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Mensch
(Homo sapiens L.), das höchst entwickelte organisierte
Wesen, unterscheidet sich in seiner körperlichen
Organisation
in keiner
Weise von einem
Tier, er besitzt kein einziges
Organ, das nicht auch bei diesem sich fände. Ebensowenig bestehen
fundamentale Unterschiede der äußern Gestaltung zwischen ihm und den ihm zunächst stehenden sogen.
anthropoiden (d. h.
menschenähnlichen)
Affen,
[* 2] dem
Gorilla,
Schimpanse und
Orang. Mit
Recht reiht man daher den
Menschen dem
Tierreich
ein, statt ihn, wie dies namentlich de
Quatrefages thut, auf
Grund gewisser
Qualitäten der
Intelligenz
(Vorstellung von
Gut und
Böse,
Glaube an höhere Mächte, an die Fortdauer nach dem
Tod) als Vertreter eines besondern Schöpfungsreichs
aufzustellen.
Nur in betreff seiner
Stellung im
Tierreich finden sich Meinungsverschiedenheiten.
Cuvier,
Owen u. a. stellten für den
Menschen
eine besondere
Ordnung der
Säugetiere, die
Zweihänder (Bimana), auf, während
Häckel,
Darwin u. a., wie dies bereits
Linné
that, den
Menschen mit den
Affen zu der
Ordnung der
Primates, der »Hochtiere«
(Brehm), vereinigen, in welcher
er nur eine besondere
Familie bilden soll. Der
Mensch teilt mit den schmalnasigen
Affen der
Alten Welt
(Simiae catarrhinae) die wichtigsten
Merkmale: Zahl und Art der
Zähne,
[* 3] Schwanzlosigkeit, Grundcharakter
der hintern
Gliedmaßen als echter
Füße.
Ebenso ist der Grundplan des
Gehirns der gleiche. Die Unterschiede zwischen und
Affe
[* 4] liegen zunächst in der
Bildung des
Gesichts- und
Hirnschädels, in dem Überwiegen des letztern über erstern beim
Menschen, wodurch das
Gesicht
[* 5] nicht
vor, wie bei den
Affen, sondern fast senkrecht unter die geräumige Schädelkapsel zu liegen kommt. Eine
Annäherung an
die tierische Schnauzenbildung findet sich indessen als Prognathie (d. h. Vorspringen des Kieferteils
des
Gesichts) bei niedern
Menschenrassen.
[* 6]
Bedingt wird jenes Überwiegen des
Schädels beim
Menschen durch die mächtige
Entwickelung seines
Inhalts, des
Gehirns, namentlich
des Großhirns in seinen Vorder- und Hinterlappen. Die Hirnwindungen und
-Furchen sind ferner reichlicher ausgebildet und
bewirken so eine bedeutende Oberflächenvergrößerung des
Organs (besonders die als Sitz des Sprachsinns beim
Menschen angesehene
dritte Hirnwindung, welche bei
Affen und Mikrokephalen nur rudimentär ist; vgl.
Rüdinger, Ein Beitrag zur
Anatomie des Sprachzentrums,
Stuttg. 1882). In der Gesichtsbildung ist es außer der fehlenden Schnauzenbildung, die durch
die Kleinheit des Kieferapparats bedingt wird, besonders die Form der
Nase
[* 7] und Nasenöffnung sowie das
Hervorragen des untern Teils des
Unterkiefers als
Kinn, ebenso die geschlossene, nicht durch
Lücken unterbrochene Zahnreihe,
welche den
Menschen von den nächstverwandten
Affen unterscheiden.
Dazu kommt noch die besondere
Konfiguration des
Kehlkopfes, dessen
Ausbildung den
Menschen zu den ihm eigentümlichen
sprachlichen und gesanglichen Leistungen befähigt.
Beim
Affen ist der
Arm immer länger als das
Bein (namentlich Vorderarm und
Hand);
[* 8] beim
Menschen überwiegt die mächtige
Entwickelung der
Beine als säulenartige
Träger
[* 9] des lediglich von ihnen gestützten,
aufrecht gestellten
Körpers. Mit diesem aufrechten
Gang,
[* 10] der das
Charakteristische der
menschlichen Körperhaltung
ist und der selbst von den höchstgestellten
Affen nur ganz vorübergehend ausgeführt werden kann (vgl.
Brehm, Tierleben,
Bd. 1, S. 47 und Abbildung), geht nun
Hand in
Hand eine weitere
Reihe von Verschiedenheiten im
Bau und der
Entwickelung der
Knochen
[* 11] und
Muskeln
[* 12] beider Lebewesen, so namentlich die schaufelförmige
Bildung des
Beckens, die mehrfache
Krümmung
der
Wirbelsäule, die stark entwickelte
Gesäß- und Wadenmuskulatur des
Menschen.
Der Fuß des Menschen ist nach demselben Plan wie der Affenfuß gebaut, so daß letzterer mit Unrecht als Hand, vielmehr als Greiffuß zu bezeichnen ist. Der wesentliche Unterschied beruht darin, daß die Innenzehe beim Menschen nicht daumenartig wie bei den Affen den übrigen Zehen entgegengestellt werden kann, daß die Fußwurzel- und Mittelfußknochen zu einem Gewölbe [* 13] verbunden sind, und daß die Sohle dem Boden horizontal zugewendet ist; die einzelnen Knochen und Muskeln sind aber im Grund bei beiden dieselben.
Auch in der Hand finden sich Unterschiede, die in der bedeutend geringern Ausbildung des Daumens bei den Affen ihren Hauptgrund haben. Derselbe ist auffallend klein, schwach und kurz. Ebensowenig wie im gröbern Körperbau unterscheidet sich der Mensch fundamental von den Tieren in der mikroskopischen Struktur der seinen Körper aufbauenden Gewebe [* 14] und in den Leistungen seiner verschiedenen Organe, also in physiologischer Beziehung. Es kommt somit wesentlich darauf an, ob die geistige Entwickelung des Menschen, der Besitz der Vernunft und von moralischen und religiösen Begriffen sowie ¶
mehr
die artikulierte Sprache [* 16] genügen, um ihn als außerhalb des Tierreichs stehend anzusehen. Vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt muß diese Frage verneint werden.
Die Naturauffassung Darwins wirft ihr Licht [* 17] auch auf die Frage der Stellung des Menschen zu den Tieren. In folgerichtiger Durchführung des Entwickelungsprinzips sieht sie in ihm nur das Endglied einer unendlichen Reihe von Ahnen; in der gegenwärtigen Schöpfungsperiode sind die sogen. anthropoiden (menschenähnlichen) Affen seine nächsten Verwandten, und beide, und Anthropoiden, führen auf einen gemeinsamen Urtypus zurück. Nach Häckel bestand noch eine Zwischenstufe beider, die er als Affenmenschen (Pithecanthropi) oder sprachlose Urmenschen (Alali) bezeichnet.
Ihnen soll noch die wichtigste menschliche Eigenschaft, die artikulierte Wortsprache, und damit die höhere Begriffsbildung gefehlt haben. Darwin entwirft folgendes Bild des »Urmenschen«: allgemeine Behaarung des Körpers, Bartbildung bei beiden Geschlechtern, beim Mann große Hundszähne als Waffe, bewegliche, zugespitzte Ohren, Fuß mehr zum Greifen eingerichtet. »Die Ahnen des Menschen lebten ohne Zweifel für gewöhnlich auf Bäumen in einem mit Wäldern bedeckten heißen Land.« Man stellt sogar als Ursprungsstätte desselben einen jetzt unter die Fläche des Indischen Meers versunkenen frühern großen Kontinent, Lemuria (s. d.), hin, der von Ostafrika bis nach Ostasien gereicht haben soll.
Wenn auch in dieser hypothetischen Abstammung des Menschen von den Tieren für die naturforschende Betrachtung nichts Erniedrigendes liegt (ebensowenig wie für die dogmatische in der Formung aus einem Erdenkloß), so muß doch gesagt werden, daß thatsächliche Belege für dieselbe noch ausstehen. Nur so viel steht fest, daß im Skelettbau des Menschen gelegentlich sich Abweichungen vorfinden, die man als Wiederauftauchen affenartiger Bildungen und somit als pithekoide bezeichnen muß, und die im Sinn des Darwinismus als Rückschläge in die frühere niedere Ahnenstufe angesehen werden.
Dahin gehört z. B. der sogen. Stirnfortsatz der Schläfenschuppe, eine abnorme Verbindung, welche das Stirn- und Schläfenbein durch Bildung eines Fortsatzes eingehen, während sonst beim Menschen beide Knochen getrennt erscheinen. Dieselbe bedingt, ebenso wie die abnorme Schmalheit der normalen Nahtverbindung zwischen Keil- und Scheitelbein an dieser Stelle, eine Verkümmerung der Stirngegend (Stenokrotaphie nach Virchow). Die anthropoiden Affen Gorilla und Schimpanse besitzen ausnahmslos diesen Fortsatz, während er beim Orang-Utan wenigstens bisweilen vorkommt.
Diese tierartige Bildung (Theromorphie) findet sich namentlich bei gewissen niedrig stehenden Menschenrassen. Eine andre hierher gehörige Bildung ist die eigentümliche Gestaltung der Nasenöffnung (Apertura pyriformis), deren unterer Saum nicht, wie sonst, scharfrandig erscheint und so scharf den Nasenboden von der Oberkieferaußenfläche absetzt. Es findet vielmehr ein allmählicher Übergang beider statt, indem statt des Saums eine schiefe Ebene mit grubenartiger Einsenkung besteht (Fossae praenasales).
Auch die Verkümmerung der Nasenbeine gehört hierher, die an die Bildung der katarrhinen Affen streift (daher von Virchow Katarrhinie genannt). Die mächtige Entwickelung der Augenbrauenbogen gemahnt, in Verbindung mit einer starken Hebung [* 18] des mittlern, die Sagittalnaht tragenden Teils des Scheitels, an die Kammbildung bei anthropoiden Affen. Dahin gehört auch der sogen. Torus occipitalis transversus (Schaaffhausen, Ecker, Joseph, Waldeyer), eine im Bereich der Nackenlinien der Hinterhauptschuppe auftretende, bei niedern Rassen häufige pithekoide Bildung. (Vgl. Anthropologie, S. 630.) Auch was bisher von fossilen Menschenresten gefunden ist, spricht nicht für die Annahme einer niedern, den Affen nahestehenden Bildung, und die Hypothese, daß der Vorfahr des Menschen sich von ausgestorbenen Affenarten abgezweigt habe, würde erst dann in der Wissenschaft anerkannt werden können, wenn Zwischenformen und Übergänge von jenen Affen der eocänen Zeit zu den heutigen Menschen irgendwo entdeckt würden.
Was das mutmaßliche Alter des Menschengeschlechts betrifft, so haben die anthropologischen Forschungen ergeben, daß dasselbe bedeutend höher anzunehmen ist, als die biblische Überlieferung lehrt (vgl. Anthropologie, S. 629). Die Berechnungen begründen sich meist auf die Dicke von Anschwemmungsschichten, unter denen man Spuren menschlicher Thätigkeit (Topfscherben, Steinwaffen etc.) fand, unter Zugrundelegung einer bestimmten Ablagerungsdauer derselben, und sind daher höchst unsicher und schwankend. Ebenso unbestimmt lautet die Antwort nach der Abstammung von einem oder mehreren Menschenpaaren (Mono- oder Polyphylie). Während Agassiz, dem auch Nott und Gliddon folgen, die einheitliche Schöpfung des Menschen aus dem Grund bestreitet, weil der an bestimmte Faunen- und Florengebiete gebunden sei, halten andre, wie Peschel und Quatrefages, für wahrscheinlich, daß der Mensch nur von einem einzigen Schöpfungsherd aus die Erde bevölkert hat.
Das Leben des Urmenschen kann nur ein höchst kümmerliches gewesen sein, denn vielleicht jahrtausendelang vermochte er sich lediglich aus Stein, Knochen und Horn ganz rohe Werkzeuge [* 19] herzustellen. Erst allmählich schritt er zur Fabrikation besserer, d. h. feiner behauener und polierter, Steinwerkzeuge fort (s. Steinzeit). [* 20] Auch diese Periode, aus welcher die Kjökkenmöddinger (s. d.), die Hünengräber (s. d.), die Pfahlbauten [* 21] (s. d.) etc. stammen, war eine ungemein lange; als dann der Mensch mit der Verarbeitung der Metalle, insbesondere der Bronze [* 22] und des Eisens, bekannt wurde (s. Metallzeit), [* 23] schritt er zu einer höhern Kulturstufe empor.
Diese Entwickelung ist zweifellos von örtlichen Verhältnissen abhängig gewesen und hat sich demgemäß an verschiedenen Gebieten des Erdballes zeitlich sehr verschieden verhalten. So kommt es, daß noch jetzt bei gewissen Völkern, die man als Naturvölker bezeichnet, vielfach Zustände sich vorfinden, die denen der rohen Urzeit entsprechen. Auch eine wenigstens örtliche rückläufige Entwickelung, ein Zurückverfallen in tiefere Barbarei aus verhältnismäßig höhern Kulturstufen, ist nicht ausgeschlossen, ohne daß jedesmal an eine Verdrängung eines höhern Kulturträgers durch ein kräftigeres, roheres Volk zu denken wäre.
Das geistige Wesen des Menschen zu erforschen, ist die Aufgabe der Psychologie (s. d.). Die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts zur Zivilisation verfolgt die Kulturgeschichte (s. d.) mit ihren Zweigen: Sprachenkunde, Sitten- und Sagenkunde, Mythologie, Geschichte der Industrie, der Entdeckungen, der Kunst, der Litteratur, des Handels, der Wissenschaften, der Kirche, der Staaten, der Kriege und der Nationalökonomie. Schon in vorhistorischer Zeit tritt der Mensch mit einem wenn auch geringen Umfang industrieller Fertigkeiten und Kenntnisse auf; unsre Vorfahren lebten offenbar in einem ähnlich rohen Zustand wie die jetzigen Urbewohner ¶
mehr
Australiens, Polynesiens und Amerikas. Allein wie diese, so verstanden die Menschen in frühster Zeit gewiß schon so manche einfache Künste, durch welche sie sich ihren Lebensunterhalt verschafften und gegen Klima [* 25] und Witterung schützten; sie lernten das Hüttenbauen sowie das Feueranmachen durch Reiben zweier Hölzer aneinander; sie fertigten sich Waffen, [* 26] Geschirre und Kleidung, machten Jagd auf Tiere. Doch scheinen sie auch, wie man aus gewissen, allerdings noch ziemlich zweifelhaften Erscheinungen bei Höhlenfunden in Belgien [* 27] schloß, ebenso wie die jetzigen Anthropophagen (s. Anthropophagie) Menschenfleisch verzehrt zu haben.
Allmählich erlernten sie primitiven Ackerbau, züchteten Haustiere, trieben Weberei [* 28] etc.; sie traten in Handel und Verkehr mit Nachbarvölkern. Aus dem einfachen patriarchalischen Familienleben schritten sie durch die Stammesgenossenschaften zur Staatenbildung vor; aus dem ursprünglichen Naturdienst bildeten sich mythologische Anschauungen. Wie noch jetzt bei Urvölkern mochten Zauberer als weise Männer gegolten haben; doch später gelangte die Priesterschaft zu höherm Ansehen und gründete eine hierarchische Verfassung.
Für die Hebung der Industrie war die Teilung der Arbeit, bessere Erkenntnis der Eigenschaften des Materials und die Handelsverbindungen mit immer fernern Erdteilen von größtem Einfluß. Mit dem Aufblühen der Wissenschaft und Kunst tritt die menschliche Gesellschaft in eine weitere Kultursphäre ein. Für die vergleichende Völkerpsychologie, die sich auf umfassende Studien über physische und kulturhistorische Zustände jetzt lebender Urvölker stützt, war vor allen das Werk von Waitz: »Anthropologie der Naturvölker« (Leipz. 1859-71, 6 Bde., Bd. 5 u. 6 von Gerland) epochemachend. Vgl. Kulturgeschichte.
Zu einem ganz besondern Gegenstand der Forschung wurde in neuerer Zeit die Sprache des Menschen erhoben, indem teils die Frage der Lautbildung mittels der Sprachwerkzeuge, teils die Frage, wie sich die Sprache aus Urlauten entwickelt habe, teils die Frage über Verschiedenheit und Verwandtschaft der Sprachen der Völker in den Vordergrund trat. Man gruppierte die Sprachen je nach ihrer Verwandtschaft und nach der vermuteten Ableitung von gemeinschaftlichen Sprachstämmen; allein die Sprache eines Volkes darf man keineswegs als hauptsächliches Merkmal bei der Rasseneinteilung benutzen, denn viele Völker haben ihre ursprüngliche Sprache mit einer andern vertauscht.
Dagegen machte die Sprachwissenschaft die Erklärung einer Menge alter Ausdrücke und dunkler Gebräuche sowie mythologischer Vorstellungen möglich. Auch kann man aus gewissen einer Sprache eigentümlichen Benennungen und Bezeichnungen von Gegenständen schließen, inwieweit das betreffende Volk mit diesen Gegenständen schon in der Urheimat bekannt war oder erst später mit denselben durch andre Völker bekannt wurde. So eröffnet die Sprachwissenschaft weite Fernblicke in die Urgeschichte der Menschheit. Schließlich begründet sich durch sie eine Gesetzlichkeit in der Entwickelung von Dialekten und neuen Sprachformen (Lautverschiebungsgesetz); man hat auch in dieser Hinsicht auf eine Analogie mit der Evolutionstheorie Darwins hingewiesen (s. Sprache und Menschenrassen). - An die Geschichte, Entwickelung und Verbreitung der Sprache schließt sich die Erfindung und der Gebrauch der Schrift (s. d.) eng an, denn sie ist ein wesentliches Moment für den geistigen Fortschritt der Menschheit.
Durch Mythe und Sage äußert sich ein wichtiger Teil im Geistesleben der Menschheit. Schon bei unentwickelten Völkern kommen religiöse Regungen zu Tage in einem Kultus der Naturkräfte, in der Verehrung des Wassers und der Sonne, [* 29] im Stein-, Baum- und Tierdienst, im Fetischkultus, dann im Heroenkultus. Der Schamanismus, der Buddhismus, die dualistischen Religionen, die Lehre [* 30] des Moses, der Islam, die christliche Lehre sind von höchster Bedeutung für die Kulturentwickelung des Menschen.
Die Einteilung des Menschengeschlechts durch eine systematische Gruppierung geschieht nach verschiedenen Gesichtspunkten, je nachdem man die körperliche Beschaffenheit, die geistige Begabung oder die Kulturzustände in den Vordergrund stellt. Man konnte dabei nicht stehen bleiben, einfach die Völker als solche voneinander zu unterscheiden und sie etwa nach dem Grad ihrer Zivilisation in Ur- oder Naturvölker (Wilde) und Kulturvölker, vielleicht auch je nach ihrer Beschäftigung in Jäger-, Fischer-, Ackerbau-, Industrie- und Handelsvölker einzuteilen.
Vielmehr stellte sich mehr und mehr heraus, daß viele Völker in mehr oder weniger naher verwandtschaftlicher Beziehung zu einander stehen. Die Forschungen nach dieser Richtung hin sind besonders Aufgabe der Ethnologie oder Ethnographie (s. d.). Allein die großen Gruppen, die sich bei solcher Untersuchung der Völker auf ihre Verwandtschaft, auf ihren ethnischen Zusammenhang aufstellen lassen, werden von der Anthropologie (s. d.) als Menschenarten oder Rassen bezeichnet.
Wenn nun auch die ethnologischen Grenzen [* 31] vielfach mit den geographischen zusammenfallen, so zeigen sich doch überall große Schwierigkeiten bei Bestimmung der Verwandtschaftsgrade und der Zusammengehörigkeit der Völker nach Rassen. Denn einesteils kamen in geschichtlicher und vorgeschichtlicher Zeit ausgedehnte Wanderungen und Übersiedelungen der Völker vor, so daß verwandte Völker und Stämme nunmehr weit entfernt voneinander wohnen; andernteils schwanden körperliche Merkmale durch Vermischung, Kreuzung und Einfluß des Klimas; schließlich änderten sich Sitten und Sprachen durch fremde Eindringlinge und Nachbarvölker. Unter diesen Verhältnissen bleiben immerhin die körperlichen Charaktere der verschiedenen Völker und Stämme die sichersten Anhaltspunkte für die Bestimmung der Rassen. Deshalb haben Schädel- und Skelettbau, die Proportion der Gliedmaßen, die Farbe und Beschaffenheit der Haut, [* 32] der Haare [* 33] und der Regenbogenhaut der Augen das höchste Interesse für die Rassenlehre. Vgl. Menschenrassen.
Die Verbreitung des Menschen über die Erde ist eine sehr ausgedehnte. Das Gedeihen gewisser Rassen ist allerdings von einem bestimmten Klima abhängig; allein bis zu einem gewissen Grad ist es dem Menschen möglich, sich verschiedenen Lokalitäten zu akklimatisieren (vgl. Bevölkerung). [* 34] Die Bevölkerungszahl der Erde schätzt man auf 1495 Mill., davon kommen auf die einzelnen Erdteile:
|Bewohner||auf 1 qkm|
|Europa||338 Mill.||34|
|Asien||835 "||19|
|Afrika||212 "||7|
|Australien und Ozeanien||5 "||0.6|
|Amerika||105 "||2.5|
Ausführlicheres darüber s. unter Bevölkerung (mit Karten und Tabellen). Die Statistik ermittelte ferner die Durchschnittszahlen der Dimensionen, welche die einzelnen Teile des menschlichen Körpers zeigen. Die Proportionslehre der menschlichen Gestalt wurde auch in ästhetischer Hinsicht schon von A. Dürer, dann von K. G. Carus, Fechner u. a. kultiviert. In ¶