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Zwischendurch mal wieder meiner lyrischen Ader gefrönt …
Whitmans “Leaves of Grass” – er schrieb daran von 1855 bis 1892 – gilt als Ausgangspunkt der modernen amerikanischen Lyrik. Auch ausserhalb der USA wurde er reizpiert: Der deutsche Expressionismus wurde von ihm beeinflusst (Schlaf hat das Buch übersetzt, Blei und Goll anderes von ihm).
Neu, modern, ist nur die Thematik dieser Gedichte. Rhythmisch orientierte sich Whitman an der Sprache der Bibel und am Blankvers des 17. Jahrhundert. Thematisch allerdings betritt er Neuland. In locker geordneten Zyklen beschreibt er die Geschichte der USA in den 30 Jahren kurz vor, während und nach dem Bürgerkrieg. Dabei geht es Whitman nicht um die Schilderung historischer Gegebenheiten. Er feiert den amerikanischen Geist, die Erfindungen jener Zeit, die Männerfreundschaft. Im Grundton optimistisch, auch wenn die Gedichte aus dem Bürgerkrieg (den Whitman als Sanitäter mitmachte) zum Teil recht bedrückend sind. Whitman drückt das bis heute in den USA anhaltende Gefühl einer Überlegenheit der Vereinigten Staaten über Europa in jeder Beziehung aus: Moralisch, wissenschaftlich-technisch, Naturschönheit, sogar erotisch. Das lyrische Ich hinterlässt in Bezug auf das letztere den Eindruck, bisexuell zu sein. Die Emanzipation der Frau ist Whitman auch ein Anliegen. Die spätesten Verse, von einem kranken, an Lähmungserscheinungen und Depressionen leidenden Dichter geschrieben, gehen explizit auf diese äusseren Bedingungen seines Schreibens ein; sie sind seine persönlichsten und bilden eine Art Schwanengesang: kürzer, dunkler, der Sexualität und Naturschönheiten entkleidet.
Ich habe den Text in der Version “Grasblätter”, übersetzt von Jürgen Brôcan. Hanser, München 2009 gelesen. Jeder, der sich gerne mit Lyrik beschäftigt, sollte m.M.n. die “Grasblätter” gelesen haben.