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Strafen und Belohnungen waren wesentliche Bestandteile der Erziehung.
Belohnungen gab es, wenn ein Kind von den Erziehenden geschätzt wurde oder sich besonders «gut» verhielt. Vielleicht hatte es sich aufmerksam an religiösen Aktivitäten beteiligt oder sich pünktlich an Anweisungen gehalten. Als Belohnung winkte ein wohlwollendes Wort, bevorzugte Behandlung oder auch einmal ein Stück Schokolade. Manche Kinder wurden privilegiert, erhielten etwa angenehmere Arbeiten, eine bessere Schulbildung oder durften ministrieren.
Strafen sind in den Erinnerungen vieler ehemaliger Heimkinder sehr präsent. Bestraft wurden bereits kleinste «Vergehen», wie Schwatzen oder Lachen im Essraum oder Schlafsaal trotz Schweigepflicht. Weitere Ursachen für Strafen waren etwa Ungehorsam, Murren, Fluchen, Stehlen von Obst, Rauchen, unerlaubter Ausgang, Fluchtversuche und Kontakt zum anderen Geschlecht. Oft wurden die Strafen als willkürlich empfunden. Manchmal wussten die Kinder nicht, weshalb sie bestraft wurden.
Erziehungsvorstellungen
Körperstrafen wurden zur Sühne und Besserung des Fehlbaren eingesetzt. Sie galten damals als wirksames, bei «aufmüpfigen» oder «renitenten» Kindern als unumgängliches Erziehungsmittel. Körperstrafen waren in Schule und Familie wie auch im Kinderheim bis in die 1960er-Jahre akzeptiert und verbreitet.
Das Ausmass der Bestrafungen und Misshandlungen von Heimkindern überstieg jedoch deutlich das seinerzeit Übliche und gesellschaftlich Akzeptierte. Schon damals gab es Zeitgenossen, die das übermässige und exzessive Strafen, wie es in Rathausen und anderen Heimen vorkam, kritisierten.
Unterschiede beim Personal
Unter dem Personal, geistlichem wie weltlichem, gab es grosse Unterschiede im Umgang mit Strafen. Während die einen kaum oder gar keine Körperstrafen anwandten, diese auch kritisierten, ist bei anderen intensives Strafen auszumachen, das sadistische Züge annehmen konnte. Exzessiv strafende Erziehende wurden in einzelnen Fällen ersetzt. Meist konnten sie aber jahrelang wirken, was traumatisierende Spuren bei betroffenen Kindern hinterliess.
Eine Ingenbohler Schwester kritisiert die Massenerziehung und das Strafsystem, 1948
Das Kinderheim Rathausen wird untersucht, 1949
1949 geriet die Anstalt Rathausen in die Kritik, nachdem vom Luzerner Regierungsrat aufgrund von Hinweisen eines Amtsvormundes eine Untersuchung eingeleitet worden war. Es war besonders die Strafpraxis, die stark kritisiert wurde. Der damalige Direktor, der seit 1926 dem Heim vorstand, wurde in der Folge entlassen.