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| Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)

Drittes Buch
XXXIV. Kapitel: Wieviel Arten von Zerknirschung es gibt
Gregorius. Die Zerknirschung läßt sich in viele Arten einteilen, insofern jede Sünde für sich allein vorn Büßer beweint wird. Deshalb läßt auch Jeremias die Büßer sprechen: „Wasserbäche vergießen meine Augen.”1 Man unterscheidet aber hauptsächlich zwei Arten von Zerknirschung, weil die nach Gott sich sehnende Seele zuerst aus Furcht und dann aus Liebe Reue empfindet. Zuerst nämlich vergießt sie Tränen, weil sie bei der Erinnerung an ihre Sünden sich wegen dieser vor der ewigen Pein fürchtet. Wenn aber durch lange Trauer und [S. 171] Angst die Furcht sich verloren hat, entsteht aus der zuversichtlichen Annahme der Verzeihung ein gewisses Sicherheitsgefühl, und die Seele wird ganz von Liebe zu den himmlischen Freuden erfüllt. Während sie früher weinte, um der Pein zu entgehen, weint sie nachher bitterlich, weil sie vom Himmelreiche getrennt ist. Denn sie betrachtet die Chöre der Engel, die Gesellschaft der seligen Geister und die Herrlichkeit der ewigen Anschauung Gottes; sie weint jetzt mehr darüber, daß sie den ewigen Gütern fern ist, als sie früher aus Furcht vor der ewigen Pein weinte. So kommt es, daß die vollkommene Furchtreue die Seele zur Liebesreue bringt. Das wird sehr schön in der heiligen und wahren Geschichte durch eine bildliche Erzählung geschildert, wenn es heißt, daß Axa, die Tochter Kalebs, seufzte, als sie auf dem Esel saß. Der Vater sprach zu ihr: „Was ist dir?” Da antwortete sie: „Gib mir einen Segen; du hast mir ein dürres Mittagsland gegeben, gib mir auch ein wasserreiches dazu.” Und ihr Vater gab ihr ein bewässertes Land in der Höhe und ein bewässertes Land in der Tiefe.2 Axa sitzt nämlich auf dem Esel, wenn die Seele die unvernünftigen Regungen des Fleisches beherrscht. Seufzend bittet sie den Vater um bewässertes Land, weil wir unsern Schöpfer unter vielen Seufzern um die Gabe der Tränen bitten müssen. Denn es gibt viele, die schon die Gnade empfangen haben, freimütig für die Gerechtigkeit zu sprechen, die Unterdrückten zu beschützen, unter die Notleidenden ihre Güter zu verteilen, Eifer für den Glauben zu haben, aber die Gnade der Tränen haben sie noch nicht. Diese besitzen nun allerdings ein dürres Mittagsland, aber des wasserreichen bedürfen sie noch. Sie üben zwar gute Werke und sind darin groß und eifrig, aber es ist auch notwendig, daß sie entweder aus Furcht vor der Strafe oder aus Liebe zum Himmelreiche das Böse beweinen, das sie früher begangen haben. Aber weil, wie ich vorher [S. 172] gesagt habe, es zwei Arten von Zerknirschung gibt, so gab ihr der Vater ein bewässertes Land in der Höhe und ein solches in der Tiefe. Das obere erhält die Seele, wenn sie weint und trauert aus Sehnsucht nach dem Himmelreich; das untere Land empfängt sie, wenn sie weint aus Furcht vor der Höllenstrafe. Und zwar wird ihr zuerst das bewässerte Land in der Tiefe gegeben und dann erst das in der Höhe. Weil aber die Liebesreue den Vorrang hat, mußte zuerst das obere und dann das untere erwähnt werden.
Petrus. Das ist sehr schön erklärt. Aber nachdem du erzählt hast, daß der ehrwürdige Eleutherius so große Verdienste besessen hat, drängt sich mir die Frage auf, ob man annehmen darf, daß es auch jetzt noch solche Männer auf der Welt gibt?
1: Klgl 3,48
2: Jos 15,18f