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Inmitten der Wiesen von Cons – in campo sancti johannis – steht die mächtige barocke Pfarrkirche dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht. Früher war die Wiese gegen Norden und Westen unbebaut, heute steht die Kirche inmitten des Dorfes, neben Schule und Altersheim.
Die erste urkundliche Erwähnung geht auf das Jahr 1261 zurück. Die Erwähnung in campo sancti johannis zeigt aber, dass die Kirche älter ist. Die noch ältere Pfarrkirche stand aber eher auf dem Gebiet beim Kloster. Die Pfarreien Medel, Tujetsch und Andermatt machten sich selbständig und erbauten ihre eigenen Kirchen. So bekam die Pfarrkirche Disentis 1289 ihr eigenes Siegel. Um 1450 erbaute man den Turm im romanischen Stil, allerdings wurde der Turm zweimal erhöht und misst heute 36 Meter. Diese Bauetappen sieht man im Turminnern sehr gut. Das Christophorusbild stammte ebenfalls aus dieser Zeit und zeigt, dass die Pfarrkirche an einer wichtigen Passstrasse liegt.
1489 baute Ivo Striegel aus Memmingen (Deutschland) den gotischen Flügelaltar, der heute in einer der zwei Werktagskapellen der Kirche steht. Der Altar gilt als besonders wertvoll und ist vollumfänglich aus Holz geschnitzt.
Am 22. April 1640 segnete Abt Augustin Stöcklin den Grundstein für den heutigen Barockbau. Da der Platz Richtung Osten vom Gefälle her ungünstig war, kehrte man die Kirche einfach um. Einige Teile der alten Kirchen liess man stehen und ergänzte den Bau zur grössten Barockkirche des Kantons Graubünden. 1643 wurde der Bau fertig. Die Inschrift (Intarsien) am Kirchenportal trägt aber das Jahr 1647. Diese Zahl deutet wohl auf die Kirchweihe hin. 1641 wurde ebenfalls eine Orgel eingebaut, die erste Orgel in einer Pfarrkirche im Kanton überhaupt. Doch diese Orgel, ein Geschenk des Disentiser Tuchhändlers Conrad Bartorff, war von schlechter Qualität und wurde bereits 1661 durch eine neue Orgel ersetzt.
1667 wurde der Kirchturm zum ersten Mal erhöht und erhielt 1686 vier neue Glocken. 1712 gab es eine neue Orgel. Beim Franzoseneinfall vom 6. Mai 1799 wurden das Kircheninnere und die Glocken zerstört, kurz darauf jedoch wieder erstellt. 1804 baute der Walliser Silvester Walpen eine neue, 12 registrige Orgel. Diese stand damals in der rechten Chorloge, wurde aber später (1845) in die neu erstellte Doppelempore als Brüstungsorgel eingebaut. 1846 wurde eine neue Kirchturmuhr installiert.
1803 schuf der italienische Maler Sartori die neuen Kreuzwegtafeln. 1830 kam das aus Brienz (GR) gekaufte Tabernakel nach Disentis. Dieses passte hervorragend zum neu vergoldeten Hochaltar.
1891 verkaufte die Pfarrei die alte Orgel nach Surrein und die Pfarrkirche bekam eine neue Goll-Orgel. Der einheimische Schreiner Toni Manetsch baute 1912 neue Bänke ein. 1916 wurde die neue grosse Glocke, welche seit dem Brand von 1799 im Turm fehlte, durch die Firma Rüetschi aus Aarau gegossen und am 26. März 1917 mit der Bahn nach Disentis, dann per Kutsche zur Kirche und durch die Dorfjugend auf den Turm gebracht. Zwischen 1927 und 1928 fand eine Gesamtrenovation statt. 1946 wurde eine neue Turmuhr eingebaut. 1952 baute die Firma Kuhn eine neue Orgel. Kurz später (1956) wurde die heutige Heizung installiert. 1967 wurden die Glasfenster durch neue ersetzt. Zwischen 1973 und 1975 fand erneut eine Gesamtrenovation statt. Die Abtrennung zwischen Chor und Schiff wurde entfernt, der Boden aufgenommen und neu verlegt. 1976 baute Gion Mihel Flury aus Segnas den neuen Volksaltar und ein Jahr später lieferte die Firma Metzler die neue Orgel (Opus 483) mit zwei Manualen und 24 Registern. Die Disposition stammte vom damaligen Organisten Giusep Huonder. Die Orgel gilt heute als sehr wertvolles Instrument und wird von berühmten Organisten sehr geschätzt.
2005 erfolgte der Umbau der Totenkapelle am Eingang zur Kirche. Die vorher eher dunkle und schwerfällige Kapelle wurde vom einheimischen Künstler Linus Flepp in einen stillen, leichten Ort des Abschieds umgewandelt. Der Ort Encarna da cumiau [romanisch für Abschiedsecke] soll Begegnung von Himmel und Erde sein und uns daran erinnern, dass unser Leben vergänglich ist.
2008 erhielt die Kirche eine neue Akkustikanlage und 2009 bis 2011 wurde der Kirchturm einer inneren Renovation unterzogen. Dabei wurden sämtliche Glocken und die elektrischen Installationen erneuert oder revidiert.
2010 wurde im Kirchturm die Uhr gegen Norden ergänzt. Diese fehlte wohl aus zwei Gründen: als man die Turmuhr erstellen liess, gab es auf dieser Seite keine Wohnquartiere und sicher spielte die Finanzierung auch eine Rolle. Geplant waren ursprünglich nämlich nur zwei Uhren in Talrichtung. Die zusätzliche Uhr gegen Süden wurde aber durch eine Anwohnerin gesponsert. Seit den 1960er Jahren wuchsen die Quartiere Dulezi und Cons immer mehr und so steht die Pfarrkirche heute mitten im Dorf, höchste Zeit, die fehlende Uhr zu ergänzen. Zusammen mit der Uhrsanierung wurden auch die Glocken saniert: die Klöppel wurden ausgetauscht, Lager gewechselt und die ganze Computertechnik auf dem neusten Stand gebracht.
Auch die Heizungssteuerung wurde 2010 modernisiert. Die gesamte Technik wird seitdem vom Computer gesteuert und überwacht. Dank professionellen Arbeitern sieht man als Besucher jedoch nichts bis wenig von dieser Technik.
Treten wir nun in die Kirche, so sticht sicher der Hochaltar zuerst ins Auge. Dieser wurde 1810 durch den Einheimischen Placi Schmed erbaut. Das Hauptbild zeigt die Kirchenpatrone Johannes den Täufer und Johannes Evangelist. Doch auch Carolus Borromäus, der ehemalige Erzbischof von Mailand ist zu sehen. Im oberen Bild sieht man Maria mit dem Jesuskind. Seitlich sind zwei Statuen der Disentiser Heiligen Placidus und Sigisbert zu sehen.
Das Chorgestühl wurde nach dem Brand von 1799 gebaut. Die zwei Seitenaltäre sind der Mutter Gottes gewidmet. Die Medallions zeigen rechts den Rosenkranz und links die Schmerzen Marias. In den beiden Seitenkapellen finden sich rechts ein Altar dem Hl. Carolus Borromäus und links der Maria Magdalena gewidmet. In der linken Seitenkapelle befindet sich zudem der Leichnam Christi. Diese Gipsfigur wird für den traditionellen Karfreitagsgottedienst gebraucht. Mit einer Prozession gedenken die Disentiser dem Leiden Christi. Das Ereignis ist typisch für viele katholische Orte.
Die Kanzel ist erst nach dem Brand von 1799 erstanden; der Taufbecken, aus Russeiner Marmor, eine Alp der Gemeinde, ebenfalls. Ganz hinten in der Kirche befindet sich der Beichtstuhl, ein Werk von Bruder Theodor Stäuble aus dem Jahre 1946.
Die barocken Verzierungen finden sich im ganzen Kirchenraum, besonders im Chorbereich, wo das Engelsballett eine Monstranz umzingeln. Zusammen mit den Altären bilden diese Stukkaturen einen prächtigen Barockbau. Gotische Fenster lassen genügend Licht in den Raum treten, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen.
Die Kirche ist tagsüber zwischen 08.00 Uhr und 19.00 Uhr geöffnet. Gottedienste in romanischer Sprache finden jeden Sonntag statt (siehe Aushang bei der Kirche).
Glocken der Kirche
Johannes Glocke (1917) b0 Gewicht: 3090 kg ø 180 cm
Inschrift: Ils vivs clomel jeu, ils morts cumpognel jeu, auras stempradas retegnel jeu, tiel fiug dedestel jeu – Giesserei Rüetschi Aarau 1917 [Übersetzung: Die Lebenden rufe ich, die Toten begleite ich, Unwetter halte ich auf, beim Feuer wecke ich]
Bilder: Kreuzigung Christi, Maria mit Jesuskind
Karls-Glocke (1821) des‘ Gewicht: 1650 kg ø 140 cm
Schurmegi nuss dell‘aua, tempiasta neif et Fiug, camond che la malaura s‘absenti de quest liug, soing carli a soing michel [Übersetzung: heiliger Karl und Heiliger Michael, bewahrt uns vor dem Feuer und befehlt den Unwettern fern zu bleiben]
Initialen J. B. M. F. MDCCCXXI (Johann Baptist Monzini Fecit 1821), gegossen in Disentis
Placidus und Sigisbert-Glocke (1821) es‘ Gewicht: 1050 kg ø 125 cm
Il on melli e pli siatchen novonta nof, la rabia dil schuldau franzos – il sis de matg a dau Fiug ach strof Muster avent battiu culs nos – soing plazi a soing sigisbert [Übersetzung: Am 6. Mai 1977 hat die Wut des Franzosen, nachdem er mit uns gekämpft hat, das Dorf Disentis als Strafe angezündet]
Initialen J. B. M. F. MDCCCXXI (Johann Baptist Monzini Fecit 1821), gegossen in Disentis
Marien-Glocke (1821) as‘ Gewicht: 600 kg ø 104 cm
Maria nossa chara dunna, sco biars an viU cun grond temer, a BARGIU per la sfortuna a ver en fiug tut il muster – nossa dunna de las dolurs [Übersetzung: Maria, unsere liebe Frau, wie viele mit Angst gesehen und geweint haben, als sie Disentis in Feuer sahen – Maria, Frau der Schmerzen]
Initialen J. B. M. F. MDCCCXXI (Johann Baptist Monzini Fecit 1821), gegossen in Disentis
Am Dorfeingang, von Chur kommend, fährt man an der Plazidus-Kirche vorbei. Plazidus ist der zweite Disentiser Heilige, der Legende nach um das Jahr 720 ermordert. Bereits 804 ist eine Kapelle an gleicher Stelle urkundlich belegt. Am 24. Januar 1458 zerstörte jedoch eine Lawine den damaligen Bau. Noch im gleichen Jahr baute man das Gotteshaus wieder auf und versah es mit einem Lawinenkeil, der die Lawine teilen soll und so die Kirche beschützen.
Wie die Agatha Kirche gingt auch die Plazidus Kirche 1600 in den Besitz der Pfarrei über. Dank einem Besuch des Bischofs Johann VI. Flugi von Aspermont 1643 ist uns ein Bericht überliefert, der die Kirche mit einer flachen Holzdecke, einem Schnitzaltar und einer Glocke beschreibt. Vor dem Altar befand sich ein tiefes Loch, der bis zu der Stelle reichte, wo Plazidus geköpft worden war. 1650 entstand der jetzige Bau nach den Vorgaben des Baumeisters Domenico Barberi aus Roveredo. Die Kirchweihe erfolgte am 3. September 1658. 1686 gesellte sich eine zweite Glocke zur bereits aus dem Jahre 1452 bestehenden, kleineren Glocke. Die neue Glocke musste jedoch bereits 1790 ersetzt werden. 1910 wurde die Kirche renoviert. Bis 1973 gab es eine Bittprozession von der Pfarrkirche aus nach Sogn Placi.
Lawinen prägen die Landschaft des Plazitobels. So stand die Kirche mehrmals inmitten des Lawinenkegels. 1978 überstand sie eine Lawine, während 1984 einige Schäden verursacht wurden. So riss diese Lawine die Sakristei weg. Zwischen 1990 und 1994 wurde die Kirche wieder restauriert.
Der Hochaltar aus dem Jahre 1750 ist eine Zusammensetzung von verschiedenen alten Teilen. Auf dem Altarbild sieht man den Heiligen Plazidus, seinen Kopf in den Händen haltend, und den Heiligen Sigisbert, der erste Ortsheilige. Zuoberst steht ein Bild der Muttergottes mit dem Jesuskind.
Interessant sind die Bilder links und rechts beim Eingang. Sie zeigen die Enthauptung des Plazidus und die Bestrafung Gottes.
Glocken der Kirche
Grosse Glocke g‘ ø 69 cm Inschrift: ARMA DIES Horas nubila festa rogos convoco signo noto compello concio ploro – errantes revocco, anno 1790 – ORATE PRO NOBIS SS: PLACIDE ET SIGISBERTE [Übersetzung: (Während) Waffen (= Kriegen), Tagen, Stunden, Unwettern, Festen, Beerdigungen rufe ich mit dem bekannten Zeichen. Ich sammle, rufe zusammen, weine – die Irrgeführten führe ich zurück, im Jahr 1790 – Hl. Placidus und Sigisbert, betet für uns)]
Bilder: Placidus und Sigisbert, Maria und Josef, Antonius
Kleine Glocke cis’’ ø 42 cm Inschrift: + ANNO DOMINI MCCCCLII (1452)
Das Dörfchen Segnas erhielt wohl im 9. Jahrhundert seine erste Kapelle. Auf jeden Fall bestätigt uns eine Urkunde aus dem Jahre 1289 die Anwesenheit eines Pfarrers in Segnas, somit ein Zeichen, dass es bereits ein Gotteshaus geben musste. Zwischen 1615 und 1620 wird eine Kapelle gebaut. Sie ist dem Bistumspatron Luzius, sowie dem Hl. Florin geweiht. Noch heute besitzen wir zwei Andenken aus dieser Kapelle: den Chorraum und das Bild des rechten Seitenaltars.
1637/38 sterben in der Gegend viele Menschen an der Pest. Auch in Segnas sterben 30 Personen an dieser gefürchteten Krankheit. Die Toten werden links hinter dem heutigen Chor begraben. Zu Ehren der Toten, aber wohl auch aus Furcht, die Pest könnte nochmals zuschlagen, widmete man die Kirche neu den zwei Pestheiligen Rochus und Sebastian. Zwischen 1675 und 1680 wird das Gotteshaus vergrössert, indem der erste Teil des Schiffes gebaut wird. Die Kapelle bekommt einen grösseren Hochaltar, die kleinen Altäre werden je auf einer Seite aufgebaut.
Durch das 18. Jahrhundert erfährt die Kirche wenige Änderungen. 1773 erhält Segnas das Kaplaneirecht. Dafür wird fleissig durch das ganze 19. Jahrhundert gebaut und modernisiert. Um 1820 wird das Gotteshaus restauriert, 1833 wird die erste Orgel eingebaut. 1853 werden alle Mauern weiss gestrichen und die Fresken und Verzierungen zugedeckt.
1902 erfolgt bereits wieder die nächste Restauration und Vergrösserung. Zwanzig Jahre später noch einmal ein Verlängerung des Schiffes nach Osten bis zur heutigen Grösse.
1952 wird die Heizung eingebaut. Nicht zuletzt dadurch musste die Kirche nicht viel später erneut restauriert werden. Dies geschah im Jahre 1972, wo eine Teilrestauration stattfand. 1990 bis 1992 wurde das Gotteshaus einer gründlichen Totalrestauration unterzogen. Die Kirche zeigt sich jetzt wieder mehrheitlich im alten Kleid von 1850.
Der barocke Hochaltar trägt das Datum 1678. Er wurde gekauft und der Kirche in Segnas angepasst. Das grosse Bild zeigt uns links den hl. Sebastian und rechts den hl. Rochus. In der Bildmitte ist Christus am Kreuz zu sehen. Unmittelbar unter dem Kreuz knien betend 30 kleine Figuren, jede ein Kreuz auf dem Kopf tragend. Es handelt sich hier um die 30 Pestopfer aus dem Jahre 1637/38. Dies verrät uns die Inschrift: D.O.M.[inus] (lateinisch: Herr) Im Jahr 1638 sind wir Jungs und Alts von beiderley Geschlechts in der Zahl 30 Personen allhie an der Sucht gestorben und die ersten begraben. Bitten Gott für uns alle. Amen. Das obere Altarbild zeigt die Mutter Gottes mit dem Jesuskind im Arm.
Der rechte Seitenaltar enthält das älteste in der Kirche sich befindende Bild von Hans Greutter, einem Künstler, der in vielen Kirchen etliche Werke zurückgelassen hat. Das Bild zeigt den heiligen Luzius und den Heiligen Florin, in der Mitte Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Eigentlich ist der Altar dem Heiligen Felix gewidmet, wie die Tafel zuoberst verrät, jedoch fehlt ein Bild des Heiligen. Der linke Seitenaltar zeigt die heilige Luzia.
Das Kreuz mit dem leidenden Christus hängt in der Mitte des Triumphbogens. Zwischen 1972 und 1992 hing das Kreuz jedoch auf der rechten Seite des Schiffes. Dieses sogenannte Pestkreuz datiert aus den Jahren um 1700. Das Kreuz ist sehr wahrscheinlich das kostbarste Stück der Kirche überhaupt, da es sich um ein besonders schöne Exemplar handelt.
1854 kaufen die Kirchgänger von Segnas die Kanzel für 100.00 sFr. 1905 wird die einfache Blumenverzierung auf der Wand durch eine Marmortafel verdeckt, welche die zehn Gebote darstellte (1992 wieder entfernt).
Bereits 1820 bekommt die Kirche in Segnas ihre erste Orgel. Der dazugehörende Orgelbalg musste mit dem Fuss betätigt werden. Die Restauration von 1905, welche mehrere Jahre dauerte, kostete der Kirchgemeinde so viel, dass keine neue Orgel gekauft werden konnte. So mussten sich die Segneser nur mit einem Harmonium abfinden. Dieser Zustand dauerte mehr als 25 Jahre, bis 1933 eine neue Orgel gebaut wurde. Diese kostete 5050.00 sFr. und beanspruchte fast den ganzen Platz auf der zweiten, 1922 gebauten Empore. Am 22. August 1967 beginnt bei der jungen Orgelbaufirma Mathis in Näfels (GL) die Vorbereitungsphase für eine neue Orgel, das noch heute im Dienst stehende Instrument. Die Orgel kostete damals rund 30‘000.00 sFr.. Die Summe wurde weitgehend durch Spendengelder gedeckt, sodass für die Kirchenkasse keine hohen Kosten entstanden.
Die steinerne Volksaltarplatte besteht aus Andeerergranit, dem gleichen Material wie der Boden. Die symbolische Bedeutung ist folgende: auch der Altar ist ein irdisches Element. Da er aber eine besondere Bedeutung hat, ist die Platte geschliffen worden. Zusätzlich wurde das Stück „Boden“ durch das Metallgerüst emporgehoben. Die Platte steht somit zwischen Himmel und Erde.
Die Kirche ist tagsüber geöffnet. Gottedienste finden jeden Sonntag statt (siehe Aushang bei der Kirche).
Glocken der Kirche
Kleine Glocke as‘ Gewicht: 70 kg ø 47.5 cm Inschrift: THEODOSIUS ERNST IN LINDAW GOS MICH ANNO DOMINI 1649. Auf der Glocke sind die beiden Märtyrer Sebastian und Rochus sichtbar.
Mittlere Glocke ges‘ Gewicht: 100 kg ø 52 cm Inschrift: SONTGA LUZIA PERTGIRA NUS DIL FIUG [Übersetzung: Heilige Luzia beschütze uns von Bränden) und hinten das Jahr Segnas 1991]
Grosse Glocke es‘ Gewicht: 130 kg ø 57 cm Inschrift: A TEMPESTATE PESTE FAME ET BELLO LIBERA NOS DOMINE, (Übersetzung: Von Unwettern, Pest, Hunger und Krieg befreie uns Herr). Auf der anderen Seite, unter dem Bild mit Jesu am Kreuze, kann man folgendes lesen: GOS MICH GAUDENZ HEMPEL IN CHUR ANNO DOMINI MDCLXIIII. (1664)
Folgt man dem alten Römerweg zum Lukmanierpass, trifft man ziemlich schnell, nachdem man das Dorf Disentis verlassen hat, auf die einsam gelegene Kirche St. Agatha (Sontga Gada).
Die Kapelle wurde um das Jahr 1100 im römischen Stil erbaut. Im Innern sieht man sehr schön die drei Apsiden. Warum die Kirche so einsam steht, lässt sich eventuell mit der Patronin, der Heiligen Agatha erklären. Diese Schutzpatronin der Wanderer, der Wege und Brücken war wohl Anlaufstelle für die Passanten, bevor sie den langen Weg über den Lukmanier unter die Füsse nahmen oder auch als Dankesstätte für eine problemlose Reise. 1387 zerstörte ein Feuer den Grossteil der Kirche. Erst 1420 liess sie Abt Peter von Pontaningen wieder aufbauen. Auffallend sind sicher die Fresken im Innern der Kirche. Diese entstanden zwischen 1430 und 1460, wobei die auf der Nordwand rund 30 Jahre älter sind. 1600 übertrug das Kloster Disentis die Kirche der Pfarrei, die seitdem für das Gotteshaus zuständig ist. 1616 übermalte der Brixner Maler Hans Greutter die linke Apsis mit dem Bild „Verkündigung an Maria“. Die letzte Ausmalung fand 1707 statt, wobei auch die Schäden durch die ausgebrochenen Fenster in der Nordwand so gut wie möglich repariert wurden. Leider wurden die Fresken an der Nordwand dazumals auch übermalt. 1979 wurde die Kirche von Grund auf renoviert. Dabei wurde das alte Schindeldach mit einem neuen Lärchenholz-Schindeldach ersetzt. Die Wandbilder wurden durch Jörg Joos, Restaurator aus Andeer, aufgefrischt und konserviert. Die vorhandenen Altäre wurden entfernt, da sie eher wertlos waren. 1992 erfolgte die Erneuerung der Fenster und zwei Jahre später wurde die Kirche wieder eingeweiht.
Die Mittelapsis zeigt Christus umgeben von den Evangelisten (Löwe, Stier, Adler und Engel). Darüber sieht man die Propheten Daniel, Ezechiel, Jeremias und Jesaja. Das grösste Bild in der Kirche zeigt die Kirchenpatronin St. Agatha, rechts der Türe die Heiligen Drei Könige und eine Schutzmantelmadonna. Die Kanzel ist wahrscheinlich ein Fremdobjekt und kam erst später in die Kirche.
Heute wird die Kirche nur im Sommer, vor allem für Hochzeiten, gebraucht. Das Gotteshaus ist während dieser Zeit offen. Im Winter ist die Kirche geschlossen.
Glocken der Kirche
Grosse Glocke ges“ ø 52.5 cm Inschrift: Laus DEO et sanctis Ejus [Übersetzung: Lob sei Gott und seinen Heiligen] Bilder: St. Agatha und eine Engelsfigur
Kleine Glocke c“ ø 40.5 cm IOhannes – MARCUS – Lucas – …. (unleserliches Wort, nicht Matthäus) Bilder: Taube, Hund und zwei Hauszeichen
NEU: zur Kappelle habe ich nun verschiedene Dokumente zu einem Heft zusammengestellt. Das Heft liegt in der Kirche auf, zusammen mit fünf Übersichtstafeln zur Ausstattung der Kapelle. Das Heft kann zudem in der Buchhandlung Hosang oder bei Disentis Sedrun Tourismus gekauft werden.
Wohl ein kleines Juwel bezüglich barocker Baukunst befindet sich in Acletta, auf dem Hügel thronend. 1635 wurde die Kirche erbaut, jedoch wohl schon als Vergrösserung einer früheren Kirche. Berühmt ist das Altarbild des berühmten Meister Francesco Nuvolone, entstanden 1655 in Mailand. Ursprünglich war das Bild wohl für eine andere Kirche gedacht und kam 1672 nach Acletta. Details siehe unten. Der jetzige Bau wurde 1670 neu errichtet und am 12. Juli 1672 von Bischof Ulrich VI. de Mont geweiht. Diese Information steht beim Eingang zur Kirche. Ganz speziell ist das vom einheimischen Orgelbauer Anton Sacchi erbaute Instrument. 1826 konstruierte er eine Brüstungsorgel mit 6 Registern, später wurde das Instrument mit einem sechsten ergänzt und umgebaut. Die Orgel besitzt ein verkürztes Manual, das bedeutet dass die Halbtöne im unteren Bereich auf den jeweiligen Hauptton gesetzt sind. Das Pedal ist repetitiv, übernimmt also aus einem Hauptregister vor allem die Töne ab c‘. Im Schiff zeigt ein Bildband verschiedene biblische Szenen, während im Chorgewölbe die Heilige Dreifaltigkeit mit Christus sichtbar sind. Auf dem Hochaltar sieht man die Maria als unbefleckte Empfängnis (Maria Immaculata). Die seitlichen Bilder zeigen die Heiligen Franziskus und Bonaventura. Diese zwei Bilder sind wohl älter und stammen noch vom vorherigen Altar. Das Chorgestühl, sowie die Ausstattung der Sakristei stammen aus dem Jahre 1670. In den beiden Seitenkapellen sind die Heiligen Anna und Joachim (links) und Marias Heimsuchung (rechts) zu sehen. Im Turm befinden sich zwei Glocken, welche noch heute von Hand geläutet werden. Die Kirche ist tagsüber geöffnet.
Glocken der Kapelle
Kleine Glocke b“ Gewicht: 70 kg ø 44.5 cm
Inschrift: THEODOSIUS ERNST IN LINDAW GOS MICH ANNO DOMINI 1635.
Bilder: Mutter Gottes, Kreuzigung Christi.
Grosse Glocke g“ Gewicht: 100 kg ø 50.5 cm
Inschrift: MELCHIOR MAURER IN VELKIRCH GOSEN 1678
Bilder: Immaculata, St. Jakobus, Kreuzigung Christi.
Von der Kapelle Acletta bei Disentis
von Pater Joachim Salzgeber
Ein so klangvolles Wort wie Acletta ruft bei mir wie von selbst das Verlangen nach seiner Übersetzung und Deutung wach. Das ist jedoch nicht so leicht, weil es sich um einen rätoromanischen Ortsnamen handelt. Leider schweigt sich das geographische Lexikon der Schweiz darüber aus. Auch in der ganzen Literatur, die ich über diesen kleinen Weiler durchforschte, bemüht sich niemand darum. So muss ich mich selber mit Hilfe eines Wörterbuches und meiner nicht immer zuverlässigen Phantasie an den Sinn dieses Ortsnamens in der näheren Umgebung von Disentis heranarbeiten. In der Liste der Vocabeln erscheint das Wort Acletta nicht, aber es dürfte wohl mit dem angeführten Acla, Gadenstatt oder Maiensäss, in Verbindung stehen. Ein Maiensäss könnte Acletta auch ursprünglich gewesen sein, liegen doch seine braunen Holzhäuser und typischen Bündner Ställe in rohem Balkenwerk an dem vorspringenden Grat des Aclettatales. Wahrscheinlich hat man diesen Weiler erst später das ganze Jahr hindurch bewohnt.
An der höchsten Stelle der Terrasse stand wohl schon um 1600 eine kleine Kapelle.
Das heutige Gotteshaus wurde um 1670 von Grund aus neu aufgebaut und am 12. Juli 1672 vom Churer Bischof Ulrich De Mont eingeweiht. Die Stelle für dieses Gebäude ist überaus geschickt gewählt: von weither sichtbar mit seinen weissen Mauern, gleichsam als «Blickfang» im Sinne der Barockarchitektur. Von hier aus bietet sich auch ein grossartiges Panorama auf die glitzernde Gletscherwelt des Piz Medels. Das Auge freut sich auch an der weiten Fläche der Sala Plauna mit ihren Kornund Kartoffeläckern, wie auch mit ihren Wiesen. Es ist darum nicht verwunderlich, dass sich die Patres und Brüder des nahegelegenen Klosters Disentis bei ihren Spaziergängen nach Acletta begaben. Die grossartige Aussicht belohnte die kleine Mühe, die Kapelle anerbot sich als Stätte zu besinnlicher Rast und Andacht. Auch im heissen Sommer war der Weg angenehm, kam man an der kleinen Kapelle der heiligen Katharina vorbei, wehte einem an dem Aclettabach der stets frische Wind aus seinem waldigen und schattigen Einzugsgebiet entgegen. Was aber die Klosterleute immer wieder nach Acletta zog, war die reiche Ausstattung des kleinen Heiligtums mit kunstvollen Altären und Bildern. Das war und ist etwas wie das Wunder von Acletta, dass sich die wenigen Einwohner dieser kleinen Siedlung ein so grossartiges Gotteshaus leisten konnten. Man möchte fast glauben, hier hätte man bereits den Wunderweizen gepflanzt, von dem die Menschen des 18. Jahrhunderts träumten. Aber wie der berühmte Erforscher von Geschichte und Volkstum im Bündner Oberland, P. Notker Curti (1880-1948), schreibt, stand dies mit ganz andern Gegebenheiten im Zusammenhang: «Zweimal in der Geschichte ist über das katholische Volk in Bünden ein Baueifer sondergleichen gekommen, in der zweiten Hälfte des 15. und in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beidemale sind in den katholischen Landesteilen eine Menge von Kirchen entstanden, von schönen, reichen Kirchen. Beidemale waren auch die gleichen Voraussetzungen dazu vorhanden: ein geweckter Sinn für das Kirchliche und die nötige materielle Grundlage. Schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lag etwas in der Luft von den kommenden Glaubenskämpfen; Glaubenskämpfe aber setzen ein Interesse am Glauben voraus. Vollends aber in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Gegenreformation auch in Graubünden eingesetzt hatte, platzten die Geister hart aufeinander, bis die vollständige Ernüchterung kam. Dass aber im 15. Jahrhundert die materielle Grundlage nicht fehlte, beweist die siegreiche Auseinandersetzung mit Österreich. Im 17. Jahrhundert endlich war viel Geld durch fremde Dienste ins Land gekommen, und die reichgewordenen Leute hatten für Kirchen und Kapellen eine offene Hand. Überdies haben die welschen Kapuziner, die Hauptträger der Gegenreformation in Bünden, aus Italien für die kirchlichen Bedürfnisse viel Geld und schöne Sachen gebracht. Damals haben in der Cadi (im Gotteshausgebiet von Disentis) alle Gemeinden ihre Pfarrkirche entweder neu gebaut oder nach dem neuen Geschmack umgemodelt. Aber diese neue Strömung hatte einen ganz andern Charakter als die erste. Die spätgotische Welle kam aus dem Norden und nicht zu ihrem Nachteil. Die zweite Welle brachte die ganze Schwere des italienischen Barocks und war so ausschiesslich italienisch orientiert, dass ausser der Klosterkirche von Disentis nur wenige Bauten dieser Zeit den nordischen Typus tragen. Glücklicherweise sind es nicht die schlechtesten. Aber nicht nur die Pfarrkirchen wandelten sich damals modern um, auch die grossen Weiler wollten neue Kapellen haben. Disentis besass eine Pfarrkirche aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, noch ganz gotisch gedacht und nur in Einzelheiten nach der Renaissance orientiert. Es wäre darum eine Verschwendung gewesen, die fast neue Kirche zu opfern; aber auf den Höfen standen alte, kleine und niedrige Kapellen, wie sich in Cuoz noch eine erhalten hat, und diese riefen neuen hellen Gotteshäusern. Auch in Acletta dürfte eine ähnliche kleine Kapelle gestanden haben, deren anmutiges Vesperbild P. Sebastian von Hertenstein aus dem Kloster Rheinau in seinem Tagebuch ungemein rühmt. Der gleiche Pater berichtet auch, wie 1657 ein neues schönes Altarblatt mit der Heiligen Familie nach Acletta gekommen sei, und hier lässt sich sein Bericht schon kontrollieren; denn es dürfte identisch sein mit dem Oberbild im heutigen Altar, das, viel zu gross für seinen jetzigen Platz, vom Rahmen scharf zerschnitten wird, obwohl man zwischen Rahmen und Bild einen grossen Raum gelassen hat.
Bald tauchten indes Pläne auf, die auf einen völligen Neubau zielten, so dass 1670 die neue Kapelle auf dem Hügel stand, wie sie heute noch in die Ferne grüsst. Dass einer aus dem Süden sie gebaut, oder dass sie nach einem Plan aus dem Süden errichtet wurde, ist klar. Dafür spricht nicht nur der schwere Architrav und die starke Höhenentwicklung, sondern auch der Grundriss mit seinen breiten Querflügeln, auch wenn die Stukkaturen nicht so südlich anmuten. Dass es aber ein Mann war, der sich in den Bergen eingelebt hatte, beweist die Art und Weise, wie er trotz des komplizierten Grundrisses, das Gebäude unter ein glattes Dach brachte ohne Brechung und Ecke. Er wusste, wie schwer bei einem nicht ganz einfachen Dache eine Kapelle in unsern Bergen auf die Länge von den Einflüssen der Witterung freizuhalten ist. Deshalb hat er auch auf der Wetterseite den Giebel in einem Halbwalm gebrochen und damit noch besonders die Chorpartie herausgehoben, wozu der offene Dachreiter auch das Seine beiträgt.»
Diese Erklärungen darf man auch mit dem Hinweis auf die verhältnismässig gute wirtschaftliche Situation bei den Landwirten des 17. und 18. Jahrhunderts ergänzen. Bezeichnend ist es, dass ein damaliger Abt von Disentis, Adalbert III. von Funs (1696-1716), von Acletta stammte. Aus dem kleinen Gehöft muss also ein sozialer Aufstieg möglich gewesen sein. Noch mehr Fragen aber wirft das schöne Altarbild dieses kleinen Heiligtums auf, das Maria, die Unbefleckt Empfangene, auf eine sehr vollkommene Weise darstellt. Leider fehlt auf dem Gemälde die Signatur des Meisters. Man weiss nicht genau, wann es und vor allem nicht, wie es dahin gekommen ist. Wahrscheinlich hat man darüber geflissentlich geschwiegen, um dieses Kunstwerk auch mit dem Mantel des Geheimnisvollen, des Numinosen, zu umhüllen.
Um so mehr hat sich die Legende um das Bild von Acletta angenommen und von einer lebenden Maria dieses Weilers gesprochen. Unter dem schöpferischen Einfluss der Phantasie des bekannten Architekten Dr. Augustin Hardegger vereinigten sich die verschiedensten Lebensschicksale zu einem besondern literarischen Gebilde, das er als «Eine Bündner Klostergeschichte» bezeichnete und um 1925 ohne Erscheinungsjahr bei der Verlagsanstalt Benziger in Einsiedeln veröffentlichte. In Wirklichkeit aber ist es ein geschichtlicher Roman, in dem es wohl um die Sehnsucht nach innerer und äusserer jungfräulicher Schönheit geht. Er, der historistische Planer von neubarocken und neugotischen Kirchen, war sich dessen auch bewusst. Deshalb schreibt er auch gegen Ende seiner Idylle: «Wer aber der Erzählung mit Aufmerksamkeit und ein wenig Liebe gefolgt ist und zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der wird bedenken, dass zwischen Himmel und Erde gar manches geschehen ist und geschehen kann, was nicht in alten Schriften aufgeschrieben worden ist und deshalb den trockenen Herren Gelehrten nicht geoffenbaret wird und selbst in der Erinnerung des Volkes ausgelöscht worden ist.» Trotzdem ist sich Hardegger bewusst, dass er in diesem Fall nicht die letzte Weisheit gefunden hat. Trotz seiner offen zutagetretenden Abneigung gegen die Kunstgeschichtler, die ihn offenbar öfters angegriffen haben, weiss er, dass er schliesslich diesen das Feld räumen muss: «Zu erklügeln, welchem Maler schliesslich die Siegespalme zu reichen ist, wollen wir den Herren Kunstgelehrten überlassen.» Diese Herausforderung Hardeggers hat Erwin Poeschel, der Bearbeiter der Kunstdenkmäler des Kantons Graubünden, mit grossem Eifer und Geschick aufgenommen. Im Jahre 1934 hat er über die Madonna von Acletta einen sehr aufschlussreichen Aufsatz verfasst. Da keine Archivalien vorhanden waren, die Franzosen hatten 1799 das Kloster Disentis gänzlich eingeäschert, musste er auf den Vergleich mit ähnlichen Gemälden zurückgreifen: «In einem Punkt hat nun jene belletristische Entstehungsgeschichte richtig gesehen: das Bild ist wie sich aus gewissen baulichen Details sicher nachweisen lässt nicht für die Kapelle von Acletta gemalt worden, sondern muss an einem andern Ort gestanden haben, von wo es und zwar um das Jahr 1680 vermutlich durch die Kapuziner, denen die Pfarrei Disentis damals anvertraut war, hierher kam. Nicht ohne Grund hatte man in dem Maler dieses Bildes gerade Murillo gesehen, der in nicht weniger als 25 Immaculata-Bildern die dunkle Schönheit des andalusischen Mädchens in den Himmel versetzt hat. Ja unter diesem Viertelhundert Darstellungen der „Purissima“ ist eine sie wurde für die Franziskaner von Sevilla gemalt -, die in der ganzen Komposition fast verblüffend weitgehend mit dem Disentiser Bild übereinstimmt, während allerdings kein Strich der Handschrift unseres Bildes an Murillo denken lässt. Dass sich aber im Gegenständlichen deutliche Beziehungen zur spanischen Kunst erkennen lassen, ist ja kaum zu verwundern, da es sich um den Typus eines Andachtsbildes handelt, das auf spanischem Boden in der Immaculata des Ribera bei den Augustinern in Salamanca seine massgebende klassische Ausformung erfahren hat. Von dorther kommt auch eine später in den theoretischen Schriften festgelegte und von dem Disentiser Bild gleichfalls übernommene ikonographische Neuerung: die Jungfrau in ein weisses Gewand zu kleiden, während bis dahin Rot in verschiedenen Nuancen seine Farbe war und in Italien noch lange Zeit blieb. Für den Meister der Madon- a von Acletta allerdings nicht: denn er übernahm das ursprünglich nur für die Immaculata als Symbolisierung der Unbeflecktheit gedachte reine Gewand auch in seine Himmelfahrtsund Verkündigungsdarstellungen.
Damit haben wir nun schon angedeutet, dass er ein Italiener war. Es ist Carlo Francesco Nuvolone (16081661), genannt Panfilo. Was zunächst auf seine Fährte half, das war die Gewohnheit des vielbeschäftigten Malers, Elemente seiner Bilder beinahe unverändert in andere Werke zu übernehmen. So wiederholte er etwa das Haupt der Marta auf seiner grossen Assunta in der Mailänder Brera zweimal als Kopfstücke j unger Martyrinnen und gab auf einem von ihnen als neues Attribut nur eine Zackenkrone hinzu genau den gleichen fürstlichen Schmuck übrigens, den die Acletter Madonna trägt was, nebenbei bemerkt, für ein Immaculata-Bild völlig ungewöhnlich ist.
Auf dem erwähnten, aus der Klosterkirche S. Maria del Lentasio in die Brera gelangten Gemälde finden wir nun den kleinen Engelknaben des Disentiser Bildes, der rückwärts geworfen wie auf einer Welle schwimmend den Mantel der Jungfrau rauschend in die Höhe bauscht, so genau im Spiegelbild wiederholt, dass sich jedes Detail bis zu dem in zartem Bogen über das pralle Bäuchlein gelegten Schlagschatten völlig deckt. Nachdem das Auge einmal auf die Spur gesetzt war, fanden sich hier wie auch besonders auf dem Familienbild des Nuvolone in der Brera Verbindungsglieder mit dem Altarblatt von Acletta genug, in der Formung der „molligen“ Hände und Gesichtszüge, den Köpfen der Putti, ihren fliegenden Schöpfen und eigenartig verrupften Flügeln, in der Wolkenbildung und Lichtführung, und was den Faltenstil anlangt, so erwiesen sich gewisse Eigentümlichkeiten der Knickung und Brechung durchaus übereinstimmend.
Waren hier schon der Beziehungen so viele, so musste die Konfrontierung des Disentiser Bildes mit einer andern Immaculata Nuvolones die Probe aufs Exempel bilden. Eine solche fand sich nun in der Kirche S. Vergine Immacolata zu Masagno bei Varese, und sie bildet in der Tat einen so überzeugenden Beweis für die Autorschaft Nuvolones an dem Altarblatt von Acletta, als man es sich nur wünschen kann. Die Grundgedanken der Komposition sind in beiden Werken die gleichen: auch in Masagno steht Maria die Hände mit aneinandergelegten Flächen betend erhoben geneigten Hauptes im melodischen Schwung klassischen Kontrapostes da, nur dass der Maler im Disentiser Bild die Stellung im Spiegelbild genommen und die Haltung um ein weniges gestraffter und königlicher gemacht hat. Hier wie dort dasweisse, grau schattierte Gewand mit dem grünlich-blauen Mantel, das ins Rötliche spielende in wolligen Enden ausflatternde dunkelblonde Haar, in dem die gleiche Krone mit den nadelfein gespitzten Zacken sitzt. Wie der Wolkenkranz mit den Puttenköpfen angeordnet, die Strahlung der Gloriole geführt und der Faltenwurf modelliert ist, das deckt sich bis in kleinste Einzelheiten, wie denn auch gewisse besondere Merkmale der Erscheinung, die weichen gepolsterten Hände und die schweren Augendeckel, völlig übereinstimmen.
Was nun das zeitliche Verhältnis der beiden Werke zueinander anbelangt, so ist kein Zweifel, dass die Immaculata von Masagno nur die Vorstufe zu der viel freieren und im Wurf einheitlicheren von Acletta ist, und während die beiden Engelknaben dort noch etwas verlegen zuseiten der Madonna flattern, sind sie im Disentiser Bild, obwohl sie an der gleichen Stelle angeordnet sind, in den grossen Schwung des Ganzen hineingeweht, da sie den wehenden Mantel der Himmelkönigin entfalten. Nuvolone hat die Jungfrau hier nicht mehr wie in Masagno und wie es viele vor ihm taten, auf die Weltkugel gestellt, sondern auf einen vielköpfigen geflügelten Drachen, ein durchaus persönlicher Einfall, von einem eigenen Studium der Apokalypse zeugend, aus deren Symbolübermass ja das äussere Bild der Immaculata geschöpft ist. Dies nahe Verhältnis zu den heiligen Schriften aber ist ein Zug, der in das Bild des Carlo Francesco Nuvolone passt, dessen Frömmigkeit die Zeitgenossen rühmten. Immer habe er und dies ist ein Beitrag zur Mystik der Barockkunst wenn er eine Madonna malte, mit der Ausführung ihres Antlitzes bis zum Samstag gewartet, um durch diese Konzentration auf das Himmlische um so besser zum Genuss der Sakramente gerüstet zu sein. Die innere Hingabe an sein Werk war es wohl auch vor allem, die ihn zu einem der gesuchtesten Kirchenmaler seiner Heimat machte und ihm den Titel des „lombardischen Reni“ eintrug. Wenn des Rätsels Lösung auch nicht den Namen des Andalusiers Murillo brachte, so doch einen andern von gutem Klang.»
Diese gewiss etwas langatmige Beweisführung von Poeschel dürfte jeden Zweifel über den Künstler der Madonna von Acletta ausräumen, es muss sicher Carlo Francesco Nuvolone gewesen sein. Zugleich hat uns der Meister der bündnerischen Kunstgeschichte eine Deutung dieses Gemäldes oder zumindest Anhaltspunkte dazu gegeben. Etwas sonderbar liest es sich, dass Poeschel von einem vielköpfigen Drachen schreibt, wo doch unten am Bildrand nur ein Kopf zu sehen ist. Dieser eine aber genügt schon, zeigt er doch in seiner menschenähnlichen Fratze einen grimmigen und zugleich leidenden Ausdruck. Trotz aller Wut und Anstrengung muss er sich für besiegt geben. Auch ist er nicht mehr feuerrot, wie ihn der Seher von Patmos am Himmel erblickt hat, sondern er ist schwarz, hässlich und belanglos geworden.
Wie klein aber und geradezu unscheinbar ist der rechte Fuss, mit dem die Unbefleckt Empfangene auf seinen Nacken oder Hals tritt. Eigentlich tritt sie nicht auf ihn, sie berührt ihn nur sachte: kein Milligramm zuviel an Druck, ganz genau berechnet, ebenso keine «Millisekunde» an Kontakt zuviel. Der Böse soll sich in seiner Niederlage nicht rühmen dürfen, man hätte ihn nur mit grosser Anstrengung überwinden können. Nicht erstaunt oder überrascht schaut Maria auf den besiegten Feind. Ihre Augen sind halbgeschlossen, sie gewährt dem Widersacher Gottes in gelassener Haltung nur ein Minimum an Aufmerksamkeit. Sie lässt sich im Gebet, worauf ihre ruhig und gelassen gefalteten und nach oben gerichteten Hände hinweisen, nicht allzu sehr stören. Sie wusste, dass sie sich in diesem Kampf ohne besondere Eigenleistung ganz auf Gebet und Gnade verlassen konnte.
Dass es sich um eine harte Auseinandersetzung handelte, das deuten auch die schwarzen Wolken an, die vielleicht für eine gewisse Zeit alles überdeckten. Aber echt barock kam die Rettung im letzten Augenblick: drang das siegende Licht von oben im sanften Orange der nahenden Morgensonne durch die Finsternis. Dass es um den grossen Streit der Heilsgeschichte zwischen der Frau und der Schlange geht, daran lässt auch die eigenartige Krone mit den kleinen eisernen Zacken über dem dichten Haar der Muttergottes denken. Auch hier nur ein Mindestmass an Abwehr und Prachtentfaltung. Auch hier ist Maria in ihrer Haltung so bescheiden, so dass mehr nur die Überlegenheit ihres Triumphes, als dessen Grösse und Einzigartigkeit zum Ausdruck kommt. In ihrem weissen Gewand aber ist sie, wie es der Dichter in einem Hymnus singt, mitten im Dunkel zum Fenster des Himmels geworden. Auch die grosse, zeichenhafte Maria am Himmel ist die schlichte Magd des Herrn von Nazareth geblieben, die im Glauben ihr Jawort zur Erlösung gegeben hat. Sie ist in überlegener Weise mehr dem Frieden und der Harmonie verpflichtet, aber gerade darum bewährt sie sich auch als wohl geordnete Schlachtreihe, wie sie auch von frommen Betern angerufen wird. Vielleicht Hesse sich noch viel mehr in dieses Gemälde hineinlegen, ist es doch vom Gegenstand und vom Maler her durch und durch visionär!
Es ist verständlich, dass man für dieses schöne Marienbild in der Barockzeit einen reich verzierten hölzernen Aufbau im sogenannten Knorpelstil geschaffen hat; alles selbstverständlich gut vergoldet und bunt gehalten, in rot, braun und blau. Verständlich, dass man auch heute dieses Heiligtum der siegreichen Immaculata in hohen Ehren hält. Besonderer Dank aber gebührt all’ jenen, die diese Kapelle vor zwei Jahren innen und aussen in schönster Weise restauriert haben. Einmal, und zwar gerade im Herbst, möchte ich Acletta, seine Kapelle, seinen Wald mit den harzreichen dunkeln Bündner Tannen, seine Alpen mit den rotgefärbten Rauschbeerstauden besuchen, während mich der Schnee auf den Bergen und das tiefe Blau des Himmels an die überlegene Siegerin über den Bösen Feind erinnern, die in der stillen Kapelle verehrt wird.