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Jaspers zeitkritische, oft umstrittene Stellungnahmen zu Schuldfrage und Wiedervereinigung, zum europäischen Geist, zur Idee der Universität, zu Chancen und Risiken der Medizin im technischen Zeitalter sind vieler Orts nachzulesen und längst schon selbst Gegenstand historischer Forschung geworden. Weitgehend unerschlossen dagegen blieb bislang die Jaspers’sche Korrespondenz. Gleichsam das „deutsche“ Jahrhundert umfassend, vom späten Kaiserreich, der Weimarer Republik über das „Dritte Reich“ und die frühe Bundesrepublik bis in die Jahre der Notstandsgesetzgebung und der Studentenrevolte, enthält sie im Austausch mit Wissenschaftlern und Philosophen, Politikern, Militärs, Schriftstellern und Journalisten exemplarische und aussagekräftige Dokumente zur jüngeren Medizin- und Psychiatriegeschichte, zur Geschichte der Philosophie sowie zur politischen und zur Universitätsgeschichte. Auf die Initiative von Reiner Wiehl hin wurde im Auftrag der Karl Jaspers-Stiftung die Arbeit an einer dreibändigen Korrespondenzausgabe aufgenommen, die, nach langen Verzögerungen, 2016 im Wallstein Verlag in Göttingen erschienen ist.
Das Repertorium, das den Nachlass Jaspers’ im Deutschen Literaturarchiv Marbach erschließt, verzeichnet etwa 8.000 Korrespondenten, insgesamt dürften ungefähr 35.000 Briefe von und an Jaspers überliefert sein. Die vorliegende Edition kann davon nur eine Auswahl bieten. Sie orientiert sich an der thematischen Relevanz der Briefe sowie am intellektuellen Rang und der Wirkmächtigkeit der Korrespondenzpartner (wobei die Kriterien nicht in jedem Fall zusammentreffen müssen). Gössere, bereits publizierte Briefwechsel wie Jaspers’ Korrespondenzen mit Hannah Arendt, Karl Heinrich Bauer oder Martin Heidegger bleiben ausgeschlossen; desgleichen Briefe, die bei Abschluss der Editionsarbeiten im Sommer 2005 in Werkausgaben und Briefeditionen anderer Autoren veröffentlicht oder seit längerem dafür vorgesehen waren – so Jaspers’ Briefe an Werner Krauss, an Alfred und an Max Weber. Eine vollständige Edition der Jaspers’schen Korrespondenz ist im Rahmen der von der Heidelberger und der Göttinger Akademie der Wissenschaften betreuten Gesamtausgabe geplant.
Die ausgewählten Briefwechsel sind auf drei Bände mit eigenen Schwerpunkten verteilt: (1) Medizin/Psychiatrie/Naturwissenschaften, besorgt von Matthias Bormuth und Dietrich von Engelhardt. (2) Philosophie, unter der Herausgeberschaft von Dominic Kaegi und Reiner Wiehl. (3) Politik und Universität, herausgegeben von Carsten Dutt und Eike Wolgast. Jeder Band ist für sich benutzbar. Die zum Abdruck gelangenden Briefe, Karten und Telegramme sind bandweise alphabetisch geordnet und durchlaufend nummeriert. Innerhalb der einzelnen Korrespondenzen werden sie in chronologischer Ordnung präsentiert, zugehörige Materialien in Anhängen mitgeteilt. Register mit bio-bibliographischen Informationen zu Jaspers’ Korrespondenzpartnern stehen jeweils am Schluss der Bände, während über Personen, die in den Briefen von und an Jaspers namentlich genannt oder anspielungsweise aufgerufen sind, jeweils bei der ersten Erwähnung in einer Fußnote Auskunft gegeben wird. Die sachliche Kommentierung der Korrespondenzen erfolgt in den einzelnen Bänden in unterschiedlicher Dichte, konzentriert sich aber jeweils auf das verstehenspraktisch Erforderliche.
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