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Der 2008 erschienene Sammelband Aus der Frühzeit Europäischer Diplomatie bietet einen Überblick über die Vielfältigkeit der diplomatischen Praxis in Europa während des Hoch- beziehungsweise Spätmittelalters. Der von Claudia Zey und Claudia Märtl herausgegebene Band ist das Ergebnis einer Tagung, die vom 26.–28. September 2007 am Historischen Seminar der Universität Zürich stattgefunden hat. Die Herausgeberinnen steckten es sich zum Ziel, geografisch einen weit gespannten europäischen Raum abzudecken und dabei insbesondere den überregionalen und interreligiösen Gesandtschaftsverkehr zu behandeln. Rein geografisch wird tatsächlich ein grosses Gebiet erforscht. So sind darin Aufsätze über die diplomatische Vorgehensweise in Gebieten Englands, Frankreichs, Italiens, Südosteuropas, des Reichs, Spaniens und der islamischen Welt enthalten. Einzig der hanseatische Raum beziehungsweise Nordeuropa und die Eidgenossenschaft wurden nicht berücksichtigt, was für das Gesamtbild mittelalterlicher Diplomatie sicher eine Bereicherung gewesen wäre. Hinsichtlich der diplomatischen Praxis der verschiedenen Herrschaftsformen bietet der Sammelband eine grosse Bandbreite: Es kommen sowohl die Gesandtentätigkeit des Kaiserhofs unter Friedrich II. als auch diejenige der Kurie, der Königshöfe von England und Frankreich, kleiner Fürsten aus dem Balkan und der Stadt Nürnberg zur Sprache. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der diplomatischen Vorgehensweise der Kurie, da sich gleich vier Beiträge mit dem Papsttum beschäftigen: Birgit Studt untersuchte die reale Macht päpstlicher Gesandter und konnte aufzeigen, wie die Legaten der Kurie gegen das Ende des Spätmittelalters in ihren politischen Einwirkungsmöglichkeiten eingeschränkt waren. Nach Studt versuchten die päpstlichen Legaten deshalb die Gläubigen über Zeremonien, Heilsvermittlung und pastorale Fürsorge für sich zu gewinnen. Rudolf Schieffers Beitrag behandelt die Gründe, warum Rom zu einem internationalen Treffpunkt und als Folge davon zu einem bedeutenden Begegnungsort von Diplomaten wurde. Dem Thema der päpstlichen Delegaten widmet sich Harald Müller, wobei er auf die Unterschiede zwischen päpstlichen Legaten und Delegaten eingeht. Einerseits hat es keine regelmässige Kontrolle der Delegaten gegeben und andererseits gehörten sie nicht zu den Vertrauten des Papstes, da diese delegierten Richter aus der Gesamtkirche rekrutiert wurden. Daneben verfügten die Delegaten im Gegensatz zu den Legaten nur über eine eingeschränkte Handlungsvollmacht. Wie erfolgreich die päpstliche Legation sein kann, beweist uns Stefan Weiss am Beispiel des Generalvikars Albornoz, durch dessen Hilfe im Laufe des 14. Jahrhunderts der Kirchenstaat wieder dem Papst unterworfen worden sei. Nach Weiss geschah dies allerdings weniger aufgrund der weitgehenden Vollmachten, mit denen Albornoz ausgestattet wurde, als vielmehr wegen der günstigen politischen Lage, seinem diplomatischen Geschick und dem Geld aus Avignon.
Durch Arnd Reitemeiers Untersuchung der englischen Gesandtschaft für das Konzil von Konstanz wird nochmals unterstrichen, wie wichtig Vertrauen und Erfahrung als Auswahlkriterien eines Gesandten sind. Andere Ergebnisse in Reitemeiers Aufsatz sind dagegen diskussionswürdig. Abzuklären wäre etwa, inwieweit nicht doch der Erzbischof von Canterbury oder die beiden grossen Kirchenversammlungen von York und Canterbury bei der Auswahl der Gesandten für Konzilien mitentscheiden. Zudem macht ein Blick auf das Konzil von Basel deutlich, dass nicht Adlige und Ritter, sondern vorzugsweise Theologen in der englischen Gesandtschaft vertreten waren.
Nikolas Jaspert macht die interreligiöse Diplomatie zwischen Aragón und der muslimischen Welt Nordafrikas zum Gegenstand seiner Untersuchung. Dabei vermutet er, dass zwar spezielle kulturelle Unterschiede vom Königreich Aragón ausgenutzt wurden, indem den muslimischen Gesandten etwa der ihnen ungewohnte Wein zu trinken gegeben wurde. Im Grossen und Ganzen hat aber die interreligiöse Diplomatie starke Ähnlichkeiten mit derjenigen zwischen christlichen Herrschaften. Die Auswahl der Gesandten geschieht nach Jaspert «funktional»: In Marokko, wo Bündnisfragen im Vordergrund standen, schickte Aragón Adlige als Gesandte. In den östlich gelegenen Gebieten «Ifriqiyas» waren Wirtschaftsinteressen wichtig, sodass Händler diplomatische Aufgaben übernahmen. Ähnlich wie Reitemeier unterstreicht auch Knut Görich am Beispiel Friedrichs II., wie zentral «Vertrauen» (familiaritas) als Auswahlkriterium für Gesandte ist. In einem zweiten Teil beschreibt Görich, dass die kaiserlichen Legaten öffentlich den kaiserlichen honor inszenieren. Gemäss Görich konnte dieser honor des Kaisers verletzt werden, falls die Autorität seiner Legaten und Boten nicht respektiert wurde. Martin Kintzinger behandelt die Gesandtentätigkeit in Frankreich und liefert uns einen Abriss über die neuere Forschungsliteratur und die chronikalischen Berichte zu diesem Thema. Über die südosteuropäische Diplomatie schreibt Oliver Jens Schmitt. In Südosteuropa handelt es sich vor allem um kleine Herrschaften, die sich mit der Gefahr konfrontiert sahen, zwischen den Grossmächten Ungarn, Osmanisches Reich, Venedig und dem Papst aufgerieben zu werden. Da diese kleinen Herrschaftsgebilde um ihr Überleben kämpften, waren ihre diplomatischen Bemühungen dementsprechend intensiv und qualitativ hoch stehend. In der Abhandlung von Franz Fuchs und Rainer Scharf werden die Gesandtschaften zweier Nürnberger Ratsherren in den Blick genommen. Dabei konzentrieren sich die Autoren vor allem auf kommunikations- und kulturgeschichtliche Aspekte. Nicht die grosse Politik steht im Vordergrund, sondern der geschäftliche Alltag. Zu einem ernüchternden Resultat kommt der Aufsatz von Jean-Marie Moeglin, der die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und England analysiert. Da der englische wie auch der französische König darauf bedacht waren, ihre Ehre zu wahren, hat dies im Endeffekt die diplomatische Kommunikation verunmöglicht.
Am Schluss enthält der Sammelband eine sehr nützliche Synthese hinsichtlich der bei der Tagung in Zürich aufgeworfenen Fragestellungen. Es gelingt dabei Werner Maleczek sehr gut, die unterschiedlichen Themenfelder (Aufgaben der Gesandten, Quellen, soziale Zusammensetzung der Gesandten, Zeremoniell, Verhandlungsnormen, Finanzierung) mit den doch geografisch weit auseinander liegenden Herrschaften sinnvoll zu einem Überblick zusammenzuknüpfen. Was indes an Forschungsarbeit nun aber noch in Angriff genommen werden muss, ist nach der Lektüre des verheissungsvoll klingenden Bandes Aus der Frühzeit europäischer Diplomatie klar: Das Frühmittelalter wurde sowohl in dem 2003 von Schwinges/Wriedt herausgegebenen Sammelband Gesandtschafts- und Botenwesen im spätmittelalterlichen Europa als auch im aktuell vorliegenden Band von Zey/Märtl völlig weggelassen. Dafür wurde der Diplomatie des Papstes zu viel Raum gelassen und die in der Einleitung versprochene perspektivische Verschiebung auf die interreligiöse Diplomatie beschränkte sich schliesslich auf lediglich einen Beitrag.