Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03178.jsonl.gz/335

Jede zehnte Person im Kanton Bern spricht Französisch als Muttersprache, also rund 100'000 Menschen. Demnach hätte diese Bevölkerungsgruppe auf dem Papier 2.4 Sitze im Berner Nationalrat zu Gute.
Von den aktuell 24 Berner Nationalratssitzen ist jedoch seit den letzten Wahlen 2019 kein einziger mehr in französischsprachiger Hand. Der einzige bisherige französischsprachige Vertreter, Manfred Bühler (SVP), wurde nicht wiedergewählt.
«Das ist gerade in Bern, der sich gern als Brückenkanton sieht, ein sehr schlechtes Signal», sagt Alexandre Schmidt. Der ehemalige Stadtberner Gemeinderat ist Präsident von Bernbilingue, eine Stiftung, die sich für die Zweisprachigkeit im Kanton Bern einsetzt.
Keine schlechteren Listenplätze
In einer Studie liess Bernbilingue untersuchen, weshalb französischsprachige Politikerinnen und Politiker in der Nationalratsdelegation des Kantons Bern chronisch untervertreten sind.
«Es liegt nicht daran, dass Französischsprachige generell einen schlechten Listenplatz erhalten», sagt Politologe Rolf Burger, der die Studie durchgeführt hat. «Aber das Bewusstsein fehlt». Manfred Bühler beispielsweise erreichte in seinem Verwaltungskreis Berner Jura und im benachbarten Verwaltungskreis Biel ein gutes Resultat. In den restlichen Gebieten des Kantons schloss er jedoch schlecht ab.
Ein Teufelskreis
Dass Kandidierende aus dem französischsprachigen Teil des Kantons schlecht abschneiden, liegt aber auch daran, dass die Wahlbeteiligung im Berner Jura tief ist. 2019 gingen nur gerade 36.6 Prozent der Stimmberechtigen an die Urne. Im Verwaltungskreis Bern-Mittelland lag die Wahlbeteiligung bei 52,3 Prozent. Woran liegt das? «Wenn man keinen Vertreter, keine Vertreterin hat, geht man auch nicht mehr an die Urne», sagt Rolf Burger. Ein Teufelskreis also.
Wie kann man diesen Teufelskreis durchbrechen? «Der Ball liegt vor allem bei den grösseren Parteien», so Burger. Die meisten Parteien im Kanton Bern würden die französischsprachigen Kandidierenden bei der Nomination nämlich vernachlässigen. Einzig die Grünen hätten für die letzten Nationalratswahlen mehr Frankophone nominiert als nach Bevölkerungsanteil das Minimum wäre. Vier Parteien lagen sogar unter diesem Wert.
Welsche Kandidierende sollten doppelt und am Anfang der Liste stehen.
Das beste Mittel sei es darum, welsche Kandidierende doppelt auf die Liste zu schreiben, am besten am Anfang der Liste. «Auch eine besondere Werbekampagne ist denkbar», so Burger.
Forderung an Berner Parteien
Der Verein Bernbilingue hat nun alle Berner Parteien, die im Nationalrat vertreten sind, kontaktiert. Die Forderung: Bei den nächsten Wahlen sollen sie mindestens zwei französischsprachige Kandidierende auf ihrer Liste aufführen. Das Ziel ist klar: Ab 2023 sollen mindestens zwei Nationalratssitze im Kanton Bern von frankophonen Politikerinnen oder Politikern besetzt sein.