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Grün markierte Velowege führen an eleganten Art-Deco-Gebäuden und Kinopalästen vorbei. Downtown auch für Radler attraktiv zu machen, ist nur eine der Massnahmen, um Birminghams Innenstadt wieder mehr Anziehungskraft zu verleihen. Alabamas grösste Stadt erfindet sich gerade neu. 1871 gegründet, wurde sie bald zum Pittsburgh des Südens. Eisen und Stahl brachten Geld und Jobs. Die Afroamerikaner dort versuchten, sich von der rigiden Rassentrennung nicht unterkriegen zu lassen, und schufen ihre eigene Stadt in der Stadt mit Geschäften, Amüsiermeilen und Highschools. Es gab sogar zwei Baseballteams, da Schwarze nicht mit Weissen in einer Mannschaft spielen durften. Als sich Birmingham in den 1960er-Jahren zu einem Zentrum der Bürgerrechtsbewegung entwickelte, wurde die «Magic City» jedoch zur «Tragic City». Etwa, als im Mai 1963 die Polizei brutal gegen protestierende Schüler vorging. Oder als ein paar Monate später bei einem Bombenanschlag des Ku-Klux-Klans auf eine Kirche schwarze Kinder starben. Heute gehören die Gedenkstätten und Museen, die an den Mut der Aktivisten der Civil-Rights-Bewegung erinnern, zu den wichtigsten Attraktionen der Stadt. All die Kirchen entlang der Highways auf der dreieinhalbstündigen Fahrt in Mississippis Hauptstadt Jackson erinnern Reisende daran, dass sie sich im Bible Belt befinden. Dörfer, Wassertürme, Felder, Tankstellen und Bäume ziehen unter den tiefliegenden Wolken dahin.
Fritten zischen im Fett, Angestellte belegen riesige Burger und reichen knusprige Chickenwings über die Theke. Bei Stamps Super Burgers geht es zu wie im Taubenschlag. Der Laden wurde 2022 zum dritten Mal zum besten Burger-Place in Mississippi auserkoren. Wer das nicht weiss, verirrt sich vermutlich nicht in das bescheidene Wohngebiet. Phil Stamps Junior erzählt, dass seine Grosseltern den Burgerladen 1970 gegründet haben. Der 28-Jährige, der Literatur studiert hat, will ihr Erbe nicht nur weiterführen. Er hat auch viel vor.
Jackson ist facettenreich mit dem Regierungsviertel, schönen Wohngebieten, viel Livemusik in Beizen und noch mehr Geschichte. Im 1946 eröffneten Diner Brent’s Drugs wurden 2011 Teile des Hollywoodhits «The Help» gedreht. Ein anderer Lunch-Counter der Stadt machte 1963 Schlagzeilen. Als sich zwei Studentinnen und ein Student eines Schwarzen-Colleges an die nur Weissen vorbehaltene Theke bei Woolworth setzten, um friedlich gegen Rassentrennung zu protestieren, sah ein weisser Mob rot. Die drei wurden mit Ketchup überschüttetet, mit Glasscherben bedroht und durch das Lokal gezerrt. Nicht anders erging es weissen Aktivisten, die ihren Kollegen beisprangen. Im Nachhinein trugen der Vorfall und der Mut der Protestierenden dazu bei, die Rassentrennung in Mississippi aufzubrechen. Der Staat nahm später eine progressive Rolle im Süden ein und beschäftigte etwa früh Schwarze bei der Polizei.
Zwei Stunden und dreissig Minuten weiter bietet sich in Natchez ein schöner Blick auf den Mississippi. Vor dem Bürgerkrieg war die Stadt das politische und wirtschaftliche Zentrum des Staates. Heute locken die stattlichen Villen aus dieser Zeit Touristen an. Aber Natchez liegt auch am Blues-Highway. So wird der Abschnitt der US-Route 61 genannt, der ab hier durch das Mississippidelta nach Tennessee führt. Früher nahmen ihn viele Bluesmusiker, um von ihren Jobs auf Farmen zu den Bühnen in Memphis zu gelangen. Auf den Baumwollfeldern im Delta soll der Blues aus den rhythmischen Zurufen der Arbeitenden entstanden sein.
Drei Stunden nördlich in Indianola pilgern Fans zum Grab von B. B. King auf dem Gelände des ihm gewidmeten Museums. Schon mit zwölf Jahren musste sich Riley B. King mit harter Arbeit auf Höfen über Wasser halten, bevor er Radiomoderator und schliesslich ein Star wurde. Im Museum liessen sich Stunden verbringen, doch 35 Minuten weiter in Cleveland lockt das Grammy Museum. Die meisten Gewinner des Musikpreises kamen aus Mississippi. Während es dort schön klimatisiert ist, brennt die Sonne des Südens gnadenlos auf die Haut beim Besichtigen von Dockery Farms. Was auf den ersten Blick nach alten Holzhütten aussieht, wird von Musikfans als Wiege des Blues verehrt. Auf der einst riesigen Plantage arbeitete um 1905 Charley Patton, der zum Bluespionier wurde und spätere Legenden wie Howlin’ Wolf oder Bukka White beeinflusste.
Blues gilt, dann ist das vierzig Minuten entfernte charmante Clarksdale die Heimat des Blues. Hier kreuzen sich die Highways 61 und 49. Früh ein Verkehrsknotenpunkt, kamen viele Musiker aus dem Delta durch die Stadt. Schon um 1920 galt sie als Blueszentrum. Von hier stammten John Lee Hooker, Muddy Waters, aber auch Sam Cooke und Ike Turner. Morgan Freeman ist zwar aus Memphis, betreibt aber den Ground Zero Blues Club. Auf seiner Bühne tritt ab und zu Kingfish auf, ebenfalls ein Clarksdalien und heute selbst ein Bluesstar. Um die Ecke im Red’s spielen die Musiker inmitten der Gäste. Und alle treffen sich zu Fried Food bei Ramon’s. Wie so oft im Süden gibt’s das beste Essen in unscheinbaren Beizen. Das lokale Bluesmuseum hat den Fokus Deltablues, während das vierzig Minuten entfernte Gateway to the Blues Museum einen generellen Überblick gibt. Von hier aus ist es einen Katzensprung bis Memphis, doch das ist eine Geschichte für sich.
Bevor es nach Nashville geht, empfiehlt sich ein Ausflug nach Muscle Shoals, Alabama. Dort wurde in den Fame Recording Studios ab 1961 Musikgeschichte geschrieben. Wilson Pickett und Aretha Franklin nahmen bei Rick Hall auf, später Alicia Keys und heute viele Countrystars. Auf Studiotouren bekommt man Gänsehaut: Dort steht das Yamaha-Klavier, auf dem Little Richard spielte, da sind handschriftliche Notizen von Aretha ausgestellt. Mit Tonya S. Holly führt eine Cousine von Elvis in Muscle Shoals die Cypress Moon Studios mit ebenfalls spannender Vergangenheit. Die Hautfarbe spielte weder dort noch bei Fame, Stax oder Sun eine Rolle. Nur das Können zählte.
Elvis geht in seinem weissen Bühnenanzug die Strasse entlang, grüsst freundlich und biegt um die Ecke. In Nashville ist es ganz alltäglich, einem «impersonator» zu begegnen. Wer möchte, kann auch in einer vom Glitzerstil Dolly Partons angehauchten Suite im schicken Hotel Graduate wohnen. In dieser Stadt dreht sich alles um Musik, allen voran Countrymusik. Viele der Musikerinnen und Musiker leben hier, die Stars gern im weitläufigen und reichen Edelviertel Belle Mead. Dort ist der Blick auf die prächtigen «mansions» anders als in Los Angeles nicht durch Mauern oder Hecken verdeckt.
In Nashville können sich Besucherinnen und Besucher rund um die Uhr der Musik hingeben. Der Morgen beispielsweise lässt sich gut in der Country Music Hall of Fame mit ihrem grossartigen Museum voller Kostüme, Gitarren und alten Schwarz-Weiss-Aufnahmen verbringen. Danach könnten sich Musikbegeisterte die Füsse an der Music Row vertreten, wo alle wichtigen Labels vertreten sind. Am Nachmittag bietet sich ein ausgedehnter Abstecher in das grossartige, 2021 eröffnete National Museum of African American Music an. Ein Ort der besonderen Art für Kenner ist auch die Musicians Hall of Fame. Gründer Joe Chambers, früher Songschreiber und Besitzer von Gitarrenläden, hat sein Museum den Studiomusikern gewidmet, die mit Grössen wie Elvis, The Rolling Stones oder U2 spielten. Zu Jimi Hendrix gibt es eine eigene, kleine Abteilung. Countryfans sollten den Abend mit einer Show in der Grand Ole Opry ausserhalb von Nashville beginnen, vorausgesetzt, sie haben beizeiten reserviert. Der Ort für alle, um den Abend feucht-fröhlich ausklingen zu lassen, ist der Broadway mit seinen unzähligen Honkytonks.
Lohnt sich Graceland? Ja, selbst Nicht-Elvis-Fans sollten sein ehemaliges Anwesen besuchen. Allein schon um seine beträchtliche Autosammlung oder die Convair 880 zu bestaunen, die er sich höchst luxuriös zu einem für Touren genutzten Privatjet umbauen liess. Designaffine Menschen haben ihre Freude an der Inneneinrichtung der Villa, die seit seinem Tod 1977 unverändert blieb. Aber Memphis ist mehr als nur eine Gedenkstätte für den Sänger. Es ist vor allem eine vibrierende, lebenswerte Stadt am Mississippi, die sich auch Leute mit normalem Einkommen leisten können. Die freundlichen Memphians schätzen die Offenheit hier und dass sich Dinge schnell umsetzen lassen. Nicht wenige bezeichnen Memphis als «rohen Diamanten». In den letzten Jahren wuchs die Stadt beträchtlich, neue Hotels wurden gebaut. Neben dem National Civil Rights Museum ist die Musikgeschichte der Anziehungspunkt in Tennessees zweitgrösster Stadt. Eine Tour durch das Sun-Studio, in dem heute wieder aufgenommen wird, ist ein Muss. Dort wurde Elvis 1953 von Marion Keisker, der Mitarbeiterin von Studiochef Sam Phillips, entdeckt. Der war anfänglich gar nicht von dem jungen Mann mit der schwarzen Tolle angetan.
In Memphis gibt es die Blues Hall of Fame und das Museum von Stax Records, von 1960 bis in die 1970er-Jahre neben Motown die Adresse für Soulmusic. Dort lohnt eine Tour, um mehr über die Geschichte der Studiogründer, die Geschwister Jim Stewart und Estelle Axton (Stax) sowie über ihre Künstler wie Otis Redding, Booker T. oder Rufus & Carla Thomas zu erfahren.
Die Reportage war möglich dank Einladung der in den Texten genannten US-Staatenund Städte.
Text: Juliane Lutz
Fotos: Raphael Tenschert
Reise-Check
Anreise:
Zum Beispiel mit United ab Zürich über Chicago nach Birmingham.
Wohnen:
The Tutwiler Hotel, Birmingham,
ehrwürdiges Haus in Downtown.
Fairview Inn, Jackson, ein Traum.
Dunleith Historic Inn, Natchez, Herrenhaus mit viel Historie.
Clark House Inn, Clarksdale, B&B.
The Peabody, Memphis, Institution im Zentrum mit Entenmarsch.
Bento Living Chestnut Hill, Nashville, modern, minimalistisch chic.
Essen:
Demetri’s Barbecue, Birmingham, herzhaftes Frühstück.
Chez Fonfon, Birmingham, feinste französisch inspirierte Küche.
Brent’s Drugs, Jackson, Diner und Eisdiele aus den Vierzigerjahren.
Four Way Restaurant, Memphis, berühmt für Soulfood, dort ass auch Martin Luther King.
The Loveless Cafe, Nashville, die Adresse für Southern Food.
Reiseanbieter:
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