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Bewegungen der Kamera um ihre Horizontalachse oder um ihre Vertikalachse werden als Kameraschwenk bezeichnet. Technisch gibt es zur Ausführung von vertikalen oder horizontalen Schwenks eine Vielzahl hochspezialisierter Gerätschaften, die sämtliche denkbaren Kamerabwegungen ermöglichen.
Wie werden Schwenks in der Kommunikation mit Film und Video richtig eingesetzt? Diese Frage stellt sich unabhängig von der Definition und Frage, was ist ein Video und was ist ein Film.
In den Pionierjahren des Kinos fanden Bewegungen vor der Kamera statt. Die Kamera selbst ruhte stabil und unbeweglich auf einem Podest, während vor der Linse in von Verfolgungskomik geprägten Komödien die Darsteller durch die Szenen hüpften, purzelten und sprangen. Als die Kamera, noch immer in der Gründerzeit des Stummfilms, sich selbst zu bewegen begann, eröffneten sich in der Filmsprache neue Universen. Im Zeitalter der Aufrufe von Filmen via Youtube, aber auch im Auftragsfilm ist das historisch entstandene filmische Handwerkszeug meist nur mehr oberflächlich bekannt.
Teil 1 der vierteiligen Artikel-Serie enthält darum grundsätzliche Gedanken zu Kamerabewegungen (Camera Movement) in Film und Video. Dieser zweite Beitrag der Serie beschäftigt sich ausschließlich mit dem Schwenken der Kamera. Teil 3 nimmt sich der Kamerafahrt an, während Teil 4 sich der Frage stellt, warum und wann die Kamera überhaupt bewegt werden sollte. Diese Fragen werden losgelöst von Kameratypen und Kameraeinstellungen beantwortet. Sie betreffen nicht die Technik, sondern die Kameraführung.
Bewegungen der Kamera um ihre Horizontalachse oder um ihre vertikale Achse werden als Kameraschwenk bezeichnet. Technisch gibt es zur Ausführung von vertikalen oder horizontalen Schwenks eine Vielzahl hochspezialisierter Gerätschaften, die sämtliche denkbaren Bewegungen der Kamera ermöglichen. Schwenks sind aber auch aus der Hand mit Handkameras möglich, ja im Zeitalter der Videoaufnahmen mit Smartphones fast schon alltäglich geworden.
Die Möglichkeit, die Kamera zu schwenken, ist ein genau so wichtiges Gestaltungsmittel wie die Möglichkeit, die Perspektive zu beeinflussen um damit die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers zumindest in einem gewissen Mass kontrollieren zu können.
Eine ungewöhnliche Form bewegter Kamera, die ohne Kamerabewegung ensteht, ist die Bullet Time. Zu diesem Effekt findet sich bei FILMPULS einen eigener Artikel.
Wann ist ein Kameraschwenk gerechtfertigt?
Ein Kameraschwenk kann aus 6 funktionalen Gründen erfolgen:
- Verschaffen eines Überblicks
- Leiten des Blicks des Zuschauer
- Verfolgung bewegter Objekte
- Organische Überleitung zweier Einstellungen
- Als Schnitt-Ersatz (durch Objektwechsel)
- Aus film-rhythmischen Gründen, wobei Bewegung und Schwenkgeschwindigkeit als Teilelement eines größeren, dramaturgischen Ganzen erfolgen.
Befinden sich die Bildelemente zweier auf einander folgender Elemente in Bewegung, müssen diese unter allen Umständen aufeinander abgestimmt sein.Die Schwenkgeschwindigkeit muss darum ebenso wie die Häufigkeit des Schwenks und der Dauer einerseits mit der Bewegung des Filmbildes, aber auch mit der Montage harmonisieren. Die Bewegung der Bildelemente muss aber nicht nur untereinander, sondern auch in der Kombination mit dem Kameraschwenk so gestaltet sein, dass die Übergänge ineinander fließen können. Und wie alle Bewegungen der Kamera müssen Schwenks stets inhaltlich motiviert sein.
Schwenk ist nicht gleich Schwenk
Ob ein Schwenk vom Zuschauer, verbunden mit der Filmhandlung, als natürlich wahrgenommen wird, hängt nicht nur von der Art des Schwenks ab, sondern auch vom Kulturkreis des Publikums. Liest das Publikum statt von links nach rechts von rechts nach links, gilt ein Schwenk im Uhrzeigersinn als besonders und außergewöhnlich. In Kulturen, in denen von links nach rechts gelesen wird, wird ein Schwenk gegen den Uhrzeigersinn als ungewöhnlich wahrgenommen.
Die einzige, größte Gemeinsamkeit, die alle Schwenks vereint, ist die Angst vor dem Shutter-Effekt (deutsch: Stroboskop-Effekt). Er entsteht, wenn die Frequenz einer Bewegung sich mit der Frequenz von Film- oder Videobildern überschneidet. Unabhängig davon, auf welches Wiedergabemedium der Film später geladen wird oder woher später die Aufrufe zum Ansehen des Videos erfolgen. Abhängig von der Bildauflösung und dem Tempo der Schwenkbewegung können senkrechte Linien je nach Aufnahmeverfahren im Bild schwere Störungen hervorrufen, die eine spätere Verwendung der Aufnahmen komplett verunmöglichen. Als Faustregel kann gelten: je niedriger die Auflösung der Bewegung, desto tiefer das Tempo des Schwenks.
Langsamer Schwenk
Langsame Schwenks erlauben es, Veränderungen wahrzunehmen und genau hinzusehen. Sie nehmen dem Zuschauer das Gefühl für den realen Ablauf der Zeit und erzeugen dadurch eine Stimmung.
Die bekannteste Art sind Panoramas, in denen die Kamera langsam über eine stimmungsvolle Landschaft schwenkt. Dramaturgisch betrachtet sind langsame Schwenks meist auch retardierend, das heißt sie verzögern, nicht nur durch ihre Dauer sondern auch inhaltlich, die vom Zuschauer mit Spannung erwartete Fortsetzung der Handlung. Wo dies der Fall ist, dürfen langsame Schwenks nicht beliebig oft eingesetzt werden.
Suchender Schwenk
Der suchende Schwenk tastet sich an etwas heran. Er sucht, wählt aus, informiert. Meist verfolgt der suchende Schwenk dabei bewegende Objekte. Das können Menschen, Tiere, aber auch Autos oder Flugzeuge sein. Das Tempo der Kamerabewegung hängt beim suchenden Schwenk immer von der Bewegung des Objektes ab, das die Kamera begleitet. Der suchende Schwenk kann aber vorkommen, ohne dass er einem Objekt in einer Einstellung folgt. Dann ist das Schwenken der Kamera umso sorgfältiger zu wählen. Meist schwenkt die Kamera dann langsamer als bei der Verfolgung eines Objektes, und je größer die Brennweite respektive je kleiner der Aufnahmewinkel, umso ruhiger bewegt sich der suchende Schwenk.
Schneller Schwenk
Der schnelle Schwenk löst durch seine Geschwindigkeit naturgemäß Überraschungen auf. Er besitzt auch darum eine hohe dramaturgische Wichtigkeit in der Montage. Plötzliche Reaktionen des Protagonisten oder Antagonisten, oder die Konfrontation von Widersprüchen, dramatische Dialogstellen oder plötzliche Wendungen in der Handlung eines Films oder Videos sind typische Anwendungsfälle des schnellen Schwenks. Schnelle Bewegungen müssen noch stärker als langsame inhaltlich motiviert sein. Ebenso müssen sie mit den Bewegungsabläufen des Objekts vor der Kamera und dem Schnitt-Rhythmus in Übereinstimmung sein.
Schnelle Schwenks, die bewusst gegen diese Vorgaben verstoßen, können aber auch bewusst dazu eingesetzt werden, um besondere Stimmungen hervorzurufen, so in Szenen, die mit Spannung bewusst geladen werden sollen.
Reißschwenk
Der Reißschwenk gehört zu den spektakuläreren Anwendungsarten des Schwenks. Er entsteht durch eine plötzliche, unerwartete Bewegung der Kamera. Die Kamera schwenkt dabei so abrupt, dass im Bild keine Details mehr wahrnehmbar sind. Darum kann er auch als eine von der Kamera erzeugte „Wischblende“ bezeichnet werden. Sie sind Aufrufe zur erhöhten Aufmerksamkeit. Aus einem Reißschwenk kann hart auf das nächste Bild geschnitten werden, ohne dass der Schnitt störend wirkt oder sichtbar zu sein scheint.
Auswirkung auf die Produktion
Ein Schwenk hat nicht nur inhaltliche Folgen, sondern auch Auswirkungen auf die Herstellung des Films, die Termine und die Kosten. Jedes Mal, wenn die Kamera für eine Einstellung neu positioniert (aufgestellt) werden muss, zieht das für den Ablauf auf dem Filmset eine ganze Reihe von Folgen mit sich. Das Filmbild muss neu eingerichtet werden, die Position der Darsteller überprüft und das Licht neu gesetzt werden. Aber nicht nur Stative, Scheinwerfer und Kabel werden zwischen den Aufnahmen hektisch verschoben.
Durch den Positionswechsel ändert sich, wie beim Schwenk, der Blickwinkel der Kamera. Aber anders als beim Schwenk dreht sich die Kamera nicht um die eigene Achse sondern ändert ihren Standort, was meistens auch einen Wechsel der Brennweite oder Objektive bedeutet. Auch das braucht seine Zeit. Deutsch und deutlich: Der Kameraschwenk kann aus Sicht der Produktion die Dreharbeiten beschleunigen. Er verbindet, was sonst in unterschiedlichen Einstellungen stückweise aufgezeichnet wird. Im Gegenzug stellt er an die Regie erhöhte Anforderungen.
Exkurs: Filmformat
Indirekt mit der Kamera-Arbeit verbunden ist insbesondere auch die Frage nach dem Filmformat. Einen Überblick in die Thematik gibt der Filmpuls-Artikel: „Die ultimative Einführung in Filmformat und Videoformate.“
Foto: Dreharbeiten für den deutschen Monumental-Film „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang. Kamera: Karl Freund.