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Als Claude Debussy in den 1880er Jahren seine Laufbahn begann, standen die führenden musikalischen Kreise Frankreichs ganz im Bann des «Wagnérisme». Ausgerechnet der Deutsche Richard Wagner war es also, der beim französischen «Erzfeind» den Ton angab. Auch Debussy konnte sich diesem Einfluss zunächst nicht entziehen.
1888 und 1889 pilgerte er auf den Grünen Hügel nach Bayreuth und erlebte bei den dortigen Festspielen Die Meistersinger von Nürnberg, den Parsifal und Tristan und Isolde. Insbesondere Wagners avancierte Harmonik beeindruckte ihn sehr, und die Emanzipation der Klangfarben, die der deutsche Kollege im Orchestersatz seiner Musikdramen vorangetrieben hatte, schlug sich fraglos auch in Debussys eigener Musik nieder. Dennoch setzte bei ihm schon nach der zweiten Bayreuth-Reise ein Prozess der Distanzierung ein, der schliesslich in die völlige Ablehnung mündete.
Es war vor allem Der Ring des Nibelungen, an dem sich sein Unmut entzündete. Als Debussy 1903 nach London reiste und sich dort die gesamte Tetralogie anhörte, ätzte er: «Wie unerträglich werden diese Leute mit ihren Helmen und Tierfellen am vierten Abend … Bedenken Sie, dass sie niemals ohne ihr verdammtes Leitmotiv auftreten; einige von ihnen singen es sogar. […] Vier Abende werden ausgefüllt mit unzähligen Kommentaren zur Geschichte des Ringes, der verloren, dann wiedergefunden wird und von Hand zu Hand geht […]. Sie werden bestreiten, dass es notwendig ist, damit vier Abende zu füllen. Der grosse Kraftaufwand scheitert unglücklicherweise am Bedürfnis der Deutschen, hartnäckig auf ein und denselben geistigen Nagel zu hauen, aus Furcht, nicht verstanden zu werden.»
Debussy verspürte die Notwendigkeit, sich gegen die Prädominanz des deutschen Einflusses zu wehren und lieber die eigene grosse Tradition wiederzuentdecken. «Französische Musik», so erklärte er 1904 in einem Interview, «das heisst Klarheit, Eleganz, einfache und natürliche Deklamation; die französische Musik will vor allem erfreuen. Couperin, Rameau, das sind wahre Franzosen.» Den ersten deutschen «Verderber», der nach der goldenen Ära dieser Clavecinisten der gallischen Tonkunst zusetzte, hatte Debussy auch rasch ausgemacht: «Gluck, dieses Untier, hat alles zertrampelt. Dabei war er doch so langweilig, so pedantisch, so aufgeblasen.» Selbst am «Titanen» Ludwig van Beethoven hatte er so einiges auszusetzen: «Den Sonnenaufgang zu betrachten ist viel nützlicher, als die Pastoralsinfonie zu hören», liess Debussy sein Alter Ego «Monsieur Croche» in der Revue blanche verkünden.
Gewiss mochten Debussys Polemiken gegenüber der deutschen Musik auch mit schlechten Erfahrungen zusammenhängen, mit dem Gefühl, jenseits des Rheins nicht verstanden zu werden. Als ihn das Paris Journal im Sommer 1910 befragte, was er von der Idee halte, eine «Woche der französischen Musik» in München zu veranstalten, antwortete er fast schon verbittert: «Man wird aus Höflichkeit kommen und die französische Musik anhören. Man wird, vielleicht, Beifall spenden, mit dieser deutschen Artigkeit, die so schwer zu ertragen ist. Ich bin überzeugt, dass unsere Kunst in Deutschland keine Eroberung machen wird.» Immer stärker konnte sich Debussy die französische Musik nur noch im Widerspruch zur deutschen vorstellen: hier Geist und Vornehmheit, dort nordische Nebelschwaden und teutonische Grobschlächtigkeit; Klarheit und Bündigkeit auf der einen Seite, Schwulst und quälende Langatmigkeit auf der anderen.
Die Zeitläufte taten das Übrige. Als sich die politische Lage zuspitzte und im August 1914 in einen neuen Krieg mündete, griff der mittlerweile 52-jährige und an Krebs erkrankte Debussy, der seinen Beitrag zur Landesverteidigung nicht mehr auf dem Feld leisten konnte, zur Waffe der Feder. Er werde versuchen, «nach besten Kräften etwas von jener Schönheit zu schaffen, die der Feind in seiner Raserei vernichten will», erklärte er und nahm einen Zyklus von Sonaten in Angriff, mit denen er unter Beweis stellen wollte, «dass 30 Millionen Boches den französischen Geist nicht zerstören können, auch wenn sie ihn zu erniedrigen versuchten, um ihn dann auszulöschen». Mit «Composées par Claude Debussy. Musicien Français» signierte er diese Sonaten, die allerdings jeder heroischen Gebärde eine klare Absage erteilen.
Auch wenn Debussy keineswegs immun gegenüber der nationalistischen Hysterie war, die in den ersten Kriegsmonaten beiderseits des Rheins ausbrach, so entbehrte sein Anliegen doch nicht der Berechtigung: Er wollte der französischen Musik und den Komponisten ein neues Selbstbewusstsein vermitteln. «Noch sind wir nicht so weit gelangt, noch müssen wir aufpassen und uns vor allem vor dem alten Vorwurf in Acht nehmen, wir seien ‹leicht›, hätten zu wenig Tiefe», schrieb er 1916. Debussy war überzeugt davon, dass mit dem Tod Rameaus im Jahr 1764 der Ariadnefaden durchrissen worden war, «der uns den Weg wies im Labyrinth der Vergangenheit. Von da an haben wir aufgehört, unseren Garten zu bestellen. Wir haben den Handlungsreisenden aus aller Welt die Hände geschüttelt, haben respektvoll ihren Anpreisungen geglaubt und ihre Klamotten gekauft.» Es ist nicht zuletzt Claude Debussy zu verdanken, dass heute keiner mehr die französische Musik als oberflächlich oder epigonal aburteilen wird – nicht einmal die Deutschen. Und die Frage, wem die Vorherrschaft gebühre: Sie hat sich glücklicherweise erledigt.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Bei Luzerner Sommer-Festival 2019 können Sie zwei Meisterwerke von Claude Debussy erleben:
Andris Nelsons bringt am Pult des Leipziger Gewandhausorchesters am 26. August La mer zur Aufführung, und Valery Gergiev und sein Mariinsky Orchestra musizieren am 31. August das Prélude à l’après-midi d’un faune.