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Die neue Abhandlung der Philosophin Elif Özmen «Was ist Liberalismus?» ist eine ausgezeichnete abstrakte Analyse des Liberalismus. Wer sich über die Nuancen der Ideen hinter libertärem Gedankengut, dessen Engagement für Gleichheit, Individualrechte und einen Minimalstaat informieren möchte, wird hier viel Stoff zum Nachdenken finden. Kenner des Themas werden sich freuen, dass häufig passend platzierte Zitate liberaler Giganten eingebaut sind, darunter Kant, Mill und Popper.
Die unbestrittenen Stärken von Özmens philosophischem Liberalismusverständnis werden jedoch durch eine unkritische Haltung gegenüber der Meinungsfreiheit sowie durch historisch uninformierte, einseitige Beschreibungen zeitgenössischer politischer Phänomene untergraben. Insbesondere die Meinungsfreiheit wird viel zu wenig thematisiert. So bleibt unklar, ob es beispielsweise Grenzen des Sagbaren gibt oder ob Rassismus und Hassrede frei geäussert werden dürfen. Özmen erklärt dem Leser, dass Deutschland Meinungsfreiheit garantiert, ohne darauf hinzuweisen, dass dieses Recht dort regelmässig Einschränkungen unterliegt – siehe die jüngste Aufregung um den Autor C. J. Hopkins.
Auffällig ist auch ihr Missverständnis von Populismus, der in ihren Augen «das Volk weniger als eine rechtlich-politische denn als eine moralisch-soziale Kategorie» auffasse und eine Trennung zwischen «wir» und «sie» perpetuiere, wobei sie Trump als Beispiel nennt. Die populistische Tradition Amerikas ist jedoch äusserst liberal. So forderte die Populistische Partei der USA in den 1890er-Jahren (erfolglos, aber radikal) das Frauenwahlrecht und verfolgte solidarisch das Interesse weisser wie schwarzer Amerikaner. Martin Luther King Jr. versuchte, arme Schwarze und Weisse zu vereinen. All diese populistischen Bewegungen fassten das Volk als «rechtlich-politische» Kategorie auf und praktizierten eine legitime Form von «wir» gegen «sie».
Kurzum: Özmen vergisst, dass der Liberalismus sich durch die massenhaften partizipatorischen Kämpfe derjenigen realisierte, die danach riefen, als freie Wesen behandelt zu werden. Ein besseres historisches Verständnis des Liberalismus und ein genauerer Fokus auf die Meinungsfreiheit hätten dem Buch mehr Biss und Tiefe verliehen.