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«Für mich war Luciano ein Feminist»
Text: Lara Marty; Bilder: Gettyimages
Keiner konnte das hohe C so kraftvoll singen wie der Star-Tenor Luciano Pavarotti (1935–2007). Unvergessen bleibt seine Aufführung von Donizettis «Liebestrank». Das Publikum der Deutschen Oper in Berlin dankte es ihm mit 67 Minuten anhaltendem Applaus.
Luciano Pavarotti wurde im Jahr 1935 als Sohn eines Bäckers und einer Tabakarbeiterin in der norditalienischen Stadt Modena geboren. Er arbeitete kurzzeitig als Grundschullehrer, bevor er sich entschied, seine Stimme ausbilden zu lassen und Gesang zu studieren. 1961 debütierte er als Rodolfo in «La Bohème» am Opernhaus von Reggio nell’Emilia.
In der Zeit seiner Hochblüte verkaufte Pavarotti doppelt so viele Tonträger wie seine stärksten Konkurrenten Carreras und Domingo zusammen. Er war der erste Klassikkünstler, dessen CD-Aufnahmen die Pop-Hitparaden erreichten. Sie drangen mit den Verkaufszahlen in den Popbereich ein.
Im Jahr 1960 heiratete Pavarotti Adua Veroni. Das Paar bekam die drei Töchter Lorenza, Cristina und Giuliana. Die Ehe wurde im Jahre 2000 geschieden. Pavarotti wurden viele Affären nachgesagt, die seine Frau duldete, bis sie ihn 1993 aufgrund von Ferienaufnahmen mit der jungen Nicoletta Mantovani in einer Illustrierten aus ihrer gemeinsamen Wohnung warf.
Luciano Pavarotti und Nicoletta Mantovani lernten sich 1993 kennen, sie arbeitete in einer Konzertagentur für die alljährliche Konzertreihe «Pavarotti & Friends» in Modena. Geheiratet wurde im Jahr 2003, zuvor brachte Nicoletta Zwillinge zur Welt, von denen jedoch der Sohn nach Komplikationen bei der Geburt verstarb.
Luciano Pavarotti hier mit der amerikanischen Schauspielerin Eva La Rue. «Ja, er war ein sehr charismatischer Mann und er liebte die Frauen», sagt seine zweite Ehefrau Nicoletta Mantovani über ihren verstorbenen Ehemann.
Auf Pavarottis Tod im Jahr 2007 folgte ein hässlicher, medial ausgetragener Streit zwischen seinen Frauen um das millionenschwere Erbe. Erst zehn Monate später konnten sich seine Töchter aus erster Ehe und die zweite Ehefrau Nicoletta Mantovani einigen.
Heute tourt Nicoletta Mantovani durch die ganze Welt, stets im Bestreben, das Erbe von Luciano Pavarotti in Erinnerung zu halten.
Er war ein Mann, der mit seiner Jahrhundertstimme die Bühnen der Welt – und mit seiner Ausstrahlung die Herzen – im Sturm eroberte. Er war Genie, Entertainer und Superstar, aber auch Vater, Ehemann und Liebhaber. Dem oscarprämierten Regisseur Ron Howard ist es gelungen, die verschiedenen Facetten der Musik-Ikone Luciano Pavarotti in eine filmische Dokumentation zu packen.
Er zeigt in seiner – weniger kritischen und mehr liebevollen – Doku, wie Luciano Pavarotti seine Gabe und seine Leidenschaft nutzte, um die Oper aus der elitären Ecke zu holen und einem breiten Publikum nahezubringen. Im Film kommen Pavarottis Familie und Freunde zu Wort und anhand privater, bislang unveröffentlichter Aufnahmen zeichnet Ron Howard das intime Porträt eines Lebens zwischen den Höhen brillanter Erfolge und den Tiefen schmerzhafter Selbstzweifel nach. «Sein Talent war ein Geschenk und zugleich eine Bürde», sagt Pavarottis zweite Ehefrau Nicoletta Mantovani. Die Italienerin residiert derzeit in Zürich, wo «Pavarotti» am Zürich Film Festival gezeigt wird.
annabelle: Nicoletta Mantovani, sie haben «Pavarotti» bereits in den USA, in Ungarn, Israel und Australien vorgestellt und somit bestimmt schon sehr oft gesehen. Können Sie sich daran erinnern, wie das war, als Sie den Film zum ersten Mal sahen?
Nicoletta Mantovani: Daran kann ich mich sehr gut erinnern, dieser Moment war mit grossen Emotionen verbunden. Den Mann, den ich am meisten geliebt habe, nochmals zu sehen und zu hören, einen Teil seiner fantastischen Reise nochmals zu erleben – das war sehr berührend, ich musste stark gegen meine Tränen ankämpfen. Nicht primär aus Traurigkeit, sondern weil ich auch so glücklich über das Resultat des Films war. Es gefällt mir sehr gut, wie Ron Howard die Geschichte von Luciano durch die Augen seiner Liebsten erzählt.
Was würde Luciano Pavarotti wohl zum Film sagen?
Oh, ich denke, er würde ihm sehr gut gefallen. Es ist ein ehrlicher Film, und Luciano war ein Mensch, der keine Maske trug. Was du von ihm bekommen hast, war immer ehrlich – egal, ob gut oder schlecht, er hat offen mitgeteilt, was er fühlt und wie er empfindet.
Aber bestimmt gibt es da die eine oder andere Szene im Film, die er selbst wohl lieber rausgeschnitten hätte … Etwa die harsche Kritik aus der Bevölkerung, die ihm nach Bekanntgabe der Beziehung zu Ihnen entgegenschlug.
Nein, er war auch sich selbst gegenüber sehr loyal. Luciano wollte leben, wie er lebte, und sich für nichts schämen. Es ist ein ehrlicher Film, Luciano wäre glücklich damit.
Ihre gemeinsame Tochter Alice war noch sehr klein, als ihr Vater starb. Heute ist sie 16 Jahre alt: Hat sie den Film über ihren berühmten Papa schon gesehen?
Stimmt, Alice war damals erst viereinhalb Jahre alt. Sie hat den Film noch nicht gesehen. Ich möchte, dass sie ihn im Rahmen der Familie sieht und nicht an einer öffentlichen Veranstaltung. Ich denke, dass sie sich den Film nächste Woche in privater Atmosphäre anschauen darf. Sie ist schon jetzt sehr aufgeregt.
Wie war das für Sie, eine Beziehung mit einem Weltstar zu führen?
Wundervoll. Luciano war mein bester Freund, mein Geliebter und mein Mentor. Ein Mensch, der jeden einzelnen Tag in meinem Leben speziell machte – so jemanden findet man nur ganz selten. Wenn ich an unsere gemeinsame Zeit zurückdenke, kommt sie mir vor wie ein Wimpernschlag in meinem Leben. Das Schöne fliegt so schnell an einem vorbei, das ist das Traurige daran.
Hat es Sie nie gestört, überall einfach als «die Frau vom grossen Pavarotti» bezeichnet zu werden?
Wenn man einen berühmten oder erfolgreichen Menschen kennenlernt, hat man oft das Gefühl, zu schrumpfen. Luciano hat bei seinem Gegenüber das Gegenteil bewirkt. Er konnte einem das Gefühl geben, etwas ganz Spezielles zu sein. Dadurch ist man über sich selbst hinausgewachsen und der beste Teil von einem selbst kam zum Vorschein. Das ist etwas von Millionen Dinge, die ich sehr vermisse.
Wie hat er geliebt?
Sehr sensibel und einfühlsam.
Unbestritten war er ein charismatischer Mann, waren Sie eifersüchtig?
Ja, ständig! Ich war so verliebt und ich bin nunmal eine sehr eifersüchtige Person. Luciano machte deshalb Witze über mich. Aber ja, er war sehr charismatisch und er liebte die Frauen.
Inwiefern?
Die Frauen spielten in seinem Leben eine wichtige Rolle. Er sagte oft, dass die Welt eine bessere wäre, wenn die Frauen regieren würden. Als Kind waren seine Mutter, Schwester und Tanten für ihn sehr prägend. Später stellte er nur Frauen ein – meiner Ansicht nach zeigt das, dass er dachte, Frauen seien besser als Männer. Luciano war ein Feminist.
Im Film kommen auch Pavarottis Ex-Frau und seine Töchter aus erster Ehe zu Wort. Welche Beziehung pflegen Sie zu Pavarottis erster Familie?
Das Filmprojekt war für uns alle sehr wichtig. Jeder konnte von persönlichen Erlebnissen mit Luciano erzählen. Es war toll, dass wir das zusammen gemacht haben, da hätte Luciano grosse Freude daran gehabt.
Steht ihr heute noch in Kontakt zueinander?
Ja, das Kind der einen Tochter ist gleich alt wie Alice. Die beiden sind Freundinnen und wir sehen uns oft. Nebst dem Filmprojekt betreuen wird noch viele weitere gemeinsame Projekte, wie etwa die Pavarotti Foundation, eine Non-Profit-Organisation, die junge, talentierte Opernsänger unterstützt.
Mit dem Erfolg wurde auch Luciano Pavarottis karitatives Engagement immer grösser. im Film wirkt er schon fast besessen davon, Gutes zu tun.
Es war ihm vor allem ein grosses Anliegen, sich für Kinder in oder aus Kriegsgebieten zu engagieren. Das kommt daher, dass Luciano selbst ein Kind des Kriegs war. Er hat mir oft davon erzählt, wie er sich während den Bombardierungen mit anderen Kindern im Kreis versammelte. Dann sangen sie, so laut sie konnten, um sich vom Einschlagen der Bomben abzulenken.
Einerseits porträtiert Ron Howard in «Pavarotti» dessen grosszügige Art und warmherzigen Charakter. Andererseits wirkt er in einzelnen Aufnahmen auch gereizt, schon fast divenhaft. Ist dem grossen Maestro manchmal alles zu viel geworden?
Er war eben Perfektionist – durch und durch. Luciano war besessen davon, immer noch besser zu werden, noch mehr zu beeindrucken – er war sich nie gut genug. Sich selbst zuzuhören war für ihn belastend, da er ständig die falschen Töne heraus hörte.
Sprechen Sie mit Ihrer Aussage im Film «Sein Talent war ein Geschenk, aber auch eine Bürde» darauf an?
Ja genau, Luciano war sehr religiös und nahm seine Gabe von Gott an. Gleichzeitig war er getrieben davon, sich stets zu verbessern.
Sie haben zahlreiche gemeinsame Momente mit Luciano Pavarotti auf Ihrer Filmkamera festgehalten, ein Hobby von Ihnen?
Nein, nein, das war einfach nur aus Spass. Wir haben damals eine Filmkamera geschenkt bekommen und waren begeistert. Eine Zeit lang filmten wir einfach alles. Dadurch wurden spielerische, fröhliche Momente von uns festgehalten. Die Aufnahmen bedeuten mir heute sehr viel.
«Wie möchtest du, dass sich die Menschen in hundert Jahren an dich erinnern?»: Diese Frage stellen Sie Ihrem Mann in einer privaten Aufnahme, die im Film gezeigt wird ...
Ja, das war während unserer Ferien in Barbados, es war herrlich! Wir spielten ein Spiel und diese Frage stand auf einer der Karten. Ich mag das sehr, dass Luciano im Film über sich selbst spricht und dass der Film somit mit seinen eigenen Worten beginnt und auch damit endet.
Mehr Informationen zu den Vorstellungen von «Pavarotti» am Zürich Film Festival gibt es hier.
Ab dem 10. Oktober ist der Film in den Schweizer Kinos zu sehen.
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