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Dreizehn Meter Umfang, gleich alt wie die Schweiz: Die monumentalen Kastanienbäume von Chironico haben schon viele hungrige Bäuche gefüllt und verleihen dem Ort eine urwüchsige Kraft.
Früher galt in den tessiner Tälern, dass die üppigen Mahlzeiten des Sommers im Gleichschritt mit den kürzer werdenden Tagen immer eintöniger wurden. «Im Herbst gab es Kastanien, die assen wir drei Monate lang, früh, mittags und abends», schreibt der 1979 verstorbene Plinio Martini in seinem Roman «Nicht Anfang und nicht Ende», dessen Handlung in einem Bergdorf der 1920er Jahre angesiedelt ist. Nichts prägte den bäuerlichen Alltag mehr als die Esskastanie, die von den Römern aus der Kaukasus-Region in die Voralpen gebracht worden war. Der Baum lieferte Brenn- und Bauholz, das trockene Laub eignete sich zur Einstreu im Stall, und die stärke- und zuckerreichen Früchte waren das Grundnahrungsmittel par excellence. Wer weiss, wie manche Familie in den kargen Tälern verhungert wäre, wenn es keine Kastanie gegeben hätte? So sehr war der Kastanienbaum eine Selbstverständlichkeit ihres Lebens, dass ihn die Tessiner nicht «Castagno» nannten, sondern einfach «Albero», Baum.
Die Stunde des Baums schlug jeweils an San Michele, dem 29. September. An diesem Tag wurde traditionellerweise nach der Messe mit dem Einsammeln der heruntergefallenen Früchte begonnen. Die Kinder bekamen dafür einige Tage schulfrei. Das Ende der Ernte fiel meist auf den Martinstag, den 11. November. Die Faustregel besagte, dass in diesen anderthalb Monaten mindestens 150 Kilogramm Kastanien gesammelt werden mussten, um einen Erwachsenen den Winter durch ernähren zu können. Martini schreibt: «Wir brachten die Kastanien in die Mühle, und der Müller gab uns das süsse Mehl zurück. Sein Duft drang in Gänge und Stuben, durchtränkte die Dielen und Zimmerdecken, die Schränke und die Kleider darin. Das ganze Haus roch danach, es war unser ureigener Geruch.»
Freund
Viele Kastanienbäume waren in Privatbesitz, selbst wenn sie auf Allmenden standen. Die wertvollen Bäume wurden gehätschelt und gehütet. Sie bekamen Mist, wurden wie Obstbäume geschnitten und wuchsen zu Baumgiganten heran – zum Beispiel in Chironico, einem 380-Einwohner-Dorf auf einem Plateau oberhalb von Lavorgo. Dort gibt es mehrere uralte Kastanienbäume, die es ins «Inventario dei castagni monumentali del Canton Ticino e del Moesano» geschafft haben. Ein Aufnahmekriterium ist ein Umfang von mindestens sieben Metern auf Brusthöhe. Um auf diese Grösse heranzuwachsen, braucht ein Baum auch an der besten Lage über 400 Jahre. Der «Arbul d’Geire» genannte Baumriese von Chironico weist einen rekordträchtigen Umfang von 13,75 Metern auf. Seine knorrige Form sowie Löcher, Hohlräume und Spalten im Stamm zeigen, dass er in seinem siebenhundert Jahre langen Leben schon vieles er- und überlebt hat.
Feind
In der jüngeren Vergangenheit musste man sich zwei Mal grosse Sorgen um diesen Baumriesen respektive um die Tessiner Kastanienwälder machen. Die erste grosse Bedrohung tauchte Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem gefürchteten Kastanienrindenkrebs auf. Diese Pilzerkrankung, die ursprünglich aus Asien stammt, unterbricht die Wasser-Leitbahnen, wodurch die Blätter oberhalb der befallenen Stelle welken. Anfänglich breitete sich die Krankheit rasch im ganzen Tessin aus. Viele Kastanienbäume starben. Doch ab dem Ende der 1950er Jahre nahm die Gefährlichkeit der Rindenkrebse ab, und immer weniger Bäume gingen zugrunde. Die Ursache dafür war ein Virus, das den Pilz befällt und diesen so stark schwächt, dass er den Bäumen nicht mehr gefährlich werden kann.
Die nächste Bedrohung tauchte 2009 auf: Die Kastaniengallwespe – ein kleines, aus China stammendes Insekt, das über Italien ins Tessin gelangte. Die Weibchen legen ihre zahlreichen Eier in die frischen Kastanienknospen und veranlasst den Baum, anstelle von Blättern oder Blüten ein Geschwulst («Galle») zu bilden, worauf der befallene Baum an Lebenskraft verliert und kaum noch fruchtet. In unseren Breitengraden hat die Kastaniengallwespe keine natürlichen Feinde. Die chinesische Schlupfwespe, welche sie in ihrer angestammten Heimat in Schach hält, hat die Migration nicht mitgemacht. Italien hat daher zur Bekämpfung der Kastaniengallwespe die chinesische Schlupfwespe eingeführt. Der Bund lehnte ein analoges Vorgehen für die Schweiz jedoch ab, weil die ökologischen Risiken bei der Einfuhr von Neozoen nicht absehbar seien. So ist der Parasit des Parasites nun eben von selbst aus Italien eingewandert und gewinnt langsam die Oberhand, nachdem die Tessiner noch 2014 einen Totalausfall der Kastanienernte zu beklagen hatten. Aber seither scheint der Parasit des Kastanienparasits langsam die Oberhand zu gewinnen, und die Erntee
Cucina delicata
Um die heimische Nachfrage nach Kastanien zu decken, reicht das aber bei weitem nicht. Marroni müssen daher aus Italien und Portugal importiert werden. Denn die Kastanie, das einstige Brot der Armen, hat längst ihren Siegeszug in Gourmetküchen und Konditoreien angetreten und der «Cucina povera» zu einer Renaissance verholfen. Es gibt mittlerweile fast kein Lebensmittel, das sich nicht auf Basis von Kastanien produzieren liesse. Die Palette der Delikatessen reicht von Torten über Brot und Gebäck bis hin zu Konfitüre, Pasta, Gnocchi, Flakes, Honig, Eis, Bier oder Grappa. Hat da jemand eintönig gesagt?
Kastanienwanderung
Von Lavorgo gelangt man mit dem Postauto oder zu Fuss durch einen schönen Kastanienwald nach Chironico, wo die Riesenkastanie mitten im Ort steht. Eine empfehlenswerte Wanderung führt auf dem alten Saumpfad von Chironico nach Giornico hinunter.
Alles über den Baum
Informationen zu den Riesenkastanien finden sich auf der Webseite der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft.
Kastanien essen
Frische Slow-Food-Produkte wie Wild und Kastanien werden im Herbst jeweils im Ristorante Defanti in Lavorgo aufgetischt, einem seit 1903 existierenden Traditionshaus.