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«Ich war wirklich überrascht über diesen Auftrag, ein Werk für Murten Classics zu komponieren», erklärt Arseniy Shkaptsov. «Ich bin sogar ein bisschen erschrocken, denn ich verstehe mich eher als Fagottist und Dirigent denn als Komponist.» Tatsächlich hat der 1993 in Moskau geborene Musiker zunächst seine Ausbildung als Fagottist am Conservatorio della Svizzera Italiana und als Dirigent an der Zürcher Hochschule der Künste vervollständigt, als er 2011 in die Schweiz kam. «Ich habe nicht im Hauptfach Komposition studiert. Aber natürlich gehörten zum Studium auch kompositorische Themen wie Harmonie, Analyse, Fuge etc.»
Vielfältige Einflüsse
Arseniy Shkaptsov ist vielseitig aktiv. Seit 2017 ist er künstlerischer Leiter des United Soloists Orchestras, mit dem er das 2022 erschienene Album «Stravinsky Firebird Suite 1919» einspielte. 2019 wurde er zum stellvertretenden Dirigenten von Vladimir Fedoseev beim Tschaikowsky-Sinfonieorchester ernannt, 2022/2023 debütiert er mit dem Athens Philharmonia Orchestra und dem Orchestra della Toscana. Doch Arseniy Shkaptsov liebt nicht nur klassische Musik und russische im Speziellen, er zählt auch Jazz, Minimal Music und brasilianische Musik zu seinen Haupteinflüssen – und widmet sich diesen Genres. So veröffentlichte er 2018 mit der Gruppe The Sharp Shock das jazzige Album «Canon» und sein eigenes Album «Bassoonova». Auf letzterem interpretiert er Stücke des Bossa-Nova-Mitbegründers Antônio Carlos Jobim, die er für Jazzband und Streichensemble arrangiert hatte. Im Albumtitel (Bassoon ist das englische Wort für Fagott) zeigt sich der trockene Witz des Musikers, der auch im Gespräch immer wieder aufblitzt.
All dies beeinflusse die Musik, die er komponiere, erklärt Arseniy Shkaptsov. Einen Einfluss habe natürlich stets auch sein persönlicher Hintergrund. Deshalb nehme er mit dem für Murten Classics geschaffenen Werk «C’era una volta in Ticino» Bezug zu seinem aktuellen Lebensumfeld, was auch zum Festivalthema «Geschichten – Histoires» passe. «Es geht in meinem Stück um die Region, in der ich jetzt lebe: das Tessin». Als dieser Bezug feststand, habe er angefangen, «ein bisschen in meinem Kopf zu komponieren, ein paar Melodien zu singen».
Ein tönendes Perpetuum Mobile
So sei er auf ein melodisches Thema gekommen, das das Tessin in den Bergen darstelle und folkloristisch klinge. Der Hintergrund dazu ist, dass er gerne an Feste der Tessiner Bevölkerung in den Bergen gehe, an denen alte Volkslieder gesungen werden. Die entstandene Musik sei sehr melodisch und rhythmisch, wirke wie eine Art von Perpetuum Mobile, sei wie die Zeit ständig in Bewegung. «Sie repräsentiert die Bewegung der Menschen, die im Tessin Zug fahren und in die Berge gehen. Und es gibt noch ein zweites Thema, das die Landschaft darstellt, den See und die Berge.» Man könne sagen, dass das Programmmusik mit folkloristischem Einschlag sei, aber es sei auch ein bisschen von der Minimal Music beeinflusst.
Bescheiden meint Arseniy Shkaptsov, dass er beim Komponieren noch nicht einen wirklich persönlichen Stil gefunden habe. «Es ist auch nicht so, dass ich jeweils eine klare Vorstellung eines Stücks habe und dann mit dem Komponieren beginne. Ich improvisiere oft einfach oder habe Musik in meinem Kopf, die ich dann aufnehme und später als Noten niederschreibe. Für mich ist es also eher eine Improvisation; Komponieren heisst für mich, aus dem Leben heraus zu musizieren.» Hinzu kommt die Herausforderung der Orchestrierung für das erweiterte Hilaris Chamber Orchestra. «Dies ist für mich vor allem eine Frage der Zeit und Ruhe. Ich kann nicht jeden Tag vielleicht 30 Sekunden des Stücks schreiben und dazwischen die Kinder betreuen und das Auto reparieren. Am besten ist es, wenn ich eine Woche woanders bin und absolute Ruhe habe, um mich voll auf das Schreiben der Musik zu konzentrieren. Dann geht es schnell.»
Wertvolles Feedback
Arseniy Shkaptsov und Daniel Schnyder, der Mentor bei diesem Projekt von Murten Classics, kennen sich bereits seit über zehn Jahren. «Als ich noch in Russland lebte, haben wir einmal zusammengespielt – und ich habe ihn als unglaublichen Musiker erlebt. So habe ich ihn gebeten, mir etwas beizubringen, und so wurde er gewissermassen zu meinem ersten Lehrer für Jazz.» Seither haben sich die Beiden bei verschiedenen Gelegenheiten wieder getroffen, und nun also auch bei diesem Projekt von Murten Classics. «Ich habe ihm Teile meiner Komposition geschickt, wozu er mir dann jeweils ein Feedback gegeben hat, etwa, ich solle das Pizzicato nicht vergessen, auch die Überraschungsmomente nicht.»
Dieses Feedback von Daniel Schnyder sei für ihn sehr wichtig, weil es ihn zum Nachdenken über Aspekte angeregt habe, die er beim Komponieren nicht oder zu wenig beachtet habe. «Beim Schreiben vergisst man leicht, dass man die Musik noch interessanter machen kann. Er hat mich zum Beispiel gefragt, ob ich eine Passage wirklich nur für Streicher schreiben wolle und nicht noch etwas Hartes hinzufügen wolle. Für mich ist es aber schwierig, alle Instrumenten-Parts zusammen zu schreiben. Da hat er mir geraten, zuerst die Streicher zu schreiben und dann erst noch etwas hinzuzufügen.»
Gerade bei solchen Arbeiten hilft der Computer Arseniy Shkaptsov. «Meistens sitze ich am Computer und fange an, aus dem Kopf heraus zu komponieren, meist über eine Tastatur, und teste aus, wie das klingt. Dann klingt es oft nicht so, wie ich es mir in meinem Kopf vorgestellt habe, also passe ich das an, transponiere etwa den Cello-Part nach oben.» Dies mache ihm bewusst, wie schwierig es die Komponisten früher ohne Computer hatten. «Diese mussten aus dem Kopf heraus perfekte Partituren schreiben – das ist unglaublich!» Was ihm bei der Arbeit auch helfe, sei seine Erfahrung als Orchestermusiker und Dirigent. «Die Grundlagen der Instrumente kenne ich. Und für die Details der spielerischen Ausgestaltung kann ich befreundete Musiker fragen, wenn ich unsicher bin.»
Jubiläumskonzert zu 100 Jahre SUISA am Festival Murten Classics 2023
Murten Classics hat letztes Jahr die vier jungen Schweizer Talente Pascal Bachmann (*2006), Joëlle Nager (*2000), Théo Rossier (*2002) und Arseniy Shkaptsov (*1993) beauftragt, zum Festivalthema «Geschichten – Histoires» je eine maximal achtminütige Komposition für Streichorchester, Klavier, Harfe und zwei Schlagzeuge zu schreiben. Ausgewählt wurden die vier «Young Composers» von dem Dirigenten Christoph-Mathias Mueller, der auch künstlerischer Leiter von Murten Classics ist, und dem «Senior Composer» Daniel Schnyder. Letzterer begleitet die «Young Composers» während des Kompositionsprozesses als Mentor. Der 1961 in Zürich geborene und seit 1992 in New York City lebende Saxofonist und Flötist gilt als einer der vielseitigsten Komponisten seiner Generation.
Unter dem Titel «Aus der Werkstatt geplaudert» findet am Samstag, 26. August um 14 Uhr in der Deutschen Kirche Murten eine öffentliche Generalprobe mit Gesprächen statt. Ein Ticket zum Konzert von Sonntag, dem 27. August berechtigt zu dieser öffentlichen Probe in Anwesenheit der Komponistin und der Komponisten. Das Konzert mit den Uraufführungen beginnt am Sonntag um 20 Uhr im idyllischen Schlosshof. Die Werke der Young Composers werden von Arcangelo Corellis «Concerto grosso op. 6, Nr. 4» und Ernest Blochs «Concerto grosso No. 1» eingerahmt. Interpretiert wird das Programm durch das Hilaris Chamber Orchestra, das erweitert wird mit Isabel Goller (Harfe), Kiril Zvegintsov (Klavier), Jens Ruland (Schlagzeug) und João Carlos Pacheco (Schlagzeug); als Dirigent wirkt Christoph-Mathias Mueller.
Tickets ab dem 1. Juni und weitere Infos: www.murtenclassics.ch