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Im September 2019 besuchte unserer neue Programmverantwortliche Isabelle Abersold die Horyzon Programm in Palästina und erzählt von Ihren vielseitigen Eindrücken.
Mit meiner Reise ins Westjordanland betrat ich in meiner Funktion als Projektverantwortliche für Palästina Neuland: Noch nie zuvor war ich in ein besetztes Gebiet gereist und was man in den Medien zu den besetzten Palästinensischen Gebieten liest, bereitet einen nur beschränkt auf die Realität vor. Die Kontrollpunkte, die 8 Meter hohe Trennmauer und die Flüchtlingscamps muss man mit eigenen Augen gesehen haben, bevor man das Ausmass dieses Konfliktes auch nur erahnen kann. Gleich bei meiner Ankunft in Jerusalem wurde ich mit dem Misstrauen konfrontiert, welche beide Parteien des Konfliktes gegeneinander hegen. Der israelische Taxifahrer wirkte nicht gerade erfreut, als ich ihm sagte, ich müsse zum Checkpoint 300 Richtung Bethlehem. Er wollte von mir auch sogleich wissen, ob ich für Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, oder Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, sei. Meine Antwort war, dass ich einzig und allein für den Frieden sei.
Den nächsten Tag verbrachte ich damit, das Wiedereingliederungsprojekt von Horyzon und YMCA East Jerusalem kennen zu lernen. In Jenin, einem Dorf im Norden des Westjordanlandes, trafen wir Mohammad, ein junger Familienvater, welcher nach einem schweren Arbeitsunfall ein Bein verlor. Auf den Unfall folgte eine Phase der Depression: Mohammad fühlte sich unnütz und konnte durch seine Verletzung nicht mehr für seine Familie sorgen, was für ihn einem Versagen in seiner Pflicht als Vater und Ehemann gleichkam. Durch das Wiedereingliederungsprojekt erhielt Mohammad sowohl psychologische Unterstützung zur Aufarbeitung seines Traumas, als auch eine Anschubfinanzierung, um den Wiedereintritt in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Durch die Beinamputation konnte Mohammad nicht mehr als Elektriker arbeiten, doch er konnte sich mithilfe von Verwandten einen alten Container kaufen und zu einem kleinen Supermarkt umbauen. Seine Frau hilft ihm beim Einräumen der Waren, doch ansonsten führt Mohammad den Laden selbständig. Im Gespräch erzählte er mir, er sei froh, dass er heute wieder genug Einkommen generieren könne, um seine Familie zu versorgen und auch seine Unabhängigkeit zurückgewonnen habe.
Nachdem wir uns von Mohammad verabschiedeten, fuhren wir weiter zum Lokalbüro des YMCA in Jenin, wo gerade eine Gruppentherapiestunde für Jugendliche stattfand. Alle diese Jugendlichen haben auf Grund des Konfliktes zwischen Israel und Palästina ein Trauma erlebt. In den Gruppentherapiestunden verarbeiten die Jugendlichen das Erlebte und finden Gleichgesinnte. Zentrales Element der Therapiestunden ist das Entwickeln von Initiativen für den Frieden. Damit soll auch verhindert werden, dass sich die Jugendlichen aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse radikalen Gruppen anschliessen.
Am nächsten Tag besuchte ich die von Horyzon unterstützte „Joint Advocacy Initiative“, welche gemeinsam von YMCA East Jerusalem und YWCA Palästina umgesetzt wird. Dieses Projekt trägt zur Stärkung der Rechte der palästinensischen Bevölkerung bei und leistet Sensibilisierungsarbeit für einen gerechten Frieden in der Region. Sowohl palästinensische Jugendliche als auch ausländische Studierende, welche durch das Projekt nach Palästina reisen, werden in Workshops in verschiedenen Themen geschult: Gewaltfreie Konfliktlösung, Umsetzung von Initiativen für den Frieden, die Bedeutung der Menschenrechte für die palästinensische Bevölkerung, usw. Die ausländischen Studenten lernen auf ihrer Reise auch den Alltag palästinensischer Familien kennen und helfen zum Beispiel palästinensischen Bauern bei der Olivenernte oder besuchen eines der Flüchtlingslager der Region.
Eine weitere Komponente des Projektes ist die Olivenbaumkampagne. In Palästina gibt es Olivenbäume, die bis zu 4‘000 Jahre alt sind, deswegen hat der Olivenbaum eine ganz besondere Bedeutung in der palästinensischen Kultur: Er steht für Beständigkeit, Resistenz, Frieden und Ehre. Der Olivenbaum hat in Palästina aber auch eine territoriale Bedeutung, denn gemäss des israelischen Abwesenheitsrechtes kann eine Landwirtschaftsfläche, welche seit mehr als 3 Jahren nicht bewirtschaftet wird, vom israelischen Staat beschlagnahmt werden. Für palästinensische Bauern ist der ständige Anbau ihres Landes deswegen von äusserster Wichtigkeit, damit sie den Anspruch auf ihren Landbesitz nicht verlieren. Durch den Infrastrukturausbau der Israelischen Regierung in den besetzten Palästinensischen Gebieten wird es für viele palästinensische Bauern jedoch immer wie schwieriger, ihr Land zu erreichen und es ausreichend zu bewässern. Autostrassen, Sicherheitszäune und neue Siedlungen versperren den Zugang zu ihren Feldern und sie müssen grosse Umwege auf sich nehmen, um zu ihrem Land zu gelangen. Der finanzielle und zeitliche Aufwand ist also für diejenigen Bauern, welche Land in kritischen Gebieten besitzen, enorm angestiegen. Deswegen unterstützt das Projekt palästinensische Olivenbauern mit gesponserten jungen Olivenbäumen, damit sie sich ihren Landanspruch sichern und sich vor Enteignungen schützen können.
Am dritten Tag nahm ich an einem Workshop des Projektes „Youth Participate“ in Ramallah teil. Das Projekt wird von unserem Partner YWCA Palästina umgesetzt und hat zum Ziel, Jugendliche aus dem gesamten Westjordanland dabei zu unterstützen, sich aktiv in der palästinensischen Politik zu engagieren. Politikmüdigkeit bei palästinensischen Jugendlichen ist weit verbreitet. Obwohl Jugendliche 30% der gesamten palästinensischen Bevölkerung ausmachen, interessieren sich weniger als ein Drittel der Jugendlichen im Westjordanland für politische Wahlen und Abstimmungen. Das hat damit zu tun, dass Jugendliche sich in der Politik nicht repräsentiert und ernst genommen fühlen. Dieses Problem will das Projekt Youth Participate angehen, indem die Jugendlichen dabei begleitet werden eine Jugendstrategie auszuarbeiten, welche danach der Palästinensischen Regierung vorgelegt wird. Dem Klischee der uninteressierten, unbeteiligten Jugend entsprach die Gruppe in Ramallah jedoch keinesfalls. Schon innert kürzester Zeit entfachten sich hitzige Debatten darüber, wie und ob die Jugend zu politischen Veränderungen in Palästina beitragen kann. Ich verliess den Workshop mit einem Gefühl der Zuversicht und machte mich zurück auf den Weg nach Bethlehem, wo ich mich noch einige weitere Tage mit unseren Partnern zu strategischen Fragen und der Planung unserer Projekte austauschte.