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Am Ende will er einen Roman schreiben. Der Entschluss ist gefasst, das Projekt vorangetrieben, aber die Zweifel bleiben. Er ist ein berühmter Mann, Wissenschaftler, Publizist, Autor, Professor am angesehenen College de France. Roland Barthes ist eine öffentliche Figur, einer, der Gehör findet, weit über die Landesgrenzen hinaus. Im Februar 1980 trifft er sich mit Francois Mitterand und Jack Lang zum Mittagessen, als ihn beim Verlassen des Lokals ein Lieferwagen erfasst. Bei wachem Bewusstsein liegt er auf der Intensivstation, bevor er einen Monat später im Krankenhaus stirbt. Er wird in Bayonne beerdigt.
Eine hysterisch umsorgte Zeit
Langeweile und Hysterie, eine Provinzkindheit, allein unter Frauen, so beginnt es. Der Vater ist als Seeoffizier im Ersten Weltkrieg gefallen. Die Grossmutter, die Tante, die Mutter sind das Passepartout seiner Erinnerungen. Keine besonderen Vorkommnisse, aber eine hysterisch umsorgte Zeit. Kurz vor Abschluss des Gymnasiums in Paris erhält er die Diagnose, die sein Leben verändert: Lungentuberkulose. Luftkuren, Kliniken, Sanatorien verschieben die akademische Karriere, die Roland Barthes früh plant. Die Krankheit wird ein Makel, gegen den er künftig anschreibt. Nach dem Studium an der Sorbonne wird er Lehrer in Biarritz, Bibliothekar in Bukarest und Lektor in Alexandria, bevor sein erstes Buch erscheint: «Am Nullpunkt der Literatur».
Barthes, der Amateur, hat einen neuen Denkstil entwickelt: unhistorisch, aber nicht unlogisch. Die «Moral der Form» ist sein Thema und Sartre der erste Gegner. Das schärft das eigene Profil und etabliert Platz in den Denkschulen der Pariser Salons. Platz auch für die späteren Kontroversen mit Claude Lévi-Strauss und Michel Foucault. «Nicht umsonst bin ich Strukturalist», sagt er jetzt. Tausende von Karteikarten, Notizen, Verweise und Querverweise sind sein tägliches Handwerk. Aber: Er arbeitet intuitiv, spontan, folgt Stimmungen, die Theorie kommt später und sie ist auch Tarnung.
Mythen des Alltags
«Mythenjäger» nennt er sich selbst, als sein bis heute bekanntestes Buch erscheint. Es enthält Essays über Reklame, Catchen, die Tour de France und ein berühmtes Auto – «Mythen des Alltags». Diffuse Gegenstände erhalten hier präzise Deutung, die in allem Sprache erkennt und den doppelten Boden. Alltagsgegenstände sind Zeichen, die man entschlüsseln kann. Barthes entwickelt eine Kunst darin und seine Wissenschaft, die Philosophie der Zeichen, Semiologie.
Im Mai 1968 ist er in Rabat, fern von Paris. Er will sich nicht engagieren, nicht direkt Stellung beziehen, fern der Hysterie, wie er es sieht. Für die Barrikaden taugt er nicht. Der Arbeit an seinen Büchern und Texten ist er treu und erfolgreich, als ihn Ende der 1970er-Jahre endlich der Ruf an das College de France erreicht. Es ist die Krönung der Karriere – und doch zu spät. Die Langeweile kehrt zurück.
Der Traum vom Hochstapler
Henriette Barthes ist gestorben, kurz darauf: «Maman» ist tot. «Die helle Kammer», sein letztes Buch, ein grosser Essay über die Fotografie, ist ihr zugewandt. Sie war der Mittelpunkt seines Lebens, Garant eines fragilen Gleichgewichts. Mit Marcel Proust fühlt er sich wesensverwandt, zweifelt an seiner Arbeit und schreibt über die «Pariser Abende» seiner Homosexualität in freudlos grellem Licht. Der Traum, ein Hochstapler zu sein, kehrt zurück. Eine grosse Leere ist da, die alles umfasst, als er mit dem Romanprojekt noch einmal etwas beginnt.
Roland Barthes, der über das «System der Mode» schrieb, ist selbst aus der Mode gekommen. Daran wird die neue Biografie pünktlich zum Jahrestag nichts ändern. Gelassen, sachkundig beschreibt sie ein Leben und ein Werk, das schon beschrieben ist. Barthes Karteikarten-Tagebuch kann sie nutzen, dazu sämtliche erhaltenen Dokumente. Das bringt keine Revision, aber gelungene Ergänzungen. Die Leerstelle allerdings, die dieser Abenteurer des Denkens hinterlässt, bleibt leer.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12.11.15, 17:06 Uhr.
Buchhinweis
Tiphaine Samoyault: «Roland Barthes. Die Biographie». Suhrkamp 2015.