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Wer in den 1920ern im deutschsprachigen Raum, bzw. dessen intellektuellen Welt, etwas gelten wollte, kam um eine Lektüre Mauthners nicht herum. Denn obwohl Mauthner nie ein eigentliches Philosophiestudium absolviert hat (diesbezüglich hat er einzig ein abgebrochenes Studium der Rechte vorzuweisen), galt er vielen als ernst zu nehmender Philosoph, dessen Thesen zudem noch eine gewisse Popularität in der Intelligentsia in Anspruch nehmen durften. Und bis heute nimmt er in der Geschichte der Philosophie einen zwar oft unterschlagenen, aber dennoch wichtigen Platz ein. Durch ihn kam die sog. Sprachkritik in die Philosophie.
Mauthner war Amateur und blieb auch einer. Nie schaffte er es zum Beispiel auf eine Dozentur – und es mag sein, dass Mauthners Angriffe auf bestallte Professoren der Philosophie wie Kant, Fichte, Schelling oder Hegel nicht nur dem von ihnen vertretenen System galten, sondern auch ihrer gesellschaftlichen Position. Immerhin kann er von allen deutschen Idealisten mit Schopenhauer noch am meisten anfangen – dem Mann also, dem eine Anerkennung durch die Universitäts-Philosophie zu seinen Lebzeiten auch nicht gelungen ist.
Im Vorwort des Wörterbuchs nennt sich Mauthner einen skeptischen Nominalisten. Sein Skeptizismus gilt der Möglichkeit, dass der Mensch überhaupt etwas ausser sich erkennen kann. Allerdings ist Mauthners diesbezüglicher Skeptizismus recht gemässigt und inkonsequent. Einer Konsequenz im Stile einer Fichte’schen Ich-Philosophie weicht er nicht nur aus: Er kann Jean Paul nicht genug dafür loben, dass er im Clavis Fichtiania ebendiese Philosophie durch eine reductio ad absurdum erledigt habe. Mauthners Nominalismus äussert sich neben der Sprachkritik vor allem darin, dass er die Erkenntnis der Welt über Sprache definiert. Wichtig ist die adjektivische Erkenntnis, die eigentlich die einzige ist, über die der Mensch verfügt: Er erfährt nur das Wie der Dinge und weiss nicht einmal, ob so etwas wie ein ‘Ding an sich’ überhaupt existiert. Hierin übernimmt Mauthner die Erkenntnistheorie Ernst Machs. (Mauthner studierte eine Zeitlang bei Mach in Prag.) Die nominale Welt bezeichnet die Irrtümer, in die die Philosophie verfällt, wenn sie verführt durch sprachliche Begriffe Entitäten hypostasiert, die es gar nicht gibt. Eine dritte, verbale Welt scheint so etwas wie eine mystische Erkenntnis zu sein, aber sicher bin ich mir da nicht.
Das Wörterbuch der Philosophie nun besteht zwar aus einzelnen Artikeln zu einzelnen Begriffen, ein Wörterbuch im klassischen Sinn ist es aber nicht. Eher könnte man von einer Sammlung von Essays sprechen – oder von Aperçus. So hält er in A = A (meines Wissens als einer der ersten) fest, dass Logik keine neue Erkenntnis bringt, weil sie nur aus Tautologien besteht, bzw., wenn sie mehr umfassen will, keine Logik mehr ist. Wenn Wittgenstein, der diesbezüglich gleicher Meinung war, dennoch (Tractatus Logico-philosophicus, 4.0031) schreibt:
Alle Philosophie ist „Sprachkritik“ (allerdings nicht im Sinne Mauthners).
so klingt das zwar nicht sehr positiv. Das liegt aber an der sprachkritischen Methodie, wie sie Mauthner konzipiert. Für Mauthner besteht Sprachkritik nämlich vor allem darin, aufzuzeigen, wie durch Lehnwörter und -übersetzungen die heute gebräuchlichen philosophischen Begriffe von ihrer ursprünglichen, mit dem Alltag verknüpften Bedeutung abgewichen sind. Das alleine genügt Mauthner schon, um die Unmöglichkeit aufzuzeigen, auf eine Wirklichkeit jenseits der Sprache kommen zu können. Diese Methode ermüdet auf die Dauer nicht nur, sie ist letzten Endes auch unfruchtbar. Warum sollte es der Philosophie verwehrt bleiben, Bedeutungen von Begriffen abzuändern?
“Wenn ich ein Wort benutze”, sagte Humpty Dumpty ziemlich verächtlich, “dann hat es genau die Bedeutung, die ich wähle nicht mehr und nicht weniger.” “Die Frage ist”, sagte Alice, “ob man das machen kann, daß Wörter so viel Verschiedenes bedeuten.” “Die Frage ist”, sagte Humpty Dumpty, “wer das Sagen hat – das ist alles. ” Alice war zu verwirrt, um etwas zu sagen …
Mauthner hätte ihm geantwortet…
Diese Art von Ethymologisieren, die oft auch in Privat-Ethymologie ausartet, hat Wittgenstein tatsächlich nicht brauchen wollen noch können.
Mauthners Artikel sind naturgemäss von unterschiedlicher Qualität und auch unterschiedlichen Inhalts. Sachartikel, Personalartikel etc. wechseln ab. Wenn er nicht gerade ethymologisiert, ist Mauthner meist gut zu lesen. Er ist ein ausgezeichneter Stilist, und, wo er zu einer Polemik ausholt, meist sehr lesenswert. Was er im Artikel Bergson über diesen zu seiner und Mauthners Zeit hochberühmten Philosophen schreibt, hat – wenn man Mauthner üble nationalistischen Invektiven übersieht (was allerdings schwierig ist) – bis heute seine Berechtigung. Nun, Bergson ist bereits wieder verschwunden, wie so manche philosophische Mode verschwinden wird. Dass Mauthner den Franzosen an einer andern Stelle dem Pragmatismus subsummiert, ist dann wieder ein grober Fehler. Mauthner scheint den Pragmatismus nicht zu kennen, auch wenn er in einem noch andern Artikel William James – allerdings als Psychologen – ausführlich zitiert. Ansonsten finden wir wenige Zeitgenossen zitiert – Mauthner scheint sie kaum einer Erwähnung wert zu halten. Was er gegen die Logik in ihrer zeitgenössisch-aktuellen philosophischen Verwendung vorbringt, scheint mir gegen Husserl und die Phänomenologie gerichtet. Erwähnt werden beide nicht.
Dass Mauthner dem Idealismus abhold ist, habe ich oben schon erwähnt. Es verwundert denn auch nicht, dass er die englischen Empiristen mag: Thomas Hobbes, John Locke und allen voran David Hume. Und natürlich jenen ‘Empiristen’, der es sogar auf die Titelseite von Band 1 der zweiten Auflage geschafft hat: Goethe. Mauthner bewundert an Goethe, dem Naturwissenschafter, dessen unvoreingenommenes Schauen. (Auch Goethe war ein akademischer Aussenseiter.)
Alles in allem eine zwar oft ermüdende Lektüre (nämlich, wenn Mauthner wieder einmal allzu sehr mäandert mit seinen Gedanken), die aber dennoch lohnt, sei es, wegen plötzlich auftauchender satirischer Spitzen, sei es wegen des Grundgedankens, dass wir viel zu oft von der Sprache verführt werden, und zu einem simplen Sprachgebrauch eine Realität hinzudenken.