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Eveline Keller, 23.11.2021
Der Katastrophenherbst des Jahres 2001 jährt sich zum zwanzigsten Mal. Ich erinnere mich, wie viele von uns, wo ich war, als die Flugzeuge der Terroristen in die Zwillingstürme von Manhattan einschlugen. Auch erinnere ich mich an meine Ohnmacht, als ein Attentäter im Zuger Grossratssaal ein Blutbad anrichtete. Es folgte kurz darauf der Brand im Gotthardtunnel und das Grounding der Swissair, das uns gleichermassen apokalyptisch vor kam.
Damals hatte die Häufigkeit der Ereignisse weniger zur Folge, dass ich mich unsicherer fühlte, sondern, mehr, dass ich die sich überschlagenden Meldungen begann auszublenden. Ich hatte naheliegendere Probleme, zum Beispiel, wie ich die Miete bezahlen kann, wenn mein Ex die Alimente nicht überweist. Oder, wo meine Kinder gut betreut werden, während ich arbeitete.
Rückblickend betrachtet haben uns diese Unglücke eine ganze Palette von Sicherheitsmassnahmen beschert. Der Gotthardtunnel durfte nach einer ausführlichen Sanierung nur noch einseitig befahren werden. Vor der roten Ampel an den Nord- und Südportalen bildeten sich von da an kilometerlange Staus. Wer in ein Flugzeug steigen wollte, musste sich neu mindestens zwei Stunden früher in der Flughalle einfinden, um die Sicherheitschecks über sich ergehen zu lassen. Es wurde verboten Flüssigkeiten grösser als 2ml mitzuführen, Nagelscheren durften nicht mehr ins Handgepäck und schon gar kein Schweizer Sackmesser. In Parlamentsgebäuden und bei den Gerichten wurden an den Eingängen und Ausgängen Schleusen eingebaut und durften ohne Sicherheitschecks nicht betreten werden.
Als man diese Neuerungen verkündete, empfanden dies die Betroffenen als starken Eingriff in die persönliche Freiheit. Es war klar, dass in puncto Sicherheit mehr geschehen musste. Aber musste man gleich so weit gehen? Da half die Aussage eines israelischen Sicherheitsverantwortlichen. Er fragte: Auf welches Flugzeug würden sie ihr Kind bringen? Auf dasjenige, wo wie bisher die Checks durchgeführt werden? Oder jenes, wo neben dem Gepäck auch die Handtaschen und die Fluggäste auf Waffen und Sprengstoff durchleuchtet wurden?
Die Katastrophen nahmen uns unsere Unschuld, und die naive Vorstellung, dass die Welt um uns herum in Einklang sei. Es wurde uns vor Augen geführt, dass sich in anderen Völkern seit Jahrzehnten eine riesige Wut auf den reichen Westen angestaut hatte. Auf Konzerne, die bei ihnen Bodenschätze förderten und sie an die Industriestaaten verkauften. Für sie selbst blieben ein paar Krümel. Der Hass entzündete sich auch an der Art, wie wir um die Welt jetteten, um uns sorglos die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, während die dort lebenden Menschen in Hunger und Armut leben.
Wenn man dies nun auf die aktuelle Corona-Krise ummünzt, hat sie vor Augen geführt, wie verletzlich wir trotz ausgebautem Gesundheitssystem sind. Sie hat die Grenzen und Schwächen der Globalisierung aufgezeigt, von der wir in Form von günstigen Produkten profitiert haben. Sie hat uns auch dargelegt, wie zerbrechlich Allianzen mit anderen Staaten sein können und auch mit freundschaftlich gesinnten Nachbarn. Der Virus hat uns das Reisen vergrault und die Kulturlandschaft ausgehebelt. Sogar die mächtige Wirtschaft zwang es in die Knie. Ob und wann wir je wieder unbeschwert an einen Fussballmatch der Nati, an ein Open-Air Konzert, eine Messe oder an die Kirmes gehen können, kann keiner mit Gewissheit sagen. Sicher ist nur, wir werden uns ans Maskentragen gewöhnen müssen.