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Von Séverine Cornamusaz – März 2010
2003 hatte ich die verrückte und naive Idee, den Roman rapport aux bêtes (dt. Titel: von wegen den tieren) von Noëlle Revaz zu adaptieren. Die Geschichte spiegelte die meiner Grosseltern wider und spielte sich im gleichen Umfeld ab. Meine Familiengeschichte war aber für einen ersten langen Spielfilm zu komplex, und ich sagte mir, dass der Roman – drei Figuren an einem abgelegenen Ort – einfacher zu produzieren sei. Ich hatte ja keine Ahnung, wie schwierig die Adaption eines in der ersten Person geschriebenen Romans sein würde, die Geschichte von Paul, dieses primitiven Mannes, der mich sofort faszinierte. Ein literarisches Meisterwerk – eigentlich unverfilmbar. Unwissend machte ich mich also an das Drehbuch für meinen ersten langen Spielfilm, und zugleich an meine erste Adaption…
Da ich nicht von Haus aus Drehbuchautorin bin (nach einer Ausbildung als Photographin ist meine Sprache die des Bildes), wusste ich, dass ich einen Drehbuchworkshop brauchte, um dieses schwierige Projekt zu entwickeln. Als ich ein erstes Treatment geschrieben hatte, meldete ich mich beim Workshop VISION CINEMA (1) an, und mein Projekt wurde ausgewählt. Das war auch schon der erste Glücksfall, denn von den vier Produzenten, die in der Jury sassen, interessierten sich drei für mein Vorhaben. Einer davon hat auch gleich eine Option auf das Buch erworben. Im Lauf des Workshops, der aus vier auf ein Jahr verteilten Treffen bestand, konnte ich unter der Begleitung des französischen Dramaturgen Jacques Akchoti eine erste Drehbuchfassung schreiben.
Zwei Jahre und vier Versionen später hatte ich dann auch zwei Produzenten: Xavier Grin für die Schweiz und Pascal Verroust für Frankreich. Das Drehbuch hatte Form angenommen, und wir meldeten uns zum internationalen Programm EKRAN (2) in Polen an. Dort wird an drei zehntägigen Sitzungen unter der Leitung von renommierten Drehbuchautoren, Regisseuren und Kameraleuten die letzte Drehbuchfassung erstellt und an der Ästhetik und der Besetzung des Films gearbeitet. Im Lauf des Programms werden pro Projekt zwei Szenen gedreht, und die Figuren nehmen zum ersten Mal Form und Stimme an… Welch überwältigendes Erlebnis nach drei Jahren des Schreibens! In diesem Entwicklungsstadium bringt einen das Drehen einer Szene und die ‹Verkörperung› der Figuren einen guten Schritt weiter; die Psychologie der Figuren und deren Entwicklung können nun geklärt und fein geschliffen werden. Zweiter Glücksfall: In Warschau traf ich Antoine Jaccoud, der mir empfahl, mit dem Quebecer Drehbuchautoren Marcel Beaulieu zu arbeiten. Dank dieser letzten Zusammenarbeit wurde das Drehbuch im folgenden Jahr drehreif.
Für diesen ersten langen Film kamen die beiden Workshops wie gerufen. Sie boten mir einen Rahmen und fachliche Unterstützung von unschätzbarem Wert, ohne die es kaum möglich gewesen wäre, das Drehbuch zu entwickeln und den Stil des Films zu finden. An diesen Workshops habe ich auch zwei wertvolle Partner kennen gelernt: meinen Produzenten Xavier Grin und meinen ‹Schreibkomplizen› Marcel Beaulieu. Der Weg von den ersten Zeilen auf Papier 2003 und dem Kinostart 2009 war lang und steinig, aber die FOCAL-Programme haben mir bei der Realisierung von cœur animal die nötige Hilfe geboten.
Séverine Cornamusaz
1975 in Lausanne geboren. 2009: cœur animal (Schweizer Filmpreis 2010 – Bester Spielfilm und Bester Darsteller)
1 VISION CINEMA, Plattform für französischsprachige AutorInnen/ RegisseurInnen zur Entwicklung von Kinostoffen
2 EKRAN, international training program focusing on the creative production process based on shooting practice