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Wir können alle heilfroh sein, leben wir im 21. Jahrhundert, wie folgende Gerätschaften und Therapieversuche aus der Medizingeschichte zeigen ...
Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert wandte man den Aderlass als Heilverfahren an:
Diese Blutabnahme beruhte auf dem System der Säftelehre: Krankheit wurde darin als Ungleichgewicht in der Vermischung der Säfte gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim angesehen. Deshalb entfernte man bei einem Kranken die fehlerhafte Säftemischung aus dem Körper.
Ein Elevatorium – vom Lateinischen «Elevator»; «Heber» – ist ein chirurgisches Instrument, das dazu dient, eingedrückte Knochenteile oder Knochenhaut anzuheben. Im 16. und 17. Jahrhundert sah so ein Ding allerdings so aus:
Das Gerät bestand aus einem Gestell, das sich mit zwei oder drei Füssen auf dem Kopf abstützte, während die Gewindestange in den eingedrückten Knochenteil hineingeschraubt wurde. Eine Flügelschraube hob dann die beschädigte Stelle an. Das Ganze funktionierte also wie das moderne Korkenziehen.
Eine Brustoperation im Jahr 1675 muss man sich dergestalt vorstellen:
Die erste Operation bei Brustkrebs soll Leonidas aus Alexandria durchgeführt haben – um 100 n. Chr. Um die Blutung zu stillen und die Tumorreste zu entfernen, nutzte er ein Brenneisen. Im Gegensatz dazu sind die Eingriffe im 17. Jahrhundert also fortschrittlich:
Jeder Chirurg hatte seine eigene Methode. So wurde zum Beispiel die Brust mit Nadeln und Faden gepfählt, um mit der Zugkraft eine zügige Amputation am Brustansatz zu ermöglichen. Oder die Haut wurde eingeschnitten und der Tumor von Hand entfernt. Solche Operationen wurden meist im Haus der Patientin durchgeführt und konnten sich Stunden hinziehen. Oftmals wurde die Wunde offen gelassen, um das Infektionsrisiko zu verringern.
In einem Krieg des 18. und 19. Jahrhunderts verwundet zu werden, bedeutete einen grausamen Tod: Um dem Feind nicht in die Hände zu geraten, wurden die Kampfunfähigen oft von den eigenen Männern erhängt. Denn der Rettungsversuch beinhaltete meist die Amputation der verletzten Gliedmassen – mitten auf dem Schlachtfeld.
Mit Hilfe eines Amputationsmessers wurde der Knochen durchgesägt. Dabei mussten die frisch angeschnittenen Weichteile mehrere Zentimeter hochgeschoben werden, um den Knochen freizulegen. Dafür benutzte man Muskelhaken. Die Grösse der Säge war dem abzunehmenden Glied angepasst: Für die Amputation eines Oberschenkels standen Instrumente mit Längen bis zu 60 Zentimeter zur Verfügung.
Der deutsche Arzt Lorenz Heister beschönigte in seinem einflussreichen Lehrbuch «Chirurgie» 1719 nichts:
Im 19. Jahrhundert diagnostizierte man die Hysterie erst nur bei Frauen, weil man davon überzeugt war, dass die psychische Störung von der Gebärmutter ausging.
Die Patientinnen litten unter extremer Ichbezogenheit, Geltungssucht, sie schauspielerten ständig und brachten ihre Gefühlswelt in übersteigerter Form zum Ausdruck. Kurz: Man erklärte sie für verrückt. Heute ist der Begriff Hysterie veraltet; das Krankheitsbild wird zu den dissoziativen Störungen gezählt.
Eine der Heilmethoden bestand im 19. Jahrhundert darin, die hysterische Patientin zum Orgasmus zu bringen, um sie auf diese Weise zu beruhigen. Dies verschaffe ihnen 100-prozentig Erleichterung – bis zum nächsten hysterischen Anfall. Die Ärzte vollführten dies anfangs mit ihren eigenen Händen.
Doch sie begannen sich schnell zu beklagen. Diese Arbeit sei langwierig, bemühend, anstrengend und dauere manchmal über eine Stunde lang. Eine Appendektomie (Entfernung des Wurmfortsatzes am Blinddarm) sei schneller gemacht als eine hysterische Frau zum Orgasmus zu bringen. Weil diese Arbeit offenbar alles andere als spassig war, schickten die Ärzte gerne ihre Assistenten und Krankenschwestern ins Zimmer der zu beruhigenden Patientin.
Um den Prozess der Beruhigung zu beschleunigen und zu erleichtern, schaute man sich nach alternativen Methoden um: Eine davon war die Wassermassage:
1869 erfand der amerikanische Arzt George Taylor den ersten Vibrator der Neuzeit. Den «Manipulator». Ein Tisch, auf den sich die Patientin mit dem Gesicht nach unten legen musste, während ihr Geschlecht durch einen pedal- oder dampfbetriebenen Stab massiert wurde. Bereits nach zehn Minuten soll der Orgasmus eingesetzt und die Frauen beruhigt haben.
Budapest erlebte in den 30ern eine riesige Suizid-Welle. Die Stadt fürchtete um seinen Ruf und seine Bürger und so wurde der «Club des Lächelns» ins Leben gerufen. Eine Schule, die den traurigen Ungaren das Lächeln lehren sollte.
Mit Klebeband, lächelnden Masken und Vorbildern wie Mona Lisa wurde versucht, den Gesichtern die Traurigkeit zu nehmen.
Budapest sollte von der Selbstmörder-Stadt zur Stadt des Lächelns werden.
Der amerikanische Arzt Robert Cornish versuchte in den 30er-Jahren Tote wieder zum Leben erwecken. Es soll ihm bereits an einem Hund namens Lazarus gelungen sein – und nun wollte er sein Wunderwerk an den Menschen fortführen:
Die Universität wollte von seinen unorthodoxen Praktiken nichts wissen, also forschte Cornish zuhause weiter. Der verrückte Wissenschaftler band die Versuchsleichen auf seinem Kipptisch fest und versah ihre Beine mit elektrischen Heizkissen.
Dann injizierte er Adrenalin und Blutverdünner in die Venen der Toten. Purer Sauerstoff wurde den Lungen zugeführt, während der Kipptisch langsam schaukelte, um die Blutzirkulation in Gang zu halten.
Sein Heimlabor war auch mit einer Herz-Lungen-Maschine ausgestattet, die er mit Staubsaugerteilen und Heizungsrohren gebaut hatte.
Doch die Wiederbelebung von Menschen wollte ihm einfach nicht gelingen. Es läge an der Zeit, die seit dem Tode der Versuchspersonen und seiner Behandlung schon verstrichen sei – meinte er. Und fragte drei Staaten um Erlaubnis, sich an einem frisch hingerichteten Verbrecher zu versuchen.
Der Kindermörder Thomas McMonigle willigte ein. Die angefragten Staaten allerdings nicht – und Cornish verlegte sich auf «Zahnpuder mit Vitamin D und Fluoriden».
1929 wird ein stählerner Koloss der Welt vorgestellt – und die Welt atmet auf. Der metallene Sarg bedeutet ein Hauch von Hoffnung auf ein Überleben in einer Zeit, in der Polio Tausende dahinraffte.
Seit dem 19. Jahrhundert suchte die berüchtigte Kinderlähmung alle fünf bis sechs Jahre die Vereinigten Staaten und Europa heim.
Befiel der Polio-Virus die Atemmuskulatur, endete die Krankheit tödlich. Doch die von Philip Drinker entwickelte Eiserne Lunge atmete fortan für die Betroffenen.
Waren diese elektrisch ausgelösten Krampfanfälle Therapie oder folterähnliche Strafmassnahmen für unbequeme Patienten? Schizophrenie, Depressionen und Melancholien sollten damit weggeschockt werden.
Doch der Film «One Flew Over The Cuckoo’s Nest» (1975) hat das Bild der Elektroschocktherapie und der Lobotomie (siehe Punkt 10) nachhaltig negativ geprägt: Die Behandlungsmethoden scheinen einzig dazu benutzt worden zu sein, unbequeme Patienten ruhig zu stellen und zu disziplinieren.
Die Pfleger packen den aufmüpfigen McMurphy (Jack Nicholson), fixieren ihn am Bett und lassen Strom durch sein Gehirn fliessen. Er würgt, er spuckt, der ganze Körper krampft.
Die Elektrokrampfherapie wird heute noch angewandt. Allerdings unter Narkose und Vergabe von Muskel entspannenden Medikamenten. Der wenigstens 30 Sekunden dauernde Krampfanfall findet so nur noch im Gehirn, nicht mehr am ganzen Körper statt. Unbestritten ist die Behandlung noch immer nicht, aber die Befürworter sind davon überzeugt, dass sie vor allem bei bestimmten Formen von Depressionen helfen kann, wenn Medikamente und Psychotherapie an ihre Grenzen stossen.
Es sind die Jahre, in denen Sigmund Freuds Psychoanalyse in den USA populär wird. Doch den schwer Psychotischen und den Schizophrenen bringen die Gespräche nichts. Viele Nervenärzte glauben an die rein organische Ursache von psychischen Krankheiten und greifen zu rabiaten Behandlungsmethoden: Elektroschocks, Eisbäder, ja sogar Malaria-Erreger werden Patienten gespritzt, um sie mit dem «heilenden Fieber» zu kurieren.
Der zwölfjährige Howard Dully fällt nach dem vierten Elektroschock ins Koma. Walter Freeman greift zu seinem «Eispickel», einer Stahlnadel mit scharfer Klinge, die er nun seitlich am Augapfel des Jungen vorbei schiebt, immer weiter in den Kopf hinein. Die Knochenschicht durchtreibt er mit Hilfe seines Hämmerchens. Jetzt ist die Nadel da, wo sie sein soll. Im Stirnhirn. Auch die andere Augenhöhle wird durchstossen. Dann fasst der Neurologe beide Instrumente, beginnt sie hin und herzuschwenken, um die Nervenfasern in den Stirnlappen des Hirns zu zermahlen.
Jetzt wirft Howard seiner Stiefmutter «keine gruseligen Blicke mehr zu», schreibt Freeman stolz in die Patientenakte.
Im Jahr 1950 soll Freeman eine transorbitale Lobotomie in einem Motelzimmer durchgeführt haben, während Polizisten den sich sträubenden Patienten festhielten. Erst nach dem Tod einer Patientin bei der dritten Operation 1967 wurde ihm die Lizenz zur operativen Tätigkeit entzogen.
Er starb 1972, ohne etwas bereut zu haben.