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Das IOIC – Institute of Incoherent Cinematography – macht mit neuen und neuartigen Live-Vertonungen die frühe Stummfilmkunst nicht zuletzt auch einem jungen Publikum zugänglich. Thema dieser Saison sind die grossen politischen Revolutionen.
In seiner Einleitung zu Orphans of the Storm versucht Orson Welles zu umschreiben, weshalb den Filmen D. W. Griffiths trotz aller unbestreitbaren formalen Innovation der Geschmack des Altmodischen anhafte. Gemäss Welles liegt es daran, dass «der Erfinder fast der gesamten Sprache des Films, wie wir ihn kennen», inhaltlich von der alten romantischen Bühnentradition des 19. Jahrhunderts zehre. Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass Griffith fast immer mittels epochaler historischer Ereignisse die zeitgenössische Geschichte kommentiert. Unter Griffiths Regie wird – in einer meisterhaften Verschränkung der beiden grossen Revolutionen der Neuzeit – die Geschichte zweier empfindsamen Seelen zu Zeiten der Französischen Revolution zu einer Warnung vor dem Aufstieg des Bolschewismus.
Vertont wird der Film von der Tessiner Band Niton, deren Musik sich irgendwo zwischen Ambient, Noise, Experiment und Electronica bewegt. Auch wenn im Trio drei verschiedene traditionelle analoge Sounds konvergieren, nämlich klassische Saiten, vordigitale Keyboards und diverse zu Musikinstrumenten umfunktionierte Objekte, klingt das Ganze durch und durch zeitgenössisch. Da der Live-Auftritt von Niton vom 16. Februar wegen Krankheit abgesagt werden musste, wird die Veranstaltung jetzt nachgeholt. (IOIC)
Vertonung
Niton
El Toxique (Objekte, Elektronik), Luca Xelius Martegnani (analoge Synthesizer) & Zeno Gabaglio (Cello)
Angesiedelt am Vorabend der Französischen Revolution, verwebt Griffiths Epos Geschichte und Melodram. Es folgt den Wegen zweier Waisenmädchen, deren Schicksale die Spaltung des Landes in Reich und Arm spiegeln. Louise, das Ergebnis einer Liaison zwischen einer Aristokratin und einem Bürgerlichen, wird auf den Stufen von Notre Dame ausgesetzt und von einem verarmten Mann mit einer eigenen Tochter gerettet. Die Mädchen wachsen wie Schwestern auf, verlieren aber ihre Eltern und – im Falle von Louise – das Augenlicht an die Pest. Die Reise zu einem Pariser Arzt bringt sie in Konflikt mit einem dekadenten Adeligen und dem revolutionären Pöbel.
Lillian Gish, bekannt für Griffiths weiblichen Paradepart des passiven Opfers, schlug dem Regisseur die Verfilmung des populären Bühnenstücks «Die beiden Waisen» vor und dachte die Opferrolle dabei ihrer quirligen Schwester Dorothy zu. Griffith ergänzte die Vorlage um historische Figuren und Vorfälle aus den Jahren nach 1789 und um polemische Parallelen zwischen dem revolutionären Mob und den russischen Bolschewiken. Orphans of the Storm war die letzte Zusammenarbeit der Gish-Schwestern und auch Lilians letzter Film mit Griffith. (nach: Programmheft Filmpodium, Feb./März 2011)
Drehbuch: Marquis de Trolignac [= David Wark Griffith], nach einem Theaterstück von Adolphe Philippe Dennery, Eugène Cormon
Kamera: Hendrik Sartov, Paul Allen, G. W. Bitzer
Schnitt: James Smith, Rose Smith
Mit: Lillian Gish (Henriette Girard), Dorothy Gish (Louise), Joseph Schildkraut (Chevalier de Vaudrey), Lucille La Verne (Mutter Frochard), Morgan Wallace (Marquis de Praille), Frank Losee (Comte de Linières), Katherine Emmett (Comtesse de Linières), Sheldon Lewis (Jacques Frochard), Frank Puglia (Pierre Frochard), Creighton Hale (Picard), Monte Blue (Danton), Leslie King (Jacques Forget-Not)
164 Min., sw, DCP, Stummfilm, e Zw'titel, 12/14 J