Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/2361

Die Landwirtschaft hat, zusammen mit anderen Faktoren, einen massgebenden Einfluss auf die Entwicklung des weltweiten Hungerproblems, denn sie stellt in den meisten der besonders armen Ländern die Haupteinkommens- und Erwerbsquelle dar. Das deutsche Bundesamt für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sieht unter anderem die unausgeglichenen Bedingungen auf dem Weltagrarmarkt und das Thema des begrenzten Zugangs zu natürlichen Ressourcen (Wasser, Saatgut, fruchtbarer Boden) als Ursachen des Hungerproblems. Die stark schwankenden Rohstoffpreise auf dem globalen Markt bereiten vielen Kleinbauern in Entwicklungsländern Probleme. Sie können kaum profitieren von erhöhten Lebensmittelpreisen, da sie sich nicht kurzfristig an Marktveränderungen anpassen können und/ oder gar keinen direkten Zugang zum globalen Markt besitzen, der von inter- und multinationalen Unternehmen dominiert wird. Handelsschranken und Importzölle von protektionistischen Industrieländern erlauben es den sogenannten dritten Welt Ländern oft nicht, statt Rohstoffe weiterverarbeitete Lebensmittel gewinnbringend zu exportieren. Hingegen werden Nahrungsmittel billig importiert, sodass wiederum die Märkte im Inland harte Konkurrenz erfahren.
Ein aktuelles Problem besteht im sogenannten „Land Grabbing“, bei dem Investoren aus Schwellen- und Industriestaaten in Entwicklungsländern langfristig Land aufkaufen oder pachten um dort günstigen Ackerbau, beispielsweise für Viehfutter, zu betreiben. Die Auswertung der sogenannten „Land Matrix“, einer Datenbank mit neuesten Facts & Figures zum Thema (unter anderem von der UNO erstellt), zeigt, dass der Landkauf offenbar oft negative Auswirkungen für lokale Kleinbauern und Wirtschaft hat. Die Staaten mit den meisten „Landdeals“ gehören klar zu den ärmsten und „hungrigsten“ der Welt. Die mittellosen Landwirte geben ihre eigenen Ackerflächen oft sogar ohne Entschädigung ab.
Aus diesem kurzen Überblick über einige aktuelle landwirtschaftliche „Hungerfaktoren“ stellt sich die Frage, wie diesen Problemen begegnet werden kann. Mögliche Lösungsansätze liefern landwirtschaftliche Kooperationen. Eine Kooperation (oder Genossenschaft) definiert sich als Unternehmen, das wirtschaftliches Wachstum mit dem Streben nach Nachhaltigkeit und der Bedürfnisbefriedigung seiner Mitglieder verbindet. Es geht also nicht um sogenannten non-profit, sondern vielmehr um „social profit“. Indem sich Kleinbauern in Gruppen zusammenschliessen, können sie sich den Marktzugang sichern, Ihre Interessen vertreten, lokale Arbeitsstellen langfristig gewährleisten, sich weiterbilden und so nachhaltiger und effizienter produzieren. Laut der FAO ermöglichen Kooperativen auf der ganzen Welt etwa eine Million Arbeitsstellen, also rund 20 Prozent mehr als multinationale Konzerne. Agrargenossenschaften sind auch in Europa erfolgreich, wie zum Beispiel in der Schweiz die fenaco (LANDI).
Laut der FAO ermöglichen Kooperativen auf der ganzen Welt etwa eine Million Arbeitsstellen, also rund 20 Prozent mehr als Multinationale Konzerne.
Beispielsweise in Honduras sind in den 90er Jahren viele Genossenschaften unter Kleinbauern gegründet worden. Als Folge davon wurde die Brandrodung abgeschafft und durch ein neues, nachhaltiges System ersetzt; um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhöhen, wurden Sträucher gepflanzt und Wald wiederaufgeforstet. Auch die Produktionseffizienz hat sich verbessert, sodass die betroffenen Bauern heute über Produktionsüberschüsse und ein sicheres Einkommen verfügen.
In Afrika beispielsweise haben einige Genossenschaften zum friedlichen Zusammenschluss von verfeindeten Ethnien beigetragen. Die Kooperationen können aber nicht einfach von aussen implementiert werden, sondern setzen Eigeninitiative und Dialog voraus. Sie beginnen dort, wo eine Gruppe Menschen Mut fasst und sich organisiert. Obwohl sie in Entwicklungsländern momentan erst vereinzelt auftreten und die positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität und Ernährungssicherheit nicht in jedem Fall statistisch nachgewiesen werden kann, zeigen Erfolgsbeispiele, wie die lokale Bevölkerung und auch die Umwelt in vielerlei Hinsicht profitieren. Der Zusammenschluss von Kleinbauern in den ärmsten Ländern ist ein wichtiger Schritt gegen den Hunger einerseits und den Neokolonialismus der Industriestaaten andererseits.
Beispiele erfolgreicher landwirtschaftlicher Kooperationen in einem Kurzfilm der FAO.