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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch VI.
24.
Nach Pythagoras gibt es also zwei Weiten, eine geistige, die als Prinzip die Monas hat, eine sinnlich wahrnehmbare, mit der Vierzahl als Prinzip, die Vierzahl enthält das Jota, den „einen Punkt“1, die vollkommene Zahl; nach den Pythagoreern ist das Jota, der eine Punkt, die erste und hauptsächlichste Substanz der geistig und sinnlich wahrnehmbaren Dinge, die mit dem Verstand und mit den Sinnen erfaßt wird. Hierzu2 neun körperlose Akzidenzien, die außerhalb der Substanz nicht bestehen können: Beschaffenheit, Größe, Zweck, Ort, Zeit, Lage, Haben, Tun, Leiden. Es gibt also neun Akzidenzien für die Substanz, die, wenn sie zu ihnen gerechnet wird, die vollkommene Zahl, das Jota (die Zehn) enthält. Da nun das All, wie wir sagten, in die geistig und sinnlich [S. 160] wahrnehmbare Welt geschieden ist, so haben wir von der geistigen den Verstand, um mit dem Verstand der geistig wahrnehmbaren und unkörperlichen und göttlichen Dinge Wesenheit zu schauen, Sinne aber haben wir fünf, Geruch, Gesicht, Gehör, Geschmack und Tastsinn, durch die wir zur Kenntnis der sinnenfälligen Dinge gelangen; und so ist die sinnlich wahrnehmbare Welt von der geistigen geschieden. Und daß wir für beide je ein Erkenntnisorgan besitzen, sehen wir aus folgendem: Nichts Geistiges können wir durch die sinnliche Wahrnehmung erkennen; denn kein „Auge hat es gesehen und kein Ohr gehört“3 noch irgendeiner der anderen Sinne erkannt. Andererseits ist es dem Verstand nicht möglich, zur Erkenntnis irgendeines sinnenfälligen Dinges zu kommen, sondern man muß eben sehen, daß etwas weiß ist, und schmecken, daß es süß ist, und durch das Gehör erkennen, ob etwas melodisch oder unmelodisch ist, und (zu erkennen), ob ein Geruch gut oder schlecht ist, ist Sache des Geruchsinnes, nicht des Verstandes. Ebenso verhält es sich auch mit dem Gefühl. Ob etwas hart oder weich, warm oder kalt ist, kann einer nicht durch das Gehör erkennen, sondern das Urteil darüber steht dem Gefühl zu.
Da sich die Dinge so verhalten, so stellt sich die Organisation der entstandenen und entstehenden Dinge als eine zahlenmäßige dar. Denn, so wie wir von der Einheit ausgehend durch Hinzufügung von Einheiten und Dreiheiten und der sich weiterhin bildenden Zahlen ein großes Zahlensystem erhalten, dann wieder aus der durch Zusammenzählen gebildeten Zahl durch Abziehen und Zurückbilden die Auflösung der zusammengesetzten Zahlen rechnerisch bewirken, so wird die Welt durch ein zahlenmäßiges und harmonisches Band gehalten und durch Anspannen und Nachlassen, Hinzuzählen und Abziehen immer und ewig unzerstört bewahrt.
1: Matth. 5, 18.
2: Harvey.
3: 1 Kor. 2, 9.