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Der obige Titel versucht – und das Schöne an einer Schweizer Publikation ist, dass sich dies quasi von selbst versteht – eine Anspielung auf die ‚Les Liaisons Dangereuses‘, d.h. jenen Briefroman aus dem Jahr 1782, welcher ein so klares Beispiel des umfassenden Anspruchs der Aufklärung auf Ausschluss des Geheimnisses auch aus dem privaten Bereich darstellt. Insofern der vorliegende Aufsatz diesen Ausschluss des Geheimnisses auf knappem Raum kritisieren möchte, muss hinsichtlich des theoretischen Rahmens an dieser Stelle die Angabe genügen, dass es um das Jahr 1800 eine, z.B. von Jütte und Voigts beschriebene, grundlegende gesellschaftliche Neubewertung des Geheimnisses gegeben hat, an deren Ende das ‚Haben‘ von Geheimnissen von einem Aktivum zu einem Passivum öffentlichen Ansehens geworden war.
Ein Resultat dieser Umstülpung der Bewertung des Geheimnisses war der soziale Durchbruch dessen, was an dieser Stelle mit Illouz ‚romantische Liebe‘ genannt werden soll und womit gemeint ist, dass etwa ab dem nämlichen Jahr 1800 die Wahl des Ehepartners, zumindest der Idee nach, nicht mehr durch Familieninteressen und Standesdenken, sondern durch die persönliche Wahl, eben durch Liebe, bestimmt wurde. Einerseits führt der Ausschluss des Geheimnisses im privaten Bereich also zu einem Zuwachs an persönlicher Autonomie und Souveränität. Die 1968er haben dann jedoch zu Recht darauf insistiert, dass die romantische Liebe auch eine Schattenseite paternalistischer Einschreibungen und anti-emanzipatorischer Wirkungen im Verhältnis von Mann und Frau impliziert. Die Verknüpfung dieser Schattenseite romantischer Liebe mit der Idee, dass das 19. und gar noch das 20. Jahrhundert sexuell frigide und ‚viktorianisch‘ gewesen seien und folglich eine ‚Befreiung‘ des Sexes, konkret die Auflösung des Nexus des Aktes mit der Person des Partners (‚Wer zweimal mit derselben pennt…‘), Teil einer gesamtgesellschaftlichen Emanzipations- und Befreiungsbewegung sein könne, hat sich jedoch als nicht tragfähig erwiesen. Schlimmer noch, retrospektiv legt die zeitliche Koinzidenz der sexuellen Revolution und der neoliberalen Wende der mittleren 1970er Jahre einen ursächliche Zusammenhang nahe, welcher, falls zutreffend, implizierte, dass wir uns zwischen Anerkennung und Umverteilung, horizontaler und vertikaler Gerechtigkeit entscheiden müssten. Die These dieses Aufsatzes ist nun jedoch, dass die ‚Victorianer-Hypothese‘ zwar (zum Glück) von Foucault widerlegt wurde, dies aber noch nicht bedeutet, dass wir auf Anerkennung und Emanzipation verzichten müssen, wenn wir Solidarität fordern. Wie nämlich wäre es, statt an dieser von der neoliberalen Zentralforderung nach ‚Transparenz‘ aufgedrängten unmöglichen Wahl herumzuschrauben, den anderen Teil der um das Jahr 1800 plötzlich problematisch gewordenen geheimen Leidenschaft zu kritisieren? Anders ausgedrückt: Warum befragen wir nicht einmal das Geheimnis anstelle des Sexes nach seinen emanzipatorischen Gehalten?
Im privat-emotionalen Bereich der Sozialisation bedeutete der Ausschluss des Geheimnisses per se, dass der Triumph der romantischen Liebe weniger die Praxis des außerehelichen Sexualverkehrs als anthropologische Konstante denn das Geheimnis als Technik des Selbst tabuisiert hat. Aus diesem Blickwinkel fällt auf, dass die ach so amoralische ‚Liebe als Passion‘ des 18. Jahrhunderts noch den/die Partner/-in, das Gegenüber der Affäre, ins Zentrum des Begehrens setzte, während die verschärfte Transparenzforderung der romantischen Liebe eine Akzentverschiebung auf entweder den Partner als Partner oder die reine Geschlechtlichkeit an sich bewirkte. Ferner erscheint aus dieser Perspektive der gleichzeitige Verlust von Sicherheit und Begehren in der seriellen Monogamie als die logische Konsequenz des Verlustes des Geheimnisses als Selbsttechnologie. In seiner brillanten Beschreibung des Endes der klassischen Liebe als Passion um 1800 weist Luhmann auch völlig zu Recht darauf hin, dass in einer immer weitergehend funktional differenzierten Gesellschaft die einzige nicht zweckrationale Beziehung diejenige zum nach romantischen Kriterien ausgewählten Zugewinngemeinschaftspartner sei. Erwartbar unverständlich bleibt nur, dass er diese Beschreibung moderner Verlassenheitserfahrungen nicht kritisiert.
An dieser Stelle setzt der hier vorgeschlagene Perspektivwechsel an. Was, wenn wir versuchten, eine Kritik des durch die ‚Liaisons Dangereuses‘ symbolisierten Endes der Liebe als Passion zu entwickeln, die sich mit der Möglichkeit befasst, wieder als legitim empfundene Geheimnisse miteinander zu teilen? Welche Geheimnisse etwa können als legitim gelten und für den gezielten Aufbau von Ich-Du-Beziehungen, d. h. nicht zweckrationalen Kommunikationserfahrungen, genutzt werden? Die Vermutung des Verfassers ist, dass diese neuen, durch das Geheimnis geschützten Beziehungserfahrungen mittelbar auch politisch wirksam werden und der egalitäre Aufbruch von 1789 nicht nur in den demokratietheoretisch ja ebenfalls schwierigen und dennoch im Zeitalter der Revolutionen so eminent wirksamen Logen, sondern eben auch in den Separees des Ancien Régime eingeübt wurde. Dies geschah jedoch, so der Kern der These, weniger durch den sexuellen Akt als vielmehr in den durch ihn vermittelten kommunikativen Erfahrungen von Alterität und Egalität.
Hierzu ein diesen Text abschließender Gedanke: Falls die Marquise de Merteuil damit recht hat, dass es niemanden ohne Geheimnis gibt, liegt unsere Souveränität weniger in dem ohnehin vergeblichen Versuch, uns ‚transparent‘ zu machen, als darin, das Geheimnis unseres Herzens in die eigene Hand zu nehmen und selbst zu gestalten.