Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03139.jsonl.gz/564

Im September 1969 wurde die 27-jährige Studentin A.H. in die Psychiatrische Universitätsklinik Bern eingewiesen. Der Verdacht: Schizophrenie. In ihrer Krankenakte ist notiert, dass sie keine Medikamente einnehmen will, «sie droht sich sonst umzubringen.» Trotzdem wird der Patientin kurze Zeit später das Versuchspräparat HF 1854 injiziert.
Bei einer anderen Patientin, die auch keine Medikation will, schreibt der Arzt in die Krankenakte: «vorläufig Patientin nicht zwingen».
Medikament oder Elektroschock
Das sind zwei Fälle aus der Zeit, als an der Psychiatrischen Universitätsklinik Bern eine Vielzahl an Medikamenten getestet wurden.
Die Ärztin Julia Manser-Egli untersuchte in ihrer Dissertation 531 Patientenakten. «Zu Beginn der 50er-Jahre kamen die ersten Psychopharmaka auf den Markt. Die Hoffnung war damals gross, dass die neuen Medikamente den Patientinnen und Patienten helfen können. Denn die Alternative war oft der Elektroschock», erklärt Manser-Egli gegenüber SRF.
Bei den neuen Medikamenten handelte es sich um Antidepressiva oder sedierende Medikamente, die die Patienten ruhig stellten beispielsweise gegen Wahnvorstellungen und Halluzinationen eingesetzt wurden. Einige der Medikamente wurden später zugelassen und konnten den Patienten helfen, die Klinik zu verlassen.
Bei Ihrer Untersuchung stiess Julia Manser-Egli immer wieder auf Hinweise von Zwangssituationen: «Wie es zu diesen Situationen kam, ist aufgrund der fehlenden Dokumentation schwierig nachzuvollziehen. Es konnte sein, dass eine Patientin die Medikamente nicht einnehmen wollte und man ihr dann gut zuredete. Wenn das nicht funktionierte wurde das Testmedikament injiziert.»
Tests in Münsingen wurden nicht untersucht
SP-Grossrätin Ursula Marti reichte 2018 einen Vorstoss zu den Medikamententests ein mit der Forderung, diese Tests aufzuarbeiten. Die Resultate der Studie zeigen, dass eine Vielzahl von Medikamenten getestet wurde. «Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass man den Patienten damals Unrecht angetan hat. Selbst wenn es damals eine andere Zeit war und es keine gesetzlichen Grundlagen gab, war das Vorgehen nicht in Ordnung.»
Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass man den Patienten damals Unrecht angetan hat.
Die Studie von Julia Manser-Egli beschränkte sich auf eine Stichprobe von Patientenakten der Psychiatrischen Universitätsklinik in Bern. Doch auch im Psychiatriezentrum Münsingen gab es in dieser Zeit Medikamententests, das belegte SRF im vergangenen Jahr.
Waren auch Kinder involviert?
Für Julia Manser-Egli gibt es noch einen weiteren Grund, warum eine grossflächige Studie im Kanton Bern Sinn machen würde: «Es wäre wichtig, dass auch untersucht wird, ob Kinder oder Jugendliche in die Medikamententests involviert waren. Denn bei ihnen handelt es sich um besonders verletzliche Gruppe.» Auch SP-Grossrätin Ursula Marti fände es wichtig, dass eine Studie sämtliche psychiatrischen Kliniken im Auftrag des Kantons untersucht, «das sind wir diesen Menschen schuldig».
Hans-Peter Kohler ist da anderer Meinung. Der ehemalige Arzt und aktuelle Präsident der Gesundheitskommission des Grossrats sagt: «Es ist keine kantonale Aufgabe, diese Tests aufzuarbeiten. Das kann wissenschaftlich gemacht werden, es ist aber keine politische Frage.»
Die Aufarbeitung kann wissenschaftlich gemacht werden, es ist aber keine politische Frage.
Und weiter: «Man muss sich auch fragen: Was bringt das? Der Kanton hatte damals zwar eine Aufsichtspflicht, doch in dieser Zeit machte man es so, das war rechtens, auch wenn das schwierig zu begreifen ist.»
Der zuständige Regierungsrat Pierre Alain Schnegg pflichtet Kohler bei und lässt ausrichten: «Es ist Sache der Medizinhistorik, diese Aufarbeitung anzugehen.»