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Eine Kritik an der öffentlichen Debatte
von Fabienne Freymond Cantone
Erschienen am 3. November 2021 unter dem Titel Marché de dupes : les négociations pour la révision de notre système de retraite reposent sur de mauvaises bases (22.11.2021). Wir danken für die Erlaubnis zur Übersetzung und Publikation.
Wer beziffert die emotionale Erpressung, die in einer Verhandlung eingesetzt wird? Niemand: Denn abgesehen davon, dass diese Vorgehensweise ein Gefühl der Manipulation hervorrufen würde, ist sie zudem in der Regel wirkungslos. In der Debatte über die Defizite in der AHV und in der zweiten Säule der Altersvorsorge wird jedoch genau diese Erpressung praktiziert. Den Frauen wird gesagt: «Wenn ihr nicht bereit seid, länger zu arbeiten, dann tragt ihr die Verantwortung für den Bankrott des Systems». Die Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus. In Zahlen ausgedrückt: Frauen verfügen jedes Jahr über 100 Milliarden Franken weniger Einkommen als die Männer; und nun sollen sie mit der Erhöhung des Frauenrentenalters jährlich 1,2 Milliarden Franken zur Sanierung der AHV beitragen. Ist das gerecht?
Die Debatte über das Rentenalter der Frauen konzentriert sich unter dem Deckmantel der Gleichheit auf die Möglichkeit, an Frauen zu sparen. Eigentlich sollte aber es um die Lohngleichheit gehen und um die Tatsache, dass Frauen die am schlechtesten bezahlten Berufe ausüben und darüber hinaus unbezahlt Kinder betreuen und Angehörige pflegen. Erst wenn diese Ungerechtigkeiten beseitigt sind, ist es überhaupt an der Zeit, die Frage des Rentenalters aufzuwerfen.
Die Kunst des Verhandelns: Null Punkte für die Debatte über das Rentensystem.
In einer ehrlichen Verhandlung muss jede Partei Kompromisse eingehen, um eine Lösung zu finden, die für alle akzeptabel ist. In diesem Fall wurde der Kompromiss vorweggenommen: Eine Mehrheit der Politiker*innen ist sich bereits einig, dass das Rentenalter für Frauen erhöht werden muss. Die Frage, ob die Renten von Frauen im Ruhestand angemessen sind, wird gar nicht erst auf den Tisch gebracht. Die verzerrte Debatte wird genährt durch die scheinbar unverrückbare Annahme, dass sich ein Teil der Bevölkerung in Niedriglohnberufen um die Pflege anderer kümmern muss; und dass ein Grossteil der lokalen Wirtschaftsleistung weiterhin unbezahlt erbracht wird – mehrheitlich von Frauen. Die Beteiligung von Männern zu gleichen Teilen steht nicht auf der Agenda. Kurzum: Es wird über den Strohhalm im Auge der Nachbarin gesprochen, statt über den Balken im eigenen Auge. Das ist der Kuhhandel, von dem ich spreche.
Bestandesaufnahme: Rentenunterschiede zwischen den Geschlechtern und ihre Ursachen.
Eine im September 2021 veröffentlichte Studie der Universität St. Gallen1Emmanuel Garessus: Les rentes des femmes sont inférieures d’un tiers à celles des hommes. In: Le Temps, publiziert am 29 September 2021: https://www.letemps.ch/economie/rentes-femmes-inferieures-dun-tiers-celles-hommes (22.11.2021)bestätigt einen bekannten Sachverhalt: Frauen erhalten im Alter eine um einen Drittel niedrigere Rente als Männer. Dieser Rentenunterschied zwischen den Geschlechtern ist in der Schweiz höher als im Durchschnitt der OECD-Länder, insbesondere im Vergleich mit osteuropäischen und skandinavischen Ländern. Die Lohnlücke beträgt jedoch im Schweizer Durchschnitt 19% (schätzungsweise ca. 20 Milliarden Franken). Woher kommen also die grossen Rentenunterschiede?
Das Bundesamt für Statistik erstellt alle 3-4 Jahre eine Messung der bezahlten und unbezahlten Arbeit in der Schweiz2[2] Bundesamt für Statistik: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, unbezahlte Arbeit. https://www.bfs.admin.ch/bfs/fr/home/statistiques/travail-remuneration/activite-professionnelle-temps-travail/conciliation-travail-non-remunere.html (22.11.2021). Die Summe der gesamten unbezahlten Arbeit, die zu 63% von Frauen geleistet wird, wird auf rund 400 Milliarden Franken berechnet. Daraus ergibt sich eine Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen von etwa 80 Milliarden Franken pro Jahr.
Das eigentliche Gleichstellungsproblem, das wir haben, liegt also in der ungleichen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit: Während die Gesamtarbeitsbelastung zwischen Frauen und Männern im erwerbsfähigen Alter in etwa gleich hoch ist, leisten Frauen viel mehr unbezahlte Arbeit. Sie erhalten 100 Milliarden Franken weniger Einkommen pro Jahr (80 + 20 Milliarden).
Kurz gesagt: Wenn Frauen für ihre derzeit schlechter oder gar nicht bezahlte Arbeit mit den fehlenden 100 Milliarden Franken entlohnt würden, wäre das Problem der Einkommensdifferenz und der Renten im Alter gelöst!
Doppelte Bestrafung von Eltern
Eltern von zwei Kindern verbringen statistisch gesehen doppelt so viel Zeit mit haushalts- und betreuungsbezogener Arbeit: Mütter und Väter arbeiten insgesamt etwa 70 Stunden pro Woche (alles zusammengerechnet), während kinderlose Frauen und Männer 50 Stunden arbeiten. Es stellt sich die Frage nach der Anerkennung dieser Sorgearbeit: Haushalte mit Kindern oder pflegebedürftigen Erwachsenen sind finanziell und zeitlich belastet und können sich daher nicht im gleichen Ausmass bezahlten Aufgaben widmen, was sie in ihren Möglichkeiten einschränkt, mehr zu verdienen und mehr für ihre zukünftige Rente anzusparen.
Diese unbezahlte Arbeit ist von entscheidender Bedeutung. Alte Menschen, Kranke und Kinder sind darauf angewiesen. Man muss Jahrhunderte des patriarchalen Systems, der Ehegesetzgebung, der Eigentums- und Erbrechte, die den Frauen vorenthalten wurden, zurückgehen, um zu verstehen, dass Frauen nach wie vor an vorderster Front stehen, wenn es um die Pflege und Betreuung von Angehörigen geht. Wir können wahlweise von emotionaler, kultureller, historischer oder gesellschaftlicher Erpressung sprechen.
Wie machen es andere Länder?
Ein Wirtschaftsmodell mit einer «Spezialisierung» von Frauen auf die Pflege anderer, während Männer mehrheitlich in technischeren und besser bezahlten Bereichen beschäftigt sind, ist die Norm: Überall finden wir Unterschiede zwischen den Löhnen und Renten von Männern und Frauen; in den skandinavischen Ländern und Frankreich sind sie allerdings deutlich kleiner als in der Schweiz.
Wenn man die Unterschiede analysiert, lassen sie sich wie folgt zusammenfassen: In diesen Ländern werden Kinderkrippen und Tagesstätten für Schulkinder vom Staat finanziert; grosszügiger Elternurlaub und Freistellung von der Arbeit für pflegende Angehörige werden nicht nur gewährt, sondern auch gefördert. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit und ihre Verkürzung, nicht zu vergessen natürlich die Förderung der Aufteilung unbezahlter Arbeit, der Chancen- und Lohngleichheit in Unternehmen werden insbesondere im Norden Europas umgesetzt.
Die wahre Debatte: 100 Milliarden Franken müssen in die Waagschale geworfen werden.
Während die heutigen Technologien es uns ermöglichen, immer einfacher auf Distanz zu arbeiten, wird die Arbeit der Pflege und Betreuung anderer Menschen weiterhin aus der Nähe stattfinden; sie kann nicht von Maschinen und auch nicht aus der Ferne erledigt werden. Da die Bevölkerung immer älter wird, wird diese – bisher nicht oder nur gering entlohnte – menschennahe Arbeit also immer wichtiger.
Es ist an der Zeit, die Debatte über die Zukunft dieser Arbeit anzugehen und der derzeitigen emotionalen Erpressung Einhalt zu gebieten: Ist es fair und nachhaltig, dass weiterhin unzählige Arbeitsstunden unter simplen Vorwänden – «Das war schon immer so», «Kinder und Familie sind Privatsache» – geschenkt werden? Die damit verbundene Verarmung eines grossen Teils der Bevölkerung ist eine schlechte Nachricht für alle.
Forschung, Zahlen und die Zukunft unseres Landes
Das Niveau der AHV-Renten von Männern und Frauen ist heute dank der Erziehungs- und Betreuungsgutschriften praktisch gleich hoch. Bei den Renten der beruflichen Vorsorge gibt es einen solchen Ausgleich nicht. Die vom Parlament abgeänderte Vorlage des Bundesrates (AHV 21) ist eine sehr kurzfristige Rechnung, die aus einer Erhöhung des Rentenalters für Frauen besteht, mit «Peanuts» als Übergangslösung, die allerdings an enge Bedingungen geknüpft sind. Die hundert Milliarden Franken, die den Frauen jedes Jahr entgehen und sich spürbar auf die Höhe ihrer Renten auswirken, werden schlicht ausgeblendet. Unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft können mit diesem Ungleichgewicht und der dauerhaften Abhängigkeit eines Teils der Bevölkerung nicht gerecht sein.
Abschliessend kann ich nicht widerstehen, Mascha Madörin zu zitieren – eine Spezialistin für Entwicklungsökonomie und Pionierin auf dem Gebiet der politischen und sozialen Ökonomie im Bereich der Sorge- und Versorgungswirtschaft: «Je mehr ich mich als Ökonomin mit diesen Fragen beschäftige, desto dringender erscheint es mir, eine substanzielle wirtschaftspolitische und feministische Debatte über die zukünftige Organisation der Sorge- und Versorgungswirtschaft, des weiblichen Wirtschaftssektors par excellence, zu führen. Ohne diese Debatte gibt es kein Gleichgewicht, das für eine langfristig gesunde Wirtschaft, Gesellschaft und Staat notwendig ist.»
- 1Emmanuel Garessus: Les rentes des femmes sont inférieures d’un tiers à celles des hommes. In: Le Temps, publiziert am 29 September 2021: https://www.letemps.ch/economie/rentes-femmes-inferieures-dun-tiers-celles-hommes (22.11.2021)
- 2[2] Bundesamt für Statistik: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, unbezahlte Arbeit. https://www.bfs.admin.ch/bfs/fr/home/statistiques/travail-remuneration/activite-professionnelle-temps-travail/conciliation-travail-non-remunere.html (22.11.2021)