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Wohl in keinem WM-Rennen in St. Moritz gibt es eine so eindeutige Favoritin wie im Slalom der Frauen mit Mikaela Shiffrin. Völlig zu recht, wie die Amerikanerin im zweiten Lauf demonstriert.
In den drei Slaloms im Januar hatte Mikaela Shiffrin die von ihr gewohnte Brillanz vermissen lassen. Auf den Ausfall in Zagreb - ihren ersten seit über vier Jahren -, folgten ein knapper Sieg vor Wendy Holdener in Maribor und zuletzt der 3. Platz deutlich hinter Frida Hansdotter in Flachau. Dies führt dazu, dass die Konkurrenz daran zu glauben begann, dass die Dominatorin im Engadin angreifbar sein könnte. Selbst der erste Lauf auf der Corviglia vermittelte den gleichen Eindruck. Hinter Shiffrin, die mit der Nummer eins allerdings kontrolliert zur Bestzeit gefahren war, lagen gleich sieben weitere Fahrerinnen innerhalb einer Sekunde.
Am Nachmittag jedoch zeigte die Amerikanerin, die einen Monat vor ihrem 22. Geburtstag schon dreifache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und 28-fache Weltcupsiegerin ist, eine Fahrt fürs Lehrbuch. Technisch gewohnt herausragend, extrem stabil und gleichzeitig auch elegant fahrend, vergrösserte Shiffrin ihren Vorsprung auf die führende Schwyzerin Wendy Holdener in jedem Abschnitt. Egal, ob im steilen oder flachen Gelände, ob in stark drehenden oder offen gesteckten Passagen. Mit 1,64 Sekunden war schliesslich der Vorsprung der Amerikanerin grösser als bei ihren drei Grosserfolgen in Schladming, Sotschi (Olympia) und Beaver Creek zusammengezählt.
Zweifel an Zeitmessung
"Als ich den Vorsprung sah, dachte ich zunächst, dass vielleicht etwas mit der Zeitmessung nicht stimmt", zeigte sich Shiffrin überrascht davon, wie weit die Konkurrenz am Ende im Hintertreffen lag. Noch vor dem entscheidenden Durchgang waren bei der Dominatorin gar (Selbst-)Zweifel aufgekommen. "Werden die 0,38 Sekunden Vorsprung (auf Holdener) reichen? Oder scheide ich vielleicht sogar aus? Das wäre herzzerreissend gewesen", gab Shiffrin mehr als eine Stunde nach ihrem Triumph einen Teil ihrer Gedankenwelt preis.
Die achtfache Saisonsiegerin sagte aber auch, dass diese Gedanken "allesamt weg waren", als sie im Starthäuschen stand. Und sie verriet, wie sie sich selbst zu überlisten versuchte: "Ich machte mir vor, dass es sich um ein komplett neues Rennen handelt und ich mir nochmals einen Vorsprung erarbeiten muss." Auch ihr "riskanter" Entscheid, an der WM nur auf ihre zwei stärksten Disziplinen zu setzen und auf die Kombination und den Super-G zu verzichten, habe sich eindeutig ausbezahlt. "Besser hätte es für mich fast gar nicht laufen können", so Shiffrin, die sich auch am Samstag nochmals speziell über Silber im Riesenslalom freute. "Einer Disziplin, in welcher ich bislang an Weltmeisterschaften noch nie wirklich gut abschnitt."
Künftige Abfahrts-Siegerin?
Shiffrin hatte vor diesem Winter mit rund vier Wochen Speed-Training in Chile und den USA einen riesigen Aufwand betrieben, um auch in den schnellen Disziplinen zu reüssieren. Früh im Saisonverlauf merkte sie allerdings, dass ihr Körper nicht das komplette Rennprogramm würde verkraften können. Noch vor Weihnachten und den Speed-Rennen in Val d'Isère zog die Amerikanerin die Notbremse und legte den Fokus wieder auf ihre zwei Kerndisziplinen.
Einzig Ende Januar in Cortina startete sie zu einem Super-G - und verpasste als Vierte das Podest nur knapp. Verständlich, dass Shiffrin nach ihrem dritten Slalom-WM-Titel in Serie ein weiteres Mal bekräftigte, eine komplette Skirennfahrerin werden zu wollen. Die mit hoher Wahrscheinlichkeit nächste Gesamtweltcupsiegerin steht offen dazu, "die Beste, Stärkste und Konstanteste" sein zu wollen. "Künftig will ich auch regelmässig Super-G- und Abfahrtsrennen gewinnen." Einschränkend fügte sie aber an, dass der Weg dahin noch weit sei.
Lobeshymne auf die Mutter
In St. Moritz setzte die schon früh als "Wunderkind" bezeichnete Shiffrin auch zu einer Lobeshymne auf ihre Mutter Eileen an. Selber eine gute Skirennfahrerin, wuchs diese mit der Karriere ihrer Tochter menschlich mit. "Sie war immer an meiner Seite, lernte, wie auch ich das tat. Doch sie schaffte es dabei immer, einen Schritt vor mir zu bleiben", so Mikaela Shiffrin über ihre mit Abstand wichtigste Bezugsperson. Ihre Mutter sei auch diejenige, die sie "wenn nötig auf Kurs hält", und die ihr "alleine durch ihre Anwesenheit Heimatgefühle vermittelt".
SDA-ATS