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«Erinnern, wie man es aufschreiben kann, heisst immer auch vergessen, wie es war.» Pointierter hat das Verhältnis von Leben und Schreiben kein anderer Autor beschrieben als der am 31. Juli 1927 in Zürich geborene Walter Vogt in «Vergessen und Erinnern» (1980), in diesem AnalysePing-Pong mit einer Psychiaterin, die, statt seine Drogensucht zu heilen, in die Literatur einging. Die Droge war nur das eine, was den Hauptmann der Schweizer Armee, Psychiater mit eigener Praxis und Familienvater mit drei Kindern zum Outsider mit skeptischem Blick auf das «Normale» und Sympathien für die Opfer des Systems machte. Das andere war seine Bisexualität, zu der er sich erst spät bekannte. Vogt hat zwei Arten von Schreiben betrieben: das erzählende und das tagebuchartige. Das erzählende in Büchern wie «Der Wiesbadener Kongress» (1972), «Schizogorsk» (1977) oder «Booms Ende» (1979), mit denen er zu den brillantesten Satirikern der jüngeren Schweiz und – aus der Erfahrung des Arztes heraus – auch zu ihren schärfsten Kritikern gehörte. So ist etwa die Titelerzählung von «Booms Ende», in dem das marktwirtschaftliche, profitorientierte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem samt allen gegenläufigen Richtungen und Ideologien am Beispiel eines erst machtgierigen und dann zynisch opportunistischen Grossunternehmers namens Boom ad absurdum geführt wird, auch heute noch von stupender Aktualität. Nicht weniger aktuell aber ist Vogts tagebuchartiges Schreiben geblieben, in dem er sein nicht immer leichtes Dasein auf schonungslose Weise zum Modell für das Leben überhaupt gemacht hat. Neben «Vergessen und Erinnern» gehören dazu vor allem «Altern» und «Schock und Alltag»; Bücher, die einen Autor zeigen, der im Jahrzehnt von Tschernobyl, Schweizerhalle und dem Aufkommen von Aids zum Pessimisten aus Einsicht und Notwendigkeit wurde. Das ebenso resignativ-ahnungsvolle wie trotzige Bekenntnis «Altern» hat Vogt schon mit 54 Jahren geschrieben, «Schock und Alltag» ist das posthum publizierte Tagebuch seiner letzten zwei Jahre und endet sechs Monate, bevor er am 21. September 1988, mitten in der Produktion seines Aids-Theaterstücks «Die Betroffenen», 61-jährig an Herzversagen starb. Vogt zeigt sich unverhüllt, nackt in diesen späten Aufzeichnungen, macht weder aus der Drogenabhängigkeit noch aus der Homosexualität einen Hehl und weiss doch, dass der eigentliche Skandal, von dem zu künden ist, nicht solche Privatissima, sondern die Anzeichen jener schleichenden Weltzerstörung sind, die damals unter anderem den Namen Tschernobyl trugen. Der Tod, mit dem er lebenslang befasst war, spielte auch für den Erzähler Walter Vogt eine wichtige Rolle. Wovon nicht zuletzt die Texte zeugen, mit denen er debütiert und aufgehört hat: «Wüthrich», der Monolog eines sterbenden (Chef-) Arztes von 1966, der die seelenlose Welt der modernen Klinik ad absurdum führte und innerhalb der Ärzteschaft sehr viel Staub aufwirbelte, und der 1993 posthum publizierte Roman «Fort am Meer», in dem ein zum Tode Verurteilter der Reihe nach mit seinen acht Bewachern spricht. Einer von ihnen, der Leutnant, ist ein Callboy, der einen Striptease hinlegt und in der Mischung aus schwulem Todesengel und griechischem Jüngling Thanatos nochmals die ganze Breite des Spektrums absteckt, vor dem dieser Autor zwischen Tradition und Moderne, Bürgerlichkeit und Widerstand, Lebenslust und Todessehnsucht zu sehen ist.