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Zürich-Seebach, 2012–2019
Projektwettbewerb, 2009, 1. Preis
Stadtraum und Quartier
Das Quartier Seebach hat seine Wurzeln in der Vorstellungswelt der Gartenstadt. Nach den Plänen von A. H. Steiner sollten sich in der Nachkriegszeit neue Siedlungen wie «Blüten entlang eines Stängels» entwickeln, mit Anschluss an die Birchstrasse und umgeben von Grünraum. Diese Ideen sind im Bereich des Wettbewerbsperimeters entlang der Katzenbachstrasse noch heute deutlich spürbar. Einen wesentlichen Beitrag dazu liefert der Aussenraum. Sowohl der identitätsstiftende Grünraum vom Katzensee, dem Katzenbach folgend und bis zur Endstation der Tramlinie 14 hineinführend, aber auch der generell durchlässige und stark durchgrünte Aussenraum mit schönen Sichtbezügen und teilweisen Privatgärten tragen massgebend dazu bei, dass das Quartier viel vom ursprünglichen Charakter der steinerschen Gartenstadt erhalten konnte. Von besonderem Interesse sind die oftmals feinen Abstufungen der Nutzungsintensitäten und Öffentlichkeitsgrade in den Freiräumen.
Obwohl an einigen Stellen Ersatzneubauten mit grossen Baukörpern realisiert worden sind, wird der Charakter der Baustruktur nach wie vor durch die für die Nachkriegszeit typischen schmalen zwei- und dreigeschossigen Zeilenbauten geprägt. Den Ersatzneubauten der Etappen 1 und 2 gelingt es, typologisch und stimmungsmässig am Bestand anzuknüpfen.
Das vorgeschlagene Projekt zeigt, wie es trotz einer deutlich höheren Bebauungsdichte möglich ist, am ursprünglichen Plan der Gartenstadt anzuknüpfen. Das Projekt wählt dazu für die Etappen 3 sowie 4/5 unterschiedliche Ansätze.
Etappe 3
Baukörper und Aussenraum
Das direkte Umfeld dieser Bauetappe wird durch Einfamilienhäuser und zweigeschossige Reihenhäuser charakterisiert. Die Aussenräume sind vorwiegend privat und werden intensiv als stark durchgrünte Gärten genutzt. Tiefe Ein- und Durchblicke, aber nur wenige Durchgänge, verzahnen den Aussenraum zwischen der Seebachstrasse und dem Kirchenfeld mit den umliegenden Baufeldern.
Die vorgeschlagenen Baukörper weisen lediglich drei Geschosse auf, sind in ihren Grunddimensionen kompakt und suchen eine Einordnung respektive Fortschreibung der bestehenden Bebauung zwischen Seebach- und Kirchfeldstrasse. Dieser Absicht folgend orientieren sich die Häuser auch nicht an der Krümmung der Kirchfeldstrasse, sondern drehen «verzögert» mit und gewähren so weitere, für den Ort charakteristische Einblicke in die Grundstückstiefen. Durch die leicht geknickten Fassaden werden die Dimensionen der Baukörper zusätzlich gebrochen. Sie rücken in ihren Abmessungen in die Nähe der umliegenden Einfamilien- oder Reihenhäuser. Die über die Gebäudekanten auskragenden «Gartenzimmer» unterstützen durch eine «Weichzeichnung» der Volumen diese Strategie der Kontextualisierung nochmals. Das Projekt reagiert damit auf die grossen Dichteunterschiede zwischen umgebendem Bestand und Neubauten.
Die Fortschreibung betrifft auch den Charakter der Aussenräume, welche am «Gartenteppich» der umliegenden Grundstücke anknüpfen und privat genutzt werden sollen. Damit eine klare Abgrenzung solcher Privatgärten zu den gemeinschaftlichen Bereichen möglich ist, wird das Element der Hecke aufgegriffen: geschnittene, 140–160 Zentimeter hohe Hecken fassen die Gärten der Erdgeschosswohnungen. So entstehen zwischen den Gärten interne Erschliessungswege und verschieden grosse Aufenthaltsbereiche mit Platz für Kinderspiel und nachbarschaftliche Zusammenkünfte. Solitäre Laubbäume charakterisieren als zweites primäres Element das Gebiet der dritten Bauetappe. Sie entwickeln sich aus dem Baumbestand der gewachsenen Quartierstruktur, verteilen sich locker über die neuen privatgartenartigen Grundstücke und verweben sich mit einzelnen, auf bestehenden Hainbuchen und Kiefern.
Die Häuser sind direkt von der Kirchfeldstrasse aus über kurze Treppen erschlossen. Der Weg entlang den Hecken gewährleistet die rollstuhlgängige Erschliessung. Das Sockelgeschoss des Nordhauses wird, neben den Hauseingängen und der Garageneinfahrt, für die Betriebsräume des Hauswarts genutzt. Der Werkhof ist direkt daneben in die Böschung eingelassen und durch Schiebetüren vom allgemeinen Vorplatz abgetrennt.
Häuser und Wohnungen
Von den Hauszugängen mit dem angelagerten Velo- und Kinderwagenraum tritt man direkt in die Treppenhäuser. Über jedes Treppenhaus werden drei Wohnungen pro Geschoss behindertengerecht erschlossen. Die grösseren Kopfwohnungen verfügen über drei Expositionen. Auch die Zweizimmerwohnung öffnet sich, dank einem feinen Knick in der Fassade nach zwei Richtungen. Die Wohnungen werden als Z-Typen mit einer grossen Essküche organisiert. Die Vermeidung von Korridoren ergibt grosse Wohnräume, die einen zweiten Esstisch aufnehmen können. Die nicht orthogonalen Grundrissgeometrien erzeugen eine spannungsvolle, fliessende Räumlichkeit, welche durch die Zimmervolumen in einen Eingangs-, Küchen- und Wohnbereich gegliedert wird. Sämtliche Zimmer sind in sich rechtwinklig und gewähren auch bei kleinen Grundflächen eine gute Möblierbarkeit. Einzelne Zimmer sind über Schiebetüren zum Wohnraum öffenbar. Das grosse Bad ist so dimensioniert, das ein Waschturm oder Wickeltisch Platz findet. Die privaten Aussenräume sind entsprechend der Absicht des «Gartenwohnens» als dreiseitig offene Gartenzimmer konzipiert.
Architektonischer Ausdruck und Materialisierung
Das Quartier und das nahe Umfeld der Etappe 3 sind durch unterschiedliche Bauten geprägt, die mehrheitlich aus den 1950er Jahren stammen. Das Projekt sucht eine inhaltliche und stimmungsmässige Verwandtschaft zu diesen Bauten, antwortet aber mit einem eigenständigen architektonischen Thema. Um die Grösse des geforderten Bauvolumens zu unterspielen und den Bezug zu den «ländlichen» Vorbildern der Gartenstadt aufzunehmen, sind die Häuser mit einer hinterlüfteten, vertikalen Welleternitfassade bekleidet. Die Brüstungsbänder binden die ausgreifenden Balkone ins Gebäudevolumen ein. Im Erdgeschoss bildeen die Bodenplatte und die Brüstungen in ockerfarbenem Sichtbeton ein Relief im Übergang vom Haus zum Garten. Die oberste Platte ist im Sinne eines Dachvolumens mit Kupferblech verkleidet. Durch das hell eingefärbte Welleternit und die tannengrünen, glänzend lackierten Holzmetallfenster entsteht eine Atmosphäre von «leichtfüssigen Häusern in dichtem Garten». Die Gebäude der Etappe 3 reflektieren romantische Elemente von Gartenhäusern.
Die Tragstruktur ist als konventioneller Massivbau in Ortbeton und Backstein erstellt. Die Lastabtragung erfolgt vertikal. Die Materialien des Innenausbaus sind zweckmässig und robust (bspw. Klötzli-Parkett als Bodenbelag in den Wohnungen). Bei der Konstruktion wurde auf eine weitgehende Systemtrennung geachtet, sodass Bauteile entsprechend ihrer Lebensdauer einfach ersetzt werden können.
Etappen 4 und 5
Baukörper und Aussenraum
Die Voraussetzungen und das Umfeld dieser Bauetappen sind anders gelagert als diejenigen der Etappe 3. Zum einen wegen der spezifischen Lage zwischen dem Katzenbachpark und der Neubausiedlung der Etappen 1 und 2, zum anderen bieten die Baufelder der Etappen 4 und 5 eine Grösse, die die Entwicklung eines eigenständigen städtebaulichen Themas herausfordert.
Das Projekt entwickelt dazu eine rhythmisierte Folge amorpher Volumen, die ausgehend von innenräumlichen Gesetzmässigkeiten ihre Gestalt finden und diese in einem mutativen Wandlungsprozess an die unterschiedlichen Grundstückstiefen anpassen. Die Bauten erzeugen so ein organisches, dem Park zugehöriges Motiv und ergeben gleichzeitig ein Maximum an Durchblicken in den Park. Die Abwicklungen der Bauten öffnen und schliessen diese Durchblicke immer wieder anders, in dem sie insbesondere die Diagonale thematisieren. Die Gebäude sind mehrheitlich fünfgeschossig und übernehmen damit die Höhe und Massstäblichkeit der Etappen 1 und 2 ohne dabei die Baukronen der Parkbäume zu überragen. Durch die abgeknickten Fassaden werden auch in dieser Etappe die Baukörper in ihrer Grössen unterspielt und es entstehen kurze, vertikale Fassadenabschnitte. Über das städtebaulich-volumetrische Motiv der «gruppierten» Bauvolumen und deren räumliche Staffelungen wird ein Bezug zu den Kompositionsmerkmalen von Landschaftsgärten eröffnet.
Der Idee einer maximalen Durchlässigkeit folgend ist der Aussenraum hier durchgehend «öffentlich» gestaltet. Birken und Föhren mit hoch aufgeasteten, weiss und rotbraun schimmernden Baumstämmen mit lichtdurchlässiger Krone begleiten die Katzenbachstrasse. Sie beziehen sich auf Vorbilder nordeuropäischer Waldsiedlungen. Eine leichte räumliche Zäsur entlang der Hangkante zum Katzenbach schafft Distanz und lässt die hainartige Bepflanzung zu einem typologisch eigenständigen, zwischen Park und Garten oszillierenden Element werden.
Die bestehenden Strauchpflanzungen der Seebacher Freizeitanlage wurden entlang der Hangkante auf zurückhaltende Art und Weise in Form gebracht. Von der Katzenbachstrasse und den Siedlungsbereichen der ersten und zweiten Bauetappe erscheinen sie so als kulissenartige vegetative Elemente, die den Blick zwischen den Stämmen des Birken-Föhrenhains im Vordergrund in die Tiefe der neukomschen Grünanlage leiten.
Schmale befestigte Fusswege führen durch die extensiven Rasen- und Wiesenflächen, verbinden Katzenbachstrasse und Freizeitanlage und erschliessen die Gebäudeeingänge und arealinternen Aufenthaltsbereiche.
Der Doppelkindergarten befindet sich an gleicher Stelle wie der ehemalige Kindergarten im Gartengeschoss eines Hauses, da der Standort zwischen dem Gemeinschaftshaus der ersten Etappen und dem Kinderhort im Park als ideal erachtet wurde. Durch ein einfaches ausdrehen der Nordfassade wird eine zum Verbindungsweg sich öffnende Eingangssituation geschaffen. Jeder Kindergarten verfügt über einen eigenen harten und grünen Aussenbereich. Zusätzlich wird im Bereich zum Betreuungsraum ein gemeinsamer Aussenraum geschaffen.
Häuser und Wohnungen
Obwohl sich die Häuser der Etappen 4 und 5 von Zwei- zu Vierspännertypen mit ganz unterschiedlichen Wohnungsgrössen entwickeln, bleiben der Charakter und das Thema der einzelnen Häuser gleich. Von der Katzenbachstrasse aus gelangt man jeweils über einen Vorplatz direkt in die grosszügige, überhohe Eingangshalle mit angeschlossenem Velo- und Kinderwagenraum und von dort in das sich zum Park oder nach oben öffnende Treppenhaus.
Durch die amorphe Gestalt der Häuser verfügen alle Wohnungen über mindestens zwei, teils sogar drei Expositionen. Die Wohnungen sind, ähnlich jenen der Etappe 3, als Z-Typen mit einem fliessenden Wohn-/Essbereich entwickelt. Der private Aussenraum determiniert als zweiseitig offenes «Zimmer» von 16 Quadratmetern Grösse jeweils die Raumzonierung zwischen Küche und Wohnraum. Einzelne Bereiche dieses offenen Raumes besitzen einen informellen, flach determinierten Charakter, wo verschiedene Dinge stattfinden können. Sie funktionieren für Hausarbeit, als Arbeitsplatz oder Spielbereich und erlauben sowohl für Familien als auch Mehrpersonenhaushalte vielfältige Wohnformen.
Architektonischer Ausdruck und Materialisierung
Entsprechend dem städtebaulichen und volumetrischen Thema suchen die Häuser ihren Ausdruck in der volumetrischen Präsenz und Schärfe, um einen klaren Abschluss des Siedlungskörpers zu erreichen. Gleichzeitig vermitteln die Häuser in ihrer Gestalt mit den «landschaftlichen Qualitäten» des Katzenbachparks. Die Häuser sind stark vertikal gegliedert und mit einem «Blätterkleid» aus dunkel glänzenden Keramikplatten bekleidet. Die Deckenstirnen und die davor gesetzten Geländer im Bereich der Loggien und Fenster werden gleich wie die Holzmetallfenster bronzefarben einbrennlackiert. Für den Sockel wurde eingefärbter Sichtbeton verwendet.
Mitarbeiter Wettbewerb
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin
Mitarbeit Planung und Ausführung
Peter Baumberger, Karin Stegmeier, Ron Edelaar, Elli Mosayebi, Christian Inderbitzin, Projektleitung: Andrea Irène Grolimund, Kevin Dröscher, Bauleitung: Phillip Türich, Charel Müller, Architekten: Michael Mader, Zsuzsanna Edes, Katrin Pfäffli, Reto Gasser, Praktikanten: Anouk Schepens, Juliana Schenk, Anna Schork, Anh Khoa Ngo, Jenna Buttermann, Florian Böttcher, Murielle Leucker
Zusammenarbeit
Baumberger & Stegmeier Architekten (BS+EMI Architektenpartner AG)
Bauherrschaft
Baugenossenschaft Glattal, Zürich
Landschaftsarchitekt: Tremp Landschaftsarchitekten, Zürich
Ingenieur: WKP Bauingenieure AG, Zürich
HLS-Planer: Raumanzug GmbH, Zürich
Elektroplaner: Gutknecht Elektroplanung AG, Au
Bauphysiker: Raumanzug GmbH, Zürich
Publikation
House Tour: Views of the Unfurnished Interior, Park Books 2018
Wohngenossenschaften in Zürich, Gartenstädte und neue Nachbarschaften, Park Books 2017
Zürcher Wohnungsbau 1995–2015, Quart Verlag 2017