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| Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)

I. Buch
11. Der Mensch muß Gott alles, was er besitzt, darbringen, weil er Gott alles schuldet
Doch sagt da jemand: soll der Mensch denn alles Gott darbringen, was er besitzt? Nein, er soll nicht seinen ganzen Besitz opfern, wenn er glaubt, er schulde nicht alles, was er hat. Ich frage nicht, wessen Eigentum das Dargebrachte sei, aus wessen Hand es früher emp- [S. 289] fangen worden ist, was zurückgegeben wird: ich sage nur, der Mensch solle nicht das Ganze als seine Schuld zurückzahlen, wenn er nicht das Ganze als Entgelt für seine Vergehen zu schulden glaubt. Also muß er, spricht wiederum einer, und sogar ein Sünder, doch alles opfern? Nein, nichts muß er opfern, außer im Glauben, nichts, außer in innerer Umkehr, nichts, außer mit flehentlicher Bitte, nichts, außer wenn er im Geiste gerade die Gnade zu den vorzüglichsten Wohltaten Gottes rechnet, daß er ihm den Gedanken des Opferns eingab, und wenn er glaubt, daß ihm mit dem, was er Gott hinterläßt, mehr erwiesen wird, als mit dem, was er vorher besaß. Denn das, was ein Mensch besitzt, ist zeitlich; was aber Gott hinterlassen wird, ist ewig. Alles, sagt einer, muß man opfern ? Ich aber sage, daß dieses Alles noch zu wenig ist! Warum? Weiß denn einer, ob sein Opfer das Maß seiner Sünden ausgleicht? Weiß denn einer, ob er im Werk seiner Wiederversöhnung gerade so weit gekommen ist wie im Zwiespalt der Trennung? Ja, wenn einer von den sündigen Menschen weiß, wie teuer er seine Verfehlungen loskaufen kann, dann kann er seine Wissenschaft gebrauchen zu seiner Erlösung. Wenn er es aber nicht weiß, warum soll er nicht alles opfern, was er kann? Wenn er seine Sünden schon nicht durch die Höhe des Wertes aufzuwiegen vermag, mag er sie so wenigstens durch die fromme Gesinnung aufwiegen. Denn nur der zeitigt eine vollendete Frucht seines Gewissens, der im Gewissen keine Makel zurückläßt. Nun werden sicher einige unsere Ansicht als allzu hart, als maßlos beklagen, vor allem, weil der von uns angeführte Prophet den König von Babylon nur dahin zu ermahnen scheint, daß er viel verschenke, nicht daß er alles austeile. Indessen bringe ich keine Zeugnisse des Evangeliums vor und nehme meine Zuflucht nicht zur Stimme Gottes, der dort spricht; ich spreche auch nicht davon, daß ein anderes Gebot im alten, ein anderes im neuen Gesetz stehe. So sagt ja auch der Apostel: „Das Alte [S. 290] ist vergangen, alles ist neu geworden; alles aber aus Gott." 1Damit will er lehren, man müsse nicht das Alte nach dem Buchstaben, sondern das Neue nach dem Willen Gottes tun. Doch ich will mich ganz mit dem bescheiden, was der Prophet sagte. Er hielt ja seine Zwiesprache mit einem König, und zwar nicht mit dem König einer Stadt, sondern, wie es damals erschien, der ganzen bekannten Welt; und der konnte doch nicht die von ihm beherrschten Völker durch ein Testament den Armen überlassen, konnte nicht seine barbarischen Nationen wie Münzen den Bedürftigen schenken, konnte nicht sein weitausgedehntes Reich in Almosen für die Armen verwandeln. Daher sagte der Prophet nur: „Kaufe dich los von deinen Sünden durch Mitleid!" Das heißt: Gib den Bedürftigen Gold, da du ja dein Königreich doch nicht geben kannst! Verteile dein Vermögen, weil du deine Macht nicht als Vorschuß geben kannst! So hat er offenbar doch befohlen, alles hinzugeben, wenn er dem König nur das nicht zu verteilen befahl, was dieser nimmer verausgaben konnte.
1: 2 Kor. 5, 17 f. Vulgata: vetera transierunt: ecce facta sunt omnia nova; 18: omnia autem ex Deo.