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Dieser Film stellt harte Anforderungen, sowohl subjektiv wie auch objektiv. Er setzt die lange Reihe von Kinderschicksals-Epen fort, die auf der härteren Seite von Hector Babencos Pixote (1981) geprägt sind, auf der weicheren von Wohlfühl-Elend im Stil von Slumdog Millionaire (2008).
Regisseurin Nadine Labaki wurde im Libanon geboren und gehört seit Caramel von 2007 zu den wenigen Weltregisseurinnen mit dem Cannes-Qualitäts-Label, wie etwa noch die Japanerin Naomi Kawase oder Alice Rohrwacher aus Italien, die dieses Jahr mit Lazzaro felice im Wettbewerb vertreten ist.
In ihren vorherigen Filmen hat Nadine Labaki jeweils auch eine Hauptrolle übernommen. Diesmal bleibt sie bei einer kleinen, aber bedeutungsschweren Nebenrolle: Sie spielt die Anwältin, welche den 12jährigen Strassenjungen Zain vor Gericht vertritt.
Zain verklagt seine Eltern, weil sie ihn zur Welt gebracht haben, ohne es sich leisten zu können. Das ist die nominelle Anklage. Die faktische umfasst den ganzen Film. Sie haben seine elfjährige Schwester an den Ladenbesitzer verkauft, bei dem Zain als Botenjunge arbeiten muss, und dem das Haus gehört, in dessen baufälligen Mauern in Beirut Zains Eltern mit einer ganzen Kinderschar hausen.
Zain ist von da abgehauen, nachdem er seine Schwester nicht hat schützen können. Er hat sich auf einen Rummelplatz durchgeschlagen, die junge Äthiopierin Rahil und deren einjährigen Sohn Yonas kennengelernt. Rahil lebt in einem Bretterverschlag im Slum und nimmt Zain auf, als Babysitter für ihren Sohn. Bis eines Tages einfach nicht mehr auftaucht.
Zain versucht verzweifelt, das Baby und sich durchzubringen, mit allen Mitteln, auch als klandestiner Drogenhändler, wie er es von seiner Mutter gelernt hat. Aber schliesslich weiss er keinen Ausweg mehr und überlässt den kleinen Yonas dem dubiosen Markthändler Aspro, gegen das Versprechen von falschen Papieren und einer Schlepperpassage nach Schweden.
Nadine Labaki erzählt diese herzzerreissende Geschichte in langen, geschwungenen Rückblenden, eingerahmt von der Gerichtsverhandlung. Die Regisseurin beschreibt den Film als eine Art «Heimgeburt», weil er einerseits über einen langen Zeitraum hinweg entstanden sei. Gedreht wurde kurz nach der Geburt ihrer eigenen Tochter. Produzent ist, neben dem Schweizer Finanier Michel Merkt, Nadine Labakis Mann Khaled Mouzanar, der auch gleich noch die Musik beigesteuert hat.
Die Darsteller sind Laien, der tatsächliche Lebensumstände einigermassen denen der Figuren geglichen haben. Der vierzehn Jahre alte Syrer Zain Al Raffeea ist umwerfend trotzig und hart in der Rolle des Zain, die Eritreerin Yordanos Shifferaw weiss nicht genau, wann sie geboren wurde in de rzweiten Hälfte der 80er Jahre. Sie hat einen Teil ihrer Kindheit in einem Flüchtlingscamp in Eritrea verbracht, nachdem ihre Mutter auf der langen Flucht zu Fuss verstorben war.
Es sind glaubhafte Figuren und tolle Darstellerinnen, ihre Geschichten wirken im einzelnen absolut nachvollziehbar. Bloss ihre Kombination in den etwas über zwei Stunden des Films und die Verknüpfung von Gerichtsdialogen mit den erzählenden Passagen wirken hin und wieder verdichtet und konstruiert.
Hart ist der Film wegen den geschilderten Schicksalen, an deren Realitätsnähe kein Zweifel besteht. Hart ist er aber auch, weil er so elegant gefilmt und vertont, konstruiert und geschnitten ist. Weil zwischendurch grossartige Drohnenaufnahmen hoch über den Slums von Beirut Bilder von schönster Hässlichkeit auf die Leinwand bringen, weil der kleine Yonas, verkörpert von einem kleinen Mädchen, absolut hinreissend ist. Weil Yordanos Shifferaw als Rahil in aller Verzweiflung einen aufrechten Sonnenschein von einer Frau verkörpert.
Kino ist stets auf Wirkung ausgerichtet, und einem Film das zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Aber die eigene Rührung hängt eben auch davon ab, wie weit man sich manipulieren lassen mag, wie viel stärker oder schwächer man Emotionen zulässt, auch wenn man erkennt, wie sie ausgelöst und am Leben gehalten werden. Das Heulen über eine schöne Liebesgeschichte ist eben nicht das gleiche, wie die Tränen, die ein unglaublich hartes Kinderschicksal auslösen kann.
Aber die filmischen Mittel, die gleichen sich.
Darum kann man Capharnaüm je nach persönlicher Verfassung als manipulativen Armuts-Porno sehen, oder aber als grosses, packendes, wütendes und anklagendes Kino – wie er zweifellos intendiert ist.