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The Proof of the Pudding, oder:
Ist Englisch «leichter»?
Fragen zu einem gern gepflegten Vorurteil
Den gegenwärtigen Siegeszug des Englischen führt man nicht zuletzt gerne
darauf zurück, dass es strukturell einfacher und leichter erlernbar sei als
andere Sprachen. Solange es nur um den Erwerb von Basiskenntnissen geht, mag
dies zutreffen – aber wird eine solche Einschätzung der Sprache Shakespeares
insgesamt gerecht?
Keine Frage, Englisch ist die Lingua franca der jetzigen und wohl auch der
kommenden Zeit – wie sollte es anders sein? Zwei gewonnene Weltkriege und
zwei Weltreiche, ein gestriges und ein heutiges, ein englisch-koloniales und
ein amerikanisch-kapitales, stehen dafür. Sie haben ein sprachliches Netzwerk
gestiftet, das mühelos den ganzen Globus umspannt. Es überwindet die
babylonische Sprachenvielfalt ferner Kontinente, animiert die europäischen
Nachbarn zum kleinen Grenzverkehr, fördert allenthalben Handel und Wandel,
Wissenschaft und Tourismus und beschert den mit englischer Muttersprache
Geborenen das Danaergeschenk der Einsprachigkeit.
Trügerische Einfachheit
Doch es muss noch andere, innersprachliche Gründe für diese Vorherrschaft
geben, Gründe, die das Englische – eher als, sagen wir, Arabisch oder
Esperanto – zu dieser hegemonialen Rolle vorherbestimmten und die geeignet
sind, die natürliche Eifersucht der anderen tausend Zungen zu besänftigen.
Der Hauptgrund besteht darin – alle Welt weiss es und sagt es: Es muss also
stimmen -, dass Englisch einfach leichter ist. Der Gymnasiast, der sich mit
Latein oder Französisch als erster Fremdsprache abplagt, schaut neidvoll auf
die grosse Schar der Kameraden, die leichten Fusses, popmusikalisch
beschwingt, das angelsächsische Terrain betreten.
Grammatik und Wortschatz zeigen sich in dieser Anfangsphase denkbar
entgegenkommend. Es gibt keine nennenswerte Flexion, keinen Konjunktiv, wenig
unregelmässige Verben. Die Linguisten nennen das Schwächung oder Schwinden
der grammatischen Kategorien. Ein Unterricht, der vor allem auf mündliche
Sprachfähigkeit abzielt, stellt rasch ein Basisvokabular zusammen, mit dem
sich elementare Konversation machen lässt. Dieses Basic English ist die
eigentliche Weltsprache der Gegenwart. Es reicht für junge und ältere
Globetrotter, um den Globus zu umrunden. Keine andere Sprache schenkt uns ein
derartig frühes Erfolgserlebnis – und so bald schon die Illusion, sie zu
beherrschen.
Es ist unglaublich, was sich mit dem knappen Grundbestand meist einsilbiger
englischer Verben wie put, take, have, give, go alles ausdrücken lässt: Die
jeweils seitenlangen Einträge in unseren besseren Lexika bezeugen es. Dazu
kommt der gleitende Wechsel der Wortarten: Verben und Adjektive werden
substantiviert, Substantive, selbst Präpositionen verbalisiert: to down
tools, he upped and left . Angelsächsischer Pragmatismus: Ökonomischer geht
es nicht. Eine derart kompakte und flexible Sprache ist – wie es im
Wirtschaftsjargon unserer Tage heisst – für die Herausforderungen der
Gegenwart optimal aufgestellt.
Der demokratische Faktor
Seine Weltoffenheit hält das Englische in ständiger Bewegung und
Aufnahmebereitschaft für das jeweils Aktuelle. Schon Mark Twain hat es
erkannt: The King“s English, die angelsächsische Standardsprache, gehört
keineswegs dem König von England, sondern einer Aktiengesellschaft, in der
die Amerikaner die Mehrheit besitzen. Der für den weltweiten Boom der
Anglizismen so entscheidende Witz der Wortbildung ist mit seiner Nähe zu
Slang und Subkultur und mit seiner respektlosen Frechheit gegen das
Etablierte ein demokratischer Faktor.
Wie könnte man auch die Schar der korrekten, Laptop-bestückten, einander zum
Verwechseln ähnlichen Young Urban Professionals anders nennen als Yuppies!
Und dann der cool-klickende, Halbreim-gestützte, denkbar kolloquiale Name
Laptop für ein technisches Wunderwerk – ein linguistischer Geniestreich! Die
Verbindung von Notwendigkeit, Knappheit und sprachlichem Reiz macht solche
Prägungen unwiderstehlich und den Zugang zum angelsächsischen Sprachraum
nicht nur leicht, sondern obligatorisch – es sei denn, man ist nicht von
dieser Welt.
Diese besondere Form der Wortbildung ist übrigens keine neuere
Errungenschaft. So entstand schon im 17. Jahrhundert, in der Epoche des
Bürgerkriegs, aus «mobile crowd» das schöne Wort Mob, dem eine lange
internationale Karriere beschieden sein sollte. Die kultivierteren Kreise
sahen diese Art von Wortamputation, die einen Latinismus in einen
pseudo-angelsächsischen Einsilber verwandelt, mit Unbehagen. Für Swift etwa
war an mob nicht nur die Sache, sondern auch die Wortbildung vulgär; ein
Indiz für die seiner Muttersprache innewohnende Barbarei. Was hätte er erst
zu einem zum pram zurückgestutzten perambulator (Kinderwagen) gesagt?
Kehrseite der Medaille
Denn die englische Sprache ist nicht nur hemdsärmelig, sondern auch
high-brow, nicht nur angelsächsisch, sondern bekanntlich auch seit 1066 stark
romanisiert und dazu mit lateinisch-griechischen Anleihen reich bestückt.
Dieses «Oben» und «Unten» ist in einen ständigen sprachproduktiven
Klassenkampf verstrickt. Der Drang zur Reduktion auf das Einsilbige und
Elementare ist ein Korrektiv für und ein Protest gegen die uferlose
Synonymenvielfalt des englischen Wortschatzes mit seiner massenhaften Präsenz
von sprachlich isolierten – in den Worten eines bekannten Linguisten:
asozialen – Hard Words.
Allenfalls über gute Griechisch- und Lateinkenntnisse kann ein Angelsachse im
Zoo das Nilpferd (hippopotamus) und in der Klinik die Blinddarmentzündung
(appendicitis) verbal verorten. Und lautet der Plural des Nilpferds
hippopotamuses oder hippopotami? Beides, je nach Bildungsschicht. Doch auch
die klassischen Sprachen helfen dem Englisch Lernenden nicht immer: Man
riskiert, den Arzt mit dem Physiker zu verwechseln (physician/physicist) und
den Sensiblen mit dem Vernünftigen (sensitive/sensible). Vorsicht ist
geboten, viel Wortsammelgeduld gefragt. Aber wer hat sie noch?
Jene Synonymie, die uns in verschwenderischer Fülle germanische, romanische,
lateinische, griechische, vielleicht auch keltische Entsprechungen für ein
deutsches Wort anbietet, verspricht ja keineswegs eine beliebige
Austauschbarkeit der Begriffe. Animal und beast, adult und grown-up verlangen
jeweils ganz verschiedene Kontexte und Register, so wie uns die lexikalischen
«Entsprechungen» eines vertrauten geografischen Begriffs in die Fremde der
unterschiedlichsten Landschaften und Formationen verschlagen. Man schlägt z.
B. nach unter «Schlucht» und findet: gorge, chasm, clough, canyon, couloir,
crevasse, crevice, cleft, gap, glen, rift, fissure, defile, gulch, gully,
ravine . Die semantische Differenzierung, den rechten Gebrauch im Umgang mit
diesen unendlichen Bedeutungsschattierungen zu lernen, ist eine
Lebensaufgabe, ebenso wie die Sicherheit im Umgang mit der abenteuerlich
verzweigten und verzwickten Idiomatik des englischen Grundvokabulars.
Das Kreuz mit der Orthografie
Das angelsächsische Terrain, auf den ersten Blick so offen und einladend, ist
demnach übersät mit Stolpersteinen. Um noch einen letzten für viele zu
nennen: die archäologische Orthografie. Nur im Neugriechischen – und
möglicherweise im Walisischen – klaffen Schreibung und Lautung derart krass
auseinander. Die Schreibung wurde vor etwa 600 Jahren allmählich und
unsystematisch fixiert; zu einer Zeit, als night und knight noch nicht gleich
klangen, sondern nicht und knicht gesprochen wurden. Eine bürokratische
Leidenschaft für Rechtschreibreformen liegt den Engländern herzlich fern,
obgleich ein gewisser Handlungsbedarf hier eher als anderswo auszumachen
wäre. G. B. Shaw als einsamer Rufer in der orthografischen Wüste schlug
seinen Landsleuten sarkastisch vor, das Wort fish künftig «ghoti» zu
schreiben: f wie in tough, i wie in women, sh wie in nation. Die Aussprache
englischer Orts- und Eigennamen verweist den foreigner endgültig auf seinen
Platz.
Man muss den globalen Reisenden oder den Stammgästen internationaler
Kongresse nicht aufs Wort glauben, wenn sie erklären, sie könnten Englisch.
Der Schreiber dieser Zeilen wagt dies auch nach 40-jähriger anglistischer
Praxis nicht von sich zu behaupten. Man lernt dazu – und wenn man sich
wirklich darauf einlässt, wird es nie langweilig. «The proof of the pudding
is in the eating», sagt ein ebenso charakteristisches wie unübersetzbares
englisches Sprichwort. Wie deutsch klingt doch seine deutsche «Entsprechung»:
«Probieren geht über Studieren.»
Von Werner von Koppenfels
Er lehrte Anglistik an der Universität München und hatunter anderem Dichtungen von John Donne und Emily Dickinson übertragen. Sein jüngstes Buch, «Der andere Blick oder das Vermächtnis des Menippos», erschien 2007.
Neue Zürcher Zeitung vom 31. Mai 2008
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/the_proof_of_the_pudding_oder_ist_englisch_leichter_1.746985.html