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Risikoindikatoren im globalen Finanzsystem
Das Bankwesen wird oft als Blutkreislauf der Wirtschaft bezeichnet. Die Gesundheit des Finanzsystems ist somit nicht nur für den interessierten Anleger von Bedeutung. Um die Grosswetterlage im weltweiten Finanzsektor einzuschätzen, bieten sich Indikatoren wie z. B. der TED Spread oder der EONIA an.
Interpretation
Der TED Spread ist somit der zusätzliche Zins, der von Banken verlangt wird, wenn ein kurzfristiger Kredit einer Geschäftsbank (risikobehaftet) anstelle des US-amerikanischen Staates (als nahezu risikofrei definiert) vergeben wird. Deshalb wird er als Indikator für das gegenseitige Vertrauen unter den Finanzakteuren auf globaler Ebene angesehen. In ruhigen Zeiten pendelt der Spread um den Level von etwa 30 Basispunkten, also 0,3%. Dies bedeutet, dass die Banken dem Staat als Gläubiger nur leicht mehr trauen als den Banken selbst und somit das Finanzsystem als gesund erachten. Am schwarzen Montag 1987 schoss der Spread auf die Marke von 300 bp hoch, während er in der Rezessionsphase von 2001-2003 nur leicht anstieg. In diesen Jahren gingen sowohl die Rendite des T-Bill als auch der LIBOR von den hohen Niveaus der vorausgegangenen Boomjahre parallel stark zurück. Weil die Wirtschaft insgesamt und nicht das Finanzsystem im Speziellen betroffen war, zeigte der TED Spread wenig Regung. Die Krise ab 2007 hingegen wurde durch die Finanzmärkte ausgelöst. Entsprechend schnellte der Spread innerhalb eines Jahres drei Mal bis auf über 2% hoch und erreichte am 10. Oktober 2008 das Allzeithoch von 465 Punkten. Ausschlaggebend war, dass die FED den Geldhahn aufdrehte, dadurch die Rendite des T-Bill stark nachgab, aber der LIBOR noch länger auf einem hohen Niveau verharrte, weil die Banken sich gegenseitig nicht mehr vertrauten.
Fallen bei der Interpretation
Während es sich bei Renditen von Treasury Bills um Marktpreise handelt, basiert der LIBOR aus einem Durchschnitt eines Panels von Werten, die rund ein Dutzend Geschäftsbanken melden (die Anzahl hängt von der Währung ab). Allerdings sind diese Quotes nicht verbindlich. Einige Beobachter gehen deshalb davon aus, dass der LIBOR in Krisenzeiten deutlich unterschätzt wird, weil die Banken zu tiefe Werte melden, um die Verunsicherung nicht noch zu verstärken. Die Konsequenz davon wäre, dass der TED Spread gerade dann, wenn er relevant ist, zu tief bemessen wird. Andererseits ist der Spread seit dem Frühling 2009 stark gefallen (bis unter 11 Basispunkte) und bewegt sich jetzt nur unwesentlich über dem langjährigen Schnitt. Das erstaunt, wenn man bedenkt, dass die Situation immer noch unsicherer ist als in ruhigeren Jahren. Dies kann bedeuten, dass der Markt eventuelle staatliche Rettungsaktionen mit einpreist und ein tiefer TED Spread weniger ein Indiz für das Vertrauen unter den Banken, sondern eine Wette auf das Einspringen der Staaten darstellt. In Europa dient weniger der TED Spread als der Euro Overnight Index Average (EONIA), das Pendant zur Fed Funds Rate, als Risikoindikator. Dieser Eintageszins wird im Gegensatz zum LIBOR aus tatsächlich abgeschlossenen Transaktionen zwischen Geschäftsbanken berechnet.
Nutzen für den Investor
Der Anleger sollte sich im Klaren sein, wer die Gegenpartei seiner Geschäfte ist. Ein Investor sieht sich bei einem Kauf von Strukturierten Produkten einem Emittentenrisiko ausgesetzt, dies im Gegensatz zu Direktanlagen. Ein hoher TED Spread zeigt an, wie hoch dieses Risiko im globalen Sinne momentan eingeschätzt wird. Anleger, die das Risiko scheuen, können in angespannten Zeiten auf pfandbesicherte (COSI) Produkte ausweichen. Andererseits sollten die Emittenten ihr Ausfallrisiko in die Produkte einpreisen und somit den Investor dafür entschädigen. Weil die Emittenten den Obligationsteil der erhaltenen Gelder ihrer Strukturierten Produkte risikofrei anlegen möchten, investieren sie diese in unsicheren Perioden eher in Staatspapiere, als sie als Darlehen anderen Geschäftsbanken weiterzugeben. Allerdings realisieren sie dadurch oft einen Verlust: Falls ein Emittent z. B. den Anleger mit 4% für sein eigenes Ausfallrisiko entschädigen muss und das erhaltene Geld beim Staat für nur 1% anlegen kann, verliert er 3%. Deshalb werden in Krisenzeiten tendenziell weniger kapitalgeschützte Produkte emittiert. Nebst der makroökonomischen Interpretation werden TED Spread und seine Verwandten oft auch als vorauseilende Indikatoren für den Aktienmarkt, insbesondere der Finanzbranche angesehen. Anleger, welche stark in Bankentiteln investiert sind, können das Anziehen des Spreads als Anlass nehmen, ihre Positionen zu überdenken.