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Es ist schwierig durch den Atlantischen Regenwald, die Mata Atlântica, zu gehen und sich nicht von seiner enormen Artenvielfalt faszinieren zu lassen. In ihm wachsen mehr Pflanzenarten als in Europa und Nordamerika. Der Atlantische Regenwald beherbergt das größte Nagetier und den kleinsten Affen der Welt. Er ist Heimat von Heilpflanzen und Tieren, aus deren Inhaltsstoffen und Giften wichtige Medikamente gewonnen werden.
Nirgends auf der Welt wachsen so viele verschiedene Baumarten auf einem Hektar, wie in der Mata Alântica. Im Süden des Bundesstaates Bahia wurden 454 Baumarten pro Hektar gezählt, mehr als im Amazonasregenwald auf einer gleichgroßen Fläche vorkommen. Die Vielfalt der Pflanzen in der Mata Atlântica ist enorm. Die Zahl der Pflanzenarten wird auf 20.000 und mehr geschätzt, während es in ganz Europa gerade einmal 12.500 sind. In dem Buch “Plantas da Mata Atlântica” (Stehmann et al), das 2009 herausgegeben wurde, sind bereits 15.782 Planzen aufgelistet, die 2.257 verschiedenen Gattungen und 348 Familien angehören. 132 Gattungen und 7.155 Arten sind sogar endemisch, das heißt, sie kommen nur in der Mata Atlântica und nirgendwo anders auf der Welt vor.
Wie viele Pflanzen- und Tierarten dieser einzigartige Regenwald genau beherbergt, lässt sich jedoch nicht genau sagen. Die Zahlen ändern sich ständig. Jedes Jahr werden neue Arten entdeckt und klassifiziert. In den vergangenen 20 Jahren waren es über 1.000 neue Arten von Bedecktsamern (Angiospermae) , 300 von ihnen allein in den vergangenen drei Jahren. Auch André August Remi de Meijer sind Erkenntnisse über sogenannte “neue Arten” zu verdanken. Er hat das Buch und Nachschlagewerk “Wichtige Pilzarten der Wälder der Pinheiro-do-Paraná” verfasst (“Macrofungos Notáveis das Florestas de Pinheiro-do-Paraná”), das 2008 über das brasilianische, landwirtschaftliche Forschungsinstitut Embrapa herausgegeben wurde. In ihm enthalten sind auch Pilzarten, die André Meijer erstmals wissenschaftlich beschrieben hat.
Als Pinheiro-do-Paraná wird die Araucarie bezeichnet (Araucaria angustifolia). Sie kommt auf den Hochebenen im Süden Brasiliens vor und prägt dort das Erscheinungsbild der Mata Atlântica. Ihre mehrere Kilogramm schweren Zapfen beherbegen Samen, die geröstet oder in Wasser gekocht wie heiße Maroni gegessen werden können. Der Bundesstaat Paraná ist im Süden Brasiliens gelegen. Sein Küstenstreifen ist André Meijers Arbeitsraum, genauer gesagt ist es die Mata Atlântica entlang der Küste Paranás die es ihm angetan hat.
Seit 35 Jahren zieht André Meijer zu Fuß durch den Regenwald. Der Holländer hat sich der Erkundung der Mata Atlântica verschrieben. Wenn er davon erzählt, welchen Schmetterlingen, Vögeln oder Schlangen er bei einem seiner Erkundungsgänge begegnet ist, steckt er mit seiner Begeisterung auch die Menschen an, die mit der Natur nicht viel am Hut haben. Eine simple Fuchsie am Straßenrand kann bei ihm Entzückungsrufe auslösen, eine Fuchsienart, die in der Mata Atlântica heimisch ist und die er bisher trotz allen Suchens noch nie gesehen hatte. Dann eines abends, als er die Straße entlang bis zur nächsten Bushaltestelle geht, sieht er sie und notiert Fundort, Datum und Artmerkmale.
Wer seine Fuchsien oder Begonien im Blumenkasten auf dem Balkon betrachtet, denkt wohl kaum an den Atlantischen Regenwald. Doch sind beides Arten, die dort beheimatet sind. Über 200 Fuchsienarten soll es geben, viele davon in der Mata Atlântica. Etliche der Fuchsien, “brinco de princesa” (Ohrring der Prinzessin) wie sie in Brasilien genannt werden, ranken sich im Regenwald als Spreizklimmer die Bäume hinauf. Auch einige der Begonien erklimmen dort luftige Höhen.
Wie eine Schatztruhe, die mit ihrem Gold, Edelsteinen und Schmuck den Betrachter betören, zieht auch die Mata Atlântica ihre Besucher in den Bann. Urzeitlich anmutende Baumfarne, die mehrere Meter hoch werden können, wechseln sich mit Palmen, riesigen Bäumen, Sträuchern, Heliconien (Paradiesvögeln) und anderen Pflanzen ab. Überall ist Leben. Selbst abgestorbene Bäume sind noch voller Leben. Auf ihnen sitzen Orchideen wie der Silberregen, der mit seinen weißen Blütenrispen allerlei Insekten, Käfer, Bienen und auch den Kolibri anlockt. Philodendren schicken ihre Luftwurzeln zur Erde und in den Herzen der Bromelien sammelt sich Wasser, das Vögeln zum Bad, Fröschen als Lebensraum dient. Fast Handteller große Schwalbenschwanz-Schmetterlinge flattern zwischen den Bäumen, die bunten Saíra-Sete-Cores fliegen in Gruppen von Baum zu Baum, um sich an den Samen und Früchten gütlich zu tun, im Unterholz sucht das Gürteltier nach Nahrung und wer Glück hat, bekommt auch noch ein paar Affen zu sehen.