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Der Lehrer Steiner hat seine Schüler und Schülerinnen informiert, welche Gebote ab sofort gelten.
Schulregeln
- Du musst rechtzeitig in die Schule kommen!
- Du musst jeden Erwachsenen begrüssen!
- Schreien, kreischen und rennen im Schulhaus ist zu jeder Zeit verboten.
- Du darfst dich nicht über das Geländer beugen (gefährlich!).
- Du musst auf Treppen und im Gang immer rechts gehen.
- Du musst an jedem Eingang die Schuhe putzen.
- Du darfst nur während der Pause auf die Toilette gehen.
- Alles, was den Unterricht stören könnte, muss zu Hause bleiben.
- Bei schlechtem Wetter bleibst du während der Pause im Klassenzimmer.
- usw.
Und noch die Strafe dazu: Wenn jemand in der Schulklasse diese Regeln missachtet, bekommt die ganze Schulklasse zusätzliche Hausaufgaben.
Schule oder Gefängnis?
Als Elias (14) diese Auflistung hört, fragt er, ob er nun in einer Schule oder in einem Gefängnis steckt. Der Lehrer Steiner ist von dieser Anmerkung unendlich irritiert. Diese verbindlichen Regeln wurden vom Lehrergremium und vom Schulleiter höchstpersönlich zum Wohl der Schule aufgestellt. Daher sind die Schüler/-innen verpflichtet, sie ohne weitere Kommentare zu respektieren.
Die Klassenkameraden hören zu und vermeiden jeden Augenkontakt mit dem Lehrer Steiner. In der Klasse herrscht eisige Stille. Man könnte eine Mücke fliegen hören.
Hat Elias recht sich zu wehren oder haben die Erwachsenen richtig gehandelt, wenn sie zum Wohl der Schule - ohne die Jugendlichen zu beteiligen - diese Regeln formuliert haben?
Die Antwort der Kinderrechtskonvention
Die Kinderrechtskonvention spricht dazu mit dem Artikel 12 ein klares Wort:
Jugendliche haben das Recht, beteiligt zu werden, wenn eine Entscheidung getroffen wird, die sie betrifft. Sie haben das Recht, dass ihre Meinung angehört und ernst genommen wird.
Nicht alles, was Jugendliche als Anliegen bringen, muss dann auch 1:1 von Erwachsenen umgesetzt werden. Jugendliche müssen dennoch eine konkrete Chance haben, dass ihre Anliegen einen Einfluss auf die definitive Entscheidung haben, auch wenn das Endergebnis vielleicht nur eine Kompromisslösung ist.
Sich organisieren, diskutieren, Vorschläge bringen
Was nun? Elias könnte Herrn Steiner auf Artikel 12 der Kinderrechtskonvention aufmerksam machen, die auch von der Schweiz unterschrieben wurde. Er könnte verlangen, dass eine Schulstunde zur Verfügung gestellt wird, so dass die neuen Regeln von der Schulklasse diskutiert werden. Dies würde der Klasse die Möglichkeit geben, Anpassungen vorzuschlagen, die dann im Schulgremium diskutiert werden.
Je mehr Schulklassen die Anpassungen unterstützen, desto stärker ist die Verhandlungsposition der Schüler/-innen. Um die Chance zu erhöhen, dass die vorgeschlagenen Anpassungen von den Erwachsenen auch ernst genommen werden, wäre von Vorteil, wenn Vertreter/-innen der Schulklassen am Lehrergremium-Treffen teilnehmen dürften.
Meinungsäusserung und Demokratie
In der Familie, bei gerichtlichen Verfahren, in der Schule, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz und auch bei Präventionsprogrammen haben Jugendliche das Recht korrekt und altersgemäss informiert zu werden sowie ihre Meinung zu äussern. Erwachsene sind verpflichtet, Anliegen und Bedürfnisse Jugendlicher für die definitive Entscheidung ernst zu nehmen. Warum?
Einerseits, weil sonst Minderjährige - anders als Erwachsene - in der Regel keine Möglichkeit haben, selbstständig eigene Rechte und Pflichte zu bestimmen (Jugendliche können z.B. nicht abstimmen und besetzen meistens keine Führungspositionen).
Andererseits, weil die Kunst aus verschiedenen Anliegen mehrheitsfähige Kompromisse zu schliessen, eine Kompetenz ist, die eine reife Demokratie braucht: Je früher Jugendliche üben können, wie man demokratisch zu einer Entscheidung kommt, desto mehr profitiert die Gesellschaft der Zukunft davon.
Wie du siehst: Artikel 12 ist für die Gesellschaft eine Bestimmung mit weitreichenden Konsequenzen.