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Editorial
Ich entnehme einem der vielen im Internet verfügbaren Wörterbüchern, dass «Künstliches» dadurch entsteht, dass ein natürliches Aussehen, Produkt oder Phänomen mittels technischer Kunstgriffe oder Herstellungsmethoden imitiert oder ersetzt wird.
Also liegt, in der Ausgangslage, jedem künstlichen Produkt ein natürliches zugrunde, das man aus den verschiedensten Gründen imitieren will: Sei es aus Gründen der Bequemlichkeit, um damit mehr Leuten den Zugang zu Produkten und Instrumenten für die Erleichterung ihres Alltagslebens zu ermöglichen, um genetische oder pathologische Anomalien zu korrigieren, oder anderem. Seit der Erfindung des Rades – so ums Jahr 3500 v.Chr. – bis heute folgten sich die Erfindungen, die uns das Leben erleichterten. Aber seit der ersten industriellen Revolution um die Mitte des 18. Jahrhunderts hat sich der Rhythmus progressiv beschleunigt, um zu einer richtiggehenden Übersteigerung zu gelangen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Künstliche Seen, künstliche Satelliten, künstliche Befruchtung, künstliche Fasern, künstliche Organe, künstliche Wirtschaft, künstliche Intelligenz…um nur einige Beispiele zu nennen. Es scheint fast so, dass heute das Natürliche zu einer Rarität geworden ist, das deshalb wegen dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage zu einem höheren Preis verkauft werden könne (siehe die „Bio“-Produkte, die in den Supermärkten in gesonderten Regalen angeboten werden). In all dieser Künstlichkeit gibt es Bereiche (die meisten), in welchen die oben erwähnten Ziele erreicht wurden, und andere, in welchen die Bilanz der Vor- und Nachteile einige Fragen offen lässt, und wiederum andere (wenige), in welchen das Ergebnis entschieden negativ ausfällt. In meinem Artikel ist die Zuteilung zum einen oder anderen Bereich natürlich persönlich gefärbt und widerlegbar, aber – was immer man darüber denken mag – ich glaube, dass die Thematik Anlass gibt für einige vertiefte Überlegungen.
Die wohltuende Künstlichkeit
Niemand wird die Nützlichkeit des Rades oder die technologische Evolution des Textilbereichs oder Gesundheitswesens in Zweifel ziehen. Die «künstliche Niere» (ein Apparat für die Hämodialyse) erlaubte und erlaubt vielen Patienten das Überleben bis zu einer Transplantation, die künstliche Beatmung rettete und rettet Jahr für Jahr Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen vor dem Tod durch Ertrinken. Diese wohltuende und kontraindikationsfreie Künstlichkeit ist deshalb höchst willkommen.
Die Künstlichkeit mit einigen Kontraindikationen
Wenn wir zum Beispiel an die so genannt künstlichen Seen denken, d.h. an die Stauseen der industriellen Wasserkraftwerke mit dem Hauptzweck der Produktion von elektrischer Energie, ist es zweifellos so, dass sich dem indiskutablen Vorteil, über hinreichend viel «sauberen» Strom zu verfügen, als Nachteil die temporäre oder dauernde Austrocknung der Flüsse entgegen setzt, worin nichts Positives zu erkennen ist. Aber der Natur ist es stets gelungen, auf die Pfuschereien der Menschen zu reagieren, und niemand – ausser einige grüne Talibans – würde heute ernsthaft bestreiten, dass die Nachteile durch diese «natürlichen» Einbussen bedeutend kleiner sind als die ungleich grösseren «künstlichen» Vorteile der Verfügbarkeit von Elektrizität. Dasselbe lässt sich über die künstlichen Fasern sagen, die sukzessive die Wolle, die Seide, oder – zur Freude der Tierschützer – die Tierfelle substituiert haben Wie im Falle des Plastiks bestehen wahrscheinlich auch hier immer noch Entsorgungsprobleme, aber alles in allem überwiegen die Vorteile die Nachteile klar.
Die diskutable Künstlichkeit
Also jene Künstlichkeit, bei welcher die negativen Effekte den positiven in etwa entsprechen oder letztere sogar übertreffen. Es sind zwei Bereiche, die ich diesbezüglich als am gefährlichsten betrachte: Die künstliche Intelligenz und die künstliche Wirtschaft. Erstere, verstanden als Ersatz des menschlichen Hirns durch Maschinen, Computer und weit verbreitete Minirechner wie die i-Pods, i-Pads und andere «i-Irgendwas», die zunehmend die intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten der Individuen selbst für ihre alltäglichsten Arbeiten paralysieren. Es sind künstliche Vorrichtungen, die wie Internet, den Vorzug haben, uns den Zugang zu x Milliarden von Erkenntnissen zu verschaffen, die wir sonst nie und nimmer auf «natürlichem» Wege erlangen könnten; Vorrichtungen, die praktisch jede Arbeit für uns verrichten, die uns aber gleichzeitig völlig abhängig machen von einem übertriebenen Konsumismus, der darin besteht, dass wir stets das neueste Modell dieser Vorrichtungen glauben zu besitzen müssen. Dies verleitet uns – zusammen mit dem erleichterten Zugang zu jeglicher Information aus dem Internet – zum irrtümlichen Glauben, dass ein mittels Studium und Praxis angeeigneter Schulsack nunmehr völlig überflüssig sei. Natürlich gibt es Einzelne, die sich durch die Herstellung dieser Produkte die Eier vergolden, aber die Mehrheit der Leute lässt zunehmend eine Herde von Ignoranten anwachsen, und was noch viel schlimmer ist, es ist die Herde jener Leute, die aufgehört haben mit dem eigenen Kopf zu denken, um die via Internet von eigennützigen Personen oder Interessengruppen verbreiteten Messages sklavisch gutzuheissen und weiter zu verbreiten. Der so genannte «Mainstream», die «Political Correctnes» hat uns leider angesteckt, und niemand wagt es mehr offen zu sagen, dass der Kaiser ja nackt sei (d.h. nach Andersens Märchen «Des Kaisers neue Kleider» rein gar nichts am Leibe trägt).
Der andere sehr gefährliche Bereich ist jener der Wirtschaft. Im Gegensatz zur realen Wirtschaft, welche konkret auf der Herstellung und den Verkauf von Waren und Dienstleistungen beruht, basiert das, was ich als künstliche Wirtschaft bezeichne, ausschliesslich auf Spekulation, auf Investments von Geld in Aktien, die je nach der jeweiligen Laune der Konsumenten und Investoren an Wert gewinnen oder verlieren – einer oft dadurch «gesteuerten» Laune, dass man Ereignisse meistert oder herbeiführt, die rein gar nichts mit den Leistungen der realen Wirtschaft zu tun haben. Es kommt zu einer Art von Run auf den Kauf von Titeln oder Aktien, um sie dann möglichst zu einem höheren Preis weiter verkaufen zu können, was zu einer ungesunden und nicht gerechtfertigten Erhöhung der Konsumentenpreise verschiedener Güter führt. Im Gegensatz zum gesunden Produzieren zwecks Verkaufs und damit Erzielung eines Gewinns schafft hier einzig Geld zusätzliches Geld. Geld, das dann in weitere Aktienpakete investiert wird, aber der Grossteil davon ist dermassen volativ, dass es kaum in die reale Wirtschaft fliesst. Und in Ermangelung einer soliden Basis – der reale Markt – fällt das gesamte Kartenhaus oft in sich zusammen. Dann kommt es zu den berüchtigten spekulativen Blasen, die jedoch nicht für die üblichen Spekulanten Folgen zeitigen, sondern für die gesamte Wirtschaft und somit für die gesamte Bevölkerung (siehe den Börsencrash an der Wall Street 1929 oder die Rezession im Jahre 2008).
Alles in allem: Die künstliche Welt ist in vielerlei Hinsicht eine gute Sache, aber wir müssen lernen, mit gesundem Menschenverstand damit zu leben, und dieser scheint leider zunehmend zu einer Mangelware zu werden.