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Manchmal streiten wir uns so heftig, dass die Leute im Umfeld verwundert ihre Köpfe in unsere Richtung drehen. Mitten im Disput werden seine trübblauen Augen eine Nuance heller, seine Blicke stechender. Er sagt: «Ja, aber … nein …, warte, nein, hör mir zu», und er fasst mit seiner Hand meinen Unterarm. Manchmal geht mir Luzi de Beaufort mächtig auf den Keks.
Luzi de Beaufort ist Schnitttechniker. Er entwirft Schnittmuster, berechnet Gradierungen für unterschiedliche Kleidergrössen, hilft bei der Entwicklung komplizierter Taschen und näht. Und er hat einen sturen Kopf. Luzi de Beaufort folgt nicht blind Regeln, sondern hinterfragt gängige Muster und nimmt nichts für gegeben. Damit eckt er bisweilen an. Aber eine eigene Meinung und seine Freiheit stehen für ihn an oberster Stelle. Er sagt: «Arbeiten kann ich immer noch.»
Was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht arbeiten würde. Fast täglich steht er in seinem Schneideratelier in Zürich Altstetten, wo er auch eigene Kleider entwirft. Im Grunde legt er aber wenig Wert darauf, wie gut sie sich verkaufen. Er sagt: «Es ist für mich natürlich das Grösste, wenn meine Stücke jemandem gefallen. Aber meistens habe ich schon eine Verbesserung dafür im Kopf. Ich kann dann das bereits erstellte Kleidungsstück nicht mit gutem Gewissen zum ursprünglichen Preis verkaufen.» Obwohl seine Freunde finden, er sollte aus seinem Schaffen endlich ein Geschäft machen und ihm mit Tipps schnell zur Hand sind, wie dies am besten umzusetzen wäre, ist er gegen die Ratschläge immun und findet stets Gründe, sie zu ignorieren. Die meisten, die Luzi de Beaufort kennen, schütteln über ihn irgendwann den Kopf. Er schert sich indessen auch nicht immer darum, was andere über ihn denken. Er steht aber nicht gern im Zentrum der Aufmerksamkeit und meidet das Rampenlicht.
Aufgewachsen ist er in einem kleinen, ländlichen Weiler in der Innerschweiz; geboren wurde er in eine gebildete, weltoffene und selbstbewusste Familie. Dass sie nicht vom Land waren, fiel auf, weil ihr Vater stets exotische Wagen fuhr. Er sagt: «Meine Schwester und ich waren beide kreativ begabt. Doch wir hatten Mühe, damit herauszustechen.» Mit neuen Turnschuhen seien sie zum Beispiel immer zuerst in den Stall gegangen, um sie schmutzig zu machen, so dass sie nicht zu sehr auffielen. Er sagt: «Ich habe mich aber immer sehr identifiziert mit der Region und den Leuten.»
Mechaniker mit Tiefblick
Manchmal schaut er mich unschuldig an. Plötzlich schleicht sich wie ein Dieb ein Flackern in seine Augen, die Augenfalten lassen das aufziehende Grinsen erahnen, der Mund zuckt und ich weiss, gleich wird ein Spruch, ein Scherz oder eine spitze Bemerkung folgen. Ist es geschehen, wartet er amüsiert auf die Reaktion. Manchmal verstehe ich seine Witze erst nach ein paar Augenblicken.
Früh in seinem Leben vertieft sich Luzi de Beaufort in die Mechanismen der Dinge und Gegenstände und entwickelt ein Verständnis für mechanische, aber auch für menschliche Zusammenhänge. Sein Grossvater habe eine Werkbank gehabt und gemeinsam hätten sie immer etwas gebastelt. Er sagt: «Als Neunjähriger wechselte ich selbstständig die Gabel meines Fahrrads aus.» Er hilft dem benachbarten Jungbauern beim Reinigen der Landwirtschaftsmaschinen, assistiert beim Schrauben an dessen Auto und reicht die Werkzeuge. Zu Nadel und Faden findet Luzi de Beaufort durch seine Mutter. Er sagt: «Sie nähte Quilts, das inspirierte mich.»
Formen, Falten, Funktionen: Die Faszination für Maschinen ist ihm geblieben. Luzi de Beauforts Atelier ist verstellt von alten Nähmaschinen. Er nimmt sie auseinander, revidiert sie und schenkt ihnen neues Leben. Er öffnet aber auch Computer, um sie seinen Bedürfnissen anzupassen oder er ergänzt die Schnittsoftware mit eigenem Programmiercode. Er sagt: «Weil ich Klavier und Gitarre spielte, wollte ich ursprünglich ans Konservatorium.» Stattdessen beginnt er ein Informatikstudium, ist aber zu schlecht in Mathematik. Er sagt: «Das Studium frustrierte mich – welch ein Affenzirkus!» So landet er in der Modefachklasse der Kunstgewerbeschule Zürich.
Auf der Suche nach Liebe und Perfektion
Sein Lieblingswitz lautet: Es treffen sich zwei Männer in der Wüste, der eine schleppt eine Telefonkabine, der andere einen Amboss auf dem Rücken. Fragt derjenige mit dem Amboss: «Wieso trägst du eine Telefonkabine auf dem Rücken?» Antwortet dieser: «Wenn ein Löwe kommt, kann ich mich reinsetzen und abwarten, bis er weg ist. Aber wieso schleppst du einen Amboss mit dir rum?» Antwortet jener: «Wenn ein Löwe kommt, kann ich den Amboss fallen lassen und schneller wegrennen.»
Dann strahlt Luzi de Beaufort und sagt: «Der beste Witz, den ich kenne.»
Nicht so amüsant findet er das Gewicht, das einem manchmal die Liebe auferlegt. Lange bleibt er allein, hat kurze Liebschaften, aber kaum etwas Festes. So klar für ihn die verborgenen Mechanismen der Maschinen sind, so undurchschaubar bleiben ihm romantische Verstrickungen. Eines Tages nach einer glücklosen Liebe flüchtet er auf eine Reise: Er fährt nach Moskau, um Russisch zu lernen, folgt den Strängen der transsibirischen Eisenbahn, überquert auf einem Frachtschiff den Pazifik, reist der amerikanischen Westküste entlang, durchquert Südamerika und schippert, erneut auf einem Frachtschiff, über den Atlantik. Derweil erweitert er auf einem alten Notebook sein Schnittprogramm, bis er den Schmerz hinter sich lassen kann. Er ist schon lange zurück in Europa, als er eine neue Liebe findet, diesmal ernsthafter. Er sagt: «Nun vermisse ich es manchmal, die Nacht durcharbeiten und meiner eigenen Zeit folgen zu können.»
Für Luzi de Beaufort gibt es keinen Stillstand. Er sagt: «Mir ist es wichtig, stets Neues dazuzulernen und besser zu werden.» Ein zu erfolgreiches Geschäft käme für ihn einem Gefängnis gleich, weil er fremden Zwängen folgen müsste. Er sagt: «Ich lebe bescheiden und verfüge über kleine finanzielle Sicherheiten, die mir eine gewisse Freiheit gewähren.» Er durchschaut auch die Wechselwirkungen in der Wirtschaft und ihre Entwicklungen. «Jeden Morgen studiere ich die Zeitungen. Die kleinen Meldungen sind die interessantesten», sagt er.
Manchmal besuche ich ihn in seinem Atelier: ein Ort, so unüberschaubar wie eine riesige Maschine, in der Abläufe ihren eigenen, mir verborgenen Regeln folgen. Dutzende Strom- und Luftdruckkabel hängen von den Decken, auf den grossen Tischen sind Stoffe ausgebreitet, hier stapeln sich Schnittmuster, dort herrscht ein Dschungel aus Fäden und Fadenspulen, herumliegenden Kreidestücken, Massbändern. Neonlicht flackert. Bei einem meiner Besuche klingelt das Telefon. Ich höre, wie Luzi de Beaufort bald die Geduld mit der Person am anderen Ende verliert. Wie er sie höflich, aber belehrend zurechtweist, wie sein Ärger wächst und ich sehe, wie er nach dem Gespräch um die Gelassenheit ringt. Er sagt: «Meine Toleranzgrenze gegenüber Menschen, die mit Dummheit oder Faulheit meine Zeit verschwenden, ist gering.» Es mache ihn verrückt, wenn kein echter Austausch stattfinde, er habe zu viele Pläne und Projekte, die er umsetzen will. Während er grossen Respekt vor echtem Können hat, ist Luzi de Beaufort für Smalltalk die falsche Adresse. Er gehe davon aus, dass sich die Menschen für das interessieren, was sie tun. Er sagt: «Die meisten geben sich zu früh zufrieden. Entweder ich mache etwas richtig oder gar nicht.» Dann hält er inne und sagt: «Manchmal merke ich es nicht, wenn ich zu direkt werde.»
So strebt Luzi de Beaufort Perfektion an. Seine Kleiderentwürfe folgen keinem Trend. Er liebt ausladende Formen und schöne alte Schnitte. «Gentlemen are never out of fashion», lautete der Slogan für die Stücke, die er einst zusammen mit der Modedesignerin Pia Affolter unter dem Label affolter-debeaufort entwickelte. Er sagt: «Ich suche nach Formen, die etwas im Betrachter auslösen.» Kurz denkt er nach und sagt: «Eine weite Hose an einer Frau kann unglaublich vorteilhaft aussehen. Oder ein Gilet an einem Mann, das richtig sitzt.» Er hat mit den Zürcher Modedesignerinnen Eva Kyburz und Ida Gut zusammengearbeitet, entwickelt aber auch eigene Kleider. Er sagt: «Erfolg ist, etwas Schönes zu machen.»
Wenn ich Luzi de Beaufort in seinem Atelier besuche, empfängt er mich stets freudig und mit offenen Armen. Er nimmt sich Zeit, wir trinken Kaffee und plaudern über Pläne und er spricht begeistert über seine neusten Entdeckungen. Selbst wenn wir uns gestritten haben, ist die Versöhnung jeweils nur eine Fadenbreite entfernt. Alles andere wäre Zeitverschwendung.
Jan Graber, Januar 2018.