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Seit Thomas Pikettys Buch „Capital“ geben sich zweit- oder drittklassige Reiche, die Vermögen unter 200 Millionen Franken haben, und deren dienstleistende Professoren alle Mühe, den französischen Oekonomen zu widerlegen. Die Unterschiede seien keineswegs so gross, wie von diesem behauptet und überhaupt…..
Reichtum, so wird behauptet, unterscheide sich im üblichen kaum von gehobenem Wohlstand, „denn auch als Reicher kann ich nur ein Steak auf einmal essen“, lautet die oft gehörte Argumentation. Noch mehr beeindruckt sind wir, wenn ein wohlhabender Bankier einen grossen, aber unauffälligen VW fährt. Einige Zeit später begegnete er uns auf dem Flughafen Charles de Gaulle, wo sein Chauffeur mit Rolls auf ihn wartete. Zusatz: „In der Schweiz würde ich derlei nie tun.“
Dennoch sind die Reichen verschieden von den weniger Reichen. Wenn die US-amerikanische Besitzerfamilie der Kaufhauskette Walmart ein Vermögen versteuert, das so gross ist wie das der unteren 30% der amerikanischen Bevölkerung, kann von einem Unterschied an Lebensstandard und Lebensfreude gesprochen werden. Wenn sich ein ehemaliger Schweizer Botschafter in Peking ein Schloss in der Zentralschweiz mit See und Insel wie angrenzendem Land leisten kann, beruht dies nicht auf Sparsamkeit, sondern einem industriellen Erbe.
Wenn die drei Flughäfen Cointrin, Basel-Mulhouse und Kloten voller Privatflugzeuge stehen, darunter viele beachtlich grosse, von den Helis gar nicht zu sprechen, macht dies deutlich, dass auch bei uns der tägliche Stau auf den Strassen nicht jedermann gegönnt ist.
Diese Liste lässt sich unglaublich verlängern; wer mehr wissen möchte, möge „How to spend it“, die luxuriöseste Zeitungsbeilage der Welt, herausgegeben von der „Financial Times“ lesen, ein Art Warenhaus für die besten Kreise, wogegen die Beilagen Schweizer Verlage wie ein chinesischer Chramschopf aussehen.
Es geht nicht darum, nun den armen Reichen, die sich in verschwiegenen Resorts, möglichst den eigenen, treffen müssen, den Schwarzen Peter anzuhängen. Erstaunlich ist nur die Hilflosigkeit ihrer Verteidigung. Im Kapitalismus, in welchem wir leben, wenn er auch französischem und chinesischem Staatskapitalismus immer ähnlicher geworden ist, muss das Geld verdienen Freude machen. Wozu arbeitet der Mensch? Nicht zur Beglückung der Menschheit, das ist ein Nebenprodukt wie der Ford T und das iPad, sondern um reich zu werden. Wohlstand bedeutet schwankende Sicherheit, Reichtum Sicherheit über Generationen hinweg.
Der jungen Generation wird es heute schwer gemacht, ein richtiges Vermögen zu bilden. Wer nicht geerbt hat (Schindler, Matter, Gaydoul, Müller-Möhl, Model, Liotard-Vogt, Ringier etc.), dem fällt ein solcher Erfolg nicht in den Schoss. Zwei Ausnahmen fallen auf: Dr. Christoph Blocher und Peter Spuhler, beide von Zürich geprägt. Sie haben jenen Raubtierinstinkt und beherrschen das „power play“ echter Unternehmer, wie dies in Europa früher oft und heute selten anzutreffen ist. Hansjörg Wyss, ein Berner, der seine Karriere in den USA machte, zählt auch in diese Kategorie. Die Hofmann, Oeri und Landolt sind heute industrieller Adel, wo externe Topmanager das Geschäft betreiben. Nicht zu verwechseln ist dies mit den Spekulationsvermögen eines Dr. Tito Tettamanti oder eines Martin Ebner, wo dauerhafte Anlagen eher eine Seltenheit sind und Totalverluste hingenommen werden müssen.
Die Schweiz ist ein reiches Land, wo rund die Hälfte der Bevölkerung staatliche Zuschüsse für Wohnen, Krankenkassen, Ackerbau und Viehzucht, AHV und IV und vieles andere erhält. Viele Schweizer könnten es sich sonst nicht leisten, in der Schweiz zu wohnen. Das mag mit ein Grund sein, warum junge Schweizerinnen und Schweizer kaum noch eigene Kinder wollen; es ist einfach zu teuer, mindestens aber zu aufwendig, sie zu erziehen. Sie bilden den Volkskörper der B-Schweiz.
Die Vertreter der hoch produktiven A-Schweiz, die ihr Kapital mehr denn je global einsetzen, brauchen diese B-Schweiz, damit die solide Infrastruktur des Landes erhalten und gepflegt werden kann. Weil der Nachwuchs weder quantitativ noch qualitativ genügt für das anhaltende Wirtschaftswachstum der A-Schweiz, werden Zuwanderer aller Qualitätsstufen gesucht: Nordafrikaner für den Zirkus Knie, deutsche Ingenieure für die Chemie- und Pharmaindustrie. Deshalb hat die „Swiss“, Tochtergesellschaft der Deutschen Lufthansa, nun beschlossen, die Zahl der europäischen Kurzstreckenflüge auszubauen, damit diese Wirtschaftsflüchtlinge ohne Probleme zwischen dem Balkan, Süditalien, Nordportugal, Ostdeutschland und Zürich pendeln können.
Alàs, enrichissez-vous! Dieser Wahlspruch Napoléons III. aus dem späten 19. Jahrhundert soll wieder gelten. Thomas Piketty hat die Ausgangslage beschrieben. Wer seine Chance ergreift, kann ihn widerlegen.
*Klaus J. Stöhlker ist Unternehmensberater für Öffentlichkeitsbildung in Zollikon/ZH