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Latency ist eine Heilung von HIV möglich?
Diese hochspannende Session spannt den Bogen von Möglichkeiten und Nutzen einer Therapieintensivierung in der chronischen Situation, über die Fahndung nach potentiellen Virusreservoiren und deren Markierung bis hin zu einer dokumentierten Heilung eines HIV-positiven Babys.
HIV-Patienten weisen auch unter perfekter ART einen Pool von residuellen Viren auf. Dies führt zu einer leichtgradigen, aber persistierenden Immunaktivierung mit ihren Folgen, u.a. erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.
Könnte eine Therapieintensivierung mit zusätzlich Raltegravir diesen latenten Viruspool reduzieren? Hatano et al behandelten 15 seit 1 Jahr perfekt behandelte HIV-Patienten (CD4 über 350, VL<50) zusätzlich mit Raltegravir, 16 erhielten als Vergleichsgruppe Placebo.
Resultat: nach 8 Wochen zeigte sich bei den RAL-Pat eine deutliche Erhöhung von 2 LTR-Circles (ein Faktor, der einen Übertritt von Zellen in ein vermindert aktives Stadium anzeigt). Verschiedene Marker, die eine Verbesserung kardiovaskulärer Funktionen anzeigen, blieben unbeeinflusst. Es konnte aber eine deutliche Verminderung der D-Dimere gezeigt werden, als Hinweis für einen günstigen Einfluss auf die persistente Immunaktivierung.
Die Gruppe von R. Siliciano ist bekannt für ihre Modellrechnungen über die Dauer der Persistenz des latenten Zellpools und damit Voraussagen, wie lange eine perfekt supprimierende ART bis zu Heilung durchgeführt werden müsste.
Nun hat diese Gruppe (Ho et al, Abstr 43) ruhende CD4-Zellen von perfekt behandelten HIV-Patienten zur Aktivierung gebracht. Mittels Nachweis von p24-Antigen wurden die aktivierten Zellen in induzierbare und nicht induzierbare Proviren unterteilt.
Sind aber nicht-induzierbare Proviren tatsächlich nicht mehr infektiös? In 88% von diesen fanden sich genetische Defekte. Überraschend konnte aber bei den übrigen 12% ein intaktes Genom, das replikationskompetent ist, nachgewiesen werden. Dieses konnte in aktive Transkriptionsunits integriert werden, was die Möglichkeit zur in vivo-Aktivierung beweist. Angesichts der errechneten Menge dieser „wider Erwarten fitten“ Zellen revidierte die Gruppe ihre bisherige Annahme über die Grösse des latenten Reservoirs: dies könnte 40-50x grösser sein als, bislang angenommen.
Und dann die „Sensation“: Ein Baby von AIDS geheilt
Die Botschaft wurde medial gut verkauft: die erste, gut dokumentierte Heilung eines HIV-infizierten Babys füllte am ersten Kongresstag weltweit die Schlagzeilen (s. unser Bericht). Mit dem Neugeborenen einer, erst bei der Geburt als HIV+ erkannten Mutter, wurde 31 Std nach der Geburt eine Therapie (AZT/3TZ/NVP) gestartet. Die Therapie wurde optimal (s. Bild) während 18 Monaten durchgeführt. Nach einem Therapieunterbruch (durch die Mutter) waren im Alter von 24 bzw. 26 Mt. alle Tests auf residuale Virämie negativ. Auch fand sich kein günstiger HLA-Typ, für den Spontanheilungen bekannt sind und auch das latente Reservoir schient von HIV befreit.
Somit ist das der erste, gut dokumentierte Fall einer funktionalen Heilung bei einem HIV-infizierten Kind. Es wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass frühe (und konsequente) ART bei Kindern die Bildung eines latenten Reservoirs verhindern kann und somit eine Heilung möglich wird. Falls sich dies bestätigt, könnte es die aktuelle Behandlungspraxis bei HIV-Neugeborenen weltweit verändern.
Es ist aber zu betonen, dass es gar nicht erst dazu kommen sollte: Ziel ist selbstverständlich, durch Testung aller Schwangeren und das in der Folge durchgeführte Massnahmenpaket eine Infektion des Kindes zu verhindern.
Reaktivierung latenter Viren: and the story continues…
In den letzten Jahren wurden verschiedene Substanzen mit dem Ziel eingesetzt, latente Viren aus ihrem Reservoir „herauszulocken“. Der Histon-Deacetylaseinhibitor „SAHA“ (Vorinostat) hatte invitro in Modellen latenter HIV-Infektion tatsächlich HIV aktiviert. Bei einer früheren Studie hatte sich bei 8 Patienten eine deutliche Erhöhung von zellassoziierter HIV-RNA in ruhenden Memory Cells gezeigt.
Lewin et al. (Abstr 50LB) stellten eine Folgestudie vor. Vorinostat wurde während 14 Tagen in erhöhter Dosis, mit guter Verträglichkeit verabreicht. Unter Therapie konnte ein signifikanter und anhaltender Zuwachs von zellassoziierter mRNA in den peripheren CD4-Zellen gezeigt werden. Doch die Menge an HIV-DNA im latenten Reservoir nahm nicht ab, weder im Blut noch in der Rektumschleimhaut. Eher enttäuschend.