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Die Macht der Haarpracht
Im Februar 1971 stimmten zwei Drittel der Schweizer Männer für das Frauenstimmrecht, nachdem 12 Jahre zuvor zwei Drittel dagegen gestimmt hatten. Der Umschwung erwuchs aus einem langsamen Fortschritt von 1959 bis 1967 und einem schnellen danach. Das zeigen die Ergebnisse in den Kantonen, die zwischen 1966 und 1970 das Männervolk über das kantonale und kommunale Frauenstimmrecht abstimmen liessen. So stieg in Zürich der Ja-Anteil von 36 Prozent (1959) auf 46 Prozent (1966) – um vier Jahre später 67 Prozent zu erreichen. Basel-Stadt, das 1959 die Gleichberechtigung relativ knapp abgelehnt hatte, hiess sie 1966 mit einem Ja-Anteil von 60 Prozent gut. Bei der eidgenössischen Abstimmung 1971 betrug er bereits 82 Prozent.
Was hat die Entwicklung ab 1968 derart beschleunigt? Es entstand damals die neue Frauenbefreiungsbewegung, die Dynamik brachte in die alte Stimmrechtsbewegung. Deren aktivster Teil führte am 1. März 1969 einen spektakulären Marsch nach Bern durch. Als besonders fragwürdig erschien dabei die Absicht des Bundesrates, der Europäischen Menschenrechtskonvention nur unter Vorbehalt beizutreten.
Aber da die Gleichberechtigung der Frauen durch den «Engpass einer Männerabstimmung» musste, wie es der Walliser Vorkämpfer Peter von Roten ausgedrückt hatte, lohnt es, auf das damalige Männervolk einen besonderen Blick zu werfen.
«Höchst potenzierte Männlichkeit»
Die Trennung der Geschlechter war in der Schweiz viel schärfer als in anderen europäischen Ländern. Dies hatte wesentlich zu tun mit der engen Verknüpfung von Wehrhaftigkeit, Männlichkeit und Staatsbürgerschaft. In dem vom späteren General Ulrich Wille geschaffenen Ausbildungsreglement von 1908 hiess es: «Das Ziel der soldatischen Erziehung ist Entwicklung männlichen Wesens.» Den Gegnern der preussisch geprägten Umgestaltung wurde vorgehalten, sie wollten statt einer «ernsten Männerschule» bloss ein «Töchterpensionat».
Der Generalstabsoberst Gustav Däniker fand 1938: «Soldatentum ist höchst potenzierte Männlichkeit.» Sein Sohn gleichen Namens und höheren Grades reimte noch Jahrzehnte später «wehrhaft gleich ehrhaft, wehrlos gleich ehrlos». 1957 hielt der Bundesrat in seiner Botschaft zum Frauenstimmrecht fest: «Da als waffenfähig der Mann allein galt, konnte nur er als stimm- und wahlberechtigt angesehen werden. Wie sehr dieser Gedanke bei uns noch heute lebendig ist, zeigt die Tatsache, dass in beiden Appenzell nur Bürger mit dem Schwert zum Landsgemeindering zugelassen waren.»
Mode gegen Männerbild
Mitte der 1960er-Jahre begann sich die Verknüpfung von Mann und Militär zu lockern. So nahm 1966 die Zahl der Militärverweigerer von bisher 40 schlagartig auf 122 zu. 1971 betrug sie bereits 227. Im gleichen Jahr, in dem das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, verdreifachte sich die Anzahl Gesuche um waffenlosen Dienst.
Zum umfassendsten und nachhaltigsten Konflikt inner- und ausserhalb der Armee wurden die Männerhaare, die auch in der Schweiz immer länger wurden. In ihrem Buch «Weiblichkeit» (1983) beschreibt die Feministin Susan Brownmiller am Beispiel der USA, wie die in den 1960er-Jahren aufkommende Langhaarmode sowohl den Militarismus wie auch das traditionelle Männerbild infrage stellte. Deshalb waren lange Haare in der Schweiz besonders bedeutungsschwer.
Sie provozierten Konflikte in Familien, Schulen, Betrieben, sie führten zu unschönen Szenen auf Strassen und Plätzen, sie belasteten den militärischen Dienstbetrieb. In den Führungsberichten über schwierige Rekruten häuften sich ab 1969 Begriffe wie «mädchenhaft lange Haare», «mädchenhafte Frisur» und Sätze wie: «Er hat mir einen labilen Eindruck gemacht. Er hatte Haare bis auf die Schultern.» Oder: «Auftreten und Haartracht lassen vermuten, dass er zu den progressiven Kreisen gehört.»
Armee, Rechtsstaat, Haarlänge
Wie wichtig die Frage der Haartracht war, illustriert ein «Podium» in der Offizierszeitschrift ASMZ zum Thema «Armee und Rechtsstaat» im Jahre 1974. Die brisanteste Streitfrage zwischen dem damaligen «Spiegel»-Korrespondenten und Korporal Ludwig A. Minelli und dem Militärrichter und Oberst Max O. Seidel war die der Haarlänge.
Es brauchte dann eine zweite Erschütterung, die GSoA-Abstimmung von 1989, bis am 1. Juni 1992 auch die Schweizer Armee Haarnetze für Langhaarige zuliess. Allerdings hatte die Haartracht keine besondere Bedeutung mehr.
Ohne die damalige Krise des traditionellen Männerbildes lässt sich der überraschend hohe Ja-Anteil von 65,7 Prozent für die politische Geschlechtergleichheit nicht erklären. Die Schweizer Männer wurden reif für das Frauenstimmrecht, als sie begannen, längere Haare zu tragen.