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Ralph Krueger (59) wird in Buffalo der erste Schweizer Coach in der NHL. Patrick Fischer (43) wird der zweite in der wichtigsten Liga der Welt sein
Ralph Krueger ist immer eine Nummer grösser als man denkt. Als er 2010 nach dem olympischen Turnier als helvetischer Nationaltrainer zurücktrat, dachte ich, er werde Nationaltrainer in Deutschland oder Coach bei einem grossen Klub. Er wurde Associate Coach und später Cheftrainer in Edmonton (NHL).
Als er in Edmonton nach einem Jahr (2012/13) als Cheftrainer gefeuert wurde – was sich inzwischen als eine der dümmsten Trainerentlassungen in der NHL-Geschichte erwiesen hat – dachte ich, er werde irgendwo Nationaltrainer oder Coach bei einem anderen NHL-Team. Er wurde geschäftsführender Präsident bei Southampton in der wichtigsten Fussballiga der Welt (!).
Als er kürzlich sein Amt in Southampton aufgab, kam er nach Bern, um seinen Sohn Justin zu sehen. Wir plauderten über Gott und die Welt und er liess offen, was er künftig machen werde.
Ich dachte, er werde irgendwo Sportchef oder Nationaltrainer oder vielleicht Manager in der Privatwirtschaft. Da er seine Vermögensbildung längst abgeschlossen hat, schien es unwahrscheinlich, dass er sich noch einmal die Mühsal eines Klubtraineramtes antun wird. Schliesslich hatte er sieben Jahre lang kein Klubteam mehr gecoacht.
Nun ist er Cheftrainer mit Dreijahresvertrag in Buffalo. Da der kanadisch-deutsche Doppelbürger kürzlich den roten Pass erhalten hat, ist er der erste Schweizer Cheftrainer in der NHL.
Buffalo ist eine kluge Wahl. So wie er 1997 beim Amtsantritt als Schweizer Nationaltrainer nichts verlieren und nur gewinnen konnte, so ist es auch in Buffalo bei einem der drei NHL-Teams im Staate New York (die Rangers und die Islanders sind die zwei anderen).
Die Hockeyfirma des Ölmilliardärs Terrence Pegula ist chronisch erfolglos. Die Buffalo Sabres haben in den letzten zwölf Jahren keine einzige Play-off-Serie gewonnen und warten 48 Jahre nach der Gründung nach wie vor auf einen Stanley Cup. Es wird in Buffalo nun nicht lange dauern bis jeder im Klub felsensfest davon überzeugt ist, dass der Stanley Cup noch zu seinen Lebzeiten in die Stadt kommt.
Mit ziemlicher Sicherheit gibt es keinen Trainer (Fussball und Eishockey) mit dieser grandiosen Karriere. Kein Wunder, hat ihn «Sportsnet» in Kanada einmal als «interessantesten Mann der Welt» bezeichnet. Ralph Krueger war in der alten Bundesliga ein bissiger Bandenhobler und für Deutschland stürmte er zweimal bei der WM (1982, 1986).
Seine Trainerkarriere begann bescheiden. Auf der Suche nach irgendeinem Job tourte er durch Europa, schlief, da das Geld knapp war, im Mietwagen auf Parkplätzen und bekam schliesslich 1991 Arbeit bei Feldkirch wo gerade Cheftrainer Alex Barinew gefeuert worden war. Von dort aus hat er die Welt erobert.
Es gibt im Eishockey-Business keine charismatischere Persönlichkeit. Seine Wirkung ist über den Sport hinaus durchschlagend. Er verdiente als Schweizer Nationaltrainer (1997 bis 2010) nebenbei mit Motivationsvorträgen bis zu 30 000 Franken pro Auftritt. Ich habe selbst mit ungläubigem Staunen erlebt, wie die arrogantesten, selbstgefälligsten Banker zwei Stunden lang an seinen Lippen hingen. Er schrieb einen Bestseller über Lebensberatung. Er hielt Gastreferate beim WEF in Davos. Wenn einer das Gefühl zu vermitteln vermag, er könne Beton in Gold verwandeln, rauche im Bernsteinzimmer Zigarren und plaudere regelmässig mit den Aliens – dann er.
Ralph Krueger ist ein Trendsetter. Er erkannte als einer der ersten, wie wichtig im Sportbusiness Eigenvermarktung und Kommunikation sind. Wie wichtig es ist, Träume zu wecken, eine Vision zu vermitteln.
Fachlich sind die meisten Coaches kompetent. Die Differenz macht erst die Fähigkeit, Ideen, Visionen und Träume in die Köpfe und Herzen der Spieler zu zaubern. Und so ist es nur logisch, dass er bei der WM 2000 mit einer SMS-Botschaft an seine Spieler vor dem Schicksalsspiel gegen Russland berühmt geworden ist. Eine SMS war damals noch sexy.
Eine neue Generation von Spielern ist herangewachsen. Sie ist in einer «antiautoritären» westlichen Welt mit geringem Respekt vor Institutionen und Autoritäten gross geworden. Befehlen, anordnen oder gar drohen reichen schon lange nicht mehr.
Trainer ohne Botschaften, Träume, Visionen und kühne Ideen sind verloren. Nur wer seine Spieler zu begeistern und auf eine Reise mitzunehmen vermag, hat eine Chance auf den aussergewöhnlichen Erfolg. Vermag er das, dann folgen ihm alle und wachsen weit über sich hinaus. Die Spieler von heute sind mindestens so leistungswillig wie ihre Väter und Vorväter.
Natürlich muss ein Coach fachlich kompetent sein. Aber das Einüben und Einschleifen von Taktik und System kann er fleissigen Assistenten überlassen. So wie sich ein General auch nicht mehr darum kümmert, ob die Rekruten den Krawattenknopf beherrschen.
Ralph Krueger hatte einst als Nationaltrainer bei sechs WM- und zwei Olympia-Turnieren einen gelehrigen Schüler. Den Stürmer Patrick Fischer.
Patrick Fischer ist inzwischen der neue Ralph Krueger geworden. Anfänglich erst ein Zauberlehrling des grossen Hexenmeisters. Aber nun hat er sein eigenes Profil entwickelt. Er ist der Visionär unseres Hockeys wie einst Ralph Krueger. Seit der schwedische «Taktik-Lehrer» Tommy Albelin den System-Haushalt besorgt, ist aus dem anfänglich wilden, verrückten, aber visionären «Pausenplatz-Hockey» das erfolgreichste internationale Hockey («Guardiola-Hockey») geworden, das wir je zelebriert haben.
Patrick Fischer ist inzwischen mindestens so charismatisch, ja, eher noch selbstsicherer und in seinen Visionen kühner als Ralph Krueger. Daran wird sich auch dann nichts ändern, wenn die Schweizer hier in Bratislava nicht über die Viertelfinals hinauskommen sollten.
Sein nächster Arbeitgeber kann nicht ein Klub in unserer höchsten Spielklasse sein. Dort würde er bloss riskieren, mit seinem grossen Denken am kleinen Denken der konservativen Klubgeneräle zu scheitern. Patrick Fischers nächste Saison muss, wird die NHL sein. Er pflegt beste Beziehungen nach Nordamerika und seit seinem NHL-Gastspiel bei Arizona (206/07) ist Wayne Gretzky sein Kumpel.
Nationaltrainer Patrick Fischer Cheftrainer eines NHL-Teams? Verrückt? Nein. Tief in seiner Hockeyseele weiss er, dass er dazu fähig ist. Und ich sehe mit bestem Willen und aller Bosheit keinen Grund, warum er dazu nicht fähig sein sollte.
Auch die NHL wird immer stärker von einer neuen Spieler- und Managergeneration geprägt. Patrick Fischer passt perfekt zu dieser neuen, modernen NHL.