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Innovation und Wachstum, Lärm und Leerlauf
Wenn es hörbar rätscht auf unseren Strassen, ist das nicht Lärm, sondern eine Innovation für schlafende Automobilisten.
«Wachstum braucht Innovation», sagt Meier. «Innovationen fördern Wachstum», schreibt Müller. «Wir müssen Innovationen und Wachstum fördern», sagen und schreiben Meier, Müller, Hinz und Kunz. Die Fragen, welche Innovationen es braucht, was wachsen soll, wozu, und wem es dient, die stellt man selten.
Schluss mit Theorie! Praxis ist lustiger. Nachdem in den 1960er-Jahren die Autolawine angerollt war, fühlten sich immer mehr Leute vom Lärm belästigt. Darum führten die Behörden nach langen politischen Debatten Lärmgrenzwerte für Automotoren ein. Innovativen Ingenieuren gelang es darauf, die lauten Motoren leiser zu machen und ihre Leistung gleichwohl zu steigern. Die stärkeren Motoren erlaubten es, grössere Autos mit breiteren Pneus herzustellen, die trotz höherem Rollwiderstand weiterhin flott beschleunigen. Diese Innovationen förderten das Wachstum der Autoindustrie ebenso wie die durch Abgasvorschriften erzwungenen Abgaskatalysatoren.
Doch der Lärm, den die breiteren Pneus bei wachsender Geschwindigkeit verursachen, neutralisierte die Drosselung des Motorenlärms. Das förderte die Innovationsfähigkeit der Strassenbauer. Sie umrandeten Strassen mit Lärmschutzwänden oder ersetzten hundskommunen Asphalt durch allerlei Arten von «Flüsterbelägen», die den Lärm der lauten Reifen reduzierten. Diese Innovationen förderten nicht nur das Wachstum der Bauindustrie, sondern machten den Strassenverkehr wieder etwas leiser. Aber nur vorübergehend. Denn die Produzenten von staatlichen Vorschriften, starken Motoren, breiten Pneus und flüsternden Strassenbelägen blieben innovativ.
Die nächste Innovation lancierten Sicherheitsexperten und Strassenbauer gemeinsam. Sie ersetzten die glatten Markierungen auf den Fahrbahnen durch gerillte Mittel- oder Seitenlinien. Das wiederum förderte das Wachstum des Farb- und Tiefbaugewerbes. Und es hat den Vorteil, dass nun auch sehbehinderte und schlafende Automobilisten merken, wenn sie die Mittellinie überfahren. Denn wenn ihre breiten Pneus über die Mittellinie brettern, rätscht es hörbar.
Dieser Lärm reicht zwar nicht, um alle Tiefschläfer am Steuer der akustisch gut gedämmten Blechkarossen zu wecken; davon zeugen weiterhin Meldungen über Frontalzusammenstösse. Doch das Rätschen ist laut genug, um ungepanzerte Fussgänger und Radfahrerinnen zu erschrecken und den allgemeinen Lärmpegel zu steigern.
Fassen wir zusammen: Breitere Pneus kompensieren leisere Motoren. Profilierte Mittelstreifen kompensieren die Wirkung von Schallschutz-Wänden und Flüsterbelägen. Der Lärm bleibt laut und stresst. Jetzt sind Innovationen der Gehörschutz-Branche gefordert. Damit der Innovations-Leerlauf weiter wachsen kann.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
keine
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