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Das Grosse Examen
Gaokao, wörtlich das hohe Examen, steht wie jedes Jahr am Ende der 12-jährigen Schulzeit an. Dieses Jahr stellen sich 10,71 Millionen junge Chinesinnen und Chinesen dieser Prüfung für die Zulassung zur Universität. Es ist eine der schwierigsten Prüfungen der Welt. Es ist eine sehr viel härtere Abschlussprüfung als vergleichsweise das deutsche Abitur, das französische Baccalauréat, die schweizerische Matura oder ein amerikanischer Highschool-Abschluss.
Meritokratie
Prüfungen haben in China Tradition. Bereits zur Zeit der Han-Dynastie (206 v. u. Z bis 221 A. D.) finden sich erste Ansätze für Beamtenprüfungen. Durchgesetzt hat sich das meritokratische Prinzip mit der Institutionalisierung der Beamtenprüfungen während der Sui- (589–618 A. D.) und der Tang-Dynastie (618–906 A. D.). Perfektioniert wurde das System während der Dynastien der nördlichen und südlichen Song (960–1279 A. D.). Bis kurz vor dem Zusammenbruch der letzten Qing-Dynastie 1911 ist dann das Prüfungsverfahren fast unverändert geblieben. Selbst heute unter den roten Kaisern beziehungsweise der Kommunistischen Partei ist bei der Auswahl der Kader viel von diesem auf Leistung beruhenden Auswahlverfahren übriggeblieben. Das Grundprinzip blieb immer gleich: jeder kann teilnehmen.
Wettbewerb
Auch das chinesische Schulsystem setzt auf kontinuierliche Examen und wird von Wettbewerb und Prüfungsdruck bestimmt. Das beginnt im Kindergarten und hört erst nach der 12-jährigen Schulzeit mit der Eintrittsprüfung für die Hochschule auf. Die Eltern investieren viel Geld, um den Kindern möglichst auf allen Stufen gute Noten zu ermöglichen: Nachhilfestunden, Extrakurse, Zahlungen an Lehrerinnen und Lehrer, besonderes Schulmaterial oder Privatschulen. Das alles läuft ins Geld. Da Karrierechancen, ja der künftige Lebensweg vom erfolgreichen Gaokao abhängen, wird nochmals investiert. Eltern nehmen vor und während des Examens Ferien, in Examen kundige Lehrer sowie Nannys werden angestellt, Räucherstäbchen werden Buddha dargebracht. Und dann wird gezittert. Eltern, Grosseltern, Verwandte, Bekannte, kurz, während der zwei Gaokao-Tage zittert die Nation. Die Prüflinge stehen unter hohem Druck.
Die Chancen auf einen Studienplatz hängen mithin viel auch von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab. Untersuchungen haben überdies gezeigt, dass Städter Vorteile gegenüber Schülern und Schülerinnen in ländlichen Gebieten haben. Die Superreichen haben eine andere Lösung: Sie schicken ihre Kinder ins Ausland, zum Teil schon in die Mittelschule oder dann, um den Gaokao-Stress zu vermeiden, auf eine Hochschule in den USA, Australien oder Europa. Derzeit studieren 1,4 Millionen junge Chinesen und Chinesinnen im Ausland.
Punktezahl wichtig
Während des Hohen Examens werden während zwei Tagen Chinesisch, Mathematik und eine Fremdsprache – meist Englisch – geprüft. Zusätzlich wird ein Wahlfach getestet. Das kann entweder Naturwissenschaft – Physik, Chemie und Biologie – oder Geisteswissenschaft – Geschichte, Politik und Geographie – sein. Während es noch vor zwanzig Jahren nur jeder zweite Prüfling schaffte, sind es heute drei von vier. Aber selbst wenn man es schafft, ist die erreichte Punktzahl wichtig. Denn nur bei sehr guten Noten ist der Eintritt in einer der Elite-Universitäten möglich, wie zum Beispiel die Pekinger Beida oder die Pekinger Tsinghua, das MIT oder die ETH Chinas sozusagen. Fällt der Prüfling durch, kann er wiederholen, so oft er will. Es gibt keine Altersbeschränkung. Im vergangenen Jahr meldete sich in der Provinz Sichuan ein 49 Jahre alter Mann zum Gaokao an. Zum 20. Mal.
Schmale Brücke
Die Examen werden streng überwacht. Oft ist versucht worden, Lehrer und Examinatoren zu bestechen. Auch der Kauf von Prüfungsfragen ist schon aufgedeckt worden. Und ja, natürlich versuchen Schülerinnen und Schüler immer wieder zu schummeln. Analog im Hemdsärmel und neuerdings digital im Cyberspace. Ein neues Schummel-Gesetz droht nun mit Haftstrafen bis zu sieben Jahren. Beim Betreten der Examensräume werden die Schüler und Schülerinnen gründlich durchsucht. Überall verfolgen Kameras das Geschehen. Bereits sind verschiedentlich auch Drohnen im Einsatz, um Funksignale in der Umgebung abzufangen. Gerechtigkeit für alle, heisst die Devise. Gaokao wird in China verglichen mit einer schmalen Brücke. In einem chinesischen Sprichwort ist es so formuliert: „Tausende von Soldaten und Zehntausende von Pferden drängen sich auf einer einzigen Brücke.“
Sommerhitze
Nun hat das chinesische Erziehungsministerium beschlossen, das Gaokao um einen Monat zu verschieben, und zwar vom Juni auf den 7. und 8. Juli. Bereits von 1979 bis 2002 fand das Examen im Juli statt, wurde dann aber ab 2003 wegen der zu grossen Sommerhitze auf Juni verschoben. In den sozialen Medien wird jetzt die Hitze wortgewaltig diskutiert. Immerhin sind in Nordchina Temperaturen von über 40 Grad Celsius keine Seltenheit. Wang Hui vom Erziehungsministerium sagte an einer Pressekonferenz, wegen der Corona-Epidemie müssten Studenten und Studentinnen sowie Examinatoren geschützt werden. Zwar sei die Epidemie in China unter Kontrolle, doch gebe es noch immer sporadisch regionale und importierte Corona-Fälle. Zudem, so Wang, seien Städter bei der Ausgangssperre gegenüber jenen auf dem Land beim Lernen bevorzugt gewesen, weil der Internetzugang in städtischen Gebieten besser sei.
Fairness
„Der grundlegende Wert des Gaokao“, so der Erziehungsbeamte Wang Hui, „besteht darin, Fairness und Gerechtigkeit aufrecht zu halten. Indem wir das Hohe Examen auf später verschieben, können nun die Schüler wieder mehr in der Schule lernen. Das hält die Gleichheit in der Erziehung aufrecht.“ Viele Schulen sind wieder geöffnet. Überall aber herrscht Maskenpflicht. Den Schülern und Schülerinnen wird eingebläut, sich oft die Hände zu waschen, sich gesund zu ernähren, sich zu bewegen und ein geregeltes Leben zu führen. Aber das landesweite Zittern vor Gaokao bleibt.
Die Epidemie in China ist also mehr oder weniger im Griff. Ein sicheres Indiz für die endgültige Kontrolle könnten der Nationale Volkskongress und die Konsultativkonferenz sein. Die zwei Sessionen, wie sie in China genannt werden, wurden vom 5. März auf später verschoben. Wenn das neue Datum bekannt wird, kann davon ausgegangen werden, dass China das neuartige Coronavirus besiegt hat.