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Man nennt sie bis heute nur ‚die Göchhausen‘ – was zu ihrer Zeit weniger abwertend gemeint war, als es in unsern heutigen Ohren klingt – mit vollem Namen war sie Luise von Göchhausen. Klein, rachitisch verwachsen und aus armer Familie – das bedeutete damals keine Chancen auf standesgemässe Heirat, Versorgung, Kinder. So war Luise von Göchhausen sicher sehr froh, im Hofstaat der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach unterzukommen. Es ging dort sehr liberal zu, und die Göchhausen konnte ihre Liebe zur Kunst ebenso ausleben wie ihre spöttische Ader (Schiller nannte sie in einem Brief vom 28. Juli 1787 an Körner: „ein verwachsenes, mocquantes Geschöpf“ -aber Schiller war womöglich noch humorloser als Goethe …).
Zwei Menschen prägten ihr Schicksal: Zum einen ihre Herzogin, der sie 1807, obwohl 13 Jahre jünger, mit wenigen Monaten Abstand nachstarb, zum andern – wie könnte es im Weimar der Goethezeit anders gewesen sein – der Meister selber, Johann Wolfgang Goethe. So ist die Göchhausen jedem Germanistikstudenten noch heute geläufig, weil in ihrem Nachlass eine Kopie einer frühen Version von Goethes „Faust“ gefunden wurde, die man dann den „Urfaust“ nannte. Goethes Italien-Aufenthalt von 1786-1788 war wohl auch der letzte Auslöser dafür, dass die Herzogin ihren lange gehegten Wunsch verwirklichte und sich gegen alle Bedenken des Weimarischen Hofes und Volkes durchsetzte, um selber nach Italien zu reisen. Im Mai 1788 war Goethe nach Weimar zurückgekehrt, am 15. August desselben Jahres startete Anna Amalia mit einem Gefolge von 7 Personen, darunter ihre Erste Hofdame, Luise von Göchhausen.
Vom ersten Tag an führte Luise von Göchhausen Tagebuch. Lange galt dieses als Auftragsarbeit der Herzogin, aber die Herausgeberin meiner Edition argementiert sehr richtig dafür, dass man das Tagebuch als eigenständige Idee der Göchhausen betrachten muss, das sie primär für sich selber schrieb. Frühere Literaturwissenschafter mochten durch die Form dazu verführt worden sein, eine Auftragsarbeit zu sehen; das Tagebuch ist sehr trocken, ein Protokoll, kein Gefühlserguss. Es sind berufliche Notizen eines Profis über ein Projekt, das er leitet. Immerhin oblagen der Göchhausen als Erster Hofdame auf dieser Reise auch gewisse organisatorische Pflichten und Aufgaben. So wird z.B. sehr genau notiert, in welchem Gasthof die Unterkunft wie teuer ist, wie gut die Unterkunft an sich ist und wieviel Trinkgeld gegeben wird. Die besichtigten Kunstwerke oder gehörten Opern werden minutiös aufgezählt; bewertet werden sie nicht. Ebenso minutiös wie die Kunstwerke werden die gemachten Visiten aufgeführt, ob man angenommen wurde oder nicht; es werden pingeligst die Personen aufgeführt, die man eingeladen hat oder bei denen man eingeladen ist – mit Rang und Titel. Jeder Tag erhält einen Eintrag, und wenn es sich nur um eine kurze Zeile handelt.
So erfahren wir einiges über die Route, vieles darüber, was damals als sehenswert galt – aber fast nichts Persönliches; weder über Anna Amalia, noch über sich selber, noch über Dritte erzählt die Göchhausen viel. Der Komponist Kayser, der in Italien als Cicerone hätte dienen sollen, springt noch in Deutschland ab, weil er sich mit seiner untergeordneten Rolle im Hofstaat nicht abfinden konnte. Die Göchhausen erwähnt den Abgang, nicht den Grund. In Italien schliesst sich der schon früher abgereiste Herder an die Gruppe um Anna Amalia an, weil er sich mit seiner ursprünglichen Reisebegleitung zerstritten hat. Die Göchhausen erwähnt ihn, wenn er zum Essen bleibt, nicht, dass er nun Teil der Entourage wäre. Und das, obwohl er eine Zeitlang sogar mit dem Hofstaat zusammen wohnte und ihn auch nach Neapel begleitete.
Die Schwerpunkte des italienischen Aufenthalts bilden Rom und Neapel – ähnlich wie schon bei Goethe. Vor allem Anna Amalia geniesst es, vom höfischen Protokoll mehr oder minder befreit zu sein, und der Aufenthalt wird deswegen schon fast unziemlich in die Länge gezogen – sehr zum Missfallen des regierenden Sohnes und des Weimarischen Staates als solchem, der Anna Amalias Trip ja finanzierte. Anna Amalia reiste ursprünglich unter Pseudonym, das allerdings zusehends löcheriger wurde, und so sehen wir im Tagebuch der Göchhausen, wie beim zweiten Aufenthalt in Rom immer mehr adelige Gäste und Bekannte auftauchen. Das Überhandnehmen repräsentativer Pflichten für Anna Amalia war wohl der Ausschlag für die Rückkehr über Venedig, wo sie von Goethe erwartet wurde. Am 18. Juni 1790 schliesst das Tagebuch mit dem Satz: „Nachts um 11 Uhr kamen wir glücklich in Weimar an.“
Zu meiner Ausgabe:
»Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst«. Luise von Göchhausens Tagebuch ihrer Reise mit Herzogin Anna Amalia nach Italien vom 15. August 1788 bis 18. Juni 1790. Herausgegeben und kommentiert von Juliane Brandsch. Göttingen: Wallstein, 2008. (=Schriften der Goethe-Gesellschaft, Band 72. Herausgegeben von Jochen Golz)
Der Herausgeberin, Juliane Brandsch, ist gelungen, die protokollarisch dürren Sätze der Göchhausen mit Leben zu erfüllen. Einerseits mit einem klugen Vorwort zu Person und Werk, andererseits mit einem detaillierten erläuternden Kommentar zu Orten, Personen und Kunstwerken, die die Göchhausen alle nur aufzählend niederschreibt. Wer wissen will, welche Kunstwerke zur Goethezeit in Italien als anschauenswert galten, und wo man sie heute (bzw. 2008) findet, wird hier in reichem Masse fündig. (Man könnte dieses Buch wohl fast als Reiseführer benutzen. Immerhin übertrifft der Sachkommentar das Tagebuch fast um das Doppelte und das ausführliche Personenverzeichnis ist auch fast so lang wie das Tagebuch selber!) Auch sonst ist der Text sorgfältig kritisch editiert, und doch nicht so, dass der Laien-Leser vor lauter kritischem Kommentar den Überblick verlöre. Eine Karte auf dem Vorsatzblatt erlaubt es, Anna Amalias Reiseroute zu verfolgen.
»Es sind vortreffliche Italienische Sachen daselbst«. Dieser Satz stammt aus dem Tagebuch selber und ist vielleicht verräterischer, als es sich die Göchhausen im Moment der Niederschrift bewusst war. Er wurde am 26. August 1788 geschrieben, die Reise hatte also noch kaum begonnen, und die Gruppe war gerade mal in München, wo sie eine Galerie besuchte (es lässt sich heute offenbar nicht mehr eruieren welche). So sehr und eindeutig später auch die Göchhausen Italien genossen hat und noch später gerne im Tiefurter Kreis anhand von Souvenirs davon schwärmte – so ungern verliess sie ursprünglich ihre gewohnte Sphäre. Eigentlich hätte ihr im Sommer 1788 das bisschen Italien und italienische Kunst, das sie in München vorfand, völlig genügt. Wenn es in jenem Moment nach ihr gegangen wäre, hätte man wohl in München wieder kehrt machen können. (Davon allerdings kein explizites Wort!) Aber auch sonst verrät der Satz einiges über den Zweck des Tagebuchs. Keine Schwärmerei (das war offenbar Luises Briefen nach Hause vorbehalten), sondern sachliche Aufzählung, en gros, so wie hier, bei Kleinigkeiten, en détail, wenn es sich um berühmte Kunstwerke handelte. Eines Urteils über diese Kunstwerke hat sich die Göchhausen im Tagebuch immer enthalten.