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Gestatten, mein Name ist Edelweiss
Als Erster kam Sky und nahm meine Bestellung auf. Fly brachte Salat und Wasser, Melody später den Kaffee. Und als ich bezahlen wollte, stand mir mit einem Mal Maybe gegenüber.
Sky, Fly, Melody und Maybe.
Auf den ersten Blick waren die vier Kellner, in Wirklichkeit waren sie durch das Café beim Lamatempel schwebende, sich immer wieder neu arrangierende Gedichtzeilen. Melody war eine junge Frau, Sky, Fly und Maybe waren Männer. Wahrscheinlich. Unhöflicherweise schaute ich Maybe nicht in die Augen, weil ich nur auf sein Namensschild starrte.
Westliche Namen schlichen sich schon vor Jahrzehnten nach China. Zunächst über die Schulbücher. Ein europäischer Name war vor allem unter den sich nach der Welt sehnenden Studenten der letzte Schrei. Als Student in China traf ich nicht wenige Chinesen, die sich als «Hans» oder «Grete» vorstellten. Später, als Reiseleiter, wurde ich in Suzhou einmal von einer «Taifun Li» bedient und in einem Hongkonger McDonald’s von einem «Chloroform Wong». Das waren dann schon nicht mehr die Lehrbücher. Ein boshafter Englischlehrer vielleicht? Ein Münchner Bekannter wurde vor nicht langer Zeit von seiner ihm etwas zudringlich erscheinenden Pekinger Zahnärztin um Vorschläge für einen Namen gebeten, der elegant sein sollte und «zugleich deutsch und international». Er schickte ihr einen chinesischen Webeintrag zu Liselotte Pulver und erklärte ihr, die Dame sei ein grosser Star gewesen. Seither gibt es in Peking eine Zahnärztin von Welt namens Liselotte.
Selbstironie oder Unwissen?
Heute wimmelt es in China von Wendys und Lindas und Apples, von Jacks und Michaels und Bills. Es gibt aber auch einen «Bill Gates», Nachname Zhang, der sich bei einer Freundin von mir bewarb, und eine junge Frau, die sich Elizamaria nennt (sie konnte sich nicht entscheiden zwischen Elizabeth und Maria). Die meisten suchen sich ihre Namen heute selbst und nicht selten mit grosser Kreativität aus, nebenbei verwandeln sie den fremdelnden Kulturimport in etwas Neues, Urchinesisches. Die bekannte Schauspielerin Yang Ying etwa, die in der Öffentlichkeit als «Angelababy» auftritt. Oder der Hongkonger Politrebell Sixtus Baggio Leung (einst ein Fan des Fussballers Roberto Baggio).
Meine Frau bekam im Büro kürzlich innerhalb von einer Woche E-Mails zugesandt von Capri Wu, Dr. Tarzan Jiang und Edelweiss Zhu. Frau Zhus Inspiration lässt sich leicht festmachen: Das Hollywood-Musical «The Sound of Music» über die singende und jodelnde Flüchtlingsfamilie derer von Trapp ist seit Jahrzehnten ein Hit in China, den Abschiedsgruss an sein von den Nazis besetztes geliebtes Österreich singt darin der Baron von Trapp persönlich: «Edelweiss, Edelweiss / Every morning you greet me / Small and white, clean and bright».
Manche der Namen, wie «Beaver» (Biber), «Encore» (Zugabe) oder «Steak» sind von charmanter Nonchalance, andere spielen ins Dunkle, der Sohn des Nachbarn eines Freundes etwa nennt sich «Danger». Oder die Bedienung, die meinem Kollegen im Ausgehviertel Sanlitun jeden Tag den Kaffee serviert: Sie heisst «Mord», und spricht dabei gar kein Deutsch. Und dann gibt es die, die ich mir als Philosophen vorstelle. Wie Maybe. Der laut Namensschild auf Chinesisch «Shuai» heisst, gutaussehend. Hatte er seinen englischen Namen als selbstironisches Fragezeichen hinter seine und unser aller Existenz gesetzt? Maybe. Maybe not.