Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03512.jsonl.gz/2660

Die Schweizer haben noch nicht kapituliert. Die Zuversicht vor den Spielen gegen die Grossen (Schweden, Kanada, Tschechien) ist echt und kein Irrtum.
Im besten Falle sind wir mit 8 Zählern, also ohne weiteren Punkt, im Viertelfinale. Aber in jedem möglichen Fall sind wir nur mit 12 Punkten im Viertelfinale. Immerhin sind wir die Einzigen, die den letzten Viertelfinalplatz aus eigener Kraft schaffen können. Aber wir sind halt immer noch in Gefahr, jämmerlich zu scheitern.
Weil wir Verlierer sind (gegen Österreich und Lettland), müssen wir uns der Strafaufgabe des Rechnens widmen. Deutschland hat Lettland 2:1 besiegt und ist damit neben der Schweiz, Frankreich und Lettland der vierte Kandidat für den letzten Viertelfinalplatz. Wer mehr am Text interessiert ist, kann die nachfolgenden Rechenbeispiele überspringen.
Das ist die verzwickte Ausgangslage:
Ende der Rechenspiele. Jetzt wieder Text. Eine Kapitulation ist eine einseitige Unterwerfungserklärung, in der Regel signalisiert durch das Hissen einer weissen Flagge. Eine Kapitulation wäre beispielsweise, jetzt in Prag zu erklären, man habe bei dieser heiklen Ausgangslage vor den Partien gegen die drei Grossen (Schweden, Kanada, Tschechien) keine Chance mehr auf die Viertelfinals.
Davon sind die Schweizer weit entfernt. Damien Brunner wird nach dem Training am Freitagmittag von einem Tessiner Chronisten gebeten, eine Bilanz über diese missglückte WM zu ziehen und zu verraten, wohin er nächste Woche in die Ferien fahren werde. Eine Antwort auf diese Frage wäre einer Kapitulation gleichgekommen. Die WM ist noch nicht missglückt und es ist noch nicht sicher, ob Damien Brunner nächste Woche schon in die Ferien verreisen kann.
Die Reaktion des Lugano-Stürmers auf diese Frage macht Hoffnung. Er hat verärgert reagiert und hat sich geweigert, jetzt schon Bilanz zu ziehen oder gar von Ferien zu reden. «Das geht einfach nicht», sagte Damien Brunner hinterher. «Die Frage war respektlos.»
Nun, respektlos ist ein zu starkes Wort. Wer im Tessin über Lugano schreiben oder senden muss, hat halt schon zu oft kapituliert. Seit dem letzten Titel von 2006 haben sogar die Lakers (ja, die Lakers!) die gleich gute (oder schlechte) Play-off-Bilanz wie Lugano. Sie haben in dieser Zeit ebenfalls keine Play-off-Serie gewonnen.
Wir sind vom Thema abgekommen. Damien Brunners Empörung und die Zuversicht der Schweizer sind echt. Die Jungs glauben daran, dass es möglich sein wird, in einer oder gar zwei der ausstehenden Partien gegen Schweden (Samstag, 20.15 Uhr), Kanada (Sonntag, 20.15 Uhr) und Tschechien (Dienstag, 20.15 Uhr, alle im Liveticker) zu punkten und die vier Zähler zu holen, die uns in jedem erdenklichen Falle ins Viertelfinale bringen. Und vielleicht reicht es ja sogar, wenn wir drei Mal verlieren. Aber die Komplexe sind leider auch echt.
Roman Josi, einer der besten Verteidiger der Welt und bester Einzelspieler der WM 2013 (MVP) sagt, dass es wohl einfacher sei, nun gegen die Grossen zu spielen. Die Grossen? Gehören wir denn als Finalisten von 2013 nicht endlich zu den Grossen? Nein, die Schweiz ist noch immer ein Aussenseiter. In den Köpfen der Chronisten und der Spieler und der Öffentlichkeit. Es wird wohl noch Jahre dauern, bis wir die selbstsichere Gelassenheit der Grossen haben.
Aber das Selbstvertrauen ist intakt. Auf die Frage, was denn fehle, um so gegen die drei Grossen zu gewinnen wie 2013, sagt Roman Josi: «Eigentlich nichts. Wir sind von Spiel zu Spiel besser geworden und jetzt müssen wir dafür sorgen, dass dieser Aufwärtstrend weitergeht.» Was uns noch von den Grossen unterscheide, sei die Konstanz. «Wir sind noch nicht dazu in der Lage, Jahr für Jahr um eine Medaille zu spielen wie die Schweden.» Das hänge auch damit zusammen, dass die Schweden die besseren Einzelspieler haben.
Roman Josi ist mit seinem Ehrgeiz eine der treibenden Kräfte in der Mannschaft und bekennt: «Ich war schon immer ein schlechter Verlierer.» Er sei auch als Kind hässig geworden, wenn er verloren habe. «Ich hasse es immer noch, zu verlieren. Es geht beim Tennis schon mal ein Racket zu Bruch.» Auch der bis 2020 laufende Vertrag im Gesamtwert von mehr als 25 Millionen hat ihn nicht selbstzufrieden gemacht. «Ich denke nicht an diesen Vertrag. Ich will einfach immer besser werden. Diesen Ehrgeiz habe ich von meiner Mutter.»
Es ist die Einstellung, die alle grosse Sportler prägt. Roman Josi ist bis heute jede Saison in der NHL besser geworden – und hat sein Potenzial nach wie vor nicht ausgeschöpft. Auch physisch nicht. «Ich muss noch kräftiger werden. Ich kann schon noch einige Kilo Muskeln zulegen.»
Die Kultur des Verlierens ist bei der Nationalmannschaft noch bei weitem nicht so schlimm wie bei YB. YB? Ja. In einem Bereich hat sich nämlich sogar Roman Josi ans Verlieren gewöhnt. Als YB-Fan. Er sagt, die YB-Niederlagen würden ihn nicht mehr so aufregen wie früher. Auf den Einwand, das sei typisch für die Resignation rund um YB, sagt er resignierend: «Aber Basel ist halt übermächtig.»
Basel übermächtig? Wie bitte? YB hat ein eher noch besseres Stadion und dank den Milliardären Andy und Hansueli Rihs mindestens gleich viel Geld! Da wird Roman Josi doch ein bisschen nachdenklich. Er wird sich als YB-Fan wieder mehr über Niederlagen aufregen.
Captain Mark Streit, Roman Josi und Andres Ambühl bilden den Spielerrat und damit den harten Kern des Teams. Die Frage geht an Roman Josi: Welche Ratschläge hat der Spielerrat Trainer Glen Hanlon im Hinblick auf die letzten drei Partien erteilt? «Keine. Es ist nicht Sache der Spieler, dem Trainer Ratschläge zu erteilen. Es ist so, dass wir für die Organisation von Kleinigkeiten zuständig sind.»
Was nun schon arg untertrieben ist – und Roman Josi lenkt ein. «Der Trainer will schon wissen, wie die Mannschaft drauf ist und erwartet Inputs von uns. Aber um Taktik oder Aufstellungen geht es nicht.» Hat der Spielerrat Glen Hanlon davon überzeugt, im Powerplay nicht mehr Mark Streit und Roman Josi zusammen an der blauen Linie einzusetzen? «Nein», sagt Roman Josi. «Das hat Glen Hanlon so entschieden.»
Das Schlusswort überlassen wir Ralph Krueger, unserem ehemaligen Nationaltrainer (WM 1998 bis Olympia 2010) und heutigen Präsidenten des FC Southampton. Er ist zu einer Blitzvisite nach Prag gekommen. Zu den Schweizern sagt er: «Die Farbe der neuen Trikots ist sehr schön.» Das ist nicht nett. Er hätte Glen Hanlon und John Fust zuliebe schon sagen können, die Schweizer seien exzellent gecoacht. Sozusagen von Kanadier zu Kanadier.