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Für Touristen sieht Bern aus, als wäre es immer schon da gewesen. Als sei es vor Urzeiten aus dem Sandstein gehauen und seither höchstens noch ein wenig renoviert und instandgehalten worden. Der Blick auf den Stadtplan scheint diesen Eindruck zu bestätigen: klare Linien, gerade Strassen, eine Stadt, wie vom Reissbrett. Umso ernüchternder ist die Realität: Bern ist ein einziges Durcheinander. Am Bärenplatz leben keine Bären, an der Spitalgasse steht kein Spital und an der Postgasse ein Packet aufzugeben, ist aussichtslos. Metzger und Waisenkinder findet man an den angegebenen Stellen keine, die «Insel» umspült kein Gewässer und das Theater trennen 150 Meter vom gleichnamigen Platz. Bern leidet an Städtedemenz: Je älter eine Stadt ist, desto wirrer sind die Beschriftungen. Denn im Lauf der Jahrhunderte sind alle schon mindestens dreimal umgezogen.
So auch das Casino. Das erste war 1821 erbaut und 1895 abgebrochen worden, um Platz zu schaffen für das heutige Bundeshaus. Für einige Jahre kamen die Musiker im Haus der Museumsgesellschaft unter (dem heutigen Berner-Kantonalbank-Gebäude am Bundesplatz), was aber keine Lösung auf Dauer sein konnte. Jahrelang drehten sich die Ideen für einen Neubau um die kleine Schanze, wo fast die gesamte heutige Grünanlage überbaut worden wäre. Dann aber tat sich eine ganz andere, noch attraktivere Möglichkeit auf: der Standort der alten Hochschule am Ende der Herrengasse.
Das Gebiet der alten Hochschule
Berns alte Hochschule war auf den Überresten eines Franziskanerklosters gebaut worden. Die obige Aufnahme wurde zwischen 1893 und 1895 vom Münsterturm aus gemacht und zeigt im untersten Drittel rechts der Mitte eine Gasse: die Münstergasse. An dieser steht linkerhand das langgezogene Gebäude der heutigen Burger- und der Universitätsbibliothek – es war schon damals ein Bibliotheksgebäude. Daran schliesst sich weiter links ein grosser, zur Hochschule gehörender Garten an. Noch weiter links befindet sich das Hochschulgebäude, das wie ein verkehrtes C nach links (Süden) blickt.
Der Hochschulgarten wird am unteren Bildende durch die Lateinschule (das Gebäude mit schlankem Turm) begrenzt. Vor diesem endet die damals deutlich kürzere Herrengasse. Die Gebäude am oberen (westlichen) Ende des Gartens beherbergen Teile der Hochschule, eine Polizeiwache sowie das historische Museum, in welchem im 19. Jahrhundert naturhistorische, militärgeschichtliche sowie allgemein historische Sammlungen untergebracht waren.
Ganz links führt die Kirchenfeldbrücke aus dem Bild und von dieser aus sah die Hochschule so aus:
Grund für den Abriss der Hochschule war ihr Erfolg. Zwischen 1885 und der Jahrhundertwende hatten sich die Studentenzahlen von 500 auf 1000 verdoppelt und so wurde beschlossen, auf der Grossen Schanze eine neue Hochschule, eine Universität zu bauen. Sie wurde 1903 eröffnet.
Verlängerung der Herrengasse
Die alte Hochschule sowie fast alle bisher erwähnten Gebäude wurden 1906 abgebrochen. Zugleich wurde die Herrengasse auf die heutige Länge ausgebaut, vom Hochschulgarten blieb bloss eine kleine Reminiszenz hinter Universitäts- und Burgerbibliothek erhalten. Abgebrochen wurden auch die Polizeiwache sowie das historische Museum (nächstes Bild).
Fassade auf Wanderschaft
Besonders gegen den Abbruch des Museum regte sich Widerstand. Dessen Fassade galt nämlich als architektonisches Prunkstück, weswegen Unterschriften für ihren Erhalt gesammelt wurden – mit einem gewissen Erfolg. Auf dem Trottoir neben der Burgerbibliothek zeigt heute eine Bodenverzierung den Grundriss des ehemaligen Eingangsportals an. Und die die prunkvolle Fassade wurde als Brunnenelement am Thunplatz wieder aufgebaut (nächstes Bild).
Die Bauarbeiten für das neue Casino begannen schliesslich im Jahr 1907. Verantwortlich war diesmal nicht mehr ein Verein, sondern die Burgergemeinde und diese entschied sich für das Projekt der Architekten Paul Lindt und Max Hofmann. Ihr Entwurf unterschied sich von den Vorschlägen der Konkurrenz vor allem dadurch, dass sie die Restaurantterrasse nach Süden ausrichteten, am Gebäude selbst auf diverse Schnörkel und Türmchen verzichteten und ihm stattdessen ein prägnantes «Walmdach» aufsetzten. Ein Dach also, das wie bei vielen Berner Bauernhäusern auf an den Enden des Giebels abgeschrägt ist. Nach nur zwei Jahren Bauzeit konnte das neue Casino im Mai 1909 eröffnet werden.
Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch
(Blogbild Quelle: Burgerbibliothek Bern, FN.G.C.1154)