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Eine Sinfonie, die alle Regeln bricht
Ein Essay über Mozarts 40. Sinfonie
von Roberto González-Monjas
Das 1777 uraufgeführte Schauspiel «Sturm und Drang» von Friedrich Maximilian Klinger wurde zum symbolischen Zeichen einer künstlerischen Bewegung: Als Gegenpol zum vorherrschenden Rationalismus und zur Vorliebe für Proportionen strebten ihre Vertreter*innen eine wahrhaftigere Darstellung des Menschen, der Natur und des Lebens im Allgemeinen an. Während sich die Ästhetik der Aufklärung auf das Idealisierte, Idyllische und Erhabene konzentrierte – wovon wir uns in der Saison 22/23 überzeugen konnten –, schlug die Strömung des Sturm und Drang einen völlig anderen Weg ein. Diese Darstellung der dunklen Seite ist nicht auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beschränkt; tatsächlich ist die Faszination für Elemente wie Schmerz, Leiden, Hässlichkeit, Tod, das Böse und Strafe eine Konstante in der Welt der Kunst: Dantes Divina Commedia, Hieronymus Boschs surrealistische Bildsprache oder Vivaldis Sinfonia «Al Santo Sepolcro» sind Beispiele aus dem Lehrbuch, die eine weniger populäre, dafür aber umso realistischere Tendenz meisterhaft illustrieren: die Darstellung der fehlerhaften, unvollkommenen menschlichen Existenz.
Die Musik des Sturm und Drang entwickelte sich rasch in der Welt der Oper und des Theaters. Die neu entstandenen Gattungen förderten die Darstellung der lebendigen Realität und erlaubten mehr strukturelle Freiheit. Im sinfonischen Kontext hingegen inspirierte der Sturm und Drang nur kleinere Werke, die einen bestimmten Anlass brauchten, um ihre Existenz zu rechtfertigen: Beschreibungen von Naturphänomenen wie Stürme und Erdbeben, Musik für Begräbnisse und Abschiede und sogar Anspielungen auf geistliche Musik. Diese Sinfonien wurden als Raritäten betrachtet: Charaktermusik, exotisch und unterhaltsam, aber ohne wirklichen Wert für die Welt der absoluten Musik.
Mozart als unruhiger Rebell
Mozarts letzte Sinfonien übertrafen die Erwartungen von Unterhaltung, Vergnügen und Konvention enorm. Seine 40. Sinfonie setzt diesem Zyklus ein Ende und öffnete neue Türen: Sie ist das erste gross angelegte sinfonische Werk, das Realismus und Expressionismus in den Mittelpunkt der absoluten Musik stellt. Der Beginn der 40. Sinfonie ist eine bemerkenswerte Absichtserklärung: keine langsame Einleitung, keine pompöse Fanfare, keine lauten Ankündigungen – stattdessen taucht aus der Stille eine weiche, unruhige, atemlose Musik auf, fast wie eine opernhafte «aria agitata», häufig unterbrochen von emotionalen Ausbrüchen und schockierenden Kontrasten. Dies ist nur der Anfang einer Sinfonie, die fast alle Regeln bricht:
Die Sinfonie ist in g-Moll komponiert – eine kraftvolle Aussage für sich. Vorherrschende Vorliebe für Konzertwerke waren Dur-Tonarten, die sowohl für eine fröhliche Stimmung als auch für einen brillanten Orchesterklang sorgten. Die meisten gross angelegten Sinfonien der damaligen Zeit waren in C-, D- oder Es-Dur komponiert.
Diese mutige Wahl von g-Moll wirkte sich auch auf die Orchestrierung des Werks aus. Trompeten und Pauken mussten ausgeschlossen werden, denn sie waren zu jener Zeit für eine so eigenwillige Tonart nicht geeignet – ihre Aufgabe bestand in erster Linie darin, edle Fanfaren und militärische Rhythmen zu spielen. Ihre Abwesenheit ermöglichte es Mozart, einen menschlicheren, weniger pompösen Stil für dieses Werk zu finden.
Der Kompositionsstil ist unvorhersehbar und wechselhaft: Abschnitte enden abrupt, neue Themen präsentieren sich ohne jede Vorbereitung, und Modulationen erfolgen in einem fast grausam schnellen Tempo, was beim Publikum ein Gefühl der Instabilität und Unruhe hervorruft.
Die Chromatik ist die DNA des Stücks: Sie ist bereits im Hauptthema des ersten Satzes (durch den absteigenden Halbton im Aufschlag: es-d) zu erkennen und breitet sich in fast jedem anderen Thema der Sinfonie aus. Die chromatischen Linien, die passenderweise «passus duriusculus» (harte Schritte) genannt werden, nutzten Komponist*innen im Barock zur musikalischen Verkörperung von Schmerz und Leid.
Eines von Mozarts stärksten Werkzeugen im Stück ist die Arbeit mit Kontrasten. Wie bei einem meisterhaften Caravaggio wird der Unterschied zwischen Licht und Schatten in dieser Sinfonie durch das Zusammenspiel von Dynamik und Harmonie verdeutlicht: Die leisen Passagen, wie die Moll-Momente, scheinen die Dunkelheit zu erforschen, während lautere Ausbrüche und Dur-Harmonien die Zuhörer*innen ohne jede Vorwarnung blenden.
Der zweite und dritte Satz sind in Tanzmetren geschrieben, aber unmöglich zu tanzen! Der zweite Satz, in seinem tröstlichen 6/8-Takt, wird schnell zu einem «Kreuzweg» des Schmerzes und des Leidens, mit einer phänomenal berührenden Begleitung im «stilesospirato». Der dritte Satz scheint ein konventionelles Menuett zu sein, das jedoch von Hemiolen im Stile Antico überlagert wird, was ihn zum rätselhaftesten und widersprüchlichsten Satz des gesamten Triptychons macht.
Die Entwicklung der Motive und Themen in diesem Werk erinnertan Haydns und Beethovens fast minimalistische Arbeit mit kleinen musikalischen Zellen. Bei Mozart wird sie unerbittlich und grenzwertig obsessiv.
Diese Sinfonie repräsentiert Mozart als den unruhigen Rebellen: Das bis dahin erreichte Niveau an Können und Wissen stellt er in den Dienst eines gewalttätigen Expressionismus. Indem er kühn aus seiner – und zu dieser Zeit jedermanns – Komfortzone tritt, gibt er seinen Musikerkolleg*innen die Erlaubnis, ohne idealisierende Filter oder pädagogische Absichten nach der rauen Wahrheit in der Musik zu suchen. Wenn seine 39. Sinfonie darauf abzielte, zu erheben, zu inspirieren und zum Licht zu führen, so ist seine 40. ein Spiegel, der den dunkelsten Teil unserer Seele zeigt und uns zwingt, die Schönheit unserer eigenen Unsicherheiten und Unvollkommenheiten anzunehmen.
MI – FR 06.– 08. SEP, 19.30 UHR
SAISONERÖFFNUNG
Roberto González-Monjas Leitung
Jan Lisiecki Klavier
Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonie Nr. 40 g-Moll, KV 550
sowie Werke von Robert Schumann,
Diana Syrse, Edvard Grieg
Mehr zu Mozarts 40. Sinfonie erfahren Sie
in diesem kommentierten Konzert:
DO 14. SEP, 19.30
Roberto González-Monjas Leitung und Moderation
Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonie Nr. 40 g-Moll, KV 550
Musikbeispiele aus anderen Werken