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Der Alpenraum im (Klima)Wandel
Die Durchschnittstemperatur steigt in den Alpen stärker als im Unterland. Mit wegschmelzenden Schnee- und Eismassen wird weniger Sonnenenergie reflektiert. Das lässt die Gebiete stärker aufheizen. Das NFP 61, das Nationale Forschungsprogramm „Nachhaltige Wassernutzung“, brachte grosse Fortschritte im Wissen über regionale und lokale Prozesse in Folge dieser Gletscherschmelze, nicht zuletzt weil 50 Gletscher mit zusammen 50 % der vergletscherten Fläche und 75 % des Eisvolumens der Schweiz untersucht wurden. Ausserdem wurden neue Modelle entwickelt, welche die Fliess- und Gleitbewegungen der Gletscher einbeziehen. Mit Helikopterflügen wurden Radardaten zur Eisdicke gesammelt.
Trotz der grossen – mit dem NFP 61 erreichten – Fortschritte bleiben viele Unsicherheiten bestehen. So ist beispielsweise noch grösstenteils unbekannt, wie sich die Schuttbedeckung auf das Abschmelzen auswirkt. Ausserdem hat man nur spärliche, räumliche Daten über Schneefall in den Gletscherentstehungsgebieten. Das NFP kommt zum Schluss, dass für verlässliche Modelle unbedingt noch genauere Daten erhoben werden müssen.
Einige Resultate kristallisierten sich trotzdem heraus: Die Modelle des NFP 61 prophezeien, dass bis zu 20 der untersuchten Gletscher ganz verschwinden werden. Verbleibende Eismassen werden vorwiegend nur noch über 3000 Metern zu finden sein. Der Wasserhaushalt der Alpengebiete wird sich dadurch fundamental ändern. Die Landschaft der Gletschervorfelder wird von Schutt, Fels, spärlicher Vegetation und mehreren hundert neuen, unbeständigen Seen dominiert sein.
Die neuen Seen
Viele Seen werden bald nach ihrer Entstehung wieder mit Geröll aufgeschüttet werden oder schlicht ausfliessen, wenn der instabile Boden nachgibt. In manchen Gebieten könnten allerdings auch beständige Seenlandschaften entstehen, die sowohl touristisch als allenfalls auch für die Wasserversorgung oder Energieproduktion genutzt werden könnten. Das Aletschgebiet (VS) wird als das wichtigste Gebiet für künftige Stauseen im Alpenraum angesehen. Das zusätzliche Speichervolumen aller neuen Seen wird auf bis zu 50 % der heute bestehenden Reservoire geschätzt.
Oberstes Ziel ist die Risikoreduktion.“ Gesamtsynthese, NFP 61
Da viele künftige Gletscherseen im Bereich steiler Bergflanken zu liegen kommen werden, stellen sie ein grosses Risiko für die Umwelt dar. Einerseits lässt der Eisdruck mit dem Gletscherrückzug nach, andererseits taut der Permafrost auf: Beides macht die Flanken instabil und folglich bergsturzgefährdet. In der Schweizer Geschichte haben schon einige Bergstürze (und Gletscherabbrüche) zu Flutwellen in Seen geführt, sodass die Gefahren nicht unbekannt sind. Gegen einen möglichen Seeausbruch des Unteren Grindelwaldgletschers (BE) wurden bereits Massnahmen getroffen. Diese waren zwar sehr teuer, kosteten aber immer noch weit weniger als potentielle Direktschäden und Folgeschäden wie Betriebsausfälle oder Imageverlust.
Die rechtliche Verantwortung
Die neuen Seen sind sachenrechtlich gleich zu behandeln wie Fels- und Gletschergebiete. Sie sind ‘kulturunfähiges Land‘ und stehen allen zur persönlichen, nicht kommerziellen Nutzung offen. Zudem stehen sie unter Hoheit oder im Eigentum der Kantone. Diese (und teilweise auch die Gemeinden) dürfen Wasserrechtskonzessionen mit bis zu 80 Jahren Laufzeit vergeben. Für die Schutzmassnahmen sind Gemeinden und Kantone oder die Werkeigentümer verantwortlich. Bei der Umsetzung derselben soll auch die Umweltverträglichkeit beachtet werden. Dazu müssen Sicherheitskonzepte zur Warnung, Alarmierung und eventuellen Evakuierungen betroffener Gebiete – sofern zumutbar – ausgearbeitet werden.
Die ernsthaften Probleme im Hochgebirge werden zwar wohl erst ab 2050 sichtbar werden, aber Präventionsmassnahmen müssen unbedingt heute schon geplant werden. Raumplanerische, organisatorische und bauliche Massnahmen dazu brauchen Zeit.