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Wieso empfinde ich nicht mehr Lust auf Sex?
Ich (20), weiblich, wundere mich, warum meine Libido nicht ausgeprägter ist. Meine letzte Beziehung endete, weil ich Sex stets auswich. Auch bei der Masturbation komme ich nicht zum Orgasmus. Was läuft schief? Muss ich mich medizinisch behandeln lassen?
Als Erstes erscheint mir wichtig, zu betonen, dass hier nichts «schiefläuft». Wir Menschen unterscheiden uns in vielen Dingen, auch beim Sex. Auch wenn uns Werbung und Medien suggerieren wollen, dass wir am besten rund um die Uhr Sex haben sollten, so soll jeder seine Sexualität so leben, wie er oder sie das möchte. Zu einem Problem führt dies oft erst dann, wenn es wie bei Ihnen der Erfüllung des Liebesglücks im Wege steht oder es deswegen zu Konflikten in der Partnerschaft kommt.
Genetisch oder erworben
Die fachliche Bezeichnung für einen Libidomangel heisst Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD) und wird definiert als «vermindertes sexuelles Interesse oder Verlangen, fehlende sexuelle Gedanken oder Fantasien beziehungsweise das verminderte Verlangen nach sexueller Aktivität». Grundsätzlich unterscheidet man einen lebenslang bestehenden Libidomangel und einen erworbenen, welcher erst im Laufe des Lebens auftritt. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigen sich heute hauptsächlich mit dem erworbenen Libidomangel. Die Forscher versuchen herauszufinden, was diesen verursacht und wie er zu behandeln ist.
Entsprechend spärlich ist unser Wissen in Bezug auf die Ursachen bei einem lebenslangen, generellen Lustmangel. Man geht dabei von genetischen Faktoren aus, aber auch von psychologischen Gründen (etwa frühere traumatische Erfahrungen, generelle Tendenz zu Ängstlichkeit und Zwanghaftigkeit). Beim erworbenen Libidoverlust dagegen stehen körperliche und psychosoziale Ursachen wie Hormonstörungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, chronische Krankheiten, Depressionen, Stress, Partnerschaftskonflikte und andere im Vordergrund.
Probleme mit der Entspannung
Für die Behandlung der HSDD gibt es keine Standardmethode und sie richtet sich nach den zugrunde liegenden Ursachen. Sie erwähnen, auch während der Masturbation nicht zum Orgasmus zu kommen. Dies ist für mich ein Hinweis darauf, dass Sie allenfalls ein Problem mit Entspannung haben und Sie sich vielleicht von gewissen Gedanken und Schamhaftigkeit nicht freimachen können.
Ich rate Ihnen deswegen, es mal mit einer Sexualberatung oder -therapie zu versuchen. Da werden mögliche psychologische Ursachen genauer untersucht und angegangen. Eine solche Therapie kann das Selbstvertrauen stärken und zu besserer Selbstakzeptanz führen. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die Sexualität aus. Sie lernen darin auch, wie Sie einem künftigen Partner Ihre Bedürfnisse kommunizieren. Parallel dazu können Ihnen spezifische sexualtherapeutische Übungen helfen, Ihren Körper besser kennen zu lernen und so in Zukunft eine für Sie lustvolle Sexualität zu finden. Doch dies sollten Sie nur dann tun, wenn Sie etwas an der Situation ändern möchten – und nicht, weil Sie das Gefühl haben, einem gewissen Standard gerecht werden zu müssen.
Sexualwissenschaftlerin Andrea Burri beantwortet einmal wöchentlich eine Leserfrage zum Thema Sexualität und Liebe. Diese wird vertraulich behandelt und ohne Namensnennung publiziert. Schreiben Sie uns auf <email-pii>.
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