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Seit dem ersten Einsatz gehört es zu den Zielen von SOS MEDITERRANEE im Verbund mit Ärzte ohne Grenzen, den Bedürfnissen von Überlebenden im Anschluss an eine Rettung, insbesondere dem Bedürfnis nach Schutz, angemessen zu begegnen. Diese Mission ist die logische Konsequenz aus den Prinzipien der „Pflicht zur Hilfeleistung“ und Anforderungen des internationalen Seerechts: Ein Schiff, das eine Rettung durchgeführt hat, stellt eine erste Plattform zur Gewährleistung der Bedürfnisse Überlebender dar, zur Aufnahme ihrer Augenzeugenberichte aber auch zur Identifizierung besonders Schutzbedürftiger unter ihnen, wie Folterüberlebende oder unbegleitete Minderjährige. Dieser Schutzauftrag ist vor dem Hintergrund des psychologischen und physischen Zustands Geretteter nach Monaten oder Jahren des Aufenthalts in Libyen von besonderer Bedeutung. Wir werfen einen Blick zurück auf die Schutzmaßnahmen, die SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen auf See durchgeführt haben.
Das Eintreffen Überlebender auf unserem Rettungsschiff war der erste Schritt im Prozess der Bestimmung der am meisten schutzbedürftigen Personen – also derjenigen, die psychologischer und/oder physischer Gewalt in besonderem Maße ausgesetzt waren und daher eine entsprechende medizinische Behandlung und Unterstützung benötigen. Die Überlebenden wurden von unserem medizinischen Partner an Bord, Ärzte ohne Grenzen, „registriert“, was es den Teams erlaubte, erste sichtbare Fälle besonderer Schutzbedürfnisse zu identifizieren und diese folglich in Zusatzmaßnahmen zu berücksichtigen (sie erhalten zu diesem Zweck ein Armband): dazu gehören u.a. unbegleitete Minderjährige oder Menschen mit Behinderung; doch jenseits dieser sichtbaren Fälle verbirgt sich eine Vielfalt von schwerer zu erkennenden Fällen besonderen Schutzbedarfs und oft unsäglichen Geschichten…
Ende Februar 2019 strahlte der britische öffentliche Fernsehsender Channel 4 zur besten Sendezeit Aufnahme von den Lebensbedingungen von Geflüchteten in Libyen aus, insbesondere solcher, die sich in den Händen von Schmugglern und Schleusern befanden. Die Zuschauer sahen unerträgliche Bilder, die aus den sozialen Medien stammten: Frauen und Männer werden geschlagen, kopfüber aufgehängt, in Ketten gelegt, mit Schusswaffen bedroht [1].
Zweieinhalb Jahre lang haben die Teams von SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen an Bord der Aquarius genau diese Berichte wieder und wieder gehört. Mitten in einem Gespräch mit Überlebenden wurde jeder plötzlich zum Vertrauten und hörte persönliche Geschichten, die sich niemand je hätte vorstellen können. Was machen Menschen mit diesen Worten, diesen schmerzhaften Geschichten, diesen Foltermalen an den Körpern?
Es gibt ein Meldesystem für besonders schutzbedürftige Menschen an Bord. Jede Person, Besatzungsmitglieder oder Journalist*innen, die an Bord mit Überlebenden in Kontakt kommen könnten, erhalten eine auf den Kontext unserer Tätigkeit zugeschnittene Einweisung (Übungen zur „psychologischen Erste Hilfe“ und „Erkennung besonders Schutzbedürftiger“). So wird jeder für die hohe Wahrscheinlichkeit sensibilisiert, mit psychologischen und physischen Notlagen konfrontiert zu werden, sowie dafür, wie mit Opfern von Folter, Menschenhandel und sexueller Gewalt am besten umzugehen ist. Eine der wichtigsten Dinge ist es, aufmerksam zu sein: jenen zuzuhören, die sprechen wollen, jene zu identifizieren, die still bleiben, was Aufschluss über ihre Erfahrungen geben kann. Ebenso wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu kennen und Spezialisten im Team zur Hilfe zu holen, wenn die Geschichten unerträglich sind. Alle Retter*innen wissen daher, wie wichtig es ist, die Menschen, die sich durch ihren Erfahrungsbericht als besonders schutzbedürftig erweisen, dem Team von Ärzte ohne Grenzen zu melden (dem Leiter der humanitären Abteilung, den Kulturvermittlern, dem medizinischen Personal). Dies dient Ärzte ohne Grenzen dazu, besonders schutzbedürftigen Menschen schon während der relativ kurzen Fahrt zu einem sicheren Ort, an dem die Geretteten an Land gehen können, medizinische Betreuung und professionelles, aktives Zuhören zu gewährleisten und diese Fälle den zuständigen Behörden sowie den auf Schutz spezialisierten Organisationen bei der Ankunft in Häfen zu melden. Die entsprechenden Zeugenberichte werden nur mit Zustimmung der Betroffenen und in aller Vertraulichkeit aufgenommen.
Seraina, die 2017 als Kulturvermittler auf der Aquarius war, erinnert sich in einem Interview mit SOS MEDITERRANEE an die Geschichten, die sie über Libyen gesammelt hat: „Diese Menschen erlitten Gewalt durch Erpressung in Internierungslagern, sie wurden täglich geschlagen und wie Tiere behandelt. Sie waren auch unterernährt, hatten nichts zu trinken, und wenn doch, war es häufig Salzwasser. […] Leider sind diese systematischen Verstöße [gegen die Menschenrechte] weitverbreitet[…]“.
Zur Gewährleistung des Schutzes an Bord wechseln sich die Teams von Ärzte ohne Grenzen und SOS MEDITERRANEE damit ab, für die Überlebenden präsent zu sein, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen – Tag und Nacht. Die Orte, die der Aufnahme Überlebender dienen, sind so eingeteilt, dass bestimmten Gruppen von Menschen, die infolge ihrer Reise und Überfahrt besonders schutzbedürftig sind, die größtmögliche Ruhe und Sicherheit zuteil wird. „Kaum eine der Frauen, die ich sprach, waren nicht sexueller Gewalt oder wiederholten Vergewaltigungen ausgesetzt,“ sagt Seraina. „Viele der Frauen waren infolge von Vergewaltigungen schwanger. Gerade weil es ein so schwieriges Thema ist, war es besonders schwer, die Berichte der Frauen zu erhalten. Auch die Vergewaltigungen von Männern sind ein sehr schwieriges Thema. Sexuelle Gewalt war ein wiederkehrendes Motiv in allen Erfahrungsberichten„.
Diese traumatischen Erfahrungen werden in der Gestaltung der Schutzvorkehrungen an Bord des Rettungsschiffs berücksichtigt. Frauen und Kinder schlafen in einem Schutzraum, dem sogenannten Shelter, einem Raum im Innern des Schiffs, in dem eine Hebamme besonders präsent, ansprechbar und aufmerksam ist. Zur Erinnerung: Die Aquarius hat seit ihrer ersten Mission 4694 Frauen aufgenommen. In 2017 und 2018 waren durchschnittlich 10% der weiblichen Überlebenden schwanger. Seit Februar 2016 hat das Team der Aquarius 6508 Minderjährige gerettet, von denen 80% ohne Begleitung waren.
Das Team von SOS MEDITERRANEE sucht derzeit nach einem Schiff, das ähnliche Möglichkeiten bietet, um Schutz und Aufmerksamkeit für die Überlebenden zu gewährleisten – und um weiterhin unter den bestmöglichen Voraussetzungen retten, beschützen und dokumentieren zu können; trotz der möglichen erschwerenden Bedingungen auf See.
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PHOTO CREDITS: Laurin Schmid / SOS MEDITERRANEE
[ „Torture and shocking conditions: the human cost of keeping migrants out of Europe„, Fernsehsendung, Channel 4, 25.02.2019]