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Dominik Hangartner vom Institut für Politikwissenschaft der UZH und der London School of Economics and Political Science hat zusammen mit Kollegen der US-amerikanischen Stanford University insgesamt 180 000 fiktive Profile von Asylsuchenden erstellt. Diese unterscheiden sich nach dem Zufallsprinzip in neun Charakteristika: Alter, Geschlecht, Herkunftsland, beruflicher Hintergrund, Religion, Sprachkenntnisse, Fluchtgründe, Gefährdungspotenzial und Kohärenz des Gutachtens. Beurteilt wurden die hypothetischen Profile von 18 000 Europäerinnen und Europäer aus 15 verschiedenen Ländern inklusive der Schweiz.
Je grösser der erwartete ökonomische Nutzen, desto grösser die Akzeptanz
«Unsere Ergebnisse zeigen», sagt Dominik Hangartner, «dass in den Augen der europäischen Öffentlichkeit nicht alle Flüchtlinge gleich sind.» Die Befragten sämtlicher Länder bevorzugen jüngere Asylsuchende mit besseren beruflichen Qualifikationen und besseren Kenntnissen der Landessprache. Ärzte verzeichnen beispielsweise eine um 13 Prozent, Lehrer eine um 9 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, aufgenommen zu werden, als unqualifizierte oder arbeitslose Asylbewerberinnen und -bewerber. «Die Befragten favorisieren Asylsuchende, die eher einen volkswirtschaftlichen Beitrag leisten werden», resümiert der Co-Leiter des Immigration Policy Lab.
Humanitäre Überlegungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. So werden quer durch Europa Asylsuchende bevorzugt, die aus anerkannten Gründen geflüchtet sind. Politisch, religiös oder ethisch verfolgte Menschen haben eine 15 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit aufgenommen zu werden als jene, die primär ökonomische Perspektiven suchen. Folteropfer werden mit 11 Prozentpunkten eher akzeptiert als Personen, die nicht an Leib und Leben gefährdet sind. Positiv wirkt sich auch aus, wenn die Angaben der Asylsuchenden glaubwürdig sind. Beinhalten ihre Aussagen grössere Ungereimtheiten, liegt die Wahrscheinlichkeit, akzeptiert zu werden, 11 Prozent tiefer.
Muslime werden eher abgelehnt als Christen
Wesentlich ist ferner die Religionszugehörigkeit. Muslime werden mit einer um 11 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit abgelehnt als Christen mit vergleichbarem Hintergrund. Dominik Hangartner ergänzt: «Da Christen gegenüber Agnostikern nur ganz leicht bevorzugt werden, zeigt dieses Resultat eine starke Abneigung gegenüber Muslimen – und nicht etwa eine Bevorzugung von Christen». Diese Abneigung gegenüber Angehörigen des Islam existiert in sämtlichen Ländern und in allen Gruppen von Befragten. Sie ist aber bei Personen, die sich im politischen Spektrum eher rechts einordnen, doppelt so stark als bei eher Linken.
«Die starke Präferenz für gut ausgebildete, christliche Asylsuchende, die die Landesprache beherrschen, stellt die Politik vor grosse Herausforderungen, Asylsuchende aufzunehmen und zu integrieren», gibt Hangartner zu bedenken. Denn die meisten würden derzeit aus mehrheitlich muslimischen Ländern stammen und beherrschten vor der Einreise die Sprache des Gastlandes kaum. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse auch, dass die europäische Bevölkerung zumindest teilweise im Einklang mit der Genfer Flüchtlingskonvention bereit ist, besonders bedürftige Asylsuchende mit anerkannten Fluchtgründen aufzunehmen. Die Ergebnisse der grossangelegten internationalen Umfrage werden heute in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlicht.
Literatur:
Kirk Banksak, Jens Hainmueller and Dominik Hangartner. How Economic, Humanitarian, and Religious Concerns Shape European Attitudes toward Asylum-Seekers. Science. September 22, 2016. doi:10.1126/science.aag2147