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110 Jahre Gasversorgung Dietikon
Begrüssung durch Stephan Kündig
Wahrscheinlich haben alle schon nachts in ein Holzfeuer geschaut, haben die Flammen im Dunkeln beobachtet und irgendwann bemerkt, dass eigentlich nicht das Holz leuchtet und brennt und Licht und Wärme abstrahlt, sondern erst mit einem Abstand vom Holz die Flammen aufleuchten, lodernd und tanzend in den verschiedensten Farben.
Aufgeschrieben wurde diese Beobachtung schon um 1600 von verschiedenen Leuten, den Anfängern der heutigen Wissenschaften. Aber letztendlich nicht unwesentlich wurde der flammende Geist, der aus der Erhitzung von Holz, respektive Kohle entstand, speziell auch zur Belustigung, zur Unterhaltung bei gesellschaftlichen Anlässen vorgeführt.
Die erste funktionelle Gasbeleuchtung erfand gemäss Wikipedia William Murdoch in England (1754–1839), dem nachgesagt wird, zuerst Kohle im Teekessel der Mutter erwärmt zu haben, um Leuchtgas zu produzieren. Er erforschte die Prozesse zur Herstellung, Reinigung und Speicherung – zuerst beleuchtete er sein Haus in Redruth (1792), dann den Eingang des Polizeipräsidiums in Manchester (1797), später das Werksgelände von Boulton and Watt in Birmingham und schließlich die große Spinnerei in Salford in Lancashire im Jahre 1805.
Das leicht herstellbare und ab Beginn auch in Kesselwagen und Leitungen auch leicht transportierbare Leuchtgas veränderte das gesellschaftliche Leben massiv. Dank dem Licht konnten Spinnereimaschinen rund um die Uhr betrieben werden, Strassenbeleuchtungen ermöglichten die sichere Mobilität in der Nacht, aber auch Weiterbildung, Vorlesungen an Schulen waren nun an Abenden möglich, also ausserhalb der werktätigen Zeit auf den Feldern. Dies alles natürlich vor allem in Städten.
Als Leuchtgas oder noch gebräuchlicher als Stadtgas bezeichnet man so das ab der Mitte des 19. Jahrhunderts das Brenngas, das europaweit oder weltweit zumeist in städtischen Werken durch Kohlevergasung hergestellt wurde. Es diente nebst der Beleuchtung von Straßen und Wohnungen, dann zusehends auch dem Betreiben von Gasherden und Gasdurchlauferhitzern und nicht zuletzt dann auch dem Heizen und Autofahren. Das ursprüngliche Stadtgas wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Erdgas ersetzt. Das fossile Erdgas, das heute nebst Benzin, Öl und Atomstrom wegen der fehlenden Nachhaltigkeit und dem Klimawandel berechtigterweise in der Kritik steht.
Doch zunächst noch …
> Die weitere Verlegung in Privathaushalte wurde vor allem durch Wegerechte behindert, die für die Verlegung von Rohren unter der Straße mühsam beschafft werden mussten.
> Mit der Erfindung des Gaszählers in den späten 1880ern wurde Stadtgas dann auch in Privathaushalten üblich und fand zunehmend auch andere Verwendung denn als Leuchtgas
Für Dietikon wichtig ist die Geschichte des Schlieremer Gaswerkareals, dieses Industrieschlosses im Limmattal. In den 1890er-Jahren stieg der Bedarf der Stadtzürcher an Gas rapide. Die erste Anlage zur Gasgewinnung aus Holz auf dem Platzspitz wurde bald zu klein und so begann 1893 die Verlegung des gesamten Komplexes nach Schlieren. Im Frühjahr 1909 dann beschloss der weitsichtige Gemeinderat von Dietikon – also die damalige Exekutive – die Gründung einer eigenen Gasversorgung. Bereits ein halbes Jahr später, am 15. November 1909 floss dann zum ersten Mal Gas durchs Gasnetz Dietikon. Fürs Leben vor Ort und für die Wirtschaft.
Das ist heute noch so – und dies verdanken wir speziell auch den Leuten (!) der Infrastrukturabteilung. Seit Beginn seid Ihr 365 Tage im Jahr 24 Stunden bereit für den notwendigen Einsatz im Dienste der Bezüger. Das Netz verbindet (nicht versorgt) heute ganz Dietikon und ist in einem einwandfreien Zustand, der noch sehr lange kaum Unterhalt benötigt. Allen Leuten der Infrastrukturabteilung, nicht nur den Leuten von der Gas- und Wasserversorgung, widme ich diesen Geburtstag!
Trotzdem sind wir aktuell an einem Wendepunkt für die Zukunft. Die CO2-Problematik muss wegen dem fortschreitenden Klimawandel rasch angegangen werden. Allerdings müssen dazu die Lösungen noch bestimmt werden! Müssen schweizweit, europaweit, weltweit noch bestimmt werden! Einiges ist schon vorhanden, noch viel mehr muss aber entwickelt oder weiterentwickelt werden. Es gibt Gemeinden, die sich davor scheuen und überlegen die Gasversorgung einfach stillzulegen. Nicht das erste Mal. Ich selber bin überzeugt, dass Grünes Gas ein Standbein der Energiewende wird. Sicher wird Strom die zentrale Energie bleiben und seine Bedeutung weiter zunehmen. Aber Gas wird gerade im Winter der zentrale Lückenbüsser werden in Ergänzung zu den beschränkten Stauseen und den teuren und wenig ökologischen Batterien. Eine der unzähligen Eigenschaften von Gas ist ja die gleichzeitige Produktion von Strom und Wärme in Generatoren. Und auch für den Betrieb von Lastwagen wird Gas unumgänglich. – Schwierig ist für mich eine Prognose für die Bedeutung des Gasnetzes in 30 Jahren – als verbindendes Transportsystem zwischen Produktion und Konsumation. Ob Produktion und Konsum dezentral oder zentral stattfinden wird kann im Moment niemand mit Sicherheit sagen. Bestehendes zu erhalten und damit Chancen offenzuhalten ist sicher richtig. Ich selber denke aber auch, dass es richtig ist überlegt, neugierig, aber auch mutig neue Wege zu gehen.
Ich danke ...
- Dem Stadtverein Dietikon, der es ermöglicht unseren 110. Geburtstag im diesjährigen Neujahrsblatt umfassend zu präsentieren. Der Auszug liegt auch als Broschüre vor und darf gerne mitgenommen werden.
- Roger Bachmann, Andreas Chriesi, Thomas Di Lorenzo Limeco, Hanspeter Moser Gasingenieur SWR, Prof. Markus Friedl & Sandra Möbus Hochschule für Technik Rapperswil Institut für Energietechnik, Presse,
- Heini Lüthy als Autor, aber auch Turi Huber Geschichte, Thomas di Lorenzo Power to Gas, Chris Stahel Erdgas Regio, Erich Berchtold Bilder +
- Allen die ich nicht speziell erwähnt habe (und das sind ja die Meisten), die in irgendeiner Form mit ihrem Engagement zum Gelingen beigetragen habe!