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Gemeinsinn im Wandel
Über 100 Personen reflektierten und diskutierten im Vorfeld der SGG-GV in Obwalden über den sich wandelnden Gemeinsinn. Bettina Isengard, Privatdozentin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, machte mit ihrem Referat den inhaltlichen Auftakt. Die Veränderung von Eigeninteressen und Gemeinsinn machte sie an den Veränderungen im familiären Zusammenleben fest. Die Anzahl Geburten hat in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen, die Lebenserwartung ist kontinuierlich gestiegen, Scheidungen haben zugenommen, das Rollenverständnis von Frau und Mann hat sich verändert und es existieren diverse Lebens- und Familienformen nebeneinander. Über 70% der Personen in der Schweiz leben in 1-Generationen-haushalten. In den Mehr-Generationen-Haushalten leben Eltern mit ihren Kindern, die immer länger im Hotel Mama verbleiben. Mit Eltern im Pensionsalter lebt fast niemand im gleichen Haushalt. Vergleicht man die Länder Europas miteinander, kann man feststellen, dass da, wo der Wohlfahrtsstaat sehr stark unterstützt, die Zivilgesellschaft zwischen den Generationen sich finanziell auch stärker unter die Arme greift, dafür gegenseitig weniger Zeit und Raum zur Verfügung stellt.
Sandro Cattacin, Professor für Soziologie an der Universität Genf, zeigte auf, dass drei grundsätzliche Maximen des gesellschaftlichen Zusammenlebens ihre Selbstverständlichkeit verloren haben. Reflexivität und Kategorischer Imperativ (ethisch handeln, weil man selber auch gut behandelt werden will), Empathie und Grundvertrauen sowie Zivilisierungsprozesse (Soziale Kontrolle und Selbstzensur), die im 19. Jahrhundert das Zusammenleben bestimmten, haben in der Postmoderne an Bedeutung verloren. Heute überleben die Fittesten und die Banditen, das Vertrauen in die Staatsbehörden ist geschwunden, die Menschen ziehen sich in ihre Mikrowelt zurück. Und der Verlust an Zivilisierung zeigt sich an Phänomenen wie dem Littering. Wie kann in der von Mobilität und Multikulturalität geprägten Gesellschaft Gemeinsinn entstehen? Cattacin plädiert für die Akzeptanz der heterogenen Gesellschaft. Studien in vielen Ländern hätten die Theorie von Alexis de Tocqueville bestätigt, wonach Meinungsvielfalt den Gemeinsinn und die Demokratie fördern, während das Streben nach einer möglichst homogenen Gesellschaft diese letztlich entsolidarisiere, polarisiere und radikalisiere. Es gehe darum, dass man auch in urbanen Gebieten dafür Sorge, dass sich die Menschen dort vertraut und heimisch fühlen. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass Empathie und Zivilisierung neu entstehen können.
Lea Stahel, Doktorandin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, zeigte zunächst die grundsätzlichen Faktoren des Gemeinsinns auf: Werte bzw. Handlungsorientierung, Teilhabe bzw. gesellschaftliche und politische Partizipation, ziviles Engagement bzw. Solidarität sowie Vertrauen. Die Referentin untersuchte, ob und wie weit der Austausch über Social Media diese Faktoren des Gemeinsinns fördert bzw. schwächt. Untersuchungen zeigen, dass 90% reine Konsumenten von Social Media sind und nicht aktiv Inhalte für die Gesellschaft kreieren. Social Media dienen stark der Pflege privater Freundschaften. 13% der Paare lernen sich heute im Internet kennen, im Kanton Aargau sogar 20%. Durch Social Media werde das Soziale Kapital der Gesellschaft nicht wirklich gefördert. Vielmehr würden dadurch Neo-Stammesgemeinschaften gebildet.[nbsp]
Die Tagung konnte einerseits Kriterien und Faktoren aufzeigen, an denen der Gemeinsinn gemessen werden können und anhand derer auch Strategien und Massnahmen zur Förderung des Gemeinsinns entwickelt werden können. Andererseits haben die meisten Teilnehmenden, die in der Zivilgesellschaft, in der Wirtschaft oder im Staat tätig sind, wohl mindestens so viele neue Fragen als Antworten auf ihre mitgebrachten Fragen nach Hause getragen.
Doch die nächste Tagung kommt bestimmt: nämlich am 7. Juni 2018 in Yverdon.