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Montpellier
Es begann in einer Vollmondnacht in der Nähe von Avignon. Ich hatte ein hübsches Plätzchen ausserhalb der Stadt gefunden und mich unter einer Pinie zum Schlafen gelegt. Ich war mitten in einem Traum, als ich plötzlich wie ein Katapult hochschoss und einen unmenschlichen Schrei entlud. Erst eine Zehntelsekunde später wurde mir bewusst, dass da gerade die Klinge eines nicht kleinen Messers an meiner Kehle gewesen war, das aber jetzt in der Hand des Mannes war, der vor Schreck einen Satz zurück gemacht hatte und nun neben seinem Kollegen am Fussende meines Schlafsacks kauerte. Im nächsten Moment herrschte ich die beiden mit Donnerstimme an, was ihnen einfiele, mich zu wecken. Mein Geld wollten sie, das gaben sie bekannt und der Ältere fuchtelte etwas unbeholfen mit dem Messer herum. «Da muss ich mal in meiner Hosentasche nachschauen» sagte ich, «vielleicht ist von der Sitzung in Avignon noch etwas übrig geblieben» und kramte einige Münzen aus meiner Hosentasche, deren wertvollste wohl ein 2-Franc-Stück war und sagte «Voila». Doch damit gaben sich die Beiden nicht zufrieden und meinten, ich hätte ja sicher noch Geld, ich sei ja ein Aleman und sie wollten die Tasche durchsuchen, die neben meinem Kopf lag. Nun, in meiner «Weltreisetasche» befand sich mein Aquarellkasten nebst Pinsel und Papier, meine Bambusquerflöte, der Reisepass, ein Ersatz-T-Shirt, diverse Steine und sonstige Kleinodien wie die abgerissene Eintrittskarte aus dem Dianatempel in Nimes, die ich auf der Landstrasse neben einer toten Schlange gefunden hatte und natürlich meine 3 Wegbegleiter, die Bücher. Da der Aquarellkasten ihnen wertlos erschien, was ich mit Erleichterung zur Kenntnis nahm, wandten sie sich den Büchern zu und sie vermuteten richtig, dass darin doch Geldscheine versteckt sein könnten. Nun war es aber so, dass meine Bücher, die Bhagavad Gita, das I Ging und die Bibel allesamt religiöse Bücher waren und die beiden, da sie muslimischen Glaubens waren wie die meisten Nordafrikaner in Südfrankreich, Bücher anderer Religionen nicht berühren durften. Natürlich habe ich ihnen grosszügig die Bücher vor ihren Augen durchblättert, die Seiten nach unten gehalten, damit alles herausfallen könnte, was zwischen den Seiten versteckt sein könnte, denn ich wusste ja, wo die Hunderternote versteckt war. Als sie nun einsahen, dass ich wohl genauso arm war wie sie selber, wurde ihr Ton freundlicher und sie brachten sogar eine Entschuldigung über die Lippen, denn ich müsse ja verstehen, dass hier meistens reiche Touristen unterwegs seien und nicht so richtige Vagabunden, wie ich einer sei. Als sie sich zu Gehen wandten, rief ich ihnen nach, dass ich nun nicht mal Tabak für meine Morgenzigarette kaufen könne, weil sie mir den Rest meines Sparechanges mitgenommen hätten und da drehte sich der Jüngere um und warf mir eine fast volle Schachtel Marlboro zu, die wahrscheinlich doppelt so teuer gewesen war, wie die Münzen, die sie mir weggenommen hatten.
So hat die Geschichte angefangen und zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, welche Geschichte daraus werden würde. Ich trampte und wanderte weiter nach Nimes, um den Tempel der Diana zu besuchen und ihr ein Ständchen auf meiner Bambusquerflöte zu spielen, verbrachte ein paar Tage in dieser schönen Stadt und kam dann irgendwann am Meer an. Es muss am Strand von Palavas gewesen sein, wo ich eines Abends den Rucksacktouris, die um ein Feuer sassen und Wein tranken eine, nunja, etwas makabre Geschichte vorspielte. Ich radebrechte auf Englisch und Französisch und machte sie glauben, ich käme aus einem Land weit hinter der Türkei, sei den ganzen Weg gelaufen, sprach auf Verlangen in der Sprache meiner angeblichen Heimat und da sie sich untereinander auf deutsch unterhielten, konnte ich ziemlich genau die Wirksamkeit meiner Show abschätzen, was mir den Vorteil des kostenlosen Weingenusses und einiger Leckereien sicherte. Vom Schein des Lagerfeuers angelockt, sassen da auch zwei Araber und um die Show auf die Spitze zu treiben, kauderwelschte ich mit ihnen in meiner angeblichen Sprache, worauf sie mir zwinkernd in algerisch antworteten und fortan am Kreisen der Flaschen und Leckereien teilhatten.
Leider waren die Touris nicht so trinkfest und schliefen bald ein. Nur wir drei waren übrig, leerten die Weinflaschen und als einer sagte «On y va» standen wir auf und gingen in die Nacht, immer nach Westen am Strand entlang. Wir gingen schweigend. Wir hörten die Wellen und die Schritte im Sand. In dieser Nacht gab es nur Strand, Meer, den Himmel und uns drei. Als das erste Licht kam, sagte Abdelkarim «Du bist jetzt unser Bruder» und Mohamed legte seine Hand auf meine Schulter. Irgendwo in Frontignan bekamen wir eine Cafe creme und sie eröffneten mir, dass wir jetzt nach Montpellier fahren würden. In Montpellier begaben wir uns in den Park, der eine Erweiterung der Esplanade Charles de Gaulle ist und trafen auf eine Gruppe von vielleicht fünfzehn Arabern, die Abdelkarim und Mohamed überschwänglich begrüssten. Einige jedoch zeigten auf mich und einer sprach mich in französisch an, was ich hier wolle. Als ich Mohamed fragend anschaute, übersetzte er mir, dass die anderen Araber hier keinen Europäer in ihrer Gemeinschaft haben wollten, aber dass Abdelkarim ihnen gerade erklärte, ich sei jetzt ihr Bruder, weil sie in der Nacht mein Herz geschaut hätten und dann kam einer nach dem anderen der Gruppe zu mir und begrüsste mich, manch einer noch mit skeptischem Blick, aber wohlwollend.
Auch hier ist die Geschichte nicht zu Ende. Ich lebte also mitten in Montpellier mit einer Gruppe Araber, die sich fast nur auf arabisch unterhielten, versuchte den Sinn ihrer Worte zu erfassen, fragte manchmal auf französisch nach, aber die wirkliche Kommunikation fand auf einer anderen Ebene statt, mit Blicken, Gesten, Mimik. Wir teilten Essen, Wein, Geld, das wir erbettelten, schliefen im Park und wenn einer ging, um etwas zu besorgen, passte immer ein anderer auf die Habseligkeiten auf. So konnte ich vormittags Flöte spielen gehen und meine Weltreisetasche war sicher in der Obhut meiner Brüder. Es war eine schöne Zeit. Es gab auch Auseinandersetzungen, aber immer gab es auch eine Lösung und unser Zusammensein war von einem grundlegenden Wohlwollen getragen.
Doch nun kommt der Tag, der zumindest für mich der Höhepunkt der Geschichte war: Die beiden, die mir in Avignon das Messer an den Hals gehalten hatten, kamen in den Park und wollten sich zu uns gesellen. Ich hatte die Geschichte schon erzählt und als ich Abdelkarim sagte, dass das die beiden waren, ging er zu ihnen hin, sprach sie an, diskutierte kurz mit ihnen, worauf die beiden dann losliefen. Abdelkarim kam zu mir und sagte: «Du wirst die nie mehr sehen. Wer unseren Bruder bedroht, kann nicht mit uns sein»