Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03265.jsonl.gz/37

Die Choctaw und Chickadee-Indianer der südlichen USA haben sich schon immer an der Ankunft der Purpurschwalben (Progne subis) orientiert, die ihnen durch ihre Rückkehr in die Heimat zuverlässig das Ende des Winters ankündigten. Mit ihnen würde die Sonne das Land erwärmen, die Tage wieder länger werden und der Überfluss des Lebens zurückkehren. Dann pflegten die Indianer ausgehöhlte Kürbisse an den Holzpfählen ihrer Wigwams aufzuhängen, damit die Glück und Wohlstand bringenden Vögel in ihrem Dorf ihre Jungen ausbrüten und aufziehen würden. Was sie allerdings damals noch nicht wussten: Wohin sich die Schwalben während des eisigen Winters der nördlichen Hemisphäre zurückzogen. Und natürlich hätten sie sich wohl kaum vorstellen können, dass sie dazu bis in die südliche Hemisphäre reisten, um dort den Sommer anzukündigen.
Erst im 20. Jahrhundert fing man damit an, die Wanderrouten verschiedener Zugvögel zu erforschen, darunter auch die lange Wanderung der Purpurschwalben – vom einen Sommer zum andern, von Nord- nach Südamerika und wieder zurück. Auf das Mysterium hinsichtlich der Herkunft dieser Vögel, die mit der Wärme erscheinen und mit der Kälte wieder verschwinden, weist bereits ihr wissenschaftlicher Name Progne subis hin, der sich auf eine mythologische Flucht bezieht: Der Arten-Name “subis“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet “unbekannt“ – der Gattungs-Name “Progne“ stammt aus der griechischen Sprache und bezieht sich auf die Geschichte von “Procne“, was “schwarz bemalt“ oder “gefleckt“ bedeutet. In der griechischen Mythologie war “Procne“ eine Tochter des Königs von Athen, Pandion, und verheiratet mit dem König von Thrakien, Tereus. Als sie erfuhr, dass ihr Ehemann ihre Schwester Filomela vergewaltigt hatte, floh sie zusammen mit dieser. Verfolgt von Tereus, riefen die Beiden die Götter um Hilfe an – die verwandelten Filomela in eine Nachtigal, Procne in eine Schwalbe und Tereus in eine Eule.
Erst 1980 wurde die Wanderroute der mythologischen und unbekannten Purpurschwalben vollkommen enthüllt, obwohl sie seit Millionen Jahren dieselbe Strecke zurücklegen. Die “Purple Martins“, wie sie von den Amerikanern genannt werden, wurden von dem brasilianischen Ornithologen Johan Dalgas Frisch auf ihrer gesamten Wanderung begleitet, und dazu bediente sich dieser einer Technologie aus dem Spionage-Milieu, die bis dato von den Amerikanern eingesetzt wurde, um während des Kalten Krieges, von ihrer Botschaft in Moskau aus, die Russen zu kontrollieren.
Man kennt diese Technologie unter der Bezeichnung “Micro-Tagging“ – eine Verfolgung mittels spezieller Farben und Licht. Johan Dalgas Frisch kennzeichnete verschiedene Gruppen von Schwalben, in verschiedenen Städten des Bundesstaates São Paulo, mit einer Leuchtfarbe auf Wasserbasis, ohne toxische Nebenwirkung. In jeder Stadt wurden die mit Netzen gefangenen Schwalben in einer anderen Farbe markiert. Die Farben sind mit blossem Auge nicht zu erkennen – nur unter ultraviolettem Licht.
Bevor nun die Schwalben ihren Rückflug nach Norden antraten, stellte der am Projekt mitarbeitende Fotograf fest, dass sich die verschiedenen Gruppen mischten – Schwalben, die einen Nacht in den Bäumen eines Platzes in “Riberão Preto“ verbracht hatten, übernachteten Tage später schon in einer anderen Stadt.
Nachdem die Schwalben nach Nordamerika zurückgekehrt waren – nach ihrem Sommeraufenthalt in Brasilien – musste man lediglich ein paar Federn unter ihren Nestern aufsammeln und sie mit ultraviolettem Licht bestrahlen, um die ungeheure Distanz ihrer zurückgelegten Wanderung beweisen zu können. Das Ergebnis war überraschend: “Mit absoluter Sicherheit haben wir entdeckt, dass 98% der Vögel, die die USA verlassen und den Sommer in Brasilien verbringen, von der Ostseite der Rocky Mountains stammen. Lediglich 2% kommen aus dem Westen der USA, aus den Regionen von Portland und Seattle. Ausserdem haben wir festgestellt, das die Purpurschwalben nicht die Anden überqueren – wie man bisher geglaubt hat – sondern über Amazonien einfliegen, weit im Osten des Andengebirges“, berichtet Dalgas Frisch.
Schwalben, die man in “São José do Rio Preto“ markiert hatte, fand man in Maryland wieder. Die aus “Araraquara“ in Texas, Virginia und Pennsylvania – und die aus “Ribeirão Preto in Kansas. Definitiv haben sich die Schwalben als Bürger Amerikas bewiesen – sie kennen keinerlei Grenzen. Diese Entdeckung, und die Aufklärung über ihre Wanderroute, dienten als Thema zur Erhaltung der Schwalben in ihren Schlaf-Städten Brasiliens. Dalgas Frisch agierte als Botschafter der Wanderer in ihrem Gastland. Mit Hilfe der “Associação de Preservação da Vida Selvagem” (Verein zur Erhaltung des Wilden Tierlebens) verbreitete er Hunderte von Plakaten in verschiedenen Städten mit dem Text “Öffne dein Herz denen, die 10.000 Kilometer gereist sind, um dich zu sehen“.
Sein Ziel war es, die Menschen dahingehend zu sensibilisieren, die geflügelten Wanderer mit Sympathie zu empfangen, schliesslich konzentrieren sich die Purpurschwalben zu Tausenden in den Bäumen der zentralen Plätze in den Kleinstädten, und die Exkremente der Vögel auf den Trottoirs und parkenden Autos wurde nie gern gesehen. Ihr strenger Geruch reicht bis zur Unerträglichkeit und die dadurch verursachten Flecken auf den Autos führen zu Protesten. In “Riberão Preto“ griffen die Taxifahrer zur Selbsthilfe, indem sie Opossums fingen und sie auf den von Schwalben belegten Bäumen wieder aussetzten, in der Hoffnung, dass diese Beutejäger die Vögel vertreiben würden. In anderen Städten bediente man sich Feuerwerkskörpern und sogar des Feuers, um die Schwalben zu vertreiben – vergeblich.
Die Kampagne von Dalgas Frisch wurde ein Erfolg. Die Präfekturen sorgten dafür, dass die Trottoirs rund um die Rastplätze der Vögel jeden Morgen regelmässig gewaschen wurden. Den Taxifahrern wurde ebenfalls eine Lösung präsentiert, indem man die Beleuchtungsmasten der öffentlichen Plätze verlegte, denn das Licht der Lampen lockt die Insekten an, und die Schwalben kreisen um die Lampen, um die Insekten zu fangen.
In Brasilien gibt es also einen “Botschafter der Purpurschwalben“ und in den USA einen Beschützer, der den Vögeln viel verdankt. J.L.Wade war ein Fabrikant von Antennen in der kleinen Stadt Griggsville, in Illinois, als er feststellte, dass er mit seinem kleinen Unternehmen durch die Ausbreitung des Kabelfernsehens Gefahr lief, Pleite zu gehen. Eines Tages bemerkte er einen kleinen Holzkasten, in dem die Schwalben nisteten – und im folgenden Jahr in denselben Kasten zurückkehrten. Er entschloss sich, Nisthäuschen aus Aluminium für die Vögel herzustellen, die von den Tieren gerne angenommen wurden.
Heute kennt man ihn als “Mister Purple Martins“, der mit seinem Einfamilien-Modell bis zum Mehrfamilien-Haus und ganzen Schwalben-Wohnmaschinen den Nistgewohnheiten dieser nützlichen Tierchen entgegengekommen ist – und sie haben ihn vor dem Ruin bewahrt. Wades Idee wurde natürlich kopiert, und heute stehen bei mehr als einer Million Amerikanern die Schwalben-Residenzen aus Aluminium im Garten – und einige Gärten haben sogar Dutzende davon. Gemessen an den Vogelhäuschen in ihren Gärten, scheinen sich die Amerikaner einen gewissen ökologischen Status verleihen zu wollen.
In diesen Häuschen nisten die Schwalben nur einmal pro Jahr. Das Nest wird von dem jeweiligen Paar gebaut. Dann legt das Weibchen zwischen drei und acht Eier (im Durchschnitt 5) hinein, die in 15 bis 18 Tagen ausgebrütet werden. Zirka einen Monat nach dem Schlüpfen verlassen die Jungen das Nest. Moral von der Geschichte: Je mehr Schwalben schlüpfen, umso mehr Nistkästen werden fabriziert und verkauft.
“Mister Purple Martins“ gibt monatlich eine Zeitung heraus, die von 20.000 Schwalben-Fans im Abonnement bezogen wird. Diese Publikation bringt auch Nachrichten über Vögel im Allgemeinen, aber im Mittelpunkt stehen die Purpurschwalben. Die ersten, die Ende Januar in den USA erscheinen, nennen sie “Scouts“, und die bekommen jedes Jahr den Platz auf der Titelseite des Blattes – schliesslich haben sie ein Abenteuer von 20.000 Kilometern durch alle drei Amerikas überlebt – mit ihrem Hin- und Rückweg. Sie kehren zurück in der Absicht, sich zu vermehren und damit neues Leben zu schaffen – und sie vermehren ein Millionengeschäft, denn ein jedes Schwalbenhäuschen bringt nicht weniger als 200,00 Dollar im Verkauf ein. Richtig schade, dass sie sich nur in den USA fortpflanzen…
Bevor es die Alu-Häuschen gab, nisteten die Schwalben in Baumlöchern während der warmen Monate – in verlassenen Spechthöhlen und anderen natürlichen Vertiefungen – und heute, nach stetigem Rückgang solcher natürlichen Nistplätze, wäre die Population dieser Spezies wesentlich geringer, wenn es die Alu-Häuschen nicht gäbe. Dieselben Hände, welche die Bäume gefällt haben, bauen nun künstliche Nistplätze – mit überraschendem Ergebnis.
Unter den neun Schwalbenarten, die sich in Nordamerika reproduzieren und ihre Jungen aufziehen, sind die “Purple Martins“ die zahlreichsten. Das Interesse der Amerikaner und Kanadier, Schwalben um sich zu haben – sei es in der Stadt oder auf dem Land – erklärt sich aus ihrem direkten Nutzen für die Menschen. Für die Farmer steht der Appetit der Schwalben auf Insekten in direkter Relation mit einer natürlichen Kontrolle der Schädlinge. Für die Städter wirkt eine effiziente Marketing-Strategie der Alu-Häuschen-Hersteller immer noch nach: “Eine einzige Schwalbe kann bis zu 2.000 Moskitos pro Tag vertilgen“! In Wirklichkeit zeigen wissenschaftliche Studien, dass weniger als 3% der von den “Purple Martins“ vertilgten Insekten tatsächlich Moskitos sind. Doch alle Untersuchungen anerkennen die wichtige Rolle der Schwalben als Insektenvertilger und Eindämmer landwirtschaftlicher Schädlinge.
Obwohl sie im Norden wie im Süden stets den Sommer aufsuchen, hat die Wanderung der Purpurschwalben nichts mit Tourismus zutun. Im Gegenteil, ihre Reise ist ein Exodus auf Leben und Tod. Die exklusive Nahrung dieser Spezies beruht auf Insekten, die sie im Flug fangen. Eine Beziehung zwischen dem englischen Wort “Swallow“, für Schwalbe, und dem Verb “swallow“, für verschlingen, liegt auf der Hand. Wenn man einen Schwarm Schwalben über einen Platz fliegen sieht, sind sie ganz bestimmt beim Insekten jagen – nur im Flug fressen sie. Würden sie nicht gegen Süden ziehen, wären sie dem rigorosen Winter des Nordens ausgeliefert und zum Tod verurteilt – durch Verhungern.
Die Purpurschwalben Kanadas und des gesamten amerikanischen Mittelwestens orientieren sich am Mississippi als Wanderroute – bis sie den Pontchartrain-Lake im Staat Louisiana erreichen. Dort findet das grösste Schwalben-Meeting unseres Planeten statt – um zu übernachten benutzen sie die längste Brücke der Welt, die “Causeway-Bridge“ (38.422 Meter lang). “Im Juli erreicht die Konzentration der Vögel in diesem Gebiet zirka 200.000 pro Tag“, berichtet ein anderer Beschützer der Schwalben in den USA. An der Causeway-Brücke kommen jeden Tag, zwischen Juli und August, Schwalbenschwärme an – und andere fliegen weiter nach Süden. Stets in kleineren Gruppen, denn die Überquerung des Golfs von Mexiko stellt den riskantesten Teil der Reise dar – zirka 600 Kilometer, die an einem einzigen Tag zurückgelegt werden müssen, um die Halbinsel Yucatan zu erreichen, wo sie ausruhen können. Und diese Überquerung geschieht zur selben Zeit, in der sich die Wirbelstürme in diesem Gebiet zu bilden pflegen.
In Mexiko angekommen, verschwinden sie in den Wäldern der Halbinsel Yukatan, wo sich die Ruinen der Maya-Zivilisation befinden. Viele erreichen auch die Insel “Cozumel“, touristisch bekannt als Tauchparadies. Was nur wenige Menschen wissen ist, dass der Inselname “Cozumel“ vom Maya-Wort “Kuzamil“ stammt – es bedeutet “Land der Schwalben“!
Jene Gruppen, die das Glück haben, den Wirbelstürmen im Golf ausweichen zu können, fliegen weiter durch Zentralamerika und erreichen die Küste von Venezuela bei der Stadt “Valência“. Dann begleiten sie den Rio Orinoco bis zur Quelle des Rio Negro. Sie überfliegen die Grenze nach Brasilien in einem Gebiet, das als “Cabeça de Cachorro“ (Hundskopf) bekannt ist. Im September übernachten gewöhnlich Tausende von ihnen in der Raffinerie der Petrobras (staatliche Erdölgesellschaft Brasiliens) in “Manaus“ – angelockt von der Wärmestrahlung der Rohrverbindungen. Von da aus verteilen sich die verschiedenen Gruppen auf Bolivien, das brasilianische “Pantanal“ – und einige von ihnen fliegen bis in den Bundestaat São Paulo nach Süden.