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Als Brasília am 21. April 1960 eingeweiht wurde, erstrahlte ganz Brasilien vor Stolz. In drei Jahren hatten Zehntausende Arbeiter aus allen Regionen Brasiliens inmitten eines Niemandslandes eine gewaltige Stadt konstruiert, ein undenkbares Unterfangen wurde tatsächlich Realität. Eine Nation grösser als Europa hatte sich endlich, 138 Jahre nach der Unabhängigkeit und 71 Jahre nach Ausrufung der Republik, von Kolonialmächten und Kaiserreich emanzipiert.
Zu verdanken ist dies allen voran dem damaligen Präsidenten Juscelino Kubitschek, der mit seinem Wahlmotto “Fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren“ 1956 an die Macht kam und flugs die Ausschreibung für die neue Hauptstadt initiierte. Bereits ein Jahr später stand der Gewinner und Masterplaner fest: der in Frankreich geborene Lúcio Costa, bislang kaum beachtet, überzeugte die Jury mit seiner Idee einer Stadt in Form eines Schmetterlings mit gewaltiger Süd-Nord-Achse und viel Raum zur Gestaltung. Ihm zur Seite stand Star-Architekt Oscar Niemeyer, Meister der ungeraden Linie. Niemeyer entwarf die imposanten Gebäude wie den Nationalkongress, die Kathedrale, das Nationalmuseum oder die Nationalbibliothek. Alle diese monumentalen Gebäude wirken auch heute noch futuristisch bis zeitlos, sie sind lebendige Denkmäler des modernen Brasiliens.
Sie sind aber auch die Politikgrüfte einer verloren gegangenen Vision eines geeinten Brasiliens. Nie war die herrschende Klasse weiter vom Volk entfernt als in Brasília, niemals wurde mehr Geld in eine Stadt investiert, die wie ein schwarzes Loch auf der Landkarte Macht und Geld ansog – zum Leidwesen vieler Regionen, deren Verarmung durch Landflucht immer weiter voranschritt.
Brasília belebte eine zuvor fast unbewohnte Region in der geografischen Mitte Brasiliens. Es war eine prinzipiell klug geplante Stadt, in der Menschen aller Einkommensschichten zusammenleben sollten. Mit einer halben Million Einwohner rechnete man damals mit viel Platz für soziale Kontakte, gemeinsame Aktivitäten, Erholung in der fast grenzenlosen Natur der Umgebung. Eine Stadt für das Volk, so dachte es sich der bis heute bekennende Kommunist Niemeyer.
Die ersten Risse im noch frischen Beton der Megasiedlung zeigten sich jedoch bereits 1964, als das Militär nach einem Putsch in Brasília einzog. Aus sozialem und integrationsförderndem Wohnungsbau wurden Eigentumswohnungen, ärmere Familien mussten in die neu entstehenden Satellitenstädte ausweichen. Die bereits angesprochene Macht teilte die Hauptstadt aus der Retorte unter sich auf, der Rest wurde ins Umland abgeschoben.
Aber selbst das vermochte die Anziehungskraft der Stadt nicht zu mindern. In den kommenden Jahrzehnten kamen immer mehr Menschen in den Hauptstadtdistrikt auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Wer sich eine der Wohnungen in den unzähligen Hochhäusern der Ghettosiedlungen nicht leisten konnte, campierte illegal irgendwo auf den unverbaubaren Grünflächen. Hier wuchsen nach und nach unkontrolliert die Favela genannten Armenviertel heran, erst seit ein paar Jahren wird versucht, die Regionen zu urbanisieren.
Brasília ist heute eine ganz normale brasilianische Grossstadt mit der wohlbekannten Schere zwischen Arm und Reich. Es ist keine über Jahrhunderte gewachsene Stadt wie Rio de Janeiro oder Salvador, aber fünf Jahrzehnte reichten aus, um das ehemalige Glanzstück brasilianischer Zukunftsplanung in ein restaurationsbedürftiges Denkmal zu verwandeln. Denn mittlerweile zeigen sich wirklich Risse im Beton, die Prachtbauten sind angefressen von Sonne, Wind und Regen der vergangenen Jahrzehnte.
Die Stadt mit den riesigen Prachtstrassen, gigantischen Grünflächen und futuristischen Gebäuden ist seit 1987 Weltkulturerbe der Unesco, 2008 wurde sie sogar Kulturhauptstadt Lateinamerikas. Und vielleicht ist auch die Kultur das einzigartige an Brasília. Nirgend wo sonst in Brasilien gibt es augenscheinlich mehr Kunst und Kultur, an keinem Ort scheint man intellektueller zu denken als auf dem Hochland im Bundesstaat Goiás. Denn der Hauptstadtdistrikt ist nicht nur geographisch eine Enklave, kein Territorium der brasilianischen Union liegt sonst inmitten eines anderen Bundesstaates und wird von diesem vollständig umschlossen.
Einen Sonderstatus hat sich daher Brasília seit jeher in den Herzen der brasilianischen Bevölkerung erhalten. Dies gilt auch in Bezug auf die Vorteile, welche die Errichtung der neuen Hauptstadt vor einem halben Jahrhundert für Brasilien gebracht hat. Laut einer aktuellen Umfrage des brasilianischen Senats glauben 85 Prozent aller Brasilianerinnen und Brasilianer, dass der Umzug der Regierung von Rio de Janeiro nach Brasília ganz Brasilien Vorteile gebracht hat, bei den Bewohnern der Hauptstadt liegt die Zahl sogar bei 94 Prozent.
Einhelliger Meinung sind auch die “brasilenses“, die Einwohner Brasílias und die Menschen im restlichen Brasilien, dass die neue Hauptstadt die Grossregionen in dem gigantischen Land näher zusammenrücken liess und den Integrationsprozess der abgelegenen Gebiete erleichtert hat. Dass Brasília ein guter Platz zum Leben ist, davon ist allerdings nur die dort lebende Bevölkerung überzeugt. Fast die Hälfte der Menschen im restlichen Brasilien glaubt nicht, dass die Hauptstadt einen idealen Wohnort darstellt.
Mit Faszination, Neid, Stolz und auch ein wenig Abscheu betrachtet man also das Geburtstagskind in diesen Tagen. Die Postkartenmotive des Regierungsviertels strahlen weiterhin den unvergänglichen Glanz eines monumentalen Meisterwerkes aus. Brasília ist auch 50 Jahre nach seiner Einweihung eine Illusion, eine unwirkliche Oase in den Weiten Brasiliens. Und so hat es sich in den Köpfen eingeprägt, genauer hinsehen will man lieber nicht. Denn dann träfe man ja womöglich auf die seit langem auszubessernden Risse im Beton der Wirklichkeit.
- 50 Jahre Brasília Teil 1: Vision der Schöpfung einer neuen Republik
- 50 Jahre Brasília Teil 3: Perspektiven einer Stadt voller Zukunft