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«Ich wurde am 7. März 1875 in Ciboure geboren, einem Nachbarort von Saint-Jean-de-Luz im Département Basses-Pyrénées. Mein Vater stammte aus Versoix am Ufer des Genfer Sees und war Ingenieur. Meine Mutter gehörte einer alten baskischen Familie an.» So umstandslos eröffnet Maurice Ravel seine autobiographische Skizze, die er 1928 zu Papier brachte – und benennt damit gleich zwei wesentliche Eckpfeiler seiner Identität. Von seinem Schweizer Vater Pierre-Joseph Ravel hatte er wohl die Veranlagung geerbt, alles, was er anfing, minutiös auszutüfteln: die musikalischen Entwicklungen, die Effekte und Abläufe seiner Partituren, die klanglichen Farbkombinationen im Orchestersatz. Igor Strawinsky brachte diese Eigenart später auf den Nenner, Ravel komponiere mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers, und spielte dabei natürlich auf die Herkunft des Kollegen an. Uhrmacher war Pierre-Joseph Ravel zwar nicht, aber immerhin ein cleverer Erfinder, der mehrere Patente anmelden konnte und 1868 ein Automobil mit Petrolantrieb entwickelte, den «Tilbury Ravel» mit 3 PS, der es bei einer Probefahrt auf die rasante Geschwindigkeit von sechs Stundenkilometern brachte.
Anfang der 1870er Jahre zog Pierre-Joseph Ravel nach Spanien, um beim Aufbau eines Eisenbahnnetzes mitzuwirken. Dort lernte er in Aránjuez die acht Jahre jüngere Marie Delouart kennen, deren Vorfahren, wie so viele Basken, Fischer oder Seefahrer gewesen waren. Der spanische Komponist Manuel de Falla führte Ravels lebenslanges Faible für die spanische Musik auf diese genetische Anlage zurück, schliesslich habe Marie ihre Jugendjahre in Madrid verbracht und exzellent Spanisch gesprochen. Und auch Ravel selbst, der Spanien als seine «zweite musikalische Heimat» verstand, berichtet in seinem biographischen Abriss: «Als ich noch ein Baby war, sang mich meine Mutter immer mit baskischen und spanischen Liedern in den Schlaf.» Doch war es noch mehr, was er seiner Mutter verdankte. Bei den Ravels herrschte eine liberale Atmosphäre, und insbesondere Marie muss eine Freidenkerin gewesen sein. Den Versuch eines Freundes, sie zum rechten Glauben zu bekehren, kommentierte Maurice: «Mama dämpfte diesen noblen Eifer beträchtlich, indem sie feststellte, sie ziehe es vor, mit ihrer Familie in der Hölle zu sein als ganz allein im Himmel.»
Während der jüngere Bruder Édouard in allem dem Vater nacheiferte und selbst auch Ingenieur werden sollte, war Maurice der Mutter besonders zugetan, zeitlebens; ihr Tod im Januar 1917 bedeutete für ihn einen Schock, von dem er sich nie mehr ganz erholte. In seinen musischen Interessen wurde er jedoch von beiden Elternteilen gefördert. «Schon als Kind war ich für Musik empfänglich – für jede Art von Musik», erinnerte er sich. «Mein Vater, der in dieser Kunst sehr viel bewanderter war als die meisten Liebhaber, verstand es, meinen Geschmack zu lenken und frühzeitig meinen Eifer zu stimulieren.» Als er drei Monate alt war, kam Maurice nach Paris, und dort wuchs er in zwar nicht luxuriösen, aber finanziell gesicherten Verhältnissen auf und erhielt seit seinem siebten Lebensjahr Klavierstunden von angesehenen Lehrern; später kam auch Unterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und Komposition dazu.
Am Anfang freilich mussten die Eltern noch etwas nachhelfen, um seinen Eifer zu stützen: Für jede Stunde, die er am Klavier verbrachte, zahlten sie Maurice den «Arbeitslohn» von 10 Sous. Offenkundig trug die unorthodoxe Massnahme Früchte, denn als er vierzehn war, stellte ihn sein Lehrer Émile Descombes bei einem öffentlichen Konzert in der Pariser Salle Érard vor. Mag sein, dass der junge Ravel damals im Vergleich mit den Mitschülern Alfred Cortot und Reynaldo Hahn noch nicht ganz so brillant aufspielte; dass er jedoch in der Lage war, drei virtuose Stücke von Ignaz Moscheles zu interpretieren, spricht für beachtliche technischen Fertigkeiten. Kurz danach, im November 1889, absolvierte Maurice dann die Aufnahmeprüfung fürs Pariser Conservatoire und wurde für die Vorbereitungsklasse zugelassen.
Zunächst schien für ihn festzustehen, dass er die Pianistenlaufbahn einschlagen werde: ganz wie sein Kommilitone Ricardo Viñes, der schon damals zu seinem engsten Freund wurde und ihn auch mit der «modernen» Literatur vertraut machte. Liest man die Urteile der Lehrer in den Zeugnissen des Conservatoire, so fällt auf, dass Ravel immer wieder «Gefühl und Wärme», «Temperament» oder «geistvolle Darbietungen» attestiert werden. Auf der anderen Seite moniert die Jury «eine Tendenz, grosse Effekte herauszuholen», und befindet: «Muss im Zaum gehalten werden.» Vor allem aber mehren sich im Lauf der Jahre die Hinweise, dass Maurice nicht genug arbeite, ja, dass er geradezu provozierend faul sei. Und dieser Befund kulminiert dann 1895 in seinem Hinauswurf: «Sie sind ein Verbrecher: Sie sollten der Klassenbeste sein – und sind der Letzte», stellt sein Lehrer Charles de Bériot entnervt fest und setzt ihm den Stuhl vor die Tür.
Sein Lebenstraum war geplatzt: Zwei Jahre rang Ravel mit sich, wie es weitergehen solle, ehe er sich 1897 dafür entschied, es noch einmal mit der Musik und am Conservatoire zu versuchen, nun aber in der Kompositionsklasse von Gabriel Fauré. Es war ein weiser Entschluss, wie er bald feststellen konnte. Manchmal braucht es einen Misserfolg, um auf den richtigen Weg zu finden.
Susanne Stähr
Für seinen Luzerner «Antrittsbesuch» mit dem London Symphony Orchestra am 10. September hat Sir Simon Rattle einen zauberhaften Ravel-Abend zum Festivalthema «Kindheit» zusammengestellt: Magdalena Kožená übernimmt nicht nur in Ravels Liederzyklus «Shéhérazade» die Hauptrolle, sondern auch in seiner Märchenoper «L’Enfant et les Sortilèges». Und in «Ma mère l’Oye» haben die Schöne und das Biest, Dornröschen und der Däumling ihren Auftritt.