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Kaputt machen – andere und sich selbst
16. Juli, 2016
Die Destruktivität als Triebbedürfnis
Wer die Zeitung aufschlägt oder die TV-Nachrichten ansieht, dem schlägt Zerstörung, Gewalt, Mord und Totschlag entgegen. “Sinnlose Gewalt” meinen die Kommentatorin oder der Artikelschreiber und schieben die Frage nach “wieso” und “warum” Experten, Politikern, Soziologen und Psychologen zu. Weil der Mensch ein Bedürfnis nach Zerstörung und Gewalttätigkeit hat? Regelmässig wird ein Experte befragt, der in sozialen, machtmässigen, wirtschaftlichen oder ethnischen Problemen die Ursachen ortet. Kann sein, doch im schicksalsanalytischen Triebsystem von Leopold Szondi findet sich die a priori-Annahme, dass Destruktion, Gewalt, Zerstörung und Selbstvernichtung zum ererbten Triebrepertoire des Menschen gehören. Der Trieb heisst S und das Triebbedürfnis s-.
Wie sieht das nun mit der Triebbedürfnistendenz s- genau aus?
Welche Triebbedürfnisse sind mit s- verbunden? Szondi führt hier als Leitbegriff den Masochismus an und postuliert damit den Gegensatz zu s+, den Sadismus. In beiden Fällen sind die Leitbegriffe der Psychopathologie entnommen. Masochismus ist die Besetzung der Bedürfnistendenz s- als Notventils einer Ichstörung. Doch lassen wir die psychologischen Implikationen des Modells der Ventilfunktion mal bei Seite.
Wenn wir den Masochismus als die Bedürfnistendenz formulieren, bei welcher das Verzichten des Individuums auf eigenes Wohlergehen und eigenen Gewinn um dafür anderen helfen zu können vorrangig ist, dann ist s- die Fähigkeit des Menschen, seinen Egoismus zu Gunsten des Gemeinwohls – und das kann Familie, Gruppe, Clan oder nationale Gemeinschaft sein – zurückzustellen. Es ist nicht das rational-kühle Berechnen eines Vorteils sondern eine aus humanem Fundus sich entwickelnde Hilfshandlung, die Opfer fordert und keine – zumindest materielle – Belohnung dafür in Aussicht steht. Das Wohlergehen der Gemeinschaft und die Förderung kollektiver Bedürfnisse sind bei der s-Bedürfnistendenz wichtige Verhaltensmerkmale. Opferbereitschaft und Hingabe sind wesentliche Erscheinungen der Bedürfnistendenz s-. Die Menschen mit ausgeprägtem s- sind die eigentlichen Träger der zivilisatorischen Ausrichtung der Gesellschaft. Das bedeutet auch, dass das Kulturleben in allen Erscheinungsformen von diesen Menschen gelebt, gepflegt und gefördert wird. Das wäre das Positive. Aber Szondi versah dieses humane Bedürfnis mit einem gewaltigen Schatten: dem vernichtenden Tun und Treiben des Menschen.
s- ist Damit die Bedürfnistendenz der Destruktion und des Todestriebs.
An dieser Stelle muss man sich darüber im Klaren werden, was die eher zerstörenden Tendenzen die auch in allen anderen Triebbedürfnissen (es gibt insgesamt deren acht) zu finden sind, eigentlich genau aussagen: Sie sagen aus, dass die Triebbedürfnisse sämtliche Erscheinungsformen menschlichen Verhaltens miteinschliessen, und das bedeutet, dass auch die schrecklichsten und destruktivsten Taten der Menschen «vorgesehen» sind.
Welche Gründe gibt es für ein Triebbedürfnis s- der Destruktion? Darüber kann man nur Hypothesen und Vermutungen aufstellen:
a) Die triebsystemische Vermutung von Szondi
die aussagt, dass die Eigenschaften der Triebbedürfnisse nicht für sich alleine stehen, sondern nur komplementär (also sich ergänzend) denkbar sind, denn nur in der Komplementarität können sie sich gegenseitig «zügeln» und etwas bewirken.
b) Die energetische Vermutung
die aussagt, dass die von Szondi postulierte Polarität der Triebspannung zwei Pole voraussetzt, nämlich einen Plus- und einen Minuspol, um damit ein Energiefeld zu konstituieren, das wiederum eine Triebenergie-Mobilität möglich macht, um Lebensprozesse am laufen zu halten.
c) Die biologische Vermutung
nach welcher in den Genen ein Selbstzerstörungsprogramm vorhanden ist, das in der Manier eines «Todestriebs» vom ersten Tag an die Auflösung des biologischen Systems betreibt – und schliesslich über Krankheit, destruktive Lebensgewohnheiten (Sucht, schädliche Ernährungsgewohnheiten, riskantes Verhalten in der Freizeit usw.) und Suizid den Tod herbeiführt.
d) Die spirituelle Vermutung
nach welcher eine höhere Macht für das Einpflanzen von Gut und Böse im Menschen verantwortlich sei und mit dem Bösen zugleich den Weg der Destruktivität geebnet habt, der über grausamste Stationen Täter und Opfer, Verdammte und Erlöste einer höheren Gerechtigkeit entgegenführt.
Und schliesslich gibt es die Evidenz der Erfahrung, nach welcher das Destruktive vorhanden ist da wir es tagtäglich, im Kleinen wie im Globalen, erfahren, und die realisierte Destruktivität einem Verhalten entspringt das wiederum im System der Triebbedürfnisse wurzelt, die von genetischen Dispositionen geprägt werden.
Immanuel Kant meinte in seinem Werk «Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft» (1793), dass die Menschen «böse Maximen» wählten und sprach von der «Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur.»
Soweit eine Skizze.
Destino