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A White, White Day
[…] Pálmason porträtiert seinen Protagonisten auf zwei Ebenen. Als harten Mann, der mit der gleichen Kraft und Entschlossenheit ein Haus baut und Rache am Liebhaber seiner Frau nimmt und hofft, so ihren Tod verkraften zu können. Und als hilflosen Mann, dessen Stärke sich erfolgreich gegen jedes Hindernis stemmt, ohne je eine kathartische Wirkung zu haben.
[…] Ingimundurs Schmerz verläuft an der Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits, die der Film sowohl über die Sage vom weissen Nebel als auch über das Magnetband einer einfachen Videokassette erzählt.
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Text: Karsten Munt | Reading: Matthias Koch | Concept & Editing : Lena von Tscharner
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Ingimundur (Ingvar Eggert Sigurdsson) rollt einen Stein von der Strasse. Der Brocken, gross wie ein Medizinball, springt vom felsigen Rand der Serpentine über den bewachsenen Felshang. Von der Kraft des Falls getrieben, trudelt er das grasbewachsene Gefälle hinunter, um schliesslich in das Meer zu fallen, wo er langsam auf den Grund sinkt. Fast eine Minute verstreicht, bis der Stein zum Liegen kommt. Ingimundur beobachtet das Schauspiel von der Strasse. Den Stein selbst kann er nicht sehen, nur das Weiss des Nebels, in dem er verschwindet. Es ist dieser Nebel, dieses Weiss, in dem sich der Schrecken des Films verbirgt. Herman Melville beschrieb das Weiss als das Sinnbild der Makellosigkeit und gleichzeitig als Verkörperung des Unbegreiflichen. Ein Widerspruch, in dem sich der gespenstische Zauber des isländischen Nebels verbirgt. Gab Melville seinem weissen Schrecken noch den Körper eines riesigen Pottwals, ist er in Hlynur Pálmasons A White, White Day gestaltlos. Der Nebel, der er sich über ganz Island legt, bis er Boden und Horizont gleichermassen überlagert und alles einschliesst, ist nur eine Metapher seiner Unbegreiflichkeit. Eine Texttafel zu Beginn des Films nennt die Tage, an denen der weisse Nebel Himmel und Erde ununterscheidbar macht, die Tage, an denen die Toten mit den Lebenden sprechen. Es ist ein solcher Tag, an dem Ingimundur den Stein den Berghang hinunterstösst. Er verharrt an genau der Stelle, an der seine Frau den Tod fand. Die erste Szene des Films zeigt ihren Unfall: Geblendet vom Nebel, lenkt sie ihr Auto in Richtung Abgrund und stürzt mit ihm die Klippen hinunter.
Ingimundur lässt den Schmerz des Verlusts nie nach aussen dringen. Er mimt den Fels in der Brandung für seine Familie. Nie spricht er den Namen seiner Frau aus, nie lässt er Tränen zu, wenn er an sie denkt. Er arbeitet allein gegen die Trauer, mit seiner noch immer gewaltigen Körperkraft. Was psychisch unaufhaltsam weiter zerfällt, versucht der Polizist physisch, mit seinen eigenen Händen, wieder aufzubauen. Er restauriert den alten Hof seines Vaters. Ein Wohnhaus soll daraus entstehen, ein Heim für seine Tochter und seine Enkelin. Eine Montage-Sequenz zeigt den Fortschritt, den Ingimundur macht. Während der Schnee zu Schlamm schmilzt, wandelt sich langsam das Antlitz des Hofes: Der rostige Metallrest wird zu einem Zaun und die alte Scheune wird zum Wohnhaus. Das Wohnhaus wird bald fertig sein und doch ist Ingimundurs unerschöpfliche Arbeit nur das Trugbild seines Lebens, das bereits in sich zusammengefallen ist. Die Sicherheit, die diese Arbeitsroutine vorgibt, kann nicht über das Leid hinwegtäuschen, das zunächst Edmund Finnis’ Soundtrack in den Film hineinträgt. Die Disharmonie der Streicher deutet bereits an, was A White, White Day von der klassischen Rachegeschichte unterscheidet, die sich anbahnt, als der Witwer in den letzten Habseligkeiten seiner verstorbenen Frau eine Camcorder-Aufnahme findet, die sie beim Sex mit einem anderen zeigt. Pálmason porträtiert seinen Protagonisten auf zwei Ebenen. Als harten Mann, der mit der gleichen Kraft und Entschlossenheit ein Haus baut und Rache am Liebhaber seiner Frau nimmt und hofft, so ihren Tod verkraften zu können. Und als hilflosen Mann, dessen Stärke sich erfolgreich gegen jedes Hindernis stemmt, ohne je eine kathartische Wirkung zu haben.
Die Liebe ist für Pálmason nicht an das Diesseits oder ein Gefühl wie Rache, das nur hier Bestand hat, gebunden. Sie lebt bis über den Tod hinaus. Ingimundurs Schmerz verläuft an der Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits, die der Film sowohl über die Sage vom weissen Nebel als auch über das Magnetband einer einfachen Videokassette erzählt. Ob der Witwer in den Nebel oder auf seinen Bildschirm starrt, er blickt gleichermassen in das Jenseits, das ihm keine Antwort mehr geben kann. So sehr Ingimundur sich in den Bau des Hauses vertieft, so viel Liebe er seiner Enkelin schenkt, so entschlossen er dem Liebhaber seiner Frau nachsetzt und so laut er in die Leere eines Tunnels hineinbrüllt: Seine Frau kann ihn nicht mehr hören. Nicht noch einmal mit ihr sprechen zu können, nicht begreifen zu können, warum sie ihn betrogen hat, ist das, was seine Trauer nicht enden lässt und so unerträglich macht. Es ist diese Verzweiflung, die der weisse Nebel versinnbildlicht. Er bietet keine Antworten. Ingimundur kann nur weiter in ihn hineinstarren, bis er erblindet. Und doch – und vielleicht liegt gerade darin die Schönheit des weissen Nebels und dieses Films begründet – ist dieses Unbegreifliche mit all seinem Schmerz eben genau das, was die Liebe bis über die Trennlinie zwischen Leben und Tod fortsetzt.
Text: Karsten Munt
First published: October 07, 2019