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Am 4. August 2011 würde Mani Matter 75 werden. Aus diesem Anlass macht ihn die offizielle Schweiz mit einer Ausstellung im Zürcher Landesmuseum zum Intellektuellen von nationaler Bedeutung (siehe unten: «Der iPad-Matter»).
Zu Recht: Matter war einer der wichtigen Intellektuellen seiner Generation, ein brillanter Kopf und eine charismatische Erscheinung – nicht nur als Liedermacher. Als politischer Kopf war er ein Liberaler (im Sinn von 1848 – nicht von 2011), in den späten sechziger Jahren kritisch interessiert an den Achtundsechzigern und zunehmend fasziniert vom demokratischen Sozialismus, insbesondere vom Prager Frühling.
An das Erbe dieses Manns nachdrücklich zu erinnern, ist richtig und wichtig. Dass zum runden Geburtstag zudem neue Publikationen erscheinen respektive angekündigt werden, ist erfreulich. Merkwürdig bloss, wie widersprüchlich an Matters Bild herumgewerkelt wird.
Unbedarftes und Veraltetes
Zur Ausstellung im Landesmuseum – «Mani Matter (1936–1972)» – ist eine gleichnamige Begleitpublikation erschienen. Sie bringt unter anderem zwei historische Verortungen Matters: zum einen eine differenzierte biografische Skizze von Wilfried Meichtry, zum anderen einen Aufsatz von Pascale Meyer über «Mani Matters Zeit». Zusammengefasst steht da Folgendes: Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Schweiz von der Mangel- zur Überflussgesellschaft und bleibt – Kalter Krieg! – geistig ein bisschen eng. Nach der Expo 1964 kommt Mick Jagger ins Hallenstadion und Mani Matter in die «Rampe», wonach die 68er-Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist.
Auch wenn wenig Platz zur Verfügung stand: Zu insinuieren, Matter habe damals als singuläres Genie auf die «Verwerfungen und Erschütterungen dieser Jahre» reagiert, ist läppisch. Er war ein später Kopf jenes nonkonformistischen Aufbruchs, der es gegen Ende der sechziger Jahre – nach mehr als zwei Jahrzehnten – geschafft hat, der zwischen 1914 und 1949 immer wieder vom Notrecht und zunehmend autoritär regierten Schweiz erneut eine liberale Öffentlichkeit abzutrotzen. Bemerkenswert, dass man in einer Publikation des Schweizerischen Nationalmuseums davon nichts weiss.
Das veröffentlichte publizistische Werk Matters ist nach dem Ende des Ammann-Verlags (Mitte 2010) an den Zytglogge-Verlag übergegangen. Dazu eine gute und eine schlechte Meldung. Die gute: Zytglogge gibt nächsten Monat Matters bisher unbekanntes, neunzigseitiges «Cambridge-Notizheft» heraus, jenes Tagebuch, das er 1967/68 in England geführt hat, während er an seiner Habilitationsschrift schrieb. Ein wichtiger Mosaikstein zum Verständnis von Matters intellektueller Entwicklung. Die schlechte Nachricht: Ebenfalls bei Zytglogge erscheint eine offenbar unveränderte Neuauflage der «Sudelhefte» und des «Rumpelbuchs». In der Erstausgabe der «Sudelhefte» stand 1974: «Diese Aufzeichnungen wurden von Urs Frauchiger, Dieter Fringeli, Franz Hohler, Peter Lehner, Joy Matter, Fritz Widmer, Helen Zuppiger-Matter ausgewählt und zusammengestellt.» Kann man 2011 unverändert auflegen, was Pietät und persönliche Vorlieben vor bald vierzig Jahren ausgewählt haben?
Was man heute lesen möchte: eine ungekürzte Ausgabe sämtlicher matterschen Notizhefte; eine möglichst vollständige Sammlung seiner essayistischen und wissenschaftlichen Schriften; eine kritische Edition seiner Chansontexte (verschiedene Typoskriptexponate in Zürich zeigen, wie spannend das wäre).
Öffentliches und Gesperrtes
Ko-Kurator der Ausstellung im Landesmuseum ist der Historiker Wilfried Meichtry. Im Rahmen dieses Projekts hat er, wie er sagt, mit Matters Witwe Joy gut und eng zusammengearbeitet. Dabei sei die Idee entstanden, eine Matter-Biografie zu verfassen – eine Arbeit, die er gerne übernommen habe. Letzthin ist er zitiert worden, er verstehe seine Rolle «nicht als die eines Hagiografen», er werde «niemandem nach dem Mund schreiben» («Tages-Anzeiger»/«Bund», 21.5.2011). Obschon er sich selbst über die Formulierung ärgert (so habe er das nicht gesagt), fragt man sich: Warum ein vorauseilendes Bekenntnis zu einer Selbstverständlichkeit?
Der Matter-Nachlass liegt als Schenkung im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern; versehen allerdings mit Benutzungsauflagen: Teile, vor allem Unveröffentlichtes, sind gesperrt. Über Einsichtsgesuche entscheidet die Familie Matter. «Heute wissenschaftlich über Matter zu arbeiten, ist frustrierend», sagt zum Beispiel Stephan Hammer, der letztes Jahr seine Dissertation unter dem Titel «Mani Matter und die Liedermacher» veröffentlicht hat (Verlag Peter Lang). Seine Kritikpunkte:
• «Alle paar Jahre werden scheibchenweise einige Texte von Mani Matter veröffentlicht. Ein umfassendes Bild über ihn lässt sich so nicht gewinnen.» Dagegen sagt Joy Matter: «Wenn ‹akademisch› heisst, dass auch das Intimste öffentlich ausgebreitet werden soll, bin ich gegen eine akademische Vollständigkeit. In Manis Texten gibt es neben öffentlich Relevantem auch Privates.»
• Hammer: «Wer etwas Unveröffentlichtes, auch einzelne Zitate, aus dem Nachlass abdrucken will, braucht die Zustimmung von Joy Matter. Sie nimmt so Einfluss auf die Materialauswahl und hat dadurch nicht selten inhaltlich das letzte Wort.» Dagegen Joy Matter: «Ich habe den vollständigen Nachlass ins SLA gegeben. Von den 31 Standard-Archivschachteln sind nur deren vier mit Unveröffentlichtem – mit der Habilitation, mit Prosa, Lyrik, Theater und Entwürfen – zurzeit gesperrt. Geplant ist, dass sie 2015 im SLA-Lesesaal zugänglich werden.»
Wilfried Meichtry hat für den exklusiven und integralen Archivzugang versprochen, dass Joy Matter seinen Text gegenlesen kann. «Für mich ist das kein Zugeständnis», sagt Meichtry, «sondern entspricht der Arbeitsweise, wie ich sie auch bei den früheren Projekten über die Geschwister von Werra oder Iris und Peter von Rothen angewendet habe.» Die Matter-Biografie soll 2013 erscheinen. Danach wird er voraussichtlich zwei Jahre lang mit dem Hagiografie-Verdacht leben müssen.
Seit Mani Matters Unfalltod ist sein Bild massgeblich von einem Freundeskreis um Joy Matter und ihr selbst geprägt worden. Zunehmend streiten nun divergierende Interessen um ein Stück Definitionsmacht an diesem Bild. Gut so: Auf einen Kopf von nationaler Bedeutung muss es mehr als einen Blick geben.