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Der Chef der Luxusuhrenmarke Hublot ist ein aufgeweckter Typ: «Ich schlafe zum Glück nur ein paar Stunden. Schlaf ist vielleicht gesund, aber trotzdem ein Hindernis in der Arbeit», sagt Jean-Claude Biver. Seine Beweisführung ist stringent: «Wenn Sie während 300 Tagen jeden Tag nur zwei Stunden mehr arbeiten würden als Ihre Mitbewerber, dann sind das 600 Stunden. Wenn man annehmen würde, dass die Konkurrenz 40 Stunden in der Woche arbeitet, dann ergeben 600 Stunden 15 Wochen und das sind praktisch vier Monate. Das heisst: Zwei Stunden mehr Arbeit während nur 300 Tagen gibt Ihnen einen Vorsprung auf die Konkurrenz von vier Monaten! Es gibt keinen besseren Beweis.»
Dumm nur, wenn auch die Konkurrenz nicht schläft. Denn der Hublot-Chef ist mit seinem Arbeitsethos in guter Gesellschaft: Eine Untersuchung der University of Pennsylvania von mehr als 47 000 Erwachsenen hat tatsächlich gezeigt, dass Berufstätige, die maximal 4,5 Stunden schlafen, an jedem Wochentag 93 Minuten länger arbeiten als der Durchschnitt und an Wochenenden sogar 118 Minuten länger.
Manager schlafen 20 Prozent zu wenig
Dasselbe Bild in der Schweiz: Gemäss der Kienbaum Management-Beratung belegen die Schweizer Top-Manager mit durchschnittlich 57 wöchentlichen Arbeitsstunden unangefochten Platz 1 in Europa. 42 Prozent arbeiten zwischen 61 und 70 Stunden, 7 Prozent gar über 70 Stunden. Mehr als die Hälfte arbeitet zudem an jedem Wochenende, und davon jeder Zweite bis zu zehn Stunden. Mehr als 90 Prozent sind rund um die Uhr erreichbar.
Und die vielbeschäftigten Manager schlafen tatsächlich weniger als die normalen Angestellten: Eine Erhebung des deutschen Marktforschungsinstituts TNS Emnid in fünf Ländern zeigt, dass die durchschnittliche Führungskraft fast 20 Prozent weniger schläft als die empfohlenen acht Stunden - das wären dann knapp 6,5 Stunden pro Tag.
Wer schläft, verpasst die besten Chancen, macht keine Karriere, ist ein Versager - so offenbar der Glaube der Hochleistungsmanager. James Bond schläft schliesslich auch nicht, solange die Welt noch nicht gerettet ist. Auch von Goethe wird berichtet, dass er nachts nur vier Stunden schlief. Der Erfinder Thomas Alva Edison soll sogar mit nur zwei Stunden Schlaf ausgekommen sein - fast zwingend, dass er bei derart langen Nächten die Glühlampe erfinden musste.
Doch die Logik der Leistungsgesellschafter ist falsch. Beziehungsweise verwechselt sie Ursache und Wirkung. Richtig ist: Wer viel arbeitet, kann weniger schlafen. Ist also nicht ausgeschlafen, weniger leistungsfähig, weniger produktiv, braucht seine verlängerte Arbeitszeit, um überhaupt in die Gänge zu kommen. 61 Prozent der von TNS Emnid Befragten geben tatsächlich an, dass ihre Arbeit durch Schlafmangel negativ beeinflusst wird. Ändern tun sie dennoch nichts.
Der Schlafmangel beeinflusst nicht nur ihre eigene Arbeit, sondern auch andere. Professor Christian Cajochen vom Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel konnte wissenschaftlich belegen, was jeder aus eigener Erfahrung kennt: Schlafmangel schlägt sich zu allererst in einer schlechten Stimmung nieder. Das ist keine gute Voraussetzung für Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern ein Vorbild geben sollten.
Doch das ist nur das geringste Problem des Mangels. «Wenn Sie 24 Stunden nicht schlafen, ist Ihr Leistungsniveau dasselbe, wie wenn Sie 1 Promille Alkohol im Blut hätten. Umgerechnet auf das kumulierte Schlafmanko einer Woche, in der Sie nur sechs Stunden pro Nacht schlafen, wäre es am Freitagabend illegal, mit dem Auto nach Hause zu fahren.» Die Basler Befunde werden von diversen Studien aus aller Welt bestätigt. Auch Charles Czeisler, Professor an der Harvard Medical School, lässt den Weckruf erschallen: «Müde Manager handeln wie Betrunkene.»
Müdigkeit gefährdet Leben
Das erklärt vieles: Verkachelte Vorträge, geplatzte Verträge, falsche Entscheide. Aber Schlafmangel kann sogar lebensbedrohlich werden: Wenn Sie eine Woche lang nur 6 anstatt 8 Stunden schlafen, sind Sie auf einem Reaktionszeitniveau, wie wenn Sie 24 Stunden gar nicht geschlafen hätten. 8 von 10 Leuten neigen dann zum berüchtigten Sekundenschlaf - das fällt im Büro wenig auf, kann aber auf der Fahrt zum Businesslunch lebensgefährlich werden. Inzwischen ist die Zahl der Autounfälle, die auf Müdigkeit zurückgeführt werden, höher als die durch Alkoholkonsum verursachten.
Es gibt Leute wie Jean-Claude Biver, die genetisch mit weniger Schlaf auskommen mögen. Auch ist es durchaus möglich, kurzzeitige Stressphasen mit wenig Schlaf durchzustehen. Aber eine Gewöhnung an wenig Schlaf gibt es nicht. Deshalb ist der ständige Kampf gegen die innere Uhr fast aussichtslos. Und doch wird er täglich guten Mutes wieder aufgenommen.
Untaugliche Mittel zum Zweck
Der gute alte Kaffee nützt erwiesenermassen, die Folgen des Schlafmangels zu übertünchen. Auch Muntermacher aus dem Internet, Red Bull aus der Dose, Schokolade - alles hilft kurzzeitig. Eine starke Belichtung mit viel Blauanteil hält ebenfalls ein wenig wacher. Und mittels künstlichem Melantonin lässt sich der Schafrhythmus verschieben. Inzwischen ist das Melatonin enthaltende Medikament Circadin auch in der Schweiz zugelassen worden. Eine wachhaltende Wirkung hat auch die Lifestyledroge Provigil, die normalerweise Patienten mit der Schlafkrankheit Narkolepsie verabreicht wird. Doch das alles sind nur Möglichkeiten, die Symptome zu bekämpfen, nicht aber die Ursache.
Das «beste Gegenmittel gegen Müdigkeit ist Schlaf», sagt Forscher Cajochen. «Selbst am frühen Morgen hilft es, wenn man jede Möglichkeit zu einem Power-nap nützt.» Dieser heisst bezeichnenderweise Managerschlaf und soll nicht mehr als 20 Minuten dauern (siehe Kasten). Leider bieten die wenigsten Firmen ihren Mitarbeitenden entsprechende Erholungsmöglichkeiten an. Spezifische Ruheräume gibt es beispielsweise bei Novartis wie in den meisten schweizerischen Unternehmen nicht. «Unsere neuen und renovierten Bürogebäude sind jedoch so konzipiert, dass Mitarbeitende genügend Rückzugsmöglichkeiten haben», erklärt Pressesprecher Satoshi Sugimoto.
In Schichtbetrieben steht immerhin meist irgendwo eine Bank im Pausenraum. Auch Google ist bekannt für ihre ausgeschlafenen Typen. Wer ein Einzelbüro hat, kann es sich einrichten. Die anderen haben Pech. Oder sie geraten in Erklärungsnotstand, wenn sie regelmässig die Füsse auf die Tastatur legen.
«Für die Schlafschuld muss man später büssen»
Christian Cajochen, Centre for Chronobiology, Universität BS
Wer viel schläft, riskiert ein Weicheier-Image.
Christian Cajochen: Vielleicht ist das bei möchtegern-toughen Managern der Fall. Einstein und Churchill waren bekennende Langschläfer, Napoleon und Hitler dagegen Kurzschläfer, welche den Schlaf für Zeitverschwendung hielten. Wer von diesen Persönlichkeiten die Weicheier sind, kann jeder selbst beurteilen.
Wie lange sollte ein gesunder, erwachsener, männlicher Arbeitstätiger im Alter von 20 bis 40 Jahren pro Nacht schlafen?
Cajochen: Über 85 Prozent der Männer in diesem Alter geben an, zwischen sieben und neun Stunden zu schlafen. Darum geht man davon aus dass diese Schlafdauer für viele ausreicht.
Und wie lange schläft er effektiv?
Cajochen: Das ist schwierig zu sagen. Meistens prahlen Männer in diesem Alter mit kurzen Schlafenszeiten, da es zum guten Ton «tougher» Männer im Business gehört. Sie merken aber nicht, dass Sie unter der Woche und über Wochen allmählich eine «Schlafschuld» aufbauen, für die sie am Wochenende oder später büssen.
Inwiefern schränkt ein Schlafmanko die Fähigkeiten konkret ein?
Cajochen: Die Reaktionsgeschwindigkeit sinkt um zirka 100 Millisekunden bei 24 Stunden ohne Schlaf. Das scheint nicht so viel, kann aber in gewissen Berufen und vor allem beim Autofahren verheerende Folgen haben. In den USA fallen 30 Millionen Autofahrer pro Jahr am Steuer in den Schlaf. Das ist eine Person pro Sekunde - Tag und Nacht!
Wie lässt sich sonst noch feststellen, dass man ein Schlafmanko hat?
Cajochen: Sobald man merkt, dass man verlangsamt ist, öfters Sekundenschlaf zeigt, bei langweiligen Tätigkeiten und beim Fernsehen häufig einnickt oder Gedächtnisschwierigkeiten hat. Auf die Dauer können dann noch körperliche Symptome wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Verdauungsstörungen sowie psychische Symptome wie Gereiztheit, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen dazukommen.
Was sollten Firmen konkret tun, um ihre Mitarbeitenden wach zu halten?
Cajochen: Die ideale Firma sollte ihren Mitarbeitern erlauben, ihren Arbeitsbeginn beziehungsweise den Feierabend individuell zu wählen. Das heisst nicht, dass Langschläfer kürzer arbeiten sollen, aber vielleicht später am Morgen beginnen. Dafür könnten Kurzschläfer, sofern sie Morgentypen sind, um 6 Uhr morgens beginnen und schon um 14 Uhr nach Hause gehen.
Und die berühmten Schlafräume?
Cajochen: Ehrlich gesagt, kenne ich keine Firma, die Schlafräume eingerichtet hat. Auf jeden Fall sollten in einem Schichtbetrieb Ruheräume vorhanden sein, in die sich der Arbeitende zu Powernaps zurückziehen kann. Wichtig sind auch genügend Freitage zwischen den Schichtwechseln. Sogenannte «chronobiologische» Anpassungen in der Arbeitszeit führen zu weniger müden und zufriedeneren Arbeitnehmern, ergeben also eine Win-win-Situation, da glücklichere Arbeitnehmer besser und effizienter arbeiten.