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«Echte Solidarität ist immer mit Kosten verbunden»
Nicht alle Menschen sind in den gleichen Situationen solidarisch. Die eigenen Erfahrungen, der Bekanntenkreis sowie die Sensibilität für ein Thema beeinflussen unser Verhalten.
Fotos: depositphoto-Yupiramos
Während der Corona-Pandemie wurde sie gefordert, auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ist sie ein Schlagwort: die Solidarität. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, liefert Antworten.
Was bedeutet Solidarität?
Der Begriff wird von verschiedenen Leuten unterschiedlich verwendet. Ich orientiere mich da an der Schuldmetapher von Léon Bourgeois, einem der Begründer des Völkerbunds.1 Viele Dinge, die für uns selbstverständlich sind – etwa der technische Fortschritt und die Wissenschaft, aber auch unsere Infrastruktur –, haben wir zahllosen, anonymen Menschen zu verdanken. Bourgeois war deshalb der Ansicht, dass der einzelne Mensch gegenüber der Gesellschaft in einer tiefen Schuld steht. Mit echtem solidarischem Verhalten können wir etwas von dieser Schuld zurückzahlen.
Warum betonen Sie das Wort «echt»?
Für das Pflegepersonal zu klatschen oder die Farben der Während der Corona-Pandemie wurde sie gefordert, auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ist sie ein Schlagwort: die Solidarität. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, liefert Antworten. Was bedeutet Solidarität? Der Begriff wird von verschiedenen Leuten unterschiedlich Ukraine ins Profilbild in den sozialen Medien einzufügen, ist zwar gut gemeint, reicht aber nicht. Denn echte Solidarität ist immer mit Kosten irgendeiner Art verbunden. Solidarisches Verhalten hat eine gewisse Ähnlichkeit zur Selbstkontrolle.
Trinke ich jeden Abend ein, zwei Gläser Wein, weil ich in diesem Moment nicht darauf verzichten möchte? Oder nehme ich eine längerfristige Perspektive ein und trinke meiner Gesundheit zuliebe nur noch am Wochenende? Auch bei der Solidarität muss ich mich einschränken, um anderen zu helfen.
Warum fällt es manchen Menschen einfacher als anderen, solidarisch zu sein?
Empathie spielt eine wichtige Rolle bei prosozialem Verhalten. Wer selbst etwas Ähnliches erlebt hat, über ein Thema informiert ist, Betroffene kennt oder sich zumindest mit diesen identifizieren kann, ist eher motiviert, etwas zu opfern. Grundsätzlich ist solidarisches Verhalten jedoch evolutionär bedingt und in uns allen angelegt.
Inwiefern?
Setzten sich alle für ihre Sippe ein, war es wahrscheinlicher, dass diese überlebte. Auch wenn einzelne Menschen keinen direkten Nutzen daraus ziehen konnten, trugen sie so doch dazu bei, dass ihre Gene überdauerten. Solidarität gab es also schon früh. Aber erst in unserer modernen, individualisierten Gesellschaft sprechen wir so viel darüber.
Wie kommt das?
Die Idee, dass wir Menschen mit einem eigenen «Ich» ausgestattet sind, ist noch nicht so alt. Mit der Industrialisierung und der Arbeitsteilung im 18. und 19. Jahrhundert begannen die Menschen, sich weniger als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Die Individualisierung und die zunehmenden Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen, haben viele Menschen als Befreiung erlebt.
Birgt diese Individualisierung auch Risiken?
Ja. Diese Risiken werden deutlich, wenn man sich mit kollektiven Problemen beschäftigt. Ich denke da etwa an Krieg und Frieden, den Klimawandel und die Corona-Pandemie. Wenn alle nur für sich schauen, finden wir keine Lösung. Da müssen wir zusammenarbeiten.
1) Léon Bourgeois (1851–1925) war ein französischer Politiker und Friedensnobelpreisträger. Er gilt als einer der geistigen Väter des Völkerbundes, einer Vorläuferorganisation der Vereinten Nationen (UN). Diese sollte nach dem Ersten Weltkrieg die internationale Kooperation fördern, bei Konfliktfällen vermitteln und das Einhalten von Friedensverträgen überwachen.
2) Vgl. Kreis, G.: «Solidarität», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 19.12.2012. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/043697/2012-12-19/ (17.5.2022)
Solidarität in der Schweizer Geschichte
- Schon die ersten Bündnisse der Eidgenossenschaft im 13. Jahrhundert werden als solidarischer Zusammenschluss gegen äussere Bedrohungen verstanden.
- Das Prinzip der Solidarität zwischen den Kantonen wurde in der Bundesverfassung von 1848 festgeschrieben (Art. 15 und 16).
- Ein Beispiel für die heutige Solidarität unter den Kantonen ist der Nationale Finanzausgleich, durch welchen die finanzstarken Kantone die schwächeren unterstützen.2