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Nachdem im Jahre 2010 über 1.600 Waldbrände in British Columbia (BC)riesige Flächen zerstörten, war es an der Zeit, einen lang gehegten Traum namens „Morchelernte“ zu verwirklichen. Die Frage war lediglich wo. BC ist in etwa so gross wie Frankreich und Deutschland zusammen. Wir einigten uns schlussendlich auf ein Gebiet nördlich von Fort Fraser, wo mehr als 40.000 Hektaren Wald (vorwiegend Kiefern, Fichten, Tannen und teilweise Cottonwood (Pappelart) dem Feuer zum Opfer fielen. Für einen mehrtägigen Aufenthalt mussten Anfahrtswege, Übernachtungs- und Verpflegungsmöglichkeiten geklärt werden.
Tipp: Falls man mit dem Camper oder Mietwagen unterwegs ist, dürfte es durchaus lohnenswert sein, an solchen Brandstellen einen Zwischenhalt einzulegen und sich mal umzuschauen. Der richtige Zeitpunkt beginnt im Mai und endet anfangs September, abhängig von der jeweiligen Höhenlage. Achtung: im Jahr 2012 hat Tok (Alaska) einen Pflück-Permit für USD 50 eingeführt.
Bekanntlich fördern Waldbrände das Wachstum von Morcheln im Folgejahr. Die Ursache des Massenauftretens von Morcheln ist wissenschaftlich noch nicht definitiv geklärt. Als sicher gilt, dass das Myzel (Fadengeflecht von Pilzen) schon vor dem Brande im Boden war und somit die Bodenbeschaffenheit geeignet ist. Zwei Hauptfaktoren dürften für die Massenbildung der Fruchtkörper verantwortlich sein:
- Das Zuführen von Holzasche verändert den pH-Wert des Bodens. Dadurch wird eine Wandlung der Bodenmikroflora und –fauna verursacht.
- Das Wachstum mancher Pilze auf Brandflächen wird durch vermehrte Nitrifikation (ein konzentrierter Prozess, an dem unterschiedliche Bakteriengruppen teilnehmen) begünstigt.
Gegen Ende Juni 2011 checken wir uns in Anchorage ein für den Flug nach Vancouver. Jedes einzelne Gepäckstück wird verwogen. Drei von vier Seemanns-Säcke haben Übergewicht. Die Forderung lautet: auspacken oder umpacken, Gewicht auf das Handgepäck verteilen oder gegebenenfalls ein zusätzliches Gepäckstück aufgeben. Vor allem aber will man Dollars, Dollars, Dollars. Wir diskutieren, argumentieren, doch die Dame bleibt stur. Gehässigkeiten kommen auf: "Ihr versperrt den ganzen Schalter, geht nach hinten und kommt wieder, wenn die Gepäckstücke leichter sind". Ich mische mich ein und versuche zu schlichten. Doch sie zeigt sich unerbittlich. „Lady, please listen to me: wir haben Anrecht auf 23 Kilogramm pro Gepäckstück, das sind 46 Pfund. Aber nicht amerikanische sondern kanadische Pfund. Berücksichtige bitte die metrischen Masse“. Verdutzt schaut sie mich an und fummelt an der Waage rum. Hilfe kommt vom Nebenschalter. Diese Dame ist offensichtlich mit dem Umstellen der Waage vertraut. Erneut werden die Seesäcke gewogen und verschwinden dann auf dem Transportband. Der Stress scheint ausgestanden zu sein. Wir verdrücken uns, doch ich kann es nicht lassen. Lady, bitte schenke uns zum Abschied ein Lächeln. Wütend schaut sie mir nach und zischt mit zusammengepressten Lippen so etwas Ähnliches wie „piss …“. Ich wundere mich, wie man im Lande des „keep smiling“ das Lachen so schnell vergisst.
Vancouver. Die von Alaska aus reservierten Hotelzimmer sind nicht mehr verfügbar. Langes Hin und Her, dann folgt nach dreiviertel Stunden Entwarnung. Zeit zum Abendessen. Zum gegrillten T-Bone-Steak leisten wir uns eine gute Flasche französischen Rotwein und lassen den Abend mit 2 Runden Jack Daniels ausklingen. Tags darauf fliegen wir nach Prince George. Eigentlich war vorgesehen, dass uns Austin hier erwartet und wir gemeinsam zum Camp fahren. Fehlanzeige. Wir warten und warten, aber nichts geschieht. Unsere Anrufe auf seine Mobile-Nummer bleiben unbeantwortet. So erkundigen wir uns bei den Autovermietungsfirmen – glücklicherweise gibt es nur Budget und National – ob für uns eine Nachricht hinterlegt wurde oder der bestellte Offroader bereit steht. Letzteres trifft zu. Gepäck rein und weg. Aber wohin? Alles was wir wissen ist: nordwärts. Wir nehmen den Yellowhead 16 (Trans-Canada Highway) Richtung Smithers und versuchen immer wieder Austin mit dem iPhone Verbindung zu erreichen. Vergeblich. In Endako (bekannt durch die Molybdän-Mine), unweit vom Fraser Lake, gönnen wir uns eine Pause. Wir versuchen auf dem Festanschluss in Harwood Island (zwischen Vancouver Island und Festland) einen Familienangehörigen zu erreichen. Es klappt, aber die Verbindung ist schlecht. Doch auch die Mama weiss nicht genau, wo sich Austin rumtreibt. Sie empfiehlt uns weiter nach Norden zu fahren. Sie werde versuchen ihren Sohn in den nächsten Stunden zu erreichen und ihm unsere Rufnummer hinterlassen. Great! Die Dämmerung holt uns langsam ein. Ab Francois Lake halten wir Ausschau nach einer Übernachtungsmöglichkeit. In Burns Lake werden wir fündig und sogar bei einem Restaurant leuchtet das Schild „open“. Erleichterung. Kurz vor Mitternacht klingelt das iPhone. Am anderen Ende ist Jeremy, der sich als Partner von Austin vorstellt. Er wird uns morgen gegen 11.00h an der Tankstelle erwarten. Alle Probleme gelöst.
Wir sind pünktlich an der Tankstelle, füllen am Offroader „gas“ nach und warten. Während einer halben Stunde regt sich nichts, niemand muss tanken, nichts geschieht. Wir sind die Einzigen, die da rumhängen und uns die Beine in den Bauch stehen. Zweifel kommen auf, sind wir richtig? Andererseits sind Tankstellen in dieser Gegend eher rar. Dann fährt ein Pickup vor und die Heckklappe öffnet sich. Der Fahrer schlendert zu uns, spricht uns an und stellt sich als Jeremy vor. Na, wer sagt’s denn? Jeremy bittet uns um etwas Geduld und murmelt was von „business“. Ein weiterer Pickup hält, vollgepackt mit Plastikbehälter voller frischer Morcheln. Jeremy erwirbt sie und Geldscheine wechseln die Hand. Jetzt hat er Zeit für uns. Er erklärt uns, "Austin sei rund sechs Autostunden weiter nördlich, aber mein Camp ist lediglich zwei Fahrtstunden von hier entfernt. Deshalb sei es Austin auch nicht möglich gewesen, uns in Prince George abzuholen". Zufrieden stellt er fest, dass es mit der Reservation des Offroaders offensichtlich bestens geklappt hat. „Oh yeah, that was perfect, thanks a lot” bestätigen wir seine Aussage. Okay guys, kauft im Shop der Tankstelle die Strassenkarte von British Columbia. Gesagt, getan. Glück gehabt, ein einziges Exemplar war noch erhältlich. Anschliessend zeichnet er darauf den Weg zu seinem Camp auf. Wir können ihn dort normalerweise jeden Tag ab 18.00h aufsuchen. Dann skizziert er uns auf einem Zettel, wie wir fahren müssen, um das Gebiet des abgebrannten Waldes zu erreichen. Die Gegend ist sehr hügelig, es geht auf und ab. Zuerst quert ihr mit der Fähre diesen See, umfährt auf der rechten Seite den Nächsten (1. Merkmal). Nach ca. 1h Fahrt kommt rechts ein grosser Felsbrocken (2. Merkmal) und dann eine Weggabelung. Da fährt ihr nach links. Nach gut 40 Minuten seht ihr links drei einzeln stehende Fichten und ein kleiner Holzlagerplatz (3. Merkmal). Dort müsst ihr scharf nach rechts. Ein kurvenreicher schmaler Forstweg steigt stetig an. Oben angekommen blickt ihr ins nächste Tal. Fährt hinab und konzentriert euch auf die rechte Talseite. Überquert ein paar kleinere Hügel und ihr werdet nach einiger Zeit die ersten angekohlten Bäume sehen. Ab dort könnt ihr mit der Ernte beginnen. Seid aber vorsichtig, geht nicht zu weit in den Wald rein, denn ihr könntet euch leicht verlaufen. Bleibt möglichst entlang der kleinen Forstwege. Es ist auch möglich, dass ihr auf weitere kleine Camps von privaten Mochelsuchern stösst. Respektiert deren Pflückstellen, es hat ja genügend Platz. Manche von denen bringen mir nach 2-3 Tagen ihren Fund. Also bye-bye und viel Spass.
Als Schweizer unterschätzt man leicht die Distanzen. Mehrmals stellt sich die Frage, haben wir uns verfahren, sollen wir wenden oder geht’s weiter. Die Devise lautet: weiter auf Biegen oder Brechen. Gegen 15.30h erreichen wir den Anfang der riesigen Brandstelle. Ein oder zwei Kilometer weiter, sehen wir nur noch verkohlte Bäume, soweit das Auge reicht, nichts Anderes als verkohlte Bäume. Viele stehen noch, andere liegen kreuz und quer in sich verkeilt. Wir parken den Wagen und inspizieren beide Wegseiten. Nach ein paar Meter ertönt der erste Jubelschrei, dann: eine, zwei, drei – sieben – zehn – vierzehn Morcheln auf einer Fläche von kaum zwei Quadratmetern. Unglaublich, wie sich erwachsenen Männer in Anbetracht dieses Morchelüberflusses aufführen. Das ist Freude pur, da kommt Spass auf. Eins mit der Natur wirst Du zum Sammler und Jäger. Das Essen selber zu sammeln hat etwas sehr Archaisches, da werden tiefe Instinkte befriedigt. Das kann richtig glücklich machen. Ich muss mich hinsetzen, geniesse die ganze Szenerie, zähle die mich umgebenden Morcheln, schüttle den Kopf und staune. Im wahrsten Sinne des Wortes: ich sitze in den Morcheln. Unglaublich, so was habe ich noch nie erlebt. Dann schneide ich, wie meine Kumpels auch, mich auf den Knien fortbewegend Morchel um Morchel ab. Nach gut einer Stunde klappen wir die Messer zusammen und begeben uns auf den Rückweg. Wir benötigen für heute Abend noch Unterkunft und Verpflegung.
Nach kleineren Irrfahrten finden wir das Camp von Jeremy. Hier werden die angelieferten Morcheln getrocknet oder geräuchert. In einem grossen Mannschaftszelt sorgen 2 mannshohe Ventilatoren für ein starkes Warmluft-Gebläse, dem die aufgestapelten Siebroste mit den geschichteten Morcheln ausgesetzt werden. Bei sonnigem Wetter werden Morcheln bereits am Fundort vorgetrocknet. In einem weiteren Zelt wird unter die Siebroste Rauch von würzigem Holz geblasen. Feinschmecker bevorzugen geräucherte Morcheln, da diese viel aromatischer sind. Gewichtsverlust: zehn Kilo frische Morcheln ergeben ein Kilo getrocknete, wobei das Volumen kaum schrumpft.
Unsere heutige Ernte brachte rund 6,5 Kilo auf die Waage. Da Jeremy keine freie Räucherkapazität hatte, blieb uns nichts anderes übrig, als ihm unseren Fund zu verkaufen. Wir leihen uns einige Plastikbehälter aus (Füllgewicht: 8 Pfund frische Morcheln) , damit wir morgen bereits in der Früh losfahren können.
Gleich nach dem währschaften Frühstück brechen wir auf. Gestern Abend besorgten wir uns Rot- und Weisswein sowie eine kleine Bratpfanne. Man weiss ja nie, was auf einen zukommt. Schon etwas vertrauter mit der Gegend bewältigen wir die Strecke schneller. Es scheint eine Art Fieber ausgebrochen zu sein. Oder ist es der Urtrieb der Jäger und Sammler? Kaum angekommen, sucht sich jeder eine geeignete Stelle, um am einfachsten in den Wirrwarr der abgebrannten Bäume einzudringen. Es dauert nicht lange und schon haben wir keinen Sichtkontakt mehr. Auch auf mein Rufen erfolgt keine Antwort mehr. Was soll’s, es wird schon gut gehen.
Ich knie mich nieder und beginne zu ernten. Überall stehen Spitzmorcheln (Conica) in den Farben hellbraun, dunkelbraun und teilweise fast schwarz. Ab und zu mischt sich die gelbe Esculenta oder die hellgraue Deliciosa darunter. Ein paar Schritte vorwärts, über und unter Baumstämmen durch, das gleiche Bild. Links, rechts und vorne nur Morcheln und nochmals Morcheln. Jeremy hat uns angewiesen, nur die Hüte abzuschneiden. Diese liegen im Grössenbereich von 4 bis 12 cm, ausnahmsweise auch mal gegen 15 cm. Ich erhebe mich und schaue zurück. Was ist denn das? Da wo ich bereits geerntet habe, stehen wieder welche. Ich habe den Eindruck, dass diese gleich wieder nachgewachsen sind. Blödsinn, schlicht und einfach übersehen. Mein Korb ist voll, also zurück zum Wagen, um den Fund in die Plastikbehälter umzuschütten. Ich traue meinen Augen nicht, zwei Behälter sind bereits randvoll. Morcheln der allerbesten Qualität, kein Schneckenfrass, keine Maden, keine Sandrückstände, alles astreines Material. Mein Gehirn signalisiert: mach mal Pause. Ich zünde mir eine Zigarette an und versuche meine Eindrücke zu verdauen. Jetzt begreife ich auch, warum die Einheimischen die Morcheln holen und diese dem Boss der provisorisch eingerichteten Trocknungs- und Räuchercamps verkaufen. Ein Kilo frische Morcheln bringt rund 10 - 11 Dollar (Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis). Ein netter Zusatzverdienst, wenn man bedenkt, dass Spitzen-Pflücker in 9 – 10 Stunden gegen 30 Kilo ernten.
Mit grossem Hallihallo nähern sich Ruedi und Beat mit je zwei gefüllten Eimern. Die Begrüssung fällt kurz aus. "Das gibt es nicht, wir müssen gleich wieder los". Ich rufe ihnen nach, dass wir uns um 13.00h wieder beim Auto treffen. Ja, ja und schon sie wieder unterwegs. Merkwürdig, es entsteht ungewollt eine Art Gier. Du fragst Dich nicht einmal, was soll ich mit all den Morcheln. Du sammelst wie wild und verfällst einer Sucht. Oder ist es Morchelfieber? Ich muss mir eingestehen, dass wir die Stunde nutzen sollten. Zu Hause kann man von so einer Situation nur träumen. Wie viele Male versucht man Morcheln zu finden und kommt mit wenigen oder gar keinen zurück. Ein Highlight ist ja schon, wenn Du mal 30 bis 40 Stück findest. Etwas später trifft Pascal ein. Auch er bringt 2 Körbe zum Entleeren. "He, das ist ja wirklich absoluter Wahnsinn, findest Du nicht auch?" begrüsse ich ihn. „Ja, ja – Du hast recht, aber man wird auch müde dabei“. Auch das stimmt, pflichte ich ihm bei. Hör mal, ich dreh noch eine Runde und um 13.00h treffen wir uns alle wieder hier. Okay, murmelt er.
Kurz nach ein Uhr entfachen wir ein Feuer. Vom Frühstücktisch haben wir etwas Salz und Pfeffer sowie drei kleine Butter mitgenommen. Ruedi erhitzt die Butter und schnetzelt Morcheln sowie 3 Rotkappen rein, dann wird mit Salz und Pfeffer abgeschmeckt und anschliessend mit etwas Weisswein abgelöscht. Was für ein Gedicht. Wir zählen die bereits gefüllten Plastikbehälter, Ergebnis: acht. Wir sind uns einig, dass die Neunte noch vollgemacht wird und wir anschliessend zurückfahren. Kurz vor 15.00h haben wir dîe uns gesetzte Limite erreicht, nämlich 18 Kilo.
Schon um die Mittagszeit verspürte ich an Beinen und am Körper Juckreize, die sich im Laufe des Nachmittages verstärkten. Doch im Eifer des Erntens verdrängt man solche Signale. Beim Abendessen juckt es mich überall. Das Verlangen mich zu kratzen wird als wie grösser. Um nicht verrückt zu werden, gebe ich meine Beherrschung auf. Ich reibe, dann kratze ich an den Beinen, der Brust, den Arme und überall wo ich mit den Händen hinkommen kann, nur am Rücken klappt es nich so gut. Bevor ich ins Bett steige, begutachte ich meine Beine. Überall rote Flecken. Mit meiner Handcrème versuche ich den Juckreiz zu mildern.
Am nächsten Morgen fahren wir gut 30 Meilen, um in einem kleinen Einkaufscenter eine Apotheke aufzusuchen. Ich zeige dem Inhaber mein Bein. Dieses ist angeschwollen und bereits dunkelrot bis violett verfärbt, übersät mit vom Kratzen herrührenden Blutspuren. Man sieht weit über 50 rotumrandete Stellen und im Zentrum einen dunkelroten Punkt. Andere Stellen zeigen eine braune bis dunkelblaue Verfärbung. „That’s bad“, sagt er. „Das sind Bisse von black flies. Mein Sohn ist Förster, arbeitet im Wald und hatte vor 3 Wochen die gleichen Symptome. Alles was ich Dir geben kann sind Salben, eine gegen Juckreiz und die andere als Antibiotika gegen Infektionen. Erfolgt innert 3 Tagen keine Besserung, musst Du ins Spital“. Ab dem zweiten Tag bildete sich die Geschwulst langsam zurück, die Bissstellen haben sich verkrustet, hingegen werden die Farben noch ausgeprägter und dunkler. Es sei vorweg genommen, bis zur definitiven Abheilung vergingen über 4 Monate. Übriggeblieben sind hell- und dunkelbraune Flecken, die teilweise einem Tattoo ähneln und feine Narben. Am Wettbewerb: „die schönsten Männerbeine“ kann ich nicht mehr teilnehmen. Aber wie war es möglich, dass diese Biester mit derart piesacken konnten, obwohl ich mit langen Hosen und einer Ärmeljacke bekleidet war und die Stösse mit Klebeband abgebunden waren? Ganz einfach, meine Outdoor-Bekleidungsstücke haben im Schritt und Achselbereich sogenannte Atmungsösen. In kniender Haltung mit gebeugtem Oberkörper konnten diese kleinen Fieslinge bequem einsteigen und sich so über den ganzen Körper ausbreiten, um mit dem grossen Fressen zu beginnen. Insgesamt habe ich mehr als 200 Bisse abbekommen.
Oktober 2013: Auch nach mehr als 2 Jahren sind auf Ruedi's Unterarm die Bissstellen noch deutlich zu erkennen.
Die restlichen Tage verlaufen nach dem gleichen Muster. Übersetzen mit der Fähre, dann Naturstrassen, später Forstwege hinter uns bringen. Einmal dem Grizzly den Vortritt lassen. Sammelstellen wechseln. Wohin spielt gar keine Rolle, Hauptsache es war vor uns niemand da. Dann beginnt die Morcheljagd erneut. Versucht man es 100 Höhenmeter weiter oben, findet man frisch gestossene Morcheln, geht man ganz nach unten, wo vor einer Woche bereits geerntet wurde, kommt der nächste Stoss. Wie mir Jeremy am Jahresende mitteilte, war 2011 eines der besten Morcheljahre.
Dieser Bericht ist nicht übertrieben. Siehe Video http://www.youtube.com/watch?v=j9pEOceN4Bo
Der Vollständigkeit halber:
Die grauen und blonden Riesenmorcheln wachsen ausschliesslich an der Westküste Nordamerikas. Mit 30 cm und mehr sind sie um einiges grösser als die Spitzmorchel, und nicht selten erreichen sie das Volumen von Honigmelonen. Dank ihrer Grösse und der Reissfestigkeit ihres Fleisches eignen sie sich hervorragend für diverse Füllungen.
Die grüne Morchel ist eher selten, aber etwas sehr Delikates. Sie ähnelt der Spitzmorchel, doch lässt sie sich wegen ihrer dunkelgrünlicher Färbung und den verschiedenen Schichten im Stammbereich gut von diesen unterscheiden. Leider haben wir diese Art von Morcheln nicht gefunden.
Zum Schluss noch eine Story über ein Erlebnis im Jahr 2012:
Ende Juni fahren wir, eine Gruppe von 6 Personen, mit Steven den Cooper River (Alaska) hoch, um am Childs Gletscher das Kalben der Eismassen in den Fluss zu erleben. Anschliessend ist ein Pick-Nick auf einem ehemaligen Campground geplant. Früher war dieser noch per Strasse erreichbar, doch heute ist dies wegen abgerutschten, verschütteten und weggeschwemmten Stellen nicht mehr möglich. Beim Holzsuchen stolpere ich über die ersten Spitzmorcheln. In diesem lichten Wald gedeihen Morcheln offensichtlich bestens, obwohl es im Vorjahr nicht gebrannt hat. Ich nehme ein Muster mit und zeige es den anderen Abenteuerlustigen. Wir beschliessen nach dem Essen einige Morcheln zu sammeln. Bald ist eine Tragtasche gefüllt. Zurück auf der Lodge übergeben wir diese Dan, dem Koch. Zum Abendessen gibt es Steaks. Wir bitten ihn, dazu eine Morchel-Rahmsauce zu reichen.
Um 18.30h treffen wir uns im Speisezimmer. Die gegrillten Steaks werden serviert, doch weit und breit ist nichts von einer Morchelsauce zu sehen. Eigenartig. Ich werde den Sachverhalt mit Dan klären, sobald die Küche aufgeräumt ist. Dies ist kurz nach zehn Uhr der Fall. Nur einer der Küchengehilfen ist noch da. "Wo ist Dan?", frage ich diesen. "Der ist bereits schlafen gegangen" kommt als Antwort zurück. Okay, dankeschön. Ich versuche es morgen nach dem Frühstück.
Am nächsten Tag treff ich Dan und frag ihn, ob er die Morcheln vergessen hätte. „Nein, nein“ antwortet er, „das waren falsche Morcheln. Ich habe sie mit einem Papierstreifen und einer bestimmten Flüssigkeit getestet, die waren giftig“. Ich entgegne „Du weisst, dass alle Morcheln in ungekochtem Zustand, also roh, giftig sind. Was hast Du mit ihnen gemacht?“ – „Weggeschmissen, die sind jetzt im bärensicheren Abfallconainer" erwidert er. Na gut, dann holen wir sie jetzt raus und bitte trockne sie für mich. “Das geht nicht mehr, die sind bereits mit anderem Küchenabfall zugedeckt“. Okay, forget it.
Man glaube mir, dass ich Speisemorcheln von Lorcheln oder Stinkmorcheln unterscheiden kann. Auch so kommt man zu Morcheln, ohne diese suchen zu müssen. Cleveres Kerlchen, der trocknet jetzt unsere Morcheln selber. Hoffentlich denkt er an uns, wenn er diese später für eine Rahmsauce verwendet. Es soll ihm gut tun. Wir sind um eine Erfahrung reicher. 2/4
In Boyne City im US-Bundestaat Michigan gibt es sogar ein echtes „Morchelfestival (National Morel Mushroom Festival - Boyne City, Michigan)“. Jedes Jahr im Frühjahr werden die Besucher aufgefordert, durch die Wälder zu streifen und die überall spriessenden ( popping up all over) Morchel-Köstlichkeiten einzusammeln. Das Festival findet immer am Wochenende nach dem Muttertag statt: 16. - 19. Mai 2013. Solche Festivals gibt es noch an anderen Orten.
Siehe: http://www.morelfest.com/