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Im Jahr 1899, vier Jahre nachdem die Brüder Lumière in Paris die erste Kinovorstellung durchgeführt hatten, öffnete in Zürich das "Panoptikum" seine Pforten. Mit diesem Automaten- und Kuriositätenkabinett war auch in der Schweiz der Grundstein für die wichtigste Unterhaltungskunst des 20. Jahrhunderts gelegt. Inhaber Jean Speck war ursprünglich Schuhmacher und anschliessend viele Jahre Wirt im "Weissen Kreuz" sowie im "Schwänli". Er träumte auch davon, einen Zirkus zu leiten, avancierte aber schliesslich zum Pionier der Vergnügungsbranche. Sein Faible für exzentrische Menschen war legendär und es gelang ihm immer wieder, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen mit Zwergen, Wachsköpfen, wagemutigen Fakiren und schwarzen Tänzerinnen. Am 25. Dezember 1899 bot Speck dem staunenden Publikum eine wahre Sensation: Er führte dreiminütige Filme vor und löste damit im ersten sesshaften Kino der Schweiz Begeisterungsstürme aus.
Im Jahre 1906 verkaufte Speck das "Panoptikum" und eröffnete im April 1907 an der Waisenhausgasse das Kinematographen-Theater. Dieses war zwar eigentlich eher ein Miniaturkino, denn die Filme dauerten gerade mal 15 Minuten. Diese Tatsache tat dem Andrang jedoch keinen Abbruch, standen doch spannende Titel wie "Der serbische Königsmord" auf dem Programm. Der durchschlagende Erfolg ermunterte den cleveren Kinobetreiber zu expandieren. 1908 eröffnete er in Rorschach das "Specks Eden Theater" beim Kettenhaus, dessen originellen Vorführungen in weiten Kreisen Renommee erlangte.
Der Rubel rollte und es gelang Jean Speck, 1912 das erste exklusiv auf Film spezialisierte Lichtspieltheater der Schweiz zu eröffnen, das Palast-Theater im Zürcher Kaspar-Escher-Haus. Die Traumwelten auf Zelluloid zogen die Zuschauer derart in ihren Bann, dass ein einzelnes Lichtspieltheater nicht mehr ausreichte, um den Ansturm zu bewältigen. Speck baute mit dem "Palace" und dem "Excelsior" (1927) weitere Kinos und eröffnete schliesslich am 31. Oktober 1929 sein viertes Haus, das "Piccadilly" am Stadelhofen. Damit schuf der visionäre Unternehmer in Zürich innert drei Jahrzehnten das erste Schweizer Kinoimperium ein Geschäftsmodell, das in anderen Städten kopiert wurde und vielerorts bis heute erhalten blieb.
Das Kino war damals die erschwingliche Kunst des kleinen Mannes und erfreute sich vor allem bei Arbeitern und Einwanderern grosser Beliebtheit. Beim Theater liebenden Bildungsbürgertum hingegen war es verpönt und manche Pfarrer und Ärzte warnten, das Kino mit seinen illusionären Traumwelten und den lasziven Stummfilm-Diven stelle eine Gefahr für die guten Sitten dar. Um Kritikern und Moralisten ein wenig Wind aus den Segeln zu nehmen, nannte es Speck ein "intimes und vornehmes Familientheater" und programmierte dementsprechende Filme. Apropos Familie: Die Leidenschaft für die bewegten Bilder vererbte sich zum Glück weiter und bereits 1912 trat Neffe Eugen Sterk dem Speck'schen Betrieb bei.
"Was Zürich gut genug ist, kann anderen Städten nur recht sein": Diesem Motto getreu richtete der polnische Vernickler Adolf Prosicky 1910 in seiner Werkstatt in Ennetbaden ein improvisiertes Ladenkino namens "Kosmos" ein. Unglücklicherweise war ihm der schlechte Ruf des Kinos vorausgeeilt, und so galt das Haus als verrufen ehe es eröffnet hatte. Nichtsdestotrotz lief das Programm und stiess vor allem bei den Jugendlichen aus Baden auf grosse Begeisterung. Dies war der Schulbehörde im katholischen Städtchen ein Dorn im Auge und bald musste das „Kosmos“ aufgrund behördlicher Auflagen schliessen. Dass der Stadtrat daraufhin für Baden ein generelles Kinoverbot erliess, ist eine ebenso amüsante, wie aus heutiger Sicht schier unglaubliche Tatsache.
Just zu der Zeit, als Baden eine vergnügungslose Zukunft drohte, tauchte eine exzentrische Dame namens Madame Marie Antoine aus Paris-Clichy in der Stadt auf. Sie hegte den verwegenen Wunsch, ein Kino zu bauen und erwirkte durch persönliches Vorsprechen beim Aargauer Regierungsrat die Aufhebung des Kinoverbotes. Und so öffnete am 1. Juni 1913 das Kino "Radium" seine Pforten. Die Einnahmen der Eröffnungs-Premiere spendete Marie Antoine dem Spital und dem katholischen Pfarrkirchenfonds ein genialer Schachzug. Ein gutes Jahr später verkaufte sie das "Radium“ an ihren Pianisten René Marchal, der es während 13 Jahren erfolgreich weiterführte.
Kinounternehmer werden ist nicht schwer, Kinounternehmer sein hingegen sehr: Dieses leicht abgewandelte Sprichwort trifft auf das Kino "Orient
" in Wettingen zu. Am 23. Oktober 1923 zunächst durch Baumeister Mattenberger eröffnet, gab dieser die Direktion bereits ein Jahr später an den Kaufmann Karl Strittmatter ab. Offensichtlich fühlte sich auch dieser nicht berufen und trat die Leitung nach einem Jahr an die Ostschweizer Hoteliersfrau Josy Hummel ab. 1928 übernahm schliesslich Dr. Friedrich Witz den Betrieb. Er hatte bereits das Badener „Radium“ von René Marchal übernommen und führte nun die Leinwandhäuser konkurrenzlos. In dieser Zeit erhielt das „Orient“ den Spitznamen "Revolverküche", weil darin vorwiegend Western, Gangster- und Actionfilme gezeigt wurden.
Die Witz'sche Alleinherrscher-Idylle war jedoch bald vorbei. Eugen Sterk
hatte nämlich unterdessen seine Sporen im Hause Speck abverdient und strotzte vor Tatendrang: 1920 eröffnete er in Lenzburg das Kino "Löwen-Lichtspiele
" und 1922 das "Odeon
" in Brugg. 1928 zog es ihn mit seiner Gemahlin Elisabeth
gen Baden, wo das gleichnamige Kino am Bahnhof gleich mit grossem Geschütz Premiere feierte: Ein Hausorchester unter der Leitung von Ernesto Malipiero begleitete nämlich den Film, und auf der Bühne gastierte eine achtköpfige Varieté-Starensemble. Der in der Folge ausbrechende Kinokrieg lautete "Witz mit zwei kleinen" gegen "Sterk mit einem grossen Kino" und wurde 1931 mit einer Versöhnung sowie der Zusammenlegung zur Cinés AG beendet. Nach dem Ausstieg von Dr. Witz war die Bahn frei für die Kinodynastie Sterk.
Zum Glück expandierte Eugen Sterk in den folgenden Jahren nicht nur geschäftlich, sondern auch familiär. 1935 trat sein Sohn Waldemar
in seine Fussstapfen und baute das Kinoimperium zusammen mit seiner Frau Nelly
kontinuierlich aus: 1947 eröffneten sie das "Elite" in Wettingen, 1957 folgte ebendort das „Rio“ und 1960 in Baden das Kino "Linde". In dieser Zeit trat Sohn Peter Sterk in den Betrieb ein und sah sich mit grossen Herausforderungen konfrontiert: Wegen der Verbreitung des Fernsehens hatte sich die Zahl der Kinozuschauer in den 60er-Jahren halbiert. Auch in der Schweiz gab es ein grosses Kinosterben, dem Peter Sterk
mit neuen Ideen, einer aktuellen Programmation, vielen Spezialanlässen, innovativ entgegentrat. Es gelang ihm, die Zuschauer in und um Baden nach wie vor in seine Kinos zu locken und das Sterk'sche Imperium mit Gattin Johanna
sowie den Eltern stabil weiterzuführen. 1974 stieg schliesslich Schwester Sabine
in die Geschäftsleitung ein und ist seither für die Programmation verantwortlich.
Obwohl das Kinogeschäft in der Schweiz immer stärker von Grossketten geprägt wird, konnten die Sterks ihren Familienbetrieb mit Erfolg erhalten. In den 90er Jahren trat mit Alexandra, Martin und Franziska
bereits die vierte Generation
in den Betrieb ein. Ein auf den Pioniergeist der Gründerväter zurückgehendes Markenzeichen der Firma Sterk ist der Mut zur Innovation.
So wurde das 1947 erbaute "Elite
", 1997 in ein Triplex-Kino umgebaut.
Am 28. November 2002 wurde das "Kino Trafo
" eröffnet. Das Gebäude mit 5 Sälen, grossen Leinwänden, modernster Technik, Concession-Ständen und der angegliederten bubble-Bar gilt weit über die Region hinaus als wegweisendes Kinoprojekt. Es ist dank zentraler Lage beim Bahnhof optimal an den öffentlichen Verkehr angeschlossen, bietet aber auch 300 gedeckte Parkplätze und vor allem bietet es dem inzwischen auch zu Hause technologisch verwöhnten Publikum guten Sitzkomfort und beste Bild- und Tonqualität.
Um auch das Arthouse-Kino-Sterk
beim Bahnhof technisch auf die Höhe des neuen Flagschiffs "Kino Trafo" zu bringen und den neuen Besucherbegebenheiten Rechnung zu tragen, wurde das 1928 erbaute Kino mit 325 Plätzen umgebaut und im Dezember 2008 als Duplexkino mit Sälen für 118 und 100 Besucher neu eröffnet. Während des Umbaus bezeugte Peter Sterk seine Cinéphilie abermals mit einer wunderbaren Idee: Das Gebäude wurde mit einer 180 Quadratmeter grossen Karikatur
des bekannten Zeichners Silvan Wegmann alias Swen
geschmückt, die Stars wie Brad Pitt, Angelina Jolie oder Jack Nicholson zeigt und nun im Foyer des Hauses zu bewundern ist.
Die STERK CINE AG mit ihren über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat sich aber nicht nur dem Mainstream verschrieben, sie pflegt seit Jahrzehnten auch das künstlerische Kino und zwar entgegen dem landläufigen Trend mit untertitelten Originalkopien. Laut einer Studie des Bundesamtes für Kultur zählt Baden/Wettingen bei den Schweizer Mittelstädten zu jenen Kinoplätzen mit der grössten Angebotsvielfalt, wozu auch der Verein Orient einen Beitrag leistet, der seit 2002 in einer Liegenschaft der Sterks das Programmkino Orient betreibt. Gemessen an der Grösse des Einzugsgebietes ist Baden/Wettingen sogar der beste Kinoplatz der Schweiz.