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Der neue Bericht des Uno-Klimarats IPCC zeigt, wie wichtig die Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 Grad ist – und unterschätzt zugleich die Bedeutung der Politik.
Es ist die wichtigste Publikation des Jahres: Der am Montag vorgestellte Bericht des Uno-Klimarats IPCC bündelt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen einer Klimaerwärmung um 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit. Nötig wurde er, weil der letzte Bericht des IPCC nur Szenarien betrachtet hatte, die auf eine Erderwärmung um 2 oder mehr Grad hinauslaufen. Die Klimakonferenz von Paris hat 2015 aber beschlossen, die Erderwärmung solle auf «deutlich unter 2 Grad» begrenzt werden – und wenn möglich auf 1,5 Grad.
Der neue Bericht zeigt nun, wie richtig die Zielsetzung ist: Schon in einer um 1,5 Grad wärmeren Welt wird es ungemütlich, aber ein halbes Grad mehr wäre noch viel schlimmer; dies bedeutete nämlich: Mehr Dürren und Unwetterkatastrophen. 10 Millionen mehr Menschen, die vom Anstieg des Meeresspiegels direkt betroffen wären. 8 statt 4 Prozent aller Wirbeltier-, 18 statt 6 Prozent aller Insekten- und 16 statt 8 Prozent aller Pflanzenarten, die vom Aussterben bedroht wären. Absterben von über 99 Prozent aller Korallenriffe statt «nur» von 70 bis 90 Prozent bei 1,5 Grad. Ausserdem steigt mit jedem Zehntelgrad das Risiko, dass der Klimawandel sich durch seine Folgen selbst verstärkt und nicht mehr zu stoppen wäre. Wer heute nicht alarmiert ist, will die Realität nicht wahrhaben.
Weniger eindeutig beantwortet der IPCC die Frage, ob die 1,5 Grad überhaupt noch einzuhalten seien. Die Treibhausgasemissionen müssten bis 2030 um 58 Prozent gegenüber 1990 fallen und bis 2050 netto null erreichen.(Zum Vergleich: Das schweizerische Parlament diskutiert gerade ein Ziel von 50 Prozent, wobei nur ein Teil davon tatsächlich reduziert, der Rest durch «Kompensationen» im Ausland erkauft werden soll.) Netto null bis zur Jahrhundertmitte sei grundsätzlich möglich, heisst es im Bericht. Und wenn man die nötigen Massnahmen richtig anpacke, würden sie sogar dazu beitragen, die globale Armut zu reduzieren und eine «nachhaltige Entwicklung» zu ermöglichen. Nötig wäre dafür allerdings ein «schneller, weitreichender und präzedenzloser Wandel in allen Bereichen der Gesellschaft». Wer immer schon spottete, das Klimaabkommen von Paris habe beschlossen, was sowieso unerreichbar sei, wird sich bestätigt sehen.
Aber auch die skrupulöse Arbeit des IPCC ist nicht einfach «wahr». Im jüngsten Bericht ist der Stand des wissenschaftlichen Wissens gut zusammengefasst, aber zumindest die ökonomisch-sozialwissenschaftliche Forschung zum Klimawandel leidet aufgrund ihrer Methodik unter Beschränkungen. Das hat zur Folge, dass der aktuelle IPCC-Bericht gleichzeitig zu pessimistisch und zu optimistisch ist.
Zu optimistisch ist der Bericht, weil alle wissenschaftlichen Szenarien damit rechnen, dass riesige Mengen CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. In gewissem Umfang ist das möglich und hätte, wenn es durch Aufforstung, durch die Wiederverwässerung trockengelegter Feuchtgebiete oder durch eine humusaufbauende Landwirtschaft geschähe, viele Vorteile über die Klimawirkung hinaus. Aber die meisten Szenarien rechnen auch mit Techniken, die noch unerprobt sind oder enorm viel Platz beanspruchen und mithin die Nahrungsproduktion erheblich konkurrenzieren würden.
Die Szenarien sind aber auch zu pessimistisch, indem sie annehmen, dass es solche Techniken überhaupt braucht. Die Klimaökonomie rechnet Erfahrungswerte in Computermodellen in die Zukunft fort. Mit Unvorhergesehenem können Modelle nicht umgehen. Aber sowohl gesellschaftliche wie technische Entwicklungen verlaufen in Brüchen. Historische Entwicklung ist unberechenbar.
Aber unberechenbar heisst nicht unlenkbar. Die Politik kann beispielsweise verbieten, was als schädlich erkannt ist. ÖkonomInnen kennen in der Regel nur «Anreize», keine Verbote.
Technisch spricht nichts dagegen, dass das 1,5-Grad-Ziel erreichbar ist – und darüber, was dagegen spricht, sagt der IPCC nichts aus: die politischen Machtverhältnisse, die Beharrungskräfte der Fossilwirtschaft.
In einem Satz: Es geht, aber es wird heftiger politischer Kämpfe bedürfen. Oder wie es die «New York Times» formulierte: «Den Klimawandel zu stoppen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Tun wir es.»
Der WOZ-Autor Marcel Hänggi ist Vorstandsmitglied des Vereins Klimaschutz Schweiz, der die Lancierung der Gletscherinitiative vorbereitet. Diese will die CO2-Emissionen in der Schweiz bis 2050 auf Null senken.