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Der Titel der Herbstausgabe der mexikanische Architekturzeitschrift Arquine «missing pieces» bezieht sich darauf, dass ein Grossteil Mexikos auch zwei Jahre nach dem tragischen Erdbeben vom 19. September 2017 noch immer nicht wiederaufgebaut ist. Der Wiederaufbau wurde einerseits durch den Regierungswechsel vor einem Jahr verzögert, und andererseits besitzen nur sehr wenige mexikanische Wohnungseigentümer eine Gebäudeversicherung. Umso wichtiger sind die privaten Initiativen, politisch unabhängig und mit Spendengeldern finanziert.
Arquine stellt verschiedene spannende Wiederaufbauprojekte vor. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Grossprojekte in den Dörfern gelegt. Viele Architekten sehen im Wiederaufbau die Chance, sich ganz generell um Sozialwohnbauprojekte zu kümmern, die in Mexiko ein rares Gut sind. Ausserdem gehört es für mexikanische Architektinnen und Architekten zum guten Ton, soziale Projekte teils ohne Bezahlung zu verwirklichen. Einige Architekturschaffende sehen ihre Verantwortung darin, die Dorfbevölkerung über traditionelle Bausysteme und erdbebensicheres Bauen aufzuklären. Denn die Mehrheit der Wohnhäuser in den Dörfern entsteht im Selbstbau. Andere wiederum entwickeln anpassbare Typologien, die auf eine grosse Anzahl von Wohnhäusern appliziert werden können, ohne dass die Wirkung der in Mexiko weit verbreiteten monotonen Rasterbauweise entsteht.
Im Dorf Ocuilan das durch seine Nähe zum Epizentrum vom Erdbeben am 19. September 2017 stark getroffen wurde, sollen in den nächsten Jahren rund 150 Prototyp-Häuser entstehen. Die nicht-staatliche Organisation «Recostruir MX» vereinte nach dem Erdbeben eine grosse Gruppe von Architekten sowie andere Spezialisten. Gut durchdachte Architektur soll hier als lohnende Investition dienen. In der Ausgabe der Arquine werden zwanzig Projekte in Ocuilan von den renommiertesten Architekten des Landes vorgestellt. Angepasst an die Bedürfnisse der Familien und das jeweilige Grundstück entwickelten die Architekten Einfamilienhäuser, die zwischen 200'000 und 600'000 Pesos - umgerechnet 10'000 bis 30'000 Schweizerfranken - kosten durften. Selbst für mexikanische Verhältnisse ist dies ein unschlagbar tiefer Preis.
Ein von staatlicher Seite unterstützter Wiederaufbau von öffentlichen Gebäuden fand im Städtchen Jojutla in der Region Morelos statt. Nur etwa 90 km vom Epizentrum entfernt, war die Verwüstung durch das Erdbeben hier enorm. Eine Architektendelegation reiste 2017 nach Jojutla. Im Austausch mit der Bevölkerung wurde entschieden, welche öffentlichen Gebäude durch Neubauten ersetzt werden sollten: Eine Kapelle, eine Kirche, ein Park, ein Versammlungsort, eine Schule und ein Gemeinschaftszentrum. Durch die neuen öffentlichen Räume und Gebäude sollte die Identität des Ortes wiederhergestellt, bzw. neu erstellt werden. Die angesehenen Büros Alberto Kalach, MMX und Dellekamp Schleich wurden zur Realisierung der Projekte eingeladen. Den Architekten wurden eine enge Zusammenarbeit mit den Bewohnern von Jojutla sowie ein enger Zeitrahmen vorgegeben. Der Ausdruck der erst kürzlich fertiggestellten Gebäude kommuniziert Stärke und eine hohe Erdbebensicherheit. Vorwiegend arbeiteten die Architekten mit dem architektonischen Element des Bogens und dem Material Beton. Identitätsstiftend, würdig und überzeugend stehen die Neubauten neben zerstörten Wohnhäusern, deren Finanzierung zum Wiederaufbau bis heute ungewiss ist.
Hier gehts zu Laure Nasheds Blog «Learning from Mexico».