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Der Rücken von Aaron Ursprung
von Cedric Weidmann
Er war immer für sie da, er tröstete sie in schlechten Zeiten und brachte sie selbst in Zeiten voller Zufriedenheit zu einem hämischen Lachen. Aaron war eine Schulter, an die man sich jederzeit anlehnen konnte.
„Ich bin dir dankbar dafür, dass du immer für mich da bist“, sagte sie zu Aaron.
„Wie meinst du das?“, fragte er über die Schulter.
„Ich meine…“ Sie war verwirrt über die Frage, aber wusste, dass Aaron oft gerade heraus Dinge fragte, die er einfach wissen wollte. Womöglich um ein allgemeines Interesse zu bekunden oder um sicher zu gehen, die Menschen nicht falsch zu verstehen. Überhaupt tastete sich Aaron fast unnatürlich in jeder Situation ab, als wollte er sicher gehen, dass er nicht auf eine Unernsthaftigkeit hereinfiel, auf die er nicht gefasst war. Er langte wie mit unsichtbaren Tentakeln über ihr Gesicht, um versichert zu sein, dass sie noch eine Nase, einen Mund, zwei Augen hatte. Manchmal dachte sie sich, wie es wohl wäre, wenn sie plötzlich keine Nase mehr hätte, oder wenn sie plötzlich als Antwort etwas völlig Unerwartetes von sich geben würde, das überhaupt nicht zu ihr passte. Würde Aaron zurückschrecken? Wäre er noch gleich einfühlsam und verständnisvoll? Aber natürlich würde sie das nie ausprobieren. Aaron war ein zu wichtiger Fels in ihrer Brandung, als dass sie seine Standfestigkeit für irgendein neugieriges Spielchen aufs Spiel setzte.
„Ich meine, ich bin froh, dass du da bist“, sagte sie endlich und betrachtete den warmen, nackten Rücken von Aaron.
„Bin ich denn da?“
Die Frage irritierte sie nun wirklich. Es kam ihr vor, als streckte er seine Tentakel in ihren Hals, um sich im Klaren darüber zu sein, dass sie ihn nicht verschlucken wollte. Wie konnte sie ihm sagen, dass sie ihn auf keinen Fall verschlucken wollte? Ganz im Gegenteil.
„Natürlich bist du da. Du bist immer da. Du bist immer da, wo ich bin. Du hilfst mir, wo du kannst. Ich weiss nicht, wo ich heute ohne dich wäre.“
Aaron brummte langsam, wie es oft klang, bevor er sprach. Er brachte seinen Motor zum Laufen, der einen dunklen Klang verursachte. Erst dann stieg aus diesem Brummen ein Satz, aber flüssig, auf keinen Fall schmerzhaft abrupt. Manche Menschen schnitten mit ihren Stimmen wie mit Messern durch die Stille, aber Aaron wusste genau, wie er seine Zuhörer auf sich vorbereitete und wenn er sprach, waren alle ruhig und spitzten die Ohren.
„Du wärst auch da, wenn ich nicht wäre“, antwortete Aaron bestimmt und drehte sein Schultergelenk, als hätte er sich eine Verkrampfung eingeholt.
Manchmal wünschte sie sich, sie könnte sein Gesicht sehen. Sie hatte schon oft versucht, den Blick um ihn herumzuwinden. Dazu hatte sie schon allerlei Tricks benützt. Sie schwang sich zum Beispiel vom Bett, als würde sie plötzlich ein Buch vom Nachttisch holen wollen, um Aaron ins Gesicht zu sehen. Kaum hatte sie sich jedoch bewegt, erhob sich Aaron von der Kante und wandte sich ab, während er seinen Blick aus dem Fenster richtete. Seine Bewegungen hatten bei diesem fluchtartigen Abwenden immer etwas Impulsives und Verärgertes. Seine Stimme klang aber liebevoll wie immer und er sprach nie über solche Vorfälle. Im Gegenteil, ihm fiel in Sekundenschnelle eine Liebkosung, eine Tröstung, ein Witz oder ein schlauer Spruch ein, den er mit ihr teilte.
Über die Zeit hatte sie den Eindruck gewonnen, dass Aaron nur seinen Rücken zeigen wollte, und sie sah sich wohl oder übel gezwungen, den Finger aus dieser Wunde zu ziehen, wenn sie weiterhin in die Vorzüge seiner sprachlichen Einfühlsamkeit kommen wollte. Er wollte eben nur seinen Rücken zeigen, also würde er auch nur seinen Rücken zeigen.
„Warum bist du immer für mich da?“, fragte sie plötzlich aus irrwitzigen Laune heraus und lehnte ihren Kopf an seinen Rücken.
„Das bin ich gar nicht.“
„Wie meinst du das?“, fragte sie, erfreut, den Spiess umgedreht zu haben.
„Ich bin gar nicht da“, antwortete er und seine Stimme klang seltsam verändert, als ob er plötzlich unbeschreiblich wütend wäre und damit erhob er sich, während er ihr die Unterlage unter ihrem Kopf wegzog. Er verliess das Zimmer durch die offene Türe und sie starrte ihm noch nach und sah sprachlos wie sich der Schatten langsam über seine Schulterblätter legte und dem Nacken entlangwanderte.