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SRF: Juristisch ist der Fall entschieden, ist er es auch moralisch?
Werner Catrina: Juristisch ist der Fall klar, denn in Italien gab es ja diesen Prozess. In der Schweiz und auch sonst auf der Welt gab es auch Asbest-Tote, aber keine Prozesse. Moralisch kann ich es nicht entscheiden, das muss der Betroffene tun.
Ich weiss einfach von meiner Recherche von 1984: Stephan Schmidheiny war Mitte dreissig, als er die Firma von seinem Vater erbte. Er unternahm alles, um möglichst rasch von dieser Faser wegzukommen, die damals ja noch als Wunderfaser für den Baustoff Asbest-Zement galt.
Blenden wir also kurz zurück zum Ende der 1970-Jahre. Damals erkannte Stephan Schmidheiny das gesundheitliche Risiko. Trotzdem liess er eine Zeitlang noch Eternit-Fasern mit Asbest produzieren. Weshalb?
Man konnte diesen Supertanker, der diese Eternit-Gruppe weltweit darstellte, nicht einfach anhalten. Und es gab auch die Sicht «safe use of asbestos». Man dachte, wenn man in den Fabriken das Material nass mache, könne der Staub gar nicht entstehen. Wenn man solche Vorkehrungen treffe, könne man Asbest noch eine Zeitlang verwenden.
Ich war bei Irwing Selikoff, dem Professor, der eigentlich der Antichrist der Asbest-Industrie war. Er sagte, Asbest werde Hunderttausende Tote fordern. Und selbst er sagte, Spritz-Asbest dürfe man nicht mehr verwenden, doch Asbest-Zement sei sicher.
Das asbesthaltige Eternit war jahrzehntelang ein Wundermaterial, solide, günstig und modern. Hat man deshalb die Kehrseite so lange verdrängt?
Eternit war ein Label wie Toblerone oder Omega. Es war einfach überall. Jeder, der vielleicht hier mitliest, hatte Eternit im Haus. Und es wurde nicht als gefährlich eingeschätzt, was es übrigens auch nicht war. Es war gefährlich für die Arbeiter in der Frühzeit der Eternit-Produktion und es ist gefährlich für Leute, welche es Zersägen und Abbrechen. Aber für den Nutzer ist es nicht gefährlich.
Es war ein Schock, dass dieses Label nun giftig sein sollte. Ich erinnere mich noch an die Expo 1964 in Lausanne. Dort gab es Bauernhäuser aus Asbest-Zement als Zukunftsmodelle. Asbest war unangefochten. Darum wollte es der Markt auch. Erst langsam drang ins Bewusstsein, dass diese Produktion ihre grossen Risiken birgt.
Also kann man nicht sagen, dass Stephan Schmidheiny aus Profitgier gehandelt und alles über den Schutz der Arbeiter gestellt hat.
Er hatte sogar sehr viel investiert, um aus der Produktion herauszukommen. Er hatte sie auch sicherer gemacht. Aber der neue Baustoff, das Faser-Zement, wurde im italienischen Markt gar nicht angenommen. Es war zu teuer. Und die Leute waren an Eternit gewöhnt. Italien hat Asbest erst 1991 verboten, doch bereits 1986 ging die Firma Eternit in Italien pleite, weil der Markt für Faser-Zement nicht da war.
Trotzdem, die Empörung nach dem Urteil ist gross. Die Opfer und Angehörigen wollen Gerechtigkeit für das schreckliche Attentat auf die Gesundheit. Warum tut sich Stephan Schmidheiny so schwer mit der Entschädigung der Asbest-Opfer?
Man tut immer so, als ob er damals der Einzige gewesen wäre. Es gibt viele kleine Asbest-Zement-Fabriken, die nicht viel sauberer waren. Zurück zu Ihrer Frage. Er hat – und da habe ich mich heute Nachmittag nochmals erkundigt – einen Fonds eingerichtet, der bis jetzt 50 Millionen an Opfer ausgezahlt hat, deren Fälle durch Versicherungen nicht gedeckt sind. Und der Fonds läuft immer noch weiter. Schmidheiny wollte aber nicht einfach mit Schuld verknüpft werden, die ihn für 18 Jahre in den Knast bringt. Doch er bezahlt, er sieht den riesigen Schaden.
Die Eternit Italien wurde von einem Italiener gegründet und 50 Jahre von Italienern geführt. Glauben Sie, das war damals sauber? Wahrscheinlich nicht. Und dann kamen die Franzosen und dann die Schweizer. Und dann kam der Bankrott.
Das Interview führte Ursula Hürzeler.
«Der Eternit-Report»
Der Journalist und Autor Werner Catrina hat die Geschichte des Asbest-Zements recherchiert und 1985 ein Sachbuch mit dem Titel «Der Eternit-Report» verfasst.