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Wie man einen toten Wal versenkt
Der diesjährige cogito-Preisträger ist der Journalist und Autor Reto U. Schneider. Mit seinen Artikeln gibt er einen unterhaltenden Einblick in das Wesen naturwissenschaftlicher Forschung. Lesen Sie auf UZH News seinen Text über ein Experiment mit toten Walen. Die Preisverleihung findet morgen, 1. Dezember, statt.KommentarKommentare
Reto U. Schneider
Als Craig Smith im Februar 1992 in Hawaii das Flugzeug bestieg, wusste er, dass er seine Kleider und seinen Taucheranzug nach der Rückkehr würde wegwerfen müssen. Das war eine der Schattenseiten seiner Arbeit mit Walkadavern: Sie stinken unvorstellbar. Ein paar Tage zuvor hatte Smith erfahren, dass in der Nähe von San Diego ein 10 Tonnen schwerer toter Grauwal angeschwemmt worden sei, worauf er sofort ein Ticket nach San Diego buchte, ein Boot samt Besatzung charterte und sich 700 Kilogramm Eisenschrott beschaffte.
Smith arbeitet an der Universität von Hawaii und befasst sich schon lange mit der Frage, was eigentlich in der Tiefsee geschieht, wenn grosse Stücke organischen Materials absinken. Und natürlich gibt es kein grösseres solches Stück als einen toten Wal. Da Walkadaver am Meeresgrund aber nur zufällig und selten gefunden werden, entschied sich Smith, selber Wale zu versenken.
Der tote Wal wollte einfach nicht untergehen
Der erste Versuch im Jahr 1983 scheiterte kläglich: Der tote Wal wollte einfach nicht untergehen. In seinem Innern hatten sich Gärgase gebildet, die für Auftrieb sorgten. Dann brach auch noch ein Sturm los, und Smith musste den Wal treiben lassen und an Land zurückkehren. Auch der zweite Versuch 1988 im Puget Sound vor Seattle war nur ein halber Erfolg: Zwar erreichte der Wal diesmal den Grund, doch gab es in der Region kein U-Boot, mit dem Smith ihn später hätte besuchen können.
Der jetzige Wal war besser positioniert: Das Meer bei San Diego gehörte zum Einsatzgebiet von Forschungs-U-Booten. 24 Stunden dauerte es, bis Smith den Kadaver aufs Meer hinausgeschleppt hatte, an jene Stelle des San Clemente Basin, die er für das Experiment ausgesucht hatte. Dort notierte er die exakte Position und beschwerte den Wal dann mit dem Eisenschrott, bis er versank – 1920 Meter tief. Im Glauben, den Forschern zu helfen, hatten einige Crewmitglieder ihre Pistolen geholt und auch noch auf den Kadaver geschossen. «Das hilft zwar nichts, aber es gibt ihnen das Gefühl, Teil des Projekts zu sein», sagte Smith verständnisvoll, «es ist ein sehr amerikanisches Verhalten.»
Obwohl die Voraussetzungen perfekt waren, musste Smith erneut um sein Experiment bangen, denn jetzt fehlte ihm das Geld, um nach dem Kadaver zu tauchen. Zwei Finanzierungsgesuche wurden abgelehnt. Erst beim dritten bekam er die nötigen Mittel zugesprochen. Drei Jahre nach dem Versenken des Wals machte Smith sich also auf den Weg. Weil der Boden an dieser Stelle im San Clemente Basin relativ flach war, fand Smith den Kadaver – oder was von ihm übrig war – problemlos mit dem Echolot.
Nahrung für achtzig Jahre
Als er mit dem U-Boot «Alvin» hinuntertauchte, war der grösste Teil des Verwertungsprozesses schon vorbei. Smith stiess nur noch auf das Skelett im sogenannten dritten Stadium des Zerfalls. Es war von Zehntausenden Muscheln und Schnecken bevölkert, deren Überleben von Sulfiden abhing, die Bakterien aus dem Fett im Inneren der Knochen erzeugten. Das erste Stadium, in dem grosse Aasfresser wie Schleimaale und Schlafhaie 40 bis 60 Kilogramm Walfleisch pro Tag frassen, war schon nach etwa sechs Monaten abgeschlossen gewesen. Und auch das zweite Stadium, in dem Muscheln, Würmer und Schnecken über die Reste herfielen, war schon zu Ende. Diese Stadien konnte er bei späteren Experimenten beobachten.
Smith vermutet, dass sich einige der Arten, die er entdeckt hat, ausschliesslich von Walkadavern ernähren. Das mag überraschen, scheint ein toter Wal am Meeresgrund doch ein zeitlich streng begrenzter und noch dazu kein häufiger Nahrungslieferant zu sein. Doch Smith berechnete, dass die Knochen eines grossen Wals 80 Jahre oder länger Nahrung liefern können. Die durchschnittliche Distanz zwischen zwei Kadavern schätzt er auf weniger als 16 Kilometer. Damit leisten die Walkadaver einen bedeutenden Beitrag zum Ökosystem der Tiefsee.
Bis heute hat Smith sieben Walkadaver versenkt. Dass seine Arbeit noch grössere Risiken birgt als stinkende Kleider, wurde ihm spätestens bewusst, als er 1998 einen zwölf Meter langen Grauwal versenken wollte, der unter einem Landungssteg gestrandet war. Um ihn abzuschleppen, mussten Smith und sein Team in ihre Taucheranzüge steigen und ihn in ein Netz hüllen. Erst als sie das Netz am Zielort entfernten, bemerkten sie einen zwei Meter langen Blauhai, der offenbar schon beim Landungssteg am Wal gefressen hatte und den sie versehentlich mit eingewickelt hatten. Im nachhinein erinnerte sich Smith, «mit dem Fuss etwas getreten» zu haben, «das sich wie ein Hai anfühlte».
Mit verrückten Experimenten wissenschaftliche Neugier wecken
Am 1. Dezember 2010 findet an der Universität Zürich die fünfte Verleihung des cogito-Preises statt. Der mit 50'000 Franken dotierte Preis geht an Reto U. Schneider, stv. Redaktionsleiter «NZZ Folio».
Die cogito foundation zeichnet erstmals einen Wissenschaftspublizisten aus. Dies, weil der Stiftungsrat beschlossen hat, neben der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften auch ein besseres Verständnis für die Denkweise der Naturwissenschaftler in der Öffentlichkeit zu erreichen und die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung zu zeigen.