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Addio di Rossini in zwei Versionen
Sowohl das Bravourstück wie das Solfeggio verlangen hohe Virtuosität.
Ob Rossini nun ein genialer Koch war oder nicht, ist umstritten. Sicher ist, dass er sich, als er sich im Alter von 37 Jahren aus dem aktiven Opernleben zurückzog und seinen Lebensabend mit dem Hobby «Komponieren» zubrachte, ausserdem als leidenschaftlicher Gourmet gutem Essen widmete und es liebte, sich mit der Verwaltung seines Vermögens zu beschäftigen. Auch unumstritten ist, dass der aus einem Musikerhaus stammende Gioachino Rossini einer der bedeutendsten Opernkomponisten des Belcanto war. 1792 geboren tritt er mit 20 Jahren das erste Mal als Komponist in Erscheinung. Er verfasst in zwei Jahrzehnten nicht weniger als 39 Opern, später auch Sakral-, Vokal-, Klavier- und Kammermusik., darunter zahlreiche Lieder.
La Cenerentola liegt bereits fünf Jahre zurück, Il Barbiere di Siviglia, eine in nur 26 Tagen fertiggestellte Oper, sechs Jahre (erst spätere Aufführungen sollen diesen beiden Werken den verdienten Ruhm bringen), als Rossini im Frühjahr 1822 eine Spielzeit mit etlichen seiner Opern am Wiener Kärntnertortheater bestreitet. Zum Abschied von Wien komponiert er die nun in der Edition Dohr neu erschienene Cavatina Addio di Rossini, die ursprünglich unter dem Titel Addio ai Viennesi erschien. Dieses Abschiedsgeschenk ist ein Paradestück rossinischer Kompositionskunst. Es wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschiedentlich nachgedruckt, die vorliegende Ausgabe stützt sich auf die Londoner Fassung aus dem Jahre 1824 und ist, wiewohl bereits von Marilyn Horne und anderen Rossini-Mezzos eingespielt, bislang in keiner modernen Notenausgabe erschienen.
Man tut gut daran, seine Koloraturen aufzupolieren, wenn man diese Cavatina singen will, ein Bravourstück, versehen mit allen Ingredienzen wahrhaften Rossini-Gesangs: grosse melodische Schönheit, reiche Koloraturen, opernhafte Seufzer, das berühmte Rossini-Crescendo. Eine Zugabe par excellence, für Sopran/Tenor oder hohen Mezzosopran/Bariton – allerdings nur mit erheblicher Virtuosität – zu bewältigen.
Interessant auch die Gegenüberstellung mit der im selben Heft herausgegebenen, von Rossini selbst angefertigten Adaption dieser Cavatina als Solfeggio. Sie erschien 1827 in den Gorgheggi e Solfeggi schlicht als Nummer 11. Den Untertitel dieser Vokalisensammlung, «per render la voce flessibile», dürfen wir hier getrost wörtlich nehmen, wenngleich die Solfeggio-Fassung an Virtuosität der originalen Cavatina nachsteht. Die Klavierbegleitung ist vereinfacht, Phrasierungen weichen ab, dieses Stück ist als Übestück gedacht und sogar im Gesangsunterricht einsetzbar. Das Solfeggio ist für vokalisierende Singstimme, wenngleich die Vokalise in der vorliegenden Ausgabe mit Text unterlegt wurde.
Gioachino Rossini, Addio di Rossini, Cavatina für Singstimme (Mezzosopran oder Bariton) und Pianoforte in zwei Versionen, Partitur, E.D. 14209, € 12.80, Dohr, Köln