Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03261.jsonl.gz/764

Printed in
Nachdem mein Bericht von heute vormittag bereits abgefasst war, bin ich zu Baron Sonnino gerufen worden und beeile mich, Ihnen nachstehend über den Inhalt meiner Besprechung mit dem Minister mit derjenigen Kürze zu berichten, welche mir durch die Knappheit der noch zur Verfügung stehenden Zeit auferlegt ist.
Wir erörterten zunächst die Gründe, welche den Bundesrat veranlasst haben, ein neues Truppenaufgebot zu verfügen2, und ich benütze den Anlass, um den Minister auf die Unrichtigkeit der Agenturmeldung hinzuweisen. Baron Sonnino erklärte mir, dass er jede Massnahme der schweizerischen Regierung begrüsse, welche erkennen lasse, dass die Schweiz unentwegt entschlossen sei, ihre Neutralität unbedingt aufrechtzuerhalten. Er sprach auch die Überzeugung aus, dass eine gewollte Verletzung dieser Neutralität durch irgendeine kriegführende Macht als ausgeschlossen gelten könne, denn man sehe allerseits ein, wie gross und allgemein das Interesse sei an der Unversehrtheit des Gebietes und der Stellung der Schweiz. Nicht minder sei zu begrüssen, dass der Bundesrat keinen Zweifel bestehen lasse über seine Absicht, die anarchistischen Tendenzen, die aus Russland kommen und alle Länder mehr oder weniger bedrohen, energisch zu bekämpfen. An diesem Kampfe seien ja alle Staaten interessiert. In diesem Zusammenhange teilte mir Sonnino mit, dass verschiedene Emissäre der Leninschen Regierung im Begriffe seien, nach Europa zu reisen, um dort die politischen Zwecke der gegenwärtigen russischen Regierung zu fördern. Für Italien sei ein gewisser Salkindbestimmt, der dieser Tage von Petrograd abreisen werde. Die italienische Regierung werde selbstverständlich diesem Herrn den Eintritt nach Italien verweigern, und sie rechnet damit, dass Salkind sich in die Schweiz begeben werde, um von dort aus seine Agitation zu betreiben. Der Minister bat mich, Sie davon zu benachrichtigen und Ihnen nahezulegen, sich den Mann vom Leibe zu halten, dessen Tätigkeit in der Schweiz nur Anlass zu Reibungen geben könnte.
Uber die Friedensaussichten sprach Sonnino sehr skeptisch. Er hält den militärischen Anprall im Frühjahr für ganz unvermeidlich, hofft aber, dass aus diesem Ereignis die Möglichkeit einer Verständigung herauswachsen werde. Dabei zählt er namentlich auf die zunehmende Kriegsmüdigkeit in allen Ländern und auf den wachsenden Druck, den die revolutionären Parteien auszuüben vermögen. Auf einen Frieden, wie er in den Reden der Herren Hertling und Czernin umschrieben werde, könne die Entente nicht eingehen; nicht einmal Amerika, das ja nur die sogenannten idealen Kriegszwecke verfolge, sei geneigt, Hand zum Frieden zu bieten, sofern nicht die berechtigten territorialen Ansprüche der einzelnen Ententestaaten erfüllt werden wollen.
Im Verlaufe der längeren Aussprache über die Friedensmöglichkeiten flocht ich die Frage ein, ob der Minister den Augenblick für eine Vermittlung noch nicht als gekommen erachte. Sonnino antwortete sehr entschieden, dass er es nicht nur nicht für angezeigt, sondern geradezu für gefährlich halten würde, wenn im gegenwärtigen Augenblick von neutraler Seite der Versuch gemacht werden wollte, eine Vermittlung anzubahnen. Er sei überzeugt davon, dass einmal der Augenblick kommen werde, in welchem eine solche Vermittlung erwünscht und erfolgreich sein werde, und er würde keinen Vermittler lieber sehen als die Schweiz, aber heute sei dieser Augenblick noch nicht gekommen. Ein Versuch in dieser Richtung würde heute mehr schaden als nützen und den Erfolg von späteren Schritten, die unter günstigeren Auspizien unternommen werden könnten, kompromittieren. Man solle die Ereignisse aufmerksam verfolgen und sich bereithalten, zu intervenieren, sobald der psychologische Moment gekommen sei, aber man solle diesen Moment nicht einseitig wählen, sondern sich zum voraus vergewissern, dass er allerseits als gekommen betrachtet werde. Es sei ganz leicht möglich, dass die Voraussetzungen für eine Vermittlung früher eintreten, als es jetzt den Anschein habe, aber in diesem Augenblicke seien die Bedingungen für eine irgendwie aussichtsvolle Intervention zweifellos nicht vorhanden.
Sonnino sprach dann von den Ereignissen in Deutschland, deren Tragweite nicht überschätzt werden dürfe, die aber doch beweisen, dass eine Saat ausgestreut sei, aus welcher eine Umkehr herauswachsen könnte. Die sicherste Bürgschaft für das Nahen des Friedens erblickt Sonnino in der Gefahr, welche die revolutionäre Bewegung in Russland über ganz Europa verbreite. Die Zeit könne nicht mehr ferne liegen, in welcher sich auch die Regierungen der Kaisermächte darauf besinnen werden, dass alle Staaten durch diese Bewegung in ihren Fundamenten erschüttert werden und dass die Abwehr dieser Gefahr dringender sei als alles andere. Bis zur Stunde halte man sich in Deutschland noch für immun, aber der Augenblick werde kommen, in welchem auch dort die Grösse der Ansteckungsgefahr erkannt und daraus der Schluss gezogen werde, dass Friede geschlossen werden müsse, um sich vor dem Untergang zu retten.
Sie sehen, dass auch diese an sich gewiss richtigen und durchaus sachlichen Überlegungen des Ministers an dem Fehler kranken, dass sie einseitig nur die Schwächen des ändern Teiles ins Auge fassen, ohne anzuerkennen, dass die drohende Gefahr am eigenen Marke mit mindestens gleicher Heftigkeit nagt. Abgesehen von diesem wohlbewussten Irrtum hat der Minister mit beachtenswertem Freimut von der wachsenden Grösse der Gefahren gesprochen, die sich aus den innerpolitischen Verhältnissen in Italien und aus der Kriegsmüdigkeit aller Völker für die Fortsetzung des Krieges ergibt, und er hat gar kein Hehl daraus gemacht, dass er die Beendigung des Krieges in absehbarer Zeit als eine förmliche Notwendigkeit betrachte.
Sonnino sprach auch von den Zuständen in Russland und schien Gewicht darauf zu legen, dass die Leninsche Regierung in neuester Zeit offiziell die Staatsform der föderativen Republik fordere. Darin liege doch eine gewisse Abkehr von der völligen Zersetzung und der Beginn eines politischen Revirements, welches die Grundlage bilden könnte für eine Restauration des russischen Staatswesens.
Über den Verlauf der Versailler Konferenz hat Sonnino nicht gesprochen, und ich hielt es für taktvoller, nicht zu fragen. Ich habe aus dem Gespräche den Eindruck gewonnen, dass jene Verhandlungen den Minister etwas von der Idee abgebracht haben, dass der künftige Hauptstoss der Zentralmächte gegen Italien gerichtet sein werde. Er meinte immerhin, dass der Verlauf dieser Ereignisse wesentlich davon abhänge, wieviel Truppen die Österreicher in Russland frei bekommen. Daran, dass Österreich grössere Truppenteile nach dem Westen detachieren werde, scheint man in den Kreisen der Entente nicht zu glauben.
Einer meiner Mitarbeiter hatte dieser Tage eine Besprechung mit einem hiesigen Journalisten, welcher die Überzeugung vertrat, dass die Lösung des Konfliktes durch Frankreich, und zwar durch die französischen Sozialisten, herbeigeführt werde. Diese Gruppe werde nach einem allfälligen Fehlschlagen der geplanten militärischen Aktionen die Frage der Rückgabe von Elsass-Lothringen in einem ändern Sinne behandeln als die bisherigen Regierungen, und dadurch werde dann die Voraussetzung für ein Verständigung geschaffen werden. Ich signalisiere Ihnen diese Meinungsäusserung, weil ich weiss, dass sie einer weitverbreiteten Meinung in Italien entspricht und weil sie mir den Vorzug grosser innerer Wahrscheinlichkeit zu haben scheint.
- 1
- Rapport politique: E 2300 Rom, Archiv-Nr. 18.↩
- 2
- Lors de ses séances des 31 janvier et Ierfévrier 1918, le Conseil fédéral a délibéré sur l’opportunité d’une mouvelle levée de troupes pour assurer la sécurité interne et externe. Il a été décidé de publier un communiqué disant: Die allgemeine äussere und innere Lage lässt es dem Bundesrate notwendig erscheinen, die zur Zeit für den Grenzschutz aufgestcllten Truppen durch Bildung einer Reserve zu verstärken. Er hat deshalb beschlossen, die 12. Infanterie-Brigade, die Guidenabteilung 2 und 4 und einen Zug der Telegraphen-Kompanie 4 auf Mittwoch den 6. Februar aufzubieten. Cf. E 1004 1/267, no 264a et 269.↩
Tags