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Der Biolandbau ist für die Biodiversität gar nicht so hilfreich wie gemeinhin angenommen. Zu diesem Schluss kommen englische Forscher in einer Studie. Sie verglichen die Zahlen von Vögeln, Insekten, Regenwürmern und Pflanzen auf konventionellen Parzellen mit Parzellen, die biologisch bewirtschaftet werden. Das Ergebnis: Auf den biologisch bewirtschafteten Flächen war die Biodiversität um 12 Prozent höher. Dieser Zusatznutzen sei dürftig, angesichts der Tatsache, dass die beobachteten Bio-Parzellen mit Winterweizen dafür 55 Prozent weniger Ertrag lieferten, befanden die Wissenschafter. "Da der Nutzen für die Biodiversität klein ist, könnten die tieferen Erträge ein Luxus sein, den wir uns gar nicht leisten können – vor allem nicht in den produktiveren Regionen des Landes", wird Studienleiter Tim Benton in einer Medienmitteilung der Universität Leeds zitiert. Um die gleiche Menge an Nahrungsmitteln zu produzieren, brauche es im Biolandbau die doppelter Fläche. Damit schade man an einem anderen Ort wieder der Biodiversität.
Zahl der Biobetriebe wichtig
Die Wirkungen auf die Biodiversität waren umso positiver, je mehr Biobetriebe sich in einer Region befanden. Konventionelle Betriebe in einer von Biobetrieben dominierten Gegend hatten laut der Studie aber mehr Unkrautdruck von Nachbarfeldern und mussten zum Teil mehr Pflanzenschutzmittel ausbringen. Studienleiter Benton zieht aus den Ergebnissen den Schluss, dass es am sinnvollsten ist, in den fruchtbaren Regionen intensiv zu produzieren und auf den agronomisch weniger geeigneten Böden mehr Biodiversität zu "produzieren". "Um in Zukunft genügend Lebensmittel produzieren zu können, müssen wir unsre fruchtbaren Flächen so intensiv wie möglich nutzen", wird Benton in der Medienmitteilung zitiert. Im Gegenzug könne man einen Teil des verbleibenden Landes als Naturschutzreservate ausscheiden.
Eine Balance zwischen Produktion und Biodiversität zu finden, sei schwierig, sagt Co-Autor Professor Chris Thomas von der Universität York. "Wenn wir in Europa extensiv produzieren, dann werden die Europäer nicht hungern, es werden einfach mehr Lebensmittel aus anderen Ländern importiert. Dann muss dort intensiver oder auf grösseren Flächen produziert werden. Das heisst, die Biodiversitätsverluste werden in anderen Weltregionen auftreten."
Bio und konventionell
In der englischen Studie wurden insgesamt 192 Parzellen von 21 ökologisch und konventionell wirtschaftenden Betrieben im Norden und im Südwesten Englands untersucht. Laut den Forschern wurden so 30 unterschiedliche Kombinationen von Klimata, Geländestrukturen, sozioökonomischen Bedingungen, Landnutzungen und Bodenarten studiert. Der Stand der Biodiversität wurde anhand von Vögeln, Insekten, Regenwürmern und Pflanzen untersucht.
"Scale matters: the impact of organic farming on biodiversity at different spatial scales", Ecology Letters, Juli 2010, S. 858–869, Doreen Gabriel, Steven M. Sait, Jenny A. Hodgson, Ulrich Schmutz, William E. Kunin and Tim G. Benton
Überrissene Ertragseinbussen
Lukas Pfiffner, Forscher am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) im aargauischen Frick, hält Bentons Auslegung der Studienergebnisse für einseitig und irreführend. "Man kann nicht einfach Biodiversität und Erträge gegeneinander ausspielen", sagt er. Wenn schon müsse man die Erlöse am Markt miteinbeziehen. Ein Schweizer Biobauer erhalte für Bioweizen fast das Doppelte wie für konventionellen Weizen. Auch die so genannte funktionale Biodiversität, also die Bestäubungsleistung, die Schädlingsdezimierung oder Leistungen für die Bodenfruchtbarkeit müssten miteinbezogen und monetarisiert, das heisst, als Geldwert ausweisen werden.
Ferner seien die Ertragseinbussen von 55 Prozent viel zu hoch. "Im Biogetreideanbau gibt es höchstens 25 Prozent Einbussen", sagt Pfiffner. Die englischen Studienergebnisse stünden schliesslich in krassem Widerspruch zu Metastudien, in denen alle bisher publizierten wissenschaftlichen Vergleichsstudien berücksichtigt werden. Diese kämen zum Schluss, dass der Biolandbau zu 50 Prozent mehr Individuen und 30 Prozent mehr Artenvielfalt führe. Die von Benton vorgeschlagene Spezialisierung in Regionen, wo intensiv produziert ("Schmutzgebiet") werde und andere, wo Biodiversität ihren Platz habe ("Schutzgebiet"), hält Insektenforscher Pfiffner für weder sinnvoll noch umsetzbar: "Auch Biodiversität muss gepflegt werden und bringt Arbeit." Es mache den Anschein, dass Benton sich lediglich mit seinen Thesen lediglich profilieren wolle.
In England selber gab es heftige Kritik an Bentons Äusserungen. Diese seien reisserisch und irreführende PR, hiess es in der biologischen Fachpresse (Organic Research Center, August 2010). Es sei beispielsweise nicht zu verstehen, weshalb die Erträge nur beim Winterweizen untersucht würden, wo doch viele der untersuchten Biobetriebe auch Milch oder Fleisch produzierten. Das Resultat, dass eine grössere Zahl von Biobetrieben in einer Gegend für die Biodiversität bessere Effekte bringe, sei neu und interessant. Die Schlussfolgerung daraus, dass Produktion und Naturschutz räumlich getrennt werden müssten, sei aber unzulässig.
Bei der Kontroverse geht es um mehr als nur um innerakademische Querelen. In vielen europäischen Zeitungen und Fachzeitschriften wurden die Befunde und die Aussagen von Benton aufgegriffen. Auch in Brüssel zirkulierten laut dem Organic Research Centre Presseartikel, die auf Bentons irreführender Medienmitteilung beruhten – als Argumentshilfe gegen eine staatliche Förderung des Biolandbaus.
Biodiversität geht auch mit konventionellen Anbau
Thomas Walter von der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope ART sagt, der Biolandbau sei gesamtheitlich gesehen wohl umweltschonender als der konventionelle Landbau und letztlich nachhaltiger als viele Methoden des konventionellen Landbaus. Insbesondere beim Gewässerschutz – der in der englischen Studie nicht berücksichtig wurde – habe der Biolandbau den grossen Vorteil, dass keine Pflanzenschutzmittel in die Gewässer eingetragen würden. Walter hält aber fest, dass es auch im konventionellen Landbau möglich sei, viel für die Biodiversität zu tun. Und das werde auch getan, beispielsweise von den IP-Suisse-Bauern, die für das TerraSuisse-Label von Migros produzierten.
Generell habe in der Schweiz die Erhaltung und Förderung von artenreichen Lebensräumen ein grosses Gewicht, sagt Walter. Trotzdem bleibe noch viel zu tun, um den Rückgang der heute gefährdeten Arten und Lebensräume zu stoppen. "Da ist es wenig hilfreich, wenn der Biolandbau und der konventionelle Landbau in solchen Studien gegeneinander ausgespielt werden."