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Alle Parteien geben vor, ihn zu vertreten – und dennoch haben viele subjektiv das Gefühl, dass er stärker denn je bedroht ist: der Mittelstand. Ist diese Besorgnis berechtigt?
Politischer Kommentar von Anian Liebrand, erschienen im «Standpunkt», der Monatspublikation der EDU Schweiz vom Dezember 2021
Ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung sieht sich als Teil der Mittelschicht. Sie zählen damit zur Gruppe, die das Land trägt und zusammenhält – nicht zu den Superreichen, aber auch nicht zu den am Existenzminimum darbenden Menschen. Doch wer gehört tatsächlich zum Mittelstand? Wie ist die vage umschriebene Bevölkerungsschicht des Mittelstands in der Schweiz zu definieren?
Faktor Lohn ist entscheidend
Einen Erkenntnisgewinn zu diesen Fragen schaffte das Bundesamt für Statistik mit der 2016 gross angelegten «Analyse zur Lebensqualität der mittleren Einkommensgruppen». Demnach gilt das Einkommen als Hauptkriterium, um zu bestimmen, ob jemand zum Mittelstand gehört oder nicht. Aber auch die Zusammensetzung des Haushalts (z.B. die Anzahl Kinder) spielt für die Berechnungen eine Rolle. Dem Mittelstand zugerechnet werden Menschen, die in einem Haushalt wohnen, der über ein Bruttoeinkommen von zwischen 70 % und 150 % des medianen Einkommens verfügt. Das mediane Einkommen entspricht jenem Wert, der die Bevölkerung in zwei gleich grosse Hälften teilt: Eine Hälfte verfügt über ein kleineres Einkommen, die andere über ein grösseres. Diesen Kriterien entsprechend, gehören laut BfS rund 60 % der Schweizerinnen und Schweizer zum Mittelstand. Ein Fünftel der Bevölkerung verfügt über ein «geringes Einkommen» (weniger als 70 % des Medianeinkommens) und ein weiteres Fünftel verfügt über ein Einkommen über jenem des Mittelstands.
Eigenheim bleibt meist ein Traum
Diese Zusammensetzung dürfte sich in den letzten fünf Jahren nur geringfügig verändert haben. Die Nominallöhne steigen zwar kontinuierlich an (wenn auch auf tiefem Niveau) und im internationalen Vergleich verfügen Schweizer Haushalte nach wie vor über eine starke Kaufkraft. Wegen Inflation (Geldentwertung), Teuerung, höherer Mietpreise, mehr Steuern und Abgaben an den Staat oder zunehmender Lebenshaltungskosten und -ansprüchen bleibt dem Schweizer Mittelstand aber per Ende Jahr immer weniger Geld zur Verfügung. Bei ökonomischem Haushalten reicht es den meisten von uns zwar für Anschaffungen des täglichen Bedarfs und Hobbys, für Wohnkomfort, Mobilität und für mindestens einmal im Jahr längere Ferien. Wohneigentum zu erwerben (die eigenen vier Wände als Symbol eines starken Mittelstands) ist dagegen für die grosse Mehrheit der jungen Generation in weite Ferne gerückt, nicht zuletzt auch wegen des anhaltenden Zuwanderungsdrucks und der Boden- und Immobilienspekulation.
Staatsquote als Damoklesschwert
Eine der wohl grössten Bedrohungen für die freie Entfaltung des Mittelstands stellt die nicht enden wollende Staatsaufblähung dar. Im Durchschnitt arbeiten Schweizer Arbeitnehmende mehr als die Hälfte des Jahres nur für den Staat. Insbesondere das Stellenwachstum beim Bund, der seit 2021 erstmals rund 40 000 Beamte (zu überrissenen Durchschnittslöhnen von teils etwa 10 000 Franken pro Monat) besoldet, entzieht den Bürgerinnen und Bürgern Jahr für Jahr mehr Kaufkraft und ist immer schwerer zu verkraften.