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A8900 Artilleriewerk Grimsel
Das Artilleriewerk Grimsel A8900 gehört zum westlichen Verteidigungsraum der Gotthard-Brigade. Es war bis 1962 der Grenzbrigade 11 unterstellt, wechselte dann aber (mit dem Hasli- und dem Gadmertal) nicht zur Oberländer Reduitbrigade 21, sondern zur Gotthardbrigade 23.
Der offizielle Baubeginn erfolgte am 1. August 1941. Der Baubeginn erfolgte trotz ablehnender Haltung der Kraftwerke Oberhasli KWO. Offenbar erfolgten aber Anpassungen aufgrund der KWO-Eingaben, jedenfalls erfolgte am 1. Oktober eine erneute Vorlage des angepassten Projektes an den Generalstabchef. Vertraglich festgelegt wurde mit der Baufirma Losinger, dass bis am 15. August 1942 die Geschützstände 1-4 fertig zum Betonieren sein mussten, diejenigen von Geschütz 5 und 6 am 31. Oktober 1942. Am 31. Juli 1943 sollten alle Stollenbauten und Betonarbeiten im Innern der Anlage fertig sein. die Konventionalstrafen bei Nichteinhalten der Termine betrugen pro Tag zwischen 30 und 250 Franken.
Schussbereit war das grosse Werk im Juchlistock 1943. Bis 1944 umfasste die Bewaffnung 6 x 10,5 cm Bunkerkanonen auf Hebellafetten. Ab Herbst 1944 bis zur Ausserdienstsetzung 1998 waren 6 x 15 cm Bunkerkanonen 1942/46 L42 montiert (maximale Schussdistanz 24,9 km - praktisch 23,5 km).
- Die Batterie Ost (G5, G6) deckte das Gebiet von Cristallina (I) - Airolo - Piz Centrale - Chastelhorn - Gemsstock ab (ganzes Gotthardgebiet).
- Die Batterie Süd (G3, G4) bestrich das Gelände vom Passo di San Giacomo - Basodino (I) - Ofenhorn - Binntal.
- Die Batterie West (G1, G2) deckte Formazza - Albrunhorn - Binn - Ernen - Fiesch ab.
Die Anlage umfasste einen Hauptstollen von rund einem Kilometer Länge sowie den Infrastruktur-, Beobachtungs-, Mg- und Kampfständen (über 50 grössere Räume). Dazu gehörte auch eine leistungsfähige Bäckerei und ein Krankenzimmer. Die Stromversorgung wurde durch drei Sulzer-Dieselaggregate sichergestellt. Vorhanden war auch eine eigene Kehrichtverbrennungsanlage sowie eine Totenkammer. Die Besatzung umfasste mindestens 250 Mann. Der Zugang erfolgte über eine Standseilbahn.
Im Art Wk Grimsel waren offenbar neben den fest eingeteilten Festungstruppen auch HD-Soldaten im Einsatz. Im Migros-Magazin sucht jedenfalls ein Bündner aus Luzein ehemalige Kollegen. Sein Inserat: «HD-Soldaten im Grimsel-Granit. Ich suche Kontakt zu den Kameraden, die 1954 und später (u. a. 1962, 1964, 1966, 1968 und 1970) den Einführungskurs für HD-Telefonisten in Kloten absolviert und Dienst in der Festung Grimsel geleistet haben.»
Sichtbar von aussen war vor allem der Zugang ins Fort mit der 450 Meter langen Standseilbahn (Z311) vom Sommerloch (zwischen Rätrichsboden- und Grimselsee). Diese hatte eine Kapazität von jeweils 25 Personen. Ein weiterer Zugang war via Spittellamm-Staumauer und einer langen Treppe möglich.
Das Werk war von Beginn weg mit der Festungsartilleriekompanie 25/7 bemannt. Mit der Truppenordnung 61 änderte die Bezeichnung in Festungskompanie I/7 und in der Armee 95 wurde die Bezeichnung Festungsartilleriekompanie II/6 verwendet. Die Schliessung erfolgte auf Ende 1998. Anschliessend erfolgte der Rückbau und der Verkauf an die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO). Seit 1998 befindet sich keine Munition mehr in der Anlage, allerdings ist eines der wenigen überhaupt produzierten 15 cm-Geschütze glücklicherweise noch vorhanden.
Weitere Anlagen im Grimselraum
Für den Bau, den Betrieb oder die Verteidigung des Werkes (und des Passes) wurden etliche Anlagen erstellt:
- A8901 Infanteriebunker Nollen: Er ist durch den sogenannten Betonstollen zu erreichen. Dieser Stollen war beim Bau der Staumauer benutzt worden. Heute ist der Bunker zugemauert.
- A8907 Infanteriebunker Chessibidmer: Dieser gehörte mit seinen 2 Maschinengewehren zur Aussenverteidigung des Artilleriewerkes. Eine Stollen-Verbindung zum Art Wk bestand nicht.
- A8908 Tankanlage (668'837/158'816): Der Unterstand/das Tanklager wird seit längerem von der KWO benutzt.
- A8909 Infanteriewerk Seeuferegg Ost (600'000/200'000): Er schützt den Zugang über die Staumauer zum Artilleriewerk. Bewaffnung: 2 Maschinengewehr, 1 Leichtes Maschinengewehr. 2004 wurde dieses Werk zurückgebaut: «Kabel zurückgebaut, Tarnungen entfernt; alles was nicht Eisen, Beton oder Eternit und fest mit dem Berg verbunden ist, wurde ausgebaut und entsorgt. Metallteile aussen an Fassade entfernt. Türe und Schartenöffnungen verschweisst. Fettige Stellen entfettet. Klärgrube entleert und gereinigt. Wasserreservoir entleert und Schieber offen belassen. Armaturen entfernt. Telefonendstrang verschrumpft.»
- A8910 Infanteriewerk Seeuferegg West (668’620/158’240): Dieser steht hinter dem Grimselhotel. Längere Zeit waren sowohl Zugang als auch die Schiessscharte (1x Mg) zugemauert. Nun hat die Besitzerin - die Kraftwerke Oberhasli AG - den Bunker wieder geöffnet und mit Infotafeln versehen.
- A8914 Artilleriebeobachter Nägelisgrat: Für die Feuerleitung des Art Wk Grimsel wurde unter anderem auf dem Nägelisgrat eine Artilleriebeobachtung aufgebaut. Vorhanden ist eine Unterkunfts-Kaverne von 2,5x4,5 Metern Grösse ohne jegliche Installationen. Offenbar erfolgte die Artilleriebeobachtung feldmässig.
- A8929 Totenkammer: Eigentlich zum Artilleriefort gehörend, war A8929 die Totenkammer. Diese befand sich im Wanderwegtunnel. Diese Kammer mit Gestellen für die Särge hatte eine Alarmanlage mit Sirene sowie eine Tränengasspray-Anlage.
- Z311 Standseilbahn: Sichtbar von aussen war vor allem der Zugang ins Fort mit der 450 Meter langen Standseilbahn vom Sommerloch (zwischen Rätrichsboden- und Grimselsee). Diese hatte eine Kapazität von jeweils 25 Personen. Heute ist diese abgebrochen.
- Überreste Bauseilbahn: Aufgefundene Betonsockel stammen von der ehemaligen Militärseilbahn zum Bau des Art Wk A8900. Die Seilbahn führte von Oberwald über den Grimselpass auf den Nollen. Die Seilbahn wurde nach Fertigstellung der Festung wieder demontiert. Das vorhandene Gebäude gehörte ebenfalls dem Militär (Unterkunft?) und wird heute von einem Schafhirten benutzt.
- 31 Solitäre: (Einmann-Stellungen, F11103-F11112, F11114-F11131, S6). Es waren aus dem Fels ausgebrochene Löcher, die mit einem Mauerwerk verstärkt wurden und mit einem Holzrost auf dem Boden versehen waren. Der Einstieg war mit einem Holzdeckel verschlossen.
- Im Umfeld des Forts befanden sich 13 Flabstellungen (F11132-F11144) für 20 mm-Kanonen. Im Normalfall sind rings um die betonierte Bodenplatte mit den Befestigungsschrauben für das Geschütz Munitionsnischen gebaut worden, dazu kommen Kleinunterstände und Solitäre.
- Auf dem Artilleriewerk war eine Hütte des Festungswachtkorps (mit direktem Zugang ins Fort), darüber waren Windschutzschirme angebracht.
- Neben der FWK-Hütte waren zwei atomsichere Unterstände (F11100 und F11101). Diese ermöglichten einen autonomen Aufenthalt von je ca. 16 Mann. Die Ausrüstung umfasste einen Wassertank, eine Luftfilteranlage, einen Sanitärbereich sowie Liegeflächen mit Matratzen.
- Die 11 Kleinunterstände (F8902-A8905, A8923-A8927, S1, S2, S5, S8) waren meist aus dem Fels gehauene Kavernen von 4x5x2,5 Metern ohne jegliche Ausrüstung. Der Eingang war mit Bretterwänden oder teilweise Bruchsteinmauern gedeckt.
Auf der Passhöhe selber ist eine infanteristische Passsperre vorhanden, die zwar separat als Sperrstelle behandelt wird, jedoch im engen Zusammenhang mit den Anlagen des Artilleriewerkes betrachtet werden muss. Dazu gehört ein Felsenwerk auf Walliserboden (A8913) mit Schussrichtung Passhöhe. Auf der Berner Seite des Passes ist eine unterirdische Unterkunft mit angeschlossenem Infanteriebunker (A8912), ein Kleinunterstand (A8927), drei Solitäre und eine Flabstellung im Bereich der Passhöhe vorhanden.
KWO kauft Grimsel-Anlagen
Die KWO hat im ganzen Grimselraum weitläufige unterirdische Anlagen zur Stromproduktion durch Wasserkraft und so war es naheliegend, mit der Armee zusammen zuarbeiten. Die KWO kaufte insgesamt 40 Hektaren Land vom VBS auf der Grimsel, wie sie Ende 2003 in ihrer Mitarbeiterzeitschrift bekannt gab. Der Kauf erfolgte jedoch unter Auflagen bezüglich Natur- und Umweltschutz, die gemeinsam von VBS und KWO erfüllt werden mussten. Im Detail ging es um den Rückbau des Artillerieforts sowie der Aussenanlagen und die Renaturierung der Aussenanlagen. Auch die Gebirgsunterkünfte standen zum Kauf.
Grimsel-Geheimwaffe: Die Standseilbahn
Im Erinnerungsbuch «Auf hoher Bastion – Geschichte und Geschichten der Gotthardbrigade» sind einige Müsterchen verewigt, die für die Festungstruppen allgemein gültig sind. Allein durch die Lage der Werke oft in grosser Höhe und in unzugänglichem Gebiet ergaben sich einige Möglichkeiten, sich unliebsame Vorgesetzte vom Leib zu halten. Ein Beispiel: Jede grössere Festung hat so ihre Spezialitäten zu bieten. Da die Grimsel-Festung über eine eigene Bäckerei verfügte, war sie nicht nur für exzessive Feiern, sondern auch für ihre hauseigenen Pizzen und die ofenfrischen Butterzöpfe berühmt. Doch nicht alle kamen in den Genuss der Spezialitäten: Die Waffe der «Grimsel»-Kompanie bestand in der legendären Standseilbahn. War der angekündigte Besucher eher unangenehm, so war die Transportbahn zum grossen Leidwesen der Seilbahnsoldaten ausser Betrieb – wegen eines plötzlichen Defektes. Dem Gast blieb nichts anders übrig, als über die Spitellamm-Staumauer zu gehen und die unterirdischen 700 Treppenstufen in die Festung zu bewältigen. Dass nach der Ankunft oben im Werk meist nicht mehr viel Motivation – oder Atem – für die geplante Inspektion vorhanden war, versteht sich wohl.
Abgesehen von der «Geheimwaffe» gegen unliebsamen Besuch: Oft wurden Wiederholungskurse im November anberaumt. War schon Schnee gefallen (was normal ist), mussten die Wehrmänner denselben mühsamen und kräftezehrenden Weg nehmen, um mit Sack und Pack ins Werk zu gelangen. Anschliessend musste die unter mehreren Metern Schnee begrabene Standseilbahn ausgebuddelt werden.