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Sprachaufenthalte weltweit
Erfahrungsberichte und Expertentipps
Erfahrungsberichte und Expertentipps
Ich stellte mir grosse Hüte vor. Oder Seidentücher, die um von Sonnenbrillen verdeckte Gesichter gebunden sind. Alle fahren silberne oder pastellfarbene Cabrios. Schöne Menschen, die grazil an der Promenade spazieren, das Meer stets neben sich. Touristen, die mit einem Reiseführer in der Hand entzückt auf Bauwerke deuten und dabei lachen. Eine Stadt, alt und modern zugleich, mit dem nonchalanten Charme der Kellner, die einen in jedem Restaurant zuvorkommend und höflich verpflegen. Und über all den Vorstellungen die warme Sonne und die Musik von Jaques Brel, die die gesamten Szenen von leidenschaftlich bis tragisch zusätzlich untermalen würde. Um es kurz zu halten, als ich das kleine Propeller-Flugzeug auf dem auf das Meer gebauten Flughafen verliess, dachte ich an ein Nizza wie zu Grace Kellys Zeiten.
Ich war hier, um der Ratlosigkeit abzuhelfen, die jedes Mal aufkam, wenn jemand versuchte, mit mir Französisch zu sprechen. Dass ich dabei den November, der sich in meiner unheizbaren Wohnung eingenistet hatte, allein lassen konnte, und stattdessen die Möglichkeit bekam, das Meer für ein paar Wochen zu meinem Alltag werden zu lassen, war ein netter kleiner Nebeneffekt meines Sprachaufenthalts in Nizza.
Doch im Gegensatz zu der Kälte, die ich zurückgelassen habe, war ich dem Schwall der französischen Phrasen, die wochenlang auf mich hereinprasselten, völlig ausgeliefert. Nie hab ich mehr gelächelt und „Oui Oui“ gestammelt, als auf der kurzen Fahrt vom Flughafen bis zu meinem neuen Zuhause. Lea – die mich in den kommenden Wochen mit einem Bett und reichlich von ihrer Gesellschaft versorgen würde – erklärte mir die Welt rund um Nizza wie einem kleinen Kind, freundlicherweise jedoch auf den dazu passenden Tonfall verzichtend.
Sie war eine reizende Dame mitte 60, die mir kaum bis zur Schulter reichte und mit einem diabeteskranken Kater zusammen wohnte, der beinahe so gross wie sie selbst war. Nahe der Altstadt lebte sie in einer gemütlichen Wohnung voll farbigen Wänden. Gleich zu Beginn erklärte sie mir, dass sie jeden Sonntag jeweils die Wäsche macht, mir am Morgen bevor sie zur Arbeit fährt Frühstück bereit machen würde und am Abend ein Menu kocht, das aus Vorspeise, Hauptgang, Käse, einem Dessert und einem ordentlichen Wein bestehen würde. Wenn man seit 7 Jahren alleine wohnt, ist die drohende Unterdrückung seiner haushaltstechnischen Eigenheiten, ein Opfer das man eben auf sich nehmen muss.
Seit jeher wird um zwölf Uhr Mittags auf dem Schlosshügel eine Kanone abgefeuert. Der Knall mag ganz Nizza erschüttern, ist aber verlässlicher als jede Kirchenuhr, und bedeutet das Ende meiner offiziellen Unterrichtsstunden. Die Sprachschule IDIOM befindet sich in einem ehemaligen Luxushotel. Die Einfahrt ist mit Palmen bepflanzt und obwohl die Eingangshalle von damaligem Prunkt befreit worden ist, wirkt sie noch immer eindrücklich elegant. Und wenn man die breite Treppe zu den Schulräumen hinauf schreitet und sich vor Unterrichtsbeginn auf die grosse Terrasse setzt, scheint es fast ein Privileg zu sein, Französisch in einem solchen Gebäude gelehrt zu bekommen.
Kein Tag vergeht, ohne dass das Meer lockt. Der Strand überraschenderweise, voll grauer Kiesel und mit Ausnahme von ein paar Einzelnen, die in der Sonne liegend ihre Mittagspause verbringen, völlig leer. Die gleichmässige Eintönigkeit der brechenden Wellen lässt einem zu faul und zu zufrieden werden, um sich den Unregelmässigkeiten der Verben zu widmen. An der Promenade oberhalb vom Strand sitzen unzählige ältere Damen, die knapp bekleideten vorbeirennenden Sportler synchron hinterherblickten. Sport wird in allen Facetten auf der knapp acht Kilometer langen Promenade des Anglais betrieben. Zu jeder Tageszeit weicht man hier Joggern, Biker, Inlineskater, Skateboarder oder entzückenden Rest-Touristen aus. Neben der verschachtelten Altstadt Nizzas, gibt es in unmittelbarer Umgebung der Stadt selbst, zahlreiche sehenswerte Dörfer, Yachthafen-Anlagen, und eigene kleine Königreiche. Mit dem Bus fährt man für knapp 2 Euro direkt ins Herz von Monaco.
In Nizza selbst geht man zu Fuss. Oder man gönnt sich eine Fahrt in der einen, laut vor sich hin bimmelnden, Tram. Und wenn man das tut, dann würdigt man diese eine Tram auch. Und gibt nicht damit an, wie ausgebaut das Schienennetz von Zürich ist. Diese eine Tram, die reicht nämlich.
Nizza im November ist erstaunlich vorteilhaft für die aktuellste Herbstmode. In hellstem Sonnenschein präsentieren sich Frauen in den Parks mit Mäntel, sorgfältig ausgewählten passenden Halstüchern und schicken Absatzschuhen. Diese sind jedoch, aus eigener Erfahrung, sehr unpraktisch in einem Stadtzentrum, das nur aus Kopfsteinpflaster besteht. Die Männer tragen weniger aufwändige Zusammenstellungen von Jogginghosen und Pullis. Auch wenn sich die beliebteste Einkaufstrasse kaum in Vielfältigkeit von schweizerischen abhebt, ist es doch erstaunlich, wie viel Geld man in den kleinen Boutiquen in den Zwischengässchen loswerden kann. Zumindest bis Anfangs Dezember.
Dann fällt nämlich die ganze Stadt in einen fast schon lächerlichen Weihnachtsrausch und all die blinkenden Lichter ziehen einem nur noch zu den Hauptorten der Stadt. In den Parks gibt es kaum einen Baum, der nicht feierlich geschmückt ist. Auf dem grössten aller Plätze wird ein romantisches Riesenrad aufgebaut, umgeben von dutzenden Weihnachtsmarkt-Häusschen. Der Weihnachtsmann kriegt ein eigenes Dorf und unter Palmen kann man zu den Weihnachtshits vergangener Jahre Eis laufen.
Ich erlebe Nizza als eine ruhige Stadt, voller Spaziergänger, alten Häusern, neuen Häusern, erstaunlich wenigen Souvenirläden, und einem leeren Strand. Ohne den Touristenhorden der Hauptsaison entdecke ich eine völlig authentische Stadt. Zwar ist durch die hohe Anzahl der Hundehäufchen verträumtes Flanieren durch die Gässchen wenig empfehlenswert, doch der Ort behält genau den Charme den man ihm zudichtet. Und als ich zusammen mit Lea in ihrem alten Honda, dessen Heizung nicht ging, mit Halstuch um den Kopf geschlungen, an der Küste Richtung Monaco fuhr, da war es fast wie zu Grace Kellys Zeiten. Vor allem als Lea Jaquces Brels Leid vor sich hersang.