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Schweizer Firmen, die während der Apartheid profitable Geschäfte mit Südafrika tätigten, behindern die Aufarbeitung der Vergangenheit. Gegen Versöhnung haben sie zwar nichts - aber diese darf nichts kosten.
Tom lebte gegenüber von John. Eines Tages stahl Tom Johns Fahrrad, und jeden Tag sah John, wie Tom auf seinem Fahrrad zur Schule pedalte. Ein Jahr später ging Tom auf John zu. Er streckte John seine Hand entgegen und sagte: «Komm, wir wollen uns versöhnen und die Vergangenheit hinter uns lassen.» John sah auf Toms Hand. «Und was ist mit dem Fahrrad?» - «Nein», sagte Tom, «ich spreche nicht vom Fahrrad, ich spreche von Versöhnung.» So weit die Parabel des südafrikanischen Paters Mxolisi Mpambani.
Nachdem Nelson Mandela 1994 zum Präsidenten Südafrikas gewählt worden war, machten auch in der Schweiz verschiedene «Toms» von sich reden. Sie hiessen zum Beispiel Credit Suisse oder UBS, ABB oder Bührle, Swiss South African Association oder Auns. «Schauen wir vorwärts, lösen wir die heutigen Probleme wie Aids oder Arbeitslosigkeit» war und ist die Devise dieser «Toms».
Wieso sollten sie auch vom Fahrrad sprechen, sie, die Südafrika jahrzehntelang «entwickelt» haben wollen: «Schweizerische Unternehmer und Unternehmen in Südafrika haben die wirtschaftliche Entwicklung Südafrikas stark mitgeprägt. Und sie haben die Unwägbarkeiten des Apartheidstaates oft genug zu spüren bekommen», heisst es etwa in einem kürzlich erschienenen Buch des langjährigen Südafrika-Lobbyisten Hansjürg Saager («Schweizer Geld am Tafelberg», Zürich 2005).
«Unabwägbarkeiten» gehörten zum Geschäftsrisiko, wenn man mit dem Apartheidregime zusammenarbeitete, das wegen seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit von der internationalen Staatengemeinschaft verurteilt worden war. Gelohnt hat es sich allemal. Und unsere «Toms» waren damals fest davon überzeugt, dass es noch eine ganze Weile so weitergehen würde. Pio Eggstein von der «Tom»-Fraktion schrieb noch 1988: Wegen der Machtkonstellation «kommt, solange der ausserparlamentarischen Opposition die Machtmittel für einen gewaltsamen Umsturz fehlen - und dies dürfte zumindest für die absehbare Zukunft Tatsache bleiben - nur die bestehende Regierung als Trägerin der Reform in Frage, wobei die Verwirklichung eines auch langfristig tragfähigen Kompromisspaketes eine Zeitdauer von bis zu zwanzig Jahren beanspruchen dürfte.»
Schwarze an der Macht, das war nicht vorstellbar. Dieser Meinung war damals auch der heutige Bundesrat Christoph Blocher. Auf die Frage, ob er für das allgemeine Wahlrecht in Südafrika sei, diktierte er 1989 als Präsident der apartheidfreundlichen Arbeitsgemeinschaft südliches Afrika der «Schweizer Illustrierten»: «Ich bin gegen die Rassentrennung. Das ist mir fremd. ‹Ein Mann, eine Stimme› würde jedoch Südafrika ökonomisch und sozial innert kürzester Zeit in ein Chaos stürzen. Es käme zu einem Umsturz. ‹One man, one vote› ist heute noch kein gangbarer Weg.» Auch er machte deutlich, dass sich die in Südafrika tätigen Schweizer Banken und Unternehmen in den achtziger Jahren auf eine noch mehrere Jahrzehnte andauernde gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Apartheidstaat einstellten.
Es ging allerdings viel schneller, 1994 übernahm Mandela die Präsidentschaft, und folglich begannen die Schweizer «Toms» vom versöhnlichen Arbeiten an der Zukunft zu sprechen. Doch Khulumani, die Selbsthilfeorganisation der Apartheidopfer, stellt ihnen die einfache Gleichung entgegen: Wahrheit plus Entschädigungen plus Amnestie gleich Versöhnung.
Wahrheit bedeutet, über die Vergangenheit zu reden. Wie aber soll man das mit den schweizerischen «Toms» tun, wenn sie partout behaupten, kein Fahrrad geklaut zu haben? Nötig ist da politischer Druck: Eine neue «Bergier»-Kommission lehnte das Parlament ab (1997- 1999); drei Berichte der Geschäftsprüfungskommission brachten ein paar neue Körnchen «Wahrheit» zutage, doch der Bundesrat war überzeugt: nichts dran, kein Handlungsbedarf. Es brauchte Presseberichte, die Skandale in der militärischen und geheimdienstlichen Zusammenarbeit aufdeckten (Stichwort: Regli). Es brauchte eine internationale Kampagne, die Aufklärung verlangt - nicht nur in der Schweiz. Und Recherchierarbeit, die Fakten und Probleme benennt .
Und als sich immer mehr zeigte, dass am Fahrradklau doch etwas Wahres dran ist, entschieden Bundesrat und Parlament, dass WissenschaftlerInnen das Ganze mal untersuchen und damit Grundlagen für eine politische Bewertung schaffen sollen. Das Nationale Forschungsprogramm NFP 42+ «Beziehungen Schweiz - Südafrika» wurde 2001 lanciert.
Die «Toms» machten gleich klar: Wir sagen nichts, unsere Archive bleiben zu. Der Bund zeigte anfänglich Offenheit bei seinen Archiven, wurde 2003 aber von seinem eigenen Mut überrascht und von den «Toms» zurückgepfiffen. Das Bundesarchiv wurde, was Wirtschaftsbeziehungen und Namen anbelangt, geschlossen.
Am nächsten Donnerstag, 27. Oktober, wird uns nun die «Nationale Forschungswahrheit» zu den «Beziehungen Schweiz - Südafrika» präsentiert. Einzelne Arbeiten aus diesem Programm sind bereits publiziert. Schon jetzt kann gesagt werden, dass die Tätigkeit der Schweizer Banken und Unternehmen in einem nur sehr eingeschränkten Umfang aufgearbeitet werden konnte (Archivsperren). Zu erwarten ist jedoch, dass die Studien die Rolle der Schweizer Diplomatie klären werden. Zu kritisieren ist, dass ausländische WissenschaftlerInnen, insbesondere aus Südafrika, nicht ins Forschungsprojekt miteinbezogen worden sind. Es ist deshalb zu befürchten, dass eine Tendenz zur Nabelschau überhand genommen hat.
Entgegen früheren Beteuerungen beabsichtigt die NFP-Leitung offenbar auch nicht mehr, die Resultate von NFP 42+ in öffentlichen Veranstaltungen einer wissenschaftlichen und politischen Debatte auszusetzen. Soll damit am nächsten Donnerstag im Einklang mit den Wirtschaftskreisen die Botschaft verbreitet werden, die Schweiz hätte ihre Schuldigkeit getan, es gelte nun, vorwärts zu schauen?
Die Kampagnen in der Schweiz und Südafrika haben bereits signalisiert, dass dem nicht so sein wird.