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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

50. Vortrag
6.
„Maria“ aber, die andere Schwester des Lazarus, „nahm ein Pfund kostbarer Salbe von pistischem Nardenöl, salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihren Haaren seine Füße, und das Haus wurde mit dem Geruche des Salböls erfüllt.“ Die Tatsache haben wir vernommen, forschen wir nach der Bedeutung. Willst du, wer immer du bist, eine gläubige Seele sein, so salbe mit Maria die Füße des Herrn mit kostbarer Salbe. Jene Salbe war die Gerechtigkeit, darum war es ein Pfund1; es war aber eine kostbare Salbe von pistischem Nardenöl. Wenn es heißt „pistisch“, so müssen wir das für den Ort halten, woher diese kostbare Salbe war; doch ist dieses Wort nicht belanglos und paßt ganz gut zu der symbolischen Bedeutung. Pistis heißt im Griechischen Glaube2. Du suchtest Gerechtigkeit zu üben; der Gerechte lebt aus dem Glauben3. Salbe die Füße Jesu; folge durch ein gutes Leben den Fußtapfen des Herrn. Trockne sie mit den Haaren; wenn du Überfluß hast, gib davon den Armen und du hast die Füße des Herrn getrocknet; denn die Haare erscheinen ja als etwas Überflüssiges am Leibe. Da hast du also Gelegenheit, etwas zu tun mit deinem Überfluß; für dich ist es [S. 739] überflüssig, aber für die Füße des Herrn ist es notwendig. Vielleicht leiden auf Erden die Füße des Herrn Not. Denn von wem andern als von seinen Gliedern wird er am Ende sagen: „Was ihr einem aus meinen Geringsten getan, das habt ihr mir getan“4? Ihr habt euren Überfluß aufgewendet, aber ihr habt meinen Füßen einen Dienst erwiesen.
1: Libra, zunächst Wage, dann eine Wagschale voll, ein Pfund.
2: πιστικός [pistikos] (pisticus) wird vielfach von einer persischen Stadt Pista abgeleitet, so daß es pistisches Nardenöl bedeutet; nach andern kommt es von πίστις [pistis], so daß es echtes, zuverlässiges Nardenöl bedeutet.
3: Röm. 1, 17.
4: Matth. 25, 40.