Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/138

| Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.

Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
A. Das Leben des Origenes
Lebensabriss
13.
Wenn auch Origenes in seinem dogmatischen Hauptwerk, wie die vorstehende Inhaltsübersicht zeigt, kühnen philosophischen Spekulationen etwas viel Raum gegeben hat, so dürfen doch folgende Tatsachen bei der Beurteilung nicht übersehen werden: 1. Origenes hat seine eigenen, außerhalb des Rahmens der kirchlichen Glaubenslehre stehenden Ansichten durch Erklärung von Bibelstellen, die er immer als Beleg oder Beweis anfährt, gewonnen; denn für ihn war die Bibel in solchen Fragen die höchste Autorität. 2. Er betrachtet stets die Lehre der Kirche als bindend und maßgebend, und der Gedanke, den Boden der kirchlichen Überlieferung irgendwie verlassen zu haben, liegt ihm völlig fern. Im Gegenteil bekämpft er alle Häretiker als Feinde der großen Kirche aufs heftigste1. 3. Seine neuen Ansichten trägt er zwar vor, drängt sie aber niemandem auf, sondern läßt jedem die Wahl, ob er sie billigen will. 4. In dem Streit mit seinem Bischof Demetrius ist ihm von seinen Gegnern kein dogmatischer Irrtum zum Vorwurf gemacht worden, obwohl doch damals (230/31) seine „Grundlehren“ allgemein bekannt waren. Demetrius hat also an diesen keinen Anstoß genommen, sondern den Origenes aus anderen Gründen verurteilen lassen, vgl. oben S. 27.
So war also Origenes durch „den in Alexandria ausgebrochenen Sturm“, wie er selbst im Johanneskommentar VI 2 (IV 107, 25 ff.) schreibt, aus seiner alten Heimat Ägypten vertrieben, aber nach Palästina, das seiner Verurteilung nicht zugestimmt hatte, und in den sicheren Hafen von Cäsarea geführt worden. Hier empfing ihn die Liebe und Verehrung treuer Freunde, der Bischöfe Theoktistus von Cäsarea, Alexander von Jerusalem und Firmilianus von Cäsarea in Kappadozien, die stolz darauf waren, dem großen Theologen eine neue [S. 49] Heimat schaffen zu können. Mit Alexander verband ihn ja alte Freundschaft (s. oben S. 16), und Firmilianus lud ihn sofort aufs herzlichste nach Cäsarea in Kappadozien ein und suchte ihn seinerseits wiederholt in seiner neuen Heimat auf (Euseb. VI 27. Hieron., De Vir. ill. 54: „cum omni Cappadocia eum invitavit et diu tenuit."). An Stelle von Alexandria trat nun Cäsarea in Palästina als Hauptsitz theologischer Wissenschaft. Denn hier wurde Origenes von demselben Bischof, der ihn einige Zeit vorher zum Presbyter geweiht hatte, sofort mit dem Amte der Auslegung der heiligen Schriften betraut. Hierauf scheint Origenes selbst in einer Homilie (In Lev. hom. III 7, VI 311, 25 f.) hinzudeuten, wenn er dort sagt: „quia dispensatio mihi verbi dominici credita est“; ähnlich drückt er sich in den Ezechiel-Homilien an mehreren Stellen aus, z, B. II 2 (XIV 33 Lom.): „qui videor doctor esse ecctesiae“, vgl. V 4 S. 75, VII 3 S. 99, XII 2 S. 154. In Cäsarea rechnet sich Origenes zum Klerus, vgl. In Jerem. hom. XI 3 (III 80, 16 f.), und zeigt in den Worten: „debemus minorationem nostram patienter ferre“ (In Ezech. hom. X 1, XIV 132 Lom.), daß er das bittere Gefühl der Kränkung in der neuen Heimat ziemlich überwunden hatte. Hierher brachte er seine Buchrollen mit und legte den Grund zu der großen, später besonders von Pamphilus vermehrten Bibliothek von Cäsarea; seine in Alexandria begonnenen gelehrten Arbeiten konnte er nun in Cäsarea ungestört fortsetzen. Aber die liebste Beschäftigung war ihm doch auch hier die Lehrtätigkeit. Gar bald eröffnete er eine Gelehrtenschale nach dem Vorbilde der alexandrinischen und brachte sie in Kürze zu hoher Blüte. Nicht nur von den Einheimischen kamen nach dem Bericht des Eusebius (VI 30) gar viele als Schüler zu Origenes, sondern auch unzählige Auswärtige suchten, nachdem sie ihre Vaterstädte verlassen hatten, seinen Unterricht auf. Wenn man nun bedenkt, daß Origenes diese erfolgreiche Lehrtätigkeit rund zwanzig Jahre lang, von 231-250, ohne erhebliche Unterbrechung ausgeübt hat, so kann man den gewaltigen Einfluß ermessen, der von Origenes und seiner Schule damals ausging. Für die Entwicklung der Theologie seiner Zeit [S. 50] und auch der Folgezeit gab Origenes teils selbst, teils durch seine Schüler und Freunde die nachhaltigsten und entscheidensten Anregungen. Der ganze theologische Nachwuchs von Palästina und den Nachbarländern ist, wie man annehmen kann, damals durch die Schule des Origenes gegangen oder hat wenigstens sine Ideen und Ansichten kennen gelernt. Wer nun aber näher trat, der fühlte sich von diesem alle überragenden Geiste bald wie mit tausend Banden gefesselt. Denn Origenes teilte seinen Schülern aus dem großen Schatze seiner eigenen Kenntnisse nicht nur ein umfassendes Wissen, wie kein anderer Lehrer seiner Zeit, mit, sondern wußte sie auch für alles Schöne, Große und Göttliche zu begeistern und ihren Blick vom Irdischen zum Überirdischen und Himmlischen zu lenken. Welche hohe Verehrung Origenes deshalb bei seinen Schülern genoß, und welche Liebe und Dankbarkeit er in ihren Herzen entzündete, davon legt die uns erhaltene Dank- und Abschiedsrede des Gregorius Thaumaturgus2 ein beredtes Zeugnis ab. Von den vielen fremden Schülern, die sich bald nach 231 bei Origenes in Cäsarea einfanden, hebt Eusebius (VI 30) ein Brüderpaar aus, dem Pontus, Theodorus (= Gregorius) und Athenodorus, besonders hervor. Beide waren in griechischer und römischer Wissenschaft wohl vorgebildet und wollten sich in Berytus dem Studium der Jurisprudenz widmen; da kamen sie durch einen Zufall in Cäsarea zu Origenes, wurden von ihm zuerst in die griechische Philosophie, dann in die wahre christliche Weisheit und Erkenntnis eingeführt und konnten sich fünf volle Jähre lang nicht wieder von ihm trennen. Wahrscheinlich sind sie 233-238 Schüler des Origenes gewesen3. Wie geschickt und [S. 51] folgerichtig nun Origenes in seinem Unterrichte verfuhr, und durch welche Mittel er seine Schüler zu fesseln wußte, das können wir am besten aus der oben erwähnten Abschiedsrede des Gregorius erkennen. Origenes hatte, um die beiden Brüder für die Theologie zu gewinnen, folgendes Verfahren (Dankrede § 73 ff.) eingeschlagen4. Zunächst lobte er die Philosophie und ihre Verehrer: „ein dem Vernunftwesen geziemendes Leben führe nur, wer sich selbst, und dann das wahrhaft Gute und das Schlechte erkenne; Unwissenheit mache uns zum Tier, wie die große Menge, die blind dem Reichtum oder der Ehre oder dem Ruhme des Feldherrn, des Richters, des Gesetzgebers nachjage und das leibliche Wohl am höchsten stelle.“ „Diese Worte trafen uns Brüder", sagt Gregorius, „wie Pfeile"; sie waren so liebenswürdig und zugleich so überzeugend und zwingend, daß die Hörer nicht mehr davon abstehen konnten. Origenes fuhr dann fort: „auch fromm könne man nicht sein, wenn man nicht Philosophie getrieben habe; aus echter, menschenfreundlicher Überzeugung wolle er seine Schüler an den Gütern der Philosophie teilnehmen lassen.“ Da entzündete sich nach dem Berichte des Gregorius wie ein Funke in Seiner Seele die Liebe zum heiligen Logos und zu seinem Vermittler; Studium, Heimat und Verwandte waren vergessen, und die Seele Jonathans wurde mit der Seele Davids durch die engsten Bande der Liebe und Freundschaft verbunden. Wie nun ein trefflicher Landwirt den Ackerboden gut bearbeitet, oder ein sachkundiger Gärtner wilde Bäume pfropft, daß sie schöne Früchte tragen, ebenso verfuhr Origenes mit den beiden Brüdern, Alles, was unbrauchbar, unnütz oder überflüssig an ihnen war, das beseitigte er und wandte alle Kunst und Sorgfalt an, um Dornen und Disteln (Gen. 3,18) in ihnen auszurotten. „Wenn er uns“, sagt Gregorius, „wie wilde Pferde vorwärts stürmen sah, so bändigte er uns wie Sokrates durch seine Reden, mochte [S. 52] es uns auch anfangs schwer fallen, zu gehorchen." Als nun Origenes seine Schüler empfänglich für die Worte der Wahrheit gemacht hatte, da streute er diese wie auf gut bearbeiteten Ackerboden aus. Alle Sätze wurden hierbei bewiesen und Einwurfe logisch widerlegt. Wenn sich die Schüler durch äußerlich wahr Scheinendes hatten täuschen lassen, so wurde es ihnen deutlich gemacht und der kritische Teil ihrer Seelen geschärft, daß sie nicht sowohl auf Reinheit der Sprache als auf Wahrheit des Gesprochenen sehen sollten. Origenes unterrichtete seine Schüler in Physik, wobei er sie anleitete, das Wesen des Weltganzen und seiner Teile und die Wandlungen in der Welt zu erkennen, ferner auch in Geometrie und Astronomie, vor allem aber in Ethik, die er nicht nur durch Worte, sondern auch durch Beispiele und Handlungen einprägte. Dadurch erreichte er es, daß die Seele der Schüler wie in einem Spiegel die Anfänge des Bösen sah und das, was die Menschen zügellos macht oder niederdrückt, erkannte, um es dann mit aller Kraft zu entfernen und dafür das Gute hegen und pflegen zu können. Durch die göttlichen Tugenden der Einsicht, Besonnenheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit sollten die Handlungen seiner Schüler bestimmt werden; hierzu ermahnte er sie durch sein eigenes Vorbild. Nicht darauf legte er Wert, daß man in Worten und Begriffen Bescheid wüßte, sondern daß man die Tugend ausübte, sich von Vielgeschäftigkeit und vom Marktgetriebe fern hielte und für sein Seelenheil Sorge trüge. „Als Freund und Förderer der Tugend, vor allem der Frömmigkeit, der Mutter aller Tugenden, zwang uns Origenes" sagt der Redner, „recht zu handeln und fromm zu sein" Und von Origenes stammt sicherlich der Wahlspruch, den er hinzufügt; „Das höchste Ziel des Menschen ist, durch reinen Sinn Gott ähnlich zu werden, ihm zu nahen und in ihm zu bleiben." Ferner führte Origenes seine Schüler in die griechische Philosophie ein und machte sie mit den Lehren aller philosophischen Schulen bekannt, außer mit den Lehren derjenigen, die einen Gott und eine Vorsehung leugneten. Er zeigte ihnen auch, daß sich die menschliche Seele infolge ihrer Schwäche leicht durch [S. 53] Worte täuschen lasse. Daher kämen die vielen philosophischen Sekten, die den unerfahrenen Menschen leicht bestricken und gefangen nehmen, so daß er nicht wieder loskommt. Um dieser Gefahr zu entgehen, sollten die Schüler eben alle Lehren, mochten sie nun griechisch oder nichtgriechisch, mystisch oder politisch, göttlich oder menschlich sein, kennen lernen, um die falschen und die schädlichen zu meiden. Besondere Sorgfalt verwandte endlich Origenes auf den Unterricht in der Theologie. Er lehrte seine Schüler auf Gott und seine Propheten schauen, indem er als verständigster Hörer Gottes das Dunkle und Rätselhafte erklärte, wozu kein anderer imstande war. Gregorius ist überzeugt, daß sein Lehrer Anteil hat an dem göttlichen Geiste, denn nur der göttliche Logos, meint er, kann das Verborgene offenbaren; und er glaubt, daß Origenes von Gott selbst die hohe Gabe, Dolmetscher des Wortes Gottes bei den Menschen zu sein, erhalten habe. Den Aufenthalt in Cäsarea vergleicht er zum Schluß mit dem Aufenthalt im Paradies, da Origenes geistige Früchte an ihnen zu ihrer Freude und Lust habe reifen lassen. Er ist ihr wahrer, geistiger Vater, von dem sich die beiden Brüder nur mit Schmerzen trennen.
1: Vgl. oben S.41 Anm. 1.
2: Sie ist von mir als 9. Heft in Krügers Sammlung ausgewählter kirchen- u. dogmengesch. Quellenschriften Freiburg i. B. und Leipzig 1894 herausgegeben worden. Im Anhang ist dort der Brief des Origenes an Gregorius abgedruckt.
3: Diesen Ansatz habe ich in der Einleitung zu meiner Ausgabe der Dankrede S. 11 ff. gegeben und begründet. Auch jetzt noch halte ich daran fest, da Eusebius m.E. nicht den Beginn, sondern das Ende des Unterrichts der Brüder und ihren Abschied von Origenes unter die Regierung des Kaisers Gordian(238-244) chronologisch einordnet. Harnack (Chronologie S.34) und andere Forscher setzen den Unterricht in die Jahre 238-244.
4: Hiermit kann man vergleichen, was Origenes, In Jer. hom. XX 5 (III 184, 32 ff.), selbst über sein Verfahren Heiden gegenüber sagt.