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Gefängnisbesuch bei S., 28. September 2019.
Ein kahler Raum, abgeschlossen auf der einen Seite durch zwei hintereinander liegende Türen, auf der anderen Seite durch ein massives Gittertor. Vier Tische. An dreien sitzt je ein Paar, ein Er und eine Sie, die sich immer wieder umarmen, obwohl sie das ausdrücklich nicht dürften. Das zeigt ein Symbolbild an der Wand. Ein kleines Kind spielt mit achtlos in einer Ecke aufgehäuftem Plastikspielzeug. Ich warte am vierten Tisch auf S. im Flughafengefängnis Zürich, wo über 100 Ausschaffungshäftlinge sitzen.
An den Wänden hängen sechs Plakate, welche die hehren, menschlichen Grundsätze des Gefängnisses auflisten, darunter, dass man sich im Gefängnis sicher ist, etwas Gutes für die Menschheit zu tun.
Ich warte auf S., 24-jährig, aus Afghanistan. Irgendetwas klappt nicht. Er kommt verspätet, sieht gut, wenn auch etwas bleich und abgemagert aus gegenüber dem Tag, als er das letzte Mal zu mir in den Deutschkurs kam, an diesem Donnerstag anfangs September, dann plötzlich nicht mehr, nicht mehr telefonisch zu erreichen war, nicht mehr online war.
Was war geschehen?
Er erzählt.
In der Notunterkunft Rohr gleich gegenüber des Ausschaffungsgefängnisses wird er am Freitagmorgen, 13. September, Viertel nach sieben Uhr, verhaftet und in die Kaserne Zürich gebracht, wo er vier Tage inhaftiert bleibt. Dort wird er angehört und danach in Ausschaffungshaft ins Flughafengefängnis gebracht.
Die erste Zeit ist er auf Stock A, wo raue Sitten herrschen, er kaum je aus seiner Zelle herauskommt, keinen Kontakt zu seinen Mitinsassen hat, was für so einen kommunikativen jungen aufgestellten Mann wie ihn der Horror sein muss. Er verbringt fünf schlaflose Nächte dort.
Danach darf er zwei Stöcke weiter hinauf. Dort ist das Personal freundlicher, die Zellentüren sind häufig geöffnet, er kann auf den Gang, hat Kontakt zu seinen Mithäftlingen. Hinaus auf einen kleinen Hof frische Luft schnappen darf er viermal pro Woche. Am Mittwoch und am Wochenende nicht.
Vor drei Jahren ist er über die Balkanroute nach Europa gekommen, ohne Papiere, wie fast alle andern auch, sagt er.
Vorher hatte er in einem Dorf 130 Kilometer von Herat, der zweitgrössten Stadt Afghanistans, gewohnt, in einem Dorf, in dem fast alle für die Taliban arbeiteten.
400 Taliban kamen einmal ins Dorf und S. erinnert sich, wie sie einen der Dorfbewohner umbrachten.
Er selbst machte Trägerdienste für einen hohen Polizeibeamten der offiziellen afghanischen Regierung. Seine Familie, Vater, Mutter, zwei jüngere Schwestern und drei jüngere Brüder flohen an die afghanisch-iranische Grenze und er dann weiter bis nach Deutschland. Seit sechs Monaten hat er keinen Kontakt mehr zur Familie, weiss nicht, wo sie ist.
Fünf Monate war er in Deutschland, war bei der Polizei registriert, lebte in einem Heim. Dann schickten sie ihn in die Schweiz, und er kam in ein Asylcamp in Urdorf. Sieben Monate war er in Urdorf, für ihn die schlimmste Zeit, seit er in Europa ist. Gegen 30 Menschen waren in einem Raum untergebracht, erzählt er.
Während dieser Zeit hatte er zwei Termine beim Migrationsamt, Antwort darauf, was da entschieden wurde, bekam er keine. Nach einem Jahr schliesslich kam dann der negative Entscheid. Er wurde nach Glattbrugg in eine Notunterkunft gebracht, hatte vorerst mit Eingrenzung zu leben. Das heisst, er durfte sich nicht weiter fortbewegen als bis nach Bülach. Zürich und Winterthur waren Tabu.
Als diese Eingrenzung aufgehoben wurde und er von einem Kollegen in der Notunterkunft von den Deutschkursen in Winterthur erfuhr, meldete er sich. Aufs neue Semester wurde er in meinen B1-Deutschkurs aufgenommen, wo er einer der Besten und Aktivsten war. Seine Deutsch-Vorkenntnisse hatte er sich mit Hilfe des Handys und eines Deutschkurses der reformierten Kirche Bülach, einmal pro Woche, angeeignet.
Er trainierte auch in der zweiten Mannschaft des lokalen Fussballclubs, spielte immer wieder Beachvolleyball in einem nahe gelegenen Park. Ausserdem arbeitete er als Freiwilliger im Umfeld der Kirche.
Auf drei Monate ist jetzt seine Haft im Ausschaffungsgefängnis im Flughafen angesetzt, bis 13. Dezember 2019. Dann soll er nach Afghanistan ausgeschafft werden. Jetzt muss er beweisen, dass er keine Tante hat, zu der er zurückkehren kann, wenn er hier bleiben will. Doch dieser Beweis gelingt ihm nicht, weil er nicht weiss, wo seine Tanten sind. Was für Tanten? fragt er.
Viertel nach vier, die Besuchszeit ist um, es herrscht Aufbruchstimmung. Die drei Paare müssen Abschied voneinander nehmen, und ich von meinem ehemaligen Schüler S.
Er bedankt sich. Ich gebe meiner Hoffnung Ausdruck, dass ich ihn in meinem Deutschkurs wiedersehe. Dann muss ich ihn gehen lassen. Ich bin traurig, aber was kann ich tun?
Markus Egli, Ende September 2019
Kursleiter und Lehrer Deutsch-Intensivkurse Solinetz Winterthur
Foto: Der intergalaktische Chor singt vor dem Ausschaffungsgefängnis für ein inhaftiertes Chormitglied.