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Als Batbayar Chogsom (44) die Nachricht erhielt, dass sein Film für den Wettbewerb des Internationalen Filmfestivals Shanghai ausgewählt worden war, konnte er es zuerst kaum glauben. 3447 Werke aus 108 Ländern wurden eingereicht, 492 gezeigt, 154 rivalisierten um Preise – darunter Chogsoms «Out of Paradise» mit zwölf anderen um den besten Spielfilm. Es ist das wichtigste asiatische Filmfestival und auf dem gleichen Level wie jene von Cannes oder Berlin.
«Dort nur schon eingeladen zu sein, war fantastisch», erzählt Batbayar Chogsom in ausgezeichnetem Schweizerdeutsch. Umso mehr als ihn die Schweizer Filmbranche und Medien bis dahin praktisch ignoriert hatten. Das änderte sich schlagartig, als die Jury in Shanghai ihm im Juni den Golden Goblet für den besten Film verlieh und «Out of Paradise» als einfach, aufrichtig und poetisch pries. «Ich war baff», gesteht der Regisseur in einer Mischung aus Bescheidenheit und Stolz, «und sehr, sehr glücklich.»
Zum Studium in die Schweiz
Dass sein Road Movie nicht nur in Asien und bei einer Fachjury ankommt, hat Chogsom in den letzten Wochen in vielen Schweizer Kinos im ganzen Land erlebt, wo er regelmässig bei Vorführungen für Fragerunden zur Verfügung stand. «Der Film und seine Themen berühren die Menschen», sagt der Mongole, der seit 18 Jahren in der Schweiz lebt, mit einer Gymnasiallehrerin verheiratet und mittlerweile zweifacher Vater ist.
Chogsoms Eltern waren – wie die Hauptfiguren seines Films – mongolische Nomaden, die schliesslich in die grosse Hauptstadt zogen. Doch während seine Filmhelden am Ende aufs Land zurückkehren, blieben seine Eltern in Ulaanbaatar und wurden Lehrer. Batbayar wächst mit sechs Geschwistern in der Hauptstadt auf, möchte jedoch zum Studium ins Ausland. «Wir Mongolen sind ein sehr globalisiertes Volk, meine Verwandtschaft ist über die halbe Welt verstreut.»
Dass er 2000 mit 26 Jahren in der Schweiz landet, ist Zufall. An der Universität Zürich studiert er Populäre Kulturen, Ethnologie und Politologie, besucht aber auch ein paar Filmseminare, da er Filme schon immer gemocht hat. Mit Freunden geht er an Festivals, etwa die Solothurner Filmtage – und hat immer viel zu mäkeln. Chogsom lacht. «Irgendwann fanden meine Freunde, ich solle doch selber einen Film drehen, statt immer nur rumzunörgeln.»
Die Idee setzt sich fest. Von einem Studienkollegen bekommt er den Tipp, den Drehbuchkurs der Klubschule Migros zu besuchen, der sei «noch gut». 2011 geht er drei Monate lang einen Abend pro Woche an den Limmatplatz in Zürich und lernt dort die Grundsätze des Drehbuchschreibens. «Das war sehr nützlich, ich würde den Kurs jedem Interessenten weiterempfehlen.» Die Geschichte für «Out of Paradise» hat er da schon im Kopf, nach dem Kurs schreibt er dann das Drehbuch, das kaum verändert heute auf der Leinwand zu sehen ist.
Dass daraus tatsächlich ein Kinofilm wurde, ist vor allem Chogsoms Hartnäckigkeit zu verdanken – zudem einer Prise Glück und dem Migros-Kulturprozent . «Ohne dessen 50 000 Franken für die Postproduktion würde es diesen Film nicht geben», betont der Regisseur. Der Betrag entspricht zehn Prozent des Gesamtbudgets.
Schwierige Finanzierung
Aber nur schon so weit zu kommen, war nicht leicht. Über mehrere Ecken lernt er den Kameramann Simon Bitterli kennen, damals noch Student an der Zürcher Hochschule der Künste. Mit ihm reist er 2015 in die Mongolei, um einen Kurzfilm zu drehen, mit dem er Produzenten in der Schweiz überzeugen will, Geld in sein Projekt zu stecken. Drehorte und Schauspieler hatte er schon ein Jahr zuvor auf einer anderen Reise organisiert. «Die Mongolei hat eine grosse Theatertradition, deshalb war es nicht schwierig, gute Darsteller zu finden.»
Anders als Geld für sein Projekt. «Ich musste viele, viele Produzenten anfragen, bis schliesslich einer das Potenzial des Films erkannte und bereit war, das Risiko einzugehen.» Hessefilm holte zusätzlich SRF an Bord, und schliesslich war genug Geld da, um 2016 in der Mongolei zu drehen.
Zwei Monate war das siebenköpfige Team aus der Schweiz vor Ort. «Und jeder Tag war ein Kampf», erinnert sich Chogsom. «Wenn zum Beispiel plötzlich ein Auto kaputtging, musste ich irgendwo im Land eines auftreiben, das genau gleich aussah, weil wir die bereits gedrehten Szenen ja nicht neu drehen konnten.» Die Zusammenarbeit zwischen den Schweizern und den Mongolen hingegen lief gut, auch dank einer Übersetzerin.
Der Erfolg des fertigen Films spricht für sich, aber Chogsom hadert noch immer ein wenig mit der Schweizer Filmbranche. «Für einen Quereinsteiger ist das bestehende System sehr schwierig.» Es brauche neben der staatlichen Filmförderung unbedingt noch weitere Finanzierungsmodelle, etwa durch Stiftungen oder Unternehmen. Als nachahmenswertes Modell hebt der Regisseur das Migros-Kulturprozent hervor.
Inzwischen schreibt Chogsom an drei weiteren Drehbüchern, die er gern alle verwirklichen würde: ein Kostümfilm, ein Thriller und ein Road Movie. Noch ist er nicht so weit, aber Produzenten aus den USA und China, die er am Filmfestival Shanghai kennengelernt hat, haben bereits Interesse für eine künftige Zusammenarbeit signalisiert.
«Und ich hoffe, dass es nun auch in der Schweiz leichter wird.» Umso mehr, als sein Film seit 20 Jahren das erste Schweizer Werk ist, das an einem ausländischen A-Filmfestival den Hauptpreis gewonnen hat; letztmals war dies Fredi M. Murer 1998 mit «Vollmond» in Montreal gelungen.
Die Kinder sprechen fliessend Mongolisch
Bis es ernst wird mit dem nächsten Film, widmet er sich seiner Zweitbeschäftigung: den zwei Kindern und dem Haushalt in Rapperswil SG. «Hausmann und Drehbuchschreiben ist eine ideale Kombination», findet er. Erst recht, seit die Kinder im schulpflichtigen Alter sind, was ihm mehr Zeit fürs Schreiben lässt.
Nach 18 Jahren sieht er die Schweiz als sein Zuhause, auch wenn er sich bisher nicht einbürgern liess. «Leider lässt die Mongolei die doppelte Staatsbürgerschaft nicht zu.» Seine Kinder wachsen zwar in der Schweiz auf, sprechen aber auch fliessend Mongolisch und können sich mit ihrer Grossmutter in Ulaanbaatar problemlos unterhalten. «Das war mir wichtig», sagt Batbayar Chogsom, der selbst eigentlich kein Heimweh verspürt. Und wenn er die alte Heimat doch mal vermisst, kocht er einfach etwas Mongolisches zum Znacht.