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Geborgen aus den Tiefen vor Ägyptens Mittelmeerküste: Die spektakuläre Ausstellung zeigt knapp 300 Statuen und Kultgegenstände, Sarkophage und Götterbilder aus sechzehn Jahrhunderten. Sie stammen aus den zwei legendären Städten Thonis-Herakleion und Kanopus, die im 8. Jahrhundert n.Chr. im Meer versanken. Alte Fragen finden dadurch eine Antwort, neue Geschichten werden erzählt.
Osiris, Sohn der Erde und des Himmels, wurde von seinem Bruder Seth getötet. Dieser zerstückelte die Leiche in 14 Teile und warf sie anschliessend in den Nil. Isis, die Schwester und Gattin des Osiris, setzte die Leichenteile mithilfe ihrer göttlichen Macht wieder zusammen. Danach hauchte sie dem Körper des Osiris wieder Leben ein, liess sich von ihm begatten und empfing den gemeinsamen Sohn Horus. Osiris wurde zum Herrscher der Unterwelt, während Horus seinen Onkel Seth nach langem Kampf besiegte und der erste Pharao von Ägypten wurde.
1881 fanden Ägyptologen in Kom el-Hisn eine Steintafel aus dem Jahr 238 v.Chr., die als Kanopus-Dekret bekannt wurde. Dank ihr wissen die Wissenschaftler, dass in dem grossen Amun-Gereb-Tempel in Thonis-Herakleion die Osiris-Mysterien zelebriert wurden. Den Abschluss der religiösen Feierlichkeiten bildete der Tafel zufolge eine lange Schiffsprozession, bei der Osiris aus dem Amun-Gereb-Tempel mit einer Barke über einen Kanal zu seinem Heiligtum in Kanopus überführt wurde.
Das Studium antiker Texte hilft bei der Lokalisierung von versunkenen Stätten und Schätzen ebenso wie modernstes technisches Gerät. Mit einem Kernspinresonanz-Magnetometer lassen sich Gegenstände unter Wasser aufspüren – selbst wenn sie mit Sand bedeckt sind.
Die von Franck Goddio und seinem Team im Nildelta entdeckten Stätten versanken damals aufgrund unterschiedlicher Naturereignisse im Meer:
Flutwelle zu einer zerstörerischen Überflutung. Diese Faktoren zusammen haben schliesslich dazu geführt, dass Thonis-Herakleion und Kanopus in der Bucht von Abukir, rund 35 Kilometer von Alexandria entfernt, versanken. Die überschwemmten Gebiete liegen seitdem acht Meter unter Wasser.
1500 Jahre ägyptische Geschichte werden in der Ausstellung präsentiert. Eine lange Periode, die geprägt ist durch das Ende der Pharaonen und den Einfluss fremder Herrscher in Ägypten: zuerst Perser, dann Griechen und schliesslich Römer consultez les billets et le tarif Louvre musée d'antiquités de Paris 75001. Sie alle trugen zu einer beeindruckenden kulturellen Vermischung im Land bei, was die Exponate eindrucksvoll belegen.
Die ältesten Ausstellungsstücke stammen aus dem 7. Jahrhundert v.Chr. und führen uns in die Spätzeit des alten Ägypten (664–322 v.Chr.). Das Zeitalter der Pharaonen lag damals bereits zweitausend Jahre zurück, die Zeit der Ausdehnung des Königreichs und der grossen Herrscher wie Thutmosis III. (reg. 1490–1436 v.Chr.), Amenophis IV. genannt Echnaton (reg. 1364–1347 v.Chr.) oder Ramses II. (reg. 1290–1224 v.Chr.) war endgültig vorüber.
Das siebte vorchristliche Jahrhundert war geprägt von fremden Herrschern und der ständigen Bedrohung durch Grossreiche des Vorderen Orients wie demjenigen der Assyrer und Perser. Die 26. Dynastie, die sogenannte saïtische Dynastie (664–525 v.Chr.), bildete eine Ausnahme, die dem Land eine Zeit lang Frieden und Wohlstand beschert. Nach den Saïten übernehmen die Perser für 120 Jahre die Kontrolle über Ägypten, ehe sich 404 v.Chr. nochmals einheimische Dynasten, in aller Regel mit Hilfe griechischer Söldner, durchsetzen konnten. Nektanebos II. (reg. 360–343 v.Chr.) war der letzte ägyptische Pharao einer jahrtausendalten Kette von 30 (!) Dynastien. Er musste einer erneuten, wenn auch kurzen, persischen Besatzung weichen, gefolgt von der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Grossen im Jahr 332 v.Chr.
Alexander der Grosse, König von Mazedonien, eroberte Ägypten im Jahre 332 v.Chr. Im folgenden Jahr gründete er, 35 Kilometer von Thonis-Herakleion entfernt, die Stadt Alexandria, eine der bedeutendsten Grossstädte der gesamten hellenistischen Welt. Nach dem Tod Alexander des Grossen (323 v.Chr.) nahm sein General und Freund, Ptolemaios I. Soter, den Königstitel Ägyptens an und verlegte den Herrschaftssitz nach Alexandria. Der neue Souverän verwies Naukratis und Thonis-Herakleion auf den zweiten Rang, indem er die Hafen- und Handelsgeschäfte nach Alexandria verlagerte. Er machte die Stadt zu einem Ort der Wissenschaft, indem er das Museum (dies bedeutete ursprünglich «Tempel der Musen»), die berühmte Bibliothek und eine Akademie gründete. Unter seiner Herrschaft wurde auch der Bau des legendären Leuchtturms von Alexandria an der Spitze der Insel Pharos begonnen, der als eines der sieben Weltwunder der Antike gilt. Das griechische Ägypten erlebte unter seiner Herrschaft (305–282 v.Chr.) und der seines Sohnes Ptolemaios II. (reg. 282–246 v.Chr.) eine Blütezeit. Innerhalb weniger Jahrzehnte kletterte die Zahl der Einwohner Alexandrias auf über 100.000, so dass die Stadt zu einer der grössten Metropolen der Welt avancierte.
Das unweit von Thonis-Herakleion gelegene Kanopus war durch einen Kanal mit der neuen Hauptstadt verbunden. In diesem wichtigen religiösen Zentrum, das für die Osiris-Prozessionen und Wunderheilungen bekannt war, befand sich einer der grössten Tempel; er war dem Gott Serapis geweihten. Der Serapis-Kult soll etwa im 3. Jahrhundert v.Chr. in der Region entstanden und später von den Griechen übernommen worden sein. Die Dynastie der Ptolemäer endete schliesslich mit der Regentschaft von Kleopatra VII., der Tochter von Ptolemaios XII. Nachdem sie sich mit Julius Cäsar, dem sie einen Sohn namens Ptolemaios XV. (auch Cäsarion genannt) gebar, und anschliessend mit Marc Antonius verbündet hatte, musste sie ihr Königreich am Ende Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, überlassen. Dessen Legionen waren in das Land eingedrungen und machten es 30 v.Chr. nach Kleopatras Selbstmord zur römischen Provinz. Alexandria wurde Hauptstadt und blieb, obwohl geschwächt, wirtschaftlich von zentraler Bedeutung.
Bis ein Fundstück entdeckt, geborgen, eingeordnet, beschrieben und im Museum ausgestellt werden kann, ist der Einsatz von zahlreichen Experten nötig. Die Liste reicht vom Unterwasserarchäologen über den Münzforscher bis hin zur Museologin.
Franck Goddio ist Präsident des Europäischen Instituts für Unterwasser-Archäologie (IEASM) und seit fast 30 Jahren Archäologe. Er ist Leiter der Unterwassergrabungen in der Bucht von Abukir, wo die Städte Thonis-Herakleion und Kanopus entdeckt wurden. In Alexandria fand er ausserdem den berühmten Portus Magnus, den grossen Hafen der Römer. Die Ausstellung „Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens“, deren Kurator er ist, leitet sich direkt aus den Ergebnissen seiner Arbeit ab. Goddio ist ebenfalls Mitbegründer des Zentrums für Unterwasserarchäologie an der Universität Oxford (OCMA).
In dem von Goddio geleiteten IEASM-Team sind verschiedene Spezialisten vereint: Archäologen, Ägyptologen, Taucher, Münzforscher, Keramologen, Wissenschaftler, Spezialisten für Restaurierung und Konservierung archäologischer Funde, Elektroingenieure, Techniker, Kameraleute und Fotografen.
Die 30 bis 50 Team-Mitglieder kommen aus Frankreich, Ägypten, England, den USA, Deutschland, Spanien, den Philippinen und Russland. In der Regel trifft sich das Team zweimal pro Jahr, im Frühjahr und im Herbst, an Bord des Forschungsschiffs „Princess Duda“, um die Stätten Thonis-Herakleion und Kanopus in der Bucht von Abukir weiter zu erforschen.
Das Zentrum für Unterwasserarchäologie an der Universität Oxford (OCMA) beteiligt sich an den Ausgrabungen und bietet seinen jungen Wissenschaftlern durch Doktoranden-Stipendien die Möglichkeit, sich im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit mit den Funden des Europäischen Instituts für Unterwasser-Archäologie (IEASM) zu befassen. Daneben koordiniert das OCMA die wissenschaftliche Veröffentlichung sämtlicher Ausgrabungsergebnisse.
Die gesamten Ausgrabungen werden unter der Leitung des IEASM und unter der Aufsicht des ägyptischen Ministeriums für Altertümer durchgeführt. Die archäologische Arbeit von Franck Goddio wird seit 1996 von der Hilti Foundation unterstützt.