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Rezension:
Eine Verführung zur Einführung
Die Prosa Peter Leupins lässt sich nicht einordnen. Sie gehört keinem Genre an, erinnert formal zwar an vieles, was man kennt, erfüllt bald die Kriterien für die Kurzgeschichte, für die Glosse, für den Tagebucheintrag, verletzt diese Kriterien aber immer, ohne sie zu missachten. Leupin spielt: mit den Formen, den Gattungen, mit den Inhalten, mit den vermeintlichen Gewissheiten — die er zerstört und aufbaut, ohne jeweils zu verraten, ob er gerade am Aufbauen oder am Zerstören ist —, spielt mit der Sprache, mit den Sprachen, mit den Leserinnen und Lesern, blendet und führt zugleich hinters Licht. Und er hat Spaß dabei. Daraus macht er keinen Hehl, obwohl er manchmal doch vorgibt, seinen Spaß verhehlen zu wollen.
Meine erste Begegnung mit Peter Leupins Literatur weckt in mir eine Erinnerung an einen britischen Zauberkünstler, den ich in meiner Jugend ein einziges Mal sah und bis zu dieser Lektüre vollkommen vergessen hatte: Der Zauberer, ein unscheinbarer, etwas schüchterner älterer Herr, drückte beim Betreten der Bühne vor allem zwei Dinge aus: Unsicherheit und zugleich eine rührende Zuversicht, irgendwie werde es schon klappen. Dann fängt er mit den üblichen Nummern an, die man erwartet, die man kennt und die dem stereotypen Bild eines Zauberers entsprechen. Er möchte wohl ein Kaninchen aus dem Zylinder holen. Aber da ist nichts zu machen. Es gelingt ihm nicht. Der Zauberstab aus hartem Material wird plötzlich weich wie eine gekochte Nudel. Er wühlt mit der Hand im Hut herum — es scheint nichts drin zu sein. Er wirft heimlich ein paar Karotten hinein — nichts! Er kehrt den Hut um und schüttelt ihn, aber nichts fällt heraus; nicht einmal die Karotten. Er gibt auf und möchte zum nächsten Zaubertrick übergehen. Aber jetzt hopst ein Kaninchen aus dem Hut. Und noch eins. Und noch eins. Der Zauberer tut, als wäre es ihm peinlich. Betreten packt er die fünf Kaninchen, die gar nicht Platz haben dürften, mit Mühe in den Zylinder zurück, immer wieder hopst eines wieder heraus, aber da flattern auch Tauben heraus…
Ähnliches macht Leupin mit der Erzählkunst. Ein Beispiel: Ein Ich-Erzähler, der in allen wesentlichen Zügen der Autor selbst ist, beschreibt einen Freund, den er als äußerst zwiespältig, widersprüchlich, diskrepant zeichnet: auf der einen Seite äußerst liebenswürdig, herzgewinnend, auf der andern Seite rücksichtslos, rüpelhaft. Leupin setzt virtuos seine ganze rührende, aber schelmisch beabsichtigte narrative Unbedarftheit und Unzulänglichkeit ein. Und wir überragend klugen Leserinnen und Leser ahnen selbstverständlich schon sehr früh, dass der antithetische angebliche Freund in Wahrheit ein Hund ist. In der Tat wird von Zeile zu Zeile deutlicher, dass der Autor erst mit den letzten Worten der kurzen Erzählung die Katze aus dem Sack lassen will. So ist es schließlich auch. Aber unser Scharfsinn wird mit dem doch überraschenden Schluss nur teilweise belohnt: Der Hund ist nämlich vielleicht doch kein Hund, denn der Ich-Erzähler ist nicht der, den wir erwartet haben. — Und mit den letzten Worten verwandelt sich die Geschichte, die wir gelesen haben, in eine Geschichte, die uns zufällt, ohne dass wir sie gelesen haben.
Nun macht Peter Leupin daraus aber keine Technik, schon gar nicht eine Masche. Diesen Kunstgriff setzt er ein einziges Mal ein, denn er hat noch viel anderes auf Lager: Einen Serial-Killer, der weder aus Habgier, noch aus sexueller Triebhaftigkeit, sondern aus Güte, aus Empathie, aus Einfühlsamkeit, letztlich aus selbstloser Liebe tötet, die fürchterliche Gewalt eines achtzig Meter hohen Wasserfalls, die ein steuerloses kleines Boot samt Insassen zermalmen könnte wie eine Nuss unter einer Stiefelsohle und dennoch auf die Bootmannschaft seltsam beruhigend wirkt, offensichtlich Biografisches, das ebenso offensichtlich frei erfunden ist, und Fantastisches, Märchenhaftes, Science-Fiction-Artiges, die sich völlig überraschend plötzlich doch als autobiografisch Unverblümtes herausstellen, Freundschaften, die nicht trotz, sondern wegen ihrer grundsätzlichen und aussichtslosen Unverträglichkeit unzertrennlich werden… — Ich habe vielleicht schon zu viel verraten, denn ich möchte niemandem den Genuss verblassen, selbst in Leupins Texten den manchmal ergreifenden, manchmal erheiternden, manchmal ernüchternden Zwischentöne, die ich bestimmt noch nicht alle entdeckt habe, nachzuspüren. Doch Sorgen mache ich mir darüber nicht, denn — wie bereits gesagt — die eigenwilligen erzählerischen Miniaturen sind nicht mit einem einzigen Schlüssel aufzuschließen; man braucht dazu einen ganzen Schlüsselbund — und auch dann, wenn man zu jedem Textchen den passenden Schlüssel gefunden hat, findet man bei mehrmaligem Lesen und bei mehrmaligem Aufschließen immer etwas Neues vor.
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