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Video
Titel:
Einweihung des Bruderhäuschens im Wildkirchli
Thema: Kultur
Datum: 09.07.1972
Masse: 25 cm Durchmesser
Standort: Landesarchiv Appenzell Innerrhoden, ohne Signatur
Urheber/-in: Charles Zwicker, St. Gallen
Beschreibung:
Dokumentarfilm im Format Super 8 von der Einweihung der neuen Eremitenklause beim Wildkirchli am Schutzengel-Sonntag, 9. Juli 1972. Kaplan Dr. Franz Stark (1916-1991) segnete das Bruderhäuschen im Beisein Tausender Einheimischer und Touristen ein. Der Blockbau war von Zimmermeister Martin Signer, ´Dotsche Maati´, in der Sälde, Appenzell geplant und vorgefertigt worden. Die in alter Handwerkskunst gezimmerten Teile passten millimetergenau aufeinander und konnten im Verlaufe des Mai von Zimmerleuten zusammengesetzt werden. Als Transportmittel in die Höhle hinauf diente die Ebenalpbahn. Die langen Balken wurden einfach unter die Kabine gehängt, über dem ´Dunklig Loch´abgeseilt und dann durch die Höhle getragen.
Geschichte:
Die Bezeichnung Wildkirchli taucht erstmals 1524 in einem Text des St. Galler Reformators Joachim von Watt (Vadian, 1484-1551) auf. Es ist anzunehmen, dass die Sennen der nahen Ebenalp von sich aus in den Höhlen einen kleinen Ort der Andacht eingerichtet hatten. Als der Kapuzinerpater Philipp Tanner (1578-1656) anlässlich einer Alpsegnung die Stätte 1621 aufsuchte, fand er sie jedoch in verwahrlostem Zustand vor. Mit Unterstützung der Innerrhoder Behörden liess er einen neuen hölzernen Altar und vor der Felsgrotte ein Türmchen mit einem grossen Kreuz errichten. Im Spätherbst 1621 führte er in der dem Erzengel Michael geweihten Kapelle wieder Wallfahrtsgottesdienste durch, die im Volk grossen Anklang fanden. Nach dem Pater Philipp Appenzell 1624 verlassen hatte, geriet die Höhlenkapelle jedoch zunehmend in Vergessenheit.
Erst drei Jahrzehnte später setzte sich der Appenzeller Pfarrer Paulus Ulmann (1613-1680) auf Anregung Pater Philips erneut für das Wildkirchli ein. 1656 liess er in der Kirchlihöhle einen steinernen Altar und ein Sakristeigebäude sowie in der unteren Höhle ein Eremitenhäuschen errichten und hielt von neuem Gottesdienste. 1658 gab Ulmann die Pfarrpfründe Appenzell auf und zog als erster Eremit ins Wildkirchli. Der Abschied von Appenzell war ihm insofern leicht gefallen, als sein Kampf gegen Trunksucht und Sittenzerfall zum Zerwürfnis mit den weltlichen Behörden geführt hatten. 1660 wurde Ulmann als Probst ins Kloster Lindau gerufen, doch 1669 kehrte er nach Appenzell zurück und hielt fast bis zu seinem Tod regelmässig Gottesdienste im Wildkirchli. Höhepunkte bildeten das Schutzengelfest am zweiten Sonntag im Juli und der Michaelstag am letzten Sonntag im September.
Unter Ulmann entwickelte sich das Wildkirchli zu einer beliebten Andachtsstätte. Die Innerrhoder Bevölkerung strömte in grosser Zahl zu ihm in die Ebenalp hinauf und die Sennen der umliegenden Alpen waren dankbar für die seelsorgerische Betreuung, die sie sonst während des Alpsommers schmerzlich vermissten. Um die Einsiedelei auch über seinen Tod hinaus zu erhalten, brachte Ulmann Kapelle und Eremitenhäuschen mit allem, was dazu gehört, 1679 in eine Stiftung ein. Zu dieser gehörte auch die unterhalb gelegene Alp Oberbommen. Nach Ulmann lebten 22 Waldbrüder der Schweizerischen Eremitenkongregation im Wildkirchli.
Im 18. Jahrhundert erfreute sich das Wildkirchli wachsender Beliebtheit als Ausflugsort für vornehme Touristen. Schriftsteller, Maler, Naturforscher und Kurgäste, welche im Weissbad logierten, strömten in die Ebenalp hinauf. Vor dem Hintergrund der Natur- und Bergbegeisterung im Zeitalter der Aufklärung wurde das Wildkirchli zum Thema literarischer Texte, zum Motiv für Malereien, Zeichnungen und Stiche sowie nicht zuletzt zum Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen. Die Einsiedler zeigten den teils berühmten Gästen die Höhle, bewirteten sie und verkauften ihnen Bärenknochen als Souvenirs. Die Waldbrüder waren somit zu einer frühen Form von Fremdenführern geworden und führten ab 1795 sogar eigene Gästebücher. Ab 1846 stand in unmittelbarer Nähe auch das (weltliche) Berggasthaus Äscher zur Verfügung, zusammen mit dem Alten Säntis die älteste Gastwirtschaft im Alpsteingebiet. Nachdem 1853 der letzte Waldbruder beim Laubsammeln tödlich verglückt war, wurde die Einsiedelei nicht mehr besetzt. Anstelle des Eremitenhäuschens entstand 1860 eine zweite Wirtschaft, das Berggasthaus Wildkirchli. Dieses wurde 1972 abgebrochen und durch die heutige Nachbildung der Bruderklause ersetzt.
Autor: Stephan Heuscher, Appenzell
Literatur:
Appenzeller Volksfreund Nr. 107/108, 10./11. Juli 1972
Bächler, Emil: Aus der Geschichte des Wildkirchli. St. Gallen 1930
Bächler, Emil: Das Wildkirchli. Eine Monographie. St. Gallen 1936
Bischofberger, Hermann: Das Wildkirchli. Seine Stiftung und seine Beziehung zu den Kapuzinern. Appenzell um 1980 [Typoskript]
Fischer, Rainald u.a.: Ebenalp-Wildkirchli. Jubiläumsschrift zum zwanzigjährigen Bestehen der Luftseilbahn Wasserauen-Ebenalp. Appenzell 1974
Grosser, Hermann. Hangartner, Norbert: Appenzeller Geschichte. Bd. 3: Appenzell
Innerrhoden von der Landteilung 1597 bis ins 20. Jahrhundert. Herisau, Appenzell
1993, S. 38, 119, 149-153, 374f. und 541
Hutter, Marc u.a.: Das Wildkirchli. Dokumentation für Lehrkräfte der Mittel- und Oberstufe. Appenzell 1997
Küng, Josef et al.: Unser Innerrhoden. 2. Aufl. Appenzell 2003, S. 165-170
Rusch, Johann Baptist Emil: Alpines Stillleben. Lindau 1881
Schmid, Elisabeth: Wildkirchli. In: HLS. Version 17.12.2012. URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D12768.php (19.02.2013)
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