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Zwei theologische Schwerpunkte des Buches Hiob zur Disposition gestellt:
Das Aufbrechen des Kausalschemas von Leid und Schuld
Das ganze Buch Hiob stellt ein Gegenkonzept wider das Prinzips des Tun-Ergehen-Zusammenhangs dar. Es muss jedoch beachtet werden, dass die alttestamentliche Weisheit selbst, insbesondere in den Sprüchen Salomos, die Angemessenheit eines Zusammenhangs zwischen falschem Verhalten und Krankheit oder Leid durchaus bejaht (vgl. z.B Sprüche 10, 3).
Auch die Freunde Hiobs wiederholen den Zusammenhang zwischen Hiobs Leid und seiner – möglicherweise auch verborgenen – Ungerechtigkeit. Die Erkenntnis, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem Tun eines Menschen und seiner Lebensumstände ergibt sich grundsätzlich aus der menschlichen Erfahrung der Wirklichkeit. Wer beispielsweise nichts sät, kann auch nichts ernten und hungert folglich. Dieses, in mancherlei Hinsicht zutreffende Schema, wurde nun auch auf die Deutung von Krankheit, Leid und Not ganz grundsätzlich angewendet und so in einer problematischen Art und Weise mechanisch appliziert. Gegen eine solch pauschale Anwendung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs wehrt sich Hiob in der aufrechten Überzeugung seiner Rechtschaffenheit.
Das Buch Hiob differenziert insofern den oftmals durchaus zutreffenden Zusammenhang von Verhalten und Leid und eröffnet Sensibilität für das Scheitern dieses Konzeptes im Falle des leidenden Gerechten. Auch das Buch Kohelet nimmt diese Differenzierung des Tun-Ergehen-Zusammenhangs auf und zieht diese in pessimistischer Manier bis zur potentiellen Negation: «Dem Guten ergeht es wie dem Sünder» (Koh 9,2).
Neben dem Prinzip des Tun-Ergehen-Zusammenhangs finden sich im theologischen Fundus der Freunde Hiobs allerdings auch noch andere Antworten auf die Frage nach Ursache und Zweck des Leidens, so dass man ihnen nicht vorschnell Einfalt vorwerfen darf. Unter den weiteren Antworten seien noch erwähnt:
1. Leid gehört zu Natur des Menschen und ist Folge seiner Kreatürlichkeit (hier wird das Gewicht von der Verfehlung des Individuums auf den Zustand des gesamten Menschheitsgeschlechtes verlagert, vgl. Kap. 4, 17-21).
2. Leid ist eine Form der göttlichen Erziehung und gereicht schlussendlich zum Guten (z.B. Kap. 5, 17-18)
3. Leid ist eine Bewährungsprobe des Frommen (z.B. Kap. 36, 21)
Alle diese Antworten und theologischen Deutungsreflexionen finden sich im Gesamtkorpus des biblischen Zeugnisses und haben ihre relative Berechtigung und ihr Wahrheitsmoment. Das Buch Hiob stellt aber die Frage in den Raum, ob diese Erklärungen die existentielle Not eines vom Schicksal Zerschundenen auch wirklich lindern oder ob das pathische Widerfahrnis nicht zu tief liegt um durch einen rein rationalen Logos erreicht zu werden. Diese Spannung löst sich innerhalb des Buches Hiob erst in der Gottesbegegnung auf, zu welcher hier noch einiges angemerkt werden soll.
Die Gottesbegegnung als Überwindung der Verzweiflung
Eine nicht zu unterschätzende Rolle für die theologische Beschreibung des Buches Hiobs spielen meines Erachtens die Gottesreden, bzw. die Gottesbegegnung des Hiob. Die Antwort JHWHs erfolgt in zwei grossen Reden, auf welche sich jeweils kleinere Antworten des Hiob anschliessen. Diese dialogische Epiphanie verändert die Perspektive Hiobs, so dass er selbst von einer neuen Gotteserfahrung spricht. Diese Reden befreien Hiob noch vor seiner Rehabilitation weg von seiner nachvollziehbaren Selbstabsorption hin zum Schrecken und der Erhabenheit der von Gott geschöpften Welt. Die neue Dimension der Gotteserfahrung beschreibt Hiob mit der Aussage, dass er bisher nur vom Hörensagen von Gott gehört habe, dass nun aber sein Auge Ihn geschaut habe (Kap. 42,5). Dies drückt eine unmittelbarere Art der Gottesbeziehung aus.
Es ist bemerkenswert, dass die Gottesreden weder auf die Theologie der Freunde, noch auf das Leid von Hiob explizit eingehen. Sie geiseln jedoch die Deutungsversuche der Freunde, die ihrerseits sicherlich in keiner Weise böse gemeint waren mit drastischen Worten, so dass Hiob gar zum Opfer für sie genötigt wird. Hiob jedoch geben die Gottesreden recht und bezeugen die Aufrichtigkeit seines Beharrens und Stöhnens. Einzig seine Klage darüber, dass die Welt ein Chaos sei (21, 7-11) und in die Hände eines Verbrechers gegeben sei (9, 24) weisen die Gottesreden drastisch zurück und fragen Hiob, ob er denn je die Rolle eines Schöpfergottes eingenommen habe.
Um die hier getroffene Auswahl der theologischen Eckdaten des Buches Hiob auf den Punkt zu bringen, kann also gesagt werden: Ein zu generalisiertes Konzept des Tun-Ergehen-Zusammenhangs wird durch das Buch Hiob zurückgewiesen, die Rückführung des Leidens eines Einzelnen auf eine konkrete, für ihn eruierbare Ursache wird ebenfalls verworfen. Die Gottesbegegnung in Form der Gottesreden fungiert als archimedischer Punkt, der die durch das Elend verursachte Selbstentfremdung und Selbstabsorption Hiobs aufhebt, in die Weite und damit in eine neue Dimension der Gottesbeziehung führt und ihn damit befreit von der vereinsamenden Macht seines schmerzerfüllten Daseins. Dass die Prosa des Prologs dabei deutlich machen möchte, dass Gott selbst nicht unbeteiligt war am Schicksal seines Knechtes, zeigt die ganze abgründige Erhabenheit und betörende Gewalt des alttestamentlichen Gottesbildes.
DAS BUCH HIOB IN SEINER HEUTIGEN RELEVANZ
Das Buch Hiob ist ein zeitloses Zeugnis des geplagten Menschen, der mit Gott ringt, der ihn in aller Dunkelheit jedoch nicht fahren lassen möchte. In der Klage selbst bleibt Hiob stets in Relation mit demjenigen, dessen Wege er nicht kennt, gegenüber dem seine herkömmliche Theologie und die Ratschläge seiner Freunde scheitern. Die Gottesfrage und die Frage nach dem Leiden der Kreatur gehören zu den Grundfragen des menschlichen Daseins und feiern in unterschiedlichen Intensitäten über die Jahrhunderte hinweg immer wieder ihr Comeback in Philosophie, Theologie und auch Volksfrömmigkeit. Das Buch Hiob verbindet diese beiden Fragen und stellt eine vielfältige Palette von Gottesbildern und menschlichen Deutungsversuchen zur Disposition. Schon nur aufgrund seiner Wirkungsgeschichte muss das Buch Hiob zum Grundkanon westlicher Bildungsgeschichte gehören. Die Weite der Perspektiven ist für jeden Leser eine Lebensschule, die vielleicht auch dazu ermutigen möchte, davon abzusehen, das Theodizee-Problem, jenseits von Eden, intellektuell abschliessend lösen zu wollen. Die Verzweiflung des Menschen ist ja bekanntlich nicht nur der Urgrund der Abwendung von Gott, sondern auch die Potentialität der Zuwendung, wenn alle menschlichen Bastionen unfreiwillig und brachial niedergerissen worden sind. Die Huld seiner Begegnung, gerade im Elend des Totalverlustes, ist also eine existentielle Dimension von grösster Ernsthaftigkeit. Neutestamentlich gesprochen, eine existentielle Dimension geschichtlicher Faktizität und grösstmöglicher Freude.
Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR
Lk 2, 10f