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Literatur als Denkschule
Franz Kafka: Das nächste Dorf
Kafkas Prosastück lautet:
Mein Großvater pflegte zu sagen: »Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß – von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.«
Dieses kleine Stück Kurzprosa ist im Januar 1917 entstanden und trug zunächst den Titel »Ein Reiter«, dann »Die kurze Zeit«. Erst mit dem Druck im »Landarzt«-Band erscheint der endgültige Titel, wahrscheinlich eine Anregung durch den 80. Spruch des Laotse: »Nachbarländer mögen in Sehweite liegen, dass man den Ruf der Hähne und Hunde gegenseitig hören kann: Und doch sollten die Leute im höchsten Alter sterben, ohne hin und her gereist zu sein.«
Der Inhalt von Kafkas Prosaskizze lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein nicht näher konturiertes Erzähler-Ich gibt »in wörtlicher Rede« Ausführungen seines Grossvaters wieder, die dieser im Alter über sein vergangenes Leben anstellte. Natürlich ist der im Text als Erzählfigur auftretende Grossvater nicht der echte Grossvater des Ich-Erzählers, der nur als latentes Ich erscheint, verborgen im Nominativ des Possessivpronomens »mein«; ansonsten bleibt auch er ohne jegliche Konturierung. Somit ist das in dem «mein» verborgene Ich natürlich auch nicht Franz Kafka, sondern ein fingiertes Erzählsubjekt. Streng genommen, ist dieses Ich weniger ein erzählendes, sondern vielmehr ein die Ergebnisse seines Nachdenkens mitteilendes, abstraktes Ich. Da kein Handeln einer erzählenden oder erzählten Figur und keine figurenunabhängigen Ereignisse mitgeteilt werden, also kein fingiertes Geschehen und auch keine durch Figurenrede oder Erzählerbericht konturierten Orts- oder Zeitangaben, ist nur mit Einschränkung von einem Ich-Erzähler im traditionellen Sinn auszugehen.
Erzählstrategisch versucht der jugendliche Ich-Erzähler gleichsam durch den zweiten, den grossväterlichen Erzähler eine eigene Erkenntnisformel glaubhafter zu machen. Der Erzähler zitiert scheinbar seinen Grossvater. Dieser bezeichnet das Leben als erstaunlich kurz. (Fast so kurz wie diese Prosaskizze selbst.) Er begreife nicht, wie ein junger Mensch sich entschliessen könne, ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu befürchten, dass das Leben dazu bei weitem nicht ausreicht.
Mit seiner Aussage «Das Leben ist erstaunlich kurz« legt der Ich-Erzähler seinem Grossvater einen von keinem bestrittenen Erfahrungssatz in den Mund. In einer mehrgliedrigen Satzperiode (mit Konsekutiv- und Inhaltssatz sowie satzwertigen Infinitiven) teilt der Grossvater dann in der Ich-Form seine überraschende Erkenntnis mit. Er hat sein Leben gelebt und blickt auf die vergangenen Jahre zurück.
Für das fingierte Ich des Grossvaters bleibt in seiner Erinnerung sogar von der »Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens« so wenig übrig, dass diese kurze »Zeitspanne bei weitem nicht« für einen Ritt ins nächste Dorf hinreiche. Dieser Gedankengang mutet zunächst paradox an, weil er dem Erwartungshorizont des jungen Reiters zuwiderläuft. Der Widerspruch lässt sich allerdings erklären, wenn man den Konsekutivsatz «, dass ich zum Beispiel kaum begreife« untersucht. Der Grossvater und der junge Reiter sehen das Leben und damit ihren Lebensweg offensichtlich aus entgegengesetzten Blickwinkeln. Der junge Reiter rechnet »mit einem festen, sich in die Zukunft erstreckenden und ihm zur Verfügung stehenden Zeitraum« und vergleicht die für den Ritt ins nächste Dorf benötigte Zeit mit der wohl noch vor ihm liegenden langen Lebenszeit, so dass er, auch wenn er einmal »von unglücklichen Zufällen« aufgehalten werde, sich jeden Tag von neuem und unbesorgt das Ziel setzen könne, »ins nächste Dorf zu reiten.« Der Grossvater hingegen kann diese Entschlossenheit des Reiters kaum ermessen, auch wenn er versucht hat, sie zu verstehen. Er hat sich bemüht, sich in die Person des Jungen und dessen Handlungsweise hineinzuversetzen, und kann daher aus eigener Erfahrung das unbekümmerte Handeln des Enkels allenfalls nachzuvollziehen versuchen. Da der Grossvater aufgrund seines bereits zurückgelegten Lebensweges und seiner Altersweisheit frei von Ambitionen ist, ins nächste Dorf zu reiten oder gar Grösseres zu unternehmen, ist für ihn die Unbekümmertheit der Leute unbegreiflich, »die sich so selbstverständlich wie bei einem Ritt von einem Dorf zum nächsten durch das Leben bewegen in der Meinung, sie kämen auf diese entschlossene Weise stets an den Ort ihrer Bestimmung.« – (Das Urteil des Grossvaters schreibt im Grunde das eigene Lebensgesetz im Rückblick der Erinnerungen fest.)
Mithin erklären sich die paradoxen Züge von Kafkas Prosaskizze aus dem unterschiedlichen Verständnis der Zeit, das der Reiter und der Grossvater von Weg und Ziel haben: Der junge Reiter versteht unter Ziel ganz konkret »das nächste Dorf«, in das er nach einem kurzen Ritt gelangen kann. Hingegen meint der Grossvater mit Weg nicht die dafür benötigte Wegstrecke, sondern den Lebensweg insgesamt, die Lebensreise also, deren Ziel ausserhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung der normalen Sinneswahrnehmung liegt.
Es handelt sich somit um eine Skizze der subjektiv-verzerrten Erfahrung von Raum und Zeit, wie sie Träumen eigentümlich ist. Die Relativierung von Raum und Zeit ist für viele Kafka-Stücke charakteristisch. Als Beispiele seien hier genannt: »Eine kaiserliche Botschaft«, »Vor dem Gesetz« oder »Eine alltägliche Verwirrung«.
Christoph Frei, Akademisches Lektorat, CH-8032 Zürich
Bild: Tagebucheintrag