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Am 21. April 2010 wird die brasilianische Hauptstadt Brasília 50 Jahre alt. Doch dass die Metropole inmitten des riesigen Landes noch heute als Symbol für die ”Zukunft Brasiliens“ gehandelt wird, hat weniger mit der Realisierung des gigantischen Projektes Ende der 50er Jahres des letzten Jahrhunderts zu tun. Vielmehr waren fehlende Initiativen und ständiger Kapitalmangel dafür verantwortlich.
Als am 24. Februar 1891, gut 14 Monate nachdem der letzte Kaiser Pedro II. nach einem Militärputsch ins Exil flüchtete, die erste Konstitution der ”Vereinigten Staaten von Brasilien“ in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro verabschiedet wurde, träumten die Menschen bereits von einem neuen Regierungssitz. In Artikel 3 ist der Wunsch deutlich nachzulesen, die Eingabe kam von Senator Virgílio Damásio und dem Abgeordneten Lauro Muller: ”Der Union zugehörig ist eine Zone von 14.400 Quadratkilometern im zentralen Hochland der Republik, welche nach Möglichkeit abgegrenzt wird, um dort die zukünftige Hauptstadt zu errichten.” Dies wurde zudem in den darauf folgenden Verfassungen von 1934 und 1946 wiederholt.
Die Vision überdauerte somit eine ganze Generation. Auch Juscelino Kubitschek de Oliveira, heute als Vater des ”modernen Brasiliens“ verehrt, wurde am 12. September 1902 in eine Republik hineingeboren, welche sich von der portugiesischen Krone weiterhin emotional zu distanzieren versuchte. Obwohl er letztendlich als Präsident das gewaltige Projekt realisieren konnte und somit rund ein halbes Jahrhundert später dem Wunsch der Republikgründer folgte, dürften seine Motive durch andere Faktoren bestimmt worden sein.
Die Väter des heutigen Brasiliens, einer föderativen Republik mit mittlerweile 26 Bundesstaaten und dem Hauptstadtdistrikt hatten nicht umsonst lange zuvor einen Schlussstrich unter fast 500 Jahre Koloniestatus und Monarchie setzen wollen. Nach Salvador da Bahia, der ersten Hauptstadt, wurde das gigantische Land lange Zeit aus im Südosten gelegenen Rio de Janeiro geleitet. Hier konzentrierte sich Kapital und Macht, weite Teile des Landes waren faktisch nur auf der Karte existent und noch immer voller Geheimnisse. In diesen Jahren nach Abschaffung der Sklaverei und Loslösung von der Monarchie erreichte Brasilien die zweite grosse Welle von Einwanderern aus Europa. In Folge dessen erblühte der Süden immer mehr, im Norden hingegen ging der Kautschukboom zu Ende, die Region drohte zu Verarmen.
Doch auch wenn 1891 als Startschuss für Brasília verstanden werden darf, die Diskussion darüber bestand tatsächlich schon viel länger. Seit 1751 forderten immer wieder Freiheitskämpfer, Intellektuelle, Journalisten und Politiker eine Hauptstadt im sogenannten”Interior“, im Hinterland. 1822 sollte sogar kurz nach der Unabhängigkeit die Provinz ”Pedrália“ gegründet werden, eine Hommage an Kaiser Dom Pedro I. Weitere Vorstösse erfolgten in den darauf folgenden Jahrzehnten, die Hauptstadt ins Hinterland von Bahia, in den Norden von Goiás oder Minas Gerais zu verlegen. Eine Entscheidung sollte allerdings nicht fallen.
Erste tatsächliche Bemühungen fernab von Parlamentssitzungen und Niederschriften auf mehr als geduldigem Papier ergaben sich dann 1892. Staatspräsident Floriano Peixoto rief eine ”Erforschungskommission des zentralen Hochlandes Brasiliens” ins Leben und schickte die 22 Mitglieder per Boot, Eisenbahn und zuletzt auf Lasteseln auf eine 4.000 Kilometer lange Reise in das nahezu unerforschte weitläufige Land. Ein Jahr später entstand eine erste Karte der Region mit der Eintragung ”zukünftiger Hauptstadtdistrikt“.
Doch die Realisierung blieb weiterhin ein Traum. Zu weit abgelegen war das Gebiet, zu kostspielig das Unterfangen. Erst knapp 30 Jahre später wurde dann in einem symbolischen Akt zum 100. Jahrestag der brasilianischen Unabhängigkeit am 07. September 1922 in Planaltina, heute ein Bezirk im Hauptstadtdistrikt der Grundstein für die ”zukünftige Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Brasilien“ gelegt.
1934 wurde die neue Hauptstadt ”im Zentrum Brasiliens“ abermals in der Konstitution verankert, die Diktatur während des ”Estado Novo“ strich ihn ihrer ”Verfassung“ jedoch heraus. Auch wenn der damalige Machthaber Getúlio Vargas den ”Marsch nach Westen“ propagierte, um die weiten Flächen im Hinterland zu besiedeln, so war er doch wenig begeistert von einer neu zu errichtenden Hauptstadt. Die Vision verschwand abermals in den Archiven der Macht.
Nach dem Sturz der Diktatur wurde 1946 der Wunsch nach einer neuen Hauptstadt erneut in der Verfassung verankert. Staatspräsident Gaspar Dutra verfolgte engagiert das Projekt und schickte erneut eine Expertenkommission in die Region. Diese Kommission unter der Leitung von Marechal Djalma Polli Coelho empfahl exakt dieselbe Lokalität wie die erste Untersuchung 1892. Die Entscheidung des Standortes am ”Lago Paranoá“ im Zentrum des Landes war endgültig gefallen.
Als Dutra am 31. Januar 1951 die Macht an den abermals gewählten Getúlio Vargas übergab, hatte er jedoch das Projekt noch nicht initialisieren können. Dies blieb nun Juscelino Kubitschek vorbehalten, der mit seiner progressiven Politik unter dem Motto ”Fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren“ ab 1956 das Land für fünf Jahre regierte. Er befürwortete das ”Brasilien der Moderne“ und rief schnell den ”Plano Piloto de Brasília“ ins Leben, der sich mit der Errichtung der neuen Hauptstadt beschäftigte.
1957 gewann der in Frankreich geborene Lucio Costa die Ausschreibung zur Gestaltung einer Millionenmetropole aus der Retorte, der deutschstämmige Architekt Oscar Niemeyer lieferte die bis heute unverwechselbaren Gebäude der Hauptstadt. Am 21. April 1960 weihte Präsident Kubitschek die futuristische Hauptstadt ein, deren Form bis heute Anlass zu Spekulationen gibt. Viele sehen in der geraden Hauptstrasse von Süden nach Norden mit zwei gebogenen Seitenarmen ein Flugzeug, für andere ist es wiederum ein Kreuz. Costa selbst beteuerte wiederholt, es sei eigentlich ein Schmetterling.
Für die Brasilianerinnen und Brasilianer ist Brasília ganz einfach ihre Hauptstadt, heute noch so futuristisch und monumental wie vor 50 Jahren. Gigantische Strassen, riesige Plätze und faszinierende Bauwerke zeichnen nun das Zentrum der Macht aus, alles wirkt unterkühlt. Die beeindruckende Grösse hat daher auch die Politik von den Menschen entfernt, Brasília ist wie ein unerreichbarer Stern, eine andere Welt, wo das Erbe Brasiliens verloren gegangen zu sein scheint. Die Vision, mit einer neuen Hauptstadt eine bessere Republik zu schaffen, hat sich daher bislang nicht erfüllt.
- 50 Jahre Brasília Teil 2: Risse im Beton der Wirklichkeit
- 50 Jahre Brasília Teil 3: Perspektiven einer Stadt voller Zukunft