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Das Schraubenproblem
Das Magazin N°50 – 14. Dezember 2019
Ion Karagounis empfiehlt, «dass Effizienzgewinne tatsächlich der Umwelt zugutekommen und nicht in einer Mehrproduktion münden». Am folgenden Beispiel aus der Schraubenproduktion zeigt er, wie diese Forderung befolgt werden könne: Ein Schraubenproduzent erfährt, dass die Schrauben künftig mit halbem Zeitaufwand produziert werden können. Er habe nun drei Möglichkeiten: Nutzen der gewonnenen Zeit fürs Verdoppeln der Schraubenproduktion oder fürs Ausweiten der Produktionspalette oder aber Beibehalten des bisherigen Produktionsvolumen und Investieren der gewonnenen Zeit in gemeinnützige Engagements.
Doch leider sind auch andere Entwicklungen realistisch. Vielleicht hatte der Unternehmer dank tiefer Lohnkosten bisher einen Standortvorteil, der verloren geht, wenn die Lohnkosten dank Automatisierung an Gewicht verlieren. Vielleicht kann er auch den Rückgang des Umsatzes und daher auch der Gewinne nicht durch Diversifizieren kompensieren. Zudem kann es sein, dass der neue Produktionsprozess teure Maschinen erfordert, die nur nach einer Fusion mit einem Konkurrenten profitabel eingesetzt werden können.
All diese Entwicklungen weisen in folgende Richtung: Der Fortschritt (Automatisierung, Digitalisierung und Globalisierung) fördert eine Entwicklung hin zum Prinzip «The winner takes it all», was zur Kumulation von Vermögen und zum Verlust von Arbeitsplätzen führt.
Dieses Prinzip ist der entscheidende Grund für ein wesentliches Problem bei der Bekämpfung des Klimawandels. Der Umfang dieses Problems wird sichtbar, wenn man die tiefen demographischen und ökonomischen Gräben zwischen Gruppen, Staaten und Kontinenten betrachtet. Etwa die Geburtenrate in Südkorea liegt unter 1 und in Niger über 7.
Die Gräben entstehen auf mehrere Arten. Erstens zwingt das Prinzip Konzerne und Staaten zum Wirtschafts-Wachstum, um nicht zu den Verlierern zu gehören. Zweitens macht es Transferleistungen nötig von den Gewinnern zu den «Verlierern». Dies aber verringert die Motivation der Empfänger, ihr Bevölkerungswachstum den eigenen Ressourcen anzupassen. Drittens erzeugt dieses Prinzip unterschiedliche Perspektiven. Die in Südkorea massgebende Perspektive ist Teilnahme am Wettlauf (bei Bildung und Beruf), was zu einer tiefen Geburtenrate führt. In Niger fehlt diese Perspektive weitgehend. Das Beitragen zu einer hohen Geburtenrate gibt dort Ansehen und somit Ersatzperspektiven.
Die Lösung dieser Problematik liegt darin, dass man die Transferleistungen mit Auflagen versieht, die dazu dienen die Gräben zu verringern. An Bedingungen gebundene Transferleistungen können auch im Norden Alternativen zur Teilnahme am (das Wachstum fördernden) Wettlauf attraktiv machen. Nötig ist auch ein gemeinsames Weltbild, das die Verantwortung fair verteilt und Perspektiven anbietet, die Nachhaltigkeit ermöglichen. Die Technik und die einseitige Übernahme von Verantwortung reichen nicht, den Klimawandel zu bekämpfen.
Mit freundlichen Grüssen
Gernot Gwehenberger, 4143 Dornach SO