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Bevor «Corona» wie aus dem Nichts zum Kurznamen für das Virus SARS-CoV-2 wurde, trug das Wort bereits viele verschiedene Bedeutungen. Über das bewegte Leben von «corona» in der römischen Antike berichtet Dr. Massimo Cè.
Mexikanisches Lagerbier, Sternbild am Nordhimmel, frühchristliche Märtyrerin, Ruhepunkt in der musikalischen Notation… diese Bedeutungen trug das Wort bereits, als «Corona» Anfang dieses Jahres wie aus dem Nichts zum Kurznamen des für die Jahrhundertpandemie Covid-19 ursächlichen Virus wurde. Trotz ihrer Plötzlichkeit ist eine solche Verschiebung des Bedeutungsfeldes für corona, wie für viele aus dem Lateinischen ins Deutsche entlehnte Wörter, nichts Neues. Lange vor Corona hatte corona nämlich bereits in der römischen Antike ein überaus bewegtes Leben.
Das lateinische corona ist abgeleitet vom griechischen korōnē, welches verschiedene gekrümmte Gebrauchsgegenstände wie Türring und Bogenhaken sowie die krummschnabelige Krähe bezeichnet, und taucht in der Sprache der Römer zum ersten Mal in der republikanischen Frühzeit auf, nämlich in den berühmten Zwölftafelgesetzen von 450 v. Chr. Somit ist corona mehr als zwei Jahrhunderte früher bezeugt als die meisten anderen uns heute noch bekannten lateinischen Wörter. Auf den Zwölf Tafeln bezeichnete corona einen aus Blumen oder Edelmetall gefertigten Zierkranz, mit dem man sowohl einen tüchtigen Krieger nach erfolgreicher Schlacht auszeichnete als auch einem Verstorbenen die letzte Ehre erwies.
In der Tat stellt Feierlichkeit ein beständiges Attribut von corona dar, was auch gut zu modernen Ableitungen des Wortes wie Krone, crown oder couronne passt. Im antiken Rom schmückten coronae bei besonderen Anlässen Schiffe, Statuen, Tempel und – ähnlich heutigen Medaillen – den Sieger von sportlichen Wettkämpfen. Darüber hinaus fanden sich vergleichbare Kränze an ausgelassenen Gelagen, wo sie dem antiken Zecher als Partyhut dienten, sowie auf den Häuptern von Braut und Bräutigam während der (oft ebenfalls ausgelassenen) Hochzeitsfestivitäten. Schließlich verlieh die corona in Literatur und Kunst so manch einer Gottheit eine emblematische Zier: Die in einen Lorbeerbaum verwandelte Daphne krönt den Apoll, Bacchus putzt sich gerne mit Efeu und Weinblatt heraus, und Demeter als Göttin des Agrarsektors trägt eine Ähre im Haar.
Diese Grundbedeutung von corona als pflanzlichem bzw. metallenem Kranz entwickelte sich in der Antike vor allem in zwei Richtungen weiter. Zum einen bezeichnet die corona bildlich auch Erfolg und Ruhm, selbst da wo kein eigentlicher Kranz im Spiel ist. So rühmen sich verschiedene römische Poeten (darunter Lukrez und Ovid) ihrer dichterischen Brillanz, indem sie sich von den Musen mit der corona bekränzen lassen. Poetologisch subversiv meint Properz dazu, er wolle es lieber bei einfachen Girlanden (serta) belassen, eine corona liege ihm nämlich zu schwer (dura) auf dem Haupt.
In der christlichen Literatur wiederum bezeichnet die corona regelmäßig das Martyrium, welches das vorbildliche Leben des Gläubigen «krönt». Diese Bedeutung von corona als Märtyrerkrone mag eine Verallgemeinerung der Dornenkrone Jesu sein, in der Vulgata-Fassung der lateinischen Bibel ebenfalls corona genannt, die dem Gottessohn vor der Kreuztragung aufgesetzt wird. Auch der Name einer Märtyrerin des zweiten Jahrhunderts, Corona, der Schutzherrin der Schatzsucher, geht vermutlich auf diese ironisierte Version der Herrscherkrone zurück.
Zum anderen verfügte corona in der Antike über eine Vielzahl an übertragenen Bedeutungen. Am häufigsten bezeichnet das Wort einen Kreis von Menschen, die sich schaulustig um einen Redner, belagernd um eine feindliche Festung oder angreifend um eine Jagdbeute scharen. Hinzu kommt eine Reihe oft technischer Bedeutungen aus Landwirtschaft, Zoologie und Astronomie.
Schon antike Sternenkundler wie Manilius oder Hygin bezeichnen mit corona eine atmosphärische Leuchterscheinung, auf Deutsch ebenfalls Korona oder Hof genannt, die sich als helle Scheibe um Sonne oder Mond zeigt. Diese astronomische Bedeutung von corona wurde dann spätestens im 19. Jahrhundert auf die während einer Sonnenfinsternis sichtbare Sonnenatmosphäre selbst ausgedehnt. Zudem kannte bereits Aristoteles eine halbkreisförmige Konstellation am nördlichen Sternenhimmel, die in Rom üblicherweise mit corona übersetzt wurde, unter anderem in einem Jugendpoem des späteren Staatsmanns und Redners Cicero. Das Sternbild trägt denselben Namen noch heute mit dem Zusatz borealis («nördlich»), um es von seiner Namensvetterin auf der Südhalbkugel, der Corona Australis, zu unterscheiden.
Wie aus dieser vielseitigen Verwendung des römischen Kranzes hervorgeht ermöglicht die semantische Biographie eines Wortes der Kulturhistorikerin nicht nur ein verbessertes Verständnis sprachgeschichtlicher Entwicklung sondern auch einen tieferen Einblick in die Lebenswelt der römischen Antike im Allgemeinen. Dabei spielt im Leben eines Lemmas immer sowohl die absolute Bedeutungsvielfalt als auch die chronologische und proportionale Verteilung der verschiedenen Bedeutungen eine Rolle.
So verhält es sich auch beim modernen Corona. Coronaviren sind nämlich seit einem Beitrag in der renommierten britischen Fachzeitschrift Nature (Almeida et al. 1968) wissenschaftlich bekannt; die auf der Oberfläche des Virus wie Blütenblätter oder Keulen ausstrahlenden Fortsätze, die sogenannten Peplomere, welche den Anschluss des Virus an den Wirtskörper ermöglichen, bilden einen Kranz, der in expliziter Anlehnung an die Sonnenkorona der Virenfamilie ihren Namen gibt.
Aber erst Anfang 2020 ist «Corona» als Kurzname für «Coronavirus» in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen und hat damit den wohl abruptesten und mit Sicherheit globalsten Bedeutungswandel seiner fast zweieinhalbtausendjährigen Geschichte erlebt. Damit stellt dieses Jahr sogar die kreativen Bedeutungsinnovationen des Mittelalters in den Schatten, wo corona unter anderem den Kronleuchter, die Regenbogenhaut des menschlichen Auges und den übriggebliebenen Haarkranz tonsurierter Mönche bezeichnete.
Abschließend gilt es uns allen zu wünschen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die gegenwärtige Bedeutung von Corona wieder in den Hintergrund treten wird. Vielleicht sitzen wir dann bereits am 14. Mai, dem Gedenktag der Heiligen Corona, wieder mit Corona-Bier und Party-Krönchen im Kreis unserer Freunde. Bis es so weit ist, empfiehlt sich der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel zur nahe des Bärenhüters gelegenen Corona Borealis und tagsüber ins Gedichtbuch zur Ingeborg Bachmann gewidmeten «Corona» Paul Celans. Das Gedicht, welches mit seinem Titel unter anderem auf das musikalische Verlängerungszeichen Corona (zu Deutsch auch: Fermate) anspielt, beschreibt einen Moment des Innehaltens, bevor Celan sich – und uns – in den letzten Versen energisch zu neuem Tatendrang ermutigt: «Es ist Zeit, dass es Zeit wird. Es ist Zeit.»
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Die antiken Sprachbelege sind dem vierten Band des an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften beheimateten Thesaurus linguae Latinae entnommen.
Dr. Massimo Cè ist wissenschaftlicher Stipendiat am Thesaurus linguae Latinae.