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|August 2016|

Zum Monatsanfang starteten wir also in das Abenteuer Finowkanal. Wir schauten ein letztes Mal zurück auf die Ruhlsdorfer Schleuse, bei der wir eine geruhsame Nacht verbracht hatten ...
... und voraus in eine abwechslungsreiche Landschaft mit ständig wechselnden Stimmungen.
Natürlich waren wir nicht kopflos auf diese Wasserstrasse geraten. Die nicht genau abschätzbaren Risiken
liessen sich nur durch besonders wertvolle
Erfahrungen rechtfertigen, die vor uns lagen. Schliesslich gab es nur wenige Stellen, die
ein problemloses Wenden gestattet hätten und Rückwärtsfahren über
längere Strecken ist mit unserem Schiff kein Ferienjob.
Die ersten Vorbereitungen zu einem schiffbaren Wasserweg in dieser Gegend hatten schon um 1560 begonnen, mit der Absicht, die Havel mit der Oder zu verbinden. Wir können die Bedeutung der Schiffswege in jener Zeit heute nur schlecht nachvollziehen, weil wir die Mühsale und Risiken des Warentransports auf dem Landweg, wie sie damals durchaus üblich waren, uns kaum vorstellen können. In den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts wurde dann unter dem Kurfürst Joachim Friedrich mit den Bauarbeiten begonnen. Als dieser 1608 starb, wurden sie von seinem Sohn Sigismund weitergeführt. Als ausgesprochener Lebemann trat er die Aufgabe unbeschwert an und war dabei so erfolgreich, dass bereits ein Jahr später das erste Schiff über eine Distanz von 21 km und durch fünf Schleusen Fracht transportieren konnte. Um 1620 war dann der Kanal mit insgesamt elf Schleusen hinunter bis zur Oder schiffbar. Der 30-jährige Krieg (1618-1648) verhinderte dann nicht nur die weiteren Arbeiten am Kanal, er bewirkte im Gegenteil seinen raschen Zerfall.
Die Bauarbeiten zum Kanal, den wir jetzt durchfuhren, hatten im Jahre
1743 begonnen und bereits am 16. Juni 1746 fuhr zu seiner Eröffnung das
erste, mit 100 Tonnen Salz beladene Schiff von der Havel bis nach Oderberg.
1749 war der ganze Kanal mit seinen 16 Schleusen wieder bis zur Oder schiffbar!
Damit hatte König Friedrich Wilhelm I sein Ziel erreicht, von der jüngst
erworbenen Statt Stettin aus Berlin versorgen zu können
und damit nicht länger von der Gunst der Hafenstadt Hamburg abhängig zu sein.
Gut ist hier die Einfahrt in die Schleuse auf deren rechten Seite
sichtbar. Indem das erste Schiff sogleich an die linke Schleusenwand
wechselt, gibt es die Einfahrt für das zweite Schiff frei.
An lauschigen Plätzchen, wo wir uns jeweils einen gemütlichen Nachmittag leisteten und danach eine ruhige Nacht verbrachten, hat es nie gefehlt.
Gemeinsam mit der Schippelschute, einem Passagierfloss, das von der Marina Eisvogel aus Touristen auf dem schönsten Teil des Kanals hin und her schippert und mit ausreichend Bier und Kaffee versorgt, hatten wir zufällig die Gelegenheit, das System auf seine Tauglichkeit zu überprüfen. Selbst die Schleusenwärterin hatte noch nie dieses Manöver erlebt und anfänglich mit Kopfschütteln auf unser Ansinnen, beide Schiffe miteinander zu schleusen, reagiert. Dabei waren doch die Schleusen ursprünglich für Schiffe von 40 m Länge gebaut worden. Von diesem Moment an, waren wir endgültig in den Fokus der Anwohner geraten und wurden überall mit Wohlwollen und Aufmerksamkeit empfangen.
Die rasche Entwicklung des Kanals im Tal der Finow brachte einen gewaltigen Aufschwung der Wirtschaft in dieser Gegend mit sich. Unzählige Ruinen aus jener Zeit bezeugen Aufstieg und Niedergang. Dieser wurde endgültig mit dem Bau der Havel-Oder-Wasserstrasse eingeläutet, welche für weit grössere Schiffe geeignet ist und damit den Güterverkehr immer mehr übernahm. Lediglich die ansässige Industrie und ein Kraftwerk sorgten zunächst noch für lokalen Schiffsverkehr.
Heute dient der Finowkanal nur noch den Freizeitschiffern, hat aber gerade für diese eine ausserordentliche Bedeutung erhalten. Er wird von Kanus, Kajaks und Motobooten der verschiedensten Grössen befahren und bietet ein wahres Eldorado an wirklich schönen Plätzchen. Da sämtliche Schleusen von äusserst freundlichen Schleusenwärtern manuell bedient werden und diese nach Möglichkeit auch für einzelne Kanuten aktiv werden, bieten sie auch kleinen Schiffen ein Schleusenschiffererlebnis, das in Deutschland einmalig ist.
Einige Namen der heutigen Schleusen, wie Heegermühle, Drahthammer und Kupferhammer erinnern an die vielen Arbeitsplätze, die einst Dank dieser Wasserstrasse das Leben in der Region geprägt hatten. Bot doch die Wasserstufe bei jeder Schleuse eine willkommene Gelegenheit zum Einbau einer Mühle oder eines kleinen Kraftwerks.
Die Stadt Eberswalde war schon beim Bau des Kanals Sitz der Bauleitung, der Zolldirektion und der königlichen Wasserbauinspektion mit dem Finowkanalgericht. Daraus entstand die erste technische Wasserbaubehörde und im Laufe der Zeit auch das heutige Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde. Diese Gemeinde hat also in grossem Umfang vom Kanal profitiert und schlussendlich aber auch unverdient darunter gelitten.
Zwischendurch, als kleine Reminiszenz für
Eingeweihte: in der hier ansässigen bedeutendsten Kranfabrik
Deutschlands war vor vielen Jahren auch der Hafenkran gebaut worden, den
kürzlich
die überaus kunst- und kulturbeflissene Regierung der Stadt Zürich
gekauft hatte und als Rostocker-Hafenkran am Limmatquai, im Zentrum der Stadt, aufstellte - so weit weg von
Meer und Hafen wie nur irgend möglich. Nach einem knappen Jahr wurde er unter grossen Kosten
wieder abgebaut und verschrottet. Er war so fehl am Platz und sinnlos
wie nur denkbar.
Besonders gelitten hat die Gemeinde, weil kurz vor dem Ende des letzten Krieges, nach all den bis dahin erlebten Kriegsgräueln, die Deutsche Luftwaffe selber die Stadt mit Brandbomben angriff und in Schutt und Asche legte. Sie war dabei der Meinung, die einmarschierenden russischen Soldaten zu treffen, welche zu dem Zeitpunkt jedoch schon weiter vorgerückt waren. Die Deutsche Wehrmacht sprengte zusätzlich die Brücken in der Umgebung der Stadt. Allerdings fand die Rote Armee später immer noch mehrere Industriebetriebe vor, deren Abbau und Transport Richtung Osten sich offenbar lohnte .
Eberswalde liegt aber auch im Zentrum der wunderschönen Landschaft im nördlichen Barnim. Im Süden den Naturpark Barnim und im Nordwesten das Biosphärenreservat Schorfheide, bietet es für Wanderer, Radfahrer und Wassersportler alle wünschbaren Gelegenheiten zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Einmal mehr sattelten wir darum unsere Drahtesel und fuhren durch riesige Forste mit dunklen Laubmischwäldern und im Rückbau begriffenen 'Fichtenäckern' über schönste Radwege ...
... zu industriehistorischen Denkmälern, wie das alte und daneben das im Bau befindliche neue Schiffshebewerk Niederfinow ...
... sowie zum Kloster Chorin, dem im 13. Jahrhundert erbauten Backsteingebäude, das heute als Museum und Konzertort für die Choriner Sommerkonzerte genutzt wird.
Sanft restauriert, bietet es von mehreren Seiten einen wunderschönen Anblick ...
... und es ist nur jammerschade, dass die alte Klosterküche mit der
eindrücklichen Feuerstelle
und der darunter liegende Braukeller des ehemaligen
Zisterzienserklosters nicht mehr in Betrieb sind!
Zum Trost kauften wir uns im Klosterladen eine schöne Ausgabe von Theodor Fontanes Schriften und konnten so mit dem Stechlin und mit Effi Briest diese Gegend nochmals mit ganz anderen Augen in einer ganz anderen Zeit anschauen.
Kaum hatten wir am neuen Stadtquai in Eberswalde angelegt, besuchte uns ein Redaktor der MOZ (Märkische Oderzeitung) und wollte mehr über das etwas ausgefallene grosse Schiff erfahren, welches offenbar bereits zum Gespräch geworden war. Unsere Unterhaltung führte dann zu einem Artikel in der lokalen Presse und machte uns bekannt mit den Herren Prof. Hartmut Ginnow und dipl. ing. Heiner Fellmer (v.l.n.r.), beides engagierte Befürworter eines verantwortungsbewussten Umgangs mit der Vergangenheit. Sie bemühen sich um die nötigen Mittel, damit der Finowkanal auch für die kommenden Generationen erhalten werden kann. Zu einem aufschlussreichen Gespräch über die aktuellen Ereignisse und einer gemeinsamen Fahrt bis zur letzten Schleuse des Kanals brachten sie eine Ladung der lokalen Spezialität 'Eberswalder Spritzkuchen' mit. Alles zusammen erfüllte uns mit grossem Genuss.
Zwei Tage später erhielten wir vom Redaktor der MOZ, das Bild, das er am Quai von Eberswalde von uns für den Artikel gemacht hatte, und ...
... als Zugabe zwei Fotos von unterwegs. Die Hebebrücke ist ein weiteres
Kleinod des Kanals. Selbstverständlich auch diese von Hand bedient.
Kurz vor der Talstufe bei Niederfinow öffnet sich das Bett der Finow und gibt den Blick frei auf die Umgebung, die dann über das Oderbruch, das die letzte Eiszeit vor etwa 15'000 Jahren geschaffen hatte, in die Ebene der Oder abfällt.
Das Oderbruch macht den Höhenunterschied, der ursprünglich durch eine Treppe von vier hintereinander liegenden Schleusen überbrückt worden war. Diese wurden am 21. März 1934 durch das Schiffshebewerk Niederfinow ersetzt, das heute noch in Gebrauch ist und die Schiffe in einem Trog senkrecht 36 m in die Höhe hebt oder absenkt. Da es kaum mehr den aktuellen und noch viel weniger den künftigen Verkehr bewältigen kann, wurde 2005 beschlossen, ein neues Hebewerk zu bauen. Es wird nochmals wesentlich grössere Schiffe aufnehmen können und ist zur Zeit unmittelbar neben dem alten im Bau.
Wir hatten also den historischen Kanal durchfahren, ohne jede
Grundberührung und dabei offenbar stets die notwendige Handbreit Wasser
unter dem Kiel gehabt.
Bei Hohensaaten mündet die von Berlin kommende
Oder-Havel-Wasserstrasse in die Oder. Dieser bekannte Grenzfluss
zwischen Polen und Deutschland hat einen stark wechselnden Wasserstand
und damit gelegentlich auch eine beträchtliche Strömung. Problemlos
dagegen verläuft die fast parallele Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstrasse,
die, mit geregeltem Wasserstand und daher praktisch strömungsfrei, vor
allem von bergwärts fahrenden Schiffen und von fast allen Frachtschiffen
benutzt wird. Sie mündet bei Friedrichsthal, unweit Stettin,
in die Westoder.
Bei Criewen legten wir an und wurden von einem fast kitschigen Abendrot auf die Nacht eingestimmt, das wir für einmal dem Leser nicht vorenthalten wollen.
In Criewen steht auch ein kleines Schloss mit Gutshof, in dem heute die
Verwaltung für den Nationalpark Unteres Odertal
untergebracht ist. Dieser Park bildet den südlichsten Teil eines
grosszügigen Schutzgebietes von über 1000 km², das weitgehend aus
Auenlandschaften besteht. Es bietet einen vielfältigen
Lebensraum für Biber, Fischotter, mehr als 250 Vogelarten und eine
reichhaltige Flora. Für riesige Zugvogelschwärme ein unverzichtbarer Rastplatz! Während
unserem Aufenthalt bestimmten
tagsüber die Störche das Bild, während der Abend den Zügen der
Kraniche gehörte, die mit ihren klagenden Rufen keine lebende Seele unberührt lassen.
Nach einer Fahrt von kaum 6 km fuhren wir am nächsten Morgen durch das deutsche Städtchen Schwedt, das uns mit einem ganz besonderen Gebäude überraschte. Ein riesiger Glaspalast, der einen kleinen Park am Ufer der Oder überragte, fesselte unsere Aufmerksamkeit. Es dauerte eine geraume Weile, bis wir bemerkten, dass wir einer Täuschung zum Opfer gefallen waren. Erst bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass hier ein an sich unauffälliges, kubisches und offenbar fensterloses Betongebäude, das als Konzerthaus dient, durch eine aufwändige Malerei, als 'trompe-l'oeil' ausgeführt, sehr erfolgreich aufgemöbelt worden ist. Selbst die Statuen der lokalen Berühmtheiten und ihre Nischen sind lediglich aufgemalt.
Weiter ging es durch die Uckermark und den Nationalpark noch gut 25 km
weiter, bis wir in der Ferne die Silhouette und die Türme der
Stadt Stettin (Sczcecin) erblickten.
Im neuen Yachthafen der Stadt, erst vor einem Jahr eröffnet, legten wir
längsseits an der 'de Vrouwe Anna Maria' an, einem Schiff, das
auch zur DBA (Dutch Barge Association) gehört, dem wichtigsten Verein
für Binnenschiffer mit historischen Schiffen. Die Besitzer waren
allerdings zunächst für ein
paar Tage abwesend und so mussten wir ein Treffen mit ihnen auf später
verschieben. Das war kein Problem, hatten wir doch ohnehin geplant, eine
gute Woche hier zu verweilen. Dann kamen Judy und
Charles aber zurück und wir nutzten die Gelegenheit, unsere
Erlebnisse auszutauschen.
Auf dem Weg ins Zentrum überquerten wir die grosse Brücke, die uns einen genaueren Blick auf die Stadt ermöglichte, welche erst 1945 an Polen gelangt war. Durch eine geschickte Umdeutung der Vereinbarungen der Potsdamer Konferenz betreffend die Zonenaufteilung in Deutschland erreichte Stalin eine nicht vorgesehene Ausdehnung seines Hoheitsgebietes. Das war ein bewusster erster Schritt zum darauf folgenden kalten Krieg.
Ein etwas angenehmeres Überbleibsel der russischen Einflussnahme lebt im Restaurant pasztecik weiter, wo mit einem Fritierautomaten, der in einer russischen Kaserne der Verpflegung der stationierten fremden Truppen gedient hatte, noch heute erfolgreich 'Pasteten' gebacken werden. Diese werden mit drei verschiedenen Füllungen angeboten und ausschliesslich mit einer dünnen Suppe aus Randen serviert. Dass alles locker mit einzelnen Zloty Münzen bezahlt werden kann, macht die unterkühlte Gemütlichkeit des Lokals erträglich und die dadurch hervorgerufenen Erinnerungen an zum Glück vergangene Zeiten sind wahrscheinlich der Grund für den bis heute ungebrochenen Erfolg des Lokals.
Die Stadt selber ist während des letzten Krieges fast vollständig zerstört worden und bietet darum nur sehr wenige Sehenswürdigkeiten aus der Zeit davor. Da die Anstrengungen zum Wiederaufbau vor dem Beitritt zur EU im Rahmen der polnischen Möglichkeiten stattgefunden haben, liegt gerade darin ein besonderer Reiz und so blieben die Zeugen eines Lebens hinter dem eisernen Vorhang zahlreich. Was für den fremden, nicht direkt betroffenen Besucher auch ein Erlebnis abgibt.
Es war wiederum dem Zufall zu verdanken, dass während dem Wochenende (FR und SA, denn der SO ist im Polen heilig), das wir hier verbrachten, gerade vielfältige Festivitäten stattfanden. Ein internationaler Wettkampf von Feuerwehrleuten wurde am Abend durch einen Wettbewerb von Feuerwerk-Teams aus drei Ländern ergänzt, während im Hafenbecken die Stettiner Watershow die Aufmerksamkeit der Bevölkerung zu fesseln versuchte.
Die körperlich sehr anspruchsvollen Aufgaben, welche die Teams der verschiedenen Feuerwehr- und Rettungsdienste zu bestehen hatten, waren zum Teil derart anstrengend, dass ...
... aus dem Spiel manchmal fast Ernst wurde, wenn die völlig erschöpften Wettkämpfer von ihren Kameraden aufgepäppelt werden mussten.
Das Spiel behielt dort die Oberhand, wo die Kleinen unter sich die selben Disziplinen austragen durften.
Die Watershow bestand aus Segelregatten, einem Turmspringen aus 27 m Höhe und Vorführungen sämtlicher denkbarer Fortbewegungsmittel auf dem Wasser, vom Kanu zum Drachenboot ...
... und vom gemütlichen Motorboot bis zum Fly-Jet, wo durch Umleiten des
Wasserstrahls der lärmigen Jet-Skis durch einen langen Schlauch der
'Sportler' die Möglichkeit bekommt, wie Jesus auf dem Wasser zu gehen,
in die Höhe zu steigen, Saltos zu drehen und - vor der
Wiederauferstehung - kopfvoran ins Wasser zu stürzen.
In den Nächten der PYROMAGIC 2016 traten dann Teams aus Vietnam (Danang
Team), der Schweiz (Sugyp) und Schweden (Göteborg Fireworks Factory)
gegeneinander an und feuerten unentwegt aus allen Rohren, was den ganzen Himmel
beleuchten und die Ohren bis zur Schmerzgrenze belasten konnte. All das
immer synchron mit der eingespielten Musik. Der
Sieger würde dann zur 10. Jubiläumsaufführung im nächsten Jahr
eingeladen. Der Beitrag des Gastgebers Polen erfolgte ausser Konkurrenz.
Unser Standort war offensichtlich auch sonst nicht schlecht gewählt, kamen doch jeden
Tag mehrere Brautpaare mitsamt ihren Fotografen, um zwischen Hafenkränen und neben
den Schiffen die Bilder ihres Lebens zu schiessen.
Nach einer guten Woche verliessen wir Stettin, fuhren durch den Seehafen, der die Stadt so bedeutend gemacht hatte, weiter die West-Oder hinunter Richtung Stettiner Haff. Das ist ein inneres Küstengewässer, das hier den Mündungsbereich von Oder und Peene aufnimmt und mehr schlecht als recht vom Meer getrennt ist.
Unterwegs begegneten wir vielen grossen Schiffen, die von der Nordsee her unterwegs waren Richtung Stettin. Unser erster Stopp war in Trzebiez (Gross Ziegenort). Dem deutschen Namen zum Trotz leben dort ganz nette Leute und das Dorf machte einen aufgeräumten Eindruck. Die Gartenbeizen waren, trotz des mässig schönen Wetters, gut besucht von fröhlichen Gästen.
Durch das Stettiner Haff führt eine Route, die immerhin etwa 50 km lang ist. Für uns sind das schon Distanzen, die verdächtig nach Meer riechen und tatsächlich folgten wir damit einer Seeschifffahrtswasserstrasse, mit ihren eigenen Regeln und Vorschriften. Die Navigationsbaken hatten neue, bisher unbekannte Dimensionen und die Schiffe, die uns begegneten, hatten bestimmt schon viel erlebt und viel gesehen. Sie wiesen auch Heimathäfen auf, die z.B. Panama oder Liberia hiessen. Eine neue Welt.
Am Anfang ging dann auch alles seinen gewohnten Lauf. Wir waren vollauf damit beschäftigt, nach den vielen Gebieten Ausschau zu halten, wo riesige Felder von Stellnetzen den Schiffen den Weg versperren. Diese Netze reichen bis knapp unter die Wasseroberfläche und sind nur spärlich markiert. Wahrscheinlich würde nicht nur der Fischer nervös reagieren, sollten wir je in einem davon hängen bleiben. Mit fortschreitender Tageszeit frischte der Wind merklich auf, die weite Wasserfläche wurde zunehmend unruhig und damit die Netze noch viel weniger gut sichtbar. Richtig unangenehm wurde es aber erst, als wir, um nach Ueckermünde zu gelangen, nach Süden abdrehten. Nun traf die West-Dünung geradewegs auf Steuerbord und unser Schiff begann ganz ungewohnt zu rollen. So waren wir froh, als wir von weitem die Mündung der Uecker erblickten, die dem dahinter liegenden Städtchen ihren Namen gegeben hatte. Vor allem aber wurde da, von einer Sekunde zu anderen, das Wasser wieder spiegelglatt.
Wir fuhren noch knapp zwei Kilometer den Fluss hinauf und erreichten dann den Hafen in der Stadtmitte, wo wir, vom langen Tag etwas ermüdet, zufrieden anlegten. Das Städtchen, das weitgehend vom Fischfang lebte, hat sich in jüngerer Zeit zu einem Seebad gemausert und macht heute ganz allgemein einen sehr gepflegten Eindruck, der zum Verweilen einlädt.
Dass es auch solche gibt, welche die Geschichte der Seefahrt sehr ernst nehmen, erlebten wir am zweiten Tag, als das Schiff von den Leuten, denen wir am Vorabend noch zugeschaut hatten, wie sie recht behelfsmässig ihr Nachtessen zubereiteten, an uns vorbei gerudert wurde. Guten Mutes und in bester Laune strebten sie Richtung Haff und der Stadt Wollin entgegen. Sie hatten eine lange, anstrengende Fahrt vor sich. Das bei einer Wetterprognose, die uns bereits am Vorabend den Entschluss nahegelegt hatte, einen weiteren Tag im sicheren Hafen zu verbleiben.
Doch gäbe es nicht solche Leute, es gäbe auch keine solchen Bilder (mehr!).
Einen Tag später brachen auch wir zu neuer Fahrt auf. Wir wollten nach
Anklam.
Die Peene mündet in den unteren Teil des Haffs und
fliesst als Peenestrom zwischen Wolgast und der Insel Usedom bei
Peenemünde in die Nordsee.
Unser erster Halt galt der einstigen Hansestadt Anklam,
die aber eher bekannt ist, als Geburtsort der
Gebrüder Otto und Gustav Lilienthal. Aus der Nikolaikirche, die
vor der Wende aus kaum mehr als ein paar Backsteinmauerresten bestanden
hatte, wird nun nach und nach ein angemessenes Denkmal für die berühmten
Söhne der Stadt. Diese hatten sich durch einen unermüdlichen
Einfallsreichtum und unendlichen Fleiss ausgezeichnet und verschiedenste
Erfindungen vom Kinderspielzeug (Steinbaukasten) über Dampfmaschinen bis zum Flugapparat
gemacht.
Ihren Normalsegelapparat bauten sie sogar in Serie. Der Erfolg hielt
sich allerdings in Grenzen. Kaufmännisches Denken war offensichtlich nicht ihre Stärke.
Für die ernsthafteren Flugversuche häuften die beiden Brüder eigenhändig vom
reichlich vorhandenen Sand
eine
Startrampe auf, in deren Spitze sie gar einen kleinen Hangar
einbauten, damit sie bei gutem Wind ja keine Gelegenheit zum Fliegen
verpassen würden.
Vom Turm der Nikolaikirche ist nach dem Krieg nur knapp die Hälfte stehen geblieben. Die ist mit ihren 48 m aber noch immer hoch genug, in uns den alten Drang zu wecken, dass man auf bedeutende Türme zu steigen hat. Die Wendeltreppe zeugt von der Schönheit der Backsteinarchitektur, die in dieser Gegend sehr verbreitet ist.
Wie immer stand der Fleiss vor dem Preis und so
überreichten wir uns gegenseitig unser Diplom erst auf der letzten Stufe.
Aber auch so war die Aussicht Richtung Westen beeindruckend und zeigte wunderschön die Peeneflusslandschaft, durch die wir in den nächsten Tagen fahren würden.
Auf dem Marktplatz steht im Zentrum der Wasserfontänen ein Gryf, der hier in fast allen
Wappen und auf ebenso vielen Fahnen erscheint. Daneben der Turm der
Nikolaikirche, wie er heute noch aussieht.
Die folgenden drei Tage fuhren wir bei prächtigem Spätsommerwetter durch
eine traumhaft schöne Landschaft, die zu den grössten und schönsten
Niedermoorgebieten Europas gehört. Sie ist nach der Wende konsequent
unter Schutz gestellt worden, im Bestreben, die Sünden, die während 40
Jahren stumpfsinniger Planwirtschaft angerichtet worden waren, wieder
gut zu machen. Damals waren die Moore systematisch entwässert worden und mit
Hilfe von Unmengen von Mineraldünger wurde versucht, eine Intensiv-Graswirtschaft
aufzubauen. Dank einiger immer noch erhaltener und intakter Moorflächen
hatte die Renaturierung gute Chancen, ist aber sehr aufwändig und bis heute noch nicht
abgeschlossen. Doch sind bereits viele der zuvor
als ausgestorben geltenden Arten wieder zurückgekehrt. Davon sind einige gar fast ausschliesslich hier anzutreffen. Die Peene bietet
heute
als vollkommen unverbauter Fluss mit sehr geringem Gefälle eine
erfreuliche Artenvielfalt bei Fischen, Säugern, Vögeln und Pflanzen, die
sowohl dem engagierten Naturfreund als auch dem Menschen, der einfach echte
Erholung sucht, alles bietet, was er sich dazu nur wünschen kann.
Drei Adlerarten sind hier nachgewiesen, von denen ein Jungtier sich gar aus halbwegs vernünftiger Distanz fotografieren liess. Um allerdings Biber und Fischotter zu beobachten, dafür müsste man vermehrt in der Dämmerung unterwegs sein (!).
Wir erfreuten uns also an den kleinen Dingen, die im Überfluss
vorhanden waren. Ein Rezept, dass ganz besonders in diesem Fall ein
ausgezeichnetes Resultat erbrachte.
Hier stiess dann auch wieder Theo zu uns, der schon im Juli 2014 eine Weile mit uns unterwegs war. Wie damals leicht vorher zu sehen war, hat er in der Zwischenzeit die Schifferkrankheit nicht überwunden. Im Gegenteil, die Symptome sind sogar noch deutlich stärker geworden.
Etwas Linderung brachte zwar zunächst das leise Brummen des Motors und das
beruhigende Plätschern der Wellen. Doch erst am Steuer stehend kam er
wirklich zur Ruhe. Ob das von Dauer sein wird, das ist auch diesmal
ungewiss. Doch fuhr er unser Schiff fast im Alleingang zurück nach Anklam.
In Anklam haben wir unsere gemeinsame Fahrt mit einem gemütlichen
Nachtessen und langen Diskussionen ausklingen lassen, bevor wir Theo am letzten Tag zum Bahnhof
geleiteten, von wo er seine Rückreise in die Schweiz antrat.
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