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Auch die Daseinsanalyse ist aus der Psychoanalyse entstanden. Dennoch lässt sie sich nicht in eine Reihe stellen mit anderen tiefenpsychologischen Schulen, die sich von der Freudschen Psychologie abgrenzten, wie etwa der Adlerschen Individualpsychologie oder der Jungschen Psychologie. Sie hat sich mit philosophischen Argumenten von Freud losgesagt, und die explizite Bezugnahme auf Philosophie macht bis heute ihre Besonderheit aus. Davon zeugt bereits der Name «Daseinsanalyse», ist er doch dem 1927 erschienenen Werk «Sein und Zeit» von Martin Heidegger entliehen. Heidegger ersetzt dort alle philosophisch und psychologisch gebräuchlichen Begriffe zur Bezeichnung des Menschen («Subjekt», «Person», «Bewusstsein», «Ich», «Selbst») durch den zunächst nichtssagenden und damit auch unbelasteten Terminus «Dasein». «Dasein» steht für eine Wesensbestimmung des Menschen, die sich radikal von der Tradition lossagt. Als Ludwig Binswanger in den 1940er Jahren beginnt, seinen eigenen methodischen Zugang zu den Geisteskrankheiten als daseinsanalytisch zu bezeichnen, will er damit zum Ausdruck bringen, dass dieses neuartige Vorgehen in Heideggers philosophischer Anthropologie gründet. Daneben ist für Binswanger Edmund Husserl als Begründer der Phänomenologie wichtig gewesen. Die Daseinsanalyse will bis heute phänomenologisch vorgehen, das heisst, durch ein genaues und möglichst theoriefreies Hinsehen und Hinhören die Phänomene selber zur Anschauung bringen, statt sie einer vorgegebenen psychologischen Theorie zu unterwerfen.
Von Heidegger und Husserl her ergeben sich Einwände gegen Freuds Psychoanalyse, die weniger den psychologischen Inhalt als die philosophische Basis betreffen. Kritik gilt beispielsweise der psychoanalytischen Annahme, der Mensch sei letztlich ein Triebwesen, weshalb sich alles Seelische und Geistige auf Triebwünsche zurückführen lasse. Ein anderer Kritikpunkt betrifft die Hypothese eines Unbewussten, von dem alle bewussten seelischen Vorgänge determiniert sein sollen. Eng verbunden mit der Kritik am Unbewussten ist die Abstandnahme von Freuds Deutungspraxis, die ständig mit unbewussten Mechanismen operiert und also ganz unphänomenologisch vorgeht.
Die Geschichte der Daseinsanalyse lässt sich nicht von einem Anfang her erzählen, weil man von zwei Gründervätern ausgehen muss: Ludwig Binswanger (1881 – 1966) und Medard Boss (1903 – 1990). Letzterer begründet eine eigene daseinsanalytische Richtung, die mit dem Anspruch auftritt, dass nur sie befugt sei, den Namen «Daseinsanalyse» zu führen, weil Binswanger die Philosophie Heideggers völlig missverstanden habe. Ein Vergleich der beiden Daseinsanalysen ergibt, dass sie tatsächlich, ausser dem gemeinsamen Namen und der generellen Bezugnahme auf Heidegger, kaum Gemeinsamkeiten aufweisen.
Ludwig Binswanger gelangt über seinen Doktorvater C. G. Jung zur Psychoanalyse. Als er 1906 die Psychiatrieausbildung am Burghölzli in Zürich beginnt, steht dieses unter der Leitung Eugen Bleulers, während Jung als Oberarzt tätig ist. Hier wird Binswanger zum jüngsten Anhänger der an dieser Klinik bereits praktizierten Ideen Freuds und publiziert schon 1909 seine erste psychoanalytische Fallstudie. Da sein Vater 1910 unerwartet stirbt, tritt er, früher als vorgesehen, seine Nachfolge als Leiter des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen an. Als erste Massnahme führt er dort die Psychoanalyse als Behandlungsmethode ein. Doch seine philosophischen Interessen führen ihn schnell über die Grenzen des psychoanalytischen Denkansatzes hinaus. Im Eigenstudium erwirbt er sich ein stupendes Wissen über die gesamte Philosophie des Abendlandes. Unter seiner Leitung wird das Bellevue zu einem Ort der Begegnung bedeutender Philosophen seiner Zeit (u.a. Edmund Husserl, Max Scheler, Martin Heidegger, Karl Löwith, Martin Buber, Wilhelm Szilasi). Doch auch die Beziehung zu Freud bleibt eng und herzlich, wovon der bis zum Tode Freuds währende Briefwechsel zeugt (publiziert 1992). Das ist nur möglich, weil Binswanger seine Daseinsanalyse nicht als ein Konkurrenzunternehmen zur Psychoanalyse versteht und als Psychotherapeut weiterhin die psychoanalytische Methode anwendet.
In seiner Studie über «Ideenflucht» lässt sich Binswanger erstmals von Heideggers Bestimmung des Menschen als «In-der-Welt-sein» leiten und beginnt unter dieser Vorgabe die «Welt des ideenflüchtigen Menschen» zu untersuchen. Dieses Programm wird er später auf alle Geisteskrankheiten ausdehnen – der Name «Daseinsanalyse» steht von da an für die Erforschung der besonderen Welten oder Weltentwürfe, in denen Geisteskranke leben. Mit «Welt» oder «Weltentwurf» ist dabei weder die Aussenwelt noch die subjektive Innenwelt gemeint, sondern der umfassende Horizont, innerhalb dessen sich ein Mensch bewegt, denkt und handelt. Dieser Weltbegriff ist in der Umgangssprache durchaus geläufig, spricht man doch von der Welt des Mittelalters im Unterschied zur Welt der Neuzeit oder von der Welt des Kindes im Unterschied zur Welt des Erwachsenen. Auch der Geisteskranke lebt in einer besonderen Welt, und seine dem Aussenstehenden unsinnig (verrückt) erscheinenden Erlebens- und Verhaltensweisen haben innerhalb dieser Welt durchaus Sinn und Bedeutung. Man kann sie also verstehen, wenn man die besondere Beschaffenheit des zugrundeliegenden Weltentwurfs erforscht. Binswanger legt alles Gewicht darauf, dass es sich dabei um eine wissenschaftlich exakte Forschung handelt, für die er genaue Kriterien ausarbeitet.
Es ist für Binswangers Daseinsanalyse typisch, dass sie ohne Psychologie auskommt, weil sie sich unmittelbar durch seine philosophische Erkenntnis leiten lässt. Sie kommt auch ohne die medizinischen Grundkategorien gesund und krank aus, denn sie erforscht nicht, was dem Geisteskranken im Vergleich zum Gesunden fehlt, sondern untersucht, was positiv vorliegt, nämlich ein andersartiger Weltentwurf. Die fünf grossen Schizophrenie-Studien, allen voran der berühmte «Fall Ellen West», zeigen die diesbezügliche Meisterschaft Binswangers.
Das leidenschaftliche Interesse an philosophischen Fragen führt Binswanger nicht nur über Freud hinaus, sondern beschert auch Heidegger eine fulminante Kritik. Er bezieht sich nämlich nur ganz bedingt auf «Sein und Zeit», weil er das dort gezeichnete Menschenbild als zu negativ verwirft und in seinem eigenen philosophischen Grundlagenwerk «Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins» (1942) entsprechend korrigiert. Die Korrektur drückt sich terminologisch darin aus, dass er das menschliche Sein nicht mehr wie Heidegger als «In-der-Welt-sein», sondern als «In-der-Welt-über-die-Welt-hinaus-sein» bestimmt. Das Buch handelt im wesentlichen von der Liebe, die er als höchste Form des Miteinanderseins begreift, in dem Zeitlichkeit, Tod und Ungeborgenheit überwunden sind und der Mensch erst wahrhaft Mensch ist. Binswangers Daseinsanalyse basiert also genaugenommen auf einem gegen Heideggers (scheinbaren) Pessimismus gerichteten heilen Menschenbild.
Binswanger wollte – anders als Boss – keine Schule begründen. Gleichwohl war seine Wirkung auf die Psychiatrie gross. Heute gewinnt seine Daseinsanalyse eine neue Aktualität, ist doch die Psychiatrie in Gefahr, zu einem blossen Anwendungsgebiet der Neurowissenschaften zu werden und jeden Anspruch auf einen eigenständigen Zugang zu psychischen Störungen zu verlieren – mit bedenklichen Folgen auch für die Behandlung der Patienten.
Die Daseinsanalyse von Medard Boss ist besonders eng mit Zürich verbunden; denn in Zürich, später in Zollikon bei Zürich, führt er seit 1939 eine Privatpraxis für Psychoanalyse. 1948 holt ihn der damalige Direktor des Burghölzlis, Manfred Bleuler, als psychotherapeutischen Mitarbeiter an die Klinik. Von 1955 bis 1966 leitet er am Burghölzli, zusammen mit dem Psychoanalytiker Bally, das «Institut für ärztliche Psychotherapie», das sich der psychotherapeutischen Ausbildung von Ärzten widmet. 1970 gründet er zusammen mit seinem engsten Schüler Gion Condrau (1919 – 2006) die «Schweizerische Gesellschaft für Daseinsanalyse» und ein Jahr später das «Daseinsanalytische Institut für Psychotherapie und Psychosomatik» mit Sitz in Zürich, das erstmals eine Ausbildung in daseinsanalytischer Psychotherapie anbietet.
Auch Boss bildet sich zunächst zum Psychoanalytiker aus. Er beginnt seine Lehranalyse noch bei Freud, setzt seine Ausbildung in London und Berlin fort und wird ordentliches Mitglied der «Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse». Es ist bezeichnend für sein kämpferisches Naturell, dass er zeitlebens auf dieser Mitgliedschaft besteht, genauso wie er beansprucht, den wahren Kern von Freuds Psychoanalyse – vom Wust irriger Theorien befreit – in seiner Daseinsanalyse aufgehoben zu haben. 1938 schliesst er sich dem Kreis um C. G. Jung an, ohne aber zu dessen Anhänger zu werden. Entscheidend für die Ablösung von der Psychoanalyse wird die Begegnung mit Ludwig Binswanger. Seine an der Universität Zürich eingereichte Habilitationsschrift über «Sinn und Gehalt sexueller Perversionen» (1946) weist ihn als begeisterten Schüler Binswangers aus und wird von diesem auch als «wichtigste Gebietserweiterung der daseinsanalytischen Forschungsrichtung» gerühmt. Doch diese Beziehung endet bald darauf damit, dass Boss persönlichen Kontakt zu Heidegger aufnimmt. Daraus entsteht eine enge Freundschaft und Zusammenarbeit; Boss findet in Heidegger seinen philosophischen Lehrmeister, dem er ohne Wenn und Aber folgt.
Ein eindrückliches Zeugnis dieser Verbindung bilden die Zollikoner Seminare, die Boss und Heidegger gemeinsam zwischen 1959 und 1969 zuerst im Burghölzli, dann in Boss’ eigenem Haus in Zollikon durchführen. An ihnen nehmen hauptsächlich psychiatrische Assistenzärzte und
-ärztinnen teil. An Heideggers Engagement ist nicht zu zweifeln. Was will er erreichen? «Es ist die höchste Not, dass es denkende Ärzte gibt, die nicht gesonnen sind, den wissenschaftlichen Technikern das Feld zu räumen.» Er spricht die Anwesenden konsequent als Ärzte an, denn sein Interesse gilt nicht der Psychiatrie und Psychotherapie im besonderen, sondern der modernen Medizin im allgemeinen. Er sucht den Ärzten die Augen zu öffnen für das neuzeitliche Verhängnis, das mit Descartes Philosophie des Subjekts begonnen hat. Verhängnisvoll ist – kurz zusammengefasst – für ihn, dass sich der moderne Mensch als ein Subjekt definiert, das alles, was ihm begegnet, zum blossen Objekt degradiert und für eigene Zwecke ausbeutet.
Ob Heideggers vernichtende Kritik am modernen Subjekt ins Schwarze trifft, ist mehr als fraglich. Sie wird aber zur philosophischen Basis der von Boss begründeten Daseinsanalyse und gibt ihr das Gepräge. Verlangt wird nun ein radikales Umdenken, dank dem der Mensch nicht mehr die Position des Subjekts innehat und das ihm Begegnende entsprechend aus dem blossen Objektstatus befreit ist. Der Mensch ist als Empfangender gedacht, der sich die Wahrheit zusprechen lässt und es sich zur Aufgabe macht, die Dinge zu bewahren und zu behüten, statt sie zu manipulieren. Boss’ Bemühen, dieses um 180 Grad gekehrte Verhältnis von Mensch und Welt in passivischen Wendungen einzufangen, wirkt zwar oft krampfhaft. Es darf aber retrospektiv festgehalten werden, dass seine Daseinsanalyse lange vor der Toterklärung des Subjekts durch die postmoderne Philosophie ein subjektloses Denken und Sprechen in die Medizin und Psychologie einzuführen versucht hat.
Nun hat Boss die Daseinsanalyse ja nicht nur als ein neues Denken, sondern auch als eine neue Gestalt der Psychotherapie verstanden. Wie sieht, so wird der Leser fragen, eine Psychotherapie aus, in der es nicht mehr um den Menschen als Subjekt geht? Wird das von Boss gewählte Setting betrachtet, dann unterscheidet sie sich nicht von der Psychoanalyse, werden doch die Frequenz der Stunden, die Couchlage und die Verpflichtung auf Freuds Grundregel der freien Assoziation beibehalten. Über Bord geworfen wird hingegen die psychoanalytische Deutungspraxis, und zwar radikal. Nicht andere, bessere, angemessenere Deutungen stehen auf dem Programm, sondern der Verzicht aufs Deuten überhaupt, weil es auf den Analysanden Gewalt ausübe, statt ihm die Möglichkeit zur freien Entwicklung zu geben. Für besonders schädlich hält Boss die sogenannten Übertragungsdeutungen, die dem Analysanden weismachen wollen, dass seine Gefühle für den Analytiker lediglich auf Täuschung beruhten, statt die darin keimenden neuen Beziehungsmöglichkeiten wahrzunehmen, zu würdigen und zu fördern. Auch in dieser Hinsicht ist anzuerkennen, dass Boss mit seiner Betonung der prospektiven Bedeutung der analytischen Beziehung spätere innerpsychoanalytische Reformansätze vorweggenommen hat. Was tritt aber an die Stelle des Deutens? Boss erklärt lapidar, die Frage «Warum denn eigentlich nicht?» sei das eigentliche Herzstück daseinsanalytischer Psychotherapie. Der Analysand wird mit dieser Frage ermutigt, bis anhin ängstlich Gemiedenes zu wagen, sich aus infantilen Abhängigkeiten zu lösen und zu einer reifen, erwachsenen Persönlichkeit zu werden. Das aber klingt – allem Anspruch auf Überwindung des bösen Subjekts zum Trotz – doch sehr nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Die augenfällige Diskrepanz zwischen philosophischem Credo und konkreter therapeutischer Praxis ist nicht erstaunlich, sondern zeigt nur, dass sich auf der Spätphilosophie Heideggers schwerlich eine Psychotherapie aufbauen lässt.
Das von Condrau geleitete «Daseinsanalytische Institut» in Zürich hat bis zu seiner Schliessung im Jahre 2000 vielen Ärzten und Psychologen eine psychotherapeutische Ausbildung zum Daseinsanalytiker ermöglicht. Eine Weiterentwicklung der daseinsanalytischen Theorie hat hier allerdings nicht stattgefunden. Seit 1983 gibt es aber in Zürich ein alternatives Ausbildungsangebot in Daseinsanalyse. Ende der 1970er Jahre formiert sich eine Gruppe von damals jüngeren Absolventen des Daseinsanalytischen Instituts, die sich kritisch mit der Daseinsanalyse auseinandersetzen möchten. In dieser Gruppe wird das Projekt einer neuen, vom Institut unabhängigen Ausbildung entwickelt, die heute am «Daseinsanalytischen Seminar (DaS)» angeboten wird.
Angeregt und befruchtet durch die Aufgabe der Ausbildung ist von mir in den letzten 25 Jahren eine nochmals neue Variante der Daseinsanalyse entwickelt worden. Es handelt sich dabei – überspitzt formuliert – um ein Zusammendenken von Heidegger und Freud. Das muss zunächst erstaunen, weil Heidegger selbst sich sehr abschätzig über Freud ausgesprochen hat. Die Brücke zu Freud lässt sich nur schlagen, wenn man sich wie Binswanger wieder auf den frühen Heidegger von «Sein und Zeit» bezieht. Dabei ist eine neue Sicht auf das seelische Leiden entstanden, die sich weder mit der bisherigen daseinsanalytischen Konzeption noch mit der psychoanalytischen deckt. Die Differenz zur herkömmlichen Daseinsanalyse ist allerdings radikaler, weil in Anknüpfung an Freud erstmals eine daseinsanalytische Deutung seelischen Leidens vorgelegt wird. Das aber ist nur möglich, wenn die phänomenologische Devise, «nur das gelten zu lassen, was sich selber zeigt und wie es sich zeigt», überschritten wird und man sich – horribile dictu – mit der psychoanalytischen Hypothese eines Unbewussten anfreundet. Es steht nun zur Wahl, entweder Freuds revolutionäre Entdeckung eines unbewussten Sinnes psychopathologischer Symptome anzuerkennen oder aber im medizinisch-psychiatrischen Sinne seelisches Leiden mit krankhaften Beeinträchtigungen des Erlebens und Verhaltens gleichzusetzen. Boss und seinen Schülern scheint entgangen zu sein, dass ihre Verpflichtung auf Phänomenologie nicht über Freud hinaus, sondern unweigerlich hinter ihn zurück ins Fahrwasser einer beschreibenden Psychiatrie führte, die nur feststellen kann, welche Defizite und Deformationen bei welchen Formen seelisches Leidens vorliegen.
Nun könnte vermutet werden, dass mit der Annäherung an Freud die Bedeutung der Philosophie für die Daseinsanalyse abnimmt. Das Gegenteil ist der Fall; denn ich interpretiere das seelische Leiden philosophisch statt psychologisch, indem ich es auf die conditio humana beziehe. Ausgangspunkt dafür bildet die Hypothese, dass seelisch leidende Menschen besonders hellhörig sind für die Grundbedingungen des eigenen Existierens und ihr Leiden aus dieser Hellhörigkeit zu verstehen ist. Wer seelisch leidet, weiss also nicht weniger als der Gesunde, sondern er weiss mehr, ja er weiss zuviel, insofern er unfreiwillig mit jenen existentiellen Wahrheiten konfrontiert ist, die als solche Angst machen, aber von den meisten Menschen im Alltagsbetrieb ausgeblendet werden. Zu ihnen gehört beispielsweise, dass die Zeit unaufhaltsam vergeht, dass man nicht weiss, was morgen sein wird, dass der eigene Leib hinfällig ist, dass die eigene Geschichte nicht reversibel ist, dass ein eigener Entscheid sich später als Irrtum herausstellen kann, dass man sich jederzeit auch ohne böse Absicht schuldig machen kann, dass man Zufall und Willkür ausgesetzt ist, dass die eigenen Fähigkeiten begrenzt sind, dass man sterben wird.
Dieser philosophische Deutungsansatz will den historisch-entwicklungspsychologischen Deutungsansatz der Psychoanalyse nicht ersetzen, sondern ergänzen und vertiefen. Seelisches Leiden ist nicht entweder ein Leiden an der Abgründigkeit menschlichen Existierens oder ein Leiden an den Traumen und Konflikten der Kindheitsgeschichte, sondern es ist, weil das Leben geschichtlich ist, immer beides. Daraus ergibt sich Ziel und Eigenart daseinsanalytischer Psychotherapie. Sie ist Analyse im Sinne Freuds, insofern sie anstrebt, dass ein Patient Einsicht in sich selbst gewinnt; sie ist Daseinsanalyse, insofern sie diesen Prozess auch als eine Auseinandersetzung mit den unheimlichen und rätselvollen Bedingungen menschlicher Existenz begreift.
ALICE HOLZHEY ist daseinsanalytische Psychotherapeutin, Präsidentin der Gesellschaft für hermeneutische Anthropologie und Daseinsanalyse (GAD) sowie Co-Leiterin des Daseinsanalytischen Seminars Zürich (DaS).