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Stephen Crane (1871-1900) ein literarischer Geheimtipp, wie es der Klappentext meiner Ausgabe will? Nun, wer ihn sucht, wird ihn in jenem Menschenhaufen finden, der das Cover des berühmten Beatles-Album Sgt. Pepper’s ziert. Ich für meinen Teil kannte ihn dennoch nicht. Die der Sammlung den Titel gebende Kurzgeschichte Das offene Boot hat aber eindeutig grosse literarische Qualitäten. Es ist vielleicht nicht die ganz, ganz grosse Weltliteratur, aber mit den grossen Namen seiner Zeit kann er mithalten. Und er war zu seiner Zeit offenbar auch kein Unbekannter. Allerdings verdankte er seinen Ruhm einem einzigen Roman, The Red Badge of Courage (Die rote Tapferkeitsmedaille, 1895), einem Bürgerkriegs-Roman, der beim Publikum lange als echter Erlebnisbericht eines Bürgerkriegs-Veteranen galt. Damit ist auch der Stil Cranes bereits definiert: eine (oft schonungslose) Aufzeichnung der Realität, die sich an den europäischen Strömungen des Realismus bzw. des Naturalismus orientierte.
Die Ereignisse der titelgebenden Kurzgeschichte Das offene Boot beruhen auf einem echten Erlebnis, das der Journalist Crane durchgemacht hatte. Er befand sich als Kriegsberichterstatter an Bord der Commodore, als diese vor der Küste der USA sank. Zusammen mit dem Kapitän, dem Koch und dem Maschinisten verliess er als letzter das sinkende Schiff. Während Tagen trieben die Vier im Unwetter vor der Küste bzw. versuchten, rudernd das Land zu erreichen. Dabei war es so, dass der Koch vollauf damit beschäftigt war, das vom hohen Wellengang einstürzende Wasser wieder aus dem Boot zu schöpfen und der Kapitän sich bei der Rettungsaktion verletzt hatte. Es waren also der Maschinist und der Korrespondent, die – abwechslungsweise oder auch zusammen – ruderten. Es gelang den Vieren schliesslich, so nahe an die Küste zu kommen, dass sie das nun ebenfalls sinkende Rettungsboot verlassen und an Land schwimmen konnten. Der Maschinist allerdings traf dort nur als Leiche ein. Diese Ereignisse beschreibt Crane in seiner Kurzgeschichte. Die Geschichte ist in der auktorialen Form geschrieben, was den Realismus noch verstärkt. Gefühle werden kaum geschildert; selbst die mystischen Anwandlungen, die die erschöpften Männer überkommen, sind so zurückhaltend gezeichnet, dass der Leser sie ohne weiteres glaubt. Wenn man Das offene Boot liest, wird man unwillkürlich an seinen kongenialen Nachfolger erinnert – Der alte Mann und das Meer. Allerdings finde ich Crane geniessbarer, weil er die Chose nicht ungebührlich in die Länge zieht. (Hemingway hat Crane eindeutig gelesen.)
Nicht alle Geschichten dieser Sammlung sind von derselben Qualität – was bei einem Autor, der keine 30 Jahre alt wurde (Crane starb, völlig unheldenhaft, in einem deutschen Sanatorium an Tuberkulose), nicht erstaunt. Es sind aber auch keine Geschichten zu finden, die völlig abfallen, und so kann ich die kleine Sammlung durchaus empfehlen.
Stephen Crane: Das offene Boot und andere Erzählungen. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und herausgegeben von Lucien Deprijck. Hamburg: mareverlag, 2016.