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Micha Lewinsky : « Beim Schreiben achte ich vor allem auf den Rhythmus »
Micha Lewinsky, der für seinen ersten Spielfim Der Freund 2008 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet wurde, hat sich schon in mehreren Berufen versucht. Er arbeitete als Journalist, Musikproduzent und Kulturmanager. Im Jahr 2000 hat er mit dem Schreiben von Drehbüchern begonnen (Weihnachten, Little Girl Blue, Sternenberg, Lago mio). 2005 versuchte er sich dann als Regisseur (Herr Goldstein, ein Kurzfilm, der in Locarno ausgezeichnet wurde).
Aufgezeichnet von Patrick Claudet - Mai 2008
/script: Micha Lewinsky, was hat Sie dazu gebracht, sich hinter die Kamera zu stellen?
Micha Lewinsky: Ich habe schon immer gedacht, dass der Beruf des Regisseurs die Synthese aller anderen Tätigkeiten ist, die ich bereits gemacht habe. Das hat sich auch bei der Arbeit an meinem Kurzfilm, den ich vor drei Jahren gedreht habe, bestätigt. Natürlich leistet der Drehbuchautor nach wie vor die Basisarbeit, aber erst der Regisseur setzt die Worte in Bilder um. Diese Arbeit beinhaltet für mich alles, was mich interessiert.
Der Film überrascht durch die elegante Regie. Wie haben Sie das visuelle Konzept entwickelt?
Es ist die Geschichte von Emil, einem Mann, der sich nicht traut zu leben. Er versteckt sich, lebt in seinen Träumen, beobachtet die Welt und lässt niemanden an sich heran. Daher rührt die Idee, Glasscheiben zwischen ihn und seine Umgebung zu platzieren. Schon in der Eingangsszene, als Emil beim Helsinki Klub in den Bus steigt, sieht man, wie die Lichter der Stadt sich in der Scheibe spiegeln. Um diese Idee zu realisieren, die uns technisch anfangs als ganz einfach und harmlos erschien, mussten wir eine Bildaufnahme-Technik erfinden. Denn da wir keine technischen und finanziellen Mittel hatten, eine Kamera außerhalb des Busses zu installieren, mussten wir im Fahrzeug eine Glasscheibe aufstellen, hinter der der Schauspieler dann saß.
Haben Sie irgendwelche Probleme gehabt, die Schauspieler anzuleiten?
Ich habe zwei Seminare von FOCAL besucht, aber prinzipiell glaube ich, dass sich das nicht erlernen lässt. Man muss einfach verstehen, was die Schauspieler wollen und wie sie arbeiten. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es dem Schauspieler wichtiger ist zu erfahren, warum er etwas tun soll, als die Anweisung, was er tun soll.
Haben Sie sich in Ihrer neuen Rolle wohl gefühlt?
Ich habe versucht, mich kurz zu halten und präzise zu sein, wenn ich meine Anweisungen gab. Außerdem war es keine komplett neue Situation für mich, denn als Journalist hatte ich oft heftige sachbezogene Diskussionen, während derer ich zum Ausdruck bringen musste, was ich wollte, um mit den Diskussionsteilnehmern einen Kompromiss zu finden.
Glauben Sie, dass alle Drehbuchautoren potentielle Regisseure sind?
Nein. Man muss es mögen, im Zentrum des Geschehens zu stehen, und darf keine Angst davor haben, der Chef zu sein. Während der fünf Wochen Drehzeit habe ich einen "Egotrip" erlebt, der mir zwar sehr gefallen hat, den ich aber auch bis zum Ende durchhalten musste.
Inwiefern ist es ein Vorteil, Drehbuchautor zu sein, wenn man seinen Film realisiert?
Es gibt hervorragende Regisseure, die die Drehbücher für ihre Filme nicht selbst schreiben. Diejenigen, die selber auch schreiben, profitieren allerdings von ihrer Erfahrung, die sie beim Entwickeln der Geschichte gemacht haben. Insofern müssten die Filmschulen mehr Gewicht auf den Drehbuchunterricht legen.
Wie ist das Drehbuch von Der Freund entstanden?
Die Entwicklung hat im Rahmen des von FOCAL organisierten Seminars Step by Step begonnen. Ich habe alleine geschrieben, habe aber sehr von den Ratschlägen einiger befreundeter Drehbuchautoren profitiert. Der Blick, den sie von außen auf das Buch geworfen haben, war sehr wertvoll.
Ist es ein Vorteil, das Buch für einen Film, bei dem man Regie führt, selber zu schreiben?
Es kann helfen. Der Regisseur muss alles über die Geschichte wissen und in der Lage sein, dies auch den Schauspielern zu vermitteln, wenn sie beispielsweise wissen wollen, warum die Person traurig ist oder sich entscheidet zu gehen. So viele Fragen, auf die der Drehbuchautor zwangsweise Antworten hat, weil er den Plot und die Personen ja schließlich erfunden hat.
Die Musik ist in Ihrem Film sehr wichtig. Haben Sie sie schon während des Schreibens im Kopf?
Wenn ich ein Drehbuch schreibe, achte ich sehr auf den Rhythmus - für mich ganz normal, denn ich bin ja auch Musiker. Das ist auch der Grund, warum ich in bestimmten Momenten darauf hinweise, dass Musik spielt. Ich benenne die Musik zwar nicht genau, aber ich notiere, dass an dieser Stelle ein trauriges oder ein fröhliches Lied o. ä. platziert werden soll.
Hören Sie beim Schreiben Musik?
Während ich über Der Freund, nachgedacht habe, lief permanent ein Song von Sophie Zelmani (Anm.: schwedische Sängerin, deren siebtes und derzeit letzten Album Memory Loves You 2007 herausgekommen ist). Das hat mir geholfen, ein Gefühl für die Atmosphäre des Films zu gewinnen und mich während des Schreibens in diese Stimmung zu versetzen.
Sie haben mehrere Drehbücher mit oder für andere Regisseure(n) geschrieben. Inwiefern war das anders für Sie?
Da gab es keinen großen Unterschied. Wichtig ist zu wissen, wer das Drehbuch liest. Generell sind die ersten Leser Mitglieder irgendwelcher Kommissionen. Für sie sollte man Sätze schreiben wie "er schüttelt den Kopf" oder "er seufzt". Das soll nicht heißen, dass die Schauspieler etwas genau auf diese Art darstellen. Vielmehr geht es dabei darum, visuelle Momente zu integrieren und den Rhythmus der Szene spürbar zu machen. In Der Freund gibt es Szenen, in denen Emil sehr wenig spricht, in denen er aber trotzdem eine zentrale Rolle spielt. Es ist wichtig, seine Reaktionen zu beschreiben, sonst vergisst man sie.
Werden Sie zukünftig wieder für andere Regisseure schreiben?
Ich kann es mir durchaus vorstellen, ein Drehbuch für einen anderen Regisseur zu schreiben, am liebsten jedoch für jemanden, der mir nahe steht. Andererseits bin ich auch für die Möglichkeit offen, mit einem anderen Drehbuchautoren zusammenzuarbeiten und Regie zu führen.
Der Filmmarkt in der Romandie ist klein. Bietet die deutschsprachige Schweiz für Regisseure und Drehbuchautoren da mehr Möglichkeiten?
Uns geht es eigentlich nicht besser als den Westschweizern, obwohl das Einzugsgebiet größer ist. Dialektfilme sind schwer nach Deutschland exportierbar, wenigstens müssen sie untertitelt sein. Wir können außerdem von den deutschen Schauspielern keine Hilfe erwarten, die Regisseure der Romandie hingegen arbeiten regelmäßig mit französischen Schauspielern zusammen.