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Sandkatze - Felis margarita
Wüstenfuchs (=Fennek) - Vulpes (=Fennecus) zerda
© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die meisten Wüstentiere bekommt man allerdings kaum je zu Gesicht, denn zum einen ist ihre Bestandsdichte für gewöhnlich sehr gering. Zum anderen sind sie fast ausnahmslos nachts unterwegs und verbringen die Hitze des Tages in Höhlen oder an anderen schattigen Plätzen. Ausserdem sind die meisten von ihnen kleine, unscheinbare Geschöpfe: Käfer, Spinnen und andere Wirbellose vor allem, dann Schlangen und Echsen, und natürlich die überall auf der Welt anzutreffenden Nager.
Allerdings gibt es unter den Tieren, die ihr Leben in der Wüste fristen, auch ein paar grosse Formen. Zu nennen wären etwa die Dünengazelle (Gazella leptoceros) und die Mendesantilope (Addax nasomaculatus), zwei Huftiere, die im nördlichen Afrika beheimatet sind. Ferner die Sandkatze (Felis margarita) und der Wüstenfuchs oder Fennek (Vulpes zerda), zwei Raubtiere, von denen hier die Rede sein soll.
Eine vielgestaltige Verwandtschaft
Die Ordnung der Raubtiere (Carnivora) ist eine ausserordentlich vielgestaltige Tiergruppe. Neben den allgemein bekannten Hunden (Familie Canidae), Katzen (Felidae) und Bären (Ursidae) zählen auch die Hyänen (Hyaenidae), Marder (Mustelidae), Kleinbären (Procyonidae), Pandas (Ailuropodidae) und Schleichkatzen (Viverridae) hierzu. Grosse und kleine Tiere gehören zu den Raubtieren ebenso wie dünne und dicke, flinke und langsame, starke und schwächliche. Der Eisbär beispielsweise ist bis zu 25 000 mal schwerer als das Zwergwiesel!
Alle Raubtierarten weisen jedoch ein gemeinsames Körpermerkmal auf, dem die Fachleute grosse Bedeutung beimessen: Sie besitzen in der linken und in der rechten Gebisshälfte je ein vergrössertes, zum Zerschneiden von Fleisch geeignetes Zahnpaar, das sich aus dem letzten oberen Vorbackenzahn und dem ersten unteren Backenzahn zusammensetzt. Diese beiden Zahnpaare, welche zusammenfassend als «Reisszähne» bezeichnet werden, weisen unmissverständlich darauf hin, dass alle Raubtiere von ein und demselben Vorfahren abstammen. Sie sind also alle miteinander verwandt, und darum werden sie in der Ordnung der Raubtiere zusammengefasst.
Als früheste Vorfahren der Raubtiere gelten die Miaciden, eine Gruppe von Tieren, welche vor 40 bis 50 Millionen Jahren auf der Erde lebte. Diese kaum bekannten Waldbewohner besassen nämlich bereits ausgeprägte Reisszähne. Aus den Miaciden entwickelten sich dann im späten Eozän, vor rund 40 Millionen Jahren, bei schnell voranschreitender Verzweigung die heutigen Raubtierfamilien. Die Familie der Katzen, zu der die Sandkatze gehört, und die Familie der Hunde, zu welcher der Wüstenfuchs zählt, weisen also seit enorm langer Zeit eigenständige Entwicklungsgeschichten auf. Trotzdem findet man - vor allem in klimatisch extremen Lebensräumen - Vertreter der beiden Familien, welche einander noch heute sehr ähnlich sind. Sandkatze und Wüstenfuchs sind gute Beispiele hierfür.
Die Sandkatze liebt Dünenlandschaften
Die Wissenschaftler Europas wurden Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals auf die Sandkatze aufmerksam: Als der französische Naturforscher Victor Loche in den Jahren 1855 und 1856 an einer Expedition zur Erkundung der Ouargla-Oase in der nördlichen Sahara teilnahm, stiess er auf eine hübsche kleine Katze, die er als bislang unbekannte Art identifizierte. Zu Ehren des Expeditionsleiters Capitaine Margueritte gab er ihr den wissenschaftlichen Namen Felis margarita, also «Margueritte-Katze». Da margarita aber das griechische Wort für «Perle» ist, wurde die kleine Katze später - in Unkenntnis des Ursprungs ihres Namens - oft «Perlkatze» genannt. Auch die Bezeichnungen «Wüstenkatze» und «Dünenkatze» tauchten gelegentlich auf. Heute verwendet man aber allgemein den Namen «Sandkatze».
Die Sandkatze ist eine reine Wüstenbewohnerin. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom westafrikanischen Senegal ostwärts über die gesamte Sahara und die Wüsten der Arabischen Halbinsel bis in die Trockengebiete der westasiatischen Sowjetrepubliken Turkmenien, Usbekistan und Kasachstan. Manche Katzenforscher, so etwa Theodor Haltenorth und Paul Leyhausen, vertreten die Ansicht, dass die Sandkatzen des asiatischen Festlands aufgrund bestimmter Schädelmerkmale als eigene Art mit dem Namen Barchankatze (Felis thinobia) anzusehen sind. Ihrer Meinung nach haben sich die afrikanische und die asiatische Form unabhängig voneinander in Anpassung an die extremen Lebensbedingungen der Sandwüste entwickelt. Im allgemeinen gilt aber die Auffassung, dass die beiden Katzen eine gemeinsame Abstammung haben und es sich also lediglich um unterartlich verschiedene Formen handelt.
Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets zeigt die Sandkatze eine deutliche Vorliebe für sandige Wüstenstriche, wo bis zu 150 Meter hohe Wanderdünen das Landschaftsbild prägen. In felsigen und buschbestandenen Gebieten findet man sie seltener. Wie die meisten Wüstentiere ist sie hauptsächlich nachts unterwegs. Die heissen Tagesstunden verschläft sie in einer selbstgegrabenen Höhle, mitunter auch im Schatten eines Strauchs.
Pfoten mit «Filzpantoffeln»
Mit einer Schulterhöhe von rund 25 Zentimetern, einer Kopfrumpflänge von 40 bis 57 Zentimetern, einer Schwanzlänge von 30 Zentimetern und einem Gewicht von 2 bis 3,5 Kilogramm ist die Sandkatze eine recht kleine Katze, kleiner noch als unsere Hauskatze. Den Bedingungen des Wüstenlebens ist sie hervorragend angepasst. So besitzt sie unter ihren Pfoten dicke Pelzkissen, welche aus langen, zwischen ihren Sohlenballen hervorwachsenden Haaren bestehen. Diese «Filzpantoffeln» ermöglichen es der kleinen Katze, festen Tritt im lockeren Dünensand zu finden und sich mit erstaunlicher Leichtigkeit auf dieser Unterlage fortzubewegen. Ausserdem schützen sie die haarigen Polster davor, ihre Sohlen auf dem heissen Sand zu verbrennen, wenn sie gezwungen ist, tagsüber ihr Versteck zu verlassen.
Eine bemerkenswerte Anpassung der Sandkatze an ihren öden Lebensraum ist ferner ihr auffallend breiter, abgeflachter Schädel mit den weit aussen am Kopf ansetzenden Ohrmuscheln. In der Wüste gibt es ja fast keine Pflanzen, hinter denen sie sich die kleine Katze bei der Jagd verstecken kann. Dank ihrer Kopfform vermag sie sich aber so flach zu machen, dass ihr selbst die geringsten Bodenunebenheiten als Deckung genügen.
Über die Lebensweise der Sandkatze in freier Wildbahn sind nur wenige Einzelheiten bekannt: Wie fast alle Katzen lebt sie einzelgängerisch. Auf ihren nächtlichen Streifzügen erbeutet sie hauptsächlich kleine Wüstennager wie Springmäuse, Sandmäuse und Rennmäuse. Sie ist aber keineswegs wählerisch und nimmt auch gerne Nestlinge und Eier bodenbrütender Vögel sowie Echsen, Schlangen und grosse Insekten, wann immer sie solche erwischen kann. Ihren Flüssigkeitsbedarf vermag sie vollumfänglich über ihre Nahrung zu decken und muss darum nie trinken.
In Westasien bringen die Sandkatzen-Weibchen im allgemeinen im Frühling oder Frühsommer zwei bis vier Junge zur Welt. Die Kätzchen bleiben bis im Herbst mit ihren Müttern zusammen und werden bis dahin sorgfältig ins Handwerk des Beutegreifens eingeführt. Dann lösen sich die Familien auf, und die Jungen machen sich auf die Suche nach eigenen Wohngebieten in ihrer kargen Wüstenwelt.
Der Wüstenfuchs - ein Winzling mit Riesenohren
Der Wüstenfuchs ist das kleinste Mitglied der Familie der Hunde und sogar noch kleiner als die Sandkatze. Ausgewachsene Männchen wiegen weniger als 1,5 kg und weisen eine Schulterhöhe von kaum 20 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von 40 Zentimetern und eine Schwanzlänge von 20 bis 25 Zentimetern auf. Das Fell dieser Winzlinge ist wie dasjenige der Sandkatze oberseits sandfarben und unterseits weiss. Und wie die Sandkatze besitzen auch sie in Anpassung an das Leben im Wüstensand nützliche und notfalls schützende Haarpolster an ihren Füssen.
Das auffälligste Körpermerkmal des Wüstenfuchses sind zweifellos seine Riesenohren: Sie sind gut 10 Zentimeter lang, messen also rund ein Viertel seiner Körperlänge! Diese übergrossen Ohrmuscheln werden ergänzt durch eine stark erweiterte Gehörblase im Schädel des kleinen Fuchses. Beides weist auf ein aussergewöhnlich leistungsfähiges Gehör hin. Zusammen mit ein paar anderen Schädeleigenheiten waren diese Riesenohren früher Anlass genug, den Wüstenfuchs innerhalb der Familie der Hunde in eine eigene Gattung, Fennecus, zu stellen. Davon ist man aber abgekommen. Heute gilt er als «echter» Fuchs und wird damit der Gattung der Füchse, Vulpes, zugeordnet, zu der ja nicht zuletzt unser weitverbreiteter Rotfuchs (Vulpes vulpes) gehört.
Wie die Sandkatze ist der Wüstenfuchs ein scheuer, weitgehend nachtaktiver Bewohner sandiger Wüstenstriche. Man findet ihn ausser in der Sahara noch auf der Sinai-Halbinsel und auf der Arabischen Halbinsel.
«Tanten» helfen bei der Jungenaufzucht
Im Gegensatz zur Sandkatze ist der Wüstenfuchs ein geselliger Beutegreifer. Im allgemeinen lebt er in Gruppen von bis zu zehn Tieren. Dabei handelt es sich um Familiengruppen, die neben dem erwachsenen Paar und seinen noch abhängigen Welpen die bereits selbständigen - vorwiegend weiblichen - Jungfüchse des Vorjahres umfassen. Letztere beteiligen sich als sogenannte «Tanten» bei der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister. Man nimmt an, dass es sich bei diesem ungewöhnlichen Sozialverhalten der Wüstenfüchse um eine Reaktion auf die schwierigen Umweltbedingungen handelt, unter denen diese zierlichen Räuber leben: Die jungen Weibchen vergrössern durch ihr Verweilen in der Familie und ihre aktive Mithilfe im «Haushalt» nicht nur den Aufzuchterfolg der Eltern, sondern können so auch genügend Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern sammeln, bevor sie sich selbständig machen.
Die Wüstenfüchse bewohnen selbstgegrabene Baue, welche aus ein paar flach verlaufenden Röhren von mehreren Metern Länge und einem abschliessenden Kessel bestehen. Dort verbringen die Rudelmitglieder gemeinsam den Tag. In den kühlen Nachtstunden kommen sie dann heraus, um auf ein ähnliches Spektrum von Beutetieren Jagd zu machen wie die Sandkatze. Ihr scharfes Gehör und ihre grossen Nachtaugen sind ihnen beim Aufspüren der spärlich vorhandenen Beutetiere sehr dienlich. Äusserst vorsichtig, nach allen Seiten hin äugend, witternd und lauschend, schleichen die kleinen Wüstenjäger zwischen den Sandhügeln dahin, um hier eine Heuschrecke, dort eine Eidechse und gelegentlich sogar einen unvorsichtigen Vogel zu erbeuten.
Zum Verspeisen tragen die Wüstenfüchse ihre Beutetiere gewöhnlich zum Bau zurück. Vermutlich hat das den Sinn, allfälligen grösseren Raubtieren wie Leoparden oder Schakalen aus dem Weg zu gehen. Im Bau müssen sie dann allerdings ihre Leckerbissen gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern verteidigen, denn obschon die kleinen Füchse in Grossfamilien leben, sind sie keineswegs aufs Allgemeinwohl bedacht. Im Gegenteil: Heftige Zänkereien um Futter gehören bei den Wüstenfüchsen zur Tagesordnung.
Die Paarungszeit der Wüstenfüchse fällt in Nordafrika gewöhnlich in die Monate Januar und Februar. Während dieser Zeit sind die ausgewachsenen Männchen gleichgeschlechtlichen Artgenossen gegenüber äusserst feindselig eingestellt und markieren ihr Streifgebiet eifrig mit Harn. Nach einer Tragzeit von 50 bis 51 Tagen bringt das Weibchen zwei bis fünf Junge zur Welt. Sie werden etwa zwei Monate lang gesäugt, nehmen aber schon vom fünfundzwanzigsten Tag an auch feste Nahrung zu sich. Am Ende des ersten Sommers, im Alter von rund neun Monaten, haben die Jungfüchse bereits die Grösse ihrer Eltern erreicht und können nun selbständig jagen. Vor allem die Weibchen bleiben aber, wie erwähnt, im allgemeinen ein weiteres Jahr mit ihren Eltern zusammen, um nach der Kunst des Beutegreifens auch noch die Kunst der Jungenaufzucht zu erlernen. In Menschenobhut beträgt das Höchstalter von Wüstenfüchsen zwölf Jahre.
Fang und Abschuss gefährden die Bestände
Sandkatze und Wüstenfuchs bewohnen besonders ungastliche und daher selten begangene Winkel unseres Planeten. Es ist deshalb schwierig, ihre gegenwärtige Bestandssituation auch nur einigermassen exakt abzuschätzen. Immerhin wissen wir, dass der Lebensraum der beiden kleinen Wüstenraubtiere in keiner Weise bedroht ist: Weder im nördlichen Afrika noch in Arabien oder Westasien herrscht Mangel an Wüstengebieten mit Sanddünen...
Beide Arten weisen aber seit jeher nirgendwo hohe Bestandsdichten auf und sind darum sehr anfällig auf die direkte Nachstellung seitens des Menschen. Und tatsächlich hat dies auch gebietsweise nachweislich zu einem Rückgang der Bestände geführt. Denn nicht nur die Eingeborenen der Sahara stellen diesen für den Menschen völlig harmlosen Tierchen gerne zur Nahrungsbeschaffung nach. Auch für Museen und Tiergärten werden Sandkatze und Wüstenfuchs häufig geschossen beziehungsweise gefangen. Es wäre wünschenswert, wenn man den beiden hübschen kleinen Wüstenbewohnern ihr ohnehin nicht leichtes Leben in ihrer kargen Heimat nicht auf diese Weise noch zusätzlich erschweren würde.
Der Begriff «Wüste» weckt in uns unweigerlich die Vorstellung endloser, sonnendurchglühter Sand- und Geröllebenen ohne jegliches Zeichen von Leben. Das entspricht allerdings nicht der Wirklichkeit. Der alte Lehrsatz, wonach «die Natur jegliches Vakuum verabscheut», gilt nämlich durchaus auch für die Wüstengebiete unseres Planeten. Ja, man könnte sogar ruhig vom «Lebensraum Wüste» sprechen, denn eine bemerkenswerte Vielfalt tierlicher wie pflanzlicher Lebewesen hat sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte an die extremen klimatischen Verhältnisse dieser Dürrelandschaften angepasst.
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