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Die Mitglieder von Swiss Fair Trade, dem Dachverband der Fair Trade-Organisationen in der Schweiz, haben sich zum Ziel gesetzt, die Lebensgrundlagen der Menschen im Süden zu verbessern. Sie teilen deshalb im Bereich des Fairen Handels eine einheitliche Haltung bezüglich der Wichtigkeit der kollektiven Förderung kleinbäuerlicher Betriebe sowie des Schutzes und der Förderung der Interessen von ArbeiterInnen in Lohnbetrieben und der Wertschöpfung in den ärmsten Ländern (Low Income Countries/ LICs) und Ländern mit mittlerem Einkommen (Middle Income Countries/ MICs). Die gezielte Stärkung der ländlichen Gesellschaften, welche im Wesentlichen aus Kleinbauern/-bäuerinnen und LandarbeiterInnen bestehen, wird durch die Erschliessung von Absatzmöglichkeiten für nachhaltig hergestellte Produkte zu fairen Bedingungen als wichtige Komponente für ländliche Entwicklung erachtet.
Um eine nachhaltige Entwicklung in den LICs und MICs zu ermöglichen, lädt Swiss Fair Trade alle Marktakteure, Entwicklungsorganisationen und staatlichen Institutionen in der Schweiz ein, noch stärker aktiv zur Erreichung der folgenden Ziele beizutragen:
1. Die Schlüsselrolle der kleinbäuerlichen Landwirtschaft für die Ernährung und Einkommenssicherung in den LICs und MICs wird anerkannt und deren Effektivität nachhaltig gefördert.
Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer produziert den grössten Teil der Nahrung für die Bevölkerung ihrer Länder. Dabei bildet der Eigenproduktion in den oft stark subsistenzwirtschaftlich geprägten Strukturen eine wichtige Lebensgrundlage. Der Verkauf von Agrarprodukten stellt für die allermeisten Bauern und Bäuerinnen, das heisst den Grossteil der Bevölkerung, meist die einzige Möglichkeit dar, ein Einkommen zu erzielen, mit dem sie z.B. Arzt-, Schul- oder sonstige Lebensunterhaltskosten bezahlen können und damit den lokalen Wirtschaftskreislauf stärken. In Ergänzung zum Subsistenzanbau und zur lokalen Vermarktung kommt der Entwicklung von Fair Trade-Wertschöpfungsketten in diesen Ländern eine grosse Bedeutung zu, weil die Bäuerinnen und Bauern zusätzlich zum höheren Einkommen mit den Fair Trade Prämien gemeinsam Entwicklungsprojekte realisieren können, welche ihre Lebenssituation direkt verbessern.
Mit der Sicherheit einer nachhaltigen und partnerschaftlichen Handelszusammenarbeit mit AbnehmerInnen in der Schweiz können ProduzentInnengemeinschaften in den LICs und MICs starke Treiber von lokaler Entwicklung und Verminderung der Armut werden. Der Zugang zu den Fair Trade-Märkten erfordert jedoch neben dem Aufbau der erforderlichen Infrastruktur eine Reihe von Massnahmen, welche die Bäuerinnen und Bauern nicht aus eigener Kraft leisten können, wie zum Beispiel:
- Die Organisation der Bäuerinnen und Bauern in ProduzentInnengemeinschaften, welche sie auf allen Ebenen einbezieht, die Autonomie und Selbstbestimmung fördert, einfacheren Zugang zu Krediten ermöglicht, die Handelsmarge auf den lokalen Märkten erhöht und den Zugang auch zu regionalen und internationalen Absatzmärkten erleichtert.
- Die Organisationen und ihre Mitglieder brauchen Marktinformationen und Absatzkanäle, damit sie die Erwartungen auf ein existenzsicherndes Einkommen einlösen können.
- Begleitung und Unterstützung in Bezug auf Know-how sowie Aufbau und Ausbau der Qualität und Produktivität, z.B. durch Zugang zu landwirtschaftlichem Training und Führungsausbildung
- Stabilisierung des Familieneinkommens und Verminderung der Auswirkungen des Klimawandels über die Entwicklung von Strategien zur Diversifizierung des Anbaus
Swiss Fair Trade fordert die Schweizer HandelsakteurInnen und Hilfswerke auf, ihr Engagement zur Integration von Kleinbauern in LICs und MICs in nachhaltige internationale Fair Trade Wertschöpfungsketten strategisch und in enger Zusammenarbeit und mit einer langfristigen Entwicklungsperspektive zu verstärken.
Swiss Fair Trade erwartet, dass sowohl DEZA als auch SECO solche Aktivitäten der Handelsakteure und Hilfswerke aktiv unterstützen und zusammen über Public-Public-Partnerships mit den Standort-LICs und -MICs ergänzende Massnahmen entwickeln, welche
- den Bäuerinnen und Bauern und ihren Familien sicheren Zugang zu Land und Wasser, zu Erziehungs- und Bildungssystemen und weiteren grundlegenden staatlichen Dienstleistungen ermöglicht
- das Land beim Aufbau von regionalen staatlichen oder halbstaatlichen Plattformen zur Harmonisierung und Koordination von Anbau, Verarbeitung, Handel und Vertrieb unterstützt.
2. ArbeiterInnen auf grossen Farmen in LICs und MICs müssen in den Fairen Handel mit einbezogen werden.
Ein Grossteil der Agrarexporte aus LICs und MICs stammt heute aus Grossfarmen und Plantagen. Neben den Bäuerinnen und Bauern haben auch die ArbeiterInnen auf landwirtschaftlichen Grossbetrieben Anrecht auf faire und sichere Arbeitsbedingungen, existenzsichernde Löhne sowie die Einhaltung der weltweit anerkannten ILO-Konventionen, die sich gegen Zwangsarbeit, Diskriminierung, Kinderarbeit und für Gewerkschaftsfreiheit einsetzen. Die ArbeiterInnen sollen sich – gleich wie die Bäuerinnen und Bauern – organisieren und ihre Interessen innerhalb und ausserhalb der Farm vertreten können. Heute sind die Arbeitsbedingungen auf vielen Grossfarmen oft mangelhaft und der bezahlte Lohn vermag, die Existenzbedürfnisse bei weitem nicht zu decken. Damit wird der potentiell mögliche lokale Entwicklungsimpuls dieser wichtigen Arbeitgeber bei weitem nicht ausgeschöpft.
Der Faire Handel bietet ein bewährtes Normensystem und lokale Unterstützung, damit sich unter Einbezug der ArbeiterInnen und FarmbesitzerInnen sowie der gesamten Handelskette die Anstellungsbedingungen verbessern und die ArbeiterInnen mit zusätzlichen Prämien lokale Entwicklungsimpulse setzen können, die ihren Bedürfnissen entsprechen.
Swiss Fair Trade fordert die Marktakteure, welche Produkte von Grossfarmen aus LICs und MICs importieren und verkaufen, auf, mit ihren Partnern in der Wertschöpfungskette die Möglichkeiten einer Umstellung auf Fairtrade zu prüfen, damit die soziale und ökonomische Wirkung der geschaffenen Arbeitsplätze verbessert werden kann. Organisierte ArbeiterInnen sollen die Möglichkeit und Mittel erhalten, ihre Lebensbedingungen gemeinsam und zunehmend selbstbestimmt zu verbessern.
3. Die regionale Entwicklung in LICs und MICs ist Voraussetzung, dass ein Leben als Bäuerin und Bauer für nachfolgende Generationen attraktiv bleibt.
Die Strukturen des konventionellen Handels basieren auf Mechanismen, die zur Marginalisierung und Verdrängung der Kleinbauern/-bäuerinnen aus den ärmsten Entwicklungsländern vom Weltmarkt führen. Gleichzeitig fehlen nachhaltige Investitionen in den ländlichen Raum, die den Kleinbauern/-bäuerinnen vermehrt Chancen für den Markteintritt geben.
Die Folge davon ist, dass es für die junge Generation immer unattraktiver wird, die landwirtschaftliche Produktion ihrer Eltern weiter zu führen. Die Abwanderung verringert langfristig die Eigenversorgungsquote dieser Länder und führt zur Bevölkerungskonzentration in den urbanen Ballungszentren, während das Durchschnittsalter der Bauern und Bäuerinnen in der Landwirtschaft steigt.
Die Mitglieder von Swiss Fair Trade fördern Investitionen in den ländlichen Raum und setzen sich zum Ziel, in den LICs und MICs stärker und aktiver präsent zu sein. Die durch den Fairen Handel erzeugten finanziellen Mittel sollen durch Interventionen von Hilfsorganisationen für den Ausbau der Infrastruktur und des Bildungswesens sowie für Angebote von Basisdienstleistungen ergänzt werden. Der kommenden Generation von Kleinbauern/-bäuerinnen soll eine echte Wahl ermöglicht werden zwischen der Migration in die städtischen Zentren und einem Verbleib in ihrer Heimatregion.
Swiss Fair Trade fordert eine engere Zusammenarbeit zwischen HandelsakteurInnen, Entwicklungs- und Donor-Organisationen, um die dringend notwendigen Investitionen zu ermöglichen.
4. Die Wertschöpfung in LICs und MICs soll nachhaltig gesteigert werden.
Ein Ziel des Fairen Handels ist es, dass die Bauernorganisationen mittels Übernahme weiterer Verarbeitungsschritte oder mit der Verarbeitung zu Endprodukten für den regionalen Markt oder für Märkte im Norden ihre Wertschöpfungsquote erhöhen können. Darüber hinaus müssen die Entwicklungsländer vermehrt Chancen erhalten, eine eigene verarbeitende Industrie sowie einen Dienstleistungssektor aufzubauen und erfolgreich zu betreiben, welche über zusätzliche Arbeitsplätze ebenfalls die lokale Wertschöpfung stark erhöhen können. Oft eröffnet erst die Möglichkeit der internationalen Vermarktung grösserer Volumen den Zugang zum erforderlichen Know-how und zu Kapital. Im Idealfall können solche Verarbeitungsschritte mit Beteiligung oder unter der Kontrolle von ProduzentInnenorganisationen realisiert werden. Solche verarbeitete Produkte finden auch in regionalen städtischen Zentren neue Absatzmärkte.
Die Mitglieder von Swiss Fair Trade möchten damit den Fair Trade-Ansatz über die Rohstoffproduktion hinaus erweitern, und zwar auf die Erbringung von weiteren Verarbeitungsschritten durch ProduzentInnenorganisationen oder andere lokale DienstleisterInnen. Auch diese Verarbeitungsschritte sollen unter fairen Bedingungen stattfinden.
Swiss Fair Trade fordert die HandelsakteurInnen auf, Verarbeitungsschritte vermehrt in den LICs und MICs ausführen zu lassen und zu prüfen, ob bereits fertig verarbeitete Produkte von organisierten Kleinbauern/-bäuerinnen in ihr Sortiment aufgenommen werden könnten. Die zuständigen staatlichen Verwaltungsstellen werden eingeladen, direkt oder indirekt protektionistische Grenzschutzmassnahmen gegen verarbeitete Produkte aus Drittländern für Fair Trade Wertschöpfungsketten gezielt zu lockern, um – in Übereinstimmung mit nationalen Zielen – die nachhaltige lokale Entwicklung in LICs und MICs noch besser zu fördern.
Dieses Positionspapier wurde von den Mitgliederorganisationen von Swiss Fair Trade an der GV 2014 genehmigt.