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Wussten Sie, dass der Geburtsort der griechischen Philosophie nicht in Athen liegt? Dass die Vordenker von Sokrates, Plato und Aristoteles zwar griechisch sprachen und schrieben, aber nicht im eigentlichen Griechenland geboren wurden, lebten und wirkten, sondern in der einst wichtigen Hafen- und Handelsstadt Milet an der damals Ionien genannten Westküste der heutigen Türkei?
Der erste von ihnen, Thales von Milet, sagte die Sonnenfinsternis vom Jahr 585 voraus und bewies damit, dass es sich nicht um die Drohung eines erzürnten Gottes an die Menschen handelte, sondern um ein im voraus berechenbares Naturereignis. Andere in der Zeit vom Beginn des 6. bis zum Beginn des 5 vorchristlichen Jahrhunderts – Anaximander, Anaximenes, Xenophanes, Pythagoras, Parmenides, Zenon, Anaxagoras und weitere – folgten ihm auf diesem Weg. Sie werden unter dem Sammelnamen „Vorsokratiker“ genannt.
Stumpfnasige Götter
Man kann ihre Bedeutung für die Entwicklung der griechischen Philosophie und der europäischen Kultur im allgemeinen nicht überschätzen. Sie legten einen Grundstein dazu. Sie verwarfen die mythologische Kosmologie und personifizierte Götterwelt, wie sie etwa bei Homer auftritt, und gründeten eine auf kritisch-prüfendem Denken basierende Naturphilosophie. Blitze zum Beispiel deuteten sie nicht mehr als von Zeus geschleudert, sondern als eine Folge von Wolkenbewegungen.
Der vorsokratische Philosoph und Dichter Xenophanes machte sich geradezu lustig über die mythologische Gottesvorstellung. Er schrieb: Die Äthiopier behaupteten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker die ihrigen blauäugig und blond; wenn die Rinder und die Löwen Hände zum Malen und skulptieren hätten, so würden die Rinder Götter wie Rinder und die Löwen Götter wie Löwen gestalten. Auch tadelte er, dass man den Göttern nicht nur menschliche Züge verliehen, sondern ihnen auch Eigenschaften wie Betrug, Ehebruch und Diebstahl zugeschrieben hatte, die selbst für Menschen verwerflich seien.
Der Urstoff Wasser
Doch so wie alle anderen Vorsokratiker verwarf er nicht etwa das Göttliche überhaupt, behielt vielmehr den Gedanken an etwas Göttliches. Aber er und die andern sahen es nicht mehr personifiziert und nicht als schöpferische Kraft, die die Welt erschuf und bewegt. Für Xenophanes gab es einen Gott, einen einzigen, der weder körperlich noch im Geist den Menschen glich und immerfort unbeweglich am selben Ort verharrte, denn es gezieme sich „für ihn nicht, bald hierhin, bald dorthin zu gehen, um seine Ziele zu erreichen“.
Vieles äusserten die Vorsokratiker über die Kosmologie, also über die Beschaffenheit der Welt, weniger über die Kosmogonie, ihre Entstehung. Immerhin waren sie allgemein der Auffassung, sie sei nicht von Göttern erschaffen worden. An deren Stelle setzten sie die der Natur innewohnenden Kräfte und Gesetze. Für Thales war Wasser der Urstoff, aus dem die Welt entstanden war. Die Erde sah er als eine flache Scheibe, die auf dem Wasser schwamm. Dementsprechend erklärte er Erdbeben, die bisher als eine Bestrafung der Menschen durch einen Gott gedeutet worden waren, als Folge von Wellenbewegungen des Wassers.
Die Grenzen der Erkenntnis
Geradezu sensationell modern nimmt sich die These des 25 Jahre jüngeren Anaximander aus, eines Schülers von Thales. Er definierte den Urgrund allen Seins als einen nicht von Göttern geschaffenen, sondern seit jeher bestehenden und ewig weiter bestehenden Urstoff, den er Apeiron nannte. In diesem entstand infolge sich gegenseitig bekämpfender natürlicher Kräfte ein Keim, der schliesslich explodierte, woraus die Welt mit all ihren Gestirnen hervorging. Schon hier also, vor mehr als 2‘500 Jahren, der Gedanke an einen Big Bang.
Sein Schüler, Anaximenes (so wie seine Vorgänger aus Milet), definierte den Urstoff als eine Art Dunst, den er Aer nannte. Auch er sah die Erde als eine flache Scheibe, aber er sah diese nicht wie Thales auf Wasser schwimmend, sondern auf oder im Aer schwebend. Und anders als das Apeiron seines Lehrers Anaximander, welches das Universum umschliesst, ist das Aer des Anaximenes im Universum enthalten. Enthalten diese Gedankengänge der beiden vielleicht schon etwas von dem, was im 20. Jahrhundert Karl Jaspers als das Umfassende definierte? Grossartig ist das Eingeständnis des Xenophanes: „Klares hat freilich kein Mensch gesehen, und es wird auch keinen geben, der es gesehen haben wird hinsichtlich der Götter und aller Dinge, die ich beschreibe.“ Vorweggenommen ist hier die Erkenntnis Immanuel Kants, dass dem Erkenntnisvermögen der menschlichen Vernunft unüberwindbare Grenzen gesetzt sind.
Die Sonne, der feurige Stein
Es war schliesslich Anaxagoras – ebenfalls aus Ionien stammend – der das neue Gedankengut nach Athen trug und damit den Anstoss zum dortigen Philosophieren gab. Als er freilich den Athenern erklärte, die Sonne sei nicht ein vom Sonnengott Helios über den Himmel geführter Wagen, sondern ein feuriger Stein, wurde er der Gotteslästerung angeklagt. Allerdings war möglicherweise seine Freundschaft mit Perikles der wahre Grund der Klage, denn sie wurde ja von den politischen Gegnern des Perikles geführt. Anders als Sokrates, dem es später ähnlich erging, wurde aber Anaxagoras nicht zum Tode verurteilt, sondern bloss aus der Stadt verbannt.
Wer sich gründlicher mit den Vorsokratikern befassen möchte, sollte zu den beiden orangefarbigen Reclam-Bändchen über sie greifen. Nicht nur präsentieren sie eine Vielzahl der teils aus erster, teils aus zweiter oder dritter Hand überlieferten Darlegungen dieser Philosophen; sie enthalten zudem eine hervorragende Einführung von Jaap Mansfield in ihre Werke und enorme Bedeutung sowie ebenso ausgezeichnete Erläuterungen zu jedem Einzelnen. Mein hiesiger kurzer Hinweis auf sie basiert auf den Erläuterungen Jaap Mansfields.
Jaap Mansfield: Vorsokratiker I, UB7965 Jaap Mansfield: Vorsokratiker II, UB 7966