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Im Violet Crown Cinema, Austin (USA), entdeckte Angelika Stenzel-Twinbear erstmals einen Aufzug, der als Fluchtweg im Brandfall ausgewiesen war. Seither hat sie sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, denn als Fachingenieurin für Brandschutz und für barrierefreies Planen und Bauen will sie dazu beitragen, in einem Brandfall möglichst viele Menschen schnellstmöglich aus dem Gebäude zu bekommen. Wie das in der Praxis aussehen kann, erläuterte sie beim 8. Online-Forum der International Fire Academy. Dabei erörterte sie auch, ob das Konzept der Aufzüge als Rettungsweg auf die Entfluchtung von Tunnelanlagen übertragen werden könnte.
Ein Evakuierungskonzept steht am Anfang der Planung
Um Aufzüge als Fluchtwege nutzen zu können, sind vielfältige bauliche Voraussetzungen zu erfüllen. So muss beispielsweise das Löschwasser so abgeleitet werden, dass die Aufzugstechnik nicht beeinträchtigt werden kann. Neben der Notstromversorgung sind ein Monitoring der Technik und der Nutzung der Aufzugsanlage sowie eine spezielle Notfallsteuerung der Aufzüge erforderlich.
Der Warteraum vor den Aufzügen muss entsprechend der Gebäudenutzung (Anzahl der erwarteten Personen und Anteil der Menschen mit eingeschränkter Mobilität) dimensioniert werden. Er sollte beleuchtet sein und Sichtachsen zum Treppenhaus haben. Insgesamt eignen sich daher vor allem Neubauten für eine Planung, die Aufzüge als Fluchtweg in das Evakuierungskonzept integriert.
Zeitgewinn durch die Nutzung von Treppenhaus und Aufzugsanlage
«Treppen sind der schnellste Weg, um aus einem Gebäude herauszukommen!» Mit diesem Hinweis warnte Angelika Stenzel-Twinbear vor Überlegungen, das Treppenhaus kleiner zu dimensionieren, wenn Aufzüge als zusätzliche Fluchtwege geplant werden. Die Zeit für die Evakuierung eines Gebäudes wird durch die zusätzliche Nutzung von Aufzügen nur bedingt verkürzt.
Tests ergaben, dass Menschen aus einem 18-stöckigen Gebäuden in 14.3 Minuten über ein Treppenhaus flüchten können; die zusätzliche Nutzung der Aufzugsanlage brachte einen Zeitgewinn von etwas mehr als 2 Minuten. Je höher das Gebäude, desto deutlicher der Effekt: Ein 36-stöckiges Gebäude allein über die Treppen zu evakuieren, dauerte 23.1 Minuten. Im Zusammenspiel mit der Aufzugsanlage halbierte sich der Zeitbedarf annähernd (12.8 Minuten).
Gefährdete Etagen vorrangig evakuieren
Eine Notfallsteuerung sorgt dafür, dass Aufzüge im Brandfall vorrangig und gezielt die gefährdeten Stockwerke anfahren. So könnten beispielsweise bei einem Brand im 10. Stockwerk zunächst dieses und die beiden Etagen darunter und darüber bedient werden. Ziel wäre es, dass die unmittelbar gefährdeten Bereiche sowie wichtige Arbeitsbereiche der Feuerwehr bereits beim Eintreffen der Einsatzkräfte evakuiert wären.
Eigenständige Flucht ermöglichen
Ein weiteres Ziel soll mit der Nutzung von Aufzügen im Brandfall erreicht werden: «Möglichst alle Personen können eigenständig aus dem Gebäude flüchten.» So formulierte Angelika Stenzel-Twinbear ihr zentrales Anliegen. Verletzte könnten von anderen Gebäudenutzern wesentlich leichter per Aufzug gerettet werden als über das Treppenhaus.
Neben Aufzügen können Rampen dazu beitragen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität eine eigenständige Flucht zu ermöglichen. Als Beispiel führte Angelika Stenzel-Twinbear das Texas Memorial Stadium mit 100’119 Besucherplätzen an. Laut Statistik müsste bei Vollbesetzung des Stadiums mit 300 Personen gerechnet werden, die nicht in der Lage sind, Treppen zu benutzen. Neben Aufzügen wurden in Texas deshalb Rampen als Fluchtwege realisiert.
Flucht aus einem Tunnel über Treppe und Aufzug?
Bei Tunnelanlagen sollte die Planung ebenfalls mit einem Evakuierungskonzept beginnen, wenn Fluchtwege über Treppenhäuser und Aufzüge vorgesehen sind. In einem Praxisversuch könnte getestet werden, wie viele Geschosse Personen bei der Flucht auf einer Treppe nach oben bewältigen können. Dies würde Auskunft darüber geben, ob ein Aufzug Zwischenhaltestellen benötigen würde, um Personen aufzunehmen, die nicht den gesamten Weg auf der Treppe zurücklegen können. In vielen weiteren Details könnte die Planung für unterirdische Verkehrsanlagen von den Erfahrungen aus dem Hochhausbau profitieren.