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Winterdienst an den Wildtieren: Warum und wie?
Konflikte zwischen den Menschen und den Wildtieren…
Die Vielfalt der Freizeitaktivitäten, wie auch das Bedürfnis der Menschen, ihre Freizeit in der Natur zu verbringen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Gebiete, welche bisher nur von einzelnen Menschen frequentiert waren und welche den Wildtieren als Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten dienten, werden heute sowohl im Sommer (Mountainbiker, OL Läufer, Gleitschirmflieger etc.) wie auch im Winter (Schneeschuhläufer, Skifahrer etc.) von Freizeitsportlern genutzt. Diese Störungen durch den Menschen können bewirken, dass die Tiere in andere, ruhigere Gebiete ausweichen, was dort zu einer Konzentration und zu einer Übernutzung des betroffenen Lebensraumes führt. Weitere Folgen dieser Störungen sind eine beeinträchtigte Überlebensfähigkeit, ein verminderter Fortpflanzungserfolg und schliesslich eine Bestandesreduktion. Aber nicht nur die zunehmenden Freizeitaktivitäten, sondern auch die fortschreitende Beschneidung der Lebensräume der wildlebenden Tiere durch Siedlungsräume und Strassen schaffen Konflikte zwischen Menschen und wildlebenden Tieren.
Der Rothirsch beispielsweise zöge es natürlicherweise vor, im Winter aus dem Taminatal an die sonnigeren und damit früher aperen Südhänge des Falknis zu wechseln. Diese natürliche Wanderungsbewegung ist namentlich durch die Autobahn und die Bahnlinie stark behindert.
…kommen vor allem im Winter zum Vorschein
Es ist immer wieder mit strengen, langdauernden Wintern zu rechnen. Bringt der Winter über mehrere Wochen eine geschlossene Schneedecke und namhaften Bodenfrost bis in die Talsohle werden die Konflikte zwischen Mensch und Wildtier sichtbar:
Wildtiere kommen auf der Futtersuche in die Nähe der Siedlungen, Landwirtschaftsbetriebe und Verkehrswege. Das Unfallrisiko steigt. Jährlich verenden in der Schweiz mehr als 20‘000 Wildtiere im Strassenverkehr. Auch Menschen sind gefährdet. Man braucht sich nur eine Kollision mit einem 120 kg schweren Hirsch auf der Autobahn vorzustellen.
Verbiss- bzw. Schälschäden in den Schutzwäldern durch unsere Schalenwildarten Hirsch, Gams und Reh stellen längerfristig ebenfalls eine Gefahr für die betroffene Bevölkerung dar.
Fallwild ist in den Wintermonaten häufiger. Insbesondere schwache, kranke und alte Tiere fallen den Strapazen des Winters natürlicherweise zum Opfer. Auch gesunde Tiere überleben den Winter nicht, wenn sie infolge Störung durch den Menschen – besonders im Tiefschnee - immer wieder in die Flucht geschlagen werden und damit ihre Energiereserven vorzeitig aufbrauchen.
Sinnvolle Massnahmen
Grundsatz
Solange in einem Gebiet keine Störungen vorkommen, brauchen die Wildtiere grundsätzlich keine Fütterung durch Menschenhand. Sie reduzieren in der Winterruhe Körpertemperatur, Herzaktion und Stoffwechsel zur Schonung ihrer Energiereserven. Das reicht bei gesunden Tieren, deren Winterruhe nicht gestört wird, fürs Überleben, auch in einem strengen Winter. Daher gilt auch im Kanton St. Gallen ein grundsätzliches Fütterungsverbot.
Vermeiden von Störungen - Respektieren von Wildruhezonen
Die wohl wichtigste Massnahme ist es, Störungen der Wildtiere zu vermeiden. Jeder Anlass zur Flucht kostet die Wildtiere Energie, die sie in den Wintermonaten nicht ersetzen können. Die schweizweite Kampagne „Respektiere deine Grenzen“ unter dem Patronat des Schweizerischen Alpenclubs macht auf diese Gefahr aufmerksam. Sie zeigt Mittel und Wege auf, wie sich die Ansprüche des Schneesports mit den Überlebensnotwendigkeiten der Wildtiere einigermassen vereinbaren lassen. Unter den Grenzen, die es zu respektieren gilt, sind insbesondere die Wildruhezonen zu verstehen.
Not- und Ablenkfütterungen
Kommt es aber zu den vorstehend genannten Konflikten und Gefahrensituationen kann Not- oder Ablenkfütterung des Reh- und Hirschwildes angezeigt sein. Verfüttert wird qualitativ gutes Heu an ausgesuchten Standorten, vorzugsweise in vorbereiteten Futterstellen, zeitlich begrenzt und nur im Einvernehmen mit den Forstbehörden und dem Rotwild-Hegering. Da und dort wird durch die Forstorgane auch Prossholz geschlagen, d.h. es werden durch die Forstorgane insbesondere Weichlaubholz-Bäume gefällt, deren Knospen und Rinden den Wildtieren als Nahrung dienen.
Im Sinne der Ablenkfütterung sind in Bad Ragaz mehrere Futterstellen in den Wintereinständen der Wildtiere eingerichtet mit dem Ziel, die Wanderung an und über die Strassen oder in Siedlungsnähe wirksam einzudämmen. Die Futterstellen werden von der hiesigen Jägerschaft gebaut, unterhalten und gepflegt. Das eingelagerte Heu ist unter Verschluss bis der Hegering im Einvernehmen mit den Forstorganen die Ablenk- bzw. Notfütterung freigibt. Bau und Unterhalt der Futterstellen sowie die Heubeschaffung werden ausschliesslich von der Jägerschaft finanziert, ohne Beiträge aus Steuergeldern.
Ebenfalls im Sinne der Ablenkfütterung sind auch diesem Jahr wieder Wildäcker im Raum Untermatells mit Einsaaten von Futterraps auf 1,3 ha und Markstammkohl auf 0,3 ha angelegt worden. Beide Pflanzen sind winterhart und werden namentlich vom Rotwild gut angenommen. Diese Einsaaten konnten dank des Entgegenkommens und der grosszügigen Unterstützung der Landwirte Röbi Danuser und Markus Zindel realisiert werden.
Weitere Massnahmen
Auch andere Massnahmen sind für den Bedarfsfall vorgesehen. Darunter fallen Warnsignale entlang der Strassen und – im Extremfall - die temporäre nächtliche Sperrung von Flurstrassen. Damit soll verhindert werden, dass herumfahrende Schaulustige die Tiere noch weiter in die Ebene treiben.
Ausblick
Das Forschungsprojekt „Rotwild in der Ostschweiz“, getragen von den Jagdbehörden der Kantone SG, AR und AI sowie vom Bundesamt für Umwelt und geleitet von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, soll mehr Klarheit und Verständnis für die Bedürfnisse des Rotwilds schaffen.
Abschliessend ist festzuhalten, dass all diese Massnahmen und Aktivitäten nur wirksam sind, wenn sie von der Bevölkerung getragen und akzeptiert werden. Nur mit einem gemeinsamen Wirken von Jägerschaft, Forst, Landwirtschaft, Tourismus und Wohnbevölkerung ist es möglich, Konflikte zwischen Mensch und Wild zu reduzieren und ein Nebeneinander von Mensch und wildlebenden Tieren auf einem begrenzten Lebensraum/Gebiet zu ermöglichen.
Jagdgesellschaft Pardiel Bad Ragaz
Dezember 2013
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