Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/2941

Berg Athos – die Republik der Mönche
Im Nordosten Griechenlands streckt sich die Halbinsel Chalkidiki mit drei langen Fingern weit in die Ägäis vor. Die östlichste der drei Landzungen umfasst den Heiligen Berg Athos, einen Ort zahlreicher Klöster mit besonderem Status.
Die Bevölkerung des kleinen Staatswesens besteht ganz überwiegend aus Mönchen, was in dieser Form ohne Beispiel in der Welt ist. Über 2000 Männer haben hier ihr Leben ganz dem Klosterdasein gewidmet. Frauen haben zu der Mönchsrepublik bis heute keinen Zutritt.
Berg Athos – im Garten der Gottesmutter
Die Ursprünge der klösterlichen Besiedlung von Berg Athos verlieren sich im Dunkel der Geschichte. Der Legende nach landete einst die heilige Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, zusammen mit dem Evangelisten Johannes an der Küste der Landzunge, nachdem ihr Schiff von Zypern kommend durch einen Sturm vom Kurs abgekommen war. Von der Schönheit des Ortes angezogen, soll Maria daraufhin Gott gebeten haben, ihr Berg Athos zum Geschenk zu machen. Daraus leitet sich bis heute die Bezeichnung des Gebiets als „Garten der Gottesmutter“ ab.
Wahrscheinlich war die Landzunge aber schon in vorchristlicher Zeit ein Platz religiöser Verehrung und eremitischer Lebensweise. Die Christianisierung dürfte bis zum Ende des 4. Jahrhunderts abgeschlossen worden sein. Einigermassen gesicherte Hinweise auf die Anwesenheit von Mönchen rund um den Berg Athos gibt es aber erst seit dem beginnenden 9. Jahrhundert. Die Ursprünge der Mönchsrepublik fallen damit in eine Zeit, als Griechenland zum Byzantinischen Reich gehörte.
Die erste dokumentierte Klostergründung auf Berg Athos geht auf den byzantinischen Mönch Athanasios Athonitis zurück. Im Jahr 963 legte er mit Unterstützung des Kaisers in Konstantinopel den Grundstein für das heute noch existierende Kloster Megisti Lavra. Er verfasste auch die ersten Regeln für das klösterliche Zusammenleben. Die Klostergründung bedeutete damals einen grossen Umbruch, denn bis dahin wurde das Mönchsleben in der östlichen Christenheit fast ausschliesslich durch Einsiedler geprägt.
In der Folge entstanden rund um den Berg Athos insgesamt 20 – heute noch existierende – Grossklöster. Fast alle verfügen über weitere Dependancen: Kleinklöster, dörfliche Mönchssiedlungen – sogenannte Skiten – und auch nach wie vor einige Einsiedeleien. Die Zahl der Mönche schwankte im Lauf der Jahrhunderte stark. Es gab immer wieder Blütezeiten und Zeiten des Niedergangs. Ein statistisch erfasster Höhepunkt wurde im Jahr 1903 mit fast 7500 Mönchen erreicht. Alle heute noch bestehenden Grossklöster sind orthodox, 17 gehören der griechisch-orthodoxen Provenienz an, jeweils ein Kloster ist russisch-, serbisch- und bulgarisch-orthodox.
Über 1000 Jahre Eigenständigkeit
Schon im Jahr 885 bestätigte ein Edikt des byzantinischen Kaisers, dass die Landzunge um den Berg Athos ausschliesslich mönchischem Leben vorbehalten sein sollte. Bereits kurze Zeit später wird von der Existenz eines Ältestenrats berichtet, der eine Art Selbstverwaltung ausübte. 908 ist erstmals ein „Protos“, ein erster Mönch als Haupt der klösterlichen Gemeinschaft, dokumentiert. Die Autonomie der Mönchsrepublik reicht damit also nachweislich bis in die Anfangszeit zurück.
Auch als Byzanz unterging und die Osmanen das Erbe der Kaiser antraten, konnten die Mönche ihren Status weitgehend bewahren. Der osmanische Sultan Selim I. betätigte sich im 16. Jahrhundert sogar als ausdrücklicher Förderer und Schutzherr der Klöster. Die türkische Oberhoheit dauerte bis zum Jahr 1912, als der Erste Balkankrieg diesen Zustand beendete. Nach einer kurzen Phase russisch-griechischer Streitigkeiten über die Souveränität konnte sich Griechenland nach dem Ersten Weltkrieg durchsetzen. In einem international anerkannten Vertrag wurde die Zugehörigkeit der Mönchsrepublik zum griechischen Staat bei gleichzeitiger Bestätigung der inneren Selbstverwaltung festgeschrieben.
Neben dem Protos bildet die Heilige Versammlung, die aus den Äbten der Klöster besteht, als eine Art Parlament das oberste Organ der Mönchsrepublik. Die Interessen des griechischen Staates werden von einem Gouverneur vertreten, der dem Aussenministerium untersteht. Der Berg Athos gehört als Teil des griechischen Staates auch zur Europäischen Union, ist aber nicht Teil des EU-Steuergebiets.
Das Territorium des mönchischen Staatswesens umfasst eine Fläche von 336 Quadratkilometern, die die den weitaus grössten Teil der östlichsten Landzunge der Chalkidiki-Halbinsel einnimmt. Der Berg Athos selbst erstreckt sich am südlichen Ende. Er kann sich mit einer Höhe von 2033 Metern durchaus mit alpinen Gipfeln messen und fällt zu allen Seiten hin recht steil ab. Drei Flanken enden direkt in der Ägäis, nach Norden hin schliesst sich das deutlich niedrigere Bergland der Mönchsrepublik an. Hier herrschen Mittelgebirgshöhen und Hügelland vor. Die Spitze des Berges Athos selbst präsentiert sich de facto als nackter Fels, die unteren Lagen sind wie auch das meiste übrige Bergland bewaldet und zeigen sich – für griechische Verhältnisse – in ungewohnt üppigem Grün.
Das Klima ist der Lage entsprechend mediterran geprägt, mit recht regenreichen Wintern, die für das Gedeihen der Vegetation sehr förderlich sind. Auch sonst sorgen die Berglage und die kontinentale Anbindung für häufigere Schauer und Gewitter, so dass die Region um den Berg Athos weniger trocken und ausgedörrt wirkt als das übrige Griechenland.
Megisti Lavra – wehrhafte Mutter der Athos-Klöster
Im Folgenden wollen wir einige der schönsten und bedeutendsten Klöster am Berg Athos näher betrachten. Den Anfang soll das älteste Kloster Megisti Lavra machen. Als erste Gründung im 10. Jahrhundert ist Megistri Lavra so etwas wie die Mutter aller Klöster in der Mönchsrepublik und nimmt bis heute eine besondere Stellung ein. Der Name bedeutet dabei nichts anderes als „grösstes Kloster“ und weist damit auf eine schlichte Tatsache hin. Mit mehr als 350 ständig hier lebenden Mönchen verzeichnet Megisti Lavra bis dato die mit Abstand meisten Bewohner.
Wer sich dem Kloster nähert, fühlt sich beim Anblick der zinnenbewehrten Türme und Mauern auf einer Anhöhe über dem Meer eher an eine Festung erinnert. Die Wehrhaftigkeit hat einen Grund: Im Mittelalter dienten die dicken und festen Mauern dem Schutz vor Piratenüberfällen. Megisti Lavra liegt im Südosten der Landzunge und besteht aus einer Vielzahl an Einzelgebäuden, die mehr den Eindruck eines Dorfes als einer Klosteranlage vermitteln. Den Mittelpunkt der Anlage bildet die Klosterkirche im byzantinischen Stil mit einer auffällig roten Fassade. Sie ist dem Klostergründer Athanasios Athonitis gewidmet und birgt im Inneren wertvolle Wand- und Deckenmalereien.
Das Kloster verfügt über eine bemerkenswerte Sammlung byzantinischer Ikonen und in seiner umfangreichen Bibliothek über wertvolle Handschriften, etliche davon ebenfalls noch aus byzantinischer Zeit. Mehr als andere Klöster rund um den Berg Athos bewahrt Megisti Lavra damit das ursprüngliche Erbe der Mönchsrepublik.
Vatopedi – reich und schlagzeilenträchtig
Nicht minder wehrhaft als Megisti Lavra wirkt das weiter nördlich gelegene Kloster Vatopedi. Es wurde in unmittelbarer Nähe des Wassers oberhalb eines Strandes errichtet und ist nur kurze Zeit nach Megisti Lavra gegründet worden. Vatopedi nimmt daher den zweiten Rang in der Klosterhierarchie von Berg Athos ein. Die Klosteranlage weist eine grössere bauliche Geschlossenheit als das Mutterkloster auf. Die ebenfalls in Rot gehaltene Kirche wirkt äusserlich fast wie eine Kopie des Baus in Megisti Lavra, auch hier sind im Inneren schöne Wandmalereien und Mosaiken zu bewundern. Das Kloster beheimatet derzeit rund 120 Mönche.
Vatopedi besitzt etliche kostbare Reliquien, darunter den Gürtel der Gottesmutter und Teile des Heiligen Kreuzes. Die Klosterbibliothek zählt einen umfangreichen Bestand. Vatopedi gilt – nicht zuletzt dank umfangreicher Schenkungen in vergangenen Jahrhunderten – als reichstes der Athos-Klöster. Dass Wohlstand nicht unbedingt zum Segen gereicht, mussten die Mönche im Jahr 2008 erfahren. Damals war Vatopedi in einen spektakulären Immobilienskandal verwickelt, der in der griechischen Politik und Öffentlichkeit hohe Wellen schlug. Der Abt des Klosters befand sich zeitweise sogar in Haft.
Simonos Petras – frühe Hochhaus-Architektur
Ein wahrer Wolkenkratzer der Klosterarchitektur ist Simonos Petras. Der erst im 13. Jahrhundert errichtete Bau gehört zu den späteren Klöstern im Berg-Athos-Bereich. Mehrfach in seiner Geschichte wurde er durch Brände zerstört und immer wiederaufgebaut. Simonos Petras wurde vom Heiligen Simon von Athos gegründet. Der Name Simonos Petras – der Felsen des Simon – weist auf die Lage des Baus hin. Das Kloster wurde etwas landeinwärts auf steilen Felsen nahe der Südwestküste der Landzunge erbaut.
Die Konstruktion wirkt fast gewagt. Auf dem beinahe senkrecht aufragenden Gestein erheben sich hohe Mauern und ein bis zu sieben Stockwerke hoher Klosterkomplex. So verfügt Simonos Petras mit seiner Höhenlage von 330 Metern über dem Meeresspiegel über spektakuläre Aussichten. Von unten betrachtet erinnert der kompakte Bau fast ein wenig an tibetische Klöster. Zum charakteristischen Bild des Klosters gehört auch der Aquädukt, welcher der Wasserversorgung der Mönche dient. Demgegenüber nimmt sich die Klosterkirche fast bescheiden aus.
Rossikon – russische Tradition und Erbe der Zaren
Ganz der russisch-orthodoxen Tradition verhaftet ist das Kloster Panteleimon, besser auch unter dem bezeichnenden Namen Rossikon bekannt. Es liegt an der mittleren Westküste von Berg Athos und wurde bereits im 11. Jahrhundert von russischen Mönchen gegründet. Piratenüberfälle und Brände führten im Lauf der Jahrhunderte mehrfach zu Zerstörungen. Im 18. Jahrhundert wurde unter der Schirmherrschaft der Zaren eine grundlegende Neugestaltung vorgenommen. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten hier nahezu 2000 fast ausschliesslich russische Mönche. Heute hat das Kloster wenig mehr als 50 Bewohner.
1913 war Rossikon das flächen- und bevölkerungsmässig grösste Kloster auf dem Berg Athos. Die umfangreichen Gebäudekomplexe der Anlage legen noch heute davon Zeugnis ab, Teile davon sind aufgrund von Bränden allerdings Ruinen. Die zentrale, im 19. Jahrhundert errichtete Klosterkirche vermittelt ebenso wie zahlreiche Gebäudeteile unverkennbar russische Atmosphäre. Rossikon ist das einzige russisch-orthodoxe Kloster auf dem Berg Athos.
Die Skiten – besondere Form mönchischen Lebens
Eine Besonderheit der Mönchsrepublik sind die sogenannten Skiten. So werden dorfähnliche Siedlungen genannt, die mit einem Kloster verbunden sind und formal unter dessen Oberhoheit stehen, aber ansonsten eine weitgehende Eigenständigkeit besitzen. Auch die Bewohner der Skiten sind überwiegend Mönche. Es gibt dabei grundsätzlich zwei Arten von Skiten. In den klosterähnlichen Skiten ist das Leben gemeinschaftlich organisiert, es gibt keinen Privatbesitz und die Regularien sind denen des Hauptklosters vergleichbar. In den Mönchsdörfern oder Nea Skiti leben die Mönche dagegen in Einzelhäusern, dürfen Privatbesitz haben und das religiöse Gemeinschaftsleben konzentriert sich auf die Kirche vor Ort.
Die grösste Skite im Bereich von Berg Athos ist Karyés, das gleichzeitig so etwas wie die Hauptstadt der Mönchsrepublik darstellt. Der kleine Ort mit rund 200 Bewohnern liegt mitten im grünen Bergland der Landzunge. Hier befindet sich der Verwaltungssitz des Mönchsstaats und tagt die Heilige Versammlung. Die einzelnen Klöster sind durch eigene „Gesandtschaften“ in Karyés vertreten. Insgesamt gibt es rund um den Berg Athos über 20 Skiten. Manche haben weniger als zehn Einwohner, andere einige Dutzend.
Avaton – eine reine Männerwelt
Frauen sucht man auf Berg Athos vergebens. Es handelt sich um eine reine Männerwelt. Das Frauenverbot – Avaton genannt – hat wie vieles in der Mönchsrepublik eine lange Tradition und geht auf einen byzantinischen Kaiser zurück. Im Jahr 1046 proklamierte Kaiser Konstantin Monomachos das bis heute geltende Zutrittsverbot. Es erstreckt sich im Übrigen nicht nur auf Frauen, sondern auch auf weibliche Tiere. Die einzige Frau, die am Berg Athos respektiert, hoch geachtet und verehrt wird, ist und bleibt damit die Gottesmutter Maria.
Über die Gründe des Frauenverbots ist viel diskutiert worden, ein praktischer Anlass dürfte darin bestanden haben, den Mönchen die zölibatäre Lebensweise zu erleichtern und Verlockungen durch sexuelle Reize zu verhindern. Nichts sollte die Hinwendung zu Gott und die frommen Übungen infrage stellen.
Streng limitiert – ein Besuch der Mönchsrepublik
Ein Besuch von Berg Athos ist daher auch heute nur – erwachsenen – Männern vorbehalten. Dafür gilt ein strenges Reglement. Wer hier einen Aufenthalt plant, ist als Pilger, nicht als Tourist willkommen. Allerdings wird die religiöse Intention nicht näher geprüft. Für den Zugang gibt es eng begrenzte Kontingente. Pro Tag sind insgesamt 120 Besucher zugelassen, davon maximal zehn Ausländer. Es werden auch Gruppenaufenthalte für bis zu fünf Personen genehmigt. Die Aufenthaltsdauer beträgt bis zu vier Tage, jedes Kloster darf aber nur für eine Nacht Gastfreundschaft gewähren. Bei mehrtägigen Aufenthalten ist daher ein Klosterwechsel angesagt. Viele Klöster haben sich inzwischen auf diesen limitierten Besucherandrang eingestellt und bieten einfache Unterkünfte sowie die Möglichkeit, am Klosterleben teilzunehmen.
Die Terminanmeldung und Einreisegenehmigung muss unter Beachtung bestimmter Fristen im „Pilgerbüro der Heiligen Gemeinde des Athos in Thessaloniki“ beantragt werden. Das eigentliche Visum wird dann bei der Einreise vom Pilgerbüro im „Grenzort“ Ouranopolis erteilt. Wer den Berg Athos besuchen will, muss dafür also einigen bürokratischen Aufwand und zeitlichen Vorlauf einkalkulieren. Dafür kann ein Aufenthalt eine besondere spirituelle Erfahrung in einer von Religiosität geprägten Umgebung sein, in der die Zeit in vielerlei Hinsicht stehen geblieben zu sein scheint bzw. an Bedeutung verliert.
Oberstes Bild: Galyna Andrushko – shutterstock.com
[headline-linie text=“Wo liegt dieses Reiseziel?“]