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Ich mag Anna Nicole Smith. Ich mag sie nicht nur, weil sie 1993 Playmate of the Year war, ein Jahr später den alten J. Howard Marshall II heiratete und ihn dann ausnahm wie eine Weihnachtsgans. Ich mag sie besonders, weil sie jeweils am ersten Maisamstag des Jahres nach Louisville in Kentucky kommt.
Als sie das letzte Mal nach Kentucky kam, sah sie hinreissend aus, sie war 34,5 Kilogramm leichter als zwölf Monate zuvor, und als sie auf der Tribüne erschien, johlte das 163 000 Köpfe starke Publikum.
Das Kentucky Derby, dieses Jahr am 6. Mai, ist mit seinen 163 000 Zuschauern das grösste Pferderennen der Welt. Aber, und das interessiert uns ebenso sehr, es ist auch eine der verrücktesten Partys dieses Planeten. Das hat primär mit dem Mint Julep zu tun – aber darauf kommen wir noch.
Das Bluegrass von Kentucky ist die beste und grösste Pferdezucht der Erde. Auf den legendären Farmen wie Claiborne, Gainsborough und Juddmonte werden jährlich über 10 000 Vollblut-Fohlen geboren, ein Drittel der Weltproduktion. An den Auktionen zahlen sie dann für die einjährigen Rennpferdchen bis zu acht Millionen Dollar. Wenn der Käufer viel Glück hat und das Pferd viel Talent, startet es zwei Jahre später im Kentucky Derby. 99,98 Prozent schaffen es nicht.
Es ist ein grossartiges Erlebnis, durch das blaue Gras in Kentucky zu fahren. Ich fuhr einmal mit dem legendären Züchter Preston Madden in seinem Cadillac über seine Weiden, sie waren so weitläufig, dass man Proviant mitnehmen musste. Neben den beiden Vordersitzen hatte er deshalb zwei Halter für riesige Styroporkübel angebracht, die er während der Fahrt mit hochprozentigem Mint Julep füllte.
Damit wären wir beim zweiten Thema. Es gibt hier nicht nur eine Menge Pferdezüchter, es gibt auch 151 Whiskeymarken, Typus Kentucky Straight Bourbon. Als Mint Julep, aufgemischt mit etwas Zuckersirup und Pfefferminze, das Ganze auf Eis, ergibt dies einen teuflischen Drink, der geradewegs in die Seele schiesst.
Man kann nicht über das Kentucky Derby schreiben, ohne Hunter S. Thompson zu erwähnen, den neben Tom Wolfe grössten Vertreter des New Journalism. Er war in Louisville, KY, geboren; eine seiner berühmtesten Reportagen hiess «The Kentucky Derby is decadent and depraved». Wir wollen daraus gerne eine kleine Leseprobe liefern: «Nachmittags sind sie so weit, dass sie die Mint Juleps mit beiden Händen halten müssen, um sie in sich reinzuschütten, und zwischen den Rennen kotzen sie einander die Hucke voll. Die meisten von ihnen schaffen es, nicht auf die Klamotten zu kotzen, aber auf ihre Schuhe reihern sie immer.»
Hunter S. Thompson übertrieb gern ein bisschen, aber die Stimmung auf der Rennbahn ist schon ziemlich gut. Denn die Drinks befeuern auch den Einsatzwillen am Totalisator. Wenn dann einer eine Pferdewette gewinnt, und in einer grösseren Runde gewinnt oft einer, wird die ziemlich gute Stimmung noch besser. Dann gibt er eine Runde Mint Juleps aus – oder zwei oder drei.
Dennoch haben wir eine gute Chance, dass auch unsere Frauen Kentucky lieben werden. Denn rund ums Derby jagen sich die Feten, es ist der beste Platz für Partys und Prominenz ausserhalb der Oscar-Verleihung. Aber anders als beim Oscar kommt man hier auch in die Säle und Zelte rein, etwa zur Winner’s Circle Extravaganza, zur Barnstable Party, zur Grand Gala oder zum Lexington Derby Ball.
Nicht nur Anna Nicole Smith ist dann am Nebentisch, auch Pamela Anderson, Rod Stewart, Jessica Simpson, Robert Trump, Ron Wood, Gene Wilder und LaToya Jackson. Ich habe noch ein Bild vom Kentucky Derby 1988, das mich zwischen Larry Hagman und Zsa Zsa Gabor zeigt – na ja, man wird auch nicht jünger.
Wer es nun doch nicht schafft, dieses Jahr noch hinzufahren, den wollen wir zu Hause nicht ganz alleine lassen. Wir liefern darum zum Schluss das Originalrezept für einen echten Mint Julep: zwei Tassen Wasser und zwei Tassen Zucker fünf Minuten zu einem Sirup einkochen, acht Minzeblätter dazugeben und über Nacht in den Kühlschrank stellen. Ein grosses Glas nehmen, mit Eis füllen, einen Löffel des Sirups zugeben und kräftig Kentucky Bourbon wie Four Roses, Jim Beam oder Jack Daniel’s dazuschütten. Umrühren und frische Minze dazugeben.
Den Sirup kann man im Notfall auch weglassen.