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1.
Es gibt gute und schlechte Belletristik, und es gibt guten und schlechten Journalismus. Im Fall von guten Texten wird man in beiden Bereichen von Phänomenen literarischer Spracharbeit reden dürfen.
Aber auch, wenn ich gut gemachten Journalismus als Literatur adle, ist er deswegen nicht Belletristik. Journalismus und Belletristik bezeichnen zwei verschiedene, allerdings aneinandergrenzende Felder der Spracharbeit. In diesem Grenzgebiet bin ich von Berufs wegen seit vielen Jahren unterwegs, und zwar als Journalist.
Will ich dieses Grenzgebiet beschreiben, muss ich die Begriffe Journalismus und Belletristik in einem idealtypischen Sinn verwenden. Täte ich das nicht, würden auf beiden Seiten der Grenze ökonomischen Zwänge weitergehende Differenzierungen als idealistische Träumereien erscheinen lassen. Ich rede deshalb über dieses Grenzgebiet, als wüsste ich nicht, dass es auf beiden Seiten der Grenze zuerst und zuletzt ums Geld geht – auch wenn aus ideologischen Gründen beidseits der Grenze selbstverständlich steif und fest das Gegenteil behauptet wird.
2.
Im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Belletristik stellen sich entlang des imaginären Grenzverlaufs spiegelverkehrt analoge Fragen. Die aus umgekehrter Perspektive gegebenen Antworten beziehen sich gleichermassen auf Absichten, Arbeitsmethoden und Arbeitsprodukte.
Es gibt keine Versöhnung zwischen den beiden Perspektiven. Nie meint das journalistische Bemühen um die Welt mittels Sprache das Gleiche wie das belletristische Bemühen um die Sprache mittels Welt. Nicht einmal dann, wenn der journalistische und der belletristische Text identisch wäre.
3.
Die Arbeitshypothese des Journalismus lautet: Ich weiss nichts. Obschon das nicht stimmt. Der Journalismus versucht, mittels Fakten einzelne, unzusammenhängende Fragmente der Wirklichkeit abzubilden.
Die Arbeitshypothese der Belletristik lautet: Ich weiss alles. Obschon das nicht stimmt. Die Belletristik versucht, mittels Erfindung von Faktenhaftem den Schein einer vollständigen Wirklichkeit zu erzeugen.
4.
Das vorausgesetzte Nichts-Wissen des Journalismus wird im Wissensmodus produktiv: Jedes noch so kleine Wissbare ist eine Insel im Meer des Nichtwissens. Jede Insel, die man findet, ist ein Glücksfall und spornt an, weitere Inseln des Wissens zu finden. Journalistische Texte versuchen dem, was gesagt wird, einen Reiz des dispersen Wissenswürdigen zu geben.
Das vorausgesetzte Alles-Wissen der Belletristik wird im Glaubensmodus produktiv: Im Meer des Nichtwissens behauptet dieser Glaube für jeden Wassertropfen einen Namen. Wissensinseln in diesem Meer werden umschwommen, weil sie in aller Regel die auktorialen Badefreuden stören. Belletristische Texte versuchen dem, was gesagt wird, den Reiz des kompakt Glaubwürdigen zu geben.
Journalismus und Belletristik verhalten sich zueinander gleich wie die Begriffe Wissenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit.
5.
Der Journalismus weiss alles, was er sagt und sagt nur, was er weiss. So klärt er auf über die Welt, wie sie ihm erscheint. Das Problem: Über mehr als sein Wissen, das Inseln bildet im Meer des Nicht-Wissens, kann er nicht aufklären. Seine Aufklärung ist deshalb ein löchriger Flickenteppich – Schein von Aufklärung.
Die Belletristik glaubt alles, was sie sagt und sagt alles, was sie glaubt. So entwirft sie das Bild einer fertigen Welt. Das Problem: Über mehr als ihren Glauben vom Ganzen kann sie nicht reden. Ihr Weltentwurf ist deshalb ein Glaubensbekenntnis in säkularer Zeit – Schein einer Weltsicht.
6.
Der Journalismus klärt über eine Welt auf, die er nicht kennen kann – im Namen einer Vernunft, die im Meer des Nichtwissens keinen Grund findet und ohne dass er wissen kann, ob diese Vernunft vernünftig bliebe, fände sie Grund in der Welt hinter seinem Nichtwissen.
Die Belletristik schildert eine Welt, an die sie glaubt – im Namen einer Erfindungskraft, die im Meer des Nichtwissens für jeden Wassertropfen einen Namen erfindet ohne wissen zu können, ob diese Namen mit der Welt hinter ihrem Glauben etwas zu tun haben.
7.
Sowohl Journalismus als auch Belletristik benutzen die Sprache als Medium. So verschieden die Sprachen sein mögen, so enthalten sie doch immer einen Kitt, der einzelne Aussagen zum Kontinuum der Darstellung verbindet: die Narrativität. Narrativität erzeugt den Schein davon, dass zwei nacheinander gemachte Aussagen in einem bestimmten Zusammenhang stehen. An diesen Zusammenhang muss man glauben wollen, soll Narrativität gelingen. Der Kitt der Sprache gehört als Glaubenssache der Belletristik an. Das ist das Paradox jedes im Wissensmodus formulierten Texts.
Sowohl Journalismus als auch Belletristik arbeiten – ob recherchiert oder behauptet – mit Realien. So verschieden diese sein mögen, sie enthalten doch in jedem Fall die welthaltigen Eckdaten des roten Fadens, aus dem das Erzählte gebaut wird. Welthaltigkeit hat den Effekt zu suggerieren, die Darstellung habe mit äusserer Realität zu tun. Diese äussere Realität muss man wissen wollen, soll die Welthaltigkeit wirken. Realien gehören als Wissenssache dem Journalismus an. Das ist das Paradox jedes im Glaubensmodus formulierten Texts.
8.
Das Problem des Journalismus ist insofern dies: Er kommt gegen die Eigengesetzlichkeit sprachlicher Narrativität nicht an, auf die er nicht verzichten kann. Die Sprache, die er brauchen muss, um sprechen zu können, steht unter anderen Regeln als das vereinzelte Wissbare, das er weiss und vermitteln will.
Das Problem der Belletristik ist insofern dies: Sie kommt gegen die Eigengesetzlichkeit der Realien nicht an, die die Welt bedeuten und auf die sie nicht verzichten kann. Ihre fiktionalen Annahmen, über die sie redet, um nicht über nichts zu reden, haben keinen Anschluss an die Welt ausserhalb der belletristischen Gläubigkeit.
9.
Der Journalismus scheitert am «linguistic turn» (Gustav Bergmann); daran, dass die grundsätzliche Faktualität seiner Rede ohne die sprachimmanente Narrativität zusammenhangslos bliebe. Insofern im Journalismus Wissbares zusammenhängend dargestellt wird, ist seine Rede fiktiv, also belletristisch.
Die Belletristik scheitert am «Subrealismus» (Niklaus Meienberg); daran, dass die grundsätzliche Fiktionalität ihrer Rede ohne die vorsprachliche Tatsächlichkeit der Welt kein scheinhaftes Sprachbild einer äusseren Realität erzeugen könnte. Insofern in der Belletristik Welthaltigkeit behauptet wir, ist ihre Rede faktual, also journalistisch.
10.
Der Journalismus misstraut der Sprache, die er brauchen muss, ohne sie beherrschen zu können. Das ist der Fluch seines Nichtwissens: Die Sprache ist ihm ein Skelett, das er mit Fakten bunt behängt. Fleisch am Knochen ist seine Utopie: das journalistische Opus Magnum.
Die Belletristik misstraut der Welt, die sie beschreiben muss, ohne sie kennen zu können. Das ist der Fluch ihres Glaubens: Die Welt ist ihr ein Skelett, das sie mit Wörtern möglichst bunt behängt. Fleisch am Knochen ist ihre Utopie: das belletristische Opus Magnum.
Meisterwerke sind in jeder Sparte selten.
11.
Der Journalismus überwindet die Nachteile des Nichtswissens, indem er dem sinnleeren Tatsachen-Archipel mittels Narrativität, die ihm fremd bleibt, einen Sinn zu geben versucht. Für seine Praxis hat er Formen gefunden für die Rede, die allwissend erscheinen soll und für die Rede, die das Gesagte zumindest subjektiv sinnhaft macht.
• Die allwissende Rede des Journalismus ist der Kommentar. Für ihn werden beliebige Fakten ausgewählt und danach mit der Nähmaschine der Narrativität zu einem Text zusammenstoppelt, der die ganze Welt erklärt.
• Die subjektiv sinnhafte Rede des Journalismus ist die Reportage. Sie bietet über das Nichts-Wissen ihrer Arbeitshypothese hinaus Sinn an um den Preis, dass sie die Wirkungsmacht des Gesagten zurücknimmt auf die Perspektive eines einzelnen Subjekts, der reportierenden Person. Gesagt wird: Ich weiss alles nur insofern, als es für mich so ist.
Die Belletristik versucht, die Nachteile des Alleswissens zu überwinden und so die auktoriale Wassertropfentauferei welthaltig zu machen. Für ihre Praxis hat sie deshalb Formen gefunden für die Rede, die nicht-allwissend erscheinen soll und für die Rede, die das Gesagte bloss subjektiv sinnhaft macht.
• Die nicht-allwissende Rede der Belletristik ist der Essay: In ihm werden beliebige rhetorische Figuren ausgewählt und danach mit der Nähmaschine der Narrativität zu einem Bild des weltentiefen Zweifels zusammengestoppelt.
• Die subjektiv sinnhafte Rede der Belletristik ist jene des nichtauktorialen Erzählens – etwa des inneren Monologs. Sie dekonstruiert mit Zeit- und Raumfragmentierung den umfassenden Sinn des eigenen Glaubens um den Preis, dass sie die Wirkungsmacht des Gesagten zurücknimmt auf die Perspektive eines einzelnen Subjekts, der erzählenden Person. Gesagt wird: Ich glaube alles nur insofern, als es für mich so ist.
12.
Belletristik und Journalismus wird durch eine Grenze getrennt, die sich aus der Unvereinbarkeit ihrer Perspektiven ergibt: Journalismus braucht das Ich, um Welt darzustellen. Die Belletristik braucht die Welt, um das Ich darzustellen.
Trotzdem, so meine These, sind die Möglichkeiten in diesem Grenzgebiet am grössten, Sprache und Welt in kreativer Weise sich aufeinander beziehen und Texte politisch werden zu lassen – egal, ob sie sich als journalistische oder als belletristische verstehen.
Politisch wären belletristische und journalistische Texte demnach dann, wenn sich in ihnen Sprache und Welt in höchstmöglich verbindlicher Weise aufeinander zu beziehen vermöchten.
Und unpolitisch wären Texte dann, wenn sie als belletristische zum leeren Rauschen von Sprache würden und als journalistische zum a-syntaktischen Stammeln von Fakten.
(30.07.-03.08.; 15.09.; 03.11.2012; 21.12.2017; 08./09.+15.01.; 16.07.2018)
Ich bin am Rand des Kantons Bern aufgewachsen, in Roggwil, einem Dorf, das an Murgenthal im Kanton Aargau und an St. Urban im Kanton Luzern grenzt. Entsprechend gibt es in der südöstlichen Ecke des Dorfgebiets einen Dreikantone-Stein und wenn unter den Buben gemackert werden musste, konnte man bluffen, man habe eben über den Stein hinunter in drei Kantone gleichzeitig gepisst. Diese geografische Situation mag mich in den neunziger Jahren dazu inspiriert haben, mir im Zusammenhang mit der Arbeit am Buch «Muellers Weg ins Paradies» das Grenzgebiet als Zusammentreffen dreier verschiedener Felder vorzustellen.
Nach Erscheinen des Buches hatte ich Gelegenheit, in einem Interview über meine Arbeit zu erzählen. Dabei wurde ich gefragt, warum ich zwischenhinein das Wort direkt an Mueller richte. «Für einen Journalisten oder Historiker» sei das «ein ungewöhnliches Stilmittel» – nämlich ein literarisches. Darauf habe ich geantwortet: «Ich habe mich mit Absicht ins Bermudadreieck zwischen Journalismus, Geschichtsschreibung und Literatur begeben. Deshalb gibt es in ‘Muellers Weg ins Paradies’ Elemente aus allen drei Gebieten. Die einzige wirkliche Fiktion ist allerdings die Begegnung mit Paul Nizon.» («Ein Zeitsprung in Berns Subkultur», in: Der Bund, 24.04.2001)
Weil ich es in jenem Interview zu erwähnen vergessen habe, liefere ich eine Information nach, die die Unübersichtlichkeit in diesem Bermudadreieck nicht verkleinert: Die erwähnte Fiktion betrifft ein Gespräch, von dem ich behauptete, es in der Berner Altstadt mit Paul Nizon über seinen Essay «Diskurs in der Enge» geführt zu haben. Das Gespräch ist fingiert und Nizon bekam auch nicht Gelegenheit, es gegenzulesen, obschon ich ihn mehrmals in direkter Rede zitiere. Ich erlaubte mir das, weil ich die Fiktion so konstruiert habe, dass Nizon auf meine Fragen ausschliesslich mit realen Zitaten aus dem «Diskurs», also mit von ihm autorisierten Formulierungen antwortet. Und darauf, wie ich die Statements montierte, hätte Nizon auch dann keinen Einfluss gehabt, wenn ich einen journalistisch-zeitgeschichtlichen, nicht einen literarischen Text verfasst hätte.
(13.02.2018)