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Der neue Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers ist eine fiktionalisierte Autobiografie aus den siebziger Jahren. Der Autor betrachtet sich schonungslos durch die Augen anderer.
Am 9. Februar feierte der 1940 in Kapstadt geborene Schriftsteller J. M. Coetzee seinen 70. Geburtstag. Dass dieses Datum für den Literaturnobelpreisträger des Jahres 2003 Anlass reiner Freude war, darf bezweifelt werden. Wohl spielt das Alter in vielen seiner Romane eine tragende Rolle. Doch das Leben, das seine ProtagonistInnen führen, ist eines im Schlagschatten des Todes. Der Zerfall ist nicht aufzuhalten.
Die letzten Sätze
Pünktlich zu Coetzees Geburtstag erschien nun, nach der «Der Junge» (1998) und «Die jungen Jahre» (2002), ein drittes autobiografisches Buch: «Sommer des Lebens», eine fiktionalisierte Autobiografie, in deren Mittelpunkt die Jahre 1972 bis 1977 stehen. Der erste und letzte Abschnitt besteht aus Notizbucheinträgen, fragmentarischen Lebensspuren des ungefähr 30-jährigen «Protagonisten» John Coetzee.
J. M. Coetzee erzählt in der dritten Person von «ihm», vielerorts auch von Johns altem Vater: zwei Männer, die am Rande Kapstadts ein schmuckloses Haus bewohnen, nachdem John, der Akademiker, ruhmlos aus den USA in ein von Rassentrennung geprägtes Südafrika zurückgekehrt ist. Er schämt sich für dieses Land. Er weiss: Seine Anwesenheit gründet auf dem Verbrechen der kolonialen Eroberung, «aufrechterhalten durch die Apartheid».
Dem Vater, der ihm stets ein Fremder war und den er doch zu lieben versucht, geht es schlecht. Er hatte Krebs, nun ist er ein Pflegefall: «Er, John, hatte einmal zu wenig Beschäftigung. Das wird sich jetzt ändern. Er wird einige seiner persönlichen Vorhaben aufgeben und Krankenschwester sein müssen. Andernfalls, wenn er nicht Krankenschwester sein will, muss er seinem Vater verkünden: Ich kann die Aussicht, mich Tag und Nacht um dich zu kümmern, nicht ertragen. Ich verlasse dich. Auf Wiedersehen.»
Es sind die letzten Sätze des Buchs. Wahrscheinlich sind es die stärksten. Die härtesten und liebevollsten. Das Buch endet mit einer offenen Frage: Was tun? Man kennt diese Frage auch aus anderen Büchern des Autors. Beantwortet hat er sie nie. Natürlich wüsste man gern, wie viel von J. M. Coetzee in Johns Worten steckt. Man wird es nicht erfahren. Darin besteht ja der Kniff einer fiktionalisierten Autobiografie – im Fehlen einer faktengetreuen Versicherung des Erzählten.
Der Aufbau des Buches ist originell, es wurde zu weiten Teilen in Interviewform verfasst. Die Schriftstellerfigur John Coetzee ist tot. Ein fiktiver Biograf führt Gespräche über Johns Vergangenheit, unter anderen mit einer ehemaligen Affäre – eine Psychotherapeutin –, einer Cousine und einer brasilianischen Tänzerin. Sie alle sollen Auskunft über John Coetzees Leben geben. Dabei erzählen sie ebenso viel von sich und dem Südafrika der siebziger Jahre. Die Psychotherapeutin lässt der Autor J. M. Coetzee erzählen, dass sich weisse SüdafrikanerInnen in jenen Jahren als «Juden Afrikas» fühlten, was eine Fehleinschätzung gewesen sei. «Eine Horde Kinder, von Sklaven versorgt», träfe es besser, sagt sie.
Ein Fremder im Spiegel
John Coetzee kommt nicht gut weg in diesen Erzählungen. Farblos, der ganze Mann, glanzlos sein Leben. Ein vergeistigter Aussenseiter mit autistischen Zügen. «Dem Sex mit ihm fehlte das Prickelnde», heisst es. Mehrfach attestiert man ihm Beziehungsunfähigkeit. John ist jemand, der alles selbst zu reparieren sucht, obwohl er es nicht richtig kann. Dass er sich die Hände schmutzig machen muss, weil weisse SüdafrikanerInnen normalerweise lieber den Schmutz an schwarzen Händen als an den eigenen sehen, verstehen die drei Frauen nicht. Schade, dass ihr jeweiliger Erzählton so ähnlich gestaltet wurde, zu gleichförmig, immer wieder hysterisch hochfahrend. Die überzeugenden Motive für diese schrillen Töne bleiben im Dunkeln.
Trotzdem muss man anerkennend resümieren: Es ist nicht das schlechteste literaturtechnische Verfahren, eine (Art) Autobiografie zu schreiben, indem man sich durch die Augen anderer betrachtet. Vielleicht sehen diese Figuren mehr? Zumindest darf man annehmen, dass sie, indem sie ein «fremdes» Leben durch den Spiegel ihres «eigenen» betrachten, anderes sehen, als man selbst als Autobiograf von sich schreiben könnte.