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Eine der schwierigen Aufgaben von Regierungschefs und Ministern ist es, nach einem Krieg Frieden zu schliessen, die verschiedenen Parteien, Sieger wie Verlierer, an einen Tisch zu bringen und in die Zukunft zu blicken. Kriegsziele, die lange Zeit die Kommunikation nach innen wie nach aussen dominiert haben, sollen plötzlich durch Friedensziele ersetzt werden. Die Crux: Kriegsrhetorik und Kriegspropaganda lassen sich nicht von einem Moment auf den anderen aus den indoktrinierten Köpfen vertreiben.
Zu viele Forderungen, Wünsche und Erwartungen
Wie sich ein solches Unterfangen «als grosse Illusion» entpuppen kann, beschreibt der Historiker Eckart Conze in seinem gleichnamigen Werk in anschaulicher Art und Weise. Er analysiert Beweggründe der Delegationen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg 1919 in Versailles zur Friedenskonferenz versammelt und Friedensverträge ausgehandelt haben.
Der Autor rückt zwei Faktoren in den Mittelpunkt: Zum einen lastete auf den Akteuren die ungeheure Erfahrung eines mörderischen, viereinhalb Jahre wütenden Massenvernichtungskriegs mit Millionen von Toten, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte. Den Schalter von «Totaler Krieg» auf «Frieden» zu kippen, erwies sich als psychologisch sehr schwierig. Zum anderen kamen die unterschiedlichsten Erwartungen zusammen. So kollabierten in der Folge des Ersten Weltkriegs drei Reiche, drei Imperien: Russland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Sie hinterliessen ein Vakuum, aus dem neue Nationalstaaten entstanden. Die Landkarte Europas wurde neu gezeichnet, und die Kolonien in Übersee wollten in die Freiheit entlassen werden. Forderungen, Hoffnungen und Wünschen, die allesamt nie erfüllt werden konnten.
Drei gegenwärtige Folgen von 1919
Kein Wunder, war die Versailler Ordnung instabil und kurzlebig. Die Erschütterungen und die Vielzahl an Erwartungen erwiesen sich gemäss Eckart Conzes These letztlich als grosse Illusion, die in die späteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts mündete und bis heute nachhallt. Hierzu drei aktuelle Beispiele:
- Der unlösbarer denn je erscheinende arabisch-israelische Konflikt, dessen Ursprung eng mit den Entscheidungen während des Ersten Weltkriegs und den Versailler Verträgen zusammenhängt.
- Der politische Aufstieg Chinas zur globalen Supermacht, der unter anderem auf die tiefe Demütigung Chinas 1919 in Paris zurückgeht, als Pekings Ansprüche (unter anderem an Shandong) am Westen abprallten.
- Der Zerfall Jugoslawiens und die Balkankriege in den 1990er-Jahren sowie die Diskussionen um Grenzen, Sprachen und Zugehörigkeiten.
«Die grosse Illusion» eignet sich für alle, die an historischen Themen interessiert sind und die Welt von heute besser verstehen wollen. Eckart Conze gelingt es, die grossen Linien verständlich und nachvollziehbar zu beschreiben. Natürlich weiss er, dass sich die Geschichte nie wiederholt. Doch: «Die Parallelen freilich, sie sind unübersehbar.» In diesem Sinne ist die Auseinandersetzung mit den Versailler Friedensverträgen von 1919 hochpolitisch und hochaktuell.
Eckart Conze: «Die grosse Illusion – Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt». Siedler, München 2018.