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Vielleicht ist Marc Marquez mit 28 Jahren tatsächlich erwachsen geworden. Jedenfalls widerstand der Katalane der Versuchung, beim Saisonstart in Katar bereits wieder auf seine Honda zu steigen. «Wir wären gerne dabei gewesen, aber meine Ärzte haben mir davon abgeraten, und ich habe auf sie gehört», erklärte der achtfache Weltmeister. «Ich habe mich darauf fokussiert, auf meine Ärzte zu hören und meinen Körper zu verstehen, damit ich in die MotoGP zurückkehren und das tun kann, was ich liebe.»
Diese Geduld ist etwas Neues für das Aushängeschild des Motorradsports. Dass Marquez überhaupt so lange ausfiel, hat nämlich viel mit Unvernunft und Ungeduld zu tun. Beim Auftakt zur letzten Saison nach der langen Corona-Pause zeigte Marquez am 19. Juli in Jerez eine grandiose Aufholjagd vom 16. auf den 3. Platz, doch anstatt diesen zu sichern, griff er weiter an, stürzte und brach sich den rechten Oberarm. Eine Woche später wollte er bereits wieder starten, musste dann aber das Unterfangen abbrechen.
Marquez hätte mit einem Podestplatz aus dem ersten Rennen herausgehen können, stattdessen warf der haushohe Titelfavorit die gesamte Saison weg. Er hinterliess eine grosse Lücke und ein Vakuum. 2019 hatte der Honda-Fahrer in 19 WM-Rennen 12 Mal gewonnen und war sechsmal Zweiter geworden. Im letzten Jahr holten neun verschiedene Fahrer Siege (in nur 14 Rennen), Joan Mir reichte ein GP-Sieg zum Titelgewinn. Nun ist der Patron zurück. Doch in welcher Verfassung?
Sofort wieder stark?
«Marc hat sich sicher so vorbereitet, dass sein Comeback kein Reinfall wird», mutmasst Stefan Bradl gegenüber der Website von Speedweek. Der Deutsche ersetzte Marquez in den letzten Monaten bei Honda mit mässigem Erfolg. Francesco Guidotti, der Teamchef des amtierenden WM-Leaders Johann Zarco, ist sich sicher: «Marquez wird sofort stark sein. Ich sehe nichts, was dagegen sprechen würde, auch nicht psychologisch.» Die grosse Unbekannte ist, wie er die lange Rennpause verkraftet hat, körperlich, aber eben auch mental.
Wird es der gleiche, angriffige Marquez sein, der Motorrad fahren kann wie kein anderer, aber immer am absoluten Limit? «Vielleicht wird er etwas vorsichtiger sein, um nicht ins Rutschen zu kommen», vermutet Guidotti. «Wenn er gleich wieder stürzen würde, wäre das wohl schwierig zu verkraften.» Der Italiener streicht aber auch heraus, dass Marquez nicht zum ersten Mal in einer vergleichbaren Situation sei. 2011 verlor er nach einem Schlag gegen den Kopf zwischenzeitlich das Sehvermögen und musste die letzten beiden Rennen der Moto2-Saison auslassen. Und zuvor brach er sich in der 125er-WM bereits einmal den Arm. Nie war die Pause aber so lang wie diesmal. «Aber er ist jetzt sicher auch mental stärker», glaubt Guidotti.
Der Rückkehr von Marquez fiebern nicht nur die Fans, sondern vor allem auch sein Team Repsol-Honda entgegen. Ohne den Seriensieger resultierten im letzten Jahr nur zwei Podestplätze (durch Marcs jüngeren Bruder Alex). Nun wird sich zeigen, ob die Maschine etwas taugt und Marquez einfach so viel besser ist als alle anderen, die sich auf der schwierig zu fahrenden Honda versucht haben. Ein erstes Mal in den Trainings vom Freitag auf dem Circuit an der Algarve-Küste.