Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03296.jsonl.gz/1253

Berlin Ende Februar, ein kühler, regnerischer Tag. Ich gehe auf dem Kurfürstendamm zur nächsten U-Bahnstation vorbei an der Gedächtniskirche, die als kultivierte Ruine an die Bombardierung im zweiten Weltkrieg erinnern soll. Meine Aufmerksamkeit wurde aber auf eine andere Konstruktion gelenkt, deren Sinn ich vorerst nicht erkannte; eine Art Schwelle mit Metallsäulen. Vielleicht für Rollbrettfahrer? Erst als ich den Schriftzug «Truck Stop» entdeckte, wurde mir klar, es handelt sich um eine Sperre gegen Lastwagen, damit sich jenes Ereignis an Weihnachten 2016 nicht wiederholen kann, wo ein Attentäter einen Lkw in den Weihnachtsmarkt bei der Kirche lenkte. Wo sind die sicheren Orte? In die U-Bahn kann keine Bombe einschlagen und kein Lastwagen hineinfahren. Aber jetzt ist ein neuer Feind im Anmarsch; Corona. In der dichtgedrängten U-Bahn fahre ich zu meinem Ziel, und hoffe, nicht angesteckt zu werden. Es kann bis zu vierzehn Tage dauern, sagt man, bis sich Symptome zeigen werden, da bin ich längst wieder zurück in der Schweiz.
In der sicheren Schweiz? Von wegen! Mein Flug nach Brasilien ist auf den 11. März gebucht. Zu meiner Sorge, ob ich unangesteckt aus Berlin wegkam, gesellte sich die Sorge, der Flug nach Brasilien könnte gestrichen werden. Denn jener Ort an der Küste Südbahias, wo nur eine Sandpiste hinführt, schien mir ein guter Ort, in Quarantäne zu gehen. Denn sollte ich es tatsächlich schaffen, nach Brasilien zu kommen, der Flug tagsächlich gehen, würde ich lieber nicht in die Schweiz zurückreisen wollen, die sich zunehmend zu einem Hotspot der Infektionen zu entwickeln schien. Ich stellte mich also darauf ein, möglicherweise bis zu 40 Tagen fern von zuhause zu bleiben. Das Wort Quarantäne leitet sich von jener Reisesperre ab, die ums Jahr 1400 pestverdächtigen Schiffen im Hafen von Venedig auferlegt wurde und «Quarenta giorni», vierzig Tag dauerte.
Auf halbem Weg zur paradiesischen Isolation wurde ich abrupt von der Nachricht gestoppt, dass alle Schweizer möglichst schnell nach Hause zurückkehren sollten, bevor die Grenzen dicht gemacht werden. Nun bin ich in einem Dilemma gelandet; wo ist es sicherer? An jenem Ort an der Küste, wo es keine Intensivstation weit und breit gibt, oder in der Schweiz, wo sich der Virus grade solide entfaltet und ich allenfalls anderen Älteren einen Intensivplatz streitig mache? Als 70-jähriger gehöre ich absolut zur Risikogruppe. In Brasilien ist man in diesem Alter ein «Idoso», was soviel heisst wie «Gebrechlicher» und dort wird man bevorzugt behandelt. Ich habe beim Einchecken eine extra Linie. Und beim Security-Check konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben einem Beamten ungestraft sagen: «please, don`t touch me!». Und er war vielleicht ganz froh drum, denn ein Europäer ist jetzt in Brasilien ein potentielle Träger von Corona;-)
Die Frage war nur, ob die Flugzeuge noch fliegen. Aber es ging alles flott und fühlte sich an wie in jenen Trickfilmen, wo die Brücken unmittelbar hinter dem Fliehenden einbrechen. Die Menschen im Flugzeug hatten inzwischen alle Gesichtsmasken auf, doch beim Ein- und Aussteigen halten sich alle an den metallenen Geländern der Treppen. Der Rückflug nach Zürich war einer der letzten Flieger, die noch verkehren würden. In der Kabine war alles ruhig, das übliche Husten und Hüsteln auf ein absolutes Minimum reduziert, es durfte schliesslich einfach keiner der Passagiere Symptome entwickeln, sonst würden wir in Zürich alle in der Quarantäne landen.
Aber es ging alles gut, bis zum Einsteigterminal der Skymetro. Da standen drei Uniformierte in bedrohlicher Haltung und wir Passagiere wurden laut befohlen, zwei Meter Abstand zueinander einzuhalten. Dies, nachdem dieselben Menschen während 11 Flugstunden auf engstem Raum zusammenwaren. Ich war schockiert. Vor 10 Tagen bin ich aus einem demokratischen Land abgereist und zurückgekehrt bin ich in einen Polizeistaat? Ich musste weinen.
Bei der Gepäckausgabe hat sich die Sache dann etwas relativiert. Ich setzte mich in die Nähe der Polizisten, die dort – mit weniger als zwei Meter Abstand voreinander – den Ablauf überwachten. Es interessierte mich, was hier ablief und konnte mithören, wie sie etwas verzweifelt versuchten mit der Lage umzugehen, weil zwei gleichzeitig angekommene Grossraumflugzeuge ihr Gepäck an den zwei unmittelbar benachbarten Förderbändern transportieren liessen, während die anderen 20 Förderbänder leer waren.
Nun bin ich gut zuhause angekommen, welches ja ein sehr schönes ist und für eine Quarantäne nicht der schlechteste Ort. Mal schauen, wie es weiter geht.