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«Le ranz des vaches» mit dem Refrain «Liauba» ist wohl das bekannteste Lied aus dem Greyerzerland. Und es gibt keinen Chor auf der Welt, der das Lied schöner und eindrücklicher interpretieren kann, als jener der Sennen (Armaillis) von Gruyère. Dass der Chor mittlerweile auf der Basis des Volkslieds ein vielbe-achtetes Repertoire mit klassischen Liedern singt, dürfte weniger bekannt sein.
24.05.2016 | VON HANSPETER EGGENBERGER
Der Chœur des Armaillis de la Gruyère hat sich gesanglich und optisch ganz dem Brauchtum verpflichtet. Die Sänger tragen den «Bredzon», das traditionelle Männerkostüm der Greyerzer Sennen. Als Sonntagstracht tragen sie Accessoires wie das «Capet», ein aus Stroh geflochtenes Hütchen, das schräg über die Schulter getragene «Loyi», eine kleine Ledertasche mit Salz für die Tiere (Gläcktasche) und einen knorrigen Wanderstock. Auch wenn der Männerchor Lieder aus aller Welt singt, ist die Verbindung zum Sennentum nicht nur Kulisse. Sogar in den Statuten ist die Verpflichtung verbrieft, zum Greyerzer Volkslied und zum eigenen Dialekt – dem Patois – Sorge zu tragen. Dank einer sorgfältigen Stimmbildung jedes einzelnen Sängers ist der Chor in der Lage, auch komplexere Arrangements zu singen, was den Volksliedern etwas Erhabenes verleiht.
Unspunnen hat gerufen
Zu Beginn der 1950er Jahre bekamen der Musiklehrer André Corboz und sein Kollege Henri Gremaud – seines Zeichens Konservator im Greyerzer Museum – eine Anfrage aus dem Organisationskomitee des Unspunnenfests. Da dort ein Chor aus dem Greyerzerland gewünscht war, der die heimischen Volkslieder nach dem Vorbild von Joseph Bovet (1879-1951) vortragen konnte, gründeten die beiden Kollegen in Bulle kurzerhand einen solchen. Der Chœur des Armaillis de la Gruyère entstand also 1955. Obwohl der Chor viele Volkslieder im eigenen Dialekt sang, hatte der anfänglich 16-köpfige Chor sofort grossen Erfolg. Die Klangfarben der Sprache, aber auch die Tatsache, dass Greyerzer Volkslieder alle melodiös und auch etwas melancholisch klingen, weckten beim Publikum eine besondere Sympathie.
Neben Auftritten in der Heimat wurde der Chor bald auch ausserhalb der Landesgrenzen gehört, so beispielsweise an den Weltausstellungen 1958 in Brüssel und 1967 in Montreal. Mit dem Tod ihres Gründers und Leiters versiegten jedoch auch die Aktivitäten. Michel Corpataux war einst ein Schüler von André Corboz und als Musiklehrer ebenfalls vom Chorgesang und Volkslied begeistert. Er war es, der 1976 den Neubeginn des berühmten Chores in die Wege leitete. Die Nachfrage bei den Sängern war gross, standen doch bis zu 40 Männer in den Reihen. Mit der Wiederbelebung des Chors startete Corpataux in eine überaus erfolgreiche neue Zeit. Der Dirigent verstand es, Sänger zu Höchstleistungen zu motivieren und sie stimmlich für das Chorsingen auszubilden. Trotzdem – und das ist für den Chœur des Armaillis de la Gruyère sehr wichtig – ist der heute aus 33 Männern bestehende Klangkörper ein reiner Laienchor geblieben. «Wir pflegen auch ein gutes Vereinsleben», erklärt Präsident André Brodard, «wozu neben der ernsthaften Arbeit das kameradschaftliche Beisammensein ebenfalls einen grossen Stellenwert hat». Bekannt sei ausserdem, dass der Chor bei seinen Auftritten immer zwei Konzerte gebe: Das erste offiziell auf der Bühne und das zweite inoffiziell anschliessend in der Beiz! Immer wieder stand der Chor auch für Tonaufnahmen vor dem Mikrofon.
Schubert und Gregorianik
Auch wenn das einheimische Volkslied ein sehr wichtiger Teil des Chores ausmacht, ist das übrige Repertoire ebenso wichtig. André Brodard weiss es: «Junge Mitglieder singen zwar mit Begeisterung die Volkslieder, möchten aber ein breiteres Repertoire singen». Dieses reicht dann von Liedern aus aller Welt bis zu klassischen Werken und Kirchengesängen. Zwei Säulen sind dabei vordergründig: Die Lieder von Franz Schubert und alte gregorianische Gesänge. Schuberts Lieder sind eine persönliche Liebe des Dirigenten, da diese ja auch weitgehend Volksliedcharakter haben. Mehrere Male nahmen die Greyerzer Sänger deshalb am internationalen Schubert-Lieder-Wettbewerb in Wien teil, den sie 1996 auch gewannen und zusätzlich mehrere Preise erhielten. Die gregorianischen Choräle werden nicht nur in den Messen gebraucht, sondern sind auch ein hervorragendes Mittel zur Stimmbildung. Mit dem einstimmigen Gesang werden die Kompaktheit des Chores, aber auch der Einsatz der Stimmen in allen Tonlagen gebildet. Schöne Bässe und glockenartige Tenöre sind das Ergebnis, das als Merkmal des Chœur des Armaillis de la Gruyère hervorsticht und mittlerweile schon fast auf der ganzen Welt erklungen ist; so beispielsweise in den USA als Gäste der Botschaft in Washington und an vielen Chorwettbewerben in der Schweiz und dem nahen Ausland. Egal in welchem Genre sich der Chor zeigt: immer präsentiert er sich heimatverbunden im blauen «Bredzon»! Und ebenso traditionell beenden sie zur Freude des Publikums im In- und Ausland ihre Konzerte immer mit dem «Ranz des vaches».
Nachwuchs und Wandel
Nach wie vor leben die Vereinsmitglieder hauptsächlich im südlichen Teil des Kantons Fribourg. Dazu gehören Lehrer, Direktoren, Käser, Förster, Gärtner – kurz, Leute aus allen Volksschichten. Die Altersspanne reicht von 17 bis 70 Jahren. «Wir haben grundsätzlich kein Problem, junge Männer zu rekrutieren», erklärt der Präsident. «Hingegen zeigt sich in neuerer Zeit auch bei uns das Phänomen, dass sich junge Leute für kurze Einsätze begeistern lassen, sich hingegen nicht zu langfristigen Mitgliedschaften entschliessen wollen». Bei diesem Chor kommt hinzu, dass neben den wöchentlichen Proben auch noch etwa 15 Auftritte zu bestreiten sind. Das ist ein Engagement, das im Rollenverständnis der heutigen Gesellschaft auf Probleme sowohl in der Familie, als auch im Beruf stösst. Punkto Sangeskunst hingegen gibt es keine Nachwuchssorgen, denn auch heute noch gibt es viele junge Leute, die nicht nur gut singen können, sondern es auch gerne tun! Dirigent Corpataux hat dazu eine gesunde Einstellung, wenn er sagt, dass hauptsächlich die Freude am Singen wichtig ist. «Den Rest mache ich dann schon», lacht er jeweils. Und das macht er mit riesigem Einsatz. Nicht selten besuchen ihn seine Sänger zusätzlich zuhause, wo er ihnen die letzten Kniffe der Gesangskunst beibringt.
Jetzt – nach 40 Jahren als Dirigent – will er in seinem 76. Altersjahr sein Amt niederlegen. Deshalb ist der Chor jetzt auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Einem, der die gleich reichhaltige Palette an Wissen und Interesse bezüglich Repertoire aufweisen kann, wie Michel Corpataux. Kein leichtes Unterfangen! Dennoch sind bereits mehrere Bewerbungen eingegangen und der Präsident kann zuversichtlich in die Zukunft schauen. Das Jubiläum und das Finale ihres langjährigen Dirigenten will der Chor nicht etwa mit einem grossen Fest, sondern mit viel Gesang feiern. Deshalb plante er in jedem der sieben Kantonsbezirke ein Konzert, zusammen mit einem lokalen Chor. Vom 25. bis 29. Mai wurde auf dem Marktplatz von Bulle täglich das Singspiel «Festival Grevîre» von Joseph Bovet aufgeführt. Neben vielen anderen Interpreten aus dem Greyerzerland wird auch der Chœur des Armaillis de la Gruyère zu hören sein. Ein eindrückliches Erlebnis ist sicher der Auftritt am «Avenches Tattoo» vom 1. bis 3. September, wobei der Chor standesgemäss mit einem ganzen Alpaufzug einmarschieren wird.
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