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Ein Wort vorweg. Es geht in diesem Thread nur um Geldsysteme, nicht um politische.
Es geht also nicht darum - wie einige Leser in der Vergangenheit bei ähnlichen Diskussionen vermutet haben - das kapitalistische System durch ein kommunistisches oder die Demokratie durch Diktatur zu ersetzen
Ich werde nachfolgend in einem ersten Teil beweisen, dass unser aktuelles auf Zins und Zinseszins basiertes Geldsystem nicht ewig weiter laufen kann. Dass es den Systemfehler bereits per Definition in sich trägt, dass in der Vergangenheit ähnliche Systeme eine Lebenserwartung von 40-80 Jahren hatten und dass das System ungerecht ist, indem es Besitz gegenüber Arbeit bevorzugt.
Im zweiten Teil werden wir dann darüber diskutieren, welche Alternativen es gibt, welche Vor- und Nachteile sie haben, wem sie nützen, wem sie schaden und ob sie politisch umsetzbar sind.
Schulden vs. Wirtschaft
Betrachten wir als Einstieg diese Grafik.
Da wäre zum einen die Kurve der Wirtschaftsleistung, die wie jedes natürliche Wachstum einer Sinoide, einer abflachenden Kurve folgt. Die Abflachung gegen Ende ergibt sich aus Sättigung einerseits und den Grenzen der natürlichen Ressourcen andererseits. Man kann zu Recht argumentieren, dass die Wirtschaft über einen überblickbaren Zeitraum von vielleicht 100 Jahren in etwa linear verläuft. Das ändert allerdings nichts an der Aussage, dass die Wirtschaft anfangs, im noch schuldenfreien System stärker steigt als die Geldmenge, die Schulden wächst. Entsprechend herrscht wirtschaftlicher Wohlstand und arbeiten lohnt sich.
Das Problem ist die Kurve der Geldmenge, die zugleich mit Schulden und Vermögen gleichzusetzen ist.
Jegliches Geld wird von der Zentralbank gedruckt und gegen Zinsen an die Banken verliehen.
Nehmen wir am Tag Null eine Geldmenge von 1000 an und einen Zinssatz von 5%, so müssten nach einem Jahr 1050 zurückbezahlt werden. Doch diese 50, die Zinsen existieren ja gar nicht. Ergo muss die Geldmenge um mindestens diese 50 erhöht werden, damit jeder seine Schulden bedienen kann.
Im darauffolgenden Jahr muss die Geldmenge entsprechend mindestens auf 1050*1.05=1102.5 erhöht werden usw.
Bei 5% Zinsen haben wir also eine Verdoppelung nach 14 Jahren, einen Vervierfachung nach 28 Jahren etc.
Der Fluch dieser Zinseszinskurve, der Geldmenge besteht, wie wir in der Grafik schön sehen können darin, dass sie Anfangs unmerklich steigt und erst gegen Ende, so im letzten Drittel, unangenehm wird.
Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass das von der ZB gedruckte Geld = Schuld der Banken gegenüber der ZB ist, dass entsprechend dieses Geld von den Banken als Schuld gegenüber den Banken an Wirtschaft und Private weitergegeben ebenfalls Schuld ist und dass, weil es ja nur Zentralbankgeld = Schuldgeld gibt auch jegliches Geldvermögen einer entsprechenden Schuld gegenübersteht.
Wir können folgerichtig behaupten: Geldmenge = Schulden = Geldvermögen.
Die Zinsen verdammen uns zu ewigem Wirtschaftswachstum. Wir müssen immer mehr und immer schneller produzieren und wissen doch ganz genau, dass wir den Wettlauf gegen die Exponentialfunktion der Zinsen nicht gewinnen können. Das ist mathematisch schlicht unmöglich.
Die einzige Zivilisation, der es gelungen ist, länger als 80 Jahre diesem Wettlauf standzuhalten, war das römische Reich. Allerdings war dazu eine enorme Expansionspolitik notwendig. Man hat Länder erobert, mit deren Gold- und Silberschätzen die römischen Kassen wieder aufgefüllt und hatte somit wieder ein paar Jahre Ruhe. Bis dann der nächste Krieg nötig war, weil die Kassen leer waren.
Kaiser Nero war schlussendlich zu faul oder unfähig, diesen Expansionskurs fortzusetzen. In der Folge ist das römische Reich damals zerfallen.
Notabene ziemlich verarmt. Das gesamte Vermögen Roms gehörte damals noch ganzen 10 Familien.
Durch das Zinssystem werden wir also nach vorne gepeitscht und bekommen dafür - je näher wir uns dem Schnittpunkt der beiden Kurven nähern - immer weniger Gegenleistung für unsere Mühen.
Wer es gerne grafisch mag: Es gibt ein schönes Zeichentrickfilmchen, das am Beispiel einer fremden, ausserirdischen Macht erklärt, wie man sich einen Planeten mit halbintelligenten Lebewesen Untertan machen kann, ohne dass die es merken. Eben, indem man ihnen Geld und Zinsen gibt. Gegen Schluss schuften die armen Kreaturen immer mehr und mehr für ihre Herren und Meister. Denen gehört am Schluss der ganze Planet (also die Ressourcen) während die Menschen nur noch Geld haben.
Sehenswert: http://www.youtube.com/watch?v=tB5nBee2VoU
Die Quintessenz ist, dass das System so ausgelegt ist, dass es gegen Schluss (nach dem Schnittpunkt der Kurven) eine Vermögensverschiebung von Arbeit zu Besitz, von Wirtschaft zu Banken gibt.
Was heisst das?
Zunächst müssen wir uns bewusst werden, dass wir mehr Zinsen bezahlen als wir eigentlich meinen. Auch wer unter uns schuldenfrei ist, bezahlt z.B. über seine Steuern die Schuldzinsen des Staates. Wer sich beim Zahnarzt behandeln lässt, bezahlt über das Honorar auch die Schuldzinsen auf der Praxis und dem Equipement oder wer ein Auto reparieren lässt, Zinsen für die Werkzeuge und Gebäude der Werkstatt.
Die BuBa (Deutsche Bundesbank) hat hierzu für das Jahr 2000 folgende Zahlen veröffentlicht:
Schauen wir uns die Grafik mal genau an. Sie ist das Herzstück.
Die deutschen Haushalte haben €1182 Mrd. ausgegeben, dabei €500 Mrd. Zinsen bezahlt und €420 an Zinsen erhalten. Die Differenz von €80 Mrd. stellt entsprechend die Zinseinnahmen der BuBa dar.
Wir können also behaupten: In unseren Ausgaben von 1182 Mrd. stecken 500 Mrd. an Zinsen. Entsprechend zahlen wir (bzw. die Deutschen im Jahr 2000) rund 42% Zinsen in jedem Produkt.
Wenn also die Packung Gummibärchen Fr. 1.- kostet, dann zahlen wir 58 Rp. für die Gummibärchen und 42 Rp. Für die Zinsen von Haribo und all seinen Zulieferern.
Anders ausgedrückt: Gäbe es diese Schulden nicht, könnten wir die Gummibärchen für 58 Rp. Im Laden kaufen.
Kleiner Einschub:
Die Zahl von 42% Zinsanteil ist umstritten. Helmut Creutz rechnet gerundet mit 40%.
Man kann nun einwenden, dass sich diese Zahl aus Deutschland nicht auf die Schweiz übertragen lässt, weil bei uns die Schulden - insbesondere die Staatsschulden - niedriger sind als in Deutschland.
Man kann das Gegenargument anführen, dass die oben erwähnten Zahlen bereits 10 Jahre alt sind und sich auch in der Schweiz die Geldmenge seit 2000 fast verdoppelt hat (von 200 Mrd auf 370 Mrd gemäss SNB).
Schlussendlich ist es aber akademisch, ob man nun mit 42%, 50%, 30% oder 35% Zinsanteil rechnet. Wichtig ist, dass für die meisten Menschen dieser Zinsanteil weit über dem liegt, das sie selbst an Zinsen einnehmen. Faktisch ändert sich also nichts an der Betrachtung.
Also weiter im Text:
Nun kann man argumentieren, dass das Deutsche Volk ja nur (500-420) 80 Mrd. an Zinsen bezahlt hat und das ja nicht so schlimm sei.
Richtig. Nur! Schauen wir jetzt mal, wer die Zinsen bezahlt hat und wer von den Zinseinnahmen profitiert!
Hierzu wird die Bevölkerung in 10 gleich grosse Gruppen nach Einkommen sortiert eingeteilt.
Wir sehen, dass (ganz rechts) die Gruppe der reichsten 10% von diesem System profitiert.
Sie haben über ihren Konsum €33.7 Mrd. an Zinsen bezahlt, jedoch €70.2 Mrd. an Zinserträgen eingenommen.
Bei der zweitreichsten Gruppe halten sich Zinsausgaben und -einnahme die Waage, bei allen anderen ist die Zinslast grösser als der Zinsertrag.
Wir wissen aus der ersten Grafik, dass diese Kurve der Zinslast nun exponentiell steigt und wir den Kreuzpunkt mit der Wirtschaft bereits hinter uns gelassen haben. Die Verlagerung von Vermögen von Arbeit zu Besitz (also von jenen Leuten, die ihr Einkommen über Arbeit erreichen zu jenen, die rein von ihren Zinserträgen leben) wird sich also zunehmend beschleunigen.
Dass diese Verschiebung nicht ohne soziale Spannungen über die Bühne gehen kann, wissen wir aus der Vergangenheit.
Dass beim Fall Roms das gesamte Vermögen auf 10 Familien konzentriert war, habe ich bereits erwähnt.
In Frankreich vor der Revolution von 1789 hatte sich das Vermögen auf 100 Familien konzentriert. Bauern, die ihre Pacht nicht zahlen konnten, verloren ihren Besitz und durften als Leibeigene auf dem eigenen Land weiterarbeiten.
Kurz zusammengefasst: Das Zinssystem ist ungerecht weil es Vermögen von der Arbeit zu den Besitzern verschiebt. Arbeit lohnt nicht mehr. Man wird unmöglich aus der Zinsfalle entkommen können.
Ausserdem zwingt uns dieses System, Raubbau an der Umwelt zu treiben und dem Geld nachzurennen.
Es schafft ausserdem in der Endphase eine enorme Blase der Finanzindustrie, die keiner braucht.
Wir haben derzeit ein System, in dem die Finanzindustrie rund 17 mal so gross ist (in Geld gerechnet) wie die Wirtschaft.
Wir haben ein System, in dem die Finanzindustrie die Wirtschaft dominiert und - wir durften das in den letzten Jahren erleben - eine Krise der Finanzindustrie Auswirkungen auf die Wirtschaft hat.
Geld regiert die Welt. Das ist Fakt - leider. Aber müsste es nicht eher so sein, dass Geld und die Banken ein Dienstleister, ein Diener der Realwirtschaft sind und nicht umgekehrt?
Bevor ich zum zweiten Teil mit Lösungsvorschlägen komme, zunächst einige weiterführende Links.
Das meiste, was ich über Geld und Geldsysteme weiss und oben auch verwendet habe stammt von Bernd Senf und Helmut Creutz.
Links hierzu: http://www.systemfehler.de/creutz.htm
Linksammlung zu Creutz: http://www.humane-wirtschaft.de/htm_z/archiv_texte-01.htm
Lösungsansätze
Wir wissen, dass unser Zinssystem den eigenen Kollaps bereits in sich trägt und nach 40-80 Jahren kollabieren muss. Wir wissen dabei auch, dass dieser Kollaps recht unschön sein kann(Krieg, Revolution, Armut) und dass das System das Volksvermögen von der Arbeit zum Besitz verschiebt.
Wenn also positiver Zins, das Vermögen von Arbeit zu Besitz verschiebt, dann muss logischer Weise negativer Zins das Vermögen von Besitz zu Arbeit verschieben, oder?
Das mag auf den ersten Blick wie eine Binsenwahrheit klingen, hat aber den Vorteil, wahr zu sein. Und nicht nur das, Geldsysteme mit negativem Zins gab es bereits mehrfach und sie hatten den Vorteil, recht erfolgreich zu sein und lange zu halten.
Doch der Reihe nach:
Aus obenstehendem ersten Teil geht hervor, dass ein Zinssystem kollabieren muss. Ergo wäre es von Vorteil, den Zins abzuschaffen.
Nun haben wir allerdings das Problem, dass niemand freiwillig sein erspartes Geld herausrücken und als Kredit zur Verfügung stellen würde, wenn er dafür keine Gebühr, Miete, Zins erhalten würde. Logisch oder?
Ja, es sei denn, auf seinem Geld wird ein negativer Zins erhoben. Sein Geld verliert also laufend an Wert, es sei denn er stellt es zur Verfügung und lässt es "arbeiten".
So etwas kann durchaus funktionieren. Auch 1500 Jahre lang!. Die alten Ägypter unterhielten ein auf Weizen basiertes Geldsystem. Wer Weizen ablieferte bekam Geld in Form beschrifteter Tonscherben.
Da Weizen durch Fäule, Ratten etc. einen natürlichen Schwund von etwa 10% pro Jahr hat, hatte auch dieses "Korngiro"-Geld einen Schwund von 10% pro Jahr.
Wer solches Geld also nach Ablieferung seiner Ernte besass, war bestrebt, es möglichst schnell auszugeben. Somit funktionierte die Wirtschaft und der Geldkreislauf tadellos. "Korngiro" zu horten hätte keinen Sinn gemacht. Nach 10 Jahren wäre es praktisch wertlos gewesen.
Wer auf etwas grösseres sparen wollte, hat entsprechend Gold oder Silber gekauft, die den Werterhalt garantierten. Somit waren Gold und Silber zwar eine zweite Währung, die aber nicht für den täglichen Einkauf verwendet wurden sondern nur dem Werterhalt dienten.
Also auch das gab es - und halten wir den Gedanken mal fest - zwei Währungen, die parallel funktionieren. Eine für Werterhalt und eine als Tauschmittel.
Gescheitert ist das ägyptische Korngiro erst durch den Einmarsch der Römer um 30 n.Chr. , die dann ihr römisches zinsbasiertes Münzgeld einführten.
Es gibt noch weitere Beispiele: Als etwa um 800 Karl der Grosse den Hunnenschatz erobert hatte, wurden Gold und Silber als Zahlungsmittel eingeführt. Sein Nachfolger, König Barbarossa verbot Zinsen und die Kirche bestätigte das. Um zu verhindern, dass nun Geld zurückbehalten wird, drohte die Kirche jedem mit Exkommunition, der sein Geld zurückbehält und nicht als Kredit zur Verfügung stellt.
Zugegeben, Hammer-Methode aber zumindest herrschte die nächsten 700 Jahre vergleichsweise Wohlstand. In dieser Zeit wurden Kölner Dom und Ulmer Münster Gebaut. Die Menschen hatten also soviel Vertrauen in ihre Zukunft, dass sie Bauprojekte von 200 Jahren in Angriff nahmen.
Ab 1500 liess die Kirche dann den Zins wieder zu und die Welt verfiel vom goldenen Mittelalter ins dunkle Mittelalter.
Systeme mit positiven Zinsen müssen über kurz oder lang kollabieren. Massgebend ist natürlich der Zinssatz. Die BuBa hat ausgerechnet, dass eine Zinssenkung von generell 2% €120 Mrd. freisetzt und somit 4 Mio Arbeitsplätze schafft. Insofern ist es vernünftig, dass nun weltweit die Zinsen künstlich gesenkt wurden. Nützen wird es aber dennoch nichts mehr, denn die Schulden sind bereits zu hoch, die Zinskurve im exponentiellen Teil.
Sprechen wir also darüber, wie nach dem Reset des aktuellen, ein neues System aussehen könnte:
Vergleichen wir alt und neu:
Derzeit gilt die linke Treppe: Mit Bargeld verdient man keine Zinsen. Mit Sichtguthaben (B) 1% … mit langfristigen Einlagen (E) 7%.
Ein neues System könnte so aussehen, dass einfach die Treppe nach unten verschoben wird. Bargeld verliert also 6% an Wert pro Jahr, langfristige Einlagen bringen noch einen Zins von 1% pro Jahr.
Natürlich ist die Treppe flexibel. In einem gesättigten Kreditmarkt würde die Zinskurve so um 0 pendeln aber es ist durchaus auch denkbar, dass die Zinsen kurzfristig wieder in den positiven Bereich steigen, wenn es die wirtschaftliche Entwicklung (z.B. neue Technologien) erfordert. Oder dass sie in den negativen Bereich abtaucht.
Beachten wir hierbei aber auch, dass unsere Lebenshaltungskosten entsprechend der jetzigen Zinsbelastung sinken werden. Bei gleichem Verdienst bekommen wir dann die Gummibärchen für 58 Rp. Statt jetzt für Fr. 1.-. Einfach deshalb, weil der Zinsanteil wegfällt.
Von so einem System profitieren alle, die ihr Einkommen durch Arbeit erzielen.
Andererseits wird es aber schwieriger werden, ein arbeitsloses Einkommen rein durch Zinseinnahmen zu finanzieren. Arbeit wird also wieder belohnt, Besitz ohne Arbeit wird bestraft.
Es findet eine Umverteilung von reich zu arm, von Besitz zu Arbeit statt.
Politisch betrachtet ist natürlich damit zu rechnen, dass sich Banken, Reiche und der andere obenschwimmende Abschaum mit Händen und Füssen dagegen wehren werden. Entsprechend die Frage, wie viel Druck von unten nötig ist und wie viel Schmerz wir erdulden wollen, bis wir entsprechende Forderungen durchsetzen.
Natürlich nur, wenn wir die in diesem Essay beschriebene Problematik auch begreifen. Und diesbezüglich dürften wir die Ausnahme sein.
Oder wie Rothschild es formulierte:
Die wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird.
Die grosse Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmassen, dass das System ihren Interessen feindlich ist.
(Rothschild, 1863)
Nutzen wir also unsere demokratischen Mittel, um den verantwortlichen Politikern Dampf unter dem Hintern zu machen.
Und hoffen wir, dass der Reset ohne Revolution und Krieg über die Bühne geht und wir als Belohnung wenigstens ein nächstes, faires System erschaffen.
Es liegt nur an uns!