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Géraldine Pflieger, Umweltpolitologin der Universität Genf, war als Wissenschaftlerin Teil der Schweizer Delegation an der Weltklimakonferenz COP27 in Ägypten. Wie bewertet Sie die Ergebnisse? Und welche Rolle spielte die Wissenschaft dabei?
Interview: Marcel Falk, Akademie der Naturwissenschaften Schweiz
2022 wurden weltweit viele Klimanotstände sichtbar. Und dennoch waren die Erwartungen an die COP27 im Vorfeld tief. Kehren Sie zufrieden aus Ägypten zurück?
Wie Sie betonen, waren die Hoffnungen in Bezug auf die Ambitionen zur Emissionsreduzierung gering. Im Vorfeld der COP haben Indien und Australien ihre Verpflichtungen angehoben, aber wir sind gemeinsam immer noch weit vom 1,5-Grad-Ziel entfernt. Zudem mussten wir mit vielen Ländern darum kämpfen, dass die Ambitionen nicht zurückgeschraubt werden. Einige der Erdöl produzierenden Länder versuchten, ein 2-Grad-Ziel zu verteidigen, dessen Auswirkungen erwiesenermassen absolut katastrophal wären. Das 1,5-Grad-Ziel wurde mit einer sehr minimalistischen Sprache und ohne wirkliche Fortschritte im Vergleich zur COP26 mühsam aufrechterhalten. Wir können mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein.
Was sind für Sie die relevantesten Punkte, die in Ägypten vereinbart wurden? Und was wurde verpasst?
Die COP27 wird für die Einrichtung des neuen Fonds für Verluste und Schäden in Erinnerung bleiben. Dieser Fonds ist der Schlusspunkt nach jahrelangem Aufbau von Initiativen zur Unterstützung der am stärksten gefährdeten Länder. Es bleibt jedoch noch viel zu tun. Wer wird den Fonds finanzieren? Wird der Kreis der Geber für grosse Emittenten unter den Schwellenländern offen sein? Wer sind die gefährdeten Länder, die unterstützt werden sollen? Wie gross sollte der finanzielle Umfang eines solchen Fonds sein? Wie kann sichergestellt werden, dass er klimafreundliche Projekte unterstützt, die sowohl den Wiederaufbau und die Widerstandsfähigkeit fördern als auch den künftigen CO2-Fussabdruck verringern? All diese Fragen eröffnen eine grosse Baustelle in den kommenden Monaten.
Der grösste Misserfolg ist der fehlende Ehrgeiz in Bezug auf die Dekarbonisierung. Nichts über den Ausstieg aus Investitionen in Gas und Öl, nichts weiter als die Rede vom Ausstieg aus der Kohle, der bereits in Glasgow 2021 beschlossen wurde. Kein erklärtes Ziel für den Höhepunkt der Emissionen, obwohl viele Länder dazu aufriefen, die Botschaften des IPCC und der Internationalen Energieagentur ernst zu nehmen und einen Höhepunkt so früh wie möglich und spätestens bis 2025 forderten. Das Arbeitsprogramm zum Klimaschutz wurde vor allem methodisch vorangebracht, während es darum gegangen wäre, die globalen und aggregierten Ambitionen möglichst hoch zu schrauben.
Sind damit die Chancen gestiegen oder gesunken, unterhalb einer Erderwärmung von 1,5 °C zu bleiben?
Dies hat die Chancen, unter 1,5 °C zu bleiben, nicht erhöht, sondern sogar verringert, wenn man bedenkt, dass die Emissionen in der Zwischenzeit hoch bleiben werden und wir ein Jahr verloren haben. Unser verbleibendes Kohlenstoffbudget schrumpft weiter. Viele wissenschaftliche Studien zeigen, dass wir nur noch etwa 300 Gigatonnen ausstossen können, um unter 1,5 °C zu bleiben. Bei einer konstanten Rate von 40 Gigatonnen pro Jahr werden wir es in etwas mehr als sieben Jahren aufgebraucht haben, wenn nichts unternommen wird, um den Übergang zu beschleunigen.
Wie konnten Sie als Wissenschaftlerin in der Schweizer Delegation mitgestalten? Waren Sie im Austausch mit anderen Forschenden?
Ich bin direkt in die Verhandlungen über die Berücksichtigung der Arbeit des IPCC eingebunden, um die globalen Ambitionen festzulegen. Das Jahr 2022 war für die Wissenschaft mit der erfolgreichen Veröffentlichung der drei Berichte des Sechsten IPCC-Bewertungszyklus sehr wichtig. Gleichzeitig arbeitete ich innerhalb der Verhandlungen am Abschluss der zweiten regelmässigen Überprüfung, ob die langfristigen Klimaziele des UN-Klimaschutzübereinkommens erreicht wurden oder nicht. Dabei ging es zum einen darum sicherzustellen, dass die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit ernsthaft berücksichtigt werden, ohne sie zu verändern oder zu schmälern. Die Arbeiten zeigen, dass wir uns eindeutig nicht auf dem Weg zu 1,5 °C befinden. Andererseits galt es, die Forderung nach einer raschen Anhebung des Ambitionsniveaus zu bekräftigen und Wege aufzuzeigen, wie der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe gelingen kann, wie es im Bericht der Gruppe III des IPCC deutlich gemacht wurde. Bei diesem Thema wurden unsere Hauptziele erreicht und wir konnten die Position der Wissenschaft in dieser entscheidenden Phase des Prozesses verteidigen.
Ich stand vor, während und nach der COP in ständigem Kontakt mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung. Ich wandte mich telefonisch oder per E-Mail an sie, wenn ich eine bestimmte Frage hatte. Zudem habe ich detailliert über meine Aktivitäten und die Bilanz der COP berichtet, z.B. mit einem Webinar und einem Opinion Paper, das im Dezember in PLOS Climate erschienen ist.
Die Delegation untersteht einem Mandat des Bundesrats. Zudem ist die Delegation divers zusammengesetzt. Welchen Handlungsspielraum haben Sie als Wissenschaftlerin?
Die Delegation arbeitet tatsächlich im Rahmen eines Mandats, das vom Bundesrat festgelegt wird. Dadurch ist unsere Arbeit legitimiert und wir repräsentieren die Schweiz. Wie für jedes andere Mitglied der Delegation ist es als Wissenschaftlerin meine Pflicht, das von einem demokratischen Staat wie dem unseren definierte Mandat zu respektieren. Andererseits gibt es noch Spielraum bei der Art und Weise, wie wir unsere Positionen vertreten.
An der COP generell: Funktioniert der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik? Wo sehen Sie mögliche Verbesserungen?
Die Wissenschaft hat ihren gut etablierten Platz an der COP. Das IPCC hat einen eigenen Pavillon und organisiert Veranstaltungen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit werden sehr häufig vorgestellt und berücksichtigt, z.B. bei den Earth-Day-Sitzungen, im Rahmen der zweiten regelmässigen Überprüfung der Ziele des Übereinkommens oder im laufenden Austausch über die erste globale Bilanz der Umsetzung des Pariser Abkommens.
Auf der Seite der möglichen Verbesserungen ist zu betonen, dass die Debatte zum Klimawandel fortwährend läuft und nicht mit dem Rhythmus der wissenschaftlichen Berichte übereinstimmt. Es sollte gelingen, das geteilte Wissen rascher zu aktualisieren, damit wir immer bereit sind. Dies würde uns helfen, die verschiedenen Facetten des Wandels aus einer interdisziplinären Perspektive zu erfassen wie auch die Weiterentwicklung des Wissens. Was wir 2023 über das Klima wissen werden und was wir 2022 noch nicht wussten – nur so können wir den notwendigen Druck immer aufrechterhalten.
Die Schweiz ist in Sachen Klimapolitik keine Vorreiterin. Wie wird sie international wahrgenommen?
Die Schweiz ist keine Pionierin, das stimmt, sie hat nicht besonders viele Lektionen zu erteilen, aber es gibt ohnehin nur sehr wenige Industrieländer, deren Klimapolitik es verdient, umfassend gelobt zu werden. In den Verhandlungen wird die Schweiz respektiert, mit verschiedenen Markenzeichen: das Vertrauen in die Wissenschaft und ihre Robustheit, die Verfolgung ehrgeiziger internationaler Ziele, der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger, die Verlässlichkeit der Regeln und die Transparenz des Prozesses. Hingegen ist klar, dass die künftige internationale Positionierung der Schweiz eng mit dem Zielniveau ihrer eigenen nationalen Politik zusammenhängt, mit dem Scheitern der Revision des CO2-Gesetzes im Jahr 2021, mit den nächsten Schritten bezüglich des indirekten Gegenvorschlags zur Gletscher-Initiative. Auch auf unserer nationalen Ebene entscheidet sich, ob die globale Klimaherausforderung gelöst wird und wie stark die vertretenen Positionen sind.
Welche gute Idee bringen Sie von der COP27 mit für die Klimapolitik in der Schweiz?
Wir haben uns unter den Ländern viel über Lösungen, Erfahrungen und innovative Praktiken zur Beschleunigung des Übergangs und der Emissionsreduzierung ausgetauscht. Dazu gehörte auch die Frage der Multi-Level-Governance. Das heisst, die Fähigkeit, – von der Gemeinde, über die Kantone, bis hin zu den verschiedenen Wirtschaftssektoren – alle Akteure eines Staates mitzunehmen, um gemeinsam und jeder nach seinem Massstab auf einem gemeinsamen Ambitionsniveau voranzukommen. Ich denke, dass die Schweiz aufgrund ihrer föderalistischen Struktur ein echte Pionierin für eine Multi-Level-Governance werden kann, die auf sehr ehrgeizige Ziele ausgerichtet ist. Auf diese Weise könnten wir nicht nur in Bezug auf die Ziele, sondern auch in Bezug auf die Methode einen substanziellen Beitrag zu diesem globalen Problem leisten.