Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03476.jsonl.gz/811

Abholzung und Landraub
Eine Studie der US-amerikanischen Umweltorganisation "Forest Trends" aus dem Jahr 2014 ergab, dass 49% der Abholzung durch die industrielle Landwirtschaft illegal ist und die Hälfte davon in Zusammenhang mit der Produktion für Exportmärkte steht. 75% dieser illegalen Abholzung betrifft Brasilien und Indonesien. Dies ist vor allem auf den Anbau von Flex Crops zurückzuführen: Soja in Brasilien und Palmöl in Indonesien und Malaysia.
Aber auch in Westafrika, vor allem in Côte d'Ivoire und Ghana, sind durch Abholzung weite Teile der Naturwälder verschwunden, um Platz für den Ausbau von Kakaoplantagen zu schaffen. Bei Palmöl, Kautschuk, Kaffee und Kakao führt die enge Klimazone, in der diese Produkte angebaut werden können, zu einer Konzentration der Weltproduktion auf relativ kleinen Flächen. Daher gibt es wenig Spielraum für Standortverlagerungen. Die steigende Nachfrage nach Futtermitteln und Agrotreibstoffen führt dazu, dass immer mehr Flächen - einschliesslich Schutzgebieten und Regenwäldern - in Ackerland umgewandelt werden, da dies wesentlich einfacher ist als die Steigerung der Flächenproduktivität.
Mehrere Berichte der US-amerikanischen NGO Mighty Earth bestätigen die weit verbreitete Abholzung in Lateinamerika und Westafrika durch Schweizer Agrarhändler.
In Ghana und Côte d'Ivoire hat die NGO die Abholzung im Kakaoanbau in Verbindung mit Cargill dokumentiert. Neue Daten von Global Forest Watch, einer Online-Plattform mit Daten und Tools zur Waldbeobachtung, haben ergeben, dass die Verluste an tropischen Primärwäldern im Jahr 2018 in Ghana und Côte d'Ivoire vor allem durch Kakaoanbau und Goldminen dramatisch zugenommen haben. Im Jahr 2018 verzeichnete Ghana im Vergleich zu 2017 die weltweit höchste Zuwachsrate bei der Abholzung (+60%), gefolgt von Côte d'Ivoire (+26%).
"Mighty Earth" hat mehrere Fälle von Abholzung im Zusammenhang mit Händlern wie Cargill und Bunge im brasilianischen Cerrado dokumentiert, einem ökologisch wertvollen Gebiet mit bewaldetem Grasland, das nicht so stark geschützt ist wie das Amazonasgebiet. Im Mai 2018 gehörten diese beiden Händler zu den fünf Unternehmen, die von den brasilianischen Behörden auf frischer Tat bei der Zerstörung von Schutzgebieten ertappt wurden und dafür eine Geldstrafe von 29 Mio. US-Dollar zahlen mussten. Die Forscher von „Chain Reaction Research“, spezialisiert auf Nachhaltigkeitsrisikoanalysen, haben ebenfalls mehrere Fälle von Abholzung dokumentiert, bei denen in der Schweiz ansässige Händler beteiligt sind; vor allem Mitglieder des ABCD-Clubs für die Sojaproduktion in Brasilien. Die sechs grössten Agrarrohstoffhändler, ADM, Bunge, Cargill, LDC, COFCO Int. und Glencore Agriculture, haben sich 2019 verpflichtet, ihre Sojalieferketten im brasilianischen Cerrado besser zu überwachen. Die Zusicherung, die sie unterzeichnet haben, beinhaltet jedoch keine Verpflichtung zu einem Abholzungsstopp.
Darüber hinaus wurde kürzlich durch eine Analyse von „Chain Reaction Research“ bestätigt, dass die Selbstregulierung der Unternehmen allein nicht ausreicht, um Abholzung zu bekämpfen. Der Bericht wies darauf hin, dass Cargills aktualisierte „Null-Entwaldungs“-Politik für Sojaanbau "nicht klar angibt, auf welche Weise und in welchem Tempo das Unternehmen dieses Ziel erreichen wird". Das Unternehmen sendet widersprüchliche Signale , einschliesslich verschobener Zeitpläne sowie mangelnder Hebel für die Umsetzung.
Landraub (land grabbing)
Ein weiterer Problembereich betreffend die landwirtschaftliche Produktion sind Landkonflikte, insbesondere grossflächige Landaneignungen. Diese Art von Investitionen führen oft zu Verletzungen von Menschenrechten, insbesondere des Rechts auf Nahrung, des Rechts auf eine gesunde Umwelt sowie der Rechte indigener Gruppen. In diesem Zusammenhang ist besonders bemerkenswert, dass der Internationale Strafgerichtshof 2016 angekündigt hat, dass er sich mit Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit befassen wird, die durch Umweltzerstörung, Landraub oder illegale Ausbeutung natürlicher Ressourcen begangen werden oder daraus resultieren. Dies könnte dazu führen, dass hohe Führungskräfte und Politiker, die für solche Verbrechen verantwortlich sind, in Den Haag vor Gericht gestellt werden.
Grossflächige Landaneignungen sind eines der zentralen Probleme bei der industrialisierten Produktion von Agrarrohstoffe. Zwischen 2006 und 2016 wurden weltweit fast 500 Fälle von Landraub dokumentiert, mit einer Gesamtfläche von über 30 Millionen Hektar. Entgegen der Behauptung, dass es sich bei grossflächigen Landkäufen hauptsächlich um ungenutzte Flächen handelt, zeigen Studien, dass es dabei in erster Linie um von Kleinbauern bewirtschaftete Flächen, traditionelles Weideland und dicht besiedeltes oder fruchtbares Agrarland geht. Darüber hinaus haben grossflächige Landaneignungen auch Auswirkungen auf den Zugang zur Wasserversorgung. Auslöser ist vor allem die steigende Nachfrage bei der extensiven Produktion von Flex Crops wie Palmöl, Soja und Mais, jedoch sind der Anbau von Kaffee, Kakao oder Tee ebenfalls betroffen.
Landraub
Da es keine einheitliche Definition von Landraub gibt, hat die rumänische Bauernrechtsorganisation "EcoRuralis" folgende Definition erarbeitet: "Landraub kann definiert werden als das Kontrollieren (sei es durch Eigentum, Pacht, Konzession, Verträge, Quoten oder allgemeine Macht) von mehr als lokaltypischen Landmengen durch eine Person oder Körperschaft (öffentlich oder privat, ausländisch oder inländisch) auf irgendeine Weise ("legal" oder "illegal") zum Zwecke der Spekulation, des An- oder Abbaus, der Ressourcenkontrolle oder Kommerzialisierung auf Kosten von Bauern, Agrarökologie, Landbewirtschaftung, Ernährungssouveränität und Menschenrechten".
Einer der berüchtigtsten Fälle von Landraub betrifft die Kaffeeproduktion in Uganda. Die Organisation 'Food First Information and Action Network' (FIAN) hat einen Fall akribisch dokumentiert, in dem die ugandische Armee 2001 die Bevölkerung von vier Dörfern gewaltsam vertrieben hat, weil die Regierung das Land an die Kaweri Coffee Plantation Ltd. verpachtet hatte. Kaweri ist eine Tochtergesellschaft der Neumann Kaffee Gruppe (Neumann) mit Sitz in Deutschland, die ihre Plantagen durch NKG Tropical Farm Management mit Sitz in der Schweiz verwaltet. Die rechtliche Auseinandersetzung mit der Rückforderung von Land und Eigentum der Dorfbewohner wird nach wie vor durch die Justiz in Uganda behindert und verzögert. Bislang haben die Vertriebenen keinerlei Abhilfe erhalten und machen ihre Rechte weiterhin geltend.
In den letzten zehn Jahren haben NGOs wie Oxfam und Survival International die verheerenden Lebensbedingungen indigener Gruppen in Brasilien dokumentiert, da grosse ausländische Unternehmen die Abgrenzung der angestammten Gebiete nicht respektieren. So haben beispielsweise die Guarani Kaiowá von Jata Yvary im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso den grössten Teil ihres angestammten Landes an Zuckerrohrplantagen verloren und sind gezwungen, auf einem kleinen Landstreifen zu leben, der vollständig von Zuckerrohrfeldern umgeben ist. Viele Jahre lang wurde der Zucker aus diesen Feldern an die Mühle Monteverde verkauft, die wiederum dem Schweizer Handelsriesen Bunge gehört. Im Gegensatz zu anderen Eigentümern von Zuckerfabriken, die in der Region tätig sind, erklärte Bunge 2013, dass die Firma beabsichtige, weiterhin Zuckerrohr vom Land der Indigenen zu kaufen, bis die bestehenden Verträge ausliefen.
Eine Untersuchung des Conselho Indigenista Missionário (CIMI) hat ergeben, dass 687 Indigene zwischen 2003 und 2015 Selbstmord begangen haben. Darüber hinaus leiden die Guarani und Kaiowá unter ständigen Angriffen von bewaffneten Milizen, die von mächtigen Landeigentümern angeheuert werden. Im Jahr 2016 äusserte die Brasilianische Vereinigung für Anthropologie ihre Empörung über die mangelnde Kontrolle durch den brasilianischen Staat zum Schutz der indigenen Bevölkerungsgruppen. Die Organisation bezeichnete die Selbstmorde und das Wegschauen der Behörden als Völkermord.
Oxfam hat einen weiteren exemplarischen Fall von Landraub dokumentiert. Zwischen 2010 und 2012 hat Cargill - trotz gesetzlicher Beschränkungen für den Erwerb von staatlichem Land - grosse Flächen in Kolumbien unter seine Kontrolle gebracht. Zu diesem Zweck gründete Cargill nicht weniger als 36 Briefkastenfirmen, die es ihr ermöglichten, die gesetzlich vorgeschriebene maximale Grösse des Landbesitzes zu überschreiten. Mit mehr als 50‘000 Hektar Land erwarb Cargill damit mehr als das 30-fache der gesetzlich zulässigen Fläche für einen einzigen Eigentümer.