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Psoriasis: Mehr als eine Hauterkrankung
Diagnose In den letzten Jahren hat sich in der Psoriasis-Forschung viel getan. Dank neuen Medikamenten können auch schwere Psoriasis-Formen oftmals erfolgreich behandelt werden.
Prof. Navarini, wie viele Menschen leben in der Schweiz mit Psoriasis?
Rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung, etwa 200000 Menschen, sind in der Schweiz von Psoriasis betroffen. Dabei zeigen sich zwei Altersgipfel: einerseits im Teenager-Alter, andererseits bei Menschen über 40 Jahren. Rund ein Fünftel der Betroffenen hat eine schwere Psoriasis. Die Krankheit verläuft chronisch mit Schüben, die gehäuft im Herbst oder Winter auftreten.
Welche Formen der Psoriasis gibt es?
Die häufigste Erscheinungsform, mit 90 Prozent der Fälle, macht die sogenannte Plaque-Psoriasis aus. Hier zeigen sich scharf begrenzte, rötliche und silbern schuppende, dicke Plaques. Sie treten vorwiegend an Ellbogen, Knien und auf der Kopfhaut auf, können sich aber auch an anderen Stellen des Körpers zeigen.
80 Prozent der Betroffenen leiden unter Juckreiz. Zudem existiert eine Psoriasis, die von Ekzemen fast nicht unterscheidbar ist und die Hände und Füsse befällt. Sehr selten tritt eine eitrige Form der Psoriasis auf. Diese betrifft meist die Hände und Füsse und ist sehr schwierig zu behandeln.
Wann spricht man von einer schweren Psoriasis?
Von einer schweren Form spricht man, wenn mehr als zehn Prozent der Körperoberfläche von Hauterscheinungen bedeckt sind oder wenn die Hautsymptome zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.
Letzteres haben wir in die neue Schweizer Leitlinie aufgenommen, d.h. es kann auch eine schwere Psoriasis sein, wenn man z.B. im Gesicht oder an den Händen entstellenden oder invalidisierenden Befall hat.
Was weiss man über die Entstehung und die Ursachen einer Psoriasis?
Die genauen Ursachen von Psoriasis sind unbekannt. Psoriasis ist vor allem die Folge eines rasanten und unkontrollierten Wachstums der Oberhaut. Die Zellen der obersten Hautschicht wandern dabei siebenmal schneller an die Hautoberfläche als bei gesunden Menschen.
Normalerweise erneuert sich die Oberhaut innerhalb von 28 Tagen, bei Psoriasis-Betroffenen dauert das nur drei bis vier Tage. Die Folge: Glänzende, silbrig-weisse Schuppen bilden sich auf stark durchbluteten und entzündlich geröteten Hautarealen.
Bei der Psoriasis handelt es sich um eine sogenannte Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem, dessen Aufgabe es ist, den Körper vor gefährlichen Fremdstoffen zu schützen, richtet sich irrtümlich gegen körpereigene Zellen. Dabei spielt die genetische Veranlagung eine Rolle, etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen mit Psoriasis geben an, dass auch Verwandte betroffen sind.
Infektionen (besonders mit Streptokokken), bestimmte Medikamente, Stoffwechselstörungen, hormonelle oder psychische Faktoren, umweltbedingte Einflüsse, Verletzungen wie etwa Sonnenbrand oder Druckstellen, Stress, Alkohol oder Nikotin können die Krankheit auslösen.
Eine ursächliche Heilung der Psoriasis ist nicht möglich. Welche Ziele verfolgt die Psoriasis-Therapie?
Ziel der Therapien ist eine Linderung der Symptome, eine Verkürzung der akuten Krankheitsphase und eine Vermeidung neuer Schübe. Mit den heutigen Therapiemöglichkeiten ist man dem anzustrebenden Ziel der absoluten Beschwerde- und Symptomfreiheit bei Patienten mit Plaque-Psoriasis so nahe wie noch nie.
Welche Behandlungsmethoden kommen zum Einsatz?
Das Behandlungsziel und die Therapie werden individuell mit dem Patienten zusammen festgelegt. Eine rückfettende Hautpflege ist die Grundlage der Behandlung. Danach kommt in der Regel eine lokale Kortisontherapie, welche mit Vitamin D3 kombiniert wird, zum Einsatz.
Wenn die Lokaltherapie nicht genügt, wird zusätzlich eine Lichttherapie angewendet. Diese ist eine sehr effektive Behandlung und zeigt gute Erfolge. Wenn auch diese Therapiemassnahme nicht zum gewünschten Erfolg führt, kommt eine Systemtherapie zum Einsatz.
Fumarsäure und Chemotherapeutika in stark reduzierter Dosis haben sich in der Behandlung als sehr wirksam erwiesen. Diese Substanzen hemmen vor allem diejenigen Anteile des körpereigenen Abwehrsystems, die bei der Schuppenflechte für die Entzündungsreaktion verantwortlich sind. Wenn alle Therapieoptionen versagt haben, kommen schliesslich Biologika zum Zug.
In den letzten Jahren hat sich in der Psoriasis-Forschung viel getan und neue wirksame Medikamente sind auf den Markt gekommen. Können Sie uns mehr darüber berichten?
Wir wissen heute relativ genau, wie die Psoriasis entsteht. Dadurch können wir sehr viel gezielter therapieren. Einen grossen Beitrag dazu leisten die sogenannten Biologics.
Diese werden unter die Haut gespritzt und unterdrücken das Immunsystem, indem sie gezielt in die fehlgeleitete Reaktion der körpereigenen Abwehr eingreifen. Zudem blockieren sie bestimmte Botenstoffe, durch welche die Entzündung ausgelöst und gefördert wird. Sie unterbrechen so den Entzündungsprozess und können die Psoriasis langfristig kontrollieren.
Das Biologic muss regelmässig eingenommen werden, um beschwerdefrei zu bleiben. Auch gibt es neu designte kleine chemische Moleküle, die als Tablette eingenommen werden können und nicht sehr stark, aber sehr sicher sind.
Schätzungen zufolge ist nur ein kleiner Teil der 200000 Betroffenen in ärztlicher Behandlung. Weshalb?
Etwa 40 Prozent der Psoriasis-Betroffenen lassen sich nicht behandeln und sind oftmals gar nicht über ihre Erkrankung informiert. Einige haben zudem negative Erfahrungen in der Behandlung gemacht und sind deshalb nicht mehr interessiert, eine neue Therapie zu probieren.
Unser Ziel ist es, mit Information über die neuen Möglichkeiten in der Psoriasis-Therapie, auch diese Patienten zu einem neuen Versuch zu motivieren, ihre Psoriasis behandeln zu lassen.
Eine Psoriasis-Erkrankung kann mit anderen Risikofaktoren verbunden sein. Welche sind hier besonders zu erwähnen?
Oft geht die Schuppenflechte einher mit Bluthochdruck, Diabetes oder Herzproblemen. Zudem entwickeln 20 Prozent der Betroffenen eine Psoriasis-Arthritis. Eine frühzeitige Diagnose der Psoriasis-Arthritis ist wichtig, denn eine anhaltende Entzündung kann zu Schäden an den Gelenken führen. Wir Dermatologen sind darauf sensibilisiert, systematisch nach Gelenksbefall zu fragen.
Psoriasis ist für die Betroffenen nicht nur körperlich eine Herausforderung, sondern kann auch zu einer psychischen Belastung werden. Wie erleben Sie das in der Praxis?
Psoriasis führt oft zu erheblichen Einschränkungen im Alltag der Betroffenen. Der Juckreiz und die Schmerzen können schon alltägliche Dinge wie Gehen oder Schlafen zur Herausforderung machen.
Je nachdem, an welchen Körperstellen die Psoriasis auftritt, kann sich diese negativ auf die Lebensqualität und auf das Arbeitsleben auswirken. Ich kenne den Fall eines Oberkellners, der an Psoriasis erkrankt ist und deswegen entlassen wurde.
Noch immer ist die Krankheit mit vielen Vorurteilen behaftet. Die falsche Meinung, Psoriasis sei eine infektiöse, ansteckende Krankheit, hält sich hartnäckig. Ebenso ist Psoriasis nicht auf mangelnde Hygiene zurückzuführen.
Was raten Sie Psoriasis-Betroffenen?
Bei ersten Anzeichen von Psoriasis sollte man sofort den Hausarzt oder einen Hautspezialisten aufsuchen. Nur er kann eine adäquate Behandlung einleiten und den Patienten beim Umgang mit der Erkrankung unterstützen. Zudem kann der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich sein.
Kennen Sie Ihre Werte ?
Die Erfassung ihrer empfundenen Lebensqualität, die Aufschluss über Veränderungen im Therapieverlauf gibt, kann für ihren behandelnden Arzt wichtig sein, um den Erfolg ihrer aktuellen Behandlung zu bewerten. Auch eine Erhebung ihrer individuellen Lebensqualität beim ersten Arztbesuch kann Hinweise für die Wahl der richtigen Therapieoption geben.zur Feststellung der Lebensqualität stehen eine Reihe von standardisierten Fragebögen zur Verfügung.
www.fightpsoriasis.ch | www.psori.ch