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Der Tag, an dem der Fussball starb
Vor 60 Jahren starben in München 8 Fussballer aus Manchester. Dem Unglück folgten internationale Verstimmungen. Als schuldig galt der Pilot – doch das ist umstritten.
Die Uhr zeigt eine Minute vor vier, als die Elizabethan erneut auf das Startfeld am Flughafen München-Riem rollt. Das Flugzeug soll die Fussballmannschaft von Manchester United zurück nach England bringen, die am Abend zuvor mit einem 3:3 in Belgrad den Einzug in den Halbfinal des Europapokals der Landesmeister geschafft hat.
Zwei Startversuche hat die Maschine bereits abbrechen müssen, weil sie nicht auf die nötige Geschwindigkeit beschleunigen konnte. Doch für dieses Mal ist Kapitän James Thain optimistischer: Der dichte Schneefall hat nachgelassen, und die Sicht ist besser geworden. Auf der Rollbahn liegt ein wenig Schneematsch.
Das Haus und der Baum am Ende der Piste
16.02 Uhr: Der Tower erteilt die Starterlaubnis für die Maschine. Die Piloten beschleunigen, doch plötzlich treten die gleichen Probleme auf wie bei den zwei Versuchen zuvor. Das Flugzeug beginnt leicht zu schlingern, dann verliert es aus unerfindlichen Gründen an Geschwindigkeit. «Christ, we won't make it!», schreit Co-Pilot Kenneth Rayment plötzlich. Thain blickt in dem Moment das erste Mal während des dritten Startversuchs aus dem Fenster und erschrickt: Die Piste ist fast zu Ende, das Flugzeug ist zu langsam, um abzuheben – und zu schnell, um abzubremsen.
Er habe das Haus und den Baum am Ende der Piste auf sich zurasen sehen, wird er später im Untersuchungsbericht des Luftfahrt-Bundesamts Braunschweig sagen: «Ich entsinne mich, dass ich dachte, wir könnten unmöglich dazwischen durchkommen. Ich zog den Kopf ein, und dann kam der Zusammenstoss.» Das zweimotorige Flugzeug kracht in das 300 Meter von der Piste entfernte Haus, wird zerrissen, der Rumpf schleudert 150 Meter weiter und setzt einen Schuppen in Brand.
Busby Babes: Statue des Trainers Matt Busby vor einem Bild seiner damaligen Mannschaft. Fotos: Jon Super (AP, Keystone)
23 Tote, 21 Verletzte. Das ist die Bilanz des Flugzeugunglücks von Riem, das sich am 6. Februar zum 60. Mal jährt. Die schlichten Zahlen können aber nur einen Teil der Tragik abbilden, die der Absturz für die Überlebenden, die Hinterbliebenen und den englischen Fussball bedeutet hat. Er zog jahrelange juristische Streitereien nach sich, rief Verstimmungen zwischen England und Deutschland hervor, traumatisierte Überlebende wie den beim Absturz lebensgefährlich verletzten Trainer Matt Busby, der sich für den Tod von acht seiner Spieler verantwortlich fühlte. «Er hat München nie vergessen. Irgendwie fühlte er sich verantwortlich. Als wären es seine Kinder, die dort gestorben sind», sagte der Fussballer Bobby Charlton, der das Unglück überlebte und die englische Nationalmannschaft acht Jahre später zum Weltmeistertitel führte.
Der Absturz zerstörte auch unter den Überlebenden Existenzen: Johnny Berry und Jackie Blanchflower waren so schwer verletzt, dass sie nie wieder Fussball spielen konnten. Flugkapitän James Thain musste seinen Beruf ebenfalls aufgeben. Er konnte das Cockpit nach dem Unfall noch aus eigener Kraft verlassen, anders als sein Co-Pilot Rayment, der mehr als einen Monat später an den schweren Verletzungen im Krankenhaus starb.
Experten entdeckten Eis auf den Tragflächen. Hatte es sich erst in den Stunden nach dem Absturz gebildet? Oder lag hierin die Ursache für den Unfall?
Doch Thains persönliche Tragödie begann sechs Stunden nach dem Absturz, als die Untersuchungskommission des Luftfahrt-Bundesamts Braunschweig am Unglücksort eintraf. Die Experten wischten den Schnee von den Tragflächen und entdeckten eine fünf Millimeter dicke Eisschicht. Hatte sich das Eis erst in den Stunden nach dem Absturz gebildet? Oder lag hierin die Ursache für den Unfall? Diese Frage ist bis heute nicht endgültig beantwortet.
Im Untersuchungsbericht des Luftfahrtamtes hiess es später, dass sich «rein rechnerisch» der Eisbelag während der Zwischenlandung in München gebildet haben könnte. Zeugen berichteten, dass sich vor dem Wegrollen Schnee auf den Tragflächen befunden habe. Aber befand sich eine Eisschicht darunter?
James Thain, der am Tag nach dem Unglück 37 Jahre alt wurde, geriet ins Visier der Ermittler. Denn dafür, dass mit den Tragflächen alles in Ordnung ist, hatte der Pilot Sorge zu tragen. Das Luftfahrtamt untersuchte auch andere Faktoren. War die Startpiste im Schneetreiben unzureichend präpariert? Hatten die Laufräder im Schneematsch blockiert? Gab es Probleme mit der Technik am Flugzeug?
Trainer Matt Busby liegt in einem Sauerstoffzelt in einem Spital in München, Februar 1958.
Am Ende kam die Kommission aber zu einem eindeutigen Ergebnis: «Die Eisschicht hat die aerodynamischen Eigenschaften des Flugzeuges wesentlich beeinträchtigt (...) und die erforderliche Abhebegeschwindigkeit heraufgesetzt. (...) Hierin lag die entscheidende Unfallursache.» Mit anderen Worten: James Thain war für die Katastrophe verantwortlich.
Zumindest aus Sicht der Deutschen. Thain widersprach dieser Darstellung. Für ihn stand längst mehr auf dem Spiel als nur sein Ruf: Ihm drohte die Aberkennung seiner Fluglizenz und damit das berufliche Aus. Er wollte die Wiederaufnahme der Ermittlungen erzwingen, doch eine erneute Untersuchung bestätigte 1964 das Ergebnis von 1958. Für seinen Arbeitgeber British European Airways war der Pilot nicht länger haltbar. Thain wurde entlassen und musste sich fortan als Betreiber einer Putenfarm über Wasser halten.
Das Unglück wird zum englisch-deutschen Konflikt
Doch er kämpfte weiter verbissen für seine Rehabilitierung. Mit Erfolg. Elf Jahre nach dem Unfall kam eine englische Kommission 1969 mit neuen Zeugenaussagen zu einem gänzlich anderen Schluss: «Die Unfallursache war Matsch auf der Rollbahn. Nach unserer Ansicht trifft Kapitän Thain keine Schuld.» Bei Fotos, die als Beweis für Schnee auf den Tragflächen herangezogen worden waren, habe sich herausgestellt, dass der Schnee in Wirklichkeit eine Lichtreflexion war.
Das Unglück wurde endgültig zum englisch-deutschen Konflikt: Die Britische Pilotenvereinigung warf Braunschweig vor, Zeugenaussagen unterdrückt zu haben. Tatsächlich wurden Aussagen, die gegen die Vereisungstheorie sprachen, in dem Bericht nicht erwähnt. Damit habe man von eigenen Versäumnissen ablenken wollen, so die Pilotenvereinigung. Denn wäre eine schlecht präparierte Piste die Unfallursache gewesen, wäre der Flughafen verantwortlich für die Katastrophe. «Reine Polemik», wetterte Luftfahrtamt-Direktor Friedrich Möhlmann 1969 in einem «Spiegel»-Interview. Die englischen Untersuchungsergebnisse stellte er infrage: «Wie kann man das nach elf Jahren feststellen?»
Gedenk-Uhr im Old-Trafford-Stadion.
In Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, erinnert eine Uhr mit der Aufschrift «Feb 6th 1958 Munich» bis heute an das schreckliche Unglück. Die «Busby Babes», wie die Mannschaft von Trainer Matt Busby mit einem Altersdurchschnitt von nur 23 Jahren genannt wurde, galten als grosses Versprechen, als Hoffnung des englischen Fussballs. Hätten sie diese Träume erfüllt? Es macht den Mythos von Manchester United aus, dass diese Frage nie beantwortet werden wird.
Nach dem Unglück haben nur sieben der mitgereisten 17 Fussballer weiter professionell Fussball gespielt. Das Unglück veränderte die Identität des Vereins. «Manchester United wandelte sich von einem Fussballclub zu einer Institution», stellte Harry Gregg, der «Held von München», später fest. Er rettete vier Menschen aus dem Wrack, ehe es explodierte.
Deutschland hält bis heute an Thains Schuld fest; in England gilt der Pilot als unschuldig.
Zur Gedenkfeier am Dienstag um 13.30 Uhr wird eine Delegation von ehemaligen Spielern, Angehörigen und Fans am Manchesterplatz in Trudering, dem Ort des Unglücks, kommen. Der Flugzeugabsturz hat eine Freundschaft zwischen den Städten und auch zwischen den in internationalen Wettbewerben rivalisierenden Fussballclubs Bayern München und ManU entstehen lassen. Seit im Jahr 2004 ein Gedenkstein am Manchesterplatz zu Ehren der Opfer aufgestellt wurde, kümmert sich der FC Bayern um den Blumenschmuck.
Im Andenken herrscht Einigkeit, nicht jedoch in der Aufarbeitung. Deutschland hält bis heute am Urteil von 1958 und damit an Thains Schuld fest; in England gilt der Pilot aufgrund der Erkenntnisse von 1969 als unschuldig. Ein Widerspruch, den Luftfahrtamt-Direktor Möhlmann hinnahm mit den Worten: «Es handelt sich um eine unterschiedliche Bewertung bekannter Tatsachen.» Für James Thain war es mehr als das. Er starb 1975 an einem Herzinfarkt. Er wurde 54 Jahre alt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.02.2018, 16:13 Uhr