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Das Fax, ein Nachruf
Im Artikel »Die Zahlen der Todesfälle haben wir aus Wikipedia genommen« beschreibt Adrienne Fichter in der Republik[1], wie das BAG die Zahlen für die Corona-Statistik ermittelt. Dies geschieht unübersichtlich und chaotisch und ist mit Verzögerungen verbunden. Offenbar ist die Behörde technisch nicht auf dem neuesten Stand. Unter anderem hängt das auch damit zusammen, dass im Gesundheitswesen (nicht nur im BAG) aus verschiedenen Gründen, unter anderem daten- beziehungsweise patientenschutztechnischer Art, auf eine analoge Informationsvermittlung zurückgegriffen wird. In diesem Fall erschwerend kommt das föderale System hinzu, in dem jeder Kanton eigene Regeln der Datenübermittlung erlässt, und zudem verschiedene Informanten aktiv sind: Labore, Spitäler, Gesundheitsämter. Aber immerhin, die Schweiz steht nicht allein, auch in Deutschland schlägt man sich mit dem Fax herum. In der Post-Corona-Zeit müsste ein »digitales, zentrales Meldesystem mit Zugriffsmöglichkeiten für alle Akteure« entwickelt werden, schreibt Fichter. Vielleicht wird das Faxgerät ausgemustert.
Deshalb ein kleiner Nachruf:
Die Telegrafie war bis weit ins 20. Jahrhundert eine effiziente und schnelle Technik, um Mitteilungen über weite Distanzen zu verschicken. Man diktierte dem Telegrafenbeamten einen Text oder schrieb ihn von Hand auf ein Blatt Papier und gab es dem Beamten weiter. Er musste nur noch den elektrischen Telegrafen füttern – und weg war die Nachricht. Original und Kopie waren sich nur inhaltlich gleich oder ähnlich, optisch keineswegs. Mit der zunehmenden Verbreitung des Zeitungswesens wurde der Wunsch laut, dass auch Bilder beziehungsweise Abbildungen übermittelt werden können. Es dauerte aber noch eine geraume Zeit, bis das möglich war. Vorderhand mussten die Redaktoren noch auf die Originalfotografien zurückgreifen, also warteten sie auf den Postboten oder den Kurier.
Ab den 1850er-Jahren wurde die sogenannte Bildtelegrafie entwickelt, die von den chemischen und technischen Erkenntnissen aus der Fotografie profitierte. Die Bildtelegrafie war ein direkter Vorläufer der Faxmaschine, ihre Gründerväter waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Alexander Bain, Frederick Collier Bakewell und Giovanni Caselli. Das Verfahren war sehr aufwendig. Um eine Information bildtelegrafisch zu versenden, musste die Nachricht beziehungsweise das Bild erstens vorbereitet, zweitens in elektrische Impulse umgewandelt und drittens reproduziert werden. Im Einzelnen wurden folgende Arbeitsschritte vorgenommen: Der Absender schrieb einen Text mit einer speziellen Tinte auf ein Blatt Papier, das mit einer dünnen Metallschicht überzogen war. Oder er schuf für die Übermittlung von Abbildungen eine Vorlage, indem er ein Fotonegativ ätzte oder einen feinkörnigen Schellack über eine Klebetinte spritzte, die dann erhitzt wurde, um dann wieder zu trocknen. Damit entstand eine feine, dreidimensionale Struktur. Mit einem speziellen Metallstift wurde die Nachricht beziehungsweise das Bild haptisch abgetastet (ähnlich wie bei einem klassischen Druckverfahren). Eine elektrische Telegrafenschaltung übermittelte die abgetasteten Informationen an einen Empfänger, der sie auf ein speziell behandeltes Papier kopierte.
Falls alles reibungslos funktionierte und die Leitung gut war, erreichte der berühmt gewordene Pantelegraf von Caselli ansprechende Ergebnisse, auch für Bilder. Der materielle und technische Aufwand dieses Verfahren erwies sich als so entmutigend, dass die meisten Bildtelegrafie-Projekte schon nur an der Finanzierung scheiterten.
Markante Verbesserungen wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts erzielt, als nicht mehr die Oberflächen abgetastet wurden, sondern dank des Einsatzes des chemischen Elements Selen Lichtschattierungen gescannt werden konnten, also eine zweidimensionale Technik eingesetzt wurde. Dies kam der uns heute bekannte Fotokopie schon sehr nahe.
Dem Münchner Arthur Korn gelang es 1904 als ersten, mit dieser Methode ein Foto als Faksimile über eine lange Distanz zu übermitteln. Das als »Korns Teleautograph« bekannt gewordene System besteht aus den drei Schritten Scanning, Übermittlung und Reproduktion. Mit dieser Vorrichtung war es nun auch für die Presse möglich, brauchbare Bilder per Draht zugeschickt zu bekommen. Als erste Zeitung veröffentlichte der Daily Mirror 1904 Fotografien von König Edward VII, die gleichentags in Paris aufgenommen wurden. Dank der direkten Übermittlung war der Daily Mirror einen Tag früher als alle anderen Zeitungen, die noch auf den Boten warten mussten. Die neuen Entwicklungen wurden nun auch wirtschaftlich bedeutender, aber als Gerät für die Masse wurde der Teleautograph oder der Fax nicht betrachtet.
In der Zeitungsbranche und bei der Polizei erlangte die Technik aber durchaus eine gewisse Beliebtheit. Bis in die 1970er Jahre wurden sowohl die Bildqualität besser als auch die Übertragungstechnik schneller. Vor allem für komplizierte Darstellungen im Geschäftsleben oder bestimmte Schriften wie das japanische Kanji begannen sich auch breitere Kreise für die Vorteile einer Faxübermittlung zu interessieren. Die Geräte wurden immer kleiner, handlicher und erschwinglicher – und so war ab Mitte der 1980er-Jahre jedes Geschäft oder jeder gutbestückte Haushalt mit einem Fax ausgestattet.
Mit dem Aufkommen von Internet und E-Mail wurde es möglich, auch digital zu faxen.[2] In Erinnerung ist auch, dass man beispielsweise in Italien bis in die späten Nullerjahre hinein eine Hotelreservation mit einem Fax bestätigen musste. Oftmals war keiner mehr verfügbar und man musste dafür aufs Postamt.
Aus heutiger Sicht spricht vor allem die Datensicherheit der übermittelten Informationen noch für einen Einsatz des Fax, daher wird er noch immer in medizinischen Bereichen gebraucht. Vermutlich wird aber nach der Pandemie vom Frühjahr 2020 die letzte Stunde des Fax geschlagen haben. Es ergeht ihm nicht viel anders, als anderen einst revolutionären Erfindungen auch.