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Planstadt «The Line»: Ein Kreis wäre bequemer und nachhaltiger
Die Visualisierungen sind spektakulär und die Idee dahinter auch: In Saudi-Arabien ist mit «The Line» eine Stadt geplant, die aus einer 170 Kilometer langen geraden Linie besteht. Doch funktioniert sie auch? Und ist so nachhaltig wie angepriesen? Zwei Wissenschaftler haben nachgerechnet raten zum Kreis statt zur Line.und
Quelle: Screenshot
Eine Stadt wie eine Linie: "The Line".(Screenshot aus dem Video zum Projekt)
Sie ist das Gegenteil einer Stadt, wie man sie kennt: «The Line» soll sich dereinst als schnurgerade Linie vom Roten Meer über 170 Kilometer ins Landesinnere durch die saudi-arabische Wüste ziehen. Die Planstadt besteht aus zwei gigantischen, zusammenhängenden Reihen aus 500 Meter hohen verspiegelten Wolkenkratzern, mit einem Abstand von 200 Metern dazwischen. Damit belegt «The Line» eine Fläche von 34 Quadratkilometern. Wenn sie fertig gebaut ist, sollen hier rund neun Millionen Menschen leben.
Es wird erwartet, dass neun Millionen Menschen in ihr leben werden, was einer Bevölkerungsdichte von 265’000 Menschen pro Quadratkilometer entspricht. Damit hat die Stadt eine zehn Mal höhere Dichte als Manhattan und ist vier Mal dichter als das Zentrum von Manila, wo sich die dichtesten Stadtviertel der Welt befinden. – Letzten Herbst starteten die Arbeiten für «The Line». - Zum Vergleich: Wädenswil umfasst als drittgrösste Stadt des Kantons Zürich gut 35 Quadratkilometer und zählt zirka 25'000 Einwohner.
Doch ist «The Line» tatsächlich so nachhaltig wie angepriesen? Und ist zum Beispiel der Arbeitsort, der Supermarkt, die Arztpraxis oder das Restaurant für die Bevölkerung immer in Gehdistanz erreichbar? Und wenn nicht, ist man mit dem ÖV tatsächlich stets schnell und in nützlicher Frist am Ziel? - Solche Fragen stellten sich der Mathematiker Rafael Prieto-Curiel und der Physiker Daniel Kondor vom Complexity Science Hub Vienna (CSHV). Sie haben die Ausmasse der Stadt unter die Lupe genommen und kommen zum Schluss, dass «The Line» nicht das halten dürfte, was auf der Website zum spektakulären Projekt zum Beispiel in Sachen Nachhaltigkeit und Mobilität versprochen wird.
Linie als «ineffizienteste mögliche Form»
Die Wissenschaftler stellen schon die angepeilte 9-Millionen-Bevölkerung infrage: «Wie man in einem mittelgrossen Land überhaupt so viele Menschen anziehen kann, muss sich erst noch zeigen», wird Prieto-Curiel in der Medienmitteilung Science Hub zitiert. Und die Idee einer Stadt in Form einer Linie zweifelt er ebenfalls an: «Eine Linie ist die ineffizienteste mögliche Form einer Stadt», so Prieto-Curiel. Es habe seinen Grund, weshalb die weltweit 50’000 Städte allesamt «irgendeine runde Form» haben.
Während im Schnitt ein «Line»-Bewohnern vom anderen 57 Kilometer entfernt ist, ist der Abstand zwischen zwei Johannesburg-Bewohnern kleiner, nämlich 33 Kilometer. Dies, obwohl die südafrikanische Metropole die 50 Mal mehr Fläche belegt als «The Line». Lediglich eine kleine Minderheit dürfte in Gehdistanz voneinander entfernt wohnen: Gehe man von einer Entfernung von einem Kilometer aus, ist gerade Mal 1,2 Prozent der Bevölkerung in Gehdistanz voneinander entfernt, heisst es in der Medienmitteilung. Die Folge: beinahe alle sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.
Rund die Hälfte hat einen über einstündigen Arbeitsweg
Das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs soll ein Hochgeschwindigkeitsbahnsystem bilden Doch auch dieses hat laut den Wissenschaftlern einen Haken: «Damit jeder zu Fuss einen Bahnhof erreichen kann, braucht es mindestens 86 Bahnhöfe», sagt Dániel Kondor. In einem solchen Fall stehen die Züge wiederum lange in den Bahnhöfen, darüber hinaus erreicht ein Zug zwischen zwei Bahnhöfen gemäss Kondor und Prieto-Curiel auch keine hohen Reisegeschwindigkeiten.
Weitaus nachhaltiger und komfortabler für ihre Bewohner wäre es nach Ansicht der beiden Forscher, wenn «The Line» zum «Circle» würde, zum Kreis mit einem Durchmesser von 3,3 Kilometern machen würde. Dann betrüge die Entfernung zwischen zwei Personen im Schnitt lediglich 2,9 Kilometer. 24 % der Bevölkerung wären dann zu Fuss zu erreichen, womit der grösste Teil der Mobilität entweder zu Fuss oder mit dem Fahrrad möglich wird, was wiederum ein Hochgeschwindigkeitsbahnsystem überflüssig machen würde.
Bau der Wolkenkratzer frisst Material und Energie
Kritik gibt es von den beiden Wissenschaftlern auch für die auf der Website zum Projekt hervorgehobene Nachhaltigkeit: Auch wenn in «The Line» keine Autos untwegs sind und die Energie kohlenstofffrei erzeugt wird, ist es der Bau der Wolkenkratzer der viel Material und Energie frisst. «Es offensichtlich, dass beim Entscheid für diese einzigartige Form noch andere Überlegungen eine Rolle gespielt haben», vermutet Prieto-Curiel. Wie zum Beispiel das Image der Stadt oder die Erstellung ansprechender Videos für die sozialen Medien. Es sei jedoch wichtig, die Konsequenzen zu verstehen, insbesondere wenn «The Line» als Vorzeigeprojekt für moderne Bau- und Stadtplanungstechnologien betrachtet wird. (mai)
Mehr zum Projekt im Artikel The Line: Eine Stadt wie eine Ader vom 31. Januar 2021
Video zum Projekt.