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Fred wird uns nachts im Notfalldienst vorgestellt. Die Besitzer haben ihn draussen liegend vorgefunden und bemerkt, dass er nicht gehen wollte und sehr apathisch war.
Beim Untersuch zeigt sich, dass die Katze eine Untertemperatur sowie Anzeichen eines Schockes (schneller Puls, bleiche Schleimhäute) aufweist. Die Aftergegend ist verschmiert mit etwas Blut und Kot. Im hinteren Bauchbereich befindet sich eine diffuse Schwellung, auch ist die Haut dort blutunterlaufen. Offensichtlich hat die Katze einen Autounfall erlitten.
Ein Röntgenbild bestätigt den Verdacht, dass die Katze eine Bauchwandhernie aufweist. Hierbei reisst die Bauchdecke an einer oder mehreren Stellen, und Bauchinhalt wie Därme, Milz und Blase rutschen aus der Bauchhöhle in den Unterhautbereich.
Ausserdem weist Fred einen geringen Pneumothorax auf - aufgrund des Aufpralles hat die Lunge einen Riss erlitten, und Luft ist in den Zwischenraum zwischen Lunge und Brustkorb getreten.
Ein Ultraschall zeigt, dass keine grösseren Blutungen im Bauchinneren vorhanden sind. Auch ist die Blase identifizierbar; ein Kontrollultraschall am nächsten Morgen zeigt, dass auch die Blase intakt ist und kein Leck aufweist.
Die Katze wird mittels intravenöser Infusion gegen Schock sowie mittels Schmerzmitteln behandelt und stabilisiert.
Als es der Katze 3 Tage später besser geht, wird eine chirurgische Korrektur der Bauchwandhernie durchgeführt: Es zeigt sich, dass der gerade Bauchmuskel (welcher beim Mensch das "Sixpack" bildet) komplett vom Becken abgerissen ist und sich ca 10 cm nach vorne zurückgezogen hat. Auch die seitlichen Bauchmuskeln sind bis weit nach vorne zerrissen worden. Die Muskulatur wird wieder am Becken befestigt; wegen der starken Zugkräfte wird z.T. eine spezielle Nahttechnik verwendet, welche ein Ausreissen der Fäden aus der Muskulatur verhindern sollte. Danach wird Fett und Haut routinemässig vernäht. Tags darauf kann Fred bei gutem Appetit nach Hause entlassen werden. Beim Fädenziehen 10 Tage später hat sich der Bluterguss am Bauch zurückgebildet und der Katze geht es wieder gut. Allerdings haben die Besitzer bemerkt, dass Fred in den letzten Tagen begonnen hat am linken Hinterbein eine Lahmheit zu zeigen.
Ein Röntgenbild zeigt, dass sich die Katze offenbar auch eine Riss in der Wachstumsfuge des linken Oberschenkelhales zugezogen hatte, welche sich nun nach einigen Tagen zu einer echten Fraktur entwickelt hat.
In einer zweiten Operation wird deshalb auch noch eine Femurkopfresektion durchgeführt (siehe Fall 45, Dezember 2011).
Als Hernien (oder Bruch) bezeichnet man das Austreten von Eingeweiden durch eine in der Bauchwand bestehende Lücke, welche angeboren oder traumatisch bedingt sein kann. Ein Beispiel für eine angeborene Hernie ist der Nabelbruch.
Bei Katzen sieht man traumatische Bauchwandhernien nach Autounfällen - hierbei wird auf den Bauch kurzzeitig einen enormen Druck ausgeübt, wodurch die Muskulatur zerreisst. Bei Fred hatten glücklicherweise keine inneren Organe Schaden genommen; erschwerend war bei ihm aber die Tatsache, dass der gerade Bauchmuskel komplett und am Becken abgerissen war. Die Schwierigkeit, den Muskel am Becken zu befestigen und der gleichzeitig starke Zug auf den beschädigten Muskel bewirkten, dass die Heilung nicht als Selbstverständlichkeit angesehen werden kann.