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Wir wissen wenig über die Verfasserin dieser Offenbarungen, nicht einmal ihren Namen. ‚Julian of Norwich‘ wurde sie wahrscheinlich genannt nach der Kirche St. Julian in Norwich, bei der sie als anchoress (Reklusin) lebte. Das Wenige, das wir über sie wissen, wissen wir aus ihren Offenbarungen, so z.B., dass sie diese am 8. Mai 1373 empfing, im Alter von 30½ Jahren. Den Text gibt es in zwei Versionen: einer kürzeren, früher (nämlich fast unmittelbar nach Erhalt ihrer Visionen) entstandenen, die roher, frischer und persönlicher gehalten ist, manchmal aber auch unverständlicher. Eine zweite Version ist rund 30 Jahre später niedergeschrieben; hier hat Julian (oder ihr geistlicher Berater) geglättet, erweitert und erklärt. Der jüngere Text ist auch mit Parabeln ergänzt, die (samt ihrer jeweiligen Erklärung) aus jedem christlichen Gottesdienst stammen könnten.
Julian erhält ihre Offenbarungen auf drei Kanälen gleichzeitig: Da ist ein Bild, das sie richtiggehend zu sehen vermeint; dessen Erklärung, die sie richtiggehend zu hören vermeint; da ist aber auch eine dritte, sprach- und bildlose Kommunikation, die, was sie sieht und hört, noch einmal darlegt. Wäre es Julian um Kommunikationstheorie gegangen, hätte sie in ihren Visionen ein interessantes Beispiel gefunden. Es ging ihr aber, wie der Titel sagt, um die göttliche Liebe. Diese steht im Zentrum ihrer Visionen. Julian sieht und erfährt dabei Dinge, die nicht ganz mit dem orthodox-katholischen Glauben vereinbar sind. So sieht sie nur drei Himmel, explizit nicht hierarchisch geordnete Himmel: den Himmel des Vaters, den Himmel des Sohnes und den Himmel des Heiligen Geistes. Vor allem der Himmel des Sohnes ist eine Stätte reiner Freude – wie Graham James in der Einführung zu meiner Ausgabe sinngemäss schreibt, findet dort offenbar Tag und Nacht ein grosse Party statt: Julian of Norwich als das party animal unter den Mystikern…
Zu diesem Bild gehört, dass – da die Sünde im Himmel nicht existiert – sie de facto überhaupt nicht existiert. (Dahinter steht eine durchaus verständliche Laien-Logik: Jesus ist für unsere Sünden gestorben; also existieren diese nicht mehr.) In der dreissig Jahre jüngeren Versionen wird Julian diese Aussage abschwächen und darauf hinweisen, dass die kirchliche Lehre von der Sünde selbstverständlich für den Menschen in seinem Erdenwesen Vorrang habe und gebührend berücksichtigt werden müsse.
Die Visionen der mittelalterlichen Reklusin sind erst im 20. und 21. Jahrhundert richtig bekannt geworden. Das ist wohl kein Zufall. Schon der Titel tönt es an: Im Mittelpunkt ihrer Offenbarungen steht die göttliche Liebe. Dass dieses Jenseits der puren und sündenlosen Freude heutige Gläubige anspricht, scheint mir völlig natürlich zu sein. Vor allem der frühere Text ist aber (streckenweise) auch für den Nicht-Gläubigen eine in Sprache, Wortwahl und Thema faszinzierende Lektüre.
Die beiden Text-Versionen sind zusammen erschienen in bei Oxford Universtiy Press (Oxford World’s Classics), 2015, übersetzt von Barry Windeatt. Gelesen habe ich die Lizenz-Ausgabe der Folio Society, 2017.