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Figurenlexikon
Hier finden Sie Informationen zu den Figuren in «Bergünerstein»: Hat die Person wirklich gelebt, oder hat die Autorin sie erfunden? Wann hat sie gelebt? Was weiss man über sie?
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Führende Dame in Brauegn
Duonna Barbara Planta-Schalkett hat wirklich gelebt. Sie war die ältere Schwester von Rudolf von Planta (Chavalier Raduolf) und Pompejus von Planta, die in den Bündner Wirren eine zentrale Rolle spielten. Als Vertreterin dieser mächtigen Familie und Ehefrau des Podestà Johann Schalkett (Sar Giannin) war sie im Bergün um 1600 zweifellos die führende Dame.
In den Quellen hat sie trotzdem nur wenige Spuren hinterlassen: Das Kirchenbuch von Bergün vermerkt ihre Heirat mit Sar Jann Schalkett im September 1593, und das Staatsarchiv Graubünden bewahrt einen Brief von ihr an Johann von Salis-Samedan (Vicari Żon) vom Februar 1610.
Stiefmutter
Anna von Planta Prevosti, die jüngere Schwester von Barbara, Rudolf und Pompejus, erscheint im Zusammenhang mit dem Thusner Strafgericht von 1618 mehrmals in den Quellen: vor dem Strafgericht wie auch vor dem Bundestag fordert sie, dass ihr Anteil am väterlichen Erbe aus dem Besitz von Rudolf auszuscheiden sei, bevor dieser konfisziert würde. Zweifellos hatte auch Barbara von Planta in Zernez Vermögenswerte geerbt, wahrscheinlich landwirtschaftliche Grundstücke.
Hauslehrerin für die Kinder
Barbara von Planta wurde vor 1569 geboren. Zu Beginn der Handlung von Band I ist sie demnach ungefähr 35 Jahre alt. Sie hatte vier Kinder: Chiatrina, Balthasar, Rudolf und Barbla. Diese Kinder erzieht sie in «Bergünerstein», wie es sich für Sprösslinge des Herrenstandes gehört. Die Mädchen lernen Lesen, Schreiben, Sticken und Haushaltsführung, die Knaben erhalten eine höhere Bildung und werden auf eine Ämter- oder Militärlaufbahn vorbereitet. Nachgewiesen ist, dass Balthasar 1615 an der höheren Schule in Zürich als Student eingeschrieben war.
Podestà Johann Schalkett verstarb im Oktober 1618, zum Ärger der Ankläger am Thusner Strafgericht, die ihn gerne wegen seiner Teilnahme am Zuozer Einverständnis von 1612 belangt hätten. (Das Gericht lehnte das Ansinnen der Bergüner ab, statt Johann Schalkett dessen Erben vorzuladen.)
Duonna Barbaras Erbe
Im Bergüner Estim von 1622 wird Barbara von Planta weder als Erbin noch als neues Familienoberhaupt genannt. Wahrscheinlich war sie ebenfalls verstorben. Im Roman verlässt sie Bergün nach dem Tod ihres Mannes.
Von den vier Kindern scheinen nach 1622 nur noch Rudolf und Barbla in Bergün gelebt zu haben. Chiatrina hatte bereits 1617 Sar Jan Liun, einen Verbündeten ihres Onkels Rudolf, geheiratet und war mit ihm nach Zernez gezogen. Balthasar wurde im Januar 1620 vom Strafgericht in Davos gefoltert und lebte danach in Zernez, wo er später das Amt des Landammanns (Mastrel) bekleidete. 1633 stand er als Hauptmann in französischen Diensten.
Namensvetterinnen
Der Name Barbara bzw. Barbla war in der Familie Planta-Wildenberg häufig. Duonna Barbara hatte gleich zwei nähere Verwandte, die ebenfalls Barbara von Planta-Wildenberg hiessen. Die eine war die Mutter des Abtes Sebastian von Castelberg, die andere eine jüngere Schwester ihres Vaters Balthasar.
Diese Tanta Barbara von Planta war ebenfalls mit einem Johannes Schalkett aus Bergün verheiratet, der 1549 als Landammann genannt wurde und wahrscheinlich der Grossvater von Podestà Johann Schalkett war.
Eine Übersicht über die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Schalkett und den Planta bzw. den Castelber bieten die entsprechenden Stammbäume «Die Verschwägerung der Schalkett mit den Planta» und «Die Planta-Wildenberg und Abt Sebastian Castelberg».
Quellen/Bildnachweis
Kirchenbuch Bergün, GA Bergün/Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm)
Brief von Barbara von Planta an Johann von Salis-Samedan, 11. Februar 1610, StAGR D II a3
Brief von Hauptleuten in frz. Diensten vom 28.6.1633, unterschrieben u.A. von Balthasar Schalkett, StAGR D V/3.230.124
Literatur
Juvalta-Cloetta, L.: Einige Notizen über die Schalchett'sche Familie. Bündnerisches Monatsblatt, 1930
Sprecher von Bernegg, Fortunat; Mohr, Conradin von; Planta, Peter Conradin: Stemmatographia [...] der Familie Planta, 1898
Färber, Silvio: Der Bündnerische Herrenstand im 17. Jahrhundert. Zürich, 1983
Grimm, Paul Eugen: Die Anfänge der Bündner Aristokratie im 15. ud 16. Jahrhundert. Zürich, 1981
Bonorand, Conradin: Bündner Studierende an höhern Schulen der Schweiz und des Auslandes im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation. Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden, 1949.
Mastrel Cla hat wirklich gelebt und war ohne Zweifel die schillerndste Persönlichkeit Bergüns um 1600. Er taucht nicht nur in Bergüner Quellen auf, sondern hat wegen verschiedener Streitereien und Gerichtsfälle auch in den Akten des Bundestags in Chur zahlreiche Spuren hinterlassen.
Aus Pol Clo wird Gregori
Mastrel Cla hiess ursprünglich Cla Giargieli Pol Clo, änderte aber seinen Familiennamen zu Gregori. In den Quellen taucht er unter beiden Namen auf. Er entstammte einem wohlhabenden Zweig der in Bergün zahlreich vertretenen Familie Pol Clo. Bereits sein Vater, ebenfalls Giargieli genannt, war Mastrel gewesen. Eine Schwester oder Tante war mit Jannöli (Jakob) Schalkett verheiratet, einem Mitglied der im 16. Jahrhundert reichsten Familie im Dorf. Jannöli hatte im Jahr 1573 das Podestatenamt von Morbegno bekleidet und war mehrfach Mastrel von Bergün gewesen.
Mastrel Clas Leben...
Mastrel Clas Geburtsjahr ist nicht bekannt, lässt sich aber ungefähr ermitteln. Als erstes seiner Kinder heiratete Tochter Urschla im Jahr 1601. Nimmt man für Urschla ein Heiratsalter von 20 Jahren an und war sie das älteste Kind des Mastrels, wäre sie also um 1581 geboren, und der Mastrel hätte 1580 geheiratet. Sein Geburtsdatum liegt somit wahrscheinlich irgendwo zwischen 1550 und 1560. Gestorben ist er vor 1622.
Da das Eheregister im Kirchenbuch Bergün erst 1585 einsetzt, ist der Name von Mastrel Clas erster Ehefrau nicht bekannt. Es könnte sich aber um eine Tochter der Familie Marchett (Marcket) handeln, dafür würde der ungewöhnliche Vorname Marchett des erstens Sohns von Mastrel Cla sprechen. Möglicherweise ist Mastrel Cla identisch mit dem Giargieli Polckla, der am 24. Mai 1586 Anna Modein geheiratet hat – dies wäre seine zweite Ehe gewesen. Sicher ist, dass Mastrel Cla am 11. Oktober 1614 Duonna Ursina Salice geheiratet hat, die Tochter des Bergwerksbetreibers Johann von Salis-Samedan (Vicari Zon).
... und Familie
Mastrel Cla hatte mindestens zehn Kinder, denn im Estim von 1622 erscheinen zehn Personen als seine Erbinnen und Erben. Die meisten von ihnen haben sich in Bergün verheiratet, wobei sich in der Wahl der Ehefrauen für die Söhne eine zunehmende Vorliebe für Töchter aus dem Herrenstand der Bünde ablesen lässt. Details zu Mastrel Clas Kindern gibt es auf der Seite Stammbäume.
Kaufmann, Konditor und Politiker
Der Lokalhistoriker L. Juvalta-Cloetta berichtet (leider ohne Quellenangabe), dass Mastrel Cla vor 1590 als Kaufmann in Venedig tätig war und dass er nach seiner Rückkehr von dort der Kirche von Bergün eine Glocke spendete. In den Unterlagen von Gian Gianett Cloetta, dem bedeutendsten Bergüner Heimatforscher, findet sich zudem ein Hinweis, dass Mastrel Cla in Venedig eine Konditorei geführt habe und diese später gewinnbringend verkauft habe. Gemäss der Aufstellung in Cloettas «Heimatkunde» bekleidete Mastrel Cla mehrere Male das Amt des Mastrels (Ammanns), nämlich mindestens 1589, 1590, 1591 und 1607. Ein Dokument aus Bergün aus dem Jahr 1601 nennt ihn für dieses Jahr als amtierenden Mastrel.
In seiner Funktion als Mastrel, aber auch als ehemaliger Kaufmann in Venedig, sandte er am 4. Juli 1591 einen Brief an den Dogen von Venedig. Darin bat er um die Freilassung des jungen Bergüners Jacob Albiert, der zu einer Galeerenstrafe verurteilt worden war. Im Brief schreibt Mastrel Cla, es handle sich beim jungen Albiert um einen unbescholtenen Mann, der sich nie etwas habe zuschulden lassen kommen. Jacob müsse für seine 80jährige Mutter sorgen und sei überhaupt nur verurteilt worden, weil er in Brescia in schlechte Gesellschaft geraten sei. Ob diese Intervention Erfolg hatte, ist zweifelhaft – während Jacob Albierts Vater im Estim von 1562 noch genannt wurde, erscheint er selber nie.
Streitereien mit der Gemeinde
Mastrel Cla war in zahlreiche Gerichtsfälle verwickelt. Von allen Einwohnern Bergüns um 1600 erscheint er daher mit Abstand am häufigsten in den Akten des Bundestags in Chur.
1598 wurden Ammann Clas Gregori und das Gericht Bergün zu je 50 Kronen Busse verurteilt, wegen «Zuwiderhandlung gegen Abschiede des Bundestags». Es könnte sich dabei um einen widerrechtlich erhobenen Viehzoll handeln, von dem in den Akten von 1594 die Rede ist.
Um 1600 finden sich mehrere Einträge im Bundestagsprotokoll bezüglich eines Streits zwischen Mastrel Cla und der Gemeinde Bergün. Worum es bei dem Streit ging, ist im Protokoll nicht vermerkt, aber wir erfahren, dass der Bundestag ein unparteiisches Schiedsgericht zur Schlichtung ernannt hat.
Ärger mit Giargieli
Im Jahr 1601, am 8. August und 23. Oktober, vertrat Mastrel Cla seinen Sohn Giargieli im Eheverfahren Gregori, Sohn des Mastrel Cla, gegen Ursula del Thöni del Galles von Bergün (Details s. Eintrag zu Giargieli).
Auf dem Bundstag vom 17. Juni 1601 und dem Beitag im Mai 1603 vertrat Mastrel Cla wiederum seinen Sohn Giargieli, diesmal in einem Rechtshandel gegen Ursula Ambriesch von Bergün. Der Beitrag ordiniert, dass die beiden den Rechtsspruch des Gerichtes Bergün akzeptieren sollen. Es ist möglich, dass es auch hier um ein Eheverfahren ging.
Eine renitente Natur
1605 erwähnen die Akten einen Streit zwischen Mastrel Cla (und/oder seinem Sohn) und Ammann Peter Jecklin. Wieder ist nicht ersichtlich, worum es bei dem Streit ging. Im Roman wurde der Streit als schiefgegangenes Geschäft mit edlen Zuchtpferden dargestellt.
Auf jeden Fall wird bei diesem Fall die renitente Natur Mastrel Clas deutlich: Das vom Bundstag eingesetzte Schiedsgericht lehnte er ab und machte so lange Druck, bis ein neues bestellt wurde, bestehend aus Prefectenrichter Andreas Jenni, Landeshauptmann Rudolf von Planta (Chavalier Raduolf), Vicari Albert Dietegen von Salis, Vicari August von Travers und Landammann Fortunat von Juvalta.
Rudolf von Planta, Albert Dietegen von Salis und Augustin Travers waren in den kurze Zeit später ausbrechenden Bündner Wirren Anführer der spanischen Partei – falls Mastrel Cla, wie anzunehmen ist, ein Anhänger Venedigs war, muss ihm dieses Gericht noch weniger behagt haben als das ursprüngliche! Einem enervierten Brief von Ammann Peter Jecklin an Bürgermeister und Rat von Chur vom 28. Juli 1606 lässt sich entnehmen, dass der Streit auch ein Jahr danach noch nicht beigelegt war.
Der Wahlskandal von 1610
Am 16. Oktober 1610 ereignete sich der im Buch beschriebene Aufruhr bei der Ammannwahl, über den wir dank ausführlicher schriftlicher Aussagen der Streitparteien besser Bescheid wissen als über die anderen Gerichtsfälle Mastrel Clas.
Sagenhafter Reichtum – aber woher?
Gemäss Cudesch da Estims war Mastrel Cla Zeit seines Lebens einer der reichsten Männer Bergüns. Nach dem Tod seines Vaters erscheint er 1579 zum ersten Mal im Estim, mit einem Vermögen von 2000 Gulden, während seine Mutter 4 000 Gulden versteuert. 1583 hat sich dieses Verhältnis umgedreht, jetzt versteuert die Mutter 2 500 Gulden und der Sohn 4 500. 1589 besitzt Mastrel Cla bereits 11 000 Gulden, seine Mutter noch 1500. 1599 besitzt er 30 000 und 1609 sagenhafte 80 000 Gulden. (Nur der adlige Peter Jecklin von Hohenrealta kann ihm das Wasser reichen, mit ebenfalls 80 000 Gulden im Estim von 1609.)
Woher dieser Reichtum stammte und woraus er bestand, ist nicht bekannt. Da die anderen Haushalte in Bergün zwischen 1599 und 1610 keineswegs verarmten und gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um Bergün nicht in diesem Ausmass hätte zunehmen können, war es wahrscheinlich kein Landbesitz. Im Buch hat Mastrel Cla sein Vermögen mit Salpeter verdient, während Peter Jecklin von einem Salzprivileg profitierte, das die Familie Jecklin in Österreich tatsächlich besessen hat.
Im Unterschied zu den meisten anderen Bergünern konnte Mastrel Cla sein Vermögen durch die wirren 1610er Jahre halten: 1622 erscheinen nicht weniger als zehn Erbinnen und Erben mit einem Vermögen von je 8 100 Gulden. (Mehr zu den finanziellen Verhältnissen in Bergün um 1600 finden Sie unter Brauegn.)
1626 erscheint Mastrel Cla ein letztes Mal in den Akten – seinen Erben wird vom Bundestag in Chur beschieden, sie müssen der Gemeinde Bergün die geforderte Steuer, basierend auf dem letzten Schnitz (Estim), in vollständiger Höhe und mitsamt den aufgelaufenen Zinsen bezahlen.
Quellen/Bildnachweis
Kirchenbuch Bergün, Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm, StAGR A I 21 b 2/60.3)
Cudesch da Estims, in Privatbesitz, digitalisierte Version online hier.
Mastrel Cla gegen Gemeinde Bergün: Bundestagsprotokoll Bd. 7, S. 289 und 291, 19. Oktober 1598, und Bd. 8, S. 146, 3. Juli 1602 (StAGR AB IV 1/7 und 1/8). Ratsakten der Stadt Chur, 22. Juli 1600, (Stadtarchiv Chur, RA.1600.011)
Busse gegen Mastrel Cla und Bergün (Viehzoll?): Bundestagsprotokoll Bd. 7, S. 485 und 488, 17. Juni 1598; S. 532, 19. Juni 1599 (StAGR AB IV 1/7)
Ammannwahl 1610: Landesakten: 1610, Oktober 10. und 27. (StAGR A II LA 1)
Ehesache mit Urschla del Galles: Abschiede Dr. Ruinelli, Bd. 21, S. 57, 69-71, 8. August und 23. Oktober 1601 (StAGR AB IV 5/21)
Streit mit Urschla Ambriesch: Bundestagsprotokoll Bd. 8, S. 65, 19. Juni 1601, und S. 197, Mai 1603 (StAGR AB IV 1/8)
Streit zwischen Ammann Klaus Gregori und Ammann Peter Jecklin: Protokoll des Gotteshausbundes, Bd. 26, S. 5-6, 8. Mai 1605 (StAGR AB IV 3/26) und Abschiede Dr. Ruinelli, Bd. 21, S. 117-119, 3. Juni 1605 (StAGR AB IV 5/21; im Bild: S. 118). Ratsakten der Stadt Chur, 28. Juli 1606 (Stadtarchiv Chur, RA.1606.008)
Erben: Bundestagsprotokoll Bd. 14, S. 47 und 49, 20. Juni 1626 (StAGR AB IV 1/14)
Literatur
Cloetta, Gian Gianett: Bergün-Bravuogn: Heimatkunde. Bergün, 1954
Juvalta-Cloetta, L: Die Kirche von Bergün. Bündnerisches Monatsblatt, 1932.
Danz Pol Clo und Barbla l'g Plesch sind historische Figuren. Aus dem Kirchenbuch Bergün erfahren wir, dass sie am 2. Juli 1592 geheiratet haben. Barbla war möglicherweise die Tochter oder Enkelin von Plesch Fallett, der im Estim von 1568 zum letzten Mal auftaucht; Näheres konnte über ihre Familie nicht ermittelt werden. Danz hatte drei Brüder, von denen zwei mit ihm im Estim von 1599 auftauchen: Christoffel und Bernardin. Aus einer anderen Quelle geht hervor, dass der dritte Bruder Bastiaun hiess. Danz' Eltern hiessen Jacum und Catrina.
Das Durchschnittsalter bei der ersten Heirat lag damals beim Bauernstand für Männer bei ungefähr 25 bis 27 Jahren und bei Frauen bei ungefähr 23 bis 27 Jahren. Es werden daher für Danz und Barbla Geburtsjahre um 1565 bis1570 angenommen. Beim Einsetzen der Handlung von «Bergünerstein» wären die beiden ungefähr 33 bis 38 Jahre alt.
Die Wegzollpacht
Am 15. November 1603 wurde in Bergün eine Urkunde ausgestellt. Sie besagt, dass «Dantz Paul Clau, dieser Zÿtt Dorffmeister in Bergin» den Wegzoll für die neue Strasse am Bergünerstein für 570 Gulden gepachtet hat. Zudem listet die Urkunde die zu erhebenden Weggelder im Detail auf.
Danz Pol Clo hatte 1603 das Amt des Dorfmeisters inne, auf Romanisch Cuvih (Bergünerisch: Cuej). Dorfmeister waren für die Organisation der Zusammenarbeit im Dorf, auf den Wiesen, Weiden und Äckern sowie auf den Alpen zuständig. Sie organisierten die Einsätze im Gemeinwerk, beaufsichtigten beispielsweise die Instandhaltung von Zäunen und Wegen auf Gemeindegebiet, regelten Streitfälle und zogen Bussen ein.
Verarmung
Im «Cudesch da Estims» lässt sich der finanzielle Niedergang der Familie Danz Pol Clo verfolgen. In den Estims von 1599 und 1609 erscheint Danz Pol Clo jeweils mit einem Vermögen von 2000 Gulden. Die Familie bewegte sich damit im unteren Bereich der unabhängig wirtschaftenden Bauernfamilien. Im Estim von 1622 sind die «Dantz Polclo Erben» noch mit 750 Gulden aufgeführt, im nächsten, undatierten Estim mit 200, und 1633 schliesslich erscheinen «Dantß PolCla tochter Malgarita et Urschla», immer noch mit 200 Gulden.
Im besten Fall bedeutet dies, dass ein Teil des Besitzes den Kindern bei deren Heirat überschrieben wurde, also beispielsweise Tochter Anna, die am 12. Juni 1631 Jachiam Crastoffel dilg Tschiender heiratete. Es ist auch möglich, dass weitere Kinder im Rahmen eines Erbvorbezugs Vermögenswerte erhielten, von denen wir nichts wissen. (Vgl. den Eintrag über Plesch und seine Brüder.)
Wahrscheinlicher ist aber, dass die Familie nach dem Tod des Vaters vor 1622 verarmte. Die die beiden unverheiratet gebliebenen Töchter Malgiaretta und Urschla könnten noch eine letzte Wiese besassen haben und hätten als arme Tanten bei bessergestellten Verwandten unterkommen müssen.
Quellen/Bildnachweis
Kirchenbuch Bergün, Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm).
Cudesch da Estims, in Privatbesitz, digitaliserte Version online hier.
Dokument Nr. 47, 15. November 1603, Vertrag über die Wegzollpacht. Gemeindearchiv Bergün.
Original- und Kopialbücher mit alten Bergüner Dorfordnungen und Verträgen im Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (STAGR A 313 und A 773).
Statuts Criminels d'ün hundro comön da Brawuoing, digitalisierte Kopie der Bibliothek der Universität Pennsylvania.
Tschantamaints da Bravuogn e Latsch, 1643-1784. Annalas da la Societad Retorumantscha, 84/1971
Schorta, Andrea: Tschantamaints/Dorfordnungen verschiedener Ortschaften. Veröffentlicht in Buchform und teilweise in den Annalas da la Societad Retorumantscha.
Literatur
Cloetta, Gian Gianett: Bergün-Bravuogn: Heimatkunde. Bergün, 1954
Mathieu, Jon: Von Bauern und Bären. Eine Geschichte des Unterengadins von 1650 bis 1800. Chur, 1987
Frate Francesco Maria Guazzo wurde um 1570 in Mailand geboren. Er gehörte dem Orden von St. Barnabas und St. Ambrosius an und wahrscheinlich auch der Inquisition. 1608 veröffentlichte er das «Compendium Maleficarum», eine umfangreiche Abhandlung über die Untaten von Hexen und Zauberern und wie man diese erkennen kann. Geschrieben hatte er dieses Buch nach eigenen Angaben während eines Aufenthalts im norddeutschen Kleve, wo er als Experte an einem Hexenprozess teilnahm: ein alter Mann war angeklagt, Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg verzaubert und in den Wahnsinn getrieben zu haben. Guazzo war bei dieser Gelegenheit auch als Exorzist tätig. Aber es gelang ihm nicht, den Herzog von seinen Dämonen zu befreien; dieser starb 1609 in geistiger Umnachtung. In Kleve soll Guazzo zudem die Bekanntschaft von Nicolas Rémy gemacht haben, einem besonders fanatischen (und «erfolgreichen») französischen Hexenjäger, den er in seinem Compendium mehrfach zitiert.
Eine Bekanntschaft zwischen Guazzo und Abt Sebastian, wie sie in «Bergünerstein» besteht, ist nicht nachgewiesen. Es ist aber gut möglich, dass Guazzo auf dem Heimweg zu seiner Zelle Santa Caterina del Sasso am Lago Maggiore in Disentis Halt gemacht hat und dort vom Abt verpflegt wurde.
Online
Kurzbiographie Guazzos auf Treccani.it.
Wikipedia-Artikel über Guazzo (englisch)
Wikipedia-Artikel über Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg
Zeitgenössische Werke über Hexen
Guazzo, Francesco: Compendium Maleficarum. Mailand, 1608. Englische Übersetzung von 1929 als (kostenpflichtiges) e-book erhältlich hier.
Boguet, Henry: Discours Exécrable des sorciers: ensemble leur procez, faits depuis 2 ans en çà, en diuers endroicts de la France. Auec vne instruction pour vn juge, en faict de sorcelerie. Rouen, 1606. Online abrufbar hier.
Die Romanfigur Giannin Schalchett, der Ehemann von Duonna Barbara, ist eine historisch belegte Person. Er wurde vermutlich um 1560 geboren und starb vor Oktober 1618. In den Bergüner Quellen, die damals alle deutschsprachig waren, taucht er als Jann oder Johann Schalkett auf.
Die Schalkett waren im 16. Jahrhundert die bedeutendste Familie Bergüns. Im Cudesch da Estims lassen sich zwei Linien ausmachen: die Jannöli-Linie und die Johann-Linie. Die Jannöli-Linie stellte den ersten Podestà der Familie: Jakob, genannt Jannöli (Inneli), war 1573 Podestà von Morbegno sowie wiederholte Male Mastrel des Gerichts Bergün. 1579 besass Podestà Jannöli ein Vermögen von 5500 Gulden, das der Familie in ungefähr derselben Höhe bis 1622 erhalten blieb.
Mit den Planta verschwägert
Die Johann-Linie war mehrfach mit der Familie Planta aus dem Engadin verschwägert (s. Stammbaum). Der Vater von Jann Schalkett, Johann Peter Schalkett, war mehrmals Mastrel von Bergün und wurde 1585 zum Podestà von Teglio gewählt. 1582 hatte er das Pariser Stipendium des Gotteshausbundes für zwei Jahre zugesprochen bekommen; Jann studierte wahrscheinlich um 1584/85 in Paris. 1586 musste er die Nachfolge seines Vaters als Podestà antreten, denn dieser starb während seiner Amtszeit.
Am 12. Juli 1588 heiratete Jann Schalkett Duonna Cilgia von Salis, eine Tochter des Bergwerksbetreibers Johann von Salis-Samedan (Vicari Żon). Johann von Salis war ein wichtiger Exponent der venedischen Partei und damit wahrscheinlich ein Gegner von Jann Schalketts Planta-Verwandtschaft (seine Mutter war eine Cousine des Bischofs Peter Planta). Ob sich der junge Jann Schalkett mit dieser Heirat über die Wünsche seiner Familie hinweggesetzt hat? Wir wissen es nicht.
Cilgia starb Ende 1591, bei oder kurz nach der Geburt ihres Sohnes Johann Peter Schalkett (Gian Pedrin). 1593 heiratete Jann Schalkett ein zweites Mal, und zwar Barbara von Planta-Wildenberg (Duonna Barbara), die Schwester von Rudolf und Pompejus von Planta. Mit Duonna Barbara hatte er vier weitere Kinder, Chiatrina, Balthasar, Rudolf und Barbla (mehr zu ihnen im Eintrag von Duonna Barbara).
Ämterlaufbahn
Jann Schalkett bekleidete verschiedene politische Ämter und taucht auch sonst allenthalben in den Quellen auf. 1585–86 war er Mastrel von Bergün (wobei er einen Teil dieser Zeit als Ersatz-Podestà in Teglio verbrachte), 1597–99 Podestà von Morbegno und 1611–12 noch einmal Mastrel des Gerichts Bergün. Auch sein Bruder Nuttin muss in den 1590er Jahren Mastrel gewesen sein, denn im Estim von 1599 wird er als Amma Nuttin Schalkett bezeichnet. (Mehr zu den Ämtern gibt es auf der Seite «Freistaat der Drei Bünde».)
1600 reiste Jann Schalkett nach Chur, um das Strassenbauprojekt am Bergünerstein dem Bundstag vorzustellen. Zusammen mit Mastrel Cla und Peter Jecklin wurde er 1607 von den Bergünern für zehn Jahre von allen Gemeindeämtern gebannt – ein Verbot, das nicht lange Bestand hatte: Bereits 1611 war Jann Schalkett wieder Mastrel von Bergün. Im Streit um die Mastrelwahl von 1610 spielte Jann Schalkett eine Vermitterrolle, und im Februar 1612 erstritt er auf dem Beitag in Davos das Stipendium des Königs von Frankreich für ein dreijähriges Studium in Paris für seinen Sohn Johann Peter (Gian Pedrin).
Das Zuozer Einverständnis
Ebenfalls 1612, am 10. Juni, unterzeichnete Jann Schalkett im Namen der Gemeinde Bergün das sogenannte «Zuozer Einverständnis» – ein Abkommen einiger Gemeinden des Gotteshausbunden, in dem sie beschworen, nie mehr mit Venedig ein Bündnis zu schliessen und fortan nur noch mit Frankreich verbündet zu bleiben.
Dieses Dokument verletzte die Satzungen des Dreibündestaates, gemäss denen Bündnisse mit auswärtigen Mächten nur vom Bundestag für alle drei Bünde geschlossen oder gelöst werden konnten. Seine Unterschrift brachte Jann Schalkett daher eine Zitation vor das Strafgericht von Thusis 1618 ein, doch er starb, bevor er in Thusis erscheinen konnte, im Oktober 1618.
Finanziell in der zweiten Reihe
Jann Schalketts Vater und Grossvater waren in den frühen Estims neben Podestà Jannöli und dem Vater von Mastrel Cla die reichsten Männer von Bergün gewesen. Doch Janns Vermögen erreicht mit «nur» 15 000 Gulden im Estim von 1609 seinen Höhepunkt. Im Estim 1622 besitzen seine nicht namentlich genannten Erben 10 000 Gulden, und in den zwei darauffolgenden Estims besitzen Rudolf und Barbla Schalket je 1 200 bzw. 1 200 und 1 000 Gulden. 1633 wird ein Hauptmann Baltisar Schalket mit 200 Gulden erwähnt – wahrscheinlich Sohn Balthasar, der später in Zernez lebte, aber in Bergün noch einen kleinen Besitz hielt.
Sohn Johann Peter (Gian Pedrin) war während seines Aufenthaltes in Paris zum katholischen Glauben übergetreten und hatte sich nach seiner Rückkehr in die Bünde in Cazis niedergelassen. Dort heiratete er 1624 Ursula von Planta, die Tochter von Johann Bartholomäus. Johann Peter starb 1629 in Mailand an der Pest.
Quellen/Bildnachweis
Kirchenbuch Bergün, Gemeindearchiv Bergün und Staatsarchiv Graubünden (Mikrofilm), StAGR A I 21 b 2/60.3
Cudesch da Estims von Bergün, in Privatbesitz, digitalisierte Version online hier.
Zusprache des Pariser Stipendiums des Gotteshausbundes an Johann Peter Schalkett. StAGR, AB IV 1/006, S. 93, 14. Oktober 1582
Johann Schalkett stellt dem Bundestag das Strassenprojekt vor, Bundestagsprotokolle Band 8, 2. Januar 1600, S.6. StAGR AB IV 1/008
Schreiben der ennetbirgischen Gemeinden, in Zuoz versammelt, ... ("Zuozer Einverständnis"). 10. Juni 1612. StAGR A II LA 1
Gotteshausbund, Verleihung des Stipendiums des Königs von Frankreich..., 27. Februar 1612. StAGR A II LA 1
Johann Schalkett ist verstorben, Protokoll des Strafgerichts Thusis, S. 181. StAGR AB IV 5/13
Literatur
Juvalta-Cloetta, L.: Einige Bemerkungen zur Schalchett'schen Familie. Bündnerisches Monatsblatt, 1930
Giargieli ist eine historisch belegte Figur. In den Quellen erscheint er meist als Hauptmann Gregori de Gregoriis. Seine genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Er muss ein mindestens so streitbarer Charakter gewesen sein wie sein Vater, Mastrel Cla, denn auch er war in zahlreiche Gerichtsfälle verwickelt.
Eheverfahren
Zum ersten Mal taucht er in einem Abschied des Gotteshausbundes vom 8. August 1601 auf: Ursula del Thöni del Galles, Klägerin, wendet sich bezüglich ihrer Ehesache mit Gregori Gregori an den Gotteshausbund, denn in Bergün, wo Mastrel Cla "Haupt der Gmeindt" ist, erwartet sie kein faires Urteil. Doch der Gotteshausbund kann oder will nicht helfen: eine Eheklage ist eine Kriminalsache, und bei Kriminalsachen gibt es keine Berufungsmöglichkeit. Ursula del Galles muss hinnehmen, was das Gericht in Bergün entschieden hat. Worum es bei diesem Streit geht, erfahren wir nicht. Doch ging es im 17. Jahrhundert bei "Ehesachen" von Unverheirateten zumeist um die Einforderung eines gebrochenen Eheversprechens. Wir können also davon ausgehen, dass Giargieli der Uorschla die Ehe versprochen hat, sich aber nachher nicht mehr an dieses Versprechen erinnern mochte.
Kurz darauf erscheint Hauptmann Gregori wieder in den Akten des Bundestags, und zwar wieder mit einem Streit mit einer Frau namens Ursula. Worum es beim Streit mit Ursula Ambriesch geht, erfahren wir allerdings nicht, aber es ist gut möglich, dass es eine weitere Eheklage war.
Heirat mit Ursula Scrivaunt
Am 15. November 1603 heiratet Hauptmann Gregori, und zwar eine weitere Frau mit Namen Ursula: Ursula Scrivaunt. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Ursula mit einer der bereits erwähnten Ursulas identisch ist, denn die Namen Ambriesch und del Galles tauchen nirgends als Namen von Schreibern auf. Es handelt sich um Walsernamen, und es ist sehr gut möglich, dass es sich bei beiden Familien um Hintersässen handelt - EinwohnerInnen zweiter Klasse, für die es schwer war, sich gegen einen Platzhirsch wie Hauptmann Gregori und seinen mächtigen Vater durchzusetzen (vgl. Eintrag zu Mengia Wildner).
1605 wird Hauptmann Gregori wieder erwähnt, und zwar erscheint er als zweiter Beklagter im Streit seines Vaters mit Ammann Peter Jecklin (vgl. Eintrag zu Mastrel Cla).
Am 1. Juli 1611 hat Gregori ein zweites Mal geheiratet, diesmal Anglina Modein – wohl eine Verwandte des Schreibers Johannes Modein, der 1603 den Vertrag über den Wegzoll aufgesetzt hat.
Hausherr am Platz
Hauptmann Gregori tritt zudem in einem Gerichtsurteil von 1615 auf. Er besass das Haus am Platz (heute Volg) und wollte es aufstocken. Dies wurde ihm mit der Begründung verboten, man könne sonst die Uhr auf dem Turm nicht mehr sehen. Ebenfalls wurde ihm verboten, auf der Hinterseite des Hauses, gegen den Turm, Fenster anzubringen – warum, steht nicht im Urteil. Pikant ist dieses Urteil insbesondere, weil als einer der Kläger Hauptmann Gregoris Bruder Marchett Pol Clo aufgeführt ist!
Ein letztes Mal erscheint Giargieli im Bundestagsprotokoll des Jahres 1618, wegen eines Streites um seine Hauptmannschaft mit anderen Hauptleuten, und im Estim von 1622, als einer der Erben des Mastrel Cla.
Quellen
Ehesache mit Urschla del Galles: Abschiede Dr. Ruinelli Bd.21, Seiten. 57; 69-71, 8. August und 23. Oktober 1601 (STAGR AB IV 5/21)
Streit mit Urschla Ambriesch: Bundestagsprotokoll Bd. 8, S. 65, 19. Juni 1601, und S. 197, Mai 1603 (STAGR AB IV 1/8)
Streit zwischen Ammann Klaus Gregori und Ammann Peter Jecklin: Protokoll des Gotteshausbundes, Bd. 26, S. 5-6, 8. Mai 1605 (STAGR AB IV 3/26) und Abschiede Dr. Ruinelli, Bd. 21, S. 117-119, 3. Juni 1605 (STAGR AB IV 5/21).
Urteil zum Haus am Platz: Kopialbuch D VII, Staatsarchiv Graubünden, S. Yy. (STAGR D VII)
Streit mit anderen Hauptleuten: Bundestagsprotokoll Bd. 9, S. 105 (STAGR AB IV 1/9)
Literatur
Collenberg, Adrian: "daz es solt ein ee sin" : Ehegerichtsbarkeit im Oberen Bund im 16. Jahrhundert. Bündner Monatsblatt, 2002
Burghartz, Susanna: Zeiten der Reinheit, Orte der Unzucht. Paderborn, 1999
Die Informationen über Timotheo Gioncada und seine Churer Seidenmanufaktur sind spärlich. In einem Artikel im Bündner Monatsblatt von 1999 beschreibt Silvio Margadant das Geschäft anhand von zwei Geschäftsdokumenten von 1606 und 1615 und weiteren Quellen. Gemäss Churer Steuerliste war Gioncada ein Hintersässe, der aber trotzdem - und ausserhalb der Zunft - sein Handwerk ausüben durfte; denn die Seidenwirkerei war ein seltenes Gewerbe, das offenbar von niemandem sonst in Chur betrieben wurde.
Gioncada betrieb sein Geschäft mit Kapital von vermögenden Geldgebern aus den Drei Bünden: 1606 erhält er Geld von Ritter Thomas von Schauenstein, Ritter Rudolf von Schauenstein, Ritter Johannes Guler von Wyneck und fünf weiteren Edelmännern. 1615 steigen Jöri Gamser, Bürgermeister von Chur, wiederum Johannes Guler von Wyneck, Dr. Zacharias Beeli, Badearzt in Pfäfers und Oberzunftmeister von Chur, sowie Georg von Planta-Samedan als Geschäftsparter ein. Die Geschäftstätigkeit wird im Gesellschaftsvertrag von 1615 geregelt, in dem unter Anderem steht, dass Gioncada seine Lehrlinge kostenlos ausbilden muss.
Aus einer weiteren Quelle geht hervor, dass Gioncada aus Genf stammte und sich Ende 1608 um Aufnahme als «Pundtsmann» bewarb, d.h. er bewarb sich um das Bürgerrecht der Drei Bünde. Die Zunft lehnte das Begehren am 8. Januar 1609 ab – zuerst solle sich Gioncada als Bürger in einer Gemeinde einkaufen
Quellen/Bildnachweis
Gesellschaftsvertrag Manufaktur Gioncada, 1. August 1615: StAGR D V 3, Bd. 188, Nr. 122
Mehren der Rebleutezunft: Nr. 129, 8. Januar 1609, StAGR A II/2
Literatur
Margadant, Silvio: Eine Seidenmanufaktur in Chur im frühen 17. Jahrhundert. Bündner Monatsblatt, 1999
Florin, Franz Philipp: Oeconomus prudens et legalis. Oder allgemeiner kluger und rechts-verständiger Hauß-vatter, des klugen und rechts-verständigen Hauß-Vatters, Zweyter Band, die fünff letzten Bücher in sich enthaltend, 1751. S. 1124, verfügbar auf google play (Seidenproduktion in der Frühen Neuzeit).
Literatur
Berger, H.: Der Churer Pfarrer Saluz (1571-1645) und seine Kollegen und seine Zeit. Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden, 1961.
Meng, Ulrich J.: Vom alten Bad Ganey. Bündner Jahrbuch, 1982.
Säumer Peter Gruber durchwandert die Bünde in den historischen Romanen von Johann Andreas Sprecher, «Donna Ottavia» und «Familie de Sass». Gruber verkörpert die unaufgeregte Weisheit des redlichen Landmannes, weiss aber auch seine Fäuste zu gebrauchen, wenn es nötig ist. In «Donna Ottavia» rettet er Jörg Jenatsch das Leben, der, auf geheimer Mission am Albulapass unterwegs, entkräftet in den Schnee sinkt und um ein Haar erfriert. Von Wander- und Abenteuerlust getrieben, bricht Gruber auch im hohen Alter immer wieder zu Saumzügen auf, zum Kummer seiner Frau, die auf dem heimischen Hof in Langwies allein zurückbleibt.
In «Familie de Sass» tritt Gruber zum letzten Mal im Jahr 1630 auf. In «Bergünerstein» begegnen wir ihm im Jahr 1629, als er Luzia auf einer wichtigen Reise geleitet.
Literatur
Sprecher, Johann Andreas von: Donna Ottavia. Chur, 1878.
Sprecher, Johann Andreas von: Familie de Sass. Chur, 1881.
Luzia ist eine fiktive Figur, und auch ihre Erlebnisse in «Bergünerstein» sind fiktiv. Nicht fiktiv hingegen sind die Orte, Situationen und Berufe, die sie durchwandert: vom armen Bauernkind zum Verdingkind im Prättigau, von der «Schwabengängerin» in Süddeutschland zur Magd in Churer Bürgerhäusern und in den grossen Häusern der Familie Salis; von der Prostituierten im Krieg zur Taglöhnerin im Prättigau und Schanfigg zur Stickerin und Näherin im Kloster. Auf ihrem weiten Weg erleidet Luzia ein schlimmes Schicksal, doch ihre Liebe zum Schönen und ihr Glaube helfen ihr, wieder Zuversicht zu fassen.
Mit Ausnahme der fiktiven Handelsfamilie Bavier und der bösen Schwanenwirtin sind alle Arbeitgeber von Luzia historisch belegt. Informationen über sie findet sich in den entsprechenden Einträgen zu den Familien Salis-Seewis und Salis-Grüsch, zu Pfarrer Saluz und zu Abt Sebastian Castelberg.
Bildnachweis
Bündner Schwabenkinder 1907: Rätisches Museum (Fotograf unbekannt)
Magd in der Küche: Schweizerisches Nationalmuseum, LM-13617)
Literatur
Prättigau
Fient, Georg: Lustig Gschichtenä. Chur 1898. (Sage von den Ruobästain)
Schallert, Elmar: Fidelis von Sigmaringen im Urteil und Andenken der Prättigauer. Bündner Monatsblatt, 1973.
Pieth, Friedrich: Das denkwürdige Jahr 1622. Schiers, 1922.
Ludwig, D.A.: Der Prättigauer Freiheitskampf. Schiers, 1902.
Anhorn, Bartholomäus: Der Graw-Pünter Krieg. Herausgegeben von Conradin von Moor, Chur 1873.
Schwabenland
Seglias, Loretta: Die Schwabengänger aus Graubünden. Desertina-Verlag, 2007
Bühler, Linus: Die Geschichte der Bündner Schwabengängerei. Bündner Monatsblatt, 1975.
Pieth, Friedrich: Die Schwabenkinder. Bündnerisches Monatsblatt, 1946.
Braun, Josef: Handbuch der Paramentik, Freiburg i. Brsg. 1912.
Laroque, Claude: History and analysis of transparent papers. The Paper Conservator, 28:1, 2004.
Chur
Margadant, Silvio: Eine Seidenmanufaktur in Chur im frühen 17. Jahrhundert. Bündner Monatsblatt, 1999.
Zusätzliche Quelle: STAGR A II/2, Nr 129, 1609, 8. Januar (Mehren der Rebleutezunft, Bundsmannschaft Timotheo Gioncada aus Genf)
Zünfte
Seewis/Ganey
von Salis-Soglio, Niklaus: Notizen zu einer neuen Genealogie. STAGR D VI So [21/124] II.A.2., Heft VII, S. 55-65.
Meng, J. Ulrich: Vom alten Bad Ganey. Bündner Jahrbuch, 24/1982.
Krähenbühl, Hans: Schwefel-, Vitriol- und Alaungewinnung auch in der Schweiz. Bergknappe 96, 2/2001.
Grüsch
von Salis-Marschlins, Ulysses: Des Mareschal de Camp Ulysses von Salis-Marschlins Denkwürdigkeiten. Herausgegeben von Conradin von Mohr, Chur 1858.
Disentis
Müller, Iso: Der Kampf um die tridentinische Reform in Disentis von ca. 1600-1623. Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, 42 (1948).
Kaufmann, Burkard: Die politische Tätigkeit des Abtes Sebastian von Castelberg 1614-1634. Bünderisches Monatsblatt, 1942.
Kaufmann, Burkard: Die letzte Abtwahl des Disentiser Hochgerichts 1614. Bündnerisches Monatsblatt, 1941.
Luzias Bücher
Carolus Borromaeus: Instructionum fabricae et supellectilis ecclesiasticae, Mailand. 1577.
Adam Lonitzer: Kreuterbuch, Kunstliche Conterfeytunge der Bäume, Stauden, Hecken, Kreuter, Getreyde, Gewürtze. Frankfurt a.M., 1593
Eucharius Rösslin: Der schwangerenn Frawen und Hebamen Rosengarte. Strassburg, 1513
Andreas Vesalius, Jacob Baumann: Anatomia. 1575
Modelbücher
Anders als ihre Eltern und Schwestern sind die Söhne der Familie Pol Clo fiktiv (obgleich es angesichts der bescheidenen Quellenlage nicht auszuschliessen ist, dass die Familie auch Söhne gehabt hat).
Ihre Welt ist geprägt von Landwirtschaft, Krieg, Migration und der Burschenschaft, der Cumpagnia da Mats. Plesch leidet darunter, dass er seine Liebe nicht heiraten darf – ein häufiges Schicksal in einer Zeit, in der Bauernhöfe in Realteilung vererbt wurden: nur durch Eheverzicht eines Teils der Geschwister konnte gewährleistet werden, dass ein Gut nicht zu klein wurde, um eine Familie zu ernähren. Unverheiratete Geschwister emigrierten oder wohnten bei ihren Eltern oder verheirateten Geschwistern. Und auch die, die heiraten konnten, mussten damit oft warten, bis ihre Eltern gestorben waren: in der Regel lebte in einem Engadiner Bauernhaus eine Kernfamilie, keine Grossfamilie.
Literatur
Mathieu, Jon: Von Bauern und Bären. Eine Geschichte des Unterengadins von 1650 bis 1800. Chur, 1987.
Padrutt, Christian: Staat und Krieg im alten Bünden. Zürich, 1965.
Caduff, Gian: Die Knabenschaften Graubündens. Chur, 1929.
Ritter Rudolf von Planta wurde 1568 als dritter Sohn aus der sechsten Ehe seines Vaters Balthasar von Planta-Wildenberg mit Anna Catharina Prevosti geboren. Seine ältere Schwester Barbara heiratete 1593 Johann Schalkett von Bergün. Sein ältester Bruder Daniel starb jung, der nächste Bruder Pompejus war neben Rudolf einer der wichtigsten Anführer der spanischen Partei und wurde 1621 von Georg Jenatsch ermordet. Die jüngste Schwester Anna heiratete Fabio Prevosti aus dem Bergell, ebenfalls ein enger politischer Verbündeter.
Rudolf war mit Margarethe von Travers verheiratet, der Schwester von Augustin Travers, einem weiteren Anführer der spanischen Partei. Sie hatten zwei Töchter namens Catharina und Margarethe, die beide als Kinder starben.
Von der Forschung vernachlässigt
Trotz seiner herausragenden Rolle in den Bündner Wirren wurde bis jetzt, soweit uns bekannt ist, keine Biographie von Ritter Rudolf veröffentlicht. Immerhin steht ein Wikipedia-Artikel zur Verfügung.
Solange das Quellenmaterial über Rudolf von Planta einer systematischen Auswertung harrt, bleibt die beste Informationsquelle über ihn die «Chronik der Familie Planta» von Peter von Planta von 1892. Der Chronist schreibt über seinen streitbaren Vorfahren: »Ritter Rudolf, welcher durch Geistesgaben und hervorragende Stellung Haupt Aller [Planta] gewesen wäre, ging seine eigenen Wege, war selbstsüchtig und eigenmächtig» (S. 163/64).
Sein politischer Gegner Ulysses von Salis-Marschlins äussert sich im Zusammenhang mit Rudolfs Ernennung zum Hauptmann einer französischen Compagnie folgendermassen über ihn: «Rudolf Planta verliess die Bünde mit keiner der besten Compagnien, aber equipiert wie ein Oberst; dabei war er von schöner Statur, aber so stolz, dass er die übrigen Hauptleute über die Achsel ansah und selbst seinen Obersten wenig respectierte [...]. Am lächerlichsten aber war, dass er selbst um Bassompierre, General über die eidgenössischen Truppen, sich wenig zu bekümmern den Anschein gab [...]» (Denkwürdigkeiten, S. 34).
Agent von Frankreich – oder Spanien?
Die französische Compagnie hatte Ritter Rudolf im Jahr 1614 erhalten, zum Dank für seine Bemühungen um die Beendung des venedischen Bündnisses in den vorangehenden Jahren. Dazu gehörte beispielsweise das Zuozer Einverständnis von 1612: in Absprache mit (oder auf Anweisung?) von Charles Paschal, dem französischen Gesandten, hatte Rudolf von Planta einige Gemeinden des Gotteshausbundes überzeugt, ein Abkommen zu schliessen, gemäss dem sie nie wieder mit Venedig ein Bündnis schliessen und fortan nur mit Frankreich verbündet bleiben würden. Auch Rudolfs Schwager Johann Schalkett unterzeichnete im Namen der Gemeinde Bergün das Zuozer Einverständnis.
Rudolf von Planta war aber, wieder in den Worten von Ulysses von Salis, «im Inneren mehr spanisch als französisch», was sich in der Folge immer wieder zeigen sollte. Als 1617 in den Gemeinden über einen neuen Vorschlag zu einem venedischen Bündnis beraten wurde, schickte er beispielsweise fünfzig Musketiere los, um die Gemeinden von einer Annahme des Bündnisses abzubringen.
In Thusis verurteilt
1618 wurde er wegen dieser und vielen anderen Aktionen zugunsten Spaniens vom Thusner Strafgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Er flüchtete mit seinen Getreuen (z.B. Bruder Pompejus, Neffe Daniel, Schwager Fabio Prevosti) ins Ausland. Von dort aus zog er weiterhin die Fäden und war mitverantwortlich für die folgenden kriegerischen Ereignisse: der Veltliner Mord 1620 wurde angeführt von Giacomo Robustelli, dem Schwiegersohn von Rudolfs im Veltlin verheirateten Schwägerin Anna Travers Besta, und beim Einfall der Österreicher 1621 ritt er an der Seite des Obersten Baldiron ins eroberte Unterengadin ein.
1622 konvertierte Rudolf von Planta zum Katholizismus und lebte später auf seinem Schloss in Rametz/Tirol, wo er 1638 starb.
Bildnachweis
Porträt von Rudolf von Planta, 1624: Rätisches Museum, Chur
Online
Eintrag zu Ritter Rudolf von Planta im Historischen Lexikon der Schweiz.
Das Strafgericht von Thusis auf Wikipedia.
Literatur
Pfister, Alexander: Georg Jenatsch: Sein Leben und seine Zeit. Basel, 1951.
Planta, Peter von: Chronik der Familie von Planta nebst verschiedenen Mittheilungen aus der Vergangenheit Rhätiens. Zürich, 1892.
von Salis-Marschlins, Ulysses: Des Mareschal de Camp Ulysses von Salis-Marschlins Denkwürdigkeiten. Herausgegeben von Conradin von Mohr, Chur 1858. Online abrufbar hier.
Sprecher von Bernegg, Fortunat: Geschichte der Kriege und Unruhen, von welchen die drei Bünde in Hohenrätien von 1618 bis 1645 heimgesucht wurden. Auf Deutsch herausgegeben von Conradin von Mohr, Chur 1856. Online abrufbar hier.
Vicari Żon Salisch war eine historische Figur. In den deutschsprachigen Quellen heisst er Johann von Salis-Samedan, und er lebte von 1546 bis 1624. Mütterlicherseits war er ein Enkel des Engadiner Reformators Johann Travers und wurde deshalb auch Johann Travers von Salis genannt. Er residierte in der heutigen Chesa Planta in Samedan und war drei Mal verheiratet. Mit seiner ersten Ehefrau, Eva von Planta, hatte er 19 Kinder. Seine zweite Frau war Catarina Curo aus Bever, die dritte war Ursula v. Stockar aus Schaffhausen. Schaffhausen war denn auch das Ziel der Familie Salis-Samedan, als sie im Herbst 1621 durch Bergün vor den anrückenden Österreichern flüchtete.
Politiker und Parteigänger Venedigs
Der Titel des Vicari geht auf seine Tätigkeit als Vicari des Veltlins in den Jahren 1583 bis 1585 zurück. Und wahrscheinlich kam er zwanzig Jahre später noch zwei Mal zu kurzen Einsätzen als Vicari: einmal nach der vermuteten Absetzung von Vicari Albert Dietegen von Salis 1602 und einmal als Vertreter des angeblich überforderten Bartholomäus Caflisch 1604.
Zeit seines Lebens war Johann von Salis ein vehementer Befürworter einer Allianz mit Venedig.
Bergbauunternehmer
Das Hauptbetätigungsfeld von Johann von Salis war aber nicht die Politik, sondern das Geschäftsleben, insbesondere der Bergbau. Er betrieb zahlreiche Bergwerke in den Drei Bünden und verfügte über weitverzweigte Geschäftsbeziehungen. Der Erzabbau am Murtel da Fier und im Val Tisch bei Bergün war somit nur ein Geschäft von vielen – aber offenbar eines, das von Beginn an schlecht lief. Immer wieder kam der Betrieb mangels Kapital zum Erliegen, immer wieder wurde er nach Kapitalzuschüssen von neuen Geschäftspartnern wieder aufgenommen. Doch 1615 scheint Johann von Salis den Bergüner Betrieb endgültig aufgegeben zu haben.
Familiäre Beziehungen nach Bergün
Johann von Salis war nicht nur geschäftlich mit Bergün verbunden, sondern auch privat: seine Tochter Cilgia heiratete 1588 Sar Jann Schalkett (Giannin), und seine Tochter Ursina heiratete 1614 Mastrel Cla. Sein Sohn Friedrich emigrierte nach Paris, konvertierte dort zum Kummer seines Vaters zum Katholizismus und wurde zum Mentor von Cilgias Sohn, Johann Peter Schalkett (Gian Pedrin).
Literatur
Head, Randolph C.: Sprachgebrauch und Sprachbewusstsein im Salis-Briefwechsel, 1580-1610. Bündner Monatsblatt, 1996
Kaiser, Adolf: Die Nachkommen des Staatsmannes Johann Travers von Zuoz in den ersten sechs Generationen. Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden, 1955.
Collenberg, Adolf: Die Bündner Amtsleute in der Herrschaft Maienfeld 1509-1799 und in den Untertanenlanden Veltlin, Bormio und Chiavenna 1512-1797. Jahrbuch der Historischen Gesellschaft Graubünden, 1999
von Planta, Peter Conradin: Der Bernina-Bergwerkprozess von 1459-1462 und die Bergbauunternehmungen des Johann von Salis 1576-1618
www.salis.com.es, Tafel 8.
Dies war das erste von zahlreichen ehrenvollen und einträglichen Ämtern und Gesandtschaften, die Hercules in den nächsten 15 Jahren versehen sollte. Doch das Strafgericht von 1607, zu dessen Unkosten er eine bedeutende Geldsumme beitragen musste, wie auch die bei der Reforma 1603 erlassene Bestimmung, dass ehemalige Amtsträger sich um keine weiteren Veltliner Ämter bewerben durften, bewogen ihn dazu, sich von der Politik abzuwenden und 1609 mit der ganzen Familie nach Chiavenna überzusiedeln.
Von dort kehrte die Familie erst nach Grüsch zurück, als sich die Unruhen von 1620 anzukündigen begannen.
Mehrere Söhne von Hercules wurden Offiziere und waren während der Bündner Wirren auf der venezianischen Seite aktiv: Hauptmann Ulysses, Hauptmann (und später General) Rudolf sowie Johann Casimir.
Bildnachweis
Porträt von Ortensia de Martinengo: Rätisches Museum, Chur
Literatur
von Salis-Marschlins, Ulysses: Des Mareschal de Camp Ulysses von Salis-Marschlins Denkwürdigkeiten. Auf Deutsch herausgegeben von Conradin von Mohr, Chur 1858. (Online verfügbar hier.)
Sprecher von Bernegg, Fortunat: Geschichte der Kriege und Unruhen, von welchen die drei Bünde in Hohenrätien von 1618 bis 1645 heimgesucht wurden. Auf Deutsch herausgegeben von Conradin von Mohr, Chur 1856. (Online verfügbar hier.)
Die Seewiser Linie der Famile von Salis entstand durch die Heirat von Hieronymus Dietegen von Salis-Soglio (1560–1628) mit Anna Enderlin von Montzwick im Jahr 1593. Gemäss Ehevertrag musste sich Hieronymus Dietegen mit seiner Familie in Seewis oder Grüsch niederlassen, in der Nähe der Verwandten seiner Frau, und auch all seinen Besitz dorthin transferieren. Er verkaufte deshalb seine Güter in Soglio seinem Bruder, Vicari Albert Dietegen (1573–1616).
Spaniolische Salis
In seinen «Denkwürdigkeiten» schreibt Ulysses von Salis-Marschlins, die Brüder Albert und Hieronymus seien die einzigen Angehörigen der Familie Salis gewesen, die während der Bündner Wirren auf Seiten der Planta gestanden hätten. Für Hieronymus' Frau Anna Enderlin, die wahrscheinlich einem pro-venedischen Zweig der Enderlin von Montzwick angehörte, muss das sehr schwierig gewesen sein. (Diese Vermutung basiert auf den Angaben in der unten angeführten Abhandlung über die Stürviser Geschlechter von Anton Mooser; weitere Hinweise zur Herkunft der Anna Enderlin nehmen wir gerne auf dem Offenen Platz entgegen!)
Wohnort unbekannt
In welchem Haus die Familie Salis-Seewis zur Zeit der Handlung von Band I residierte, ist unbekannt, denn Seewis brannte im September 1621 fast vollständig nieder. Daraufhin erbaute der Sohn, Dietegen «der Fromme», das «Schloss», das 1690 erneuert und durch einen erneuten Dorfbrand 1863 zerstört wurde.
Bad Ganey
Die Familie Salis-Seewis besass das Bad in Ganey viele Jahre lang. In seiner Werbeschrift über das Bad berichtet Pfarrer Saluz, Landvogt Dietegen von Salis und seine Frau, Regina Roth von Schreckenstein (die Eltern von Hieronymus und Albert Dietegen), hätten 14 Jahre lang keine Kinder bekommen, dann aber, nach Besuch des Bades, habe Frau von Salis noch sechs Söhne geboren. In der Stammtafel der Familie Salis-Seewis sind zwar nur zwei Söhne verzeichnet, aber das Bad war dennoch vor allem wegen seiner heilsamen Wirkung gegen Unfruchtbarkeit bekannt.
Die Familie Salis-Seewis war mit derjenigen von Salis-Grüsch entfernt verwandt: der Grossvater von Hieronymus und Albert Dietegen, Dieteganus Magnus von Salis-Soglio, war der Bruder von Rudolf von Salis, dem Urgrossvater des Hercules von Salis-Grüsch, der 1620 in Venedig verstarb. Vgl. dazu die Stammbäume «Die Familien Salis in Band I» und «Der Gubertusstamm».
Literatur
von Salis-Soglio, Niklaus: Notizen zu einer neuen Genealogie. Staatsarchiv Graubünden, Signatur D VI So [21/124] II.A.2., Heft VII, S. 55-65.
Stammtafeln der Familie Salis auf www.salis.com.es (Tafel 25 für die Familie Salis-Seewis, Tafel 10 für die Verbindung zwischen den Salis von Seewis und denen von Grüsch).
Meng, J. Ulrich: Vom alten Bad Ganey. Bündner Jahrbuch, 1982.
Mooser, Anton: Die Walsersiedlung Stürvis und ihr Verschwinden; Verzweigung und Verbreitung der Stürviser Geschlechter [Schluss]. Bündnerisches Monatsblatt, 1939.
Abt Sebastian von Castelberg wurde vermutlich um 1585 geboren. Seine Mutter, Barbara von Planta-Wildenberg, war eine Cousine von Duonna Barbara, Pompejus und Chavalier Raduolf von Planta (vgl. Stammbaum «Die Planta-Wildenberg und Abt Sebastian Castelberg»). Der junge Sebastian erhielt eine standesgemässe Ausbildung bei den Jesuiten in Dillingen, am Brerakolleg in Mailand und an der Sorbonne in Paris. Später wurde er Pfarrer in Tavetsch, und im Jahr 1614 wurde er, wahrscheinlich mit Hilfe von Bestechung, von den weltlichen Behörden der Cadi, der Gerichtsgemeinde Disentis, zum Abt des Klosters Disentis gewählt.
Widerstand gegen die tridentinische Reform
Von Abt Sebastian wurde erwartet, dass er sich mit dem Kloster Disentis der Schweizerischen Benediktinerkongregation anschloss und die Tridentinische Reform auch endlich im Kloster Disentis einführen würde. Der Beitritt erfolgte auf der Äbteversammlung vom 30. August 1617 in Muri (AG). Die Kongregation sandte darauf zwei Mönche aus dem Kloster Muri nach Disentis, die dort die dringend notwendigen Reformen einleiteten: die liturgischen Texte wurden angepasst, die Klausur und die Tischlesung bei gemeinsamer Mahlzeit im Refektorium wieder eingeführt, und die weiblichen Angestellten wurden aus dem Kloster entfernt.
Doch die Disentiser Mönche unter Abt Sebastian waren von den Reformen alles andere als begeistert, und so brachen die beiden Murenser Reformmönche im August 1618, nach wenigen Monaten, ihre Mission frustriert ab. Die alten Sitten kehrten wieder ein im Kloster, und der Einfluss der weltlichen Behörden von Disentis verstärkte sich noch mehr: Abt Sebastian wurde verboten, an den Äbteversammlungen der Benediktinerkongretation teilzunehmen!
Eine Vorliebe für Politik
Mit dem Ausbruch der Bündner Wirren trat Abt Sebastians Vorliebe für Politik und Krieg immer klarer zutage; 1620 wurde er zum Hauptmann der Truppen der Cadi gewählt! Das Kloster selbst wurde von den kriegerischen Ereignissen nicht verschont und Anfang April 1621 von den reformierten Truppen in Brand gesetzt. Der Abt war mit seinen Mönchen ins Tessin geflohen und hatte auch die Reliquien und Wertgegenstände des Klosters dorthin in Sicherheit gebracht.
Der neue Nuntius macht Druck
1621 wurde ein neuer päpstlicher Nuntius bestellt: Alessandro Scappi. Er zögerte nicht lange und kündigte Abt Sebastian einen Besuch in Disentis nach Ostern 1622 an. Abt Sebastian antwortete bedauernd, das halbverbrannte Kloster sei zur Beherbergung eines solch ehrwürdigen Gastes leider nicht im Stande. Doch als der Abt im Herbst 1622 wegen der Friedensverhandlungen in Lindau weilte, wandten sich einige reformwillige Mönche im Kloster selber an Scappi. Dieser verstärkte in der Folge den Druck auf Abt Sebastian und trug ihm unter Anderem auf, an der Äbteversammlung von Einsiedeln im April 1623 teilzunehmen. Abt Sebastian brach zu dieser Reise auf – wählte aber die Route über den Oberalppass, wo er zu seinem grossen Bedauern im Schnee steckenblieb!
Von 1623 ist eine Briefstelle von Abt Sebastian überliefert, gemäss der im Turm im Kloster «viele Frauen» wegen Hexerei festgehalten wurden. Was mit ihnen geschah, ist nicht bekannt.
Später im Jahr gelang es Scappi, in Absprache mit Abt Sebastian und den Behörden der Cadi den Einfluss der letzteren einzudämmen und im Kloster Reformen einzuführen. Abt Sebastian blieb bis zu seinem Tod 1634 im Amt und beteiligte sich weiterhin aktiv an der Politik – auf spanischer Seite.
Literatur
Müller, Iso: Der Kampf um die tridentinische Reform in Disentis von ca. 1600-1623. Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, 42 (1948).
Kaufmann, Burkard: Die politische Tätigkeit des Abtes Sebastian von Castelberg 1614-1634. Bündnerisches Monatsblatt, 1942.
Giger, Hubert: Hexenverfolgung in der Surselva. Bündner Monatsblatt, 1991.
Müller, Iso: Zum bündnerischen Hexenwahn des 17. Jahrhunderts. Bündner Monatsblatt, 1955.
Sar Peder Zeuth ist eine historisch belegte Figur. Er war von 1613 bis zu seinem Tod 1629 der Pfarrer von Bergün.
ٍEin gebildeter Pfarrer
Im Unterschied zu seinem Vater und Vorgänger Thomas Zeuth genoss Peter Zeuth eine gründliche Ausbildung. 1599 war er an der höheren Schule in Zürich immatrikuliert, ab 1604 an der Universität Basel, die er 1608 mit dem Magister Artium abschloss. Der Magister Artium hätte ihn zum Aufbaustudium in Theologie berechtigt, doch scheint er kein solches absolviert zu haben: im selben Jahr 1608 wurde er in die Synode der Drei Bünde aufgenommen.
Danach musste er aber zwei Jahre lang auf eine Anstellung warten. Erst 1610 wurde er Pfarrer in Misox, einer kleinen reformierten Gemeinde in einem katholischen Umfeld. Ebenfalls 1610 heiratete er Mierta Janett Casparett von Latsch, die wohl mit ihm als Frau Pfarrer nach Misox zog.
Als 1613 Thomas Zeuth senior starb, holte man Peter als Pfarrer nach Bergün, wo er bis zu seinem Tod 1629 blieb. In späteren Jahren war er, wie sein Vater früher, auch als Notar tätig. Im Staatsarchiv Graubünden finden sich mehrere von ihm verfasste Dokumente.
Peter Zeuth scheint keine überlebenden Kinder gehabt zu haben. Seine Witwe Mierta erscheint im Estim von 1633 als «D. Mierta H. Peter Zeut Fraw», ohne Erwähnung von Kindern.
Quellen/Bildnachweis
Cudesch da Estim von Bergün, Privatbesitz
Kirchenbuch Bergün, Mikrofilm, StAGR
Literatur
Bonorand, Constantin: Bündner Studierende an höhern Schulen der Schweiz und des Auslandes im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation. Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden, 1949.
Camenisch, Emil: Bündnerische Reformationsgeschichte. Chur, 1920.
Truog, J.R.: Die Pfarrer der evangelischen Gemeinden in Graubünden und seinen ehemaligen Untertanenlanden. Jahresbericht der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft von Graubünden, 1934 und 1935.
Sar Tumesch Żeuth ist eine historisch belegte Figur. Er war von 1581 bis zu seinem Tod 1613 der Pfarrer von Bergün. Einem erhaltenen Anstellungsvertrag von 1592 ist zu entnehmen, dass er für Predigt und Seelsorge in Bergün, Latsch und Stuls zuständig war und zudem in den Wintermonaten, vom 16. Oktober bis am 1. April, den Kindern der drei Nachbarschaften Schulunterricht zu erteilen hatte.
Zeuths Werdegang ist aus heutiger Sicht unüblich. Vor seinem Amtsantritt im Jahr 1581 hatte Zeuth in der Gemeinde Bergün weltliche Ämter innegehabt, war Mastrel und Schreiber bzw. Notar gewesen. In der letzteren Funktion gestaltete er beispielsweise das Titelblatt des Bergüner Cudesch da Estims von 1562. Ebenfalls war Zeuth in das Bergwerksunternehmen von Johann von Salis-Samedan am Bergüner Murtel da Fier involviert.
Über ein Studium oder eine sonstige theologische Ausbildung ist nichts überliefert, aber wie alle anderen reformierten Pfarrer damals musste auch Zeuth sich durch die Synode der Drei Bünde prüfen lassen. Diese Prüfung bestand er 1582.
Thomas Zeuth blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1613 Pfarrer in Bergün. 1599–1600 stand ihm eine junge Nachwuchskraft zur Seite: Johann Peter Janett, der ab 1618 einer der Anführer der radikalen reformierten Prädikanten wurde.
Thomas Zeuth hatte zwei Söhne, Thomas und Peter, die beide ebenfalls Pfarrer wurden. Thomas Junior amtete von 1598 bis zu seinem Tod 1614 in Safien-Platz, und Peter wurde der Nachfolger seines Vaters in Bergün.
Literatur
Cloetta, Gian Gianett: Heimatkunde Bergün, Chur 1954
von Planta, Peter Conradin: Der Bernina-Bergwerkprozess von 1459-1462 und die Bergbauunternehmungen des Johann von Salis 1576-1618