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Spaghetti und Spaghettiträger
Es gehört zum Hotel Scheuble und es läuft und läuft und läuft seit über zwanzig Jahren, das «Tre Cucine» mit seinen drei «Küchen» Pasta, Pizza und Risotto.
Die Ecke, an der wir an einem weiss gedeckten Tisch sitzen, hat schon einiges erlebt. Die ältesten Teile der Häuser dürften aus dem 13. Jahrhundert stammen, informiert uns eine Tafel. Der Wirt des «Hirschen» kaufte 1824 das Gebäude an der Niederdorfstrasse 33, dem heutigen «Tre Cucine» also, und die zwei Häuser «Blumengeschirr» und «Mohrentanz» (Nr. 29) daneben gleich mit.
Damit die Gasse breiter wurde, riss der Wirt den drei Häusern quasi das Gesicht ab und verkürzte seinen Besitz. Die neuen Fassaden sind denkmalgeschützt seit 1993. Da war das «Tre Cucine» (seit 1990 im Haus Metropol, seit 1994 an der Niederdorfstrasse) bereits unter der Leitung von Beat Scheuble, dem Besitzer des Hotels Scheuble an der Ecke Zähringerstrasse/Mühlegasse.
Hallo Schatzi, wie gehts?
Da wir gerade bei der Mühlegasse sind: Von dort bis zum Central ist Strichzone. Geht ein Mann allein durch die Gassen, hört er ab und zu eine Frau flöten: «Hallo, wie gehts?» Oder: «Schatzi, Schatzi!» Auch schon gehört, wenn man als Paar unterwegs ist: «Das nächste Mal lässt du deine Alte zu Hause!» – Mein Gast Benjamin Planzer und ich gönnten uns einen Dreier Pinot Grigio (Fr. 7.50 der Dezi) und einen halben Liter Mineral (Fr. 6.20).
Es war süttig heiss, und Elvis, der Mops von nebenan, hatte die Chuzpe, einen dreimal so grossen und doppelt so dicken Boxer anzukläffen. Da eilte sein Besitzer unter drohenden «Elvis! Elvis!»-Rufen herbei, hob den Mops hoch und ging heim, in die «Babalu-Bar».
Im zweistöckigen «Tre Cucine» war einst die «Cintra-Bar» (im Obergeschoss der «Gaslight Club») untergebracht. Hier zockten die Gäste so lange mit Karten, bis sie Geld und Stimmung neu verteilt hatten. Heute wirkt die Italo-Deko im Restaurant beinahe denkmalschutzwürdig. Inhaber Scheuble liess Anfang 2017 sein Hotel auffrischen, man kann nicht alles gleichzeitig anpacken.
Kalb im Teller, Stroh auf dem Kopf
Während Benjamin und ich je eine halbe Portion Vitello Tonnato zu Fr. 15.50 genossen – kalter Kalbsbraten mit einer Thunfischsauce und verdankenswerterweise Sardellen, sehr fein – huschten im Minutentakt Velofahrer durch die Fussgängerzone. Gäste rupften ihre Rollkoffer übers Kopfpflaster, Halter an ihren Hunden, es wurden Selfies geschossen, Hintern getätschelt und verrutschte Spaghettiträger und Frisuren zurechtgerückt.
Vereinzelt sah man Strohhüte, das ist das Métier von Benjamin. Er schneidert Kleider und flechtet Stroh zu Hüten und Haarreifen für Risa, die letzte Schweizer Hutfabrik. Ab und zu ist er im Zürcher Ableger von Risa anzutreffen, einem neun Quadratmeter kleinen Shop neben dem Freitag-Turm im Kreis 5. Risa gibt es seit 1919, den Zürcher Laden seit letzten November. Hüte werden auf Wunsch speziell hergestellt oder angepasst. «Mit einem anderen Band bekommt der Hut einen völlig anderen Charakter», erzählt Benjamin. In der Schweiz können nur noch wenige Leute Hüte herstellen. Er ist einer davon. Er kann zudem Stroh und Bänder so zusammennähen, dass man die Stiche nicht sieht. – Der aufmerksame und höfliche Kellner Miroslav hatte ihm Spaghetti «Al Capone» gebracht (mit grünen Spargeln, Speckstreifen, Zwiebeln, Rahm und Ei zu Fr. 25.50) und mir Ravioli mit Crevettenfüllung (Fr. 28.–). Beides schmeckte vorzüglich. Auf das Dessert mussten wir verzichten, es herrschten noch immer dreissig Grad, was den Hunger dämpft. So gingen wir zufrieden vom Tisch. Ohne Hut übrigens.
René Ammann*
Restaurant «Tre Cucine», Niederdorfstrasse 33, 8001 Zürich, Tel. 044 252 08 70, www.trecucine.ch. Täglich geöffnet von 11.30 bis 24 Uhr.
*René Ammann isst und trinkt jeweils mit einem Gast, weil es geselliger ist. Diesmal mit Benjamin Planzer, der sich zum Primarlehrer ausbilden lässt, schneidert und Strohhüte flechtet.