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Das Niltal nimmt nur 5% des ägyptischen Staatsgebietes ein, dient jedoch 95% der Ägypter als Lebensgrundlage. Dieser tausend Kilometer lange, fruchtbare Streifen Land, eingebettet in die Topografie eines sanften Tales am Rand der Wüste, ermöglichte bereits 3000 v.Chr. die Entstehung von Zivilisationen. Bis heute ist die subtile Schönheit dieser durch die Sahara mäandernden «linearen Oase» erkennbar und gibt Zeugnis vom erstaunlichen Erfolg der alten Kulturen. Im 19. und 20. Jahrhundert unterzogen Modernisierungsprozesse ganz Ägypten und das Niltal einem tiefgreifenden Wandel. Es kam zu einer vielschichtigen Urbanisierung und überall kamen in Landwirtschaft und Wasserwirtschaft neue Technologien zur Anwendung. In diesem Wachstum spiegeln sich die erheblichen politischen und wirtschaftlichen Brüche wider, denen die Gesellschaft von der Zeit Muhammad Alis über das britische Protektorat bis hin zur Unabhängigkeit unter Nasser, Sadat und ab 1981 Hosni Mubarak unterworfen war.
Heute gilt Ägypten als Entwicklungsland, das seine wirtschaftlichen Haupteinkünfte aus den Benutzungsgebühren für den Suezkanal, dem Immobilienmarkt und dem Tourismussektor bezieht. Doch die bedeutendsten Herausforderungen für die Entwicklung des Landes wie die Knappheit an Wasser und Boden und vor allem das enorme Bevölkerungswachstum mit Zuwächsen von über einer Million Menschen pro Jahr bleiben bestehen. Die ägyptische Gesellschaft durchlebt auch zunehmend eine soziale und wirtschaftliche Spaltung: Einerseits bilden sich neue, wohlhabende Eliten heraus, während andererseits der überwiegende Teil der Bevölkerung weiter in Armut lebt. Staatsapparat und Wirtschaftspolitik sind stark zentralisiert und konzentrieren sich auf den Grossraum Kairo. Dagegen scheinen die wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen Oberägyptens und des Niltals über weniger politische Macht und legale Mittel zur Gestaltung ihrer Zukunft zu verfügen. In dieser Situation treten vielerorts informelle Energien zutage und verbinden sich zu einem einzigen vitalen und selbsterhaltenden Mechanismus. Bei den meisten Wohnungen in Ägypten und im Niltal handelt es sich um informelle Neubauten, die jedoch technologisch anspruchsvoller ausgeführt werden als anderswo in den Entwicklungsländern. Die starke Wohnraumnachfrage kann auch durch das sogenannte Neustadt- oder Neusiedlungsprogramm, das der Staat seit den 1970er Jahren betreibt, nicht befriedigt werden. Entwickelt durch die Errichtung dreier Städte entlang des Niltals, zielt das Programm auch heute noch auf die obere Mittelschicht ab und entspricht in keiner Weise den tatsächlichen Bedürfnissen der Haushalte.
Das Forschungsprojekt untersucht das Niltal weder als ländliche noch als urbane Region. Betrachtet wird vielmehr das Niltal als Bespiel einer zeitgenössischen, im Wandel begriffenen Urbanisierung im Rahmen einer absoluten wirtschaftlichen Stasis. Wir haben es hier mit einem raumplanerischen Paradoxon zu tun, wobei eine rasch anwachsende Bevölkerung in Kombination mit extrem begrenzten wirtschaftlichen Mitteln ein Umfeld schafft, das gezwungen ist, «in seiner Stagnation voranzuschreiten».
Kontakt
Beteiligte
Milica Topalovic
Christian Mueller Inderbitzin
Mathias Gunz
Rolf Jenni
Status
Abgeschlossenes Projekt