Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03646.jsonl.gz/1302

Zwei meisterhafte Cellosonaten zum Start in die Rezital-Saison
Ludwig van Beethovens frühe Sonaten op. 5 für Klavier und Violoncello bedeuten sozusagen die Geburtsstunde der Cellosonate. Trotz der damals noch dominierenden Rolle des Klaviers ist besonders die zweite Sonate in g-Moll, die in Ermatingen zur Aufführung gelangte, bereits ein echtes Duo. Beethoven war 26-jährig, als er diese Sonate im Jahr 1796 selbstbewusst und aufstrebend, mit punktierten Rhythmen zu Beginn und einem heiklen Klavierpart komponierte.
Den romantischen Gipfelpunkt der Kompositionen für Cello und Klavier markiert die auf Lilienberg ebenfalls vorgetragene zweite Cellosonate op. 99 von Johannes Brahms, ein Meisterwerk, das während eines Sommeraufenthaltes am Thunersee entstand. Im Gegensatz zu Beethoven war Brahms mit 53 Jahren bereits im fortgeschrittenen Alter, als er 1886 seine ebenfalls zweite Cellosonate schrieb – hocherfahren als Komponist, bewundert und reich geworden. Beethoven sah er zeitlebens als Vorbild. Ein Nachahmer des grossen Vorgängers, als der er lange verkannt wurde, war er jedoch keineswegs – seine mächtig ausreifende F-Dur-Sonate zeugt davon.
Beide Sonaten verlangten von den Künstlern sowohl im Klavier- als auch im Cellopart einiges an Virtuosität. Das Duo Zoltán Despond und Vesselin Stanev wurde dieser Forderung zur Freude des Publikums vollauf gerecht.
Stanevs Blick nach innen
«Er ist nicht nur ein Pianist, sondern auch ein Musiker». Der Konzertkritiker, der das kürzlich schrieb, bezog sich auf die Virtuosität, die ein zentrales Element in Vesselin Stanevs Spielstil ist. Für einen Pianisten, dessen wichtigster Einfluss jener von Dmitri Bashkirow am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium war und der somit klar der russischen Pianistenschule angehört, ist das keine Überraschung. Doch Stanev, seit vielen Jahren übrigens «Künstler des Hauses» in der Lilienberg-Gemeinschaft, zielt über das Akrobatische hinaus: Sein persönlich wichtigstes Anliegen sind die Emotionen, die er in den Werken spürt und mit den Mitteln seiner Kunst ans Publikum weiterzugeben versucht. Deshalb nehmen romantische Kompositionen einen besonderen Platz in seinem Repertoire ein und hat sein Spiel auch eine Geschmeidigkeit und einen Farbenreichtum, die über die reine Virtuosität hinausweisen. Sie zeugen von einem Blick nach innen. Und genau das ist der Blick eines Musikers.
Einer der besten Cellisten seiner Generation
Vesselin Stanev begleitete im Lilienberg Zentrum wie schon so oft in der jüngeren Vergangenheit den Cellisten Zoltan Despond. Besonderer Schwerpunkt von Desponds Schaffens bildet die Kammermusik. «Ein Klang purer Brillanz, Anschläge voller Energie, Leben, Eleganz und die Fähigkeit, sein Instrument zum Singen zu bringen», machen Zoltán Despond – lässt sich der renommierte Musikkritiker Peter Hagmann zitieren – zu einer Offenbarung und «zu einem der besten Cellisten seiner Generation». Keiner der knapp 70 Zuhörer des Rezitals im Lilienberg Zentrum hätte dieser Beurteilung wohl widersprochen.
Lilienberg Rezital vom 22. März 2022 mit Zoltán Despond (Cello) und Vesselin Stanev (Klavier); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Eva Oertle.
Die Künstler
Der heute 30-jährige Schweizer Cellist Zoltán Despond erhielt seine Ausbildung von Pierre-Bernard Sudan in Fribourg und von Marc Jaermann in Lausanne, später von Thomas Grossenbacher an der Hochschule der Künste Zürich, wo er 2018 mit einem Master als Solist abschloss. Seine Konzerttätigkeit führt ihn durch ganz Europa. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Kammermusik, die er mit Vesselin Stanev pflegt, seinem ständigen Begleiter am Klavier.
Der 58-jährige Vesselin Stanev stammt aus Varna (Bulgarien). Er absolvierte seine Ausbildung an der Musikakademie in Sofia, bei Dmitri Bashkirov am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau und bei Alexis Weissenberg am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris. Er gewann Preise beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau und beim Concours Marguerite Long – Jacques Thibaud. Vesselin Stanev trat in vielen grossen Konzerthäusern Europas auf wie zum Beispiel der Wigmore Hall in London, der Alten Oper Frankfurt, der Philharmonie Berlin, dem Gewandhaus Leipzig oder der Salle Gaveau in Paris. Er konzertiert aber auch regelmässig in den nordischen Ländern, in Ost- und Südosteuropa, Russland und Japan.