Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/2820

2017 geht zur Neige. Alles in einem war es für mich ein angenehmes Jahr, was man für den Großteil der Weltbevölkerung leider, leider nicht behaupten kann.
Von Januar bis Mai war ich am Lernen. Ich schrieb viel und kam gut voran. Die Deutschen Schreibtage in Berlin im Mai waren ein erquickliches Erlebnis. Dort sprach ich zum ersten Mal über mein Romanprojekt. Dieses Comingout beflügelte mich, und Ende Mai fuhr ich für eine Woche nach Tuttlingen, um intensiv an meinem Roman zu arbeiten. Viele Autoren fahren dazu nach Italien oder Frankreich, aber mich inspiriert ausgerechnet Deutschland. Ich dachte, ich würde in dieser Zeit den ganzen Text schreiben, doch dieses Ziel war eindeutig zu hoch gestochen. Am zweiten Tag fand ich meinen Rhythmus: Am Vormittag korrigierte und ergänzte ich den Text vom Vortag, am Nachmittag und Abend schrieb ich weiter. Ich arbeitete acht bis neun Stunden am Tag, ging zwischendurch spazieren oder essen und las am Abend in einem Buch von Elizabeth George. In diesen Tagen schrieb ich die Hauptlinie der Handlung im Rohtext und skizzierte die Nebenlinie.
Im Juni schrieb zwei Kurzgeschichten für Wettbewerbe. Wie erwartet gewann ich keinen der beiden. Trotzdem war es eine gute Erfahrung, vor allem der Orell-Füssli-Wettbewerb, da ich dabei zum ersten Mal an einem Wettbewerb außerhalb meiner Schule teilnahm und mich mit meinen Zeilen in die große weite Welt hinauswagte.
Dann kam eine Erschütterung. Mein Sohn stürzte in der Halfpipe eines Fun-Parks und brach sich das linke Bein an mehreren Stellen. Zum Glück musste er nicht operiert werden, sechs Wochen Gips sollten für die Heilung genügen. Eingegipst wurde unter Vollnarkose. Die Röntgen-Bilder, die die Knochensplitter in seinem Bein zeigten, trafen mich tief. Der Unfall passierte drei Wochen vor der geplanten Abreise nach Australien. Wir mussten natürlich alles stornieren. Bis der Gips entfernt wurde und mein Sohn wieder ohne Krücken laufen konnte, ließ mich die innere Unruhe nicht schrieben. Ich nutzte diese Zeit, um das Programm Papyrus Autor zu installieren und die Daten meines Romans darin zusammenzufassen. Das war eine gute Gelegenheit, alle Namen und Zeitangaben zu prüfen. Es ist ja nicht lustig, wenn die Tochter einer Figur heute Sandra heißt und morgen Jasmin.
Im August unternahm ich zusammen mit meinem Liebsten eine kleine Radtour als Kompensation für die abgeblasene Australienreise. Während der Tour machte ich mir Notizen. Draußen zogen Landschaften und Menschen an mir vorbei und drinnen meine Gedanken, die ich bei Pausen festhielt, unter einem Baum, in einem Restaurant, abends auf dem Zimmer. Es ergab sich ein fließender Schreibprozess, den ich zwei Monate später bei unserer Israel-Reise wieder aufnahm.
Über das ganze Jahr hindurch behielt ich meine Tanzstunden, zu denen mich meine Tochter animiert hatte. Es ist ein wunderbarer Ausgleich zum Schreiben, und außerdem tut mir ein Hobby, dem ich zusammen mit meiner Tochter nachgehe, richtig gut. Während das Herz meiner Tochter für Modern Dance schlägt, ist für mich Ballett das Beste. Als Kind durfte ich nicht ins Ballettstudio gehen (es hätte auch nichts gebracht, ehrlich gesagt, unbeweglich wie ich war), jetzt kämpfe ich mich fröhlich durch Pliés und Tondus.
Heute, am letzten Tag des Jahres 2017, bin ich glücklich und zufrieden. Ich darf schreiben, tanzen, reisen. Mir fehlt nichts, selbst mein Rücken macht dank Tanzstunden besser mit als auch schon. Meine Lieben sind gesund, munter und gehen ihren Interessen nach. Mein Sohn hinkt nicht mehr. Er ist größer als ich und weiß schon, welchen Beruf er lernen will. Meine Tochter tanzt und genießt das Leben mit ihrem langjährigen Lebenspartner. Mein Mann freut sich auf die neue Herausforderung, die er nach seiner Pensionierung aufnimmt.
Als Kind wünschte ich mir in der Silvesternacht, um Punkt zwölf Uhr, etwas für das kommende Jahr. Als Erwachsene tue ich das immer noch, man darf ja an Wunder glauben. Früher geschah das zum Schlag der Kreml-Kuranten, heute zur Uhr des Kirchturms. Meine Silvesterwünsche gehen immer in Erfüllung. (Nun, man muss einfach wissen, was man sich wünscht, dann geht es schon klar.) Diesmal werde ich die Augen schließen und mir wünschen, dass alles so weitergeht wie bisher.
In diesem Sinne: ein gutes Neues!