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Roman, Eichborn Verlag, Frankfurt, 1998
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Ein Tag und eine Nacht in Genf – der kleinsten Metropole der Welt!
Textauszug
RUES BASSES
Mit Hochdruck spritzt das Wasser aus der langen, querstehenden Brause, dicke Bürstenkreisel laufen am Bauch des Waschwagens gegeneinander, kratzen die Bordsteinkante blank, schleudern Zigarettenstummel, Dosen und verdreckte Papierservietten in die Tonne. Der orangene Wagen fährt langsam, mit jener gewissenhaften Genauigkeit der Rolex-Uhren, die hinter den Fenstern aufgebahrt sind. Die Strasse ist menschenleer. Ein feiner Glanz liegt über den Glasfassaden. Die ersten Sonnenstrahlen dringen über die Dächer, fallen auf das nassglänzende Pflaster, blitzen an verschlossenen Türen und Fenstern, treffen auf starre Puppengesichter, auf Preisschilder und Ladenöffnungszeiten. Das Wasser rauscht über den Boden, die Luft vibriert vom Brummen des dahinschleichenden Staubsaugers, der knapp an der Schaufensterscheibe vorbeischnurrt und um die Ecke verschwindet. Ein alter Mann geht über das frisch gewaschene Trottoir. Geneigter, buckliger Rücken, eine Zigarette in der Hand. Er nimmt einen letzten Zug, wirft die Zigarette zur Seite und verschwindet in einer Gasse. Der glimmende Stummel erlischt im Wasser des Waschwagens, der um die Ecke zurückkommt und weiter durch die leere Strasse an den Auslegevitrinen, Eingangsportalen und Werbeplakaten entlang fährt wie durch eine verlassene Welt.
Nicht weit davon, im nahen Park, räkelt sich derweil ein grosser, schwerer Körper unter Zeitungen, kältestarre Arme und Beine, schmerzende Gelenke, der unwiderstehliche Drang zu pinkeln, das Beissen am Kinn, die rissige Hand, die über die Bartstoppeln fährt. Das Knistern und Rascheln der Zeitungen und Plastiktüten, ein Griff an die Seite – noch alles da. Zwei Rucksäcke liegen neben ihm, die Flöte steckt in der Seitentasche. Blick über den Jardin Anglais, in genauer Regelmässigkeit gesetzte Blumen, die niedrigen Zäune, die messerscharf nachgezogenen Rasenborde, das Geländer vorne am Steg. Der See ist ruhig heute. Ein leichtes Schimmern auf der glatten Oberfläche des weiten, sich bis nach Lausanne, Montreux, bis an die Mündung des Wallis hinaufziehenden Lac Léman. Die Häuserzeile auf der anderen Hafenseite, Schriftzüge von Banken, Versicherungen und Getränken, die rotweisse Fahne auf einem Dach.
Vereinzelt ein Auto, das über den Pont du Mont Blanc rast, ein Bus. Bald wird der Verkehr einsetzen.
In der Ferne geht der Alte an einem Stock. Leicht hinkend schlendert er über das Trottoir an den Geschäften entlang. Er redet vor sich hin, bleibt stehen, betrachtet die Auslagen in den Vitrinen. Er weiss, dass er der erste ist. Das Café ist noch geschlossen, aber in wenigen Minuten wird es öffnen. Noch ein paar Schritte, nicht zu hastig gehen.
Schlüssel klirren, die Tür geht auf. Ein grosser, dickbäuchiger Mann tritt auf die Strasse hinaus, steckt sich eine Zigarette in den Mund, schaut nach links und nach rechts, verschwindet im Eingang, um gleich darauf mit Stühlen wieder auf dem Trottoir zu erscheinen, holt noch mehr Stühle, dann einen Tisch, noch einen und schliesslich einen dritten. Er wirft rote, gerillte Plastikdecken darüber, rückt die weissen Kunststoffstühle zurecht, schaut die Strasse hinunter, wirft die Zigarette auf den frisch gefegten Asphalt und tritt wieder ins Café.
Es ist eben sechs Uhr vorbei, als der Alte eintritt. Mit gesenktem Haupt und zum Gruss erhobener Hand bestellt er einen Kaffee, setzt sich ans Fenster unter den in Spiegelschrift schwungvoll auf das Glas gemalten Schriftzug: Cristallina. Er steckt sich eine Zigarette an. Seine fleckigen Hände zittern leicht. Er schaut durch das Fenster auf die Strasse hinaus. Die ersten Frühaufsteher gehen vorüber. Der Kellner serviert den Kaffee. Ca va? – Oh, lala, das wird ein Tag werden!