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Bei der Überwachung von Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka hat der Schweizer Rechtsstaat versagt: Zu diesem Schluss kommt die Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Die Schweizer Behörden wussten schon sehr früh, dass es in Sri Lanka Kinderhandel gab. Aber es kam zu keinem generellen Adoptionsstopp», sagt Studienautorin Nadja Ramsauer.
Das Kindeswohl stand nicht im Zentrum des behördlichen Handelns.
Die Kantone hätten zu wenig genau geprüft, wie die Adoptionen abliefen und woher die Kinder kamen. Und der Bund habe seine Aufsichtsfunktion nicht wahrgenommen. Die Interessen der Schweizer Paare, die unbedingt Kinder wollten, seien höher gewichtet worden als die Interessen der Kinder: «Damals wurden Kinder für Eltern gesucht und nicht Eltern für Kinder. Das Kindeswohl stand nicht im Zentrum des behördlichen Handelns», so Ramsauer.
Die Schweizer Behörden wussten es seit 1981
Bis zu 11'000 Kinder aus Sri Lanka wurden in einem international organisierten Handel vor allem in den 70er- und 80er-Jahren in verschiedene europäische Länder an Eltern vermittelt – oft illegal. Die Schweizer Behörden wussten spätestens seit Ende 1981, dass es zu Unregelmässigkeiten und zu Fällen von Kinderhandel kam.
Zwar hatten die Kantone die Aufsicht über die Adoptionsvermittlungsstellen. Weil die Adoptionen aber über die Landesgrenze hinausgingen, waren letztlich die Bundesbehörden zuständig. Innerhalb des Eidgenössischen Polizei- und Justizdepartements (EJPD) habe es bereits ab Mitte der 1970er-Jahre kritische Stimmen gegeben, heisst es in der ZHAW-Studie. (sda)
Eine problematische Rolle spielten verschiedene Schweizer Personen und Organisationen, die Kinder aus Sri Lanka vermittelten – und dabei mit Kinderhändlern zusammenarbeiteten. So wurde fast 1000 Kindern aus Sri Lanka ein Teil ihrer Identität geraubt, wie die betroffene Sarah Andres sagt: «Durch diesen Babyhandel und die gefälschten Papiere kann ich meine Eltern unter Umständen nie in die Arme schliessen. Und das ist der Schmerz, den ich fühle.»
Andres engagiert sich im Verein «Back to the Roots», um anderen Betroffenen zu helfen, ihre Eltern zu finden. Sie begrüsst, dass die teilweise illegalen Adoptionen aus Sri Lanka endlich untersucht wurden: «Es ist eine grosse Erleichterung für uns Adoptierte. Die Behörden schauen jetzt hin und übernehmen Verantwortung für das Geschehene.»
Mit dem Bericht sei es jedoch nicht getan: Denn noch heute suchen viele Betroffene ihre Mütter und Väter in Sri Lanka. «Back to the Roots» fordert dabei mehr Unterstützung durch den Bund – und stösst auf offene Ohren, wie Joëlle Schickel-Küng vom Bundesamt für Justiz sagt: «Man will einerseits die Betroffenen bei der Herkunftssuche so gut wie möglich unterstützen und andererseits die Erkenntnisse zum Anlass nehmen, das jetzige System zu überprüfen.» Deshalb will der Bundesrat bis Ende Jahr einen eigenen Bericht vorlegen und selbst Stellung nehmen zu den Adoptionen aus Sri Lanka.
Rendez-vous vom 27.2.2020; gfem