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«Nein, Postpunk war nie ein Genre», sagte Mark Stewart mit schelmischem Trotz, wie er da auf einem abgewetzten Sofa im Backstage eines Berner Clubs sass (siehe WOZ Nr. 13/17). Bei der Gründung 1977 hatte seine Band The Pop Group den Punk bereits zur Tradition erklärt, um dann dessen disruptives und emanzipatorisches Potenzial neu zu entfachen. Mittlerweile selber zur Tradition zu gehören? Niemals!
Es hatte etwas Rührendes, wie sich Stewart – ein Hüne mit eindringlichem Blick, der ruppig auftrat und flink dachte – an seiner avantgardistischen Mission festhielt. Und wie widersprüchlich er mit feurigem Eifer reden konnte. Nach apodiktischen Sätzen wie jenem zum Postpunk folgte das Zögern zum Brexit, er brauche erst Zeit, um das Geschehene zu verdauen. Er liebe Theorie, «würde sie am liebsten essen und trinken», aber auch Dinge, die er nicht verstehe. «Wir nähern uns einem dunklen Zeitalter», war er überzeugt und bezeichnete sich selber als ein «Werkzeug, um die Zukunft zu verändern». Stets habe er versucht, sich einen offenen Kopf zu erhalten. Und wie!
Nach diversen Soloalben war Stewart seit 2010 wieder mit The Pop Group unterwegs – «Simpsons»-Erfinder Matt Groening hatte ihn auf die Idee einer Reunion gebracht. Auch da zögerte er, so eine grossartige Geschichte lässt sich schliesslich fast nur verwässern. Stewart, 1960 in Bristol geboren, war noch ein Teenager, als er die Band mit zwei Schulfreunden gründete. Angeführt vom furiosen Sprechsänger Stewart, spielten The Pop Group sofort im Zentrum der Postpunkbewegung.
Radikal machte die Band, dass sie neben weissem Punk und politischer Theorie vor allem von Schwarzer Musik geprägt war: Funk (damit begannen sie), Reggae und Dub (der Dubproduzent Dennis Bovell hatte für das erste Album «Y» einen kongenialen Sound gefunden), Free Jazz, der politische Proto-Rap von The Last Poets. Ihre Musik wurde gefeiert, irritierte viele aber auch, durch ihren Hang zum akustischen Chaos oder Stewarts überdirekte Agitproptexte. Weil der Sänger die Band zunehmend als Sprachrohr verstand und die anderen lieber mehr Free Jazz gemacht hätten, löste sie sich bereits 1981 auf.
Stewarts Einfluss auf die so fruchtbare Musikszene in Bristol und die Popmusik überhaupt, auf Trip-Hop, Dubstep oder Industrial, gilt als enorm. Weil er mit seiner Musik immer wieder Löcher ins Universum riss, liess er Steinbrüche für andere zurück. Am vergangenen Freitag ist Mark Stewart mit 62 Jahren verstorben.