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«Gib uns die Gabe der Unterscheidung»
Das Gebet für den synodalen Prozess fällt kürzer aus als zu Zeiten des II. Vatikanischen Konzils. Es geht um ein echtes Voranschreiten, möglicherweise auch mit zwischenzeitlichen Blockaden und Verirrungen, immer aber im Vertrauen auf die Führung des Geistes Gottes.
Martin Klöckener*
Das Synodengebet des II. Vatikanischen Konzils wurde für die jetzt anstehende Synode als zu lang und auch als zu schwerfällig für die Sitzungen in den Diözesen oder bei den Räten empfunden. Deshalb gibt es eine Kurzfassung.
Dabei handelt es sich um eine gekürzte und sprachlich vereinfachte Fassung des Konzilseröffnungsgebets «Adsumus, Domine Sancte Spiritus, adsumus», das auf Isidor von Sevilla zurückgeht und im Zusammenhang des 4. Konzils von Toledo (633) entstanden ist.
Gebete an den Heiligen
Das «Adsumus», das als eines der seltenen Gebete der Liturgie an den Heiligen Geist adressiert ist, kommt im frühen Mittelalter aus dem spanischen Raum nach Mitteleuropa und setzt sich in der reichen Überlieferung von Konzilsordines mehr und mehr als das Gebet zur Eröffnung von Konzilien und Synoden durch.
Hilfe für die Synodalen
Das hier vorliegende Gebet geht von dem sehr umfangreichen klassischen Konzilseröffnungsgebet «Adsumus» aus, ist jedoch kürzer gefasst und textlich angepasst, damit es sich besser für die häufiger stattfindenden Versammlungen in den Diözesen eignet.
Ein echtes Voranschreiten
Menschliches Überlegen und die Suche nach dem rechten Weg für die Kirche in dieser Zeit bedürfen der göttlichen Hilfe. Ähnlich wie im bekannten Hymnus «Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns» wird dazu die Eingebung des Geistes erbeten.
Es wird deutlich, wie sehr die Synode beziehungsweise der «synodale Weg» als ein Prozess verstanden wird, der eine innere Entwicklung kennt, ein echtes Voranschreiten, möglicherweise auch mit zwischenzeitlichen Blockaden und Verirrungen, immer aber im Vertrauen auf die Führung des Geistes Gottes.
Die selbst verschuldete Unwissenheit
Die Erfahrung jedes einzelnen Menschen der Gegenwart wie auch die Erfahrung früherer Generationen, die sich auf Konzilien und Synoden zusammengefunden haben, weiss um die Begrenztheit und Unvollkommenheit alles menschlichen Tuns, das die Gefahr in sich birgt, angesichts der Komplexität der Fragestellungen die Orientierung zu verlieren.
In der theologischen Tradition wurde auch die selbst verschuldete Unwissenheit als Sünde bewertet. Ebenfalls davor, so der Text, mögen die Synodalen bewahrt bleiben. Die Gabe der Unterscheidung zählt zu den unverzichtbaren und notwendigen Charismen, damit unterschiedliche Auffassungen im Dienst an der Wahrheit und auf der Suche nach dem Willen Gottes zusammenfinden und das Wahre, Gute und Richtige bewirken können.
Den Weg der Kirche verantwortlich mitgestalten
Zugleich ist jede Synode ein Ort, an dem sich die Jünger und Jüngerinnen Christi als Leib Christi erleben, der eine Einheit bildet; jedes Glied leistet dazu seinen Beitrag, wie Paulus es beispielsweise in seinen Briefen (besonders 1 Kor) beschreibt.
So gründet dieses Gebet in einer langen und kontinuierlichen Gebetstradition der Kirche und trifft doch bestens und in sehr realistischer Weise die konkrete Situation, in der sich jene befinden, die im Namen Jesu Christi zusammenkommen, um im Heute den Weg der Kirche in die Zukunft verantwortlich mitzugestalten.
* Martin Klöckener ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg.
Das Synoden-Gebet in offizieller Übersetzung
Wir stehen vor dir, Heiliger Geist,
in deinem Namen sind wir versammelt.
Du, unser wahrer Ratgeber:
komm zu uns,
steh uns bei,
kehre ein in unsere Herzen.
Lehre uns, wohin wir gehen sollen;
zeige uns, wie wir das Ziel erreichen können.
Bewahre uns davor,
als schwache und sündige Menschen
die Orientierung zu verlieren.
Lass nicht zu,
dass Unwissenheit uns auf falsche Wege führt.
Gib uns die Gabe der Unterscheidung,
dass wir unser Handeln nicht von Vorurteilen
und falschen Rücksichten leiten lassen.
Führe uns in dir zur Einheit,
damit wir nicht vom Weg der Wahrheit und der Gerechtigkeit abkommen,
sondern auf unserer Pilgerschaft dem ewigen Leben entgegenstreben.
Das erbitten wir von dir,
der du zu allen Zeiten und an allen Orten wirkst,
in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn
von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.