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Bei einem Teil der Geisteskrankheiten werden diese anatomischen Veränderungen so bedeutend, daß man schon mit bloßem
Auge,
[* 3] z. B. an den verdickten Gehirnhäuten eines Alkoholtrinkers oder an der geschrumpften Hirnsubstanz
eines an paralytischer Geisteskrankheit Verstorbenen, mit Sicherheit Rückschlüsse auf diejenigen Krankheitserscheinungen
machen kann, welche bei Lebzeiten an diesen Kranken beobachtet wurden. In andern Fällen führt erst eine feine mikroskopische
Untersuchung zur Erkenntnis von Strukturveränderungen in diesem überaus komplizierten Organ; in einer dritten
Reihe von Geisteskrankheiten, sowohl solchen, welche durch eine gesteigerte Erregung (Tobsucht, Epilepsie), als auch solchen, welche durch Depression
[* 4] ausgezeichnet waren, wie Hypochondrie,
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Melancholie, war es bislang nicht möglich, bestimmte materielle Anomalien nachzuweisen. Dennoch ist es unzweifelhaft, daß
die Geisteskrankheiten auf krankhaften Veränderungen des Gehirns beruhen, mithin Gehirnleiden sind, ebenso wie die schmerzhaften Neuralgien
durch Veränderungen der Nervenfasern bedingt werden, obwohl diese Veränderungen in beiden Fällen erst dann anatomisch nachzuweisen
sind, wenn die nervöse Substanz bereits zerfallen und zu Grunde gegangen ist.
Die vielen Schwierigkeiten, welche sich in der Praxis daraus ergeben, daß eine Fülle höchst verschiedener
Störungen in der Sphäre der Vorstellung oder des Handelns formell als Einheit betrachtet werden müssen, sind im § 51 des deutschen
Strafgesetzbuchs dadurch umgangen worden, daß für die forensische Frage der Zurechnungsfähigkeit fortab entscheidend ist,
ob die freie Willensbestimmung als vorhanden oder als ausgeschlossen zu betrachten ist. Im Sinn des Gesetzes
ist der Name der Geisteskrankheit also gleichbedeutend mit krankhafter Unfreiheit der Willensbestimmung.
Auf wissenschaftlicher Grundlage ist eine Einteilung der Geisteskrankheiten nur möglich, wenn man von der Erfahrung ausgeht, daß eine verhältnismäßig
kleine Anzahl krankhafter Symptome beobachtet wird, welche sich einzeln oder in gewisser bestimmter Reihenfolge
bei allen Geisteskranken wiederfindet. Diese Symptome heißen deshalb psychische Elementarstörungen oder elementare Anomalien.
Dazu zählen hauptsächlich die folgenden:
2) Wahnvorstellungen, die Gesamtheit der verschiedenartigen irrigen Ideen und Kombinationen, welche aus
den Sinnestäuschungen entstehen. Man hat sie mit Recht als besondere Gruppe der Elementarstörungen aufgeführt, jedoch ist
es eine jetzt allseitig als irrig anerkannte Lehre,
[* 6] daß eine oder die andre Wahnvorstellung bei manchen sonst ganz gesunden
Personen auftreten könne und alsdann die Bedeutung einer selbständigen Geisteskrankheit (Monomanie oder fixe Idee) beanspruchen
dürfe.
Eine fernere Art der Elementarstörungen gehört der Sphäre des Empfindens, dem Gemütsleben an: 3) die
heitere Verstimmung, bei welcher die Personen mehr oder weniger andauernd in außerordentlicher Ausgelassenheit leben und einen
Frohsinn an den Taglegen, der meist irgend einer eingebildeten Idee entspringt, dem gesunden Verstand eines Beobachters aber
durchaus unmotiviert erscheint. Diese Anomalie
[* 7] geht oft ganz unvermittelt über in 4) die traurige Verstimmung,
bei welcher ein Alp auf den Kranken lastet und alles Denken und Fühlen von traurigen, sorgen- und kummervollen Ideen beherrscht
wird.
Als Elementarstörungen, welche hauptsächlich dem Gebiet der Intelligenz angehören, gelten 5) die Ideenflucht, ein Zustand,
bei welchem die Gedanken sich überstürzen, ein neuer auftaucht, bevor der erste ausgedacht und ausgesprochen
ist, 6) die Urteilsschwäche und 7) die Gedächtnisschwäche. Beide letztere faßt man oft zusammen als Schwachsinn oder in
den höchsten Graden als Blödsinn (stupor). Keine dieser aufgezählten wesentlichen sieben Gruppen elementarer psychischer Anomalien
ist nun an und für sich eine Psychose, d. h. wirkliche Geisteskrankheit, ja es ist sogar keine einzige
derselben ein sicheres Symptom, daß eine Geisteskrankheit dahinter stecken müsse.
Die ausgelassene Heiterkeit, in welche jemand durch den unverhofften Gewinn großer Reichtümer versetzt wird, kann in ihrer
äußern Erscheinung ganz dem Gebaren eines tobsüchtigen Irren gleichen, der tiefe Seelenschmerz eines schwer geprüften,
kummervollen Leidtragenden ist äußerlich nicht von dem Bild eines melancholischen Geisteskranken zu
unterscheiden, die Sinnestäuschungen eines Trunkenen oder eines im Typhusfieber delirierenden Kranken werden sogar von Krankenwärtern
und erfahrenen Laien nicht selten für Zeichen wahrer Geisteskrankheiten gehalten.
Nur die fortgesetzte Beobachtung der Symptome, durch welche sich ihre abnorme Dauer ergibt, durch welche
sich für die Verstimmungen deren Grundlosigkeit, Ungereimtheit herausstellt, ferner die umsichtige Beachtung aller vorausgegangenen
Ereignisse, Kenntnisnahme von der persönlichen und Familiengeschichte, körperliche Untersuchung etc.
können dazu führen, aus den genannten elementaren Anomalien den Schluß auf eine vorhandene Geisteskrankheit zu machen.
Die Geisteskrankheiten selbst sind demnach Krankheitsbilder (psychologische Formen), in welchen einzelne der erwähnten
Elementarstörungen in bestimmter typischer Weise aufeinander folgen oder nebeneinander bestehen oder in regelmäßigem Wechsel
wiederkehren. Nur durch die Erfahrung sind so im Lauf der Zeit die scheinbar regellosen Symptome gruppiert und geordnet worden,
und mit der Fülle der Beobachtungen und der Herausbildung der Psychiatrie als Spezialwissenschaft gewinnt
diese Gruppierung noch täglich an Schärfe und Feinheit. Die vielen populären Fremdwörter sind dem
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Sie befällt meist Männer der mittlern Lebensjahre, beginnt mit Wahnvorstellungen über eingebildeten Reichtum, hohe Abstammung
oder unglaubliche Gaben und Fähigkeiten (Größenwahn), führt dann durch ein Stadium krankhafter Verstimmung
zu allmählichem Verfall der geistigen Kräfte, Lähmung der Pupillen, schwankendem Gang
[* 9] und endet unter dem Bild fortschreitenden
Blödsinns mit dem Tod. Außerordentlich wechselvoll ist das Bild der epileptischen Geisteskrankheiten; hier treten oft die verschiedenen Elementarstörungen
in regelmäßigem Wechsel ein, zuweilen wird eine derselben durch eine andre ersetzt, es liegen oft lange
freie Intervalle (lucida intervalla) dazwischen, und gerade diese Form der Geisteskrankheiten ist es, welche außerordentlich
häufig die Gerichte beschäftigt, wenn es sich darum handelt, ob ein Verbrecher zur Zeit der That zurechnungsfähig gewesen
sei oder nicht.
Die Statistik der Geisteskrankheiten weist im allgemeinen eine Zunahme gegen frühere Zeiten nach, doch sind die ältern
Angaben sehr ungenau und die neuen nicht lange genug einheitlich zusammengestellt, um über die Ursachen dieser ErscheinungSchlüsse zuzulassen. In Preußen
[* 12] kamen auf 10,000 Einw. 1871: 23 männliche, 22 weibliche Geisteskranke und 1880: 25 männliche, 23 weibliche.
Es kamen 1880 auf 10,000 evang. Einwohner 24,1,
auf katholische 23,7, auf jüdische 38,9 Geisteskranke. Es waren
unter 10,000 Personen 1880:
32.2
ledige männliche,
29.3
weibliche Geisteskranke,
9.5
verheiratete "
9.5
" "
32.1
verwitwete "
25.6
" "
107.5
geschiedene "
103.0
" "
Nach einer Statistik von Lunier, welche das Verhältnis der in Frankreich vom J. 1831 bis 1876 umfaßt,
ist die Zahl der Geisteskranken in dieser Zeit um das Fünffache gestiegen; doch ist dabei zu bedenken, daß in jüngster
Zeit viel mehr Personen als geisteskrank erkannt werden, welche früher als Verbrecher behandelt wurden oder frei umhergingen,
und ferner, daß durch die sorgfältigere Behandlung die Lebensdauer der Kranken beträchtlich verlängert
wird.
Die Behandlung der Geisteskrankheiten darf durchaus nicht darauf gerichtet sein, den Kranken durch Zureden oder logische
Beweise das Ungereimte ihrer Ideen klarmachen zu wollen, da dieses Verfahren absolut nutzlos ist. Warme Bäder, geeignete körperliche
Pflege, zuweilen Arzneimittel bilden die Grundlage der Behandlung; diese selbst sollte aber soviel wie
möglich in einer darauf eingerichteten Anstalt erfolgen. Daß die Geisteskranken den Irrenanstalten übergeben werden, ist
eine Notwendigkeit, welcher häufig von den Verwandten viel zu spät Rechnung getragen wird.
Bis jetzt geschah dies aber in nicht wenig Fällen deshalb, weil man die Irrenanstalt fürchtete und in
ihr ein Gefängnis vermutete, in welches man seine Angehörigen nur mit Zagen brachte. Mit der Abschaffung des Zwanges durch
Conolly, welcher auch die Zwangsjacken aus der Irrenbehandlung verbannte (Non-restraint-System), haben auch die Anstalten selbst
ein ganz andres Ansehen gewonnen: alles Gefängnisartige hat man abgeschafft, das Innere ist freundlicher
und bequemer für die Kranken eingerichtet, so daß, abgesehen von dem Verschlossensein der Thüren, die Irrenanstalt sich
nicht viel von einem andern Krankenhaus
[* 13] unterscheidet. Dadurch ist das Vertrauen des Publikums in hohem Maß gestiegen; die
Kranken werden ruhiger und vor allem zeitiger nach der Irrenanstalt gebracht und können
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