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Der Strandverkäufer Marciano Santos über neue Vorschriften und steigende Mieten, über seine Hoffnung auf ein gutes Geschäft während der WM sowie darüber, warum er nie länger stehen bleiben darf.
WOZ: Herr Santos, Sie arbeiten an der Copacabana, dem vermeintlichen Traumstrand, der weltweit zum Mythos und Symbol für ein leichtes Leben geworden ist …
Marciano Santos: … darf ich Sie unterbrechen? Sie wollen sicher fragen, ob ich einen Traumjob habe. Es ist, wie Sie sagen: Ich arbeite hier und liege nicht im Sand, trinke Dosenbier und bade ein bisschen. Aber ich habe natürlich nichts gegen die Leute, die das tun. Ganz im Gegenteil. Es sind ja meine Kunden.
Sie verkaufen Bikinis und Badehosen, tragen eine grosse Tasche mit sich herum. Sie sieht ziemlich schwer aus.
Ja, ich muss eine grosse Auswahl anbieten und trage sozusagen meinen ganzen Laden mit mir. An diesem Sonnenschirm baumelt die Ware, die die Leute neugierig machen soll. Und in dieser Tasche ist der Rest. Ich schätze, sie wiegt zwischen zwanzig und dreissig Kilo.
Das ist viel! Und Sie bleiben ja so gut wie nie stehen, um sie abzustellen.
Ich habe mich an das Gewicht gewöhnt, das ist mein Job. Ich habe starke Schultern und kräftige Waden, weil ich jeden Tag von 8 bis 17 Uhr durch den Sand stapfe. Immer die halbe Copacabana auf und ab, etwa zwei bis drei Kilometer hin und wieder zurück. Nur wenn es regnet, bringt es nichts. Halt mache ich tatsächlich nur, wenn jemand Interesse zeigt. Es ist uns Strandverkäufern verboten, länger stehen zu bleiben. Dann kommen die von der Guarda Municipal und treiben uns an weiterzugehen. Wir müssen immer in Bewegung bleiben.
Der Strand ist den letzten Jahren stark reglementiert worden.
Das stimmt. Ich bin 2007 aus Bahia im Nordosten Brasiliens hergekommen, und seither wurden immer neue Regeln erlassen. Ich nehme an, das hat mit der Fussball-WM zu tun. Sie wollten die Stadt aufräumen, damit sie für die Besucher weniger chaotisch erscheint, zumindest hier in der reichen Südzone. Beispielsweise dürfen am Strand keine Shrimps und kein Grillkäse mehr verkauft werden. Zu unhygienisch, hat das Rathaus gesagt – dabei war das eine alte Tradition. Und den Kokosmilchverkäufern haben sie untersagt, die Nüsse mit der Machete aufzuschlagen, weil das zu gefährlich sei. Aber wir sind hier in Brasilien, und es gibt immer wieder Kollegen, die sich nicht an die Verbote halten. Ich verstehe das, sie müssen ja auch irgendwie leben. Ausserdem rücken die Wahlen näher, und deswegen belästigen sie uns Arbeiter aus dem informellen Sektor nicht so stark. Sie wollen unsere Stimmen.
Von welchen Regeln sind Sie betroffen?
Wir Strandverkäufer mussten uns registrieren lassen. Das ist eigentlich eine gute Sache, weil uns die Polizei früher oft willkürlich stoppte und einfach unsere Ware einsackte. Wir hatten keine Handhabe. Allerdings kostet die Erneuerung der Lizenz alle sechs Monate sechzig Reais.
25 Franken pro Halbjahr: Tut Ihnen das weh?
Nicht wirklich. An richtig guten Tagen verkaufe ich dreissig Bikinis. Ich mache dann rund 900 Reais. Meine Kunden sind vor allem Amerikaner und Brasilianer. Deutsche und Japaner kaufen nie etwas.
Sie verdienen an guten Tagen also etwa 350 Franken, das ist nicht schlecht.
Klar, aber es gibt auch schlechte Tage, an denen ich nur fünf Bikinis verkaufe, und manchmal regnet es eine Woche lang. Dann ist meine Frau gefragt, sie arbeitet als Putzfrau bei reichen Brasilianern. Das Leben in Rio ist sehr teuer geworden. Zum Glück wohnen wir nicht weit von hier, und ich habe keine Fahrkosten.
Wo leben Sie?
Dort hinten, in der kleinen Favela Chapéu Mangueira, die den Hügel hinter den bürgerlichen Apartmentblocks hinaufgewachsen ist. Es ist eine ruhige Favela, und wir haben eine tolle Aussicht. Aber die Mieten haben extrem angezogen, sich fast verdoppelt. Auch dafür ist die WM verantwortlich, glaube ich. Jeder will jetzt ein Schnäppchen machen, selbst in der Favela.
Was, glauben Sie, wird die WM Ihnen bringen?
Ich rechne mit einem guten Geschäft wegen der vielen Besucher. Allerdings habe ich auch Zweifel. Dort hinten, wo gerade das Gerüst im Sand errichtet wird, findet das Fanfest der Fifa statt, mit riesiger Leinwand und einem Zelt. Ich habe gehört, dass dort eine Bannmeile herrscht und wir Strandverkäufer nicht zugelassen sind. Nur die Fifa-Sponsoren dürfen ihre Produkte anbieten. Stimmt das?
Das steht so im WM-Gesetz der Fifa, das von der Stadt Rio verabschiedet wurde.
Das ist natürlich schlecht für mich und die anderen. Aber man hat uns bisher nicht informiert. Typisch, das Rathaus lässt uns im Dunkeln, und dann schnappt uns die Polizei.
Wie ist das Verhältnis unter den Verkäufern am Strand? Machen Sie sich viel Konkurrenz?
Nein, wir sind sehr kollegial, sprechen die Preise ab, und daran hält sich dann jeder.
Haben Sie keine Angst vor einem Sonnenbrand?
Erstens trage ich meinen eigenen Sonnenschirm mit mir herum, und zweitens benutze ich Sonnencreme, Schutzfaktor sechzig. Ich bin ja nicht hier, um braun zu werden.
Marciano Santos (36) ist ein «camelô», ein Verkäufer aus dem riesigen informellen Sektor Brasiliens. Seit sieben Jahren arbeitet er an der Copacabana, Brasiliens berühmtestem Strand.