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Schock nach Routineuntersuchung
«Meine vier Söhne sind Autisten»
Die Eltern waren verzweifelt, als sie erfuhren, dass ihre Kinder an einer Entwicklungsstörung leiden. Die Diagnose hat wegen zu grosser Belastung fast zum Bruch ihrer Ehe geführt.
Sie wissen aber schon, dass Ihre Zwillinge an Autismus leiden?» Der Doktor schaute die Britin Sarah Ziegel (40) und ihren Ehemann Jonathan (42) fragend an. Die Buben waren damals, 2001, zwei Jahre alt, und es sollte eine Routineuntersuchung sein. Die Eltern waren schockiert, sie hatten nichts geahnt.
Im Internet suchte die Mutter nach den Symptomen der Entwicklungsstörung. Darunter fand sie Begriffe wie «Vermeidung des Augenkontakts», «keine Lust zum Spielen», «verzögerte Entwicklung beim Reden». Sarah Ziegel: «Thomas und Benjamin zeigten alle diese Anzeichen.» Die Eltern machten sich Vorwürfe, da sie nichts bemerkt hatten. «Da die Zwillinge meine ersten Kinder waren, dachte ich, ihr Zustand sei normal.»
Sie erfuhren von einem speziellen Trainingsprogramm, das sie daheim mit den beiden durchführten. Doch die Fortschritte der Kinder liessen auf sich warten. Sie wussten zwar den eigenen Namen und sprachen ein paar Worte, baten um etwas zu trinken oder sagten «Mama». Die Buben zeigten jedoch Auffälligkeiten: Sie assen nur Püriertes, warfen mit dem Geschirr und schrien, wenn sie Kleider mit Reissverschluss tragen sollten.
Zu jener Zeit war Sarah wieder schwanger, und sie fragte sich, ob ihr Baby die Störung auch haben würde. Der kleine Hector zeigte kurz nach der Geburt keine Auffälligkeiten. Doch mit der Zeit starrte er immer in die gleiche Richtung und wirkte abwesend. 2003 bekam auch er die Diagnose Autismus. Das bedeutete, dass auch er konstante Aufmerksamkeit und Pflege brauchte.
Trotz aller Sorgen freute sich Sarah, als sie wieder schwanger wurde. Wochen später erlitt sie ihre erste Fehlgeburt, der zwei weitere kurz nacheinander folgten. Diese zahlreichen Tragödien zerstörten beinahe die Ehe. Das Paar hatte keine Zeit mehr für sich allein, das ganze Leben bedeutete konstanten Stress, mit dem sie im Laufe der Jahre jedoch umzugehen lernten.
2004 liessen sich die beiden genetisch untersuchen, Autismus kann vererbt werden. Doch bei den Ziegels deutete nichts darauf hin. So wünschten sie sich – trotz aller Strapazen – ein viertes Kind, das hoffentlich gesund sein würde. Sarah wurde schwanger, und bis kurz nach der Geburt lief alles ohne Komplikationen ab. Doch bald darauf gab es Probleme, das Baby schrie wie am Spiess, wenn man es anfassen oder füttern wollte. Dann wiederum lag es stundenlang still da und starrte an die Decke. Die Diagnose Autismus war für die Eltern keine Überraschung mehr.
Oft hat Sarah sich gefragt, warum ihrer Familie das alles passieren musste. «Es war herzzerreissend, wie die Buben in der Schule kämpfen mussten, um Freunde zu finden. Hector fragte mich sogar, als er sieben Jahre alt war, warum ich ihn zur Welt gebracht habe, sein Leben sei die Hölle.»
Und heute? «Die Buben haben sich dank der frühen Förderung prächtig entwickelt.» Die Zwillinge sind nun 17 – Thomas will Schauspieler werden, während Benjamin ein sehr talentierter Musiker ist. Hector (14) liebt Computer und produziert seine eigenen YouTube-Videos. «Und der achtjährige Marcus ist ein wahrer Goldschatz und plaudert oft fröhlich daher», sagt die stolze Mama. «Das Leben mit meinen vier Kindern ist unvorhersehbar. Aber wenn ich sie lachen höre, sie sich beim Fernsehen auf dem Sofa aneinanderkuscheln, könnte ich vor Rührung weinen. Ich wollte immer eine grosse Familie und bin glücklich, dass sich mein Traum erfüllt hat.»