Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03638.jsonl.gz/2289

Lungenprobleme
Etwa 25 % der Todesfälle in der Kälberaufzucht sind auf Lungenerkrankungen zurückzuführen. Zusätzlich zu diesen Verlusten ergeben sich aber auch langfristige Konsequenzen für die Tiere, die eine schwere Lungenentzündung überstanden haben. Weibliche Kälber mit schwerwiegenden Lungenerkrankungen werden während der Aufzucht mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgemerzt bzw. kalben erst deutlich später ab als Tiere, die gesund blieben.
Hintergrund
Die hohe Anfälligkeit von Kälbern für Atemwegserkrankungen ergibt sich unter anderem aus Besonderheiten des anatomischen Aufbaus der Rinderlunge. Die Lunge des Rindes ist besonders stark segmentiert. Jedes Segment wird nur durch einen Bronchus versorgt. Wird bei einer Atemwegserkrankung ein Bronchus mit Schleim verstopft, besteht die Gefahr, dass das entsprechende Segment nicht mehr am Gasaustausch teilnimmt. Die Folge kann eine dauerhafte Schädigung des betreffenden Lungenabschnittes sein.
Hinzu kommt, dass die Gesamtkapazität der Rinderlunge im Vergleich zum Körpergewicht relativ klein und die Lunge des neugeborenen Kalbes noch nicht voll entwickelt ist. Die Lungenreifung ist erst nach ungefähr einem Jahr abgeschlossen. In den ersten Lebenswochen ist zudem das Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt. Entsprechend ist das Risiko von Atemwegsinfektionen bei Kälbern im Vergleich zu älteren Tieren deutlich erhöht.
Formen der Kälbergrippe
Die enzootische Bronchopneumonie („Kälbergrippe“) tritt in Aufzuchtbetrieben gehäuft bei nass-kalten Wetterlagen bei Tieren im Alter von drei Wochen bis sechs Monaten auf („saisonale Form“). Während trockene Kälte von den Tieren gut vertragen wird, ist eine hohe Luftfeuchtigkeit in Verbindung mit relativ niedrigen Temperaturen fatal. Entsprechend treten viele Erkrankungen im Spätherbst sowie im Frühjahr auf.
Gerade in Zukaufsbetrieben führt darüber hinaus die Vermarktung sehr junger Kälber zu erheblichen Problemen („Crowding-assoziierte Form“). Die Kälber werden von Händlern aufgekauft, unter Umständen zunächst zu Sammelstellen gebracht, um dann schließlich auch über längere Strecken zu den neuen Besitzern transportiert zu werden. Die Tiere stammen somit aus verschiedenen Betrieben mit unterschiedlichen Infektionsspektren; zudem sind sie unter Umständen gestresst durch Zugluft, Hunger und Durst. Es kann somit kaum überraschen, dass sich Atemwegsinfektionen nach der Aufstallung bei dem neuen Besitzer schnell ausbreiten.
Erreger
Es handelt sich bei der Kälbergrippe um eine klassische Faktorenerkrankung, die durch das Zusammenwirken von unbelebten und belebten Faktoren sowie Managementfehlern entsteht (siehe Risikofaktoren).
Bei der Mehrzahl der betroffenen Kälber kommt es zunächst zu einer Virusinfektion. Über 20 verschiedene Virusarten können dabei beteiligt sein. Die Infektion führt primär zu einem Entzündungsgeschehen in den oberen Atemwegen („Bronchitis“). Das eigentliche Lungengewebe ist in der Regel nicht betroffen. Eine Virusinfektion kann somit durchaus einen milden Verlauf haben und bei sehr guten Umgebungsbedingungen auch ohne Behandlung ausheilen.
Leider sind die Voraussetzungen für eine unkomplizierte Abheilung in Form von sehr guten Luftverhältnissen im Stall, bester Einstreu, niedriger Belegungsdichte und gutem Immunstatus der Kälber bei der Mehrzahl der Betriebe nicht gegeben. Unter den heute vorherrschenden Haltungsbedingungen besteht deshalb nach einer Virusinfektion ein hohes Risiko, dass es zu einer Sekundärinfektion mit Bakterien kommt.
Eine Vielzahl von Infektionserregern ist auch bei gesunden Kälbern auf den Schleimhäuten der oberen Atemwege nachweisbar. Unter normalen Bedingungen ist die Präsenz dieser Erreger von geringer Bedeutung. Dies ändert sich in Stresssituationen. Nach einer Schädigung aufgrund einer Virusinfektion können sich Bakterien massiv vermehren, und innerhalb von wenigen Tagen kommt es zu einer massiven Lungenentzündung. Eine derartige Bronchopneumonie ist eine sehr schwerwiegende Krankheit.
Kälber reagieren auf die bakterielle Infektion in der Lunge mit einer massiven Ausschwitzung von Eiweissprodukten aus dem Blut. Es entwickelt sich eine so genannte fibrinöse Pneumonie, die zu einer Durchbauung des Lungengewebes führt. Der Anteil des für den Gasaustausch wichtigen Gewebes wird geringer; zudem können sich Verklebungen zwischen dem Brustfell und der Lunge entwickeln („Pleuritis“). Damit tritt eine massive Behinderung der Ventilation ein, die teilweise irreversibel ist.
Einige Erreger, wie z. B. das Bovine Respiratorische Syncytialvirus (BRSV) und das Bovine Herpesvirus-1 (BHV-1), können auch monokausal - also unabhängig von den Begleitumständen - schwere Lungenentzündungen verursachen.
Krankheitsverlauf
Als typisches erstes Krankheitssymptom tritt bei den Kälbern hohes Fieber (> 40.0°C) auf. Bei vielen Kälbern fehlen zunächst weitere deutliche Symptome. Diese treten erst 24 - 48 Stunden später auf. Die Tiere mögen zunächst etwas abgeschlagen erscheinen (Abb. 1) und liegen vermehrt. Bei genauerem Hinsehen erkennt man bei vielen Tieren bereits einen leicht erhöhten Tränenfluss (d. h. eine Sekretstrasse unterhalb des Augenwinkels) und eventuell einen vermehrten wässerig-durchsichtigen Nasenausfluss. Die Atemfrequenz und die Atemintensität sind zunächst mässig erhöht. Die Tränkeaufnahme kann in diesem Stadium - insbesondere bei Fleckviehkälbern - noch völlig normal sein.
Im weiteren Verlauf entwickelt sich die Entzündung der oberen Atemwege. Die Atemfrequenz kann jetzt deutlich erhöht sein (50 - 100 Atemzüge pro Minute). Eine bakterielle Sekundärinfektion führt stets zu deutlichen klinischen Symptomen. Untrüglicher Hinweis auf eine Verschlechterung des Krankheitsbildes ist der zunehmend schleimige und eitrige Nasenausfluss (Abb. 2). Die Körpertemperatur schwankt um 40°C. Die Atemfrequenz ist erhöht. Ein Tierarzt kann mit dem Stethoskop mittel- bis hochgradig verstärkte Atemgeräusche während der Ein- und Ausatmung wahrnehmen. Bei der Sektion findet man bei Tieren in diesem Stadium meist verdichtetes Lungengewebe mit Entzündungsprodukten sowie Eiteransammlungen. Es sind vor allem die vorderen, tiefen Lungenabschnitte („Spitzenlappen“) betroffen.
Bei inkonsequenter oder ausbleibender Behandlung kann die Infektion fortschreiten und sie kann chronisch werden. Die Körpertemperatur schwankt zwischen fieberhaft und normal; die Tiere fressen schlecht, sind apathisch, husten häufig und leiden in einem späten Krankheitsstadium unter Atemnot. Auffallend ist eine gestreckte Kopf-Hals-Haltung, eventuell werden die Vordergliedmassen „abgeblattet". Damit versucht das Kalb, besser Luft zu bekommen. Dies fällt dem Patienten zunehmend schwer, da es zu einer Überblähung des Lungengewebes kommt („Emphysem“). Es gilt hervorzuheben, dass viele derartige Patienten aufgrund der langen Krankheitsdauer auch bei intensiver Therapie nicht mehr vollständig zu heilen sind und sich häufig zu Kümmerern entwickeln.
Diagnostik
Diagnose beim Einzeltier
Im Zentrum der Diagnosestellung bei frisch erkrankten Kälbern stehen die Symptome, welche beim Krankheitsverlauf bereits beschrieben wurden: hohes Fieber, Inappetenz, Augenausfluss, Nasenausfluss und erhöhte Atemfrequenz. Für den Tierarzt ist die Lungenauskultation mit dem Stethoskop von entscheidender Bedeutung.
Erregernachweis
Ein Erregernachweis ist bei Bestandesproblemen mit Kälbergrippe sinnvoll, um Therapiemassnahmen mit antimikrobiellen Substanzen zielgerichtet durchführen zu können (Leitlinien für den sorgfältigen Umgang mit Tierarzneimitteln, Resistenzsituation) und weitere Handlungskonsequenzen davon abzuleiten (z. B. Impfung). Die Diagnostik ist zwar teuer und die Behandlung muss aufgrund des schnellen Fortschreitens des Krankheitsgeschehens bereits zwingend vor dem Vorliegen der Ergebnisse beginnen.
Die für den Erregernachweis notwendige Entnahme der Proben ist für das betreffende Kalb ungefährlich. Die Probengewinnung sollte stets vor Beginn der Medikation bei frisch erkrankten, unbehandelten Tieren erfolgen, denn gerade Viren sind in der Regel nur im Anfangsstadium der Erkrankung nachweisbar. Nasenzellabstriche bzw. tiefe Nasentupfer sind für den Nachweis viraler Erreger mittels Immunfluoreszenz, Zellkultur- oder PCR-Technik zu verwenden (langes Tupferentnahmesystem für BRSV-Nachweis). Trachealtupfer oder Spülproben aus der Luftröhre (Trachealspülproben, transtracheale Aspirationsproben) sind für den Nachweis bakterieller Erreger wesentlich besser geeignet als Nasentupfer, in denen unter Umständen nur die harmlose Begleitflora der Schleimhäute nachgewiesen wird, die mit dem eigentlichen Krankheitsgeschehen in der Lunge nichts zu tun hat. Die Entnahme dieser Probe durch den Tierarzt erfolgt stets sehr sauber, um eine Kontamination mit unspezifischer Begleitflora zu vermeiden. Der Tierarzt wird ggf. auch Selektivmedien verwenden, um besonders empfindliche, für das Krankheitsgeschehen jedoch unter Umständen wichtige Erreger nachweisen zu können.
Stets sinnvoll ist es zudem, mehrere Tiere (pro Gruppe) zu beproben – letztlich interessiert weniger das Ergebnis des Einzeltieres als vielmehr die bestandesspezifische Situation.
Bei Bestandesproblemen können auch sogenannte serologische Untersuchungen durchgeführt werden, um mit Hilfe des Nachweises von Antikörpern im Blut der Tiere eine zurückliegende Infektion nachzuweisen. Aufgrund der hohen Durchseuchung der Herden mit den verschiedenen Erregern ist das Ergebnis der Untersuchungen jedoch in der Regel nicht besonders aussagekräftig.
Auch die Sektion verendeter oder euthanasierter Kälber kann dem Tierarzt bei gehäuften Erkrankungen zusätzliche Informationen vermitteln (Abb. 1). Tiere mit chronischem Krankheitsverlauf sind jedoch ungeeignet, weil dann in der Lunge häufig Erreger nachgewiesen werden, die mit der auslösenden Ursache kaum etwas zu tun haben, sondern erst im Zusammenhang mit massiven Gewebseinschmelzungen auftreten.
Stets sinnvoll ist es zudem, mehrere Tiere (pro Gruppe) zu beproben – letztlich interessiert weniger das Ergebnis des Einzeltieres als vielmehr die bestandesspezifische Situation.
Bei Bestandesproblemen können auch sogenannte serologische Untersuchungen durchgeführt werden, um mit Hilfe des Nachweises von Antikörpern im Blut der Tiere eine zurückliegende Infektion nachzuweisen. Aufgrund der hohen Durchseuchung der Herden mit den verschiedenen Erregern ist das Ergebnis der Untersuchungen jedoch in der Regel nicht besonders aussagekräftig.
Auch die Sektion verendeter oder euthanasierter Kälber kann dem Tierarzt bei gehäuften Erkrankungen zusätzliche Informationen vermitteln (Abb. 1). Tiere mit chronischem Krankheitsverlauf sind jedoch ungeeignet, weil dann in der Lunge häufig Erreger nachgewiesen werden, die mit der auslösenden Ursache kaum etwas zu tun haben, sondern erst im Zusammenhang mit massiven Gewebseinschmelzungen auftreten.
Risikofaktoren/Ursachen
Es handelt sich bei der Kälbergrippe um eine klassische Faktorenerkrankung, die durch das Zusammenwirken von unbelebten und belebten Faktoren sowie Managementfehlern entsteht (Abb. 1).
Letztlich sind die Haltungsbedingungen von zentraler Bedeutung für Häufigkeit und Schweregrad der Erkrankungen, wobei
- Belegungsdichte (weitere Informationen),
- Luftverhältnisse (weitere Informationen),
- Entmistungsintervall (weitere Informationen),
- Rein-Raus-Verfahren (weitere Informationen zum Tierverkehr und zu den Arbeitsabläufen),
- gleicher Luftraum für verschiedene Tiergruppen
wichtige Stichworte sind.
Zusätzlich spielen Managementfehler eine erhebliche Rolle, d. h. Faktoren, die zu einem unzureichenden Immunschutz der Tiere führen:
- Unterversorgung der hochtragenden Muttertiere mit Spurenelementen und Vitaminen,
- Eisenmangelanämie,
- unzureichende Versorgung der Neugeborenen mit Kolostrum,
bzw. Faktoren, die die körpereigenen Abwehrkräfte des Kalbes schwächen, wie Stress im weitesten Sinne, insbesondere infolge von Transport, Nahrungskarenz und zootechnische Maßnahmen wie z. B. Enthornen.
Prophylaxe
Die Vermeidung von Atemwegsinfektionen basiert auf zwei Prinzipien:
- der Optimierung der Tierhaltung, um die Abwehrbereitschaft des Organismus zu maximieren und gleichzeitig den Infektionsdruck zu minimieren,
- der frühzeitigen Erkennung und zielgerichteten, systematischen Behandlung von akut erkrankten Kälbern, um gravierende Organveränderungen und erneute Erkrankungen (Rezidive) zu vermeiden.
In Betrieben mit wiederkehrenden Problemen werden häufiger Fütterungsarzneimittel eingesetzt und es wird auch häufiger geimpft als in Betrieben, die kaum Probleme mit Rindergrippe haben. Das macht deutlich, dass Bestandesprobleme mit massivem Medikamenten- und Impfstoffeinsatz nicht zu lösen sind.
Die wichtigsten Aspekte im Hinblick auf das Haltungssystem sind
- niedrige Ammoniakkonzentrationen im Liegebereich; dies setzt wiederum eine geringe Belegungsdichte (> 3 m² Stallfläche / Kalb), häufiges Entmisten und reichlich Stroheinstreu voraus (weitere Informationen),
- ein zugfreier Rückzugsbereich, insbesondere für kleine Kälber, (weitere Informationen)
- eine ausreichende Kolostrum- und Fütterungsintensität (weitere Informationen), um die Konstitution der Kälber zu stärken.
Zu den Anforderungen, die mit dem Neubau eines Kälberstalles verbunden sind, gehört ein Baukonzept, das beste stallklimatische Verhältnisse bietet, einen vergleichsweise geringen Bewirtschaftungsaufwand erlaubt und niedrige Baukosten verursacht. Pultdachhallen haben sich hier als besonders geeignete Lösungen erwiesen.
Bei gehäuften Erkrankungen in Betrieben zeigt sich immer wieder, dass zwar die Krankheitssymptome bei älteren Kälbern offenbar im Vordergrund stehen, dass die betroffenen Kälber jedoch in der Regel häufig schon mehrere Krankheitsepisoden hinter sich haben und unter Umständen bereits in den ersten Lebenswochen an Durchfall litten. Letztlich wird das Bestandesproblem somit schon durch Fehler während den ersten Lebenstagen verursacht und manifestiert sich lediglich erst mit erheblicher Latenz bei den älteren Tieren (siehe Abbildung).
Impfmassnahmen
Eine Möglichkeit, die Abwehrbereitschaft des Organismus gegenüber gewissen Keimen zu verbessern, ist eine Impfung.
Durch das Impfen wird eine Immunantwort ausgelöst. Diese besteht in der Produktion von Antikörpern und der Bildung spezieller Abwehrzellen (Lymphozyten). Bei einem erneuten Kontakt mit dem Erreger erfolgt die Immunabwehr schneller und heftiger und die Entwicklung von klinischen Symptomen können verhindert oder zumindest abgeschwächt werden. Die Dauer des Immunschutzes ist abhängig vom Erreger, der Art des Impfstoffes, der Frequenz der Impfungen („Grundimmunisierung“) und dem Immunstatus des geimpften Tieres. Ihr Tierarzt wird Sie beraten.
Grundsätzlich sind Impfmassnahmen allein nicht geeignet, um ein Bestandesproblem mit Kälbergrippe zu lösen Sie können jedoch zu einer wesentlichen Entspannung der Situation führen. Akut erkrankte Tiere sollten nicht geimpft werden. Wie bei anderen Schutzimpfungen ist auch die Vakzination gegen Kälbergrippe erfolgversprechender, wenn klinisch gesunde Kälber behandelt werden. Die Impfung von (noch gesunden) Kälbern, die sich nach einer Virusinfektion bereits in der Inkubationszeit befinden, ist weniger erfolgversprechend („metaphylaktische Impfung“). Die Dauer eines belastbaren Schutzes nach der Grundimmunisierung hängt von vielen Faktoren ab, überschreitet aber kaum sechs Monate.
Die Effektivität von Mitteln, die nicht gegen spezifische Erreger wirken, sondern die unspezifische Immunabwehr stimulieren (so genannte Paramunitätsinducer), wird kontrovers diskutiert. Grundsätzlich erscheint zwar eine Wirkung auch bei hochgradig erkrankten Tieren über eine Aktivierung der Abwehrzellen (Granulozyten und Lymphozyten) und die Induzierung der Interferone denkbar; allgemein wird der Einsatz von Paramunitätsinducern jedoch eher prophylaktisch und metaphylaktisch empfohlen und im therapeutischen Bereich als wenig effektiv betrachtet.
Therapie
Therapie der Kälbergrippe
Die an der Erstinfektion beteiligten Viren besitzen keinen eigenen Stoffwechsel, sondern vermehren sich in den Zellen des Wirtes. In der Rindermedizin können sie nicht nachhaltig beeinflusst werden. In der Humanmedizin vereinzelt eingesetzte so genannte Virostatika stehen in der Tiermedizin nicht zur Verfügung.
Die wichtigste Therapiemaßnahme bei Kälbergrippe ist die Bekämpfung der bakteriellen Infektionserreger. Dafür sind Antibiotika notwendig, die entweder über das Futter (oral) oder mittels Injektion verabreicht werden. Bei rechtzeitiger Erkennung und sofortigem Beginn der Behandlung mit einem wirkungsvollen Antibiotikum tritt bei fast allen erkrankten Tieren innerhalb von 24 Stunden eine nachhaltige Besserung des Krankheitsbildes ein.
Wichtigste Prinzipien der antibiotischen Therapie sind unten dargestellt. Ihr Tierarzt wird sie beraten:
- Die Behandlung muss möglichst frühzeitig unmittelbar nach Auftreten des Fiebers (> 40,0 °C) beginnen. Das häufige Thermometrieren von verdächtigen Tieren ist somit der Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung! Sobald sich weitere deutliche klinische Symptome entwickelt haben (wie eine deutlich erhöhte Atmungsfrequenz, „Pumpen“, eitriger Nasenausfluss), wird die Prognose ungünstiger, da diese Symptome schon mit Entzündungs- und Umbauvorgängen in den Atemwegen und im Lungengewebe einhergehen. Eine frühzeitige Konsultation des Hoftierarztes und die Besprechung des geplanten Vorgehens - insbesondere nach Aufstallen von Zukaufskälbern - sind sinnvoll und erlauben ein systematisches, abgestuftes und zielorientiertes Vorgehen.
- Bei entsprechend hohem Infektionsdruck hat sich die metaphylaktische Behandlung aller Tiere der betreffenden Gruppe bewährt, d. h. nach Auftreten von Krankheitssymptomen bei mehr als 20 % Tieren innerhalb einer Gruppe werden die anderen, gegenwärtig noch gesund erscheinenden Kälber, auch antibiotisch behandelt. Bei diesen ist davon auszugehen, dass sie sich bereits infiziert haben, sich jedoch noch in einer symptomlosen Phase der Erkrankung befinden („Inkubationszeit“).
- Es ist anzustreben, dass zumindest die bakteriellen Erreger identifiziert werden (siehe Diagnose), um ihre Empfindlichkeit gegenüber den verfügbaren Antibiotika abzuklären.
- Die Wirkstoffspiegel müssen ausreichend hoch sein, d. h. es müssen geeignete Intervalle für die wiederholte Verabreichung des Antibiotikums in Abhängigkeit von dessen Verteilung und Elimination eingehalten werden.
- Wirksame therapeutische Konzentrationen müssen auch nach Abklingen des Fiebers und der respiratorischen Symptome über mindestens drei weitere Tage beibehalten werden. Es ergibt sich eine minimale Behandlungsdauer von sechs Tagen. Die Resistenzlage der Infektionserreger ist nur selten der entscheidende Grund für das Ausbleiben befriedigender Therapieerfolge; wichtiger erscheint der zu späte Beginn der Behandlung und das zu frühe Absetzen der Medikation.
- Die Verabreichung von Antibiotika über die Milchtränke („orale Medikation“) ist potentiell möglich und auch wirksam. Allerdings sind schwer lungenkranke Kälber aufgrund des schlechten Allgemeinbefindens häufig geschwächt und trinken nur zögernd oder nicht mehr. Eine sorgfältige tägliche Kontrolle der Milchaufnahme ist während der Verabreichung von Antibiotika über die Tränke zwingend erforderlich.
Neben der Verabreichung von Antibiotika zielen weitere therapeutische Maßnahmen vor allem auf die Beseitigung der Atemnot (Dyspnoe). Diese entsteht - zumindest teilweise - dadurch, dass die an und für sich sinnvolle körpereigene Abwehrmechanismen „aus dem Ruder laufen“. Insofern ist es plausibel, die antibiotische Therapie durch entzündungshemmende Pharmaka zu unterstützen. Diese führen zu einem Rückgang der Körpertemperatur und der Atmungsfrequenz und haben insgesamt positive Effekte auf das Allgemeinbefinden der Tiere, wodurch sich auch die Tränkeaufnahme verbessert. Bei Kälbergrippe ist es sinnvoll, zusätzlich schleimlösende Mittel zu verabreichen. Damit gelingt es dem Tier besser, den vermehrt gebildeten und oft sehr zähen Schleim abzuhusten. Schleimlöser führen darüber hinaus zu einer Anreicherung der Antibiotika in der Lunge.
Schließlich kann die Verabreichung von fettlöslichen Vitaminen (insbesondere Vitamin E) die Abwehrbereitschaft des Organismus indirekt unterstützen und ist insbesondere bei stark gestressten Kälbern durchaus indiziert. Ihr Tierarzt wird sie informieren.