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Abschied vom kleinen Tisch
Er war Jesuit, dann Offiziersaspirant, dann Benediktiner, der aber wieder aus dem Kloster ausriss, danach steckbrieflich gesucht wurde, nach England floh und zum Anglikanismus konvertierte, dort Hauslehrer, Herausgeber und Strafgefangener wurde, schliesslich reumütig nach Frankreich zurückkam, wieder die Mönchskutte anzog und sich als Übersetzer englischer Literatur ins Französische einen Namen machte. Heute ist er als Schriftsteller beinahe vergessen, doch eine Geschichte machte diesen Abbé Prévost weltberühmt: „L’Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut“.
Nicht weniger als vier Komponisten haben diesen Stoff vertont: Auber (1856), Massenet (1884), Puccini (1893) und Hans Werner Henze (1951) – dieser unter dem Titel Boulevard Solitude. Wir werden uns hier mit einer Arie aus der Massenet-Version befassen, weil diese dem Geist von Manons frivoler Leichtigkeit und ihrer Neigung zu ausgelassener Lebens- und Liebesfreude am besten entspricht.
Ein lebenssüchtiger Vogel
Manon, ein schönes junges Ding aus bescheiden-bürgerlichem Haus, soll ins Kloster gehen – ein Schicksal, das damals nicht so selten war, um von der Armut heimgesuchte Kinder des Kleinadels und des Bürgertums sicher zu „versorgen“. Wir begegnen ihr und ihrem Cousin Lescaut an einer Poststation in Amiens in vergnügter Gesellschaft. Manon berichtet, welch bewegte Kutschenfahrt sie hinter sich habe, die erste ihres Lebens, sie sei durch herrliche Wälder und Weiler gefahren, in Reisegesellschaft von fröhlichen Menschen. Ganz vergessen habe sie, dass sie eigentlich in ein Kloster solle. Es sei ihr vorgekommen, als fliege sie geradezu ins Paradies!
Wir spüren gleich, welch lebenssüchtigen Vogel wir da vor uns haben. „Wie schön muss es doch sein, sich ein ganzes Leben amüsieren zu können“, denkt sie. Da taucht der Chevalier Des Grieux auf, der die Abfahrt der Kutsche verpasst hat, entdeckt diese Manon und ist gleich von ihr bezirzt. Ein Traum? Ein Wahn? „Vous êtes la maîtresse de mon coeur!“ gesteht er freimütig. Ist es nicht ein Verbrechen, eine solche Schönheit vor der Welt zu verstecken?
Des Grieux wird es zu verhindern wissen: Aus jedem Kloster der Welt werde er sie holen und sie auf Armen dorthin tragen, wo sie lebenslang zusammen leben könnten. Man beschliesst, noch in dieser Nacht nach Paris zu fliehen. Das hochbeschwingte Duett „Nous vivrons à Paris“ ist von zündendem Enthusiasmus und ansteckender Lebensfreude. Statt ins Kloster in die Arme eines Geliebten! Auf nach Paris! Manon ist selig. Ihre Träume scheinen wahr zu werden.
Verführungskraft des Reichtums
Des Grieux ist zwar hochadelig, aber nicht reich. Und Manons Ansprüche sind hoch. Er hat zwar einen nicht ganz armen Vater, doch der alte Patriarch ist streng, sparsam, ja knauserig. Doch lebenslang ein stilles Dasein fristen mit einem Geliebten in einer bescheidenen Pariser Wohnung? Ist es das, was junge Menschen suchen? So sehen Manons Träume wirklich nicht aus.
Der Cousin taucht auf, in Begleitung des reichen Brétigny, eines älteren Mannes, der Manon gern als seine Maitresse gewänne, um in der Gesellschaft mit einer derartigen Schönheit gute Figur zu machen, eventuell sogar zum eigenen Liebesgenuss. Man weiss als reicher Mann ja nie, ob man wegen des Geldes oder wegen des Eigenwertes geliebt wird. Brétigny jedenfalls verspricht Manon allen Luxus der Welt. Wer vermag es denn, der Lockung von Reichtum gänzlich zu widerstehen? Es ist ein Leichtes, die schöne Frau davon zu überzeugen, dass ein Leben mit Des Grieux keine Partie ist, die Manons Lebenslust Erfüllung und Glück versprechen könnte.
In Abwesenheit ihres Geliebten beschliesst Manon, die Liebe zu ihm zu vergessen und ein Leben in Luxus vorzuziehen. Sie will die Männer beherrschen – allein durch ihre Schönheit. Ist das nicht ein tolles Erfolgsrezept? Wenn Manon allerdings über Des Grieux’s Liebe zu ihr nachdenkt, gesteht sie sich: „Ich bin seiner Liebe nicht würdig!“ Nichts sei sie als „faiblesse et fragilité“ – Schwäche und Zerbrechlichkeit. Die Tage der Liebe mit Des Grieux sind schön gewesen. Aber welche Zukunft erwartet sie an der Seite eines Habenichts?
Wie viel Raum brauchen Liebende?
Nun folgt Manons Arie, um die es hier geht. Sie nimmt Abschied von ihrer Liebe, um zum Reichtum zu wechseln. Hier ist es – pars pro toto – der kleine Tisch, der die Liebenden so oft um sich vereint hat. „Adieu notre petite table – Leb wohl, du unser kleiner Tisch!“ Ihr Geliebter ist gerade dabei, einen Brief zur Post zu tragen, in welchem er seinen Vater ersucht, seiner Mésalliance mit einer nichtadeligen Frau zuzustimmen.
Manon aber wirft einen Blick in die dunkle, nicht planbare Dimension der Liebe. Wenn man sich umarmt, ist da nicht jeder Raum für Liebende gross genug? Und reicht nicht ein Glas für zwei Personen, deren Lippen sich suchen? In dieser Arie schafft es Massenet, uns hören zu lassen, wie seine Manon zwar von einer Sucht nach Luxus, nach Freiheit und Amüsement getrieben wird. Dennoch vermag sie zu ermessen, welches Glück sie durch eine Flucht aus Des Grieux Umarmungen aufs Spiel setzt. Ein Leben ohne diese Liebe könnte nicht nur Tränen bringen, sondern das Ende bedeuten. Und immer hat Manon den kleinen Tisch vor Augen, an dem so viel Glück wirklich wurde. Sie singt es so schlicht und so echt, dass wir es ihr glauben müssen und auch glauben wollen.
Des Grieux kehrt zurück. Er schwärmt ihr vor von einem kleinen Haus auf dem Land, einer Idylle der Stille und Selbstgenügsamkeit. Anziehend kann diese freilich nur sein, solange eine an Ort und Stelle niemals fehlen würde: seine Manon! Diese entgegnet dem verliebten Romantiker, das alles sei nichts als ein wahnbesetzter Traum! Mit den Worten „Mon pauvre Chevalier!“ rennt sie ihm davon und lässt sich hineinlocken in das Leben einer reichen Pariser Kurtisane.
Drama der unbedingten Liebe
Ich erzähle hier die Geschichte dieser beiden Liebenden nicht weiter, die noch zahlreiche Wendungen und Missgeschicke erfahren wird bis zu Manons Tod in den Armen von Des Grieux auf der Landstrasse nach Le Havre. Dieses Liebesdrama bezeugt nichts anderes, als dass wirklich Liebende niemals von einander loskommen, bis zum letzten Atemzug nicht. Die Wirklichkeit mag tausendfach belegen, dass Liebende so leicht und unbeschädigt einander wieder verlassen, wie sie zueinander gefunden haben.
Bei den passioniert Liebenden, die einander geradezu verfallen – Deterministen würden sagen: vom Schicksal für einander bestimmt – scheinen, ist dies anders. Da ist etwas, das sie, einmal verliebt, nicht mehr freigibt. Davon kündet in anrührender Weise Manons Abschied von ihrem kleinen Tisch in der bescheidenen Behausung der Pariser Rue Vivienne. Unermessliches Glück und unermessliche Trauer: ganz nah beieinander.
Es gab in der Geschichte von Massenets Oper bedeutende Darstellerinnen dieser Manon. Zu den Unvergessenen gehören für Opernliebhaber Victoria de los Angeles und Beverly Sills. Man kann sie heute auf youtube beide in der Arie „Adieu notre petite table“ hören. Maria Callas hat sie ebenfalls gern gesungen. Aber auch Sängerinnen unserer Zeit, Angela Gheorghiu oder Anna Netrebko, ergreifen uns in der Partie von Massenets Manon, die ein genusssüchtiges Weib und dennoch ein grosse Liebende war.
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