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Kolumne
EIN KANADIER IM GARTEN
und andere Geschichten
DAS INTERVIEW
Haben Sie schon einmal einen Kanadier beherbergt? - Ich schon. Sein Name ist Bob, und er ist seit genau zwei Monaten mein Gast.
Wie das so kam? Lassen wir doch vielleicht am besten Bob die Geschichte selber erzählen:
"Schon als ich ein kleiner Junge war, träumte ich davon, einmal in den Alpen skifahren zu dürfen. Ich sah diese wunderbaren, mit funkelndem Schnee bedeckten Berge vor mir, den blauen Himmel, die fremde, aber so erfrischende Luft - ich träumte davon, und ich wollte dahin.
Geboren wurde ich in der Nähe von Montreal, und aufgewachsen bin ich in einem französischsprachigen Teil Kanadas, in dem es rundherum Berge und Wälder gab. Als ich 13 war, zogen wir um in die flache Umgebung Torontos, und ich vermisste die Berge und Wälder sehr.
Nun denn, ich lebte ohne sie weiter - im Teenageralter interessierten mich bald ganz eine andere Art von Bergen -, und mit 24 lernte ich meine Verlobte, oder vielmehr Ex-Verlobte, kennen. Eine wunderbare Frau! Die einzige, die es für mich gibt. Sie war - ist - mein Leben, mein Licht, meine grosse Liebe! Sie war es, die mir zeigte, dass Motivation in der Arbeit eine gute Sache und Ehrgeiz und Fleiss nicht die schlechtesten Eigenschaften sind - dank ihrer Hartnäckigkeit und ihrer (und ich gebe das vorbehaltlos zu und fühle mich auch in meinem männlichen Stolz keinesfalls eingeschränkt. Das ist übrigens, so nebenbei bemerkt, eine weitere Lektion, die ich bescheiden und freudig von dieser wunderbaren Frau gelernt habe - sagte ich schon, dass ihr Name Jane ist? -, Jane hat mir beigebracht, dass Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sind und sein sollen. Absolut! Eine Frau hat ihren Platz dort, wo sie ihn haben möchte.) finanziellen Unterstützung (ich habe ihr natürlich später alles zurückgezahlt, oder fast alles, und sie hat auch das Auto aus der Beziehung mitgenommen, nebst vielen anderen Dingen) habe ich auch mein Philosophie-Studium bestanden.
Anschliessend arbeitete ich bei einer kanadischen Grossbank, wo ich diesen Schweizer - Joseph, aber wir nannten ihn Joey - kennenlernte. Joey ist ein grossartiger Kerl - ein bisschen merkwürdig, eigentlich total anders als alle Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, doch einfach grossartig. Leider verliess er uns nach vier Jahren und ging in seine Heimat zurück, wo er für eine Schweizer Grossbank, die Banque Suisse* (kurz "BS" genannt), weiterarbeitete.
Er vergass mich nicht, und sobald er die Karriereleiter ein wenig hinaufgeklettert war, bot er mir eine Stelle bei dieser Bank an. Ich freute mich sehr, besuchte ihn auch bald darauf zusammen mit Jane (wir waren damals immer noch verlobt), und wir entschieden uns, dass wir ein Jahr später (nach unserer Hochzeit. Wir wollten damals noch heiraten.) in die Schweiz ziehen wollten.
Die Schweiz - ach, es war einfach zu fantastisch, um wahr zu sein. Diese Schweizer wissen gar nicht, wieviel Glück sie haben! Jane und ich reisten in der ganzen Schweiz herum. Joey's damalige Freundin, Reni, sprach fliessend Englisch (zwar mit einem Akzent, von dem sie behauptete, er sei südafrikanisch. Sie machte wirklich noch ein paar Fehler, aber für eine Schweizerin - also, ich war wirklich beeindruckt!) und fuhr uns nach Luzern, wo sie uns den Vierwaldstättersee und die Tellsplatte und die Statue von Willhelm Tell zeigte. Einfach wunderschön! Und die Löhne - Joey sagte mir, wieviel ich verdienen würde. Fünftausend Schweizer Franken - das sind ungefähr dreitausendachthundert kanadische Dollar!! Wahnsinn! In Kanada verdient man für den gleichen Job nur ungefähr zweitausend kanadische Dollar. Dabei sind die Lebenskosten beinahe gleich - Jane und ich haben die Preise in den Restaurants und den Läden verglichen, und es gibt wirklich kaum Unterschiede.
Jane - sie verliess mich kaum ein halbes Jahr später. Sang- und klanglos. Sagte, sie könne mich nicht heiraten, und wir sollten doch einfach Freunde sein. Und das nach sieben Jahren!! Selbstverständlich sagte ich ihr, dass sie nie mehr zurückkommen könne, wenn sie jetzt gehe. Zweimal von der selben Frau verlassen werden ist schliesslich genug, oder? Alle Geduld hat einmal ein Ende. Und nicht nur die Geduld - ich war definitiv am Ende nach diesem schweren Schicksalsschlag! "Cherchez la femme!" - wozu? Nur, damit sie dir das Herz brechen. Ich war am Boden zerstört und konnte weder klar denken noch handeln.
Das hat sich im letzten halben Jahr natürlich gebessert - wir haben viele Male darüber gesprochen, wir mailen beinahe jeden Tag, und auch wenn sie es nicht ausdrücklich sagt, so weiss ich genau, dass sie im Grunde ihres Herzens zutiefst unglücklich über unsere Trennung ist. Sie will zurückkommen, doch traut sie sich nicht, dies zuzugeben. Ich verstehe das natürlich - sie macht sich Sorgen darüber, was ihre Umgebung sagen würde, und sie muss ja auch ihr Gesicht wahren - das kann ich sehr gut nachvollziehen. Würde mir an ihrer Stelle vielleicht auch so gehen. Allerdings hätte ich an ihrer Stelle mich niemals einfach so verlassen... aber eben, sie ist einfach eine ganz spezielle, wunderbare Frau, auch wenn es ihr schwer fällt, über ihre Schatten zu springen.
Wo war ich? Ach ja, ich war am Ende. Doch dann hat sich Joey, und vor allem seine Freundin Reni wirklich rührend um mich gekümmert. Kein Tag verging, ohne dass sie ein Email sandte und sich nach meinem Befinden erkundigte, oder dass Joey und sie anriefen und mich aufmunterten. Jeden Tag sandte sie mir ein Bild per Email, meistens ein Bild von einer wunderschönen Gegend irgendwo in der Schweiz, und ich wollte nun umso mehr einfach weg, in dieses wunderschöne Land, meiner Jane beweisen, dass ich es auch ohne sie schaffen würde, dass ich sehr wohl viel Geld verdienen können würde, auch wenn sie mir das nie geglaubt hatte.
In die Schweiz zu kommen war schwieriger, als ich es ursprünglich gedacht hatte. Joey wollte sich um alles kümmern, die Arbeitsbewilligung und so, und er verschaffte mir ein Interview bei der Banque Suisse. Ich flog für dieses Interview extra nach Zürich, und am vereinbarten Tag fand ich mich bei der Banque Suisse ein, wo ich Frau Mannsweiler um 14.00 Uhr treffen sollte. Ich war da, voll gestylt mit Hemd und Krawatte und so, doch Frau Mannsweiler liess sich nicht blicken. Statt dessen erwartete mich ihre Assistentin, eine hübsche, langbeinige (und erfreulicherweise mit den Anblicken ihren Reizen auch sehr grosszügige) Blondine mit toupierten Haaren. Sie führte mich in den Büros herum, machte mich mit ein paar Leuten bekannt und schien nicht so recht zu wissen, was sie genau mit mir anfangen sollte. Ich wartete ab, und schliesslich fragte sie mich ein paar Sätze auf Deutsch. Reni hatte mich die vorangehenden vier Tage oft genug zu Tode genervt mit ihren Deutschstunden, und so war es für mich kein grosses Problem, ein oder zwei der mir eingedrillten Sätze fehlerfrei und elegant von mir zu geben. Blondie war zutiefst beeindruckt. Ich schüttelte ihr zum Abschied die Hand, und kaum war ich zu Hause, rief die BS auch schon an und teilte mir mit, dass ich eingestellt sei. Alles war gelaufen, wie ich es erwartet hatte - ich fragte mich, weshalb diese hysterische Reni so einen Aufstand gemacht hatte?
Einen Tag später rief die BS wieder an. Diesmal allerdings teilte mir Blondie mit, Frau Mannsweiler wolle mich - selbstverständlich nur der Form halber - doch noch persönlich kennenlernen, aber sie könne mich unmöglich noch in der selben Woche sehen. Ob es mir grosse Umstände bereiten würde, zwei Wochen später nochmals vorbeizuschauen?
Ich war etwas verdutzt, denn Toronto liegt schliesslich nicht gerade um die Ecke von Zürich, und auch wenn ich bis dann die hohe Kunst des Beamens erlernt hätte - wer garantierte mir, dass Mannsweilerchen in zwei Wochen wirklich auftauchen würde??
Leicht verärgert rief ich Joey an und erklärte ihm meine Unlust. Er versprach, alles zu erledigen, und tat dies wohl auch - zumindest war von einem weiteren Interview nicht mehr die Rede, und ich flog wieder nach Toronto zurück.
*Name durch die Redaktion geändert
SCHWEIZER SEIN, DAS IST NICHT SCHWER, SCHWEIZER WERDEN DAGEGEN SEHR...
Deutsch - die Sprache Goethes, Wagners, Beethovens, Mozarts... und Bobs?
Reni sagte vor dem Abflug: "Wenn du in Zürich arbeiten willst, musst du Deutsch lernen. Ich werde dich per Email ein wenig unterstützen, soweit ich halt kann."
Von wegen "ein wenig" - mindestens 100 Stunden muss diese Frau investiert haben, um immer wieder neue Übungen, Abfragen, Wörter und Texte zu finden, mit denen sie mich quälen konnte! Nie werde ich den Tag vergessen, an dem sie mir ein Gedicht zusandte mit den Worten: "Ich weiss, dass du dich für Poesie interessierst, und so dachte ich mir, es wäre vielleicht noch lustig, dieses einfache Gedicht Zeile für Zeile gemeinsam zu übersetzen."
Lustig? Die Schweizer hatten einen ja einen merkwürdigen Humor. Das Gedicht begann mit den denkwürdigen Worten:
"Auf steigt der Strahl, und fallend giesst
er voll der Marmorschale Rund"
Mehr weiss ich nicht mehr - weiter sind wir auch nicht gekommen. Als mir nach vielen frustrierenden Versuchen keine halbwegs passable Übersetzung gelang, bemerkte ich endlich, dass es nicht an mir, sondern am Gedicht lag! Aus Lehm kann eben kein Gold entstehen. Ich setzte mein poetisches Talent ein (ich dichte selber ein bisschen in meiner Freizeit) und änderte die Worte ein wenig ab, und so entstand ein viel schöneres Gedicht - doch urteilen Sie selbst:
Original:
"Up rises the jet, and falls into the full round marble dish"
Meine Varianten:
- "Rises the water up, and falleth it into yon full round marble bowl!"
- "Up! rises the jet of water, and then falls into a full, round cup of marble!"
- "Rise up O water and come falling into this full round marble dish!"
- "Up rises my golden jet, and falls into the full round marble dish!
The beer was good and clean, and now it's fit for thirsty fish!
And all the cows from miles around come trotting up forthwith
To gaze in awe at what they thought only bulls were born with!"
Nachdem ich nun solcherart meinen Beitrag zur Verbesserung der deutschen Literatur geleistet hatte, hatte ich die Nase gründlich voll vom Deutschüben mit Reni. Weshalb konnte man nicht einfach Deutsch lernen wie die Kinder - man wurde geboren und konnte es?
Ich wartete nur noch auf die passende Gelegenheit, um ihr meine Meinung zu geigen. Ihr Fanatismus erreichte den absoluten Höhepunkt, als sie vorschlug, ich solle doch eine Internetkamera installieren, damit wir auf Deutsch Konversation übers Internet machen könnten. Ha! dann hätte ich ja gar nie Ruhe vor ihr gehabt! Ich putzte sie gründlich herunter, teilte ihr mit, dass sie mir unendlich auf den Keks ging und mich gefälligst in Ruhe lassen sollte, und liess Joey durch die Blume wissen, dass er wirklich völlig unter dem Hammer stehe, der arme Junge.
Während der nächsten zwei Monate war mehr oder weniger Funkstille. Ich hörte nichts von der Bank - aber man weiss ja schliesslich, wie zuverlässig Schweizer Banken sind, und deshalb machte ich mir keine Sorgen. Ich hörte auch nichts von Joey und Reni, aber das erstaunte mich nicht weiter - sicherlich verbot sie ihm, mit mir zu sprechen.
Dann verliess mich Jane - ach, meine Jane! - und ich hatte Unterstützung dringend nötig. Ich sagte ja bereits, dass Reni sich in dieser Zeit jeden Tag bei mir nach meinem Befinden erkundigte. Sie fand schliesslich auch heraus, dass die BS meinen Arbeitsbewilligungsantrag schlichtweg verschlampt hatte. Mann, war ich sauer! Ich liess es mir aber nicht anmerken. Lachte nur, und wartete ab. Was konnte ich sonst schon tun?
Reni setzte sich mit den Behörden in Verbindung (war sicher auch besser so, schliesslich konnte ich kein Deutsch) und nervte die BS so lange, bis ihr alle Papiere zugestellt worden waren, so dass sie sie nur noch ausfüllen musste (im nerven ist sie gut, wie wir ja wissen. Ich nenne sie übrigens seitdem immer "Harty", weil sie so HARTnäckig ist). Die Papiere wurden mir ausgefüllt zu Unterschrift gesandt - Mann, wie ich Papierkram hasse! Ich musste ungefähr vier Formulare unterschreiben, kopieren und weitersenden. Wie mühsam! Aber ich habe mittlerweilen gelernt, dass Formulare die Lieblingsbeschäftigung der Schweizer Behörden sind...
Wiederum hörte ich etwa einen Monat lang nichts. Ich war, ehrlich gesagt, auch zu faul, um mich selber bei den Schweizer Behörden zu erkundigen, und so liess ich Harty alles machen - sie macht sowas wirklich gut, hat sich auch um die ganzen Versicherungen und so gekümmert. Doch auch so blieb noch dieses oder jenes zu unterschreiben und auf die Post zu bringen - alles in allem, einfach zuviel Papierkram für mich. (Merkwürdigerweise explodierte Harty, als ich es wagte, etwas zu sagen - sie fauchte etwas von "90% habe ich gemacht, und du beklagst dich noch!" -, aber ich denke, sie hat mich einfach missverstanden. Dabei habe ich sie noch ausdrücklich gelobt! Ich sagte extra noch: "Viele wären froh, eine solche Sekretärin wie dich zu haben". - Da soll mal einer die Frauen verstehen...)
Endlich - nach sechs Monaten geduldigen Wartens und Nichtstuns - kam die gute Nachricht. Oder die beinahe gute Nachricht...
...das Telefon klingelte und riss mich aus meinen süssen Träumen. Harty war dran und überbrachte die frohe Botschaft: "Du kannst definitiv die Koffer packen und kommen!"
So viele Emotionen überkamen mich in dem Moment. Ich durfte in die Schweiz, skifahren, viel Geld verdienen - gut! Doch gleichzeitig wurde mir auch bewusst, dass dies ein Abschied von Jane bedeutete - es war unsäglich schmerzhaft. Bisher hatte ich sie trotz unserer Trennung noch regelmässig gesehen, aber dem war nun ein Ende gesetzt.... es riss mir das Herz in Stücke, und so brummte ich Harty wütend an: "Danke für die Nachricht!"
Harty setzte noch einen drauf: "Wo wirst du wohnen, wenn du ankommst?"
Darüber hatte ich mir auch schon Gedanken gemacht und beschlossen, bei meinem guten Freund Joey einzuziehen, bis ich genug Geld für eine Wohnung hätte. Ich teilte ihr meinen Plan mit und erhielt eine kalte Dusche: "Sorry, das geht nicht. Joey hat keinen Platz für dich..." - was sagte sie da? Keinen Platz? - "...aber ich würde mich freuen, dich bei mir aufzunehmen, bis du eine eigene Wohnung hast."
Aber sicher doch! Was bildete die sich eigentlich ein? Mein erster Gedanke war: 'Jane wird mich umbringen, wenn ich bei Harty einziehe.' Und mein zweiter: 'Das hat sie sicher mit Absicht so gedeichselt. Klar doch, Harty möchte was von mir - warum sonst hätte sie wohl all diese Dinge für mich gemacht? Kein Mensch tut so was nur aus reiner Nächstenliebe. Das Weib ist doch verknallt in mich - ist ja auch verständlich -, und jetzt hat sie bösartigerweise meinem guten Freund Joey eingeredet, dass er keinen Platz für mich habe.'
In dem kühlen Ton, den sie auch verdient hatte, fragte ich: "Bist du sicher, dass ich nicht zu meinem besten Freund Joey ziehen kann? Ich möchte nicht bei dir wohnen, deine Hunde und Katzen nerven mich zu Tode. Ich werde lieber selber mit Joey reden."
Jane sollte mir niemals vorwerfen können, ich hätte nicht mein möglichstes getan!
Am selben Tag noch rief Joey mich an und erklärte mir, dass ich wirklich nicht bei ihm einziehen könne, ausser ich wolle das Bett mit seiner Mutter teilen. Da stand ich nun, mit der Arbeitsbewilligung auf der einen Seite, und Schulden bei Jane auf der anderen Seite (sie wollte jeden Pfennig zurück, den sie jemals für mich ausgegeben hatte), und überlegte, was zu tun war. Jane würde natürlich toben vor Eifersucht, wenn ich bei Harty einziehen würde. Und Hartys Hunde und Katzen waren wirklich nervig. Andererseits... ich hatte wirklich kein Geld... die Perspektive einer Gratisunterkunft mit einem voll möblierten Zimmer hatte irgendwie schon etwas verlockendes. Und so übel war Harty auch wieder nicht - genauer betrachtet hatte sie auch ein oder zwei positiven Seiten an sich...
Ich tat das, was wohl jeder in meiner Situation getan hätte - das einzig Richtige: Ich rief Harty an und bedankte mich für die Einladung."
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