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LESEPROBE 1

Eine Viertelstunde später sass Wyss bereits wieder in der S44 Richtung Burgdorf. Er steckte sich die Hörer seines Smartphones in die Ohren und machte die Musik an. «Please don’t stop the rain», sang James Morrison. Dabei hatte es seit dem Nachmittag gar nicht mehr geregnet. Er zog den Brief aus der Innentasche seiner Jacke, den er heute von den Eltern des Bauernjungen erhalten hatte, und las ihn noch einmal durch. Immerhin er hatte überlebt. «We can pray for sunny weather but that won’t stop the rain.» Alles Beten für besseres Wetter hatte den Sturm und Regen in seinem Innern bisher nicht gestoppt. Es war das Leben des Jungen gegen drei andere gewesen, aber diese Überlegung hatte er sich logischerweise nicht gemacht, als er das Steuer reflexartig herumriss. Er schloss die Augen und war mit seinem zivilen Dienstwagen unterwegs, mit Blaulicht und Sirene. Scheissflückiger, der Kerl raste wie der Teufel im blauen Passat des Betreibungsbeamten beim «Rösslikreisel» um die Ecke, er hinterher, Tom schaute etwas besorgt zu ihm herüber. Sekunden später überquerten sie die Emme und jagten dann mit 140 Sachen am Siechenhaus vorbei, das den Stadtrand markierte. In der S-Kurve über dem Eisenbahntunnel quietschten die Reifen bedenklich, danach ging es im Höllentempo an ein paar Weilern vorbei weiter Richtung Wynigen. Da war sie wieder, die Verfolgungsjagd, die sein Leben für immer verändert hatte. Die kurz nach Wynigen ein furchtbares Ende gefunden hatte, als der Junge mit dem Traktor nach der Kurve von rechts in die Landstrasse bog.
Die Musik hörte abrupt auf, als jemand ihn anrief. Es war Küng. Wyss ging ran.
«Und, wie sieht’s aus?», hörte er seinen Chef fragen.
«Gerber ist in Ordnung», sagte Wyss, «und wir haben möglicherweise eine neue Spur. Dürrenmatt wollte wohl kurz vor seinem Tod eine Münze für seine Sammlung kaufen, was aber nicht klappte und worüber er sich mächtig aufregte. Gerber versucht morgen, ob sich auf Dürrenmatts PC was finden lässt.»
«Und sonst?»
«Ich war eben noch bei der Frau des Opfers. Ich glaube nicht, dass sie etwas mit der Ermordung ihres Ex-Mannes zu tun hat.»
«Was hätte sie auch davon. Ihr Sohn ist Alleinerbe.»
«Weisst du, ob schon jemand sich an der Uni betreffend Dürrenmatts aktuelle Forschungsarbeiten schlau gemacht hat?»
Küng klang plötzlich interessiert. «Du meinst, er sei vielleicht auf irgendetwas gestossen, das niemand wissen sollte?»
«Könnte ja sein. Oder ein Neider, der ihm den Erfolg missgönnt hat. Mindestens in Betracht ziehen müssen wir’s», entgegnete Wyss.
«Hat dir Gerber den Ferrari gezeigt?»
«Du weisst von dem Modellauto?» Wyss war verdutzt.
«Ich bin dein Chef, ich weiss alles», lachte Küng. «Und ich weiss, warum ich wollte, dass du an diesen Fall rangehst.»
«Wie meinst du das?»
«Du weisst es nicht?»
«Ich weiss was nicht?», fragte Wyss.
«Du weisst es tatsächlich nicht.»
«Kannst du mir vielleicht sagen, worum es geht?» Wyss klang genervt.
«Schöne Hinech, David», sagte Küng. «Komm morgen rasch im Büro vorbei, bevor du nach Bern fährst.»
«Was ist jetzt mit ...» Aber Küng hatte bereits aufgehängt und Wyss starrte ungläubig auf sein Telefon. «Was war das denn?», murmelte er und war einmal mehr erstaunt über seinen Vorgesetzten.