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Geschichte
Die Kulturgeschichte eines vergangenen Bauwerks
Mit diesem Band liegt die Fortsetzung des 2008 erschienenen Buches über die Geschichte des Königsberger Schlosses bis zum Jahre 1740 vor.
Die ersten Abschnitte sind nach den preußischen Herrschern aufgeteilt, wobei am Beginn die Epoche Friedrichs des Großen steht (S. 31-70). Der folgende Abschnitt über die Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. (S. 71-100) beginnt, wie auch die folgenden Kapitel, mit einer ausführlichen Schilderung der Huldigung, bevor der Autor auf die Baumaßnahmen in der Zeit dieses Königs eingeht. Dass das anschließende Kapitel über die Zeit Friedrich Wilhelms III. eines der umfangreichsten des Buches ist (S. 117-204), spiegelt die wichtige Rolle Königsbergs und des Schlosses gerade im Zeitalter der Befreiungskriege und die damit verbundenen Umstrukturierungen wider, während das Schloss während der Regierung des eher mit der Rheinromantik in Verbindung zu bringenden Friedrich Wilhelm IV. (S. 205-242) eine eher randliche Stellung eingenommen zu haben scheint. Die folgenden Abschnitte sind den Epochen der letzten Herrscher aus dem Hause Hohenzollern gewidmet, Wilhelm I. (S. 243-320) und Wilhelm II. (S. 321-357). Abgeschlossen wird der erste Teil des Buches durch ein Kapitel über die Zeit vom Kriegsausbruch 1914 bis zum August 1944, in der das Schloss aufgrund der wechselnden politischen Lage immer wieder Umnutzungen erfahren musste (S. 359-451).
Der sich anschließende zweite Teil ist dem Schicksal des Schlosses und seiner Sammlungen ab 1944 gewidmet. Im ersten Kapitel werden die Zerstörung des Schlosses durch den britischen Bombenangriff vom 30. August 1944 sowie das Nachkriegsschicksal der Ruine bis zu ihrer vollständigen Zerstörung 1965-68 behandelt und ein Einblick in erste Ausgrabungen des 21. Jahrhunderts gegeben (S. 459-504). Das zweite Kapitel behandelt das Schicksal der Sammlungen des Schlosses vom Jahre 1937 an (S. 521-569).
Zum Ende des Bandes folgen sieben Seiten voll Brisanz (S. 571-577), die aber genau deswegen einen würdigen Abschluss bilden und den Leser zu kritischem Nachdenken veranlassen sollten - zu welchem Schluss der Leser für sich auch immer kommen mag: Wulf D. Wagner legt "Drei Thesen zum Wiederaufbau des Königsberger Schlosses" vor, in denen er dem bildlichen Aspekt nachgeht (das Füllen der architektonischen Leere) und die Frage nach dem Inhalt des Schlosses stellt, die er in einer multifunktionalen Nutzung sieht, da nur ein Teil der Räume originalgetreu wieder aufgebaut werden soll. Und letztlich sieht er das Königsberger Schloss als geistig-kulturelles Zentrum einer heute zwischen Russland, Polen und Litauen aufgeteilten Landschaft, und plädiert dafür, dass im neu erbauten Schloss die gemeinsamen, grenzüberschreitenden kulturellen Erfahrungen thematisiert und problematisiert werden sollen. Gerade im Hinblick auf die Vielzahl von (geplanten) Wiederaufbauten, von denen das Berliner Schloss vielleicht das bekannteste ist, ist es erfreulich, dass diese Diskussion hier immerhin in seriöser und sachlicher Weise angerissen wird.
Es folgen Ergänzungen zu Band 1 sowie Quellen- und Literaturverzeichnis und Personen-, Orts- und Sachregister. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich umfangreiche Anmerkungen, die belegen, dass hier von den Autoren grundlegende Archivarbeit geleistet wurde, und die die Möglichkeit zu weiteren Nachforschungen eröffnen.
War schon der erste Band umfangreich und opulent ausgestattet, so haben Autor und Verlag dieses Niveau noch einmal übertreffen können: Der Band besticht durch eine Vielzahl sehr gut wiedergegebener historischer Fotos, Gemälde und Pläne, und stellt somit nicht nur überaus reichliches Dokumentationsmaterial zur Verfügung, sondern ist zugleich auch eine Augenweide für jeden bibliophil veranlagten Leser.
Besonders hervorzuheben ist, dass der vorliegende Band weder eine reine Geschichte noch eine reine Baugeschichte des Königsberger Schlosses bietet, sondern das Bauwerk in den Kontext seiner Nutzungen und der dort stattgefundenen Ereignisse stellt, mithin also eine umfassende Kulturgeschichte des Schlosses bietet. Infolgedessen ist dem Buch eine Verbreitung auch über die konkret am Königsberger Schloss interessierten Leser hinaus zu wünschen, da es ein Schlaglicht auf mehrere Jahrhunderte preußisch-deutscher Kulturgeschichte wirft - und angenehm zu lesen ist es obendrein.