Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03197.jsonl.gz/194

Andrin und die französischen StrassennamenVeröffentlicht am 16.3.2021, zuletzt geändert am 31.1.2024 #Zeitgeschichte
«Weshalb gibt es in Basel so viele Strassen mit französischen Namen?
… wunderte sich Andrin bei unserem Besuch in der Basler Primarschule Isaak Iselin. André Salvisberg hat geantwortet. Er ist Historiker und hat bereits viele Bücher über Basel geschrieben. Darunter eines, das bestens zu Andrins Frage passt: Das Buch “Die Basler Strassennamen”.
Unterwegs mit André
Hallo Andrin, du hast dich gefragt, weshalb es in Basel so viele französische Strassennamen gibt. Offenbar bist du jemand, der mit offenen Augen durch die Stadt geht. Deine Frage klingt einfach und tatsächlich gibt es auch eine einfache Antwort. Aber: Neben der einfachen Antwort gibt es auch eine kompliziertere. Bei dieser erfährt man viel über die Stadt Basel und die umliegenden Regionen. Ich möchte dich dorthin führen, wo man gut etwas darüber erzählen kann.
Vorher möchte ich dir jedoch sagen, wer ich bin. Mein Name ist André Salvisberg, ich bin Historiker und habe bereits einige Bücher über die Stadt Basel geschrieben; eines davon sogar über die Basler Strassennamen.
Im Hegenheimer-Quartier
Wir sind jetzt auf der Hegenheimerstrasse. Die Hegenheimerstrasse führt nach Frankreich, ins Elsass, zu unserer Nachbargemeinde Hegenheim. Die Strasse ist sehr alt. Sie bekam ihren Namen, als dieses Gebiet noch gänzlich unbebaut war. Hier lagen offene Felder. Man nannte sie schlicht deshalb “Hegenheimerstrasse”, weil sie nach Hegenheim führt. Doch nur ganz wenige Basler Strassennahmen, die nach elsässischen Ortschaften benannt sind, führen auch wirklich zu diesen Orten hin. Sie sind auch nicht so alt wie die Hegenheimerstrasse, sondern bekamen ihre Namen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Im 19. Jahrhundert war Basel noch viel kleiner als heute. Doch es gab viele Menschen, die nach Basel gezogen sind. Die Stadt wuchs und neue Quartiere entstanden. Ein gutes Beispiel dafür ist das St. Johann. Für all diese Leute musste man neue Häuser bauen. So entstanden viele Strassen, die noch keine Namen hatten. Diesen Strassen gab man Namen, bei denen man dachte, sie würden gut passen. In unserem Fall war die Sache so: Man gab den Strassen Elsässer-Namen, damit man sich in der Stadt gut orientieren konnte. War man in einer Strasse mit einem Elsässer-Namen, war man ganz einfach nahe an Frankreich bzw. nahe am Elsass.
An der Grenze
Ich stehe jetzt an der Grenze zu Frankreich. Hier führt die Hegenheimerstrasse von Basel nach Hegenheim und die Rue de Bâle von Hegenheim nach Basel. Die Landesgrenzen um die Stadt Basel waren aber nicht immer gleich. Die elsässischen Strassennamen erzählen auch eine Geschichte von Deutschland und Frankreich, und zwar eine sehr blutige, sehr kriegerische Geschichte.
Ich habe eingangs erwähnt, dass es auf deine einfache Frage eine einfache Antwort gibt: Dort, wo man in Basel französische Strassennamen sieht, ist Frankreich nicht weit. Die kompliziertere Antwort führt uns tief in die Geschichte. Das möchte ich dir in der Septerstrasse erzählen. Denn die Septerstrasse erzählt zusammen mit anderen Strassennamen etwas ganz Besonderes, das weit über die Stadtgeografie hinausreicht.
Septerstrasse & Co.
Die Septerstrasse, die Dammerkirchstrasse und die Largitzenstrasse bilden ein Ensemble. Sie sind Nachbarstrassen. Auf den Strassenschildern liest man: Elsässische Gemeinden oder Sundgauer Gemeinden. Das bezieht sich auf die Geografie. Doch wie gesagt: Die geografische Lage ist nicht der einzige Grund für diese Strassennamen.
Diese Strassennamen wurden nach dem Ersten Weltkrieg vergeben. Der Erste Weltkrieg von 1914-1918 war ein Weltkonflikt: In ganz Europa und über Europa hinaus haben die Länder gegeneinander Krieg geführt. Ganz stark verfeindet waren Deutschland und Frankreich. Diese beiden Staaten haben im Elsass gegeneinander Krieg geführt und zwar direkt neben Basel. Dort stiessen die deutschen und französischen Truppen aufeinander. Die Soldaten haben sich an vielen Orten in vielen Schlachten gegenseitig umgebracht. Die Basler*innen konnten damals über die Grenze diese Schlachten beobachten. Sie konnten sie hören und von einigen Grenzposten aus konnte man sogar zuschauen.
Blutige Namen
Blutige Schlachten führte man in jenen elsässischen Orten, die den Strassen ihre Namen gaben: in Dannemarie (Dammerkirchstrasse), Largitzen (Largitzenstrasse) und Seppois-le-Bas (Septerstrasse). Dort wurde geschossen, wurden Kanonen abgefeuert und sind Menschen gestorben. Dies beschäftigte die Basler*innen so sehr, dass sie Strassen nach diesen Gemeinden benannten. Die Eindrücke waren sogar so stark, dass man sich überlegte, man könnte Strassen sogar noch eindeutiger benennen. Es gab Vorschläge wie “Granatenstrasse”, “Evakuiertenstrasse” oder “Bombenstrasse”! Das alles wurde nicht realisiert. Doch man sieht, was für eine schreckliche, eindrückliche Zeit das gewesen sein muss.
Die Strassennamen haben auch schweizerische Pendants ganz in der Nähe: Im Iselin-Quartier und im St. Johann gibt es Strassennamen, die nach den Standorten der Schweizer Grenztruppen benannt worden sind. Die Felsplattenstrasse ist beispielsweise so ein Ort.
Du siehst, dass der Erste Weltkrieg in Basel tiefe Spuren hinterlassen hat. Aber nicht nur in den Strassennamen. Es gibt auch Erinnerungsorte bzw. Denkmäler, die auf kriegerische Zeiten in der Basler Geschichte hinweisen. Ich fahre nun am Kannenfeldpark vorbei. Dort werden wir ein Denkmal besuchen, das an diese Zeiten erinnert.
Im Kannenfeldpark
Das Denkmal im Kannenfeldpark wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870-1871 errichtet. Es erinnert an die im Krieg verwundeten französischen Soldaten, die man nach Basel gebracht hat um sie zu pflegen, und die dann hier gestorben sind. Die Namen auf dem Denkmal sind typisch elsässisch, nämlich deutsch und französisch: Man liest “Becker”, “Baumann” oder “Boesch”, aber auch “Boulay” oder “Maercki”. An diesen Namen sieht man gut, dass das Elsass schon immer sowohl von Deutschland als auch von Frankreich geprägt war. Es lag schon immer irgendwo zwischen diesen Ländern.
Drei Kriege
Der Deutsch-Französische Krieg von 1870-1871 war der erste von drei Kriegen zwischen Deutschland und Frankreich, an den man sich hier im Kannenfeldpark erinnert. Auf dem Denkmal kann man lesen: Aux soldats français morts à Bâle 1870-1871. Das heisst übersetzt: Zur Erinnerung an die französischen Soldaten, die 1870-1871 in Basel gestorben sind.
Den zweiten Krieg führten die beiden Länder von 1914-1918. Das war der Erste Weltkrieg. Wieder haben Deutsche und Franzosen im Elsass aufeinander geschossen. Und wieder hat man französische Soldaten nach Basel gebracht und gepflegt und wieder sind einige von ihnen hier gestorben. Auch ihre Namen hat man in das Denkmal eingraviert. Das war aber nicht das letzte Mal.
1939-1945 kommt der dritte Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Das war der Zweite Weltkrieg. Auch für diese Zeit findet man auf dem Denkmal die Namen von in Basel gestorbenen französischen Soldaten: Morts pour la France pendant la guerre 1939-1945. Das heisst übersetzt: Gestorben für Frankreich während des Krieges 1939-1945. Der Zweite Weltkrieg war der letzte Krieg zwischen Deutschland und Frankreich.
Friedliche Zeiten
Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass heute niemand mehr davon redet, es könnte zwischen unseren beiden Nachbarstaaten Krieg geben. Wir leben in einer friedlichen Zeit. Aber diese friedliche Zeit dauert noch nicht lange an! Es sind nur wenige Jahrzehnte!
Davor führten Deutschland und Frankreich über Jahrzehnte hinweg Krieg gegeneinander. Das Denkmal im Kannenfeldpark erinnert uns daran. Aber auch die Basler Strassennamen erzählen uns davon. Sie tun dies aber nicht direkt wie das Denkmal. Man muss quasi “hinter die Namen schauen”. Das bedeutet, man muss die Geschichte kennen und wissen, weshalb und unter welchen Umständen man den Strassen ihre Namen gegeben hat.
Autor*innen
Text
André Salvisberg studierte Geschichte in Basel. Die kulturwissenschaftliche und archivarische Ausbildung setzt er in einer Stiftung und für das Kantonsparlament ein. Seine publizistische Tätigkeit fokussiert auf Basel und die Neuzeit, wobei er auch wiederholt als Redaktor wirkte. André Salvisberg ist Mitautor von Band 5 der neuen Basler Stadtgeschichte.
Film
Moritz Willenegger studierte Geschichte und Medienwissenschaften an der Universität Basel. Danach studierte er Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2011 ist er freischaffender Filmemacher. Zurzeit dreht er – unter anderem – eine Dokumentation über das Balthasar-Neumann Ensemble und die Überlebensstrategien freischaffender Musiker. Einen Einblick in das Projekt findest du hier.