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«Statistische Auswertungen bei grösseren Bevölkerungsgruppen zeigen, dass bei Strahlendosen unterhalb von 100 mSv keine Gesundheitseffekte nachweisbar sind.» So steht es in einem Faktenblatt des Bundesamts für Energie aus dem Jahr 2018, das die Behörde immer noch verbreitet.
«Diese Aussage widerspricht neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen», erklärte letztes Jahr die Vereinigung «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (PSR/IPPNW) in einem Artikel in der «Schweizerischen Ärztezeitung». Die Autoren beriefen sich auf «Resultate von mehr als 20 epidemiologischen Studien der vergangenen 15 Jahre».
Nun kommt eine weitere, gewichtige Studie hinzu, die diese Aussage untermauert. Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen einer geringen radioaktiven Bestrahlung und mehr Krebstodesfällen und soll Strahlenschutzkommissionen als Information dienen – auch im Hinblick auf die Nutzen-Risiko-Abwägung bei medizinischen Untersuchungen.
Mehrere Hunderttausend Mitarbeiter in der Nuklearindustrie nachverfolgt
Derzeit gehen Strahlenschutzbehörden davon aus, dass das relative Risiko, an einem strahlungsbedingten Krebs zu sterben, pro Gray nach 40-jähriger Beobachtungszeit für Männer um 35 Prozent und für Frauen um 58 Prozent steigt.
Gemäss der im «British Medical Journal» veröffentlichten Studie, die nicht nach Geschlechtern differenzierte, war dieses Risiko aber deutlich höher: Es erhöhte sich pro Gray radioaktive Strahlung um circa 53 Prozent, und dies schon nach zehn Jahren. Ein Gray ist allerdings eine im normalen Leben unrealistisch hohe Strahlendosis. Für die Bevölkerung interessanter ist, wie sich niedrigere Dosen auswirken. Genau hier liefert die Studie neue Schätzungen.
Sie bestätigt: Je höher die Strahlendosis, die ein Mensch gesamthaft erhält, desto höher ist das Risiko, dass er an Krebs sterben wird. Bemerkenswert ist, dass dieser lineare Zusammenhang im Niedrigdosisbereich steiler zu verlaufen scheint: Eine als niedrig eingestufte Dosis von 10 mGy pro Jahr erhöhte demnach nach zehn Jahren das Krebstodesrisiko von Erwachsenen relativ um etwa zehn Prozent, verglichen mit der Durchschnittsbevölkerung. Die Dosis von 10 mGy liegt im Bereich dessen, was zum Beispiel bei medizinischen Untersuchungen erreicht wird (siehe Box unten).
Was dies in absoluten Zahlen bedeutet, zeigt ein Beispiel für die Altersgruppe der 50- bis 54-Jährigen in der Schweiz: 2021 starben in diesem Alter 476 Personen an Krebs, das entsprach etwa 0,074 Prozent dieser Altersgruppe. Bei einem um relativ zehn Prozent höheren Risiko wären es rund 0,081 Prozent oder in absoluten Zahlen rund 523 Krebstote in dieser Altersgruppe statt 476.
Strahlendosis und Todesursachen erfasst
Als Grundlage für die Schätzung dienten fast 310’000 Personen aus Frankreich, Grossbritannien und den USA. Alle hatten zu Lebzeiten mindestens ein Jahr in einem Atomkraftwerk, einer Nuklearwaffenfabrik oder einer anderen nuklearen Einrichtung gearbeitet (im Durchschnitt waren es 15 Beschäftigungsjahre). Dabei trugen sie Dosimeter auf sich, welche die empfangene Strahlung registrierten.
Diese summierte sich im Lauf der Arbeitszeit auf durchschnittlich 17,7 Milligray (mGy) pro Person. Das Gros der Beschäftigten, die oft administrative Aufgaben erledigten, erhielt gesamthaft höchstens 5 Millisievert (=Milligray). In der Studie wurden die späteren Todesursachen aller Personen erfasst.
Unter 100 Millisievert müsse sich niemand sorgen, hiess es nach Fukushima
Die stärkste relative Zunahme an Krebstodesfällen fanden die Studienautoren bei einer Gesamtdosis von «nur» 50 mGy. In diesem Niedrigdosisbereich war dieses Risiko mehr als doppelt so hoch (über 130 Prozent), verglichen mit der Durchschnittsbevölkerung. Bei den Beschäftigten, welche insgesamt maximal 100 mGy abbekommen hatten, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit eines Krebstodes in etwa.
Diese Befunde stehen im Widerspruch zu dem, was beispielsweise der japanischen Bevölkerung nach dem Super-GAU in Fukushima gesagt wurde. Bei einer Strahlendosis von unter 100 Millisievert (= 100 Milligray) müsse sich niemand Sorgen machen, beruhigte Shunichi Yamashita, der damalige verantwortliche Strahlenschützer, die japanische Bevölkerung. Das berichtete die «WoZ» 2014. Später habe die japanische Regierung beschlossen, ein Gebiet nur dann zu evakuieren, wenn es mit mehr als zwanzig Millisievert pro Jahr belastet sei. Die Studie zeigt nun, dass bei dieser Niedrigbelastung mit mehr Krebstodesfällen zu rechnen ist als angenommen.
Auch die Internationale Kommission für Strahlenschutz ICRP – die massgebende internationale Strahlenschutzkommission* – kommt bei der Folgenabschätzung für den Niedrigdosisbereich unter 100 mGy bisher zu anderen Schlüssen als die aktuelle Studie. Ihre Einschätzung stammt vor allem aus Erkenntnissen bei japanischen Atombombenüberlebenden, wo jedoch nur wenig verlässliche Studienresultate für den unteren Dosisbereich vorliegen.
Die Empfehlungen der ICRP gelten in der Schweiz als Referenz. Bisher gingen Strahlenschützer davon aus, dass pro 1000 Menschen, die eine Gesamt-Strahlendosis von je 50 Milligray erhielten, zwei bis drei Personen an strahlenbedingtem Krebs sterben werden. Gemäss der neuen Studie müsse nun aber von über zehn zusätzlichen Krebstodesfällen ausgegangen werden – mehr als viermal so viele wie bisher angenommen, errechnete der Arzt Claudio Knüsli von der Vereinigung «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (PSR/IPPNW).
Ergebnisse in die Risikoabschätzungen einfliessen lassen
«Wir gehen davon aus, dass Strahlenschutzorganisationen unsere Ergebnisse in ihre Risikoabschätzungen zur Niedrig-Dosis-Strahlung einfliessen lassen werden», schreibt David Richardson auf Anfrage. Er ist der Erstautor der Studie und Professor für Public Health an der Universität von Kalifornien in Irvine.
Ihre Studie sei vermutlich auch relevant für den Strahlenschutz in vielen medizinischen und nicht-medizinischen Einrichtungen, schreiben Richardson und seine Co-Autorinnen und -autoren. Sie weisen zudem darauf hin, dass Angestellte in nuklearen Anlagen wohl eher gesünder seien als die Durchschnittsbevölkerung. In diesem Fall würde die Studie das tatsächliche Krebsrisiko für die Allgemeinbevölkerung eher noch unterschätzen, vermuten die Wissenschaftler.
«Es gibt keine Schwellendosis, unterhalb derer eine Exposition als unbedenklich gilt»
Der Grenzwert für beruflich Strahlenexponierte (medizinisches Personal oder AKW-Angestellte) beträgt hierzulande 20 Millisievert (mSv) pro Jahr. Für die Bevölkerung liegt er bei einem mSV pro Jahr (das entspricht einem Milligray). Laut der Studie im «British Medical Journal» erhöht eine Dosis von einem Milligray pro Jahr das relative Krebssterberisiko von Erwachsenen nach zehn Jahren um circa ein Prozent.
Die Einhaltung der in der Schweiz geltenden Dosisgrenzwerte stelle sicher, dass das Risiko für die Bevölkerung tolerierbar sei, antwortete der Bundesrat im Mai 2023 auf eine Interpellation der Grünen-Nationalrätin Isabelle Pasquier-Eichenberger. Jede Exposition durch ionisierende Strahlung, selbst bei niedrigen Dosen und somit auch unterhalb von 100 mSv, erhöhe das Risiko für Krebs oder Erbkrankheiten linear, «und es gibt keine Schwellendosis, unterhalb derer eine Exposition als unbedenklich gilt». Es gelte der Grundsatz, dass die Strahlendosen «so tief wie vernünftigerweise möglich» zu halten seien.
Strahlendosis bei Herzuntersuchung entspricht derjenigen der Nukleararbeiter
Die durchschnittliche Dosis der Schweizer Bevölkerung aus allen radioaktiven Expositionsquellen beläuft sich laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf etwa 6 Millisievert pro Jahr. Dieser Durchschnittswert sagt aber nur wenig aus, da die Schwankungsbreite sehr hoch ist. Insbesondere Radon in Wohnhäusern sowie medizinische Untersuchungen können die Strahlendosis stark erhöhen auf über 20 Millisievert pro Jahr – also in den Dosisbereich, dem auch die Arbeitnehmenden in der Studie im Lauf ihrer Anstellungszeit ausgesetzt waren.
Bei einer szintigrafischen Untersuchung der Schilddrüse beispielsweise erhalten Patienten gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Strahlendosis von etwa 1 mSv, bei der Untersuchung der Herzarterien 7 bis 14 mSv und bei einem Eingriff an verengten Herzarterien 15 bis 20 mSv.
Bei der Computertomografie (CT) des Bauchs sind es laut BAG etwa 12 mSv und beim CT des Schädels rund 2 mSv. Allein im Jahr 2021 wurden in der Schweiz über 1’021’000 Computertomografien durchgeführt.
Von 10’000 Personen, deren Kopf vor ihrem 22. Lebensjahr im Computertomografen (CT) geröntget wurde, erkrankte in den folgenden fünf bis 15 Jahren durchschnittlich eine an einem strahlenbedingten Hirntumor, ergab eine grosse europäische Studie im Dezember 2022. Vor wenigen Tagen veröffentlichten dasselbe Forschungskonsortium eine weitere Schätzung: Von 10’000 Personen, die vor ihrem 22. Geburtstag eine CT-Untersuchung mit einer Dosis von nur 8 mGy hatten, bekamen demnach eine bis zwei in den folgenden zwölf Jahren strahlenbedingten Blut- oder Lymphdrüsenkrebs.
«Die Strahlenempfindlichkeit von Kindern und von ungeborenem Leben ist deutlich höher als die von Erwachsenen», sagt Claudio Knüsli von der Vereinigung «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (PSR/IPPNW). «Das ist ein zusätzliches Argument, die bisherigen Strahlenschutzrichtlinien dringend zu verschärfen.»
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*In einer früheren Version stand hier fälschlicherweise «die massgebende internationale Strahlenschutzbehörde». Die Autorin entschuldigt sich für diesen Fehler.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.