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George Gershwin, geboren 1898 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in New Yorks Stadtteil Brooklyn, schrieb bereits als 15-Jähriger erste Songs (zum Beispiel «Since I Found You») und verdiente sich sein Geld als Probenpianist an den Musical-Bühnen und bei den dort so beliebten «Music-Shows». Am Klavier war er ein hochbegabter Improvisator, der sich durch alle Stilarten der damalig beliebten Musikformen wendig zu bewegen verstand, der sich aber auch bei Alleskönnern in der Kunst der leichten Muse weiterbilden wollte.
Nach dem 1. Weltkrieg gelang es ihm in der unterhaltungssüchtigen Metropole New York immer besser, in die populären Broadway-Produktionen – sogenannte «Music-Comedies» – eigene Songs einzuschleusen, die nach und nach immer grösseren Anklang fanden. Wer wollte auch so verführerische Produktionen wie «The Ziegfeld Follies» oder «George White’s Scandals» verpassen? Gershwin hatte das unsägliche Glück, einen zwei Jahre älteren Bruder namens Ira zu haben, der sich zu einem der besten Song-Texter der amerikanischen Theaterkultur entwickelte. Zusammen waren die beiden nahezu unschlagbar in der Kreation von Liedern, die im besten Sinne des Wortes zu Schlagern, ja zu Ohrwürmern wurden.
Die nächsten Schritte
Bald erhielten die beiden auch Angebote für Musical-Filme, sie verdienten schnell gutes Geld mit Schallplattenaufnahmen und mit den gedruckten Noten ihrer Songs. George begann, sich nicht nur für kleine Bühnenorchester von Varietétheatern zu interessieren, sondern er wollte auch wissen, wie seine Musik klingen könnte, wenn er diese für ein grosses Sinfonieorchester schreiben würde. 1924 kam es zur Uraufführung seiner «Rhapsodie in Blue», mit ihm selbst am Klavier.
Nach dem Erfolg der Musical Comedy «Lady Be Good!» im gleichen Jahr erhielt er einen Auftrag des New York Symphony Orchestra, ein Klavierkonzert zu schreiben, das er als Solist im Dezember 1925 in der Carnegie Hall zum ersten Mal spielt. Man wird auf ihn nun weit über New York hinaus aufmerksam. Er reist nach London, Paris, Berlin, Wien. In dieser Zeit (1929) entsteht sein wunderbares Orchesterwerk «An American in Paris». Er scheint alles im Griff zu haben: Lieder, Tänze, den Folk-Stil, vor allem auch die Jazz-Kultur. Er erobert ebenso die Konzertsäle. Filmproduzenten reissen sich um ihn, zumal um die Rechte, die von seiner Musik und Iras Texten befeuerten Musikkomödien ins Kino zu bringen.
Fehlt da nicht noch etwas? Gibt es nicht eine Form von Theatermusik, die eigentlich jeder bedeutende Komponist anpeilt oder mindestens unbewusst nach ihr schielt? Gerade jene, die im leichten und unterhaltenden Sektor Karriere machten? Genies wie Jacques Offenbach oder Johann Strauss, die aus dem Unterhaltungssektor einen Zugang anstrebten zu einer musikdramatischen Form, die für einen Komponisten so etwas wie der Olymp zu sein scheint. So wie es bereits der grösste Liederkomponist aller Zeiten tat, Franz Schubert, der nahezu verzweifelt, aber doch ziemlich vergeblich die Aufmerksamkeit seiner Zeit für seine Opernkompositionen anstrebte.
Gershwins Opernprojekte
Im Verlauf seiner kurzen Karriere – George Gershwin ist 39-jährig in Los Angeles an einem Hirntumor gestorben – hat er sich mehrfach überlegt, was für ihn interessante Motive sein könnten für ein Musiktheater der ernsten und gewichtigen Sorte. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft dachte er über ein Werk nach, das den «Dibbuk» im Zentrum haben könnte. Als Dibbuk bezeichnete man vor allem im ostjüdischen Volksglauben die Figur eines Dämons, der in den Körper eines Lebenden fährt und von diesem Besitz ergreift. Dieser böse Geist umklammert gleichsam einen mit uns lebenden Menschen, weil der Verstorbene aufgrund seiner Verfehlungen als Toter keine Ruhe finden kann. Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Besessenen im katholischen Volksglauben, für den der böse Geist durch einen Exorzismus ausgetrieben werden muss.
Zu einer Dibbuk-Oper kommt es bei Gershwin nicht. Es gibt allerdings interessante literarische und musikalische Verwendungen dieser Figur, etwa in den Erzählungen von Isaak Bashevis Singer oder in einer Ballettmusik aus dem Jahr 1974, die Leonard Bernstein komponiert hat. Gershwin hat sich bald einmal doch mehr für ein Thema aus der eigenen Gegenwart interessiert: Er plante eine Oper über New York als «melting pot», wo Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und Ländern zusammenleben und ein friedliches Auskommen miteinander suchen müssen. Auch hier könnte man sagen, dass Bernstein mit seiner «West Side Story» (1957) eine zeitgemässe musikalische Lösung zu diesem Thema gefunden hat.
Bereits 1925 las Gershwin den Roman von DuBose Heyward, der den Namen «Porgy» trug. Der Komponist war begeistert und wollte die Geschichte gleich in Musik setzen, doch Heyward war zunächst mehr an einer Theaterfassung seines Romans interessiert. Später willigte der Schriftsteller ein, arbeitete sogar am Libretto mit, freilich unter Einbezug von Ira, der für die meisten Texte der Songs – wir würden im Opernjargon sagen: der Arien und der Chorensembles – verantwortlich war. Das Werk hatte am 10. Oktober 1935 unter dem definitiven Titel «Porgy and Bess» am Alvin Theater in New York Premiere, man kann sagen: nach einer beinah 10-jährigen Inkubationszeit.
Die bedeutendste amerikanische Oper aller Zeiten
Die Geschichte dieses Paares und der einfachen Fischerleute an einer Strasse in Hafennähe war für den Polystilisten Gershwin wie auf den Leib geschrieben. Sie spielt nicht in New York, sondern in Charleston, South Carolina, in der «Catfish Row» (ursprünglich Cabbage Row genannt) sowie auf der 40 km südwestlich von Charleston gelegenen Atlantik-Insel Kittiwah. Gesungen wird durchgehend in afroamerikanischem Englisch. Gershwin konnte alles, was er von der musikalischen Kultur der Afroamerikaner kannte und schätzte – Jazz-Rhythmen, Spirituals, Blues, die kirchlichen Gesänge, die Festmusiken, verbunden mit dem verführerischen Sound der Kneipen von Lower Manhattan – in diesem Werk unterbringen.
Sein Glück: es geschah dies alles am Faden der berührenden Geschichte von Porgy, einem an den Beinen verkrüppelten Schwarzen, der sich dank eines von einer Ziege gezogenen Wagens fortbewegt und der trotz seiner Behinderung ein heiterer und zufriedener Mensch geblieben ist. Die weibliche Figur ist Bess, eine Frau mit einer zwielichtigen Vergangenheit, die aber zumindest vorübergehend im behinderten Mann ihr Glück zu finden scheint.
Es kommen in diesem als «Folk Opera» bezeichneten Werk sehr liebenswürdige und ganz und gar «kaputte Typen» vor, etwa der bisherige Liebhaber von Bess, Crown, ein Spieler, Säufer, Grobian und Mörder, oder Sporting Life, ein Lügner, Drogendealer, schleimiger Profiteur und Verführer, neben liebenswürdig naiven jungen Frauen, Müttern und abergläubischen Gesundbeterinnen. So singt gleich zu Beginn der Oper die junge Clara, ihr Baby im Arm, Gershwins bekanntes Wiegenlied «Summertime». Kurzum: die ganze Palette von Menschen einer ärmlichen Fischergemeinschaft tritt in Erscheinung, die Gershwin aber in den Chorszenen grossartig einzusetzen vermag. Beispielsweise in der Aufbahrungsszene des getöteten Robbins, die mit der Vision einer Reise ins gelobte Land endet, die in keinem anderen Musikwerk eindrücklicher als in dieser von Gershwin hier entfalteter afroamerikanischen Musik-Spiritualität zu erleben sein dürfte.
Das Liebesduett
Wir hören hier jedoch das bekannte Liebesduett aus der 1. Szene des 2. Aktes: «Bess, you is my woman now». Porgy erlebt zum ersten Mal, was Liebesglück ist. Denn das weiss Porgy aus Erfahrung: Wen Gott zum Krüppel erschuf, den macht er auch zum einsamen Menschen. Jetzt aber, da er seine Bess gefunden habe und sie sich lieben würden, müsse sie für zwei singen und tanzen. Er wolle keine einzige Kummerfalte in ihrem Gesicht mehr sehen, jetzt beginne für beide das wahre Glück erst.
Sie antwortet, ja, jetzt werde sie seine Frau, sie wolle auch immer in seiner Nähe sein, nirgends hingehen, wohin er nicht mitkomme, sie sei seine Frau für immer, morgens und abends, im Sommer wie im Winter. Und sie schwören einander, dass es immer so bleiben werde. Im letzten Akt erfahren wir dann, dass Bess, die im Glauben ist, Porgy sei verhaftet und müsse Jahre im Gefängnis verbringen, den Versuchungen von Sporting Life erliegt und mit ihm nach New York zieht. Doch Porgy macht sich, nachdem er von den Nachbarn erfährt, was geschehen ist, in seinem Ziegenwagen auf die Suche nach seiner mehr als tausend Meilen entfernten Bess. Am Schluss der Oper setzt Gershwin wiederum ein Chorlied der afroamerikanischen Kirchenliturgie: «I’m on my way to a Heav’nly Lan’ – Ich mach mich auf den Weg ins Himmlische Land». Zuversicht ist die Ausgangsstufe jeder Art von gesuchtem Glück!
Wir sehen und hören das Liebesduett in der Fassung, wie Trevor Nunn sie 1993 inszeniert und gedreht hat. Porgy wird von Williard White gesungen, Bess von Cynthia Haymon.