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Epilog
Ein paar Monate nach Erscheinen dieser Magazin-Titelgeschichte von Nikolaus Wyss brachte das Schweizer Fernsehen ein halbstündiges Porträt über Bernhard Vogelsanger, gedreht von Dokumentarfilmer Oliver Matthias Meyer. Dass Bernhard nun so etwas wie eine lokale Berühmtheit geworden war, schmeichelte ihm zwar, sein Leben hat dies jedoch kaum verändert. Es gab ab und zu weitere Anfragen für Medien-Beiträge, doch er hat alle abgelehnt. "Zuviel der Umtriebe", sagte er nur. Für sein Wohlbefinden und seine Arbeit brauchte er viel Zeit und Ruhe. So lebte er genauso weiter wie von Wyss beschrieben.
Was wäre aus Bernhard geworden, wenn er nicht diese Liebe zum Musiktheater und seine Hingabe zu seinem Werk als Theatermacher gehabt hätte? Er war hypersensibel, und er ärgerte sich schnell über sich. Wenn ihm einmal etwas in einer Aufführung nicht so gut gelang, dann kam er fast nicht darüber hinweg - seine filigranen Figuren waren für ihn in den letzten Jahren seines Lebens nicht immer leicht zu handhaben. Er neigte zum Grübeln und zur Schwermut. Kein Wunder bei der Vorgeschichte mit seinem Vater, der gewalttätig und schwer depressiv war und längere Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbringen musste. Einmal soll dieser mit einer Axt auf seine Frau und seinen Sohn losgegangen sein - die beiden konnten sich in den Keller retten. Das muss tiefe Wunden in Bernhard hinterlassen haben. 1960 nahm sich sein Vater im Alter von 81 Jahren das Leben. Diese Erlebnisse schweissten Bernhard und seine Mutter eng zusammen. Und er betreute sie liebevoll, bis sie 1978 als 93-Jährige starb.
Zu seinem wahren exzentrischen Selbst durchgerungen hatte sich Bernhard erst, nachdem seine Mutter gegen Ende ihres Lebens langsam erblindete. Je schlechter sie sah, desto bunter und frecher wurde sein Styling, sagte eine frühere Mitarbeiterin von Bernhard. Als er jünger war, gab er sich optisch brav und angepasst, und seine Mutter hoffte wie alle Mütter, dass er dereinst heiraten und eine Familie gründen würde - und zu diesem Zweck vermittelte sie ihm immer mal wieder ein "Fräulein", das er kennenlernen sollte. Er jedoch wusste sich so zu benehmen, dass die "Fräuleins" ihn kein zweites Mal sehen wollten.
Geboren wurde Bernhard in Bremen, wo sein Vater - ein Auslandschweizer - als Flachmaler arbeitete. Seine Mutter stammte aus Bremen. Die beiden heirateten 1910, 1920 kam Bernhard als ihr einziges Kind auf die Welt. 1927 übersiedelte die Familie in die Schweiz. 1954 zog sie ins Zürcher Quartier Schwamendingen. Dort lebte Bernhard nach dem Tod seiner Mutter allein. Seinen kleinen Theaterraum mit roten, aufklappbaren Plüschsesseln hielt er stets penibel aufgeräumt. Die anderen Räume belegte er überall mit Utensilien. Unter und neben Möbeln und überall, wo sich dies anbot, stapelte er seine rund 7500 Langspielplatten. Die meisten Kulissen konnte er zusammenklappen und sie platzsparend überall stapeln.
Seinen Theaterbetrieb hielt er bis zur letzte Wintersaison vor seinem Tod aufrecht. Zunehmend dachte er ans Aufgeben, sein Lebenswille nahm ab, dann wurde er im Juni 1995 im Alter von 75 Jahren vom Tod überrascht. Er wollte in Schwamendingen das Grab seiner Mutter besuchen und ist vor dem Friedhof zusammengebrochen. Ein paar Tage später verstarb er im Spital. Dort stellten die Ärzte eine verschleppte Lungenentzündung fest.
Nachkommen hatte Bernhard keine, er lebte auch nie in einer Beziehung. Seine engsten Befreundeten Anna Voegtli und Fredy Schneeberger lösten seine Wohnung auf, retteten sein Werk und gründeten den Verein Bernhard Vogelsanger. Fredy, der einst als Dekorateur mit Bernhard zusammengearbeitet hatte, gestaltete zwei Jahre nach dessen Tod im Bally-Capitol-Haus an der Zürcher Bahnhofstrasse eine Ausstellung mit Bernhards Bühnenkulissen. Danach lagerte sein Nachlass in einem Abstellraum, bis sich erst über zwanzig Jahre später der Ortsverein Schwamendingen dafür interessierte. Im Sommer 2018 präsentierte die Galerie Tenne - anlässlich der Ausstellung "Neuer Norden Zürich" - einen kleinen Teil von Bernhards Werk. Ein etwas grösserer Teil war im ersten Halbjahr 2019 im Zürcher Musée Visionnaire zu sehen, eine äusserst erfolgreiche Ausstellung. Das umfangreiche Werk sollte nun archiviert werden, um einen genauen Überblick über die Sammlung zu erlangen und sein Werk für die Nachwelt zu erhalten.
Christian Wapp, März 2020