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Das Coverbild von «Domestik». (Bild: pd)
Bei diesem Buch muss man im Grunde nur den Schluss lesen. Er lautet: «In dem Moment, als ich in meine Hände schluchzte und die Tränen sich mit dem Schweiss und dem Dreck der schmutzigen Strassen mischten, der mein Gesicht bedeckte, erkannte ich die Wahrheit über den Profiradsport: Er ist kein verfluchtes Märchen.» (S. 298) Der das sagt, ist Charly Wegelius, ehedem britischer Radprofi in italienischen Diensten, und zu dieser Einsicht kam er am 2. Mai 2011 auf der Schlussetappe der Asturien-Rundfahrt. Wegelius lag bis 100 Meter vor dem Ziel in Führung, als ihn zwei Fahrer, darunter der spätere Sieger Javier Moreno, stehen liessen. «Sie rauschten einfach an mir vorbei, ohne mich auch nur anzusehen. Ich konnte es nicht fassen.» (S. 297)
«Einfach nicht meine Rolle»
Dabei hatte Wegelius nur jene Rolle gespielt, in der er zu diesem Zeitpunkt schon elf Jahre auf der Bühne gestanden hatte: jene des Domestiken, des Helfers, des Wasserträgers. Auch dieses Mal, in Nordspanien. «Ich war schon einige Male in der entscheidenden Phase eines Rennens vorne mit dabei gewesen und jedes Mal leer ausgegangen.» (S. 296) In seiner Radfahrerpsyche, erzählt Wegelius, habe sich «eingebrannt, dass das Siegen nicht wichtig sei, dass es einfach nicht meine Rolle sei».
Diese Sätze stehen alle im letzten Kapitel des Buches «Domestik. Das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis», und in den 14 Kapiteln davor schildert Charly Wegelius seinen Weg voller Aufs und Abs dahin. Charly Wegelius, geboren 1978 als Sohn einer Britin und eines finnischen Olympia-Springreiters, wuchs im nordenglischen York auf, musste jedoch früh ins Ausland gehen, um seinen Traum von einem Leben als Radprofi zu verwirklichen. Während seiner Karriere, in der er ab 2000 für Spitzenmannschaften wie Mapei-Quickstep, Liquigas und Lotto fuhr, nahm er an vierzehn grossen Landesrundfahrten teil. Er gewann allerdings nie ein Rennen. Heute ist Wegelius als sportlicher Director für das Team Garmin tätig. Das Buch hat er zusammen mit seinem Landsmann Tom Southam, geschrieben, einem Journalisten, der selbst drei Jahre als Profi in Italien fuhr.
Das Thema Doping ausgeblendet
Der «packende Tatsachenbericht aus dem Herzen des Pelotons», wie der Covadonga-Verlag schreibt, ist Wegelius‘ Karriere zwischen Buchdeckeln freilich nicht. Man hatte sich dieses «wahre Leben», beim letzten Satz (siehe oben) angelangt, in etwa vorstellen können. Radsport-Enthusiasten wissen um die Schindereien, welche jeder Spitzensport ist, und dass nur ganz wenige dafür entlöhnt werden. Die anderen interessiert dies weniger, dafür möchten sie zu einem Stichwort mehr erfahren, dass Wegelius freilich gleich zu Beginn entschieden ausblendet. Sein Buch erzähle «keine spannenden Geschichten rund um das Thema Doping» und er versuche dies auch gar nicht erst. Das heisse nicht, dass um ihn herum nicht gedopt worden wäre, sagt Wegelius. Aber: «Ich habe beschlossen, mich nicht auf dieses Thema zu konzentrieren.»
Mir hat noch keiner plausibel darlegen können, dass ein Mensch rund 3500 Kilometer in 21 Tagen abzustrampeln vermag, indem er bloss des Morgens genügend Müsli futtert.
Punkt und Amen. Das darf der Mann zwar, aber dieses völlige Ausschliessen kratzt zumindest an seiner Glaubwürdigkeit. Immerhin war Wegelius in jener Zeit Radprofi, als die Sieger der Tour de France nacheinander wegen Dopingvergehens wieder vom Treppchen gestossen wurden. Der eine (Floyd Landis, 2006) umgehend, den anderen, Lance Armstrong (1999 bis 2005), holte der Missbrauch später ein. Was ist von Wegelius dazu zu erfahren? Nichts. Über jene Tage der Tour 2007, als die Dopingfahnder wiederum auf Razzia waren, schreibt er lediglich, er habe sich nicht den Kopf darüber zerbrechen wollen, welche Mittel die anderen genommen hätten. «Ich wusste genug, dass die Mehrheit der betroffenen Fahrer ‹Doper zweiter Klasse› waren, die ebenso gerne auch ohne verbotene Mittel gefahren wären.» Von Paul Fournel stammt der schöne Satz: «Es wird oft behauptet, Radprofis würden dopen, weil der Sport so hart ist, aber der Sport ist auch deswegen so hart, weil sie dopen.» («Die Liebe zum Fahrrad», Erzählungen, S. 152)
Natürlich soll da kein Verdacht geschürt werden. Aber ein paar Absätze zum Thema Ernährung und deren Grenzen wären erhellend gewesen für einen «Tatsachenbericht» aus dem Radsport, den der Verlag mit den Attributen «unzensiert, hautnah am Geschehen und ungeheuer mitreissend» bewirbt. Mir hat zum Beispiel noch keiner plausibel darlegen können, dass ein Mensch rund 3500 Kilometer in 21 Tagen – so lange sind Giro und Tour durchschnittlich – abzustrampeln vermag, indem er bloss des Morgens genügend Müsli futtert.
So viel zum Thema gesunde Ernährung. Schön, wenn Charly Wegelius es bloss damit so weit gebracht hat. Ich glaubs ihm nicht so recht. Aber vielleicht vielleicht überzeugt er mich in seinem nächsten Buch auch diesbezüglich. Meinen Respekt vor seiner Leistung hat er schon.