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Über die Vorstellung einer Kultur ohne Unterdrückung oder: Was bedeutet “interkulturelle” Arbeit?
Über die Vorstellung einer Kultur ohne Unterdrückung
oder: Was bedeutet “interkulturelle” Arbeit?
Menschen aus verschiedenen Kulturen können dann gut zusammenleben und -arbeiten, können Konflikte ertragen oder auf friedliche und damit auf zukunftsfähige Weise lösen, wenn ihr eigenes Kulturverständnis gefestigt ist. Dieses mag durch Zustimmung zu bestimmten tradierten Formen und Inhalten der Lebensgestaltung definiert sein oder durch eine klar akzeptierte Zugehörigkeit zu kulturellen Zwischenbereichen, aber so oder so bedarf es einer doppelten Grundgewissheit: einerseits dass die Bedingungen der eigenen Möglichkeiten, das Leben zu gestalten und zu verändern, ertragen werden können, andererseits dass andere Möglichkeiten der Lebensgestaltung ebenso gut sind wie die eigenen.
Sozialarbeit ist in erster Linie Korrektur von Unrecht; sie ist in zweiter Linie Kulturarbeit. Da Kultur nur im Raum partizipativer Freiheit gedeiht, da dieser Raum sich vorweg prozesshaft gestaltet, da er kein – irgendwie privilegiertes – Zentrum besitzt, daher auch entwertete Ränder (“margines”) und leidvolle Randständigkeiten (Marginalisationen) nicht zulassen kann, bedingen Kultur und Solidarität einander gegenseitig. Dem Abbau oder Verlust dieser politisch gefährdeten, aber menschlich motivierenden und wärmenden Interdependenz vorzubeugen und entgegenzuwirken, ist Aufgabe der Sozialarbeit. Diejenigen Menschen, die sich für diese Aufgaben professionell engagieren, bedürfen jedoch der Institutionen, die sie stützen und die ihrer Berufsausübung eine überpersönliche Legitimation verleihen. Früher – und zum Teil bis in die jüngste Zeit – waren diese Institutionen die religiösen Gemeinden, sodann im Zusammenhang mit der Säkularisation, an vielen Orten noch weit über das ausgehende 19. Jahrhundert hinaus, gehörte das sog. “Armenwesen” zum Kompetenzbereich der Polizei, später zu jenem der Gesundheitsdienste.
Mir scheint, dass weder eine karitative noch eine kontrollierende, ev. gar repressive noch eine therapeutische institutionelle Verankerung langfristig den im Sozialbereich sich stellenden Aufgaben genügen kann. Wie, d.h. durch welche übergeordneten Aufgaben und durch welches Menschenbild diese Verankerung definiert ist, hat enorme Auswirkungen. Wollen wir angesichts der mannigfaltigen Verschiedenheit der vielen, die zusammenleben, den Primat des politischen Handelns verteidigen, mit den daraus sich ergebenden Möglichkeiten der Korrigierbarkeit und der Komplementarietät des Entscheidens und Handelns, wollen wir daher eine möglichst optimale Qualität des pluralen Zusammenlebens und partizipativer Freiheit verteidigen – nicht eine Qualität privilegierter Weniger zu Lasten verwalteter Knappheiten, Abhängigkeitsfrustrationen und Leidensfolgen vieler, muss das Wagnis gewagt werden, Sozialarbeit als Kulturarbeit auch gesamtgesellschaftlich zuzuordnen. Menschen, die der Sozialhilfe bedürfen, sind nicht sicherheitsgefährdend. Sozialarbeit sollte meines Erachtens daher nicht dem Polizei- und Sicherheitsdienst untergeordnet sein, sondern einem Kultur- und Sozialdepartement, sowohl auf Gemeinde- wie auf Kantons- und Staatsebene. Die Tatsache von Armut und Not, die Minderwerterfahrungen und Ausgrenzungen von zahllosen Menschen zu korrigieren, ist eine gesamtgesellschaftliche kulturelle Verpflichtung, auf Grund des gleichen Rechts der Menschen, die zusammenleben, den Wert des Menschseins und der Lebensqualität auf gleichwertige Weise zu erfahren.
Es gibt Modebegriffe, deren Richtigkeit oder Trefflichkeit wegen der Häufigkeit ihrer Verwendung kaum in Frage gestellt werden. Dazu gehört die Begriffe “Interkulturalismus” und “Multikulturalismus”. Ich habe den Verdacht, dass deren inflationärer Gebrauch in jüngster Zeit mit dem Verlust der Bedeutung des Kulturbegriffs zu tun hat. Kultur ist das Resultat und der Gewinn des Zusammenlebens. Genauer: “Kultur” bedeutet immer Vielheit von Kulturen.
Sigmund Freuds These war, dass nur dank der Zähmung der individuellen Sexual- ebenso wie der Aggressionstriebe menschliche Gesellschaft mit ihren vielfältigen Institutionen entstehen konnte, sodass nicht nur die Bedürfnisse einiger starker Individuen, sondern die Bedürfnisse vieler befriedigt werden können. “Einschränkung seiner Aggression ist das erste, vielleicht schwerste Opfer, das die Gesellschaft vom Einzelnen zu fordern hat” (Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse). Dieses “Opfer”, das mit der Tatsache der Unterwerfung des und der Einzelnen unter das Gesamtwohl verknüpft ist, hat e i n entscheidendes Motiv, nach Freud: die “Lebensnot”, ein letztlich “ökonomisches Motiv”, das zur Arbeitsteilung, zur gegenseitigen Unterstützung und zur Akzeptanz der unterschiedlichen Mitglieder der Gesellschaft bewegt, das aber auch zur Errichtung repressiver Systeme führt.
Während allzu langer Zeit galt vor allem die Unterwerfung der Frauen unter die Männer, der Kinder unter die Erwachsenen und der Lohnabhängigen unter die Mächtigen als unabänderliche Bedingung mustergültiger Ordnung, dank der das Gesamtwohl garantiert war. So war Fortschritt, scheinbar Resultat gerade d i e s e r Ordnung, durch welche die Gesellschaft zur Kulturgemeinschaft wurde, begleitet von Zwang und Leid. Das Kosten- / Nutzenverhältnis war jedoch so und ist zum Teil noch immer so, dass es sich trotzdem zum Vorteil der Mehrheit auswirkt, indem wenigstens die wichtigsten materiellen Bedürfnisse befriedigt werden – allerdings immer mit der quälenden Sehnsucht nach der zugleich verwehrten Freiheit und nach umfassender sozialer Gerechtigkeit. Doch da die so geregelte, unvollkommene Ordnung immerhin die nötigen Institutionen bietet, damit die allein nicht zu bewältigenden existentiellen Ereignisse wie Geburt, Heirat und Tod, Schuld und Sühne in einem grösseren Rahmen geregelt werden, kann sie nicht gänzlich in Frage gestellt werden. Daher wird sie vorweg zugleich geschützt und verändert. Frauen und Lohnabhängige haben Jahrhunderte gebraucht, um einen Teil der Repressionen zu korrigieren, um auch der Frauenkultur und Arbeitskultur innerhalb der patriarchalen Kultur Raum zu schaffen.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Gesellschaft als Kulturgemeinschaft die Voraussetzungen für die Entwicklung und Durchsetzung von Gesetzen bietet, die die individuellen und die allgemeinen Bedürfnisse zugleich berücksichtigen und einschränken, die vor allem Gewalt als Mittel zur Durchsetzung dieser Bedürfnisse unnötig machen. Damit können sich – im befriedeten Rahmen – Möglichkeiten des Ausdrucks und der Erfüllung geistiger Bedürfnisse entwickeln, sowohl der Deutung und symbolischen Darstellung aller Bedingungen der Welthaftigkeit wie deren wissenschaftlichen Erforschung und Nutzung, die, von Generation zu Generation tradiert und verändert, das eigentliche kulturelle Matri- und Patrimonium ausmachen: Religion, Philosophie, Musik und Tanz, Architektur und darstellende Künste, Literatur sowie Wissenschaft in all ihren Ausgestaltungen der Natur- und Humanwissenschaften, aber auch die Formen des Zusammenlebens in Familien und grösseren Gemeinschaften. Die Vermittlung, Pflege, Weiterentwicklung und Veränderung der damit verbundenen Werte sowie deren Umsetzung im alltäglichen Zusammenleben der Menschen machen das aus, was Kultur im engeren Sinn heisst, was immer wieder auch das Wagnis des Ausbrechens aus tradierten Verhältnissen, das Wagnis des Neubeginns nicht nur zulässt, sondern sogar nötig macht. Freiheit gehört ebenso zu den Grundbestimmungen der Kultur wie die Einsicht in die gemeinsame Bewältigung der “Lebensnot”. Was der Kultur entgegensteht, was sie gefährdet und letztlich zerstört, sind die Negation der Freiheit und die Negation der Pluralität, sind die Angst vor Veränderungund damit das Überhandnehmen der Ordnungsbedürfnisse, ist aus die all diesen Negationen resultierende Gewalt.
Gerade im Überhandnehmen rücksichtsloser Gewaltbedürfnisse, die durch die bestehenden Gesetze nicht mehr kontrollierbar sind, sondern zum Teil durch diese sogar legitimiert werden, zeigt sich das Ungenügen der bestehenden Institutionen. Das Ungenügen zeigt sich in der Vielzahl und entsetzlichen Wiederholung der Kriege sowie in deren Förderung durch Indifferenz einerseits, durch Wirtschafts- und Machtinteressen andererseits. Dadurch aber, dass die Welt klein geworden ist, bedrohen die Schwächefolgen der einen Gesellschaft auch Gesellschaften, die kulturell noch offener und daher gefestigter, deren Institutionen jedoch auch überaltert und morsch sind. Flucht und Migration Hundertausender in ihrer Existenz gefährdeter Menschen, ob wegen Gewalt und Krieg, ob wegen Hunger und Verelendung, stellen Anforderungen, denen nur starke und erneuerungsfähige Kulturen und entsprechende Institutionen genügen können. Es müssen ja sowohl die Hintergründe und Ursachen von Migration und Flucht behoben werden, wie die materielle und geistige Integration dieser Menschen in eine andere als deren eigenen Gesellschaft erreicht werden. Diese Institutionen aber haben wir nicht. Daher rührt ein grosser Teil der Überforderung in der heutigen Zeit, ein grosser Teil der Verunsicherungen und Ängste. Kulturbedingte unterschiedliche Werte, Lebensregeln und Lebenstile gewinnen angesichts dieser – diffusen – Ängste in konkreten Situationen, die dann als Ursache der Ängste gelten, Bedrohungsbedeutung für die eigenen Lebenszusammenhänge.
Die meisten dieser Situationen werden bestimmt durch das Verhältnis der Geschlechter, durch das Verhältnis der Generationen, sodann durch rivalisierende Ansprüche Gütern gegenüber, an denen Mangel herrscht. Bei uns sind dies insbesondere Wohnungen und Arbeit. Mit Ängsten und entsprechenden Reaktionen darauf werde ich in meiner Arbeit immer wieder konfrontiert, in jüngster Zeit, infolge der Aufnahme muslimischer Flüchtlinge, vor allem durch die Tatsache des Aufeinanderprallens verschiedener Lebensregeln und Erwartungen in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen.
Schwierigkeiten ergeben sich zum Beispiel infolge des kulturell unterschiedlichen Familienverständnisses. Familienbande sind in der muslimischen Kultur unauflösbar und bedeuten Verpflichtung der gegenseitigen Unterstützung der Familienmitglieder bis in den dritten und vierten Rang. So stossen die von den Bundesbehörden festgelegten Einschränkungen des Familiennachzugs, das heisst die Beschränkung auf die sogenannte “Kernfamilie” und damit auf die Verwandtschaft ersten Grades, auf absolutes Unverständnis bei den Flüchtlingen, verursachen Auflehnung und viel persönliches Leid. Dies führt für viele Verantwortliche in der Betreuung der Flüchtlinge zu Gewissenskonflikten und zu schweren Beeinträchtigungen der Betreuungsarbeit. Ich versuche regelmässig, Möglichkeiten zu finden, damit die Vorschriften extensiv, im Sinn der kulturellen Bedürfnisse der Flüchtlinge, umgesetzt werden. Dadurch, scheint mir, sollten schweizerische kulturelle Werte nicht bedroht werden. Trotzdem ist es vorstellbar, dass die Konfrontation der bei uns allmählich üblichen Kleinstfamilie mit kulturell anderen Familienrealitäten negative Gefühle weckt, nicht zuletzt Neid. Neid war schon die Ursache des ersten mythologischen Kulturkonfliktes: des Mords des Ackerbauern Kain am nomadisierenden, seine Herden hütenden Bruder Abel.
Zum unterschiedlichen Familienverständnis gehören besondere, ritualisierte Momente im Lebenszyklus. “Heirat”, zum Beispiel, vollzieht sich in einer muslimischen Familie so, dass die Braut in die Familie des jungen Mannes zieht, dort aufgenommen wird und von diesem Zeitpunkt an als Frau des Mannes gilt. Der Imam traut das Paar, und die so geschlossene Heirat wird mit einem grossen Fest gefeiert. LeiterInnen von Durchgangszentren, in denen Flüchtlinge Aufnahme gefunden haben, sind unsicher, wie sie damit umgehen sollen. Sollen sie Heiratsregeln, wie sie bei uns in der Schweiz gelten, durchzusetzen versuchen, oder sollen sie die muslimischen akzeptieren? Ich rate, die muslimischen Regeln gelten zu lassen, vor allem weil die unklare Situation der vorläufigen Aufnahme im Land des Exils keine Möglichkeit bietet, neue Regeln als fortschrittlichere Option (zum Beispiel in Hinblick auf den Schutz der Frauenrechte) sich bewähren zu lassen.
Der Kulturbegriff im umfassenden Sinn ist obsolet geworden, sei es, weil die Institutionen nicht mehr genügen, um Freiheit u n d Ordnung zugleich zu garantieren, sei es, weil die Bedürfnisse der vielen nicht mehr befriedigt werden können. Dabei liegt es nicht an der Gesamtmenge der Produktion der lebensnotwendigen Güter; davon ist in einzelnen Weltgegenden Überfluss, in anderen jedoch Mangel. Bezüglich dieser Güter liegt es zum Teil an der Verteilung, zum Teil an der Art der Produktion – einer ökologisch und langfristig auch ökonomisch den Menschheitsbedürfnissen nicht mehr entsprechenden Art der Produktion -, dass die Verhältnisse nicht mehr im Gleichgewicht sind. In Bezug auf die Stillung der geistigen Bedürfnisse herrscht grosse Verwirrung. Werttradierung gerinnt in Konservativismus, Konsumismus und Vermassung haben den Sinn- und Deutungshunger der Einzelnen mit Überangeboten verfälscht und erstickt, fundamentalistische Theorien stacheln zu Fanatismus auf, die Künste befinden sich in einer grossen Darstellungskrise, die Wissenschaften, die die letzten Geheimnisse der Welthaftigkeit zu entschlüsseln in der Lage sind, stossen zunehmend an ethische Grenzen ihrer Umsetzbarkeit. Ein grosser Teil der Menschen leidet zunehmend an kultureller Aushungerung, trotz der immer leichter zugänglichen Kulturangebote, ja trotz der Überfütterung. Die Angst vor kollektiven Veränderungen nimmt ebenso überhand wie die Unfähigkeit vor eigenverantwortlichem Neubeginn. Der Kulturbegriff reduziert sich auf den engstmöglichen Nenner. “Multikulturalismus” und “Interkulturalismus” werden zu – diffusen – Ersatzbegriffen.
Wenn Menschen aus “kulturellen” Gründen aneinander geraten, so geschieht dies meistens nicht wegen der “grossen” Fragen, sondern weil sie nicht gelernt haben, dass man ebenso gut auch anders leben kann als sie es tun. “Anders” schliesst aber viel tiefere Toleranzschwellen ein, als sie durch fremde Kulturgewohnheiten erfordert sind, zum Beispiel, ganz trivial, Spätaufstehen für Frühaufsteher und umgekehrt, homosexuelle Liebe für Heterosexuelle und umgekehrt, dieser oder jener Religion angehören oder keiner für Religiöse und Areligiöse. Es gibt noch zahlreiche Beispiele, an denen aufgezeigt werden kann, dass Lebensformen und Lebensstile nicht “an sich” richtig oder falsch sind, sondern dass sie einfach den einen Menschen besser oder schlechter entsprechen als den anderen.
Wenn wir uns daher fragen, wie ein Zusammenleben von Menschen aus verschiedensten Kulturen vorstellbar ist, ohne dass die Mehrheitskultur die Minderheitenkulturen unterdrückt, ohne dass sich überhaupt die Frage von Mehrheiten und Minderheiten und dadurch die Frage der Unterdrückung stellt, wenn wir uns fragen, wie unterschiedliche Wertsysteme, Lebensregeln und Lebensstile nebeneinander und zugleich auf gewaltfreie Weise Geltung haben können, so müssen wir nach den Toleranzmöglichkeiten innerhalb unserer eigenen Kultur – der Kultur im engen Sinn – fragen.
Diese Toleranzmöglichkeiten gilt es in erster Linie zu verstärken. Aber wie? Sicher nicht, indem Beliebigkeit und Indifferenz zum Handlungsrezept werden. Vielleicht kann die Rückbesinnung auf die eigenen – rezeptiven und aktiven – Erwartungen dem gegenüber, was “Kultur” beinhaltet, richtungweisend sein. Wir können davon ausgehen, dass diese Erwartungen letztlich Glückserwartungen sind, so wie für uns selbst für die meisten Menschen. Für deren Erfüllung aber sind wir auf andere Menschen angewiesen. So mag die Einsicht in unsere gegenseitige Abhängigkeit das gefährdete, wacklige, durch viele Surrogate gestützte Kulturverständnis erneuern. Es geht um die gelebte Umsetzung dieser Einsicht.*