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Post-Chef Jürg Bucher erklärt, wie Postfinance bei der Rettung der systemrelevanten Teile einer Grossbank wie der UBS mitwirken könnte. Ihr Beitrag wäre substanziell.
Herr Bucher, Postfinance ist einer der führenden Akteure im Zahlungsverkehr. Würde dieser wirklich zusammenbrechen, wenn eine der beiden Grossbanken zugrunde ginge?
Jürg Bucher: Wichtig ist mir die Feststellung, dass wir hier von einem Krisenszenario sprechen. Wenn eine Grossbank zugrunde geht, dann würde das in der inländischen Bankversorgung grosse Turbulenzen verursachen. Aber zusammenbrechen würde die Geldversorgung nicht.
Weshalb musste man denn die UBS mit hohen Risiken für den Steuerzahler retten, wenn es auch ohne gegangen wäre?
Der Zusammenbruch einer Grossbank hätte für den Schweizer Finanzplatz einen enormen Reputationsschaden verursacht. Global tätige Banken sind wichtig für den Wohlstand unseres Landes. Postfinance und die anderen Banken hätten die systemrelevanten Teile der UBS nicht einfach so übernehmen können. Dies hätte eine gewisse Zeit gebraucht und wäre ein Kraftakt gewesen – es wäre aber gegangen.
Die Rettung der UBS wurde damit begründet, dass sonst das Bankensystem, namentlich Zahlungsverkehr und Kreditgeschäft, zusammenbrechen, eine Kettenreaktion ausgelöst und die gesamte Wirtschaft lahmgelegt würde.
Diese Meinung teile ich nicht. Im Verbund von allen Banken und Postfinance wäre der Schweizer Finanzplatz in der Lage, beim Ausfall einer Grossbank den Zahlungsverkehr und die gesamte Geldversorgung sicherzustellen.
Wie soll das gehen?
Wir haben in der Schweiz zwei Zahlungsverkehrssysteme: das Swiss-Interbank-Clearing und das Postzahlungssystem. Sie sind beide etwa gleich gross. Gemessen an der Anzahl der Transaktionen ist das Postzahlungssystem sogar grösser. Die Existenz von zwei Systemen ist ein gewisser Stabilitätsfaktor. Zudem sind die Systeme durchlässig, das heisst, es finden täglich zwischen den Systemen Millionen von Transaktionen statt. Drittens ist Postfinance am Swiss-Interbank-Clearing direkt beteiligt. Wir sind einer der grossen Partner. Auch das wirkt stabilisierend.
Welche Rolle würde Postfinance spielen?
Postfinance wäre bei einer solchen Krise im Verbund mit den anderen Geldinstituten durchaus in der Lage, einen substanziellen Beitrag zu leisten. Ich sage das, weil Postfinance 60 Prozent der Transaktionen abwickelt. Zudem verarbeiten wir schon heute den beleggebundenen Zahlungsverkehr der UBS ab. Auch der Zahlungsverkehr von einigen Kantonalbanken läuft über unser System. Und schliesslich ist Postfinance das Institut mit den meisten Zweitbankbeziehungen, sodass Kunden auf uns ausweichen können.
Das heisst?
Firmen und Privatpersonen haben nicht nur eine Bankbeziehung, sondern mehrere. Sie haben eine Hauptbank und dann mindestens eine Zweitbank. Das ist häufig Postfinance.
Gilt das Gesagte auch für den internationalen Zahlungsverkehr?
Ich mache gewisse Vorbehalte zum internationalen Geschäft und für den Zahlungsverkehr mit den Grösstkunden. Dieser stellt besondere Anforderungen. Er ist äussert zeitkritisch, es werden sehr hohe Beträge verschoben, und es handelt sich um sehr hohe Kontoguthaben. Hier gibt es offene Fragen: Wem gehört das Geld auf diesen Konti bei einem Zusammenbruch der Bank? Können die Kunden auf das Geld noch zugreifen? Kann ein grosser Geschäftskunde die Mittel, die er bei der Grossbank lagert, ohne weiteres auf ein Konto der Postfinance transferieren, wenn er mit Postfinance schon eine Kontoverbindung hat? Diese Fragen sind nicht geklärt. Der internationale Zahlungsverkehr wird nur von drei Finanzinstituten dominiert: UBS, CS und Postfinance. Da wirkt sich der Ausfall eines dieser Institute stark aus.
Verlassen wir den Zahlungsverkehr. Wie verhält es sich mit dem Kreditgeschäft?
In der Schweiz sind Kredite von rund 900 Milliarden Franken ausstehend; davon sind 760 Milliarden Hypothekarkredite. Die beiden Grossbanken haben je einen Marktanteil zwischen 15 und 16 Prozent; das sind je rund 140 Milliarden Franken. Gerät eine Grossbank in Schwierigkeiten, müsste man ein Kreditvolumen von 140 Milliarden auffangen. Auch hier könnte Postfinance einen substanziellen Beitrag leisten.
Können Sie das konkretisieren?
Wir haben Kundenvermögen von knapp 90 Milliarden Franken, die kurz-, mittel- und langfristig in Anlagen gebunden sind. In einer mittleren Frist könnte Postfinance 50 bis 60 Milliarden Franken in diesen Kreditmarkt einschiessen. Im Verbund mit mehreren Banken könnte also das Kreditvolumen von 140 Milliarden Franken aufgefangen werden.
Ist es nicht so, dass vor allem bei den ungedeckten Krediten die Grossbanken Marktanteile von über 50 Prozent kontrollieren?
Ich habe gesagt, dass die grossen Geschäftskunden höhere Anforderungen stellen als Privatkunden und KMU. Aber nochmals: Von den 900 Milliarden entfallen 130 Milliarden auf Geschäftskundenkredite. Und davon sind nicht alle ungedeckt.
Könnte Postfinance auch ohne Bankbewilligung einspringen?
Im Zahlungsverkehr können wir alles machen. Da haben wir die nötigen gesetzlichen Grundlagen. Bei der Übernahme der Kredite könnten wir das nicht. Aber bei einer Krise – wir spielen hier ja nur Krisenszenarien durch – gibt es das Instrument des Notrechts. Da könnte man Postfinance kurzfristig die nötigen Kompetenzen erteilen. Wenn wir aber eine Bankbewilligung ohne Einschränkung bei der Vergabe von eigenen Krediten hätten, dann wären wir auch im Kreditgeschäft ohne Notrecht in der Lage, den genannten substanziellen Beitrag zu leisten.
Und schliesslich gäbe es ja noch eine Liquiditätszufuhr mit Pfandbriefen.
Sie sprechen die Limmat-Transaktionen an, wie sie die Nationalbank vor zwei Jahren durchgeführt hat, als insbesondere die UBS bei der Refinanzierung Mühe bekundete. In einer ersten Runde haben die Raiffeisenbanken, die ZKB und Postfinance Pfandbriefe gekauft und damit den Markt mit Liquidität versorgt. In einer zweiten Tranche haben nachher auch eine Reihe von Kantonalbanken Pfandbriefe gekauft. Das war ein Beispiel, wie man Mittel flüssig machen kann, um die Banken zu stützen. Da hatte Postfinance schon bewiesen, dass wir in der Lage sind, kurzfristig einzuspringen. Das war gewissermassen ein Testlauf. Wenn auch nur im Kleinen.
Die neue Grossbankenregulierung «Too big to fail» verfolgt zwei Ziele: strengere Eigenmittelvorschriften, damit der Kollaps einer Grossbank unwahrscheinlich wird; und organisatorische Massnahmen, damit bei einer Insolvenz die Weiterführung systemrelevanter Funktionen wie Zahlungsverkehr oder Kreditgeschäft gewährleistet werden kann.
Im Herbst hat eine Expertenkommission unter Peter Siegenthaler, dem früheren Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, einen Bericht mit konkreten Vorschlägen ausgearbeitet. Der Bundesrat hat diese Vorschläge in seiner Botschaft mehrheitlich übernommen. Auch die vorberatende Kommission im Ständerat hat die wichtigsten Gesetzesänderungen gutgeheissen. In der
kommenden Sommersession kommt die Vorlage nun in den Ständerat. Der Bundesrat will sie bis und mit Herbstsession durch beide Kammern des Parlaments bringen.
In der laufenden Debatte streiten die Interessenvertreter vor allem über die Höhe der geforderten Eigenmittel für Grossbanken. Sie streiten sich darüber, wie diese Eigenmittel zu definieren sind und ob diese Schwelle den internationalen Gepflogenheiten angepasst werden soll oder nicht. Die Politiker gehen davon aus, dass UBS und CS «too big to fail» sind, eben nicht fallen gelassen dürfen, weil sonst bei einem Zusammenbruch die Volkswirtschaft lahmgelegt würde.
Erschienen in der BZ am 24. Mai 2011