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Den Bezug dieser Dissertation hat der Autor dem Buch von Edmonds, Eidinow („Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte“) entommen, das eine amüsante, leicht lesbare Aufarbeitung eines Vorfalles in Cambrigde darstellt, als es im Rahmen eines Gastvortrages Poppers zu dieser „Drohung“ gekommen sein soll. Allerdings wäre ein anderer Titel treffender gewesen: Zusammenfassung des Buches „Conceptions of Truth“ von Wolfgang Künne. Insofern ist es eine „typische“ Dissertation: Man bemüht Sekundärliteratur, referiert fremde Positionen, wägt die Interpretation einer Interpretation gegenüber anderen Interpretationen (einer Interpretation …) gegeneinander ab und schafft es so, fast 400 Seiten zum Thema Wahrheit und Realität bei Popper und Wittgenstein zu produzieren, ohne dabei eine eigene Position entwickeln zu müssen.
Zimmermann versucht die Popper (alethischer Realismus: Impliziert den Wahrheitswert von Aussagen, die nicht entschieden werden können) und Wittgenstein (alethischer Antirealismus: Unentscheidbare Aussagen haben keinen Wahrheitswert, sind „unsinnig“) zugeschriebenen Positionen zu erläutern, um ihre Tragfähigkeit einschätzen und überprüfen zu können. Auf Popper trifft die angegebene Position durchaus zu und er hat sich immer wieder ausführlich mit diesem Problem im Zusammenhang mit der Kopenhagener Interpretation der Quantenphysik auseinandergesetzt. Umso erstaunlicher, dass gerade darüber in diesem Buch kein Wort zu vernehmen ist, obschon dies die Grundlage für die Schlussfolgerungen der Popperschen Ansichten hätte darstellen können, ja müssen (gab es da keinen Professor, der da mal einen kleinen Hinweis gegeben hätte?). Außerdem hat der Autor wichtige Sekundärliteratur völlig ignoriert, so die Abhandlungen der „Schriftenreihe zur Philosophie Karl R. Poppers un des Kritischen Rationalismus“ (die sich teilweise mit genau diesem Thema auseinandersetzen) bzw. das für das betreffende Thema maßgebliche Werk von Herbert Keuth „Realität und Wahrheit“, das aber eine indirekte Erwähnung erfährt: Zimmermann zitiert die Rezension des Buches von H. Albert, das Buch selbst aber bleibt unerwähnt. Bei den Wissensdefinitionen bleibt hinwiederum A. Musgrave unerwähnt, für eine Arbeit, die sich mit dem Kritischen Rationalismus beschäftigt, zumindest „sonderbar“.
Problematischer ist schon die Zuschreibung des – künstlich anmutenden – Terminus des alethischen Antirealismus für die Position von Wittgenstein II. Der Autor gerät gegen Ende seiner Untersuchungen selbst in Zweifel und vermutet, dass man Wittgenstein II weder eine bestimmte Warheitstheorie noch eine Realitätskonzeption unterstellen kann. Das ändert aber nichts an der inhaltlichen Ausrichtung der Schrift, es werden weiter brav verwandte Positionen referiert (etwa Putmans internalistische These der Realität, von der er selbst schon lange abgekommen ist oder Welschs „Transversale Vernunft“, eine postmoderne Variante der Trennung von Vernunft und Verstand) und damit Seite um Seite gefüllt. Wittgenstein ist nun ohnehin ein dankbarer Dissertationsphilosoph: Zum einen gibt es Unmengen an Sekundärliteratur, zum anderen gibt es die vor allem deshalb, weil sein Spätwerk rein aphoristischer Natur ist und somit wirklich jeder etwas für sein philosophisches Hausgärtlein findet (Nietzsche eignet sich ähnlich gut für ein solches Procedere).
Durch die relative Klarheit der Popperschen Schriften ist hier dem Interpretationswahn eine engere Grenze gesetzt (aber man sollte, wie oben angedeutet, zumindest die für die Arbeit wichtigen Werke lesen); wenn allerdings der Autor eine eigene Meinung vertritt, ist sie mit Vorsicht zu genießen: So unterstellt er Popper eine Haltung gegenüber Kant, die zumindest auf einem veritalben Irrtum beruht. Es geht dabei um die Wahrheits-(Gewissheits-)ansprüche, die Kant mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen – und zwar generell – verbunden habe. Nun hat aber Popper Kant nirgendwo unterstellt, dass dieser für alle wissenschaftlichen Aussagen eine solche Unfehlbarkeit in Anspruch genommen habe, noch hat Kant eine solche irgendwo behauptet. Für Kant stellte sich nicht die Frage, ob eine solche Erkenntnis möglich sei, sondern wie. Deshalb war es ihm ja auch um die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis zu tun, jene Bedingungen, die eine unfehlbare Erkenntnis (wie er sie etwa in der Newtonschen Theorie verwirklich sah) erst möglich machten. Kant hat aber deshalb nicht allen wissenschaftlichen Theorien Wahrheit zugesprochen und Popper hat Kant dies auch nicht unterstellt. Sondern immer wieder auf die Newtonsche Theorie (die Kant gerne als Beispiel anführt) hingewiesen, eine Theorie, die sich – wunderbar für den Falsifikationismus – schließlich als falsch herausgestellt hat. (Allerdings hat Kant für die Anschauungsweisen bzw. die Kategorien eine solche Wahrheit in Anspruch genommen, um eben die Wahrheit anderer Erkenntnisse, die ansonsten nicht einsichtig wären, zu explizieren.)
Überhaupt erfolgt der Umgang mit Popper weitgehend unkritisch. So wird seine problematische „Welt 3“ ohne weitere Kritik übernommen, ihre „Ontologie“ nicht hinterfragt, auch nicht ihre Zweckmäßigkeit. Der ontologische Status der von Popper in diese Welt verbannten Ideen ist höchst zweifelhaft, da sich dort nicht nur irgendwie „materialisierte“ Ideen finden, sondern auch – ähnlich wie bei Brouwers Intuitionalismus die mathematischen Erkenntnisse – alle potentiellen Emanationen des menschlichen Geistes (wie etwa Kunstwerke). Da die Zahl dieser „Ideen“ unendlich ist, will ich mir das Gedränge dort nicht vorstellen und weigere mich, Ideen, Theorien, Kunstwerken eine Existenz zuzusprechen, die von jedem materiellen Korrelat (ob neuronal in Köpfen oder material in Büchern, Computern etc.) unabhängig ist. Und ich sehe auch nicht (ganz im Sinne Poppers), welches Problem man durch die Annahme einer solchen Welt besser lösen könnte. Allerdings scheint die Welt 3 als auch der prinzipielle Realismus Poppers die Akzeptanz der Kopenhagener Interpretation zu erschweren, obwohl ich nicht glaube, dass der Kritische Rationalismus per definitionem mit einer Wahrscheinlicheitsinterpretation der Realität konfligiert. (Diese Probleme hätten in dieser Arbeit m. E. zwangsläufig zur Sprache kommen müssen.)
Auch wenn es nach obigen Ausführungen nicht so klingt: Das Buch kann trotzdem mit einigem Gewinn gelesen werden. Es leidet nur unter den typischen Dissertationskrankheiten, die im übrigen auch Krankheiten der Zeit sind: Da so gut wie alle Literatur überall verfügbar ist gerät der Schreibende meist in eine historisierende, interpretierende, vergleichende Arbeitsweise – und der eigentliche Zweck einer Dissertation, die Wissenschaftlichkeit, die eigenen Gedanken zu einem bestimmten Gebiet, bleiben unterentwickelt. Man kann problemlos Arbeiten mit mehreren hundert Seiten verfassen, weil man von Zitat zu Zitat, von Sekundär- zu Tertiärliteratur springt und mögliche Probleme inhaltlicher Art in einem Wust von Papier verstecken kann. Nicht dass ältere Dissertationen immer besser wären – aber die oft nur 50 oder 70 Seiten umfassenden Arbeiten waren auch nicht schlechter (des Umfangs wegen aber ökologisch nachhaltiger) – und hatten ein tatsächliches Thema. Es liegt an den Professoren, diesen Wildwuchs einzudämmen, ein Wildwuchs, der schon durch die Zahl der Anschläge in Proseminar- und Seminar-Arbeiten vorgegeben wird. Eine stärker inhaltsbezogene Beurteilung würde vor allem der Philosophie guttun.