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Wer ist Ernst Jakob Christoffel?
Lebenslauf vom Ernst Christoffel. Dazu auch Berichte aus seiner Arbeit unter Gehörlosen.
Ernst Jakob Christoffel
Die Christoffel-Blindenmission CBM
Die CBM hat auf der ganzen Welt viele verschiedene Einrichtungen. Letztes Jahr (2002) wurden mehr als 32'000 Gehörlose betreut und ausgebildet. Und das in 69 Schulen, 23 Berufsausbildungs- und fünf Rehabilitationszentren.
Die CBM Schweiz unterstützte dieses Jahr (2003) neun Einrichtungen für Gehörlose in Bolivien, Jordanien, Burkina Faso, Kenia, Madagaskar, Peru (Taubblinde), auf den Philippinen, in Sri Lanka und in Südindien. Darunter befindet sich seit 2000 auch ‹Maranatha›, das Zentrum für Gehörlose in Riberalta.
CBM wurde von Ernst J. Christoffel gegründet. Wer war das?
Ernst Christoffel wurde am 4. September 1876 in Rheydt (Rheinland, Deutschland) geboren. Seine Eltern waren treue Christen und Mitarbeiter in der landeskirchlichen Gemeinschaft. Das Elternhaus von Ernst hatte offene Türen für jede Person, die Hilfe brauchte. Darunter waren viele Missionare.
Ernst Christoffel arbeitete nach seiner Matura als Erziehungsgehilfe. Schliesslich entschloss er sich, die Predigerausbildung zu machen und besuchte das Seminar in Basel. Im Frühling 1904 war Christoffel mit seinem Studium fertig und arbeitete als Hauslehrer in einer Zürcher Kaufmannsfamilie. Er wurde vom Schweizer Hilfskomitee für Armenien angefragt: «Möchten Sie in zwei Waisenhäusern in Siwas (Kleinasien) die Aufgabe des Lehrers und Leiters übernehmen?»
Ernst hatte Interesse und wurde zu einer weiteren Besprechung eingeladen. Dort fragte man ihn: «Sind Sie verheiratet oder verlobt?» Ernst musste verneinen. Für das Komitee war es wichtig, dass der neue Direktor verheiratet war. Sie sagten zu ihm: «Verloben Sie sich schnell». Der junge Christoffel schüttelte den Kopf. Auf dem Heimweg betete er: «Herr, zeige mir einen Ausweg! » Ernst dachte an seine Schwester Hedwig. Sie war für jeden Missionsdienst bereit. Er wusste aber auch, dass die Leute zu Hause sie brauchten. Der Vater und eine andere Schwester waren nicht gesund und brauchten die Pflege von Hedwig. Trotzdem rief er seine Schwester an und sie sagte sofort: «Ja, ich komme mit». Der Vater und die andere kranke Schwester waren damit einverstanden, dass Hedwig mit Ernst in die Mission ging.
Im September 1904 reisten beide nach Siwas. Dort blieben und arbeiteten sie drei Jahre lang unter den Waisen.
Karte Siwas
Im letzten Jahr in Siwas zeigte Gott Ernst die Not der Blinden aus dem Orient. Was konnte er für sie machen?
Ernst Christoffel absolvierte einen Kurs in der Blindenanstalt in Zürich. Seine Schwester Hedwig tat dasselbe in der Blindenanstalt in Neuwied.
Im Herbst 1908 wurde Christoffel in Basel ordiniert und gleich darauf reisten beide Missionare nach Malatia (einige Stunden vom Fluss Euphrat entfernt).
Dort traf Christoffels auf Blinde, Verwaiste, Verkrüppelte. Sie waren die Ausgestossenen der Gesellschaft.
Ernst Jakob Christoffel (1929)
Wieder einmal zurück in Deutschland besprach Ernst Christoffel die Pläne, im Inneren von Persien (heute: Iran) eine neue Missionsstation aufzubauen. Sie hatten nicht viel Geld und die Hauptstadt Teheran war zu teuer. Deshalb reisten Ernst mit einem Mitarbeiter am 1. Mai 1928 in die Stadt Isfahan. Dort richteten sie in einem grossen Haus ausserhalb der Stadt die neue Missionsstation ein. Hier fanden nicht nur Blinde eine Heimat und Fürsorge. Sie nahmen auch Strassenkinder, Gehörlose und Krüppel auf.
Es war eine grosse Leistung von Ernst Christoffel und seinen Mitarbeitern, ein gepflegtes Heim und einen vielfältigen Schulunterricht aufzubauen. Es fehlte sehr viel: Schreibtafeln und Papier wurden aus Deutschland bezogen. Es war nicht möglich, Anschauungsmaterial von Deutschland kommen zu lassen. Der Zoll deklarierte das als Spielzeug und das galt als Luxuszoll. Man musste dafür mehr Zoll bezahlen. Besonders schwierig war die Übertragung des Braillealphabets in die persische Sprache. Damit leistete Ernst Christoffels Pionierarbeit.
1941 besetzten englische und russische Truppen grosse Teile von Persien (heute: Iran). Alle Deutschen mussten das Land verlassen. Ernst Christoffel durfte zwei Jahre lang seine Arbeit fortsetzen, bis er auch verhaftet wurde. 1946 wurde er frei gelassen. Mit fast 75 Jahren reiste Ernst Christoffel 1951 nochmals nach Isfahan und baute seine alte Arbeit neu auf.
1955 starb Ernst Christoffel mit 78 Jahren in Isfahan. Die CBM hiess damals noch Christliche Blindenmission. Zu Ehren von Pfarrer Ernst Jakob Christoffel änderte sie 1956 den Namen in ‹Christoffel Blindenmission, CBM›.
Es gibt kurze Aufzeichnungen über die Erlebnisse von Ernst Christoffel. Darunter hat es solche über seine Gehörlosen. Da es alte Schriften sind, wird auch das alte Wort ‹Taubstumm› benützt.
Hier folgen einige Berichte von Ernst Christoffels Tätigkeit:
Der Dienst an Taubstummen
Unsere Heimfamilie wuchs und hatte ganz verschiedene Kinder: Blinde, Krüppel, Niemandskinder und schliesslich auch Taubstumme. Wir wünschten es uns immer, auch den Taubstummen dienen und helfen zu können. Wir wollten uns aber nicht einmischen und warteten ab, bis uns ein taubstummer Bub gebracht wurde. Wir konnten ihn nicht wegschicken und nahmen ihn in unsere Familie auf.
Er war ein dreijähriger, taubstummer Junge, der mich mit grossen, fragenden Augen anschaute. Ich nahm ihn an der Hand und zeigte ihm so, dass er bei uns aufgenommen war. Ich konnte von den Leuten, die ihn brachten nur seinen Namen erfahren. Sie sagten: ‹Er heisst Ali›, und gingen weg. Wir haben nichts mehr von ihnen gehört und gesehen. Ali war bildhübsch. Er lebte sich schnell ein und war der Liebling von allen. Als er nach einigen Jahren am Unterricht teilnehmen konnte, machte er gute Fortschritte. Er kann mitten im Unterricht laut lachen und hat einen ganz natürlichen Humor. Man kann ihm nicht böse sein. Er ist der Fleissigste des ganzen Waisenhauses und drängt sich zum Arbeiten. Er macht auch Dinge, die normalerweise nur Erwachsene tun. Er ist sehr liebesbedürftig und anhänglich.
Ernst Christoffel übt mit einem Schüler das Sprechen
Mai 1932: Seit einigen Tagen befinden sich in unserem Haus zwei taubstumme Brüder. Es sind Söhne einer reichen Fabrikantenfamilie aus Kaswin. Sie besuchten früher die Taubstummenanstalt in Berlin und sollen jetzt bei uns Persisch lernen. Sie sind elf und dreizehn Jahre alt.
Die Leute staunen über die zwei Knaben und auch über uns, weil die zwei Buben als Taubstumme sprechen können und weil sie von uns das Deutsch gelernt haben.
Als das bekannt wurde, brachte uns ein Polizist einen kleinen taubstummen Jungen. Er ist sechs oder sieben Jahre alt. Sein Name ist Gulam Ali. Der Kleine ist wild, ungehorsam, streitsüchtig und stiehlt. Die Verständigung war nicht möglich und so war er für uns am Anfang ein schwieriges Problem. Bevor er zu uns gekommen ist, war er bereits wochenlang in einem Irrenhaus.
Später brachte man uns wieder einen weiteren etwa elfjährigen taubstummen Knaben. Die ersten Tage mussten wir an die Haustüre ein Schloss hängen, weil Fluchtgefahr bestand. Jetzt hat er sich gut eingelebt, und ich habe mit seinem Unterricht begonnen. Er ist ein ganz lieber Kerl. Inzwischen kann er das A und B.. Wenn er müde ist, legt er den Kopf in meinen Schoss und lacht mich an. Warum er lacht, weiss der Kerl auch nicht.
Diese Woche haben unsere übrigen Taubstummen den F-Laut richtig auszusprechen gelernt. Vorher üben sie den K-Laut. Das war für sie sehr schwierig.
Die Taubstummen sind in dem Gebäude untergebracht, das ich bewohne. So habe ich sie immer unter den Augen. Sie machen mir viel Freude. Sie sind untereinander sehr solidarisch. Das zeigt sich besonders, wenn einer krank ist. Dann erhalte ich sofort Nachricht. Dann wird der Kranke mit grosser Sorgfalt betreut, auch wenn sie vorher Streit hatten.
Vor einigen Tagen begann ich den Unterricht mit dem ersten Taubstummen. Er heisst Rahim und ist der Sohn eines kleinen Kaufmanns. Deshalb ist er nur Tagesschüler. Ein zweiter taubstummer Knabe wartet auf seine Aufnahme. Er ist sehr arm. Deshalb werde ich ihn ins Haus nehmen müssen. Für jede Neuaufnahme müssen wir für Bett und neue Kleider bezahlen. Das notwendige Geld habe ich aber jetzt nicht. So muss der arme Junge warten.
Ich wünschte, ihr könnt einmal in einer Unterrichtsstunde zuschauen. Die Schüler müssen nämlich jeden Laut mit viel Aufwand lernen. Wir üben schon seit zwei Wochen den Laut ‹ch›. Es gibt Laute, die sie schnell gelernt haben. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sich die armen Kerle anstrengen müssen.
Wir nahmen Taubstumme von zehn, vierzehn Jahren und ältere auf, die nur tierische Funktionen kannten ( = nur essen, trinken und schlafen können). Sie sahen wie dumme Menschen aus. Ihre Seele war gefesselt, und es bedurfte langer Arbeit und vieler Geduld, um ihre Seele zu befreien.
Wir haben in unserer Arbeit an den Taubstummen oft eine positive Erfahrung gemacht. Wir nehmen hin und wieder solche auf, die in ihrer Familie misshandelt wurden. Diese sahen wie schlimm behinderte Menschen aus. In unserem Waisenhaus tauten sie auf und blühten auf.
Charlotte Müller mit Boghos und nebenan Ali Kule mit Ali
Meine Taubstummen haben scharfe Augen. Sie bezeichnen alle Leute im Haus nach besonderen Merkmalen ( = alle haben eine Art Gebärdennamen erhalten). Wenn sie mich bezeichnen, fahren sie sich über das Kinn, als ob sie einen Bart streichen wollen. Wenn sie sich an den Hinterkopf greifen, so bedeutet das ‹Frau›. Ali Kule, mein Helfer hat eine Goldplombe im Mund. Wenn sie ihn bezeichnen, dann zeigen sie auf die Zähne.
Taubstummen- und Blindenerziehung war für Persien etwas ganz Neues. Auch für uns war sie neu. Wir haben die Taubstummen nicht gesucht. Sie wurden uns gebracht, so dass wir nicht ‹nein› sagen konnten und sie aufnehmen mussten. Das Einarbeiten in die Methoden des Taubstummenunterrichts war für uns nicht einfach. Wir waren uns bewusst, dass wir wenig Kenntnisse darüber haben. Trotzdem sind wir dankbar, dass wir auf diesem Gebiet Fortschritte machen durften.
Ali und Boghos, zwei taubstumme Schlingel
Der kleine taubstumme Knabe ist Mohammedaner und heisst Ali (Mitte vom Bild). Er ist gleich alt wie Mairik, ein Prachtjunge, gesund und stark, der Haus, Hof und Garten unsicher macht. Obwohl er nicht sprechen kann macht er mehr Lärm als zehn Kinder, die Sprache haben. Er ist aber ein braver junge, der für die schwächliche Mairik wie ein Bruder sorgt. Dabei ist er ein grosser Spassmacher. Er neckt gern den Gärtner, wenn er mittags sein Schläfchen halten möchte. Es ist interessant, dass alle unsere Taubstummen ein grosses Verständnis für Humor haben. So auch der kleine Boghos. Er sagt immer den Satz: ‹turra tschi?›, das heisst auf deutsch: ‹Was geht das dich an?› Zur Zeit und zur Unzeit, bei jedem Konflikt und jeder Auseinandersetzugn kommt dieses ‹turra tschi?›. Dabei lacht der Junge und zeigt auf sein angeredetes Opfer.
Ernst Christoffel
mit Ali und Boghos
Noch einige Informationen über die Arbeit der CBM in Afrika
Die CBM ist auch in Afrika tätig. In der partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit der Christlichen Mission für gehörlose Afrikaner wurden die ersten Seelsorgedienste geschaffen, die speziell auf die Probleme und Bedürfnisse der Gehörlosen abgestimmt sind: Bibelunterricht, Bibelclubs, Hausbesuche und Fernlehrgänge zum Bibelstudium. Kwabena Duah, gehörlos und ohne Sprache, steht mittendrin in dieser Arbeit.
Man kann die Freude von den taubstummen Afrikanen nicht beschreiben, wenn sie die frohe Botschaft von Jesus Christus erfahren. Das Wort Gottes durchdringt die Isolation ihrer Gehörlosigkeit und befreit ihr Leben aus trister, einsamer Abgeschiedenheit. Allzu viele taubstumme Afrikaner warten bis heute vergebens auf die Chance, mit anderen ins Gespräch und mit Gott ins Reine zu kommen.
Ernst Jakob Christoffel
Deshalb möchte die Christoffel-Blindenmission, sobald es ihre finanzielle Lage erlaubt, in allen zehn französischsprachigen Ländern Westafrikas - Togo, Kamerun, Gabun, Zentralafrikanisches Kaiserreich, Tschad, Niger, Obervolta, Mali, Benin und Senegal - je ein kleines Seelsorgezentrum für Taubstumme einrichten. Bis jetzt bestehen in diesen Ländern noch keine Einrichtungen, um gehörlosen Afrikanern die gute Botschaft verständlich zu machen und sie ausgebildet wieder in ihre Umgebung einzugliedern.
Eine wichtige Bedingung dafür ist, afrikanische Christen zu Taubstummenlehrern auszubilden. In Ibadan (Nigeria) werden diese Lehrer ausbgebildet.
Vereinfacht von RH
Quelle: ‹Aus der Werkstatt eines Missionars›, von Ernst J. Christoffel, 1971
und ‹Auf den Spuren Ernst Christoffels›, 2000.
Mit freundlicher Genehmigung von CBM Schweiz.