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Das Haus „zum Raben“ an der Aeschenvorstadt 15 ist eines jener noch erhaltenen Bürgerhäuser, an denen sich die Schöpferkraft des Architekten und der Handwerker voll auswirken konnte. Neben dem Haus „zum Paradies“ bildet die Liegenschaft einen letzten erhaltenen Bauzeugen vergangener Wohnkultur in der Ende der 1950er Jahre gänzlich zerstörten Aeschenvorstadt.
Einführung
Im 18. Jahrhundert erlebte unsere Seidenbandindustrie ihre Blütezeit. Und wie sie vielen Menschen Beschäftigung bot, so schuf sie Vermögen und gewährte den Bandherren reiche Einkünfte. Das war eine der hauptsächlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen für jene schönen und vornehmen Bauten, die nun in der Altstadt und vor allen Dingen in den bevorzugten Vorstädten mit ihren Gärten entstanden und die heute noch das Bild Altbasels bestimmen. Jene Bauherren, die ihren sich mehrenden Reichtum in solchen Bauten zum Ausdruck brachten, brauchten sich nur jener Formen und Architektur zu bedienen, die sich ihnen als reife Blüte des Rokoko geboten wurden.
Der Meister aber, der Basel als hervorragender Architekt eine ganze Reihe solch kostbarer Barockhäuser erbaute, war Samuel Werenfels, dem wir unter anderem auch das weisse und blaue Haus verdanken. Mit ihm in enger Verbindung standen eine Reihe von Kunsthandwerkern, die als Maler, Holzarbeiter, Stuckateure oder Steinmetzen in glänzender Weise die Aufgabe lösten, die Bauten mit dem ganzen dekorativen Reichtum der Zeit auszugestalten. Der klaren Anlage des Hauses im Äusseren entsprachen im Inneren neben den Treppenhäusern die einzelnen reich ausgestatteten Prunkzimmer.
Geschichte der Liegenschaft
Da, wo sich heute die Fensterreihen dieses Patrizierhauses hinziehen, stand einst das altrenommierte Gasthaus "zum Raben", in dem müde Fuhrleute und ihr Gespann Halt machen konnten. Als Aushängeschild verwendete es einen "Grappen" und wurde wohl daher oft "zum Rappen" genannt. Lange Jahre hindurch galt der "Rappen" als das Wirtshaus "vor Eschemarstor", bis ihm im 14. Jahrhundert durch den "Goldenen Sternen" eine ernsthafte Konkurrenz erwuchs.
Vom letzten Wirt, Johannes Merkt, dem Meister der Vorstadtgesellschaft zum Rupf, kaufte im Jahre 1763 der Handelsmann und einstige Refugiant Felix Battier-Weis das Haus für 7000 neue französische Taler und liess sich durch den bereits genannten Architekten Werenfels den heute noch bestehenden Bau errichten. Zwei weitere benachbarte Liegenschaften – die Häuser „zum Rappen“ und „zum Oechsli“ – erwarb er, um für sein Vorhaben den nötigen Raum zu schaffen. Felix Battier hatte vorher vis-à-vis im Drachen seine Kolonialwarenhandlung geführt, die dann auch von seinem Sohn, wenn auch mit wenig Glück, weitergeführt wurde. Als er starb, waren seine Erben genötigt, das Haus zu verkaufen. Es wurde vom Nachbarn und Vetter Christoph de Matthias Ehinger-Burckhardt im Jahre 1795 mit allem Interieur übernommen und bildete von da an das Wohnhaus der Familie Ehinger.
Christoph Ehinger, Ratsherr, Oberst und Bürgermeister, also einer der angesehensten Männer des alten Basel, gründete am 1. Juli 1810 im „Raben“ die Firma Ehinger & Cie. Wie zahlreiche Kollegialfirmen, die sich in der Folge ebenfalls zu reinen Privatbanken entwickelten, befasste sich auch das Haus Ehinger & Cie. zunächst neben dem eigentlichen Bankgeschäft mit dem Warenhandel und der Speditionstätigkeit. War die erste Zeit der jungen Firma überschattet durch die napoleonische Kontinentalsperre, so markierten die 1820er Jahre den Beginn einer zunehmenden, andauernden Stabilisierung. Christoph Ehinger starb 1833 ohne Erben, nachdem sein einziger Sohn Louis schon 1790 in Paris ein Opfer des Typhus wurde. Um aber den Namen seiner Familie und denjenigen des von ihm gegründeten Bankhauses zu erhalten, adoptierte er im Jahre 1813 seinen Neffen Johann Ludwig Burckhardt, den Sohn von J. J. Burckhardt-Rey, mit der Verpflichtung, dass dieser und seine Nachkommen künftig den Namen Ehinger tragen und dass jeder männliche Deszendent zu seinen übrigen auch noch den Vornamen Matthias führen solle. So bewohnten noch bis weit ins 20. Jahrhundert dessen Nachkommen das Haus.
In den 1860er Jahren erwarb der damalige Besitzer des „Raben“ die Nachbarliegenschaft Nr. 17 hinzu und liess an deren Stelle den seitlichen rechten Anbau errichten, wobei sich der Baumeister schlecht und recht an den Stil der bestehenden Hausfront hielt und die herrliche Symmetrie der barocken Komposition unterbrach.
Fassade
Bei der Fassade – ohne den späteren Anbau – handelt es sich um eine siebenachsige Anlage, der ein ungewöhnlich schmales, typisch spätbarockes Mittelrisalit mit überdachendem Giebel einen vornehmen Akzent verleiht. In diesem ausgebauchten Mittelrisalit wird alle Pracht und aller Schmuck zusammengefasst, um der Mittelachse des Gebäudes ein deutliches Übergewicht zu geben. Immerhin befindet sich darin der Torbogen des Haupteingangs, der durch eine Überwölbung betont wird. Der "gebrochene" Giebel über dem ersten Stockwerk und der kleine Giebel am Dachgesims darüber vollenden die Pracht dieses Mittelrisalits. Es bildet ein schönes Rückgrat, von dem die beiden kräftigen Seiten nach links und rechts abzweigen.
Ganz fein ist die Proportionierung der Stockwerkhöhen untereinander: Die untersten Fenster sind recht hoch und schmal gehalten, was den Bau gegenüber vielen seiner baslerischen Artgenossen des Spätbarocks auszeichnet: Dadurch bekommt die ganze Fassade ein herrschaftliches, graziös-beschwingtes Aussehen. Der erste Stock ist etwas niedriger gehalten als das Erdgeschoss, und der zweite als blosser "Kniestock" niedriger als der erste - etwa im Verhältnis des Goldenen Schnittes. Somit ist schon im horizontalen Aufbau eine deutliche Rhythmisierung der grossen Massen zu verspüren. Diese wird noch verstärkt durch breite waagrechte Bänder und Gurten, die sich oberhalb der Fenster über die ganze Fassade hinziehen.
Schon mehr ein Adelspalast als ein Bürgerhaus, verkörpert das Haus zum Raben in eindrücklicher Weise die Macht der alten Familien. Noch eindrücklicher aber spricht daraus die ungebundene Schöpferkraft der Barockkultur. Im Gegensatz zum strengen Klassizismus oder der zarten Romantik bestimmen hier Lebensfreude und muntere Phantasie die Einzelheiten an der Fassade: Die Schnecken an den Kapitellen der Pilaster werden unbekümmert um klassische Säulenordnungen mit Blumengewinden verbunden, die Stürze der Fenster mit üppigen Rocaillen verziert, und selbst der eiserne Glockenzug schäumt wie Wasser. Ausserdem helfen Details wie die üppig geschnitzte Türe, uns von der Erfindungsgabe des Barockzeitalters zu überzeugen.
Im Inneren
In seinem Inneren ist als erstes die Treppe mit ihrem kunstvoll geschmiedeten Eisengeländer erwähnenswert, die zu den Räumen des ersten Stocks emporführt. Das Geländer besteht aus ineinander verschlungenen Blumenranken und zeugt von grosser Handarbeit.
Hauptsehenswürdigkeit und Prunkstück des ganzen Gebäudes jedoch ist der grosse Salon im ersten Stock mit dem beinahe blühenden Strassburger Ofen, dem mächtigsten in Basel erhaltenen dieser Art, dessen Weiss sich wunderbar von den Aubusson-Bildteppichen an den Wänden abhebt. Weiter sind hier die aus zierlichen Stuckornamenten bestehende Decke und die Supraporten von Esperlin, der auch das pompöse Deckengemälde des Treppenhauses schuf, sehenswert. Hier im grossen Salon wurden grosse Empfänge abgehalten. Als illustrer Gast und Freund des Hauses Ehinger ging auch Feldmarschall Erzherzog Eugen von Habsburg-Lothringen während seiner Exiljahre nach dem 1. Weltkrieg dort ein und aus. Weiter erwähnenswert sind das Gartenzimmer sowie das Esszimmer; diese wurden in ihrer ursprünglichen Form erhalten und gepflegt und bilden den Stolz der Besitzer.
Auch die Nebenräume zeigen diesen Schmuck, wobei der Raum zur Rechten als repräsentatives Schlafzimmer gedacht war, in dessen heute geschlossenem Alkoven das Bett stand, in dem die Hausfrau bei besonderen Anlässen, etwa als Wöchnerin, die gratulierenden Gäste nach damaliger Sitte empfing. In einer der Seitenwände des Alkovens ist, so geht ein Gerücht, auch das Herz jenes letzten, aber früh verstorbenen Louis Ehinger eingemauert, und da man lange Zeit vom Alkoven her ein klapperndes oder pochendes Geräusch hörte, ging wie bei den meisten Altbasler Häusern die Sage herum, es "gschpenste", da man glaubte, es sei das Herz, das zu Geister- und an anderen Stunden wieder zu schlagen beginne. Erst als einmal ein mutiger Bewohner der Sache auf den Grund ging, stellte es sich heraus, dass einer der kleinen Fensterflügel, ein Läuferli, wie man das nennt, los war und beim Wind auf und zu schlug und so jenes unheimliche Geräusch verursachte. Eine ähnliche Gespenstererscheinung aus der St. Johannvorstadt sei hier erwähnt, wo ebenfalls von den Nachbarn geflüstert wurde, es "gschpenste" und wo wirklich oft zum Schrecken von Kindern plötzlich Schritte durchs Nebenzimmer gingen, bis auch hier ein Mutiger die verblüffende, aber akustisch einleuchtende Aufklärung brachte, dass ein Nachtlichtkamin, das sich dort befand, den Schall vom festlichen Gässchen ins Zimmer leitete, sodass die Schritte der Vorübergehenden unvermittelt im Zimmer selber widerklangen.
Im Haus "zum Raben" gibt es aber auch eine Reihe von anderen Räumen; so das gemalte Zimmer, dessen Fenster zum Hof gehen und das grosse in die Wand gefügte Panneaux mit den Fideikommiss-Gütern in Augst und dem Familiengut Tempelhof zeigt, sowie ein in Blau gehaltenes Schlafzimmer mit alten Empiremöbeln und Kattunvorhängen und einem Betthimmel aus gleichem Stoff. Zuletzt ist noch, durch eine Eichentreppe erreichbar, der Gartensaal mit Cheminées und Marmorbrünnchen, die weissen Wände mit den Emblemen der Kunst und Wissenschaft in Stukkatur verziert.
Hof und Garten
Wie bei einem fürstlichen Schloss befindet sich hinter dem Haus ein symmetrischer Ehrenhof, der vom Hauptbau und zwei senkrecht zu ihm gestellten Flügelbauten umschlossen wird. Dieser Ehrenhof wird durch ein reiches schmiedeisernes Gittertor vom rückwärts angelegten Garten getrennt. Ein origineller Renaissance-Wandbrunnen plätschert in der Ecke. Kein pompöser Aufschnitt, sondern beinahe reale Zweckmässigkeit, ruhig und stilistisch einwandfrei. Aber das Gittertor zeugt davon, dass der Schmuck nicht vergessen wurde und dass die Schmiedekunst im 18. Jahrhundert in hoher Blüte stand.
Der Garten selbst ist niedriger gelegen, und ein schöner Baumbestand spendet dort im Sommer Schatten. Er war einst als Barockgarten gedacht mit steifen geometrischen Beeten, jedoch durchbrachen bald ehrwürdige Bäume diese Symmetrie und Blumen schmückten locker die Rasenrabatten, denn die Mode der Barockgärten war in Basel nur kurz befristet. Bei uns ist man eben sachlicher; man sucht weniger Hintergründiges. Gerade darum gibt es in diesem Garten einige poetische Winkel, vielleicht mit einer Säule aus Augst geschmückt, oder mit einem kleinen Teich in der Mitte. Der Garten dehnt sich weit hinaus, einst bildete er mit den anderen des Ernauer- und besonders des Württembergerhofes zusammen einen mächtigen Komplex.
Quellen:
- Basler Nachrichten vom 1. Juli 1960
- Basler Nachrichten vom 6. August 1959
- National-Zeitung vom 22. April 1951
- Abend-Zeitung vom 6. Oktober 1950
- Basler Volksblatt vom 21. Februar 1941
- National-Zeitung vom 24. Januar 1926