Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03155.jsonl.gz/791

‘Anekdote’ meint wörtlich das ‘Nicht-Herausgegebene’, das bewusst Zurückgehaltene. Sie ist also nicht eine öffentliche, sondern eher eine private und intime Mitteilung, nicht eine allgemeine Aussage, sondern ein geheimes Bekenntnis, nicht eine Norm-, sondern eine Gegendarstellung. In diesem Sinne gehört die Anekdote eher zur Biografik als zu einer Geschichtsdarstellung.
Mit Biografischem befasst sich die Künstleranekdote im 18. Jahrhundert – Thema und Inhalt des neuen Werks von Werner Busch (u.a. «Das sentimentalische Bild»). Die Anekdote beschreibt «den geglückten unmittelbaren Naturzugriff des Künstlers» (8), ganz in der Tradition von Plinius. Zugleich jedoch steht sie im Wandel einer Geschichtsauffassung, die sich im 18. Jahrhundert ablöst vom ‘Exemplum’, hin zu einer Geschichtsschreibung, die von einem Studium der Quellen ausgeht. Darstellung und Beschreibung von geschichtlichen Ereignissen sind in der Folge konstruierbar, der Wahrheitsgehalt der historischen Erkenntnis ist relativiert. (8)
Die Anekdote ist also ein kleines Stück Dichtung und Wahrheit, das sich historischer Daten bedient, nur um etwas Richtiges und Wahres über die Person in ihrer Zeit auszusagen. (23)