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Henry Saragih von der internationalen BäuerInnengewerkschaft Via Campesina fordert eine andere Handelspolitik.
WOZ: Was sagen Sie zur aktuellen Ernährungskrise?
Henry Saragih: Wir haben diese Situation vor zehn Jahren vorausgesagt. Weil wir erkannten: Wenn die Nahrungsversorgung vom Weltmarkt abhängig wird, werden die multinationalen Unternehmen die Ernährung beherrschen. Die Bauern, die Bevölkerung und die Staaten werden die Kontrolle darüber verlieren. Die Staaten haben die Macht gar nicht mehr, die für eine richtige Nahrungspolitik nötig wäre.
Wegen der internationalen Abkommen?
Ja. Die Länder werden gezwungen, ihre Märkte zu öffnen. Sie dürfen keine Importzölle mehr erheben, ihre Bauern nicht mehr subventionieren und müssen öffentliche Einrichtungen, die Nahrung produzieren und verteilen, privatisieren. Das alles ist in Indonesien passiert, seit die Regierung das Strukturanpassungsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) unterzeichnet hat. Die Auswirkungen waren verheerend für unsere Landwirtschaft. Ein Beispiel: 1998 importierten wir nur zehn bis zwanzig Prozent unserer Soja. Heute sind es siebzig Prozent. Und jetzt, wo die Bevölkerung von importierter Soja abhängig ist, steigen die Preise. Das Gleiche passiert mit vielen anderen Lebensmitteln.
Gab es früher Subventionen in Indonesien?
Ja. Seit dem Strukturanpassungsprogramm ist das vorbei. Auch in die Infrastruktur wird nicht mehr investiert. Es gibt keine staatlichen Kooperativen mehr, überhaupt immer weniger Kooperativen.
Was tun die Leute, die mit der Landwirtschaft aufhören?
Viele verkaufen ihr Land an Spekulanten aus der Stadt. Jetzt, wo die Preise für landwirtschaftliche Produkte wieder steigen, verpachten die Spekulanten das Land sehr teuer an landlose Bauern. Die transnationalen Unternehmen kaufen auch Land und legen Monokulturen an, zum Beispiel Ölpalmen oder Eukalyptusbäume.
Was möchte Via Campesina gegen diese Entwicklungen tun?
Wir brauchen Ernährungssouveränität. Alle Länder sollen das Recht haben, ihre Landwirtschaft zu schützen, um ihre Leute zu ernähren.
Auch wenn alle Länder Ernährungssouveränität hätten, gäbe es noch Handel mit Lebensmitteln. Wie müsste dieser organisiert sein?
Der Handel wäre nicht liberalisiert, sondern mit Abkommen zwischen Ländern organisiert. Heute müssen Länder ihre Nahrung exportieren, obwohl sie nicht genug für die eigene Bevölkerung haben. Und Länder, die genug hätten, müssen Importe zulassen. In Indonesien zum Beispiel würde immer noch genug Reis für die Eigenversorgung angebaut. Aber der landet auf dem Weltmarkt.
Ihr exportiert den eigenen Reis und importiert anderen?
Ja. Das ist ein blödes System. Davon profitieren nur die Händler.
Was sollen die reichen Länder tun?
Sie sollen dieses Wirtschaftssystem stoppen, das die Ungleichheit verstärkt. Heute verhalten sie sich paradox. Die USA und die EU sagen, wir müssten liberalisieren, und tun es selber nicht. Denn sie verlangen, dass die Länder des Südens ihre Bauern nicht mehr subventionieren, aber subventionieren ihre eigenen.
Ist Ernährungssouveränität auch für die reichen Länder ein Weg?
Ja. Auch sie sollen ihre Nahrung selber produzieren. In Japan etwa werden zwei Drittel der Nahrung importiert. Das gute Essen aus meinem Land landet in Japan. Das ist unfair. Natürlich, wir bekommen Autos von Japan ... (lacht)
Was hat Via Campesina bisher erreicht?
Unser grösster Erfolg ist, dass wir das Konzept der Ernährungssouveränität entwickelt und international bekannt gemacht haben. Ernährungssouveränität als Alternative zur Ernährungssicherheit, die die Regierungen propagieren. Ernährungssicherheit heisst einfach nur genug zu essen. Wer die Nahrung zu welchen Bedingungen produziert, ob sie den Essgewohnheiten entspricht, wem der Boden gehört: Solche Fragen kommen im Konzept Ernährungssicherheit nicht vor.
Ausserdem haben wir das Thema Landreform international auf den Tisch gebracht. Und wir haben es geschafft, die Macht der Welthandelsorganisation WTO infrage zu stellen. Wir sagen, die Regeln der WTO dürfen für die Landwirtschaft nicht gelten.
Und für den Rest der Wirtschaft?
Jetzt, wo wir sehen, dass die WTO nicht nur für die Bauern schlecht ist, denke ich, dass wir ein anderes System brauchen. Für die ganze Wirtschaft.
Was läuft regional?
Wir werden Tag für Tag stärker in vielen ländlichen Regionen. Wir haben Erfolge mit direkter Aktion, Besetzungen von fruchtbarem Land. Auch ein grosser Erfolg ist, dass immer mehr Via-Campesina-Mitglieder ihr Land biologisch bewirtschaften.
Sie sind selber Bauer ...
Ja. Es ist schwierig, weil ich viel unterwegs bin. Meine Schwester führt jetzt den Hof.
Was produzieren Sie?
Vor allem tropische Früchte, dazu in Mischkultur Kakao und Kokospalmen. Und wir züchten Fische.
Wird der Kakao exportiert?
Bis jetzt schon, denn es gibt keine verarbeitende Industrie in Indonesien. Es ist ein Witz: Wir exportieren Kakao und importieren Schokolade. Aber wir vom Indonesischen Bauernverband versuchen jetzt, eine kleine Schokoladefabrik aufzubauen.