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© copyright 1998 by Remo F. Roth, Zürich, Switzerland.
Das Prinzip der Synchronizität spielt in der Tiefenpsychologie C.G. Jungs eine grosse Rolle. Es beschreibt einen Typus des Geschehens, welcher von den meisten Menschen heute nicht mehr beobachtet werden kann. Dies deshalb, weil sie sich völlig nach aussen orientieren und ihrer Innenwelt keine Beachtung mehr schenken. Wenn man sich jedoch angewöhnt hat, seine Träume mehr oder weniger regelmässig zu beobachten, wird man mit der Zeit feststellen, dass sich des öfteren nach einem beeindruckenden Traum in der Aussenwelt sinnähnliche Geschehnisse ereignen. Ein kausales Bewusstsein, welches in den Kategorien von Ursache und Wirkung denkt, wird bei solchen Ereignissen sehr schnell in das im Mittelalter übliche magische Denken fallen und beispielsweise sagen, dass der Traum das äussere Ereignis bewirkt habe. Da wir bis heute keine Energie und keinen Mechanismus kennen, der solche Wirkungen in der Aussenwelt verursachen könnte, nannte Jung diese Art der Regression in eine mittelalterliche Denkanschauung ein magisch-kausales Denken und lehnte es als unwissenschaftlich ab.
Statt die beiden Ereignisse durch eine magische Kausalität zu verbinden, schlug C.G. Jung vor, den Traum, d.h. das innere Ereignis und das relativ gleichzeitig stattfindende äussere Ereignis durch deren gemeinsamen Sinn zu verbinden. Dies erläutert er mit Hilfe seiner berühmten Skarabäus-Synchronizität (Ges. Werke, Bd. 8, § 843):
„Eine junge Patientin hatte in einem entscheidenden Moment ihrer Behandlung einen Traum, in welchem sie einen goldenen Skarabäus zum Geschenk erhielt. Ich sass, während sie mir den Traum erzählte, mit dem Rücken gegen das geschlossene Fenster. Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, wie wenn etwas leise gegen das Fenster klopfte. Ich drehte mich um und sah, dass ein fliegendes Insekt von aussen gegen das Fenster stiess. Ich öffnete das Fenster und fing das Tier im Fluge. Es war die nöchste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich einScarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der ‚gemeine Rosenkäfer‘, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.“
Und dann weiter (§ 845):
[Es handelte sich in diesem Fall] „um eine ungewöhnlich schwierige Behandlung, die bis zu dem erwähnten Traum so gut wie gar nicht vom Flecke gekommen war. Der Hauptgrund hiefür war, wie ich zum Verständnis der Situation erwähnen muss, der in cartesianischer Philosophie erzogene Animus [die geistig-männliche Seite der Frau, mit der diese Pat. sich identifizierte; RFR] meiner Patientin, welcher an seinem starren Wirklichkeitsbegriff dermassen festhielt, dass ihn selbst die Bemühungen von drei Ärzten (ich war nämlich der dritte) nicht zu erweichen vermocht hatten. Dazu brauchte es offenbar schon ein irrationales Ereignis, das ich aber selbstverständlich nicht produzieren konnte. Schon durch den Traum allein war die rationalistische Einstellung meiner Patientin leise erschüttert. Als aber gar noch der Skarabäus in Wirklichkeit geflogen kam, da konnte ihr natürliches Wesen den Panzer der Animusbesessenheit durchbrechen, womit auch der die Behandlung begleitende Wandlungsprozess zum erstenmal richtig in Fluss kam. Wesentliche Einstellungsänderungen bedeuten psychische Erneuerungen, die fast in der Regel durch Wiedergeburtssymbole in Träumen und Phantasien begleitet sind. Der Skarabäus ist ein klassisches Wiedergeburtssymbol. Nach der Schilderung des altägyptischen Buches Am-Tuat verwandelt sich der tote Sonnengott an der zehnten Station in Kheperâ, den Skarabäus, und als solcher besteigt er an der zwölften Station die Barke, welche die verjüngte Sonne am Morgenhimmel emporführt.“
Statt also zu sagen, Jung oder sonst jemand habe den Rosenkäfer hergezaubert, versucht man den die beiden Ereignisse verbindenden Sinn zu ergründen. In diesem Fall ist dies der Skarabäus, welcher symbolisch gesprochen „Wiedergeburt“ bedeutet. Sein während des Erzählens des Traumes im Aussen erscheinender „Doppelgänger“ erschütterte die Patientin. Letztlich war es dann dieses tiefe emotionale Erlebnis, welches ihr Bewusstsein für das Irrationale des Lebens öffnete. Wie Jung betont, bedeuten solche Wandlungen eine eigentliche Wiedergeburt des Bewusstseins, welches derart wieder an den individuellen Sinn seines Lebens angeschlossen wird.
Doch, wie gesagt, nehmen sich die wenigsten Menschen die Mühe, ihre Träume zu erinnern und aufzuschreiben. Das „vorbewusste Wissen“ (C.G. Jung) des Unbewussten hat derart keine Gelegenheit Synchronizitäten, d.h. sinnvolle Übereinstimmungen zwischen innen und aussen, zu produzieren, wenn eine Wandlung der bewussten Einstellung notwendig wäre. Das Synchronizitätsphänomen zeigt uns aber, dass Innen und Aussen in einer geheimnisvollen Art und Weise verbunden sind. Die nicht erinnerten Warnträume konkretisieren sich daher im Aussen: Unfälle häufen sich, psychische, somatische und psychosomatische Krankheiten stellen sich ein, Beziehungen brechen auseinander. Der Mensch wird in ein tiefstes Leiden verstrickt, welches nicht selten im vorzeitigen Tod oder Suizid endet.
Im individuellen Fall zeigt sich also meist, dass der Anerkennung des Synchronizitätsprinzips ein tiefes Leiden vorausgeht. Da der heutige Mensch sich mit dem Prinzip der Kausalität identifiziert, glaubt er auch an die Machbarkeit der Dinge mit Hilfe des bewussten Willens. Dies führt dann dazu, dass er sich dem „Gegenwillen Gottes“, der sich in den Synchronizitätsphänomenen äussert, entgegenstellt. Da diese letzteren nicht bewusst wahrgenommen und das individuelle Leben nicht entsprechend der darin enthaltenen Botschaften geändert wird, wandelt sich deren latenter Sinn in einen destruktiven Unsinn.
Auch das menschliche Kollektiv befindet sich in derselben Gefahr. Die unbewusste Vergottung des Menschen durch die kausale Naturwissenschaft (Atombombe, Gentechnologie, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, usw.) hat uns in die heute drohende Gefahr des apokalyptischen Genozids geführt. Eine Umkehr ist nur möglich, wenn möglichst viele Menschen sich auf den Weg des „synchronistischen Lebens“ (synchronicity quest) begeben werden. Dieses bedeutet die introvertierte Art und Weise, der letztlich alles Leben tötenden Naturwissenschaft ein negentropisches Prinzip entgegenzusetzen, welches im Stillen eine neue Ordnung in dieser Welt aufbauen wird. Mir persönlich scheint daher diese Wandlung zum synchronistischen Bewusstsein die letzte Möglichkeit der Bewahrung der Menschheit vor der apokalyptischen Katastrophe.