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Firma kriminell – CEO kassiert 25 Millionen
Alex Gorsky war Marketingchef, als sein Konzern wegen Korruption, Schmiergeldern und Marketingschwindel Milliardenbussen zahlte.
Der Pharmakonzern Johnson & Johnson hatte kriminelle Machenschaften eingestanden und in einem Vergleich mehr als zwei Milliarden Dollar Bussen und Entschädigungen bezahlt. Es ging um das Psychopharmaka Risperdal, mit dem Johnson & Johnson bis heute weltweite Umsätze von über 30 Milliarden Dollar erzielte. Insgesamt zahlte J & J wegen Risperdal im Laufe der Jahre rund sechs Milliarden Bussen und Entschädigungen, wie Steven Brill für Huffington Post ausrechnete. Das sei ein Klacks, kommentierte die «New York Times», denn J & J habe allein in den USA mit Risperdal 18 Milliarden Dollar Gewinn erzielt. «Obwohl der Konzern erwischt wurde, zahlte sich das kriminelle Verhalten aus – für den Konzern und auch für die Manager.»
Bericht von Steven Brill auf Huffington Post
Marketing-Chef befördert und belohnt
Während der Zeit der wiederholten kriminellen Machenschaften war Alex Gorsky verantwortlich für das Marketing. Nachdem der Pharmakonzern die kriminellen Handlungen zugab, wurde Gorsky zum CEO befördert. Letztes Jahr verdiente er nach Angaben der «New York Times» 25 Millionen Dollar. Weder Gorsky noch der Konzern wollten die Beförderung und das Gehalt gegenüber der «New York Times» begründen.
Konzern-Sprecher Ernie Knewitz habe lediglich betont, dass Risperdal als Antipsychotika «nützlich» sei.
Tatsächlich ist Risperdal ein bewährtes Medikament bei Schizophrenie von Erwachsenen. Aber dieses Patientensegment war J & J zu klein. Der Konzern brauchte 1994 für seine Aktionäre einen «Blockbuster», d.h. ein Medikament mit mindestens einer Milliarde Umsatz pro Jahr, als Ersatz für einen früheren Blockbuster, dessen Patent abgelaufen war.
Deshalb erweiterte J & J die Indikation von Risperdal für Seniorinnen und Senioren, die an Demenz leiden, sowie für Kinder mit autistischen Symptomen. Das Problem: Bei Älteren kommt es häufiger zu Hirnschlägen, bei Jugendlichen zu wachsenden Brustdrüsen (Gynäkomastie).
Eine konzerninterne Studie deckte auf, dass Risperdal bei 5,5 Prozent aller Knaben und männlichen Jugendlichen zu Brustvergrösserungen führt. Doch J & J hielt diese Studie unter Verschluss, wie interne Dokumente beweisen.
Die unabhängige Cochrane Collaboration kam 2006 zum Schluss, dass Risperdal nur in schweren Fällen von Schizophrenie zur Anwendung kommen sollte.
Doch in der Schweiz erlaubt Swissmedic noch heute das Verschreiben von Risperdal an Jugendliche und an über 65-Jährige. Bei letzteren weist die Behörde darauf hin, dass Risperdal die Mortalität erhöht.
Zitat der FDA
Und vor dem Verschreiben an Jugendliche ab 5 Jahren mit «autistischen Störungen» oder mit «Störungen des Sozialverhaltens, oppositionellem Trotzverhalten oder anderem sozial störendem Verhalten» sollten Ärzte eine «sorgfältige Risiko-Nutzen-Analyse» machen, empfiehlt Swissmedic. Wie sie das tun sollen, bleibt offen.
Krankenkassen müssen Risperdal vergüten. Eine Hochrechnung der Helsana-Umsätze auf die ganze Schweiz ergibt für das Jahr 2014 180'000 verschriebene Packungen für fast 15 Millionen Franken zu Lasten der Grundversicherung. Über 20'000 Patientinnen und Patienten erhielten dieses Antipsychotikum. Das sind kaum weniger als die Jahre zuvor.
Ärzte geschmiert, Kickbacks bezahlt
Um mit Risperdal Milliarden zu verdienen, zahlte Johnson & Johnson Ärzten in den USA «Beratungshonorare». Mit Krankenversicherungen vereinbarte der Konzern, beim Verwenden von Risperdal, das im Vergleich zu herkömmlichen Antipsychotika viel teurer war, den Aufpreis zu teilen: Ein klassisches Kickback-System.
Als die US-Medikamentenbehörde FDA Risperdal für über 65-Jährige noch nicht freigegeben hatte, stellte J & J eine Verkaufstruppe zusammen, die ausschliesslich Seniorinnen und Senioren anvisierte. Als die FDA auf erhöhte Todesfälle aufmerksam machte, machte J & J ihr Senioren-Marketing munter weiter. «Es ging um immense Summen und die FDA zeigte keine Zähne», schreibt die «New York Times».
Eine ähnliche Marketing-Strategie lancierte J & J, um Kinderärzte für Risperdal zu gewinnen. Mit Erfolg: Schon im Jahr 2000 betrafen 20 Prozent der Verschreibungen Kinder und Jugendliche. Drei Jahre später lancierte J & J eine «Zurück zur Schule»-Kampagne.
Im Jahr 2004 übertrafen die weltweiten Umsätze mit Risperdal die Grenze von 3 Milliarden-Dollar.
Hohe Bussen, aber noch höhere Gewinne
«Wenn sich die Kriminalität eines Konzerns auszahlt» titelt «New York Times»-Kolumnist Nicholas Kristof seinen Kommentar: «Solange die verantwortlichen Manager nicht belangt werden und solange sich kriminelles Verhalten für Konzerne lohnt, verlieren wir alle.» Im Folgenden – unvollständig –, was J & J in den jüngsten Jahren in Kauf nahm (Umsatz 2014: 74 Milliarden Dollar):
- 2013: Busse von $2.2 Mrd wegen Schmiergeldern (=Korruption) und Marketingfehlverhalten (Risperdal).
- 2013: 11 Mio Euro Busse wegen kartellistischen Absprachen in der EU.
- 2012: 181 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens
- (Risperdal)
- 2012: 0,6 Mio Dollar wegen fehlerhaften Hüftimplantaten.
- 2011: 70 Mio Dollar Busse wegen Korruption
- 2010: 81 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens (Topamax)
- 2010: 258 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens (Risperdal)
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Siehe auch:
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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine. Der Autor vertritt noch bis Ende Jahr die Prämienzahlenden und PatientInnen in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.
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Silvio Ballinari
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