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Unklar, ob ADHS-Diagnose immer gerechtfertigt
Es herrscht Unklarheit, was mit AD(H)S gemeint ist; nicht selten wird gefragt: «Gibt es das überhaupt?». Fragt man betroffene Familien und ihre Kinder, lautet die Antwort in den meisten Fällen ganz klar ja. Fachpersonen, die diese Meinung teilen, benutzen Diagnosekriterien und AWMF-Leitlinien (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, zurzeit in Überarbeitung), um Anzeichen von AD(H)S genauer eingrenzen zu können. Allerdings bleibt unklar, ob die Diagnose bei jedem Kind gerechtfertigt ist und wie sich die in den letzten Jahren stark gestiegene Anzahl der Diagnosen erklären lässt.
Was als auffälliges Verhalten angesehen wird, ist abhängig von kulturellen Normen
Die Gründe für eine unterschiedlich hohe Anzahl an Fällen sollen weiter untersucht werden. Deshalb widmet sich beispielsweise ein neues Forschungsprojekt (siehe Box unten) dem Phänomen AD(H)S in allen drei grossen Sprachregionen der Schweiz und erhofft sich neue Einblicke. Um AD(H)S diagnostizieren zu können, müssen Verhaltensauffälligkeiten im Bereich der Aufmerksamkeit, Impulsivität und eventuell auch der Hyperaktivität schon im Vorschulalter und über mindestens sechs Monate hinweg bestehen. Und diese Auffälligkeiten müssen in verschiedenen Lebensbereichen, also etwa in der Schule und zu Hause, sichtbar werden. Kinder können sich zu Hause ganz anders verhalten als im Klassenzimmer und ebenfalls bei verschiedenen Lehrern. Dies ist begründet durch unterschiedliche Anspruchshaltungen, die Anwesenheit vieler anderer Kinder und auch durch die Tageszeit.
Psychische und körperliche Störungen müssen zuerst ausgeschlossen werden
Studien zeigen jedoch, dass sich lediglich die Wahrscheinlichkeit für Symptome erhöht. Das heisst jedoch, dass eine Weitervererbung keineswegs immer der Fall ist. Somit hat nicht jeder von ADHS betroffene Erwachsene auch ein Kind mit ADHS, und nicht alle Kinder mit ADHS haben ebenfalls betroffene Eltern oder Verwandte. Neben der Durchführung von speziell entwickelten psychologischen Tests, welche sich auf das Verhalten des Kindes und seine Begabungen konzentrieren, sollte ausserdem immer eine medizinische Untersuchung erfolgen. Dabei wird zunächst ausgeschlossen, dass Konzentrations- und Leistungsprobleme tatsächlich durch eine Verminderung des Hör- und Sehvermögens, durch Schlafstörungen, durch Stoffwechselstörungen (z. B. Schilddrüse) oder durch Mangelerscheinungen (z. B. Magnesium) verursacht werden. Auch müssen andere psychische und körperliche Störungen (wie Ängste, Depression oder Autismus) ausgeschlossen werden können.
Eine zusätzliche neuropsychologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse darauf, ob und wo das Kind Funktionsstörungen haben könnte, etwa hinsichtlich des Arbeitsgedächtnisses oder seiner Wahrnehmung. Noch gibt es keine Methode, um AD(H)S anhand von rein biologischen Merkmalen festzustellen. In sogenannten bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomografie (MRT) wird zwar sichtbar, welche Hirnareale aktiv sind und wie sich diese Aktivierung bei Menschen mit oder ohne AD(H)S unterscheidet. Doch beim einzelnen Patienten kann so noch keine Diagnose gestellt werden. Diese bildgebenden Verfahren rücken aber immer mehr ins Zentrum der Forschung, so wie auch die Theorie, dass die Ursache für AD(H)S ein Mangel des Neurotransmitters Dopamin zwischen den Nervenzellen ist. Durch weitere Erkenntnisse könnte die verhaltensbasierte Testung in Zukunft noch zuverlässiger durch biologische Indikatoren ergänzt werden.
Vor Diagnose muss immer auch eine medizinische Behandlung erfolgen
Da aber alle Symptome wie die drei Hauptanzeichen bei ADHS, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, bei unterschiedlichen Personen verschieden stark ausgeprägt sind, wird das Vorgehen im Praxisalltag auch für Fachpersonen zur Herausforderung. Die abklärende Fachperson sollte deshalb spezialisiert sein im Kinder-/Jugendbereich und sich mit AD(H)S gut auskennen. Dies trifft in der Schweiz auf Personen aus unterschiedlichen Disziplinen zu (z. B. Kinderärzte, Psychologen). Diese sollten im Rahmen einer ganzheitlichen Abklärung möglichst mit anderen Fachpersonen interdisziplinär zusammenarbeiten.
Wichtig ist, eine kompetente Fachperson zur Seite zu haben, welche auf Fragen und Bedenken eingeht, sich Zeit nimmt und das Kind auf seinem Weg begleitet. Ob eine Diagnose angemessen und auch im Interesse des Kindes ist, muss in jedem Einzelfall sorgfältig beurteilt werden. Eventuelle Nachteile wie Diskriminierung oder Nebenwirkungen einer Therapie können nur dann gerechtfertigt sein, wenn das Kind und seine Familie Unterstützung erhalten und das Kindeswohl so langfristig gesichert wird.
Forschungsprojekt: Kinder fördern – eine interdisziplinäre Studie zum Umgang mit ADHS
Die Forschenden werden durch Expertinnen und Experten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Medizin, Bildungsforschung und Schulentwicklung beraten. Unterstützt wird das interdisziplinäre Projekt durch die Stiftung Mercator Schweiz. Die Studie wird durchgeführt vom Institut für Familienforschung und -beratung (Universität Freiburg), vom Zentrum für Gesundheitswissenschaften (ZHAW) und vom Collegium Helveticum (ETH/Universität Zürich).
Gesucht werden Eltern von Kindern (6- bis 14-jährig), bei denen eine AD(H)S/POS-Diagnose oder der Verdacht auf ein Aufmerksamkeitsproblem vorliegt. Kontakt: <email-pii>.
Weitere hilfreiche Informationen und konkrete Verhaltenstipps für Lehrpersonen und Eltern: www.mit-kindern-lernen.ch von Fabian Grolimund, Nora Völker und Stefanie Rietzler.
ADHS-Serie:
Dies ist Teil 7 einer 10-teiligen Serie. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz. Diese Ausgaben können online hier oder telefonisch beim Leserservice unter 0800 814 813 nachbestellt werden.