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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1996 von Walter Erzinger
DER GRÜNDER: JOHANN ERZINGER (1820 –1907)
Der Firmengründer Johann Erzinger als Sohn eines Bauern am 7. Juli 1820 in Schleitheim geboren, absolvierte ein anderthalbjährige Bürstenmacherlehre bei Videle Köpfer in Bernau im Grossherzogtum Baden. Der Lehr-Akkord vom 7. Juli 1837 bestätigte die Beherrschung des Handwerks. Wegen Fleiss und Wohlverhalten wurde ein halbes Jahr der Lehre geschenkt.
Als Bürger von Schleitheim liess sich Johann Erzinger am 5. Dezember 1839 von der «Polizeycommission» des Kantons Schaffhausen ein Wanderbuch mit dreissig nummerierten Seiten ausstellen. Mit diesem Ausweis anstelle eines Reisepasses begab sich, wie damals üblich, auf mehrjährige Wanderschaft kreuz und quer durch Mitteleuropa und bis nach Ungarn. Am 23. Februar 1840 erwarb er sich in Nürnberg den Gesellenschein. Dieser mit schwungvollen Unterschriften versehene Fähigkeitsausweis trägt als Kopf die Zinkographie der Dampfwagenfahrt von Nürnberg nach Fürth. Der letzte der 74 Wanderbucheinträge mit amtlichen Stempeln erfolgte in Mühlhausen, datiert vom 2. März 1846. Anhand der Stempel lässt sich eine über 3000 Kilometer zu Fuss zurückgelegte Strecke errechnen.
Magdalena und Johann Erzinger-Mäder.
1846: FIRMENGRÜNDUNG IN SCHLEITHEIM
Wieder zurück in Schleitheim, betrieb Johann Erzinger dort neben bescheidener Landwirtschaft das Bürstenmacher-Handwerk. Am 25. Oktober 1846 heiratete er Magdalena Mäder. Der Ehe entsprossen von 1848 bis 1857 sieben Kinder, drei Töchter und vier Söhne, von denen je eines nach den USA, nach Kanada und Moçambique auswanderte.
In Schleitheim, im bäuerlich geprägte Hinterland von Schaffhausen, zeichnete sich keine Entwicklungsmöglichkeit ab für das Bürstenmacher-Handwerk, wohl aber im Kanton Zürich. In dessen Oberland, in der Stadt und am linken Zürichseeufer wurden damals industrielle Produktionen aufgenommen. Brauereien, Textil- und Maschinenfabriken entstanden, welche Bürsten für Reinigungs- und weitere Fabrikationszwecke benötigten.
1863: UMZUG NACH WÄDENSWIL
Am 18. November 1863 kaufte Johann Erzinger-Mäder von den Bierbrauern Gottlieb Näf und Michael Weber das Wohnhaus 2a (heute Seestrasse 39) an der Einmündung der Schmidgass in die Seestrasse und übersiedelte mit der neunköpfigen Familie und seinem Gewerbebetrieb nach Wädenswil.
Rothaus um 1895. Rechts die Liegenschaft Erzinger, Seestrasse 39, links die Brauerei Weber.
Im notariell gefertigten und vom Bezirksgericht Horgen gesiegelten Kaufbrief wird die Liegenschaft wie folgt umschrieben: « ... ein Wohnhaus 2a, assekuriert für 8400 Fr., mit einem Garten von ca. 6 Fuss breit Land oben daran, im Rothaus zu Wädensweil liegend; stosst an die Schmidgass, an Johannes Hofmanns Gerbeplatz, an Kaspar Hubers Erben Behausung und an die Landstrasse.» Bei der Handänderung sicherten die Bierbrauer dem Käufer sodann das auch für Nachfolger geltende Recht zu, an ihrer Haabe Waren ein- und ausladen zu dürfen. Die heutige Seestrasse hiess damals noch Landstrasse, und Bier wie Waren wurden vorwiegend per Schiff auf dem See transportiert.
In der Ausgabe des «Allgemeinen Anzeigers vom Zürichsee» vom 20. Februar 1864 empfahl sich «Joh, Erzinger im Rothaus» als Bürstenmacher. Einblick in seine Produktion gab er an der Industrie-und Gewerbeausstellung vom 8. bis 22. Oktober 1865 im Dorfschulhaus in der Eidmatt.
LEHR- UND WANDERJAHRE VON SOHN HEINRICH
Der Sohn Heinrich, als drittes Kind am 3. Januar 1851 geboren, trat in die Fussstapfen seines Vaters und erlernte bei ihm das Bürstenmacher-Handwerk. Zwischen 1867 und 1881 arbeitete er bei verschiedenen auswärtigen Meistern, unter anderem in Aigle und Genf.
Am 13. November 1871 Iiess sich Heinrich in Zürich ein Wanderbuch ausstellen, das statt eines Passes auch für Reisen ins Ausland diente. Die Gebühr des vom damaligen Staatsschreiber Gottfried Keller unterschriebenen Dokumentes betrug zwanzig Rappen.
Von 1874 bis 1876 war Heinrich Erzinger in Riga tätig, im zu dieser Zeit russischen Baltikum. Dort wurde ihm am 8. Mai 1875 der Gesellenschein ausgefertigt. Aus persönlichen Notizen und den in Riga erteilten Ausreisegenehmigungen geht hervor, dass er auch in Petersburg gearbeitet hat.
BRAUEREI- UND ROTHAUSGEBIET UM 1870
Während der Wanderjahre von Sohn Heinrich wurden im väterlichen Betrieb in Wädenswil mehrere Lehrlinge ausgebildet. 1871 beschäftigte man gar während einiger Zeit einen Handwerker aus den Wädenswil zugeteilten Internierten der französischen Armee Bourbaki. Letztere war während des Deutsch-Französischen Krieges von den Deutschen Ende Januar 1871 bei Les Verrières in die Schweiz abgedrängt worden.
Der Bau der 1875 eröffneten einspurigen Strecke Zürich − Glarus der Schweizerischen Nordostbahn trennte das seeseits der Seestrasse gelegene Gartenland der Liegenschaft Erzinger im Rothaus vom Seeufer ab. Aus einem Tauschbrief von 1895 geht hervor, dass zwischen Bahn und Strasse, westlich ans Land Erzinger grenzend, noch Rebstöcke standen.
EINTRITT VON HEINRICH ERZINGER INS GESCHÄFT DES VATERS
Ab 1881 war Heinrich Erzinger wieder im väterlichen Geschäft tätig. Am 13. April 1882 verheiratete er sich mit Rosalie Stehli. Die Firma wurde am 27. März 1883 noch unter dem Namen «Johann Erzinger, Bürstenfabrikation» im Zürcher Handelsregister eingetragen. Am Neujahrstag 1886 schlossen Vater und Sohn einen Societätsvertrag ab, dem die jüngeren Geschwister zustimmten. Ab da lautete die Firmenbezeichnung «Joh. Erzinger u. Sohn, Bürsten- u. Pinselfabrikation».
Im gleichen Jahr wurde ein mit Gas betriebener Motor von 0,5 PS Leistung installiert, gespeist vom 1874 in der Eidmatt eröffneten Gaswerk der privaten Gasbeleuchtungsgesellschaft Wädenswil. Dies markierte den bemerkenswerten Übergang vom bisher rein mit Menschenkraft ausgeübten Bürsten-Handwerk zur Anwendung auch mechanischer Kraft.
BAULICHE ERWEITERUNGEN IM ROTHAUS
Am 7. Januar 1888 verkaufte Vater Johann seinem Sohn Heinrich Erzinger-Stehli das Haus 2a mit Umgelände. Dabei bedingte er für sich und seine Ehefrau das lebenslange Wohnrecht aus. 1892 konnte Heinrich Erzinger von Heinrich Zollinger die westlich angrenzende Liegenschaft mit angebautem Haus 2b erwerben. Er erhöhte den zugekauften eingeschossigen Hausteil stilgerecht bis zum First das Hauses 2a. So besteht, äusserlich gesehen, das Gebäude Seestrasse 39 heute noch.
Haus Erzinger, Seestrasse 39, mit seit 1899 gültiger Firmenanschrift «H. Erzinger, Bürstenfabrikant». Aufnahme nach 1900.
Es hatte im Parterre zwei Werkstätten für Handarbeiten. Im Raum des bergseitigen Zinnenanbaus trieb der Gasmotor die ersten einfachen Maschinen zur Bürstenfabrikation an. In den oberen bei den Stockwerken waren die Meistersfamilie mit Eltern, die Hausangestellte, einige der Gesellen und im Dachstock die Lehrlinge untergebracht. Bis um 1910 wurden alle ledigen Mitarbeiter am Tisch der Familie verköstigt.
ERSTER ELEKTRISCHER MOTOR
Im Jahre 1895 nahm das Kraftwerk Waldhalde des Elektrizitätswerkes an der Sihl AG mit Sitz in Wädenswil die Produktion auf. Eine Hochspannungsleitung brachte die neue Energie in die aufstrebenden Industriegebiete von Wädenswil. In einem Ortsplan aus dieser Zeit ist mit Rot das Verteilnetz der öffentlichen Strassenbeleuchtung samt allen Lampen eingetragen und mit Blau das Kraftstromverteilnetz. Gemäss diesem Plan zog sich eine Leitung von der Transformatorenstation ob der Brauerei zur Fabrik Erzinger im Rothaus. Zudem ist festgehalten, dass die Anschlussleistung für den ersten Elektromotor 1,5 PS betrug. Die neue Elektroenergie verdrängte das Gas als erstes beim Kraftbedarf. Wegen der difficilen Kohlenfadenlampen wurde die Beleuchtung erst später auf elektrischen Strom umgestellt.
GESCHÄFTSÜBERGANG AN DIE ZWEITE GENERATION
Der Auflösungsvertrag vom 11. November 1899 regelte die Modalitäten der bereits per 30. Juni 1899 in die alleinige Verantwortung von Heinrich Erzinger übergegangenen Firma. Gemäss Handelsamtsblatt Nr. 228 vom 11. Juli 1899 hiess sie nun «H. Erzinger, Bürstenfabrik». Die im heutigen Urteil vielleicht überrissene Bezeichnung «Fabrik» lässt den Optimismus erkennen, mit dem der neue Inhaber die technischen Entwicklungen einschätzte. Sie boten neue Möglichkeiten, neben den zur Reinigung überall gebrauchten Pinseln, Bürsten und Besen auch Produkte für technische Arbeitsgänge in der Industrie herzustellen. 1905 beteiligte sich die Firma unter dem neuen Namen an der Gewerbeausstellung auf dem Schulhausplatz Eidmatt.
ÖFFENTLICHE TÄTIGKEIT VON HEINRICH ERZINGER-STEHLI
Heinrich Erzinger-Stehli, dessen Familie sich von 1883 bis 1889 um drei Buben erweitert hatte, wirkte auch im öffentlichen Leben von Wädenswil. Während seiner Amtszeit 1892 bis 1898 als Bauvorstand im Gemeinderat wurde unter anderem der Schiessstand vom Rotweg (heute Standort des Sekundarschulhauses Rotweg) in den Steinacher verlegt, und am 27. Juli 1897 konnte eine neue, aus Holz gebaute schwimmende Dorfbadanstalt eröffnet werden.
Rosalie und Heinrich Erzinger-Stehli mit den Söhnen Heinrich, Hans und Walter.
Heinrich Erzinger betätigte sich sodann im Gewerbeverein Wädenswil, den er von 1891 bis 1895 präsidierte. Dieser Verein, der auch die Gewerbeschule leitete, durchlief verschiedene Hochs und Tiefs. Einen kleinen Einblick gewährt das noch vorhandene Notizbüchlein von Heinrich Erzinger für die Jahre 1910 bis 1913. Es informiert über Wahlen, Sitzungen des Vereins- und Gewerbeschulvorstands, Budgets, Lehrer, Löhne, Beiträge an die Schule usw. Erzingers langjährige Vorstandstätigkeit wurde am 23. März 1914 mit der Ernennung zum Ehrenmitglied gewürdigt.
Am 18. November 1904 nahm die Bürger-Gemeindeversammlung die fünfköpfige Familie des Heinrich Erzinger-Stehli auf Gesuch hin ins Bürgerrecht der Gemeinde Wädenswil auf, gegen eine reduzierte Einkaufsgebühr von 150 Franken. Für das Ausstellen der Urkunde verrechnete man 7 Franken 90. Mit Erzinger wurden noch folgende Personen eingebürgert: Jakob Fisch-Brupbacher, Mützenfabrikant; Friedrich Christener, Zimmermeister; Robert Friedrich Hug, Goldschmied; Adolf Stutz, Buchdrucker, und Bernhard Rütter, Kaufmann.
LEHR- UND WANDERJAHRE DER DRITTEN GENERATION
Der Firmengründer Johann Erzinger-Mäder starb 1907, fünf Jahre nach der Gattin Magdalena. Um diese Zeit waren bereits die drei Söhne von Heinrich Erzinger-Stehli als dritte Generation in der Firma tätig. Alle drei waren schon als Buben zu Botengängen und Handreichungen im Betrieb angehalten worden. Der älteste, der 1883 geborene Heinrich, absolvierte eine Bürstenmacherlehre bei seinem Vater. Die anschliessende Wanderzeit führte zunächst nach Neuenburg zum Erlernen der französischen Sprache, anschliessend nach Norddeutschland und Schweden. Dabei konnten nun für Reisen von Arbeitsort zu Arbeitsort Bahn und Schiff benützt werden. Am 1. Oktober 1915 wurde Heinrich Prokurist in der Firma «Heinrich Erzinger, Sohn».
Der zweite Sohn, der 1885 geborene Hans Erzinger, erhielt seine Ausbildung in der Metallbranche und besuchte das Technikum Burgdorf. Eine schwere Krankheit führte 1916 zum frühen Tod.
Über die Ausbildung des jüngsten Sohnes Walter Erzinger, geboren 1889, finden sich im Firmenarchiv am meisten Angaben. Nach der Primar- und Sekundarschule in Wädenswil, der Handelsschule in Neuenburg und der zweijährigen kaufmännischen Lehre in einer Seidenfirma in Zürich folgte ein erster Auslandaufenthalt im württembergischen Biberach an der Riss, anschliessend 1909 die Infanterie-Rekrutenschule in Zürich. Unmittelbar nach deren Abschluss ging's erneut ins Ausland, nach Lyon, wo Walter Erzinger nach drei Monaten endlich eine Stelle in einer Seidenfabrik fand, allerdings zu äusserst kärglichem Lohn. Das Entgelt reichte nur für eine primitive Unterkunft, ohne Sonne und Heizung. Dies führte ein Jahr später zu einer schweren Lungenentzündung und nach der Spitalentlassung in Lyon zur Rückkehr nach Wädenswil.
Hier wirkte Walter Erzinger im väterlichen Betrieb, bis er sich 1912 zur Auswanderung nach Amerika entschloss. Die Reise führte über Bremen nach New York und Montreal und von dort über 2350 Kilometer nach Winnipeg im mittleren Westen, wo sein früher ausgewanderter Onkel John ein Handelsgeschäft mit Tabakwaren en gros führte und zwei Detailgeschäfte in der Stadt betrieb. Die letzteren versorgten die Bewohner des weitläufigen Hinterlandes mit allen einschlägigen Artikeln, wobei Walter die Beherrschung auch der französischen Sprache sehr zustatten kam. Infolge der Krankheit seines Bruders Hans kehrte er 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, nach Wädenswil zurück.
Von dieser Rückreise ist erwähnenswert, dass er den Schiffsuntergang der «Empress of Ireland» überlebte. Das Schiff war nach der Ausfahrt von Montreal in die Mündung des Sankt-Lorenz-Stroms nachts bei dickem Nebel mittschiffs durch einen norwegischen Kohlefrachter gerammt worden, sodass es innert zwanzig Minuten sank. Dabei ertranken 934 der 1367 Passagiere inklusive Mannschaft an Bord.
KLEIDERBÜRSTEN FÜR DIE BELGISCHE ARMEE
Der Weltkrieg verhinderte weitere bestehende Auswanderungspläne. Walter Erzinger betätigte sich daher als Kaufmann in Büro und Verkauf für die väterliche Firma. Interessant sind die Notizen über die persönlichen Eindrücke während einer Geschäftsreise nach Le Havre vom 2. bis 7. Januar 1916. Wegen der Besetzung Belgiens durch die deutsche Armee domizilierte die belgische Regierung exterritorial in St. Adresse, einem Badeort von Le Havre. Walter konnte dort einen grossen Auftrag übe die Lieferung von 25‘000 Stück Kleiderbürsten abschliessen, bestimmt für die belgische Armee. Als Bruder Hans am 17. Juli 1916 starb, musste Walter seine Pläne zur Wiederauswanderung ganz aufgeben.
1911: UMZUG DER FIRMA IN EINEN NEUBAU
Die externe Lage des Betriebs mit seinem Verkaufsladen im Rothaus veranlasste Heinrich Erzinger und seine Söhne, eine günstigere Lage in Dorfnähe zu suchen. Die weiteren, wohl wichtigeren Gründe waren die engen Platzverhältnisse im bestehenden Haus, welche dem Übergang von den rein handwerklich gefertigten Bürsten zur mechanischen Produktion entgegenstanden. Der Unternehmer verkaufte 1910 die 637 Quadratmeter messende Liegenschaft mit Haus, Umschwung und Garten im Rothaus wieder der Brauerei, an die damaligen Besitzer Fritz und Franz Weber. Die wirtschaftlich gesehen guten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erlaubten es der Firma, von Jakob Höhn und Heinrich Hürlimann ein grösseres Grundstück von 969 Quadratmetern an der Ecke Buckstrasse/Wiesenstrasse zu erwerben. Darauf entstand 1911 ein Wohnhaus mit drei Wohnungen, Büroräumen, Ladenlokal und daran angebaut der Fabrikteil, für den am 10. Dezember 1901 die Plan- und Betriebsbewilligung der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion vorlag.
Wohnhaus (rechts) und Fabrikteil (links) an der Wiesenstrasse, bezogen 1911. Aufnahme um 1940.
Damit war die Firma, auch äusserlich gesehen, ein Fabrikbetrieb geworden und das Ladengeschäft in Kundennähe des aufstrebenden Dorfes Wädenswil gerückt. Der damals gedruckte Briefkopf des Korrespondenzpapiers tat das auch nach aussen kund mit der Ansicht des Neubaus, fantastisch ergänztem Hintergrund, inklusive schwarz rauchender Kamine. Die niedrigen Nummern von Telefon 106 und Postscheckkonto VIII-1064 lassen erkennen, dass die Firma mit zu den ersten gehörte, welche sich dieser Mittel im Geschäftsverkehr bedienten.
Bis heute ist es bei diesem Standort geblieben. 150 Jahre nach der Firmengründung besteht hier ein voll mechanisierter Betrieb, welcher mit modernsten Mitteln industriell Bürsten herstellt.
DIE FABRIKORDNUNG VON 1912
Eine noch erhaltene Fabrikordnung und zwei Fotos aus der Zeit kurz vor und nach dem Bezug des Neubaus geben Einblick in die damalige Arbeitswelt. Noch galt die 59-Stunden-Woche. Die Frau des Patrons besorgte das Büro, von Hand schreibend und im Kopf rechnend. Für Aufnahmen der Belegschaft gingen der Gründer, der Patron, zwei seiner Söhne sowie alle Mitarbeiter im Sonntagsgewand zum Fotografen.
Inzwischen hat sich vieles geändert. Nach wie vor gilt jedoch: Bestand und Erfolg eines Unternehmens, ob Gross-, Gewerbe- oder Familienbetrieb, hängen nicht nur von der Leitung ab. Es braucht ebenso Motivation, guten Willen und schliesslich die exakte Arbeit tüchtiger Mitarbeiter.
DIE ERSTEN MASCHINEN ZUR BÜRSTENHERSTELLUNG
Ein entscheidender Schritt von der Handfertigung zur industriellen Bürstenherstellung gelang damit, dass Borstenbündel von der Besatzseite in die Bürste eingesetzt werden konnten. Holzbearbeitungs-, Bohr-, Schneid- und Mischmaschinen dienten bisher nur der Zurichtung von Bürstenkörpern und von Borstenmaterialien. Erhalten ist ein Frachtbrief vom 1. Oktober 1916 mit angehefteten Abbildungen einer Materialschneid- und einer Mischmaschine, welche dann über dreissig Jahre in Betrieb standen. Gleichzeitig wurden in der Firma H. Erzinger die ersten neu entwickelten Handstanzmaschinen angeschafft. Dabei dürfte der Grossauftrag für die belgische Armee der Auslöser zum Kauf gewesen sein. In die gleiche Zeit fällt die Aufnahme der Fabrikation von Walzenbürsten bei H. Erzinger. Sie ist bis heute eine Spezialität der Firma geblieben.
Die 1916 angeschaffte Mischmaschine für Besatzmaterialien.
ENTWICKLUNGEN IM BÜROBEREICH UND IM ZAHLUNGSVERKEHR
Auch im Bürobereich und im Zahlungsverkehr gab es Neuerungen. So ist zum Beispiel der Verkaufsvertrag der Liegenschaft im Rothaus an die Brauerei 1909 bereits mit der Schreibmaschine aufgesetzt worden, während die entsprechenden notariellen Dokumente noch fein säuberlich in deutscher Handschrift gefertigt wurden. Der Zahlungsverkehr der Firma, ursprünglich ausschliesslich bar, dann mit Wechsel getätigt, wickelte sich nun auch per Postanweisung mit weissen Formularen ab. 1906 führte die Post den Checkverkehr mit grünen Formularen ein. Bald darauf, am 4. Januar 1908, eröffnete die Firma ihr Konto unter der heute noch bestehenden Nummer VIII 1064.
BEITRITT ZUM INDUSTRIE- UND ARBEITGEBERVEREIN WÄDENSWIL
Der Erste Weltkrieg (1914–1918), in den die neutrale Schweiz glücklicherweise nicht hineingezogen wurde, hatte Auswirkungen auf unser Land. Die Teuerung, der die Lohnentwicklung nicht folgte, traf besonders die Arbeiterschaft. Sie begann sich auch in unserer Region zu organisieren. Dies veranlasste die hiesigen Arbeitgeber im Frühjahr 1918 zur Gründung des Industrie- und Arbeitgebervereins Wädenswil-Richterswil. Während des Generalstreiks vom 11. bis 15. November 1918 blieben auch in der Bürstenfabrik H. Erzinger Leute der Arbeit fern. Dies bewog den Firmeninhaber, mit Schreiben vom 25. November 1918 dem Arbeitgeberverein beizutreten, wobei er den Lohnausfall für die vier Tage mit 450 Franken bezifferte. Da in seinem Betrieb keine Ausschreitungen stattgefunden hatten, verzichtete er auf eine Strafklage.
ÜBERGANG DER FIRMA AN DIE DRITTE GENERATION
Mit einem formlosen, auf der ersten eigenen Schreibmaschine getippten Vertrag vom 1. Januar 1920 wurde der Firmenübergang von Vater Heinrich Erzinger auf seine beiden Söhne Heinrich und Walter vollzogen. Damit wandelte sich, nach dem Eintrag im Handelsamtsblatt Nr. 3 vom 6. Januar 1920, die Einzelfirma in die Kollektivgesellschaft «H. & W. Erzinger, Bürstenfabrik, Wädenswil». Gemäss der neu aufgesetzten Fabrikordnung vom 12. Dezember 1920 betrug nun die wöchentliche Arbeitszeit 48 Stunden. Einige Aspekte der damaligen Arbeitswelt sind einem Exemplar «Vorschriften des Bundes über die Arbeit in den Fabriken, Ausgabe 1925», zu entnehmen.
Heinrich Erzinger, seit dem 3. November 1910 vermählt mit Emmy Meyer, hatte vier Kinder, von denen zwei im kindlichen Alter starben. Walter Erzinger ehelichte Fanny Stiefenhofer, Tochter des Teilhabers der Tiefbaufirma Baumann & Stiefenhofer, mit Werkgelände an der Zugerstrasse (Areal der heutigen Metallwarenfabrik Blattmann). Auch dieser Familie wurden vier Kinder geschenkt.
Fanny und Walter Erzinger-Stiefenhofer. Sitzend Fanny Stiefenhofer-Holzach mit Urenkel.
DIE FIRMA H. & W. ERZINGER IN DEN ZWANZIGER JAHREN
Rosalie Erzinger-Stehli, die bis anhin die Büroarbeiten besorgt hatte, starb am 30. Mai 1920, kurz nach der Geschäftsübernahme durch die Söhne, ihr Ehemann Heinrich gut anderthalb Jahre später, nach Krankheit, am Weihnachtstag 1921. Das 75-Jahr-Jubiläum der Firma wurde daher nicht speziell begangen. Dafür fand zum 80-jährigen Bestehen im Juni 1926 eine Reise aller Mitarbeiter auf die Rigi statt. Die dabei auf der Gipfelwiese entstandenen Fotos lassen erkennen, dass die Betriebsgemeinschaft damals zwanzig Mitarbeiter zählte, dazu kamen die im Büro tätigen Heinrich und Walter Erzinger, eine kaufmännische Angestellte, eine Lehrtochter und ein Verkaufsvertreter.
Alle Tätigkeiten waren noch vorwiegend Handarbeit: das Zurichten von Besatzmaterial, das Einsetzen von Borsten in die Bürstenkörper, das Ausrüsten des eingesetzten Besatzfeldes, die Bedienung der einfachen Stopf- und Eindrehmaschinen. Der im Jahr 1926 erschienene Ratgeber und Geschäftsführer von Wädenswil zeigt mit seinen Reklameseiten und Bildern, mit Branchen- und Telefonverzeichnis, dass sich die Bürstenfabrikationsfirma noch voll als dem Gewerbe zugehörig betrachtete. Dazu mag auch der Verkaufsladen für Haushaltbürsten und solchen zur Hygiene und Körperpflege beigetragen haben.
PRODUKTION UNTER EIGENEM MARKENZEICHEN
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Ende der zwanziger Jahre, die in der Welthandelskrise zirka 1930 den Höhepunkt erreichten, zogen die Firma in Mitleidenschaft. Sie verhinderten die technische Entwicklung der maschinellen Produktion von Bürsten ganz allgemein. Andererseits liessen die schlechten Zeiten keine grossen Investitionen in leistungsfähigere neue Maschinen zu.
Zylindrischscheren einer Bürstenwalze, 1916. Vorne rechts Schermaschine für Handbürsten.
Dafür wurde 1923 ein Fabrikmarkenzeichen geschaffen. Es prägte das Erscheinungsbild der Bürstenfabrik H. & W. Erzinger auf dem ersten gedruckten Katalog mit Preisliste und blieb dann zwanzig Jahre in Gebrauch. Auch im Firmenstand an der Wädenswiler Gewerbeausstellung 1930 auf dem Eidmattareal diente es als Blickfang. Eine Foto des Standes zeigt das damals fabrizierte Sortiment. Es dominierten Besen, Pinsel sowie Reinigungs- und gewerbliche Gebrauchsbürsten für den Einsatz von Hand. Dieses Angebot, nach Katalog verkauft und ab Lager lieferbar, stellte die Grundauslastung sicher. Doch der Anteil Industriebürsten, vornehmlich Walzen-, Stab- und Tellerbürsten, wurde immer wichtiger. Die in den Abmessungen bedeutend grösseren Bürsten waren meist Einzelanfertigungen auf Bestellung, fielen jedoch nur periodisch an. Aber sie konnten mit besseren Margen kalkuliert werden und bildeten so die Grundlage für den Firmenerfolg.
Erstes Firmen-Markenzeichen, 1923.
GRÜNDUNG EINER ARBEITSLOSENKASSE IN WÄDENSWIL
Walter Erzinger erkannte früh die Schwierigkeiten, die sich mit der Weltwirtschaftskrise auch für die Arbeiterschaft anbahnten. Als Präsident des Industrie- und Arbeitgebervereins in den Jahren 1927 bis 1936 war er an der Gründung der Arbeitslosenkasse Wädenswil, Richterswil und Umgebung beteiligt. Der Kasse beizutreten, beruhte auf freiwilligem Entscheid, sowohl für die Firmen als auch für deren einzelne Mitarbeiter. Lange nicht alle nahmen die gebotene Möglichkeit wahr, weil damit ein Lohnabzug für den Mitarbeiter-Prämienanteil verbunden war. Trotzdem konnte die neue private Institution manche Härten der Arbeitslosigkeit mildern.
FIRMA SPIRALBÜRSTEN AG, WÄDENSWIL
Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, 1932, gründeten der Horgner Textilmaschinenfabrikant Samuel Vollenweider und die Bürstenfabrikanten Heinrich und Walter Erzinger mit je hälftiger Beteiligung eine zusätzliche Firma: die Spiralbürsten AG, mit Sitz in Wädenswil. Sie erwarben das deutsche Patent für die Schweiz sowie die zur Fabrikation nötige Maschine. Es handelte sich um ein neuartiges Verfahren der Borstenbefestigung mittels Band und Haltedraht aus Metall. Damit liessen sich fortlaufende Bürstenbänder herstellen, die sich − spiralförmig aneinandergelegt − bestens für Walzenbürsten eigneten. Die grossen Dimensionen der T-förmigen Maschine sowie eine Drehbank genügender Länge, um die Bürstenwalzen zylindrisch zu scheren, liessen die Aufstellung nur bei der Firma Vollenweider in Horgen zu, welche über den nötigen Raum verfügte.
Der Stand an der Zürichsee-Ausstellung 1930 in Wädenswil vermittelte einen Querschnitt durch das Fabrikationsprogramm. Links: Handbürsten für gewerbliche Anwendungen. Vordergrund: Maschinenbürsten. Rechts: Handbürsten, Besen für Reinigungszwecke.
Zum Zeitpunkt, da die drei Schweizer Fabrikanten in Berlin die Kaufverhandlungen wegen Patent und Maschine führten, fand in Deutschland die Wahl eines neuen Reichspräsidenten statt. Hindenburg gewann zwar die Wahl vor dem Gegenkandidaten Adolf Hitler, musste letzteren aber 1933 mit der Neubildung der Regierung betrauen. So wurde Hitler Reichskanzler, und mit ihm kamen die Nationalsozialisten ans Ruder. Tief beeindruckt von der politischen Unrast im nördlichen Nachbarland und dem brutal geführten Wahlkampf kehrten die drei Schweizer damals nach Hause zurück.
Die Produktion der Spiralbürsten AG fand unter der Betriebsleitung der Firma Vollenweider in Horgen statt, während Akquisition, Büroarbeiten, Materialeinkauf und -zurichtung in den Räumlichkeiten der Firma Erzinger in Wädenswil erfolgten. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit der beiden Unternehmen in der Spiralbürsten AG ging von deren Gründern auf die Nachfolger in den eigenen Firmen über. Sie dauerte fünfzig Jahre, bis 1982. Dann fusionierte die Spiralbürsten AG mit der Bürstenfabrik Erzinger AG, welche bereits das ganze Kapital erworben hatte. Drei Jahre später, mit dem Kauf einer neuen Streifenbürsten-Spiralbürstenmaschine, wurde auch die Produktion vollständig nach Wädenswil verlegt.
ROHSTOFFMANGEL IM ZWEITEN WELTKRIEG
Der 1939 ausgebrochene Zweite Weltkrieg brachte Schwierigkeiten, weil Mitarbeiter fehlten, die lange Aktivdienste in der Schweizer Armee leisten mussten. Walter Erzinger-Stiefenhofer etwa war nach Erfüllung der Militärdienstpflicht noch dreihundert Tage im Luftschutz eingesetzt; Max Erzinger-Rota kam auf 1030 Aktivdiensttage, Walter Erzinger-Frehner ab 1941 auf 660 Tage.
Die Bürsten-Besatzmaterialien − vor allem die so wichtigen Schweineborsten und die Pflanzenfasern Fiber, Cocos, Bassine und Reiswurzeln − liessen sich jetzt nur mit grossen Anstrengungen beschaffen. Denn Naturfasern wachsen ausschliesslich in entfernten, teilweise überseeischen Ländern. Als die Schweiz von den Achsenmächten Deutschland und Italien sowie vom besetzten Frankreich umschlossen war, versiegten die Lieferungen ausländischer Materialien beinahe ganz.
Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg treffen Ende September 1945 aus Übersee wieder Pflanzenfasern-Besatzmaterialien ein.
Andererseits veranlasste der Weltkrieg die in gegenseitiger Konkurrenz stehender Branchenfirmen, sich 1941 im «Verband schweizerischer Bürsten- u. Pinselfabrikanten» lose zusammenzufinden. So konnte! die gemeinsamen Interessen in den Dachverbänden und bei den Entscheiden der staatlichen Kriegswirtschaft mit mehr Gewicht vertreten werden.
BEGINN DES KUNSTSTOFFZEITALTERS
Der Schreibende war im Zuger Bataillon 48 des Gebirgsinfanterie-Regiments 3 eingeteilt, welches 1944 an der Südgrenze im Sotto Ceneri gegen das von den Deutschen besetzte Italien auf Grenzwache stand. Dabei wurden bei Chiasso Schmuggler aufgebracht. Unter den ihnen abgenommenen Waren befanden sich feine Strümpfe, gewoben aus dem neuen amerikanischen Kunststoff Nylon. Später erreichte auch Nylon mit grösseren Durchmessern die Schweiz. Dieses eignete sich als Besatzmaterial für Zahnbürsten. In immer dickeren Durchmessern, ja in Profilformen, kamen Nylonborsten auf den Markt, die für Grobbürsten sowie Strassenbesen verwendet werden konnten.
Bürstenwalze für Papiermaschinen-Feuchtapparat grosser Arbeitsbreite, 1957.
Damit begann die eigentliche Kunststoff-Ära in der Bürstenindustrie. Wie vielen anderen Branchen führte sie zu bedeutenden Umstellungen. Die Materieauswahl für Bürstenkörper erweiterte sich stark. Als neue vierte Gruppe gewannen die Kunststoff-Fasern neben herkömmlichen Pflanzenfasern, Tierhaaren und Metalldrähten rasch an Bedeutung. Ja, man lebte gar in der Euphorie, die neuen Kunststoffborsten würden alle bisherigen Besatzstoffe verdrängen. Dann setzte sich die Erkenntnis durch, Kunststoff sei nicht einfach besser als die bisherigen Materialien, eröffne aber in der Werkstoffwahl viele zusätzliche Möglichkeiten.
DIE VIERTE GENERATION TRITT IN DIE FIRMA EIN
Zurück zur Firmengeschichte. 1940 trat Max Erzinger, der Sohn des Gesellschafters Heinrich Erzinger-Meyer, in die Firma ein. Nach 1937 bestandener Handelsmatura hatte er sich in Brüssel in einer belgischen Transportfirma betätigt und war 1939 in die Schweiz zurückgekehrt, um die Rekrutenschule zu absolvieren. Aus dieser musste er in den Aktivdienst einrücken. Die zu Beginn der Grenzbesetzung sehr langen Aktivdienstzeiten verhinderten weitere auswärtige Stellenantritte, und der Krieg liess keine Auslandaufenthalte zu, wie sie die Vorfahren gekannt hatten.
Max Erzinger verheiratete sich 1942 mit Yvonne Rota. Der Ehe entsprossen vier Kinder, von denen eines im Kleinkindalter starb. Vater und Onkel erteilten Max Erzinger-Rota am 1. Dezember 1951 in der Bürstenfabrik Einzelprokura.
Max und Yvonne Erzinger-Rota. Max Erzinger präsidierte von 1983 bis 1989 den Verband der schweizerischen Bürsten- und Pinselfabrikanten.
ÜBERNAHME DER FIRMA BECKERT-EISELE, SOHN, ZÜRICH
Um für die Industriebürsten mehr Nähe zum wichtigen Markt in der Stadt Zürich zu gewinnen und um das Laden-Verkaufsgeschäft auszudehnen, wurde 1944 die Firma Beckert-Eisele, Sohn, käuflich erworben. Damit entstand am Weinplatz 10 die Filiale Zürich, mit Laden im Hause der Firma Samen-Mauser, dem früher über Jahrhunderte renommierten Hotel Schwert. Die Filiale bestand 13 Jahre, bis 1957. Dann musste sie aufgegeben werden, weil Samen-Mauser die Ladenlokalität für den Eigenbedarf brauchte. Erschwinglicher Ersatz für ein nur Bürsten führendes Spezialgeschäft in Zürichs Innenstadt liess sich nicht finden. Seit da erfolgt die Betreuung der Kundschaft in Industrie und Verwaltung wieder von Wädenswil aus.
STIFTUNG FÜR DIE PERSONALFÜRSORGE
Mit einer Ersteinlage von 20‘000 Franken wurde 1944 eine Stiftung für die Personalfürsorge errichtet. Eine eigene Pensionskasse kam für die Kleinfirma nicht in Frage. Sie schloss darum bei der Schweizerische Rentenanstalt eine freiwillige Gruppenversicherung für die Mitarbeiter ab, mit hälftiger Prämienbeteiligung der Firma. Gute Jahresabschlüsse liessen das Stiftungskapital weiter anwachsen.
1946: DIE FIRMA BESTEHT SEIT 100 JAHREN
Neben guten Jahren gab es oft auch solche mit negativen Geschäftsabschlüssen. Recht bescheiden nahm sich daher 1946 die Erinnerung an das hundertjährige Bestehen der Firma aus. Ein zweiseitiges gedrucktes Blättchen im Format A5 genügte, um Kunden, Lieferanten und befreundeten Firmen das Ereignis selbst sowie in knappen Sätzen die hundert Jahre Firmengeschichte bekanntzumachen. Erwähnt sei noch, dass im Jubiläumsjahr die Gebäudeheizung von Koks auf Heizöl umgestellt wurde.
1952: DIE NEUE IGEL-FABRIKMARKE
Das Firmenlogo änderte im Jahre 1952 mit der Einführung des Igel-Markenzeichens. Das Fell des Igels, das mit seinen Stacheln wohl eine Ähnlichkeit mit einer Bürste aufweist, dient eigentlich zum Schutz des Tieres vor seinen Feinden. Nicht die Stacheln, sondern auch die Sympathien, welche der Igel beim Menschen allgemein geniesst, sollten mit der Wahl dieses Signets auf die Bürstenprodukte der Firma Erzinger übertragen werden. Und dies gelang recht gut.
WALTER ERZINGER TRITT IN DIE FIRMA EIN
Walter Erzinger-Frehner, Sohn von Walter Erzinger-Stiefenhofer, entschloss sich, am 1. Januar 1956 in die Bürstenfirma einzutreten und dazu nach Wädenswil zurückzukehren. Seine Ausbildung in Mechanik hatte er 1945 in der Abteilung Maschinenbau am Technikum Winterthur mit dem Ingenieur-HTL-Diplom abgeschlossen. Dann hatte er in Genf gearbeitet und während zehn Jahren als Stellvertreter des Betriebsingenieurs in der Papierfabrik Cham AG. 1947 verheiratete er sich mit Elisabeth Frehner; dem Ehepaar wurden fünf Kinder geschenkt.
Der Wechsel vom Mitarbeiter mit mehr thermischen und chemisch-technischen Aufgaben in einer grossen Firma zum kleinen Bürstenfabrikationsbetrieb mit vielfältiger unternehmerischer Beanspruchung war nicht ganz einfach. Schliesslich obsiegte aber die Freude am eigenen Familienbetrieb. Dies dank guter Zusammenarbeit mit dem Vetter und zukünftigen Geschäftspartner Max Erzinger-Rota, aber auch dank dem Wohlwollen, das die beiden Väter den neuen Ideen ihrer nächsten Generation entgegenbrachten.
Walter und Elisabeth Erzinger-Frehner.
GEBÄUDE-UND INFRASTRUKTUR-AUSBAU
Noch 1956 wurde in den gleichen Räumlichkeiten fabriziert, die man 1911 im Neubau an der Buckstrasse für vorwiegend handwerkliche Bedürfnisse geschaffen hatte. Die kleinen, mit Mauern abgetrennten Einzelwerkstätten, darunter auch die grösste, in der die wenigen Maschinen vom Hauptmotor durch Riemen über eine Transmissionswelle angetrieben wurden behinderten den Umschlag für die wachsende Fabrikation. Vor allem liessen sich die Walzen- und Stabbürsten für industrielle Zwecke, welche in ihren Dimensionen immer länger wurden, nur mit Mühe um all die Ecken und über Treppen manipulieren.
Die Ausnützung günstiger Preise beim Beschaffen von Rohstoffen verlangte mehr Lagerraum. Grossisten und Grossverteiler wälzten zudem die Lagerhaltung der fertigen Bürsten immer mehr auf die Fabrikanten ab.
Den Betriebsstrom lieferten die EKZ über eine Freileitung auf einen Dachständer und zwar in zwei Spannungen: neben 381 Volt noch in den veralteten 500 Volt für die fünf Motoren mit 8 PS Leistung. Ein eiserner Staketen-Hag auf Massivmauer, welche Fabrikteil samt Wohnhaus umgab, sowie die zu kleine Speditionsrampe verhinderten ein, rationelle Zufuhr von Rohmaterialien und den Abtransport der in Holzkisten verpackten Fertigwaren.
Den finanziellen Möglichkeiten der Firma entsprechend, wurden in mehreren Teilausbauten neue Arbeitsflächen, bessere interne Verkehrswege und Lagerräume für Rohstoffe, Zwischen- und Fertigwaren geschaffen. Laufend galt es sodann die Infrastrukturen für elektrische, pneumatische Maschinen-Antriebe und -Steuerungen zu ergänzen, ebenso die Einrichtungen für rationellen Güterumschlag. Weiter verlangte der immer anspruchsvollere Unterhalt der Produktionsmaschinen eine gut ausgerüstete eigene mechanische Werkstatt.
In Stichworten die bedeutendsten Ausbauetappen:
1958
Neue Kabelzuleitung für Strom; Neuinstallation des internen Elektroverteilnetzes 380/220 Volt. Umbau aller Maschinen auf Einzelantrieb. Ausbruch einer Montagetüre auf der Seite Wiesenstrasse, um für lange Werkstücke den Zugang zum Maschinenraum zu erleichtern.
1961/62
Kauf der benachbarten Liegenschaft Buckstrasse 33 von Caspar Tognoni, mit 452 m2 Land, Wohn- und Gewerbehaus. Dachstockausbau zu Gastarbeiterzimmer. Änderung der Werkstatträume im Erdgeschoss, für Unterhalt und Spezialbürstenfabrikation.
1963
Gebäudeausbau I. Errichten eines unterkellerten eingeschossigen Verbindungsbaus zwischen den Gebäuden Buckstrasse 31 und 33. Verlegen der Spedition von der Seite Wiesenstrasse in einen neuen Hof mit grosser, überdeckter Verladerampe und Einfahrt von der Buckstrasse her.
1967
Büroumbau im Erdgeschoss des Wohnhausteils Buckstrasse 31. Aufgabe des Detailverkaufsladens und Verlegung des Büroeingangs auf die Seite Buckstrasse.
1979
Gebäudeausbau II. Verdoppelung der Nutzfläche und des Rauminhalts im Verbindungsbau. Einbau eines neuen, palettengängigen Warenaufzugs mit Personenbeförderung, als Ersatz für den alten mit zu kleinen Dimensionen. Umplatzierung der Produktionsmaschinen. Mauerausbrüche im Altteil des Gebäudes, um überall hubstaplergängige Durchfahrten zu erhalten. Aussenrenovation mit Einbau neuer, besser isolierender Fenster am gesamten Gebäudekomplex Buckstrasse 31/33.
1990/91
Gebäudeausbau III. Aufstocken des Zwischenbaus der Häuser Buckstrasse 31/33 um ein erstes und zweites Obergeschoss. Anpassung und Ausbau des Dachstocks Haus Buckstrasse 31, mit Verlegung der Dachterrasse auf die Hofseite. Neue Unterhaltswerkstatt im nicht unterkellerten Haus Buckstrasse 33, nach Tieferlegen des Bodens auf die Höhe der übrigen Erdgeschossböden.
Damit dürften die räumlichen Ausdehnungsmöglichkeiten am heutigen Standort erschöpft sein. Die schmalen Vorgärten mussten den verlangten Parkplätzen, der ursprüngliche Gemüsegarten im Süden im Laufe der Ausbauetappen ganz dem Zwischenbau geopfert werden. Bei allen drei Erweiterungsbauten wurden verschiedene Isoliermassnahmen getroffen und die Raumheizung modernisiert. Fazit: Trotz bedeutend grösserem Raumvolumen der Gesamtliegenschaft wird heute nicht mehr Heizöl verbrannt als vor dreissig Jahren.
Liegenschaft Buckstrasse 33 vor dem Gebäude-Ausbau I im Jahr 1963 und nach dem Gebäude-Ausbau II im Jahre 1979.
Gebäude-Ausbau III, 1990/91.
BÜRSTENPRODUKTION HEUTE
Von aussen sieht man den Gebäulichkeiten kaum an, welche Vielfalt von Maschinen und Einrichtungen mittlerweile darin installiert sind. Langezeit mussten sich die Bürstenhersteller gegen ein verbreitetes, aber ganz falsches Image wehren, wurden doch früher viele Gebrauchsbürsten in Blindenheimen und Strafanstalten hergestellt. Das büschelweise Einsetzen der Borsten war ja auch eintönige reine Handarbeit.
Die heutige Produktionsweise ist eher jener einer Maschinenfabrik vergleichbar. Das zeigte sich auch, als die Bürstenfabrikanten 1967, in Zusammenarbeit mit dem BIGA, den Beruf des Bürstenmachers den heutigen Verhältnissen anpassen wollten. Kaderpositionen in der Branche werden mit Leuten aus der Metall-, Kunststoff- oder Holzwarenindustrie besetzt. Denn es ist einfacher, sich zusätzliche Kenntnisse der Bürstenmaterialien und deren Verarbeitung anzueignen, als die mechanischen, elektrotechnischen und pneumatischen, die nötig sind, um Maschinen einzustellen, zu betreuen und zu verbessern, die auf moderne Art Bürsten produzieren.
MEHR MASCHINEN UND MOTOREN
Vor vierzig Jahren umfasste der Maschinenpark zwanzig Positionen, heute sind es deren achtzig. Davon dienen sechzig der eigentlichen Bürstenfabrikation. die restlichen den Hilfsbetrieben und der gut dotierten Unterhaltswerkstatt. Auch Abmessungen und Gewichte sind ständig gewachsen. Bürsten fabrizieren die Produktionsmaschinen teilweise automatisiert und elektronisch gesteuert, dazu in höheren Stückzahlen. Dies benötigt mehr Umgebungsplan um das Rohmaterial bereitzustellen und die fertigen Bürsten in Paletten versandbereit zu stapeln.
Überdeckte Verladerampe im Hof, Seite Buckstrasse.
Als 1963 alle Maschinen auf Einzelantrieb mit 380-Volt-Motoren umgerüstet waren und die Werkstatt Tognoni übernommen werden konnte, gab es dreissig, fünfzehn Jahre später mehr als doppelt so viele Elektromotoren, nämlich 77. Heute, nach weiteren 25 Jahren, weisen alle Maschinen und Einrichtungen zusammen gar 145 Elektromotoren auf. Allerdings drehen nie alle gleichzeitig.
MASCHINEN FÜR BÜNDELWEISEN BESATZ
Früher erfolgte das Einsetzen der Borsten in reiner Handarbeit, ab 1916 auf Handstanzen, und heute ist dies fast ausschliesslieh automatisierte Maschinenarbeit. Die Automatisierung zwang die Firma, in immer kürzeren Abständen neue, leistungsfähigere Maschinen anzuschaffen. Die Tabelle zeigt dies am Beispiel der Sparte bündelweises Einsetzen von Besatzmaterialien in Bürstenkörper:
MASCHINEN FÜR EINDREH- UND EINPRESSBÜRSTEN
Neben der traditionellen Methode, die Borsten bündelweise einzusetzen, pflegt die Firma Erzinger noch zwei weitere Fabrikationsarten: das «Eindrehen», bei dem das Borstenmaterial zwischen zwei Drähten verdrillt wird, und das «Einpressen», bei dem die Borsten in einem Metallband gefasst und durch Zusammenpressen festgehalten werden. Das Einpressen erlaubt eine fortlaufende Herstellung von geraden Bürstenstreifen beliebiger Länge, aber auch von Bürstenwalzen, wenn die Streifen anschliessend spiralförmig gewickelt werden. In diesen Sparten verlief die Entwicklung von der Handarbeit zur Mechanisierung und Automation ähnlich, einschliesslich entsprechender Investitionen.
Handstanzmaschinen von 1916, Fabrikat Laile.
Handeinziehen von Besatzdraht in Bürstenwalze, 1977.
Vollautomat für Eindrehbürsten, Zahoransky, 1989.
Stanz-Vollautomat E II, Ebser, für Molkereibürsten, 1991.
Eingedrehte Bürsten.
Fabrikation einer eingepressten Spiralbürstenwalze.
Walzenbürsten mit bündelweisem Besatz.
Walzenbürsten mit bündelweisem Besatz.
MECHANISCHE WERKSTATT
Mit dem Wachsen des Ausbaustandards und der Leistungskapazität der Produktion wurden die Maschinen-Wartung und das rasche Beheben von Störungen immer wichtiger. Dies bedingte zusätzliche Investitionen in eine gut eingerichtete mechanische Werkstatt, die zugleich Eigenkonstruktionen und Verbesserungen in Betriebsabläufen erlaubte. Nur mit dem selbst geschaffenen Know-how konnte die Nischenpolitik der Firma aufgezogen und bis heute gehalten werden.
TECHNISCHE ENTWICKLUNGEN IM BÜRO
Weniger branchenspezifisch, jedoch ebenfalls in zunehmend rasanter Folg änderte sich während den letzten Jahren die Arbeit im Büro der Firma Erzinger.
Telekommunikation
Der einzige Telefonapparat für den ersten Amtsanschluss um 1911, ein unförmiger, eine halbe Bürowand beanspruchender Holzkasten, ist längst handlichen Tastengeräten auf jedem Flachpult-Arbeitsplatz gewichen. 1958 stand erst eine Amtslinie mit vier Apparaten zur Verfügung. Sie wurden 1967 durch eine Linienwähleranlage ersetzt. 1988 erhöhte sich die Zahl der Amtslinien und Sprechstellen weiter. Dazu kamen ein Telefonbeantworter und ein Telefaxapparat. Der Fax, welcher eintreffende Nachrichten als Text und Zeichnung ausdruckt, erleichtert vor allem die Kommunikation mit ausländischen und überseeischen Geschäftspartnern. Er vermittelt zeitunabhängig, rasch und erst noch billig. Zwei Fallbeispiele: 1. Die Firma Erzinger hat eine Maschinenpanne. Per Fax, eventuell mit Skizze, kann beim Maschinenhersteller Rat eingeholt werden. 2. Bei einem Kunden wurde durch Brand die in einer Maschine eingebaute Bürste zerstört. Ein Bestellungs-Fax ermöglicht, bei Erzinger sofort für Ersatz zu sorgen. Seit 1991 ist in der Firma eine moderne Vermittleranlage «Alcatel» installiert, die inklusive Telefax und Telefonbeantworter fünfzehn Apparate umfasst.
Mit dem Erwerb neuer Maschinen wurden Schreiben, Rechnen, Fakturieren und Buchungsabläufe im Büro laufend dem Zeitstandard angepasst. Die letzten Errungenschaften sind: 1994 ein Fotokopierer der vierten Generation, nachdem der erste Apparat 1970 in der Firma Einzug gehalten hatte, und 1995 eine Maschine, die anstelle aufgeklebter Marken die Brief- und Paketpost frankiert.
Rosalie Erzinger-Stehli im Büro, 1911. Handschrift, Kopfrechnen, Stempel als einzige Hilfen.
Elektronische Datenverarbeitung
Die bedeutendste Umstellung in der Organisation des Büros und aller seiner Funktionen begann mit der Einführung der elektronischen Daten-Verarbeitung (EDV). Evaluierung und Inbetriebnahme waren der neuen, nun fünften Generation vorbehalten. Als Hardware wurde 1986 ein Mehrplatzsystem IBM S-36 angeschafft, welches bereits 1994 durch das leistungsfähigere System IBM AS/400 ersetzt werden musste. Die Anwendersoftware stammte damals, wie heute, von der Firma Dataline. Daneben hielt auch der Personalcomputer (PC) Einzug im Büro der Firma, vor allem für die Tätigkeiten Etiketten drucken, Briefe schreiben, Kalkulationen und Programmentwicklung für Produktionsmaschinen.
Die EDV brachte für die Firma zwei ganz entscheidende Fortschritte. Erstens stehen heute integrierte Programme vom Rohmateriallager über die Produktion bis zur Fakturierung zur Verfügung, und Übermittlungsfehler sind dadurch praktisch ausgeschlossen. Zweitens werden sämtliche Geschäftsabläufe (Verkauf, Einkauf, Produktion, Buchhaltung) gespeichert und können jederzeit für Disposition oder Entscheide herangezogen und ausgewertet werden.
EDV hat Einzug gehalten, 1986.
DIE MITARBEITER
Ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als Investitionen in Maschinen, ist die Pflege des Firmenpotentials motivierter Mitarbeiter. Menschen sind es ja, seien es Frauen oder Männer, welche die Maschinen bedienen, Störungen an deren Gang beheben, für optimale Fabrikationsabläufe, sorgfältige Kontrolle, Ausrüstung und Verpackung der Bürstenprodukte sorgen. Menschen sind es, die in der Verkaufsabteilung im Aussen- und Innendienst die Aufträge hereinholen, in hartem Konkurrenzkampf, teils wegen Überkapazitäten im Inland, andererseits im Wettbewerb mit viel grösseren, vor allem ausländischen Firmen. Menschen sind es schliesslich, die sich in der Administration um einwandfreies Bestell- und Rechnungswesen sowie um lückenlose Datensicherung kümmern.
Viele Leute haben in all den Jahren ihre Arbeitskraft der Firma Erzinger zur Verfügung gestellt und damit bei ihr den Lebensunterhalt verdient. Mehrere taten dies während über zwanzig, dreissig, ja vierzig Jahren. Die Unterlagen reichen nicht allzu weit zurück. Stellvertretend seien die Mitarbeiter mit über vierzig Dienstjahren genannt, die der Schreibende von Kindsbeinen an kannte: Albert Hitz, Karl Fischer, Hermann Eigenheer, Hanna Stocker, Emil Sutter, Walter Zberg. Vom heutigen Bestand von fünfzehn bis zwanzig Personen wirken im Jubiläumsjahr 1996 Rita Emanuele und Anton Kälin seit 25 sowie Donato De Rosa und Markus Wirz seit über zwanzig Jahren treu für die Firma.
Früher beschäftigte die Bürstenfabrik im Betrieb ausschliesslich Männer, bis zum Eintritt von Frau Hedi Baumgartner vor vierzig Jahren. 1959 traten als erste Arbeitskräfte aus Italien das Ehepaar Giacomo und Saturnina Russo in die Dienste der Firma, denen dann Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern folgten.
Jahrelang liess die Firma Erzinger handeingezogene Bürsten auch in Heimarbeit herstellen. Heute vergibt sie alle Einzieharbeiten an die Blindenwerkstatt Bern, dazu einfachere Ausrüstungsarbeiten an die Montageabteilung des Kinderheims Bühl in Wädenswil.
HÖHERE PRODUKTIVITÄT BRINGT SOZIALE FORTSCHRITTE
Die Erhöhung der Produktivität und Mechanisierung und Automation widerspiegelt sich auch in besseren Arbeitsverhältnissen und sozialen Leistungen. Gleichzeit profitierte der Staat, welcher mit der Einführung der Warenumsatzsteuer (WUST) die Investitionen zu besteuern begann. Seit der Einführung des Mehrwertsteuersystems im Jahre 1995 wird der Mehrwert der Produkte besteuert.
Die sozialen Fortschritte in der Firma wurden durch verschiedene Faktoren ausgelöst. Es waren Vorschriften, basierend auf staatlichen Gesetzen, oder Ergebnisse aus Verhandlungen über den Gesamtarbeitsvertrag in der Bürstenindustrie. Dazu kam der Druck des viele Jahre ausgetrockneten Schweizer Arbeitsmarktes. Etliche Neuerungen wurden aber auch von der Firma eingeführt, um ihr soziales Image gegenüber der allgemeinen Norm zu erhöhen.
Arbeitszeitverkürzungen
1958, nach fünfzig Jahren Dauer der 48-Stundenwoche in der Bürstenbranche, begannen die Arbeitszeitreduktionen bei vollem Lohnausgleich. Bei der Firma Erzinger verband man damit die Einführung der Fünftagewoche. In drei jährlichen Etappen betrugen die Verkürzungen je eine Stunde. Die 45-Stundenwoche hatte acht Jahre Bestand, dann folgten 1968, 1983, 1987 und 1990 wieder stündige Reduktionen bis zur 41-Stundenwoche. Heute wird pro Woche wieder länger gearbeitet. Die vorgeholten Stunden können in vermehrten Frei-Tagen kompensiert werden, zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr.
1970 wurde der Monatslohn für alle Mitarbeiter eingeführt, verbunden mit der zugesicherten Lohnfortzahlung bei Betriebsunfall und Krankheit, ob sofort bis zu zwei Jahren. Laufend verbesserten sich auch die jährlichen Ferienansprüche, vor allem der älteren Mitarbeiter.
Aufbau der Altersfürsorge
Nachdem der Staat die 1944 errichtete Personalfürsorgestiftung amtlicher Kontrolle unterstellt hatte, entstand die Stiftungsurkunde vom 15. Juni 1963 mit zugehörigem Reglement vom Juni 1978.
1947 beschlossen die stimmberechtigten Männer der Schweiz die Einführung der Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung (AHV). Im später propagierten Dreisäulenprinzip galt die AHV als erste Säule. Zur zweiten wurden die in vielen Betrieben entstandenen eigenen Vorsorgeeinrichtungen erklärt. Das auf 1. Januar 1985 in Kraft gesetzte «Berufliche Vorsorge Gesetz» (BVG) machte auch die zweite Säule für alle verbindlich. Für die private Firmenstiftung mussten am 20. Dezember 1984 alle Urkunden und Reglemente erneuert, dazu die Verträge mit der Rentenanstalt angepasst werden.
AHV und BVG, wie übrigens auch Invalidenversicherung (IV), Erwerbsersatzordnung (EO) und Arbeitslosenversicherung basieren auf dem Prinzip, dass die Arbeitgeber paritätisch mit den Arbeitnehmern die Prämienkosten zu tragen haben.
Beteiligung an Wohnbaugenossenschaften
Um ihren Mitarbeitern Wohnungen zu günstigen Bedingungen vermitteln zu können, beteiligte sich die Firma Erzinger an den heute zusammengelegten Baugenossenschaften des Industrie- und Arbeitgebervereins Wädenswil-Richterswil. Sie hat darum Anrechte in den Überbauungen Gulmenmatt und Hangenmoos. Max Erzinger war während dreissig Jahren Vorstandsmitglied der früheren Einzelgenossenschaft Gulmenmatt, dazu 24 Jahre Quästor der EinzeIgenossenschaft Hangenmoos.
BETRIEBSGEMEINSCHAFT
Die Kleinfirma mit ihren Schwächen, die in der geringen Zahl ihrer Mitarbeiter gründen, hat für den Einzelnen auch viele Vorteile. Jeder der Betriebsgemeinschaft kennt jeden, und manches spielt sich direkter und persönlicher ab.
Ein gutes Klima fördern bei der Firma Erzinger die täglichen zwei Betriebspausen, wo man sich beim Kaffee- und Getränkeautomaten mit Sitzgelegenheiten zum Schwatz treffen kann. Böse Mäuler behaupten, die zwei Apparate seien die wichtigsten im ganzen Betrieb. Wehe, wenn diese technischen Einrichtungen der Moderne nicht funktionieren!
Gelegenheit, sich persönlich kennenzulernen, bieten auch die immer wieder selbstorganisierten Anlässe und kleineren Ausflüge der Angestellten. Ebenso geschätzt werden die Firmenausflüge mit den Angehörigen. Seit 1961 finden sie alle fünf Jahre statt. Meist führen sie durch eine schöne Landschaft unserer vielgestaltige Schweiz.
MARKETING
Nicht nur Betrieb und Büro, Bürstenherstellung und interne Organisation der Firma mussten neuen Zeiten und Entwicklungen angepasst werden. Auch Verkaufsmethoden, Tätigkeitsbereich und Sortimente veränderten sich. Neben den Bürsten für Reinigungszwecke gewannen jene für industrielle Fabrikationen und Spezialanwendungen in Maschinen sowie verschiedene Gewerben zunehmend an Bedeutung. Damit dehnte sich der Kundenkreis auf die ganze Schweiz und zu einem kleinen Teil auf das Ausland aus. Dem musste mit dem Firmen-Marketing Rechnung getragen werden. Konnte mit dem 1923 erstmals erschienenen Katalog − wenn auch mit Preisanpassungs-Listen − über Jahrzehnte verkauft werden, braucht es heute rascher neugestaltete Unterlagen.
DER VERKAUFSKATALOG
Im Jahre 1974 erschien der erste Firmen-Verkaufskatalog im Format A4, mit rotweissem Einband und dem Igel-Markenzeichen als Blickfang. Darin wurde auf 38 der 48 Seiten das Lagersortiment angeboten; nur auf fünfen zeigte man die technischen Bürsten. Der Nachfolgekatalog wies einen graphisch modern gestalteten grünen Umschlag auf, mit dem Naturfoto eines Igels. Ihm folgten 1988 und 1991 Neuausgaben, wobei zwei Igel, dann eine Igelfamilie den Umschlag zierten. Von den auf 72 erweiterten Seiten galten noch 28 den konventionellen, dafür 40 den technischen Bürsten, inbegriffen entsprechende Massblätter. Im Jubiläumsjahr 1996 wird ein weiterer neuer Katalog zur Ausgabe gelangen.
CNC-gesteuerter Stanz-Vollautomat E IV, Ebser, 1991.
Daneben wurden laufend Prospekte über Bürstenspezialitäten geschaffen und an ausgewählte Kundensegmente verschickt. Hohen Stellenwert für das Marketing haben die Inserate in Fachzeitschriften. Durch sie erfahren technisches Personal und Konstrukteure, wo Erzinger-Spezialbürsten beitragen können, allenfalls schon lange gewälzte Probleme zu lösen.
WANDEL DER VERKAUFSFORMEN
Der ursprüngliche Hausierer als Direktverkäufer ist längst dem Verkaufsvertreter gewichen. Und heute verschiebt sich die Tätigkeit der Firmenvertreter von der eigentlichen Akquisition immer mehr zur Pflege der Kundschaft und vor allem zur Beratung beim Einsatz von Bürsten in Betrieben oder Fabrikationsprozessen. Der Direktverkauf findet weiterhin statt, aber nun als Telefon- oder Fax-Verkauf und als gezie1te Werbeaktion per Post an ausgesuchte Adressen. Diese Aktivitäten gehen direkt vom Büro Wädenswil aus.
Seit 1984 nimmt die Firma regelmässig an der Zuliefermesse «Swiss Tech» teil, welche im Turnus mit der Baumesse alle zwei Jahre in den Hallen der Mustermesse Basel stattfindet. Sie bietet Gelegenheit, den Namen Erzinger als Spezialbürstenfabrik einem weiteren Kreis möglicher Kunden bekanntzumachen.
Firmen-Messestand an der Swiss-Tech in Basel, 1994.
EXPORTANTEIL
Die Bürstenfabrik Erzinger AG exportierte früher eher sporadisch. Heute jedoch führt sie regelmässig spezielle Bürsten für gewerbliche und industrielle Zwecke aus. Der Anteil an Direktexporten macht nur zirka sechs Prozent aus. Als Zulieferbetrieb der Maschinenindustrie ist die Firma jedoch weit mehr exportorientiert, schätzungsweise zu 75 Prozent. Es betrifft dies Spezialbürsten, zum Beispiel Rundkammbürsten für die Textilindustrie oder Fliessbandbürsten für die Faserzementherstellung, die − in Maschinen eingebaut − mitexportiert werden. Dazu zählen auch spezielle Werkzeugbürsten für bestimmte Arbeitstechniken, die von den Kunden als ganze Systeme verkauft werden.
Exportartikel, versandbereit auf der Verladerampe, 1995.
UMWANDLUNG DER FIRMA IN EINE AKTIENGESELLSCHAFT
Am 1. Januar 1961 wurde die Kollektivgesellschaft H. & W. Erzinger in eine Aktiengesellschaft umgewandelt: in die «Bürstenfabrik Erzinger AG, Wädenswil».
Gleichzeitig ging die Geschäftsleitung für den kaufmännischen Bereich an Max Erzinger-Rota über und jene für den technischen an Walter Erzinger-Frehner. Als Mehrheitsaktionäre und Verwaltungsräte waren sie nun für die Firma verantwortlich.
In den sechziger und achtziger Jahren konnte die Erzinger AC die Fabrikation und den Kundenkreis ausweiten, indem sie folgende Kleinstfirmen der Branche teilweise samt Maschinen und Rohstoffvorräten käuflich übernahm:
Dazu kam auf Mitte 1982 die bereits erwähnte Fusion mit der Spiralbürsten AG, Wädenswil.
IN DER FÜNFTEN GENERATION
Mit Stefan Erzinger-Karrer, dem Sohn von Walter Erzinger-Frehner, trat am 1. Januar 1979 einer aus der fünften Generation in die Firma ein. Er ist seit 1975 mit Isabella Karrer verheiratet. Dem Ehepaar wurden zwei Kinder geschenkt. Stefan ging es wie seinem Vater. Als gelernter Elektromechaniker bisher in Unterhaltsdiensten grosser Firmen tätig, musste er sich vorerst einmal mit den Eigenheiten der Bürstenfabrikation vertraut machen. Er tat dies mit vollem Einsatz, anfänglich als Betriebsmitarbeiter, und lernte die Probleme einer kleinen Firma kennen. Die Nachfolge als Leiter eines Fabrikationsbetriebs begann ihn zu interessieren.
Stefan und Isabella Erzinger-Karrer.
So eignete er sich, berufsbegleitend in Kursen der AKAD und IMAKA, die nötigen kaufmännischen sowie unternehmerischen Kenntnisse an. 1984 wurde ihm, zusammen mit seinen engsten Mitarbeitern Roman Forster und Anton Kälin, Prokura erteilt.
Am 1. Januar 1987 erfolgte die Wahl von Stefan Erzinger-Karrer in den Verwaltungsrat, den er seit 1992 auch präsidiert. Er übernahm die Aktienmehrheit und wurde von seinen beiden Vorgängern, die sich aus der aktiven Mitarbeit zurückzogen, mit der alleinigen Führung der Bürstenfabrik betraut.
Im Jubiläumsjahr 1996 bilden mit Stefan Erzinger-Karrer folgende Mitarbeiter das Führungsteam: Anton Kälin, Verkaufsleiter; Roman Forster, Leiter Administration; Kurt Steffen und Hans Rusterholz, Produktion/Unterhalt.
AUSBLICK
Wer ein Firmenjubiläum feiern kann, darf das in der Rückschau dankbar tun. Wichtiger jedoch ist, vorwärts zu blicken Dabei zählt, nebst dem Istzustand eines Unternehmens, die positive Beurteilung seiner Zukunfts-Chancen.
Der Gründer Johann Erzinger-Mäder baute vor 150 Jahren die eigene Handwerks-Firma auf und verlegte sie 1863 nach Wädenswil. Seine Nachfolger fühlten sich immer demselben Ziel verpflichtet: Firma, Betrieb und Arbeitsplätze am Ort zu erhalten. Dazu gehörte, sich dem Wandel der wirtschaftlichen Gegebenheiten zu stellen und die technische Entwicklung mitzumachen. Dankbar sei festgestellt: Über Generationen gelang es immer, innerhalb der Familien eine geeignete Nachfolge zu finden und auch die dazu nötigen Schritte finanziell zu lösen. In der fünften Generation führt nun Stefan Erzinger-Karrer das Unternehmen weiter. Der heutige Stand der Firma wurde erreicht mit dem Einsatz über all die Jahre sowie den stets getätigten Investitionen in Gebäude, Maschinen, neue Produkte und Know-how. Der Bürstenfabrikationsbetrieb der Erzinger AG ist modern und leistungsfähig.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jubiläumsjahr 1996.
Nun steht aber jedes Unternehmen in einem wirtschaftlichen Umfeld und unter Bedingungen, die seinem direkten Einfluss entzogen sind. Genannt seien − nebst Kriegen und allgemeinen Wirtschaftskrisen − zum Beispiel der heute zu hohe Frankenkurs sowie die Tendenz der Verlagerung von Gesamtfabrikationen ins Ausland, mit niedrigeren Standortkosten infolge flexiblerer Vorschriften. Ebenso gehören dazu divergierende Ansichten der Politiker in der Integrationsfrage Europa-Schweiz und die von gewissen Kreisen betriebene allgemeine Miesmacherei jeglicher wirtschaftlicher Tätigkeit.
Mit dem vorerwähnten Umsatzanteil als Zulieferer exportorientierter Kunden wirken diese Einflüsse sehr direkt auf die Firma Erzinger. Sie muss auf die Einsicht der Politiker zählen können, sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren. Die Ziele attraktiver Wirtschaftsstandort Schweiz und bestmögliche weltwirtschaftliche Integration unseres Landes müssen vielmehr, in der Suche nach gemeinsamen Lösungen, alle fortschrittlichen Kräfte in Wirtschaft, Politik und Bevölkerung vereinigen.
Die Firma Erzinger glaubt nach wie vor, dass die Schweiz die heutige schwierige Zeit meistert. Sie baut auch auf die Fähigkeiten ihrer Inlandkunden, weiterhin hochwertige Maschinen und Produkte auf den Markt zu bringen. Sind dazu für bestimmte Fabrikationsprozesse oder Arbeitstechniken Bürsten nötig, ist sie in der Lage, ihren Anteil an Problemlösungen preiswert zu leisten. Daher darf sie voller Zuversicht in die Zukunft blicken. Mit Optimismus und der ihrer Grösse entsprechenden Nischenpolitik will sie auch weiterhin ihren Betrieb und die Arbeitsplätze am Ort erhalten.