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Ihr liebstes Buch?
Das sind die kurzen Texte von Heinrich von Kleist wie «Über das Marionettentheater», «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden» oder «Die Marquise von O».
Die haben mich in ganz verschiedenen Lebenssituationen begleitet. Entweder künstlerisch, im Alltag oder auch in Diskussion mit anderen Künstlern und Musikern.
Ihre grösste Lese-Enttäuschung?
Peter Sloterdijks «Schelling-Projekt» – gerade weil ich Sloterdijk als Philosoph ungemein schätze. Ich bin immer stolz, wenn ich seinen Satzkonstruktionen folgen kann.
«Die schrecklichen Kinder der Neuzeit» war für mich ein sensationelles Buch. Mit dem «Schelling-Projekt» hat er nun versucht, einen Roman zu schreiben.
Das Problem ist aber, dass Sloterdijk keine Figuren zeichnen kann. Ich würde das Buch niemandem weiterempfehlen
Ihr bevorzugter Leseort?
Im Bett. Unter der Decke, mit einer Leselampe, damit niemand aufwacht um mich herum.
Ein prägendes Buch in jungen Jahren?
Mit etwa 25 Jahren war ich fasziniert von Italo Calvinos «Herr Palomar». Weil ihm eine extrem akribische Beobachtung von Objekten gelingt. Er beschreibt zum Beispiel eine Wiese wie ein Sozialgemälde.
Als Schülerin hab ich mich verzaubern lassen von der Atmosphäre in Flauberts «Madame Bovary». Besonders von dem Abschnitt, in dem er beschreibt, wie Madame Bovary in jungen Jahren die falsche Erziehung erhalten hat, weil sie dauernd in Ritterromanen herumgeschwelgt hat.
Ich sass selber in einem Mädchengymnasium und hatte das Gefühl, die Literatur kommt in mein Leben und umgekehrt.
Welches Buch nehmen Sie immer wieder zur Hand?
Mit meiner Tochter lese ich manchmal Bücher, die ich als Kind gern hatte. Aber man muss die Bücher heute anders lesen, weil wir einen so weiten Weg hinter uns gebracht haben. Gleichzeitig sollte man nicht alles verschönern, weil es der kindlichen Psyche eher schadet. Im Moment lesen wir alle Harry-Potter-Bücher.
Welche Kinderbücher schätzen Sie?
Die Harry-Potter-Bücher sind grossartig. Weil man wirklich von Alter zu Alter schreiten kann. Eine Begleitung von der kindlichen bis zur pubertären Entwicklung, die genial und kindgerecht geschrieben ist – und wirklich genussvolles Lesen ermöglicht.
Und ein «wirkliches» Kinderbuch?
«Sabine und die Schmetterlinge» von Günter Spang und Elisabeth Segieth. Ein Buch, das ich nie ganz verstanden habe. Zugleich hat es mich stark fasziniert auf einer unterbewussten Ebene.
Entweder war ich ein extremes Landei oder die Kinder heute sind viel reifer.
Das Buch hab ich zuhause bei mir im Kinderzimmer wieder entdeckt und meiner Tochter vorgelesen. Sie hat es sofort verstanden.
Entweder war ich ein extremes Landei oder die Kinder heute sind viel reifer.
Ein musikalisches Buch – für alle?
Es gibt eine CD-Box namens «Grosse Oper für kleine Leute», herausgegeben von «Die Zeit»: Das ist eine grossartige Möglichkeit, sich die grossen Opern wie «Aida» oder «Madame Butterfly» auf einer kindlicheren Ebene erzählen zu lassen. Und dennoch man spürt den emotionalen Gehalt. Das ist was für alle, nicht nur für Kinder.
‹Ulysses› habe ich leider nicht geschafft. Obwohl ich denke, das Buch gehört zur Grundausstattung einer kulturell aktiven Person.
Das Buch, bei dem Sie am lautesten lachen mussten?
Ich erinnere mich an eine Szene in Daniel Kehlmanns «Die Vermessung der Welt». Da übersetzt Humboldt jemandem auf Englisch «Über allen Wipfeln ist Ruh».
Damals fand ich es lustig, dass jemand mit diesem immensen Background dieses schlechte Englisch herausholt. Und wie unfassbar banal Goethe klingt, wenn man ihn schlecht auf Englisch übersetzt.
Ein Buch, das sie gerne verschenken?
Gerade habe ich einen Krimi verschenkt: «Geheimer Ort» von Tana French. Ich halte sie für eine der besten Psychologinnen momentan in der Krimilandschaft. Und – jetzt geb ich’s zu – Elena Ferrantes «Meine geniale Freundin» hab ich auch mehreren Freundinnen geschenkt.
Ein Buch, um das Sie im Zug einen anderen Umschlag heften würden?
Ich hab im Londoner «Globe Theatre» ein Buch gekauft: «Sex in the Shakespearean Era». Und das Wort Sex ist sehr gross geschrieben.
Ein kulturhistorisches Buch mit reisserischem Titel. Ich würde es aber nicht im Zug verstecken, sondern eher vor meiner Tochter, die fragt: «Was liest denn du für Bücher, Mama?»
Eine Leseleiche – ein Buch, das sie nie zu Ende bekommen?
Mir wurde der «Ulysses» geschenkt. Die Bearbeitung, in der auf Deutsch die ganze Übersetzung drin ist und unendlich viele Fussnoten.
Ich habe es nicht geschafft. Obwohl ich eigentlich denke, es gehört zur Grundausstattung einer kulturell aktiven Person.
Ein Buch, dem sie mehr Leser wünschen?
«Der Bourgeois» von Franco Moretti. Ich bin an der Hochschule umgeben von lesebegeisterten Kolleginnen und Kollegen – da hat dieses Buch die Runde gemacht.
Darin kann man etwas lernen über das sogenannte «Bürgerliche» und wo die Dekadenz lauert. Ich finde das Buch sehr wichtig. Denn wir denken, wir wissen alle, was «bürgerlich» heisst. Dieses Buch hat mir wirklich die Augen geöffnet.
Die Fragen stellte Markus Tischer.
Sendehinweis
Graziella Contratto ist zu Gast im heutigen «Literaturclub» – ab 22:25 Uhr auf SRF 1. Mit Nicola Steiner, Thomas Strässle und Martin Ebel diskutiert die Dirigentin über folgende Bücher:
- Lukas Bärfuss: «Hagard»
- Julian Barnes: «Der Lärm der Zeit»
- Olga Grjasnowa: «Gott ist nicht schüchtern»
- Albrecht Selge: «Die trunkene Fahrt»
Zur Person
Graziella Contratto hat in Winterthur und Luzern Klavier studiert, bevor sie als Dirigentin international Karriere machte. Seit 2010 ist sie Leiterin des Bereichs Musik an der Hochschule der Künste in Bern.