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Ein ausgestorbenes Tier auferstehen zu lassen, ist genau so schwierig, wie es klingt.
Am 25. November starb in Kenya ein Südliches Breitmaulnashorn, ein Weibchen. In seinem Bauch starb dabei auch ein Embryo, der menschliche Phantasien beflügelt und eine eigentlich bereits ausgestorbene Spezies wiedererwecken sollte.
Wie das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung vergangene Woche bekanntgab, handelte es sich bei dem Embryo um das erste im Labor geschaffene und von einer Leihmutter ausgetragene Nashornbaby. Siebzig Tage lang wuchs der Fötus im Bauch des Muttertiers heran. Zum Zeitpunkt des Todes war er 6,5 Zentimeter gross.
«Die Entwicklung dieses Fötus deutet darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Geburt bei über 95 Prozent gelegen hat», sagt Cesare Galli, CEO von Avantea Laboratories. Das Unternehmen hatte den Embryo in einem italienischen Labor aus Ei- und Samenspenden gezüchtet. Die Eizellen kamen von einem Nashornweibchen aus Belgien und wurden in vitro, also ausserhalb der Mutterkuh, befruchtet.
Den Samen lieferte ein Bulle aus einem Zoo in Österreich. Danach wurde der Embryo in die Leihmutter Curra übertragen, die in Kenya im Ol-Pejeta-Reservat lebte, bis sie im November starb. Dem Vorfall gewinnt Galli auch etwas Positives ab: «Der Rückschlag durch den Tod ist sehr tragisch, aber er verkürzte die Zeit, die wir für die Überprüfung einer Trächtigkeit gebraucht hätten.»
Die Obduktion förderte noch eine weitere Gewissheit zutage: Curras Tod hatte nichts mit dem medizinischen Eingriff zu tun. Der Grund lag in extremen Regenfällen, die zu einer Überschwemmung des Geheges führten. Dabei gelangten auch bakterielle Toxine an die Erdoberfläche, an denen das Nashornweibchen starb.
Der vierzehnte Versuch klappte
Dieser Umstand ist für die Forscher von eminenter Bedeutung. Denn während künstliche Befruchtungen bei Menschen oder Haustieren etabliert sind, stellen sie bei so grossen Tieren eine Herausforderung dar. Laut eigenen Angaben hat dies bei Nashörnern bisher nur das Biorescue-Wissenschaftsteam versucht, ein internationales Gremium von Forschern, das vom deutschen Staat mit bis zu 6 Millionen Euro gefördert wird.
«Wir haben Geräte entwickelt, mit denen die erforderliche Stelle, an der der winzige Embryo in ein zwei Tonnen schweres Tier eingeführt werden kann, tatsächlich gefunden und erreicht werden kann», sagt Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut. «Es hat viele Jahre gedauert, bis wir erfolgreich waren.»
Genauer: dreizehn Versuche. So oft waren die Forscher zuvor am Embryotransfer gescheitert. Einmal misslang die Transplantation, ein anderes Mal wurde der Embryo abgestossen. Nun aber haben die Wissenschafter die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Das könnte das Überleben einer anderen Rasse sichern, der Nördlichen Breitmaulnashörner.
Von ihnen gibt es noch zwei: Najin und ihre Tochter Fatu. Sie leben streng bewacht im selben kenyanischen Reservat wie Curra. Weil es sich um zwei Weibchen handelt, ist eine direkte Fortpflanzung nicht möglich. Der letzte Bulle ihrer Art starb 2018 im Alter von 45 Jahren, nachdem mehrere Paarungsversuche mit Najin und Fatu gescheitert waren. Seither gilt das Nördliche Breitmaulnashorn in freier Wildbahn als ausgestorben.
Nebst Najin und Fatu gibt es noch dreissig Embryonen, die in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad in Berlin und im italienischen Cremona gelagert werden. Sie wurden mit Eiern von Fatu und mit Sperma von zwei männlichen Nördlichen Breitmaulnashörnern gezüchtet, bevor diese starben.
Dreissig Embryonen bedeuten dreissig Versuche, um das Überleben des Nördlichen Breitmaulnashorns zu sichern. Doch dafür braucht es einen weiteren wissenschaftlichen Durchbruch, denn sowohl Fatu als auch ihre Mutter Najin sind zu alt beziehungsweise gesundheitlich zu angeschlagen für eine erfolgreiche Schwangerschaft. Stattdessen soll der Embryo in die Gebärmutter eines Südlichen Breitmaulnashorns eingepflanzt werden.
Die Wissenschafter sind optimistisch, dass dies aufgrund der Artenverwandtschaft von Südlichen und Nördlichen Breitmaulnashörnern gelingen wird. Dieses Frühjahr soll ein erster Versuch unternommen werden.
Die Jungen sollen bei Fatu und Najin aufwachsen
Die Forscher sind gezwungenermassen optimistisch. Nashörner sind bis zu sechzehn Monate trächtig – die Zeit läuft gegen die Nördlichen Breitmaulnashörner. Sterben Fatu und ihre Mutter, bevor Nachwuchs da ist, wird dieser keine Gelegenheit haben, das Sozialverhalten seiner Art zu lernen. Zudem ist bereits jetzt klar, dass die künstliche Befruchtung das Überleben des Nashorns nicht sichern wird. Die genetische Vielfalt, die durch die künstliche Befruchtung entsteht, wäre nicht gross genug, um eine lebensfähige Population zu schaffen. Die Tiere wären zu nahe miteinander verwandt und kaum in der Lage, sich eigenständig fortzupflanzen.
Derzeit arbeiten die Wissenschafter deshalb auch daran, Nashornsperma und -eier aus Stammzellen zu erzeugen. Dies könnte das Überleben der Spezies sichern. Ob die Nashörner aber je wieder ausserhalb eines Geheges herumlaufen können, ist zweifelhaft. Denn es war der Mensch, der das Nördliche Breitmaulnashorn in freier Wildbahn ausgerottet hat. Weil er am Horn der Tiere einen besonderen Gefallen gefunden hatte. Das dürfte sich kaum geändert haben.