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Ein grosses marodes Eingangstor aus Holz in der Strasse Prim und dahinter die Überraschung: Eine verfallene Kolonialarchitektur, überwuchert von tropischen Pflanzen, schafft eine unerwartet noble und mystische Atmosphäre. Die zwei benachbarten Herrenhäuser, die Anfang des 20. Jahrhundert in Mexiko-Stadt erbaut wurden und dann verfielen, zeugen von Geschichte und strahlen Prestige aus. Nachdem die Häuser über vierzig Jahre leer standen, wurden sie 2014 renoviert. Der Ausdruck der charmanten Ruine sollte dabei bewahrt – ja gar inszeniert werden. Die abblätternde Fassadenfarbe, die überhohen Fenster ohne Glas und sogar die Graffiti der Menschen, die sich illegal in den Gebäuden aufhielten, wurden so belassen, wie sie vorgefunden wurden. Heute werden die ehemaligen Residenzen als Veranstaltungsort für Kunstausstellungen, Modeschauen oder private Veranstaltungen wie Hochzeiten vermietet. Kontrast und der Umgang mit der Zeit prägen auch die jüngste Addition des Proyecto Público Prim : Eine kürzlich fertiggestellte Dachstruktur, die die drei Innenhöfe eines der Herrenhäuser überdeckt.
Im Grunde ist der gesamte Stadtteil Juarez, in dem das Projekt angesiedelt ist, vom Kontrast zwischen Reichtum und Armut, Alt und Neu gekennzeichnet. Gut gekleidete Geschäftsleute und Touristen gehen neben Bettlern und jungen Leuten in Ausgehklamotten auf demselben löchrigen Bürgersteig. Es ist die Geschichte des Quartiers, die zu diesem Bild führt: Die ersten Gebäude der Juarez wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von wohlhabenden Familien errichtet, die versuchten, eine europäische, exklusive Lebensweise zu schaffen. Später zogen diese Familien weiter und liessen Raum für Künstler und Intellektuelle, die das Viertel von den 1960er bis zu den 1980er Jahren belebten. Ein starkes Erdbeben im Jahr 1985 verursachte grosse Schäden, sodass viele Bewohner auf festeren Boden flüchteten und die «Colonia Juarez» in ein Ruinenviertel zerfiel. Seit rund zehn Jahren bemüht sich nun die Stadt um die Regeneration des Quartiers.
Über eine wackelige Holztreppe gelangt man auf die Dachterrasse , überdeckt von einer über fünfzig Meter langen, wintergartenähnlichen Konstruktion aus 45 Fachwerkträgern in weiss gestrichenem Stahl. Die Materialität und die klare Geste eines geraden, ununterbrochenen Bauwerks setzen sich vom Bestand ab und schützen nicht nur die bestehenden Innenhöfe vom Wetter, sondern auch Dachterrassenbereiche, zwei Treppenhäuser und ein verbindender Seitengang. Zwei Arten von Kunststoffabdeckungen – eine transparente und eine opake – und Textilbänder filtern das teils kräftige Sonnenlicht in Mexiko, ohne den Blick in den Himmel von den Innenhöfen aus zu verdecken. Grosse Stahlgefässe sind mit prächtigen Pflanzen gefüllt, die in die Innenhöfe herabhängen und gleichzeitig ein Gegengewicht zum Stahlskelett bilden.
Die Architekten der Dachkonstruktion, die im Februar dieses Jahres eingeweiht wurde, spielen auf sehr dezente Weise mit Transparenz, Symmetrie und dem Tragwerk. Sie nennen sich Productora – entsprechend ihrer Philosophie des Produzierens. Sie zeichnen sich immer wieder durch ihre für Mexiko ungewöhnliche Präzision aus, nicht nur im Entwurf, sondern gerade auch in der Ausführung. Ihre Projekte aus erdfarbenem Sichtbeton, die zeitlos wirken, verschafften ihnen weltweite Anerkennung. Im Gegensatz dazu scheint ihr Werk Prim mit industrialisierten synthetischen und damit wenig nachhaltigen Materialien leicht und temporär. Es glänzt in seiner Neuheit ebenso wie die Skyline der Hochhäuser an Mexikos Hauptboulevard, dem Paseo de la Reforma, nur wenige Strassen entfernt.
Unsere Autorin lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt und betreibt die Plattform «Learning from Mexico».