Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03185.jsonl.gz/645

Die Vergletscherung des Sigriswilergrates
Lage.Von Merligen am Thunersee zieht sich eine durchschnittlich 2000 m. hohe einheitliche Kalkkette in nordöstlicher Richtung bis zur Großen Emme hin. Diese Kette wird durch zwei von Norden her eingeschnittene Nischen, den Pfahl und den Sulzgraben, in drei Berggruppen geteilt, den Hohgant, den Grünenberg und den Sigriswiler Grat. Vom Grünenberg gelangt man in südwestlicher Richtung zum Beatenberg. Zwischen letzterem und dem Sigriswiler Grat ist das Justistal im Streichen der Ketten eingeschnitten. Der Nordabhang des Grates wird von der Zulg entwässert. Diese entspringt in den beiden Nischen, im Pfahl und im Sulzgraben. Sie nimmt sodann von links drei Bäche auf, den Hinterhorrenbach, den Horrenbach und den Rehlochbach. Vom Sigriswiler Grat fließen zwischen Merligen und Gunten mehrere Bäche in den Thunersee, wie der Stampbach und der Guntenbach mit dem Gersternbach.
Geologischer Bau. Nach den Aufnahmen von F. J. Kaufmann I ) besteht der Sigriswiler Grat aus Schiefern und Kalken der Kreide- und Eocänformation in normaler, synklinaler Lagerung. Von den Jüngern Sedimenten sind charakteristisch der Lithothamnienkalk und der Hohgant-Sandstein. Nach dem Vorland hin findet sich zunächst eine an exotischen Blöcken reiche Flyschzone, die von der Kalkkette anormal überlagert wird, sodann untere Süßwassermolasse und endlich bunte Nagelfluh, aus welcher die Honegg und die Blume aufgebaut sind. Die Gehänge und die Niederungen sind in wechselnder Mächtigkeit von quartären Ablagerungen bedeckt. Spuren zweier Lokalgletscher im Gebiet der Zulg, eines Tal- und eines Hängegletschers, beschrieb jüngst F. Antenen2 ).
Sigriswü. Auf die Entwicklung lokaler Gletscher am Sigriswiler Grat war unzweifelhaft der Aaregletscher von Einfluß. Dieser lagerte Moränen am Nordabhang der Blume bei Buchen und Teuffenthal in 1000 und 990 m. und bei Wtthribrücke in 900 m. ab. Auch am Südabhang der Blume finden sich oberhalb Gunten Moränenmassen; ja selbst auf der Ostseite, in dem Sattel von Mayersmad, wurden erratische Blöcke beobachtet3 ). Von Gunten gelangt man in jähem Aufstieg über eine 240 m. hohe Stufe zu der Terrasse von Sigriswil empor, die aus Nagel-fluhfels besteht. Hinter der Kirche ist in 800 m. Moräne aufgeschlossen, die auffallend viel lokale Kalk- und Flyschgeschiebe, aber wenig Urgestein enthält. Von 850 m. an aufwärts gewinnt der Gletscherschutt immer mehr an Mächtigkeit bis zu Punkt 1177 hinauf; hier und bei Roßbühl und Bündi nimmt er Wallform an. Besonders ausgeprägt ist ein Wall in 1030 m ., der bei Boden am Stampbach beginnt, über Bündi zieht und bei Schwanden am Südhang der Blume in Punkt 1020 „ auf Stalden " endet. Sowohl der Guntenbach als auch der Stampbach haben tiefe Gräben in den Gletscherschutt eingeschnitten, und in diesen Aufschlüssen finden sich hauptsächlich Gesteine der nächsten Umgebung, meistens eckige oder kantenbestoßene größere Blöcke von Lithothamnien-kalk, Hohgantsandstein und exotischem Granit. Dazu kommen aber auch vereinzelt graue Gneiße und helle Granite aus dem Aaregletschergebiet vor. Zwei solche Blöcke liegen auch bei Punkt 1225 im Gerstern-graben; in diesem ist oberhalb 1230 m. typische Lokalgletschermoräne aufgeschlossen, und deutliche Wälle ziehen bei der Alp Bodmi und Alpiglen bergabwärts. Bis zu 1500 m. hinab reichen mächtige, regelmäßig abgeböschte steile Schutthalden unter den Felswänden.
Viel schöner entwickelt sind Moränenwälle nördlich von Bodmi, die bei der Sigriswiler Allmend von Obere Matte gegen Stampf und Solsten-egg hinabführen und in 1200—1265 m. vom Rehlochbach aufgeschlossen sind. Sie gehörten einem lokalen Hängegletscher vom Nordwestabhang der Mähre an. Für diese beiden Lokalgletscher muß die Schneegrenze zu 1550—1600 m. angenommen werden.
Da diese besprochenen Moränen in Form und Zustand durchaus frisch und gut erhalten sind, gehören sie zeitlich in die Würm-Eiszeit. Im Maximum derselben reichte der Aaregletscher am Sttdabhang der Blume bis zu 1177 m ., vorübergehend vielleicht bis zu 1225 m. hinauf, und ein schmaler Gletscherarm floß über den Sattel von Mayersmad hinüber. Längere Zeit blieb die Eisoberfläche in 1030 m. Vom Nordabhang der Blume weg senkte sich ein breiter Gletscherlappen quer über das untere Zulgtal von 1000 m. gegen Schwarzenegg und Oberlangenegg zum Süderenkessel in 930—950 m. hinüber x ). Da für diese Zeit die Schneegrenze zu 1350 m. berechnet wurde2 ), reichten zwei Hängegletscher vom Sigriswiler Grat bis zu den Ufermoränen des Aaregletschers herunter; dies geht auch aus dem Gesteinsmaterial hervor. Die Moräne von Sigriswil in 800 m. dürfte etwas später, nämlich im Bühlstadium gebildet worden sein, als der Aaregletscher wenig unterhalb Thun bei Amsoldingen endete8 ). Im Bühlstadium existierten auch die zwei Hängegletscher bei Bodmi und bei der Solstenegg selbständig mit der Schneegrenze von 1550—1600 m. Drei Bäche am Westabhang der Blume, der Hünibach, der Riederenbach und der Örtlibach, sowie Guntenbach und Stampbach münden stufenförmig mit schönen Wasserfällen in den Thunersee. Die ersten vier haben in den See einen flachen, heute besiedelten Schwemmkegel aufgeschüttet.
Justistal. Eine ebenfalls gut ausgesprochene Stufenmündung mit 300 °/oo Gefälle besitzt auch der Grönbach, der einen Schwemmkegel Die Vergletscherung des Sigriswiler Grates.
S~ck wa fi, ~éî£ë
Erklärung
Th. un er See
FJI/a„S
". Zulg-Gebiet. Wie der Grönbach, so mündet auch die Zulg mit einem Schwemmkegel, auf dem sich eine geschlossene Dorfsiedlung, Steffisburg, erhebt, in das breite Aaretal. Im untern Zulgtal fließt der Bach in tiefer, unzugänglicher Schlucht; im Mittellauf oberhalb 900 m. ist das Tal trogförmig1 ), und das oberste Talstück ist ein Kar oberhalb einer Stufe, über welche der Bach in schönem Fall herunterstürzt. Das Trogtal wird von Felsrundbuckeln und von frischen Moränen des Zulgglet-schers umsäumt. Auf dem linken Abhang beginnt ein Wall in 1350 m. bei der Fiderzegg, wo Blöcke von Hohgantsandstein und exotischem Granit zahlreich sind2 ), biegt dann rasch nach Westen um und trägt die Gebäude von Vorder-Zugschwand. Diesem höchsten geht ein zweiter, tieferer Wall parallel, der östlich von Fiderzegg über dem Erizbannwald anhebt, gegen das Gehöft Hinter-Zugschwand verläuft und hier in 1200 m. vom Hüttligraben aufgeschlossen ist3 ). Beide Wälle vereinigen sich unterhalb Vorder-Zugschwand, und mit 110—120 °/oo Gefälle senkt sich die Ufermoräne zur Talsohle hinunter, auf welcher sie in 900 m. bei „ Tal " mit einer Mächtigkeit von 60 m. aufruht. Auf dem rechten Ufer beobachtet man 2 km. talaufwärts einen typischen Moränenaufschluß in 990 m. bei Linden an der Straße8 ). An die Moräne von „ Tal " schließt sich in 960—970 m. eine Schotterterrasse an. Talauswärts fehlen Moränen des Zulggletschers; dagegen finden sich solche im Quellgebiet. Ein typischer Wall beginnt rechts unterhalb der'Karstuf e bei Dreischübel, zieht über Punkt 1194 und endet bei Scheidzaun. Eine jüngere Endmoräne erreicht bei Punkt 1183 östlich von Geissegg die Talsohle. Bis hier herab reichen auch Endmoränen eines kleinen Gletschers, der im Sulzgraben lag. Drei Wälle sind besonders deutlich auf dem linken Ufer bei Marbach und Unter-Schöriz.T.ypisch sind Aufschlüsse am Bach in 1110 und 1170 m. Demnach gab es im Ursprungsgebiet der Zulg zwei kleine Gletscher mit einer Schneegrenze von 1500-1600 m ., und somit können zwei gut ausgesprochene Phasen des Zulggletschers unterschieden werden. Im Maximum der Würm-Eiszeit endete er in 900 m. bei „ Tal ", und ein Seitenarm reichte, wie Moränen bei Breitwang und Hengstli lehren, über die Talwasser-scheide von Rotmoos ins Gebiet des Groß-Emmengletschers hinüber. Im Bühlstadium besaßen zwei kleine Gletscher eine Schneegrenze von 1500 bis 1600 m. Heute bauen sich im ehemaligen Zungenbecken zahlreiche Schwemmkegel kleiner Bäche vor, und in den Ursprungsnischen ist die Anhäufung abgestürzten Schuttes sehr mächtig.
Antenen beschreibt auch Aufschlüsse am Hinter-Horrenbach und am Horrenbach und deutet diesen Schutt als Ufermoräne des Zulggletschers1 ). Nach meinen Beobachtungen liegen diese 50-100 m. hohen Entblößungen da, wo gut ausgesprochene Moränenwälle endigen, die parallel zu den Bächen aus den Nischen von Hinter-Schöriz und Zettenalp herunterziehen. Am Hinter-Horrenbach ist nicht nur eine typische Endmoräne in 1260 m. bei Vorder-Schöriz aufgeschlossen, sondern Aufschlüsse gehen bis 1030-50 m. hinab. Am Horrenbach treten solche unmittelbar bis oberhalb der Mühle auf. An diese Moränen schließt sich beim Schulhaus ebenfalls eine Schotterterrasse in 935-960 in. an, auf welcher das Gehöft Krösch steht. Sie fällt 120 m. tief, steil zur Zulg hinunter. Diese hohe Lage der Schotter läßt sich nur durch eine talabwärts erfolgte Stauung erklären. Letztere wurde durch den Aaregletscher verursacht. Wie im Ursprungsgebiet der Zulg, so finden sich auch in den Nischen von Hinter-Schöriz und Zettenalp jüngere Endmoränen, in der ersteren in 1320 m. und in der letztern in 1290-1410 m. Hier lagen also zwei kleine Gletscher mit einer Schneegrenze von 1500-1600 m. Das war im Bühlstadium.
Ergebnisse. 1. Die eiszeitliche Vergletscherung hat am Sigriswiler Grat deutliche Spuren, Ablagerungen und Oberflächenformen, hinterlassen.
2. Die Ablagerungen, Moränen und Schotter, stammen aus der Würm-Eiszeit und aus dem Bühlstadium.
3. Im Maximum der Würm-Eiszeit reichte der Aargletscher am Westabhang des Sigriswiler Grates 1000-1200 m. hinauf und staute die Schmelzwässer des Zulgtales. In demselben endeten drei Gletscher in 900-1000 m. selbständig.
4. Im Bühlstadium gab es sieben selbständige Gletscher am Sigriswiler Grat; der größte lag im Justistal; zwei andere waren im Quellgebiet der Zulg, und vier kleine Hängegletscher befanden sich am Nordwestabhang. Die Schneegrenze lag in 1500-1600 m.
. ' ) Loc. cit ., pag. 124.
5. In den von diesen Lokalgletschern bedeckten .Gebieten finden sich zwei Trogtäler mit mehreren Talstufen und mit Stufenmündungen, Karnischen und Talwasserscheiden.
6. Diese Formen existierten zum größten Teil vor der letzten Eiszeit und sind als Werk früherer Vereisung aufzufassen.
7. In der Postglacialzeit schütteten zahlreiche Bäche flache Schwemmkegel in den Trogtälern auf, und in den Quellnischen bildeten sich durch Absturz gewaltige, steile Schutthalden.
Dr. F. Nußbaum ( Sektion Bern ).