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Die E., auch als Völkerkunde bezeichnet, befasst sich mit der Erforschung vergangener und gegenwärtiger Kultur- und Gesellschaftsformen. Als vergleichend-deutende Disziplin fusst sie auf der Beobachtung, Befragung und Darstellung der soziokulturellen Gegebenheiten einzelner Kulturen (Ethnografie). Mehr oder weniger synonyme Bezeichnungen sind die aus der amerikanischen Wissenschaftstradition stammende Kulturanthropologie und die v.a. in den angelsächsischen Ländern gebräuchliche Sozialanthropologie (Anthropologie). Eine verwandte Disziplin ist die Volkskunde (europ. E.). Inhaltliche und methodische Überschneidungen gibt es auch mit der Soziologie und der Sozialgeschichte. Als sich die E. im 19. Jh. in Europa etablierte, beschäftigte sie sich vorwiegend mit aussereurop. Kulturen, sog. Naturvölkern bzw. archaischen Gesellschaften, in der Ära des Imperialismus als "primitiv" klassifizierten Gesellschaften. Heute gehören auch komplexe Gesellschaften mit Randgruppen oder Subkulturen und das Studium des sozialen Wandels zu ihrem Forschungsgebiet.
Als selbstständige akadem. Disziplin ist die E. in der Schweiz relativ jung. Lange wurde das Fach als Ergänzung bzw. als Teil anderer Disziplinen, v.a. der Geografie, betrachtet. 1861 erschien als wegweisendes Werk "Das Mutterrecht" von Johann Jakob Bachofen zur Frage der Entstehung und Frühentwicklung von Kultur und Religion. Zumeist schon im 19. Jh. entstanden in Zürich, Basel, Bern, Neuenburg und St. Gallen geogr. und ethnografisch-geogr. Gesellschaften, die in ihren Jahresberichten Beiträge von Reisenden, Missionaren, Händlern und Diplomaten über fremde Völker und Kulturen publizierten. Privatsammlungen aus dieser Zeit trugen wesentlich zur Entstehung der grossen ethnograf. Museen und damit auch zur Etablierung des Faches an den Universitäten bei. Otto Stoll war der erste, der an einer Schweizer Universitiät (Zürich) völkerkundl. Vorlesungen hielt. Das erste Extraordinariat für E. entstand an der Univ. Neuenburg (Ethnographie et Histoire comparée des civilisations) und wurde 1912 vom franz. Ethnologen Arnold Van Gennep besetzt. In Basel publizierten die Privatgelehrten Fritz und Paul Sarasin bereits um die Jahrhundertwende ihre ethnograf. Forschungen. 1917 erhielt in Basel Felix Speiser ein weiteres Extraordinariat für E. (Ordinariat 1963). Von den Museumssammlungen angeregt, wurde und blieb Melanesien auch unter seinen Nachfolgern Alfred Bühler und Meinhard Schuster regionaler Schwerpunkt der Forschung, mit Afrika als zusätzl. Arbeitsgebiet. Das erste Ordinariat für E. wurde 1942 in Freiburg mit Wilhelm Schmidt, dem Gründer und Leiter des 1938 von Wien nach Posieux (heute Gem. Hauterive, FR) umgesiedelten Anthropos-Instituts, besetzt. 1960-89 lag der Schwerpunkt bei den Kulturen Afrikas, heute bei den mediterranen und den osteuropäischen Kulturen. In Zürich lehrte Alfred Steinmann ab 1963 die E. im Rahmen der Geografie. 1963 erfolgte die Berufung von Karl Henking (Religions- und Kunstethnologie). Der erste Lehrstuhl wurde 1971 mit Lorenz Löffler (Südasien) besetzt. Das Anwachsen der Zahl der Studierenden führte zur Schaffung weiterer Professuren und Lehraufträge, sowie zur Spezialisierung in Lehre und Forschung (Ethnopsychologie, Ethnomedizin, Entwicklungsethnologie und visuelle Anthropologie). In Bern war Walter Dostal 1966 erster Lehrstuhlinhaber. Mit der Berufung von Wolfgang Marschall 1976 erfolgte eine Verlagerung des Schwerpunkts vom südarab. Raum zu Indonesien (und Madagaskar). In Neuenburg erfolgte, nachdem der Lehrstuhl (Histoire comparée) Van Genneps 1921 aufgehoben worden war, nach anfängl. Zusammenarbeit zwischen der E. und der Geografie (Jean Gabus) 1974 die Errichtung des selbstständigen Lehrstuhls mit Pierre Centlivres als erstem Inhaber und Direktor des Instituts. Seine Forschungsschwerpunkte sind Zentralasien und der Mittlere Osten. Der jüngste Lehrstuhl, jener von Lausanne, besteht seit 1979. Sein erster Inhaber war Gérald Berthoud, der eng mit den Soziologen zusammenarbeitete. Die zusätzliche Berufung von Mondher Kilani 1983 brachte eine inhaltl. und regionale Erweiterung (Nigeria, Tunesien) von Forschung und Lehre mit sich. An der Univ. Genf werden Kurse in Kultur- und Sozialanthropologie angeboten.
Die versch. Institute geben jeweils eigene Publikationsreihen heraus. Bezüglich der theoret. Ausrichtung und den Forschungszielen weisen sie keine markanten Unterschiede auf. Die grossen Museumssammlungen und personelle Lehrstuhlbesetzungen regten anfänglich wie in Deutschland und Österreich zur kulturhistorisch-vergleichenden Arbeitsweise an. In unterschiedlicher Gewichtung beeinflussten ab der Mitte des 20. Jh. die struktur-funktionalist. Schule der britischen Sozialanthropologie, die amerikan. Kulturanthropologie und die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss, ferner die Ökologie, die kognitive Anthropologie und die Semiotik die theoret. Ausrichtung der Institute. Die früher marginale Disziplin entwickelte sich insbesondere seit den 1980er Jahren zu einer wichtigen integrativen Sozial- und Kulturwissenschaft; die Zahl der Studierenden nimmt ständig zu. Sowohl die völkerkundl. Museen mit ihren multimedialen, problemorientierten Ausstellungen und Publikationen als auch die Universitätsinstitute betonten vermehrt auch den aktuellen Bezug zu Entwicklungzusammenarbeit und Migration, ferner die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf den Gebieten der Ethnomedizin, der interkulturellen Kommunikation und kulturellen Identität, der Ethnizität und Geschlechterrollen. Die Unterscheidung von Fremd-Kulturen und Eigen-Kultur verliert an Bedeutung. Die 1971 gegründete Schweiz. Ethnologische Gesellschaft bietet mit ihren Blockseminaren und Publikationsreihen eine grosse themat. Breite und beweist eine kritische Haltung gegenüber Eurozentrismus und Rassismus. Ihre Ziele überschneiden sich mit jenen des Institut Universitaire d'Etudes du Développement (seit 1961) in Genf und mit jenen der Schweiz. Afrika-Gesellschaft, der Schweiz. Amerikanisten-Gesellschaft und der Schweiz. Gesellschaft für Asienkunde.
Literatur
– Information SEG, 1972-
– A. Niederer, «Vergleichende Bemerkungen zur ethnolog. und zur volkskundl. Arbeitsweise», in Beitr. zur E. der Schweiz 4, 1980, 1-25
– Völkerkundl. Slg. in der Schweiz, 1984
– Who's who der Schweizer E., hg. von S. Rey, 1995
– Tsantsa, 1996-
– L'objectif subjectif: collections de photographies ethno-historiques en Suisse, 1997
Autorin/Autor: Hugo Huber