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«Die Geschichte muss stimmen»
Der Tessiner Pianist Francesco Piemontesi steht im Zentrum des Rachmaninow-Zyklus, den das Opernhaus und das Tonhalle-Orchester Zürich gemeinsam ausrichten.
Der Zoom-Call ist für 10 Uhr angesetzt, und um 10 Uhr und drei Sekunden erscheint Francesco Piemontesi auf dem Bildschirm. Starallüren gehen anders, aber die hatte der 1983 geborene Tessiner Pianist noch nie.
Vielleicht gehört er auch deshalb zu den derzeit aufregendsten Interpreten von Rachmaninows Werken. Er spielt sie nicht als Show-Nummern, beim Wettbewerb ums ständige Schneller-Lauter-Origineller hat er noch nie mitgemacht. Selbst wenn er zwischendrin durchaus in die Extreme geht: Ihn interessieren die Zwischentöne, die lebendige, nuancierte musikalische Erzählung. Dass er sich seinen Namen einst mit Mozart, Schumann und Debussy gemacht hat, ist zweifellos kein Zufall.
Francesco Piemontesi, seit wann interessieren Sie sich für Rachmaninow?
Er war von Anfang an präsent, dank der Platten, die wir zu Hause hatten. Da gab es das Klavierkonzert Nr. 4 mit Arturo Benedetti Michelangeli, der damals übrigens im Tessin lebte. Das war meine erste Begegnung mit Rachmaninows Musik. Später war unsere allererste CD die Gesamtaufnahme seiner Werke für Klavier und Orchester mit dem amerikanischen Pianisten Abbey Simon; das ist für mich bis heute eine der besten Einspielungen.
Sie waren kürzlich in der Villa Senar am Vierwaldstättersee, die Rachmaninow 1933 für sich bauen liess. Wie erlebten Sie diesen Ort?
Er ist magisch. Von Rachmaninows Flügel aus sieht man auf den See, in dem Zimmer befindet sich auch seine Bibliothek mit Partituren, die er studiert und teilweise mit Anmerkungen versehen hat. Schubert-Lieder, Werke von Beethoven … Das Interessante ist, dass das Haus auf den ersten Blick nicht zu seiner Musik zu passen scheint. Sein architektonischer Geschmack war weit moderner als sein musikalischer.
Rachmaninow hat seinen Steinway- Flügel eigens anfertigen lassen. Was ist das für ein Instrument?
Der Klang ist sehr warm, eher weich, und die Töne schwingen unglaublich lange nach. Moderne Flügel sind ja oft so ausgerichtet, dass der Anschlag sozusagen eine Explosion auslöst und der Klang danach relativ rasch erstirbt. Instrumente wie das von Rachmaninow haben für unsere Ohren vielleicht weniger Kraft, aber wenn es ums Legato geht oder darum, Streicherstimmen nachzuahmen, dann sind sie ideal.
«Es ist aufschlussreich zu hören, dass Rachmaninow ganz ohne romantischen Überschwang spielte. Man merkt, dass er seinen Werken vertraut; er weiss, dass sie funktionieren, dass er nichts extra zu machen braucht.»
Was verrät dieser Flügel über Rachmaninows Musikverständnis?
Seine Werke werden ja heute oft sehr schnell, hart, brillant gespielt. Geschwindigkeit war sicher ein Thema für ihn, das hört man bei seinen Aufnahmen. Wobei ich mich frage, ob da das Tempo gelegentlich so hoch gewählt wurde, damit die Einspielung auf eine Seite einer Langspielplatte passte. Gerade bei kürzeren Werken hört man die Eleganz in seinem Spiel, die Ruhe, die Würde. Show-Effekte scheinen ihm fremd gewesen zu sein. Es ist wie bei Maria Callas: Nach zwei Tönen ist die Atmosphäre da, der Charakter, die Gefühlslage.
Sind diese Aufnahmen wichtig für Sie? Oder doch nur die Noten?
Die Noten sind wichtiger. Ich bin mit anderen Instrumenten konfrontiert als er, es ist eine andere Zeit, ich komme aus einem anderen Kulturraum; all das prägt meine Interpretation. Und wir wissen ja nicht, unter welchen Umständen die Aufnahmen damals entstanden sind. Rachmaninow hat zum Beispiel im 3. Klavierkonzert etliche Schnitte gemacht, die aus heutiger Sicht keinen Sinn ergeben. Sie hatten wohl nur mit der beschränkten Zeitdauer einer Langspielplatte zu tun, im Konzert führte er das Werk vollständig auf. Es ist aber auf jeden Fall aufschlussreich zu hören, dass er ganz ohne romantischen Überschwang spielte – da sind wir dann eben doch auch musikalisch bei der Moderne. Man merkt, dass er seinen Werken vertraut; er weiss, dass sie funktionieren, dass er nichts extra zu machen braucht.
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Auch Francesco Piemontesi macht «nichts extra», wenn er auftritt. Während andere sich mit Markenzeichen oder spektakulären Fotos inszenieren, setzt er ganz auf die Musik. Seine Karriere findet nicht in den Medien statt, auch nicht (oder nur sehr dezent) auf Instagram, sondern in den Konzertsälen. Es hat wohl auch deshalb einige Zeit gebraucht, bis sie so richtig in Gang kam.
Ein zweiter Grund ist Piemontesis Pass. «Um als Schweizer Erfolg zu haben, muss man erst mal weg», sagt er, und gern erzählt er die Geschichte des grossen russischen Pianisten Tartarov, der 1968 in der ausverkauften Tonhalle Zürich gefeiert wurde – und sich am Ende des Konzerts als Jean-Jacques Hauser outete. Dass fremde Talente es hierzulande leichter haben als die eigenen, war mit diesem Scherz eindrücklich belegt.
Immerhin, Piemontesi ist inzwischen auch ohne Pseudonym nicht nur in den internationalen Konzertsälen, sondern auch in der Heimat angekommen – und steht nun im November im Zentrum eines ganz besonderen Projekts. Wenn Paavo Järvi und Gianandrea Noseda im gemeinsamen Rachmaninow-Zyklus die Pulte und die Orchester tauschen, ist er der Solist in beiden Häusern. Mit der «Rhapsodie über ein Thema von Paganini» und dem 4. Klavierkonzert präsentiert er zwei ganz unterschiedliche Werke. Ein paar Tage später schiebt er in einem Rezital Rachmaninows Sonate Nr. 2 nach.
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Warum ist das 4. Klavierkonzert so viel weniger bekannt als andere Rachmaninow-Werke?
Ein Grund dafür ist vermutlich der Schluss: Die letzten dreissig Sekunden eines Werks sind entscheidend für seinen Erfolg. Denken Sie an Bartóks Klavierkonzert Nr. 3, das ist eines der besten Konzerte, die je geschrieben worden sind, aber die letzten Takte sind ein bisschen fad; man ist geradezu perplex, wenn es zu Ende ist. Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 4 hat ein ähnliches Problem. Die ersten drei Konzerte oder auch die «Rhapsodie» schliessen viel spektakulärer. Und dann ist dieses 4. Konzert viel düsterer als die anderen, und die fragmentierten Melodien eignen sich nicht als Ohrwürmer.
Aber Sie spielen es trotzdem gern?
Ich liebe dieses Konzert tatsächlich besonders, vielleicht wegen der Kindheitserinnerungen mit Michelangeli. Und ich freue mich, dass ich es in der Tonhalle Zürich unter der Leitung von Gianandrea Noseda spielen kann: Es braucht einen Dirigenten wie ihn für dieses Werk. Es ist komplizierter als andere; Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 zum Beispiel ist ganz für die Praxis geschrieben, da ist man fast automatisch zusammen. Das Vierte braucht mehr Proben, es ist viel schwieriger. Es gibt nicht viele, die dieses Werk dirigieren können – und wollen.
Sie kennen sowohl Gianandrea Noseda als auch Paavo Järvi schon lange. Wie ist die Zusammenarbeit mit den beiden?
Mit Gianandrea bin ich seit Jahren befreundet, er wohnt teilweise am Lago Maggiore, wie meine Eltern. Wir versuchen, regelmässig gemeinsame Projekte zu realisieren. Er ist ein grosser Suchender – er sucht immer nach der Bedeutung einer Stelle, nach einer Möglichkeit, etwas noch besser zu machen. Bei Paavo kommt mir als Erstes die Kommunikation mit den Augen in den Sinn. Er ist ein grossartiger Musiker und – im besten Sinn – Techniker. Er gibt einem Solisten und auch sich selbst viel Freiheit, weil er weiss, dass er alles unter Kontrolle hat. Und er ist so gelöst dabei, ein Blick genügt, um etwas zu antizipieren oder in eine andere Richtung zu lenken. Mit ihm macht man wirklich Kammermusik.
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Stichwort Kammermusik: Diese setzt sich für Piemontesi gewissermassen auch neben dem Podium fort. Er ist kein Einzelkämpfer, der Austausch mit Kolleg*innen bedeutet ihm viel. Auch darum lebt er gern in Berlin, die Szene ist bunt, man trifft sich regelmässig oder zufällig, spricht über Werke oder schwierige Stellen, hilft sich aus. «Wenn jemand eine meiner Mozart-Kadenzen spielen möchte, dann schicke ich sie rüber», sagt Piemontesi.
Seit 2013 steht er auch als Künstlerischer Leiter der traditionsreichen Settimane Musicali di Ascona im Zentrum eines Netzwerks – und nutzt die Position nicht zuletzt dafür, die Schweizer Szene zu stärken und sichtbar zu machen. Das Tessiner Publikum soll hören, dass weite Flugwege kein Kriterium für Qualität sind. So lädt er neben internationalen Musiker* innen jedes Jahr einheimische Orchester und Ensembles ein; im September waren das Tonhalle-Orchester Zürich und das Basler Barockensemble La Cetra dran.
Alle diese Kontakte sind wichtig für ihn, als Ausgleich. Denn als Pianist, so formuliert es Piemontesi, sei man «zwar nicht allein, aber schon auf sich gestellt».
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Wie fühlen Sie sich, wenn Sie für ein Rachmaninow-Werk auf die Bühne treten? So viele Töne, so viele Erwartungen …
Entscheidend ist, dass man nicht daran denkt, dass etwas schiefgehen könnte. Denn dann passiert ganz bestimmt etwas. Ich gehe mit der Haltung auf die Bühne, dass ich hier bin, um etwas zu vermitteln, das wirklich wichtig ist. Ich weiss, dass diese Musik wertvoll ist, dass sie dem Publikum und den Kolleginnen und Kollegen etwas mitgeben kann. Wenn dann mal ein Fehler passiert, ist das gar nicht so schlimm; wir sind keine Maschinen. Nur in der Kommunikation darf man keine Fehler machen. Die Geschichte, die man in einer Aufführung erzählt: Die muss stimmen.
Also keine Nervosität?
Ich bin schon aufgeregt, denn jedes Konzert ist anders; man weiss nie, wie es wird. Aber wenn man mit hundert anderen Menschen auf der Bühne sitzt und der Dirigent den Einsatz gibt, wenn man zusammen eine riesige Klangwelle schafft, eine Atmosphäre – dann ist das eine unglaubliche Erfahrung. Das ist etwas, das es im Alltag nicht gibt, und ich staune immer noch in jedem Konzert über das, was da geschieht. In dem Moment ist dies das Schönste und Intensivste, was das Leben hergibt.