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«Ich beschloss zu bleiben»
Die Künstlerin Chingsum Luk war im Atelier der Stadt Zürich in der Cité internationale des arts de Paris, als die Pandemie ausbrach und der Lockdown verhängt wurde. Wie alle Stipendiatinnen und Stipendiaten in den Auslandateliers der Stadt Zürich konnte sie entscheiden, ob sie angesichts der ungewissen Entwicklung bleiben oder vorzeitig in die Schweiz zurückreisen wollte. Sie entschied sich für Paris. Nach ihrem Aufenthalt erreichte uns ihr auf Englisch verfasster Abschlussbericht. Wir fanden, dass er die besondere Atmosphäre während ihres Aufenthalts sehr gut vermittelt und fragten Chingsum, ob sie einer Publikation im Kunst-Newsletter der Stadt Zürich zustimmen würde.
1. Normaler Alltag 03.02.–10.03.2020
Fünf Tage zum Einrichten, und um Nachbarn auf dem Gang zu treffen. Dann fünf Wochen intensive Aktivitäten: Stipendiaten-Lunch, offene Studios, Gespräche, Konzerte, Performances, Vernissagen. Museen und Galerien, Institutionen und Stiftungen, Buchhandlungen und Musikläden, Märkte und Flohmärkte, Cafés und Restaurants. Erster Studiobesuch von einer Tänzerin. Apéros, Abende mit Wein, späte Pommes frites-Bestellungen. Diskussionen über Musik, Literatur, Tanz, Rassismus, Obdachlosigkeit, Aktivismus, Feminismus, Kolonialismus, Gelbwesten, Polizeigewalt und auch darüber, wo es die besten Croissants gibt.
Ich sagte mir: Muss Zeit finden, allein zu sein, zu arbeiten, zu lesen, nachzudenken!
2. Unsicherheiten 11.03–16.03.2020
Ein Café-Treffen am 11.03. mit allen, die am Marche des Grandes Gagnantes, am internationalen Frauentag, teilgenommen hatten, sollte sich als letzte Veranstaltung dieser Art vor dem Lockdown erweisen und war im Rückblick der Abschied von den meisten Teilnehmenden. C. sagte, dass ihr Unterrichtspensum wegen des Virus gestrichen worden sei. V. sprach über die Schwierigkeiten, sich jetzt als Freelance-Fotografin über Wasser zu halten. Einige von uns begannen im Zuge der einsetzenden Absagen, sich über ihre persönliche finanzielle Situation Sorgen zu machen. H. verteilte Desinfektions-Gel an alle, bevor wir gemeinsam von Käseplatten assen – auch zum letzten Mal.
Am 15. schloss alles, einschliesslich der internationalen Grenzen. Es war klar, dass es einen Lockdown geben würde, aber niemand wusste, wie, wann und für wie lange. C. reiste am Montag ab. Z. telefonierte drei Tage lang mit der Botschaft, ohne herausfinden zu können, ob sie bleiben konnte (Visa) oder abreisen sollte (Reisebeschränkungen). H. und V. waren schon abgereist. J. wollte bleiben. Y. sagte, sie müsse abreisen, niemand könne sagen, wann sie ihren Mann und ihre Kinder sonst wieder sehen würde. A’s Flug war schon gestrichen worden, und es sah so aus, als sei es am wenigsten anstrengend, einfach zu warten.
3. «Confinement» (Lockdown) 17.03.–10.05.2020
Vier Stunden vor dem offiziellen Beginn des Confinement verabschiedete ich mich von Z. am Eingang der Cité. Keine Umarmungen! Keine bises!
Ich beschloss zu bleiben. In gewisser Hinsicht war es das, wonach ich mich gesehnt hatte: Zeit, um alleine im Studio zu sein. Arbeiten, Lesen, Denken. Schritte im Studio zählen, Treppenstufen zählen, Fotos machen, Löcher in Papier stanzen, Längen und Zeiten messen, Haar nähen, Linien zeichnen. Der Stand der Dinge zwang mich in eine strenge Routine, die ideal war für diese arbeitsintensiven Werke, an denen ich war. Was neu war: Online-Ausstellungen, Online-Treffen, Online-Lunches, Online-Dinners. Und natürlich: Formulare auszufüllen, um, sobald ich die Cité verliess, meine Anwesenheit in jeglichem öffentlichen Raum zu erklären, der ausserhalb des 1-km-Radius der Cité lag.
Ich lief durch leere Strassen im erlaubten Umkreis. Die Kirschbäume in der Rue de Rivoli und bei der Bibliothèque Fornay blühten prächtig, ebenso die Glyzinien vor der Maison Européenne de la Photographie. Die Cité wurde ungewöhnlich ruhig, aber der Hof samt angrenzendem Parkplatz bot jenen, die blieben, einen viel geschätzten Aussenraum, wo sie sich in der Frühlingssonne treffen konnten.
Neuer Wortschatz:
Gestes barrières, distanciation sociale (plutôt physique), attestation, gel hydroalcoolique, masques chirurgicaux, réanimation, taux d'infection, chômage partiel, …
4. «Déconfinement» (Ende des Lockdown) 11.05.–14.06.2020
Von einem Tag auf den anderen wurden wir in die «Freiheit» entlassen: Keine Formulare mehr ausfüllen! Zu jeder Tageszeit aus dem Haus gehen! Die Strassen belebten sich, sobald die Sonne rauskam, Fussgänger mit und ohne Maske. Wie zu Beginn des Confinement war überall Polizei, die sich auf alle möglichen Arten fortbewegte: in Autos, zu Fuss, auf Motorrädern, Fahrrädern, Booten, Pferden, Inlineskates.
Statt uns im Hof zu treffen, gingen wir in Zweier- oder Dreiergrüppchen auf die Île Saint-Louis, liessen uns entlang der Seine nieder und versuchten, diese unsichtbare 1-Meter-Blase um uns herum zu wahren. Es fühlte sich seltsam befreiend an, im öffentlichen Raum an Eiswaffeln zu knabbern. Wir sprachen darüber, wie man sich zwischen sozialer Verantwortung und Paranoia bewegen könne und wie legitime Kontrolle und Überwachung von Machtmissbrauch zu unterscheiden wäre.
Eines Tages machte ich einen Spaziergang mit zwei koreanischen Künstlerinnen, die Anfang März angekommen waren und wegen des Confinement noch nichts von Paris gesehen hatten. Als wir bei Saint-Michel vorbeikamen, fragte uns ein Mann, ob wir Französinnen seien oder Touristinnen. Weder noch. Lag das an unserem asiatischen Aussehen, fragte ich mich. Dann erzählte mir S., eine der beiden Künstlerinnen, dass sie einmal beim Einkaufen während des Confinement von einem Fremden auf der Strasse angebrüllt worden sei: «Geh zurück nach China mit deinem Virus!»
5. Das Leben beginnt wieder...? 15.06.–26.07.2020
Lange Spaziergänge, kreuz und quer durch Paris, wurden zur Gewohnheit: von Mouzaïa nach Montsouris, von Auteuil nach Vincennes, von Batignolles nach Peupliers. Manche der Aktivitäten aus meinen ersten fünf Wochen hier kamen allmählich wieder zurück, ebenso wie diese kleinen Freuden im Leben, die uns während fast drei Monaten entzogen worden waren: Ein Besuch in einem der berühmten Museen (jetzt mit Maske, dafür ohne lange Schlangen); ein «noisette» in einem Café auf den berühmten Maison-Gatti-Stühlen (jetzt mit mehr Abstand dazwischen); ein Abendessen in einer Brasserie mit neuen Freunden (jetzt in Dreier- statt in Zehnergruppen).
Die Cité war immer noch im Überwinterungszustand, obwohl einige neue Bewohnerinnen und Bewohner eingetroffen waren. Es gab keine Veranstaltungen, ausser im Live-Stream oder online, und die hatten wir alle satt. Aus dem inoffiziellen «open studio», das ich geplant hatte, wurden private Atelierbesuche. Dass ich andere Menschen hauptsächlich einzeln traf, machte den sozialen Austausch viel persönlicher und intensiver. Trotz der Umstände war die Zeit schnell vorübergegangen ̶ und schon bald war die Abreise vorzubereiten.