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Auch wenn die Auflagenhöhe seiner Romane überschaubar blieben, kann Nanni Balestrini als einer der wichtigsten zeitgenössischen AutorInnen gelten. Wie wenige andere verstand er es, seiner Literatur eine avantgardistische und doch packende Erzählform zu geben.
Balestrini war in den sechziger Jahren in Kunstkollektiven aktiv und interessierte sich unter anderem für künstlerische Techniken der Fluxus-Bewegung. Bei der Suche nach radikaleren Formen entstand etwa das Buch «Tristano» (1966), das in Deutschland erst 2009 und dank modernem Digitaldruck in der geplanten Form erscheinen konnte. Es handelt sich um eine Montage einzelner Sätze, die bei jedem gedruckten Exemplar anders ausfällt.
Der gesellschaftliche Aufbruch in Italien machte den Lyriker und Künstler Balestrini zum Chronisten einer politischen Bewegung. Die Strassenschlachten 1962 in Turin und eine Welle wilder Streiks 1969 motivierten ihn zu dem Roman «Wir wollen alles», in dem ein junger Arbeiter von Migration, LohnarbeiterInnen und Fabrikkämpfen erzählt. Der Verzicht auf jede Interpunktion verleiht dem Text einen ganz eigenwilligen Rhythmus, der einerseits an den Fluss mündlicher Erzählung erinnert, andererseits aber auch etwas Maschinenhaftes an sich hat.
An diesem Stilmittel hielt Balestrini auch in der Folge fest. «Die Unsichtbaren» (1987) erzählt von der Jugendbewegung von 1977, auf die der italienische Staat mit massiver Repression reagierte. «Der Verleger» (1989), das erzählerisch komplexeste Werk Balestrinis, setzt sich mit dem Tod seines Verlegers und Freunds Giangiacomo Feltrinelli auseinander, der 1972 unter ungeklärten Umständen bei einem Bombenanschlag ums Leben kam.
Als radikaler Linker war Nanni Balestrini selbst von den Verhaftungswellen betroffen, die Italien ab 1979 erschütterten – und dem Rechtspopulismus das Feld bereiten sollte. Er floh nach Frankreich ins Exil und kehrte erst viele Jahre später zurück. Der Verlust des politischen Bezugsrahmens erwies sich als harter Schlag für Balestrini. Zwar schrieb er weiter wichtige Bücher, darunter «I Furiosi», das von den Fussballfans der AC Milan erzählt, und den Camorra-Roman «Sandokan», doch er fand für diese Sujets keine eigene Form mehr.
Die beste Würdigung eines Autors besteht bekanntlich darin, ihn zu lesen. Einen wunderbaren Einstieg ermöglicht der Sammelband «Die grosse Revolte», in dem drei zentrale Romane Balestrinis enthalten sind.