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Sprachfeminismus in der Sackgasse, Teil 2
Die konkreten Auswirkungen
Die Eliminierung des allgemeinen, d.h. nicht unter geschlechtlichem Gesichtspunkt ins Auge gefassten Menschen aus der deutschen Sprache führt zu schwerwiegenden Folgen in der Sprachpraxis, welche die Urheber der hier kritisierten Sprachreform gewiss weder voraussahen noch beabsichtigten:
Ausgesprochen lästig sind die ermüdenden Wiederholungen: In Lehrplänen kann man heute Dutzende, ja Hunderte von Malen lesen „Die Schülerinnen und Schüler sollen …“ Oder das neue Personalgesetz des Kantons Zug zählt auf rund 180 Zeilen die staatlichen Funktionsträger auf nach der Manier „Dipl. Ingenieurin oder Architektin/Dipl. Ingenieur oder Architekt“. Einzig der Polizeifeldweibel bleibt ohne femininen Gegenpart.
Eine gewisse Hilfe scheint dann das alle Probleme verkleisternde Wort „beziehungsweise“ zu sein, das aber – auch als Abkürzung – schwer lesbare Texte erzeugt: So lesen wir beispielsweise in einer Verordnung über das neue Fleischhygienerecht (gemäss einem Skript von Herrn lic.iur. Urs-Peter Müller vom Bundesamt für Veterinärwesen) folgende Bestimmungen:
„1 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tierärztin leitet in fachlicher Hinsicht die Tätigkeit der Fleischinspektoren beziehungsweise Fleischinspektorinnen und Fleischkontrolleure beziehungsweise Fleischkontrolleurinnen.
2 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin und der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin können auch die Funktion eines Fleischinspektors beziehungsweise einer Fleischinspektorin ausüben, der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstierärztin, der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tierärztin und der Fleischinspektor beziehungsweise die Fleischinspektorin die eines Fleischkontrolleurs beziehungsweise die einer Fleischkontrolleurin.“
Um solchen Ungeheuerlichkeiten aus dem Wege zu gehen, greifen einzelne Schreiber zur Klammer. So ist in einer Dissertation wörtlich zu lesen: „So wird ein(e) Lernende(r) zu einer(m) LernbegleiterIn und umgekehrt.“ Man lese diesen Satz, der eher einer mathematischen Formel als einem sprachlichen Gebilde gleicht, doch einmal laut! Er missachtet eine elementare sprachliche Forderung: dass Geschriebenes auch gesprochen werden kann.
Sobald Adjektive und abhängige Pronomina verwendet werden, wird die Sprache ausserordentlich umständlich: „Der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin kümmert sich immer auch um die Person des unbekannten Autors bzw. der unbekannten Autorin.“ – Wie künftig ein Deutschlehrer bzw. eine Deutschlehrerin mit den aufgeworfenen Problemen umgeht und ob dann auch sein/ihr Inspektor bzw. seine/ihre Inspektorin damit einverstanden ist, dass er seinen bzw. sie ihren Schülern und Schülerinnen so etwas beibringt, kann heute wohl noch keiner, der bzw. keine, welche die Abschaffung des nichtgeschlechtlich ins Auge gefassten Menschen betreibt, voraussagen.
Eine weitere Komplikation ergibt sich aus der Möglichkeit, Substantive zusammenzusetzen: Geläufig sind bereits Lehrerinnen- und Lehrerzeitung, Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung, und im neuen Aargauer Schulleitbild ist die Rede vom Lehrerinnen- und Lehrerurteil, von den Schülerinnen- und Schülerwahrnehmungen, von den Schülerinnen- und Schülerbedürfnissen und von der Schülerinnen- und Schülerbeurteilung. Logischerweise werden wir künftig wohl bei der Fahrprüfung den Führerinnen- und Führerausweis erwerben und müssen dann aufpassen, niemanden auf einem Fussgängerinnen- und Fussgängerstreifen anzufahren.
Kaum mehr lösbare Probleme ergeben sich bei Koppelung zweier Funktionen: Arbeitervertreter, Lehrerberater, Patientenbetreuer. Der Satz „Ein künftiger Lehrerberater sollte zuvor auch ein bewährter Schülerbetreuer gewesen sein“ lautet neu: „Ein künftiger Lehrer- bzw. Lehrerinnenbetreuer bzw. eine künftige Lehrer- bzw. Lehrerinnenbetreuerin sollte zuvor auch ein bewährter Schüler- bzw. Schülerinnenberater bzw. auch eine bewährte Schüler- bzw. Schülerinnenberaterin gewesen sein.“
Zu diesen künstlich erzeugten Umständlichkeiten gesellt sich die Unmöglichkeit, gewisse Zusammenhänge logisch korrekt auszudrücken. Der Verlust der beide Geschlechter umfassenden Oberbegriffe verhindert grundsätzlich Aussagen, in denen Frauen und Männer als Einheit zusammengefasst oder miteinander verglichen werden. Der Satz „Müllers sind Schweizer“ lautet nun: „Müllers sind Schweizer und Schweizerin.“ Haben sie aber noch eine Tochter, heisst es dann „Müllers sind Schweizer und Schweizerinnen.“ Völlig am Anschlag ist ein Friedensrichter, der ein streitendes Paar ermahnen sollte: „Als Eheleute seid ihr nicht Gegner, sondern Partner, ja Freunde!“ Auch Sätze wie „Auf fünf Schweizer trifft es einen Ausländer“ oder „Die Eltern sind die ersten Erzieher der Kinder“ sind unter dem Anspruch der neuen Sprachnorm unstatthaft, obwohl sie eigentlich wahr sind. Und der Satz „Frauen sind die vernünftigeren Autofahrer“ hat keinen Sinn, wenn man – wie in einer Broschüre mit dem vielsagenden Titel ‘Übung macht die Meisterin’ verlangt – „Autofahrerin“ schreibt; er ist aber auch sinnlos, wenn „Autofahrer“ bloss noch biologisch männlich gedeutet wird. Ebenso steht es mit der oft aufgestellten Behauptung: „Frau Dreifuss ist die hundertste Bundesrätin.“ Schön wär’s, mag da manche denken.
Hinzu kommt die Ächtung von übergeschlechtlichen, grammatikalisch maskulinen Vokabeln wie etwa man, jeder, jedermann, niemand, jemand, wer. Ein Satz wie „Verletze niemanden in seinen Gefühlen“ lautet sprachfeministisch „Verletze keinenmann und keinefrau in seinen bzw. ihren Gefühlen.“ Steht irgendwo „Jedermann ist eingeladen“ folgt prompt die Frage: „Und die Frauen?“ Satzgebilde wie „Wer zuviel Energie verbraucht, der oder die sollte zur Kasse gebeten werden“ kann man praktisch täglich am Fernsehen oder Radio hören. Einfachste Wahrheiten wie „Liebe deinen Nächsten“ werden zu sprachlichen Seifenblasen: „Liebe deinen Nächsten, deine Nächste und dein Nächstes“ (denn auch Kinder haben Anspruch auf Nächstenliebe).
Bedenklich ist aber auch die geistige Abkoppelung von allem, was vor 1990 geschrieben wurde. Handle es sich um wissenschaftliche Literatur oder Belletristik – auf Schritt und Tritt wird der Leser durch die Tatsache geärgert, dass von Einwohnern, Gärtnern, Schülern, Philosophen, Christen usf. die Rede ist, und wird denn alle Autoren entweder für naiv oder maskulistisch verdorben betrachten. Es sei dies am Beispiel eines Goethe-Zitates verdeutlicht. Würde sich Goethe dem Sprachsexismus unterzogen haben, lautete der zweite Absatz des 7. Buches von ‘Dichtung und Wahrheit’ wie folgt:
„In ruhigen Zeiten will jeder/jede nach seiner/ihrer Weise leben, der Bürger/die Bürgerin sein/ihr Gewerb, sein/ihr Geschäft treiben und sich nachher vergnügen; so mag auch der Schriftsteller/die Schriftstellerin gern etwas verfassen, seine/ihre Arbeiten bekannt machen und, wo nicht Lohn, doch Lob dafür hoffen, weil er/sie glaubt, etwas Gutes und Nützliches getan zu haben. In dieser Ruhe wird der Bürger/die Bürgerin durch den Satiriker/die Satirikerin, der Autor/die Autorin durch den Kritiker/die Kritikerin und so die friedliche Gesellschaft in eine unangenehme Bewegung gesetzt.“
Die hier kritisierte Sprachreform hat aber nicht bloss direkt sichtbare Konsequenzen wie etwa die erwähnten stereotypen Wiederholungen oder die nicht aussprechbaren Kunstformen wie AHV-Bezüger/innen oder A(Ä)rzt(e)Innen. Die eingangs erwähnte und bedauerte Abschaffung des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefassten Menschen zeigt sich – z. B. in pädagogischen Fachzeitschriften – auch noch in einer immer abstrakter werdenden Sprache, und zwar ganz einfach darum, weil natürlich auch die heutigen angepassten Schreiber merken, dass die dauernden Wiederholungen mühsam zu lesen sind, und sie sich dann damit behelfen, menschliche Funktionsträger (Lehrer, Schüler usf.) einfach nicht mehr zu erwähnen. So lässt sich etwa der einfache Satz „Die Lehrer sollten wieder vermehrt mit den Schülern üben“ umformen zur Aussage „Aufgabe der Schule ist es, durch gezielte Wiederholungen die Kulturtechniken wieder vermehrt zu festigen.“ Ganz allgemein sind Lehrer heute Lehrkräfte oder Teil der Lehrerschaft, was übrigens auch nicht ganz sauber ist, denn konsequenterweise müsste es Lehrer- und Lehrerinnenschaft lauten. Oder statt von Studenten und Sängern ist von Studierenden und Singenden die Rede, ohne alles Verständnis dafür, dass dies nicht dasselbe ist. Auf diese Weise bringen es heutzutage einschlägige Zeitschriften fertig, kaum mehr von den Menschen, die eigentlich im Zentrum stehen sollten, zu sprechen: von Schülern, Lehrern, Erziehern, Inspektoren, Psychologen, Therapeuten, Beamten, Schulpflegern usf. Es ist sehr zu bezweifeln, ob dies die Absicht jener Frauen und Männer war, die als erste die deutsche Sprache hinsichtlich der Dominanz des Maskulinen einer Fundamentalkritik unterzogen.
Wie zu vernehmen ist, gibt es heute – vorwiegend in Maturitätsschulen – bereits Deutschlehrer, welche von ihren Schülern die Doppelnennungen von Funktionsträgern verlangen. In welch fataler Weise die Ausdruckmöglichkeiten damit beschnitten werden, ist oben aufgezeigt worden. Zu erwähnen bleibt noch, dass damit ganz allgemein ein Berg neuer Probleme auf die Schule zukommt: Als Zugabe zu allem, was die Lehrer bereits zu bewältigen haben, sollen sie nun auch noch das einüben, was aus politischen Motiven in die Sprache eingeführt wurde und heute viele Schreiber bereitwillig befolgen. Dass damit gleichzeitig das Anliegen einer sprach-ästhetischen Erziehung untergraben wird, sei hier bloss am Rande erwähnt.
Bilanz
Angesichts dieses hohen Preises muss es erlaubt sein, Bilanz zu ziehen und Gewinn und Verlust gegeneinander aufzurechnen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Auf der Gewinnseite liegt lediglich die Genugtuung jener Männer und Frauen, denen die Doppelnennung menschlicher Funktionsträger ein Anliegen ist und die es offensichtlich verstanden haben, sich durchzusetzen. Die damit verbundene Komplizierung der Sprache und der Verlust an Sprachästhetik und logischen Ausdrucksmöglichkeiten schafft nicht eine einzige zusätzliche Information, dafür aber einen nicht geringen Ärger bei vielen Schreibern und Lesern. Es ist indessen anzunehmen, dass es eher wenige sind, die diese Verärgerung bewusst wollen und somit das Argument unterstützen würden, das einem Redaktor einer bekannten Berner Zeitung zu Ohren kam: Man wolle die Männer mit der Sprache so lange ärgern, bis sie endlich den Frauen die Gleichberechtigung zugestünden. Diese Absicht verfehlt ihr Ziel schon deshalb, weil sich mit Sicherheit auch sehr viele Frauen über die aufgezeigten Erschwernisse ärgern.
Was ist also zu tun?
Es ist gewiss richtig und angezeigt, z. B. auf Einladungen oder in Anreden beide Geschlechter anzusprechen, da man dann ja offensichtlich konkrete Menschen als Männer und Frauen vor sich sieht. In diesen Fällen sollte man sich denn auch die Mühe nehmen, beide Formen ganz auszuschreiben. Formen wie A(Ä)rztIn, Schulpfleger/in oder Coiffeur/euse sind ja reine Schreibsprache, die nicht gesprochen und hinsichtlich weiterer sprachlicher Strukturen (z. B. Pronomina) gar nicht durchgehalten werden kann.
Darüber hinaus aber sollte man den Mut aufbringen, in der Sackgasse, in die man sich verrannt hat, wieder umzukehren. Die Sprache ist ein geistiger Organismus, in den man nicht derart gewaltsam eingreifen darf, dass wichtigste Ausdrucksmöglichkeiten verloren gehen und Umständlichkeit die Klarheit verdrängt. Es ist daher zu wünschen, dass alle feinfühligen Menschen ihren Sinn für sprachliche Ästhetik und auch für das natürlich Gewachsene beim Schreiben bewahren, auch wenn die derzeit gängige Ideologie anderes verlangt. Sprache darf nicht zur unaussprechbaren Schreibe verkommen. Wer immer durch sein politisches Amt oder seine berufliche Tätigkeit Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache haben oder nehmen kann, möge den Mut zur Umkehr aufbringen.
Dr. Arthur Brühlmeier , www.bruehlmeier.info
„Sprachfeminismus in der Sackgasse“ ist erschienen in „Deutsche Sprachwelt“, Ausgabe 36, Sommer 2009, D – 91004 Erlangen
Frühere Titel
—Sprachzerstörung aus Konzilianz – die Umkehr ist fällig
—Wider die Abschaffung des allgemeinen Menschen in der deutschen Sprache
—Alibi-Feminismus – kein Gewinn für die Frauen