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Das Körper-Objekt
Die Psyche hat ihren Sitz im Körper. Das mag vielleicht für viele erstaunlich klingen, weil man sich die Welt der Psyche als etwas Abstraktes vorstellt, etwas, das man im besten Fall mit neuronalen Vorgängen im Kopf in Verbindung bringt. Genau diese Vorstellung widerspiegelt die tiefe Spaltung, die heute vorherrschend ist, zwischen dem denkenden Ich mit einer Auswahl an akzeptablen Gefühlen und seinem Körper, den es mehr oder weniger als Objekt mit sich trägt.
Vieles weist darauf hin, dass wir uns auf den Körper beziehen wie auf ein Objekt, das wir besitzen. Entspricht der Körper dem vorherrschenden Schönheitsideal, dann schmückt man sich damit. Entspricht er diesem Ideal nicht, dann wird er einer Diät, einem Trainingsprogramm oder einer Schönheitsoperation unterworfen. Man benutzt ihn, um die eigenen Ziele zu erreichen. Wenn es nötig ist, wird er dazu angetrieben oder zurückgehalten, ohne seine Bedürfnisse zu berücksichtigen. Funktioniert der Körper gut, wird er kaum beachtet, ist er schwach und krank, muss er durch Medikamente und Therapie wieder in die Gänge gebracht werden. Es scheint tatsächlich so, als würde das denkende Ich versuchen, die Kontrolle über den physischen Organismus zu gewinnen.
Diese Spaltung ist - etwas vereinfacht gesagt - die Folge einer Sozialisierung, welche unsere Anpassung an konventionelle Werte und Verhaltensweisen fordert, während sie in besonderer Weise die Entwicklung des mental-rationalen Bewusstseins betont. So lernen wir, uns vor allem mit unserem rationalen Denken zu identifizieren, während wir mehr und mehr versuchen, unseren Körper zu kontrollieren, seine vitalen Energien zu zähmen, seine starken Emotionen zurückzuhalten und seine unangenehmen Empfindungen zu betäuben. Gesellschaftliche Tabus und konventionelle Normen wirken subtil und nachhaltig auf diese Form der Verdrängung unserer organischen Basis. Wir lassen unseren Körper erstarren und ziehen unser Gewahrsein aus dem Körper zurück. Der Körper, der nun kein Verbündeter mehr ist, wird allzu leicht zu einem Gegner, den wir nicht mehr verstehen. Kein Wunder, dass das „Im-Leibe-Sein“ für viele Menschen mehr Unbehagen als Wonne bereitet.
Mit Gefühlsaufmerksamkeit
Im Prozess der Selbstverwirklichung spielt die Integration des Körpers eine fundamentale Rolle, im wahrsten Sinne des Wortes, denn der Körper ist das Fundament, die erste Ebene unseres menschlichen Daseins.
Dem Körper wohnt eine eigene Form von Bewusstsein inne. Er „erinnert“ sich an jedes Trauma, das wir erlitten haben und nicht verarbeiten konnten, an jeden lebenswichtigen Impuls, der nicht zum Ausdruck kommen durfte und zurückgehalten wurde, und weiss auf ganz eigene Art und Weise von den Themen und Problemen der ihm verbundenen Seele. Diese Erinnerungen sind in den Muskeln, respektive muskulären Spannungen, im Nervensystem sowie im subtilen Zusammenspiel der bewussten und unbewussten Ebenen des Körpers gespeichert. Darum kann keine psychologische Arbeit am Körper vorbeigehen.
Psychosynthese hat keine eigene Methode der Arbeit mit dem Körper entwickelt. Sie ist daher frei und flexibel, wirksame Methoden und Übungen aus den verschiedenen Ansätzen der humanistischen Psychologie, der körperorientierten Psychotherapie und der Traumatherapie in ihre Arbeit zu integrieren. Welche Technik und welcher Ansatz auch immer favorisiert werden, die Grundlage für die Integration unserer psychophysichen Ganzheit bildet die Bereitschaft, mit dem eigenen Körper Fühlung aufzunehmen, das bewusste Gewahrsein mit den Empfindungen des Körper zu einer lebendigen Gefühlsaufmerksamkeit zu verbinden.
Schulung der Körperwahrnehmung
Eine hilfreiche Übung, um die Körperwahrnehmung zu schulen, ist die bewusste Reise durch den Körper, in der man mit dem empfindenden Gewahrsein Körperteil um Körperteil aufsucht, wahrnimmt und erforscht.
Hier ist meine Version:
Bei einer solchen Übung entdecken die meisten Menschen Bereiche ihres Körpers, die der Gefühlsaufmerksamkeit leicht zugänglich sind und Wohlbefinden bereiten. Andere Bereiche bleiben unzugänglich, taub, sind verspannt oder schmerzen. Letztere können auf emotionale Blockierungen, vergrabene Gefühle oder unverarbeitete Erfahrungen hinweisen. Sich ihnen mit Gefühlsaufmerksamkeit, etwas Neugier und Unvoreingenommenheit zuzuwenden, erlaubt dem Körper, durch seine eigenen Reaktionen die gespeicherten Erinnerungen mitzuteilen und uns den Weg zur Lösung der Blockaden und Probleme zu weisen.
Die Arbeit mit dem Körper ist äusserst lohnenswert. Sie setzt unmittelbar an der Quelle an, nutzt die Energie der Blockierung oder des Traumas, um eine Transformation in Gang zu bringen, und erschliesst mit der Heilung eine neue und tiefere Ebene der psychophysischen Integration. Dass dies nicht mit einem „quick-fix“ erreicht wird, ist kein Geheimnis. Viele Blockaden sind über Jahre entstanden und verfestigt worden, da kann es für die Auflösung schon etwas Zeit, fokussierte Arbeit und mutigen Forschergeist brauchen.
Die Seele verkörpern und den Körper beseelen
Wenn wir uns über die innere Wahrnehmung den Zugang zum Körper aneignen und er damit Teil unserer vieldimensionalen Ganzheit wird, heisst das nicht, dass wir uns mit dem Körper identifizieren. Wir können das gelegentlich im Dienste einer spezifischen Erfahrung tun. Doch den Körper integrieren heisst nicht, sich mit dem Körper zu identifizieren. Vielleicht liegt hier ein feiner Unterschied zwischen dem psychosynthetischen Ansatz der Arbeit mit dem Körper und demjenigen der explizit auf den Körper orientierten Psychotherapien. In der Psychosynthese zielt die Integration des Körpers darauf hin, dass das Bewusstsein sich frei und belebend im Körper bewegt, während der Körper gleichzeitig als Inhalt des Bewusstseins wahrgenommen wird.
Durch die Heilung der Spaltung von mentaler Aktivität, seelischem Leben und leibhaftigem Dasein findet das Bewusstsein ein tieferes, breiteres Fundament im physischen Organismus während der Körper durch die subtilen seelisch-geistigen Energien eine verfeinerte Strahlkraft entwickelt.
Die Verbindung zwischen Körper und Psyche erweitert das Selbstgefühl und den Bezug zur Wirklichkeit um die besonderen Qualitäten, die dem Körper eigen sind. Dazu gehören zum Beispiel Spontaneität, Selbststeuerung, Sein im lebendigen Jetzt und das Wonnegefühl fliessender Energie. Anstelle des zwanghaften Bedürfnisses alles kontrollieren zu wollen, tritt die Bereitschaft, Absichtliches und Spontanes zusammenfliessen zu lassen. Anstelle der Furcht vor dem Tod wächst die Bereitschaft, die Vergänglichkeit des Körpers mit der Lebendigkeit jeden Augenblicks zu akzeptieren. Anstelle der mechanischen Geschäftigkeit tritt ein Wirken aus dem Sein. Dies sind die Schätze, die es mit der Integration des Körper zu entdecken gibt.
Die Integration des Körpers ist eine wichtige Etappe im Prozess der personalen Psychosynthese. Wer darüberhinaus die Sehnsucht hat, sich in den transpersonalen Raum hin auszudehnen, tut gut daran, diesen Schritt nicht zu überspringen, sondern als Vorbereitung gewissenhaft zu vollziehen.
Die spirituelle Entwicklung kann zuweilen vom Einströmen starker Energien aus dem höheren Unbewussten und dem Selbst begleitet sein, welche die Stabilität und Belastbarkeit sowohl der Persönlichkeitsstruktur, als auch des physischen Organismus herausfordern.
Wird die spirituelle Entwicklung zusätzlich vom Erwachen und dem Wirken der Kundalini* begleitet, so kann ein durchlässiger, lebendiger Körper diese gewaltige Energie besser inkorporieren und als stabile Basis dienen für die transformativen Impulse, die von dieser Kraft eingeleitet werden.
*Kundalini ist ein Name für die spirituelle Kraft, die latent resp. zusammengerollt wie eine Schlange an der Basis der Wirbelsäule schlummert. Wird sie absichtlich oder spontan geweckt, bewirkt sie im Laufe ihres Aufstiegs durch die subtilen Kanäle zum Scheitelchakra eine fundamentale Läuterung aller Persönlichkeitsaspekte, sowie die graduelle Transformation des Bewusstseins in die Realisierung der All-Einheit.