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Es ist Mittwoch, der 15. Mai, 15 Uhr. Ich habe Chick im Garten auf den Rasen gelegt. Habe ihn in eine Decke gehüllt, zum Schutz vor dem kurzen Gras, das er nun nicht mehr plattliegen wird. Ich sitze neben ihm, betrachte ihn von oben, sein hervorstehendes Becken, die Haut, die ich kaum noch zu berühren wage, aus Angst, sie zu beschädigen. Seine Muskeln sind verkümmert. Sie können die verdrehten Wirbel, die zu den Pfoten unter seinem Bauch hin abfallen, nicht mehr halten. Chick, die verrenkte Sphinx, bewegt sich nicht. Seine Atmung ist unsichtbar. Über dem Feld kreist ein Bussard. Chick folgt ihm mit dem Blick, seine Schnurrhaare zittern. Mehr kann er mit diesem Körper nicht mehr tun, diesem Katzenkörper, der vor fünf Tagen noch umhersprang, so zielgenau, so geschmeidig. Chick verharrt lange in dieser Pose, die Nase zum Himmel gerichtet, die Augen halb geschlossen. Seit wann sind wir hier? Der Wind frischt auf. Ich wickle ihn fester in die Decke, trage ihn nach drinnen. Schauen, dass er sich nicht erkältet. Seinen Körper umhegen. Seinen zerstörten Körper. So lange ich kann, denn heute Abend um sieben wird Chick sterben, ich weiss es, denn ich habe es so entschieden.
Es beginnt letzte Woche, als ich wegen einiger Lesungen fort bin. Bei meiner Rückkehr schaut Chick ins Leere, hat unge-wöhnlich struppiges Fell. Ein Leckerli liegt neben dem Napf mit Kroketten. «Ich habe alles versucht», sagt Romain, «er will nicht essen.» Drei anorexische Tage reichen aus, die Tierärztin in Sorge zu versetzen. Sie hängt Chick an den Tropf. Die Untersuchung zeigt eine Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Bauchraum, eine acht Zentimeter lange Atrophie des Dickdarms. Dazu eine Leberentzündung. Die Hypothese, er habe vielleicht ein Krebsgeschwür, trifft nicht zu, dafür hat die Tierärztin zwei andere: Vergiftung oder, wahrscheinlicher, eine Feline Infektiöse Peritonitis, sprich Bauchfellentzündung. Ich frage, ob das schlimm sei. Kurzes Schweigen. Die Symptome seien uneindeutig, es könne auch etwas anderes sein. Sie untersucht weiter, wir müssen noch auf Analyseergebnisse warten. Derweil kann Chick mit nach Hause. «Geniessen Sie die Zeit mit ihm», sagt sie uns an der Schwelle des Behandlungsraums, zu mir und Romain, der inzwischen dazugekommen ist. Jederzeit könnten wir anrufen, wenn nötig auch ausserhalb der Praxiszeiten.
«Heute Abend um sieben wird Chick sterben, ich weiss es, denn ich habe es so entschieden.»
Haarbüschel hängen am Gitter der Transportbox. Wo die Tropfnadel gesteckt hat, sind seine Pfoten mit Pflastern verklebt. Er hatte sich die Nadel immer wieder herausgezogen. Als ich das sah, musste ich lächeln. Geheimer Stolz. Für ein Leckerli kann Chick Pfötchen geben, sich hinlegen, rückwärtsgehen, sich im Kreis drehen. Er lernt aussergewöhnlich schnell und bleibt trotzdem der unabhängigste Kater, den ich kenne. Im Auto ist er unruhig, miaut. Romain fährt. Ich gehe das Risiko ein und hole ihn aus seiner Box. Sobald ich ihn auf dem Arm habe, drückt er sich an meine Brust, schnurrt.
Zu Hause legt er sich bei Romain auf den Schreibtisch. Sonst schläft er immer auf dem Boden, auf einem Kissen. Bestimmt spürt er seine Schwäche,…