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In den 1980er-Jahren kamen vielerorts in der Schweiz neue Kulturlokale auf, oft in stillgelegten Fabrikhallen, in denen sich die alternative Szene mit kleinem Budget entfalten konnte. Neue Kulturformen wurden hauptsächlich von der jüngeren Generation initiiert, oft spontan und aus Protest gegen die etablierte bürgerliche Kultur. Auch Thun erwachte allmählich aus seinem «kulturellen Dornröschenschlaf».61 Hier gab es mitten im Zentrum, an der Aare gelegen, eine Mühle, die seit 1977 der Stadt gehörte. Als deren Betrieb Anfang der 1980er-Jahre eingestellt wurde, entstand eine zentral gelegene Industriebrache, die sich als Freiraum für die alternative Kunstszene eignete. Im Mühlengebäude bauten Kulturschaffende einen lebendigen Kulturort auf: Eine Künstlergruppe, der Reto Camenisch, Wilfried von Gunten, Hans Walter Graf, Christian Helmle, Paul Le Grand, Jakob Jenzer, Ruedi Guggisberg und Peter Willen angehörten, eröffnete ein Gemeinschaftsatelier. Eine Theatergruppe richtete ein Probelokal ein und es fanden Konzerte, Filmveranstaltungen und Diskussionen statt.
1989 fuhren auf dem Mühle-Areal die Bagger auf. Das ehemalige Wohn und Direktionshaus neben der Mühlebrücke ist auf dieser Fotografie bereits abgerissen;
das in Richtung Hauptgasse anschliessende Mühlengebäude steht noch. Der Müller Adolf Lanzrein hatte diese Gebäude in den 1880er-Jahren errichten lassen.
Der Verein KulThun setzte sich engagiert für die kulturelle Nutzung der Mühle ein, und die Stadt band im Rahmen einer «offenen Planung» die Ideen der interessierten Thunerinnen und Thuner – es beteiligten sich über 100 Personen – in die weitere Planung des Mühle-Areals ein. Eine Umfrage des «Thuner Tagblatt» ergab hingegen, dass viele Thunerinnen und Thuner den Abbruch der alten Mühle wünschten, eine Forderung, die auch einige Politikerinnen und Politiker aufnahmen. 1985 kam es zur Abstimmung. Das Stimmvolk lehnte den von den Behörden empfohlenen Teilabbruch der Mühlengebäude für 8,3 Millionen Franken ab und entschied sich klar für den Totalabbruch, der lediglich 2,25 Millionen Franken kostete. Ein SP-Stadtrat bezeichnete das Abstimmungsergebnis als «demokratisch legitimierten Vandalismus».62
Die Idee, auf dem Areal ein Kultur- und Begegnungszentrum entstehen zu lassen, war vom Tisch. Nach einem Brand im Juli 1987 liess der Gemeinderat die Mühle schliessen, damit war die Zwischennutzung nicht mehr möglich. Die bewegte Jugend der 1980er-Jahre liess sich das nicht gefallen. Im Dezember 1987 brachte sie mit einem illegalen Rockkonzert in der Mühle – einmal mehr spielte auch Züri West – ihre Wut über den Abbruchentscheid und die Schliessung zum Ausdruck. In der Folge entstanden an verschiedenen Orten in der Stadt temporäre Kulturzentren: das Kühlhaus, der Kulturbahnhof, das Scala und das Alpenrösli. «Und endlich bewegt sich auch Thun», titelte die «Berner Zeitung» Ende 1989.63 Nach dem Abbruch der Gebäude im Jahr 1989 war der Mühleplatz zwar leer, doch die Neugestaltung verlief langwierig. Erst 1994 wurde der Platz offiziell eingeweiht und ein Jahr später die rund 15 Meter hohe, türkisblaue Stahlplastik des Solothurner Künstlers Schang Hutter (geb. 1934) errichtet. Heute sorgt der Mühleplatz mit seiner attraktiven Lage direkt an der Aare und seinen Strassencafés für mediterranes Flair.64
Der Mühleplatz im Jahr 2005. Der Künstler Schang Hutter nimmt in seinem Werk Bezug auf die Mühle, indem er den ehemaligen Mühlekanal und den Turbinenschacht integrierte. Die vier über die Köpfe verbundenen Figuren erinnern an ein Mühlenrad. Mit dem Titel «Aufhalten in Berlinen» verweist Hutter auf seinen Aufenthalt in Berlin (1985–1991) und auf den für ihn unerträglichen Zustand der bis 1989 geteilten Stadt.