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Aktualisiert: 2. Nov.
Alles, was lebt, hat Bedürfnisse: Meine Tomatenpflanze richtet sich nach der Sonne aus, aus dem Bedürfnis heraus, zu wachsen. Ein Raubvogel jagd seine Beute, um sein Bedürfnis nach Nahrung zu erfüllen. Ein Mensch steht morgens auf und fährt mit dem Rad zur Arbeit, weil z.B. sein Bedürfnis nach Sicherheit, Wirksamkeit oder Nachhaltigkeit ihn dazu antreibt. Bedürfnisse werden weder willentlich gesteuert, noch ist es möglich, sie dauerhaft ohne negative Konsequenzen zu unterdrücken. Entsprechend gehören sie zu den mächtigsten Motivationsquellen. Das Erkennen und Ausdrücken von nicht erfüllten Bedürfnissen ist eine Voraussetzung dafür, dass sie erfüllt werden können.
Wem das Wort "Bedürfnis" zu bedürftig vorkommt, empfehle ich Ausdrücke wie: "was mir wichtig ist", "worum es mir geht" o.ä.
Die Gewaltfreie Kommunikation geht davon aus, dass alles, was ein Mensch tut, der Versuch (Strategie) ist, sich ein Bedürfnis zu erfüllen. Entsprechend wird der Fokus stets auf die Bedürfnisse gelenkt. Es interessiert mich zu jedem gegebenen Zeitpunkt, was für ein Bedürfnis bei mir oder bei meinem Gegenüber erfüllt wird oder zu kurz kommt durch eine bestimmte Handlung. Es geht weniger darum, was "richtig", "falsch", "gut", "schlecht" oder "böse" ist. In meiner Erfahrung ist dieser Perspektivenwechsel eine grosse Sache und braucht Zeit.
Bedürfnis oder Strategie?
Die Unterscheidung von Bedürfnis und Strategie ist ein Kernelement, wenn es darum geht, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig auch jene des Umfelds zu berücksichtigen. In der Haltung der Gewaltfreien Kommunikation entstehen Konflikte nämlich immer auf der Ebene der Strategien und nie auf jener der Bedürfnisse:
Konkret bedeutet dies, dass ich zum Beispiel mit meinem Bedürfnis nach Erholung und mein Gegenüber mit seinem Bedürfnis nach Bewegung keinen Konflikt haben. Der Konflikt entsteht, wenn ich mein Bedürfnis durch die Strategie "Jetzt mit dir eine halbe Stunde Schweigemeditation machen" erfüllen will und mein Gegenüber mit "Jetzt mit dir joggen gehen". Ebenso könnten wir in einen Konflikt geraten, wenn wir beide das selbe Bedürfnis und unterschiedliche Strategien hätten.
Die gute Nachricht
Ein Bedürfnis kann durch (meistens) unendlich viele verschiedenen Strategien erfüllt werden. Wenn mir diese Unterscheidung also einmal bewusst ist und auch die Tatsache, dass meine Lieblingsstrategie nicht die einzig mögliche ist, kann es losgehen mit der Suche nach einer für alle passenden Strategie. Das obige Beispiel könnte z.B. so gelöst werden, dass wir gemeinsam eine halbe Stunde schweigend spazieren gehen. Die Lösungsfindung mag nicht immer so einfach sein. Gleichzeitig erlebe ich fast täglich, wie Menschen ihre individuellen Lösungen erarbeiten können, und sogar Spass dabei haben, wenn einmal klar ist, welche Bedürfnisse hinter ihren Problemen stehen.
Ein neuer Wortschatz?
Einen Fundus an Bedürfniswörtern haben Sie bestimmt schon. Meistens geht es darum, sich diese Worte bewusst zu machen und sie von den Strategien zu trennen. Gerade wenn man sich nicht einig ist, oder wenn ein schwieriges Thema angesprochen wird, können Menschen Bedürfniswörter besser hören als Strategien, weil sich hinter den Strategien oft Forderungen, Vorwürfe oder sonstige Kritik versteckt.
Hier also eine kleine Auswahl an Bedürfniswörtern:
Nahrung
Atmen
Bewegung
Orientierung
Sicherheit
Transparenz
Autonomie
Verständnis
Klarheit
Vertraulichkeit
Ruhe
Erholung
Unterstützung
Spiel
Spass
Feiern
Leichtigkeit
Fairness
Wertschätzung
gesehen werden
Ordnung
Struktur
Ehrlichkeit
Entwicklung
Wachstum
Effizienz
Gegenseitigkeit
ernst genommen werden
Zeit sinnvoll nutzen
Sinn
Echtheit
Mitgestalten
Kreativität
Zum sofort Üben
Was können Sie mit diesen Informationen konkret anfangen? Ich schlage Ihnen zwei Wege vor:
Die eigenen Bedürfnisse erkunden
Achten Sie in den kommenden Tagen darauf, welche Bedürfnisse bei Ihnen gerade lebendig sind. Welche sind erfüllt, welche nicht? Dazu eignet sich diese Übung sehr gut.
Bedürfnisse des Umfelds erkunden
Egal, was jemand gerade tut oder sagt: Er oder sie will sich mit der gewählten Strategie ein Bedürfnis erfüllen. Fragen Sie sich beim nächsten Pausengespräch im Büro, beim Entspannen mit Familie oder Freunden nach Feierabend, beim Diskutieren mit den Kindern, beim Meeting mit dem Kunden, ..., für welches Bedürfnis sich Ihr Gegenüber wohl gerade einsetzt, wenn es sagt, was es sagt oder tut, was es tut.
Haben Sie Fragen oder Gedanken zu meinem Blog-Post? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.
Fotos: Tomate: wix.com / Schlüsselunterscheidung: Nadia Biondin Jörg / Zitat: Uzunov Rostislav via pexels.com