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Kapitel 2
Wo wanderte er hin?
Von entscheidender Bedeutung für das Image von L. Ron Hubbard als Prophet sind die Geschichten seiner Reisen als Jugendlicher. Im Alter von 14 Jahren, so scheint es, durchstreifte der neugierige Bursche ganz allein den Orient, erforschte primitive Kulturen und lernte zu Füßen von Lamas und anderen weisen Männern die Geheimnisse des Lebens. “Er reiste in seinen Jugendjahren mehrmals die chinesische Küste von Ching Wong Tow bis Hongkong entlang und im Binnenland bis Peking und in die Mandschurei.”[1] In China traf er einen alten Magier, dessen Vorfahren am Hof des Kublai Khan gedient hatten sowie einen Hindu, der Katzen hypnotisieren konnte. Auf der Hochebene von Tibet lebte er unter Banditen, die ihn aufgrund seines “aufrichtigen Interesses an ihnen und ihrer Lebensweise” akzeptierten.[2] In entlegenen Gegenden der westlichen Mandschurei freundete er sich mit den herrschenden Kriegsherren an, indem er ihnen seine Kentnisse über Pferde und das Reiten demonstrierte. Auf einer namenlosen Insel im Südpazifik beruhigte der furchtlose Junge die Einheimischen, indem er eine angeblich verhexte Höhle erforschte und ihnen dann zeigte, daß das Grollen von drinnen nichts als ein unterirdischer Flußlauf war. “Tief im Dschungel” von Polynesien entdeckte er einen alten Friedhof, “aufgestellt in der Tradition helderhafter Krieger und Könige ... Obwohl seine eingeborenen Freunde um ihn fürchteten, erforschte er den geheiligten Platz – getrieben vom Drang immer mehr zu wissen.”[3]
Dieser junge Mann schien grenzenlose Fähigkeiten zu haben: “Ich erinnere mich, daß ich einmal Igoroti, eine primitive Sprache des Ostens, in nur einer einzigen Nacht gelernt habe. Ich saß da beim Schein einer Kerosonlaterne und nahm mir eine Liste von Wörtern vor, die von einem alten Missionar in den Hügel von Luzon auf den Philippinen erstellt worden war. Igoroti ist eine sehr einfache Sprache. Der Missionar hatte diese Sprache in Lautschrift aufgeschrieben und eine List der wichtigsten Wörter sowie ihren Gebrauch und die Grammatik aufgezeichnet. Ich erinnere mich daran, wie ich unter diesem Moskitonetz saß, die Moskitos mit gewetztem Stachel auf der Aussenseite des Netzes, und diese Sprache lernte – 300 Wörter – nur die Wörter und ihre Bedeutungen memorierend. Am nächsten Tag fing ich an, sie in die entsprechenden Reihenfolgen zu bringen und gegenüber den Leuten anzuwenden; ich sprach Igoroti innerhalb einer sehr kurzen Zeit.[4]
Während dieser ganzen Zeit wurde Ron angeblich von seinem wohlhabenden und verständnisvollen Großvater unterstützt und es war im Laufe seiner Reisen in den Osten, daß er sich für das “spirituelle Schicksal” des Menschen und der Menschheit zu interessieren begann. “L. Ron Hubbard verstand, daß es mehr im Leben gab, als selbst die Wissenschaft sich hätte träumen lassen, daß die Menschheit nicht alles wußte, was es über das Leben zu wissen gab, und daß weder der Osten noch der Westen, das Spirituelle und das Materielle, umfassende Antworten hatten. Für L. Ron Hubbard eröffnete sich da ein Bereich, der darum bettelte, erforscht zu werden.”[5]
Das wäre mit Sicherheit ein beeindruckender Start für die Karriere eines jeden jungen Mannes gewesen – wenn es nur wahr gewesen wäre.
* * * * *
Ende März 1924 verließen die Hubbards Washington DC und zogen wieder einmal von einer Seite des Kontinents zur anderen. Hubbard beendete seine Ausbildung im Büro für Versorgung und Abrechnung, wurde zum Lieutenant mit voller Dienstverpflichtung befördert und als verantwortlicher Offizier für Auszahlungen an die Puget Sund Marine Schiffswerft in Bremerton, Washington State zurückgeschickt.
Bremerton war eine nette kleine Stadt, die neben der großen Marine-Schiffswerft aus dem Boden geschossen war und sich den Puget Sund entlangräkelte; hier war die nördliche Basis der Pazifikflotte. Seemöven schaukelten und krächzten über der Hauptstraße und der Fischerflotte im Hafen. Ein Aroma von Salz, Teer und Öl lag wie zum Greifen über dem Sund. Geschäftige weißgestrichene Fähren boten eine Verbindung nach Seattle am gegenüber liegenden Ufer. Die Hubbards fanden ein Haus zwei Blocks von der Werft entfernt und ihr Sohn trat in die achte Klasse der Union High School an der Ecke von Fifth und High Avenue ein.
Ron mochte Bremerton auf Anhieb - wie wohl jeder 13jährige Junge mit Lust auf Aktivitäten draussen in der Natur. Im Sommer war er nach der Schule ständig mit einer Gruppe junger Burschen unterwegs, um zu schwimmen, zu fischen und im Sund Kanu zu fahren. An den Wochenenden bettelte er um eine Mitfahrgelegenheit zum Camp Parsons, dem Pfadfinderlager am Nordwestufer des Hood Kanals. Parsons war ein ständig eingerichtetes Lager im Herzen des Olympic Nationalparks und wurde von tausenden von Jungen als Paradies betrachtet. Da gab es Austern, Muscheln, Shrimps und Krabben aus dem Kanal zu fischen, die dann auf dem Lagerfeuer zubereitet wurden. Adler zogen in den Aufwinden ihre Kreise und der dichte Wald, der das Camp umgab, war bevölkert von Hirschen, Bibern, Luchsen und Schwarzbären. Gleich unzähligen anderen Scouts mochte Ron die “Drei Flüsse Wanderung” am liebsten, die mit einem langen Kletterpfad einen sonnengebackenen südlichen Abhang hinauf begann und am Spätnachmittag im Camp Mystery auf der Passhöhe endete. Dort gab es Wiesen voller Wildblumen und atemberaubende Ausblicke auf die Wildnis der Olympic Mountains. Es war ein Jugendidyll, das aber nur zwei Jahre dauern sollte. Im Sommer 1926 entschieden sich seine Eltern, über den Sund nach Seattle zu ziehen.
Für Harry stellte es keine Umstände dar, mit der Fähre zur Werft zu fahren. Doch hatten die Eltern das Gefühl, daß Ron eine größere und bessere Schule als Union High besuchen sollte. Also begann Ron sein zweites High-School-Jahr an der Queen Anne High School, einem aus strahlenden weißen Ziegeln gebauten majestätischen Seminargebäude, das Seattle überblickte.
Er war gerade am Beginn seines zweites Semesters, als sein Vater seinen ersten Auslandsposten bekam. Lieutenant Hubbard sollte als Offizier vom Dienst das Versorgungslager auf der US Marine Station in Guam übernehmen, einer bergigen, tropischen Insel im Pazifik 3000 Meilen westlich von Hawaii. Guam, die größte und südlichste der Marianeninseln, war im spanisch-amerikanischen Krieg 1898 als Wiedergutmachung an die USA abgetreten worden, und war, was die Hubbards betraf, so weit entfernt, daß sie genauso gut auf einem anderen Planeten hätte sein können.
May und Hub sprachen nächtelang darüber, wie sie mit diesem neuen Umbruch in ihrem Leben umgehen sollten. Guam bedeutete eine Stationierung von zumindest zwei Jahren und May wollte natürlich ihren Ehenmann begleiten, insbesondere weil es keine Chance für ihn gab, zwischendurch seinen Posten zu verlassen. Was sie am meisten beunruhigte war, was mit Ron geschehen sollte, der natürlich sofort angenommen hatte, daß er mitkommen würde. Damals gerade 16 Jahre alt, war er begeistert von der Aussicht, seinen öden Alltag auf der Queen Anne gegen das Leben auf einer tropischen Insel auszutauschen.
Doch die Offiziere, die von Guam zurückkamen, waren voller düsterer Geschichten über die Insel und ihre Einwohner. Viele von ihnen brachten ihre Bedenken über Guams “Jungfrauen im Dämmerlicht” und deren ungezügelten Enthusiasmus zum Ausdruck, mit dem sie jungen Amerikanern als möglichen Ehemännern nachstellten. Es gab auch viele Gerüchte über die fürchterlichen Arten der örtlichen Geschlechtskrankheiten. Wieder und wieder mußte sich Hub von Veteranen aus Guam sagen lassen, daß sie ihren Söhnen niemals gestatten würden, einen Fuß auf die Insel zu setzen.
Am Ende trafen sie die schmerzliche Entscheidung Ron zurückzulassen. May arrangierte es, daß er in den “alten Ziegel” zu ihren Eltern zurückkehren und die High School in St. Helena beenden konnte. Ron machte aus seiner Unzufriedenheit kein Geheimnis, als seine Eltern mit diesen Neuigkeiten herausrückten, doch war er zumindest leicht versöhnt durch das Versprechen seines Vaters, der versuchen wollte, für Ron und seine Mutter eine kurze Urlaubsreise nach Guam einzurichten, bevor er nach St. Helena zurückkehren sollte.
Lieutenant Hubbard segelte am 5. April 1927 nach Guam; seine Frau und sein Sohn folgten einige Wochen später auf dem Passagierdampfer President Madison, der von San Francisco nach Honolulu, Yokohama, Shanghai, Hongkong und Manila fuhr. Ron nahm seine Ukulele und sein Saxophon auf diese Reise mit, zwei Instrumente, die er sich zu lernen bemüht hatte, sowie einen Kopf voller Flausen, die ihm von den Freunden seines Vaters ins Ohr gesetzt worden waren, dergestalt daß einer wie Ron mit seinen roten Haaren wohl sofort bei seiner Ankunft auf Guam zum König ausgerufen werden würde. Zu seinem großen Ärger war seine Rückfahrt schon für den 5. Juli gebucht, sodaß er noch rechtzeitig zu Schulbeginn an der Helena High School sein würde. May nahm genügend Bücher mit, um mit ihrem Sohn während der Reise Geschichte und Englisch zu büffeln, um seine Versäumnisse durch das nicht beendete Semester an der Queen Anne High School aufzuholen.
In Anbetracht seiner erst 16 Jahre war sein Reisebericht gut beobachtet, auch wenn die Prosa gelegentlich unbeholfen und übermäßig selbstbewußt wirkte (“Westwärts tuckerten die 12000 Pferde des Schiffs”). Gespickt mit Informationen reflektiert er die offene Neugierde eines extrovertierten jungen Mannes, der zum ersten Mal ins Ausland reist.
Beim Anblick der verschwindenden Golden Gate Brücke gibt er zu, einen Klos im Hals zu haben, doch wird er bald eingenommen von den endlosen Zeitvertreiben, aus denen das Leben an Bord zusammengesetzt war – Shuffle Board und Deck-Golf spielen, am einen Abend eine Tanzveranstaltung, am nächsten ein Film und intensivste Diskussionen darüber, wer nun seekrank war und wer nicht. Einige aus der Mannschaft an Bord versuchten, Rons Magen zum Revoltieren zu bringen, indem sie ihm Mahlzeiten von gesalzenem Schweinefleisch und schlüpfrigen Austern beschrieben, doch war er froh, notieren zu können, daß weder er noch seine Mutter unter Seekrankheit litten.
Der erste Halt nach sechs Tagen war Honolulu, wo die President Madison von einer Flotte kleiner Schiffe begrüßt wurde, die von geschmeidigen, braunhäutigen Burschen gerudert wurden, welche nach Vierteldollarmünzen tauchten, die vom Deck des Dampfschiffs geworfen wurden. Sie tauchten nach Pennies, wie Ron lakonisch notierte, “so hat der Hawaiianer seinen Handel entwickelt”. Freunde zeigten den Hubbards die Insel, während das Schiff angedockt war, und Ron schaffte es, am Waikiki Beach sowohl zu schwimmen als auch zu surfen. Die Wellen war viel länger als die in Kalifornien, schrieb er, und erreichten manchmal Geschwindigkeiten von 60 Meilen die Stunde.
Nachdem sie von Hawaii abgelegt hatten, freundete sich Ron mit dem zweiten Offizier an, der ihm das ganze Schiff inklusive der Offiziersmesse zeigte, “makellos in blitzender Ausstattung und mit chinesischen Köchen, die grinsten und ihre blanken Zähne zeigten.”
50 Meilen vor der Küste von Japan erhaschten sie einen ersten Blick auf die “himmlische Schönheit” des Fujiyama, der über die Wolken hinausragte und in einen “rosa Mantel aus Schnee” eingehüllt war, der – wie Ron es interpretierte – eine königliche Bekleidung darstellte. Sie blieben drei Tage in Japan, zuerst in Yokohama und dann in Kobe. Ron machte peinlich genaue Aufzeichnungen über alles, was er sah inklusive detailierter Beschreibungen der Bekleidung der Leute. Ein Großteil der Zerstörungen, die das Erdbeben vier Jahre zuvor angerichtet hatte, war immer noch zu sehen, unter anderem auch die Ruine eines “schrecklich zugerichteten” Forts, das den Hafeneingang gesichert hatte und in dem 1700 Menschen umgekommen waren, als die Wände zusammenbrachen. Ron war im allgemeinen von Japan nicht beeindruckt, und als junger Amerikaner ohne Auslandserfahrung eindeutig unvorbereitet auf den Anblick und die Gerüche des Ostens – die Krankheiten und den Dreck, die stinkenden Slums und die Bettler, die auf den Straßen schliefen. “Es schaut nicht wie das glückliche Land aus, als das es in den Geschichten dargestellt wird”, schloß er. “Ich glaube, daß es diese Schönheit in Japan nur zur Zeit Kirschblüte und in romantischen Romanen gibt.”
Er war weit eher von Shanghai angetan, der nächsten Anlaufstelle der President Madison, unter anderem auch deswegen, weil die erste Flagge, die sie begrüßte, als sie in den Yangtze einliefen, die Stars & Stripes (Anmerkung d. Übers.: amerikanische Nationalflagge) waren, die vom Heck eines US Zerstörers wehten. Der geschäftige Verkehr auf dem Fluß - “Millionen von Fischerbooten und Dschunken” - erstaunte ihn genauso wie die Tatsache, daß die “zerlumpten und klapprigen” Kulis, die das Schiff entluden, nur 15 Cents am Tag verdienten und “15 Cents für diese Schufterei!” Ihr Leben, fügte er unnötigerweise hinzu, “war schlimmer als sonst irgendeines auf dieser Welt”.
Ron begleitete zusammen mit seiner Mutter den ersten Offizier des Schiffs, der ebenfalls aus Seattle war, auf einer Fahrt durch die Stadt. “Die Aussicht hinunter auf die Hauptstraße, durch die unser Wagen fuhr, eröffnete uns einen Blick auf hunderte von kleinen verschlungenen Gäßchen, in denen es nur so wimmelte. Große Fische und Banner aus Papier schwebten da und dort in der Luft über unseren Köpfen. Die Geschäfte waren angefüllt mit allem möglichen Zeug. Getrockneter Fisch ratterte auf Schnüren im Wind. Eigenartig anzusehende Lebensmittel und Trockenfrüchte lagen Seite an Seite. Sikh-Polizisten waren überall. Diese Burschen mit ihren buschigen Bärten, den Turbanen und kurzen Khaki-Hosen schauen malerisch aus. Sie tragen große geflochtene Stöcke, und über ihrem Rücken hängt ein Gewehr. 'Tommy Atkins' war sehr präsent, ebenso wie die amerikanische, japanische und britische Marine. Außerhalb des britischen Bereiches sah ich einen britischen Tommy, der einen Chinesen am Kittel packte und ihn über die Straße prügelte. Auf der Bubbling Well Road gibt es ein schönes Hotel, das früher einmal einem vornehmen Chinesen gehörte. Die Gärten sind voll von Pergolas und Springbrunnen, es gibt Wandteppische und am Boden Mosaikfliesen.”
Als sie Shanghai erreichten, wurde klar, daß Ron einige der augenfälligeren kolonialen Verhaltensweisen angenommen hatte, denn er berichtete da und dort, daß er sich der Madison Meute anschloß, um im Verlauf des Tages zum 'Frühstück' ins Palace zu gehen; auch bezeichnete er die Chinesen bald als “Herumtreiber”.
Von Shanghai fuhren sie nach Hongkong, einer Stadt, “die an der Oberfläche sehr britisch und darunter sehr chinesisch war”. May und Ron nahmen eine Straßenbahn zum Gipfel des Berges, der den Hafen überschaute, doch fanden sie die Hitze und Feuchtigkeit sehr erschöpfend, nicht zu reden von den Kulis, “die nicht darauf schauten, wohin sie spuckten”, und so waren sie glücklich, den letzten Abschnitt ihrer Reise auf der President Madison nach Manila auf den Philippinen antreten zu können.
In Manila wurden sie zusammen mit 15 weiteren Marinefamilien auf ein anderes Marineschiff überstellt, das Versorgungsschiff USS Gold Star, das jenseits der Bucht bei Cavite ankerte und darauf wartete, sie nach Guam zu bringen. Es gab einiges Durcheinander beim Umladen des Gepäcks, wofür Ron die “faulen, ignoranten Eingeborenen” verantwortlich machte, doch nach einer geraumen Weile waren ihre Kisten und Koffer dann doch auf dem richtigen Weg und May und Ron konnten sich bei einem Glas gepresstem Zitronensaft im Manila Hotel entspannen.
Am nächsten Tag ging Ron mit einem Lieutenant McCain vom Cavite Marinestützpunkt, einem Bekannten seines Vaters, auf Besichtigungstour. Die alten spanischen Befestigungsanlagen in Cavite übten auf einen jungen Burschen mit einer Schwäche für Blut-und-Donner Abenteuergeschichten eine unbezähmbare Faszination aus. “Alle alten Kanonen waren demontiert, doch die Stätten sind geblieben. Ein furchtbarer Platz für einen Kampf: Diese Orte waren Fallen, denn es brauchte allein vier Leute, um eine Tür zu öffnen. Es gibt Tunnels, die alles miteinander verbinden und zu einer ehemaligen Kathedrale führen, die nicht mehr gebraucht wird und voll von Schlangen, Fledermäusen und Müll ist. Sehr mysteriös. Ich schaute mir alles gut an, denn Mr. McCain erzählte mir, daß spanisches Gold im Wert von Millionen in diesen Tunneln vergraben lag. Eines Tages werde ich zurückkehren und den ganzen Ort ausbaggern. Vielleicht.”
Diesen Abend nahm man ihn zum “Dreamland” mit, eine der respektableren Bars in Manila, wo es Mädchen gab, die man für fünf Cents zum Tanzen mieten konnte. “Natürlich habe ich nicht getanzt,” beeilt sich Ron zu berichten, “denn wenn man das macht, verliert man seine Reputation. Der Charleston war gerade in Mode, doch das ist zu heiß (ich meine das Wetter).”
Zwei Tage später lichtete die USS Gold Star den Anker und nahm Kurs auf Guam, eine siebentätige Seereise über die philippinische See, die keinen größeren Kontrast zum vergleichsweisen Luxus eines Passagierschiffs wie der President Madison hätte bieten können. Die Unterbringung war spartanisch, das Essen armselig und die Offiziere hielten sich hochmütig von ihren unglücklichen Passagieren fern; sie aßen sogar an einem eigenen Tisch im Eßzimmer. Zu allem Überfluß war auch noch furchtbares Wetter. Das Schiff wurde hin und her geworfen, rollte und wälzte sich in einer grauen, sich unablässig hebenden und senkenden See mit der permanenten Bedrohung eines Taifuns am Horizont. Es war, wie Ron sagte, “bei Gott - eine furchtbare Reise.”
Als dann ein Zipfel Land am fernen Horizont erschien und das Wort die Runde machte, daß das Guam wäre, war die Erleichterung mit Händen zu greifen. Die USS Gold Star warf am Montag, 6. Juni Anker vor Guam, 36 Tage nachdem die Hubbards San Francisco verlassen hatten. Hub war auf dem zweiten Boot, das zum Schiff hinausfuhr und Ron sprach für sich und seine Mutter, als er notierte: “Wir waren so froh, ihn wieder zu sehen.”
Ron's erster Eindruck von Guam mit seinem dichtbewaldeten grünen Hügeln und den kleinen Häusern mit roten Dächern war günstig. Auch war der betörend süße Duft von Kopra (getrocknetes Fruchtfleich der Kokosnuß), der die Luft erfüllte, dem Gestank von offenen Abtritten eindeutig vorzuziehen, der all ihre früheren Anlaufstellen dominiert hatte. Armut, Schmutz und Krankheiten, die andernorts so vorherrschend waren, wurden durch die massive Präsenz der US Marine in Guam in Schach gehalten, die die lokalen Chamorro Eingeborenen mit Druck und Bezahlung dazu brachte, die Straßen sauber zu halten und ein Minimum an Hygiene zu wahren.
Hub hatte einen großen, von Bananenstauden umgebenen Bunglow in der Stadt Agana ausgemacht, etwa fünf Meilen vom Hafen entfernt. Er war immer noch nicht voll möbliert, als May und Hub ankamen, doch Ron mochte die kühlen, kargen Räume mit ihren hochglanzpolierten Böden aus schwarzem Holz, die das Licht reflektierten, das durch die Schirme der Bananenblätter fiel. Die Familie hatte zwei Hausjungen und einen Koch; man lebte auf eine Art und Weise, die keiner von ihnen sich je hätte träumen lassen. May hatte zum Beispiel nie in ihrem Leben Diener gehabt und mochte diese Neuerung sehr.
Sein Vater hatte für Ron arrangiert, daß dieser einen Teil seines für sechs Wochen geplanten Aufenthalts Chamorrokinder in der lokalen Schule, die von der Marine unterhalten wurde, in Englisch unterrichten sollte. Ron war damit einverstanden, diese Arbeit auf sich zu nehmen, und trotzdem fand er es wegen seines roten Haares eine mehr oder weniger unmögliche Aufgabe. Obwohl er nicht unmittelbar bei seiner Ankunft zum König ausgerufen worden war, entdeckte er doch, daß sein Haar viel Begeisterung und Interesse sowohl auf der Straße als auch im Klassenzimmer weckte. Die Chamorros, dunkelhäutige Menschen von indonesischer Abstammung, schienen einfach nicht glauben zu können, daß auf einem menschlichen Kopf ein derart feuriger Schopf sprossen konnte und Rons Schüler verbrachten die gesamte Stunde damit, unverwandt auf seinen Kopf zu schauen. Seine Eltern lachten, als er ihnen davon erzählte, und seine Mutter, die aus ihrer eigenen Unterrichtspraxis schöpfen konnte, riet ihm sanft, einfach sein Bestes zu geben.
Wenn er nicht versuchte Lehrer zu sein, verbrachte Ron einen Gutteil seiner Zeit damit, seine angeborene Neugier damit zufriedenzustellen, daß er die Geschichte und Kultur der Insel erforschte. Einige seiner Notizen über Guam und die Menschen dort enthalten eine eigenartige Ähnlichkeit mit Geschichten, die später in den L. Ron Hubbard Mythos einfloßen. Der Chomorro Dialekt zum Beispiel, der ursprünglich an die 2000 Wörter und Idiome umfasst hatte, war im Lauf der Zeit auf ungefähr 300 Idiome mit fast nicht existierender grammatikalischer Struktur reduziert worden – seltsam verwandt mit Igoroti, der primitiven Sprache, von der Ron sagte, daß er sie in einer einzigen Nacht im Licht einer Kerosinlampe gelernt hätte. Und einer der Hausjungen erzählte Ron von einem Dämon namens “Tadamona”, von dem man glaubte, daß er Missionary Point heimsuchte, wo ein schnell fließender unterirdischer Fluß des Nachts seltsam klagende Laute erzeugte ....
Im Guam, wie auch anderswo, war Ron speziell von den Forts fasziniert, die von einer speziellen Romantik und Mystik umgeben waren; eine Atmosphäre, die er auch in seinem Tagebuch einzufangen versuchte: ”Ein speziell interessantes ist das Fort von San Juan de Arpa im Hafen von Arpa. Seine Tore sind seit Jahren versiegelt, und wie um seine Struktur zu verstecken, rankt wilder Wein die Mauern entlang. Die Mauern und speziell die Ecken sind mit bemerkenswerter Geschicklichkeit erbaut. Der größte Teil des Gefängnisses und des Geschützturms sind eingestürzt und sind dem Verfall verfallen (Ron wörtl.; d. Übers.), doch der Getreidespeicher und die Schießscharten sind geblieben. Die Wege, die früher die rhythmischen Schläge der Wache und den Krach der Abendkanone hörten, sind jetzt Rennstrecken für Eidechsen. Man kann sich die Einsamkeit und Niedergedrücktheit gar nicht vorstellen, die diesen Ort umgibt. Die ganze Schönheit und Größe, die ihn gestern umfing, ist verblasst, so wie die Rose verwelkt und nur die Dornen übrig läßt.”
Rons Abreise aus Guam an Bord des Munitionsschiffs USS Nitro war für den 16. Juli 1927 angesetzt. Zielhafen war Bremerton. Seine Eltern fuhren ihn am frühen Morgen zum Hafen hinunter und begleiteten ihn auf das Schiff, um ihm mit seinen Koffern zu helfen, die jetzt mit Souvenirs und Geschenken für die Familie daheim in Helena vollgestopft waren. Die drei hatten noch ein ruhiges Frühstück an Bord und um acht Uhr früh verabschiedeten sich May und Hub, um auf einem Boot zum Ufer zurückzukehren; sie wagten kaum auf die einsame Figur ihres Sohnes zurückzuschauen, der da an der Reeling stand. Die USS Nitro lief pünktlich aus.
Falls Ron über diesen Abschied traurig war, machte er jedenfalls keine Bemerkungen darüber in seinem Tagebuch. Er fühlte sich “ziemlich einsam” am ersten Tag, doch die zwei Jungen, mit denen er sich die Kabine teilte, Jerry Curtis und Dick Derickson, hatten solches Heimweh, daß beide den Tränen nahe waren. Ron versuchte sein Bestes um sie aufzumuntern. Insbesondere mochte er Dick, der aus Seattle kam und den er in Camp Parsons kennengelernt hatte. “ Dick und ich haben etwas über Atheismus gelesen,” bemerkte er. “Solch ein furchtbares Ding, um ein Thema daraus zu machen. Es gibt da aber einen Punkt drinnen. Ich werde es in den Staaten herausfinden.”
Nach vier Tagen legte die USS Nitro bei den Wake Inseln an, sodaß die Besatzung fischen und schwimmen gehen konnte. Ron ging in einem Walboot an Land und entdeckte, daß die Insel von vielen eigenartigen und schönen Vogeln bewohnt war, die sich offensichtlich nicht vor den Seeleuten fürchteten, die um ihre Nester herumspazierten. In der Lagune, so schrieb er, schauten die vielfarbigen tropischen Fische aus wie “eine Parade zum 4. Juli (amerik. Nationalfeiertag; d. Übers.)” und das Wasser war so klar, daß er 30 Faden tief bis auf die Felsen am Grund schauen konnte.
Ohne die Unterhaltungsmöglichkeiten, die es an Bord der President Madison gab, fand Ron die Rückreise dank der US Marine endlos öde. Er genoß es, sich bei Nacht den Sternenhimmel anzuschauen (“niemals in meinem Leben habe ich eine solche Schönheit gesehen”) und während des Tages ging er gerne in den Maschinenraum hinunter, doch die meiste Zeit war er gelangweilt.
Ironischerweise hatte Ron mit seinem Vater die Möglichkeit einer Karriere in der US Marine ernsthaft diskutiert, obwohl er von den Erfahrungen auf der USS Nitro nicht sehr begeistert schien. “Wenn dieses Schiff die Sahnehaube des Marinedienstes ist, dann bleib ich lieber bei gewöhnlicher Milch. Die Offiziere arbeiten ungefähr eine Stunde, sitzen dann herum und schauen gelangweilt. Das übrige Personal macht den Hauptteil der Arbeit.” Nichtsdestotrotz war er offensichtlich nicht komplett abgeschreckt, denn er notierte, daß er mit Dick zur gleichen Zeit nach Annapolis (dem Sitz der Marineakademie) gehen würde.
Hinter Hawaii schlug einer der Offiziere Ron vor, er könne zum Ausguck hinaufklettern. “Einen Moment später stand ich vor dem Vordermasten und schaute hinauf: Er schaute unangenehm hoch aus. Ich überwand einen nervösen Schüttler und kletterte ein Seil hoch, das zu einer Stahlleiter führte .... Hinunterzufallen schaute ganz nett aus. Dann stieg ich etwa die ersten 50 Fuß die Leiter hoch. Das Ganze schaute instabil aus und fühlte sich auch so an. Auf halber Höhe dachte ich, ich wäre noch nie so nervös gewesen. Nach dieser Leiter kam eine sogar noch schmalere Stahlleiter. Diesmal stieg ich voller Zuversicht nach oben weiter. Gleich darauf war ich oben am Ausguck, und da saß der Späher und las eine Western-Story! Er lud mich ein, zu ihm reinzuklettern. Doch dieses letzte Stück war schlimmer als alles vorher. Man muß sich hinüberschwingen, ohne daß irgendetwas unter einem ist und sich dann noch auf die andere Seite vorarbeiten. Ich schwang mich also rüber und dann rein. Mein Gott, was für eine Erlösung!”
Am 6. August erreichte die USS Nitro in dichtem Nebel Bremerton und legte an Pier 4A des Marinehafens an. Ron verließ das Schiff ohne Bedauern, dankbar, wieder an Land zu sein und die verkrampfte und verdummende Atmosphäre des Schiffs verlassen zu können. Am nächsten Tag nahm er einen Zug nach Helena, wo er von den Waterburys wie der verlorener Sohn willkommen geheißen wurde. Im “alten Ziegel”, der erfüllt war von dem Geruch der Bäckereien seiner Großmutter, an den er sich so gut erinnerte, unterhielt er alle mit den Geschichten seiner Abenteuer, und wenn er seine Erzählungen auch ein wenig übertrieb, wer hätte ihm da böse sein wollen?
Sogar eine lokale Zeitung fand seine Heldentaten berichtenswert und brachte sie unter dem Titel “Ronald Hubbard erzählt von seinem Trip in den Orient und seinen vielen Erfahrungen” auf zwei Spalten. Das Interview hielt sich eng an die Notizen, die Ron in seinem Tagebuch gemacht hatte bis auf die überraschende Behauptung, die in seinen Aufzeichnungen nicht auftaucht, er hätte bei seinem Aufenthalt in China eine Exekution beobachtet. Die Geschichte endet mit dem Satz: “Ronald Hubbard trägt die Auszeichnung, der einzige 12jährige Adler-Scout im ganzen Land zu sein.”
[Er war eigentlich 13 Jahre gewesen. Doch diese kleine Beschönigung und die eigenartige Auslassung der Exekution in seinem Tagebuch sind nicht annähernd so verwirrend wie die Tatsache, daß es unmöglich war, die Zeitung ausfindig zu machen, aus der dieser Abschnitt stammt.[6] Er scheint nur als Photokopie in den Archiven der Scientology-Kirche zu existieren, eingeordnet als “Auschnitt aus Zeitung, Helena, Montana, ca. 1929”.]
Am 6. September 1927 begann Ron sein Junior Jahr in der Helena Hight School, einem mächtigen viktorianischen Bau aus roh behauenem grauem Stein mit burgähnlichen Giebeln und Türmchen; vom Haus der Waterburys war es nur einen fünfminütigen Fußmarsch entfernt. Ein Cousin, Gorham Roberts, der im gleichen Alter war, machte Ron mit vielen seiner neuen Schulkameraden bekannt, doch konnte sich niemand wirklich auf den Stoff konzentrieren, den die ganze Schule war abgelenkt von der Tatsache, daß Charles A. Lindbergh Helena besuchte. Er war auf einer Triumphtour durch das ganze Land, nachdem er in seinem kleine Flugzeug, der Spirit of St Louis, ganz alleine den Atlantik überquert und als nationaler Held zurückgekehrt war. Es gab keine Jungen oder Mädchen in der Schule, die nicht fieberhaft wünschten, einen Blick auf den Helden werfen zu können.
Zuerst schien Ron an der Helena High School und zuhause bei seinen Großeltern rundum glücklich zu sein. Im Oktober trat er der Nationalgarde von Montana bei, die ein Bewerbungsbüro im staatlichen Waffendepot auf der North Main Street hatte. Er behauptete, 18 Jahre alt zu sein, um zu vermeiden, daß er monatelang auf die Einverständniserklärungen seiner Eltern aus Guam warten mußte. Als Mitglied der Kompanie im Hauptquartier der 163. Infantrie hatte er das Gefühl, eine sehr gute Figur zu machen, wenn er in seiner Uniform durch die Stadt schritt: Breitkrempiger Hut, Khakihemd und -kniehosen, die Handschuhe am Gürtel eingesteckt. So meldete er sich zum Training im Waffendepot, wo zwei Fahnenstangen aus einem perfekt gepflegten Rasen emporragten.
In der Schule schaffte er es, sich zur Redaktion des Nugget berufen zu lassen, Helena High's zweimonatlich erscheinender Schülerzeitung. Er hätte es natürlich vorgezogen, den Herausgeberposten zu bekommen, doch als Neuling mußte er sich damit begnügen, Redakteur für die Witzeseite zu werden, eine Position, die er zusammen mit Ellen Galusha inne hatte. Er wurde damals mit dem Rest der Redaktion für das Jahrbuch photographiert: Ron steht in der Mitte der Gruppe, trägt einen Anzug und eine Krawatte und vermeidet so den leicht verkommenen Kleidungsstil der Literaten, von dem seine Kollegen befallen sind. “Der Nugget ist eine wirklich gute Zeitung...” erklärt die Überschrift. “Der Name rührt von den großen teuren Goldstücken (in englisch Nugget; der Übers.) her, die die Schürfer in früheren Jahren auf der Hauptstraße von Helena gefunden haben.”
Obwohl Ellen Galusha ihren Kollegen von der Witzeseite damit überflügelte, daß sie den ersten Platz in den Bezirksausscheidungen für spontan gehaltene Reden errang, hatte Ron doch das Gefühl, seine Fahne ebenfalls hochhalten zu können, da eines seiner Essays ausgewählt wurde, um die Helena High School in Montanas Essay Wettbewerb zu vertreten. Er hatte auch ein kurzes Theaterstück verfaßt, daß von der Jugendabteilung der Shriners aufgeführt wurde und sehr gut ankam.
Am 2. Dezember nach dem Unterricht beeilten sich Ron und eine Gruppe seiner Freunde, zu den Ausstellungsräumen von Capital Ford zu kommen in der Hoffnung, das brandneue Modell A von Ford zu sehen zu bekommen, von dem es hieß, daß es an diesem Tag in der Stadt ankommen sollte. Dort angekommen fanden sie eine Menge von ungefähr 4000 Leuten, die die Straße vor der Ford Niederlassung bevölkerten; sie alle waren mit der gleichen Idee hierher gekommen. Das Nachfolgemodell des geschätzten Modell T hatte nicht nur ein komplett neues Design, sondern war auch in verschiedenen Farben erhältlich, eine Entwicklung, die Ron und seine Freunde atemberaubend fanden. Bei einem Glas Soda im Weiss Café auf der North Main Street diskutierten die Burschen später, welches Modell das beste war – ob Roadster, Sport Coupe oder Limousine – und welche Farbe sie sich aussuchen würden, sobald sie genug Geld hätten, um sich ein Auto zu kaufen.
Dieser Winter war der schlimmste seit Menschengedenken in Helena. Am 8. Dezember erwachte Ron, um zu erfahren, daß die Temperatur über Nacht von 58 Grad [Fahrenheit] auf minus 35 Grad gefallen war, eine der kältesten Nächte, die je gemessen wurden. Draußen tobte ein Blizzard (Schneesturm) von den Bergen herunter, der die Stadt und die umgebende Region im Schnee versinken ließ.
Die Morgenausgaben des Helena Independent waren voll von furchtbaren Geschichten von Familien, die an einsamen Orten lebten und erfroren waren; Schulbusse waren im Schnee verschwunden und ganze Rinderherden ausgelöscht.
Der Schnee war noch immer nicht geschmolzen, als Ron sich auf die alljährliche Vigilante Day Parade vorbereitete, der Höhepunkt des Schuljahres, der am 1. Mai stattfinden sollte. Obwohl das Thema der Parade immer um die Pioniertage kreiste, versteifte sich Ron auf eine unkonventionellere Rolle und entschied sich als Pirat zu gehen. Irgendwie schaffte er es, fünf unentschlossene Freunde, zwei Jungen und drei Mädchen, zum Mitmachen zu bewegen, indem er Einwände, daß Piraten in der frühen Geschichte von Montana doch offensichtlich überhaupt keine Rolle gespielt hätten, einfach vom Tisch wischte. Tante Marnie half mit den Kostümen, indem sie ihre Wäsche zur Verfügungstellte und die Metallringe daraus entfernte, um angemessene Ohrringe daraus herzustellen, wie sie von den spanischen Piraten getragen worden waren.
So bewegte sich also am Freitag Nachmittag, den 4. Mai 1928, die Vigilante Day Parade angeführt von der Helena High School Band die Hauptstraße Helenas entlang; unter all den Siedlern, Cowboys und Cowgirls, Bergleuten, Trappern, Spähern, Indianern und Sheriffs gab es unerklärlicherweise auch eine kleine Gruppe von Piraten mit Augenbinden und aufgemalten Bärten, die ihre hölzernen Degen schwangen. Beim Tanz nach der Parade gewannen die “Piraten von R. Hubbard” einen der drei Preise in der Kategorie “Orginellste Gruppe”.
Der Bericht über die Parade im Helena Independent am nächsten Tag beschrieb mit stolzgeschwellter Brust: ”Die Parade war größer, geistreicher, spektakulärer, treffender, imaginativer und suggestiver in der Darstellung der Vergangenheit als jemals zuvor. Die High School Schüler bedeckten sich wieder einmal mit Ruhm – abgesehen davon, daß sie selbst einen Heidenspaß an der Sache hatten und diesen auch an die Zuschauer vermittelten ... Die Parade war ein voller Erfolg und die Helena High School und Last Chance Gulch zeigten der Welt wieder einmal, daß sie eine Show auf die Bühne stellen können, die nicht ihresgleichen auf dem Erdball hat.”
Eine Woche später verschwand Ron. Als er am Montag, den 14. Mai, nicht zur Schule erschien, gab es in seinem Jahrgang aufgeregte Gerüchte, daß er von der Schule verwiesen worden war. “Wir glaubten fest daran, daß er in aller Eile gegangen war; es lag ein Schatten auf dieser Sache”, sagte Gorham Roberts. “Die Geschichte war, daß er auf einen Lehrer sauer war und ihn mit seinem Hintern in einen Papierkorb gedrückt hatte. Der alte A. J. Roberts, der Direktor, war ein Deutscher aus Heidelberg mit strengen Vorstellungen von Disziplin und Ordnung. Ron wußte, daß dieser sein Verhalten niemals dulden würde, also kam er erst gar nicht mehr zurück.”[7]
Tante Marnie erklärte es anders: ”Es juckte ihn einfach in den Füßen. Er wollte etwas neues sehen. Im Grunde seines Herzens war er ein Abenteurer. Die Wanderlust war in ihm, und er konnte sich einfach nicht vorstellen, in einer kleinen Stadt wie Helena zu bleiben, wenn es Abenteuer zu erleben galt. Er ging nach Seattle und blieb dort bei meiner Schwester Midgie und ihrem Mann Bob. Sie versuchten, ihn zum Bleiben zu überreden, doch er ging nach Süden, suchte sich ein Schiff und schlug sich nach Guam durch.”[8]
Wie auch immer es nun in Wirklichkeit war – Ron kehrte jedenfalls nie mehr an die Helena High School zurück. Zwei Jahre später schrieb er zwei lebhafte Berichte über die Ereignisse, die zu seinem Abschied von Helena geführt hatten. Obwohl sie nur durch ein paar Seiten in seinem Tagebuch getrennt sind, passen viele Details darin einfach nicht zueinander. Tatsächlich lesen sich manche Passagen verdächtigerweise so wie die Abenteuergeschichten, die er ständig in seiner freien Zeit hinkritzelte.
Es scheint so, als ob er seine Freunde nach der Vigilante Day Parade in seinem “mächtigen Ford” (vermutlich das Modell T seines Großvaters) nach Hause fuhr, als jemand einen Baseball nach ihnen warf und ihn am Kopf traf. Er hielt den Wagen an, züchtigte der Angreifer und faßte ihn dabei so hart an, daß er sich selbst vier Handwurzelknochen in seiner rechten Hand brach.
“Das war der Anfang und das Ende. Ich konnte einfach nicht länger warten und die Schule verblaßte in meinen Vorstellungen. Meine Hand wurde viermal neu geschient und ich verlor die Freude am Leben. Ich verkaufte den Ford, folgte Horace Greeley's Ratschlag und ging westwärts”
Er erklärte seinem Großvater, daß er einen Tapetenwechsel brauchte und nahm einen Zug nach Seattle, wo er einige Tage bei seiner Tante und bei seinem Onkel blieb. Am 7. Juni ging er für etwa eine Woche nach Camp Parsons, indem er auf sein Pfadfinder-Prestige pochte; als es dort aber immer voller wurde, entschloß er sich weiterzuziehen.
“Ich machte mich mittags auf den Weg und wanderte flinken Schrittes und mit einem schweren Rucksack bepackt durch die stolze und jungfräuliche Olympic Bergkette. Um neun Uhr an diesem Abend machte ich mir ein Lager etwa zwei Meilen unterhalb des Weges vom Shelter Rock. Zwölf Stunden später lag ich kraftlos auf der Kuppe einer Geröllhalde, von meinem Rucksack vor einem gebrochenen Kreuz gerettet. Ich starrte auf das Blut, daß in rhythmischen Stößen aus meinem Handgelenk austrat und entschied, daß es höchste Zeit war, den Onkel Doktor zu besuchen.”
Es gibt keine nähere Erklärung für diesen Zwischenfall oder wie er es in solch einem kritischen Zustand schaffte, zurück nach Bremerton zu kommen. Als er dort von einem Marinearzt behandelt wurde, hörte er davon, daß ein US Marinetransporter, die USS Henderson, in einer Woche (in seinem ersten Bericht) bzw. in zwei Wochen (in seinem zweiten Bericht) von San Francisco aus nach Guam auslaufen sollte. In dieser Nacht (erster Bericht) bzw. acht Tage später (zweiter Bericht) saß er schon in einem Nachtzug der Shasta Limited Richtung Süden nach Kalifornien. Er beabsichtigte offensichtlich zu seinen Eltern nach Guam zurückzukehren.
Als er jedoch am Transport Dock in San Francisco ankam, war die Henderson schon ausgelaufen. Mit nur noch 20 Dollar in seiner Tasche investierte Ron einen ¼ Dollar in eine Zeitung und las auf der Schifffahrtsseite, daß das Linienschiff President Pierce mit Ziel China an Dock 28 vor Anker lag. Eine Stunde später stand er an diesem Dock in der Schlange, um als regulärer Seemann anzuheuern. Während er dort in der Schlange stand und rauchte, um seine Nerven zu beruhigen, entschied er sich plötzlich bei der 12. Marineabteilung anzurufen um herauszufinden, wo denn die Henderson jetzt war. Vielleicht – so seine Überlegung – war sie ja noch gar nicht nach Guam ausgelaufen, sondern nur weiter südwärts der Küste entlang zu einem anderen Hafen gefahren. Seine Mutmaßung war richtig, denn eine Offizier aus dieser Abteilung informierte ihn, daß die Henderson in San Diego war. Innerhalb einer halben Stunde – er hatte erstaunliches Glück mit seinen Verbindungen – war er in einem Bus auf dem Weg nach San Diego, 500 Meilen weiter südlich.
Als er die Henderson in San Diego endlich eingeholt hatte, “geschwächt von einem Mangel an Schlaf und Essen”, erfuhr er, daß Washington seine Bitte um Überfahrt nach Guam bewilligen mußte. Dreist ließ Ron den Assistenten des Kommandanten rufen, der sich als außerordentlich verbindlich erwies und sich bereit erklärte, sofort nach Washington zu telegraphieren. Da er im Moment nichts weiter tun konnte, nahm Ron sich in der Nähe des Marine-Hauptquartiers ein billiges Zimmer und schlief 18 Stunden lag. Wieder erwacht, sagte man ihm, daß Washington signalisiert hatte, daß er ohne die Einwilligung seines Vaters nicht an Bord gehen konnte.
“Zitternd vor Angst, mußte ich nach Guam kabeln lassen ... ich ging den ganzen Tag mit sorgenzerfurchter Stirn in den Straßen von San Diego umher. Würde Vater mit “Ja” oder mit “Nein” antworten? Sie sehen, ich hatte allen Grund, besorgt zu sein. Diese Anfrage würde die erste Andeutung meiner bevorstehenden Rückkehr sein... “
Draußen in Guam wunderte sich Lieutenant Hubbard zweifellos, was zum Teufel da vor sich ging, als er eine Nachricht aus Washington bekam, daß sein Sohn um Erlaubnis für eine Überfahrt nach Guam ansuchte. Man muß ihm zugute halten, daß er ohne zu zögern seine Einwilligung kabelte, die in San Diego Ron zufolge nur eine Stunde vor Auslaufen der Henderson eintraf.
Das stimmt nicht ganz mit dem Logbuch der Henderson überein, in dem eingetragen ist, daß “L. R. Hubbard, Sohn des Lieutenants H. R. Hubbard US Marine, sich am Samstag 30. Juni um 16.20 an Bord für die Überfahrt nach Guam meldete”. Das Schiff lief erst um 13.30 am folgenden Tag aus. Auch stimmen die Daten nicht mit der Personalakte von Lieutenant Hubbard überein, die angeben, daß Ron bereits am 10. Mai wegen einer Bewilligung für eine Überfahrt an die Marineabteilung geschrieben hatte; und dann hatte er am 28. Mai ein formelles Ansuchen zur Überfahrt auf der Henderson eingereicht.[9]
Doch Ron war der Meinung, daß eine gute Geschichte niemals vom strikten Einhalten der Wahrheit verdorben werden sollte, und so beschrieb er, wie er mit seinem Koffer in der Hand am Fuße der Laufplanke hinauf zum Schiff stand, als das Kabel eintraf. Irgendwo zwischen San Francisco und San Diego war seine Reisekiste verloren gegangen, doch das war ihm jetzt nicht mehr wichtig. “Die Henderson lief mit mir an Bord aus”, notierte er triumphierend. “Meine Habseligkeiten bestanden aus: Zwei Taschentüchern, zwei Garnituren Unterwäsche, ein Paar Schuhe, einem abgetragenen Anzug, einem dünnen Übermantel, einer Zahnbürste, zwei Paar Socken und zwei Pennys. Keine Garderobe, kein Geld ...”
Er beendet diesen Teil seines Tagebuches mit einem flotten kleinen Postscriptum, in dem er sich an die Leser wendet: “Ich möchte Euch das Geheimnis meines seltsamen Lebens mitteilen. Sssh! Ich wurde am Freitag, den 13. geboren.
Unglücklicherweise stimmt das nicht ganz. Der 13. März 1911 war ein Montag.
[1] Fakten über L. Ron Hubbard – Dinge, die Du wissen solltest; Flag Direktive, 8. März 1974
[2] Was ist Scientology ? – 1973, S. 42
[3] Ebenda, S. 44
[4] Scientology – A new Slant of Life, L. Ron Hubberd 1965
[5] Fakten über L. Ron Hubbard – Dinge, die Du wissen solltest; Flag Direktive, 8. März 1974
[6] Brief an den Autor vom Verein der Geschichte von Montana, 24. März 1986
[7] Interview mit Gorham Roberts in Helena, Montana, April 1986
[8] Interview mit Mrs. Margaret Roberts in Helena, Montana, April 1986
[9] H. R. Hubbard - Marineakten