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Reisebericht 2014 II
Politische Wirren
Im Sommer 2013 waren Parlamentswahlen in Kambodscha. Sie ergaben eine knappe Mehrheit zugunsten der Regierungspartei. Doch die unterlegene Partei klagt auf Wahlbetrug und ist über ein Jahr lang allen Sitzungen des Parlaments ferngeblieben. Auf den Strassen gibt es immer wieder heftige Protestaktionen, die von Polizei und Armee unterdrückt werden. Die Menschen hoffen, dass die Parteien endlich die Interessen des Landes wahrnehmen statt sich zu bekriegen. Denn viele wichtige Aufgaben des Staates, wie beispielsweise der Unterhalt der Strassen, werden vernachlässigt.
Korruption auf allen Ebenen
Kambodscha ist das korrupteste Land Asiens. Es belegt auf dem globalen Korruptionsindex zusammen mit Eritrea und Venezuela Platz 160 von 177 Ländern. Ein amerikanisches Wirtschaftsmagazin berichtet, dass dringend erwünschte ausländische Investitionen in Kambodscha vor allem durch korrupte Beamte behindert oder verhindert werden. Da wird einfach eine neue Vorschriften erfunden und die entsprechende Bewilligung erst erteilt, wenn ein dicker Briefumschlag unter dem Tisch die Hand gewechselt hat.
Selbst die Schulkinder werden jeden Tag mit Korruption konfrontiert, wie unser Mitarbeiter Meas Thavy erzählt. Als Leiter des Sponsoring-Programms von HOPE FOR ALL ist er dafür besorgt, dass ungefähr 80 Kinder aus ärmsten Verhältnissen die Schule besuchen statt sich auf der Strasse herumzutreiben oder einer Arbeit nachzugehen. Er besucht diese Kinder jeden Monat zuhause und vergewissert sich anhand von Zeugnissen und kleinen Tests, dass sie wirklich regelmässig zur Schule gehen. Dann zahlt er an ihre Eltern oder an ihre Erzieher einen Unterstützungsbeitrag.
Dieses Geld geht vorwiegend an die Lehrer, die eine neue Methode praktizieren, um ihren wirklich ungenügenden Lohn aufzubessern. Statt die ganze Klasse gleichermassen am Unterricht teilhaben zu lassen, verkaufen sie den Lerninhalt als Fotokopien an ihre Schüler. Je höher die Klasse, desto mehr Kopien müssen gekauft werden. Arme Kinder können diese Unterlagen nicht bezahlen, bleiben zurück und verlassen nicht selten die Schule. Um dies zu verhindern, haben wir die monatlichen Unterstützungsbeiträge erhöht. Je nach Klasse richten wir pro Schüler zwischen 20 und 40 US-Dollars aus.
Zwei Schülerinnen und ein Schüler aus dem Sponsoring-Programm haben es bis in die Universität geschafft. Wir übernehmen ihre Studiengebühren und steuern an ihre Lebenskosten bei. Zwei weitere Studenten und eine Studentin der Zahnmedizin erhalten durch Vermittlung von HOPE FOR ALL ein Stipendium von einer Schweizer Firma.
Was für eine Gesellschaft wächst heran, wenn Kinder schon in der Schule lernen, dass man ohne Schmiergeld nicht weiter kommt?
Diese Kinder gehen nicht zur Schule. Sie begleiten
ihren blinden Vater, der als Musikant durch die
Strassen zieht.
Die Clinic brilliert
In der HOPE FOR ALL Clinic gibt es keine Korruption. Die gut bezahlten Mitarbeiter der Clinic haben es nicht nötig, von den Patienten einen zusätzlichen Obolus zu verlangen und in die eigene Tasche zu stecken. Die Clinic selber ist offiziell im Besitz von einheimischen Mitarbeitern und darum auch nicht im Visier von irgendwelchen Funktionären, die bei ausländischen Institutionen immer wieder Begehrlichkeiten zeigen.
Ende 2012 wurde in der Clinic ein digitales Panorama-Röntgengerät eingerichtet. Wir haben uns diese teure Anschaffung reiflich überlegt, denn sogar in der Schweiz verfügen längst nicht alle Zahnarztpraxen über eine solche Einrichtung. Doch die Rechnung geht auf. Im vergangenen Jahr wurden über 1'000 und im laufenden Halbjahr bereits gegen 800 Aufnahmen angefertigt. Sogar auswärtige Zahnarztpraxen überweisen Patienten für Panorama-Röntgenaufnahmen an die Clinic. Die entsprechenden Einnahmen und die Honorare von eigenen Patienten reichen aus, um das Gerät zu amortisieren.
Die Qualität der Behandlungen an der Clinic kann sich durchaus mit dem Standard von Schweizer Zahnarztpraxen messen. Im letzten Jahr fanden 9'100 Konsultationen statt, die Hälfte davon bei bedürftigen Patienten, die für ihre Behandlung gar nichts oder höchstens drei USD bezahlt haben.
Unerwünschte Folgen der Bautätigkeit
Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh liegt nur 16 Meter über dem Meeresspiegel und der Mekong, der träge durch die Stadt fliesst, ergiesst sich erst 230 Kilometer weiter ins südchinesische Meer. Während der Regenzeit braucht es wenig, bis der Fluss nicht mehr alles Wasser aufnehmen kann und über die Ufer tritt.
In Phnom Penh (die Stadt zählt 1.5 Millionen Bewohner) herrscht eine enorme Bautätigkeit.
Um die neuen Häuser vor dem Hochwasser zu schützen, schüttet man die Baugrundstücke auf, doch im gleichen Masse verkleinert sich das Areal, wo das Wasser versickern kann. Als Folge davon werden zunehmend Strassen überschwemmt und schwer beschädigt.
Die Strassen von Phnom Penh stehen immer häufiger unter Wasser
Billiglöhne
Helfe ich ausgebeuteten Fabrikarbeiterinnen, indem ich ihre Produkte kaufe oder indem ich sie boykottiere?
Auf diese Frage gibt es je nach Standpunkt eine unterschiedliche Antwort. Einerseits ist es stossend, wenn ein Hemd bei uns 70 Franken kostet und die kambodschanische Arbeiterin für das Nähen dieses Hemdes keine fünfzig Rappen verdient hat. Anderseits warten hunderte Bewerberinnen vor dem Tor einer Kleiderfabrik, die neue Arbeitskräfte einstellt. In Kambodscha gibt es ungefähr 300 Textilbetriebe, die rund 350'000 Näherinnen beschäftigen. Bei 6 bis 7 Arbeitstagen pro Woche kann eine Näherin monatlich gegen 100 US-Dollars verdienen. Das ist mehr als das Salär eines Lehrers oder eines Polizisten. Als die Kleiderfabriken im vergangenen Sommer wegen Unruhen still standen, hatten viele Familien kein Einkommen mehr.