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Potenzmittel Sport
Die bevorstehende Fussball-Weltmeisterschaft in Russland ist nicht nur eine Sportveranstaltung, sondern auch eine Bühne der Politik. Sport vermittelt Macht. Viele Herrschende sind sich dessen bewusst und versuchen, den Sport zu instrumentalisieren und sich zunutze zu machen. Denn der im Sport errungene Erfolg bleibt nicht auf diesen beschränkt, sondern wird auf andere Tätigkeitsfelder übertragen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die positiven Zuschreibungen zu nutzen. Spitzensportlerinnen und Spitzensportler tun es ebenso wie öffentliche Personen, die demonstrativ Sport treiben oder Sport treiben lassen.
Preis für das Pferd, nicht für den Lenker
Bereits bei den antiken Olympischen Spielen konnte man zu Ehren gelangen, ohne selbst zu schwitzen: Beim Wagenrennen wurde dem Besitzer der Pferde der Sieg zugesprochen, nicht dem Wagenlenker. Der reiche Athener Alkibiades trieb die Ruhmsucht zum Exzess, als er 416 v. Chr. mit sieben Wagen antrat und die ersten beiden Plätze belegte. Diese Methode, Anstrengung zu delegieren und sich dennoch im sportlichen Ruhm zu sonnen, hat die Jahrtausende überlebt.
Als typisches Beispiel übte Silvio Berlusconi neben seinem Amt als Ministerpräsident auch die Präsidentschaft der AC Milan aus und schmückte sich mit ihren Titeln. Recep Tayyip Erdogan dagegen kickte 2014 bei der Stadioneröffnung des türkischen Erstligisten Basaksehir gleich selbst mit und erzielte dabei drei Tore. Auch sonst nutzt der türkische Staatspräsident Sport gerne als Plattform und nennt den Wettkampf als Gemeinsamkeit von Fussball und Politik. Kürzlich liess sich Erdogan mit den türkischstämmigen deutschen Nationalspielern Özil und Gündogan abbilden, was in Deutschland einen medialen Aufschrei verursachte und den Spielern den Vorwurf der Illoyalität einbrachte.
Erdogans russischer Amtskollege steht ihm in nichts nach: Auch Wladimir Putin nutzt den Sport, sowohl um sich als starken Mann zu präsentieren, indem er mit nacktem Oberkörper durch die Steppe reitet, seine Gegner im Judo auf die Matte wirft oder wilde Tiere jagt, wie auch als generöser Veranstalter von Grossereignissen wie den Olympischen Winterspielen in Sotschi oder der kommenden Fussball-Weltmeisterschaft.
Mussolini, Hitler, Putin
Martialische Auftritte liebte auch der Duce, Benito Mussolini. Gerne stellte er sich als mannhafter Führer hoch zu Ross dar, als oberster Vertreter eines «uomo nuovo», eines neuen besseren Menschen, der durch sportliches und militärisches Training herausgebildet wird. Adolf Hitler dagegen beschränkte sich auf seine Rolle als Gastgeber der Olympischen Spiele in Berlin und Garmisch-Partenkirchen 1936. Einen neuen Menschen schaffen wollte auch er, aber als Vorzeigeathlet vermochte er sich nicht zu inszenieren. Bereits 1925 in «Mein Kampf» forderte Hitler eine athletische, von der Zivilisation unverdorbene Jugend:
«Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das Erste und Wichtigste. So merze ich die Tausenden von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich das Neue schaffen. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten liesse ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spieltriebe folgend sich freiwillig aneignet.»
Manager haben Ausdauer, Potentaten Kraft
Nicht nur Diktatoren fühlen sich zum Sport hingezogen, auch demokratische Politikerinnen und Politiker nutzen den Sport zur Imagepflege; während Potentaten gerne ihre Kraft und Männlichkeit unter Beweis stellen, vermitteln gewählte Volksvertreter ebenso wie Manager lieber Disziplin und Durchhaltevermögen und zeigen in Ausdauersportarten beachtliche Leistungen. Bedeutsamer als die Athletenrolle ist jedoch auch für den demokratischen Politiker diejenige des Sportkonsumenten; exemplarisch steht dafür Angela Merkel, die es liebt, die Spiele der deutschen Nationalelf – inklusive Garderobe – zu besuchen und damit Volksnähe zu demonstrieren.
Die deutsche Bundeskanzlerin bildet dabei keine Ausnahme, es gibt heute kein sportliches Grossereignis, bei dem sich nicht Staatsoberhäupter dem Publikum in Stadion und Fernsehen präsentieren. Wie Fans, die ein Selfie mit ihren Helden posten, lassen sich auch Politiker gerne mit Sportlern ablichten. Diese Bilder stellen Trophäen dar; wer mit Siegern ein Foto teilt, wird selbst zum Gewinner. An monarchische Zeiten erinnern die Audienz, zu der Sportler gebeten werden, und vor allem die Medaillenverleihung, die der Vergabe eines Ordens gleichkommt. Der Stifter ehrt den erfolgreichen Sportler und stellt sich damit über ihn.
Ein weiteres Phänomen sind zahlreiche ehemalige Sportler, die ihre Popularität genutzt haben, um in die Politik einzusteigen: Arnold Schwarzenegger brachte es zum Gouverneur Kaliforniens, Witali Klitschko zum Bürgermeister von Kiew, und der ehemalige Weltfussballer George Weah ist heute der Präsident Liberias.
Lesen Sie zum Thema auch das Posting «Putolini, oder: Wie sich Führerfiguren inszenieren» mit zahlreichen Bildbeispielen.