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Die Kunst des sublimen Zickenkriegs
Als meine Kinder noch klein waren, führte ich an einem Weihnachtsessen einmal ein denkwürdiges Gespräch mit meiner Cousine. Wir sprachen über die Trotzphase bei Kindern, welche meine Tochter zu dieser Zeit gerade durchexerzierte. Sie trieb mich mit ihren Ausbrüchen fast in den Wahnsinn und ich vertraute der Cousine, deren Kinder bereits älter waren, an, dass ich keine Ahnung hätte, wie ich das nochmals bei meinem Sohn durchhalten solle. Aber sie erläuterte mir, dass ich mich entspannen solle, da Jungen ganz anders trotzten als Mädchen. Jungs würden eher Dinge zerstören, vielleicht mal einen Blumentopf oder eine Fensterscheibe kaputt machen, während man mit Mädchen Psychokriege austrage. Es ist das, was mein Lieblingskomiker Louis CK auf die Formel brachte: «Boys fuck things up. But girls are fucked up.»
Ich würde ja gerne politisch korrekt und im Sinne des Gender-Mainstreamings behaupten, dass dies nur Projektionen sind. Leider ist es aber nach meiner Beobachtung tatsächlich so, dass Frauen und Männer ihre Aggressionen höchst unterschiedlich ausleben. Die typisch weibliche Form der Aggression ist, neben dem bedeutungsvollen Zuschlagen von Küchenschränken, der freundliche Affront. Dazu lächelt dir eine Frau nett ins Gesicht und macht Bemerkungen, die zunächst bloss leicht irritieren und die man erst im zweiten Moment als die vernichtende Beleidigung erkennt, als die sie gemeint sind. Der Vorteil des freundlichen Affronts ist, dass das Risiko einer Eskalation gering bleibt. Insofern ist er sozialverträglicher als ein offener Streit. Der Nachteil ist, dass er genau deshalb auch viel öfters eingesetzt wird und die Eigenschaft hat, jedes Klima nachhaltig anzusäuern.
Das durfte ich heute Morgen im Zug mal wieder erfahren. Es begann damit, dass ich auf der Suche nach einem Sitzplatz durch den dicht besetzten Zug streifte, ein doppelstöckiges Modell, bei dem ich jeweils einen Platz an einem der runden Tische bevorzuge, weil man dort, selbst wenn man sich zu dritt um den Tisch schart, nicht ganz so eng aufeinander sitzt. Alle Tische waren schon mit zwei Passagieren belegt, die eifrig in die Luft starren in der Hoffnung, nicht noch Platz für einen dritten schaffen zu müssen. Schliesslich blieb ich bei zweien stehen und deutete auf den Platz zwischen ihnen, auf dem ihre Taschen standen. Der Mann rückte ein bisschen zur Seite, die Frau starrte weiter in ihr Buch. Ich wartete darauf, dass sie wenigstens ihren Kaffee festhalten würde, damit ich ihn nicht ausschüttete, wenn ich mich an ihr vorbeizirkeln würde, um an den Sitzplatz zu kommen. Aber weil sie keinerlei Anstalten dazu machte, schlängelte ich mich in einer Bewegung, die einer rhythmischen Sportgymnastin Ehre gemachte hätte, unfallfrei an ihrem Kaffee vorbei und landete punktgenau in der Enge der freien Sitzfläche. Da die Frau ihre Taschen in der Mitte des Sitzplatzes abgestellt hatte und neben ihr zur Wand hin noch Platz frei war, bat ich sie, in wenn auch nicht honigsüssem, so doch einigermassen freundlichem Tonfall, ihre Taschen auf die andere Seite zu stellen.
Die Dame blickte mich an, lächelte säuerlich und sagte: «Nein, das tue ich nicht.»
Ich: «Aber da drüben gibt es doch noch genügend Platz?»
Sie: «Sie haben auch genug Platz, ich lasse meine Taschen jetzt mal da.»
Wahrscheinlich hatte ich irgendeinen Punkt des Protokolls in einer solchen Situation missachtet, aber die Frau tat keinen Wank und ich wusste nicht genau, wie ich nun reagieren sollte. Der Mann auf der anderen Seite machte sich jedenfalls schon mal schmal und zog den Kopf ein.
Ich sagte zu der Dame, mit der ich nun Schulter an Schulter sass: «Aber sehen sie nicht, dass der Zug voll ist? Sie können ihre Taschen ja auch auf die Gepäckablage stellen.»
Sie: «Ich stelle meine Taschen nirgendwohin, nur weil sie heute schlecht aufgestanden sind, sie haben genug Platz.» Erstaunlich, dass sie mich nicht fragte, ob ich meine Tage hätte, aber vielleicht besser so. Denn in diesem Fall hätte ich ihre Taschen wohl durchs Abteil geworfen.
Leider war ich gar nicht wirklich schlecht gelaunt – denn manchmal wirkt eine Eskalation wie ein reinigendes Gewitter, während die sublime Aggression nur ätzt. Sicherlich wäre es interessant gewesen zu erfahren, wie die Frau reagiert hätte, wenn ich ihre Taschen selber auf den Boden gestellt hätte. Ich hätte mich auch beim Kondukteur beschweren können, aber Petzer konnte ich noch nie ausstehen und ich wollte dem armen Mann nicht den Tag verderben. Also besann ich mich auf meine eigenen Skills des sublimen Terrors. Ich packte meine drei Tageszeitungen aus und las sie unter möglichst viel Rascheln und mit den Seiten in der Luft herumwedelnd. Derweil die Platzverweigerin neben mir wie erstarrt auf ihrem Platz sass, eingeengt, weil sie mir ja nicht weichen durfte, und schwer atmend, weil die Situation nicht eben entspannend war, so starrte sie in ihr auf den Knien aufgeschlagenes Buch, ohne während der ganzen einstündigen Zugfahrt ein einziges Mal umzublättern. Ich aber packte unter fröhlichem Rascheln meine Zeitungen ein, wünschte der Dame noch eine freudige weitere Lektüre und machte mich vom Acker.
Bild oben: Aggressivität ist nicht nur männlich: Angelina Jolie im Film «Mr. and Mrs. Smith».