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31 Mrz Land in Sicht
Die patagonische Wildnis ist einzigartig in ihrer Schönheit. Raue Küstenlandschaften und tiefgrüne Urwälder sind der Lebensraum für seltene Arten, wie dem tapsigen Ameisenbär, dem anmutigen Puma – oder dem uneigennützigen Multimillionär. Zu letzteren Spezies gehört Douglas Tompkins, einst Gründer der Modemarke Esprit, heute Aussteiger und Aktivist. Der 69-Jährige hat viel zu tun. Er will nicht weniger als die Welt retten.
An einem unzugänglichen Fjord in Chiles Süden, am Fuße des Vulkans Michinmahuida, lebt Douglas Tompkins. Sein Zuhause ist schlicht, ohne großen Komfort. Strom ist Luxus, den gibt es nur ein paar Stunden am Tag. Wer den Umweltaktivisten besuchen möchte, muss per Boot oder Kleinflugzeug anreisen. Der fast siebzigjährige Selfmade-Millionär kämpft gegen den Kapitalismus und für die Natur. Engagiert, uneigennützig und mit der Verbissenheit eines Terriers nutzt er sein Vermögen, um Gutes zu tun. Tompkins gibt sein Bestes, hat viel erreicht und stößt doch immer wieder an persönliche, aber auch politische Grenzen. Anfang der Neunziger gründete er gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Kristine McDivitt seine erste Umweltstiftung, viele weitere sollten noch folgen, und kaufte in Chile und Argentinien Land auf, um ihm, wie Tompkins es nennt, „eine Auszeit zu gönnen“. Bis heute ist da einiges zusammengekommen: etwa eine Million Hektar. Herzstück der mittlerweile mehr als ein Dutzend von ihm gegründeten Schutzgebiete ist der „Parque Pumalin“, ein einzigartiges Areal, das sich auf etwa 300.000 Hektar vom Ozean bis in die Anden erstreckt. Der Park wurde 2005 von der chilenischen Regierung zum „santuario de la naturaleza“ ernannt, was ihm in puncto Umweltschutz oberste Priorität gewährt.
Was verschlägt einen steinreichen Manager ans andere Ende der Welt? Die Antwort darauf, ist eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt: Douglas Tompkins wuchs mit einer Innenarchitektin als Mutter und einem Kunsthändler als Vater in dem beschaulichen Städtchen Millbrook im nordamerikanischen Bundesstaat New York auf. Den Karriereplänen seiner Eltern machte er einen Strich durch die Rechnung, als er mit siebzehn von der Schule abging und sich ein schönes Leben machte. Es konnte ja keiner ahnen, dass der Junge einmal Multimillionär werden würde. Skifahren, Klettern, Kajakfahren, das war sein Ding.
Tompkins war ein Top-Sportler, um ein Haar verpasste er sogar die Aufnahme in das Olympiateam der US-Skifahrer. Pech im Sport, Glück in der Liebe: Auf einer Bergtour traf er Susie, verliebte sich und heiratete sie. Das junge Paar ließ sich in Kalifornien nieder, ein wahres Paradies für den sportbegeisterten Douglas, der hier schnell lernte, dass man von seiner Passion leben kann − wenn man es richtig anstellt. Er gründete 1963 die Kletterschule „California Climbing Guide Service“. Ein paar Jahre später folgte eine Ausrüstungsfirma, für die sich Tompkins erst mal 5000 Dollar leihen musste. Das Outdoor-Label nannte er „The North Face“. Tompkins verkaufte das erfolgreiche Unternehmen 1970 bereits wieder, machte ordentlich Profit und gründete gemeinsam mit seiner Frau Susie eine neue Firma namens „Plain Jane“, die später in „Esprit de Corps“, kurz „Esprit“ umbenannt wurde. So wurde aus einer Vision ein Weltkonzern und aus einem Freizeit-Sportler ein Multimillionär.
Die Geschäfte liefen gut, die Ehe nicht. 1990 machte Douglas Tompkins reinen Tisch, ließ sich von seiner Frau Susie scheiden, verkaufte das Textil-Imperium und widmete sich von da an der Umwelt − aber nicht alleine. Der Ex-Modemagnat heiratete wieder. Seine Auserwählte, Kristine McDivitt, ist seine Seelenverwandte. Die beiden Naturliebhaber ticken gleich, auf jeder Ebene. Nicht nur, dass auch Kristine McDivitt begeistert Berge besteigt und Skipisten hinunter jagt, sie war auch Geschäftsführerin eines bekannten Outdoor-Ausrüsters mit dem treffenden Namen „Patagonia“. Und weil Liebende alles gemeinsam machen, verkaufte sie 2000 ihre Geschäftsanteile und widmet sich seitdem gemeinsam mit Ehemann Douglas dem Schutz der Natur. Dass es das Paar dazu nach Patagonien verschlug, war eher Zufall. Zur Rettung der letzten Naturparadiese gründete Douglas Tompkins 1992 die Stiftung „Conservation Land Trust“. Doch was sollte gerettet werden? Keine leichte Entscheidung, auch nicht für einen Top-Manager. Tompkins flog mit seiner Cessna mögliche Anwärter ab, zog Kanada und Alaska in die engere Auswahl. Wie bereits bekannt, verloren die nordamerikanischen Naturschönheiten. Ein Fleckchen Erde am Ende der Welt machte das Rennen. Als Freunde Tompkins nach Patagonien einluden, wusste der Multimillionär, was zu tun war. Es war Liebe auf den ersten Blick. Dichte Regenwälder mit menschenhohem, tiefgrünem Farn, Zypressen, deren knorrigen Wurzeln sich bereits vor dreitausend Jahren in den Waldboden gruben, schneebedeckte Berge und die rauen Küstenlandschaften gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn. So fing alles an. Douglas Tompkins kaufte eine Ranch mit 17.000 Hektar Land und richtete sich in einem ärmlichen Farmhaus ein. Kein Strom, kein Telefon, dafür aber jede Menge Visionen.
Nach und nach kaufte Tompkins immer mehr Land auf, vor allem in Chile, aber auch in Argentinien. Heute ist er weltweit der größte Privatgrundbesitzer. Dass er das Land nicht für sich will, können nur wenige verstehen. Einige halten den Kerl mit dem wettergegerbten Gesicht und den weißen Haaren einfach nur für „loco“. Andere sehen in ihm jemanden, der Arbeitsplätze schafft, alleine im Pumalin Park etwa 150. Doch leider macht sich der reiche Amerikaner auch Feinde. Politiker werfen ihm vor, er würde die Wirtschaft in Chile blockieren. Statt Wälder für Unternehmen zu roden, werden diese unter seiner Leitung gehegt und gepflegt. Rinderzüchter, Holzkonzernbesitzer und Lachsfarmer gehören sicher nicht zu seinen Fans. Abstruse Verschwörungstheorien machen immer mal wieder die Runde. So wird unter anderem behauptet, Tompkins sei von der CIA und wolle sich in Chile Süßwasservorräte sichern. Die Kirche kritisiert, dass er sich für Geburtenkontrolle einsetzt, und einige Einheimische fühlen sich bedroht, weil ein Gringo so viel von ihrem Land besitzt. Doch Douglas Tompkins lässt sich auf seinem Umwelt-Kreuzzug nicht aufhalten. Er kämpft tapfer gegen Abholzung, Überweidung und Erosion. Kauft traumhafte Landstriche, um sie zu erhalten, erwirbt von Menschenhand zerstörte Gebiete, um sie wieder zu renaturieren. Sein Ziel ist es, das Gebiet als Naturreservat an die chilenische oder argentinische Regierung zurückzugeben.
Es überrascht nur wenig, dass Douglas Tompkins Anhänger von „Deep Ecology“ ist. Eine Bewegung, deren Philosophie besagt, dass die Erde immer zuerst kommt. Der Mensch steht nicht im Mittelpunkt, er ist, so wie Pflanzen und Tiere auch, nur ein Teil des Ökosystems. Ein heldenhafter Ritter, ganz ohne glänzende Rüstung, dafür aber gerne ohne Schuhe und in alten Jeans. Statt hoch zu Ross bewegt sich Tompkins vorzugsweise hoch in der Luft. Seine Cessna ist in dem unwegsamen Gelände kein Prestigeobjekt, sondern ein nützliches Fortbewegungsmittel. Überhaupt hat Douglas Tompkins mit kapitalistischem Schnickschnack nichts am Hut. Der Mann, der Millionen mit dem Verkauf seine Firmen erwirtschaftete, ob nun 150 oder 250 Millionen Dollar, das weiß man nicht so genau, ist genügsam. Seine beiden Häuser in Chile und Argentinien, die er mit seiner Frau abwechselnd bewohnt, sind bescheiden.
Sein Lebensstil ist es auch. Dass er einmal selbst in der Marktwirtschaft eine große Nummer war, ist für den Natur-Manager o.k. „Das Geld und die Macht, die ich besitze, sind nun auf der richtigen Seite“, so Tompkins in einem FAZ-Interview. „Wenn, sagen wir mal, die zehntausend reichsten Menschen auf der Welt so arbeiten würden wie ich, wäre die Welt eine andere. Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen Geld horten, es macht nicht glücklich. Ich sage immer, die Menschen müssten Miete zahlen dafür, dass sie auf der Welt leben dürfen. Und diejenigen, die mehr besitzen, müssten eine höhere Miete zahlen.“ Land kaufen und retten, das hört sich einfacher an als es ist. Abgesehen von dem finanziellen, logistischen und emotionalen Aufwand, benötigen solche Projekte Zeit, sehr viel Zeit. Ein ausgebeutetes Fleckchen Erde verwandelt sich nicht über Nacht wieder in das Naturparadies, das es einst mal war.
Soviel Douglas Tompkins auch erreicht hat, es ist nicht genug. Die Welt zu retten, ist ein edelmütiges Vorhaben, aber nicht zu realisieren. Das weiß Tompkins, und es macht ihn traurig. Aufgeben wird er aber sicher nicht. Es gibt noch so viel zu tun. Der berühmte Umweltaktivist hofft auf die Vernunft kommender Generationen, vielleicht auch auf wohlhabende Visionäre, die die Natur erhalten möchten, anstatt sie auszubeuten. Ob jedoch andere Superreiche so wie er in einer kargen Hütte in der Wildnis leben möchten, ist fraglich. Douglas Tompkins ist eben eine äußerst seltene Spezies …