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Verantwortung: Nadir Weber / Aline Vogt
Referierende: Nadir Weber / Jadon Nisly / Aline Vogt
Kommentar: Mieke Roscher
Die Forschung der Historical Animal Studies habe, so ALINE VOGT (Basel) in der Einführung ins Panel, die Omnipräsenz von Tieren in historischen Gesellschaften belegt. Sie plädierte in Anlehnung an feministische Theorien dafür, ausgehend von den Geschlechterverhältnissen die Relation von Mensch und Tier auf Machtverhältnisse hin zu analysieren und die Trennung zwischen Kultur und Natur zu hinterfragen. Es gelte zu erkunden, inwiefern Animalität und Geschlecht parallel diskutiert wurden und was dies für die Interaktion von Mensch und Tier bedeutete. Zu erforschen sei zudem, welche Signifikanz konkret dem Begriff der «Zähmung» als fliessendem Übergang von der Natur zur Kultur zukam.
NADIR WEBER (Bern) dekonstruierte in einem ersten Schritt den angeblich zeitlosen Konnex von Jagd und Männlichkeit und legte dar, dass sich in der Vormoderne adlige Frauen an Jagden beteiligten und diese auch anführten. Bei fast allen Jagdformen spielten Tiere als Helfer eine grosse Rolle und übernahmen in Korrelation mit der Jagdgesellschaft zentrale Funktionen. Bei den Jagdfalken etwa sei zentral gewesen, dass man sie nicht domestizierte und sie eine gewisse Eigenständigkeit behielten. Auch könne man, so Weber, bei den Jagdfalken einen Geschlechterdimorphismus feststellen. Weibchen, die gut ein Drittel grösser als die Männchen sind, repräsentierten den normativen Standard, was sich auf die Wahrnehmung der Falknerei und ihre metaphorische Darstellung in Bildern und Texten auswirkt habe. Zwar kam der Standesrolle gemäss Weber eine besonders grosse Bedeutung zu, die Geschlechterrollen seien aber in den Quellen zur öffentlichen Falkenjagd am Fürstenhof ebenfalls differenziert worden, beispielsweise durch den unterschiedlichen Sitz auf dem Pferd. Zugleich konnte auch eheliche Harmonie dargestellt werden, indem das fürstliche Paar den Falken gemeinsam in die Luft schickte. Neben dem Geschlecht der Falken sei die Farbe und Pracht ihres Gefieders bedeutsam gewesen. Falken hätten als symbolische Verlängerung ihrer fürstlichen Besitzer in den Luftraum gegolten. Weibliche Falken erhielten folglich teils männliche Namen, um ihnen eine hybride Geschlechteridentität zuzuschreiben und sie in eine noch klarere symbolische Beziehung zum Souverän zu stellen. Weber erläuterte, dass dieses vielschichtige Verhältnis der Geschlechter jedoch Änderungen unterworfen gewesen sei: Seit dem 19. Jahrhundert habe man bei Fürstenjagden darauf geachtet, dass Männer über Standesgrenzen hinweg unter sich blieben.
JADON NISLY (Bamberg) zeigte anschliessend, dass Kühe in der heutigen Milchwirtschaft durchwegs als weiblich gegendert werden und weibliche Namen tragen. Heutzutage sei die Branche männlich dominiert. Nisly argumentierte, dass die Milchwirtschaft bis ins 18. Jahrhundert dagegen mehrheitlich Metier der Frauen gewesen sei und den Frauen erst in der Aufklärung sukzessive das Agrarwissen aberkannt wurde. Diese Entwicklung brachte er mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft in Verbindung: Das industriell-agrarische Subjekt wurde als männlich wahrgenommen, was eine Abwertung des Rinderwissens der Frauen zur Folge hatte. Dieses sei zuvor fast ausschliesslich als empirisches und somit als erworbenes, nicht angeborenes Wissen beschrieben worden. Ab dem späteren 18. Jahrhundert lasse sich aber vermehrt Kritik am Wissen der Frauen feststellen. Diese an das Geschlecht gebundene Kritik habe sich auf die Kühe übertragen: So habe man Kühen die Entscheidung darüber, welche Gräser gut für sie waren, abgesprochen, und sie bevorzugterweise in den Stall verwiesen. Diese Negierung eigener Entscheidungen erstreckte sich auch auf die Paarung, da Stimmen laut wurden, die die Bullenwahl allein dem Menschen und nicht den Kühen zuschreiben wollten. Während es im 18. Jahrhundert noch nicht selbstverständlich war, dass Kühe als weiblich wahrgenommen wurden, und man meinte, dass Zuchtbullen und Kühe von gleicher Beschaffenheit sein sollten, lasse sich, wie Nisly feststellte, seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine gegenderte Sprache finden. Konkret in Süddeutschland habe es vorher kaum Frauennamen für Kühe gegeben. Die zunehmende Verbreitung weiblicher Namen für Kühe zeuge daher von der zunehmenden Übernahme der Zucht durch Männer.
Aline Vogt untersuchte im dritten Beitrag die Relationen von Geschlecht, Mensch, Tier und Zivilisation in Texten der französischen Aufklärung. Sie brachte vor, dass die Menschlichkeit von Frauen weniger bestritten worden sei als zuvor, betonte allerdings, dass die Aufklärer spezifisch weisse Frauen im Blick hatten. Weisse weibliche Menschlichkeit könne man dabei auf das dualistische biologische Verständnis der Aufklärung zurückführen, wonach zwei Geschlechter die Grundlage der Spezies Mensch bildeten. Den Frauen sprach man eine Funktion in der Zivilisierung der Menschheit zu, die sich im Zuge der Kindererziehung durch das Erzählen von Märchen manifestierte. Vogt analysierte «Die Schöne und das Biest» anhand der verbreiteten und an ein junges, weibliches Publikum gerichteten Version von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont. Ziel des Märchens war es, wie Vogt demonstrierte, den Mädchen weibliche Pflichten zu vermitteln und Handlungsspielräume im Umgang mit Freiern aufzuzeigen. Der Figur der Schönen sei eine Vermittlungs- und Zivilisierungsfunktion zwischen der scheinbar unzähmbaren Natur, konkret der animalischen Gewalt des Mannes, und dem zivilisierten Zustand der Menschen beizumessen. Vogt erläuterte, dass das Bild des animalischen Mannes in dieser Zeit verbreitet war, beispielsweise auch im Werk von Marquis de Sade. Bei Leprince hätten Tierverwandlungen hingegen oft der Bestrafung von Männern gedient, die ihren animalischen Instinkten zu sehr nachgaben. Vogt zog das Resümee, dass die Verhältnisse von Animalität, Zivilisation und Geschlecht im 18. Jahrhundert ambivalent zu deuten seien. Das Tier sei in der Dialektik der Aufklärung zumeist Teil einer durch den Menschen zu objektivierenden und beherrschenden Natur geblieben, obgleich sich vereinzelt Tendenzen erkennen liessen, die dem Tier selbst eine Art Geschichte zuschrieben.
MIEKE ROSCHER (Kassel) betonte im Kommentar, dass die Vorträge auf unterschiedlichen Ebenen zeigten, wie vergeschlechtlicht die Mensch-Tier-Beziehungen sind. Sie hob hervor, dass die Beziehungen stets aus der Perspektive des Menschen geschildert seien und die Perspektive der Tiere leider nicht aufgegriffen werden könne. Das Panel habe gezeigt, dass man neben der Kategorie des Geschlechts ebenfalls race und class als Kategorien bei der Untersuchung von Mensch-Tier-Beziehungen berücksichtigen müsse. Offen bleibe dagegen unter anderem die Frage, ob Tiere selbst nicht nur ein Geschlecht, sondern auch ein Gender haben. Ebenso sei zu bedenken, dass man Rückprojektionen auf damalige Praktiken kritisch beleuchten und Entwicklungen in der longue durée betrachten sollte.
Das Panel vermittelte die Relevanz von Mensch-Tier-Beziehungen in der Geschichte und die Bedeutung, die hierbei Geschlechterverhältnissen beizumessen ist. Diese Verhältnisse sind in den Vorträgen keineswegs als eindimensional interpretiert worden, sondern weisen hohe Komplexität auf. Es zeigte sich, dass man heutige Konzeptionen von Tier, Mensch und Geschlecht nicht unreflektiert auf die Vergangenheit übertragen darf und das Tier stärker als agent in der Geschichte wahrnehmen sollte.
Panelübersicht:
Nadir Weber: Von Fürstinnen und Terzeln. Geschlechterkonstellationen in der höfischen Falknerei
Jadon Nisly: Kühe und Kuhmägde im Visier der Volksaufklärung. Umstrittene Expertise und Agency vom Melken bis hin zur Bullenauswahl
Aline Vogt: Die Schöne und das Biest. Die Zivilisierung des Tieres als weibliche Aufgabe in der französischen Aufklärung
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.