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Kaum ein Begriff, der in der Wissenschaftsphilosophie so umfassend und kontrovers erörtert wurde wie der der Kausalität. Aristoteles wirft gleich einen ganzen Strauß von aitia (Gründen, Ursachen) in die Debatte, von denen sich zwei auf das Sein beziehen (causa materialis, causa formalis) und zwei weitere auf das Werden (causa efficiens, causa finalis). Seine aitia sind aber nur begrenzt, man könnte sagen zur Hälfte, mit dem modernen Problem der Kausalität verwandt. Im Übergang zur Neuzeit behielten nur die causa efficiens und die causa finalis Bedeutung, vor allem aber die causa efficiens, die Ursache der Bewegung . Diese wird von den sich im späten Mittelalter herausbildenden empirischen Wissenschaften (und in 'naiven' Wissenschaftskreisen teils bis heute) als Agens oder Wesenheit der Verbindung von Ursache und Wirkung gesehen. Hume jedoch konnte die Kausalität nicht aus der Bewegung als ein von ihr Gesondertes ableiten und stellte sie als ein nur mit Wahrscheinlichkeit behaftetes, wiederholtes zeitliches Aufeinanderfolgen(Regularitätstheorie) in Abrede. Kant schloß sich Hume darin an, daß er der Kausalität keine natürliche Existenz zuschrieb, sie aber im Gegensatz zu Hume nicht der Gewöhnung (bzw. dem Erlernen) unterschob, sondern zur Denknotwendigkeit, d.h. zu einer Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt erklärte; der Mensch entdeckt die Kausalität nicht in der Welt, er legt sie in diese hinein. Damit wird die Kausalität a priori, d.h. vor jeder Erfahrung. Obwohl Kant sich durchaus auf eine zeitliche Wahrnehmung der Kausalität bezieht, d.h. Ursache gefolgt von Wirkung, bedeutet dies nicht, daß sich die a priori Strukturprinzipien der Erkenntnis, die uns kausal wahrnehmen lassen, selbst auf ein Vorher und Nachher beziehen. Im Gegenteil: als Bedingung der Erfahrung können sie in überhaupt keinem Ähnlichkeitsverhältnis zur Beobachtung stehen. Dies mag der Grund sein, warum der logische bzw. empirische Positivismus des frühen 20. Jahrhunderts (Kreise um Schlick in Wien und Reichenbach in Berlin) den Begriff der Kausalität mehrheitlich ablehnte und ihn durch die 'Funktion' ersetzte, um so jede dem betrachteten Prozess äußerliche Wesenheit wegen Metaphysikverdachts auszuschließen. Außerdem umging die 'Funktion' elegant den Begriff der Theorie, der ebenfalls anti-realistisch besetzt war. Die Gemeinsamkeit einer großen Anzahl von Surrogaten der Kausalität dieser Zeit (Hempel, Salmon, Friedman u.a.) liegt im logischen Verständnis der Bedingungen jedes Geschehens. Erst Bas van Fraassen in The Scientific Image, 1980, setzt sich mit seiner Theorie eines constructive empiricism von den strikt anti-realistischen (metaphysikfeindlichen) Traditionen der positivistischen Wissenschaftstheorie ab, wenn er als Zeichen der Adequatheit einer Theorie nicht mehr als deren Übereinstimmung mit empirischer Erfahrung fordert. Das größte Problem des constructive empiricism liegt darin, in strenger analytischer Form über 'Adequatheit' reden zu müssen, was mir nur näherungsweise möglich erscheint. Im Folgenden möchte ich mich aber nicht mit dem Empirismus, sondern mit Implikationen, Ungereimtheiten und Aussichten Kantischer Vorstellungen von Kausalität auseinandersetzen.
Wenn, nach Kant, die Kausalität vor jeder Erfahrung ist, stellt sich die Frage nach ihrer Natur und Herkunft. Kants Auffassung der Kategorien (zu denen neben der Kausalität u.a. auch der Euklidische Raum und die Zeit gehören) zwingt zu der Annahme, daß sie nicht nur für uns, sondern absolut, d.h. in jeder möglichen Welt denknotwendig sind. Tatsächlich leitet Kant die Kategorien nicht her. Als Unbedingte fallen sie sozusagen vom Himmel, was viel Kritik (z.B. Trendelenburg) hervorgerufen hat. Später hat Evolutionsbiologe Konrad Lorenz in seinem Buch Das Wirkungsgefüge der Natur...(1983) versucht Kants Apriori als stammesgeschichtlich erworben darzustellen. Allerdings bleibt er der zeitlich-materialistischen Evolutionstheorie verbunden und kann letztlich auch 'mit Kants Hilfe' ihre bekannten Aporien, die wiederum von Jody Hey in On the failure of modern species concepts (2006) treffend beschrieben wurden, nicht ausräumen. A priori übersetzt sich als von-dem-Früheren-her. Das a priori scheint eine Herkunft zu haben! Aber kann das, was Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung sein soll, sich auf vorgängige Erfahrung berufen? 'Sport', 'Kunst' und 'Lebensmittel' sind offensichtlich Beispiele empirischer, d.h. affirmativer Gattungsbegriffe, die aus der Erfahrung geschöpft sind. Sie sind subsumierende Begriffe, die sich zwar wörtlich von-dem-Früheren-her ableiten, aber dennoch nicht a priori sondern a posteriori genannt werden, denn sie abstrahieren, d.h. ziehen eine Gemeinsamkeit aus der Heterogenität ab. Darum fügt der 'Sport' dem Boxen, die 'Kunst' der Malerei oder das 'Lebensmittel' der Wurst nichts hinzu, noch ermöglicht der Gattungsbegriff was unter ihn fällt. Diese empirischen Klassen sind sozusagen rein technische Verwaltungsinstanzen. Ganz anders dagegen Begriffe wie zum Beispiel Raum, Kausalität, Atom oder Gen. Durch Streichung dieser Begriffe aus unserem Vokabular und Verständnis würden in vielen Bereichen der Wissenschaft und des täglichen Lebens buchstäblich die Lichter ausgehen: ohne Raum keine Geometrie, kein Weltall, keine Architektur...; akausale Vorgänge erscheinen uns 'spooky'; ohne Atome wäre diese Platform (philosophie.ch) und sehr viel anderes undenkbar und die Idee des Gens hat in den unterschiedlichsten Bereichen auch außerhalb der Biologie Anwendung gefunden. Wenn wir diese Begriffe Kategorien nennen, dann ist es die Eigenschaft von Kategorien beobachtbar zu machen, weshalb man sie a priori nennt - vor der Erfahrung und doch von-dem-Früheren-her?
Schon der Neandertaler wußte, daß ein heftiger Keulenschlag auf den Kopf seines Gegners tödlich ist. Er wußte auch, daß Sonne und Feuer wärmen sowie daß Steine immer bergab rollen aber nie bergauf, aber er hatte keinen Begriff von einer causa efficiens, einer abstrakten Ursache der Bewegung. Es sollte bis Aristoteles dauern, bevor all diese (und tausend andere) disparaten, nicht-falschen Wissenselemente (Sätze) in speziellen Hinsichten unter seine aitia zusammengefaßt werden sollten. Doch die wahre Auseinandersetzung mit der Kausalität beginnt erst mit Humes Animation der 'Kausalität' von einem bis dahin natürlichem Prinzip zu einem schlichten Vorher und Nachher. In der Folge sank sie einerseits auf eine aus der Erfahrung abziehbare Wenn...dann Regel herab (Empirismus) und stieg anderseits in Kant zur Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung auf (Apriorismus). Seither führt die Kausalität ein Doppelleben: einerseits als bloße 'Verwaltungsinstanz' für alles was ein Vorher und Nachher hat und andererseits als konstitutive Kategorie. Ich vertrete nun mit Hume und Kant die Meinung, daß Kausalität kein den Dingen innewohnendes, natürliches oder wissenschaftlich beobachtbares Vermögen bzw. Prinzip ist. Ferner stimme ich Kant darin zu, daß der Begriff der Kausalität synthetisch a priori ist, aber nicht darin, daß die Kausalität jederErfahrung vorausgeht. Als Kategorie steht die Kausalität synonym für die Struktur absolut widerspruchsfreien Wissens. In dieser Lesart ist Kausalität Methode des Wissens - nicht dessen sinnlicher Inhalt. Sie ist die Methode der natürlichen wie auch anderer (wissenschaftlicher) Sinne, nämlich inkommensurabel oder kategorial getrennt zu sein. Diese Sinne sind zwar von-dem-Früheren-her nicht unabhängig, aber trotzdem nicht aus Anpassung an vorgängige Weltumstände gewonnen. 'Verwaltungsbegriffe' und Kategorien leiten sich beide aus der Erfahrung ab; ihr Unterschied besteht darin, daß erstere affirmativ gesetzt werden, während letztere nur durch einen Saltus (Kant) des Geistes, d.h. durch Spontanität in die Welt kommen können. Die absolute Unwidersprüchlichkeit der Sinne (d.h. der Sprache) zeigt sich in der scheinbaren Verbundenheit der Dinge. Diese Virtualität der Bewegung sollten wir vielleicht mit Aristoteles wieder aitia (Gründe) nennen, uns aber klar darüber sein, daß sie wissenschaftlich nicht zugänglich sind. Die Kausalität (als Kategorie) auf der anderen Seite macht die Struktur der Erkenntnis beobachtbar, nicht den Zusammenhang von Vorher und Nachher. Kein Wunder, daß Hume die Kausalität nicht in der Bewegung, in der zeitlichen Veränderung, entdecken konnte. Wenn wir zum Beispiel sagen, daß das Gehirn denkt, bedeutet dies, daß diese Aussage (Theorie) im Kontext der natürlichen Sprache absolut-nicht-falsch, d.h. widerspruchsfrei ist - sie macht (schon!) beobachtbar. Jeder 'empirische' Versuch diese Aussage zu funktionalisieren und so zu verifizieren bzw. explizieren macht sie falsch, weil er versucht ein Virtuelles in ein materiell-zeitlich Wirkliches umzuwandeln. Empirische Wissenschaft verdunkelt die Welt zugunsten von Kleinstwahrheiten durch die Verquickung von Daten und subjektiven Gründen (ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt).
Konrad Lorenz' Versuch das a priori in die empirische Evolutionstheorie einzubinden scheiterte letztlich an der Materielosigkeit, d.h. an der Virtualität des Vorher-Nachher. Die wahre Kausalität existiert nirgends als in der Unwidersprüchlichkeit der Sprache. Die Evolutionstheorie hingegen ist eine Erzählung, eine empirisch gestützte Geschichte, die eben nicht auf Kausalität, sondern auf logischen Gründen beruht, die willentlich und affirmativ in sie hineingelegt wurden. Das Verdienst Humes liegt darin, erkannt zu haben, daß die 'Kausalität' in der Form von Ursache und Wirkung (Vorher und Nachher) im Beobachteten selbst keine Existenz hat. Seine Annahme aber, daß sie ein mit Wahrscheinlichkeit behafteter, gelernter Grund ist, bleibt bestenfalls unschädlich. Aber nur solange der unterliegende zeitlich-materiell gedachte Prozess nicht zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtung wird, denn eine solche muß an der Synthetizität jeder vorausgehenden Beobachtung, die schon immer eine Theorie ist, scheitern. Die in der Theorie auftauchenden Begriffe sind inkommensurabel, kategorial getrennt und damit orthogonal. Eine empirische (logisch-zeitliche) Beziehung zwischen ihnen zu etablieren heißt ihre Orthogonalität und in der Folge das Vermögen der Theorie, d.h. die Beobachtbarkeit, die sie mit sich bringt, zu zerstören. Das wohl berühmteste aber auch berüchtigtste Beispiel des Versuchs der Vorher-Nachher Erforschung einer klassisch-kausalen Theorie ist das Doppelspalt- oder which-way Experiment. Jeder Versuch der Feststellung, durch welchen Spalt ein Photon gegangen ist (welche Bahn es genommen hat), führt momentan zur Auslöschung des Interferenzmusters. In anderen Worten: die klassisch-kausale (nicht-falsche) Theorie der Beugung am Doppelspalt gibt schon und alleinig erschöpfende Auskunft über das Interferenzmuster! Deshalb muß sie falsch werden im Versuch ihre absolute Unwidersprüchlichkeit affirmativ zu ergründen. Indem das which-way Experiment Kausalität und Grund (Sein und Werden) der Interferenz gleichzeitig bestimmen will, muß es aus der Sprache fallen, d.h. unsinnig werden. Die Dinge funktionieren nur dann, wenn man nicht 'hinschaut', d.h. wenn man auf 'Transparenz' verzichtet. You cannot eat the (quantum) cake and have it...