Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03263.jsonl.gz/1621

Die Progressiven Organisationen waren eine linke Partei, die aus der Studentenbewegung von 1968 hervorgegangen war. In Riehen nahmen sie von 1974 bis 1994 im Gemeindeparlament Einsitz, ab 1982 in Fraktionsstärke.
Im Wintersemester 1967/68 formierte sich an der Universität Basel die Progressive Studentenschaft, die 1970 mit anderen Organisationen die Progressiven Organisationen Basel (POB) gründeten. 1971 schlossen sie sich mit Gründungen in anderen Kantonen zu den Progressiven Organisationen der Schweiz (POCH) zusammen.
In Riehen traten die POB erstmals an den Nationalratswahlen von 1971 in Erscheinung. Ein Jahr später schaffte Christof Dressler auf der Riehener Liste der POB die Wahl ins Kantonsparlament, den Grossen Rat. Ende 1973 ergriffen die POB erfolgreich das Referendum gegen einen Gemeinderatsbeschluss zur Erstellung einer Tiefgarage an der Bahnhofstrasse. An den Gemeindewahlen in Riehen beteiligten sie sich erstmals 1974 und errangen dabei einen Sitz im vierzigköpfigen Weiteren Gemeinderat. Im Vorfeld verzichteten sie im Gegensatz zu den übrigen Parteien auf Wahlinserate in der ‹Riehener Zeitung›, sorgten dafür mit Strassenaktionen für Aufsehen. 1978 konnten die POB ihre Sitzzahl im Riehener Gemeindeparlament verdoppeln und 1982 gar auf drei Sitze steigern. Die gleiche Sitzzahl erreichten sie 1986 mit einem auf fast neun Prozent angestiegenen Stimmenanteil. Dieser ging zwar 1990 etwas zurück, doch konnten die POB ihre drei Sitze behaupten. Erfolglos blieben dagegen damals ihre Kandidaten für den Engeren Gemeinderat.
Von 1972 bis 1992 war die Ortsgruppe Riehen der POB mit einem Sitz im Grossen Rat vertreten, bis 1983 durch Christof Dressler, dann bis 1989 durch dessen jüngeren Bruder Niggi Dressler und ab 1989 durch Robert Spillmann.
Die POB/POCH begriffen sich zunächst als autonome Agitationspartei und erst später als Teil der kommunistischen Weltbewegung, zu der sie anfänglich in Abgrenzung zur Partei der Arbeit (PdA) Distanz gehalten hatten. Allerdings waren die POB in Riehen bereits 1974 mit der PdA eine Listenverbindung eingegangen. 1983 wurde der Marxismus-Leninismus als politische Ideologie wieder aus den Parteistatuten gestrichen.
In Riehen setzten sich die POB ausser für sozialpolitische Anliegen vor allem für den Umweltschutz ein, womit sie sich gegenüber der PdA profilierten, und traten deshalb ab 1986 unter dem Namen ‹POB/Grüne Riehen› auf. Ebenso engagierten sie sich für die Gleichberechtigung der Frauen, doch setzte sich ihre zumeist junge Vertretung im Gemeindeparlament bis 1988 nur aus Männern zusammen. Am Nationalen Frauenstreik vom 14. Juni 1991 hielten Vertreterinnen der POB und der Grünen Partei Basel-Stadt auf dem Webergässchen eine Kundgebung ab.
Die von den POB zum Teil heftig angegriffenen bürgerlichen Parteien reagierten mit Gegenkampagnen und versuchten die junge Partei zu isolieren, indem sie sie bei der Wahl in die Kommissionen übergingen, obwohl die POB seit 1982 eine eigene Fraktion bildeten.
Nach der erfolgreichen Referendumsabstimmung gegen den Bau einer Tiefgarage im Jahr 1974 ergriffen die POB 1978 nochmals erfolgreich ein Referendum gegen die Entschädigung des Gemeindepräsidenten und des Gemeinderats, scheiterten aber 1980 mit ihrer Initiative ‹für eine gerechte Verteilung der Steuerlasten› und 1986 mit dem Referendum gegen einen Zusatzkredit für den Wärmeverbund.
Gesamtschweizerisch gerieten die POCH in den 1980er-Jahren zunehmend in eine Krise; eine kantonale Sektion nach der andern löste sich auf, als letzte im Februar 1993 die Sektion Basel und in der Folge auch die Ortsgruppe Riehen, in der es bereits Ende der 1980er-Jahre zu Unstimmigkeiten gekommen war. Die zwei Frauen und der Mann, die 1990 noch auf der POB-Liste in den Einwohnerrat gewählt worden waren, übten jedoch ihr Mandat bis ans Ende der Legislatur aus. Einige ehemalige Parteimitglieder schlossen sich später der Sozialdemokratischen Partei (SP) an, andere Basels starker Alternative (BASTA!).
Autorin / Autor: Stefan Hess | Zuletzt aktualisiert am 4.2.2024
Krattiger, Hans: Mit Slogans in den Wahlkampf. In: Jahrbuch z’Rieche 1978. S. 46–49, hier S. 47f.
Raith, Michael: Zweihundert Jahre gelebte Demokratie. Die Jahre nach dem Krieg. In: Jahrbuch z’Rieche 2000. S. 40–53, hier S. 52.
Zinkernagel, Robert: 50 Jahre Weiterer Gemeinderat der Einwohnergemeinde Riehen. In: Jahrbuch z’Rieche 1974. S. 45–80, hier S. 53 und Tab. 1 und 5.
Blum, Roger: Wandel und Konstanten bei den Progressiven Organisationen (POCH) 1971–1986. In: SVPW-Jahrbuch/Annuiaire ASSP 26 (1986). S. 119–150.
Degen, Bernard: Progressive Organisationen (POCH). In: Historisches Lexikon der Schweiz. URL: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017404/2011-12-14/ (31.12.2023).
Raith, Michael: Kleine Geschichte der Riehener Parteien. In: Riehener Zeitung, 15.03.1974.
Raith, Michael: Gemeindekunde Riehen. 2. überarbeitete und aktualisierte Aufl. Riehen 1988. S. 198f., 218, 221, 223f.