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Für den vorliegenden Artikel für die Gedenkausgabe unserer Zeitung habe ich zurück gegriffen auf einen Text von Luciano Danzi (dem Vater des heutigen Herausgebers Carlo Danzi), den er zum 65. Jahrestag der Zeitung im Jahre 1987 geschrieben hat. Ich ergänze den Text mit einer kurzen Schilderung von dem, was in den seitherigen 35 Jahren mit «Il Paese» geschehen ist.
Unsere Zeitung gedenkt mit dieser Jubiläumsausgabe ihrem 100jährigen Bestehen. Sie wurde erstmals im Oktober 1922 in der Druckerei Nevola & Genti hergestellt als Publikationsorgan einer politischen Bewegung – des „Partito agrario“ (Agrarier) – der zwei Jahre vorher aufkam, und dessen wichtigste Ziele wie folgt zusammengefasst werden konnten:
- Die Überwindung der nutzlosen Dispute zwischen den tonangebenden Parteien, um die Kräfte vermehrt auf die realen Probleme des Landes zu lenken;
- Die Verteidigung der Interessen der Landwirte, die infolge der Wiedereröffnung der Zollgrenzen in eine Krise geraten waren.
Es waren denn auch die Spitzenleute der neuen politischen Bewegung, die der Zeitung zur Taufe standen und für ihr weiteres Gedeihen sorgten: Gaetano Donini, Riccardo Staffieri und Francesco Cattaneo, in Zusammenarbeit mit einem ausserordentlich tüchtigen Zeitungsdirektor, dem Rechtsanwalt Giovanni Battista Mondada aus Minusio.
Seither ist ein Jahrhundert vergangen, in welchem die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse sich radikal verändert haben: Der Aufschwung des industriellen und tertiären Sektors, die Redimensionierung des Agrarbereichs. Der Wohlstand hat beträchtlich zugenommen dank dem Fleiss der Bevölkerung und dem zwischen den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden ausgehandelten Arbeitsfrieden (am Rande sei gesagt, dass mit der leider von den Gewerkschaften mehr und mehr übernommenen „italienischen“ Streitstrategie dieser soziale Friede in den letzten Jahrzehnten oft ernsthaft gefährdet oder gar schlicht und einfach gebrochen wurde).
Es ist nicht unsere Absicht, hier die Entwicklung von „Il Paese“ in jedem Detail darzustellen, ebenso wenig die Hauptprobleme, mit denen der Kanton und die Eidgenossenschaft in jenen Zeiten konfrontiert waren. Dennoch müssen wir, wenn auch nur summarisch, einige Kämpfe erwähnen, in die unsere damalige Wochenzeitung (heute vierzehntäglich erscheinend) Seite an Seite mit der SVP-Deputation im Grossen Rat, stark verwickelt war. In chronologischer Reihenfolge waren das :
- Die Verteidigung der ländlichen „preture“ (regionale Amts- bzw. Bezirksgerichte), die einige Parteien abschaffen wollten, um sie unter dem Vorwand der administrativen Rationalisierung zu zentralisieren; ein Vorstoss, der im Falle eines Erfolges die peripheren Regionen des Kantons sehr stark entmachtet hätte;
- Die Nutzung seitens des Kantons Tessin der Wasserkraft des Monte Piottino, die schweizweit als eine der interessantesten und somit einträglichsten betrachtet wurde. Der Kanton, d.h. Regierung und Grosser Rat, optierte hingegen Jahre danach für die Konzession zur Nutzung für weitaus weniger interessante Projekte. Was Francesco Cattaneo zur Aussage verleitete: Der Kanton verzichtet heute auf das Fleisch und vertröste uns damit, dass uns morgen die Knochen übrig bleiben werden;
- Der Kampf zur Verteidigung der KMU gegen die unerbittliche Konkurrenz durch die weit vernetzten Grossunternehmen;
- Die aufgrund einer Volksinitiative erfolgte Wiedereinführung des Panachage in die kantonale Wahlgesetzgebung (die auf Druck der grossen Parteien abgeschafft worden war), und die Einrichtung der zentralisierten Stimmenauszählung, um damit endlich das Stimmgeheimnis wahren zu können;
- Der Kampf gegen die Legge urbanistica, die dann in der Volksabstimmung eine niederschmetternde Niederlage erlitt, da dieses Gesetz – darüber liess die Präambel keine Zweifel aufkommen – sich an Prinzipien orientierte, die unserer liberalen Gesellschaftsordnung diametral widersprachen;
- Unsere feste Opposition gegen das CUSI-Projekt und gegen den Beitritt der Schweiz zur UNO.
Weiter war ein Konstante unserer Wochenzeitung unser ständiges Eintreten für den Schutz unserer Landwirtschaft und unserer Umwelt, sowie unsere vorgebrachte Kritik an einer gewissen kantonalen Finanzpolitik, die – falls fortgeführt – zur Bankrotterklärung des Staates geführt hätte. Denn wir sind davon überzeugt, dass mit gesunden Finanzen und einer qualitativ guten Beamtenschaft viele Probleme, die den Kanton beschäftigen, recht einfach gelöst werden können. Und je grösser und komplexer diese Probleme sind, umso enger muss die Zusammenarbeit zwischen den Parteien und der Verwaltung und den einschlägigen Wirtschaftsverbänden sein.
Als Wortführerin einer ausgesprochenen Mittepartei sind wir stets für die Suche nach ausgewogenen, übereinstimmenden Lösungen eingetreten; ein typisch schweizerisches Prinzip, das unserer Gesellschaft eine positive Entwicklung ohne Rückschläge oder Revolutionen ermöglicht hat: den wenn immer möglichen Ausgleich zwischen den Interessen von Kapital und Arbeit, zwischen Wohneigentümern und Mietern, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Stadt und Land.
In Ergänzung dieser kurzen Ausführungen haben wir uns mehrfach gefragt, ob es uns gelungen ist, den Idealen der Gründer von „Il Paese“ treu zu bleiben. Das Urteil darüber überlassen wir anderen. Uns genügt es zu wissen, dass wir es versucht haben. Immerhin glauben wir sagen zu können, dass einiges Gutes getan worden ist, schon nur wenn man die Auflage unserer Zeitung in Betracht zieht, die 50% höher liegt als die beschränkte Zahl von SVP-Mitgliedern. Zudem haben wir es, oft als Einzige, verstanden, bei Volksabstimmungen den Volkswillen mittels der Lancierung von Initiativen und Referenden richtig zu interpretieren.
Schliesslich ist es uns ein Anliegen, ein Wort des Dankes auszusprechen für das Druckereiunternehmen Aurora in Lugano-Canobbio, das unsere Zeitung nunmehr schon seit drei Jahren druckt, sowie für alle Unterstützer und Mitarbeiter, die es ermöglichen, dass die Verantwortlichen, Elio Bernasconi und Paolo Camillo Minotti Woche für Woche eine ansehnliche Zeitung herausbringen können.
In diesem kollektiven Dank möchten wir allerdings jemanden hervorheben: Er gilt Giovanni Tettamanti, ehemaliger Grossrat und kantonaler Agrarsekretär, der mit jugendlichem Elan und mit bewundernswertem Sinn für unsere Wertvorstellungen Mitarbeiter unseres Blattes ist. Möge sein leuchtendes Beispiel sein und unseren Exponenten und Sympathisanten als Vorbild dienen und dazu führen, dass die vor 65 Jahren entworfene Idee weitergeführt und erneuert werde.
Soweit die Ausführungen von Luciano Danzi vor 35 Jahren
Die Zeitung setzte ihr Erscheinen während rund 15 Jahren unter der Leitung der bereits erwähnten Elio Bernasconi und Paolo Camillo Minotti fort; sie verfolgten hautnah die „Blochersche“ Wende der Schweizer SVP, deren Erfolg bei der vom Stimmvolk beschlossenen Ablehnung des EWR-Beitritts zum Sprungbrett wurde für das Aufkommen der heute wählerstärksten Partei. Leider wurde besagte „Blochersche“ Wende von der Tessiner SVP erst 1998 erkannt mit der Übernahme der Präsidentschaft durch Dr. Alessandro von Wyttenbach. Das erfolgte spät, denn die Lega dei Ticinesi hatte diese Ausrichtung bereits acht Jahre früher übernommen, und deren Organ „Mattino della Domenica“ hatte – mit einer zehn- bis fünfzehnfach grösseren Auflage – unser Blatt „Il Paese“ als offiziöses Organ der Tessiner Rechten so quasi ersetzt. Aus finanziellen Gründen konnte unser Blatt nur noch vierzehntäglich erscheinen, wobei es seinen Kurs beibehielt, kritisch zu sein und Fehlleistungen in der kantonalen Politik aufzuzeigen. Es lag ihm aber daran, die Dinge beim Namen zu nennen, dies aber – das unterschied unsere Zeitung vom „Mattino“ – in einer streng „orthodoxen“ Sprache, im Gegensatz zu den schrilleren Tönen im Blatt von Giuliano Bignasca. Solche Töne, die heutzutage alltäglich geworden sind, hätten von Elio Bernasconi nie angeschlagen werden können; er war ein Gentleman alten Stils in einer Zeit mit anderen journalistische Usanzen.
Im Jahre 2001 übernahm die Tessiner SVP die Verantwortung für unsere Zeitung, Präsident Dr. Gianfranco Soldati übertrug die Redaktionsleitung an Gianfranco Montù. Mir hat die brüske Art stets missfallen, mit der Elio Bernasconi beiseite geschoben wurde, der nach so vielen Jahren treuem und hingebungsvollem Dienst erwarten durfte, die Zusammenarbeit mit der neuen Trägerschaft fortsetzen zu können. Es war eine unverdiente Kröte, die Bernasconi als Gentleman, ohne aufzubegehren, schluckte.
Montù, ein Berufsjournalist, verpasste dem Blatt einen aggressiveren Stil und begann, Artikel über das internationale Geschehen zu publizieren; sehr interessante Artikel zwar, die aber nicht im Einklang waren mit der bisherigen, bis dahin eher „einheimischen“ Ausrichtung des Blattes. Die Beanstandungen nahmen dauernd zu seitens einer Leserschaft, die es nicht für angebracht hielten, dass eine Zeitung mit einer Auflage von einigen tausend Exemplaren sich anmasste, von der hohen Warte aus die Probleme der Welt lösen zu wollen. „Überlassen wir diese Rolle doch der „Washington Post“ oder dem „Le Matin“ wurde uns geschrieben. Und so kam es zum Bruch. Seine Nachfolge trat dann ich an, der ich schon mit regelmässigen Beiträgen an der Zeitung mitarbeitete.
Da ich als Kantonalsekretär der SVP Tessin und Vorstandsmitglied der SVP Schweiz amtete, und da „Il Paese“ offizielles Parteiorgan geworden war, wurde den Artikeln und Communiqués der Schweizer SVP viel Platz eingeräumt. Im Bewusstsein um die grosse Bedeutung der Deutschschweizer „Kolonie“ im Tessin – was mich dazu erwog, Gründungsmitglied einer auf sie zugeschnittenen deutschsprachigen Sektion (die heutige „ds-SVP-TI“) zu sein – kam ich auf die Idee, ihr in unserem Blatt ein bis zwei deutschsprachige Zeitungsseiten zu widmen. Anfänglich waren das ausschliesslich einige Communiqués der nationalen SVP. Dann schrieb mir einer unserer Leser, dass es schade sei, dass man nur solche publiziere, da es im Blatt doch einige Artikel in italienischer Sprache gebe, die zu übersetzen sich lohne – und er anerbot sich, diese gerne übersetzen zu wollen. Diese Idee wurde sofort in die Tat umgesetzt. Bei besagtem Leser handelte es sich um Rolando Burkhard, mit dem mich seither nebst der professionellen Zusammenarbeit eine herzliche Freundschaft verbindet. Zu meinen eigenen, auf deutsch übersetzten Artikeln kamen dann recht rasch die von ihm geschriebenen eigenen hinzu, die ich jeweils ins italienisch übersetze, und damit wurde das redaktionelle Angebot der zweisprachigen Zeitung massgeblich erweitert. Die Zusammenarbeit mit Rolando Burkhard dauert nunmehr schon seit über 20 Jahren, und es ist lustig, sich daran zu erinnern, dass wir anfänglich, als wir noch kein E-Mail hatten, die Texte mittels normaler Briefpost austauschten, mit den naturgemäss damit verbundenen Zeitverlusten.
In den letzten Jahren kam es zu einer gewissen Zusammenarbeit mit den beiden Deutschschweizer Zeitungen „Weltwoche“ und „Nebelspalter“, von denen wir oft Artikel in beiden Sprachen abdrucken.
Für die deutschsprachigen Seiten konnten wir einige Jahre lang auf die Mitarbeit von Urs von der Crone zählen, der damals Präsident der ds-SVP Tessin war und kulturelle Beiträge schrieb.
Eine weitere, nunmehr über 20jährige Rubrik ist „Spazio musicale“ mit den interessanten Kommentaren von Carlo Rezzonico, der die internationale und schweizerische Musikwelt bestens kennt und aufmerksam verfolgt.
Ebenso lang ist die Zusammenarbeit mit „Sir Drake“, dessen pointierte und sarkastischen Beiträge (die aber stets der leidigen Realität gelten) auf die nationale Politik ausgerichtet sind. Zu den Autoren, die regelmässig Artikel für unsere Zeitung schreiben, zählt selbstverständlich jener, dessen Texte unter den Pseudonymen „Black Rot“, „Patanegra“ und „Ronco“ erscheinen und die sich jeweils kritisch, entrüstet oder humoristisch mit dem politischen Geschehen befassen“.
Dr. Francesco Mendolia übernimmt es, in der Rubrik „L’oasi felice UE“ vierzehntäglich einen Zusammenzug von im Internet publizierten Artikeln über die internationale Politik zu verfassen.
Gelegentlich veröffentlichen wir sodann Artikel von Giuliano Franzosi über überwiegend kommunale Themen oder über die Wahlergebnisse der SVP in den verschiedenen Kantonen.
Seit 2020 hat die SVP Tessin darauf verzichtet, weiterhin Herausgeberin der Zeitung zu sein, und so übernahm Carlo Danzi sie wieder. „Il Paese“ ist nun, trotz seiner weiterhin politisch rechten Ausrichtung, nicht mehr das offizielle Organ der Partei. So steht es ihr frei, auch Beiträge zu veröffentlichen, die Kritik an der Partei üben oder den SVP-Exponenten in den Exekutiven und Legislativen unwillkommen sind.
An Carlo Danzi als Herausgeber unserer Zeitung zu allererst, sodann an Rolando Burkhard, Urs von der Crone, Carlo Rezzonico, Sir Drake, Black Rot, Patanegra, Ronco, Francesco Mendolia, Giuliano Franzosi und alle anderen, die – notabene ohne jede Bezahlung – an unserer Zeitung mitgearbeitet haben oder es weiterhin tun, entrichte ich meinen aufrichtigsten Dank. Denn ohne alle sie hätte „Il Paese“ das 100jährige Jubiläum nie und nimmer feiern können.