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Massive Umweltbelastung, Gesundheitsprobleme und eine ungewisse Zukunft prägen viele Gemeinschaften im Einflussbereich der Kohlenmine El Cerrejón
Von Stephan Suhner
Im Oktober 2019 war ich erneut zehn Tage in der Guajira und begleitete ein Filmteam. Wir besuchten vor allem das indigene Reservat Provincial sowie die Gemeinschaften El Rocío und Manantialito. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Umweltbelastung durch die Mine und den daraus resultierenden Gesundheitsproblemen. Wir trafen jedoch auch auf andere negative Auswirkungen wie schlechtere Ernten und mangelnder Lebensraum, und auf grosse Unsicherheiten in Bezug auf die Erweiterungspläne der Mine und die Zukunft der Gemeinschaften.
Am meisten Zeit verbrachten wir mit BewohnerInnen von Provincial. Dieses Resguardo der Wayuu liegt in Sichtweit der Mine, teilweise nur wenige Hundert Meter entfernt. Die Staubbelastung in Provincial ist gross, die Gemeinschaft verfügt über zu wenig Trinkwasser und hat den Zugang zum Fluss Ranchería und zum umliegenden Territorium weitgehend verloren. Der Fluss Ranchería ist stark verschmutzt, eine Wasseraufbereitungsanlage funktioniert nur ab und zu und Cerrejón und das Bürgermeisteramt liefern 1000 Liter Wasser pro Familie alle 14 Tage, für die grossen Familien viel zu wenig. Frühere Tätigkeiten wie Fischfang, Jagd und Landwirtschaft sind nur noch sehr bedingt möglich, die Tiere überweiden das Land, weil die Fläche zu klein ist. Viele Bewohner müssen ausserhalb der Gemeinschaft eine bezahlte Tätigkeit suchen, wobei die Mine El Cerrejón kaum Personen aus Provincial anstellt, da sie nicht über das gesuchte Jobprofil verfügen würden. Auch haben sich dadurch die Essgewohnheiten verändert, statt Fisch, Kaninchen, Bohnen, Yuca etc., gibt es heute mehr Reis und Hühnchen oder gar Junkfood.
Gravierend sind insbesondere die Gesundheitsprobleme. Erwachsene, Jugendliche und vor allem Kinder sind betroffen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern gehören Hautkrankheiten wie Ausschläge und Juckreiz, Atemwegserkrankungen, Husten und andauernde Grippesymptome. Die Gesundheitsprobleme beginnen im Kleinkindalter. Wir konnten wenige Monate alte Babys sehen, die am ganzen Körper Hautausschlag haben, oder die Asthma und Atemprobleme haben. Es gab auch Fälle von Kleinkindern, die vor dem ersten Lebensjahr starben. Einige Frauen berichteten von Spontanaborten und Frauenkrankheiten, die sie ebenfalls auf die Umweltverschmutzung durch die Mine zurückführen. Viele junge Frauen haben Angst, Kinder zu kriegen, weil diese höchstwahrscheinlich krank werden. Das grösste Problem ist, dass über all diese Gesundheitsprobleme keine genaue Diagnose erstellt wird, so dass weder die Ursache klar ist und diese allenfalls behoben werden könnte, noch eine gezielte medizinische Behandlung gegeben ist. Als wir vor Ort waren, litt das neunmonatige Mädchen von Luz Angela Uriana an schlimmem Hausausschlag. Was es ist und von was es verursacht wird, weiss die Mutter nicht. Ärzte machen keine genaue Diagnose, sagen aber, dass sie Antibiotika nehmen sollen und Cremes. Im besten Fall weisen sie allgemein auf die Verschmutzung hin. So bekommen schon Kleinkinder regelmässig viel zu viele Antibiotika. Viele Medikamente und regelmässige Untersuchungen werden von den Gesundheitsdienstleistern EPS nicht bezahlt. Die Betroffenen müssen Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlen, ebenso wie den Transport zum Arzt. Viele Mütter gehen deshalb mit den Kindern immer wieder auf die Notfallstation. Mehrere Kinder unter zehn Jahren haben massive Atemprobleme und müssen immer wieder notfallmässig an die Sauerstoffflasche, ihr Atem rasselt und sie husten andauernd. Im Fall des Kindes von Luz Angela, Moises, sagten die Ärzte, dass das Kind, um gesund zu werden, von Provincial weg gehen müsse. In der gleichen Situation befinden sich nun mehrere weitere Kinder.
In Bogotá sprachen wir mit Manuel Vega über die Gesundheitsprobleme, von denen wir in Provincial Zeuge wurden. Manuel Vega ist Mediziner und arbeitet an der Universidad Externado im Departement für Sozialstudien. Er war an der Studie „Carbón tóxico“[1] beteiligt. Mit dieser Studie konnten unter anderem Zellveränderungen an Minenarbeitern durch die Kohlenpartikel festgestellt werden, die längerfristig das Krebsrisiko erhöhen. Auch Atemwegserkrankungen, Husten und Grippesymptome sowie die Silikosis oder Staublunge lassen sich auf den Staub der Kohlemine zurückführen. Bei den Hautkrankheiten ist es gemäss Manuel Vega schwieriger, eine direkte Kausalität mit der Mine herzustellen, da es überall in der Guajira verschiedene Erkrankungen der Haut gibt. Die generelle mangelnde Hygiene, verschmutztes Wasser wie auch eine schlechte Ernährung können zu den Hautkrankheiten beitragen, was teilweise ja wiederum mit der Mine zusammenhängt. Die vergleichenden Studien, Kontrollgruppen etc. der Studie lassen die Schlussfolgerung zu, dass das Hauptproblem für Atemwegserkrankungen sehr wohl im Staub der Mine liegt, und nicht wie von Cerrejón behauptet in Praktiken der Gemeinschaften wie kochen mit Holz. Auch unterscheiden sich die Staubpartikel der Mine vom Feinstaub der Strasse oder eines Holzfeuers, da sie u.a. mit Schwermetallpartikeln angereichert sind. Daher sollte Cerrejón den lungengängigen Feinstaub PM2.5 systematischer messen und die Feinstaubelastung viel stärker reduzieren. Ein grosses Problem sind auch die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe[2], die ebenfalls krebserregend sein können und die v.a. bei der Selbstentzündung der Kohle und den Schwelbränden entstehen. Zusammenfassend hält Professor Vega fest, dass Cerrejón viel zu wenig mache, um Gesundheitsprobleme wirklich zu verhindern. Zudem sei es ein Skandal, dass die Guajira nach 30 Jahren Bergbau und Bezahlung von Royalties ein so defizitäres Gesundheitssystem habe.
Provincial versucht sich schon lange gegen all diese Missstände zu wehren. So wurde in Zusammenarbeit mit dem Anwaltskollektiv CAJAR eine umfassende Reparationsforderung an Cerrejón eingereicht. Während den Verhandlungen kam es dann durch die Taktik von Cerrejón leider zu einer Spaltung der Gemeinschaft und zur Begünstigung nur eines Teils der Gemeinschaft um den damaligen Gouverneur des Reservates. Der andere Sektor der Gemeinschaft führte 2017 einen dreimonatigen Streik durch, wodurch sie u.a. erreichten, dass Cerrejón alle 14 Tage 1000 Liter Wasser pro Familie liefert. Luz Angela Uriana hatte dann wegen der Erkrankung ihres Kindes eine Grundrechtsklage (tutela) eingereicht. Später wurden drei weitere Tutelas eingereicht: eine bezüglich der Umweltverschmutzung und der Erkrankung der Kinder, eine weitere wegen dem Wassermangel und eine letzte bezüglich der Luftverschmutzung. Teilweise haben diese Klagen Verbesserungen gebracht, so wird beispielsweise Wasser geliefert, die Aufbereitungsanlage für das Wasser aus dem Fluss sollte repariert werden und Cerrejón misst bei der Messstation in Provincial auch Feinstaub PM2,5. Entgegen der Abmachung ist beim Ablesen der Monitoringresultate niemand aus der Gemeinschaft dabei und werden die Resultate auch der Gemeinschaft nicht ausgehändigt.
Unsichere Zukunft für El Rocío
Einen Tag verbrachten wir in der kleinen Wayuu-Gemeinschaft El Rocío am Oberlauf des Flusses Bruno, wo ich schon im Juli 2019 war. Das Land, worauf El Rocío liegt, wird von zwei auswärtigen Frauen für sich reklamiert und sie streben eine Zwangsräumung der Gemeinschaft an. Im Juli konnten wir u.a. durch meine physische Anwesenheit die Räumung verhindern, ein weiterer Versuch konnten wir mit Briefen an die Behörden verhindern. Wegen den bevorstehenden Wahlen ist die Räumung etwas in den Hintergrund gerückt, gelöst ist das Problem trotz verschiedener Rechtsmitteleingaben des CAJAR nicht. Die Gemeinschaft erzählt, wie sie schon lange bevor Titel geltend gemacht werden dort siedelten. Der Gemeinschaftsführer Leobaldo Sierra sagte, dass er im Jahr, als die vermeintlichen Landtitel der beiden Frauen ausgestellt worden seien, bereits zehnjährig gewesen sei. Da er in El Rocío geboren sei, könne er also kein Eindringling (Invasor) sein. Cerrejón selber sagt, sie hätten mit diesem Landkonflikt und der angeordneten Zwangsräumung nichts zu tun, da sie dort keine Interessen hätten. Es gibt jedoch das Expansionsprojekt P60, das El Rocío umfasst und das zu einer neuen Umleitung des Arroyo Bruno führen und viel weiteren tropischen Trockenwald zerstören würde. Da das bisherige Expansionsprojekt P40 mit der ersten Umleitung des Arroyo Bruno und der Ausdehnung des Tajo La Puente noch gerichtlich blockiert ist, ist es um das Projekt P60 ruhig. Die Gemeinschaftsvertreter von El Rocío befürchten jedoch, dass die geplante Zwangsräumung schon mit zukünftigen Expansionsplänen zusammenhängen. Transparente Informationen darüber gibt es aber nicht.
Mit den Brüdern Blas und Leobaldo Sierra begaben wir uns in die Nähe der Mine und konnten dort die Abraumhalden und Entwässerungskanäle, sowie ein Sedimentierungsbecken besichtigen. Erstaunlich war, wie viele Kohlenstücke herumlagen, und wie stark die Erosion der Abraumhalden nun in der Regenzeit ist. Dieses Wasser gelangt in das Sedimentierungsbecken und wird von Zeit zu Zeit in den Arroyo Bruno abgelassen. Als wir vor Ort waren, hatte Cerrejón die Regenzeit genutzt und kurz davor viel Wasser abgelassen. Dieses Wasser, das mit all den Auswaschungen der Mine und der Abraumhalden versehen ist, gelangt direkt in den Arroyo Bruno, wahrscheinlich mit Schwermetallen, Schwefel etc. belastet. Nach 100 Metern fliesst dieser Kanal in den natürlichen Lauf des Arroyo Bruno, der dort mit hohen Bäumen und dichtem Wald gesäumt ist. Ein Stück weiter unten beginnt die Umleitung. Wir hatten Gelegenheit, mit Cerrejón die Umleitung zu besichtigen. Das Bild war ganz anders als im Juli: durch den vielen Regen hat der Arroyo Bruno viel mehr Wasser, so dass auch im künstlichen Kanal Wasser fliesst. Dieses scheint jedoch quantitativ weniger und deutlich trüber zu sein als weiter oben in El Rocío. Der uns begleitende Umweltingenieur von Cerrejón war jedoch mächtig stolz auf die Fortschritte der Begrünung. Tatsächlich ist dank dem Regen viel Gras gewachsen, die Vegetation ist grün. Aber vom Wald entlang des natürlichen Verlaufs ist es meilenweit entfernt und wie die Vegetation die nächste Trockenperiode überstehen wird ist noch unsicher. Oberhalb des künstlichen Kanales gibt es relativ hohen Wald, der erst entstanden sei, nachdem Cerrejón das Land aufgekauft habe, vorher sei es nur eine Viehweide gewesen.
Verschwindet Manantialito in einem Stausee?
Auch in der afrokolumbianischen Gemeinschaft Manantialito gibt es verschiedene Gesundheitsprobleme wie Atemwegserkrankungen und Hautprobleme. Wir konnten mit einer älteren Frau sprechen, die längere Zeit nicht in Manantialito lebte und nach der Pensionierung seit sieben Jahren wieder in Manantialito lebt. Seither hat sie mehr Husten, eine rau-heisere Stimme und insbesondere eiternde Pickel auf der Haut. Die Hautärztin in Barranquilla habe es auf die Verschmutzung durch die Mine zurückgeführt. Weitere Probleme, die höchstwahrscheinlich durch die Verschmutzung durch die Kohlenmine verursacht werden, sind mangelndes Wachstum verschiedener Kulturen und Fruchtbäumen. Der Mais wird nicht mehr so hoch wie früher und die Kolben sind viel kleiner. Verschiedene Fruchtbäume bleiben ebenfalls kleiner, manchmal sind die Früchte schrumpfig oder haben Schorf. Wir konnten Zitronenbäume mit kranken Blättern beobachten, an denen eine schwarze Schicht haftet, die trotz des intensiven Regens nicht ganz weg ging. Die Bewohner beklagen auch eine abnehmende Bodenfruchtbarkeit, haben aber keine Studien darüber. Wenn es regnet, ist das Wasser von den Dächern zuerst schwarz und kann für nichts verwendet werden.
Manantialito ist nicht als afrokolumbianische Gemeinschaft anerkannt, obwohl es seit etwa 200 Jahren existiert. Der Urgrossvater der interviewten Frau hatte das Land in Besitz genommen und unter seinen Kindern verteilt. Manantialito hatte eine enge Verbindung zu Las Casitas, welches umgesiedelt wurde. So wurden Produkte ausgetauscht, die Kinder gingen in Las Casitas zur Schule. In Manantialito gibt es keine Schule, so dass Familien mit schulpflichtigen Kindern teilweise in Barrancas leben. So auch Personen, die eine Arbeit gefunden haben. Das kann sich später nachteilig auswirken, weil es heisst, dass sie keine festen Bewohner (residentes) seien und deshalb kein Anrecht haben auf Umsiedlung, oder schlechter entschädigt werden, wie es in verschiedenen anderen Gemeinschaften auch passierte.
Die Mine ist schon recht nahe, in Sichtdistanz von ein paar Hundert Metern. Es gibt Pläne von Cerrejón, die beiden Flüsse bei Manantialito, den Mapurito und den Palomino zu stauen. Bis wann das gemacht werden soll, zu welchem Zweck und was mit der Gemeinschaft passieren wird, ist unklar. Die Bevölkerung vermutet, dass damit die Flüsse trockengelegt werden sollen, um die darunterliegende Kohle abzubauen und das Wasser für den Minenbetrieb zu verwenden. Andere Versionen besagen, dass damit Wasser für die Trockenperioden zurückgehalten werden soll, um dann mehr Wasser Richtung Rancheria-Fluss abzulassen, damit dieser mehr Wasser hat und weiterhin das Meer erreicht. Gemäss Unterlagen der Mine El Cerrejón von 2011 stand der Staudamm an den beiden Flüssen im Zusammenhang mit der Umleitung des Flusses Rancheria, um in der Trockenzeit Wasser aus dem Staubecken in den Rancheria zu leiten. Zu den Fragen, ob diese Projekte noch weiterverfolgt werden, wovon deren Umsetzung abhängt und was es für die Anwohner bedeutet, sind Antworten seitens Cerrejón noch ausstehend. Cerrejón oder Mittelsmänner machen immer wieder Angebote, das Land an die Mine zu verkaufen. Es gibt aber keine klare Strategie und Cerrejón ist gegenüber den Bewohnern nicht transparent was deren Zukunft anbelangt. Von Umsiedlung war bisher nicht die Rede, trotzdem haben ein paar Familien ihr Land schon verkauft. Unsere Interviewpartnerin erhielt Angebote, sie solle doch auch verkaufen. Es gab auch indirekte Drohungen, wenn sie nicht verkaufe. Sie hat aber eine grosse Familie, die in Barranquilla lebt und mit denen sie einen Verkauf absprechen und dann den Erlös auch teilen müsste. Sie will dieses Land aber erhalten.