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Der amerikanische Schauspieler, Strassentheaterspieler und Künstler Michael Christensen besuchte vor 34 Jahren zum ersten Mal Kinder in einem New Yorker Spital – verkleidet als lustiger «Dr. Stubs». Dies war die Basis für unzählige weitere Besuche als Dr. Stubs. Seine Arbeit inspirierte André und Jan Poulie, die Stiftung Theodora zu gründen. Heute arbeitet er insbesondere in den Aus- und Weiterbildungsprogrammen der Stiftung Theodora mit.
Michael Christensen, Sie haben 1986 den Grundstein für die professionelle und methodisch fundierte Clowndoktor-Arbeit weltweit gelegt. Seitdem besuchen Sie als Künstler verschiedene Kinderspitäler in den USA. Was hat sich seither verändert?
Seit ich damals angefangen habe, hat sich die ganze Welt verändert. Und natürlich haben sich auch die Künstler und Spitäler verändert. Wir waren nicht die ersten Künstler, die ins Spital gingen. Es gab schon andere, die das vor uns gemacht haben – aber die «Big Apple Circus Circus Clown Care Unit», die ich mitgegründet habe, war 1986 die erste Organisation, die dafür erhebliche künstlerische, finanzielle und administrative Ressourcen aufbrachte. Seitdem ist das Spital-Clowning in Amerika gewachsen. Es gibt zahlreiche Organisationen, die auf einem sehr hohen professionellen Niveau arbeiten, sowie auch Freiwillige. Europa und die restliche Welt haben die Idee, professionelle Künstler in Spitäler zu bringen, in viel grösserem Umfang aufgegriffen, als dies in den Vereinigten Staaten der Fall ist.
Sie starteten als Mr. Stubs und wurden schliesslich zu Dr. Stubs…
Ja, angefangen habe ich als Mister Stubs im Big Apple-Zirkus. Mein Partner Paul Binder und ich hatten Mitte der 70er Jahre eine Comedy-Jongliernummer, mit der wir durch die Strassen Europas tourten. Wir spielten in Kabaretts, Musicals und Cafés von London bis Istanbul und landeten schliesslich im französischen Wanderzirkus. Diese erfahrung war es schliesslich, die uns dazu inspirierte, 1977 den Big Apple-Zirkus zu kreieren. Wir gründeten ihn als eine wohltätige Organisation für darstellende Kunst im Dienst der Gesellschaft. 1986 gründete ich dann die «Big Apple Circus Clown Care Unit» als eine gemeinnützige Initiative unserer Organisation.
Ich war elf Jahre lang als Mr. Stubs Clown in der Manege. 1986 machte ich dann meinen Abschluss als Clowndoktor und wurde zu Dr. Stubs: meinen Arztkoffer hatte ich bereits, dazu bekam ich einen Arztkittel. Als ich 1986 als Dr. Stubs begann hatte ich keine Ahnung, dass dies so blühen und wachsen würde, wie es in den letzten 32 Jahren geschehen ist.
Als Dr. Stubs brachten Sie viel Freude und Lachen zu den Kindern. Aber auch Erwachsene haben Sie zum Lachen gebracht.
Ja, das war eines der ersten Dinge, die uns bewusst wurde. Es waren vielleicht die Kinder, die uns ins Spital gebracht haben, aber wir sind auch für die Eltern und das Personal da. Mittlerweile besuchen die Künstler viele Bevölkerungsgruppen; ältere Menschen, Menschen, die an Demenz oder Alzheimer leiden oder Menschen mit einer Behinderung. Wir erleben, dass Freude für alle gut und wichtig ist.
Gibt es eine Begegnung als Dr. Stubs, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gab einen Jungen, der viel ins Rollen gebracht hat. Sein Name war Carmelo. Ich lernte ihn Anfang der 90er Jahre in einem Spital in New York kennen. Er war ein guter Schauspieler, also engagierten wir ihn, um mit uns als Miniaturausgabe von Dr. Stubs aufzutreten. Der junge Patient hatte das gleiche Make-up wie ich sowie einen kleinen Koffer. Und dann schrieb das bekannte «Life Magazine» einen Artikel über ihn, mich und unser Programm. Das brachte internationale Aufmerksamkeit für unsere Arbeit. Der kleine Junge setzte also eine Reihe von Schritten in Gang, die dazu führten, dass unsere Arbeit in New York international bekannt wurde. Und das trug dazu bei, Clinic Clowns Belgien, Clinic Clowns Niederlande, Clinic Clowns Österreich zu inspirieren. Und es war auch dieser Artikel, der André und Jan Poulie inspirierte, zu Ehren ihrer Mutter Theodora die Stiftung Theodora zu gründen.
André flog damals zu mir nach New York. Wir trafen uns in meinem Garten, neben einem Tomatenbeet. Meine Frau sagte: «Ich kann nicht glauben, dass du diesen Mann mit seinen schönen Schuhen und seinen schicken Kleidern in unseren Garten gesetzt hast!» Aber auch jetzt noch, wenn André und ich uns E-Mails schreiben, kommen wir gerne auf diese Gartenanekdote zurück. Er liebte die Gartenarbeit genauso wie ich. Unsere Prioritäten sind also gesetzt. Einmal scherzten wir, dass wir zwei gemeinsame Leidenschaften haben: Tomaten zu züchten und Programme für Spitäler zu entwickeln.
Das ist es also, was Sie und André verbindet. Was, glauben Sie, verbindet Sie und die Stiftung Theodora im Allgemeinen?
Oh, im Grunde haben wir die gleiche Mission: Uns für schwächere Bevölkerungsgruppen wie Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung einzusetzen und ihnen einen Moment der Abwechslung zu schenken. Wir haben die gleiche, freudige Mission.
Ausserdem haben wir eine ähnliche Motivation: Mein Engagement als Dr. Stubs ist aus dem Verlust meines Bruders entstanden, Jan und André gründeten die Stiftung Theodora in Gedenken an ihre verstorbene Mutter. Wir teilen also unsere Motivation, warum wir uns für Kinder einsetzen wollen. Das ist für mich etwas ganz Wichtiges und Besonderes. Ich erachte als inspirierend und beflügelnd, zu sehen, wie Menschen Verlust in Freude verwandeln können.
Mit welchen drei Worten würden Sie die Stiftung Theodora beschreiben?
Einsatz, Freude und Professionalität.
Bei der Stiftung Theodora arbeiten Sie regelmässig in den Aus- und Weiterbildungsprogrammen mit. Was würden Sie einem (zukünftigen) Traumdoktoren auf den Weg geben?
Das, was uns alle verbindet, ist, ist unser solidarischer Einsatz. Es geht nicht um uns und unser persönliches Wohlbefinden. Es geht um jemand anderen. Zunächst einmal muss man ein hervorragender Künstler sein, der in der Lage ist, authentisch mit seinem Publikum in Kontakt zu treten. Dieser muss emotional geerdet und reif sein. Und diese Reife ermöglicht es ihm, die Bandbreite seiner Optionen zu erweitern.
Ein Traumdoktor muss ausserdem die Fähigkeit entwickeln, ganz und gar präsent zu sein. Er darf sich nicht mit etwas beschäftigen, das einmal passiert ist, und er darf nicht daran denken, was in der Zukunft passieren könnte. Ein Traumdoktor muss ferner über künstlerische Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten verfügen. Die künstlerischen Fähigkeiten können verschiedener Art sein: Zauberei, Gesang, musikalisches Können, Jonglieren, Zirkuskunst, Akrobatik, Geschichten erzählen oder Puppenspiel. Das alles sind Kunstformen, die im Spitalumfeld integriert werden können.
Wichtig ist auch eine grosse Flexibilität. Wenn der Künstler einen Raum betritt, ist die Atmosphäre anfangs vielleicht schwer; aber er hat die Erlaubnis, sie in diese leuchtende, vibrierende, glühende, entzückende Energie umzuwandeln, bei der es das Gefühl gibt, dass alles passieren kann – dass alles möglich ist! Das Spital ist einer der anspruchsvollsten Orte für einen Künstler. Er befindet sich in einer Situation, in der sich die Umgebung ständig verändert. Er hat nicht die Sicherheit einer Bühne. Er hat nicht die Sicherheit einer Zirkusmanege. Er befindet sich in einer Situation, die stark emotional aufgeladen ist. Er arbeitet in einer Umgebung, in der Hygiene und Struktur notwendig sind. Der Künstler muss sicherzustellen, dass er selbst gesund ist und er muss die Regeln befolgen. Das ist eine sehr herausfordernde Situation.
Was ist der grösste Unterschied zwischen einem Künstler im Spital und einem Clown im Zirkus?
Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen einer Aufführung in einer Zirkusmanege und einem Auftritt im Spital! Zunächst einmal gibt es in der Manege eine kontrollierte Umgebung: Es gibt ein Publikum, das da ist, um unterhalten zu werden. Wir haben Leben, wir haben Musik, wir haben Inszenierungen, wir haben einen Charakter. Es ist ein sehr sicherer Ort. Das Spital ist überhaupt kein sicherer Ort für einen Künstler. Es gibt die Gänge, den Aufzug, Zimmer, verschiedene Abteilungen, aber keinen spezifischen Bereich für den Künstler. Und im Spital kann man nicht auf eine bestimmte Figur festgelegt sein, wie in einem Zirkus oder auf einer Bühne. Denn das ist einschränkend. Im Spital braucht es den Menschen! Mit all seiner Freude, seiner Einzigartigkeit und mit seinen besonderen Eigenschaften, die ihn ausmachen. Dadurch erst wird die Figur authentisch. Und jeder fühlt sich damit wohl.
Haben Sie auch mit Kindern mit Behinderung gearbeitet?
Ich arbeite seit einigen Jahren in New York mit Kindern mit körperlichen Behinderungen. Dabei ist eine grossartige Zusammenarbeit zwischen uns Künstlern und den Physiotherapeuten entstanden. Wir schaffen fantasievolle Wege, um die Kinder dazu zu bringen, sich zu bewegen. Wenn wir möchten, dass jemand mit der Hand in die Luft greift, lassen wir Seifenblasen steigen, so dass die Kinder mit Staunen und Neugierde nach den Blasen greifen wollen, um sie zu erreichen. Wir motivieren sie mit Staunen, Freude, Spass, Fantasie und Spiel im Gegensatz zur reinen Logik.
Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft der Arbeit von Spitaldoktoren im Allgemeinen und für unsere Stiftung im Besonderen?
Seit 1986 ist die Tätigkeit professioneller darstellender Künstler im medizinischen Umfeld in einer Weise gewachsen, die sich niemand von uns je hätte vorstellen können. Mein Wunsch ist, dass wir alle offen und empfänglich bleiben und dass wir diese erstaunliche Aktivität auf eine Art und Weise akzeptieren und wachsen können.
Theodora: Mach weiter mit dem, was du tust. Verfolge deine Mission. Sei weiterhin aufmerksam. Finde weiterhin die besten Künstler und unterstütze diese. Bleibe offen für alle Möglichkeiten, um Freude zu den Menschen zu bringen.
Traumdoktoren oder Clowndoktoren bzw. Spitalclowns gibt es auf der ganzen Welt. Sehen Sie einen Unterschied zwischen den Ländern?
Es gibt gewisse Unterschiede. Aber die grundlegende Arbeit – eine wunderschöne Arbeit – ist dieselbe. Was zwischen dem Künstler und dem Kind, den Eltern und dem Pflegepersonal passiert, bleibt überall auf der Welt gleich.
Herzlichen Dank, Michael Christensen, für dieses spannende und ausführliche Interview!