Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03451.jsonl.gz/278

«Eine Gräueltat zu tun, ist das eine. Sie erzählen zu müssen, das andere.» Das schreibt Pommfritz in seinem 22. Brief an seinen Vater. 23 Briefe sind es, die er im Gefängnis verfasst, ohne Datum, denn: «Ich schreibe aus der Ewigkeit, ich spür es.» In diesen Briefen beschreibt er detailliert, wie es zu dieser Gräueltat kam, die er seinem Vater gleich im ersten Brief gesteht: «Vatter, ich habe Mutter gegessen, naja, ’n Stückchen von ihr, ich sags gleich, die Kuppe.»
Was folgt, ist ein Einblick in einen Albtraum von einem Leben – und eine Zumutung von einem Buch, dem man sich jedoch kaum entziehen kann. «Pommfritz aus der Hölle», so lautet der Titel des von Lioba Happel verfassten Briefromans über einen Mann, der, um seine Mutter (oder sich selber) zu retten, diese tötet und isst – zumindest ihre Fingerkuppe. Eigentlich heisst er Pomelius Fridericus, doch weil seine Mutter das Essen so liebt, nennt sie ihn Pommfritz, was jedoch nicht bedeutet, dass sie ihren Sohn besonders lieb hat.
Sie bindet ihn als kleinen Jungen am Tischbein an, und während sie Hähnchen in sich hineinstopft, spielt er mit den halb toten Fliegen neben ihren Füssen. Sein erstes Wort: «Bschissen». Sie prügelt das Kind windelweich, den Vater, einer aus den «Emmentälern», bekommt das Kind nur einmal zu Gesicht. Es folgt eine Heimkarriere, während die Mutter zu Hause immer dicker wird. Als ihm eine Lehrerin im Heim ein Buch von Arthur Rimbaud schenkt, weil er so aussehe wie der junge Dichter, entdeckt er die Literatur.
In seinen Gefängnisbriefen zitiert er den Dichter gelegentlich. Eine Gräueltat erzählt zu bekommen, ist etwas anderes, als sie zu begehen oder sie zu erzählen. Lioba Happel macht es uns mit ihrer vermeintlich plaudernden und doch sehr detailreichen, derben und fast physisch spürbaren Sprache nicht leicht. Man muss es aushalten.
Lioba Happel liest in Solothurn am Freitag, 27. Mai 2022, um 10 Uhr.
Lioba Happel: Pommfritz aus der Hölle. Verlag Pudelundpinscher. Wädenswil 2021. 136 Seiten. 32 Franken