Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03376.jsonl.gz/396

der "gereizte" Darm
Vorausgeschickt: Ein "Reizdarm" ist wohl gar keine eigenständige Krankheit - und wird momentan von der Pharmaindustrie massiv (mit Berichten und Kongressen) zu einer geformt, da mehrere neue Medikamente dagegen in der Pipeline stecken (sog. "Disease Mongering"; mehr dazu unten!).
Der Reizdarm ist eher ein Abweichen vom "guten Gefühl im Bauch". Wie könnte dies zustande kommen?
Es existieren verschiedene Bezeichnungen für das Reizdarmsyndrom (RDS): "Irritable Bowel Syndrome" (IBS) oder "Funktionelle gastrointestinale Störungen" (FGS). Ist v.a. der Dickdarm betroffen, spricht man auch vom Reizdickdarm oder "Colon irritabile", auch vom spastisches Kolon.
Zum "lächelnden" oder "traurigen Darm" siehe die charmante Medizinstudentin und Science Slam - Gewinnerin Giulia Enders: www.youtube.com/watch?v=2qo3ueVlyUY
Ursache
Man geht heute davon aus, dass dem RDS ein komplexes Geschehen zu Grunde
liegt, in dem körperliche und psychologische Faktoren zusammenkommen. Eine zentrale Rolle
spielt dabei unser "zweites Gehirn", das sogenannte enterische Nervensystem
(ENS), früher auch Plexus Auerbachii genannt. Im Bereich von Speiseröhre, Magen und Darm
besitzen wir ein zweites Nervensystem. Dieses "Bauchhirn" ist mit seinen rund
100 Millionen in den Eingeweiden und Darmwänden verankerten Nervenzellen weitaus
komplexer als das gesamte neuronale Netz im Rückenmark (auch 95% des Serotonins werden
dort produziert). Man nimmt heute an, dass dieses Nervengeflecht, zusammen mit den
70% des Immunsystems, die im Darm lokalisiert sind, auch über ein Gedächtnis verfügt.
Dieses hilft dem Darm, mit den Tausenden von chemischen Stoffen bis hin zu Toxinen, die im
Darm anfallen, sehr selbständig fertig zu werden. Verbindungen zum Grosshirn sind
vorhanden. Ein wichtiges Indiz für die Selbständigkeit des "Darmgehirns" ist,
dass die Bahnen zum Grosshirn sehr ausgeprägt, diejenigen von dort in den Darm nur
spärlich sind. Diese Informationen vom Darm ans Grosshirn sind für die Stimmungen und
Emotionen des Menschen sehr wesentlich (Die Liebe geht durch den Magen... aus dem hohlen
(oder vollen) Bauch entscheiden...). Eine Hypothese lautet, dass beim IBS die vom Bauch
gesandten Informationen nicht genügend unbewusst gemacht und ausgefiltert werden können.
( Literatur: Michael Gershon: "Der kluge Bauch", Goldmann, München,
2001. www.geo.de/themen/medizin_psychologie/zweites_gehirn/index.html
;europäische Neurogastroentorologie: www.neurogastro.org
, Deutschland: www.neurogastro.de ).
Psychosomatische Aspekte:
"Man schluckt alles. Etwas schlägt einem auf den Magen. Man hat die Hosen voll."
Das RDS ist ein Abweichen vom "guten Gefühl im Bauch" mit einer viszeralen Hypersensibilität (=vermehrte Reizbarkeit des Darmes): Vermehrt freigesetztes Serotonin (=hormonähnlicher Stoff) und eine Überempfindlichkeit der Rezeptoren in der Darmwand ergänzen sich, sodass die Schmerzschwelle sinkt. Zudem erhöht die neuronale Hyperaktivität (=erhöhte Nerventätigkeit) die gastrointestinale Motilität (= Darmtätigkeit). Auch hier gleichen sich übrigens unser grosses und kleines Gehirn (die beiden Nervensysteme sind auch über Nerven direkt miteinander verbunden). Während z.B. das Serotonin im Gehirn emotionale Prozesse fördert und stabilisiert, führt es im Bauchgehirn dagegen zu einer gleichzeitigen muskulären "Powerreaktion" mit Magenkrämpfen oder Durchfall (kann die Magen-Darm-Nebenwirkungen der neuen Psychopharmaka erklären).
Ich sehe in meiner Praxis nicht so selten einen Reizdarm bei Menschen, die innerlich immer "auf hundertachtzig" sind, also ganz einfach überreizt. Er zeigt sich dann auch oft kombiniert mit innerer Nervosität und Spannung, einem Reflux des Magens und mit Spannungskopfschmerzen.
Depression fördert gestörte Schmerzwahrnehmung im Darm
Depression und Angststörungen sind häufige, d.h. in 38% Komorbiditäten des Reizdarmsyndroms. Aktuelle Daten weisen nun in Richtung einer gestörten Verarbeitung viszeraler Schmerzreize in den Gehirnen von IBS-Patienten. Diese Auffälligkeiten sind umso ausgeprägter, wenn Patienten deutlichere Anzeichen einer Depression zeigen. Sie sind weniger gut in der Lage, Schmerzsignale aus dem Darm zentral zu unterdrücken.
Darmbakterien:
Die Bereicherung der Darmflora verbessert den Reizdarm.
Was sehr wahrscheinlich bei einer Ernährungsumstellung zur
vegetarischen Diät und auch zur
Mediterranen
Ernährung beim Reizdarm wichtig ist, scheint die Veränderung, die sie
auf die Besiedlung mit Darmbakterien bewirkt. Diese Ernährungsweisen
bekämpfen die Verarmung dieser Darmbakterien, die höchst
wahrscheinlich auch eine sehr wichtige Ursache für den Reizdarm ist.
Noch ein therapeutischer Schritt weiter gehen Stuhltransplantationen:
2000 wagte Gerhard Rogler vom Universitätsspital Zürich erstmals den
unorthodoxen Eingriff bei einer Patientin, die wegen einer rezidivierenden Infektion mit dem
Darmkeim Clostridium difficile an krampfartigen Bauchschmerzen, Durchfall
und Fieber litt. Die Ärzte spülten den Darm der Patientin und spritzten
danach gereinigten Kot einer Verwandten ein. Die Therapie war erfolgreich.
Seither hat Rogler viele weitere Patienten mit einer chronischen C.-difficile-Infektion
behandelt – meist mit kompletter Heilung.
• Achtung: PPI (Medikamente gegen übermässige Magensäure, Reflux) meiden!
Die Magensäure ist auch wichtig zur Bekämpfung von pathogenen
Bakterien un Viren, die mit dem Essen in den Magen gelangen. Falls diese nun
ungefiltert (da keine Säue mehr vorhanden) in den Darm gelangen, leidet das
gute Gleichgewicht der Darmflora - und die Symptome eines Reizdarmes können
zunehmen!
Diagnose
Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms (Rom-III-Kriterien: siehe www.medicalforum.ch/pdf/pdf_d/2006/2006-51/2006-51-290.PDF):
Zum RDS gehört auch die "Funktionelle Dyspesie" (störendes Völlegefühl nach dem Essen, beschleunigtes Sättigungsgefühl, Schmerzen in Mitte des Oberbauches, dort auch Brennen), das "Epigastrische Schmerzsyndrom" (intermittierende Schmerzen, mind. mittelschwer, mind. einmal pro Woche in Mitte des Oberbauchs), das "Postprandial distress syndrome" (stöhrendes Völlegefühl nach normalen Mahlzeiten, mehrmals pro Woche und/oder beschleunigtes Sättigungsgefühl), das "Syndrom des zyklischen Erbrechens" und die "Chronische idiopathische Übelkeit".
Die "Diagnose" Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose, d.h. erst wenn alles andere im Darm ausgeschlossen ist, das ebenfalls die obigen Symptome mal produzieren kann, darf von "Reizdarm" gesprochen werden. Deshalb auch:
Bei einem Alter über 40 Jahren und/ oder gleichzeitigen "Alarmsymptomen", wie Gewichtsverlust, nächtlichen Schmerzen, Fieber, pathologischen Befunden bei der Bauchabtastung, pathologischen Leberwerten, Blut im Stuhl, Blutarmut, Nahrungsmittelaversionen, Schluckstörungen, frühzeitige Sättigung sollte unbedingt eine Darmspiegelung erfolgen (da dies dann kein Reizdarm ist)!
Ursächlich kann auch eine bakterielle Nahrungsmittel-Vergiftung in 25% zu längerdauernden Darmstörungen führen, von denen immerhin ein Drittel (7%) die Kriterien eines Reizdarms erfüllen (bei Frauen dreimal mehr als bei Männer; allg. mehr, je stärker und längerdauernd die vorangehende Vergiftung und auch im jugendlichen Alter).
Nicht vergessen darf man differentialdiagnostisch auch eine
Sprue
(Zöliakie): Viermal häufiger bei IBS-Symptome (einer von 25), als in der
"Normalbevölkerung" (Arch
Intern Med 169(7):651-658, 13 April 2009 © 2009 to the American Medical
Association
Nicht vergessen: Es existiert auch eine Weizenunverträglichkeit ohne Zöliakie! Also: Weizen meiden ist vor allem bei Blähungen sehr effektiv! Und allgemein ist Brot und v.a. Weissbrot sehr blähend.
Auch die Laktoseintoleranz ausschliessen.
Und chronisch entzündliche Darmkrankheiten ausschliessen: Der Hausarzt macht dies z.B. mit Biomarker-Bestimmung im Stuhl (Calprotectin).
Der Hausarzt sollte auch Schilddrüsenstörungen ausschliessen (TSH-Messung)!
Bei Neigung zu Drurchfall und Blähungen auch Kaugummis mit Sorbit, Mannit oder Xylit weglassen - und auch nicht häufige Smoothies!
Achtung bei Frauen im gebärfähigen Alter: Die Endometriose kann häufig zusammen
oder als Fehldiagnose eines Reizdarms bestehen! Sie muss ausgeschlossen werden. (BJOG published online 19 August 2009 Vol 115 Issue 11 Pp 1392 - 1396 © RCOG: Endometriosis and its coexistence with irritable bowel syndrome and pelvic inflammatory disease: findings from a national case-control study—Part 2. HE Seaman, KD Ballard, JT Wright and CS de Vries)
Therapie
Stand Frühjahr 2007: Novartis darf Zelmac in den USA nicht mehr verkaufen.
Patientinnen bekamen Herzinfarkte. Schweizer Behörden reagieren nicht.
Thompson vertritt in der BMJ die Meinung, dass ein Reizdarm (vorderhand) keiner medikamentösen Therapie bedarf, bis wirksamere und unbedenklichere Präparate auf den Markt kommen! (Farthing MJG. Treatment of irritable bowel syndrome. BMJ 2005;330:429-30)
Ein ausgezeichneter Übersichtsartikel für Profis und Laien findet sich im Schweiz.Med.Forum Nr.15, 11.04.2001: reizdarm.pdf
Copyright© to everybody!
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich kein "Spezialist" für obiges Thema bin. Es interessierte mich aber im bisherigen Rahmen meiner hausärztlichen Tätigkeit.
Die Auskünfte in dieser Homepage erfolgen unverbindlich und ohne rechtliche Konsequenzen zu meinem Nachteil. Eine konkrete Beurteilung ist lediglich in Kenntnis des Einzelbestandes
möglich (siehe auch
Disclaimer).