Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03397.jsonl.gz/1655

Ob Mozart, Beethoven, Chopin oder Schostakowitsch: Sie alle haben Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertes Klavier studiert. Bis heute muss jede Klavierschülerin, jeder Klavierschüler die Präludien und Fugen daraus üben. Wie dieses einflussreiche Klavierwerk Bachs entstanden sein könnte, dazu gibt es eine kuriose Geschichte.
Der entscheidende Hinweis kommt von Ernst Ludwig Gerber, dem Verfasser eines Musiklexikons und Sohn eines Bach-Schülers: Er schreibt im Jahr 1790, Bach habe das Wohltemperierte Klavier «an einem Orte geschrieben, wo ihm Unmuth, lange Weile und Mangel an jeder Art von musikalischen Instrumenten diesen Zeitvertreib abnöthigte.» Wo und wann schreibt Gerber nicht. Vielleicht in Weimar, vielleicht im November 1717.
Bach schmollt und schmiedet einen Plan
Johann Sebastian Bach ist da 32 Jahre jung und hat ziemlich schlechte Laune. Sein Dienstherr Herzog Wilhelm Ernst hat tatsächlich Georg Phillip Telemann und nicht ihm die Stelle des Hofkapellmeisters angeboten. Und das, obwohl Bach seit knapp 10 Jahren beste Arbeit für den Herzog leistet und für diese Stelle wie gemacht ist. Also sucht sich Bach einen neuen Arbeitgeber.
Er ist schnell gefunden: Fürst Leopold von Köthen. Bach setzt sich über das geltende Recht hinweg und schliesst mit ihm einen Vertrag ab, ohne vorher daheim in Weimar Herzog Wilhelm Ernst um Entlassung zu bitten. Dieser denkt nämlich gar nicht daran, Bach ziehen zu lassen. Bach versucht, seine Entlassung zu erzwingen – und landet dafür im Gefängnis.
Der Weimarer Hofsekretär protokolliert am 6. November 1717: «der bisherige Concert-Meister v. Hof-Organist, Bach, [ist] wegen seiner Halssstarrigen Bezeügung v. zu erzwingenden dimission, auf der LandRichter-Stube arretiret […] worden.»
Keine wohltemperierte Zelle
Vier Wochen sitzt Bach wegen «Halsstarrigkeit» in der Landrichterstube fest. Darin stand sicher kein Klavier und keine Orgel. Trotzdem nutzt Bach die Zeit zum Komponieren: Ausgerechnet an diesem ungemütlichen Ort soll er sein Wohltemperiertes Klavier entworfen und die Präludien und Fugen geschrieben haben, die zu seinen meistgespielten Werken werden sollten.
Wer weiss, wie lange Bach eingekerkert geblieben wäre, wenn sich nicht Fürst Leopold von Köthen und König August der Starke höchstpersönlich für ihn eingesetzt hätten. Die beiden Herren halten grosse Stücke auf Bachs musikalisches Talent. Und dank ihrer Fürsprache wird Bach nach vier Wochen aus dem Arrest entlassen.
Ausstellungshinweis
Bachs Geburtsstadt Eisenach widmet dem Wohltemperierten Klavier eine Ausstellung im Bachhaus mit dem Titel: «Das Alte Testament der Klavierspieler». Sie läuft noch bis zum 06. November 2022.
Eine zweifelhafte Geschichte
Dass sich diese Geschichte tatsächlich so zugetragen hat bezweifeln viele Musikwissenschaftlerinnen und Bachkenner. Aber eines ist sicher: Bach landet tatsächlich am Köthener Hof bei Fürst Leopold, wo er das Wohltemperierte Klavier schliesslich 1722 vollendet.
Diese Sammlung von 24 Klavierstücken, für jede Dur- und Molltonart ein Präludium samt Fuge, ist viel mehr als nur Unterrichtsmaterial. Johann Sebastian Bach demonstrierte darin, wie perfekt er den Kontrapunkt beherrschte. Und setzte sich damit ein musikalisches Denkmal.