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Kopie von: http://www.soz.unibe.ch/forschung/ii/
Koordination: Prof. Dr. Bettina Heintz und Dr. Eva Nadai
progress report / Oktober 1998
Der Zusammenhang zwischen Modernisierung und Integration gehört zu den klassischen Fragen der Soziologie: Ist gesellschaftliche Integration in einer zunehmend differenzierten und individualisierten Gesellschaft noch möglich und über welche Mechanismen wird der soziale Zusammenhalt gestiftet? Die Soziologie hat auf diese Frage verschiedene und teilweise widersprüchliche Antworten gegeben.
Im deutschsprachigen Raum wird der Zusammenhang zwischen Modernisierung und Integration aus zwei theoretischen Perspektiven diskutiert, die miteinander nur wenig verbunden sind - einer differenzierungstheoretischen, die sich auf die Ebene der gesellschaftlichen Teilsysteme bezieht und Modernisierung primär als funktionale Spezialisierung versteht (vgl. u.a. exemplarisch Luhmann 1997: 707ff.) und einer subjektorientierten Perspektive, die auf der Ebene der individuellen Akteure ansetzt und Modernisierung vor allem als Loslösung der Individuen aus traditionellen Bindungen begreift (vgl. z.B. Beck 1986 ). Aus dieser letzten Perspektive stellt sich die Frage, ob Modernisierung zu einem irreversiblen Gemeinschaftsverlust führt oder ob neue Integrationsformen entstehen, welche die durch den gesellschaftlichen Individualisierungsprozess induzierten desintegrativen Tendenzen auffangen.
Im Gegensatz zur deutschsprachigen Diskussion, die sich auf die Auflösungserscheinungen konzentriert und der Integrationsfrage empirisch nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat (vgl. Beck/Sopp 1997; Heitmeyer 1997), wurde diese im angelsächsischen Bereich breit und unter Zuhilfenahme netzwerkanalytischer Methoden untersucht. Theoretisch orientiert sich die Netzwerkanalyse an einer strukturalen Handlungstheorie, die das Verhalten von Individuen nicht über kategoriale Zugehörigkeiten, sondern über ihre Position in einem konkreten Beziehungsnetz erklärt (zur Theorie vgl. u.a. Cook/Whitmeyer 1992). Methodisch wird zwischen egozentrierten (oder persönlichen) und Gesamtnetzwerken unterschieden (zur Methode vgl. u.a Scott 1992). Persönliche Netzwerke erfassen die Beziehungen einer Person (Ego), Gesamtnetzwerke die Beziehungen zwischen den Akteuren innerhalb einer abgrenzbaren sozialen Einheit. Für die hier interessierende Frage sind vor allem die persönlichen Netzwerke relevant.
Ausgangspunkt der netzwerkanalytischen community-Studien ist die
Frage nach dem Zusammenhang zwischen Modernisierung und sozialer
Integration (vgl. Fischer u.a. 1977; 1982; Wellman 1979; Wellman u.a.
1988): Führt Modernisierung zu einer Auflösung
("community lost"), zu einer Beibehaltung ("community
saved") oder zu einem Gestaltwandel ("community
liberated") der persönlichen Netzwerke (Wellman 1979:
1204ff.)?
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Personen in städtischen Kontexten nicht weniger Beziehungen haben als in ruralen, neben den Kontakten zu Familienmitgliedern, die nach wir vor eine grosse Rolle spielen, sind die Beziehungen jedoch funktional spezialisierter und umfassen weniger Verwandte und Personen, die in räumlicher Nähe wohnen. Unabhängig von der Gemeindegrösse haben insbesondere der Bildungsgrad und das Alter einen Einfluss auf die Netzwerkstruktur, der Effekt der Geschlechtszugehörigkeit löst sich dagegen tendenziell auf, wenn Variablen wie Zivilstand, Bildung, Berufstätigkeit etc. kontrolliert werden (Moore 1990).
Die Resultate der in Deutschland durchgeführten Untersuchungen decken sich weitgehend mit den Befunden der amerikanischen Studien (vgl. Pappi/Melbeck 1988; Schenk 1995), für die Schweiz gibt es keine entsprechenden Forschungen.
Gesamthaft gesehen weisen die Studien darauf hin, dass im Zuge der Modernisierung zugeschriebene Beziehungen an Bedeutung verlieren. Es bilden sich Beziehungsstrukturen heraus, die frei gewählt sind, aber nicht weniger intensiv sein müssen als verwandtschaftliche Beziehungen. Lau (1988) spricht in diesem Zusammenhang von "Wahlvergemeinschaftung". Dies gilt insbesondere für jüngere und gebildete Personen, also jene Personengruppen, auf die die Individualisierungsthese besonders zuzutreffen scheint.
Die Netzwerkanalyse geht von der programmatischen Annahme aus, die
soziale Welt sei "composed of networks, not groups" (Wellman 1988,
37) und interpretiert daher die Existenz von persönlichen Netzen
umstandslos als Beleg für Vergemeinschaftung. Der Nachweis
informeller Geselligkeits- und Unterstützungsbeziehungen auf
individueller Ebene ist allerdings nicht gleichbedeutend mit dem
Nachweis von 'Gemeinschaften' auf sozialer Ebene.
Analytisch muss zwischen "personal communities" und "group communities" (Wellman/Giulia 1997) unterschieden werden. Ein Individuum kann in ein Netz von persönlichen Beziehungen zu Personen eingebettet sein, die sich untereinander kaum kennen und verschiedenen sozialen Welten angehören. Von 'Gemeinschaft' im Sinne einer group community kann erst dann die Rede sein, wenn innerhalb eines Netzes multilaterale, über eine gewisse Zeit hinweg stabile Beziehungen sowie ein Zusammengehörigkeitsgefühl bestehen. Derartige Gemeinschaften sind dabei am einen Pol eines Kontinuums von Vergemeinschaftung angesiedelt, dessen anderer Pol atomisierte Individuen sind - die personal communities liegen dazwischen.
Unser Forschungsverbund nimmt die Netzwerkperspektive in drei Teilprojekten auf, die sich mit der Einbindung von Individuen in soziale Kollektive befassen. Die Projekte 'Organisierte Solidarität' und 'Internet' führen quantitative Analysen egozentrierter Netzwerke durch, das Projekt 'Traditionswandel' ist eine qualitative Untersuchung bäuerlicher Solidarnetze. Das vierte Teilprojekt ('Politische Verhandlungssysteme') geht den Integrationsmechanismen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nach.
Übersicht über die Teilprojekte:
(1) Zivile Vergemeinschaftung: Fallstudie 'Organisierte Solidarität'
Das Teilprojekt fragt nach den Enstehungs- und
Stabilisierungsbedingungen von Solidaritätspotentialen
angesichts gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse, die zur
Heterogenisierung von Lebenslagen, Wertepluralisierung und einer
Erosion von Gemeinschaft und traditionellen Solidaritäten
geführt haben. Wie ist solidarisches Handeln unter den
Bedingungen von zeitlich limitierter, beschränkt verbindlicher
'Wahlvergemeinschaftung' (Lau 1988) möglich?
Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass solidarisches Handeln Produkt von Gemeinsinn und Eigennutz ist und nicht zwingend auf Wertekonsens und stabile Gemeinschaften angewiesen ist. Solidarität kann auch auf einer 'Konsensfiktion' (vgl. Cohen 1986, Jenkins 1996) zwischen sozial heterogenen, nicht vorgängig durch soziale Netze verbundenen AkteurInnen beruhen. Je heterogener allerdings die Rekrutierungsbasis einer Solidargruppe, desto wichtiger scheint Vergemeinschaftung als Vorbedingung für solidarisches Handeln zu sein. Vergemeinschaftung (im Sinne von group communities, vgl. oben) wird erzeugt:
Die drei Untersuchungsgruppen unterscheiden sich in dieser Hinsicht erheblich: während über die Vermittlungsstelle Benevol kaum Ansätze zu Gemeinschaftsbildung zu beobachten sind, entsteht im Mütterzentrum eine 'Wahlgemeinschaft auf Zeit'; die Regionalgruppe des Tauschrings Talent liegt dazwischen.
--> mehr zum Projekt 'zivile Vergemeinschaftung'.
(2) Virtuelle Vergemeinschaftung: Fallstudie 'Internet'
Das Teilprojekt geht der Frage nach, inwieweit es im Internet zur Ausbildung "virtueller" Gemeinschaften kommt. Empirisch beruht die Beantwortung dieser Frage auf einer Untersuchung der persönlichen Netzwerke von Personen, die die Kommunikationsdienste des Internet (chat- und news-Gruppen) intensiv nutzen (n= 100). Virtuelle Vergemeinschaftung wird dabei als graduelles Phänomen gefasst. Eine hohe virtuelle Vergemeinschaftung ist dann gegeben, wenn die Kommunikationspartner im Internet auch untereinander in Beziehung stehen und ein Gruppengefühl ausbilden (group community). Umgekehrt ist Vergemeinschaftung tief, wenn die online-Beziehungen von Ego ausschliesslich bilateralen Charakter haben und sich die Alteri untereinander nicht kennen (personal community).
Sobald die online-Beziehungen in starkem Masse durch offline-Beziehungen gestützt sind bzw. ergänzt werden, kann nicht mehr von virtueller Vergemeinschaftung gesprochen werden. Die online-Beziehungen haben in diesem Fall keinen eigenständigen Charakter, sondern sind technisch vermittelte Erweiterungen bereits bestehender realweltlicher Beziehungsstrukturen. Angesichts der strukturellen Defizite computervermittelter Kommunikation und der leichten Zugänglichkeit der "exit-option" (Hirschmann) ist zu vermuten, dass online-Vergemeinschaft ein eher unwahrscheinliches Phänomen ist, das nur unter ganz spezifischen Bedingungen zustande kommt.
Erste Ergebnisse zeigen, dass die Stabilität von
online-Beziehungen in den meisten Fällen auf eine
"realweltliche" Abstützung angewiesen ist. Insbesondere in den
chat-Gruppen entstehen aus online-Kontakten oft offline-Beziehungen,
während die umgekehrte Entwicklung - online-Kontakte als
Erweiterung bereits bestehender offline-Beziehungen - seltener
anzutreffen ist. Generell haben die chat-Gruppen eine sehr viel
ausgeprägtere soziale Funktion als die news-Gruppen.
Ansätze zur einer Herausbildung von online-Gemeinschaften im
Sinne einer group community konnten nur bei ihnen festgestellt
werden.
Im weiteren Verlauf des Projekts soll untersucht werden, welche Faktoren für diese unterschiedlichen online-Beziehungsstrukturen verantwortlich sind. Grob lassen sich drei Bündel möglicher Einflussfaktoren unterscheiden:
--> mehr zum Projekt 'virtuelle Vergemeinschaftung'.
(3) Traditionelle Vergemeinschaftung: Fallstudie 'Traditionswandel'
Die ethnographische Fallstudie zu Funktion und Wandel von
Solidarnetzen in agrarischen Gemeinden im Jura untersucht, ob
'traditionale' Formen der Vergemeinschaftung angesichts eines
massiven Modernisierungsschubes Bestand haben können bzw. wie
sie sich verändern. Die bisherigen Ergebnisse verweisen auf
eine nach wie vor hohe Relevanz von traditionalen
Verwandtschaftsnetzen - 'Bauerndynastien' - für
die bäuerliche Reproduktion.
Es lässt sich vermuten, dass diese Netze zwar quantitativ geschrumpft sind, weil nur noch ein Teil der Familie faktisch einen Hof bewirtschaften kann. Ohne die Arbeitskraft sowie das materielle, kulturelle und soziale Kapital von Familie und Verwandschaft ist ein Bauernbetrieb dennoch nicht zu erhalten. Auch so noch beruht die Reproduktion des Familienbetriebs, so die These, auf Selbstausbeutung, die durch den Mythos des Bauern als 'freier Unternehmer' kulturell legitimiert wird. Dem individualistischen Selbstbild der Bauern steht das Eingebundensein in traditionelle Solidarnetze und die existentielle Abhängigkeit von der staatlichen Landwirtschaftspolitik entgegen (zwei Drittel des bäuerlichen Einkommens in der Milchwirtschaft besteht aus direkten und indirekten Subventionen).
Das Netzwerk bäuerlicher Interessenvertretung in Polititk und Verwaltung erhält vor diesem Hintergrund seine spezifische Bedeutung wichtige, aber ebenfalls zunehmend prekäre Ergänzung zu den familiären Netzen.
--> mehr zum Projekt 'Réseaux traditionnels de solidarité et intégration sociale'.
(Version actuelle, en français)
--> mehr zum Projekt 'traditionelle Vergemeinschaftung' (deutsche Version vom Dezember 1997)
(4) Gesamtgesellschaftliche Integration:Fallstudie 'Politische Verhandlungssysteme'
Das Teilprojekt untersucht Prozesse politischer Konsensfindung im Bereich Sozialpartnerschaft und fragt danach, wie sich der Wandel der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der verbandsinternen Strukturen sowie der zunehmende Wettbewerbsdruck für die Unternehmen auf die Regulierung der Konflikte zwischen den Sozialpartnern auswirkt. Eine erste Analyse des Wandels der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen im Zeitraum von 1980 bis 1996 unterstreicht einerseits die Stabilität der politischen Rahmenbedingungen, weist aber auch auf die bekannten Veränderungen bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hin, die insbesondere die ArbeitnehmerInnenseite schwächen.
Die Untersuchung der Verhandlungsstrukturen gibt Hinweise auf ein wachsendes Konfliktpotential zwischen den Sozialpartnern. Beispielsweise wird verbandsintern eine intensivere Informationspolitik betrieben, um Gefolgschaft zu mobilisieren und die eigene Politik gegenüber der Mitgliederbasis besser zu legitimieren. Während den Verhandlungsrunden zwischen den Sozialpartnern lässt sich ein Trend zu mehr Öffentlichkeit beobachten, was zur Polarisierung der vertretenen Positionen beiträgt, aber auch Solidaritätsressourcen Dritter zu mobilisieren vermag. Extern setzen die Verbände zur Verstärkung ihres Einflusses auf den Druck einer breiteren Öffentlichkeit. Die Sozialpartner in den binnenmarktorientierten Branchen appellieren dabei stark an die Solidarität der 'Schicksalsgemeinschaft Schweiz', die Sozialpartner exportorientierter Branchen hingegen stellen den wachsenden Standortwettbewerb in den Vordergrund.
--> mehr zum Projekt 'gesamtgesellschaftliche Integration'. (Version vom Dezember 1997, deutsch.)
-->zur Literaturliste des Forschungsverbundes.
Kontakt:
Prof. Dr. Bettina Heintz, Universität Mainz, Institut für Soziologie,
Colonel-Kleinmann-Weg 2, D-55099 Mainz, http://www.soziologie.uni-mainz.de/heintz
e-mail: heintz-at-soziologie.uni-mainz.de,
Tel: 0049 6131 39 40 42, Fax: 0049 6131 39 40 43.
Dr. Eva Nadai, Universität Bern, Institut für Soziologie,
email: eva.nadai-at-fhso.ch.
Übersicht über die Teilprojekte:
Der Forschungsverbund "Individualisierung und Integration"
bildet einen Bestandteil des Moduls "Individuum und Gesellschaft"
im sozialwissenschaftlichen Schwerpunktprogramm SPP "Zukunft Schweiz".
Die Projekte werden vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert
und von den Universitäten Bern und Neuenburg unterstützt.
Laufzeit: 30 Monate (April 1997 bis September 1999).
Literaturliste zum Forschungsverbund "Individualisierung und Integration"
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