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Was können Sie uns über Ihren Geschäftsplan erzählen? Gibt es Investoren und/oder potenzielle Kunden?
Seaborg wird von privaten Investoren finanziert, was bedeutet, dass wir ein sehr marktgesteuertes Unternehmen sind. Dies ist ein hervorragender Zeitpunkt für die Anwendung eines solchen Geschäftsmodells, da wir heutzutage ein wachsendes Interesse an fortgeschrittener Kernenergie beobachten, auch auf der Kundenseite. So haben wir beispielsweise vor kurzem gemeinsam mit dem vietnamesischen Ingenieurbüro PECC2, dem vietnamesischen Atomenergieinstitut und Siemens Energy eine Konferenz in Vietnam über neue Entwicklungsperspektiven im Bereich der Kernenergie veranstaltet. Im Vorfeld der Konferenz hatte PECC2 eine vorläufige Machbarkeitsstudie für den Einsatz der CMSR Power Barge zur Stromerzeugung in Kombination mit der Wasserstoffproduktion und der Umwandlung von Wasserstoff in Ammoniak unter Verwendung der Technologie von Siemens Energy und Topsoe durchgeführt.
Was sind Ihre Zielmärkte?
Dank unserer internationalen Lizenzierungsstrategie und des Einsatzes auf See können wir viele potenzielle Märkte ins Auge fassen. Derzeit liegt unser Schwerpunkt auf Südostasien, da die Energienachfrage in dieser Region weiter steigt und die Bedingungen für erneuerbare Energiequellen aufgrund geografischer und meteorologischer Einschränkungen schwierig sind, während die Länder vor Ort saubere Grundlaststromquellen nutzen wollen.
Werden kleine Reaktoren wie Ihrer eines Tages die grösseren, die heute gebaut werden, vollständig ersetzen?
Wir sehen bei der Energiewende eine gewaltige Herausforderung vor uns, die viel Raum für eine breite Palette von Lösungen bietet. Sowohl die konventionelle Kernkraft als auch die kleine modulare Variante bringen ihre eigenen vorteilhaften Eigenschaften mit, und beide haben ihren Platz im künftigen Energiemix. Wir müssen fortschrittliche Nuklearsysteme entwickeln, ja, aber wir müssen auch weiterhin Leichtwasserreaktoren (LWR) bauen, und wir müssen wieder lernen, wie man sie schnell und kostengünstig baut – vor allem an Orten, an denen es bereits ein Regelwerk gibt. Wir glauben, dass Seaborgs Ansatz eine Grundlage für die Standardisierung des Baus, der Inbetriebnahme und der Genehmigung von landgestützten Reaktoren – entweder LWR oder landgestützte SMR – im Einklang mit den verschiedenen Harmonisierungsbemühungen internationaler Organisationen und nationaler Aufsichtsbehörden usw. bieten könnte.
Welche Zukunft sehen Sie für die Kernenergie im Allgemeinen?
Es ist heute klar, dass die Nutzung der Kernenergie weltweit ausgebaut werden muss, um den Klimawandel zu bekämpfen und gleichzeitig saubere und zuverlässige Energie zu liefern. Schaut man sich die Analysen internationaler Organisationen an, so fordert beispielsweise die Internationale Energieagentur in ihrem Netto-Null-Szenario für 2050 eine Verdoppelung der weltweiten Kernenergieerzeugung. Das Ausmass eines solchen Ausbaus ist immens und stellt dennoch nur das Minimum dessen dar, was wir anstreben sollten, wenn wir unsere Klima- und Umweltziele erreichen wollen.
Seaborg ist ein junges Unternehmen, das von jungen Leuten geführt wird. Was ist die Idee dahinter? Wie sieht die Geschichte des Unternehmens von seiner Gründung bis heute aus?
Die Gründer von Seaborg trafen sich an der Universität Kopenhagen und diskutierten über die Probleme, denen die Menschheit heute gegenübersteht. Und irgendwann beschlossen sie, dass sie nicht nur diskutieren, sondern versuchen sollten, aktiv zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Sie hatten das Gefühl, dass die bestehenden Lösungen nicht ausreichten. Sie waren der Meinung, dass die Kernenergie der Schlüssel ist, aber auch, dass sie auf eine neue Art und Weise angegangen werden kann. Und so beschlossen sie 2014, Seaborg Technologies zu gründen, und schufen 2016 das Unternehmen in seiner heutigen Form. Seitdem haben wir eine Reihe von Pre-Seed- und Seed-Finanzierungsrunden hinter uns, und wir befinden uns gerade in einer weiteren. Die Expansion des Unternehmens ist in den letzten Jahren explosionsartig verlaufen. Vor zwei Jahren beschäftigte Seaborg etwa 20 Mitarbeiter, jetzt sind es rund 130. Wir haben Büros in unserem Hauptsitz in Kopenhagen, aber auch in Südkorea und Singapur. Darüber hinaus haben wir im vergangenen Jahr ein Spin-off-Unternehmen namens Hyme gegründet, das unsere patentierte Natriumhydroxid-Technologie für die thermische Hochtemperatur-Energiespeicherung nutzen will. In diesem Bereich sind die Entwicklungszeiträume viel kürzer als in der Kernenergie, so dass Hyme bereits im nächsten Jahr (2023) eine Prototypanlage in Dänemark errichten wird. Das ist natürlich auch für Seaborg eine gute Nachricht, denn es gibt viele Synergien zwischen den beiden Unternehmen, vor allem in der Materialforschung, und wir werden viel von dem Projekt lernen.
Sie haben an der ETH in Zürich Kerntechnik studiert. Was haben Sie dabei gelernt und wie hilft Ihnen das bei Ihrer jetzigen Arbeit?
Ich habe den Joint Swiss Master in Nuclear Engineering der ETH Zürich und der EPF Lausanne gemacht. Das war eine grossartige Lernerfahrung für mich, da ich alle verschiedenen Aspekte der Nukleartechnik durchlief, von der Reaktorphysik über die Thermohydraulik und Fluiddynamik bis hin zum Abfallmanagement und der Regulierung. Abgeschlossen habe ich Masterprojekt am Paul Scherrer Institut (PSI) unter der Leitung von erfahrenen Wissenschaftlern aus dem Nuklearbereich. Diese Erfahrung motivierte mich dann, meinen Aufenthalt am PSI zu verlängern und dort zu promovieren.
Die Komplexität und Interdisziplinarität der Nukleartechnik hat mich schon immer gereizt. Aus demselben Grund habe ich mich für eine Tätigkeit als Multiphysik-Spezialist entschieden. Bei einer Multiphysik-Analyse werden alle verschiedenen physikalischen Phänomene berücksichtigt, und dies erfordert ein gründliches Verständnis des betrachteten Systems. Daher ist ein solider Bildungshintergrund von grossem Vorteil. Ich denke, dass der Joint Master mir wirklich geholfen hat, auf dem aufzubauen, was ich zuvor an der Tschechischen Technischen Universität gelernt hatte.
1985 beschloss das dänische Parlament, dass im Land keine Kernkraftwerke gebaut werden sollen, und es sieht nicht so aus, als würde diese Entscheidung in nächster Zeit revidiert werden. In einer kürzlich von YouGov durchgeführten Umfrage, in der sieben europäische Länder verglichen wurden, war die Ablehnungsquote gegenüber der Kernenergie in Dänemark am höchsten. Wie schwierig ist es, in einem solchen Umfeld einen Kernreaktor zu entwickeln? Wie innovationsfreundlich ist Dänemark im Allgemeinen?
Dänemark bemüht sich um die Förderung von Start-ups und macht Kopenhagen zu einem Zentrum für Innovation und Technologie, ist also sehr innovationsfreundlich. Seaborg profitiert insbesondere von einem günstigen Steuersystem, mit dem Forschung und Entwicklung gefördert werden.
Wir haben im August selbst eine Umfrage gesponsert, bei der wir dieselben Fragen wie bei früheren Umfragen über die Kernenergie in Dänemark gestellt haben, und die ergab, dass mittlwerweile 40% dafür die sind. Das ist das erste Mal in 50 Jahren. Bei den Parlamentswahlen am 1. November gab es mehr Debatten über die Energieversorgungssicherheit und die mögliche Rolle der Kernenergie als bei jeder anderen Wahl in den letzten 30 Jahren, so dass sich die Situation recht schnell in Richtung einer positiveren Einstellung zur Kernenergie entwickelt.
Für uns bedeutet das derzeitige Umfeld in Dänemark in erster Linie, dass wir nicht so viel Unterstützung von der Regierung erhalten, was auch die Mittelbeschaffung erschwert. Andererseits bedeutet es, dass wir kommerziell denken und für internationale Möglichkeiten und Unterstützung offen sein müssen, was sich auf die Denkweise und Kultur unseres Unternehmens auswirkt. Und ich denke, das hilft uns wirklich dabei, uns auf die Lieferung eines Produkts zu konzentrieren, das das Potenzial hat, die Energieerzeugung zu revolutionieren. In gewisser Weise bedeutet die Tatsache, dass die Kernenergie in Dänemark keine lange Geschichte hat, dass wir das Thema mit frischen Ideen und unkonventionellen Lösungen angehen können – wie die CMSR Power Barge.
Ausserdem ist Kopenhagen ein grossartiger Ort mit einem hohen Lebensstandard, was uns dabei hilft, die notwendigen Talente anzuziehen. Und es sollte auch erwähnt werden, dass die Kerntechnik ein sehr multidisziplinäres Gebiet ist, so dass wir, obwohl Dänemark kein Land mit Kernkraftwerken ist, hier bereits über viel Kompetenz verfügen. Insbesondere für unsere Vorstellung von maritimen Einsätzen sind die starke dänische Marinetradition und -industrie sehr hilfreich.
Was wäre Ihrer Meinung nach erforderlich, um die öffentliche Meinung und schliesslich die dänische Politik in Bezug auf die Kernenergie zu ändern?
Das schiere Ausmass des Kampfs gegen den Klimawandel wird hier in Dänemark als beängstigend empfunden. Er erfordert den Einsatz aller grünen Technologien in einem noch nie dagewesenen Ausmass. Die anhaltende Debatte hat zur Folge, dass sich immer mehr Dänen der Vorteile und des Nutzens der Kerntechnik bewusst werden. Doch obwohl sich der öffentliche Diskurs verändert und der politische Appetit auf die Einführung der Kernenergie in Dänemark wächst, ist er noch sehr begrenzt. Ein weiteres Hindernis ist das Ausmass an Fehlinformationen über die Kerntechnik hier in Dänemark. Daher ist es ermutigend zu sehen, dass dänische Pro-Atomkraft-NGOs und Jugendorganisationen das Thema aktiv auf der Grundlage einer transparenten, objektiven und klaren Kommunikation diskutieren. Für mich ist klar, dass eine solche Kommunikation der Weg nach vorne ist und die Vorteile der Kernenergie bei der Eindämmung des Klimawandels, der Beseitigung der Energiearmut und der sicheren Versorgung mit erschwinglicher Energie hervorhebt.
Dr. Lubomir Bures
Dr. Lubomir Bures ist Multiphysik-Spezialist beim dänischen Startup Seaborg Technologies. Er erhielt 2016 einen BSc-Abschluss in Nukleartechnik von der Tschechischen Technischen Universität in Prag, gefolgt von einem gemeinsamen MSc-Abschluss der ETH Zürich und der EPF Lausanne im Jahr 2018 und einem PhD-Abschluss in Energie von der EPF Lausanne im Jahr 2021. Seitdem arbeitet er bei Seaborg, wo er sich vor allem mit der computergestützten Modellierung und Simulation des CMSR-Systems beschäftigt. Er ist aktives Mitglied der Young Generation der Schweizerischen Gesellschaft der Kernfachleute SGK. Unter anderem hat er die Veranstaltung «Stand Up for Nuclear 2019» in Zürich mitorganisiert und die Initiative «Nuclear for Climate» an der COP25 in Madrid vertreten.