Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/3012

Welches sind die international erfolgreichsten Acts der modernen Musik? Wikipedia hat darauf eine Antwort, genauer mindestens zwei Antworten, denn die englisch- und die deutschsprachigen Seiten gehen hier etwas auseinander. Der Grund liegt in der Quellenlage. Erhoben für den Zweck von Hitparaden werden in der Regel nationale Verkaufszahlen offizieller Releases (das sind Vinyl, CDs, DVDs, Cassetten und in neuerer Zeit die digitalen Downloads).
Zu international gültigen Zahlen aufsummiert werden diese Erhebungen leider nicht. Teilweise geben Labels an, ihre Künstler/-innen hätten weltweit so und so viele Items verkauft. Das ist aber oft Wunschdenken der Marketingmitarbeitenden dieser Unternehmen.
Die Top-Ränge der deutschen und englischen Wikipedia unterscheiden sich aber nur durch geringe Platzunterschiede und durch das Fehlen jeweils eines Acts. Ich folge hier der deutschsprachigen Liste in Wikipedia (Juli 2012) und behandle die sechzehn Acts, die mindestens 200 Millionen Einheiten verkauft haben. Dann füge ich einen Act hinzu, der in dieser Liste fehlt, der aber laut der englischen Wikipedia vielleicht auch 200 Mio. Items verkauft hat. Sodann füge ich die drei Acts an, die diese Verkaufszahlen nicht erreichen, deren Karriere aber erst in den 2000er Jahren begonnen hat und die folglich nicht so lange Zeit hatten wie die Topacts. Den Punkt setze ich mit dem Künstler, von dem ich annehme, dass er die Liste anführen würde, wenn nicht die Verkaufszahlen, sondern der musikalische Einfluss massgebend wäre.
Jeder Act ist hier mit einem Song repräsentiert, zu dem ich jeweils eine kleine Geschichte erzählen möchte.
Der erste Platz: Elvis Presley
American Trilogy ist ein Stück, das aus drei alten Songs aus dem 19. Jahrhundert besteht:
- Dixie (ein Blackface Minstrel Song, die unoffizielle Hymne der Konföderation während dem Bürgerkrieg – die Konföderation waren die abtrünnigen Südstaaten: Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Tennessee, Arkansas und North Carolina)
- The Battle Hymn of the Republic (ein Marsch der Unionsarmee der Nordstaaten während dem Bürgerkrieg)
- All My Trials (ursprünglich ein Schlaflied aus den Bahamas, verwandt mit Negro Spirituals)
Die grün eingefärbten Staaten der USA (siehe Bild) bildeten im Bürgerkrieg die Konföderation. Das waren die Staaten, in denen Sklaven gehalten wurden. Die Sklaverei war aus der Sicht der Union (der Nordstaaten) für einen bürgerlich-liberalen Staat nichts anderes als ein Skandal. Der Bürgerkrieg ging zugunsten der Union aus, die Konföderation unterlag schwer getroffen. Es gibt einige Lieder, die wie «American Trilogy» mit Wehmut vom Untergang
Dixies, den Südstaaten, handeln (z.B. auch The Night They Drove Old Dixie Down von der Band). Dieses Dixieland ist der Geburtsort der modernen Musik, der Schmelztiegel, in dem sich (das ist die einfache Version der Geschichte:) die schwarzafrikanischen Elemente (synkopischer Rhythmus, Wechselgesang und Bluenotes) mit europäischen Elementen (Harmonik) vermengte. Die Wehmut entsteht nicht so sehr dadurch, dass sich jemand die Sklaverei, um die es im Bürgerkrieg ging, zurückwünscht. Vielmehr überlagert sich das Mitleid mit den Kriegsverlierern (es gab 600000 Tote und unzählige Krüppel) mit dem für immer verlorenen Teil der Musikgeschichte. Leider gibt es ja keine Zeugnisse, die die Entstehung der Musik verlässlich dokumentiert, die im 20. Jahrhundert weltweit wichtig und in der ersten Welt dominant geworden ist.
Allerdings haben wir das interessante Projekt Long Road to Freedom von Harry Bellafonte, der versucht hat, die Musik aus der prä-phonografischen Zeit zu rekonstruieren.
Nun aber zurück zu
Elvis! Er ist in den frühen 70ern, ein grossartiger Soul, Country, Rock und Blues-Sänger. Er macht zwar kaum mehr wichtige Studioaufnahmen, hinterlässt aber ein zumeist live gesungenes Songbook des Amerikanischen Südens, ähnlich dem Great American Songbook, das die Schlager der Tin Pan Alley und die Broadway Showtunes versammelt.
Das Great American Songbook wurde hervorragend interpretiert auf den CDs von Ella Fitzgerald.
Das «Great Southern Songbook» (mein Begriff) ist vielleicht am besten durch Elvis‘ 5 CD Box Walk A Mile In My Shoes: The Essential 70’s Masters abgedeckt.
Eine Fussnote noch zum Song, den ich von Elvis ausgewählt habe: Das Original dieses Songs stammt von Mickey Newbury, einem in Nashville angestellten Songwriter, der sich am Ende der 60er Jahre, dem Zeitgeist entsprechend, entschliesst, Singer-Songwriter zu werden. Er macht eine handvoll wunderbare Alben, die beiläufig das Outlawcountrygenre (das Genre der Country-Singer-Songwriter wie Willie Nelson) begründen, bevor der Begriff geprägt wurde.
Durch die Wiederauflage der drei wichtigsten Alben in einer 4CD-Box haben das Saint Cecilia Knows und das Drag City Label Newbury aus der Vergessenheit geholt.
Der zweite Platz: The Beatles
http://www.youtube.com/watch?v=57jdgNKwdRs
Der John Lennon Song wurde 1968 für den Zeichentrickfilm
Yellow Submarine in 10 Stunden eingespielt. Ein ‚Throwaway‘, ein hingeschmissener Füller, für das Yellow Submarine Album, das nicht durch eine eigene Session entstanden ist. Der Song erweist sich aber im Nachhinein als ausserordentlich robust: Das Riff ist eines der besten der Beatles, die Energie ist unvergleichlich. Am Ende geschieht, was bei den späten Beatles üblich war: In die Coda hinein spricht Lennon improvisierte Nonsense-Reime. Und er bellt. McCartney stimmt mit ein und es entsteht ein Dialog zwischen den beiden. Paul ist der bellende Hund, John schreit ihn an: «quiet, quiet» …
Der dritter Platz: Michael Jackson
Aus dem ersten Post-Motown-Album von
Michael Jackson, Off The Wall. Diese frühe Nummer hat alles, was einen
Michael-Jackson-Song ausmacht. Zwar war er nie eine Single, entwickelte sich aber zu einem Fixpunkt in Jacksons Live-Shows.
Der vierter Platz: Bing Crosby
Der Song entstammt dem Musical
New Americana, das ein Flop wurde. Seine Melodie basiert auf einem russischen Schlaflied. Brother, Can You Spare A Dime? ist einer der wenigen Broadway Songs, die in Moll beginnen und dazu ein hochpolitischer Song, der die Brüderlichkeit und das Mitleid in einer Zeit mit massenhaft Arbeitslosen anrührte. Er wurde ein riesiger Hit, bevor Rossevelt Präsident wurde. Wikipedia schreibt, der Song sei die Hymne der gescheiterten Träume der Ära.
Bing Crosby war ein ganz und gar amerikanisches Produkt: Er war als Sänger allen Massenmedien zugetan: Schallplatten, Radio, Film. Das Mikrophon, das allen diesen Übertragungsmedien zugrunde liegt, und seine Stimme sorgten für eine Musikalische Revolution: Nun hatte die moderne Musik des 20. Jahrhunderts der Belcanto-Stimme aus der klassisch-akademischen Musiktradition etwas entgegen zu setzen: die Crooning-Stimme. Diese ist eine intime Mikrophonstimme, die den Hörer/-innen vorkam, als würde der Sänger ihnen leise ins Ohr singen.
Der fünfte Platz: Abba
http://www.youtube.com/watch?v=sdEYePsPZXM
Das letzte Album von
ABBA, The Visitors wurde im April als Deluxe-Ausgabe neu aufgelegt. Es enthält auch das Material für ein Folgealbum, das aber wegen der Trennung der Gruppe nie herauskam. Und so findet man diese zweitletzte Single von
ABBA als Bonustrack auf
The Visitors.
The Day Before You Came ist in musikalischer Hinsicht ein starker Song, ein früher Schritt der Schweden ins Synthpop-Format, das die Popmusik der 80er Jahre prägen wird.
Agnetha singt aus der Perspektive einer durchschnittlichen Frau über
den Tag, bevor du kamst – peinlich genau. Eine schier unerträgliche Langeweile. Es heisst im Text: «A matter of routine, I’ve done that since I finished school». Tom Ewing stellt in der Pitchfork Rezensension die Frage nach dem, der da kommt: Der künftige Lover oder vielleicht der Killer? Ja, es hängt etwas Düsteres über den späten
ABBA: die Last zweier gescheiterter Beziehungen.
Der sechste Platz: Queen
http://www.youtube.com/watch?v=BAf2S6ij2gk
Queen fingen als Hardrock-Act an. Dieser Song des 3. Albums Sheer Heart Attack hat dieses Vaudeville-Feel. Der Sound kommt zustande, indem
Freddy Mercury nicht einen Flügel, sondern ein Klavier spielt. (So etwas hörte man zur Zeit auch in Tracks von Glamrock-Acts wie David Bowie oder Lou Reed). Der Song, der von einer Erstklass-Nutte handelt, so
Freddie Mercury, brachte
Queen den langersehnten Durchbruch und prägte den künftigen Sound der Band.
Im Text lässt Mercury die Killer-Queen sagen: «Let them eat cake», was ein nicht belegtes Zitat von Mary Antoinette ist. Marie Antoinette soll diese gleichgültigen, blasiert-überheblichen Worte gesagt haben, als man ihr vom Hunger des französischen Volkes berichtete.
Der siebte Platz: Led Zeppelin
Hier wird ein Blues von Memphis Minnie aus dem Jahr 1929 gecovert. Er thematisiert die verherende Missisippi Flut von 1927.
Die Version von
Led Zeppelin ist auf dem vierten Album zu finden (auf demjenigen mit Stairway To Heaven). Es handelt sich um ein Wunderwerk der modernen Studioproduktion: Ein damals neu geliefertes Schlagzeug und die Harmonica wurden aufgenommen und verlangsamt, dann mit Rückwärtsecho versehen und komprimiert. Das ergibt eine unheimliche, beängstigende Wirkung. Live konnte dieser Sound nicht reproduziert werden.
Der achte Platz: Madonna
Ich habe die zweite Single von
Madonna nach langer Zeit wiedergehört und war verblüfft, wie rockig der Song ist: Die Gitarre steht im Zentrum. Da ist noch wenig von
Madonnas künftigem Dancepop Sound; diesen musste sie sie noch erfinden …
Der neunte Platz: Pink Floyd
Diesen Track komponierte
Roger Waters schon für das Album The Wall, er wurde aber von den anderen Gruppenmitgliedern als zu persönlicher Song abgelehnt. Es ist nämlich die Geschichte, wie Roger Waters‘ Vater im Krieg in Italien das Leben verlor. Der Track wurde bei Wiederauflagen des Nachfolgealbums The Final Cut als Bonustrack beigegeben und kommt auch im Film vor.
Interessant ist, dass beide Haupt-Songwriter bei
Pink Floyd –
Roger Waters und
Syd Barrett – ihren Vater im zweiten Weltkrieg verloren haben. Ob das ein Grund für die schweren psychischen Probleme Barretts, seinen Zusammenbruch und dem Ausscheiden aus der Band ist?
Roger Waters hat seine Bitterkeit über den Vaterverlust kreativ verarbeiten können. Der Krieg war wieder einmal der Vater der Dinge: Er war der Quell einer der besten, wichtigsten und erfolgreichsten britischen Rockgruppen.
Der zehnte Platz: Elton John
Aus dem gleichnamigen Album von 1971. Der Song handelt von einem Besuch in einer Irrenanstalt. Der Erzähler ist der besuchte Insasse. Er ist verrückt und nicht verrückt, wie Verrückte es halt sind.
Dieses Thema war zur Zeit nicht geeignet für eine Single, aber gab den Albumtitel her. Man spekulierte, dass
Elton John hier über Richard Nixon und Watergate sang. Nixon wurde gegen Ende seiner Amtszeit regelrecht paranoid. Bernie Taupin, der Lyriker, wies diesen Zusammenhang von sich. Aber die Stimmung der Zeit steckt natürlich mit in einem Song. Und ein Text kann mehr enthalten als die Intention seines Autors.
Der elfte Platz: Bob Marley And The Wailers
Der zwölfte Platz: Céline Dion
Eric Carmen schrieb diese Powerpopballade 1975.
Alle Popvocal-Acts von Frank Sinatra bis Sheryl Crowe haben ihn aufgenommen.
Celine Dions Version gilt als bemerkenswert, weil dieser Song neben dem Titelsong für den Film
Titanic zu einem ihrer Markenzeichen geworden ist.
Der dreizehnte Platz: Cher
Erster Megahit, der die Auto-Tune Software ver-wendet statt anwendet. Auto-Tune wird gegen die Absicht des Herstellers angewendet, Stimmen in der Tonlage zu korrigieren, wenn sie den Ton verfehlen.
Chers Stimme wird mittels der Software zuerst transponiert, damit sie wie ein Mann klingt, dann roboterhaft gemacht, als käme sie aus einem Vocoder. Bei gleitenden Tonwechseln klingt sie wie ein Keyboard/Synthi.
Es fällt fast nicht auf, dass
Believe am Anfang ein Sample verwendet. Es handelt sich um einen Ausschnitt aus
Prolog/Epilogue von
ELO aus dem Album
Time.
Der vierzehnte Platz: AC/DC
Rock’n’Roll ist nicht einfach Lärm, Rock’n’Roll wird nie sterben. So dieser Song.
Bon Scott, der Sänger der Gruppe, hat sich in London gerade totgesoffen. Die Band geht drei Tage nach der Beerdingung ins Studio um
Back in Black, ihren grössten Erfolg, aufzunehmen.
Für die einen ist die Stelle schaurig, wo
Bon Scotts Nachfolger
Brian Johnson höhnisch lacht, während er von der Unsterblichkeit der Musik singt. Wir Gladiatoren des Rock’n’Roll Zirkus sterben zwar, die Sache aber bleibt lebendig. Auf Latein heisst das «ars longa, vita brevis». Ich höre in diesem Lachen (2:07 im Video) aber auch den offen zur Schau gestellten Triumph des Überlebenden, von dem Canetti in
Masse und Macht schreibt. Diejenigen, die älter werden als ihre Altersgenossen fühlen einen Hauch der Unsterblichkeit und des Heldentums in sich. Rock’n’Roll Stars waren und sind so etwas wie Gladiatoren. Sie kämpfen mit etwas anderen Waffen als die Gladiatoren des alten Roms. Es ist das Leben in Saus und Braus, der Alkohol, die Drogen, die sie frühzeitig zur Strecke bringen können.
Der fünfzehnte Platz: Rolling Stones
Dies ist die dritte Single der
Stones. Es ist erstaunlich, dass keine ihrer ersten drei Singles eine Blues-Nummer war. Sie aber eine Blues-Band. Es zeigt sich früh: Mit einer puristischen Haltung kommt man im Rockgeschäft nicht sehr weit.
Den beiden Songwritern der Gruppe, den Glimmer Twins Jagger und Richards, fiel es anfangs unglaublich schwer, einen Song zu schreiben. Ihr Manager
Andrew Loog-Oldham soll die beiden öfter mal in einer Küche eingesperrt haben, damit sie unabgelenkt arbeiten konnten.
Vorbild für die ersten Rolling-Stones-Songs aus der eigenen Schreibe waren vor allem die frühen Motown-Songs von Marvin Gaye.
Der sechzehnte Platz: Mariah Carey
Carey ist seit 1990 eine der bemerkenswertesten Pop-Sängerinnen. Ihre Stimme umfasst nicht weniger als fünf Oktaven. Charakteristisch an ihrem Gesang ist der melismatische Stil, das heisst, dass die Sängerin mehrere Töne pro Silbe singt (eine andere Sängerin, die auch Powerballaden voller Melismen singt, ist Christina Aguilera). Man kennt das aus der arabischen Musik oder aus den barocken Kolloraturen der europäischen klassischen Musik.
Das Original von
Without You stammt von der Liverpooler Band Badfinger.
Badfinger hatten einen Schallplattenvertrag beim Beatles-Label Apple und waren nach der Trennung der Fab Four Hoffnungsträger, deren Nachfolge im Pophimmel anzutreten.
Der erhoffte Erfolg blieb allerdings aus und beide Komponisten der Band haben sich erhängt, nicht aus Liebeskummer, wie dieser Song es nahe legt, sondern wegen Management- und Geld-Problemen.
Dieser Song hat sie überlebt: Zuerst kam die berühmte Harry Nilsson Version. Diese und das Badfinger Original waren noch ohne die erwähnten Melismen gesungen.
1993 folgte
Mariah Careys Version.
Paul McCartney bezeichnete
Without You als «the killer song of all time».
Mariah Careys Interpretation darf getrost als die prototypische Powerpop-Ballade der neueren Zeit gelten.
Addendum 1: Bee Gees
Meine obige Zusammenstellung stützt sich auf die deutsche Wikipedia. Die englische hat eine andere Reihenfolge, aber bis auf eine Ausnahme die selben Musiker/-innen in den Toprängen. Diese Ausnahme sind die
Bee Gees.
http://www.youtube.com/watch?v=RRNTQvXSsfA
I Started A Joke ist eine frühe Nummer ab dem dritten Album der Gruppe. Das Video ist ein Livemitschnitt aus einem Konzert und zeigt den im Mai verstorbenen
Robin Gibb in intimer Nähe. Er war es, der mit seiner Stimme die Identität die frühen
Bee Gees geprägt hat. Nun lebt von den drei Brüdern nur noch
Barry Gibb, der mit seiner Falsettstimme den Bee-Gees-Sound der Discojahre geprägt hat.
Addendum 2: Drei Interpreten, deren Karriere nach 2000 begann
Ich behandle jetzt noch drei Interpreten aus den hinteren Toprängen, deren Karriere erst nach dem Milleniumswechsel begann. Alle sind «fast growing Artists», die in wenigen Jahren schon einige der oben behandelten Topartisten überholen könnten.
Da ist
Lady Gaga
Im Song geht es um die Zerrissenheit einer Frau, die zwischen einem «Jesus» und einem «Judas» schwankt und sich näher zum zweiten hingezogen fühlt, der ihre Liebe aber verrät.
Lady Gaga hat erklärt, dass der Song davon handelt, dass man die eigene innere Dunkelheit respektieren muss, um sich selber ins Licht stellen zu können. Diese Aussage kommt daher wie eine Plastik-Weisheit von einer Künstlerin, an der alles künstlich ist – als Programm natürlich. Ich meine das nicht als Kritik.
Dann
Rihanna:
Wenn
Rihanna weitermacht wie in den letzten vier Jahren, kommt sie in die vorderen Ränge, bevor sie dreissig Jahre alt ist. Ich halte sie für die begabteste Popsängerin. Ihr Loud-Album ist das Thriller unserer Zeit. Ich meine das nicht als billigen Spruch: Auf diesem Album hat es kaum Füllmaterial, es ist reich an Ohrwürmern und stilistisch vielfältig.
Beachtlich ist auch die Reihe der Pop- und Rap-Acts, die Rihanna als Gastsängerin gehabt haben: Jay-Z, Kanye West, Coldplay, Drake, Niki Minaj, Eminem, David Guetta, um nur die wichtigsten zu nennen.
Man Down ist der Song über die Rache einer vergewaltigten Frau. Sie steht vor dem Richter (weltlich oder moralisch) und bittet um Milderung der Strafe, nachdem sie ihren Vergewaltiger in der New Yorker Central Station vor allen Leuten erschossen hat.
Und schliesslich
Linking Park:
Diese Gruppe nahm Nu-Metal sowie Rap-Metal und mutierten diese Stile zu einer sehr poppigen neuen Musik von heute, produziert für den iPod, dicht und digital.
Ich höre in Lost In The Echo eine heute sehr typische Produktionsweise: Statt Dynamik in der Lautstärke hören wir Dynamik in der Dichte der Sounds. Der Song geht voll Brett von der ersten bis zur letzten Sekunde ab.
Gerade vor drei Tagen kam zu Lost In The Echo ein interaktives HTML5-Video heraus, in das man sich mit seinem Facebook Account einloggt und das einem dann Bilder aus dem eignen Profil herausspielt. Ein geschickter Schachzug für eine Band mit 44,821,199 Facebook Followers.
Übrigens ist es auch interessant die Acts aufzulisten, die in Facebook am meisten Followers haben: Da sieht es (Sept. 2012) so aus:
- Eminem, 60,867,985
- Rihanna, 60,107,467
- Shakira, 54,240,337
- Lady Gaga, 53,227,662
- Michael Jackson, 51,683,138
- Justin Bieber, 46,384,099
- Katy Perry, 46,108,736
- Linkin Park, 44,821,199
- AKON, 40,060,809
- Lil Wayne, 40,295,865
Addendum 3: Bob Dylan
Bob Dylan hat nicht so viel verkauft, wie er wichtig ist, nur 70 Millionen Einheiten. Der grösste Lyriker/Musiker des 20. Jahrhunderts, noch immer ohne Nobelpreis, den er schon mehrfach mit jedem seiner Karriereschritte verdient hat.
Ballad Of A Thin Man ist ein Stück voller surrealer Poesie. Ein Mr. Jones, 60er-Jahre-Biedermann, durchaus ein Vertreter des Establishments, hat allerlei Erlebnisse, die er nicht mehr mit seinem Weltbild vermitteln kann. «Etwas passiert in der Welt, aber Sie wissen nicht, was, nicht wahr, Mr. Jones?» Das Video stammt aus dem Film
I’m Not There, der Dylans Leben in freier Weise und damit sehr angemessen erzählt.
September 2012, Christian Schorno
Dieser Beitrag ist bei der Vorbereitung für den Blind Test 5 in der Zürcher Bar Rossi am 3. September 2012 entstanden.