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Abstract: Die Frage nach der ur- und frühgeschichtlichen Bekleidung ist insofern zentral, als die Bekleidung Gruppenzugehörigkeit und -abgrenzung innerhalb einer sozialen Gruppe sowie die Abgrenzung und die Identität der Gruppe nach aussen hin repräsentiert. Des Weiteren sind bei zwei- oder dreidimensionalen Lebensbildern, unabhängig davon, welches archäologische Thema illustriert werden soll, stets Akteure vorhanden, die in irgendeiner Form zu bekleiden sind. Die durchgeführte Untersuchung basierte auf den erhaltenen Kleidungsstücken aus Leder, Fell, Wolle oder Leinen, die in Europa und Ägypten gefunden wurden. Die Kleidungsstücke wurden auf die verwendeten Techniken hin untersucht und nach verschiedenen Herstellungsverfahren ("chaîne opératoire") gruppiert. Der zeitliche Rahmen (Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit, die ersten nachchristlichen Jahrhunderte) wurde bewusst weit gefasst, um allfälligen Veränderungen in der Bekleidungsherstellung nachgehen zu können. Von Interesse war insbesondere, ob die seit der Eisenzeit bekannte Bügelschere tatsächlich fassbare Veränderungen in der Bekleidungsherstellung nach sich gezogen hat. Um dem häufig als selbstverständlich vorausgesetzten Zuschneidegeräts für "den Schnitt" nachgehen zu können, wurde experimentell das Schneideverhalten in Leinen- und Wollstoffen von Messern aus Hirschknochen, Silex, Bronze, Stahl und von eisernen Bügelscheren (die heute verwendete Gelenkschere ist erst seit dem Mittelalter bekannt) getestet. Da Stoff ohne Probleme mit scharfen Silexklingen geschnitten werden kann, war theoretisch jede erdenkliche Kleiderform zu jeder Zeit machbar. Von den erhaltenen textilen Kleidungsstücken basiert allerdings nur ein Teil auf zugeschnittenen Formen. Diese Herstellungsweise war von der Tierhautverarbeitung bekannt, wurde jedoch bei Geweben nicht ausschliesslich angewendet. Die Gewebe wurden sehr häufig als Rechtecke verschiedener Dimensionen gewebt und für Bekleidung weiterverwendet, sei es einzeln oder zu mehreren zusammengenäht. Neben dem Zuschneidegerät wurden die weiteren bei der Herstellung von Textilien und Bekleidung verwendeten Geräte in die Überlegungen miteinbezogen (Datenbasis: Ethnologie und Archäologie). Zusätzlich zu genannten Untersuchungen mit Fokus Bekleidungsherstellung wurde auch dem Phänomen der als Kleiderverschlüsse interpretierten "Trachtbestandteile" (Nadeln und Fibeln) aufgrund von Bildquellen aus Ethnologie und Archäologie nachgegangen. Es zeigte sich, dass metallene Nadeln und Fibeln nicht nur als Kleiderverschluss gedient haben, sondern dass sie mit der Schichtung und Präsentation mehrerer Gewebe in Zusammenhang stehen. Neben der rein funktionalen Ebene dürfte daher auch eine soziale wichtig gewesen sein. Ergänzend wurde die Frage nach der Exklusivität von Bekleidung und ihrer Herstellung in Ansätzen behandelt: Welche erhaltenen Kleidungsstücke können aufgrund des Befundes als exklusiv angesprochen werden und wodurch zeichnen sich diese aus? Lassen sich besondere Herstellungsverfahren ausmachen, welche prestigeträchtig waren? Die Analyse der erhaltenen Kleidungsstücke, unter Einbezug ausgewählter Bildquellen, zeigte, dass Musterungen, grosse Gewebe bzw. Quantität, eine auffällige Form, besonders zeitintensiv bzw. geschickt ausgeführte Techniken oder Einfärbungen den/die TrägerIn gesellschaftlich auszeichneten oder sogar nur einem bestimmten Personenkreis vorbehalten waren. Die Wichtigkeit von Materialwerten betonte auch Plinius d. Ä. in seiner "Naturalis historia". Die grundlegenden Bekleidungsherstellungsverfahren waren sehr wahrscheinlich allgemein verfügbar, jedoch könnte beispielsweise beim Weben grosser Gewebe eine Hierarchie unter den Arbeitenden bestanden haben und nicht alle Handgriffe der textilen "chaîne opératoire" gleich prestigeträchtig und eventuell auch gewissen Personen vorbehalten gewesen sein. Diese Vermutung kann durch Bildquellen gestützt werden, müsste jedoch genauer untersucht werden. Alle Analysen hatten zum Ziel, etwas über die zugrunde liegenden Formen und Prinzipien der Bekleidung und ihrer Herstellung in der Ur- und Frühgeschichte zu erfahren. Durch das gewählte Vorgehen war es möglich, sich mit dem Thema auf eine Weise auseinanderzusetzen, die sich von herkömmlichen Herangehensweisen (Beschreibung der fertigen Bekleidungsstücke mittels modernem Vokabular aufgrund von Bildquellen oder Lage der "Trachtbestandteile" im Grab; Nachnähen publizierter Schnittmuster ur- und frühgeschichtlicher Bekleidung) unterscheidet.