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Eine weitere Betrachtung zum Buch von Mariana Mazzucato
EINE DRITTE SÄULE
Mariana Mazzucatos Theorie über die Innovation in unseren postmodernen Gesellschaften basiert im wesentlichen auf zwei Säulen: Privat finanzierte Forschung und Entwicklung zum Einen und staatlich finanzierte oder geförderte Innovationen. Sie plädiert für eine Symbiose beider Systeme, bei der sowohl private Investoren als auch die Allgemeinheit in angemessener Weise profitieren.
Darüber hinaus schlage ich vor, in diesem Innovations- Ökosystem eine dritte Säule, nämlich nicht institutionelle, kooperative Netzwerke zu betrachten. Diese kann man im weitesten Sinne unter dem Begriff Citizen Science zusammenfassen. Neben der systematischen Beobachtung von Singvögeln oder Schmetterlingen, historischen Forschungen und ähnlichen Aktivitäten zähle ich beispielsweise auch die Entwicklung von Open Source Software zum Bereich der Citizen Science. An zwei Systemen von freiwilligen Forschern und Entwicklern will ich zeigen, welche wachsende Bedeutung kooperative, nicht kommerzielle Netzwerke innerhalb des gesamten Innovations- Ökosystems haben.
OPEN SOURCE SOFTWARE: KOOPERATION STATT KONFRONTATION
Die landläufige Vorstellung über Open Source Software geht davon aus, dass diese von einigen Enthusiasten in Heimarbeit erstellt und dann der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Dies ist zwar nicht falsch, beschreibt aber nur einen Teil der Wahrheit. Es ist wahr, dass Open Source Software kostenlos genutzt werden darf. Die Nutzung setzt aber voraus, dass die Lizenzbestimmungen (z.B. General Public License GPL oder ähnlich) anerkannt und eingehalten werden. Die Bestimmungen der GPL besagen unter Anderem, dass die Software kostenlos genutzt werden darf. Im Gegensatz zu proprietärer Software darf sie sogar verändert, erweitert oder weiter entwickelt werden. Einzige Bedingung ist, dass der Quellcode (Source Code) der veränderten oder erweiterten Software wieder unter der selben Lizenz veröffentlicht wird. Ein Entwickler darf beispielsweise Quellcode anderer Open Source Projekte verwenden und hat davon einen Nutzen für das eigene Projekt. Im Gegenzug muss er seine eigene Arbeit veröffentlichen und gibt damit wieder etwas an die Gemeinschaft (Community) zurück. Es entsteht ein Nutzen sowohl für den einzelnen Entwickler, als auch für die Community. Eine Win Win Situation – sowohl für den einzelnen Entwickler, der mit geringem Aufwand komplexe Systeme realisieren kann, als auch für die Community, die von den Beiträgen vieler Einzelner profitiert.
Die Ursprünge der Open Source Software lassen sich zurück verfolgen bis in die Anfänge der Computertechnik. Ursprünglich, der kommerzielle Nutzen von Software war noch nicht erkannt, wurde diese hauptsächlich an Universitäten entwickelt. Erst später, etwa Ende der 1970er Jahre, wurden die wissenschaftlichen Arbeiten kommerzialisiert, d.h. von privaten Unternehmen angeeignet (siehe auch Mariana Mazzucato). Steve Jobs (Apple) oder Bill Gates (Microsoft), um nur einige bekannte Namen zu nennen, waren Pioniere dieses Prozesses.
Parallel dazu wurde auch weiterhin an Universitäten Software entwickelt, ausgetauscht und öffentlich zugänglich gemacht. So konnte beispielsweise die Berkeley Software Distribution (BSD) der University of California Berkley ursprünglich in Form von Magnetbändern bezogen werden, wobei nur Kosten für die Bänder und deren Versand anfielen, jedoch keine Gebühren für die Nutzungslizenz. Später, etwa ab 1990, mit der breiten Verfügbarkeit des Internets, konnte die Software kostenlos heruntergeladen und genutzt werden. Kosten für einen Computer waren so weit gesunken, dass sie auch für private Entwickler erschwinglich waren. Die Software konnte so auch ausserhalb der Universitäten von einzelnen Personen weiter entwickelt werden. Aus der ursprünglichen Berkeley Software Distribution entstand das Open Source Projekt Open BSD, das von zahlreichen Entwicklern weltweit unterstützt wird. Die Lizenz von BSD erlaubt, im Gegensatz zu General Public License (GPL), dass die Software verwendet und weiter entwickelt werden darf, ohne dass die Ergebnisse unter der selben Lizenz veröffentlicht werden. So war es möglich, dass Apple auf der Basis von BSD das Betriebssystem OS X entwickelte und dieses unter Apple’s eigener, proprietärer Lizenz höchst profitabel vermarktet. Dies, wohlgemerkt, ohne einen angemessenen Beitrag an die BSD Community zu leisten.
Die beschriebene Aneignung von Software ist unter der General Public License GPL und ähnlicher Lizenzmodelle, nicht möglich. Wer die Software in eigenen Projekten verwendet und weiter entwickelt, verpflichtet sich, die Ergebnisse unter der selben Lizenz wieder zu veröffentlichen. Trotz dieser Einschränkung findet Open Source Software heute weite Anwendung in kommerziellen Projekten. Redhat ist eine der Firmen, die früh erkannt haben, dass sich auf der Basis von Open Source Software ein profitables Geschäftsmodell aufbauen lässt. Das Geschäftsmodell verzichtet bewusst auf Einnahmen aus Lizenzgebühren und finanziert sich ausschliesslich aus Dienstleistungen wie Support, Schulungen usw. Redhat entwickelt selbst Software oder finanziert die Entwicklung durch Dritte. Die Entwicklungen werden gemäss den Regeln der Open Source Lizenzen wieder der Community zur Verfügung gestellt. Damit wurde Redhat, neben anderen Firmen, zu einem wichtigen Akteur in der Open Source Community. Heute ist Redhat mit einem ansehnlichen Börsenwert am New York Stock Exchange (NYSE: RHT) notiert, was zeigt, dass ihr Geschäftsmodell durchaus erfolgreich und profitabel ist.
Andere Firmen verwenden ein gemischtes Geschäftsmodell, indem sie in ihren Produkten proprietäre Software neben Open Source Programmen einsetzen. So ist enthält beispielsweise Google’s Android Betriebssystem einen nach GPL lizenzierten Kern (Linux) neben proprietär lizenzierten, nicht veröffentlichten Modulen. Google entwickelt sowohl proprietär als auch Open Source lizenzierte Software. Zudem unterstützt Google die Open Source Community mit Rechtshilfe gegen massive juristische Angriffe von Seiten der proprietären Software Industrie – allen voran Apple (siehe z.B. NY Times: The Patent, Used as a Sword). Somit leisten auch Google und ähnlich strukturierte Unternehmen wichtige Beiträge zum heterogenen Open Source Ökosystem.
Wie wir sehen, besteht das Open Source Ökosystem bei weitem nicht mehr nur aus einzelnen Freaks, die in unbezahlter Heimarbeit grossartige Produkte entwickeln. Neben ihnen gibt es zahlreiche kommerzielle Akteure, z.B. Redhat, Google, VMware usw. Die Open Source Software nutzen und zudem namhafte Beiträge an die Community leisten. Zunehmend erfolgreiche Produkte, wie Linux, Android, Firefox, Thunderbird, LibreOffice, Gimp und viele andere beweisen die grosse Bedeutung des Open Source Ökosystems für die Innovation in der Software Industrie. Das Open Source Ökosystem unterscheidet sich durch seinen stark auf Kooperation basierenden Charakter grundlegend von herkömmlichen, ausschiesslich auf Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichteten Forschungs- und Entwicklungssystemen.
AMATEURFUNK: EIN FRÜHER VORLÄUFER
Eine der Voraussetzungen für den Erfolg von Open Source Software war die breite Verfügbarkeit des Internets. Sie ermöglichte Entwicklern auf der ganzen Welt, ihre Ideen und Arbeiten mit wenig Aufwand auszutauschen und zu verbreiten. Ein ebenfalls Welt umspannendes Kommunikationsnetzwerk gab es bereits viel früher: Funk Amateure hatten bereits um 1910 begonnen, über Radiowellen miteinander zu kommunizieren. Im Lauf der Jahre entwickelten sie ein weltweites Netzwerk von Amateur Radio Clubs, deren Mitglieder versuchten, Kommunikations- Verbindungen über möglichst grosse Distanzen aufzubauen. Die benötigte Ausrüstung (Sender, Empfänger, Antennen usw.) Waren häufig unerschwinglich für Amateure oder noch gar nicht verfügbar. Die Funker waren daher gezwungen, ihre Ausrüstungen selbst zu entwickeln und zu bauen. Das dafür erforderliche Wissen wurde weitgehend über das Amateur Radio Netzwerk ausgetauscht und verbreitet. Neben der Entwicklung der erforderlichen Technik erforschten und dokumentierten sie die Ausbreitung von Radiowellen in der Atmosphäre über grosse Distanzen. Das so gewonnene Knowhow wurde später durch Firmen wie RCA oder Motorola für kommerzielle und militärische Anwendungen verwendet. Die Beiträge der Radio Amateure hatten bedeutenden Einfluss auf die Technologie der drahtlosen Telekommunikation bis in unsere Zeit.
ZUSAMMENFASSUNG
Im Prinzip funktioniert das Netzwerk der Radio Amateure ähnlich wie das moderne Open Source Ökosystem. Die Basis beider Ökosysteme bildet ein weltumspannendes, mit geringem Aufwand zugängliches Kommunikations- Netzwerk. Die Innovationen werden im frühen Stadium von Gruppen und Individuen angetrieben, die ihre Motivation aus einer kreativen, oft spielerischen Neugier beziehen. Die Frage nach dem potenziellen Nutzen, ob oder wie sich mit dem gewonnenen Know How Geld verdienen lässt, spielt eine untergeordnete Rolle. Erst später, wenn die ökonomische Verwertbarkeit der Innovationen erkennbar wird, nutzen auch kommerzielle Unternehmen das so gewonnene Wissen. Im besten Fall leisten sie dabei einen Beitrag zur weiteren Entwicklung und werden so ein aktiver und wichtiger Teil der Community.
Im Gegensatz zu rein kommerziell ausgerichteten Systemen besteht in den beschriebenen Netzwerken eine hohe Bereitschaft Wissen zu teilen und zu verteilen. Einzelne ziehen Nutzen aus gemeinsam gewonnenem Wissen und helfen mit, dieses Wissen zu erweitern. Es besteht ein gemeinsames Interesse, das erlangte Know How zu vertiefen und zu erweitern. Die Beiträge zur Community können sehr vielfältige Formen annehmen. Sie gehen von eigentlicher Entwicklungsarbeit über Test, Dokumentation, Übersetzung in verschiedene Sprachen, Support, bis hin zum Rechtsschutz gegen aggressive juristische Angriffe seitens proprietär orientierter Marktteilnehmer gegen die Community.
Die wachsende Bedeutung von Open Source Produkten in der Software Industrie lässt erwarten, dass die beschriebenen kooperativen, nicht hierarchischen und in ihren frühen Stadien nicht kommerziellen Modelle der Innovationsarbeit zukünftig an Bedeutung gewinnen werden. Sie können einen wertvollen Beitrag zu einer positiven Entwicklung unserer Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme leisten. Entscheidend dafür ist, dass ein institutioneller Rahmen geschaffen wird, der diese Arten der Zusammenarbeit schützt und fördert. Zu nennen ist hier vor Allem das Patent- und Urheberrecht, welches von mächtigen Marktteilnehmern häufig missbraucht wird, um innovative Kleinunternehmen mit schwacher Kapitalausstattung am Zugang zum Markt hindern.
Diesen Artikel widme ich meinem frühen Lehrer Sepp Reithofer (DL6MH), einer der oben beschriebenen Amateur Radio Pioniere, der mich ein Stück auf meinem Weg durchs Leben leitete und begleitete.