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Herbert Büttiker, Der Landbote (24.11.2009)
«Il Corsaro» ist eine der unbekanntesten Verdi-Opern und mit nicht mehr als gut 90 Minuten Musik sicher die kürzeste: Dass sie als grosses Seelengemälde fasziniert, zeigt jetzt das Opernhaus Zürich in einer eigenwilligen Interpretation.
Piraten, die gegen den osmanischen Tyrannen in Griechenland kämpfen, die besiegt werden, weil sie den Ansturm unterbrechen, um die Frauen aus dem brennenden Harem zu retten Corrado, der Anführer der Korsaren, der im Kerker auf den Tod wartet und von Gulnara, der Favoritin des Seid, einen Dolch zugespielt erhält, aber für einen feigen Mord nicht zu haben ist, worauf sie selbst den Herrscher im Schlaf ersticht Ja, die Oper, die Verdi nach Lord Byrons populärstem Poem «The Corsaire» in Musik gesetzt hat, ist eine «Piratengeschichte», der Held ein Robin Hood der Meere, ein Freiheitskämpfer, aber dazu noch ein melancholischer Aussenseiter. Mit seiner Geliebten Medora erhascht er noch einen Zipfel des Paradieses, aber eigentlich ist er nur noch auf dem wilden Meer zu Hause.
Eine Kulissenwelt der Ägäis ist im Opernhaus nun allerdings nicht zu sehen und eine Piratengeschichte wird nicht erzählt. Das Meer aber haben Damiano Michieletto (Inszenierung) und Paolo Fantin (Bühnenbild) ingeniös auf die Bühne gebracht. Sie ist ganz unter Wasser gesetzt. Dank der schräggestellten Spiegelrückwand ist das Hin- und Herfluten in der Aufsicht auch vom Parkett her zu sehen, und gleichsam von oben ist die Oper als spektakuläres Wasserballett zu verfolgen, in dem das schwimmende Bett der Medora seine Kreise zieht, der Chor der Haremsdamen watet, die Leiche des toten Seid dümpelt und auch Medora, Corrado und Gulnara ihr verzweifeltes Ende finden. Das alles ist im farbig streng konzipierten Kostüm (Carla Teti) und vor allem dank einer äusserst subtilen Lichtgestaltung (Martin Gebhardt) von höchster ästhetischer Raffinesse. Für schmuddelige Piratennester ist da kein Platz.
Der Korsar als Dichter
Corrados Gesellen erscheinen in weissem Anzug auf dem Platz. Das ist zunächst noch fast verblüffender als die bühnentechnische Meisterleistung der Meeresströmung, und man versteht vielleicht erst vom Ende her, wie beides zusammenhängt mit dem Titelhelden, der hier nicht nur der Corsar ist, sondern auch der Erfinder dieser Figur, der Dichter Lord Byron selber: Das Wasser als das Meer der Fantasie, in dem alles auftaucht: Medora, das Liebesideal, die Kameraden als der Traum einer idealen Gesellschaft, der bourgeoise schwarze Block als Imagination des Verachtenswerten, das Haremsrot als die Welt des Begehrens, Hassens und Vernichtens – es ist keine Frage, dass dies auch die Triebfedern von Verdis äusserst konzentrierter und zündender Musik ist und diese im Inszenierungskonzept geklärt aufgeht: als wäre sie eine symphonische Dichtung über das wirkliche Leben und die Ideale, Hoffen und Scheitern.
Das starke Moment des Reflektierenden, im Spiegel Gebrochenen – gleich im ersten Auftritt Corrados, der auf seinem Pult verloren im Wasser herumgetrieben wird – nimmt den Figuren freilich auch das Gewicht für die dramatische Handlung. Ob der Dichter-Korsar, der sich Tatkraft nur einbildet, mit dem Verdi-Tenor vereinbar ist, mag als Frage offen bleiben. Ohne realen Boden und wirklichen Kampf vermisst man jedenfalls bis zum dritten Akt die für Verdi typische Handgreiflichkeit des Geschehens.
Sie bleibt mit den kulminierenden Auseinandersetzungen im Schlussakt aber nicht aus. Ins Zentrum rückt Gulnara zwischen den beiden Männern, von denen sie den einen nicht will und den anderen nicht haben kann. Ihr Duett voller Verlogenheit mit Seid, dasjenige voller Verzweiflung mit Corrado, aber auch die kammermusikalisch grossartig eröffnete Gefängnisszene und das erhabene Schlussterzett sind grosses Verdi-Theater. Glänzend behauptet sich darin Carmen Giannattasio als Primadonna von starker musikalischer Präsenz und souveränem Einsatz von Höhe, Koloratur und Attacke für eine hoch virtuose Partie. Elena Mosuc als elegisch gestimmte Comprimaria muss daneben eher verhalten wirken, wird aber ihrer Rolle ebenso gerecht wie Juan Pons mit zwar etwas welkem, aber immerhin noch herrisch wirkendem Bariton.
Schöne Orchesterarbeit
Mit Temperament und Verausgabung verkörpert Vittorio Grigolo den genialen Aussenseiter. Dass in dieser Inszenierung der draufgängerische Freischärler weniger gefragt ist als der zerrüttete Melancholiker, kommt ihm entgegen. Es fehlt der Stimme keineswegs an Durchsetzungskraft, aber Klang und Phrasierung vergröbern sich in exponierten Passagen und eine gewisse musikalische Fahrigkeit kann ihn da und dort auch in Konflikt mit dem begleitenden Orchester bringen. Dieses hält Eivind Gullberg Jensen in ausgezeichneter Balance zur Bühne, und sorgfältig, geschmeidig und präzis macht es deutlich, dass die Partitur mit orchestralen Ideen keineswegs geizt.
Was nicht nur beim souverän agierenden Chor auffällt, ist eine gewisse vorlaute Klanghärte der Bühne, vielleicht eine akustische Konsequenz der Spiegelflächen. Die Aufführung mag überhaupt für mancherlei Einwände gut sein, aber alles in allem widerlegt sie glänzend den Ruf, «Il Corsaro» sei ein in Verdis Opernwerkstatt rasch zusammengezimmertes Stück. Tatsache ist, dass der Byron-Plan nach 1845 liegen blieb, weil sich London mit Verdi auf ein anderes Sujet einigte (Schillers «Räuber»), weil Erschöpfung und Krankheit den Komponisten 1846 zu einer Auszeit zwangen, weil erregende neue Pläne («Macbeth») sich dazwischendrängten. 1848 stellte Verdi diese seine nach «I due Foscari» zweite Byron-Oper fertig, erfüllte damit den Vertrag mit dem Verleger, überliess das Werk dem Teatro Grande in Triest zur Uraufführung und dann seinem Schicksal. Auch wenn sich der «Byronismus» für Verdi nie ganz erledigte – die Tenöre in «Il Trovatore», «La Forza del Destino» und sogar «Otello» zeigen es –, so war er doch zu neuen Ufern unterwegs. Für ihn war das vergossene Herzblut des «Corsaren» – es ist nicht wenig – nicht mehr so wichtig, für uns ist es eine Entdeckung.