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Heute beginnen die Olympischen Spiele in Rio, doch die Stimmung in Brasilien bleibt von Pessimismus und Krise geprägt. Dennoch betrachten viele Schweizer - Sportler oder etablierte Immigranten - die Veranstaltung sowie gewisse Verbesserungen, die sich daraus ergeben, mit Optimismus.
Unmittelbar vor der Eröffnung der Spiele am 5. August ist das Klima in Rio de Janeiro noch weit entfernt vom Ideal von Frieden und Gleichheit, für das sich Baron Pierre de Coubertin stark gemacht hatte. Die Stimmung ist nach wie vor ziemlich düster.
Brasilien steckt in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen des Jahrhunderts und wird Ende Jahr drei Jahre Rezession hinter sich haben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Viren, welche die Behörden als "dreifache Epidemie" bezeichnen (Zika, Dengue und Chikungunya) sich mehr und mehr in Zonen ausbreiten, die bisher verschont geblieben waren. Patienten und Patientinnen sind auf ein Gesundheitssystem angewiesen, das am Rande des Zusammenbruchs steht.
Auch die Vorbereitung der Olympischen Spiele blieb nicht verschont von solch düsteren Aspekten. So hatte am 21. April eine grosse Welle eine Fahrradpiste zum Einsturz gebracht, die zwei Schluchten miteinander verbunden hatte. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Dieses Bauwerk in der Nähe der Strecke, auf der die Velorennen stattfinden sollen, wurde zu einem Symbol der Zweifel in Zusammenhang mit der Mega-Veranstaltung.
Wenn Probleme zu Trümpfen werden
"Die Leute werden auf eine Gesellschaft treffen, in der Konflikte herrschen, sicher, aber die Olympischen Spiele werden - was die Organisation angeht - ein Erfolg sein. In der Tat wird die Regierung von Rio de Janeiro die Normalität suspendieren. Das heisst, Schulen werden geschlossen sein, aber auch Geschäfte, Behördenstellen, Banken und anderes mehr. Für die Touristen wird es jedoch den Anschein machen, als würde die Stadt funktionieren", erklärt Christopher Gaffney.
Der Texaner ist Forscher an der Universität Zürich und hatte sechs Jahre in Rio de Janeiro gelebt, wo er an einer Universität unterrichtet hatte. Laut Gaffney sind die Olympischen Spiele nicht nur mit politischen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert. "Die olympische Kultur ist in Brasilien nicht sehr weit verbreitet. Es gibt keine öffentliche Politik zur Förderung des olympischen Sports", erklärt Gaffney.
Doch als Rio de Janeiro sich am 2. Oktober 2009 gegen andere Städte wie Tokio, Madrid und Chicago durchsetzen konnte und den Zuschlag zur Ausrichtung der Olympischen Spiele erhalten hatte, war die Lage ganz anders gewesen. Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der brasilianischen Regierung lag bei 80%, die Wirtschaft blühte und es herrschte praktisch Vollbeschäftigung.
Rio war damals prädestiniert für die Ausrichtung dieser Veranstaltung. "Es war eine Stadt, die das Recht verloren hatte, die Hauptstadt zu sein, eine Stadt, die hatte zusehen müssen, wie die Wirtschaft nach Sao Paulo zog und die Politik nach Brasilia. Sie war wie eine etwas verschlafene Prinzessin, die neue Hoffnung brauchte", analysiert der Schweizer Journalist Ruedi Leuthold, der seit mehreren Jahren in Rio lebt.
Für Eduardo Paes, den Bürgermeister von Rio de Janeiro, war der Entscheid des Internationalen Olympischen Komitees kein Zufall. "Unser grösster Trumpf lag nicht in unseren Qualitäten, sondern unseren Problemen. Wir nutzten diese dazu, zu unterstreichen, dass, wenn die Olympischen Spiele ein Synonym seien für den Wandel, dann sollte die Wahl auf Rio de Janeiro fallen und nicht auf Tokio, Madrid oder Chicago, die schon alles haben", erklärt er in einem Interview mit swissinfo.ch.
Einige Tage vor der Eröffnung der Spiele zog der Bürgermeister eine positive Bilanz. "Es war nicht einfach. Aber jetzt kann ich sagen, dass wir ein innovatives Modell haben, wir haben viel Privatkapital und enorme Mengen an Spenden genutzt. Und wir haben sehr einfache Stadien."
Positive Echos
Diese Meinung wird auch von Athleten geteilt, die bereits in der Stadt waren, um hier zu trainieren. In Deodoro, einem Quartier im Westen der Stadt, nahmen Sportler in der zweiten Aprilhälfte an einem Wettkampf im nationalen Zentrum für Schiesssport teil. Es war eine von insgesamt 44 Testveranstaltungen im Vorfeld der Olympischen Spiele 2016. "Alles ist sehr modern und genau so, wie wir es aus anderen Wettkämpfen kennen", erklärt Simon Beyeler, Mitglied des Schweizer Schützenteams.
Der 33 Jahre alte Schweizer ist auf Kleinkaliberwaffen spezialisiert. Seiner Ansicht nach wurden die Erwartungen im Bereich Organisation, aber vor allem auch was die Sicherheit angeht, erfüllt. "Gleich bei der Ankunft im Flughafen kontrollierten die Behörden die Anzahl der Waffen und im Schiesszentrum wurden sie immer unter Verschluss aufbewahrt. Niemand hatte ohne Bewilligung Zutritt ", erzählt Beyeler.
Der Eingang zum Sportkomplex, der in einer Militärzone liegt, wurde während der Dauer des Wettkampfs, zehn Tage lang, von bewaffneten Soldaten und zwei Tanks bewacht. Rund 660 Sportler aus 88 Nationen hatten an der Veranstaltung teilgenommen.
Zum Abschluss des Wettkampfs verlangte der Internationale Sportschützen-Verband nur einige wenige kleine Anpassungen und gab seine Zustimmung zu dem Komplex. Auch Annik Marguet, die ebenfalls zum Schweizer Team gehört, zeigt sich zufrieden, mit dem, was sie vorfand. Nur externe Faktoren könnten ihrer Ansicht nach den Erfolg der Olympischen Spiele noch beeinträchtigen.
"Alles lief reibungslos ab, und ich konnte spüren, wie es im August sein wird. Andererseits sind die Staus ein Problem. Einmal brauchte ich 50 Minuten, um herzukommen, ein anderes Mal dauerte es fast zwei Stunden für die gleiche Strecke", erklärt die 34 Jahre alte Sportlerin.
Beispielhafte Olympische Spiele?
Gewisse Beobachter sind der Ansicht, dass die Olympischen Spiele 2016 von Rio de Janeiro als beispielhafte Olympische Spiele in die Geschichte eingehen könnten.
"Heute wird mehr Wert gelegt auf die Bedeutung des Projekts für die Stadt als auf die gewaltigen Investitionen für Sportanlagen, die später nicht mehr genutzt werden. Die Kandidatur Rio de Janeiros ist ein gutes Beispiel dafür: Zwei Drittel der Sportanlagen bestanden und funktionierten bereits. Die Investitionen waren daher geringer als bei anderen Olympischen Spielen. Der Eckpfeiler des olympischen Projekts war denn auch diese urbane Transformation, die in Rio de Janeiro seit Jahrzehnten nicht mehr stattgefunden hatte", bekräftigt der stellvertretende Schweizer Generalkonsul Christophe Vauthey.
Die Erwartungen der Veranstalter sind gross. Schätzungsweise 800'000 Touristen und Touristinnen werden zu den Olympischen und Paralympischen Spielen erwartet. Insgesamt 15'000 Athletinnen und Athleten aus 206 Delegationen und 3200 Schiedsrichter werden an den Wettkämpfen teilnehmen. Und mit etwa 30'000 akkreditierten Journalisten und Journalistinnen ist auch die Aufmerksamkeit der Medien garantiert.
Trotz den Problemen im Land sind viele Schweizer Staatsangehörige, die in Rio de Janeiro leben, überzeugt, dass keine andere Stadt besser geeignet wäre, die Olympischen Spiele zu veranstalten. "Es ist eine Stadt, in der sich das Leben in den Strassen abspielt. Man kommt mit oder ohne Geld hierher. Wer viel Geld ausgeben will, kann sich vergnügen. Doch auch wer nur wenig ausgeben will, kann sich vergnügen. Diese Stadt ist etwas wie ein Soziallabor, vielleicht das grösste der Welt, mit der Besonderheit, dass alle Gesellschaftsschichten seit langem eng miteinander vermischt sind", erklärt der Schweizer Künstler Walter Riedweg, der seit 1998 in der Stadt lebt.
Sind Sie der Meinung, dass grosse Sportereignisse in einem Land in Schwierigkeiten für frischen Wind sorgen können? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)