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Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, höchstpersönlich liess 2019 zum ersten Mal in der französischen Geschichte das Marsfeld (Champ-de-Mars) am Fusse des Eiffelturms sperren, um einem riesigen Street-Art-Kunstwerk Platz zu machen. Auf der Grossgrünfläche von 780 Meter Länge, auf der sich sonst täglich 30 000 Personen tummeln, sprayte der Freiburger Künstler Saype zwei ineinandergreifende Arme als Hommage an die Flüchtlingshelfer im Mittelmeer. Das Werk mit dem Titel «Beyond Walls» wurde schätzungsweise von einer halben Milliarde Menschen live oder in den Medien gesehen.
«In einer Zeit, in der religiöse oder andere Werte keinen Stellenwert mehr haben, suchte ich meinen Platz in der Gesellschaft, wollte eine Spur hinterlassen.»
Mit einem Underground-Künstler und den damit verbundenen Clichés hat der Mann, den die FN in seinem Zuhause am Stadtrand von Bulle treffen, so gar nichts zu tun. Schon gar nicht ohne sein Cap, das er normalerweise zu Interviews oder bei seiner Arbeit trägt. Er könnte auch der nette Primarlehrer von nebenan sein.
Nur ein bisschen Rebell
«Das sagen viele, wenn sie mich sehen», lacht Guillaume Legros alias Saype. Aufgewachsen in einer mittelständischen Familie im französischen Belfort überkam ihn das Rebellentum mit 14 Jahren. «In einer Zeit, in der religiöse oder andere Werte keinen Stellenwert mehr haben, suchte ich meinen Platz in der Gesellschaft, wollte eine Spur hinterlassen.» Und so begann er mit dem Sprayen. Seine Graffitis unterschrieb er jeweils mit «Saype» – eine Abkürzung für Say Peace (Sag Frieden). «Ich war angefressen davon, sprayte wann immer möglich und schwänzte dafür schon mal den Unterricht.» Allerdings platzierte er seine Graffitis nur an Orten, an denen er keinen persönlichen Schaden anrichtete, etwa in Unterführungen oder U-Bahnstationen; Privateigentum war tabu. «Ich war zwar ein Rebell, aber nur ein bisschen.»
Von der Street- zur Landart
In diesen jungen Jahren und auch während seiner Ausbildung zum Pflegefachmann tobte sich Saype vor allem als Street-Art-Künstler aus. Irgendwann trieb ihn die visuelle Verschmutzung in den Städten, wie er sagt, aufs Land hinaus. «Ich suchte nach neuen Ausdrucksmitteln.» Und so erfand er eine biologisch abbaubare Farbe, um fortan einzigartige und vergängliche Werke in der Natur realisieren zu können. Mithilfe seiner drei Mitarbeiter, mit denen er seit Kindertagen befreundet ist, reist der Graffiti-Künstler heute um die Welt, tausende Liter Farbe im Gepäck.
Tausendfach vergrössert
Bevor sich Saype an die überdimensionalen Werke wagt, zeichnet er eine Skizze. Dann macht er ein Foto davon und reproduziert dieses im Verhältnis 1:1000. Im Feld schlägt er als Bezugspunkte Pflöcke ein, um in den richtigen Dimensionen zu bleiben. «Das Blickfeld ist begrenzt. Ich sehe nie bis zum Ende des Gemäldes.» Darum ist das Gelingen auch eine Frage von Erfahrung und Intuition. Ob das Bild stimmig ist, lässt sich aber erst mithilfe einer Drohnenaufnahme beurteilen. Bisher sei ihm noch nie ein Bild völlig aus den Fugen geraten, sagt Saype. «Das bedingt aber auch, dass ich mich extrem konzentriere. Ein falscher Strich, und das Bild ist futsch.» Bei einem grossen Projekt arbeiten er und sein Team während zehn Tagen fünfzehn Stunden täglich nonstop. «Das letzte Mal habe ich fünf Kilogramm abgenommen.»
Werke auf der ganzen Welt
So sind in den vergangenen Jahren ineinandergreifende Arme in Paris, Genf, Ouagadougou und Yamoussoukro entstanden, eine weggeworfene PET-Flasche in den Vogesen, Reflexionen über das menschliche Dasein in Form von Porträts, etwa auf dem Rocher de Naye oder in Leysin. In Leysin hat Saype eine Wiese in 1200 Metern Höhe zu seiner Leinwand gemacht. Unter dem Titel «Beyond Crisis» malte er ein Mädchen, das auf den See blickt. Das Bild ist während des Corona-Lockdowns entstanden. «Mir ging es darum, den Menschen Zuversicht zu vermitteln. Die Aktualität lag so bleiern auf uns.»
Kunst für alle
Die Kunstwerke von Saype sind von ihrer Umgebung genährt und umgekehrt. «Ich möchte einen Ort veredeln.» Dabei ist sein Anspruch an Perfektion hoch. «Kunst ohne Technik, die der Erklärung bedarf, nervt mich.» Dem Künstler geht es aber um weit mehr als um Ästhetik. Er will Kunst ausserhalb von Galerien und Museen machen, die allen zugänglich ist. Und er will Botschaften der Menschlichkeit und der Solidarität vermitteln. Dafür reist er auch in kriegsgeplagte Länder wie Burkina Faso, die vom Rest der Welt unbeachtet bleiben. Diese selbstfinanzierten Projekte kann er dank bezahlten Aufträgen von öffentlichen und privaten Einrichtungen realisieren. «Bei den Auftragsarbeiten bestehe ich aber immer darauf, freie Hand zu haben», betont Saype. So habe er eine Werbeanfrage von Coca Cola für das Gemälde einer Colaflasche abgelehnt; ein Projekt des Kaffeeunternehmens Lavazza, welches ein nachhaltiges Kaffeeanbauprojekt in Südamerika betreibt, dagegen angenommen. «Ein Künstler muss auch ein bisschen Unternehmer sein, sonst kann er nicht überleben», räumt Saype ein. Mit seiner Kunst finanziert er sich und seine drei Mitarbeiter. Dennoch ist er überzeugt, dass nur jene Kunst Erfolg haben kann, die originell ist, überrascht und technisch perfekt ist.
Und wie geht Saype mit seinem Erfolg um? «Er beflügelt schon. Aber ich weiss auch, dass Erfolg flüchtig ist» – wie seine Werke. Sagts und träumt schon vom nächsten grossen Ziel: die Freiheitsstatue in New York. Dort will er ebenfalls das Projekt der ineinandergreifenden Arme realisieren. «Ich bin sicher, dass es eines Tages klappen wird.»
In einer Sommerserie widmen sich die «Freiburger Nachrichten» den Kunstschaffenden im Kanton. Das Interesse gilt allen Kunstformen: der bildenden, darstellenden, musikalischen und literarischen Kunst. Nach dem Corona-Lockdown soll den Künstlern so ein wenig der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit zurückgegeben werden.
Zur Person
Künstler mit Engagement
Guillaume Legros alias Saype wurde 1989 im französischen Belfort geboren. Der gelernte Pflegefachmann arbeitete am Spital des Berner Jura in Moutier, um Geld für eines seiner Kunstwerke zu verdienen. Dort lernte er auch seine Frau kennen. Heute lebt und arbeitet er in Bulle. Saype kreiert seit 2013 als Pionier auf dem Gebiet der Grasmalerei, einer künstlerischen Bewegung, die Landkunst und Graffiti vereint, gigantische, temporäre Figuren in Landschaften. Er arbeitet mit einer zu hundert Prozent biologisch abbaubaren Farbe, die er selbst herstellt.