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festival
Bild: DGG
Eigentlich wollte Ernst Haefliger, geboren und aufgewachsen in Davos, gar nicht Sänger werden, sondern den Lehrerberuf ergreifen. Also studierte er Schulmusik am Seminar in Wettingen sowie am Zürcher Konservatorium. Doch dann begegnete er dem deutschen Bariton Willy Rössel, der aus gesundheitlichen Gründen bereits 1908 nach Davos gezogen war und hier als Musiker und Pädagoge eine rege Tätigkeit entfaltete. Rössel war einst Mitglied des Leipziger Thomanerchors gewesen – zweifellos eine stilbildende Schulung, die nun dem jungen Schulmusiker Ernst Haefliger zugute kommen sollte. Bei der Abschlussprüfung am Konservatorium hörte ihn Volkmar Andreae, der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich und Leiter stadtbekannter Chöre, und engagierte den jungen Prüfling umgehend als Evangelisten für Bachs «Johannes-Passion» am Karfreitag 1943 in der Zürcher Tonhalle. Ein stolzes Debüt.
Anstatt den Verlockungen einer frühen Karriere nachzugeben, studierte Ernst Haefliger weiter, zuerst bei Julius Patzak in München, dann beim namhaften italienischen Gesangspädagogen Fernando Capri, der ihn in die Tradition des lyrischen Belcanto einweihte und für eine Opernlaufbahn vorbereitete. Entscheidend wurde für Haefliger sein Debüt bei den Salzburger Festspielen 1949, wo er unter Ferenc Fricsay den Tiresias in der Uraufführung von Carl Orffs «Antigone» verkörperte und den Ersten Geharnischten in einer von Furtwängler geleiteten «Zauberflöten»-Produktion sang. Fricsay empfahl den jungen Haefliger an die Deutsche Oper Berlin, wo er ab 1952 während 20 Jahren das lyrische Tenorfach von Rossinis «Barbiere» bis zu Pfitzners «Palestrina» sang.
Mit Fricsay machte Haefliger auch einige Operneinspielungen für die Deutsche Grammophon: als Tamino in der «Zauberflöte», als Belmonte in der «Entführung», als Don Ottavio im «Don Giovanni», aber auch als Florestan in Beethovens «Fidelio». Zudem sang er in Beethovens Neunter, in Mozarts c-Moll-Messe oder in Rossinis Stabat mater – Aufnahmen, die vor allem dank Fricsays eminentem Künstlertum Schallplattengeschichte schrieben. Möglicherweise noch entscheidender für Haefligers künstlerische Laufbahn wurde die Begegnung mit Karl Richter, dem Gründer und Leiter des Münchener Bach-Chors und Bach-Orchesters. Am 12. Januar 1958 traten sie in Berlin erstmals gemeinsam auf; auf dem Programm: die Bach-Kantate «Ich hatte viel Bekümmernis». Zahllose Kantaten-Konzerte und Aufführungen der Passionen sowie der h-Moll-Messe schlossen sich in den folgenden Jahren an, vieles davon auf Archiv-Schallplatten der Deutschen Grammophon festgehalten bis zur letzten gemeinsamen Aufnahme im Juli 1969 – auch sie der Kantate «Ich hatte viel Bekümmernis» gewidmet.
Noch heute staunt man ob der künstlerischen Souveränität Ernst Haefligers. Sicher, seine Stimme – das, was man allgemein gerne als «Material» bezeichnet – war klanglich kaum attraktiv: ein helles, ja ein weisses Timbre ohne nennenswerten Facettenreichtum an Klangfarben. Auch gesangstechnisch war nicht alles zum Besten bestellt: Hohe Töne rutschten ihm immer wieder in die Kehle, was zu gepresstem Gesang führte. Bewundernswert blieben jedoch die lyrische Anmut seines Gesangs sowie seine intensive Textausdeutung. Singen und Sagen waren für Haefliger stets eines; seine sängerische Botschaft war stets auch eine menschliche, erfühlt und darum berührend. So verwundert es nicht, dass er vor allem in den Evangelisten-Partien in Bachs Passionen jahrelang Massstäbe setzte.
Kultiviertes Stilempfinden zeichnete auch den Liedersänger Ernst Haefliger aus: ein konzentrierter Gestalter, dessen Gesang ganz dem vertonten Dichterwort verpflichtet war. Im Zentrum standen Schuberts Liedzyklen sowie Lieder von Schumann, aber auch mit Othmar Schoeck konnte er ein Publikum begeistern. Aribert Reimann schrieb für Haefliger den Zyklus «Engführung», den die beiden am 23. Januar 1968 in Berlin zur Uraufführung brachten – eine von über 20 Uraufführungen, bei denen Haefliger mitwirkte, vielfach in Werken von Schweizer Komponisten, die in ihm einen besonders beherzten Anwalt hatten. Unvergessen ist auch Haefligers später Auftritt als Gustav von Aschenbach in Brittens «Death of Venice» 1974/75 am Stadttheater Bern.
Seine weitreichenden künstlerischen Erfahrungen in einem Repertoire, das von Guillaume de Machaut bis ins 20. Jahrhundert reichte, liess Haefliger in späteren Jahren vermehrt auch dem sängerischen Nachwuchs zukommen – als Professor an der Musikhochschule München von 1971 bis 1981 sowie in zahlreichen Meisterkursen. Die Summe solcher pädagogischen Tätigkeit zog er schliesslich in seinem Buch «Die Singstimme», veröffentlicht 1984 bei Schott in Mainz. Noch 1995 sang er Schuberts «Winterreise» in London, New York und Mailand, jetzt begleitet von seinem Sohn Andreas Haefliger. Und im Herbst 2006 fand in Gstaad erstmals der Concours Ernst Haefliger statt. «Es war ein strenges Programm», erinnerte sich Aviel Cahn, der künstlerische Direktor des neu gegründeten Gesangswettbewerbs. «Eine Woche lang, ab zehn Uhr morgens den ganzen Tag junge Sänger anhören. Würde unser Namensgeber durchhalten, wo schon jüngere Juroren Konditionsprobleme haben? Bereits eine halbe Stunde vor Beginn nahm Ernst Haefliger seinen Ehrenplatz ein. Er war immer der Erste …» ■