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Verlag Helbing & Lichtenhahn Basel 1972
© 1972 by Helbing &Lichtenhahn, Verlag, Basel Druck von Friedrich Reinhardt AG, Basel ISBN 3 7190 0617 4
I.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts publiziert Vilfredo Pareto, damals Ordinarius in Lausanne und zentrale Figur der «Lausanner Schule», eine Studie über die Verteilung des Einkommens auf die einzelnen Personen 1. In seine Analysen einbezogen ist ein recht heterogenes Konglomerat von Regionen: Staaten wie England, daneben Länder des Deutschen Reichs, große und mittelgroße norditalienische Städte. Auch Basel taucht mit einer damals bemerkenswert ungleichmäßigen Einkommensverteilung auf und geht auf diese Weise mit einem extremen «Pareto-Koeffizienten» in die Lehrbücher der Verteilungstheorie ein.
Pareto spürte der Frage nach, ob trotz der großen Unterschiede in den Wohlstandsniveaus der einzelnen Regionen die Einkommenspyramiden nicht doch gewisse Gemeinsamkeiten in ihrer Gestalt, ihrer inneren Struktur, aufweisen, die Verteilung also bestimmten — von Raum und Zeit unabhängigen — Gesetzen gehorcht.
Pareto war, jedenfalls anfangs, fest davon überzeugt, das Wirken solch geheimnisvoller Gesetze in den Statistiken gefunden zu haben. Dem Zug seiner Zeit folgend, in der der Determinismusglaube der Naturwissenschaften auf soziale Phänomene übertragen wird, spricht er von einem Naturgesetz: einer «loi naturelle qui nous
révèle une tendance des revenus à se grouper d'une certaine façon...» 2. Natürlich ist Pareto Realist genug, die beobachtete Stabilität der Einkommensstruktur nicht einer sozialen Immobilität gleichzusetzen. Innerhalb fester Strukturen der Verteilung vollzieht sich das, was er den «Kreislauf der Eliten» nannte.
Pareto ringt mit einer Schwierigkeit, mit der er letztlich nicht fertig wird. Die meisten der ererbten Fähigkeiten, die für die Einkommenserzielung relevant sein könnten, gehorchen, sofern sie sinnvoll meßbar sind, einer Normalverteilung, d. h. die einzelnen Beobachtungen gruppieren sich symmetrisch um ihren Durchschnitt, im Idealfall in Gestalt der bekannten Gaußschen Glockenkurve. Die Verteilung der Einkommen hingegen ist extrem asymmetrisch. Dies war immer so und lange vor Pareto bekannt, und es gilt heute noch, in marktwirtschaftlich orientierten Ländern ebenso wie in den sozialistischen, China inbegriffen. Der Statistiker spricht von einer schiefen, einer links-steilen Verteilung: die Masse der Einkommensbezieher liegt weit unter dem Durchschnittseinkommen, das wesentlich von den wenigen Spitzeneinkommen beeinflußt wird und als Schulbeispiel eines unechten Durchschnittes gilt.
Einen plausiblen Beitrag leistet Pareto zur Erklärung der Diskrepanz zwischen symmetrischer Fähigkeitenverteilung und asymmetrischer Einkommensverteilung mit dem Verweis auf ein Minimaleinkommen. Durch das Existenzminimum wird der linke Ast der Glockenkurve einfach abgesägt. Aber diese Tatsache reicht nicht aus; der Rest bleibt zunächst einfach «Naturgesetz».
Der Einfluß Paretos auf die Theorie und Messungstechnik der personellen Einkommensverteilung war ungewöhnlich. Es gibt kaum einen Beitrag, der nicht bei Pareto einsetzt. Aber bis in die jüngere Zeit kommt man nicht wesentlich über ihn hinaus. Sein Maß für die Verteilung, das «Pareto-Alpha», wird kritisiert, und aus der Kritik heraus werden immer neue Messungsverfahren entwickelt 3. Im Wesentlichen jedoch bleibt es beim bloßen Messen, beim Versuch, den komplexen Tatbestand einer Einkommensverteilung in eine einfache Kurve einzupassen, möglichst durch einen einzigen Parameter zu kennzeichnen. Es fehlt an einer Theorie, die Ansatzpunkte für die Erklärung oder sogar bewußte Gestaltung der Einkommensverteilung liefert. So ist es nicht verwunderlich, daß innerhalb der Distributionstheorie die Lehre von der personellen Verteilung der Einkommen eher ein Schattendasein führt. Man nehme die umfangreichen Monographien, Lehrbücher und Tagungsbände zur Hand, und man wird darüber meist nur ein eher bescheidenes Kapitel finden.
Auch im politischen Raum sind die Auseinandersetzungen um das geführt worden, was den einzelnen Einkommensbezieher, den «unselbständig Beschäftigten» der Statistik, im Grunde wenig erregt: die Lohnquote, d. h. den Anteil der gesamten Löhne am Volkseinkommen. Der Mensch interessiert sich dafür, wer in der Einkommenspyramide
in seiner Nachbarschaft steht, dicht darüber und dicht darunter, und er fragt, ob die Einkommensgefälle in der Erfahrungswelt, in der er lebt und die er versteht, leistungsgerecht sind. Er schaut gewiß auch nach den Spitzeneinkommen und dem Lebensstil der Reichsten, über die Zeitungen und Fernsehen informieren, und es mag ihm schwerfallen, sie in seinem Denkhorizont unterzubringen. Aus der Statistik zu erfahren, daß die Lohnquote im abgelaufenen Jahr um einen Prozentpunkt gestiegen sei, wird ihm kaum Trost spenden, wenn er sich ungerecht in die Einkommenshierarchie eingestuft glaubt. Immer wieder ist nachgewiesen worden, daß der Aussagewert der Lohnquote höchst beschränkt ist und kleine Änderungen ohnehin innerhalb statistischer Fehlergrenzen liegen. Aber weder Theorie noch Lohnpolitik können sich vom Quotendenken lösen, vom alten Zweiklassenmodell, das allein schon deshalb dubios ist, weil zahlreiche der wirklichen Spitzeneinkommen zur Lohnsumme rechnen und umgekehrt bei den Selbständigen recht bescheidene Einkommen auftauchen.
Ein nur flüchtiger Blick auf die Fakten reicht aus, um zu erkennen, daß ein Verteilungskonflikt, geführt als Kampf um eine möglichst hohe Lohnquote, kaum noch viel hergibt. Soll die Investitionstätigkeit nicht beeinträchtigt, sollen also Wachstum, technischer Fortschritt und Arbeitsplätze nicht gefährdet werden, so ist die Manövriermasse einer Verteilungspolitik, die dem primitiven Quotenmodell verhaftet bleibt, sehr gering. Über zwei Drittel bis zu drei Viertel des Volkseinkommens sind heute bereits Löhne, und was statistisch als «Einkommen der Selbständigen» als höchst heterogene Gruppe verbleibt, ist keineswegs nur Gewinn und Vermögenseinkommen. Zu dieser Gruppe rechnen die Freien Berufe mit ihren überdurchschnittlich hohen Verdiensten.
So bleibt schließlich festzustellen, daß die Lohnquote eigentlich nur deshalb interessant ist, weil Menschen noch immer glauben, daß sie interessant sei. Daneben mag für die Verteilungsauseinandersetzungen auch das taktische Argument eine Rolle spielen, daß es bequem und praktisch ist, diese Auseinandersetzungen an einem einzigen, leicht verständlichen und statistisch operablen Parameter aufzuziehen, Erfolge und Mißerfolge an ihm zu messen, ganz gleichgültig, ob er Aussagekraft hat oder nicht.
Die heute in ihrem Umfang kaum noch zu überblickende Theorie der Einkommensverteilung, die überwiegend eine Theorie zweier Einkommenskategorien geblieben ist, abgestellt eben auf die Erklärung jener «Lohnquote», wird zunehmend steril. Man beginnt zu fühlen, daß nicht das erklärt wird, was für das soziale Geschehen eigentlich relevant ist. Die Verteilungstheoretiker haben sich manchmal, so scheint es, verhalten wie ein Schüler beim Klassenaufsatz, der über das gestellte Thema nicht viel zu sagen weiß und deshalb mit ein paar geschickten Wendungen auf ein anderes Gebiet überleitet, wo er sich sicherer fühlt. So darf sich der Ökonom nicht wundern, wenn Probleme der personellen Einkommensverteilung heute jenseits einer streng wissenschaftlichen Analyse abgehandelt werden, Satiriker vom Typ eines N. Parkinson in bewußter Übertreibung manche Wahrheit zu sagen haben und Bücher mit reißerischen Titeln wie «Wer verdient schon, was er verdient?» oder «Die Reichen und die Superreichen» große Resonanz finden 4.
Wenn hier heute von «Neuen Dimensionen der Lehre von der Einkommensverteilung» die Rede ist, so soll in
Umrissen gezeigt werden, daß sich im Augenblick ein Wandel vollzieht, der hoffen läßt, daß sich die Theorie in diesem Bereich aus ihrer Enge löst. Goldadern scheinen angebohrt zu sein.
Zugleich sollen zwei Problemstellungen der Verteilungstheorie aufgezeigt werden, die in ihrer Bedeutung für die Wirtschaftstheorie ganz allgemein bis in jüngste Zeit nicht erkannt wurden, vielleicht auch erst in der Gegenwart kreislaufwirksame Größenordnungen erreichten, oder die beiseite geschoben wurden, weil einer Wirtschaftstheorie, die sich neoklassischer Tradition gemäß primär mit Marktvorgängen befaßte, einfach die Werkzeuge zur theoretischen Durchdringung fehlten. Gemeint ist als erster Komplex die Verteilung des Einkommens über die Generationen, als zweiter die Umverteilung von Einkommen über öffentliche Haushalte durch politische Entscheidungsprozesse, also der Weg von der primären zur sekundären Einkommensverteilung. Diese beiden, hier nur fragmentarisch behandelten und eng zusammenliegenden Komplexe seien an den Anfang gestellt. Später werden wir uns wieder den paretianischen Problemstellungen zuwenden.
Weniger als die Hälfte — oft zuweilen nur knapp über 40. v. H. und in Entwicklungsländern noch weit weniger — der Bevölkerung eines Landes erzielt ein Erwerbseinkommen. Der Anteil schwankt mit temporären Unregelmäßigkeiten in der Bevölkerungspyramide, diese wiederum ausgelöst durch Änderungen in der Geburtenrate oder bedingt durch außergewöhnliche Ereignisse. Jeder Erwerbstätige hat somit aus seinen Einkünften im Durchschnitt mehr als einen weiteren Mitbürger zu ernähren. Der Umverteilungsprozeß
vollzog sich einstmals überwiegend innerhalb der Großfamilie, vornehmlich als Redistribution in realen Kategorien: gemeinsames Wohnen, gemeinsame Haushaltsführung, feste Deputate. Im Laufe der Zeit monetarisiert sich der Umverteilungsprozeß zunehmend, und zuerst lösen sich die Alten, die Pensionäre und Rentner, aus der Großfamilie, schaffen sich Altersversicherungen auf privater Basis, gliedern sich in staatliche Versicherungssysteme ein, oder es entstehen Mischsysteme wie in der Schweiz. Mit der Entwicklung staatlicher Zwangsversicherungen vollzieht sich nicht nur eine Monetarisierung, sondern zugleich ein Dazwischenschalten öffentlicher Haushalte; ein wesentlicher Teil des Sozialproduktes wird heute durch politische Entscheide über den staatlichen Bereich umverteilt, Entscheide, die meist irreversibel sind. Die dynamische Rente der Bundesrepublik absorbiert gegenwärtig bereits mehr als 10 v. H. des Sozialproduktes, und zufolge eines ungünstigen Altersaufbaus wird dieser Anteil vorerst noch weiter steigen.
Der hier beschriebene Umverteilungsprozeß von der im Erwerbsleben stehenden auf die ältere und die jüngere Generation ist schon des längeren gründlich untersucht worden in seinen Auswirkungen auf die Struktur der Nachfrage, damit auf die Beschäftigung und seine Implikationen für die Stabilisierungspolitik. Man hat analysiert, wie sich Konsum- und Sparneigungen mit der Redistribution ändern und wie sich eine neue Konsumstruktur heranbildet. Statistisch beobachten wir das Vordringen der Einpersonen-Haushalte, die insbesondere ganz neue Anforderungen an den Wohnungsbau stellen; Kleinwohnungen sind aufwendig, weil ihre teuersten Komponenten, sanitäre Einrichtung und Küche, nicht viel weniger kosten als in großen Wohnungen.
Aber noch sehr wenig beschäftigt mit dem Problem der
Verteilung des Einkommens über die Generationen hat sich merkwürdigerweise die Verteilungstheorie selbst, jedenfalls bis in die jüngste Zeit. Ihr Hauptinteresse galt immer der primären Verteilung, d. h. den Einkommen, wie sie aus dem Produktionsprozeß herauswachsen. Über die Umverteilung nachzudenken, überließ sie der Finanzwissenschaft.
Ein Wandel vollzieht sich angesichts der Größenordnungen, die eine realitätsbezogene Verteilungstheorie nicht mehr ignorieren kann, aber auch dadurch, daß inzwischen innerhalb der ökonomischen Wissenschaft eine Theorie der Politik entwickelt worden ist —«ökonomische Theorie der Politik» oder auch «neue politische Theorie» genannt —, die es erlaubt, ökonomisch wirksame, politische Entscheidungsprozesse in einer Demokratie zu analysieren, sie quasi zu simulieren, sich mit Konflikten auseinanderzusetzen und sich in bestimmten Bereichen von der Vorstellung der Harmonie und des Marktgleichgewichts zu lösen 5. E. Liefmann-Keil, die das neue Instrumentarium erstmalig systematisch auf die Verteilung des Einkommens über die Generationen anwendet, schreibt: «Nicht der Konsens zwischen streitbaren Gruppen, sondern der Konflikt, nicht das Gleichgewicht, sondern das Ungleichgewicht werden heutzutage als aktuelle und vorzüglich diskussionsnotwendige Probleme betrachtet.» 6 Das alte Konfliktmodell des «Kampfes zwischen Arbeit und Kapital», dessen Enge und zum Teil Antiquiertheit wir eingangs beanstandeten, wird erweitert mit dem Konflikt
der Generationen, den K. Boulding gelegentlich als den «Klassenkampf der Zukunft» bezeichnet haben soll.
Die ökonomische Theorie der Politik geht im einfachsten Fall von einem Zweiparteien aus, bei dem die regierende Partei danach strebt, die nächste Wahl erneut zu gewinnen. Ihr Ziel ist die Stimmenmaximierung, so wie im neoklassischen Marktmodell dem Unternehmer als Ziel die Gewinnmaximierung unterstellt wird. Um den Generationenkonflikt in den Griff zu bekommen, stellt man sich die Alterspyramide in drei Hauptsegmente aufgespalten vor: die jungen Jahrgänge, die noch kein Stimmrecht haben und auch noch kein Erwerbseinkommen erzielen, also keine «Umverteilungsmasse» anzubieten haben, die Erwerbstätigen, d. h. die mittleren Jahrgänge, die Stimmrecht haben und die Umverteilungslast direkt durch Steuern oder mit nur schwer durchschaubaren Überwälzungsvorgängen tragen, und schließlich die Altersbevölkerung, die von Transfereinkommen lebt und mit ihren Stimmen ein nicht unwesentlicher Faktor bei Wahlen ist.
Zwei Prozesse sind es, die es zunehmend notwendig machen, eine vierte Gruppe ins Spiel zu bringen: die Herabsetzung des Wahlalters und die Verlängerung der Ausbildung. Auf diese Weise entsteht eine neue, gewichtige Wählergruppe, die noch nicht im Erwerbsleben steht und somit noch keine Steuern zahlt, aber von zusätzlichen Transferströmen profitiert. Diese jungen Jahrgänge sehen sich hier offenbar mit einem Konflikt konfrontiert, den in dieser Weise die oberen Gruppen der Bevölkerungspyramide nicht kennen. Von jeglichen zusätzlichen Transferleistungen zugunsten der Jugend können sie eine Zeitlang profitieren, müssen dann aber selbst — eben wegen der Irreversibilität der Entscheidungen — ihr ganzes Arbeitsleben hindurch an der Last mittragen.
Liefmann-Keil untersucht das Nebeneinander von Generationenzyklus
und Wahlzyklus unter der Fragestellung, ob eine Tendenz zur vermehrten Nivellierung der Einkommensverteilung durch diesen Transferprozeß besteht. Ihre Antwort lautet: nicht unbedingt. Durchschnittliche Haushaltsgröße und damit Haushaltseinkommen werden abnehmen, aber die Ungleichheit der Einkommensverteilung wird sich dabei möglicherweise sogar erhöhen 7.
Die Analyse des Prozesses der Einkommensverteilung über die Generationen zeigt sehr deutlich, daß es unzulänglich ist, Einkommen punktuell zu vergleichen. Einkünfte eines einzelnen Jahres oder Monats bilden nur einen winzigen Ausschnitt aus der sich über das ganze Arbeitsleben erstreckenden Einkommenskurve, und Momentanvergleiche verzerren das wirkliche Bild, weil in manchen Berufen hohe Einkommen erst sehr spät erreicht werden, in manchen schon früher; einzelne Berufe lassen überdurchschnittliche Einkommen überhaupt nur in einer ganz kurzen Zeitspanne erwarten. Als neues analytisches Konzept entwickelt sich dabei der Begriff des Lebenseinkommens. Kosten der Ausbildung —einschließlich des Einkommensverzichtes in den Ausbildungsjahren —, Einkommenserwerb von Berufsjahr zu Berufsjahr und Zyklen im Sparprozeß (Ersparnisbildung in den Erwerbsjahren und spätere Aufzehrung dieser Ersparnisse nach der Pensionierung) werden als ein Ganzes betrachtet, in der Bildungsökonomik reichend bis zur Errechnung einer Verzinsung der Ausbildungskosten im Sinne eines «internen Zinsfußes».
Die moderne Konsumforschung ist übrigens ganz unabhängig davon zum gleichen Ergebnis gekommen. Konsum und Ersparnisbildung hängen weit weniger als von
Keynes —für seine Zeit vielleicht zu Recht —angenommen, vom Einkommen einer einzelnen Periode ab, als vielmehr von den Einkommenserwartungen für längere Zeitabschnitte. So ersetzt M. Friedman bei der Erklärung der Konsumentscheidungen die keynesianische Theorie des absoluten Einkommens durch die Hypothese des permanenten Einkommens und führt umfangreiche empirische Untersuchungen durch; S. Kuznets erklärt aus der Lebenszyklustheorie des Sparens den Sparprozeß der amerikanischen Wirtschaft über lange Epochen hinweg 8.
Natürlich bringen auch Vergleiche in Kategorien des Lebenseinkommens neue und besondere Probleme mit sich. Die Einkommen müssen auf einen einheitlichen Bezugspunkt abgezinst werden, wobei die Auswahl des Zinsfußes kritisch ist in einer Zeit, in der der Zins mehr und mehr die Inflation und Inflationserwartungen spiegelt. Diese Abzinsung ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem. Im Prinzip müßte man vielmehr auch der Tatsache Rechnung tragen, daß die Einkommen in unterschiedlichen Lebensabschnitten nicht den gleichen Nutzen stiften. Ein hohes Einkommen in jungen Jahren, wenn der Haushalt eingerichtet wird und die Kinder heranwachsen, ist begehrenswerter denn ein hohes Einkommen gegen Ende des Erwerbslebens. Aber wir haben nur sehr vage Vorstellungen über die konkrete Gestalt einer solchen Zeitpräferenzfunktion für das Einkommen. Es wird sich kaum jemals ein operables Konzept entwickeln lassen.
Schließen wir hier mit dem Hinweis, daß eingreifende Entscheidungen über die intergenerative Einkommensverteilung auf künftige Generationen ausstrahlen. Entscheidungen über die Verteilung von heute setzen Randbedingungen für die Einkommensverteilung von morgen
und übermorgen, für Menschen, die heute noch nicht leben. Einschneidende soziale Maßnahmen wie die dynamische Rente in der Bundesrepublik haben in ihren ökonomischen Wirkungen somit den Charakter eines Generationenvertrages; ein Ausschnitt aus dem Verteilungsprozeß ist vorweggenommen, wobei nicht zu vergessen ist, daß stets nur soviel zu verteilen ist, wie künftige Generationen an Sozialprodukt hervorbringen. Aber auch dafür werden in der Gegenwart die Weichen gestellt durch die Entscheidung zu investieren oder nicht, die Infrastruktur auszubauen oder künftige Generationen damit zu belasten, den technologischen Fortschritt zu fördern, den Schutz der Umwelt schon heute in Angriff zu nehmen. Dies ist ein anderer, und zwar der altbekannte Aspekt der Verteilung des Einkommens über die Generationen; der Konflikt zwischen hohem Konsum in der Gegenwart und höherem Wohlstand für künftige Generationen. Mit ihm befaßt sich nicht so sehr die Verteilungstheorie, sondern heute vor allem die Theorie des optimalen Wachstums und der optimalen Investitionsquote. Aber es ist eben doch ein sehr bedeutsames Verteilungsproblem impliziert. Jeder Konsumverzicht heute zugunsten einer höheren Wachstumsrate ist aufzufassen als Besteuerung der lebenden Generation zugunsten künftiger Generationen.
Aus dem Komplex der Umverteilung via öffentliche Haushalte, dem wir uns jetzt kurz zuwenden, ist mit der Verteilung des Einkommens über die Generationen ein wesentlicher Ausschnitt bereits behandelt. Die Redistribution hat heute quantitativ ein Ausmaß angenommen, das
es nicht verwunderlich erscheinen läßt, wenn sich ein eigenständiger Forschungszweig «Transferökonomik» entwickelt, über den soeben ein Weltkongreß in Augsburg abgehalten wurde 9. Wie meist, wird das tatsächlich oder vermeintlich Neue vorerst etwas zu laut propagiert, wird zu gewaltsam versucht, alle Brücken zur Vergangenheit abzubrechen. Aber die Notwendigkeit einer viel gründlicheren Durchleuchtung der Umverteilungsprozesse und das Zustandekommen der relevanten Entscheidungen ist gegeben. Ein wesentlicher Teil des Sozialproduktes wird durch das Dazwischenschalten öffentlicher Haushalte und der Sozialversicherungen umverteilt: direkt durch ein System von Steuern, Sozialversicherungsbeiträgen und Unterstützungsleistungen einschließlich der Subventionen an Wirtschaftszweige, indirekt durch die kostenlose Bereitstellung von Staatsdiensten, die mit Steuern finanziert werden und wo keine Beziehung zwischen gezahlter Steuer und empfangener Leistung besteht. Die Diskrepanz zwischen primärer und sekundärer Einkommensverteilung wird zunehmend größer, und wir wissen nicht oder nur sehr vage, wer letztlich von diesem großen Umverteilungsprozeß netto profitiert und wer die Lasten trägt, und wir wissen damit auch nicht, ob die Ströme letztlich so laufen, wie sie nach Meinung des Gesetzgebers hätten laufen sollen.
Am ehesten zu erfassen sind noch die Übertragungen in Geld. Und dennoch: Wollte man für ein Land wie die Bundesrepublik mit einem wegen der Kriegsfolgelasten sehr komplizierten Transfermechanismus ein Strombild aller dieser Übertragungen aufzeichnen, so erhielte man ein kaum entwirrbares Bündel von Einzelströmen, die aber über die Redistribution im realen Sinne so lange
noch nichts besagen, wie das Überwälzungsproblem nicht gelöst ist.
Die unentgeltlich abgegebenen Staatsleistungen, ein Aggregat, das in manchen Ländern heute gegen ein Fünftel des Sozialproduktes tendiert, bereitet noch weit größere Schwierigkeiten. Aus der Nationalbuchführung abzulesen ist nur eine Nominalgröße. Eine Quantifizierung der öffentlichen Leistungen, wie sie etwa auch vorgenommen werden muß, um die reale Wachstumsrate des Sozialproduktes zu errechnen, ist nur über ziemlich kühne Unterstellungen möglich. Nach der Quantifizierung folgt der nächste und ebenso problematische Schritt, nämlich die Zurechnung zu bestimmten Empfängern dieser Leistungen: Einzelpersonen, Haushalte, soziale Gruppen, Wirtschaftsbereiche. Für manche Zweige öffentlicher Aktivität bieten sich Anhaltspunkte für die Aufschlüsselung unentgeltlicher Dienste. Man kann etwa die Bildungsaufwendungen nach der Zahl der Kinder je Familie zurechnen, kann Schlüssel finden für die Anlastung von Straßenkosten. Aber in weitem Umfange müssen alle Versuche individueller Zurechnung arbiträr bleiben, wobei nur an die Landesverteidigung oder an die innere Sicherheit gedacht zu werden braucht. Fehlt jegliches Kriterium, so verbleibt nur die Universalausrede des Statistikers: gleichmäßige Verteilung je Kopf der Bevölkerung. Aber sogleich stellt sich die Frage, ob etwa von «innerer Sicherheit» nicht der Vermögende mehr profitiert als der Vermögenslose, von der Landesverteidigung die Grenzbevölkerung mehr als die im Zentrum lebende.
Versuche einer umfassenden statistischen Durchleuchtung des Umverteilungsprozesses sind immerhin gemacht worden, und sie liefern trotz aller Vorbehalte höchst interessante Einblicke. Es gibt die klassische Studie von T. Barna für England und modernere Analysen vor allem
für die Vereinigten Staaten 10. Die Frage darf dabei nicht nur global in dem Sinne gestellt werden, ob wirklich eine Umverteilung von den Reichen zu den Armen stattfindet, sondern differenzierter, indem die Einkommenspyramide in genügend viele Segmente zergliedert wird: fünf, acht oder zehn; man spricht von Quintilen, Oktilen oder Dezilen. Es sind dann vielfältige Umverteilungsprozesse vorstellbar: von den mittleren zu den unteren, von den oberen zu den mittleren, von den obersten zu den unteren Gruppen. Sie beinhalten alle sehr verschiedenartige soziale Tatbestände, die wir aus dem Griff verlieren, wenn wir nur globale Maße für die Einkommensverteilung zugrunde legen. Umverteilungsprozesse zwischen eng beieinander liegenden Segmenten spielen vor allem dort, wo an soziale Gruppen oder Einkommensobergrenzen gebundene Zwangsversicherungen bestehen. Zu denken ist an Krankenversicherungen, bei denen Beiträge nach der Einkommenshöhe gestaffelt, die Leistungen für alle Mitglieder aber die gleichen sind.
Das theoretische Instrumentarium zur Analyse des Entscheidungsprozesses der Einkommensumverteilung ist das gleiche, wie es bereits im Zusammenhang mit der intergenerativen Einkommensverteilung behandelt wurde. Man geht von einer demokratischen Regierung aus, bei der die Regierungspartei um die Wählergunst zu ringen hat. Das Stimmrecht ist anders verteilt als Einkommen und Vermögen. Bei vollkommener Transparenz müßte somit im Modellfall der Umverteilungsstrom immer größer, d. h. die sekundäre Einkommensverteilung immer gleichmäßiger werden, wobei hinzutreten kann, daß auch eine staatliche
Bürokratie unmittelbares Interesse an der Ausweitung des Umverteilungsprozesses hat: Verteilen bedeutet Macht. Es gibt jedoch Gegenkräfte, die zu einer Stabilisierung führen. Das ziemlich komplizierte Modell kann hier nicht im einzelnen entwickelt werden. Interessant ist jedoch, daß sich aus der reinen Deduktion eine Struktur der Umverteilung ableiten läßt, die ziemlich genau mit derjenigen übereinstimmt, die die genannten empirischen Studien andeuten 11. Dies berechtigt zu der Hoffnung, daß die Forschung sich hier auf erfolgversprechenden Bahnen befindet.
Kehren wir zurück zum Ausgangspunkt, zur personellen Verteilung im Sinne einer primären Einkommensverteilung, und betrachten die Entwicklung, die sich im Anschluß an Pareto vollzogen hat. Wie schon hervorgehoben, dominiert über lange Zeit das bloße Messen. Man erkennt bald gewisse Schwächen im Pareto-Koeffizienten, so vor allem, daß er nicht unabhängig von der Art der Aufbereitung des statistischen Materials ist, und daß er entscheidend von der Verteilung der sehr hohen Einkommen geprägt wird; bei den untersten ist er nicht einmal eindeutig.
Das Argument gegen das Verfahren Paretos ist für die weiteren Betrachtungen von grundsätzlicher Bedeutung: die Wahl des logarithmischen Maßstabes, den übrigens auch viele seiner Kritiker benutzen. Für die Messung von Konzentrationen erfreut er sich ganz allgemein großer Beliebtheit, so vor allem für die Erfassung der Betriebsgrößen-Konzentration. Die Eigenschaften des logarithmischen (oder auch geometrischen) Maßstabes sind
allgemein bekannt. Auf die Einkommensverteilung angewandt, bedeutet er, daß ein Sprung von einem Monatseinkommen von 1000 Franken auf 2000 Franken genauso gewichtet wird wie ein Sprung von 2000 auf 4000 Franken oder von 4000 auf 8000 Franken. Gleiche relative Abstände werden durch gleich lange Strecken abgebildet. Dieses Messen durch einen verzerrten Maßstab, der die Einkommensbezüger zusammenrücken läßt wie die Gegenstände der Natur, gesehen durch das Teleobjektiv eines Filmapparates, ist früh schon beanstandet worden, neuerdings vor allem wieder durch den Holländer J. Pen 12. Wie ließe sich dieser Maßstab rechtfertigen, abgesehen von dem schwachen Argument, daß wegen der enormen Streuung die Einkommensverteilung mit einem unverzerrten Maßstab grafisch gar nicht sinnvoll in den Griff zu bekommen ist?
Nehmen wir als Gedankenexperiment drei Einkommensempfänger mit Monatsverdiensten von 1000, 2000 und 3000 Franken. Nach einer gewissen Zeit soll sich das Einkommen eines jeden verdoppelt haben. Die Verteilung lautet dann: 2000—4000—6000 Franken. Hat sich die Einkommensverteilung, die Einkommensstruktur, geändert? Spontan würde man wohl antworten: nein! Alle drei Einkommen sind um genau den gleichen Prozentsatz gestiegen, jeder hat seine «Einkommensparität» gehalten, und jedes Einkommen ist auch parallel zum volkswirtschaftlichen Durchschnitt angestiegen, der gern als Richtzahl gewählt wird. Aber man würde vielleicht zögern, sobald man realisiert, daß die absoluten Abstände zwischen den Einkommen größer geworden sind: auch sie haben sich jeweils verdoppelt!
Diese Betrachtung scheint bereits einen Widerspruch zu lösen, auf den man heute stößt. Die Menschen haben
das Gefühl, die Einkommensverteilung werde laufend ungleichmäßiger, d. h. die Einkommenskonzentration immer größer. Die empirischen Messungen sprechen gegen das Gefühl. Gebräuchliche Maße deuten eher auf abnehmende Konzentration (wobei aber die Einkommens-nicht mit der Vermögenskonzentration verwechselt werden darf). Aber vielleicht liegt das eben nur daran, daß wir uns daran gewöhnt haben, geometrisch zu messen. Wir sprechen von einer Stabilität der Konzentration, solange alle Einkommen um den gleichen Prozentsatz zunehmen. Doch in einer Zeit rapiden Wachstums werden dabei die absoluten Abstände schnell größer und größer. Und vielleicht fühlen die Menschen, die nicht auf die Statistiken, sondern auf die Konsumgewohnheiten schauen, diese absoluten Abstände viel stärker.
Wir sind uns kaum noch bewußt, in welchem Umfange der logarithmische Maßstab bereits in das alltägliche wirtschaftliche Denken Eingang gefunden hat; es scheint, als habe er den linearen, unverzerrten längst verdrängt. Wir registrieren den wirtschaftlichen Fortschritt in Zuwachsprozenten des Sozialproduktes und vergessen dabei allzu leicht, daß 4 v. H. Wachstum im reichen Land etwas völlig anderes beinhalten als im armen, und wir haben uns daran gewöhnt, auch die Inflation logarithmisch zu registrieren. Bewußt oder unbewußt: Wir messen mit verzerrter Elle!
Die Zeit nach Pareto ist beherrscht von Versuchen einer wahrscheinlichkeitstheoretischen Erklärung der Einkommensverteilung. Beschränken wir uns beispielhaft auf Ansätze, die sich leicht beschreiben lassen. Wie können normalverteilte menschliche Fähigkeiten zu einer schiefen Einkommensverteilung führen, so lautete Paretos Fragestellung. Die Antwort ist sehr einfach, wenn mehrere solcher Fähigkeiten zusammenwirken, sich also kumulieren.
Man nimmt als leicht verständliche Analogie gern das Gewicht des menschlichen Körpers, das durch Körpergröße und den Umfang bestimmt ist. Beide Merkmale für sich sind gewöhnlich normal verteilt. Das Gewicht hingegen ist es nicht: Es zeigt die typisch schiefe Verteilung wie auch die Einkommen; dies ist rein mathematisch bedingt, und zwar durch die multiplikative Verknüpfung von Größe und Umfang bei der Gewichtsbestimmung. Es sind viele ererbte Fähigkeiten, die im Kampf um das Einkommen eine Rolle spielen: Intelligenz, Spürsinn, Anpassungsfähigkeit, Führungsqualitäten, Ehrgeiz, Ausdauer usw. Alle mögen von Natur aus normal verteilt sein: sobald sie sich kumulieren, ergeben sich schiefe Verteilungen, mit einer um so größeren Konzentration, je mehr dieser Merkmale multiplikativ verbunden sind.
Unter den Ansätzen, die von Zufallsprozessen ausgehen, ist das sog. Gibratsche Gesetz besonders bekanntgeworden. R. Gibrat 13 führte (1931) eine Modellbetrachtung durch. Im Ausgangszeitpunkt sei eine bestimmte Einkommensverteilung vorgegeben. Von da an sollen alle einzelnen Einkommen rein zufällig in dem Sinne wachsen, daß anfangs niedrige Einkünfte teils niedrige, teils hohe Zuwachsraten, und auch die höheren Einkünfte teils niedrige, teils hohe Zuwachsraten verzeichnen. Zwischen Ausgangslage und Wachstumsraten soll kein irgendwie systematischer Zusammenhang bestehen. Die reine mathematische Ableitung zeigt, daß unter diesen Bedingungen die Einkommenskonzentration laufend größer, d. h. die Einkommensverteilung immer ungleichmäßiger wird. Es entwickelt sich eine logarithmische Normalverteilung mit ständig zunehmender Streuung 14.
Der Gibrat-Prozeß führt zu instabilen Entwicklungen, eben weil der Konzentrationsgrad ständig größer wird. Die Modellüberlegung zeigt, wie exponentiell wirkende Kräfte sich stets durchsetzen. Das Gibratsche Gesetz deutet nebenbei ziemlich düstere Perspektiven auch an, wenn man es auf die Einkommensverteilung über die Länder der Welt anwendet und modellmäßig annimmt, heutige Wohlstandsniveaus und reale Wachstumsraten der Länder der Welt seien in jener Weise verkoppelt, wie das Modell es postuliert.
Da die aus dem Modell abgeleitete Instabilität nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, hat man bremsende Gegenkräfte ins Spiel gebracht (Kalecki, Champernowne): Kraft und Gegenkraft führen zu einem Gleichgewicht. Aber befriedigt haben diese Ansätze nie. Die «Gegenkraft» erschien immer dort als deus ex machina, wo die Theorie nicht weiter wußte.
Wir verlassen die probalistischen, d. h. vom reinen Zufall ausgehenden Ansätze und wenden uns den deterministischen zu, jenem Bereich also, in dem sich im Augenblick die erfolgversprechenden, neuen Entwicklungen vollziehen. Deterministisch bedeutet hier, daß konkret jene Faktoren aufgezeigt werden, die jenseits von Zufallsprozessen auf die personelle Verteilung einwirken. Vier Ansätze seien herausgegriffen: der Einfluß ererbten Vermögens,
der bildungspolitische Ansatz, der Einfluß von Angebot und Nachfrage und schließlich die Hierarchie-Modelle. Mit der Berücksichtigung der Vermögenseinkünfte und der unterschiedlichen Bildungschancen wird in der Verteilungstheorie endlich jenen Kräften Rechnung getragen, deren Einfluß immer wieder betont wurde, die man aber weder theoretisch noch empirisch wirklich in den Griff bekommen hat. Es ist vor allem die Schule, die sich um F. Oppenheimer bildet, mit bedeutenden Ökonomen wie H. Peter und E. Preiser in Deutschland, die den Begriff des Quasimonopols (auch Klassenmonopol) und damit das Konzept der Macht in die Lehre von der personellen Einkommensverteilung einführt.
Aber ohne analytischen und empirischen Zugriff bleibt das Machtkonzept vage, was Preiser selbst eingestehen mußte 15. So haben die meisten herkömmlichen Monopolgradtheorien einen starken Zug zur Tautologie: der Monopolgrad in der Rolle eines Lückenbüßers für Kräfte, deren Wirken man fühlt, die sich jedoch nicht artikulieren lassen; der Monopolgrad wird nachträglich abgeleitet aus der Verteilung, also die bestimmende Kraft aus dem Ergebnis.
Um den Einfluß von Vermögenseinkünften modellmäßig zu erfassen, sind ziemlich radikale Vereinfachungen erforderlich. Man muß von gleichbleibender Sterbewahrscheinlichkeit ausgehen, eine bestimmte Vererbungsstruktur postulieren, dabei auch Annahmen über die Wirkungen der Erbschaftssteuer machen, und schließlich eine bestimmte Sparneigung und einen Zinssatz vorgeben.
Man mag alle diese Hypothesen als problematisch betrachten, so insbesondere den einheitlichen Zinssatz für Kapitaleinkünfte, aber ein Modell soll und kann immer nur Tendenzen andeuten; es soll aufzeigen, in welche Richtung die entscheidenden Faktoren wirken.
Das Modellergebnis ist interessant genug. Es zeigt sich, daß unter den genannten Annahmen eine Pareto-Verteilung der Einkommen zustande kommt, wobei Gleichmäßigkeit oder Ungleichmäßigkeit der Einkommensverteilung entscheidend von der Wachstumsrate der Bevölkerung abhängen, und zwar in dem Sinne, daß mit abnehmender Bevölkerungsvermehrung die Verteilung laufend ungleichmäßiger wird. Mit Plausibilitätshypothesen lassen sich sogar die Grenzen abschätzen, innerhalb derer der Pareto-Koeffizient als Maß für die Gleichheit der Verteilung liegen wird 16.
Es ist vor allem die soziologische Schule der Verteilungslehre, die sich der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Ausbildungsintensität und Einkommensverteilung gewidmet hat, eine Schule, die sich durch ausgesprochene Experimentierfreudigkeit auszeichnet. Alle möglichen Einflußgrößen werden herausgegriffen und deren Reflex in den späteren Einkünften der Individuen gemessen, meist mit dem Instrument der Korrelationsanalyse. Diese Studien, die sich überwiegend auf die Vereinigten Staaten beziehen, setzen Ende der 50er Jahre ein und können jenem Bereich zugerechnet werden, den man heute als Bildungsökonomik bezeichnet 17. Von da stammt
auch der Terminus human capital: Wie bereits dargelegt, wird für verschiedene Ausbildungsgänge ähnlich einer wirtschaftlichen Investition ein Zinssatz errechnet, indem Ausbildungskosten einerseits und die durch diese Aufwendungen über das spätere Arbeitsleben erzielten Mehreinkünfte auf der anderen Seite gegenübergestellt und abdiskontiert werden. Die Ergebnisse sollen einen Anhaltspunkt für bildungspolitische Entscheidungen bieten, zugleich aber eben auch zeigen, in welchem Ausmaß eine bestimmte Einkommensverteilung Reflex der Struktur des jeweiligen Bildungssystems ist. Und man ist natürlich der Frage nachgegangen, wie eine Bildungspolitik aussehen müßte, die auf eine gleichmäßigere Einkommensverteilung abzielt: Sollte der Schwerpunkt gesetzt sein auf die Heranbildung einer Elite, also etwa eine immer größere Zahl von Akademikern, oder sollte vielmehr versucht werden, die Intensivierung der Ausbildung auf alle Schichten auszudehnen, also zu streuen statt zu konzentrieren? Lydall glaubt, daß eher dieser zweite Weg zum Ziele führen werde 18.
J. Tinbergen kritisiert an der amerikanischen Schule, daß sie zu einseitig auf das Arbeitsangebot abstelle und die Nachfrageseite vernachlässige 19. Er entwickelt ein Modell mit normalverteiltem Angebot und normalverteilter Nachfrage und folgert, daß auch die Einkünfte normal verteilt sein werden, solange beide Kurven sich annähernd decken. Die in Wirklichkeit gegebene Schiefe der Verteilung ist bei Tinbergen die Folge einer Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage, und er leitet aus seinen Modellüberlegungen Folgerungen für eine Politik
der gleichmäßigeren Einkommensverteilung ab, die ihm als sozial engagiertem Ökonomen besonders am Herzen liegt.
Tinbergens Einwand ist berechtigt, aber man vermißt bei ihm eine selbständige Theorie der Nachfrage. Dies ist ja das Kardinalproblem einer überwiegend auf Expansion des Hochschulbereichs abzielenden Politik: Wird es wirklich möglich sein, immer mehr junge Leute in gut bezahlten Stellen unterzubringen, werden diese Stellen einfach pari passu mitwachsen? Oder werden als Folge veränderter Angebots/Nachfrage-Situationen die Verdienstmöglichkeiten entsprechend abnehmen, wie sich dies in Ländern wie den USA, Kanada, Schweden und Holland bereits abzeichnet? Dann würde sich die Politik der gleichmäßigeren Einkommensverteilung auf einem sehr aufwendigen Umweg befinden, Enttäuschungen hervorrufend bei jenen jungen Akademikern, die sich in ihren Erwartungen betrogen fühlen.
Man müßte Vertreter einer sehr optimistischen, allen Erfahrungen widersprechenden Variante der Wachstumstheorie sein, wenn man glaubte, daß mit der expansiven Hochschulpolitik die Zuwachsrate des realen Sozialproduktes entsprechend zunehmen würde, also immer mehr Positionen mit Spitzenverdiensten zur Verfügung ständen 20. Oder es müßten Chancen einer vermehrten internationalen Arbeitsteilung in dem Sinne gesehen werden, daß die reichen Länder ihre Akademikerquoten erhöhen und inferiore Arbeiten zunehmend nach außen verlagern. Wir erleben bereits die Grenzen einer solchen Politik, und überdies streben die europäischen Nachbarländer heute alle das gleiche Ziel an.
Wir kommen zum letzten Ansatz, den Hierarchie-Modellen. Wie so oft in unserer Wissenschaft, wird das Naheliegende spät erst entdeckt. Lydall 21 und — anscheinend unabhängig davon — Beckmann 22 gehen davon aus, daß ein großer Teil der Einkommensbezieher heute in hierarchisch gegliederten Unternehmen und bürokratischen Organisationen arbeitet, und in soweit kann die Einkommensverteilung nichts anderes spiegeln als die Organisations- und Besoldungsstruktur eben dieser Betriebe.
Im einfachsten Modell nimmt man an, daß in der Hierarchiekette von Stufe zu Stufe jeder Vorgesetzte eine bestimmte Zahl von Untergebenen hat und das Gehalt jeweils um einen fixen Prozentsatz höher ist als das der nächst unteren Stufe (logarithmische Skala). Unter diesen Bedingungen ergibt sich wiederum nichts anderes als unsere vertraute Pareto-Verteilung, Gleichheit oder Ungleichheit der Einkommensverteilung sind allein bestimmt durch zwei Größen: den prozentualen Stufenabstand und die Zahl der Untergebenen, die sog. «Kontrollspanne». Die Länge der Hierarchiekette hat keinen Einfluß, und die Einkommensverteilung ändert sich auch dann nicht, wenn — was eine plausible Annahme ist —mit zunehmender Kontrollspanne (größere Zahl von Untergebenen) auch der prozentuale Stufenzuschlag entsprechend zunimmt, vor allem mit dem Argument größerer Verantwortung.
Es bleibt die Frage, ob die Annahmen realistisch sind und, falls dies zutrifft, welche Logik solchen Systemen immanent ist. In der Tendenz werden die Modellhypothesen überwiegend bestätigt. Die Stufenzuschläge passen 21
sich viel besser der logarithmischen Skala (konstante Prozentsätze) als einer linearen (konstante absolute Zuschläge) an. Die neue Basler Lohnskala zeigt sogar sehr ausgeprägt nach oben zunehmende prozentuale Zuschläge, beginnend bei etwa 4 v. H. Stufenzuschlag bei den unteren und endend bei 9 v. H. bei den obersten Lohnklassen. Man findet allgemein auch den behaupteten Zusammenhang zwischen Kontrollspanne und Stufenzuschlag.
Wenn heute Ähnlichkeiten zwischen Verteilungsstrukturen in östlichen und westlichen Ländern aufgedeckt werden, dann überwiegend deshalb, weil hier wie dort hierarchisch gegliederte Organisationen dominieren und allerwärts die Vorgesetzten mehr verdienen als die Untergebenen. Chinesische Lohntheorien leugnen jegliche Markteinflüsse und betrachten den Begriff des Arbeitsmarktes als «Bestandteil der feindlichen bürgerlichen Auffassungen» 23. Ein nur flüchtiger Blick auf Lohnstatistiken zeigt, daß die Realität anders aussieht. Alle typischen Elemente eines Arbeitsmarktes sind anzutreffen: deutliche Differenzierung nach Branchen, mit den gleichen Branchen an der Spitze wie allerwärts, regionale Lohndifferenzen und —das ist das Interessante für unser augenblickliches Problem —mit einer Einteilung in 7 bzw. 8 Klassen je Wirtschaftsbereich und Region. Der Klassenzuschlag folgt in Perfektion der logarithmischen Skala: stets konstante prozentuale Zuschläge von Klasse zu Klasse, und zwar mit erstaunlich hohen Differenzen. Der Schwermaschinenbau z. B. kennt 8 Klassen mit Steigerungen von 18,1 v. H. von Stufe zu Stufe, von 17 v. H. in der chemischen Industrie 24. Wenn hier von Ähnlichkeiten in den Verteilungsstrukturen
die Rede ist, so darf dies natürlich nicht mit Gleichheit der Einkommensverteilung verwechselt werden. Es geht um das typische Bild: starke Asymmetrie, die Masse der Einkommensempfänger deutlich unter dem Durchschnittseinkommen liegend, mit einer ausgeprägten Differenzierung nach der Spitze. Die Streuung mag dabei durchaus verschieden sein. Allgemein scheint es, als gehorche die Verteilung der hohen Einkommen in westlichen Industrieländern eher dem Pareto-Gesetz, in östlichen Ländern eher der logarithmischen Normalverteilung. Der polnische Nationalökonom O. Lange, der nach dem Kriege aus den Vereinigten Staaten in sein Heimatland zurückkehrte, glaubt, daß der Unterschied auf die Existenz von Besitzeinkommen zurückgeführt werden kann 25.
Wir erkennen jetzt den vollkommenen Wandel in der Problemstellung. Es geht in der Theorie der personellen Einkommensverteilung nicht mehr darum, eine konkrete Verteilung gewaltsam in das Schema einer mathematischen Funktion zu pressen, um sie auf diese Weise durch wenige oder überhaupt einen einzigen Parameter kennzeichnen zu können. Nie haben die Funktionen wirklich gut gepaßt, und soweit sie dies taten, haben die üblichen Maße über den so komplexen Tatbestand kaum etwas ausgesagt. Heute beschreitet man gerade den umgekehrten Weg. Die Deduktion tritt an die Stelle der Induktion. Man fragt, ob bestimmte Prozesse, Verhaltensweisen und Normen der Einkommensfixierung zu ganz bestimmten Verteilungsformen führen, wie eben insbesondere der Pareto-Verteilung und der logarithmischen Normalverteilung. Die empirische Verteilung muß dann aufgefaßt werden als ein Konglomerat eben dieser Hauptverteilungstypen.
Wir haben aber noch keine Antwort auf die Frage gefunden, worin die innere Logik eines Systems gleicher relativer, d. h. absolut ständig größer werdender Zuschläge von Einkommensstufe zu Stufe liegt. Es ist ja dieses System, das das Verteilungsbild so entscheidend prägt und die Gemeinsamkeiten herbeiführt. Wohl eher scherzhaft verweist Beckmann auf ein altes indisches «Lehrbuch für Könige», in dem empfohlen wird, daß das «Einkommen auf jeder Stufe ein konstantes Vielfaches des Einkommens auf der darunter liegenden Stufe sein soll» 26.
Drei Argumente lassen sich ins Feld führen. Zunächst ist es einfach die Tatsache, daß der fixe prozentuale Zuschlag für ein Aushandeln unerhört praktisch ist. Man braucht sich nur auf eine einzige Zahl zu einigen, wie dies bei den meisten Lohnverhandlungen geschieht. Der lineare Zuschlag in Gestalt einer bestimmten Rappenzahl je Arbeitsstunde ist eher seltener: überwiegend erfolgen die Anpassungen in prozentualen Zuschlägen. Diese Praxis überträgt sich auf die Stufengliederung, und üblicherweise werden auch die Sonderleistungen in Gehaltsprozenten fixiert, womit wiederum die relativen Abstände gleichbleiben.
Zum zweiten ist es der Gedanke des abnehmenden Grenznutzens mit zunehmender Güterversorgung (d. h. zunehmender Einkommenshöhe), der sich im 19. Jahrhundert heranbildet. Gleichbleibender absoluter Lohnzuschlag würde in diesen Denkkategorien abnehmender Nutzenzuwachs bedeuten; die realen Einkommensdifferenzierungen würden nach oben mehr und mehr verschwinden. Wir müssen den Grenznutzengedanken akzeptieren, denn er gibt auch die Rechtfertigung für die Progressivität der Einkommenssteuer ab. Der konstante
prozentuale Zuschlag impliziert übrigens eine sehr einfache und sehr alte Nutzenfunktion: die Bernoulli-Funktion.
Wir schließen unsere Betrachtungen mit dem dritten Argument, das uns zeigt, wie unbefriedigend der Stand der Verteilungslehre in einer Hinsicht noch ist, vermutlich aber immer bleiben wird. Wir sprechen viel von «gerechter Einkommensverteilung». Sie taucht überall auf im Katalog der fünf ökonomisch-sozialen Hauptziele, aber wir wissen nicht, wie sie aussieht. Das normative Element in der Verteilungstheorie ist wenig ausgebildet, trotz mancher Ansätze, neuerdings wieder bei Tinbergen 27. So ist es nicht verwunderlich, daß das Verteilungsziel ein abgeleitetes Ziel. bleibt, nicht ein ultimatives. «Man beurteilt die Einkommensverteilung nicht nach den Konsequenzen, welche sie für die Gesellschaft hat, sondern danach, ob sie die Realisierung bestimmter (anderer) Zielvorstellungen erleichtert.» 28 Diese anderen Ziele sind vorrangig Wachstum, Vollbeschäftigung, Preisstabilität und Gleichgewicht der Zahlungsbilanz.
Wir haben in Kategorien zweier Maßstäbe argumentiert, dem linearen und dem geometrischen (logarithmischen). Beide sind arbiträr, in gewisser Weise vielleicht extreme Maßstäbe. Welcher Maßstab für unser Problem des angemessenen Zuschlages der «gerechte» ist, wissen wir nicht, und vermutlich wird die Theorie niemals sehr viel weiterkommen. Auch komplizierteste Lohnsysteme werden die gerechte Skala nie finden. Von zwei praktischen Skalen scheint uns das System der gleichen prozentualen Zuschläge das plausiblere zu sein, und es ist zugleich deshalb
so praktisch, weil nicht eine Vielzahl von genau festzulegenden Einzelzuschlägen auszuhandeln ist. Solange keine wirklichen Argumente für eine neue, gerechtere Skala vorgebracht werden, wird kaum Anlaß bestehen, von einfachen zu komplizierteren Systemen überzugehen.
Die Suche nach einer gerechten Einkommensverteilung ist Kernstück vieler Staatsutopien. Platon beschäftigte sich mit ihr, Campanella, Th. Morus. Wir finden in den Utopien egalitäre Ideale vertreten, aber auch Versuche der leistungsgerechten Gestaltung. J. H. v. Thünen glaubte eine Zauberformel gefunden zu haben, die heute eher als skurrile Idee eines genialen Mannes gilt. Immerhin hatte Thünen erkannt, daß ein gerechter Lohn zugeschnitten sein muß auf Leistung und individuelle Bedürfnisse 29. Längst ist jeder Lohn zu einer untrennbaren Mischung von Leistungs. und Soziallohn geworden, und wir sind uns der sozialen Komponente oft kaum noch bewußt. In der Marxschen Utopie tritt bei zunehmender Sättigung mit Konsumgütern das Verteilungsproblem immer mehr in den Hintergrund; auch der einkommensumverteilende Staat verschwindet. Die Realität sieht anders aus. Die Klassiker der Nationalökonomie wußten bereits, daß mit nachlassendem Wirtschaftswachstum der Verteilungskonflikt an Schärfe gewinnt. Möglicherweise gehen wir einer solchen Zeit langsameren Wachstums oder gar der Stagnation entgegen, sei es, weil in zentraleuropäischen Ländern das Bevölkerungswachstum nachläßt, sei es, weil die Menschen weiteres Wachstum nicht mehr als erstrebenswert betrachten. Man findet die Meinung
vertreten, daß mit gemächlicherem Wachstum die Einkommensverteilung quasi von selbst gleichmäßiger zu werden tendiere. Weder theoretische Überlegungen noch die Empirie bestätigen diese Hoffnung. Die Wirtschaftswissenschaft sollte sich beizeiten rüsten für eine Zeit, in der sich das Verteilungsproblem möglicherweise wieder nach vorn drängt.