Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03611.jsonl.gz/1800

Im Jahr 1982 veröffentlichte Murray N. Rothbard (1926 – 1995) einen längeren Artikel mit dem Titel „Gesetz, Eigentumsrechte und Luftverschmutzung“, in dem er einen marktwirtschaftlichen, auf Privateigentum basierenden Ansatz für Umweltfragen darlegte. Zum Thema Luftverschmutzung schrieb Rothbard:
„Wenn A die Luft von B verschmutzt und dies nachgewiesen werden kann, dann ist dies eine Aggression und der Schaden sollte bezahlt werden.“
In Wirklichkeit gibt es keine „Umweltprobleme“. Es gibt nur einen menschlichen Konflikt über den Einsatz knapper Ressourcen. Wenn ich zum Beispiel anfange, giftige Chemikalien in Ihren See zu werfen, und Sie damit ein Problem haben, ist dies nicht wirklich ein Umweltproblem. Vielmehr ist es ein Streit über den Besitz des Sees. Wenn ich den See besitze, kann ich damit tun, was ich möchte. Allerdings, wenn ich einen See, der von jemand anderem besessen wird, beschädige, habe ich dessen Eigentum beschädigt und sollte haftbar gemacht werden. Diese Schlussfolgerung hat weitreichende Konsequenzen. Anstatt sich auf staatliche Regulierung zu verlassen, um eine vage definierte „Umwelt“ zu retten, wäre es Aufgabe der Opfer der Verschmutzung, zu beweisen, dass ihnen Unrecht geschah. (Quelle: Beitrag Curtis Williams, 31.03.17 auf misesde.org)
Der rechtsgerichtete Libertarismus versucht, den Staat so klein und unbedeutend wie möglich zu machen. Der Lebensvollzug geschieht zwischen freien Individuen, einen regulierenden Staat, der so etwas wie „Gemeinwohl“ vertritt, gilt es zu vermeiden. Libertare Ideen haben sich seit den achtziger Jahren auch in die liberalen Köpfe unserer Parteien eingenistet und wirken seitdem konsequent. (Weniger Staat). Grundsätzlich wird dem Staat mit Misstrauen begegnet, jegliche Ausweitung staatlicher Tätigkeit wird argwöhnisch bekämpft. Diese Denkart ist in republikanisch organisierten Staatswesen, das mit einem Oppositionssystem arbeitet (bspw USA, BRD, FR, GB etc.) eher angebracht als in einem auf Kooperation und Kompromiss ausgerichteten Gefüge, wie wir es in der Schweiz kennen.
Marktwärts begrüsst die Ausrichtung auf das verantwortliche Handeln der Einzelperson und erachtet es für ein funktionierendes Gemeinwesen als unabdingbar, dass ein freiheitlicher Handlungsraum erhalten und unterhalten wird. Das Spannungsfeld von „ICH und WIR“ muss jedoch von einer Ebene übernommen werden, welche dieses „WIR“ vertritt und damit den Handlungsspielraum des Einzelnen so eingrenzt, dass sich damit beide Seiten möglichst gedeilich entwickeln können. Das Spannungsfeld ist unlösbar, die gewährte Freiheit ist immer entweder zu gross (Überforderung) oder zu klein (Einengung/Regulierung). Dieser Staat muss immer wieder neu verhandelt und austariert werden. Basis dafür ist der „mündige“ Bürger, der Eigeninteresse und übergeordnetes Interesse beurteilen und darüber entscheiden kann. Dafür muss er die Gelegenheit haben und den Einfluss. Dieser ist in der Schweiz immer noch ausserordentlich gross.
Enger Libertarismus sieht den freien, handelnden Menschen als oberste Maxime. Er anerkennt jedoch, dass Fehlverhalten geahndet werden muss. Wie diese Ebene der Ahndung (des Gesetzes) genau aussieht, wird nicht wirklich festgelegt. Dass diese Ebene ihre Rechtssprechung entwickeln und pflegen muss, bleibt ebenfalls nicht erklärt. Kontrolliert wird diese Ebene von den freien Menschen, wie das genau funktioniert (Wahlen?) ist nicht gelöst.
Wer menschliches Zusammenleben reduziert auf die direkten Interaktionen zwischen (freien, verantwortungsbewussten) Individuen malt ein Menschenbild, das in keiner Weise der Realität entspricht. Marktgeschehen ist neben dem individuellen Austausch und dem Geschehen zwischen Organisationen immer ein politisches Handeln, das Auswirkungen hinaus über einzelne Personen und Organisationen hat. Im eingangs erwähnten Umweltproblem wird deutlich, dass die Verschmutzung mit der Lösung unter den Handelnden (Einigung, richterliches Urteil) erledigt ist. Dass mit der Verschmutzung eine Gefährdung des Lebens über die involvierten Parteien hinaus stattfindet erscheint irrelevant. Dies ist eine fatale Fehleinschätzung der systemischen Verhältnisse in denen die Spezies Mensch stattfindet. Insofern neigt der Rechtslibertarismus zu einer Position, die den Menschen über alles stellt. Wenn er gesellschaftlich schon äusserst kritisch mit übergeordneten Ebenen (Staat) umgeht, dann wird es hier geradezu fatal. Umweltprobleme können als Probleme zwischen Individuen beginnen, sie können jedoch eskalieren und erreichen dann eine Ebene, die nicht mehr individuell lösbar ist. Gemeinschaften müssen sich dann verpflichten auf Grundsätze und Normen, die dann von Organisationen und Einzelnen im Alltag umgesetzt werden. Hier kann die Einschränkung gross werden, genauso wie bei jemandem, der 50 Kilo abnehmen sollte und das in nützlicher Frist. Sein Alltag wird dann ebenfalls durch eine Veränderung in der Ernährung und einen viele höheren Bewegungsanteil „reguliert“ werden müssen, ansonsten bleibt das Ziel unerreichbar.
FAZIT
Weltanschauungen, welche übergeordnete Ebenen ausklammern und alles am freien Menschen festmachen sind mit Vorsicht zu geniessen. Der Erfolg der liberalen Weltanschauung durch Schaffung von Privateigentum und Partizipation am Machtgeschehen gilt es vernünftig zu bewahren. Eine Freiheit, die sich über Systeme hinwegsetzt, in die wir uns durch unsere politischen Willensäusserungen eingebunden haben, ist fragwürdig und letztlich gefährlich. Sie neigt zur Überschätzung der Gattung Mensch. marktwärts heisst kritische Auseinandersetzung mit Weltanschauungen jeglicher Couleur und mutiges Engagement im Spannungsfeld von persönlicher Entfaltungsmöglichkeit und gemeinschaftlichem Wohlergehen.