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Derib (70), der mit bürgerlichem Namen Claude de Ribaupierre heisst, sitzt im Atelier in seinem Haus in La Tour-de-Peilz VD. Bücher, Comics, Zeichnungsstifte liegen auf dem Tisch, irgendwo sitzt ein Plüsch-Marsupilami, dort hängt ein Franquin an der Wand, hier liegt ein Büffelhorn eines echten Bisons.
Flink zieht er auf dem Blatt die Umrisse eines Pferds. Mit dem metallenen Nachfüllbleistift hat er schon Hunderte von Figuren gezeichnet, Tausende von Strichen gezogen und sie, nachdem die Seiten mit Tinte gemalt waren, wieder ausradiert. Der Bleistift in Deribs Hand ist nicht irgendein Bleistift. «Mein Vater hat ihn mir geschenkt, als ich klein war», erzählt Derib. Sein Vater war es auch, der ihm damals einen Bildband mit Anatomiestudien gab. Claude zeichnete nach diesen Vorlagen jeden Tag nach der Schule ein Bild ab. Ein Jahr lang. Dann konnte er die Figuren frei zeichnen. Das war wichtig. Denn der kleine Claude hatte nur eines im Kopf: «Ich wollte Comiczeichner werden.»
Das war ungewöhnlich zu einer Zeit, als Comics noch verpönt waren und in der Schule verboten. Doch seine Mutter kümmerte dies nicht. «Sie hat Tintin- und Spirou-Magazine abonniert», erinnert sich Derib. Die Helden seiner Kindheit waren Franquin, Hergé, Jijé. Mit 20 ging er nach Brüssel, ins Epizentrum europäischer Comickunst, und arbeitete zwei Jahre im Atelier Peyo, wo die Schlümpfe produziert wurden. Damals entstand Yakari. «Ich war auf der Suche nach einer eigenen Figur – ich zeichnete, probierte.» Irgendwann lachte ihn ein kleiner Indianerjunge mit Pausbacken, rabenschwarzen Haaren und einem Stirnband vom Zeichenblatt an.
1966 kehrte er nach La Tour-de-Peilz zurück, in das Haus, wo er mit seinen Eltern und seinen beiden älteren Brüdern aufgewachsen war und wo er auch heute noch lebt. Es liegt idyllisch auf einer kleinen Anhöhe, ist von Bäumen und Rebbergen umgeben.
Die Yakari-Comics wurden in 16 Sprachen übersetzt
Sieben Jahre später erscheint der erste Yakari-Comic, den er mit dem Szenaristen André Jobin «Job» entwickelt hat. Bis heute ist Yakari in 17 Sprachen übersetzt und 1983 erstmals als Trickfilmserie produziert worden. Dass Deribs Figur ein Indianerjunge ist, der die Natur liebt, ein Pferd als treuen Begleiter hat und mit den Tieren sprechen kann, ist kein Zufall. Derib liebte Pferde, war früher Hobbyreiter, glaubte an die Kommunikation zwischen Tier und Mensch und sagt: «Ich habe gern Indianer gespielt – ich war immer Indianer, nie der Cowboy.» Eines der frühen Porträts, die sein Vater von ihm gemalt hat, zeigt ihn mit Federschmuck in den Haaren. Derib erzählt, dass er einen Grossteil seiner ersten fünf Lebensjahre in den Walliser Alpen bei Forclaz verbracht hat. Sein Vater, der Kunstmaler, hat dort gemalt: Landschaften, Panoramen, den Alltag der Bergler. «Von dort habe ich die Liebe zur Natur.»
Auf einem Schrank liegen heiliges Salbeikraut der Indianer und einige Adlerfedern – Geschenke. Er selbst war noch nie bei den Indianern. In diesem Frühling ist gerade der 38. Yakari-Band erschienen – satt hat der Zeichner seinen kleinen Indianer noch immer nicht. «Die Figuren, die man entwickelt, sind wie eigene Kinder, man liebt sie.» Besonders stolz ist Derib auf die Serie «Red Road», die das heutige Schicksal der Indianer nachzeichnet, und «Jo», die Geschichte eines aidskranken Mädchens, die in zehn Sprachen übersetzt und drei Millionen Mal verkauft wurde.
«Der Comic ist ein gutes Mittel, um den jungen Leuten ein Thema näherzubringen, ohne belehrend zu sein. Werte wie der Respekt vor der Natur müssen erhalten bleiben», sagt er und lächelt. Noch immer zeichnet der Romand Tag für Tag, neun bis zwölf Stunden. Alles von Hand, ohne Computer. Er hat nicht mal eine E-Mail-Adresse. Mit dem Szenaristen Job tauscht er sich per Fax und Telefon aus. Für eine Seite braucht er mindestens zweieinhalb Tage, von der Idee bis zum gedruckten Comicband dauert es in der Regel vier Jahre. Als Ausgleich dazu spielt er Tennis, drei Mal pro Woche. Seine Leidenschaft für Pferde lebt er derzeit mit der Arbeit an einer Bildergeschichte über die jurassischen Freiberger Pferde und ihre Reiterinnen und Reiter aus.
Seine Frau Dominique koloriert die Yakari-Geschichten
Immer wieder arbeitet er mit seiner Frau Dominique (62) zusammen. Die aus Belgien stammende Illustratorin koloriert die Geschichten von Yakari. Ihre drei Kinder sind mittlerweile ausgeflogen, Diane (33) und Noémie (28) versuchen, in Chicago als Jazzsängerinnen Fuss zu fassen, Sohn Arnaud (35) ist Grafiker und Webdesigner und kümmert sich momentan um den Bildband «L’aventure d’un crayon» (Die Abenteuer eines Bleistifts), der das 50-jährige Schaffen seines Vaters zeigt. Irgendwo im Schrank verstaut liegt Deribs Lieblingspapier, A2-Plus von Schoeffel. Es wird nicht mehr produziert, der Comiczeichner hat Restbestände aufgekauft. «Es reicht noch für die nächsten acht Jahre.»
Autor: Claudia Langenegger
Fotograf: Nicolas Righetti