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Walter Gübelin wurde 1914 in Luzern geboren, als zweiter Sohn von Eduard, der in dritter Generation das Juweliergeschäft am Seeufer führte. Von Anfang an war klar, dass auch Walter eines Tages in die Fussstapfen seines Vaters treten würde. Mit fünfzehn Jahren begann er in Le Locle eine Uhrmacherlehre, ein Aufenthalt bei Patek Philippe in Genf gab ihm danach den nötigen Feinschliff. 1937 trat er in die elterliche Firma ein – und begab sich zuerst einmal auf Wanderschaft. Er lernte Englisch in London, arbeitete eine Weile in der New Yorker Filiale und fühlte sich fast ein wenig beengt, als er 1939 in die Schweiz zurückkehrte.
Doch es gab viel zu tun. Der Krieg war ausgebrochen, und auf Geheiss des Vaters brachte Walter Gübelin in Sicherheit, was auf keinen Fall in die falschen Hände gelangen durfte. Einen Grossteil des Inventars schaffte er nach Gstaad, in ein kleines Chalet, und auch die Verkaufsbücher, denn es galt, die für das Juweliershaus so wichtige jüdische Kundschaft zu schützen. Kurz darauf wurde Gübelin zur Fliegerabwehr eingezogen.
Mit dem Ende der Krieges kamen besondere Touristen nach Luzern: amerikanische und australische Soldaten. Alle wollen sie eine Uhr als Souvenir, aber die «flotten gross gewachsenen Kerle», wie Gübelin sie beschrieb, hatten kaum Geld. So entwickelte sich ein reger Tauschhandel, und über den Ladentisch gingen statt harter Währung auch einmal Fotoapparate, Füllfederhalter oder Uniformstücke.
Doch das Jahr 1945 brachte auch böse Überraschungen. Mit nur 57 Jahren war der Vater gestorben, und so musste Walter Gübelin von nun an, gemeinsam mit seinem Bruder Eduard, die Geschicke der Firma leiten. In der Nachkriegszeit brachten die beiden das Geschäft zum Blühen. Berühmtheiten und Monarchen gingen in den Filialen des Hauses Gübelin ein und aus, wobei der Patron über die Identität dieser illustren Kunden natürlich nie ein Wort verlor. Diskretion war immer sein oberstes Gebot.
Einer sei dann aber doch erwähnt, denn er sorgte für grosse Aufruhr im Luzerner Traditionshaus. Zu Beginn der sechziger Jahre bestellte der König Saudiarabiens bei Walter Gübelin 200 Uhren mit seinem Konterfei; Modelle aus Stahl, solche aus Gold und solche, bei denen das Porträt des Königs sowie Schwert und Palme des Wappens in Email gearbeitet waren. Rund eine Million Franken waren die Uhren wert, und man vereinbarte, Geld und Uhren in Wien zu übergeben.
An einem Montag trifft Gübelin in Wien ein – und muss bis Freitag ausharren, um endlich vom Finanzchef des Königs empfangen zu werden. Der nimmt die Uhren an sich, stellt Gübelin einen Check aus und lädt ihn für den gleichen Abend ins Kasino ein. Ein Vermögen verspielen die Saudis an jenem Abend, und als Gübelin, zurück in Luzern, am Montag den Check einlösen will, stellt sich heraus, dass der nicht gedeckt ist. Seine schwerreichen Kunden hatten das gesamte Geld, das eigentlich für die Uhren gedacht war, in jener Nacht im Kasino durchgebracht. Erst nach langen Verhandlungen durfte Gübelins Verkaufsleiter ein Jahr später nach Saudiarabien reisen, um dort um die Begleichung der offenen Rechnung zu bitten. Es müssen sich dort abenteuerliche Szenen abgespielt haben, doch schliesslich kam er zurück, die Million im Gepäck.
Gübelin liess seine Firma weiter wachsen. 1967 eröffnete er Filialen in Bern und Lugano, 1972 ein Geschäft in Basel. Seine Begeisterung für die Astronomie gab den Anstoss zu neuen Uhrenmodellen. Und während Walter Gübelin im Geschäft immer der zurückhaltende, professionelle Verkäufer war, bewies er im Privatleben viel Flair für Geselligkeit. Kaum eine Luzerner Institution, in der er nicht mitmischte; er war Rotarier, Mitglied und Zunftmeister der Zunft zu Safran, Mitglied des Stadtrates und der Handelskammer – und natürlich ein begeisterter Fasnächtler.
Auch nachdem er die Führung des Betriebs 1989 an seinen Sohn übergeben hatte, konnte er nicht ganz lassen von seinem Lebenswerk. Auf seinem Abschiedsgeschenk – einem Laptop – tippte er während Jahren die Chronik der Firma Gübelin, die 2004 in Buchform erschien.
Aufs Alter wurde er noch bescheidener, als er es ohnehin immer gewesen war. Statt mit dem Aston Martin, den er sich in den sechziger Jahren geleistet hatte, kurvte er nun in einem alten Saab durch Luzern. Das elegante Fahren verlernte er deswegen aber nicht: Noch mit 94 Jahren setzte er sein Auto in einem Schwung rückwärts in jede Parklücke.