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| Athanasius (295-373) - Über die Beschlüsse der Synode von Nizäa (De decretis Nicaenae synodi)

6.
Sie sagen also, wie es auch jenen gefiel, und wie sie zu sagen gewagt haben: „Nicht immer war der Vater, nicht immer der Sohn; denn der Sohn war nicht, ehe er gezeugt wurde; sondern auch er wurde aus Nichts gemacht; daher war Gott nicht immer der Vater des Sohnes; sondern da der Sohn gemacht, und geschaffen wurde, da wurde auch Gott dessen Vater genannt. Denn etwas Geschaffenes und Gemachtes ist das Wort, und ungleich und fremd ist es in Bezug auf das Wesen des Vaters; aber auch nicht der Natur nach und nicht das wahre Wort des Vaters ist der Sohn, noch ist er dessen alleinige und wahre Weisheit, sondern er ist ein Geschöpf und Eines aus den gemachten Dingen, und wird nur durch Mißbrauch Wort und Weisheit genannt. Denn durch das Wort, welches in Gott ist, entstand auch er, wie alle Dinge. Demnach ist der Sohn auch nicht wahrer Gott.“ Ich möchte sie nun zuerst um dieses fragen, was eigentlich der Sohn sey, und was dieser Name bedeute, damit auf diese Weise sie selbst verstehen können, was sie sagen. Denn die göttliche Schrift gibt uns eine doppelte Bedeutung dieses Namens an, die eine nämlich, über welche Moses in dem Gesetze sagt:1 [S. 197] „Wenn ihr höret auf die Stimme des Herrn, euers Gottes, so daß ihr beobachtet alle seine Gebote, welche ich dir heute auftrage, daß du thuest, was recht und gefällig ist vor dem Herrn deinem Gotte; so seyd ihr Söhne des Herrn, unsers Gottes.“ Wie auch Johannes im Evangelium sagt:2 „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Die andere Bedeutung dieses Wortes aber ist die, nach welcher Isaak der Sohn des Abraham, und Jakob der des Isaak, und die Patriarchen die Söhne des Jakob sind. In welcher von diesen beiden Bedeutungen glauben sie nun, daß er der Sohn Gottes sey, da sie solche Dinge über ihn fabeln? Denn ich weiß gar wohl, daß sie mit den Eusebianern in derselben Gottlosigkeit zusammentreffen werden. Wenn sie also das Wort Sohn in der erstern Bedeutung nehmen, wie auch diejenigen sind, welche in Folge der Sittenverbesserung die Gnade dieses Namens erwerben und die Macht erhalten, Kinder Gottes zu werden; denn dieses sagten auch jene: so schiene er wohl von uns nicht verschieden zu seyn, und wäre nicht eingeboren, weil auch er wegen der Tugend den Namen „Sohn“ erlangt hätte. Denn sollte es auch, wie sie vorgeben, zuvor erkannt worden seyn, daß er ein solcher seyn werde, und sollte er zuvor und zugleich mit der Geburt diesen Namen und die Würde dieses Namens erhalten haben; so wird doch kein Unterschied seyn zwischen ihm und denjenigen, welche nach den Handlungen den Namen empfangen haben, so lange er auf diese Weise für einen Sohn wird gehalten werden. Denn Adam, welcher im Anfange die Gnade erhielt, und sogleich nach seiner Entstehung in das Paradies versetzt wurde, war nicht verschieden von Enoch, welcher erst einige Zeit nach seiner Geburt, da er Gott wohl gefiel, entrückt wurde, noch von dem Apostel, welcher gleichfalls nach seinen guten Werken in das Paradies entzückt [S. 198] ward, ja nicht einmal von jenem Räuber, welcher wegen des Bekenntnisses die Verheissung erhielt, daß er alsobald im Paradiese seyn werde.
1: Deuter. XIII, 18, u. XIV, 1.
2: Joh. I, 12.