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Zen ist eine Kulturtechnik, die es ermöglicht, unabhängig von der Art der Religion oder kulturellen Zugehörigkeit, Erfahrungen des Absoluten zu machen. Diese Erfahrung mag dann ein jeder nehmen und in sein jeweiliges kulturelles Gefüge übertragen und sich einen Reim daraus machen. Besser noch: Man lässt es.
Wenn man mich fragen würde, ob es Gott gibt, würde ich unumwunden sagen: ›Ja!‹ Warum? Weil es das Wort ›Gott‹ gibt. In der strukturalistischen Linguistik wird zwischen Signifikat und Signifikant unterschieden. Diese Begrifflichkeit geht auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure zurück. Saussure versteht Sprache als ein System von Zeichen. Die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant, Lautbild, Zeichengestalt) und dem Bezeichneten (Signifikat) beruht auf menschlicher Konvention und Vereinbarung statt auf einer naturgegebenen Gesetzmäßigkeit.
Wenn es also den Signifikanten ›Gott‹ gibt, die Zeichengestalt, das Lautbild ›Gott‹, so gibt es auch das entsprechende Signifikat, also etwas, was dieser Begriff ›Gott‹ bezeichnet. Nun mag man einwenden, dass es nach dieser Argumentation auch den Osterhasen geben müsse oder den Weihnachtsmann. Und tatsächlich, ich glaube an die Existenz des Osterhasen!
Der Begriff ›Osterhase‹ ist wie auch der Begriff ›Gott‹ ein Signifikant, ein Bezeichnendes, bei dem sich nun die Frage stellt, was es bezeichnet, also die Frage nachdem Signifikaten des Begriffs. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich auf mindestens zweierlei Weise stellen:
1. Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt, sie in einer Kiepe transportiert und für die Kinder im Garten versteckt?
Diese Frage muss man aller Wahrscheinlichkeit nach mit ›nein‹ beantworten.
2. Gibt es etwas, auf das der Begriff und das Bild des Osterhasen verweist?
Diese Frage kann man ohne weiteres mit ›ja‹ beantworten.
Der Hase gilt aufgrund seiner beachtlichen Fortpflanzungskraft als Symbol für die Promiskuität der wiederkehrenden Natur im Frühling nach den langen Monaten des Winters. Ebenso gilt das Ei in der christlichen Ikonographie als Symbol der Auferstehung Christi. Auf Ostereiern wurde früher immer wieder das sogenannte Dreihasenbild (Abb. 1) abgebildet, das drei Hasen zeigt, die zusammen nur drei Ohren haben. Die Ohren werden allerdings so dargestellt, das ein jedes Ohr doppelt verwendet wird und so doch alle drei Hasen zwei Ohren haben. Dieses Bild wurde früher in der Forschung als Symbol für die Dreieinigkeit Gottes gedeutet. Heute spricht hingegen vieles dafür, dass es sich eher um lunares oder solares handelt und / oder um eine Darstellung der zyklischen Bewegung des Mondes. Wie dem auch sei, nimmt man all diese Begriffe einmal zusammen: Hase, Frühling, Ei, Wiederkehr des Lichts, Auferstehung Jesu, Fruchtbarkeit, Mondphasen, etc. so erscheint ein assoziatives Begriffsfeld, das jahreszeitliche Gegebenheiten, deren Bedeutung für den Menschen, unterschiedliche Beobachtungen in Bezug darauf und diverse kulturelle Verknüpfungen in sich vereint. Und damit finden wir ein mögliches Signifikat des Signifikanten ›Osterhase‹. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich also in sofern mit ›ja‹ beantworten, indem man sagt, es gibt einen Erfahrungskomplex innerhalb des Menschseins, der zu einer bestimmten Jahreszeit in einem bestimmten Kontext in der Figur des Osterhasen seinen Ausdruck findet.
Ich möchte noch einen Augenblick zu der ersten Form der Fragestellung nach der Existenz des Osterhasen zurückkehren. Gibt es den Osterhasen wirklich? Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt und für die Kinder im Garten versteckt? Ich würde sagen: ja, es gibt ihn, und er besitzt auch bis zu einem gewissen Grade Wirklichkeit. Es gibt ihn, weil im kulturellen Bewusstsein einer Gruppe von Menschen dieses Bild aufgetaucht ist, es besitzt Wirklichkeit in dem Maße, in dem es in der Lage ist, etwas zu bewirken. Ich löse mich hier also etwas von der Auffassung, nach der Wirklichkeit die Phantasie oder den Traum zum Gegensatz hat. Das aus dem kollektiven Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen hervorgegangene Bild des Osterhasen gehört der Sphäre des Märchenhaften und Symbolischen an, der eine gewisse psychologische Wirksamkeit zukommt und die so zu unserer Wirklichkeit gehört.
Was für den Osterhasen gilt, sollte mindestens ebenso auch für ›Gott‹ gelten, so dass man also folgende Fragen formulieren kann:
1. Gibt es ein Erfahrungs- und Begriffsfeld, also ein Signifikat, auf das der Signifikant ›Gott‹ referiert?
2. Was ist es, das durch die Bezeichnung ›Gott‹ bezeichnet wird?
3. Offensichtlich kommt dem, was hinter dem Begriff ›Gott‹ steckt, eine gewisse kulturelle, soziale und psychologische Wirksamkeit zu und so auch eine gewisse Wirklichkeit. Kann man von diesen Wirkungen möglicherweise auf die Beschaffenheit der Ursache dieser Wirkungen schließen?
Ich möchte diese Fragen hier nicht beantworten, kann es auch gar nicht, da dies dien Rahmen dieses kleinen Ausfluges bei weiten sprechen würde.
Heute morgen saß ich im Wald und hörte dem Wind zu. Es geht gerade ein wunderschöner leichter Wind hier, gesättigt mit Kühle und Feuchtigkeit, die den Kopf ganz klar und ruhig machen. Die Blätter bewegen sich schnell und leicht. Das Geräusch, das entsteht, ist ein sanftes und zugleich kräftiges Rauschen und Flüstern. Dieses Rauschen ist wahrscheinlich schon seit Jahrmillionen in die kollektive Erinnerung der Menschen eingegraben, wie der Blick ins Lagerfeuer, oder vielleicht sogar seit noch viel längerer Zeit. Jedenfalls reicht das Gefühl, das das Rauchen des Windes erzeugt, sehr tief hinab, dorthin, wo Sprache lange schon keine Kraft der Definition mehr findet. Am Anfang war das Wort? Das Rauschen des Windes reicht hinab zu einem ganz anderen Anfang, zu den Wurzeln, zu dem Grund und der Tiefe in der alles Zeitliche immer unschärfer und schließlich nicht lineares, ewiges Werden und Vergehen wird.
Motorenlärm, Bohrmaschinen, Flugzeuge und das undefinierbare Grundtönen von vielen Menschen vermischte sich immer wieder mit den Windgeräuschen. Es gibt immer weniger Orte auf der Welt, an denen die Anwesenheit der Menschen nicht allgegenwärtig wäre. Die Erde wird – zumindest gefühlt – immer kleiner. Zu meinem Bedauern gibt es auch keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte. Für die Phantasie waren diese weißen Bereiche wie leere Gefäße, in denen Träumen und Sehnen Ort und Form gefunden haben.
Der Lärm der Menschen ist zwar laut, reicht aber nicht so weit hinab, bleibt an der Oberfläche, trübt das Wasser, so dass der Blick in die Tiefe schwieriger geworden ist. Dabei ist der Kontakt zu dieser Tiefe wichtiger denn je. Die Wurzeln des kollektiven Unbewussten der Menschen sind mit der Totalität dieser Welt, mit den Tieren und Pflanzen, mit den Bergen, Wüsten, Meeren und Wäldern, mit den Gärten, Feldern und der Erde verbunden. Alles Sein und Tun und Werden speist sich daraus. Geht diese Verbindung verloren, oder wird sie verdeckt und verborgen unter den zerstörerischen Früchten der Zivilisationen, führt das zu einer Unersättlichkeit bei gleichzeitiger Stumpfheit und Dummheit, die für kommende Generationen viel Elend und Leid bedeuten kann und wahrscheinlich auch bedeuten wird.
Vor mir auf dem Waldboden lag ein Stück Sandstein. Etwas Tröstliches ging von diesem Stein aus. Als er entstanden ist, gab es noch keine Menschen. Und irgendwann wird es wohl auch keine Menschen mehr geben. Gut so, dachte ich, dieses Menschsein ist ein Fehler. Gut wenn sie wieder von der Erde verschwinden! Im Menschen wird aus Strahlung Licht, Form und Farbe, wird aus Wahrnehmung Erkenntnis. Das „Samsara“, dachte ich, ist des schmerz- und glückhafte Bewusstwerdungsprozess des Geistes seiner selbst. Man könnte sagen: Die Materie spiegelt sich selbst in dem, was man Leben nennt. Oder: In der Materie findet der Geist seine Form. Mit der Evolution sucht der Geist immer neue Fragen und Antworten auf das Vorhandene bis zu Freiheit und Verantwortung: Pflanzen, Tiere, Menschen.
Mir fiel eine eine alte vedische Metapher ein, die ich vor einiger Zeil mal gelesen hatte:
In den Steinen schläft Brahman.
In den Pflanzen atmet Brahman.
In den Tieren träumt Brahman.
In den Menschen erwacht Brahman.
Den Menschen macht aber nicht nur das Erwachen zu Bewusstsein und Erkenntnis aus. Das ist nur die Oberfläche. Es ist dort auch immer noch das Träumen der Tiere, das Atmen der Pflanzen, und das Schlafen der Steine zu finden, tief innen noch jenseits der Träume und doch alles durchdringend. Das ist diese tiefe Verbindung, die im Klang des Windes zu hören ist, im Geruch der feuchten Walderde, in den Rufen der Vögel, in den geschmeidigen Bewegungen einer Katze oder in der Form der Pflanzen oder der Wolkenberge am Himmel. Menschen sind mit dieser Welt zutiefst verbunden. All mein Denken, Wollen und Tun findet nur an der Oberfläche des Ozeans statt. Besser in Stille hinsetzen, bis das Wasser wieder klar wird!
Ob ich auf dem Dharmaweg bin, weiß ich nicht. Ich habe ein paar Probleme, massive und weniger massive, die ich nicht habe lösen können, bis ich auf die Lehre des Buddha gestoßen bin. Diese Probleme betrafen Abhängigkeiten, Abneigungen, Ängste und auch Verdrängungen und Fehleinschätzungen. Die Lehre des Buddha verwandelt mich. Täglich mehr und immer tiefer gehend. Lange Zeit habe ich einiges an Philosophie gelesen, weil ich wissen wollte, warum die Menschen in ihrer etliche tausend Jahre währenden Kulturgeschichte nicht herausgefunden haben, was das ist, dieses Menschsein, woher diese Welt kommt, was die Seele ist, etc.. In der Buddhistischen Lehre habe ich die Antworten gefunden, die mir persönlich am realistischsten und plausibelsten erschienen, vor allem in der Lehre von der Leerheit. Zu diesen Antworten stellt die Lehre des Buddha noch ein umfangreiches Instrumentarium zur Verfügung, mit dem man sein Leben in den Griff bekommen und echte Freiheit erlangen kann. Das wirksamste Mittel, das ich bisher in diesem Kontext (eigentlich in Bezug auf jeden Kontext) kennengelernt habe, ist die stille Mediation ohne Inhalt als den dessen, was gerade gegenwärtig ist. Also: Keine Visualisierungen, Mantren, geschickten Mittel, Vergegenwärtigungen, etc.. Aber warum ist das so? Warum ist dieses Mittel so effektiv?
Der derzeitige Karmapa brachte es mal auf den Punkt. Er sagte: Es gibt nichts zu erreichen. Anhaftung und Ablehnung verzerren die Wirklichkeit. Auf einer subtileren Ebene erschaffen sie die Wirklichkeit. Wenn es gelingt, nur für wenige Augenblicke wie eine geöffnete Hand zu sein, die nichts ergreifen oder wegschieben möchte, offenbart sich das Zentrum der buddhistischen Lehre, einer jeden Religion, möchte ich meinen. Was soll ich da mit Reliquien, Stupas, Lamas und diesem ganzen Kontext, der mit meiner eigenen kulturellen Prägung nichts zu tun hat? Das ist so, als hätte der Buddha in Indien sich griechischer Gebete, Traditionen und Metaphern bedient, um den Dharma zu lehren. Die Lehre des Buddha betrifft direkt unsere Physiologie, unsere Ontologie und unsere Erscheinungswelt. Das macht sie zu einem universalen Werkzeug, bei dem die kulturelle Färbung unerheblich, ja sogar hinderlich ist und angepasst werden kann (und muss). Das lässt sich leicht daran ermessen, wie flexibel der Buddhismus Teil der jeweiligen Kultur geworden ist, in der er fußgefasst hat. Lamas, Stupas, die gesamte tibetische Bildwelt hat mit meinem Leben so wenig zu tun, dass auch die Lehre des Buddha ein Fremdkörper bleiben muss, wenn ich versuche ihn durch eine tibetische Brille betrachtet in mein Leben zu integrieren. Wenn ich aber aus meinem unmittelbarem Leben heraus versuche, die Lehre des Buddha zu verstehen, so merke ich, dass mit seine Lehre näher geht als alles andere.
Wenn man etwas ändern will oder positiv beeinflussen möchte „zum Wohle aller Wesen“, dann sollte man zumindest eine Vorstellung davon haben, was dieses Wohl ist, und wie man dahin kommt – nicht vom Ziel her gedacht, sondern in Bezug auf den Weg dorthin, der in kleinen und vielen und winzigen Schritten und Rückschritten besteht. Ich brauche die Vorstellung eines „richtigen“ Lebens, damit ich das sehe, was es gilt, abzustreifen, zu überwinden, sich dessen zu entwöhnen. Wenn ich die alten Werte nicht mehr teilen möchte, muss ich neue Werte etablieren können, wenn ich irgendwie positiv in der Gesellschaft wirken möchte. Seit meine Tochter auf der Welt ist, habe ich umso stärker das Bewusstsein dessen, dass in meiner Generation die Welt geschaffen wird, die meine Tochter von uns übernehmen wird. Es ist keine gute Welt, es ist eine abgründige Welt am Abgrund. Meine Wurzeln befinden sich im Schlamm dieses Abgrundes, von dort nehme ich Kraft, Nahrung, Sprache, Bilder und Denken. Ohne diesen Abgrund werde ich nie in der Lage sein, etwas hervorzubringen, was diesen Dreck vielleicht irgendwann einmal überwinden mag, ohne ihn zu negieren. Es klingt manchmal so, als hätten wir eine Wahl, was wir sein wollen, dabei haben nicht einmal die Wahl, welche Richtung wir dem Gegebenen geben wollen, und selbst wenn es manchmal gelingt, ist dieses Gelingen in keiner Weise unabhängig, auch wenn die Entscheidung für oder gegen dies oder das vielleicht frei erscheint. Ich bestehe unter anderem auch aus dem Grauen dieser Welt, weil ich daraus hervorgehe, weil ich Sein und Kraft und Denken daraus schöpfe. Ich finde vor, was ich bin. Und da ist zum Beispiel das Faktum, dass meine Existenz in ihrer ruhigen Beschaulichkeit, relativen Sicherheit und Behaglichkeit, auf der Arbeit und dem Leiden anderer (Tiere wie Menschen) beruht, denn meine Arbeit schafft so gut wie keinen „echten“ Gegenwert zu dem Kapital, das ich erwirtschafte. Die Bedingungen unter denen meine Nahrung produziert wird, sind Bedingungen meiner Existenz. Ich finde das Leiden, das diese Bedingungen mit sich bringt, eingeschrieben in jede Zelle meines Körpers und in jedem Wort meines Denkens. Ich „habe“ keinen „eigenen“ Geist. Ich sehe das Leiden so vieler Wesen, es ist so allumfassend. Selbst in der Schönheit und im Wohlbefinden, das ich in diesem Leben in mir vorfinde, ist dieses Leiden der anderen verborgen, alles ist durchdrungen von dieser ziellosen Mühsal. Je genauer ich hinschaue, desto deutlicher wird das. Das soll keine Klage sein, im Gegenteil. Ich nehme diese Dinge verstärkt wahr, weil ich zugleich immer mehr Momente und Situationen der Unabhängigkeit erlebe, in denen das Immer-Weiter-Wollen abnimmt und zugleich mit dieser dann eintretenden ECHTEN Ziellosigkeit kurze Momente der Freiheit aufscheinen. Umso ärger ist aus dieser Perspektive dann allerdings der Blick auf all das Zerren und Streben, Wollen und Negieren, all die Meinungen und Gegenmeinungen, all diese Ängste und Vorurteile, all dieses ständige Bedürfnis sich abzusichern, wo es keine Sicherheit geben kann. Wie kann ich Kraft, Zeit, Erfahrung und Wissen, die mir in diessem Leben zur Verfügung stehen, am effizientesten einsetzen? Ein kleiner Teil einer Antwort darauf besteht darin, die Struktur der Krankheit zu verstehen, der eigenen wie auch die der anderen.
Der Tod kommt bald, er steckt uns schon in den Knochen. Und dann?
Was ist dieser Körper für ein merkwürdiges Ding! Die Empfindungen dieses Körpers sind wie Wolken im Irgendwo – durchwoben von Sprachfetzen, Intuitionen und einem seltsamen Hintergrundleuchten, das außerhalb und identisch mit den drei Welten sein mag, will ich hoffen, kleingeistig und ängstlich an die Zeit gekrallt: Möge ich ewig dauern! Nicht zu Ende gedacht habe ich diesen Gedanken, sonst würde ich ihn verwerfen. Hier zwischen „drinnen“ und „draußen“ findet „die Welt“ statt. Ursache und Wirkung in unendlichen Ketten werden kurz, sehr kurz, jetzt sichtbar wie Rauch im Licht eines Lasers, werden sichtbar, tastbar, fühlbar, riechbar, man kann sie schmecken, und Erkennen findet statt – für die Dauer eines Blitzes – sie hinterlassen leuchtende Spuren reinen, betörenden, verlockenden, wundervollen Giftes. Aus was bestünde ich sonst wenn nicht aus diesen Spuren? Als wären Empfinden und Denken etwas anders als Gifte unterschiedlichster Süße! Als wären diese Kategorien letztlich verschieden! Sie alle sind aus dem gleichen Stoff gewoben. Zerreißt dieser Stoff, zerreißt dieses Wollen, was bleibt dann als Blindheit und Fühllosigkeit, als traumloser Schlaf ohne Erwachen? Traum – Erwachen, hier – dort, süß – bitter, kurz – lang: Weg damit! Weg damit! Weg damit! Nur für einen Augenblick und in aller Deutlichkeit!
Welches Leben würde man leben, würde man sich selbst nicht über Bücher, Filme und Träume das Leben suggerieren, für das zu wenig Platz oder Kraft oder Geld oder Mut zu sein scheint? Kinofilme, Computerspiele, Pornoportale. Hier träumt das kollektive Unbewusste seine Träume. Die Gewalt in diesen Träumen nimmt zu. Die Bilder und Gefühle, die einmal vielleicht die Kraft von Wirklichkeit hatten, sind bis zur völligen Redundanz millionenfach kopiert, banalisiert, offengelegt und entleert. Eine jede Öffnung, eine jede Falte, jede Wölbung, ein jedes Sekret des Körpers findet millionenfache Inszenierung. Es gibt im Sex nichts mehr, das nicht „befreit“ wäre. Auch noch in die letzte Verborgenheit, die früher eine errötende Schamhaftigkeit vor der Entwertung behütete, fällt das Licht der Kameras. In Filmen werden virtuell ganze Städte, Menschenmassen, Planeten dahingerafft. In der Zombie-Apokalypse findet die massenhafte Hinrichtung der Hungrigen, der Perspektivlosen und Triebgesteuerten ihre lustvolle Rechtfertigung. Es prasseln so viele Bildwechsel pro Sekunde auf das Auge, dass es beinahe schon an das Rauschen zufälliger Informationen heranreicht. Superhelden feiern ein comeback in immer aufwendigeren Inszenierungen, die das jährliche Bruttosozialprodukt ganzer Staaten verschlingen. Es wird viel, beinahe ausschließlich, geträumt in den Nationen der ersten Welt. Aber die Träume bringen keine Erleichterung mehr. Die Sinnesportale sind weit offen, ihre physiologischen und psychologischen Funktionsweisen sind allumfassend verfügbar, und ein jedes Sinnesportal dient den unterschiedlichsten markwirtschaftlichen Interessen als Schleuse, um manipulative Botschaften zu platzieren. Und weil ein jeder den anderen zu manipulieren versucht, um dem „zu viel“ noch ein „mehr“ hinzuzufügen, verschütten sinnentleerte Botschaften gleich Kaskaden aus Unrat und Fäkalien das Wesen, was einmal die blanke, morgendliche Schönheit der Welt voller Neugierde aufgesogen hat. Taubheit, Trägheit, Blindheit, Stumpfheit sind die Konsequenzen. Welches Leben soll man sich erträumen, wenn ein jeder Traum schon das Gift seiner massenhaften Vermarktung in sich trägt, wenn einem jeden Gefühl der schale Geruch des tausendfach ausgeschöpften Klischees anhaftet? Gäbe es mentale Bulimie: Ich würde mit Max Liebermann sagen: Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte. Der Buddhismus, wie er sich immer öfter darstellt, ist auch in vielen seiner Facetten ein solcher Traum, in Klischees erschöpft sich immer wieder seine Wirkung.
Hier und dort, weder hier noch dort, sondern diesseits von hier und dort, wie das Blatt weit entfernt an dem Baum absolut hier ist und näher noch als hier.
Wie?
Wie die zehntausend Dinge, in zehntausend Farben und zehntausend Formen. Wie alles von hier bis zum äußeren Rande des dort. Zehntausend ist bei weiten zu wenig, aber banal genug für die Vorstellung. Anders als Milliarden oder Myriaden. Das ist richtig ,aber zu wenig profan. Denn die Buddhanatur ist völlig alltäglich. Alles ist davon durchsonnt, durchströmt. Der Duft ist überall. Jede Berührung, jeder Geschmack.
Wann?
Weder Gestern noch Morgen, weder eben noch gleich, und auch jetzt ist sie nicht, dafür aber immer – um Haaresbreite (und noch unendlich dünner) noch nicht Vergangenheit und unendlich knapp nicht mehr jetzt. Dort aber sehr beständig und maximal instabil. Reine Resonanz und dass Resonanz sein kann.
Was?
Die Himmel wird sichtbar, wenn die Wolken verschwinden. Die Buddhanatur ist aber Himmel und Wolken, und dass Himmel und Wolken sind.
Die Buddhanatur ist weder Subjekt noch Objekt, ist zugleich Subjekt und Objekt und sie ist, dass Subjekt und Objekt sind. Auch das ist das gleiche. Ohne die Buddhanatur gäbe es weder Materie noch Geist. Die Buddhanatur ist, dass es etwas gibt und dass es nichts gibt. Weder bringt die Materie den Geist hervor, noch ist es umgekehrt. Beides ist, weil die Buddhanatur ist, aber dennoch bringt die Buddhanatur weder Geist noch Materie hervor, denn sie ist Geist, ist Materie, weder Geist noch Materie, zugleich Geist und Materie.
Die Buddhanatur ist Geist, ist Materie, ist weder Geist noch Materie, ist zugleich Geist und Materie und ist das, dass Geist und Materie sind. Aber das ist das gleiche.
Die Buddhanatur ist vor dem, was die Buddhanatur ist, und ist, dass es davor und dahinter gibt.
Es gibt nichts, das weiter reichen würde und ist zugleich näher, als ich für mich selbst nahe bin. Darum existiert dieses Ich nur als Inhalt einer Vorstellung, ständig verwehender Rauch, eine immerwährend im Platzen begriffene Seifenblase.
Die Buddhanatur kennt weder hier noch dort, ist aber, dass hier und dort sind und zum Erlebten werden.
Die Buddhanatur ist Bewusstsein und ist, dass Bewusstsein sich bewusst wird, und ist zugleich nie Inhalt von Bewusstheit, weil sie immer Gefäß ist. Sie ist genauer gesagt weder Gefäß noch Inhalt auch beides zusammen nicht. Dir Buddhanatur ist aber, dass Gefäß und Inhalt überhaupt sind.
Weil die Buddhanatur ist, hat der Ausdruck „etwas existiert“ einen Sinn.
Die Buddhanatur ist inflationär und man findet sie dennoch nur sehr selten und dann aber immer und überall, aber auch das nur potenziell und selten als Ahnung real. Dennoch ist das Glück nicht zu überbieten, und sei es auch nur der winzigste Bruchteil eines Augenblicks. Wiegt Berge von Reichtum auf. Aber auch das ist nur eine Seite. Glück erzeugt Unglück, nicht als Ursache aber als Begriff bringt das eine das andere hervor. Die Buddhanatur ist frei von Begriffen. Darum ist das auch alles Unsinn hier. Zeitvertreib.
Meister Dogen:
Erst ist der Berg, dann ist der Berg nicht mehr und am Ende ist er wieder.