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Damit ich diesen Text schreiben kann, habe ich eben ein Schmerzmittel – Ibuprofen 600 – geschluckt und drücke mir eine Wärmeflasche auf den Bauch. Ich schwitze und ich zittere. Heute ist der erste Tag meiner Menstruationsblutung. Meine Vermutung: Ich leide an Endometriose, so wie schätzungsweise sechs bis zehn Prozent aller Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter, das sind zwischen 190 000 und 280 000 in der Schweiz.
Der Schmerz entsteht durch gutartige Wucherungen aus gebärmutterschleimhautartigem Gewebe. Häufig befinden sich diese so genannten Endometriose-Herde im unteren Bauchhohlraum, an den Eierstöcken, in den Eileitern. Wie die Gebärmutterschleimhaut wachsen die versprengten Herde während des Monatszyklus ebenfalls an, und beginnen zu bluten, wenn die Menstruation einsetzt. Das verursacht Entzündungen, Zysten und lähmende, krampfartige Schmerzen, die so stark sein können wie Wehen.
Weshalb fristet diese Krankheit, die so vielen Frauen monatlich immense Schmerzen bereitet, noch immer ein Schattendasein? Warum weiss man auch heute noch verhältnismässig wenig darüber? Ein Experte auf diesem Gebiet ist der Gynäkologe Patrick Imesch. Er hat das Endometriosezentrum des Universitätsspitals Zürich gegründet und führt heute eine Praxis in der Privatklinik Bethanien.
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annabelle: Patrick Imesch, seit meiner ersten Periode habe ich starke Schmerzen. Habe ich meine Tage, krümme ich mich regelmässig auf dem Badezimmerboden. Denken Sie, dass ich Endometriose habe?
Patrick Imesch: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, obwohl natürlich auch andere Diagnosen möglich sind. Endometriose ist eine Krankheit, die jede zehnte Frau betrifft. Wenn man regelmässig solch starke Menstruationsbeschwerden hat, dass man Medikamente einnehmen muss, empfehle ich dringend eine Abklärung.
Als diese Schmerzen begannen, war ich 14-jährig und meine Mutter meinte: Das gehört leider dazu. Auch sie litt unter starken Schmerzen. Warum wussten wir vor zwanzig Jahren nichts von dieser Krankheit?
Diese Geschichte ist der Klassiker. Das Unwissen steckt in der Familie. Wenn die Tochter zum ersten Mal menstruiert und grosse Schmerzen hat, dann wendet sie sich meist an ihre Mutter, die aber vielleicht selbst unter starken Regelschmerzen leidet und ihr sagt, dass das ganz normal sei. Dabei ist es das nicht. Schuld daran ist die Tatsache, dass die Ärzteschaft Menstruationsbeschwerden viel zu lang belächelt hat. Deswegen sage ich immer: Endometriose ist eine Krankheit ohne Lobby.
Wie kläre ich ab, ob ich Endometriose habe?
Sie müssen Ihre gynäkologische Fachperson konkret auf Ihren Verdacht ansprechen. Ich höre leider viel zu oft, dass es nicht reicht, wenn die Patientin sagt, dass sie Regelbeschwerden hat. Die Gynäkolog:innen müssen Endometriose jedoch auch als mögliche Diagnose im Hinterkopf haben, sonst ist sie leicht zu übersehen. Denn die Schleimhautinseln sind teilweise so klein, dass sie weder im Ultraschall noch im MRI zu sehen sind. Und dann heisst es: Wenn ich nichts sehe, dann bist du auch nicht krank.
«Die Ärzteschaft hat Menstruationsbeschwerden viel zu lang belächelt»
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Früher hat man meist direkt zur Operation geraten, um zu schauen, wo die Endometriose-Herde genau wuchern. Das ist heute zum Glück nicht mehr zwingend so. Wenn der Verdacht da ist und die Symptome passen, verschreibe ich häufig Hormonpräparate. Die Pillen bestehen aus Gelbkörperhormonen, weiblichen Sexualhormonen, die den Zyklus und damit auch die Blutung unterdrücken.
Das heisst, man hat dann keine Periode mehr?
Ja, wir nutzen aus, dass die Endometriose-Herde dem Zyklus unterworfen sind. Wenn die Beschwerden weniger werden, ist das ein indirekter Beweis, dass es Endometriose ist.
Wann ist eine Operation notwendig?
Wenn die Schmerzen mit Medikamenten allein nicht mehr zu kontrollieren sind oder wenn Organe unter der Erkrankung leiden, beispielsweise wenn der Darm oder der Harntrakt eingeengt wird. Da es sich jedoch um eine chronische Krankheit handelt, kann man Endometriose nicht einfach wegoperieren. Es kann gut sein, dass die Schleimhaut einfach wieder nachwächst. Deswegen braucht es zusätzlich einen langfristigen Plan, beispielsweise die bereits erwähnten hormonellen Präparate.
Ich habe zum ersten Mal auf Social Media von Endometriose gehört. Die US-Schauspielerin Lena Dunham dokumentiert auf Instagram ihr Leiden mit der Krankheit. Was halten Sie von solcher Aufklärungsarbeit?
Ich befürworte sie. Es zeigt leider auch, dass viele Fachleute nicht genügend aufklären. Gerade bei so einer übersehenen Krankheit kann es helfen, wenn prominente Frauen öffentlich darüber sprechen. Es gibt noch weitere Beispiele. Die Musikerin Dolly Parton. Und Marilyn Monroe hatte mehrere Operationen deswegen. Das wurde aber vertuscht.
Marilyn Monroe soll ja sehr unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch gelitten haben. Kann das mit der Endometriose zusammenhängen?
Leider ja. Endometriose kann dazu führen, dass man nicht schwanger werden kann. Weshalb, weiss die Wissenschaft aber bis heute nicht genau.
«Die Medizin wird weiblicher, vor allem auch in der Gynäkologie»
Warum steht es so schlecht um die Bekanntheit und Erforschung von Endometriose? Weil es eine reine Frauenkrankheit ist?
Sicher liegt es auch daran, dass es sich um keine tödliche Erkrankung handelt und die Pharma-Industrie damit wenig Geld verdienen kann. Aber es hängt bestimmt auch damit zusammen, dass die Gynäkologie, wie die gesamte Medizin, lang in Männerhand lag. Da gab es wenig Interesse, diese Frauenkrankheit zu erforschen. Diesbezüglich kann ich Sie aber beruhigen. Die Medizin wird weiblicher, vor allem auch in der Gynäkologie.
Wird es bald ein Heilmittel geben?
In den nächsten Jahren ist leider kein Knüller in Sicht. Die Medikamente, die wir derzeit anwenden, wirken aber grundsätzlich gut. Sie haben einfach einen schlechten Ruf.
Sie meinen die hormonellen Medikamente?
Ja. Ich merke, dass vor allem jüngere, urbane Frauen mit hoher Schulbildung diesen Medikamenten sehr kritisch gegenüberstehen.
Ich persönlich habe ebenfalls wenig Lust darauf, jeden Tag Hormone zu schlucken.
Hormone haben einen schlechten Ruf, daran tragen wir Ärzt:innen eine Mitschuld. Wir müssen solche Präparate auch nicht schönreden. Aber bei einer hormonabhängigen Erkrankung, was Endometriose nun mal ist, macht es Sinn, dass man mit Hormonen gegen sie vorgeht.
Das heisst: entweder Schmerzen erdulden oder Hormone einnehmen?
Eine Patientin sagte mir mal, dass die Endometriose sie zwar nicht ins Grab bringen werde, aber dass es trotzdem eine bösartige Krankheit sei, weil sie ihr ganzes Leben Monat für Monat auf den Kopf stelle. Es gibt nebst Hormonpräparaten auch komplementärmedizinische Ansätze, wie Physio-, Schmerz- und Ernährungstherapien, die einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Situation leisten können. Ganz ohne Hormone kann eine langfristige Behandlung aber nicht funktionieren.
Patrick Imesch gründete das Endometriosezentrum am Universitätsspital Zürich. Heute leitet er eine Praxis in der Privatklinik Bethanien.