Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03435.jsonl.gz/2257

[Dieser Beitrag gehört zum Roman „Utopia“. Der Roman erscheint im Blog in loser Reihenfolge. Der Beginn findet sich hier.]
Als Noë wieder aufwacht, liegt sie immer noch in dem fensterlosen Zimmer und die Kiste auf dem Tisch brummt leise. Sie setzt sich auf und beschliesst, weiter in der Kiste zu lesen. Und vielleicht auch zu schreiben, denn die Kiste verfügt ja auch über Buchstaben.
Als sie sich den Bildschirm genauer betrachtet, entdeckt sie am oberen Rahmen, ausserhalb des Textbereichs, eine Zeile, in der „Suche“ steht und ein waagrechter Strich blinkt. Sie tippt die Buchstaben n — o — e ein. Am Ende der Zeile ist ein Pfeil. Sie klickt mit dem Zeiger darauf und es baut sich ein neues Bild auf. Dieses besteht aus vielen kleinen Textabschnitten, alle mit einem grossen Titel und mit kleinem Text. In den meisten Titeln kommt ihr Name – Noë – vor. Auf der rechten Seite aber gibt es Bilder und Texte ohne ihren Namen. Sie betrachtet die Bilder und erkennt auf einem eine aufgeklappte Kiste, die so ähnlich aussieht wie ihre, die sie gerade vor sich hat. Neugierig fährt sie mit dem Zeiger über das Bild, er wird zu einer Hand und sie klickt darauf.
Und so lernt sie in den nächsten Stunden nach und nach, was ein Computer ist, ein Laptop, eine Maus und vor allem das Internet. Eine völlig neue Welt eröffnet sich ihr, mit vielen Texten und Informationen, mit Erklärungen. Sie lernt, dass es eine Gesellschaft gibt mit ganz vielen Menschen, mit Flüchtlingen und mit Leuten, die einen festen Wohnsitz haben. Es gibt eine Wirtschaft, die Geld produziert und Politiker, die dieses Geld wieder ausgeben. Es gibt Unternehmen, Fabriken, Schulen. Und es gibt eine ganze Menge an Freizeitaktivitäten.
Und dann wird sie, zum wiederholten Mal, auf eine Seite geleitet, wo es ganz viele Dinge zu kaufen gibt. Diese Dinge kann man bestellen, das heisst, man klickt, wenn man etwas haben will und dann wird es einem gebracht. Noë überlegt, was sie haben will. Es gibt so viele Dinge, die sie noch nie gesehen hat. Hier wird eine Kuscheldecke angepriesen, da eine Kerze aus weissem Wachs. Dort gibt es frische Erdnüsse im Angebot. Noë bestellt alles. Aber wie würden diese Dinge zu ihr gelangen? Als sie auf „bestellen“ klickt, erscheint ein Formular mit Name und Adresse. Es ist bereits ausgefüllt. Sie zuckt die Schultern: Da ihr nichts besseres einfällt, probiert sie es einfach mal so aus.
Da sie nicht weiss, ob die bestellten Sachen einfach irgendwie erscheinen werden, beschliesst sie, sich eine Weile hinzulegen. Die neue Zeitung, die sie in ihrer anderen Welt jeweils erhält, ist ja auch einfach am Morgen jeweils da. Sie legt sich darum auf die Matratze, die sich ihrem Körper sofort anpasst, ihn wärmt und – so scheint es ihr – ihn irgendwie auch mit nötigen Nährstoffen versorgt und schläft sofort ein. Die vielen Informationen aus dem Internet haben sie müde gemacht.
Als sie wieder aufwacht, blickt sie erwartungsvoll zum Tisch, aber da ist nichts. Sie schaut sich im ganzen Raum um, aber sie sieht keine Kuscheldecke, keine Kerze und keine Erdnüsse. Etwas enttäuscht ist sie, aber dann denkt sie, vielleicht hat es mit der Bestellung ja nicht geklappt, denn sie kennt ja gar nicht ihre Adresse. Sie setzt sich im Bett auf und überlegt, wie sie denn herausfinden könnte, wo sie eigentlich ist. Ob sie mal raus geht, aus der Türe? Ob sich diese überhaupt öffnen lässt? Es müsste doch eigentlich jemand zu finden sein, in einer Welt, die von so vielen Menschen bewohnt wird. Sie blickt noch einmal im Raum herum und bemerkt, wie neben der Schranktüre eine grüne Lampe blinkt. Sie steht auf und öffnet die kleine Türe und findet dahinter drei Pakete.
Sie stellt die Pakete auf den Tisch und beginnt damit, sie zu auszupacken. Zum Vorschein kommt aus dem ersten eine weisse Kerze und eine Schachtel mit kleinen Hölzchen, auf die ein rosa Herz gemalt ist. Aus dem zweiten Paket kommt eine weiche, warme Decke und im dritten liegt eine Packung mit seltsam geformten, rauen Dingen. Das müssen diese Erdnüsse sein. Noë spürt ein warmes Gefühl in ihrer Magengegend. Sie hat Freude. Ihre ersten Dinge, die sie im Internet gekauft hat. Ihre ersten Dinge, die sie besitzt und selber ausgesucht hat. Sie wickelt sich in die kuschlige Decke und setzt sich mit der Kerze aufs Bett.
Auf dem Bild im Internet hat die Kerze oben geleuchtet. Sie wendet sie hin und her, vielleicht hat sie irgendwo einen Power-Knopf. Noë kann aber nichts entdecken. Sie nimmt die kleine Schachtel mit den Hölzchen in die Hand. Vielleicht funktioniert sie ja als Fernbedienung. Auf der Rückseite entdeckt sie einen kleingeschriebenen Text: „Vorsicht, Streichhölzer gehören nicht in Kinderhände!“. Sie setzt sich an den Tisch und gibt ins Suchfeld des Computers „Streichhölzer“ ein.
Als das Feuer am Streichholz aufflammt, erschrickt sie so sehr, dass sie es fallen lässt. Es erlischt sofort. Zögerlich startet sie einen neuen Versuch. Aber erst beim fünften Anlauf gelingt es ihr, das Feuer vom Holz zum Docht zu bringen. Es knistert, Funken sprühen hoch. Die Flamme glimmt erst bläulich auf, wird grösser wie eine Blase und dann wieder kleiner. Die Farbe ändert sich fast ins Weiss. Dann wird die Flamme wieder grösser und gelber, golden. Und schliesslich wird sie gelb-orange und im Ansatz blau-weiss. Das weisse Wachs direkt unter der Flamme beginnt durchsichtig zu werden. Bereits nach kurzer Zeit hat sich ein kleiner See gebildet. Und immer noch sprühen ab und zu Funken. Ein stetes, wenn auch nicht gleichmässiges, Knistern liegt in der Luft. Noë kuschelt sich gemütlich in ihre Decke und sitzt eine ganze Weile staunend da.
Die Kerze wirft ihr Licht in den Raum, auf den Tisch und an die Wand. Dort beginnen Schatten zu tanzen, denn die Flamme flackert leicht. Der eine Schatten gehört zur Kerze selber, er zeichnet ihr Rund nach. Sie ist schon ein bisschen abgebrannt, der Docht liegt tiefer im Wachszylinder. Der Schatten an der Wand bildet eine Art abgerundetes V, das langsam hin und her schwebt. Die obere Kante der Kerze ist nicht mehr gerade, sondern verläuft wellenförmig in zwei relativ regelmässigen Auf und Ab. Dort, wo die vordere Kante tiefer heruntergebrannt ist als die hintere leuchtet der Rand hell auf. Ab und zu sieht man die Flamme über diesen Rand hinaus aufflackern. Normalerweise aber leuchtet der mittlere Teil der Kerze einfach goldgelb.
Die Kerze brennt nun schon eine geraume Zeit und Noë ist es, als ob sie das warme Wachs riechen kann. Leicht süsslich. Ein bisschen künstlich. Der Geruch ist ihr aber nicht unangenehm. Im Gegenteil, er erweckt in ihr das Gefühl von Geborgenheit.
Dann reisst plötzlich der Rand ein, da wo er schon weit herunter gebrannt ist. Das Wachs fliesst mit einem Schwung heraus, rinnt aussen an der Kerze entlang hinunter und beginnt sich alsbald rückzustauen. Es bildet sich ein dünner Stängel entlang der Kerze mit knubbeligen Verdickungen. Noë taucht ihre Finger in das warme Wachs der Kerze. Das fühlt sich erst ganz heiss an, kühlt aber rasch ab und ist dann nur noch warm. Sie spürt, wie das Wachs die Poren ihrer Haut abschliesst. Sie reibt die Finger aneinander. Das fühlt sich glatt an, aber seltsam. Leblos, aber irgendwie auch organisch, weil weich und verformbar. Sie wartet ein bisschen, das Wachs härtet schnell ganz aus. Es wird spröde und als sie jetzt die Finger bewegt, platz die neue Haut auf, bekommt Risse und fällt ab. Am Finger bleibt eine fettige Schicht zurück, die nicht sichtbar ist, wohl aber spürbar. Es ist Noë, als spüre sie das Wachs noch an der Hand, obwohl es lange wieder abgefallen ist. Sie betrachtet ihr Hand, riecht an ihren Fingern, die jetzt auch nach Kerze duften. Noë fühlt sich wohl und glücklich und zufrieden. Ihr fallen die Augen zu und sie merkt, wie sie sich jetzt wieder für eine Weile auf die wärmende Matratze legen muss.
Als sie gestärkt und ausgeruht die Augen wieder aufschlägt, ist die Kerze erloschen. Aber noch immer liegt ihr feiner Duft im Raum. Der Laptop brummt leise auf dem Tisch. Noë kuschelt sich in die weiche Decke, die sie im Schlaf um sich gewickelt hat. Dann streckt und reckt sie sich und gähnt. Ihr Blick wandert zum Tisch, wo neben der ausgebrannten Kerze auch noch die Tüte mit den Erdnüssen liegt. Fast könnte man meinen, achtlos liege sie da. Aber eigentlich ist in dieser neuen Welt der Anblick einer Tüte schon ein Ereignis. Sie ist aus durchsichtigem Plastik, kommt aus Südamerika. Sie liegt da, knistert wundervoll, wenn man sie berührt. Leicht klingt das Knistern. Geheimnisvoll. Die Oberfläche ist ganz glatt. Und obwohl Noë durch den Plastik hindurch sehen kann, scheint zwischen der glatten Plastikoberfläche und dem Inhalt kein Zusammenhang zu bestehen.
Sie stellt sich vor, wie es wohl duftet, wenn sie die Plastikverpackung öffnet. Wie sich die Nüsse anfühlen würden, mit ihrer rauen Oberfläche. Und wonach sie schmeckten. Sie hat im Internet gesehen, dass man die Nüsse erst schälen muss, dass man das aber leicht von Hand tun kann. Sie will all diese Eindrücke erleben, das Riechen, Fühlen, Schmecken. Und sie freut sich auf diesen Moment und will diese Freude noch ein Weilchen länger hinhalten.
Dann überkommt sie einfach eine unendliche Neugierde, ein Verlangen danach, zu riechen, zu fühlen, zu schmecken. Sie reisst die Packung auf und sofort schlägt ihr der Geruch entgegen. Es riecht herb, leicht staubig. Aber irgendwie auch süsslich. Sie atmet tief ein. Es riecht nach geröstet. Sie beugt sich über die Tüte und atmet tief ein. Jetzt scheint ihr der Geruch fast etwas metallen.
Und während sie sich noch den Gerüchen hingibt, überkommt sie eine ungeheure Lust, einfach in eine solche Nuss hinein zu beissen, ihre Zähle in die weiche Schale zu bohren. Es knackt leicht, gleichzeitig gibt es einen pfeifenden, schleifenden Ton, als ihre Zähle sich zur Luft in der Nuss durchsäbeln. Die Schale splittert ganz leicht ab und sie fühlt die kleinen Stücke auf der Zunge. Faserig fühlt sich das an. Und es schmeckt irgendwie nach nichts. Sie nimmt die Nuss aus dem Mund.
Jetzt hält sie sie in der Hand. Sie spürt die poröse, raue Oberfläche. Das fühlt sich warm an. Nicht unbedingt lebendig, aber auch nicht tot. Irgendwie organisch. Sie fixiert die Spitze am einen Ende der Erdnuss mit dem Zeigefinger und drückt auf die gebogene Rundung darüber mit dem Daumen. Es knackt, als die Schale zerberstet und die Luft aus dem Innern der Nuss entweicht. Sie muss die zweite Hand zur Hilfe nehmen, um die Nuss nun ganz aufzubrechen. Es knackt noch einmal, dann knirscht es, als sie die beiden Hälften mit einem Ruck voneinander trennt. Die Kerne fallen zitternd auf den Tisch. Es ist ein Geräusch, dass von den Ausdehnungen einem Poltern nahe kommt, aber natürlich viel, viel leiser. Die zwei Nüsse zerfallen sofort in ihre Hälften und die rote Schale löst sich mit einem papiernen Geräusch von ihnen. Sie nimmt die knirschenden Blättchen in ihre Finger.
Dann nimmt Noë die Nuss in den Mund und kaut sie. Es knirscht weiter, aber irgendwie weich. Und so fühlt es sich auch an. Die Nuss scheint sich mehr zwischen ihren Zähnen zu verformen als auseinander zu splittern. Sie ist nur im ersten Moment knusprig, dann sofort eher weich und bald sogar irgendwie fasrig. Und gleichzeitig mit der äusserlichen Verformung gibt sie auch ihren Geschmack preis. Dieser verändert sich eben so schnell: Erst ist die Nuss süsslich, dann kommt der Nussgeschmack, warm, erdig irgendwie. Aber auch frisch und würzig. Und dann wird er wieder süsslicher. Bis da nichts mehr ist, nur noch das fasrige etwas zwischen ihren Zähnen, in ihrer Zunge.
Noë erinnert sich an den Gedichtband und an die Beschreibung von verschiedenen Geschmacksrichtungen. Sie bekommt auf einmal selber Lust, etwas zu schreiben, ihre Gedanken und Gefühle in Worten festzuhalten. Sie setzt sich an den Tisch und sucht auf dem Laptop ein Programm, mit dem sie schreiben kann. Sie findet es sehr schnell, denn sie hat zufälligerweise eine Anleitung dazu im Internet gelesen. Sie öffnet ein neues Dokument und beginnt zu schreiben.
geborgenheit
jetzt sitze ich hier, in einem halbdunklen zimmer. eingekuschelt in meine decke. vor mir die leuchtende kerze und in der luft der duft nach frischen erdnüssen. die matratze wärmt mich und gibt mir alles, was ich brauche. und dieser raum, so klein er ist, gibt mir so viel. tor zu einer neuen welt. was erwartet mich? was werde ich noch alles sehen und erfahren? leichtes herzklopfen. doch für den moment, darf ich mich hier verkriechen. darf ich hier einfach sein und geniessen und jede sekunde wahrnehmen und festhalten. im kerzenschein.
Sie liest noch einmal durch, was sie geschrieben hat. Darf sie denn jetzt schreiben, dass die Kerze leuchtet, wenn sie doch schon längst erloschen ist? Und auch hat sie alles in Kleinbuchstaben geschrieben, denn wie man mit der Tastatur grosse Buchstaben machen kann, das hat sie noch nicht herausgefunden. Trotzdem ist sie zufrieden mit ihrem Text. Er sagt das aus, was sie fühlt.
Dann denkt sie kurz an Luis. Sie hat mit ihm auch schon über Gefühle sprechen wollen. Aber er hat sich damit schwer getan. Was er wohl gerade macht? Ob er sie vermisst? Ob er überhaupt bemerkt, dass sie nicht da ist? Sie sollte ihn besuchen, sie sollte zurück in ihre Wohnung gehen. Aber jetzt fühlt sie sich zu müde. So viel hat sie heute erlebt und erfahren. So viel hat sie gestaunt. Erst einmal muss sie sich etwas hinlegen und schlafen.
Immer, wenn ich ein neues Kapitel zum Utopia-Projekt veröffentliche, verschicke ich ein Benachrichtigungsmail. In der Seitenleiste links kann man sich dafür einschreiben.