Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/582

Lage
In Zürich Oberstrass, etwa 150 Meter unterhalb der Universitätsstrasse, zeigt sich zwischen den mehrstöckigen Wohnhäusern aus manchen Blickwinkeln ein zwiebelförmiges, dunkelgrünes Türmchen auf einem Dachgiebel. Aus seiner goldenen Spitze ragt ein goldenes Kreuz in den Himmel. Wir zweigen von der Stapferstrasse links in die Narzissenstrasse, und schon befinden uns vor dem Gebäude, das eine Kirche sein muss. Der Haupteingang, flankiert von zwei Engelsbildern, findet sich links an der asymmetrisch gestalteten Frontseite. «Emmaus» lesen wir zwischen der Überdachung des Portals und dem darüber angebrachten Bild des auferstandenen Christus mit zwei Jüngern beim Mahl. Der Schaukasten am Zaun an der Strasse gibt Aufschluss: Wir stehen nicht (mehr) vor der Emmaus-Kapelle der Chrischona-Gemeinde, sondern vor der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche. Auch sonst handelt es sich um kein gewöhnliches Kirchengebäude, beherbergt es doch neben dem eigentlichen Kirchenraum eine Priesterwohnung, einen Kindergarten, eine Krypta sowie mehrere Versammlungslokale. Die Geschichte des Gebäudes erklärt auch, warum die Engel am Eingang nicht direkt auf die Fassade gemalt sind, sondern auf Planen, die lediglich angeschraubt wurden.
Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung
Seit ihrer Gründung hatte die russisch-orthodoxe Auferstehungsgemeinde ihren Sitz an der Kinkelstrasse in Zürich. Pfarrer Oleg Batov erzählt: «Von 1936 bis 2001 hatten wir nur eine 2-Zimmer-Wohnung als Kirche.» Wie kam man zu der neuen Kirche? «Es war wie ein Wunder, ich hatte immer ein Auge auf dieses Haus, weil es eine Kirche mit anliegendem Gebäude war. Ich war vom 11. bis 16. September 2001 auf einer Pilgerreise in Bari, und einen Tag danach habe ich im Internet eine Anzeige mit dieser Kirche gesehen. Wir sagten: ‹Wir kaufen!›» Um die 1910 von der Chrischona-Gemeinde erbaute Emmaus-Kappelle zu erwerben, wurde noch im selben Jahr der «Kirchenbauverein Russisch-orthodoxe Kirche Narzissenstrasse» gegründet. Eine Schenkung russischer Geschäftsleute ermöglichte den Erwerb des Gotteshauses massgeblich. Auch die Chrischona-Gemeinde scheint froh gewesen zu sein, dass eine Kirche ihr Gebäude kaufen wollte: «Das ging schnell. Zwei Monate, und die Sache war unter Dach». erinnert sich Batov.
Es wurde nicht sehr viel umgebaut, nur die Orgel musste weg: «Wir haben in der russisch-orthodoxen Kirche keine Orgel (...). Es sollte nach orthodoxem Stil sein.» Der Zwiebelturm wurde eigens aus Moskau angeliefert. Er wurde auf die vorhandene Kirchturmspitze gesetzt und in dunkelgrüne Keramikziegel gekleidet. Auf Verlangen der Denkmalschutzpflege durfte er aber nicht höher als die frühere Kirchturmspitze sein, das orthodoxe Kreuz hingegen schon. Die Form der Fenster durfte nicht verändert werden. Kein Problem für die Gemeinde: «Wir hatten keine konkreten Wünsche, aber vielleicht hätten wir sie oben rund gemacht. Aber zuerst hat man gefragt.» Zwei Engelsgemälde, welche die Chrischona-Gemeinde einst beidseits des Haupteingangs angebracht hatte, durften nicht übermalt werden. Die neue Eigentümerin behalf sich damit, dass sie die ursprünglichen Engel mit zwei Planen überdeckten, auf denen nun Himmelsboten im russisch-orthodoxen Stil die Eintretenden grüssen. Für die innere Schönheit versah der Moskauer Künstler Alexander Kornouchow, der auch in Georgien und im Vatikan tätig war, die Altarwand und den Kirchenboden mit Mosaiken.
Am 15. Dezember 2002 war es dann soweit: Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, Mitglied des Heiligen Synods und Vorsteher des Aussenamtes des Moskauer Patriarchates, vollzog die «grosse Weihe». Knapp sechs Wochen zuvor hatte der Eigentümer von Nachbargebäuden gegen das Anbringen zweier Glocken Einsprache erhoben, wofür Pfarrer Batov auch Verständnis hat: «Sie hatten Angst, dass sie am Sonntag nicht ausschlafen können. Das ist normal, die Nachbarn sind sehr nahe an unserer Kirche. Wir haben das verstanden und versprachen auch, dass wir wenig läuten werden.» Die Einsprache wurde schliesslich im März 2003 abgewiesen. So ertönen heute die Glocken an der Narzissenstrasse nur am Samstag um 17 Uhr und am Sonntag um 10 Uhr, einzig an Ostern hört man sie um Mitternacht.
Gesicht zum Gebäude
Oleg Batov erhielt seine Weihe in zum Priester in Smolensk und lebte bis zum April 2000 in Moskau. Seither ist er in der Auferstehungsgemeinde in Zürich als Priester und Seelsorger tätig. Er ist ausserdem im Kirchenrat und seit 2001 Präsident des Kirchenbauvereines. In der Gemeinde nennt man ihn liebevoll «Batjuschka» (Väterchen). Batov ist verheiratet und wohnt im zweiten Stock des Kirchgebäudes an der Narzissenstrasse. Im November 2006 wurde er von Metropolit Kyrill Gundjajew zum Erzpriester ernannt, der höchste Rang, den ein verheirateter Geistlicher in der orthodoxen Kirche erreichen kann.
Nachbarschaft und Konflikte
Elena Messerli, die Finanzverwalterin der Kirche erzählt: «Wir haben gute nachbarschaftliche Beziehungen. An Ostern haben wir an Mitternacht eine grosse Prozession. Wir benachrichtigen die Leute mit einem kleinen Brieflein mit einem Osterei darauf und entschuldigen uns, dass es vielleicht etwas laut wird, und dann geht es.» Bei dem Umzug seien jeweils ca. 500 Personen mit Kerzen unterwegs und um 24 Uhr klingen die Glocken. Natürlich brauche es für all dies eine polizeiliche Bewilligung.
Im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der Christen fand im Januar 2004 erstmals eine ökumenisch durchgeführte orthodoxe Wasserweihe statt. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener christlicher Kirchen des Kantons Zürich nahmen an den Prozessionen teil, bei denen man mit Kirchenfahnen Richtung Limmat zog. Entsprechend dem orthodoxen Heiligungsverständnis der Schöpfung tauchte am Ende Oleg Batow ein Segenskreuz in die Limmat.
Religiöse Tradition
Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.
Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur in einem aufwändigen Prozess ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den anderen Kirchen betreffen die Rolle der Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).
«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig». Die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität.
Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.
Nach der Legende war der Apostel Andreas der erste christliche Missionar im Gebiet des späteren Russlands. Historiker gehen jedoch davon aus, dass die ostslawischen Völker erst im 10. Jahrhundert christianisiert wurden. Kirchenrechtlich unterstand die russische Kirche bis ins 16. Jahrhundert dem Patriarchat von Konstantinopel. Der 1589 erlangte Status als Kirche mit eigenem Oberhaupt (Autokephalie) zeigte sich bald im Selbstbewusstsein von Moskau als dem «Dritten Rom».
Nach der Oktoberrevolution wurde die russisch-orthodoxe Kirche 1918 ihres Grund- und Immobilienbesitzes enteignet. Ab 1929 wurde ihre Tätigkeit in vom Staat zur Verfügung gestellten Gebäuden eingeschränkt. Bis 1940 wurden zahlreiche Kirchenmitglieder verhaftet, der Staat betrieb antikirchliche Propaganda. Seit 1990 hat die Kirche jedoch einen Grossteil ihres Eigentums zurückerhalten. Die 1998 durchgeführte, international stark beachtete 1000-Jahr-Feier der russisch-orthodoxen Kirche, führte zu einer weiteren Entspannung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat.
Die russische orthodoxe Kirche bildet mit ca. 60 Millionen Gläubigen (in Russland selbst) die grösste orthodoxe Landeskirche der Welt. Sie umfasst weltweit rund 130 Eparchien (Bistümer). Ihr Oberhaupt ist seit dem 27. Januar 2009 Kyrill, «Patriarch von Moskau und ganz Russland», der 2002 als Metropolit die Auferstehungskirche in Zürich geweiht hatte.
Die russisch-orthodoxe Kirche feiert ihre Feste nach dem julianischen Kalender, der vom gregorianischem derzeit 13 Tage abweicht. Aus diesem Grund wird an der Narzissenstrasse die Geburt Christi am 7. Januar gefeiert. Die russisch-orthodoxe Liturgie wird in Kirchenslawisch abgehalten.
Die Auferstehungsgemeinde wurde 1936 in Zürich gegründet und ist die einzige dem Moskauer Patriarchat unterstellte Kirche der deutschen Schweiz. Sie zählt 300 eingetragene Mitglieder. Daneben existiert in Zürich an der Haldenbachstrasse 2 die Kirchgemeinde Hl. Pokrov. Sie gehört zur «Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland». die nach der Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg von russisch-orthodoxen Christen ausserhalb der Sowjetunion gegründet wurde und deren Oberhaupt («Metropolit») seinen Sitz seit 1957 in New York hat. Von der russisch-orthodoxen Kirche und der Gesamtorthodoxie wird die russisch-orthodoxe Auslandskirche als Kirche mit irregulärem Status angesehen; sie selbst versteht sich jedoch als Teil (bis 1990 als den freien Teil) der einen Russischen Kirche.