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Mit grosser Trauer muss die Cinémathèque suisse den Tod einer Pionierin des neuen Westschweizer Films verkünden, einer der seltenen Frauen, die im weitgehend männlichen Universum der 1960er- und 70er-Jahre ihren eigenen Weg gingen: Patricia Moraz, die 1939 in Sallanches (Haute-Savoie) geborene französisch-schweizerische Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin, ist am 16. April im Alter von 79 Jahren in Paris gestorben.
Sie verbrachte ihre Kindheit in der Schweiz und in Algerien und arbeitete als Lehrerin und Journalistin. Erst danach fand sie als Schauspielerin den Weg zum Westschweizer Film. 1968 verkörperte sie die Patricia in Francis Reussers Teil des Gemeinschaftsfilms Quatre d’entre elles. Ebenfalls mit Francis Reusser war sie 1969 Co-Autorin von Vive la mort, der an der ersten Quinzaine des réalisateurs in Cannes präsentiert wurde, und schrieb 1976 mit ihm die Dialoge im Film Le grand soir, der in Locarno einen Goldenen Leoparden gewann. Ausserdem verfasste sie das Drehbuch für Jean-Louis Roys Film Black Out, der 1970 von der Groupe 5 produziert wurde. Sie bewegte sich im Umfeld von Alain Tanner, Michel Soutter und Claude Goretta und realisierte in jener Zeit zwei abendfüllende Spielfilme – zwei Sterne am Westschweizer Filmhimmel.
1977 entstand Les Indiens sont encore loin, der in Cannes an der Quinzaine des réalisateurs vorgestellt und in Locarno prämiert wurde und Isabelle Huppert, Christine Pascal, Nicole Garcia und Mathieu Carrière vor der Kamera vereint. Der Film schildert die letzten Tage einer 17-jährigen Gymnasiastin, die im verschneiten Wald in der Nähe von Lausanne tot aufgefunden wird. Er versucht nicht, das schreckliche Ende zu erklären oder jemanden dafür verantwortlich zu machen. Vielmehr versucht er, mit Licht und Schatten, mit Schweigen und mit Worten die Gefühlsschwankungen von Jugendlichen wiederzugeben und anhand der Charaktere die soziale und mentale Atmosphäre darzustellen, in der ein solcher Tod zwar möglich, doch nicht voraussehbar ist.
1979 schrieb und realisierte Patricia Moraz Le Chemin perdu, der den Prix Georges Sadoul erhielt. Es handelt sich um einen der raren Filme, die die Erinnerungen an den Kampf der Arbeiter und speziell auch an den Zusammenhang zwischen den jurassischen Bergen (insbesondere La Chaux-de-Fonds) und dem Kommunismus schildern. Im Umfeld des Patriarchen Léon Schwarz (von Charles Vanel dargestellt), der Lenins Hand gedrückt hatte, und in Erwartung des 1.-Mai-Umzugs treten Christine Pascal, Magali Noël und Delphine Seyrig auf, rund um den «chemin perdu», den verlorenen Weg. Dieser technische Begriff bezeichnet die Phase der Unterbrechung der Zeit zwischen dem Tick und dem Tack einer mechanischen Uhr.
Anschliessend wechselte sie zur Produktion, zuerst für den berühmten Erstling von Leos Carax, Boy Meets Girl (1984), dann auch für dessen nächstes Werk, Mauvais sang (1986). Sie wirkte auch bei der Produktion von La bête noire von Patrick Chaput (1983), Les Sacrifiés von Okacha Touita (1983) und Rouge Midi von Robert Guédiguian (1985) mit. Später widmete sie sich wieder dem Drehbuch, zum Beispiel für Malina des Deutschen Werner Schroeter (1991) in Zusammenarbeit mit der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek nach dem Roman von Ingeborg Bachmann. Ausserdem schrieb sie mit anderen zusammen mehrere Theaterstücke, darunter auch für Nicolas Peskines «Compagnie du Hasard» und das Théâtre de L'Ecrou.
Mit dem Orden «Chevalier dans l’ordre des Arts et des Lettres» ausgezeichnet, beteiligte sie sich 1986 an der Gründung der Filmschule Femis und unterrichtete dort an der Abteilung Drehbuch und Produktion.
Sie war die Schwester des Musikers und Komponisten Patrick Moraz, dem Keyboarder berühmter Bands wie Yes und The Moody Bues. Er komponierte die Musik für beide Filme seiner Schwester sowie für mehrere Westschweizer Filme wie Vive la mort von Francis Reusser, La Salamandre und Le milieu du monde von Alain Tanner, L’invitation und Pas si méchant que ça von Claude Goretta und Les vilaines manières von Simon Edelstein.
Die Trauerfeier für diese grosse Dame des Schweizer Films wird in Paris stattfinden, am 25. April um 13.30 Uhr im Krematorium des Friedhofs cimetière du Père Lachaise (Eingang Gambetta).
Frédéric Maire