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Ein Online-Medium bezeichnet Georgijs Osokins als Klavier-Provokateur. Kritiker sind vom 24-jährigen Letten entweder begeistert oder irritiert. Am Samstag spielte er an den Piano Series in der Aula der Universität Freiburg. Im ersten Teil lag der Schwerpunkt auf Johann Sebastian Bach. Auf dem Programm standen zwei Konzertsätze von Antonio Vivaldi in einer Bearbeitung Bachs, drei Bach-Bearbeitungen von Ferrucio Busoni sowie ein Präludium und eine Fuge aus Bachs «Wohltemperierten Klavier».
Komplexe Konstruktionen
Die ersten Stücke klangen hell, selbst in eher melancholischen Abschnitten. Osokins hielt sich mit der linken Hand zurück und gab damit der Melodie in der rechten Hand viel Raum. Die Melodiebögen gestaltete er bemerkenswert intensiv. Ohnehin spielte Osokins enorm ausdrucksstark: So setzte er im Anschlag von zart schmelzenden Tönen bis zum stählernen Hämmern das ganze Spektrum ein, ohne allzu dick aufzutragen. Jedes Stück erhielt seinen eigenen Charakter. Bemerkenswert war die Fuge in Cis-Dur. Die Hauptmotive erklangen scharf konturiert, während die Nebenmotive unauffällig dahinflossen. So konnte man Bachs komplexe Konstruktionen beim Hören nahezu mitverfolgen.
Nun mag man monieren, Osokins habe die Barockwerke allzu romantisch gespielt. Doch Osokins hauchte der eher technisch klingenden Musik von Bach Emotionen ein. Ohnehin weiss der Zuhörer nicht mit Sicherheit, wie Bach seine eigene Musik interpretiert hat. Osokins Interpretationen wirken deshalb durchaus plausibel.
Dichter Klangteppich
Der zweite Teil des Konzerts stand im Zeichen von Frédéric Chopin. In diesem Teil wob Osokins einen dichten Teppich aus Läufen und Akkorden, womit er die Stimmung in Chopins Musik schön traf. In den virtuosen Läufen wirkte Osokins souverän, gerade auch in der abschliessenden dritten Klaviersonate. So erinnerte der Beginn des Scherzos an ein wildes Ameisenrennen. Im Largo wechselte Osokins zwischen schweren Akkorden und ausdrucksstarken Melodien. Im abschliessenden Presto schuf er eine schwer fassbare Unruhe. Mit den intensiven Stimmungswechseln zeigte Osokins, warum er als emotional tiefgründiger Pianist gilt.
Beeindrucktes Publikum
Das Freiburger Publikum war beeindruckt. Klar ist: Osokins Musik stösst kaum auf ungeteilte Gegenliebe. Doch seine Interpretationen lassen niemanden kalt. Das darf ein Musiker durchaus als Kompliment verstehen. Mehr noch: Das fesselnde Konzert von Osokins hinterlässt grundlegende Fragen zum Verständnis der klassischen Musik. Entsteht ein Kunstwerk durch den Komponisten oder erst durch den Interpreten? Wie viel Freiheit darf sich ein Interpret erlauben, und welchen Dogmen soll er folgen? Kunst will stets zum Nachdenken anregen. So gesehen erfüllt Osokins seinen Auftrag als Künstler perfekt.