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Während der Bürgermeister den Klimawandel als Ursache der Katastrophe benannte, sprachen viele Einwohner Venedigs von politischem Versagen. Das bereits seit 2003 in Bau befindliche Sturmflutsperrwerk Mose (modulo sperimentale elettromeccanico), in das schon sechs bis sieben Milliarden Euro investiert wurden, ist noch immer nicht funktionstüchtig.
"Venedig wird in die Knie gezwungen", klagte der Bürgermeister, bevor er den Notstand ausrief. Der Präsident der Region Veneto, Luca Zaia, sagte, 80 Prozent der Stadt stünden unter Wasser, es gebe "unvorstellbare Schäden". In den Wassermassen, die sich durch das Stadtzentrum wälzten, trieben Stühle und Tische.
Viele Anlegestellen für die Gondeln wurden weggerissen. Einheimische und Touristen wateten durch überflutete Gassen, Hotelgäste kletterten mit ihrem Gepäck aus Fenstern, um sich mit Wassertaxis zu retten. Die Küstenwache schickte spezielle Boote in die überfluteten Strassen, die als schwimmende Krankentransporte dienen sollten.
Die Feuerwehr rückte zu mehr als 400 Einsätzen aus. Wie italienische Medien berichteten, wurde ein 78-jähriger Mann durch einen Stromschlag getötet, als er eine Pumpe gegen das ansteigende Wasser einsetzen wollte.
Nach Angaben des Lagezentrums stieg das als acqua alta bekannte Hochwasser am späten Dienstagabend auf einen Pegel von 1,87 Meter. Nur ein einziges Mal seit Beginn der Aufzeichnungen 1923 war das Wasser noch höher: 1966 lag der Pegel bei 1,94 Meter.
Auch in Venedig schwankt der Wasserpegel durch Ebbe und Flut - für die Nacht zum Donnerstag wurde ein erneutes Ansteigen erwartet. Der Pegelstand von 1,87 Metern bedeutet nicht, dass sämtliche Stadtteile gleichermassen von Wasser überflutet werden. Die meisten Teile Venedigs liegen selbst auf einer Höhe von einem Meter bis 1,30 Meter.
Der italienische Umweltminister Sergio Costa sah in dem Hochwassernotstand eine "direkte Konsequenz des Klimawandels". Dazu zählte er auch den Einzug tropischer Wetterphänomene wie Starkregen und starke Windböen.
Das Milliardenprojekt Mose müsse "schnellstmöglich fertiggestellt werden", forderte Bürgermeister Brugnaro. Das Bauvorhaben zielt darauf ab, die Lagunenstadt bei Hochwasser in der Adria mit 78 schwimmenden Deichen zu schützen. Ursprünglich waren dafür zwei Milliarden Euro veranschlagt. Nach Missmanagement und Funktionsstörungen wird inzwischen nicht mehr mit einer Fertigstellung vor 2022 gerechnet.
"Sie haben sechs Milliarden Euro gestohlen", klagte Dino Perzolla, ein 62-jähriger Einwohner von Venedig. "Die Politiker müssen alle ins Gefängnis." Ingenieure entdeckten erst kürzlich, dass Teile der Mose-Konstruktion verrostet waren.
Am Mittwochabend besuchte der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte die überschwemmte Basilica di San Marco. Conte kam in die Lagunenstadt, um sich ein Bild der Situation nach den schweren Überschwemmungen zu machen. Der Regierungschef sprach von einer "dramatischen Lage" in Venedig.
"Venedig ist ein Erbgut Italiens und der ganzen Menschheit. Wir müssen eine Reihe historischer Probleme lösen", sagte Conte am Ende eines Treffens mit Bürgermeister Brugnaro und dem Präsidenten der Region Veneto. Der Regierungschef kündigte für Donnerstag eine Ministerratssitzung an, bei der die Regierung Finanzierungen zur Behebung der schweren Schäden in Venedig beschliessen will.
Conte versprach, sich für die rasche Fertigstellung des Dammsystems Mose einzusetzen.
(sda)