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Übrigens kommen auch Mischformen von schwerern Diktions- und Artikulationsstörungen vor. Besonders wichtig für die Erforschung
der psychol. Vorgänge beim Sprechen sind die mediz. Erfahrungen über die verschiedenen Formen der Aphasie.
Man unterscheidet hier:
1) Die amnestische Aphasie, das Unvermögen der Erinnerung an die Wörter ihrem Klange nach. Dem amnestisch Aphasischen fällt
z. B. beim Anblick eines Gegenstandes das hierfür gebräuchliche Lautwort nicht ein; wird
es ihm vorgesagt, so kann er es aber nachsprechen, sofern nicht noch andere S. vorliegen.
2) Die ataktische (motorische) Aphasie. Dem Kranken schweben im Bewußtsein die Wörter ihrem Laute nach richtig vor, er findet
aber nicht die zur lauten Äußerung führenden willkürlichen Bewegungsimpulse.
3) Die sensorische Aphasie (Worttaubheit) besteht in dem Unvermögen, gesprochene Worte bei gutem Gehör
[* 8] und im allgemeinen guter Intelligenz ihrem Sinne nach zu verstehen. Die Muttersprache klingt solchen Kranken, wie dem Gesunden
eine fremde Sprache,
[* 9] von der er gar nichts oder nur wenig gelernt hat. Aphasie hat man häufig bei Verletzung sehr wenig ausgedehnter
Abschnitte der Großhirnoberfläche gefunden; insbesondere führt, wie Broca zuerst hervorgehoben, häufig
die Verletzung der dritten Stirnwindung (Brocasche Windung) der linken Seite zu Aphasie.
Man hat hieraus geschlossen, daß diese Windung das psychische «Centrum der Sprache» enthalte. Indes haben neuere Untersuchungen
ergeben, daß nur die ataktische Aphasie annähernd regelmäßig bei Verletzung dieser Windung vorkommt, während die andern
Formen der Aphasie sich häufig bei Zerstörung weit entfernter Teile des Gehirns finden (Worttaubheit
bei
Zerstörung der linken Schläfenwindungen). Bei linkshändigen Personen führt häufiger die Zerstörung der rechten dritten
Stirnwindung zu Aphasie. Es ist demnach in der Regel nur eine Hemisphäre des Gehirns der Ausgangspunkt der beim Sprechen stattfindenden
Willensimpulse.
Wird diese Hemisphäre in ihren zur Sprache in näherer Beziehung stehenden Teilen zerstört (durch Blutung,
Blutgefäßverstopfung, Erweichung und andere Erkrankungen), so tritt so lange Aphasie ein, bis sich die andere Hemisphäre
auf die entsprechenden Funktionen eingeübt hat. So erklärt man wenigstens die Wiedererlangung des Sprachvermögens nach
länger dauernder Aphasie, trotz Fortbestehens der ursächlichen Zerstörungen im Gehirn.
[* 10] Bei der ärztlichen
Behandlung der Aphasie ist, abgesehen von den durch die Natur der Krankheit gegebenen Heilanzeigen, besonders methodischer
Sprachunterricht von Bedeutung.
Eine tiefere Störung der Intelligenz braucht bei Aphasie nicht vorhanden zu sein, wenn sie auch oft genug (wie andere Symptome
von Hirnkrankheiten, Lähmungen u. s. w.) daneben vorkommt. Gebildete Kranke haben nach der Heilung behauptet,
während ihres aphasischen Zustandes zu komplizierten geistigen Operationen fähig gewesen zu sein. Indes ist dies nur denkbar
bei der ataktischen Aphasie und bei mäßigen Graden der übrigen Formen. Das abstrakte Denken leidet bei hochgradiger amnestischer
und sensorischer Aphasie zweifellos not.
4) Die Paraphasie oder Paraphrasie, krankhaftes Sichversprechen, Gebrauch entstellter Worte und Wortverbindungen
oder solcher, die den richtigen Sinn nicht wiedergeben.
Allen den angeführten Formen von Störungen der Lautsprache, die jede für sich allein vorkommen können, indes meist sich
kombinieren, entsprechen solche der Schriftsprache. Insbesondere entspricht hier der Aphasie die Agraphie, von der man
wieder eine amnestische, ataktische u. s. w. Form unterscheidet. Die Unfähigkeit, bei gesunden
Augen und guter Intelligenz Geschriebenes dem Sinne nach zu verstehen, wird als Schriftblindheit (sensorische Agraphie) bezeichnet.
Die Störungen der Laut- und Schriftsprache können unabhängig voneinander vorkommen; die Fähigkeit zu schreiben ist also
unabhängig von der zu sprechen, so daß auch für beide getrennte seelische Apparate vorhanden sein müssen.