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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§5. Auch die Erfindungen sprechen für den geistigen Charakter der Seele.
2.
Sie aber erklärte: „Das angeführte Beispiel spricht zu unseren Gunsten; aber auch das ganze Rüstzeug der gegen uns vorgebrachten Widerrede trägt nicht wenig zur Befestigung unserer Anschauung bei.“ Ich antwortete: „Wie meinst du das?“ Nun gab sie folgende Erläuterung: „Gerade die Fähigkeit, den seelenlosen Stoff so zu behandeln und zu ordnen, daß die in den Maschinen niedergelegte Kunstfertigkeit beinahe zur Seele für den [S. 257] Stoff wird, so daß er Bewegung und Ton und Gestalt und anderes Ähnliches nachahmt, dürfte ein Beweis dafür sein, daß ein Etwas in uns Menschen lebt, das imstande ist, durch die Kraft des Nachdenkens und Erfindens zuerst im Geiste Maschinen zu entwerfen und in Gedanken schon vorher zusammenzustellen, dann mit Hilfe großer Gewandtheit zu fertigen und so Gedanken durch den Stoff darzustellen. Denn zuerst mußte der Mensch beobachten, daß man Odem zur Hervorbringung benötige; dann durchforschte er, um Luft für die Maschine zu beschaffen, die Natur der Elemente und fand, daß nichts in der Welt leer sei, sondern das Leichte im Vergleich zum Schwereren für leer angesehen würde, da ja sogar die Luft ihrem Wesen nach dicht und voll sei; denn ein Gefäß, in dem keine Flüssigkeit ist, heißt nur uneigentlich leer; der Unterrichtete weiß aber auch von einem solchen Gefäß, daß es voll ist, nämlich erfüllt von Luft. Beweis hiefür ist der Umstand, daß ein in einen Teich geworfener Krug sich nicht sogleich mit Wasser füllt, sondern anfangs auf der Oberfläche schwimmt, indem die darin befindliche Luft das Hohlgefäß oben erhält, bis der Krug, etwa von menschlicher Hand niedergedrückt, in die Tiefe geht und nunmehr durch die Mündung Wasser aufnimmt. Bei diesem Vorgang zeigt es sich dann deutlich, daß der Krug auch vor Aufnahme des Wassers nicht leer war. Denn man kann bei der Mündung einen Kampf zwischen den beiden Elementen wahrnehmen, indem das Wasser durch seine Schwere sich in die Höhlung drängt und hineinströmt, die in der Höhlung zuvor befindliche Luft aber neben dem Wasser mit Gewalt herausströmt, so daß das Wasser dadurch gehemmt wird und beim Andrang der Luft schäumend aufgurgelt. Auf Grund solcher Beobachtung gelangte er durch Nachdenken darauf, wie er Luft in die Maschine brächte. Er stellte nämlich eine Höhlung aus festem Stoffe her, schloß darin die Luft undurchdringlich von allen Seiten ein und brachte durch die Mündung eine nach Maßgabe des Bedürfnisses bestimmte Quantität Wasser in die Höhlung. In einer daneben angebrachten Röhre gibt er auf der entgegengesetzten Seite der eingeschlossenen Luft einen Ausweg; die Luft aber, die [S. 258] mittels des Wassers gewaltsam herausgepreßt wird, wird zum Hauche, der dann in die Vorrichtung an der Röhre (Pfeife) drängt und einen Ton erzeugt.“