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«Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Gesetzeslehre, alles andere ist nur die Erläuterung.» Die Goldene Regel kennen wir aus der Bergpredigt. Diese Variante stammt allerdings von Rabbi Hillel, der vermutlich ein Zeitgenosse Jesu war. Er gilt als einer der grossen jüdischen Lehrer seiner Zeit, und seine Botschaft ist von Menschenfreundlichkeit beseelt wie die von Jesus.
Meister Hillel wusste um die Tücken der Nächstenliebe. Ein anderer Ausspruch von ihm geht mit drei schlichten Fragen darauf ein: «Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Wenn ich nur für mich selber bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann sonst?»
«Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?» Das Gebot der Nächstenliebe verlangt keine Selbstaufopferung. Jedes Wesen hat das Recht, da zu sein und das Nötige für den Selbsterhalt zu tun. Jesus sagt es so: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.» Eine gesunde Selbstsorge soll nicht mit Egoismus verwechselt oder gar als solcher diffamiert werden.
«Wenn ich nur für mich selber bin, was bin ich?» Das ist die Kehrseite der Selbstsorge: Ein verengter Blick, der nur noch das Ego sieht, lässt auch alle Menschlichkeit verschwinden. Wir sind soziale Wesen, und diese Dimension schenkt uns einen Sinn, den weder Macht noch Reichtum bieten können.
«Wenn nicht jetzt, wann sonst?» Die beste Absicht verliert ihre Kraft, wenn sie auf später verschoben wird. Der jetzige Augenblick birgt die Chance zur Wandlung, und der erste Schritt ist der wichtigste. Rabbi Hillel ermuntert uns, die Gelegenheit in dem Moment zu ergreifen, in dem wir sie wahrnehmen.