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Denn unabhängig davon, wie viel wir erlebt, wie viel wir geliebt, gesprochen und getan haben: Der Mensch, so Chomsky, zeichnet sich genau dadurch aus, dass er sich nur eine Handvoll Fragen stellen und nur eine Handvoll Gedanken machen kann. Andere werden ihm immer fremd und Mysterium bleiben – und den Grund dafür findet man in den kognitiven Fähigkeiten des Menschen, die ihm gleichzeitig Grenzen setzen, was seine Art Fragen zu stellen angeht.
Was ist Sprache? So lautete die Frage, mit der sich Chomsky sein Leben lang auseinandergesetzt hat. Man kann nicht wissen, was der Mensch ist, wenn man nicht das eine betrachtet, dass ihm eigen ist – seine Sprache. Für Chomsky ist allen Sprachen etwas gemeinsam, sie haben gemeinsame Eigenschaften. So weiss man heute, dass jede Sprache nach gewissen Regeln funktioniert, die anscheinend in unserer Biologie verankert sind. So kann selbst ein Kind beim englischen Satz „instinctively, eagles that fly swim“ wissen, dass das Adverb „instinctively“ mit dem Verb „swim“ und nicht mit dem Verb „fly“ assoziiert ist. Es kann nur einen Grund dafür geben, dass jedes Kind nicht lange überlegen muss, um das zu wissen, wie in empirischen Untersuchungen festgestellt wurde. Der Grund ist, dass unsere Sprachfähigkeit eine biologische Basis hat, die Chomsky die „Basis Property“ nennt. Diese lässt uns gar keine andere Wahl, als die schwerere der beiden Möglichkeiten (entweder das Adverb „instinctively“ auf „fly“ oder „swim“ zu beziehen) als die richtige anzusehen. Das Adverb auf „fly“ zu beziehen wäre deshalb leichter, weil es näher am Wort „instinctively“ liegt, doch unsere biologische Sprachbasis lässt uns anscheinend strukturell denken. Wir erkennen nur die Sätze als grammatikalisch korrekt an, bei denen eine gewisse minimale, strukturelle Distanz zwischen Adverb und Verb liegt.
Der Phänotyp der menschlichen Sprache – und zwar jeder Sprache – bezeichnet also diese biologische Basis, die uns allen eingegeben ist. So erklärt es sich auch dass sich die menschliche Sprache, soweit wir mit den wenigen Informationen, die uns zur Verfügung stehen feststellen können, im Laufe der Evolution scheinbar von einem Moment auf den andern entwickelt hat. Unser Gehirn muss damals die „Basic Property“ entwickelt haben.
Aber haben Tiere nicht auch Sprache? Wenn sie es haben – dann haben sie keine menschliche Sprache. Wenn ein Schimpanse das Zeichen für „Apfel“ gibt (so stellt die Leiterin des berühmten NIM-Projekts Laura-Ann Petitto fest) so benutzt er dieses um auf verschiedenes zu referieren: „Gib mir einen Apfel“, „Der Apfel ist dort“, „Ich mag den Apfel“ etc. Ein Schimpanse zeigt auch nach jahrelangem Training nicht die Sensitivität und Differenziertheit, die Menschen scheinbar schon von früh an bezüglich Sprache zur Schau stellen. Die menschliche Sprache ist ein einzigartiger Phänotyp.
Menschliche Sprache zu besitzen – das ist Fluch und Segen zugleich. Denn wenn Sprache etwas Biologisches ist, dann schränkt uns dies konsequenterweise auch ein. Dass wir Beine zum Gehen haben bedeutet, dass wir nicht wie Schnecken kriechen können. Dass wir Sprache haben bedeutet, dass wir uns nur gewisse Fragen stellen, nur gewisse Gedanken machen können. Die Philosophie findet oftmals „hard problems“, wo es sich schlicht und einfach um ein Gebiet handeln könnte, das den menschlichen, kognitiven Fähigkeiten nicht zugänglich ist, wo Menschen aufgrund ihrer kognitiven Grenzen nicht die richtigen Fragen stellen können. Dies mag frustrierend sein, doch es macht uns zu den Wesen, die wir sind. Es führt dazu, dass wir so denken können wie wir denken, dass wir Konzepte wie Liebe, Leben und Tod verstehen können, und andere, wie zum Beispiel, dass Materie Bewusstsein produziert, nicht. Mensch zu sein: Das ist sich zwischen Sprache und Mysterium zu bewegen.