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Antarktische und sub-antarktische Gewässer sind bekannt für ihre rauen, oft lebensfeindlichen Bedingungen. Wer hier überleben will, braucht eine perfekte Strategie. Wale, Robben, Pinguine und andere Seevögel haben sich optimal an diesen Lebensraum angepasst und kommen mit den natürlichen Bedingungen bestens zurecht. Doch diese geraten zunehmend aus den Fugen und manche der Arten erschließen sich bereits neue Jagdstrategien, wie z.B. der Südliche Riesensturmvogel. Auf Gough Island im Südatlantik beobachten Wissenschaftler seit einigen Jahren, dass die Männchen der gänsegroßen Seevögel brütende Gelbnasenalbatrosse töten und fressen. Die stark gefährdeten Albatrosse geraten durch diese Attacken in arge Bedrängnis, sollte sich dieses Verhalten der Riesensturmvögel weiter verbreiten.
Riesensturmvögel (Macronectes sp.) sind große, furchteinflößende, räuberische Seevögel aus der Familie der Sturmvögel, die im Südpolarmeer auf Nahrungssuche gehen und berüchtigt sind für ihre Stärke und Aggressivität. Man unterscheidet zwischen den Nördlichen (M. halli) und den Südlichen Riesensturmvögeln (M. giganteus), deren Verbreitungsgebiete überlappen, wobei Südliche Riesensturmvögel, wie der Name sagt, weiter südlich vorkommen. Deren Brutgebiet erstreckt sich über den gesamten Südlichen Ozean, mit den nördlichsten Kolonien auf Gough Island und den südlichsten auf dem antarktischen Festland. Im Winter ziehen sie bis in die Subtropen Südamerikas, Afrikas und Australiens.
Gough Island ist eine Vulkaninsel im Südatlantik und gehört zu dem britischen Überseegebiet St. Helena, Ascension und Tristan da Cunha. Sie liegt etwa 2.400 Kilometer nordöstlich von Südgeorgien und 2.700 Kilometer westlich von Kapstadt.
In der Familie der Sturmvögel zeigen die Riesensturmvögel ein einzigartiges Ernährungsverhalten — sie finden ihre Nahrung sowohl an Land als auch auf See. Als Opportunisten erbeuten sie fast alles, was ihnen vor den Schnabel kommt: Jungtiere von Robben, Pinguinküken und kranke oder verletzte erwachsene Pinguine, Küken anderer Seevögeln und auf See greifen sie sogar Pottwale an. Auch Aas verschmähen sie nicht, womit sie als Gesundheitspolizei fungieren. Einige Männchen der Südlichen Riesensturmvögel zeigen auf Gough Island ein ungewöhnliches Verhalten, das erst vor wenigen Jahren von Wissenschaftlern entdeckt wurde — sie greifen in der Nacht gesunde, erwachsene Gelbnasenalbatrosse an, die auf ihren Nestern sitzen, und töten sie, um sie anschließend zu fressen. Bisher war nur bekannt, dass die Riesensturmvögel die Küken der Albatrosse erbeuten.
Ein Forscherteam der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) dokumentierte dieses erschreckende Verhalten erstmals auf Video und veröffentlichte seine Entdeckung im Februar diesen Jahres in der Fachzeitschrift Polar Biology. Michelle Risi, Wildtierökologin bei der RSPB und Hauptautorin der Studie, beschreibt gegenüber Jake Buehler vom Hakai Magazine: «Wir kehrten mehrmals in das Gebiet zurück, um die Anzahl der erwachsenen Kadaver zu beurteilen und waren völlig schockiert, jede Woche mehrere neue zu finden.»
Zwischen 2017 und 2019 fanden die Forscher in Gebieten mit Langzeitüberwachung insgesamt 87 Kadaver von adulten Albatrossen in der Nähe ihrer Nester. Im Jahr 2019 installierten sie 16 Kameras und überwachten damit 32 Nester in der Brutzeit zwischen September und Januar. Mindestens sechs verschiedene männliche Südliche Riesensturmvögel attackierten unabhängig voneinander elf brütende Gelbnasenalbatrosse, von denen sie fünf töteten und frassen, wie die Aufnahmen zeigen. Der Bruterfolg der kameraüberwachten Albatrosnester war mit nur knapp 19 Prozent entsprechend niedrig.
Diese Angriffe wurden jedoch nur in zwei der elf Untersuchungsgebiete beobachtet und die Wissenschaftler können noch nicht sagen, ob dieses Verhalten der Riesensturmvögel weiter verbreitet ist auf Gough Island oder ob nur einige Individuen diese neue Jagdmethode angenommen haben. Auch über die Gründe für die Attacken können die Forscher momentan nur spekulieren. In ihrer Studie schließen sie aus, dass ein höherer Bedarf an Nahrung dafür verantwortlich ist. Vielmehr könnte es sein, dass sich aufgrund des Klimawandels die Nahrungsverfügbarkeit im Südpolarmeer verändert hat und die Riesensturmvögel dazu bringt, neue Nahrungsressourcen zu erkunden.
Für die Gelbnasenalbatrosse, die ohnehin schon stark gefährdet sind — wegen eingeschleppter Mäuse auf Gough Island, der Langleinenfischerei, der Plastikverschmutzung, des Klimawandels — heißt diese relativ neue Bedrohung nichts Gutes. Angriffe auf Küken könnte die Population verkraften, sofern sie nicht überhand nehmen. Sollte sich jedoch die neue Jagdstrategie unter den Südlichen Riesensturmvögeln als erfolgreich «herumsprechen» und immer mehr erwachsene Albatrosse zum Opfer werden, könnte die Gefährdung der Albatrospopulation weiter zunehmen. Immerhin, im kommenden Südsommer soll es den Mäusen auf Gough Island an den Kragen gehen, was die Situation der Albatrosse wieder verbessern würde.
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Risi, M M, Jones, C W, Osborne, A M, Steinfurth, A S, & Oppel, S. 2021. Southern Giant Petrels Macronectes giganteus depredating breeding Atlantic Yellow-nosed Albatrosses Thalassarche chlororhynchos on Gough Island. Polar Biology. DOI: https://doi.org/10.1007/s00300-021-02810-x