Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03422.jsonl.gz/119

Ich habe viel zitiert und wenig Eigenes geschrieben. Das nenne ich die intellektuelle Blösse bedecken, schreibt der Stadtwanderer.
Wer nichts zu schreiben wagt, zitiert. ‹Blutbuch›, die Lektüre war so verstörend, dass ich mich ins Abschreiben flüchte. Doch der Strudel erfasste mich trotzdem.
Was mach ich, wenn ein Buch mich zunderobsi bringt? Ich blättere es nochmals durch und lese die gelbmarkierten Sätze nochmals. Da schreibt der Ichautor seiner Grossmutter: «Ich habe immer Angst. Ich habe immer noch Angst vor dir, Grossmutter». Er schreibt ihr auf Englisch, der Sprache, «die andere Augen hat als meine Muttersprache, die Sprache, in der ich nicht deine Augen und die Augen deiner Mutter und der Mutter deiner Mutter geerbt habe, die Sprache, in der ich mich nicht beobachtet fühle». Er hat’s mit den Müttern. Der leiblichen, die sich emanzipierte und der Grossmutter, die ein Normaldasein hinter sich hat. Das sind Meer und Grossmeer, wie der Berner Slang ihnen sagt. Der Peer kommt nur am Rande vor.
«Ich war nie mein Körper. Er war zu sehr dieses oder jenes, aber niemals ‹ich›». Es ist eine sehr körperliche Geschichte, die hier erzählt wird. Körperlich ist der Alltag, zum Beispiel wenn Hausfrauen sich mit ihrem Haushalt identifizieren und Kim de l’Horizon denkt «an das Gefühl, dass euer Haus euer Körper ist». Oder: «Wenn sie die Schuhe anzieht, laufen ihr die Schuhe durch den Körper.» Auch: «Ich wollte nicht sterben, ich wollte nur, dass dieser Körper aufhört.» Dann kommt er zur Sache: «Wenn wir eine Generationenaufgabe haben, dann, denke ich, ist es diese: unter den offensichtlichen Wunden nach den verborgenen, den vererbten Wunden zu suchen. Und die Traumata unserer Familien endlich heraussprudeln zu lassen, eine gemischte Flut aus Kotze und Kacke und Sperma und Blut und Spritzer und Tränen. Die Blutlinie zu durchtrennen und die Scheisse nicht mehr weiterzugeben.»
Ich las einen Bildungsroman der radikalen Sorte. Das Kind wächst in einem Ostermundigen auf. «Das Kind spürt die Häuser rundherum. All die Einfamilienhäuser. Es spürt ihren vielfenstrigen Blick. Den Einfamilienhäuserblick, diesen rechtwinkligen, von Geranien umrankten Blic...
Alle Wirklichkeit ist körperlich
Wer nichts zu schreiben wagt, zitiert. ‹Blutbuch›, die Lektüre war so verstörend, dass ich mich ins Abschreiben flüchte. Doch der Strudel erfasste mich trotzdem.
27.12.2022 16:52