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Schwerpunkt
Schau hin!
von Christine Zürcher
Solothurn zeichnet sich durch einen qualitativ hochstehenden, stadtbildprägenden Bestand an Kirchen, Klöstern und Kapellen aus, die eindrucksvolle Ausstattungen mit Altären, Gemälden, Skulpturen, Glocken, Orgeln, Glasmalereinen, liturgische Gerätschaften, Paramenten und Möbel besitzen. Die solothurnische Sakraltopografie hat ihren Ursprung im frühen Mittelalter, geht in ihrer heutigen Gestalt jedoch hauptsächlich auf die bauintensivste Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts sowie des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis 1965 zurück.
Erinnerung an Urs und Viktor
Ausgehend von einem kleinen Memorialbauim Bereich der heutigen Kapelle St. Peter und von der früh bezeugten Verehrung der Thebäer Urs und Viktor, bildete sich ausserhalb des römischen Castrum ein erstes christlich sakrales Zentrum heraus. Das ab 870 in Schriftquellen genannte St.-Ursen-Stift betreute die Memorie des hl. Urs und trat im zweiten Drittel des 11. Jh. mit einem ersten romanischen Kirchenbau in Erscheinung. Dieser Stiftsbezirk kam mit dem Bau der mittelalterlichen Stadtmauer im 13. Jh. innerhalb des befestigten Gebiets zu liegen und wurde zu einem wichtigen Kernpunkt für die Besiedlung und Entwicklung der mittelalterlichen Stadt. Ein zweiter religiöser Pol entstand mit der Gründung des Franziskanerklosters 1280 und der spätestens 1345 erfolgten Ansiedlung der Beginen an der St.-Urban-Gasse, aus der später die Klostergemeinschaften Namen Jesu und St. Josef hervorgingen. Das Franziskanerkloster wandelte sich ab dem 16. Jh. von einem typischen Bettelordensbau zu einem repräsentativen Stadtkloster und bestimmte die Siedlungsentwicklung sowie die herrschaftliche Prägung des nordöstlichen Stadtteils mit dem Rathaus, dem Alten Zeughaus und dem ehemaligen Ambassadorenhof mit. Unweit der Franziskaner liegt die kleine Kapelle der Schaffnerei des seit Mitte des 13. Jh. in Solothurn amtlich vertretenen Klosters St. Urban LU.
Spitäler und Thebäerkult
Als sakrale Orte sind im Mittelalter auch die Spitäler zu begreifen. Die Kapelle St. Katharinen von 1767/1769 geht auf eine vermutlich im 13. Jh. entstandene Siechenhauskapelle zurück und lag ihrer Funktion entsprechend noch weit ausserhalb des Siedlungskerns. Für das 1418 durch die Bürgerschaft in der Vorstadt neu gegründete Spital, dessen Kapelle spätestens 1702 als eigenständiger Kirchenbau errichtet und 1736 repräsentativ erneuert wurde, ist hingegen die Flussnähe bezeichnend. Im 15. Jh. führte eine Wiederbelebung des Thebäerkults zu einer regen Bau- und Ausstattungstätigkeit mit stark identitätsstiftender Wirkung für die Stadt. So ist etwa die kostbare Silberbüste des hl. Urs im Kirchenschatz von St. Ursen, 1486 mit zahlreichen Spenden von Magistraten, Bürgern und Chorherren realisiert, ebenso als zeitgemässe Neuinszenierung zu verstehen, wie der 1504 von Solothurner Bürgern gestiftete Neubau der Dreibeinskreuzkapelle, die den historisch überlieferten Standort der Hinrichtungsstätte der Thebäer kennzeichnet.
Klöster der katholischen Reform
Zwischen 1588 und 1646 etablierten sich in der Stadt fünf neue Orden, die kirchenpolitische Vorstellungen der Gegenreformation vertraten. Die intensive klösterliche Bautätigkeit hatte die Erschliessung neuer Stadtgebiete gefördert. Die Kapuziner siedelten als erster Orden ihren 1589 – 1592 realisierten Klosterbau ausserhalb der mittelalterlichen Stadtmauern an. Wenig später entstanden nördlich und östlich der mittelalterlichen Stadt drei Frauenklöster. Zwischen 1615 und 1620 am heutigen Herrenweg die Klosteranlage der Kapuzinerinnen Namen Jesu und 1648 –1652 an der Ausfallstrasse nach Basel die Klosteranlage St. Josef der Franziskanerterziarinnen. Die Schwestern des französischen Ordens der Visitation liessen sich 1644 in Solothurn nieder. Ihr erster Klosterbau von 1645 im Obach musste 1676 dem barocken Schanzenbau weichen und es kam etwas weiter vom Stadtkern entfernt an der heutigen Grenchenstrasse zum Bau einer neuen Klosteranlage. Kurz nach den Visitandinnen zogen 1646 die vom Rat berufenen Jesuiten nach Solothurn, die anfänglich in zwei privat zur Verfügung gestellten Häusern im Geviert zwischen Kronen- und Goldgasse wohnten. Erst zwischen 1678 und 1728 konnten sie innerhalb der bestehenden Bebauungsstruktur ihre barocke Klosteranlage mit einer Kirche, einem Kollegium und einer Schule realisieren. Die Jesuiten waren in erster Linie zur Verbesserung der Schulverhältnisse in die Stadt berufen worden, jedoch ist ihre stark vom Rat geförderte Berufung nicht losgelöst von den damals herrschenden machtpolitischen Verhältnissen zu begreifen. Es ist bezeichnend, dass mit dem Bau der Jesuitenkirche ab 1676 der französische König, repräsentiert durch den Ambassador Robert de Gravel, als Stifter der Fassade auftrat, im Inneren dagegen die zahlreichen Wappen von Stiftungen der Patrizierfamilien zeugen. Wie die Klöster entstand Mitte des 17. Jh. auch die privat gestiftete barocke Loretokapelle mit einem Kreuzweg vor einem gegenreformatorischen Hintergrund und ist ein eindrückliches Beispiel der Marienverehrung und der aufblühenden Volksfrömmigkeit.
Erneuerung und neue Religionsgemeinschaften
Im 18. Jh. kam es hauptsächlich zu Erneuerungsbauten an bestehenden Standorten, wobei die Grossbaustelle der St.-Ursen-Kirche ab 1762 die Stadt beherrschte. Die neue, überaus repräsentativ situierte frühklassizistische Kirche setzte einen Akzent, der in seiner Modernität und in seinem Reichtum ebenso das Primat der Bürgerschaft wie des katholischen Glaubens zum Ausdruck brachte. Bis zur Aufhebung des St.-Ursen-Stifts im Kulturkampf 1874 blieb sie Stiftskirche, jedoch trat ihre Funktion als Stadtkirche in den Vordergrund. Mit der Verankerung der Glaubens- und Kultusfreiheit in der Kantonsverfassung von 1831 kam es im 19. Jh. zur Gründung neuer Kirchgemeinden und damit zu Umnutzungen oder, städtebaulich durch die Schleifung der barocken Schanzenanlagen begünstigt, zu Kirchenneubauten. Nördlich des Buristurms liess die 1835 gegründete reformierte Kirchgemeinde 1886/87 einen ersten und 1925 einen zweiten Neubau in neugotischen und neoklassizistischen Formen errichten. 1896 übernahm die 1877 gegründete christkatholische Kirchgemeinde die Kirche des 1857 aufgehobenen Franziskanerklosters. Die 1880 gegründete evangelisch-methodistische Kirchgemeinde liess 1896/97 an der Ausfallstrasse nach Biel eine Kapelle bauen und spätestens 1887 konstituierte sich in Solothurn eine jüdische Gemeinde, die in der Vorstadt im Oberen Winkel einen Betsaal besass. Aus der von Fritz und Hilda Spieler-Meyer mit dem Kapuziner Florian Walker 1919 gegründeten karitativen Organisation «Seraphisches Liebeswerk Solothurn» entstand 1924 eine gleichnamige Schwesterngemeinschaft und in den 1940er- Jahren eine kleine Antoniuskapelle.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen der Stadt ein neues ausgedehntes Wohnquartier entstand, installierte die seit 1887 bestehende römisch-katholische Kirchgemeinde die neue Pfarrei St. Marien und liess von 1952 bis 1954 einen für die 1950er-Jahre charakteristischen Kirchenneubau errichten. Letzte markante Veränderungen erfuhr die solothurnische Sakraltopografie im betrachteten Zeitraum mit der Vergrösserung des Kapuzinerklosters 1927 und 1932 sowie letztmals 1965, als das Konventgebäude des Klosters St. Josef von 1652 abgerissen und durch eine neue Klosteranlage ersetzt wurde.
Sakrallandschaft als Kulturerbe
Die Sakraltopografie Solothurns mit ihren architektur- und kunsthistorisch qualitätvollen Bauten und Ausstattungen ist ein gewichtiger Teil des weit über die Stadtgrenzen ausstrahlenden kulturellen Erbes Solothurns und umspannt auf engstem Raum praktisch alle grossen Epochen der Baukunst vom Mittelalter bis zur Nachkriegsmoderne und zeugt auch von einem vielschichtigen Kulturtransfer aus deutschen, französischen und italienischen Architektur- und Kunstlandschaften. Der zum Europäischen Jahr des Kulturerbes in der Schweiz formulierte Aufruf «Schau hin!» lädt ein, diese reichhaltige Ressource wahrzunehmen und über ihren Wert für unsere Gesellschaft nachzudenken. Denn der Erhalt des Vergangenen, die Förderung des Gegenwärtigen und die Ermöglichung des Künftigen stehen in einem unauflöslichen Zusammenhang.
Christine Zürcher, lic. phil., arbeitet als Kunsthistorikerin bei der kantonalen Denkmalpflege Solothurn. Der Text basiert auf der Einleitung des nachfolgenden Titels, in dem auch die Bilder publiziert wurden: Johanna Strübin, Christine Zürcher; mit Beiträgen von Stefan Blank und Samuel Rutishauser. Die Kunstdenkmäler des Kantons Solothurn. Band IV. Die Stadt Solothurn III. Sakralbauten. Bern: GSK, 2017.