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Supernatural Horror in Literature lautet ein kurzer nicht-fiktionaler Text, den H. P. Lovecraft zuerst 1927 und dann in erweiterter Form nochmals 1933 veröffentlicht hat. Das meiste davon ist reine Literaturgeschichte, Aufzählung von Autoren und Texten, die Lovecraft zum Genre des übernatürlichen Horror zählt, meist verbunden mit einer kurzen Inhaltsangabe. Es sind meist bekannte Namen darunter (und ich vermute auch, dass Borges hier so manche Anregung für seine Bibliothek von Babel geholt hat): Horace Walpole, Ann Radcliffe, „Monk“ Lewis, Charles Robert Maturin, E. T. A. Hoffmann, William Beckfords Vathek, Frankenstein, Dracula, den Golem, Bulwer-Lytton, Sir H. Rider Haggard, Poe, Arthur Machen, Lord Dunsany – er kennt sie alle, hat sie alle gelesen und noch viel mehr, die er zu dem rechnet, was er „Cosmic Horror“ nennt. Man kann daraus seine Anregungen holen und Leselisten basteln; und das eine oder andere der von Lovecraft erwähnten Bücher wird wohl im Laufe der Zeit auch hier erscheinen. Dabei lese ich durchaus auch anderes als Horror; ich mag Horror eigentlich gar nicht.
Doch was ist „Cosmic Horror“ und was hat das mit Cthulhu zu tun? Übernatürlichen oder eben kosmischen Horror nennt Lovecraft in diesem Essay die Angst vor dem Unbekannten, dem Unvorhersehbaren, dem Un(vorher)sagbaren. Die Angst vor dem, was sich unserem Wissen definitiv entzieht, weil es sich der menschlichen Logik entzieht. Diese Kräfte / Wesenheiten / Ereignisse, wie immer man sie nennen will, wurden (gemäss Lovecraft) früh mit Göttern identifiziert. Nun schreibt Lovecraft in seinem Essay keine Geschichte der Religion oder des Aberglaubens. Ihm geht es um den literarischen, den künstlerischen Effekt des Horrors. Der wird seiner Meinung nach immer dann erzielt, wenn Unerklärbares in die geordnete Welt der Protagonisten einbricht, und dabei Angst und Panik auslöst und in den meisten Fällen die Menschen dabei komplett aus der Bahn wirft. (In einem seiner letzten Texte – The Thing on the Doorstep – erlebt der Ich-Erzähler, der zuerst als junger Student mit einem leicht morbiden Hang zu okkulten Texten dargestellt wird, später aber heiratet und ein verantwortungsvoller Familienvater wird, wie sein Freund aus Studientagen sich nach dessen eigener Heirat immer mehr verändert. Des Freundes Körper wird, so stellt sich heraus, von einem fremden Geist aus alten Zeiten per Hypnose übernommen, der sich im Körper seiner Frau aufhält, aber endlich wieder einen männlichen Körper sucht, weil er darin mehr Macht hat. [Ja: Lovecraft war Macho und Rassist.] Der Ich-Erzähler wird zusehends aus seinen wohlgeordneten Bahnen gedrängt, bis er zuletzt seinen Freund erlöst, den er nur noch als das Ding auf der Türschwelle wahrnehmen kann und erschiesst.)
Lovecraft selber war Rationalist. Das zeigt sich auch in seinen Geschichten. Nicht, dass er plumpe rationale Erklärungen für das Übernatürliche vorbringen würde. Aber er lässt einerseits dem Leser immer ein Hintertürchen offen, indem es durchaus unklar bleibt, ob denn der Ich-Erzähler (den Lovecraft wohl auch deswegen mit Vorliebe verwendet) einfach nur schlecht träumt bzw. irgendwelchen Wahnvorstellungen unterliegt. Andererseits sind die Erklärungen, die der Erzähler findet und dem Leser präsentiert, zwar übernatürlich, aber mit einer gewissen inneren Logik ausgestattet. Und vor allem: Sie sind nicht okkult. Zwar sind seine Protagonisten in vielen Fällen eifrige Leser okkulter und verbotener Bücher – aber die Dinge, die sie erleben, sind nicht magischen Ursachen zuzuschreiben. (Magie: Es geschieht etwas Unerklärbares, das mit etwas anderm Unerklärbaren erklärt wird, welches seinerseits ganz offen bestehende Naturgesetze verletzt. Science Fiction: Etwas Unerklärbares wird mit etwas erklärt, das als Resultat einer weiter oder anders entwickelten Technik bzw. Wissenschaft dargestellt wird.) Solche Lektüre prädisponiert Lovecrafts Protagonisten allenfalls, den fremden Kräften anheim zu fallen.
Lovecraft schreibt, wie viele Autoren trivialerer Literatur, in einem relativ homogenen Universum. Das bedeutet auch, dass gewisse Begriffe, Erscheinungen etc. immer wieder auftauchen in seinen Texten. Eines davon sind jene drei oder vier Rassen ausserirdischer Lebewesen, die vor Millionen von Jahren die Erde besiedelten, die offenbar auch in Streit und Krieg miteinander lagen. Schon die Geometrie dieser Rassen ist für den Menschen unheimlich, er empfindet die Winkel, in denen ihre Gebäude z.B. angelegt sind als unmöglich, krank machend. Im Vergleich mit diesen Lebewesen ist der Mensch völlig unbedeutend – ein kosmisches Nichts. Diese fundamentale Bedeutungslosigkeit ist das, was die Protagonisten seiner Erzählungen oftmals ins Verderben, in den Wahnsinn, stürzt, wenn sie sich dieser Tatsache bewusst werden.
Man spricht heute im Zusammenhang mit diesen Wesen vom „Cthulhu-Mythos“, nach einer der vom Himmel gekommenen Gestalten. Der Cthulhu-Mythos wurde schon zu Lovecrafts Lebzeiten (mit seinem Einverständnis) von andern Autoren verwendet und weiterentwickelt. Auch auf Englisch heisst das Phänomen „Mythos“ und nicht etwa einfach „Myth“, wohl um die Künstlichkeit des Mythos zu betonen. Die Wortschöpfung stammt von August Berleth, dem selbsternannten literarischen Nachlassverwalter Lovecrafts. So wird es denn nicht verwundern, dass Berleth aus Lovecrafts grotesken und Angst einflössenden Aliens Götter machte, die er in ein manichäisch geformtes System von miteinander kämpfenden und um die Herrschaft auf der Erde ringenden, guten oder bösen Göttern machte. (Dass er dabei einen zentralen Punkt Lovecraft’schen Denkens, die völlige Bedeutungslosigkeit des Menschen gemessen am Kosmos, wieder in sein Gegenteil verkehrte und als guter wenn auch nicht orthodoxer Christ die Erde wieder ins Zentrum stellte, schien ihn weiter nicht zu beunruhigen …) Bei Lovecraft suchen die Aliens eine allfällige Herrschaft über die Menschen oder über einen einzelnen Menschen nicht, um die Herrschaft über die Erde zu übernehmen, sondern weil sie den Weg nach Hause suchen oder weil sie die Herrschaft über den Kosmos übernehmen wollen. Der Mensch, die Erde als Kollateralschaden.