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Bis vor eineinhalb Jahren war sie Journalistin, er Unternehmer. Heute sind Marie und Michaël Tuil Kaffeeimporteure mit einer Mission. Sie beziehen den Kaffee direkt von äthiopischen Kleinbauern und verkaufen ihn ohne Zwischenhandel.
"An diesem Platz stand früher Chicco d'Oro", sagt Marie Tuil. "Aber dann wollten die Verantwortlichen mehr Nachhaltigkeit." Die Messe, von der sie spricht, ist die Event und Marketing Expo im Hallenstadion. Marie Tuil zeigt hier mit ihrem Mann und Geschäftspartner Michaël ihr soziales Start-up "Direct Coffee", mit biologischem und nachhaltigem Kaffee aus den äthiopischen Bergen.
Marie Tuil ist schwanger, in einer Woche schon ist der Geburtstermin, aber bis dahin, gibt sie zu verstehen, bleibt ja noch Zeit. Oberstes Ziel des Start-ups ist es, den Kaffee in so wenig Schritten vom Produzenten zum Konsumenten zu bringen wie nur möglich. Daher rührt das "Direct" im Namen. Mit dem Geld, das der Genfer und die Deutsche so einsparen - ohne Zwischenhändler, die nichts zur Wertschöpfung beitragen -, finanzieren sie soziale Projekte für die Kinder der Kaffeebauern.
Brillen statt Narben
Drei solche Projekte konnte "Direct Coffee" im ersten Jahr bereits umsetzen. Das Paar organisierte einen Sehtest für 870 Kinder und Brillen bei einem Hersteller in Äthiopien. Die Eltern zahlten einen subventionierten Preis, der einem Tageslohn in der Gegend entspricht. "Uns war es wichtig, die Brillen nicht zu verschenken", sagt Marie Tuil.
In den Dörfern der Kaffeebauer seien Brillen noch nicht allgemein akzeptiert, einige glaubten, sie schadeten den Augen. Ausserdem werde Kindern in die Lider geschnitten, was die traditionelle Behandlung gegen schlechte Augen sei. "Die Brillen werden eher akzeptiert, wenn sie etwas wert sind, also etwas kosteten", sagt Marie Tuil.
Auch Entwurmungspillen für die Kinder und regelmässige Mittagsmahlzeiten in der Schule hat "Direct Coffee" finanziert. "Kinder, die Würmer haben, gehen wegen Bauchschmerzen nicht zum Unterricht", sagt Michaël Tuil. Weil der Staat das Medikament nur einmal jährlich bezahlt, es aber nur sechs Monate wirkt, übernehmen Tuils sozusagen eine "Versorgungslücke".
Bei allen Projekten war es den beiden wichtig, den Bauern klarzumachen, dass die sozialen Projekte mit dem Ertrag aus ihrem Kaffee, also mit ihrer eigenen Arbeit, bezahlt werden.
Kaffee aus dem Wald
Der Kaffee der äthiopischen Kleinbauern wächst in den Wäldern. Die Ernte ist aufwendig und hart. Dafür aber muss er weder gewässert noch gedüngt werden. Das schmeckt man, sagen Tuils. "Unser Kaffee hat mehr Aromen als ein guter Wein." Entsprechend vorsichtig werden die Bohnen geröstet. "Viele kennen nur den italienischen Kaffee, der sehr starke Röstaromen hat", sagt Marie Tuil.
Die neue Kaffeegeneration aber setzt nicht auf eine Schockröstung von 90 Sekunden bei 500 Grad, sondern auf eine sanftere Röstung über 15 Minuten bei höchstens 200 Grad. Besonders gut schmecke man die Aromen im Cold-Brew-Kaffee. Dieser kalt aufgegossene Kaffee, in den Metropolen der USA bereits weit verbreitet, kommt erst in der Schweiz an. "Dabei ist es die gesündere und mindestens so erfrischende Alternative zu Cola", sagt Michaël Tuil.
Ein Jahr Arbeit ohne Lohn
350 Gramm Direct-Coffee-Bohnen kosten 15.50 Franken, inklusive Versand. Davon geht ein Viertel nach Äthiopien, für die Arbeit der Bauern, die Kooperative und die Union, die den Export organisiert. "Kooperative und Union gehören den Kleinbauern", sagt Marie Tuil. Einen Teil des Geldes erhalten die Bauern Ende Jahr, nach der Ernte, dazu kommt eine Dividende im Sommer, wenn ein Teil des Kaffees weitere Abnehmer in Addis Abeba gefunden hat.
In diesem Sommer konnte sich das Paar erstmals einen Lohn auszahlen. Das war auch insofern wichtig, als das Start-up nicht mehr lange das einzige Tuil-Baby bleibt. Die beiden Jungunternehmer hatten im Januar 2016 ihre Jobs aufgegeben - sie Journalistin, er Berater bei Boston Consulting - und alles auf die Karte Kaffeeimport gesetzt. "Es war für uns nicht so riskant, weil wir beide eine gute Ausbildung haben und, wenn nötig, problemlos eine neue Stelle finden würden", sagt Marie Tuil.
Restaurantverzicht
Ihren Lebensstil haben die Tuils den finanziellen Verhältnissen angepasst. Sie gehen nicht auswärts essen, sondern laden Freunde zu sich nach Hause ein. Bis vor kurzem wohnten sie in einer Einzimmerwohnung in Zürich, die gleichzeitig ihr Büro war. Weil sie in Zürich keine grössere, bezahlbare Wohnung fanden, zogen sie im August schliesslich nach Basel um. Dreh- und Angelpunkt ihres Kaffeeunternehmens bleibt aber Zürich, wo sie dank einem Sponsoring kostenlos einen Coworking-Space beim Hauptbahnhof nutzen können.
"Das Start-up sehen wir wie einen weiteren Posten in unserem Lebenslauf", sagt Marie Tuil. Für diesen Abschnitt haben die Tuils einen klaren Plan: In zwei Jahren wollen sie genug Kunden haben, um auf einen Schlag einen ganzen Schiffscontainer Kaffee zu importieren. Das wären 20 Tonnen Kaffee und 28 000 unterstützte Kinder. Dass ihr eigenes Kind in wenigen Tagen auch Teil des Projekts wird, ist für Marie und Michaël Tuil selbstverständlich.
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