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Jahreswechsel stellen für den Einzelnen oft eine gravierende Zäsur in seinem Leben dar. Auch die Goncourts können dem nicht ganz entgehen, indem sie um Weihnachten / Neujahr herum gerne ein wenig tiefsinnig werden. Jahreswechsel sind dementsprechend auch gern verwendetes Mittel zur Einteilung von Tagebüchern. Und last but not least zur Einteilung von Tagebüchern in einzelne Bände, wenn diese dann gedruckt werden. So auch hier.
Wie künstlich diese Zäsur im Grunde genommen ist, zeigen gerade die Bände 3 und 4 der Goncourt-Tagebücher. Im Grunde genommen ereignet sich im Wechsel von 1863 zu 1864 wenig Neues bei den Brüdern. Sie besuchen weiterhin die Diners der skeptischen Gesellschaft, auch wenn sie sich zwischendurch fürcherlich aufregen über das geschäftige und besserwisserische Geschwätz, das sie dort zu hören kriegen. Auch die Mitglieder dieser Gesellschaft sind ja mehr oder weniger immer noch dieselben, was der Qualität der Gespräche kaum aufhilft: Irgendwann kennt man die gegenseitigen Argumente und Reaktionen. Da ziehen die beiden Goncourts dann schon fast den Salon der Prinzessin Mathilde vor, der zusammen mit seiner Gastgeberin zu diesem 4. Band einige schöne Charakterstudien liefert.
Die Einschnitte sind andere. 1865 erscheint Germinie Lacerteux – und wird zum Skandal. Aus heutiger Sicht das Interessanteste an diesem Roman ist wohl das Vorwort, das eine Art Manifest des Naturalismus darstellt. Hier ist also sozusagen die Geburtsstunde einer neuen Literaturströmung. Im selben Jahr wird Henriette Maréchal, ihr Theaterstück, nach langer ängstlicher Erwartung von Seiten der Autoren, uraufgeführt, erlebt aber nur sechs Aufführungen – ein weiterer Skandal. Die Schilderung, die die Goncourts davon geben, erinnert in vielem an die, die Baudelaire von der Tannhäuser-Aufführung in Paris gibt. Die damalige Claque muss tatsächlich von einer riesigen Unverschämtheit gewesen sein.
1866 besuchen die Brüder ihren Freund Flaubert in Le Havre. Im selben Jahr stirbt ihr väterlicher Freund und Mentor, Paul Gavarni, dies, nachdem er schon längere Zeit ein eher pflanzenhaftes Leben geführt haben muss – in völliger Armut, da alle seine Pläne gescheitert sind. Die Brüder sind erschüttert, um so mehr, als sie zum Zeitpunkt von Gavarnis Tod nicht in Paris sind. (Jules‘ abnehmender Gesundheitszustand macht vermehrt Kuren ausserhalb der Hauptstadt notwendig.) Ebenfalls 1866 erscheinen zum ersten Mal einige der Aphorismen aus den Tagebüchern im Druck.
1867 besuchen sie zwecks Recherchen für einen Roman Rom. Die Stadt beeindruckt sie wenig. Edmond – aber nur er – erhält das Kreuz der Ehrenlegion, eine Ehrung, auf die die Brüder schon lange gewartet haben, und die ihnen nun durch die Tatsache, dass Jules geschnitten wurde, verdorben wird. Dabei zieht sich die Erwartung der Ehrung und die Enttäuschung, wenn sie mal wieder übergangen wurden, beinahe wie ein roter Faden durch Band 4.
Aus heutiger Sicht wohl wichtiger ist das den Band 4 abschliessende Jahr 1868. Die Brüder verkaufen all ihr übriges Hab und Gut und erwerben in Auteuil (1860 erst von Paris frisch eingemeindet) ein Haus, wo sie endlich ihre Ruhe haben, nachdem es ihnen am alten Ort zu laut geworden ist. Am 14. Dezember schliesslich findet das vielleicht wichtigste Ereignis des vierten Bandes statt: Ihr „Fan“ Émile Zola findet sich in Auteuil zum Déjeuner ein und erzählt von seinem Plan, in der Nachfolge Balzacs einen Romanzyklus über eine Familie im Second Empire, dem Kaiserreich Napoléons III., zu verfassen. Dies markiert die Geburtsstunde des zum Schluss 20 Bände umfassenden Epos Les Rougon-Macquart, das heute als Paradebeispiel naturalistischer Epik gilt.
Und so geht dieser Band sozugen mit einem Höhepunkt zu Ende – einem Höhepunkt, den die Brüder Goncourt wohl noch gar nicht erfassten.