Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03241.jsonl.gz/1187

Seit zwei Jahren ist US-Präsident Donald Trump im Amt – und noch immer reiben sich viele Demokraten und Linke die Augen und fragen sich: Wie war das möglich? Der bekannte US-Journalist Thomas Frank versucht diese Frage in seinem neuesten Buch zu beantworten.
«Americanic» heisst das Werk. Auf dem Titelblatt: ein sinkendes Schiff, das der Titanic gleicht. Ein Sinnbild für den Zustand der USA? Niemand ertrinke, das Titelblatt sei symbolisch zu verstehen, erklärt Frank.
«In linken Kreisen herrscht Untergangsstimmung»
Frank habe das Gefühl, die Welt, in der er aufgewachsen sei, komme zu einem Ende. Er meint die Welt, die war, bevor Präsident Donald Trump gewählt wurde. Früher war Frank ein Republikaner, heute ist er Demokrat. In linken Kreisen, sagt er, herrsche Untergangsstimmung. Fast wie auf der Titanic. Und Trump – ist er der Eisberg?
«Ja, der Präsident ist einer der Eisberge», sagt Frank – wobei man das Bild nicht überstrapazieren dürfe. Denn Trump sei nur das vorläufige Ende einer längeren Entwicklung.
Mitte der 1990er Jahre beschrieb Frank im Beststeller «Was ist mit Kansas los?», warum die Arbeiter- und Mittelschicht im US-Bundesstaat Kansas eine Politik unterstützt, die vor allem den Reichen zugutekommt. Ein populistischer Konservativismus und eine Bewegung gegen die Eliten ermöglichten damals Steuergeschenke für Wohlhabende – und das zu Lasten von Schulen und Spitälern.
Thomas Frank
Der Politikberater, Historiker und Journalist Thomas Frank schreibt regelmässig Kolumnen für das «Wall Street Journal», «Harpers Magazine» und «The Guardian». Er ist Mitbegründer von «The Baffler». Frank analysiert und kommentiert Trends der US-Wahlen, der Propaganda des Mainstream-Journalismus und der Ökonomie.
«Ich wollte die Linke mit dem Buch warnen. Schaut her: Die Arbeiterklasse stimmt nicht mehr für die Demokraten, weil sie sich von ihnen nicht mehr vertreten fühlt. Das war damals in Kansas so. Heute ist das Phänomen im ganzen Land zu sehen», erklärt Frank.
Wähler ohne politische Heimat
Mit anderen Worten: Trump wurde auch möglich, weil die Demokraten ihre traditionelle Wählerschaft aus den Augen verloren haben. Die Anliegen der Arbeiter wurden für die Partei weniger wichtig als die der Bildungsbürger, also der Lehrer, der Akademiker, der Beamten. Die traditionellen Wähler der Demokraten wurden politisch heimatlos.
Die Finanzkrise 2008 habe diese Entwicklung noch beschleunigt: «Die Finanzkrise brachte an den Tag, dass alle, die am Immobiliengeschäft verdienten, mit gezinkten Karten spielten. Dass Präsident Barack Obama dann nie durchgegriffen hat und dass er die Verantwortlichen für diese Krise nie zur Kasse bat, hat die Arbeiterschicht nicht verstanden. Das war Obamas grösster Fehler und erklärt, warum nach Obama jemand wie Trump möglich wurde.»
Seit der Wahl Trumps sind zwei Jahre vergangen. Die Demokraten haben in der grossen Parlamentskammer seit den Zwischenwahlen zwar die Mehrheit. Aber richtig in sich gegangen sei die Partei nie, kritisiert Frank.
«Die Demokraten haben bis jetzt wenig unternommen, um ihre Fehler zu erkennen. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon: Bill und Hillary Clinton sowie Obama werden noch immer als Helden betrachtet. Das macht einen Neubeginn schwierig. Die Partei steckt fest.»
Es gibt keinen Plan, wie die Wähler zurückgewonnen werden können. Zudem läuft in den USA die Wirtschaft rund. Es gibt zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Lohnerhöhungen – vor allem auch für einfache Arbeit. Und das könnte Trump seine zweite Amtszeit sichern.
«Bleibt die Arbeitslosigkeit tief und steigen die Löhne, wird Trump für die Arbeiterklasse zum Helden», sagt Frank. Dann würde unter den Demokraten wohl tatsächlich Panik ausbrechen – auf der «Americanic».