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Und dann kommt der Song eines Feuerwehrmanns: ein ehemaliger Polizist, der den Job aufgegeben hat, nachdem er beinahe einen Unschuldigen erschoss – jetzt, als Feuerwehrmann, fühlt er, dass er etwas Sinnvolles tut, zuweilen gar Leben rettet. Und im Publikum weiss man nicht, soll man tapfer klatschen oder betroffen schweigen, während in einem die Bilder des Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington aufsteigen, in dem zwei Tage zuvor mindestens 79 Menschen verbrannt und ebenso viele von der Feuerwehr gerettet worden sind.
Das ist nur ein Moment, der diese Londoner Theateraufführung von «Working» besonders aktuell macht. Das Stück basiert auf einem Buch von Studs Terkel, dem US-amerikanischen Historiker und Radiomann. 1974 erschienen, handelt es von dem, was der Titel benennt: vom Arbeiten. Was immer noch ziemlich selten auf die Bühne kommt.
Studs Terkel (1912–2008) schuf mit «Hard Times» (1970) über die grosse Depression der 1930er-Jahre und mit «Working» Klassiker der Oral History. Er gab den Leuten ihre Stimme, auch in zahllosen Radiointerviews bis ins hohe Alter im National Public Radio. «Working» hat einen sprechenden Untertitel: «People talk about what they do all day and what they feel about what they do». Terkel liess die Menschen erzählen über das, was sie ganz konkret tun, die Handgriffe, die angewandten Fähigkeiten, das Zusammenwirken mit andern, und dabei reflektieren sie, mehr oder weniger elaboriert, wie sich das für sie anfühlt, was es bedeutet, welchen persönlichen Wert sie aus ihrer Arbeit ziehen.
Suche nach Identität
Wie soll man stolz darauf sein, vierzig Jahre lang Tag für Tag das gleiche zu machen, meint ein Stahlarbeiter; ein Steinmetz träumt umgekehrt davon, einmal ein Haus ganz aus Stein zu bauen, auch die Haustür – obwohl, wie er anfügt, die ein wenig schwer würde. Die Kellnerin in einem gehobeneren Restaurant imaginiert sich ihre Tätigkeit als Kunst, während die Flight Attendant ihre einst als glamourös beworbene Arbeit zunehmend desillusioniert erlebt.
Terkel hielt sich zurück, seinen kunstvoll verdichteten Interviews eine These aufzubürden, aber engagierte Sozialrecherche sind sie, weil sie die Kraft und die Würde der einzelnen Menschen zeigen. Und weil sie den Doppelcharakter der Arbeit sichtbar machen. Da ist der konkrete Arbeitsvorgang mit den resultierenden Gebrauchswerten. Der bleibt eingebunden in die kapitalistische Tauschwertproduktion. Der Widerspruch braucht eine Bewegungsform: eine Identität, die sich der Arbeit bei allen Beschränkungen abgewinnen lässt.
Bereits 1977 machte Stephen Schwartz aus der Vorlage ein Musical, oder besser eine Abfolge von choreografierten Songs, mithilfe verschiedener KomponistInnen. 35 Jahre später mit neuen Songs ergänzt, wurde das Stück ein moderater Off-Broadway-Erfolg und erlebt jetzt in London die europäische Erstaufführung.
Schmissig
Die vorgeführten Jobs und Arbeitssituationen sind US-amerikanisch, und US-amerikanisch ist auch die Musik. Das heisst, sie ist schmissig und funktional, zuweilen jazzig, zuweilen balladeks, aber immer kräftig bühnentauglich. Die Texte allerdings gehen über ihren spezifischen Kontext hinaus. «Brother Trucker» oder «Millwork» von James Taylor scheinen klassische Bilder von blue collar work zu bedienen, die angeblich am Aussterben ist. Aber wenn die Fabrikarbeiterin ihren konkreten Arbeitsablauf beschreibt, im Achtzig-Sekunden-Rhythmus, dann ist man in den Sweatshops der Weltwirtschaft angelangt. Und wenn der Lastwagenfahrer seine Freiheit zu beschwören versucht, dann werden Mentalitäten sichtbar, die in den USA neue Urständ gefeiert haben. Dabei entziehen sich die Texte nostalgischer Identifikation. Man mag mit der Lehrerin mitfühlen, die früher zwanzig Kindern pro Klasse englische Literatur beibrachte und heute fünfzig Kindern pro Klasse Englisch als zweite Sprache einpauken muss, während die gelangweilt ihre Handys bedienen – bis sich die Lehrerin als Anhängerin der Prügelstrafe zu erkennen gibt. Und die neueren Stücke beschäftigen sich mit ausgelagerten und flexibilisierten Jobs: ein Angestellter in einem Call Center in Indien, ein Pizza-Auslieferer, der auf eigene Rechnung arbeitet.
Die Gesangsleistungen der sechs HauptdarstellerInnen sind erstaunlich, die Choreografie im beschränkten Raum des Southwark Playhouse ist beachtlich. Zum Schlusslied findet sich das Ensemble zu einer Art US-amerikanisch optimistischen Version von Brechts Gedicht «Fragen eines lesenden Arbeiters» zusammen – dass alle, die an und in einem Hochhaus gearbeitet haben, verewigt werden auf einer riesigen Plakette, die sich das ganze Haus entlang hochzieht. Das ist eine hübsch symbolische Idee: den Wert der Arbeit öffentlich anerkennen. Dann denkt man an den Brand im Grenfell Tower und muss sich sagen, dass Arbeit nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern unter bestimmten Produktions- und Machtverhältnissen. Die Feuerwehr hat angesichts der Katastrophe heroische Arbeit geleistet. Aber wenn die konservativ dominierte Behörde des reichen Councils die Sozialwohnungen für die ärmeren QuartierbewohnerInnen besser unterhalten hätte, hätte es die Feuerwehrleute nicht als HeldInnen gebraucht.
Stefan Howald
«Working» läuft im Southwark Playhouse noch bis zum 8. Juli, siehe www.southwarkplayhouse.co.uk