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Einleitung
S. I Hiermit wird die erste vollständige deutsche Uebersetzung des griechischen Textes der Schrift des Nemesios von Emesa („Anthropologie“) vorgelegt. Die elf ersten Kapitel hatte schon der bayrische Arzt Dr. Osterhammer 1819 in Salzburg veröffentlicht. Doch genügte diese Arbeit nach Umfang, Sprachform und Aufmachung nicht mehr heutigen Anforderungen. Aus diesen Gründen sowie daher, weil ich persönlich tiefer in die wachsende Nemesiosströmung der gegenwart tauchen wollte, machte ich mich an die Memesios-Verdeutschung. Es steht gewiß zu erwarten, daß die schlichte Arbeit manchen für die herrliche Philosophie des unerschöpflich reichen Altertums aufs neue begeisteren wird.
Einige Angaben über die Persönlichkeit des Nemesios und sein Werk mögen der Uebersetzung vorausgehen.
Wo Nemesios geboren ist, wissen wir nicht bestimmt zu sagen. Die einzige Schrift, die wir von ihm besitzen, gibt darüber nichts aus. Drei Städte werden dort zwar genannt: Alexandria, Babylon und Rom. Aber aus Rom stammt er sicher nicht; auch Babylon liegt ziemlich weit ab von Emesa. So bliebe noch die Möglichkeit seiner Herkunft aus Alexandreia. Allein so erträglich diese Hypothese klingen mag, so wenig läßt sie sich beweisen. Ob Nemesios später als Bischof von Emesa sich einmal in Alexandreia oder auch in Rom aufgehalten habe, wäre schon eher denkar; doch fehlen auch dazu genau so gut die Beweise. Endlich könnte man mit noch viel größerer Wahrscheinlichkeit vermuten, Nemesios sei nicht nur Bischof von Emesa in seinen Mannesjahren gewesen, sondern auch schon dort geboren, groß geworden und von der emesensischen Kirchengemeinde wegen seines allgemeinen Ansehens und seiner allseitig anerkannten Tüchtigkeit zum Bischof gewählt worden. Indessen ist auch diese Vermutung nur eine Möglichkeit und keine wissenschaftliche Gewißheit. Der Geburtsort des Nemesios bleibt damit vorläufig unbekannt.
Das Werk des Nemesios enthält keine unmittelbare Angabe, die sich für die Bestimmung der Lebenszeit des Bischofs als Angelpunkt benutzen ließe. Doch gibt es sonst paar Hilfsmittel, die Verwendung finden könnten. Das Material dazu entnehme ich der Heidelberger Arbeit von Dietrich Bender (Untersuchungen zu Nemesius von Emesa, Leipzig 1898). Gregor von Nazianz schrieb vier Briefe in den Jaharen 386 und 387 an einen Nemesios, S. II der damals kaiserlich-römischer Statthalter in Kappadokien war. Ferner erwähnte derselbe Gregorios in einem größeren Gedicht den Lebensgang des Nemesios, er warnte ihn vor dem Versinken ins Heidentum und forderte ihn zur Annahme der christlichen Lehre auf, er pries des Nemesios Gerechtigkeit und Tüchtigkeit in juristischen Fragen. Diese Nachrichten verwandte der Kirehenhistoriker Tillemont dazu, den gregorianischen Nemesios mit dem Nemesios von Emesa zu identifizieren. Aus seiner Zusammenstellung ergibt sich dann etwa folgendes Bild: Nemesios trieb ursprünglich juristische, rhetorische und philosophische Studien und wurde Statthalter von Kappadokien. Der Verkehr mit den orientalischen Christen und die Freundschaft mit Gregor von Nazianz brachten ihn zur Ueberzeugung, daß das Christentum für ihn die geeignetste Weltanschauung und Grundlage einer geordneten Lebensführung sei. Als ehemaliger Verwaltungsbeamter war er dann geradezu schicksalsbestimmter Anwärter irgend eines Bischofsstuhles. Nach Emesa führte ihn Gottes Fügung, wenn er nicht gar von dort gebürtig war und so noch desto leichter mit Rücksicht auf seine Bildung und Befähigung das Bischofsamt übernehmen könnte. Er war in dieser Art der Bekehrung und Beförderung nicht das einzige Beispiel der alten Kirchengeschichte. Synesios von Kyrene ist ein bedeutender Beleg dafür.
Soweit gibt Bender den Hypothesen Tillemonts Gehör, um ihnen sofort mit entschiedener Ablehnung entgegenzutreten. Aber die Gegengründe Benders sind schwach und ihrerseits leicht widerlegbar. Er bemerkt z. B.: in der Schrift des Nemesios trete nirgends ein Zeichen oder Hinweis auf seinen früheren Stand und seine ehemalige Tätigkeit hervor. — War es denn wirklich unumgänglich nötig für Nemesios, in einem wissenschaftlichen, psychologischen Werk von universeller Wichtigkeit ausgerechnet dies zu betonen, daß er (auch er wie so manche andre) einst Jurist und Statthalter gewesen sei? Gebot ihm die Tendenz des Werkes und noch mehr der Geist des Christentums nicht gerade das demütige Verleugnen eigenen Wertes und persönlicher Vergangenheit? Jawohl, aus diesen Gründen sprach Nemesios nichts von seinem früheren Beruf. Sodann: er erwähne nirgends Gregor und nirgends Kappadokien. — Was hat Kappadokien mit Psychologie zu tun? War Nemesios denn verpflichtet, in seiner Anthropologie einen Katalog aller bedeutenden Köpfe zu veröffentlichen und so auch Gregor von Nazianz zu nennen? Endlich: das Buch weise mit seiner guten philosophischen und medizinisch-psychologischen Sachkenntnis mehr auf stille Studien in dieser Richtung als auf eine rhetorische Ausbildung und juristische Karriere hin. — Bender macht sich leider keine klare Vorstellung von der Macht und Ausbreitung der Rhetorik im vor- wie im nachchristlichen Altertum. Es gab keinen antiken Juristen, der nicht zugleich auch in der Rhetorik ausgebildet war. Zudem führt selbst S. III Nemesios an einer Stelle einen Beleg aus dem Unterrichtsbetrieb der Rhetoren an, die vermutlich seine Zeitgenossen waren; überdies finden wir sogar einige stilkritische Bemerkungen des Nemesios, wo er von den trocknen, schwerbegreiflichen Ausführungen einiger Philosophen redet und häßliche, widerwärtige Dinge übergeht. Benders Einwände sind also sämtlich hinfällig. Tillemonts Kombinationen klingen diesmal durchaus glaublich und enthalten jedenfalls keine Unmöglichkeit.
In Kürze geben wir hier unsre Auffassung über die Entwicklungsgeschichte des Nemesios wieder. Wir halten es zunächst für möglich, daß die Briefstellen bei Gregor von Nazianz auf Nemesios von Emesa gehen. Danach war Nemesios zuerst Student der Rechtswissenschaft; übrigens studierte auch der berühmte Bischof Gregorios Thaumaturgos anfangs römisches Recht in Berytos, das nahe bei Emesa liegt. Falls Nemesios in Emesa selbst geboren sein sollte, so war für ihn die hochangesehene Rechtsschule in Berytos die allernächste Gelegenheit zur Ausbildung für einen höheren Beruf. War Nemesios um 386/87 bereits Statthalter, so war er vermutlich um 345 geboren. Er wurde etwa um 390 Christ und bald darauf Bischof. Da im Jahre 432 der greise Bischof Paulus von Emesa in der Einigung zwischen Kyrill und einem Teile der Nestorianer den Vermittler spielte, kann Nemesios bis etwa 410 das Bischofsamt verwaltet haben und damals gestorben sein. Diese Annahme streitet nicht gegen die doxographischen Stützpunkte, die uns des Nemesios Schrift selber bietet. Lassen sich Tillemonts Hypothesen auch nicht bis zur Gewißheit erheben, so haben sie doch den einen Vorzug der historischen Probabilität. Diese Möglichkeiten sollen solange gelten, bis ernste und unerschütterliche Gegeninstanzen auftreten.
Von des Nemesios bischöflicher Tätigkeit wissen wir nichts. Nur das Werk „Anthropologie" entstand damals. Er war möglicherweise mehr Philosoph als Bischof.
Sein Geist war nicht gewöhnlich. Eine Allgemeinbildung von außerordentlicher Weite und Vielheit der Interessen zeichnete ihn aus. Es war nichts Geringes, eine Unsumme Wissens und Gelehrsamkeit auf so engem Raume, wie er es tat, zu konzentrieren. Das verrät Ueberlegenheit und praktische Gesinnung.
Dem Charakter nach war er ein entschiedener, klarer Anhänger des Christentums, der wohl zuweilen einige harte Worte den törichten Ansichten der Andersgläubigen entgegenhielt, sonst aber Milde und Verständigungswillen zeigte.
Nemesios war, soweit er aus seinem Werke sich erkennen läßt, ein würdiger Vertreter der alten Kirche, eip geistig bedeutsamer Verfechter der christlichen Lehre und so dazu geeignet, dem in Emesa noch immer mächtigen Heidentum griechischer Philosophen sieghaft zu widerstehen.
Emesa am Orontes war die Residenz eines arabischen S. IV Fürstengeschlechtes. Ob dies Nachkommen der Diadochen waren, läßt sich nicht beweisen. Ursprünglich sollen dort Hethiter gewohnt haben. Cicero nennt einen Vertreter der emesenischen Dynastie, Samsiceramus (Sampsigeramus). Ferner waren Aziszus und Soëmus Fürsten von Emesa. Das Herrscherhaus hielt sich lange und gelangte mit der Zeit gleichfalls zu gewisser Bedeutung. Im Jüdischen Kriege spielte es eine Rolle. Der Sonnenpriester Heliogabal (Elagabalus) von Emesa war sogar römischer Kaiser (218—222); politischen Einfluß übten auch Frauen dieses Fürstenhauses aus wie Julia Domna, Julia Mæsa und Julia Mammæa. Der Kaiser Alexander Severus (222—235), der Nachfolger Heliogabals, gehörte ebenfalls zu diesem emesenischen Geschlecht.
Ueber den Anfängen selbständiger Politik Emesa's lagert undurchdringliches Dunkel. Sicheres wissen wir erst, seitdem Roms Ausbreitungspolitik mit wachsendem Erfolge sich kundtat. Da wurde gewiß auch Emesa als Hauptstadt Koilesyriens von der Tiberstadt abhängig. Pompeius machte 64/68 Syrien zur römischen Provinz. Wenn Cicero den Fürsten Samsiceramus als seinen Freund bezeichnet, liegt es nahe zu mutmaßen, daß beide einmal Gelegenheit gehabt haben, sich über die politischen Beziehungen zwischen Emesa und Rom auszusprechen. Unter Kaiser Domitianus (81—96) wurde auch die Syrerstadt römisch. Emesa blieb wohl immer romfreundlich. Daher erklärt sich auch die Möglichkeit, daß die Syrer Heliogabal und Alexander Severus römische Kaiser wurden. Aus diesem Grund wurde die Stadt von den orientalischen Nachbarstaaten heftig beneidet und bekämpft. Sie teilte das Schicksal des Römerreichs, solange dies bestand.
Bei seiner auffällig hervorragenden Lage und Bedeutung war Emesa leicht der Stütz- oder Mittelpunkt kriegerischer Kämpfe. Wenn auch der Jüdische Krieg die Stadt nicht unmittelbar betraf, so war sie gleichwohl als Römerfreundin daran interessiert. Soëmus, Fürst von Emesa, hatte in den Jahren 66—72 mehrmals den Römern Truppen zu stellen. Die Perser machten häufig Anstürme gegen das emesenische Herrschaftsgebiet und verwüsteten dabei die Stadt in großem Umfang. Der persische Fürst und Heerführer Sapores wütete besonders gegen sie. In Emesa lagerten später römische Kohorten. Die Königin Zenobia focht bei Emesa (273) gegen den römischen Kaiser Aurelianus (270—275) und unterlag nur knapp. Die fanatische Wut der Orientalen im Kampfe gegeneinander erklomm auf dem sonnedurchglühten Felsland von Koilesyrien oft genug den Gipfel der Raserei. Emesa wurde zu wiederholten Malen nahezu dem Erdboden gleichgemacht, dann rasch wieder aufgebaut und mit blühendem Leben erfüllt. Die Bevölkerung Emesas war bei ihrer ziemlichen Entfernung vom Meere ,auf Binnenhandel und nomadische Lebensweise S. V angewiesen. Lag die Stadt auch so noch auf ungeebnetem, hügelligem Gelände, so hinderte dies nicht, daß sich Emesa als Handelsstadt nach und nach emporarbeitete. Auf verschiedenen Itinerarien späterer Jahrhunderte finden wir Emesa als wichtigen Knotenpunkt verzeichnet. Es lag an einer vielbenutzten Karawanenstraße, wo sich der Weg nach Palmyra und nach Damaskus gabelte. Da sich bei Emesa ein Berg mit einem berühmten Heiligtume, einem zuckerhutförmigen Meteorstein, befand, wurde es oft besucht und hatte als heidnischer Wallfahrtsort ohne Frage auch von dem Sonnenkulte wirtschaftlichen Vorteil. Aus dieser Zeit besitzen wir noch Münzen.
Emesa war nicht bloß in der Politik, sondern auch in der Kulturgeschichte eine angesehene Stadt. Dort lebte z. B. der Sophist Fronto zur Zeit des Kaisers Alexander Severus (222-235) der griechische Romanschriftsteller Heliodor stammte wohl ebenfalls dorther. Der Rhetor Ulpianos, der unter Konstantin dem Großen (323—337) tätig war, nannte Emesa seine Vaterstadt. Der Kyniker Sallustios (um 350) hielt sich einige Zeit in derselben Stadt auf. Der Anthropologe Nemesios war (etwa von 390—410) Bischof von Emesa. Die Pflege der Wissenschaften gedieh besonders unter den Emesenern. Der römische Dichter Avienus (um 370) pries in seiner poetische Beschreibung des Erdkreises den Bewohner Emesas also: incola claris cor studiis acuit.
Mithin war Emesa ein bedeutsamer Brennpunkt geistigen Strebens, gewissermaßen eine Hochschule, eine Rolle, die heute Beyrut nicht weit vom alten Emesa (jetzt Homs, das etwa 70000 Seelen zählt) mit Eifer spielt. Diese wissenschaftliche Lebendigkeit Emesas ist nicht ohne Bedeutung für die Charakteristik des Bischofs Nemesios.
Wann das Christentum zum erstenmal in der dortigen Gegend festen Fuß faßte, ist unbekannt. Das Heidentum herrschte lange Jahrhunderte in üppiger Macht. Auch als das Christentum in Rom durch Petrus und Paulus eingeführt war, glaubte man in Syrien noch ausschließlich an orientalische Götter. Besonders Emesa zeichnete sich durch einen Kult des Sonnengottes aus, der durch den Kaiser Heliogabal an Berühmtheit und Ausbreitung gewann. Der Sonnenglaube von Emesa war für kurze Zeit römische Reichsreligion. ZurZeit des Kaisers Julian waren die Emesener sicher noch größeren Teils Heiden. Andrerseits muß das Christentum sich doch schon ziemlich früh in Emesa festgesetzt haben. Denn es verging gewiß eine geraume Weile vom Erscheinen des ersten Christen bis zum ersten Bischof daselbst. Daß Emesa Bistum wurde, lag einmal an seiner historisch-politischen, dann an seiner kulturellen Tradition. Die Bistümer von damals lassen sich an „Größe" und Höhe der Seelenzahl längst nicht mehr mit den heutigen vergleichen. Da wäre heute ja fast jede rheinische oder jede bayrische Stadt ein Bischofssitz. In der Kirchengeschichte erlangte Emesa S. VI jedenfalls einen gewissen Ruf. Auf dem Konzil zu Nikaea 325 erschien bereits ein Bischof der syrischen Stadt. Um 360 verwaltete Eusebios das emesenische Bistum, wohl der Vorgänger des Nemesios. Paulus, Bischof von Emesa, war eine der eindrucksvollsten Erscheinungen auf dem oekumenischen Konzil zu Ephesos 431. 451 auf dem Konzil zu Chalkedon genoß Emesa eine vornehme Bedeutung. Daß die Kirche zu Emesa nicht immer unangefochten dastand, bezeugen die Märtyrerakten. Dem Arzte Julian, der als Märtyrer starb, ward eine Kirche geweiht. Die dortige Kirche ging trotz Mohamed und Schisma niemals unter.
Aus diesen wenigen Einzelheiten erkennen wir doch schon soviel, daß Emesa eine bisher etwas übersehene, aber trotzdem beachtenswerte Stadt ist. Wie man ihre Geschichte und Kultur nicht gering schätzen darf, so muß uns auch Nemesios selber als ein durchaus achtbarer Geist erscheinen, den genauer kennen zu lernen sicher reizend und ebenso lohnend ist.
Das Werk des Nemesios trägt die Aufschrift „Anthropologie" (wörtlich: von der Natur des Menschen). Dieser Titel ähnelt dem der naturphilosophischen Schriften der lonier. Die Wissenschaft hatte sich ja seit 500 v. Chr. immer mehr detailliert und spezialisiert. So war auch die Lehre vom Menschen entstanden, deren Grundlagen systematisch immerhin schon im Peripatos hergerichtet wurden. Nemesios selbst war wohl der erste, der mit klarer Absicht eine Anthropologie verfaßte. Seit Jahrhunderten wurde der Mensch als dualistisches Lebewesen, als Mikrokosmos und Krone der Schöpfung wissenschaftlich und popularphilosophisch behandelt.. Die Schrift des Nemesios ist nicht absolut objektiv, sie bringt keine parteilose Behandlung der Einzelprobleme des anthropologischen Ideenkreises. Sie ist vielmehr apologetisch, polemisch, christianisierend und trägt klar den Propagandacharakter zur Schau. Nemesios wollte die Teleologie des Menschen einmal knapp und praktisch eindringlich seinen Glaubensgenossen und wohl besonders seinen durch sophistisch-heidnische Gegenmaßnahmen und Abfallversuche bedrohten Angehörigen des emesenischen Bistums erklären und beweisen. Er tat das von einer beneidenswert hohen Warte aus. Das zeugt nebenbei für das lebhaft pulsierende Geistesleben im syrisch -emesenischen Christentum der Nemesios-Epoche.
Ueber die Sprache dieser anthropologischen Schrift herrscht einmütiges Lob. Nemesios bemerkt einmal selbst von Ausführungen fremder Gelehrter, sie seien schwer zu verstehen und knöchern. Diesem Tadel wollte und mußte er entgehen. Er schrieb also klar, einfach, er gebrauchte geeignete Beispiele zur Veranschaulichung seiner Theorien; er verstieg sich nicht zu pomphafter Phraseologie. Nur einmal schilderte er mit hellem Jubel die hohe Würde der Menschennatur. Das Werk des Nemesios konnte allein S. VII schon wegen seiner lichten Flüssigkeit seinen eigentlichen Zweck nicht verfehlen.
Die Zeit der Abfassung der Schrift läßt sich vermutungsweise bestimmen. War Nemesios etwa von 390—410 Bischof zu Emesa, so kann die Arbeit wohl nur in dieser Spanne entstanden sein. Und zwar eher um und nach 400 als zwischen 390 bis 400. Denn Nemesios mußte erst ganz tief in den Problembereich der christlichen Kirche untergetaucht und von ihrer Ideologie durchdrungen sein, ehe er selbst öffentlich literarisch Stellung zu den einzelnen Fragen in halbsystematischem Zusammenhang zu nehmen imstande war. Das Jahr 400 streitet auch sonst nicht gegen den inhaltlichen Befund des Werkes. Wenn einmal auf die Ansichten des Theodoros von Mopsvestia, der im Jahre 428 starb, Bezug geschieht, so kann ja dieser Theodoros doch schon um 390 bis kurz vor 400 seine Gedanken bekannt gemacht haben; infolgedessen vermochte sie Nemesios noch rasch zu verwerten. Das Buch des Nemesios erwies sich mit der Zeit als sehr nützlich und brauchbar. Es wurde von späteren Schriftstellern ausgebeutet, z. B. von Johannes Philoponos, Maximus Confessor, Johannes Damaszenus, Iulianus Pomerius, Meletios, Moses Barcepha, Anastasius Sinaita, Michael Glycas, Albertus Magnus, Thomas von Aquino. Im Mittelalter wurde sein Inhalt, da das Griechische nur von sehr wenigen Gelehrten verstanden wurde, ins Lateinische übersetzt einmal durch den Erzbischof von Salerno namens Nikolaus (?) Alfanus, sodann durch Richard Burgundio von Pisa. Ihre Uebertragungen waren von großer Wichtigkeit für die Verbreitung der nemesianischen Lehre im Hochmittelalter.
Die Schrift des Nemesios, an sich nicht sonderlich systematisch, erwähnt eine große Menge von Gewährsmännern, deren Ansichten der Bischof anführt. Am häufigsten erscheinen Aristoteles und Platon. Dabei ist auffällig, daß Aristoteles noch öfter als Platon genannt wird, trotzdem Nemesios den Stagiriten nicht gar selten ablehnt und Platon fast immer ohne weiteres gelten läßt. Nemesios wurde daraufhin als eklektischer Platoniker bezeichnet. Die Charakteristik wird wohl für die Geschichte der Philosophie zu Recht bestehen. Denn der Emesener war nie ausschließlich Platoniker. Das Thema verlangte vielmehr recht erhebliche Benutzung peripatetischer Forschung; daher mußte Aristoteles so oft als Zeuge erscheinen. Die übrigen antiken Gelehrten begegnen weit seltener. Immerhin legt die stattliche Anzahl von Gewährsmännern den Gedanken nahe, ob Nemesios selber die Werke dieser Leute eingesehen oder die entscheidenden Stellen aus einem bereits vorliegenden Handbuch entnommen habe. Da der Emesener um 400 tätig war, also zu einer Zeit, wo selbständiges Forschen längst nicht mehr in dem Maße üblich war wie ehedem, so verfiel man leicht der Annahme, daß der Bischof sein Werk kompiliert habe. Doch ergab die neuere Forschung eine bessere Meinung über Nemesios. S. VIII Gewiß benutzte er fleißig die vorhandene Literatur, soweit sie ihm gerade in Emesa zugänglich war. Aber er verfuhr dabei auch mit einer gewissen Selbständigkeit und Zweckmäßigkeit, die uns die Arbeit so erfreulich erscheinen läßt. Hippokrates und Galen zog er heran, wichtig war ferner Origines; die Stoiker und Epikur füllen gleichfalls einen ansehnlichen Platz aus, obwohl sie den Gründern der beiden Hauptschulen bei weitem nachstehen. Auch Poseidonios wird als eine Quelle der bischöflichen Anthropologie neuerdings vermutet. Nemesios wurde so der typische Eklektiker in der neuplatonischen Aera, es gab damals kaum einen eklektischeren und ehrlicheren Dilettanten als ihn.
Wegen der ganzen Art der Auffassung und Bewertung der Schrift des Nemesios durch die mittelalterlichen Lateinübersetzungen verdeutschte ich das Vorwort der lateinischen Uebertragung des Nikolaus Alfanus wie das der Arbeit des Richard Burgundio. Alfanus wurde 1917 durch Karl Burkhard (Teubner - Leipzig) zugänglich, während ich Burgundios Text aus einem Programm desselben Burkhard vom Gymnasium zu Meidling (Wien 1891) entnahm. Es ist mehr als Ironie, daß wir seit Matthaei (Halle 1802) und Mignes Abklatsch (Paris 1858) noch keine neue griechische Ausgabe des Nemesios besitzen. Die Literatur zum Nemesios- Problem verzeichnen sozusagen vollständig: Otto Bardenhewer: Geschichte der altkirchlichen Literatur IV (Herder - Freiburg 1924) 279 und Karl Praechter: Grundriß der Geschichte der Philosophie des Altertums (Berlin 1920) 228 — 229. Die dort erwähnten Bücher sind zum Verständnis des Nemesios recht wichtig. Hervorzuheben habe ich Bender, den guten Domanski, Jäger und Koch. Auch der dort nicht genannte Leopold Gaul mit seiner ganz glänzenden Leistung: Alberts des Großen Verhältnis zu Plato (Münster 1913 in Bæumkers Beiträgen) berührt Nemesios, Alfanus und Burgundio.
Schrift und Lehre des Nemesios empfehlen sich selbst zu steter Lesung.
Saarbrücken, im August 1925.
EMIL ORTH