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Ein anderer Blick auf die Moderne
Sibyl Moholy-Nagys spitze Feder entzauberte architektonische Mythen der Moderne, bemängelte die Arbeiten einiger heroischen Protagonisten und formulierte eine frühe Kritik an der Missachtung von Nutzerbedürfnissen. In einer 2019 auf Englisch erschienenen Monografie zeichnet die belgische Architekturhistorikerin Hilde Heynen das Leben und Profil der produktiven, streitbaren und unabhängigen Autodidaktin nach, die als Architekturkritikerin, Publizistin und Lehrende den amerikanischen Diskurs der Nachkriegszeit sowie der 1960er-Jahre nachhaltig prägte. Das Buch ist nun auch in deutscher Sprache erhältlich.
Text: Eliana Perotti – 1.6.2020
Eine moderne Frau?
Das Schlaglicht, das Hilde Heynens Anfangskapitel auf die wechselvolle Vita der 1903 in Deutschland geborenen USA-Emigrantin Sibylle Pietsch wirft, zeigt uns den Werdegang der jüngsten Tochter eines Dresdner Architekten. Während er die Ausbildung seiner Töchter auf den Besuch des Gymnasiums beschränkte, durfte der einzige Sohn in Kunstgeschichte und Germanistik promovieren. Nach einer abgebrochenen Lehre als Buchhändlerin arbeitete Sibyl als Sekretärin und begann 1924 eine Ausbildung als Schauspielerin. Sie zog schliesslich nach Berlin, wo sie in verschiedenen Theater- und Filmrollen auftrat und auch als Drehbuchautorin arbeitete.
In Berlin lernte sie auch ihren zweiten Ehemann kennen, den ungarischen Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy, dem sie von Anbeginn an als unbezahlte Assistentin für seine Filmprojekte zur Seite stand. Ihr Mann sensibilisiert sie für die Konzepte und Ästhetik moderner Kunst. 1935 folgte sie ihrem Mann mit der gemeinsamen Tochter ins Londoner Exil, wo sie im darauffolgenden Jahr ihre zweite Tochter zur Welt brachte. 1937 waren die Moholy-Nagy bereits auf dem Weg nach Chicago, wo László von der Association of Arts and Industries mit der Gründung einer Kunstschule, dem New Bauhaus, beauftragt worden war. Während dieser ersten Jahre, in denen sie an vorderster Front mit Familienpflichten und der Unterstützung von Lászlós Arbeit beschäftigt war, versuchte sie sich als Publizistin und Schriftstellerin.
Sich ständig neuerfinden
1947 verstarb László Moholy-Nagy an Leukämie. Von seinem frisch gegründeten Institut for Design, an dem Sibyl die geisteswissenschaftliche Abteilung leitete und lehrte, verabschiedete sie sich auf Grund von Streitigkeiten, fand aber Anstellungen an anderen Hochschulen und widmete sich zugleich intensiv der Pflege des Nachlasses ihres verstorbenen Mannes. Mit dem Verkauf seiner Werke, mit Vorträgen und Publikationen, darunter die 1950 bei Harper erschienene, äusserst erfolgreiche Biographie Moholy-Nagy. Experiment in Totality, konnte sie ihren Lebensunterhalt und den ihrer beiden Töchter bestreiten. 1949 zog sie nach San Francisco. Dort unterrichtete sie an der Rudolf Schaeffer School of Design, wie auch an der University of California in Berkley. Zwei Jahre später liess sie sich mit ihren Töchtern in New York nieder, wo sie am Pratt Institute in Brooklyn als Dozentin für Architektur eine Anstellung bekam und später zur ordentlichen Professorin ernannt wurde. Im Jahr ihres fünfzigsten Geburtstags erhielt sie das renommierte Arnold W. Brunner-Stipendium, das ihr ein ambitiöses Forschungsvorhaben zur anonymen Siedlerarchitektur in Amerika ermöglichte. Aus dieser Untersuchung ging 1957 ihre Publikation Native Genius in Anonymous Architecture hervor – eine frühe Auseinandersetzung mit vernakulärem, peripherem Bauen.
Der Einstieg in das Metier der Lehre und der Architekturkritik, sowie die historische Fundierung der Materie gehen auf Sibyl Moholy-Nagys eigenständige, autodidaktische Ausbildung zurück, die nicht nur existenziell motiviert gewesen sein dürfte, sondern auch auf einen neugierigen und erfindungsreichen Geist und eine schnelle Auffassungsgabe zurückzuführen ist. Ihr Biographie streicht ihre Fähigkeit sich mehrmals neu zu erfinden und ein eigenständiges intellektuelles, berufliches und familiäres Leben zu führen heraus. Tatsächlich lebte sie – ohne jegliches feministisches Bekenntnis – das unabhängige, abwechslungsreiche, anstrengende und manchmal prekäre Leben einer modernen Frau, die ihrer beruflichen Realität und den Chancen auf Karriere flexibel und kreativ begegnete.
Keine Angst vor klaren Worten
In den 1950er-Jahren hatte sich Sibyl Moholy-Nagy bereits als Architekturkritikerin und -publizistin einen Namen gemacht: Sie schrieb für Progressive Architecture, Architectural Forum, Casabella, Bauwelt, Architecture d’aujorud’hui und weiteren Fachzeitschriften. Was ihre Anschauungen zur Architektur der Moderne aus dem Mainstream der Kritik heraushebt, ist die explizite historische Reflexion, die kulturgeschichtliche Kontextualisierung, wie auch die Frage nach den Nutzern. Es ist typisch für ihren Zugang, dass sie 1953 in einer Rezension über eine Ausstellung moderner Architektur im New Yorker Museum of Modern Art ironisch darauf hinwies, dass sich die Architektur bereits während der römischen Antike an den Bedürfnissen der Bürger zu orientieren hatte und nebenbei über Mies van der Rohes «Fassadenarchitektur» lästerte.
Moholy-Nagy, deren intellektuelle Sozialisation in den avantgardistischen Gruppen der Weimarer Republik stattgefunden hatte, distanzierte sich in ihren Texten zunehmend von einer Moderne, die den Architekten als Techniker definierte. Ihre Auseinandersetzung mit der Architektur und den Städten Südamerikas, wohin sie ihre Studienreisen häufig führten, eröffnete ihr mit Nachdruck die Bedeutung sozio-ökonomischer und kultureller Faktoren für das Bauen und nährte ihre Skepsis in Bezug auf technische Lösungsmodelle. Diesen Technizismus, den sie als «faschistoid» empfand, prangerte sie beispielweise vom Benutzerstandpunkt aus an, wenn sie 1953 die Grundrisse von Mies van der Rohes Lake Shore Apartments in Chicago beanstandet: die gedrungenen Küchen- und Baderäume, die beengten Erker und die mangelnde Privatheit gegenüberliegender Fensterfronten.
Für künstlerische Steuerung
In ihren Texten und Vorträgen legte Sibyl Moholy-Nagy auch eine kritische Narration der europäischen Architekturdiaspora in den USA vor und bezeichnet die amerikanische Rezeption als «grosses Missverständnis». Sie zeichnet das Bild einer verhängnisvollen Fehldeutung auf und wirft den deutschen Emigranten – wie beispielsweise Walter Gropius – vor, den autochtonen Charakter des amerikanischen Funktionalismus korrumpiert zu haben. Unter den «grossen Meistern» der Moderne galt ihre – nicht uneingeschränkte – Bewunderung Frank Lloyd Wrights individualistischer, organischer und transzendentaler Architektur. Wobei sie ihm (und auch Le Corbusier) gleichzeitig attestierte, vom Trauma «Struktur versus Phantasie» nicht geheilt zu sein.
Sybil legte sich 1961 – nach dem Erscheinen von The Death and Life of Great American Cities – auch mit Jane Jacobs an, die sie heftig wegen ihres Misstrauens in die gestaltenden Kräfte von Architektur und die Rolle des Architekten angriff. Die zeitgenössische Stadt, der sie ebenso wie Jacobs einen Krisenzustand attestierte, solle nicht den Stadtplanern, Spekulanten und Schnellstrasseningenieuren überlassen werden, sondern bedürfe der künstlerischen Steuerung des Architekten.
1968 veröffentlichte Sibyl Moholy-Nagy mit Matrix of Man. An Illustrated History of Human Environment die Summa ihrer Studien zu menschlichen Siedlungsformen und zur Geschichte verschiedener Städte auf dem gesamten Globus. Die Kategorisierung unterschiedlicher Kulturlandschaften führte sie zur aktuellen «Clusterbauweise» und deren desintegrativen Auswirkung auf den Stadtkörper, der sie die holistische Vorstellung einer menschlichen Lebensgemeinschaft entgegensetzte. Dezidiert verurteilte sie urbane Konzepte, die primär auf Wissenschaft und Technik setzen. So richtete sich ihr Missmut auch gegen die visionären Hightech-Projekte von Costantinos Doxiades, Richard Buckminster Fuller und Archigram.
Intellektuelle Biographie und Berufsporträt
Hilde Heynen hat mit Ihrem Buch eine mehrschichtige, komplexe und aufschlussreiche intellektuelle Biographie von Sibyl Moholy-Nagy vorgelegt, bei der ihre Studien, aber vor allem ihre unzähligen Architekturrezensionen im Zentrum stehen. Fast jeden Monat war Sibyls Name in einer der internationalen Architekturzeitschriften zu lesen und regelmässig stand sie im Zentrum hitziger Kontroversen. Heynen zeichnet in einer transparent reflektierenden Prosa das Leben und das Profil einer produktiven, streitbaren und unabhängigen Autodidaktin nach, die als Architekturkritikerin, Publizistin und Lehrende den amerikanischen Diskurs der Nachkriegszeit sowie der 1960er-Jahre nachhaltig prägte. Heynens monographische Studie skizziert nebenbei auch das berufliche Porträt einer in jenen Jahrzehnten seltenen Gattung, nämlich dasjenige der Architekturkritikerin und -publizistin, zu der einem nur sehr wenige Namen einfallen dürften, wenn man von der renommierten Ada Louise Huxtable absieht.