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Der Bergbau ist betreffend seiner sozialen und ökologischen Kosten für Mensch und Umwelt schon seit Beginn der Industrialisierung berüchtigt. Der Preisdruck auf den geförderten Ressourcen verleitet zu Einsparungen an Arbeitsrechten und Umweltschutz. Besonders sogenannte Entwicklungsstaaten, die sich ihre Scheibe am westlichen Wohlstand mit dem Export ihrer heimischen Rohstoffe erkaufen müssen, machen hier immer wieder Schlagzeilen. Doch ausschliesslich auf sie müssen wir gar nicht schauen, um uns die solcherart angerichteten Schäden vor Augen zu führen. Ein besonders anschauliches Beispiel der ökologischen Zerstörungen, die der Bergbau hinterlässt, findet sich inmitten der USA.
Diese besonders destruktive Form des Tagebaus nennt sich Mountaintop Removal Mining (deutsch Bergbau durch Gipfelabsprengung). Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird in den amerikanischen Appalachen so Kohle gewonnen. Das Mountaintop Removal Mining führt zu massiven, unwiderruflichen Eingriffen in die Ökologie, Natur und Landschaft der Gebirgsregion. Wo einst satte grüne Wälder wuchsen, sieht man heute nur noch eine tote Kraterlandschaft.
„Tagebau auf Steroiden“
Unter den dicht bewaldeten Hängen der Appalachen im Osten der Vereinigten Staaten befinden sich Schichten mit dünnen Kohleflözen. Um an diese Ressource zu gelangen, entfernen die Bergbaugesellschaften zunächst sämtliche Vegetation. Dazu werden Traktoren eingesetzt, die alle Bäume und Büsche aus dem Boden reissen. Anstatt das Holz weiterzuverwenden, werden die Bäume einfach verbrannt oder illegal in Täler geworfen und so „entsorgt“. Danach muss die obere Erdschicht, die mehrere hundert Meter in die Tiefe reicht, entfernt werden. Es werden Löcher gebohrt, in welche Sprengstoff geschüttet wird, der die Berggipfel buchstäblich auseinandersprengt. Riesige Maschinen, sogenannte Draglines — manche so gross wie ein ganzer Häuserblock — schieben anschliessend hunderte von Tonnen Gestein und Schmutz in nahegelegene Bäche und Täler, um an die freigelegte Kohle zu gelangen. Ist die Kohle weg, wird eine Mischung aus Grassamen, Dünger und zu Mulch verarbeitetem Papierabfall über die Landschaft geleert. Die Mondlandschaft wird so begrünt. Bäume wie früher werden hier aber noch lange nicht wieder wachsen, denn die Erde ist für Jahrhunderte vergiftet. Die nationale Umweltbehörde EPA schätzt, dass der Kohleabbau 6500 Quadratkilometer Waldfläche in den Appalachen vernichtete. Über 500 Berge wurden so bereits zerstört. Dabei sind die Appalachen mit mehr als 1000 verschiedenen Tier- und Pflanzenarten eines der wichtigsten Biodiversitäts-Zentren in Nordamerika.
Schlimmer noch, im Jahr 2002 änderte die Bush-Administration die Definition von "Füllmaterial" im Clean Water Act. Seither ist es den Kohleunternehmen erlaubt, ihre giftigen Bergbauabfälle legal in nahegelegene Täler zu kippen. Diese "Talaufschüttungen" haben mehr als 3000 Kilometer an Quellflüssen verschüttet und viele weitere mit Substanzen wie Arsen, Blei und Quecksilber vergiftet.
Die Appalachen zehn Jahre später im Vergleich. Urheber: Kanawha Forest Coalition
Lange haben es die Kohleunternehmen abgestritten, doch zahlreiche Studien zeigen die Realität: Der Bergbau in den Appalachen ist eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit. Mehr als tausend Todesfälle pro Jahr im Gebiet der Appalachen sind auf die Folgen der Kohleförderung zurückzuführen. Forscher der Universität Indiana zeigen, dass die Luft- und Wasserverschmutzung, die durch das Mountaintop Removal Mining verursacht wird, zu einem Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs, Lungenerkrankungen und Geburtsfehlern führt. Ein hoher Preis, den die USA für ihren Hunger nach Kohle zahlen.
Schmutziges Business
Für die US-Industrie ist der Abbau der Kohle eigentlich schon länger nicht mehr profitabel. In den vergangenen Jahren mussten zahlreiche grosse Unternehmen Insolvenz anmelden, damit gingen Zehntausende Kohlejobs verloren. Viele Minen mussten schliessen, vor allem die unterirdischen. Trotz der internationalen Entwicklungen im Energiemarkt, trotz Klimaversprechen und gegenläufiger Verordnungen aus Washington wird weitergefördert.
Ein Teil der Kohle wird nach China exportiert, wo sie in Hochöfen zur Stahlproduktion verfeuert wird. Der grösste Teil der US-Kohle ist jedoch für den Eigenbedarf vorgesehen. In den 90er-Jahren deckten die Vereinigten Staaten ihren Strombedarf zu fast 50% aus Kohlekraftwerken, West Virginia gar zu 99%. Kohle ist von allen Treibstoffen der grösste Verursacher von CO2-Emissionen und damit ein entscheidender Motor des Klimawandels. Dank Ausstiegsbemühungen senkte sich der Anteil der Kohleenergie auf 23% (Stand 2019). Appalachenkohle wurde auch in Deutschland verstromt. Laut der Ermittlungen der Umweltorganisationen urgewald und FIAN Deutschland wurden 2011 über 15% der Steinkohle in Deutschland aus den USA importiert. Nach Kolumbien und Russland gehörten die Vereinigten Staaten so zu den drei wichtigsten Kohle-Lieferanten für das Bundesland.
Kampf gegen Bergzerstörer
Immer wieder machen Umweltorganisationen und Umweltschützer auf die Lage in den Appalachen aufmerksam. Auftrieb erhielten die Umweltschützer, als sich Robert F. Kennedy Jr., Neffe des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, ihnen anschloss.
„Was sie hier in West Virginia tun, ist kriminell. Wir haben doch bessere Möglichkeiten, Energie zu gewinnen. Sie aber vergiften unser Land, zerstören die Wirtschaft, untergraben unsere Demokratie. Sie sind gegen alles, wofür Amerika steht.“
Robert F. Kennedy, Rechtsanwalt
Den Aktivistinnen gelang es, einige Gebiete unter Schutz zu stellen, beispielsweise den Pine Mountain im östlichen Kentucky. Bis heute haben Regierungsbehörden und gemeinnützige Organisationen es geschafft, fast 28 Hektare des Pine Mountain zu schützen.
Doch der Schaden, der bereits angerichtet wurde, kann nicht rückgängig gemacht werden.
Quellen und weitere Informationen:
Appalachian Voices
Yale Environment: A troubling look at the human toll of mountaintop removal mining
EIA: U.S. electricity generation by energy source
FIAN: Deutschlands Steinkohleimporte
TimesNews (06.12.2009): Kennedy calls mountain top removal mining a crime