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15.09.2017
Das Unerklärliche erklärt
Philip Yancey kann es nicht lassen. Zeit seines Lebens beschäftigt ihn das Unverständliche unserer Existenz. Als Zweijähriger musste er miterleben, wie sein Vater an Kinderlähmung starb, obwohl Tausende von Christen um seine Heilung gebetet hatten. Es ist nicht sein erstes Buch zum Thema. Immer wieder bezieht er sich auf sein Standardwerk von 1979: "Schmerz. Hat Gott denn kein Mitleid?" Mich hat vor allem sein Buch über Hiob ("Von Gott enttäuscht") beeindruckt.
Ausführlich geht Yancey auf jüngste Krieges- und Katastrophenbeispiele ein: den Balkankrieg von 1991-1999 mit über 100'000 Toten, und hier vor allem die verheerenden Folgen für die Stadt Sarajevo; den Tsunami von 2011 in Japan und den Amoklauf von 2012 an einer Grundschule in Newtown, bei dem zwanzig Schüler und sechs Lehrkräfte umgebracht wurden. Er schreibt nicht als neutraler Beobachter, sondern versucht vor Ort, sich in die Situation der Betroffenen hineinzuversetzen. Und überall sollte er als Referent gute Argumente liefern, wie das alles passieren konnte. Aber Yancey hat es längst aufgegeben, mit Patentantworten das Warum zu beantworten versu-chen. Auch er als "Fachmann" kann sich nicht erklären, warum Gott in solchen Situationen schweigt. "Wir können nicht damit rechnen, dass Gott unmittelbar in die Geschichte der Menschheit eingreift", schreibt er desillusioniert. Seine Argumentationsschiene weist in eine andere Richtung: "Jeder Text des Neuen Testaments, der sich mit dem Thema Leiden beschäftigt, lenkt den Blick von der Ursache hin zu unserer Reaktion."
Yancey wechselt die Perspektive. Auf die Frage, wo Gott ist, wenn wir leiden, versucht er sich nicht in theologi-schen Spekulationen, sondern weist die Christen an ihren "Arbeitsplatz": Gott ist heute in der Kirche, bei den Men-schen, die er beauftragt hat. Sie (und nicht Gott selber) sollen ihn hier auf der Erde vertreten und gewissermas-sen als seine Stellvertreter Mitgefühl zeigen und praktische Hilfe für die Betroffenen anbieten. Und dann nennt er x praktische Beispiele von Christen, denen die Not der Leidenden ans Herz ging und sie zu Pionieren der Barm-herzigkeit machte. "In unserer modernen Welt, die davon ausgeht, dass Gott abwesend ist oder sich für unsere Situation nicht interessiert, ist 'Christus Gott, der uns zuruft: Ich bin da". Das Buch schliesst mit dem Spitzensatz: "Wir leben wie die Jünger an Karsamstag: Unser Grundproblem ist gelöst, das Böse ist besiegt, auch wenn die Auferstehung noch vor uns liegt: Gottes grosses Versprechen, dass er einmal alles neu machen wird." Auf der neuen Erde werden Schmerz und Leid definitiv überwunden sein.