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Wer auch immer den Satz sagte, man solle sich nicht für den Job kleiden, den man habe, sondern für jenen, den man gern hätte, der dachte dabei kaum an Menschen wie Sean, Charles und Inniss. Inniss, 58 Jahre alt, dunkelhäutig und weisshaarig, steht geduckt in einer Umkleidekabine im New Yorker Finanzdistrikt, als wolle er sich vorsorglich entschuldigen. Neben ihm hängen Seidenkrawatten an einem Rundständer, hinter ihm reihen sich Jacketts von Marken wie Brooks Brothers, Calvin Klein und Hugo Boss. Dem Mann aus Barbados ist in den letzten 15 Jahren alles abhanden gekommen: Er hat seine Frau verloren, ist arbeitslos, obdachlos, er war drogensüchtig und einige Monate im Gefängnis, und obwohl er seit 1989 in New York lebt, wird ihm vielleicht bald die Green Card entzogen. Inniss’ Vergangenheit ist eine Kaskade des Scheiterns, doch an diesem Morgen wird aus ihm für eine Stunde ein Mann mit Zukunft. Er knöpft ein Hemd aus schwerem Stoff zu, bindet eine gewagt gemusterte Krawatte um und schlüpft in ein Sakko.
Rodney, sein elegant gekleideter Berater, hat ihm klassische Nadelstreifen in Dunkelgrau herausgelegt, einen Einreiher mit drei Knöpfen. Ein anderer Stylist in einer anderen Umkleidekabine würde vielleicht eher die zeitlose Zwei-Knopf-Variante vorschlagen, die den Körper streckt, denn Inniss ist feingliedrig und klein. Doch in sehr kleinen und sehr grossen Grössen hat Rodney kaum Auswahl: «Der Businessman an der Wall Street hat leider meist Normalfigur», sagt er. Dann reckt sich Inniss und blickt in den Spiegel. Das Jackett ist zu weit, die Ärmel sind zu lang, und natürlich brechen die weissen Turnschuhe den Look. Doch dem älteren Mann, der jetzt aussieht wie ein älterer Herr, versagt die Stimme. «Das hier», sagt er und räuspert sich, «ist der Mensch, der ich hätte sein können.» In einer Woche wird Inniss sich für einen Job vorstellen, der sein Leben verändern würde: Er träumt davon, Hauswart zu sein.
Es ist ein heisser Sommertag, doch die Räume von Career Gear sind kühl wie die eines Herrenbekleidungsgeschäfts. Die Hilfsorganisation zieht gerade um, der Standort in der Nähe des 9/11-Memorials ist temporär, deshalb hängen in der Umkleideecke nur ein paar Dutzend Kleidungsstücke. Der Rest ist in Kisten verpackt: 1411 komplette Anzüge hat man bei der Inventur gezählt, ausserdem 2140 Hemden, 1101 Anzughosen, 605 Jacketts, 3835 Krawatten, alles von guter Qualität. Die Idee hinter Career Gear ist schlicht: Man schenkt Männern wie Inniss, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, einen Anzug, wenn er ihnen am meisten nützt – fürs Bewerbungsgespräch. Und es muss ein Anzug sein, der nichts von harten Zeiten, falschen Entscheidungen oder Geldsorgen verrät. Denn auch wenn jeder zukünftige Arbeitgeber weiss, dass ein Mann mit dem Lebenslauf von Inniss nicht tausend Dollar für seinen Anzug ausgegeben haben kann, ist er doch nicht gegen dem ersten Eindruck gefeit.
Die Kombination von Hose und Jacke aus gleichem Stoff hat das Geschäftsleben im 19. Jahrhundert von London aus erobert; sie ist die formellste Bekleidung der westlichen Welt. Welche Farben sind zu welchem Anlass möglich, welche Krawatten dazu erlaubt, und ist die Krawattennadel nun noch altmodisch oder schon wieder modern? Jeder Anzug ist auch ein Symbol: Hier hat jemand die Regeln der Geschäftswelt verstanden, und er gedenkt, sie einzuhalten. Studenten in Anzügen werden von ihren Lehrern als klüger und begabter eingeschätzt als solche in Jeans und T-Shirt, Lehrer in Hemd und Krawatte gelten bei Schülern als kompetenter und besser vorbereitet (aber auch als weniger freundlich und fair).
Dass es nicht nur auf den Stil ankommt, sondern auch auf Details, hat ein Team von Wissenschaftern 2012 gezeigt: Die Forscher legten Testpersonen zwei Bilder von Männern in Anzügen vor, die beinahe gleich aussahen. Nur wer genau hinschaute, konnte an Winzigkeiten erkennen, dass der eine Anzug massgeschneidert war und der andere von der Stange. Obwohl die Teilnehmer die Fotos nur drei Sekunden betrachteten, reichte das für eine Wertung: Der Mann im teuren Anzug wurde als selbstsicherer, erfolgreicher, flexibler und besser verdienend eingeschätzt als jener, der den billigeren trug.
«Wir müssen es uns leisten, wählerisch zu sein», sagt Gary Field, der Gründer von Career Gear. Gerade hat der Pöstler ein Paket vorbeigebracht, darin ein Stapel sauber gebügelter Hemden. Ob sie dereinst tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch getragen werden, ist unsicher. Nur jedes dritte Kleidungsstück, das der Hilfsorganisation gespendet wird, ist gut genug – den Rest gibt man an Brockenhäuser weiter. Career Gear bekommt viele Anzüge direkt von den Modeunternehmen, andere werden von Geschäftsmännern – oder ihren Assistenten – am monatlichen «drop-off-day» vorbeigebracht. Pensionierte Manager spendieren Anzüge, die sie nicht mehr tragen müssen; manchmal bringen auch Witwen die teuren Sakkos ihrer verstorbenen Männer, um Gutes zu tun. Neben Businesskleidung nimmt Field auch schwarze oder braune Lederschuhe, ungetragene schwarze Socken, seriöse Mäntel, Uhren, Krawattennadeln und Manschettenknöpfe. Am dringendsten aber, sagt er, würde man Anzüge in grossen Grössen brauchen. An den Kleiderständern lässt sich ein gesellschaftliches Phänomen ablesen: Die Spender aus der gehobenen Mittelschicht sind in der Regel schlank, die Empfänger, die meist zur Unterschicht gehören, häufig übergewichtig.
Er trage bei Anzügen Grösse 48, sagt Charles, doch das ist lange her. Rodney schlingt das Messband, das er um den Hals trägt wie ein Schneider, um Charles’ Bauch und zieht eine 52 aus dem Gestell: «Ein erfolgreicher Mann braucht genug Luft zum Atmen», sagt er. Rodney arbeitet hier ehrenamtlich als Berater; der Endfünfziger war jahrelang Manager, nun ist er selber arbeitslos. Er versuche, den Männern das Gefühl zu geben, sie seien gute Kunden in einem teuren Laden, hatte er gesagt, bevor Charles seinen grossen Körper schüchtern in die Umkleideecke hereinschob. Viele der Männer kommen aus Obdachlosenheimen oder Gefängnissen, sind es nicht gewohnt, zuvorkommend behandelt zu werden. «Das Erlebnis hilft ihnen, beim Vorstellungsgespräch selbstbewusst aufzutreten.» Allerdings spricht Rodney auch Themen an, die sich ein Kunde in einem Herrenbekleidungsgeschäft verbitten würde: Falls nötig, rät er auch zu einem Haarschnitt, weist auf die unsaubere Rasur hin oder auf die Fingernägel.
Charles wird sich in zwei Wochen als Case-Manager bei einer Non-Profit-Organisation vorstellen, die Drogensüchtige berät. Es ist ein Einstiegsjob und schlecht bezahlt, aber nicht mal Charles selbst scheint damit zu rechnen, die Stelle zu bekommen. Der 44jährige ist wortkarg und nuschelt, er habe wegen Drogengeschichten im Gefängnis gesessen, und als er entlassen wurde, sei ihm die Welt da draussen zu gross und viel zu laut gewesen. Jetzt sei er clean und träume davon, Tritt zu fassen und anderen zu helfen. «Ich war viel zu lange zu stolz, Hilfe anzunehmen. Aber inzwischen ist mir klar, dass ich jede Hilfe brauche, die ich kriegen kann.» Zu dem dunkelgrauen Anzug von Brook Brothers wählt er ein hellgraues Hemd und eine rote Krawatte, weil die Farbe Stärke signalisiere. Seltsam, murmelt Charles, als er sich im Spiegel sieht, jetzt fühle er sich «unstoppable».
Dass Kleider nicht nur die Wahrnehmung der andern beeinflussen, sondern auch die ihres Trägers, haben zwei Sozialpsychologen bewiesen. Hajo Adam und Adam Galinsky von der Universität Washington legten Studenten Wörter wie «Rot» vor, die in Grün geschrieben waren, und trugen ihnen auf, die Farbe und nicht das Wort zu nennen – ein Test, der selektive Aufmerksamkeit und Entscheidungsfreude erfordert. Die eine Hälfte der Versuchsgruppe zog währenddessen einen weissen Kittel an, von dem die Forscher behaupteten, es sei der Laborkittel eines Wissenschafters, die andere löste die Aufgaben in normaler Kleidung. Das Ergebnis war so überraschend wie eindeutig: Die Studenten im Laborkittel machten nur halb so viele Fehler wie ihre Kollegen. Die Symbolik von Kleidern scheint unsere Selbstwahrnehmung und dadurch unser Verhalten zu verändern; «enclothed cognition» nannten die Forscher die Idee. Aber nicht nur Laborkittel, auch Anzüge können schlauer machen: Dieses Jahr veröffentlichten Forscher der California State University Ergebnisse aus einer Reihe von sechs Experimenten: Wenn Testpersonen formal gekleidet waren, dachten sie abstrakter, ganzheitlicher und verloren sich weniger in Details. Die Studienautoren vermuten, dass Anzüge – bei Frauen Kostüme – ihre Träger in grösseren Zusammenhängen denken lassen, weil sie sich darin mächtiger fühlen.
Zwei Jahre ist es her, seit Sean sein entscheidendes Vorstellungsgespräch hatte, morgens kam er bei Career Gear vorbei, nachmittags war auch schon der Termin, «ich hätte in alten Jeans und einem T-Shirt hingehen müssen, ich besass ja nichts anderes». Sean hat einst englische Literatur studiert, aber auch bei ihm führten Alkohol und Drogen dazu, dass er abstürzte; vor zwei Jahren lebte er noch in einem Obdachlosenheim. Er sei also hergekommen, beschämt und ohne Selbstvertrauen, dann habe man ihn eingekleidet, und er ging in den neuen Sachen zu seinem Gespräch: «Ich fühlte mich wie eine Million Dollar.»
Noch am selben Tag bekam Sean die Zusage; er begann als Autoverkäufer zu arbeiten. Seither hat der 46jährige den Kontakt gehalten und sich den einen oder anderen Anzug dazuverdient: Career Gear bietet auch Workshops an, in denen es um Bewerbungen, persönliche Entwicklung und Finanzen geht; wer acht Kurse besucht hat, bekommt nochmals einen Anzug, zwei Hemden und Krawatten. Sean trifft sich auch alle zwei Wochen mit einem Mentor. Dank ihm seien seine Träume gewachsen, sagt er: «Ich will nicht mehr nur einen Job, sondern eine Karriere.» Im Herbst wird er eine Ausbildung als Rechtsanwaltsangestellter abschliessen, ausserdem habe er sich nach Jahren endlich getraut, Kontakt zu seinen Kindern aufzunehmen.
Mehr als 35 000 Männer hat Career Gear seit 1999 eingekleidet, und natürlich nahm die Geschichte ihren Anfang mit einem Anzug. «Einem mit Hahnentrittmuster, um genau zu sein», sagt der Gründer Gary Field. Der 56jährige stand einst an einem ähnlichen Punkt wie die Männer, denen er heute hilft. Er war dabei, nach einer Krise sein Leben neu zusammenzusetzen, hatte seine Drogensucht überwunden und an einem Eingliederungsprogramm teilgenommen, doch wenn er sich in Restaurants oder Warenhäusern vorstellte, bekam er nur Absagen. Eines Tages lieh sich Gary dann fünfzig Dollar und kaufte im Brockenhaus diesen Anzug, und beim nächsten Bewerbungsgespräch bekam er die Stelle. Der unspektakuläre Job als Kellner war der Wendepunkt. Gary verdiente eigenes Geld, kehrte an die Universität zurück, studierte Sozialarbeit und gründete die Hilfsorganisation, die heute Ableger in mehreren amerikanischen Grossstädten hat; 2009 bekam er für sein Projekt eine Auszeichnung vom Weissen Haus. Ein Anzug sei eben nicht einfach ein Kleidungsstück, sagt Gary: «Ein Anzug kann auch eine Rüstung sein.»
Zahlen zum Erfolg des Ganzen gibt es kaum. Viele Männer holen den Anzug und melden sich nie wieder. Inniss, der sich in der Woche darauf als Hauswart vorstellen wollte, hat den Job dann doch nicht bekommen. Aber Charles, der hoffte, Drogensüchtigen zu helfen, schickt Wochen später eine Mail: Grossartig habe er sich beim Vorstellungsgespräch gefühlt; Mitte August hat er die Stelle angetreten.
Und dann gibt es noch Geschichten wie die von Aaron. Früher, sagt der 38jährige, habe er alles gehabt: einen gut bezahlten Job als Informatiker, eine schöne Wohnung, eine Ehefrau, die er liebte, einen Schrank voller Anzüge. Dann verliess ihn die Frau, und ein Rosenkrieg begann. Aaron wurde zuerst depressiv, dann arbeitslos, er verwahrloste, nahm vierzig Kilo zu, konnte seine Wohnung nicht mehr bezahlen, musste zurück zu seiner Mutter ziehen und war pleite; fast wäre er wegen ausstehender Unterhaltszahlungen im Gefängnis gelandet. Sein Anwalt schickte ihn zu Career Gear, weil er dort einen Mitarbeiter kannte. Widerwillig besuchte Aaron einen der Workshops, sass schweigend und trotzig in der hintersten Reihe. Dann aber, als er seine Situation beschrieb, sagte jemand diesen Satz: «Schau dich an: Du lässt deine Ehefrau gewinnen.» Aaron liess sich die Haare schneiden, besuchte alle Workshops und kam fast täglich bei Career Gear vorbei. Schliesslich liess er sich einkleiden für das erste Vorstellungsgespräch – seine eigenen Anzüge waren ihm zu eng geworden.
Aaron sieht müde aus, als er davon erzählt. Es ist sechs Uhr abends, er trägt einen silbergrauen Anzug, sein erster Arbeitstag liegt hinter ihm. Noch wissen die Kollegen nichts von seinem Werdegang; der Name seines neuen Arbeitgebers soll deshalb nicht im Artikel stehen. Während seiner Krise hätte Aaron kaum zu träumen gewagt, ausgerechnet in dieser Firma wieder als Informatiker einzusteigen. Gut möglich, dass es der Anzug war, der ihn im Vorstellungsgespräch von seinen Mitbewerbern unterschied; in einem Unternehmen, in dem der oberste Chef am liebsten Kapuzenpullover trägt.