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Die einen schwören darauf, am liebsten in hoher Dosis für alle. Vitamin D beuge nicht nur Krebs vor, sondern auch Knochenbrüchen, Infektionen, Herzinfarkten und vielen weiteren Übeln, glauben sie.
Andere halten die Einnahme von Vitamin D bei Erwachsenen für nutzlos. Wer alt, krank oder bettlägerig sei, komme oft kaum an die Sonne und bilde darum zu wenig Vitamin D. Ein tiefer Vitamin-D-Spiegel sei darum die Folge, aber nicht Ursache der Erkrankungen, argumentieren sie.
Empfehlungen einer Fachgruppe
Eine Gruppe österreichischer und osteuropäischer Fachleute kam nach Sichtung der Fachliteratur zu einem Konsens. Der Sponsor, der Vitamin-D-Supplemente herstellt, habe inhaltlich nicht eingegriffen. Dennoch sei nicht auszuschliessen, dass sich das Sponsoring ausgewirkt habe, bemerkt die Gruppe selbstkritisch. Ihre in der Fachzeitschrift «nutrients» veröffentlichten Empfehlungen:
- Kein generelles Screening der Vitamin-D-Werte im Blut bei der Allgemeinbevölkerung. Bei bestimmten Personengruppen könnten Vitamin-D-Tests jedoch erwogen werden, zum Beispiel bei Senioren, insbesondere wenn sie in der Vergangenheit gestürzt sind, bei schwangeren und stillenden Frauen, Personen mit einem Body-Mass-Index ab 30, dunkelhäutigen Menschen oder Patienten, die bestimmte Medikamente nehmen (etwa gegen Epilepsie).
- Ein Vitamin-D-Spiegel unter 75 nmol/l (entsprechend 30 Nanogramm/Milliliter, ng/ml) genüge nicht. Von 75 bis 125 nmol/l (30 bis 50 ng/ml) sei er ausreichend. Ab 150 nmol/l (60 ng/ml) sei ungewiss, ob dies nützlich oder riskant sei. Ab 250 nmol/l (100 ng/ml) erachtet die Gruppe den Vitamin-D-Spiegel als toxisch.
- Gesunde Erwachsene könnten zur Winterzeit erwägen, 800 bis 2000 Internationale Einheiten (IE oder IU abgekürzt) Vitamin D pro Tag einzunehmen, abhängig auch vom Körpergewicht. Ab 65-Jährige sowie Menschen, die in Spitälern oder Heimen leben, seien ganzjährig 800 bis 2000 IE täglich zu empfehlen.
- Personen mit dunkler Haut, mit einem Body-Mass-Index ab 30 oder mit Darmerkrankungen, die zu einer verminderten Aufnahme von Nährstoffen führen, empfiehlt die Gruppe zwei- bis dreimal höhere Dosierungen, aber höchstens 4000 IE pro Tag. Personen mit erhöhtem Sturz- oder Knochenbruchrisiko rät sie zu 800 bis 2000 IE täglich.
- Wenn möglich sei die tägliche Einnahme gegenüber einer höher dosierten Einnahme in grösseren Abständen zu bevorzugen.
- Als grobe Faustregel beim Vitamin-D-Mangel gelte: Die tägliche Einnahme von 100 IE erhöht den Vitamin-D-Spiegel im Blut um rund 2,5 nmol/l (1 ng/ml). Nach sechs bis zwölf Wochen kann der Behandlungserfolg mit einem Labortest überprüft werden.
Weltweit scheiden sich Experten am Vitamin D, etwa in der Frage, welche Dosis einem Mangel vorbeugt. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zum Beispiel rät der erwachsenen Allgemeinbevölkerung zu 600 internationalen Einheiten (IE) Vitamin D pro Tag, die «European Vitamin D Association Scientific Society» hingegen empfiehlt 800 bis 2000 IE täglich.
Dasselbe bei den Vitamin-D-Blutwerten. Da herrsche eine «grosse Uneinheitlichkeit», stellte die oben erwähnte Fachgruppe in «nutrients» fest: Mal gelte ein Wert von 30 Nanomol/Liter (nmol/l) im Blutserum als ausreichend, mal würden 50, 75 oder sogar über 100 nmol/l gefordert.
Menschen, die in Afrika einer Sonnenstrahlung ausgesetzt waren, wie dies vermutlich auch in der Frühzeit der Menschheit der Fall gewesen sei, wiesen Vitamin-D-Werte im Blutserum von mehr als 100 nmol/ l auf – ein Argument, das die Befürworter hoher Vitamin-D-Spiegel ins Feld führen.
Nur für Menschen mit Mangel empfohlen
«Derzeit gibt es keinen Grund, Personen, die bereits ausreichend mit Vitamin D versorgt sind, eine Vitamin-D-Supplementierung zu empfehlen», schliessen die Autoren eines Artikels in «Nature Reviews Endocrinology». Sie werteten ausschliesslich Studien aus, bei denen die Teilnehmenden – per Los zugeteilt – entweder Vitamin D erhielten oder nicht. An einigen dieser Studien nahmen nur Personen teil, die genetisch bedingt zu niedrigen Vitamin-D-Spiegeln neigen.
Resultat: Auf das Risiko, an Krebs zu erkranken, hatte die Vitamin-D-Einnahme bei Personen mit ausreichenden Vitamin-D-Werten keinen Einfluss. Allerdings war die Beobachtungszeit (meist zwei bis fünf Jahre) für Krebserkrankungen kurz. Bei einer Einnahmedauer von vier Jahren oder mehr sei nicht auszuschliessen, dass Vitamin D die Krebssterblichkeit reduziere, dies sei aber schwierig zu beweisen, so die Autoren.
Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen schienen die Vitamin-D-Gaben nichts zu bringen. Auf die Knochen hatte das Vitamin nur bei Personen mit Vitamin-D-Mangel einen stärkenden Effekt, und auch dies nur in Dosen unter 4000 IE pro Tag. Ob sich die Lungenfunktion bei Vitamin-D-Einnahme verbessert, ist laut dieser Studie offen. Ebenfalls unklar sei, ob Vitamin D die Gesamtsterblichkeit senke. Menschen mit Vitamin-D-Mangel hatten weniger Atemwegsinfekte, wenn sie täglich Vitamin D erhielten.
Weitere Ergebnisse von Extra-Analysen, die erst im Nachhinein angestellt wurden und der Überprüfung bedürfen: Bei Menschen mit Vitamin-D-Mangel verzögerte sich dank Vitamin D der altersbedingte Knochenabbau moderat, die Lungenfunktion verbesserte sich und das Diabetesrisiko sank.
Während rund ein Drittel der Weltbevölkerung unzureichend mit Vitamin D versorgt sei, würden andere Menschen mit ausreichenden Vitamin-D-Spiegeln (teils hochdosierte) Supplemente schlucken, ohne, dass sich daraus ein klarer Nutzen ableiten lasse, kritisieren die Autorinnen und Autoren.
Vitamin D zählt inzwischen zu den fünf meist bezogenen Wirkstoffen
Die meisten offiziellen Empfehlungen erachteten für fast 98 Prozent der Allgemeinbevölkerung einen Blutspiegel von mindestens 50 nmol/l (das entspricht 20 Nanogramm pro Milliliter) als ausreichend – wobei die gleiche Blutprobe je nach Labor zu anderen Ergebnissen führen könne, geben die Wissenschaftler in «nutrients» zu bedenken. Der Laborwert sei somit nur bedingt aussagekräftig.
Messungen in Europa hätten gezeigt, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung den Wert von 50 nmol/l nicht erreichten, schreibt die Forschergruppe. In der Schweiz kam eine Arbeitsgruppe vor über zehn Jahren zum Schluss, dass hier etwa die Hälfte der Bevölkerung tiefere Vitamin-D-Werte als 50 nmol/l aufwies. Von Januar bis März erreichten damals in einer Stichprobe fast 62 Prozent der Personen den Vitamin-D-Spiegel von 50 nmol/l nicht. Im Sommer hingegen waren die Vitamin-D-Spiegel bei rund 80 Prozent ausreichend hoch, berichteten Schweizer Ärzte 2012 in «Swiss Medical Weekly».
Seither haben sich die Gesamtumsätze der Vitamin-D3-Supplemente mehr als verdoppelt. In der Rangliste der 20 meist bezogenen Wirkstoffe erreichte Vitamin D laut dem Helsana Arzneimittelreport letztes Jahr den fünften Rang, bei den Pro-Kopf-Jahreskosten hingegen rangiert es mit 27 Franken im letzten Drittel dieser Liste.
Gleiche Dosis, trotzdem ganz verschiedene Blutspiegel
Um wenigstens das Niveau von 50 nmol/l zu erreichen und auch im Winter zu halten, genügten für die allermeisten Menschen etwa 800 bis 1000 Internationale Einheiten (abgekürzt IE oder IU) täglich, so die Fachgruppe, die von einem Vitamin-D-Hersteller gesponsert wurde (siehe Kasten oben). Zum Umrechnen: 40 IE entsprechen 1 Mikrogramm Vitamin D. Mit der Nahrung nimmt der Mensch nur etwa 100 bis 200 IE pro Tag auf.
Zwischen der eingenommen Dosis und dem Vitamin-D-Blutspiegel gibt es jedoch nur einen lockeren Zusammenhang, wie ein Wissenschaftler vom «Cork Centre for Vitamin D and Nutrition Research» in «nutrients» darlegte. Je nach Region, Körpergewicht, Ernährung, Jahreszeit, Genen (etwa 150 Genvarianten beeinflussen den Vitamin-D-Spiegel), Medikamenten-Einnahme und weiteren Faktoren können bei gleicher Vitamin-D-Aufnahme ganz andere Blutwerte resultieren.
Unerwünschte Wirkungen: Mehr Stürze, mehr Hospitalisationen
Was viele Studien zum Vitamin D kaum oder gar nicht erwähnen, sind mögliche unerwünschte Folgen. Dazu verschaffte sich ein Team österreichisch-deutscher Mediziner einen Überblick. Sie wollten wissen, ob die tägliche Einnahme von mittelhoch dosiertem Vitamin D für mindestens sechs Monate schaden kann.
Bei ihrer systematischen Suche fanden sie 22 (sogenannte randomisierte) Studien mit total fast 13’000 gesunden oder kranken Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die per Los entweder maximal 400 IE Vitamin D erhalten hatten (Vergleichsgruppe) oder maximal 4400 IE einnahmen. Die Hälfte der Studien schloss nur Personen mit zu tiefem Vitamin-D-Spiegel ein. Die Resultate wurden im «European Journal of Nutrition» veröffentlicht.
Stürze und Hospitalisationen waren bei denjenigen, die das mittelhoch dosierte Vitamin D nahmen, in mehreren Studien häufiger. In absoluten Zahlen bedeutete dies, dass 27 von 1000 Personen stürzten (wobei die Stürze ausschliesslich Personen über 60 Jahre betrafen). 30 von 1000 kamen ins Spital (dies betraf ausschliesslich schwangere Frauen, kranke und ältere Menschen).
Zu hoher Calciumwert im Blut
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Calciumwert im Blut zu hoch ausfiel, war bei denjenigen, die mindestens sechs Monate maximal 4400 IE nahmen, mehr als doppelt so hoch wie in der Vergleichsgruppe. In absoluten Zahlen passierte das vier von 1000 Personen. Die Befürchtung ist, dass hohe Kalziumspiegel auf lange Sicht zu Nierensteinen oder Herz-Gefässerkrankungen führen und die Lebenserwartung verkürzen können.
Vitamin-D-Spiegel von 100 bis 125 nmol/l seien laut den Autoren der Meta-Analyse folglich «nicht komplett sicher», auch wenn mehr als 99,5 Prozent der Studienteilnehmenden normale Calciumwerte aufwiesen und keine Zunahme von Nierensteinen festgestellt wurde. Alles in allem würden die Befunde stark gegen die Einnahme von Vitamin D in täglichen Dosen von 3200 bis 4000 IU sprechen, lautet das Fazit. Ausnahmen gälten zum Beispiel für Personen, deren Darm das Vitamin unzureichend aufnehme. «In diesen seltenen Fällen ist es dringend anzuraten, den Vitamin-D-Spiegel und den Calciumstoffwechsel häufig zu kontrollieren», raten die Autoren.
Ausserdem sei es dringend geboten, bei Studien mit Vitamin D auch die unerwünschten Effekte zu erwähnen, umso mehr, als einige nicht-offizielle Organisationen mittlerweile tägliche Dosen von 5000 IE oder mehr empfehlen würden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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