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Weniger Intuition, mehr Denken!
Schnelles Denken, langsames Denken
Daniel Kahneman, geboren 1934 in Tel Aviv, ist Professor für Psychologie an der Princeton University und einer der weltweit einflussreichsten Kognitionspsychologen, 2002 wurde er mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, lese ich im Klappentext. Über "Schnelles Denken, Langsames Denken" schreibt er: "Dieses Buch stellt mein gegenwärtiges Verständnis von Urteils- und Entscheidungsprozessen dar, das massgeblich von psychologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte geprägt wurden." Dem Leser bietet er einen Überblick über die Funktionsmechanismen des menschlichen Denkens.
Kahneman unterscheidet zwischen dem Denksystem 1, dem intuitiven Denken, das automatisch läuft, und dem Denksystem 2, das, um aktiv zu werden, einer Anstrengung bedarf. Wir wissen heute einiges über die Stärken und Schwächen des intuitiven Denkens. Die von den meisten so sehr geschätzte Intuition hält Kahneman für überbewertet: "Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen." Zudem: damit das Denksystem 2, das rationale Denken, das Denksystem 1, das automatische Denken, beeinflussen kann, bedarf es erheblicher Anstrengung.
Im Wesentlichen bestätigt Kahneman, was Freud von hundert Jahren behauptet hat: Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus. Er tut dies, indem er eine grosse Anzahl vielfältiger neuerer und älterer Studien heranzieht und erläutert; er macht das anregend, sehr informativ und spannend: die Fülle an Informationen, die er in "Schnelles Denken, Langsames Denken" verarbeitet hat, ist beeindruckend.
Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist, dass der Mensch viel zu sehr auf seine Intuition vertraut. Hier ein Beispiel:
Paul Meehl publizierte über Psychologie, Jura, Psychiatrie, Neurologie, Philosophie, Religion, Politikwissenschaft und das Lernverhalten von Ratten. Und er verfasste ein "verstörendes, kleines Buch" (Clinical vs. Statistical Prediction: A Theoretical Analysis and a Review of the Evidence), worin er zwanzig Studien auswertete und analysierte, "ob klinische Vorhersagen auf der Basis subjektiver Eindrücke von Fachleuten zutreffender waren als statistische Vorhersagen, die man erhielt, wenn man einige weniges Scores (Punktwerte) oder Ratings nach einer bestimmten Regel kombinierte." Das Resultat? Die Statistik ist den Experten überlegen. Warum? Selbstüberschätzung. Dazu kommt, dass Menschen komplexe Informationen häufig inkonsistent beurteilen. So weiss man, dass auch erfahrene Radiologen bei Röntgenaufnahmen welche die Brust als 'auffällig' oder 'unauffällig' einstufen sollen, sich zu 20 Prozent widersprechen, wenn ihnen dasselbe Bild bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt wird.
Während meines Jurastudiums sagte ein Dozent bei Übungen im Zivilrecht: 'Merken Sie sich, das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen. Gründe dafür können wir dann immer noch finden'. Bei Kahneman liest sich das so: "... Menschen, wenn sie eine Schlussfolgerung für wahr halten, höchstwahrscheinlich auch Argumente glauben, die diese Schlussfolgerung untermauern, auch wenn diese Argumente wenig stichhaltig sind."
Eines meiner Lieblingskapitel ist "Das Wunder des Priming". Unter Priming versteht man die Beeinflussung einer Handlung durch eine Vorstellung. Hier eines der für mich besonders witzigen Experimente (und es gibt in diesem Buch viele, die einen schmunzeln machen):
Studenten im Alter von 18 bis 22 wurden aufgefordert aus fünf Wörtern (zum Beispiel: findet er es gelb sofort) Vier-Wort-Sätze zu bilden. "Bei einer Gruppe von Studenten enthielt die Hälfte der ungeordneten Sätze Wörter, die - in den Vereinigten Staaten - mit älteren Menschen assoziiert werden, wie 'Florida', 'vergesslich', 'glatzköpfig', 'grau' oder 'Falte'. Als sie diese Aufgabe beendet hatten, wurden die jungen Versuchsteilnehmer für ein weiteres Experiment in ein Büro geschickt, das am Ende desselben Flurs lag. Dieser kurze Spaziergang war der entscheidende Punkt in diesem Experiment. Die Forscher massen unauffällig die Zeit, die die Probanden benötigten, um von einem Ende des Flurs ans andere zu gelangen." Und hier nun kommt der Clou: Die jungen Leute, die einen Satz aus 'altersbezogenen' Wörtern gebildet hatten, gingen erheblich langsamer durch den Flur als die anderen!
Auch wenn Kahneman häufig ganz einfach bestätigt, was viele eh schon denken - etwa: dass wir viel weniger über uns selber wissen als wir glauben, oder: dass wir den einfachen Weg dem schwierigen vorziehen - , so lohnt die Lektüre von "Schnelles Denken, Langsames Denken" dennoch ganz unbedingt, aus dem einfachen Grund, weil die vielen Geschichten, die er uns erzählt, überaus faszinierend sind.