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Felix war klein, das Thema gross: Er sollte sich vor die Klasse stellen und seinen Schulkameraden die Gefahren der Erderwärmung erklären. Bei der Vorbereitung half ihm Opa Wauwau, der so hiess, weil er einen Hund hatte. Er zeigte Felix Al Gores Dokumentarfilm «Eine unbequeme Wahrheit», und der damals Neunjährige war wie elektrisiert. Der Film eröffnete ihm eine neue Welt. Bei der Recherche stiess er auf Wangari Maathai, die Friedensnobelpreisträgerin aus Kenia, die in 30 Jahren 30 Millionen Bäume gepflanzt hat – zusammen mit vielen anderen Frauen.
Ihre Idee liess Felix nicht mehr los. «Wenn alle Kinder sich zusammentun und Bäume pflanzen, können wir die Klimakatastrophe verhindern», dachte er. 150 Bäume pro Person würden reichen. Jeder Baum bindet CO2 und reduziert so das Treibhausgas in der Atmosphäre. Felix' Vortrag endete mit den Worten «Also los, lasst uns Bäume pflanzen!» Er berührte seine Mitschüler und begeisterte seine Lehrerin an der Munich International School im deutschen Starnberg. Sie ermunterte Felix, seinen Traum weiteren Klassen vorzustellen.
Bald luden ihn auch andere Schulen ein, über seine Gedanken zu sprechen. Dutzende Kinder meldeten sich, weil sie mithelfen wollten. So entstand die Schülerinitiative Plant-for-the-Planet.
Auf einmal gab es viel zu tun, und Felix fragte seine Eltern: «Darf ich jemanden anstellen, wenn ich das Geld dafür auftreibe?» Er schrieb mehrere Firmen an, und es dauerte nicht lange, da meldete sich ein grosses Unternehmen – schon war die erste Vollzeitstelle finanziert.
Die erste Pressekonferenz ist ein voller Erfolg
Als Felix Monate später eine Pressekonferenz im Münchner Literaturhaus organisierte, warnte ihn sein Vater Frithjof Finkbeiner (52): «Sei nicht enttäuscht, wenn niemand aufkreuzt, ja?» Doch der Raum war vollgepackt mit Journalisten, die in den folgenden Tagen bei ihnen zu Hause anriefen. «Felix hat immer unsere Nummer zu Hause angegeben», sagt Frithjof Finkbeiner. Immer öfter klingelte das Telefon, auch Fernsehteams kreuzten auf. Bis eine seiner Schwestern vom Rummel die Nase voll hatte und sagte: «Wenn das so weitergeht, ziehe ich aus.» Der Moment war gekommen, um das Projekt zu professionalisieren, dachte sich Frithjof Finkbeiner, und half Felix dabei, eine Stiftung zu gründen.
Als 13-Jähriger referiert er vor den Vereinten Nationen in New York
Heute, rund 200 Vorträge später, ist Felix Finkbeiner (17) ein gefragter Redner. Der Deutsche hat sein Projekt immer wieder erläutert, meistens vor Erwachsenen. Mit neun Jahren referierte er vor dem Europäischen Parlament, mit 13 vor den Vereinten Nationen in New York in fliessendem Englisch, flankiert von Kindern, die Pappbäume hochhielten. Mittlerweile helfen 30 000 Kinder und Jugendliche in über 40 Ländern mit, seine Idee weiterzutragen. Bis heute haben sie zusammen mit Regierungen, Unternehmen und vielen Privatpersonen 13 Milliarden Bäume gepflanzt, von Japan bis Südamerika.
Kürzlich sprach Finkbeiner auch in Zürich anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums der Jacobs Foundation. Ohne eine Spur von Nervosität trat er auf die Bühne und legte los. Er sprach mit grosser Ernsthaftigkeit über die Umwelt- und die Gerechtigkeitskrise («Jeden Tag verhungern 30 000 Kinder. Eine Milliarde Menschen lebt mit weniger als einem Dollar pro Tag!») und rief dazu auf, die Probleme der Zukunft gemeinsam zu lösen. «Gelingt es uns, bis im Jahr 2020 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen, können wir einen Viertel des menschengemachten CO2-Ausstosses binden», sagte er – und erntete tosenden Applaus.
Finkbeiner gelingt es, die harte Kost der Weltprobleme mit Charme und Witz zu brechen. So vergleicht er die Erwachsenen gern mit Affen: Vor die Wahl gestellt, sofort eine Banane zu essen oder später sechs Bananen zu haben, würden sie sich auf die eine Banane stürzen. Dabei lächelt er schelmisch.
Verlässt Finkbeiner die Bühne, legt er die Souveränität des routinierten Redners ab und ist ein schlaksiger Teenager mit Zahnspange. Nein, er hätte sich nie erträumt, mit seiner Idee so viele Menschen zu erreichen. Er bildet sich nichts darauf ein, dass er Kofi Annan und Al Gore getroffen hat und Prominente wie Harrison Ford, Gisele Bündchen und Prinz Albert von Monaco für sein Projekt begeistern konnte.
Auch dass ihn die britische Zeitung «The Guardian» unter die 20 wichtigsten Umweltaktivisten wählte, quittiert er mit einem Schulterzucken. Lieber spricht er über sein Anliegen und beginnt seine Sätze mit «Wir Kinder …»
Wie er sich selbst beschreiben würde? Er denkt nach und sagt: «Keine Ahnung. Normal?»
Als die Aufmerksamkeitswelle losrollte
Das freut Papa Finkbeiner, der seinen Sohn nach Zürich begleitet hat. Er erzählt, wie seine Frau Karolin und er bemüht waren, dass Felix nicht abhebt. «Als diese Aufmerksamkeitswelle losrollte, sorgten wir uns. Wir wollten nicht, dass er ein Justin-Bieber-Typ mit Starallüren wird.» Felix sei sehr sozialkompetent und bescheiden. Zu einem Thema äussere er sich erst, wenn er es durchgedacht habe. Dann aber mit Ernst und Eifer. «Das brachte ihm im Kindergarten den Spitznamen Professor ein.»
Nur eine Minderheit ist so aktiv wie wir Kinder von Plant-for-the-Planet.
Finkbeiner besucht nun das letzte Schuljahr, 20 Tage pro Jahr darf er fehlen. An allen anderen Tagen ist er einer von vielen. In der Freizeit trifft er sich gern mit seinen Freunden, fährt Mountainbike oder Snowboard. Abends beantwortet er Mails, führt Interviews. Nach dem Abitur möchte Finkbeiner in den USA Internationale Beziehungen studieren. Das Studium könne ihm bestimmt helfen, sein Ziel der 1000 Milliarden Bäume zu verwirklichen.
Vergangenes Jahr hat der Teenager für weitere Schlagzeilen gesorgt. Gemeinsam mit anderen Minderjährigen will er per Gerichtsbeschluss das Stimm- und Wahlalter in Deutschland auf 14 oder 16 Jahre herabsetzen. «Für die meisten Erwachsenen bedeutet Zukunft 20, 30 oder 40 Jahre. Aber für uns Kinder liegt 2100 immer noch in unserer Lebenszeit.» Für die Erwachsenen sei es eine akademische Frage, ob der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um 2, 4 oder 6 Zentimeter ansteigt. «Für uns Kinder ist es eine Frage des Überlebens.»
Für apolitisch hält Felix Finkbeiner seine Generation nicht. «Klar», sagt er, «nur eine Minderheit ist so aktiv wie wir Kinder von Plant-for-the-Planet. Wir gehen einfach voraus.» Auch wenn er sich jeden Tag mit den grossen Weltproblemen beschäftigt, ist er guter Dinge: «Da bin ich wohl eher der Optimist.»
Autor: Monica Müller
Fotograf: Paolo Dutto