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Nach jeder Wahl oder Abstimmung der gleiche Vorwurf: Die Politikerinnen, darunter auffallend viele Wahlverliererinnen, beklagen sich über die Umfragen. So auch nach den diesjährigen Nationalratswahlen. Sie beklagen sich dabei entweder darüber, dass die Umfragen nicht genau genug den Wahlausgang vorhergesagt haben (Albert Rösti, SVP) oder dass sie die Wahlen beeinflusst haben (Balthasar Glättli, Grüne). Oftmals auch beides gleichzeitig (Nadine Masshardt, SP), obwohl dies widersprüchlich ist.[2] Denn wie sollen Wahlumfragen genau den Wahlausgang vorhersagen, wenn sie selber den Wahlentscheid beeinflussen und damit selbst dafür sorgen, dass sich das Wahlresultat von den Umfragewerten wegbewegen?
Da es unmöglich ist, dass die Umfragen gleichzeitig eine genaue Vorhersage bilden und einen Einfluss auf das Wahlverhalten haben, gibt es über den Zusammenhang zwischen der Präzision der Umfragen und deren Einfluss auf das Wahlverhalten nur drei Szenarien:
- Die Umfragen waren präzise und hatten einen Einfluss auf das Wahlverhalten
- Die Umfragen hatten keinen Einfluss auf das Wahlverhalten und waren unpräzise
- Die Umfragen hatten einen Einfluss auf das Wahlverhalten und waren unpräzise
Unten werde ich auf die Frage eingehen, für wie wahrscheinlich ich die drei Szenarien halte. Doch zunächst muss darüber Klarheit bestehen, was unter «unpräzise» zu verstehen ist. So gilt es festzuhalten, dass selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass sich die Wahlabsichten der Schweizerinnen seit den letzten Befragungen überhaupt nicht verändert haben, die Umfragen die Trends für alle Parteien richtig vorhergesagt haben.[3] Schaut man sich das Wahlbarometer der SRG genau an, so sieht man ausserdem, dass nur der Wähleranteil der Grünen klar ausserhalb des «Fehlerbereiches» lag. Schliesslich liegt der Prognosefehler auch weit unter dem internationalen Durchschnitt.[4] Wenn wir also von unpräzise sprechen, dann ist das sehr relativ und bezieht sich allenfalls darauf, dass die Umfragen eine geringere Wahlabsicht für die Grünen und eine etwas grössere für die SP und SVP ausgewiesen haben als am Wahltag eingetroffen ist.[5]
Doch jetzt zu unseren drei Szenarien über die Präzision der Umfragewerte und ihren Einfluss auf das Wahlverhalten:
Szenario 1: Die Umfragen waren präzise und hatten einen Einfluss auf das Wahlverhalten
Die Umfragen haben die Wahlabsichten zu ihrem Zeitpunkt sehr präzise gemessen, aber in den letzten 10 Tagen hat sich ein substantieller Anteil linker Wähler dazu entschieden, die Grünen zu wählen anstatt zuhause zu bleiben oder die SP zu wählen. Die Grünen haben gegenüber der letzten Umfrage 2 bis 3 Prozentpunkte gewonnen und die SP 1 bis 2 Prozentpunkte verloren. Die Umfragen haben dies teilweise beeinflusst, indem sie (korrekterweise) die Erwartungen an einen Wahlsieg der Grünen geschafft haben. Für diesen Zusammenhang zwischen den Umfragewerten und den Erwartungen spricht, dass der von mir durchgeführte Prognosemarkt sich stark an den Umfragen orientiert hat. Die auf dem Prognosemarkt gemessene Erwartung war also, dass die Umfragen präzise sind und den Wahlerfolg der Grünen vorwegnehmen. Diese Erwartungen haben durch einen «Trittbrettfahrer-Effekt» (bandwagon effect) unentschiedene Wähler aus dem linken Lager dazu bewogen, eher die Grünen zu wählen. Gründe für den Trittbrettfahrer-Effekt sind, dass es einem ein besseres Gefühl gibt zu den Siegern zu gehören, dass man das Gefühl hat etwas sozial Erwünschtes zu tun oder dass man wenig informiert ist und sich daher an den Entscheiden anderer im eigenen Umfeld orientiert.[6] Weil sich die SP und Grünen ideologisch so nahestehen und linke Wählerinnen für beide Parteien Sympathien haben, scheint mir dieser Trittbrettfahrer-Effekt plausibel. Auch gemäss diesem Szenario hat der Trittbrettfahrer-Effekt vor allem bei den Grünen und der SP gespielt, denn für die anderen Parteien lagen ja Umfragewerte und Wahlergebnis nahe beieinander. Für mich handelt es sich um das wahrscheinlichste Szenario.
Szenario 2: Die Umfragen hatten keinen Einfluss auf das Wahlverhalten und waren unpräzise
Es ist das Szenario, dass man in der Wissenschaft am ehesten beobachtet. Thomas De Rocchi hat in seinem Buch zu den eidgenössischen Wahlen 2011 mit hochwertigen Daten und Methodik nachgewiesen, dass die Umfragen keinen Effekt auf das Wahlresultat ausgeübt haben.[7] Trifft dies auch für 2019 zu, haben die Umfragen die Wahlabsichten für die Grünen, SP und SVP nicht präzise gemessen. Mögliche Gründe für Umfragefehler gibt es viele. Besonders schwierig dürfte es bei dieser Wahl gewesen sein, die Mobilisierung und Wahlabsichten der Neuwählerinnen richtig zu modellieren. Für mich ist dies die plausible Alternative zu Szenario 1.
Szenario 3: Die Umfragen hatten einen Einfluss auf das Wahlverhalten und waren unpräzise
Dies scheint die Intuition verschiedener Politikerinnen zu sein. Demnach stand zum Beispiel das Ausmass des Wahlerfolges der Grünen und die Verluste der SP schon mindestens 10 Tage vor der Wahl fest, die Umfragen haben es aber nicht präzise gemessen. Hätten die Wählerinnen über diese Wahlabsichten gewusst, wäre es in den letzten Tagen der SP leichter und den Grünen schwerer gefallen Wählerinnen zu mobilisieren. Die Intuition hinter dieser Hypothese ist, dass die Wählerinnen eher Parteien unterstützten, denen eine Niederlage droht. Das erste Problem mit dieser Hypothese ist: Wenn die Umfragen angeblich so unpräzise waren, weshalb waren sie dies nur bei Grünen, SP und SVP, nicht aber bei den anderen Parteien? Das zweite Problem mit der These ist, dass es in der Wissenschaft überhaupt keine Grundlage für diese Annahme gibt. Mir ist zumindest keine einzige Studie bekannt, welche nachweist, dass dieser «Aussenseiter-Effekt» (underdog effect) den oben beschriebenen «Trittbrettfahrer-Effekt» übertrifft. Dieses bei Politikerinnen beliebte Szenario ist also sehr unwahrscheinlich. Entsprechend drängt sich kein Umfrageverbot auf.
Oliver Strijbis
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Hier finden Sie den Unterschied von Momentaufnahmen und Prognosen.
Hier finden Sie die Beschreibung einer Prognose (Abstimmungen).