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"schäft qwant"
Vernehmlassung zum
Hinweis: In diesem Text sind die Links blau, aber nicht unterstrichen, kursiv blau geschriebene Textpassagen verlinken zum Originaltext des Berichtes des Bundesrats.
Der Verein"schäft qwant" dankt den verantwortlichen Stellen des Bundes, dass dieser Bericht des Bundesrates über die Situation der Fahrenden in der Schweiz auf dem Wege einer öffentlichen Vernehmlassung breiten Schichten interessierter und direkt betroffener Personen und Organisationen zur Stellungsnahme zugänglich gemacht wird.
Einleitung / Klärung der Begriffe
Das SECO bemüht sich in seinem Teilbericht 1 unter 1.2 "Fahrende", "Jenische", "Zigeuner" um die schwierige Bestimmung der Begrifflichkeiten, ihre Eingrenzung und politische Würdigung. Das Wort "Fahrende" wurde in der jüngeren politischen Geschichte der Schweiz seit den 1970er-Jahren vermehrt als Synonym oder Ersatz für das Wort "Zigeuner" verwendet im Bestreben, die verschiedenen in der Schweiz lebenden Gruppen mit nomadisch/cyganischem kulturellem Hintergrund unter einem neuen Sammelbegriff zusammenfassen zu können.
Allerdings macht dieses Bemühen des SECO nur einmal mehr deutlich, dass die Verwendung des Begriffs "Fahrende" mehr Probleme schafft als löst. Wenn das SECO schreibt, dass "die Gemeinschaft der schweizerischen Fahrenden in der Schweiz zwischen 25'000 und 30'000 Personen" zählt, beruft es sich dabei auf die seit Anfang der 1980er-Jahre auf Bundesebene geltende Schätzung der Schweizer Bürger jenischer Abstammung, wohingegen mit der Zitierung von 4'000 5'000 "Schweizer Fahrenden" mit einer nomadischen oder teilweise fahrenden (nomadischen) Lebensweise die "auf Reise" lebenden Schweizer Jenischen und Sinte/Manusch zusammengefasst werden. Dabei werden die mittlerweile auf ebenfalls mehrere zehntausend geschätzten, in den letzten Jahrzehnten in die Schweiz eingewanderten Roma ausgeklammert.
Der Hauptfokus auf die "Fahrenden" kommt zwar vordergründig insbesondere den Jenischen, die auf Grund ihrer leidvollen Geschichte viel Wert auf die nomadischen Wurzeln ihrer Kultur legen und deshalb auch die "auf Reise" lebenden Jenischen oft als Repräsentanten ihrer Kultur darstellen und begreifen, entgegen. Dadurch schleichen sich die Behörden aber immer wieder aus der Verantwortung gegenüber der Mehrheit der, nicht zuletzt gerade wegen der historischen politischen Verantwortung der Schweiz, sesshaft oder mehrheitlich sesshaft lebenden Jenischen. Sowohl bezüglich der allfälligen Anwendungen der ILO-Konvention 169 als auch bezüglich des Teilberichts II schliesst der Begriff "Fahrende" eine Mehrheit der Jenischen sowohl aus dem Diskurs als insbesondere auch aus allfälligen Umsetzungen und Massnahmen aus.
Jenische, Sinti und Roma haben unterschiedliche Wurzeln und eine differierende Geschichte. Obgleich insbesondere die "auf Reise" lebenden Angehörigen dieser drei Völker sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart verschiedene Berührungspunkte haben, die z.T. zu Freundschaften und bikulturellen Ehen führen, unterscheiden sich Traditionen, (Tabu-) Gesetze und Gepflogenheiten so stark, dass die unbesehene Zusammenfassung der drei Ethnien schwer fällt oder gar eigentlich nicht möglich ist. Auch das durchaus wünschbare und punktuell erfolgreiche solidarische öffentliche Auftreten der Gruppen legitimieren es nicht, diskriminatorische "Gleichbehandlungen" der Vergangenheit mit, wenn auch wohlmeinenden, Gleichbehandlungen zukünftiger Schweizerischer "Zigeunerpolitik" zu ersetzen. Das Wort "Fahrende" kann deshalb das Wort "Zigeuner" nicht ersetzen. Vielmehr ist gerade auch aus Respekt vor der Menschenwürde und der Geschichte dieser Völker grössten Wert auf differenzierte und gruppenspezifische Behandlung deren Anliegen zu legen. Nicht nur die geschlossenen Ehen und Freundschaften sondern insbesondere auch das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft (sowohl der Politik, der Medien als auch von Teilen der Bevölkerung), alle nomadisch lebenden Gruppen mit einer Bezeichnung, egal ob "Zigeuner" oder "Fahrende", zusammen zu fassen und auch als einheitliche Gruppe zu behandeln, führen dazu, dass die drei Völker dort, wo gemeinsame Anliegen es als dienlich erscheinen lassen, notgedrungener Massen auch gemeinsam Auftreten. Diese Zusammenarbeiten sind selbstverständlich überall dort sehr zu begrüssen, wo "Synergieeffekte" erzielt werden können respektive die Gemeinsamkeiten im Vordergrund stehen. Sowohl z.B. im Widerstand gegen antiziganistische / rassistische Vorfälle oder bei der Frage der Raumplanung für fahrende Angehörige dieser Völker ist das koordinierte und gegenüber allen involvierten nomadischen Völkern gleichberechtigte Vorgehen unabdingbar.
Wissend, dass das SECO nicht in einem vorab juristisch gewichtigen Gutachten / Text die Sprachpolitik der letzten Jahre / Jahrzehnte revidieren und allgemeingültige neue Definitionen setzen kann, ist trotzdem festzuhalten, dass der Begriff "Fahrende", insbesondere in juristischen Texten, nur anwendbar ist, wenn damit explizit "auf Reise lebende" Angehörige der Jenischen, Sinte, Roma gemeint sind. Die Textstelle: "Er (der Begriff "Fahrende") bezieht sich jedoch auch auf die jenische Sprache und Kultur, wenn es um die kulturelle Abgrenzung der Gruppe geht" setzt daher für den gesamten Text falsche Leitlinien, zumal es "wenn es um die kulturelle Abgrenzung der Gruppe geht" nicht schwer fallen dürfte, die Gruppe auch bei ihrem Eigennamen zu benennen.
Teil I : Das Übereinkommen Nr. 169
4.5 Gehören die Fahrenden in der Schweiz zu den "in Stämmen lebenden Völkern"?
Wenn das SECO schreibt, dass: "Viele nomadische Völker (etwa die nomadischen Viehzüchter im Sahel) auch auf ihren Wanderungen einen organisatorischen Zusammenhalt über teilweise grosse Distanzen behalten", dann impliziert der Text, dass die Jenischen keinen solchen Zusammenhalt hätten, gibt aber mit seiner Beispielhaftigkeit gleichzeitig auch zu, dass zwar viele", durchaus aber nicht alle" nomadischen Völker für die Aussenwelt der Mehrheitsgesellschaft einseh-, nachvollzieh- und kontaktierbare Strukturen haben. Da die Jenischen bis heute ihre innern Strukturen weitestgehend schriftfrei organisieren, kann aus dem Fehlen von schriftlichen Belegen des organisatorischen Zusammenhalts nicht auf das Fehlen des Zusammenhalts selber geschlossen werden.
Für die Freistatt auf dem Kohlenberg zu Basel ist eine, zumindest zeitweise staatlich anerkannte, eigene Gerichtsbarkeit der "Fahrenden" / der "Heimatlosen" historisch dokumentiert. Angesichts des (abgesehen von kriminalistischen Betrachtungsweisen) gegen Null tendierenden Vorkommens der Jenischen in der offiziellen Geschichtsschreibung und alten Akten ist solchen Belegen um so grössere Bedeutung zuzuschreiben. Der staatlich angeordnete Untergang der Freistatt reisst natürlicherweise auch die eigenen Organisationsstrukturen mit sich und entzieht sie somit wieder für lange Zeit dem Auge des Chronisten.
Angesichts der Tatsache, dass bis 1973 die Schweizerische Zigeunerpolitik (wie verschiedenste Arbeiten u.a. der Zeitschrift Beobachter, Dr. Thomas Huonker, Prof. Roger Sablonier et al. bestens dokumentieren) auf Ausgrenzung sowohl an der Landesgrenze als auch in der Gesellschaftsstruktur abzielte, verhöhnt die Aussage, dass die "nur" 30-jährige Radgenossenschaft als erster, zwei Jahre nach Einstellung des "Hilfswerks Kinder der Landstrasse" gegründeter, den Ansprüchen des Staates als bürokratisch wahrnehmbarer offizieller genügender Struktur "aufgrund ihrer jungen Geschichte" ihre möglicherweise für die Anerkennung der Jenischen als indigenes Volk im Sinne des Übereinkomms nötigen Funktion abgesprochen wird, den Willen der Opfer des Hilfswerks, sich in kürzester Zeit von der leidvollen Geschichte zu lösen und mit grossem Einsatz, gerade auch der im Text des SECO erwähnten Stammesführer und Oberhäupter, sich eine gesamtgesellschaftlich anerkannte Stellung als Minderheitenvolk zu erarbeiten.
Die Aussage des SECO, "die tendenziell starre Abgrenzung der Lebenswelten entspricht jedoch dem Alltag der Fahrenden in Europa nicht" negiert entweder die, gerade auch wirtschaftlich notwendigen, durchaus aber auch gesellschaftlichen Kontakte zwischen "traditionellen Nomadenvölkern" und den sie umgebenden / beherrschenden Staatsvölkern oder die u.U. bis zur Mittellosigkeit / Fürsorgeabhängigkeit reichende Randständigkeit der Jenischen, die, wie richtig ausgeführt wird, zwar wirtschaftlich täglichen Handelskontakt mit der Mehrheitsbevölkerung pflegen, sozial und kulturell aber sich nicht nur selbst abgrenzen sondern auch weitgehend aktiv ausgegrenzt werden.
"Definiert man das "Volk" der Fahrenden ethnisch/kulturell, würden dazu alle jene gehören, die von jenisch-, sinti- oder romasprachigen Familien abstammen, darunter eine grosse Mehrheit, die sich in ihrer Lebensweise, ihren Bedürfnissen und Ansprüchen heute kaum mehr von den Sesshaften unterscheidet. Hier wäre es aber definitiv unangebracht, von einem "Stammesvolk" zu sprechen."
Dieses Zitat dreht in einem diskriminierenden Umkehrschluss die erlittene staatliche Entkulturisierung zur selbst zu verantwortenden freiwilligen Assimilierung. Darüber hinaus negiert es die Existenz der Tausenden "versteckter" Jenischer, die neben ihrer oberflächlich betrachtet von den Sesshaften kaum mehr zu unterscheidenden Lebensweise als "Feierabend-Jenische" ihre jenische Identität und Kultur weiter pflegen oder wieder aufbauen. Gerade aber diese "Ränder" eines Minderheitenvolkes brauchen zur Festigung ihrer kulturellen Identität die flankierende Unterstützung jeder antidiskriminatorischen Bestimmungen am extensivsten. Diese Textstelle dokumentiert eindrücklich die Notwendigkeit, nicht nur verbal sondern auch inhaltlich den Fokus von den Antipoden "Fahrende / Sesshafte" zu beispielsweise "Mehrheitsgesellschaft / Minderheitenvolk" zu verschieben. Der Begriff "Mehrheitsgesellschaft" lässt in diesem Zusammenhang bewusst offen, dass auch deren Angehörige sich in verschiedene Sprach- und Kulturgruppen aufteilen.
5.2 Allgemeine Politik : Gleichberechtigung, Diskriminierungsverbot und Schutz der Völker
5.2.2 Das verfassungsrechtliche Diskriminierungsverbot
Zitat: "Dabei erscheint es naheliegend bei den Fahrenden, auf das Kriterium der Lebensform abzustellen. Mögliche Unterscheidungsmerkmale, auf welche sich Fahrende je nach konkreter Situation auch stützen könnten, sind diejenigen der "Rasse" oder der "Sprache"."
Einem Mitverfasser dieser Stellungsnahme wurde beim Versuch, in einer staatlichen Liegenschaft eine Wohnung zu mieten, beschieden, dass "diese Wohnungen nur für Leute sind, die wissen, wie man wohnt." Der Beamte, der für dieses Zitat verantwortlich ist, hat die Gleichung "Jenisch = Fahrend" aufgestellt und in seiner Antwort entsprechend "auf das Kriterium der Lebensform" abgestellt. Mit diesem kleinen Beispiel soll dokumentiert werden, dass Jenische in Vergangenheit und Gegenwart auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert sind, wobei die deklamatorische "Gleichung" "Jenisch = Fahrend" unbesehen der effektiven Lebensform angewandt wird. Daraus ergibt sich, dass die Angehörigen dieser Völker des Diskriminierungsverbots und des Schutzes ihrer Völker als Jenische, Sinti oder Roma bedürfen und nicht als "Fahrende". Ohne weitere Ausführung wird im Text ferner das Wort "Rasse" benutzt. Wohl umfasst das Wort "Fahrende" in seiner heute im politischen Kontext üblichen Konnotation, wie schon in der Einleitung sowohl seitens des SECO richtigerweise als auch unsererseits ausgeführt, Angehörige verschiedener Ethnizitäten. Unbesehen der wissenschaftlichen Diskurse über den Begriff "Rasse" ist das Wort im Zusammenhang keinesfalls anwendbar, nicht nur, weil es von den Betroffenen diskriminierend empfunden würde sondern auch, weil Jenische, Sinti und Roma unterschiedlichste Geschichten und Herkunften als Völker haben und deshalb wohl im soziokulturellen Zusammenhang oft als "Fahrende" zusammengefasst werden, aus keinem heutigen oder mittlerweile als veraltet geltendem Blickwinkel als gemeinsame "Rasse" definiert werden können.
<ip-pii> Der internationale Minderheitenschutz
Zitat: "Das Übereinkommen findet deshalb auf ausländische Sinti und Roma keine Anwendung, wohl aber gegenüber Jenischen und Sinti mit schweizerischer Staatsangehörigkeit."
Wiewohl dieses Zitat sich nicht auf die ILO-Konvention 169, die ja im Zentrum des Textes steht, bezieht, sondern auf das Europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten, soll doch gerade dieses Beispiel zeigen, wie wichtig der geschärfte Blick auf die Materie ist, wenn verdankenswerter Weise von Pauschalisierungen Abstand genommen wird. Da in der Umsetzung dieses Abkommens der Staatsangehörigkeit prioritäre Bedeutung zugemessen wird, findet es auch auf ausländische Jenische keine Anwendung, wohl aber gegenüber Roma mit schweizerischer Staatsangehörigkeit. Ungefähr seit Mitte der 1950er-Jahre ist eine erhebliche, mittlerweile mehrere Zehntausend Personen umfassende, Kommunität von Roma in der Schweiz entstanden, hauptsächlich durch Zuwanderung aus Balkanstaaten. Teilweise als sogenannte "Fremdarbeiter", "Saisonniers", andernteils als Flüchtlinge des Ungarnaufstandes, des Aufstandes in der CSSR 1968, der Kriege im Balkan (Kosova, Ex-Jugoslawien) wurden und werden diese Leute Teil der heutigen schweizerischen Wirklichkeit. Die bald 50-jährige Periode von Roma-Zuwanderungen ergab natürlich unterdessen auch eine erhebliche Anzahl sogenannter "Secondos" und Roma mit schweizerischer Staatsangehörigkeit. Auch wenn unserem, nicht auf Roma fokussierenden, Verein keine "auf Reise" lebenden Roma schweizerischer Nationalität bekannt sind, wissen wir doch um ein reiches und traditionsbewusstes Kulturleben dieser Gruppierungen, die aus den genannten Umständen auch unter den Schutz dieses Abkommens fallen.
5.2.4 Die faktische Situation
Die bisher wichtigste Arbeit über die Situation der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz des 20. Jahrhunderts ist der Bericht "Roma, Sinti und Jenische. Schweizerische Zigeunerpolitik zur Zeit des Nationalsozialismus", (externer Link!) im Auftrag der UEK (Bergier-Kommission) verfasst von Regula Ludi und Thomas Huonker. Dieser Bericht zeigt eindrücklich, dass bezüglich der Unterdrückung von "Fahrenden" in der Schweiz tatsächlich nicht nur von den Jenischen gesprochen werden darf. Zwar umfasste das "Hilfswerk Kinder der Landstrasse" marginal wenige nicht-jenische Mündel und Familien, dies wohl aber nicht zuletzt "dank" der konsequenten Fernhaltepolitik der Schweiz mit ihren Zigeunerverboten.
Die Bezüge des SECO-Textes zum Hilfswerk "Kinder der Landstrasse" sollten deshalb nicht "Fahrende" sondern Jenische benennen, denn ein erheblicher Teil der vom "Hilfswerk" erfassten jenischen Kinder stammten aus nicht oder nur teilweise reisenden jenischen Familien mit mehr oder weniger aktivem sesshaft-jenischem Kultur- und Familienleben.
5.3 Konsultation und Partizipation
5.3.1 Die Bestimmungen des Übereinkommens
Zitat: "Gemäss Art. 6 des Ü 169 sollen die Regierungen bei der Durchführung des Übereinkommens die betreffenden Völker "durch geeignete Verfahren und insbesondere durch ihre repräsentativen Einrichtungen" konsultieren, wann immer gesetzgeberische oder administrative Massnahmen, die sie unmittelbar berühren, erwogen werden (Abs. 1 lit. a Ü 169)."
Obschon natürlich dieser Artikel, wie ja das gesamte " Ü 169", noch keinerlei Rechtskraft hat, stellen wir fest, dass zumindest bezüglich der Vernehmlassung zu diesem Bericht die Intention des Artikels höchst mangelhaft umgesetzt wurde.
Der Verein"schäft qwant" wurde im Februar 2003 auf Anregung des Bundesamtes für Kultur als transnationaler Verein für jenische Zusammenarbeit und Kulturaustausch gegründet. Dank des breiten Beziehungsnetzes der GründerInnen und von Anfang an intensiver Oeffentlichkeitsarbeit, vor allem im Internet (www.jenisch.info) wuchs der Verein sehr schnell und übernahm Funktionen als Dachverband. Schon ein Jahr später repräsentierte er die Jenischen bei der FUEN - Föderation Europäischer Volksgruppen (www.fuen.org (externer Link!)). Heute umfasst "schäft qwant" 165 Direktmitglieder (Einzelpersonen und Familien) sowie 14 angeschlossene Vereine und Organisationen aus 11 Staaten. Am 30.3.2005 verfasste "schäft qwant" eine Eingabe an die Schweizerische Bundeskanzlei mit der Bitte, zur Vernehmlassung eingeladen zu werden. Trotzdem figuriert unser Verein nicht auf der Liste der Vernehmlassungsadressaten.
Uns ist auch die Vernehmlassung des Vereins Schinagel zugestellt worden. Dessen Präsident, Herr Ernst Spichiger, schreibt:
"Seit Jahrzehnten gilt die Radgenossenschaft der Landstrasse als einzige offizielle Ansprechpartnerin, sobald Bund, Kantone und auch die Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende eine Vernehmlassung starten, Projekte lancieren oder Gelder verteilen. Unserer Meinung nach ist dieser monopolistische Vertretungsanspruch längst nicht mehr gerechtfertigt: Die Radgenossenschaft hat immer weniger Mitglieder, im Vorstand sitzen praktisch nur noch Leute, die mit dem Präsidenten verwandt sind oder ihm sehr Nahe stehen. Diese Organisation vertritt längst nicht mehr die Interessen "aller" Jenischen / Fahrenden, hat aber nach wie vor die alleinige Berechtigung dazu."
Ohne die 30-jährige Geschichte und die Verdienste der Radgenossenschaft nullifizieren zu wollen, kann sich auch der Vorstand des Vereins"schäft qwant" dieser Argumentation nicht völlig verschliessen. Es fällt auf, dass als Vernehmlassungsadressaten nur jene Organisationen der Jenischen ausgewählt wurden, die im engsten Kontakt mit der Radgenossenschaft stehen und ihre Repräsentanten zusammen mit der Radgenossenschaft in die Beratungsgremien des Bundesamtes für Kultur und der Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende delegieren. Nicht einmal alle der Radgenossenschaft als innerschweizerische Dachorganisation angeschlossenen und/oder über die Radgenossenschaft Bundessubventionen empfangenden Vereinigungen gelangten in den Genuss der direkten Information durch das BAK und wurden förmlich zur Vernehmlassung eingeladen.
Zu konsultativen und partizipativen Mechanismen des Bundes wie z.B. zur Mitarbeit in der "Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende" sollten, um eine bestmögliche Repräsentativität erreichen zu können, immer auch der Radgenossenschaft nicht angeschlossene Organisationen eingeladen und zugelassen werden, wie das ja in andern Bereichen der Bundesverwaltung (Beispiel: Bauernverband und Kleinbauern-Vereinigung) mit grösster Selbstverständlichkeit der Fall zu sein scheint.
Zu Themenkreisen, die nur die Jenischen betreffen, kann der Kreis der Teilnehmenden selbstverständlich auch auf die Jenischen selbst beschränkt werden. Wo aber auch andere nomadische Völker mitbetroffen sind, ist auch die Repräsentanz derselben gleichberechtigt einzuladen und zuzulassen. Als Organe der Roma in der Schweiz seien insbesondere die Rroma Foundation und der Verein Romano Dialog erwähnt.
Wenn nun das SECO weiter unter 5.3.1 schreibt, dass "verständliche Information über die konsultierten Angelegenheiten Bedingung ist", dokumentiert dieser, verglichen z.B. mit Abstimmungsbotschaften mit insgesamt 95 Seiten weitaus umfangreichere Bericht selbst, nur um so deutlicher, wie marginal bisher der effektive Einbezug der betroffenen Bevölkerung in die Entscheidfindungen ist. Unter den Sinti, Roma und Jenischen ist der Anteil der sogenannt "bildungsfern" Lebenden wohl unbestrittener Massen höher als bei Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft. Um die auch ohne Unterzeichnung der ILO-Konvention bestehenden Mitwirkungsrechte breitestmöglich wahrnehmen zu können , ist deshalb nicht nur die benutzerfreundliche, kurze und allgemeinverständliche Zusammenfassung unabdingbar sondern auch eine Öffentlichkeitsarbeit, die Chancen hat, diese Adressaten zu erreichen.
5.4 Anpassung an die Bräuche der betreffenden Völker in der Rechtsanwendung
5.4.2 Aktuelle Situation: wenig Handlungsbedarf
Zwar teilen wir weitgehend die Einschätzungen des SECO in diesem Abschnitt. Immerhin sei an dieser Stelle aber auch ein Querverweis erlaubt.
Ist schon das aktive Wahlrecht für fahrende Jenische oft kaum praktikabel, scheitert das passive Wahlrecht definitiv an der Lebensform. Die über die ganze Schweiz verstreut lebende Minderheit hat in keinem Wahlregister genügend eingetragene aktiv Wahlberechtigte, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, aus eigener Kraft eigene Repräsentanten in eine Legislative oder gar Exekutive wählen zu können.
Vor rund 20 Jahren ursprünglich als Scherz an einem Lagerfeuer entstanden, drückt die Idee eines eigenen fahrenden "Kantons Scharotl" doch bis heute immer wieder das Bedürfnis nach besserer Repräsentanz in den Staatsstrukturen aus. In den 1990er-Jahren wurde an der Schule für Sozialarbeit in Basel eine Abschlussarbeit zu diesem Thema verfasst. Der Kernsatz: "Wir sind 35'000 Jenische, also gleich viele Leute wie der Kanton Uri EinwohnerInnen hat. Und trotzdem haben wir weder einen National- noch einen Ständerat." hat nichts an Popularität und Wahrheit verloren.
Selbstverständlich müsste ein "Kanton Scharotl" gegenüber seinen jenischen BürgerInnen sämtliche Rechte und Pflichten erfüllen wie jeder "sesshafte Kanton". Eine eigene formalisierte Jurisprudenz, die über die heute üblichen, meist familieninternen, Mechanismen zur Durchsetzung der ungeschriebenen jenischen Gesetze hinaus staatlich anerkanntes Recht spricht, würde an alten, verlorenen und nur noch in wenigen Dokumenten nachgewiesenen hoheitlichen jenischen Rechten wie dem Gerichtstag auf der Freistatt am Kohlenberg zu Basel anknüpfen und den Jenischen längst verloren gegangene Strukturen in erneuerter Form zurückgeben.
5.4.3 Im Besonderen: das Beschäftigungsverbot für Kinder
Das Beschäftigungsverbot für Kinder beschäftigte die Organisationen der Jenischen in der Vergangenheit hauptsächlich bezüglich der kantonalen Hausierpatentrechte. Diese verboten meist das Hausieren in Begleitung schulpflichtiger Kinder und richteten sich in diesen Bestimmungen explizit als diskriminierendes Instrument gegen die Fahrenden. Schon unter der Anwendung dieser Bestimmungen zeigte sich der grundsätzlich grosse Unterschied des Familienlebens und der Tagesablaufs-, Sozial- und Erwerbsstruktur zwischen der Lebenswelt der Fahrenden und jener der Mehrheitsgesellschaft. Für die auf Spezialisierungen und Hochleistungen ausgerichtete Gesellschaft war ein Tagesablauf, in welchem das Familienleben und das Erwerbsleben Hand in Hand gehen, nicht mehr vorstellbar. Ausnahmen waren in sehr ländlichen Kontexten noch anzutreffen, für die legiferierenden Instanzen aber schon lange kaum mehr nachvollziehbar. Im weitern erschwerten Altersgrenzen des Hausierpatentrechts auch den nahtlosen Übergang zwischen Schulpflicht und Eintritt ins Erwerbsleben, indem die Jugendlichen weder neben ihrer Schulpflicht sich ein Taschengeld verdienend erste Schritte in die Welt der Erwachsenen machen noch nach Abschluss der Schulpflicht mit einem eigenen Hausierpatent versehen ihren Weg vergleichbar mit den Lehrzeiten der andern Schulabgänger weitergehen konnten.
Diese Bestimmungen sind mittlerweile wohl weitgehend ausser Kraft gesetzt Umgehend werden aber andere Gesetze gefunden oder gar erst geschaffen, die das alte Unrecht weiterführen.
Es mutet seltsam an, dass in der heutigen Welt, wo verbreitet Arbeitsteilung und Entfremdung der Kinder von der Erwerbswelt der Eltern als problematisch erkannt und eigentliche Sonderbesuchstage für Kinder in den Fabriken und Büros eingerichtet werden, die Toleranz gegenüber Lebensformen, die diese Problematik gar nie entstehen liessen, so klein ist.
Das Kind, das in Hör- und Sichtweite seiner arbeitenden Eltern spielt, imitiert die Welt der Erwachsenen schon früh im Spiel und will oft auch im zumutbaren Rahmen "helfen" und eigene erste Erfahrungen mit Arbeit machen.
Wenn nun Bestimmungen, die gegen menschenverachtende Praxen von Kinderzwangsarbeit z.B. in präindustriellen Sektoren wie der Teppichweberei in Drittwelt- und Schwellenländern gerichtet sind, dazu umgedeutet werden, überlieferte familien- und kinderfreundliche Bräuche und Tagesabläufe zu zerstören, kann das nur als Weiterführung der totgeglaubten Formen von direkter Diskriminierung und behördlichem Willen zur Liquidierung der fahrenden Lebensformen verstanden werden.
Die behördliche Definition des Familienbetriebs, in welcher nur direkte auf- und absteigende Blutsverwandtschaften gelten, kollidiert nicht nur, wie das SECO im Bericht befürchtet, mit "grösseren wirtschaftlichen Einheiten, die (wie etwa die grösseren Roma-Verbände aus Frankreich) auf einer Grossfamilie beruhen", sondern auch mit dem Familienbegriff und der Erwerbswelt der Jenischen. Meist lose Zusammenschlüsse mit Cousinen und Cousengs für einzelne grössere Aufträge oder für eine Zeit gemeinschaftlicher Reise vermögen, auch wenn dabei ein unter in grader Linie verwandten Personen aufzuteilender Erlös erzielt wird, nicht als Familienbetrieb im Sinne des Arbeitsgesetzes betrachtet werden. Jede "Kernfamilie" ist für ihren Existenzbedarf selbst verantwortlich und rechnet ihr Einkommen auch entsprechend mit Steuerämtern etc. ab. Die üblicherweise auf Zeit eingegangenen Verbindungen mit andern Einzelpersonen oder Familien sind, wenn sie denn mit Handel und Industrie der Mehrheitsgesellschaft verglichen werden müssen, wohl am ehesten mit Arbeitsgemeinschaften aus dem Baugewerbe vergleichbar. In diesen sogenannten ARGEs, die gemeinsam ein bestimmtes Projekt durchführen, treffen sich kleinere und grössere Firmen vom Einmannbetrieb bis zum Baukonzern zwecks gemeinschaftlichen Erzielens eines Gewinnes. Nichts desto trotz verbleibt ja trotzdem jeder Handwerker als Selbständigerwerbender mit eigener Abrechnung den Ämtern verantwortlich.
Sollten nun aber, wie im Bericht befürchtet und in Auslegung der schon bestehenden Gesetze "festgestellt", diese losen und in ihrer Struktur stetem Wandel unterworfenen Familienverbünde als "den Gesetzen zu wider laufende Firmen" deklariert werden, würde damit nach kurzem Unterbruch die gesetzlich sanktionierte Diskriminierung und Verfolgung fahrender Lebensweisen wieder aufgenommen. Eine solche Praxis stünde im direkten Widerspruch zu den postulierten Diskriminierungsverboten und Schutzmassnahmen zu Gunsten der Minderheitenvölker.
5.6 Grund und Boden: Schutz von Eigentums- und Nutzungsrechten
Der vom SECO zitierte Text des "Guide":
"It is well known that land rights are fundamental to the continued survival of indigenous and tribal peoples. Land and its natural resources are in fact the principal source of livelihood, social and cultural cohesion, and spiritual welfare of many indigenous and tribal peoples."
wird vom SECO als enge traditionelle Bindung zu einem genau definierten Stück Boden verstanden. Die Formulierung "land rights" kann unseres Erachtens aber auch pragmatischer als Recht auf genügend Raum interpretiert werden. Nicht nur bei den "Handelsnomaden" sondern auch bei den im Vergleich erwähnten Wanderbauern ist die Beziehung zum Boden pragmatischer als bei Sesshaften. Mit Herdentieren ziehende Gruppen z.B. mussten schon immer und auch heute noch Land dort in Anspruch nehmen, wo das Überleben von Mensch und Tier möglich ist. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Hirtennomade eine ausgetrocknete Quelle wegen der "traditionellen Bindungen" weiter für sich reklamiert. Wenn das SECO schreibt, es gelte das "Recht der betreffenden Völker zu Nutzung von Land zu schützen, das nicht ausschliesslich von ihnen besiedelt ist, zu dem sie aber im Hinblick auf ihre der Eigenversorgung dienenden und ihre traditionellen Tätigkeiten von alters her Zugang haben." kann man diese Formulierung mit Fug und direkt auf die Fahrenden in unserm Land anwenden. Es macht wohl keinen grossen Unterschied, ob jemand auf dem von ihm in Anspruch genommenen Land eine Geiss hütet oder ein Messer schleift. Beides entspricht seiner traditionellen Lebensweise und hat vorab den Zweck, das eigene Überleben zu sichern.
In unzähligen Zeitungsinterviews und bei Begegnungen mit Behördenvertretern betonten die Exponenten der Jenischen immer wieder, dass viele der ehemaligen traditionellen Standplätze heute als Campingplatz den touristischen Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft vorbehalten sind oder z.B. im Falle von stillgelegten Kiesgruben aus Naturschutzgründen nicht mehr zur Verfügung stehen. Diese Zielkonflikte unterscheiden sich in Nichts von jenen zwischen sesshaften und nomadisierenden Bauern. Trotzdem zieht das SECO die unseres Erachtens richtigen Schlüsse aus seinen Überlegungen, wenn es schreibt:
"Historische, teleologische und systematische Argumente sprechen dafür, die Verpflichtungen des Übereinkommens für die Schweiz im Falle einer Ratifikation etwa folgendermassen zu umschreiben:
- Sicherung eines Lebensraumes für die Gemeinschaft der Fahrenden, der ihre traditionelle mobile Lebensweise in der Schweiz heute ermöglicht;
- Sicherung von Verfahren, die es erlauben, ihre Bedürfnisse in den Entscheidungsprozess staatlicher Behörden zur Raumnutzung einzubringen"
5.10 Bildung und Kultur
5.10.2 Die aktuelle Situation
Der Bericht des SECO fokussiert auch bei der Thematik Schule und Bildung auf die Fahrenden. Der Begriff "Fahrende" wird in diesem Abschnitt insofern korrekt verwendet, als die Bilanz der aktuellen Situation wie auch das daraus zu ziehende Fazit die Situation der "auf Reise" lebenden Jenischen und Sinti/Manouches beleuchtet. Zu Bemängeln ist, dass in diesem zukunftswichtigen Bereich die Mehrheit der (teil-)sesshaft lebenden Jenischen, Sinti und insbesondere auch Roma überhaupt nicht thematisiert wird.
Hingegen spiegelt die Analyse der Thematik "jenische Sprache" eine sehr monokulare Sichtweise, die offenbart, dass die Bearbeitung des Themas entweder lediglich auf Grund ähnlich formulierter Vorakten oder gestützt auf eine persönliche Betrachtungsweise entstanden ist. Wir sehen uns deshalb gezwungen, diesen Abschnitt Satz für Satz zu kommentieren. Kursiv geschriebene Teile geben jeweils das Originalzitat aus dem Bericht des SECO wieder:
Die jenische Sprache, die für einen Grossteil der Schweizer Fahrenden wichtiges Symbol einer gemeinsamen Identität ist und innerhalb der Gruppe weitergegeben wird, wurde bis vor kurzem nicht geschrieben.
Es stimmt, dass es bis heute keinen standardisierten Schriftgebrauch des Jenischen gibt. Neben individualisierten Verwendungen in persönlichen Notizen, Briefen etc. ist aber hervorzuheben, dass der jenische Schriftsteller und Kulturforscher Engelbert Wittich schon vor 100 Jahren auch jenische Geschichten, Gedichte, Lieder in ihrer Originalsprache veröffentlichte.
Erst 2001 ist das erste jenische Wörterbuch überhaupt erschienen.
Das sogenannte "Jenische Wörterbuch", herausgegeben von Hansjörg Roth, unterscheidet sich hauptsächlich in seinem Titel von einer Vielzahl Vorgängerwerke, die meist Ausdrücke wie "Verzeichnis der Diebes- und Gaunersprache" in ihrem Titel trugen. Ohne die linguistische Arbeit von Herrn Roth in Frage zu stellen, ist für uns Jenische die Entstehungsgeschichte des Buches und die Rolle des Bundes dabei nach wie vor absolut inakzeptabel. Der Schweizerische Nationalfonds finanzierte die Arbeit von Robert Schläpfer, die Hansjörg Roth posthum beendete, ohne Rücksprache mit den Jenischen und ihren Organisationen. Das sogenannte "Jenische Wörterbuch" stützt sich auf die Wortlisten, die Robert Schläpfer bei einem nichtjenischen verurteilten Kleinkriminellen und Kinderschänder erhob. Allein das investierte Geld oder allfällige Affinitäten einzelner Bundesbeamter vermögen nicht zu legitimieren, dass dieses gegen den ausdrücklichen Willen der Jenischen (es sei dabei auf Briefwechsel und auch öffentliche Proteste in den Medien verwiesen) erschienene Werk heute als zu Gunsten der Jenischen vollbrachte Leistung des Bundes gelistet wird. Im Gegenteil perpetuiert das Buch paternalistische Vorgehensweisen und zementiert am Beginn des 21. Jahrhunderts die rassistischen Blickwinkel, die Robert Schläpfer als Freund und Förderer des sogenannten "Hilfswerks Kinder der Landstrasse" motivierten.
Das Jenische beruht auf der grammatischen Struktur der deutschen Sprache und wird in der Regel als "Soziolekt", allenfalls als "ethnischer Dialekt der deutschen Sprache", als "Ethnolekt" bezeichnet.
Abgesehen davon, dass diese Aussage für den vorliegenden Bericht unbesehen seines Wahrheitsgehalts unerheblich und nebensächlich ist, spiegelt sie zwar korrekt die Mehrheitsmeinung der Germanisten. Sie fusst auf der Tatsache, dass entweder Jenische in nicht deutschsprachigen Gebieten bisher weniger oder gar nicht in den Fokus der jeweiligen Sprachforscher traten oder aber die wissenschaftlichen Arbeiten aus dem nicht deutschsprachigen Raum mangels Kenntnis ihrer Existenz oder mangels Übersetzung hierzulande nicht rezipiert wurden.
Die jenische Sprache diente auch der Abgrenzung gegenüber den Sesshaften und hat für viele Jenische heute noch den Charakter einer Geheimsprache.
Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen prüft der Bund gegenwärtig mit Vertretern der Fahrenden konkrete Möglichkeiten zur Erhaltung und Förderung des Jenischen. Die Schweiz kommt damit auch einer Forderung des Ministerkomitees des Europarats nach, die in dessen Empfehlungen vom 22. September 2004 festgehalten ist. Da viele Fahrende die jenische Sprache den Sesshaften nicht zugänglich machen möchten, ist unter ihnen die Frage, wie das Jenische vom Bund gefördert werden soll, noch nicht ausdiskutiert.
Nachdem sich die Radgenossenschaft aus einem gemeinsamen Projekt mit"schäft qwant", das eine reine Bedarfs- und Wünschbarkeitsabklärung der jenischen Sprachforschung und Förderung beinhaltete, zurückgezogen hatte, postulierte die Radgenossenschaft öffentlich ein Moratorium dieses Themas (siehe Scharotl 1/2005). Auch seitens der Bundesbehörden fand seither keinerlei Kontaktnahme mit "schäft qwant" mehr statt. Entweder ist also die Darstellung, dass der Bund "gegenwärtig" mit Vertretern der Fahrenden Möglichkeiten prüfe, nicht mehr aktuell oder es finden für die jenische Öffentlichkeit inakzeptable Geheimverhandlungen zu diesem Thema statt.
"Am 22. Januar 2003 hat der Bundesrat dem Schweizerischen Nationalfonds den Auftrag gegeben, das NFP 56 "Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz" durchzuführen. Mit dem NFP, das zur Zeit ausgeschrieben ist, sollen unter anderem auch wissenschaftliche Grundlagen für die Realisierung der Ziele der schweizerischen Sprachenpolitik erarbeitet werden, wobei auch die Anliegen aller in der Schweiz anerkannten sprachlichen Minderheiten berücksichtigt werden können."
Damit gerade im hoch sensiblen Themenfeld Sprache dieser Bericht nicht mit falsche Ängste oder Hoffnungen schürenden veralteten Angaben publiziert wird, bitten wir, diesen Abschnitt vor Publikation des Berichtes beim SNF zu verifizieren. Aus den für"schäft qwant" im Internet einsehbaren Unterlagen schliessen wir, dass keines der bewilligten Projekte des NFP 56 sich mit den Sprachen der Jenischen, Sinte oder Roma befasst.
5.10.3 Zusätzlicher Handlungsbedarf
Eine antidiskriminatorische und antirassistische Schule muss Ziel einer Politik sein, die sich die Integration aller in diesem Lande lebenden Menschen und Gruppen ohne Zwangsassimilationen zum Ziel setzt. Da die Jenischen, Sinti und Roma keine regionalspezifischen Gruppen sind, ist die Förderung ihrer Kultur, wie ja auch das ebenfalls in Vernehmlassung befindliche Kulturförderungsgesetz explizit erwähnt, Aufgabe des Bundes. Unbesehen der kantonalen Hoheit über die Schule erwächst hier dem Bund die Aufgabe, die Kantone mit einer eigenen, ergänzenden Stellung zur Thematik Schule und Bildung der Jenischen, Sinti und Roma in diesen Bestrebungen zu unterstützen. Nebst der Gestaltung themenzentrierter Unterrichtsmittel, die helfen sollen, künftigen Generationen der Mehrheitsgesellschaft ein schulisch gefördertes wertneutrales Bild von Leben und Kultur der Jenischen, Sinti und Roma zu vermitteln, sollten auch Projekte des Bundes darauf abzielen, die in den Kantonen verwendeten Schulmittel auf diskriminierende Stellen zu untersuchen und mit für das gegenseitige Verständnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten wichtigen in den normalen Unterrichtsstoff der Staatsschule integrierten Informationen zu ergänzen.
Die Kulturpolitik und förderung der Mehrheitsgesellschaft ist heutzutage untrennbar eng mit den Medien und der Medienpolitik verknüpft. Es ist aus unserm Alltag nicht mehr wegzudenken, dass mit staatlichen Mitteln Radio- und Fernsehprogramme ausgestrahlt werden. Beim Schutz der rätoromanischen Sprachen wendet der Bund auch Geld für Printmedien auf. Zumindest im Bereich der angewandten Kunst haben Computer und elektronische Medien ihren festen Platz im Selbstverständnis des Kulturbegriffs und der Kulturförderung. Eine Kulturpolitik des Bundes kann sich deshalb auch gegenüber den Jenischen, Sinti und Roma nicht länger ohne entsprechende Projekte definieren.
Dadurch, dass die "Zigeunerpolitik" des Bundesamtes für Kultur schon im Namen auf die "Fahrenden" fokussiert und nur in Korelation zu einem Verband der "Fahrenden" definiert und umgesetzt wird, ist sie bisher eine reine soziokulturelle Tätigkeit, die schon fast eher Sozialpolitik denn Kulturpolitik genannt werden müsste. Im vorliegenden umfangreichen Bericht fehlen visionäre oder zukunftsorientierte Perspektiven vollständig, obwohl er allein schon auf Grund seiner Komplexität und Umfangs wohl für längere Zeit die Eckpfeiler der eidgenössischen Zigeunerpolitik markieren wird.
Teil II: Handlungsmöglichkeiten des Bundes zur Schaffung von Stand- und Durchgangsplätzen für Fahrende
1 EINLEITUNG
"Dieser Berichtteil konzentriert sich auf die Schaffung geeigneter Stand- und Durchgangsplätze. Nicht nur im Text des Postulates, sondern auch in der Wahrnehmung der Betroffenen und einer breiteren Öffentlichkeit stehen Probleme mit der Schaffung und Bewirtschaftung solcher Plätze im Vordergrund."
Prägt die Wirklichkeit unsere Wahrnehmung oder unsere Wahrnehmung die Wirklichkeit? Obwohl für die "auf Reise" lebenden Jenischen und Sinti/Manouches die Schaffung von Plätzen wohl das im Vordergrund stehende Problem schlechthin ist, lösen sich die Probleme nicht einfach dadurch, dass die staatlichen Institutionen und die breitere Öffentlichkeit diese Optik adaptieren. Im Gegenteil sind wir überzeugt, dass es auch für die "auf Reise" Lebenden sinnvolle Entspannung der Situation und des gegenseitigen Umgangs erleichtern würde, wenn das Wissen, dass die in der Schweiz lebenden insgesamt rund 70'000 Angehörigen der Jenischen, Sinti und Roma für den einzelnen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft trotz ihrer beachtlichen Zahl in der Regel kaum wahrnehmbar sind. Gerade die Kulturpolitik des Bundesamtes für Kultur muss deshalb neben der reinen soziokulturellen Hilfe zur Selbsthilfe unabdingbar auch eine effektive kulturelle Komponente aufweisen, die definierter Massen zum Kontakt zwischen Mehrheitsgesellschaft und Sinti, Roma und Jenischen und zur interkulturellen Entspannung beiträgt.
2 SITUATION UND HANDLUNGSBEDARF
"2.4.2 Die Gründung und Unterstützung der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende"
"Wie andernorts in Europa wurden Personen, die eine fahrende Lebensweise pflegten, in der Vergangenheit auch in der Schweiz aktiv verfolgt. Als der Bund sich für die Misshandlungen und das Leid entschuldigte, welche das "Hilfswerk Kinder der Landstrasse" vielen Fahrenden und ihren Familien in der Schweiz zwischen 1926 und 1973 angetan hatte, bekräftigte er ausdrücklich seinen Willen, dafür besorgt zu sein, dass Gegenwart und Zukunft der Fahrenden in der Schweiz sichergestellt sind."
Wie schon im entsprechenden Abschnitt unserer Vernehmlassung zum Teilbericht I gilt es auch hier zu betonen, dass das sogenannte "Hilfswerk Kinder der Landstrasse" vielen Jenischen und ihren Familien Leid angetan hatte. Es gilt, Gegenwart und Zukunft der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz sicher zu stellen. Die Differenzierung ist wichtig, weil einerseits nicht nur die Jenischen unter dem "Hilfswerk" und seinen Folgen zu leiden hatten, sondern auch die Sinti und Roma unter der aktiven Ausgrenzungspolitik der Schweiz und weil andererseits, insbesondere soweit diese Massnahmen auch einen wiedergutmachenden Charakter haben sollen, nicht nur Gegenwart und Zukunft der fahrenden Jenischen, Sinti und Roma sicher zu stellen sind, sondern diejenige der ganzen Bevölkerungsgruppe, von denen die Fahrenden jeweils nur eine Minderheit ausmachen. Während immerhin noch rund 10% der Jenischen mehr oder weniger eng verknüpft mit fahrenden Traditionen oder gar ganz "auf Reise" leben, sind uns keine fest in der Schweiz lebenden Roma mit aktiv fahrender Kultur bekannt.
3 KÜNFTIGE HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN
Der Sprachgebrauch des Bundes ist gerade auch in diesem Teilbereich stark geprägt von der Dualität Fahrende / Sesshafte. Erstens reduziert diese Begrifflichkeit die jeweils gemeinten Menschen auf eine einzelne ihrer Wesensarten und zweitens ist sie höchst unpräzis. Während von den sogenannt "Fahrenden" höchstens 10% in einem auch heute noch als fahrend/nomadisch zu nennenden engeren Kontext leben, fahren "Sesshafte" im Zeitalter der Mobilität öfter und mehr durch die Welt als das Nomaden jemals taten.
Zur auch in diesem Bericht stipulierten Entspannung des Verhältnisses zwischen den Gesellschaftsgruppen kann eine nicht pejorative Benennung wesentliche Voraussetzungen schaffen.
Sowohl in der täglichen Praxis der Verwaltung als auch in deren Publikationen soll deshalb nur dort von "Fahrenden" oder präziser, je nach Fall, "fahrenden Jenischen", "fahrenden Sinti" gesprochen und geschrieben werden, wo dies auch effektiv zutrifft. Hingegen ist wo immer möglich der jeweilige Volksname einzeln zu gebrauchen. Dadurch, dass nur dann von Sinti berichtet wird, wenn der Bericht auch effektiv von Sinte handelt usw. werden in der Öffentlichkeit verhältnismässigere Bilder der jeweiligen Gruppe geschaffen als durch eine trügerische Massierung von Berichten über "Fahrende", wo es sich doch in Wirklichkeit oft um Jenische, Sinti oder Roma handelt und nur selten um "Fahrende".
Statt des ebenfalls Antagonismen weckenden Begriffs "Sesshafte" sollen neutralere Bezeichnungen wie die "Mehrheitsgesellschaft" verwendet werden.
3.3 Stärkung der Mitwirkungskapazitäten der Fahrenden
Zusätzliche Anstrengungen der Jenischen, Sinti und Roma sind nur dann zu erwarten, wenn sie neutral behandelt werden und ungeachtet ihrer Organisationszugehörigkeit ihre Mitwirkung bei entscheidfindenden Gremien möglich ist. Der systematische Einbezug der Radgenossenschaft in bestehende Konsultations- und Mitwirkungsverfahren zu Gesetzgebungs-, Planungs- und Realisierungsprojekten auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene ist zu begrüssen, sofern er nicht gegenüber anderen interessierten Einzelpersonen und Organisationen ausschliessenden Charakter hat.
"3.7.1 Neues interdepartementales Forum zur Koordination des Themas Fahrende""
Durch die (ev. teilzeitliche) direkte Anstellung von Jenischen, Sinti und Roma als Berater und Projektmitarbeiter eines interdepartementalen Forums wird die Sachkompetenz des Bundes unmittelbar gestärkt. Schon im Vorfeld von personalaufwändigen Sitzungen eines solchen Forums könnten "verwaltungseigene" Jenische, Sinti und Roma planend und beratend mitwirken und so konstruktiv helfen, kostengünstige und effiziente Verbesserungen für die Lage ihrer Völker in die Wege zu leiten.
Foren generieren dann das grösste Potential ihrer kreativen Aufgabe, wenn sie nicht schon bei der Schaffung derselben ein- und ausgrenzende Mechanismen wirken lassen. Der Einbezug von nicht in der Radgenossenschaft aktiven Organisationen und Einzelpersonen ist deshalb unabdingbar.
Zusammenfassung unserer Vernehmlassung:
Gerne stehen wir Ihnen jederzeit für weitere Auskünfte zur Verfügung. Wir freuen uns darauf, unser Wissen zum Wohle unseres Volkes einsetzen zu können und sind immer bereit, an konstruktiven Lösungen mitzuwirken.
Mit freundlichen Grüssen
"Verein schäft qwant"
Güterstr. 219, 4053 Basel
079 667 41 93
S. Borri, Präsident / V. Nobel, Vize-Präsident
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