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Im Paris der Jahrhundertwende war das Bild der Frau omnipräsent. In Zeitschriften und auf Plakaten warben mondän ausstaffierte Modelle für die neue Konsumgüter- und Vergnügungswelt. Edouard Manet, Henri de Toulouse-Lautrec und Pierre Auguste Renoir ebenso wie die Nabis-Künstler Félix Vallotton, Pierre Bonnard und Edouard Vuillard erhoben die Frau zum zentralen Thema ihrer Malerei.
Bereits 1863 hatte Manet (1832-1883) mit seinem Skandalbild Olympia eine Ikone der Moderne geschaffen, welche vorbildhaft wirkte. Ausgehend von Tizians Venus von Urbino deutete er die Liebesgöttin zur zeitgenössischen Dirne mit dämonischem Wesenszug um – und stürzte damit das alte Idealbild der Frau als makellos schöner, unerreichbarer Venus vom Sockel.
Um 1900 galt das Interesse der Künstler der Städterin in der französischen Metropole. Dargestellt wurden elegante Halbweltdamen (sog. Kokotten), Prostituierte und Bühnenstars, die in ihrem Privatraum zurückgezogene Bürgerin und die im Atelier tätige Gewerblerin. Das im 19. Jahrhundert auf zwei Rollen fixierte Bild der Frau – sie war entweder eine Heilige oder eine Hure, eine Göttin oder ein Dämon – wird nun realitätsnaher und differenzierter. Erotisch-anziehend und zugleich abweisend-selbstbewusst sind die Frauen in der Wahrnehmung von Manet und Vallotton, einsam und verrucht erscheinen sie bei Toulouse-Lautrec. Sinnlich und in ihrer eigenen, stillen Welt versunken wirken die Schönheiten von Renoir und Bonnard.
Die Frau als Objekt der Begierde oder als Inspirationsquelle? Das von den Künstlern um 1900 entworfene Bild von «Eva» ist vielschichtig und spannungsreich.
Das pulsierende Leben in den Vergnügungsvierteln von Paris und die Rolle der Frauen in der modernen Unterhaltungsgesellschaft beschäftigten Edouard Manet, Henri de Toulouse-Lautrec und Edouard Vuillard.
Mit der Amazone ist Manet, der vorbildhaft wirkende Maler des modernen Frauenbildes, repräsentativ vertreten. Dargestellt ist die Tochter eines Pariser Buchhändlers in einem zeitgenössischen Reiterkostüm mit Zylinder: Eine selbstbewusste junge Dame von erotischer Ausstrahlung, die mit ihrem in die Ferne weisenden Blick dennoch unnahbar wirkt. Der Bildtitel macht deutlich, dass der Betrachter kein Porträt einer sportlichen Schönheit der gehobenen Gesellschaft vor sich hat, sondern den Typus der modernen, streitbaren Frau.
Im Unterschied zu Manet verzichtete Toulouse-Lautrec (1864-1901) auf Modelle. Er suchte seine Motive in den Theatern, Cafés und Bordellen. Das skizzenhaft frische Ölbild aus dem Moulin de la Galette im Montmartre-Quartier zeugt von der Faszination des Malers für die schnelle wirblige Bewegung der Tänzerin La Goulue, welche beliebt war für ihre frivolen Vorführungen. Neben der Tänzerin wartet ihr Partner Valentin le Désossé auf den Einsatz.
Als kritischer Beobachter dieser spektakulären, glanzvollen Bühnenwelt lässt Toulouse-Lautrec stets die harte Realität des wahren Lebens spürbar werden. Sichtbar wird die existenzielle Einsamkeit der Frauen sowohl in der Bar wie im Bild Femme rousse assise sur un divan.
Edouard Vuillards (1868-1940) Gemälde La Famille Alexandre Natanson vermittelt einen Eindruck von der stimmigen Atmosphäre des von Thadée Natanson und seiner Frau Misia geführten Pariser Salons. Natanson und die polnische Pianistin standen im Mittelpunkt des Zirkels um die avantgardistische Zeitschrift «La Revue blanche».
Wie Manet engagierte auch Félix Vallotton (1865-1925) Modelle, um sein Bild von der modernen Frau zu formulieren. Die Thematik von «Sein und Schein» verbindet manche Frauendarstellungen Vallottons mit jenen Manets.
Irritierend wirkt Vallottons frivole Pariserin im Gemälde Le chapeau violet: Der Bildtitel verweigert dem Betrachter die Identifikation der Frau. Im Widerspruch stehen der grandiose, zum Ausgang aufgesetzte Hut und die Tatsache, dass sich die Frau eben entkleidet. «Simili-Porträts» nannte der Maler solche bildnisähnlichen Posen von bezahlten Modellen.
Provokativ und rätselhaft ist das Monumentalgemälde La Blanche et la Noire. Als Paraphrase auf Manets Skandalbild Olympia geschaffen, stellt es den Betrachter vor die Frage nach der Identität und der Beziehung der beiden Frauen zueinander. Handelt es sich um eine Bordellszene oder sind Lesbierinnen dargestellt? Das bei Manet herrschende hierarchische Verhältnis zwischen der weissen Herrin (einer Kokotte) und ihrer farbigen Dienerin kehrt Vallotton um: Die selbstbewusst rauchende Schwarze ist die Überlegene. Die Zigarette in der Hand der Frau galt als Zeichen für Modernität, Emanzipation und männliches Auftreten.
In zahlreichen Werken beschäftigte sich Vallotton mit dem schwierigen Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Karikiert er in der humorvoll-naiven Darstellung Suzanne et les vieillards die Begierde der zwei Schnapsnasen, so stellt er in der spannungsvoll beredten Atmosphäre des bühnenhaft komponierten Intérieurs La visite das Vorspiel einer Begegnung in den Mittelpunkt.
1844 gab Honoré Daumier (1808-1879) die Lithographienserie Les Bas-bleus mit insgesamt 40 Blättern heraus. Mit beissendem Spott und starken Bildern karikierte er die im 19. Jahrhundert verpönten, der Männerwelt Angst einflössenden Emanzen, die sog. Blaustrümpfe. Im Visier waren literarisch ambitionierte und politisch interessierte Frauen. Der sozialkritische Realist Daumier hat sich auch in seiner Malerei mit der Stellung der Frau in der französischen Gesellschaft auseinandergesetzt.
Der Symbolist Odilon Redon (1840-1916) griff für die Darstellung seiner Vision von der Frau auf mythologische und biblische Gestalten zurück. Die Liebesgöttin Venus – anklingend im Bild La coquille de nacre – und die griechische Königstochter Andromeda gehören zu seinen bevorzugten Motiven. Einer Zeitströmung entsprechend verstand Redon die Frau als ein mit der Natur und dem Unbewussten verbundenes Wesen, das durch den Mann zu befreien ist. Im märchenhaft anmutenden Gemälde Andromède
formulierte er diese Vorstellung programmatisch: Perseus sprengt auf dem Schimmel heran, um die von einem Meeresungeheuer bedrohte Königstochter zu retten. In der Situation der in der Natur Gefangenen befindet sich die an den Felsen gefesselte Angelika in den Bildern Angélique et le dragon und Angélique sur le rocher.
Wie viele symbolistische Maler setzte sich Redon nicht nur mit dem Idealbild der Frau, sondern auch mit ihrem dämonisierten Gegenpol auseinander. In Apparition stellte er die neutestamentliche Salome dar, welche den Kopf Johannes des Täufers forderte.
Redon liebte das Motiv der geneigten Mädchenprofile, mit denen er auf die ideale Schönheit des von ihm bewunderten Leonardo da Vinci verwies. Unnahbar und in ihrer eigenen Welt versunken ist die Schöne in der Coquille de nacre, im Traum entrückt die Frau in der farbintensiven Blütenphantasie Le Rêve ou la Pensée.
Edouard Vuillards Modelle waren die Frauen seiner engsten Umgebung: die Mutter, die er «seine Muse» nannte, die Schwester und die Pianistin Misia Natanson. Mit ihrem Gatten Thadée führte Misia in Paris einen Salon und stand im Zentrum des Kreises um die Avantgarde-Zeitschrift «La Revue Blanche».
Der Künstler malte seine «Musen» in reich ausgestatteten, von stark ornamentierten Tapeten geprägten Innenräumen. Nicht die Individualität der Bewohnerinnen ist Vuillards Thema, sondern ihr Verschmelzen mit dem Umraum, ihr Aufgehobensein in ihrem Heim – und damit im irdischen Dasein. Walter Benjamin, der führende französische Gesellschaftstheoretiker des späten 19. Jahrhunderts, nannte das Wohnen ein Abbild des Aufenthalts des Menschen im Mutterschoss.
In der von Vuillard im Auftrag des Kunsthändlers Ambroise Vollard 1899 geschaffenen Lithographien-Mappe «Paysages et intérieurs» gab Misia Natansons Salon die Vorlage für einige Innenräume. In den Blättern La Partie de dames und Les Deux Belles-Surs ist die schöne Polin dargestellt. Die Intérieurs, welche als Höhepunkt von Vuillards grafischem Werk gelten, sind in Farbe und Stimmung einzigartig. In der Serie Intérieurs aux tentures roses I–III, in welcher die Frauen – wenn überhaupt vorhanden – wie zufällig anwesend und nur angeschnitten erscheinen, experimentierte der Künstler mit Farbwirkungen und mit dem Verhältnis von Ornament und Fläche.
Halb Göttinnen, halb Modelle sind die Frauen des Impressionisten Pierre Auguste Renoir (1841-1919). Ob in ihrem paradiesischen Garten wandelnd, ob als Badende, als Schlafende, als Lesende oder als Musizierende dargestellt, Renoirs Frauen sind stets liebreizende, sinnlich-üppige, in ihre stille Welt eingebettete Geschöpfe ohne Alter und Makel. Die Badende wirkt zeitentrückt und ist doch sinnlich präsent. Sie wendet sich dem Bildbetrachter zu und blickt dennoch in die Ferne.
Realität und Idealität verschmelzen in Renoirs Bildwelt zu einer eigenen Wirklichkeit. Sein Credo lautete: «Das nackte Weib wird aus der salzigen Welle oder aus seinem Bett steigen, es wird Venus oder Nini heissen. Man wird nichts Besseres finden.»
Renoir ging vom Ideal des Weibes als Göttin aus. Mehrfach hat er sich gestalterisch mit der Figur der Venus auseinandergesetzt. Mit der Bronzestatue Petite Vénus auf einem Sockel, der ein Relief des Paris-Urteils trägt, ist in der Ausstellung ein typisches Beispiel vertreten.
Für den Impressionisten war ein Modell in erster Linie Anlass zur künstlerischen Auseinandersetzung mit einem aussergewöhnlichen Sinneseindruck. Die Haut atmet und schimmert. Die runden Körperformen bieten Raum für das Spiel des Lichts und der Farben.
Pierre Bonnard (1867-1947) hat Renoirs Frauentypus aufgenommen und in den modernen Alltag übertragen. Wie sein Vorbild begegnete er der Entfremdung und Vereinzelung des Menschen in der als bedrohlich empfundenen Grossstadt Paris mit dem Entwerfen einer Gegenwelt.
Bonnards Beschäftigung mit der Frau in intimen Räumen setzt um 1905 ein. Femme enlevant sa chemise und La modiste gehören zu einer Gruppe von Bildern, welche der Maler im immer gleichen Raum, mit ein paar wenigen Requisiten und mit dem gleichen Modell komponierte. Dargestellt sind isolierte, mit einer alltäglichen Handlung beschäftigte Frauen. Ein zentrales, den Bildraum prägendes Requisit ist der Spiegel. Im Bild La modiste hinterfängt er die Figur wie ein schützender Rahmen. Bildbeherrschend und raumschaffend ist er im Gemälde Effet de glace ou le tub. Die mit ihrer Toilette beschäftigte Badende ist nur als Spiegelbild zu sehen. Ein raffiniertes Spiel mit Bildraum und gespiegeltem Bildgeschehen lässt die Grenze zwischen Wirklichkeit und Schein verschwimmen. Der Spiegel wird zum Symbol für die Flüchtigkeit des Daseins.
Es war in erster Linie Marthe, Bonnards wichtigstes Modell und zugleich seine Lebenspartnerin, die ihm mit ihrer Vorliebe, lange Zeit im Badezimmer zu verbringen, die Gelegenheit bot, sich beim Beobachten des Waschens, Pflegens und Anziehens zu inspirieren.
Das irdische Paradies und seine Vergänglichkeit sind auch das Thema von Bonnards Pastorale Les Faunes. Mit seiner heiteren Komposition, in der Nymphen und Faune die Unbeschwertheit ihres Seins geniessen, lässt der Maler das alte Wunschbild Arkadien aufleben. Als flötenspielender Faun am linken Bildrand stellt er sich selber in diese Welt hinein.
Paradiesisch gestimmt ist Henri Manguins (1874-1949) farbintensive, lichthaltige Darstellung der in einem Lehnstuhl Schlafenden im Gemälde La Sieste. Das in Südfrankreich entstandene Bild zählt zu den wichtigsten Werken des Malers, war es doch 1905 an der legendären ersten Manifestation der als «Les Fauves» bezeichneten Künstlergruppe um Henri Matisse im Salon d’Automne in Paris ausgestellt.
Die Villa wird ab Herbst 2018 umfassend renoviert und erweitert, weshalb bis zur Wiedereröffnung 2022 keine Ausstellungen gezeigt werden können. Die Werke der → Hahnloser/Jaeggli Stiftung sind vorübergehend im Kunstmuseum Bern zu sehen.
Der Trägerverein Flora organisiert Veranstaltungen, begleitet die Renovationsphase und wird die Aktivitäten der Villa Flora vor und nach der Wiedereröffnung ideell und finanziell tatkräftig unterstützen. Helfen Sie mit, werden Sie Mitglied.