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Hand aufs Herz: Was wissen Sie über die grossen mittelalterlichen Reiche von Mali, Äthiopien oder Nubien?
Wenn es um die Geschichte des afrikanischen Kontinents vor Ankunft der westlichen Kolonialmächte geht, haben wir in Europa grosse Wissenslücken. Weshalb ist das so?
Afrika-Historikerin Verena Krebs über fast vergessene Hochkulturen, deren Spuren in Europa und das Erbe rassistischer Kolonialherren.
Verena Krebs
Verena Krebs ist Historikerin an der Ruhr-Universität Bochum und forscht vor allem zu Afrika, Äthiopien und dem Handel zwischen Europa und Afrika im Mittelalter.
SRF: Warum glauben wir in Europa, dass Afrika keine nennenswerte Geschichte hat bis zur Ankunft der Europäer im 16. Jahrhundert?
Wir sind einem Narrativ aus der Zeit des Kolonialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgesessen. Damals war man überzeugt: In Afrika gibt’s nicht viel Geschichte ohne den weissen Mann.
Was die Kolonialmächte über afrikanische Hochkulturen dachten
Als die belgischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert auf das Königreich der Kuba im abgelegenen Innern des heutigen Kongo stiessen, trafen sie auf einen Staat mit einem ausgeklügelten Polit-, Steuer und Justizsystem und eine hoch entwickelte handwerkliche Tradition.
Die belgischen Invasoren waren überzeugt: Die Kuba mussten in Kontakt mit der westlichen Zivilisation gestanden haben.
Nicht anders dachten die Weissen über die Hochkulturen des afrikanischen Mittelalters: Von den nubischen Königreichen mit ihren Pyramidenbauten über die reiche Schriftkultur des mittelalterlichen Malireichs bis zur Blütezeit Gross-Simbabwes.
Da viele Forschungsdisziplinen an den Universitäten des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden sind, wurde zur Geschichte Afrikas lange gar nicht aktiv geforscht.
Deswegen haben wir bis heute nur wenig Wissen zur Geschichte Afrikas. Über das alte Königreich Mali, im 14. Jahrhundert eines der grössten Reiche weltweit, gibt es vielleicht gerade einmal fünf Bücher, die ich empfehlen kann.
Afrika und Europa standen im Mittelalter in regem Austausch. Das sehen Sie, wenn Sie bei uns in eine mittelalterliche Kirche gehen.
Was zeichnet denn die Blütezeit afrikanischer Hochkulturen aus?
Parallel zum europäischen Mittelalter gab es in grossen Teilen Afrikas mächtige, eigenständige Königreiche: Etwa das äthiopische Reich am Horn von Afrika, das im 4. Jahrhundert zum Christentum konvertierte und eine enorme Macht entwickelte.
Oder das mittelalterliche Nubien im Gebiet des heutigen nördlichen Sudans, das viersprachig war und eine enorme Text- und Wissensproduktion auf Arabisch, Koptisch, Nubisch und Griechisch hervorbrachte. Mächtig waren auch die westafrikanischen Reiche Ghana und Mali.
Im europäischen Mittelalter genoss Afrika ein grosses Ansehen in Europa. Warum?
Afrika und Europa standen im Mittelalter in regem Austausch. Das sehen Sie, wenn Sie bei uns in eine mittelalterliche Kirche gehen. Ein grosser Teil der wirklich wertvollen mittelalterlichen Kulturgüter sind aus Materialien gefertigt, die ursprünglich aus Afrika kamen: Sei es Gold, Elfenbein oder Bergkristall aus Mali.
Der Sklavenhandel hatte enorme Folgen. In Westafrika etwa verschwanden Millionen von Menschen und mit ihnen ihr Wissen.
Wie haben sich diese Kontakte auf das Wissen und den Austausch von Ideen ausgewirkt?
Wir wissen, dass etwa die äthiopischen Herrscher ihre Gesandten immer zur jeweils stärksten Macht im Mittelmeerraum schickten – z. B. nach Venedig, später ins Königreich Aragón, zur aufstrebenden Seemacht Portugal oder ans Konzil von Konstanz.
Das Wissen holte man sich aber auch, indem man westliche Reisende kidnappte und an den Hof brachte. Diese Geiseln wurden dann zu Informanten des äthiopischen Kaisers.
Viele der afrikanischen Hochkulturen sind uns kein Begriff. Liegt das auch an der afrikanischen Tradition mündlicher Überlieferung?
Schriftlichkeit ist nicht das Nonplusultra. Wenn ein System stabil ist, kann über mündliche Traditionen sehr viel Wissen äusserst zuverlässig weitergegeben werden. Gesprochenes überlebt sehr lange.
Eine grosse Katastrophe für eine orale Kultur ist es jedoch, wenn diese Tradition unterbrochen wird. Zum Beispiel in Westafrika durch den Sklavenhandel oder den Kolonialismus.
Der transatlantischen Sklavenhandel hatte enorme Folgen. In Westafrika verschwanden Millionen von Menschen und mit ihnen ihr Wissen.
Wenn wir zu den Anfängen dieser Umbrüche zurückgehen: Welche Rolle spielt die Umsegelung Afrikas durch den portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama 1498?
Eine entscheidende Rolle. Als die Portugiesen im frühen 16. Jahrhundert den Indischen Ozean erreichten, trafen sie auf die blühenden Swahili-Städte an der ostafrikanischen Küste. Städte, die seit Jahrhunderten in ein komplexes Handelsnetzwerk eingebunden waren.
Die Portugiesen verlangten, dass die lokalen Herrscher zum Christentum konvertieren und sich dem portugiesischen König unterwerfen. Die Stadt Kilwa, eine der prosperierendsten Städte jener Zeit, widersetzte sich und wurde daraufhin durch die Portugiesen bombardiert und zerstört.
Durch dieses aggressive Vorgehen brachen nicht nur ausgebaute Handelsnetzwerke zusammen, sondern auch das lokale Wissen. Denn solche Netzwerke dienten ja nicht nur dem Handel von Waren und Gütern. Sie dienten auch dem Austausch von Wissen, Religionen und Ideen.
Das Gespräch führte Katharina Bochsler.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 21.02.20, 9:02 Uhr