Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03380.jsonl.gz/2607

Ernährung und Konsum von Suchtmitteln. Die Gewohnheiten von Rückenmarksverletzten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung
Im Rahmen der SwiSCI Umfrage wurden 511 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu ihrem Gesundheitsverhalten befragt. Eine Studie gibt nun detaillierte Informationen zur Flüssigkeitszufuhr, zum Verzehr von Obst, Gemüse und Fleisch, sowie zum Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum. Dr. Christine Fekete berichtet hier über das wissenschaftliche Vorgehen und die Ergebnisse.
Was haben wir untersucht?
In einem ersten Schritt haben wir die Daten beschreibend ausgewertet, um beispielsweise abzubilden wie hoch die Raucherrate unter Rückenmarksverletzten ist, wie viele Portionen Obst und Gemüse durchschnittlich konsumiert werden, oder wie viele Probanden in den letzten 30 Tagen Cannabis konsumiert haben. Weiter haben wir uns die Frage gestellt, ob sich gesundheitliche Verhaltensweisen unter Rückenmarksverletzten vom Gesundheitsverhalten der Gesamtbevölkerung unterscheidet. Zur Beantwortung dieser Frage wurden Daten aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012 herangezogen, bei der rund 22'600 Personen zu ihrem Gesundheitsverhalten Auskunft gaben.
Des Weiteren sind wir der Frage nachgegangen, inwiefern Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen das Gesundheitsverhalten bei Personen mit Rückenmarksverletzung beeinflussen. Verhalten sich ältere Leute anders als jüngere oder leben Personen mit hohem Einkommen gesünder als Personen mit geringerem Einkommen? Abschliessend wollten wir beleuchten, inwieweit gesundheitliche Verhaltensweisen gemeinsam auftreten. Zeigen uns die Daten beispielsweise, dass Raucher mehr Alkohol trinken und sich ungünstiger ernähren als Nicht-Raucher?
Wie verhalten sich Personen mit Rückenmarksverletzungen und wie schneiden sie damit im gesamtschweizerischen Vergleich ab?
Rund 12% der Rückenmarksverletzten gaben an, täglich weniger als 1 Liter zu trinken, während etwa 38% angaben, mehr als 2 Liter zu trinken. Etwa ein Drittel der befragten Personen haben berichtet, täglich höchstens zwei Portionen Obst und Gemüse zu essen und nur jede fünfte Person erreichte die empfohlenen fünf Portionen pro Tag. Betreffend Fleischkonsum zeigte sich, dass 2% der Befragten gar kein Fleisch essen. 56% der befragten Personen konsumierten mindestens 4-mal pro Woche Fleisch (Tabelle 1).
|Konsum||Anteil der SwiSCI Studienteilnehmer in %|
|täglicher Flüssigkeitskonsum|
|>= 1 Liter||11.7|
|1.01-1.5 Liter||

23.5
|> 2 Liter||

37.5
|Obst- und Gemüsekonsum||

|Weniger als 1 Portion / Tag||

9.5
|1-2 Portionen / Tag||

25.3
|3-4 Portionen / Tag||

46.1
|5 oder mehr||

19.1
|Fleischkonsum||

|Nie, Vegetarier||

2.0
|1 Tag oder weniger||

7.5
|2-3 Tage / Woche||

35.0
|4-5 Tage / Woche||

39.3
|6 Tage / Woche oder mehr||

16.3
Tabelle 1: Ernährungsgewohnheiten der SwiSCI Studienteilnehmer
In einem nächsten Schritt haben wir Daten aus der SwiSCI-Befragung zu Ernährung, Rauchen, Alkohol- und Cannabiskonsum den Daten aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012 gegenübergestellt. Dabei zeigten sich geringfügige Unterschiede bei der täglichen Flüssigkeitszufuhr und dem Fleischkonsum, wobei Rückenmarksverletzte mehr nicht-alkoholische Getränke zu sich nahmen und etwas seltener Fleisch konsumierten. Bezogen auf diese Indikatoren essen die
Rückenmarksverletzten im gesamtschweizerischen Vergleich also etwas gesünder. Bezüglich des Rauchverhaltens konnten wir keinerlei Unterschiede feststellen, die
Raucherraten fallen beinahe identisch aus. Erstaunlicher ausgefallen sind hingegen die Ergebnisse zu Alkohol- und Cannabiskonsum. Hierbei zeigte sich ein
deutlich höherer Alkoholkonsum in der Gesamtbevölkerung, während unter Rückenmarksverletzten erheblich häufiger Cannabis konsumiert wurde (Tabelle 2).
|Konsum||SwiSCI Studienteilnehmer||Schweizerische Gesamtbevölkerung|
|Ernährungsgewohnheiten (durchschnittl. Konsum)|
|Flüssigkeitszufuhr in Liter / Tag||2.0||1.7|
|Obst- und Früchtekonsum in Portionen / Tag||1.4||1.3|
|Gemüsekonsum in Portionen / Tag||1.5||1.6|
|Fleischkonsum in Tagen / Woche||3.7||4.0|
|Tabakkonsum|
|Raucher in %||24.9||24.8|
|Ex-Raucher in %||28.9||28.7|
|Nie-Raucher in %||46.2||46.5|
|Alkohol- und Cannabiskonsum|
|Alkoholkonsum in Gramm pro Tag||6.3||12.2|
|Cannabiskonsum in den letzten 30 Tagen in %||7.0||1.2|
Tabelle 2: Ernährung, Rauchen, Alkohol- und Cannabiskonsum: Vergleich der SwiSCI Studienteilnehmer mit Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012
Beeinflussen Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen das Gesundheitsverhalten auch bei Rückenmarksverletzten?
Aus jahrzehntelanger Forschung ist bekannt, dass Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen das Gesundheitsverhalten beeinflussen. [1-3] Erstaunlicherweise fanden wir in den SwiSCI-Daten jedoch keine Zusammenhänge zwischen Bildung, Einkommen und dem Gesundheitsverhalten. Erwartungsgemäss zeigten sich alters- und geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede. So wurde beispielsweise deutlich, dass Männer sich insgesamt ungünstiger ernähren und mehr Alkohol konsumieren als Frauen. Auch ging aus den Daten hervor, dass ältere Menschen seltener rauchen und weniger Cannabis konsumieren, jedoch mehr Alkohol trinken als Jüngere.
Auffallend war, dass gewisse Verhaltensweisen häufig gemeinsam auftreten. Personen mit einer höheren Ernährungsqualität haben tendenziell angegeben, weniger Alkohol zu trinken als Personen mit geringerer Ernährungsqualität. Auch zeigten sich starke Zusammenhänge zwischen Rauchen, Alkohol- und Cannabiskonsum: Raucher trinken generell mehr Alkohol und geben an, häufiger Cannabis zu konsumieren als Nicht-Raucher.
Was können wir aus diesen Ergebnissen schlussfolgern?
Die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen zwischen Menschen mit Rückenmarksverletzung und Personen aus der Schweizerischen Gesamtbevölkerung unterscheiden sich kaum. Nebst den Unterschieden zwischen den Geschlechtern konnten wir zeigen, dass das Gesundheitsverhalten altersabhängig ist und insbesondere Tabak, Alkohol und Cannabis häufig gemeinsam konsumiert werden. Können wir aus diesen Ergebnissen gesundheitsförderliche Empfehlungen ableiten? Ja, generell wäre ein erhöhter Konsum von Obst und Gemüse, eine Reduktion des Fleischkonsums und eine weitere Reduktion der Raucherrate wünschenswert – und zwar sowohl bei querschnittgelähmten Menschen als auch in der Schweizerischen Gesamtbevölkerung.
Referenzen
[1] Statistik Schweiz (2012). Gesundheitsstatistik 2012. Bundesamt für Statistik, Neuchâtel
[2] Huisman M, Kunst AE, Mackenbach JP (2005) Inequalities in the prevalence of smoking in the European Union: comparing education and income. Prev Med 40(6):756-764
[3] Lantz PM, House JS, Lepkowski JM, Williams DR, Mero RP, Chen J (1998) Socioeconomic factors, health behaviors, and mortality: results from a nationally representative prospective study of US adults. JAMA 279(21):1703-1708