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Vor einigen Wochen habe ich im «Spiegel» ein Porträt über Sie gelesen. Mein erster Gedanke: zu gut, um wahr zu sein. Die Story hätte von Claas Relotius geschrieben sein können, dem journalistischen Meisterfälscher, so fantastisch und märchenhaft hörte sie sich an. Doch offenbar ist sie tatsächlich wahr.
Die Geschichte handelte davon, wie eine schwarze, lesbische Obdachlose – nämlich Sie – im Silicon Valley aus dem Nichts einen Risikokapitalfonds aufbaute. Mit dem sie nun junge Firmengründer unterstützt, die mindestens eines der folgenden Merkmale aufweisen müssen: Sie sind schwarz, eine Frau oder LGBT. Gibt es einen Ort, der sich weniger um Diversity und Geschlechtergerechtigkeit schert als das Silicon Valley? Nur etwa jeder 50. Chef ist hier afroamerikanisch. Und schwarze Frauen sieht man in den Chefetagen so selten wie ein Einhorn auf Highheels. Wie um alles in der Welt konnten Sie ausgerechnet in diesem superweissen, supermännlichen, hyperkompetitiven Eliteclub Erfolg haben? Noch dazu als Nobody? Der nicht einmal eine feste Bleibe hatte?
Fasziniert las ich, wie Sie vor einigen Jahren aus Texas an der Westküste angekommen waren. Ohne College-Abschluss, ohne Geld, ohne Beziehungen – eigentlich ohne Chance. Monatelang schliefen Sie in der Halle des Flughafens von San Francisco. Tagsüber setzten Sie sich in die Businessabteilung der Buchhandlung Barnes & Noble, um sich autodidaktisch zur Investorin auszubilden. Dort lasen Sie all die Bücher, die Sie sich nicht kaufen konnten, und studierten mithilfe von Youtube- Videos die Rhetorik jener Leute, die im Silicon Valley das Sagen haben. Dabei lernten Sie vor allem eines: «dass die alle nichts haben, das ich nicht auch lernen kann.»
Schon bald schrieben Sie einen viel beachteten Blog, in dem Sie sich an jene richteten, zu denen Sie auch bald gehören wollten («Liebe weisse Risikokapitalgeber»). Der Ton war so witzig wie unverblümt, immer wieder blitzte auch Ihre Wut darin auf: «Ich lade euch herzlich ein, einen Stuhl herzuholen und mir zuzuhören, als wäre ich keine Anomalie, die von einem anderen Planeten geschickt wurde.» Doch war Ihnen vollkommen klar, dass Sie Kapitalisten nicht mit Moral kommen müssen. Wenn Sie die Geldgeber im Silicon Valley von Ihrer Sache überzeugen wollten, mussten Sie Ihre Botschaft als Geschäftsidee verpacken.
90 Prozent des Risikokapitals landet bei weissen Männern. Die guten Ideen können aber unmöglich zu 90 Prozent von weissen Männern stammen, so argumentierten Sie. Wer so einseitig investiere, übersehe zwingend viele lohnende Investments. Mit Ihrer neu erlernten Grosskapitalisten-Rhetorik riefen einen Trend aus: «Black ist der neue Bitcoin» (damals war Bitcoin gerade hip). Der erste Check kam, wen wunderts, von einer Frau.
Heute, zehn Millionen Dollar später, unterstützt Ihre Firma Backstage Capital über 100 Firmen, die alles Mögliche anbieten, von Gesichtserkennungssoftware über erneuerbare Energien bis zu einem Programm, das Firmen dabei hilft, sich beim Anheuern neuer Mitarbeiter nicht von unbewussten Vorurteilen leiten zu lassen. Letzteres gefällt Ihnen sicher besonders gut.
Die Hälfte Ihres Erwachsenenlebens sind Sie obdachlos gewesen, ohne eine Adresse, die zu Ihrem Namen gehört. «Man hört auf zu existieren, man wird unsichtbar», sagen Sie. «Es gibt in diesem Land wohl Hunderttausende solcher unsichtbarer Menschen, wie ich es war.»
Ich finde es einfach grossartig, dass Sie es geschafft haben, auf so spektakuläre Weise aus dieser Schattenexistenz herauszutreten. Und ich bewundere Ihren Mut, Ihre Klugheit und die fast schon an Sturheit grenzende Beharrlichkeit, mit der Sie darauf bestanden haben, auch ein Stück vom Kuchen zu bekommen, den die weissen Männer im Silicon Valley bisher so ungestört unter sich aufgeteilt hatten. Ich hoffe, Sie werden reich, und die Schwarzen, die Frauen und die Mitglieder der LGBT- Gemeinde, die Sie fördern, werden es ebenso. Die Geldflüsse sind viel zu lang in nur eine Richtung geflossen. Ausserdem hoffe ich, dass die Tage, an denen Sie unsichtbar waren, für immer vorbei sind.
Herzlich,
Ihre Claudia Senn