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Das musst du wissen
- Auf Twitter postet Elisabeth Bik gefälschte Bilder, die sie in Studien entdeckt, in Form von Rätseln.
- Damit möchte sie andere Wissenschaftler wachrütteln und auf die Betrügereien aufmerksam machen.
- Bisher hat Bik rund 4000 Bildfälschungen entdeckt, darunter auch einige des französischen Mikrobiologen Didier Raoult.
Warum wir sie kontaktiert haben. Am 22. März 2021 postete sie auf Twitter einen Schwall problematischer Bilder aus wissenschaftlichen Publikationen, die von Professor Didier Raoult unterzeichnet waren. Es war nicht das erste Mal, denn bereits im April 2020 hatte sie die Arbeit des Marseiller Forschers zu Hydroxychloroquin in Frage gestellt. Didier Raoult nannte sie daraufhin eine «Hexenjägerin» und im vergangenen Herbst eine «Spinnerin». Davon lässt sie sich nicht einschüchtern: Mit Beharrlichkeit und einer gewissen Freude setzt sie ihre Überprüfungen fort. Heidi.news konnte mit ihr sprechen.
Ihr Hintergrund. Elisabeth Bik ist eine niederländische Mikrobiologin, die sich auf das Aufspüren von Bildmanipulationen in wissenschaftlichen Publikationen spezialisiert hat. Bevor sie 2019 alle bezahlten beruflichen Tätigkeiten aufgab, um sich voll und ganz dieser wissenschaftlichen Arbeit zu widmen, studierte sie Biologie an der Universität Utrecht. Ihre Doktorarbeit galt der Erforschung neuer Virusstämme, die Cholera-Epidemien auslösen. Danach ging sie an die Stanford University in Kalifornien, wo sie ab 2001 zum menschlichen und tierischen Mikrobiom forschte.
Im Jahr 2014 gründete sie ihren Blog Microbiome Digest. Auf dieser Plattform kommentiert sie wissenschaftliche Publikationen in ihrem Fachgebiet Mikrobiologie. Sie bat Twitter für die Verwaltung des Blogs und dessen Einfluss auf die wissenschaftliche Gemeinschaft um Unterstützung.
Als sie 2016 Stanford verliess, um sich einem privaten Unternehmen anzuschliessen, das sich auf die Sequenzierung des menschlichen Mikrobioms spezialisiert hat, setzte sie ihre Arbeit als Science Watchdog auf ihrem Blog fort. Doch als diese Tätigkeit immer aufwändiger – und auch spannender – wurde, liess sie 2019 alles stehen und liegen, um sich ganz auf diese Aufgabe zu konzentrieren.
Sie hat auch andere Blogs ins Leben gerufen, darunter Science Integrity Digest, in dem sie Betrügereien in Bezug auf wissenschaftliche Integrität aufdeckt. Sie schreibt regelmässig für Retraction Watch und Pubpeer, wo sie über ihre Funde zu gefälschten oder kopierten Bildern berichtet und darüber diskutiert.
Aus ihren Recherchen hat sie mehrere Studien veröffentlicht, darunter eine über Risikofaktoren für wissenschaftliches Fehlverhalten, die im Februar 2018 im Fachmagazin Science and Engineering Ethics erschienen ist.
Als sie am 21. Februar 2020 Alarm schlägt, wird ihr echte internationale Anerkennung zuteil:
I am ringing the alarm.
We have now found >400 papers that all share a very similar title layout, graph layout, and (most importantly) the same Western blot layout.
This is a massive #PaperMill of (what we assume) fabricated data.
— Elisabeth Bik (@MicrobiomDigest) February 21, 2020
Sie verkündet, dass sie «über 400 Artikel entdeckt hat, die alle einen sehr ähnlichen Titel und eine ähnliche Grafik und vor allem das gleiche Layout haben.» Dabei deckt sie die Praktiken von Fake-Science-Publikationsfabriken in China zwischen 2018 und 2020 auf. Ihre Arbeit wird von der Zeitschrift Science gelobt. Die Forscherin weist weiter darauf hin, dass die Zahl ähnlicher Fälle in die Tausende geht.
Rätselaufgaben. Elisabeth Bik ist unter dem Namen @MicrobiomDigest auf Twitter sehr aktiv und hat mehr als 90 000 Follower. Sie nutzt dieses soziale Netzwerk viel, um ihre Entdeckungen zu teilen und die wissenschaftliche Gemeinschaft zu alarmieren. Sie gibt ihr Rätsel auf, um sie wachzurütteln und auch um sie auf diese Betrügereien aufmerksam zu machen.
Elisabeth Bik erklärt:
«Der Hashtag #ImageForensics präsentiert diese Bilder als Rätselaufgaben. Es geht fast immer um die Bilder, nicht um die Autoren. Es ist zwar ein Spiel, bei dem man lernt, diese Duplikate zu erkennen, aber es hat einen sehr ernsten Hintergrund.
Wissenschaftliches Fehlverhalten wird oft durch eine schlechte Stimmung in einem Labor, einen tyrannischen Professor oder enormen Erfolgsdruck verursacht. Wenn solche Fälle aufgedeckt werden, können nicht nur die Personen, die dies getan haben, bestraft werden, sondern es betrifft ebenso alle anderen Autoren, die Labormitarbeiter und die Institution. Es ist für alle eine traurige Geschichte. Deshalb bewahre ich auf Twitter normalerweise die Anonymität der Artikel.»
Berühmt in den Niederlanden und der englischsprachigen Welt, widmete ihr die Zeitschrift Nature am 13. Mai 2020 ein detailliertes und umfassendes Profil:
«Elisabeth Bik ist nicht die einzige Bildforscherin der Welt, aber präsentiert ihre Arbeit öffentlich, auf einzigartige Art und Weise. Viele Bild-Überprüfer arbeiten im Verborgenen, publizieren ihre Ergebnisse in Forschungsberichten und schreiben privat an Zeitschriften. Einige wenige werden von Zeitschriften oder Institutionen angestellt. Dann gibt es diejenigen, die nur mit Pseudonymen unterzeichnen. Aber Bik postet ihre Ergebnisse fast täglich auf Twitter und in anderen Online-Foren, lehrt andere, wie man Duplikate erkennt und setzt Zeitschriften unter Druck, Artikel zu untersuchen. Damit hat sie eine Lawine von Rückmeldungen und ein Bewusstsein für das Problem ausgelöst. Bik schätzt, dass ihre Erkenntnisse zu mindestens 172 Rücknahmen und mehr als 300 Errata und Korrekturen geführt haben – aber zu oft, sagt sie, scheinen ihre Hinweise ignoriert zu werden.»
Der Fall Didier Raoult. Die Wissenschaftlerin «amüsiert sich» bei dieser Arbeit. Auch wenn es ihr Kritik, Drohungen und Schikanen einbringt und sie zudem mit Anfragen zur Überprüfung überhäuft wird. An einem Tag ununterbrochener Recherche kann sie etwa hundert Artikel durchgehen und zwischen «einem und zwanzig Treffern zu ihrer Datenbank hinzufügen», wie die Zeitschrift Nature schreibt.
Sie ist sich des Risikos bewusst, wenn sie die kleinen Manipulationen in wissenschaftlichen Publikationen aufdeckt, wurde aber bisher nicht belangt. Sie wird jedoch häufig als «Miststück» bezeichnet. Sie nimmt dies gelassen.
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In letzter Zeit hat Professor Didier Raoult sie mit Schimpfworten eingedeckt. Genervt davon, «von diesem Mädchen gejagt» zu werden, bezeichnete er sie während seiner Anhörung vor dem französischen Senat am 15. September auch als «verrückt».
Hat diese Bezeichnung sie wohl dazu veranlasst, die rund 3500 vom Marseiller Professor gezeichneten Publikationen besonders zu untersuchen? Elisabeth Bik:
«Nicht wirklich, ich hatte schon angefangen, seine Papiere zu prüfen, bevor er mich so nannte. Es steht ihm frei, mich zu nennen, wie er will, und das wird mich sicher nicht aufhalten. Ich interessiere mich nicht für wissenschaftliche Integrität, um mir Freunde zu machen. Feindseligkeiten und Beleidigungen sind Teil des Jobs. Es ist jedoch bemerkenswert, dass solche Äusserungen von einem Professor kommen. Es wird seinem beruflichen Ruf nicht zuträglich sein.»
Aber was motiviert sie dann, diese strenge Arbeit fortzusetzen? Sie fährt fort:
«Die Wissenschaft soll der Wahrheit dienen, und jede wissenschaftliche Arbeit baut auf anderen wissenschaftlichen Arbeiten auf. Wenn eine wissenschaftliche Arbeit Fehler oder – schlimmer noch – gefälschte Daten enthält, können andere Forscher viel Zeit damit vergeuden, wenn sie versuchen, diese Studie zu replizieren. Dies ist eine Verschwendung von Zeit, Geld und Mühe. Selbst nach einer Peer Review können Forscher immer noch unabsichtliche Fehler oder unklare Daten finden. Die Arbeiten können dann noch korrigiert oder zurückgezogen werden.
Ich habe kein besonderes Interesse an einzelnen Forschern, sondern an Forschungsarbeiten, die duplizierte Bilder enthalten. Zurzeit habe ich etwa 4000 wissenschaftliche Arbeiten gemeldet, und einige davon sind von Professor Raoult.»
Ihre ersten Fragen zu Didier Raoults Publikationen galten dem Thema Hydroxychloroquin im April 2020. Seither hat sie sich auch ältere Publikationen des Forschers angeschaut und am 22. März auf ihrem Twitter-Feed einen Schwall von Rätselaufgaben über den Professor und das Universitätsinstitut für Infektionskrankheiten IHU in Marseille, das er leitet, gepostet:
Here is a summary of some image problems found in papers by the current @IHU_Marseille director affiliated with @univAMU_Europe – the same person who claimed Hydroxychloroquine was a potent #COVID19 cure.
(thread).
— Elisabeth Bik (@MicrobiomDigest) March 22, 2021
Das löste eine Flut von Reaktionen und Grabenkämpfe zwischen Pro- und Anti-Raoult aus. Elisabeth Bik bleibt gelassen und ist sich bewusst, dass sie den Zorn von Raoults Befürwortern auf sich zieht:
«Ein guter Forscher muss sich um die Qualität seiner Arbeit und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft sorgen. Wenn jemand Bedenken wegen eines möglichen Fehlers äussert, besteht eine professionelle Reaktion darin, diese Bedenken ernst zu nehmen und zu den ursprünglichen Messungen zurückzugehen, um zu sehen, was falsch gelaufen sein könnte, und den Fehler vielleicht zu korrigieren. Die Menschen anzugreifen, die diese Bedenken äussern, ist eine unerwartete Reaktion. Und leider ist Professor Raoult auf die meisten Fragen, die ich und andere aufgeworfen haben, nicht eingegangen. Ich habe auch nicht erwartet, dass so viele Follower auf Twitter, von denen nur sehr wenige Wissenschaftler sind, ihm folgen, um mich anzugreifen. Aber ich habe keine Angst, denn das könnte ein Zeichen dafür sein, dass er Angst hat.»
Verteidigung gegen die Angriffe. Die häufigsten Angriffe auf Elisabeth Bik beziehen sich auf angebliche Interessenkonflikte. Nachdem sie vor zwei Jahren alle bezahlten Aktivitäten eingestellt hat, tauchen immer wieder Fragen nach ihren Ressourcen auf und woher diese kommen. Sie können ihre Antwort dazu auf Science Integrity Digest lesen. Was hat es mit diesen ständigen Verdächtigungen auf sich? Elisabeth Bik antwortet:
«Auf meiner Webseite Science Integrity Digest gibt es eine Seite, die meine Einnahmequellen erläutert, und ich habe dort viele Links gesetzt. Aber manche Leute können einfach nicht aufhören, mit provokativen Nachrichten Diskussionsforen zu überschwemmen.
Ich erhielt Beratungsmandate für die Untersuchung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens von Universitäten und von Verlagen sowie von einer Mikrobiologie-Firma. Zudem werde ich für Seminare über Forschungsintegrität an Universitäten beauftragt und bezahlt.
Ich habe auch ein Patreon-Konto, auf dem Leute mir jeden Monat einen bis fünf Dollar oder Euro geben können. Ich bekomme kein Geld von Pharmaunternehmen. Aber es spielt keine Rolle, wie oft ich es sage, man wird mich weiterhin danach fragen.»
Elisabeth Bik ist sich bewusst, dass sie mit ihrer Hartnäckigkeit den Ruf von Didier Raoult aufs Spiel setzt. Aber sie bleibt unerschütterlich:
«Am Ende des Tages, wenn ein Wissenschaftler des Fehlverhaltens für schuldig befunden wird, ist es nicht wegen des Whistleblowers, sondern wegen seiner eigenen Taten.»