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Die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sind ein Förderungsmittel des Schweizerischen Nationalfonds.

Y. Implosion

Y.4. Kombinatorik als mediale Implosion
Das Teilprojekt untersucht Formen und Funktionen medialer ‹Implosion› am Beispiel der Kombinatorik. Der Begriff der ‹Implosion› (Baudrillard, McLuhan) beschreibt dabei keine Dysfunktion innerhalb nachrichtentechnischer Abläufe, keine Störungen des medi-alen Systems, sondern solche Emergenzphänomene, die strukturell an das Gelingen von Medialität gekoppelt sind: einem Überschuss an semiotischem und medialem Aufwand steht ein Verschwinden des Semantischen entgegen. Dieser Befund ist bislang als charakteristisch für das digitale Zeitalter erachtet worden. Das Vorhaben geht jedoch davon aus, dass Informationsüberflutung die Frage nach Modellen der Sammlung, Speicherung und Zirkulation von Wissensdaten schon in vormodernen Epistemologien relevant machte. Die Kombinatorik ist ein hervorragendes Beispiel dafür: Sie galt nicht nur als ein universalisierendes Verfahren der Rationalisierung in der Findung und Speicherung von Wissen; an ihr zeigt sich auch die implosive Kraft eines freigesetzten Medialen, das Wissensordnung und Sinnproduktion entgegensteht. Dabei lassen sich zwei Varianten unterscheiden: eine enzyklopädische, die die Implosion des Sinns in universalwissenschaftlicher Hyperorganisation auffängt und auf Allwissen zielt, sowie eine mystisch-ekstatische Variante, die gerade auf die Auflösung des Wissens zielt.
(1) Das in der Tradition des Lullismus als «Wissenskunst» (ars generalis oder ars mag- na sciendi) entwickelte Verfahren der Wissensgenerierung vermittels Kombination lotet die Grenzen des alphabetischen Zeichensystems dadurch aus, dass es gewaltige semiotische Überschüsse produziert, die semantisch nicht mehr einholbar sind. Im Zuge der explosionsartigen Ausdehnung des semiotischen Bestandes durch Kombination vollzieht sich eine Implosion des Semantischen. Dabei zielen die lullistischen Wissensmodelle dennoch auf eine Regulierung solcher Zeichenbewegungen. Die mediale Energie dieses Verfahrens lässt den Sinn gewissermassen kontrolliert implodieren: als umfassende Mö- glichkeit von Wissen. (2) Die mystisch-ekstatischen Modelle der Kombinatorik dagegen zielen auf Deregulierung, indem sie die Implosion des Sinns geradezu zelebrieren. Beispielhaft dafür ist die Kabbala. Gegenüber dem rationalen Wissensmodell der lullischen ars weist sie funktionale Differenzen wie methodische Divergenzen in der kombi- natorischen Verfahrensweise auf. Insbesondere die «ekstatische Kabbala» (Abraham Abulafia) führt die schreibtechnische Expansion der Kombination (chochmath ha-ziruf) bewusst zur Implosion von Semantik, Information und Wissen. Allwissen weicht hier der Aufhebung des Denkens in einem medialen pleroma. Ziel der Kabbala ist nicht die Erschöpfung des Möglichen, sondern eine Logik der Überbietung von zeichenhafter Sinnproduktion mit dem Ziel der Erfahrung eines unnennbaren Göttlichen im Rauschen der Schriftzeichen.
Post-Doc-Projekt Tore Langholz
Reflexionsüberschüsse. Sinnerzeugung und Sinnverlust in der
Kombinatorik von Raimundus Lullus
In seiner 1308 präsentierten Ars brevis beschreibt Raimundus Lullus, wie aus der Kombination von Buchstaben logisch-vernünftige und wahre Gedankenschlüsse, d.h. Urteile und Syllogismen mit mathematischer Notwendigkeit abgeleitet werden können, indem sie mit Prinzipien, Regeln und Fragen verbunden werden. Seine Idee basiert auf der Annahme, sämtlichen Wissensgebieten würden voraussetzungslos gültige Begriffe und Grundsätze zugrunde liegen. Mathematisierung und Mechanisierung des Wissens bezeugen Lulls Vorahnung von der Leistungsfähigkeit einer auf logischem Kalkül basierenden und automatisierbaren Symbollogik, weshalb man ihn als ein Urahn der modernen Informationsverarbeitung und Künstlichen Intelligenz betrachten kann.
Dreierlei gerät damit in den Blick dieser Untersuchung:
a) der philosophisch-theologische Kontext einer sich in die Erschöpfung stürzenden scholastisch-aristotelischen Wissenschaftstheorie, von der sich Lulls Ars absetzt, die aber erst im 17. Jahrhundert wissenschaftlich anschlussfähig wird (Leibniz), nachdem die im 14., 15. und 16. Jahrhundert erfolgte magisch-mystische Aufladung der Kombinatorik (Bacon, Kircher) abgenommen hat;
b) die jüdisch-kabbalistischen Kreise Spaniens und Frankreichs im 13. und 14. Jahr-hundert. Lulls Konzeption nicht unähnlich findet sich bei Abraham Abulafia die Beschreibung, mittels der Kombination und Permutation von sowie der Mediation über den Buchstaben der Tora den Weg zum höchsten Wissen von Gott, der Welt und dem Menschen finden zu können. Jedoch weitet das kabbalistische Buchstabenspiel gerade das weiter aus, was es einzuholen trachtet: Der in der Tora verborgene Name Gottes. Eine hebräische Übersetzung der Ars Brevis aus dem 15. Jh. verweist auf dieses Spannungsverhältnis einer in die Moderne aufbrechenden Philosophie und Theologie – in der Überschneidung mit der jüdischen Schrifttradition –, die nach den höchsten Erkenntnissen und einem absoluten Wissen trachtet, doch unter der grenzenlosen Dynamik semiotischer Überschüsse kollabiert;
c) Denker wie Marshall McLuhan und Jean Baudrillard, Max Bense, Gotthard Günther, Vilém Flusser und Jacques Derrida verstanden in Anbetracht der Heraufkunft der Tele-kommunikation, der Massenmedien und des Computers die Wissenskategorien Raum und Zeit bildenden Komponenten als in der Auflösung begriffen. Auf der Schwelle vom alphabetischen Schriftsystem zum technisch generierten Bild sowie unter dem Eindruck einer künstlich erzeugten Informationsflut stehend, beschrieben sie die Implosion metaphysischer Axiome.
Die Untersuchung setzt zugleich an der mechanisch-kombinatorischen Konstruktion der Ars und der Zeichentheorie der Kabbala an, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob diese geistesgeschichtliche Konstellation eine Epistemologie und Zeichenlogik vorausweist, die in den philosophischen Diskurs über die Implosion im Zeitalter der Massenmedien führt.