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Wolltuche stellten zwischen dem 15. und dem 17. Jh. allgemein eines der wichtigsten gewerbl. Exporterzeugnisse dar. Der Import von Qualitätswolle aus entlegenen Gebieten - in der Schweiz wurde W. aus Mittel- und Ostdeutschland, aus England, dem Burgund und der Provence verarbeitet - und die komplexe Endverarbeitung (Walken, Färben, Scheren) begünstigten die Entstehung des Verlagssystems.
Sowohl im nördl. als auch im südl. Alpenraum bestanden aufgrund der verbreiteten Haltung von Schafen im MA gute Voraussetzungen für eine lokale Wollverarbeitung. Im Gebiet der heutigen Schweiz kam es jedoch nur in Freiburg im SpätMA zur Ausbildung eines exportorientierten Gewerbes (Gewerberegionen). Der Übergang zur Grossviehhaltung im nördl. Alpenraum ab dem späten 14. Jh. entzog dem Wollgewerbe zunehmend die agrar. Basis. Dennoch blieb im Rahmen der lokalen Subsistenzwirtschaft die Wollverarbeitung bis ins 19. Jh. wenigstens punktuell weiter bestehen (z.B. in Glarus). Der Aufstieg neuer Zentren der exportorientierten Wollverarbeitung im späten 16. Jh. vollzog sich weitgehend unabhängig von der einheim. Schafzucht; er stand im Zusammenhang mit allg. Umwälzungen des europ. Wollgewerbes, die v.a. durch den Wandel der Mode (Kleidung, Bekleidungsindustrie) und polit.-religiöse Flüchtlingsbewegungen verursacht wurden. Die wichtigsten Zentren der schweiz. Wollverarbeitung waren vom 15. bis 18. Jh. Freiburg, Genf und Zürich. In der 1. Hälfte des 16. Jh. gab es auch in Lugano bedeutende Wollmanufakturen, die von auswärtigen Unternehmern (den Welser aus dem dt. Reich und den Fleckenstein aus Luzern) gegründet und bisweilen mit ansässigen Teilhabern betrieben wurden.
Die Freiburger Tuchherstellung entstand wohl im 14. Jh. und erreichte ihren Höhepunkt im 2. Viertel des 15. Jh., um darauf einen allmähl. Niedergang zu erfahren. Sie war als städt. Zunftgewerbe organisiert (Handwerk, Zünfte). Wohl gegen die Hälfte der Stadtbevölkerung, hauptsächlich die Schicht der Hintersassen, war um die Mitte des 15. Jh. in der Wollverarbeitung tätig. Wahrscheinlich wurde in Freiburg ein Tuch mittlerer Qualität hergestellt, wofür v.a. importierte, aber auch einheim. W. verwendet wurde. Exportiert wurde neben dem von der städt. Schau gesiegelten Tuch auch nicht gesiegeltes Tuch minderer Qualität. Die Zurzacher und die Genfer Messen bildeten die Hauptabsatzkanäle, über die Freiburger Tuche in den oberdt. Raum sowie ins Mittelmeergebiet gelangten. Der Absatz wurde dabei bis in die 2. Hälfte des 15. Jh. durch die Handwerkszünfte getragen. Ab dieser Zeit stellten der Niedergang der Genfer und der Aufstieg der weiter entfernten Lyoner Messe die Absatzorganisation vor grosse Probleme. Deshalb wurden 1491-1523 Verträge mit der Handelsgesellschaft der Vöhlin und Welser (Memmingen und Augsburg) geschlossen, die den Verkauf des von den Zünften fabrizierten Tuchs an die genannte Handelsgesellschaft zu einem festen Preis vorsahen. Mit diesem System des Zunftkaufs ergaben sich Ansätze zu einem Verlagssystem, wobei die Zunftweber zunehmend zu Lohnarbeitern degradiert wurden. Langfristig liess sich aber der Niedergang des Gewerbes nicht aufhalten. Gründe dafür waren die Verlagerung der Nachfrage zu leichteren Tuchsorten sowie die steigende Attraktivität von Viehwirtschaft und Solddienst für die regionale Wirtschaft.
Als Erweiterung eines weit gespannten Tuchhandels entstand in Genf im 16. Jh. ein Wolltuchgewerbe, das allerdings nie die Bedeutung des Seidengewerbes (Seide) erlangte. Im Zusammenhang mit der Einwanderung von prot. Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, die über das erforderl. Know-how und Kapital verfügten, entwickelte sich ab ca. 1550 die Wolltuchfabrikation, die allerdings ab den späten 1610er Jahren im Zuge von Pest und europaweiter Wirtschaftskrise in eine Stagnation eintrat und im 3. Viertel des 17. Jh. weitgehend in der Bedeutungslosigkeit versank. Fabriziert wurde eine breite Palette von Qualitäten, die von breitem, feinem Florentiner Tuch bis zu leichteren und gröberen Stoffen reichte. Das Gewerbe wurde ab 1578 obrigkeitlich geregelt, 1593 wurde eine Zunft aufgerichtet (état juré), die in der Ausbildung und Qualitätssicherung eine wichtige Funktion übernahm. Als Unternehmer fungierten marchand-fabricants bzw. marchand-drapiers (Tüchler), die neben dem Import von Rohwolle und dem Export den gesamten Produktionsprozess kontrollierten und die einzelnen Produktionsschritte im Lohnwerk durchführen liessen. Die Lohnweber arbeiteten jedoch in ihrer eigenen Werkstatt; es existierten auch selbstständige Weber, die Rohwolle bei Kaufleuten einkauften, den Produktionsprozess selbst organisierten und den Webvorgang z.T. in ihrer eigenen Werkstatt durchführten.
Unabhängig von der eigentl. Wolltuchfabrikation existierte in Genf eine ansehnl. Endverarbeitung von Tuch (apprêts), die erst im späten 18. Jh. an Bedeutung verlor. Die wichtigsten Stadien waren das Walken, Färben, Scheren, Ratinieren - dabei wurde die Wolle aufgekratzt und in Knötchen oder Knöspchen zusammengedreht - sowie das Pressen. Spezialisierte zugewanderte Fachkräfte dominierten diesen Sektor. Die Verleger kontrollierten die Appretur stärker als den eigentl. Webvorgang, da sich oft nicht nur das bearbeitete Tuch, sondern auch die Werkstätten und die Instrumente in ihrem Besitz befanden. Genf gehörte zu den wenigen Tuchzentren, die das Ratinieren mechanisierten (1673/75). Auch das Walken erfolgte soweit als möglich mit Wasserkraft. Walkmühlen, Färbereien (zusammen mit den Gerbereien) und Ratiniermühlen machten die Rhoneinsel und den benachbarten westl. Uferstrich im frühen 18. Jh. zu einem eigentl. Industriequartier.
Die Anfänge der Zürcher Wollmanufaktur reichen in die frühen 1570er Jahre zurück, doch gewann die Branche erst ab den späten 1580er Jahren an Schwung. Besonders für die Gewinnung von technolog. Know-how spielten ital. Glaubensflüchtlinge eine erhebl. Rolle; die Industrie wurde aber im Wesentlichen von einheim. Notablen aufgebaut, die Einblick in die Pläne von Glaubensflüchtlingen hatten, über das erforderl. Kapital verfügten sowie obrigkeitl. Unterstützung mobilisieren konnten. Fabriziert wurde in der ersten Expansionsphase, die bis ca. 1620 dauerte, hauptsächlich Burat, die Imitation eines leichten, groben Erzeugnisses aus Bergamo, das wohl wegen tieferer Arbeits- und Protektionskosten (Fehlen der zünft. Organisation, Schutz des Handels) auf dem wichtigen Lyoner Absatzmarkt erfolgreich mit dem Original konkurrieren konnte. Später spielten auch dt. Messen, insbesondere Frankfurt am Main, für den Absatz eine wichtige Rolle. Seinen Höhepunkt erreichte das Gewerbe in den Jahrzehnten um 1700; vermutlich stellte es um diese Zeit die wichtigste zürcher. Exportbranche dar. Seit dem erneuten Aufschwung ab den 1660er Jahren hatte sich die Produktepalette differenziert, doch dominierten offenbar weiterhin Tuche mittlerer Qualität. 1710-30 ist ein eindeutiger Niedergang des Gewerbes festzustellen, dessen Ursachen schwer zu erkennen sind. Die Verlagerung der Nachfrage von Woll- zu Baumwolltuchen (Baumwolle) dürfte jedoch eine wichtige Rolle gespielt haben.
Im Unterschied zur Genfer war die Zürcher Wollindustrie ein nicht-zünft. Gewerbe, das von Fernkaufleuten organisiert wurde, die oft auch in der Seidenverarbeitung tätig waren. Nicht nur die Spinnerei, sondern auch die Weberei verrichteten ländl. Arbeitskräfte in Heimarbeit, wobei die Produktion direkt durch die städt. Kaufleute organisiert wurde. Um zu vermeiden, dass techn. Kenntnisse abwanderten, konzentrierten die Kaufleute den Kämmprozess in ihre Eigenbetriebe in der Stadt. Das Kämmen erfolgte für die hergestellten Sorten durch leichtes Ansengen des Wollvlieses auf Öfen. In diesem Zusammenhang entstanden grössere Manufakturen mit bis zu 25 Öfen und mehreren Dutzend ausschliesslich männl. Arbeitern.
Nachdem die Wollverarbeitung in der 1. Hälfte des 19. Jh. an Bedeutung verloren hatte, erfuhr sie in der 2. Jahrhunderthälfte wieder einen gewissen Aufschwung. Die Zahl der Beschäftigten stieg bis 1850 auf etwa 2'000, blieb aber viel tiefer als in den anderen Sektoren der Textilindustrie (in der Baumwollverarbeitung sollen um 1850 ca. 52'000 Personen gearbeitet haben, in der Seidenindustrie rund 45'000). Einerseits entstanden zwischen den 1860er und 80er Jahren die Kammgarnspinnerei, die den grössten Teil ihres Ausstosses exportierte, und die Kammgarnweberei. Diese Sektoren waren bis zur Weltwirtschaftskrise von einiger Bedeutung. Andererseits führte die Mechanisierung des Spinn- und Webvorgangs dazu, dass die häusl. Textilverarbeitung zurückging und der Inlandmarkt sich entsprechend für im Alltag getragene Textilien ausweitete. Allerdings wurden bis zu Beginn des 20. Jh. vorwiegend Mischgewebe hergestellt. Es war insbesondere die staatl. Nachfrage nach Uniformstoffen und Decken, die den Absatz der wollenen Erzeugnisse über die Weltwirtschaftskrise und den 2. Weltkrieg hinaus stabilisierte. In den 1950er Jahren waren rund 10'000 Personen in der Wollindustrie beschäftigt. Mit der generellen Verschlechterung der Standortbedingungen der Textilindustrie ging jedoch nach 1960 auch die Wollverarbeitung zurück. 2001 gab es nur noch wenige Fabriken in dieser Branche (Alle, Huttwil, Turbenthal). Die Wollfabrikanten waren ab 1882 im Verein Schweiz. Wollindustrieller organisiert, der in den 1990er Jahren im Textilverband Schweiz (TVS) aufging.
Literatur
– HSVw 2, 652-656
– W. Bodmer, Die Entwicklung der schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, 1960
– GeschFR 1, 227-274
– L. Mottu-Weber, Economie et refuge à Genève au siècle de la Réforme, 1987, 25-211
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
Autorin/Autor: Ulrich Pfister