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«Das Piano Nobile ist der Kern des Projekts»
Isler Gysel Architekten gewinnen den Wettbewerb für das neue Justizgebäude in La Chaux-de-Fonds. Manuel Gysel beantwortet unsere drei Fragen.
Was ist die Erfindung am Siegerprojekt?
Manuel Gysel: Erstens: Der Bezug zur Öffentlichkeit. Das als Piano Nobile ausgebildete erste Obergeschoss ist der Kern des Projekts. Die sogenannte «Salle des pas perdus» mit den unterschiedlich grossen, teilweise überhohen Gerichtssälen nimmt das ganze Geschoss ein. Grosszügige Sitz- und Wartebereiche gewährleisten die nötige Privatsphäre für Besprechungen bei gleichzeitig stattfindenden Verhandlungen. Der Gewaltenteilung zuliebe treffen sich Kläger und Richter lediglich in diesem Geschoss zu den Gerichtsverhandlungen.
Zweitens: Zwei Gebäudeeinschnitte strukturieren das tiefe Volumen. Im ersten Obergeschoss wird die «Salle des pas perdus» über zwei in den «Höfen» liegende Oblichter strukturiert und belichtet. In den Bürogeschossen wird die Fassadenabwicklung so weit vergrössert, dass alle Arbeits- und Aufenthaltsräume an eine Aussenfassade zu liegen kommen.
Wie verhält sich das Projekt zur Umgebung?
In La Chaux-de-Fonds stehen unterschiedlich hohe Bauten aus verschiedenen Epochen dicht beieinander. Sie werden von einem orthogonalen Raster mit einheitlichen Gebäudefluchten zusammengehalten. Resultat davon sind städtebaulich und volumetrisch spannende Konstellationen: Über einem zwei- bis dreigeschossigen Sockel wird der obere Bereich des Volumens mit den beiden Einschnitten aufgegliedert: Zu den leeren Flächen – zum Bahnhofsplatz und zu den Geleisen hin – bildet der Neubau eine klare Front. Nach Nordwesten hin übernimmt das Gebäude den kleinteiligeren Massstab der benachbarten Bauten. Das Hôtel Judiciaire ist der letzte Baustein einer Reihe von repräsentativen Bauten um den dereinst neu gestalteten Bahnhofsplatz. Dem Bahnhof ähnlich umfasst der Neubau eine zweigeschossige Eingangshalle mit den öffentlich zugänglichen Informationsschaltern.
Wo lagen die grössten Schwierigkeiten im Wettbewerb?
In der Komplexität des Programms. Das Gebäude umfasst zwei strikt voneinander getrennte Nutzungen: die Staatsanwaltschaft und das Gericht. Zusätzliche Drittnutzungen in allen Geschossen schaffen die nötige Flexibilität und die verlangte räumliche Erweiterbarkeit zwischen den beiden Institutionen. Dabei galt es die einzelnen Programmteile klar zu hierarchisieren und den Bereichen den ihnen entsprechenden Bezug zur Öffentlichkeit zuzuweisen. Voneinander getrennte innere Wege fürs Gericht, die Staatsanwaltschaft, für die Angeklagten, fürs Publikum und die Medien garantieren die nötige Funktionalität eines modernen Gerichtsgebäudes.
Nouvel Hôtel Judiciaire, La Chaux-de-Fonds
offener Projektwettbewerb mit 56 Teilnehmern für den Kanton Neuenburg.
– 1. Rang: Isler Gysel Architekten, Zürich
– 2. Rang: Kistler Vogt Architekten, Biel
– 3. Rang: Herzog Architekten, Zürich
– 4. Rang: Fres Architectes, Genf
– 5. Rang: LVPH Architectes, Fribourg
– 6. Rang: Jean-Baptiste Ferrari & Associés, Lausanne