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Gestern hielt Graf Czernin wieder einmal seinen Mittwochsempfang ab, und ich verfehlte nicht, ihn zu besuchen.
Auf unsere Protestnote2 gegen den verschärften Unterseebootkrieg und unsere Antwort3 auf Präsident Wilsons Mitteilung über den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland glaubte ich nicht näher eintreten zu sollen, da ich hiezu keinen Auftrag hatte. Ich begnügte mich damit, auf die durch die neuesten kriegerischen Massnahmen einerseits und durch die Einfuhrverbote andrerseits für die Schweiz geschaffene ausserordentlich peinliche und drückende Lage hinzuweisen. Ich erwähnte, dass der freigelassene Hafen von Cette für unsere Bezüge an Nahrungsmittel und Rohstoffen und zur gleichzeitigen Bewältigung unseres Exportes kaum ausreichen werde; aus der Presse hätte ich entnommen, dass Schritte im Gange seien, um auch die Freigabe eines italienischen Hafens zu erwirken: da ich aber mit der Sache nicht betraut sei, müsse, wenn an dem Gerüchte überhaupt etwas sei, die k. u. k. Gesandtschaft in Bern die Übermittlung solcher Wünsche übernommen haben.
Der Minister erklärte mir zunächst, was letzteren Punkt anbetreffe, wisse er von einer Demarche der Schweiz, welche die Öffnung eines italienischen Hafens bezwecke, absolut nichts; von Baron Gagern sei ihm keinerlei derartige Anfrage zugekommen. Im übrigen könne er mir jetzt schon sagen, dass einem solchen Begehren unter keinen Umständen entsprochen werden könnte. Die Blockade Italiens sei, namentlich was Österreich-Ungarn betrifft, der Hauptzweck des verschärften Unterseebootkrieges, und die Absperrung der Halbinsel müsse eine absolut lückenlose sein; es sei in dieser Beziehung nicht an die geringste Konzession zu denken. Nachdem die Entente das aufrichtige Friedensangebot der Zentralmächte, die von jeder Annexion absehen wollten, mit Bedingungen beanwortet habe, die einem Schlage ins Gesicht gleichkommen, müsse jetzt mit den rigorosesten Massregeln geantwortet werden; ein «Zurück» gebe es jetzt nicht mehr. Die Zentralmächte sehen wohl ein, dass die Neutralen durch die neuesten Massregeln schwer zu leiden haben, und bedauern dies sehr; sie und im besonderen Österreich-Ungarn würden aber ihr möglichstes tun, um den Neutralen, und der Schweiz ganz speziell, wo immer möglich Erleichterungen zu gewähren; aber an der strengen Durchführung des Unterseebootkrieges dürfe nicht gerüttelt werden.
Auf letzteren Punkt legte Graf Czernin in einem, ich möchte fast sagen gereizten Tone ein solches Gewicht, dass ich mich fragen musste, warum er sich gerade mir gegenüber so scharf ausdrückte. Die Erklärung fand ich, als ich beim Verlassen des ministeriellen Salons im Vorzimmer die Abendblätter zur Hand nahm, worin das Wolffsche Communiqué über die Vermittlung des Herrn Ministers Ritter zwischen Deutschland und Amerika publiziert war. Ich weiss ja nicht, und es ist auch aus den bisherigen Äusserungen der Presse nicht zu entnehmen, inwiefern diese Aktion aus der eigenen Initiative meines Washingtoner Kollegen entsprungen oder auf Eröffnungen des Staatssekretärs Lansing oder endlich auf anderweitige Instruktionen basiert ist; von einer günstigen Aufnahme der Anregung bei den Zentralmächten darf vorderhand kaum gesprochen werden; auch von journalistischer Seite wurde Herrn Egger gegenüber eine gewisse Verwunderung über den Vorfall nicht verhehlt. Es wäre für mich von Wert, zu erfahren, was eigentlich gegangen ist und wie ich mich allfälligen Anfragen gegenüber zu verhalten habe.
Wenn Graf Czernin von irgendwelchen Erleichterungen im Unterseebootkriege nichts wissen wollte, so zeigte er sich desto geneigter, der Schweiz auf anderen Gebieten im weitesten Masse entgegenzukommen. Er versicherte, man habe hier ein volles Verständnis für die schwierige Lage der Schweiz, man wisse auch deren mehr als korrekte Haltung und althergebrachte Freundschaft zu würdigen und er werde alles tun, um uns über diese schwierigen Zeiten hinwegzuhelfen; dabei sei er überzeugt, dass wir auch unsererseits der ernsten Lage, in der sich Österreich-Ungarn befinde, in gleichem Masse Rechnung tragen werden.
Ich lenkte darauf die Aufmerksamkeit des Ministers im Besonderen auf das Zusammentreffen der Schwierigkeiten in der Beschaffung von Lebensmitteln und Rohstoffen der mannigfachsten Art mit den Einfuhrverboten gegen die Haupterzeugnisse unserer Industrie wie Uhren, Seidenwaren, Stickereien, Schokolade usw. Ich berichtete über meine Unterredung mit dem Finanzminister und die von diesem in Aussicht gestellten, aber noch nicht eingelangten Vorschläge. Graf Czernin wusste von der ganzen Sache noch gar nichts, machte sich aber einige Notizen und versprach mir, die Angelegenheit mit Herrn von Spitzmüller im Sinne eines Entgegekommens zugunsten der Schweiz und von einem höheren, politischen Standpunkte aus zu prüfen, wobei er zugebe, dass die Lage für uns eine solche sei, bei welcher Argumente, die einzig auf den ungünstigen Stand der österreichischen Valuta fussen, nicht allein in Betracht gezogen werden dürfen. Übrigens, fügte Graf Czernin bei, habe er sich schon für eine Ergänzung der schweizerischen Getreideversorgung verwendet, indem er das Projekt, welches uns ca. 15 000 Waggons Getreide rumänischer Provenienz sichern soll, in warm empfehlendem Sinne nach Berlin weitergeleitet habe. Über diese Frage werde ich Ihnen anderweitig referieren.
Ob es dem Minister des Äussern möglich sein wird, einen genügenden Druck auf die Finanz- und Handelsministerien auszuüben, um unsern Exportindustrien einige wirklich nennenswerte Erleichterungen zu gewähren, kann ich einstweilen nur hoffen; soviel darf ich aber feststellen, dass ich den Eindruck hatte, es sei dem Grafen Czernin mit seinem Entgegenkommen entschieden ernst und dass er den möglichen politischen Folgen einer Gefährdung unserer Lebensinteressen durchaus nicht blind gegenübersteht. Es würde vielleicht nichts schaden, wenn wir jetzt schon und ohne die Vorschläge des Finanzministers abzuwarten, mit konkreten Postulaten an den Minister des Äussern herantreten könnten. Ich berichte Ihnen übrigens auch in diesem Punkte in einem Separatschreiben über die hängenden wirtschaftlichen Fragen.
Über die Haltung der Schweiz als neutraler Staat äusserte sich Graf Czernin ausserordentlich günstig; er betonte, wie er nicht nur vollstes Vertrauen in unseren guten Willen hege, sondern auch absolut überzeugt sei, dass es uns gelingen werde, unsere Neutralität aufrechtzuerhalten; er sei nie dem geringsten Zweifel in dieser Beziehung zugänglich gewesen. Von den von mir erwähnten Titelrückzügen (siehe Spezialbericht über diese Angelegenheit)4 wisse er gar nichts; wenn er aber etwas davon erfahren hätte, so würde er sich entschieden für die Belassung der Titel in der Schweiz ausgesprochen haben, denn es sei ihm viel daran gelegen, uns von seinem absoluten Zutrauen zu überzeugen.
Über den allfälligen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Amerika sprach sich der Minister begreiflicherweise nur sehr zurückhaltend aus; immerhin liess er durchblicken, dass er auf eine Kriegserklärung Amerikas an Deutschland durchaus gefasst sei und dass eine solche automatisch auch den Bruch mit Österreich-Ungarn mit sich bringen würde. Ich muss zwar hiezu bemerken, dass man im allgemeinen gerade hier in den letzten Tagen wieder etwas optimistischer geworden ist.
A../5
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