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Essay
Alles aus Liebe
Du sollst geliebt und umsorgt sein», sagte ich innerlich zu meinem ungeborenen Kind, zu diesem 10 Wochen alten Embryo in meinem Bauch. Ich war 22 Jahre alt, lebte in Zürich und leitete ein kleines Team in einer Buchhandlung. Die Entscheidung für diese Schwangerschaft fühlte sich richtig an, wollte ich doch immer eine junge Mutter sein. Schon in meinen Teenager-Jahren sehnte ich mich nach einer Familie, dem Sinn und Ziel im Leben, so wie es mir von klein auf erzählt wurde. Ich wollte geliebt werden und einem Kind die angeblich höchste Liebe, meine Mutterliebe, geben.
Google ich das Wort «Mutterliebe», erhalte ich mehr als zwei Millionen Suchergebnisse. Mit «Vaterliebe» finde ich nur knapp einen Zehntel davon. Auch ich wägte die Mutterliebe damals höher als die des Vaters, sah mich selbst als den wichtigeren Teil für das Kind, weil es ja in mir heranwächst und meine Milch es nähren, meine Fürsorge es aufziehen würde. Und weil Frauen – so glaubte ich es in meinen jungen Jahren noch – besser versorgen, besser geben, besser pflegen können, von Natur aus. Erst viel später las ich die wissenschaftlichen Studien und Bücher, die das alles widerlegten.
Der Vater des Embryos in meinem immer grösser werdenden Bauch und ich heirateten. Wir zogen zusammen in eine ländliche Gegend. Ich richtete das Kinderzimmer her, kaufte Windeln, einen Kinderwagen, ein Tragetuch. «Wer hat schon Kinder, wenn man sie von Anfang an einfach abgeben will», sagten die Menschen um mich und die kritischen Stimmen in mir. Ich kündigte meinen Job in Zürich; behalten hätte ich diesen nur können, wenn ich nach drei Monaten im 80 Prozent-Pensum zurückgekehrt wäre. Ich empfand den Entscheid aber nicht als Verlust, eher als Befreiung von der belastenden Arbeitswelt. Ein Gedanke, der mich später immer wieder einholte, wenn mir mein Job und das Thema der Vereinbarkeit zu anstrengend wurde: Warum nicht nochmals ein Baby versorgen, anstelle einer Karriere in einem kräftezerrenden Umfeld voller Männer aufzubauen? Warum mich nicht auf meine vermeintlich natürlichen Stärken besinnen, anstatt von Sitzung zu Sitzung zu eilen? Dabei hatten diese Frustrierung und das Bedürfnis nach einem Notausstieg vor allem mit den vorherrschenden Strukturen in der Arbeitswelt zu tun: zu hohe Pensen, lange Arbeitstage, Sexismus, wenig Verständnis für Mütter, hohe Kinderbetreuungskosten und dass die ganze Hausund Organisationsarbeit – der sogenannte Mental Load – hauptsächlich auf mir lastete. Es kam der letzte Winter ohne Kind. Dann Heisshunger-Attacken, geschwollene Füsse, wilde Wehen. Und kurz vor Weihnachten erblickte mein Sohn die Welt.
Davor war ich eine selbständige Frau, danach war ich Mutter
Es war eine komplizierte und traumatische Geburt. Ich kehrte mit dem kleinen, schreienden Jungen im Arm nach zehn Tagen Spitalaufenthalt in die neue Wohnung zurück – müde, erschöpft, verletzlich mit einer nicht heilen wollenden Kaiserschnittwunde. Es gab jetzt ein «Davor» und ein «Danach». Davor war ich keine Mutter und berufstätig, danach war ich Mutter und Hausfrau. Passiert durch die Geburt meines Sohnes und: Durch Liebe, nie hatte ich bis dahin so viel für ein Wesen empfunden, passiert, weil ich es so wollte, passiert, weil richtig – dachte ich zumindest.
Mit den Wochen zu Hause aber wuchs meine Unzufriedenheit.
Das Stillen klappte nicht, wie ich es erhofft hatte. Ich stillte ab und während die Milch in meinen Brüsten schwand, wuchsen meine Schuldgefühle, weil ich nicht glücklich war. Weil ich mich einsam fühlte und keine Entlastung, keine Zeit für mich hatte. Weil ich anscheinend ohne Grund traurig und erschöpft war. Weil mir meine Arbeit fehlte. Der Alltag mit einem Baby war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Stillen. Wickeln. Stillen. Wickeln. Kaum Schlaf. Wieder keine Dusche geschafft. Schreien. Spazieren. Wieder Schreien. Meine Freundinnenschaften veränderten sich, die meisten waren noch kinderlos, der Kontakt minimierte sich. Und mit den anderen Müttern auf dem Spielplatz fühlte ich mich wenig verbunden. Mein Partner und ich stritten immer mehr. Ich fühlte mich alleingelassen, finanziell abhängig und wurde eifersüchtig. Nach einem Jahr begann ich einen Mini-Job und es ging mir besser. Meine Mutter übernahm an den zwei Tagen die Betreuung meines Sohnes, natürlich unbezahlt. Die Motivation kam auch bei ihr durch die Liebe. Liebe für den Enkel, wie schon für ihre drei Kinder. Und während sich meine Pensionskasse immerhin minim füllte, blieb ihre weiterhin leer. Genauso wie die der vielen anderen Frauen in der Schweiz, die pro Jahr 9,8 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit leisten und im Alter arm sind.
Sorgearbeit gilt nicht als richtige Arbeit, weil es ein Dienst aus Liebe ist
Franziska Schutzbach ist Soziologin und Geschlechterforscherin und erklärte mir Jahre später in einem Interview, wie die kapitalistische Wirtschaftsweise und Geschlechterrollen miteinander verbunden sind: «Sorgearbeit gilt nicht als richtige Arbeit, sondern als privater Dienst aus Liebe – den Frauen angeblich von Natur aus gerne und deshalb gratis machen. Die profitorientierte Wirtschaft hat ein sehr grosses Interesse daran, Frauen Sorge- und Hausarbeiten im Privaten und vor allem gratis machen zu lassen und ihre Erschöpfung damit als «Privatsache» abzutun. Denn wenn die Wirtschaft die vielen Milliarden Stunden von Sorgearbeit entschädigen müsste, die Frauen leisten, wäre sie niemals so profitabel.» Warum erkannte ich diese Zusammenhänge erst mehrere Jahre nach der Geburt meines ersten Kindes? Warum hatte ich mich so jung, urban lebend, gut ausgebildet, entschieden, ein paar Jahre fast alles für das Kind, für die Ehe, für die Kleinfamilie aufzugeben, was mir selbst finanzielle und emotionale Sicherheit gegeben hatte? Und warum erging es nicht nur mir so, sondern entscheiden sich auch heute, zwanzig Jahre später, die Frauen noch immer «aus Liebe» gegen sich und für die Selbstaufgabe?
Eine Erklärung lieferte mir kürzlich die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig in einem Gespräch zu ihrem Buch «Das Ende der Ehe»: «Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft wachsen mit einem klaren Skript von Liebe und Romantik auf. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein Mann und eine Frau sich lieben, monogam leben, zusammen Kinder haben; dass der Mann arbeitet, die Frau für die Kinder sorgt und sie alle im gleichen Haushalt leben. Popkultur und Märchen zementieren diese Vorstellung. Frauen merken oft gar nicht, wie viele Kompromisse sie eingehen, um sich den Zugang zu einem Leben zu sichern, das Glück und Erfüllung verspricht. Sie bringen sich dadurch in ihrem Liebesleben in eine schwache Position und opfern sich auf.»
Vier Jahre nach der Geburt trennte ich mich und zog mit meinem Kind zurück in die Stadt. Ich nahm meinen ursprünglichen Beruf wieder auf, mein Sohn besuchte einen Tageskindergarten und ich begann eine Therapie und begann die Strukturen in der Schweiz, meine Prägung und Sozialisierung zu verstehen.
Heute bin ich 42 und Mutter zweier Kinder. Mein Sohn ist letztes Jahr volljährig geworden, meine Tochter, die mit einer Behinderung zu Welt kam, ist neun Jahre alt. Sie besucht eine Tagesschule und ich arbeite bezahlt vier bis fünf Tage. Heute kenne ich meine Bedürfnisse und den Wert meiner Care-Arbeit. Und dennoch flüstern die inneren kritischen Stimmen noch immer ab und an: «Liebende Mütter sorgen rund um die Uhr ohne Klagen für ihr Kind.» «Liebende Mütter pflegen gratis, bis sie selbst Pflege brauchen.» «Liebende Mütter stellen die eigenen Bedürfnisse hinter die der Familie.» Ihr Echo sind die Gesellschaft, die Arbeitswelt, die Politik und Sozialsysteme der Schweiz, die mir als Mutter noch immer Steine in den Weg legen, mich verurteilen oder zu Dankbarkeit ermahnen. Oder wie es in der Textsammlung «Unlearn Patriarchy» formuliert ist: «Das Patriarchat frisst sich in die kleinste Zelle der Gesellschaft.» Mich davon zu befreien, dauert vermutlich mein ganzes Leben lang.
Marah Rikli ist freie Autorin, Moderatorin, ehemalige Buchhändlerin und aktive Speakerin für Diversität und Inklusion. Sie lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Zürich. Und lancierte kürzlich ihren eignen Podcast Podcast Sara & Marah im Gespräch mit…