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Im Land der Spitäler | Gib mir | Von Like- und Stinkefingern | Die Polizistin und der Kuss
Als ich in die Schweiz kam, sah ich überall die Schweizerfahne. Ich dachte aber, es sei die Spitalflagge, wie sie bei uns vor den Spitälern hängt. Mir fiel der Unterschied mit den Farben von Kreuz und Hintergrund zuerst nicht auf. Ich sah also überall in der Schweiz diese Fahne und dachte: Wow, in diesem Land gibt es viele Spitäler! In jeder Strasse mindestens eines.
Es gibt Wörter in Persisch und Deutsch, die gleich klingen. Das wusste ich am Anfang nicht. Im ersten Asylheim wo ich war, bekamen wir das Essen ausgegeben. Die junge Frau, die mir meinen Teller gab, sagte immer «bitte» zu mir, und ich zerbrach mir den Kopf, was sie von mir wollte. Man muss wissen, bei uns heisst «bitte» so viel wie «gib mir!» Ich dachte, die Frau habe wohl ein paar persische Wörter gelernt, und ich suchte immer in meiner Tasche, ob ich etwas hätte, was ich ihr geben könnte. Aber ich hatte kein Geld und sprach damals noch überhaupt kein Deutsch, weshalb ich nicht fragen konnte. Bei uns war auch ein alter Mann, der wunderte sich auch. Er sagte: «Es ist verdammt schlimm, dass sie immer etwas von mir will, noch bevor sie mir etwas gegeben hat.» Ich kann sagen, wir sind fast verzweifelt, bis wir gelernt haben, was «bitte» auf Deutsch bedeutet.
Wenn du den Daumen hochhältst für das «Like»-Zeichen – also bei uns hat das eine ganz andere Bedeutung. Es ist, wie wenn du hier den Mittelfinger hochstreckst. Das habe ich schon in der Türkei erlebt. Ich habe einer alten Frau geholfen, ihre Einkäufe zu ihrem Haus zu tragen. Dann hat sie mir den Daumen hoch gezeigt, denn ich konnte kein Türkisch mit ihr sprechen. Ich war empört und sagte: «Ja, danke vielmals! Ich habe dir geholfen und du zeigst mir dafür diesen Finger. Also wirklich!» Ich wusste eben nicht, dass dies ein gutes Zeichen ist – wie «like» eben – und ich sagte mir, okay, du bist jetzt in Europa, du musst lernen, wie die Menschen in Europa sind. Ich kam zuerst nicht auf die Idee, dass es etwas anderes bedeuten könnte. Ich dachte bloss, hier sind alle sehr schlimm.
Es gibt auch eine interessante Geschichte aus Zürich. Als ich hier angekommen bin, war ich einmal mit einem alten Velo unterwegs, das ich von jemandem geschenkt bekommen hatte. Damit bin ich am Abend ohne Helm und ohne Licht gefahren und wurde von einem Polizisten und einer Polizistin angehalten. Die Polizistin sagte zu mir: «Tschuldigung, aber Sie bekommen eine Busse.» Darauf habe ich gesagt: «Ja, gut. Bitte schön.» Ich war darüber nicht unglücklich, denn bei uns bedeutet «Busse» so viel wie «Kuss». Ich hielt ihr meine Wange hin und sagte: «Nur zu. Sie können mir so viel Busse geben, wie Sie wollen!» Sie war nämlich eine junge und hübsche Polizistin. Da hat sich der Polizist umgedreht, damit ich es nicht sehe, aber seine Schultern bewegten sich so, dass ich gemerkt habe, wie sehr er gelacht hat. Ich denke, sie haben verstanden, was mein Missverständnis war, weil man zum Beispiel in Österreich doch auch «Bussi geben» für Küssen sagt, das hat mir später jemand erzählt. Auf jeden Fall gaben sie mir dann doch keine Busse. Aber auch keine Küsse. Leider.
Aufgezeichnet von Katharina Morello