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| Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie

Zweites Buch
III.
Wenn mit solchen Worten die Glücksgöttin für sich mit dir redete, wahrhaftig, du könntest nicht dagegen murren; oder wenn du etwas weißt, was deine Klagen mit Recht stützt, so mußt du es vorbringen, wir werden dir Raum zum Reden lassen. — Darauf ich: Das klingt zwar schön, und ist mit dem süßen Honig der Redekunst und Musik bestrichen; doch ergötzt es nur, solange man es hört; aber der Sinn der Übel liegt für die Elenden tiefer, und deshalb, sobald das Ohr nicht mehr hört, überwiegt die im Geiste festgewurzelte Trauer. — Und jene sprach: So ist es; das ist auch nicht die Arzenei deiner Krankheit, sondern nur einige Linderung für den störrischen Schmerz, der sich gegen die Heilung sträubt. Was in die Tiefe dringt, werde ich beibringen, wenn es an der Zeit ist. Jedoch, daß du dich nicht für zu unglücklich halten mögest, hast du denn Zahl und Art deiner Glücksfälle vergessen? Ich schweige davon, daß dich, eine vaterlandslose Waise, die Sorge hervorragendster Männer aufzog, daß du in die Verwandtschaft der ersten des Staates aufgenommen wurdest, und was die kostbarste Art der Verwandtschaft ist, daß du ihnen schon vorher teuer zu sein begannst. Wer hat dich nicht überglücklich gepriesen in dem Glanze solcher Schwiegereltern, der Keuschheit der Gattin, so wohlgeratener männlicher Sprossen? Ich übergehe, denn ich übergehe gern Gewöhnliches, die Würden, Greisen versagt, die du in der Jugend erhieltest; mich freut es zu dem einzigartigen Gipfel deines Glückes zu kommen. Wenn irgend eine Frucht vergänglicher Dinge ein Gewicht der Glückseligkeit besitzt, kann dann die Erinnerung an jenen leuchtenden Augenblick von einer noch so großen Last von Übeln getilgt werden? Als du sahst, wie deine zwei Kinder gleichzeitig als Consuln von der Menge der Senatoren unter dem freudigen Beifall des Volkes aus deinem Hause geleitet wurden, und du, während sie auf den curulischen [S. 43] Sesseln in der Curie saßen, als Lobredner des Königs dir den Ruhm des Talentes und der Beredsamkeit verdientest, als du im Zirkus inmitten der zwei Consuln die Erwartung der umherwogenden Menge durch eine Triumphspende sättigtest. Du hast, glaube ich, dem Glück schöne Worte gegeben, solange es dich streichelte, solange es dich wie ein Kleinod hegte. Du hast als Geschenk davon getragen, was es nie einem Privatmann geliehen hatte. Willst du also mit dem Glück Abrechnung halten? Jetzt zum ersten Male hat es dich mit scheelen Augen gestreift. Wenn du Zahl und Art froher und trauriger Ereignisse ansiehst, so kannst du bis jetzt nicht leugnen, glücklich gewesen zu sein. Wenn du dich doch nicht beglückt schätzest, weil, was damals froh schien, hingegangen ist, so ist das kein Grund, dich für unglücklich zu halten, da ja auch das, was du jetzt für traurig hältst, vorübergeht. Oder bist du auf die Bühne des Lebens erst jetzt, plötzlich und als Gast gekommen? Meinst du, daß menschlichen Dingen irgend eine Beständigkeit innewohne, da doch den Menschen selbst oft eine flüchtige Stunde auflöst? Denn wenn auch zufällige Dinge selten Zuverlässigkeit im Bleiben besitzen, so ist doch der letzte Tag des Lebens, der Tod eine Art von bleibendem Geschick. Wie also urteilst du, ist ein Unterschied, ob du jenes sterbend verlässest oder jenes fliehend dich läßt?
III. Wenn am Himmel steigt das Gespann des Phöbus,
Ringsum Licht zu streuen beginnt,
Bleichen stumpfen Blicks alle blassen Sterne,
Rückgedrängt von dem Flammenmeer.
Sprießet rings der Hain bei des Zephirs Anhauch,
Schmückt ihn rosiges Frühlingskleid,
Wird im Nebelsturm bei des Südwinds Rasen
Schnell zerflattern der Blütenschmuck.
Bald erstrahlt am Tag in der heitern Sonne
Unbeweglich und still die See,
Bald, zerwühlt in Wut, bei des Nordsturms Stößen
Wandelt schnell sich der Fläche Bild.
Selten nur steht fest hier der Welt Gestaltung;
Wenn sie stetig im Wechsel kreist,
Wisse, Menschenglück ist gar wankelmütig,
Wisse, flüchtig die Güter auch.
Eins steht ewig fest als ein uns Gesetztes:
Nichts was irdisch erzeugt, beharrt.