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Die Strategie von CNN, in die politische Mitte zu rücken und mehr republikanische Zuschauerinnen und Zuschauer anzuziehen, ist gescheitert. Jetzt hat der misslungene Strategiewechsel CEO Chris Licht den Kopf gekostet. Was wird aus Amerikas Kabelfernsehen?
Die Geburtsstunde des US-Kabelfernsehens schlug am 1. Juni 1980 um fünf Uhr morgens. Aus dem Studio in Atlanta strahlte das Cable News Network (CNN) sein erstes Nachrichtenprogramm aus, um in der Folge mit einer Belegschaft von 200 Mitarbeitenden als erster Sender weltweit rund um die Uhr zu berichten. Erst als «Chicken Noodle Network» belächelt, wurde CNN zehn Jahre später weltberühmt, als Moderator Bernie Shaw vom Dach des Hotels «Al-Rashid» in Bagdad live berichtete, wie im Golfkrieg die ersten amerikanischen Bomben auf die irakische Hauptstadt fielen.
«Nicht abmelden, bevor die Welt untergeht»
Gründer von CNN war der heute 84-jährige Ted Turner, kontroverser Äusserungen wegen als «The Mouth of the South» bekannt und in dritter Ehe mit Filmschauspielerin Jane Fonda verheiratet. Seine Vision formulierte der erfolgreiche Unternehmer und Investor, der einst auch Amerikas grösster Landbesitzer war, wie folgt: «Nach den eigenen Überzeugungen zu handeln, während andere warten, eine positive Kraft in einer Welt zu schaffen, in der es viele Zyniker gibt, Menschen mit Informationen zu versorgen, die vorher nicht verfügbar waren, und denen, die es wollen, eine Wahl zu bieten.»
«Wir werden uns nicht abmelden, bevor die Welt untergeht», hatte Turner vor dem Start seines Senders erklärt: «Wir werden auf Sendung sein und live über das Ende der Welt berichten, und das wird unser letztes Ereignis sein … wir werden die Nationalhymne nur ein einziges Mal spielen, am 1. Juni (Premiere des Senders am 1. Juni 1980), und wenn das Ende der Welt kommt, werden wir 'Näher, mein Gott, zu dir' spielen, bevor wir uns abmelden.» Dem Vernehmen nach plant Ted Turner, dieses Versprechen einzulösen.
Noch aber ist das Ende der Welt nicht in Sicht. Dafür ist CNN jüngst bös ins Trudeln geraten, was vergangene Woche in der Entlassung von CEO Chris Licht gipfelte, der erst im Februar 2022 mit dem Anspruch angetreten war, den Nachrichtensender wieder auf Kurs zu bringen. Nach Donald Trumps Abgang aus dem Weissen Haus waren die Einschaltquoten eingebrochen und der Profit war 2022 von über einer Milliarde Dollar im Vorjahr auf 750 Millionen geschrumpft. Im vergangenen Mai zählte CNN im Schnitt noch eine Zuschauerschaft von 294’000 Leuten, weniger als die Hälfte des Publikums des liberalen Konkurrenten MSNBC und nicht einmal ein Viertel jenes des erzkonservativen Rivalen Fox News.
Grossaktionär Malone
Wenig geholfen hatte auch der Umstand, dass der Telekommunikationsriese AT&T 2021 CNN an den Medienkonzern Warner Bros. Discovery verkaufte, wo der Sender heute gerade noch fünf Prozent zum Umsatz des Unternehmens beiträgt, laut eigenen Äusserungen aber wichtig ist für den guten Ruf der New Yorker Firma.
Im Verwaltungsrat von Warner Bros. Discovery sitzt als Grossaktionär der milliardenschwere Geschäftsmann John C. Malone, der Donald Trump mit Wahlspenden unterstützt hat und auch als Fan von Rupert Murdochs Fox News gilt, jenem Nachrichtensender, dessen Moderatorinnen und Moderatoren Trumps Wahl-Lüge zumindest öffentlich stets vollmundig nachbeteten. Zwar hat Malone verlauten lassen, er habe nichts gegen «verrückte» Meinungssendungen, egal ob von links oder von rechts, solange sie als solche deklariert würden. Gleichzeitig aber hat er sich für eine «zentristischere Vision» ausgesprochen, was die Programme von CNN betrifft.
Bei CNN mit seinen rund 4’000 Angestellten weltweit wird denn vermutet, dass Malone via David Zaslav, den CEO von Warner Bros. Discovery, seinen Einfluss auf den Sender ausübt. Zaslav wolle, heisst es, ein neutrales Programm, das beide politischen Lager ausgeglichen berücksichtige – eine Strategie, die im Sitzungsraum eines Konzerns Sinn machen mag, nicht aber in der journalistischen Praxis im Live-Fernsehen. David Zaslav hatte Chris Licht praktisch im Alleingang, ohne interne Kandidatinnen und Kandidaten in Betracht zu ziehen, zum CEO von CNN erkoren. Licht hatte früher für NBC und CBS äusserst erfolgreich Morgen- und Abendsendungen produziert und hatte in der Branche als «Wunderkind» einen exzellenten Ruf.
«Wunderkind» ohne Erfolg
Bei CNN aber blieb der Erfolg aus. Chris Lichts 13-monatige Amtszeit war geprägt von umstrittenen bis dubiosen Personal- und Programmentscheidungen und, eher distanziert bis unnahbar, gelang es ihm nie, das Vertrauen der Belegschaft zu gewinnen – ganz im Gegensatz zu seinem beliebten und erfolgreichen Vorgänger Jeff Zucker, der den Sender als CEO wegen einer Liaison mit einer Direktuntergebenen hatte verlassen müssen – Zucker zufolge ein Vorwand, um einen liberalen Kopf loszuwerden.
Wenig zu Chris Lichts interner Popularität trug auch die Kritik bei, die er an der Corona-Berichterstattung von CNN äusserte, die er für zu regierungshörig hielt. Dazu erschien kurz vor seiner Entlassung im Magazin «The Atlantic» ein 15’000 Wörter langes Porträt von Tim Alberta, das nach aufwändigen Recherchen nur wenig Schmeichelhaftes über den 51-Jährigen zu berichten wusste.
Chris Licht, schreibt Brian Stelter, einst Medien-Reporter von CNN und vom Sender als zu Trump-kritisch entlassen, habe seine Angestellten vor den Kopf gestossen: «Er sagte manchmal, was er nicht am Bildschirm sehen wollte, aber nicht, was ihm gefiel. Er äusserte sich, was nicht zu tun sei, sagte aber nur wenig, was zu machen wäre.» Stelter argumentiert, Fernsehen beinhalte nicht immer guten Journalismus, und guter Journalismus sei nicht immer gutes Fernsehen: «Zu seinen besten Zeiten aber ist CNN beides gewesen, und der Sender kann es wieder werden.»
«Lichts Fehler bestand darin, dass er glaubte, etwas zu sehen, was niemand sonst sehen konnte: einen geradlinigen Weg aus dem zutiefst politisierten, weithin misstrauischen, intensiv persönlichen und politisch unehrlichen Moment, in dem sich das Land befindet», diagnostizierte in der «Columbia Journalism Review» Kyle Pope: «Journalisten erleben diesen Moment wie alle anderen auch, und die Redaktionen kämpfen sich mühsam durch.»
«Viel Spass» mit Trump live
Am Ende war es ein Stück schlechtes Fernsehen, das Chris Licht den Kopf gekostet hat: eine Town Hall im Mai in Manchester (New Hampshire) mit Ex-Präsident Donald Trump, jenem Politiker, der CNN zuvor während Jahren als «Fake News» oder «Volksfeind» beschimpft und bedroht hatte, nun aber von Licht die Gelegenheit erhielt, seine Anschuldigungen und Lügen fast unwidersprochen live zu verbreiten – einer mutigen Moderatorin zum Trotz, die er unter dem Applaus des weitgehend aus Trump-Fans zusammengewürfelten Publikums eine «üble Person» nannte. Und was hatte Licht vor Beginn der Sendung hinter der Bühne zu Trump gesagt? «Viel Spass!»
Die Reaktion auf Donald Trumps Auftritt fiel heftig aus – intern wie extern. Wobei Licht vor allem die Kritik aus dem eigenen Haus geschadet haben dürfte, da sich die Moral der Belegschaft bereits vor der Town Hall auf einem Tiefpunkt befunden hatte und nun noch weiter abzusacken drohte. Aufsehen erregten etwa Äusserungen von CNN-Chefkorrespondentin Christiane Amanpour, die anlässlich eines Auftritts an der Columbia School of Journalism in New York das Management des Senders der Fahrlässigkeit und der Naivität beschuldigte.
Trump, sagte sie, hätte man nie live auftreten und eine Moderatorin beleidigen lassen dürfen. Die Mission von CNN sei nicht das Ausstrahlen von Podiumsdiskussionen oder Town Halls, sondern das Berichten von Fakten. Und Amanpour erinnerte an eine andere Passage aus Ted Turners Vision für CNN: «Nach seinen Überzeugungen zu handeln, während andere warten, eine positive Kraft in einer Welt zu schaffen, in der es viele Zyniker gibt, Menschen mit Informationen zu versorgen, die vorher nicht verfügbar waren, und denen, die es wollen, eine Wahl zu bieten.»
Wahrheit oder Profit?
Wie weiter mit CNN und Amerikas Kabelfernsehen? Am Management des Senders liegt es nun, jemanden zu finden, der Chris Licht ersetzt in einer Zeit, in der das Kabelfernsehen angesichts wachsender Konkurrenz des Internets und einer Vielzahl von Streaming-Diensten und Influencern zunehmend an Publikum und Einfluss verliert. Dies ausserdem in einer polarisierten Gesellschaft, deren Standpunkte mehrheitlich fix sind und unverrückbar scheinen. Unter solchen Voraussetzungen ein politisch neutrales Programm zu machen, wie es David Zaslav, dem CEO von CNN-Besitzer Warner Bros. Discovery vorschwebt, ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit.
Es gibt Stimmen, die dafür plädieren, Medienunternehmen wie CNN müssten von erfahrenen Medienschaffenden geführt werden, die wüssten, dass im Journalismus Wahrheit das oberste Ziel sei, und nicht von profithungrigen Managern vom Schlage eines wie David Zaslav, der 2021 dank Ausübung von Aktien-Optionen satte 203 Millionen Dollar verdient hat. Als mögliche Kandidatin wird Christiane Amanour genannt. Worauf Skeptiker entgegnen, dem amerikanischen Fernsehen sei es nie um Wahrheit, sondern am Ende des Tages immer um Einschaltquoten und Profite gegangen.
Es ist ein Dilemma, das Medien-Journalistin Clare Malone im Magazin «The New Yorker» wie folgt auf den Punkt bringt: «In einer sterbenden Branche wird der Erfolg oft daran gemessen, wie gut man den unvermeidlichen Niedergang bewältigt. Lichts Versuche, überparteiliche Nachrichten zu schaffen, was auch immer das heissen mag, sind vielleicht nicht besonders gut gelungen, aber die sich verändernde Struktur der Branche hat es ihm stets schwer gemacht, einen Nachrichtensender nach Trump zu führen. Es bleibt abzuwarten, ob Zaslav und Malone weiterhin die Tugenden des Zentrismus besingen werden oder ob Wall Street sie – Ironie des Schicksals – nach links drängen wird – zurück zu einem bewährten Modell der Rentabilität.»