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Kulturstadt Genf – Historie und Moderne am Genfer See
Wahrzeichen der Stadt Genf ist nicht etwa ein Denkmal, ein historisches Gebäude oder eine Skulptur, sondern eine bis zu 140 Meter hohe Wasserfontäne im Genfer See: der Jet d’eau. Hierbei handelte es sich ursprünglich um ein einfaches Druckablassventil einer 1885 erbauten Druckwasserleitung, mit deren Hilfe die Genfer Juweliere ihre Maschinen betrieben. Sechs Jahre später beschloss die Genfer Regierung, die Fontäne als Wahrzeichen der Stadt zu nutzen, setzte sie ins Seebecken um, erhöhte den Wasserdruck und beleuchtete den Strahl.
Natürlich besitzt die Stadt Genf im südwestlichsten Zipfel der Romandie auch handfeste Baudenkmäler sowie eine historische Bausubstanz, die sich dank moderner Denkmalpflege sehen lassen kann. Möglicherweise konnten sich die Stadtoberen nicht für eines der vielen historischen Gebäude entscheiden und wählten deshalb den Jet d’eau als Wahrzeichen für Freiheit und Unabhängigkeit. Im viergeteilten Stadtgebiet findet sich eine Vielzahl an Museen, die sich mit der Kulturgeschichte und der Entwicklung der heute französischsprachigen Schweiz befassen sowie zahlreiche alte Kirchen, Bauwerke und Denkmäler von kulturhistorischem Wert. Genf kann auf eine über 2.000 Jahre alte Entstehungsgeschichte zurückblicken.
Ein Ausflug in die Geschichte
Die heutige Grossstadt Genf (fanzösisch Genève) war in der Keltenzeit (6. Jh. v. Chr. – 3. Jh. n. Chr.) eine befestigte kleine Grenzstadt der Allobroger und wurde als Ort erstmals 57/56 v. Chr. in Caesars De bello Gallico urkundlich erwähnt. Die Ortsbezeichnung lautete damals Genua, später Genava. Die Herleitung des Namens wird der indogermanisch-präkeltischen Sprache zugeordnet und bedeutet so viel wie „Knie, Ecke, Winkel“.
Die Geschichte der Stadt geht noch weiter zurück. Von den Kelten existieren jedoch keine schriftlichen Aufzeichnungen. Erst einige Jahre nach der Unterwerfung der Kelten gelangte auch Genf unter die Herrschaft der Römer – und zwar um 120 v. Chr. Der Ort diente zur Zeit des Römischen Reiches als Brückenkopf. Von 400 bis 1536 war Genf Bischofssitz. Zudem stellte die Stadt im fünften und neunten Jahrhundert den Sitz der burgundischen Könige.
563 wurde ein Tsunami im Genfer See dokumentiert, der als Tauredunuum-Ereignis in die Geschichte einging. Ursprung dieses einmaligen Naturphänomens war eine Sedimentverschiebung, ein gewaltiger Bergsturz am östlichen Ende des Genfer Sees, der eine Riesenwelle auslöste, die sämtliche Dörfer in Ufernähe auslöschte. Mit über acht Metern Höhe brach die Wasserwand über die Genfer Stadtmauern und riss tausende Menschen in den Tod.
Im 13. Jahrhundert erlangte Genf den Ruf einer bedeutenden Messestadt. Anfang 1500 trat Genf dem Städtebund mit Bern und Freiburg bei. 1536 wurde die unabhängige Republik Genf ausgerufen mit Zuwendung zur Schweizerischen Eidgenossenschaft. 1559 gründete der französische Reformator Johannes Calvin die heutige Universität Genf. Erst 1603 erkannte Savoyen die Genfer Unabhängigkeit an. 1782 geriet Genf erneut in französische Abhängigkeit und war bis 1813 in das Erste Französische Kaiserreich integriert.
Die Befreiung durch Österreich, aufgrund der Freiheitskriege gegen Napoleon, beendete diese geschichtliche Periode. 1815 gliederte sich die Stadt der Schweiz an und wurde Hauptstadt des neuen gleichnamigen Kantons Genf. Das Rotkreuz- und Rothalbmond-Museum erinnert heute an den Sitz des Internationalen Rot-Kreuz-Komitees seit 1864. Bis 1870 war Genf die bevölkerungsreichste Stadt der Schweiz, wurde dann von Zürich überholt. In Genf leben heute knapp 200.000 Einwohner mit einem Ausländeranteil von 48 %.
Baudenkmäler und Museen in Genf
Genf ist eine ebene Stadt am Ufer des Genfer Sees, mit den Schweizer Alpen im Hintergrund. Der flache Baugrund bietet seit vielen hundert Jahren beste Bedingungen für mehrgeschossige Häuser, wie eine Vielzahl prachtvoller Patrizierhäuser beweisen. Mitte des 19. Jahrhunderts wird Genf ans Schweizer Schienennetz angeschlossen, erhält jedoch erst Jahrzehnte später ein Bahnhofsgebäude im neo-klassizistischen Stil, das vom Architekten Julien Flegenheimer entworfen wurde. Der beeindruckende Bau mit Giebel-Skulpturen von Jacques Probst wurde 1931 fertiggestellt.
Die meisten historischen Gebäude befinden sich in der Genfer Altstadt, die im Ganzen in die Liste der schützenswerten Kulturgüter aufgenommen ist und keltische, römische und mittelalterliche Wurzeln aufweist. Beeindruckend sind die Basilika Notre Dame, die Kathedrale Saint-Pierre mit Makkabäerkapelle, das UNO-Hauptgebäude, das Musée d’Art et d’Histoire, das Universitätsgebäude, die ehemalige Kaserne, das Braunschweig-Monument und vieles mehr. Doch auch die Stadtteile Eaux-Vives, Petit-Saconnex und Plainpalais sind mit zahlreichen denkmalgeschützten Bauten gesegnet.
Im Historischen Museum (eines von acht Museen der Stadt) findet aktuell eine Rodin-Ausstellung statt, die den Bildhauergiganten von seiner sanften Seite zeigt. Rodin gilt als Vorreiter des Avantgardismus – jedoch eher zufällig, weil er in seine Plastiken auch Beschädigungen mit einbaute. Kein Zufall wäre es, wenn Sie nach einem Kurzbesuch der Stadt Genf immer wieder an diesen geschichtsträchtigen Ort am Genfer See zurückkehren möchten.
Oberstes Bild: Panorama von Genf (© Leandro Neumann Ciuffo, Wikimedia, CC)