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Der Bann des Halbalogs
Letzte Woche haben wir an dieser Stelle das Ende des Telefongesprächs als kultureller Praxis gewürdigt, meine Damen und Herren, und nicht zuletzt die Reaktionen, die auf ständiges Telefonieren im öffentlichen Raum hinwiesen, bewogen mich, diese Woche ergänzend zu einem besonderen Phänomen Stellung zu nehmen, dem sogenannten Halbalog. Das wäre meine Eindeutschung von «Halfalogue» oder «Half-a-logue», und hierbei handelt es sich, wie Sie bereits ahnen, um eine Kunstwortmodifikation zu «Dialog»: ein «Halbalog» wäre demnach ein Dialog, der halbiert ist, von dem man nur die Hälfte mitkriegt, wie das regelmässig der Fall ist, wenn man gezwungen wird, die Mobiltelefonkonversationen fremder Leute mitanzuhören.
Ein Halbalog ist also ein kulturell relativ neues Phänomen, und dennoch, es wird wenig Menschen geben, die nicht von Herzen zustimmen bei der Feststellung, dass es störender ist, zwangsweise nur ein halbes Gespräch mitanzuhören als ein ganzes (deshalb ist auch das Mobiltelefonieren mitunter an Orten verboten, wo Sprechen durchaus erlaubt ist). Es ist inzwischen wissenschaftlich untermauert, dass das Mitanhören eines Halbalogs zu stärkeren Konzentrationsbeeinträchtigungen führt als das Mitanhören eines vollständigen Gesprächs, und vielleicht kennen Sie das auch aus eigener Erfahrung: Wenn Sie beispielsweise im Zug sitzen und in Ihrer unmittelbaren Nähe jemand hinreichend laut in sein (oder ihr) Telefon quakt, werden Sie abgelenkt von Ihrer Zeitungslektüre. Oder Ihrem Musikkonsum. Oder Ihrem Versuch, eine Textnachricht zu schreiben.
Die Theorie dahinter geht ungefähr so: Unser Gehirn kann leichter gut vorhersehbare Dinge ausblenden und widmet den Unvorhersehbarkeiten mehr Aufmerksamkeit. Wenn man beide Seiten eines Gesprächs mitanhört, wird dessen Gang vorhersehbarer. Dies ist bei einer mitangehörten Hälfte einer Mobiltelefonkonversation nicht der Fall. Was leider überhaupt nicht impliziert, dass das fremde Gespräch, auf das man sich also quasi wider Willen konzentriert, nun notwendigerweise auch interessant wäre. In der Regel trifft dies durchaus nicht zu. Man ergänzt dann eben widerwillig die Trivialitäten. Das erhöht noch den Störfaktor.
Denken Sie also freundlicherweise daran, wenn Sie das nächste Mal in der Öffentlichkeit telefonieren: Die Beeinträchtigungen der Kognition Ihrer Mitgeschöpfe sind nicht klein. Auch wenn sie sich nichts anmerken lassen, sind Ihre Mitmenschen regelmässig damit beschäftigt, den fehlenden Teil Ihrer Halbaloge zu vervollständigen. Und das liegt an der Struktur ebendieser menschlichen Kognition, nicht etwa daran, dass Ihre Mitmenschen pathologisch neugierig wären. Dies sollten Sie sich auch immer dann bewusst machen, wenn Sie am Mobiltelefon Dinge besprechen, die der Diskretion bedürfen. Vielleicht erledigen Sie das dann lieber per Festnetz. Oder gar persönlich. Oder meinetwegen auch per Textnachricht. Das macht wenigstens keinen Krach.
Bild oben: Erhöhter Störfaktor: Ein Mann telefoniert in einem Café. Foto: Reuters