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Die Geschichte Wollishofens ist mit jener seines Nachbarn Enge stark verbunden. Nicht nur bildeten die beiden Orte während mehrerer Jahrhunderte gemeinsam die Obervogtei Wollishofen, vielmehr sind auch im 19. und 20. Jahrhundert die Beziehungen eng. Und wer weiss schon, wo genau die Grenze zwischen den beiden ersten linksufrigen Seequartieren genau verläuft?
Grenze zwischen Wollishofen und Enge. 1885. Siegfriedkarte mit Zeichnung SB.
Die Grenze zwischen Wollishofen und Enge verbindet den See mit der Sihl. Am See beginnt sie zwischen Muraltengut und Hof Honrain, steigt querfeldein den Hang hinauf, umkurvt den Asp-Hof, um von der Mutschellenstrasse (bei der Abzweigung zum Oberen Muggenbühl) über das Gebiet Brunau der Sihl zuzustreben. Dieser Grenzverlauf ist alt – er dürfte vor 1500 gezogen worden sein. Bei der Gemeindegründung 1798/1803 wurde er übernommen und bildet seither auch die Grenze zwischen den heutigen Stadtquartieren.
Die Karte zeigt übrigens auch sehr schön, wie eng am See die Bahnlinie ab 1875 verlief. Sowohl vor dem Muraltengut als auch in Wollishofen (hier: beim Gässli) waren die vorgenommenen Aufschüttungen, die man Ende 19. Jahrhunderts und später zur Landgewinnung vornahm, enorm!
Eine Nachbarschaftsgeschichte
Wollishofen und die Enge haben viel gemeinsam. Insbesondere auch eine gemeinsame Geschichte. Vor 1500 waren die beiden Dörfer in einer gemeinsamen Wacht, also sozusagen militärisch vereint. Dabei war Wollishofen ein richtiges Bauerndorf, während die Enge schon früh sich auch wirtschaftlich der Stadt zuwandte. Wichtig dafür war, dass die Enge – mindestens teilweise – innerhalb der städtischen Bannmeile, also innerhalb der Kreuze lag, und damit stärker in die Stadtwirtschaft eingebunden war. Den Kampf um die Standorte der Kreuze lese man im Blog WOLLISHOFER KREUZ nach!
Wichtig für die Entwicklung der Enge war vor der Reformation die Dreikönigskapelle, die einerseits im Pilgerwesen eine Bedeutung hatte, anderseits als Kristallisationspunkt eines Zentrums Enge diente. Hier entstanden Taverne und weitere Gewerbebetriebe. Ohnehin war das Gebiet der Enge auch Teil des Bleicherwesens, worauf ja heute noch der Strassenname Bleicherweg hinweist.
Was wir bei Wollishofen im Blog URBANE VILLEN feststellen konnten, gilt in vermehrtem Masse auch für die Enge. Die Nähe zur Stadt veranlasste Stadtbüger schon im Ancien Régime, vor den Toren der Stadt, am See, einen Landsitz zu erbauen und zu bewohnen. Am berühmtesten war das «Venedigli», das an der Stelle der heutigen Rentenanstalt direkt am See stand. Doch auch im wachsenden Zürich des 19. Jahrhunderts dehnte sich die Stadt mit besonderen «urbanen Villen» in die Enge aus. Symptomatisch die Villa Zweifel an der Bellariastrasse 23, heute im Besitz einer Privatbank.
Villa Zweifel. Blasse Privataufnahme. Um 1905. Sammlung MZ. Gelaufen am 24.1.1906.
Die Villa Zweifel wurde 1898 vom Bauherrn, dem Kaufmann Henry Zweifel-Wild, im «Schweizer Holzstil- und engl. Cottagestilelementen» erbaut (INSA, 313). Architekt war Conrad von Muralt (1859-1928).
Postkarte Villa Zweifel. Rückseite. Sammlung MZ. Gelaufen am 24.1.1906.
Adressiert ist die Karte an Herrn Gyr-Lang, Papeterie, Zofingen. Sie stammt von Tochter Emma, die in der Villa lebte, oder wenigstens arbeitete. Sie schrieb:
«Villa Zweifel, den 24.I.06. Liebe Eltern! Besten Dank für den Brief sammt dem vom Sonntag. Bis dahin habe noch nichts. Anna will ich aber sehen u. schrieb ihr eben auch eine Karte. Schreibe dann schäter [später] einen Brief, wie es mir geht. Auf nächsten Monat sind noch 3 Diners von je 20-22 Personen, alle vor dem 18. Feb. Herzl. Grüsse, Emma»
Muraltengut
Übers Muraltengut erzählte ich schon im Blog WOLLISHOFER EINGABE 1917 einiges, weil die Eingabe betreffend Verlegung des Bahnhofs Wollishofen auch das Muraltengut weggefegt hätte. Die heute «Muraltengut» genannte Anlage könnte ebenso gut «Werdmüller-Palais» heissen, wurde sie doch in den Jahren 1777‒1782 von Johannes Werdmüller als damals vornehmestes Zürcher spätbarockes Landgut, damals direkt am See, errichtet. In manchen Quellen wird das Landgut auch Wollishofen zugerechnet – kein Wunder, grenzt der Park der Anlage doch noch heute direkt an die Quartiergrenze. So berichten die «Memorabilia» des Jahres 1820 (auf S. 205) vom «Blitzableiter am Werdmüller’schen Landsitz zu Wollishofen».
Paul Guyer, seinerzeitiger Stadtarchivar und Chronist der Enge schrieb von der «gegen den See gerichteten frühklassizistischen Hauptfassade» und fügte an: «Das Haus gehörte im 19. Jahrhundert Bürgermeister von Muralt und seinen Nachkommen. In den 1940er Jahren ging die Liegenschaft an die Stadt Zürich über, die hier ihre offiziellen Gäste empfängt und in den künstlerisch wertvoll ausgestatteten Räume ihre Feste feiert.»*
Ich bringe die wunderschöne Karte des Muraltenguts nochmals, einerseits wegen der frühklassizistischen Fassade, anderseits möchte ich noch kurz auf den Kartentext eingehen. Ida schreibt:
«Enge, den 14. Febr. 1907. – Liebes Lineli! Der grosse Baum, den du hier siehst, ist eine Ceder, die grösste in der Schweiz. Am Sonntag waren Tante Berta u. Louisli bei mir. Sie grüssen Papa u. Mama sowie Euch Kinder vielmal. Empfange auch die besten Grüsse von Deiner Tante Ida.»
Ida ist also die Tante von Lineli. Die Karte ist adressiert an Lineli Scherrer, bei Herrn Dr. Scherrer, Ebnat, Toggenburg – Ida dürfte die Patin von Lineli gewesen sein. Kulturhistorisch ist auch die «Ceder» von Belang. Bei den grossen Villen des 19. Jahrhundert war der Kult-Baum bekanntlich die Sequoia, der kalifornische Mammutbaum (Sequoiadendron giganteum). Er steht für Langlebigkeit, Robustheit und botanische Anmut. Die Zeder wird dagegen seit dem 18. Jahrhundert, seit barocker Zeit, als Parkbaum gepflanzt; jene an der Grenze zu Wollishofen dürfte damit älter als ihre kalifornischen Kollegen sein – wohl zu Zeiten der Erbauung des Palais gepflanzt. Gemäss Baumkataster steht die Werdmüller-Zeder noch heute (Cedrus libani 'Glauca', EN-4144).
Nachbar Enge
Bisher wurden die Grenzen betont, hier noch ein Hinweis auf die Verbundenheit. Eine frühe Verbindung des öffentlichen Verkehrs war die Eisenbahn (seit 1875). Was der Besitzer dieses Eisenbahnbillets wohl vorhatte? 1932 war das Tram als Nahverkehrsmittel längst in Betrieb. Vielleicht hatte der Zugskunde grosses Gepäck dabei? Man weiss es nicht...
Zugsbillet Wollishofen-Enge. Einfach. 3. Klasse. (20.12.1932). Sammlung MZ.
(SB)
* Paul Guyer. Die Geschichte der Enge. Zürich 1980, S. 74.