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In der Romandie galt die gebürtige Genferin Alice Bailly bereits zu Lebzeiten als die modernste Malerin der Schweiz. Gerade weil der traditionelle Kunstbetrieb vorwiegend von Männern beherrscht worden ist, stellt ihr Werdegang tatsächlich eine Besonderheit dar. Anders als der um eine Generation ältere Ferdinand Hodler (1853-1918), der Genf zu seinem Wirkungsort wählte, zog es Alice Bailly mit 32 Jahren nach Paris. Durch ihren mehrjährigen Aufenthalt in der damals bedeutendsten Kunstmetropole kam sie in unmittelbaren Kontakt mit den aktuellen Kunstströmungen, die als Kubismus, Orphismus und Futurismus in die Kunstgeschichte eingegangen sind. Der freundschaftliche Austausch mit den Vertretern jener Tendenzen inspirierte auch Baillys eigenes Schaffen und war wegweisend für ihr gesamtes Werk.
Dies zeigt sich auch im Gemälde Marché, das 1929 in Alice Baillys Wahlheimat Lausanne entstanden ist. Obwohl das Thema eine alltägliche Situation schildert und das Kleinformat den genrehaften Charakter noch unterstreicht, erinnert wenig an eine wirklichkeitsgetreue Darstellung. Durch die abstrahierende, dem Kubismus verwandte Bildsprache erscheint der Gegenstand in viele kristalline Form- und Farbpartikel aufgelöst. Das lebhafte Markttreiben vor den Toren einer kleinstädtischen Kulisse lockert die Komposition zwar etwas auf, doch verleihen die vorliegend erdigen Farbzonen dem Bild eine gewisse Statik und Schwere. Die eingeschränkte Farbpalette der späten Jahre sowie eine zunehmende formale Stilisierung mögen Ausdruck der Befindlichkeit der Künstlerin sein. Als Alice Bailly bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges in die Schweiz zurückkehrte, musste ihr der Rückzug in die "Provinz" sicherlich schwer gefallen sein, zumal die gefeierte Modernistin nun mit einem wenig aufgeschlossenen Kunstpublikum konfrontiert wurde. Das Bild Marche erscheint wie eine resignierende Antwort der Künstlerin auf futuristische Städtebilder ausländischer Metropolen, welche die Vision des technischen Fortschritts und grossbürgerlicher Freiheit demonstrieren. Es sind Baillys eigene, als beengend empfundenen Verhältnisse in der Schweiz, welche letztlich die Atmosphäre des Bildes bestimmen.
Zeitliche und kunstgeografische Verwandtschaft weist das Gemälde mit Werken von Rodolphe-Theophile Bosshard, Gustave Buchet und René Auberjonois auf, die ebenfalls in der Mobiliar-Sammlung vertreten sind.
(Quelle: Katalog ‚Innovation und Tradition‘, Bern 2001)
Alice Bailly wurde 1872 in Genf (CHE) geboren; sie starb 1938 in Lausanne (CHE).
Tätigkeitsbereiche: Malerei, Zeichnung