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Ein Blick von aussen
Ich bekam weisse Tabletten in rechteckigen weissen Bakelitschachteln, Globuli gab es noch nicht, und wenn ich mich recht erinnere, war eine davon Kalium, mit einem D und einer Zahl. Ich wurde auch nach genauen Vorgaben unter eine Höhensonne gelegt, dann noch für sechs Wochen in ein Kinderheim auf die Nordseeinsel Juist geschickt, und das Problem war gelöst. Dass Homöopathie keineswegs die übliche Behandlungsform war, wusste ich damals nicht. Und warum meine Mutter sie gewählt hat, weiss ich heute noch nicht. Sie verstand nichts davon. Den Ausschlag hat wohl etwas gegeben, das ich auch kenne: ein Empfehlung von Freunden.
Jahrelang habe ich dann keinen Arzt mehr gebraucht, erst als junge Frau ging ich in meiner Universitätsstadt zu einer Ärztin, die meinen zwar gravierenden, aber diffusen Beschwerden nicht auf den Grund kommen konnte. Hätte ich damals meinen heutigen Naturarzt schon gekannt, wäre zweifellos herausgekommen, dass ich unter einer Quecksilbervergiftung litt, die von massiven Zahnbehandlungen herrührte.
Ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis ich zur Homöopathie zurückgefunden habe. Nun aber gründlich. Ich habe die Präzision schätzen gelernt, die da zum Zug kommt, im Gegensatz zu den Kanonenschüssen, mit denen die Standardmedizin ihre Ziele erreicht oder nicht erreicht. Natürlich bin ich dankbar, dass es diese Standardmedizin gibt, wenn ich eine Schulter operieren lassen muss, freue ich mich wenn ich Fortschritte mache, und habe eine Hausärztin, die ich sehr schätze. Aber wenn es um innere Funktionen geht, frage ich den Homöopathen. Den Leserinnen dieses Hefts muss ich nicht von den guten Erfahrungen erzählen, wenn es um Knochenhautentzündungen oder depressive Verstimmungen ging. Und wenn man in der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion der Homöopathie bestenfalls einen Platz in der Placebo-Medizin zuweist, werde ich wütend.
Hanna Johansen: geboren 1939 in Bremen, lebt seit 1969 in der Schweiz, hat zwei Söhne und veröffentlicht seit 1978 Romane, Erzählungen und Kinderbücher, die oft von Erwachsenen gelesen werden (2007: „Ich bin hier bloss die Katze“)