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Wie ein etwas zerzaustes Dreieck, das auf einer Spitze balanciert: So sieht das österreichische Dorf Jungholz auf einer Karte aus. Das «Stück Tirol im Allgäu», wie die Gemeinde oft genannt wird, ist jedoch keine richtige Exklave von Österreich, da das Gemeindegebiet an einem Punkt mit dem Mutterland zusammenstösst. Da diese Verbindung jedoch nur wenige Meter breit ist und zudem nahe beim Gipfel des 1636 Meter hohen Sorgschrofens liegt, ist Jungholz eine funktionale Exklave oder Quasi-Exklave. Im Auto oder im Öffentlichen Verkehr erreicht man das restliche Österreich von Jungholz aus lediglich über den Umweg über die bayrischen Nachbargemeinden.
Der Grundstein für das Exklavendaseins des Tiroler Dorfes wurde im Mittelalter gelegt: 1342 erwarb ein Käufer aus dem Tirol das Gebiet. Heute gehört Jungholz zum Zollanschlussgebiet Deutschlands und hat zwei Postleitzahlen – eine österreichische und eine deutsche. Gültig ist allerdings nur der österreichische Posttarif. Da in Jungholz das österreichische Bankgeheimnis gilt, gibt es viele deutsche Bankkunden, die ihr Geld dort anlegen.
Dieses Stück Berlin illustriert wie kaum ein anderes Stück Land, wie sich die Durchlässigkeit von Grenzen verändern kann – und welche Auswirkungen das haben kann. Der rund 300 Einwohner zählende Ortsteil gehört zu Wannsee und damit zum Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, ist aber fast vollständig vom Gebiet der brandenburgischen Stadt Potsdam umschlossen.
Diese nicht sehr bedeutende Stadtgrenze wurde nach dem Zweiten Weltkrieg plötzlich zu einer Systemgrenze: Potsdam gehörte nun wie ganz Brandenburg zur Sowjetischen Besatzungszone, aus der 1949 die DDR hervorging, während Steinstücken zum Amerikanischen Sektor in Westberlin kam. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 befestigte die DDR die Grenze hier mit einer gesonderten Mauer; ab 1963 war der Ortsteil komplett von Westberlin abgeschlossen. Die USA richteten einen Militärposten ein, der per Helikopter versorgt wurde.
Erst 1972 erhielt die Exklave durch Gebietsabtausch mit der DDR einen schmalen Korridor – faktisch nur eine Strasse –, der sie mit Westberlin verband. Die Strasse wurde beidseits mit einer Mauer abgeschlossen. Steinstücken entwickelte sich dadurch zu einer Sehenswürdigkeit und blieb dies bis zum Mauerfall 1989. Seither hat die Grenze wieder zu ihrer einstigen Bedeutungslosigkeit zurückgefunden.
Eine ehemalige Eisenbahnstrecke sorgt heute noch im Grenzgebiet von Belgien und Deutschland für komplizierte Grenzverhältnisse: die Vennbahn. Die Bahn wurde 1889 in Betrieb genommen und verband Troisvierges in Luxemburg über das Hohe Venn mit Aachen. Bis zum Ersten Weltkrieg war nichts Besonderes am Verlauf dieser Bahnstrecke, doch nach dem Krieg änderte sich das: Belgien erhielt 1920 aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags die deutschsprachigen, ehemals preussischen Kreise Eupen und Malmedy, so dass die Vennbahn nun abwechselnd durch belgisches und deutsches Gebiet verlief.
Damit nicht genug: Weil Belgien darauf bestand – und es durchzusetzen vermochte –, dass die Trasse der Bahn mit einem beidseitigen Streifen von fünf Metern belgisches Hoheitsgebiet wurde, entstanden sechs deutsche Exklaven, die dadurch vom restlichen Reichsgebiet getrennt waren. Dieser Zustand setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg fort und bestand auch weiter, als die Bahn aufgrund des rückläufigen Passagier- und Frachtaufkommens bis 1989 Stück um Stück stillgelegt wurde. Immerhin verringerte sich die Zahl der deutschen Exklaven auf fünf, weil Belgien 1958 einen Trassenabschnitt bei Hemmeres an Deutschland zurückgab. Heute sind die Gleise vollständig zurückgebaut und auf der Trasse verläuft ein Fahrradweg – nach wie vor auf belgischem Hoheitsgebiet.
Die Niederlande und Belgien haben viel gemeinsam, unter anderem eine rund 450 Kilometer lange Grenze. Die weist eine Besonderheit auf: In der niederländischen Provinz Noord-Brabant liegt eine belgische Gemeinde, die zur Provinz Antwerpen gehört. Diese belgische Exklave ist kein kompaktes Gebilde, sondern besteht aus nicht weniger als 22 Teilen – von denen zwei wiederum insgesamt sieben niederländische Enklaven umschliessen. Bei diesen handelt es sich also um Unter-Enklaven.
Die Ursprünge für diesen Wirrwarr liegen im Hochmittelalter: Die Gemeinde Baarle ist seit dem 12. Jahrhundert als Folge eines Streits zwischen zwei Feudalherren – dem Herzog von Brabant und dem Grafen von Nassau – in zwei Teile getrennt. Die beiden Ortsteile, Baarle-Hertog (von «Herzog») und Baarle-Nassau, lagen zuerst im selben Königreich, aber mit dem Westfälischen Frieden von 1648 gelangte Baarle-Nassau an die Republik der Vereinigten Niederlande und Baarle-Hertog an die Spanischen Niederlande – aus denen schliesslich 1830 Belgien hervorging.
Heute ist die geteilte Gemeinde ein Kuriosum, das Touristen und Ausflügler anzieht. Sie ergötzen sich am verworrenen Grenzverlauf, der 1995 zentimetergenau vermessen wurde und im Ort durch Markierungen kenntlich gemacht ist. Die Grenze verläuft zum Teil durch einzelne Häuser, wobei die Lage der Haustür die Staatszugehörigkeit bestimmt. Ein Gebäude besitzt sogar zwei Eingänge – je einen auf der belgischen und niederländischen Seite der Grenze.
Manchmal eröffnen komplizierte Grenzverläufe ungeahnte Möglichkeiten. Dies ist der Fall mit dem Scheinstaat Liberland an der serbisch-kroatischen Grenze, die grösstenteils entlang der Donau verläuft. Flüsse eignen sich normalerweise gut als Grenze, und das war hier zu Beginn ebenfalls so. Als aber die Donau, die in dieser Gegend zahlreiche Schleifen aufwies, begradigt wurde, begann der Zwist. Seit dem Zerfall Jugoslawiens hat er an Schärfe gewonnen – Kroatien hält an der ursprünglichen, stark ausgebuchteten Grenze fest, während Serbien den heutigen Lauf der Donau als Grenze betrachtet.
Die unterschiedliche Sicht auf den korrekten Grenzverlauf führt zu einer kuriosen Situation: Mehrere grosse Gebietstaschen, die früher westlich der Donau lagen, befinden sich nun östlich des begradigten Flusses (siehe Karte oben). Kroatien betrachtet sie als sein Staatsgebiet, da es den alten Lauf der Donau als massgeblich sieht. Aber auch Serbien erhebt Anspruch auf diese Taschen, denn für Belgrad ist der heutige Lauf der Donau ausschlaggebend. Diese Präferenz ist nicht zufällig; beide Staaten favorisieren jenen Grenzverlauf, der ihnen das grössere Gebiet sichern würde.
Deshalb will Serbien nichts mehr von den wenigen Gebietstaschen wissen, die sich auf der westlichen Seite der heutigen Donau befinden. Kroatien hat ebenso wenig Interesse daran, denn es hält lieber am Anspruch auf die grösseren Gebiete östlich der Donau fest. Das grösste Stück Niemandsland, das dadurch entstanden ist, nimmt eine Fläche von sieben Quadratkilometern ein. 2015 nahm der tschechische Politiker Vít Jedlička das menschenleere Sumpfgebiet in Besitz und rief dort die «Freie Republik Liberland» aus. Der nicht anerkannte Staat verfügt über eine Website, über die Interessenten die Staatsbürgerschaft beantragen können – sofern sie keine Nazis oder Kommunisten sind. Unter den zahlreichen Anwärtern befinden sich auch einige Schweizer.
Einst lebte hier der baltische Stamm der Prussen, der im 13 Jahrhundert vom Deutschen Orden unterworfen und danach mit Hilfe deutscher Siedler germanisiert wurde. Heute liegt hier die Oblast Kaliningrad – das westlichste Stück Russland. Das Gebiet ist eine russische Exklave, deren Bewohner zwei fremde Staaten durchqueren müssen, wenn sie das Mutterland auf dem Landweg besuchen wollen.
Wie ist es dazu gekommen, dass Russland so weit im Westen ein Stück Land besitzt, das nicht mit dem restlichen Staatsgebiet verbunden ist? Die heutige Situation ist das Ergebnis zweier historischer Vorgänge: Zwei Kriege und ein staatlicher Kollaps haben aus dem ehemaligen Ostpreussen eine russische Exklave geformt.
Jahrhundertelang hatte das Gebiet an der Pregel zu Preussen gehört und war mit diesem Teil des Deutschen Reiches geworden. 1920, nach dem Ersten Weltkrieg, wurde Ostpreussen eine deutsche Exklave, weil nun der polnische Korridor das Gebiet von Deutschland trennte. Die totale Niederlage des «Dritten Reiches» im Jahr 1945, die auf Hitlers Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion folgte, zerriss die Verbindung mit Deutschland.
Das südliche Ostpreussen wurde polnisch, das nördliche sowjetisch; die deutschen Einwohner wurden vertrieben. Kaliningrad, wie Königsberg nun hiess, war zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Exklave – zumindest keine sowjetische, wohl aber eine russische innerhalb der UdSSR. Erst mit deren Kollaps und Auflösung 1991 verlor die Oblast Kaliningrad den territorialen Zusammenhang mit dem Mutterland.