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Als im Januar 1955 die Hochkonjunktur auch die Automobilindustrie ankurbelte, entstand in Desio in der mailändischen Provinz durch die Fusion von Fiat, Pirelli und Bianchi, das Unternehmen Autobianchi.
Und hier, in einem Werk von über 140.000 Quadratmeter wird die Bianchina geboren, ein Luxus-Kleinwagen, eng verwandt mit der Fiat Nuova 500, dessen Getriebe sie übernimmt. Nach einer kurzen Planungsphase und der Realisierung des modernen Werkes, das sich durch eine sehr hohe Produktivität auszeichnet, wird endlich am 16 September 1957 in Mailand vor dem "Museo della scienza e della tecnica" offiziell die Bianchina präsentiert, ein verwandelbares Modell, durch den Projektnamen 110 B gekennzeichnet.
Das Auto hat sofort grossen Erfolg: sowohl Presse als auch Experten der Branche sind von dem neuen Kleinwagen begeistert, der sich eher an ein Elite-Publikum wendet. Dagegen muss der andere Wagen des selben Hauses, der Fiat 500, anfangs wegen der bescheideneren Ausführung und der geringeren Leistung des Motors stärker um Anerkennung kämpfen.
Am folgenden Tag schreibt Giovanni Canestrini in der Gazzetta dello Sport: “Die Bianchina wurde gestern der Gesellschaft vorgestellt, besser gesagt der vornehmen Gesellschaft, wenn man bedenkt, dass an der Zeremonie alle wichtigsten Persönlichkeiten der Kraftfahrgesellschaft anwesend waren. Der Erfolg war sofort gross, und wie hätte es anders sein können, da sie sich so anmutig präsentiert hat, verführerisch, reizend, so wie es sich für eine Dame der Aristokratie gehört …”
So schrieb die Bianchina, auch “Luxus-Kleinwagen” oder “Elite-Wagen” genannt, die Geschichte der Motorisierung Italiens zusammen mit der Fiat 500 und 600, die selber einige Monate vor der Bianchina geplant und in Produktion gegeben wurden.
Wie die Fiat 500 war die Bianchina der erste Kleinwagen oder “zweiter Wagen” und stellte so, nebst einer Möglichkeit zur Machtgleichstellung der Frau, auch das erste Zeichen des Wohlstandes dar: so konnte sich der Mittelstand der Italiener von der Masse unterscheiden.
Das erste Modell der Bianchina wurde Verwandelbar genannt, wegen der Möglichkeit sich von Berlina in Kabriolett zu verwandeln, indem man das Wagenverdeck aus Vinylgewebe ganz runterliess. Auch wenn insgesamt 4 Plätze vorgesehen waren, wäre es für einen, geschweige denn für zwei Erwachsene unmöglich gewesen, sich auf den einfachen Hintersitz zu setzen. Für zwei Kinder gab es jedoch genügend Platz oder auch für Koffer und anderes Zubehör für die ersten Ausflüge ausserhalb der Stadt. Dabei muss man bedenken, dass die Alternative zu den kleinen Autos made in Italy entweder Bus, Vespa, Lambretta oder ganz einfach das Fahrrad waren – und dies sowohl um zur Arbeit zu fahren, als auch für kurze Ausflüge.
Im Gegensatz zur Fiat ‘500 hat die Bianchina sofort grossen Erfolg; sie kostet zwar etwas mehr (565.000 Lire gegen 495.000), bietet aber auch viel mehr: 8 verschiedene Farbkombinationen, Heizanlage und Belüftung der Windschutzscheibe und schliesslich die hochwertige Feinbearbeitung der Paneele und der gemütlichen Vorder- und Rücksitze.
Getriebe und Struktur sind bei Fiat 500 und Bianchina dieselben; Zweizylindermotor mit Luftkühlung mit nur 479 ccm Hubraum und 13 PS Maximalleistung für eine Geschwindigkeit von etwas mehr als 80 km/h; dieselben während die Bianchina 2 cm breiter und 4 cm länger ist und 30 kg mehr wiegt als die Fiat 500; Grund dafür sind das dickere Blech und das qualitativ bessere Zubehör. Zum ersten Mal wurde in Italien die Montierungskette in grossem Umfang genutzt, um eine neue Karosserie auf eine schon in Produktion stehende Struktur aufzusetzen; in diesem Fall lieferte Fiat die mechanischen Teile der 500 an die Autobianchi, die neben der Realisierung der Karosserie auch für Montage und Endkontrolle zuständig ist. Das Haus Pirelli, auch ein Aktionär von Autobianchi, liefert die speziellen Gummiteile und die begehrten Reifen mit dem weissen Streifen Modell “Rolle”, später zu “Sempione” umbenannt, die der Bianchina einen Hauch von Luxus und chic verleihen, wie es einer Dame dieser Klasse zusteht.
Wenige Monate nach ihrer Einführung wurden die Leistungen des Motors zuerst auf 15 PS und dann auf 16,5 PS gesteigert, der Hubraum bleibt bei 479 ccm; die Maximalgeschwindigkeit erreicht nun über 85 km/h. Erst Ende 1960 wird man auch für die Autobianchi Bianchina die neue Mechanik der 500D einsetzten können mit einem Hubraum von 499 ccm und einer Leistung von 17,5 PS für eine Geschwindigkeit von maximal 95 Km/h.
Im Jahr 1960 entstehen zwei neue wichtige Modelle der Bianchina: das “Cabriolet” und die “Panoramica”. Die zwei Autos unterscheiden sich grundlegend im Stil und im Geiste: das Cabriolet ist ein Wagen für die Freizeit, während die Panoramica für den täglichen Gebrauch gedacht ist.
Die Bianchina Cabriolet, vielleicht auch heute noch das kleinste je gebaute Kabriolett, war für 4 Personen zugelassen und wurde durch das schwarze Wagenverdeck gekennzeichnet, das man ganz zurückklappen konnte und so den Blick rundherum frei gab. Dieser Wagen eignet sich ins Besondere für Spritzfahrten entlang der italienischen Küsten und für Ferien am See, ist aber auch in den grossen Städten zu finden, wo er von jungen Sprösslingen guter Elternhäuser durch den städtischen Verkehr gelenkt wird.
Das Projekt ist dem leitenden Ingenieur der speziellen Karosserien “Luigi Rapi” zu verdanken und wird im April 1960 am Auto-Salon in Genf präsentiert. Anfangs fand der Wagen wenig Anklang bei Publikum und Presse, die das Modell als zu amerikanisch und snob einstufen und den Preis von 635.000 Lire zu hoch finden.
Die Leistung des Motors des Kabriolett Modells wurde auf 21 PS SAE gesteigert und erreicht eine Geschwindigkeit von über 105 km/h: in der Tat wurden in dieses Modell und in einige andere der Serie “Special” das Triebwerk der Fiat 500 Sport montiert, das die Muttergesellschaft für die Geschwindigkeits- und Ausdauerrekorde entwickelt hatte. Diese Rekorde wurden auf der Piste in Monza gefahren, unter Leitung des bekannten Österreicher Carlo Abarth, der Dank einiger gut kalibrierten Änderungen, was Ausdauer und Geschwindigkeit betrifft, im Februar 1958 mehr als 6 internationale Rekorde aufstellen konnte: 168 Stunden ununterbrochene Fahrt haben die Zuverlässigkeit des luftgekühlten Zweizylindermotors unter Beweis gestellt und so wesentlich dem Aufschwung der Verkäufe beigetragen.
Vier Piloten haben sich jede 4/6 Stunden am Steuer abgewechselt, einer von ihnen war der bekannte Poltronieri, der während Jahrzehnten Kommentator bei den Formel Eins Rennen war.
Die Bianchina Cabriolet weist viele Verchromungen und Verzierungen vor, was bis dahin bei einem Wagen dieser Kategorie noch nie vorgekommen war; die Farben der Karosserie leuchten wie es sich für ein Kabriolett der sechziger Jahre gehört. Die Innenverkleidung ist aus zweifarbigem Kunstleder mit schwarzen Bordüren, die die Nähte und die farbliche Wahl hervorheben. Bis 1969 wird die Bianchina Cabriolet in 3 verschiedenen Serien und ca. 9500 Stück gebaut, wovon ca. 2000 heute noch existieren. Dies ist auch das begehrteste Modell der Sammler in ganz Europa und erreicht zurzeit den beträchtlichen Preis von 7000 Euro für ein restauriertes Exemplar oder eines in gutem Zustand.
Die Bianchina Panoramica können wir heute als Kombiwagen der Sechziger Jahre bezeichnen. Zur Zeit ihrer Lancierung war der offizielle Slogan des Mutterhauses “schön, bequem und handlich” oder “der Familienwagen mit vier Plätzen und viel Raum fürs Gepäck”……
Es hätte nicht anders sein können, auch in diesem Fall wurden Mechanik und Rahmen von der Fiat 500 Giardiniera übernommen. Die Distanz wischen den zwei Achsen ist 10 cm länger um den hinteren Plätzen etwas mehr Raum zu gewähren, während der Wagen insgesamt noch länger ist, damit der grosse Gepäckraum mit Heckschwingtür Platz hat. Die Bianchina Panoramica 1. Serie, ist mit einem zu öffnenden Dach versehen und zweifarbig lackiert, hat viele Verchromungen und natürlich die unverkennbaren Pirelli-Reifen mit weissem Streifen. Die Pneus der Panoramica haben die gleichen Masse der anderen Modelle aber mit einer höheren Tragfähigkeitszahl, die den Transport von 4 Personen plus Gepäck gewährleistet oder Fahrer plus 250 kg Ware wenn man die Hintersitze herunterklappt.
Der luftgekühlte Zweizylindermotor hatte spezielle waagerecht montierte Zylinder; aus diesem Grund wurde dieser Motor “Seezunge” genannt. In der Tat behält er dieselben technischen Merkmale der Version mit den senkrechten Zylindern, wurde aber neue konzipiert, um den hinteren Gepäckraum so weit wie möglich zu senken. Obwohl Hubraum und Leistung gleich blieben, mussten viele Einzelteile geändert werden, um sie and den neuen einteiligen waagerecht ausgerichteten Aluminium-Treibsatz anzupassen.
Auch Tragfedern und Bremsen wurden verstärkt; schon im Jahr 1962 wird eine Nutzfahrzeug-Version präsentiert, die nur 2 Sitzplätze aber einen grossen Transportraum hat, immer mit denselben mechanischen Merkmalen der Panoramica aber mit leicht veränderter Karosserie, um einer grösseren Heckschwingtür Platz zu machen. 1965 wird die Auswahl der Nutzfahrzeuge mit einer Version mit hohem Dach erweitert: es handelt sich um eine Vorrichtung aus Blech, die das Transportvolumen von 1 auf fast 2 Kubikmeter erhöht, während das Gewicht weiterhin bei maximal 320 kg samt Fahrer bleibt.
Die Bianchina Panoramica ist für ein breites Publikum bestimmt und ist das Modell der Autobianchi mit dem grössten Erfolg. Während den 9 Produktionsjahren wurden mehr als 177.000 solcher Wagen montiert; der Erfolg war seit der Einführung im Juni 1960 sehr gross. Die Panoramica wurde durch die Fiat 500 Giardiniera verdrängt, die ab 1969 in der Anlage von Desio mit der Bezeichnung Autobianchi 500 Giardiniera produziert wurde. Praktisch gesehen, hatte der Wagen den Besitzer oder besser gesagt den "Hersteller" gewechselt und Mama Fiat verlegte die Produktion der Giardiniera vom Werk Mirafiori in Turin in die mailändische Provinz, seit 40 Jahren unbestrittene Heimat der Autobianchi, um mehr Platz für die neue Fiat "126" zu schaffen, dessen Produktion in Kürze starten würde.
Autobianchi produzierte bis 1977 ca. 120.000 Exemplare der 500 Giardiniera; danach reduzierten sich die Verkaufsquoten, so dass es nicht mehr möglich war, eine eigene Montagekette zu rechtfertigen und ausserdem war das Werk in Desio voll und ganz mit der Produktion der A112 ausgelastet.
Das letzte Modell von dem wir berichten wollen ist die Viersitzer-Berlina, die wegen ihrer grossen senkrecht gesetzten Heckscheibe und dem rechteckigem Dach, das dem Wagen einen etwas unbeholfenen Ausdruck verliehen, auch “Televisore” (Fernseher) oder “Pagodina” (Pagode) genannte wurde. Der Preis von 560.000 Lire war zwar gegenüber den anderen Bianchina Modellen günstig, aber trotzdem übertrieben, wenn man ihn mit dem der Fiat 500 vergleicht, deren mechanische Merkmale mit dem senkrechten Motor die Berlina übernommen hatte. Die Masse des Wagens waren dieselben der alten verwandelbaren Bianchina, doch dank des rechteckigen Dachs waren die Hintersitze nun bequemer und geräumiger. Die Karosserie hatte leuchtende Farben und die Innenverkleidung war aus Kunstleder. Trotz allem mochte der Wagen das grosse Publikum nie gänzlich überzeugen, da er, wie man so schön sagt, weder Fisch noch Fleisch war: es war kein richtiger Kleinwagen wie die Fiat 500 aber auch kein grosser und bequemer Wagen wie die Panoramica. Zwischen 1962 und 1969 wurden ca. 109.000 Exemplare produziert. Ab Ende 1967 konnte man die letzten Exemplare als Luxusversion bestellen, mit spezieller Innenverkleidung aus weichem Kunstleder (skai), Details aus schwarzer Plastik und Nähten auf Sitzen und Paneelen, sowie Taschen und verschiedene zusätzliche Handschuhfächer. Auch für das Modell Berlina kann man die "spezielle" Version bestellen, wie es vorher für die verwandelbare Bianchina möglich war: diese hat einen Sport Motor mit 21 PS und eine grössere gechromte Stossstange.
Die 80iger Jahre waren für die Bianchina Berlina die schlimmsten: mit seiner Film Serie “Fantozzi”, wo er immer eine weisse Berlina fuhr und von allen verleumdet und ausgelacht wurde, zerstörte Paolo Villaggio endgültig das Image dieses Wagens. Es wurde ausgerechnet, dass nur für die Aufnahme der verschiedenen Filme der Serie Fantozzi, allen Sammlern dieses Modells zum Trotz, etwa 30 Berlina zerstört wurden.
Heute ist die Bianchina für alle Liebhaber der Oldtimer ein begehrtes Sammlermodell, da sie neben den goldenen Jahren der italienischen Automobilindustrie auch das Wahrzeichen der Sympathie und der Unbesorgtheit darstellt. Der Bianchina Club /Registro, der über 500 Mitglieder in aller Welt zählt, organisiert jährlich ein dutzend Treffen, die von der richtigen Autosternfahrt zu Ferien mit kulturellem und gastronomischem Programm bis zur Realisierung der Stands bei den offiziellen Tauschausstellungen reichen. Bei diesen Gelegenheiten treffen sich die verschiedenen Besitzer einer Bianchina mit Freunden aus ganz Italien, um Abenteuer und spannende Reisen in bezaubernde Landschaften zu organisieren. Dabei werden sie durch die verschiedenen regionalen Gruppen und das zentrale Sekretariat (mit Sitz in via Castello 13, 37060 Castel d'Azzano, Verona) unterstützt.
Abschliessend kann man sagen, dass die Bianchina heute ihre zweite Jugend durchlebt. Mit ihren fast 50 Jahren windet sie sich immer noch mit demselben Geschick und derselben Klasse, die sie schon seit ihrer Entstehung begleitet haben, durch die Welt der Oldtimer.