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Im letzten Dezember ist die Dampfzentrale als Kulturzentrum offiziell eröffnet worden. In zwei kahlen, kaum heizbaren Fabrikhallen und einigen kleinen Übungsräumen hat seither – ohne jede Infrastruktur und ohne Betriebskredit – ein hierarchisch kompliziert gebauter Verein versucht, ein Zentrum für professionelle Kulturschaffende zu betreiben. Nun, ein halbes Jahr später, ist der Dampf draussen, hinter verschlossenen Türen greift die Stadt ein.
Im Herbst 1987 gab es in Bern endlich Hoffnung auf neuen Kulturraum. Zwar war das Reitschulareal nach wie vor verrammelt und das Zaffaraya akut von der Räumung bedroht. Dafür stand die Dampfzentrale – nicht weit vom Zaffaraya auf dem Gaswerkareal gelegen – als neues Kulturzentrum vor der Eröffnung. Aus zehn Mitgliedervereinen, von der Berner Kunstgesellschaft bis zur Werkstatt für improvisierte Musik, konstituierte sich der «Verein Dampfzentrale». Statuten wurden gezimmert, ein «Betriebsleiter» gewählt, die Vereinshierarchie vom Präsidenten über den Ausschuss und Vorstand bis zum Programmrat personell bestückt. Die Besetzung von letzterem gab zu Hoffnung Anlass: Zehn progressive, profilierte Kulturschaffende und -veranstalterInnen unternahmen es, mit «Konzeptvorschläge[n] zu den Benützungs- und Veranstaltungsprogrammen», so die Statuten, dem Ausschuss beratend zur Seite zu stehen.
Am 24. Mai hat der Programmrat nun mit einem Brief an den Vorstand kapituliert: «Die Arbeit kann unter den Voraussetzungen, wie sie jetzt bestehen, nicht weitergeführt werden.» Ohne Geld und ohne jede Entscheidungskompetenz sei er «als beratendes Organ eine eher lächerliche Konstruktion». Als Sofortmassnahmen forderte er eine minimale Infrastruktur und 500000 Franken, dazu einen jährlichen Programmkredit von 300000 Franken. Programmrat Rudolf Mattes zur WoZ: «Wenn der Laden einigermassen aus seinem Dämmerschlaf erwachen und nicht nur Tonkneten und Makramee möglich sein soll, dann muss die Dampfzentrale betrieben werden mit einer Budgetsumme, wie sie die Kunsthalle hat.» Mit seinem Brief hat der Programmrat «bis zum Eintreffen von Lösungsvorschlägen für die Probleme» seine Tätigkeiten eingestellt.
Für den Präsidenten des Ausschusses, Daniel Jaccard, ist der Streikbrief seines Programmrates «wenig deutlich». Er ist deshalb darüber «nicht glücklich» und hat ihn unbeantwortet gelassen; auch hat er nicht im Sinne, nächstens mit dem streikenden Gremium Gespräche aufzunehmen: «Der Programmrat hat sich ja selber zurückgezogen.» Der «Verein Dampfzentrale» könne auch ohne Programmrat statutenkonform funktionieren, weil dieser sowieso keine Entscheidungsbefugnis habe. Der jungdynamische sozialdemokratische Fürsprecher ist vor einigen Jahren als Jurist und Kassier der Veranstaltergruppe «Jazz Now» am Rand der Berner Kulturszene aufgetaucht. An diesen Rand manövriert er nun auch die Dampfzentrale, indem er den notwendigen Protest des Programmrats ins Leere laufen lässt, statt sich mit ihm zu solidarisieren und mit ihm Politik zu machen. Jaccard hat dafür gesorgt, dass der Programmrat endgültig zur «lächerlichen Konstruktion» geworden ist. Der kollektive Rücktritt scheint angezeigt.
Die schwache Stellung des Programmrats hat schon bisher den Veranstaltungsbetrieb inhaltlich weitgehend orientierungslos gemacht. Ohne Geld und ohne Kompetenz sah er sich im April gezwungen, die Durchführung einer Modeschau zu empfehlen, an der sogar der «Bund» «faschistoide Muskelprotze» und «Endzeitbummbumm» registrierte, respektive die «Frischgestylten Berns, die sich nach dem Modespektakel an den zwei Bars oder in der Disco aufs Erspriesslichste zu amüsieren wussten».
Für Ruedi Wyss von «Jazz Now» war jene «obergruusige, sexistische Kommerzmodeschau» der Tropfen, der das Fass zum überkaufen brachte. Am 21. April beschloss «Jazz Now» den Austritt aus dem «Verein Dampfzentrale», Wyss stellte seinen Sitz im Vorstand zur Verfügung. Freilich gab es für «Jazz Now» weitere Gründe, die zum Austritt führten. Aktivistin Margareta Peters: «Es ist einfach unmöglich, Veranstaltungen durchzuführen ohne Infrastruktur.» Das erhöhe die Defizite und die notwendige Arbeit bis zum Verhältnisblödsinn. Beim «Taktlos»-Festival im März habe allein die Installation von Bühne und Lichtanlagen 4000 Franken gekostet: «Die Stadt kann nicht einfach ein leeres Haus zur Verfügung stellen.» Umsomehr, als der Kultursekretär Peter J. Betts schon frühzeitig klarstellte, dass die Stadt Bern in der Dampfzentrale «kein hobbymässiges Kultur-Jekami» wünsche («Berner Zeitung», 26.3.1987). Professionalität aber kostet Geld.
Geld hat die Stadt. Dummerweise muss sie aus politischen Gründen zur Zeit zwei Kulturzentren zulassen und auch die Vollversammlung in der Reitschule fordert einen sechsstelligen Betrag (für Renovationsarbeiten). Darum war die Stadtverwaltung nicht glücklich, als der «Verein Dampfzentrale» am 18. März in einem «Ersten Zwischenbericht» an den Gemeinderat die Erfahrungen wie folgt resümierte: «Der Aufbau eines neuen, interdisziplinären Kulturzentrums erfordert einen grösseren, bezahlten Betriebsstab und eine funktionierende Infrastruktur – und damit seitens der Geldgeber ein weit grösseres finanzielles Engagement als das gegenwärtige. […] Damit ist die öffentliche Hand angesprochen.» Die Stadt setzte nun eine veraltungsinterne Arbeitsgruppe (Vorsitz: Betts) ein und forderte bei Peter Egli, der wegen vereinsinterner Spannungen bereits auf Ende März als Betriebsleiter der Dampfzentrale gekündigt hatte, eine Analyse des bisherigen Vereinsgeschehens an.
Seither herrscht Schweigen. Hinter verschlossenen Türen haben sich letzten Montag die verwaltungsinterne Arbeitsgruppe und die Dampfzentrale-BetreiberInnen zu einer «gemeinsamen Aussprache» getroffen. Ergebnis: in gegenseitigem Einverständnis ist eine Informationssperre beschlossen worden, eine Presseorientierung stellt Jaccard frühestens für Mitte August in Aussicht. Sogar wenn die Stadt dannzumal Geld schütten sollte: Der Kollaps der Inhalte hat in der Dampfzentrale vermutlich bereits stattgefunden. Die starke Frau im Hintergrund dieser Geschichte, die Stadtschreiberin Elsbeth Schaad, bringt ihn unbekümmert auf den Begriff: «Dieser Rückzug des Programmrats kann mich nicht erschüttern. Es gibt in der Dampfzentrale genug Interessenten, die Kultur machen wollen, auch ohne Programmrat.» Also doch Jekami.