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Und plötzlich sah ich sie! Nach unzähligen Besuchen beim Gullfoss Wasserfall erschien sie plötzlich im Sucher meiner Fotokamera, das musste Sigridur Tomasdottir sein. Dies war defintiv ein Grund, sich etwas genauer mit dieser Person auseinanderzusetzen und zu recherchieren, denn es ist ihr zu verdanken, dass wir den schönen, berühmten Wasserfall Gullfoss noch heute besuchen und bewundern können.
Sigridur wurde 1874 auf der Farm Brattholt als Tochter des Schafbauern Tomas Tomasdottir geboren und verbrachte ihr ganzes Leben dort. Bereit damals ging es auf der Farm lebendig zu und her, Besucher aus aller Welt kamen, um den Wasserfall zu bewundern – auch wenn es deutlich weniger gewesen sein dürften als heutzutage. Sigridur hatte eine Schwester und beide mochten den Wasserfall sehr, der sich auf dem Land der Farm befand. Die beiden ebneten einen Pfad zum Gullfoss und führten frühe Touristen dorthin. Obwohl Sigridur keine offizielle Schulbildung hatte, war sie belesen, eine gute Zeichnerin und geschickte Stickerin.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts drohte sich alles zu ändern. Plötzlich waren ausländische Investoren daran interessiert, Profit aus der isländischen Natur zu gewinnen, dazu Wasserfälle für die Stromproduktion zu nutzen. Dies geschah auch beim Gulloss. 1907 machte der englische Geschäftsmann Howell dem Vater von Sigridur ein Angebot zum Kauf des Landes, auf dem sich der Wasserfall befand. Bauer Tomas lehnte das viele Geld ab mit den Worten, er würde seinen Freund nicht verkaufen. Aber er verpachtete Howell das Land ohne zu ahnen, dass dieser auch so eine Möglichkeit finden würde, seine Pläne zum Bau eines Wasserkraftwerks zu realisieren. Dies war die Zeit als Sigridurs Kampf zur Rettung des Wasserfalls begann. Viele reiche und mächtige Männer in Island wurden ihre Gegner. Sigridur bemühte sich darum, den Pachtvertrag rückgängig zu machen und engagierte mit ihrem ersparten Geld den Anwalt Sveinn Björnsson. Ein langer, harter Rechtsstreit begann. Sigridur scheute dabei auch keine längeren Reisen. Mehrmals wanderte sie zu Fuss nach Reykjavik, pro Weg mehr als hundert Kilometer weit, in der Hoffnung dort etwas zu erreichen. Als alles verloren schien, drohte sie damit, sich selbst den Wasserfall hinunter zu stürzen, bevor der Kraftwerkbau beginnen würde. Schlussenlich wurde Sigridur für ihren Kampf zum Glück doch belohnt. Howell kündigte den Pachtvertrag 1929, die Kosten wurden ihm zu hoch und es war zu mühsam die Pläne gegen den Widerstand zu realisieren.
Sigridur wurde für ihre Hartnäckigkeit zu einer berühmten Person in der isländischen Geschichte, vermutlich gilt sie als die erste Umweltschützerin Islands, heute würden wir sie wohl auch als Aktivistin bezeichnen. Sigridur starb 1957 und ruht auf dem Friedhof von Haukadalur. Ihr Anwalt Sveinn Björnsson erlangte auch besonderen Ruhm, er wurde 1944 erster Präsident der gerade unabhängig von Dänemark gewordenen Insel.
Es ist nicht erstaunlich, dass man beim goldnen Wasserfall Gullfoss einen Gedenkstein mit dem Porträt von Sigridur findet. Dieser befindet sich gleich unterhalb der metallenen Treppe, welche zum Wasserfall hinunter führt. Es wäre eigentlich richtig, wenn sich alle die den Wasserfall besuchen vor ihr verneigen und bedanken würden. Danach drehe man sich um, gehe ein paar Schritte weiter und betrachte die obere Fallstufe des Wasserfalls – genau dort entdecke ich sie nun jedesmal, wenn ich dort bin, ausgenommen im Winter, wenn sie sich in ein eisiges Kleid gehüllt hat. Danke für die Rettung dieses wunderschönen Wasserfalls, Sigridur!
Auf einer der kommenden Reisen werde ich den Besitzer von Hotel Gullfoss fragen, wie er mit Sigridur verwandt ist. Das Hotel steht auf dem Land von Brattholt und ist auch noch immer unter diesem Namen bekannt.