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Die Bekämpfung von Armut ist ein zentrales sozialpolitisches Ziel. Aber wann gilt jemand als arm? Dazu sind verschiedene Definitionen in Gebrauch. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Ungleichheit der Einkommen und Vermögen in der Schweiz“ verglichen das BFH-Zentrum Soziale Sicherheit und die Universität Bern wie sich zwei gängige Berechnungsansätze auf die Höhe der Armutsquote auswirken. Eine interaktive Grafik zeigt die Unterschiede für den Kanton Bern.
Gemäss der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) gelten Menschen als arm, wenn sie grundlegende Güter für ein gesellschaftlich integriertes Leben nicht mehr erwerben können. Dieser absolute Armutsansatz verwendet beispielsweise ein Sozialamt bei der Überprüfung des Anspruches auf Sozialhilfe. Die absolute Armutsgrenze umfasst eine monatliche Pauschale für den Lebensunterhalt, einen ortsüblichen Betrag für die Wohnkosten und den Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Gemäss Bundesamt für Statistik lag die Schwelle der Armut 2012 für eine Einzelperson bei einem Jahreseinkommen von rund 26‘400 CHF und für einen Paarhaushalt mit zwei Kindern bei 48‘600 CHF.
Demgegenüber verwendet der relative Armutsansatz einen Schwellenwert, der sich am mittleren Einkommen einer Region orientiert. Bei diesem Ansatz gelten Personen als armutsgefährdet, wenn sie in einem Haushalt leben, dessen Einkommen deutlich unter dem üblichen Niveau liegt. Dieser Indikator wird häufig für internationale Vergleiche verwendet, weil er identische Berechnung erlaubt, unabhängig von der länderspezifischen Sozialgesetzgebung. Auch der Armutsbericht des Kantons Bern stützt sich auf diesen Indikator ab.
Unterschiedliche Berechnungsansätze führen zu anderen Ergebnissen
Mit dem relativen Ansatz rückt auch die Frage der Ungleichheit in den Vordergrund, da sich daraus direkte Auswirkungen auf die betroffenen Personen ergeben. Aus der Ungleichheitsforschung sind etwa negative psychologische Effekte bekannt, die ein tiefer gesellschaftlicher Status hervorrufen kann. Menschen, die sich zuunterst in der „Hackordnung“ befinden, sind eher unglücklich, fühlen sich gestresster und sind eher gefährdet krank zu werden.
Die Armutskarte der Berner Fachhochschule und der Universität Bern stellt nun die Unterschiede der beiden Ansätze für den Kanton Bern dar. Der absolute Ansatz orientiert sich dabei an den Richtlinien der SKOS, für den relativen Ansatz wurde das gemeindespezifische Wohlstandsniveau ermittelt. Dabei fällt beim Grossteil der Gemeinden die Armutsquote höher aus, wenn sie mit dem relativen Ansatz berechnet wird.
Armutskarte: Differenz zwischen absolutem und relativem Berechnungsansatz
Grün eingefärbt sind jene 50% der Gemeinden, in denen die Armutsquote durch den relativen Ansatz nur wenig ansteigt oder sogar abnimmt. Rot eingefärbt sind jene 50% der Gemeinden mit deutlichem Anstieg der Armutsquote.
Zu einer besonders starken Zunahme führt der relative Armutsansatz in den reichen Agglomerationsgemeinden mit ungleicher Verteilung des Wohlstandes. In Muri steigt die Quote beispielsweise um das Dreifache an. Entsprechend gilt man in Muri früher als armutsgefährdet. Aber es gibt auch umgekehrte Effekte, besonders auffällig etwa im Berner Jura. In Biel, eine Gemeinde mit einer sehr hohen absoluten Armutsquote, gelten gemäss dem relativen Ansatz sogar weniger Leute als arm, da der Wohlstand eher gleichmässig verteilt ist. Entsprechend kann vermutet werden, dass einkommensschwache Bevölkerungsgruppen in Biel einem geringeren psychischen Druck ausgesetzt sind als anderswo.
Es wäre falsch, aus diesen Berechnungen nun voreilige sozialpolitische Schlussfolgerungen zu ziehen. Jedoch ist Armut gerade in einem reichen Land wie der Schweiz auch eine Frage der Definition. Wo die Armutsschwelle liegt, wird politisch laufend neu verhandelt. Aus Sicht der Ungleichheitsforschung müsste die gesamtgesellschaftliche Verteilung der Ressourcen bei dieser Frage stärker einbezogen werden.
Kontakte
- Oliver Hümbelin, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Fachbereich Soziale Arbeit
- Dr. Rudolf Farys, Assistent, Institut für Soziologie, Universität Bern
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