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Der wird doch dieses Tempo nicht etwa durchhalten können? Als Abraham Kipyatich gestern bereits auf den ersten Kilometern allen davonrannte, nahmen das die Journalisten und Zuschauer im Zielraum noch mit Skepsis zur Kenntnis. Schnell einmal lag er 10, bald 20 Sekunden unter Jonathan Wyatts Streckenrekord von 2004. «Kennt der die La-Sonnaz-Steigung?», fragte ein Journalist in die Runde und suggerierte damit, dass Kipyatich das Rennen wohl zu schnell angehe. Er kannte sie. Sein Manager Alexander Hempel war am Vortag mit ihm die Strecke im Auto abgefahren.Kipyatich war aber nicht sonderlich beeindruckt von der Steigung. Bis ins Ziel verzeichnete er nicht das geringste Leistungsloch, wurde einfach nicht langsamer.
Mit seinen 50:28 Minuten war er satte 50 Sekunden schneller als Wyatt 2004. «Der Rekord war die klare Vorgabe», sagte Manager Hempel im Ziel. «Wenn die Form stimmt und die Bedingungen so ideal sind, musst du profitieren. Ich hatte ihm deshalb gesagt, er solle von Anfang an marschieren und nicht auf seine Konkurrenten schauen.»
5000 Franken für Rekord
Den Rekord zu brechen war für Kipyatich lukrativ. Der Jackpot, der jedes Mal, wenn der Rekord nicht gebrochen wird, um 500 Franken aufgestockt wird, war gut gefüllt. 5000 Franken hat der Kenianer zusätzlich zu den 1500 Franken Siegprämie erhalten. Rund ein Fünftel geht an seinen Manager, mit dem Rest wird er in Kenia ein ganzes Weilchen leben können. In seine Heimat wird er in zwei Wochen wieder zurückkehren, nachdem er nächste Woche in Rennes einen 10-Kilometer-Lauf absolvieren und anschliessend vielleicht noch zu einem weiteren Rennen starten wird.
Für seinen momentanen Aufenthalt in Europa hat er das Rift Valley in Kenia erst zum dritten Mal in seinem Leben verlassen. Zum ersten Mal hatte er das letzten Dezember getan, um sein erstes Strassenrennen überhaupt zu bestreiten, die Escalade in Genf–die er prompt gewann. Im Frühling war er dann für einige Rennen in Deutschland nach Europa zurückgekehrt. Hempel, in dessen Haus in Frankfurt Kipyatich während seiner Aufenthalte in Europa wohnt, hatte das Talent vor eineinhalb Jahren bei einem Nachwuchs-Cross-Rennen in Kenia entdeckt.
Was ist Kipyatich noch zuzutrauen?
Wer einen Streckenrekord dermassen pulverisiert, hat definitiv Potenzial. Was traut Hempel seinem Schützling noch zu? «Das ist im Moment noch schwierig einzuschätzen. 17 Kilometer beispielsweise ist eine Distanz, die nicht mit vielen anderen Rennen zu vergleichen ist. Er muss nun zeigen, was er sonst noch drauf hat und seine Chance demnächst nutzen.» Auf der Bahn traut Hempel dem 21-Jährigen nicht viel zu. Vielleicht beim Cross? «Nein, Cross-Rennen in Europa sind nicht zu vergleichen mit Cross-Rennen in Afrika.» In Europa sei es oft nass und matschig. «Der Kenianer», wie Hempel sagt, «mag das nicht.»
Kipyatich selbst kann zu seinem Erfolg nicht viel sagen. Er spricht Swahili und kennt vielleicht zehn, zwanzig Wörter auf Englisch. Jeder Versuch, ihn zu zitieren, bedürfte viel Interpretation. Es ist ein spezielles Leben, das Läufer wie Kipyatich führen, die alle paar Monate–im Dezember kehrt der Kenianer unter anderem für die Escalade in Genf wieder nach Europa zurück–in eine völlig neue Welt geflogen werden. In ein Leben, wo sie plötzlich im Mittelpunkt stehen. Es war fast schon rührend, mit anzusehen, wie der Kenianer im Presseraum mit einer Mischung aus Freude, Belustigung und Verlegenheit auf den TV-Bildschirm schaute, auf dem die Wiederholung seines Siegeslaufs zu sehen war.
Abraham auf Rang drei
Auf diesen Bildern war Kipyatich fast immer solo zu sehen. Seine Konkurrenz hatte nicht den Hauch einer Chance. Vorjahressieger Kiplangat Bett, der den zweiten Rang belegte, war satte 2:45 Minuten langsamer als der Sieger. Er war mit seiner Leistung trotzdem zufrieden. Nicht zuletzt, weil er bereits einen Monat in Europa weilt und schon vier anstrengende Rennen hinter sich hat.
Die Schweizer Hoffnung Tadesse Abraham belegte mit knapp drei Minuten Rückstand auf den Sieger den dritten Rang. Er lief lange Zeit an sechster Stelle, konnte aber auf den letzten vier Kilometern noch die beiden Äthiopier Yohnnis Bekele und Kenenia Balda überholen. «Ich bin mit meinem Abschneiden zwei Wochen nach dem Sieg am Greifenseelauf zufrieden», bilanzierte Abraham.