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5.8 Ein Gesetz über Musikerziehung
Zunächst schrieb ich – um ein Ziel zu formulieren und als Diskussionsgrundlage – den Entwurf für ein Gesetz, das meinen Vorstellungen entsprach. Weil mir bewusst war, dass die kantonalen Schulhoheiten eine Hürde sein würden, wählte ich eine Konkordatslösung, das heisst ich setzte in diesem Entwurf eine Fachgruppe Musik aus Fachbeauftragten der Kantone ein, die zwar vom Bund geleitet würde, aber lediglich konsultative Funktionen hätte im Sinne der Erarbeitung von Richtlinien, Rahmenlehrplänen, Modellen und Katalogen. Ich dachte dabei an eine Fachgruppe der EDK, wollte das aber offen lassen. Es war mir wichtig, alle Stufen anzusprechen, von der Sekundarstufe II bis zum frühkindlichen Singen, ebenso die Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe, die Fachberater in den Kantonen, die Zusammenarbeit zwischen Schule, Musikschule und Musikvereinen.
5.8.2 Der Gesetzesentwurf
Gestützt auf Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung erlassen die eidgenössischen Räte folgendes
1 Die Kantone gewährleisten die sorgsame Pflege des Gesangs in den Volksschulen und genügenden Unterricht in den Grundlagen der Musik auf allen Stufen.
2 Der Bund unterhält in Zusammenarbeit mit den Kantonen eine Fachgruppe Musik, in die jeder Kanton einen Fachbeauftragten delegiert.
3 Die Fachgruppe Musik erarbeitet
1 Richtlinien für die musikalische Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe (z.B. Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents).
2 Aufnahmebedingungen für das Studium des Faches Musik auf der Sekundarstufe I.
3 Rahmenlehrpläne für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II.
4 Einen Katalog der Aufgaben und Kompetenzen der kantonalen Fachberater Musik.
5 Modelle für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken.
6 Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.
7 Unterlagen für den Aufbau eines schweizerischen Kurszentrums (z.B. Musiklager jeglicher Art von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören und -Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens, Lehrerfortbildung).
8 Eine schweizerische Dokumentationsstelle für Musikdidaktik dient als Hilfe für die regionalen Zentren.
9 Eine Verordnung regelt den Übergang, bis der nötige Ausbildungsstand bei allen Lehrkräften erreicht ist,
Diesen Text legte ich einer Reihe von Parlamentarierinnen und Parlamentariern und einer Anzahl Experten der schweizerischen Bildungslandschaft vor, ebenso einigen Mitgliedern von Behörden in den Sektoren Bildung und der Justiz, die ich schriftlich angefragt und um einen Termin gebeten hatte. Insgesamt habe ich mit 26 Personen solche Gespräche geführt. Die dabei entwickelten Ideen und Überlegungen schlugen sich nieder in insgesamt drei neuen Fassungen.
Im Laufe der Gespräche zeichnete sich für mich die einzuschlagende Strategie ab: Zu Beginn hatte ich an eine parlamentarische Einzelinitiative gedacht; aber ich liess mich überzeugen, dass eine Motion ebenso schnell und sogar sicherer zum Ziel führen kann. Ich überlegte mir auch, dass es gut wäre, wenn der Vorstoss durch bürgerliche Politiker eingereicht und damit auch diese Seite des Parlaments für das Problem sensibilisiert würde. In der Verfassungsfrage waren es im Nationalrat vor allem Sozialdemokraten und Grüne gewesen, die uns geholfen hatten.
Aus diesem Grunde wandte ich mich an Herrn Ständerat Danioth, der seinerzeit auf meine Intervention hin den Ständerat dazu gebracht hatte, dem Minderheitsantrag Ostermann zuzustimmen. Ferner konnte ich Frau Nationalrätin Käthi Bangerter für das Anliegen gewinnen, und sie war auch bereit, zusammen mit Ständerat Danioth und mir den Motionstext zu erarbeiten.
Eine Motion muss knapp formuliert sein; es konnte also unmöglich der ganze ursprünglich vorgeschlagene Text darin untergebracht werden. Details wurden deshalb der mündlichen Begründung zugeordnet. Wir fanden zu einem befriedigenden Konsens. Die beiden Motionen wurden mit nahezu identischem Text am Ende der Herbstsession 1999 eingereicht. Sie lauteten:
Motion Förderung der Musik-Ausbildung
Der Bundesrat wird beauftragt, in Ausführung von Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, gesetzliche Grundlagen zu schaffen, um eine landesweite und ganzheitliche Förderung der Musikausbildung zu ermöglichen.
Dieses Ziel soll insbesondere wie folgt erreicht werden:
a) Die Pflege der Musik, insbesondere des Singens in der Schule, ist gezielt zu fördern.
b) Die fachdidaktischen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Ausbildung von Lehrkräften in Musik sind gesamtschweizerisch zu harmonisieren und zu verstärken.
c) Die Zusammenarbeit mit den Kantonen und weiteren Trägern der Musikerziehung ist generell sowie durch die Bildung einer Fachgruppe Musik und gegebenenfalls eines schweizerischen Kurszentrums Musik zu koordinieren.
Es sind hiezu Konkordate anzustreben.
An den KMS-Sitzungen vom 30. April und 27. August hatte ich über den jeweiligen Stand der Dinge ausführlich Bericht erstattet.
Remo Gysin bat den Bundesrat in einem Postulat, bis spätestens Ende 2000 einen Bericht zur Musikförderung des Bundes vorzulegen, der insbesondere aufzeigen solle, wie er den neuen Verfassungsartikel 69 umzusetzen gedenke. Das Postulat Gysin wurde am 13. Dezember vom Bundesrat entgegengenommen.
Im Hinblick auf die Behandlung „unserer“ Motionen in den Räten stellte sich nun die Aufgabe, den Motionären, die ja beide nicht vom Fach waren, stichhaltige Argumente in die Hand zu geben. Ich stellte daher einen Katalog von Argumenten zusammen und ergänzte ihn durch ein zweites, für den internen, d.h. mit Vorsicht zu verwendenden Gebrauch bestimmtes Blatt über mögliche Aufgaben der Fachgruppe Musik und über allgemein Wünschbares.
5.8.4 Allgemeine Argumente
- Die kulturelle Bedeutung der Musik mit ihrer täglichen Präsenz ist gewaltig.
- In ihrem wirtschaftlichen Gewicht entspricht die Musik der Computerindustrie.
- Musikalische Anlagen entwickeln sich beim Säugling lange bevor die Sprachentwicklung einsetzt. Die ersten Lautäusserungen des Menschen sind Singlaute. Der deutsche Forscher Adamek spricht daher vom Singen als eigentlicher Muttersprache des Menschen.
- Es gibt keine angeborenen Unmusikalischen, wohl aber musikalische Analphabeten. Hier müsste die Schule in die Pflicht genommen werden.
- Viele Mütter singen nicht mehr mit ihren Kindern; sie müssten es wieder lernen (im Mutter-Kind-Singen), damit ihre Kinder nicht um dieses köstliche Gut betrogen werden. Ein Verein zur Förderung der frühkindlichen Singens wird nächstens gegründet.
- In vielen Schulen wird kaum oder überhaupt nicht mehr gesungen. Damit wird nicht nur die Ausbildung der Singstimme sträflich vernachlässigt, sondern auch die der Sprechstimme, unseres wichtigsten Ausdrucksmittels.
- Alltägliches Singen war früher allgemein verbreitet. Untersuchungen haben erwiesen, dass sein Verschwinden mit einem Verlust an körperlich und psychisch gesunderhaltenden Kräften einhergeht.
- Beim Musizieren werden beide Hemisphären des Gehirns beansprucht. Das ist wichtig für die Ausbalancierung der Persönlichkeit. Die Verbindung der Hirnhälften, das corpus callosum, enthält bei Musikern deutlich mehr Nervenfasern.
- Sport und Musik sind die beiden Gebiete, die unsere Jugend am meisten faszinieren. Aber während die Förderung des Sports als eine Aufgabe des Bundes mit grosszügigen Mitteln rechnen kann, fristen die Belange der Musik ein vergleichsweise kärgliches Dasein. Vor wenigen Jahren ist der Einflussbereich von 'Jugend und Sport' auf die 10-14 jährigen Kinder ausgedehnt worden. Damals hat der Kommissions-sprecher des Ständerats in Aussicht gestellt, dieses Ungleichgewicht bei nächster Gelegenheit zu korrigieren. Es wäre ein Akt der Gerechtigkeit und der Klugheit, auch die Musikerziehung in den Schulen entschlossen zu verbessern.
- Die Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht in der Schweiz (Nationalfonds-Projekte 1.737-0.87, 11-27778.89, 11-30922.90 und 11.30922.91) und weitere wissenschaftliche Untersuchungen haben erwiesen, dass guter Musikunterricht in den Schulen die Entfaltung der Persönlichkeit positiv beeinflusst. Die Kinder werden intellektuell wacher, und soziale und emotionale Fähigkeiten werden geschult, was für die Prävention gegen Gewalt und Drogen wichtig ist.
- In den Musikklassen in Berlin vergrösserte sich innerhalb von anderthalb Jahren der Anteil der überdurchschnittlich Intelligenten auf 54,2%, während der Anteil der unterdurchschnittlich Intelligenten auf 6,7% sank. In den Kontrollklassen dagegen waren 36,4% überdurchschnittlich und 18,2% unterdurchschnittlich intelligent. Nach Abschluss der sechsjährigen Schulversuche sind die (noch nicht veröffentlichen) Resultate noch einmal deutlich besser.
- Amerikanische College-Studenten lösten Denkaufgaben besser, nachdem sie eine Mozartsonate angehört hatten. Entsprechende Versuche mit jungen Kindern haben gezeigt, dass in diesem Alter mit einem langzeitlichen Effekt gerechnet werden kann.
- Auf Grund des Artikels 69, Absatz 2 der Bundesverfassung ist der Bund durchaus legitimiert, ein Bundesgesetz über die ganzheitliche und landesweite Förderung der Musikerziehung zu erlassen. Die kantonale Bildungshoheit soll dabei nicht in Frage gestellt werden; deshalb werden lediglich Harmonisierungen vorgeschlagen. Eine Fachgruppe Musik, z.B. innerhalb der EDK, brächte Synergien zum Tragen (mit positiven Effekten auf die Budgets der Kantone), hätte im übrigen jedoch vorwiegend konsultativen Charakter.
- Die ‚Empfehlungen der EDK zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen‘ vom 26. Oktober 1995 greifen dagegen massiv in die kantonalen Schulhoheiten ein. Sie stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen die gymnasiale Maturität. Damit gehen sie von der Meinung aus, der so ausgewiesene Schulsack genüge für eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe. Diese Meinung ist bezüglich der Anforderungen des Faches Musik völlig falsch. Die „Empfehlungen“ müssen in diesem Punkt revidiert werden.
Zusatzblatt: Mögliche Aufgaben der Fachgruppe Musik, allgemein Wünschbares
Koordination der musikalischen Ausbildung der Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe durch das Erarbeiten von Richtlinien z.B. über Aufnahmebedingungen in die Ausbildungsstätte, Rahmenlehrpläne für die Ausbildung, Mindestanforderungen für die Erlangung eines integralen Lehrpatents.
Erarbeitung von Rahmenlehrplänen für den Unterricht in Musik auf der Grundstufe, der Primarstufe, der Sekundarstufe I und der Sekundarstufe II.
Aufzeigen der Aufgaben und Kompetenzen von kantonalen Fachberatern Musik.
Entwickeln von Modellen für die Zusammenarbeit der Schule mit Musikschulen und Blasmusiken. Hier liegt ein grosses Potential an Synergien.
Schaffen von Unterlagen und Richtlinien für die Förderung des frühkindlichen Singens.
Abklären des Bedarfs eines schweizerischen Kurszentrums, z.B. für Musiklager jeglicher Art von Kindern und Jugendlichen, Kurse für Schulinspektoren, Ausbildungskurse für Dirigenten von Kinder- und Jugendchören- und Orchestern, Instruktionskurse für Leiter von Brassbands, Kurse für Animatoren des Mutter-Kind-Singens und Lehrerfortbildung.
Wünschbar wäre
1 Die Gleichstellung der Jugendlichen bezüglich Freistellung beim Besuch von musikalischen Kursen mit dem Besuch von Sportkursen.
2 Die Schaffung eines schweizerischen Kurszentrums.
3 Die Unterstützung eines privaten Vereins zur Förderung des frühkindlichen Singens.
4 Die Unterstützung des Vereins „Jugend+Musik“.
Beide Papiere stellte ich den Motionären zu, zusammen mit dem Text von Yehudi Menuhin[1] über den Wert des Singens und meinem eben herausgekommenen Buch „Die vergessene Intelligenz“.
Am 21. Dezember 1999 kam die Motion Danioth im Ständerat zur Behandlung. Hans Danioth gehörte dem Ständerat nicht mehr an, aber SR Bieri hatte seine Autgabe übernommen und begründete die Motion in einem ausführlichen Referat, wobei er zu meiner Freude viele meiner Argumente und Gedanken übernahm. Er erklärte sich einverstanden mit der Umwandlung in ein Postulat. Frau Bundespräsidentin Dreifuss dankte ihm dafür und sagte, für die vollständige Anwendung des Artikels 69,2 könnten in dieser Legislatur zwar nur bescheidene finanzielle Mittel eingesetzt, aber es sollten die Grundlagen gelegt werden, welche die Wichtigkeit der Musik und der musikalischen Bildung anerkennen.
Auch die Motion Bangerter wurde im Nationalrat in ein Postulat umgewandelt. Es kamen später zum Artikel 69,2 ausser dem Postulat Gysin noch zwei Postulate dazu, nämlich von den NR Meier-Schatz und Suter. Damit war der Druck gleichzeitiger Vorstösse beträchtlich.
5.8.5 Der Rechenschaftsbericht
Meinen Rechenschaftsbericht an die KMS vom Herbst 1999 schloss ich mit den Worten:
Gestatten Sie mir zum Schluss einen Blick zurück und einen Blick in die Zukunft. Ich bin dankbar, dass mir die KMS das Vertrauen geschenkt hat, das Mandat im Alleingang zu erfüllen. Dieser Auftrag war das letzte Stück des Weges, den die KMS im Januar 1996 mit ihrem Vorschlag in der Vernehmlassung zur Bundesverfassung betreten hat und beharrlich und gescheit gegangen ist. In diesem Zusammenhang darf daran erinnert werden, dass ohne meine im Namen der KMS erfolgte Intervention bei Herrn Ständerat Danioth der Minderheitsantrag Ostermann und damit der kostbare Artikel 69,2 unweigerlich und definitiv aus Abschied und Traktanden gefallen wäre.
Die Arbeit an einem Bundesgesetz ist aber nur eine Linie in der bisherigen KMS-Strategie. Die andere Linie zur Erreichung des gleichen Ziels ist die Zusammenarbeit mit der EDK, die wir mit unserem – durch die SKSM erarbeiteten – Schreiben vom 21. September 1999 sorgfältig vorbereitet haben. Dort muss es darum gehen, die „Empfehlungen zur Lehrerbildung“ von 1995 und wenn möglich das MAR so zu revidieren, dass die Aufnahme in die Lehrerbildung für die Grund- und Primarstufe beschränkt wird auf Kandidatinnen und Kandidaten, die sich über Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Musik ausweisen können, und dass die Gymnasien ihre neue Verantwortung für die musische Vorbildung der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer wahrnehmen.
An der KMS wird es nun liegen, auf diesen Grundlagen besonnen weiterzubauen und die erarbeiteten Chancen nicht zu vertun. Ich hoffe, dass sie dabei immer an alle Stufen (z.B. auch an die Kleinkinder und ihre Mütter und Väter) und an alle Sparten (z.B. auch an das Singen) denken wird.
5.8.6 Der letzte, vergebliche Anlauf endet im Mobbing
Am 28. Dezember 2002 wandte ich mich an Nationalrätin Hildegard Fässler als Fraktionschefin der SP mit der Bitte, die Motionen zu aktivieren und einen Vorstoss für ein Gesetz über Musikerziehung zu machen. Sie war grundsätzlich dazu bereit, aber Nationalrat Widmer wollte – als Spezialist für die Bildung – dazu konsultiert werden. Ich stand ihm während fast eines halben Tages in der Wandelhalle zur Verfügung. Schliesslich erklärte er, sich noch „erkundigen“ zu wollen. Frau Fässler teilte mir dann mit, die Auskünfte seien haarsträubend gewesen, und deshalb komme ein Engagement der SP nicht in Frage. Herr Widmer weigerte sich jedoch, die Quelle und die Art dieser Auskünfte preiszugeben, was mich tief verletzte und auf ihn und seine Einflüsterer ein bezeichnendes Licht wirft.
5.9 Der dritte Brief an die Erziehungsdirektionen
vom 21.9.99war von mir angeregt und entworfen und bei den Verbänden in die Vernehmlassung gegeben worden; er war begleitet von einem Anhang mit der Begründung der einzelnen Punkte. Frau Bally brachte es zustande, dass er ohne die Unterschrift der KMS, dafür aber derjenigen von Frau Mürner (für Jugend+Musik) abgeschickt wurde. Leider kann ich die Originale nicht vorlegen, wohl aber die bereinigten Entwürfe:
Sehr geehrter Herr Regierungsrat,
die Koordination Musikerziehung Schweiz KMS, eine ständige Kommission des schweizerischen Musikrats und der Schweizer Musikrat SMR machen sich Sorgen um die Zukunft der Musikerziehung in der Schweiz, insbesondere auf der Grund- und der Primarstufe und im Zusammenhang mit dem Übergang zur tertiären Lehrerbildung. Die beiden Organisationen verweisen auf ihre Schreiben an die Erziehungsdirektorinnen und -direktoren vom April 1996 betreffend MAR und vom September 1996 betreffend Lehrerbildung und ersuchen Sie um ein Gespräch über die nachfolgend aufgelisteten und im Anhang begründeten Punkte:
Das Fach Musik hat sich profiliert: Es muss mehr als bisher ernst genommen werden.
Alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe müssen mit ihrer musikalischen und fachdidaktischen Kompetenz den Anforderungen des Lehrplans genügen.
An den Pädagogischen Hochschulen muss eine genügende Stundendotation in Musik und im Instrumentalunterricht gewährleistet sein. Die PHs sind aber weder beauftragt noch in der Lage, musikalische Grundkompetenzen zu vermitteln. Kandidatinnen und Kandidaten für die Ausbildung zu Grund- oder Primarlehrkräften müssen sich daher nach dem ersten Studienjahr einer Eignungsprüfung stellen. Falls die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann zu diesem Zeitpunkt ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.
Wie im Falle von Deutsch oder Mathematik darf ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden.
Wenn nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird.
Als Sofortmassnahmen drängen sich auf: Eine bessere Überprüfung des Unterrichts in Musik auf allen Stufen und die Bearbeitung allfälliger Defizite in der Lehrerfortbildung. Ferner muss die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner entscheidend verbessert werden.
Auf Grund breiter Abstützung bei den angeschlossenen Verbänden fordern die KMS und der Schweizer Musikrat einen offenen Dialog über die angesprochenen Probleme und die baldige Einberufung einer Tagung zur Schulmusik im Rahmen der EDK.
Der Schweizer Musikrat und die Koordination Musikerziehung Schweiz (die ihr angeschlossenen Verbände umfassen gesamthaft mehr als 240.000 Mitglieder) ersuchen Sie, das Anliegen angesichts seiner Wichtigkeit im Rahmen der EDK zu besprechen. Für die Organisation der vorgeschlagenen Tagung wird Ihnen das Sekretariat des Schweizer Musikrats, Haus der Musik, Gönhardweg 32, 5000 Aarau gerne behilflich sein.
Mit freundlichen Grüssen
Der Anhang zu diesem Schreiben lautete:
ÜBERLEGUNGEN ZUM FACH MUSIK
Das Fach Musik hat sich gewandelt
Seine Inhalte gehen heute weit über das frühere „Singen“ hinaus: Das Fach umfasst die Musikwelt in ihren vielen (früheren und heutigen) Erscheinungsformen und Stilrichtungen, es schliesst auch die Bewegung mit ein, und es versucht, all dies und die elementar-theoretischen Grundlagen möglichst durch aktives Tun der Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Mehr und mehr – nicht zuletzt auf Grund der Resultate der schweizerischen Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht – setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass in der Musik ein enormes pädagogisches Potential liegt. Weil Musik zudem praktisch zu allen Fächern in Beziehung steht, bietet sie sich als fächerverbindendes Element in ganz besonderem Masse an.
Anforderungen an eine Grund- und Primarlehrkraft im Fach Musik
Die Lehrkräfte dieser Stufen wirken als Klassenlehrer und haben sämtliche Fächer zu unterrichten, also auch Musik. Um den Vorgaben des Lehrplans gerecht zu werden, müssen die Anforderungen an Stimme, Instrument und Ensembleleitung auf einem für das Unterrichten notwendigen Niveau erfüllt sein. Unabdingbar sind – über allgemeines pädagogisches Geschick hinaus – besondere musikdidaktische Fähigkeiten.
Die Zulassung zu den Pädagogischen Hochschulen
Die Lehrerseminare hatten noch die Möglichkeit, diesen Anforderungen gerecht zu werden, weil sie minimale Kenntnisse und Fertigkeiten bei der Aufnahme prüfen konnten und weil ihnen 5 Jahre und eine genügende Stundendotation zur Verfügung standen. Es ist offensichtlich, dass die tertiäre Lehrerausbildung diese Leistungen nicht mehr erbringen kann: Sie dauert weniger lang, und für die Musik steht nur noch ein Bruchteil der Lektionen zur Verfügung. Zudem ist es im Zeitpunkt des Studienbeginns an einer Pädagogischen Hochschule vom Alter her nicht mehr möglich, musikalische Grundkompetenzen zu erwerben.
Die „Empfehlungen zur Lehrerbildung und zu den Pädagogischen Hochschulen“ vom 26. Oktober 1995 stipulieren als Zulassungsvoraussetzung an Pädagogischen Hochschulen eine gymnasiale Maturität. Diese reicht aber im Fach Musik bezüglich der Anforderungen an eine Lehrkraft der Grund- und Primarstufe nicht aus.
Daher müssen Volkschule und Gymnasium diese Fähigkeiten in den musischen Fächern garantieren. In keinem Maturitätsprofil dürfen sich die Fächer „Zeichnen/ Bildnerisches Gestalten“ und „Musik“ gegenseitig ausschliessen.
Eine Beschränkung der Zulassung für die Ausbildung als Lehrkraft der Grund- und der Primarstufe würde eine Änderung der „Empfehlungen“ unter B,4 bedingen. Das bernische Lehrerbildungsgesetz beispielsweise lässt für diese Stufen nur Maturandinnen und Maturanden zu, wenn sie „überdies Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse in Musik sowie zeichnerisch-bildnerischem Gestalten und Werken“ nachweisen können.
An den Pädagogischen Hochschulen soll nach dem ersten Studienjahr eine Eignungsprüfung über die definitive Zulassung zum Studium als Lehrkraft der Grund- und Primarstufe entscheiden. Wenn die musikalischen Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann nach dieser pädagogischen Grundausbildung ohne Verlust eine andere, spezialisierte Stufe gewählt werden.
Diese Massnahmen wirken sich positiv auf die vorangehenden Schulstufen aus.
Die Ausbildung der Lehrkräfte im Fach Musik
Die Lehrkompetenz sicherzustellen ist für die Berufsbildungsinstitute möglich; sie können aber nicht gleichzeitig Fertigkeitslücken schliessen. Die Erfahrungen zeigen deutlich, dass Defizite im Bereich Musik, die in den ersten Schuljahren entstanden, nur ausnahmsweise, und dann mit grossem Aufwand, zu schliessen sind.
Selbstverständlich darf, wie das auch etwa im Falle von Deutsch oder Mathematik der Fall ist, ohne genügende Leistungen im Fach Musik ein integrales Lehrpatent für diese Stufen nicht abgegeben werden. Wenn jedoch nicht sichergestellt werden kann, dass alle Lehrkräfte der Grund- und Primarstufe für einen lehrplangerechten Unterricht im Fach Musik qualifiziert sind, muss in Kauf genommen werden, dass in vielen Volksschulklassen nicht mehr gesungen, geschweige denn ein guter Unterricht in Musik erteilt wird. Diese verhängnisvolle Entwicklung zeichnet sich heute bereits ab.
Damit wäre der Fortbestand des Faches Musik in Frage gestellt, und der Schaden an der Basis unserer musikalischen Kultur wäre enorm. Wenn wir auf die kulturellen, pädagogisch integrierenden und präventiven Qualitäten des Musikunterrichts in der Schule nicht verzichten wollen, drängen sich entschiedene Massnahmen auf.
Dringliche Massnahmen
Der Musikunterricht muss auf allen Stufen wirklich und kompetent erteilt werden. Es sind alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die geeignet sind, den gegenwärtigen Notstand zu entschärfen.
- Auf den ersten Blick scheint Spezialisierung und Aufteilung der Fächer innerhalb eines Schulhauses eine bestechende Lösung zu sein. Sie ist es aber nur dann, wenn das Fach Musik von einer hauptamtlichen Fachlehrkraft mit zusätzlicher Verankerung in mehreren Fächern erteilt wird, sonst besteht die Gefahr von Schiffbruch und Verheizung. Zudem zielt die moderne Pädagogik auf Ganzheitlichkeit und Vernetzung; eine Fächeraufteilung schon auf der Unterstufe steht dieser Tendenz diametral entgegen.
Für die Lehrerschaft der Grund- und Primarstufe sind im Falle von Defiziten in der musikalischen oder fachdidaktischen Kompetenz obligatorische Fortbildungskurse anzubieten.
Die Kompetenzen der Fachlehrkräfte auf der Sekundarstufe sind an den entsprechenden Diplomanforderungen der Hochschulen für Musik zu messen und zu überprüfen.
Die fachdidaktische Kompetenz der Lehrer-Ausbildner muss entscheidend verbessert werden, z.B. durch ein Nachdiplom-Studium.
6 Aufruf zum Dialog
Dieses Schreiben ist seiner Wichtigkeit und Dringlichkeit wegen allen Verbänden, die der KMS angehören (gesamthaft vertraten sie mehr als 240.000 Mitglieder) zur Vernehmlassung vorgelegt worden. Aus den eingegangenen Antworten ergibt sich der klare Auftrag, nun mit Nachdruck einen fundierten Dialog über die aufgeworfenen Fragen zu fordern, z.B. im Rahmen der EDK. Zu einer ersten Tagung – wenn immer möglich noch im laufenden Jahr – sind fachlich kompetente Vertreter der Erziehungsdirektionen und Delegierte der Verbände und des Musikrates einzuladen.
Der akuten Gefahr einer Marginalisierung der Musik in der Schule und damit einer kulturellen Verarmung unseres Landes kann so entgegengewirkt und gleichzeitig dem Art. 69, Absatz 2 der Bundesverfassung, der die Förderung „von Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung“ vorsieht, Rechnung getragen werden.
Wie die Reaktionen der Erziehungsdirektionen ausfielen, kann ich nicht beurteilen, weil ich dazu keinen Zugang mehr hatte. Immerhin liegt vor mir das Schreiben des bernischen Erziehungsdirektors, das durchaus positiv ist. Soviel ich weiss, wurde eine Delegation nach Bern in die EDK eingeladen; aber es hiess, man hätte ihnen einfach die EDK gezeigt. Substantielle Verhandlungen gab es offenbar auch später nicht. In den Berichten der KMS an den Delegiertenversammlungen des SMR hiess es etwa, Gespräche seien geplant.
5.8.6 Der letzte, vergebliche Anlauf endet im Mobbing
Am 28. Dezember 2002 wandte ich mich an Nationalrätin Hildegard Fässler als Fraktionschefin der SP mit der Bitte, die Motionen zu aktivieren und einen Vorstoss für ein Gesetz über Musikerziehung zu machen. Sie war grundsätzlich dazu bereit, aber Nationalrat Widmer wollte – als Spezialist für die Bildung – dazu konsultiert werden. Ich stand ihm während fast eines halben Tages in der Wandelhalle zur Verfügung. Schliesslich erklärte er, sich noch „erkundigen“ zu wollen. Frau Fässler teilte mir dann mit, die Auskünfte seien haarsträubend gewesen, und deshalb komme ein Engagement der SP nicht in Frage. Herr Widmer weigerte sich jedoch, die Quelle und die Art dieser Auskünfte preiszugeben, was mich tief verletzte und auf ihn und seine Einflüsterer ein bezeichnendes Licht wirft.
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