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Verehrter Herr Präsident!
Aus dem Inhalt der Nummern der Berner Zeit., seit der Ab sendung meines Artikels an Stämpfli , ist es mir klar geworden, daß dieses Blatt sich bis zum 18. April nur mit Bernerstoff be schäftigen wird, so sehr ich die Aufnahme aus dem Grunde gewünscht hätte, weil kein Blatt der deutschen Schweiz so viel Achtung genießt, als jenes (der «Landbote» kann hier als Partei nicht in Frage kommen). Mit der Publizistik der deutschen Schweiz sieht es traurig aus. Das einzige Tagblatt, das außer der Berner Z., noch einige Reputazion hat, ist die St. Galler Z., und dorthin will ich daher jenen Artikel mit einigen Abänderungen im Anfang, damit er nicht als Anachro nismus erscheint, einsenden.
Der Hauptgrund, warum ich jenen Artikel gedruckt wünsche, liegt darin, weil er den unwürdigen Angriffen auf Sie und Herrn Dubs ent gegentritt. Ich kenne diese Taktik zu gut aus Erfahrung, um nicht zu wissen, wie corrosiv sie allmählig wirkt. Eben so wurde gegen Keller, Ulrich und Fuessli operirt und am Ende standen sie auf einer Mine. In Bern geschah das Gleiche. Dieses Manöver geht immer von den Aristokraten aus und hat hier einen Sinn, weil ihm ein politi scher Gegensatz zum Grunde liegt; dann aber wird er von den Ultra demokraten oder Demagogen aus gemeinem Haß gegen das Talent adoptirt. Es ist dies nur eine mildere Form des bekannten Verfahrens des jüngern Tarquinius in dem Garten zu Veji und führt für eine Zeit lang auch zu demselben Resultat.
Von der Richtigkeit meiner Ansichten über das von der Zürch. Regierung gegen die Treichler'sche Bewegung zu beobachtende Prinzip, wie es in jenem Artikel ausgesprochen ist, bin ich vollständig überzeugt. Die Wahrheiten, aus denen jene Ansichten fließen, waren mir durch Studium und Nachdenken längst klar geworden, die letzten Zweifel wurden aber in meiner Seele durch die Untersuchungen Stein's in seiner vortrefflichen Geschichte der Sozialen Bewegung in Frankreich entfernt. Ich habe den festen Glauben, daß in gleicher Weise die Forderung nach den materiellen Bedingungen einer freien menschlichen Existenz die Runde um die | Welt machen wird, wie die französ. Revoluzion, u. f. die Forderung nach den politischen Bedingungen für den gleichen Zweck diese Runde gemacht hat oder, trotz aller Reaktionen noch machen wird; daß beide nur da ein Ziel finden, wo sie bereits und so lange sie realisirt sind, wie in Nord amerika; daß endlich da, wo die letztere erfüllt ist, die erstere um so entschiedener, ja vollständiger jene erfüllt ist, hervordringen werden. Schon jetzt hat dieses Begehren nach Herstellung der materiellen Be dingungen der freien Persönlichkeit die Traumtheorien des Communismus und Sozialismus so ziemlich überwunden und tritt in der Gestalt von einem, mit den nothwendigen Grundlagen der Güterwelt ver einbaren und durch die gesammte Gesellschaft und den Staat zu verwirklichenden Postulat nach sozialen Reformen, in der großar tigen Bedeutung, wie Stein diese Idee entwickelt hat, auf. Das ist meine Anschauungsweise dieser Erscheinungen in der Schweiz. Unrein und gemein materialistisch können sie freilich immer und überall werden, weil die Massen hier agiren: aber ich glaube, daß dieses nur da der Fall ist, wo die Regierungen die Leitung aus den Händen geben oder verlieren, sei es aus Opposizion oder Unthätigkeit. Treichler ist, nach meiner Meinung, bald beseitigt, weil er politische Desiderien, die beim Volk keinen Anklang finden werden, mit materiellen vermischt hat und offenbar der vernünfti gen Auffassung des letztern noch weniger gewachsen ist. Wird eine Nazionalbank im Sinne der Bernischen Hypothekarbank – denn den Wunderglauben an den Patriotismus der Meisenbank hegt wohl Niemand, und die Hohenpriester im Tempel des Pluto am wenigsten – für die kleinen Bauern errichtet und ernste Sorge für die verarmten Kellenländer getroffen: so bleibt für Tr. vor der Hand wenig mehr übrig. In Betreff des letztern Punktes war ich aber, nach Durchlesung des Gutachtens von Hn Dr. Zehnder im Jr 1849, erstaunt über das, was er nicht gethan hat, nachdem er so genau nachgewiesen, was geschehen solle.
Doch genug und viel zu viel für eine Predigt. Indessen habe ich durchaus keine Lust, jetzt noch ein Geistlicher zu werden – der einzige Grund dieser Expektorazion war, Ihnen ein Bekenntniß meiner Ansichten über diesen hochwichtigen Gegenstand abzulegen. Denn es kann mir nicht gleichgültig | sein, ob Sie mein Glaubensbekenntniß in dieser Hinsicht kennen oder nicht, weil ich in einem Manne, den ich so hochachte, wie Sie, im voraus jedem möglichen Zweifel an der Lauter keit und Aufrichtigkeit meiner Gesinnung begegnen möchte.
Aus der Berner Zeit. sehe ich, daß Stämpfli scharf im Feuer steht. Melden Sie ihm meinen Gruß und meinen Rath, in den letzten Tagen des Kampfes nur an die Worte Ulrichs von Hutten zu denken: Perrumpamus ergo!
Mit der Bitte, daß Sie oder Stämpfli mir den erwähnten Artikel zu dem angedeuteten Zweck übersenden möchten, stets von Herzen der Ihrige.
Dr. Ludwig Snell
Zürich, Caffé litteraire
14. April 1852.