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Als Komponist hat Anton Bruckner zeitlebens um Anerkennung ringen müssen. Seine gewaltigen Sinfonien erschienen vielen Zeitgenossen als unverständlich oder verrückt und hatten es entsprechend schwer, zur Aufführung zu gelangen. An der Spitze der Bruckner-Antipoden stand der Wiener Journalist Eduard Hanslick, der in seinen Rezensionen mit Häme und Gehässigkeiten nicht gerade geizte. Da Hanslick aber als «Kritikerpapst» galt und ganz Wien auf ihn hörte, geriet das Machtspiel mit diesem Widersacher für Bruckner zu einem echten Albtraum.
Dabei hatte alles ganz anders angefangen. Im September 1863 lernten sich die beiden beim Münchner Musikfest persönlich kennen. Der weltgewandte Hanslick, ein Jahr jünger als Bruckner, war damals schon eine Zelebrität, lehrte Musikgeschichte in Wien, hatte mit seiner Habilitationsschrift Vom Musikalisch-Schönen für Aufsehen gesorgt und verfasste vielbeachtete Artikel für die Tagespresse. Der linkische Bruckner wirkte dagegen noch immer als Domorganist in Linz; er war ein musikalischer Praktiker und an intellektuellen Diskursen weniger interessiert. Auch wenn er Hanslicks Ästhetik vermutlich nie gelesen hatte, so war ihm doch bewusst, dass dieser Mann ein «Influencer» war, wie man heute sagen würde, und dass sein Wort über Erfolg oder Niederlage entscheiden konnte. Entsprechend umgarnte Bruckner den «Herrn Professor», erbat ein Autogramm (was dieser mit der Zusendung eines signierten Fotos einlöste) und schickte ihm seine frühe d-Moll-Messe zur Ansicht. Hanslick wiederum zeigte sich vom Organisten Bruckner beeindruckt, förderte dessen Auftritte in Wien, London und Frankreich und fand sogar lobende Worte für einige Kompositionen des Meisters, die Kirchenmusik und die ersten beiden Sinfonien.
Das Blatt wendete sich, als sich Bruckner um eine Professur an der Wiener Universität bewarb. Hanslick, der als Gutachter fungierte, riet ab – praktischer Unterricht im Komponieren gehöre doch wohl eher an ein Konservatorium als an eine wissenschaftliche Lehranstalt. Dass sich Bruckner mit diesem ablehnenden Bescheid nicht zufriedengab und wenige Jahre später einen neuen Anlauf unternahm, konnte Hanslick gar nicht gefallen. Noch viel schlimmer aber erschien ihm die Begründung, mit der Bruckner für sich warb: Er wies nämlich darauf hin, dass sogar Richard Wagner und Franz Liszt seine Sinfonien gelobt hätten! Ausgerechnet Wagner! Dieser Komponist war für Hanslick ein rotes Tuch, ihn überzog er seit Jahren mit Verrissen. Und ärgerte sich noch viel mehr, als ihm Wagner mit dem spiessigen «Merker» Sixtus Beckmesser in den Meistersingern von Nürnberg ein musikalisches Portrait gesetzt hatte – eine Figur, die übrigens zunächst «Veit Hanslich» oder «Hans Lick» heissen sollte … Da Bruckner nun aber Wagner als Referenz anführte, hatte er sich nach Hanslicks Ansicht zu seinem Feind gemacht.
Abermals votierte Hanslick also gegen Bruckners Ersuchen. Und traute seinen Augen kaum, als ein Jahr später eine dritte Bewerbung des Komponisten auf seinem Tisch landete: Er bitte darum, «Vorträge über Harmonielehre und Kontrapunkt als Ergänzung der Vorlesungen des Professors Hanslick» halten zu dürfen, liess Bruckner das Gremium wissen. Da sich diesmal die übrigen Mitglieder der Jury für den Aspiranten aussprachen, blieb Hanslick nichts anderes übrig, als zähneknirschend einzulenken. Doch setzte er die Fehde auf anderem Terrain fort. Zum einen bestärkte er die Wiener Philharmoniker in ihrer feindseligen Haltung gegenüber dem Komponisten und riet ihnen ab, Bruckners Sinfonien aufzuführen. Zum anderen aber zog er mit der Feder gegen den Oberösterreicher zu Felde.
Von Sinfonie zu Sinfonie werden Hanslicks Kritiken geifernder. Während er Bruckners Dritte noch mit einer gewissen Ironie als Vision bewertet, «wie Beethoven’s Neunte mit Wagner’s Walküre Freundschaft schliesst und endlich unter die Hufe ihrer Pferde gerät», wird er bei der Sechsten schon grundsätzlich und attestiert dem Komponisten, «etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren» zu haben. Die Siebte findet Hanslick nur noch «unnatürlich, aufgeblasen, krankhaft und verderblich», der Achten attestiert er gar einen «traumverwirrten Katzenjammerstil». Bruckner reagiert erst ratlos («Herr Hanslick ist sehr ungehalten gegen mich»), dann aber zunehmend verschreckt und traumatisiert. Man möge Hanslick bloss nicht seinetwegen tadeln, lässt er einen Musiker wissen, «denn sein Zorn ist schrecklich; er ist im Stande einen zu vernichten. Mit Ihm ist nicht zu kämpfen. Nur bittend kann man an ihn herantreten.»
Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen in diesem Machtkampf. Bruckners Sinfonien sind heute aus dem Konzertleben nicht mehr wegzudenken. Hanslicks Kritiken aber werden meist nur noch zitiert, wenn es darum geht, musikalische Fehlurteile zu dokumentieren. Der Ruhm zu Lebzeiten und der Nachruhm sind nicht immer identisch.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Bei LUCERNE FESTIVAL erklingen in diesem Sommer drei Bruckner-Sinfonien:
Andris Nelsons dirigiert am 25. August die gewaltige Achte Sinfonie, am Pult des Leipziger Gewandhausorchesters.
Bernard Haitink verabschiedet sich mit Bruckners Siebter am 6. September vom Konzertpodium.
Und Lahav Shani, Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra, gibt mit Bruckners Fünfter Sinfonie am 7. September sein Festival-Debut.