Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/838

Als Aline M.* (33) vor vier Jahren heiratete, war sie bereit für das Abenteuer Familie. Dass sie nicht gleich schwanger wurde, beunruhigte sie nicht. Sie wollte Kinder, hatte damit aber keine Eile.
Dann kam der Krebs. Er begann mit einem Hautausschlag und ständiger Müdigkeit im Winter 2014. Anfang 2015 kam ein starker Husten dazu. Die verordneten Antibiotika halfen nicht. Nach einer Blutanalyse, einer Röntgenaufnahme des Brustkorbs und Untersuchungen am Inselspital Bern bekam Aline M. im März 2015 die Diagnose: Hodgkin-Lymphom. Ein Krebs des Lymphsystems, an dem laut Krebsliga in der Schweiz jährlich rund 245 Menschen erkranken, was knapp einem Prozent der Krebserkrankungen entspricht.
«Will ich eine solche Operation?»
Die Onkologen teilten Aline M. mit, das Hodgkin-Lymphom sei einer der am besten behandelbaren Krebsarten und sie habe gute Aussichten auf Heilung. Und sie fragen die junge Frau, ob sie Kinder wolle. Denn die Chemotherapie, die eingesetzt werden sollte, greift die Eierstöcke an und macht etwa ein Drittel der behandelten Frauen unfruchtbar.«Ich kämpfte damit, die Diagnose zu verkraften und die Angst zu bewältigen. Der Kinderwunsch war in den Hintergrund gerückt», erinnert sich Aline M. Dennoch liessen sie und ihr Mann sich am Inselspital beraten, wie sich ihre Fruchtbarkeit erhalten liesse.
Eine Möglichkeit sind Hormonspritzen, parallel zur Chemotherapie. Sie versetzen Frauen künstlich in die Wechseljahre und erhöhen die Chancen, dass die Eierstöcke die Therapie unbeschadet überstehen. Ausserdem können vor Therapiebeginn Eizellen oder Eierstockgewebe entnommen werden.
«Die Onkologen drängten zum sofortigen Beginn der Chemotherapie, es bleibe keine Zeit, das Reifen von Eizellen abzuwarten», erinnert sich Aline M. Es blieb für sie die Möglichkeit, einen Teil eines Eierstocks entnehmen, einfrieren und nach erfolgreicher Therapie wieder einsetzen zu lassen. «Ich habe mich gefragt: Will ich überhaupt noch eine solche Operation? Mein Mann sagte: Die Familie ist zweitrangig, wichtig ist, dass du wieder gesund wirst. Aber man sagte mir, es wäre schade, im Nachhinein zu denken: Hätte ich es doch getan!»
Obschon das Entfernen von Eierstockgewebe ein relativ kleiner Eingriff ist, waren die Ärzte zunächst nicht sicher, ob Alines Körper die Vollnarkose verkraften konnte. Ein Lymphknoten zwischen Lunge und Herz hatte sich durch den Krebs vergrössert, drückte auf den Herzmuskel und erschwerte dessen Arbeit. «Da sagten wir: Wenn mein Körper es mitmacht, ist das ein Zeichen, und wir machen es.» So fuhr Aline M. eine Woche nach der Diagnose mit ihrem Mann ans Inselspital für ein EKG. Da die Herzfunktion es zuliess, entnahm man ihr einen Teil des rechten Eierstocks. Kurz darauf begann sie ihren Kampf gegen den Krebs. Sechs Zyklen Chemotherapie, begleitet von Übelkeit, Müdigkeit, Schwindel und Bluttransfusionen. Danach Bestrahlung. Ende September 2015 war die Therapie abgeschlossen. «Es war ein cooles Gefühl, als die Haare wieder wuchsen.»
Eierstöcke zerstört, Eileiter intakt
Ein Jahr später setzte Aline M. die Pille ab: Ab Herbst 2016 hätte sie schwanger werden dürfen, ohne Folgeschäden für ihr Kind zu riskieren. Doch ihre Periode blieb aus, die Chemotherapie hatte ihre Eierstöcke zerstört. Eine Untersuchung in der Frauenklinik des Inselspitals zeigte aber, dass ihre Eileiter nach wie vor durchgängig sind. Deshalb besteht für Aline M. Hoffnung, dass sie dennoch auf natürlichem Weg schwanger werden kann, wenn man ihr das eingefrorene Eierstockgewebe wieder einsetzt.
Allerdings fragte sich die junge Frau: «Ist es nicht egoistisch zu sagen: Ich möchte nun ein Kind? Was, wenn der Krebs zurückkommt?». Mitte Januar 2016 war sie einmal mehr zur Kontrolle am Inselspital und erhielt einen guten Bericht: Sie habe den Krebs endgültig besiegt und könne mit gutem Gewissen schwanger werden. Das nahm die Zweifel. Im Juli wurde Aline M. operiert. Sie freut sich, sagt aber: «Ich möchte Kinder, mache mein Glück jedoch nicht davon abhängig. Dass ich noch lebe, ist ein grosses Geschenk.»