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In Lysychansk flammte in der Nacht zum 131. Kriegstag, zum 4. Juli 2022, letzter Widerstand auf. Die neuesten Briefings bestätigen allerdings:
- Sehen wir von verzweifelten Nachhutgefechten ab, ist die russische Armee nun im ganzen Oblast Lugansk Herr der Lage. Das erste der beiden Donbassziele, die Eroberung der Provinz Lugansk in ihren amtlichen Grenzen, ist erreicht.
- Gleichzeitig stossen nun die 8. und die 20. Feldarmee tiefer in die Provinz Donezk vor, die noch zu rund 40% in ukrainischer Hand ist. In Reichweite gelangt das ehemalige Städtchen Siversk, das in der Mitte der Achse Lysychansk–Slaviansk liegt, die direkt von Ost nach West verläuft. Von Lysychansk nach Siversk ist es 32 Kilometer, von Siversk nach Slaviansk nochmals 30.
- Die ukrainische Armee führt den Abwehrkampf aus vorbereiteten Stellungen, die teils gut befestigt sein. Das hügelige Zwischengelände bevorzugt den Verteidiger. Ihre Artillerie haben die Ukrainer an den Rändern von Siversk eingerichtet, von wo ihre 155-mm-Geschütze, die Panzerhaubitze 2000 und die Feldhaubitze M777, das Gefechtsfeld präzis erreichen.
- Die mächtige russische Artillerie sucht den neuen Kampfraum aus mehreren Richtungen zu beherrschen; dieser ist fast ganz von ihrem Territorium umschlossen, sieht man von der Passage nach Westen ab. Der russische Artilleriechef gebietet über 122-mm-, 152-mm- und 203-mm-Geschütze und die gefürcheten, weitreichenden Stalinorgeln Uragan 220 mm und Smerch 300 mm.
- Die ehemaligen Industriestädte Sewerodonezk und Lysychansk waren von Anfang an Teilziele, wenn auch gewichtige. Dies gilt genau so für den Ballungsraum Slaviansk und den Knoten Siversk.
Gewichtiges Teilziel Slaviansk
Doch aus mehreren Gründen ist Slaviansk auch jetzt wieder zentral – so wie die Stadt im Zweiten Weltkrieg 1941–1943 und im ersten Ukrainekrieg 2014/2015 heftig umkämpft war.
- Slaviansk liegt – getrennt nur durch ein weitläufiges Reservoir – nahe der geteerten Schnellstrasse E-40 (M03), die in der internationalen Nomenklatura den Rang der Europastrasse einnimmt. Militärisch gesehen, verbindet sie diagonal durch den zentralen Donbass den Ort Izjum, Nordwestknoten und -Engpass zugleich, mit Slaviansk und südostwärts der ersten Metropole am Weg, der Grossstadt Lugansk, dem Hauptort der gleichnamigen Provinz.
- Vor dem Krieg war Slaviansk im Donezk-Becken für ihre wirtschaftliche Stärke bekannt. Die Region Slaviansk zählte zu den grössten Salzproduzenten Osteuropas. Ihr zweites ökonomisches Standbein, die Chemie, trug zum Erfolg bei.
Operatives Ziel Kramatorsk
- Von Slaviansk führt südwärts die direkte Verbindung nach Kramatorsk, wo die ukrainischen Streitkräfte ihr Donbass-Hauptquartier aufgeschlagen haben. Kramatorsk ist ein bedeutendes operatives Ziel der russischen Offensive. Würde die Stadt, die vor dem Krieg 160’000 Einwohner zählte, den Angreifern in die Hand fallen, verlören die Ukrainer ihre dortigen Führungseinrichtungen. Vor allem fiele der Eckstein in der Verteidigung der territorial ausgedehnten Provinz Donezk.
- Verloren ginge ebenso der nahe Stützpunkt der ukrainischen Luftwaffe.
- Kramatorsk rückte im Oblast Donezk zum Hauptort auf, nachdem die Millionenstadt Donezk den Russen und prorussischen Separatisten in die Hand gefallen war (so wie Sewerodonezk die Rolle von Lugansk übernahm). Wirtschaftlich ist Kramatorsk in Zentrum des Maschinenbaus und der Schmuckherstellung.