Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03410.jsonl.gz/1345

Blitzschnelle Signale
Bemerkenswert ist, wie blitzschnell unser Bauchhirn solche Schlüsse zieht und entsprechende Massnahmen verordnet. Oft genügen schon winzige Hinweise, ein Urteil über eine Situation zu fällen. US-Psychologin Nalini Ambady weist darauf hin, dass 100 Millisekunden genügen, also etwa die Zeit, die es braucht, einmal zu blinzeln, um das Foto eines fremden Menschen als vertrauenswürdig, attraktiv, fähig oder liebenswert zu bewerten. Dabei vermittelt unser Bauchhirn seine Urteile meist in Form von Gefühlen, die wiederum über körperliche Signale kommuniziert werden.
Inzwischen sind eine Reihe weiterer solcher Signale des Bauchhirns bekannt. Polizisten berichteten, dass sich ihnen die Haare aufstellen, wenn Gefahr droht. Manager erzählen, sie beginnen zu zittern, wenn sie eine gute Geschäftsidee hätten. Eine wichtige Rolle in der Koordination dieser Signale – die auch als somatische Bio-Marker bezeichnet werden – spielt das Bauchhirn. Bewusstes Denken scheint hier überflüssig, ja es stört sogar.
Eine Untersuchung an der Züricher Universität belegte, dass Paare, die auf die Frage, ob sie glücklich seien, aus dem Bauch heraus antworteten, einen hervorragenden Indikator dafür lieferten, ob sie in den nächsten Monaten noch zusammen sein würden. Bat man sie jedoch, eine Liste zu erarbeiten, mit allem, was gut oder schlecht lief, und fragte sie dann, verlor ihre Einschätzungskraft jegliche Aussagekraft. Offenbar übertönt das Bewusstsein mit seiner sprachlich vermittelten Ratio eben die weitaus genaueren Signale aus dem Bauchhirn. Diesen Umstand wissen auch Sportler zu beschreiben. Erfahrene Fussballspieler spielen meist automatisch den Ball an den am besten platzierten Mitspieler weiter. Liegt jedoch eine kurze Überlegungspause dazwischen, wählen sie oft eine ungünstige Variante. Der Grund: Es gibt keine Überlegungszeit. Gibt es keine Zeit zum Nachdenken, dann steuert das Unterbewusstsein den Körper und wählt aus einer gigantischen Datenbank jene Spielzüge aus, die Erfolg versprechend sind.
Täuschung möglich
Diese Fähigkeit – intuitiv zu handeln – besassen auch schon unsere Vorfahren. Zu Urzeiten war es besser, manchmal falsch zu liegen, als langsam und gewissenhaft zu entscheiden. Das konnte Leben retten – denn wer den Tiger im hohen Gras nicht rechtzeitig erkannte, der war tot. Wer hingegen Tiger sieht, wo keine sind, der rennt häufiger umsonst weg, bleibt aber am Leben. Jedoch kann uns die Intuition durchaus auch täuschen. Zweifel an den Bauchgefühlen sollte man bei Vorstellungsgesprächen hegen. So können wir zwar blitzschnell beurteilen, welche Art von Person unser Gegenüber darstellt – und damit möglicherweise, wie gut wir mit ihr zusammenarbeiten können. Offenbar jedoch nicht, wie effizient sie ihre Arbeit tun wird. Der Lebenslauf und die schriftliche Bewerbung stellen scheinbar bessere Indikatoren für eine gute Arbeitsleistung dar.
Das Bauchhirn überbewertet oftmals auch Dinge, die uns ängstigen. Nach dem 11. September 2001 etwa hielten es viele Amerikaner intuitiv für sicherer, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, anstatt zu fliegen. Tatsächlich jedoch war auch damals das Sterberisiko ungefähr 40-mal höher, wenn die Autofahrt den Vorzug vor der Flugreise erhielt. Wann also sollten wir auf unsere Intuition achten? Der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahnman und der Intuitionsforscher Gary Klein haben die Frage jüngst untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass Intuition unter zwei Bedingungen hochverlässlich ist. Erstens: Immer dann, wenn bereits Erfahrungen mit der jeweiligen Situation gemacht werden konnten. Und zweitens: Wenn es objektive bedeutungsvolle Zusammenhänge gibt, die das Bauchhirn erkennen kann. Trifft beides zu, kann Intuition sogar erfolgreicher sein als jede kognitive oder technische Methode.
Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, warum Intuition nicht in Bezug auf die Umsetzung der Regeln zur Gesunderhaltung unseres Organismus gelingt. Gerade die neuste Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln unter 2500 Schweizerbürgern zeigt erneut: Nur jeder siebte Schweizer erfüllt alle Mindestanforderungen an ein gesundes Leben. Dabei waren körperliche Aktivität, gesunde Ernährung sowie die Vermeidung von Stress, Nikotin und übermässigem Alkoholkonsum gefragt. Es scheint, als ob die Bauchhirn-Intelligenz des Menschen hier noch dringenden Nachholbedarf zeigt. Gefordert sind hier also innovative, niederschwellige Gesundheitsförderungsprogramme, die begeistern. Deshalb: Wohl dem, der in diesem Falle den Kopf zur Hilfe nimmt.