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|NHK Symphony
Orchestra Tokyo

Geschichte, CDs und Konzert unter der Leitung von Charles Dutoit am Lucerne Festival 2001 mit Martha Argerich & Mayumi Miyata
[hinzugefügt am 26.3.2002: siehe auch Luzern - Hotels, Reiseführer, Geschichte]
Geschichte
Artikel vom 21. November 2001
Das NHK Symphony Orchestra aus Tokio wurde am 5. Oktober 1926 als New Symphony Orchestra gegründet. Es war das erste professionelle Orchester Japans, das am 20. Februar 1927 sein erstes offizielles Konzert gab und 1936 einen Vertrag mit der Japanischen Rundfunkgesellschaft (NHK) mit exklusiven Senderechten für alle Konzerte abschloss. Einen qualitativen Schub erhielt das Orchester unter der Leitung von Chefdirigent Joseph Rosenstock. 1942 wurde das Orchester in Japan Symphony Orchestra umgetauft. Es führte seine Konzertreihen auch im Zweiten Weltkrieg weiter.
Ab 1951 erhielt das Orchester vollständige finanzielle Hilfe von der NHK und wechselte seinen Namen in NHK Symphony Orchestra. Die 1950er Jahre leiteten eine Phase der Zusammenarbeit mit berühmten europäischen Gastdirigenten ein, zu denen Jean Martinon (1953), Herbert von Karajan (1954), Ernest Ansermet, Igor Markevitch und sogar Igor Strawinsky gehörten.
1960 folgte eine Welttournee, die das Orchester - damals unter der Leitung von Hiroyuki Iwaki - erstmals nach Luzern führte. Die europäischen Auftritte im Jahr 2001 bildeten die 22. Auslandstournee des Orchesters seit 1960.
1967 wurden Wolfgang Sawallisch, Lovro von Matacic und Joseph Keilberth zu Ehrendirigenten des Orchesters ernannt, dem seit 1996 der Schweizer Charles Dutoit als Chefdirigent vorsteht. Horst Stein, Herbert Blomstedt, Eugeny Svetlanov und André Previn sind weitere berühmte Namen, die in den letzten Jahren als Gastdirigenten das NHK Symphony Orchestra geleitet haben. Zu ihnen gesellen sich noch die Japaner Yuzo Toyama und Hiroshi Wakasugi. Alle Abonnementskonzerte werden von NHK-Television und FM Radio national und international gesendet.
Chefdirigent Charles Dutoit
Der in Lausanne geborene Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra's, Charles Dutoit, wurde an den Konservatorien in Genf und Lausanne ausgebildet, wo er dirigieren, komponieren, Bratsche und Schlagzeug lernte. 1959 setzte er seine Ausbildung bei Charles Münch in Tanglewood fort. 1966 wurde Charles Dutoit Musikdirektor des Berner Sinfonieorchesters. 1975 wurde er Chefdirigent des Göteborges Orkestförening.
1977 wurde Charles Dutoit Musikdirektor des Orchestre Symphonique de Montréal, an dessen Spitze er auch heute noch steht. 1991 übernahm Charles Dutoit zusätzlich zu seinem Posten in Montreal die Position des Musikdirektors des Orchestre National de France. Er ist zudem auch der künstlerische Leiter des Saratoga Festivals mit dem Philadelphia Orchestra als Residenzorchester.
1987 leitete Charles Dutoit erstmals das NHK Symphony Orchestra. Nach weiteren Gastauftritten übernahm er 1996 die Aufgabe des Chefdirigenten des japanischen Orchesters, 1998 wurde er zusätzlich zum Musikdirektor ernannt. Charles Dutoit tanzt seit einigen Jahren also auf vier Hochzeiten gleichzeitig.
Konzert am Lucerne Festival 2001
Im 75. Jahr seines Bestehens ging das NHK Symphony Orchestra aus Tokio auf eine ausgedehnte Europatournee, die das älteste und nach Meinung vieler auch beste japanische Orchester an die BBC Proms sowie ans Lucerne Festival führte. In Luzern gaben die Japaner zwei Konzerte. Nachfolgend die Eindrücke vom Auftritt am 22. August 2001.
Toru Takemitsu (1930-1996) ist der erste japanische Komponist, der auch im Ausland Anerkennung fand. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist vor allem seine Filmmusik, insbesondere zu Akira Kurosawas Ran. Auf Grund seiner impressionistischen angehauchten Töne und Farben wurde Takemitsu auch schon als "japanischer Debussy" apostrophiert wurde. Seine vom Zen-Buddhismus inspirierte, zirkuläre Musik ist allerdings oft kontemplativ. Zurecht stand mit Ceremonial - An Autumn Ode ein Werk dieses Komponisten an erster Stelle des Programms in Luzern.
Mayumi Miyata spielte zu Beginn und Ende des Stückes die japanische Mundorgel Shô. Sie entführte die Zuhörer in ihren zwei kurzen Soloteilen in eine andere, nach innen gerichtete Welt. Die Shô ist übrigens ein traditionelles Instrument der japanischen Hofmusik, das dort nur von Männern gespielt werden darf. Mayumi Miyata hat sich deshalb geschickt auf den Einsatz der Shô in zeitgenössischer Musik spezialisiert, so auch in Werken von John Cage, der einst den kompositorisch weitgehend autodidaktischen Takemitsu zur Auseinandersetzung mit der japanischen Musikkultur ermutigt hatte.
Das 1992 uraufgeführte Spätwerk von Takemitsu, Ceremonial - An Autumn Ode, ist voller Zuversicht angesichts des Todes. Im orchestralen Mittelteil verbindet Takemitsu östliche und westliche Klänge zu einer aufregenden Komposition voller entrückter Schönheit. Daneben sind allerdings auch bedrohliche Töne zu hören, die in einem Thriller hervorragend einsetzbar wären. Zum Schluss ertönt wieder die Shô, mit reduzierten, schlichten und dadurch eindringlichen Klängen. Das solide NHK Symphony Orchestra machte zumindest dem Rezensenten Appetit auf die Entdeckung weiterer Werke von Toru Takemitsu.
Danach interpretierten Charles Dutoit und das NHK Symphony Orchestra Sergei Prokofjews (1891-1953) Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26, mit der herausragenden Martha Argerich am Klavier (siehe unseren Artikel zur Pianistin). Bereits 1967 erschien bei Deutsche Grammophon Dutoits erste Aufnahme des 3. Klavierkonzerts von Prokofjew mit dem Orchestre Symphonique de Montréal und Martha Argerich am Klavier. Diese Platte gilt heute noch vielen Kritikern als die unübertroffene Einspielung des Werkes. Rund 30 Jahre später nahmen Dutoit und Argerich zusammen mit dem Orchestre Symphonique de Montréal das Stück erneut auf (siehe die EMI-CD auf der rechten Seite). Die zweite Einspielung betont die lyrische Seite von Prokofjews Komposition und ist ebenfalls mehr als nur hörenswert.
Bei einer solchen Vorgeschichte durfte das Publikum in Luzern ein musikalisches Feuerwerk erwarten - und es wurde nicht enttäuscht. Martha Argerich begann zart, verklärt, dann wurde sie aufgeweckt und verspielt. Heftige Stürme, schroffe Klippen und warme Wogen folgten. Das Aufeinandertreffen von Piano und Streichern im Allegro des ersten Satztes war aufregend dramatisch.
Argerich spielte das Thema lyrisch und romantisch, wobei keine einzige zurückhaltende Passage belanglos klang. Im Allegro spielte die Pianistin aufgewühlt, virtuos, düster, aber ohne Pathos. Argerich wurde im dritten Satz erneut vor allem von den emotionsreichen Streichern gefordert. Emphase und Virtuosität hielten sich die Waage. Das Publikum reagierte auf diese Sternstunde im Zusammenspiel von Dirigent, Orchester und Pianistin mit begeistertem Applaus, dem leider keine Zugabe gegönnt war, obwohl Dutoit Argerich mit dem Finger das Zeichen für ein mögliches Solo gab.

Lucerne Festival 2001, 5. Sinfoniekonzert. Das NHK Tokyo unter der Leitung von Charles Dutoit und Martha Argerich am Klavier spielen Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26. Foto Copyright: Georg Anderhub.
Das NHK Symphony Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit: Prokofiev: Romeo and Juliet (Auszüge); Symphonie Nr. 6. Decca/Universal, 1999. Bestellen bei Amazon.de oder Amazon.com. Dies ist erstaunlicherweise die erste CD eines japanischen Orchesters, das für ein Major Label entstanden ist. Das NHK Symphony Orchestra gehört zwar nicht zu den Spitzenorchestern der Welt, doch die vorliegende Einspielung beweist, dass es mühelos mit den guten europäischen Orchestern mithalten kann.
Martha Argerich, Klavier, mit dem Orchestre Symphonique de Montréal unter der Leitung von Charles Dutoit: Prokofiev Klavierkonzerte Nr. 1 & 3, Bartok Klavierkonzert Nr. 3. EMI, 1998. Bestellen bei Amazon.de oder Amazon.com. Das Album enthält das Klavierkonzert von Prokofiev, das Argerich auch am Lucerne Festival 2001 vortrug. Die Aufnahme wurde ebenfalls unter der Leitung von Charles Dutoit, aber mit einem anderen Orchester eingespielt. Siehe auch unseren Artikel zu Martha Argerich.
Von der Sho-Spielerin Mayumi Miyata ist u.a. folgende CD erhältlich: John Cage Cage Edition Vol. 22. Werke für Violine Vol. 3. Mode, 2000. Mayumi Miyata spielt darauf Werke für Violine und Sho zusammen mit Irvine Arditti. Daneben enthält die CD Werke für Violine und Klavier, bei denen Arditti mit Stephen Drury zusammen spielt. Bestellen bei Amazon.com.
Lucerne Festival 2001, 5. Sinfoniekonzert. Das NHK Tokyo unter der Leitung von Charles Dutoit und Martha Argerich am Klavier spielen Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26. Foto Copyright: Georg Anderhub.
Nach der Pause folgte die Sinfonie Nr. 5 von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) aus dem Jahr 1937. Es war seine erste, dem "sozialistischen Realismus" verpflichtete Komposition. Schostakowitsch übergab das Werk der Öffentlichkeit mit den Worten: "Praktische Antwort eines eins Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik". Nach den ersten stalinistischen Schauprozessen von 1935 und 1936 war Vorsicht angesagt. Dem Werk war bei seiner Uraufführung am 21. November 1937 in Leningrad ein überwältigender Erfolg beschieden.
Im Moderato der 5. Sinfonie liess das NHK Symphony Orchestra auf martialische und melodramatische Elemente seltsam versöhnliche Töne folgen, wodurch ein unheimlicher Eindruck entstand. Die Mehrdeutigkeit von Schostakowitschs Komposition - eine politische, existentielle Gratwanderung - kam voll zur Geltung.
Im Allegretto waren nicht nur dunkle Streicher und Bässe, sondern auch eine ironische Note zu hören. Die erste Geige und danach die Querflöte und die Harfe verbreiteten eine aufgesetzte, verordnete Volkstümlichkeit.
Im liedförmigen Largo erklang nackte, schutzlose, "ehrliche" Musik ohne Ironie, die auch als Anklage gegen das sowjetische Zwangsregime gelesen werden konnte. Die wehrlose Flöte wandte sich mit einer eindringlichen Bitte an die düsteren Streicher. Die Harfe steuerte glockenähnliche, unschuldige Töne bei. Klage und Anklage erklangen.
Das abschliessende Allegro non troppo mit Paukenschlägen, aufgesetztem Optimismus und Patriotismus, zeigte erneut den Komponisten als politischen Menschen in einer Diktatur und das NHK Symphony Orchestra unter der Leitung von Charles Dutoit auf der Höhe seiner Aufgabe. Die fünfjährige Zusammenarbeit zeigte ihre Früchte.