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Rheuma ist in der Schweiz die Volkskrankheit Nummer eins, doch sie ist keineswegs eine Erkrankung der Neuzeit. Bereits in der Antike wurde sie erstmals beschrieben. Im Laufe der Zeit entwickelten Forschende verschiedenen Rheuma-Therapien. Wobei deren Entdeckung nicht immer auf systematische Untersuchungen zurückzuführen ist, sondern Nutzniesserin von anderen Forschungserfolgen ist.
Rheumatische Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis (RA) sind seit der Antike bekannt. Circa 400 vor Christus wurde das Krankheitsbild vom griechischen Arzt Hippokrates erstmals beschrieben. Auch den alten Ägyptern und Römern war die Krankheit bekannt, sie verwendeten bereits 500 Jahre vor Christus Weidenrinde zur Behandlung von RA. Der darin enthaltene Wirkstoff Salicin ist fiebersenkend, schmerzlindernd und entzündungshemmend und heute beispielsweise im Medikament Aspirin enthalten.
Im Mittelalter ging das Wissen über Naturheilmittel wie die Weidenrinde grösstenteils verloren und die Ärzte dieser Zeit versuchten, die Patientinnen und Patienten vor allem durch Aderlass zu kurieren. Die reiche Oberschicht erhielt zudem Opium gegen die Schmerzen und als harmlose Therapiealternative wurden Badekuren in Thermalquellen verschrieben. Die Methoden und allfälligen Therapieerfolge gingen damals nicht auf systematische Untersuchungen oder gar Forschung zurück, sondern waren oft zufällige Entdeckungen.
Der Vater der modernen Rheumatologie
Der französische Arzt Guillaume de Baillou gilt als der Vater der modernen Rheumatologie. In seinem 1642 veröffentlichten Werk «Liber de Rheumatismo et Pleuritide dorsali» definierte er den Begriff Rheuma als ganzheitliches Leiden des Stütz- und Bewegungsapparats. Die Wortherkunft von «Rheuma» liegt im Altgriechischen und bedeutet so viel wie «Strömung, Fluss‚ fliessen». Zur Zeit von de Baillou glaubte die Wissenschaft noch an die Lehre der Körpersäfte (Humoralpathologie) und dass die rheumatischen Beschwerden von kaltem Schleim verursacht würden, der vom Gehirn in die Extremitäten fliesse. Mit Wiederlegung der Körpersaftlehre durch die Zellurarpathologie Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt der Begriff Rheuma ebenfalls eine neue Bedeutung. Die Bezeichnung bezog sich ab da auf die Art der Schmerzen, die als reissend oder fliessend empfunden werden und sich im ganzen Körper ausbreiten können.
20. Jahrhundert beflügelt Technik und Medikamente
Mit der Erfindung der Radiologie wurde ein Meilenstein im Bereich der Rheumaforschung gelegt. 1905 gelang es dem Bostoner Arzt und Forscher Joel Goldthwait, mit Hilfe der neuen Technologie den Unterschied zwischen Arthrose und RA nachzuweisen. Durch die Röntgenaufnahmen wurde erstmals sichtbar, dass es sich bei Arthrose um eine degenerative Gelenkerkrankung mit Knorpelabbau handelt.
Aber nicht nur die Technik machte im 20. Jahrhundert einen grossen Entwicklungsschritt, auch auf der medikamentösen Behandlungsebene konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden. 1948 spritzten die amerikanischen Forscher Philip Hench und Edward Kendall zum ersten Mal Cortison zur Heilung der Krankheit. Hench und Kendall gelang es kurz zuvor das körpereigene Hormon Cortisol aus den Nebennieren zu isolieren.
Die neue Therapie ermöglichte Patientinnen und Patienten dank der entzündungshemmenden Wirkung weitgehend beschwerdefrei zu leben. Heilung brachte sie aber nicht. Später fand man heraus, dass Cortison in hohen Dosen und über einen längeren Zeitraum zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Osteoporose führen kann. Dennoch sind das körpereigene Cortisol und die synthetisch hergestellten Cortison-Medikamente nach wie vor die besten und schnellsten Entzündungshemmer und aus der Rheumatherapie nicht mehr wegzudenken.
Krankheitsmodifizierende Antirheumatika
In den 1940er Jahren schaffte es nebst Cortison auch der Wirkstoff Methotrexat zur Behandlung von Krebs auf den Markt. Bereits 1951 fanden Gubner et. al. in einer Studie heraus, dass das Medikament auch eine sehr hohe Wirksamkeit bei der Behandlung von RA und psoriatischer Arthritis zeigt, obwohl es nicht primär dafür entwickelt wurde. Das Arzneimittel, das zur Gruppe der «Disease-modifying anti-rheumatic drugs» kurz DMARD (krankheitsmodifizierende Antirheumatika) gehört, ist heute dank seiner ausgezeichneten Wirksamkeit und Verträglichkeit das am häufigsten eingesetzte Basismedikament. Zu Beginn der Therapie wird meist nur Methotrexat verschrieben und wenn es nicht anschlägt, oder Nebenwirkungen auftreten, weicht man auf eine Kombitherapie aus. Leider basiert dieses Vorgehen des mehrstufigen Behandlungskonzepts immer noch auf dem «Trial and Error»-Prinzip. Derzeit versuchen Forschende jedoch durch Algorithmen und maschinelles Lernen das Ansprechen von Medikamenten wie Methotrexat vorherzusagen.
Biologika und Digitalisierung
Mit Hilfe der modernen Molekularbiologie entstand 1990 eine neue Behandlungsstrategie aufgrund der Entdeckung der TNFα-Hemmer (Tumor-Nekrose-Faktor-α-Hemmer). Die TNF-Hemmer, die zur Gruppe der Biologika gehören, inaktivieren gezielt den TNFα, einen der wichtigsten Entzündungsbotenstoffe. Dadurch kann der Entzündungsprozess unterdrückt, Schmerzen verhindert und der Zerstörungsvorgang gebremst oder gar gestoppt werden.
Durch die Digitalisierung entstanden neue Möglichkeiten in der Datenerhebung, was zu einem weiteren Aufschwung in der Rheumaforschung führte. Bereits 2004 wurde die SCQM Foundation (Swiss Clinical Quality Management in Rheumatic Diseases) in Zürich gegründet. Es handelt sich dabei um eine Datenbank, in der Rheumatologinnen und Rheumatologen ihre Patientinnen und Patienten erfassen können und so einen Überblick über den Langzeitverlauf der Erkrankung und der Medikation erhalten. Die Patientendaten werden von der Plattform anonymisiert und Forschenden für Langzeitstudien zur Verfügung gestellt.
Epidemiologische Rheumaforschung heute
Das Forschungsfeld der wissenschaftlichen Epidemiologie entstand im 19. Jahrhundert und erfreut sich auch heute noch grosser Wichtigkeit in der Rheumaforschung. Die Epidemiologie erforscht die Häufigkeit, Verteilung und Ursachen von Krankheiten in definierten Bevölkerungsgruppen und sucht nach präventiven Massnahmen. In der epidemiologischen Rheumaforschung werden diese Parameter auf Rheumabetroffene bezogen. Dies ist wichtig, da nur ungefähr zehn bis fünfzehn Prozent der Fragestellungen in der klinischen Medizin in randomisierten Studien beantwortet werden können. Viele anderen Fragen wie: «Was sind Risikofaktoren für eine spezifische Rheumaerkrankung?», können nur mit epidemiologischen Studien beantwortet werden. So forscht das Universitätsspital Genf in der «Arthritis Check-up»-Studie gegenwärtig an Risikofaktoren für die Entstehung einer RA und der Frühdiagnose dieser Krankheit.
Rheumatische Erkrankungen sind seit mehreren tausend Jahren bekannt, wobei das Forschungsfeld der Rheumatologie nicht viel jünger ist. Trotz der genannten Meilensteine ist es bis heute nicht gelungen, vollständige Heilmittel gegen die Krankheiten zu finden. Weltweit sind Forschende jedoch bestrebt, mit neuen Möglichkeiten wie künstlicher Intelligenz oder personalisierter Medizin der Lösung ein Stück näherzukommen.