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Mit dem Velo der Gellertstrasse entlangfahrend erblicke ich eine fein gestaltete Stirnfassade aus Sichtbeton, die meine Neugierde weckt. Durch die horizontale und vertikale Ausrichtung der Bretterschalung zeichnen sich Decken, Stützen und Wandscheiben ab. Neugierig, den restlichen Teil des Gebäudes zu entdecken, steige ich vom Velo und staune, dass sich das Wohnhaus beinahe hundert Meter entlang dem Lindenweg in die Tiefe erstreckt. Die sechs Geschosse hohe Fassade wird durch Betonwände rhythmisiert, welche von aussen nur als Betonstützen wahrnehmbar sind. Die dazwischen liegende Bandfassade springt jeweils an den Stützen abwechselnd vor und zurück. So entsteht eine feine, schöne Rhythmisierung der Fassade. Die unterschiedlich hohen Brüstungselemente aus blaugrauer Keramik geben einen Hinweis auf die dahinterliegende Nutzung. Bei den Wohnräumen ist die Brüstung etwas tiefer als bei den Schlafzimmern.
Das 1965 fertiggestellte Wohnhaus des Architekturbüros Burckhardt+Partner hat ein zeittypisches offenes Erdgeschoss mit massiven Betonstützen – Le Corbusier lässt grüssen – und Kernen aus Backstein und Glas. Neben dem Erschliessungskern befinden sich die ehemaligen Bedienstetenzimmer. Ein erster Hinweis, dass es sich um bürgerliches Wohnen handelte. Den Abschluss findet das sechsgeschossige Gebäude in einem Attikageschoss gekrönt von einem auskragenden Betongerippe als Dachblende. Dort befinden sich zwei grosse Wohnungen mit umlaufender Dachterrasse. Am anderen Ende des Gebäudes angekommen, irritiert einen anfänglich der nur drei Geschosse hohe und etwas versetzt stehende letzte Gebäudeabschnitt. Die Erklärung liefert das daran anschliessende Gebäude, welches dieselbe Höhe hat und ebenfalls versetzt ist. In diesem tieferliegenden Gebäudeteil gibt es pro Geschoss eine 1.5-, 2.5- und 3.5-Zimmerwohnung.
Im Hauptteil des Gebäudes gibt es vier Regelgeschosse und drei Treppenhäuser. Pro Geschoss sind es jeweils sechs identische 5-Zimmerwohnungen. Das Treppenhaus mit der abgerundeten Treppe ist an flächentechnischer Effizienz nicht zu übertreffen. Umso grösser ist der Kontrast, wenn man die zweiseitig orientierte Wohnung betritt. Man steht in einem Vorbereich mit Garderobe und Gästetoilette, der Blick folgt sogleich in das vor einem liegende Wohn- und Esszimmer, welches sich über die gesamte Gebäudetiefe erstreckt. Wohnen und Essen stehen versetzt zueinander und grenzen sich so räumlich voneinander ab. Das Wohnzimmer verfügt über ein Cheminée. Dem Esszimmer zugehörig ist ein halb gedeckter Balkon, welcher sich über die gesamte Zimmerbreite erstreckt. Vor dem Balkon verbindet eine Tür das Esszimmer mit der Küche. Von der funktional-abgetrennten Arbeitsküche gibt es eine weitere Tür zur Garderobe. So können die Einkäufe rasch verstaut werden – oder die Bediensteten von Gästen unbemerkt ein- und ausgehen.
In der Mitte des Ess- und Wohnzimmers gibt es eine Tür zum privaten Teil der Wohnung. Man betritt einen Vorraum mit Einbauschränken. Alle weiteren Zimmer werden von diesem Raum erschlossen: Das Bad, das Elternschlafzimmer und zwei Kinderzimmer. Die Wohnung ist konsequent in einen privaten und öffentlichen Bereich unterteilt. Die Wohnung ist 127 m2 gross. Wobei der «Luxus» im grossem Ess- und Wohnzimmer liegt, welches mit 50 m2 viel Raum einnimmt. Die restlichen Zimmer sind wesentlich knapper dimensioniert. So ist ein Kinderzimmer 12 m2 gross.
Die leicht schräg gestellte Fassade ist in den Innenräumen kaum spürbar; sie dient in erster Linie der äusseren Gliederung des Gebäudes – verleiht dem robust-mineralischen Betonbau eine unerwartete Verspieltheit. Begeistert vom fein gestalteten Wohngebäude steige ich wieder aufs Velo auf der Suche nach weiteren architektonischen Entdeckungen im Gellertquartier.
Text: Céline Dietziker / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel
Mehrfamilienhaus am Lindenweg
Adresse: Lindenweg 1-7, 4052 Basel
Architekten: Burckhardt+Partner AG
Bauzeit: 1964-65
Funktion: Wohnen