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Von der Gründung im Jahr 2016 bis Ende 2020 wandten sich 121 Personen an «Respekt für alle», um hier ein offenes Ohr für ihre Rassismus- oder Diskriminierungserfahrung zu finden und juristisch beraten zu werden. Nicht nur Rassismusopfer suchen die Beratungsstelle auf, auch Verantwortungsträgerinnen und -träger in öffentlichen und privaten Institutionen gehören zu den Ratsuchenden. Konfrontiert mit rassistischen Vorfällen in ihren Teams, suchen sie Rat und Hilfe bei der Konfliktlösung. In den meisten Fällen geht es ihnen um eine juristische Einschätzung des konkreten Falls. Auch Material zur Sensibilisierung wird nachgefragt.
Die meisten Ratsuchenden haben keinen «prekären» Aufenthaltsstatus in der Schweiz (F-, N-Ausweis oder « Papierlose »). Fakt ist, dass die meisten Personen, die zwischen 2016 und 2020 «Respekt für alle» kontaktierten, Bürgerinnen oder Bürger der Schweiz oder Ausländerinnen und Ausländer mit C- oder B-Ausweis waren:
- 2016 : 15% Schweizer; 44% Ausweis C; 41% Ausweis B
- 2017 : 17% Schweizer; 36% Ausweis C ; 26% Ausweis B ; 21% andere
- 2018 : 13% Schweizer; 33% Ausweis C ; 46% Ausweis B ; 8% andere
- 2019 : 25% Schweizer; 5% Ausweis C ; 35 % Ausweis B ; 35% andere
- 2020 : 25% Schweizer; 25% Ausweis C ; 12 % Ausweis B ; 38% andere
Die Beratungen erfolgen per Brief und/oder per Mail, über Telefonate, persönliche Treffen und seit dem Beginn der Pandemie auch vermehrt in Form von Online-Gesprächen. Beraten wird in mehreren Sprachen: französisch, deutsch, englisch, italienisch, spanisch und portugiesisch. Bei weniger verbreiteten Sprachen arbeitet die Beratungsstelle mit interkulturellen Dolmetschenden von «se comprendre» zusammen.
In vielen Fällen sind mehrere Gespräche zur Klärung eines Vorfalls nötig. Wenn die Ratsuchenden darum bitten, leitet «Respekt für alle » weitere Schritte ein oder übernimmt die Weitervermittlung an spezialisierte Fachpersonen.
Zum Beispiel :
- In einem Unternehmen zeigt ein Mitarbeiter seinen Kollegen den Hitlergruss. Der Teamverantwortliche sucht juristischen Rat bei «Respekt für alle», um in dieser Situation die korrekten Massnahmen zu ergreifen.
- Eine transsexuelle Person erklärt, dass sie sich von den Mitarbeitenden eines grossen Unternehmens wiederholt diskriminierend behandelt fühlt. «Respekt für alle» nimmt daraufhin Kontakt mit dem Personalbereich des Unternehmens auf, der mitteilt, dass in diesem Fall entsprechende Massnahmen ergriffen wurden.
- Eine Mutter kontaktiert «Respekt für alle», weil ihr 7-jähriger Sohn in der Vorschule immer wieder den Spötteleien seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ausgesetzt ist. Sie machen sich regelmässig über sein krauses Haar lustig und machen Anspielungen auf Bananenbäume. Die Mutter möchte wissen, wie sie ihren Sohn stärken und gemeinsam mit der Lehrperson die Situation lösen könnte.
Erfahrungsberichten Raum geben
- Online-Briefkasten: Viele Ratsuchende wenden sich über den Online-Briefkasten an die Beratungsstelle.
- Wanderbriefkasten: Ein ganzes Jahr lang wandert dieser Briefkasten durch die verschiedenen Verbände im Kanton Freiburg. Im Jahr 2020 hätte die Gewerbliche und Industrielle Berufsfachschule (GIBS) zu den geplanten Stationen gehört. Aufgrund der Corona-Krise konnte der Briefkasten leider nicht platziert werden. Im November und Dezember 2020 hing er einige Wochen im frauenraum. Die Website serespecter.ch/de bietet umfassende Informationen.
Schulungen zum Thema Diskriminierung und Interkulturalität
«Respekt für alle» bietet spezifische Präventions- und Sensibilisierungsschulungen für Mitarbeitende des öffentlichen Dienstes (z.B. Berufsfachschule Freiburg EMF, Freiburger Polizei) und der Privatwirtschaft (z.B. Rotes Kreuz, Gewerkschaften, usw.) an. Seit ihrer Gründung organisiert die Beratungsfachstelle auch spielerische und pädagogische Aktivitäten bei unterschiedlichen Veranstaltungen in verschiedenen Städten im Kanton Freiburg. Zusätzlich zum zweisprachigen Internetauftritt entwickelte «Respekt für alle» weitere Informationsmaterialien: Informationsfaltblatt in drei Sprachen (französisch, deutsch und italienisch); das Handbuch «Auf Rassismus reagieren: Zugang zu Schweizer Justiz in Fragen der Rassendiskriminierung» (französisch), Leitfaden (deutsch und französisch) für Beratende von Opfern rassistischer Vorfälle.
Bilanz und zukünftige Herausforderungen
Für Menschen, die mit rassistischen und diskriminierenden Ereignissen konfrontiert sind, ist es eine grosse Hilfe, bei «Respekt für alle» ein offenes Ohr sowie Beratung und Unterstützung zu finden. Nicht selten wenden sich Ratsuchende auch mehrmals an die Anlaufstelle aufgrund von unterschiedlichen rassistischen Diskriminierungen. Aber Mund-zu-Mund-Propaganda allein reicht nicht aus, um die Arbeit der Beratungsstelle beim Zielpublikum bekannt zu machen. Untersuchungen insbesondere in anderen Kantonen haben ergeben, dass sich durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit mehr Menschen mit der Bitte um Beratung an «Respekt für alle» wenden. Vor der Pandemie fand die Informationsarbeit hauptsächlich über Standaktionen und Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen statt. In der Anfangszeit der Corona-Krise ging die Zahl der Beratungsanfragen stark zurück. Es dauerte Monate, bis die Online-Gespräche zum Beratungsalltag wurden. Auch in den nächsten Monaten wird der Schwerpunkt der Arbeit auf der Online-Beratung liegen.
Anlässlich des 5-jährigen Jubiläums waren eine Plakatkampagne im ganzen Kanton und ein runder Tisch mit Expertinnen und Experten geplant, die jeweils rassifizierte soziale Gruppen vertreten. In Abstimmung mit dem Kanton wurde die Entscheidung getroffen, das Jubiläum nicht online zu feiern, sondern beide Aktionen zu verschieben und so mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen. Sobald das Datum feststeht, wird es über die Webseite von «Respekt für alle» kommuniziert.
Text: Thaìs Agostini