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Der Schlagzeuger Günter Baby Sommer hat mit griechischen MusikerInnen eine Hommage an das griechische Dorf Kommeno geschaffen. Am 16. August 1943 hatten Soldaten der deutschen Wehrmacht dort die Zivilbevölkerung massakriert und 317 der 657 EinwohnerInnen getötet.
WOZ: Im Sommer 2008 spielten Sie ein Konzert im griechischen Kommeno. Wie kommt ein Jazzschlagzeuger aus Dresden dazu, auf dem Dorfplatz einer kleinen Ortschaft am Südrand des Epirus aufzutreten?
Günter Baby Sommer: Der griechische Schlagzeuger Nikos Touliatos hatte mich dazu eingeladen. Er war vom dortigen Bürgermeister Christos Kosmas dazu angeregt worden, Kommeno auch als Ort für Kultur bekannt zu machen – und so organisierte er ein kleines Perkussionsfestival. Dieser Bürgermeister engagiert sich dafür, dass die Geschichte seines Dorfes nicht in Vergessenheit gerät.
Was haben Sie vor Ihrem Besuch von der Geschichte Kommenos gewusst?
Nichts. Bei der Ankunft am Vorabend meines Konzerts begrüsste mich der Bürgermeister mit der Frage, ob ich die Geschichte seines Dorfes kennen würde. Als ich das verneinte, erzählte er mir in gebrochenem Englisch von einem Massaker der deutschen Wehrmacht, das am gleichen Tag vor 69 Jahren stattgefunden hatte. Dazu überreichte er mir ein Büchlein, in dem die Geschichte des Massakers vom deutschen Autor Hermann Frank Meyer beschrieben wurde: «Kommeno. Erzählende Rekonstruktion eines Wehrmachtsverbrechens in Griechenland».
Wie haben Sie darauf reagiert?
In der Nacht habe ich dieses Buch im nahe gelegenen Hotel in Arta gelesen und fasste daraufhin den Entschluss, am nächsten Tag sofort wieder abzureisen: Hier konnte ich nicht bleiben. Nach Zögern und langem Überlegen aber sagte ich mir: Diese Herausforderung muss ich annehmen. Ich nahm mir vor, aus meiner heutigen Sicht mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes zu den Vorkommnissen ins Gespräch zu kommen. Am Morgen vor dem Konzert machte ich mir Gedanken zu einer Ansprache. Ich überlegte, wie ich den Bewohnerinnen und Bewohnern von Kommeno mein Konzert widmen und ein Musikstück als Hommage an die getöteten Kinder konzipieren könnte.
Wie verlief das Konzert?
Ich begann das Konzert mit der vorbereiteten Ansprache, in der ich den Bewohnerinnen und Bewohnern erzählte, dass der Tag des Massakers nur wenige Tage vor meiner eigenen Geburt war. Ich äusserte meine Betroffenheit über die Taten der Generation meines Vaters und widmete mein erstes Stück den Opfern. Dieses Stück spielte ich nur mit meinen Röhrenglocken – ohne zu wissen, dass ich damit Assoziationen auslöste, weil dieser Klang an die Glocken der alten Kirche erinnert. Der emotionale Höhepunkt war das Schlussstück, das ich den getöteten Kindern widmete. Die Leute erhoben sich von ihren Sitzen, einige begannen zu weinen, andere umfassten ihre Halsketten mit den Kreuzen.
Was folgte danach?
Ich verschob meine Abreise um mehrere Tage. Auf dem Dorfplatz steht ein grosser Obelisk mit den Namen der 317 getöteten Dorfbewohner. Zu meinem Entsetzen las ich siebzehnmal denselben Familiennamen und erkannte, dass die Jüngsten im Alter von sieben Monaten, die Ältesten im Alter von über neunzig Jahren getötet wurden. Ich wollte die Überlebenden kennenlernen. Am Tag nach dem Konzert stellte mich der Bürgermeister Maria Labri vor, einer 78-jährigen Frau, die überlebt hatte, weil sie sich am Tag des Massakers im Nachbardorf aufhielt. Sie ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Die Begegnung mit ihr war sehr emotional. Die alte Frau musterte mich zwanzig Minuten lang, ohne ein Wort zu sagen. Ich war ihren Blicken ausgesetzt und konnte nur ahnen, was sie über diesen Deutschen, der da vor ihr sass, dachte. Mir lief es kalt den Rücken herunter, ich bekam Schweissausbrüche. Der Bürgermeister Christos Kosmas vermittelte, so entstand ein Gespräch. Nach einer Stunde durfte ich mich neben sie setzen. Kosmas machte ein Foto von Maria Labri und mir.
Nach dem Abschied von ihr gingen wir durch die engen Strassen des Dorfes, an mehreren Häusern öffneten sich die Türen, und wir wurden hereingebeten. Ich stellte fest, dass alle diese Leute am Tag zuvor am Konzert waren. Sie erzählten von ihren Erfahrungen, äusserten sich zum Massaker, sprachen von ihren Familien, Vätern, Grossmüttern. Dabei wurde ich bewirtet und verliess kein Haus, ohne ein kleines Geschenk erhalten zu haben.
Diese Besuche setzte ich an den folgenden Tagen fort. Ich versuchte das Haus zu finden, in dem eine feiernde Hochzeitsgesellschaft in den frühen Morgenstunden des 16. August 1943 massakriert worden war. Im gegenüberliegenden Haus besuchte ich den Überlebenden der Familie Mallios. Alexandros Mallios ist als Einziger der grossen Familie noch am Leben, weil er im Morgengrauen von seinem Vater zum Vieh geschickt worden war, das sich ausserhalb des Dorfes befand. Später führte man mich zu einem alten Haus, das mit einer Kette verschlossen war. Man öffnete dieses Haus und zeigte mir die Innenräume, in denen die neunköpfige Familie Skaras erschossen worden war. Das Haus atmete noch die Atmosphäre der Zeit der Tat. Nichts war verändert. Die Zeit war eingefroren.
Das darauffolgende Jahr waren Sie wieder in Kommeno und haben erneut am Festival gespielt. Wie war diesmal das Ankommen?
Ich wurde freundlich, ja geradezu euphorisch auf dem Marktplatz begrüsst. Für das Festival im August 2009 kam ich mit meiner Gruppe Percussion Staff – fünf Schlagzeugern aus Italien, mit denen ich seit zwanzig Jahren zusammenspiele. Die Italiener waren noch vor den Deutschen als Besatzungsmacht in Kommeno gewesen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Kommeno abseits der touristischen Routen liegt. Das Festival veränderte dies, es brachte eine Öffnung. Wenn ich am Abend auf dem Dorfplatz sass, kamen die Leute auf mich zu und erzählten Geschichten, die kaum zu fassen waren. Ich liess die Menschen reden und hörte zu. Zuhören war das Einzige, was ich tun konnte. Eine immense Last.
Eine Last?
Ich habe mich immer wieder in die Stunden des Verbrechens hineinversetzt, mich mit den Tätern und den Opfern identifiziert und so den Moment des Massakers nacherlebt. Im direkten Gegenüber mit den Opfern und deren Nachkommen erlebte ich deren Leid. Die Barbarei dieser Tat macht so hilflos.
Sie haben sich entschieden, Musik für Kommeno zu schreiben. Was wollen Sie damit?
Ich bin kein Politiker. Was ich geben kann, ist Musik. Deshalb entschied ich mich, ein musikalisches Projekt zu entwickeln, das den Namen des Dorfes und die Erinnerung an das Leid der Opfer in den Mittelpunkt rückt. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich deutschsprachige Intellektuelle wie der Philosoph Theodor W. Adorno oder der Lyriker Paul Celan dezidiert zur Frage der Möglichkeiten von Kunst geäussert. Gemäss Adorno war es unmöglich, nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben. Adorno hat sein Verdikt nach einem jahrelangen Briefwechsel mit Celan weitgehend zurückgenommen – oder gar radikalisiert. In einem seiner letzten Briefe an den Autor der «Todesfuge» schrieb er: «Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz liesse kein Gedicht mehr sich schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse.»
Der moralische Gestus von Adorno ist angesichts der Barbarei der Nazis im Zweiten Weltkrieg verständlich. Aber wir wollen ja leben. Ich will mich mit meiner Musik in Bezug zur Welt stellen. Ich glaube an eine bessere Welt und will ein kleines Stück dazu beitragen.
Jazz ist ursprünglich die Befreiungsmusik der Schwarzen. Stellen Sie sich bewusst in diese Tradition der Befreiung?
Der Blues, der ein Teil des Jazz ist, beschreibt die Liebe und das Leiden am Leben. Er beinhaltet Resignation und Aufbruch, Trauer und Freude. Jazz ist auch Befreiung von allem, was uns auf unnatürliche Weise einengt und begrenzt.
Ist Jazz für Sie eine politische Musik?
Ja. Jazz ist die Musik, die am schnellsten auf Zeitereignisse reagieren kann. Er geht nicht den umständlichen Weg über Partituren und Orchesterkörper, sondern verlangt als Kunst der Improvisation Stellungnahme. Aus meiner Verbundenheit zum Jazz seit seinen Anfängen habe ich verinnerlicht, dass wir uns zu den Ereignissen in unserer Welt ins Benehmen setzen müssen. Arnold Schönberg sagte einmal: «Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen.» Meine Kunst muss unter anderem die Ermordung des nigerianischen Schriftstellers Ken Saro-Wiwa oder die Zerstörung der Natur unseres Planeten durch die Profitgier von Konzernen wie Shell oder Monsanto benennen.
Sie sind seit vielen Jahren unterwegs und spielen auf unzähligen Bühnen. Als Bürger der DDR sind Sie früher auch viel in Osteuropa oder auf dem Balkan aufgetreten. Ihr Musikerkollege Peter Brötzmann hat im Rahmen eines Gesprächs aus Anlass seines 70. Geburtstags in Wuppertal gesagt, dass ihn, den Deutschen, auf seinen Konzertreisen in Osteuropa Scham begleitete. Was sind Ihre Erfahrungen?
Es gab einen wesentlichen Unterschied in der Wahrnehmung eines Repräsentanten aus Westdeutschland oder der DDR. Im Vergleich zu den Erfahrungen, die ich in Griechenland gemacht habe, waren die Erfahrungen in Osteuropa weniger geprägt von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs, weil es ja mittlerweile im gesamten sozialistischen Ostblock eine fast kollektive Verdrängung der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs gegeben hatte. Ich kann mich an nicht eine Situation erinnern, bei der wir auf die Verbrechen der Nazis angesprochen worden wären. Wir waren ein «einziges sozialistisches Brudervolk». Die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis im Zweiten Weltkrieg wurde von den offiziellen Stellen im Ostblock an die Bundesrepublik Deutschland delegiert. Ich glaube, dass wir alle dadurch Schaden genommen haben.