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Eigentlich hätte Dark Waters schon zu Beginn des Jahres ins Kino kommen sollen, aber coronabedingt startet er – zumindest in der Deutschschweiz – erst diesen Oktober. Als Vorlage dient Regisseur Todd Haynes ein New-York-Times-Artikel von 2016, «The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare», über den Umweltanwalt Rob Bilott. Bilott stand in einem nervenzerreibenden, 19 Jahre andauernden Gerichtsprozess gegen einen Chemiekonzern einem Bauern zur Seite, dessen Kühe auf der Wiese aus zunächst mysteriösen Gründen starben wie die Fliegen.
Haynes setzt 1975 an, in einer ländlichen Gegend in West Virginia – wo sich die Geschichte auch in Wirklichkeit abspielte –, und zeigt einen Teich, der von giftig aussehendem Schaum bedeckt ist. Dann springt die Erzählung ins Cincinnati des Jahres 1998. Rob Bilott (gespielt von Mark Ruffalo) wird in seinem städtischen Büro vom Bauern Wilbur Tennant (Bill Camp) besucht, der in seinen groben Kleidern und mit seiner murmelnden Sprache offensichtlich nicht dorthin gehört. Bald besucht Bilott ihn auf seiner Farm, wo er vom aufgebrachten Landwirt die Missbildungen, Tumore und übergrossen Organe seiner Kühe vor die Füsse geschmissen kriegt. «It’s chemicals, I’m tellin’ ya», meint dieser, aber bis Bilott sich gegen die Übermacht der Chemiekonzerne im Namen von Tennant und seinen Mitmenschen durchsetzen kann, wird noch viel Zeit ins Land ziehen; werden Hunderte weitere Kühe und wohl auch Menschen unter der Verschmutzung ihres Grundwassers leiden.
Dazwischen lernt man Bilott besser kennen, sein junges Familienglück (seine Frau wird von Anne Hathaway gespielt, die das Beste aus dieser Nebenrolle macht, die nur da ist, um auf die Gewissensbisse ihres Mannes zu reagieren); die Normalität seiner mittelständischen Familie, die im starken Kontrast zum Leiden der Farmer steht. Aber Bilott ist einer der Guten: Er hat Mitleid mit der Landbevölkerung. Seine Gegenspieler findet er in der Chefetage des Chemiekonzerns DuPont, der alles daran setzt, den Anwalt zu drangsalieren und jegliche Hinweise auf begangene Übeltaten in tausenden von Aktenseiten zu vergraben. Als Bauer Tennant rasselnd zu hustet beginnt und die Bevölkerung eine überdurchschnittlich hohe Rate an Krebserkrankungen und anderen Übeln beklagt, deutet sich ein Problem von noch grösserem Ausmass ab.
Ruffalo scheint den Staranwalt nicht (nur) wegen seiner physischen Ähnlichkeit zu spielen, sondern ist eine charismatische Präsenz im Film. Übertrumpft wird er in Sachen Charisma allerdings vom grossartigen Bill Camp, der den unbedarften, aber herzlichen Farmer Tennant spielt. Haynes bedient sich derweil aller guten Mittel des Thrillers: Spannungserzeugende Musik, langsame Zoom-ins auf Hochhäuser, in denen die wichtigen Herren in grauen Anzügen Entscheidungen treffen, Kamerafahrten, die an den Glaswänden der Büros vorbeitasten und die Kühle der Räume fast greifbar machen. Dazwischen gibt’s auch schweifende Kameraaufnahmen durchs Autofenster, die das ländliche Virginia zu den Klängen von «Country Roads» zeigen, nur sieht man hier nicht die Berge und Flüsse, die so nostalgisch-wehmütig besungen werden, sondern verlassene Spielplätze in nebligen Landschaften.
Die Sympathien sind in Dark Waters klar verteilt; die Grenze zwischen Gut und Böse ausgelotet. Auch Ruffalos/Bilotts kurzes Zögern, ob er die Verteidigung von Tennant übernehmen soll, obwohl er normalerweise auf der Seite der grossen Unternehmen vor Gericht steht, ist zu wenig gravierend, um Sympathien ins Wanken zu bringen. Die Schärfe der Linie, die Haynes in Dark Waters zieht – seine anprangernde Rhetorik –, macht aber angesichts präsenter Probleme Sinn: Fast hätte die Dominanz von Trump und Corona in den Nachrichten vergessen lassen, dass verschmutztes Wasser vor allem in ärmeren Nachbarschaften der USA nach wie vor ein Problem ist. Der aktuelle Fall von Flint, Michigan, wo braunes Wasser aus den Wasserhähnen der mehrheitlich Schwarzen Haushalte fliesst, führt dies beispielshaft vor Augen. Oder eben dieser Fall aus West Virginia, wo sich reiche Unternehmer_innen über die weniger gebildete Landbevölkerung erhoben. Den Hinweis auf das aktuelle Problem hat Haynes mit seinem fast dokumentierenden Gestus vorzüglich auf die Leinwand gebracht.
Ab dem 15. Oktober in Deutschschweizer Kinos.
Regie: Todd Haynes; Buch: Mario Correa, Matthew Michael Carrahan; Vorlage: Nathaniel Rich; Kamera: Edward Lachman; Schnitt: Alfonso Gonçalves; Musik: Marcelo Zarvos; Darsteller_in (Rolle): Mark Ruffalo (Rob Bilott), Anne Hathaway (Sarah Bilott), Tim Robbins (Tom Terp), Bill Pullman (Harry Dietzler), Bill Camp (Wilbur Tennant); Produktion: Participant, Dreamwork Pictures, Willi Hill; USA 2019. 126 Min. Verleih CH: Ascot Elite.
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