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Die niedrigsten Löhne der Schweiz: 6 Franken/Stunde bei der Post-Tochter Epsilon
Die Situation der VerträgerInnen von Epsilon in der Romandie ist katastrophal und skandalös. Die hundertprozentige Post-Tochter bezahlt so schlecht, dass manchmal nur ein Stundenlohn von 5 bis 8 Franken übrig bleibt. Ausserdem deckt die Spesenrückerstattung nur einen kleinen Teil der von den Angestellten vorgestreckten tatsächlichen Kosten. Ein Gesamtarbeitsvertrag und ein Stundenlohn von 22 Franken würden die Situation radikal verbessern.
Epsilon ist eines der grössten Unternehmen in der Romandie für Adressenbewirtschaftung und Distribution von Zeitungen, adressierter Werbung und Wurfsendungen. 2011 übernahm die Post die 34%-Beteiligung von Tamedia und hält seitdem das komplette Aktienkapital von Epsilon. Im Gegensatz zu den Angestellten der Deutschschweizer Post-Tochter Presto verfügen die Verträgerinnen und Verträger von Epsilon über keinen GAV, haben aber das traurige Privileg, sicher die niedrigsten Löhne der Schweiz zu erhalten.
Das 1973 gegründete Unternehmen Epsilon mit Sitz in Genf hat Filialen in Carouge (GE), Bussigny und Lausanne (VD) sowie Granges-Paccot (FR). Mit dem vertragslosen Zustand in dieser Tochtergesellschaft schafft die Post wissentlich eine Situation von organisiertem Dumping und Ausbeutung. Epsilon beschäftigt 700 Teilzeitangestellte, die sich ein Pensum von 200 bis 250 Vollzeitstellen teilen. Viele von ihnen vertragen Presse-Erzeugnisse und machen ihre Tour in der Nacht vor 7 Uhr, so wie bei Presto in der Deutschschweiz. Sie sind im Stundenlohn bezahlt oder pro Tour, haben aber keinen GAV.
Wir thematisieren hier die 220 anderen Personen, die in und um Genf die Werbung und die GHI, eine wöchentliche, sehr dicke Gratiszeitung, austragen. In der Deutschschweiz machen diese Arbeit die Angestellten von DMC, einer weiteren Tochterfirma der Post, ebenfalls ohne GAV. Anders als die ZeitungsverträgerInnen werden diese Leute nicht pro Stunde, sondern pro Stück bezahlt.
Vertragen im Akkord
Ihre Verträge weisen einen Betrag für je 1000 zugestellte Exemplare aus, der nach Entfernung und Dichte der Briefkästen variiert. Er kann von 10 Franken pro 1000 Stück in der Stadt bis 47 Franken in Vandœuvre auf dem Land reichen. Wenn man nicht alles in einer Stunde verteilt – was völlig unmöglich ist – oder die Hälfte wegwirft, sinkt der Lohn sehr rasch auf unter 10 Franken pro Stunde, in auftragsarmen Monaten auf 5 bis 8 Franken, wie «Le Temps» am 28. 11. 2013 publik machte. Und die drei bis vier Stunden, die für die Vorbereitung der Touren am Samstag nötig sind, werden gar nicht erst bezahlt.
Damit sind wir in Wahrheit sehr weit entfernt vom «durchschnittlichen Stundenlohn zwischen 20 und 30 Franken», den Post-Sprecherin Nathalie Dérobert Fellay in «20 minutes» (vom 29. 11. 2013) angab.
Die Zynische Begründung: «nur ein Nebenverdienst»
Die Epsilon-Geschäftsleitung rechtfertigt diese Löhne damit, dass es sich für die VerträgerInnen um einen «Nebenverdienst» handle. Die Post hat die Anzahl Touren pro Person auf eine oder zwei begrenzt, was einen durchschnittlichen Monatslohn von 1000 Franken ergibt. «Von diesem Lohn kann man nicht leben», sagt uns ein Verträger.
Weil das Einkommen so bescheiden ist, haben viele VerträgerInnen einen zweiten Job, um über die Runden zu kommen. Manchmal sogar bei Epsilon, illegal unter einem anderen Namen. Unseren Schätzungen zufolge üben fast 30 Prozent der VerträgerInnen diese Arbeit in Vollzeit aus, um sich irgendwie über Wasser zu halten.
Bei Epsilon arbeiten nur sehr wenige Schweizerinnen und Schweizer. Das Unternehmen profitiert grösstenteils von einem Reservoir prekärer Arbeitskräfte, die es kaum wagen können, sich offen gegen diese Arbeitsbedingungen zur Wehr zu setzen. Die Arbeit ist nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch körperlich sehr anstrengend und belastend. Viele VerträgerInnen haben Rückenschmerzen, Bandscheibenprobleme, Sehnenentzündungen.
«Die Kosten fressen alles!»
Ein weiteres häufiges Problem ist die Spesenrückerstattung. Die tatsächlichen Kosten liegen deutlich über den Beträgen, die von Epsilon zurückbezahlt werden. Zwar übernimmt Epsilon eine Spesenpauschale und erhöht den Bruttomonatslohn damit um 30%. Ein Verträger, der alle eng mit seiner Arbeit verbundenen Kosten aufschreibt, hat aber ausgerechnet, dass der Spesenbetrag in der Realität dreimal höher ist als die von Epsilon übernommenen Kosten. Ein Teil des Lohns muss offenbar zur Deckung der Kosten aufgebracht werden: Fahrzeugkauf, Service und Unterhalt, Stossdämpfer, Pneuwechsel, Vignette, Reifenpannen, Reparaturen, Versicherungen, Benzin … «Die Kosten fressen alles. Einige Kollegen haben deshalb aufgehört», sagt er. Epsilon stellt keine Zustellfahrzeuge zur Verfügung. Nachdem in der Genfer Presse über die Arbeitsbedingungen der Verträgerinnen und Verträger berichtet wurde, reichten drei Mitglieder des Genfer Grossen Rates am 20. Januar ein Postulat ein. Sie fordern die Überprüfung der Arbeitsbedingungen bei Epsilon, Sanktionsmassnahmen gegen Lohndumping und einen Bericht.
Laut Aussagen der Post-Sprecherin in «20 minutes» sind Verhandlungen in Hinsicht auf einen GAV «vorgesehen». Wenn es dazu kommt, wird die Post wohl versuchen, den GAV Presto auf die ZeitungsverträgerInnen von Epsilon anzuwenden, nicht aber auf die ReklameverträgerInnen. Wir werden die Entwicklung verfolgen.
Sind Niedriglöhne logisch?
Man könnte behaupten, dass solche Niedriglöhne in einem wenig gewinnbringenden Bereich logisch seien. Weil Werbung zunehmend digital verbreitet wird und das Volumen postalischer Werbesendungen abnimmt, erfährt die Branche tatsächlich einige Erschütterungen (vgl. Kasten rechts, Kündigungen beim Konkurrenten BVA). Obwohl kaum Zahlen vorliegen, zeigt uns aber z. B. ein Protokoll der Generalversammlung der Epsilon AG vom 20. Mai 2011, dass der Gewinn 2010 2,26 Millionen Franken betrug. Davon wurden den Aktionären 1,8 Millionen als Dividende ausbezahlt. Das Unternehmen ist also rentabel und könnte ohne allzu grosse Schwierigkeiten Arbeitsbedingungen bieten, die dem Image eines sozialen Unternehmens, mit dem sich die Post schmückt, eher entsprächen. Und, Hand aufs Herz: Es geht nicht an, dass ein Unternehmen der Post seine Angestellten zwingt, staatliche Unterstützung und Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, um auch nur das Existenzminium zu erreichen.