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April 2004
Suisse 2004
editions Des Syrtes
Paris-Genève 2004
Hrsg. von Marc Bersier und Francois Stoeckli

Die Schweiz ist unterwegs
von der Utopie von gestern zur Utopie von morgen
Die Schweiz von heute ist bezüglich der Demokratie die verwirklichte Utopie von gestern
Bereits 1848, als die Schweizer der neuen Bundesverfassung mehrheitlich zustimmten, meinte der radikalste unter den ersten sieben Bundesräten, der Waadtländer Henry Druey jetzt passiere, was noch vor weniger Jahren als Utopie betrachtet worden sei. Dieser utopische Schwung machte Mitte des 19.Jahrhunderts noch mehr möglich. Nicht nur schufen sich ganz unterschiedliche Kantone, ganz verschiedene Menschen und die drei grossen europäischen Kulturen einen neuen föderalistischen Staat, sondern sie gaben erstmals auf der Welt auch allen Männern das Recht, an diesem Staat direkt mitzuwirken. Dieses bürgernahe und sehr dezentrale Machtverständnis entwickelten sie in unblutigen demokratischen Revolutionen sogar so weit, dass nichts mehr ohne die Zustimmung der Mehrheit der Betroffenen geschehen kann. Bis zur Jahrhundertwende realisierten die engagierten Schweizer mehr von den grossen Prinzipien der Französischen Revolution als irgend ein anderer Staat Europas.
Die drei grossen europäischen Kriege zwischen 1870 und 1945 machten aus einem der progressivsten Staaten des 19.Jahrhundert eine der konservativsten Gesellschaften Europas. Nicht nur überlebten die Schweizer alleine und machten so eine ganz andere (Kriegs) Erfahrung als die meisten anderen Europäer und hielten sich denn auch von den europäischen Integrationsbestrebungen seit 1948 im wesentlichen fern. Sie verschlossen sich auch zu lange und zu heftig den übrigen, vor allem sozialpolitischen und grundrechtlichen Errungenschaften des 20.Jahrhunderts. Die Binnenwahrnehmung dominierte die schweizerische Öffentlichkeit so lange so sehr, dass diese mehr und mehr sogar die eigenen wirklichen, vor allem dem progressiven 19.Jahrhundert geschuldeten Stärken übersah. Beispielsweise das republikanische Politik- und das partizipative Demokratieverständnis.
Erst in der Folge des Epochenwandels von 1989 wurde sich auch die offizielle Schweiz mehr und mehr ihrer Krise bewusst. Seither befindet sie sich in vielfältigen Krisen, begann jedoch auch ein Krisenbewusstsein zu entwickeln, das wiederum die Voraussetzung zu deren kollektiven Überwindung darstellt. Heute ist die Schweiz immer noch auf der Suche; sie ist unterwegs. Freilich (noch) nicht auf gemeinsamen, sondern teilweise auf diametral unterschiedlichen Wegen. Das Ende der Krise ist folglich noch nicht in Sicht.
Persönlich engagiere ich mich dafür, dass die Schweiz erkennt, das sie ihre grossen Stärken, die Utopie des 19.Jarhunderts, nur dann in die Zukunft mit nehmen kann, wenn sie diese mit den grossen Errungenschaften der Europäischen Union, der gelungenen Utopie des 20.Jahrhunderts (Integration der meisten europäischen Nationalstaaten und Etablierung einer neuartigen transnationalen Demokratie) zu versöhnen, beziehungsweise beide miteinander zu integrieren versteht. Ermutigend ist dabei, dass auch die EU genau dies heute zu ihrer eigenen Stärkung am nötigsten hat, was die Schweiz im 19.Jahrhundert für sich schuf: Eine partizipative Demokratie zur Integration der verschiedenen BürgerInnen und zur Erhaltung von deren Vielfalt.
Mit der Fusion der Utopie des 20.Jahrhunderts kann sich die Utopie des 19. auch ins 21. Jahrhundert retten. Beide haben einander nötig, um im 21. Jahrhundert der Globalisierung überleben zu können. Ja beide sind notwendig, um die Globalisierung zu humanisieren. Wenn die Schweiz dazu ihren Beitrag leisten kann, könnten wir im Interesse Europas und der Welt den Ansprüchen und den Errungenschaften von Henri Druey entsprechen.
Andreas Gross
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