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von Phil Blumenthal
Wie wir wissen ist der grosse italienische Filmkomponist im Juli 2020 im Alter von 91 Jahren gestorben. Mein Nachruf ist hier zu lesen. In Gedenken an Ennio Morricone habe ich 15 Anspieltipps rausgesucht – und zum Teil durchaus auch als Filmtipps gedacht -, die mit der ein oder anderen Ausnahme eher abseits seines bekanntesten Outputs zu liegen kommen.
Kurz zu Morricone und mehr als Komplettierung gedacht, denn wer kennt Morricones Weg nicht? Geboren wurde Morricone am 10. November 1928 in Rom. Er studierte am Santa Cecilia Konservatorium Chormusik und Trompete, anschliessend Komposition, welches er 1954 abschloss. Er schrieb Kammer- und Orchestermusik und etablierte sich in den 50er Jahren in Italien als Avantgardist. Mit IL FEDERALE schrieb Morricone 1961 seine erste Filmmusik und begann 1964 seine erfolgreiche und prägende Zusammenarbeit mit Sergio Leone (PER UN PUGNO DI DOLLARI) und Bernardo Bertolucci (PRIMA DELLA RIVOLUZIONE). In dieser Phase komponierte er für unzählige Spaghetti-Western, eher er seine Fühler auch nach Frankreich und bald einmal Hollywood auszustrecken begann, wo er unter anderem drei Filme für Brian De Palma (THE UNTOUCHABLES, 1987; CASAULTIES OF WAR, 1989 und MISSION TO MARS, 2000) vertonte. Er erhielt fünf Oscar-Nominationen (DAYS OF HEAVEN, 1978; THE MISSION, 1986; THE UNTOUCHABLES, 1987; BUGSY, 1991; MALÈNA, 2000), wurde 2007 mit einem Ehrenoscar ausgezeichnet und gewann 2016 endlich sein einziges «richtiges» Goldmännchen für Quentin Tarantinos THE HATEFUL EIGHT. Morricone erhielt ausserdem einen Golden Globe für LA LEGGENDA DEL PIANISTA SULL’OCEANO (1998) und viele weitere Preise wie BAFTA, Grammys, David di Donatello Awards usw. In Rom wurde nach seinem Tod der Konzertsaal Auditorium Parco della Musica in Auditorium Ennio Morricone umbenannt.
Natürlich gäbe es aus dem schier unermesslichen Fundus an Morricone-Musiken viele, viele andere Titel, die man hier hätte aufführen können. Aber wer weiss, vielleicht gibt es dereinst eine Fortsetzung?
Non mai dice mai.
Anspieltipps
IL GRANDE SILENZIO (1968), der bei uns als «Leichen pflastern seinen Weg» bekannt wurde, ist ein Italowestern des späteren Bud Spencer/Terence Hill Regisseurs Sergio Corbucci mit Klaus Kinski und Jean-Louis Trintignant. Im rauen Winter Utahs werden die Ärmsten der Armen zu Gesetzlosen, als sie die Reichen der Umgebung überfallen um überleben zu können. Der Kopfgeldjäger Loco (Kinski) killt daraufhin den Ehemann der schönen Pauline, die Silence (Trintignant), der seit seiner Kindheit so genannt wird, nachdem man ihm die Kehle durchgeschnitten hat, anheuert, um an Loco Rache zu nehmen. Einen zynischen und äusserst brutalen Western im Schnee zu drehen und dem Ganzen ein düsteres Ende aufzusetzen, machte IL GRANDE SILENZIO populär. Eine Besonderheit ist ausserdem die Waffe die Silence verwendet – eine für damalige Zeiten topmoderne Selbstladepistole. Ja, die Italiener hatten es damals wirklich drauf.
Morricones Musik ist möglicherweise (kommt immer auf den Standpunkt an) die populärste der hier aufgeführten Titel, dennoch spielt sie meist die zweite Geige hinter C’ERA UNA VOLTA IL WEST (1968), MIO NOME È NESSUNO (1973) und IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO (1966). Der Score unterscheidet sich von der im gleichen Jahr entstandenen C’ERA UNA VOLTA IL WEST durch die zurückhaltende, melancholische, weniger opernhafte Art. Ausserdem fängt Morricone die Eiseskälte der Spielorte vortrefflich ein. Er arbeitet mit dem Hauptthema «Il grande Silenzio (restless)», dem wunderschönen Liebesthema in «Invito all’amaro» und einem Spannungsmotiv für Klavier, Streicher, Perkussion und E-Gitarre. Empfohlen ist die Beat Records CD von 2014, die ausserdem den tollen UN BELLISIMO NOVEMBRE (1968) enthält.
IL MERCENARIO, aus Ennio Morricones grossem Jahr 1968, ist ein Western mit den ein und anderen komödiantischen Elemente, inszeniert von Sergio Corbucci mit Franco Nero (auf den Morricone in seiner Karriere noch ein paar Mal treffen sollte) und Tony Musanta, auch Jack Palance macht seine Aufwartung. Der Film spielt zur Zeit der mexikanischen Revolution, in der Polack (Nero) und Paco (Musante) zusammenspannen um gegen die Fieseleien von Colonel Garcia und des Amerikaners Curly (Palance) anzutreten.
Schon der Beginn des ersten Tracks, «Bamba vivace» klingt vielversprechend mit seiner knalligen 12-Ton Eröffnung, die uns an Alex North erinnert (später ist dieses kurze Motiv in «Il Mercenario (suspance)» ausführlicher zu hören). Mexikanisches Flavour übernimmt, einen Grossteil des Scores bestimmend. Das Hauptthema schliesst den Score in «Il Mercenario (l’arena)» ab. Hispanisch getünchte Musik war seltener der Fall bei Morricone trotz vieler Westernmusiken des Komponisten, in denen er Aphorismen mexikanischen Einschlags einfliessen liess und daraus ein eigenes Musikgenre begründete. Verwendet wird in IL MERCENARIO das «Pfeifen», ebenfalls ein mehrfach verwendetes Stilmittel des Italieners für den «einsamen Rächer». In «Libertà» mit Gitarre, Flügelhorn, Streichern und Chor verbindet der Komponist seine Handschrift gekonnt mit den musikalischen Gepflogenheiten Mexikos. IL MERCENARIO ist eine abwechslungsreiche, unterhaltsame Musik in der auch mal ein deftiger Walzer («Canto a mia tera») auftaucht. GDM präsentiert den Score mit rund 37 Minuten Länge.
Aus Dario Argentos Horrorthriller IL GATTO A NOVE CODE (1970) stammt die hier vorgestellte Musik, die Morricones experimentelle Mischung aus Jazz und 12-Ton-Musik zeigt. Beileibe kein einfach anzuhörender Score, ganz anders als seine manchmal locker flockigen und/oder themenbezogenen Scores. Was IL GATTO A NOVE CODE interessant macht, ist die die Verwendung von Stimmen (es «singt» der I Cantori Moderni di Alessandroni Chor und Edda Dell’Orso gibt hier hauchend und verführerisch ihre Stimme zum Besten) und Jazzelementen, die durch einen E-Bass und ein Schlagzeug vertreten werden. Neben diesen sind ein Streicherensemble, Holzbläser, Klavier, Celesta und Cembalo zu hören. Freejazz gemischt mit Stimmeffekten bestimmen Tracks wie «Placcaggio». Morricone wäre nicht Morricone, würde er mit «Ninna nanna in blu (titoli)» nicht ein eingängiges Hauptthema präsentieren lassen, in «Nina in blu #2» von Klavier und E-Piano intoniert. Dieses findet hier jedoch eher selten Gebrauch.
Man muss sich schon auf diese dissonante Arbeit des Italieners einlassen können und doch sind diese in seiner Discografie durchaus auch vertreten.
Zum Film: Karl Malden (uns allen spätestens aus STREETS OF SAN FRANCISCO bekannt) spielt einen in Rente gegangenen, blinden Journalisten, der versucht zusammen mit seiner Nichte und einem Newsreporter (James Franciscus) einem Serienkiller auf die Spur zu kommen.
2006 ist beim GDM CD Club eine Disc mit 69 Minuten Musik erschienen.
Im Alter von 12 Jahren erfährt Guss von seinem Vater, dass seine biologische Mutter nach wie vor am Leben ist. Nachdem sein Vater stirbt, beginnt für Guss ein neues Leben, er findet mit seiner Mutter das Glück. Im zweiten Teil des Films, verlässt der erwachsene Guss, nachdem seine Mutter gestorben ist, sein Dorf und versucht sich als Musiker.
Der Film von Sammy Pavel ist so gut wie verschollen und es ist fast unmöglich Morricones Musik mit den Bildern in Verbindung zu bringen.
Was man gemeinhin James Horner vorwirft – sein eigenes Material immer wieder zu recyceln – trifft durchaus auch auf Ennio Morricone zu. Wem das Hauptthema aus LES DEUX SAIONS DE LA VIE (1972) bekannt vorkommt, hat es möglicherweise später in BLOODLINE (1980) gehört.
Davon abgesehen ist LES DEUX SAISON DE LA VIE ein wunderbarer 70er Morricone mit ganz viel Gefühl und Hingabe, der vor allem von einem wunderschönen Thema zerrt, das Morricone vielfältig orchestriert hat: Wir hören Streicher, Solovioline, die Stimme von Edda dell’Orso oder einen Chor. Das spezielle an der von Morricone produzierten Soundtrack LP, die auf der Quartet CD als Tracks 1, 2 und 3 zu finden ist, sind die komplett unterschiedlichen Stile von Seite A (Track 1) und Seite B (Track 3). Track 1 beschäftigt sich ausnahmslos mit der emotional melancholischen Seite des Films (und des Scores), während Seite B die atonalen, avantgardistischen Elemente zusammenfasst. Ähnlich hat es Morricone zuvor bekannteren MADDALENA (1971) ausgeführt. Als reines Hörerlebnis ist das vielleicht nicht einfach zu goutieren und man wünschte sich etwas mehr Abwechslung. Gerade den Hörer, der nur Morricones melodiöse Seite kennt und schätzt, dürfte Track 3 leicht perplex zurücklassen.
Die Quartet CD setzt sich wie erwähnt aus dem LP-Programm und den bereits bei Saimel erhältlichen Bonustracks zusammen – ausserdem ist ein zusätzliches, bisher nicht veröffentlichtes Stück ist enthalten.
LE SECRET (italienisch EL SEGRETO) ist ein raffiniert düsterer Thriller mit Jean-Louis Trintignant und Philippe Noiret aus dem Jahr 1974. David ist aus dem Gefängniskrankenhaus entkommen, nachdem er einen Wärter erwürgt hat. Er kommt bei Thomas und Julia unter. Thomas vertraut David, obwohl dessen Verfolgungswahn krankhafte Züge zu haben scheint. David verliebt sich in Julia, diese lässt ihren Bruder von David wissen, was eine Maschinerie in Gang setzt.
Ennio Morricone hat so manchen „Ein-“ und „Zweithemer“ in seiner Karriere erschaffen – oder anders gesagt: Ein starkes Thema mit vielen Variationen, nebst etwas Beigemüse. Das klingt jetzt abwertend, ist aber nicht so gemeint. Gerade in heutigen Zeiten wäre man froh, es gäbe mehr Scores mit wenigstens einem tollen Thema. Aber die Zeit kommt vielleicht wieder. IL SEGRETO enthält ein typisch simples Titelmotiv für den Haupttitel (Klavier und Harfe imitieren Wassertropfen) und ein Spannungsmotiv mit atonalen Streichern und Klavier («Nebulosa prima», Nebulosa seconda»), aber vor allen Dingen ist ein wunderschönes Hauptthema, wie es nur Morricone erschaffen konnte, enthalten. Dieses ist einerseits in einer Version mit Edda Dell’Orso Stimme («Dal mare» – auch in einer nicht verwendeten, dramatischeren Version), als Zusammenführung mit der Titelmusik («Il segreto») oder als üppige, orchestrale Variante von Englischhorn und Klavier gespielt zu hören. Die repetitive Natur der Musik zeichnet oftmals als Markenzeichen bei Morricone.
Im Jahr 2000 erschien erstmals eine Langversion von IL SEGRETO, die 2015 von GDM in einer kleinen 300er Serie neu aufgelegt wurde.
IL DESERTO DEI TARTARI (1976) ist ein Antikriegsfilm von Valerio Zurlini (ESTATE VIOLONTA) mit Vittorio Gassmann, Giuliano Gemma, Philippe Noiret, Fernando Rey und Jean-Louis Trintignant. In der Festung Bastiani, irgendwo in einer kargen, kaum besiedelten Wüste, erwarten der junge Leutnant Giovanni Drogo, der dorthin nach seiner Offiziersausbildung versetzt wird, und seine Garnison einen Angriff der Tartaren, doch es geschieht nichts. So wird die triste Zeit mit scheinbar sinnlosem, militärischem Protokoll gefüllt. Drogo lernt in dieser Zeit verschiedene Charaktere in der Festung kennen. Der Film endet tragisch, denn Drogo verstirbt nach einer langen Zeit des Nichtstuns in der Wüste auf der Fahrt in die Heimat.
Morricone hat für «Die Tartarenwüste», so der Film auf deutsch, eine avantgardistische Musik für die «militärischen Aufgaben» geschrieben: Eine Orgel, Fagott, Trompeten (die fremdartig fern klingen), Violinen, pizzicato und anhaltende Noten der tieferen Streichregister erzeugen ein Gefühl der Ödnis, Leere und Langeweile in der trostlosen Umgebung. Für musikalische Abwechslung sorgt eine Art «Zigeunermusik» («La cena degli ufficiali», man achte auf das Intro, das stark an CINEMA PARADISO erinnert). Als Hauptthema ist ein sentimental trauriges Klavierthema, mit dem der Film (jedoch nicht die CD) beginnt, zu hören («La casa e la giovinezza»), welches auch in ausschweifenderen, instrumentalen Versionen enthalten ist.
IL DESERTO DEI TARTARI ist eine herausfordernde Musik, die in Kenntnis des Films bestimmt besser funktioniert. Trotzdem fühlt man Isolation und Sinnlosigkeit auch ohne den Zurlinis Streifen gesehen zu haben.
2001 erschien beim GDM CD Club eine verlängerte Version, die 2015 bei GDM/Intermezzo abermals, allerdings tief limitiert, veröffentlicht wurde.
Als John Carpenter den Zuschlag zu THE THING erhielt, hatte er Hits wie HALLOWEEN (1978), THE FOG (1980) und ESCAPE FROM NEW YORK (1981) in der Tasche. THE THING (1982) war sein erster Studiofilm (für Universal) und sollte an die bisherigen Erfolge Carpenters anknüpfen. Doch daraus wurde nichts. Publikum und Kritik waren zu Carpenters Enttäuschung nicht bereit für einen derart schonungslosen Science-Fiction-Horror mit fantastischen, gruseligen Effekten des jungen Rob Bottin (TOTAL RECALL, LEGEND). Sie strömten lieber in Steven Spielbergs E.T.-THE EXTRA-TERRESTRIAL (1982). Doch wenn ein Film den Titel «Kult» inzwischen zurecht trägt, ist es sicher THE THING, dessen Homevideo-Veröffentlichungen den Flop an den Kinokassen längst wieder wett gemacht haben. In einer gut sortierten Filmsammlung sollte dieser Carpenter Klassiker auf jeden Fall nicht fehlen.
Zum ersten Mal stand Carpenter ein Budget für Musik zur Verfügung und so engagierte er niemanden geringeres als Ennio Morricone, dessen Ausflüge ins Gruselgenre eher rar waren. THE CHOSEN aka HOLOCAUST 2000 (1977) mit Kirk Douglas, THE EXORCIST II: THE HERETIC oder seine Scores für Dario Argento sind zu erwähnen. Hier nun müssen sich die Mitglieder eine Forschungsstation in Eis und Schnee gegen einen ausserirdischen Eindringling wehren, der seine Opfer befällt und bei Gefahr sein monströses Äusseres in den unterschiedlichsten Formen zu erkennen gibt.
Bei Genrefans ist THE THING zu einer beliebten musikalischen Grösse geworden. Die klaustrophobische, fremdartige, manchmal simple und «unmenschliche» Musik passt bestens zum antarktischen Grusel, auch wenn nicht alles, was Morricone komponierte, im Film Unterschlupf gefunden hat. Aber das ist bei Morricone nichts Neues, wissen wir doch, dass der Italiener oft Musik abseits von Synchronisationspunkten geschrieben hatte und sie den Machern übergab, um immer dort verwendet zu werden, wo sie es für richtig erachteten.
THE THING hat inzwischen einige Veröffentlichungen hinter sich. Die aktuellste ist jene von Quartet Records, die dem Originalalbum von 1982 entspricht. BSX Records brachte 2011 eine CD mit zusätzlichen Tracks von John Carpenter und Alan Howarth auf den Markt, die allerdings Morricones Orchesterteile elektronisch nachstellte.
Das 1984er Drama I LADRI DELLA NOTTE erzählt von einem Paar – er Musiker ohne Anstellung, sie ebenfalls arbeitslos -, das die Nase voll hat von den ständigen Erniedrigungen, die sie beim Arbeitsamt, wo sie sich einst getroffen haben, erdulden müssen. Bei einem Überfall geht dann einiges schief und es gibt einen Toten. François und Isabelle treten die Flucht an. Regie bei LES VOLEURS DE LA NUIT, wie der Film im Original heisst, führte niemand geringeres als Samuel Fuller. Es spielen Véronique Jannot und Bobby Di Cicco, in kleineren Rollen sind Claude Chabrol und Victor Lanoux zu sehen.
Ennio Morricone, stets darauf bedacht ein feines Thema zu schreiben, liefert auch hier ab. «Romance of Thieves after Dark» beschreibt die Liebe des Paars (für Cello und Klavier) in einem Score, der auch die düstere, mehrdeutige Seite, die den Film prägt, erklingen lässt. «Thieves after Dark» zeigt mit seinem eröffnenden Motiv durchaus eine gewisse Nähe zu CINEMA PARADISO (1988). In diesem wunderschönen Track lässt Morricone ein Cello erklingen um François, den Cellisten, filmmusikalisch zu unterstreichen, ehe das ganze Orchester übernimmt und diesen bemerkenswerte Stück zum Abschluss führt. Die düsteren und spannenden Momente sind Streichern, Synthesizer, E-Bass, Holzbläsern, ja gar südamerikanischem Flair («A Fake») vorbehalten. Ausser auf Hörner verzichtet Morricone völlig auf Blechbläser. Eine Kakaphonie an unzähligen Noten, meist Holzbläser und Streicher, lässt der Italiener in «Three Fragments» auf den Hörer los, während «Lanciant for Two» recht typisch für jene Phase Morricones ist: Unnachgiebiger Beat, staccato der Streicher, die sich wiederholen, E-Gitarre und Synthies.
Beat Records hat das 2002 auf einer Saimel CD veröffentlichte Material übernommen, das Programm aber etwas umgestellt und inklusive alternativer Versionen ausgestattet. Der Klang ist hervorragend. Schade ist das Booklet so dürftig ausgefallen.
A TIME OF DESTINY ist ein Film von Gregory Nava aus dem Jahr 1988 mit William Hurt (soeben mit einem Oscar für KISS OF THE SPIDER WOMAN ausgezeichnet), Timothy Hutton und Stockard Channings, der im und um den 2. Weltkrieg spielt. Martin will den Tod seines Vaters rächen, für den er Jack die Schuld gibt. Als Jack nach Italien versetzt wird, lässt sich auch Martin einberufen und folgt ihm. Doch der Krieg hält andere Herausforderungen bereit. Nach dem Einsatz, aus dem sie als Kriegshelden in die Staaten zurückkehren, verfolgt Martin seine Pläne weiter. Der Film, der in die Ägide von David Putnam (Oscar als Produzent für CHARIOTS OF FIRE) bei Columbia fiel, gehörte zu einer Reihe von Artfilmen mit amerikanischen Stars unter ausländischer Regie, die das Studio damals eine Zeit lang pushte. Aus Budgetgründen vollständig im damaligen Jugoslawien gedreht, fiel A TIME OF DESTINY beim Publikum ebenso wie bei der Kritik durch.
Morricones Musik ist ein nicht zu unterschätzendes Überbleibsel eines inzwischen fast vergessenen Films. Sie besteht aus einem schwermütig gefühlvollem Hauptthema, das in mehreren Variationen zu hören ist, unter anderem gespielt von einer Solovioline, Oboe, Querflöte oder von einer Frauenstimme intoniert, Morricones stete Begleiterin Edda Dell’Orso natürlich. Dieses Thema ist Haupt- und Angelpunkt von A TIME OF DESTINY, der aber auch Ausflüge ins Avantgardistische wagt und dem Score damit eine besondere Note und Komplexität verleiht.
Erschienen ist die CD vor einigen Jahren bei Quartet Records mit dem gleichen Programm, das einst auch das Virgin Album enthielt.
Nach dem Erfolg von THE MISSION (1986), allemal was die Musik anbelangte, schien klar, dass Morricone auch an Roland Joffés nächstem Film, FAT MAN AND LITTLE BOY (1989) arbeiten würde. Dieser lief auch unter dem Titel SHADOW MAKERS und zeigte Paul Newman, John Cusack und den vom TV her bekannten Dwight Schultz sowie Laura Dern in den Hauptrollen. Die Story dreht sich um das Manhattan Project, die Entwicklung der ersten Atombombe unter Leitung von Robert Oppenheimer. Paul Newman spielt General Groves, der das Projekt vorantreibt und die Beteiligten unter seinen Fittichen hält, Cusack ist einer der Wissenschaftler, der seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt.
FAT MAN AND LITTLE BOY flog bedauerlicherweise unter dem Radar der meisten Kinogänger, auch die schreibende Presse hielt eher wenig von Joffés Werk. Ich bin (wiedermal?) anderer Meinung und fand gerade den hier viel kritisierten Paul Newman durchaus gut besetzt und den Film packend inszeniert – es gibt einige zur gleichen Thematik, Joffés Werk gehört dabei zu den Besten.
Nicht zuletzt aber war und ist es die Musik, die mich immer wieder zu FAT MAN AND LITTLE BOY zurückkehren lässt. Hier finden wir einen Score, der es wirklich und wahrhaftig verdient hätte, bei Filmmusik- aber auch Morricone-Fans mehr Anerkennung zu gewinnen. Doch fand erneut nicht alles im Film seinen Platz wie es sich Morricone ausmalte. Etwa das grandiose «Above the Clouds» mit der unvergleichlichen Stimme Edda Dell’Orsos, welches die CD eröffnet aber eigentlich als Finale des Films vorgesehen war. Die Filmversion ist auf dem Album auf CD1 ebenfalls enthalten («Finale/End Title»). Nicht unterschlagen werden sollte das Thema der unglücklich unmöglichen Liebschaft Oppenheimers, selber in einer Heirat steckend, mit einer jungen Frau, die sich scheinbar als Kommunistin entpuppt. Ein weiterer Vorzug der hervorragenden Doppel-CD von La-La Land sind die nicht verwendeten Alternates, die zweifelsohne aufzeigen, dass der Film wohl durch die ein und anderen Untiefen im Schneideraum schipperte. Wer mehr über diesen fabelhaften Score wissen möchte, dem sei Andis Rezension ans Herz gelegt.
Phil Joanou galt in den frühen 90ern als eines der grössten Talente im Regiefach, doch so richtig bestätigen konnte er diese Vorschusslorbeeren nie. Joanou hat sich seither vor allem einen Namen in der Musikwelt gemacht und mit U2, Bon Jovi und Whitney Houston gearbeitet, aber auch FINAL ANALYSIS (1992) oder krude THE PUNISHER Sequels hergestellt.
STATE OF GRACE (1990) ist ein Thriller mit Sean Penn als Cop, der in Hell’s Kitchen den irischen Mob um seinen ehemals besten Freund, gespielt von Gary Oldman, infiltrieren und aufmischen soll, aber hin- und hergerissen ist zwischen Freundschaft, Liebe und Pflichtgefühl. Robin Wright (spätere Ehefrau von Sean Penn) und James Caan sind in weiteren Rollen zu sehen.
Morricone hat für den Film einen düsteren, bleiern schweren Score geschrieben, der da und dort an John Barry erinnert. Das liegt mitunter daran, dass Morricone im ein oder anderen Track längere Passagen wiederholt, dabei wenig moduliert und durch leicht veränderte Instrumentationen ergänzt. Unverkennbar Morricone sind die actionbetonten Tracks, die wiederum THE UNTOUCHABLES vorweg nehmen oder an REVOLVER (1973) erinnern, so zum Beispiel «Bronx Drug Deal» und «The Shootout» oder das verspielt karnevalesque «Hundred Yard Dash». Als Hauptinstrument, nebst den omnipräsenten Streichern, dient ein Tenorsaxofon, mit dem Morricone den Ort des Geschehens, «Hell’s Kitchen», wie auch das Liebesthema («Terry & Kate») schmückt. Terrys (Sean Penn) Thema wird oft unisono von Solohorn und Flöte gespielt, es fliesst nahtlos, wo nötig, in das Liebesthema über. Spannend am Score sind einige Orchestrationen: Morricone schafft es mit Streichern und Holzbläsern (das Kontrabassfagott ist unüberhörbar) eine dichte Atmosphäre zu erschaffen. Durchaus sind einige der Tracks repetitiv, aber das ist bei Morricone keine Neuheit – für STATE OF GRACE und die Schwere, die der Score mitbringt, muss man aber passende Hörlaune mitbringen.
Quartet Records brachte 2017 eine 77 Minuten Version heraus, auf dem sich ebenfalls das bisherige 53 Minuten Album findet, das wie ich finde als Hörerlebnis besser funktioniert als die lange Version.
Adrian Lynes Version von Vladimir Nabokos bekanntem und umstrittenem Roman LOLITA wurde unter der Prämisse «how-not-to» hinsichtlich Stanley Kubricks Film aus dem Jahr 1962 gedreht – den Vergleich mit Kubrick wollte Lyne (FATAL ATTRACTION) unbedingt vermeiden. Während Dustin Hoffman und Gérard Depardieu das Projekt noch vor dem Dreh verliessen, wurden schliesslich Jeremy Irons, Dominique Swain (in ihrer ersten Rolle), Melanie Griffith und Frank Langella besetzt. Adrian Lynes stimmungsvolle Umsetzung einer unmöglichen Liebe ist toll gespielt und durchaus einen Blick wert.
Morricones Musik ist einerseits gefühlvoll verführerisch («Love in the Morning», «Togetherness/Lolita»), andererseits hypnotisch («Quilty») und stets mit einem Hauch Tragik und Verderbnis ausgelegt. Das LOLITA (1997) Hauptthema ist omnipräsent, wird öfters von einem gehauchten, sphärischen Synthesizerklang über Harfe, Klarinette, Streichern und Klavier gespielt, das passt erstaunlich gut zu dieser vertrackten Geschichte um Humbert Humbert und Dolores Haze. Das eigentliche Liebesthema ist in «What about Me» in einer wunderbaren Orchesterversion zu hören, während die Präsenz von Quilty mit dissonanteren Klängen unterstrichen wird. Das tolle Music Box Records Album präsentiert 77 Minuten Musik mit einigen zuvor nicht veröffentlichten Tracks. Wer auf den melodischeren, aber nicht überbordenden Morricone steht, wird mit dieser CD bestens bedient. Vorherige Alben zum Film enthielten nebst der Filmmusik auch einige zeitgenössische Songs – LOLITA spielt in den späten 40er Jahren.
CANONE INVERSO (2000) ist durchaus ein aussergwöhnliches Ereignis. Der Film von Ricky Tognazzi, mit dem Morricone auch bei LA SCORTA (1993), VITE STROZZATE (1996) und IL PAPA BUONO (2003) gearbeitet hat, ist zwar eine italienische Produktion, doch die Dialoge sind allesamt englisch. Der Film dreht sich um eine besondere Violine, wie diese die Besitzer und ihre Geschichten erzählt. CANONE INVERSO beginnt 1968 mitten im verhängnisvollen «Prager Frühling», als sich Jeno und Costanza treffen. In Rückblenden erzählt Jeno ihr von seinem Leben. Unter anderem spielen Gabriel Byrne, Mélanie Thierry und Hans Matheson.
Dass sich die Musik hauptsächlich mit einer Geige beschäftigt, scheint nur logisch. Morricone hat zwei Hauptthemen komponiert, die in «Finale di un concerto romantico interrotto per violin, pianorforte (in Canone) e orchestra» und im ersten Track «Canone inverso primo» zu hören sind. In diesem Track sind es also die Violine, ein unvergleichlicher Morricone Choreinsatz, das Streichorchester und in einer Variation («Avolgente») eine Oboe, die das erste Thema spielen, in «Canone inverso secondo» von einem Cembalo unterstützt. Klassische Stücke von Bach, Paganini und Dvorák machen Mitte des Scores ebenfalls ihre Aufwartung. Düsterere Momente für Orchester, ebenfalls charakteristisch für den Komponisten mit den staccati der Bratschen, Celli und Bläser, tauchen in «Corsa» oder «Elmetti di fuoco» auf. CANONE INVERSO ist interessanterweise immer ein Geheimtipp geblieben, trotz – oder vielleicht wegen – der klassischen Natur der Musik. Canone inverso ist übrigens ein musikalischer Begriff. Kurz erklärt wird hier als Kontrapunkt die zweite Stimme rückwärts gespielt.
LA MIGLIORE OFFERTA ist ein eigenwilliger und faszinierender Giuseppe Tornatore Film aus dem Jahr 2013. Geoffrey Rush ist der Kunsthändler Virgil Oldman, der von einer Erbin den Auftrag erhält die umfangreiche Kunstsammlung ihrer verstorbenen Eltern zu veräussern. Doch Virgil hat anderes im Sinn. Einer seiner Tricks ist, den Veräusserern unterzujubeln, dass es sich bei den Kunstwerken um Fälschungen handeln würde, um diese dann für sich selbst zu einem tiefen Preis zu erstehen. Doch für einmal wird er vom geheimnisvollen Tun der Erbin Claire Ibbetson herausgefordert.
Sicherlich sind Morricones Musiken zu Tornatore Streifen wie dem unvergessenen CINEMA PARADISO (1988), MALÈNA (2000) oder LA LEGGENDA DEL PIANISTA SULL’OCEANO (1998) populärerer und die Filme bekannter, während LA MIGLIORE OFFERTA ein bisschen ein Aschenputtel Dasein fristet, zu Unrecht allerdings. Die Musik ist eine der spannendsten, bemerkenswertesten und dichtesten Arbeiten aus Morricones Spätwerk: Eine Mischung aus wundervollen Melodien, klassisch gehaltenen Stücken («Un violino»), experimentelleren, avantgardistischen Passagen für Stimmen («Volti e fantasmi», «A quattro voci»), spannenden Tracks für Streicher («Nevrosi fobica») und vielem mehr. Es ist sicher nicht falsch zu behaupten, Morricone sei bei Tornatore jeweils zu absoluter Höchstform aufgelaufen. Ohne Zweifel war diese Zusammenarbeit eine der fruchtvollsten in Morricones langer Karriere.
Aufgenommen wurde die Musik interessanterweise in Rom und in Prag. Erhältlich ist die CD beim studioeigenen Warner Music Label.
Eine der letzten Musiken von Ennio Morricone war jene für den Film von Christian Carion, EN MAI FAIS CE QU’IL TE PLAÎT (2015) über die Flucht vieler Franzosen während der Invasion Nazideutschlands im Frühjahr 1940. Unter ihnen befindet sich ein deutscher Widerstandskämpfer, der seinen ebenfalls auf der Flucht befindlichen Sohn sucht sowie ein britischer, genauer gesagt, schottischer Soldat, der sich wieder seiner Einheit anzuschliessen versucht. Es spielen August Diehl, John Rhys, Mathilde Seigner.
Ennio Morricones Musik zu diesem wenig gesehenen Film ist eine durchgehend traumhaft schöne Angelegenheit, die beim ein und anderen Filmmusikbegeisterten in die damalige Jahresfavoritenliste gelangte. Die Quartet CD beginnt mit dem herrlichen, sich langsam entwickelnden 9-Minüter «En mai», der zunächst mit einem Synthesizer über Bässen beginnt und sich nach und nach steigert, Holzbläser (Fagotte, danach Bassklarinetten etc.) und Streicher gesellen sich dazu, während die Melodielinie von einer anderen Instrumentengruppe gespielt wird, clever gemacht und ins Ohr gehend. Wer nach diesen neun Minuten Morricone nicht weiter hört, verpasst einiges. Die schönsten Tracks sind «Ils resteront trois», das Hauptthema aus dem Eingangstrack weiterspinnend: Melodisch, eingängig, unverwechselbar. Das mit vielen Pausen ausgestattete, ruhige «Respirations» und das himmlische, zusammenfassende and abschliessende «À la recherche de la paix». Auch die beiden spannungsbetonteren Stücke sind gut anhörbar. Ein bisschen français fliesst mit «Tout laisser» mit Bandoneon (und Mundharmonika) ein. EN MAI FAIS CE QU’IL TE PLAÎT ist eine Blüte in Vollpracht in einer zunehmend ausdörrenden Filmmusikwelt – und ein ganz wundervoller, später Morricone. Nicht zuletzt mit diesem Score weiss man, welche Grösse die Filmmusikwelt am 6. Juli 2020 verloren hat.
24.7.2020