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Farinet oder Das falsche Geld
Als ich einem Freund vom Farinet-Projekt des Basler Theaters berichtete, war es, als ob ich auf einen Knopf gedrückt hätte. Es sprudelte nur so aus ihm heraus – Fakten, Legenden, Vermutungen. Da wurde mir eines klar: Mein Freund ist Romand, und in der Romandie ist die Geschichte um den Falschmünzer Farinet offenbar immer noch sehr lebendig. Dabei lebte der gebürtige Aostataler im Unterwalliser Dorf Saillon, wohin er ausgewandert war, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Ein Grund, warum das Andenken an den Mann, der für rund 50'000 Franken die falschen „Zwanzgerli“ und andere Münzen geprägt und damit die Schweizer Banken zur Verzweiflung getrieben hatte, derart lebendig geblieben ist, dürfte auch an Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947) liegen.
Der Lausanner Autor, der in den Zwanzigerjahren in Paris reussiert hatte, schuf ein ganz neues Genre von Bergromanen, die nichts Volkstümliches an sich hatten. Nach „La grande peur dans la montagne“ von 1926 wandte er sich unter anderem auch dem legendären Joseph-Samuel Farinet zu. Sein Roman „Farinet oder das falsche Geld“ erschien 1932 in Paris, wurde viel beachtet und später auch ins Deutsche übersetzt. Der Städter Ramuz wollte mit ihm und mit weiteren Bergromanen etwas Eigenes schaffen „mit der Konstruktion einer archaisch fremden Bergwelt aus dem Geist der Moderne“ (Programmheft).
Der Mythos von Unabhängigkeit
Für eine heutige Bearbeitung sowohl des Stoffes als auch des Romans ist das keine einfache Vorgabe. Ausserdem existieren bereits mindestens ein Film (Max Haufler, 1938) und ein zeitgenössisches Bühnenstück von Markus Keller („Farinet der Falschmünzer“ nach dem Buch von Willi Wotreng) über diesen Stoff. Trotzdem nahm der Berner Autor Reto Finger den Auftrag der Basler Theater an. Ihn reizte offenbar der schon bei Ramuz angelegte Mythos der Unabhängigkeit des Helden – der überliefertermassen in Wirklichkeit weitaus nüchterner und auch moderner gehandelt hat.
Hier aber haben wir es mit einer Art italienisch-schweizerischem Robin Hood zu tun, bei dem das Wort Freiheit mehr als einmal zum Fanal für ihn selbst und die ihn unterstützenden Bergbauern wird. In Ramuz’ Roman mischt Farinet seinen Münzen Gold bei, das er angeblich selbst in den Bergen gefunden hat – ein Kunstgriff in Wildwest-Manier. Auch dieses Goldes wegen wollen die Leute, um eine inflationssichere Anlage zu erwerben, lieber sein Geld als das der Kantonalbank haben.
Aber Farinet treibt, als ihn Gendarmen einkreisen, auch das Bedürfnis nach Wärme und Zärtlichkeit um. Beides verliert er durch den Verrat an seiner ihn bedingungslos unterstützenden Geliebten und einer Fehleinschätzung seiner bedrängten Situation. Bis heute ist auch historisch nicht geklärt, wie er in seiner Höhle in der Schlucht der Salentze zu Tode gekommen ist.
Die Romantik von Freiheitshelden
Mittelpunkt der Basler Inszenierung der jungen Hausregisseurin Nora Schlocker ist eine enge Blockhütte in Walliser Bauweise auf der Kleinen Bühne. Darin und um sie herum spielen sich die letzten Tage Farinets ab.
Diese Enge, um welche die Nebel wabern, steht in krassem Gegensatz zur romantischen Freiheitsehnsucht des Farinet, der oben auf dem Felsen „nichts als dreitausend Meter Luft“ unter sich erblicken will. Wenn man weiss, dass die junge Regisseurin aus Tirol stammt, dann ist all dieser Romantik neben Robin Hood wohl auch ein Schuss des Tiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer beigemischt. Mit einem Wort: Der Mythos des Freiheitshelden wird die Menschen wohl immer bewegen. Auch wenn sie ihn jagen.
Das kleine Ensemble, wie in einem echten Volksstück in mehrfachen Rollen auftretend, spielte mit grosser Intensität und Engagement. Das Publikum dankte sowohl dem Autor als auch den Ausführenden mit begeistertem Applaus.
Nächste Vorstellungen im Theater Basel, Kleine Bühne: 22. September, 28. September, 5. Oktober