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durch lebensvollen kleinern Romane Fontanes: »Cecile«, »Irrungen - Wirrungen«, der Roman »Dunst und Geld« von Karl Frenzel, endlich die größern Erzählungen von Marie v. Ebner-Eschenbach: »Zwei Komtessen«, »Das Gemeindekind« und »Die Unverstandene auf dein Dorfe« mit Recht starken Anteil. Von poetischer Kraft [* 2] zeugten die Romane und Novellen der früh verstorbenen Margarete v. Bülow, namentlich »Jonas Briccius«, ferner »Der Sohn der Volskerin« und »Die neue Circe« von Richard Voß, der auch in Roman und Novelle die eigentümliche Mischung echt poetischer Empfindungs- und Darstellungskraft und krankhafter Unwirklichkeit zeigt, deren bei seinen Dramen gedacht werden mußte.
Bedeutend und geistreich, aber mehr durch Reflexion [* 3] als durch poetische Erfindung und Charakteristik getragen erschienen die Romane »Die Sebalds« und »Zwei Wiegen« von Wilhelm Jordan. Mit den Romanen »Die Krankheit des Jahrhunderts« von Max Nordau, »Hymen« von Oskar v. Redwitz, der Romanfolge »Berlin« [* 4] von Paul Lindau, [* 5] den Romanen »Dunkle Existenzen« und »Menschenschicksale« von Konrad Telmann beginnt eine Reihe von Darstellungen, in denen entweder ein unerfreulicher Vorwurf durch die Würze des Räsonnements, der pikanten Szenen genießbar und anziehend gemacht werden soll, oder die poetische Absicht der Verfasser weit über die darstellende Kunst und Kraft hinausgeht.
Von dem fast allzu produktiven Wilhelm Jensen erschienen die Romane »Runensteine«, »In der Fremde«, die Novellensammlungen »Aus stiller Zeit« und »Aus schwerer Zeit«, überall wieder die außerordentliche Phantasie und Stimmungskraft des Dichters, aber auch den Zug zum Manierismus besthätigend, der ihm wie vielen Poeten der Gegenwart eigen ist. Die Romane von Aug. Niemann (»Eulen [* 6] und Krebse«, »Am Hofe« u.a.), von Robert Byr, L. Haidheim, E. A. König, Max Ring, C. ^[richtig: H.] Rosenthal-Bonin, auch die etwas anspruchsvollern von Ossip Schubin neigen schon alle nach der mehr oder minder fesselnden, meist stark gewürzten Unterhaltungslitteratur hinüber.
Im humoristischen Roman behauptete (von Keller abgesehen) noch immer Wilh. Raabe mit seinen eigentümlichen, um der Komposition und klaren Handlungsführung selten, um der Tiefe der Stimmung und der genialen Blicke in das Menschenleben und -Wesen fast immer zu lobenden kleinen Romanen mit und ohne historischen Hintergrund das Feld. Von ihm reihten sich die Bücher: »Das Odfeld«, »Im alten Eisen«, [* 7] »Zum wilden Mann« den früher erschienenen humoristischen Bildern aus deutschem Leben, aus einer verschwindenden Kulturwelt würdig an. Größern Erfolg als Raabes poetische Auffassung und Darstellung hatte die witzig-satirische der Buchholzbücher von Jul. Stinde: »Die Familie Buchholz«, »Buchholzens in Italien«, [* 8] »Buchholzens im Orient« etc., in welchen das durchschnittliche Berlinertum zugleich verspottet und verherrlicht ward, die übrigens in ihrer locker-lässigen Form kaum noch den Namen von Romanen in Anspruch nehmen können. Ein humoristischer Roman von frischer Bewegung war »Moderne Argonauten« von Frank Harkut.
Der historische Roman ward in der jüngsten Vergangenheit zum Gegenstand der heftigsten, leidenschaftlichsten Angriffe, die ebensosehr über das Ziel hinausschossen, als eine gewisse Bildungsphilisterei den Wert geschichtlicher Stoffe ohne echt poetische Belebung traurig überschätzte und, wie die immer neu auftauchenden Romane aus antiken, byzantinischen und völkerwanderlichen Zeiten beweisen, zu überschätzen fortfährt. Die Acht, welche die naturalistische Ästhetik und Kritik über jede nicht aus der unmittelbarsten Gegenwart geschöpfte Erfindung ausspricht, ist um deswillen undurchführbar und sinnlos, weil der gute historische Roman, der zugleich ein echt dichterisches Werk ist, sich immer wieder an die Gegenwart richten wird.
»Das Tagesgelärm der augenblicklichen Wortführer der Aktualität ist so knabenhaft, daß es jede wahrhafte Widerlegung ausschließt; nur völlige Kenntnislosigkeit von dem, was überhaupt Dichtung ist, und wo die Dichtung ihre Kraft birgt, gibt sich in dem ganzen Lärm kund.« (Jensen.) Gleichwohl darf das nicht verkannt werden, daß der historische Roman in eben dem Maß an Lebenskraft verlor, als seine litterarischen Pfleger der Forderung, daß auch er gelebt, innerlich erlebt und angeschaut sein müsse, zu gunsten irgend welcher Neben- und Unteraufgaben auszuweichen begannen.
In dem in Rede stehenden Jahrfünft wurde die historische Romanfolge »Die Ahnen« von Gustav Freytag, in deren letzten Teilen die poetischen Motive und Gestalten empfindlich hinter die kulturhistorischen und politischen Momente zurücktraten, zu Ende geführt. Starkes und eignes Leben, glänzende Phantasie, die doch allzusehr auf den Bildungsvoraussetzungen eines gelehrten und vielwissenden Geschlechts beruht und darum in ihren Motiven und Gestalten oft der Einfachheit entbehrt, offenbaren die neuern historischen Erzählungen von Konrad Ferdinand Meyer: »Die Richterin«, »Die Hochzeit des Mönchs«, »Die Versuchung des Pescara«.
Von Ad. Stern erschien der Roman »Camoëns«, der die historisch-dunkle und rätselvolle spätere Lebensgeschichte des großen portugiesischen Heldendichters poetisch zu erhellen unternimmt. Weitere historische Romane waren: »Der große Kurfürst in Preußen« [* 9] von Ernst Wichert, »Aphrodite« [* 10] und »Nero« von Ernst Eckstein, »Die Gred« von Georg Ebers, »Das Schatzhaus des Königs«, »Octavia« von Wilhelm Walloth, die Folge kleiner Romane aus der Völkerwanderung von Felix Dahn, denen allen gegenüber das Wort gilt, daß keine poetische Gattung der Welt aus andern als poetischen Gründen vorhanden sein darf, daß der schlechteste Dienst, der sich dem historischen Roman und der historischen Novelle leisten läßt, der ist, sie für eine Art didaktischer Dichtung in Prosa zu erklären.
Nur wo der historische Roman Anlaß wird, gewisse Seiten des Lebens, gewisse Erscheinungen und Empfindungen, gewisse Gestalten darzustellen, ohne welche das poetische Bild der Menschheit wesentlich ärmer sein würde, nur wo ein Stück Leben entweder ausschließlich oder doch mit ergreifender Stärke [* 11] und Deutlichkeit gerade nur am historischen Vorgang oder auf historischem Hintergrund darzustellen ist, kann der historische Roman mit dem, der das allen vertraute Leben des Tags erfaßt, in die Schranken treten.
Das Gleiche gilt vom ethnographischen Roman, in welchem ein fremdartiges Volksdasein und Landschaftsleben die poetischen Motive entweder bestreiten oder verstärken muß. Die bedeutendste Erscheinung auf diesem Gebiet war »Ein Kampf ums Recht« von Karl Emil Franzos, in welchem das alte tragische Motiv vom versagten Recht und der daraus hervorgehenden Gewaltthat, auf die Verhältnisse des europäischen Ostens, Halbasiens, angewendet, eine Erfindung und Handlung der wirksamsten Art ergab. Vom Verfasser des gleichen Romans traten außerdem die Erzählung »Die Schatten« [* 12] und »Tragische Novellen hervor.
Die Novelle, die noch immer vielseitig, um nicht ¶
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zu sagen allseitig gepflegt wird, hat einen ihrer ersten deutschen Meister in Theodor Storm verloren, nicht ohne daß derselbe noch in seinen letzten erzählenden Schöpfungen, namentlich in der ergreifenden, lebenswarmen und tiefen Novelle »Der Schimmelreiter«, als ganzer Dichter und echter Erzähler sich erwies. Von sonst anerkannten Vertretern der künstlerischen, poetisch-lebensvollen Novelle veröffentlichte Paul Heyse wiederum einige Bände seiner Novellen, unter denen einzelne (wie »Himmlische und irdische Liebe«) zu den besten Gebilden des Dichters zu rechnen sind.
Der immer jugendfrische H. W. Riehl gab in der Sammlung »Lebensrätsel« aufs neue ein paar seiner besten Erzählungen. Von entschiedener poetischer Begabung zeugten die »Neuen Dorf- u. Schloßgeschichten« von Marie Ebner-Eschenbach. Neben der anerkannten Novellistin verdienen die prächtigen »Hamburger Novellen« von Ilse Frapan, die auf weimarischen Traditionen beruhenden höchst lebendigen »Ratsmädelgeschichten« von Helene Böhlau mit aller Anerkennung hervorgehoben zu werden.
Ihnen schlossen sich die schwäbischen »Aus meiner Heimat« von H. Villinger an. In »Wolken und Sonnenschein« sammelte ein Dichter von Kraft und Eigentümlichkeit wie Lud. Anzengruber, der trotz des stärksten Realismus die Poesie nicht verleugnet, seine leider letzten Dorfgeschichten. Mit allen Reizen poetischer Kleinmalerei wirkten die »Vorstadtgeschichten« von Heinrich Seidel, die »Waldnovellen« von Jul. Stinde, die Novellen »Schicksale« von Ferd. v. Saar, die »Kleinen Geschichten von Richard Leander-Volkmann. Aus der modernen Gesellschaftswelt schöpfte in seinen "Neuen Novellen« Ernst v. Wildenbruch, in einer Reihe von einzelnen und gesammelten Novellen Alfred Friedmann und zahlreiche andre; in den Kreis [* 14] der Dialektpoesie trat Richard Weitbrecht mit »Allerhand Leut', Schwobagschichta« zurück.
Geschichtliche und biographische Litteratur.
Auf dem Gebiet der Litteratur-, der Kunstgeschichte, der Geschichte und Biographie herrschte zwar auch in der vorliegenden Periode der Trieb zur Einzelforschung, zur genauen urkundlich nicht bloß belegten, sondern in den Urkunden selbst vorgeführten Wahrheit entschieden vor und schränkte die Zahl der Werke, die nach dem Vorzug künstlerischer Darstellung strebten, mehr und mehr ein; gleichwohl sind auch aus neuester Zeit eine Anzahl Werke zu verzeichnen, die der Nationallitteratur im engern Sinn eingereiht werden müssen.
Voran sieht hier Heinrich v. Treitschke »Deutsche [* 15] Geschichte im 19. Jahrhundert«, die bis zum Schluß des vierten Bandes gedieh, gleich sehr durch die Macht und den Stolz vaterländischer Gesinnung, die warme Lebensfülle, den Farbenreichtum ihrer Erzählung, den Reiz eines ganz individuellen, männlichen Stils, den Scharfblick eines gebornen Politikers und die ganze Gründlichkeit eines ernsten Forschers ausgezeichnet, die Entwickelung des geistigen wie die des realen Lebens der Nation mit gleichem Anteil begleitend, aber freilich weit von der kühlen Objektivität entfernt, die das Ideal so vieler Historiker geworden ist.
Ein gewaltiges Stück vaterländischer Geschichte behandelte Heinrich v. SybelSybel in »Die Begründung des Deutschen Reichs durch Wilhelm I.« hauptsächlich aus den preußischen Staatsakten. Ein durch Glanz der Darstellung und die geistige Beherrschung eines unsäglich ungleichen und bröckeligen Materials ausgezeichnetes Werk war die »Geschichte der Stadt Athen [* 16] im Mittelalter« von Ferd. Gregorovius. Unter den historischen Biographien verdient vor allen »Scharnhorst« von Max Lehmann, ferner das Buch »König Friedrich von Württemberg [* 17] und seine Zeit« von A. Pfister, eine verspätete Apologie des ersten Schwabenkönigs, hervorgehoben zu werden.
Historische Erinnerungen (Memoiren) von Männern, die selbst im Mittelpunkt großer Ereignisse und Wandlungen gestanden haben, traten ungewöhnlich zahlreich hervor. Das bedeutendste Werk dieser Art sind die im Auftrag der Familie von Fr. Nippold herausgegebenen »Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen«, deren beide erste Bände die Zeit von 1771 bis 1811 umfassen. Inhaltlich wichtig und durch Geist und Lebhaftigkeit der Darstellung ausgezeichnet sind die Erinnerungen des regierenden Herzogs Ernst II. von Koburg-Gotha: »Aus meinem Leben und meiner Zeit«, neben denen die Aufzeichnungen des sächsischen Diplomaten Grafen Vitzthum: »Berlin und Wien«, [* 18] »St. Petersburg [* 19] und London«, [* 20] »London, Gastein und Sadowa«, obschon frisch und anschaulich geschrieben, die Erinnerungen von Karl Biedermann: »Mein Leben und ein Stück Zeitgeschichte«, die »Lebenserinnerungen« von Fr. Ötker in die zweite Linie traten.
Mehr der Litteratur als der Geschichte gehörten die interessanten »Erinnerungen aus meinem Leben« von Gustav Freytag und »Ein halbes Jahrhundert«, Aufzeichnungen des Grafen F. A. von Schack, die »Jugendjahre« von Wilhelm Wackernagel, die »Jugendeindrücke u. Erlebnisse« von Georg Weber, die »Geschichte meines Lebens« von Alfred Meißner sowie die »Lebenserinnerungen« von Levin Schücking an. Die »Stationen meiner Lebenspilgerschaft« von R. Hamerling, »Aus dem Leben und den Erinnerungen eines norddeutschen Poeten« von Heinrich Zeise zeigen minder scharfes Gepräge, um so schärferes die von Felix Bamberg [* 21] herausgegebenen »Tagebücher« des Dichters Friedrich Hebbel, Aufzeichnungen, die zu den wichtigsten und unvergänglichsten Zeugnissen der deutschen Litteratur- und Kulturgeschichte der Jahre von 1840 bis 1863 zählen. Nicht minder wichtig und fesselnd, obschon aus einer völlig andern Welt stammend, eine geradezu gegensätzliche Natur offenbarend erschienen die »Lebenserinnerungen eines deutschen Malers« von dem liebenswürdigen Ludwig Richter, die denn auch außerordentliche Verbreitung fanden.
Die Briefe, welche neu veröffentlicht wurden, reichten freilich zum großen Teil in die ersten Jahrzehnte dieses, ja in die letzten des vorigen Jahrhunderts zurück. Der Goethelitteratur gehörten außer vielen im »Goethe-Jahrbuch« zuerst veröffentlichten und nun noch in die chronologische Sammlung aller Goethebriefe in der Weimarischen Ausgabe der Werke übergehenden Briefe, der »Briefwechsel zwischen Goethe und Carlyle«, der »Briefwechsel zwischen Goethe und Rochlitz« reihen sich der großen Zahl verwandter Veröffentlichungen völlig ebenbürtig an. Weiter zurück reichen »Geblers und Nicolais Briefwechsel« (hrsg. von Werner) und »Herders Briefwechsel mit Nicolai« (hrsg. von O. Hoffmann).
Der Gegenwart nähern wir uns mit »Friedr. Schlegels Briefen an seinen Bruder August Wilhelm«, dem »Briefwechsel zwischen Jakob und Wilhelm Grimm, Dahlmann und Gervinus«, dem »Briefwechsel Andersens mit dem Großherzog von Sachsen-Weimar«, dem »Briefwechsel zwischen Hermann Kurz und Eduard Mörike« und mit »Geibels Briefen an den Freiherrn von der Malsburg«. Neben die Briefe der Gelehrten und Schriftsteller traten diesmal in bedeutsamer Weise die Künstlerbriefe. Außer den »Jugendbriefen« von Robert Schumann beschäftigte der »Briefwechsel zwischen Richard Wagner und Franz Liszt« große Kreise [* 22] des deutschen ¶