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Gemeinde Flawil
Die zukünftige Entwicklung des Marktplatzes in Flawil wird in der Gemeinde seit langem diskutiert. Der Marktplatz ist eine der wenigen unbebauten Flächen. Er liegt an der zentralen Achse Bahnhofstrasse/Magdenauerstrasse. Die Lage mitten im Zentrum, umgeben von publikumsintensiven Nutzungen, generiert verschiedene Ansprüche und Bedürfnisse, welche bei der Neugestaltung des Marktplatzes aufgenommen werden sollen. Der neue Marktplatz soll ein wichtiger, zentraler Ort und Sozialraum werden.
In mehreren Workshops und unter Einbezug von den verschiedenen Anspruchsgruppen wurden die öffentlichen Anforderungen an den Platz und die neuen Nutzungen formuliert. Optionen des Raumprogramms und des Perimeters wurden geprüft und die Aufgabe in diesem Studienauftrag formuliert.
Der Studienauftrag soll Vorschläge für eine Freiraumgestaltung mit einem Kulturhaus/Markthalle und einer darunterliegenden Tiefgarage aufzeigen.
Innerhalb dieses Studienauftrags im selektiven Verfahren wurde ein Gesamtkonzept für den Marktplatz mit einem Kulturhaus/Markthalle entwickelt. Das Konkurrenzverfahren hatte zum Ziel eine ortsangepasste, qualitativ hochstehende Lösung für das Areal zu finden.
Aufgrund der Beurteilungskriterien und der umfassenden Diskussion über die Zukunft des Marktplatzes wurde das am besten geeignete Konzept gesucht. In Abwägung der Interessen, die sich in der städtebaulichen Anordnung, dem architektonischen Ausdruck, den Nutzungsmöglichkeiten und dem Umgang mit den Gewässern, widerspiegelten, wurden die Projekte einzeln beurteilt und das am besten geeignete Projekt für die Weiterbearbeitung ausgewählt. Das Beurteilungsgremium hat sich einstimmig für das Projekt von nachfolgendem Team entschieden:
Schmid Landschaftsarchitekten, Zürich
Esch Sintzel Architekten ETH SIA BSA, Zürich
Die Umgestaltung des Marktplatzes und der Neubau eines Kulturraums/Markthalle werden in diesem Projektvorschlag mit konzeptioneller Klarheit und Selbstverständlichkeit in den anspruchsvollen, heterogenen Kontext eingepasst. «Wenn die Ränder fehlen, muss die Mitte umso kräftiger werden», dieser Grundgedanke wird überzeugend umgesetzt. Mit der Situierung der Markthalle in Längsrichtung des Platzes werden zwei Aussenräume geschaffen, die sich stimmungsmässig unterscheiden. Durch die offene überdeckte Mitte bleiben sie jedoch miteinander verbunden.
Die Markthalle prägt als zentrierendes Element die Platzmitte und gibt dem Ort eine ganz neue Bedeutung. Ein durchgehendes Dach, auf einer Trägerstruktur in Holz ruhend, überspannt den Platz in seiner gesamten Länge und bildet eine einprägsame, identitätsstiftende Figur. Landwirtschaftliche Zweckbauten, wie Scheunen und Remisen, sind typologische Vorbilder, welche mit ihrer Polyvalenz vielfältige Nutzungen ermöglichen. Die geforderten Funktionen werden auf selbstverständliche Weise unter einem Dach zusammengefasst und sind direkt von aussen zugänglich. Unkompliziert und veränderbar wie Scheunen mit ihren grossen Tenn-Toren stellen sich die Verfasser den Gebrauch des Kulturraumes vor, der mit wenigen Handgriffen vom Theatersaal in einen gedeckten Markt umfunktioniert werden kann. Der architektonische Ausdruck ist unverwechselbar auf den Ort und die Nutzung zugeschnitten. Dabei steht nicht das Gebäude als architektonischer Entwurf im Vordergrund; die äussere Erscheinung ist vielmehr das Resultat von Funktion und Konstruktion. Die Holzkonstruktion ist einfach und repräsentativ. Das grosszügige Vordach bietet einen wirkungsvollen Witterungsschutz. Dies verspricht eine hohe Alltagstauglichkeit und gewährleistet die geforderte Robustheit im Gebrauch.
Die Markthalle wird von einem Kiesplatz mit einem lichten Baumhain aus Spitzahorn und Tulpenbäumen umgeben. Durch eine genügende Überdeckung der Tiefgarage wird dafür gesorgt, dass Bäume überall gepflanzt werden können. Der Platzbereich zwischen Markthalle und Migros hat öffentlichen Charakter. Aktivitäten wie Markt und Veranstaltungen finden hier statt, wobei Migros, Tiefgarage und angrenzende Nutzungen dafür sorgen, dass der Platz auch im Alltag belebt ist. Die Ausstattung dieses Bereichs sollte darum auch Möglichkeiten bieten, zu verweilen. Der östliche Platzbereich am Tüfibach bekommt im Kontext der Rückfassaden der Stickerhäuser und mit den Kinderspielangeboten eine ruhige, familiäre Atmosphäre. Der Marktplatz ermöglicht soziale Interaktionen indem selbstverständliche, alltägliche Nutzungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten angeboten werden.
Dorfbach und Tüfibach werden offen zwischen Natursteinmauern geführt und grenzen den Marktplatz vom Parkplatz der Raiffeisenbank und von den rückwärtigen Gärten der Stickerhäuser ab. Drei Übergänge verbinden den Platz mit den angrenzenden Dorfteilen. Im Siedlungsgebiet wurden früher Bäche oft industriell genutzt und darum kanalisiert geführt. Ortsspezifisch wird im Projekt dieses traditionelle Bild aufgenommen und damit eine klare Differenzierung zu naturnahen Bachläufen ausserhalb des Siedlungsgebiets gemacht. Die offene Bachsohle ermöglicht eine gewisse Dynamik des Wasserlaufs und den standortgerechten Bewuchs von Sohle und Mauerritzen. Die Überdeckung des Tüfibachs mit einem abgetreppten Gitterrost an der Ostecke des Platzes erscheint nicht zwingend. Die dadurch geschaffene Wegverbindung könnte auch neben dem Bach erstellt werden.
Die Magdenauerstrasse als ortsbauliche Achse wird von einer Reihe Spitzahornbäume begleitet und führt durch den lockeren Hain des Marktplatzes. Die Strassenachse bleibt damit lesbar, unter den Bäumen kann sich der Marktplatz gleichzeitig bis an die Fassade der Migros ausdehnen, die so im Hintergrund den räumlichen Abschluss bildet.
Den Projektverfassern gelingt es überzeugend, dem Ort eine Stimmung zu geben, Nutzungsmöglichkeiten anzubieten und die ortsbaulichen Gegebenheiten neu in Beziehung zu setzen und aufzuwerten. Unter Berücksichtigung der heterogenen Rahmenbedingungen wird ein neuer Ort geschaffen, von dem erwartet werden darf, dass er wesentlich zur Aufwertung und Belebung von Flawil beitragen wird.
Das Projekt entwickelt sich aus der bestehenden Struktur an der Nord-Süd-Achse der Bahnhofstrasse. Entlang dieser Achse werden östlich zwei Baukörper aufgereiht und vor der Migrosfassade eine Baumreihe vorgeschlagen, welche bis an die südliche Kreuzung geführt wird. Die Baukörper bilden Stadtkanten, welche eine bewusste Trennung und Lesung der ortsbaulichen Typologien entwickeln. Zwischen den kleinteiligen Häusern an der Gupfengasse und der grossmassstäblicheren Bebauung an der ortsbaulichen Achse der Magdenauerstrasse wird, in einem gewissen Sinne als Filter, ein Grünraum eingeschoben. Im Norden wird der Marktplatz durch eine Stützmauer klar vom Parkplatz der Raiffeisenbank abgesetzt...
Die Verfasser verarbeiten die Absicht der Ortsplanung des 19. Jahrhunderts und zeigen, als einzige Teilnehmer, einen Lösungsansatz mit einer Wohnnutzung auf. Die Stärkung der Nord-Süd-Achse schafft eine klare Lesung und innere Bindung. Der Grünraum am Tüfibach als Filter zur kleinteiligen Bebauungsstruktur folgt sinnfällig der formulierten Haltung und ist nachvollziehbar. Jedoch werden die versprochene Aufenthaltsqualität und die bauliche Gestaltung kritisch beurteilt. Die Stellung der Bauten, ihre Massstäblichkeit und die räumlichen Bezüge ergeben eine baulich dichte Situation, die aber die Entwicklung und Ausprägung der Freiräume dazwischen behindert und darum an diesem Ort als Beitrag nicht überzeugen kann.
Das Projekt definiert den Marktplatz als Abschluss der städtebaulich wichtigen Achse Bahnhofstrasse – Magdenauerstrasse. Diese Konzeption wird durch die Setzung der Kulturhalle am südwestlichen Randbereich als Endpunkt dieser Achse verdeutlicht. Vor der Kulturhalle liegt ein offener Platz, der zweiseitig von einem naturnah gestalteten Bachraum umfasst wird und die Magdenauerstrasse sowie den Eingangsbereich der Migros miteinbezieht...
Insgesamt handelt es sich um einen Vorschlag, der konsequent die Offenlegung der Bäche thematisiert. Nutzen und Sinnhaftigkeit eines grossen naturnahen Bachraumes im Zentrum von Flawil werden von der Jury jedoch in Frage gestellt, auch im Wissen darum, dass die Wassermenge der beiden Bäche meist sehr gering ist. Der Marktplatz ist asphaltiert und fast baumlos, womit zwar eine grosse Flexibilität für verschiedenste Nutzungen erreicht wird. Es wird aber bezweifelt, ob damit Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten zum Tragen kommen. Das Projekt der Kulturhalle setzt in erster Priorität auf die Funktion als Veranstaltungsort von kulturellen Anlässen. In dieser Funktion überzeugt der Vorschlag, in seiner Alltagstauglichkeit und als Markthalle dagegen weniger. Die Situierung am südwestlichen Randbereich ist zu peripher und es fehlen gedeckte Vorbereiche. Die nordöstlich ausgerichtete Eingangsfront ist zwar richtigerweise zum Zentrum orientiert, liegt dadurch aber oft im Schatten. Der architektonische Ausdruck ist einladend und vielversprechend. Bei der transparenten Fassade mit den beweglichen Schiebeläden gibt es aber hinsichtlich der Konstruktion, dem Unterhalt und der geforderten Robustheit Vorbehalte.
Carolin Riede Landschaftsarchitektin, Zürich | camponovo baumgartner architekten, Zürich
Der Marktplatz und seine raumbildenden Elemente beziehen sich in ihrer Ausrichtung auf die Magdenauerstrasse. Auf dem Platz stehen das Kulturhaus und ein lindengefasstes Podest. Die fast rechteckige Platzfläche tritt auf drei Seiten als Plattform in Erscheinung, von der Böschungen zu den beiden Wasserläufen abfallen. Die orthogonale Ausrichtung wird mit den Sitzstufen, die den Zusammenfluss von Dorf- und Tüfibach begleiten, wieder aufgenommen. Der neue Marktplatz wirkt durch seine Orthogonalität wie in die bestehende Situation eingestanzt; der harte Übergang zum Bestand betont das zusätzlich. Eine Mauer trennt den neu gestalteten Bereich vom gewachsenen Kontext ab. Am Fuss der 2 – 3 m hohen Mauer verlaufen die Bäche, die jedoch normalerweise relativ wenig Wasser führen...
Das Projekt ist mit der Setzung des Kulturhauses an der Magdenauerstrasse verankert und wird konsequent aus dem Bezug zur ortsbaulichen Achse entwickelt. Auf den übrigen Seiten des Platzes wird auf einen Bezug zum Bestand verzichtet. Der Marktplatz bietet mit der vorgeschlagenen Ausgestaltung wenig Möglichkeiten für eine alltägliche Nutzung und wird damit der Lage im Zentrum von Flawil sowie der erhofften Aufwertung als Sozialraum nicht gerecht.
Das Projekt zeigt den interessanten Ansatz, den Marktplatz als dreiseitig klar begrenzten Raum zu verstehen, der sich zwischen Raiffeisenbank und Kulturhalle aufspannt und von den Häusern der Gupfengasse durch das Tüfibachtälchen und einen Filter aus Bäumen abgesetzt ist. Die Stellung des Kulturhauses bewirkt jedoch eine enge und gedrängte Situation zwischen den Bauten, der Allee und dem Tüfibach mit seinen Baumpflanzungen. Vermisst werden Massnahmen oder Angebote, die zur Belebung beitragen und den Marktplatz auch im Alltag zu einem Ort machen, wo man selbstverständlich und gern verweilt.
(Textquelle: Auszug aus dem Jurybericht)
Weitere Informationen zum Wettbewerb auf www.konkurado.ch