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Punkt A vom „ABC der Haltungskorrektur“ betrifft die Rekalibrierung und Entstörung der drei Wahrnehmungskanäle, die für die Raum-, Lage- und Haltungswahrnehmung primär verantwortlich sind.
Jawohl, es handelt sich um drei Sinneskanäle, die
- gemeinsam
- möglichst perfekt übereinstimmende
Informationen an das Haltungsgehirn zu liefern. Wer sich schon etwas tiefer mit der Posturologie (der aus der französichen Raumfahrtsforschung entstandenen Wissenschaft vom autonomen Haltungssystem) befasst hat, weiss es:
- falsche Wahrnehmung bewirkt, dass das Haltungsgehirn die falschen Haltungsmuskeln aktiviert. Die Körperhaltung ist falsch. Natürlich ist die Haltung auch nicht im Gleichgewicht.
- unklare Wahrnehmung bewirkt, dass das Haltungsgehirn nicht weiss, welche Haltungsmuskeln es aktivieren soll. Die Körperhaltung ist unsicher und unstabil.
- widersprüchliche Wahrnehmung bewirkt, dass das Haltungsgehirn (gleichzeitig) widersprüchliche, antagonistische Haltungsmuskeln aktiviert. Die Muskulatur ist verspannt, die Beweglichkeit eingeschränkt, die Muskeln übersäuern, die Gelenke und Bandscheiben stehen unter Dauerdruck, die Haltung ist gleichzeitig falsch und verkrampft, und natürlich stimmt auch das Gleichgewicht nicht.
Wer aus der Welt der technischen Wissenschaften kommt (was bei mir der Fall ist), kennt den Begriff der Redundanz. Das Haltungssystem ist ein kybernetisches System. „Kybernetik“ bezeichnet (Mess-,) Steuerungs- und Regelungstechnik in biologischen und nicht-biologischen Systemen. Beim autonomen Haltungssystem haben wir es mit einem biokybernetischen System zu tun.
Liegen also an unserem System redundante Sensorsignale vor, führt dies automatisch zu systeminhärenten Vor- und Nachteilen:
-
Vorteil: falls die (in unserem Fall drei) Wahrnehmungskanäle übereinstimmende Signale liefern, bekommt das Gehirn Informationen, die sich gegenseitig bestätigen, und dem Gehirn eine absolute, felsenfeste, bombensichere Gewissheit über Raum, Lage und Haltung geben.
-
Nachteil: wenn die drei Sensoren falsch kalibriert und/oder gestört sind, bekommt das Gehirn Informationen, die sich gegenseitig widersprechen und sich gegenseitig ausschliessen. Das Gehirn hat immer weniger Möglichkeit, einen Kompromiss zu finden, der noch allen Wahrnehmungen gleichzeitig gerecht wird. Also wird der Spielraum kleiner, und die Unsicherheit grösser.
Soweit also der Exkurs für Leser/-innen, die ein gewisses Flair für technisch-wissenschaftliche Erklärungen haben.
Für alle anderen Leser/-innen bringe ich hier ein lebensnähreres Beispiel für Probleme, die entstehen können, wenn verschiedene Sinnesorgane widersprüchliche Wahrnehmungen liefern. Dieses Beispiel handelt (nicht ganz zufällig) genau von den Sinnesorganen, die für das autonome Haltungssystem bedeutsam sind.
Seekrankheit:
Seekrankheit tritt dann auf, wenn die verschiedenen Sinnesorgane dem Gehirn widersprüchliche Informationen liefern:
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Die Augen sehen einen Wellenberg (oder auch noch den stabilen Horizont)
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Der Körper spürt die Bewegung des Bootes (die einem anderen Wellenberg oder Wellental entspricht, keinesfalls jedoch der Situation wie es das Auge wahrnimmt)
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Das Innenohr reagiert auf die relativ heftigen Beschleunigungen, die bei der unruhigen Fahrt auftreten. (Das Innenohr reagiert auf solche Beschleunigungen; auf die Erdbeschleunigung (Gravitation) d.h. auf die Schwerkraftsrichtung reagiert es hingegen nicht, da diese unter seiner Wahrnehmungsgrenze liegt.) Das Innenohr liefert also ein ungewohntes und dauerndes Störsignal.
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Ganz beunruhigend wird die Situation, wenn die Bewegungen des Bootes so ruppig werden, dass wir auch – völlig ungewohnt – die Bewegung unserer Eingeweide wahrnehmen. Ein Körpergefühl, das ebenfalls als ungewohntes und anhaltendes Störsignal ans Gehirn geleitet wird.
Wenn wir also zwei widersprüchliche echte Signale haben, und zwei zusätzliche Störsignale, liegen vier nicht gleichlautende, widersprüchliche und störende Informationen vor. Wer mein Schema „Anzahl Unstimmigkeiten am autonomen Haltungssystem“ kennt, weiss um die Folgen: totales Versagen des autonomen Haltungssystems.
Wie empfinden wir Seekrankheit? Wie reagiert unser Körper und unser Gehirn?
- Sagt das Gehirn: „Oha, da liegen vier widersprüchliche Sinneswahrnehmungen vor“?
- Sagt der Körper: „Die See ist rauh; da ist es ja ganz natürlich, dass alles drüber und drunter geht“?
- Denken Sie: „Jetzt distanziere ich mich mental etwas von diesen instabilen Umgebungsbedingungen und alles ist halb so schlimm“?
- Fühlen Sie: „Jetzt schaukle ich mein Inneres Kind, und die Welt ist wunderbar in Ordnung“?
Nein, es ist nicht alles halb so schlimm. Nein, der Körper akzeptiert die rauhe See nicht. Nein, das Gehirn wird die Situation nicht intellektuell analysieren und verarbeiten. Nein: bei vier gleichzeitigen Widersprüchen und Störungen ist uns kotzübel, hundeelend, der Magen rebelliert, die Laune ist am absoluten Nullpunkt, Verzweiflung hat uns gepackt, wir verfluchen das Schicksal welches uns auf dieses Boot geführt hat und schwören Eide, in Zukunft an Land zu bleiben! Unser Leben ist die Hölle.
Damit es uns besser geht, hilft kein Analysieren, Nachdenken, Verstehen etc. Damit es uns bessser geht, müssen wir (d.h. die meisten von uns) unbedingt die Anzahl der Widersprüche und Störungen reduzieren.
- Wenn wir die Augen schliessen, fällt eine Sinneswahrnehmung weg.
- Wenn wir uns hinlegen, entbinden wir unser autonomes Haltungssystem von seiner Aufgabe. Das Haltungsgehirn hat einen Stress weniger.
- So können wir uns von vier Unstimmigkeiten auf zwei Unstimmigkeiten reduzieren: wir empfinden unsere Lage nicht mehr so verzweifelt, und auch die körperlichen Symptome (Erbrechen) lassen deutlich nach.
Das dürfen Sie jederzeit gerne ausprobieren: buchen Sie sich eine Seefahrt in einem rauhen Revier. Kreuzfahren sind dazu nicht geeignet, da diese sich an ruhigere Reviere und sturmarme Zeiten halten. Gewisse Reviere, Jahrenszeiten, und dann insbesondere Fährverbindungen (die ja ganzjährig funktionieren müssen) sind dafür bekannt, recht herausfordernd zu sein.
Die Erkenntnis aus diesem Beispiel lautet:
- widersprüchliche Wahrnehmungen sind ein Problem
- das System (= die betroffene Person) reagiert nicht verständnisvoll analytisch-intellektuell, sondern „es geht ihm einfach mieser und mieser“
- Reaktionen und Symptome treten an merkwürdigen, unerwarteten Orten auf (oder was hat Ihr Magen mit dem Gleichgewicht zu tun, wenn Ihnen bei stürmischer See das Essen hoch kommt? Oder Ihrem Kind, wenn es hinten im Auto sitzt und liest und reisekrank wird?)
- es macht Sinn, die Anzahl der Unstimmigkeiten zu minimieren, wenn das System überfordert zu werden droht
- und generell sollten möglichst alle Wahrnehmungskanäle übereinstimmende (redundante, korrelierende) Informationen liefern.
Generell sollten möglichst alle Wahrnehmungskanäle übereinstimmende (redundante, korrelierende) Informationen liefern: Was bedeutet das in unserem normalen Alltag, wenn wir uns nicht gerade während der Winterstürme auf einer Fähre der berüchtigten Verbindung Frederikshavn (DK) Oslo (N) befinden? Es bedeutet z.B.
- Dass Passagiere im Auto umso eher reisekranker werden, je weniger direkte Sicht und direkte Beteiligung am Fahren sie haben. Am wenigsten reisekrank wird die Person am Lenkrad, am zweitwenigstens der Passagier auf dem Vordersitz, und am meisten belastet sind Passagiere im Fonds, insbesondere wenn sie lesen, gamen, SMSen o.ä., statt aus dem Fenster zu schauen.
- Dass es nicht optimal ist, mit Ohrhörern auf / in den Ohren in der Stadt herumlaufen. (Wahrnehmung der Ohren entspricht nicht der Wahrnehmung der Augen!)
- Dass es wesentlich besser ist, wenn wir beim Musikhören die Musiker auch (möglichst live) sehen, oder wenn wir beim Genuss von Konservenmusik die Augen schliessen, als wenn wir mit den Augen unzusammenhängende Sinneseindrücke erhalten.
Hinweis:
Im Zusammenhang mit den letzten beiden Bemerkungen erwähne ich einerseits das Gebiet Synästhesie, aber auch der Psychoakustik. Eine bemerkenswerte Entwicklung machte Hugu Zuccarelli mit der Holophonie welche ich hier verlinkt habe. Seine Homepage heisst „akustische Integrität“ – ein passender Name. Hugo Zuccarelli hatte sein Schlüsselerlebnis, als er als Bub am Strassenrand sass, als von hinten ein Lastwagen heranbrauste. Er sah ihn nicht, nahm aber mit dem Gehör genügen wahr (unsichtbar! von hinten!), dass er durch offenbar präzise Ortung (von hinten!) eine tödliche Gefahr bemerkte und sich mit einem schnellen Sprung (in die richtige Richtung) retten konnte.
- Das Ergebnis Zuccarellis Arbeit können Sie kaufen und für immens eindrückliche Aufnahme und Wiedergabe von Tönen benutzen.
- Die Erkenntnis von Zuccarellis Schlüsselerlebnis können Sie kostenlos für Ihren Alltag umsetzen:
- Sorgen Sie dafür, dass (gerade im Strassenverkehr) Ihre Ohren die (vielleicht lebens-)wichtige momentane Wahrheit übermitteln, und nicht mit einer Tonkonserve oder einem drahtlosen Telefongespräch gestört werden. Nichtkorrelierende akustische Informationen (die nicht zur visuellen Wahrnehmung der Augen und zur momentanen Gesamtsituation passen) sind problematisch, ja können tödlich sein.
- Ist es nicht auffällig, wie viele Fussgänger heutzutage auf Fussgängerstreifen angefahren werden? Was wäre mit Hugo Zuccarelli passiert, hätte er damals einem iPod zugehört statt den Lastwagen wahrzunehmen?
Sorgen Sie also in Zukunft dafür, dass all Ihre Wahrnehmungskanäle möglichst übereinstimmende Signale empfangen und ans Gehirn weiterleiten. Unsere Eltern oder Grosseltern nannten das „bei der Sache sein“, und im Zen gilt die Anweisung „Tu, was Du tust“. Meinen Beitrag bieten ich Ihnen an in Form einer Posturologie Haltungskorrektur: wenn all Ihre Sinneskanäle für die Raum-, Lage- und Haltungswahrnehmung bestmöglich rekalibriert und entstört sind, und wenn alle weiteren Störungen am Haltungssystem bestmöglich behoben sind, sind Sie haltungsmässig wieder bei der Sache.