Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03098.jsonl.gz/1597

Der alte Papi
Viele Männer freuen sich im Alter von 50plus über ein erstes Enkelkind. Doch die Zahl der Männer, die über 50 Vater statt Grossvater werden, steigt stetig an. Was bedeutet eine späte Vaterschaft für die Familienkonstellation? Und wie geht das Kind damit um, wenn der Papi mit dem Opa verwechselt wird?
Facts
Peter
FAQ
Wie kam es dazu, dass du mit 55 nochmals Vater wurdest?
Für meine zweite Frau Gabriela war klar, dass sie Kinder wollte. Obwohl ich nicht unbedingt noch einmal Kinder wollte, wusste ich, dass die Zeit mit Gabriela nur eine Episode bleiben würde, falls wir keine Kinder kriegen.
War es eine schwierige Entscheidung, noch einmal «von vorne» zu beginnen?
Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Ich wusste, was auf mich zukommen würde.
Inwiefern ist es anders, mit 55 Vater zu werden als mit 30?
Mit 26 Jahren erstmals Vater zu werden war sozusagen der normale Verlauf – obwohl, natürlich war es auch speziell! Mit 55 war es für mich lockerer. Man ist in einem anderen Stadium des Lebens.
Wie reagierte dein Umfeld auf die Ankündigung deines 3. Kindes?
Nicht speziell, sie freuten sich. Ich musste mich nicht erklären. Es war einfach so, und ich stand dazu.
Hast du auch kritische Stimmen aus der Gesellschaft wahrgenommen?
Nein. Abgesehen davon, war ich in einem Alter, in dem ich mir nichts sagen lassen muss.
Welche Gedanken hast du dir bezüglich der erneuten Vaterschaft gemacht? Hattest du Ängste?
Nein. Ich freute mich vor allem darauf, näher dran zu sein, als bei meinen anderen Kindern.
Inwiefern warst du bei Nuria näher dran?
Mit 59 Jahren wurde ich frühpensioniert, konnte aber weiterhin arbeiten. Dies gab mir die Möglichkeit zu sagen, wann ich arbeiten wollte und wann nicht. Dadurch hatte ich viel mehr Zeit Zuhause. Auch als Gabriela im Alter von 45 Jahren studierte, konnte ich Zuhause den Haushalt machen oder arbeiten, denn die Eltern von ihr kümmerten sich auch um Nuria. Ich war sehr zufrieden mit dieser Situation.
Hast du dir überlegt, was die späte Vaterschaft für deine Tochter bedeuten könnte?
Mir war klar, dass Nuria einen Vater haben wird, der eigentlich Grossvater ist. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass es nicht infrage kommt, weil ich die Rolle als später Vater erfüllen konnte.
Wie ist die Beziehung zu deiner Tochter? Merkst du einen Unterschied zu deinen anderen Kindern?
Unsere Beziehung ist toll. Der Unterschied ist, dass ich viel näher dran bin, als vor 30 Jahren. Deshalb hat Nuria mehr von mir als meine beiden anderen Kinder.
Deine Familie besteht aus 3 Generationen. Hat dich das jung gehalten?
Ja, das glaube ich schon. Ich war immer von jüngeren Menschen umgeben. Ich habe einfach so getan, als wäre ich auch so jung – das ging gut.
Was möchtest du Leuten sagen, die es unverantwortlich finden, im höheren Alter noch einmal Vater zu werden?
Die Verantwortung darüber ist nicht bei anderen Leuten. Die ist bei mir. Wenn andere damit ein Problem haben, dann ist es ihr Problem. Aber ich wurde nie zur Rede gestellt in Bezug auf die Verantwortung.
Wie gehst du damit um zu wissen, dass du einen Grossteil von Nurias Leben wahrscheinlich nicht miterleben wirst?
Das ist eine Tatsache, die sich Nuria nicht aussuchen konnte. Meine Frau und ich fanden, das läge drin. Irgendwann ist es für jeden so weit – und ich bin immer noch hier. Ich versuche, das mitzuerleben, was ich kann.
Was möchtest du Leuten da draussen mitteilen?
Ich bin froh, über den Fortschritt in der Akzeptanz gegenüber Familien, die nicht der «bürgerlichen Norm» entsprechen. Früher war es furchtbar, was mit Leuten geschah, die nicht so waren, wie sie hätten sein müssen.
Kommentar von Nuria
«Ich wusste schon als Kind zu schätzen, welche Vorteile es mit sich bringt, einen älteren Vater zu haben.»
Mit Fragen wie «Ist das dein Opa?» wurde ich nie konfrontiert. Weder als Kind, noch heute. Es könnte sicherlich damit zusammenhängen, dass mein Vater nie sonderlich «alt» aussah. Aber auch damit, dass ich immer schnell klarstellte, wer er ist und wie alt er ist. Präsenter sind für mich Antworten wie «Oh, er ist ja älter als mein Grossvater!». Solche Vergleiche störten mich aber nie. Die Situation war für mich ja normal. Und ich wusste schon als Kind zu schätzen, welche Vorteile es mit sich bringt, einen älteren Vater zu haben.
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind jeweils Mütter meiner Freunde sehr gut kennenlernte. Mit den Vätern von meinen Freunden kam ich so gut wie nie in Kontakt – denn sie arbeiteten unter der Woche, teils auch am Wochenende und waren selten zu Hause. Das war bei mir anders. Daddy kochte jeweils liebevoll Zmittag für meine Gspändli und mich und er war es auch, der mich nach der Schule meist zu Hause empfing. Nebst dem, dass er viel Zeit für mich hatte, profitierte ich auch davon, nie stereotypische Rollenverteilungen in meiner Familie gehabt zu haben. Für mich ist es nicht selbstverständlich, dass Frauen zu Hause bleiben und Väter arbeiten gehen – im Gegenteil.
Unser enges Verhältnis führe ich unter anderem darauf zurück, dass er hundertprozentig bereit war, noch einmal Vater zu werden und zu sein. Er war sicherlich gelassener und erfahrener, als noch bei seinen ersten Kindern. Ich wurde zu seinem neuen Lebensmittelpunkt. Und Hand aufs Herz: Welches Kind wünscht sich das nicht?
Ich fragte mich für diesen Beitrag, was anders wäre, wenn mein Daddy 20 Jahre jünger wäre. Ich bin zu keinem klaren Schluss gekommen. Ja, vielleicht wären wir im Winter noch zusammen auf der Skipiste anzutreffen oder würden statt Spaziergängen noch ausgiebige Wanderungen unternehmen. Womöglich hätten wir jedoch die Erlebnisse zusammen nie so geschätzt, wie wir es jetzt tun. Schliesslich bin ich mir sehr wohl bewusst, dass die Zeit, die ich mit meinem Daddy habe, statistisch gesehen begrenzt ist. Dies lässt mich auch nicht kalt, aber es hat mich gelehrt, im Jetzt zu leben und die Momente zusammen intensiver zu geniessen.