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Rüsch Gabriel
- 17.1.1794 Speicher, 23.3.1856 St. Gallen.
Inhaltsverzeichnis
Jugendzeit[Bearbeiten]
Gabriel Rüsch war ein Sohn des Johann Ulrich Rüsch und der Anna Elisabeth Roth. Letzterer war Mousselinefabrikant und Ratsherr, als solcher in den Revolutionswirren von 1798 massgeblich in den beinahe mit Waffengewalt ausgeführten Konflikt der Gemeinden „hinter der Sitter“ und „vor der Sitter“ über Verfassungsfragen auf Landes- und Bundesebene verwickelt. In diesem Jahr flüchtete die Mutter mit fünf Kindern für zwei Monate nach Almerschwendi in den Bregenzerwald. 1805-08 besuchte Gabriel Rüsch das Pestalozziinstitut in Yverdon, wo er von Weggefährten Pestalozzis, unter anderen von Johannes Niederer und Johannes Ramsauer unterrichtet wurde. 1808-09 besuchte er zu Vervollkommnung in Französisch und Italienisch das Institut Monastier in Lausanne. Die Brüder Monastier waren engagierte Waldenser Geistliche. Mit Anton Monastier pflegte Rüsch bis an sein Lebensende einen regen Briefwechsel. 1809 kehrte er nach Speicher zurück und übernahm im väterlichen Geschäft ihm wenig zusagende kaufmännische Tätigkeiten.
Werdegang zum Arzt[Bearbeiten]
1812 erhielt er Gelegenheit, bei Dr. med. Keller in Frauenfeld eine zweijährige Lehre als Arzt zu machen, ein damals üblicher Werdegang vor dem eigentlichen Studium. 1814-17 Medizinstudium in Zürich (1 Jahr), Tübingen (1 Jahr) und Würzburg, wo er mit einer Dissertation über „placenta praevia“ doktorierte.. 1817-18 Weiterbildung in Wien und vor allem Halle. 6 Tage dauerte die Kutschenreise von Wien nach Prag, eineinhalb Monate war er von dort über Berlin, Lübeck und Hamburg zu Fuss nach Halle unterwegs, wo er bald als „Schweizerdoktor“ bekannt war.
Tätigkeit in Speicher[Bearbeiten]
1818 kam Gabriel Rüsch zurück nach Speicher, wo er gerne eine Arztpraxis eröffnet hätte, allerdings bestanden zu jener Zeit bereits sechs Arztpraxen. Er übernahm die ärztliche Betreuung für das Armen- und Waisenhaus sowie die ambulante Armenpraxis. Er muss wohl einen guten Ruf genossen haben, denn von mehr und mehr Einwohnern wurde er als Hausarzt beigezogen, er wurde sogar „Leibarzt der (Dorf) Honoratioren“ In diese Zeit fällt vermutlich seine Heirat mit Wilhelmina Stäbli aus Brugg, Tochter des Samuel, der als Salzfaktor (im Aargau Beauftragter für den Salzverkauf) zu den Wohlhabenden gehörte und sich auch politisch in der Revolutionszeit einen Namen gemacht hatte. 1820 gehörte er zu den Gründungsvätern der Sonnengesellschaft und blieb bis zu seinem Tod ein aktives, mitunter rastloses Mitglied mit immer neuen, vor allem gemeinnützigen Ideen. „Mit eiserner Energie war (er) stets bereit, von Neuem zu beginnen. Er war der Mann der konsequenten That.“ So unterrichtete er ab 1828 junge Leute, die bereits eine ordentliche Schulbildung besassen in „staatsbürgerlicher und anderer Beziehung“, nämlich in allgemeiner Schweizergeschichte und Geographie, während des Winters jeweils dienstags von 18 bis 20 Uhr, später auch im Sommer. In der Sonnengesellschaft hielt er eine Vielzahl von Vorträgen zu volkswirtschaftlichen oder politischen Themen. 1831-1833 amtete er als Präsident der Sonnengesellschaft, eine Zeit, in der diese gegen viele Widerstände die Initiative und Finanzierung zur Einführung des Zürcher Kirchengesangbuches ergriffen hatte. Ebenfalls in seine Präsidentenzeit fällt 1831 die Gründung der „Anstalt zur Beförderung der Kartoffelanpflanzung“, welche dazu diente, Armen und Unbemittelten in jenen Notzeiten (bis 1835) Saatgut günstig zur Verfügung zu stellen. 1833 regte er die Gründung einer Mädchenarbeitsschule an. Die erste Lehrerin war „Frau Lehrer Waldburger in der Schwendi." Bald wurde eine zweite Schule im Dorf eröffnet, nämlich im „Ochsen.“ Erst 1855 ging die Institution von der Sonnengesellschaft in die Verantwortung der Gemeinde über.
Weiter war Gabriel Rüsch Mitglied der „vaterländischen“, der gemeinnützigen“ und der „landwirtschaftlichen“ Gesellschaften, der „medizinisch-chirurgischen Gesellschaft Ostschweiz“ sowie der „naturwissenschaftlichen Gesellschaft St. Gallen.“
Politische Tätigkeit[Bearbeiten]
Gabriel Rüsch betätigte sich in seiner Wohngemeinde aktiv am politischen Geschehen, so 1834-35 als Ratsherr in Speicher. aber auch auf kantonaler Ebene stellte er sich in der als „Revisionszeit“ bezeichneten Epoche, die durch heftige Richtungskämpfe gekennzeichnet war, für verschiedene Ämter zur Verfügung. Nicht zuletzt ist ihm auch die Verwirklichung standespolitischer Anliegen (Gesundheitswesen) zu verdanken.
Einigung der Ärzteschaft[Bearbeiten]
Nachdem er zunächst erfolglos die kantonale Ärzteschaft im Kampf gegen das (blühende) Kurpfuschertum zu einen versuchte, gelang es ihm kurz darauf, alle Ärzte zur Unterzeichnung eines Memorials an den Grossen Rat zu bewegen, der es allerdings aus Angst vor reaktionären Bewegungen zunächst auf die lange Bank schob. 1821 wurde dann doch eine Sanitätskommission eingesetzt, der Rüsch bis 1840 angehörte. Parallel dazu entstand unter seiner Mitwirkung 1827 die Gesellschaft appenzellischer Ärzte.
Mitwirkung in kantonalen Gremien[Bearbeiten]
Bereits 1823 war er im Rahmen der Sonnengesellschaft Gründer der ersten noch privaten Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons mit zunächst 110 Hausbesitzern aus Speicher. 1838 zählte die Anstalt rund 3000 Teilhaber, im gleichen Jahre bestand sie ihre „Feuerprobe“ beim Dorfbrand von Heiden. Darauf wurde dann 1841 die kantonale Gebäudeversicherung eingeführt, zum Leidwesen von Rüsch, der sie lieber in privater Obhut gewusst hätte. 1834-38 Revisionsrat, 1835-38 Kleinrat. Gewaltentrennung, Reformen im Armenwesen und politische Gleichberechtigung der Beisassen waren seine Hauptanliegen, welche er immer sehr dezidiert vertrat. Er wurde, wohl seiner pointierten Ansichten wegen, seiner Stellen als Revisionsrat und Kleinrat enthoben, es heisst, er hätte die „Ungunst des Volkes“ zu spüren bekommen, unter andrem weil er auch die neue (aber verhasste) Schulordnung heftig verteidigt hatte. Von 1836-40 war er Mitglied der Kantonsschulkommission, in welcher er Mängel offen benannte und Reorganisationen anstrebte.
Redaktor der Appenzeller Zeitung[Bearbeiten]
In den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts tobten heftige Richtungskämpfe zwischen Anhängern der so genannt „alten Ordnung“ und denjenigen, die eine Revision anstrebten hin zur staatlichen Ordnung, wie sie dann im Bundesstaat von 1848 zustande kam. Die Appenzeller Zeitung wollte den Gegnern der Revision als „republikanisches Organ für Volksbelehrung und Aufklärung“ entgegentreten. Sie berief Rüsch 1834 als Inlandredaktor, machte er sich doch im Revisionsrat für eben diese Anliegen stark. Drei Jahre lang vertrat er damit als glänzender Schreiber prägnant und pointiert die Anliegen der Revisionisten und richtete den Fokus des Blattes auf den Kanton aus.
Reisen[Bearbeiten]
Gabriel Rüsch unternahm immer wieder Reisen, häufig zu Fuss und deshalb meist länger dauernde. Seine Eindrücke hielt er jeweils in einem „Reise-Journal“ fest. Im Juni 1828 reiste er nach Italien via Splügen, Como, Mailand, Pavia, Genua nach Turin und dann über den Gotthard wieder zurück. 1831 über die Innerschweiz ins Berner Oberland und weiter nach Genf, 1833 in die Vogesen, 1837 ins Tirol, nach Salzburg und Kärnten, 1840 nach München, 1845 nach Ulm und Stuttgart, 1851 nach Oberschwaben, 1852 nach Vorarlberg und 1855 über Belgien und Holland nach London und über Paris zurück nach St. Gallen.
Übersiedlung nach St. Gallen[Bearbeiten]
1840 verliess Rüsch Speicher und zog nach St. Gallen, wo er sich seiner angestammten Tätigkeit als Arzt widmete. Der Wegzug wurde begünstigt durch persönliche Enttäuschungen auf politischem Gebiet, aber auch durch den Wunsch seiner Frau, die sich in Speicher nie recht wohl fühlte. Von 1847-50 wirkte er als Badearzt in Pfäfers, wo er sich entschieden gegen eine Leitung des Thermalwassers nach Ragaz aussprach. Seine Leidenschaft für eine Verbesserung der Bildung und Ausbildung junger Menschen mündete 1848 in der Gründung einer Stickereischule im benachbarten Valens. 1856 starb Gabriel Rüsch nach kurzer Krankheit am 23. März im Alter von 62 Jahren. Es mag als Ironie der Geschichte erscheinen, dass er auf dem Friedhof im Linsebühl beerdigt wurde, dort wo bis rund 350 Jahre zuvor alle Speicherer ihre letzte Ruhe fanden.
Werke[Bearbeiten]
Gabriel Rüsch ist Autor verschiedener Schriften zur Balneologie (Bäderlehre), zu naturwissenschaftlichen Themen und zur Landeskunde:
- Anleitung zu dem richtigen Gebrauche der Bade- und Trinkcuren überhaupt mit besonderer Betrachtung der schweizerischen Mineralwasser und Badeanstalten, 3 Bände., 1825-32
- Monographien zu Baden, Heiden und weiteren schweizerischen Badekurorten
- „Beschreibung des Bades Pfäfers in seiner neuen Gestalt“
- Historisch-geographisch-statistisches Gemälde der Schweiz Bd 13: Der Kanton Appenzell historisch-geographisch-statistisch geschildert; 1835
- Der Kanton Appenzell mit besonderer Berücksichtigung seiner Kuranstalten, Alpengegenden und Industrien als Handbuch für Kurgäste und Reisende; 1844
- Fortsetzung der Walser Chronik (Gabriel Walser, 1740) für 1792 bis 1798 und 1798 bis 1830 (nur als Handschrift im Nachlass, publiziert in den appenzellischen Jahrbüchern 1909, 1910, 1911, 1912)
- Abhandlung über das Forstwesen in App. A. Rh.
- Abhandlung über die Seidenraupenzucht.
Text: Peter Abegglen, Mai 2017
Quellen und Literatur: J.M. Hungerbühler, Dr. Gabriel Rüsch's Leben und Wirken, 1856 Thomas Fuchs in „Historisches Lexikon der Schweiz“; Georg Baumberger in „Jubiläumsschrift auf das sechzigjährige Jubiläum der Sonnengesellschaft Speicher“ Arnold Eugster in „Die Sonnengesellschaft im ersten Jahrhundert ihres Bestehens“