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Bei einer Routineuntersuchung erfährt der erfolgreiche Psychoanalytiker Julius Hertzfeldt plötzlich, dass ihm aufgrund eines Melanoms wohl nicht viel länger als ein Jahr zu leben bleibt. Auf derart drastische Weise mit seiner Endlichkeit konfrontiert beginnt er, sein Leben zu hinterfragen. War seine Tätigkeit sinnvoll, konnte er seinen Patienten auch wirklich helfen? Von Zweifeln geplagt beschliesst er, den unsympathischen Philip Slate zu kontaktieren, einen klassischen Misserfolg seiner langjährigen Karriere. Hatte er ihm damals bei seiner Sexsucht wirklich nicht weiterhelfen können? Als sich die beiden treffen, bestätigt Slate, dass Hertzfeld versagt hat. Allerdings behauptet er, sich in der Zwischenzeit selbst geheilt zu haben, und zwar durch die Lektüre Arthur Schopenhauers.
Hertzfeldt, dem Philip immer noch gleichermassen selbstbezogen und unsympathisch erscheint, misstraut dieser Heilung. Als er erfährt, dass Philip nun sogar Therapeut werden will, ist er geschockt. Allerdings bietet sich eine unerwartete Möglichkeit, mehr über diese Heilung zu erfahren – Philip braucht einen Supervisor und bietet ihm diese Rolle an. Hertzfeldt willigt ein, allerdings nur unter einer Bedingung. Philip muss seiner Selbsthilfegruppe beitreten, um dort dasjenige soziale Verhalten zu erlernen, das von einem Therapeuten erwartet wird. Ein spannender Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Gelingt es Hertzfeldt, mehr über Philips mysteriöse Heilung zu erfahren und den Fall Slate doch noch als eine erfolgreiche Therapie zu verbuchen?
Spannende Therapiegeschichten
Yaloms Roman bildet einen guten Einblick in die Methode der Gruppentherapie. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Psychotherapeut gelingt es dem Autor, ein ansprechendes Bild des dynamischen Heilungsprozesses der Gruppe zu zeichnen und die einzelnen Charaktere mit interessanten Problemen auszustatten. Ob Philip mit seiner Sexsucht im Vordergrund steht oder die dreissigjährige Rebecca, die beim Betreten eines Restaurants von niemandem mehr angestarrt wird, durchwegs werden Problemen beschrieben, deren Lösung man als Leser gespannt erwartet. Allerdings zeigt sich hierbei auch, dass der Autor vielleicht doch eher Therapeut als Schriftsteller ist. Dem aufmerksamen Leser entgeht nicht, dass viele Figuren einen wirklichen Tiefgang vermissen lassen und hauptsächlich deren psychische Schwierigkeiten im Vordergrund stehen. Da hinter der Lösung der vielfältigen Probleme aber eine ansprechende und fundierte sachliche Kenntnis steckt, dürfte sich der Leser damit trotzdem aussöhnen.
Abwechslungsreiche Struktur
Parallel zur Therapiegeschichte lässt Yalom die Lebensgeschichte Arthur Schopenhauers laufen, die er mit dessen philosophischen Gedanken verbindet. Dadurch verfügt der Roman über eine sehr abwechslungsreiche Struktur und der Leser lernt nicht nur Schopenhauers Philosophie kennen, sondern gleichzeitig auch über die Eigenarten des Denkers zu lachen. Eine Anekdote soll hier als Beispiel dienen. Einmal stellte ein Speisender Schopenhauer eine Frage, auf die er schlicht antwortete: “Ich weiss es nicht.” Der junge Mann meinte: “Nun, ich dachte, ein grosser Philosoph weiss alles!” Schopenhauer erwiderte: “Nein, Wissen ist begrenzt, nur Dummheit scheint manchmal grenzenlos!” Diese Ungeselligkeit, die sich auch bei Philip wiederfindet, schafft die Verbindung der beiden Teile. Philip, der Schopenhauers Weltabgewandtheit teilt, muss in der Therapie lernen, was dessen Philosophie zu leisten vermag und was nicht. Durch diesen wechselseitigen Bezug sind die beiden Teile trotz ihrer zeitlichen und inhaltlichen Verschiedenheit auf eine solide Art miteinander verknüpft.
Zusammenfassend würde ich sagen, dass “Die Schopenhauer-Kur” eine durchaus empfehlenswerte Lektüre ist, die trotz gewisser Schwächen hinsichtlich der Charakterbilder durch ihre thematische Vielfalt besticht und dem Leser einen spannenden Einblick in philosophischen Gedanken Arthur Schopenhauers wie auch in psychotherapeutische Methoden bietet, ohne dabei zu einem trockenen Sachbuch zu werden.