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«The Congress» und die schöne neue digitale Welt
- Donnerstag, 12. September 2013, 17:27 Uhr
Schauspielerin Robin Wright verkauft das digitale Abbild ihres Körpers an eine Filmproduktion. Und darf nun 20 Jahre lang in keinem anderen Film mehr mitspielen. Ein Film über den Ausverkauf der eigenen Identität. Ein originelles Konzept, ein verwirrender Film.
Vor fünf Jahren hat Ari Folman einen Film mit sehr originellem Konzept gedreht: «Waltz with Bashir» ist ein Dokumentarfilm im Zeichentrickgewand. Die Geschichte: Folman besucht alte Kriegsgefährten und fügt aus den Puzzleteilen der individuellen Erinnerungen die Geschichte des Massakers von Sabra und Schatila zusammen. Dank der Animation kann Folman das Erzählte visualisieren, auch die Albträume der Beteiligten.
Jetzt kommt der neue Film des israelischen Regisseurs in die Kinos, «The Congress», eine Adaption des Romans «Der futurologische Kongress» von Stanislaw Lem.
Die pharmazeutische Revolution
Auch diesmal ist das Konzept interessant, zum einen aufgrund der Machart – reale und animierte Bilder wechseln sich ab – zum anderen wegen der These, dass nach der digitalen, die pharmazeutische Revolution kommt.
In den ersten Einstellungen des Films wird, ganz klassisch und sehr gekonnt, das Leben der Hauptfigur Robin Wright, gespielt von ihr selbst, exponiert. Wir erfahren, dass die 45-jährige Schauspielerin, berühmt geworden mit «The Princess Bride», ihre Karriere durch schlechte Entscheidungen ruiniert hat und wegen ihres Alters bald gar keine Rolle mehr finden wird.
Isoliert lebt die Schauspielerin Robin mit ihren zwei Kindern in einem Hangar in unmittelbarer Nähe eines Flughafens. Ihr Agent bietet ihr einen Vertrag an, den letzten. Robin soll auf ihr Abbild und ihre Mimik verzichten und sich einscannen lassen, um als nichtalternder Avatar 20 Jahre lang für jede beliebige Filmproduktion eines Hollywood-Majors zur Verfügung zu stehen. Wider Willen und um Zeit für die Pflege ihres kranken Sohns zu haben, akzeptiert Robin.
Zwanzig Jahre später wird Robin als Ehrengast zum namensgebenden Kongress eingeladen. Robin muss Psychopharmaka einnehmen, die sie in eine Trickfilmfigur in einer Trickfilmwelt verwandelt. Nicht alles was «The Congress» thematisiert, ist Zukunftsgesang.
Gesichtszüge aus dem Computer
Das Digitalisieren menschlicher Gesichter sowie deren Mimik ist längst ein wichtiger Bestandteil moderner Filmproduktionen geworden. Filme wie «Benjamin Button» haben gezeigt, wie weit die Digitalisierung bereits geht.
Ganz krass: Audrey Hepburn, gestorben 1993, wurde 2013 für eine Schokoladenwerbung wieder zum Leben erweckt – mit Hilfe einer Doppelgängerin, deren Gesichtszüge und Mimik am Computer angepasst wurden.
In Zürich wird schon seit Jahren mit einem vom Disney Research Zentrum entwickelten 3D-Scanner experimentiert, der das Modellieren von Gesichtern einfach und kostengünstig machen soll.
Dass Nutzungsrechte einer Person Dritten zur Verfügung gestellt werden, ist juristischer Alltag. «Schon das Dschungelcamp greift im Prinzip massiv in die Persönlichkeitsrechte ein», sagt Dirk Dünnwald von der Kanzlei Prinz aus Hamburg. «Denn die Protagonisten müssen sich bereit erklären, auch im Schlaf gefilmt zu werden. Das ist dann alles vertraglich geregelt».
Keine Antworten auf viele Fragen
«The Congress» stellt also die richtigen Fragen: Zur technischen Entwicklung, zu den Persönlichkeitsrechten, zum Altern und den unausweichlichen Prüfungen des Lebens, zur Globalisierung, zu den Möglichkeiten mit Psychopharmaka der Realität zu entfliehen, zur Frage wie man eine wachsende Weltbevölkerung bei Laune hält und der Rolle, die dabei dem Kino, genauer der Unterhaltungsbranche zukommt.
Leider – und nicht wirklich überraschend – findet der Film keine Antwort auf die vielen Fragen. Er verliert sich in der Kritik an unserer heutigen Gesellschaft, philosophiert, um nicht zu sagen deliriert, über die Zukunft, nervt mit einer grundpessimistischen Weltanschauung.
Erstaunlicherweise ist «The Congress» dabei weitgehend konfliktfrei, verzichtet auf wirkliche Plot Points und ist deshalb ohne Rhythmus. Manche Sequenzen sind einfach nur chaotische Bildfolgen. Die Komplexität der langen und hoch spekulativen Reise in die Zukunft lässt den Film in seiner depressiven Grundstimmung, je länger er dauert, zum Horrortrip werden.
Ein psychedelischer Trip
Hinzu kommen Filmzitate, Hommagen an unzählige Künstler, an den Filmemacher Stanley Kubrick gleich zweimal, einmal musikalisch mit Schuberts Es-Dur-Klaviertrio (Barry Lyndon) und einmal mit Robin Wright als Major «King» Kong auf der Bombe (Dr. Strangelove), kurzum: Der Film ist total überladen und erstickt an seinen hoch gesteckten Ansprüchen.
Dennoch können einen die animierten Bilder zeitweise verzaubern. Gerade in den ersten Minuten, wenn man gemeinsam mit der Hauptfigur in das gezeichnete Universum eindringt, empfindet man kindliche Freude am psychedelischen Trip.
Die stärksten Szenen des Films allerdings sind die mit Robin Wright, ganz real, an der Seite von Harvey Keitel, der ihren Agenten spielt. Wenn Keitel ihr während des 3D-Ganzkörperscans erzählt, wie er Agent wurde und sich in Robin Wrights Gesicht jede Gefühlsregung wie in einem Buch ablesen lässt, dann ist das grosse Schauspielkunst und vermutlich der Höhepunkt eines insgesamt missglückten Films. Weniger wäre sicherlich mehr gewesen.