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Es gibt vermutlich keinen anderen Gegenwartsautoren auf dieser Welt, dessen Werk kompakter, oder um Italo Calvino zu zitieren, “stringenter” ist, als das von Michel Houellebecq. Seine immer nüchterne, klare Prosa, die die rationale Selbstreflexion seiner Figuren wiederspiegelt, sein, gelinde gesagt, pessimistisches Weltbild und seine konsequente Ablehnung jeglicher Ideologie sind Charakteristika seines Schreibens, die ihn zu dem wahrscheinlich bekanntesten lebenden Autoren Frankreichs gemacht haben. Was allerdings sein Schaffen am deutlichsten auszeichnet, ist sein Menschenbild: Bei ihm scheint der Mensch nicht viel besser zu sein als ein Tier, ein animalisches Wesen, der Geist nur Maskerade und eine schlechte noch dazu. Rationalismus ist der einzige Weg, um ihm gerecht zu werden. Die Gene und die Erziehung sind die einzigen Faktoren, die zählen. Für Houellebecq hat die Menschheit im Kapitalismus das System gefunden, das am besten zu ihm passt. Und das ist kein Kompliment.
Was nicht heisst, dass seine Figuren nicht an den Kapitalismus glauben: Fast scheint er sie zu beneiden, zumindest so lange, bis sie scheitern. Wie der Hauptprotagonist in “Plattform”, der versucht eine Reihe von Sexclubs aufzubauen, dessen Träume sich aber letztlich durch einen islamistischen Anschlag in Luft auflösen. Auch in die “Unterwerfung” spielt der Islam eine grosse Rolle: Eine gemässigt-populistische Islam-Partei ergreift die Macht in Frankreich. Beide Romane sind grimmige Abrechnungen mit der westlichen Gesellschaft, aber auch, und das haben viele Rezensenten übersehen, ein Kommentar zur Philosophie Comtes und Schoppenhauers: Michel aus die “Plattform” liest in seiner glücklisten Phase Comte, erkennt aber schliesslich wie Schoppenhauer, das das menschliche Leid im Willen zum Leben wurzelt, kann aber nicht wie er sein Glück durch Askese erreichen. Auf jeden Fall ist es kein Zufall, dass einer der Essays Michel Houellebecq sich eingehend mit ihm beschäftigt.
Seine Romane kann man in zwei Gruppen einteilen: Die eine fokussiert sich mehr auf die Gesellschaft im Allgemeinen, die andere auf Individuen. Zu der ersteren gehören die oben schon erwähnten “Plattform” und “Unterwerfung”, ferner sein Klon-Roman “Die Möglichkeit einer Insel”, zu der zweiteren sein Debut “Ausweitung der Kampfzone”, “Elementarteilchen” und sein meiner Ansicht nach bester Roman “Karte und Gebiet”. Kunstvoll setzt er sich hier mit Realität und Fiktion, dem Gegensatz künstlerischer und rationalistischer Weltanschauung und nicht zuletzt mit seinem eigenen Bild in der Öffentlichkeit auseinander. Er bricht sogar mit seinem Determinismus: Der Protagonist Jed Martin scheint eher vom Zufall als vom Schicksal geleitet, aber vielleicht ist das auch wieder nur ein weiterer polarer Gegensatz.