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Die Burg Greifensee wird im Jahre 1261 erstmals erwähnt. Wohl zu Ende des 11. oder zu Beginn des 12. Jahrhunderts hatten die Herren von Rapperswil sie als wichtigen Stützpunkt erbauen lassen. Der wehrhafte Turm mit wenig behauenen Findlingen als Mauerwerk und vorkragendem Holzoberbau stand hart am fischreichen See. Die Feste bildete den Mittelpunkt einer Herrschaft, welche die Vögte und späteren Grafen von Rapperswil teils aus Eigengut, teils aus verschiedenen Rechten zusammengetragen hatten. Ausser Greifensee selbst umfasste der Besitz Höfe in Fällanden, Maur, Niederuster, Uster, Nossikon, Nänikon, Werrikon, Schwerzenbach, Hegnau, Hof bei Egg, Güter zu Bertschikon und Streubesitz in Dübendorf und bis nach Kaiserstuhl (AG) und Baden; auch der Kirchensatz in Uster gehörte dazu. Die Rapperswiler wiesen die Burg nun ihren Dienstleuten als Wohnsitz zu; bekannt sind 1232 Ritter Rudolf von Nänikon und 1254 Dietrich von Nänikon.
Schon früh entwickelte sich aus der Vorburg des Schlosses zu seinen Füssen ein kleines wehrhaftes Städtchen. Unter Ulrich von Rapperswil zu Greifenberg erfolgte im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts die Ummauerung. Der Name für die neue Stadt war bald gefunden: Im Gegensatz zur Burg Greifenberg auf einem Hügel im Tösstal, die ebenfalls den Rapperswilern gehörte, wurden Stadt und Burg am See kurz «Greifen-See» genannt, was sich bald auch auf den See übertrug, der früher nach seinem Abfluss Glattsee hiess.
Am 7. Januar 1300 verpfändete Gräfin Elisabeth von Rapperswil, die Gattin Graf Rudolfs Ill. von Habsburg-Laufenburg, Burg, Stadt und Herrschaft Greifensee mit allen zugehörigen Höfen, Leuten und Gütern um 600 Mark Silber an den Marschall in österreichischen Diensten Hermann von Landenberg den Älteren und seinen gleichnamigen Sohn, deren Familie sich fortan «von Landenberg von Greifensee» nannte. Man weiss, dass sich die Gräfin in finanziellen Schwierigkeiten befand; daher war es den Herren von Landenberg freigestellt, unter entsprechender Erhöhung des Pfandwertes und gemäss den Anweisungen eines Schiedsgerichtes, am Schloss bis zu 50 Mark zu verbauen. Zwar hatte die Gräfin nicht beabsichtigt, die Herrschaft endgültig zu verlieren; allein die fünfjährige Pfandzeit war zu kurz, um die hohe Pfandsumme aufzubringen, so dass die Landenberger die schriftlich festgehaltene Kaufzusage als Bedingung der Belehnung nach Ablauf der fünf Jahre in die Tat umsetzten.
Für das Haus Landenberg, aus dem Tösstal kommend, stand die Besitzerweiterung am Greifensee unter keinem glücklichen Stern. Kriegerische Wirren und die zu grosse Zerstückelung ihrer Ländereien führten bald zum finanziellen Ruin, so dass sie bereits 1364 ihre Stammburg Alt-Landenberg und fünf Jahre später auch Greifensee veräussern mussten.
Als neue Besitzer von Greifensee erscheinen nun die Toggenburger Grafen. Der Letzte des Geschlechtes, Friedrich VII., bekundete an den Zürcher Gebieten kein allzu starkes Interesse, denn wichtiger erschien ihm die Verbindung zwischen seinem Stammland und der Bündner Herrschaft. Er hinterlegte daher 1402 Greifensee mit allen Rechten und Einkünften um 6000 Gulden der Stadt Zürich, womit diese mit ihrer Territorialpolitik erstmals über das Zürichseebecken hinausgriff. 1419, nach Ablauf des ersten Burgrechtes, erfolgte der Übergang der Burg ins Eigentum der Stadt.
Zürich richtete Greifensee als Landvogtei ein, wo der Vogt seinen Wohnsitz nahm; als ersten wählte der Grosse Rat Heinrich Biberli. Sein Jahreseinkommen betrug immerhin 50 Pfund, wobei er aber noch seine drei Knechte selbst zu entlohnen hatte. In der letzten Phase des Alten Zürichkrieges trat Greifensee jäh in den Mittelpunkt der Kampfhandlungen zwischen Zürchern und Eidgenossen. Die Verteidigung von Burg und Stadt im Mai 1444 durch Wildhans von Breitenlandenberg und das grausame Schicksal des tapferen Hauptmanns sowie der Besatzung sicherten Greifensee den geschichtlichen Ruf weit über die heutigen Kantonsgrenzen hinaus. Während das Städtchen nach zwölf Tagen aufgegeben werden musste, trotzte die tapfere Mannschaft der Burg noch zwei Wochen den eidgenössischen Belagerern und ergab sich schliesslich, dem Versprechen auf freien Abzug vertrauend. Am nächsten Morgen jedoch führte man die Gefangenen auf eine Wiese bei Nänikon, um über sie zu beraten. In einer längeren Auseinandersetzung unterdrückte derAnführer der Schwyzer, Ital Reding, jeden Keim von Gnade. Weder Weinen noch Klagen, kein Bitten und Flehen konnte sein Erbarmen erwecken. Und das Schlimmste: seine Härte siegte, und die Besatzung wurde hingerichtet! Die erschütternden Abschiedsszenen trieben selbst vielen Schwyzern die Tränen in die Augen, aber ohne Gnade entriss der Henker den Frauen ihre Männer und schlug ihnen rundweg den Kopf vom Leibe. Nur zehn Knaben und ergraute Männer fielen nicht unter das harte Urteil. Reding überwachte die Hinrichtungen, damit keiner entkommen konnte. Gegen Abend beendete der Nachrichter Peter im Lichte brennender Fakkein sein schauriges Werk auf der «Blutmatte», wo sich inzwischen 62 Köpfe gespensterhaft aneinanderreihten. - Eine Linde und eine einfache Steinpyramide mit den Namen der Opfer bezeichnen heute den Ort dieses Blutgerichtes.
Nach der Verbrennung des Schlosses durch die Eidgenossen blieb es fast 80 Jahre lang Ruine. Der Beschluss zum Wiederaufbau der Feste fällt in das Jahr 1520, während die Stadtmauern nie mehr richtig hergestellt worden sind. Die Edlibachsche Chronik - Gerold Edlibach war von 1504 bis 1506 Vogt auf Schloss Greifensee - berichtet darüber: «Anno domi 1520 jar um sant michelstag da wurdent min herren von Zürich zu ratt dz schloss griffensee wider zu erbuwen unn fienge man die hoffstatt zuo rumen von stunden an jm jar wie obstat.»
Das Schloss mit einer rechteckigen Grundfläche von 14,8 auf 21,3 Metern wurde unter weitgehender Verwendung der alten Mauern neu aufgeführt. Wie es sich am Mörtel zeigte, ist nur die Südostseite völlig neu gebaut worden. Den stolzen Bau prägt ein mächtiges Satteldach, das auf den beiden Schmalseiten von je einem Treppengiebel abgeschlossen wird. In der Mitte der Südostfassade, dem Städtchen zugekehrt, liegt der Schlosseingang. Zu ihm führt, den vier Meter tiefen Graben überbrückend, ein schlichter Holzsteg. im Innern entstanden 1520 drei Stockwerksböden. In jedem Geschoss verläuft von Traufseite zu Traufseite ein fünf Meter breiter Mittelgang, an dem beidseits die Wohnräume und Kammern liegen. Längs der westlichen Korridorwand wurde durch alle drei Obergeschosse der mächtige, zweizügige Kamin für die Stubenöfen hochgezogen. Im südlichen Eckzimmer des ersten Obergeschosses stammt die wuchtige Fenstersäule aus der Zeit des Wiederaufbaus, während das in spätgotischen Formen gehaltene Wandgetäfer und die Balkendecke erst 1917 unter Leitung des Architekten David Rordorf hier eingebaut wurden. Das sogenannte Seckelamtszimmer im zweiten Obergeschoss mit seiner achteckigen Fenstersäule erinnert an die Zeit um 1520. Die übrigen Räume sowie das Treppenhaus hingegen tragen hauptsächlich klassizistische Merkmale und stammen aus dem Jahre 1815. Damals wurde das Schloss nach dem Sturm von 1798 wieder bewohnbar gemacht.
Die Eintragungen in den Vogteirechnungen künden von den vielen Reparaturen und Verbesserungen, die im Laufe von fast drei Jahrhunderten notwendig wurden. Bei der jüngsten Restauration von 1948 bis 1953 unter Leitung von Architekt Dr. h. c. Hans Leuzinger versuchte man, auf den Bauzustand vor 1798, also auf den Schlossbau von 1520 zurückzugehen. Geschichtlich ist damit auch die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Erinnerung gerufen worden, die mit der Persönlichkeit des originellen und gerechten Landvogtes Salomon Landolt durch Gottfried Kellers «Der Landvogt von Greifensee» eng verknüpft ist.
Bei den jüngsten Umbauten wurde der Wehrbau daher von späteren stilfremden Zutaten befreit: Die Klebedächer erhielten wieder ihre ursprüngliche Lage; das Eingangstor wurde mit Spitzbogen abgeschlossen. Als Zugang über den Graben wählte man eine hölzerne Brücke. Gleichzeitig erneuerte man das Standeswappen, das «Zürich-Reich» von Heinrich Zeiner von 1535/36, und die Sonnenuhr. Wenn sich heute Schloss Greifensee in prächtigem Zustand dem Besucher zeigt, so ist das ein Verdienst des Kantons Zürich, der seit 1935 Eigentümer der Anlage ist. Nach der HeIvetik war das Schloss an den Bezirksstatthalter von Schwerzenbach vermietet; 1858 erwarb es der «Spinnerkönig» Heinrich Kunz, und von seinen Erben ging es 1861 an die Familie Escher vom Glas über. 1935 kaufte der Kanton Zürich die Anlage und Vermietung an die Familie Bernoulli. 1948 - 1953 Aussenrenovation und Entfernung des neugotischen Vorbaus. 1991 Wegzug von Frau Bernoulli. 1993/95 erfolgte eine sanfte Innenrenovation durch den Kanton.
1995 Übergabe des Schlosses in einem Gebrauchsleihvertrag an die Stiftung Schloss Greifensee als Ort kultureller Begegnung, Weiterbildung und Information.
Bibliographie