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Von Christian Hug, www.polarnews.ch
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Der grösste Teil der arktischen Erdöl- und Erdgasvorkommen liegt zwar innerhalb der 200-Meilen-Zone (370 Kilometer): So bezeichnet man die Distanz von der Küste aus, über die das jeweilige Anrainerland Besitzansprüche stellen darf und damit über die alleinigen Fischerei- und Förderrechte verfügt. Das Meer jenseits dieser Zone und damit auch die Eisdecke der Arktis gehören niemandem – beziehungsweise allen.
Doch weil sich einige Vorkommen ausserhalb dieser Zone befinden und darüber hinaus noch weitere Vorkommen entdeckt werden könnten, erheben vor allem die fünf Anrainerstaaten der Arktis (USA, Kanada, Russland, Grönland beziehungsweise Dänemark als «Pate» und Norwegen) Besitzansprüche über die 200-Meilen-Zone hinaus, um sich so weitere Förderrechte zu sichern. Spätestens hier kommen auch andere Staaten wie China, Deutschland, Italien und Frankreich ins Spiel, die sich ebenfalls ihr Stück vom Kuchen sichern wollen.
Um diese Begehrlichkeiten zu regeln, gründete die Seerechtskonvention der UNO 1997 die sogenannte Commission on the Limits of the Continental Shelf, die Festlandsockelkommission. Hier kann jedes Land Besitzansprüche über die 200-Meilen-Zone hinaus geltend machen, sofern es beweisen kann, dass sich sein Kontinentalsockel auf dem Meeresboden über die besagte Zone hinaus ausbreitet.
In der «Beweisführung» der betreffenden Länder hat sich vor allem der Lomonossow-Rücken zum Zankapfel entwickelt. Dieser 60 bis 200 Kilometer breite und bis zu 3500 Meter hohe Gebirgszug auf dem Meeresgrund erstreckt sich zwischen Grönland und den russischen Neusibirischen Inseln – und genau da liegt das Problem: Die Russen betrachten den Lomonossow-Rücken als Fortsetzung ihres Landes, während Grönland das Gebirge als unterseeischen Fortsatz Grönlands definiert. Die Kanadier reklamieren den Rücken derweil als Fortsetzung ihrer Ellesmere-Insel für sich. Alle drei Länder haben geologische Gutachten erstellt, die ihre These beweisen. Dass übrigens unter dem Lomonossow-Rücken Erdöl oder andere Bodenschätze lagern, schliessen amerikanische Geologen praktisch aus (siehe Heft 3/2010).
China macht Stunk
Besorgnis erregt seit einigen Jahren China. Die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten Landes der Erde wächst in Riesenschritten und benötigt dringend «Treibstoff», um den Motor am Laufen zu halten. Immer wieder erhebt Peking resolut Besitzansprüche auf kleine Inseln (und die zugehörigen 200-Meilen-Zonen) und gerät so in Konflikt mit Nachbarstaaten. Natürlich ist der rote Riese auch scharf auf das Erdöl und das Erdgas in der Arktis.
Das veranschaulicht die Regierung auch mit militärischen Mitteln: Bereits fünf Mal durchquerte der 167 Meter lange Eisbrecher Xuelong (Schneedrache) die Arktis, zuletzt im vergangenen Sommer nahe am Nordpol vorbei. Parallel dazu ist das 8,2 Meter lange Tiefsee-U-Boot Jiaolong (Meeresdrache) unsichtbar unterwegs. Beide seien, so versichert Peking gerne, nur zu Forschungszwecken unterwegs. Aber das ist diplomatisches Gerede: China geht es darum, den starken Staat zu markieren, und es drängt auf den Beobachterstatus im Arktischen Rat. Zudem fordert China von Russland den freien Zugang zur Nordostpassage.
Nächstes Jahr soll der zweite chinesische Eisbrecher vom Stapel laufen. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri macht sich in einer kürzlich veröffentlichten Studie Sorgen um den Frieden in der Arktis wegen der Aggressivität Chinas. Doch auch Russland setzt auf Taten mit klarer Signalwirkung: Bereits im Frühling 2011 verkündigte der russische Heerchef Alexander Postnikow die Bildung einer Arktis-Brigade mit Stützpunkt nahe Murmansk. Russland werde, so hiess es ohne Schönfärberei, seine Ansprüche auf die Bodenschätze im Eismeer notfalls militärisch durchsetzen. 2015 sollen Kriegsschiffe und U-Boote in der Arktis patrouillieren. Entsprechend verstärkten die USA und Kanada umgehend ihre militärische Präsenz in den arktischen Gewässern.
Die von Cairn Energy betriebene Ölplattform Leiv Eiriksson vor der Küste Grönlands.
© Steve Morgan / Greenpeace
Nichts als Probleme
Viele Experten sind zuversichtlich, dass es nie zu einem militärischen Konflikt in der Arktis kommen wird. Niemand kann sich einen teuren Krieg leisten um Öl, bei dem immer noch nicht sicher ist, ob man es überhaupt je wird fördern können. Und vor allem: In der Entwicklung notwendiger neuer Fördertechniken sind die Länder auf gegenseitige Hilfe, sprich den Austausch von Know-how, angewiesen.
Kommt hinzu: Eine Studie des norwegischen Zentrums für internationale Klima- und Umweltforschung in Oslo kam im Herbst letzten Jahres zum Ergebnis, dass die Arktis als Erdöl- und Erdgaslager stark überschätzt wird: Die Kosten, diese Reserven auszubeuten, seien schlicht und einfach zu hoch.
Die Ölförderung in der Arktis ist extrem teuer, weil das unberechenbare Wetter, die tiefen Temperaturen und das launische Meer die Techniker vor schier unlösbare Probleme stellen. Der norwegische Staatskonzern Statoil hat deshalb Anfang Jahr angekündigt, seine Bohrungen in der Arktis vorerst für ein Jahr buchstäblich auf Eis zu legen. Auch Shell stornierte seine Bohrversuche nach der Panne mit der «Noble Discoverer» für ein Jahr. BP gab die Suche nach Erdöl in der Beaufortsee nach einer Wirtschaftlichkeitsanalyse bereits letzten Sommer auf. Ein paar Monate später verschob auch der russische Staatskonzern Gazprom die Ausbeutung des riesigen Shtokman-Gasfeldes in der Barentssee «auf bessere Zeiten».
Die französische Total-Gruppe hat das Projekt Liberty, die Erdölsuche im arktischen Meer, ebenfalls eingestellt – ihr CEO Christophe de Margerie liess selbstkritisch verlauten: «Eine Ölverschmutzung um Grönland wäre eine Katastrophe. Ein Leck würde dem Ansehen des Unternehmens zu stark schaden.» Geht diese Einsicht auf die Ölkatastrophe 2010 im Golf von Mexiko durch die BP-Plattform «Deepwater Horizon» zurück?
Das klingt alles nach guten Nachrichten – vor allem aus der Sicht von mweltschutzorganisationen wie Greenpeace, die sich vehement für ein generelles Förderverbot in der Arktis einsetzen. Dazu besetzten sie unter anderem im letzten August die russische Bohrinsel Priraslomnaja oder legten im vergangenen Januar in Davos eine Shell-Tankstelle lahm.
Aber in der Arktis liegt zu viel schwarzes und flüssiges Gold, als dass die Konzerne so einfach aufgeben würden: Beflissen signalisierten sie deshalb gleichzeitig mit der Einstellung ihrer Projekte, dass sie weiterhin nach Erdöl und Erdgas in der Arktis suchen werden.
- Total sucht gemeinsam mit den Regulierungsbehörden nach einem Weg, das Projekt Liberty wiederzubeleben.
- Gleichzeitig verhandelt Total mit dem russischen Staatsunternehmen Rosneft über eine gemeinsame Fördertaktik auf russischem arktischem Festland.
- Total, der staatliche russische Erdgaskonzern Gazprom und die norwegische Statoil arbeiten weiterhin gemeinsam an der Ausbeutung des Shtokman-Gasfelds.
- Rosneft verhandelt mit dem amerikanischen Konzern ExxonMobil über ein gemeinsames Vorgehen in der Karasee: 2014 wollen sie dort mit Bohrungen beginnen.
- ConocoPhillipps, der drittgrösste amerikanische Ölkonzern, hat gemeinsam mit der japanischen Mitsubishi Corporation im Frühling 2012 erfolgreich Testbohrungen nach Erdgas vor Alaska durchgeführt und will nun in Kalifornien eine entsprechende Infrastruktur aufbauen.
- Die britisch-holländische Shell hat in der Beaufortsee letzten Herbst sogenannte Top Holes gebohrt: Bohrlöcher, die senkrecht in die Öl oder Gas führende Schicht gebort und anschliessend wider versiegelt werden.
- ExxonMobil, Statoil und der italienische Konzern Eni haben Verträge unterzeichnet, die Testbohrungen auf russischem Festland erlauben.
- ConocoPhillipps hat bei den Russen ebenfalls Lizenzen gekauft: 2014 sollen die Bohrungen in der Tschuktschensee beginnen.
- Statoil hat Lizenzen von Russland gekauft, um in der Barentssee das Snohvit-Gasfeld auszubeuten.
Diese Aufzählung ist nicht vollständig, aber sie zeigt: Das grosse Spiel geht weiter. Immerhin: Die intensive Zusammenarbeit unter den Konzernen schweisst die mitspielenden Länder enger zusammen. Die Hoffnung, dass die Konflikte um Erdöl und Erdgas in der Arktis friedlich gelöst werden, steigt. Es bleibt jedoch die akute Sorge um den Lebensraum Arktis. Denn wie es aussieht, ist die erste grosse Ölkatastrophe in diesem hochsensiblen Ökosystem nur eine Frage der Zeit.