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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, z.Zt. La Palma
Die "Schlucht der Ängste" in La Palma, der Kanareninsel, die "Barranco de las Angustias", ist eine Schlucht, die von der Caldera de Taburiente aus einer Höhe von über 2000 m herunter einen Zugang von der Mitte der Insel bis zum Meer bildet. Durch sie wurden die bei den Einbrüchen des Kessels entstandenen Trümmer aus Lava und Gestein, zusammen mit dem Wasser der Regenfälle ins Meer geschwemmt . Ein 10-20 m breiter Weg windet sich zwischen die hoch aufsteigenden Berge. Auf dem Grund liegen Schotter und Lavagesteinsreste. Wenn es stark regnet und man befindet sich in dieser Schlucht, könnte es sehr gefährlich werden, denn dann wird die Schlucht mit Regenwasser gefüllt und alles, was nicht zu fest und zu schwer ist, mit weggespült.
Von Argual, einem Stadtteil von Los Llanos de Aridanet, fährt man ein Stück über eine enge Strasse kurvenreich bergan, parkt den Wagen, erreicht zu Fuss die Schlucht, die fast unmerklich ansteigt, bis sie den Bereich der Caldera erreicht. Wir klettern über das Geröll und die felsigen Steine; manchmal auch über Lava, doch nicht so oft, da es porös ist und schnell verwitternd wurde es eher ins Meer gespült. Kleine Rinnsale erscheinen an der Oberfläche und verschwinden urplötzlich wieder. Riesengrosse eiförmige, glatte Steine haben sich in den Felsen am Rand festgeklemmt, geschliffenes Gestein, und einige andere Gesteinsformen lassen meine Phantasie spielen.
Wenn man genau hinschaut, lassen sich in den Felsbrocken nämlich Gesichter erkennen.
Die letzten grossen Zusammenbrüche des riesigen Vulkans und des Kessels geschahen vor 1,2 Millionen und 500.000 Jahren. In dieser Zeit lebten in dieser Schlucht freundliche Monster. Da sie allesamt Pflanzenfresser waren, existierten sie friedlich miteinander und ernährten sich von Früchten, Sträuchern und Gräsern, die an den Rändern wuchsen.
Das geschah einige 100.000 Jahre lang. Immer wieder mussten sie sich vor den Wassermassen, die durch die Schlucht hinunter in Meer stürzten, in höher gelegene Höhlen retten, wo sie ihre grossen Eier ablegten, aber sobald es wieder trockener wurde, stiegen sie gemächlich wieder in die Schlucht.
So entwickelten sich vielfältige Arten. Da waren die dickbäuchigen Monster mit Beinen, die den Körper kaum stützen konnten, deshalb schoben sie sich nur langsam voran.
Vor allem die älteren Monster, friedfertige Gestalten, passten auf den Nachwuchs auf:
Diesem hier war eine riesige Vogelfeder direkt vor das eine Auge gefallen, die Spitze hatte sich darunter tief in die Haut eingebohrt, so dass er Mühe hatte, sie wieder zu entfernen.
Sein Nachbar war ein ganz Naseweiser, er schaute in die Welt, als ob ihm so etwas nie passieren würde:
Andere schliefen einfach weiter, tief und fest. Das Leben war anstrengend und zwischen Nahrungssuche und Fressen musste sich ausgeruht werden:
Auch das hübsche Weibchen schlief. Was es wohl träumte?
Der Grossvater schaute nur blinzelnd mit einem Auge auf und dachte sich sein Teil. Ihn ging das alles nichts an:
Doch dann erreichte alle ihr Schicksal: Aus dem Berginneren ergoss sich Lava, das vermischt mit den Trümmern des Kessels und sintflutartigen Regenfällen ins Tal stürzte.
Es überraschte alle und der Tod ereilte sie. Wie man sehen kann, war es ein friedlicher Tod, denn friedvolle Geschöpfe erleiden oft auch ein gutes Ende.
Als die Flut vorüber war, blieben die Körper der Monster zurück. Noch heute, viele hunderttausende Jahre danach zeigen sie uns versteinert ihre Ruhe und Gelassenheit. Sie haben ihr Leben gelebt!
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis von Nordafrika her Menschen die Insel besiedelten. Der Vulkan war erkaltet, Lava fruchtbar und so entschlossen sie sich, hier zu bleiben. Den versteinerten Tieren widmeten sie ein ehrenvolles Gedenken.
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