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Asteroideen
(Seesterne).
[* 2] Die psychologische Untersuchung der
Asteroideen versprach besonders lehrreiche Ergebnisse für das
Verständnis des Seelenlebens der
Echinodermen überhaupt, weil sie die beweglichsten und gewandtesten unter denselben sind
und den strahligen
Typus am deutlichsten in ihrem Gliederbau ausdrücken. Die
Echinodermen besitzen nicht wie die
meisten andern
Tiere einen einfachen Hauptnervenknoten
(Gehirn),
[* 3] dem die Oberleitung des
Organismus zufallen könnte, sondern
fünf (oder manchmal noch mehr) durch einen zentralen Nervenring verbundene gleichwertige Hauptnervenstränge, von denen
jeder einen
Arm mit Nervenstrahlung versieht, weshalb auch jeder
Arm eine gewisse psychische Selbständigkeit besitzt.
Preyer unternahm in Neapel [* 4] eine Untersuchungsreihe, um zu sehen, wie diese fünf koordinierten Nervenstränge zusammenwirken. Zunächst wurde festgestellt, daß ein auf den Einen Arm ausgeübter Reiz nur durch Rückstrahlung auf den Zentralring auf benachbarte Arme zu wirken im stande ist, so daß, wenn die Bahn durchschnitten wird, die Fortpflanzung auf den Nachbararm unterbleibt. Ein abgetrennter Arm kann, wie man längst weiß, noch alle möglichen Bewegungen vollführen, lebt weiter und ergänzt sich bei vielen Arten durch Knospung neuer Arme wieder zu einem vollständigen Tier.
Diese Bewegungen eines losgelösten Armes zeigten aber vor der Wiederergänzung nicht die sogleich zu erwähnende Zweckmäßigkeit der Bewegungen des vollständigen Tiers, woraus hervorgeht, daß der ambulakrale Nervenring bei ihnen im allgemeinen die Rolle des Gehirns bei den höhern Tieren spielt. Seine Zerstörung oder Unterbrechung enthirnt das Tier, so daß die Bewegungen desselben unkoordiniert und unzweckmäßig werden. Anderseits waren die Bewegungen, welche das auf den Rücken gelegte Tier anwendet, um wieder in die rechte Lage zu kommen, oder die Anstrengungen, um über die Arme gelegte Kautschukringe oder Hülsen abzustreifen, oder sich aus einer Fesselung zu befreien, zu überlegt und den jedesmaligen Verhältnissen angepaßt, ¶
forlaufend
um Zweifel daran zu lassen, daß es sich nicht um bloße reflektorische, sondern um wohlgeordnete, durch zentrale Impulse beherrschte Befreiungsversuche handelte, die allemal in der folgerichtigsten Weise zur Befreiung führten, sofern die Arme sich z. B. gegenseitig unterstützten und die freien dem belästigten Arm zu Hilfe kamen. Das Beispiel einer durch fünf in den Armwinkeln dicht an der Mittelscheibe eingetriebene großknöpfige Nadeln [* 6] auf einer Holzplatte gefesselten Asterias mag das Gesagte klarer machen.
Der so gefesselte Seestern vollführte nicht ungestüme Bewegungen mit allen Armen, sondern zwängte den Mittelteil zwischen zwei Nadeln ein wenig hinaus, gewann dadurch Freiheit für den dazwischen befindlichen Arm und zog nun erst den einen und dann den andern daneben befindlichen Arm heraus, so daß nun drei Arme frei waren und das Tier darauf mit Leichtigkeit durch die von Anfang an gewählte Öffnung und Richtung hinausschlüpfen konnte. Der Beobachter selbst hätte dem Tier keinen bessern Rat geben können. Es findet also ein deutlicher Konsensus der fünf (oder mehr) Zentralstellen statt, und Preyer macht den Vergleich von fünf in einen Ring zusammengekoppelten Hunden, die sich bald gewöhnen würden, einheitliche Bewegungen nach bestimmten Freßzielen etc. zu machen, und nach gleichmäßiger Ermüdung auch gleichzeitig einschlafen würden. Eigentümlich erscheint die Wirkungslosigkeit gewisser bei den Wirbeltieren schnell lähmender Nervengifte, wie das Curare, während Nikotin umgekehrt ungemein stark wirkte.
Vgl. Preyer in den »Mitteilungen aus der Zoologischen Station zu Neapel«, Bd. 7 (1887).