Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03139.jsonl.gz/3059

Nach Nachlassen der Entzündung können Reparaturmechanismen zum Teil sogar eine Remyelinisie-rung (das Wiederherstellen des zerstörten Myelins) erwirken. Bei MS gibt es einen langen Zyklus
von Zerstörung (Demyelinisierung) und Reparatur (Remyelinisierung). Wenn die Entzündungen aber zu häufig an derselben Stelle auftreten, kann keine Remyelinisierung mehr stattfinden und es entsteht eine dauerhafte Schädigung.
Diese Entzündungen an den Nerven äussern sich bei MS typischerweise in Form von Schüben mit unter-schiedlichsten Symptomen, je nachdem wo die Ent-zündung sich befindet. Es gibt drei verschiedene
MS-Formen: 1) Die schubförmige MS ist die häufigste. Es treten dabei immer wieder Schübe auf, deren Symptome sich aber zum Teil wieder vollständig zurückbilden. 2) Bei der zweiten Form geht die an-fangs schubförmige MS in eine
sekundärprogrediente über. Es treten weiterhin Schübe auf, die sich aber nicht mehr zurückbilden. 3) Die primärprogrediente MS ist eher selten. Bei ihr verschlechtern sich die Symptome von Anfang an stetig und es gibt keine Schübe.
Es ist nicht ganz klar, an welcher Form ich leide. Vor 30 Jahren war ich einmal wegen neurologischen Auffälligkeiten beim Arzt. Damals wurde jedoch nichts entdeckt. Mitten im Urwald erlebte ich einen ersten
richtigen Schub. Die Behinderung verstärkt sich zusehends. Somit scheint es am ehesten, dass ich an der primärprogredienten Form leide, obwohl ich am Anfang einen Schub hatte. Mein erstes Symptom war der unsichere Gang, das Schwanken. Dieser
unsichere Gang stammt von einer Ataxie der Beine. Eine Ataxie meint das „Fehlen eines geordneten Zusammenspiels von Muskeln". Bewegungen können nicht mehr so gut koordiniert werden. Bei den Beinen bedeutet das, dass man unsicherer wird, sogar im
Stehen, und leichter stolpert. Für Aussenstehende wirkt der typisch breitbeinige Gang so, als wäre der Betroffene betrunken. Diese Vermutung traf auch mich. Deshalb war für mich die Diagnosestellung
eine Befreiung. Von da an wusste ich, dass ich nicht Alkoholiker war, und ich durfte so sein, wie ich war, auch gegen aussen. Die Diagnose war mein Schutzschild gegen solche Anschuldigungen.
Nach meinem ersten Schub im Urwald konnte ich gar nicht mehr gehen und erlangte danach nicht mehr die Kräfte von vorher zurück. Ich musste zuerst auf einen Stock, dann auf eine Krücke,
dann auf zwei und schliesslich im Jahr 2003 auf einen Rollstuhl umsteigen.