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In zwei Wochen kommt es zum Showdown im Kosmos. Dann findet im Kinosaal 3 die ordentliche Generalversammlung des Zürcher Kulturhauses statt. Schon im Vorfeld der Veranstaltung gingen die Wogen hoch. Alle fünf Verwaltungsrätinnen haben Ende April bekanntgegeben, dass sie nicht mehr zur Wiederwahl antreten – “wegen unterschiedlicher Vorstellungen über strategische, inhaltliche und personelle Fragen, die von einer kleinen Gruppe von Aktionären aufgeworfen wurden”, wie Noch-Präsidentin Monica Glisenti in einem Brief an die Aktionäre schrieb.
Bei dieser kleinen Gruppe handelt es sich um Aktionäre, die Filmemacher Samir Jamal-Aldin nahestehen. Diese besteht aus seiner Frau, seinem Bruder, seinem Schwager sowie Erbe Ruedi Gerber. Kurz vor der Generalversammlung spitzt sich der Konflikt zu. Gemäss Einladungsschreiben hat die Gruppe um Samir mehrere Traktanden eingereicht. Sie verlangt einen “detaillierten finanziellen Überblick” der Geschäftsentwicklung für das laufende Jahr bis Ende Mai, “inklusive Umsätze und Gewinne der einzelnen Abteilungen" sowie eine detaillierte Präsentation der Liquidität bis zum 31. Mai und der Budget- und Liquiditätsplanung für die Sommermonate. Und die Gruppe verlangt eine “Einschätzung zum Kapitalverlust und einer möglichen Überschuldung der Kosmos Kultur AG”.
Zum ersten Mal einen Reingewinn
Steht das Kosmos finanziell am Abgrund? Droht die Überschuldung? Gemäss dem Revisionsbericht von BDO betragen die flüssigen Mittel per Ende 2021 1,17 Millionen Franken, gegenüber 0,51 Millionen im Jahr zuvor. Liquidität scheint genügend vorhanden zu sein. Im gesamten letzten Jahr generierte das Unternehmen einen operativen Verlust von 1,1 Millionen Franken – damals musste der Betrieb pandemiebedingt für längere Zeit heruntergefahren werden.
Die Schulden konnten im letzten Jahr gesenkt werden, von 4,1 auf 3,9 Millionen Franken. Das Eigenkapital wurde gestärkt, von 2,9 auf 3,3 Millionen Franken. Die finanzielle Gesundung hat vor allem damit zu tun, dass Darlehen von 1,5 Millionen Franken abgeschrieben werden konnten, was die Bilanz erheblich verbesserte. Zudem bezog das Haus je 500'000 Franken in Form von Covid-Krediten und Härtefall-Darlehen. Per Ende Jahr resultierte ein Reingewinn von 391’589 Franken. “Somit konnte das Kosmos zum ersten Mal seit Bestehen schwarze Zahlen schreiben”, heisst es im Jahresbericht.
Im Jahresbericht ist auch nachzulesen, dass die Geschäfte zum Teil recht gut liefen. Im Herbst seien Buchungsanfragen für Events zahlreich eingegangen, die Kinobesuche hätten merklich angezogen, und "so kam es, dass – trotz Pandemie – der September 2021 der erfolgreichste Monat in der bisherigen Geschichte” des Kosmos wurde.
Kaufmännisch scheint es dem Kosmos also nicht schlecht zu gehen – jedenfalls besser, als in den Anträgen der Gruppe insinuiert wird. Von einer “möglichen Überschuldung” kann aufgrund des Revisionsberichts keine Rede sein. Vielmehr steht das Kosmos auf soliderem Fundament als auch schon.
Jetzt soll alles anders werden
Trotzdem soll nun an der Spitze alles anders werden. Weil die Verwaltungsrätinnen nach den Querelen mit Samir nach zwei Jahren auf eine Wiederwahl verzichten, droht das Kosmos ins Chaos abzugleiten. Die Gruppe um Samir schlägt den Aktionären die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung für den Juni 2022 vor “zwecks Wahl des neuen Verwaltungsrats”. Allerdings, und jetzt beginnen die Probleme, wird der aktuelle Verwaltungsrat per 31. Mai nicht mehr im Amt sein. Kommt der Antrag so durch, wäre das Kosmos bis zum 24. Juni führungslos.
Doch es könnte auch anders kommen. Denn der amtierende Verwaltungsrat hat die Wahl von Samir bereits für die ordentliche Versammlung traktandiert. Wird er gewählt, wäre der Filmer alleiniger Verwaltungsrat bis zum 24. Juni. Wenn er die Wahl aber nicht annimmt oder nicht gewählt wird, was ebenfalls möglich ist, stünde das Kosmos tatsächlich ohne Verwaltungsrat da. Tritt dieses Szenario ein, könnte es Aktionärsklagen hageln.
“Unwahre Unterstellungen, die leider manchmal weiterleben”
Filmemacher Samir will unbedingt in den Verwaltungsrat. Seine Gruppe hat seine Kandidatur als "ultimativ" und "nicht verhandelbar" bezeichnet. Zudem hat er sich mit einer “Bewerbung” selber zur Wahl vorgeschlagen. Darin schreibt er: “Gerade in dieser Zeitenwende, die wir heute erleben, könnte ich in der Rolle als VR, welcher in eurem Team mitarbeitet, mit meiner engmaschigen Vernetzung in Schweizer Politik, Film, Kunst, Kultur und Literatur einiges beitragen.”
Er zählt Dutzende von bekannten Namen auf, mit denen er vernetzt ist. Darunter Sybille Berg, Lukas Bärfuss, Melinda Nadji Abonji und viele weitere. Er sei aber auch eng vertraut mit “vielen Forschern und Autorinnen in den Bereichen Politik, Soziologie, Architektur, Städtebau, Kulturwissenschaften, Gender-Studien, Historie, Klimatologie”, ergänzt er. Zudem habe er eine “grosse Vernetzung” zu “Politikerinnen, Parlamentarierinnen wie auch zu Grassroot-Aktivistinnen”.
Im Bewerbungsschreiben stellt er sich als “Team-Player” dar, der sich “dem Ziel eines Projektes unterordnen” könne. Er betone seine Fähigkeiten nur deshalb, weil er sich aufgrund der “früheren Streitigkeiten im alten Kosmos Verwaltungsrat, immer wieder verteidigen musste.” “Dabei gab es immer wieder unwahre Unterstellungen, welche leider manchmal weiterleben.”
Ob Samir gewählt wird, ist offen. Ob er und seine Gruppe die Macht im Kosmos an sich reissen können, ebenfalls. Das müssen die rund 50 Aktionärinnen und Aktionäre entscheiden, darunter prominente Köpfe wie der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser, SP-Co-Präsident Cédric Wermuth oder Verleger und Kabarettist Patrick Frey.
Zwei Jahre nach dem letzten Krach droht dem Kosmos abermals die Spaltung. Diesmal geht sie quer durch einst befreundete Lager. Für die Beschäftigten ist das ein ganz grosser Jammer. Sie sind letztlich die Leidtragenden der Streitereien. Im kleinen Zürcher Kulturbetrieb spielt sich das gleiche Drama ab wie in grossen börsenkotierten Firmen: Ein gespaltenes, zerstrittenes Aktionariat bringt jedes Unternehmen früher oder später an den Rand des Abgrunds – oder darüber hinaus.