallender Hinterhand. Auch wenn die Nasenlinie noch vor der Senkrechte ist, ist durch die falsche Anlehnung nicht der Punkt hinter den Pferdeohren der höchste Punkt, sondern im zweiten Halswirbel (da gibt es dann schon gut und gerne die altbekannten Genickbeulen, eine schmerzhafte Schleimbeutelentzündung).
In der spanischen/französischen/barocken Reitweise erkennbar an im Genick hoch aufgerichteten Pferden, zwar gesetzt auf der Hinterhand, jedoch mit festgestellten und ebenfalls weggedrückten Rücken.
Bitte nicht falsch verstehen. Hier geht es nun überhaupt nicht darum, Kritik an den Reitweisen und deren Ausführungen auszuüben, sondern ein Erklärungsmodell zu liefern.
Die korrekte klassische Dressur ist in seinen Ursprüngen ausschliesslich um das richtige, biomechanische Training des Pferdes bemüht, das Reitergewicht mit seinem dazu nicht konzipierten Körper möglichst schadlos tragen zu können. Eine schwierige, unspektakuläre und vielfach unterschätzte Aufgabe, soll sie wirklich korrekt ausgeführt sein, welche immens hohe Anforderungen an einen korrekten Sitz und fein abgestimmte Hilfengebung stellt.
Ein wichtiges und deutlich erkennbares Merkmal für das WIRKLICH korrekt gerittene Pferd stellt die Rückenlinie des Pferdes dar: Beim korrekt gerittenen Pferd bleibt die Rückenlinie des Pferdes nach dem Widderrist im besten Fall horizontal gerade. Eine nach hinten ansteigende Rückenlinie hinter dem Widderrist zeigt deutlich, dass der Rücken (und damit auch der ganze Rumpf) unter dem Sattel nach unten fällt. Der Rumpf senkt sich im Brustkorb, da den Pferden die nötige Rumpfmuskulatur fehlt, um das Reitergewicht in allen Gangarten nach oben mitschwingen zu lassen.
Wie schwierig es ist, beim gerittenen Pferd eine gerade Rückenlinie zu erhalten (und beim jungen Pferd zu erarbeiten!) zeigt schon die Tatsache, dass man kaum Bilder davon findet und schon deshalb eine nach hinten aufsteigende Rückenlinie fürs heutige Reiterauge als "normal" eingestuft wird.
Wer sich also dieser Aufgabe verschreibt braucht viel Frustrationstoleranz, Geduld, einen guten Trainer, der dieselbe Sprache spricht und ein gutes Selbstbewusstsein, denn von aussen betrachtet sind die feinen Unterschiede kaum erkennbar und viele "Zuschauer" fragen sich dann öfters mal, wieso man nach zwei Jahren immer noch auf der Volte herumbastelt anstatt mit tollen Tricks mit spickenden Pferdebeinen brilliert. Aber, es lohnt sich! Einmal gefühlt wie es "sein könnte" in einer Einheit zu schwingen möchte man nicht mehr zurück.
Pferde müssen sich, um gesund zu bleiben, losgelöst, ausbalanciert und ohne Zwang unter dem Reiter bewegen können. Die Ausbildung nach der klassischen Ausbildungsskala
bietet dafür eine bewährte Richtlinie, um Pferde durch stufenweise Gymnastizierung auf das Reitergewicht vorzubereiten und es tragfähig zu machen.
Das Pferd drückt von Natur aus den Rücken weg, sobald der Reiter im Sattel Platz nimmt, da der Rücken einer Hängebrückenkonstruktion gleicht und deshalb grundsätzlich nicht zur Lastaufnahme geeignet ist. Diese Haltung des weggedrückten Rückens ähnelt derjenigen des Hohlkreuzes bei Menschen. Wird das Pferd nicht dahingehend geschult, das Reitergewicht über die Dehnung der Nackenbänder zu kompensieren und mit der Zeit aus der Kraft der Hinterhand und der Rumpfmuskulatur (Bauch) zu tragen, sind massive gesundheitliche Schäden an Skelett und Muskulatur vorprogrammiert.
Wenn du mehrheitlich im Gelände unterwegs bist wäre die minimale Anforderung an dein reiterliches Können, dass du das Pferd in einer gesunden Dehnungshaltung in allen Gangarten in einem fleissigen "Vorwärtstempo" reiten kannst (entspricht den Punkten "Schwung", "Takt" und "Losgelöstheit" der Ausbildungsskala). Wenn dein Pferd mit genügend Schwung in allen Gangarten aktiv mit der Hinterhand an die Reiterhand treten kann und die Nackenbänder mithelfen können, den Rücken zu heben und zu entlasten, kann dein Pferd mit dem Reitergewicht gut und ohne Schaden zu nehmen umgehen. Aber Achtung! "Fleissiges Vorwärtstempo" ist nicht gleichbedeutend mit "Davonrasen"! Ein zu eiliges Tempo führt weder zu Takt, noch zu Schwung oder Losgelöstheit.
Wenn du eine deutliche natürliche Schiefe in deinem Pferd feststellst, solltest du zusätzlich ab und zu mindestens gymnastische Longenarbeit oder gymnastizierende Handarbeit einbauen, um dein Pferd auf beide Seiten gleich geschmeidig werden zu lassen (das würde einem Minimum an Geraderichtung entsprechen).
Gut dass du diese Frage stellst. Sie führt sie zu vielen Unklarheiten und Falschaussagen. Eine falsch verstandene Dehnungshaltung führt leider langfristig zu Schäden an allen Strukturen und bereits mittelfristig zu keinem Aufbau derjenigen Muskelgruppen, die das Pferd benötigt, um einen Reiter zu tragen. Zuerst gilt es zu definieren, was wo das genaue Zügelmass zu suchen ist für eine korrekte Dehnungshaltung, denn genau hier gibt es viel Interpretationsspielraum. Zwischen dem komplett hingegebenen Zügel (das Pferd kann mit der Nase bis zum Boden runter) und dem kaum mehr wie ein paar cm Nachgeben am Zügel (das Pferd kann mit der Nase etwas vor aus der Versammlung) gibt es je nach Reitweise oder individueller Betrachtungsweise oder Halslänge des Pferdes einigen Spielraum. Die Dehnungshaltung befindet sich irgendwo dazwischen:
Eine korrekte Dehnungshaltung wurde damals anhand des Körperbaus eines durchschnittlichen Warmblüters definiert: Dehnungshaltung ist, wenn die Pferdenase sich ungefähr auf Bughöhe befindet. Je nach Pferderasse (unterschiedliche Hals- und Rückenlänge) ist die Traghöhe der Nase jedoch wieder unterschiedlich zu bewerten. Wichtig zu wissen ist: Eine Dehnungshaltung ist erst dann korrekt und effektiv, wenn das Pferd aktiv und mit Schub aus der Hinterhand an das Gebiss herantritt und den Hals aus dem Widderrist fallen lässt. Das bedeutet, das Pferd läuft in der korrekten Dehnungshaltung in einem positiven Spannungsbogen. Der positive Spannungsbogen ist mit der Grundspannung eines Tänzers zu vergleichen, während er tanzt und hat nichts mit "Verspannung" zu tun. Erst dann kann der Rücken in der Muskulatur loslassen und die Rumpfmuskulatur übernimmt eine Halte- und Tragefunktion. Dieser Zustand zu erreichen, zu erfühlen und dem Pferd anzutrainieren ist leider gar nicht so einfach und braucht je nach Voraussetzungen von Pferd und Reiter langes, regelmässiges Üben. Eine Grundvoraussetzung für die Dehnungshaltung ist ein passender Sattel, ein losgelöster, geschmeidiger und ausbalancierter Reitersitz und eine feine, unabhängige Zügelhand. Jede Art von Verspannung oder Schmerz, verursacht durch unpassendes Equipment, gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder durch einen störenden Reitersitz verhindert, dass sich das Pferd letztlich korrekt dehnt. Daraus ergibt sich auch die Erkenntnis, dass dem Pferd zwar der Weg in die Dehnungshaltung gezeigt, diese aber nicht "erzwungen" werden kann, weshalb auch der Begriff "Dehnungsbereitschaft" die Dehnungshaltung besser umschreibt.
Nein keineswegs: Gut gerittene Westernpferde treten im Vergleich zwar in ruhigerem Tempo und mit weniger Schwung (z.B. im Jog) jedoch trotzdem aktiv mit der Hinterhand unter den Körperschwerpunkt (daraus ergibt sich dann auch die Quarter-arttypische bemuskelten Hinterhand). Auch so wird das Nackenband genügend gedehnt was zur Auffächerung der Dornfortsätze am Widderristes führt und somit zur Entlastung des Rückens. Weiter gilt es zu beachten, dass in der Westernreitweise eine andere Anlehnung ans Gebiss erwünscht ist als, in der gut präsentierten klassischen Reitweise. Im klassischen Ausbildungsweg ist ein "Herandehnen an die Reiterhand" erwünscht und mit der Zeit eine Hankenbeugung, welche zur Aufrichtung (Versammlung) führt. Im gut präsentierten Westernreiten besteht die Anlehnung lediglich am Gewicht der Zügel und nicht primär an die Reiterhand.
Ein weiterer nennenswerter Unterschied besteht darin, dass im ursprünglichen Westernreiten darauf hin gearbeitet wurde, dass die Arbeitspferde lange Distanzen mit minimalem Energieverbrauch zurücklegen konnten und sich so bewegten, dass auch die Cowboys sich lange Zeiten im Sattel fortbewegen konnten. Ein schwingender Rücken (Amplitüde) wie in der klassischen Reitweise war weder erwünscht noch zweckmässig oder energieeffizient. Eine Aufrichtung durch Hankenbeugung und Lastaufnahme auf der Hinterhand wäre viel zu kräfteraubend für ein Arbeitspferd, welches viele Stunden pro Tag im Einsatz ist.
Trotz alledem gilt: Egal welche Reitweise und welche Pferderasse... die Anatomie des Pferdes ist dieselbe und gibt demnach auch seinen Ausbildungsweg vor.
Der kleinste gemeinsame Nenner sollte immer eine ethische Grundhaltung gegenüber dem Lebewesen Pferd sein. D.h. sein Pferd pferdegerecht und freundlich auszubilden mit dem Ziel, das Pferd unter dem Reiter gesund zu erhalten und dabei seinen körperlichen und mentalen Voraussetzungen, unabhängig von den eigenen Zielsetzungen gerecht zu werden. So gesehen ist jeder Reiter auch immer der Ausbildner (oder der Bereiter) des Pferdes, welches er gerade reitet und trägt dabei die Verantwortung für sein Wohlergehen.
Unabhängig von Reitstil oder Ausbildungsmethode bilden eine fundierte reiterische Ausbildung, ein ausbalancierter Reitersitz und eine fein abgestimmte Hilfengebung die Basis jeder Reitweise, die
den Anspruch an sich hat, das Pferd anatomisch und pferdegerecht auszubilden und zu trainieren. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob dies in einem Dressur-, Western oder Hirtensattel
stattfindet, Hauptsache der Sattel passt optimal dem Pferd UND dem Reiter.
Die Basisausbildung jedes Freizeit- und Turnierpferdes sämtlicher Reitweisen sollte sich nach der Ausbildungsskala richten. Die Ausbildung zum Dressurpferd dauert - seriös erarbeitet- viele Jahre. Auch ein Westernpferd benötigt sorgfältige Ausbildung und Training bis es auf feinste Hilfen, ausbalanciert und geschmeidig einhändig am Bit geritten werden kann.
Es spricht also Vieles dafür, sich reitweiseübergreifend zu informieren und weiterzubilden. Es ist an der Zeit über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, mit Toleranz und Neugier den verschiedenen Reitstilen zu begegnen und aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz der verschiedenen Reitweisen das Beste zu verwenden!
Seit Beginn meiner Arbeit mit Pferden folge ich diesem Grundsatz. Deshalb kann ich, um für meine Kunden einen individuell passenden Trainingsplan zu erarbeiten, aus einem grossen reitweiseübergreifenden Erfahrungs- und Wissensfundus schöpfen.