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Mit Les vampires schuf Regisseur Louis Feuillade 1915/16 eine äusserst erfolgreiche, siebenstündige und zehn Episoden umfassende Filmserie. Der Kinofilm in Serienform basierte anfänglich vor allem auf Vorlagen der Unterhaltungsliteratur und war einige Jahre zuvor in den USA populär geworden. Feuillade selbst hatte bereits zwischen 1913 und 1914 mit der Verfilmung von fünf Episoden der Groschenromanserie «Fantômas» das französische Publikum in Scharen in die Kinos gelockt. Der spektakuläre Erfolg wurde vom Beginn des Ersten Weltkriegs unterbrochen. Trotzdem realisierte, wenn auch mit bescheideneren Mitteln, Feuillade für das Produktionshaus Gaumont die nächste Filmserie: Les vampires basierte sogar auf einem Originaldrehbuch, das der Regisseur selbst verfasste.
Die Vampire sind in diesem Werk indes keine blutsaugenden Ungeheuer, sondern nur ein ungeheuerlicher Geheimbund, eine Verbrecherbande, die Paris in Angst und Schrecken versetzt. Ihre Muse und anfängliche Komplizin ist eine mysteriöse Kabarettsängerin mit dem bezeichnenden Namen Irma Vep. Hier ist das Anagramm (von «vampire») nun angebracht: Mit pandabärig geschminkten Augen, betörenden Reizen und einem bald zum Fetisch gewordenen schwarzen Catsuit, das sie bei ihren nächtlichen Raubzügen überstreifte, wurde sie beim Publikum zum Prototyp der Femme fatale, der jeder hormongefüllte Kerl zum Opfer fallen muss. Und das etwa zeitgleich mit Theda Bara, die auf der anderen Seite des Ozeans als Erste in der Vamp Hall of Fame Einsitz nahm (siehe Kinovamp I).
Potenziert wurde diese Aura ruinös verlockender Weiblichkeit noch durch die Tatsache, dass Irma Vep von der Vaudeville-Darstellerin und späteren Regisseurin und Journalistin Musidora gespielt wurde, die bei ihren öffentlichen Auftritten das Vamp-Image ihrerseits innig und mit Kalkül pflegte. Musidora wurde dann auch zu einer der Musen der surrealistischen Bewegung, in deren Tummelfeld unbewusster Triebhaftigkeit sie natürlich formidabel passte. Wunderbar auch die Anekdote vom berühmten und gestrengen Pariser Polizeipräfekten Louis Lépine, der Les vampires aufgrund seiner moralschädigenden Erotik aus den Kinos verbannte. Nachdem Musidora ihn persönlich aufgesucht hatte, liess er den Film wieder zu. Er sei doch ein sehr charmanter Mann, berichtete sie mit einem Lächeln der Presse später nur. Hmm.
Solche Berichte wabern wahrlich an den Grenzen der Kolportage, doch da sie so schön sind und bestens zum Thema Vamp passen – das fast unausweichlich immer in den Bereich des Mythischen ausfranst – wollen wir auf dieser Schiene weiterfahren: Da war ein französischer Regisseur namens Olivier Assayas, so ein richtiger Intello, der, wie berühmte Regiekollegen vor ihm, zunächst bei den «Cahiers du cinéma» als Filmkritiker arbeitete. Er brachte seine Liebe für den asiatischen und besonders den Kungfufilm in die Zeitschrift mit ein, kuratierte Sondernummern zum Filmschaffen aus Hongkong, Taiwan oder Japan. Ab 1986 drehte er selbst Filme, doch sein Interesse für das fernöstliche Kino riss nicht ab. Offensichtlich fand er auch an der Schauspielerin Cheung Man Yuk, im Westen als Maggie Cheung bekannt, Gefallen, die dank einer Schönheitskonkurrenz zum Film kam, sich dann aber schnell als erstaunlich gute und viel beschäftigte Schauspielerin im Hongkongkino etablierte.
Hier wären wir wieder bei den Musen und der Kolportage: Ganz ungefragt schrieb Assayas – so berichteten uns Quellen, die ich hier nicht nennen will – das Drehbuch von Irma Vep Maggie Cheung auf den schönen Leib. Er flog damit nach Hongkong und bot es der überraschten Schauspielerin an. Der Plan ging auf: Cheung, die zwar keine Filme von Assayas kannte, reizte es trotzdem, in Europa zu drehen, um mal eine ganz andere Rolle zu verkörpern. Er ging sogar sehr gut auf: Der Film wurde 1996 zum bis dato grössten Erfolg von Assayas, und zwei Jahre später heiratete der Regisseur seine Muse.
Irma Vep bewegt sich in so mancher Weise in Schwellenbereichen und Gegensätzen. Er trägt Spuren der Komödie und ist doch auch ernsthaft. Er positioniert sich zwischen fiktionalen und dokumentarischen Ansätzen, bedient die Traumwelt Film ebenso wie die Realität darum herum, eine, die ganz offensichtlich autobiografische Züge des Regisseurs trägt – ein französischer Kritiker beschwert sich im Film gegenüber Maggie Cheung, die sich selber spielt, der französische Autorenfilm sei ein Nabelschnurkino, nur mit sich selbst beschäftigt. Irma Vep ist selbstredend Hommage an den französischen Stummfilm und zugleich an das kommerzielle Hongkongkino, das vom eben genannten Kritiker im Film wiederum ad absurdum gelobt wird. Der Film pöbelt genüsslich ausgiebig das französische Autorenkino an, zu dessen huldigenden Sprachrohr er sich dann im nächsten Moment wieder macht. Er türmt solche Berge an (Selbst-)Ironie auf, dass er sich mühelos und jederzeit dahinter verstecken kann.
Und wo bleibt dabei die Femme fatale? Ihr geht es nicht anders: Sie ist da und eben auch nicht. Sie ist vorhanden als These und Antithese. Cherchez la femme (fatale). Cheung kommt nach Paris, weil der alternde Regisseur René Vidal, der längst seinen künstlerischen Zenit überschritten hat, eine neue Version von Feuillades Klassiker drehen will – Vidal wird von Jean-Pierre Léaud gespielt, was wiederum eine Hommage an Truffauts La nuit américaine ist, einen weiteren Film über das Filmemachen. Vidal ist offensichtlich überwältigt von der erotisch-exotischen und etwas gefährlichen Anziehungskraft der Hongkongerin, die ihm Filme wie Heroic Trio (Johnny To, 1993) vermittelten: Nur sie könne eine zeitgenössische Irma Vep sein, beteuert er, denn sie sei anmutig, mysteriös, schön, magisch und modern.
Diese Anziehungskraft ist nur insofern (etwas) fatal für ihn, als seine Filmcrew die chinesische Besetzung nicht so recht nachvollziehen kann, oder besser, gar nicht gross hinterfragt, da man im französischen Kunstkino dem Schöpfergott Regisseur zu folgen hat. Auch bei Vidal selbst gerät der Kreativprozess ins Stocken, und er gesteht seiner exotischen Muse kleinlaut, er sei wohl mehr an ihr interessiert als an ihrer Figur. Ça alors!
Und Maggie Cheung selbst zeigt für einen echten Vamp erstaunlich wenig Biss. Sie ist geduldig, konziliant, bleibt dem Regisseur treu und bewahrt trotz Dauerkrise auf dem Set ruhig Blut. Wer sich hingegen genüsslich gegenseitig zerfleischt, sind alle anderen der Crew um sie herum. Immerhin, als das Filmprojekt endgültig zu zerbröckeln droht, schlüpft die liebliche Maggie eines Nachts, in einer Mischung aus Langweile und spielerischer Selbstfindung in das sonst verhasste, weil zu eng sitzende Catsuit und macht sich in ihrem Hotel auf räuberische Pirsch. Zumindest zeigt sie damit Ansätze von Verruchtheit. Doch für eine echte Bekehrung zum Vamp ist es längst zu spät. Diesem Wunsch- und Albtraum des Patriarchats hat sie eigentlich schon am Anfang des Films jeglichen Wind aus den Segeln genommen, als sie, die Figur der Irma Vep kommentierend, ganz beiläufig fragt: «O. K., she has no morals. Is that a problem?» Au revoir, femme fatale.