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Im November 2015 entschied der Internationale Währungsfonds (IWF), dass die als Renminbi (RMB) oder auch als Yuan bezeichnete chinesische Währung mit einem Gewicht von 10,9 Prozent neben dem Dollar, dem Euro, dem japanischen Yen und dem britischen Pfund per 1. Oktober 2016 in den Währungskorb der Sonderziehungsrechte aufgenommen werden soll. Sonderziehungsrechte dienen unter anderem als offizielle Rechnungseinheit des IWF. Die Aufnahme ist gemäss bestimmten Kriterien des IWF nur den wichtigsten Währungen vorbehalten. Der Beschluss markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Währung, welche vor dem Ausbruch der globalen Finanzkrise ausserhalb der chinesischen Landesgrenzen noch kaum Beachtung fand. Bereits damals stand dies in starkem Kontrast zu Chinas Status als globale Handelsmacht.
Durch den Aufstieg Chinas zur internationalen Handelsmacht schien es naheliegend, dass der RMB früher oder später an internationaler Bedeutung gewinnen würde, sobald China ein aktives Interesse daran entwickelt. Es gibt gute Gründe, warum es für China attraktiv ist, seine internationalen Finanzströme vermehrt in der eigenen Währung abzuwickeln. Dazu gehören etwa tiefere Wechselkursrisiken und Transaktionskosten im Aussenhandel sowie eine höhere Wettbewerbsfähigkeit von chinesischen Finanzdienstleistungsunternehmen aufgrund des privilegierten Zugangs zu RMB-basierter Liquidität und Infrastruktur. Ein weiterer Grund ist auch die reduzierte Notwendigkeit, Devisenreserven zur Absicherung vor Währungskrisen zu halten.
Den Verfechtern der chinesischen Finanzreformen dienten womöglich auch Prestigeüberlegungen, um die Internationalisierung des RMB auf die Agenda der höchsten Entscheidungsebenen der chinesischen Regierung zu bringen.
Der lange Schatten der Asienkrise
Erste Schritte einer Liberalisierung der chinesischen Währungspolitik leitete man bereits Mitte der Neunzigerjahre ein. Als Reaktion auf die asiatische Währungskrise kamen diese durch eine feste Anbindung des RMB an den Dollar sowie eine Verschärfung der Kapitalverkehrskontrollen jedoch schon bald wieder zum Stillstand. China überstand die Asienkrise schliesslich vergleichsweise gut, was in den Folgejahren oft als Legitimation für die Weiterführung einer isolationistischen Währungs- und Finanzpolitik herangezogen wurde. Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 war die chinesische Wirtschaft auf hohes quantitatives Wachstum getrimmt. Damals unterstützte man die Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors indessen mit einer kompetitiven Wechselkurspolitik. Die daraus resultierenden Handelsbilanzüberschüsse führten zu einem Aufwertungsdruck auf den RMB. Um diesem entgegenzuwirken, intervenierte die chinesische Zentralbank mit grossen Dollarkäufen am Devisenmarkt. Dies führte zu einem dramatischen Anstieg der chinesischen Devisenreserven auf über 2 Billionen Dollar.
Im Lichte der anhaltenden Dollarschwäche und des latenten Ausfallrisikos der amerikanischen Anlagen stellten die massiven Dollarreserven der chinesischen Zentralbank jedoch ein zunehmendes Klumpenrisiko für China dar.[1] Vor diesem Hintergrund äusserte sich der Gouverneur der chinesischen Zentralbank im März 2009 in einem viel beachteten Aufsatz zur Notwendigkeit einer internationalen Reservewährung auf der Basis der IWF-Sonderziehungsrechte, um das globale Finanzsystem zu stabilisieren. Damit stellte er die Rolle des Dollars als globale Leitwährung infrage.[2] Während der Finanzkrise stieg die Akzeptanz des RMB angesichts der angespannten Situation auf den Finanzmärkten weiter. Dies führte zur Unterzeichnung verschiedener Swap-Abkommen zwischen der People’s Bank of China (PBOC) und anderen asiatischen Zentralbanken. Der Zeitpunkt schien der chinesischen Regierung somit günstig, die Internationalisierung des RMB einzuleiten und diese über verschiedene Stossrichtungen voranzutreiben.
Aufstieg zur Handelswährung
Wichtig ist dabei, dass es sich bei der Verwendung des RMB als internationale Handels- und Reservewährung und der Liberalisierung der Kapitalbilanz zwar um verwandte, aber grundsätzlich unterschiedliche Aspekte der Internationalisierung des RMB handelt. Hinsichtlich der Kapitalbilanz entwickelte die chinesische Regierung den Ansatz, grenzüberschreitende Kapitalflüsse im Rahmen verschiedener Lizenzierungs- und Quotenregimes zu regulieren. Darunter fallen beispielsweise das Qualified-Foreign-Institutional-Investor-(QFII)-Programm oder dessen in RMB denominierte Weiterentwicklung, das Renminbi-Qualified-Foreign-Institutional-Investor-(RQFII)-Programm. Mit diesen Programmen erhalten ausländische Investoren Zugang zu den chinesischen Finanzmärkten. Umgekehrt ermöglicht das Qualified-Domestic-Institutional-Investor-(QDII)-Programm lizenzierten chinesischen institutionellen Investoren, Anlagen im Ausland zu tätigen. Daneben existieren weitere Regimes und Investitionskanäle, wie beispielsweise Verbindungen zwischen chinesischen und ausländischen Börsen, die grenzüberschreitende Kapitalflüsse ermöglichen.
Die gezielten und selektiven Massnahmen, um die Konvertibilität des RMB zu fördern, führen dazu, dass der Grad der Internationalisierung je nach Verwendungsart der Währung unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Vor allem in seiner Rolle als Handelswährung entwickelte sich der RMB im Verlauf der letzten Jahre, gerade in einem regionalen Kontext, sehr dynamisch. Dies ist insbesondere auf die stufenweise Zulassung des RMB im grenzüberschreitenden Handel ab dem Jahr 2009 zurückzuführen. Während der RMB im Januar 2012 lediglich 0,25 Prozent der weltweit über die Kommunikationsplattform für internationale Zahlungen Swift abgewickelten internationalen Zahlungen repräsentierte, betrug dieser Anteil vier Jahre später bereits 2,45 Prozent. Das entspricht einem Vorrücken vom zwanzigsten auf den fünften Rang. Zum Vergleich: Der Anteil des Schweizer Frankens beträgt 1,63 Prozent.[3]
Hoher Entwicklungsbedarf trotz Liberalisierung
Trotz dieser dynamischen Entwicklung der letzten Jahre scheint es zum jetzigen Zeitpunkt vermessen, von einem Durchbruch des RMB als aufstrebender Leitwährung zu sprechen. Trotz rascher Fortschritte stellen Marktteilnehmer noch immer einen hohen Entwicklungsbedarf der chinesischen Finanzmärkte fest, etwa was die Verfügbarkeit von liquiden Finanzinstrumenten für Absicherungsgeschäfte anbelangt. Zudem haben direkte oder indirekte staatliche Eingriffe auf den chinesischen Märkten trotz der erfolgten Lockerung der Zins- und Wechselkurspolitik noch immer einen namhaften Einfluss. Die Korrekturen an den chinesischen Börsen, welche Mitte 2015 einsetzten, sind mitunter Symptome der fortbestehenden Fragilität des chinesischen Finanzsystems.
Die Tatsache, dass solche Korrekturen stattfinden können, ist jedoch gleichermassen Anzeichen dafür, dass Marktkräfte in China zunehmend eine grössere Rolle spielen. Schliesslich bestehen wenig Zweifel daran, dass China am eingeschlagenen Kurs einer graduellen Liberalisierung seiner Kapitalbilanz und der Internationalisierung seiner Währung festhalten wird. Dabei kann es auch zu zeitweiligen Verlangsamungen kommen. Unterschiedliche Auffassungen bestehen jedoch hinsichtlich der optimalen Abfolge der einzelnen Liberalisierungsschritte. Dabei scheint die chinesische Regierung derzeit die Stossrichtung zu verfolgen, die Liberalisierung der Kapitalverkehrsbilanz einer Flexibilisierung des Wechselkursregimes vorzulagern. So will man explizite Kapitalverkehrskontrollen zunehmend durch weichere administrative Überwachungsmechanismen ersetzen.
Chancen für ausländische Finanzdienstleister
Im Zuge der genannten Entwicklungen bot Hongkong von Anfang an ein optimales Testgelände für erste Bemühungen zur Internationalisierung des RMB. Dies führte zur Entstehung eines liquiden Offshore-Markts in Hongkong im Umfang von ungefähr einer Billion RMB. Als Konsequenz der chinesischen Kapitalverkehrskontrollen existieren dabei zwei unterschiedliche Wechselkurse für den Onshore-Markt (CNY) und den Offshore-Markt (CNH), wobei Letzterer grundsätzlich frei handelbar ist.
Zudem begann China ungefähr ab 2012, die Internationalisierung des RMB auch auf anderen Offshore-Märkten aktiv zu fördern. Dabei fokussierte es zunächst auf seine wichtigsten Handelspartner sowie auf bedeutende Finanzzentren. Im Lichte dieser Entwicklung eröffnete die Internationalisierung des RMB auch für Finanzdienstleister ausserhalb Chinas und Hongkongs neue Geschäftsopportunitäten.
Auch in der Schweiz besteht angesichts der volkswirtschaftlichen Bedeutung des Finanzsektors ein grosses Interesse, an den entsprechenden Entwicklungen teilzunehmen – zumal auch die Realwirtschaft von einem breiteren Angebot von RMB-basierten Finanzdienstleistungen in der Schweiz profitieren kann. Vor diesem Hintergrund stiess die Positionierung des Schweizer Finanzplatzes als sogenannter RMB-Hub auf breites Interesse. Dabei lässt sich ein RMB-Hub nicht auf einzelne institutionelle Voraussetzungen, wie beispielsweise die Präsenz einer Clearing-Bank, reduzieren. Vielmehr definiert sich ein RMB-Hub über die Gesamtheit von institutionellen Voraussetzung und Geschäftsaktivitäten, welche die Abwicklung von RMB-basierten Finanzdienstleistungen ermöglichen und zur Entstehung eines liquiden RMB Offshore-Markts beitragen. Wichtig dabei ist, dass es sich beim Aufbau und der Weiterentwicklung des Hubs um einen kontinuierlichen Prozess handelt.
Finanzdialog zwischen der Schweiz und China
Die Schweiz pflegt intensive wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen mit China und hat früh damit begonnen, Reformbestrebungen unterschiedlicher Art zu unterstützen. Ein wichtiger Meilenstein stellt das im Juli 2014 in Kraft getretene Freihandelsabkommen dar. Mit der Zunahme realwirtschaftlicher und anderweitiger bilateraler Verstrebungen wächst auch die Notwendigkeit einer ausreichenden Infrastruktur zur Abwicklung der entsprechenden Finanzströme. Überdies messen Schweizer Finanzdienstleister der Internationalisierung des RMB und den damit verbundenen Geschäftsopportunitäten hohe strategische Bedeutung für den Schweizer Finanzplatz zu.
Im Mai 2013 legten die chinesische Zentralbank (PBOC) und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) in einer gemeinsamen Erklärung den Grundstein für einen jährlichen Finanzdialog. Federführend bei diesem offiziellen Dialog sind das SIF und die chinesische Zentralbank. Ebenfalls beteiligt sind die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) und das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sowie verschiedene chinesische Finanzmarktaufsichts- und Regulierungsbehörden.
Der Finanzdialog mit China hat sich seither als nützliche Plattform für den Aufbau und die Pflege privilegierter Kontakte mit den relevanten chinesischen Behördenstellen erwiesen. Er ermöglichte es, die bilaterale Zusammenarbeit im Finanzbereich innert kurzer Zeit zu vertiefen. Ausdruck dieser intensivierten Beziehungen ist auch die Einladung an die Schweiz zur Teilnahme an den Arbeiten der G-20 im Finanzbereich. Dort erfolgen wichtige Weichenstellungen für die Entwicklung des internationalen Finanzsystems und die Regulierung der Finanzmärkte.
Inhaltlich umfasst der Finanzdialog mit China ein breites Themenspektrum. Einerseits erfolgt ein Meinungs- und Erfahrungsaustausch zu nationalen und internationalen finanzpolitischen und regulatorischen Entwicklungen sowie zur Positionierung in internationalen Finanzforen. Ein zentrales Thema stellte bei den bisherigen Treffen auch die Teilnahme der Schweiz an der Internationalisierung des RMB und der damit verbundenen Bereitstellung der institutionellen Rahmenbedingungen in der Schweiz dar. Das Engagement seitens der Schweizer Behörden basierte auf einer starken Interessenbekundung des Privatsektors und der Politik.
Auf chinesischer Seite bekräftigte der chinesische Premierminister Li Keqiang anlässlich eines Spitzentreffens am Rande des WEF im Januar 2015 das Interesse an einer intensivierten bilateralen Zusammenarbeit im Finanzbereich und gab somit ein wichtiges politisches Signal für den Schweizer Finanzplatz als RMB Offshore-Markt.[4]
Vorteile für die Schweiz
Im Rahmen dieser Behördenkontakte konnte während der vergangenen drei Jahre auf eine verstärkte Teilnahme der Schweiz an der Internationalisierung des RMB hingewirkt und die notwendige Infrastruktur für die Abwicklung RMB-basierter Finanzdienstleistungen aus der Schweiz errichtet werden. Darunter fällt beispielsweise ein Währungsswap-Abkommen zwischen der Schweizerischen Nationalbank und der PBOC. Mit diesem kann China der Schweiz bei Bedarf Liquidität im Umfang von bis zu 150 Milliarden RMB bereitstellen. Weiter dehnte China im Januar 2015 das RQFII-Programm mit einer Quote von 50 Milliarden RMB auf die Schweiz aus. Diese Quote eröffnet institutionellen Anlegern aus der Schweiz einen direkten Investitionskanal zu den chinesischen Finanzmärkten. Ebenfalls hat die PBOC im November 2015 den direkten Handel zwischen dem RMB und dem Franken im China Foreign Exchange Trade System (CFETS), der offiziellen chinesischen Devisenhandelsplattform, bewilligt.
Ein direkter Wechselkurs zwischen dem RMB und dem Schweizer Franken kann zu einer Verringerung der Transaktionskosten beitragen, da bei einem Devisenaustausch zwischen RMB und Schweizer Franken in China nicht mehr wie bisher ein Umweg über den Dollar erfolgen muss. Positive Impulse für das Wachstum der Geschäftsvolumen von RMB-basierten Finanzdienstleistungen in der Schweiz sind im Übrigen insbesondere von der PBOC-designierten RMB-Clearing-Bank, der China Construction Bank, zu erwarten. Diese verfügt seit Herbst 2015 über eine Lizenz für eine Zweigniederlassung in der Schweiz. Abgesehen vom Vorteil eines lokalen RMB-Clearings in der Schweiz ist die Präsenz von chinesischen Banken in der Schweiz auch unter dem Gesichtspunkt wichtig, dass diese über das notwendige Know-how und Netzwerk für Geschäfte mit China-Bezug verfügen.
Letztlich sind die Gesamtheit der bilateralen Handels- und Finanzverflechtungen sowie das Zusammenspiel der verschiedenen Geschäftsaktivitäten und institutionellen Mechanismen ausschlaggebend dafür, dass profitable Geschäftsvolumen generiert werden können und sich ein liquider Offshore-Markt entwickelt. Mit den genannten Massnahmen hat die Schweiz die Rahmenbedingungen geschaffen, damit sich der Schweizer Finanzplatz auf Augenhöhe mit anderen europäischen Finanzplätzen als Plattform für RMB-basierte Finanzdienstleistungen und als Brücke zu den chinesischen Finanzmärkten etablieren kann. Es liegt nun an der Finanzbranche selbst, diese Chance zu nutzen.
- Siehe Xinhuanet.com vom 13. März 2009: „Premier worries about safety of Chinese assets in U.S”.
- Zhou Xiaochuan: “Reform the international monetary system”. Siehe www.bis.org.
- Siehe SWIFT RMB Tracker auf www.swift.com
- Siehe Xinhuanet.com vom 20. Januar 2015: “Premier Li arrives in Switzerland for Davos forum, working visit”.