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Bedingungslos zu lieben, was war das nun genau?
Das fragte sie sich regelmäßig, nachdem sie das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte. Marietta lag noch im Bett und erwartete, dass der ungeliebte Duft von Marihuana ihr in die Nase stieg von Albert, der, wie so oft, an die Wand des Hauses gelehnt frühmorgens seinen ersten Joint rauchte. Sie fühlte sich lausig und hätte am liebsten ihre Verzweiflung laut aus dem Fenster geschrien, aber sie lebte in einem kleinen Haus in einer Wohnsiedlung, Haus an Haus mit anderen Nachbarn. Die Nachbarin, die gerne zu jeder Tageszeit im Garten etwas arbeitete oder inspizierte, könnte sie hören und für übergeschnappt halten. Und er?
Laut schreien – das ging schlecht. Stattdessen biss sie die Zähne zusammen, krallte die Hände in die Bettdecke und stand nach einer Weile seufzend auf. Verwundert, dass sie immer noch nichts Ungewöhnliches roch, öffnete sie das Fenster weiter auf und atmete ein paar Mal tief durch. Sie sah den Wolken nach, die vorbeizogen, und schaute sich deren Formen an. Das tat sie sehr gerne, denn dann sah sie Herzen, Gesichter, Tiere. Heute waren es zu ihrer Freude unzählige Wellen aus kleinen Wolken, die an die Tapete ihres Schlafzimmers erinnerten, denn sie liebte Wasser und den bewegten Himmel.
Auf welcher Welle schwamm sie? War es eine Welle der echten Besorgnis? Oder war es eine Welle, die etwas davontrug? Hatte sie etwa Angst? Davor, dass ihr Leben jetzt, wo die Kinder ausgezogen waren, öde würde? Davor, dass die Zeit für eine neue Partnerschaft nun endgültig vorbei war? Sie wusste, dass niemand ihr Alter auf 50 Jahre schätzte. Alle sagten, sie sähe jünger aus. Sie fühlte sich noch nicht reif für die Insel. Marietta fand sich selbst nicht sonderlich schön, aber mit den Jahren hatte sie ihr Aussehen akzeptiert, bedingungslos lieben konnte sie sich selbst aber nicht. Sie war keine großgewachsene Frau mit schönen langen Beinen, keine Blondine, welche die Blicke auf sich zog, doch ihre Freundlichkeit sprach Menschen an und ihre Energie drückte eine Präsenz aus, die viele Menschen dazu brachte, ihr zu vertrauen. Sie hatte einen gewissen Charme, das war nicht zu leugnen, und er diente ihr oft in ihren Kursen. Mariettas Gesicht war ebenmäßig, ihre Lippen voll und das braune Haar fiel ihr bis auf die Schultern und umrahmte ein Gesicht, das mütterlich-weiche Züge hatte. Ihre ausdrucksvollen grünen Augen, die manchmal hell blitzen konnten, wenn sie lachte, dann wieder, je nach Lichteinfall, dunkler bis fast braun schienen, waren offen in die Welt gerichtet. Nicht nur die Wolken, auch Landschaften, Menschen und Bilder, die sie ansah, verwandelten sich in ihr in ein Gefühl, und so konnten heute die vorbeiziehenden Wolken ihre Gefühle besänftigen. Marietta nahm vieles über die Sinne auf. Wenn sie wütend war, erwachte ihr Temperament, das jedoch mit den Jahren und ihrer Arbeit als Therapeutin und Meditationslehrerin milder geworden war. Manchmal konnten die Augen streng blicken, und man musste sich fragen, ob man etwas angestellt hatte. Es gab aber auch Momente, da wirkte sie abwesend. Das war immer dann, wenn sie in ihr Innerstes hineinhorchte. Das verunsicherte andere oft, weil sie weit weg zu sein schien. Die Scheidung nach so vielen Jahren Ehe und danach dieses Zusammenleben mit Albert hatten den Versuch, bedingungslos zu lieben, schwer gemacht. Bisweilen tauchte deswegen auch eine Traurigkeit in ihren Augen auf. Und ihre Kinder? Liebte sie diese bedingungslos? Sie hatte sich oft durchsetzen müssen, weil deren Vater sich wenig bis gar nicht um sie kümmerte. Wenn sie ihre Kinder beschützte und versuchte, auf deren Eigenheiten einzugehen, war das Liebe, aber nicht gänzlich bedingungslos, nur nahe dran. Die Drei waren inzwischen flügge und hatten ihr eigenes Leben. Und Sie, Marietta? Sie wollte ihre Fähigkeit zu lieben ausdehnen.
Marietta hatte Albert in einem Forum für spirituelles Leben kennengelernt. Sie staunte, wie tief er sich mit spirituellen Themen auskannte und fragte, ob man sich auch privat austauschen könne. Sofort sandte er ihr seine E-Mail-Adresse. Seine Zeilen zeigten Interesse an ihrem Leben und er erzählte gerne, wie und wo er zu seinem Wissen gelangt war; das faszinierte sie. Er hatte sich intensiv mit der Kultur der Länder befasst, in denen er sich aus beruflichen Gründen als Ingenieur aufgehalten hatte. Sie erfuhr viel über seine Herkunftsfamilie, aber von seinem derzeitigen Leben schrieb er wenig. Nebenbei erwähnte er, dass er alleine lebte, geschieden war und sich eine Veränderung wünschte. Manchmal klangen seine Zeilen sehr liebevoll und das berührte sie. Nach Monaten des Austausches per Mail beschlossen sie, sich zu treffen.
Als sie Albert zum ersten Mal sah, war sie angenehm überrascht. Seine Erscheinung war athletisch und er maß bestimmt 1 Meter 90. Seine Bewegungen waren fließend und leicht, als er auf sie zuschritt.
»I am here to make a difference«, und er ergänzte, »to make a difference in the world.«
Das war Harrys Credo: »Ich bin hier um einen Unterschied zu machen – in dieser Welt.«
Mit den Jahren nahm dieses Credo in mir immer mehr Gestalt an, beginnend in meinem Leben und dadurch auch mit Auswirkung auf andere Menschen. Ja, dieser Workshop hat mein Leben grundlegend verändert und Harry hat einiges aus mir herausgeholt. Nein, er war kein Guru, wollte nie einer sein und verhielt sich oft so, dass er die Menschen – in Liebe – bis zum Äussersten forderte oder vor den Kopf stiess.
Er ist Amerikaner. Natürlich ist nicht alles, was von dort kommt zu unserem Besten. Trotzdem schwappt fast alles, Jahre später, nach Europa. Harry war ganz offensichtlich einer, der es wagte, unkonventionell zu sein – in seinem Denken, seinem Tun, seinen Absichten. Und das hat er nach Europa gebracht.
Amerika, dieses für Neuerungen bekannte Land, hat es auch möglich gemacht, dass ich heute an meinem Mac sitze und innerhalb von Sekunden mit dem Rest der Welt verbunden bin. Mit Dir liebe Leserin/lieber Leser, mit Euch über Facebook nur einen Klick entfernt, dank Google sofort überall. Auch real habe ich Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, mehrfach bereist; später das Land meiner Seele (Indien), das Land meiner Mutter (Ägypten), das Land der Göttinnenkraft (Afrika) besucht und andere mehr. Meine jetzige Heimat, die Schweiz, ist mir lieb und befindet sich im Zentrum von Europa. Scheinbar unbedeutend klein, haben wir doch einen Pulsschlag, der stetig in alle Richtungen und Länder wirkt. Umgekehrt werden dann auch wir wieder genährt von deren Energiefluss und Impulsen.
Manches Mal musst Du fremdgehen, um zu Dir zu finden.
Manches Mal muss etwas in Dir sterben, damit Du neu geboren wirst.
Manchmal musst Du genau das tun, was Du Dir vorher
nie zugetraut hättest, um über Dich selbst hinauszuwachsen.
Dass meine Mutter eine wirklich grosse Liebe meines Vaters war, daran zweifelte ich nie. Was sonst als Liebe hätte einen Mann dazu bewegen können, eine Frau zu heiraten, die in den Augen der Gesellschaft und seiner Familie so unpassend zu sein schien. Sie war Ausländerin und Jüdin, litt an Lungentuberkulose, konnte vielleicht nie Kinder bekommen und lebte zudem in Ägypten. Er heiratete sie, trotz aller Warnungen und Widerstände seines Umfeldes. Das spricht für eine wahrhaft grosse Liebe und es war für beide ein Wagnis. Als die Ärzte aus gesundheitlichen Gründen empfahlen, auf Kinder zu verzichten, akzeptierte mein Vater dies problemlos. Alles spricht für einen starken Willen und viel Zuversicht, mit welchen beide den Schritt in die Ehe wagten. Dass ich als nochmaliger »Unfall« dann doch zur Welt kommen durfte, war der Entschlossenheit meiner Mutter zu verdanken. Mein Vater konnte sich nicht vorstellen, das Leben seiner geliebten Frau wegen eines Kindes zu riskieren und tat sich sehr schwer mit ihrer Entscheidung. Nach der Erfahrung des ersten Schwangerschaftsabbruchs wollte sie auf keinen Fall einen zweiten durchmachen.
Mama erzählte mir später, wie sie diese Abtreibung erlebt hatte: »Die Krankenschwester muss mich verachtet haben, so lieblos wie sie mich gewaschen und behandelt hat. Der Arzt war ein Schlachter. Er hat mir die Ausschabung ohne Narkose gemacht! Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schmerzhaft das war, weil es sehr grob und wenig einfühlsam gemacht wurde. Ich fühlte mich wie eine Verbrecherin und schwor mir, dass ich nie wieder so etwas erleben möchte.
Heute weiss ich, dass zu jener Zeit die meisten Abtreibungen ohne Betäubung durchgeführt wurden. Mama beschloss also, bei einer allfällig nächsten Schwangerschaft, eher daran zu sterben als nochmals einen solchen Höllenritt durch einen Abtreibungsprozess zu erleben. So wurde ich, je länger die Schwangerschaft andauerte und ohne Probleme verlief, zu einem Wunschkind. Meine Ankunft auf dieser Welt wurde also einerseits von grossen Ängsten und Ungewissheit, andererseits von der Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang begleitet. Energien, die mich geprägt haben. In einer spontanen Rückführung, während einer Energiebehandlung mit einem einfühlsamen Therapeuten, erlebte ich überraschenderweise und in allen Einzelheiten, wie ich als Mutters erstes Kind abgetrieben wurde und wie ich als Embryo in einem Abfallkübel landete. Das fühlte sich nur in den ersten Sekunden dramatisch an und dann erkannte ich augenblicklich: »In diesem Kübel ist nur der kleinste Teil von mir. Und ich bin ja wieder da! Also ist meine Seele um so vieles grösser als das Würmchen, das da weggemacht und entsorgt wurde.«
Ich möchte betonen, dass ich nicht für Abtreibungen bin, ich bin jedoch auch nicht konsequent dagegen, weil es verschiedenste Aspekte des Menschseins gibt.
ACHTUNG: Dieses Buch erscheint Im März 2020a, also demnächst und ersetzt das frühere 2. Buch der Autobiografie.
WENN DIE FERNE RUFT
Meine Reisen wurden zu einer Erweiterung meines Bewusstseins von nicht vorhersehbarem Ausmaß. Die Erfahrungen gingen tief bis ins Zellbewusstsein hinein. Sie erschütterten mich, weckten Schlummerndes auf oder löschten Ausgedientes.
In meinem Umfeld beneideten mich Leute, andere hinterfragten vieles. Oft lobten sie meinen Mut. Und ich? Ich fühlte, dass es auch einen inneren Auftrag geben kann, wenn man in fernen Ländern unterwegs ist. Manches Mal war mir ganz klar, warum mich ein Land rief, andere Male war es vorher ein Kampf mit den Umständen, den Gegebenheiten, und immer hat es sich gelohnt, der Intuition zu folgen. Die Intuition kontaktierte den Verstand und sagte: »Hey du, es wird Zeit für uns, neue Erfahrungen zu machen, und zwar genau dort!.
Er meckerte laut: »Nicht genügend Geld, Geburtstag von XY, Neujahr, du beginnst doch einen neuen Job, der Partner kann nicht mit. « Also sprichwörtlich, ein ungünstiger Zeitpunkt.
Wenn sich etwas richtig und wichtig anfühlte, lernte ich auf den inneren Ruf zu hören. Tatsache ist, dass die innere Stimme genau weiß, was sinnvoll wäre, und manchmal wählt das Leben Hammermethoden, um uns den Weg zu weisen.
Ich fand mich in Ländern wieder, die sich wie Heimat anfühlten, deren Natur plötzlich in mir pulsierte. Ich traf Menschen, die mir der Himmel geschickt hatte, und ich erlebte vieles nicht nur mit den Augen, sondern mit allen Sinnen. Mein Energiefeld verband sich mit Gemäuern, Gewässern, Pflanzen, Tieren und natürlich auch anderen Menschen – oft wurde ich für eine Weile eins mit ihnen und fühlte mich reich beschenkt.
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