Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03379.jsonl.gz/443

Die Psychiatriegeschichte Graubündens
Von der Errichtung der ersten Irrenanstalt 1855 bis zur Gründung der PDGR vor zehn Jahren zeigt die Geschichte der Psychiatrie in Graubünden eine wechselvolle Entwicklung.
Die Errichtung einer Irrenanstalt sei Staatspflicht, schreiben Oberstleutnant Ulrich von Planta und Johann Anton Kaiser 1825 betreffend der Irrenversorgung in Graubünden. Der geschätzte Platzbedarf beläuft sich zu dieser Zeit auf 16 Plätze, eine Unterbringung der Irren in bestehenden Krankenanstalten wird als nicht sinnvoll erachtet.
Erste Bauprojekte für eine separate Irrenanstalt werden jedoch als zu teuer bezeichnet und auf die lange Bank geschoben.
Erst 1843 beantragt die kantonale Armenkommission dem Grossrat die Aufnahme von fünf bis sechs Geisteskranken im 1840 eröffneten Zwangsarbeiterhaus des bischöflichen Schlosses Fürstenau – das übrigens 1878 zum ersten Regionalspital des Kantons wird.
Die sankt-gallische Anstalt St. Pirminsberg in Pfäfers, welche 1847 eröffnet wird, erklärt sich bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, bündnerische Patienten zur Begutachtung für ein Jahr aufzunehmen. Die unheilbar Kranken werden anschliessend nach Fürstenau und ab 1855 in die neu erstellte Anstalt nach Realta verlegt.
Krankenzählung und Standortsuche
Eine bei Gemeinden und Pfarrämtern in Auftrag gegebene Zählung ergibt 1874 einen Bestand von rund 200 Geisteskranken im Kanton.
Zudem zeigt dieselbe Umfrage, dass 69,5 Prozent der Irren zu Hause und 15 Prozent in der kantonalen Anstalt Realta leben.
Fazit der Umfrage: 84,5 Prozent aller Irren werden nicht behandelt. Sanitätsrat Johann Friedrich Kaiser, der sich stark in der «Irrenfrage» engagiert, gründet kurze Zeit später den Hilfsverein für Geisteskranke.
Ziel des neuen Vereins ist a) eine kantonale Pflegeanstalt für Geisteskranke zu fördern und zu unterstützen, b) Geisteskranke in ausserkantonalen Anstalten unterzubringen und c) entlassene oder zu Hause weilende Patienten zu rehabilitieren.
Ebenfalls aktiv wird der ärztliche Verein Graubünden, der in einer Petition an den Grossen Rat die Errichtung einer vollständigen Irren-, Heil- und Pflegeanstalt verlangt. In der Folge heisst das Stimmvolk entsprechende Kostenvoranschläge gut, weitere Baukosten können dank einer Schenkung des Freiherrn Clemens von Loe gedeckt werden. Allerdings gehen der Suche nach dem passenden Standort für die neue Anstalt heftige, politische Diskussionen voraus.
Neben dem Waldhaus in Chur stehen noch alternative Klinik-Standorte wie das Gut Molinäre in Trimmis, die Waldegg im Lürlibad, aber auch der Baumgarten am Fusse des Taminser Kirchhügels zur Auswahl.
Der Standort Chur setzt sich durch, und 1892 wird im Beisein vieler geladener Gäste und Direktoren anderer Anstalten das Waldhaus eröffnet. Schon bald aber zeigt es sich, dass die neue Klinik zu klein konzipiert wurde und viele Aufnahmegesuche abgelehnt werden müssen.
Eröffnung des Asyls Realta
Leichte Entspannung bringt 1919 die Eröffnung der im Pavillonstil erbauten Versorgungsanstalt Realta für Bedürftige aller Arten. Trotz des Baus der zweiten Irrenanstalt bleiben die Engpässe bei der Versorgung bestehen.
Als Folge des Platzmangels im Asyl Realta kauft der Kanton das fünf Kilometer entfernte Kurhaus Rothenbrunnen, das im Sommer 1924 bezogen werden kann. Steigende Belegungszahlen bringen die beiden Irrenanstalten jedoch weiter an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit. Im Gleichschritt mit den baulichen Erweiterungen etablieren sich auch neue Behandlungsmethoden.
So wird die Arbeitstherapie aus den 20er- Jahren weiter ausgebaut, zudem verändern neue biologische Behandlungsmöglichkeiten und die Elektrokrampfbehandlung das Gesicht der Psychiatrie grundlegend. Während der Kriegsjahre des zweiten Weltkrieges ist die Abteilung Arbeitskolonie im Haus Alt–Realta schwächer belegt, allerdings beherbergt sie eine grössere Anzahl an ausländischen Flüchtlingen, die sich in 16 verschiedenen Sprachen unterhalten.
Der Weg zur psychiatrischen Klinik
Die weiteren Jahre unter der Führung der Chefärzte Fred Singeisen und Otto Pfister sind geprägt durch eine Modernisierung der Beschäftigungstherapien, durch medikamentöse Entwöhnungskuren für Alkoholiker sowie durch eine verbesserte Zusammenarbeit mit Behörden und Spitalärzten. Anfang der 50er-Jahre werden Elektroschockbehandlungen unter Narkose und mit Curare durchgeführt.
Aber auch das Neuroleptikum Chlorpromazin wird entdeckt, das grosse Erfolge bei der Behandlung von manischen und schizophrenen Psychosen bringt. Gleichzeitig gewinnt neben den medikamentösen Behandlungen die Psychotherapie immer mehr an Bedeutung.
Als 1957 der Schweizer Roland Kuhn die antidepressive Wirkung von Imipramin (Tofranil) entdeckt, sind auch erfolgreiche Behandlungen von Depressionen möglich.
Die Kliniken öffnen sich
Mit der Renovation des Hauptgebäudes der Klinik Waldhaus, verschwinden in den frühen 60er-Jahren die Mauern um die Klinik, Eisenzäune und auch die Gitter vor den Fenster – die Kliniken werden allmählich offen geführt.
Als Folge der gesellschaftlichen Veränderungen wird ein neues Kundensegment zur Herausforderung für Ärzte und Pflegepersonal: die Drogenpatienten. Ebenfalls in diese Zeit fallen die ersten Bemühungen, einen Kinder- und Jugendpsychiatrischen sowie einen ambulanten Dienst aufzubauen, des Weiteren entwickeln sich in den frühen 70er-Jahren die Kunsttherapie, die Ergotherapie und die Bewegungstherapie zu wirksamen Behandlungsmethoden.
Weil die Patientenzahlen rückläufig sind, kann vermehrt Platz für gemütliche Wohn- und Aufenthaltsräume – und damit eine bessere Atmosphäre – in der Klinik geschaffen werden.
Seit Mitte der 70er-Jahre verlangen im Übrigen die Chefärzte vermehrt nach ambulanten, psychischen Behandlungen, um möglichst viele Klinikeinweisungen zu verhindern. Mit der Weiterentwicklung der Sozialpsychiatrie werden erste Wohngruppen für psychisch kranke Menschen eröffnet.
Aufbau ambulanter Dienste
Ein grösserer Umbau erfährt die Klinik Beverin in der ersten Hälfte der 70er-Jahre. Aber nicht nur Beverin, sondern auch die Klinik Waldhaus erfährt eine umfassende Sanierung. Neben diesen Infrastrukturanpassungen wird immer mehr ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung des ambulanten Dienstes gelegt.
So wurde 1979, ergänzend zur Basisversorgung durch die freipraktizierenden Psychiater, an der Klinik Waldhaus eben ein solcher Dienst eröffnet. Neben der Behandlung von psychisch kranken Menschen und Beurteilungen für Vormundschafts- und Justizbehörden erfährt die Wiedereingliederung von genesenen Patienten in den normalen Lebensalltag eine grössere Beachtung.
Der Schwerpunkt der Behandlung liegt neu bei der individuellen und allenfalls medikamentös unterstützten Psychotherapie, bei der auch die Angehörigen miteinbezogen werden.
Das Angebot wird mit einem Ausbau des Wohngruppen-Netzes erweitert. Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative der Patienten sind das oberste Prinzip.
1991 beschliesst die Bündner Regierung, auch an der Klinik Beverin einen ambulant-psychiatrischen Dienst mit Oberarztstellen einzurichten. Weiter werden 1993 und 2004 die Sanierungen der Klinik Waldhaus respektive der Klinik Beverin abgeschlossen.
Neue Angebote
Als einen Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie im Kanton können der Start der PDGR vor zehn Jahren und die Eröffnung von neuen Tageskliniken in St. Moritz, Ilanz und Davos bezeichnet werden.
Der Ausbau von weiteren Angeboten wie eine Tinnitusklinik, neue Wohngruppen oder den Arbeits- und Beschäftigungsstätten (ARBES) eröffnet bei der Behandlung von psychisch kranken Menschen neue Möglichkeiten und optimiert die Versorgung in den Regionen.
So bietet auch die 2011 eröffnete Privatklinik MENTALVA Resort & Spa in Cazis ein für die Schweiz einzigartiges Behandlungsangebot im Bereich der Komplementärmedizin.
Entwicklungen in der Behandlung von psychisch kranken Menschen
Cornelius Raeber befragt im Rahmen der Südostschweiz-Sonderbeilage – «Zehn Jahre Psychiatrische Dienste Graubünden» (erschienen am 2. Oktober 2012) Dr. med. Markus Bünter, ehemaliger Chefarzt und langjähriger Co-Chefarzt der PDGR.
Dank Forschung, steter Weiterentwicklung von Behandlungsstrategien sowie dem Aufbau von adäquaten Wohnformen haben Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen bessere Aussichten auf ein normalisiertes Leben.
«Viele Irre im 19. Jahrhundert lebten unter unmenschlichen und miserablen Verhältnissen, und es gab keine therapeutischen Massnahmen oder medikamentöse Wirksubstanzen, um Erregte zu beruhigen», weiss Markus Bünter,und weist dazu auf ein Buch des berühmten Schweizer Psychiatrie-Reformers Christian Müller hin: «Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit?», so der Titel des 1998 erschienenen Buches über die Geschichte der Psychiatrie.
Arbeiten als Therapieform
Schon 1897 schrieb der Arzt Otto Snell in seinem Buch «Die Grundzüge der Irrenpflege für Studierende und Ärzte», dass es für unruhige Kranke kein besseres und ungefährlicheres Mittel zur Herbeiführung von Ruhe und Schlaf gäbe als ein warmes Bad. Für den Extremfall empfahl Snell auch die Anwendung von Zwangsjacken – was damals auch im Waldhaus eine gängige Massnahme bei der Behandlung von Geisteskranken war.
Gemäss ersten Jahresberichten der Klinik Waldhaus Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert wurde ebenfalls schon damals die Arbeitstherapie als ausgezeichnetes Heil- und Beruhigungsmittel bezeichnet. Eine angemessene Beschäftigung sei das beste Mittel, um die Langeweile und die damit verknüpfte gedrückte, reizbare Stimmung zu beseitigen, so der Verfasser dieser Jahresberichte.
Erste Medikamente
«Erst als französische Militärpsychiater während des Zweiten Weltkriegs am Hôpital de la Salpêtrière in Paris feststellten, dass der Arzneistoff Chlorpromazin respektive Largactil bei Patienten mit Manie oder kriegsbedingten Schocks und Stressreaktionen sehr schnell und stark eine beruhigende Wirkung erzielte, wurde ein menschlicher und therapeutischer Zugang zu den Menschen gefunden», sagt Bünter zu diesem Meilenstein in der Geschichte der Psychiatrie.
Fünf Gruppen von Krankheiten
Die Schweiz sei bei der Erforschung von psychischen Krankheiten ziemlich führend gewesen, erklärt Bünter weiter und erwähnt in diesem Zusammenhang das Burghölzli und Eugen Bleuler, der 1917 als Erster den Oberbegriff Schizophrenie für eine Gruppe psychischer Störungen vorgeschlagen habe. Schizophrenie, eine Krankheit, die relativ konstant auftrete, sei bis zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen Dementia praecox zusammengefasst worden.
«Bei einer Erkrankungswahrscheinlichkeit von 0,8 Prozent der Bevölkerung erkrankt zirka beinahe jeder Hundertste im Laufe seines Lebens vorübergehend oder länger an Schizophrenie », schätzt Bünter, betont aber auch, dass viele Fälle spontan ausheilen oder dank moderner Therapien langfristig günstig verlaufen würden.
Der Psychiater unterteilt die Vielfalt der psychischen Krankheitsbilder in fünf Hauptgruppen: Demenzen, psychotische Erkrankungen, Suchtkrankheiten, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen, zu denen beispielsweise auch die Neurosen gehören.
Der Begriff gehe auf den Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856–1939), zurück und sei mit der Annahme verbunden, dass sich ein frühkindlicher und im Verlauf des Lebens ins Unbewusste verdrängter Konflikt im späteren Leben durch Symptome wie depressive Verstimmung oder Angst äussere, erklärt der Co-Chefarzt
Sinkendes Bettenangebot
«Für die Behandlung der verschiedenen Krankheiten haben sich in der Zwischenzeit die unzähligen psychotherapeutischen Formen und Behandlungsmöglichkeiten stark weiterentwickelt und differenziert», führt Bünter aus und teilt die Heilungsmethoden grob in drei Bereiche ein.
«Neben den eigentlichen Psychotherapien und den medikamentösen Behandlungen ist es ebenfalls die Soziotherapie mit ihren erfolgreichen Techniken zur Alltagsbewältigung, welche eine grosse Hilfe für die Patienten ist», so Bünter weiter.
Dazu können zunehmend weitere Behandlungen mit wissenschaftlichem Wirkungsnachweis, seien dies körperbezogene Methoden oder auch Sporttherapien, gezählt werden. Dank steter Weiterentwicklungen der Behandlungsstrategien sei es möglich geworden, die Bettenzahl in den psychiatrischen Kliniken des Kantons von einst über 700 auf noch gut 200 zu reduzieren, inklusive einer Privatklinik auf Topniveau – und Bünter kennt die Gründe dafür.
Bessere Versorgung in den Regionen
«Die Entwicklung wurde durch eine bessere psychiatrische Primär- und Grundversorgung mit Hausärzten und Psychiatern in den Regionen ermöglicht, wahrscheinlich haben wir bezogen auf die Bevölkerungszahl bald eine der dichtesten patientennahe, psychiatrische Grundversorgung in der Schweiz», so Bünter. Mit der Unterstützung zum Aufbau regionaler ambulanter Aussenstellen und Tageskliniken sei die Politik einem grossen Anliegen der Psychiatrie gefolgt.
Dank des breiten und zeitgemässen Angebots der Kliniken Waldhaus und Beverin – inklusive dem Angebot der Privatklinik MENTALVA – könne man sich noch besser den zentralen, stationären Behandlungen widmen, so Bünter. Die Folge sei, dass viele psychisch Kranke oder Behinderte ihr Leben nicht mehr in der Klinik verbringen müssen, sondern in Wohngruppen, in Wohnheimen oder sogar zu Hause leben können.
«Obwohl es keine statistischen Daten dazu gibt, gehen wir davon aus, dass diese Menschen durch eine aktive Teilnahme am alltäglichen Leben eine viel bessere Lebensqualität haben als noch vor einigen Jahren», sagt Bünter und sieht die Psychiatrie in dieser Entwicklung auf dem richtigen Weg.