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Nach einen Restausschluss musste David Desharnais zusehen, wie Gottéron Spiel 1 in den Pre-Playoffs (best of 3) gegen Lugano verlor. Am Donnerstag will der Kanadier im Tessin alles daransetzen, sein Karriereende hinauszuzögern.
«Es gibt Verletzungen, oder ein Team will dich plötzlich nicht mehr. Ich aber wollte selbst entscheiden, wann es genug ist», sagte David Desharnais im Vorfeld der Pre-Playoffs gegen den HC Lugano als Erklärung dafür, weshalb er bereits vor dem Saisonbeginn klar gemacht hatte, dass es sich um seine letzte Saison handeln wird. Mit einer einzigen Aktion zu Beginn des Mitteldrittels hätte der Kanadier am Dienstag dann um ein Haar definitiv selbst sein mögliches, wenn auch ein ungewollt frühes und am Ende unrühmliches Karriereende besiegelt. Der Stockschlag zwischen die Beine seines Landsmanns Troy Josephs, der ihm eine 5-Minuten-Strafe plus einen Restausschluss einhandelte, hat für Desharnais jedoch glücklicherweise keine weiterreichenden Konsequenzen, und er kann am Donnerstag im Tessin in Spiel 2 Wiedergutmachung betreiben.
«Ich mache diese Bewegung vor dem gegnerischen Tor in jedem Spiel zehnmal. Ich sah Josephs nicht kommen, darum war der Stock plötzlich zwischen seinen Beinen. Ich hatte nicht die Zeit, um zu reagieren, so schnell lag er am Boden», erklärte Desharnais am Mittwoch nach dem fakultativen Training der Freiburger, an dem er nach seinem Kurzeinsatz vom Dienstag teilnahm. «Es war keine Absicht. Aber ich verstehe, warum er zu Boden sinkt. Dennoch waren die fünf Minuten übertrieben, obwohl es auf Video natürlich anders aussehen kann.» Es sei hart gewesen, so früh in die Kabine gehen zu müssen. «Du lässt deine Teamkollegen im Stich. Aber ich habe versucht, mir zu sagen, dass ich diese Bewegung in jedem Spiel mache. Sie ist natürlich. Ich wollte niemanden verletzten und nur mich schützen. Es war frustrierend, aber das gehört zum Spiel.»
Ein ungewohntes Leben in der Heimat
Wie das Spiel läuft, das weiss der erfahrene Desharnais aus dem Effeff. Auch wenn es bisher «nur» die Pre-Playoffs sind, bestreitet der 36-Jährige die zwölften Playoffs seiner Profikarriere, die in der Saison 2007/08 bei den Hamilton Bulldogs (AHL) respektive Cincinnati Cyclones (ECHL) begonnen hatte. Dass es für den Kanadier zugleich die letzten sind, macht sie für ihn selbstredend noch spezieller. Den Entscheid, nach dem Saisonende mit Gottéron den Schlussstrich unter seine Karriere zu ziehen, hatte er schon im letzten Herbst getroffen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er eine starke Qualifikation gespielt hat. «Ich habe diesen Entschluss gefasst, daran wird sich nichts mehr ändern. Natürlich stellst du dir immer wieder Fragen, schliesslich ist nach den Playoffs ein Kapitel in meinem Leben zu Ende. Aber es ist, wie es ist. Irgendwann muss man aufhören, und ich habe immer gesagt, dass der Zeitpunkt dann gekommen ist, wenn mein älterer Sohn in die Schule muss.» Er und seine Frau hätten sich zwar gefragt, ob sie nicht doch bleiben wollen, «der Lebensstandard ist unglaublich hier, das Essen, die Kultur, das Gesundheitssystem. Aber am Ende des Tages geht es darum, was du wirklich willst.» Und er wolle nach reiflicher Überlegung, dass seine Kinder von der Familie in Quebec umgeben aufwachsen können. «Es klingt vielleicht blöd, aber einigen bleibt nicht mehr so viel Zeit.»
Was ihn, seine Frau – in Kanada einst eine TV-Persönlichkeit sowie Sängerin – und die beiden Jungs in Kanada erwarten wird, sobald er die Schlittschuhe an den Nagel gehängt hat, weiss Desharnais selbst nicht genau. Während das Leben in Freiburg mit Kindertagesstätte und Schule strukturiert ist, seien die Sommermonate in der Heimat jeweils ein Hin und Her gewesen. «Wir werden sehen, wie das sein wird. Leben heisst, Entscheidungen zu treffen. Ob sie gut oder schlecht sind, zeigt erst die Zeit.» Er werde sich zunächst ein, zwei Jahre Zeit für die Kinder nehmen und um sich zu erholen. «Im August/September das Zuhause nicht mehr hinter sich lassen zu müssen, wird sicherlich speziell.»
«Dann bist du ein Superstar»
Umso wichtiger ist es dem klein gewachsenen Center, der es ohne gedraftet worden zu sein auf 524 NHL-Spiele gebracht und sechs Jahre für seinen Traumclub Montreal Canadiens gestürmt hat, seine letzten Playoffs nach der Episode vom Dienstag doch noch erfolgreich zu gestalten. Dass er als Topskorer seiner Mannschaft in die K.o.-Spiele gehen konnte, habe ihn stolz gemacht, zumal im Hinblick auf diese Saison vieles ungewiss gewesen sei. «Es war keine schlechte Qualifikation von mir, aber auch ich war manchmal zu wenig konstant. Die neu sechs und später sogar sieben Ausländer im Team haben einiges verändert. Du weisst nie, ob du auf die Tribüne musst. Zudem verringerte sich die Eiszeit, weil mehr gute Spieler im Kader sind. Statt 22, 23 Minuten bist du nun noch 18 oder 19 Minuten auf dem Eis, das wirkt sich zwangsläufig auf deine Statistiken aus.» Auch habe er sich gefragt, ob die Rücktrittsankündigung einen Einfluss auf seine Leistung haben wird. «Spiele ich noch mit dem Messer zwischen den Zähnen? Es gab viele Fragezeichen. Letztlich ist es aber egal, ob du noch einen Vertrag über acht Jahre hast oder ob es deine letzte Saison ist. Du musst das Spiel respektieren, dich um deine Gesundheit sorgen und hart arbeiten. Ja, es gab Zweifel. Aber du musst jeden Tag in der Halle erscheinen und deinen Effort leisten – dann geschehen normalerweise auch gute Dinge.»
Im Fall von Desharnais war das eine Regular Season mit 42 Skorerpunkten in 52 Partien, womit er zum zweiten Mal nach der Saison 2009/10, als er für die Hamilton Bulldogs in der AHL in 60 Spielen 78 Punkte erzielte, der Topskorer seines Teams war. «Ich habe ja schliesslich auch nicht in Plauschligen gespielt», schmunzelt Desharnais. «Die Konkurrenz war jeweils gross. Mit 60 Skorerpunkten war ich bei den Canadiens einmal der drittbeste Skorer des Teams. Wenn du ganz vorne bist, dann bist du ein Superstar in dieser Liga, das ist nochmals ein ganz anderes Level.»
Jetzt erst recht
Nun also bestreitet der Kanadier seine zwölften Playoffs, die für ihn so unglücklich begonnen haben. Für Desharnais, der sich in einem Podcast der Zeitung «La Liberté» auch schon darüber beklagt hatte, dass er von seinen Mitspielern zu wenig beschützt wird, war die Spieldauerdisziplinarstrafe höchst ungewöhnlich. Der Kanadier ist auch in hitzigen Momenten die Ruhe selbst und deswegen ein Spieler, der gerade in der Postseason nochmals einen Zacken zulegen kann. «Wenn du weisst, dass deine Saison in ein paar Tagen enden kann, gibst du eben alles, was du hast.» Zugleich versuche er, nicht daran zu denken, dass mit dem Playoff-Ende auch seine Karriere vorbei sei – nun womöglich bereits am Donnerstagabend in Lugano. «Ich nehme Tag für Tag und versuche, die Zeit zu geniessen, so wie ich es bereits während der ganzen Meisterschaft getan habe.»
Nach den Vorkommnissen vom Dienstag wird Desharnais geladen nach Lugano reisen. «Klar, die für mich ungerechtfertigte Strafe ist wie ein Booster, obwohl ich den nicht nötig gehabt hätte. Es ist wie so oft, ich werde versuchen, die negative Energie in etwas Positives umzuwandeln. Ich gehe dorthin, um ein gutes Spiel zu machen.» Gottéron wird einen brennenden Desharnais, der unter allen Umständen sein Karriereende hinauszögern will, gebrauchen können.
Spiel 2 in Lugano: «Die Scheibe attackieren, Rebounds verwerten»
Es war wie so oft in dieser Saison, wenn Gottéron spielt: Die Freiburger haben ein deutliches Chancenplus, scheitern am Ende aber an sich selbst und am effizienteren Gegner. Am Dienstag war das Lugano, das sich damit Spiel 1 in der Best-of-3-Serie der Pre-Playoffs mit 2:1 sicherte und mit einem Heimerfolg am Donnerstag Gottéron in die frühen Ferien schicken kann. «Das Spiel hat unsere Saison in der Tat widerspiegelt. Wir hatten nicht die Kraft oder die mentale Stärke, um die Tore zu machen», konstatierte Assistenztrainer Pavel Rosa. Wie Headcoach Christian Dubé während seiner Aktivzeit ein Skorer, kann sich der Tscheche in die Köpfe der Spieler reinversetzen. «Auch wir haben Chancen ausgelassen, wir haben das wahrlich auch selbst erlebt», sagte Rosa. Es bringe nun aber nichts, noch mehr Druck auf das Team auszuüben. «Jeder Spieler weiss, wie man Tore schiesst, und sie haben es bereits oft genug getan. Wenn wir nun noch mehr Stress machen, verschlimmert sich die Situation nur.»
Es fängt im Training an
31 Torschüsse konnten sich die Freiburger am Dienstag notieren lassen. Darunter waren 100-prozentige Torchancen wie jene von Victor Rask oder das Eins-gegen-eins-Duell von Nathan Marchon gegen Lugano-Hüter Mikko Koskinen. «Die Statistiken sind eindeutig. Die Möglichkeiten waren da. Wie beispielsweise Marchon versucht hat, den Goalie auszuspielen, war perfekt. Heute sind die Torhüter so gut, dass sie aus der Position gebracht werden müssen.» Ganz frei von Kritik lässt Rosa die Spieler aber nicht. «Der unbedingte Wille im Training, jeden Schuss zu versenken, fehlt. Das ist aber nicht nur bei uns der Fall, das sehe ich überall ein bisschen.» Center David Desharnais will ebenfalls nicht nur fehlendes Glück im Abschluss geltend machen. «Wenn du nicht triffst, dann musst du vor das Tor, dort die Scheibe attackieren, Rebounds verwerten. Ich weiss, das sind Klischees, aber in den Playoffs sind es genau solche Tore, die zählen.»
Mit Kuokkanen für Vainio?
Am Donnerstag müssen diese Tore in Lugano her, ansonsten ist die Saison für Gottéron zu Ende. Dass die Freiburger in der Resega skoren können, haben sie in der Qualifikation bewiesen, als sie auswärts mit 4:2 und 6:1 gewinnen konnten. Drei der zehn Treffer erzielte Desharnais. «Manchmal steckt man so tief im Schlamassel, dass man hadert. Jetzt bin ich aber zuversichtlich, dass wir in Lugano siegen können. Wir müssen nur unser Spiel besser ausführen», sagte der Kanadier. Gut möglich ist, dass er und seine Stürmerkollegen Unterstützung von Janne Kuokkanen in Spiel 2 der Pre-Playoffs erhalten werden. Obwohl zuletzt ausser Form, hat der Finne immerhin zehn Saisontore auf seinem Konto und könnte Verteidiger Juuso Vainio ersetzen.
Mit oder ohne Kuokkanen, Gottéron werde sich in Lugano mit der erforderlichen Demut präsentieren, erklärte Rosa. «Wir stehen nahe am Aus, da wird man bescheiden und ehrlich mit sich selbst. Mit Angst zu spielen, hilft meistens – und wenn die Spieler etwas zu beweisen haben, wie Desharnais nach seinem Restausschluss, dann hilft das auch.»
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