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Hochverehrter Herr & Freund!
Empfangen Sie vor Allem meinen herzlichen Dank für die interessanten Mittheilungen, welche Sie mir in Ihrer geschätzten Zuschrift vom 7 dß. zu machen die Güte hatten. Sie haben mir baldige weitere Berichte in Aussicht gestellt, die mir bis zur Stunde noch nicht zugekommen sind. Ich werde sie nun aber wohl bald zu erwarten haben.
Das technische Gutachten über den St. Gotthardt ist im Drucke begriffen. Ich kann Ihnen als Ergebniß desselben mittheilen, daß, wenn die offene Bahn nicht über die Höhe, auf welcher Göschenen liegt, hinaufgeführt werden will – & höher zu gehen, dürfte als durchaus nicht | räthlich erscheinen – der Gotthardt nur um 6 Mill. Frkn. höher zu stehen kommt als der Lucmanier. Es ist Hr. Gerwig, der Vertrauensmann der Union Suisse & des Gotthardtausschusses, zu diesem Resultate gelangt. Wenn man nun bedenkt, daß, wie das commerzielle Gutachten unwiderleglich dargethan hat, dem Gotthardt eine viel größere Alimentation an Personen & Waaren zufallen wird als dem Lucmanier, so stellt sich also das auf den Gotthardt verwendete, wenn auch etwas größere Capital als erheblich rentabler heraus als die Fonds, welche dem Lucmanier zugewendet würden.
Sie schreiben mir, daß man dem Gotthardtprojecte vorwerfe, es habe keine Anschlüsse an die nördlich gelegenen Bahnen. Die Fortführung der Bahn von Flüelen über Brunnen entweder direct nach Zug/Zürich/& nach | Luzern oder vermittelst einer gemeinschaftlichen Linie ungefähr nach der Mitte der Eisenbahn Zug–Luzern wird in das Programm des Gotthardt aufgenommen. Je mehr Thalbahnen, die die gleiche oder eine größere Frequenz als die Bergbahn haben, aber viel geringere Baukosten verursachen, in den Prospectus aufgenommen werden, desto günstiger stellt sich die Rechnung. Und überdieß muß natürlich die Schienencontinuität der Gotthardtbahn nach Norden & nach Süden gesichert sein. Es dürfen deshalb auch die Tessin'schen Bahnen nicht außerhalb der Combination gelassen werden.
Leider ist Hr. Landerer durch Gesundheitsumstände verhindert, das ständige Commissiariat für den Gotthardtausschuß in Italien zu übernehmen. Wir haben nun beschlossen, dasselbe Hrn. J. C. von Meiß (v. Zürich) in Mailand an| zutragen. Es wird sich zeigen, ob er geneigt ist, es anzunehmen. Gemäß allen Mittheilungen, die mir über diese Persönlichkeit zugekommen sind, wäre von Meiß für die Verrichtungen eines stehenden Commissärs sehr geeignet. Mittlerweile hat auch der Ausschuß seine Abordnung nach Italien bestellt & zugleich beschlossen, die in Abschrift beiliegende Zuschrift an den Minister Jacini zu erlassen. Es hat mich große Überwindung gekostet, die Mission anzunehmen & ich habe es nur für einstweilen gethan. Es ist mir aber so zugesetzt worden, daß ich nach dem Sprichworte: «Wer A sagt, muß auch B sagen», mich resigniren mußte. Nun haben aber Hr. Bürgermeister Stehlin & ich eine Bitte an Sie zu richten. Wir sind vom 21 Novber an durch die Büdgetcommission des Nationalrathes & vom 5 Dezr an wohl bis | Weihnachten durch den Nationalrath in Anspruch genommen. Zwischen Weihnachten & Neujahr erwarten uns sehr viele Geschäfte, die gebieterisch erheischen, daß wir zu Hause seien. Unter diesen Umständen würden wir in dem gegenwärtigen Jahre nur etwa am 15–18 Novber mit Jacini conferiren können. Wir wären Ihnen nun sehr dankbar, wenn Sie Jacini veranlassen würden, jene Tage für die Unterredungen zu bestimmen, vorausgesetzt daß er nicht vorzieht, die Besprechung in das neue Jahr hinaus zu vertagen. Es wäre uns sehr erwünscht, möglichst bald vorläufig von Ihnen zu vernehmen, welche Vorschläge uns der Minister in Betreff des Zeitpunctes der Conferenz zu machen gedenkt.
Noch hätte ich Ihnen sehr Vieles & sehr Erfreuliches über die günstigen Dispositionen zu melden, welche in | Deutschland hinsichtlich des Gotthardtprojectes bestehen. Ich will aber dieß auf mündliche Besprechung verschieben. Nur soviel jetzt schon, daß wir nie weniger als gegenwärtig Veranlassung hatten, entmuthigt zu sein.
Ihre Berichte an den Bundesrath in der Alpenbahnfrage habe ich mit großem Interesse gelesen.
Wollen Sie mich gef. Ihrer Frau Gemalinn aufs angelegentlichste emphehlen & empfangen Sie freundschaftlichste Grüße von Hrn. Bürgermeister Stehlin & von
Ihrem
Dr A Escher
Zürich
31 Octr 1864. 1