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Meister Eckhart’s Umgang mit der Vulgata
Abstract
Obwohl Meister Eckharts Denkansatz zumeist als spekulative Mystik bezeichnet wird, ist der Text der Heiligen Schrift nicht nur in seinen deutschen Predigten und Traktaten, sondern auch in seinen scholastischen Werken allgegenwärtig. Dank der neugegründeten Pariser Universität ging man im 13. Jahrhundert daran, den Text der lateinischen Bibel zu verbessern, indem man sowohl die verbleibenden Teile der Vetus Latina als auch den auf den Hl. Hieronymus zurückgehenden Vulgata-Text von falschen Lesarten reinigte. Angesichts der Tatsache, dass Meister Eckhart im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert in Paris studiert und gelehrt hatte, mutet sein Umgang mit dem Bibeltext jedoch eigentümlich an. Anhand einer Analyse ausgewählter Verse aus dem Buch der Weisheit will dieser Aufsatz zeigen, dass Eckhart den Wortlaut bzw. die Wortstellung der Vulgata-Vorlage zwar oft verändert, aber nicht aus philologischen, sondern stets aus philosophisch-theologischen Gründen. In seinen Augen besteht der Text des Alten und Neuen Testaments nie „nur“ aus Wörtern, sondern muss so zitiert werden, dass er als Widerschein des metaphysischen Subtextes der Wirklichkeit erscheint, der nichts anderes ist als der göttliche Logos selbst.