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Anton Čechovs Die Möwe – Komödie in vier Akten wurde 1896 in St. Petersburg uraufgeführt. Das Stück handelt von den Leuten auf einem russischen Landgut und endet tragisch mit dem Selbstmord eines jungen Schriftstellers.
Im Park vom Landgut des Pjotr Nikolajewitsch Sorin ist eine Theaterbühne aufgebaut. Sorins Neffe, der junge Schriftsteller Konstantin Gawrilowitsch Trepljow, führt dort am Abend sein neuestes Theaterstück auf. Das zeitgenössische Theater besteht für Trepljow nur aus Routine und Vorurteilen, es bedürfe darum neuer Formen. Sein Stück soll von Nina Michailowna Sarjetschnaja, der Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers gespielt werden, zu der sich Trepljow stark hingezogen fühlt.
Zur Aufführung sind eingeladen: Irina Nikolajewna Arkadina, Trepljows Mutter; Ilja Afanassjewitsch Schamrajew, Sorins Gutsverwalter, mit seiner Frau Polina Andrejewna und ihrer gemeinsamen Tochter Mascha; ihr Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenko; der berühmte Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin, der von der Arkadina verehrt wird; und schliesslich der Arzt Jewgeni Sergejewitsch Dorn. Der Arbeiter Jakow ist für das Aufziehen des Vorhangs und für die Bühneneffekte verantwortlich.
Trepljows Stück kommt ohne eigentliche Handlung aus; Nina berichtet auf der Bühne von der Welt in zweihunderttausend Jahren – eine Welt, in der alles Leben zu Staub zerfallen ist. Begleitet von Schwefeldämpfen erscheinen zwei rote Lichter auf der Bühne – die Augen des Teufels! Nach mehreren despektierlichen Bemerkungen der Arkadina – das Stück sei dekadent –, bricht Trepljow die Aufführung ab. Arkadina, die selber als Schauspielerin grosse Erfolge feierte, hält nichts von der Arbeit ihres Sohns. Das Schauspiel Ninas hingegen gefällt ihr. Sie gehöre auf eine grosse Bühne, man dürfe sie nicht auf dem Land versauern lassen. Dorn und Trigorin versuchen Trepljows Werk gegenüber der Arkadina zu verteidigen: Für Dorn muss ein Kunstwerk einen grossen Gedanken ausdrücken; Trigorin meint, dass halt jeder so schreibe, wie er wolle und könne. Mascha ist von Trepljow angetan: Dorn gegenüber gesteht sie ihre Liebe zu ihm, doch Trepljow empfindet Mascha eher als lästig.
Auf einer Parkbank lesen die Arkadina, Mascha und Dorn in einem Band von Maupassant. Arkadina behauptet, dass sie trotz ihrer dreiundvierzig Jahre noch jünger aussehe als die zweiundzwanzigjährige Mascha. Dies komme daher, dass sie, Arkadina, ein Gefühlsleben habe, ständig etwas tue und sich stets herausputze. Mascha hingegen sässe nur herum und tue nichts als Trübsal zu blasen.
Nina, Medwedenko und Sorin gesellen sich zu dieser Runde. Sorin bedauert, dass er nie richtig gelebt und sich nicht als Schriftsteller versucht habe. Arkadina legt ihrem Bruder Sorin eine medizinische Behandlung nahe, doch Dorn hält dies für einen Sechzigjährigen für unangemessen. Als Schamrajew mit seiner Frau Polina Andrejewna vorbeikommt, verlangt die Arkadina, dass er für ihre Abreise Pferde anspannen lasse. Da Pferde und Geschirr aber auf dem Feld im Einsatz sind, sieht Schamrajew keine Möglichkeit, Arkadinas Forderung nachzukommen. Es kommt zu einem Streit: Arkadina will sofort mit Trigorin abreisen und nie wieder auf Sorins Landgut zurückkehren; Schamrajew droht gar, von seinem Posten als Gutsverwalter zurückzutreten. Die Runde löst sich auf.
Trepljow kommt zu Nina und legt ihr eine tote Möwe zu Füssen, die er gerade erschossen hat. Bald werde er auch sich selber auf die gleiche Weise töten. Die beiden stellen fest, dass sie sich seit der missglückten Theatervorstellung nicht wiedererkennen. Trepljow, so Ninas Vorwurf, spreche nur noch in Symbolen, wie beispielsweise mit der toten Möwe.
Trigorin erzählt Nina von seinem Schreibzwang. Er halte alle seine Eindrücke in einem Notizbuch fest, um sie später in seinen Erzählungen verwenden zu können. Von sich als Schriftsteller hält er nur wenig. Doch Nina kann sich nichts schöneres als den Ruhm eines Schriftstellers oder eines Schauspielers vorstellen. Trigorin notiert sich ein Sujet: Ein Mädchen wie Nina, das wie eine Möwe am See lebt und dort von einem Mann ins Verderben gestürzt wird.
Arkadina und Trigorin haben gepackt und sind bereit zur Abreise. Mascha verabschiedet sich von Trigorin. Sie teilt ihm mit, ihren Lehrer Medwedenko heiraten zu wollen. Da ihre Liebe zu Trepljow ohnehin unglücklich bleiben werde, sei sie mit der Ehe wenigstens abgelenkt. Nina, die noch mit der Frage hadert, ob sie zum Theater gehen soll, überreicht Trigorin zum Abschied ein Amulett. Dessen Inschrift verweist auf die Zeilen einer Buchseite in Trigorins Werk: «Wenn du je mein Leben brauchst, so komm und nimm es dir.»
Trepljow hat sich bei einem Selbstmordversuch am Kopf verletzt. Sorin glaubt, dass Trepljow sehr ehrgeizig sei, sich aber ohne Beschäftigung überflüssig vorkomme und sich deswegen das Leben hat nehmen wollen. Als seine Mutter Trepljow den Verband wechselt, stellt er seinen Selbstmordversuch ihr gegenüber als den Akt einer momentanen wahnsinnigen Verzweiflung dar – er werde es nicht erneut versuchen. Trigorin bezeichnet er als einen Angsthasen, der nur abreisen wolle, weil Trepljow ihn wegen ihrer beider Liebe zu Nina zum Duell gefordert hat. Nina liebe Trepljow nicht mehr; all seine Hoffnungen seien zunichte und er könne auch nicht mehr schreiben. Arkadina beruhigt ihren Sohn damit, dass Nina ihn wieder lieben werde, sobald Trigorin abgereist sei.
Trigorin wünscht, die Abreise um einen Tag zu verschieben. Als Arkadina ihm gegenüber den Verdacht äussert, er wolle nur wegen Nina bleiben, gesteht dieser seine Liebe zu diesem Mädchen: Eine solche Liebe wie zu Nina habe er noch nie verspürt, und es wäre sinnlos, von dieser zu fliehen. Nun gesteht Arkadina ihre Liebe zu Trigorin, sodass sich dieser plötzlich doch wieder mit der sofortigen Abreise einverstanden gibt.
Beim Verlassen des Hauses trifft Trigorin auf Nina. Sie hat den Entschluss gefasst, sich in Moskau am Theater zu versuchen. Trigorin nennt ihr eiligst seine Moskauer Adresse. Die beiden küssen sich.
Zwei Jahre später ist Mascha mit Medwedenko verheiratet, die beiden haben zusammen ein Kind. Sorin ist erkrankt, sodass man Arkadina und Trigorin zu ihm auf das Landgut bestellt.
Trepljow berichtet Dorn von Nina: Sie habe mit Trigorin ein Kind gehabt, das aber bereits gestorben sei. Trigorin habe es jedoch verstanden, auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, sodass seine Beziehung zur Arkadina dadurch nicht beeinträchtig worden sei. Ninas Theaterkarriere sei gescheitert, ihr Talent habe sie nur selten aufblitzen lassen. Ihn, Trepljow, habe sie nicht empfangen wollen. Sie habe ihm aber Briefe geschickt, die sie jeweils mit «Möwe» unterzeichnet habe. Seit einigen Tagen befände sie sich wieder in der Stadt in der Nähe von Sorins Landgut.
Trigorin und Arkadina treffen ein. Sorin glaubt, dass es um seine Gesundheit schlimm stehen müsse, wenn man seine Schwester nur seinetwegen hat aus Moskau anreisen lassen. Trigorin hat für Trepljow eine Literaturzeitschrift mitgebracht, in der Trepljows neueste Erzählung veröffentlicht worden ist.
Vor dem Essen spielen die Gäste eine Partie Lotto. Trepljow, der weder Lust zum Spielen noch Appetit hat, bleibt dem Spiel und danach auch dem Esszimmer fern. Stattdessen bleibt er im Salon, in dem er sein Arbeitszimmer eingerichtet hat. Dort klopft plötzlich Nina ans Fenster. Trepljow bittet sie zu sich hinein, und Nina weint sich bei ihm aus. Sie werde bald wieder abreisen, denn sie habe über den Winter ein Theaterengagement in einer Provinzstadt angenommen. Sie liebe Trigorin immer noch, trotz allem was vorgefallen sei. Trepljow und Nina erinnern sich an ihre gemeinsame Theateraufführung im Park, doch dann muss Nina bereits wieder aufbrechen.
Trepljow ist mit seinem Werk unzufrieden. Er habe stets neue Formen gefordert, mittlerweile sei er aber selbst bei Routine und Vorurteil angelangt. Trigorin verstehe sich besser aufs Schreiben, er habe den Dreh raus. Trepljow zerreist seine sämtlichen Manuskripte. Als die Gäste vom Abendessen zurück in den Salon kommen, geht Trepljow hinaus und erschiesst sich. Um die Arkadina zu schonen, gibt Dorn vor, dass bloss eine Flasche mit Äther in seiner Reiseapotheke geplatzt sei.
Anton Čechov: Die Möwe, Stuttgart: Reclam (2008). Aus dem Russischen von Kay Borowsky. ISBN-13: 978-3-15-004319-6