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Fondsmanager Heiko Thieme war gestern zu Gast in Thun. In seinem Anlagefonds setzt der Wahlamerikaner ausschliesslich auf die Wachstumsbranche, gegenwärtig zur Hälfte im Hightech-Bereich.
Ist der Berufsoptimist Heiko Thieme für einmal gegenüber Wallstreet skeptisch eingestellt?
Heiko Thieme: Es gibt Phasen, in welcher ich eine Überbewertung der Wallstreet verbal ausdrücken würde, jedoch ist das zurzeit noch nicht der Fall.
Das Kurs/Gewinn-Verhältnis von US-Aktien tendiert gegen die 30, fast doppelt so hoch wie im historischen Durchschnitt.
Bei einer durchschnittlichen Wassertiefe eines Flusses von einem Meter hat ein Nichtschwimmer noch lange keine Gewähr, diesen Fluss schadlos durchqueren zu können. Genauso wenig kann man sagen, aufgrund der durchschnittlichen Werte sei Wallstreet zu teuer. Es gibt einige Aktien, bei denen sind die Gewinne des nächsten Jahrzehnts bereits in den Kursen eskomptiert. Es gibt andere Werte, da wird von den Investoren gar bezweifelt, ob das nächste Jahrzehnt überhaupt stattfinden kann.
Zum Beispiel?
Das Kurs/Gewinn-Verhältnis von Philip Morris liegt bei 8. Die Dividendenrendite beträgt knapp 8 Prozent, fast 2 Prozentpunkte über der Rendite von Staatsanleihen, was sensationell ist. Wenn die exzessiven Massenklagen im Raucherbereich jedoch durchkommen, dann könnte Philip Morris Probleme haben. Wir haben jedoch Philip-Morris-Aktien gekauft.
Vor ziemlich genau drei Jahren warnte Alan Greenspan vor der «unvernüftigen Üppigkeit» des US-Aktienmarktes. Damals notierte der Dow Jones um die 6300 Punkte. Heute liegt das Börsenbarometer um 70 Prozent höher.
Dies zeigt zum Ersten, dass Alan Greenspan auch nur ein Mensch ist. Würden Sie sein Wertschriftenportefeuille sehen, wären Sie entsetzt. Dieses weist nämlich ein Minus aus, da er Staatspapiere gekauft hatte. Wenn die Schweizer Banken Alan Greenspan als Marktstratege engagiert hätten, hätten sie riesige Verluste eingefahren. Zweitens hat Greenspan bei seiner Warnung nicht segmentiert. Er sprach nur die Spitze des Eisbergs an. Aber der Eisberg über Wasser sagt nichts über die Grösse des Eisbergs unter dem Wasser. Der breite Markt hat die Aufwärtsentwicklung noch gar nicht mitgemacht.
Nehmen wir den Weltindex von Morgan Stanley als Massstab. Würden Sie die USA im Vergleich zu diesem Massstab über- oder untergewichten?
Es kommt darauf an, wo der Anleger sitzt. Der Amerikaner muss den Entscheid aus der Dollar-Perspektive treffen; der Schweizer aus der Euro-Perspektive. Ein Schweizer Anleger sollte 50 Prozent seines Portefeuilles in Europa investieren, 25 Prozent in den USA, 15 Prozent in Schwellenländern, 5 Prozent in Japan und 5 Prozent in Bargeld behalten.
Also müsste man einer Schweizerin oder einem Schweizer davon abraten, Anteile des «Thieme Fonds» zu kaufen. Dieser ist ja zu 80 Prozent in US-Aktien investiert.
Nein. Man muss einem Schweizer nur abraten, das ganze Geld im «Thieme Fonds International» anzulegen. Konkret: Ich würde als Schweizer 20 Prozent in einen Fonds mit Schweizer Aktien, 20 Prozent in einen Fonds mit grosskapitalisierten europäischen Werten und 10 Prozent in den neuen Markt in Deutschland, Frankreich und der Schweiz investieren. Das sind die oben genannten 50 Prozent Europa. Jetzt kommen wir zu den USA - und dort zählt nun der «Thieme Fonds» dazu. Wobei ich nicht empfehlen würde, den ganzen US-Anteil in den «Thieme Fonds» zu stecken, sondern etwa die Hälfte.
Besteht nicht das Risiko, bei einer solchen Länderaufteilung beim stark wachsenden Hightech-Bereich nicht dabei zu sein?
Der Hightech-Bereich ist im Standard & Poor's-500-Index zu rund 25 Prozent gewichtet. Diverse Hightech-Titel sind aber zurzeit sehr hoch bewertet - zum Teil sogar bedenklich hoch. Doch mit dem «Thieme Fonds International» ist man im Hightech-Bereich dabei. Zurzeit sind rund 50 Prozent des Vermögens in diesem Bereich investiert.
Welche Schweizer Aktien sind Ihre Favoriten?
Im Pharmabereich bevorzuge ich Novartis. Dieses Unternehmen hat zwar nicht gerade eine berauschende Produkte-Pipeline. Auf der anderen Seite ist Novartis gross und stark genug, bei Bedarf neue Produkte zuzukaufen. Viel versprechend sind auch Schweizer Rück, Zurich-Allied, UBS, Nestlé ...
Wie kommen Sie auf Nestlé? Sie setzen doch auf die Wachstumsbranchen Hightech, Pharma und Finanz.
Und auch auf Konsumwerte. Nestlé ist - ich sehe das aus Ihrem Gesicht - ein eher langweiliger Titel. Aber auch mit Langeweile kann man Geld verdienen.
Erschienen in der BZ am 18. November 1999