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Vortrag am: 13.12.94 im:
Gäste-Kolloquium der Informatik und Gesellschaft
Universität-GH Paderborn
Pohlweg 47-49, Gebäude C, 2. Stock Raum 335, 0049 (0)52 51 / 60 20 66
D - 33098 Paderborn
Mein Vortrag heisst "(Irreführende) Metaphern in der Informatik". Ich werde also einige in der Informatik typische Anthropomorphisierungen mit Ihnen diskutieren. Der Sache nach will ich aber nicht über Metaphern sprechen, sondern darüber, welche Sprache dem Gegenstand der Informatik angemessen ist. Man könnte glauben - und viele Informatiker tun das auch -, der Gegenstand der Informatik sei relativ klar, "die" oder eine angemessene Sprache dafür zu finden, sei dagegen ein grösseres Problem, weil sich diese Sprache an verschiedenen Menschen in sehr verschiedenen Situationen richten muss. Meine Erfahrungen - die ich heute mit Ihnen teilen möchte - ist genau umgekehrt: Über die "angemessene Sprache" werden wir uns sehr rasch einigen, wenn es uns gelingt, uns über den Gegenstand der Informatik zu einigen.
Es geht mir aber auch nicht vor allem um den Gegenstand der Informatik, es geht mir viel allgemeiner darum, über welche Gegenstände wir überhaupt - also auch jenseits der Informatik - sinnvoll sprechen können. Schon Wittgenstein sagte, dass es Dinge gibt, über die wir schweigen müssten - jedenfalls unter moralischen Gesichtspunkten. Schweigen müssten wir - meiner Meinung nach - insbesondere dort, wo wir eine Sache nur mit Metaphern beschreiben können, die ein angemessenes Verständnis verhindern.
These
Meine These lautet: Metaphern verhindern ein angemessenes Verständnis, wenn sie nicht durch eine zweite, eigenständige Beschreibung als Metaphern bewusst gemacht werden.
Vortrags-Programm
* Ich will die These zunächst anhand von Beispielen etwas erläutern. Dazu untersuchen wir, was Metaphern sind.
* Dann zeige ich, mit welcher Art von Beschreibungen Metaphern ersetzt und so als Metaphern bewusst gemacht werden können. Wir können uns dann auch überlegen, weshalb wir nicht auf Metaphern verzichten sollten, und weshalb die zweite Beschreibung selbst durchaus auch metaphorisch sein darf.
* Anschliessend wollen wir die in meinem Vortrag wohl umstrittenste Frage diskutieren, nämlich die Frage nach dem Gegenstand der Informatik, und
* schliesslich will ich die über den Gegenstand der Informatik vorgeschlagene Sprache verallgemeinern und einige erkenntnistheoretische Implikationen diskutieren.
Was sind Metaphern?
Ich kann zu jemandem sagen: "Du bist ein Esel", und wenn er kein Esel ist, versteht er mich.
Verkürzt dargestellt ist eine Metapher ein Wort, das uneigentlich gebraucht wird. Witz vom Schwein: "Schwein" bezeichnet eigentlich ein rosa Tier mit Ringelschwänzchen.
Verkürzt ist diese Auffassung von Metapher, weil sie eine eigentliche Wortverwendung unterstellt. Gerade das Beispiel Esel zeigt, dass es kaum empirische Kriterien für eigentlich gibt.
Die Metapher ist ein erkenntnisleitendes Konstrukt, das auf der Grundlage von Homonymen beruht. Wenn ich Homonyme als Metaphern auffasse, postuliere ich ein Geber- und ein Nehmergebiet und frage, welche Eigenschaften übertragen werden.
Beispiele: Maus (Tier), Bus (Verkehrsmittel, Schiene), Drucker (Mann in der Druckerei), Kommunikation, Intelligenz, Sprache, Speicher,
==> Lexikon-Einträge insgesamt: kaum ein Wort, das nicht eine andere Bedeutung hat.
Experiment: Was ist ein Interpreter?
1) metaphorisch: Ein Interpreter ist eine Instanz (z.B. ein Programm), die interpretiert.
Paradoxie: Ein Interpreter ist ein Programm, das Programme interpretiert. Wer interpretiert den Interpreter?
2) Nun brauchen wir eine zweite Umschreibung!
Das Interpreter-Programm interpretiert nichts, es ist - wie jedes Programm - ein konstruiertes Mittel, mittels welchem der Programm-Hersteller die Eingaben des Benutzers interpretiert. Ich erläutere die Interpretation anhand eines ABS.
ABS erläutern: Bei Servo-Bremse: primäre Energie als Signal auffassen. Beim ABS: durchgedrücktes Pedal als Regelungsbedarf.
Interpretation, weil es manchmal nicht stimmt.
Ein Interpreter ist immer ein Lebewesen, in unserem Zusammenhang immer ein Mensch. Was der Mensch beim Interpretieren macht, verstehen wir genau soweit, wie wir die Mittel, die er einsetzt verstehen. Mittel verstehen oder erklären heisst, sie sprachlich zu re-konstruieren, also die Konstruktion der Mittel zu beschreiben.
Konstruieren heisst bereits hergestellte Halbfabrikate (Artefakte) durch materielle Formgebung (Strukturierung) so umzuformen, dass sie einer konkreten Organisation einverleibt werden können. Deshalb kann man Konstruktionen zeichnerisch - in Konstruktionszeichnungen - vorwegnehmen.
- Denken Sie an zB eine Brücke aus Stahlträgern.
Ich will anhand von zwei weiteren Begriffen aus der Informatik exemplarisch verdeutlichen, was konstruktive Beschreibungen sind:
1) Programm: (==> Folie)
Ein Programm ist ein konstruierter Gegenstand. Welcher Art das Material ist, das im Konstruktionsprozess geformt wird, ist unwichtig. Wichtig ist dagegen, dass Programme materiell und nicht irgend etwas Geistiges oder Symbolisches sind.
2) Zeichen und Symbol: (==> Folie)
Zeichen sind hergestellte Gegenstände. Gegenstände haben eine Bedeutung. Wenn wir mit den Zeichen auf etwas verweisen, sind die Zeichen Symbole.
Wenn wir mit den Zeichen eine Maschine steuern, sind die Zeichen Schalter (Scanner!).
In jedem Fall sind Zeichen materiell und konstruiert, also nichts Geistiges oder Abstraktes.
Nachträge:
* Programme wären Hardware, wenn Hardware heissen würde: alles, was man anfassen kann.
* Wer nur Symbol und Programm nicht konstruktiv verstehen kann, benutzt die Redeweise, dass sie etwas "geistige oder emergente Wesen" sind, die einen "Träger" haben.
Konstruktive Beschreibungen liegen bei konstruierten Gegenständen auf der Hand. Im Informatik-Duden etwa sind alle Beschreibungen von materiellen Dingen (dort "Hardware") gut, alle Beschreibungen von geistigen Dingen (dort "Software") schlecht - soweit sie nicht formal (mathematisch) sind und über die wirkliche Welt nichts aussagen.
Meine These:
Informatik ist eine Engineering-Wissenschaft, sie beschäftigt sich mit Automaten, d.h. insbesondere Informatik ist keine Wirtschafts- und keine Sozial-Wissenschaft. Sie beschäftigt sich nicht mit Menschen.
Deshalb kann man vernünftigerweise einen Lehrstuhl "Informatik und Gesellschaft" nennen (eben weil in der Informatik nichts über die Gesellschaft gesagt wird.)
"Engineering" im engeren Sinn steht für konstruktives Abbilden. Konstruiert werden im wesentlichen Werkzeuge.
Automaten sind Werkzeuge, mit einer explizit konstruierten Steuerung.
Jedes konstruierte Produkt (insbesondere auch Automaten!) hat eine Funktion ((zB. Textverarbeitungsmaschine, Adressverwaltungsmaschine, Kaffeemaschine usw.) und Funktionsweise. Für die Rekonstruktion der Funktionsweise ist die Funktion irrelevant. In der konstruktiven Beschreibung der Maschine erscheint deren Bedeutung nicht.
Auf einem Konstruktionsplan steht nicht, wozu das Teil gut ist, sondern nur wie es konstruiert ist.
4. Erkenntnistheoretische Implikation: Geschlossene Systeme
Worüber können wir insgesamt konstruktiv begründet sprechen?
Über die Dinge, die wir konstruieren können. Die nicht-konstruierte Welt ist Produkt unseres Diskurses. Wenn wir die Konstruktion einer Sache vernünftig beschreiben, stellt sich präzise ein, was wir in erster Auffassung nur metaphorisch beschreiben können.
Konstruktive Beschreibungen verhindern Wahrheitsansprüche und moralisierende Ideologien. Dazu mehr bei Heinz von Foerster.
* * *
Falls die Zeit reicht, will ich noch zwei Nachträge machen:
1) Umkehrung der Metapher-Richtung
2) Wissenschaftsgeschichte
zu 1) Da Metaphern Erkenntnis leiten sollen, ist es sinnvoll, den Gebrauch des Homonyms als eigentlich aufzufassen, der eine konstruktive Erläuterung ermöglicht. Bei "Esel" ist das nicht möglich, aber beispielsweise bei "Intelligenz", weil dieses Wort neben Menschen auch Maschinen charakterisiert. (==> mein Beitrag in der KI)
zu 2) Entwicklungsgeschichten schreibt man rückwärts, wer den Menschen kennt, versteht den Affen. Für die Wissenschaftsentwicklung schlage ich konstruktiv folgende Stufen vor:
Traditionelle Physik (energetisch geschlossene Systeme)
Traditionelle Biologie (energetisch offene Systeme)
Engineering (informationell geschlossene Systeme)
Metaphern sind unkompliziert, wenn ich mindestens zwei habe.
Abbildung: wird von den Informatikern verdrängt, dafür postulieren viele, dass wir im Kopf Bilder haben
Interpreter: Was ist ein I.? Abbilderlesende Instanz im Computer und im Kopf
Träger: Symbol und Programm-Träger als Redeweise, die "Geistiges", nämlich das über dem Träger entstehen lässt
Software - meint "Geistiges"
- ist ein wesentlicher Aspekt der programmierbaren Automaten (nämlich deren Weichheit bezüglich der Funktion, Knopfdruck, Programme sind aber nicht soft, man kann sie nicht leicht ändern
- wenn man die Einträge im Duden anschaut: alles worüber man im Unterschied zu Hardware nicht vernünftig sprechen kann,
Man muss alles konstruktiv erläutern!
Informatiker, die nur anthropomophisierend erklären können, was ein Interpreter ist, haben keine genügende intellektuelle Sicherheit. Die intellektuelle Sicherheit resultiert aus dem sachlichen Verstehen der je eigenen Disziplin. Man muss diese auch ohne Formeln und Anthropomorphisierungen darstellen können (diskursive Kompetenz). Exemplarisch heisst das etwa für Informatiker, (wie auch etwa für Sprachwissenschafter, aber weniger für Mediziner oder Geographen), den Unterschied zu verstehen zwischen Zeichen, die wir beim Steuern von Maschinen verwenden, und Symbolen, mit welchen wir im Gespräch auf gemeinte Dinge verweisen.
Abgeleitetes Lernziel
Der Informatiker muss wesentliche Begriffe seiner Disziplin systematisch erklären können. Begriffe "systematisch erklären" heisst, sie in einem Systemzusammenhang erläutern, in welchem das System bezüglich seiner Funktion (offene Systeme) und bezüglich seiner Funktionsweise (geschlossene Systeme im konstruktivistischen Sinn) dargestellt werden kann.
Ein Computer wird beispielsweise als offenes System aufgefasst, wenn man ihm als Wandler zwischen In- und Output darstellt. Der Computer kann dann mit einem Algorithmus dargestellt werden (Turing-Maschine). Er hat die Funktion, irgend etwas zu tun, wobei seine Funktionsweise nicht interessiert.
Der Computer wird als konstruktivistisch geschlossenes System aufgefasst, wenn man seine Konstruktion oder seine Konstruktionsprinzipien (Flip-Flops, sekundäre Energie) darstellt. Er hat dann eine Funktionsweise, wobei seine Funktion nicht interessiert.
Die Informatiker sprechen über Computer normalerweise in Funktionsbegriffen, die von von Neumann (wichtiger Computer-Theoretiker) bewusst als anthropomorphe Metaphern geprägt wurden. Wenn Informatiker die Funktionsweise besprechen, sprechen sie eine "Programmiersprache", resp. sie zeigen das Programm.
Postulat:
Das interdisziplinäre Gespräch verlangt ein natürlich-sprachliche Darstellung der Funktionsweise von Computern. Das heisst keineswegs eine kindische Darstellung, wie sie etwa mit dem kleinen Männchen, das im Computer als Bote herumrennt und Befehle ausführt, gepflegt wird, sondern eine sachlich nachvollziehbare Beschreibung.
Natürlich sind die Informatiker im Prinzip in der Lage, die Funktionsweise des Computers zu beschreiben, aber sie sind darin nicht geübt, weil es innerhalb der Disziplin nicht nötig ist (dort hat man eben Programme). Man kann diese Fähigkeit bei Informatikern mit einigen zentralen Begriffen schulen und üben.
Interpreter ist ein bewusst kleines konkretes Beispiel (aus
meinem Buch Technische Intelligenz), umfassendere Themen sind "System", "Information", Intelligenz" (auch andere Ebenen, z.B.: "Abstraktion"). Weitere kleinere Beispiele sind Programm, Programmiersprache, formale Sprache, .. (Begriffe aus dem GI 2-Skript), noch kleinere "analog", "diskret" usw.
Das Fall-Beispiel "Interpreter"
Wer erklären kann, was ein Interpreter ist, kann auch viele andere Begriffe erklären, weil er eine naive, nur funktionale Auffassung vom Computer überwunden hat.
Wir verwenden viele Maschinen, ohne sie konstruktiv zu begreifen. Wir wissen dann einfach, dass wir nicht wissen, wie die Maschine funktioniert. Das stört uns nicht und veranlasst uns im allgemeinen auch nicht, uns völlig unsinnige Vorstellungen von der Maschine zu machen. Wir wissen, dass wir defekte Fernsehgeräte oder Autogetriebe zum entsprechenden Mechaniker bringen können, und damit ist verbunden, dass wir die Maschine auch selbst verstehen könnten, wenn es uns wichtig genug wäre. Natürlich wissen wir das auch bezüglich der Computer - soweit sie Hardware sind. Das, was viele veranlasst, den Computer zu mystifizieren, ist die aufwendige, schwierige Bedienung, die er von uns verlangt, oder genauer, dass uns diese Schwierigkeiten (und - meistens - das damit zusammenhängende Wissen) versteckterweise abgenommen werden.
Die Informatiker haben häufig nur eine. Und das ist gewollt. Von Neumann und Wirth sagen explizit: wenn die Programmierer alles verstehen müssten, ginge die Ausbildung zu lange, deshalb macht man eine virtuelle Schnittstelle, unter welcher die Maschine sprachfähig wird (i.e. Symbole verarbeitet)
Was wir dann aber auch dem Staubsauger zugestehen oder aber eine Im-Prinzip-Komplexität postulieren müssen.
B) Engineering
1. Menschen stellen Werkzeuge her.
Die Entwicklung des Ingenieurs
Starke Formulierung:
Wer Normen oder Werte postuliert, ist unmoralisch, weil er moralisiert. (Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen (Wittgenstein)).
D) Engineering als Paradigma
Der Witz der geschlossenen Systeme ist, dass man sie konstruktiv, das heisst ohne Rekurs auf Information beschreiben kann. Das ist nicht unbedeutend, weil in der traditionellen Wissenschaft niemand explizieren kann, was Information sein soll.
Alle interessanten Systeme sind autopoietische Systeme. Die Autopoiesis (Selbstorganisation) kann keinem vorgegebenen Code (DNA) folgen. Autopoietische Systeme beruhen nicht auf einer Funktion oder Zwecksetzung, das soziale System nicht auf irgendwelchen Normen und Werten.
Abbildung: wird von den Informatikern verdrängt, dafür postulieren viele, dass wir im Kopf Bilder haben