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Ihr Vater sagte einst: «Einfach keine Tussi werden!» – und schickte sie zum Eishockey. Wie die Tennisspielerin Belinda Bencic vom ‹Projekt› zur Olympiasiegerin und doppelten Medaillengewinnerin wurde. Das Porträt.
Gold im Einzel, Silber im Doppel an der Seite von Viktorija Golubic. Belinda Bencic ist damit die grosse Figure dieser Olympischen Spiele in Tokio, die aus Schweizer Sicht die erfolgreichsten der letzten 70 Jahre sind. Für Bencic ist es der Höhepunkt einer Karriere, die von langer Hand geplant war.
Als Belinda Bencic sieben Jahre alt ist, gehen zwei Männer eine Wette ein. Sie wird Millionen kosten – und eine Freundschaft. Es sind Ivan Bencic und Marcel Niederer.
In jungen Jahren spielten die beiden gemeinsam Eishockey. Niederer machte sich später in Russland einen Namen als gewiefter Geschäftsmann. Erst handelt er mit Mandarinen und Bananen, dann zog er nach Wladiwostok, lernte Russisch, fand sein privates Glück. Dann kaufte er in Südkorea Dollar-Restposten. Kurz darauf brach der Rubel, später auch der südkoreanische Won ein, Niederer wurde zum gemachten Mann.
Einen Teil seines Vermögens investierte er in die Tochter von Ivan Bencic: Belinda. Die beiden Männer gründeten «Bencic und Partner», Niederer alimentierte die Karriere der Tennisspielerin mit einer geschätzten halben Million Franken jährlich. Dass Niederer einen Teil dieses Geldes in Russland verdient hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. 1968 waren Belinda Bencics Grosseltern vor den Russen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz geflüchtet.
Niederer ermöglichte damit seinem Freund Ivan Bencic, die Arbeit als Versicherungsvertreter aufzugeben und mit seiner Tochter quer durch Europa an internationale Turniere zu reisen. Knapp war das Geld trotzdem. Sie hausten in den billigsten Hotels, schliefen im gleichen Zimmer und assen notfalls bei McDonald’s, weil das nicht nur günstig ist, sondern auch, «weil du dort weisst, was drin ist und nichts befürchten musst», wie Ivan Bencic einmal erklärte. Im Gegenzug amtete Niederer als Manager und liess sich eine Beteiligung am finanziellen Erfolg zusichern.
Nachbarn und Beobachter schütteln den Kopf
Als der Vater ihr als Zweijährige auf dem Garagenplatz und später auf Tennisplätzen Bälle zuwarf, weil er selber nie Tennis gespielt hatte, schüttelten die Beobachter nur den Kopf. Doch der gebürtige Slowake ging unbeirrt seinen Weg, was andere sagten, kümmerte ihn wenig: «Im Gegensatz zu den USA ist es in der Schweiz noch immer verpönt, offen über grosse Ziele zu reden. Warum sollten wir es nicht versuchen, wenn wir die Möglichkeit haben?» Das Ziel? Die Nummer 1 der Welt werden.
Mit 14 Monaten stand Bencic erstmals auf dem Tennisplatz, mit vier brachte sie Aufschläge ins Feld, als sie sechs war, siedelte die Familie für ein halbes Jahr nach Florida über, wo Bencic in der renommierten Bolletieri-Akademie trainierte, die zuvor schon Boris Becker, Andre Agassi oder Maria Scharapowa durchlaufen hatten. «Dort wurde Belinda mit dem Tennisvirus infiziert», sagt Vater Ivan.
Danach steht sie täglich drei Stunden auf dem Tennisplatz. Dazu kommen anderthalb Stunden Alternativtraining. Kondition und Koordination werden mit Inlineskaten, Schwimmen, Reiten, Waldlauf und Fussball gefördert. Im Winter spielte sie einmal in der Woche mit drei anderen Mädchen und 20 Buben Eishockey. Dort sollte sie lernen, einzustecken und sich durchzusetzen, «einfach keine Tussi werden!», sagte der Vater.
Weil sie in der Schule einen Notenschnitt von 5,2 aufwies, durfte Bencic einige Lektionen auslassen. Das gab ihr Zeit, um auch bei Melanie Molitor zu trainieren, der Mutter von Martina Hingis. Als Bencic vier war, wurde Molitor ihre Trainerin, Vater Ivan liess ihr freie Hand. Molitor vertrat den Standpunkt, dass Karriere macht, wer möglichst viele Bälle schlägt. Sie sagt: «Erst danach kann man mit ihnen arbeiten. Das ist wie beim Autofahren. Niemand kann sofort mit 200 Kilometern in der Stunde fahren.»
Bencic verinnerlicht diese Haltung. Später, als sie bereits zu den Top Ten der Weltrangliste gehört, wird sie sagen:
Mit 12 spielte sie im Interclub für Wollerau gegen 20 Jahre ältere Spielerinnen, die erst meinten, sie sei die kleine Tochter ihrer Gegnerin und dann mit einem 0:6, 0:6 vom Platz mussten. Als 15-Jährige gab sie 2012 ihr Profi-Debüt. Mit 16 war sie die beste Juniorin der Welt, gewann die French Open und Wimbledon.
Mit 17 war sie in der Weltspitze angekommen: Viertelfinal bei den US Open. Mit 18 war sie die Nummer 7 der Welt. Die Wette, die Ivan Bencic und Niederer eingegangen waren, war längst gewonnen, das Projekt warf satte Renditen ab. Doch im Herbst 2016 zerbrach die Freundschaft, es kam zur Trennung. Als Grund nannte Ivan Bencic «mehrmalige Alleingänge hinter dem Rücken der Familie und dem Trainerteam». Das habe zu einem irreparablen Vertrauensbruch geführt. Niederer dementierte vehement.
Auch der sportliche Aufstieg geriet ins Stocken, Bencic spielte zu viel und war immer wieder verletzt. Einmal stoppte sie das Steissbein, dann das Handgelenk, schliesslich der Fuss. War eine Verletzung ausgeheilt, kam die nächste. «Ich geriet in einen Teufelskreis. Es war ein Albtraum. Ich dachte, das Universum hasst mich», sagte sie. Im Frühling 2017 zog Bencic die Reissleine, liess sich am linken Handgelenk operieren, fiel fünf Monate aus und in der Weltrangliste bis auf Position 318 zurück.
Ihr Stern, so schien es damals, war schon am Verglühen.
Dazu fiel die Abnabelung vom Elternhaus schwer. Mal reiste Bencic mit Vater, mal ohne an Turniere, alle paar Monate wechselte sie ihre Trainer. Bencic wirkte verloren. Während ihrer Verletzungspause machte sie Yoga, begann zu malen und nahm Tanzstunden. Erst genoss sie das Leben ausserhalb der Tennisblase, doch schon bald fehlte es ihr.
Bencic hatte zuvor nie eine Wahl gehabt, ihr Weg war vorgezeichnet.
Dieses Mal aber war es ihre Wahl, in den Tenniszirkus zurückzukehren. Bei kleinen Turnieren und abseits des Rampenlichts fand sie die Freude am Spiel und Wettkampf wieder. Drei Monate später gehörte sie wieder zu den Top 100 der Weltrangliste, ab 2019 war sie konstant unter den ersten 20 der Welt klassiert.
In jenem Jahr fand sie auch privat Boden unter den Füssen, verliebte sich in ihren Fitnesstrainer, den Ex-Fussballer Martin Hromkovic, mit dem sie heute in der Slowakei lebt. Auf einen grossen Turniersieg wartete Belinda Bencic aber immer noch. Darauf angesprochen, sagte sie vor den Olympischen Spielen in Tokio:
Knapp zwei Wochen später war Belinda Bencic Olympia-Siegerin.