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Die Arbeitslosigkeit steigt und fällt mit der konjunkturellen Entwicklung. Mit einer gewissen Verzögerung nimmt in wirtschaftlichen Schwächephasen in der Regel auch die Langzeitarbeitslosigkeit zu, im Aufschwung baut sie sich relativ langsam wieder ab. Das vergangene Jahrzehnt war durch die Finanzkrise ab 2007 geprägt, die auch in der Schweiz zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum und zu erhöhten Arbeitslosenzahlen geführt hat. Im April 2011 trat zudem die vierte Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (Avig) in Kraft, welche die maximale Dauer des Taggeldanspruchs vieler Leistungsbeziehenden der Arbeitslosenversicherung (ALV) verkürzte.
Im Auftrag des Bundes haben wir statistisch analysiert, wie sich die Langzeitarbeitslosigkeit in der Schweiz nach der Finanzkrise ab 2007 entwickelte.[1] Zunächst identifizierten wir Risikofaktoren von Langzeitarbeitslosigkeit. Darauf aufbauend, führten wir Fallstudien von erfolgreichen und weniger erfolgreichen Verläufen von Langzeitarbeitslosen durch und analysierten die Strategien ausgewählter Personalberatender und Regionaler Arbeitsvermittlungszentren (RAV) mittels qualitativer und semiquantitativer Forschungsmethoden.
Arbeits- oder erwerbslos?
Vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 betrug der Anteil der Personen an der Erwerbsbevölkerung, die neu langzeitarbeitslos wurden, 0,8 Prozent. Als langzeitarbeitslos wird in der vorliegenden Untersuchung gezählt, wer mehr als 12 Monate in Folge Leistungen der ALV bezieht. Bis 2010 stieg der Anteil im Nachgang zur Wirtschaftskrise zwischenzeitlich auf 1,5 Prozent. Seit 2011 bewegen sich die Zugänge zu Langzeitarbeitslosigkeit mit geringen Schwankungen um die 1-Prozent-Marke. Ein langfristig ansteigender Trend kann somit beim Risiko, langzeitarbeitslos zu werden, nicht beobachtet werden.
Etwas anders präsentiert sich das Bild, wenn man die Langzeiterwerbslosenquote nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) betrachtet, die alle erwerbslosen Stellensuchenden umfasst.[2] Im Zuge der Finanzkrise stieg der Anteil der Langzeiterwerbslosen am Total der Erwerbspersonen von 1,5 Prozent im Jahr 2007 auf 1,7 Prozent im Jahr 2010. Nach einer vorübergehenden Erholung stieg der Wert zwischen 2013 und 2017 erneut von 1,5 auf 1,9 Prozent. Seither blieb er auf diesem Niveau stabil. Der Anteil jener Personen, die langfristig aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, nahm damit seit der Finanzkrise leicht zu.
Acht Risikofaktoren
In unseren ökonometrischen Analysen und Fallstudien machten wir zahlreiche Faktoren aus, die das Risiko für eine Langzeitarbeitslosigkeit erhöhen beziehungsweise senken (siehe Abbildung). Acht davon werden hier dargestellt, wobei die Reihenfolge nicht die relative Wichtigkeit zum Ausdruck bringt.
Ein erster, häufig genannter Risikofaktor ist das Alter: Aus statistischer Sicht nimmt das Risiko, bei einem Jobverlust langzeitarbeitslos zu werden, mit steigendem Alter zu – und ist ab 55 Jahren besonders akzentuiert. Da mit zunehmendem Alter aber auch die Wahrscheinlichkeit sinkt, überhaupt arbeitslos zu werden, ist der Anteil Langzeitarbeitsloser bei älteren Erwerbstätigen gleichwohl leicht unterdurchschnittlich. Auch die Fallanalysen zeigen: Ältere Stellensuchende finden oft eine Stelle, wenn sie abgesehen vom Alter keine anderen relevanten Integrationshemmnisse haben. Umgekehrt kann das fortgeschrittene Alter aber als zusätzlicher Nachteil wirken, wenn jemand weitere Integrationshemmnisse aufweist.
Risiko- und Erfolgsfaktoren bei der Stellensuche
Anmerkung: Die abgebildeten Faktoren waren bei der Stellensuche ausschlaggebend, dass diese erfolgreich bzw. nicht erfolgreich verlief. Dargestellt sind nur Werte über 10 Prozent. Die komplette Grafik findet sich in der Studie. N = 180 Stellensuchende.
Quelle: Egger, Dreher & Partner und Ecoplan (2020) / Die Volkswirtschaft
Zweitens spielt die Ausbildung eine Rolle. Zwar besteht kein linearer statistischer Zusammenhang zwischen Langzeitarbeitslosigkeitsrisiken und der beruflichen Grundausbildung. Die qualitative Analyse in den RAV zeigt jedoch, dass eine ungenügende oder nicht aktuelle berufliche Qualifikation in vielen Fällen ein ausschlaggebendes Integrationshemmnis ist. Gerade Berufsbiografien von Personen, die in ihrer bisherigen Arbeitsstelle jahrelang eine bestimmte Tätigkeit verrichtet und sich nicht laufend weitergebildet haben, haben schlechte Arbeitsmarktchancen.
Ein dritter Faktor ist die Gesundheit: Weist eine stellensuchende Person psychische oder körperliche Einschränkungen auf, erhöht sich das Risiko, langzeitarbeitslos zu werden, nach Einschätzung der Mehrzahl der befragten Fachpersonen erheblich.
Psychosoziale Dimension
Viertens beeinflussen Persönlichkeitsmerkmale wie Auftreten, Ausstrahlung, Wesen, Haltung und Kommunikationsverhalten die Jobaussichten. Bei verschiedenen Fallstudien mit ungünstigem Verlauf waren nach Einschätzung der Personalberatenden problematische Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensmuster ein Grund für die Langzeitarbeitslosigkeit.
Fünftens ist die Eigenmotivation wichtig: Wer die Jobsuche motiviert angeht und dabei inhaltlich und geografisch flexibel bleibt, hat bessere Chancen. Sechstens kann eine falsche Bewerbungsstrategie ausschlaggebend dafür sein, dass die Stellensuche nicht erfolgreich verläuft. Allerdings genügt es nicht, lediglich eine gute Such- und Bewerbungsstrategie zu haben.
Der siebte Faktor ist das persönliche Netzwerk. Bei vielen erfolgreichen Verläufen von Personen mit statistisch erhöhtem Langzeitarbeitslosigkeitsrisiko waren persönliche Kontakte ausschlaggebend, dass diese rasch eine neue Stelle fanden. Bei den über 50-jährigen Personen war das Netzwerk sogar in über der Hälfte der erfolgreichen Fälle entscheidend.
Schliesslich fanden manche Stellensuchende den Einstieg in einen Betrieb über einen Zwischenverdienst, den sie später zu einer Feststelle ausweiten konnten. Allerdings sind auch Fälle zu beobachten, bei denen die Stellensuchenden den Zwischenverdienst in jedem Fall behalten wollten und dieser somit eine Festanstellung erschwerte.
Neben diesen acht Risikofaktoren gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die aber bei vergleichsweise weniger der analysierten Fälle vorliegen. Dazu gehören beispielsweise sprachliche Defizite, persönliche Probleme, mangelnde Mobilität oder eine Schwangerschaft.
Heterogene Gruppe
Grundsätzlich gilt: Langzeitarbeitslose und von Langzeitarbeitslosigkeit bedrohte Stellensuchende sind eine heterogene Gruppe mit unterschiedlichsten Integrationshemmnissen. Dabei lassen sich keine grossen Gruppen von Personen mit einem gemeinsamen Muster erkennen. Auch die über 50-Jährigen sind keine homogene Risikogruppe, da auch sie unterschiedlich viele und unterschiedlich geartete arbeitsmarktliche Risikofaktoren aufweisen.
Dies hat zur Folge, dass es sich für die RAV nicht anbietet, Normstrategien für bestimmte Zielgruppen von Stellensuchenden zu entwickeln und anzuwenden. Aus Sicht der Personalberatenden ist die Frage, ob eine Person von Langzeitarbeitslosigkeit bedroht ist oder nicht, nicht handelsleitend.
Entsprechend haben wir in keinem untersuchten RAV und bei keinem der befragten Personalberatenden derartige Normstrategien für bestimmte, nach demografischen Aspekten gebildete Gruppen von Stellensuchenden angetroffen. Vielmehr ist für die Beratungsstrategie entscheidend, welche individuellen Integrationshemmnisse eine Person aufweist. In der Praxis wenden die RAV-Beratenden für bestimmte Konstellationen von Integrationshemmnissen deshalb teilweise gewisse Standardstrategien – wie beispielsweise Bewerbungstrainings, Fachkurse oder Einzelcoachings – an.
- Egger, Dreher & Partner und Ecoplan (2020). Langzeitarbeitslosigkeit – Hürden der Arbeitsmarktintegration und Massnahmen der RAV, Studie im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), mandatiert von der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung (AK ALV).
- Für Definition siehe BFS: Erwerbslose gemäss ILO.