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Sanierung, Erweiterung und Fassade
Ausgangslage
Das Stadtmuseum Aarau ist seit 1939, anfänglich unter dem Namen «Alt Aarau» im vormals so genannten «Schlössli» untergebracht. Der mächtige, aus grossen Steinblöcken gemauerte Turm aus dem 13. Jahrhundert, der ausserhalb der Stadt steht, erhielt zu verschiedenen Zeiten An- und Aufbauten. 1971 wurden vorgelagerte alte Wohn- und Gewerbebauten abgebrochen, um eine Terrasse zu schaffen, die dem «Schlössli» eine freie Stellung im Stadtbild verschafft. Sein Eingang aber befand sich abseits des Schlossplatzes, etwas verborgen, am Ende der Terrasse.
Das Stadtmuseum bestand zum grösseren Teil aus eingerichteten, historisierenden Räumen. Für Ausstellungen gab es kaum Platz. Darum war die Gesellschaft zur Förderung des Stadtmuseums seit ihrer Gründung 1992 bestrebt, diesen Mangel durch eine Erweiterung zu beheben. Dabei sollten die Aufgaben des Stadtmuseums weiter gefasst werden. Auf ein entsprechendes Gutachten hin wurden 2006 fünf Architekturbüros zum Studienauftrag eingeladen. Als Standort der Erweiterung war die genannte Terrasse vorgesehen.
Rochade
Das Programm umfasste im Wesentlichen eine Eingangshalle, einen grossen Raum für wechselnde Ausstellungen (2.OG), einen Raum für Film- und Videovorführungen (2.UG) und einen grossen Raum für die Verwaltung des Stadtmuseums (4.OG). Die Jury wählte den Entwurf der Arbeitsgemeinschaft der Architekten Diener & Diener, Basel und Martin Steinmann, Aarau. Die Verfasser hatten eine Rochade vorgenommen, indem sie vorschlugen, das Stadtmuseum statt am vorgegebenen Ort im Garten des Hauses „zur Münz“ am unteren Ende des Schlossplatzes zu erweitern. Dafür musste im Garten der rund 120 Jahre alte Mammutbaum (Sequoia) weichen.
Für die Rochade sprach ein schlagender betrieblicher Grund. Durch die Erweiterung unmittelbar beim westlichen Anbau von 1760 wurde der alte und der neue Teil des Schlössli mit einem Treppenhaus und Aufzug erschlossen und damit zu einem Ganzen verbunden. Der zweite Beweggrund war ein städtebaulicher. Am vorgeschlagenen Ort bildet die Erweiterung eine klare Begrenzung des Schlossplatzes und verschafft dem Stadtmuseum eine angemessene Sichtbarkeit in der Stadt. Spannungsvoll zwischen das Kultur- und Kongresshaus und das Forum gesetzt, liegt das Stadtmuseum vom Platz aus innert weniger Schritte erreichbar. Zusammen bildet das Ensemble ein kulturelles Zentrum von Aarau.
Erneuerung und Erweiterung
Die Arbeiten konnten nach verschiedenen Einsprachen 2012 beginnen. Sie umfassten einerseits die Sanierung der alten Räume, wo sich die Konstruktion teilweise in einem schlechteren Zustand befand als erwartet, andererseits die Realisierung der neuen Räume. Die Erweiterung ist in ihrem Aufbau einfach, indem die vier genannten grossen Räume aufeinander gestapelt sind. Sie sind zweimal so hoch wie die Räume des Altbaus. Die Beziehung zwischen dem alten und dem neuen Teil zeigt sich anschaulich im Schnitt: Von den Podesten des Treppenhauses gelangt der Besucher auf dem ersten Geschoss in beide Teile, auf dem zweiten nur in den alten, auf dem dritten wieder in beide Teile. Alternierend zwischen Alt und Neu können die Besucher aus einem vielfältigen Angebot an Räumen mit besonderen Grössen, Gestaltungen und Stimmungen wählen.
Die Erweiterung greift drei Geschosse tief in den Fels hinunter, wovon das dritte der Haustechnik vorbehalten ist. Das verlangte eine aufwändige Sicherung gegen das Eindringen von Wasser. Die tragenden Wände sind aus Beton mit einer Stärke von 20 cm. Aussen sind die Wände mit 20 cm Mineralwolle gedämmt. Davor steht auf drei Seiten eine äussere Schale aus Backstein, die verputzt ist und bepflanzt wurde. Die Platzfassade ist als Vorhangfassade ausgebildet. Das zurückgesetzte verglaste Dachgeschoss ist von einem nach innen geneigten Spalier umgeben.
Kunst und Bau
Eine besondere Bedeutung trägt die zur Stadt gerichtete Fassade. Josef Felix Müller verwendete zu ihrer Gestaltung das Holz des gefällten Mammutbaums (Sequoia). Der St. Galler Künstler wurde durch figurative Arbeiten bekannt, die er mit der Motorsäge aus solchem Holz geschnitten hatte. Für das Stadtmuseum „gravierte“ er 134 menschliche Figuren in die ca. 95 x 200 cm grossen Platten. Davon wurden in einem ersten Schritt Matrizen und in einem zweiten Schritt Betonelemente gegossen, die zu einem riesigen Fassadenbild gehängt wurden.
Müllers Figuren sind Menschenbilder, die als das lebendige Gegenstück zum Totentanz, den Felix Hofmann auf den Obertorturm gemalt hatte, gelesen werden können. Sie sind ein lebendiger Querschnitt aus dem «Volk», wie der Arbeitstitel lautet. Sie stellen die im Stadtmuseum gesammelten Gegenstände in direkten Zusammenhang mit den Menschen, welche die Gegenstände gemacht und für ihre wechselnden Bedürfnisse gebraucht haben.
Die Figuren stehen frontal, sind Individuen, selbstbewusst und aufrecht. Sie bringen Rhythmus und Struktur, gliedern die Fassade und setzen einen Massstab: einen menschlichen. Was könnte passender sein für ein Stadtmuseum?
Schlossplatz
Gleichzeitig mit den Arbeiten für das Stadtmuseum wurde der Schlossplatz von der Laurenzenvorstadt her von Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich, neu gestaltet und im unteren Teil verbreitert. Die Eingangshalle des Stadtmuseums bildet gewissermassen seine Fortsetzung, indem zwei von ihren breiten Fenstern bei gutem Wetter aufgeschoben werden können. Breite Treppenstufen führen seitlich vom Schlossplatz zum neuen Schlosspark, der Terrasse über dem Schlösslirain, der mit Bänken zum Verweilen einlädt.
Nachhaltigkeit
Für den alten Teil des Stadtmuseums, das Schlössli, wurde das Minergie-Modernisierungs- Zertifikat, für den Neubau das Minergie Eco – Zertifikat erreicht.