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Am 14. August vor einem Jahr stürzte die zentrale Autobahnbrücke von Genua ein. Seither gilt Genua als geschundene Hafenstadt. Sie stand und steht als ehemalige Seerepublik im Schatten ihrer Erzrivalin Venedig. Während die Lagunenstadt unter den Tourismusströmen ächzt und nun Eintrittsgebühren verlangt, bleibt die Attraktivität Genuas unterschätzt.
von Anton Ladner
«Die Genuesen haben sehr viel mit den Schweizern gemeinsam», sagt Alessandro Ravera. «Schon damals in der Republik Genova zogen sie es vor, Geld zu verdienen, statt es auszugeben.» Der Kunstexperte steht in der Via Grimaldi vor dem Palazzo Rosso, um dort wenig später die darin ausgestellten Kunstwerke zu erklären. Die Palazzi der Via Garibaldi stammen aus dem 16. Jahrhundert, als die Hafenstadt dank dem Fürsten und Admiral Andrea Doria zu einer europäischen See- und Finanzmacht aufstieg. So entstand auf einer Länge von 250 Metern eine neue Prachtstrasse mit Palästen, die deshalb auch lang Strada Nova genannt wurde. Ihre Realisierung dauerte 150 Jahre. In diesem Zeitraum errichteten dort alle einflussreichen Familien einen monumentalen Palazzo. Alessandro Ravera macht auf die filigranen Masken, Girlanden und Wappen auf den Aussenfassaden aufmerksam. Die Palazzi verfügen über beeindruckende Innenhöfe mit Gärten und Skulpturen. Sie stehen, so Ravera, für den Reichtum Genuas als europäische See- und Finanzmacht.
Die Palazzi wechselten im Laufe der Jahrhunderte ihre Besitzer, und zunehmend fehlte das Geld, um die blätternden Fassaden zu sanieren. Mit der Wahl Genuas zur europäischen Kulturhauptstadt 2004 änderte sich das auf einen Schlag. Seit 2006 sind die prunkvollen Palazzi Spinola, Pallavicino, Doria Tursi (das Rathaus mit Museum) Unesco-Weltkulturerbe. Im Palazzo Rosso sind in intimem Rahmen fantastische Werke von Rubens, Dürer und van Dyck zu sehen. Der Auftrag zum Bau des Palazzo Rosso erging 1671 von Rodolfo und Giovanni Francesco Brignole Sale. Die letzte Vertreterin dieser bedeutenden Genueser Familie und Erbin des Palazzos, Maria Brignole Sale De Ferrari, vermachte ihn zusammen mit den Bildern der Stadt.
Die Paläste der Via Garibaldi werden auch als Palazzi dei Rolli bezeichnet. Der Name leitet sich von Liste (rollo) ab, weil zur Zeit der Republik nach Losentscheid festgelegt wurde, welche Adelsfamilie den Papst, den Kaiser und andere Staatsoberhäupter beherbergen durfte. Denn dem Dogen war es verboten, Staatsgäste im Palazzo Ducale wohnen zu lassen. Seit Andreas Dorias Reformen um 1528 wurden der Grosse und der Kleine Rat sowie der Doge für jeweils zwei Jahre gewählt. Die Genuesen, die sich als hervorragende Bankiers erwiesen, zogen die Kontrolle dem Vertrauen vor. Ihren ausserordentlichen Reichtum erlangten sie durch die Finanzierungen mehrerer europäischer Mächte. So finanzierte der genuesische Adel die teuren Unternehmungen der spanischen Krone. Damals entdeckte der Genueser Seefahrer Christoph Kolumbus im Auftrage Spaniens die «Neue Welt». Andrea Dorias Regierungskonzept blieb in Genua bis zum Ausbruch der Französischen Revolution bestehen. In diesem langen Zeitraum von über 250 Jahren erzielten die Bankiers von Genua enorme Gewinne in der Alten und der Neuen Welt. Diese Geschäfte kompensierten um ein Vielfaches den an Venedig verlorenen Handel mit dem Osten.
Genua blieb in der Folge eine Stadt der grossen Umbrüche. Der letzte begann vor 40 Jahren. Die an den Hafen gebundene Schwerindustrie in den Hintertälern von Genua geriet in eine grosse Krise. Es folgte eine Deindustrialisierung, der sehr viele Arbeitsplätze zum Opfer fielen, was dazu führte, dass die Einwohnerzahl Genuas dramatisch sank. Derweil stieg die Kriminalität stark an und die Altstadt war im Niedergang begriffen. Zudem führte die Explosion des Ölfrachters «Haven» 1991 zu einer starken Verschmutzung der Küste um Genua.
Das führte zu einer Neuorientierung – die Hoffnungen lagen auf Tourismus und Handel. Aus diesem Grunde sanierte die Stadtregierung das heruntergekommene Centro storico. Die Via Duomo mit der herrlichen Kathedrale San Lorenzo wurde zu einer Fussgängerzone zwischen dem Hafen Porto Antico und dem Palazzo Ducale. Der Architekt Renzo Piano (in der Schweiz berühmt durch den Bau der Fondation Beyeler) erweckte den Porto Antico 1992 zum Ausgehviertel für das Kolumbusjahr. Heute ist der Porto Antico einer der grössten Anziehungspunkte für die Einwohner und Touristen, weil ein Spaziergang am Meer mit dem Rundblick auf die Stadt, die sich mit herrlichen Bauten über mehrere Hänge erstreckt, einfach die Stimmung hebt. 2004 konnte sich Genua schliesslich als Kulturhauptstadt Europas neu positionieren, was für einen weiteren Schub an Infrastrukturerneuerungen sorgte. 2001 wurde die fantastische Galleria Mazzini erneuert, was die parallel zu ihr verlaufende Einkaufsstrasse Via Roma aufwertete. Sie verbindet die herrliche Piazza Ferrari, an die der Palazzo Ducale angrenzt, mit der höher gelegen, grünen Insel Piazza Corvetto. Wenige Schritte weiter eröffnet sich der geheimnisvolle Garten der Villetta Di Negro, der einen atemberaubenden Blick über Genua bietet und das Museo d’Arte Orientale beherbergt. Eine grüne Gegenwelt zu den von Motorrädern dominierten Strassen. Ruhe abseits des Verkehrs finden Besucher auch östlich der Via Roma, wenn sie in die engen Gassen der Altstadt eintauchten. Plötzlich eröffnen sich kleine, sonnenbeschienene Plätze, wo die Zeit stehen geblieben scheint, wenn man die Einrichtung der kleinen Cafés betrachtet. Genua ist eindeutig eine wunderbare Alternative zu den touristisch überlaufenen Destinationen Florenz, Venedig, Siena, Portofino oder Positano – die Liste wird ja immer länger.
Nun lasten in Genua auch grosse Hoffnungen auf dem neuen Italienischen Institut für Technologie (IIT) mit den Schwerpunkten Nanotechnologie, Robotik und Neurowissenschaften, das für einen weiteren Aufschwung sorgen soll. Genua kann es brauchen. Seit 1971 sank die Einwohnerzahl von 816 000 auf heute 583 000. Das bedeutet einen Rückgang von 30 Prozent innert 50 Jahren. Von den 300 000 in Genua registrierten Familien bestehen 41 Prozent aus nur einer Person. Das ist für eine Stadtentwicklung fatal. Zwar hat der Hafen nach wie vor eine grosse Bedeutung für Genua. Die Spitzenposition in Italien verlor Genua aber an Triest, weil die Pipeline Central European Line 1997 stillgelegt wurde und nun die Transalpine Ölleitung von Triest aus bedient wird. Auch die jährlichen Passagierzahlen bewegen sich seit 20 Jahren um die drei Millionen. Wegen der stark zugenommenen Grösse der Schiffe drängt sich nun ein Umbau des Industriehafens Sampierdarena auf, was mit enormen Kosten verbunden ist.
Am 14. August vor einem Jahr ist das Polcevera-Viadukt eingestürzt. Die vierspurige Autobahnbrücke, umgangssprachlich Ponte Morandi genannt, stürzte auf einer Länge von 250 Metern in die Tiefe, was 43 Menschen das Leben kostete. Die Brücke war von grosser Bedeutung für Genua: Sie verband den Ost- mit dem Westteil der Stadt und gehörte zur Zufahrtsstrecke zum Hafen. Daher fuhren bis zu 1000 Lastwagen pro Stunde über die Brücke. Mit dem Neubau der Brücke wurde der Architekt Renzo Piano beauftragt, der sich gegen Santiago Calatrava (in der Schweiz bekannt durch den Bahnhof Stadelhofen in Zürich und die Eingangshalle des Bahnhofs Luzern) durchgesetzt hat. Bereits im April 2020 soll die neue Brücke eröffnet werden. Die Gesamtkosten für Abriss und Neubau werden auf 430 Millionen Euro geschätzt. Per staatlichem Dekret muss der Betreiber der Brücke, die Firma Autostrade per l’Italia der Familie Benetton, für die Kosten aufkommen. Renzo Piano plante in seinem Entwurf eine schlichte, minimalistische Stahlbrücke ohne Tragkabel. Für jedes der 43 Opfer wird eine hohe Strassenlaterne auf der Brücke stehen.