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Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA, hat nach dem Ende der Sklaverei endlose Rassenunruhen prophezeit. Er sollte Recht erhalten.
«Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.» Der erste Satz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist zweifellos einer der schönsten und bedeutendsten Sätze in der Geschichte der Menschheit. Er ist auch einer der scheinheiligsten, wie die aktuellen Ereignisse in Ferguson einmal mehr zeigen.
Geschrieben hat ihn Thomas Jefferson, Gründervater, dritter Präsident und bis heute der wohl einflussreichste Vordenker der USA. Das Verhältnis von Schwarzen und Weissen in den Vereinigten Staaten ist bis heute eine offene Wunde geblieben. Obwohl im Bürgerkrieg Millionen für die Abschaffung der Sklaverei ihr Leben gelassen haben, obwohl die berüchtigten, Rassen diskriminierenden Jim-Crow-Gesetze längst abgeschafft worden sind, und obwohl heute ein Afroamerikaner im Ovalen Büro residiert, brechen Rassenunruhen mit geradezu mechanischer Regelmässigkeit aus. Weshalb?
Thomas Jefferson hat dies schon vor mehr als 200 Jahren prophezeit. In seinen «Notes on the State of Virginia» orakelte er düster: Sollten die schwarzen Sklaven einst ihre Freiheit erlangen, würde das der Beginn eines endlosen Rassenkriegs werden; denn niemals würden die Schwarzen das Unrecht vergessen, das ihnen die Weissen angetan hätten. Als Lösung empfahl Jefferson daher eine Trennung. Die schwarzen sollten ihre Bürgerrechte in einem eigenen Staat verwirklichen.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Jefferson war alles andere als ein bigotter Rassist. Er war – zumindest theoretisch – ein Gegner der Sklaverei und ein aufgeklärter, äusserst gebildeter Mann, der eine der grössten Bibliotheken seiner Zeit besass, als Universalgelehrter galt, die französische Revolution bewunderte und die Ideale der Aufklärung vertrat. Jefferson war aber – wie übrigens auch George Washington – Plantagenbesitzer im Südstaat Virginia und damit Sklavenhalter. Er verkörpert damit geradezu idealtypisch die Schizophrenie, die bis heute typisch ist für die Vereinigten Staaten.
Nirgends kommt diese Schizophrenie deutlicher zum Ausdruck als in Jeffersons Privatleben. Er führte eine sehr glückliche Ehe mit seiner Frau Martha, mit der er sechs Kinder zeugte. Drei davon verstarben früh. Auch seiner Ehefrau war kein langes Leben vergönnt. Nach ihrem Tod nahm Jefferson ihr Kindermädchen Sally zur Geliebten. Sally selbst war bereits die Tochter aus einer Liaison seines Schwiegervaters mit einer Sklavin.
Die Verhältnisse im Hause Jefferson waren typisch für die Südstaaten. Plantagebesitzer pflegten Sklavinnen als Geliebte zu nehmen. Die Verhältnisse waren auch bekannt. Im äusserst schmutzig geführten Wahlkampf gegen John Adams wurden Jeffersons Liaison mit Sally von seinen politischen Gegnern als Diffamierung benutzt. (Selfies gab es damals allerdings noch nicht.)
Auch mit seiner Sklavin zeugte Jefferson mehrere Kinder. Sie lebten, wie seine überlebenden Kinder mit Martha und später seine Enkel, auf seinem Besitz Monticello bei Charlottesville. Sie führten jedoch ein völlig anderes Leben. Während Jefferson für seine «weissen» Kindern ein geradezu vorbildlicher Vater und Grossvater war, behandelte er seine «schwarzen» Kinder, nun, wie Sklaven: streng und völlig unpersönlich.
Das war umso erstaunlicher, als eines dieser Kinder, ein Sohn, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. Man muss sich das vorstellen: Wenn Jefferson auf Monticello Gäste empfing – und das tat er gerne und oft – dann erlebten sie einen Bilderbuch-Grossvater, der mit seinen Enkeln sang und spielte, der sich am Tisch gleichzeitig von seinem eigenen Sohn wie von einem Sklaven bedienen liess. Viel mehr Schizophrenie geht nicht.
Privat konnte Jefferson sein Sklavenproblem halbwegs lösen. Auch seine «schwarzen» Kinder erhielten nach seinem Tod die Freiheit. Weil sie so hellhäutig waren, lebten sie als Weisse weiter. Jefferson hatte dies Sally versprechen müssen, sie hätte ihn sonst nicht nach Paris begleitet, wo sie problemlos hätte fliehen können. Auch George Washington schenkte seinen Sklaven erst in seinem Testament die Freiheit, und nur seinen eigenen. Die seiner bedeutend reicheren Frau blieben unfrei.
Die Ereignisse in Ferguson bestätigen einmal mehr, dass Jeffersons Befürchtungen vor endlosen Rassenauseinandersetzungen berechtigt waren. Oder wie die Harvard-Historikerin Annette Gordon-Reed in der «Financial Times» schreibt: «Unsere gequälte Rassenvergangenheit lässt uns nicht in Ruhe. Immer noch sind Schwarze keine vollwertigen Bürger. Jefferson wurde oft verunglimpft, weil er die Zukunft des Erbes der Sklaverei vorausgenommen hat, und die Doktrin der weissen Überlegenheit, die sie zugelassen hat. Aber Jefferson hat mehr vorausgesehen, als viele heute zugeben wollen.»