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Bei der Anzahl von Psychologinnen und Psychoanalytikern pro Kopf der Bevölkerung ist Zürich Weltspitze. Ein Sammelband liefert Materialien und Anekdoten zur Geschichte der Zürcher Seele.
Das Burghölzli. Für viele Generationen von ZürcherInnen war das schlicht die «Irrenanstalt», eine Anlage, in die jenes Andersartige weggesperrt wurde, das den psychischen Frieden bedrohte. Selbst in der Zürcher Provinz gab es den Kinderschreckvers vom «gääle Wägeli», das einen abholen komme und ins Burghölzli verfrachte.
In Wahrheit war das Burghölzli, 1870 eröffnet, weltweit die erste psychiatrische Universitätsklinik, die sich moderner psychoanalytischer Behandlungsmethoden bediente. Der langjährige Leiter Eugen Bleuler hatte sich einen Ruf mit empirisch begründeten therapeutischen Techniken geschaffen und benutzte ab 1905 Sigmund Freuds Erkenntnisse zur Behandlung psychotischer PatientInnen.
Entsprechend wurden am Burghölzli junge, aufgeschlossene Ärzte und Analytiker ausgebildet. Etwa Ludwig Binswanger, der dann nach Kreuzlingen ging und seine eigene Therapieschule entwickelte; Max Eitingon, nach dem später eine psychoanalytische Technik benannt wurde; Abraham Brill, der Freud in den USA propagierte. Und natürlich C. G. Jung. Tatsächlich, Freud selbst nannte Zürich neben Wien die zweite Stadt der Psychoanalyse. Bis zur Spaltung 1914, als Jung aus Freuds Theoriegebäude auszog und Zürich zum Hauptsitz eines rivalisierenden Clans machte.
Von Lacan bis Liebling
Aber nicht nur in den heroischen Gründungszeiten der Psychoanalyse spielte die Zwingli-Stadt eine wichtige Rolle. Ab 1946 entwickelt hier Leopold Szondi seine Triebtheorie und Schicksalsanalyse weiter. Alfred Adlers Individualpsychologie bekommt 1948 eine eigene Gesellschaft. Jacques Lacan hält 1949 beim ersten internationalen Psychoanalysekongress nach dem Zweiten Weltkrieg seinen berühmten Spiegel-Vortrag. Medard Boss setzt Ludwig Binswangers Daseinsanalyse fort und kehrt zurück zu Heidegger – oder vorwärts zu ihm. Die FreudianerInnen spalten sich in zwei bis heute bestehende Institute. In den achtziger Jahren gibt die Bestsellerautorin Alice Miller («Das Drama des begabten Kindes») ein Gastspiel an der Universität. Später kommen noch Friedrich Liebling und der berüchtigte Verein für psychologische Menschenkenntnis (VPM), der gelegentlich immer noch herumspukt. Und das sind bloss jene Richtungen, die sich, wenn auch zum Teil nur noch vage, auf die freudsche Psychoanalyse beziehen. Von allen traditionellen psychologischen Richtungen und esoterischen Psychotherapien zu schweigen.
Warum gerade Zürich? Haben Zwingli und Zünfte so viele Affekte stranguliert? Hat das Geld den Geist ins Unbewusste zurückgetrieben? Haben EmigrantInnen hier im Enthüllen des Verborgenen ihre Überlebenschance gesehen? Leidet das Provinzlerische am Grossstadtdruck und das Grossstädtische am Provinzmief? Oder leisten sich die ZürcherInnen ihre Neurosen, weil sie sie sich leisten können? So viele Fragen.
Der vorliegende Sammelband liefert darauf keine analytischen Antworten. Aber er stellt interessante Materialien bereit. In zwölf Beiträgen skizzieren VertreterInnen der jeweiligen Richtungen deren Geschichte und aktuelle Situation.
Freud und die Zürcher
Dabei fallen etliche Anekdoten ab. Etwa zu Sigmund Freuds Sorgen mit den unzuverlässigen Zürcher Bündnispartnern. Ab 1919 sollen die Zürcher es nach Jungs «Abfall» wieder richten. Doch die neue Generation enttäuscht. «Sie haben», schreibt Freud über die damalige Führung der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse, «in der Schweiz doch eine ganz besondere Reinzucht von Narren.» Drei Mitglieder treten aus der Gesellschaft aus, weil sie die Zeitschrift der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung nicht bezahlen wollen; um insbesondere einen reichen schottischen Arzt mit Wohnsitz in Genf als Mitglied zu halten, will die Schweizer Gesellschaft den Abozwang abschaffen.
Gewichtiger ist die langjährige Debatte über die Frage, wer AusbildungskandidatInnen analysieren darf. Nach der Internationalen psychoanalytischen Vereinigung dürfen das nur Mitglieder der Vereinigung; doch in der Schweiz gilt jahrelang eine Sonderregelung, nach der in bestimmten Fällen auch Lehranalysen durch Nichtmitglieder anerkannt werden.
Von den Beiträgen des Sammelbands zeigt vor allem derjenige von Mario Erdheim den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich die Entwicklung der Psychoanalyse vollzieht. Um sich aus der lähmenden Atmosphäre des Kalten Kriegs zu befreien, suchten die jungen AnalytikerInnen Paul Parin, Goldy Parin-Matthèy und Fritz Morgenthaler einen Blick auf die Schweiz von aussen. Auf nach Afrika! hiess die Devise Ende der fünfziger Jahre. Durch die Überwindung des kolonialen Blicks mithilfe langer ethnologischer Gespräche entstand die Ethnopsychoanalyse, die Kultur und Individuum zusammendenkt.
Sie befeuerte auch das Schisma innerhalb der FreudianerInnen nach 1968. Paul Parin versuchte sich als Brückenbauer zwischen den Generationen und den Ansätzen. Fritz Morgenthaler ermöglichte erste basisdemokratische Formen innerhalb der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Doch 1977 kam es zur Trennung zwischen dem progressiven Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) und der konservativen Gesellschaft. Dabei kehrte eine alte Streitfrage zurück: die Lehranalyse. Im Sinne einer sich demokratisch und antihierarchisch öffnenden Berufsausbildung bestätigte das PSZ den Schweizer Sonderfall einer Lehranalyse durch Nichtmitglieder des PSZ.
«Generalisierte Angststörungen»
Heutzutage gibt es einerseits eine Überfülle an psychologischen Angeboten; zugleich steht die klassische Psychoanalyse unter finanziellem und politischem Druck. Das Psychologische Institut der Universität Zürich mit 2000 Studierenden, darunter achtzig Prozent Frauen, präsentiert einen Fächer von Disziplinen, der einen angst und bange um die Seele werden lässt. Die Spezialisierung treibt ungeahnte Blüten: Soeben ist eine Gesellschaft für generalisierte Angststörung gegründet worden, mit elf Mitgliedern. Unter den FreudianerInnen ist die Hackordnung mittlerweile entschieden. Das Freud-Institut der offiziellen Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse hat rund siebzig Mitglieder, vor allem in der Westschweiz. Das PSZ zählt hingegen 420 sogenannte TeilnehmerInnen. Doch auch das PSZ sieht sich vor der Notwendigkeit, eine staatlich anerkannte Berufsausbildung anzubieten. So sucht sich die Seelenkunde einen schmalen Weg zwischen Banalisierung und Bürokratisierung.