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Den Fischbeständen der USA droht ein K.O.-Schlag
Die Fischereilobby kämpft gegen Schutzzonen und Überwachung. Regionale Behörde will nachgeben.
Red. Der Autor ist Leiter der Fischereikampagne von Oceana, einer Umweltschutzorganisation in den USA. Über das Dezimieren des Dorsches (=Kabeljau) liest man bei uns wenig.
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Vom «Cape Cod» bleibt fast nur noch der Name
«Cod» ist die US-Bezeichnung für den Dorsch oder Kabeljau. Dieser Fisch kann bis zu zwei Meter lang und bis zu fast 100 Kilo schwer werden.
Die Stadt Boston im Nordosten der USA war lange Zeit Synonym für Dorschfischerei. Seit dem 17. Jahrhundert war der Dorsch Schwerpunkt der regionalen Entwicklung und gab sogar dem berühmten Kap von Massachusetts seinen Namen «Cape Cod». Die Fische waren einst so zahlreich, dass man einer lokalen Anekdote zufolge fast auf ihrem Rücken zu Fuss den Ozean hätte überqueren können.
Seitdem sind die Bestände des atlantischen Dorsch massiv zurückgegangen; die Verantwortlichen der Fischindustrie haben während Jahren versucht, die Bestände wieder aufzubauen. Diese Versuche, die Folgen von Misswirtschaft und Überfischung zu beheben, reichten von tiefen Fangquoten bis zu Fangverboten.
Aber solche Massnahmen benötigen Zeit, und die Bestände haben sich noch nicht erholt. Im Golf von Maine und der Georges Bank zeigen neuere Schätzungen, dass der Dorsch dort nur 3 beziehungsweise 7 Prozent der angestrebten Menge erreicht. Und schon diese angestrebten Ziele liegen viel tiefer als die frühere Fülle der Bestände.
Der drohende Doppelschlag
Nun drohen jedoch zwei neue Vorschläge des «New England Fishery Management Council», einer staatlichen Behörde, welche für die Fischerei in der Region zuständig ist, die jahrelangen Bemühungen zum Schutz des atlantischen Dorsches und anderer Fischarten von New England zunichte zu machen. Dieser Doppelschlag gegen die Georges Bank und den Golf von Maine könnten den Knock-out bedeuten.
Zum ersten ist die Behörde im Begriff, den Umfang des geschützten Habitats in den Gewässern von New England drastisch zu reduzieren, beispielsweise um nahezu 80 Prozent rings um die Georges Bank. Dieser Plan würde die Ausdehnung von Grundschleppnetzfischerei und Ausbaggern, zwei der destruktivsten Fischereimethoden, bis in geschützte Gebiete erlauben.
Zusätzlich zur Aushöhlung des Habitatschutzes will die Behörde zweitens ein Programm aufheben, welches Beobachter auf Fischerbooten einsetzt, welche das Einhalten der Vorschriften überwachen. Aber ohne die Überwachung der Mengen von Fisch, die dem Meer entnommen werden, gibt es keine Möglichkeit, die Gesundheit ihrer Bestände genau zu bestimmen und sicherzustellen, dass die Quoten eingehalten werden
Die Fischindustrie hat sich bereit erklärt, letztendlich für die Überwachung zu bezahlen. Aber weil die Finanzierung des Bundes später in diesem Jahr zu Ende geht, versucht die Industrie, sich um ihre Verantwortlichkeit zu drücken, indem sie die Behörde dazu drängt, das Programm aufzuheben.
Doch wenn der Kontostand tief ist, sollte man nicht den Buchhalter entlassen.
Druck auch der Muschel-Lobby
Es droht auch Druck in Richtung weiterer Veränderungen. Die atlantische Jakobsmuschel ist eines der lukrativsten Produkte der US-Fischindustrie und bringt jedes Jahr Krustentiere im Wert von hunderten Millionen Dollar ein. Die Muschelfabriken sind in einer grosszügig finanzierten Gruppe zusammengeschlossen, die paradoxerweise den Namen «Fisheries Survival Fund» trägt. Diese gibt jährlich über eine Viertelmillion Dollar aus für die Vertretung ihrer Interessen, oft auf Kosten anderer Fischereizweige.
Weil sie mit ihren laufenden Profiten nicht zufrieden ist, macht die Muschelindustrie Druck auf die Behörde, Teile der bedeutendsten Fischgründe des New England Dorsches um die Georges Bank wieder zu öffnen, wo die bodenschürfenden Muschelbagger jede Hoffnung auf einen Wiederaufbau der Dorschbestände zunichte machen würden.
Nothilfe für die verantwortliche Fischindustrie
Ähnlicher Druck kommt von den Dorsch-, Haddock- und Flundernindustrien, die in einem Dauerzustand der Krise sind, weil die Fischer mit kleinen Fangmengen arbeiten müssen, die von der Verwaltung bestimmt werden mit dem Ziel, die Bestände wieder aufzubauen.
In den vergangenen zwei Jahren wurde die Fischerei in New England als Naturkatastrophe eingestuft. Deshalb erhielt die Fischindustrie über 30 Millionen Dollar Nothilfe von der Bundesregierung, um die Verluste zu kompensieren. Um ein weiteres Jahr zu überleben, benötigt die Industrie nach ihren Angaben zusätzlich Zugang zu bisher gesperrten Bereichen.
Ohne Konkurse der überdimensionierten Industrie geht es nicht
Aber indem sie versuchen, kurzfristig im Geschäft zu bleiben, riskieren sie die langfristige Existenz ihrer Fischerei. Konkurse, so schmerzhaft sie auch sind, sind für deren Überleben entscheidend. Eine Schwächung des Schutzes wird zweifellos den Kollaps der Weissfischbestände, einschliesslich des atlantischen Dorsches, noch fördern.
Das letzte Wort haben zum Glück das «Department of Commerce» und der «National Marine Fisheries Service», wenn es um Änderungen im Schutzumfang und den Einsatz von Beobachtern geht. Insbesondere der letztere hat wiederholt betont, dass für jegliche Änderungen am Habitatschutz nachgewiesen werden muss, dass sie diesen Schutz verstärken und nicht vermindern. Dies ist eine hohe Schwelle, die zu überwinden für den vorliegenden Vorschlag des «New England Fishery Management Council» schwierig sein wird.
Nachhaltige Fischerei ist langfristig viel rentabler
Es muss aber noch mehr getan werden. Die «Ocean Prosperity Roadmap», eine kürzlich von einer Arbeitsgemeinschaft von Wissenschaftern und NGOs erstellte Sammlung von Studien, zeigt auf, wie eine verantwortungsvolle Verwaltungspraxis mit Habitatschutz, Fangquoten und deren Überwachung nicht nur nachhaltigen Nutzen für die Umwelt, sondern auch deutliche wirtschaftliche Vorteile bringt. Die Autoren der Studie untersuchten tausende Fischereibetriebe weltweit und stellten fest, dass der Nutzen nachhaltiger Methoden die Kosten in einem Verhältnis von durchschnittlich 10 zu 1 überwog.
Deshalb sollte man den befristeten Preis für den Schutz des Habitats und die Überwachung der Quoten als Investition in die Zukunft betrachten. Es kann Jahre dauern, bis der Ertrag dieser Investitionen sichtbar wird, aber alles andere wäre unverantwortlich und letztendlich weit schmerzhafter für die Menschen, deren Lebensunterhalt von einem gesunden Meer abhängig ist.
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Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Stiner.
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Siehe
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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Der Autor ist Leiter der Fischereikampagne von Oceana, einer Umweltschutzorganisation in den USA.
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