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Bruno Fischer fühlt sich in der Kathedrale in Freiburg zu Hause. Das ist dem ehemaligen Sakristan sofort anzumerken, wenn er die Kathedrale betritt. Er kennt jeden Winkel des Gotteshauses und weiss unzählige Geschichten zum Gebäude und zu den Geschehnissen im Innern der Kathedrale zu erzählen.
Schon beim Portal mit der Darstellung des Jüngsten Gerichts kann er in die Geschichte zurückblicken. «Der Bildhauer war im Clinch mit den Behörden», sagt Bruno Fischer. Um die Behörden zu verärgern, stellte der Bildhauer die Figur eines Papstes–erkenntlich durch eine feine weisse Linie am Hals–auf die Seite der Hölle. «Als der Klerus und die Behörden das Kunstwerk sahen, waren sie schockiert.» Sie veranlassten, die Figur sofort auf die Seite des Himmels zu verschieben. Wer gute Augen hat, erkennt heute, dass jetzt auf der Seite der Hölle einer Figur der Kopf fehlt und auf der Seite des Himmels eine Figur eine weisse Linie um den Hals hat.
Interessiert an alten Bauten
Dass Bruno Fischer viel über die Kathedrale zu erzählen weiss, liegt zum einen an den vielseitigen Aufgaben, die er während seiner Tätigkeit als Sakristan zu erfüllen hatte. Er war ebenso verantwortlich für die Reinigung wie für Dienste in der Liturgie, die Betreuung der Sakristei, das Koordinieren von Messen während Bauarbeiten und vieles mehr. Zum anderen rührt sein Wissen aber auch daher, dass er sich für die Geschichte der Kathedrale und allgemein für alte Bauwerke und städtebauliche Entwicklungen interessiert. Als gelernter Bauzeichner hatte er in diesem Bereich zudem ein Vorwissen. «Man muss ein Gebäude mit offenen Augen anschauen, dann spricht es mit einem», sagt Bruno Fischer.
Der ehemalige Sakristan gibt sein Wissen weiter; so führt er regelmässig Touristen durch die Kathedrale. Ihnen erklärt er beispielsweise, wieso es im Innern der Kathedrale so ruhig wirkt. «Eine gotische Kirche ist nach einer goldenen Regel gebaut. Es herrscht absolute Symmetrie, daraus resultiert die Ruhe, die das Gebäude ausstrahlt.»
Er zeigt den Touristen auch, dass die Seitenschiffe erst nachträglich gebaut wurden und dass für deren Errichtung die Aussenmauern der Kathedrale versetzt wurden. Er erklärt, wieso das Gitter, das den Chor vom restlichen Gebäude trennt, so dicht ist. «Dahinter befanden sich Reliquiare, die im Mittelalter von unschätzbarem Wert waren.»
Bruno Fischer hat seine Arbeit als Sakristan geschätzt. «Die Arbeit war wie ein Geschenk.» Bevor er seine Stelle antrat, war er eine Weile arbeitslos. Für die Stelle als Sakristan hat er sich nicht ohne Grund beworben. «Mein Vater hatte früher in Bern als Sigrist gearbeitet», sagt Fischer. Bereits als Junge half er bei Arbeiten in der Kirche aus und lernte die Abläufe in der Liturgie kennen. Beides kam ihm in seiner 20-jährigen Tätigkeit in der Kathedrale zugute.
«Ich habe fünf Bischofsweihen und zwei bischöfliche Beerdigungen miterlebt», sagt Fischer. Während den Feiern galt es zu beobachten und im richtigen Moment unauffällig Hilfestellung zu geben. Aufgrund dieser langen Erfahrung sei die Weihe von Charles Morerod letzten Dezember ruhig verlaufen. Vor Grossanlässen war Fischer aber doch immer angespannt. «Ich musste an vieles denken.» Häufig habe er sich am Abend vor dem Hochamt oder anderen Feiern in die Kathedrale gesetzt und nochmals alles durchdacht.
Privat besucht Bruno Fischer die Kathedrale nicht oft. «Ich habe einen guten Nachfolger und will ihm nicht das Gefühl geben, dass ich ihn kontrolliere.» In ein, zwei Jahren werde es nicht mehr auffallen. «Dann kann ich öfters kommen.»
Turm: Einen Beweis selbst erbracht
D er ehemalige Sakristan der Kathedrale mag es nicht, wenn Dinge über das Gebäude erzählt werden, die nicht stimmen. «Es ist zum Beispiel nicht wahr, dass der Turm der Kathedrale nicht fertig ist.» Immer wieder wird behauptet, dass Freiburg damals das Geld ausging, um einen Spitz auf den Turm zu bauen. Bruno Fischer hat mehrere Beweise, die das Gegenteil belegen.
Auf einen Beweis ist er besonders stolz, denn diesen haben Spezialisten während einer seiner Führungen erbracht. Auf dem Turm der Kathedrale gibt es acht kleine Türme mit Windöffnungen. Bläst der Wind, werden Töne erzeugt. «Einmal habe ich eine Gruppe von Musikologen geführt», erzählt Fischer. Diese hätten mit Stimmgabeln die Töne überprüft. Und konnten den Sakristan mit einer Entdeckung überraschen: «Sie haben herausgefunden, dass die Windöffnungen die acht Grundtöne des gregorianischen Gesangs erzeugen.»
Eine Linie ohne Spitz
Fischer sagt zudem, dass ein Spitz statisch unmöglich sei. Der Turm könnte zwar das Gewicht eines solchen tragen, mit Wind wäre das Ganze aber zusammengefallen. Und auch einen dritten Beweis hat der ehemalige Sakristan: «Es gibt in der Gotik zwei Linien.» Die eine führe von England über Frankreich nach Italien. In diese gliedere sich auch die Kathedrale in Freiburg ein. Und auf dieser Linie habe keine Kathedrale einen Spitz. Die zweite Linie schliesst Strassburg und Basel ein, diese Kathedralen besitzen einen Spitz. mir
Sommerserie
Die Kathedrale und ihre Schätze
2012 feiert das Freiburger Domkapitel St. Nikolaus sein 500-jähriges Bestehen: Am 20. Dezember 1512 erhielt es von Julius II. die päpstliche Anerkennung. Aus Anlass des Jubiläums erzählen die FN diesen Sommer Geschichten und Geschichtliches rund um das Domkapitel und die Kathedrale.cs