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Die 25 kurzen Geschichten von «Die Agonie des Schmetterlings» lagerten offenbar bei Helen Meier zu Hause in einem Schrank. Wie sind Sie darauf gestossen?
Charles Linsmayer
Der Zürcher Germanist Charles Linsmayer hat mit Helen Meier die Texte für «Die Agonie des Schmetterlings» ausgewählt. Sie entstanden zwischen 1955 und 1980 und lagerten in Stapeln von Typoskripten in einem Schrank der in Trogen lebenden Autorin. Linsmayer hat sich mit Neuausgaben vergessener Schweizer Autorinnen und Autoren einen Namen gemacht.
Ich lektorierte für den Xanthippe-Verlag Helen Meiers Band mit späten Texten, «Kleine Beweise der Freundschaft». Als ich mit der Autorin in ihrer Trogener Wohnung an der Textfassung arbeitete, erwähnte sie beiläufig, dass sie ihren Nachlass in einem Schrank aufbewahre. Als ich sie bat, die Materialien einsehen zu dürfen, sah ich sofort, dass es sich da um einen ungehobenen Schatz handeln musste.
Verändert dieser Fund das Bild von Helen Meier?
Insofern, dass auch die frühen Texte schon ihre zentralen Themen Liebe, Einsamkeit, Tod und Unglücklichsein thematisieren, erweisen sie sich als integraler Teil eines homogenen Gesamtwerks. Ein später Satz wie «Liebe, und du bist sofort unglücklich!» hat ohne weiteres auch für diese frühen Arbeiten Gültigkeit. Was an den frühen Texten auffällt, ist ihre grössere Radikalität und dass die agierenden Figuren naturgemäss noch viel jünger sind als jene im späteren Werk.
Helen Meier schrieb die Texte des neuen Sammelbandes zwischen 1955 und 1980. Heisst dies, dass Helen Meier eigentlich während ihres ganzen Erwachsenenlebens immer geschrieben hat?
Helen Meier hat mir erzählt, dass sie schon als Seminaristin, also als unter 20-Jährige, geschrieben hat. Aber lange nicht daran dachte, etwas zu veröffentlichen. Später hat sie ihre Erzählungen immer wieder ohne Erfolg an Verlage geschickt.
Manche der Textsammlungen sind noch immer in den Couverts, mit denen die Verlage sie zurückgeschickt haben. Schreiben ist aber für Helen Meier, ob die Arbeiten publiziert sind oder nicht, auf jeden Fall von Anfang an etwas Existenzielles und Unverzichtbares gewesen.
Inwieweit sind diese bisher unveröffentlichten Texte Ihrer Meinung nach qualitativ vergleichbar mit den Werken, die sie später als arrivierte Autorin schrieb?
Vielleicht sind die späteren Texte etwas besser ausgearbeitet, literarischer, raffinierter. Die früheren haben dafür eine grössere Unmittelbarkeit und Spontaneität. Ein sehr früher Text wie «Zwei Stunden im Spital» kann aber ohne Abstriche auch kompositorisch und sprachlich als eines ihrer Meisterwerke bezeichnet werden.
Dennoch wurde keiner dieser Texte damals veröffentlicht. Wie ist dies zu erklären?
Buchhinweis
Helen Meier. «Die Agonie des Schmetterlings. Böse Geschichten.» Edition Xanthippe, 2016.
Lange erwarteten die Verlage von Frauen offenbar «Frauenliteratur». Ein Genre, das Helen Meier nie bedient hat. Auch dürften die Lektorate über die Frechheit und Unverfrorenheit der Texte erschrocken sein...
Lagern in jenem Kasten im Haus von Helen Meier in Trogen noch weitere literarische Schätze und ist also mit weiteren Veröffentlichungen der mittlerweile 86-jährigen Autorin zu rechnen?
Der Band «Die Agonie des Schmetterlings» ist eine Auswahl aus einer Fülle unveröffentlichter Texte. Was ich mir noch vorstellen könnte, wäre ein Band mit Helen Meiers wunderbaren unveröffentlichten Märchen. Aber ich denke, dass man eines Tages eine Gesamtausgabe ihres Werks vorlegen wird, in die unbedingt auch alle frühen Texte gehören werden.