Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/2750

Der Einstiegsartikel zum Schwerpunktthema «Stille» gilt der Stille in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Artikel untersucht, wie die Komponisten John Cage, Luigi Nono, Enno Morricone, Arvo Pärt und der Dirigent Claudio Abbado mit Pausen («der Zeit zwischen den Noten») und Lautstärken umgehen. Als Pionierstück führt der Journalist «4‘33‘‘» von Cage an, das aus drei Pausen besteht, deren Anfang und Ende mit dem Öffnen und Schliessen des Klavierdeckels markiert werden. Die Stille lenkt die Aufmerksamkeit auf die Fülle an Geräuschen im Konzertsaal, die in jeder Aufmerksamkeit neu „komponiert“ werden.
Weissraum
Analog zu John Cages Stück «4‘33‘‘» bildet eine fast leere Seite den Auftakt zum Artikel. Nur der Titel «4‘33‘‘. Komponierte Stille» flottiert frei „im Weissraum“. Die Worte können als Entsprechung der Geräusche gelesen werden, die durch die Pausen in Cages Stück hörbar werden.
Zwei Arten der Stille
Sowie die Stille geistige Vorstellungsräume eröffnen und die Wahrnehmungsgrenzen nach aussen erweitern kann, indem sie den Raum um die Hörenden erlebbar macht, existiert auch eine gegenteilige Stille. Ihre Bewegung ist genau umgekehrt: Sie richtet sich nach innen, zieht sich sozusagen ins Innere des Körpers zurück. Ihr Takt ist der Herzschlag, ihr Ton das Sirren der Nerven. Wir erfahren sie, wenn wir alleine sind und die Welt ansonsten schweigt: zum Beispiel in der Nacht. Sie ist verbunden mit Einsamkeit. Die beiden Arten von Stille lassen sich nicht klar voneinander unterscheiden, sondern sind aufs engste miteinander verbunden. Doch ist die eine Stille leichter, extrovertierter, durchlässiger während die andere intimer und introvertierter ist.
Weissraum positiv – negativ
Dieser Kontrast kommt im Gebrauch von positivem und negativem Weissraum bei den Auftaktseiten zum Ausdruck. Viel Weissraum wird im Einstieg zu den Artikeln über Musik, die Heilung von Gehörlosigkeit und die neuropsychologischen Definition von Stille verwendet. Kein Weissraum, sondern ganzseitige, randabfallende Bilder in dunklen Tönen leiten die Artikel über Meditation und eine Reportage über das Leben zweier Schwestern in einem verlassenen Bergdorf ein.
ruhig
sich nicht bewegend, ohne Lärm, leise;ohne Spannungen, Aufregungen, Zwischenfälle; ohne Hast; von innerer Ruhe zeugend, gelassen (aus Duden, Das Herkunftswörterbuch)
Rhythmus
Die Auftaktseiten zu den einzelnen Beiträgen bringen die Ruhe in den Schwerpunkt. Sie weisen abwechselnd viel und wenig Weissraum auf und schaffen einen gleichmässigen Rhythmus: weiss – dunkel – weiss – dunkel – weiss. Die Titelschrift unterstützt die Gleichmässigkeit. Sie ist mit 12 pt relativ klein und weist durchgehend die gleiche Grösse auf. Anstatt sich in den Vordergrund zu drängen, entfalten die Titel ‘im Stillen’ ihre Präsenz.
Der weissrussische Fotograf Andrei Liankevich fotografierte das Leben zweier um die siebzigjährigen Schwestern, eine davon taubstumm, in dem Bergdorf Kuzhbej in den Ukrainischen Karpaten. Die Siedlung ist seit über 20 Jahren verlassen. Nur die beiden Schwestern, zwei Kühe, zwei Schweine, einer Ziege, zwei Katzen und sechs Hunden leben dort ohne Strom und fliessend Wasser.
<
p class=“three-columns-two last“>Einstieg
Der Einstieg in die Geschichte macht eine Nachtszene. Im Gegensatz zum dominanten Weissraum füllt eine blauviolette Dunkelheit das ganze Format aus. Kontrastiert wird es mit einem kleinen gelborangen Feld. Der Komplementärkontrast steigert die Intensität der beiden Farben; insgesamt strahlt das Bild aber Ruhe aus, da sich in unserer Wahrnehmung das Verhältnis des hellen Feldes zur blauvioletten Fläche ausbalanciert. Die Sogwirkung der dunkeln Farbe zieht den Betrachtenden in die Bildwelt: eine schemenhafte Winterlandschaft, leicht erhellt im Dämmerlicht. Himmel und Landschaft nehmen den grössten Bereich des Bildes ein. Auf der horizontalen Mittelachse liegt ein Streifen Wald und ein Hof, von dem drei Häuser und ein Miststock erkennbar sind. In einem der Häuser brennt Licht. Der Betrachtende wird in Leserichtung über den mit gefrorenem Schnee verkrusteten Feldweg zum erleuchteten Fenster hingeführt.
<
p class=“three-columns-one“>Leserführung
Perspektive: die Betrachtenden nähert sich von aussen dem Schauplatz.
<
p class=“three-columns-one“>Die letzte Fotografie schliesst die Klammer um den Beitrag: Zieht das erleuchtete Fenster den Betrachter in die Geschichte hinein, führt das letzte Bild wieder hinaus. Die Betrachtenden nehmen die Perspektive der einen Frau ein und schauen aus dem Innern des Haus durch die einen Spalt breit geöffnete Tür nach draussen. Gegenlicht erzeugt einen starken Helldunkelkontrast. Der Innenraum ist dunkel, die Frau nur noch als Silhoutte erkennbar. Die Richtung der Fotografie führt hinaus.
Das weisse Gegenlicht wird bei der gegenüberliegenden Seite, der Auftaktseite zum nächsten Artikel, im dominierenden Weissraum aufgenommen. Nicht nur dunkel und hell unterscheiden die beiden Artikel, sondern auch ihr Thema: Auf die «Heimkehr der Stille» folgt eine Gegenbewegung: «Raus…aus der Stille». Dieser Bewegung wird mit dem Schriftzug «Raus…» ganz nah am rechten Rand Schwung verliehen…
Die Lesenden springen auf, und mit dem Umschlagen der Seite schwingen sie in die neue Geschichte hinein. Mit ihnen schwingt auch eine der Protagonistinnen des nächsten Beitrags, ein schwerhöriges Mädchen, das dank einer elektronischen Innenohrprothese ihrer Behinderung entfliehen konnte. Im Gegensatz zur Ruhe und Langsamkeit in Kuzhbej zeigt das Bild eine Momentaufnahme einer Bewegung.
Farbe
Nicht nur kommt mit einem Schwung Bewegung auf, auch die monochrome Dunkelheit und der Weissraum weichen den bunten, leuchtenden Farben Grün, Pink, Rot und Orange.