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In der Ahnengalerie von Amerikas Serienmördern nimmt Charles Cullen höchst wahrscheinlich den ersten Platz ein. 29 Morde hat er gestanden. Vermutet werden allerdings bis zu 400. 18 Mal wurde er dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. Heute ist er 62 Jahre alt. Vor 2403 kann er nicht begnadigt werden.
Eddie Redmayne spielt jetzt im Netflix-Thriller «The Good Nurse» den todbringenden Krankenpfleger Charles Cullen zum Zeitpunkt seiner Verhaftung, der Däne Tobias Lindholm («Another Round», «The Hunt», «Borgen») führt Regie, Jessica Chastain ist die gute Krankenschwester, die hilft, Cullen zu überführen, in Amerika ist sie eine Art Heilige, unvorstellbar, wie viele weitere Morde sie verhindert hat.
Chastain und Redmayne haben die bestmögliche Chemie, die beiden Rotschöpfe mit der sensiblen, äusserst beweglichen Mimik könnten Geschwister sein, es ist ein Traum, den beiden zuzuschauen, ihre Gesichter erzählen ganze Romane. Filmisch ist «The Good Nurse» tiptoppes True-Crime-Handwerk für den Feierabend.
Es ist ein verregneter Sonntagnachmittag, in der Schweiz und in Italien wird abgestimmt, und über vierhundert Leute wollen sich im Zürcher Kino Arena Eddie Redmayne in echt anschauen. Die meisten davon sind sehr jung, zwei aus der «Fantastic Beasts»-Fankurve haben sich als Grindelwald und Queenie verkleidet. Eddie Redmayne ist, wie das von ihm zu erwarten war, sehr, sehr emotional. Ganz leicht den Tränen nahe.
Denn Zürich bedeutet für ihn nicht nur ein Goldenes Auge, das er am Abend entgegennimmt, Zürich war vor 15 Jahren sein erstes Filmfestival überhaupt. Damals mit «Savage Grace», «einem kleinen, dunklen, kalten Film, auf den ich sehr stolz bin». Er spielte da einen jungen Mann, der Sex mit seiner Mutter hat, was nicht schlimm ist, denn bei der Mutter handelt es sich immerhin um Julianne Moore. «Ich habe die Rolle gekriegt, weil ich wie sie Sommersprossen habe.»
Heute ist Eddie Redmayne 40, Vater einer Tochter und eines Sohns «und immer befinde ich mich in einem erziehungstechnischen Dilemma». Soll er den Kindern die Wahrheit über sich sagen oder nicht? Dass er «nur ein Schauspieler» ist und kein Zauberer wie in «Fantastic Beasts»?
«Ich habe ihnen den Trailer gezeigt und sie fragten mich: Daddy, bist du eigentlich Zauberer? Ich überlegte: Soll ich sie desillusionieren? Soll ich sie anlügen, und dann werden sie in der Schule gemobbt? Also sagte ich: Hmmm, ja. Sie wollten einen Zaubertrick sehen. Ich kann nur einen einzigen und er ist ziemlich schlapp. Sie sagten: Aber im Film bringst du doch Häuser zum Verschwinden!»
Sein Freund Jamie Dornan («Fifty Shades», «The Fall») bezeichnete ihn deshalb als «lame». Dornan ist einer aus den unbeschwerten jungen Jahren, als Redmayne und Dornan und Andrew Garfield und Robert Pattinson und noch ein paar arbeitslos zusammen durch London zogen. «Es war die wundervolle, gloriose Zeit des Mischelns.» Öfter als es ihnen lieb war, nahmen sie sich gegenseitig die Jobs weg. Heute sind sie immer noch Freunde und sagen sich gelegentlich staunend: «Wow, wir sind immer noch da!»
Er ist ein Glückskind, sein Vater ist Banker, seine Mutter führt ein Umzugsunternehmen, seiner Kreativität legten sie nie Steine in den Weg. Als Teenager nahm er seine erste Rolle im Musical «Oliver!» an, «ich war Strassenkind Nummer 23 und hatte die einzige Aufgabe, Bücher auf die Bühne zu bringen und so schnell wie möglich wieder zu verschwinden, die einzige Bedingung der Eltern war, dass er das an der Schule vorbeibrachte. Später war er mit James Corden in der gleichen Theaterschule und noch später ein Jahrgänger von Prinz William in Eton College. Er modelte für Burberry und studierte Kunstgeschichte, obwohl er farbenblind ist, spielte Theater, kellnerte und bewarb sich sechs Jahre lang vergeblich um Filmrollen.
Und plötzlich kamen sie. Etwa «The Good Sheperd», Regie: Robert De Niro. «Ich ging zum Casting, ich war völlig eingeschüchtert, da sassen ganze Generationen der besten britischen Schauspieler, dann stehe ich De Niro gegenüber, er nuschelt was völlig Unverständliches, und die Agentin sagt: ‹Du sollst dir die Haare kämmen, einen Seitenscheitel machen und am Nachmittag zurückkommen!›» Am Nachmittag stand er nicht nur De Niro, sondern auch DiCaprio gegenüber und sollte DiCaprios Sohn spielen. «Mein Geist schlüpfte aus meinem Körper und schwebte über der ganzen Szenerie, es war nicht zu glauben.» DiCaprio wurde dann durch Matt Damon ersetzt und Angelina Jolie spielte Redmaynes Mutter.
Und was ist sein Antrieb? «Angst. Angst ist ein guter Antrieb. Aber jetzt, wo ich älter werde, nehme ich mir immer vor, einen Dreh zu geniessen, den Stoff, die Atmosphäre, die Leute, ich will nicht mehr, dass sich die Angst in alles hineinwebt.» Seine Angst beim Dreh von «The Theory of Everything», wo er Stephen Hawking spielte, war allerdings monströs. Die Angst, Hawking zu enttäuschen. Die Angst, sich und alle anderen zu enttäuschen, denn eigentlich war es von Anfang an klar, dass er mit der Rolle des körperlich beeinträchtigten Physik-Genies einen Oscar gewinnen musste. Was er dann auch getan hat.
Wie nähert man sich eigentlich einer Monsterrolle wie Hawking? «Wie ein Tänzer.» Jede Krankheitsstufe braucht eine neue Bewegungschoreografie, oft gerieten sie beim Dreh auch durcheinander, Redmayne musste das sauber und analytisch trennen: «Als wir auf dem Gelände der Cambridge-Universität drehten, hatten wir bloss zwei Tage Zeit, bevor das Semester wieder begann und alle Studierenden zurückkehrten. Ich spielte also den gesunden Hawking am Morgen, ging am Mittag an einem Stock, am Nachmittag an zwei Stöcken und am Abend sass ich im Rollstuhl.»
Einmal hat er etwas nur für seine Kinder gemacht, und ausgerechnet da sollte sein Oscar zu Werbezwecken verwendet werden. Es war eine Fassung von «Thomas, die kleine Lokomotive», die direkt auf DVD veröffentlicht werden sollte, und Redmayne sprach Thomas. «Ich ging ins Studio, ich hatte mir Thomas mit einer tiefen, sonoren Stimme vorgestellt, aber dann hiess es, ich müsse ihn zwei Oktaven höher und mit hochgezogener Augenbraue sprechen. Also quietschte ich. Und dann erhielt ich einen Anruf, ob man nicht einen Kleber mit der Aufschrift ‹Starring Oscar-Winner Eddie Redmayne› auf die DVD kleben könnte. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.»
Einiges wird in dieser verkürzten Stunde im Zürcher Kino nicht angesprochen, etwa die Kritik der Trans-Community, als Redmayne in «The Danish Girl» die dänische Malerin und Trans-Pionierin Lili Elbe spielte, eine Rolle, deren unreflektierte Annahme er heute als «Fehler» bezeichnet. Oder wie es war, als er 2015 von der Queen zum Ritter geschlagen wurde.
Dafür wird seine Abwesenheit in den grossen britischen Vehikeln «Harry Potter» und «Game of Thrones» angesprochen. «Eine offene Wunde!» Als das Casting zu «Harry Potter» losging, «dachte ich, Rothaarige sind doch gerade angesagt, und es wimmelt von Weasleys, die es zu besetzten gilt – nichts, kein Rückruf. Bei ‹Game of Thrones› dachte ich, hey, ich habe doch schon mit dem halben Cast einen Film gedreht – kein Pieps.»
Schade. So sollte man mit dem wahrscheinlich nettesten Schauspieler der Gegenwart nun wirklich nicht umspringen. Und hoffen wir, dass er Zürich trotz Regens erneut in bester Erinnerung behält.
«The Good Nurse wird am ZFF noch am 28. und 30. September gezeigt und läuft ab Ende Oktober auf Netflix.
Meist ist's ein alberner Spass. Und ein bisschen Zufall. Ein Filmstar kennt den Cast Manager des neusten «Star Wars»-Drehs persönlich, etwa, und fragt den, ob er nicht eine kleine Statistenrolle bekommen könnte. Klar! Schnapp dir husch eine Stormtrooper-Uniform!