Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03186.jsonl.gz/667

Max Stückelberger wurde am 20. März 1919 im Pfarrhaus in Gebensdorf (AG) als Sohn von Rudolf Stückelberger und Elsa Stückelberger-Pestalozzi geboren. Die Mutter stammte aus einer Arztfamilie aus Männedorf, der Vater, selber Pfarrer, aus einer Pfarrfamilie in Basel. Nachdem dieser im Jahre 1925 zum theologischen Leiter des Diakonissenhauses in Riehen berufen worden war, erlebte Max von seinem 7. Lebensjahr an in Riehen den grössten Teil der Kindheit und die ganze Schulzeit bis zur Matura am Humanistischen Gymnasium in Basel 1938. In Basel lebte er während des grösseren Teils des Theologiestudiums und hierhin kehrte er mit seiner Frau nach seiner Pensionierung an Ostern 1984 zurück. So lebte er rund 41 von seinen fast 88 Lebensjahren, also fast die Hälfte, in Riehen. Hier war sein Zuhause.
Die Kinder- und Schulzeit erlebte er als unbeschwert im Kreis der grossen Familie mit drei Brüdern und drei Schwestern. Auch wenn er – nach eigener Einschätzung – „kein glänzender Schüler“ war, bedeutete ihm die klassische humanistische Bildung sehr viel. Wichtig waren ihm daneben die Pfadfinderei, die Schülerverbindung Concordia, später dann die Zofingia sowie die Freundeskreise, besonders das sogenannte „Ruderkollegium“, welches für ihn seit dieser Zeit bis zum Tod neben der Familie sein wichtigstes Beziehungsnetz bildete.
Das Theologiestudium von 1938 bis 1944 war besonders geprägt vom Zweiten Weltkrieg und von zwei berühmten Theologieprofessoren. Das Studium war durch langen Aktivdienst von insgesamt über zwei Jahren (754 Tagen) immer wieder unterbrochen, Auslandsemester waren selbstredend unmöglich. So studierte er fast ganz in Basel, tief geprägt vom wohl bedeutendsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth. Im Wintersemester 1941/42 studierte er in Zürich, besonders bei Emil Brunner, mit dessen Theologie des Anknüpfungspunktes beim Menschen er aber zeitlebens kritisch umging. Prägend war auch sein einjähriges Lernvikariat 1944/45 bei Prof. Eduard Schweizer in Nesslau im Toggenburg. Dass sie zusammen jeden Morgen um 6 Uhr eine Stunde das griechische Neue Testament übersetzten, zeigte die intensive theologische Schulung, welche Max Stückelberger in seinem ganzen Wesen und Denken prägte.
Nach der Ordination zum VDM am 17. Juni 1945 in Riehen, kürzeren pfarramtlichen Stellvertretungen und einigen Monaten Mitarbeit in Kinderlagern für kriegsgeschädigte Kinder, arbeitete er 1946 für die Schweizer Spende in Gelsenkirchen im Ruhrgebiet. Kurz vor Weihnachten 1946 wurde er in Wingen, im Nord-Elsass, direkt an der Grenze zu Deutschland, ins Pfarramt eingesetzt. Er gehörte zu einer Gruppe von rund zwanzig jungen Pfarrern aus der Schweiz, die so nach dem Krieg die pfarrerlosen Gemeinden im Elsass unterstützten.
In diese Zeit fiel auch die Gründung der Familie. Im August 1948 heiratete er Dorothee Schnyder, die er in einem Lager der „Jungen Kirche“ kennengelernt hatte. Als begabte Hauswirtschaftslehrerin amtete sie als Köchin der Lager, welche Eduard Schweizer leitete. Sie war 1946 ebenfalls im Einsatz im Ruhrgebiet. In Wingen wurden dem Paar die drei Kinder Elisabeth, Christoph und Eva geschenkt, das vierte Kind, Johannes, am Ort der nächsten Pfarrstelle, in Neunkirch SH.
Das berufliche Leben von Max Stückelberger war klar geprägt von den drei Kirchgemeinden, in denen er tätig war: Wingen (mit den Gemeinden Lembach und Climbach) 1946-1954, Neunkirch SH 1954-1963 und Kulm AG (mit Oberkulm und Teufenthal) 1963-1984. Er übte den Beruf mit grosser Leidenschaft und viel Einsatz aus. Predigt und Gottesdienst standen im Zentrum, er hatte aber auch viel Unterricht zu erteilen. In Unterkulm hatte er in den geburtenstarken Jahrgängen bis zu hundert Konfirmandinnen und Konfirmanden pro Jahr. Bibelstunden, Sammlungen für Mission und Entwicklungszusammenarbeit und die Seelsorge lagen ihm am Herzen. Wichtig war ihm auch die Jugendarbeit. Von Wingen aus setzte er sich für die Gründung eines Jugendzentrums auf dem Liebfrauenberg im Elsass ein. In Neunkirch führte er mit der Jungen Kirche (JK) eindrückliche Theateraufführungen von Frisch und Dürrenmatt auf. Und in Kulm entstand eine lebendige JK mit vielen Lagern. Daneben nahm Max Stückelberger immer auch übergemeindliche Aufgaben wahr: Von Neunkirch aus sieben Jahre lang als Kirchenratssekretär der kantonalen Kirchenleitung, als Präsident der Evangelischen Buchhandlung Schaffhausen, in der Vorstandsarbeit der Arbeitsgemeinschaft Kirche-Judentum und von Pro Senectute, sowie als Mitredaktor des Schaffhauser Kirchenboten. Von Kulm aus war er Dekan und Vertreter in der Synode, präsidierte die Krankenpflege und engagierte sich als Industriepfarrer mit zahlreichen Tagungen für leitende Personen aus der Privatwirtschaft in der Aargauer Heimstätte Rügel.
Seine Frau Dorothee nahm neben den Familienaufgaben in der klassischen Rolle als Pfarrfrau vielfältige Aufgaben in der Gemeinde wahr, insbesondere Missionsarbeit, Wochengebete, Orgelspiel und Beteiligung an der Seelsorge.
Ein ganzes Viertel seiner Lebenszeit, nämlich 22 Jahre, umfasste die Zeit seit der Pensionierung 1984. Die ersten zehn Jahre war er intensiv engagiert für die tamilischen Flüchtlinge als Präsident der Freiplatzaktion Basel. Er schrieb hunderte von Rekursen für abgewiesene Asylbewerber und hatte zeitweise über zwanzig Wohnungen in Basel auf seinen Namen für Asylbewerber gemietet, die sonst keine Wohnung erhalten hätten.
Besonders ausgeprägt pflegte er nach der Pensionierung verschiedene Freundeskreise: den „jour“, bei dem es sich um einen Kreis von Freunden aus der Studentenzeit handelte, den Kreis der Aktivdienstler, den Bibelkreis, den Singkreis von Arthur Eglin, den Arbeitskreis Arzt-Pfarrer und das Pfarrerabendmahl. Nach dem Tod seiner Frau Dorothee am 29. Dezember 2001 reduzierte er viele seiner Tätigkeiten. Sein Körper wurde schwächer. Eine ihn immer stärker belastende Angina pectoris sowie mehrere Herzattacken führten dazu, dass er im Oktober 2005 die Wohnung am Bachtelenweg in Riehen aufgeben musste. Der Umzug ins Alterszentrum Wendelin war für ihn eine Entlastung. Er fühlte sich dort wohl und sehr gut aufgehoben. Noch wenige Tage vor seinem Tod liess er sich Psalmen aus der eben erschienenen „Bibel in gerechter Sprache“ vorlesen. Er verglich sie mit andern Übersetzungen und führte darüber mit Angehörigen – wenn auch mit geschwächter Stimme – theologische Diskussionen. Er war ein suchender Geist und zugleich von Glaubensgewissheit getragen. Am frühen Weihnachtsmorgen 2006 ist er friedlich in das Licht Gottes hinübergetreten.
In seinen 1999 eigenhändig verfassten „Skizzen zur Wahrnehmung meines Lebens“, schreibt er, vier Pfeiler, Haken oder Koordinaten hätten sein Leben geprägt und getragen, nämlich: „Grenzen, Menschenwürde, Führung und Gnade“. Dabei sei ihm besonders die Gnade wichtig gewesen, sie sei der stärkste Haken gewesen, ohne den die andern nicht getragen hätten – die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.
Christoph Stückelberger, Zürich