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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland
Der professionelle Drogendealer ist Experte und Spezialist.
Er hat sich in die Materie eingearbeitet.
Er hat sich die chemischen Grundlagen der Betäubungsmittel angeeignet.
Er kennt ihre Zusammensetzung.
Er kann künstliche Drogen auch selbst zu Hause oder im Labor herstellen.
Er weiss, welche Drogen süchtig machen und welche nicht.
Er ist über die unterschiedliche Wirkung bei den Endverbrauchern informiert.
Er kennt den Handel mit Drogen.
Er weiss, welche Einkaufspreise verlangt werden und welche Verkaufspreise er erzielen kann.
Er kennt die Herstellungsorte und Handelswege.
Er kennt die Gesetzeslage der verschiedenen Länder und weiss, wo und welche Mengen noch toleriert werden und ab wann er sich strafbar macht.
Er hat sich mit dem möglichen Strafmass vertraut gemacht.
Er kalkuliert sein Risiko genau ein.
Er weiss, welche Transportwege vermeintlich sicherer sind als andere.
Er kennt seine Konkurrenten, denn das Angebot übersteigt die Nachfrage.
Er kennt den Weltmarkt sehr genau und weiss, wie viel von welchen Drogen verfügbar sind.
Er kalkuliert genau zwischen Einkaufs- und Beschaffungspreis, Lagerkosten und möglichem Gewinn.
Er weiss um das Risiko, ertappt zu werden und studiert Berichte darüber genau.
Er konsumiert nicht oder nur in vertretbarem Mass, denn er will selbst nicht der Sucht verfallen.
Er lebt bescheiden, baut sein Geschäft parallel zu seiner bürgerlichen Existenz auf, damit er immer nachweisen kann, dass er seinen Lebensunterhalt aus legaler Arbeit bestreitet.
Seine bürgerliche Existenz ist eine selbstständige Tätigkeit, z.B. Im- und Export, oder ein abhängiges Arbeitsverhältnis.
Als Drogenhändler ist er darauf bedacht, seine Geschäfte selbstständig und unabhängig zu bestreiten, er handelt auf eigenes Risiko.
Wie auch ein Selbstständiger bankrott werden kann, so weiss der Drogenhändler, dass der Arm des Gesetzes hinter seine gesetzeswidrigen Geschäfte kommen kann und fürchtet die Konsequenzen.
In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von Schwarzhändlern oder Steuerhinterziehern, die gezwungen sind, ihr Geld aus dem Profit zu waschen.
Alle diese Geschäfte müssen im Verborgenen ablaufen. Deshalb scheuen diese Menschen die Öffentlichkeit. Drogen werden in uneinsehbaren Nischen, in Privatwohnungen, auf abgelegenen Plätzen und im Verborgenen unter der Hand gehandelt, dazu kann auch das Darknet gehören.
Drogenhändler sind kreativ, sie tüfteln immer mehr Möglichkeiten aus, ihre Ware zu verstecken.
Versteckte Ware, die über Versandwege geliefert wird, darf niemals Hinweise auf Versender und Empfänger aufweisen, deshalb sind sie ein sensibles Feld.
Drogenhändler müssen die Fähigkeit besitzen, möglichst genau einzuschätzen, wem sie Vertrauen können und wem nicht. Wenn möglich, bauen sie sich einen Vertrauenskreis mittels monetärer Zuwendungen auf. Das sichert sie vor Verrat ab, da sich die Begünstigten schon dadurch strafbar machen. Eine weitere Möglichkeit ist die Androhung von Gewalt gegen den Vertrauten oder dessen Umfeld, also die Erzeugung von Angst.
Drogenhändler haben so zwei Seelen in ihrer Brust, aussen hin geben sie sich als unbescholtene Bürger als Freunde, gute Kameraden und Kumpel oder als Familienväter. Die andere Seite muss ihr Geheimnis bleiben, sie dürfen nicht darüber reden, zu niemanden, ob auch nicht zum (Ehe-)Partner. Die Gefahr, dass der Mitwisser / die Mitwisserin ihr Wissen ausplaudert, muss genau eingeschätzt werden. Hier gelten Tugenden wie Treue, Liebe, Zuverlässigkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl, u.a. wie im täglichen Leben. Mitwissen erzeugt auch Macht und kann ausgenutzt werden. Deshalb ist es besser, wenn nur so wenig wie möglich von der illegalen Tätigkeit wissen.
Das gilt auch für den erzielten Gewinn. Ihn auf ein Bankkonto zu legen, kann Nachfragen des Finanzamtes nach sich ziehen, etwa wo die Einkünfte herkommen und wie sie versteuert worden sind. Das Führen so genannter schwarzer Konten wird wegen des Wegfalls des Bankgeheimnisses immer schwieriger.
So ist ein Drogenhändler, so kompetent er auch ist, innerlich immer ein Getriebener.
Eine Mitschuld an der Abhängigkeit seiner Drogen bei den Endbenutzern weist er weit von sich. Er ist eben nur einer unter vielen Anbietern, und wenn jemand Drogen benutzen will, kann er immer auf andere Händler ausweichen.
So hat der Drogenhändler eine Leiche im Keller, hütet also ein ganz besonders dunkles Geheimnis. Vorsichtig zu hantieren, muss ihm im Blut liegen. Ihm dürfen keine, nicht einmal kleinste Fehler unterlaufen. Nach aussen hin offen, macht er einen vertrauenswürdigen umgänglichen Eindruck, doch nach innen muss er immer misstrauisch sein. Er darf sich selbst nicht gehen lassen, muss sich immer im Griff haben. Er muss die Fähigkeit einer guten Menschenkenntnis aufweisen.
Das Risiko, dabei einen Fehler zu machen, auch bei der Wahl der Zulieferer, denn wer kann schon sich ganz genau in einen Menschen hinein versetzen, lässt er sich von seinen Endverbrauchern bezahlen.
Er handelt dabei vergleichbar wie etwa Staaten, die Rüstungsgüter herstellen und verkaufen. Diese argumentieren, dass es eben andere tun würden, wenn sie es nicht tun, getreu dem Motto der Kunden: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Im Drogenhandel kommt zum Willen auch noch die Sucht, denn Drogenhändler können sich bei bestimmten Drogen relativ sicher sein, weil ihre Kunden von ihnen abhängig sind. Um diese Bindung und Kundentreue zu erzeugen, haben Drogenhändler die gleichen Tricks auf Lager, wie überall in der Wirtschaft. Sie umschmeicheln ihre Kunden, geben Rabatte und Zahlungsaufschub, gewähren auch mal eine kostenlos zur Verfügung gestellte Dosis, beteuern Qualität, Güte und Reinheit des Produktes, kurzum, sie vermitteln das Gefühl, für den Endverbraucher da zu sein.
So wie Menschen im legalen Geschäftsgeschehen von meinem Friseur, meinem Zahnarzt, meinem Lieferanten, usw. Reden, so sollen Endverbraucher zwar nicht darüber reden, aber sich auf der zuverlässigen Seite wähnen. Der Händler ist derjenige, dem sie Vertrauen schenken können.
Ein Drogenhändler, dem sein Beruf Berufung und Lebensinhalt geworden ist, durch eine Gefängnisstrafe davon abzubringen, wird schwierig sein. Er hat das Fachwissen und braucht auch den gewissen Kitzel, den das Unerlaubte erzeugt. Ihm muss bewusst werden, welche Auswirkungen und Konsequenzen Gefängnisstrafen mit sich bringen und ob sich das Risiko hinsichtlich seines Lebensinhaltes, seines familiären Umfeldes, wirklich lohnt.
Ihm muss bewusst werden, dass er Fähigkeiten erworben hat, die er legal verwerten könnte, im Bereich Marketing, chemische Kenntnisse, Einsichten in die Auswirkungen bei Süchtigen.
Eine Umorientierung, etwa in Richtung Handel von Produkten, Beratung für Abhängige, Prävention, ja sogar als Chemielaborant könnte für das Führen einer bürgerlichen Existenz möglich sein.
Eine Gefängnisstrafe könnte der Anlass sein, über sein Leben nachzudenken, festzustellen, dass der bisherige Weg eine Sackgasse ist, dass ein Umdenken erforderlich und sinnvoll ist. Eine Gefängnisstrafe ist so vergleichbar mit einem Bankrott, der immer einen Neuanfang erfordert.
Der Delinquent muss nur dazu einsichtig und bereit sein. Du musst dein Leben ändern! sollte fester Wille werden.