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Die Charakteristik der diesjährigen WM-Strecke gleicht einer Achterbahnfahrt und ist ein Fall für die Klassiker-Spezialisten. Auf den 268,3 km zwischen der Industriehafenstadt Antwerpen und dem Ziel in Leuven müssen die Männer - verteilt auf 2562 Höhenmeter - ganze 42 klassifizierte Anstiege bewältigen. Nach einer 56 km langen Anfahrt über flaches Terrain gilt es unregelmässig alternierend zwei verschiedene Rundkurse zu absolvieren: den sogenannten Leuven Circuit, einem verwinkelten Stadtkurs mit vier Anstiegen, und den sogenannten Flandrien Circuit, einem Rundkurs westlich von Leuven mit sechs deutlich längeren Steigungen. Einige Pavé-Abschnitte verleihen dem Rennen eine zusätzliche Würze. Die Zielgerade ist ausserdem leicht abfallend.
Ganz Belgien erwartet nichts weniger als den Sieg von Wout van Aert. Der dreifache Cross-Weltmeister ist der kompletteste Fahrer im Feld und deshalb der Mann, den es am Sonntag zu schlagen gilt. Alle wissen, Wout van Aert ist der Topfavorit. Es gibt nur wenige, die ihn im Eins-gegen-eins schlagen können, stellt auch Stefan Küng klar. Aber: Die Last der Favoritenrolle ist nicht kleiner geworden, nachdem sich Alleskönner Van Aert am vergangenen Sonntag im Einzelzeitfahren wieder nur mit der Silbermedaille begnügen musste. Damit verlängerte der 26-jährige Flame beim Heimauftritt seine Serie an zweiten WM-Plätzen, nachdem er bereits zweimal bei der letztjährigen WM, bei der Cross-WM und im olympischen Strassenrennen Silber gewonnen hatte.
Wie immer an einer WM ist die Liste der Anwärter auf das begehrte Regenbogentrikot lang. Praktisch jede Topnation hat mindestens einen potenziellen Siegfahrer in seinen Reihen. Für Frankreich ist das Titelverteidiger Julien Alaphilippe, für Italien Europameister Sonny Colbrelli, für Dänemark Flandern-Sieger Kasper Asgreen und für Slowenien Tour-de-France-Champion Tadej Pogacar, der mit Primoz Roglic noch einen anderen Topfahrer an seiner Seite weiss. Auch die Belgier haben mit Remco Evenepoel eine weitere Trumpfkarte. Ein Fragezeichen steht hinter Mathieu van der Poel. Van Aerts Dauerrivale ist immer alles zuzutrauen, wären da nicht seine Rückenprobleme, die sich durch seinen Sturz im olympischen Mountainbike-Rennen von Tokio verschärft haben. Deshalb konnte der Niederländer nur eingeschränkt trainieren.
Und die Schweizer? Die müssen sich nicht verstecken, stehen mit Marc Hirschi und Stefan Küng doch zwei Fahrer im sechsköpfigen Aufgebot von Swiss Cycling, die 2020 respektive 2019 das WM-Strassenrennen als Dritte auf dem Podest beendet haben. Auch der diesjährige WM-Parcours erlaubt es den beiden, ihre individuellen Stärken auszuspielen. Küngs Weg führt dabei eher über eine frühe Attacke, wie bei seinem Bronze-Coup vor zwei Jahren. Nur wird es diesmal weniger kalt und nass sein, als damals in England. Hirschis grosses Plus ist seine Explosivität auf den kurzen Rampen und die taktische Cleverness. Mit Edelhelfer Michael Schär und Silvan Dillier steht dem Duo ausserdem viel Erfahrung zur Seite. Stefan Bissegger und Fabian Lienhard komplettieren das Schweizer Sextett.
Das krönende Finale zum 100-Jahr-Jubiläum der Strassen-Weltmeisterschaften verspricht nicht nur einiges an Spannung, sondern auch eine fantastische Stimmung. Radsport ist in Belgien Volkssport Nummer 1, erinnert Küng, der in Flandern auch auf die Unterstützung seines belgischen Fanklub namens King Küng Freunde zählen kann. Die Anhänger des Thurgauers werden jedoch stark in Unterzahl sein. Zu Abertausenden werden die Belgier ihre Lieblinge am Strassenrand anfeuern. Das Publikum ist verrückt, sagt Küng und blickt freudig voraus: Das wird ein Spektakel.
(sda)