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Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau (18.01.1007)
Die Händel-Renaissance, an der Zürcher Oper seit längerem lebhaft installiert, zeitigte jetzt eine besondere und etwas aus dem Schaffens-Rahmen dieses Meisters fallende Interessantheit: Semele von 1743, Oper in Oratorienform und in englischer Sprache. Der Komponist, zuvor mit seinen italienischen Opern als Theaterunternehmer nahezu gescheitert, versuchte es diesmal (wie außerdem noch bei Hercule) mit der Landessprache. Bei größerem Erfolg hätte er wohl zum Begründer einer stolzen englischen Nationaloper werden können (Henry Purcell hatte sich nur singspielartige Semi-Oper zu schreiben getraut).
Händels Versuch fand beim Publikum keine Gegenliebe, und so blieb die Macht der italienischen Oper in London ungebrochen; der Hallenser zog sich von diesem Geschäft zurück und wendete sich ernstlich dem geistlichen Oratorium zu.
Semele basiert auf einem älteren Libretto von William Congreve und unternimmt einen mythologischen Ausflug zu dem antiken Götterpaar Juno und Jupiter und ihren (außer-)ehelichen Beziehungen. Neben der neuerlichen Würdigung der notorischen Amouren des Göttervaters geht es um das Motiv der Hybris bei Semele, der menschlichen Geliebten Jupiters, die sich von ihm Unsterblichkeit ertrotzt und damit die Liebesbeziehung mit ihm verscherzt - was der eifersüchtigen und intrigenreichen Juno gerade recht ist. Händel ist keineswegs zu feinsinnig, um Juno, die Erz-Gattin, nicht als eine deftig komische Figur zu zeichnen, sozusagen lebensecht, wie ein echter Mann das sieht. Und der Zürcher Händel-Regisseur Robert Carsen wäre der Letzte, diese dralle Charakterisierungsvorgabe zu ignorieren.
Juno, very british
Mit Birgit Remmert hat er aber auch eine majestätisch großgewachsene Juno-Erscheinung auf der Bühne, die - stimmlich kernig und konturstark - mit scharf-säuerlicher Miene und dem unvermeidlichen Thatcher-Handtäschchen zugleich very british anmutet: Mit stilrein charmantem Ingrimm beherrscht sie ihre Szenen und die diensteifrig sie umschwänzelnde Iris (Isabel Rey), das einzig deutlich aufgehellte Frauenstimmtimbre im Ensemble. Dunkle Vokalschattierungen spendet auch die von etwas matter Cheesecake-Ausstrahlung bestimmte Bühnenpräsenz der Ino von Liliana Nikiteanu.
Diese kann sich am Schluss den von Jupiter bei Semele aus dem Felde geschlagenen Athamas (in gutgelaunter Selbstverleugnung: Thomas Michael Allen) sichern, einen zumindest ebenso kümmererhaft krähenden Tenor, wie es Ottavio in Mozarts Don Giovanni ist; und absehbar einen ebenso glorreichen Liebhaber und Ehemann, dessen verdächtig hochkomisches Potential von Händel nur dezent angetönt, von Carsen deutlicher heraustrompetet wird. Es sind die Frauen, die in diesem Stück dominieren. Und es ist natürlich vor allem die Semele von Cecilia Bartoli, die, mit unbändigem Temperament und unvergleichlicher gesanglicher Virtuosität, dem Abend die glänzendsten Lichter aufsteckte.
Im dritten Akt hatte sie Gelegenheit, zu allergrößter Form aufzulaufen. Das wollte gesungen werden! Da gab es vor allem die beiden riesigen Arien: eine narzisstische, selbstverliebt-kokette vor dem von Juno ihr vorgehaltenen Spiegel; anschließend eine furienhafte Wut-Arie mit blitzbösen Koloraturen, dem verdutzten und verdrossenen Jupiter (mit hohem, geschmeidigen Tenor und hermesgleich gewandter Gestalt: Charles Workman) entgegengeschleudert. Beide Arien steigern sich noch in den von der Sängerin atemberaubend gebrachten Da-capo-Verzierungen und -Kadenzen. Die furiose Arie machte schockierend deutlich, wie jämmerlich ein Gott dasteht, wenn er der Gefühlsgewalt eines - noch dazu weiblichen - Menschen ungeschützt ausgesetzt ist. Semeles letztes Gesangsstück ist dann aber schon von der Erkenntnis der Niederlage geprägt, ein ausdrucksvoller Trauer- und Klagegesang, von Cecilia Bartoli in lyrisch entrückte Schönheit getaucht.
Sparsame Feudalsphäre
Mühelos konnten die Stimmen triumphieren in Carsens zwar profilierter, zugleich unaufdringlicher, nicht überladener, geschickt die tragischen und die komischen Gewichte ausbalancierender Inszenierung. In der Ausstattung von Patrick Kinmonth gab es kein Historiengepränge, nur ganz sparsame Andeutungen barocker Feudalsphäre mit einem geöffneten klassizistischen Portal im (von mannigfacher, erwartungsvoller "Mauerschau" gekennzeichneten) ersten Akt und einem später von abenteuerlichem Chaos umgebenen Lotterbett im dritten.
Nicht nur der Semele-Part ist reich und attraktiv; das ganze Werk wirkt musikalisch inspiriert und geradezu durchglüht, von den Feuerschlangen-Triolen der Ouvertüre über ein sehr gegensätzliche "vier Gefühle" zusammenfassendes Vokalquartett im ersten Akt bis zu dem forciert festlichen letzten Finale, bei dem Carsen den Triumph Junos wohlweislich durch eine neuerlich sich anbahnende Liebelei Jupiters konterkariert. Mit Pauken und Trompeten rutscht die Göttermutter also in ihre nächste Malaise hinein. Wäre derlei von Händel komponiert, hätte es in dem Dirigenten William Christie und den "La Scintilla"-Originalklang-Orchesterspezialisten der Oper Zürich ebenso kompetente interpretatorische Vermittler wie diese Semele. Vielleicht lag es an der "oratorischen" Affinität, dass Händel hier dem Chor besonders abwechslungsreiche Aufgaben stellte, die in Zürich mustergültig bewältigt wurden. Mit kaum über drei Stunden Spieldauer ist Semele für Händel'sche Verhältnisse fast eine Kurzoper.