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Magnus Carlsen und Garry Kasparow haben um 2009 über ein Jahr lang viel zusammen analysiert, gespielt und Meinungen ausgetauscht. Dass ein Ex-Weltmeister seinen späteren Nachfolger coachte, war nicht neu, denn Kasparow selber ging bei Botwinnik in die Schule. Allerdings waren sich die beiden Superstars des modernen Schachs über die Spielauffassung nicht einig. Carlsen sagte darüber, dass Kasparow ein Forscher wäre, der alles endgültig bewerten wollte, während er selber eine eher spielerische, pragmatische Einstellung – ähnlich der Karpows – hätte.
Magnus Carlsen – Wesley So
Magnus Carlsen Invitational 2021 Rapid
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Sc6 4.a4 Lb4 5.Ld3 d6 6.O-O O-O 7.Sd5 Lc5 8.c3 a5 9.Lc2 Sxd5 10.exd5 Se7 11.Sg5 h6 12.d4 Lb6 13.Sh7 Te8 14.Sf6+ gxf6 15.Dh5 e4 16.Te1 f5 17.Lxh6 Sxd5 18.Lg5 f6 19.Lb3 c6 20.Te3 Kf8 21.Dg6 f4 22.Lh6+ Ke7 23.Dh7+ 1-0
1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Sc6
Das Vierspringerspiel, hier von Magnus gespielt, um der Russischen Verteidigung auszuweichen. Es gilt als harmlos für Schwarz, aber ich selber tue mich schwer damit. Kasparow hätte so etwas kaum gespielt, weil der weisse Springer auf c3 Weiss daran hindert, mit c3 und d4 ein starkes Zentrum aufzubauen.
Weiss kann hier alles mögliche probieren:
4.g3, die Glek-Variante, so benannt nach ihrem eifrigsten Verfechter Igor Glek.
4.a3, die Gunsberg-Variante, nach ihrem Erfinder im Jahre 1887, Isidor Gunsberg, benannt. Es fragt sich schon, ob dieser Zug nach einer Antwort wie 4…g6 nicht einfach vergeudet ist. Als Hauptvariante gilt natürlich 4…d5, und weiteres 5.Lb5 Sxe4 6.De2.
4.Le2, die Van der Wiel-Variante, benannt nach John van der Wiel, der sie 1984 reanimierte. Auch hier sehen wir, dass es dem Weissen gar nicht darum geht, einen Vorteil aus der Eröffnung herauszuholen. Er spielt darauf, eine vernünftige Stellung zu bekommen.
4.Lc4, das italienische Vierspringerspiel, gilt wegen 4…Sxe4 etwas zu Unrecht als schwach, ist aber bei Patzern äusserst beliebt. Selbige belieben dann vorzugsweise nach 5.Lxf7+? Kxf7 6.Sxe4 d5 7.Sg3 e4 8.Sg1 schlecht zu stehen. Korrekt ist selbstverständlich 5.Sxe4 d5 6.Ld3 dxe4 7.Lxe4 Ld6 mit Ausgleich. Eine interessante Alternative zu 6…dxe4 ist 6…Sb4 7.Sg3 e4.
Auch das schottische Vierspringerspiel 4.d4 exd4 5.Sxd4 hat eine starke Ausgleichstendenz. 5…Lb4 6.Sxc6 bxc6 7.Ld3 d5 8.exd5 cxd5 9.O-O O-O ist bei mittelmässigen Klubspielern sehr beliebt. Aber auch viele Supergrossmeister haben diese Variante im Repertoire. Meistens endet sie remis, aber das ist in dieser Liga auch sonst mehrheitlich der Fall. Ich selber weiche meist mit 5…Sxe4 aus. Dann ist zwar nach 6.Sxc6 Sxc3 7.Sxd8 Sxd1 8.Sxf7 Kxf7 9.Lc4+ Ke8 10.Kxd1 oder 6.Sxe4 De7 7.f3 d5 8.Lb5 Ld7 auch nicht viel los, aber es ergeben sich ungewohnte Stellungsbilder.
4.Lb5, das spanische Vierspringerspiel, ist am beliebtesten. Hier gibt es einen Haufen Theorie. 4…Lb4, 4…Lc5, 4…Sd4 sind alles vernünftige Züge. Als besonders erfolgreich hat sich hingegen 4…Ld6 herausgestellt, was erst im 21. Jahrhundert in Mode gekommen ist. Besonders heimtückisch dagegen scheint der Wartezug 5.a3 zu sein, z.B. 5…O-O 6.d3 Te8, hier ist 7.g4 sehr gefährlich und die einzige Antwort, die ernsthaften Nachteil vermeidet, ist 7…Sd4. Dieses Thema werden wir in der Partie wiederfinden.
4.a4
Dieser Zug hat für meine Begriffe ein unerwartet geringes Echo in der Schachwelt gehabt. Erfunden hat ihn der Shootingstar Jorden van Foreest vor drei Jahren. Mit mässigem Erfolg, er verlor beide Partien damit.
4…Lb4
Laut Magnus‘ Aussage nach der Partie macht der Zug auch nach anderen Zügen als 5…Lb4 Sinn. Z.B. ist er nach einem Schottischen Vierspringerspiel mit vertauschten Farben, 4…d5 5.exd5 Sxd5 6.Lb5 Sxc3 7.bxc3 Ld6, absolut nicht vergeudet.
Magnus hatte die ganze Variante bis zum 15. Zug und darüber hinaus mit seinem Coach Peter Heine Nielsen vorbereitet, und noch am Morgen vor der Partie besprochen! Wie ist so etwas möglich? 4.a4 verpflichtet Schwarz ja zu überhaupt nichts. So wäre z.B. nach einem schlichten Wartezug wie 4…a6 oder 4…h6 die ganze Vorbereitung für die Katz gewesen.
Nun, Magnus hat immer betont, dass er im Gegensatz zu Kasparow nicht versucht, das Optimum aus der Stellung heraus zu holen, sondern sich aufgrund der beidseitigen Möglichkeiten entscheide. In diesem Fall bedeutet das, dass er für wahrscheinlich hielt, dass Wesley 4…Lb4 wählen würde. Nach dem schematischen 5.Lb5 wäre ja dann die alte Hauptvariante des Vierspringerspiels mit dem nutzlosen Zug a2-a4 entstanden.
5.Ld3
Die Vorlage dazu hatte Magnus aus zwei Partien von Jordens Bruder Lucas van Foreest vom Februar 2020. In der ersten Partie Van Foreest-Fridman spielte Schwarz 5…O-O 6.O-O Te8 7.Te1 Lc5 8.Sd5 Sb4 9.Sxb4 Lxb4 10.c3 Lf8 11.Lc2 d5, und nach 12.d3 versandete es ins Remis. Die zweite Partie gegen Arkadij Naiditsch verlief bis zum 9. Zug identisch mit dieser.
5…d6 6.O-O O-O 7.Sd5 Lc5
Auf einmal macht Magnus‘ 4. Zug Sinn, weil nach 7…Sxd5 8.exd5 Se7 9.c3 Lc5 10.b4 Lb6 11.a5 der Läufer eingeklemmt wäre.
8.c3 a5
Die uralte Frage: 8…a5 oder 8…a6? Z.B. im Italienischen nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.c3 Sf6 5.d3 O-O 6.a4 ist der Trend momentan 6…a5, und 6…a6 aus der Mode.
Vermutlich hätte 8…a6 an Magnus‘ Plänen nichts geändert. 9.Lc2 Sxd5 10.exd5 Se7 11.Sg5
9.Lc2 Sxd5
Naiditsch spielte in der Vorgängerpartie vorsichtiger 9…La7 10.d4 h6 mit Ausgleich. Selbstverständlich ist 9…Sxd5 der prinzipielle Zug. Wesley ist eben gerade darum so stark, weil er die prinzipiellen Züge macht.
10.exd5 Se7 11.Sg5
Bisher war alles vorhersehbar, aber das ist die eigentliche Überraschung. In der Tat versprach 11.d4 exd4 12.Sxd4 Sxd5 wenig, sowohl nach 13.Lxh7+ Kxh7 14.Dh5+ Kg8 15.Dxd5, als auch nach 13.Sb3 Le6 14.Sxc5 dxc5 15.Dh5 f5 oder 15…g6.
11…h6
Wiederum der prinzipielle Zug. 11…Lf5 12.Lxf5 Sxf5 13.Dh5 h6 14.Se4 Dd7 oder 14…Dc8 war ausgeglichen.
12.d4 Lb6
Und noch einmal prinzipiell.
Nach 12…exd4 13.Sh7 hätte er 13…d3 gehabt. 14.Lxd3 Te8, und jetzt wäre wohl 15.Lxh6 gxh6 16.Sf6+ Kg7 17.Df3 gekommen. Nach 17…Sg6 muss Weiss ewiges Schach geben: 18.Sh5+ Kg8 19.Sf6+. Die Alternative 17…Sg8 18.Sxe8+ Dxe8 19.Tae1 führt zu kompliziertem Spiel.
Solide wäre 12…hxg5 13.dxc5 f6 gewesen.
Wesley erwartete wohl alles andere als 13.Sh7. Plausibel erscheint z.B. 13.Lh7+ Kh8 14.Lc2 Lf5 15.Lxf5 Sxf5 16.Dh5 oder einfach 13.Dh5, wonach 13…De8 mit der Drohung f5 der kritische Zug ist.
13.Sh7 Te8 14.Sf6+ gxf6 15.Dh5 e4
Ein ausgezeichneter Zug. Die Alternative war 15…Dd7, was Dg4 droht und 16.h3 erzwingt. 16…Sg6 17.Lxg6 fxg6 18.Dxg6+ Kh8 läuft wahrscheinlich auf ein Remis durch ewiges Schach hinaus.
16.Te1 f5?
Der entscheidende Fehler. 16…Lf5 17.Te3 Lg6 18.Tg3 Dd7 19.Lxe4 f5 20.Ld3 Sxd5 hätte laut Computer zum Remis gereicht.
17.Lxh6 Sxd5 18.Lg5 f6 19.Lb3 c6 20.Te3 Kf8 21.Dg6 f4 22.Lh6+ Ke7 23.Dh7+ 1-0
Magnus Carlsen sagte 2011: „Kasparow brachte mir seine Methoden der Eröffnungsvorbereitung bei und ich bin ihm dankbar dafür.“ Um auf die Einleitung zurückzukommen: Kasparow hätte nach Methoden gesucht, objektiv möglichst viel aus der Stellung herauszuholen. Schon von daher wäre ein Zug wie 4.a4 für ihn nicht in Betracht gekommen. Ganz abgesehen davon, dass er es wahrscheinlich abgelehnt hätte, so etwas fades wie das Vierspringerspiel zu erforschen.
Auch wenn höchst wahrscheinlich Peter Heine Nielsen das Hauptverdienst an dieser Prachtpartie zukommt, zeigt sie doch klar die gegensätzliche Position Carlsens auf. Die Eröffnung wie auch die Opfervariante ist keineswegs zwingend und Wesley So hätte mehrere Möglichkeiten gehabt, die Gefahren zu vermeiden. Aber er hat sich nie gescheut, den prinzipiellen Kampf aufzunehmen, obwohl er bemerkt haben musste, dass er in die Vorbereitung des Weltmeisters hinein gelaufen war. In dieser Hinsicht hat ihm bestimmt Magnus‘ Pragmatismus gefehlt. Jener hätte sicher spätestens mit 11…Lf5 die Luft aus der Stellung genommen.
Dass Wesley bereits im 16. Zug patzt, ist nur normal. Ich erinnere mich an Rudolf Spielmann, der gesagt hat, dass in solchen Stellungen keineswegs die objektive Sachlage entscheidet, sondern die Schwierigkeit der Aufgabe. Der Verteidiger hat nun einmal immer die schwierigere Aufgabe. Auch Magnus hat bei diversen Gelegenheiten die leidvolle Erfahrung gemacht, dass dem so ist. Im Allgemeinen vermeidet er aber passive Verteidigungsstellungen konsequent.
In einer Hinsicht hat Magnus sicher von Kasparows Methode profitiert: Kasparow hat nämlich irgendwo angemerkt, dass er in der Vorbereitung auf Stellungen achtet, in denen Standard-Verfahren nicht gut sind. (Wo er das gesagt hat, habe ich vergessen, für einen Hinweis wäre ich dankbar.) Wesleys 4…Lb4 ist so ein Standard-Verfahren. Objektiv gesehen ist es keineswegs schlecht. Sein Mangel besteht darin, dass das Spiel berechenbar wird, gerade für einen Spekulanten wie Magnus. Richtig, Spekulant. Er sagt ja selber, dass er mit den beidseitigen Möglichkeiten spielt, oder im Original-Ton: „ich schaue, wie ich die Möglichkeiten für beide Spieler am besten nutzen kann.“ Obwohl Wesley in letzter Zeit ein paar Mal gegen Magnus gewonnen hat, bleibt er doch einer seiner besten „Kunden“. Das mag daran liegen, dass er Standardzüge bevorzugt und dadurch für Magnus berechenbar wird.
Was nun die Eröffnungsvorbereitung angeht, ist diese Partie beispielhaft. Viele Eröffnungslehrer suchen nach Systemen, wie man in Vorteil kommen und diesen Vorteil ebenso systematisch verwerten könnte. Sie verlassen sich dabei auf die Computerbewertungen. Was meiner Ansicht nach die falsche Methode ist. Eigentlich sollte man immer nach Ausnahmen suchen. Etwa Stellungen, in denen der Computer sagt „oh, das ist remis.“ Genau so, wie er es nach diesem verrückten Springeropfer sagt. Selbst ein absoluter Weltklasse-Spieler wie Wesley So hat danach nur zwei Züge lang überlebt.
Leider gibt es keine Computerbewertung für die Schwierigkeit der Aufgabe. Was es gibt, sind allenfalls Statistiken, z.B. jene für die Zugfolge 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sxf7 Kxf7 5.d4. Da sagt der Computer nämlich „oh, das ist -1. Und wenn Schwarz hier 5…c5 findet, sogar -1.5.“ Die Statistik hingegen sagt, dass Weiss über alle Partien 62% der Punkte macht. Mit beiden Spielern über 2200 sind es immer noch 54%. Erst wenn beide Spieler über 2300 Elo haben, kippt es auf die andere Seite.
Apropos Vierspringerspiel: Mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Sxe5 hat Weiss in Turnierpartien immerhin 47% der Punkte gemacht. Ich selber stehe mit Schwarz im Blitz bei bescheidenen 57%. Immerhin hat sich meine Bilanz gebessert, seit ich mir das angesehen habe. Das Gambit heisst Müller-Schulze-Gambit und Tim Krabbé hat einen langen Artikel darüber geschrieben. Er behauptet auch, dass Müller das Gambit erfunden hat, weil er übersah, dass der Bauer gedeckt war.
Mit diesen Beispielen will ich Sie keineswegs dazu ermuntern, so zu spielen. Sie sollen nur zeigen, dass die Schwierigkeit der Aufgabe von der Spielstärke abhängt. Für Meisterspieler lohnt es sich durchaus, schwierige Abspiele im Sinne dieser Partie zu untersuchen. Patzer hingegen sollten sich auf einfache Gambite oder Angriffssysteme beschränken, aber sie nicht ins Blaue hinaus spielen, sondern ein Mindestmass an Theorie lernen und typische Kombinationen erforschen.