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Mit der Aussicht auf den Y2K-induzierten Kollaps der Zivilisation, einem Rekordfeuerwerk in nahezu jeder Metropole dieser Welt und einem Konzert von Jean-Michel Jarre zwischen den Pyramiden von Gizeh bot das Ende des 20. Jahrhunderts exzellente Aussicht auf einen hochkarätigen Fernsehabend. Wer die letzte Jahrtausendwende vor dem heimischen Kathodenstrahlröhrenbildschirm verbracht hat weiß allerdings, dass die imposanten Inszenierungen, die dieses bedeutende Ereignis begleiteten, auf keinen Fall für den Bildschirm konzipiert wurden. Als große Ausnahme ist in diesem Zusammenhang die TV-Übertragung anlässlich des Auftakts des Jubeljahres 2000 vom 24. Dezember 1999 aus dem Vatikan zu bezeichnen. Zweifelsohne die wirkmächtigste Inszenierung einer Zeitenwende des Jahres – zumindest aus Sicht des Zuschauers vor dem Fernsehgerät.
In Schweigen und ein schillerndes Pluvial gehüllt durchquert Johannes Paul II. auf vier Schultern gestützt das Atrium des Petersdoms. Dann am Fuss der Stufen, die zum nördlichsten Portal empor führen, hält er inne – die Porta sancta. Das Öffnen dieses stets verschlossenen, zugemauerten und versiegelten Zugangs zur Basilika markiert seit über fünf Jahrhunderten den Beginn des annum sanctum, des heiligen, gnadenbringenden Jahres.
1299 verkündet Bonifatius VIII. in der Bulle Antiquorum habet fida relatio, dass beginnend mit der bevorstehenden Jahrhundertwende alle 100 Jahre ein sogenanntes Heiliges Jahr zelebriert werden soll. Während dieses Jahres der Demut und der inneren Umkehr soll einem jeden Pilger, der sich nach Rom begibt, um an der Eucharistiefeier im Petersdom teilzuhaben, Ablass für all seine Sünden gewährt werden. Die Idee stellte sich umgehend als durchschlagender Erfolg heraus. Schenkt man den Aufzeichnungen des florentinischen Geschichtsschreibers Giovanni Villani Vertrauen, sollen sich während dieses Jahres mehr als 200.000 Pilger zwecks innerer Erneuerung nach Rom begeben haben. Es vermag aus diesem Grund kaum zu überraschen, dass der Rhythmus von 100 Jahren noch vor der nächsten Jahrhundertwende mehrfach reduziert wurde: 1343 halbierte Clemens VI. die Dauer und glich den Brauch damit dem alttestamentlichen Jubeljahr an. Urban VI. reduzierte das Intervall 1389 auf 33 Jahre und Paul II. setzte es im Jahr 1470 schliesslich auf jene 25 Jahre fest, die auch heute – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – den Rhythmus des annum sanctum diktieren.
Als Urszene in Bezug auf das rituelle Öffnen von Türen im Rahmen eines annum sanctum lässt sich das heilige Jahr 1423 identifizieren, zu dessen feierlichem Einläuten Martin V. die Porta sancta der Lateranbasilika in Rom öffnen liess. Bereits 1500 war das Öffnen aller vier heiligen Türen in Rom zum festen Bestandteil des heiligen Jahres erwachsen. Der entsprechende Ablauf für die Porta sancta des Petersdoms ist in Aufzeichnungen des 16. Jahrhundert überliefert – er hat sich in den letzten 500 Jahren kaum verändert. Auf die Oratio Deus qui per Moysen folgend, schlägt der Papst mit einem in Gold und Silber gefassten Hammer dreimal gegen das versiegelte Mauerwerk, worauf dieses herausgebrochen und so der heilbringende Weg in die Basilika für die Pilger freigegeben wird. In Anlehnung an die Stellen des Johannes- und des Lukasevangeliums (Johannes 10,9; Lukas 11,9) wird die Tür als Symbol für Christus zu jenem zentralen Medium, an dem sich der Akt der conversio vollzieht. Das Öffnen der Tür gibt den Weg zurück zu Gott frei.
Diese Botschaft wird auch dem Betrachter des von Vico Consorti – dem maestro degli usci – entworfenen Bildprogramms vermittelt, das die massiven bronzenen Türflügel ziert, mit denen das 3.65m hohe und 2.30m breite Portal seit 1950 verschlossen wird. Auf 16 bronzenen Relieftafeln finden sich Darstellungen aus dem Leben Jesu, die um den thematischen Schwerpunkt von Sünde und Vergebung kreisen. Davon unterscheiden sich die beiden obersten Relieftafeln des linken Türflügels, auf denen die Vertreibung aus dem Paradies dargestellt ist, sowie die untere rechte Bildtafel des rechten Türflügels, auf dem anstelle einer biblischen Szene, die selbstreferentielle Darstellung des Öffnens der Porta sancta abgebildet ist. Diese sinnträchtige Gegenüberstellung gereicht der medialen Funktion der Porta sancta zu äusserster Deutlichkeit: Indem über das Motiv der Tür Anfang und Ende respektive Fall und Rückkehr verknüpft werden, wird die Porta sancta als Mittel der Heilserlangung inszeniert und markiert den Anfang des Wegs zurück ins Paradies. In Form des Papstes mit dem goldenen Hammer wird weiter jenes Gegenmodell des Engels mit dem flammenden Schwert installiert, das den Wiedereinzug ins Paradies ermöglicht. Das im Lukasevangellium erwähnte Anklopfen wird dabei als zentrales Moment der Verheissung ausgestellt, weswegen es kaum zu erstaunen vermag, dass ausgerechnet dieses Moment Souvenirs und Gedenkmünzen ziert und darüber hinaus auch den Höhepunkt der filmischen Berichterstattungen darstellt. Nach gut 500 Jahren wurde 1999 schliesslich entschieden mit dieser Tradition gebrochen. Nachdem Paul VI. 1975 bei der letzten Öffnung im Rahmen eines ordentlichen Jubeljahres beinahe unter einer größeren Menge herabfallenden Schutts begraben wurde, fiel der Entschluss, in Zukunft auf das spektakuläre Herausbrechen des Mauerwerkes zu verzichten. Mit der sinnträchtigen Abfolge von Anklopfen und Öffnen der heiligen Tür schien die Zeremonie ihres symbolischen und visuellen Höhepunktes beraubt. Ein Verlust, der es nötig machte, die Inszenierung von Grund auf neu zu konzipieren.
Einen ersten Vorstoss in diese Richtung stellt die Abbildung auf der anlässlich des heiligen Jahres 2000 gegossenen Glocke dar, die sich heute in den vatikanischen Gärten befindet. Zu sehen ist kein Papst mit einem Hammer, sondern Johannes Paul II. beim Überschreiten der Schwelle der Porta sancta 1983. Im Vergleich zum klassischen Darstellungstypus wurde die Bewegung vom Arm auf die Beine verschoben, indem das Öffnen der heiligen Tür dem Überschreiten ihrer Schwelle wich. Darüber hinaus ersetzt mit der päpstlichen Ferula der Hirtenstab den Hammer als Mittelpunkt des Bildes. Durch diese Verlagerung des Fokus‘ von der Tür auf die Schwelle einereits und vom Akt des Öffnens auf den Akt des Führens andererseits erscheint die Rolle des Papstes in diesem symbolischen Akt grundlegend verändert. Darüber hinaus war durch die notwendig gewordene Neukonzipierung der Zeremonie auch die Chance gegeben, ihre Inszenierung an die veränderte mediale Situation des näherrückenden 21. Jahrhunderts anzupassen und diese mit Blick auf den wachsenden Stellenwert der TV-Liveübertragungen attraktiver für die Zuschauer am heimischen Fernsehgerät zu gestalten.
Mit dem Versikel Haec porta Domini (Psalm 118,20) durchbricht Johannes Paul II. die angespannte Stille im Atrium des Petersdoms, worauf mit dem entsprechenden Iusti intrabunt in eam aus dem Off der Raum selbst zu antworten scheint. Nach zwei weiteren Psalmversen (Psalm 5,8; Psalm 118,19) steigt Johannes Paul II. die drei Stufen zur Porta sancta empor, klopft vorsichtig an und legt anschliessend seine Hände auf die massiven bronzenen Türflügel. Das Entfallen des über die Jahrhunderte unverändert gebliebenen Ablaufs wird vor allem im Fehlen der drei Schläge des goldenen Hammers offenbar, die bis anhin das bevorstehende Öffnen der Porta sancta ankündigten. Das visuelle Spektakel der einstürzenden Mauer wird dabei durch einen nicht minder bewegenden Moment der Suspense ersetzt: Ohne den gewohnten Ablauf des Rituals entwickeln sich die Sekunden, die zwischen dem Auflegen der Hände und dem Erblicken der Öffnung zwischen den bronzenen Türflügel verstreichen, zu einem Moment höchster Spannung. Dann als sich die Türe langsam zu öffnen scheint und die Erlösung aus der Spannung greifbar wird… Schnitt.
Von einem Augenblick auf den nächsten befindet man sich als Zuschauer nicht mehr im Atrium des Petersdoms. Ohne es zu wissen hat man die heilsbringende Schwelle zur Basilika überschritten von wo aus nun, den Blick auf die sich langsam öffnenden Türflügel in der Bildmitte gerichtet, sehnsüchtig die Ankunft des Papstes im dritten Jahrtausend der Christenheit erwartet wird. Diese ungewohnte Perspektive ist nicht nur ein absolutes Novum in der Geschichte der kirchenstaatlichen TV-Übertragung, sondern richtet den Blick darüber hinaus auf die Möglichkeiten moderner Übertragungsmedien im religiösen Zeremoniell. Raffinierte Schnitttechnik machte es möglich, dass am Heiligabend des Jahres 1999 Millionen von Zuschauern gleichzeitig im Bruchteil einer Sekunde die virtuelle Schwelle der Porta sancta überschritten, weswegen in diesem Zusammenhang gleich in mehrerlei Hinsicht vom wohl erlösendsten Gegenschuss in der Geschichte der Liveübertragung gesprochen werden kann.
Raoul DuBois lehrt und forscht im Bereich der Älteren deutschen Literaturwissenschaft an der Universität Zürich.