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Jeder Sportfan hat seine besonderen Vorlieben. Bei mir ist es der Pferdesport, den ich seit unzähligen Jahrzehnten an den Olympischen Spielen verfolge.
Reiten besitzt im Sport einen Alleinstellungsanspruch, der in Zeiten von geforderten Frauenquoten in Politik und Wirtschaft einzigartig positiv dasteht: Frauen und Herren bestreiten gemeinsam die gleichen Prüfungen.
Seit Helsinki 1952. Vorher war die Reiterei den Herren, vornehmlich Offizieren, vorbehalten.
An Olympia werden persönliche Märchen wahr. Viele Gewinner träumten in ihrer Jugendzeit von Medaillen und fieberten Idolen nach.
Dazu gehört auch die 29jährige Jessica Springsteen, die als Debütantin in einem hochklassigen wie schwierigen Final die Silbermedaille im Springreiten für die Mannschaft USA gewann.
Jessica ist die einzige Tochter des Weltstars Bruce Springsteen, der bislang 130 Millionen Tonträger verkaufte und nicht weniger als 20 Grammys gewann.
In der Musik das Pendant zu einem Oskar in der Filmwelt.
Bruce Springsteen ist seit 30 Jahren mit Patty Scialfa verheiratet. Sie war in den 1980ern Sängerin der E-Band von Springsteen. Und: Sie hat selber 3 Alben herausgegeben.
Wir wissen alle, dass das internationale Musikgeschäft nicht unbedingt ein gesundes Milieu für Kinder darstellt. Dazu kommt, dass Springsteen ein wahrhaftiger Rocker, eine amerikanische Ikone, ja bereits eine Legende ist.
Als das Ehepaar 3 Kinder hatte, wurde der goldrichtige Entschluss gefasst, aus dem kalifornischen Highlife aufs Land in New Jersey zu ziehen.
Dort kaufte Springsteen für seine Familie eine landwirtschaftliche Farm von fast 400 Acres. Der Lebensmittelpunkt der Familie liegt noch heute bei dieser Farm in Colts Neck.
Jessica lernte als Kind reiten auf einem Pony. Dann ging es Schritt für Schritt aufwärts, bis sie ihren Traum mit 29 Jahren realisieren konnte: das eigene Land an der Olympiade zu vertreten – und als wunderbare Zugabe sogar eine Medaille zu gewinnen.
Vater Springsteen hatte nie etwas mit Pferden am Hute, aber im Verlaufe der erfolgreichen Laufbahn seiner Tochter ist auch er Pferdeliebhaber geworden. Er begleitet teilweise sogar die Tochter bei Auslandseinsätzen.
So war Springsteen beispielsweise in Donaueschingen beim dortigen internationalen Pferdeturnier.
Das Verhalten der Eltern ist im Spitzensport ein Schlüssel zum Erfolg. Siehe beispielsweise die Eltern von Roger Federer. Ansporn und Zuspruch ja, aber kein Druck des Müssens und des baldigen Erfolges. Ratschläge gerne, aber keine Verpflichtung.
Auch keine Selbstverwirklichung auf Kosten des Kindes.
Bei Jessica wie auch bei Roger Federer hat man nie das Gefühl gehabt, die Kinder müssten den Ehrgeiz der Eltern befriedigen.
Als Jessica mit den Eltern telefonierte, waren offenbar diese vor Freude so übermannt gewesen, dass sie kaum in der Lage waren, sich zu artikulieren.
Sport ist eine Lebensschule. Beim Reiten kommt hinzu, dass man nicht alleine unterwegs ist, sondern mit einem Tier als Partner.
Das erfordert zusätzlich viel Feingefühl und Einfühlungsvermögen. Auch Verantwortung.
Dass die Frauen in Tokyo von 4 Goldmedaillen 2 gewannen, ist ein Indiz dafür, dass beim Reiten keine besondere Muskelkraft gefragt ist.
Eine erhöhte Sensibilität für den jeweiligen Charakter des Pferdes ist hingegen vonnöten. Die Dressur als Grundlage des Reitens ist schon lange eine Domäne der Frauen. So ist die Deutsche Isabelle Werth mit 12 Medaillen die erfolgreichste Reiterin der Geschichte.
Reiten ist nicht an ein Alter gebunden. In Rio de Janeiro war der Engländer Nick Skelton 59jährig bei Olympiasieg im Springreiten.
Die älteste Teilnehmerin in Tokyo war die Australierin Mary Hanna mit 66 Jahren in der Dressur. Sie vertritt Australien bereits zum 6.Male.
Reiten auf Olympianiveau ist eine Art Kunst. Als ich Reitstunden nahm, las ich in der Reithalle einen Spruch aus Dr. Faust Wolfgang von Göthe:
„Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nie erjagen”.
Damit ist der Kern des Reitens erfasst: Gefühl und nochmals Gefühl.
Das Werk „über die Reitkunst“ von Xenophon wurde 370 vor Christus verfasst. Die darin enthaltenen ethischen Grundlinien sind bis heute gültig.
Das Springen mit den Pferden entwickelte sich in England, als durch Regierungsbeschluss (Enclosures Acts) die Grundstücke mit Zäunen versehen und Pferde gesucht wurden, die darüber springen konnten.
Vorher galoppiertem die Jäger auf der Jagd nach Füchsen auf freien Feldern.
Das 1. Reiturnier fand Mitte des 19.Jahrhunderts in Dublin statt. Der Erfinder des heute angewandten Springstiles war der italienische Reitmeister Federico Caprilli 1904.
Der leichte Sitz in „Vorwärts-Position“ ist das Gegenteil von dem, was vorher praktiziert wurde.
Man zog an den Zügeln und streckte die Beine nach vorne. Beim Sprung plumpste man damit dem Pferd in den Rücken.
In der Schweiz war wie in allen anderen Ländern das Reiten im 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg in den Händen des Militärs. Eine Freizeitreiterei wie heute gab es keine.
1972 beschloss das Parlament in Bern trotz einer mit 432’430 Unterschriften versehenen Petition die Abschaffung der Kavallerie. Die Schweiz war damals das letzte Land mit berittenen Kampftruppen.
In Bern gab es die berühmte Eidgenössische Pferdeanstalt, wo jährlich 600 Pferde für den Dienst zugeritten wurden. Der Olympiasieger in Tokyo 1964 in der Dressur Henri Chammartin war dort Bereiter.
In der Kavallerie hatte jeder Soldat, Dragoner genannt, ein im Militär erworbenes Pferd. Diese Pferde wurden als Eidgenossen bezeichnet.
Selbst habe ich die Kavallerie-RS im Jahre 1965 in Aarau absolviert. Als Exot. Von 100 Rekruten stammten rund 96 aus dem bäuerlichen Milieu.
Der seinerzeitige Pferdesport wurde in Kavallerievereinen ausgeübt. Sie veranstalteten auch die Reiturniere. Dann kam der grosse Umschwung zur privaten Freitzeitreiterei.
Es ist eine eigentliche Industrie geworden, die in Europa Milliarden umsetzt.
Deutschland ist vorne. Die Vereinigung der Deutschen Reiterei ist mit 700’000 Mitgliedern der fünftgrösste Sportverband des Landes.
Die Pferdemesse Equitana in Essen ist ein Mekka für Pferdefreunde. Bei den Mädchen ist das Reiten ungemein beliebt.
Die Schweiz erlebte in Tokyo in der Vielseitigkeitsprüfung einen traurigen Misstritt des Pferdes „Jet Set“ unter dem jungen Reiter Robin Godel.
Fehlerfrei unterwegs im Gelände, lahmte das Pferd plötzlich und riss sich Bänder beim Hufe. Das Tier musste eingeschläfert werden.
In der Schweiz gab es heftige Stimmen in Sachen Tierquälerei. Völlig falsch. Eine Quälerei wäre gewesen, das Pferd retten zu wollen.
Die Anatomie des Beines eines Pferdes ist anders wie beim Menschen. Es hat eine Stützfunktion. Ein Pferd kann im Stehen schlafen.
Für die Heilung eines Bänderrisses beim Pferde bräuchte es eine monatelange Ruhigstellung. Was unmöglich bei einem über 500 Kilo schweren Tier ist, dem man auch nicht zuflüstern kann, bitte ruhigzubleiben.
Es gibt auch keinen Rollstuhl für Pferde. Der schweizerische Tierarzt tat mit Einwilligung des Besitzers und des Reiters das einzig Richtige.
Von Quälerei in diesem Fall zu sprechen ist völlig abwegig.
Bei den Deutschen ist im Modernen Fünfkampf die Trainerin von Annika Schleu, Kim Kaisner, suspendiert worden, weil sie der Reiterin „Hau drauf“ zurief, als sich das Pferd weigerte zu springen.
Beim Reiten nehmen viele Reiter eine Pferdegerte mit. Sie dient in gewissen Fällen dazu, das Pferd anzutreiben.
Genau das tat die Reiterin auf Geheiss ihrer Trainerin. Eine Gerte tatsächlich zu benutzen, ist legitim und auch kein Grund für eine vorschnelle Empörung aus unberufenem Munde.
Empörend ist höchstens, dass das Olympische Komitee nicht in der Lage ist, den Modernen Fünfkampf für Frauen entweder abzuschaffen oder zu modifizieren, indem man das Reiten mit einer anderen Sportart ersetzt.
Das System ist falsch. Der Moderne Fünfkampf, der von Pierre von Coubertin 1912 eingeführt wurde, ist mit Schwimmen, Fechten, Schiessen, Reiten und Geländelauf ein eigentlicher Anachronismus.
Die Sportler bekommen die Pferde zugelost und kennen sie nicht. Dann sind sie keine Berufsreiter, sondern in Sachen Reiten Amateure. Es handelt sich um eine absolute Überforderung.
Für einen erfolgreichen Pferdesport braucht es eine langjährige Beziehung zu einem Pferd. Anders gehts nicht, weil das Reiten zu schwierig ist.
Bei der Olympiade gibt es beim Reiten keine Tierquälerei. Die Vorschriften sind rigide. Auch diejenigen an die Fitness der Pferde. Dazu kommen laufend Dopingproben bei den Pferden.
Dass es Tierquälerei im Pferdesport gibt, kann nicht bestritten werden. Missbrauch gibt es in allen Bereichen des täglichen Lebens.
Jeder Reiter ist aufgerufen, dem Pferd mit Anstand, mit Zuneigung und mit Geduld zu begegnen. Mit den Pferden zeigt sich der wahre Charakter des Reiters.
Wünschen wir den schweizerischen Reitern 2024 in Paris eine überzeugendere Vorstellung als in Tokyo. Diese begingen viele bislang nicht gesehene Fehler.
Olympische Spiele sind ein Stresstest. Die hochgelobten Herren Fuchs wie Guerdat wurden ihrer Favoritenrolle in keiner Weise gerecht.
Es kann nur besser werden. Das Olympiadiplom auf Platz 5 ist bei der gezeigten Leistung ein Hohn.
Die Klassierung kam nur deshalb zustande, weil die Pferdenationen Frankreich und Deutschland von rabenschwarzem Pech verfolgt waren.
Schliesslich ist zu hoffen, dass Jessica Springsteen es schafft, die USA erneut in Paris zu vertreten.
Sie ist in der Reiterei als Persönlichkeit ein Gewinn. Ihre Freude und ihr strahlendes Julia Roberts-Lachen sind eine Wonne. Der Boss kann stolz auf seine Tochter sein.