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Gesellschaft
Kind sein im 20. Jahrhundert
Merith Niehuss beschreibt in diesem Buch das typische Leben von Kindern seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei geht sie auf die einzelnen Lebensbereiche wie Ernährung, Familie, Schule, Arbeit, Freizeit, Spiel und Urlaub ein, aber auch auf Unterschiede zwischen den sozialen Schichten. Auszüge aus vielen autobiographischen Dokumenten sowie Fotos machen den Band sehr anschaulich.
Über die Zeitenwenden hinweg dominiert die Kontinuität. Wegen des Verlustes vieler junger Lehrer im Ersten Weltkrieg ist der Schulunterricht in den ersten Jahren der Weimarer Republik nicht von dem der Kaiserzeit zu unterscheiden. Genauso führten die den Zweiten Weltkrieg überlebenden alten Lehrer eigentlich längst überholte Traditionen nach Kriegsende fort. Mit ihnen kehrten wieder "die ganz alten Erziehungsmethoden ein, als hätte es die reformpädagogischen Fortschritte der Zwischenkriegszeit niemals gegeben." (. 103) In der Bundesrepublik der 1950er Jahre galt weder in materieller noch pädagogischer Hinsicht das Interesse den Kindern.
Für die Zeit des Nationalsozialismus geht die Autorin detailliert auf die unterschiedlichen Lebensumstände von Kindern je nach ihrer rassischen Klassifizierung ein. Ausführlich schildert sie die nationalsozialistische Indoktrinierung durch Schule und Jugendorganisationen und die Vorbereitung bzw. Erziehung zum Kriegführen, eher kurz das Leben während des Krieges, bei der Kinderlandverschickung oder im Falle von Flucht und Vertreibung. Auch die unmittelbare Nachkriegszeit kommt nur kurz zur Sprache.
Ab etwa 1955 wurde der Lebensraum in den Städten immer "kinderfeindlicher" (S. 106), besonders die zahlreichen Neubausiedlungen am Stadtrand. Das Betreten der Rasenflächen zwischen den Häusern war verboten, die viel zu kleinen und wenigen Spielplätze durften an Sonn- und Feiertagen nicht benutzt werden. Ballspielen, Radfahen, Rollschuhlaufen waren verboten. Die in Deutschland in den frühen 1950er Jahren gebauten Wohnungen verfügten in der Regel nicht über ein Kinderzimmer; vorgesehen war, dass kleine Kinder im Elternschlafzimmer, größere im Wohnzimmer schlafen sollten. Das änderte sich Ende der 1950er Jahre, doch glich das "Kinderzimmer" mit 6 bis 7qm Fläche eher einer Kammer. Noch 1973 teilten sich 59% der Kinder ein Zimmer mit ihren Geschwistern, 4% hatten überhaupt kein Kinderzimmer.
Zwar kommt die DDR in einem eigenen Kapitel zur Sprache, wo hauptsächlich die Themen Schule, kirchliche Sozialisation und Jugendweihe behandelt werden, doch dominiert die BRD die Nachkriegszeit. "Die Adenauer-Ära ist durch den langsam einsetzenden Wohlstand gekennzeichnet, aber auch durch das traditionelle Familienbild, das die Gesellschaft für Jahrzehnte prägen sollte." (S. 110) Erwerbstätige Mütter standen unter "heftigem Rechtfertigungsdruck" (S. 111). Die Begriffe "Rabenmutter" und "Schlüsselkinder" kamen auf. "Allem, was dem traditionellen Familienbild widersprach, stand die konservative Gesellschaft reserviert bis feindlich gegenüber." (S. 113)
Der Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland stellt Niehuss bis in die allerjüngste Zeit ein vernichtendes Urteil aus. Dadurch, dass "sich die Gesellschaft auf die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau festgelegt" hat, mussten sich Frauen "in der Regel entscheiden, ob sie Kinder haben wollten und in der Konsequenz dann auf den Beruf verzichteten, oder ob ihnen an der eigenen Karriere gelegen war, was dann einem Verzicht auf Kinder in der Ehe nahe kam. Als Folge dieses beständigen Druckes, dem man Frauen unterwarf, brachen die Kinderzahlen in den Familien [nach dem Zweiten Weltkrieg] erneut ein, so dass kinderlose Familien in den Großstädten zur häufigsten Familienform wurden." (S. 10) Und anstatt das eigene Versagen endlich einzugestehen, energisch den einzig möglichen Weg zu gehen und endlich einzusehen, dass sich Menschen - auch Frauen - nicht beliebig in eine Richtung zwingen lassen, die nicht mehr zeitgemäß ist, möchte man hier anfügen, verlegt sich die Politik nun auf eine Beschuldigung der Frauen als Egoistinnen.
Insgesamt handelt es sich hier um ein anschauliches, gut lesbares, für ein breiteres Publikum geschriebenes Buch.