Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03639.jsonl.gz/855

Der konservative Wahlsieg im Kanton von 1850 zeigte sich 1853 in Thun an der Gesamterneuerungswahl des Gemeinderats: Die 170 an der Gemeindeversammlung anwesenden Stimmbürger wählten überwiegend konservativ. Am Ende war der gesamte Gemeinderat konservativ und zu mehr als zwei Dritteln burgerlich, denn die drei gewählten Freisinnigen lehnten angesichts der erdrückenden konservativen Mehrheit die Wahl ab. Ein Leserbriefschreiber kommentierte: «Sind blos die Burger in dieser Behörde vertreten, werden diese gewiss das Hemd näher finden als den Rok»31 – eine Anspielung auf die bevorstehende Vermögensausscheidung zwischen der Burger- und der Einwohnergemeinde.
Versammlung der Radikalen auf der Bärenmatte in Münsingen am 25. März 1850, die der Thuner Albert Lohner präsidierte. Angesichts der fiebrigen Stimmung ermahnte das «Thuner Blatt» die Teilnehmer, sich von konservativer Seite nicht provozieren zu lassen. Dies mit gutem Grund, denn die Konservativen tagten am selben Tag kaum 200 Meter entfernt auf der Löwenmatte. Insgesamt fanden sich rund 20 000 Mann in Münsingen ein, wobei die Konservativen stärker mobilisieren konnten. Die Versammlungen verliefen ohne Zwischenfälle. Holzschnitt eines anonymen Künstlers.
Die Haltung in dieser Frage schien damals die Zugehörigkeit zum einen oder anderen Lager zu definieren. Nach den Wahlen von 1857 kommentierte das «Thuner Blatt», dass die «burgerliche Liste» einen knappen Sieg gegenüber den «Einsassen» davongetragen habe.32 Der konservative Höhenflug der 1850er-Jahre war aber wie im Kanton bald zu Ende. Dies zeigte sich in der politischen Zugehörigkeit der Parlamentarier aus dem Amt Thun: Die ab 1848 gewählten Nationalräte der Oberländer Bezirke – auch Thuns – waren allesamt Radikale respektive Freisinnige, abgesehen vom 1850/51 amtierenden konservativen Johannes Knechtenhofer. Die drei 1870 gewählten Grossräte Carl Samuel Zyro, Johann Friedrich Hofer und Karl Schrämli (1831–1899) waren freisinnig, ebenso mindestens drei von jeweils vier Grossräten in den Wahlen 1874, 1886 und 1890.33