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Lesen Sie hier exklusiv den Anfang von Lügnerin, dem neuen Roman von Ayelet Gundar-Goshen.
Am Ende des Sommers stand die Hitze noch immer vor den Haustüren, eingerollt in die Zeitungen und genauso unheilschwanger wie sie. Als die Jahreszeit wechselte, hatten die Leute sich so fest in ihren klimatisierten Wohnungen verschanzt, dass sie den Herbst in der Luft gar nicht spürten. Hätte die langärmelige Kleidung, die plötzlich in den Schaufenstern auftauchte, ihn nicht angekündigt, wäre sein Kommen und Gehen womöglich vollkommen unbemerkt geblieben.
Vor einem solchen Schaufenster stand ein etwas kleines, etwas sommersprossiges Mädchen, sein Gesicht spiegelte sich im Glas. Durch die Scheibe starrten schöne ranke Schaufensterpuppen sie an, und vielleicht eilte sie deswegen weiter. Ein Taubenschwarm flatterte überrascht vor ihr auf. Sie murmelte eine Entschuldigung und setzte ihren Weg fort, die Tauben aber hatten den Schrecken rasch vergessen und ließen sich auf der nächsten Bank wieder nieder. Vor dem Geldautomaten der Bankfiliale hatte sich eine Warteschlange gebildet. Ein taubstummer Bettler streckte den Leuten die Hand entgegen, doch sie stellten sich blind. Für eine Sekunde trafen sich die Augen des Bettlers und des Mädchens, und wieder murmelte es eine Entschuldigung und eilte weiter, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Sie wollte gerade die Straße überqueren, als lautes Hupen sie erstarren ließ und ein mächtiger Bus an ihr vorbeirauschte. Von seinem Rückfenster aus wünschte ihr ein Werbeplakat ein gutes neues Jahr. Das jüdische Neujahrsfest stand zwar erst in einer Woche an, aber die Läden lockten schon mit vielversprechenden Sonderangeboten. Auf der anderen Straßenseite fotografierten sich drei Mädchen ihres Alters vor dem Springbrunnen. Das Gelächter hallte ihr von den Pflastersteinen entgegen, sie lauschte ihm aufmerksam und schärfte sich ein, dass es ihr überhaupt nichts ausmache, allein zu sein.
Hastig überquerte sie den Platz. In den Boutiquen flöteten rothaarige Verkäuferinnen »Das steht Ihnen aber ausgezeichnet« und »An Ihrer Stelle würde ich gleich zwei nehmen«, wobei sie verstohlen auf die Uhr schauten, weil ihnen die Blase zu platzen drohte und sie die Pause herbeisehnten. Hinter dem Verkaufstresen stand ein hübscher Jüngling, und seine Finger, die vor wenigen Stunden noch durch das Haar seines Geliebten spaziert waren, tippten nun eifrig Preise in die Kasse. Traten die Leute aus den Läden, rieben sich die Einkaufstüten geräuschvoll aneinander, und dieses urbane Rascheln verkündete den Herbst nicht weniger als das Rascheln fallender Blätter.
In der benachbarten Eisdiele angekommen, stellte das Mädchen mit den Sommersprossen sich hinter die Glastheke. Den Kunden, die erst mal nur kosten wollten, reichte sie gefüllte Plastiklöffelchen, in dem Bewusstsein, dass die großen Ferien bald vorbei waren, ohne dass jemand von ihr gekostet hatte. Sie würde weiterhin die einzige Jungfrau in ihrer Klasse sein, und wenn im nächsten Sommer die Felder gelb würden, müsste sie bereits in die olivgrüne Uniform der israelischen Armee steigen.
Jetzt streckte sie einem Kind sein Eis hin und bemühte sich zu lächeln, als sie zum tausendsten Mal »Bitte sehr« sagte. Der nächste Kunde rückte zu ihr auf und wollte das Feigensorbet probieren. Nuphar wusste gleich, dass er das Feigensorbet nicht wirklich wollte, sondern am Ende, nachdem er zehn weitere Sorten probiert hatte, Schokoladeneis verlangen würde. Dennoch schabte sie das Gewünschte auf das Plastiklöffelchen und schielte dabei rasch zur Uhr über der Theke. Nur noch sieben Stunden.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür, und sie spazierten herein. Den ganzen Sommer lang hatte Nuphar auf diesen Augenblick gewartet, hatte ihn in ihrem Heft sogar ausführlich beschrieben: Jotam betritt die Eisdiele und ist überrascht, sie hinter der Theke stehen zu sehen. Sie bietet ihm ein Eis auf Kosten des Hauses an, und er schlägt als Gegenleistung vor, sie auf seinem Moped nach Hause zu bringen. Sie sagt, sie sei hier erst in einigen Stunden fertig sei, und er antwortet, einige Stunden warte er gerne. Aber als dieser Augenblick nun endlich eintraf, drei Tage vor dem Ende der Sommerferien, kam Jotam nicht allein in die Eisdiele. Er hatte eine ganze Clique dabei. Auch Schir gehörte dazu, Schir, die bis vor vier Monaten noch Nuphars Freundin gewesen war.
Nuphars einzige Freundin, um genau zu sein.
Zu fünft standen sie da, und obwohl keiner von ihnen für sich genommen besonders gut aussah, erschienen sie Nuphar, so vor der Theke, doch unglaublich attraktiv. Sie erstrahlten im Glanz der Gruppe, und allein die Tatsache, dass sie zu fünft waren, schien jeden Einzelnen mindestens um das Fünffache zu verschönern. Sie betrachteten die Reihe der Eissorten vor sich, dachten nach, und für einen kurzen Moment wagte Nuphar zu hoffen, dass ihre Mitschüler sie nicht erkennen würden. Aber dann hob Jotam seine traumhaften Augen vom Eis zur Theke, runzelte leicht die Brauen und sagte:
»Hi, du gehst doch in unsere Schule.«
Nun blickten die anderen ebenfalls zu ihr auf, während Nuphar den Drang bekämpfte, ihren Blick zu senken.
»Du bist in Schirs Klasse, oder?«
Moran fragte das, wobei sie ihr Haar ebenso geübt wie anmutig zu einem Pferdeschwanz zusammenband. Nuphar beeilte sich zu nicken. Ja. Sie war in Schirs Klasse. Sie hatte praktisch seit der zweiten Klasse neben Schir gesessen, bis vor vier Monaten, als sie eines Morgens in die Schule kam und entdecken musste, dass Schir ihr ohne jede Vorwarnung die Freundschaft gekündigt hatte.
Für einen Moment herrschte Stille, dann sagte Jotam:
»Also ich nehme Vanille mit Crumbles.«
Nuphar hatte schon begonnen, das Eis in einen Becher zu spachteln, als Jotam hinzufügte: »In einer Waffel.« Und das war eigentlich alles, was Jotam zu ihr sagte, denn gleich darauf nannten auch die anderen ihre Wünsche, und Moran fügte in süßlichem Ton hinzu, sie bräuchten es schnell, der Film fange in zwanzig Minuten an. Schir stand die ganze Zeit schweigend dabei, blickte Nuphar etwas schuldbewusst an und bat schließlich um Vanilleeis. Das hätte sie ihr gar nicht zu sagen brauchen, Nuphar wusste, welches Eis Schir am liebsten mochte. Nach fünf Minuten waren sie schon wieder draußen, auf dem Weg ins Kino. Nuphar betrachtete die Sorbetsorten unter der Theke, die sich wie ein Blumenteppich in Rot und Orange vor ihr erstreckten. Auf der gläsernen Trennscheibe hatten Dutzende von Kunden ihre schmierigen Fingerabdrücke hinterlassen. Alle diese Finger hatten in ihre Richtung gewiesen, aber keiner hatte sie gemeint.
Die Tür wurde ein weiteres Mal aufgestoßen, und ein
e laute Kinderschar stürmte herein. Nach Ladenschluss würde Nuphar ihre eigene Musik auflegen, nicht die Lieder, von denen Gabi behauptete, dass sie Kunden anlockten. Sie würde all die benutzten Servietten vom Boden aufheben und all die Plastiklöffel einsammeln, die Kinder auf den Tischen gelassen und die zu entsorgen die Eltern keine Lust gehabt hatten. Dann noch den Boden aufwischen, die Theke von den Fingerabdrücken befreien und polieren, den Abfall hinaustragen, aber im Hintergrund würde immerhin ihre Musik laufen. Zuallerletzt würde sie einen Styroporbehälter mit Eis füllen und dem Obdachlosen am Springbrunnen bringen. Vielleicht sollte sie das Eis lieber in der Nähe abstellen, denn das letzte Mal hatte der Mann sie mit unverständlichen Worten angeblafft.
Sie träumte zu viel. Von dem Obdachlosen, vom Eis und von der Clique, die jetzt ohne sie im Kino saß, und als sie sich umschaute, musste sie feststellen, dass die Kinder mit ihren Eisbechern abgehauen waren, ohne zu bezahlen. Gabi würde ihr das vom Verdienst abziehen. Ein großer Klumpen Elend saß ihr in der Kehle. Sie holte tief Luft und schluckte ihn hinunter. Noch sechseinhalb Stunden. Wenn der Tag doch bloß schon zu Ende wäre. Sie ahnte nicht, dass dieser Tag anders enden würde als alle Tage vor ihm, dass er ihr Leben umkrempeln und ihr endgültig letzter als unscheinbare Eisverkäuferin sein würde.
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