Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03580.jsonl.gz/1659

Mit Marco Santilli, Fiato delle Alpi und der Gruppe Du Bartas sind auch Vertreter der Alpen-Südseite eingeladen – Musiker aus dem Tessin, aus Italien und Frankreich. In diesen Länder ist die Volksmusikszene im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum weniger mit der Abgrenzung gegen Musikantenstadl-Seligkeit und rechts-populistische Einfärbungen beschäftigt. Teilen Sie diesen Befund?
Johannes Rühl: Alpentöne hat von Anfang an alle Alpenländer im Blick gehabt. Tatsächlich spielt der Süden im Klangspektrum der Alpen eine ganz andere Rolle als der Norden, also etwa Bayern, Österreich und die deutschsprachige Schweiz, die ja eine starke Anfälligkeit zur Vereinnahmung durch den Musikantenstadl gezeigt haben. Volksmusik hat im Süden überhaupt keine konservative Konnotation.
Wir neigen dazu, unsere Volksmusik stark mit dem Alpenraum in Verbindung zu setzen, in Italien oder Frankreich ist das anders. Gibt es eine Alpen-Volksmusik überhaupt? Und was unterscheidet sie im Kern – abgesehen von Instrumenten wie dem Alphorn – von der Volksmusik der «Flachländer»?
Volksmusik ist keine bestimmte Musik. Alles kann Volksmusik sein, wenn es die Kriterien erfüllt. Dazu könnte ich Ihnen jetzt einen Katalog mit 50 Bedingungen nennen, was Volksmusik ausmacht und wir hätten immer noch keine Verständigung darüber, was Volksmusik eigentlich ist. So gesehen ist es auch schwierig zu sagen, ob es so etwas wie eine alpine Volksmusik gibt.
Als der Slowene Slavko Avsenik in den 1950er-Jahren die Oberkrainer Musik erfunden hatte, nannte man das Volksmusik, obwohl sie kein Dilettant spielen konnte und nur über die Medien verbreitet wurde. Für die grosse Masse der Bevölkerung ist das Volksmusik, für andere ist es volkstümliche Musik, und für wieder andere ist es einfach nur ein riesen Geschäft.
Trotzdem gibt es im allgemeinen Verständnis von «alpiner Volksmusik» gewisse Merkmale, wie die Naturtönigkeit, die wir als sehr charakteristisch wahrnehmen. Es scheint, als wären wir dankbar dafür, dass es solche Zuordnungen gibt, dass die (Volks-)Kultur eine identitätsstiftende Funktion einnimmt. Warum soll jede Gegend ihren Soundtrack haben?
Für viele erscheinen beim Klang des Hackbretts die Berge. Warum wir bestimmte Klänge als alpin empfinden, ist eine komplexe Geschichte. Wir sind auf akustische Phänomene konditioniert. Dazu kommt noch eine zutiefst romantische Vorstellung, die wir mit Landschaften verbinden.
In den Alpen scheint diese Vorstellung besonders ausgeprägt zu sein und das Bewahren der eigenen Musik ein stärkeres Bedürfnis als anderswo. Da ich mich selbst nur durch Unterscheidung von anderen identifizieren kann, muss ich an dem festhalten, was mir eigen ist.
Das ist der Grund, warum die Nationenbildung im 19. Jahrhundert mit einer Hinwendung zur Volksmusik bzw. zum Volkslied einherging. Es wurden landesspezifische Eigenarten gesucht oder gar erfunden, um die Nation zu legitimieren.
Und wieso ist das heute noch wichtig?
Heute, in Zeiten der Globalisierung erinnern sich das Publikum wie auch die Musiker wieder gerne an das Eigene, das sie von den anderen unterscheidet. Und je eigentümlicher dieser Unterschied ist, umso stärker wird es zum Ausdruck meiner Identität. Das Ergebnis ist eine wohltuende Musik, die sich bewusst vom globalen Mainstream absetzt. In den Alpen funktioniert das besonders gut.
Sendehinweis
Radio SRF 2 Kultur überträgt live den Abschluss des Alpentöne-Festivals in Altdorf: Quer über die Alpen – mit Marco Santilli und Ensemble La Stüa, Du Bartas, Erika Stucky und da Blechhaufn, Wiener Choralschola und Matthias Loibner. Sonntag 16.08.2015, 19:30 Uhr.
Zur Person
Johannes Rühl leitet seit 2009 das Festival Alpentöne in Altdorf. Er verfügt über ein breites internationales Beziehungsnetz. Rühl wurde in Freiburg i.Br. geboren, wuchs in Mailand und im Tessin auf, studierte Ethnologie und Soziologie und arbeitete in leitender Stellung an diversen Kulturprojekten, so hat er u.A. das Kulturbüro Basel aufgebaut.