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Drei Monate nach Gründung seiner Gewerkschaft steht Novak Djokovic vor der Rückkehr in den Spielerrat der ATP, auf Wunsch der Kollegen. Doch bei der Profi-Vereinigung will man die Rückkehr verhindern.
Manchmal fällt es schwer, einzuordnen, was Novak Djokovic mehr ist: Spieler oder Spielball der Interessen. Kaum ein grosser Spieler hat sich in den letzten Jahren dermassen leidenschaftlich für seine Visionen für die Zukunft des Tennis eingesetzt wie der 17-fache Grand-Slam-Sieger. Erst sass er lange im Spielerrat der ATP, den er bis Ende August präsidierte. Danach gründete er die PTPA (Professional Tennis Players Association), eine Gewerkschaft, die den Spielern mehr politisches Gewicht geben soll. Gleichzeitig traten Djokovic und seine Mitstreiter aus dem Spielerrat aus.
Das provozierte heftige Reaktionen. Männer- und Frauentour (ATP, WTA), der Tennisweltverband (ITF) und die Grand-Slam-Turniere verurteilten das Vorgehen in einer gemeinsamen Erklärung. Djokovic brüskierte damit auch Roger Federer und Rafael Nadal, die im Sommer 2019 in den Spielerrat zurückgekehrt waren, nachdem es bei der Absetzung des ehemaligen ATP-Chefs Chris Kermode Irritationen und Indiskretionen gegeben hatte. Anfang Jahr hatte man sich auf einen Burgfrieden geeinigt.
Der Deal: Man wollte Kermodes Nachfolger, dem Italiener Andrea Gaudenzi, ein Jahr Zeit lassen, seine Ideen umzusetzen. Das war noch, bevor ein Virus die Spielregeln in Gesellschaft und Sport diktierte.
Djokovics Forderungen sind weder neu noch radikal. Unter den Spielern geniessen sie grosse Akzeptanz. Über 60 Spieler sollen der Vereinigung beigetreten sein, weil sie ihre Interessen nicht adäquat repräsentiert sehen. Das liegt an der Struktur der ATP. Diese wird vom Board of Directors geführt, das aus sieben Mitgliedern besteht: dem Präsidenten, drei Turniervertretern und drei Spielervertretern, die vom Spielerrat berufen werden. Dessen Entscheidungen haben allerdings nur konsultativen Charakter. Das letzte Wort hat immer der Präsident: Andrea Gaudenzi.
Nun, drei Monate nach der Gründung seiner Gewerkschaft, steht Novak Djokovic kurz vor der Rückkehr in den Spielerrat. Er wurde von seinen Kollegen zur Wahl aufgestellt, wie er in London bestätigte.«Für mich ist das eine Ehre, ich fühle mich für die Spieler verantwortlich», sagte der Serbe. Noch einmal betonte er, dass es ihm nicht darum gehe, die ATP zu konkurrenzieren, sondern um die Interessen der Spieler zu wahren. Dass es darum gehe, dass auch schlechter klassierte Spieler vom Tennis leben können. Dass diese Spieler einen grösseren Anteil am Preisgeld verdienten.
Dass es wie eine schlechte Pirouette wirkt, dass er sich eine Rückkehr in den Spielerrat vorstellen kann, ist Djokovic bewusst. Er sagt: «Manche sagen, ich sei ein Heuchler.» Doch er kämpfe weiter. Auch, oder gerade weil ihm die ATP die Türe vor der Nase zuschlägt. Eine neu geschaffene Regel verbietet die parallele Mitgliedschaft in zwei Organisationen im Tennis-Ökosystem: Djokovic müsste sich entscheiden, Gewerkschaft oder Spielerrat. Djokovic sagt: «Das sind politische Spiele. Ich bin es gewohnt. Mein Schutzschild und meine Motivation werden dadurch nur grösser.»
Raffgierig, machtbesessen, durchtrieben, süchtig nach Anerkennung – es sind verletztende Attribute, die Djokovic zugeschrieben werden, weil er seine Ambitionen nicht immer in einen Kokon aus sanften Worten packt. Weil er nie ein Geheimnis daraus macht, dass er im Tennis und darüber hinaus Spuren hinterlassen will. Treffen die Attribute zu? Wohl nicht.
Novak Djokovic, 17-facher Grand-Slam-Sieger, insgesamt während 291 Wochen die Nummer 1 der Welt, der beste Tennis-Spieler der Gegenwart, vielleicht sogar der Geschichte, hätte das alles nicht nötig. Er könnte sich auf seine einzigartige Rekordjagd konzentrieren und sich daneben auf seinen Lorbeeren ausruhen. Doch das entspricht nicht seinem Naturell. Novak Djokovic ist dann am besten, wenn er im Krisen-Modus ist. Dann, wenn sich die ganze Welt gegen ihn verschworen zu haben scheint.
Dann wird aus dem Menschen Novak Djokovic ein Tennis-Gladiator, der sagt: «Ich kämpfe weiter für meine Überzeugungen und für die Spieler. Weil ich glaube, dass sie gut für uns und für unseren Sport sind.»