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Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Gestern, nach dem Nachtessen, legte ich wieder einmal die Schallplattenwiedergabe von Paganinis „24 Caprici“ (Kapricen = wunderliche Einfälle) auf. Er hatte sie für seine eigenen Soloauftritte komponiert und trat in den Konzertsälen von Weltstädten auf, wo er das Publikum in Trance versetzte – und mich gestern ebenfalls. Paganini galt als der grösste Geigenvirtuose des 19. Jahrhunderts. Heinrich Heine nannte ihn „ein Vampir mit der Violine“ und beschrieb einen seiner Auftritte wie folgt:
„Auf der Bühne kam eine Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu sein schien. Das war Paganini in seiner schwarzen Gala. Der schwarze Frack und die schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt. [...] Ist das ein Lebender, der im Verscheiden begriffen ist und der das Publikum in der Kunstarena, ein sterbender Fechter, mit seinen Zuckungen ergötzen soll? Oder ist es ein Toter, der aus dem Graben gestiegen, ein Vampir mit der Violine, der uns, wo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jeden Fall das Geld aus der Tasche saugt?"
Viele – teils diabolische Legenden umranken den spindeldünnen Virtuosen, begonnen mit der ihm nachgesagten Entführung einer 16-Jährigen. Diese lasse ich hier beiseite und erwähne bloss noch seine angebliche Gier und Spielleidenschaft. Lange konnte es ihm kein Violinist nachtun. Heute meistern viele seine Bravura-Kompositionen, einst auch von namhaften Komponisten wie Liszt, Chopin, Schumann und Berlioz bewundert. Letzterer hat den richtigen Ton getroffen, als er sagte: „Paganini kündigte das Unmögliche an – und verwirklichte es dann.“
Wie ist solches „Teufelsspiel“ möglich, fragte ich mich: Kaskaden von Doppelflageoletts, Pizzicato mit der linken Hand gespielt, ohne die aus dem Bogen gespielte Melodie zu unterbrechen, blitzschnelle Doppelgriffe, eingestreut in einer Flut von Glissandi …
Übung mache den Meister, heisst es. „Zwölf Stunden täglich üben, manchmal sogar sechzehn, und das zwanzig Jahre lang, bis die Finger wund sind – das ist mein Zauberspruch", sagte Paganini. Nein, dazu braucht es viel mehr als blosses Üben. Paganini hatte ein enorm lockeres Handgelenk gehabt, das er akrobatisch drehen und wenden konnte – und seine Finger konnten, ohne Lagenwechsel, bis zur 3. Lage hochgreifen. Auch das reicht längst nicht aus, um sein geniales Talent zu erklären. Wie immer springen gelehrte Medizinmänner ein, um das „Phänomen Paganini“ in Krankheiten zu verankern, zumal Paganini an allerlei Beschwerden litt. Andere haben ihn zu den berühmten Linkshändern gereiht. Das ist Blödsinn. Seine Rechte beherrschte den Bogen gleichrangig wie seine Linke die Saiten.
Virtuosität ist immer Teil der Musik, präsent etwa in Johann Sebastian Bachs „Chaconne“, in vielen Werken von Antonio Vivaldi, nicht zu vergessen Guiseppe Tartinis „Teufelstriller-Sonate“. So sind wir wiederum beim Teufel angelangt – Paganinis teuflische Leidenschaft und Bekenntnis zur Virtuosität, die auch in der Zigeunermusik aufblitzt und in manche seiner Capricci eingeflossen ist.
Wie ich die Schallplatte umdrehe und auflege, überlege ich mir, in welchen anderen Künsten eine ähnliche Virtuosität auffindbar ist. In der Malerei denke ich dabei an Pablo Picasso, Salvador Dali und auch an Hieronymus Bosch usf. Farben sind gleich Töne. Und in der Literatur? Dort sind Farben und Töne im Zusammenspiel wohl am eindrücklichsten in der Poesie zugegen. In der Prosa greifen meine Gedanken Johann Wolfgang von Goethes Oeuvre und Thomas Manns „Zauberberg“ auf.
Nein, ich will dieser Frage nicht weiter auf die Füsse treten. In meinen Ohren klingt Paganinis bengalischer Tonzauber nach. Ich bin inzwischen bettreif geworden, doch die Frage verfolgt mich bis unter das Laken und wird mich nicht loslassen, bis ich sie für mich allein zufriedenstellend beantworten kann. Vielleicht hat Paganini mit seiner Virtuosität den Bogen überspannt, vermute ich noch, ehe ich in den Schlaf sinke. Virtuosität als Selbstzweck? Paganini ein genialer Akrobat in der Musik und zugleich ihr Schauspieler?