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Es beginnt vielleicht ganz harmlos, mit ein paar gemeinen Neckereien. «Der Kevin ist ein Fettsack, der Kevin ist ein Fettsack». Oder die Augen werden verdreht, sobald Kevin etwas sagt, und jemand macht noch seinen Massstab kaputt.
Der Übergang von einer Neckerei zum Mobbing ist fliessend. Eine einmalige Rauferei auf dem Pausenhof kann ganz harmlos sein. Wenn das Plagen und Quälen aber nicht mehr aufhört, handelt es sich um Mobbing – wenn es also schon wieder Kevin ist, der eine Tracht Prügel einstecken muss.
«Mobbing ist anders als normale Konflikte zwischen Kindern. Mobbing ist ein Machtmissbrauch und es handelt sich um Aggressionen, die immer wieder stattfinden», erzählt Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Warwick in England. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen. Dieter Wolke zeigt nun in einer neuen Studie: Kevin leidet womöglich auch als Erwachsener noch an den Spätfolgen des Mobbings.
Wenn es richtig ernst wird
In dieser gross angelegten Studie stützt sich Dieter Wolke auf Daten aus den USA. In der «Great Smoky Mountains Study», Link öffnet in einem neuen Fenster wurden 1420 Personen als 9- bis 13-jährige Kinder befragt, und später noch einmal, als Erwachsene im Alter zwischen 19 und 26 Jahren. Dabei zeigte sich, dass die Erwachsenen, die als Kinder gemobbt wurden, deutlich häufiger Probleme hatten als Erwachsene, die nie gemobbt wurden. Und zwar eine ganze Palette an sozialen und gesundheitlichen Problemen.
So zeigten diese Erwachsenen häufiger Mühe, eine Arbeitsstelle zu behalten, als die Vergleichsgruppe. Sie hatten auch mehr Schwierigkeiten, Freunde zu finden und diese zu behalten. Aber auch Auswirkungen auf die Gesundheit konnte die Studie feststellen: Menschen, die als Kinder gemobbt wurden, zeigen eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und auch für chronische Krankheiten wie Diabetes.
Spätfolgen sind unabhängig vom Umfeld
Das Neue an der Studie ist, dass die Autoren schon Daten über die Kinder hatten, bevor diese gemobbt wurden. Informationen über Familienverhältnisse und Gesundheit wurden anhand intensiver persönlicher Befragungen evaluiert. Dadurch war es möglich, die Effekte von bereits vorhandenen sozialen oder gesundheitlichen Problemen herauszurechnen. Das Resultat war immer noch signifikant: Als Kind gemobbte Erwachsene zeigten mehr Schwierigkeiten im Leben, als nicht gemobbte, egal in welchem Umfeld sie aufwuchsen.
Das Problem ist allerdings sehr komplex und zudem wurde die Untersuchung nicht in Europa durchgeführt. Studienautor Dieter Wolke ist allerdings überzeugt, dass die Daten seiner Studie durchaus auf europäische Verhältnisse übertragbar sind: «Wir arbeiten zurzeit an einer grossen Studie in England, mit 14'000 Kindern, deren Entwicklung wir schon seit 18 Jahren verfolgen. Und die Resultate zeigen alle in die gleiche Richtung wie die aktuelle Studie.»
Früherkennung ist wichtig
Die Indizien scheinen sich also zu verdichten, dass Mobbing in der Schule bis ins Erwachsenenalter hineinwirken kann. Dies zeigt die Wichtigkeit der Prävention in den Schulen. Tatsächlich läuft sie bereits vielerorts und ist erstaunlicherweise recht einfach in ihrer Anwendung. Vor allem werden Lehrpersonen schon in ihrer Ausbildung für das Thema sensibilisiert, denn sie spielen eine wichtige Rolle in der Früherkennung. Wenn nämlich Mobbing im Beisein einer Lehrperson stattfinden kann, weil die nicht realisiert, was geschieht, dann erhält das Mobbing eine Legitimierung. In der Folge wird es noch schlimmer für die Betroffenen. Die Lehrperson muss also unterscheiden können zwischen einer normalen Rauferei, die nicht unterbunden werden muss, und dem systematischen «fertig machen» einer Einzelperson.
Ist das Mobbing bereits in vollem Gang, lässt es sich durch eine Intervention einer externen Fachperson relativ simpel lösen. Der sogenannte «No Blame Approach» schafft es in rund fünf Sitzungen, verteilt über mehrere Wochen, dass in einer Klasse wieder Ruhe einkehrt. Für das Mobbing-Opfer wird eine «Helfergruppe» innerhalb der Klasse gebildet. Diese Gruppe unterstützt das gemobbte Kind, indem sie ihm beispielsweise bei den Hausaufgaben hilft, oder es auf dem Schulweg begleitet. Gleichzeitig schützt die Helfergruppe das Opfer so vor weiteren Angriffen. Die Wirksamkeit dieser eigentlich recht einfachen Methode, ist sehr gross. Dies zeigt zumindest eine Evaluation von 220 Fällen, Link öffnet in einem neuen Fenster, bei der eine Erfolgsquote von fast 90 Prozent gefunden wurde. Auch direkt involvierte Fachleute von der Pädagogischen Hochschule Zürich bestätigen die guten Erfolgsaussichten.