Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03257.jsonl.gz/379

«Die Art, wie man etwas übersetzt, ist eng mit der eigenen Weltanschauung verbunden», sagt Irma Wehrli im Gespräch mit Keystone-SDA. «Bin ich selbst das Zentrum oder bin ich Teil eines grossen Ganzen? Kann ich mich in andere Menschen hineinversetzen, mich selbst zurücknehmen - und will ich das auch?»
Solche Fragen müsse man sich als literarische Übersetzerin stellen, sagt Wehrli. Die Baselbieterin, die seit langem in Davos lebt, übersetzt seit bald vierzig Jahren vor allem englische und amerikanische Autorinnen und Autoren des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne ins Deutsche.
Ihre neuste Übersetzung - «Minarett» von Leila Aboulela - ist daher eher eine Besonderheit in ihrem Schaffen: Leila Aboulela ist eine zeitgenössische Autorin. Die 1964 geborene Tochter einer Ägypterin und eines Sudanesen wuchs im Sudan auf. Heute lebt sie in Schottland. Die studierte Ökonomin und dreifache Mutter arbeitete in Jakarta und den Arabischen Emiraten; sie hat bereits mehrere Romane vorgelegt und wurde dafür verschiedentlich ausgezeichnet. Als sie 2005 den Roman «Minaret» veröffentlichte, erregte dieser grosses Aufsehen: weil er die Geschichte einer Emanzipation hin zum Kopftuch erzählt - nicht weg davon.
Ihre Bücher schreibt Aboulela nicht in ihrer Muttersprache Arabisch, sondern in Englisch. Irma Wehrli hat sie bisher nicht persönlich kennengelernt. «Ich habe ihr während des Übersetzens einmal geschrieben, weil ich eine konkrete Frage zu einem Wort hatte. Sie hat mir sehr schnell und freundlich geantwortet.» Die Übersetzungsarbeit sei weitgehend eine Sache zwischen dem Text und der Übersetzerin, sagt Irma Wehrli.
Interpretation
Am Anfang ihrer Arbeit stehe immer das gründliche Lesen und Verstehen des Romans. «Gleichzeitig informiere ich mich über den Autor oder die Autorin und mache mich mit dem Umfeld vertraut, in dem der Text entstanden ist.» Danach folgten die Interpretation und die Festlegung der Leitmotive, also das Erkennen der zentralen Themen, die immer wieder auftauchen.
Im Fall von «Minarett»: Der Verlust der Heimat, das Entwickeln einer neuen Identität in einem fremden Umfeld, Schuld und Sühne. «Diese Leitmotive muss man stimmig übersetzen. Dabei spielen die eigene Lesart und das eigene Verständnis des Textes eine wichtige Rolle, auch wenn es natürlich mein Ziel sein muss, möglichst nahe am Original zu bleiben.» Deshalb ist für Irma Wehrli, die Anglistik, Germanistik und Romanistik studiert hat, eine genaue sprach- und literaturwissenschaftliche Analyse vor dem Übersetzen zentral.
Empathie
Vor der Übersetzung von «Minarett» las sich Irma Wehrli in die Geschichte des Sudan ein und informierte sich gründlich über den Islam. In ihrem Roman erzählt Leila Aboulela die Geschichte von Nadschwa, die, wie die Autorin selbst, privilegiert und weltlich geprägt im Sudan aufwächst und Ende der Achtzigerjahre nach London emigriert. Die Flucht bedeutet für die junge Frau einen tiefen Fall, in jeder Beziehung. Sie muss sich komplett neu orientieren, alles ist plötzlich anders - auch ihr Blick auf die Vergangenheit verändert sich. Nur langsam findet Nadschwa in der neuen Welt, in der Religion ihrer alten Heimat und schliesslich in sich selbst ein Zuhause.
Doch wie übersetzt man authentisch Gefühle von Heimat und Fremde? Wie eine Migration, die man selber so nie erfahren hat? «Man muss nicht alles selber erlebt haben, um es glaubwürdig zu übersetzen», gibt sich Wehrli überzeugt. «Wenn ich gut in mich hineinhorche, finde ich im Vorrat meiner eigenen Erinnerungen genug Gefühle und Erlebnisse, mit denen ich mich in eine solche Situation hineinversetzen kann.»
Einfühlungsvermögen und Empathie seien wichtige Grundvoraussetzungen jeder Übersetzung. Das Gefühl, irgendwo fremd zu sein, sei ihr vertraut. Es sei universal und an keinen bestimmten Ort gebunden. Auch durch die religiöse Thematik bei «Minarett» habe sie schnell eigene Anknüpfungspunkte gefunden. «Als praktizierende Christin bin ich vertraut mit Glaubensfragen, das ist mir hier sicher zugute gekommen.»
Nachschöpfung
«Minarett», das jetzt erstmals auf Deutsch erschienen ist, ist gespickt mit arabischen Ausdrücken, die Irma Wehrli auch in der deutschen Fassung bewusst belassen und in Fussnoten erläutert hat. Am Roman gefielen ihr der manchmal poetische, dann wieder nüchtern-rapportierende Stil und die Vielschichtigkeit der Figuren. «Ausserdem wird Nadschwas Weg zu sich selbst, der sie zum Kopftuch führt, authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Grosse Teile dieser Geschichte, die zu keinem Zeitpunkt belehrend oder plakativ daherkommt, sind autobiografisch.»
Mit jeder Übersetzung betrete sie eine neue Welt, sagt Irma Wehrli, «das macht diese Arbeit, das Nachschöpferische, so spannend. Ich schlüpfe in die Haut von ganz vielen Figuren und bin gleichzeitig eine Art Puppenspielerin, die alles überblickt.» Und nach getaner Arbeit macht die Puppenspielerin die neu entdeckte Welt auch für andere zugänglich - als Teil des grossen Ganzen.*
*Dieser Text von Maria Künzli, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt- Stiftung realisiert.