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Sidse Babett Knudsen spielt in «The Duke of Burgundy» von Peter Strickland. Ein üppiges, perverses Meisterwerk.
Wir sind irgendwo in Europa, irgendwann, alte Gemäuer verwittern, seltsam magische Wälder rauschen, Gewässer rieseln dahin. Die Romantik weint schwarze Tränen auf eine Welt voll samtflügliger Insekten und Verfall. Eine klar als Hausmädchen erkennbare Frau radelt über Kopfsteinpflaster zu einem Schloss. «Du bist spät», sagt eine tiefe, erotische Stimme. Wir kennen sie, sie hat schon dreissig Folgen lang den Hamlet-Staat Dänemark regiert, im raffinierten Politikerdrama «Borgen», der ersten von all den dänischen Serien, die uns den Atem verschlugen.
Jetzt ist Sidse Babett Knudsen eine erlesene, reiche Lesbe. So erlesen, reich und lesbisch also wie Cate Blanchett im Cannes-Film «Carol». Vielleicht ist das ja ein neues Genre: Der teure Lesben-Kostümfilm mit einer dominanten, etwas reiferen Diva. «The Duke of Burgundy» des Briten Peter Strickland mit Sidse Babett Knudsen als lesbischer Lepidopterologin, pardon, Schmetterlingsforscherin, wäre jedenfalls ein äusserst kostbares, exemplarisches Beispiel dieses Genres.
Und der Clou des Films: Es handelt sich um Sadomaso! Sidse Babett Knudsen spielt die Dominatrix Cynthia, deren Quälereien bei Schmetterlingen anfangen und bei Evelyn (die Italienerin Chiara d'Anna) aufhören. Die beiden leben in einer Welt ohne Männer, in einer zutiefst dekadenten Enklave voller Damen mit exzentrischen Gelüsten. So sehr, dass die schöne Schreinerin Lieferprobleme hat: Sie schafft es nicht, Evelyns grössten Wunsch, ein versenkbares Bett, in dem man sich nächtens einsperren lassen kann, fristgerecht zu zimmern. Ihr Ersatzvorschlag: eine menschliche Toilette.
«The Duke of Burgundy» ist übrigens eine Schmetterlingsart, so wie auch Evelyns Codewort «Pinastri», mit dem sie das Ende der Qual fordern kann, einen Nachtfalter meint. Und natürlich wird dieser Film, der enorm vieles anspricht, aber im Bild eher delikat andeutet, getragen von der flüchtigen Verletzlichkeit, dem fragilen Schillern, dem unheimlichen Flügelton der von Cynthia zu Hunderten aufgespiessten Insekten.
Es ist ein prächtiger Film – Edel-Erotik und Edel-Psycho – und bei aller Schlüsselloch-und-Strumpfband-Diskretion doch auch ein furchtbar packender. Erregend, bedrohlich und enorm subversiv alle vertrauten Beziehungswerte ausser Kraft setzend. Und manchmal flippt er aus, der Psycho wird psychedelisch, die Bilder jagen wie ein surreales Gewitter über die Leinwand. Ein Film wie ein Gift. Alles, was «Fifty Shades of Grey» auch hätte bieten können und so grandios vergab.
Und während die eine der beiden Frauen ihre Liebe mit einer naiven Zuversicht aufrecht erhält, geht die andere an der unendlichen Qual des Zweifels allmählich zugrunde. So gross war das ewige Drama von Begehren, Vertrauen, Selbstaufgabe und Aufgabe schon lang nicht mehr zu sehen.