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Bruno erzählt: «Als ich zweijährig war, stellte die Mutter den Vater wegen erheblicher Alkoholprobleme vor die Türe. Später erfuhren wir, dass er in Italien auch noch eine Familie hatte und verheiratet war. Wir Kinder waren auch nicht alle vom selben Vater. Es war ein ziemliches Durcheinander in unserer Familie. Ich wuchs in zwei Welten auf: Am Abend und an den Wochenenden war ich Zuhause in einer italienischen Umgebung. Die übrige Zeit verbrachte ich in Kinderkrippen und Horts in einem schweizerischen Umfeld. Obwohl meine Mutter als Alleinerziehende sehr viel arbeiten musste, blieb sie eine Fremde in der Schweiz und ich fühlte mich immer fremder bei ihr. Dazu kam, dass ich äusserlich nicht wie ein Italiener aussah: Ich war groß, kräftig, nachdenklich, sensibel, grünäugig und blond.
Ich war etwa 12 Jahre alt, als unser Vater wieder zu uns zog. Doch das ging schief. Er war immer noch alkoholabhängig und beziehungsunfähig. Ich denke, er war immer einsam und wusste auch nicht, wie man Beziehungen gesund leben kann. Sicher hätte er es gerne anders gemacht, doch er wusste nicht wie. Er musste uns wieder verlassen und ich habe ihn seither nie mehr gesehen. Er starb, als ich etwa 24 Jahre alt war.
Auf Identitätssuche
Ich suchte nach meinem Platz und dem Sinn meines Lebens. Ich suchte beim Vater, im Sport, bei Freunden, in der Pfadi, später in der Esoterik. Ich konnte machen, was ich wollte, nichts befriedigte mich. Es breitete sich eine unerhörte Sehnsucht in meinem Inneren aus, doch ich wusste nicht, wonach ich mich sehnte. Mit 16 begann ich mit Alkohol und Haschisch. Ich kannte die Folgen, doch die schreckten mich nicht ab. Und plötzlich waren all meine Sehnsüchte wie weggeblasen. Das gefiel mir sehr und so suchte ich dieses befreiende Gefühl immer häufiger.
Am Tiefpunkt angekommen
Meine Schreinerlehre beendete ich nur mit grosser Mühe, da ich inzwischen heroinabhängig war. Mit der Zeit verlor ich alle Freunde und isolierte mich immer mehr. Mit 20 Jahren lebte ich nur noch für den nächsten Flash. Der Letten war die Drogenhölle von Zürich, und dort war ich sozusagen zuhause – und gleichzeitig auch am Tiefpunkt meines jungen Lebens. Ich bin überzeugt, dass die Gasse meinen Tod bedeutet hätte, wenn nicht das Wunder meiner Rettung geschehen wäre.
Meine Mutter, bei der ich manchmal wohnte, setzte mir ein Ultimatum: „Entweder du machst jetzt eine Therapie oder ich stelle dich endgültig auf die Strasse.“ Es war ihr ernst und mein Bruder unterstützte sie dabei. So begann ich eine Therapie, jedoch mit der Absicht, nachher wieder zu konsumieren. Ich hoffte, dass das Zeug dann wieder so richtig einfahren würde. Nach etwa acht Wochen Therapie war meine UP (Urinprobe) positiv. Ebenso eine Woche später, obwohl ich nichts konsumiert hatte! Das Resultat war Rausschmiss.
Heute weiss ich, dass dieses positive Ergebnis die Folge der körperlichen Arbeit war. Wir mussten Brennholz spalten und ich gab so richtig Gas. Dadurch baute ich Ablagerungen von Benzodiazepin und Haschisch in meinem Körper ab, und zwar in solchem Mass, dass es eben im Urin anzeigte.
Damals wusste man das nicht und ich war am Boden zerstört. Mir war klar, dass ich etwas tun musste, damit ich nicht auf der Gasse landete. Im April 1997 trat ich in die damalige Drogenentzugsklinik Beth Shalom ein. Ich bemerkte, was für ein Friede im Haus herrschte und fühlte mich sofort wohl. Merkwürdigerweise hatte ich kaum Entzugserscheinungen – und das nach einer langjährigen Drogenkarriere! Dort fand ich, was ich schon immer gesucht hatte: Ich bekam Wertschätzung, Annahme und Liebe um meiner selbst willen, ohne etwas dafür getan zu haben. In den Andachten lernte ich Jesus kennen und die Betreuer erzählten aus ihrem eigenen Leben. Die Botschaft von Jesus faszinierte mich, und ich begann in der Bibel zu lesen.
Hilda
Dann trat Hilda ins Beth Shalom ein. Ich war schon vier Wochen da und gerade so richtig am Aufblühen, sie hingegen war am Boden zerstört und wollte sterben. Was für ein Kontrast! Ich lernte meine zukünftige Frau am Tiefpunkt ihres Lebens kennen.
Hilda und ich erlebten gute und schwere Zeiten, die uns einander näher und uns auch persönlich weiter brachten. Uns wurden drei Kinder geschenkt. Wir können sagen, dass wir mit der Hilfe von Jesus und Freunden heute ein normales Leben führen. Wir sind nie mehr abgestürzt und haben auch keine gesundheitlichen Folgeschäden wegen des Drogenkonsums.
Heute arbeite ich als Arbeitsagoge in der Holzwerkstatt der Quellenhof-Stiftung. Über diese sinnvolle Arbeit bin ich sehr glücklich und für meine Familie unendlich dankbar.»