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Was heisst es, ein guter Mensch zu sein? Was bedeutet es für Männer, in einer Gesellschaft zu leben, in der von ihnen Aggressivität und emotionale Kälte verlangt wird? Und warum sind wir so zynisch, dass uns Aufrichtigkeit und Güte immer zuerst misstrauisch machen? «A Beautiful Day in the Neighborhood», Marielle Hellers berührendes Anti-Biopic über die US-Kinderfernseh-Legende Fred Rogers, geht diesen Fragen auf den Grund.
Er war so etwas wie der Peter Lustig der amerikanischen TV-Landschaft – ein netter Onkel mit liebenswerten Marotten, der den Kindern in den Wohnzimmern die Welt erklärte. Doch während Lustig in «Löwenzahn» (1981–2005) voller Schalk und Hintersinn durch die wundersame Welt von Natur und Wissenschaft führte, hatte sich der Musiker, Puppenspieler und Pfarrer Fred Rogers in «Mister Rogers’ Neighborhood» (1968–2001) ein noch ambitionierteres Ziel gesetzt: Er wollte Amerikas Kindern – besonders denen im Vorschulalter – zeigen, wie sie ihre Gefühle auf eine gesunde Weise bewältigen können.
«Er war so etwas wie der Peter Lustig der amerikanischen TV-Landschaft – ein netter Onkel mit liebenswerten Marotten, der den Kindern in den Wohnzimmern die Welt erklärte.»
Doch der Lustig-Vergleich vermag nicht auszudrücken, wie eigen Rogers, dessen Krebstod 2003 in den USA einer nationalen Tragödie gleichkam, selbst im verhältnismässig kleinen Kreis der legendären TV-Erzieher*innen war. Wer nicht mit dem sanftmütigen «Mister Rogers» aufgewachsen ist, dem wird er auf den ersten Blick befremdlich vorkommen. Warum, das zeigt Marielle Heller («Can You Ever Forgive Me?») schon in den ersten Sekunden von «A Beautiful Day in the Neighborhood», der aus dieser Befremdlichkeit auch thematischen Profit schlägt.
Ihr Film – eine fiktionalisierte Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte eines Essays über die Kultfigur – geriert sich als eine Episode von «Mister Rogers’ Neighborhood». Nach dem anrührend handgemachten Puppenhaus-Vorspann betritt Rogers (Tom Hanks) sein Studio-Wohnzimmer, zieht, das Titellied singend, seine knallrote Strickjacke an und beginnt, dem Publikum von Vergebung zu erzählen, am Beispiel des unglücklichen Journalisten Lloyd Vogel (Matthew Rhys). Dies tut er in einer Kadenz, an die sich Rogers-Neulinge erst einmal gewöhnen müssen: Hanks, dessen grandiose Darbietung nicht auf physiognomischer Ähnlichkeit fusst, sondern sich über kleine Gesten und subtile Variationen in der Stimme definiert, spricht langsam und besonnen – zu langsam. Es ist die unerschütterliche Ruhe, die fast schon erschreckende Sanftheit, die man in Hollywood vor allem mit psychopathischen Serienmördern wie Hannibal Lecter («The Silence of the Lambs») oder John Doe («Seven») assoziiert. Wer Rogers nur vom Hörensagen kennt, wird förmlich dazu eingeladen, ihm zu misstrauen und unter der freundlichen Oberfläche einen zweiten Jimmy Savile zu vermuten. Dieser war der allseits beliebte König des britischen Kinderfernsehens und wurde nach seinem Tod 2011 als Pädophiler entlarvt.
Heller und die Drehbuchautoren Micah Fitzerman-Blue und Noah Harpster sind sich dessen vollumfänglich bewusst. Denn als Lloyd Vogel, die eigentliche Hauptfigur, im Jahr 1998 den für ihn leidigen Auftrag erhält, Rogers ein kurzes Magazin-Porträt zu widmen, motiviert er sich mit dem Gedanken, dem alten Mann die vermeintliche Maske vom Gesicht zu reissen. «Don’t ruin my childhood», bittet ihn seine Ehefrau Andrea (Susan Kelechi Watson).
«A Beautiful Day in the Neighborhood» legt es aber nicht darauf an, Lloyd Lügen zu strafen und den Heldenstatus seines Interviewpartners zu zementieren – jedenfalls nicht primär. Tatsächlich sind es gerade die Szenen, in denen allzu demonstrativ Rogers-Denkmalpflege betrieben wird – etwa als ein ganzer U-Bahn-Waggon das «Mister Rogers»-Lied singt –, die den Film Gefahr laufen lassen, ins Süssliche zu kippen. (Glaubt man Tom Junods Artikel, auf dem das Ganze basiert, hat sich diese U-Bahn-Episode aber wirklich so zugetragen.)
«Vielmehr geht es Heller darum, ihr Publikum, wie Lloyd, von seinem antrainierten Argwohn gegenüber aufrichtig kommunizierten Emotionen zu befreien und zum Kern des Phänomens Mister Rogers vorzudringen, der so relevant wie eh und je ist.»
Vielmehr geht es Heller darum, ihr Publikum, wie Lloyd, von seinem antrainierten Argwohn gegenüber aufrichtig kommunizierten Emotionen zu befreien und zum Kern des Phänomens Mister Rogers vorzudringen, der so relevant wie eh und je ist. Dass der geduldige Moderator mit seinen zerzausten Handpuppen und simpel gestrickten Lebensweisheiten ein aussergewöhnlicher Mensch war, steht ausser Frage – doch er war, wie er selbst immer wieder zu sagen pflegte, weder ein Wunderheiler noch ein Heiliger. Doch er war ein zutiefst empathischer Mann, der sich seiner eigenen Gefühle nicht schämte, sondern Strategien gefunden hatte, seine Wut, seine Frustration, seine Trauer, aber auch seine Freude zu verarbeiten und auszudrücken.
«Der Film dreht sich um die Arbeit, die notwendig ist, um sich diese Strategien anzueignen und zu lernen, sich in seine Mitmenschen hineinversetzen zu können.»
Der Film dreht sich um die Arbeit, die notwendig ist, um sich diese Strategien anzueignen und zu lernen, sich in seine Mitmenschen hineinversetzen zu können – illustriert durch Lloyd, der seinem Vater (Chris Cooper) nie verziehen hat, dass er ihn vor Jahren mit seiner sterbenden Mutter im Stich liess. Damit mag «A Beautiful Day in the Neighborhood» in Sachen Botschaft nicht der subtilste Film sein; doch er vermittelt ein Bild von Männlichkeit, das in einer Kultur, in der gewisse Verhaltensweisen immer noch als «unmännlich» bezeichnet werden, dringend nötig ist.
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Verfügbar auf Sky Show
Filmfakten: «A Beautiful Day in the Neighborhood» / Regie: Marielle Heller / Mit: Matthew Rhys, Tom Hanks, Susan Kelechi Watson, Chris Cooper, Maryann Plunkett / USA / 109 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH
Marielle Heller nähert sich dem Phänomen Mister Rogers auf überraschende Weise und verwandelt so eine Biopic-Prämisse in ein berührendes Drama über toxische Männlichkeit.