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Da ist Jean-Claude Marchand, 66-jährig, Rentner. Einst Versicherungsinspektor, dann Totengräber, heute nennt er sich «écrivain public». Er ist der offizielle Delegierte des Front national für die Schweiz, zuständig für den Wahlkampf von Marine Le Pen, Kandidatin um das französische Präsidentenamt. Und da ist Hélène Rio, 49-jährig, in leitender Funktion bei einer französischen Bank in Zürich. Sie organisiert hier die Bewegung «En marche!» von Emmanuel Macron, Le Pens linksliberalem Gegenspieler.
Marchand und Rio kämpfen um die 180 000 Stimmen der Französinnen und Franzosen, die sich in der Schweiz für die Wahlen eingeschrieben haben; gut 148 000 im Konsulat in Genf, 31 600 im Konsulat in Zürich. Ihre Kandidaten, Le Pen und Macron, liegen in den Umfragen zurzeit an der Spitze. Bestätigen sich die Umfragen im ersten Wahlgang am 23. April, kommt es im zweiten Wahlgang im Mai zum Stechen zwischen Macron und Le Pen.
Jean-Claude Marchand empfängt uns im Schloss Saint-Saphorin-sur-Morges, hoch über Lausanne im Waadtland. Er bewohnt hier im weitläufigen Westflügel drei Räume. An der Wand, in Öl, hängt das Porträt eines früheren Schlossherrn. Missmutig schaut der alte Adlige auf Marchands Schreibtisch, der mit allerlei Papieren übersät ist. Zeitungsausschnitte, Zettel, Briefe liegen herum. Und ein Büchlein: «Chronik eines Bestatters mit schwarzem Humor». Marchand hat es selbst geschrieben, aus seinen Erfahrungen als Totengräber schöpfend. Ja, es sei heikel, ein lustiges Buch über Bestattungen zu schreiben. Aber es sei nun einmal so, dass diese Anlässe oft nicht nur eine tragische, sondern auch ein komische Note hätten. «Ich mache mich nicht über meine Kunden lustig», sagt er und fügt zweideutig an: «Das Buch soll Zum-Tränen-Lachen sein.» Marchand erzählt gern; er hat viel Zeit für das Gespräch. Keine Spur von Wahlkampfhektik.
Anders in Zürich, hier ist die Zeit knapp. Hélène Rio sitzt in der «Time Lounge» am Hauptbahnhof. Der nächste Termin der Geschäftsfrau ist schon in einer Stunde. Ohne Umwege kommt sie auf die Politik zu sprechen, auf Emmanuel Macron. «Eine brillante Persönlichkeit! Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich jemanden wählen, den ich wirklich als Präsidenten will», sagt sie, «bisher musste ich immer einen Kandidaten wählen, um einen schlimmeren zu verhindern.»
Deshalb habe sie sich zuvor nie parteipolitisch engagiert, sagt Rio, die sich selbst Mitte-links positioniert: offen für linke Anliegen, jedoch überzeugt, «dass der Arbeitsmarkt in Frankreich flexibilisiert werden muss». Das Wort «pragmatisch» fällt im Gespräch mehrmals. Es scheint eines der wichtigsten Merkmale der jungen Bewegung zu sein.
Marine im Kinderwagen
Marchand ist hingegen schon lange dabei: «Ich bin ein Anhänger des Front national der ersten Stunde», sagt er. «Als ich Marine das erste Mal sah, da lag sie noch im Kinderwagen.» In den Strassen von Paris sei das gewesen, Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre. Jean-Marie Le Pen, Marines Vater, habe er schon damals bewundert: Ihm habe er sich im Kampf gegen den Kommunismus angeschlossen, «das war meine Motivation».
Zu Vater Le Pens antisemitischen Ausfällen, die Konzentrationslager seien «ein Detail der Geschichte», sagt Marchand zunächst: «Das hätte er nicht sagen sollen.» Fügt dann aber an: Stelle man die Zahl sämtlicher Todesopfer im Zweiten Weltkrieg ins Verhältnis zu den 6 Millionen Toten in den Lagern, ja dann . . . Er zieht die Augenbrauen hoch und verstummt vielsagend – um sogleich zu bekräftigen: «Nein, das hätte Jean-Marie nicht sagen sollen.»
Ohnehin sei ihm Marine, die ihren Vater 2015 aus der Partei ausschloss, heute näher. Denn sie betone auch «das Soziale», während Jean-Marie stets ein neoliberales Programm verfolgt habe. «Dabei gehen Nationalismus und Patriotismus nicht ohne das Soziale», sagt Marchand. Selbstredend unter dem Vorbehalt von Marine Le Pens Wahlslogan: «Les Français d’abord!»
Im letzten Herbst begann Hélène Rio damit, Macrons Sympathisanten in Zürich zusammenzuführen, wenige Monate nachdem dieser die Bewegung «En marche!» ins Leben gerufen hatte. «Zuerst waren wir 21 Leute, heute haben wir alleine in Zürich über 70 eingeschriebene Mitglieder.» Zunächst habe sich die Zürcher Gruppe jeden zweiten Montag getroffen, nun fänden die Treffen wöchentlich statt, sagt Rio. Man hat sich bei der Botschaft die Adressen der registrierten Wähler besorgt, dies ermöglicht das französische Wahlrecht. Nun organisieren die Aktivisten die Verteilung von Flyern in die Briefkästen. Und sie versuchen, jene Personen ausfindig zu machen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst in ein Wahllokal begeben können – sie dürfen einen Stellvertreter bestimmen. So kämpft «En marche!» um jede Stimme. Eigentlich hätte Rio in Zürich gerne einen Marsch der Macron-Getreuen veranstaltet, «das hat aber leider nicht geklappt». Nun soll man «En marche!» über Facebook und die Medien wahrnehmen, um so viele Wähler zu erreichen.
Operieren im Schatten
Ganz anders Marchand. «Die Anhänger des Front national sind eher diskret», sagt er: «Wir operieren im Schatten.» Konsequenterweise will er die Zahl der Sympathisanten in der Schweiz nicht nennen. Auch veranstaltet er keine öffentlichen Anlässe: «Wer an eine Wahlveranstaltung gehen will, fährt nach Frankreich», sagt er, und zeigt durch das Fenster hinaus in den Schlosspark, von wo man über den Genfersee bis weit in die französischen Alpen sieht. Was die Franzosen in der Schweiz betreffe, lasse er bloss seine verzweigten Netzwerke spielen – über die Marchand selbstredend auch nichts Näheres verraten will. Beim Abschied fragt er, ob man nun in ihm jenes Monster angetroffen habe, das die Gegner in jedem Anhänger des Front national sähen? Nun, ein leibhaftiges Monster nicht. Aber es tun sich allerlei Abgründe auf während der Stunde bei diesem betont höflichen Herrn mit seiner sanften Stimme.