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In dem Altersgedicht «Um Mitternacht» (1818) lässt Goethe sein lyrisches Ich zum Pfarrerssohn werden:
«Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne,
Klein, kleiner Knabe, jenen Kirchhof hin
Zu Vaters Haus, des Pfarrers…»
Wie die bedeutendsten deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts, war Goethe von der protestantischen Erziehung geprägt, und dass er im Gedicht das lyrische Ich zum Pfarrerssohn stilisierte, entspricht einem typischen biographischen Merkmal deutscher Dichter seiner Zeit: Gellert, Gottsched, Hölty, Lenz, Lessing, Lichtenberg, August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Schubart, Wieland waren Pfarrerssöhne. «Im 18. Jahrhundert», so der Literaturhistoriker Heinz Schlaffer, «ehe es staatliche Gymnasien mit eigens ausgebildeten Lehrern gab und einen freien, vom Stand unabhängigen Zugang für streng nach ihren Fähigkeiten ausgewählte Schüler, war das Pfarrhaus, wo der Pfarrer seine Kinder selbst unterrichtet, der begünstigte Ort einer nachhaltigen Bildung.»
Auch Johann Paul Friedrich Richter war Pfarrerssohn. Am 21. März 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren und in Joditz im Vogtland aufgewachsen, erhielt auch er von seinem Vater, dem Pfarrer, Unterricht. «Vier Stunden Vor- und drei Nachmittag gab unser Vater uns Unterricht, welcher darin bestand, dass er uns bloss auswendig lernen liess, Sprüche, Katechismus, lateinische Wörter und Langens Grammatik. Wir mussten die langen Geschlechtsregeln jeder Deklinazion sammt den Ausnahmen, nebst der beigefügten lateinischen Beispiel-Zeile lernen, ohne sie zu verstehen.» Der das aus der zeitlichen Distanz rekonstruiert und in der väterlichen Erziehung den Ursprung einer geradezu fetischistischen Buchstabenliebhaberei ausmacht, ist Jean Paul, der Dichter, als den sich Johann Paul Friedrich Richter schreibend erfunden hat: er französisierte seinen Namen unter dem Eindruck der Französischen Revolution und als Ehrerbietung vor Jean Jacques Rousseau. Als Autor satirisch-realistischer Romane, deren Syntax ebenso komplex ist wie ihre Handlungen, hatte er zunächst viel Erfolg bei der – meist weiblichen – Leserschaft, wurde in Weimar und Berlin gefeiert, verlor schliesslich die Gunst des Publikums wieder und wandte sich aus finanzieller Notwendigkeit dem Feuilletonismus zu. «Ein Schriftsteller wie Jean Paul ist mir noch nicht vorgekommen, unter allem was ich seit jeher gelesen habe», urteilte Georg Christoph Lichtenberg 1798. «Eine solche Verbindung von Witz, Phantasie und Empfindung möchte auch wohl ungefähr das in der Schriftsteller-Welt sein, was die grösste Konjunktion dort oben am Planeten-Himmel ist.»
Ab etwa 1791 also wurde Jean Paul zum Pseudonym, das gleichsam für das dichterische Ich stand. Denn nicht nur taucht ab und zu eine Figur mit dem Namen Jean Paul in den Romanen auf und wird in Nachworten, Appendizes und Nebentexten souverän die erzählende mit der erzählten Figur verwechselt, sondern in fast ununterbrochener Schreib- und Umschreibarbeit wird Autobiographisches literarisch verfremdet und die eigene Literatur autobiographisch verdichtet, so dass ein geradezu philosophisches Ich entsteht, das erzählt und sich erzählt. «Alle meine Schreiberei ist eigentlich innere Selbstbiographie; und alle Dichtwerke sind Selblebenbeschreibungen, denn man kennt und lebt eben kein anderes Leben als das eigne.»
Wie kaum ein anderer Autor seiner Zeit hat Jean Paul das Erzählen als biographisches Erzählen aufgefasst. Mehrere seiner Romane nannte er «Biographie» oder «Lebensbeschreibung», er veröffentlichte einen «bevorstehenden Lebenslauf» und integrierte immer wieder spielerisch seinen Namen in den Buchtitel. So heisst es in «Bemerkungen über den Menschen»: «Ein Roman ist eine veredelte Biographie», und in den «Vorarbeiten zur Selberlebensbeschreibung»: «Der Selbbiograph kann doch keine Handlung oder sonst etwas nennen, was besser wäre als sein bestes Buch. Denn alles andere von ihm [ist] kleiner als seine Schöpfungen. Warum ist denn die Welt so begierig auf eine Lebenbeschreibung? Nicht aus Bosheit. Aber sie will den Übergang des Geistigen ins Leben und Individ[uum] sehen.» In dem ständigen Versuch, den «Übergang des Geistigen ins Leben» zu beschreiben, wurde Jean Paul zu einem subtilen Beobachter seines eigenen Schreibens, und indem er aus dem Ich die Welt erschliessen wollte, wurde ihm das Erzählen zum Selbsterzählen – nicht zum Erzählen über das Selbst, sondern zum Erzählen des Selbst. «Aus mir mach’ ich die meisten Bemerkungen; und ich kenne vielleicht die Menschen nicht, aber ich kenne doch mich», heisst es 1782 in «Bemerkungen über den Menschen».
Dass diese Selbstkenntnis in besonderem Masse auf die Schreib- und Denkarbeit bezogen war, kann man an den jetzt zum ersten Mal in einem Band gesammelten autobiographischen Texten erkennen. Mit Ausnahme der «Konjektural-Biographie» waren diese Texte zu Lebzeiten Jean Pauls unveröffentlicht geblieben, die meisten wurden erst in der historisch-kritischen Ausgabe ediert. In dem vorliegenden Band nun sind die Konvolute chronologisch geordnet und mit einem ausführlichen Kommentar und einem ergiebigen Nachwort versehen. So wird ersichtlich, dass Jean Paul sein Schreiben stets kritisch beobachtet und über die Kontingenz zwischen Leben und Literatur reflektiert hat. Nicht, dass er Lebensszenen in seine Literatur hätte eingehen lassen – durch phantastisch oder pikaresk überhöhte Handlungen entging er jeder solchen Versuchung; aber er förderte die Identifikation zwischen Erzähler und Romanfigur, wenn er etwa die «Selbstlebensbeschreibung» und die «komische Geschichte» des Apothekers Nikolaus Marggraf, die er in «Der Komet» (1820–1822) erzählte, ineinanderzuarbeiten plante und biographische Episoden, sei es als Pseudophantasie wie in der «Konjektural-Biographie», sei es als auktoriale Erzählung in der dritten Person wie in der späteren «Selberlebensbeschreibung», verfasste. Dabei versuchte Jean Paul weder die moderne Offenlegung der Fiktionsleistung, noch trieb er das postmoderne Spiel mit fiktionalen Ebenen; ihm wurde das Schreiben zur existentiellen Handlung, zur Lebenshaltung: die Beschreibung des Lebens als Lebenserschreibung. «Das Wichtigste in einer Autobiographie eines Autors ist eigentlich das seines Schreibens, der Schreibstunde, seiner körperlichen Verhältnisse zu seinen Arbeiten.» So werden Jean Pauls autobiographische Fragmente zu einem Metatext über das autobiographische Schreiben.
Nicht zufällig galt Goethes «Dichtung und Wahrheit» Jean Paul als Negativbeispiel einer Autobiographie. «Mein Leben kann nur ich beschreiben, wie ich das Innere gebe; das von Goethe hätte ein Nebenherläufer beobachten und also mitteilen können.» Tatsächlich war Jean Paul sein eigener Nebenherläufer, schreibend und beschreibend zugleich. Von den «Tagebuch-Blättern» und der «Konjektural-Biographie» von Anfang und Ende der 1790er Jahre über die Fragment gebliebene «Selberlebensbeschreibung» von 1818 bis1819 bis zu den Notaten des «Vita-Buchs», die eine Zeitspanne ab 1804 und bis 1823 abdecken, entsteht ein dichterisches Ich, das nicht bloss beschrieben, sondern vor allem erschrieben ist. «Ich als ich kann mir nichts sein», notiert Jean Paul im «Vita-Buch», «nur als eine Kraft.» Diese war Kraft der Selbstbeobachtung ebenso wie der Selbstbeschreibung. «Beschreibe das Beschreiben des Lebens», lautet ein Imperativ aus den «Vorarbeiten zur Selberlebensbeschreibung». Wie ein thematisches Motiv notiert Jean Paul Anleitungen zur eigenen Biographie, denkt sich Titel dafür aus oder stellt Bezüge zu seinen Romanen her und impliziert dabei immer wieder die Parallelität zwischen Lebens- und Werkbeschreibung. Als er 1825 starb, hinterliess er ein auswucherndes Werk wie einen «Papierdrachen», das zwar für Grimms Deutsches Wörterbuch üppig exzerpiert, aber kaum gelesen wurde. Schon 1819 notierte Jean Paul in den «Merkblättern»: « ‹Mein Leben› – Mein letztes Buch, bestehend in mehreren Büchern.»
Jean Paul, «Lebenserschreibung». Veröffentlichte und nachgelassene autobiographische Schriften. Herausgegeben von Helmut Pfotenhauer unter Mitarbeit von Thomas Meissner. München: Hanser 2004.
Stefana Sabin, geboren 1955, schreibt als freie Kulturkritikerin insbesondere für die NZZ und die FAZ.