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Der Sonntag, 21. Mai 1967, ist für den 38-jährigen Militäringenieur Jim Drake ein ganz besonderer Tag. Zum ersten Mal setzt er sein Surfbrett ins Wasser der Jamaica Bay in New York, befestigt den Mast mit den zwei gekrümmten Holmen, die zwischen sich das Segel aufspannen. Und dann beginnt das heikle Balancieren, das Anfänger heute noch kennen: Das Gerät namens «Old Yeller», mit dem Tüftler Jim Drake die ersten unsicheren Meter in der kabbligen Bucht zurücklegt, ist der erste moderne Windsurfer der Welt.
Waghalsige Prototypen hat es schon 1965 gegeben. In seiner Augustnummer bringt das Magazin «Popular Science» eine bebilderte Bauanleitung für ein sailboard. Dessen Brett sieht aus wie eine Kiefernholztür, das bewegliche Segel hat die Form eines auf dem Kopf stehenden Kinderdrachens. Als begeisterter Segler weiss Drake, dass damit das Wegpaddeln vom Ufer mühsam und das Segeln bei auffrischendem Wind schwierig wird. Deshalb spannt er ein Dreieckssegel zwischen einen gegabelten Baum, konstruiert einen beweglichen Mastfuss, und als Rumpf nimmt er ein schnittiges Surfboard. Am 6. Januar 1970 heisst das amerikanische Patentamt den Antrag für «einen windgetriebenen Apparat» gut.
Sein Freund und Financier Hoyle Schweizer treibt mit seinem Unternehmen «Windsurfing International» die Entwicklung voran; 1973 übernimmt er für nur 30 000 Dollar Drakes Anteile an den Patentrechten. Drake, der Erfinder, und Schweitzer, der Unternehmer, trennen sich im erbitterten Streit. Drake geht als Erfinder in die Technikgeschichte ein, Schweizer dagegen wird Multimillionär – und Windsurfing olympische Sportart.
Das jährliche Managertreffen in Davos ist in der Öffentlichkeit bekannt unter dem Namen WEF. Und das ist eigentlich falsch. Das Weltwirtschaftsforum nämlich ist eine private Stiftung in Genf. Aber klar: Schlagzeilen macht das WEF nicht mit dem stillen Wirken hinter den Kulissen, sondern mit seiner riesigen Bühne in Davos: Jedes Jahr treffen sich im Kongresszentrum zweieinhalbtausend Wirtschaftsvertreter, dazu Hunderte von Politikern, religiösen Führern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, aus einhundert Ländern der Erde. Für die Sicherheit der alles in allem 6000 Besucher, von Präsidentin bis Kammerdiener, sind 5000 Soldaten zuständig. Und fürs nötige Rampenlicht sorgen 400 Medienleute jeder Couleur.
Nur: Soviel Rampenlicht will nicht so recht zum lichtscheuen WEF passen. Wirklich Wichtiges wird in gut abgeschirmten Sitzungszimmern und Hotelsuiten besprochen, fernab jeder Öffentlichkeit. Die bleibt allein schon wegen der Teilnahmegebühr von 14 000 Franken fern. Kritiker monieren, dass am WEF zwar die Probleme dieser Welt diskutiert werden, dass aber die Menschen, namentlich in der Dritten Welt, kaum oder gar nicht vertreten sind. Die militanten WEF-Gegner schliesslich, die immer wieder mit Ausschreitungen auf sich aufmerksam machen, hätscheln sorgfältig das Image vom Forum als Fratze der Globalisierung.
Das WEF als riesiger Wirtschafts-, Polit- und Medienbetrieb hat da ein Imageproblem. Abhilfe schaffen soll die neue Internetplattform welcom.org. Hier sollen sich Wirtschaftsführer, Spitzenpolitikerinnen und Experten ungestört austauschen können – zum Wohle der Menschheit natürlich. Der Menschheit? Die Seite enthält vor allem ein Eingabefeld für das Passwort. Denn sie funktioniert fast wie das WEF: unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Hierzulande ist WIR nicht nur ein Personalpronomen. In der Schweiz ist WIR, wie könnte es anders sein, auch eine Währung und eine Bank mit Sitz in Basel. Keine kleine Bank im übrigen, mit einer Bilanzsumme von 3,4 Milliarden Franken und mit sieben Filialen in der ganzen Schweiz.
Die WIR-Bank ist aus dem Wirtschaftsring hervorgegangen, einer Genossenschaft, die 1934 als Selbsthilfeorganisation gegründet wurde. 1934, das war der Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Die Gewerbebetriebe horteten ihr Geld, statt es auszugeben, und so wurde Geld immer knapper. Einen Ausweg fand Werner Zimmermann, ein Lehrer und Hansdampf in allen Gassen, mit Interessen von Psychoanalyse bis Ökonomie. Zusammen mit 15 Gesinnungsgenossen gründete er die Wirtschaftsring-Genossenschaft.
WIR, das ist eine sogenannte Komplementärwährung. Der Kurs ist an den Franken gekoppelt: Ein WIR ist nominal immer ein Franken. Der Clou: Das Geld bleibt im Kreis der WIR-Teilnehmer; das Gewerbe soll so von zusätzlichen Aufträgen profitieren können. WIR-Guthaben werden nicht verzinst. Das klingt zwar wie ein Alptraum des Kleinsparers, aber es war damals, in der Krise, durchaus sinnvoll. Auch heute noch werden die rund 60 000 kleinen und mittleren Unternehmen ihre WIR rasch wieder los – und sorgen so für Umsatz bei ihresgleichen. Attraktiv sind WIR vor allem in Krisenzeiten und bei Hypotheken und Krediten der WIR-Bank: ein Teil in Franken, ein Teil in WIR, zu sehr günstigen Konditionen.
WIR gibt’s übrigens nicht als als Münzen und Banknoten. Bezahlt wird per Verrechnungsauftrag, per Bankkarte oder Internet. Und weil ein jeder seine WIR schnell wieder ausgeben will, heisst WIR bei Witzbolden auch schon mal «Westindischer Rubel».
Das Wort hatte einen einmaligen Klang: Walkman. Das zeugte von Urbanität und ein bisschen Rebellion, verhiess Selbstbestimmung und Status. Der allererste Walkman hörte auf den Namen Sony TPS-L2, und der war ein batteriegetriebenes Kassettengerät für unterwegs. Revolutionär war nicht die Technik – tragbare Kassettenrecorder gab’s schon länger –, sondern seine Winzigkeit: 3,5 mal 14 mal 9,5 Zentimeter und 300 Gramm: Das war, im Jahr 1979, eine Revolution. Zum ersten Mal fanden Schallplatten Platz in der Hosentasche. Natürlich nicht die Platten selbst, sondern die immer leicht verrauschten und schon damals vorzugsweise illegal kopierten Kassetten, aber das tat der neuen grossen Freiheit keinen Abbruch.
Der neue Walkman machte die Musik mobil, und das war buchstäblich unerhört. Pink Floyd auf dem Schulweg, Tschaikowsky im Strandbad – das war der Gipfel der Genüsse. Und damit dieser Genuss von Walkmännern der ersten Stunde nicht in Autismus umschlug, verfügte der TPS-L2 über eine so genannte hot-Taste – einen roten Knopf, der beim Drücken die Lautstärke senkte, ein eingebautes Mikrofon aktivierte und dem Musikfan so wenigstens ein bisschen Umwelt in die Kopfhörer holte. Der erste Walkman war überhaupt ein soziales Gerät: An den TPS-L2 liessen sich nicht nur ein, sondern gleich zwei Kopfhörer anschliessen.
Dem ersten Sony-Walkman war ein enormer Erfolg beschieden – bereits nach drei Monaten waren 30 000 Geräte verkauft. Walkman heissen übrigens ausschliesslich Geräte von Sony: Die Marke ist geschützt. Sie war so erfolgreich, dass sie sich heute noch – in Form eines kugeligen W – auf mp3-Playern und Handys findet.
Der Ur-Walkman von 1979 aber ist fast vergessen. Anzutreffen ist er allenfalls noch auf Ebay – und in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums.
Wieviele Seiten hat das Internet? Eine Antwort ist fast unmöglich. Da gibt es zwar den Google-Trick: Ins Suchfeld geben Sie den Buchstaben e ein, und Google zählt über 7 Milliarden Treffer. Aber bei arabischen oder chinesischen Seiten hilft unser e nicht weiter.
Also noch einmal: Wieviele Seiten hat das Internet? Das anerkannte britische Unternehmen netcraft.com aus Bath weiss es. Netcraft kontaktiert mit speziellen, spiders genannten Suchprogrammen alle am Netz befindlichen Server der Welt und zählt dann die auf diesen Servern gelagerten Websites. Die aktuellste Zählung ergab insgesamt 185 Millionen Websites.
Nur: Eine Website kann eine einzige Seite sein mit Lebenslauf oder Familienfotos – oder aber ein Firmenauftritt mit Tausenden von Einzelseiten, die dynamisch von einer Datenbank erzeugt werden. Das sind dann nicht mehr Webseiten im eigentlichen Sinn.
Aber dennoch: Es gibt einen Weg, die Seitenzahl des Internet zu schätzen. Und der geht so: Im August 2005 publizierte die Suchmaschine Yahoo zum letzten Mal die Gesamtzahl der von ihr indexierten Seiten – es waren gut 19 Milliarden. Die verteilten sich, diesmal laut Netcraft und ebenfalls im August 2005, auf gut 70 Millionen Websites – das macht durchschnittlich 273 Seiten pro Website. Nach Adam Riese heisst das: Unsere heutigen 185 Millionen Websites mal 273 ergibt sage und schreibe 51 Milliarden Seiten.
Zugegeben: Mit genauem Rechnen haben diese 51 Milliarden Seiten nichts zu tun. Nur: Unmögliche Rechnereien wie diese haben Menschen schon immer fasziniert. Im Mittelalter stritten sich Gelehrte darüber, wieviele Engel auf einer Nadelspitze sitzen können.
Beim Weihnachtsfest fragte der Chef seinen Fahrer, ob er denn auch am Sonntag in der Kirche gewesen sei. Der Fahrer sagte: «Nein, ich weiss nicht, wieso sollte ich auch?» «Ja, danken für das Weihnachtsgeld.» «Das habe ich doch von der Firma erhalten.» «Nein, über die Firma durch Gott.»
Mit dieser Anekdote beschreibt Hans-Hermann Beckherrn die Stimmung als junger Industriearbeiter im Ruhrgebiet der 1950er-Jahre. Das Weihnachtsgeld ist eine freiwillige Zahlung des Arbeitgebers an den Arbeitnehmer, und es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Arbeiterelend machte den Fabrikbesitzern ihre auch soziale Verantwortung bewusst, und so kam es, dass an Weihnachten manch einer durchs Werk schritt und jedem Arbeiter ein Geschenk, Esswaren oder ein Geldstück überreichte, damit auch die Ärmsten etwas zu feiern hatten. Solche «Remunerationen», wie man sie nannte, wurden in der Weimarer Republik allgemein üblich – das Weihnachtsgeld im November etwa oder das Urlaubsgeld im Juni. Die Zahlungen blieben freiwillig, bis deutsche Gewerkschaften in den 1950er-Jahren – in der Schweiz erst ein Jahrzehnt später – zum ersten Mal einen kollektivvertraglichen Anspruch auf Weihnachtsgeld durchsetzten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Spannweite noch enorm – in Deutschland konnten das ein paar Pfennig sein oder auch mehrere Mark. Heute heisst das Weihnachtsgeld «13. Monatslohn», und es hat sich in der Schweiz wie in anderen Ländern fest eingebürgert. In besonders ertragsintensiven Branchen gibt‘s gar einen 14., wenn nicht sogar einen 15. Monatslohn. Und kein Patron fragt mehr danach, ob man dafür auch ein Dankgebet gesprochen habe.
Henry Robinson Palmer war Architekt und Ingenieur – und ein begnadeter Erfinder. Es waren die 1820-er Jahre, und England wurde von Industrialisierung regelrecht umgepflügt. In den London Docks wurden immer grössere Lagerhallen immer schneller hochgezogen, und Palmer sann auf eine Möglichkeit, deren Dächer rasch und ohne teure, tragende Elemente bauen zu können. Da kam er auf die Idee, Stahlblechplatten mit einer Riffelung zu versehen und zu galvanisieren, also mit einer Zinkschicht zu überziehen. Dieses Blech war billig, leicht, rostfrei und verwindungssteif.
Meine Verbesserung in der Konstruktion von Dächern und anderen Teilen von Lagerhäusern und Speichern besteht im Anbringen von Metallplatten oder Blechen in geriffelter oder gewellter Form,
schrieb Palmer in seinem Patentantrag von 1829. Das war ziemlich untertrieben – zu welchen Leistungen sein Wellblech fähig war, zeigte sich bereits ein Jahr später, als Palmer das Dach eines neuen Lagerhauses mit Wellblech deckte, das über eine Länge von 12 Metern nicht mehr abgestützt zu werden brauchte.
Auf dem Bau erwies sich Wellblech als eigentliche Revolution. Lässt man die Platten seitlich um nur eineinhalb Wellen und längs um nur 15 Zentimeter überlappen, sind die Dächer wasserdicht. Sie sind kostengünstig, und sie lassen sich in Windeseile decken. Erst Wellblech machte es möglich, dass Dörfer in den Weiten der Vereinigten Staaten, aber auch in Australien oder Afrika in wenigen Jahrzehnten zu Millionenstädten heranwuchsen.
Als Meilensteine moderner Technik gelten die Kernspaltung, die Landung auf dem Mond, die Erfindung des Computers. Die industrielle Herstellung von Wellblech steht diesen Leistungen in nichts nach.
«Welsch» heisst im Grunde nichts anderes als «fremd», und das buchstäblich seit Jahrtausenden. Julius Cäsar, als Feldherr nach Gallien geschickt, fand im Osten der riesigen Unruheprovinz Celtica, die auch Helvetien umfasste, den sogenannten «herkynischen Wald» vor. So nannte man ein riesiges Gebiet, das von der heutigen Schweiz bis nach Rumänien reichte. Hier lebten, so berichtet Caesar in seinen Commentarii de bello gallico an den Senat in Rom, die Volcae. Die Volcae waren Kelten, ein Volk, das ein wichtiges Handelsnetz zwischen dem Mittelmeer und Germanien unterhielt, dessen Kultur mit der Zeit aber immer mehr romanisiert wurde.
In der Sprache der Germanen hiessen die Volcae Walhen, ein Wort, das etwa im Namen des Walensees erhalten geblieben ist und das durchs ganze Mittelalter hindurch und bis heute fast unverändert überdauern sollte. Aus den Walhen wurden die Welschen, die Bedeutung wurde allgemeiner, und das Wort bezeichnete mit der Zeit überall das jeweils nächstgelegene, eine romanische Sprache sprechende Volk. Mit «Welschland» war, je nach Region, einmal Frankreich, einmal Italien gemeint. Zur sprachlich-ethnischen Bezeichnung kamen Vorurteile: In den Augen der Deutschen waren die Welschen lebenslustig, aber auch oberflächlich, wenn nicht gar falsch. Nicht von ungefähr ist Rotwelsch die Sprache der Gauner und Ganoven.
Welsch: Das sind die, deren Mundart man nicht verstehen kann. Eine unverständliche Sprache heisst daher bis auf den heutigen Tag «kauderwelsch».
Wetten, dass wir keine Ahnung haben, woher das Wort «Wette» kommt? Die alten Goten verstanden unter einer Wette den Wetteinsatz oder das Pfand, doch das Wort reicht bis in vorgermanische Zeiten zurück. Sozusagen ein Cousin unserer heutigen Wette ist der lateinische vas, der Bürge, oder auch vadimonium, das Pfand.
Welcher Jäger erlegt das Mammut, welcher Ritter gewinnt das Turnier? Wetten zählt zu den ältesten Leidenschaften des Menschen. Ob Bauland oder Börse – Wetten war zu allen Zeiten ein Geschäft. Ob ein gutes oder schlechtes, war dabei nur eine Frage des Sachverstandes oder des Glücks. Weltmeister sind die Briten – auf der Insel ist Wetten big business. Mit über einer Milliarde Pfund Umsatz pro Jahr zählt der Wettanbieter Ladbrokes zu den 250 grössten Unternehmen Englands, und auf ladbrokes.com lässt sich auf alles setzen, was sich in eine Wette fassen lässt: Fussball, Schach, den nächsten Chef von Microsoft oder den nächsten Literatur-Nobelpreisträger. (Den übrigens haben die belesenen Zocker längst gewählt: Der Japaner Haruki Murakami ist mit einer Quote von 3/1 haushoher Favorit. Der Amerikaner Philip Roth, quasi ewiger Nobelpreiskandidat, steht bei 16/1. Dagegen erzielt die britische Landsfrau Hilary Mantel lediglich eine kümmerliche Quote von 100/1, trotz ihres überragenden Romans «Wolf Hall», einer packenden Biografie von Thomas Cromwell, Minister des Skandalkönigs Heinrich VIII, und der ebenso fesselnden Fortsetzung «Bring Up the Bodies».)
Übrigens: Mit der deutschen Wette nicht verwandt ist das englische to bet. Dessen Ursprung liegt ebenso im Dunkeln wie der zukünftige Bodenpreis, Aktienkurs – oder Nobelpreisträger.
Wikipedia – seien wir doch ehrlich: So richtig gescheit klingt das nicht. Nach Wissen klingt Brockhaus. Aber Wiki?
Wiki ist nicht deutsch, und englisch ist es auch nicht. Wikiwiki ist hawaiianisch und heisst «schnell». Ja, und schnell ist die Wikipedia in der Tat. Das Blättern in den 600 000 deutschen oder 1,8 Millionen englischen Artikeln dauert nur Sekundenbruchteile. Und während der grosse Brockhaus durchaus Tausende von Franken kosten kann, ist die Wikipedia, wenn man PC und Internet hat, kostenlos.
Die Wikipedia ist ein eigentliches Volkslexikon. Sie ist für alle bestimmt, und – das ist das besondere daran – sie wird auch von allen geschrieben. Jede und jeder kann nach Belieben Artikel verfassen, verändern, ergänzen, korrigieren. Wikipedia ist basisdemokratische Bildung. Das ist sympathisch, und die Ergebnisse sind staunenswert: In Wikipedia finden sich brillante Artikel, multimedial, mit ausgezeichneten Links und Literaturverweisen. Wikipedia ist das Eldorado für alle, die mehr wissen wollen.
Nur: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und bekanntlich haben die Spanier das Eldorado, das sagenhafte Goldland im Norden Südamerikas, auch nie gefunden. Die Wikipedia hat ihre Schattenseiten. Denn auch wenn alle mitschreiben könnten – wirklich in die Tasten greifen die allerwenigsten. Nur 2,5 Prozent aller Benutzer schreiben mehr als die Hälfte aller Artikel. Und Autorinnen gibt’s schon gar nicht: Die Wikipedia wird zu über 90% von Männern verfasst, mehr als die Hälfte jung und alleinstehend. Geschichte etwa, ein beliebtes Thema in der Wikipedia, erscheint so vor allem als Militär- und Waffengeschichte.
So etwas soll die Verdienste der Wikipedia, dieses so erstaunlichen Gemeinschaftswerks, nicht schmälern. Doch ein grosser Brockhaus ist sie nicht.
Der Sonntag, 21. Mai 1967, ist für den 38-jährigen Militäringenieur Jim Drake ein ganz besonderer Tag. Zum ersten Mal setzt er sein Surfbrett ins Wasser der Jamaica Bay in New York, befestigt den Mast mit den zwei gekrümmten Holmen, die zwischen sich das Segel aufspannen. Und dann beginnt das heikle Balancieren, das Anfänger heute noch kennen: Das Gerät namens «Old Yeller», mit dem Tüftler Jim Drake die ersten unsicheren Meter in der kabbligen Bucht zurücklegt, ist der erste moderne Windsurfer der Welt.
Waghalsige Prototypen hat es schon 1965 gegeben. In seiner Augustnummer bringt das Magazin «Popular Science» eine bebilderte Bauanleitung für ein sailboard. Dessen Brett sieht aus wie eine Kiefernholztür, das bewegliche Segel hat die Form eines auf dem Kopf stehenden Kinderdrachens. Als begeisterter Segler weiss Drake, dass damit das Wegpaddeln vom Ufer mühsam und das Segeln bei auffrischendem Wind schwierig wird. Deshalb spannt er ein Dreieckssegel zwischen einen gegabelten Baum, konstruiert einen beweglichen Mastfuss, und als Rumpf nimmt er ein schnittiges Surfboard. Am 6. Januar 1970 heisst das amerikanische Patentamt den Antrag für «einen windgetriebenen Apparat» gut.
Sein Freund und Financier Hoyle Schweizer treibt mit seinem Unternehmen «Windsurfing International» die Entwicklung voran; 1973 übernimmt er für nur 30 000 Dollar Drakes Anteile an den Patentrechten. Drake, der Erfinder, und Schweitzer, der Unternehmer, trennen sich im erbitterten Streit. Drake geht als Erfinder in die Technikgeschichte ein, Schweizer dagegen wird Multimillionär – und Windsurfing olympische Sportart.
Das Spiel ist anders: Es heisst nicht Dame oder Halma, sondern World of Warcraft, auf Deutsch Welt der Kriegskunst. Und mit Halma hat es höchstens den Spieltrieb gemein, den es befriedigt und befeuert. World of Warcraft, Ende 2004 veröffentlicht, ist buchstäblich das grösste Spiel der Welt. Es spielt in einer Fantasiewelt, die dem Roman «Der Herr der Ringe» des britischen Mittelalter-Spezialisten J.R.R. Tolkien nachempfunden ist – einer kriegerischen Welt, bevölkert von Menschen und Zwergen, Drachen und Orks. In World of Warcraft geht es ums Töten von Monstern, Kriegsfürsten und finsteren Legionären.
Aber World of Warcraft ist viel mehr als nur ein Kriegsspiel. Es ist eine riesige künstliche Welt – mit Dörfern und Städten auf drei bis zum letzten Grashalm nachgebildeten Kontinenten, mit weltweit 10 Millionen Spielern, die miteinander über Internet verbunden sind.
Alle Spieler unterhalten eine Spielfigur, die einen Beruf erlernt, Erfahrungen sammelt, neue Talente entwickelt. Und sie haben viel zu tun, diese Figuren: Sie dezimieren Monster und Orks, sie kämpfen allein oder gemeinsam in so genannten Gilden – und: Sie verdienen Geld. World of Warcraft ist auch Handel – mit einer eigenen Währung, Banken, Auktionshäusern.
Auch ausserhalb des Spiels geht es um Geld, um viel Geld: Hersteller ist das Unternehmen Blizzard Entertainment, das World of Warcraft für rund 25 Franken verkauft. Danach kostet das Spielen weitere 15 Franken pro Monat. Im Jahr 2007 verdiente Blizzard allein mit diesen monatlichen Gebühren über eine Milliarde Dollar.
World of Warcraft steht auch in der Kritik: nicht nur der Kosten wegen, sondern wegen seines enormen Suchtpotenzials, wegen der Vereinsamung süchtiger Jugendlicher.
«Der Würfel ist gefallen»: Dieses Zitat schreibt der römische Geschichtsschreiber Sueton dem grossen Julius Cäsar zu, als der, unschlüssig, mit seiner Armee im Rücken am gallisch-italienischen Grenzfluss Rubikon stand. Bis ein Hirte einem der Soldaten die Trompete entriss und kurzerhand zum Angriff blies. Cäsar wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Da klingt Schicksal an, im Grossen wie im Kleinen. So mancher Feldherr und Spieler hat gewürfelt und gewonnen oder verloren. Die Kunst ist voll davon: Geoffrey Chaucer beschreibt das mittelalterliche englische Würfelspiel hazard in seinen berühmten Canterbury Tales, und der Nachfahr von hazard mit dem Namen craps, lockt auch heute noch Spieler zu Tausenden in die Spielcasinos.
Vom Würfel als Instrument des Zufalls geht eine eigentümliche Faszination aus, seit Tausenden von Jahren. Iranische Archäologen haben 5000 Jahre alte Knochenwürfel ausgegraben: in den Ruinen von Shahr-e Sokhta, wörtlich «verbrannte Stadt». Diese prähistorischen Würfel tragen schon Bohrungen in Form unserer heutigen Augen, und sie gehören zu einem altiranischen Brettspiel, das ebenfalls seinen Weg auf unsere Spieltische gefunden hat: im Mittelalter nannte man es Wurfzabel, später Tricktrack oder Puff – und heute Backgammon.
In der Wissenschaft ist ein Würfel ein gleichseitiges Hexaeder – etwas weniger mathematisch und dafür deutsch: ein Körper mit sechs Flächen und gleich langen Kanten. Auch wenn dieser Würfel im landläufigen Sinn in der Herstellung der einfachste ist: Es gibt auch Würfel mit Flächen in Drei- oder Sechseckform, mit acht, zwölf oder gar 20 Flächen.
Im Fall des unschlüssigen Julius Cäsar hätte ein einfacher Sesterz gereicht – Kopf oder Zahl. Aber die Würfel waren gefallen, und der Rest ist Geschichte: Cäsar setzte sich gegen seinen Widersacher Pompeius durch, zerschlug die Republik und wurde Roms Diktator.