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Schlusskapitel des Sonderbundskrieges, dem letzten Bürgerkrieg der Schweiz, wurden im November 1847 im Grand Hotel Schweizerhof in Luzern geschrieben. General Henri Dufour siegte mit seinen eidgenössischen Truppen gegen die katholisch-konservativen Föderalisten in den Schlachten und in seinem Hotel-zimmer. Dort handelte er Kapitulationen mit den Innerschweizer Verlierern aus. Er zeigte sich als humaner Feldherr. Statt verbrannte Erde zu hinterlassen, gelang es ihm, fruchtbaren Boden für die erst Bundesverfassung zu schaffen. Am 12. September 1848 – vor 175 Jahren – trat sie in Kraft. Der moderne Bundesstaat löste den Staatenbund ab.
Von welcher Art der Bürgerkrieg war, darüber streiten sich die Historiker. Zur Debatte stehen: Volkskrieg, Konfessionskrieg, Freischarenzug, Nationalkrieg, ein Krieg von Modernisten gegen Traditionalisten, ein Krieg von Zentralisten gegen Föderalisten usw. Auf jeden Fall war es ein «Einigungskrieg». Sein Ergebnis war der moderne Bundesstaat, der die kantonale Tagsatzung (Staatenbund) ablöste. Der glücklicher-weise nur wenige Wochen dauernde Bürgerkrieg forderte Opfer auf beiden Seiten: eidgenössische Truppen – 60 Tote / 386 Verletzte; Sonderbund – 33/124. Der Bürgerkrieg, der den epochalen politischen Systemwechsel herbeigeführt hatte, prägte das schweizerische Nationalbewusstsein kaum. Sieger und Verlierer von 1847 behielten die gemeinsamen Helden und Mythen (Rütli, Tell, Marignano, Niklaus von Flüe usw.) in ihrem Bewusstsein.
Menschlicher General Dufour
Die Instruktion der Tagsatzung verlangte von General Henri Dufour die Auflösung des Separatbündnisses. Den militärischen Auftrag, einen Angriffskrieg gegen den Sonderbund zu führen, führte er erfolgreich aus. Zugleich wusste der Autor eines Lehrbuchs für militärische Taktik, dass er einen Krieg führen wollte, der möglichst wenig Wunden zurückliess. Diesen Kriegsplan wollte der als Oberstquartiermeister höchste Offizier mit zwei Devisen erreichen: Möglichst unblutig zum Erfolg kommen und den Gegner nach dem Sieg möglichst human behandeln.
Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Das war beim Sonderbundskrieg 1847 nicht anders. Es ist jedoch dem General der Gewinner zu verdanken, dass er es vermied, die Verlierer in den Kapitulationen absolut zu demütigen. Dafür bekam der General von nachgeborenen Historikern Lob. Edgar Bonjour sieht in ihm «ein Stück bestes, höchstes Schweizertum verkörpert». Der Autor des Standardwerks zur Geschichte des Sonderbundskrieges, Erwin Bucher, erkennt Dufours «eigentliche Grösse in seiner reifen, abgeklärten Menschlichkeit».
Quartier im Schweizerhof
«Am 24. Wintermonat, Morgens gegen 10 Uhr, rückte die ganze Division in Luzern ein. Die weisse Fahne auf den Thürmen und den vorzüglichen Gebäuden auf-gepflanzt.» So beschrieb General Dufour die Kapitulation Luzerns und damit das faktische Ende des Sonderbundskrieges. Um 12.45 Uhr habe er mit seinen Begleitern im Hotel Schweizerhof Quartier genommen, meldete er dem Berner Schultheissen. Die offizielle Mitteilung an die Tagsatzung, Luzern sei besetzt, kam in Bern erst am 26. November gegen 11 Uhr an. Die Meldung war am 24. abends um 7 Uhr in Luzern der Post übergeben worden, blieb aber in Aarau sechs Stunden liegen.
Kapitulation im Hotelzimmer
Die Kantone Nidwalden, Obwalden und Uri hatten gehofft, gemeinschaftlich einen Frieden mit Dufour schliessen zu können. Davon wollte der General nichts wissen. Am 26. November, nach 21 Uhr, traf dann eine Delegation aus Nidwalden per Schiff in Luzern ein. Dufour empfing die «Gesandten nachts ½ 10 Uhr in einem Prachtzimmer des Schweizerhofes – mit wahrhaft französischer Höflichkeit – in Gegenwart des Chefs des Generalstabs Frey-Hérosé. Die Audienz dauerte bis gegen 12 Uhr.» Dufour sprach in den harten Verhandlungen Französisch. So berichtet der Sohn des Nidwaldner Landammanns Zelger in seinem Tagebuch.
Die Nidwaldner verlangten, trotz Kapitulation eine Garantie für ihre heilige Religion sowie ihre alten Rechte und Freiheiten. Dufour weigerte sich, diese Forderungen zu akzeptieren. Er sah darin eine Beleidigung und ein Misstrauen gegenüber ihm und der Eidgenossenschaft. Diese Interpretation sei ein Missverständnis, erwiderten die Nidwaldner. Man müsse mit einem Ergebnis nach Stans zurückkehren, denn es sei noch viel Gärung in ihrer Heimat. Sie brachten den Franzoseneinfall von 1798 ins Spiel, bei dem die Nidwaldner erbitterten Widerstand geleistet hatten. Davon liess sich Dufour, «die herzensgute Seele», über-zeugen. «Das Eis war gebrochen», wie es im Tagebuch des Landammann-Sohns heisst.
Kapitulation und Kompromiss im Hotelzimmer
Das Hotelzimmer von General Henri Dufour im «Schweizerhof», dem damals einzigen Luzerner Grand Hotel (1845 eröffnet), bildete die Bühne (oder eher das Hinterzimmer) für die letzte Kriegshandlung der Unterlegenen. Sie verhandelten mit dem General ihre Kapitulation. Die Nidwaldner während gut zwei Stunden und erreichten eine Präambel mit zwei Zugeständnissen. So konnten die Verlierer in der Nacht vom 26./27. November mit nicht ganz leeren Händen nach Stans zurückkehren. Der einleitende Kompromiss im Wortlaut:
«Zwischen Seiner Excellenz, dem Herrn General Dufour, Oberkommandanten der eidgenössischen Armee – in der Absicht, auf eine möglichst freundliche Weise die ihm über-tragene Aufgabe der hohen Tagsatzung, den Sonderbund aufzulösen, zu vollziehen – und den Herren Abgeordneten des hohen Standes Unterwalden nid dem Wald, nämlich den Hochgeachteten Herren Landammann und Pannerherr Achermann, Landammann Zelger, Landammann Wyrsch, Landesfähnrich Niederberger und Landschreiber Odermatt, in gleicher Absicht und im festem Vertrauen auf die von der hohen Tagsatzung in ihrer Proklamation vom 20. Wein-monat abhin feierlich gegebenen Versicherung der Garantie der heiligen Religion und der Rechte und Freiheiten aller Kantone, ist folgender Vertrag ausgehandelt worden …»
Obwalden als Trittbrettfahrer von Nidwalden
Inzwischen – es muss in der letzten Stunde vor Mitternacht gewesen sein – waren auch die beiden Obwaldner Gesandten ins Zimmer eingetreten im «Schweizerhof». Die Verhandlungen mit ihnen gingen rasch vonstatten. Ihre Kapitulation lehnte sich wörtlich an das Nidwaldner Verhandlungsergebnis an. Unterzeichnet wurde die Kapitulation der Nidwaldner gegen Mitternacht. Zur Präambel berichtet der General an Bern, den Vorort der Tagsatzung, noch am selben Abend: «… préambule qui est sans inconvénient et qui les a satisfaits. Il n’y avait pas moyen de conclure sans sela.»
Die Präambel wurde auch in die Verträge mit Schwyz und Zug übernommen. Uris Landammänner Zgraggen und Muheim erschienen am 27. November, mor-gens um 9 Uhr ebenfalls im Schweizerhof. Sie wurden von Generalstabschef Frey-Hérosé ausgelacht, als sie mit der Bravour der Urner drohten und mussten klein beigeben. General Dufour notierte zum Auftritt der Urner im Schweizerhof: «… apès une longue discus-sion ils signent une convention pareille …». Die Urner Regierung bedankte sich in einem Brief an Dufour vom 28. November für den Empfang ihrer Delegation im Schweizerhof. Man komme nicht «… umhin, Ihnen die unserer Abordnung zu Theil gewordene wohlwollende Aufnahme anmit höflichst und geziemend zu verdanken».
Abschied auf dem «Schweizerhof»-Balkon
Für den Sonntag 28. November befahl General Du four einen Militärgottesdienst für die in Luzern stationierten eidgenössischen Truppen. Er selbst nahm auf dem Mühleplatz, rund 200 Meter vom «Schweizerhof» entfernt, an der reformierten Feldpredigt teil. Ein Berichterstatter der ‹Allgemeinen Zeitung› in Augs-burg beschrieb Dufour beim Gottesdienst: «Seine Uniform von grüner Farbe, geschmückt mit dem Offizierskreuz der Ehrenlegion, ist die einfachste unter all den goldschimmernden Röcken der Stabs-offiziere welche ihn umgeben. Sein Haupt ist völlig kahl. Er sieht ziemlich gebrechlich und noch um einige Jahre älter aus als er wirklich ist.»
General Dufour verliess den «Schweizerhof» und Luzern am 2. Dezember und fuhr in einem zweispän-nigen Wagen nach Bern. Die Zeitung ‹Berner Volks-freund› berichtete am 5. Dezember 1847 von einem Ständchen, mit welchem die Luzerner Bevölkerung den General vor der Abreise ehrte. «Er hielt vom Balkon des Hotels Schweizerhof eine kurze französische Ansprache und dankte mit vielen Verbeugungen für die Ehrung.»
Weiterführende Literatur: Erwin Bucher, Die Geschichte des Sonderbundskrieges; Hilmar Gernet, Luzerns heiliger Krieg, eine historische Reportage zum Sonder- bundskrieg 1847
Münzen und Motionen
Die offizielle Schweiz feiert und gedenkt der ersten Bundesverfassung am 12. September 2023. Vor 175 Jahren, als Folge des Sonderbundskrieges, war es den Politikern gelungen, in nur 51 Tagen das Fundament einer modernen Schweiz in eine Verfassung zu schreiben. Für die Feierlichkeiten zum Verfassungsjubiläum 2023 steht ein Patronatskomitee mit den Repräsentanten der drei staatlichen Gewalten: Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider (Justiz departement), Nationalratspräsident Martin Candinas, Ständeratspräsidentin Brigitte Häberlin-Koller und Yves Donzallaz, Präsident des Bundesgerichts.
Bereits seit 2021 hat sich das Parlament zu den Vorbereitungen zum Verfassungsgeburtstag eingemischt – mit bescheidenem Erfolg. Im März 2021 hatte der grünliberale Nationalrat Beat Flach mit einer Motion verlangt, der Bundesrat solle Massnahmen treffen, um «175 Jahre Bundesverfassung gebührend zu feiern». Diesem Anliegen stimmten National- und Ständerat zu. Nicht jedoch seinen weiteren Forderungen an die Parlamentsdienste ein dezentrales
Fest konzept mit zahlreichen Vorgaben zu entwickeln und dabei ein besonderes Augenmerk auf jüngere Zielgruppen zu richten.
Zweimal Schiffbruch erlitt die Grüne Nationalrätin Natalie Imboden mit ihren beiden Motionen vom September 2022, die sie ebenfalls unter dem Stichwort «175 Jahre Bundesverfassung» einreichte. Sie verlangte einerseits eine Stiftung für ein Demokratielabor für die Zukunft und andererseits einen Zukunftsrat für eine nachhaltige Verfassung der Zukunft.
Die Idee «Bleibendes schaffen! Fonds zur historischen Aufarbeitung der Neutralitätsdebatte in der Schweiz an grossen Konfliktpunkten der Geschichte seit 1848 bis heute» fand im Parlament ebenfalls kein Gehör. Der Ständerat lehnte die Motion der Urner Ständerätin Heidi Zgraggen ab. Nicht zuletzt darum, weil der auf zehn Jahre beschränkte Fonds mit 10 Mio. Franken hätte geöffnet werden sollen.
Die Eidgenössische Münzstätte Swissmint prägte zum Jubiläum eine 20 Gramm schwere in Silber 999.9 legierte Sondermünze «175 Jahre Bundesverfassung». Die Auflage beträgt 10 000 Stück bei einem Nominalwert von 20 Franken. 5000 Stück gibt es von der Sondermünze in Gold 0.900, die 11,29 Gramm schwer ist und einen Nominalwert von 50 Franken hat.