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Judentum: Der Mensch vor Gott
Über Mosche, der die Israeliten im Auftrag Gottes aus Ägypten befreite, von Gott die Torah empfing und während den vierzig Jahren Wüstenwanderung dem Volk vorstand, wird gesagt: «Und der Mann Mosche war sehr bescheiden, mehr als irgendein Mensch auf dem Erdboden.»1 Diese Aussage folgt auf eine Reihe von Autoritätskonflikten, die Mosche hatte: mit dem Volk als Ganzes, mit Korach um den Führungsanspruch und zuletzt mit Aharon und Myriam um den Prophetenstatus. Dass ausgerechnet von der so zentralen Figur des Mosche gesagt wird, er sei sehr bescheiden gewesen, spricht Bände über das Gewicht, die diese Tugend im Judentum hat.
Einen guten Ausgangspunkt, um den Stellenwert und die theologische Relevanz der Demut im Judentum näher zu beleuchten, bildet der Psalm 8. Er schildert im Vers 4 die Grösse des Schöpfers: «Wenn ich Deine Himmel sehe, das Werk Deiner Finger; Mond und Sterne, die Du eingerichtet hast.» Daraus folgert der Psalmist im darauf folgenden Vers: «Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst? Und der Menschensohn, Dass Du auf ihn siehst?» Demut, so gibt dieser Psalm zunächst zu bedenken, ist die Frucht der Erkenntnis der Nichtigkeit des Menschen im Verhältnis zur Grösse Gottes. Gemäss eines mittelalterlichen Gelehrten ist sie ein konstitutiver Bestandteil der Vorschrift «Hüte Dich davor, den Ewigen Deinen Gott zu vergessen»2 – eine Gefahr, die besonders bei den Mächtigen, Reichen und Einflussreichen lauert. Nicht umsonst gebietet die Torah besonders dem König, eine Abschrift der Torah für sich zu schreiben, «damit sich nicht erhebe sein Herz über seine Brüder.3» Die Fortsetzung des Psalms 8 zeigt uns, in welchem theologischen Kontext die Demut steht. Auf die Anerkennung der Nichtigkeit des Menschen im Angesicht Gottes folgt unmittelbar ein «aber», welches die vorhergehenden Verse auf den Kopf stellt. «Aber Du lässt ihn um ein geringes Gott nachstehen, und mit Ehre und Glanz krönest Du ihn.» Der Mensch ist nicht klein, er wird in eine Gottesnähe gebracht, die ihm Würde verleiht. Die Psalmworte klingen wie eine Auslegung von Genesis 1,27, in welchem von der Erschaffung des Menschen im Ebenbild Gottes die Rede ist. Die Würde erhält der Mensch aus der Sicht der Torah durch den doppelten Auftrag, den ihm Gott erteilt: Die Erde sich anzueignen,4 sie zum materiellen Wohl zu gestalten einerseits und andererseits die Schöpfung zu bewahren.5
«Demut ist die Frucht der Erkenntnis der Nichtigkeit des Menschen im Verhältnis zur Grösse Gottes.»
Der Mensch ist aus rabbinischer Sicht Partner Gottes in der Schöpfung. Ihm obliegt es, sie zu vollenden. Konsequenterweise ist das aufrechte Gehen vor Gott die jüdische Grundhaltung. Die Gebärde des sich Verbeugens muss beschränkt werden auf kurze Augenblicke im täglichen Gebet; die des sich Verneigens auf einen Tag im Jahr, den Jom Kippur.
Oft jedoch wurde Demut aus ihrem theologischen Kontext gerissen und falsch verstanden als Selbsterniedrigung bis hin zur Selbstverachtung. Dieses Gefühl entsteht dann, wenn wir uns mit anderen vergleichen, statt uns an unseren eigenen Ressourcen zu messen. Dasselbe kann von der Arroganz – dem Gegenteil von Demut – gesagt werden. Sie besteht nicht darin, die eigenen Fähigkeiten nicht anzuerkennen und sich nicht im Kontext einer bestimmten Aufgabe für bedeutsam zu halten, sondern darin, andere Menschen zu verachten.
Über die falsch verstandene, die Religion in Verruf bringende Demut schreibt Rabbiner A. I. Kook (1965–1935) lapidarisch: «Wenn die Demut Niedergeschlagenheit mit sich bringt, ist sie untauglich.» Wahre Demut, die sich aus der Erkenntnis der göttlichen Grösse speist, drückt sich im Verhältnis zum Mitmenschen aus. Sie äussert sich in einer Haltung der Geduld, die man anderen Menschen entgegenbringt und die integrativ und friedensfördernd ist.
Michel Bollag, Mitbegründer und Fachreferent Judentum des Zürcher Lehrhauses
Islam: Ein Weg zu Gott
Von einer Wolke fiel ein Tropfen klar, beschämt nahm er die Weite des Meeres wahr.
«Was bin ich gegenüber dem Meer, ein Nichts treib in ihm ich her.»
Wie er sich voller Demut besah, die Muschel durch ihn eine Perle gebar.
So hoch hob der Himmel ihn empor, dass er ihn zur Krone der Juwelen erkor.
Grösse erreicht der, der sich tief verneigt,
an des Nichts Tor er klopft, bis zum All er steigt.
Der Weise wählt Bescheidenheit,
reich an Früchten, der Ast sich zur Erde neigt.6
In der islamischen Ideengeschichte stösst man auf verschiedene Formen, Worte und Erzählungen zum Thema Demut. Der persische Dichter und Mystiker Sa’di (1210 –1292) widmete der Demut im Bustan (Duftgarten) ein ganzes Kapitel. Er erzählt in 28 Gedichten kunstvoll und vielschichtig Geschichten über Regentropfen und Perlen, Bettler und Könige, Hunde, Mystiker und Propheten und wie der Weg zum Glück, zur Freude und zur Erhabenheit nur durch Demut möglich ist. Das Wort für Weg, das er benutzt, lässt sich im Deutschen als Senkung, aber auch als Steigung übersetzen. Bei Sa’di muss man sich neigen, damit man aufsteigt. Demut als Tugend wird auch im Koran in einer mehrdeutigen poetischen Sprache erwähnt. Demut wird als eine physische Senkung des Körpers, der Augen oder des Gesichts beschrieben. Korankommentatoren sind sich weitgehend einig, dass damit eine Übertragung auf das Verhalten, also eine demütige Haltung des Menschen gegenüber Gott, gemeint ist. Demut wird dabei als eine Art Werkzeug des Gläubigen beschrieben, als Weg, um Gott zu erreichen. Die, die an die Offenbarungen glauben, sind demütig vor Gott, heisst es im Koran. Das Gebet spielt im Zusammenhang mit Glauben eine wichtige Rolle und ist mit Demut eng verbunden. Demut wird als Voraussetzung für das Gebet, aber auch selbst als Gebet verstanden.
«Demut wird als Voraussetzung für das Gebet, aber auch selbst als Gebet verstanden.»
Der persische Theologe und Mystiker Muhammad al-Gazzali (1055–1111) sieht in der Demut «die Quelle der Seele des Gebets». Das Gebet besteht aus zwei Komponenten: einer physischen und einer seelischen. Von aussen betrachtet besteht das Gebet aus einer Reihe von Bewegungen: sich senken und wiederaufstehen, so ähnlich wie Yoga. Die Bewegungen sind aber voller Symbolik. Zunächst wird die Intention zu beten gefasst, die Welt wird abgeschüttelt und der Mensch tritt in den Gebetzustand ein. Al-Fatiha – die Eröffnungssura – wird rezitiert: Lob sei Gott, dem Herrn der Welten, dem Barmherzigen und Gnädigen. Danach folgt: stehen, verbeugen, aufrichten, niederwerfen, aufrichten, sitzen, aufstehen, wiederholen. Wie ein Mantra wird vor jeder Bewegung daran erinnert, dass Gott der Grösste ist – einatmen – Allahu akbar – ausatmen – nächste Bewegung. Der Blick ist stets gesenkt, die Gedanken wenden sich von aussen nach innen. Fünfmal am Tag sind die Musliminnen und Muslime dazu aufgefordert, innezuhalten und daran zu denken, dass es etwas Grösseres als sie gibt: durch Bewegung und Ruhe, durch das sich Niederwerfen und wieder Aufstehen. Demut als Atempause und als Achtsamkeitsübung. Seinen Willen unter den Willen Gottes stellen, damit der Wille vor den Menschen frei ist. Sich Gott hingeben, um von allem Nicht-Göttlichen frei zu sein. Wie der persische Dichter Maulawi im 13. Jahrhundert sagt: «Du bist, was du anstrebst.»
Gerade in der heutigen schnelllebigen, leistungs- und konsumorientierten Zeit ist vielleicht Demut ein sinnvoller Weg für den Menschen, sich zu befreien von Konsum und Überfluss. So zu leben, als ob die Ressourcen der Erde unendlich wären, zerstört die Natur, die Grundlage unseres Lebens. Demut kann ein erster Schritt sein, um mit sich selbst, dem Schöpfer und der Schöpfung wieder in Einklang zu kommen.
Hannan Salamat, Fachleiterin Islam am Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog (ZIID)
Buddhismus: Ein Teil des Ganzen
«Um meine Hütte herum habe ich Pflanzen und Blumen gezogen. Jetzt ergebe ich mich dem Willen des Windes.»7 Ryôkan war ein gut ausgebildeter Zen-Mönch. Doch anstatt Abt eines Klosters zu werden, lebte er naturverbunden als Eremit und war doch nicht allzu sehr von der Welt zurückgezogen: Oft spielte er mit den Kindern des nahen Dorfes. Ryôkan ist ein eindrückliches Beispiel für die Verkörperung von Einfachheit und Demut – Qualitäten, die auch den historischen Buddha auszeichneten. Die Lehre des Buddha selber ist grundsätzlich sehr einfach: Wüssten wir, wer oder was wir wirklich sind, würden wir aus einer natürlichen Demut heraus leben. Wissen wir dies nicht, treten leicht Arroganz, Selbstdarstellung oder vorgespielte Bescheidenheit auf. Wir leben und handeln allzusehr aus Gier, Angst und Aversion heraus, rennen Gewinn und Erfolg hinterher oder vor unangenehmen Gefühlen und Situationen davon. So einfach das verstandesmässig zu begreifen ist: Die Umsetzung dieser simplen Tatsache ist alles andere als leicht. Wir haben unser mühsam aufgebautes «Ich» allzusehr liebgewonnen und glauben, dieses kleine «Ich» sei alles, was uns ausmacht.
Auch das Umfeld macht es uns nicht leicht: Gemäss den vorherrschenden Wertmassstäben in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bis hin zu den Religionen entscheiden vornehmlich Titel und Rollen über Ansehen und gesellschaftlichen Stellenwert, und selten gilt als Vorbild, wer bescheiden ist. Die Resultate unseres ausbeuterischen Verhaltens sind ein deutliches Zeichen eines Mangels an tieferem Verstehen und der daraus erwachsenden Demut. Aktuell sieht es danach aus, dass wir dafür eine grosse Rechnung zu bezahlen haben. Zunehmend sind weite Teile unseres Lebens betroffen: Das rasante Artensterben, die fortlaufende Vergiftung der Erde und des Grundwassers auf ökologischer Ebene oder das zunehmende Auseinanderdriften weniger Superreicher gegenüber Millionen der Ärmsten auf sozialer Ebene sind Beispiele dafür. Sie manifestieren die Lehre des Entstehens in gegenseitiger Abhängigkeit, dessen zentrale Bedeutung der Buddha mit einfachen Worten auf den Punkt brachte: «Wer dieses Gesetz versteht, der versteht meine Lehre.» Vermutlich war die globale Wirkung dieses Gesetzes noch nie so offensichtlich wie heute. Und dennoch tun wir uns weiterhin sehr schwer damit, scheuen uns vor den notwendigen Konsequenzen und vor unserer Verantwortung für das Leben.
«Wüssten wir, wer oder was wir sind, würden wir aus einer natürlichen Demut heraus leben.»
Demut und Bescheidenheit sind kein blosser Zeitvertreib einiger Philanthropen und Religionen. Wir hören diesen Ruf heute besonders deutlich aus der Wissenschaft und in der lautstarken Stimme der Klimajugend. Für die konkrete Umsetzung der natürlichen Einfachheit bedarf es einer klaren, verstandes- und herzensmässigen Einsicht in die komplexen Zusammenhänge des Lebens – und der Bereitschaft, innezuhalten. Doch Innehalten, Achtsamkeit und Minimalismus sind bereits wieder zu einem Sahnehäubchen unserer Wohlfühlgesellschaft geworden. Ein Teufelskreis? Es hängt von jedem Einzelnen von uns ab: Der Mensch besitzt ein enormes Potenzial – für Gutes wie für Negatives. Entscheiden wir uns auf einer Basis von Verstehen und Liebe für Demut und Bescheidenheit, werden wir wieder zu einem integrierten Teil des einen Lebens – eines grösseren Ganzen, das sich uns in jedem Moment in seiner ganzen Schönheit zeigt.
Marcel Geisser, Zen-Meister der Linji-(Rinzai-)Zen-Tradition