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Sie sah den weissen Lichtstrahl aufflammen und fast senkrecht hinabzucken. Nur Millisekunden später ein Donnergrollen. Die Regentropfen donnerten auf den Asphalt, der vor ihrem Bürofenster schwarz glänzte wie das Fell einer Katze. Die Zweige der Eiche bogen sich im Wind. Sie nahm einen Schluck Tee. Wie schön es doch war, bei einem Gewitter drinnen und im Trockenen zu sein.
Die Sirene hielt sie zunächst für das Martinshorn. Wieder mal ein Einsatz auf der Hauptstrasse. Dort gab es eine gefährliche Kurve, die besonders schnelle Motorräder anzog wie ein Fliegenfänger. Manchmal auch Autos, vor allem Touristen. Dann gab es meistens nur einen Blechschaden. Die Zweiradfahrer wurden oft liegend abtransportiert.
Kurze Zeit später, der Himmel hatte von dunkelgrau auf blau gewechselt und die Strassen waren schon fast wieder trocken, machte sie sich auf den Heimweg. Ein Feuerwehrfahrzeug kam ihr entgegen, dann ein zweites, drittes. Sie winkte einem der Fahrer, der sie jedoch nur mit grossen Augen ansah. War wohl ein grösserer Einsatz gewesen, so ihre Mutmassung. Vielleicht hatten sie ein Auto aus der Kurve schälen müssen. Oder es öffnen wie eine Sardinenbüchse, weil der Fahrer eingeklemmt war. Sie schüttelte den Kopf und trat in die Pedale.
Zuerst roch sie ihn. Dann erst sah sie den Rauch. Sie stoppte ihr Fahrrad mitten auf der Fahrbahn. Suchte die vertraute Silhouette ihres Wohnhauses. Ihre Augen huschten umher. Fanden nichts. Nur Rauchfahnen, die aus verkohltem Gebälk emporstiegen.
"Verena, da bist du ja! Wir haben dich schon die ganze Zeit versucht zu erreichen. Aber es hiess stets: "Bitte rufen sie später an. Wir haben uns solche Sorgen gemacht!" Karin, ihre Nachbarin, stand mit roten Wangen vor ihr. Ihr Zopf hatte sich aufgelöst, die Strähnen fielen ihr in die Augen. Sie wischte sie zur Seite und hinterliess eine Russspur auf ihrer Wange.
Sie blickte zu Karin, dann wieder zu den Überresten ihres Hauses, die qualmten und rauchten. "Was ist passiert?", murmelte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Der Blitz. Er hatte ihr Elternhaus erwischt, in das sie erst vor kurzem eingezogen war. "Binia, wo ist sie?", schrie sie nun und liess ihr Fahrrad los. Dann rannte sie auf die Überreste ihres Heims zu, das nach wie vor zu glühen schien. Karin riss sie an der Schulter zurück. "Verena, Binia ist bei uns, es geht ihr gut. Sie war wohl draussen auf Mäusejagd, als es passierte." Erst jetzt schien sie zu begreifen. Ihr Klavier. Ihr Lieblingskleid. Ihre externe Festplatte mit allen Fotos. Der Brief an Lukas, den sie noch nicht fertig geschrieben hatte. Der Ehering ihrer Eltern. Alles weg. Unwiederbringlich. Sie liess die Schultern hängen und sackte in sich zusammen. Wo sollte sie heute Nacht schlafen?
"Du kommst natürlich nun erstmal zu uns. Wir haben genug Platz." Karin umfasste sie an den Schultern und zog sie weg vom Brandherd. "Komm mit, ich koche dir einen Tee. Oder willst du lieber einen Schnaps?" Während Karin redete, warf Verena einen Blick zurück über die Schulter. Die Teeservice-Sammlung und die alten Badfliessen gab es nicht mehr. Ebenso die Likörgläser von Tante Erika. Und erst das Ölbild von Fred, ihrem Patenonkel. Alles unersetzlich. Wie schön.