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«Yoga ist keine rein indische Erfindung», sagt Harald Fischer-Tiné, Geschichtsprofessor an der ETH. Vielmehr sei Yoga aus vielen Kulturen beeinflusst und schon früh in verschiedenen Religionen praktiziert worden.
«Es gibt buddhistische Darstellungen und Statuen aus dem sechsten Jahrhundert, die Yoga-Praktiken zeigen. Wir haben aber auch Schriften aus der frühen Neuzeit in arabischer Sprache, die darauf hindeuten, dass im Sufismus Yoga-Techniken praktiziert wurden», erklärt Fischer-Tiné.
Eine Sitzhaltung, die den Geist zur Ruhe bringt
Wenn es ein «authentisches» Yoga gibt, dann ist es das, was 200 v. Chr. der Gelehrte Patanjali in seinen sogenannten Yoga-Sutras beschreibt. Er empfahl eine feste und bequeme Sitzhaltung, damit der Geist zur Ruhe kommt. Erst viel später, im Mittelalter, entwickelten sich allmählich die Körperübungen im Yoga, die sogenannten Asanas.
Interessant ist, was dann im 18. und 19. Jahrhundert geschah: Mit der Kolonisation Indiens kamen christliche Missionare ins Land. Sie importierten westliche Praktiken nach Indien, wie das «muskuläre Christentum».
Muskuläres Christentum
Muskuläres Christentum (Muscular Christianity) ist eine philosphische Bewegung, die Mitte des 19. Jahrhunderts in England entstand. Sie stellt unter anderem Disziplin, Männlichkeit und die moralische und körperliche Schönheit der Sportlichkeit ins Zentrum. Das muskulöse Christentum betont auch den spirituellen Wert des Sports, insbesondere des Mannschaftssports: Spiele dienten nicht nur der körperlichen, sondern auch der moralischen Gesundheit.
Auf diesen Prinzipien beruht auch der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) – auf Englisch Young Men's Christian Association (YMCA). Der christliche Sportverein wurde 1844 in England mit der Absicht gegründet, «Körper, Geist und Seele» zusammenzubringen.
«Eigentlich haben wir ja das Religionsnarrativ: Nur eine körperfreie Religion ist eine rationale Religion. Parallel dazu gab es aber auch die Vorstellung, dass der Körper der Wohnraum des Heiligen Geistes ist», erklärt Claudia Jahnel, Professorin für Interkulturelle Theologie in Bochum. «Und darum muss der Körper auch gestählt und fit gemacht werden.»
Der YMCA, die internationale Version des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM), war Mitte des 19. Jahrhunderts in Grossbritannien gegründet worden und erklärte damals den fitten, durchtrainierten Körper zum Vorbild. Mit der Kolonialisierung kam dieses Körperideal nach Indien. Das Turn- und Sportprogramm des YMCA wurde im späten 19. Jahrhundert auch an indischen Schulen gelehrt.
In den Augen britischer Kolonialherren galten die indischen Männer damals als körperlich untüchtig und unkriegerisch. Claudia Jahnel: «C.G. Jung, der berühmte Psychoanalytiker, hatte beispielsweise gesagt: ‹Der Inder ist weich und weiblich›.»
Auch deshalb sei der Aspekt des Bodybuilding beim Yoga im Laufe der Zeit dazugekommen. «Das war ein Gegenkonzept, gegen dieses Narrativ der Kolonialherren. So konnten die Inder zeigen: ‹Wir sind hier überhaupt nicht verweichlicht. Wir können gut mit dieser Männlichkeit und den Idealen der westlichen Welt mithalten›», erklärt Jahnel.
Fit mit Yoga
Ab dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Yoga mehr und mehr zu einem Fitness- und Sportprogramm. «Auf Fotos kann man sehen, wie die Yoga-Praktizierenden immer muskulöser werden», sagt Historiker Harald Fischer-Tiné. «Man kann visuell nachvollziehen, wie die europäischen Ideale von Bodybuilding und Gymnastik dort mit eingeflossen sind.»
Ist das Yoga, wie wir es heute kennen, also einfach ein Produkt der Anpassung? Nicht nur, sagt Historiker Harald Fischer-Tiné. Er glaubt, Yoga habe letztlich das Selbstwertgefühl der Inder gestärkt. Yoga sei eben nicht haargenau die Art von westlicher Männlichkeit. Es habe nicht diese kriegerische Haltung und das Martialische des Westens. «Die Inder konnten sagen: ‹Wir haben etwas eigenes. Das ist nicht nur viel älter, sondern auch viel besser.›»