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Die Thora ist voller Rätsel
Als Frau im Rabbinat: Ein
Gespräch mit Bea Wyler
Die Schweizerin Bea Wyler ist als einzige Frau im
deutschsprachigen Raum als Gemeinderabbiner tätig.
1995 hat sie ihre Studien am Jewish Theological Seminary
in New York abgeschlossen und ihre Arbeit als Rabbinerin
der jüdischen Gemeinden Oldenburg und Braunschweig
aufgenommen. Wie gestaltet sich der Alltag im Rabbinat?
Wo stossen Frauen innerhalb des Judentums an Grenzen?
Das Judentum, seine Geschichte, seine Schriften,
Gesetze und Rituale sind geprägt von einer
jahrtausendealten patriarchalen Tradition. Wie gehen Sie
als Frau damit um?
Es stimmt, dass die jüdische Tradition
patriarchal geprägt ist, doch es gibt ganz
verschiedene Formen von Patriarchat. Das Patriarchat hat
sich in den vergangenen 4000 Jahren verändert und
tut dies weiterhin, möglicherweise auch in eine
Richtung, die es eines Tages ganz verschwinden
lässt. Das bedeutet nicht, dass damit auch die
Tradition verschwindet. Als Frau, die an dem Fortbestehen
eines patriarchalen Systems nicht sonderlich interessiert
ist, versuche ich natürlich, mit meinem Wissen und
mit der Art und Weise, wie ich mein Judentum lebe, am
Sockel dieser patriarchalen Ausprägung der Tradition
zu sägen.
Wie gestaltet sich ein Sägen am Sockel des
jüdischen Patriarchats?
Ich nenne Ihnen ein Beispiel. In der jüdischen
Tradition sind die Frauen von den meisten zeitgebundenen
Geboten befreit. Dazu gehört auch das tägliche
Gebet. Diese Regelung ist in einer patriarchalen
Gesellschaft entstanden, in der die Frauen
ausschliesslich für den Haushalt, die Küche und
die Kinder zuständig waren. Wenn eine Frau drei
kleine Kinder am Rockzipfel, eines auf den Schultern und
ein weiteres im Bauch hat, irgendwo ein
Wäschebottich kocht und gleichzeitig Kartoffeln auf
dem Herd stehen, dann ist es nicht möglich, sich
dreimal täglich Zeit zu nehmen für die Gebete.
Am Sockel des Patriarchates zu sägen hiesse, die
Befreiung der Frauen von zeitgebundenen Geboten neu zu
definieren. Wir können nämlich auch sagen, dass
in einer partnerschaftlichen Familie derjenige
Elternteil, der sich um die Kinder kümmert, vom
täglichen Gebet befreit und der andere dazu
verpflichtet ist. Ich kenne Familien, die das so
handhaben. Damit haben wir die Rollen nicht neu verteilt,
sondern neu definiert. Und wir haben die Tradition nicht
«verkauft», sondern wir haben sie erhalten,
indem wir genau hingesehen und uns gefragt haben, wie
eine solche Regelung zustande gekommen ist, die
Unterschiede zwischen den Geschlechtern macht.
Spielräume
Welchen Spielraum lassen die jüdischen
Schriften und Gesetze den Frauen, ihre traditionelle
Rolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau zu verändern
und aktiver am öffentlichen jüdischen Leben
&endash; zum Beispiel am Gottesdienst &endash;
teilzunehmen?
Die jüdisch-rabbinische Tradition lässt sehr
viel Spielraum. Sie basiert auf einer Streitkultur; es
wird gestritten um des Himmels Willen. Die Thora [die
fünf Bücher Mosis; der Pentateuch] ist in
unserem Verständnis Gottes Wort. Dieses Wort
können wir jedoch nur mit menschlichem Verstand
wahrnehmen. Und weil wir Menschen unterschiedliche
Hintergründe haben, verstehen wir die Thora
gezwungenermassen ebenso unterschiedlich. Auf dieser
Basis ist die jüdische Streitkultur angesiedelt. Die
Thora ist voller Rätsel, die wir nicht auf den
ersten Blick verstehen. Die unterschiedlichen
Hintergründe führen zu unterschiedlichen
Antworten und «Lösungsansätzen». Um
die Thora besser verstehen zu lernen, müssen wir
Fragen stellen und miteinander im Dialog bleiben. Vor
diesem Hintergrund kann jede Frage gestellt werden, denn
die Zielsetzung ist es, der Wahrheit &endash;
nämlich Gottes Willen zu erkennen und
auszuführen &endash; ein bisschen
näherzukommen. In einer Tradition, die diesen
Austausch derart kultiviert hat, ist jede Frage
möglich. Oder anders gesagt: Wenn sich die Wahrheit
nicht in Frage stellen lässt, dann war es noch nicht
die Wahrheit.
Was bedeutet das für die jüdische
Frau?
In eben diesem Rahmen und innerhalb dieser Kultur und
Tradition ist auch die Frage nach der Rolle der Frau neu
gestellt worden. Ich bin der Ansicht, dass in den
vergangenen 25 Jahren diesbezüglich unglaubliche
Fortschritte erzielt worden sind. Gegenüber der
feministischen Zeitschrift «Emma» habe ich das
einmal ganz provokativ formuliert: Es ist einfacher,
Feministin innerhalb des Judentums zu sein als Jüdin
innerhalb des Feminismus. Unter anderem die Tatsache,
dass die Frauenfrage sehr ernsthaft angegangen wurde, hat
es mir ermöglicht, im Judentum zu bleiben bzw.
meinen Weg zum Judentum neu zu finden und dorthin zu
gelangen, wo ich heute stehe. Im Grunde genommen ist die
rabbinische Streitkultur eine subversive Angelegenheit.
Es steht etwas in der Thora, der heiligen Schrift
&endash; und wir fragen: Warum? Das ist subversiv. Das
hat während 2000 Jahren im männlich dominierten
Rabbinat funktioniert. Die Methode stimmt also &endash;
und wir Frauen übernehmen sie.
Bietet das Judentum den Frauen
Handlungsspielräume?
Ja, weil es eine Tradition mit Streitkultur ist. 1973
wurde in den USA die erste Frau innerhalb der
Reformbewegung ordiniert. 1985 hat die «Conservative
Bewegung» beschlossen, Frauen zu ordinieren.
Während zweier Jahre, 1995 bis 1997, stand der
Rabbinerkonferenz der «Conservativen Bewegung»
in Israel eine von Männern gewählte Frau vor,
die in dieser Funktion unter anderem auch Rabbiner
ordinierte. Mehr kann nicht erreicht werden, als
darüber mit zu befinden, wer als Autorität in
unserem System lehren und entscheiden darf. 1973 bis 1995
&endash; das ist weniger als eine Generation. Wir sind
noch meilenweit davon entfernt, gleichberechtigt zu sein,
aber wir sind auf dem Weg dazu. Was wir in den
vergangenen 25 Jahren erreicht haben, ist bei einer
Tradition, die 4000 Jahre Geschichte in Anspruch nimmt,
phänomenal. Ich bin unter anderem deswegen sehr
stolz auf mein Judentum.
Entwicklung der Thora
Bis ins frühe Mittelalter hinein konnten
Frauen zur Thora aufgerufen werden* und daraus vorlesen,
was heute in einem orthodoxen Gottesdienst, in welchem
Frauen und Männer voneinander getrennt sitzen,
undenkbar wäre. Wieso ist es so schwierig, Rechte,
die den Frauen einmal zustanden, neu zu beleben?
Wenn im Laufe der Zeit der Brauch entstanden ist,
Frauen nicht zur Thora aufzurufen, ändert dies
nichts an der Tatsache, dass Basisdokumente wie der
Talmud es erlauben. In einem orthodoxen Rahmen Frauen zur
Thora aufzurufen ist nicht unmöglich. Unmöglich
ist nur, dass sich Frauen und Männer während
eines Gottesdienstes im selben Raum befinden. Und da die
Thorarolle physisch dort ist, wo die Männer sitzen,
sind die Frauen faktisch davon ausgeschlossen. Das kann
aber geändert werden. Keine orthodoxe jüdische
Gemeinde, die es ernst meint mit der Interpretation der
heiligen Schriften, kann es ablehnen, einen zweiten Raum
zur Verfügung zu stellen und die Frauen unter sich
aus der Thora vorlesen zu lassen. Ich kenne mehrere
orthodoxe Rabbiner, die das ermöglichen. Eine
wichtige Voraussetzung dafür ist, dass die Frauen
die Quellen kennen und mit diesen argumentieren, um ihre
Wünsche und ihre Rechte durchzusetzen. Das ist zwar
nicht einfach, aber in einer Streitkultur sollte es
eigentlich funktionieren.
Wie könnte das in der Praxis
aussehen?
Es gibt einen wichtigen Ausdruck in der rabbinischen
Literaturterminologie, das ist die «Chasaka»
(hebr.: Stärke). Wenn man ein Feld, das einem nicht
gehört, drei Jahre lang pflegt und bebaut, ohne dass
jemand Einspruch dagegen erhebt, kann man davon ausgehen,
dass einem das Feld gehört. Dieses Konzept kann man
natürlich auch auf andere Gebiete des Lebens
anwenden. Wenn eine Frau in einer Synagoge dreimal mit
einem Tallit (Gebetstuch) gebetet hat und es hatte
niemand etwas dagegen einzuwenden, dann kann sie für
sich in Anspruch nehmen, es sei durchaus Ortsbrauch, dass
Frauen zum Gebet einen Tallit anziehen.
Die amerikanische jüdische Feministin
Judith Plaskow plädiert für eine
«Hermeneutik des Erinnerns» und regt dabei
unter anderem eine Rekonstruktion der in der Thora wenig
Raum einnehmenden Erfahrungen und der Geschichte der
Frauen an. Könnten Sie sich eine ergänzende
oder weiterentwickelte Thora, die auch die Erfahrungen
der Frauen einschliesst, vorstellen?
Ja, denn auch die Frauen haben zur Bedeutung dieses
göttlichen Textes etwas zu sagen. Es ist unglaublich
wichtig, dass die Frauen gehört werden können.
Das bedeutet nicht, den Männern das Privileg
wegzunehmen, sondern dem jüdischen Volk als
Gesamtheit neue Privilegien zu verleihen. Die Stimmen der
Frauen zu hören ist eine Bereicherung. Wenn manche
Männer es heute noch als eine Bedrohung erleben,
wenn Frauen ihre Rechte fordern, dann ist das ein
massives Missverständnis, und es wird wohl noch eine
Weile dauern, bis wir dieses Missverständnis aus der
Welt geräumt haben. Ich bin nicht im geringsten
daran interessiert, die Männer aus dem Judentum zu
entfernen.
Prioritäten
Wie müsste eine Thora, welche die
Erinnerung der Frauen mit einbezieht, aussehen?
Der Thora-Text selbst darf nicht verändert
werden. Ein Weiterentwickeln und ein Einbezug der
Erfahrungen der Frauen erfolgt in der Auslegung. In
unserem Gespräch finden sich mehrere Beispiele, die
das illustrieren &endash; etwa das Neudefinieren der
Rollen beim täglichen Gebet.
Sie sind die einzige Frau im deutschsprachigen
Raum, die das Amt eines Gemeinderabbiners ausübt.
Welche Prioritäten setzen Sie bei Ihrer Arbeit als
Frau im Rabbinat?
Ich setze keine Prioritäten als Frau, ich setze
meine Prioritäten im Rabbinat nur als Rabbiner. Mein
Rabbinat besteht aus fünf Aufgaben: «Talmud
Thora» (die Auseinandersetzung mit der Tradition im
weitesten Sinne), Gottesdienste, Seelsorge,
Aussenbeziehungen &endash; dazu gehören Beziehungen
zu anderen jüdischen Gemeinden und Strömungen
innerhalb des Judentums, aber auch der
interreligiöse Dialog &endash; und meine eigene
Weiterbildung. Die Priorität Nummer eins ist
«Talmud Thora». Das bedeutet zu lernen und zu
lehren, sich auseinanderzusetzen und zu ringen mit der
Tradition und sie in unser tägliches Leben zu
integrieren.
Trotzdem: Gibt es nicht auch Dinge, die Sie
anders angehen als ein Mann?
Mit meiner Erfahrung und Erinnerung als Frau und als
aus Geschlechtsgründen diskriminierte Person
&endash; ich hatte beispielsweise kein Stimmrecht, als
ich 20 war &endash; ist es für mich vielleicht ein
bisschen früher inakzeptabel geworden, dass in
unserer Liturgie nur die Vorväter, nicht aber die
Vormütter erwähnt werden. Es gab eine
Sensibilisierung, die durch meine eigene, weibliche
Erfahrung geprägt war. Meine Bat-Mizwa [Feier
anlässlich der Aufnahme der Mädchen in die
gebotspflichtige Gemeinschaft] ist nicht vergessen
worden, sondern sie hat nicht stattgefunden. Ein anderes
Beispiel ist das Kaddisch-Gebet für einen
verstorbenen Elternteil, das im orthodoxen Judentum
ausschliesslich von Männern gesagt wird.
Trauerrituale sind jedoch für Trauernde da. Einer
Tochter abzusprechen, die von der Tradition entwickelten
Rituale zur Überwindung der Trauer auszuüben,
wenn ihre Eltern sterben, ist ganz einfach inakzeptabel.
Das heisst nämlich nichts anderes, als dass ihr
Trauern nicht gehört werden darf. Männertrauer
darf öffentlich sein, Frauentrauer muss privat
bleiben?
Entscheidungen
Wie gehen Sie als Rabbinerin mit Demokratie und
Entscheidungsmacht um?
Es ist meine Aufgabe als Rabbiner, auch liturgische
Fragen zu entscheiden. Nun, ich bin ja nicht
verrückt und entscheide etwas, das die Gemeinde
nicht mitträgt. Vor meinem Entscheid lernen und
diskutieren wir miteinander, bis ich einen Konsens
spüre. Aber entscheiden muss trotzdem ich,
dafür bin ich nämlich angestellt. Ab und zu
muss ich auch wieder daran erinnern, dass das rabbinische
System mit Demokratie ziemlich wenig zu tun hat. Wenn
eine jüdische Gemeinde ihr Gemeindeleben
hundertprozentig demokratisch gestalten will, dann kann
sie das tun, aber dann soll sie keinen Rabbiner mit
Entscheidungsbefugnis anstellen.
Sie legen Wert auf die Anrede «Frau
Rabbiner». Aus welchem Grund ist Ihnen das wichtig?
Es ist ein akademischer Titel. Von ausgewiesenen
Germanisten habe ich mich unterrichten lassen, dass die
deutsche Sprache für akademische Titel und
Berufsbezeichnungen keine Weiblichkeitsformen verwendet.
Wie gestaltet sich für Sie als Frau
Rabbiner die Vision einer jüdischen Gemeinde?
Eine jüdische Gemeinde ist dann lebensfähig,
wenn sie ihre Fachleute aus den eigenen Reihen aufbaut.
Davon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt.
Mehrere hundert Gesetze regeln das Leben von
praktizierenden Jüdinnen und Juden. Bleibt neben
einem konsequenten Befolgen dieser Gesetze Raum für
Eigenverantwortung?
Das Befolgen der Gesetze basiert auf
Eigenverantwortung. Die Frage lautet nie: «Darf
man?», sondern: «Darf ich, und passt es in
meine Wertvorstellungen religiöser Observanz?»
Der schrecklichste Jude ist derjenige, der alle 613
Gesetze der Thora einhält. Wir müssen stets
auch einen Spielraum bewahren, um zu wachsen; der Prozess
ist das Thema, nicht das Gesetz.
Welche Bedeutung, welchen Stellenwert hat die
Religion in einer säkularisierten
Gesellschaft?
Diese Frage beantworte ich nicht. Judentum ist keine
Religion, sondern eine Lebensweise. Am Pessach-Seder
beispielsweise reden wir von der Befreiung aus der
Versklavung. Jeder und jede soll dies jedes Jahr neu
nachvollziehen. Es hat mich sehr berührt, an meinem
letzten Pessach-Seder zu merken, dass ich von den
fünfzehn Anwesenden die einzige war, die noch nie
selbst erlebt hat, was es bedeutet, aus der Knechtschaft
befreit zu werden. Und dabei ist es völlig egal, ob
die anwesenden atheistischen russischsprechenden
Jüdinnen und Juden Pessach aus religiösen oder
aus anderen Gründen gefeiert haben; entscheidend
ist, dass wir einmal im Jahr darüber nachdenken, was
es bedeutet, aus der Knechtschaft befreit zu werden.
Unterdrückung und Freiheit &endash; das sind doch
auch für eine säkularisierte Gesellschaft gute
Themen, nicht wahr?
Valérie Rhein
Der Thora-Text wird, in wöchentliche
Abschnitte unterteilt, in der Synagoge innerhalb eines
Jahres einmal ganz vorgelesen. Während einer
Thora-Vorlesung werden sieben Anwesende namentlich zur
Thora aufgerufen; sie werden aufgefordert, zum
Vorlesepult zu gehen, einen Segensspruch zu sagen und
mitzuhören bzw. mitzulesen, wie der Vorbeter in
ihrem Namen der Gemeinde aus dem Thora-Wochenabschnitt
vorliest.
Valérie Rhein lebt als freie Journalistin in
Basel.
© Neue Zürcher Zeitung - 02.08.1999