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Den Hafen von Piriàpolis und auch die Stadt selbst haben wir nicht als umwerfend empfunden. Kurzerhand sind wir in den Bus gestiegen und sind nach Monteviedeo gefahren, wo Katja schon ein Hotel reserviert hat. Die Hauptstadt von Uruguay gehört zu den sichersten Städten Südamerikas und weist neben Buenos Aires und Santiago de Chile die höchste Lebensqualität auf. Die Stadt mit ihren 1,4 Millionen Einwohnern ist dicht gebaut und Grünflächen und Parks sind rar. Im Zentrum liegt die Plaza Independencia mit dem Mausoleum von José Gervasio Artigas, dem Freiheitshelden von Uruguay. Die Ehrenwache steht dort so stramm, man schaut zweimal um sicher zu sein, dass es keine Wachsfiguren sind.
Im Osten der Plaza befindet sich der Palacio Salvo, erbaut vom in Buenos Aires lebenden italienischen Architekten Mario Palanti. Das 1928 fertig erstellte Gebäude war seinerzeit mit 100 m Höhe das höchste Gebäude in Südamerika und sollte als Nobelhotel dienen. Die Kuppel war mit einem Leuchtfeuer versehen. Das Grundstück, auf welchem sich zuvor die Confiteria Giralda befand, wurde von den Gebrüdern Salvo gekauft, daher der Name Palacio Salvo. Die Confiteria, an deren Stelle jetzt der Palacio steht, hat für die Urus oder auch Uruguayanos eine tiefe, symbolische Bedeutung. Hier wurde 1917 La Cumparsita, der Tango aller Tangos, komponiert.
Der Plan mit dem Hotel ging allerdings nicht auf. So kam man auf die Idee in diesem Gebäude neben Geschäftsräumlichkeiten auch Wohnungen einzubauen. Die Aussicht von oben ist fantastisch. Die ganze Stadt liegt einem zu Füssen. Man geniesst den Blick über den Rio de la Plata und den Hafen. Die Wohnungen und das Gebäude wirken aber grösstenteils ziemlich abgetakelt.
Im Inneren des Gebäudes
Unter den Lauben dieses stolzen Gebäudes, dort wo die ehemalige Confiteria stand, befindet sich heute ein Tangomuseum. Neben vielen Utensilien, welche zum Tango tanzen gehören, finden sich auch die Noten der Cumparsita.
Im Westen angrenzend an die Plaza Independencia findet sich die Ciudad vieja, die Altstadt mit der Fussgängerzone. Man gelangt durch diese symbolische Pforte in die belebten, von noblen Geschäften und Restaurants gesäumten Gassen. Die Häuser sind schmuck und häufig mit einem Turm versehen.
Unten im Hafen befindet sich der Mercadito del Puerto. Die zahlreichen Geschäfte und Restaurants (Parilla) finden sich in einer Halle. Man kann hier so richtig schlemmen.
Ebenfalls an die Plaza angrenzend befindet sich in der Südwestecke das Teatro Solis, das zweitgrösste Theater Südamerikas.Das als Monumento Històrico Nacional eingestufte Gebäude wurde 1856 eröffnet. Der grössere der beiden Säle weist eine elliptische Form auf und erinnert mit den in Etagen übereinander liegenden, umlaufenden Logen stark an die Mailänder Scala.
Wir verzichteten aber auf einen Besuch dieser renommierten Institution, hatten wir doch als nunmehr ausgewiesene Experten in Sachen Tango eine Abendvorstellung mit Nachtessen im El Milongón gebucht.
Wir kehrten dann wieder nach Piriapólis zurück. Katja wollte ja schliesslich wieder in die Schweiz zurückkehren. Doch wir blieben nicht alleine im Hafen. Wir waren in guter Gesellschaft von Dani und Rita von der Maramalda, aber auch von Brian und Deborah. Neben viel Arbeit an den Schiffen blieb uns auch immer Zeit für ein geselliges Zusammensein.
Mit Rita und Dani mieteten wir auch ein Auto, um Uruguay weiter zu erkunden. Eine erste Reise führte uns in den Osten des Landes, nach Punta del Este, wo wir auf dieses Kunstwerk stiessen. Sonst gibt sich diese Ortschaft aber nur mondän und langweilig, lauter Hochhäuser, in denen sich vor allem Ferienwohnungen befinden und neben der Saison leer stehen.
Wir fuhren weiter nach La Paloma. Den dortigen Leuchtturm kannten wir schon von der Seekarte, als wir dort vorbeisegelten.
Die Landschaft ist hügelig, grün. Land-, und vor allem Viehwirtschaft prägen die Landschaft. Man kann sich schon vorstellen, dass hier gutes Fleisch heranwächst. Die Strassen sind, sobald man sich etwas abseits von grösseren Städten befindet, nicht mehr befestigt. Für Dani, unseren ausgezeichneten Chauffeur, war das überhaupt kein Problem.
Nun, die zweite Reise führte uns in den Westen von Uruguay. Vorbei an Montevideo besuchten wir zuerst ein Dorf mit dem wahnsinnig spannenden Namen Nueva Helvecia. Es wird hier schon an jeder Ecke an die Einwanderer erinnert. Im Hotel konnten wir noch ein Buch einsehen, das die Namen dieser Pioniere auflistet. Da wird alles erwähnt, woher sie kamen, ihre Religionszugehörigkeit, ihren Beruf etc. Nur, Deutsch oder Französisch spricht hier niemand mehr so richtig, auch wenn die Wurzeln in Appenzell oder Fribourg liegen. Immerhin gibt es hier noch einen Schiesstand, damit die Männer noch ihre Schiesspflicht erfüllen konnten. Dieser wird auch heute noch rege genutzt. Ansonsten ist es hier eher langweilig. Im Hotel Suiza haben wir übernachtet. Nein, zum Nachtessen hatten wir weder Fondue noch Rösti.
Am nächsten Tag führte uns Dani in die älteste Stadt Uruguays, nach Colonia del Sacramento. Diese 1680 gegründete Ortschaft blickt auf eine sehr bewegte Geschichte zurück. Mehrmals wechselten die Besitzverhältnisse zwischen Spaniern und Portugiesen. Auch die Engländer mischten mit, blieben in ihren Bemühungen aber vorerst erfolglos. Die Stadt wurde immer wieder aufgebaut und es entwickelte sich ein lebhaftes Treiben. Im gut ausgebauten und strategisch günstig gelegenen Hafen befanden sich bis zu fünfzig Schiffe unter den diversesten Flaggen. Kein Wunder also, dass man heute hier noch zahlreiche historische Gebäude und Ruinen findet. Die Altstadt wurde 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben.
Wir übernachteten in Colonia. Unsere Unterkunft war privat bei einem Kunstmaler. Entsprechend lauschig war das Haus und der Garten. Wir fühlten uns wohl und, wie uns schon die Nacht zuvor aufgefallen war, kein Schaukeln, kein Plätschern.
So haben wir zwar ungewohnt aber gut geschlafen und waren fit für neue Taten. Diese hatten es in sich. Wir fuhren hinunter zum Hafen. Dort lag die Fähre, die uns nach Buenos Aires, Argentiniens Hauptstadt brachte. Der administrative Aufwand mit der Grenzkontrolle war erträglich. Gut wir mussten ja kein Schiff importieren. Aber wir wollten ein paar Häfen rekognoszieren, wo wir allenfalls unsere Schiffe überwintern könnten. Zudem brauchten wir Ersatzteile für unsere Schiffe, die wir in Argentinien zu bekommen hofften.
Am Abend traffen wir in B.A. ein. Das Tango de Mayo Hotel lag zentral, war luxuriös und günstig. Von dort aus besuchten wir die Stadt.
Die Lage des Hotels an der Av. Mayo war vielleicht nicht ganz glücklich gewählt, gerieten wir doch an diesem 1. Mai in die Demonstration, die sich von der Plaza Mayo durch die Avenida zum Regierungsgebäude wälzte. Die Konsequenz war lediglich, dass wir das Taxi in einer Nebenstrasse nehmen mussten.
Die Stadt ist modern, bewahrt sich aber durchaus ihre traditionellen Wurzeln. Typische Beispiele dafür sind der Puerto Madero, wo man die alten Krane stehen liess oder dieses neu erbaute Hochhaus, das sich mit einem Teil der Fassade des Gebäudes, das ihm weichen musste, schmückt. Über den Hafen spannt sich die von Calatrava erbaute Puente de la Mujer, eine Schrägseilbrücke, die sich aber drehen lässt und praktisch millimetergenau in ihr Gegenstück passt.
Neben unserem Hotel liegt der Palacio Barolo, erbaut von Mario Palanti im Auftrag des Unternehmers Luis Barolo, eines italienischen Einwanderers, der mit Strickwaren vermögend wurde. Dieses Gebäude gilt als Schwesterhaus zum Palacio Salvo in Montevideo. Der Palacio wurde entworfen im Einklang des Kosmos, wie er in der Trilogie von Dantes Comedia divina beschrieben ist. Keller und Erdgeschoss entsprechen der Hölle, die Etagen 1 – 14 repräsentieren das Fegfeuer und darüber bis zum höchsten, dem 22. Stockwerk, befindet sich der Himmel. Die Gesamthöhe von hundert Metern entspricht den 100 Gesängen der göttlichen Komödie. In der Kuppel findet sich ebenfalls ein Leuchfeuer, das bis nach Montevideo zum Palacio Salvo, tragen soll. Effektiv muss man aber froh sein, wenn sich die beiden Lichter in der Mitte des Rio Plata treffen.
Ganz in der Nähe befindet sich das traditionsreiche Cafe Tortoni. Hier scheint die Zeit still zu stehen, wie auf einer alten Photo. Im Gegensatz zu anderen berühmten Kaffeehäusern hat das „Tortoni“ als Tempel der Belle Époque alle Stürme der Zeit gut überstanden, wahrscheinlich auch dank der zahlreichen Persönlichkeiten, Literaten, Musiker, Journalisten, Maler, die dort regelmässig ein und aus gingen. Ein Besuch ist absolut lohnenswert, auch wenn man riskiert, anstehen zu müssen.
Im gleichen Haus befindet sich die nationale Tangoakademie mit Museum. Am Abend finden im Untergeschoss Vorführungen statt, wie wir sie von Montevideo kannten.
Den Abend liessen wir ausklingen mit einem nächtlichen Spaziergang, vorbei an der Plaza del Congresso, dem Obelisken und dem weltberühmten Teatro Colón. Caruso, Callas und Toscanini sind nur wenige der vielen Berühmtheiten, die sich hier ein Stelldichein gaben.
Vieles haben wir in dieser pulsierenden Stadt noch nicht gesehen, rechneten aber damit, alles nachholen zu können, falls wir mit dem Schiff hierher kommen. Also ging es zurück mit der Fähre nach Colonia, wo das Auto noch immer an seinem Platz stand. Nach einer schönen Fahrt machten wir Halt in Montevideo.
Wir besuchten dort den Palacio Taranco, in welchem heute das Museo de Artes Decorativas untergebracht ist. Das 1910 fertiggestellte Gebäude wurde vom selben Architekten gebaut, wie der Arc de Triomphe in Paris. Das Haus wurde für Wohnzwecke konzipiert, dann aber 1943 vom Staat für das Kulturministerium gekauft. Es beherbergt heute eine etwas konfuse Sammlung von Bildern, Skulpturen und Möbeln, vor allem aber auch Textilien, von persischen Vorhängen bis zu flämischen Tapisserien.
Nach einem abendlichen Bummel durch die Altstadt und dem Nachtessen im El Fuego ging es zurück nach Piriàpolis, wo noch viel Arbeit auf uns wartete.
Hier in diesem Restaurant mit dem stolzen Grillmeister fiel mir an einer der Wände dieser Stich auf. Schloss Thun.
Im Hafen wurden wir bereits erwartet.
Sofort ging es an die Arbeit. Dani mit seinem handwerklichen Geschick enterte in unseren Mast und dichtete die Dampferlaterne. Er half mir, nein, natürlich half ich ihm, uns eine Gangway zu zimmern. Dabei habe ich viel von ihm gelernt (auch die Unterlage muss immer sauber sein!).Wir haben die Segel abgeschlagen. Das Grosstuch musste noch zum Segelmacher nach Montevideo. Schlicht, wir haben alle die Arbeiten gemacht, damit wir KAMA* aus dem Wasser nehmen konnten.
Aber es gab auch hier in der Umgebung noch einiges zu entdecken. So gibt es in Piriàpolis ein Freiluft-Eisenbahnmuseum. D.h. an einer Strasse stehen ein paar Schrottteile, die an Eisenbahn erinnern. Dabei wurde mir nie ganz klar, wann hier je eine Eisenbahn betrieben wurde. Überhaupt läuft in Uruguay wenig bis gar nichts mehr in Sachen Eisenbahn. Wahrscheinlich war es einfacher und billiger diese Fragmente zu einem Museum zu erklären, als das Alteisen zu entsorgen.
Die Frauen, Rita und Margrit, zusammen mit Deborah, besuchten fleissig den Yoga-Unterricht. Mir war das recht, so konnte ich Margrit in die hinterste, verwinkeltste Ecke von KAMA* stecken, dorthin,wo ich mit meinen steifen Knochen nie im Leben hingekommen wäre. Probleme treten ja immer an solchen Orten auf.
Rita und Margrit unternahmen aber auch Wanderungen in der weiteren Umgebung von Piriàpolis. Sie bestiegen einen der zehn höchsten Gipfel Uruguays, den 423 m hohen Cerro Pan de Azúcar. Diesen Gipfel, den man auch vom Hafen aus sieht, ziert ein begehbares Kreuz. Unten am Berg befindet sich ein Wildpark.
Zusammen besuchten wir einen Sammler alter Autos. Unglaublich, was hier alles zusammen kam. Da wird viel Automobilgeschichte erzählt. Sicherlich könnten hier interessante Ersatzteile gefunden werden.
Dani und ich, begleitet von Patric, dem französischen Einhandsegler, besuchten nochmals Punta del Este. Dort im Hafen amüsierten wir uns auf dem kleinen Fischmarkt am Hafen, wie die Seelöwen bettelten. Der Fischer mit seiner Roger Federer Mütze hatte tatsächlich ein weiches Herz. Das Grunzen hat sich gelohnt.
Dann kam der Moment als KAMA* das Wasser verlassen musste. Auch hier haben Rita und Dani fleissig mitgeholfen, keine Mühe gescheut und selbst bei den schmutzigsten und feuchtesten Arbeiten mit angepackt. Danke nochmals vielmals! Ihr habt uns soviel geholfen.
KAMA* wurde aufgepallt. Mickrige Eucalyptus-Rundhölzer stützen unsere 20 Tonnen Schiff. Ob diese auch ihren Dienst erfüllen in den schweren, bevorstehenden Winterstürmen, den Pamperos, die bald über den Hafen hinwegfegen werden? Ich denke, es ist ja nicht das erste Mal, dass ein Schiff hier so überwintert. Gefragt war also Vertrauen in wenig vertrauenswürdige Methoden.
Jetzt konnten wir nicht mehr auf unserem Schiff wohnen. Wir dislozierten in das nahe gelegene Hotel. Täglich besuchten wir KAMA* und bereiteten sie auf den bevorstehenden Winter vor. Als wir sicher waren, dass sich KAMA* hier wohl fühlt, nahmen wir Abschied. Mit einem kleinen Umweg kehrten wir in die Schweiz zurück. Wir freuten uns auf den Sommer zuhause. Wir freuten uns auf unsere Kinder, auf Aisha, die Familie und unsere Freunde. Wir kommen…und werden uns freuen, auf KAMA* zurück zu kehren.
Bis bald!