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In der Schweiz haben 2015 und 2016 zwei Fälle positiver Dopingkontrollen aufgrund einer Futtermittelverunreinigung mit natürlichen Substanzen grosse Aufmerksamkeit erhalten. In einer Studie der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) wurden insgesamt 28 Futterproben für Pferde aus dem In- und Ausland auf eine mögliche Verunreinigung mit dopingrelevanten Substanzen getestet.
Was ist Doping?
Unter Doping versteht man die Einnahme von verbotenen Substanzen oder die Nutzung von unerlaubten Methoden meist zur Steigerung oder zum Erhalt der sportlichen Leistung. Demgegenüber ist unter Medikation die Verordnung und Anwendung von Medikamenten unter Festlegung der Dosierung zur Vorbeugung oder Behandlung von Erkrankungen zu verstehen.
Der Weltverband für Pferdesport, Fédération Équestre Internationale (FEI), unterscheidet in den «Equine Anti-Doping and Controlled Medication Regulations» (EADCMR) die Listen der «banned substances» und der «controlled medication substances» (Kasten 1). Die Liste der «banned substances» umfasst gegenwärtig über 1000 Wirkstoffe, diejenige der kontrollierten Medikation über 100.
In Dopingtests wird für bestimmte, von aussen zugeführte Substanzen geprüft, ob für den Körper irrelevante Konzentrationen nicht überschritten werden, also keine spürbare Wirkung auf das Pferd haben (Irrelevant Drug Concentration, IDC). Sogenannte «threshold substances» (z. B. Testosteron oder Hydrokortison) kommen natürlicherweise in geringen Konzentrationen im Körper vor. Für sie gilt ein Schwellenwert, der nicht überschritten werden darf.
Seit dem 1.1.2016 hat die FEI einige dopingrelevante Substanzen, die auch pflanzlichen Ursprungs sein können, als «specified substances» deklariert. Dazu gehören z. B. Opioidalkaloide aus dem Schlafmohn wie Morphin, Codein oder Papaverin. Diese Deklaration erlaubt, dass ein positiver Befund nicht automatisch publik gemacht und nicht eine sofortige Sperrung vorgenommen wird. So sollten Reiterinnen und Reiter nicht fälschlicherweise mit Doping in Verbindung gebracht werden, sondern erst, wenn es sich nach eingehender Analyse tatsächlich um eine verbotene Medikation oder Doping handelt.
Der Schweizerische Verband für Pferdesport (SVPS) richtet sich nach den Regeln der FEI. Im Hinblick auf die Einhaltung der Tierschutzbestimmungen sind das Schweizerische Tierschutzgesetz (TschG) und die Tierschutzverordnung (TschV) oberste Instanz für alle Schweizer Pferdesportverbände. In der Gesetzgebung wird explizit auf das Verbot der Verabreichung von Stoffen und Erzeugnissen zum Zweck der Leistungsbeeinflussung hingewiesen. Auch die Teilnahme an Wettkämpfen wird untersagt, wenn beim Tier Stoffe eingesetzt werden, die nach den massgeblichen Listen der Verbände verboten sind.
Schlafmohnkultur im Schweizer Anbau
Dopingrelevante Substanzen in Futtermitteln für Pferde?
Dopingrelevante Substanzen können auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette in Futtermittel gelangen, angefangen beim Saatgut über den Anbau, die Ernte, die Futtermühle oder den Händler, den Transport bis hin zum Endverbraucher.
Noémie Zink, Studentin der Pferdewissenschaften an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) hat in ihrer Diplomarbeit insgesamt 28 Futterproben für Pferde aus dem In- und Ausland auf eine mögliche Verunreinigung mit dopingrelevanten Substanzen getestet. (Foto Noémie Zink)
Untersucht wurden 16 Proben aus dem Ausland und zwülf Proben aus der Schweiz. Häufig in der Pferderation eingesetzte Einzelfuttermittel wie Hafer, Gerste, Weizenkleie und Sojaschrot sowie die Grundfuttermittel Heu und Luzerne wurden bei der Probenauswahl berücksichtigt. Zusätzlich wurden zwei Mohnsamenproben aus Schweizer Anbau (Ernste 2015) analysiert.
Eine Mohnsamenprobe wurde nach dem üblichen Ernte- und Reinigungsverfahren entnommen. Die Ernte erfolgte dabei durch einen Mähdrescher, der normalerweise für das Dreschen von Getreide zum Einsatz kommt. Trotz dem Ziel, die Mohnsamen so wenig wie möglich zu schädigen, mussten für die Weiterverwertung die Kapseln bei der Ernte entfernt werden. Die andere Probe wurde zum selben Zeitpunkt von der gleichen Parzelle manuell mit Kapsel geerntet. Die Kapsel wurde erst im Labor geöffnet und die enthaltenen Mohnsamen danach analysiert. Sämtliche Futterproben und die Mohnsamenproben wurden auf neun verschiedene Substanzen geprüft, mit Schwerpunkt auf Opioidalkaloide aus dem Schlafmohn. Bei den Opioidalkaloiden handelt es sich um die Substanzen Morphin, Thebain, Codein, Noscapin und Papaverin. Weitere getestete Alkaloide waren Theophyllin und Theobromin. Zusätzlich wurden Atropin und Colchicin in die Analyse einbezogen. Tabelle 1 gibt eine Übersicht des natürlichen Vorkommens und der Wirkung der in dieser Studie getesteten Substanzen, die als Kontaminanten in Futtermitteln vorkommen können. Weiter wird angegeben, ob sie von der FEI als «banned» oder «controlled» gelistet sind und ob sie als «specified substances» deklariert wurden.
Die Ergebnisse
Von den 28 untersuchten Futterproben waren 18 Proben (64 %) mit natürlich vorkommenden Dopingsubstanzen kontaminiert. Fünf von neun analysierten Substanzen fanden sich in den Haferproben und in Luzerne. In den Weizenkleieproben waren vier verschiedene dopingrelevante Substanzen enthalten, je drei fanden sich in Sojaschrot und Heu. In den Gerstenproben wurde nur eine von den getesteten Substanzen nachgewiesen. Thebain und Theophyllin wurden in keiner Probe gefunden. Die Stichprobe der untersuchten Futtermittel ist jedoch zu klein, um allgemein gültige Aussagen in Bezug auf die Häufigkeit des Vorkommens dopingrelevanter Substanzen in bestimmten Futtermitteln zuzulassen. In allen Proben war die Konzentration der nachgewiesenen Substanzen so gering, dass nicht mit einer sichtbaren Wirkung beim Pferd zu rechnen ist (z. B. Schmerzlinderung oder Leistungssteigerung).
Als Beispiel: Bei der nachgewiesenen Menge von Morphin im Hafer müsste das Pferd auf einmal 2083 kg Hafer fressen, damit eine sichtbare Wirkung auf den Körper eintritt. Das heisst aber nicht zwingend, dass keine dopingrelevanten Spuren von Morphin oder den anderen, in geringen Konzentrationen nachgewiesenen Substanzen im Harn oder Blut zu finden sein können.
Die maschinell geernteten Mohnsamen enthielten eine wesentlich höhere Konzentration an Morphin als die von Hand geernteten Mohnsamen. Bei der Beschädigung der Kapsel beim Dreschen oder bei unreifen Mohnkapseln kann es zu einer Verunreinigung der Mohnsamen mit dem Opioidalkaloid-reichen Milchsaft und damit zu erhöhtem Morphingehalt kommen. Bei der Herstellung wird seit Jahren nach praktikablen technologischen Massnahmen zur Reduktion von Morphin in Mohnsamen gesucht. Bei der Entfernung der Mohnsamen aus der Kapsel im Labor kann hingegen eine Verunreinigung der Samen praktisch ausgeschlossen werden. Beim Pferd hat man festgestellt, dass bereits die Verfütterung eines einzigen Mohnbrötchens, das sehr stark Opioidalkaloid-haltige Mohnsamen enthält, zu einem positiven Dopingresultat führen kann.
Trotz hoher Qualitätsstandards Verunreinigung nicht ausgeschlossen
Die Analyse von 28 Futtermittelproben zeigt auf, dass eine Kontamination mit dopingrelevanten Substanzen auch bei hohen Qualitätsstandards nicht ausgeschlossen werden kann.
Bei der Interpretation der Ergebnisse muss zwischen der Dosis unterschieden werden, die beim Pferd entweder eine sichtbare Wirkung erzielt (z. B. Schmerzlinderung oder Leistungssteigerung) oder aber zu positiven Dopingergebnissen führt ohne sichtbaren Effekt auf den Körper. Bis anhin liegen nur wenige Daten beim Pferd vor, ab welcher Dosis eine sichtbare Wirkung eintritt, bzw. ab wann die Substanz im Harn oder Blut nachzuweisen ist und damit dopingrelevant sein kann.
Dank
Die Autoren danken der Vereinigung Schweizerischer Futtermittelfabrikanten (VSF) und dem Interlabor Belp für die Unterstützung und die Teilfinanzierung der Analysen sowie den Futtermittelherstellern für die Bereitstellung der Proben. Der Dank gilt weiter dem Schweizerischen Verband für Pferdesport (SVPS), der die Studie beratend begleitet hat.
Originalartikel mit weiterführenden Informationen:
Conny Herholz, Noémie Zink
und Stefan Probst - HAFL
Bachelorarbeit mit dem Thema dopingrelevante Substanzen in Futtermitteln
«Ich hatte das grosse Glück in einer Familie mir Pferden aufzuwachsen. Bis heute bleibt für mich ein Leben ohne dieses prachtvolle Tier unvorstellbar. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Moment den ich mit meinen Pferden verbringen darf.»
Nach dem Gymnasium absolvierte Noémie das obligatorische Vorstudienpraktikum auf zwei verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben bevor sie mit dem Bachelorstudium in Agronomie mit Vertiefung Pferdewissenschaften an der HAFL begonnen hat. Seit dem Abschluss im Herbst 2016 arbeitet sie bei der TSM Treuhand in Bern.