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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

7. Buch
28. Die Lehre Varros über die Theologie ist voll von Widersprüchen.
Was hat es also zu bedeuten, wenn Varro, der hochgelehrte und scharfsinnigste Mann, in scheinbar gründlichen Ausführungen all diese Götter auf Himmel und Erde zurückzuführen und zu beziehen sucht? Er bringt es nicht fertig; sie gleiten ihm aus den Händen, sie prallen zurück, sie fallen und stürzen dahin. Wo er zum Beispiel von den Frauen das ist von den Göttinnen handeln will, sagt er: „Weil es, wie ich im ersten Buche von den Stätten erwähnt habe, zwei Ausgangspunkte von Göttern gibt, den Himmel und die Erde, wonach die Götter teils als himmlische teils als irdische bezeichnet werden, so beginne ich hier mit der Tellus, wie ich oben mit dem Himmel begonnen habe, als die Rede war von Janus, den die einen als den Himmel, die andern als die Welt bezeichnen.“ Ich kann es empfinden, welche Beschwernis ein so feiner und großer Geist erleiden mußte. Durch eine Analogie kommt er zu der Annahme, daß der Himmel das bewirkende Prinzip sei, die Erde das passive, und deshalb spricht er dem Himmel die männliche Rolle zu, der Erde die weibliche und beachtet nicht, daß vielmehr der hier der wirkende ist, der beides bewirkt hat. Daher deutet er auch in dieser Weise in einem früheren Buch die berühmten Mysterien von Samothrake und macht sich mit frommer Miene anheischig, sie, die nicht einmal den Eingeweihten bekannt sind, schriftlich klarzulegen und den Eingeweihten zuzusenden. Er sagt nämlich, er habe aus vielen Anzeichen erschlossen, daß von den dortigen Bildnissen eines den Himmel, ein anderes die Erde und ein drittes die Urbilder der Dinge bedeuteten, die Plato Ideen nennt; als Himmel will er den Jupiter, als Erde die Juno, als die Ideen Minerva verstanden wissen; der Himmel sei es, von dem etwas gemacht werde, die Erde, aus der etwas gemacht werde, das Urbild, nach dem etwas gemacht werde. Ich will hier nicht hervorheben, daß Plato jenen Ideen eine solche Gestaltungskraft zuschreibt, daß nicht der Himmel den Ideen gemäß etwas gemacht hat, sondern vielmehr der Himmel selbst den Ideen gemäß gemacht ist. Dagegen sei betont, daß ihm in dem Buche über die auserlesenen Götter diese Beziehung der drei Götter, in denen er eigentlich alles beschlossen sein läßt, wieder abhanden gekommen ist; denn hier weist er zwar dem Himmel männliche Götter zu und der Erde weibliche, versetzt aber unter diese auch Minerva, der er oben selbst über dem Himmel ihre Stelle angewiesen hat. Ferner findet sich ein männlicher Gott, nämlich Neptunus, im Meere, das doch mehr zur Erde als zum Himmel gehört. Endlich wird versichert, Dispater, der griechische ploutwn, auch ein männlicher Gott und Neptuns und Jupiters Bruder, sei ein irdischer Gott, habe den oberen Teil der Erde inne, während er im unteren Teile seine Gemahlin Proserpina habe. Wie also will er die Götter zum Himmel, die Göttinnen zur Erde in Beziehung bringen? Was findet sich in diesen Erörterungen Gediegenes, Beständiges, Besonnenes, Bestimmtes? Diese Tellus aber ist der Urgrund der Göttinnen, sie ist die Große Mutter, die der tolle Lärm schändlicher Lustknaben und Gallen, der Selbstverstümmler und der rasenden Tänzer umtobt. Was ist also damit gewonnen, wenn man Janus als das Haupt der Götter, Tellus als das Haupt der Göttinnen bezeichnet? Weder läßt es dort der Irrtum zu einem einheitlichen1 , noch hier die Raserei zu einem gesunden Haupte kommen. Wozu das vergebliche Bemühen, diese Vorstellungen zur Welt in Beziehung zu bringen? Auch wenn ihnen das gelänge, würde kein Frommer die Welt anstatt des wahren Gottes verehren; aber die offenkundige Wahrheit ist, daß ihnen nicht einmal dies gelingt. Bringe man diese Vorstellungen lieber in Zusammenhang mit verstorbenen Menschen und ganz verkommenen Dämonen, und alle Schwierigkeiten werden sich lösen.
1: Mit Bezug auf die zwei oder vier Gesichter des Janus gesagt; übrigens ein echt augustinisches Wortgefüge: Nec ibi facit unum caput error, nec hic sanum furor.