Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03420.jsonl.gz/6

Quick Facts
-
StatusAktiv
-
Wohnort
1630 Bulle (FR)
-
Geburtsdatum
10.07.1960
-
Beruf
Bäcker
-
Wettkampfklasse
MH 3
-
Behinderung
Paraplegie
-
Behinderungsgrund
Autounfall
Jean-Marc Berset hat die paralympische Szene über Jahre, oder besser gesagt Jahrzehnte, mitgeprägt. Bereits vor dem Autounfall im April 1983, in dem er querschnittgelähmt wurde, betrieb er viel und gerne Sport. Auf Amateurebene spielte er Fussball, betrieb Leichtathletik und fuhr Ski. Dies alles tat er neben seiner Arbeit als Bäcker.
Seinen Unfall hatte Berset in einer Zeit, in der der Rollstuhlsport noch ein Nischendasein fristete, den Athleten bezüglich Sportarten noch nicht allzu viele Möglichkeiten zur Verfügung standen und die Athleten deshalb eine Pionierrolle in der Entwicklung dieser Sportarten einnahmen. Nach einem kurzen Abstecher zum Basketball entdeckte der Bäcker aus Bulle die Leichtathletik für sich. Auf der Leichtathletikanlage, nur fünf Minuten von seinem Haus entfernt, fand er ideale Trainingsbedingungen und begann ab 1984 gerne und regelmässig zu trainieren.
Debut in der Leichtathletik
So kam es, dass er 1988 bereits seine ersten Paralympics, jene in Seoul, bestreiten konnte. Für ihn ging alles etwas zu schnell und er beschreibt seine Eindrücke noch heute als «fou» (verrückt). Jean-Marc Berset wurde von der Atmosphäre eines ganz anderen Landes, der vielen Leute und der immensen Infrastruktur überwältigt und konnte die vielen Eindrücke gar nicht richtig aufnehmen. Trotzdem gewann er bereits zwei Medaillen. Silber mit der 4x400m Staffel und Bronze über die 10’000m.
1992 reiste er in Topform an die Paralympics in Barcelona. Er profitierte von den Erfahrungen von Seoul, konnte gefasster und entspannter an die Sache heran gehen und hatte bereits seinen eigenen Fanclub dabei. Über 800m gewann er die Silbermedaille. Im selben Jahr stellte er am Weltklasse Zürich Meeting einen neuen Weltrekord über die 10’000m auf. Ein Rennen vor 25’000 begeisterten Zuschauern, welches ihm für immer in Erinnerung bleibt.
Auch an den Paralympics 1996 in Atlanta nahm Berset nochmals teil. Er konnte dort jedoch nicht mehr an die Leistungen von Seoul und Barcelona anknüpfen und musste ohne Medaille nach Hause reisen. Daraufhin hatte er genug von der Leichtathletik. Die Freude daran kam ihm etwas abhanden. 1997 übernahm er, zusammen mit seiner Frau Fabienne, die Bäckerei seiner Eltern. Die Arbeit in der Backstube sagte ihm zu und er genoss die Zeit mit der Familie, zu der auch seine Söhne Bastien und Vincent gehören. Sportlich untätig war Jean-Marc Berset aber nicht. Er spielt gerne Tennis und gab diese Leidenschaft auch an seinen jüngeren Sohn Vincent weiter. Das Tennisspielen mit seinem Sohn schätzt er ausserordentlich.
Goldene Momente im Handbike
2008 verfolgte er die Paralympics in Peking von zu Hause aus und sah Heinz Frei zwei Goldmedaillen im Handbike gewinnen. Diese Sportart wurde erst 2004 ins paralympische Programm aufgenommen und sprach Berset sofort an. Noch im selben Jahr rief er Frei an, organsierte sich mit dessen Hilfe ein Handbike und begann wieder mit dem Training. Nun war er nicht mehr an das Leichtathletikstadion gebunden, sondern konnte die Strassen der Umgebung zu seinem Trainingsgebiet machen.
2009 nahm Jean-Marc Berset dann nach langer Zeit wieder einmal an Titelkämpfen teil. An der WM in Bogogno (ITA) schlug der in der Handbikeszene unbekannte Schweizer regelrecht ein. Im Zeitfahren, dem ersten Wettkampf der WM, gewann er sogleich Gold und im folgenden Strassenrennen gewann er hinter Landsmann Frei die Silbermedaille. Seine zweite Karriere war somit erfolgreich lanciert. In den folgenden zwei Jahren war er der grosse Dominator in der Klasse MH2 und wurde sowohl 2010 in Baie-Comeau (CAN) als auch 2011 in Roskilde (DEN) Doppelweltmeister im Zeitfahren und Strassenrennen. In all diesen Jahren arbeitete er aber stets etwa zu 80% in der eigenen Bäckerei in Bulle. Seine Arbeit in der Backstube begann um 23h in der Nacht und dauerte bis etwa 5h morgens. Seine grosse Leidenschaft war stets das Brotbacken. Dies war Chefsache. Nach einer Ruhepause absolvierte er ein erstes Training über Mittag und am späteren Nachmittag dann meist noch ein zweites. Einen Trainer hatte er nie. Er vertraute stets auf sein eigenes Gefühl.
Auch an den Paralympics in London ging er als grosser Favorit an den Start. Die hügelige Strecke in Brands Hatch war auf ihn zugeschnitten. Als Weltranglistenerster nahm er das Zeitfahren als letzter in Angriff. Bei jeder Zwischenzeit wies er aber einen Rückstand auf und dieser wurde stets etwas grösser. Am Ende wurde er Fünfter. So weit hinten war er im Handbike noch nie klassiert und er sagt, er sei sich seiner Sache zu sicher gewesen und sei nicht voll in den roten Bereich gefahren. In der Nacht nach diesem Rennen schlief Berset schlecht, fokussierte sich dann aber auf das Strassenrennen zwei Tage später. In diesem wollte er unbedingt eine Medaille gewinnen und konnte nun wieder alles geben. Der zweite Rang war die Belohnung und der Fanclub, der ihn 20 Jahre nach Barcelona immer noch begleitete, hatte etwas zu feiern. Im abschliessenden Team-Relay konnte er zusammen mit Ursula Schwaller und Heinz Frei noch eine bronzene Auszeichnung zu seiner Sammlung hinzufügen.
Verletzungspech und Neustart
Nach den Paralympics in London musste Jean-Marc Berset auf Grund einer Verletzung eine Saison pausieren. An den Weltmeisterschaften 2014 und 2015 gewann er in der Staffel zusammen mit Heinz Frei und Tobias Fankhauser jeweils die Bronzemedaille, in den anderen Rennen blieb er unter den eigenen Erwartungen. Für die Paralympics in Rio wurde er in einer ersten Phase nicht selektioniert, eine grosse Enttäuschung für den Routinier. Als er aufgrund des Ausschlusses der russischen Delegation hätte nachrücken können, hinderte ihn eine Verletzung an der Teilnahme. Danach beendete er seine Karriere erneut.
2017 verkauften Jean-Marc und seine Frau die Bäckerei, welche sie während 20 Jahren geführt hatten. So blieb wieder mehr Freizeit, vor allem auch für die Erholung. Die Lust am Handbikesport packte ihn erneut. Er setzte neue Reize, ging ins Krafttraining und arbeitete neu auch mit einem Trainer zusammen. 2019 qualifizierte er sich erneut für eine Weltmeisterschaft. In Emmen (Niederlande) konnte er aber nicht ganz an die guten Leistungen des Frühlings anknüpfen und reiste ohne Top 15 Ergebnis in die Schweiz zurück.
Der Sport ist für ihn ein Spiegel des Lebens. «Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man und diese Niederlagen muss man akzeptieren können», sagt Berset. Aber man müsse stets versuchen, der Beste zu sein.