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In einem Tweet stellte Ökonom Olivier Blanchard die Frage, wie es sein könne, dass wir «so viel politische und geopolitische Unsicherheit haben und so wenig wirtschaftliche Unsicherheit». Eigentlich sollten die Märkte Risiken messen und zuweisen, aber die Aktien von Firmen, die die Umwelt verschmutzen, süchtig machende Schmerzmittel vertreiben und unsichere Flugzeuge bauen, entwickeln sich prima.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass das Problem bei den Märkten liegt. Im gegenwärtigen Umfeld sind die Märkte schlicht nicht in der Lage, Risiken angemessen zu bepreisen, weil die Marktteilnehmer von dem Schaden abgeschirmt sind, den die Konzerne anderen zufügen.
Diese Pathologie hat den Namen «Haftungsbeschränkung» – doch was die Risiken angeht, die von den Aktionären getragen werden, wäre es passender, sie als «Haftungsfreistellung» zu bezeichnen. Das Unternehmen selbst als juristische Person mag einer Haftung und womöglich gar dem Konkurs ausgesetzt sein, doch die Aktionäre können einen Trümmerhaufen zurücklassen und ihre Gewinne mitnehmen.
Man hat die Aktionäre immer wieder davonkommen lassen; dies gilt für den Gasaustritt in einem Werk von Union Carbide in Bhopal (Indien) im Jahre 1984, bei dem Tausende ums Leben kamen, ebenso wie für die Tabakkonzerne, die Asbesthersteller und BP im Gefolge der Katastrophe bei der Bohrplattform Deepwater Horizon.
Die Aktionäre von Boeing – das für zwei Flugzeugabstürze verantwortlich ist, bei denen 346 Menschen ums Leben kamen – haben durch Aktienrückkäufe zwischen 2013 und 2019 (als das Unternehmen im Interesse von Kosteneinsparungen Sicherheitsstandards ignorierte) 43 Milliarden Dollar verdient. Zugleich müssen die Familien der Absturzopfer mit einem Fonds in der Höhe von gerade mal 50 Millionen Dollar vorliebnehmen.
Gerichte lassen selten einen Durchgriff auf die Aktionäre zu
In einem Gerichtsverfahren gegen die Familie Sackler – ihr gehört Purdue Pharma, eines der Unternehmen im Zentrum der Opioid-Epidemie – wird derzeit versucht, die Nutzniesser unternehmerischen Fehlverhaltens zur Rechenschaft zu ziehen. Aus Furcht vor einer Haftung haben einige Mitglieder der Familie angeblich ihre Immobilien in New York verkauft und ihr Geld in die Schweiz verschoben. Aber vermutlich brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Selten räumen die Gerichte von Unternehmen Geschädigten eine Durchgriffshaftung ein. Die Aktionäre bleiben geschützt.
Die Begründung für die Haftungsbeschränkung ist, dass sie zu Investitionen ermutige, was wirtschaftlich nützliche Innovationen zur Folge hätte. Doch sollten wir uns bewusst machen, dass es auf eine dicke rechtliche Subvention hinausläuft, wenn man die Eigentümer von der Haftung für von ihren Unternehmen verursachte Schäden befreit. Wie bei allen Subventionen sollte man Kosten und Nutzen von Zeit zu Zeit überprüfen.
Schlimmer noch: Diese besondere Subvention ergibt wirtschaftlich wenig Sinn.
Wie jeder Ökonom weiss, sollen Eigentumsrechte zu Effizienzsteigerungen führen, indem sie sicherstellen, dass die Eigentümer die mit ihren Vermögenswerten verbundenen Kosten internalisieren. Doch die Haftungsbeschränkung sichert die Anleger gegen die von den Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, hervorgerufenen Externalitäten ab: Egal, ob Kopf oder Zahl – sie gewinnen immer.