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Vor Kurzem habe ich ein erhellendes Gespräch mit einem Bekannten meiner verstorbenen Grossmutter geführt. Er hatte erfahren, dass ich in Bern wohne, weshalb er mich interessiert nach meinem jetzigen Wohnort ausfragte. Als ich ihm erklärte, dass ich in einer WG wohne, hakte er nach, ob es sich denn um eine geschlechtergemischte WG handle. «Ja genau, es wohnen auch zwei Männer in der WG.» – «Ach, das ist schön. Und dein Freund, darf er denn auch auf Besuch kommen?» – «Ja, er kommt oft zu mir und ich gehe auch oft zu ihm – er wohnt in seiner eigenen WG.»
Im ersten Moment kam es mir seltsam vor, wie sehr ihn das zu freuen schien. Ich wusste nicht, was daran besonders sein sollte. Bis mir einfiel, dass für einen Menschen seiner Generation ein so unkomplizierter Umgang zwischen den Geschlechtern überhaupt nicht selbstverständlich gewesen sein muss. Er ist noch in einer Zeit aufgewachsen, in der Studentenheime reine Studentenheime (mit Betonung auf Studenten) waren und in der über die an junge Frauen untervermieteten Zimmer strengstens gewacht wurde.
Mein Grossvater, der fürs Studium von Deutschland in die Schweiz gezogen war, kannte keine einzige Frau, die er zum Uniball einladen konnte.
So war bei der Vermieterin meiner Grandmaman in Zürich zum Beispiel kein Männerbesuch erlaubt. Und das noch in den 1960er Jahren! Sie und mein späterer Grossvater mussten jeweils abwarten, bis die Vermieterin zu Bett gegangen war, bevor er sich ins Zimmer schleichen konnte, manchmal auch durchs Fenster…
Mein anderer Grossvater wohnte in Zürich in einem Studentenwohnheim. So wie er erzählte, ging es da zu wie in «Mein Name ist Eugen»: Die jungen Männer waren zum ersten Mal in ihrem Leben weg von zuhause und spielten sich gegenseitig einen Streich nach dem anderen. Ab und zu landete ein «Rätschibäse» in einem durchnässten Bett und nachts seilte man sich mit dem Leintuch ab, um die Nachtruhe zu umgehen. Die unverschämtesten, darunter der beste Freund meines Grossvaters, stahlen den Nonnen des nahen Schwesterwohnheims auch mal den warmen Kuchen vom Fensterbrett, den sie dort zum Abkühlen hingestellt hatten.
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Einen grossen Nachteil hatte diese Männerseilschaft des Studentenwohnheims jedoch: Mein Grossvater, der fürs Studium von Deutschland in die Schweiz gezogen war, kannte keine einzige Frau, die er zum Uniball einladen konnte. Zum Glück hatte sein bester Freund nicht nur Streiche im Kopf, sondern verfügte auch über einige Kontakte und konnte ihm eine Begleitung organisieren. Eine Begleitung, die später meine Grossmutter werden sollte.
So abenteuerlich diese Zeiten in den Erzählungen meiner Grosseltern jeweils auch klingen, so froh bin ich darüber, in einer anderen Zeit zu leben. In einer Zeit, in der ich jederzeit zu meinem Freund in die WG gehen darf, ohne Angst haben zu müssen, von seinen Mitbewohner*innen entdeckt und des Hauses verwiesen zu werden.