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Die Rudeltheorie - Dominanztheorie
Aktualisiert: 9. März
Unsere Haushunde stammen von den Caniden ab und nicht wie oft noch gedacht, direkt vom Wolf.
Der Wolf ist ein naher Verwandter unserer Haushunde. Nicht aber der direkte Vorfahre. Nach aktuellem Wissenstand geht hervor, dass Wölfe und Hunde einen gemeinsamen Vorfahren haben. Die Trennung der genetischen Linien fand vor über 45.000 Jahren statt, das nennt man eine "normale Artbildung". Ein Fund in Sibirien belegt, dass es Caniden gab, die weder Wolf noch Hund waren.
Wölfe ziehen als Elternpaar, mit den Jungwölfen von den letzten 1-3 Jahren, zusammen Welpen auf und bilden ein Rudel.
Ein natürliches Rudel existiert nur innerartlich und besteht aus miteinander verwandten Tieren. Es sind Familienverbände und die Jungtiere sind, wie bei uns Menschen auch, von den Elterntieren abhängig. Bei frei lebenden Wolfsrudeln konnten keine Rangstreitigkeiten beobachtet werden. Die Dominanztheorie begründete sich auf Beobachtungen von Wölfen in Gefangenschaft. Auch Günther Bloch schreibt nach jahrelangen Studien an Wölfen in freier Wildbahn, dass man nicht mehr von einem "Alphakonzept" reden kann, sondern er nennt es "Eltern-Nachwuchs-Dominanz-System". Er vertritt die Ansicht, dass die Macht oder die sogenannte Dominanz der Elterntiere auf Wissen und Erfahrung (komplexe Kenntnisse über den Lebensraum und die Nahrungsbeschaffung) und auf einem ausgeprägten Sinn für Gemeinsamkeit beruht.
Diese veraltete Theorie aber, die auf der Beobachtung von Wölfen in Gefangenschaft beruhte, hält sich leider noch immer und ist in den Köpfen von vielen Menschen fest verankert. Dies zum Leidwesen unserer Familienhunde. Viele Regeln und Mythen beruhen auf diesen falschen Tatsachen. Sicherlich ist dir auch das eine oder andere bekannt? Ich zähle hier mal nur ein paar auf und ich wette, du kennst die eine oder andere "Regel" auch:
Lass deinen Hund niemals zuerst durch die Tür gehen
Lass niemals den Hund bestimmen, wann ein Spiel beginnt oder endet und lass ihn zum Ende hin nicht gewinnen
Lass deinen Hund nicht auf dem Sofa oder Bett liegen, denn die Alphatiere beanspruchen immer die höchst gelegenen gut übersichtlichen Stellen
Dein Hund muss aufstehen und dir den Weg frei machen, wenn er dir im Weg liegt
Lass deinen Hund nicht im Flur liegen, denn dort hat er die Kontrolle über das Kommen und Gehen
Du muss immer zuerst essen und dann dein Hund, denn das Alphatier frisst immer zuerst
All diese "Regeln" kannst du getrost vergessen! Dein Hund will dir zu keiner Zeit deinen Status abspenstig machen. Er weiss genau, dass du bestimmst, wann es raus geht, wann der Kühlschrank aufgeht und dass du entscheidest, wann und was er zu fressen bekommt. Warum in aller Welt sollte er mit dir konkurrieren?
Frei lebende Hunde haben ein sehr soziales und freundliches Miteinander. Günther Bloch hat Freilandstudien an verwilderten Haushunden sowie Verhaltensvergleiche mit Wölfen durchgeführt. Nachzulesen in dem bekannten Buch "Die Pizza Hunde".
Mehrere Hunde, die in unserem Haushalt leben, sind nicht automatisch ein Rudel. Denn meistens sind sie nicht verwandt, sind verschiender Rassen angehörig und altersdurchmischt. Der Haushund "Canis lupus familiaris" ist kein Rudeltier. Wir haben ihn durch züchterische Selektion zu einem gemeinschaftlichen Leben mit uns Menschen verändert. Wenn, dann leben Hunde in Gruppen und sind extrem flexibel, was deren Zusammensetzung anbelangt. Hunde können gut und ohne Probleme als Einzelhund mit ihren Menschen zusammen leben. Es gibt Hunde, die sich in einem Mehrhundehaushalt wohl fühlen, aber es gibt ebenso Hunde, die das nicht können und möchten.
Die Evolution vom Wolf zum Haushund, oder nennen wir es lieber die Domestikation vom Caniden zum Haushund, zeigt uns, dass der Mensch für den Hund zum wichtigsten Sozialpartner geworden ist. Wissenschaftliche Versuche haben belegt, dass Hunde den Kontakt zum Menschen zuerst suchen bevor sie ihn zu ihren Artgenossen suchen.
Mensch & Hund
Mensch und Hund stellen biologisch kein Rudel dar. Wir müssen also kein „Rudelführer“ sein und uns nicht über Dinge wie: als Erster durch eine Tür gehen, beim Betreten des Hundeplatzes ganz sicher zuerst das Bein duch das Tor bekommen oder den berühmt berüchtigen Schnauzgriff praktizieren. Die Dominanztheorie ist glücklicherweise widerlegt, auch wenn leider viele Hundetrainer immer noch mit dieser Grundlage arbeiten.
Und immer wieder begegne ich Menschen, die aus so einer Hundeschule kommen und mir von den verrücktesten Vorschläge für ein Training mit ihrem Hund berichten. Ja, ich nenne es Vorschläge, denn sie können sich keiner wissenschaftlichen Grundlage berufen. Ein Beispiel, bei dem mir fast die Augen aus dem Kopf gekullert sind, ist, dass einem Kunden empfohlen wurde, nur einmal am Tag einen Spaziergang mit seinem Hund zu machen, denn der Wolf würde ja auch nur einmal am Tag auf die Jagd gehen......
Und weil ich selber nicht besser formulieren könnte hier ein Zitat von Udo Ganslosser und Sophie Strodtbeck zu dem Thema Dominanztheorie:
"Was wird dem armen Hund nicht alles als Dominanz unterstellt! Ob er an der Leine bellt, ob er Jogger und Radfahrer jagt, ob er seinen Menschen bei der Begrüssung anrempelt oder schlichtweg anderen Hunden gegenüber eine gewisse Individualdistanz wahren möchte, weil ihm beispielsweise die Hüfte weh tut – immer ist er dominant. Und meist kommt hinterher dann auch ein entsprechend gut gemeinter, aber selten guter Ratschlag wie beispielsweise: «Lass ihn schnell mal kastrieren, sonst wird’s noch schlimmer!» oder «Du musst immer einen Keks vor deinem Hund essen, bevor du ihn fütterst, du musst immer vor ihm durch die Tür gehen und er darf unter keinen Umständen mehr ins Bett oder aufs Sofa!» Diese und ähnliche Ratschläge gehen jedoch, wie verhaltensbiologische Untersuchungen eindeutig zeigen, am Konzept der Dominanz weit vorbei."
Sozialkontakte unter Artgenossen
Und hier noch ein paar Sätze zum Thema Sozialkontakte unter Artgenossen. Wir Menschen neigen dazu unsere Hunde immer und immer wieder diese Kontakte zu Artgenossen aufzuzwingen. Wir finden es toll und bekommen ein warmes Gefühl ums Herz, wenn wir unseren Hund mit anderen Hunden "spielen" sehen.
Aber ein Spiel entsteht nur, wenn Hunde sich schon kennen. Wenn Hunde auf fremde Artgenossen stossen, erfolgen Sozialkontakte zuerst einmal auf Distanz. Sie nehmen den Geruch des Artgenossen auf, versuchen ihn zu sehen und zu hören.
Viele Hunde würden an einem Artgenossen einfach vorbeigehen, wenn sie nicht von uns Menschen daran gehindert würden.
Sozialkontakte mit anderen Hunden machen dann Sinn, wenn beide Hunde rücksichtsvoll und höflich miteinander umgehen. Doch oft scheitert das schon an der Annäherung.... Und so oft ist diese "gestört", weil wir Menschen meinen unseren Welpen in eine Welpenspielgruppe zerren zu müssen, wo schon die ersten guten Ansätze, die unsere Welpen mitbringen, untergraben werden.....Lese hierzu den Artikel von Dr. Ute Blaschke-Berthold: Welpenspielgruppen aus verhaltensbiologischer Sicht.
Quelle: Schweizer Hundemagazin, Dr. Ute Blaschke-Berthold, Hunde Forschung aktuell, Udo Gansloser, Kate Kitchenham
Februar 2023 Eva Rippin / Leinenhelden