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Jolanda Neff muss in dieser Saison das Verlieren lernen. Die zweifache Gesamtweltcupsiegerin im Cross Country nimmt sportliche Einbussen bewusst in Kauf und glaubt an die Rückkehr zu alter Stärke.
Ein 18. Platz in Nove Mesto und ein 12. Rang in Vallnord als Norm, ein 3. Platz in Albstadt als positiver Ausreisser: Jolanda Neff macht in dieser Saison ungewohnte Erfahrungen. Anstatt die Rennen an der Spitze zu bestimmen, ist sie nun eine von vielen im Feld. "Es ist nicht das, was ich gewohnt bin", sagt die 24-jährige Ostschweizerin ohne Umschweife. Eine Überraschung ist das aber nicht, schon gar nicht für Neff selber: "Es ist nur logisch; es war absehbar."
Neff kennt den Hauptgrund für den sportlichen Karriereknick und nimmt diesen bewusst in Kauf. Bis auf ihr Markenzeichen, die blonden Locken, ist fast nichts beim Alten geblieben über den Jahreswechsel. Nach der von körperlichen Problemen geprägten letzten Saison und den verpassten Medaillen an den Olympischen Spielen in Rio setzte die achtfache Weltcupsiegerin im letzten Herbst die Prioritäten neu. Anders als in den vorangegangenen fünf Profi-Jahren bereitete sie sich weniger minutiös auf die neue Saison vor, schrieb sich stattdessen an der Universität für ein Geschichtsstudium mit den Nebenfächern Englisch und Französisch ein und zog in eine Wohngemeinschaft. "Ich spürte, dass ich einen Ausgleich brauche", sagt sie, der Zeitpunkt dafür sei ein guter gewesen. Nebenbei musste sie sich in einem neuen Team zurechtfinden, weil sich ihr bisheriges überraschend aufgelöst hatte. Auch deshalb spricht Neff von einem "Neustart".
Den Aufwand für das Studium bis zu den ersten Semesterprüfungen, die auf den Zeitpunkt des Weltcup-Auftakts in Nove Mesto fielen, beziffert Neff auf rund 60 Prozent. Sportliche Einbussen waren also programmiert. "Die fehlenden Trainingsstunden merke ich natürlich", sagt Neff. Aufstiege, die sie vor Kurzem noch mit spielerischer Leichtigkeit bewältigte, trieben sie in den bisherigen drei Weltcuprennen an die Grenzen, was für ein völlig neues Rennempfinden sorgte. Aus Genuss wurde Krampf. Anstatt ihr Tempo zu fahren, lief sie Gefahr, sich den Gegnerinnen anzupassen, gewisse Passagen zu schnell anzugehen. "Es ist hart, wenn du nicht in Topform bist. Ein seltsames Gefühl", so Neff.
Erfolge sind keine Selbstläufer
Als frustrierend bezeichnet sie ihren derzeitigen Formstand gleichwohl nicht, zumal sie, auch mit Blick auf die nächsten Olympischen Spiele 2020 in Tokio, keine nachhaltigen Einbussen ihrer Leistungsfähigkeit befürchtet. "Ich kenne den Grund für die aktuellen Resultate, und der ist nicht beunruhigend. Ich weiss, was es braucht, um wieder schnell zu sein." Einen positiven Nebeneffekt des Ist-Zustands nennt sie auch gleich: "Jetzt sehen die Leute, dass all die Erfolge keine Selbstläufer waren, dass ich keine Maschine bin. Hinter den Erfolgen steckt viel und harte Arbeit."
Die laufende Saison hat Neff noch nicht abgeschrieben. Nun, in den Semesterferien, hat sie wieder ausreichend Zeit für ein seriöses Training, weshalb sie überzeugt ist, dass die Formkurve in der zweiten Saisonhälfte nach oben zeigen wird. Bis zu den Weltmeisterschaften im September im australischen Cairns, so der Plan, soll die Form stimmen. Bereits am Sonntag im Heim-Weltcup in Lenzerheide erhofft sie sich eine Steigerung: "Ein Top-Ten-Platz wäre ein gutes Ergebnis, einer in den Top 5 ein sehr, sehr gutes."
Noch wartet Neff auf die Ergebnisse ihrer ersten Uni-Prüfungen. Doch schon jetzt ist klar, dass der Aufwand für das Studium künftig geringer, die Kurse weniger sein werden. "Der Sport wird wieder in den Mittelpunkt rücken, ganz klar. Velofahren ist das, was ich immer am meisten wollte. Ich will zurück an die Spitze, da gehöre ich hin", betont Neff. Die Frage lautet also nicht, ob Neff zu alter Stärke zurückfindet, sondern wann.
SDA-ATS