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Das Geheimnis hinter Zimmer 309
Dimitri Romanow war an der Ermordung Rasputins beteiligt und starb unter nie geklärten Umständen im Hotel «Schatzalp». Ein US-Historiker hat sich der Biografie des russischen Grossfürsten verschrieben und forscht in Davos.
Am Anfang stand ein Idiot. Vielmehr «Der Idiot», einer der bekanntesten Romane Fjodor Dostojewskis. Dieses Buch las William Lee als junger Mann und entschied sich daraufhin, die russische Sprache zu studieren. «Ich fühlte mich immer mehr in die russische Geschichte hineingezogen, russische Geschichte kann sehr farbig und dramatisch sein, ich fand es faszinierend», sagt der 53-jährige US-Historiker bei einem Treffen im Davoser Berghotel «Schatzalp».
Das Gespräch kann konsequenterweise nur an diesem einen Ort in Davos stattfinden, denn am 5. März 1942 schloss sich in dem damaligen Luxussanatorium der Lebenskreis eines Mannes, dem der Historiker Lee bereits einen Grossteil seiner eigenen Lebenszeit gewidmet hat: Dimitri Romanow. Dessen unglaubliche Geschichte es verdiente, verfilmt zu werden.
Was Tagebücher alles verraten
Im Verlauf seiner Forschung zum zaristischen Russland stolperte Lee über die Person Dimitri Romanows. Diese zog ihn in seinen Bann und das Gespräch mit dem Historiker deutet klar darauf hin, dass Lee sich wohl bis ans Ende seiner Tage damit befassen wird. Lee versucht, Licht ins Dunkel um das Ende des Grossfürsten zu bringen, dazu reist er jedes Jahr aus den USA nach Davos. Er bucht stets ein Zimmer im Berghotel «Schatzalp» und es darf nie ein anderes sein als jenes mit der Nummer 309. In diesem soll der lungenkranke Dimitri Romanow gelebt und auf Heilung gehofft haben. Lee besitzt Zugriff auf einige seiner Tagebücher und erklärt: «Er hatte einen Privatsekretär in Paris, mit dem er korrespondierte. So habe ich das Zimmer herausgefunden. Über einen Zimmerwechsel hatte er nie berichtet.» Das alles steckt in der Geschichte.
Jeder kannte seine Geschichte
Warum sich der Amerikaner Lee so sehr auf die Person des Grossfürsten fokussiert hat, liegt auf der Hand. Der 1891 geborene Dimitri Romanow war ein Cousin des letzten Zaren. In die Geschichte ging er aber 1916 als Mitbeteiligter an der Ermordung Rasputins ein. Jenem russischen Wanderprediger, der grossen Einfluss am Zarenhof besass und der Historiker bis heute fesselt. Bei seiner Ankunft im «Schatzalp»-Sanatorium hätten natürlich alle von seiner Beteiligung an dieser Tat gewusst, erklärt Historiker Lee: «Das hat ihn sein Leben lang begleitet, er konnte davor nicht flüchten.»
Romanow war nicht nur kaltblütig, sondern hatte offensichtlich auch einen Schlag bei bekannten Damen. In einem vor einigen Jahren für die «Davoser Revue» verfassten Beitrag berichtet Lee davon, dass der Grossfürst 1920/21 eine «leidenschaftliche Beziehung zu Coco Chanel unterhalten hatte».
Im Internetlexikon Wikipedia wird Romanow als «bekannter Schürzenjäger» bezeichnet. Aus dem dortigen Eintrag geht auch hervor, dass er 1912 an den Olympischen Sommerspielen in Stockholm als Springreiter teilgenommen hatte und nach der Ermordung Rasputins an die persische Front versetzt worden war, was sein Leben gerettet habe: «Die meisten seiner Verwandten wurden von den Bolschewiken erschossen.»
Stammgast in St. Moritz
Seine Faszination für Dimitri Romanow führt William Lee dieses Jahr bereits das 24. Mal ins Berghotel «Schatzalp». An einem Buch arbeite er nach wie vor. Er habe Probleme, sich dem Inhalt von einem nicht akademischen Standpunkt her anzunähern. Über die Jahre habe er etwa 200 Seiten geschrieben und sich dabei immer gedacht, ob das jemand lesen will. Jetzt habe sich eine Zusammenarbeit mit einem anderen historischen Spezialisten ergeben, in den nächsten drei Jahren soll ein Buch zu Romanow erscheinen.
Vor seiner Davoser Sanatoriumszeit hatte sich der Grossfürst einige Male in St. Moritz aufgehalten. Das geht aus dem 1954 erschienen Buch «Palace-Bar» hervor, in dem die Memoiren des langjährige Chefbarkeepers Gustav A. Doebeli nacherzählt werden. Darin heisst es: «Es war schwer, mit dem Grossfürsten ins Gespräch zu kommen.» Dass Romanow an der Ermordung Rasputins beteiligt gewesen war, wusste Doebeli und berichtet: «Ich hätte gerne Einzelheiten erfahren, aber jedes Mal, wenn ich das Gespräch auf die russische Revolution brachte, wich er aus und hüllte sich in eisiges Schweigen.»
Das Ende im Badezimmer
Die Geschichte von Dimitri Romanow ist für William Lee längst nicht zu Ende geschrieben. Der Grossfürst habe am 5. März 1942 Davos verlassen wollen, am Abend zuvor sei im «Schatzalp»-Sanatorium noch eine russische Themenparty gefeiert worden. «Am Tag der Abreise erschien er nicht, er wurde tot auf dem Boden seines Badezimmers gefunden», weiss der Historiker.
Auf dem Totenschein, den er im Davoser Gemeindearchiv habe einsehen können, sei keine Erklärung für die Todesursache festgehalten, führt Lee aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe eine einzige Quelle behauptet, dass Romanow keines natürlichen Todes gestorben sei. Lee: «Ich weiss nicht, wie er starb, und frage mich konstant, ob ich etwas übersehen habe. Ich würde es liebend gerne wissen, an eine Mördergeschichte glaube ich nicht.» Beigesetzt wurde der russische Grossfürst zunächst auf dem Davoser Waldfriedhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg überführte man seine sterblichen Überreste und bestattete diese in der Schlosskapelle auf der Insel Mainau am Bodensee.
William Lee wird auch nächstes Jahr nach Davos reisen und versuchen, das Todesrätsel zu lösen. Dann wird er wieder das Hotelzimmer 309 beziehen, in dessen Badezimmer Dimitri Romanow 1942 auf mysteriöse Art sein Leben ausgehaucht haben soll.
«Ich weiss nicht, wie er starb und frage mich konstant, ob ich etwas übersehen habe.»