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Eigentlich ist Skepsis eine feine Sache. Die Philosophen haben den Zweifel sogar immer wieder zur eigentlichen Tugend des Denkens erhoben. Absolut sicheres Wissen gibt es nämlich nicht.
Sokrates machte deshalb das berühmte Zugeständnis: «Ich weiss, dass ich nichts weiss». Damit wollte er zu Bescheidenheit anhalten: Wir alle sind vor Irrtum nicht gefeit. Deshalb sollten wir eine kritische Haltung einnehmen zu allem, was wir zu wissen meinen. Der Philosoph René Descartes machte den Zweifel gar zur Methode und sagte: «An allem ist zu zweifeln.»
Warum also werden Skeptikerinnen und Skeptiker so harsch kritisiert, etwa wenn es um Corona, um 9/11 oder ums Impfen geht?
Ist die Welt wirklich so, wie wir sie erleben?
Als erstes fällt auf, dass Skeptiker nicht gleich Skeptiker ist. Der philosophische Skeptizismus, der bis in die Antike zurückreicht, bezieht sich in erster Linie auf unser Erkenntnisvermögen: Er bezweifelt, dass uns die Wahrheit überhaupt zugänglich sein kann.
Deshalb drängt er immer von Neuem darauf, Gegenstände und Sachverhalte genauer zu untersuchen und keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Könnte es nicht sein, dass unsere Sinne uns täuschen? Oder dass uns ein böser Dämon eine Welt vorgaukelt, die es gar nicht gibt?
Spezifische Skepsis am Establishment
Die Skeptiker, die heute den öffentlichen Diskurs aufmischen, sind weit weniger radikal. Meist betrifft ihr Zweifel nicht die grundsätzliche Möglichkeit, sicheres Wissen zu erlangen. Sie bezweifeln nicht, dass es Atome gibt oder dass die Erde rund ist.
Oft sind sie sogar sehr überzeugt von bestimmten Positionen: Etwa, dass Impfungen für Autismus mitverantwortlich sind oder dass ein Virus weniger gefährlich ist, als behauptet.
Umso heftiger attackieren sie die etablierten Wissenschaften, die das Gegenteil behaupten. Könnte es nicht sein, dass sie uns Lügen auftischen? Uns Daten verheimlichen, um ihre Macht zu zementieren?
Philosophisch gesehen ist selbst an dieser Form der Skepsis nichts auszusetzen. Ganz im Gegenteil: Immanuel Kant ermahnte uns, unsere «Unmündigkeit» abzulegen und uns unseres Verstandes «ohne Leitung eines anderen zu bedienen». Bloss weil die Mehrheit anderer Ansicht ist, heisst das nicht, dass sie im Recht ist. Allerdings müssen wir als Gesellschaft Regeln erlassen, wie wir zusammenleben wollen. Das gilt erst recht in einer Situation, in der die Freiheit der einen die Sicherheit der anderen gefährdet.
Es bleibt also nichts anderes, als zu fragen, wer die besseren Gründe vorlegen kann für seine Theorie. Die Beweislast tragen dabei beide Seiten.
Wissen wird laufend angepasst
Wobei «Beweislast» in der Wissenschaft oft zu hoch gegriffen ist. Eine wissenschaftliche Theorie zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie falsifizierbar ist, also fehlschlagen kann. Wissenschaft kann, wie Karl Popper betont hat, nur mit vorläufigem Wissen operieren und muss grundsätzlich offen bleiben für Kritik.
Wer dem gegnerischen Lager unterstellt, es verbreite Lügen oder unterschlage Informationen, verlangt als Gegenbeweis jedoch oft eine Wahrheitsgarantie. Widerlegt eine Studie die andere oder passen Behörden verordnete Massnahmen aufgrund neuer Evidenzen an, sehen sie sich bestätigt: Wir wurden absichtlich getäuscht!
Theorien sind jedoch nie über alle Zweifel erhaben. Schon gar nicht, wenn sie neue Phänomene betreffen wie diese Pandemie. Wir dürfen deshalb ruhig skeptisch sein und bleiben.
Aber erstens sind doppelte Standards verboten: Hinterfragt werden muss immer auch die alternative Sichtweise. Und zweitens darf von niemandem eine Wahrheitsgarantie verlangt werden. Wie sagte es der Schweizer Schriftsteller Markus Werner so schön? «Allein das Zögern ist human.» Das gilt auch für unser Erkenntnisvermögen.