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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Meistens geht es um Geld, wenn ein grosses Bauvorhaben in Deutschland nicht in der vorgesehenen Zeit vollendet wird. Jüngste Beispiele sind der Freizeitpark am Nürburgring, die Elbphilharmonie in Hamburg, der Flughafen in Berlin und der Bahnhof in Stuttgart. Ich wage vorauszusagen, dass es mit dem Stadtschloss in Berlin, dessen Bau gerade beschlossen worden ist, nicht anders verlaufen wird.
Ich muss mich korrigieren, Geld allein ist es nicht immer. In Berlin kommen Probleme mit dem Brandschutz dazu. In Stuttgart gab es die Bürgerbeteiligung, die sich dagegen stemmte. Am Nürburgring waren es kriminelle Machenschaften.
Aber Geld ist der Hauptgrund. Die Elbphilharmonie soll sogar 10 × so viel kosten wie ursprünglich geplant! Unterbrechungen der Bautätigkeit und zeitweise Baustopps sind die Folge.
Wer jetzt meint, das sei eine neue Erscheinung in Deutschland und dem Prestigestreben einiger Politiker neben knappen Kassen bzw. der Unfähigkeit der zuständigen Stellen geschuldet, der irrt gewaltig!
Deutschland hat ein grossartiges Vorbild für derartige Abläufe.
Der Kölner Dom ist weltbekannt. Die Kirche auf der linken Rheinseite in Köln ist Weltkulturerbe. Sollten Sie einmal dort davor stehen, fragen Sie doch einmal einen Passanten nach dem Baustil! Ein Baustil ist nach der Zeit benannt, in der das Gebäude errichtet worden ist, also beispielsweise eine romanische oder barocke Kirche. Er wird Ihnen mit voller Überzeugung „Gotik“ antworten. Fragen Sie ihn nach einem anderen grossen kirchlichen Bauwerk der Gotik in Mitteleuropa, so wird er Ihnen möglicherweise das Freiburger oder das Strassburger Münster nennen. Die Gotik entstand etwa 1140 in Frankreich und dauerte nördlich der Alpen etwa bis 1500‒1550. Geben Sie sich als interessierten Kunstkenner und fragen den Passanten, ob es stimme, dass der Kölner Dom demnach bis etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts gebaut worden sei, denn das sei doch die Zeit der Gotik?
Es wäre interessant zu erfahren, was eine Person, die Sie, vor dem Dom stehend, angesprochen haben, jetzt antwortet. Denn den Kölner Dom gotisch zu nennen, kann einfach nicht zutreffen. Oder vielleicht doch? Der Bau ist 1248 begonnen worden!
Wikipedia: Viele Kunsthistoriker sehen in ihm eine einmalige Harmonisierung sämtlicher Bauelemente und des Schmuckwerks im Stil der spätmittelalterlich-gotischen Architektur verwirklicht.
Wenn ich jetzt erfahre, dass der Kölner Dom erst im 19. Jahrhundert, in der Zeit der Neugotik vollendet worden ist, komme ich wieder ins Zweifeln. Dazu wird zur Erläuterung gesagt: .. nach 1814 wieder aufgefundenen Plänen, besonders wenn der Blick auf die Doppeltürme und die Westfassade fällt.
Die erste Bauzeit endete nach vielen Unterbrechungen endgültig 1530. Schon etwa 100 Jahre vorher war, nach dem die Grossglocken im Südturm aufgehängt worden waren, die weitere Bautätigkeit am Südturm eingestellt worden.
Wikipedia: Über 300 Jahre bestimmte der unfertige Kölner Dom die Silhouette der Stadt. Bis 1868 befand sich auf dem bis dahin unvollendeten Südturm des Kölner Doms ein durch Treträder angetriebener Baukran aus dem 14. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammt wohl der ironische Kölner Ausspruch, dass, wenn der Dom einmal fertig sei, die Welt untergehe.
Man sollte meinen, die Baugeschichte des Kölner Doms könne man nicht mit den Bauskandalen der heutigen Zeit vergleichen. In vieler Hinsicht nicht, etwa beim historischen Wandel, der Stellung der Kirche usw. Aber in einem Aspekt bestimmt, und ein hervorstechender Grund für die Verzögerungen war ganz einfach der schnöde Mammon Geld.
Es ging und geht auch heute um das Geld des Volks. In der Zeit der Reformation spendete die Bevölkerung nicht mehr so viel Geld wie bisher, nicht zuletzt auch deshalb, weil weniger Pilger in die Stadt kamen. Martin Luther wandte sich gegen den Ablasshandel, also dem Erlassen zeitlicher Sündenstrafen durch so genannte Almosen. Die Kirche hatte die weltliche Macht und damit auch die Befugnis, den Bürgern auf vielfältige Art und Weise Geld abzuluchsen.
Das war nicht anders als heutzutage. Bei welchen Geschäften auch immer zahlen die Bürger keine Steuern und Abgaben? Und der Kölner Dom war für die Kirche ebenso eine Prestigeangelegenheit, von der man hoffte, dass sie viele Pilger nach Köln ziehen würde, und diese dann viel Geld daliessen, wie sich gegenwärtig Politiker erhoffen, Nachruhm zu erlangen, natürlich auch mehr Touristen für die Stadt.
Jetzt könnte man meinen: Was lange währt, wird endlich gut! Wenn ich mir den Kölner Dom ansehe, würde ich zustimmen, wenn nicht das Bauwerk auch eine ewige Baustelle wäre. Und natürlich werden die Gläubigen und indirekt alle Steuerzahler dafür zur Kasse gebeten. Bei unseren modernen Bauskandalen könnte aber – teilweise ist es auch schon der Fall – eine Variante des Spruches zutreffen: Was lange gärt, wird endlich Wut!
Quelle
Wikipedia-Seiten.
Hinweis auf ein weiteres Blog zur deutschen Kirchengeschichte