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Auf unser Gehirn prasseln jede Sekunde elf Millionen Sinneseindrücke ein — selbst wenn wir nur dösend im Sessel sitzen. Das Gehirn sammelt, bewertet, gewichtet und sortiert die unbewussten Informationen. Nur ein sehr kleiner Bruchteil davon gelangt in unser Bewusstsein. Intuition ist dabei die Fähigkeit aus der Unmenge von Informationen die entscheidenden heraus zu fi ltern. Dieser Prozess ist dem Bewusstsein nicht zugänglich. Die Intuition ist eine plötzliche Eingebung, welche man nicht begründen kann. Der Forscher Gerd Gigerenzer (siehe Interview) sagt: «Die intuitive Kraft des Gehirns besteht aus vielem unbewusstem Wissen über die Welt.»
Oft werden solche Bauchgefühle gegenüber rationalen Entscheidungen abgewertet. Der Intuitionsforscher Henning Plessing ist aber der Meinung, dass die Intuition messerscharf arbeite, während der Verstand nur schwach sei. Es gibt viele Beispiele, welche die Macht intuitiver Entscheidungen demonstrieren. Ein Beispiel dafür sind Speed-Dating-Partys. Teilnehmer, welche nur sechs Minuten Zeit haben um sich kennen zu lernen, irren sich weniger oft in ihrem Gegenüber als Teilnehmer, welche länger Zeit haben. Auch Schüler, welche die Fähigkeiten eines Lehrers bereits nach einigen Minuten einschätzen sollten, schnitten dabei besser ab als solche, die ihr Urteil erst am Ende einer Lektion abgegeben hatten. Selbst Experten können von ihren Bauchgefühlen profi tieren. Vor einigen Jahren wollte das Getty-Museum in New York für zehn Millionen Dollar eine griechische Jünglingsstatue kaufen. Die Statue wurde 14 Monate lang mit modernsten Verfahren auf ihre Echtheit untersucht. Die Experten kamen zum Schluss, dass sie schon viele hundert Jahre alt sein musste. Kurz vor dem Kaufvertrag nahm auch Thomas Hoving, der ehemalige Leiter des Metropolitan Museum of Art, die Statue in Augenschein. Seine erste Assoziation dazu war «frisch», was nicht zu dem Urteil der anderen Experten passte. Weitere Nachforschungen ergaben, dass es sich bei der Statue tatsächlich um eine Fälschung handelte. Die Oberfl äche war künstlich oxidiert worden, sodass die Messungen ein hohes Alter anzeigten. Hoving hatte jedoch bei Grabungen in Sizilien mitgearbeitet und die dortigen Statuen waren durch das Erdreich stärker verfärbt.
Im Interview mit Gerd Gigerenzer wollten wir mehr über das Phänomen Intuition erfahren. Welche Vorteile haben intuitive gegenüber rationalen Entscheidungen? Und welche Rolle spielt die Intuition im Alltag?
STUDIO!SUS: Was ist Intuition?
→ Ich defi niere Intuition durch drei Komponenten. Zum ersten ist eine Intuition ein Urteil, welches schnell im Bewusstsein ist. Es ist einfach da. Zum zweiten ist eine Intuition stark genug um unser Handeln zu leiten. Zum dritten, und dies ist der wesentlichste Punkt, ist eine Intuition ein unbewusster Prozess.
STUDIO!SUS: Gibt es Vorteile intuitiver Entscheidungen gegenüber rationalen?
→ Ja. Ein grosser Vorteil kommt daher, dass intuitive Entscheidungen sehr schnell sind. Diese Schnelligkeit ist z.B. beim Sport zentral. In einer Studie mit Golfspielern wurden Experten und Anfänger untersucht. Man instruierte sie, genau auf den Swing und die Abfolge der Bewegungen zu achten. Dies führte dazu, dass die Anfänger besser wurden. Die Experten dagegen verschlechterten sich. Als nächstes gab man den Spielern weniger Zeit für den Abschlag. Dabei verschlechterten sich die Anfänger, wohingegen die Experten sich verbesserten. Dies hängt damit zusammen, dass die Prozesse bei den Experten intuitiv ablaufen, ausserhalb des Bewusstseins. Wenn man das Bewusstsein auf einen automatisierten Prozess lenkt, wird der Prozess gestört und in der Regel verschlechtert sich die Leistung. Dasselbe gilt auch für andere Verhaltensweisen, die sehr lange trainiert wurden, wie z.B. Klavierspielen.
STUDIO!SUS: Würden Sie intuitive Entscheidungen dem Unbewussten gleichsetzen?
→ Nein. Ein Beispiel für eine intuitive Entscheidung ist, wenn man sich verliebt. Die Entscheidung ist schnell, sie bestimmt das Verhalten und man kann nicht sagen warum gerade diese Person. Das Unbewusste macht also nur einen Teil der intuitiven Entscheidung aus. In unserer Forschung versuchen wir diese unbewussten Mechanismen, nach denen Menschen funktionieren, herauszuar beiten. Ein sehr einfacher Mechanismus ist der Imitationsmechanismus. Ein Mann verliebt sich in eine Frau. Warum? Weil andere Männer diese Frau wollen. Dieser Mann muss über die Frau gar nichts wissen. Er weiss, dass die anderen sie wollen und sagt, ich will sie auch. Dies hat den Vorzug, dass er sich der Akzeptanz der anderen sicher sein kann.
STUDIO!SUS: Stimmt es, dass der Vorteil intuitiver Entscheidungen daher
kommt, dass bei unbewussten Mechanismen mehr Information gleichzeitig im
Gehirn verarbeitet werden können?
→ Dies ist die gängige Meinung. Ich würde dem jedoch widersprechen. Der springende Punkt ist, dass viele Forscher nicht realisieren, dass man mit weniger Information in einer unsicheren Welt bessere Entscheidungen treffen kann. Es gibt zahllose Situationen, in denen das Fokussieren auf wenige Informationen zu besseren Entscheidungen führt als rationale Entscheidungstechniken. Hier steckt ein revolutionärer Gedanke dahinter. Die Idee, dass man manchmal mit weniger Information zu besseren Entscheidungen kommt, kann sehr beunruhigend sein.
STUDIO!SUS: Kann Intuition in der Wissenschaft oder ganz allgemein dazu
beitragen neue Denkansätze oder Lösungen zu fi nden?
→Wir am Max Planck Institut machen Grundlagenforschung, aber jede gute Grundlagenforschung ist praktisch höchst relevant. Wir arbeiten mit verschiedenen Berufsgruppen zusammen um rationale Entscheidungsprozesse durch Entscheidungsansätze zu ersetzen, die nach dem Modell der menschlichen Intuition funktionieren. Ein Beispiel: Notärzte müssen bei Patienten, die mit schweren Brustbeschwerden eingeliefert werden, schnell eine Entscheidung treffen. Muss der Patient auf die Herzintensivstation oder kommt er in ein reguläres Bett? Dies ist eine Entscheidung auf Leben und Tod. Wenn der Patient einen Herzinfarkt erleidet, sollte er auf der Intensivstation sein, wenn er keinen bekommt, sollte er in einem regulären Bett sein – die Intensivstation ist einer der gefährlichsten Bereiche in einer Klinik, da kann man sich alles Mögliche einfangen. Die Ärzte einer Klinik in Michigan schickten 90% dieser Patienten auf die Intensivstation. Dies führte zu einem Anstieg der Kosten und einer Reduktion der Qualität. Zuerst hat man eine Lösung gesucht, welche dem klassischen, rationalen Modell entspricht. Medizinwissenschaftler der Universität Michigan haben den Ärzten beigebracht, wie man die Entscheidung, Intensivstation oder nicht, mit Hilfe eines komplexen Verfahrens (einer logistischen Regression) treffen kann. Dieses Verfahren führte zwar zu besseren Entscheidungen, aber die Ärzte kehrten wieder zum Status Quo zurück, sobald die Wissenschaftler weg waren. Dann haben die Forscher der Universität Michigan von unserer Arbeit in Berlin gehört und einen neuen Weg eingeschlagen. Sie haben eine diagnostische Strategie entworfen, die wie die menschliche Intuition funktioniert. Diese Heuristik (Daumenregel) stellt nur drei Fragen. Wenn eine der Fragen mit Ja beantwortet wird, muss der Patient auf die Intensivstation, ansonsten kommt er in ein reguläres Bett. Die Strategie ist sehr schnell, wie die normale Intuition. Zudem kann sie Herzinfarkte besser vorhersagen als das rationale Modell. Auch die Ärzte sind mit dieser Strategie zufrieden und wenden sie seit sieben Jahren an.
STUDIO!SUS: Nutzen Sie ihr Wissen über Intuition im Alltag?
→Ich lerne sehr viel von meiner eigenen Forschung. Ich beobachte mich selbst besser und lerne den Mut zu haben, Entscheidungen schneller und mit weniger Information zu treffen. In meiner Position als geschäftsführender Direktor des Max Planck Instituts muss ich sehr viele Entscheidungen treffen. Wenn z.B. eine Person in einem Bereich sehr kompetent ist, dann sollte man der ersten Intuition dieser Person folgen und nicht lange debattieren. Das ist analog zum Profi - Golfspieler. Der spielt am besten, wenn er nicht nachdenkt und seiner ersten Intuition folgt. Dies kann man auch bei trivialen Entscheidungen im Alltagsleben anwenden. Ich habe z.B. gelernt bei Geschäftsessen die Speisekarte gar nicht mehr anzuschauen. Wenn ich mit jemandem esse, der sich dort auskennt, bestelle ich dasselbe wie er. Das funktioniert gut. Indem man sich intuitiv auf andere verlässt, kommt man viel schneller zu besseren Entscheidungen. Ganz allgemein kann man lernen, dass transparente Entscheidungen, schnelle Entscheidungen und Entscheidungen mit wenig Information häufi g besser sind als solche, bei denen man lange nachdenkt und viele Informationen berücksichtigt.
Kurzbiographie:
Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor des Forschungsbereichs Adaptives Verhalten und Kognition am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturwissenschaften.
Er hat das «Wissenschaftsbuch des Jahres 2002» geschrieben: Das Einmaleins der Skepsis — Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken.
In Kürze erscheint bei Bertelsmann: Bauchgefühle — Die Intelligenz des Unbewussten.