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Ich sass mit einer Freundin bei meinem Lieblingsitaliener. Völlig erledigt von der grossen Hitze, die seit Tagen herrschte. Ans Essen war nicht zu denken. Selbst die kleine Portion Vitello tonnato war zu üppig für meinen Appetit. Unser Gespräch verlief für einmal zähflüssig, und das wollte etwas heissen. Normalerweise ist eine anderthalbstündige Mittagspause zu kurz für unser Mitteilungsbedürfnis. Statt uns zu unterhalten, beobachteten wir, wie die Hunde aus der Nachbarschaft bei einem Rasensprenger in der Nähe Kühlung suchten. Manche kannten die Wasserstelle scheinbar so gut, dass sie leinenlos antrabten und sich gleich unter den künstlichen Regen stellten. Andere näherten sich eher verhalten und mussten von ihren Haltern ermutigt werden, wenigstens ihre Pfoten zu kühlen. Am lustigsten waren jene Fellnasen, die sich im Nass vergnügten und sich danach vor ihren Besitzern lebhaft schüttelten.
In der Nähe des Rasensprengers stand ein Brunnen, an dem Passanten ihre mitgebrachten Flaschen füllten oder das Wasser direkt vom Hahn tranken. Meine Freundin und ich waren so auf das lustige Treiben am «Hunde-Pool» konzentriert, dass wir nicht sahen, wie ein junges Paar stehen blieb und am Boden vor dem Brunnen ein Badetuch ausbreitete. Danach begann die Frau verschiedene Utensilien aus ihrem Rucksack zu kramen, die sie sorgfältig auf das Tuch legte. Wollte sie hier etwa selbst gemachten Schmuck oder Kleider verkaufen? Aber das Paar wirkte nicht wie Tramper, die sich so etwas Geld verdienen wollten. Und ihr gepflegtes Äusseres wies auch nicht darauf hin, dass es sich um Obdachlose handeln könnte.
Die Frau begann mit einem Waschlappen, den sie zuvor im Brunnen getränkt hatte, ihr Gesicht zu säubern, danach auch jenes ihres Begleiters. Dann kamen Arme und Beine dran, und am Ende kam ein Deo-Roller zum Einsatz. Dann tauchten beide ihre Köpfe ins Wasser und schüttelten lachend das nasse Haar.
Meine Freundin musste zurück ins Büro, aber ich blieb noch eine Weile sitzen. Irgendwie fühlte ich mich als Zuschauerin in einem experimentellen Theaterstück. Dann begann der zweite Akt: Nachdem die Frau ihre nassen, dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, stellte sie einen Klappspiegel auf den Brunnenrand und begann, sich das Gesicht einzucremen, bevor sie ihrem Begleiter die Sonnencreme weiterreichte. Während er sich eincremte, tuschte sie ihre Wimpern und tupfte Gloss auf ihre Lippen. Danach wandte sie sich ihm zu und ordnete mit geübten Griffen seine kurzen Locken. Ihr «Werk» beendete sie, indem sie liebevoll etwas Wachs in seine Haare einarbeitete. Leider musste ich zu diesem Zeitpunkt den Schauplatz kurz verlassen – meine Blase drückte.
Ich war keine drei Minuten weg. Als ich zurückkehrte, war ich nicht nur der einzige Gast auf der Restaurant-Terrasse, auch das Paar war verschwunden. Eine Fata Morgana? Statt mich über die ungewohnte Szene zu amüsieren, zerbrach ich mir den Kopf darüber, was das Ganze wohl zu bedeuten hatte. Typisch ich! Was ich nicht einordnen kann, verwirrt mich. Und so musste ich mir einmal mehr eingestehen, dass nicht hinter allem eine tiefere Bedeutung liegen muss. Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Und so ist es gut.