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Die Regeln des Laiengelübdes
Im Buddhismus wird die Ethik als Grundlage für den Pfad betrachtet. Der Buddha gab auf der Basis der Zufluchtnahme, mit der man in seine Lehre eintritt, die verschiedenen Gelübde, zum Beispiel die acht Prātimoksha-Gelübde. Eines davon ist das fünfteilige Gelübde für Laienschülerinnen und Laienschüler. Im Folgenden wollen wir uns mit den Disziplinen dieses wichtigen Gelübdes beschäftigen, so daß wir ein einwandfreies Verständnis erlangen.
Nicht töten
Eine der Hauptverfehlungen gegen das Laiengelübde ist das Töten, das zu den körperlichen Verfehlungen zählt. Töten bedeutet, einem anderen Wesen bewußt das Leben zu nehmen, das heißt irgendwelche Mittel wie Waffen oder Gift anzuwenden, wodurch sein Körper von seinem Geist getrennt und damit das gegenwärtige Leben gewaltsam beendet wird. Die Handlung ist vollständig angesammelt worden, wenn alle vier Faktoren einer Handlung vorhanden sind:
1. Es gibt ein Objekt Objekt, das heißt ein anderes Wesen, das getötet wird;
2. es besteht die Absicht Absicht, das Wesen zu töten;
3. die Absicht kommt zur Ausführung, das heißt man selbst oder ein anderer, dem man den Auftrag erteilt hat, bringt das Wesen um;
4. die Handlung kommt zum Abschluß, indem das Wesen tatsächlich stirbt.
Als Verstoß gegen das Gelübde werden vier Arten des Tötens genannt: das Töten von Menschen oder werdenden Menschen, das Töten von Tieren, das Schlagen von Tieren, so daß sie dadurch umkommen, und der Gebrauch von Wasser, in dem sich Kleintiere befinden, die dadurch sterben. Das Töten eines Menschen oder eines werdenden Menschen bedeutet den vollständigen Bruch des Gelübdes. Das Töten von Tieren verstößt zwar gegen die Regel, hat aber nicht den Verlust des Gelübdes zur Folge.
Nicht stehlen
Als Stehlen wird eine Handlung bezeichnet, mit der man sich einen Gegenstand von Wert, der sich nicht im eigenen Besitz befindet, mit Gewalt oder auf andere Weise beschafft, um ihn in den eigenen Besitz zu überführen. Sobald man mit Gewalt oder durch Diebstahl, Betrug oder ähnliches den Gegenstand, der für den anderen Wert besitzt und von ihm als sein Eigentum angesehen wird, in seinen Besitz bringt, so daß man denkt: „Jetzt habe ich es zur Verfügung“, ist die Handlung des Stehlens vollständig.
Nicht lügen
Weshalb wird für die Laienschüler die Regel aufgestellt, innerhalb der vielfältigen unheilsamen Handlungen der Rede gerade das Lügen zu unterlassen? Ein wesentlicher Grund ist, daß man anderenfalls leicht unehrlich und unaufrichtig in bezog auf die eigene Disziplin werden könnte. Angenommen, jemand hätte im Extremfall sogar alle Regeln des Gelübdes übertreten und würde gefragt, ob er dies oder jenes begangen hat, dann würde er leicht dazu verleitet, unaufrichtig zu sein und die Frage zu verneinen, um die eigenen Fehler zu verbergen. Um Unaufrichtigkeit zu vermeiden und Wahrhaftigkeit zu erzeugen, wurde das Unterlassen des Lügens in die Regeln des Laiengelübdes aufgenommen. Ein Bruch des Gelübdes entsteht mit der so genannten großen Lüge, mit der man höhere spirituelle Tugenden vortäuscht, wie sie Heilige besitzen, obwohl man sie tatsächlich nicht besitzt. Alle anderen Arten der Lüge bedeuten eine Verletzung des Gelübdes, aber keinen Bruch. Wer Aufrichtigkeit in bezog auf die eigene Ethik bewahrt, wird offen zugeben können, bestimmte Regeln übertreten zu haben, und auf der Grundlage dieser Offenheit lassen sich diese Handlungen bereinigen.
Sexuelles Fehlverhalten vermeiden
Mit dem fünfteiligen Laiengelübde ist nicht das Brahmacārya-Gelübde (Keuschheitsgelübde, Zölibat) verbunden. Beim Laiengelübde bezieht sich die Regel nur auf das Vermeiden des sexuellen Fehlverhaltens wie zum Beispiel „Ehebruch“, denn dieser hat viele Nachteile. Sexueller Verkehr mit einem „falschen“ Partner zerstört Beziehungen und trägt viel zu menschlichem Leiden bei. Als Menschen haben wir ein Interesse an stabilen, dauerhaften Beziehungen. Außerdem ist sexuelles Fehlverhalten eine Ursache für eine Wiedergeburt in niedrigen Daseinsbereichen etwa als Tier, so hat es der Buddha gelehrt. Dies trifft auf sexuellen Verkehr allgemein von zwei miteinander liierten Partnern nicht zu. Erst wenn eine Person die Stufe der Heiligkeit erlangt, das heißt, wenn eine unmittelbare Einsicht in die endgültige Realität erlangt ist, wird das sexuelle Fehlverhalten für alle Zeiten aufgegeben. Ein Heiliger hat aber noch nicht notwendigerweise den sexuellen Verkehr insgesamt aufgegeben. Generell gehen wir bei der Schulung des Geistes so vor, daß wir, was die aufzugebenden Eigenschaften angeht, zunächst die gröberen Formen überwinden lernen, während wir in Bezug auf die Gegenmittel zuerst nur die schwächeren Ebenen entwickeln und uns dann bemühen, diese im Verlauf der Zeit auszubauen und zu stärken. Ein weiterer Grund dafür, daß in den Regeln des Laiengelübdes nur das Vermeiden von sexuellem Fehlverhalten enthalten ist, kann darin gesehen werden, daß es auf der Grundlage eines Hauslebens sehr viel einfacher ist, das sexuelle Fehlverhalten aufzugeben, während das Aufgeben von jedem sexuellen Verkehr in einem gewöhnlichen Familienleben sehr viel schwieriger ist.
Aufgeben von Alkohol
Das Trinken von Alkohol ist nicht von Natur her unheilsam, sondern nur dann, wenn das Versprechen abgelegt wurde, auf Alkohol zu verzichten. Es gibt Handlungen, die von Natur her unheilsam sind, und diese sind für jedes Wesen negativ, ganz gleich, wer sie begeht und ob ein Gelübde besteht oder nicht. Man sammelt durch diese Handlung in jedem Fall ein unheilsames Potential an, das einen Samen für das spätere Heranreifen von Leid darstellt. Dann gibt es Handlungen, die nur deshalb Verfehlungen sind, weil man durch sie gegen Regeln verstößt, die im Zusammenhang mit bestimmten Gelübden stehen. Bei den Ordinierten gibt es im Allgemeinen viele Handlungen, die nur aufgrund der Übertretung einer Regel moralische Verfehlungen sind. Im Zusammenhang mit dem Laiengelübde gibt es nur eine solche Regel: Für die Laienschüler ist das Trinken von Alkohol ausdrücklich verboten, obwohl es keine Handlung ist, die von Natur her unheilsam wäre. Für die Laienschüler ist es ratsam, sich die Ethik der Mönche und Nonnen zum Vorbild zu nehmen und sich nach besten Kräften zu bemühen, auch solche Handlungen zu vermeiden, die bei den Ordinierten eine Übertretung einer Regel darstellen. Das bezieht sich auf die meisten Regeln der Ordinierten, außer solchen, die mit bestimmten Ritualen des monastischen Lebens verbunden sind und die Laienschüler naturgemäß nicht durchführen können.
Der Buddha hat das Trinken von Alkohol besonders verworfen. In einem Sutra sagte der Buddha: „Diejenigen, die mich ihren Lehrer nennen, sollten nicht einmal die geringe Menge Alkohol trinken, die dem Tautropfen auf der Spitze eines Grashalms entspricht. Wenn sie Alkohol trinken, so bin ich nicht ihr Lehrer, und sie sind nicht meine Hörer.“ Ein weiterer Grund für das Vermeiden von Alkoholgenuß ist, daß es sich dabei um eine fehlerhafte Handlung handelt, die Heilige für immer aufgeben. Mit dem Zustand der Heiligkeit erreichen sie die Abstinenz von Alkohol auch für alle zukünftigen Leben. In bezug auf das sexuelle Fehlverhalten wurde bereits ähnliches erklärt: Ein Heiliger gibt noch nicht den sexuellen Verkehr im Allgemeinen, jedoch das sexuelle Fehlverhalten als gröbere unheilsame Handlung auf. Weil das Trinken von Alkohol eine ähnlich fehlerhafte Handlung ist, wird sie von Personen, die den Zustand der Heiligkeit erreichen, für alle Zeiten aufgegeben.
Außerdem ist der Genuß von Alkohol vom Buddha deutlich als eine körperliche fehlerhafte Handlung gelehrt worden. Er nannte das Trinken von Alkohol in einer Reihe mit anderen fehlerhaften Handlungen des Körpers wie Töten, Stehlen, Lügen und sexuellem Fehlverhalten. Sehr oft beschrieb er die verschiedenen Nachteile des Alkohols. Jeglicher Alkohol erzeugt eine berauschende Wirkung im Geist, er bringt den Geist außer Kontrolle und führt zu achtlosem Verhalten. Achtlosigkeit ist ein Nährboden für viele unheilsame Handlungen, an die man sich in der Folge gewöhnt. Alkohol ist eine Ursache für unbeherrschtes Verhalten und für die Degeneration von Wachsamkeit und Vergegenwärtigung. Wer gewohnheitsmäßig Alkohol trinkt und sich berauscht, wird nach den Worten des Buddha selbst nach dem Tod noch viele negative Konsequenzen erfahren, vielleicht in einer niedrigen Existenz wiedergeboren werden oder ähnlich leidvolle Folgen erfahren.
Das Nehmen des Laiengelübdes
Das Laiengelübde wird vor einem Lehrer abgelegt. Es stellt sich also die Frage, welche Qualifikation dieser besitzen sollte. Allgemein werden im Vinaya-System drei Hauptqualitäten erklärt, die einen Lehrer auszeichnen: diszipliniertes Verhalten, Stabilität und umfassendes Wissen. Diszipliniertes Verhalten bezieht sich auf eine reine ethische Lebens-führung. Speziell bedeutet es, daß der Lehrer sein Gelübde, ganz gleich, welches er angenommen haben mag, einwandfrei einhält und nach den damit verbundenen Regeln lebt. Es dürfen keine Hauptverfehlungen gegen sein Gelübde vorgekommen sein. Welches Gelübde sollte der Lehrer besitzen? Am besten ist das Gelübde der vollen Ordination; dieses dient nach dem Vinaya zum vollständigen Eintritt in die Lehre des Buddhas. Besteht ein solches Gelübde nicht, ist das nächst beste das Gelübde eines Novizen bzw. einer Novizin, und wenn auch dieses nicht angenommen wurde, sollte zumindest das vollständige Laiengelübde eingehalten werden. Stabilität bezieht sich auf die ethische Lebensführung. Ein Lehrer sollte sein Gelübde mindestens zehn Jahre lang eingehalten und dadurch Kontinuität in seiner Ethik erreicht haben. Umfassendes Wissen heißt Gelehrsamkeit. Der Lehrer muß die verschiedenen Gelübde kennen und wissen, wie sie gegeben werden, welche Regeln dazugehören, wie sie eingehalten werden, wann sie übertreten sind und wie man Übertretungen bereinigt. Ganz allgemein kann man sagen, daß jemand, der eine Funktion als Lehrer im Vinaya innehat, eine genaue Kenntnis der verschiedenen Disziplinen besitzen muß.
Das Ritual zum Nehmen des Laiengelübdes
Von einem Lehrer, der die zuvor genannten wichtigsten Eigenschaften – edles Verhalten, Stabilität und Gelehrsamkeit – besitzt, kann man die Gelübde nehmen. Beim Nehmen des Gelübdes ist wesentlich, selbst festes Vertrauen in die Lehre des Buddhas zu haben, speziell in die Gesetzmäßigkeit von Karma und Wirkung. Es reicht nicht aus zu denken, Karma sei etwas, das traditionell zum Buddhismus gehöre und deswegen beachtet werden müsse. Vielmehr sollten wir durch Studium und argumentatives Nachdenken eine tiefe Überzeugung entwickeln, daß dieses Gesetz von Handlungen und Wirkungen die Realität unserer eigenen Existenz beschreibt. Wir sollten uns mehr und mehr mit der Sichtweise vertraut machen, daß wir tagtäglich selbst die Resultate der Handlungen erleben, die wir in der Vergangenheit begangen haben, und daß sich dieses auch in Zukunft so fortsetzen wird. Das Gesetz von Karma ist definitiv: Heilsame Handlungen führen definitiv zu Glück, unheilsame Handlungen definitiv zu Leid. Auf der Basis dieser Überzeugung ist es richtig, zum Ausdruck zu bringen, daß wir noch in diesem Leben, jetzt sofort Zuflucht zum Buddha, zum Dharma und zum Sangha nehmen wollen, solange wir leben. In einem Text von Purbutschok Dschampa Rinpotsche, einem Tutor des XIII. Dalai Lama, heißt es:
„Man muß Stufe für Stufe in die Lehre des Buddhas eintreten und die verschiedenen Übungen schrittweise aufnehmen. Wenn man das Gelübde eines Laienanhängers annimmt, beginnt dies damit, daß man zunächst einmal Zuflucht zu den Drei Juwelen nimmt. Auf der Grundlage der Zufluchtnahme nimmt man das Laiengelübde an, welches in seiner vollständigen Form mit fünf Disziplinen verbunden ist.“
Man nimmt Zuflucht zum Buddha, weil er der höchste Lehrer ist, der die adäquaten Mittel zeigt, um sich aus Leiden zu befreien, man nimmt Zuflucht zur Lehre, weil ihre Anwendung ein echter Schutz ist und deshalb die eigentliche Zuflucht darstellt, und man nimmt Zuflucht zur Geistigen Gemeinschaft, weil sie aus den besten Freunden besteht, die auf dem spirituellen Pfad die nötige Hilfe bieten, damit man sich die Wirkung der Lehre zunutze machen kann. Wenn man aufrichtig und von ganzem Herzen Zuflucht zum Dharma als dem eigentlichen Schutz vor den Unzulänglichkeiten des Daseinskreislaufs nimmt, dann ist in dieser Haltung bereits die Entsagung enthalten, also die Erkenntnis der leidhaften Natur des Daseinskreislaufs und der tiefe Wunsch, sich aus diesen Leiden zu befreien.
Wer das Gelübde nehmen will, macht sich möglichst intensiv bewußt, was das Ziel ist und warum die Notwendigkeit besteht, es zu nehmen. Üblicherweise gibt der Lehrer dem Schüler noch einmal Erklärungen dazu. Auf jeden Fall sollte man sich innerlich darüber klar werden, welche Motivation dem Nehmen des Gelübdes zugrunde liegt.
So heißt es: „Man überlegt sich, daß alle Bereiche im Daseinskreislauf leidhaft sind, und ruft sich die allgemeinen Nachteile des Daseinskreislaufs insgesamt sowie die besonderen Leiden in den einzelnen Bereichen deutlich ins Bewußtsein. Alle Phänomene des Daseinskreislaufs, selbst die Annehmlichkeiten, sind leidhaft: Ganz gleich, an welchem Ort man sich im Daseinskreislauf befindet, sie sind alle Orte des Leids; ganz gleich, mit welchen Wesen man zusammentrifft, sie alle sind Gefährten des Leids; ganz gleich, welche Güter man genießt, sie alle sind Güter des Leids.“
Ganz gleich, wie sehr etwas als Neuigkeit angepriesen wird, alle Güter innerhalb des Daseinskreislaufs sind mit Leiden verbunden, sie sind ihrer Natur nach leidhaft. Aus diesem Grunde braucht man eine Zuflucht, die einem die Gewähr bieten kann, daß man sich aus den Leiden des Daseinskreislaufs dauerhaft befreit. Nur die Drei Juwelen besitzen die Fähigkeit, den Weg zur vollständigen Befreiung aus dem Daseinskreislauf zu weisen, so daß das Leiden zusammen mit seinen Ursachen überwunden wird. Wenn hier von Drei Juwelen, also von drei Zufluchtsobjekten gesprochen wird, so wird ersichtlich, daß die Lehre des Buddha auf dem Abhängigen Entstehen basiert, denn nur wenn diese drei Zufluchtsobjekte zusammenwirken, kann man die Befreiung erreichen. Damit wird ein Grundgesetz des Abhängigen Entstehens deutlich, daß eine Wirkung niemals nur durch eine einzige Ursache hervorgebracht werden kann, sondern immer durch eine Vielzahl von besonderen Ursachen und Umständen. Den eigentlichen Schutz bietet der Dharma, denn indem man ihn anwendet und die entsprechenden Eigenschaften entwickelt, erlangt man den eigentlichen Schutz vor den Leiden und den Gefahren des Daseinskreislaufs. Die Kraft des Dharma in Verbindung mit dem eigenen Körper und dem eigenen Geist ist das, was den eigentlichen Schutz bietet. Der Buddha ist derjenige, der den Dharma vollkommen verwirklicht hat und ihn aus seiner eigenen Erfahrung ohne jeden Irrtum den Wesen vermittelt. Deshalb nimmt man Zuflucht zum Buddha als dem vollendeten Lehrer. Zudem ist eine Geistige Gemeinschaft erforderlich, deren Mitglieder einem Vorbild sein können und die einem auf dem Pfad Anleitung geben können. Daher nimmt man Zuflucht zur Geistigen Gemeinschaft, um die nötige Hilfe zu erfahren, damit man den Pfad üben und die Verwirklichung auf dem Pfad erreichen kann.
Mit der Haltung der Zufluchtnahme bittet man dann den Lehrer, einem das Gelübde zu geben und damit als Laienschüler in die Gemeinde des Buddhas aufgenommen zu werden. Es gibt verschiedene Handlungen und Rituale, die während der Zeremonie durchzuführen sind. So sollte man zu Beginn, wenn es die Umstände erlauben, sowohl vor dem Lehrer bzw. vor der Lehrerin wie auch vor einem Bildnis des Buddha, welches man als den Buddha selbst ansieht, jeweils drei Verbeugungen machen. Das eigentliche Nehmen des Gelübdes besteht darin, daß man drei Dinge ausspricht: erstens die Zuflucht, zweitens das, was man selbst möchte, nämlich als Laienschüler leben, und drittens das, was man vom anderen erbittet, also daß der Lehrer einen als Laienschüler annimmt. In dem Moment, in dem man diese Anliegen jeweils dreimal wiederholt hat, geschehen drei Dinge: Man selbst wird zu einem Laienschüler bzw. einer Laienschülerin; man erhält das Laiengelübde; und die Person, von der man das Gelübde angenommen hat, wird der persönliche Lehrer in Bezug auf das Laiengelübde. Das ist der Hauptteil des Rituals, durch den das Gelübde zustande kommt.
Danach spricht man dem Lehrer bzw. der Lehrerin die einzelnen Disziplinen noch einmal nach, um sich die Regeln einzuprägen und zu bekräftigen, daß man sie einhalten will. Man macht sich bewußt, daß das Gelübde entstanden ist, und man merkt sich das Datum und die Uhrzeit. Wenn man ein Gelübde nimmt, ist es gut, sich das Datum zu merken – ähnlich wie man sich auch sein Geburtsdatum merkt–, so daß man später weiß, wann das Gelübde begonnen hat. Man kann sich dann am Jahrestag daran erfreuen, muß aber nicht unbedingt Kuchen essen! Das Alter des Gelübdes ist von Bedeutung: Wenn beispielsweise mehrere Praktizierende zu einer Puja zusammenkommen, sollte die in den Lehren des Vinaya vorgesehene Reihenfolge eingehalten werden. Wenn nur Laien anwesend sind, ist es gut, wenn diejenigen mit den ältesten Gelübden weiter vorn sitzen. Sind Ordinierte zugegen, dann gibt es eine bestimmte, vom Buddha festgelegte Reihenfolge: Ganz vorne sitzen die voll ordinierten Mönche und Nonnen, dann folgen die Novizen und Novizinnen und dann die Laienschüler und Laienschülerinnen. Innerhalb jeder Gruppen gibt es noch einmal eine Reihenfolge, die sich nach dem Alter des Gelübdes richtet. Die Absicht ist nicht, daß die betreffende Person besonders in den Vordergrund gerückt werden sollte oder daß der Buddha irgendwelche weltlichen Hierarchien zerstören oder neu begründen wollte. Aufgrund bestimmter zeitlicher und örtlicher Umstände mag es daher angemessen sein, Ausnahmen zu machen und diese Regeln etwas anders zu handhaben, aber es ist wichtig zu wissen, daß es hier nicht um eine weltliche Rangfolge geht, sondern eine Ordnung, die vom Buddha aus rein spirituellen Gründen eingerichtet wurde, nämlich in Bezug auf die Kostbarkeit der verschiedenen Gelübde und der damit verbundenen ethischen Disziplin. Um ihren Wert herauszustellen, der noch umso größer ist, je länger das Gelübde besteht, hat der Buddha für diese Reihenfolge gelehrt.
Aus dem Tibetischen übersetzt von Christof Spitz.