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Die ZSC Lions sind gegen Lugano schmählich in sechs Partien gescheitert. Weil sie zu arrogant waren und «Bahnhofstrassen-Hockey» spielten.
Sind die beiden Trainer Hans Wallson und Lars Johansson in ihrer ersten Saison bereits gescheitert? Ja und Nein.
Ja, weil sie nicht in der Lage waren, die Mannschaft auf die Playoffs in Form zu bringen. Die ZSC Lions waren in der Qualifikation die offensiv beste Mannschaft der Liga. In den vier letzten Playoffpartien haben sie gerade noch fünf Treffer produziert.
Ja, weil sie ein «intellektuelles» schwedisches Systemhockey spielen lassen, das leicht zu durchschauen ist. Ein leidenschaftlich kämpfendes Team mit einem grossen Torhüter (Elvis Merzlikins war in dieser Serie ein grosser Goalie) ist verhältnismässig leicht dazu in der Lage, dieses schablonenhafte Offensivspiel zu neutralisieren.
Ja, weil Arroganz zum entscheidenden Faktor werden konnte.
Sportchef Edgar Salis befand es nicht für nötig, einen fünften Ausländer zu verpflichten. Aus zwei Gründen eine unentschuldbare Unterlassungssünde. Erstens hat er so nicht ALLES für den Erfolg vorgekehrt. Kein gutes Signal für die Spieler, von denen verlangt wird, ALLES zu geben. Zweitens konnten die Zürcher tatsächlich in fünf von sechs Partien nur mit drei Ausländern antreten. Ein entscheidender Faktor in einer so ausgeglichenen Serie. Nach dem Ausfall von Schillerfalter Robert Nilsson erst recht.
Zum dritten Mal nach 2015 und 2016 ist es Sportchef Edgar Salis nicht gelungen, die vier Ausländerpositionen gut zu besetzen.
Trainer Hans Wallson ist es nicht gelungen, Luca Cunti in die Mannschaft zu integrieren. Sportchef Edgar Salis musste handeln. Einer musste gehen. Luca Cunti oder der Trainer. Logischerweise entschied sich der Sportchef für den Trainer mit Vertrag bis 2018 und gegen den Spieler. Wer es sich leistet, einen Stürmer wie Luca Cunti aus einem laufenden Vertrag wegzutransferieren, ist arrogant.
Inti Pestoni hat letzte Saison in Ambri in 50 Spielen für 40 Punkte gesorgt. Bei den ZSC Lions waren es diese Saison noch 12 in 39 Partien. Und ein Tor in fünf Playoffspielen. Die Art und Weise, wie Hans Wallson den «Fall Pestoni» gelöst hat, verrät Arroganz: erst eine öffentliche Demütigung durch das Abkommandieren zum Konditionstraining. Der hochbegabte Passeur und Vollstrecker ist nach wie vor ein Fremdkörper im ZSC-Spiel.
Auch der «Fall Seger» verrät Selbstüberschätzung. Erst ein wochenlanges Werweisen, ob das Arbeitsverhältnis verlängert werden soll und schliesslich eine Vertragsverlängerung «contre coeur». Freundschaft vor Leistungsdenken. Letztlich ist die Vertragsverlängerung ein gut schweizerischer Kompromiss. Das ist schön, aber kein Zeichen für eine kompromisslose Leistungskultur.
Die ZSC Lions haben keinen «Plan B» zu spielerischen Mitteln entwickelt. Sie vertrauten auf die Überlegenheit durch Talent. Als Talent nicht genügte, waren sie zu weich und brachten zu wenig Intensität ins Spiel, um ein leidenschaftlich kämpfendes Lugano zu überwinden oder, wie die Nordamerikaner sagen, «vom Eis zu arbeiten».
Nun sind die ZSC Lions ausgerechnet gegen Lugano gescheitert. Gegen ein Hockeyunternehmen, das wir in den letzten Jahren lustvoll für fehlende Leistungskultur, fehlende Härte, Hockey unter Palmen, zu hohe Saläre und zu familiäre Wohlfühlatmosphäre geschmäht haben. Für die Zürcher die grösstmögliche Playoff-Schmach.
Ein neutraler Chronist kommt nicht darum herum, die ZSC Lions nach diesem Scheitern als das Lugano des Nordens zu bezeichnen. Die Zürcher haben nur noch drei der letzten 14 Playoffpartien gewonnen. Was bei Lugano «Hockey unter Palmen» ist inzwischen bei den ZSC Lions die Neigung zum «Bahnhofstrassen-Hockey».
Die Bahnhofstrasse, rund 1,4 Kilometer lang, ist eine der der berühmtesten, teuersten und exklusivsten Einkaufsstrassen der Welt. Die ZSC Lions sind eines der berühmtesten, teuersten und exklusivsten Hockeyunternehmen ausserhalb der NHL. In den letzten zwei Jahren ist bei den ZSC Lions ein Trend weg von der rauen Romantik des Mannschaftsportes und hin zur professionellen Arroganz spürbar: die Mannschaft mahnt mehr an eine Interessengemeinschaft von Jungmillionären als an eine verschworene Gemeinschaft.
Sind Hans Wallson und Lars Johansson also gescheitert? Nein. Oder besser: noch nicht. Die ZSC Lions haben sich im letzten Sommer zu einem Stilwechsel entschieden. Weg vom nordamerikanischen Hockey (mit NHL-Generälen) und hin zur europäischen, skandinavischen Philosophie. Einmal Scheitern ist noch kein Grund, um diese strategische Ausrichtung bereits zu ändern und die Trainer zu feuern.
Aber die Autorität von Hans Wallson und Lars Johansson ist in den Grundfesten erschüttert. Leichter wird ihre Aufgabe nicht. Denn das Layout der Mannschaft bleibt gleich. Inti Pestoni ist nach wie vor ein Problemspieler und der eigenwillige, charismatische Nationalverteidiger Dave Sutter (er kommt von Biel) hat alle Voraussetzungen für Krach mit Hans Wallson. Wenn es Edgar Salis nicht gelingt, die Ausländerpositionen endlich einmal richtig zu besetzen, ist eine Krise im November nicht auszuschliessen.
Eine Krise im November könnte sich bei den ZSC Lions schnell zu «Hollywood im November» entwickeln. Entweder werden uns die Zürcher im nächsten Herbst mit rassigem Hockey begeistern oder durch ein grandioses Trainertheater bestens unterhalten. Die ZSC Lions werden nächste Saison auch ein Unternehmen der Unterhaltungsindustrie sein.