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Weg-Wort vom 28. Mai 2019
Tracey Crouch ist in England «Minister for Loneliness». Es gibt sie, weil dort Einsamkeit verbreitet ist und ein gesundheitliches Risiko darstellt.
Dazu zwei Geschichten, die ich vergangene Woche an einem Tag erlebt habe:
Ein Restaurant im Hauptbahnhof war über Mittag sehr voll. An einem Vierertisch saß eine Frau allein. Wir fragten sie, ob wir uns an ihren Tisch setzen dürfen, erhielten aber keine Antwort, sondern nur einen unhöflichen Blick. Wir nahmen trotzdem Platz. Die Frau rutschte mit ihrem Stuhl so weit weg wie möglich und vergrub ihr Gesicht hinter einer Zeitung. Wir ließen uns davon nicht stören. Nach einer Weile wurde der Nebentisch frei. Sofort raffte die Frau ihre Sachen zusammen und setze sich weg.
Abends saß ich in der S-Bahn und nahm zum Arbeiten meinen Laptop auf die Knie. Da setzten sich ein großer Junge mit einer geistigen Behinderung und sein erwachsener Betreuer mir gegenüber auf die Bank. Der Junge durchlöcherte mich mit Fragen. «Gehst Du nach Hause?» «Wo musst Du aussteigen?» Der Betreuer gab mir zu verstehen, dass ich nicht auf ihn eingehen müsse. Aber die Unbefangenheit dieses Jungen war mir sympathisch. Ich packte den Computer ein und wir hatten eine nette Unterhaltung. Wir waren die einzigen, die miteinander redeten. Alle andern saßen stumm da, den Blick aufs Handy gerichtet.
Ich stellte fest: Diese Begegnung hatte mich glücklich gemacht! Der Bub war mein Minister gegen Einsamkeit!
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dein Reich vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.
Matthäus 11, 25