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Eine Untersuchung der Twitter Aktivität im Rahmen der umstrittenen Masseneinwanderungsinitiative aus dem Jahre 2014 von Sina Blassnig zeigt, dass Schweizer Politiker die Plattform kaum während dem Abstimmungskampf nutzten, sondern vielmehr um im Nachhinein das Resultat zu kommentieren. Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob sich bei Wahlkämpfen ähnliche Muster zeigen, oder ob der zeitliche Verlauf der Twitter Aktivität hier eher auf eine aktive, strategische Nutzung des Mediums als Instrument im politischen Kampf hindeutet.
Die Parlamentswahlen stehen vor der Tür und es stellt sich die Frage, ob es den Parteien gelingt, auch im Internet eine überzeugende und effiziente Wahlkampagne zu führen. Social Media Plattformen wie Facebook und Twitter sind spätestens seit Barack Obamas Wahlsieg 2008 ein etablierter Faktor in politischen Kampagnen. Mit der Einrichtung eines Accounts auf Facebook oder Twitter ist jedoch die effektive Nutzung dieser Instrumente in politischen Kampagnen noch lange nicht gewährleistet. Die Untersuchung des zeitlichen Verlaufs der Twitter Aktivität von politisch aktiven Personen anlässlich der kantonalen Wahlen in Bern und Nidwalden im März 2014 zeigt, dass das Potential der neuen Social Media Plattform in Abstimmungs- und Wahlkämpfen in der Schweiz noch keineswegs komplett wahrgenommen wird. Dieses Problem betrifft alle Parteien in ähnlichem Umfang. Insbesondere fällt auf, dass auch die Grünen und die SP, deren Mitglieder sich tendenziell durch eine höhere Aktivität auf Twitter auszeichnen, im analysierten Kontext nicht effizienter vorgehen, als die anderen Parteien
Seit den erfolgreichen online Wahlkampagnen von Barack Obama haben auch die Schweizer Politikerinnen und Politiker sowie politische Parteien ihren Weg ins Internet und auf die Social Media Plattformen Twitter und Facebook gefunden. Doch die wirksame Nutzung dieser Instrumente in politischen Kampagnen verlangt ein gewisses Know-how und beträchtliche Investitionen von Zeit und Aufwand. Viele amtierende Parlamentarierinnen und Parlamentarier überlassen die Twitter Aktivität ihren Parteien. Von den wenigen, die überhaupt einen Account unterhalten, sind viele weitgehend inaktiv. (Wahlkampf auf Twitter und Facebook? Fehlanzeige)
Doch auch eine rege Aktivität auf Twitter entspricht noch nicht unbedingt einer effizienten Nutzung der Plattform als Kampagnenwerkzeug. Dieser Beitrag untersucht den zeitlichen Verlauf der Twitteraktivität politisch relevanter Akteure vor und nach den kantonalen Wahlen in Bern und Nidwalden im März 2014. So soll er der Frage nachgehen, ob Twitter von Schweizer Politikerinnen und Politikern in erster Linie als wirksames Werkzeug im Wahlkampf oder als Medium zur Kommentierung und Diskussion politischer Geschehnisse gebraucht wird.
Anstoss dazu gab ein Beitrag zur Masseneinwanderungsinitiative von Sina Blassnig aus dem Jahr 2014. (Die #MEI auf Twitter: Aufschrei statt Diskussion?) Frau Blassnig erkannte unter anderem, dass Twitter eher genutzt wurde, um das Resultat zu kommentieren, als um im Vorfeld der Abstimmung Einfluss auf das Resultat zu nehmen. Die grösste Menge an Tweets zum Thema wurde nicht während dem Abstimmungskampf publiziert, sondern erst nach der Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen zum Resultat. Dies ist gerade bei einer polarisierten Vorlage wie der Masseneinwanderungsinitiative und dem eher unerwarteten Resultat der Abstimmung durchaus verständlich. Es bedeutet jedoch auch, dass Twitter in diesem Fall nicht primär als Werkzeug im Abstimmungskampf sondern vielmehr als Reaktionsforum benutzt wurde.
Die Untersuchung der Twitter-Aktivität bezüglich der kantonalen Wahlen im März 2014 zeigt, dass Twitter auch in diesem Fall hauptsächlich als Plattform für Kommentare genutzt wurde:
Die Grafik zeigt die insgesamte Anzahl durch politisch aktive Personen veröffentlichter Tweets zu den kantonalen Wahlen in Bern und Nidwalden nach Parteizugehörigkeit oder -sympathie der Autoren. Der klar ersichtliche Aktivitätsspike am 30. März sowie der kleinere Spike am 23. März stimmen genau mit den jeweiligen Wahlterminen (23. März in Nidwalden, 30. März in Bern) überein. Sie entsprechen den Reaktionen auf die ersten Hochrechnungen der Wahlresultate. In Bezug auf eine effiziente Nutzung des Mediums im Wahlkampf scheint also noch einiges an Verbesserungspotential zu bestehen, wie das klar ersichtliche zeitliche Muster zeigt.
Interessant ist auch die Unterteilung nach Parteien. Einerseits geht aus der Grafik klar hervor, dass die verschiedenen Parteien Twitter nach wie vor in sehr unterschiedlichem Ausmasse nutzen – insbesondere da die Grafik totale Zahlen wiedergibt die nicht bezüglich der Grösse oder der Wählerstärke der jeweiligen Parteien gewichtet wurden. Vor allem die Mitglieder der SPS und der Grünen, die für ihren vertrauten Umgang mit Twitter bekannt sind (siehe etwa die individuellen Rankings unter http://twittermonitor.somepolis.ch/), zeichnen sich durch hohe Aktivität aus. Andererseits zeichnet jedoch der Blick auf die Verhältnisse zwischen Aktivität am 30. März und Aktivität während dem restlichen untersuchten Zeitraum ein neues Bild:
Die SPS und die Grünen, welche sich durch hohe Twitter Aktivität auszeichnen, unterscheiden sich bezüglich dem zeitlichen Verlauf ihrer Aktivität kaum von den anderen Parteien. Ihre Aktivität schnellt an den Abstimmungswochenenden sogar noch stärker in die Höhe, als die der meisten anderen Parteien. Trotz ihrer tendenziell höherer Aktivität auf Twitter verwenden diese Parteien die Social Media Plattform also im Wahlkampf nicht effizienter als ihre Konkurrenten. Auch sie nutzen Twitter primär als Reaktions- und Diskussionsforum und allenfalls sekundär als Wahlkampfinstrument.
Eine alternative Erklärung für die beobachteten Aktivitätsmuster wäre, dass diese lediglich mit den Schwankungen in der Nutzung von Twitter insgesamt einhergehen. Ich untersuche daher in einem zweiten Schritt den Anteil an Tweets zu den kantonalen Wahlen an dem im untersuchten Zeitraum veröffentlichten Tweets insgesamt.
Die Grafik zeigt den Anteil im untersuchten Zeitraum veröffentlichter Tweets, die sich mit den Wahlen in Bern oder Nidwalden beschäftigten an der Anzahl aller durch die untersuchten Accounts veröffentlichter Tweets. Tatsächlich entdeckt diese sekundäre Analyse einen relativen Spike von Wahlkampfaktivitäten zwei Wochen vor den Wahlen in Bern, der bei der Betrachtung der insgesamten Zahlen noch deutlich kleiner ausfiel. Im Grossen und Ganzen bestätigen sich jedoch die Ergebnisse der primären Untersuchung: Die Aktivitätsspikes an den Tagen der Wahlen in Reaktion auf die Veröffentlichungen der ersten Hochrechnungen sind nach wie vor klar ersichtlich und dominieren den zeitlichen Verlauf der Twitter Aktivität.
Dr. Louis Perron, Politologie und professioneller Kampagnenberater, argumentierte am 9. Februar bei einem Interview mit Radio Zürisee (siehe http://www.perroncampaigns.ch/media.php) die Relevanz von Social Media im Wahlkampf in der Schweiz sei überschätzt. Meine Ergebnisse unterstützen diese Aussage insofern als sie zeigen, dass Twitter von politischen Akteuren in der Schweiz noch nicht einmal primär als Kampagnenwerkzeug verwendet wird.
Autor: Dominik Braunschweiger / <email-pii> / 09-105-933 / Abgabedatum 29.3.2015
Blogbeitrag Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus
Dozenten: Dr. Sarah Bütikofer, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno Wüest
Daten: Datenbank mit Accounts und veröffentlichter Tweets politisch relevanter Akteure in der Schweiz auf Twitter zusammengestellt von Bruno Wüest.
Wörter: 986
Quellen:
Sina Blassnig (15.3.2014): Die #MEI auf Twitter: Aufschrei statt Diskussion? http://pwiweb.uzh.ch/wordpress/?p=945
Rankings der Twitter Aktivität von Bundespolitikern: http://twittermonitor.somepolis.ch/
Radio Zürisee Interview mit Louis Perron zu seiner Einschätzung der Relevanz von Social Media im Schweizer Wahlkampf (9.2.2015): http://www.perroncampaigns.ch/media.php
Silvan Fischer (18.2.2015): Wahlkampf auf Twitter und Facebook? Fehlanzeige http://www.srf.ch/news/regional/zentralschweiz/wahlkampf-auf-twitter-und-facebook-fehlanzeige