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Skifabrik Flattich Seen
Die Wagnerei Flattich in Seen produzierte Skis der Marke Jaguar während rund 30 Jahren. Den neuen Materialverbindungen aus Metall und Kunststoff und den neuen Produktionsmethoden konnte der auf Holzverarbeitung spezialisierte Handwerksbetrieb nicht mehr entgegentreten, weshalb 1965 die Skiproduktion eingestellt wurde.
Text: Bernhard Stickel, publiziert im Seemer Bote 2/2014.
Quellen: Familie Wagner-Flattich Bilder: Familie Wagner-Flattich, Bernhard Stickel
Ursprung in Siebnen SZ
In Siebnen SZ betrieben die Familien Flattich mehrere Holzverarbeitungsbetriebe wie Sägerei, Schreinerei und Wagnerei. In diesem Umfeld wuchs Johann Flattich, geboren 1896, auf. Sein Bruder Otto setzte schon in den 20erJahren auf die damals neue Sportart Skifahren und produzierte Skis. Alle damaligen Skis wurden von Hand in Wagnereien hergestellt. Dieses Handwerk war prädestiniert für die Herstellung dieser speziell geformten Produkte aus Holz.
Johann Flattich heiratete 1922 Magdalena Marti, geboren 1900. Sie hatten vier Töchter: Lena *1923, Berta *1925, Marie -1931 und Ida *1932.
1933 Start in Seen
Da vermutlich der damalige noch sehr lokal geprägte Ski-Markt nicht für zwei Familien reichte, wanderte Johann Flattich als gelernter Wagner aus und bezog 1933 in Seen am Sägeweg 1 in der Dachdeckerei Hilber einen Platz in der Werkstätte. Die Familie wohnte in der Ziegelhütte.
Die ersten Skis wurden total von Hand aus langen Brettern aus Eschenholz hergestellt. Im Mittelteil waren diese dicker, um eine Befestigung der Schuhe zu platzieren. Erst später gab es dann die praktischen Skischuhbindungen. Vorne und hinten waren die Bretter meist dünner. Die zugespitzten Vorderteile (Skispitze) wurden in heissem Wasserbad so lange gekocht, bis das Holz biegsam wurde. In einer speziellen Form wurde die Spitze dann gebogen und eingespannt bis zum Erkalten des Holzes. Für drei interessierte Mitglieder des Turnvereins Seen erstellte Johann Flattich die ersten drei Paar Skier, welche er für je 15 Franken abgab.
Bereits 1934 wurde der Werkplatz zu eng und Flattich konnte an der Oberseenerstrasse 35 ein Haus mit einer grösseren Werkstatt erwerben. Hier richtete er auch eine kleine Gattersäge ein, wodurch er imstande war, sein Eschenholz sehr sorgfältig auszuwählen und so die Qualität selbst zu bestimmen. Ein angestellter Jüngling sägte ihm die als Ganzes eingekauften Eschenholzstämme zu. Johann Flattich kaufte neue Maschinen, um die Skier rationeller herstellen zu können. Auch die für fünf Jahre dauernde Anstellung eines gelernten Skimachers aus Imst im Tirol half mit, fachgerecht zu produzieren. So konnten die Preise damals von Fr. 70.- für handgekehlte Skis auf Fr. 30.- für mit Maschinen hergestellte Skis gesenkt werden. Während des 2.Weltkrieges konnte Flattich eine grössere Menge weiss lackierte Skis der Armee liefern.
Vom rohen Eschenholzski zur Hickory-Ausführung
Die Generation jener Zeit konnte miterleben, wie sich die Entwicklung der Skis damals spannend veränderte. Die ersten Skis waren total aus Holz. Weder gab es Stahlkanten noch einen Belag unten. So wurde der damals bekannte Skiwachs von TOKO auf das blanke Holz gestrichen und gut eingerieben. Ungünstig wurde die Situation bei nassem Schnee. War der Wachs abgefahren, haftete neuer Wachs fast nicht mehr auf der feuchten Holzsohle. Ein wichtiger Schritt war die Einführung des roten Skilackes "Skigliss" von TOKO. Mit diesem konnte "jedermann" selbst die Skisohle "versiegeln", sodass die Wachse besser hafteten und das Holz sich weniger mit Wasser vollsog.
J. Flattich beobachtete alle Trends und Bedürfnisse genau. So passten sich seine Ski-Typen laufend den Trends an. Stahlkanten, unten aufgeschraubt aus kurzen Stahlstücken erlaubten das sichere Fahren auf den zunehmend mechanisch präparierten und von der wachsenden Menge Skifahrer hartgefahrenen Pisten. Beläge auf der Skisohle schützten diese vor Nässe, liessen die Skier besser gleiten und förderten die Haftung der neuen Skiwachse. Die Zusammensetzung der Skier aus verleimten Brettstücken ergab eine wesentliche Verstärkung des Skis. Trotzdem waren Brüche der Skispitze immer noch an der Tagesordnung, weshalb es ratsam war bei "Touren abseits" eine Ersatzspitze aus Aluminium mitzuführen. Ein neues Holz aus Afrika, welches wesentlich härter und zäher war, eroberte seit dem Ende des zweiten Weltkrieges die Skifabrikation. Dieses Hickory erlaubte, viel stärkere und zähere Skis zu bauen. Diese Qualitäts-Skis hatten ihren Preis und kosteten damals mit Fr. 140.- wesentlich mehr als Eschenskis.
J. Flattich arbeitete mit anderen Berufskollegen mit eigenen Skiwagnereien zusammen. Dies, um Erfahrungen auszutauschen oder sich gegenseitig auszuhelfen. So könnte es auch sein, dass die Marke Jaguar zusammen mit Streule in Schlieren benutzt wurde. Streule liess in den 60er Jahren die Marke Jaguar schützen.
Das Bessere ist der Feind des Guten: Metallskis
In den 50er Jahren begann der grosse Boom beim Skifahren. Jedes Alpendorf trachtete danach, auch Skipisten mit Liften zu bauen. Jaguar Skis konnten in grösseren Stückzahlen gefertigt werden. Dieser Boom führte zu neuen Produktionstechniken und so wurden Skis zunehmend aus Aluminium in Verbindung mit Holz oder mit Kunststoff hergestellt. Die Erfahrungen der Wehrindustrie mit Aluminium während des Krieges nutzten die zukunftsgerichteten Skifabriken. Hier konnte Johann Flattich als "Holzverarbeiter" nicht mehr mitziehen, weshalb er ca. 1965 die Fabrikation von Skiern selbst einstellte, aber noch bis ca. 1968 weiterhin Handel damit betrieb.
Parallel zur Skifabrikation stellte er laufend andere Holzwaren her, z.B. Rohlinge für Pickelstiele, Holzgriffe für den Korbmacher Müller in Seen oder Holzräder mit Gummibereifung, etc. Diese Produkte ergaben einen Ausgleich zur saisonalen Ski-Produktion.
Als er das Grundstück mit Haus ca. 1965 verkaufte, lebte er noch drin und verliess dieses erst, als ca. 1968 die Baumaschinen auffuhren um das Haus abzubrechen. Johann Flattich starb 1973, seine Frau 1991.