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Mimi ist inkontinent, sie verliert unwillkürlich Urin
Mimi ist ein stolzes sechsjähriges Meerschweinchen, das seit fünfeinhalb Jahren bei seinem Besitzer lebt. Vor gut einem Jahr starb seine Gefährtin, und Mimi blieb fast zwei Jahre alleine zurück. Seither hat sich ihr Zustand immer mehr verschlechtert.
Mimi wird in einer Papiertragetasche in die Praxis gebracht. Die Tücher sind feucht von ihrem Urin, den sie während der fünfundzwanzig- minütigen Reise abgesetzt hat. Das kleine Tier zittert und setzt auf dem Behandlungstisch gleich Kot ab. Der Besitzer erzählt, wie lieb und unterwürfig Mimi sei. Er hätte seit einer Woche zwei Böcke gekauft, und Mimi ginge ihnen eher aus dem Weg. Sonst würden sich die drei gut verstehen. Zu Auseinandersetzungen käme es nicht, obwohl ihr Zuhause nur etwa ein Quadratmeter gross sei.
Es ist wichtig zu wissen, was ein Tier braucht, wenn man es halten möchte. Deshalb erzähle ich Mimis Besitzer einige Grundbedürfnisse der Meerschweinchen, die genau wie Menschen, Hunde oder andere Spezies auf gewisse Bedingungen angewiesen sind, um ein gut funktionierendes Immunsystem entwickeln zu können und somit auch gesund und glücklich zu sein.
Meerschweinchen sind ausgeprägte soziale Wesen die unmöglich alleine leben können. Am besten sind zwei oder mehr Tiere zusammen in einem mindestens eineinhalb Quadratmeter grossen Gehege (jeweils ein halber Quadratmeter mehr pro Tier), das idealerweise auch Klettermöglichkeiten, d.h. Dächer von Verstecken, Tablare an den Wänden, etc. aufweist. Höhlenartige Verstecke sind für Meerschweinchen nötig, damit sie sich jederzeit zurückziehen können.
Was auch wissenswert ist: Meerschweinchen sind eigentlich keine Kuscheltiere, sie mögen es nicht besonders, herumgetragen und gestreichelt zu werden. Vielmehr sind sie wunderbare Zeitvertreiber, indem man sie stundenlang beobachten kann, denn sie sind tagaktiv und huschen dann von einem Versteck zum andern, jagen sich vielleicht kurz, fressen und beobachten selbst viel.
Mimi macht keinen schlechten Eindruck. Beim Abhören des Herzens, der Atmung und der Verdauung ist nichts auffallend. Die Zähne sind schön abgerieben, und die Nägel müssen nur leicht gekürzt werden. Mimi bekommt auch nur gutes Futter, d.h. viel Heu und Holz zum knabbern, Salat und Früchte. Nur ab und zu Kraftfutter, das ist gut. Die Alleinhaltung hat dem Nager aber sicher geschadet. „Sie hat keine Lebensfreude mehr und guckt auch jetzt, wo sie doch zwei neue Gefährten bekommen hat, oft in eine Ecke“, erzählt der Besitzer.
Für die Blasenentzündung und das im Moment vorherrschende Verhalten und angenommene Befinden bekommt Mimi eine homöopathische Arznei einmal ins Maul. Der Besitzer verspricht ein grösseres Gehege zu bauen, da er jetzt drei Tiere hat und diese mehr Platz brauchen.
Nach einem Monat berichtet er, er sei dabei, Verstecke neu zu bauen, es ginge aber noch eine Weile, da er sonst sehr beschäftigt sei. Mimi verhalte sich immer noch apathisch und sei an den Böcken nicht interessiert. Die Böcke lassen sie auch in Ruhe. Die Zystitis scheint geheilt: Mimi ist nicht mehr nass.
Ich erhoffe mir sehr viel von dem neuen Zuhause der drei Tiere. Ein angenehmes Zuhause, wo man sich wohl fühlt, wo es trocken und sauber ist (Meerschweinchen haben keine gepolsterten Fusssohlen), Nahrung und Wasser auffindbar sind, man keine Angst haben muss und nicht einsam ist, stellt auch für kleine Heimtiere die Grundlage eines gesundes Lebens dar, genauso wie für uns Menschen!