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Mittelalter. Die Ursprünge der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde von Basel liegen im Dunkeln. Obwohl im nahen Kaiseraugst mit dem Menoraring aus dem vierten Jahrhundert der älteste jüdische archäologische Fund nördlich der Alpen vorliegt (siehe Factsheet Menoraring), sind Juden in der Stadt Basel erst seit 1212/13 nachgewiesen. In den Quellen treten Basler Juden als Kreditgeber des Bischofs und des lokalen Ritteradels auf. 1223 versetzte Bischof Heinrich den Münsterschatz an die Basler Juden. Mit dem erhaltenen Kredit liess er die Mittlere Rheinbrücke erbauen, die lange weit und breit die einzige Brücke über den Rhein blieb und in der Entwicklung der Handelsstadt Basel eine entscheidende Rolle spielte. Für 1241 ist die Bezahlung einer Reichssteuer durch die Basler Juden bezeugt. 1278 verpfändete König Rudolf I. das Basler Judenregal an den Bischof. Zu dieser Zeit umfasste die jüdische Gemeinde etwa hundert Angehörige.
Erste Gemeinde. Diese Basler Juden lebten nicht in einem eigenen Viertel sondern verteilten sich auf Handwerkerquartiere zwischen dem heutigen Barfüsser- und Marktplatz. Die Synagoge der ersten Gemeinde stand am Rindermarkt, der heutigen Gerbergasse 14. Die Existenz eines rituellen Tauchbads, einer Mikwa, wird vermutet, konnte aber bis heute nicht nachgewiesen werden. Der Friedhof lag beim heutigen Kollegiengebäude der Universität Basel. Im 16. Jahrhundert wurden auf dem Areal 1885 jüdische Bestattungen entdeckt. Weitere Gräber kamen 1937 beim Bau des Kollegiengebäudes und 2003 bei der Renovation desselben zum Vorschein. Die 1937 und 2003 entdeckten menschlichen Überreste wurden auf dem Friedhof der heutigen Jüdischen Gemeinde Basel wieder bestattet. Die erste Gemeinde wurde während der Verfolgungswelle von 1348/49 vernichtet. In ganz Europa wies man den Juden die Schuld an der verheerenden Pestepidemie zu und ermordete sie. In Basel wurden die Juden am 16. Januar 1349 auf einer Insel im Rhein verbrannt. Der organisierte Massenmord war für die nichtjüdische Mehrheit auch eine gute Gelegenheit, sich unliebsamer Gläubiger und Konkurrenten zu entledigen. Juden wurde der Zugang zur Stadt Basel für zwei Jahrhunderte verboten.
Zweite Gemeinde. Schon 1361 ist für Basel aber wieder eine jüdische Gemeinde nachgewiesen. Die Wiederzulassung von Juden stand wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Finanzierung des Wiederaufbaus der Stadt nach dem verheerenden Erdebeben von 1356. Die zweite Gemeinde war kleiner als die erste und in etwa im selben Gebiet ansässig. Die Synagoge befand sich an der heutigen Grünpfahlgasse auf dem Areal des "Unternehmen Mitte". Der Friedhof wird neben dem heutigen Kirschgartenareal vermutet. Gerüchte über eine bevorstehende Verfolgung veranlassten die Basler Juden schon 1397 zur Flucht.
Bruch und Kontinuität. Seit etwa 1400 waren Juden nicht mehr in Basel wohnhaft und zugelassen. In der Region Basel lässt sich aber eine kontinuierliche jüdische Ansiedlung nachweisen. Juden wohnten im nahen Umfeld der Stadt im Dorneck und im Elsass, wo sich bis ins 18. Jahrhundert hinein immer wieder Gemeinden bildeten. (vgl. Factsheet "Jüdisches Leben auf dem Land"). Von dort aus besuchten sie die städtischen Märkte, so dass der Kontakt zur Stadt nie abbrach.
Kontinuität zeigt sich anhand der Friedhöfe. Der Friedhof der zweiten Gemeinde in Basel scheint noch bis ins 16. Jahrhundert von den Juden der Umgebung benutzt worden zu sein. Ab 1573 wurde er durch den Friedhof in Zwingen ersetzt, der dann 1673 vom Friedhof von Hegenheim abgelöst wurde, der immer noch in Betrieb ist. Obwohl Juden in Basel nicht zugelassen waren, wurde die Stadt im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss des Humanismus zu einem bedeutenden Zentrum der Hebraistik und des hebräischen Buchdrucks. Mit dem Talmud von Johannes Froben wurde in Basel zwischen 1578 und 1580 eine bis heute massgebliche Ausgabe gedruckt. Immer wieder fanden sich in Basel auch jüdische Ärzte.
Dritte Gemeinde. Während der französischen Revolution fanden 1789 elsässische Juden vorübergehend Zuflucht in Basel. Nach der französischen Besetzung der Schweiz 1798 konnten sich Juden dann als französische Bürger wieder offiziell in Basel niederlassen. Damit begann die dritte Basler Gemeinde, die um 1805 gegründet als Israelitische Gemeinde Basel (IGB) heute noch existiert. Sie hatte verschiedene Betlokale, bevor sie am Heuberg eine Synagoge etablierte, die bis 1868 in Gebrauch war. In diesem Jahr wurde die heutige Synagoge der IGB an der Leimenstrasse eingeweiht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb die Ansiedlung von Juden umstritten. Erst mit dem Erstarken liberaler Kräfte besserte sich die Lage. Ins Basler Bürgerrecht aufgenommen werden können Juden in Basel aber erst ab 1872 mit der 1868 einsetzenden allgemeinen Emanzipation der Schweizer Juden.
Zionistenkongresse. Mit der Durchführung des ersten Zionistenkongresses 1897 gewann Basel auch einen wichtigen Platz in der jüdischen Geschichte. Insgesamt fanden 10 von 22 Kongressen vor der Staatsgründung in Basel statt, darunter auch der letzte von 1946. an dem die Etablierung eines jüdischen Staates statt des bis anhin verfolgten Ziels einer jüdischen Heimstätte zum offiziellen Ziel erhoben wurde,.
Demographie. Mit der Zuwanderung zunächst süddeutscher und dann vor allem osteuropäischer Juden stieg die Zahl der Juden an und erreichte im Jahr 1900 rund 1900 Personen. Die IGB, die zunächst noch von Hegenheim aus betreut worden war, erhielt 1884 mit der Berufung von Rabbiner Arthur Cohn ein eigenes Rabbinat. 1895 begründete er mit der Schomre Thora ein bis heute existierendes Lehrhaus. Um die Jahrhundertwende entstanden zahlreiche Gebetslokale und Vereine. Heute noch wird im Minjan der Agudas Achim der ostjüdische Gebetsritus gepflegt, im Unterschied zum elsässisch-deutschen Ritus der IGB, die sich selber als orthodox geführte Einheitsgemeinde definiert. Trotzdem gab es Auseinandersetzungen um die religiöse Ausrichtung. 1927 kam es zur Abtrennung eines Teils der Mitglieder und der Bildung der ultraorthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG).
Flüchtlinge. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner in Basel wurde mit rund 3000 Personen während des Zweiten Weltkriegs erreicht. Ab 1933 erreichten zahlreiche jüdische Flüchtlinge Basel; sie wurden von der IGB betreut. Ab 1938 bestand in Basel das Auffanglager Sommercasino. Nach 1940 errichtete die Eidgenossenschaft in der Umgebung diverse Arbeitslager und Heime. Obwohl die Flüchtlingspolitik in Basel angeblich humaner gehandhabt wurde als in Bern, kam es auch in Basel zu zahlreichen Rückweisungen von jüdischen Flüchtlingen.
Ausbau. Für die auf 1945 folgenden Jahrzehnte sollte vor allem der Ausbau der Institutionen herausragendes Merkmal der IGB werden. 1958 wurde das Gemeindehaus eingeweiht. Mit seinen Büros, Schulräumen und dem Gemeindesaal ist es Zentrum des Gemeindelebens. In den Beginn der fünfziger Jahre fiel die Einrichtung des Alters- und Pflegeheims "La Charmille" in Riehen, das 2001 in das neue, religiös gemischte Altersheim Holbeinhof an der Leimenstrasse überführt wurde.
Jugend. Der grösste Teil der Erziehung und Sozialisierung verläuft bis heute auf informellen Wegen über die Jugendbünde, von denen heute noch zwei - die Emunah und der Bne Akiwa - aktiv sind. Prägend ist darüber hinaus der seit den sechziger Jahren erfolgende Ausbau des formellen Erziehungswesens. Damals begründete Rabbiner Dr. Leo Adler die nach ihm benannte jüdische Primarschule. Auch die IRG unterhält eine eigene Primarschule samt einer weiterführenden Mittelschule.
Anerkennung. Als erste jüdische Gemeinde der Schweiz wurde die IGB 1973 öffentlich- rechtlich anerkannt. Damit verfügte sie über denselben Status wie die Landeskirchen. Dadurch erhielten zunächst die Frauen das Stimm- und Wahlrecht. Dann ermöglichte die öffentlich- rechtliche Anerkennung auch, dass ein bestimmter Prozentsatz, der auf der staatlichen Einkommenssteuer erhoben wird, an die IGB abgeführt wird. Die IRG ist hingegen bis heute ein privatrechtlicher Verein, der um die 90 männliche Mitglieder umfasst.
Schrumpfung. Seit 1945 und der erzwungenen Weiterwanderung jüdischer Flüchtlinge nimmt die Zahl der Juden in Basel kontinuierlich ab. 1980 gab es noch etwa 2000 Jüdinnen und Juden, 1515 davon waren Mitglieder der IGB. 2004 hatte die IGB noch 1218 Mitglieder, 2009 waren es noch etwas über 1100. Grund für die demographische Abnahme sind Abwanderung, Überalterung und Abwendung vom jüdischen Leben.
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Literatur
Heiko Haumann (Hg.): Acht Jahrhunderte Juden in Basel; Schwabe Verlag, Basel 2005. Susanne Bennewitz: Basler Juden - französische Bürger. Migration und Alltag einer jüdischen Gemeinde im frühen 19. Jahrhundert; Schwabe Verlag, Basel 2008.
Rechtlicher Hinweis: Dieses Factsheet darf gesamthaft oder auszugsweise mit dem Hinweis «SIG Factsheet» zitiert werdenDieses Factsheet als PDF