Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03200.jsonl.gz/1372

Harlekingarnele
Hymenocera picta
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Einer von 8000 Zehnfusskrebsen
Die in den warmen, glasklaren Küstengewässern der tropischen Meere weit verbreiteten Korallenriffe gehören zweifellos zu den artenreichsten, buntesten und auch bizarrsten Lebensräumen unseres Planeten. Sie werden oft als «Unterwassergärten» bezeichnet, obschon dies im Prinzip nicht korrekt ist, denn abgesehen von ein paar Seegräsern finden sich in diesen «Gärten» keine Pflanzen. Eine gewisse Berechtigung hat der Begriff gleichwohl, denn viele der tierlichen Geschöpfe, welche den Riffgemeinschaften angehören, erinnern in ihrer Gestalt stark an exotische Pflanzen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Harlekingarnele (Hymenocera picta), welche auf den ersten Blick wie eine bewegte Unterwasserorchidee ausschaut. Über sie soll hier berichtet werden.
Den bei weitem artenreichsten Stamm des Tierreichs - mit rund drei Vierteln aller Tierarten - bilden die Gliederfüsser (Arthropoda), zu denen die Insekten (Insecta), die Spinnentiere (Arachnida), die Krebstiere (Crustacea), die Tausendfüsser (Myriapoda) und ein paar weitere Tierklassen gehören. Die Gliederfüsser sind zwar überaus vielgestaltig, doch haben sie eines gemeinsam: Sie verfügen über eine aus der hornartigen Substanz Chitin bestehende Körperhülle, welche trotz ihres geringen Gewichts eine ausserordentlich grosse Festigkeit aufweist. Diese Chitinhülle dient einerseits als Panzer, also als Schutz der weichen Innenorgane gegen mechanische Schadeinflüsse von aussen, und andererseits als «Aussenskelett», das heisst als Stütz- und Befestigungsstruktur für die ebenfalls interne Muskulatur. Durch dieses Aussenskelett unterscheiden sich die Gliederfüsser markant von den Wirbeltieren, welche über ein «Innenskelett» verfügen, das heisst über ein durch Kalkeinlagerungen verfestigtes Knochengerüst im Körperinnern.
Die Entwicklung eines Aussenskeletts hat den Gliederfüssern im Laufe ihrer Stammesgeschichte einen enormen Erfolg im Wettstreit um ökologische Nischen verschafft: Gemessen an ihrer Artenzahl und Formenfülle übertreffen sie heute alle anderen Tiergruppen in jedem Lebensraum - im Wasser ebenso wie auf dem Land und in der Luft.
Von den verschiedenen Gliederfüssern bilden die Insekten mit nahezu einer Million Arten die bei weitem umfangreichste Klasse. An zweiter Stelle folgt die Klasse der Spinnentiere mit ungefähr 75 000 bisher bekannten Arten. Auf dem dritten Platz stehen sodann die Krebstiere mit rund 40 000 Arten.
Innerhalb der Klasse der Krebstiere bildet die Ordnung der Zehnfusskrebse (Decapoda) mit über 8000 Arten die grösste Sippe: Sie umfasst die Hummer, die Langusten, die Flusskrebse, die Einsiedlerkrebse, die Krabben und die Garnelen - und somit auch die Harlekingarnele. Innerhalb der Ordnung der Zehnfusskrebse gehört sie zur Familie der Hummel- und Harlekingarnelen (Gnathophyllidae), welche rund ein Dutzend tropische Garnelenarten in vier Gattungen umfasst. Von gewissen Fachleuten werden die Harlekingarnelenbestände im Indischen Ozean und im westlichen Pazifik als eine separate Art namens Blaue oder Westliche Harlekingarnele (Hymenocera elegans)
betrachtet, während die Harlekingarnelenbestände im restlichen Pazifik als Rote oder Östliche Harlekingarnele (Hymenocera picta)
bezeichnet werden. Meistens wird jedoch innerhalb der Gattung Hymenocera
nur eine Art anerkannt, nämlich «die» Harlekingarnele (Hymenocera picta)
. Dies wollen auch wir hier so halten.
Die Harlekingarnele ist ein zierliches Tier, das eine Länge von höchstens ungefähr 6 Zentimetern erreicht. Wie alle Zehnfusskrebse verfügt sie im Brustbereich über fünf Gehbeinpaare (Paraeopoden). Davon ist allerdings das zweite zu einem «Armpaar» mit pinzettenartigen Greifscheren und blattartigen Anhängen umgewandelt. Die Augen sitzen auf kurzen Stielen und sind sehr leistungsfähig: Sie bieten Rundumsicht und können bewegte wie ruhende Objekte in Farbe und mit grosser Schärfe erkennen. Ganz vorne am Kopf befinden sich ferner zwei Antennenpaare, von denen eines flaggenartige Anhänge trägt. Der Hinterleib weist auf der Unterseite zahlreiche flächige Hinterleibsbeine (Pleopoden) auf und trägt einen breiten Schwanzfächer. Wird der Hinterleib ruckartig gekrümmt, so ermöglicht Letzterer eine plötzliche, schnelle Fortbewegung nach rückwärts - und damit eine sehr wirksame Fluchtreaktion. Die Weibchen sind im Durchschnitt etwas grösser als die Männchen und zeigen gewisse Unterschiede in der Färbung. Insbesondere sind die Hinterleibsbeine bei den Männchen transparent, während sie bei den Weibchen milchig weiss sind und blaue oder purpurrote Ränder aufweisen.
Sie erbeuten Seesterne
Das Verbreitungsgebiet der Harlekingarnele erstreckt sich vom Roten Meer und von der Küste Ostafrikas im Westen quer durch den Indischen und den Pazifischen Ozean bis zu den Galapagosinseln und zur Pazifikküste Panamas im Osten. Innerhalb dieses riesenhaften Areals bewohnt das kleine Krebstier die oberflächennahen Bereiche der Korallenriffe einschliesslich der Gezeitenzone. Tagsüber hält es sich in Spalten zwischen Korallen- oder Felsblöcken versteckt. Nachts kriecht es hervor, um sich dem Nahrungserwerb zu widmen.
Die erwachsenen Harlekingarnelen verhalten sich - wie viele andere Rifftiere - ausgeprägt territorial: Sie verteidigen ihr Stück Korallenriff heftig gegenüber Artgenossen des gleichen Geschlechts. Für Wirbellose hingegen höchst ungewöhnlich ist ihre Gesellschaftsstruktur: Die erwachsenen Harlekingarnelen leben monogam; jedes Individuum geht mit einem Geschlechtspartner einen Paarbund ein, der oftmals das ganze Leben lang hält. Nicht minder ungewöhnlich ist die Ernährungsweise: Die Harlekingarnelen erbeuten und verzehren ausschliesslich Seesterne, und zwar besonders solche der Gattungen Linckia
, wozu der bekannte Blaue Seestern (Linckia laevigata)
gehört, sowie Fromia
und Nardoa
.
Ihre Beutetiere ortet die Harlekingarnele anhand von chemischen Stoffen, welche von diesen als Stoffwechselendprodukte an das Wasser abgegeben werden. Als Geruchsorgan dienen ihr die beflaggten Antennen. Einen aufgespürten Seestern dreht sie zunächst auf den Rücken, indem sie ihn hochstemmt und umkippt. Dann bohrt sie mit ihren Scheren ein Loch in dessen verletzliche Bauchhaut und beginnt, Stücke aus dem weichen Gewebe im Inneren abzureissen und zu verzehren. Man vermutet, dass der Seestern von der Harlekingarnele gleich nach der Entdeckung mit irgendwelchen chemischen Stoffen betäubt wird und er darum so gut wie keine Reaktion zeigt. Die Garnele verfährt im Übrigen nicht gerade zimperlich mit ihrer Beute: Damit das Opfer möglichst lange am Leben bleibt, verspeist sie zunächst bloss das Gewebe der Arme und schont die lebenswichtigen Organe im zentralen Bereich des Seesternkörpers. Erst nach mehreren Tagen geht sie dann zu diesen Teilen über, worauf die Beute schliesslich stirbt.
Im Allgemeinen ernähren sich die beiden Partner eines Harlekingarnelenpaars gleichzeitig vom selben Seestern. Es konnte zwar bislang nicht beobachtet werden, dass sie auch gemeinsam auf die Jagd gehen, doch ist es zu vermuten, denn zwei Garnelen können zweifellos grössere Seesterne überwältigen als Einzeltiere. Allerdings vermögen auch Einzeltiere Seesterne zu erlegen, welche deutlich grösser sind als sie selbst.
Die Larven leben planktonisch
Harlekingarnelen können mehrere Jahre alt werden. Als erwachsene Tiere pflanzen sie sich praktisch das ganze Jahr über fort, denn die Weibchen geben ungefähr alle drei Wochen - nach jeder Häutung - 200 bis 5000 Eier ab. Die hellrot gefärbten, oval geformten, ungefähr einen Millimeter langen Eier überlässt das Weibchen nicht dem freien Wasser und damit ihrem Schicksal, sondern es betreibt Brutpflege: Es heftet die Eier an seine flossenartigen Hinterleibsbeine. Dort bleiben sie gut behütet bis zum Schlüpfen der Jungen, was jeweils kurz vor der nächsten Häutung des Weibchens geschieht. Gleich nach dem Schlüpfen lösen sich sie Jungen vom Muttertier und machen sich selbstständig.
Wie bei allen Krebstieren erfolgt die Jugendentwicklung der Harlekingarnele über eine Folge von Larvenstadien, in deren Verlauf sich die endgültige Körperform erst allmählich ausbildet. In der Tat weist die erste Larvenform («Zoealarve»), welche aus dem Ei schlüpft und etwa anderthalb Millimeter lang ist, überhaupt keine Ähnlichkeit mit den erwachsenen Tieren auf, sondern erinnert an eine flache Spinne und ist völlig transparent. Die frühen Larvenstadien leben zudem nicht als Bodentiere wie die erwachsenen Individuen, sondern schweben frei im oberflächennahen Wasser. Dort ernähren sie sich räuberisch von Ruderfusskrebschen (Copepoda) und anderen winzigen tierlichen Organismen, welche ebenfalls frei schwebend («planktonisch») in den oberen Wasserschichten leben.
Vier bis acht Wochen dauert das larvale Leben der Harlekingarnele. In dieser Zeit wird sie von den Meeresströmungen oft viele hundert Kilometer von ihrem Schlupfort weg getragen. Das Larvenstadium ist also gleichzeitig ein «Verbreitungsstadium». Eines schönen Tages erhält die Larve schliesslich anlässlich ihrer letzten larvalen Häutung die exakte Form der erwachsenen Tiere. Allerdings ist sie erst etwa drei Millimeter lang und noch immer durchsichtig. Nun lässt sich die junge Harlekingarnele im Bereich eines Korallenriffs auf dem Boden nieder und macht schon bald Jagd auf kleine Seesterne. Sie ist sehr aktiv und wandert viel umher. Erst wenn sie einen geeigneten Geschlechtspartner gefunden und sich mit diesem zusammengetan hat, wird sie sesshaft.
Dunkle Wolken am Horizont
Warum die Harlekingarnelen ein monogames Leben führen, ist ein Rätsel. Die Monogamie ist im Tierreich keine häufige Gesellschaftsform, obschon sie bei ein paar wenigen Tiersippen, beispielsweise den Vögeln, öfters vorkommt. Ihre Seltenheit hat damit zu tun, dass die männlichen und die weiblichen Individuen einer Art im Allgemeinen unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien verfolgen. Insbesondere besteht die optimale Fortpflanzungsstrategie der Männchen - welche ja im Gegensatz zu den Weibchen nur wenig Energie in die Produktion ihrer Keimzellen investieren - darin, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren und so erstens eine möglichst hohe Zahl von Nachkommen zu erzeugen und zweitens möglichst viele verschiedene Erbgutmischungen für die anschliessende Selektion bereitzustellen. Von Partner- und Vaterpflichten wollen sie darum im Allgemeinen nichts wissen.
Nur falls die partnerschaftliche und vor allem väterliche Fürsorge die Überlebenschancen des Nachwuchses ausschlaggebend verbessert, also gewissermassen über Tod und Leben desselben entscheidet, kann es für das Männchen sinnvoll sein, zumindest saisonal bei einer bestimmten Partnerin zu bleiben und sich an der Aufzucht der Jungen zu beteiligen. Tatsächlich tragen bei praktisch allen monogamen Tierarten beide Eltern in der einen oder anderen Form zur Aufzucht der Jungen bei.
Bei der Harlekingarnele scheint das Männchen jedoch keinerlei Rolle bei der Aufzucht der Jungen zu spielen. Es ist darum unklar, weshalb es sich monogam verhält. Ob die Monogamie bei den Harlekingarnelen ausnahmsweise nicht mit der Fortpflanzung, sondern mit der Ernährung zusammenhängt? Wir wissen es nicht. Sicher ist einzig: Die Fortpflanzungsstrategie der Harlekingarnelen ist ohne Zweifel - angesichts ihres enorm weiten Artverbreitungsgebiets - eine höchst erfolgreiche.
In jüngerer Zeit sind die Bestände der Harlekingarnele allerdings - wie bei den meisten Korallenrifftieren - gebietsweise rückläufig. Dies hat höchstens am Rand mit dem Fang für den Aquarienbedarf zu tun. Schlimmer wirken sich die weit verbreitete Befrachtung der küstennahen Gewässer mit Abwässern aller Art aus, denn auf verschiedene Schadstoffe reagiert die Harlekingarnele höchst empfindlich. Vor allem Kupferverbindungen und Nitrate, welche hauptsächlich aus Reinigungsmitteln und Düngern stammen, sind selbst in geringsten Konzentrationen für sie tödlich. Allerdings scheint der zierliche Korallenriffbewohner meistenorts noch gesunde Bestände aufzuweisen und gilt deshalb nicht als in seinem Fortbestand gefährdet.
Längerfristig hängt das Überleben der Harlekingarnele jedoch von der Unversehrtheit ihres Lebensraums ab - und diesbezüglich ziehen gegenwärtig dunkle Wolken am Horizont auf. In jüngerer Zeit bleichen nämlich weltweit, in allen tropischen Meeren und Ozeanen, ganze Korallenriffe aus. Mutmasslich wird dieses beängstigende Phänomen durch drei Schadfaktoren ausgelöst: erstens die vielfältigen chemischen Schadstoffe, die im Wasser gelöst sind, zweitens die weltweite Erwärmung der Meere, und drittens die verstärkte UV-Einstrahlung.
Welche Konsequenzen dieses fortschreitende Ausbleichen der Korallenriffe nicht allein für die riffbewohnenden Geschöpfe, darunter die Harlekingarnele und «ihre» Seesterne, sondern letztlich für das gesamte marine Ökosystem - und mithin für die Menschheit - haben wird, ist im Moment völlig ungewiss. Besorgnis erregend ist es aber zweifellos - und ein gewichtiges Argument, einerseits die weitere Verschmutzung der Meere und andererseits den Ausstoss jener Gase, welche für den «Treibhauseffekt» und für die Ausdünnung der Ozonschicht verantwortlich sind, auf globaler Ebene endlich und merklich zu vermindern.
Legenden