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Ein Mann, ein Zelt und eine eisige Kälte: Auf der gemütlichen Ofenbank nehmen Thomas Widmers kühnste Träume endlich Gestalt an.
Weiss jemand, was «hot tenting» ist? «Ich, Herr Lehrer, ich», ruft der Widmer. «Tent ist auf Englisch das Zelt. Wenn man im Winter draussen in der Natur ein Zelt aufstellt und darin einen Miniofen, nennt man das hot tenting.»
Ich weiss nicht, wie viele Filme ich in den letzten Monaten auf Youtube angeschaut habe, in denen Leute im Winter campen gehen. Der eine nimmt also den Ofen mit, samt Rohr. Der Zweite bastelt an einem Felsen einen Verschlag aus Ästen und Reisig. Der Dritte baut sich einen Iglu nach guter alter Eskimoart. Der Vierte buddelt eine Schneehöhle. Und der Fünfte zieht im gefrorenen Wald eine Blache auf. Darunter trampelt er den Schnee fest, legt Tannenzweige aus, platziert eine Isomatte und darauf den Schlafsack.
Brrr, denke ich, während bei mir zu Hause vor dem Fenster die Bäume klamm im Herbstnebel stehen: Das wird eine giftige Nacht, mein Freund! Dann nehme ich noch einen Schluck Rooibos-Tee mit Vanillegeschmack und frage mich: Gibt es eigentlich schon einen neuen Film vom Zermatterhorn? Gleich mal nachschauen. Der Mann heisst tatsächlich so, Joe Zermatterhorn. Ich nehme an, seine Vorfahren wanderten aus dem Wallis nach Amerika aus. Joe zieht regelmässig in die Kälte, schläft draussen, filmt das Ganze.
Mein Englisch hat sich um viele neue Wörter erweitert, während ich meinen Helden aus Manitoba und British Columbia, vom Yukon und den Grossen Seen, aus Michigan und Vermont zuschaue. Eisbohrer, Hering, Zeltstange: kann ich alles auf Englisch. Die Blache heisst tarp. Und ein MRE ist … jawohl, ein meal ready to eat. Eine eingeschweisste Fertigmahlzeit.
Es muss schön sein, in der Kälte im verschneiten Wald zu übernachten. Noch schöner ist es, das Abenteuer aus der Wärme meiner Wohnung mitzuerleben, finde ich – und frage mich, warum ich nicht aufhören kann, mir all die Wackelfilme mit den verfrorenen Nasen unter Pelzkappen anzuschauen. Warum fasziniert es mich derart, wie der Trapper Billy an einem Eisbach sein Zelt aufstellt? Warum verfolge ich 18 Minuten lang gebannt, wie er eine abgestorbene Jungtanne fällt und zerlegt?
Meine Theorie ist, dass jeder Mensch eine Glücksszene hat und hegt. Wie eines dieser kleinen Glasdinger, die man als Souvenir kauft; darin ist zum Beispiel ein Dorf winzig nachgebaut, und wenn man das Ding schüttelt, rieselt Schnee über das Dorf. Meine Glücksszene ist eine Hütte oder ein Zelt im Wald mit einem Feuer. Etwas Erkämpftes, Simples, ungeheuer Existenzielles und Wärmendes. Seltsam, dass ich das hot tenting nie ausprobiert habe. Vermutlich will ich mir meinen Traum nicht zerstören, indem ich ihn in der Wirklichkeit suche.
Thomas Widmer (53) schreibt die Wanderkolumne «Zu Fuss» im Tages-Anzeiger.