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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

1. Vortrag.
8.
Denn siehe, was nützt es, daß die Worte erklangen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“? Auch wir haben Worte gesprochen, als wir redeten. War etwa ein solches Wort bei Gott? Sind nicht die Worte, welche wir gesprochen haben, erklungen und vergangen? Ist also auch Gottes Wort erklungen und vergangen? Wie ist alles durch dasselbe gemacht worden und ohne es nichts geworden? wie wird durch dasselbe geleitet, was durch dasselbe geschaffen ist, wenn es erklungen und vergangen ist? Was für ein Wort ist also dasjenige, welches gesprochen wird und nicht vergeht? Eure Liebe merke auf; es ist etwas Großes. Durch den täglichen Gebrauch sind uns die Worte wertlos geworden, weil sie erklingend und vergehend ihren Wert eingebüßt haben und nichts anderes scheinen als Worte. Es gibt ein Wort auch im Menschen selbst, welches drinnen bleibt; denn nur der Schall geht aus dem Munde hervor. Es gibt ein Wort, welches wahrhaft geistig gesprochen [S. 8] wird, jenes Wort nämlich, welches du aus dem Schalle erschließest, welches aber nicht selbst der Schall ist. Siehe, ich spreche ein Wort, wenn ich sage: Gott. Wie kurz ist das Wort, das ich gesprochen habe, vier Buchstaben und eine Silbe1! Ist etwa dies das ganze Wesen Gottes, vier Buchstaben und eine Silbe? Oder ist, so gering an Wert dieses ist, so wertvoll dasjenige, was man darunter versteht? Was ist in deinem Herzen geschehen, als du hörtest: Gott? Was ist in meinem Herzen geschehen, als ich sagte: Gott? Ein großes und überaus hohes Wesen ist gedacht worden, welches alle veränderliche Kreatur übertrifft, die fleischliche und die beseelte. Und wenn ich zu dir sage: Ist Gott veränderlich oder unveränderlich? so wirst du sogleich antworten: Es sei ferne, daß ich glaube oder meine, Gott sei veränderlich; Gott ist unveränderlich. Deine Seele, obwohl klein, obwohl vielleicht noch fleischlich, konnte mir Gott nur als unveränderlich bezeichnen, alle Kreatur aber ist veränderlich. Wie also konnte dir im Denken auffunkeln, was über alle Kreatur ist, um Gott zuversichtlich als unveränderlich zu bezeichnen? Was ist also das in deinem Herzen, wenn du ein lebendiges, ewiges, allmächtiges, unendliches, allgegenwärtiges, überall ganz gegenwärtiges, nirgends eingeschlossenes Wesen denkst? Wenn du das denkst, so ist dies das Wort (der Begriff) von Gott in deinem Herzen. Ist aber dies der Schall, der aus vier Buchstaben und einer Silbe besteht? Also alles, was gesprochen wird und vergeht, sind Töne, sind Buchstaben, sind Silben. Ein Wort, das schallt, vergeht; was aber der Schall bedeutete und in dem Denkenden ist, der es gesprochen, und in dem Erkennenden, der es gehört hat, das bleibt, auch wenn die Töne vergehen.
1: Im Lateinischen duas syllabas, weil dort Deus steht.