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Der Musenkuss
Oft begegnet man im Zusammenhang mit Kunst dem Begriff «Musenkuss». Doch wer wird da geküsst und warum küsst die Muse? Eines vorweg: Ganz besonders Ende Jahr, wenn scheinbar alles zu Ende geht, haben Musen Hochkonjunktur.
Der Gebrauch einer gendergerechten Sprache würde diese kurze Abhandlung zu einem vielseitigen Roman aufbauschen. Um der drohenden Verleihung eines Buchpreises zu entgehen, verwende ich das generische Maskulin, ein als kosmetisches Deckmäntelchen getarnter grammatikalischer Tschador, wenn es das wahre Geschlecht zu verhüllen gilt.
Die Welt ist klar unterteilt in Mann und Frau, Kerl und Weib, schöpfend und erschöpfend. Dem schwachen Geschlecht ist es nicht vorbestimmt, etwas Eigenes zu kreieren. Immerhin wird ihm die Inspiration zugestanden. So zeigt es die Geschichte.
Wer küsst denn da?
Was ist eine Muse?
Eine Muse ist eines der neun Mädchen, die der potente Zeus mit der Quellgöttin Mnemosyne zeugte.
Wie alt sind die Musen?
Gewiss sind Musen jünger als ihr Zielobjekt, doch inzwischen sind sie Tausende von Jahren alt und küssen immer noch.
Was ist ein Kuss?
Ein Berühren von jemandem mit den Lippen zum Zeichen der Liebe.
Ist ein Musenkuss also ein oraler Körperkontakt?
Nein! Ein Musenkuss dient nicht der körperlichen Erregung, sondern der geistigen Inspiration. Eine Anregung zum kreativen Schaffen, das Neues entstehen lässt.
Wer wird geküsst?
Was passiert, wenn ein Künstler von einer Muse geküsst wird?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten:
a) Er schliesst sich in seinem Zimmer ein und schreibt einen Roman.
b) Er malt Sonnenblumen mitten im Winter.
c) Er versucht, seine Inspiration im Alkohol zu ertränken.
Was passiert, wenn ein «Kunstfremder» von einer Muse geküsst wird?
Auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten:
a) Er ist irritiert und schreibt einen Leserbrief.
b) Er wird zu einem Künstler.
c) Er versucht, seine Inspiration im Alkohol zu ertränken.
Der Eindruck führt zum Ausdruck, führt zum Eindruck, führt zum….
Warum küsst die Muse?
Inspiration kommt von Aussen, das haben die Griechen klar erkannt. Der Mensch als egoistisches Wesen ist zu sehr mit sich selber beschäftigt, als dass er etwas ohne äusseren Ansporn erschaffen könnte, das über sein Leben hinaus Bestand hat. Die Muse ist ein göttliches Bindeglied und überträgt Genialität in die Köpfe der Geküssten, die auf ihre Art der Eingebung Gestalt verleihen.
Was passiert bei einem Schriftsteller?
Ein Schriftsteller entwickelt eine übergrosse Liebe zum Schreiben.
Was passiert bei einem Maler?
Ein Maler sieht sich selber beim Malen zu und erfasst die Formen und Farben erst nach getaner Arbeit.
Was passiert bei einem Musiker?
Selbst in den Pausen erklingen himmlische Töne, wenn er komponiert.
Was passiert bei einem Lebenskünstler?
Alles schwebt. Kein Problem, das selber gelöst werden muss.
Und ewig küsst die Muse
Ist alles Kunst, was von der Muse geküsst wird?
Ja, ganz eindeutig. Bei jedem Kunstwerk war eine Muse im Spiel. Nicht immer klar ist, ob tatsächlich eine Muse am Küssen war, wenn uns etwas präsentiert wird, sei es ein Gedicht, ein Bild oder ein Lied. Vielleicht wurde die Muse im Alkohol ertränkt, bevor sie küssen konnte.
Wann küsst die Muse?
Musen küssen, wenn wir stillhalten. Sie sind sehr lärmempfindlich und scheu. Man soll ihnen Zeit lassen. Oft jahrelang.
Welches ist der beste Zeitpunkt für einen Musenkuss?
Immer. Ganz besonders Ende Jahr, wenn scheinbar alles zu Ende geht, haben Musen Hochkonjunktur. Sie können viele Gestalten annehmen, selbst Tauben.
In diesem Sinn seid herzlich geküsst und küsst herzlich im Neuen Jahr!
- Website Algimantas Kalvaitis