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«Wenn ich in einer Stadt die tags meiner Freunde sehe, erscheint sie mir viel freundlicher», sagt Simon. Für viele ist es bloss Geschmier, für Simon machen Graffitis eine Stadt mehr zu einem Zuhause. Seit zwölf Jahren lebt der Graffiti-, Streetart- und Fahrrad-Nerd in New York. Er engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich für die New Yorker Umweltschutzgruppe Time's Up und führt heute ein Dutzend Interessierte mit dem Fahrrad auf einer Gratistour durch die New Yorker Bezirke Williamsburg und Bushwick, wo eine Wand farbiger ist als die nächste.
Zuerst führt er uns ins Einmaleins dieser Kunst ein:
Streetart und Graffiti sind zwei verschiedene künstlerische Disziplinen, denen gemeinsam ist, dass beide öffentliche Kunstformen sind. Streetart ist in der Regel legal und wird von Kunststudierenden oder ausgebildeten Künstlern gemacht. Graffitis hingegen sind in den meisten Fällen illegal und Simon bezeichnet sie als urbane Volkskunst, die in den 70er-Jahren in New York und Philadelphia zeitgleich mit urbaner Rap-Musik entstanden.
Bei Graffitis geht es in erster Linie darum, seinen Namen überall anzubringen. Man will up sein, am besten all city. Graffiti-Künstler (writer) fangen alle klein an und zwar mit tags. Die writer bringen ihre Namen beziehungsweise Pseudonyme mit Markern oder Tipp-Ex an allen Oberflächen an, die sie finden können. Oder sie verewigen sich, indem sie ihre Namen mit Glasscherben in Oberflächen einritzen oder mit Säure in Glas ätzen.
Aus den Styles dieser tags entwickeln sich dann die eigentlichen Graffitis. Sogenannte throws sind grosse Graffitis mit eingefüllten bubble letters. Die elaborierte Version eines throws ist das piece, das noch grösser und detaillierter ist. Tags und throws sind in der Regel illegal und müssen so schnell wie möglich gemacht (an die Wand «geworfen») werden, pieces sind meistens legal, sprich der writer hat die Erlaubnis des Hausbesitzers oder wurde von diesem sogar aufgeboten.
Im gentrifizierten Bezirk Williamsburg – vor allem entlang der Subway-Linien J, M, und Z, wo tausende Menschen täglich vorbeifahren – sind alle erdenklichen Oberflächen voll mit Kunst.
Während der Brooklyner Bezirk Williamsburg seit Jahren immer teurer und mehr zum Mainstream wird, ziehen die Künstler und Lebenskünstler weiter nach Südosten, unter anderem ins benachbarte und zurzeit noch etwas billigere Bushwick. Die vielen alten Industriegebäude bieten perfekte Fassaden für ihre Kunst und die Innenräume wurden zu stylishen Loftwohnungen umfunktioniert.
Die unzähligen Graffitis in Bushwick machen dies zum perfekten Ort für unseren Tourenführer Simon, um uns einen Kurzabriss über die unterschiedlichen Stile zu geben, die sich über die Jahre entwickelt haben. Die hier gezeigten Werke befinden sich mehrheitlich nördlich der Subwaystation «Jefferson St» der L-Linie.
Um die Entstehung der Streetart-Szene in Bushwick rankt sich eine spannende Geschichte: Noch vor wenigen Jahren wollte niemand diesen drogenverseuchten, rauen Bezirk besuchen und die Graffitis waren Zeugnis dieses von Gewalt geprägten Ortes. Bis Joe Ficalora, der in Bushwick geboren wurde und hier aufwuchs, The Bushwick Collective gründete. Er lud Streetartists aus New York und aller Welt ein, Bushwick zu schmücken. Seither «kuratiert» er die Wände rund um St.Nicholas Ave und Troutman St. Für ihre Werke werden die Künstler nicht bezahlt, aber sie dürfen mit dem Einverständnis der Hausbesitzer die Wände legal bemalen (im Gegensatz zu den illegalen Graffitis).
Den Anstoss zur Gründung des Bushwick Collective gaben traurige Ereignisse: Joe Ficalora's Vater starb als er 12 Jahre alt war. Er wurde in der Nachbarschaft ausgeraubt und niedergestochen. Im Jahr 2011 starb seine Mutter an einem Hirntumor. Egal, wohin Ficalora schaute, wurde er an seine Vergangenheit erinnert. So kam ihm die Idee, seine Umgebung zu verändern, auch wenn er bis dahin nichts mit Kunst am Hut hatte.
Seit der Gründung des Bushwick Collective im Jahr 2012 hat sich die Nachbarschaft komplett verwandelt: Die Kunst lockte Touristen an; teure Läden, Restaurants, Coffeeshops und Bars liessen nicht lange auf sich warten und so steigen auch hier die Mieten immer weiter. Das gefällt vor allem den Graffiti-Künstlern nicht, die sich verdrängt fühlen, was sich in den gedissten Streetart-Werken zeigt.
Das Faszinierende an dieser Szene ist aber mitunter, dass sie sich in einem stetigem Wandel befindet, sodass auch die disses nicht von langer Dauer sind: Alle paar Wochen fahren die Künstler mit Lastwagen beladen mit Farbeimern, Bier und Lautsprechern vor und feiern eine grosse Party, während sie die Wände neu gestalten. Wer diese Werke noch live sehen will, muss sich mit dem New York Trip also beeilen. Wer es erst später schafft, dem sei garantiert, dass auch dann die Wände mit neuen Kunstwerken glänzen.