Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/2876

In Santa Mira, einer kalifornischen und, wie man so sagt, typisch amerikanischen Kleinstadt läuft alles seinen gewohnten Gang – auch für Dr. Miles Bennell (Kevin McCarthy), den praktischen Arzt im Ort, der vor nicht allzu langer Zeit geschieden wurde, und seine Jugendfreundin Becky Driscoll (Dana Wynter), die sich ebenfalls von ihrem Mann getrennt hat und in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist (in der deutschen Version verpasste man beiden übrigens andere Vornamen: Peter und Mary; der Henker weiss warum).
Bennell erfährt eines Tage von einigen merkwürdigen Ereignissen. Ein Gemüsehändler schliesst sein gut laufendes Geschäft; sein Sohn will nicht mehr zur Schule gehen und hat offenbar vor irgend etwas Angst. Becky erzählt von Wilma Lentz (Virginia Christine), die plötzlich glaubt, ihr Onkel Ira (Tom Fadden) sei nicht mehr ihr Onkel. Er sehe zwar so aus wie immer, würde sich aber ihr gegenüber völlig anders verhalten und keine Gefühle zeigen.
Bekannte von Becky und Miles, Jack und Theodora Belicec (King Donovan, Carolyn Jones), warten mit einer weiteren Überraschung auf: Auf ihrem Billardtisch liegt jemand, unbeweglich, aber offensichtlich nicht tot. Das Gesicht und die Fingerkuppen des Unbekannten weisen keine charakteristischen Merkmale auf; der Tote ähnelt allerdings Jack. Miles kontaktiert den Psychologen Dr. Kauffman; doch der meint, bei den merkwürdigen Verhaltensweisen einiger Leute handle es sich um zufällige Ereignisse. Und der Körper auf dem Billardtisch ist plötzlich verschwunden – ebenso wie ein anderer Körper, den Miles kurze Zeit später im Keller von Beckys Vater gefunden hatte und der Becky zum Verwechseln ähnlich sah.
Nicht nur das: Wilma und der kleine Jimmy, der Sohn des Gemüsehändlers, behaupten plötzlich, es sei alles ein Irrtum gewesen. Sie hätten keine Angst mehr. Miles, Becky und die Belicecs überlegen, was in Santa Mira geschehen sein könnte – und dann entdecken sie im Garten kürbisgrosse, bohnenartige Gewächse, aus denen sich menschenähnliche Körper entwickeln – mit ihren Gesichtszügen. Während die Belicecs versuchen, ausserhalb von Santa Mira Hilfe zu holen, vernichtet Miles die Gewächse. Aber er und Becky müssen bald feststellen, dass sich fast die ganze Einwohnerschaft des Orts über Nacht verändert hat ...
Der Horror, den Siegel inszenierte, schleicht sich unmerklich, aber unaufhaltsam in den Ort ein. Während Becky und Miles sich an ihre Jugend erinnern, sich ineinander verlieben und für beide frischer Wind ins Leben zu kommen scheint, sind Ausserirdische dabei, ihre Gewächse in jedem Haus, zumeist im Keller, zu platzieren. Aus ihnen entwickeln sich Duplikate der jeweiligen Bewohner, und wenn diese schlafen, saugen sie Organe, äussere Merkmale usw. in sich auf. Während die Menschen dabei – schmerzlos – zugrunde gehen, entstehen neue Identitäten, die sich von den menschlichen Originalen „nur” dadurch unterscheiden, dass sie keine Gefühlswelt mehr kennen. Alles in Santa Mira wird dem äusseren Anschein nach genauso weiter laufen wie bisher – aber eben ohne jegliche Emotion. Die neuen Bewohner wirken in ihrem Verhalten wie sprechende Maschinen, deren einzige sichtbare Lebensweise die Logik und der Verstand zu sein scheinen.
Von einem Identitätswechsel zu sprechen, wäre in diesem Kontext zu schwach formuliert. Tatsächlich handelt es sich um völligen Austausch. Dass dieser im Schlaf passiert, ist der eigentliche Horror. Becky und Miles, die als einzige übrig bleiben und fliehen müssen, stehen unter dem Zwang, nicht einschlafen zu dürfen. Gleichzeitig haben die Ausserirdischen jeglichen Kontakt zur Aussenwelt ausserhalb des Ortes abgeschnitten; die Telefonverbindungen nach San Francisco, Los Angeles oder Sacramento sind tot, angeblich sind alle Leitungen vorübergehend blockiert.
Siegel gelingt die Inszenierung eines umfassenden Traumas, das sich scheinbar unaufhaltsam Bahn bricht und auf der Angst vor totalem Identitätsverlust gründet. Der Horror lastet wie ein Alpdruck auf den verbleibenden Menschen. Die Geschichte vom Alp, ursprünglich eine Sagengestalt, die sich nachts auf der Brust des Schlafenden festsetzt, wird in dieser Geschichte praktisch 1:1 umgesetzt. Die scheinbare Normalität des Alltags wird zum Deckmantel für das Treiben der Ausserirdischen, über deren Herkunft, Geschichte usw. Siegel erst gar nichts berichtet. Warum auch? Es geht um Urängste, vor allem darum, dass sich die Duplikate weder körperlich, noch von ihrem Gedächtnis her, sondern ausschliesslich in Bezug auf die Gefühlswelt von den Menschen unterscheiden. In dieser Hinsicht konzentriert Siegel die Geschichte auf das Liebespaar Becky und Miles, deren Zuneigung im wahrsten Sinn über Nacht radikal zerstört wäre, würden sie nicht versuchen, sich der Umwandlung durch Flucht zu entziehen.
Die Vorstellung, nachts mit der Angst einzuschlafen, morgens könne alles ganz anders sein als bisher, obwohl sich äusserlich nichts verändert hat, knüpft zeitgeschichtlich auch an Ängste, die in den 50er Jahren präsent wären, etwa im Zusammenhang mit dem Ost-West-Konflikt. Kommunisten-Gegner wie McCarthy-Gegner reklamierten den Film für sich. Dabei ist Siegels Inszenierung für solche Parteinahmen jedoch kaum tauglich. Schon eher stellt sich der Film in eine Tradition, in der Aufklärung und Romantik als „Gegensatzpaar” formuliert werden können.
Während die Aufklärung Verstand und Vernunft, Logik und Wissenschaft ins Zentrum gesellschaftlicher wie individueller Konflikte stellte – in Auseinandersetzung mit Aberglaube, Religion und Mystizismus des Mittelalters und des Absolutismus –, rekurrierte die Romantik als Gegenbewegung zur Aufklärung auf die Bedeutung von Gefühlswelt und Dingen, die durch Verstand und Vernunft nicht erklärbar seien. Märchen, Sagen, aber auch die ersten Horrorgeschichten formulierten Ängste und Urängste, die wissenschaftlichen Erklärungsmustern und Lösungen nicht unbedingt zugänglich waren. „Invasion of the Body Snatchers” nimmt direkten Bezug auf diese Tradition, indem Siegel – wenn auch über Ausserirdische(s) – diese Ängste in eine funktionierende Gemeinschaft einbrechen lässt.
Übrigens bleibt der Schluss des Films durchaus offen. Denn obwohl sich Miles Bennell dem Zugriff der Aliens entziehen kann, glaubt man ihm – worauf die Aliens im übrigen setzen – zunächst kein Wort. Erst als der Arzt Dr. Hill, dem Bennell (den man in ein Krankenhaus gebracht hat) in der Rückschau seine Geschichte erzählt, durch andere Zeugen von den grossen bohnenartigen Pflanzen erfährt, also in dem Moment, als es einen faktischen Beweis für deren Existenz gibt, alarmiert Dr. Hill die Behörden. Das Schlussbild zeigt das Gesicht Bennells: angsterfüllt, verzweifelt. Es bleibt offen, ob die Behörden den Kampf gegen die Aliens gewinnen werden.
USA 1956 - 80 min.
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Daniel Mainwaring
Darsteller: Kevin McCarthy, Dana Wynter, Larry Gates
Produktion: Walter Wanger
Musik: Carmen Dragon
Kamera: Ellsworth Fredericks
Schnitt: Robert Eisen