Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/1930

SAN DIEGO – Julia di lulio ist eine Apothekerin, die in Rio de Janeiro (Brasilien) und Aigle (VD) aufgewachsen ist. Anschliessend hat sie an den Universitäten von Lausanne und Genf Pharmazeutik studiert, bevor sie einige Monate lang als Apothekerin in einer Apotheke in Montreux (VD) gearbeitet hat. Sie erwarb am CHUV einen Doktortitel und überquerte im Jahr 2013 den Atlantik in Richtung der äusserst renommierten Harvard Medical School in Boston in den Vereinigten Staaten. Dort spezialisierte sich sich unter anderem im Bereich Genetik. Seit April 2016 arbeitet sie in San Diego im Bundesstaat Kalifornien für Human Longevity Inc., ein Unternehmen, das von dem bekannten, amerikanischen Wissenschaftler J. Craig Venter gegründet wurde. Mit ihren Wurzeln in der Schweiz und Brasilien scheint sie alle notwendigen Qualitäten mitzubringen, um sich in der weltweiten Forschung auf hohem Niveau einbringen zu können. Pharmapro.ch konnte ein Interview mit ihr führen, um ihren besonderen Werdegang kennenzulernen, der ein Kapitel des berühmten «Amerikanischen Traums» schreibt. Da sie in Kalifornien lebt, werden wir einen coolen Ton verwenden und uns duzen.
1. Pharmapro.ch - Julia, dein Werdegang ist äusserst bemerkenswert. Trotz einiger Probleme, die es in jedem Land gibt, sehen wir, dass die Schweiz dank den der Jugend gebotenen Möglichkeiten eindeutig eines der fortschrittlichsten Länder der Welt ist. Du hast eine öffentliche Schule im Kanton Vaud besucht, um letztendlich in Harvard zu landen. Wie erklärst du diesen Erfolg, von dem Millionen Studierende auf der ganzen Welt träumen?
Julia di lulio - Ich glaube, dass es im Bereich der Forschung besonders häufig vorkommt, die Chance zu erhalten, an einem renommierten Institut arbeiten zu können. Die «Swiss National Science Foundation" (SNSF) unterstützt diesen Austausch übrigens aktiv und der Prozentsatz zugesprochener Stipendien ist relativ hoch. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die «kleinen Schweizer» eher dazu neigen, ihre Kapazitäten zu unterschätzen, und das, obwohl das System der Schweiz dem amerikanischen ähnelt.
2. Auf LinkedIn konnte ich lesen, dass du einige Monate lang in einer Apotheke in Montreux gearbeitet hast. Wusstest du damals, dass das nur vorübergehend der Fall sein würde oder hast du während dieser Monate daran gedacht, für immer in einer Apotheke zu arbeiten?
Um ehrlich zu sein, hatte ich noch keine endgültigen Ideen, als ich begann, in der Apotheke zu arbeiten. Die Erfahrungen in der Apotheke waren aber entscheidend. Sie haben meine Neugierde als Forscherin geweckt. Ich wollte verstehen, warum bestimmte Personen nicht auf die gewünschte Art auf ein Medikament reagieren. Mit diesem Ziel habe ich mein Doktorat an der CHUV in Angriff genommen. Es zielte darauf ab, den Einfluss der Genetik auf die Reaktionen eines Individuums bei unterschiedlichen Behandlungen zu bewerten.
3. Wie waren die Jahre in Harvard? Waren sie schwer und mit viel Arbeit verbunden?
Zeitweise war es sehr anstrengend, wie überall, wo ich gearbeitet habe... Das liegt aber vielleicht mehr an meinem Charakter als an der Umgebung, in der ich mich aufhalte. Wenn mich ein Thema fesselt, habe ich manchmal Probleme damit, den Fuss vom Gaspedal zu nehmen. Es stimmt aber, dass in Harvard die Notwendigkeit Resultate zu erzielen und produktiv zu sein, besonders ausgeprägt ist. Das erklärt sich wahrscheinlich damit, dass viele Studierende sich verschulden mussten, um an der Harvard Medical School studieren zu können. Ich möchte aber nochmals betonen, dass das Schweizer System und insbesondere die SNSF mir viel geholfen haben, da ich zwei Stipendien erhielt, mit denen die drei Jahre meines Postdoktorats vollständig finanziert wurden.
4. Anschliessend verlässt du die Region Boston, eines der aktuell wichtigsten Zentren der pharmazeutischen Forschung, um an die Westküste nach San Diego in den Stadtteil La Jolla zu ziehen (dort sind die Institutionen Scripps und die Universität von San Diego angesiedelt), und du wendest dich der Biotechnologie und der Genetik zu. Hältst du San Diego für das kommende weltweit führende Zentrum der Genetik?
Mein ehemaliger Professor meiner Dissertation, Amalio Telenti, war der Leiter des Instituts für Mikrobiologie am CHUV. Er hat sich in dem Moment mit mir in Verbindung gesetzt, als ich mir Gedanken darüber machte, ob ich in Harvard bleiben oder wieder in die Schweiz zurückkehren wollte. Er war gerade nach San Diego umgezogen, um in einem Start-Up-Unternehmen zu arbeiten, das von einer Größe der Genetik, J. Craig Venter, mitbegründet wurde (Anmerkung der Redaktion: bitte unten weiterlesen). Er hat mich davon überzeugt (was nicht besonders schwer war), einige Monate in diesem Start-Up zu verbringen, bevor ich wieder in die Schweiz oder nach Boston zurückging. Ich bin hingegangen und habe mir gesagt, dass diese Erfahrung auf jeden Fall vorteilhaft sein wird. Ich wusste aber nicht, ob ich auf Dauer bleiben wollte. Mir wurde dann sehr schnell bewusst, dass sich mir eine unglaubliche Möglichkeit bot und dass die Forschung an der Westküste dasselbe Niveau wie an der Ostküste hat. Und wenn San Diego auch noch nicht das weltweit führende Zentrum der Genetik war, so könnte es sehr wahrscheinlich in den kommenden Jahren dazu werden.
5. Wie du lebe ich seit vielen Jahren außerhalb der Schweiz (insbesondere in Brasilien und den Vereinigten Staaten). Ist es, abgesehen von der amerikanischen Kultur, die sich zwangsläufig etwas von der Schweiz unterscheidet, schwer, die Schweiz aufzugeben und so weit entfernt von der Familie und den Freunden zu leben? Wir haben in Lausanne zwar nicht in denselben Kreisen verkehrt, ich erinnere mich aber an dich als eine sehr soziale Person, die immer viele Freunde hatte. Anders ausgedrückt: musstest du, um zu einer hochrangigen Wissenschaftlerin zu werden, ein bestimmtes soziales Leben «vergessen» und dafür einen echten Preis bezahlen? Ich denke da besonders an all deine Verwandten in der Schweiz.
Ich will nicht lügen. Manchmal ist es schwierig. Meine Familie und meine Freunde sind eindeutig Gründe, die mich in Zukunft veranlassen könnten, wieder in die Schweiz zu kommen. Bis jetzt habe ich aber Glück gehabt. Viele meiner Freunde und Mitglieder aus meiner Familie haben mich besucht. Das hat mir dabei geholfen, mich nicht zu isoliert zu fühlen. In Bezug auf die unterschiedlichen Kulturen kann ich sagen, dass ich in Boston und San Diego aussergewöhnliche Menschen kennengelernt habe. Was die Lebensweise angeht, muss ich aber gestehen, dass mir die der Kalifornier mehr zuspricht und ich keinen zu grossen Kulturschock spüre. Im Gegenteil, ich begrüsse die Mentalität hier, die mich in vielen Dingen an die der Cariocas erinnert (Anmerkung der Redaktion: Einwohner von Rio de Janeiro).
6. Wenn wir schon dabei sind. Wie siehst du deine Zukunft? Siehst du dich als Wissenschaftlerin, die in den USA lebt, das, ob man das eingestehen will oder nicht, das weltweit führende Land in Sachen Forschungsmittel ist. Besonders im Bereich der Genetik. Oder wirst du in die Schweiz zurückkehren, um näher bei deiner Familie, deinen Freunden und deiner Kultur zu sein, aber vielleicht nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten, das «die Welt verändern will», wie wir es von Unternehmen in Kalifornien, wie beispielsweise Google, gewöhnt sind?
In der nahen Zukunft werde ich in den USA bleiben. In dieser Phase meiner Karriere und meines Lebens schätze ich besonders, dass ich in einem Umfeld arbeiten kann, in dem die Menschen grosse Ambitionen haben, vielleicht manchmal auch zu große. Ich denke aber, dass mich das dazu zwingt, über mich hinauszuwachsen. Langfristig stehe ich natürlich der Möglichkeit einer Rückkehr in die Schweiz offen gegenüber und ich freue mich darauf, was die Zukunft für mich bereithält.
7. In Anbetracht deines Werdegangs sehe ich dich als hochrangige Wissenschaftlerin an und ich bin überzeugt davon, dass man über herausragende wissenschaftliche Kenntnisse verfügen muss, um nach Harvard zu kommen. Darüber hinaus lese ich gerade ein exzellentes Buch mit mehr als 500 Seiten über die Genetik, das ein grosser Publikumserfolg ist (The Gene: An Intimate History, von Siddharta Mukherjee, hier auf Amazon.de verfügbar). Ich habe viel Neues über die Genetik gelernt, wie beispielsweise über die Epigenetik und die CRISPR-Technik. Als ich zu Beginn der 2000er Pharmazeutik studiert habe, gab es diese Ansätze noch nicht. Wie schaffst du es, bei all diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen dein Wissen aktuell zu halten (up-to-date)? Ist das nicht etwas anstrengend, oder vielleicht doch eher aufregend, immer wieder Neues zu lernen?
Ich bin der Meinung, dass, wie in vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen auch, die Genetik eine sehr dynamische Wissenschaft ist. Es gilt noch viele Konzepte zu entdecken oder neu zu bewerten. Auch Menschen, die über ein breites Wissen verfügen, müssen sich ständig auf dem Laufenden halten. Persönlich hilft mir aktuell Twitter enorm dabei. Die meisten Studien, die einen wesentlichen Einfluss auf meinen Forschungsbereich haben, werden dort ziemlich weit verbreitet. Auch wenn ich anfangs etliche Wissenslücken hatte, konnte ich diese Schritt für Schritt schließen und lerne heute jeden Tag etwas Neues. Das macht meine Arbeit faszinierend und spannend!
8. Du arbeitest für das Unternehmen Human Longevity, Inc. Willst du, wie der Unternehmensname es andeutet, dass wir unsterblich werden oder dass wir einfach nur ein paar Jahre länger leben?
Meiner Meinung nach ist die Verlängerung der Lebensspanne nicht der ausschlaggebende Faktor, sondern dass wir zu den bestmöglichen Bedingungen bis ans Ende leben und einen vorzeitigen Tod vermeiden. Wir haben vor kurzem eine Methode entwickelt, mit der wir die Teile des genetischen Codes bestimmen können, die bei einer Veränderung am wichtigsten oder am anfälligsten sind, zur Ursache von Krankheiten zu werden. Die Idee ist, in Zukunft das Genom eines Individuums analysieren zu können und so denjenigen Krankheiten vorzubeugen, für die diese Person aufgrund genetischer Variationen anfällig ist. Um es kurz zu sagen hoffen wir, eine eher aktive als reaktive Medizin zu entwickeln.
9. Das Unternehmen Human Longevity Inc. wurde vom «Papst» der modernen Genetik J. Craig Venter mitgegründet. War das ein ausschlaggebender Faktor bei deiner Entscheidung, dich diesem sehr schnell wachsenden Unternehmen (speziell ein grosses Wachstum bei der Anzahl der Mitarbeiter), das wahrscheinlich weltweit grosse Ambitionen hat, anzuschliessen ?
Natürlich. Es ist unglaublich, täglich mit J. Craig Venter in Kontakt zu kommen (ab und zu spiele ich im Sportraum des Unternehmens auch Tischtennis mit ihm!). Er ist genau der Visionär, als den ich ihn mir vorgestellt hatte. Er bleibt sehr mit der Wissenschaft verbunden und diskutiert von Zeit zu Zeit die Ergebnisse mit uns. Der Ruf von J. Craig Venter und die Zielsetzung von Human Longevity, Inc. haben es dem Start-Up-Unternehmen ermöglicht, in Rekordzeit weltweit bekannt zu werden.
10. Wenn ich es richtig verstehe, hat Human Longevity Inc. die Struktur eines Start-Up-Unternehmens mit diversen Investoren (insbesondere von Venture Kapitalisten). Bekanntlich ist Kalifornien, insbesondere die Region von San Francisco mit dem südlich gelegenen Silicon Valley, ein idealer Standort für ein Start-Up-Unternehmen. Träumst du davon, eines Tages dein eigenes Start-Up-Unternehmen zu gründen (natürlich mit Partnern und Investoren) oder planst du eher, eine Wissenschaftlerin zu bleiben, ohne in die Geschäftswelt einzutauchen?
Aktuell interessiert mich die Geschäftswelt nicht besonders. Man soll aber niemals nie sagen... Wenn man mich vor 10 Jahren gefragt hätte, ob ich programmieren lernen wollte, hätte ich gesagt «absolut nicht» und dennoch mache ich jetzt genau das und ich liiiiiebe es!
11. Um mit einer etwas entspannteren Note zu schliessen, möchte ich gerne wissen, wie das Leben in San Diego ist. Jeder sagt, dass das Klima sehr angenehm und die Stadt, die über schöne Strände verfügt, gut entwickelt ist. Fehlt dir nicht manchmal ein bisschen der Regen und der Schnee?
Das Klima ist für mich absolut ideal... Da kommt vielleicht mein brasilianisches Blut durch. Ich bin auch der Meinung, dass die Stadt unglaublich ist und ein perfektes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit ermöglicht. Beispielsweise gehe ich nach der Arbeit oft Surfen. Es gibt nichts entspannenderes, als beim Warten auf eine Welle den Sonnenuntergang zu beobachten! Durch die vielen Palmen habe ich den Eindruck, jeden Tag im Urlaub zu sein.
Das Interview wurde von Xavier Gruffat (Apotheker, MBA, Mitbegründer von Pharmapro.ch) per E-Mail zwischen dem 5. und 24. April 2017 geführt. Photos: Offenlegung, Fotolia.com
BASEL - Forschende in Basel haben herausgefunden, wie sich einer der häufigsten multiresistenten Keime bekämpfen lässt.
BERN - Der Konsum von Arzneimitteln basierend auf Opioiden ist in der Schweiz zwischen 1985 und 2015 um das 23-fache gestiegen.