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Als Estrich wird im deutschsprachigen Raum (ausser in der Schweiz) ein Fussboden als ebene Grundlage für Fussbodenbeläge bezeichnet…
Im Jahr 1821 veröffentlichte der Berliner Trautwein-Verlag eine Anleitung zur Herstellung von Terrazzo-Böden: «Praktische Anweisung zur Verfertigung der Venezianischen Estriche», von H. F. Roedlich. https://doi.org/10.3931/e-rara-104874
Die darin enthaltene Vorrede eines Hofrathes Hirt, Mitglied der «königl. Akademie der Wissenschaften und Künste», weist darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein blosses Handwerk, sondern durchaus um eine Verfertigung mit künstlerischem Anspruch handelt.
Unter «Terrazzo» verstehen wir Beläge aus Bindemittel und Gesteinskörnungen, welche bereits in der Antike hergestellt wurden. Römische Villen wurden damit ausgestattet und seit dem Mittelalter wurden die Böden oder eben «Estriche» immer begehrter zur Ausstattung venezianischer Paläste und Sommervillen. Einer der ältesten Funde eines Terrazzoboden stammt aus dem Südosten der heutigen Türkei, vermutlich aus der Zeit um 8000 v. Chr. Nach dem zweiten Weltkrieg geriet diese Form der Böden etwas ausser Mode und sie wurden durch preisgünstigere und schneller austauschbare Beläge ersetzt.
Der Terrazzo wird auf einer Unterschicht aus Beton frisch aufgebracht und zum Erzielen einer hohen Dichte gewalzt. Das verwendete Material besteht aus Marmor, Kalkstein oder Dolomit. Farbige Körnungen oder Pigmentierungen geben den Böden die individuelle und ästhetisch anspruchsvolle Note. Je nach Stil, welcher kreiert werden soll, können Mosaike aus Glassteinchen oder Keramiken ausgewählt werden. In der vorliegenden Anweisung von 1821 beginnen die einführenden Worte folgendermassen:
«Zu dem Bauen gehören zwei Dinge, das Anordnen und das Machen. Jenes ist des Architekten, dieses der verschiedenen Bauhandwerker. Es ist daher höchst nützlich, wenn nebst den Schriften, welche hauptsächlich den Unterricht des Architekten betreffen, auch solche erscheinen, welche sich vornehmlich mit der praktischen Anweisung der Bauhandwerker in irgend einem Fache beschäftigen. Dies ist umso wesentlicher, wenn es einen Kunstzweig betrifft, wovon die Ausübung in dem Lande und bei dem Volke für welches man schreibt, noch wenig bekannt ist, und es also darauf ankommt, erst Leute für ein solches Fach einzuüben. Dies ist der Fall mit der vorliegenden Schrift. Der Verfasser wünscht, einen eben so schönen als nützlichen Kunstzweig, den er im Auslande hatte kennen lernen, auf deutschem Boden verpflanzt zu sehen. Dies sind die Estriche nach venezianischer Art.»
Offensichtlich war es Autorenschaft und Verlag ein Anliegen, dieses typisch italienische Handwerk in den deutschen Fürstentümern bekannt zu machen:
«Ueber diesen Kunstzweig ist wenig geschrieben worden, und in Deutschland scheint er fast noch ganz fremd zu seyn, daher der Beweggrund dieser Bekanntmachung. Ich gebe hiermit, wie ich hoffe keinen unbedeutenden Beitrag zu den vielen Nebenkenntnissen und Fertigkeiten, welche die Ausübung der schönen Baukunst erfordert, und vielleicht bin ich so glücklich zu bewirken, die schönen venezianischen Estriche, anstatt der getäfelten Fussböden zu Theil in unsern Prachtgebäuden verpflanzt zu sehen.»
Danach folgt eine minutiöse Aufstellung der erforderlichen Geräte und ihrer Verwendung: Klöppel, Siebe, Spitzhauen, Schaufeln und Rechen, Stössel, Schlageisen, Mauerkelle, Steinwalze und Rollsäule, halber Schleifer (genannt kleiner Bär) und schwerer Schleifstein (genannt grosser Bär).
Anhand der 24 farbigen Kupfertafeln werden die einzelnen Arbeitsvorgänge im Detail beschrieben: Dies tönt als Beispiel wie folgt: «Die Weise den Marmor zu sondern» ; «die Weise den Marmor einzulegen». Oder: «Weiteres Bemerken. Ist dieses vierte Schleifen vollendet, so wird ein Haufen Waitzenkleie in den Saal gebracht, und der Estrich mit derselben vermittelst eines wollenen Tuches gut abgerieben.»
In der Nachrede beschreibt der Verfasser Roedlich anhand einer Seereise an den Küsten Dalmatiens und Istriens, die Entdeckung kieselartiger, kleiner schwarzer, abgeschliffener Steinchen:
«…und zwar in solcher Menge, dass sich in jenen Gegenden leicht ein trefflicher Gebrauch von denselben zum Ueberzug der Estriche machen liesse, und es lohnte sich, meines Erachtens wohl der Mühe, nachzuspüren, durch welche Veranlassung so viele gleichförmige Steinchen etwa einen halben Fuss tief unter dem Meersande, sich dort zusammenfinden, und ob nicht ähnliche Erscheinungen an den Küsten der nordischen Gewässer sich anböten»
Hofrat Hirt widerlegt diese Nachricht in einer Fussnote als Abschluss der Anleitung:
«…scheinen diese schwarzen würfelartigen Steinchen kein Natur-, sondern ein Kunstproduckt zu seyn», «…am Strande der italienischen Küsten stösst man nicht selten auf ähnliche Erscheinungen. Es sind Ueberreste von Estrichen alter Gebäude, welche theils selbst in das Meer hinein gebaut waren, theils nicht fern von den Ufern an Anhöhen standen, wovon diese kleinen dichten Körperchen in der Folge der Zeit durch die Regen bis an den Strand geführt, und mit dem Meersande vermischt wurden.»
Somit schien deutlich gemacht, dass, mangels natürlicher Ressourcen in Deutschland, die Materialeinfuhr zur Herstellung «venezianischer Estriche» unerlässlich sein würde.