Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/533

03 Mai Bee yourself!
Seiner Congierge, die ihn auffliegen ließ, ist Jean Paueton bis heute dankbar. Er hatte die erste Honigwabe in eine Kammer seiner Pariser Wohnung gestellt, doch Madame mochte die Bienen nicht. Sie bestand darauf, die „Haustiere“ zu evakuieren, und drohte, deren unerlaubten Verbleib bei der Hausverwaltung zu melden. Was tun? Jean Paucton, 77 Jahre alt, war damals noch Requisiteur an der Opéra Garnier, einem prächtigen, neobarocken Bauwerk, das im Auftrag von Napoleon am rechten Seineufer erbaut und 1875 eröffnet wurde. Klammheimlich schaffte er seine Bienen aufs Operndach. „Als ich eine Woche später nach ihnen sah, quoll die Wabe vor
Honig über“, erzählt er. Das war 1982. Inzwischen sind seine Bienen berühmt und sein „Miel de l’Opéra“ wird bei „Fauchon“ für 15 Euro pro 125-Gramm-Glas verkauft. „Ein Souvenir, das sich jeder leisten kann“, findet der Imker.
Um genügend davon produzieren zu können, stehen mittlerweile fünf hölzerne Bienenkisten auf einer knapp 30 Quadratmeter messenden Dachterrasse des Palais Garnier, und ein Volk von schätzungsweise 75.000 Tieren produziert jedes Jahr gut 500 Kilo Honig. Im Mai fängt ihre Arbeit an, scharenweise fliegen sie von der Place de l’Opéra bis zum Bois de Boulogne, zum Friedhof von Père Lachaise, zu den Kastanienbäumen an den Champs Elysées und zum nahen Garten des Palais Royal, in dem lange Reihen mit blühenden Linden stehen. Ihr Surren ist kaum zu überhören und ihre Flugroute in luftigen 80 Metern Höhe gut zu erkennen. Jean Paucton ist kein Einzelfall und Honig aus Paris weniger extravagant, als es auf den ersten Blick scheint. Im „Jardin du Luxembourg“ werden seit 1856 Bienen gehalten. Es heißt, um jene Zeit habe es in Paris über 1.200 Bienenstöcke gegeben. Heute sind es schätzungsweise 300 und viele davon stehen in luftiger Höhe. Bienen leben auf dem Dach des Rathauses vom Stadtteil Saint-Denis, auf dem Dach der „Église Réformée à Paris-Étoile“ und sogar auf dem Dach des Louis-Vuitton-Firmensitzes am Pont Neuf. Sie scheinen sich dort wohl zu fühlen, jedenfalls produzieren sie mitten in der Großstadt deutlich mehr ww- Honig als auf dem Land. Dass dies so ist, hat weder mit den glanzvollen Adressen noch mit der schönen Aussicht zu tun.
Das Umfeld ist einfach besser. Auf dem Land kämpfen die Bienen an zwei Fronten: Einmal gegen den Einsatz aggressiver Pflanzenschutzmittel – Frankreich ist europaweit führend im Verbrauch von Insektiziden – und gegen die mittlerweile weit verbreiteten landwirtschaftlichen Monokulturen. In Pariser Parks ist der Einsatz von Insektiziden verboten. Es gibt unzählige Bäume entlang der Straßen, begrünte Balkons und kleine Nachbarschaftsgärten in denen Pflanzen mit unterschiedlichen Blütezeiten wachsen, sodass sich vom Frühjahr bis in den Herbst hinein immer irgendwo ein mit Nektar gefüllter Kelch finden lässt. Dazu kommt, dass es in der Stadt stets ein paar Grad wärmer ist, und die Bienen dort länger arbeiten. Abgase und Funkwellen scheinen sie kaum zu stören, in einer guten Saison produzieren sie bis zu 100 Kilo Honig pro Stock, während sich Landwirte schon über10 oder 20 Kilo freuen. Nicolas Géant war Schüler in Orléans, als er erstmals einen Kurs in Bienenzucht absolvierte. Mit 20 finanzierte
er sein Wirtschafts-Studium mit dem Verkauf seines eigenen Honigs. Er wurde Finanzberater bei „Ernst & Young“, zog nach Paris und nahm ein paar Tausend Bienen mit. „Hier entfalteten sie erstmals ihr volles Potential“, erzählt er, „ich hatte nicht
damit gerechnet, dass sie in der Stadt so produktiv sein würden“. Als das Hobby zeitintensiver und er selbst immer anspruchsvoller wurde, beschloss der 43-Jährige seinen Job aufzugeben und Vollzeit-Imker zu werden. Klar war, dass es ihm nicht reichen würde, irgendwo im Stillen einen guten Honig zu produzieren. Um die Öffentlichkeit auf sich und die Stadtbienen aufmerksam zu machen, brauchte er einen mythischen Ort, einen magischen Namen, den man auch in New York oder Tokio erkennen würde. Er stellte sein Projekt im Grand Palais vor und bekam sofort die Erlaubnis, seine vier Bienenstöcke aufs Glasund Stahl-Dach des monumentalen, 1900 errichteten Belle-Époque-Baus zu stellen. Vorsichtig öffnet er einen davon und hebt eine Wabe hinaus. Hunderte von Bienen
kleben daran, leicht benebelt durch den Rauch, den Nicolas Géant Sekunden vorher in ihren Bau geblasen hat. Der hellgelbe,
flüssige Honig ist deutlich zu sehen. Er schmeckt, wie in Kinderträumen: süß, lieblich, zart und leicht blumig. „Die Bienen bringen eine ziemlich wilde Nektarmischung von ihren Touren zurück“, erzählt Nicolas Géant, „geschmacklich dominiert allerdings meistens das leichte Minze- und Zitronenaroma der Lindenblüten“.
Honig ist eben nicht gleich Honig. Nach Olivenöl, Mineralwasser, Salz und Schokolade scheint das aus Blüten-Nektar erzeugte Lebensmittel zum neuen Lifestyle-Produkt für Zeitgeist orientierte Gourmets zu werden – je extravaganter und teurer, desto besser.
Bei Dean & DeLuca, einem bei New Yorkern wie bei Touristen beliebten Delikatessenladen am Broadway, gibt es so gut wie
alles, was Feinschmeckerherzen höher schlagen lässt: Beluga-Kaviar aus dem Kaspischen Meer, Weißwürste aus Bayern, Wagyu-Rinderfilets aus Japan, Olivenöl aus der Toskana, Ziegenkäse aus Frankreich. Ein mannshohes Eisenregal ist mit Honiggläsern
gefüllt. Unter den extravaganten Produkten wie Orangenblütenhonig aus Florida oder Wildbeerhonig aus den Rocky Mountains
steht ein auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkendes Glas. „Rare Hawaiian Organic White Honey“ ist auf dem Etikett zu lesen,
und 22 US-Dollar auf dem Preisschild. Das ist nicht wenig für 226,8 Gramm. „Stimmt“, gibt eine Verkäuferin zu, die gerade Nachschub
bringt, „aber dies sind unsere letzten Gläser, wir bekommen erst im September neue, der Honig ist landesweit ausverkauft“.
Er stammt von der Kohala-Küste auf Big Island of Hawaii, und die ist alles andere als ein tropisches Paradies. Weniger als 250
Millimeter Regen pro Jahr machen den Boden ungeeignet für jede Form von Landwirtschaft. „Doch der Kiawe-Baum liebt es hier“, erzählt Richard Spiegel, Imker und Gründer der „Volcano Island Honey Company“, die den Honig produziert, „er bohrt seine Wurzeln durch Schlammschichten und Lavagestein bis zum Wasser hindurch und produziert drei- bis viermal jährlich ein strahlend gelbes Blütenmeer“. Spiegel, ein Alt-Hippie mit weißem Bart und hohen Idealen, besteht auf einer biologisch einwandfreien Prozedur: Per Hand werden Honigwaben von seinen 150 Bienenstöcken ausgewählt, weder Hitze noch chemische Hilfsmittel kommen bei der Verarbeitung
zum Einsatz. Das Resultat ist ein geschmeidiger, wie Perlmutt schimmernder Honig, der nach exotischen Früchten duftet, und tropisch, frisch und ungewöhnlich schmeckt. Die amerikanische Zeitschrift „National Geographic Traveler Magazine“ nennt den „Rare Hawaiian Organic White Honey“ „… some of the best honey in the entire world“. Dafür geben Gourmets gerne ein paar Dollar mehr aus. Nicht nur in den USA. Im „Honigshäuschen“ auf dem Münchner Viktualienmarkt wird der so seltene wie herb schmeckende und antibakteriell wirkende „Manuka“-Honig aus Neuseeland für 40 Euro pro 250-Gramm-Glas verkauft, und bei Harrods in London gibt es den angeblich teuersten Honig der Welt: „Life Mel Honig“, hergestellt in Israel aus den Blüten von Kräutern wie Siberian Ginseng, Echinacea und Uncaria Tomentosa. 120 Gramm kosten 42 Pfund – was Fans wie Sienna Miller oder Kylie Minogue nicht daran hindert, jeden Morgen ein paar Löffel davon zu essen. Schließlich geht es eher um Gesundheit als um Genuss.
Legenden umranken den „Sidr“-Honig aus Jemen, auch „Nectar of Allah“ genannt. Der Honig stammt aus dem abgelegenen Wadi Do’an-Tal in der Hadramaut-Hochebene, in der sich zur Blütezeit des heiligen Christusdorn („Sidr“) Tausende nomadisch lebender Imker niederlassen. Im ganzen 150 Kilometer langen Tal stehen dann unter den stacheligen Bäumen schlichte Stoffzelte und Bienenstöcke, die von einer Armee surrender Bienen umschwärmt werden. Die Imker hüten ihre Waben mit umgehängter Kalaschnikov, und wenn es auch keinen „Honig-Krieg“ gibt, so doch einen gnadenlosen Wettbewerb. Verkauft wird der Honig zunächst auf den lokalen Märkten der
Umgebung. Händler aus dem Oman, aus Bahrain, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten eilen auf den Souk von El Qatan, einem staubigen Bergkaff, das als Honig-Hochburg der Region gilt. Sie prüfen die Farbe, Geschmeidigkeit und Reinheit des Honigs, tunken ihre Finger hinein und kosten den würzigen, leicht bitteren Geschmack. Dabei geht es nicht um den kulinarischen Genuss. Arabische Ärzte halten den Honig für ein universelles Heilmittel, Frauen vertrauen auf die Fruchtbarkeit fördernde Wirkung, Männer auf seine aphrodisischen Eigenschaften. Die Mischung aus Seltenheitswert und Aberglauben treibt den Preis in die Höhe: Ein Kilo „Nectar of Allah“ wird in Dubai zu Preisen von bis zu 200 US-Dollar gehandelt. Arabische Scheiche verfüttern ihn an ihre Rennkamele, wohlhabende Eltern beschenken ihre Kinder kurz vor der Hochzeit damit, sogar Nicolas Sarkozy bekam bei seinem Staatsbesuch von Jemens Präsidenten Ali Abdullah Saleh eine Flasche davon als Präsent überreicht. Ob er ihn je gegessen hat, ist fraglich. Denn der Elyssée-Palast wird u. a. von Fauchon beliefert, und auf dem Frühstückstisch des Präsidenten steht vermutlich ein Glas Honig aus Paris.