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Bessere Bildung mit mehr Musik
Schulversuche mit erweitertem /Musikunterricht
NZZ vom 12. März 1987
Durch mehrjährige, wissenschaftlich begleitete Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht in der ganzen Schweiz (Beginn Schuljahr 88/89) soll erforscht werden, welchen Einfluss die Beschäftigung mit Musik auf die Entwicklung der Persönlichkeit ausübt. Ernst Weber. Mitinitiant und Koordinator der geplanten Schulversuche, skizziert im folgenden Beitrag Idee und Konzept des Projektes, formuliert darüber hinaus einige persönliche Gedanken zur Bildungsreform. ausgehend von Untersuchungen der Hirnforschung sowie der Forderung Pestalozzis nach ausgewogener Ausbildung von Kopf, Herz und Hand.
Zeichnung: Regula Leupold
In den siebziger Jahren wurde in Deutschland, Österreich und der Schweiz in einer Reihe von Untersuchungen nachgewiesen, dass Kinder, die eine intensive Musikerziehung geniessen, bei sonst gleichen Voraussetzungen in der Entwicklung ihrer Intelligenz und ihrer persönlichen Reife gegenüber ihren Kameraden deutlich bevorteilt sind. Sie sind allgemein kreativer, aber auch affektstabiler, konzentrationsfähiger und zum Lernen motivierter. Zuvor war man in den ungarischen Musikgrundschulen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Und die von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) zur Vorbereitung des Europäischen Jahres der Musik eingesetzte Kommission stellte in ihrem Bericht vom 25. 2. 1984 fest: "Der Musik kommt in der Bildung und Erziehung ein grosser Stellenwert zu, weil durch sie die Kräfte der Intelligenz, der Kreativität, aber auch des Gemüts umfassend gebildet werden."
Ein Vorschlag von Musikpädagogen
Das Jahr der Musik war zwar im ganzen eher enttäuschend: aber man hat doch nachgedacht, es sind Dinge in Fahrt gekommen, die etwas mehr Zeit brauchen. Zum Beispiel ist die EDK auf den Vorschlag einer Gruppe von Musikpädagogen eingegangen, gesamtschweizerische Schulversuche mit vermehrtem Musikunterricht anzuregen. Eine Reihe von Kantonen zeigte sich daran interessiert, und im Sommer 1985 wurde unter dem Patronat der EDK eine Arbeitsgruppe gebildet. Diese erteilte im November 1985 einem Dreierausschuss den Auftrag, ein Papier zu erarbeiten. Bereits im Juni 1986 konnte das bereinigte Konzept der Presse vorgestellt werden, und im November des gleichen Jahres konstituierte sich die lnterkantonale Arbeitsgruppe für Schulversuche mit vermehrtem Musikunterricht (IASEM) in Anwesenheit von Vertretern und Beobachtern aus 19 Kantonen und des Fürstenrums Liechtenstein. Am 30. Januar 1987 schliesslich wurden die Texte des Geschäftsreglementes, der interkantonalen Vereinbarung und des Pflichtenheftes für den Koordinator verabschiedet.
Das Konzept der geplanten Schulversuche folgt der Idee der Versuche von Muri BE: An den Musikklassen sollen pro Woche wenigstens fünf Lektionen Singen/Musik erteilt werden. Die Gesamtlektionenzahl für die Schüler darf aber nicht erhöht werden, und die zusätzlichen Musikstunden sind durch Reduktion in den Hauptfächern Mathematik, Sprachen und dem Fachbereich Mensch und Umwelt zu kompensieren. "Nebenfächer" wie Zeichnen, Religion, Werken oder Turnen dürfen unter keinen Umständen reduziert, und die ausfallenden Lektionen in den Hauptfächern dürfen nicht durch vermehrte Hausaufgaben ausgeglichen werden. Der Lehrplan des betreffenden Kantons bleibt grundsätzlich in Kraft. Es soll ja auch gezeigt werden, dass vermehrter Musikunterricht sich positiv auf die anderen Fächer auswirkt. Diesen Beweis gerade für die bisher so wichtigen Hauptfächer zu erbringen ist natürlich besonders reizvoll. In den Schulversuchen von Muri leisteten hier die Schüler nicht weniger, sondern im Gegenteil sogar mehr. Diese Versuche verfolgen nicht das Ziel, zukünftige Musiker auszubilden. Sie möchten vielmehr Wege aufzeigen, wie die Schule von morgen von der Betonung des Kognitiven und vom einseitig rationalen Denken wegkommen könnte. Die daraus abzuleitenden Erkenntnisse sollen dazu beitragen, das Bildungswesen und damit den Menschen für die Herausforderungen der Zukunft zu wappnen.
Eine Fülle von Möglichkeiten
An Unterrichtsstoff in den zusätzlichen Stunden wird es sicher nicht mangeln; es kann alles einfach intensiver gepflegt werden. Zum Beispiel können mehr Lieder gesungen werden, viele davon auswendig. Die rhythmische und melodische Schulung kann breiteren Raum einnehmen, das Hören und Verstehen von Musik aus allen Epochen kann auf solide Fähigkeiten der Schüler aufbauen, instrumentales Musizieren wird zum Zug kommen (denn jedes dieser Kinder wird ein Instrument erlernen). Stilkundliche und musikgeschichtliche Themen können den Unterricht in Geschichte, in Geographie und in den Sprachen ergänzen und bereichern. Und natürlich wird in diesen Klassen auch viel getanzt werden, nicht Tango und Walzer, sondern Gruppen- und Volkstänze, wie sie sich in den letzten Jahren vielerorts bewährt haben.
Die Lehrer, die solche Klassen führen dürfen, sollten gute Lehrer und auch musikalisch kompetent sein, dass heisst, sie sollten gut singen können und ein Instrument beherrschen. Es kommen dafür also nicht nur Spezialisten in Frage, sondern durchaus auch "Zehnkämpfer", die in allen Fächern unterrichten. Die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer werden vor dem Beginn der Schulversuche und dann jährlich zweimal zu Weiterbildungswochen aufgeboten. Diese bilden auch eine schöne Gelegenheit für interkantonale Zusammenarbeit, womöglich über die Sprachgrenzen hinweg. Für die Musikklassen werden jährlich wenigstens einmal Treffen mit gemeinsamem Singen, Musizieren und Tanzen organisiert.
Träger des ganzen Projekts ist die bereits genannte, für die Koordination unter dem Patronat der EDK stehende IASEM. Die Projektleitung ist dem Dreierteam Josef Scheidegger, Luzern (Präsident), Edouard Garo, Nyon, und Ernst Weber, Muri (Koordinator), übertragen. Für die Kosten der Administration, der Weiterbildungsseminare und der Musiktreffen kommen die Kantone auf. Ihr Beitrag ist bescheiden: da mit mindestens 30 Klassen gerechnet werden kann, wird er pro Klasse und Lehrer jährlich höchstens 5000 Franken betragen. Die Schulversuche werden wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Das Evaluationskonzept wird gegenwärtig in Zusammenarbeit mit einer Universität und den pädagogischen Arbeitsstellen der Kantone ausgearbeitet. Die IASEM hofft, dass der Nationalfonds die Finanzierung des wissenschaftlichen Teils übernehmen wird. Gemessen daran, dass es sich um ein recht grosses gesamtschweizerisches Projekt handelt (mit Pilotcharakter in mehr als einer Hinsicht) und dass Nationalfondsprojekte der Bildungswissenschaften eher selten sind, scheinen die Chancen gut zu stehen.
Gegenwärtig erstellt die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung in Aarau im Auftrag der IASEM ein Sammelreferat, das Publikationen über entsprechende Schulversuche in Europa, den angelsächsischen Ländern und Japan sowie theoretische Arbeiten über Einflüsse der Musik auf die Persönlichkeits-. Intelligenz- und Kreativitätsentwicklung beschreibt. Dieses Papier wird auf etwa 100 Seiten eine Bibliographie, eine kommentierte Darstellung der Fakten und eine Zusammenfassung für den eiligen Leser anbieten. Der Beginn der Versuche ist auf das Schuljahr 1988/89 vorgesehen. Diese sollten wenn immer. möglich wenigstens drei Jahre dauern. Gegenwärtig ist das Projekt in den Kartonen ausgeschrieben. Im Mai werden die der IASEM durch die Kantone gemeldeten Lehrkräfte zu einer Orientierungstagung eingeladen. Nachher gilt es, die Schulpflegen, die Lehrerkollegien und die Eltern der Kinder für dieses ungewöhnliche Anliegen zu gewinnen. Dabei sollte wenn immer möglich vermieden werden, dass Klassen des Versuchs wegen auseinandergerissen werden. Es sollen ja "gewöhnliche", das heisst vergleichbare Klassen sein. Ideal wäre es, wenn eine bestehende Klasse geschlossen einsteigen könnte. Besonders einfach liesse sich eine Musikklasse am Anfang der Schulzeit oder einer neuen Stufe bilden. Interessenten wenden sich am besten an ihr Erziehungsdepartement oder an die Geschäftsstelle der IASEM in Muri.
Kopf-Herz-Hand
Die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung scheinen mir für die Pädagogik so wichtig zu sein, dass ich darauf nochmals eingehen möchte, und zwar im Lichte der Forderung Pestalozzis nach gleichwertiger Ausbildung in den drei Bereichen Kopf, Herz und Hand. Wir wissen heute, dass wir die intellektuellen Fähigkeiten, die wir so hoch schätzen, vor allem der linken Hemisphäre des Gehirns verdanken. Sie ist verantwortlich für logisches Denken, für die reine Ratio, für mathematisches und grammatika5sches Verständnis und für die Sprache. Sie ist es, die wir in den Schulen vor allem trainieren, sie prüfen wir bei der Selektion, ohne sie kommt keiner weiter. Die linke Hemisphäre kann mit einem Computer verglichen werden und wird deshalb etwa die digitale genannt. Ein rein linkshemisphärisches Denken ist aber eingleisig und linear, es neigt dazu, in Details und isoliertem Fachwissen zu verharren und Querbezüge und Strukturen nicht zu erkennen. Dazu bedarf es der Hilfe der rechten, der "analogen" Hemisphäre. Diese ist ein vollwertiges und selbständiges Gehirn, das in Bildern und Vergleichen denkt, komplizierte Strukturen erkennen kann, mit Leichtigkeit assoziiert und für die Raumvorstellung und für Koordinationsvorgänge verantwortlich ist. Ihr nichtverbales Denken nennen wir Intuition. Deren Ergebnisse sind nicht weniger gültig und exakt als die des Intellekts, aber sie gelten nicht als wissenschaftlich, weil sie mangels einer Sprache nicht verbalisiert werden können. In der rechten Hemisphäre sind auch die Emotionen zu Hause, ferner der Sinn für Formen, Farben und für Musik.
Nun leuchtet ein, dass das linke Gehirn dem «Kopf» im Sinne Pestalozzis, das rechte dem «Herzen» entspricht. Über die «Hand», den dritten Begriff, gibt es ebenfalls Interessantes zu berichten. Der griechische Philosoph Anaxagoras etwa sagte, der Mensch sei das klügste aller Wesen, weil er als einziges Hände habe. Und Hugo Kükelhaus hat die Hand ein "Denkorgan" genannt, ein Instrument unseres Bewusstseins. In der Tat belegen die Hände im motorischen Zentrum des Gehirns einen übergrossen Teil. Ein zweimonatiger Rinderfötus zeigt als vordere Extremitäten bloss primitive Ausstülpungen, beim Menschen dagegen sind zu diesem Zeitpunkt die Händchen bereits völlig entwickelt. Mit den Händen hängt auch die Entwicklung der Intelligenz zusammen: Was das Kind begreifen soll, muss es zuerst greifen, das Denken besteht im Verknüpfen von Begriffen, und auch das Urteilen ist ursprünglich als Aussondern eine Funktion der Hand. Kapieren kommt von capere, fangen, greifen. Damit liegt es „auf der Hand", dass die gleichwertige Entwicklung aller drei Denkorgane nach wie vor ein Hauptanliegen aller Erziehung sein muss.
Musik als Medium der Vernetzung
Gerade anhand der Musik kann sehr schön gezeigt werden, wie die drei Bereiche ineinandergreifenund sich gegenseitig unterstützen. Jedes notierte Musikstück besteht aus vielen hochbedeutsamen Zeichen, die die Höhe der Töne, ihre Dauer, ihre Lautstärke und ihre Artikulation festlegen; sie zu lesen ist die Aufgabe der linken Hemisphäre. Aber auch schon einfache Stocke bestehen aus einer Partitur; diese zu überblicken, zu begreifen und in eine Klangvorstellung umzusetzen bedarf es der rechten Hemisphäre. Diese wird auch dafür sorgen, dass das Stück nicht einfach maschinell abläuft, sonder beseelt erklingt. Noch aber muss es realisiert werden, und dazu ist ein hochdifferenziertes Spiel der Hände nötig, nicht nur als ausführendes, sondern als selbständiges Bindeglied zwischen den andern Denkorganen. Beim Spielen eines Musikstückes wird der menschliche Geist also gleichzeitig und in hohem Masse in seiner vollen Dreiheit und Ganzheit gefordert.
Durch Musizieren werden demnach jederzeit beide Hemisphären trainiert, und ausserdem lernen sie, zusammenzuarbeiten. Das ist eine wichtige Voraussetzung zum vernetzten Denken, das unsere Generation leider viel zu wenig beherrscht. Nur Denken in Strukturen, in Systemen kann uns aus den Sackgassen und Problemen herausführen, in die wir uns durch einseitig rationales, lineares Denken haben hineinmanövrieren lassen. Vor einigen Jahren hat mir ein Fünftklässler in aller Freundschaft erklärt, das Fach Singen interessiere ihn nicht. Französisch und Rechnen, das sei etwas anderes, das brauche er später. Natürlich sprach aus ihm der Vater, der ein kühl kalkulierender und erfolgreicher Geschäftsmann ist. Ist es verwunderlich, wenn in unserer auf den Nutzen ausgerichteten Zeit so gefragt wird? Klaus Häfner weist in seinem Buch "Die neue Bildungskrise" darauf hin, dass die Lernenden zunehmend unsicher sind, was sie angesichts der informationstechnischen Entwicklung noch lernen sollen. Allerdings gerät bei diesem Computerfachmann gerade die Betonung der reinen Wissensvermittlung unter Beschuss, weil es dabei ja um Qualifikationen gehe, bei denen der Mensch der Maschine unterlegen ist. Er beklagt, dass die Kinder seelisch verelenden, während sie kognitiv vollgepumpt werden. Darum schlägt er vor: "Die nicht-rationalen Potenzen der Schüler sind durch angemessene Angebote im musisch-künstlerischen Bereich deutlich zu entfalten ... Es sollte durchaus Pflicht sein, ein musisches Instrument mit einer bestimmten Perfektion zu beherrschen."
Vom ganzen zum runden Menschen
Persönlich verfolge ich nicht etwa das Ziel, Klassen mit vermehrtem Musikunterricht zu institutionalisieren (wie das etwa in Ungarn der Fall ist). Hingegen möchte ich erreichen, dass die Erziehungswissenschaft und die Behörden des Bildungswesens einsehen, dass die bisherige einseitige Schulung des linkshemisphärischen Intellekts ergänzt (nicht ersetzt) werden muss durch systematische Schulung der analogischen, intuitiven, rechtshemisphärischen Intelligenz. Ich möchte erreichen, dass bei jeder Selektion nicht nur Mathematik, Muttersprache und Fremdsprachen, sondern z. B. auch Singen, Tanzen, Instrumentalspiel, Zeichnen, Turnen und Werken berücksichtigt werden müssen. Viele werden solche Vorstellungen als utopisch zurückweisen. Aber ich bin überzeugt, dass wir nur dann eine Chance zum Überleben haben, wenn unsere zukünftige Elite zu phantasievollem, schöpferischem und vernetztem Denken fähig ist. Der Weg dazu ist eine bessere Bildung, eine Bildung des ganzen zum runden Menschen. Im Gässli neben dem Berner Konservatorium steht an die Wand gesprayt der (von Lichtenberg stammende und eigentlich auf Chemie bezogene) Spruch: "Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch von dieser nichts." Dagegen ist nichts einzuwenden; aber die Umkehrung dieses Satzes gefällt mir noch weit besser. "Wer nichts von Musik versteht, versteht überhauptnichts."
Kommentar: Einige Zeit später erhielt ich vom damaligen Präsidenten der damaligen Bankgesellschaft, Dr. Holzach, ein Büchlein mit einem Vortrag, den er auf dem Wolfsberg gehalten und worin er mich zitiert hatte. Dabei war es um die neuen Erkenntnisse bezüglich Hirnhemisphären gegangen. Aus heutiger Sicht kann ich es kaum glauben: Damals wussten noch nicht viele Leute Bescheid über die rechte Hirnhälfte; manche glaubten noch lange, sie sei "subdominant". Und dass sich der Präsident der grössten Bank des Landes für Erziehung interessierte, tönt wie ein Märchen aus längst vergangener Zeit.