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Zu den bereits zahlreichen Publikationen in diesem Bereich gesellt sich in Kürze eine neue Studie hinzu2. Eine amerikanische Forschungsgruppe untersuchte, ob religiöse und spirituelle Akzeptanz einer bestimmten Hirnregion zugeordnet werden kann. Dazu wurden Patienten untersucht, bei denen auf Grund eines Tumors unterschiedliche Bereiche des Gehirns operativ entfernt werden mussten. Die Patienten wurden vor und nach der Operation zu ihrer Religiosität und Spiritualität befragt. Dann wurde geprüft, ob sich die Antworten durch die operative Verletzung bestimmter Hirnregionen verändert hatten.
Während Eingriffe in den meisten Hirnregionen keine signifikante Veränderung zeigten, führten Eingriffe in einer Region des Hirnstammes, dem Periaquäduktalen Grau (PAG), bei einem Teil der Patienten zu einer Verstärkung, bei anderen zu einer Abschwächung des religiösen und spirituellen Empfindens. Diese Ergebnisse sind ein weiterer Hinweis, dass Religiosität und Spiritualität grundlegend in unserer Neurobiologie verwurzelt sind.
Wird die Religion im Gehirn gesteuert?
Die erwähnte Studie ergänzt zahlreiche andere Studien, mit denen die neurobiologischen Grundlagen von Religion und Spiritualität zunehmend entschlüsselt werden. Für den christlichen Glauben kann das zu einer Herausforderung werden. Kann man noch an Gott glauben, wenn er nur das Produkt meiner Hirnzellen ist?
Im Zusammenhang mit dieser Frage zeigt sich, dass mit solchen Forschungsergebnissen unterschiedlich umgegangen werden kann:
1. Religionskritisch
Die Beziehungen (Korrelationen) zwischen einer bestimmten Hirntätigkeit und religiösen Erfahrungen werden so gedeutet, dass religiöse Prozesse im Gehirn konstruiert werden. Können solche Prozesse und Erfahrungen dann sogar simuliert werden, ist das Phänomen «Religion» naturalistisch erklärt, als ein Produkt der Evolution entlarvt und somit erledigt.
2. Religionsbestätigend
Die Korrelation wird so gedeutet, dass das menschliche Gehirn grundsätzlich «religionsfähig» ist. Das kann bedeuten:
a) Religion ist damit nicht etwas Schlechtes, sondern kann im Rahmen einer evolutionsbiologischen Deutung positiv als Selektionsvorteil gesehen werden.
b) Diese «Religionsfähigkeit» macht nur dann Sinn, wenn da auch tatsächlich etwas zu erfahren ist. Weshalb sonst sollte sich diese Fähigkeit evolutionsbiologisch entwickelt haben. Eine Analogie dazu wäre: Das Ohr macht nur Sinn, weil es etwas zu hören und das Auge, weil es etwas zu sehen gibt.
3. Weder religionskritisch noch religionsbestätigend
Hier werden die Erkenntnisgrenzen und -möglichkeiten der Neurowissenschaften beachtet und Ergebnisse nicht weltanschaulich instrumentalisiert3.
Aufgrund dieser verschiedenen Möglichkeiten meint der Bioethiker Ulrich Eibach: «Nicht die empirischen Beobachtungen der Neurophysiologie sind umstritten, sondern die Deutungen, die die Beobachter […] diesen geben. Die Deutungen hängen meist primär von weltanschaulichen Voraussetzungen ab, die sich nicht aus den Beobachtungen selbst ergeben. (…) Ob sich in den neurophysiologisch nachweisbaren Erlebnissen eine eigenständige geistige und religiöse Wirklichkeit kundtut und welcher Art sie ist, darüber kann allein aufgrund neurophysiologischer Beobachtungen keine Aussage gemacht werden4.»
Es geht nicht ohne Weltbild
Die zentrale Frage ist also: Welches Weltbild steckt hinter der Interpretation?
Die Naturwissenschaft hat sich einem methodischen Materialismus verpflichtet. Sie will Fragen ausschliesslich durch innerweltliche Zusammenhänge beantworten. Dahinter steckt die begründete Annahme einer kausalen Geschlossenheit der Welt: Wir können alles innerweltlich im Rahmen der Naturgesetze erklären. Gott taucht deshalb in keiner naturwissenschaftlichen Formel auf. Weltanschaulich ist diese Sicht der Dinge (mehr oder weniger) neutral.
Der nächste Schritt zu einem weltanschaulichen Materialismus ist aber klein. Wenn Gott nie in den Gleichungen auftaucht, dann gibt es ihn möglicherweise gar nicht. Alles ist ausschliesslich Materie und durch deren Gesetzmässigkeiten bestimmt. Geistig-mentale Phänomene sind dann nur Begleiterscheinungen, die sich bei genauer Untersuchung auf materielle Prozesse reduzieren lassen. Diese reduktionistische Position nennt sich materialistischer Monismus. Wer diese Weltanschauung vertritt, wird religiöse Erfahrungen auf bestimmte Hirnaktivitäten reduzieren. Dass sie auf realen Erfahrungen beruhen könnten, die auf eine mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht zugängliche transzendente Realität hinweisen, wird dabei von vornherein ausgeschlossen.
Anders der Substanz-Dualismus, der zwischen Physischem und Mentalem unterscheidet. Geist und Körper werden hier als wesensmässig verschieden gesehen. Das «Ich» ist kein Produkt des Gehirns, sondern eine dem Gehirn übergeordnete Grösse. Der Geist wirkt auf den Körper ein und steuert ihn. Geistig-mentale Phänomene sind daher real. Auch die Realität Gottes ist möglich.
Was leuchtet mehr ein?
Weder der Monismus noch der Dualismus sind beweisbar. Sie lassen sich höchstens plausibilisieren, sind also mehr oder weniger einleuchtend. Wer versucht, neurowissenschaftliche Forschungen zu instrumentalisieren, tut das aus weltanschaulichen Gründen und nicht, weil experimentelle Daten ihn dazu nötigen. Gott lässt sich mittels Neurowissenschaften weder belegen noch widerlegen. Es stellt sich daher die Frage der Plausibilität.
Der Theologe Patrick Becker liefert dazu einen faszinierenden Gedanken: «Können wir nicht allein deshalb, weil wir eine Art Sinnesorgan für Gott besitzen, darauf schliessen, dass dieses Sinn ergibt – und sich auch auf eine Realität bezieht? Ist es wirklich plausibel, dass die Evolution einen Gehirnbereich hervorbringt, der lediglich eine Illusion erzeugt? Sicherlich kann argumentiert werden, dass die Komplexität des Gehirns Illusionen als Begleiterscheinungen hervorbringen kann oder dass auch diese Illusion einen evolutiven Sinn ergibt. Ob das jedoch plausibler ist, als die Annahme, dass es die dahinter stehende Wirklichkeit tatsächlich gibt, wage ich zu bezweifeln5.»
Für Becker macht es neurowissenschaftlich offensichtlich mehr Sinn, Gott nicht als Illusion zu verstehen. Gott ist damit nicht das Produkt unseres Gehirns. Das Gehirn ist aber der Ort, wo Gott sich für uns Menschen wahrnehmbar und erfahrbar produziert.
1 Der Begriff geht auf James B. Ashbrook zurück, der sich bereits 1984 mit religiösen Ansprüchen der Neurobiologie auseinandersetzte (vgl. Ashbrook, James B., Neurotheology: The Working Brain and the Work of Theology, in: Zygon 19 (1984), 331–350).
2 Biological Psychiatry, 2021; doi: 10.1016/j.biopsych.2021.06.016
3 Die hier erwähnte Studie gehört in diese dritte Kategorie. Sie betont, dass die Ergebnisse nicht bedeuten, dass Religion eine Täuschung ist oder dass z. B. Religionsgründer Hirnschäden hatten. Ebenso betont sie, dass über den Wahrheitsgehalt von Glaubensinhalten keine Aussage gemacht werden kann.
4 U. Eibach, Gott nur ein «Hirnprodukt»? Neurobiologie und der Glaube an Gott, in: Brennpunkt Gemeinde Studienbrief (2017), 8.
5 P. Becker, Kein Platz für Gott? Theologie im Zeitalter der Naturwissenschaften, Regensburg 2009, 148.