Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03398.jsonl.gz/1939

Zwischen Angst, Aggression und Sanftheitvon Stephan Ruch Die Mezzosopranistin Sarah Mehnert singt und spielt in der neuen Inszenierung der Oper «Otello» von Giuseppe Verdi am Konzert Theater Bern die Frau des Bösewichts. Regie führt Anja Nicklich.
Veranstaltungsdaten
«Ich glaube an einen grausamen Gott», verkündet der Fähnrich Jago in der Arie «Credo in un Dio crudel» im zweiten Akt der Oper «Otello» von Giuseppe Verdi. In seiner Seele brennen Wut, Hass, Neid und Missgunst. Er ist wütend auf Otello, den Befehlshaber der venezianischen Flotte in Zypern, weil dieser ihn nicht wie seinen Freund Cassio zum Hauptmann befördert hat. Und er missgönnt ihm den Ruhm beim Volk und das private Glück mit seiner Frau Desdemona. Um seinem Vorgesetzten Schaden zuzufügen, beginnt Jago ein verheerendes Netz aus Lügen und Intrigen zu spinnen.
Als literarische Vorlage für dieses «Dramma lirico» in vier Akten diente die gleichnamige Tragödie von William Shakespeare. Verdi war über 70 Jahre alt, als er das Libretto von Arrigo Boito in den Jahren 1884-1886 ausdrucksstark vertonte und seine kompositorische Meisterschaft im Bereich des Musiktheaters nach einer langen Pause zu einem weiteren Höhepunkt brachte.
Häusliche Gewalt
«Otello» ist nun die erste neue Opernproduktion in der Saison 20/21 von Konzert Theater Bern. Die Berliner Regisseurin Anja Nicklich sagt in einem Videointerview zu ihrer Inszenierung, dass das Besondere an dieser Oper die «Aktualität des Stoffes» sei: «Es geht einerseits um ein Kriegstrauma; Otello ist noch im Blutrausch, als er als Held aus einer Schlacht zurückkehrt.» Andererseits gehe es aber auch um häusliche Gewalt. Hierzu wirft sie die Fragen auf: «Was passiert hinter verschlossenen Türen? Wie werden Frauen misshandelt?»
Um das Thema der häuslichen Gewalt zu verdeutlichen, legt sie den Fokus ihrer Inszenierung auf Emilia, die Gattin des Bösewichts Jago. Die deutsche Mezzosopranistin Sarah Mehnert, die sich dieser Rolle annimmt, erzählt vom Probenprozess: «Die Arbeit an der Beziehung von Emilia und Jago ist sehr filigran, denn man soll zwischen ihnen nicht nur das Gefüge aus Aggression und Angst sehen, sondern auch Momente der Sanftheit.» Wenn es aber explizite Gewalt gebe, dann sei das «richtige Timing» zentral: «Wir müssen jede Bewegung sehr genau einstudieren, da wir gleichzeitig singen und die Szenen glaubwürdig und natürlich wirken sollen.»
Verzerrte Wahrnehmung
Sarah Mehnert führt weiter aus, dass die Handlung der Oper in Nicklichs Inszenierung als «Rückblende aus Emilias verzerrter und leicht verrückter Wahrnehmung» erzählt werde. Aus diesem Grund sei sie nahezu immer auf der Bühne präsent – mal als Beobachterin, mal als Kammerzofe von Desdemona oder als Ehefrau von Jago ins Geschehen integriert.
«Da die Rolle aber eigentlich eine Nebenrolle ist, hat sie in gesanglicher Hinsicht nicht viele Solomomente», erklärt Mehnert. Erst im vierten Akt, in dem Moment, in dem Emilia Otello gegenübertritt und Jagos Intrigen entlarvt, habe sie Verdi musikalisch exponiert. Diese Szene sei laut Mehnert nicht nur deshalb so spannend, weil sie der dramatische Höhepunkt der Oper sei, sondern auch, weil dieser Moment den Wendepunkt markiere, in dem sich Emilia nach langer Zeit des Leidens und der Unterdrückung zu emanzipieren wage.