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Kaspar Schuler, Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA), ist in Sorge: «Alle brauchen Wasser – in Zukunft wird es einen Kampf ums Wasser geben.» CIPRA ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz des Natur- und Kulturerbes der Alpen einsetzt.
Seit Jahrhunderten versorgen die Alpen Millionen von Menschen in Europa mit Wasser. Die Schweiz wird das «Wasserschloss Europas» genannt. Doch die lebenswichtige Ressource wird immer knapper und damit umstrittener.
Die Wassermenge, die aus der Schweiz in andere europäische Länder fliesst, wird vor allem im Sommer abnehmen. Doch gerade in den wärmsten Monaten des Jahres brauchen Frankreich und Italien dieses Wasser am meisten, etwa für die Bewässerung von Feldern. Die Schweiz ihrerseits braucht das Wasser in den Speicherseen für die Stromproduktion.
Angesichts des Klimawandels birgt diese Situation gemäss einem Bericht der Schweizer Regierung zur Wasserversorgungssicherheit «erhebliches Konfliktpotenzial». Aus diesem Grund werden internationale Abkommen und Konventionen zur Wasserbewirtschaftung zwischen der Eidgenossenschaft und den Nachbarländern neu verhandelt. Doch wird das ausreichen?
Schweizer Wasser in europäischen Flüssen
Die Schweiz verfügt über reichhaltige Wasserressourcen: Seen und Flüsse machen etwa vier Prozent des Staatsgebiets aus. Es gibt rund 1500 Seen und Flussläufe mit einer Gesamtlänge von 61’000 Kilometern. Etwa sechs Prozent der Trinkwasserressourcen Europas befinden sich in der Schweiz. Die Rhone, der Rhein und der Inn entspringen in der Schweiz. Im Sommer profitieren die Flüsse Rhein, Rhone, Po und Donau vom jährlichen Schmelzwasser aus den Alpen.
Der Anteil des Schweizer Wassers am Abfluss der grossen europäischen Flüsse variiert je nach Niederschlagmenge und Intensität der Schnee- und Eisschmelze. Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) liegt der durchschnittliche jährliche Anteil beim Inn bei 1 Prozent, beim Po bei 10 Prozent, bei der Rhone bei 20 Prozent und beim Rhein bei 45 Prozent (siehe Grafik).
Der Rückgang von Schnee und Gletschern in den Alpen kann jedoch Auswirkungen auf die weiter flussabwärts gelegenen Regionen haben. Laut einer im März dieses Jahres veröffentlichten Studie der Wasserbehörde Rhone-Mittelmeer und Korsika hat sich die Mindestabflussmenge der Rhone am Ausgang des Genfersees an der französisch-schweizerischen Grenze zwischen 1960 und 2020 um 7 Prozent verringert. In Beaucaire in der Camargue, in der Nähe des Flussdeltas, lag der Rückgang bei 13 Prozent.
Wegen des Temperaturanstiegs und der Notwendigkeit, zunehmend unter Trockenheit leidende landwirtschaftliche Flächen zu bewässern, könnte gemäss dieser Studie die mittlere Abflusshöhe der Rhone bei Beaucaire im Sommer in den nächsten 30 Jahren um weitere 20 Prozent sinken. Dies könnte Folgen für Schifffahrt, Landwirtschaft, Ökosysteme, Trinkwasserspeicher und Energieerzeugung haben. In Frankreich nutzen etwa 20 Wasserkraftwerke das Wasser der Rhone – zudem dient es zur Kühlung der Reaktoren von vier Kernkraftwerken.
Mehr Wasser für Winterstrom
Frankreich und Italien wollen mehr Wasser, aber auch die Schweiz – vor allem für die Stromproduktion. Fast zwei Drittel der Elektrizität in der Schweiz werden durch Wasserkraft erzeugt. Verständlicherweise will die Schweiz nicht auf dem Trockenen sitzen. Vor allem will sie genug Reserven haben, wenn die Nachfrage nach Strom am höchsten ist, also im Winter.
Ende 2021 haben deshalb Vertretende von Bund, Kantonen, Energieversorgern und Umweltorganisationen an einem Runden Tisch 15 Projekte der Speicherwasserkraft identifiziert, die gemäss heutigem Kenntnisstand energetisch am vielversprechendsten sind und gleichzeitig mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Biodiversität und Landschaft umgesetzt werden können. Geplant sind zwei neue Staudämme, darunter einer im Matterhorngebiet.
«Das Ziel ist eindeutig, mehr Wasser für den Winter zurückzuhalten», sagt Schuler. Von der gesteigerten Wasserkraftproduktion würden auch grosse Städte nahe dem Alpenraum wie Mailand, Lyon oder München profitieren. Das Wasser soll laut Schuler aber auch für die Bewässerung in der Landwirtschaft und für Schneekanonen in der Schweiz eingesetzt werden.
Trinkwasser aus der Toilette
Als Quellland vieler Flüsse trägt die Schweiz laut Loïc Fauchon, Präsident des Weltwasserrats (World Water Council), eine besondere Verantwortung für die Bewirtschaftung dieser Ressource. Doch auch die weitab der Quellen liegenden Länder müssten eine angemessene Bewirtschaftung garantieren. Bei dem Weltwasserrat handelt sich um einen internationalen Thinktank, der von den grossen multinationalen Wasser- und Energieunternehmen getragen wird. «In Europa sind wir an die Zusammenarbeit in Wasserfragen gewöhnt, auch wenn es gelegentlich mal Spannungen gibt», sagt Fauchon.
Seiner Meinung nach wird die Kapazitätserhöhung der Wasserreserven in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein. Angesichts des Klimawandels und der demografischen Entwicklung wird es laut Fauchon eine Notwendigkeit sein, weniger Wasser zu konsumieren und die Effizienz beim Wasserverbrauch zu erhöhen.
Gedacht wird beispielsweise an die Wiederverwendung von Abwasser nicht nur für die Bewässerung von Feldern (was bereits gemacht wird), sondern auch für die Versorgung von Haushalten. In Frankreich wurde kürzlich ein Pilotprojekt gestartet: Modernste Technologie kommt zum Einsatz, um etwa Toiletten-Abwasser in Trinkwasser umzuwandeln.
Anpassung internationaler Vereinbarungen
Seit Jahrzehnten regeln Konventionen und Verträge die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und den angrenzenden europäischen Staaten bei der grenzüberschreitenden Bewirtschaftung von internationalen Wasserressourcen und Seen.
«Diese Abkommen sollen überarbeitet und neu definiert werden, um sich an den Klimawandel anzupassen», sagt Bafu-Sprecherin Rebekka Reichlin auf Anfrage von SWI swissinfo.ch. Die Schweiz und Frankreich arbeiten zum Beispiel an der Schaffung einer binationalen Kommission für die Bewirtschaftung der grenzüberschreitenden Rhonegewässer.
Bern überprüft zudem das seit den 1940er-Jahren geltende Abkommen zwischen der Schweiz und Italien über die Regulierung des Lago Maggiore (Langensee). Dieses Abkommen ist immer wieder Gegenstand von Kontroversen und Spannungen zwischen den betroffenen Regionen der beiden Länder.
Im Juni 2022 hatte die Region Lombardei die Behörden des Kantons Tessin und der Schweiz gebeten, mehr Wasser in den Lago Maggiore und damit in die Flüsse Ticino und Po fliessen zu lassen, um der von Trockenheit betroffenen Landwirtschaft zu helfen. Dem Antrag wurde auf Schweizer Seite mit Verweis auf fehlende Wasserreserven in den Tessiner Stauseen nicht stattgegeben.
Kaspar Schuler ist der Ansicht, dass die Erfahrungen vom letzten Jahr eine Warnung sein müssten: «Die Zusammenarbeit zwischen Italien und der Schweiz funktioniert nicht optimal.» Das grenzüberschreitende Wasser-Management müsse als Priorität erkannt werden, so Schuler. Der CIPRA-Präsident fordert mehr internationale Konferenzen zu diesem Thema, die Einrichtung von Arbeitsgruppen und diplomatische Gespräche auf höchstem Niveau. «Wassermanagement darf sich nicht auf die Landesgrenzen beschränken. Es muss das gesamte Wassersystem umfassen, von der Quelle bis zur Mündung.»
Dieser Beitrag ist auf Swissinfo.ch erschienen
Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.