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In den westlichen Ländern, die von den Ideen der „Aufklärung“ geprägt sind, ist religiöses Leben in der Öffentlichkeit immer weniger sichtbar. Mit Schlagwörtern wie „Wellness“ und „Fitness“ oder „Lifestyle“ und „Geniessen“ machen Betriebe aller Art Werbung für ihre „Produkte“. Es kommt sogar vor, dass Besucher des Gottesdienstes an Christi Himmelfahrt sich irritiert fragen, ob es mit „Seelsorge“ zu tun habe, wenn der Prediger mehrmals betont, sie sollten sich um das irdische Wohl kümmern, da die zwei plötzlich erschienenen Engel („Männer in weissem Gewande“) die Apostel fragten: „Was schaut ihr zum Himmel?“ (Apg 1,11)
Kirche und Wohlfahrt
Eine Reisegruppe aus dem Baselbiet hatte Gelegenheit, manche Einrichtungen der Syro-Malankarischen Katholischen Kirche in Kerala kennen zu lernen.[1] Unter Führung von Bischof Stephanos besuchten wir einige der Schulen, Spitäler, Kinder- und Altersheime, die im Auftrag der Bistümer von Frauen- und Männerkongregationen geleitet werden.
Eine hundertfältige Bilderserie könnte im Einzelnen dokumentieren, was die Tagebuchverse zum Distrikt Idukki zusammenfassend festhalten:
Idukki gibt uns viel zu schauen,
Plantagen, Schulen, Haus für Frauen,
den Bischof, der uns Fische fängt,
die Pflanzung, die zur Reife drängt,
den Stall mit grunzend lauten Schweinen,
urtümlich Vieh auf kurzen Beinen,
die Kirchen, die zum Beten laden,
da solches nimmer uns kann schaden.
Vergnüglich ist das Jumbo-Reiten
(Darüber sollen andre streiten!).
Ein Zeichner porträtiert uns schnell,
entlockt damit ein Lachen hell.
Die zweite Hälfte der Reime zeigt, dass die Reise auch spirituelle und sportliche Belange berührte,[2] während die erste von dem erzählt, was die materiellen Grundlagen des Lebens betrifft. Die Christen haben sich, dem Gebot der Nächstenliebe gemäss, seit den Anfängen um Werke der Barmherzigkeit bemüht.[3]
Sehr beeindruckt waren wir vom Spitalkomplex Pushpagiri („Kleine Blume“, zu Ehren der Patronin Theresia von Lisieux) mit Gebärklinik, Abteilungen für behinderte Kinder, Ausbildung von Pflegerinnen und Ärzten usw. Der Ausbau des Schulwesens vom Kindergarten bis zur Universität, der Handwerker- und Landwirtschaftsschulen führte uns deutlich vor Augen, dass hier unsere Geldspenden effizient die Lebensqualität des Volkes heben – jedoch ohne die unersättliche Konsumgesellschaft des Westens anzustreben!
Es sind gerade solche Institutionen, dank denen Kerala mit Abstand in sozialen Belangen unter allen indischen Bundesstaaten am besten dasteht: Es hat mit 94% die höchste Alphabetisierungsquote (gesamtindischer Durchschnitt 74%). Bemerkenswert ist dabei, dass hier der christliche Bevölkerungsanteil 20% beträgt, während er im indischen Durchschnitt nur 1,6% ausmacht. Die bei uns etwa geäusserte polemische Behauptung, zweitausend Jahre Christentum hätten der Menschheit nichts gebracht, erweist sich schon angesichts solcher Verhältniszahlen als ahnungslos oder böswillig.
Askese und Feste
Die Rundfahrt führte uns ins Bergland zum Kurisumala Ashram („Kreuzberg-Kloster“, unter der Zuständigkeit des Erzbischofs von Tiruvalla), dessen Mönche im Safran-Gewand dem strengen Trappistenorden angehören, liturgisch aber dem westsyrischen Ritus folgen und sich um die Inkulturation des Christentums in Indien sowie um den Dialog mit dem Hinduismus bemühen.
Neben ihrem Gebetsrhythmus widmen sie sich der „Brot-Arbeit“; dazu gehören Studium und Publikationen, Aufnahme von Gästen, Landschaftspflege („Garten der Auferstehung“) und Milchproduktion für nahe und entfernte Abnehmer.
Echt indische Gastfreundschaft durften wir auch in Kanjiramattom erleben, wo die Familie Kavumkal ein Anwesen mit Früchte-, Gemüse- und Gummiproduktion innehat. Mit dem Schweizer Zweig der Familie genossen wir eine gemütliche Backwater-Fahrt in den Lagunen der Malabar-Küste.
Die Liste der beeindruckenden Begegnungen und Einblicke in die uralte und doch jugendliche Thomas-Kirche ist damit nicht abgeschlossen.
Nach dem Blick auf ihr segensreiches Wirken für das diesseitige Leben soll der zweite Teil unserer Erinnerungen ihre wesentliche Arbeit beleuchten: Kirche als Werkzeug des Gottesreiches.
Dr. Jean-Paul Deschler
Protodiakon