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Die Besucherinnen und Besucher haben die Wahl: In jedem Ausstellungssaal steht eine Abstimmungsurne mit einer Frage, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann: «Finden sie es gut, wenn Politikerinnen und Politiker die symbolische Bedeutung von Kleidung strategisch einsetzen?» oder «Berichten die Medien ihrer Meinung nach zu viel über Äusserlichkeiten von Politikerinnen und Politikern?»
Solche und ähnliche Fragen stellt die Ausstellung in sechs «Themeninseln». Im ersten Saal stehen sich ein Ballkleid aus wertvoller Spitze der letzten Kaiserin Frankreichs, Eugénie de Montijo, und das «Loch-Kleid» des St.Galler Modehauses Akris der ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard gegenüber: beide Kleider als symbolische Botschaftsträger - für die französische Textilindustrie und für den Tunnelbau als Kernkompetenz der Schweiz.
«Das Spitzenkleid ist ein Highlight aus unserer Sammlung», sagt Annina Weber vom Textilmuseum St.Gallen gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Kaiserin Eugénie stehe stellvertretend für die Veränderungen, die durch die französische Revolution entstanden sind. «Sie ist nicht mehr den strengen Vorgaben unterworfen, was die Kleidung betrifft», so Weber.
Königinnen als Trendsetterinnen
Annina Weber und Claudia Schmid, die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, thematisieren auch den Umgang der Medien mit der Garderobe von einflussreichen Frauen. Die Kleiderwahl der First Ladies ist eine öffentliche Angelegenheit. Eva Perón, Grace Kelly und Jacky Kennedy wurden zu Stilikonen und modischen Vorbildern ihrer Zeit.
Trendsetterinnen gab es auch schon im 19. Jahrhundert: Königin Victoria von England lancierte mit ihrem cremefarbenen Seidenkleid, dass sie 1840 bei ihrer Hochzeit trug, den Urtyp des westlichen Brautkleides. Sie prägte aber auch die Trauermode, indem sie nach dem Tod ihres Gatten nur noch schwarz trug.
Königinnen verursachten mir ihrem Auftreten auch Skandale. Ein Porträt, das Marie-Antoinette 1783 in einem leichten Baumwollkleid darstellte, verstiess gegen das herrschende Wertesystem. Statt mit einer standesgemässen Robe, zeigte sich die französische Regentin im Gewand einer Dienerin. Das Porträt musste abgeändert werden.
Auch im 21. Jahrhundert kann die Abweichung vom gewohnten Stil immer noch für Aufsehen sorgen: Nach einem Opernbesuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel entbrannte eine Diskussion über deren Dekolleté. Das Tragen eines Kopftuches wird bei westlichen Politikerinnen ganz unterschiedlich ausgelegt: Die Schweizer Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey erntete 2008 bei einem Treffen mit dem iranischen Präsidenten Kritik, weil sie sich verschleierte. Als sich die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern nach einem rassistisch motivierten Anschlag in Christchurch mit einem Hijab zeigte, wurde es als Zeichen des Mitgefühls und der Toleranz gewertet.
Kleidung als Statement
Für einen Modestil, der zugleich Macht und Weiblichkeit ausdrückt, steht Margaret Thatcher, die erste Premierministerin von Grossbritannien. Die Frau mit der toupierten Frisur und den strengen Businesskostümen spaltete mit ihrem neoliberalen Kurs die Briten. «Als die Frauen stärker in das Berufsleben und die Politik eingetreten sind, haben sie sich gerne an männlichen Stilen orientiert», sagt Weber. Zuerst kam das Deux-Pièce und dann der Hosenanzug für Damen. Ein Deux-Pièce der «eisernen Lady» ist in der Ausstellung zu sehen.
Auch unter der Bundeskuppel gibt es einen Dresscode - nicht nur für Bundespräsidentinnen. Der Ständerat schreibt «schickliche Kleidung» vor. Einige Schweizer Politikerinnen liehen der Ausstellung Kleidungsstücke, die sie bei ihrer Arbeit tragen.
Die Macherinnen der Ausstellung haben sie zu ihrem Kleiderstil befragt. Männer hätten die Möglichkeit, sich neutral zu kleiden, sagte etwa die St.Galler Nationalrätin Franziska Ryser, die meist in Anzug und weissem Hemd auftritt. Sie wolle nicht dem Klischeebild einer Grünen Politikerin entsprechen, so die Ingenieurin.
«Der dunkle Herrenanzug - scheinbar zeitlos und uniform - ist ein essentieller Bestandteil der Garderobe eines Politikers und Ausdruck von Macht», erklären die Kuratorinnen. In den Jahren nach der französischen Revolution habe sich die lange Hose als Standard für Männer durchgesetzt.
Bei einer Umfrage des Textilmuseums zur ihrer Berufskleidung erklärten 56 Prozent der Deutsch- und Westschweizer Parlamentarierinnen, dass sie normalerweise im Bundeshaus Hosen tragen. 74 Prozent nutzen ihre Kleidung bewusst für Statements.
Die Ausstellung im Textilmuseum St.Gallen dauert vom 19. März 2021 bis zum 6. Februar 2022.