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Mit Archivaufnahmen am Schluss
Nachruf
Zum Tod von Maria Becker
«Kunst ist Kunst und Schnaps ist Schnaps» - Die unvergleichliche «Orgelstimme» war eine politische Künstlerin
Von Jürg-Peter Lienhard
Maria Becker in einer Probenpause im Hitze-Rekordsommer 1980 in der Freilichtarena von Augusta Raurica. Ein Stück ihres eigenen Theaters «Schauspieltruppe Zürich». Zeitungsausschnitt aus dem Aargauer Tagblatt, Ausgabe Fricktal vom 17.7.1980, fotografiert von J.-P. Lienhard, Basel © 2012
Was Maria Callas in der Oper, war Maria Becker im Schauspiel: eine unvergleichliche Stimme, ein eigenwilliger und intelligenter Charakter. Die grosse Schauspielerin starb 92-jährig am Mittwoch, 5. September 2012, an ihrem schweizerischen Wohnsitz in Uster. Wie die Familie am Freitag, 7. September 2012, mitteilte, sei sie «in Frieden zuhause gestorben». Eine persönliche Würdigung des Editors Jürg-Peter Lienhard lesen Sie, wenn Sie auf die roten Pfeile für «weiter» klicken.
Wer mit ihr zu tun hatte, wusste, dass sie «keine Biire» - kein «wenn und aber» - kannte. Zumal in ihrer künstlerischen Arbeit, aber vor allem als politische Schauspielerin. So sagte sie einmal: «Kunst ist Kunst und Schnaps ist Schnaps.» Damit bestand sie darauf, dass klipp und klar sein muss, was die Aussage sei: Sie muss «auf den Punkt gebracht und genau sein». Der Zuschauer solle sich nicht fragen müssen, warum der Schauspieler sich am Boden wälze, oder warum er von da nach dort geht oder sowas… Die Aussage müsse klar und zeitgerecht politisch sein.
Maria Becker war 18 Jahre alt, als ihre jüdische Mutter nach dem «Anschluss» Oesterreichs an das «tausendjährige Reich» mit ihr in die Schweiz emigrierte. Maria Becker wurde als Tochter der deutschen Schauspielerin und Regisseurin Maria Fein und des deutschen Schauspielers Theodor Becker am 28. Januar 1920 in Berlin geboren.
1938 wurde sie ans Schauspielhaus in Zürich engagiert, wo sie sofort zur ersten Protagonistin in klassischen Rollen wurde. Zahlreiche Engagements an den grossen Bühnen des deutschsprachigen Raums folgten.
Zusammen mit ihrem Mann Robert Freytag (1916 bis 2010) und dem Schauspieler Will Quadflieg (1914 bis 2003) gründete sie 1956 in Zürich das Tourneetheater «Schauspieltruppe Zürich». Mit Robert Freytag hatte sie drei Söhne, von denen zwei Schauspieler wurden, Oliver Tobias und Benedict Freitag.
Persönliche Eindrücke von J.-P. Lienhard
Ich hatte sie oft am Radio gehört; erst kürzlich wieder in einem Hörspiel in einer alten Aufzeichnung auf Radio DRS 2. Zum ersten Mal jedoch erlebte ich sie bei der Eröffnung des «Atlantis»-Theaters in Basel. Das war zwar nicht im sagenhaften Musiklokal «Atlantis» selber, sondern in der dazugehörigen «Scheune» nebenan. Es sollte eine der letzten Aufführungen in diesem wunderbar gestalteten Kleintheater sein, denn kurz darauf musste es wegen mangelnder Finanzen wieder schliessen und wurde in etwas völlig anderes umgebaut. Heute kann man darüber nur noch weinen…
Sie spielte im Stück «Die amerikanische Päpstin», ein Einpersonenstück von Esther Vilar, der damaligen Geliebten von Jürg Federspiel. Das Stück schien Maria Becker auf den Leib geschnitten; sie konnte darin alle Register ihrer gewaltig differenzierbaren Stimme ziehen - und tat es denn auch. Zum Vergnügen der Zuschauer, worunter viele «Erst-Emanzen» am Schluss nicht mit Pfiffen und Buhs zurückhalten konnten.
Die Autorin Esther Vilar war damals mit ihrem Pamphlet «Der dressierte Mann» in aller Welt in die Schlagzeilen geraten und als Geliebte von Jürg Federspiel, den die argentinische Aerztin in New York kennengelernt hatte, nach Basel in Federspiels Heimatstadt gekommen. Vilar, die von den «Femifaschistinnen» nach Art von Alice Schwarzer an einem Podium im Basler Volkshaus niedergekanzelt und -geschrien wurde, ist aber in Tat und Wahrheit eine der ersten «emanzipierten Frauen», wenn man darunter Frauen mit selbständigem Denkvermögen, mit klarem analytischen Verstand und unabhängigem sozialen Bewusstsein (vor allem als Frau) sowie als begabte Autorin verstehen will.
Vilars «Nachteil» war damals vor allem, dass sie nicht nur auf eine sanfte, gescheite Art schlagfertig war und das auf das Pamphlet reduzierte Thema auf einer breiten philosophischen Bildung und auf profunden psychologischen Kenntnisen fusste. Sondern in den neidischen Augen der selbsttitulierten Emanzen vor allem auch Äusserlich eine sehr attraktive Frau mit einem sensitiven Charisma war. Im Gegensatz zu ihren Gegnerinnen, die ihre ungepflegten Haare auf den Zähnen und an den Beinen zeigten, statt mit kluger Ironie oder gescheitem Charme pari zu bieten.
Also war die «amerikanische Päpstin» die massgeschneiderte Rolle für Maria Becker… Ich erinnere mich gut, wie sie die noch heute aktuellen Aussagen Vilars in stimmlichen Variationen unterstreichen konnte, dass sowohl ihre Zustimmung, wie Skepsis, wie Provokation oder wie Ironie stets glasklar hörbar wurden. Eine Stimmenorgel, die alle Pfeifen, alle Oktaven spielte, zumal sie sie «mit dem gewissen Etwas» auf dem edlen Ross der Kunst reiten liess… (wie schief das Bild auch «tönen» mag).
Eine andere Begegnung war im extrem heissen Sommer von 1980, als sie mit Robert Freytag, ihrem damaligen Mann und Vater der Kinder, in der Arena von Augusta Raurica Cocteaus «Oedipus-Höllenmaschine» probte. Die buchstäblich ebenfalls höllische Hitze am Spielort unter freiem Himmel während der Proben wich danach einer anhaltenden Regenperiode, in die fast sämtliche Aufführungen fielen. Der Titel meiner damaligen Reportage lautete eben: «Ins Regenwetter-Defizit geplumpst - Augster Freilichtspiele haben jetzt Einnahmen-Sorgen». Einnahmen-Sorgen, und wie! Es war «ein totales Fiasko», schrieb ich: Von 21 Vorstellungen konnten nicht mal fünf ganz ohne Regen abgehalten werden; zehn wären nötig gewesen, um allein die Unkosten und Gagen decken zu können.
Das Defizit betrug schätzungsweise mehrere zehntausend Franken. So genau wollten Freytag und Becker sich nicht dazu äussern, denn vielleicht mussten auch die Schauspieler Abstriche akzeptieren. Es war nämlich ein Projekt, das die beiden in freier Arbeit ihrer eigenen «Schauspielgruppe Zürich» produzierten.
Ich erinnere mich noch an die langen Gesichter, die sie und ihre engagierten Kollegen und Kolleginnen bei der Auszahlung der Gagen machten. Ich war als Freund des inzwischen ebenfalls verstorbenen Basler Schauspielers René Besson quasi als Produktions-Journalist und -Fotograf ebenfalls auf freier Basis engagiert und musste so an den Proben wie auch an der total verregneten (und verschobenen) Premiere sowie an weiteren Aufführungen dabei sein.
Meine persönlichen Eindrücke von Maria Becker, die ich damals hautnah bei der Arbeit begleitete, haben alle meine Einschätzungen von Schauspiel und Schauspielern meiner späteren journalistischen Laufbahn geprägt: Sie lernte mich zu unterscheiden, was Kunst und was Unsinn ist. Was Sinn «macht», statt Sinn «hat»… Und vor allem, welche harte Knochenarbeit die Schauspielerei bedeutet. Welche konsequent harte Knochenarbeit es braucht, um ständig in diesem Beruf nicht nur zu bestehen, sondern auch weiterzukommen, an der Perfektion der Darstellungskunst zu feilen und ständig zu hinterfragen, ob der Einsatz dem Werk gerecht wird.
Was ich zunächst als «Diven-Allüren» missverstand, nämlich meinte, sie sei «launisch», wurde mir bald klar, dass es die totale Präsenz, die totale Aufmerksamkeit einer hochmotivierten Profi und hart arbeitenden Künstlerin war, die selbst auf kleinste Veränderungen oder Störungen sofort reagierte.
Der Ausschlag gab, als sie mich einmal persönlich direkt ansprach und ich vor Ehrfurcht kein Wort hervorbrachte. Sie erkannte sofort meine «Ladehemmung» und gab mir ganz mütterlich zu verstehen, dass ich bei dieser Hitze doch auch einen Schluck Mineralwasser aus ihrer Flasche trinken sollte - das löse die trockene Zunge. Damit war das Eis gebrochen und ich verstand sofort, warum ihre nächsten Sätze so eiskalt distanziert waren - denn sie galten nicht mir, sondern der Arbeit…
Ein anderer «mütterlicher» Moment war, als lautes Motorradgeknatter ertönte - einer ihrer Söhne kam sie von London aus auf der Probe in der Augster Arena besuchen. Da ich ihr am nächsten stand, reagierte sie wie jede stolze Mutter, tätschelte mich am Arm und sagte: «Da kommt mein Filio, wie mich das freut…»
Jetzt ist die grosse Schauspieler sanft «und in Frieden» mit 92 Jahren gestorben. Ich meinte still für mich, als ich die Mail der Familie erhielt: «Das Schicksal ehrte ihr Leben mit ihrem goldenen Alter.»
Archiv-Wiedergabe einer Reportage von J.-P.Lienhard ab Zeitungspapier (Medien als SW-Negative im Fotoarchiv von <email-pii>)
So präsentierte sich die Inszenierung während einer der wenigen regenfreien Aufführungen. (Medien als SW-Negative im Fotoarchiv von <email-pii>)
Gedrückte Stimmung vor leeren Esstischen am originellen «bukolischen Picknick», das dem Publikum nach der Aufführung Köstlichkeiten nach römischen Rezepten anbieten sollte. (Medien als SW-Negative im Fotoarchiv von <email-pii>)
Und das mitten im Hochsommer: Unentwegter Zuschauer mit Wolldecke und Regenschutz bewaffnet - ganz offensichtlich ein «wettersicherer Fan»… (Medien als SW-Negative im Fotoarchiv von <email-pii>)
Probenpanorama, aufgenommen von J.-P. Lienhard (Medien als SW-Negative im Fotoarchiv von <email-pii>)
Von Jürg-Peter Lienhard
Für weitere Informationen klicken Sie hier:
• EstherVilar versus Femifaschistin - Youtube-Video
• Reportage vom 18.7.1980 von J.-P. Lienhard im Format PDF
• Artikel im «Spiegel» auf aliceschwarzer.de