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Die Übercodierten entziffern sich
Michael E. Graber “Agents Provocateurs – Ein Agentenstück” Imprimerie (unterwegs) Basel
Alle Schauspieler sind Lügner, vermittelt uns der Schauspieler und Theatermacher Michael E. Graber in seinem Stück “Agent provocateur“. – Der Schauspieler geniesst den Widerspruch, der Theatermacher geht ihm auf den Grund.
Von Gregor Szyndler.
“Lügt“ ein Schauspieler, der in der Rolle aufgeht? Sich bemüht, sie sich vom Leib zu halten? Soll die Rolle verinnerlicht werden? Veräusserlicht? Zitiert? Paraphrasiert? Referiert, rekonstruiert? Fällt ein Schauspieler, wenn er sich nicht mehr mit der Rolle identifizieren kann, wirklich aus der Rolle? Fällt er in die nächste? Es sind solche Fragen, denen der Autor, Theatermacher und Schauspieler Michael E. Graber in seiner sehenswerten und herausfordernden Produktion “Agents Provocateurs – Ein Agentenstück“ nachgeht. Seine Frage: Was Theater heute kann, soll, will – muss.
Blond, dick, hübsch, alt
Die Bühne: ein Streifen Plastikfolie, vier Scheinwerfer, ein Sessel, Stühle, Tischchen und ein Haufen Papierblätter. Auf dem Sessel sitzt der Alte (Béla Riethausen), vertieft in ein Regiebuch. Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: eines fürs Ablesen von Regieangaben; das andere fürs daraus Entstehende, fürs Theater. Immer wieder nölt er an den Texten der Schauspieler herum. Die Blonde (Sima Djabar Zadegan) und der Dicke (Steffen Siebenhüber) sind ein Paar. Weil die Blonde oft unterwegs ist, machen sie eine WG auf. Dann ist der Dicke nicht mehr so allein. Es stellt sich der Hübsche (Ralph Tharayil) als WG-Bewohner vor. Er schillert mal schwul, dann hetero und die ganze Zeit – hübsch geheimnisvoll.
Geschichte und Situation
Die Blonde jetsettet durch die Welt – und changiert dabei je nach Blickwinkel zwischen Trendscout, Geldwäscherin und Geheimagentin. Der Dicke ist Akademiker und schreibt an seiner Dissertation, als müsse er sich ständig neu erfinden. Immer wieder beharren die Drei auf Handlungsfreiräumen. In einer durch und durch erklärten Welt pochen sie auf Verklärung. Sie sind übercodiert, Bücher, denen der Klappentext in die Haut tätowiert wurde. Das ist ja das Theater. Dieses Hadern mit den Rollen des Alltags, wo schon die Aussage, wie lange man gemeinsam wohnt, wie ein Zitat daherkommt und souffliert klingt.
Das ist die Versuchsanlage, die das Situative von der Geschichte trennt. Geschichten gehören nicht ins Theater. Wer Geschichten will, kann einen Film machen. Oder: Max Frisch lesen. Bei dem werden Geschichten anprobiert wie Kleider. Theater als Kostümprobe, Aufführung als Modenschau.
Maximale Distanzen
Die Dialoge sind genau beobachtet und führen zu teils herzhaftem Lachen. Das ist komisch, denn das konstante Scheitern der Figuren ist eher tragisch. Befremdlich die Passagen, wenn die Schauspieler mit Computerstimmen sprechen. Es sind die Stellen der maximalen Distanz zwischen Schauspiel und Rolle. In der Verwandlung ihrer Stimmen zur Sequenz abgehackter Synthesizerfetzen geben sie vor, sich so weit wie möglich vom “Darzustellenden“ zu entfernen. Und steigern sich gerade hier am konsequentesten ins “Darzustellende“.
Kniesehnenreflex und Distanz
Das Stück will nicht mehr als Summe der Fragmente sein, was schade ist. Es entsteht ein Buffet der Sinnangebote und Schaffenskrisen. Theater, das sieht man, soll, will, darf und muss viel sein. Wenn man es nur lässt, liesse: der Konjunktiv als Ausdruck tiefer Hassliebe. Das Stück ist Emulation auf den Gesichtern und Körpern der Schauspieler. Zeigt Grenzen und Herausforderungen des Theaters. Die Gefahren des Rückgriffs in die Identifikationsmottenkiste ebenso wie das Hinken eines Theaters, welches sich kniesehnenreflexhaft um Distanz bemüht. Beides wird demontiert: dass kein gangbares Drittes aufgezeigt wird, ist keine Schwäche des Stücks, sondern liegt in der Natur der Versuchsanordnung. Zeugt von Konsequenz.
Das Stück als Zentrifuge
Dieses Agentenstück zentrifugiert den Mischmasch der gängigen Theaterwahrnehmungen und lässt uns mit verschiedenen, sauber etikettierten Reagenzgläsern zurück. Bleibt zu hoffen, dass sie bald neu durchmischt werden.
Besprochen wurde die Aufführung vom 17. Januar 2010. (Premiere am 15. Januar 2010)
Zahlreiche weitere Aufführungen in Basel, Bern, Aarau.
Besetzung
Die Blonde: Sima Djabar Zadegan
Der Alte: Béla Riethausen
Der Dicke: Steffen Siebenhüner
Der Hübsche: Ralph Tharayil
Konzept & Leitung: Michael E Graber
Dramaturgie: Beatrice Kern
Lichtdesign: David Krämer
Körpertraining & Stimmarbeit: Franziska Trefzer
Trailer & Dokumentation: Ian Purnell
Grafik & Web: Kaspar Manz
Fotografie: Barbara Kern
Produktionsleitung: Franziska Franz