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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Zwischen Konstantinopel und Paris ist Kurzschluß eingetreten: die Leitung hat eine Störung erfahren. Die Anleiheverhandlungen in Paris sind abgebrochen worden.
Wer diese Verhandlungen genau verfolgte, konnte schon seit längerer Zeit die Beobachtung machen, daß der Vertreter der türkischen Regierung, Hakki Pascha, mehr Widerstandskraft entwickelte, als die türkischen Diplomaten früher bei ähnlichen Gelegenheiten. Das erscheint auch ganz erklärlich. Der Türkei steht zwar das neue konstitutionelle Gewand noch nicht recht zu Gesicht; häßliche Falten bilden sich da und dort; an andern Stellen drückt das ungewohnte Kleid und droht auseinanderzureißen.
Aber die jungtürkischen Schneidermeister finden doch immer wieder starke Fäden, um den Schaden wieder auszubessern. Soll die Arbeit kein Flickwerk bleiben, so wird man allerdings noch viel Mühe und Sorgfalt darauf zu verwenden haben. Immerhin muß bei diplomatischen Verhandlungen jetzt mit der Stimmung in den maßgebenden Kreisen Konstantinopels gerechnet werden und diese läßt sich dahin zusammenfassen, daß man das Gängelband, an dem die Türkei bisher von den Großmächten geführt wurde, nicht mehr länger dulden will. Man wünscht, sich von der Bevormundung durch die europäische Diplomatie zu befreien. Mag diese Forderung auch verfrüht sein, so ist sie psychologisch doch erklärlich und muß im diplomatischen Verkehr mit der Türkei als gegebene Tatsache hingenommen und berücksichtigt werden. In Paris hat man allem Anscheine nach diese Rücksicht nicht nehmen wollen; man hat mit Hakki Pascha in demselben Tone verhandelt, als wenn er ein Vertreter Abdul Hamids gewesen wäre. Und die Folge war, daß die Anleiheverhandlungen in die Brüche gingen.
Noch ein anderer Grund kam hinzu. In Konstantinopel wünschte man aus derselben Stimmung heraus, die der europäischen Diplomatie gegenüber jetzt dort herrscht, die Uebermacht der Ottomanbank zu brechen und trat zu diesem Zweck in Paris mit einer neuen Finanzgruppe in Verbindung, die bereit war, die Anleihe zu übernehmen.
Die französische Regierung dagegen stellte sich aut die Seite der Ottomanbank und wünschte, dies Bankinstitut an dem Anleihegeschäft in der einen oder andern Form beteiligt zu sehen. Hierauf ging aber Hakki Pascha nicht ein und verzichtete auf weitere Verhandlungen. Dies die erste Ueberraschung.
Gleich darauf folgte die zweite: Hakki Pascha suchte mit dem englischen Finanzier Sir Ernest Cassel ein Abkömmen zu treffen, demzufolge sich Sir Cassel bereit erklärte, die Anleihe mit Hilfe einer internationalen Finanzgruppe unterzubringen. Nicht von Frankreich, sondern von England sollte der Türkei Hilfe kommen. Ueber die Einzelheiten dieser Verhandlungen herrscht noch Unklarheit; ebenso wenig läßt sich überblicken, welchen weiteren Verlauf die Verhandlungen noch nehmen werden. Soviel ist aber gewiß, daß die französischen Regierungsvertreter bei den Anleiheverhandlungen eine Schlappe davongetragen haben und sich wohl oder übel darin werden finden müssen, mildere Saiten aufzuziehen und vor allem die Stellung der Ottomanbank zur türkischen Regierung einer Revision zu unterziehen.
Von türkischer Seite dagegen wird man zugestehen müssen, daß Frankreich infolge seiner starken Beteiligung an den bisherigen Anleiheemissionen der Türkei und im Hinblick auf die bedeutenden französischen Kapitalien, die in türkischen Geschäften investiert sind, ein Anrecht darauf beanspruchen kann, bei finanziellen Transaktionen in der Türkei berücksichtigt zu werden. Vielleicht findet auf dieser Grundlage gegenseitigen Entgegenkommens doch noch eine Einigung in der Anleihefrage statt.
Die dritte Ueberraschung im orientalischen Schachbrettspiel aus den letzten Tagen bot die zuerst vom „Matin“ gebrachte Nachricht, daß zwischen der Türkei und Rumänien eine Militärkonvention abgeschlossen worden sei, die sich in erster Linie gegen Bulgarien richte. In diesem Fall schwächt sich die überraschende Wirkung des Vorgangs ab, wenn wir uns wiederum vergegenwärtigen, daß die Türkei seit Einführung der Konstitution zu einem anders gestalteten staatlichen Gebilde sich umgewandelt hat, das nach Abdul Hamidschem Maße nicht mehr gemessen werden kann. An der Nordgrenze des Reichs auf der Balkanhalbinsel sah es im Spätsommer bedrohlich aus, weil in Bulgarien Kriegsstimmung herrschte; im Westen nahm der Konflikt mit Griechenland immer schärfere Formen an. Unter diesen Umständen lag es für die Türkei nahe, sich eine Rückendeckung auf dem Balkan zu suchen. Und diese bot sich der türkischen Regierung in Rumänien, dessen Gebiet südlich an Bulgarien grenzt und daher bei etwaigen kriegerischen Auseinandersetzungen strategisch eine bedeutsame Rolle spielen kann. Hakki Pascha nahm im August die Gelegenheit wahr und machte während seiner Europareise Station in Bukarest. Ob es nun damals wirklich Abschluß einer Konvention oder nur zu einer „Entente“ gekommen ist, mag dahingestellt bleiben.
Bei der Aussprache mit den rumänischen Regierungsvertretern wird jedenfalls Hakki Pascha gewisse Eventualitäten bei der zukünftigen Gestaltung der politischen Verhältnisse auf dem Balkan besprochen und Zusicherungen erhalten haben, die Rumänien um seiner Stellung willen als Balkanstaat notwendig geben mußte.
So erklärt sich die Annäherung Rumäniens an die Türkei ganz natürlich aus der politischen und strategischen Lage dieser Staaten innerhalb der übrigen Balkanstaaten; zu ihrer Erklärung braucht man daher gar nicht etwaige Ratschläge „von dritter Seite“ heranzuziehen, die im vorliegenden Falle weder nötig noch am Platze waren.
Das selbständige Auftreten der Türkei in der Anleihefrage ebenso wie gewisse Aeußerungen der türkischen Presse über die Möglichkeit des Beitritts der Türkei zum mitteleuropäischen Bündnis erzeugten in Frankreich und England eine empfindliche Nervosität, die in Zeitungsartikeln und Parlamentsverhandlungen zum Ausdruck kam. Vorteilhaft hob sich dagegen die Ruhe und Sachlichkeit ab, die bei Besprechung der türkischen Vorgänge in Deutschland herrschte; in Deutschland vermied man es vor allem, das Ehrgefühl der jungen Türkei durch einen befehlshaberischen und polternden Ton zu verletzten. Man bahnte hierdurch den Weg zur Verständigung in der Bagdadbahnfrage, die stets imHintergrunde aller Verhandlungen stand. Anders das Verhalten der Westmächte, das im folgenden Artikel kurz geschildert wird.
D.O.K. 1910. 14. Oktober.
Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.
aus dem Kunstmuseum Hamburg
Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich