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Das Hohelied ist ein Zwiegespräch zwischen der Braut und ihrem Bräutigam, dem Herrn Jesus Christus. Diese Braut hier ist aber nicht die Versammlung oder Gemeinde, sondern die irdische Braut, das gereinigte und erneuerte Volk Israel im Tausendjährigen Reich. Die himmlische Braut, die Versammlung, ist im Alten Testament überhaupt nicht oder nur in Bildern zu finden; sie ist dort noch nicht offenbart. Das Lied der Lieder lässt sich nicht auf die himmlische Braut anwenden. Allerdings können wir für uns persönlich manche wertvolle Belehrung daraus ziehen, wie überhaupt aus dem ganzen Alten Testament.
Das Zwiegespräch im Hohenlied beginnt mit den Worten der Braut. Schon dies zeigt auf Israel hin. Der Herr ist es, der seine himmlische Braut gesucht und herausgerufen hat; hier aber ist es die Braut, die Ihn sucht und nach Ihm ruft. Jesus selbst sagt in Matthäus 23,38.39: «Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: ‹Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!›» Damit sagte Er also, dass Er ihnen verborgen bleiben werde, bis sie als erste nach Ihm rufen würden, und daraufhin werde Er sich ihnen offenbar machen.
Es ist auch nicht zufällig, dass das Hohelied auf das Buch des Predigers folgt und diesem nicht vorausgeht. Im Prediger gibt sich Salomo als der grosse König und der reichste Mann der Welt zu erkennen, der alle Schätze der Welt und alle Weisheit besessen und gekostet, sich mit den Dingen dieser Welt beschäftigt und alles, was in ihr zu finden war, durchsucht und durchforscht hat. Aber selbst er, der reichste und weiseste Mann dieser Welt, musste schliesslich zur Erkenntnis kommen, dass dies alles ein Haschen nach Wind, also Eitelkeit war. Es ist tatsächlich ein eitles Bestreben, nach dem Wind zu haschen; die Hände können dabei nichts ergreifen.
Gerade auf dieses völlige Versagen der Bemühungen des «Predigers» folgt nun das Hohelied, in dem die Braut die reichen, unvergänglichen Genüsse aufzählt, die sie mit Christus, ihrem Bräutigam, geniessen kann. Warum ist Er aber der Braut so kostbar? Weil sie keinen anderen kennt, weil ihr Herz ganz und allein von Ihm erfüllt ist. Sie redet ganz wie Paulus; ihre Sprache ist wie die des Johannes. Wie Paulus und Johannes beschäftigt sie sich nun mit Ihm, der von Anfang war. Sein Name – der Name des Bräutigams – wird im Hohenlied nicht genannt, und doch ist Er der Gegenstand dieses erhabenen Liedes.
«Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes» (Vers 2)
Was bedeutet der Kuss? Er ist einerseits das Zeichen völliger Vergebung und anderseits das Zeichen inniger Gemeinschaft. Die Braut sagt nicht: Er küsse mich mit einem Kuss oder mit zehn Küssen, auch nicht mit vielen Küssen, nein: «Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes», mit allen Küssen, die Er hat! Es klingt eigentlich unverschämt; aber es ist eine Unverschämtheit, die am Platz ist, weil Er sich ihr ganz geben will. Die Braut ist nur mit Ihm beschäftigt und wünscht deshalb, seine ganze Liebe zu besitzen.
Welch ein grosser Unterschied zwischen seinem Mund und ihrem Mund! Einst war ihr Mund, nach dem Zeugnis des Heiligen Geistes, «voller Fluch und Trug» (Ps 10,7; Röm 3,14). Jetzt aber ist es ein Mund, aus dem Lob hervorfliesst.
Gibt es hingegen etwas Schöneres als seinen Mund? Dieser Mund ist der Braut nahe, um sie zu küssen; darum ruft sie aus, Er möge sie küssen. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn finden wir ein ähnliches Bild. Der Sohn kommt zerlumpt nach Hause. Die Liebe des Vaters kommt ihm entgegen und ist erst befriedigt, wenn sie ihn geküsst und ihm alles gegeben und der Sohn erkannt hat, dass die Liebe des Vaters grösser ist als alles. So auch hier. Die Seele erkennt: «Deine Liebe ist besser als Wein.» In Johannes 14,21 redet der Herr Jesus ähnlich; Er will zum Gläubigen kommen und sich selbst ihm offenbar machen. Wenn die Braut ruft: «Er küsse mich», wie nahe war Er ihr da! Sie überfliesst von seiner Liebe. Ist es für uns jetzt auch möglich, solche Liebe zu besitzen? Ja, denn seine Liebe ist grösser als meine Liebe. Aus ihr allein fliesst auch meine Liebe hervor.
«Deine Liebe ist besser als Wein»
Was ist der Einfluss und Segen des Weines? Er macht vergessen, was dahinten liegt, wie Mühsal, Kummer und Schmerz. So lesen wir in Sprüche 31,6.7: «Gebt starkes Getränk dem Umkommenden und Wein denen, die betrübter Seele sind: Er trinke und vergesse seine Armut (oder seinen Unmut) und erinnere sich nicht mehr an seine Mühsal.» Unser Leben geht durch vielerlei Übung und Mühsal, durch manche Bedrängnisse. Unsere äussere Lage wird durch Vergessen nicht verbessert, auch nicht durch unsere innere Umwandlung. Aber wenn die Liebe des Herrn unsere Herzen erfüllt, dann wird sie alles überströmen und zudecken. Ist es nicht wunderbar, dass unser Herz von Freude erfüllt sein kann, auch wenn wir niedergebeugt sind?
«Lieblich an Duft sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name» (Vers 3)
Der Duft seiner Salben ist lieblich und erfüllt alles. Die Braut redet nicht von einer Salbe, sondern von Salben. Es ist nicht nur eine Schönheit, die ihr beim Geliebten auffällt, nein, es sind viele Lieblichkeiten des Bräutigams, die ihr Herz mit Wonne erfüllen. Später, nachdem sie ihren Geliebten beschrieben und alle seine lieblichen Züge aufgezählt hat, ruft die Braut bewundernd aus: «Alles an ihm ist lieblich» (Hld 5,16).
Ferner vergleicht die Braut seinen Namen nicht einfach mit einem Salböl, sondern mit einem ausgegossenen Salböl. Einst war ihr der Name des Herrn wie ein verschlossenes Salböl; im alten Bund war Er nicht offenbart und konnte nicht offenbart werden. Als zum Beispiel Jakob in Pniel nach dem Namen des Herrn fragte, wurde ihm zur Antwort: «Warum doch fragst du nach meinem Namen?» (1. Mo 32,30). Auch als Manoah, der Vater Simsons, den Engel des HERRN fragte: «Wie ist dein Name, dass wir dich ehren?», erhielt er zur Antwort: «Warum fragst du denn nach meinem Namen? Er ist ja wunderbar!» (Ri 13,17.18). Er konnte damals nicht kundgetan werden, weil Er zu wunderbar war für jene Zeit; das Salböl blieb verschlossen. Aber es kam ein Zeitpunkt, wo die Salbenflasche zerbrochen und das Salböl ausgegossen wurde. Das war am Kreuz, wo Gottes Liebe in ihrem höchsten Mass ans Licht trat, wo der wunderbare Name durch den Sohn Gottes offenbar gemacht wurde. Könnte je ein anderer Name gefunden werden, der so kostbar wäre wie dieser Name? Ich kann die Kostbarkeit, soweit ich sie erkannt habe, euch nicht mit Worten beschreiben. Sie kann nicht mitgeteilt werden. Jeder muss sie für sich selbst zu ergründen suchen. Vorläufig ist es nur wahren Gläubigen möglich, dieses Salböl zu kennen und zu geniessen. Einst aber wird die Zeit kommen, wo die ganze Erde und der Himmel diesen Namen kennen und kosten werden.
«Darum lieben dich die Jungfrauen»
Dieses «darum» hat einen wunderbaren Wert. Die Liebe vonseiten der Jungfrauen ist keine natürliche Sache, da das Menschenherz ja von Natur aus voll Hass ist gegen Gott. Aber nun lieben wir Ihn, weil Er uns zuerst geliebt hat. Darum werden Ihn die Jungfrauen lieben und sich mit keinem anderen Gegenstand beschäftigen, als mit seiner wunderbaren Liebe. Dies zu tun, ist unser grosses Vorrecht, aber auch unsere grosse Verantwortlichkeit.
Die Liebe im eigenen Herzen ist der Braut nicht genug.
«Ziehe mich, so werden wir dir nachlaufen» (Vers 4)
sagt sie. Im eigenen Herzen ist manches da, was uns von Ihm wegzieht, wie es auch die Braut im Hohenlied selbst erfahren muss. Lasst uns daher stets zu Ihm sagen: Ziehe mich! Wenn wir uns mit der Liebe des Christus beschäftigen, werden unsere Herzen zu Ihm gezogen. Dann werden wir auch einen gesegneten Einfluss auf andere ausüben und bewirken, dass auch sie Ihm nachziehen. Lasst uns Ihn bitten: Wir brauchen deine Kraft, so ziehe du mich! Lasst uns zusammen hinter Ihm herlaufen auf dem Weg, den Er uns vorgezeichnet hat. Es war für Ihn ja kein leichter Weg, und es wird auch für uns kein leichter Weg sein. Ist es aber nicht besser, auf diesem Weg Ihm nachzulaufen und seine Gemeinschaft zu geniessen, als einen leichten Weg ohne Ihn zu gehen? Der Weg ist nicht unbekannt, auf dem wir Ihm nachfolgen. Er führt uns in seine Gemächer zur Ruhe. Was macht seine Gemächer so herrlich? Ist es nicht die Tatsache, dass Er selbst da ist?
«Wir wollen frohlocken und uns an dir (am Herrn) freuen»
sagt die Braut. Nicht über die wunderbaren Gemächer frohlockt die Braut, sondern über die Person, die die Gemächer ausfüllt, über den Herrn. Es wird wunderbar sein, wenn wir in jene himmlischen Gemächer eingeführt werden, aber was ist das im Vergleich zu der herrlichen Aussicht, dass wir unseren geliebten Herrn sehen werden von Angesicht zu Angesicht?
Vergessen wir aber nicht, dass wir schon hier auf der Erde uns an ihm freuen sollen; denn Er ist auch hier bei uns.
«Wir wollen deine Liebe preisen mehr als Wein»
Ja, wir preisen und lieben Ihn mehr als Wein; denn seine Liebe ist die wahre Quelle unseres Glücks. Diese Verse beginnen mit seiner Liebe und führen zu dem schönen Ergebnis:
«Sie lieben dich in Aufrichtigkeit»
Möchte doch diese Liebe immer mehr bei uns gefunden werden!