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In Drancy bei Paris ist eine Shoah-Gedenkstätte eingeweiht worden, die vom Schweizer Architekten Roger Diener entworfen worden war. Die Stätte diente im Zweiten Weltkrieg als Drehscheibe für die Deportation von Juden aus Frankreich nach Auschwitz.
Im dritten Stockwerk der neuen Gedenkstätte bietet ein grosses Glasfenster einen Rundblick auf das alte Internierungslager Drancy. Seit den Jahren 1940-45 wurde hier kaum etwas verändert. Das weiträumige graue Gebäude, in Hufeisenform gebaut, wie man es von den Bildern dieser Zeit kennt, ist problemlos zu erkennen.
Die Fassade der "Cité de la Muette" ist fast identisch geblieben. Nur einige Fenster wurden durch moderne Doppelverglasung ersetzt. Heute wohnen in diesem Gebäude rund 500 Leute. "Es sind kleine Sozialwohnungen, wo ältere und alleinstehende Personen leben", erklärt Micheline Tinader, die zusammen mit ihrem Mann die Association Fonds mémoire d'Auschwitz (AFMA) in der Cité de la Muette leitet.
Wäre das Gebäude nicht so weitläufig, würde es im tristen Vorort Drancy, der wenige Kilometer nördlich von Paris liegt, kaum wahrgenommen. Am Eingang erinnert ein Mahnmal daran, dass während des Krieges hier gegen 100'000 Juden interniert waren. Daneben steht ein Eisenbahnwaggon aus dem Jahr 1941, der Erinnerungen an die Deportationen aus Drancy in die Vernichtungslager der Nazi wachruft.
Die Glasfront des Mahnmals, das am 21. September vom französischen Präsidenten François Hollande eingeweiht wurde, ermöglicht Besuchern und Forschern einen "objektiven", fast schon klinischen Blick auf das alte Internierungslager. "Die Gedenkstätte, die direkt gegenüber der Cité de la Muette liegt, muss ein Forschungsort sein, wo die Erinnerung an die Geschichte der Männer und Frauen, die verfolgt und interniert wurden, weiterlebt", sagt ihr Architekt, der Basler Roger Diener.
Biografie
Roger Diener, geboren 1950, hat 1980 in Basel das Architekturbüro Diener & Diener gegründet, nachdem er zuvor mit seinem Vater Marcus Diener zusammen gearbeitet hatte.
Zu seinen Bauwerken zählen das Hotel Schweizerhof in Luzern, das Forum 3 auf dem Campus Novartis in Basel sowie die Casa A1 im olympischen Dorf in Turin.
1999 realisierte Diener den Anbau der Schweizer Botschaft in Berlin, ein Werk, das in Deutschland und der Schweiz eine Polemik auslöste. Kritisiert wurde der Bau wegen seines Betons und der finsteren Fassade. Der Architekt rechtfertigte den Bau mit der Nazi-Vergangenheit von Berlin und der Blindheit der Schweizer Diplomatie während des Zweiten Weltkriegs.
Zu den jüngsten Werken Dieners gehören das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität in Berlin und der Markthalle Wohnturm in Basel.
2002 erhielt er den Architekturpreis der Académie française.
(Quelle: ETH Studio Basel/Institut Stadt der Gegenwart)
Grosse Sachlichkeit
Das Memorial zeugt von grosser Nüchternheit. Man wollte die jüdische Tragödie nicht - wie etwa bei den Gedenkstätten in Paris, Berlin oder Jerusalem mit einem monumentalen Werk "ausdrücken". "Wir versuchten nicht so sehr zu erinnern, sondern eher die beispiellosen Verbrechen, die hier vorbereitet wurden, lückenlos zu aufzuzeigen", erklärt Diener, der auch die neue Schweizer Botschaft in Berlin realisiert hat.
Die Geschichte begann 1941. Die Cité de la Muette, erstellt in den 1930er-Jahren, war noch im Bau, als die deutsche Wehrmacht sie in ein Internierungslager für Kriegsgefangene umfunktionierte. Im August 1941 organisierten deutsche Soldaten und französische Polizisten erstmals eine Massenverhaftung von Juden in Paris. 4230 Männer wurden ins Lager von Drancy gebracht.
Die Bedingungen im Lager sind sehr beschwerlich. Nach einem Monat, so notiert der Internierte André Baur, haben "einige Männer 30 kg verloren". "Die Lage der Internierten von Drancy erinnert an jene in den polnischen Ghettos, wo die Menschen eingeschlossen waren, und die Deutschen eine Versorgung kontrollierten, die ihr Überleben nicht sicherte", schreiben die Historiker Annette Wieviorka und Miche Laffitte.
Architekt Roger Diener
Wir versuchten nicht so sehr zu erinnern, sondern eher die beispiellosen Verbrechen, die hier vorbereitet wurden, lückenlos zu aufzuzeigen.
Das IKRK wird hereingelegt
Ab Sommer 1942 wird Drancy zur Drehscheibe für die Deportation von Juden aus Frankreich nach Auschwitz. Nimmt man den Bus von der Cité de la Muette zum Bahnhof Bourget, so folgt man der tragischen Reiseroute der Deportierten, von denen die meisten nicht wussten, welches Schicksal die Nazis für sie vorgesehen hatten. Für viele Internierte bedeutet Drancy das Ende. Von hier werden insgesamt 63'000 Juden in die Todeslager gebracht.
Im Mai 1943 beauftragt Adolf Eichmann, der Organisator der "Endlösung", den SS-Mann Aloïs Brunner damit, Drancy in die Hand zu nehmen und die Deportation der Juden voranzutreiben. Die französischen Polizisten werden aus dem Lager verdrängt, die SS sind alleinige Herrscher über das Lager.
Das Lager wird umorganisiert, gewisse Aufgaben werden den Internierten anvertraut. Als der Delegierte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), der Schweizer Jacques de Morsier, am 10. Mai 1944 Drancy besucht, lässt er sich an der Nase herumführen. "Der Beginn seines Amtes war ziemlich hart", schreibt der Delegierte über Brunner. "Denn er wollte Gewohnheiten abschaffen, die das Leben im Lager unmöglich gemacht hatten."
De Morsier fügt an: "Hauptmann Brunner hat das Geld im Internierungslager vollständig abgeschafft. Wenn ein Internierter eintrifft, werden ihm Geld und Schmuck gegen Quittung abgenommen, die Wertsachen kommen in einen Tresor des Finanzdienstes des Lagers (der von den Internierten verwaltet wird). Bei seiner Befreiung werden sie ihm wieder ausgehändigt."
Ganz schön blauäugig. In Wahrheit füllen die Wertgegenstände die Taschen der SS. Und die Deportationen gehen weiter bis im Juli 1944.
Geteilte Meinungen
Das Memorial ist für die Öffentlichkeit zugänglich, der Eintritt ist frei. Im dritten Stock erzählt eine Ausstellung die Geschichte des Lagers. Die anderen Stockwerke befassen sich mit der Forschung der damaligen Zeit und mit pädagogischen Bereichen.
"Wie bei einem mikroskopischen Präparat in der Botanik erlauben die Glasfassaden den Bewohnern von Drancy die Aktivitäten der Gedenkstätte mitzuerleben", sagt Roger Diener, dessen Grosseltern polnische Juden waren.
Michelin Tinader schätzt diese Sicht auf die Cité de la Muette weniger. "Sie erinnert mich an das Hotel nebenan, in dem vor einiger Zeit die Zimmer mit Blick auf das ehemalige Lager mehr kosteten.
"Ich finde, dass die Gedenkstätte nicht in dieses Wohnquartier passt", meint Tinader. "Man hätte die Cité räumen und daraus ein Memorial machen müssen. Denn immerhin war genau hier das Lager, wo mein Vater mehrere Monate verbracht hat, bevor er deportiert wurde, und nicht auf der anderen Seite der Strasse."
swissinfo.ch