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Kann eine Umstellung der Ernährung von Kühen dazu beitragen, Klimaerwärmung zu bremsen? Mehrere Schweizer Unternehmen haben Futtermittel-Zusatzstoffe entwickelt, von denen sie behaupten, dass sie die Methan-Emissionen reduzieren. Doch noch sind nicht alle davon überzeugt.
Bauernhöfe mit Kühen gehören zum idyllischen Bild des Schweizer Lebens: grüne Wiesen mit Wildblumen und weidende Kühe mit Glocken um den Hals, inmitten einer malerischen Alpenlandschaft. Aber von diesen Weiden steigen jährlich Millionen von Litern Methan auf – ein Treibhausgas, dessen Einfluss auf die Atmosphäre über 100 Jahre etwa 28-mal so gross ist wie der von Kohlendioxidexterner Link. Das macht Methan zu einem wichtigen Verursacher des Klimawandels.
"Alle Kühe auf der Erde zusammen... wären der drittgrösste [Treibhausgas-]Emittent der Welt, nach China und den USA", sagt Michael Mathres, Leiter strategische Projekte bei Mootralexterner Link, einem Agritech-Unternehmen mit Sitz in der Nähe von Genf. Er sagt, dass die Land- und Ernährungswirtschaft bei der Bekämpfung des Klimawandels zu wenig miteinbezogen würden.
Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationenexterner Link sind Nutztiere für rund 14 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, zwei Drittel davon kommen von Kühen. In der Schweiz ist die Landwirtschaft für rund 13 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landes verantwortlich.
Klimawandel aus dem Bauch
Der erste Magen der insgesamt vier Mägen einer Kuh, der Pansen, ist mit Milliarden von Bakterien und Einzellern bevölkert, die Nahrung vergären, was die Verdauung erleichtert. Während der Verdauung bildet sich Methan und entweicht hauptsächlich durch das Maul der Kuh, wenn sie rülpst.
Im Durchschnitt rülpst eine Kuh etwa einmal pro Minuteexterner Link. Aus Mund und Nase setzt sie täglich rund 500 Liter geruchloses Methan frei.
Mootral Ruminant ist ein Produkt, das bis Ende des Jahres auf den Markt kommen soll. Es wird aus Knoblauch und Zitrusfrüchten gewonnen. Als Ergänzung zur täglichen Ernährung einer Kuh könne es dazu beitragen, die Methan-Emissionen um 30 Prozent oder mehr zu senken, sagt der Hersteller.
Agolin, ebenfalls ein Schweizer Unternehmen, verkauft einen Futterzusatzstoff aus Nelken- und Koriandersamen mit dem Namen Agolin Ruminantexterner Link. Es wird als Möglichkeit vermarktet, die Milchproduktion einer Kuh zu erhöhen. Dies verbessere die Effizienz einer Herde und reduziere somit Methan, so Agolin-Geschäftsführer Kurt Schaller. Er sagt, Agolins Produkt reduziere die Methan-Emissionen um 6 bis 30 Prozent.
Futtermittelzusatzstoffe würden die bakterielle Umgebung im Pansen verändern, erklärt Schaller. Laut seinem Unternehmen enthält der Pansen der mit Agolin Ruminant gefütterten Kühe eine andere Zusammensetzung von Bakterien und Protozoen als der Pansen der Kontrollkühe. Laut Schaller fressen rund eine Million Kühe, vor allem in Europa, Futtermittel, die Agolin Ruminant enthalten.
Mootral sagt, dass sein Produkt die Methanproduktion reduziere, indem es einen methanreich produzierenden Organismus namens Methanobrevibacter unterdrücke. Die Studie, die diese Aussage untermauert, wurde von Neem Biotech bezahlt, einem britischen Pharmaforschungsunternehmen, das bei der Entwicklung von Mootral beteiligt war.
Auf die Probe gestellt
Welche Schlussfolgerungen ziehen andere Studien und Versuche über Futtermittelzusatzstoffe?
Gemäss Agolin Ruminant ergibt ein Versuch eine Methanreduktion bei lebenden Tieren für die sechs Wochen, in denen ihnen die Nahrungsergänzung verabreicht wurde (als Studienautorin aufgeführt ist die technische Leiterin von Agolin, Beatrice Zweifel). Eine andere Studie ergab, dass die methanreduzierenden Effekte im Lauf des etwa dreiwöchigen Experiments nachgelassen haben.
Schaller von Agolin sagt, dass eine grössere Studie mit lebenden Tieren positive Ergebnisse zeige. Doch sind die Details bis zur bevorstehenden Veröffentlichung unter Verschluss.
Die Ergebnisse von Agolin reichten aus, um Carbon Trustexterner Link, ein auf Nachhaltigkeit spezialisiertes Londoner Unternehmen, zu überzeugen. 2018 stellte Carbon Trust Agolin ein Zertifikat aus: Futtermittelhersteller, die das Produkt verwenden, dürfen für sich beanspruchen, eine Reduktion der Treibhausgase um 10 Prozent zu erreichen.
Ein Forschungsteam von Agroscopeexterner Link, dem eidgenössischen Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung, untersuchte gepresstes Leinsaatgut und gemahlenen Raps als Futterergänzungsmittel für Kühe. Beide führten zu einer Verringerung des Gesamtmethans von 7 Prozent und zu einem Rückgang der Emissionen pro Kilogramm produzierter Milch um 15 bis 17 Prozent.
Daniel Bretscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Agroscope. An der Futtermittel-Ergänzungsstudie war er nicht beteiligt. Er sagt, er sei nicht sonderlich optimistisch, was Zusatzstoffe als Mittel zur Reduzierung von Treibhausgasen betreffe.
Die Veränderung der Beschaffenheit von Wiederkäuern könne nicht durch einfache Technik erreicht werden, wie das zum Beispiel möglich sei, wenn man ein Auto effizienter machen wolle, sagt Bretscher. Greife man in Prozesse ein, die sich über Jahrtausende entwickelt haben, könne dies zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Für Bretscher sollte der Schwerpunkt der Emissionsreduzierung auf "der Reduzierung von tierischen Lebensmitteln in unserer Ernährung" liegen.
Bauern und Finanzierung
Die Bauern beobachten die Forschung und Produktentwicklung im Bereich der Futtermittel-Zusatzstoffe, wie Fabienne Thomas sagt. Sie ist Leiterin Energie und Umwelt beim Schweizerischen Bauernverbandexterner Link (SBV). Sie sagt, dass die Bauern jedoch der Möglichkeit skeptisch gegenüberstünden, dass die Regierung Futtermittel-Zusatzstoffe vorschreiben könnte. Sie befürchten, dass zu viele staatlich vorgeschriebene Vorschriften ihre Lebensgrundlage beeinträchtigen könnten.
"Es ist eine Preisfrage", sagt Thomas. "Wenn Sie mehr Anforderungen, mehr Vorschriften haben, dann ist es teurer zu produzieren. Dann sind Sie nicht mehr konkurrenzfähig mit anderen europäischen Produzenten."
Könnten Futtermittel-Zusatzstoffe vom Bund subventioniert werden? Daniel Felder, wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Klimaschutz beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) sagt, dass noch keine Futtermittel-Zusatzstoffe zur Methanreduzierung für die Vergütung durch den Bund zugelassen seien. "Es tut sich etwas", sagt Felder. Doch sei die Qualität des Antrags noch nicht ausreichend.
"Ich denke, es wird etwas länger dauern, bis ein solches Programm genehmigt wird", sagt Felder und nennt mehrere Faktoren, die es zu berücksichtigen gebe. Dazu gehören Unterschiede bei den Futtermitteln von Betrieb zu Betrieb, die Produktion von Futtermitteln und die Herausforderungen bei der Überwachung der Treibhausgas-Reduktion.
Wo liegt das Potenzial?
Ob Futtermittelzusatzstoffe in staatliche Massnahmen zur Emissionsreduzierung einbezogen werden, hängt von weiteren Studienergebnissen ab. Aber Bretscher von Agroscope sagt, dass es schwierig abzuschätzen sei, ob die Ergebnisse von Methanstudien statistisch signifikant sind, da einzelne Tiere unterschiedliche Mengen an Methan produzieren. Systeme zur Messung von Methan, wie beispielsweise geschlossene Räume oder ein an der Kuh befestigtes mobiles Überwachungsgerät, sind mit einer hohen statistischen Unsicherheit verbunden.
Bretscher weist auch darauf hin, dass jegliche Treibhausgas-Reduktionen dank Futterzusätzen durch die Energie, die für den Anbau dieser Zusätze benötigt wird, aufgehoben werden könnten. Auch können sich Mikrobiome im Pansen der Kuh mit der Zeit an die Veränderungen durch die Nahrungsergänzungsmittel anpassen. Das könne ihre Wirksamkeit beeinträchtigen.
Laut Felder vom BLW liegt das grösste Potenzial zur Reduzierung von Treibhausgasen in der Landwirtschaft in einer weiteren Reduzierung der Anzahl Tiere. Die Schweiz erlebte in den 1990er-Jahren eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen. Damals erlaubte die Agrarpolitik Direktzahlungen an die Bauern, wenn sie bestimmte ökologische Standards erfüllten. Dies führte zu einem Rückgang der Anzahl Kühe von rund 1,9 auf rund 1,6 Millionen.
Letztlich laufe es auf die Notwendigkeit hinaus, "dass wir weniger Fleisch essen und weniger tierische Lebensmittel produzieren, um die Nachhaltigkeits- und Klimaziele zu erreichen", so Felder.
Klimawandel: Fokus auf Landwirtschaft
Mit der Totalrevision des CO2-Gesetzesexterner Link will die Regierung auch die Landwirtschaft in die Schweizer Klimapolitik einbeziehen. Es soll 2021 in Kraft treten.
Laut Fabienne Thomas vom SBV steuern die Bauern die Emissionen bereits, indem sie eine geregelte Fruchtfolge berücksichtigen und den Boden decken, um C02 einzufangen. Zudem können sie Produkte wie ENTEC 26externer Link einsetzen, ein stickstoff-fixierender Dünger, der über das Kompensationsprogramm für CO2-Emissionenexterner Link zu einem vergünstigten Preis erhältlich ist.
Und ein Methan-Reduktionsprojekt namens Klimafreundliche Milchexterner Link, das von Nestlé und dem BLW finanziert wird, ermutigt Schweizer Bauern, die Nestlé beliefern, das Leben von Milchvieh auf mindestens fünf 300-Tage-Laktationszyklen zu verlängern, anstatt auf die typischen drei Zyklen. Damit erreiche man eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 5 Prozent pro Kilogramm Milch, sagt Nestlé-Sprecherin Marianna Fellmann. Und eine Reduktion von rund 150'000 Tonnen CO2 pro Jahr, wenn alle Schweizer Milchbauern teilnehmen. Das entspreche 15 Prozent der neuen Reduktionsziele für die Landwirtschaft, so Fellmann.
(Übertragung aus dem Englischen: Kathrin Ammann)