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Eine Carte Blanche von Simone Munsch und Jana Bryjova.
Die Verzweiflung von Samuels Eltern ist gross. Vor allem seine Mutter spürt langsam, dass sie am Ende ihrer Kräfte angelangen ist. Statt sich über ihre Mutterschaft zu freuen und die erste Zeit zu dritt zu geniessen, ist ihr Schlafmangel so gross, dass sie wegen Nichtigkeiten ausrastet und sich ständig bedrückt fühlt.
Warum? Der dreieinhalb Monate alte Samuel schreit schon seit seiner 6. Lebenswoche tagelang fast ununterbrochen. Fast fünf Stunden schreit und weint er pro Tag. Alle Versuche der Eltern, ihn zu beruhigen, scheitern. Die Mutter trägt ihr Kind ständig herum oder singt ihm vor und trotzdem lässt sich das laute Quengeln und Schreien nur selten und nur für ein paar Minuten unterbrechen.
Neulich hat die Mutter Samuel kräftig in die Höhe gehoben und mit ihn mehrmals geschüttelt. Danach ist Samuel plötzlich ganz still geworden. Die Mutter war schockiert, wozu sie im Stande war und hat am nächsten Morgen umgehend mit Samuel die pädiatrische Beratungsstelle aufgesucht.
Ähnlich wie Samuel, zeigen die meisten Säuglinge während den ersten drei Lebensmonaten ein häufiges und ausgeprägtes Schreiverhalten. Bei den meisten Neugeborenen geht das Schreien danach wieder zurück. In seinen ersten Lebensmonaten ist das Schreien für das Baby das einzige Mittel zur Regulation seiner Bedürfnisse und zur Kontaktaufnahme mit der Umwelt, vor allem mit seinen Eltern.
Diese Signale des Neugeborenen dienen dazu, Nahrung, Nähe, Sicherheit und Sauberkeit zu garantieren. Wenn das Schreien des Babys jedoch exzessiv ist und an drei Tagen pro Woche über drei und mehr Stunden pro Tag anhält und das für mindestens drei Wochen, ist es zunächst wichtig, eine medizinische Ursache des Schreiens (wie z. B. verschiedene Infektionen des Innenohres, der Harnwege, sowie des Magen- und Darm Traktes oder Mangelernährung) vom Kinderarzt ausschliessen zu lassen.
Glücklicherweise, finden sich bei solchen Schreibabys in den meisten Fällen keine medizinischen Komplikationen. Jedoch ist das exzessive und andauernde Schreien des Kindes ein Anzeichen dafür, dass es elterliche Unterstützung bei der Regulation von Schlaf und Wachzustand sowie der Erregung und Beruhigung benötigt.
Exzessives Schreien ist häufig mit frühkindlichen Schlafstörungen gekoppelt und kann die Eltern und den Kontakt von Eltern und Kind massiv belasten. Es ist wichtig, dass ohne jegliche Schuldzuweisung rasch und effizient für Entlastung und Unterstützung gesorgt wird. Dazu kann die Hilfe einer Fachperson (Kinder- und Jugendpsychologen, Kinderärzte) erforderlich sein.
Was kann helfen?
1. Das Kind verstehen lernen: Eltern sollten die «Schreisignale» des Kindes besonders aufmerksam beobachten und versuchen, zu unterscheiden, wann es sich bei dem Kind um Müdigkeit, wann um Hunger und wann um Langeweile oder Überforderung handelt.
2. Den Tag regelmässig gestalten: Regelmässige Phasen der Ruhe und Entspannung sowie der Aktivität und Erregung helfen dem Kind, seinen Schlaf-Wachrhythmus zu erlernen und unterstützen es dabei, sich im Alltag besser zu orientieren.
3. Weniger ist manchmal mehr: Ständiges Herumtragen, kräftiges Wiegen des Babys, aber auch dauerndes Reden oder Singen und andere andauernde Reize wie Lärm, Hitze, Licht etc. können das Neugeborene irritieren.
4. Time-out: Viele Eltern vergessen sich ob der Sorge über das Kind selbst und kommen nur selten zur Ruhe. Hier kann beispielsweise eine einfache Time-out-Technik angewandt werden: Bei exzessivem Schreien des Babys kann es hilfreich sein, wenn die Eltern den Raum für einige Minuten verlassen.
5. Hilfe holen: Manchmal sind die äusseren Umstände wie finanzielle, gesundheitliche oder psychosoziale Faktoren für zusätzliche Belastung verantwortlich. In solchen Situationen kann es angezeigt sein, den Säugling für einige Zeit stationär in einer Klinik zu behandeln.
Eltern können aufgrund ihrer massiven Überlastung und Verzweiflung manchmal eigene Impulse nicht mehr kontrollieren. So kommt es immer wieder vor, dass Eltern ihr Baby aus lauter Verzweiflung schütteln. Dies ist besonders gefährlich, da es bei dem Säugling zu Blutungen im Gehirn führen kann, was zu einer verzögerten Entwicklung oder sogar bis zum Tod des Säuglings führen kann. Darum ist es wichtig, möglichst rechtzeitig Hilfe zu holen, wenn Sie sich überfordert fühlen. Z. B. beim Elternnotruf: 0848 354555.
Prof. Dr. Simone Munsch ist Ordinaria am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Fribourg und forscht im Bereich der Essstörungen, Schlafstörungen Emotions- und Impulsregulation. Zudem ist sie Kognitive Verhaltenstherapeutin und bildet selbst Psychologinnen und Ärtze aus. Sie ist verheiratet und hat 3 Kinder.
Jana Bryjova ist Assistentin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Department für Psychologie der Universität Fribourg, das unter Anderem auch Hilfe für überforderte Eltern anbietet.