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Ein Begriff, der immer wieder in unseren Texten auftaucht – hier soll er nun endlich erklärt werden. Der so genannte „Cerrado“ bedeckt annähernd ein Viertel des gesamten brasilianischen Territoriums. Er beherrscht grosse Flächen der Bundesstaaten Tocantins, Goiás, Minas Gerais, Mato Grosso, Mato Grosso do Sul, Maranhão und den gesamten Regierungs-Distrikt Brasília. Darüber hinaus macht er einen signifikanten Teil der Bundesstaaten Bahia, Ceará, Pará, Rondônia und São Paulo aus – und ist mit kleineren Einschüben im Atlantischen Regenwald, dem Amazonasgebiet und innerhalb von „Caatinga-Flächen“ vertreten. Mit insgesamt mehr als 200 Millionen Hektar ist er die zweitgrösste morphoklimatische Formation von Südamerika. Man schätzt die Artenvielfalt des Cerrado auf mehr als 4.000 Spezies an Bäumen und Büschen.
Relief
Der Cerrado ist eine tropische Region, die von Hochebenen bis zu einer Höhe von 900 m beherrscht wird. Seine höchsten Erhebungen können sogar bis 2.070 m reichen. Im Cerrado wurden schon mehr als 100 Arten von Säugetieren, 90.000 Arten von Insekten, 500 Arten von Farnen, 150 Arten von Reptilien, 150 Arten von Amphibien und 500 Arten von Mollusken katalogisiert. Man schätzt die Baum- und Busch-Arten auf mehr als 4.000 allein im Cerrado. Das ist eine grössere Zahl als die der meisten Floras in anderen Ländern der Welt. Deshalb: im Cerrado findet sich eine der grössten Biodiversifikationen unseres Planeten.
Klima
Die Tropische Atlantische Masse bewirkt die warmen Winde, die eine trockene Luft ohne Wolken zum „Planalto Central“ hinübertragen. Während des Winters sind die polaren Kaltfronten häufig, welche die Kälteeinbrüche in der südlichen und westlichen Hälfte der Region bewirken. Frühlings- und Sommerregen kommen aus dem Nordwesten, aus Amazonien. Die Regenfälle in der Cerrado-Region sind bemerkenswert pünktlich. Sie beginnen im Oktober und dehnen sich aus bis April. Zirka 50% des gesamten jährlichen Niederschlags fallen innerhalb von drei Monaten im Sommer.
Anpassungen
In der Trocken-Periode befinden sich viele Pflanzenarten in einem ausgetrockneten Zustand und werden Opfer von Bränden. Die verlängerte Trocken-Periode liess die ersten Wissenschaftler annehmen, dass die physionomischen Charakteristika der Cerrado-Pflanzen in erster Linie mit den geringen Niederschlagswerten zusammenhingen. Das ist nicht richtig. Die Pflanzen verlieren Wasser durch die Oberfläche ihrer Blätter – durch Verdunstung. Viele Arten von Bäumen in den trockenen Regionen unseres Planeten haben Überlebensstrategien entwickelt, mit denen sie während der trockenen Monate Wasser sparen. In der afrikanischen Savanne verlieren viele Bäume einen Teil oder sogar alle ihre Blätter, um so der Verdunstung entgegenzuwirken und Wasser zu sparen.
Die Bäume des Cerrado dagegen präsentieren keine brüsken Unterschiede im Level der Verdunstung während des Jahres, noch brauchen sie während der trockenen Zeit besonders zu sparen. Und zwar deshalb, weil sie im Lauf der Zeit ihre Wurzeln bis in eine Tiefe vorgetrieben haben, in der sie den Grundwasserspiegel erreichen – die Wurzeln bestimmter Arten haben eine unterirdische Länge von 30 Metern und mehr!
Dadurch sind sie auch bei längerer Trockenheit ausser Gefahr. Aus diesem Grund können sich auch viele Baumarten den Luxus leisten, ihre Blätter während der 4 bis 6 Monate Trockenzeit nicht abzuwerfen. Obwohl es einige Arten gibt, die ihre Blätter teilweise, und andere, die ihre Blätter ganz abwerfen.
Diese Art von Anpassungsfähigkeit liess die Wissenschaft den Schluss ziehen, dass die karge Physiognomie der Cerrado-Vegetation mit der geringen Fruchtbarkeit des verbrauchten Bodens und seinem exzessiven Säuregehalt in Zusammenhang steht. In der Regel finden sich auf der Oberfläche des Bodens grosse Mengen von Nährstoffen, die sich aus der Dekompostierung von organischen Stoffen wie Blättern oder tierischem Dung, ergeben. Im Fall des Cerrado wurde dieser fruchtbare Mantel von reichlichen Sommerregen, im Lauf von mehreren Millionen Jahren, weggewaschen. Und die Böden des Cerrado, obwohl kalkhaltig und reich an Mineralien, wurden im Lauf der vielen vergangenen Jahre immer ärmer an Nährstoffen. Und die Übersäuerung des Bodens, hervorgerufen durch eine Anhäufung von toxischen Stoffen, wie Aluminium-Oxyd, ergibt sich aus dem starken Verdunstungsprozess während verlängerter Trocken-Perioden. Kurioserweise sind grosse Teile des Cerrado-Bodens gut durchfeuchtet.
Seine Charakteristika eines sedimentären Bodens, erlauben eine zeitweise Einlagerung des Regenwassers, welches nach seinem Einsickern in den Boden, langsam während der trockenen Monate an die Quellen von Bächen und die „Veredas“ abgegeben wird. Die Oberfläche des Bodens allerdings trocknet in dieser Zeit vollkommen aus.
Ein dichter Bestand von Bäumen, gleichmässig gruppiert und im Allgemeinen höher als drei Meter, ist typisch für den Cerrado.
Innerhalb dieses einzigartigen Ökosystems gibt es allerdings eine Reihe von natürlichen Abweichungen, die man wie folgt bezeichnet: die Cerradôes, die Campos Rupestres, die Matas de Galeria, die Veredas, die Campos Limpos und die Campos Sujos.
Cerradão
Präsentiert eine dichte Reisigschicht auf dem Boden, mit Bäumen, die zwischen 5m und 7 m Höhe erreichen können, weil sie sich auf einem weniger verbrauchten Boden befinden. Kommt überall innerhalb der Cerrado-Region vor, mit grösseren Konzentrationen im Bundesstaat São Paulo und im Bundesstaat Maranhão.
Campos Rupestres
Sind ein Teil des Cerrado, der mit Felsen durchwachsen ist. Diese Gebiete besitzen eine sehr charakteristische Vegetation und eine grosse Zahl endemischer Arten, besonders aus der Familie der Veloziacea und der Melastomatacea. Der Boden kann in diesem Fall aus purem Sand bestehen – Resultat der Erosion des Quarzit-Gesteins.
Matas de Galeria
Mitten im Cerrado existieren dichte Waldformationen, die man Galerie-Wälder nennt, weil sie sich längs der Flussläufe entwickeln. Solche Wälder sind die Heimat einer grossen Artenvielfalt. Die Vorbedingungen für den Galerie-Wald sind eine grössere Fruchtbarkeit des Bodens und das Vorhandensein von Wasser auch für die Oberflächenwurzeln während des ganzen Jahres – genug, um alle Blätter zu versorgen. Eine dieser Bedingungen ohne die andere, kann das Gleichgewicht des Waldes empfindlich stören und so dem Cerrado Gelegenheit geben, diesen dichten Wald zu invadieren.
Die Galerie-Wälder besetzten einst 10% des Cerrado, aber der expandierende Cerrado hat diesen Anteil im Lauf von Jahrmillionen auf nunmehr 1% reduziert. Das Recycling der Nährstoffe innerhalb des Waldes ergibt einen guten Humus, welcher sich im beschatteten, feuchten Boden dieser Wälder ablagert, auch während der Trockenheit. Humus ist eine Art von organischem Klebstoff, der Ionen und Moleküle im Recycling-Prozess bindet.
Veredas
Entstehen in Senken, wo der Boden kontinuierlich feucht bis sumpfig verbleibt, durch gewisse undurchlässige Schichten in seiner Tiefe. Der Sumpf ist bedeckt mit Gräsern und bewachsen mit den typischen Buriti-Palmen, die sich auf ihm gruppieren. An der Peripherie einer Vereda breitet sich in der Regel ein Streifen Grasland aus, der während der Regenzeit voll Wasser gesogen und in der Trockenperiode an seiner Oberfläche austrocknet.
Campos Limpos
Diese zumeist weiträumigen Flächen werden von einer Schicht Kriechpflanzen bedeckt. Wenn man auf ihnen vereinzelte Baumformationen antrifft, spricht man von Campos Sujos.
Das Feuer
Feuer ist ein ökologischer Faktor, der in dieser Region seit Millionen von Jahren vorkommt. Seine Präsenz steht gewissermassen in intimer Relation mit der Vegetations-Beschaffenheit des Cerrado. Im Verlauf von langen geologischen Perioden hat das Vorkommen von Feuer die Vegetation zu Schutzmassnahmen veranlasst und zur Anpassung an periodische Brände. Wissenschaftliche Beobachtungen in abgebrannten Cerrado-Arealen haben ergeben, dass das Feuer sogar der Fruchtbildung und Verbreitung der Samen gewisser Gräser- und Baumarten förderlich ist. Ausserdem kann die Erhöhung der Temperatur die Keimung einiger Spezies des Cerrado beeinflussen. Schon in geringer Tiefe unter der Bodenoberfläche erhöht sich die Temperatur während eines Flächenbrandes kaum. Durch diese Isolationsfähigkeit der Oberfläche sind die unterirdischen Pflanzenteile vor Schaden geschützt.
Mit dem Verbrennen der Vegetation geht ein Teil der Nährstoffe in der Atmosphäre verloren – als Gase oder kleinste Teilchen. Der Rest sinkt als Asche auf die Erde zurück. Ein Teil der an die Atmosphäre verlorenen Teilchen kommt später ebenfalls zurück, entweder durch die Erdanziehung oder aufgelöst im Wasser des Regens. Auf diese Art und Weise findet nach einem Brand eine weiträumige Nährstoffaufnahme der Bodenoberfläche statt, zusammen mit einer temporären Entgiftung des Bodens. Diese Verbesserung der Fruchtbarkeit dauert allerdings nur einige Wochen.
Untersuchungen dieses Phänomens haben auch ergeben, dass zum Beispiel ein vor Feuer über 13 Jahre geschütztes Gebiet, einen doppelt so dichten Baumbestand entwickelte, als ein anderes, welches man in einem Turnus von 2 Jahren abbrannte. Der absolute „Feuertod“ einer Pflanze im Cerrado ist durchaus ungewöhnlich!
Im Fall der Bäume wird hauptsächlich die Krone, partiell oder auch insgesamt, in Mitleidenschaft gezogen. Bei den Graspflanzen und Büschen wird der Teil über der Erde total zerstört. Und trotz alledem – alles was lebt, wird schon in geringer Tiefe unter der Bodenoberfläche wirkungsvoll geschützt. Deshalb bleiben sogar die Kriechpflanzen am Leben und knospen aus der Asche schon kurz nach dem Feuer.
Heutzutage wird allerdings die Mehrzahl der Flächenbrände im Cerrado von Menschenhand verursacht oder bewusst gelegt. Dieser Exzess hat dem Ökosystem irreparable Schäden zugefügt, denn die Regenerationsfähigkeit des Biotops Cerrado – obwohl gewaltig – ist solchen mutwilligen, ausserperiodischen Brandstiftungen nicht gewachsen!