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In Russland, 600 km nördlich des Polarkreises leben die Nenzen, eine indigene Nomadenvolksgruppe mit immer noch einigen zehntausend Angehörigen. Sie leben in verschiedenen Teilen Nordsibiriens hauptsächlich von der Rentierzucht, aber auch von der Jagd und dem Fischfang. Viele sind zwar inzwischen sesshaft geworden, doch noch immer gibt es sogenannte Vollnomaden, die in Familienverbänden auf der Halbinsel Yamal mit ihren Rentierherden umherziehen. Im Sommer wandern sie bis an die Küste des Polarmeeres und im Winter durch die südliche Taiga.
Die Nenzen haben sich ihre Kultur und ihr Brauchtum mehr als andere sibirische Ethnien bewahrt und pflegen auch ihre Muttersprache, die zu den samojedischen Sprachen gehört und mit den finno-ugrischen Sprachen verwandt ist. Der Name Nenzen bedeutet „Menschen“, und der Name Yamal bedeutet „das Ende der Welt“.
Die Bezeichnung der ethnischen Gruppe „Nenzen“ ist in die von der russischen Regierung festgelegte „Liste der indigenen Minderheitenvölker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens der Russischen Föderation“ aufgenommen worden.
In den Neunziger Jahren wurden auf der Halbinsel Yamal grosse Erdgasvorkommen entdeckt. Einige für die Nenzen wichtige Weidegebiete wurden für die Erdgasgewinnung abgeriegelt. Die Rentierzüchter wehrten sich zunächst dagegen, allerdings wurde ihnen von den Gasfirmen die Entwicklung neuer Dörfer finanziert. So änderte sich teilweise der Lebensstil der Nenzen auf der Yamal Halbinsel. An ihren Traditionen halten sie dennoch weitgehend fest.
In den letzten Jahren wurden, wie bereits in dem Artikel „Mobilfunk beeinflusst die Routen der Rentierhirten“ hier auf PolarJournal erwähnt, mehrere Mobilfunkmasten in den Gebieten der Nenzen errichtet. Dadurch veränderte sich nicht nur deren Transhumanz (Wanderweidewirtschaft), sondern auch das Kommunikationsverhalten. Dabei stellt sich die Frage: Wie nutzen die Nenzen Social Media für sich und ihre Anliegen?
Digitale Plattformen wie Instagram und YouTube ermöglichen eine passive und aktive Beteiligung an den Inhalten. Soziale Medien haben eine große Reichweite und werden daher von dieser indigenen Gruppe aktiv genutzt.
An der Nördlichen (Arktischen) Föderalen Universität (NArFU) wurde im Jahr 2022 das Bildungsprojekt „Gemeinsam die Sprache und Kultur der Nenzen bewahren“ durchgeführt (zum Bericht, in russischer Sprache). Hiernach wurde in letzter Zeit besonderes Augenmerk auf die Erhaltung und Entwicklung kleiner indigener Kulturen und Sprachen Sibiriens und des Fernen Ostens gerichtet. Ein Hauptziel des Bildungsprojektes der Universität war tatsächlich die Vorbereitung und Durchführung eines Umschulungsprogramms „Unterrichten der Nenzen-Sprache und der Kultur des Nenzen-Volkes im Kontext der Digitalisierung“ für Nenzen-Sprachlehrer und Kulturschaffende. Das Projekt sollte im Januar 2023 beginnen. Das Projekt wurde aber bisher scheinbar noch nicht umgesetzt.
Einige junge Nenzen haben ihre eigenen digitalisierten Mittel und Wege gefunden, um ihre Identität auf Social Media zu zeigen und zu verbreiten. Gibt man also auf Instagram beispielsweise #ненцы ein, stösst man schnell auf das professionell gestaltete Profil der Community tanamskayatundra mit 4.236 Followern.
Es ist ein übersichtliches und informatives Profil mit verschiedensten Menüpunkten, die das Alltagsleben in den Mittelpunkt stellen, beispielsweise Kleidung oder Feste. Auch wirtschaftlich soll der Account nützen und der Punkt „Reklame“ bietet eine Verkaufsplattform für Alltagsprodukte an. Klickt man sich durch die Fotos, erhält man einen sehr schönen Einblick in das alltägliche Leben der Nenzen und die Selbstdarstellung der Autoren. Ein sehr traditioneller Lebensstil wird gezeigt, die Menschen kleiden sich vorwiegend traditionell und pflegen ihre nomadische Lebensweise. Entsprechend werden auch viele Fotos von Spitzjurten, den sogenannten Tschum gepostet. Im Mittelpunkt stehen aber fast immer die Rentiere im Sommer und Winter, denn sie sind das zentrale Thema: Aus den Fellen fertigen sie ihre Kleidung, ihre Zelte – auch die Lassos bestehen oft aus Sehnen -, und sie dienen als Transportmittel.
Eine Besonderheit in Yamal könnte die starke Betonung der Solidarität der Jugendlichen mit ihren Familienmitgliedern und der älteren Generation sein, die oft abgebildet werden. Anstatt auf Social Media einen Gegensatz zwischen traditioneller und populärer Kultur zu sehen (wie es viele einheimische Aktivisten zu tun pflegen), finden die meisten einheimischen Jugendlichen wertvolle Aspekte in beiden.
In Russland ist VKontakte (VK) das größte russische Netzwerk und gilt als der wichtigste Social-Media-Kanal. VK ist optisch und in der Benutzung Facebook sehr ähnlich: Musik, Bilder, Videos und andere Dateien können geteilt und direkt veröffentlicht werden. Die Community tanamskayatundra hat dort mit 11.000 eine noch grössere Followeranzahl. Die jeweiligen Profile auf Instagram und VK sind miteinander verlinkt. Auch auf VK sind zunächst zahlreiche Rentierherden und einzelne Tiere zu sehen, aber auch kleine Filme über beispielsweise die Transhumanz und Familien. Anders als Instagram fungiert VK auch als Anzeigen- und Verkaufsplattform. Und so kann man beispielsweise Motorschlitten kaufen oder sich auf eine Anzeige als Rentierschlittenfahrer und Touristenguide bewerben.
Wenn man nun diese öffentlichen Seiten der Nenzen verlässt und sich individuelle Profile anschaut, so ähneln sich diese zumeist. Bei den meisten geht es um Rentiere, Kinder, Hunde, Familien und Leben im Tschum.
Was aber bewegt die Jugendlichen der Yamal-Region? Wie stellen sie sich dar und wen wollen sie mit ihren Social Media Profilen erreichen?
Da wären einige junge Künstler wie zum Beispiel Victor Segoj, die ihre traditionelle Kunst veröffentlichen. Victor Segoi nennt sich auf Instagram sega_bega und präsentiert seine Schnitzereien aus Horn und Knochen. Dieser junge Nenze reist viel und lebt auch abseits seiner traditionellen Herkunft in Moskau. Er schreibt, wie stolz er auf seine Herkunft und auf das Wissen ist, das sein Vater ihm über die Rentierzucht beigebracht hat.
Und er präsentiert sich sowohl in traditioneller Kleidung als auch in modernen Outfits auf der Strasse. Bei den Kommentaren geht es zumeist um Lob und Komplimente. Bei den jungen Männern werden zudem oft Videos mit traditionellem Tauziehen oder Wettkämpfen gezeigt. Auffallend ist, dass viele Profile sowohl auf Instagram, als auch auf VK sehr romantisierend wirken. Bei „_the_tysia_family_7_8_9“ auf Instagram werden zum einen romantische winterliche Landschaften, und zum anderen weihnachtlich anmutende Nahaufnahmen präsentiert. Fotos von gut aussehenden jungen Frauen und Männern folgen auf die typischen Rentierfotografien. Ein starker Einklang mit der Natur wird gezeigt und der Wunsch geprägt, die eigene Kultur zu bewahren.
Bei den Profilen junger Frauen geht es meistens eher um Kleidung und Kunsthandwerk. Sie präsentieren sich in farbenfrohen traditionellen Kostümen beispielsweise in einem Café, aber auch draussen in der Natur.
Allgemein zeigt sich, dass vor allem die junge Generation aktiv mit Social Media umgeht und sich mit Leichtigkeit sowohl in städtischem als auch in traditionellem Umfeld bewegt und präsentiert. Die verschiedenen Profile zeugen von einem gekonnten Umgang mit Social Media.
Im Zentrum des Lebens der Nenzen stehen fast immer Rentiere. Entsprechend wichtig ist der „Tag des Rentierzüchters“, der in verschiedenen Bezirken von Yamal von Ende Februar bis Anfang April stattfindet. Das zentrale Thema des Festes ist ein Rentierschlittenrennen. Darüber hinaus werden aber auch Motorschlittenrennen und traditionelle Wettkämpfe wie Ringen, Lassowerfen und eine Art Bockspringen durchgeführt. Auf Instagram gibt es dazu weniger Informationen und Profile als auf VK, wo sehr schöne und professionelle Fotos und Videos hochgeladen sind. Verlinkungen zur offiziellen Internetseite zu diesem grossen Nenzen-Fest sind fast überall zu finden.
Wie in anderen arktischen Kulturkreisen präsentieren sich auch die Nenzen auf Social Media offiziell mit einem eigenen Profil mit 64.000 Followern. Es ist eine aktive Plattform für politischen, aber auch kulturellen Austausch, immer wieder mit sehr schönen Fotos untermalt.
Auf VK entdeckt man auch einige kulturelle Gruppen bzw. Communities, unter anderem das Profil eines ethnografischen Zentrums „Касум Ёх“ in Kasim, etwas weiter südlich der Yamal-Halbinsel. Dort wird vor allem traditionelles Handwerk gezeigt und auf kulturelle Gruppenaktivitäten aufmerksam gemacht. Auch die Bibliothek in Naryan-Mar hat auf VK ein sehr aktives Profil. Allerdings wird dort weitgehend russische Literatur besprochen und vorgestellt. Ebenfalls in Naryan-Mar gibt es ein ethnokulturelles Zentrum, das sogar eine eigene Video-Plattform auf „VK Video“ unterhält. Kurze Dokumentarfilme und Musikvideos zu Theater, Tänzen, Kunsthandwerk und traditionellem Lebensstil wie beispielsweise Spitzjurtenbau werden dort gezeigt. Es ist mit über 4‘800 Followern die aktivste kulturelle Gruppe der Nenzen auf VK.
Interessant ist, dass auf allen öffentlichen Gruppenprofilen der Nenzen auf die Präsidentschaftswahl vom 15. – 17. März hingewiesen wird, zusammen mit einem bereits aktiven Link für die Wahl. Auf einigen Profilen findet sich eine bildliche Anleitung zum Online-Wählen.
Soziale Medien fördern die Ziele von Gruppen und können deren Ideen voranbringen. Indigene Gruppen können auf diese Weise ihre kulturellen und ethnischen Bindungen an die Gemeinschaft durch Inhalte stärken und ein Gefühl der Zugehörigkeit schaffen. Trotz aller Einschränkungen und staatlicher Überwachung sind die Nenzen offenbar in der Lage, Inhalte zu produzieren, die die Öffentlichkeit über ihre Kultur aufklären, die Bindungen zur Gemeinschaft stärken und einen digitalen Raum der Zugehörigkeit schaffen sollen. Daher ist die Erforschung der Nutzung sozialer Medien für das Verständnis der Entwicklung der kulturellen Werte der Nenzen von wesentlicher Bedeutung.
Benedikta Rabius ist Ethnologin, Slawistin und Grafik-Designerin.
Nach einer langen Reise durch Russland, von West nach Ost, hat sie beschlossen, Ethnologie und Slawistik in Göttingen zu studieren. Ihr grosses Interesse an den Ethnien Nordsibiriens hat sie immer wieder nach Yakutsk, Kamtschatka, und das Altai Gebirge geführt.