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Bernhard Glauser, Die Südostschweiz (24.12.2007)
Mit der französischen Oper «La juive» bringt das Opernhaus Zürich einmal mehr eine Rarität auf die Bühne. Die Premiere am Samstagabend fand die uneingeschränkte Zustimmung des Publikums.
Der französische Komponist Jacques Fromental Halévy (1799 bis 1862) ist heute fast vergessen. Der Schwiegervater von Georges Bizet hat über 30 Opern geschrieben, von denen mehrere damals eigentliche Grosserfolge waren. Die Uraufführung der fünfaktigen Oper «La juive», seines bedeutendsten und bekanntesten Werks, war 1835 in Paris einer der grössten Erfolge der französischen Oper im 19. Jahrhundert überhaupt. «La juive» kam bald in ganz Europa wie auch in Übersee auf die Bühne und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus verschwand das Werk jedoch von den Spielplänen.
Mit ein Grund, dass «La juive» auch heute noch nur selten gespielt wird, ist der Aufwand, der mit einer Produktion verbunden ist. In Zürich dauert die Aufführung, trotz Kürzungen, fast vier Stunden. Die «Grand Opéra» verlangt ein grosses Orchester, zahlreiche Statisten, hat aufwendige Chorszenen, ausgedehnte Balletteinlagen, viele Szenenwechsel, und gilt sängerisch als sehr anspruchsvoll. Das Zustandekommen der Zürcher Aufführung ist vor allem auch dem US-Tenor Neil Shicoff zu verdanken. Er setzt sich weltweit für das Werk ein und singt in Zürich nun schon in der dritten Neuproduktion.
Der Star des Abends heisst Shicoff
Obschon die Oper «La juive» heisst, ist eigentlich Eléazar, der Vater der Jüdin, die Hauptperson. Und mit Neil Shicoff als Eléazar ist sie das erst recht. In seiner grossen Arie im vierten Akt, in der er, aus Rachsucht gegenüber den Christen, die seine Söhne getötet haben, seine angenommene Tochter dem Henker überliefert, ist er der bejubelte Star des Abends, der den lang anhaltenden Szenenapplaus des Publikums entgegennimmt.
Alle andern Solisten singen ihre Rollen zum ersten Mal. Die Sopranistin Angeles Blancas in der Titelrolle weiss mit ihrer hochdramatischen Stimme und einer intensiven Rollengestaltung ebenfalls zu begeistern. Mit Malin Hartelius als Prinzessin, Alfred Muff als Kardinal und Celso Albelo als Reichsfürst, der allerdings darstellerisch enttäuschte, sind auch die weiteren Hauptpartien herausragend besetzt.
Farblos wirkt hingegen die musikalische Gestaltung durch den Dirigenten Carlo Rizzi. Er nivelliert die effektvollen Auftritte der Chöre, die mit intimeren Szenen abwechseln, zu sehr ein. Zudem würden etwas forschere Tempi dem Werk gut tun.
Eléazar ist kein Dreyfus
Auch die Inszenierung von David Pountney kommt mit dem gewaltigen Werk nicht wirklich zurecht. Er verlegt die Handlung zur Zeit des Konzils von Konstanz um 1414 nach Paris zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Alfred Dreyfus war ein jüdischer französischer Offizier, der 1894 mit falschen Beweisen des Landesverrats angeklagt wurde.
Pountney macht die Versetzung vom Spätmittelalter ins ausgehende 19. Jahrhundert jedoch nicht evident. Da gibt es zwar viel Trikolore und auch Dreyfus-Karikaturen, aber das Schicksal von Dreyfus hat mit dem von Eléazar wenig gemein. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck eines Werks, das in Zürich seit über 80 Jahren nicht mehr zu hören war. Solisten und Chöre lohnen den Besuch der Opernrarität aber allemal.