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I. Orographisch-geologischer Ueberblick
Orographisch-geologischer Ueberblick Die Alpen sind ein prächtiges Kettengebirge, sie sind ein System vieler ungefähr parallel laufender, durch die Verwitterung verschieden geformter, mächtiger Falten der Erdkruste. Die Oberflächengestaltung ist durch zwei Faktoren erzeugt: 1 ) durch die Faltungen der Erdkruste; 2 ) durch die Verwitterung und Erosion. Der erstere Vorgang ist die Ursache davon, dass die Alpen ein Gebirge sind, der letztere hat die bestehenden Oberflächenformen aus den plumpen werdenden Faltenrücken modellirt. Der erste Vorgang wirkte nur zeitweise und steht jetzt vielleicht still, der letztere aber hat niemals aufgehört zu arbeiten vom Moment an, da das erste Festland als Insel aus dem Meere sich hob bis jetzt, und wird nicht aufhören, bis der letzte Festlandrest im Meer wieder verschwindet. Kein Wunder, dass der constante Faktor im Modelliren der Erdoberfläche meistens die Oberhand gewinnt, so dass die Thäler die Bergketten durchzuschneiden vermocht haben. Die Hauptrichtung der Alpenkette in unserm Gebiete ist WSW nach ONO. So läuft der Kamm vom Reiseltstock nach dem Glärnisch, so die Kämme beiderseits des Glattenseethales, der Kamm von der Windgälle über den Claridenstock nach dem Kammerstock, und so der mächtige Hauptkamm der Alpen von den Aiguilles Rouges bis an den Calanda. Freilich fällt hier die Wasserscheide nicht mit der Streifrichtung des Kammes selbst genau zusammen, indem die Flüsse, von Norden 284Heim.
und Süden aufwärts sich rückwärts in die Gebirgs-raasse einschneidend, dieselbe bald nach Süden, bald nach Norden einige Kilometer zurückgedrängt haben. Thäler, welche mit der Richtung der Gebirgsketten parallel gehen, sind Längsthäler des Gebirges, welche durch die Faltung der Erdkruste selbst vorgezeichnet wurden; Thäler aber, welche die Gebirgsketten durchschneiden ( bald senkrecht, bald schief ), sind die Querthäler des Gebirges. Viele Geologen fassen dieselben als Spalten auf, mehr und mehr gewinnt indessen die Erkenntniss Boden, dass die Querthäler durch Erosion entstanden sind und die Hauptflussläufe älter sind als die meisten Gebirgsfalten. Die ersteren laufen mit den Schichten, die letzteren durchschneiden dieselben quer. Längsthäler unseres Gebietes sind: Rätschthal und « über'm First », welche vom Bisithal nach dem Glärnisch laufen, Karretalp, Glattenalpthal, Urnerboden, Schreyenbachthal, Altenorenthal, Obersandalp; die letzteren vier öffnen alle mit steilem Absturz und Wasserfall gegen das Hauptthal der Linth. Ferner Sernftthal vom Richetlipass bis Elm, Raminalp, Krauchthal, Untersiezalp, Calfeuserthal. Südlich vom Hauptkamm: Val Frisal, oberstes und unterstes Drittel und das Vorderrheinthal selbst. Querthäler unseres Gebietes sind: Bisithal ( das eine Gehänge fällt noch in den Rahmen unserer Excursionskarte ), Linththal, vom Bifertengletscher durch Untersandalp und Schlucht bei. der Pantenbrücke bis zur Mündung in den Wallensee. Das Limmerntobel ( diese'entsetzlich wilde Schlucht ist nur, wenn viel Lawinenschnee den Bach überbrückt, gangbar; um in den Limmernboden zu gelangen, muss man über Nüschenalp steigen, wenn man nicht ein sehr gefährliches, schmales Felsgesimse benutzen will, welches von Rinkenthal hoch an den Schluchtwänden gegen den Limmernboden führt ), Durnachthal, Diess-thalalp, Niederenthai, Tätzalp, Sernftthal unterhalb Elm, Tschingelnalpschlucht ( von Elm gegen Segnespass ). Südlich vom Hauptkamm finden sich folgende Querthäler: Val Rusein, Val Puntaiglas, Val Frisal, mittlerer DritttheilVal Kobi ), Ladral, Panixerthal, Settertobel, Segnesalpen, Laaxertobel und die Thalfurche von der Trinserfurca 2489 Meter gegen Mulins. Nördlich vom Hauptkamm im Linth- und Reussgebiet sind die Querthäler die Hauptthäler, die Längsthäler im Allgemeinen die kleinern Nebenthäler, südlich aber ist das Hauptthal ein Längsthal, und die Nebenthäler sind meistens Querthäler. Die Thäler des ersteren Gebietes sind meistens schon nach kürzerem Laufe viel tiefer eingeschnitten, und die Thalgehänge fallen in steilen Terrassen, an welchen kahle Felsbank mit saftiger Rasenterrasse wechselt, zu grosser Tiefe. Die Thalgehänge der Südseite hingegen sind gleichförmiger, die Vegetation verliert sich nach oben ganz allmälig und reicht nicht selten noch bis auf hohe Kämme. Es lässt sich dies im Tavetsch überall und noch bis weit südlich vom Vorderrhein verfolgen. Dieser Unterschied liegt in den Gesteinsarten begründet. Auf der Nordseite ist das Gebirge aus Sedimentgesteinen ( Wasser-absatzgebilde meist marinen Ursprunges, Kalksteine, Sandsteine, Mergel, junge Thonschiefer etc. mit vielen Petrefakten ) aufgebaut; auf der Südseite aus krystallinischen und halbkrystallinischen Gesteinen ( Gneiss, Glimmerschiefer, Hornblendeschiefer, Hornblendegneisse, Talkschiefer, Sericitschiefer ). Gesteine der Verrucano-und Casannagruppe finden wir in Val Rusein, Val Gliems, vom Brigelserhorn bis gegen Laax und auf Sandalp und im Limmernboden. Massiger Diorit, Syenit und Granit liegen am Val Puntaiglas, Frisal; ferner bilden sie den Piz Ner. Diese Gesteine alle sind kristallinisch körnige, meist schiefrige Gemenge von Mineralien, welche Kieselsäure enthalten. Die Geologen sind über die Entstehungsweise eines Theiles dieser « krystallinischen Gesteine » noch nicht einig. Auf der Südseite des Hauptkammes finden wir von der Panixer-passhöhe bis gegen das Dorf Panix und vom Flimserstein bis Calanda den Terrassencharakter der Nordseite ebenfalls ausgebildet, indem hier die Sedimente gegen den Rhein hinübergreifen.
Die inneren centralen Kämme der Alpen bestehen aus krystallinischen Gesteinen ( früher Urgesteine genannt ). Ueber diesen sollten von Rechts wegen die versteinerungsführenden Schichten liegen. Sie haben wohl ursprünglich vor der Erhebung der Alpen eine zusammenhängende Decke über Alles, was jetzt Alpengebiet ist, gebildet, sind aber vielfach zerrissen und von der Erosion aus den inneren höheren Alpengebieten allmälig entfernt worden. Nur zwischen den einzelnen Centralmassen, d.h. den gewaltigen Falten der tieferen krystallinischen Gesteine liegen noch muldenförmig einzelne Fetzen von Sedimentgesteinen eingeklemmt.
Das Centralmassiv des Finsteraarhorns taucht unter dem Tödi nach Osten unter die Sedimentdecke. Weiter gegen das Innere der Alpen ( südlicher ) folgt keine Kette mehr, die zusammenhängend aus Sedimentgesteinen bestünde; unsere Gruppe enthält den südlichsten Kalkalpenkamm, der im Kampf gegen Zerreissung und Verwitterung noch bis heute mächtigen Stand gehalten hat. Freilich auch er zeigt manche Wunde. Diese Decke von geschichteten, versteinerungsführenden Gesteinen, die gegen die Höhe der krystallinischen Masse südlich empor steigt, hat einen ausgefetzten Rand und noch weiter drinnen mehrere Löcher. Der Eand in der Kette von der Windgälle bis unter das Scheerhorn ist rückwärts übergelegt, der Catscharauls ist ein südlich vor-gestreckter Fetzen, die obere und untere Sandalp sind weite Schlitze in der Kalksteindecke, die im Grunde aus krystallinischen Gesteinen bestehen; im Spitzälpli-stock und Zutreibistock ist der Rand der Sedimentdecke eng zusammengefältelt, der nördliche Gipfel des Piz Cambriales ( der südliche 3212 Meter scheint unerstiegen ) ist mit einem losgetrennten Stücke derselben bedeckt. Gewaltige, südlich reichende Fetzen sind der auf die krystallinischen Gesteine des Sandgrates und der Bifertenalp aufgesetzte mächtige Klotz des kleinen und grossen Tödi, Stockgron, Stock Pintga, Piz Urlaun, Bifertenstock, Piz Frisal und in gewisser Beziehung die Brigelserhörner.
Die Sedimentdecke besteht aus verschiedenen Lagen, den bekannten Formationen. Die einzelnen Lagen sind theils durch die Gesteinsbeschaffenheit, theils durch bestimmte Versteinerungen charakterisirt. Es finden sich an keinem Orte alle Formationen in allen ihren Unterabteilungen vor, und so fehlen denn auch in unserem Gebiete eine Reihe Unterabtheilungen und sogar einige ganze Formationen. Die hier in Betracht fallenden Sedimentformationen sind von unten nach oben vorschreitend die folgenden:
1 ) Kohlenschiefer, schwarze Schiefer mit dünnen Lagen von Anthracitkohle. Sie streichen vom Ochsenstock unter dem Tödi bis unter den oberen Kopf des Stockgron ( 3417 m ); am mächtigsten sind sie im Vorder-Bifertengrätli. An eine Ausbeute der Kohlen lässt sich nicht denken. Zwischen Ochsenstock und Bifertengletscher am Oelplanken schwitzen die Kohlenschiefer oft etwas Steinöl aus. Aus dem Kohlenschiefer dieser Gegenden sind leider bis jetzt noch keine Pflanzenreste gefunden worden; möchte ein Clubgenosse solche entdecken.
2 ) Quarzitzwischenlagen ( Yerrucano ), dann Röthikalk und Dolomit ( wahrscheinlich der Triasformation der Westalpen entsprechend ), etwa 200 Fuss mächtig. Diese Stufe hat ihren Namen von der steinigen Röthialp am Nordabhang des Tödi, und die Röthialp den ihrigen von der aussen gelbrothen, schon aus grosser Ferne auffallenden Farbe dieser festen, auf der unverwitterten Fläche grauen Kalk- und Dolomitbänke. Wo die Kohlenschiefer fehlen, ruht der Röthikalk fast unmittelbar auf den krystallinischen Gesteinen. In der Tödigruppe umsäumt er als meist unterste Sedimentlage getreu den zackig zerrissenen Rand der Sedimentdecke und die Löcher in derselben. In vielen Biegungen und Knickungen zieht er sich von der untern Sandalp hoch an den Selbsanft empor, taucht unter dem Bifertenstock unter den Bifertengletscher, erscheint als « gelbe Wand » in den Beschreibungen von Tödiersteigungen, zieht sich über den Grünhorn- und Hinterröthigletscher gegen die obere Sandalp hinunter, verschwindet unter Schutthalden im Kessel der Untersandalp. Als ein herrliches ungeheures Gewölbe, überströmt von silberglänzenden Wasserfällen, steigt er im Hintergrunde des Limmernbodens am Ende des Gletschers in gewaltige Höhe und taucht am Ende des Bodens, am Eingang in die enge Schlucht, wieder unter die Thallinie. Im untern Theile des Sandgletschers und am Nordwestfuss der steilen Tödiwand schaut der Röthikalk unter dem Eise hervor, bildet zwei gelbe Bänke am Kleintödi, steigt hoch an den Gipfel des Piz MellenGelb-horn ) auf und zieht sich über den Stock Pintga durch die Kehle zwischen Piz Urlaun und Piz Ner in auf-fallendstem Farbencontrast mit der ganzen Umgebung nach dem Puntaiglasgletscher. An den Kämmen der Brigelserhörne'r finden wir ihn mehrfach wieder. Durch seine fast senkrechte Aufrichtung erzeugt er dort auf den obersten Gräten die zerhacktesten Ruinengestalten. Selbst vom fernen Pizzo Centrale her ist der Verlauf des rothen Bandes zu erkennen. Am Piz Dartjes, Crap Surscheins, am Piz Mar treffen wir ihn wieder, er bildet den obersten nördlichen Gipfel des Piz Cambriales und die gelben ruinenartigen Kalke ob dem Dorfe Schlans. Endlich sehen wir ihn in einer zelligen an Kalktuff erinnernden Abänderung in der Umgebung der Klausenpasshöhe.
3 ) Es folgt über dem Röthikalk was die Geologen Lias und braunen Jura nennen — zusammen 100 bis 500 Fuss mächtig. Da treten uns wieder dunklere Farbentöne entgegen, das Dunkelbraune ist vorherrschend. Dazu gehören nahezu schwarze Schiefer, dann 19 das spätige Gestein, das zusammengesetzt ist aus lauter Trümmern von Seeigeln und Seelilien ( Echinodermen-breccie ), dann wieder Lagen, die dicht mit kleinen rundlichen, stark eisenhaltigen Körnern ( Eisenoolith ) besäet sind, und darin finden sich nicht selten zahlreiche, schön erhaltene Meerthierversteinerungen ( besonders häufig Belemniten, Pecten, Limae und Austern ). In den Schutthalden rings um den Tödi liegen in Menge die in der Sonne so lebhaft flimmernden Eisenoolithstücke. Der Eisenoolith ist oft nur etwa 2 Fuss mächtig. Lias und brauner Jura ziehen sich überall an den Wänden als dunkelbraunes Band über den Röthikalk hin.
4 ) Als Uebergang zur folgenden Stufe kommen dunkle bis hellgraue, gelbfleckige, oft glimmerige, dünnblätterige Kalkschiefer; endlich folgt der « weiss e Jura » oder « Hochgebirgskalk » in Form eines dunkel-bis hell blaugrauen, dichten, splittrig-klingenden Kalksteins. Auf frischem Bruch ist er dunkler als auf der angewitterten Fläche. Unterabtheilungen können nicht überall in dem 1600 Fuss dicken Schichtencomplexe unterschieden werden. Versteinerungen sind leider spärlich. Der mächtige Klotz des Tödi, der Piz Urlaun, Piz Frisal, die Hauptmasse des Selbsanft, die Wände der Scheibe, des Zutreibistocks und der Spitzälplistöcke, der Catscharauls bestehen aus demselben; die Linthschlucht ist in die Hochgebirgskalkplatten eingeschnitten; der vielgezahnte Kamm der Märenberge, der Ortstock und Kirchberg, der Reiseltstock und ein Theil der Glärnischwände sind ebenfalls aus diesem blaugrauen Kalke aufgethürmt. Am Vorderselbsanft ist die Hoch-gebirgskalkwand 1800 m hoch, indem hier 3 bis 4 kleine, liegende Falten die gleichen Schichten mehrfach über einander legen.
5 ) Die Kreide formati on, die sich in den ilusseren Alpenkämmen so mächtig entwickelt findet, ist in unserem Gebiete mager geblieben. Auf dem Zutreibistock liegen einige Schichten, die ihr wahrscheinlich zugehören, vielleicht liegt sie auch noch unter dem Schneemantel des Tödi auf dessen höchstem Scheitel. Welch ein Triumph wäre es, wenn ein Clubgenosse von dort eine Versteinerung bringen würde! Auf dem Selbsanftgipfel habe ich Kreideversteinerungen gefunden, viel häufiger sind sie jedoch von Escher und Theobald am Kistenpass und östlich des Piz Dartjes in Fluaz gntdeckt worden.
6 ) Es folgt die Eocen- ( Alttertiär- ) Formation. Im Ganzen ist sie wohl 1500 Fuss mächtig. Sie ist die oberste Lage der hochalpinen Sedimentdecke, welche Meeresversteinerungen enthält; gegen Ende der Eocen-zeit nämlich haben die inneren Theile der Alpen ohne Zweifel schon ein Festland gebildet. Eocene Schichten mit Meerthierversteinerungen krönen den Bifertenstock, wahrscheinlich auch den Claridenstock; ferner finden sich massenhafte Versteinerungen, die besonders Nummuliten, Austern und Pecten enthalten, auf dem breiten Selbsanftrücken, dem Zutreibi-, « Geissbützi- » und Gemsfayrenstock, sowie auf dem Kammerstock. Was jetzt 10,000 Fuss über dem Meeresspiegel liegt, hat sich über denselben erst in der Mitteltertiärzeit gehoben. Die Haupthebung der Alpen geschah erst in der Spättertiärzeit, also in einer der letzten und kürzesten Perioden der Erdgeschichte überhaupt. Die Alpen sind, geologisch gesprochen, ein junges Gebirge. Der untere Theil der Eocenformation besteht aus Kalkbänken mit Nuramu-liten, jenen flachen, runden, im Innern fein schneckenartig gewundenen und gekammerten Schalen von Meerbewohnern, die zu einer der einfachsten Gruppen von lebenden Wesen gehören. Ihre nächsten Verwandten leben gegenwärtig besonders am Grunde des Tiefmeeres. Ueber den rauhen braunen Nummulitenkalkbänken liegen eocene Thonschiefer. Zu denselben gehören die berühmten Glarnerschief'er mit den vielen Fischab-drücken, die in grossen Steinbrüchen im Sernfthal ausgebeutet werden. Der dritte Bestandtheil der Eocenformation ist ein zäher, dunkelgrüner, etwas fleckiger Quarzitsandstein ( Taveyanazsandstein ). In unserer Gruppg ist er besonders an den Teufelsstöcken, am Kammerstock, im Hintergrund des Durnachthaies entwickelt. Die Eocenformation bildet das Schneehorn und den ganzen Kamm von dort bis in die Altenorenalp. Im Gebiete des Hausstockes liegt sie in mächtigen, sonderbar gefalteten Massen den älteren, tieferen Sedimenten auf und bildet dadurch den Nüschenstock, die Mutt-berge, den Ruchen, den Hausstock, den Mättlestock. Das ganze Lintthal bis unter Schwanden, das Sernfthal, so weit es in unsere Excursionskarte fällt, ebenso das Weisstannen- und Kalfeuserthal, sind in eocenen Gesteinen ausgewaschen. Ueberall hier, von der Tiefe der Thäler bis hoch unter die Gipfel, bestehen die Gehänge aus eocenen Schiefern oder Nummulitenkalken, die durch zahllose Biegungen eng zusammengefältelt, im Allgemeinen gegen SO einfallend, enorme Mächtigkeit gewinnen. Hoch oben an den Gipfeln aber setzeji die eocenen Gesteine in scharf gezeichneter Linie plötzlich ab, und über ihnen liegt wieder, was wir schon aus der tiefen Unterlage kennen, in verkehrter Reihenfolge, nämlich erst eine Hochgebirgskalkbank, dann oft eine dünne Bank Röthikalk und endlich Verrucano. Es sind die folgenden Gipfelgräte aus Trias, Jurakalk und Verrucano gebildet, während ihr Grundgestell eocenes Gestein ist: Piz Dartjes, Ruchen, Hausstock, Scheidstöckli, Mättlestock ( bei diesen beiden kein Verrucano mehr ), Kärpfstockmasse, Crap Surscheins,Piz Mar, Vorab, Laaxerstöckli, Mannen am Segnespass ( das Martinsloch ist eine Lücke zwischen Eocen und überlagernder Jurakalkbaukferner der ganze Sardonastock, Trinserhorn, Flimserstein ( höchste Punkte ), Ringelkopf, Foostock etc. Diese verkehrte Lagerung setzt in die grauen Hörner fort und lässt sich westlich unter den Glärnisch und Ortstock und über den Klausenpass durch 's Schächenthal bis auf die Engstlenalp verfolgen. Der Kalk zieht sich als geradlinige Bank unter dem Verrucano hin, er ist oft auf wenige Fuss Mächtigkeit ( 10 bis 50 ) zusammengequetscht, manchmal ( wie am Vorab ) schwillt er bis zu 200 m an — im Ganzen ist er immer als auf eine dünnere Platte ausgewalzter Hochgebirgskalk aufzufassen. Der Verrucano darüber gewinnt eine enorme Entwicklung, er bildet mächtige Bänke intensiv rother oder grünlicher quarzreicher Breccien und Conglomerate oder Schiefer. Stellenweise, besonders weiter gegen Süden, geht er in gneissähnliche Talkquarzitschiefer über, die bald grün, bald violett oder roth gefärbt und oft sehr scharfkantig, wild zerklüftet sind, so dass sie rauhe Kämme und grossblockige Trümmerhalden liefern. Dazwischen ( am Gand und Bleistock etc. ) liegen einzelne Bänke von Melaphyrmandelstein. Gegen Norden senkt sich der « Sernifit » ( wie man von dem Vorkommen im Sernfthal das Gestein auch passend genannt hat ) allmälig tiefer, so dass hinter Schwanden auf ein kurzes Stück der Sernft darüber läuft. Von Murg bis Terzen bildet die obere Fläche der Sernftmassen das Ufer des Walensees und von Flums bis Mels das Südgehänge des grossen Thales. Dort ist die Lagerung wieder normal geworden, indem über dem Sernifit ( Spitzmeilen, Mageren, Mürtschenstock etc. ) Röthikalk und Jura und endlich an den Kuhfirsten und am Neuenkamm Kreide und Eocen folgen. Der Sernifit hält also die Mitte, während unter und über ihm die jüngeren Gesteine in verkehrter, beziehungsweise normaler Keihenfolge liegen. Es ist das Vorkommen des Sernifit au den Gipfeln des Eocengebirges das grossartigste Beispiel einer Umkehrung in der Schichtenfolge, das bis jetzt auf der ganzen Erdoberfläche beobachtet worden ist. Fast vom Walensee bis an 's Kheinthal und vom Taminathal bis unter den Titlis liegt auf breitem, gegen West sich verschmälerndem Streifen auf dem Gipfel der Berge, was die Grundlage bilden und in den Thälern bis an deren Grund, was an der Oberfläche liegen sollte. An einigen Stellen, z.B. wenn man vom Limmernboden auf den Piz üartjes klettert, beobachtet man die ganze Schichtenreihe zuerst in normaler, hernach in über-kippter Reihenfolge. Am Tödi, Bifertenstock etc. südlich liegt Alles wieder normal wie nördlich am Südufer des Walensees. Nur die Annahme mächtiger Doppel- falten erklärt diese Erscheinungen. Oestlich -vom Kistenpass ist vom Rheinthal aus gegen Norden eine Ver-rucanofalte über die jüngeren Gesteine geschoben, und längs der langen Basis von Ragatz dem Walensee entlang unter den Glärnisch und Klausen bis nach Uri hinein ist der Verrucano gewissermassen symmetrisch zur erstem Ueberschiebung gegen Süden über das junge eocene Gestein hinaufgedrängt, während dieses letztere in zahllosen Falten zusammengequetscht in der Tiefe liegen geblieben ist. Graue Hörner, Foostock, Kärpfstock sind Stücke der früher zusammenhängenden, von Norden überschobenen Verrucanoplatte; Dartjes, Mar, Vorab, Sardona und Ringelkopf ebensolche Stücke der von Süden her aufgestossenen und bis in die Tiefe des Rheinthales zu verfolgenden Verrucanodecke.
Es ist nicht leicht eine Gebirgsgegend zu finden, welche so sehr überwältigend uns die Grösse und Kraft der langsamen Faltenbildungen der Erdkruste vor Augen führt, welche die Kettengebirge erzeugt haben.
Von jungen Bildungen sind aus unserem Gebiete noch zu nennen: Der merkwürdige vorhistorische Bergsturz von Flims. Alles Land zwischen Poststrasse und Rhein ist als altes Ablagerungsgebiet eines riesigen Bergsturzes zu betrachten. In der Höhe entspricht diesem Schutte die Bergnische zwischen Flimserstein und Crap St. Gion bis zur Segnespasshöhe. In unserem Gebiete finden sich viele andere, freilich kleinere Bergstürze ( Teufelsfriedhof, Ober-Rusein, Untersandalp etc. ); ferner schöne Schuttkegel ( Auengüter, Durnachschutt-kegel, Schuttkegel von Haslen, Schleuiserbach etc. ) und eine Reihe alter Gletschermoränen ( Hügel der Kapelle des Urnerboden, bei Unter- und Obersandalp, bei den Hütten der Alp Rusein, im Duruachthal etc. ). Charakteristische Gesteine unseres Gebietes ( Puntaiglas-granit, Syenit vom Piz Ner, Verrucano, Taveyanazsandstein ) sind in zahllosen erratischen Blöcken über'das Vorland bis an den schwäbischen Jura zerstreut. Ich muss endlich noch erwähnen, dass auch in unserem Gebiete die Gletscher seit etwa 10 bis 15 Jahren ganz beträchtlich kleiner geworden sind. Es hat dies sogar auf Ueberschreitung mancher Pässe ( Kisten und Panixer ) einen wesentlichen Einfluss ausgeübt. Zu wünschen wäre nur, dass hier wie in andern Gebieten mehr und regelnlässigere genaue Messungen über den Stand der Gletscher ausgeführt würden; es geschieht hierin von Seiten des S.A.C. sehr wenig.
Beispiele, wie die Vegetation au manchen Stellen zugenommen hat, und wie anderseits Weideplätze ( z.B. Limmernboden ) durch Üeberhandnahme schädlicher Gewächse ( Alchemilla alpina ) verwildert sind, Beispiele für Verheerungen durch Wildbäche, für merkwürdige Quellen, Sulzen etc. fehlen in unserm Gebiete ebenfalls keineswegs.