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Seismische Messstationen zeichnen nicht nur Erdbebenwellen auf, sondern auch Erschütterungen anderer Ursachen, das sogenannte seismische Hintergrundrauschen. Diese stete Unruhe der Erde ist zum Teil vom Menschen verursacht, beispielsweise durch den Strassenverkehr oder industrielle Tätigkeiten, die Vibrationen in der Erdkruste erzeugen, typischerweise mehr am Tag und weniger in der Nacht und am Wochenende. Aber auch Wind, Wellen und Wetter bringen die Erde kontinuierlich zum Zittern. Wie internationale Studien zeigten, hat sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie die Stärke des menschengemachten seismischen Hintergrundrauschens an vielen Orten vermindert. Die Messstationen registrieren somit indirekt die Effekte des Lockdowns und der damit verbundenen reduzierten menschlichen Aktivität. Der Schweizerische Erdbebendienst an der ETH Zürich kann diesen Effekt auch in der Schweiz feststellen.
Besonders an den Stationen des nationalen Starkbeben-Netzwerkes (SSMNet), die oft in städtischen Gebieten liegen, nahm das seismische Hintergrundrauschen teilweise deutlich ab, beispielsweise in Martigny, Zürich, Basel oder Genf. In diesen Städten war das Hintergrundrauschen an Werktagen seit Beschluss der ausserordentlichen Lage nahezu so gering wie sonst an den Wochenenden vor dem Lockdown. Zusätzlich sind die Nächte auf den Samstag und Sonntag seit dem Lockdown deutlich ruhiger als gewöhnlich: Die Werte des seismischen Rauschens sanken an den Wochenendabenden auf das Niveau eines regulären Abends eines Werktages in den Städten. Normalerweise ist das seismische Rauschen in den Nächten an den Wochenenden stärker als in den Nächten von Montag bis Freitag.
Für ländliche oder alpin gelegene Stationen des nationalen Breitband-Netzwerks (SDSNet) ist das Hintergrundrauschen dagegen nur gering vermindert, denn diese Gebiete werden sehr viel weniger von Vibrationen durch Strassenverkehr, Zügen und anderen menschlichen Aktivitäten beeinflusst. Lokal können starke Winde und andere Wettereinflüsse aber auch zu erhöhten Werten des Hintergrundrauschens führen, wie es möglicherweise in der Nordostschweiz während des Untersuchungszeitraums (23. bis 29. März 2020) der Fall war.
Infolge der ausserordentlichen Lage in der Schweiz können die Messstationen nun auch etwas kleinere Erdbeben aufzeichnen, deren Signale ansonsten im Hintergrundrauschen verschwinden würden. Der COVID-19-Lockdown sorgt also in Teilen der Schweiz für eine erhöhte Empfindlichkeit der Erdbebenüberwachung, dieser Effekt ist allerdings mit 0.1 bis 0.2 Magnituden-Einheiten nicht allzu gross. Zum Vergleich: Durchschnittlich liegt die Überwachungsempfindlichkeit während den Nachtstunden rund 0.5 Magnituden-Einheiten höher, als während den Werkstunden am Tag. Neuste Daten zeigen an manchen Stationen, dass das seismische Hintergrundrauschen in den letzten Tagen wieder leicht zugenommen hat. Aussagen über die Einhaltung des Lockdown lassen sich aber aus diesen Daten nicht ableiten.