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Da sich bis 1900 die Anzahl der Protestanten vervierfacht hatte, fanden die Gottesdienstbesucher keinen Platz mehr in der kleinen Kirche und am 29. Juli 1900 beschloss man „einhellig und in gehobener Stimmung“ die Ausführung eines Kirchenneubaues. Das preisgekrönte Projekt von Prof. Albert August Müller kam zur Ausführung. Am 5. Juni 1904 konnte die neue Kirche eingeweiht werden.
Kirchenraum_3
Kirchenraum H
Kirchenraum_4
Baustil
Bewusst hatte man um die Jahrhundertwende mit dem für Kirchenbauten neugotischen Stil gebrochen.
Der Architekt Prof. Albert August Müller (6.2.1846 - 31.12.1912) gewann den 1.Preis des Kirchenbauwettbewerbs für die Kirche Rorschach. Er war damals schon Professor für Architektur in Zürich neben Prof. Gottlieb Semper, dessen Mitarbeiter er in Wien gewesen war. Architekt Prof. Albert August Müller hat den Jugendstil bei Semper gelernt und in Zürich eine Reihe von Jugendstilvillen gebaut hat, welche heute noch stehen. Albert Müller wurde von Zürich auch beauftragt, als erster Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich zu amten und diese im Sinne anderer europäischer Vorbilder auszubauen. Was er auch tat.
Viele Katholiken empfanden jedoch den burgähnlichen Bau als Provokation. Diese Architektur wirkte sich vor allem auf die Grundrissordnung aus. Der Gedanke war, die Gemeinde in der Form des Kirchenraumes zu widerspiegeln. „Dieser war als schlichter Versammlungsraum gedacht, der weder durch Schranken zwischen Chor und Schiff noch in sich durch Stützen getrennt werden sollte. Abendmahlstisch, Taufstein, Kanzel und Orgel sollten organisch miteinander verbunden werden und im Blickfeld der Gemeinde stehen.
Dieser Regel folgten auch tatsächlich die grossen protestantischen Kirchenbauten um die Jahrhundertwende in der Schweiz. So u.a. auch die reformierte Kirche von Weinfelden (Architekten Pfleghard & Häfeli 1902-1904). Sie machen deutlich, dass zu dieser Zeit nicht mehr der Baustil massgebend war, sondern die Aufgabe, die Gemeinde in einem in sich geschlossenen Raum zu bergen. Aus funktionellen Gründen wählte man Bauformen, die auf dem Quadrat und dem Kreis beruhen.
Da beim Bau namhafte Handwerker mitwirkten, seien die wichtigsten nachstehend genannt.
Albert Lüthi
Der Glasmaler Albert Lüthi (1858-1903) leitete von 1902-1903 als Direktor die Kunstgewerbeschule in Zürich und galt als führender Glasmaler Deutsch-lands. Die 3 Radfenster wurden von ihm entworfen, die Ausführung musste er jedoch seinem Mitarbei-ter Witthuhn überlassen, da er 1903 starb.
Johannes Steiner-Urben
Drechslermeister Johannes Steiner-Urben (1861-1922) arbeitete und wohnte mit seiner Familie an der Trischlistr.15 in Rorschach. Er erhielt von der Baukommission 1903 den Auftrag, die dem Mittelgang zugekehrten Stuhldoggen mit Schnitzereien zu verzieren.
Wilhelm Flüglister
Wilhelm Flüglister (1861-1921) Karlsruhe war ein international gefragter Meister seines Faches. Ihm haben wir die einfachen, aber sehr dekorativ wirkenden Stuckaturen in der Kirche zu verdanken.
Joseph Regl
Schliesslich ist auch noch Modellierer und Holzschnitzer Joseph Regl (1846-1911) zu erwähnen. Er war Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Er schuf die Säulenkapitelle im Innern und Äußeren unserer Kirche, sowie die Reliefs (Zwinglibüste & Abendmahlskelch), die Emporbrüstungen, Teile der Kanzel und schliesslich wird ihm zumindest der Entwurf des Orgelgehäuses zugeschrieben.
Glockengiesserei H. Rüetschi
Das harmonische Geläute mit den 4 Glocken in f, a, c’, f’ wurde in der Glockengiesserei H. Rüetschi in Aarau gegossen und hat ein Gesamtgewicht von 15'610 kg. Die grösste wiegt 8137 kg und ist zurzeit die viertschwerste Glocke in der Schweiz. Darauf ist die erste evangelische Kirche von Rorschach abgebildet (1862-1903), und sie trägt den Namen „Vadiani“.