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Nach Klassikern wie der ‚West Side Story‘ und ‚My Fair Lady‘ wagte sich das Luzerner Theater in dieser Saison an Stephen Sondheims ‚Sweeney Todd‘, statt dem sicheren Hafen des Weltrepertoires also das hierzulande ungewöhnliche Juwel um den Teufelsbarbier von London. Der bereits zuvor in Luzern tätige Regisseur Johannes Pölzgutter realisierte den auf Deutsch aufgeführten Musical-Thriller mit pfiffigen Ideen gemeinsam mit dem großartigen hauseigenen Ensemble. Dabei waren einige Kniffe notwendig, um den Horror im katholischen Luzern im Rahmen zu halten.
Von vorneherein scheute Pölzgutter den blutigen Vergleich mit dem bekannten Film von Tim Burton mit Johnny Depp und legte seine Inszenierung der makabren Handlung viel mehr in den schwarzen Humor, der dieser Geschichte von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler eigentlich zu eigen ist. Im zweiten Akt war das Blutvergießen nicht zu vermeiden, dabei liefen die Klingen schon fast ästhetisch über die Kehlen bis hin zum letzten Mord an Sweeney Todd durch den Gehilfen Tobi, der noch einmal das Simple am Erstechen vorführte.
Von Beginn an präsentierte sich das viktorianische London als düsterer Ort im Bühnenbild von Werner Hütterli, das aus einer nach vorne hin beweglichen dunklen Wand von Häuserfassaden bestand, die an mehreren Stellen Einblicke in die Häuser gewährte. Links oben etwa lag das Zimmer von Tochter Johanna, die mit einem Vogelkäfig als Symbol der Gefangenheit sitzend den jungen Anthony verführte („Grünfink und Nachtigall“). Auf der rechten Seite öffnete sich die Wohnung des Richters Turpin, der sich andauernd bedienen ließ. Die Mitte diente später der Backstube des Pastetengeschäfts.
Axel E. Schneider kleidete die Darsteller epochengerecht zum 19. Jahrhundert überwiegend in gedeckte Blau-Grau-Töne mit wenigen Ausnahmen wie das verblichene Gelb der Bettlerin als einstige Farbe der Randgruppen, das harmonische Blau von Anthony als Zeichen von Freundschaft und Sympathie sowie die lila Kleider von Mrs. Lovett, die im zweiten Akt dank des eingetretenen Wohlstands aufwendiger nach oben frisiert erschien.
In einem bemerkenswerten Einfall löste Regisseur Pölzgutter den üblicherweise pantomimisch gelösten Rückblick in die Vergangenheit, als Mrs. Lovett dem aus unschuldiger Verbannung zurückgekehrten Barbier die letzten 15 Jahre Revue passieren ließ. Hier sorgten Puppenfiguren für eine verträglichere Darstellung des Geschehens in Form eines Kasperletheaters. Später griffen Mrs. Lovett und Sweeney Todd die Puppen wieder auf.
Für Farbtupfer wie in einer Zirkusnummer sorgte die erfrischende Szene um den eintreffenden italienischen Barbier Alfonso Pirelli, sein dunkelroter Anzug glich einem Pyjama. Als dieser tot in einem Waggon landete, kam Mrs. Lovett auf die Idee, ihn zu Pastete zu verarbeiten. Diesen Heureka-Effekt unterstützte eine auf einmal eingeschaltete Glühbirne direkt über ihr und später bei Sweeney Todd, als auch er den teuflischen Plan kapierte. So richteten beide darüber, wer gefressen wurde und wer zu fressen bekam. Lebensfrohe Puppen begleiteten das humorvoll vorgetragene Duett um Kannibalismus über den Geschmack der Opfer in der Pastete.
Der neue Barbierstuhl im zweiten Akt sorgte per Hebel für den ungewollten Sturz durch die Falltür in die Backstube. Dort wurde Sweeney Todd schließlich wahnsinnig, als er in der ebenso transportierten Bettlerin seine geliebte Gattin wiederentdeckte. Weil Mrs. Lovett dies zu Beginn verschwieg, löste Sweeney Todd im Effekt die gemeinsame Zweckgemeinschaft auf und stieß sie ebenfalls in die Backstube.
Die düstere Thematik unterbrach Pölzgutter neben seinen fast schon schwankähnlichen Einfällen immer wieder durch die pathetisch eingeflochtene Liebesgeschichte von Johanna und Anthony, selbst wenn sie stückbedingt zweidimensional blieb.
In der weiblichen Hauptrolle der Mrs. Lovett begeisterte Marie-Luise Dressen mit ihrer aufgedrehten Spielweise und ihrem klaren Mezzosopran. Vermochte sie in Luzern bereits als Eliza Doolittle in ‚My Fair Lady‘ oder in ‚Kiss Me Kate‘ überzeugen, so lieferte sie hier ein Paradestück ab. Ihr Gesang passte in allen Stimmlagen ebenso wie ihr Spiel alle Lebenslagen der schrulligen Mrs. Lovett umfasste: von der abgelehnten Zuneigung durch Sweeney Todd über die praktisch veranlagte Geschäftsfrau bis zur durchgedrehten Pastetenbäckerin mit Todesfolge zog ihre Darstellung die Zuschauer in den Bann.
Im Gegensatz zu ihr spielte Bariton Todd Boyce den verbitterten Barbier Sweeney Todd zumeist mit einer bemerkenswerten Ruhe angesichts seines Umfelds, dafür mit hervorragend herausgespieltem Hass, der nach dem erfolglosen Mordversuch am Richter in einen Wahnsinn gipfelte. Auch stimmlich wusste Boyce zu gefallen, etwa als er ehrfurchtsvoll das Rasiermesser besang und die innere Gefühlswelt offenbarte in seiner Sehnsucht nach Frau und Kind.
Die weiteren Rollen wurden ebenso passend aus dem eigenen Ensemble besetzt. Alexandre Beuchat spielte seinen jugendlichen Anthony Hope mit warmherziger Ausstrahlung, der Bassbariton Flurin Caduff den unbarmherzigen Richter Turpin, der rollendeckend streng agierte und allenfalls im Duett „Hübsche Frauen“ aus sich herauskam. Überspitzt zeichneten Carlo Jung-Heyk Cho den Büttel Bamford mit allzu guter Laune und Utku Kuzuluk den Adolfo Pirelli mit seinem bewusst übertriebenen italienischen Dialekt.
Die brasilianische Koloratursopranistin Carla Maffioletti gab eine prinzessinhafte Johanna Barker im hellblauen Kleidchen, die sich wie Alice im Wunderland durch die Geschichte bewegte. Naiv und geistig zurückgeblieben legte Robert Maszl den Gehilfen Tobias Ragg an, dazu passte sein lyrischer Tenor ausgezeichnet. Die Bettlerin verkörperte Eunkyong Lim, während Renata Kälin den resoluten Auftritt von Mr. Fogg im Irrenhaus darstellte.
Das Luzerner Sinfonieorchester sorgte unter dem umsichtigen Dirigat von Florian Pestel für den musikalischen Genuss der anspruchsvollen Partitur, auch wenn der als Erzählstimme immer wiederkehrende Chor manchmal zu leise abgestimmt schien. Auf jeden Fall lohnt Pölzgutters gelungene Inszenierung des spannenden Musical-Thrillers einen Besuch in Luzern – für Opernfreunde und für Musicalliebhaber.
Vor allem die Darstellung der Protagonisten sowie die Ensembleszenen tragen dieses eigentlich tragische Stück, das hier ohne übertriebene Blutdarstellungen auskommt und nach dem bekannten Kinofilm ‚Into The Woods‘ die Neugier auf Sondheim schärft.
Veröffentlicht in musicals (München), Ausgabe 177, February 2016, Seite 37