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Von einem lachenden Frosch und Schlangen mit explosivem Atem
Höhepunkt der letzten Ausstellung, die ich besucht habe, ist ein Bild, auf dem von links nach rechts ein Quadrat, ein Dreieck und ein Kreis in schwarzer Tusche zu sehen sind.
Sie denken vielleicht: Jetzt war er also wieder in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Und wenn ich Ihnen verrate, dass das Bild nur sechs Wochen zu sehen ist, haben Sie möglicherweise den Verdacht, dass es sich um einen Konzeptkünstler handelt, der sich was ausgedacht hat, um der ganzen Sache etwas Bedeutung zuzufügen. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist alles ganz anders. Sengai (1750–1837) verstand sich nicht einmal als Künstler; und seine Bilder müssen davor geschützt werden, dass sie durch Licht verblassen. Deshalb zeigt das Zürcher Museum Rietberg in einer vortrefflichen Schau ausgewählte Werke des Zen-Meisters in zwei Serien während je sechs Wochen.
Über die Bedeutung der erwähnten Tuschezeichnung, von der es im Ausstellungskatalog heisst, sie sei «einzigartig und unübertroffen in [ihrer] Schlichtheit», rätselten schon viele Kunsthistoriker. Die japanischen Schriftzeichen links daneben («Japans erstes Zen-Kloster»; Sengai war lange Jahre Leiter dieses Klosters) geben keine Erklärungshilfe, wie das sonst bei Sengai der Fall ist. Mögliche Interpretationen sind vereinfacht gesagt: Erde (Quadrat), Feuer (Dreieck), Wasser (Kreis) – oder Tendai-Buddhismus (Quadrat), Shingon-Buddhismus (Dreieck) und Zen-Buddhismus (Kreis).
Eine weitere, bisher unveröffentlichte Auslegung wurde an einer Führung im Museum Rietberg verraten. Sie stammt vom Kurator des Idemitsu Museum of Arts in Tokio, von wo die Werke ausgeliehen sind: Ein Kreis bedeutet im Zen-Buddhismus «Erleuchtung», «Vollendung», «Leerheit». In einem Text soll sich Sengai selbst mit einem Dreieck verglichen haben. Dem Zen-Meister wurde also bereits eine Ecke des Quadrats abgeschliffen, aber er hatte noch immer drei, und seine Vollkommenheit war zu diesem Zeitpunkt nicht erreicht. Aus gleichem Grund sollen übrigens viele japanische Tuschmaler Kreise meist nicht ganz geschlossen zeichnen.
Rund hundert Jahre nach Sengais Zeichnung revolutionierte 1915 ein ebenso einzigartig schlichtes Gemälde die Kunstwelt: Kasimir Malewitschs «Das Schwarze Quadrat», das als Ikone der Moderne bezeichnet wird. Wie in Sengais Bild ist auch in dem des russischen Künstlers kein exaktes Quadrat zu sehen, weshalb es Malewitsch im ersten Ausstellungskatalog noch «Viereck» nannte. Beachtlich ist zudem, dass das Bild in der Galerie Dobytčina in Petrograd (Sankt Petersburg) «an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt» war. Es ist dies in traditionellen russischen Häusern der Platz der religiösen Ikonen.
Wie grundverschieden der intellektuelle Nährboden und das kulturelle Umfeld der Entstehung der beiden Werke sind, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Malewitschs Gemälde erstmals in einer futuristischen Ausstellung zu sehen war, also einer avantgardistischen Kunstströmung. Im «Futuristischen Manifest» heisst es unter anderem: »Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen […] ein aufheulendes Auto.» Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Ablehnung der Natur, der Tradition und der Frauen sind weitere Merkmale der Erklärung.
Sengai wurde bekannt für seine unkonventionelle und humorvolle Art, den Zen-Buddhismus zu lehren. Er hat sich im Gegensatz zu Malewitsch nicht als Künstler verstanden. Seine Tuschzeichnungen waren zur Unterweisung seiner Schüler in der Zen-Religion gedacht. Vielleicht hätte er, wenn er anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts gelebt hätte, eine Abbildung von Malewitschs Quadrat neben seine Zeichnung gelegt und auf das pechschwarz ausgefüllte Feld hingewiesen. Es sagt möglicherweise mehr aus als viele Worte.
Weit entfernt davon, Futurist wie auch Zen-Meister zu sein, bin ich persönlich bestimmt noch nicht über das Quadrat-Dasein hinaus gekommen und noch weit entfernt vom Kreis. Sympathischer als eine Identifikation mit der geometrischen Figur ist mir aber der sehr ironische Vergleich Sengais mit einem lachenden Frosch: «Wenn ein Mensch ein Buddha wird, [dann] nur durch die Übung des zazen [der Sitzmeditation].» Was so viel bedeutet wie: Dann müsste ich als gewöhnlicher Frosch, der tagein, tagaus sitzt, schon seit langem ein Buddha sein.
Ausstellung im Museum Rietberg:
18.05.–29.6. und 1.7.–10.08.2014
Wie bei den meisten Ausstellungen lohnt sich auch bei «Zen-Meister Sengai» eine Führung. Die Führung, die ich besucht habe, war ausgezeichnet.
Literatur:
Katharina Epprecht (Hg.): Zen-Meister Sengai (1750–1837). Scheidegger & Spiess, Zürich 2014.
Byung-Chul Han: Philosophie des Zen-Buddhismus. Reclam, Stuttgart 2002.
Bilder:
Kreis, Dreieck und Quadrat ○△□ (-), Gibon Sengai (1750–1837), Tusche auf Papier, 28,4 x 48,1 cm, © Idemitsu Museum of Arts Tokyo. Quelle: Museum Rietberg
Meditierender Frosch 座禅蛙 (zazengaeru), Gibon Sengai (1750–1837), Tusche auf Papier, 40,3 x 53,8 cm, © Idemitsu Museum of Arts Tokyo. Quelle: Museum Rietberg
Schwarzes Quadrat, Kasimir Malewitsch, Öl auf Leinwand. Bild von 1915, wie es in der Tretjakow Galerie in Moskau ausgestellt wird. Quelle: Wikimedia Commons