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Anita Blumers neuester Dokumentarfilm erzählt parallel zwei Geschichten: Es ist dies einerseits das Leben des Theaterautors und -theoretikers Augusto Boal und andererseits die Wirkung seines Schaffens auf der ganzen Welt, in Vergangenheit und Gegenwart. Boals Arbeit kann in der Tradition des Brecht’schen Theaters gesehen werden, doch führte er den Aspekt der Gesellschaftskritik, der sich bei Brecht auf die Handlung und die Offenlegung der Die- gese konzentrierte, noch einen Schritt weiter: Bei Boal wird das Theater zu einem Instrument, mit dessen Hilfe man auf die Wirklichkeit Einfluss nimmt. Es ist bei ihm kein abgeschlossener Ort, wo aberwitzige Geschichten miterlebt werden, sondern ein Labor, wo verschiedene Handlungsweisen für das reale Leben ausgetestet werden können. Das Publikum greift aktiv in das Geschehen auf der Bühne ein, ändert den Verlauf der Geschichte ab, schlüpft zuweilen selbst in die Rollen der Schauspieler.
Boal migrierte ein Leben lang von einem Ort zum anderen, vertrieben durch Militärdiktaturen oder getrieben durch die eigene Neugier. Als er nach fünfzehn Jahren im Ausland wieder nach Brasilien zurückkehrte, fand er sich in einem veränderten Land wieder.
Der Film vermittelt die Thematik auf mehreren Ebenen: Einerseits wird ein ausführliches Interview mit Boal selber präsentiert, in dem er auf die Beweggründe seines Schaffens und über sein persönliches Schicksal berichtet. Dem werden Zeugnisse von Angehörigen, Schülern oder Übersetzern gegenübergestellt, die ihre Interpretation des «Theaters der Unterdrückten» erklären und dessen Bedeutung für die eigene Realität auseinandersetzen. Eine dritte Ebene bilden Aufnahmen aus Theaterproduktionen, in denen Boals Methodik nachvollzogen werden kann. Sie zeigen anschaulich, dass das «Theater der Unterdrückten» letztlich mit den Anschauungen und Handlungsweisen der Beteiligten steht oder fällt und nicht als gegebenes Erfolgsmodell gesehen werden kann. Eine porträtierte Schülerin lässt sich auf einen Konflikt auch im Theatersetting nicht ein, eine Zuschauerin schlägt mit dem Besen auf einen fiktiven Ehemann ein. Eine weitere hingegen betont, dass sie nun das Verhalten ihrer Eltern besser verstehe. Blumer verzichtet auf einen Vergleich des «Theaters der Unterdrückten» mit anderen Formen des Theaters sowie ihrer Wirkung auf Publikum und Mitwirkende. Dafür wird klar, dass das «Theater der Unterdrückten» unweigerlich mit den eigenen Erfahrungen Boals verknüpft ist. Boals Sohn betont, dass das Schauspiel zwar immer ein fiktionaler Ort bleibt, die im Theater der Unterdrückten gesammelten Erfahrungen aber einen ersten Schritt zur effektiven Veränderung der Realität darstellen, im Guten wie im Schlechten.