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In Moutier sind die Reformierten heute in der Minderheit
Seit 1970 sind die Katholiken wieder die stärkste Konfession
Traditionell gilt der Berner Jura im Gegensatz zum katholischen Kanton Jura als reformiert. Doch in der grössten Gemeinde Moutier hatten die Katholiken schon 1970 die Reformierten zahlenmässig überholt. Heute sind die Reformierten klar in der Minderheit, und das auch bei den Schweizer Bürgern.
Moutier, mit rund 7400 Einwohnern/innen bevölkerungsreichster Ort im Berner Jura, stimmt am 28. März über einen Wechsel zum Kanton Jura ab. Diese Frage teilt die Gemeinde, die sich seit 1950 Stadt nennt, seit Jahrzehnten in zwei ähnlich grosse Lager: Bei den Juraplebisziten von 1974 und 1975 resultierte in drei Abstimmungen jeweils eine knappe Mehrheit für Bern, 2013 votierte eine Mehrheit für einen Prozess zur Vereinigung von Süd- und Nordjura zu einem neuen Kanton, und bei der im Nachhinein für ungültig erklärten Abstimmung vom 18. Juni 2017 befürworteten 51,7 Prozent einen Übertritt zum Jura.
Noch weit stärker und auch schon etwas früher als das Verhältnis von Berntreuen und Jura-Autonomisten hat sich im einst reformierten Moutier auch die konfessionelle Mehrheit hin zu den Katholiken verschoben. Die neusten verfügbaren Zahlen der Gemeindestatistik von Moutier (Stand: 31.12.2019) zeigen für die gesamte Einwohnerschaft der Gemeinde ein eindeutiges Bild: 3384 Katholiken (45,6 Prozent), 1506 Reformierte (20,3 Prozent), 2533 andere (34,1 Prozent).
Zuwanderung mit der Industrialisierung
Die heutige Situation ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses, wie eine vom Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut SPI St. Gallen auf Anfrage von «Kirche heute» erstellte Grafik (siehe oben) und die entsprechende Zahlenreihe zeigen. Die erste Eidgenössische Volkszählung von 1850 – Moutier zählte damals 917 Einwohner – ergab das Bild einer grossen reformierten Mehrheit von 86,3 Prozent und einer kleinen katholischen Minderheit von 13,7 Prozent; «andere» sind dabei keine ersichtlich. In den zwei Jahrzehnten bis 1870, dem Beginn des «Kulturkampfes», nahm der katholische Anteil auf fast ein Drittel zu. Danach blieb das Verhältnis von zwei zu eins während etwa 80 Jahren weitgehend stabil.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine tiefgreifende, bis heute anhaltende Veränderung der zahlenmässigen Stärke der beiden Konfessionen, mit einem kontinuierlichen Rückgang des protestantischen Bevölkerungsanteils und einem markanten Anstieg der Katholiken in den Hochkonjunkturjahren von 1950 bis 1970. Den Wendepunkt markiert das Jahr 1970, in dem Moutier mit fast 8800 Personen auch die höchste Einwohnerzahl seiner Geschichte erreichte: Mit einem Anteil von 52,8 Prozent hatten damals die Katholiken erstmals die Protestanten (45,8 Prozent) als grösste konfessionelle Gruppe abgelöst. Das war kurz vor den Juraplebisziten von 1974 und 1975, wobei ein erheblicher Teil des katholischen Zuwachses aus der Zuwanderung von Staatsangehörigen von Italien, Portugal und Spanien besteht, die bei den Abstimmungen nicht stimmberechtigt waren.
Seit 1970 ging zwar der Anteil der Katholiken leicht zurück und sank ab 2000 unter die Grenze von 50 Prozent. Da aber der Anteil der Reformierten gleichzeitig viel stärker zurückging und bis heute auf rund 20 Prozent sank, vergrösserte sich der Abstand der beiden Konfessionsgruppen kontinuierlich: Von 7 Prozent im Jahr 1970 wuchs die Differenz bis 2019 auf 25,3 Prozent. Begleitet wurde diese Entwicklung von einem starken Anstieg der «anderen» (vor allem der Konfessionslosen): Mit 34,1 Prozent der Gesamtbevölkerung haben sie heute die Reformierten längst überholt und stellen die zweitgrösste Gruppe, hinter den Katholiken.
Erwartungsgemäss ist die katholische Mehrheit bei der ausländischen Wohnbevölkerung Moutiers besonders ausgeprägt: Von dieser sind (Ende 2019) 58 Prozent katholisch und lediglich 2,9 Prozent reformiert, bei 39,1 Prozent anderen. Dennoch zeigt sich auch bei der (in der Kantonswechsel-Abstimmung stimmberechtigten) Schweizer Bevölkerung ein klares Übergewicht der katholischen Konfessionsangehörigen (40,9 Prozent) gegenüber den Reformierten (26,7 Prozent).
Die Bedeutung der Konfessionszugehörigkeit in der Jurafrage ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Vergleich zum 19. Jahrhundert spürbar zurückgegangen. Bei den regionalen Ergebnissen der Jura-Abstimmungen in den 1970er-Jahren zeigte sich dennoch ein klarer Zusammenhang. Heute dürfte die Konfession allein vermutlich kein ausschlaggebender Faktor mehr sein in für diese Frage.
Kurze Kirchengeschichte der Prévôté
Mit dem um 640 gegründeten Kloster Grandval war Moutier ein Ausgangspunkt der Ausbreitung und Festigung des christlichen Glaubens im Jura. Am 21. Februar 675 wurden der erste Abt Germanus und der Propst Randoald nach einem Treffen mit dem elsässischen Herzog in der Nähe von Courtételle bei Delsberg erschlagen. Der Kult um die beiden Märtyrer St-Germain und St-Randoald trug zur Ausstrahlung des Klosters bei. Seit etwa 740 lag die Abtei in der Diözese des Bischofs von Basel. Ab 999 gehörte das Kloster durch königliche Schenkung auch weltlich dem (Fürst-)Bischof von Basel. Vor 1120 wurde die Abtei in ein Kanonikerstift mit maximal zwölf Chorherren unter Leitung eines Propstes (prévôt) umgewandelt.
Im Jahr 1531 nahm die Bevölkerung der Propstei oder Prévôté Moutier-Grandval unter dem Einfluss der mit ihr verbündeten Städte Biel und Bern mehrheitlich die in den südlichen Juratälern von Guillaume Farel propagierte Reformation an. Lediglich die Pfarreien «Sous-les-Roches», das heisst unterhalb (nördlich) der Birsschluchten zwischen Moutier und Delsberg, blieben beim alten Glauben (Courrendlin, Châtillon, Rossemaison, Vellerat, Corban, Courchapoix, Mervelier und Seehof/Elay). Der bedrängte Propst und sein Kapitel gingen zuerst nach Solothurn und liessen sich ab 1534 im katholisch gebliebenen Delsberg nieder; 1801 wurde das Stift aufgehoben. Als weltliches Herrschaftsgebiet blieb die Propstei Moutier-Grandval bis zum Einmarsch französischer Truppen 1797 eine Vogtei des Fürstbistums Basel. Kirchlich hatte der Bischof in Moutier und den Dörfern der Prévôté «Sur-les-Roches» nach der Reformation jedoch keinen Einfluss mehr. (Mehr zur Reformation in der Prévôté Moutier-Grandval: Artikel von Damien Bregnard vom Archiv des ehemaligen Fürstbistums Basel, Porrentruy, 2012.)
Nach der Reformation blieb die im 12. Jahrhundert erbaute Stiftskirche (Collégiale) in Moutier geschlossen, 1571 wurde sie bei einem Brand schwer beschädigt und zerfiel zur Ruine (im 19. Jahrhundert abgetragen). Die Reformierten benützten zuerst die aufs Frühmittelalter zurückgehende Pfarrkirche St-Pierre als Gemeindekirche. 1860–63 wurde am Standort der ehemaligen Stiftskirche die heutige reformierte Kirche St-Germain erbaut. Die alte Kirche St-Pierre wurde 1873 abgebrochen.
Auch noch nach der Reformation konnte es vorkommen, dass einzelne katholische Familien unter der protestantischen Mehrheit in den Dörfern der Prévôté sur-les-Roches lebten, ebenso reformierte Familien in den Dörfern sous-les-Roches. Erst im Vertrag von Aarberg (1711) zwischen dem Fürstbischof und Bern wurden die Konfessionen in der Prévôté räumlich strikt getrennt: Katholiken durften nur noch im Nordteil der Vogtei, Reformierte nur im Südteil wohnen. Moutier als Teil der Prévôté sur-les-Roches war damit nach dem Willen beider Obrigkeiten rein reformiertes Gebiet. Niederlassungsfreiheit gab es erst wieder unter französischer Herrschaft (ab 1797) und später im Rahmen des Kantons Bern.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zogen verschiedene neue Industrien Arbeiter aus katholischen Gebieten, auch aus Frankreich und Belgien, nach Moutier. Nachdem für sie während mehrerer Jahre Messen in einer improvisierten Kapelle auf dem Gelände einer Glashütte (Verrerie) gelesen wurden, genehmigte der Berner Grosse Rat 1862 die Gründung einer katholischen Pfarrei in Moutier. Ab 1867 wurde die Kirche Sainte-Marie als erste katholische Kirche Moutiers nach der Reformation erbaut und 1871 von Bischof Eugène Lachat geweiht. Während des Kulturkampfes wurden 98 romtreue Priester im Jura von der Berner Regierung abgesetzt, weshalb von 1874 bis 1879 in Moutier keine katholischen Gottesdienste stattfinden konnten.
Für die stark gewachsene katholische Gemeinschaft von Moutier errichtete die Pfarrei 1963 bis 1967 die moderne Kirche Notre-Dame de la Prévôté nach den Plänen des Basler Architekten Hermann Baur; 1966 wurde die Kirche Sainte-Marie abgerissen. Notre-Dame de la Prévôté verwahrt Reliquien der Heiligen Germanus und Randoald. (Mehr zur Geschichte der katholischen Kirche in Moutier: Broschüre zur Ausstellung «1300 ans d’histoire», 2012.)
Christian von Arx