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Schon wieder war Margot zu spät. Sie war bereits zum ersten Treffen mit einer Stunde Verspätung gekommen, zum zweiten war sie gar nicht aufgetaucht. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen; die grauen Gewitterwolken standen am Horizont, als warteten sie nur auf den richtigen Zeitpunkt, um den Himmel über der Stadt zu betreten, wie Menschenmassen beim Verkaufsstart eines neuen iPhones vor einem Apple-Store. Im Sommer gewitterte es fast immer am frühen Nachmittag, was zwar nur selten für die erhoffte Abkühlung sorgte, aber wenigstens für kurze Zeit die Touristenscharen in die Museen und Cafés schwemmte. Der Regen brachte nun sogar für einen kurzen Augenblick die röhrende Jazz-Band auf der Strasse zum Verstummen, doch kurz darauf setzte sie wieder ein und trommelte und trompetete noch lauter als zuvor. Ariel stand auf, um raus auf die Strasse zu sehen: «Ein Leichenzug», stellte sie fest und schloss das Fenster in der Hoffnung, Lärm und Unwetter dadurch aussperren zu können. Die Palmen an der Uferpromenade streckten hilflos ihre Blätter in den grauen Himmel, zerzaust wie die Borsten einer Zahnbürste, die bereits weit länger benutzt worden war als es irgendein Zahnarzt gutheissen würde.
«Sollen wir noch auf Margot warten oder anfangen?», fragte Raul, zum wiederholten Mal ungeduldig auf seine Armbanduhr blickend. Ariel meinte, man könne ja schon einmal anfangen, schliesslich sei es ungewiss, ob Margot überhaupt noch auftauche, und Konstantin, der bereits seit einer halben Stunde schweigend dagesessen war, die Augen geschlossen und den Kopf auf die Tischplatte gelegt, gab ein unbestimmtes Brummeln von sich, das sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten konnte.
Er war am Abend zuvor noch durch die Strassen des French Quarter gezogen und hatte bei einem Konzert in einer der unzähligen Bars einen jungen Musiker kennengelernt, der, wie er erzählte, mit Sicherheit einer der grössten Geister dieses Jahrhunderts sei. Als ihnen nach mehreren Stunden des Trinkens und der Behandlung bedeutender Fragen der Gegenwartsphilosophie schliesslich beiden das Geld ausgegangen war, beschlossen sie, die Wohnung des Musikers aufzusuchen, wo sie gemeinsam noch eine Flasche Moonshine leerten und sich erst trennten, als die Sonne bereits aufgegangen war. In einem plötzlichen Anflug von Gewissenhaftigkeit beschloss Konstantin dann dennoch zu Raul zu gehen, besorgte sich auf dem Weg dorthin an einer Imbissbude noch einen Po’ Boy und ein Stück Pizza und stand nur wenig später vor der Tür seines verwunderten Freundes, der gerade erst aus der Dusche gekommen war. Das angebissene Krabbensandwich lag immer noch vor ihm auf dem Tisch neben einer inzwischen kalt gewordenen Tasse Kaffee.
Raul seufzte: Als er seinen Mitstudenten vor drei Monaten vorgeschlagen hatte, eine Lesegruppe zu gründen, hatte er sich das alles anders vorgestellt. Er nahm das mit bunten Zetteln gespickte Buch, das sie besprechen wollten, ein Sammelband mit Kurzgeschichten von Cédric Weidmann, aus der Tasche und schlug es auf. «Ich denke, das Vorwort von Édace Imbre können wir getrost überspringen», sagte er, während er durch das Buch blätterte. «Mit welchem Text sollen wir anfangen?», fragte er in die Runde, und nachdem von Ariel, die sich inzwischen wieder gesetzt hatte und auch ihr Buch aufgeschlagen hatte, keine Antwort und von Konstantin nur ein weiteres unbestimmtes Brummeln kam, schlug er das Wolkenkrematorium vor.
«Ne, bitte nicht diese Wieselgeschichte», vernahm man von Konstantin, aber er sagte es mehr zu der Tischplatte als zu den anderen, so dass Raul sich entschied, seinen Einwand einfach zu ignorieren. «Was gefällt dir daran nicht?», hakte aber ihrerseits Ariel nach. «Wiesel nerven», brummte Konstantin, und als er einsah, dass sich die anderen mit dieser Antwort nicht zufrieden geben würden, richtete er sich ein wenig auf, versuchte sich trotz der Kopfschmerzen an den Text zu erinnern und sagte: «Ich find die Geschichte halt langweilig. Ein paar platte Tierfiguren, ein paar Krimielemente und ein happy ending. Das war’s.»
Raul schaute ihn verblüfft an: «Langweilig? Der Text ist doch alles andere als langweilig! Weidmann ist einer der wenigen zeitgenössischen Autoren, bei dem überhaupt etwas passiert, der Geschichten erzählt, der Fantasie hat, der seinen Lesern mehr bietet als die Nacherzählung privater Nöte. Bei all den Autoren mit ihren Ich-Figuren, die sich nur durch ihre Innerlichkeitswüsten auszeichnen und die obendrauf immer auch noch angehende Schriftsteller oder Absolventen von Schreibschulen sein müssen, bei den ewig gleichen Alltagsstorys, Verarbeitungen persönlicher Erlebnisse und all den plumpen Versuchen, kapitalismuskritisch zu schreiben, da sind Weidmanns Texte doch eine einzige Wohltat!», sagte er aufgebracht.
«Aber die blosse Tatsache, dass es einen Plot gibt und dass die Welt des Textes sich nicht mit der Erfahrungswelt des Autors deckt, macht ja alleine noch keinen guten Text aus, oder?», schaltete sich Ariel ein. «Was zeichnet das Wolkenkrematorium denn aus? Für mich ist es nicht mehr als die absurde und unterhaltsame Geschichte von einem armen Wiesel, das seine Schwester erfolgreich vor einem reichen Bösewicht rettet, in einer zugegebenermassen fantasievoll ausgeschmückten Szenerie. Kann man lesen, muss man aber nicht.» Konstantin nickte zustimmend, die Augen halb geschlossen.
Raul sprach nun langsamer, wohl in der Hoffnung, seinen Worten so besonderes Gewicht zu verleihen: «Wenn es einem Text gelingt, mich aus meiner eigenen Wahrnehmungswelt völlig herauszuheben, ist das für sich genommen schon eine literarische Leistung, und Weidmann hebt den Leser ganz smooth hinaus und lässt ihn auf nach Mandeln und Bourbon riechenden Wolken wieder absinken. Ein grosses Geschenk. Und ich muss deiner Unterstellung, der Text sei nicht mehr als seichte Unterhaltung, klar widersprechen: es gibt so viele Elemente, die darüber hinausgehen. Nehmen wir die Freundschaft zwischen Pirx und Oskar, zum Beispiel. Das flinke und kluge Wiesel ist zugleich eingeschüchtert und fasziniert vom freundlichen Gürteltier, und diese Mischung, dieser Grenzbereich zwischen Faszination, Bewunderung und Bedrohung wird durch die dekadente und verruchte Welt, die von einem eigenartigen Zauber umgeben ist, auch im Leser permanent wachgerufen. Der mächtige Onkel in seinem Bastsessel, durch seine Skrupellosigkeit abschreckend, durch die geheimnisvolle Aura, die ihn umgibt, anziehend. Und der Baron, diese Mischung aus Oscar Wilde und Dagobert Duck, was für eine fabelhafte Figur! Auch er wirkt durch seinen Charme, seine Leichtigkeit und sein fehlendes Mitgefühl gleichermassen abstossend wie faszinierend. Dass Salomé dem teuflischen Duke vollkommen erliegt, gehört auch dazu. Der Text macht ungemein deutlich, wie eng Faszination und Bedrohung ineinander verkeilt sind, dass das eine zum anderen dazugehört. Das ist doch ein bemerkenswerter Kommentar zu der Zeit, in der der Text spielt. Und übrigens auch zu heute – was sind denn die AfD und Trump anderes als gefährliche Faszinosa?»
«Aber der Text setzt sich damit ja nicht kritisch auseinander, er setzt sich mit überhaupt gar nichts auseinander, deshalb ist er ja so belanglos», warf Konstantin ein, und Ariel doppelte nach: «Mit der Sklavenhaltung und den schwachen, ergebenen Frauenfiguren gibt der Text auch einfach den Rassismus und Sexismus der 20er-Jahre wieder, unhinterfragt und ohne jegliche kritische Absichten. Und es ist nicht mal so, dass die Verortung der Geschichte irgendwie bedeutsam wäre, sie könnte überall spielen. Die historische und die phantastische Welt wirken einander aufgesetzt, stehen quasi parallel nebeneinander, greifen aber nicht ineinander über, erweitern, spiegeln, verwandeln oder kontrastieren sich nicht. Und die Geschichte selbst besteht auch nur aus kombinierten Versatzstücken, die man schon tausendmal gelesen hat: zwei Freunde im Kampf gegen das Böse, Betrug und Mord für Geld, Komplizenschaft aus Liebe, die Flucht durch einen unterirdischen Tunnel. Da kann ich auch die schlechten Krimis meiner Mutter lesen. Die Luftbestattung scheint mir Weidmanns einziger origineller Einfall zu sein, alles andere ist geklaut: Pirx der Pilot von Lem, das Floss von Huckleberry, das Croquet-Spiel mit lebenden Tieren von Alice in Wonderland – und so weiter. Wobei natürlich nicht das Klauen an und für sich ein Problem ist, sondern dass die Zusammenstellung zufällig erscheint. Und auf die vielen insidrigen und unnützen Anspielungen auf Texte aus Weidmanns Autorengruppe ‹delirium› will ich gar nicht erst zu sprechen kommen.»
«Aber dem Text gelingt es ja gerade, alle diese Elemente zu einer aufregenden, vibrierenden und einzigartigen Welt zu vereinen, die einen vom ersten Satz an mitreisst und nicht mehr loslässt. Das Originelle, sofern wir das überhaupt als Kriterium anwenden wollen, liegt doch darin, was sich dem Leser eröffnet.»
«Was eröffnet sich dem Leser denn? Nebst etwas Unterhaltung?»
Als Raul zu seiner Entgegnung ansetzen wollte, klingelte es an der Tür, und er stand seufzend auf; nichts deprimierte ihn mehr, als inmitten eines Gedankengangs unterbrochen zu werden. Vor der Tür stand Margot, völlig durchnässt, ihr Pony klebte in kleinen Bündeln an der Stirn, was Raul unweigerlich an Würmer erinnerte. «Ich weiss, ich bin spät», sagte sie, ihre nassen Schuhe ausziehend, «tut mir leid, ich musste noch ein Interview geben, und der Typ war echt hartnäckig und liess sich kaum abwimmeln. Welchen Text besprecht ihr?».
«Das Wolkenkrematorium», antwortete Raul, der seinen Blick nicht von ihrer Stirn lösen konnte.
«Ach, die Wieselgeschichte! Toll!», sagte Margot, was ihr einen perplexen Blick von Ariel einbrachte. Durch die offene Tür drang lautstark Musik hinein, Badada-ts, Badada-ts, bis Raul sie wieder schloss. «Der Leichenzug hat mich auch aufgehalten, die Strassen sind voller Menschen. Eigenartig ist nur, dass keiner zu wissen scheint, wo sie eigentlich hinwollen, alle marschieren mit, in jeder Strasse und Gasse, aber der Zug windet sich wie eine Schlange und kreuzt sich immer wieder selbst. Und sie spielen seit Stunden dasselbe Lied. Irgendwie faszinierend.»
Laura Basso, Daniel Grohé