Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03320.jsonl.gz/1655

Lautete der Titel des Monatsberichts November noch «Frau Holle macht Urlaub», so könnte man diesmal sagen «Frau Holle kam in Höchstform aus den Ferien zurück». Zunächst brachte sie viel Schnee im Süden, teils mit Neuschneerekorden im Oberengadin. Später fiel auch Schnee im Norden und Westen. Es war winterlich kalt und Schnee fiel bis in tiefe Lagen. Der Neuschnee wurde an schattigen Hängen oberhalb der Waldgrenze oftmals auf eine dünne, aber schwache November-Schneedecke abgelagert. Zahlreiche Lawinenabgänge, zunächst spontan, später ausgelöst durch Personen, waren die Folge. In den ersten beiden Dezember-Wochen ereigneten sich 15 Lawinenunfälle, vier Personen verloren dabei tragischer Weise ihr Leben.
Nach dem schönen und milden November meldete sich der Winter zunächst zaghaft an: am 1. Dezember fiel mit teils starkem West- bis Nordwestwind verbreitet etwas Schnee, am meisten am Alpennordhang und in den Grenzgebieten zu Frankreich. Hier gab es gebietsweise 20 cm Neuschnee. Die Schneefallgrenze lag in tiefen Lagen.
Nach zwei wettermässig ruhigen Tagen setzte im Laufe des 3. Dezembers eine mehrtägige Südstaulage ein. Diese brachte am Alpenhauptkamm vom Simplon bis in die Bernina und südlich davon, sowie im Oberengadin intensiven Schneefall. Mit der kräftigen südlichen Höhenströmung griffen die Niederschläge auch weit nach Norden über, so dass es auch dort gebietsweise grosse Neuschneemengen gab (Abbildung 1). Gesamthaft fielen in den vier Tagen vom 4. bis 7. Dezember oberhalb von 1000 m folgende Neuschneemengen (Abbildung 2):
Mit dem Einsetzen der intensiven Niederschläge begann am Donnerstag, 3.12. die tägliche Ausgabe des Lawinenbulletins.
Bereits in der Prognose für Samstag, 5.12. wurde auf Grund der anhaltend intensiven Schneefälle im Süden und im Oberengadin gebietsweise Stufe 4, «gross» vorhergesagt. In den beiden folgenden Tagen wurden die Gebiete mit Stufe 4 noch etwas ausgeweitet. Obwohl während der intensiven Schneefälle nur sehr wenige Lawinen gemeldet wurden, bestätigten Beobachtungen im Nachhinein, dass sich in den niederschlagsreichen Gebieten an sehr steilen Nordhängen oberhalb von 2400 m zahlreiche mittlere und grosse, vereinzelt auch sehr grosse Lawinen spontan gelöst hatten (Abbildungen 3 und 4). Da diese kaum in Tallagen vorstiessen, erschien es bei den eingeschränkten Sichtverhältnissen während der Schneefälle zunächst, als ob es kaum spontane Lawinenabgänge gegeben hatte.
Die Starkschneefälle in dieser Berichtsperiode sind ein gutes Beispiel, um aufzuzeigen, dass die gleiche Menge Neuschnee je nach Region grosse Unterschiede betreffend ihrer Auftretenswahrscheinlichkeit hat. Um einigermassen fundierte statistische Aussagen über die sogenannte Jährlichkeit eines Ereignisses (das ist die statistische Wiederkehrdauer, mit der sich ein solches Ereignis wiederholt) machen zu können, betrachten wir im Nachfolgenden nur Stationen mit einer Messreihe von mindestens 40 Jahren. Dabei ist die Analyse der 3-Tages-Neuschneesummen (HN3) von Samstagmorgen, 5.12. bis Montagmorgen, 7.12. am interessantesten, da in diesem Zeitraum die Niederschläge die grösste Intensität hatten und auch flächig am verbreitetsten waren.
Mit über 160 cm wurden die grössten HN3-Werte in Maloja (GR) und Robiei (TI) gemessen (Tab. 1). Dagegen wurden die grössten Jährlichkeiten, mit einer Wiederkehrdauer von rund 100 Jahren, an den beiden Oberengadiner Stationen St. Moritz (GR) und Samedan (GR), sowie in Sta. Maria im Münstertal (GR) berechnet. An diesen drei Stationen betrug die 3-Tages-Neuschneesumme zwar ‘nur’ zwischen 99 und 124 cm. Allerdings ist dies mehr als doppelt so viel, wie die normalerweise in einem Winter zu erwartende, grösste 3-Tages-Neuschneesumme (siehe HN3max_med-Wert in Tab. 1). Diese drei Stationen sind typische Beispiele von inneralpinen Standorten mit normalerweise relativ wenig Niederschlag. Die zweitgrössten Jährlichkeiten (15-40 Jahre) wurden in den angrenzenden südlich beeinflussten Stationen (Maloja, Splügen, Disentis, alle GR) und an den Stationen in den typischen Staulagen des Alpensüdhangs (Airolo/TI, San Bernardino/GR) erreicht. Die weiter nördlich angrenzenden Gebiete, wie das übrige Graubünden, die Urner Alpen oder das Goms, verzeichneten ebenfalls HN3-Werte von rund 100 cm. Allerdings entspricht dies in diesen, vergleichsweise niederschlagsreichen Gebieten höchstens einer Jährlichkeit von 10 Jahren.
Im Oberengadin dauerte das Niederschlagsereignis ganze sieben Tage vom 4. bis 10. Dezember. In dieser Zeit wurde z.B. in Maloja eine 7-Tages-Neuschneesumme von 220 cm und in St. Moritz von 144 cm gemessen (Abb. 2), was einer Jährlichkeit von rund 40 Jahren entspricht.
Tabelle 1: Auswahl von Messstationen mit grosser 3-Tages Neuschneesumme (HN3) während der Niederschlagsperiode vom 5.-7.12. 2020. Die einzelnen Spalten zeigen zusätzlich den Rang und die Jährlichkeit des Ereignisses (T (Jahre)). Die letzten zwei Spalten zeigen den Median aller maximalen 3-Tages Neuschneesummen pro Jahr (HN3max_med) und die Anzahl der Messjahre (n).
Station
Meereshöhe
HN3
Rang
T (Jahre)
HN3max_med
n (Jahre)
Maloja, GR
1810 m
161 cm
3
30
86 cm
69
Robiei, TI
1890 m
160 cm
18
5
135 cm
51
San Bernardino, GR
1640 m
143 cm
5
15
89 cm
68
Splügen, GR
1457 m
135 cm
2
40
61 cm
71
Airolo, GR
1139 m
134 cm
2
15
73 cm
92
St. Moritz, GR
1850 m
124 cm
1
100
58 cm
67
Sils Maria, GR
1802 m
123 cm
5
30
63 cm
158
Oberwald, VS
1370 m
121 cm
15
4
97 cm
56
Disentis, GR
1190 m
113 cm
5
15
64 cm
70
Samedan, GR
1750 m
112 cm
1
100
47 cm
77
Sta. Maria, GR
1387 m
99 cm
2
100
42 cm
69
Während es nördlich des Alpenhauptkammes teils sonnig, teils bewölkt war und nur noch wenig Schnee fiel, schneite es auf der Alpensüdseite und im Engadin bis zum 10. Dezember weiter. Zwar war dort die Schneefallintensität wesentlich geringer als in den Tagen davor, trotzdem kamen in einigen Gebieten – wie dem Oberengadin oder dem Tessin - nochmals bis zu 40 cm Schnee dazu (vergleiche Abbildungen 2a und 2b).
Auf Grund der starken Schneefälle war die Schneehöhe am zentralen und östlichen Alpennordhang, in Graubünden sowie am Alpensüdhang verbreitet stark überdurchschnittlich mächtig (siehe auch Abbildung 5).
Mit dem Nachlassen der Schneefälle nahm die Lawinengefahr ab, allerdings vielerorts nur langsam. Lawinenauslösungen durch Personen wurden besonders an sehr steilen, schattigen Hängen oberhalb von 2000 m gemeldet. Diese Lawinen brachen oft am Übergang vom Dezemberschnee zu der Schneeoberfläche von Ende November an (siehe auch Abschnitt zum Schneedeckenaufbau weiter unten). Zudem lösten sich an Grashängen vielerorts kleine, teils mittelgrosse Gleitschneelawinen (Abbildungen 6 und 7).
Am Freitag, 11.12. setzte von Westen her Schneefall ein. Dieser brachte bis Sonntag, 13.12. oberhalb von 1400 m im nördlichen Unterwallis, den Waadtländer und Freiburger Alpen 30 bis 50 cm, im Chablais und im Trient Gebiet 60 cm Schnee (Abbildung 8). Auch im westlichsten Jura gab es mit starkem Wind rund 30 cm Schnee. In Graubünden und am Alpensüdhang fielen nur wenige Zentimeter Neuschnee. Mit mässigem Westwind entstanden besonders in den neuschneereichen Gebieten leicht auslösbare Triebschneeansammlungen. Vereinzelt lösten sich Lawinen spontan.
Es war markant milder. Die Nullgradgrenze kletterte gegen 3000 m. Am Montag, 14.12. war es meist sonnig, am Dienstag, 15.12. fiel im Westen Niederschlag. Besonders im Jura und am westlichen Alpennordhang regnete es bis in mittlere Lagen.
Die Lawinensituation war im Westen geprägt vom Neuschnee der vergangenen Tage, in den übrigen Gebieten musste dem Altschneeproblem an Schattenhängen oberhalb der Waldgrenze Beachtung geschenkt werden. Mit der Erwärmung und dem Regen lösten sich in mittleren Lagen weitere Gleitschneelawinen.
Die Kombination aus Schneefällen im Oktober, gefolgt von der mehrwöchigen Schönwetterperiode, in welcher sich die dünne Schneedecke an Schattenhängen aufbauend umwandelte, und den Schneefällen in dieser Wochenberichtsperiode, war das Rezept für das erste markante Altschneeproblem des Winters (Abbildungen 9 und 10). Zahlreiche Lawinenauslösungen – zunächst spontan, später durch Personen - zeugten davon (Video 1, Bildgalerie). Diese Gefahrenstellen fanden sich in allen Gebieten der Schweizer Alpen. Sie lagen aber vor allem nordseitig oberhalb von etwa 1800 bis 2400 m.
Wie wurde der ungünstige Schneedeckenaufbau im Bulletin kommuniziert?
Zunächst stand meist der Neuschnee im Vordergrund, und wurde als Lawinenproblem kommuniziert. Hinweise zur ungünstigen Altschneedecke fanden sich in der Gefahrenbeschreibung wie bspw. in der Prognose vom 3.12.: « …werden an Schattenhängen in hohen Lagen auf eine schwache Altschneedecke abgelagert. » Mit der Stabilisierung der Neu- und Triebschneeschichten verschob sich der Fokus zunehmend hin zum Altschneeproblem. Von nun an wurde es als Problem Altschnee kommuniziert.
Zwischen dem 5. und 15.12. ereigneten sich 15 Lawinenunfälle. Gesamthaft wurden 21 Personen von Lawinen erfasst, 4 Personen verstarben.
Eine Übersicht über die Unfälle des aktuellen Winters findet sich hier.
Ab dem Winter 2020/21 postet die Lawinenwarnung des SLF kurze News und illustrative Bilder zur aktuellen Lawinensituation auf Social Media.
Diese Kanäle ersetzen nicht das Lawinenbulletin! Um die jeweils aktuellste Lawinenprognose zu erhalten, sollte das Lawinenbulletin auch weiterhin auf www.slf.ch oder der SLF-App WhiteRisk konsultiert werden.
Der nächste Wochenbericht erscheint am Mittwoch, 23.12. um 17 Uhr.
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.