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Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn: sie berichten mir vermehrt von ihrer Unsicherheit, ihrer Verwunderung über das Verhalten anderer Menschen, von zunehmender Aggressivität, Ich-Bezogenheit, Protektionismus, Unverlässlichkeit, Einsamkeit, wachsendem Desinteresse und Nur-noch-Funktionieren, von abnehmender Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und Toleranz.
Was passiert mit uns Menschen, mit uns als Individuum und als Gesellschaft? Wohin entwickeln wir uns? Entwickeln wir uns gerade weiter – in einem positiven Sinn – oder wieder zurück? An welchen Werten sollen wir uns orientieren, wenn wir das Gefühl haben, dass diejenigen, nach denen wir erzogen worden sind, überholt zu sein scheinen? Zählen nun die inneren Werte eines Menschen oder sollen wir kurzerhand einfach dem Jugendlichkeits- und Schönheitskult folgen?
Werte wandeln sich ständig
Philosophen wie Aristoteles oder Platon sprechen von Werten im Sinne von erstrebenswerten oder moralisch gut betrachteten Charaktereigenschaften, von Qualitäten und Idealen eines Menschen, einer Gruppe oder Gesellschaft. Von Werten und Tugenden, die von den Menschen gefühlsmässig als übergeordnet anerkannt werden.
Diese Werte unterliegen jedoch einem ständigen Wandel und Verfall in unserem Prozess der Zivilisation. Sie sind nur dauerhaft, solang sie der Selbst- und Existenzerhaltung dienen, das Wohlergehen fördern und menschliches Leid verhindern.
Wir verändern unser Denken, unsere Verhaltensmuster, unsere Lebensstile. Wikipedia zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, als ich von Rittertugenden las (heitere Gelassenheit und Frauendienst), von preussischen, bürgerlichen und Frauentugenden (Häuslichkeit, Sparsamkeit, Keuschheit).
Ich las aber auch von Tugenden wie Mässigung, Treue, Weisheit, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Güte, Liebe oder über Fleiss, Hingabe, Dankbarkeit, Vertrauen, Aufrichtigkeit oder Kameradschaft.
Für Kino und Fernsehen werden in den letzten Jahren verstärkt Geschichten verfilmt von Helden, jugendlichen und erwachsenen, von männlichen und zunehmend weiblichen Figuren (z.B. aus Marvel-Comics, Science-Fiction, Fantasy, Kriegen oder von Polizeibeamten und -innen und Feuerwehrmännern oder -frauen), von Querdenkern, Kämpfernaturen und Menschen, die ihren Prinzipien und Werten treu bleiben. Wird hier eine Sehnsucht der Menschen angesprochen, eine Sehnsucht nach mehr Integrität, Gerechtigkeit, Treue, Ehrlichkeit, Vertrauen, Würde und Menschlichkeit?
Steigender Wohlstand und wachsende Unsicherheiten – ein Oxymoron?
In den letzten Jahrzehnten ist der Wohlstand in der Welt gestiegen, uns geht es so gut wie noch nie zuvor in unserer Geschichte. Die Armut nimmt weltweit ab. Technische Entwicklungen ermöglichen uns Fortschritte in der Medizin, Wirtschaft, im Umgang mit unserer Umwelt und im täglichen Leben. In West- und Mitteleuropa erleben bereits zwei Generationen Zeiten des Friedens. Das Bildungsniveau von Männern und Frauen weltumspannend steigt ständig an. Unsere geografische Mobilität wächst. Geschehnisse privater, öffentlicher, politischer, wirtschaftlicher Natur aus aller Welt sind uns durch die Massenkommunikation sofort zugänglich.
Sind wir wirklich auf dem Zenit angekommen? Sind die Werte, mit denen wir erzogen wurden, nun marode? Haben sie ihren Zweck zur Sicherung der Existenz, zur Förderung von Wohlergehen und zur Verhinderung von menschlichem Leid bereits erfüllt und bedürfen nun einer Neudefinition oder Veränderung?
Oder sind wir Menschen lediglich von der Geschwindigkeit der Veränderungen überfordert und benötigen Zeit, uns mit dieser zu arrangieren, uns an die Neuerungen zu gewöhnen und Mittel und Wege zu finden, mit ihnen zu leben? Manch eine(r) fühlt sich vielleicht sogar fremdbestimmt von dieser Geschwindigkeit oder den Veränderungen selbst , von einer immer komplexer werdenden Welt um uns herum.
Möglicherweise verändert sich aber auch unsere Sicht auf die Werte im Laufe des Älter-Werdens, sie rücken dadurch vielleicht stärker in unseren Fokus und erhalten mehr Gewicht.
Philosophische Betrachtung unserer Zeit
In seinem Roman “Salomos siebter Schleier” schreibt Tom Robbins: “Die wirklichen Probleme waren philosophischer Art, und bis die philosophischen Probleme gelöst waren, müssten die politischen immer und immer wieder durchgekaut werden. Der Ausdruck “Teufelskreis” wurde extra erfunden, um die Wirkungslosigkeit nahezu jeder politischen Aktivität zu beschreiben. Für die Ethiker war politisches Engagement verführerisch, weil es vermeintlich die Möglichkeit bot, die Gesellschaft zu verändern und Lebensumstände zu verbessern, ohne dass man sich der grossen Mühe unterziehen musste, seine eigene Wahrnehmung zu korrigieren und sein Bewusstsein dementsprechend zu verändern. Für die Gewissenlosen war politischer Reaktivismus verführerisch, weil er ihr Eigentum zu schützen und ihre Gier zu legitimieren schien. Doch beide Seiten starrten durch einen Schleier von Illusionen.”