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Sprachspiegel-Buchtipp, Dez. 2016
Gleichrangige Varietäten des Deutschen
Vielfalt im neu aufgelegten Variantenwörterbuch vereint
Von Daniel Goldstein
Als das «Variantenwörterbuch des Deutschen» (VWB) 2004 erstmals erschien, war es eine Pioniertat: Es war weltweit das erste Lexikon, das unterschiedliche sinnverwandte Wörter aus verschiedenen Teilen eines Sprachgebiets mit Querverweisen erschloss. Bei jedem erfassten Synonym kommt man ohne Zwischenschritte zu allen andern, so vom schweizerischen Bodenlumpen zum Feudel im Norden und zum Aufnehmer im Nord- und Mittelwesten Deutschlands sowie zum österreichischen (Ausreib-)Fetzen oder Reibtuch. Bodenlumpen wird in der 1. Auflage auch dem Westen Österreichs zugeordnet, und dass man damit den Boden aufnimmt, ist auch für Norddeutschland erfasst. In der soeben erschienenen 2. Auflage ist beides nur noch schweizerisch, also ein reiner Helvetismus.
Womit aber wird im Rest des deutschen Sprachraums der Boden aufgewaschen (o. ä.)? Der Verweis auf Lumpen führt weiter zu Fetzen, Lappen, Scheuerlappen und (südtirolisch) Huder: Mit allem kann man putzen, aber nicht nur den Boden, und manchenorts heisst die Tätigkeit auch anders. Meint man mit Lumpen aber «zerschlissene Kleidung», so ist das «gemeindeutsch» (überall gebräuchlich) und stünde gar nicht im VWB, gäbe es nicht die Spezialbedeutung fürs Saubermachen.
Eine Pioniertat war das VWB auch, weil es wesentlich dazu beitrug, das Verständnis des Deutschen als plurizentrische Sprache in der Wissenschaft zu etablieren, wie es etwa fürs Englische selbstverständlich ist. Das VWB behandelt Deutschland, Österreich und die Schweiz als (regional weiter differenzierte) «Vollzentren» mit je einer eigenen Varietät, also der Summe gemeindeutscher und regional heimischer Ausdrucksweisen. Liechtenstein, Luxemburg, Südtirol und Ostbelgien sind «Halbzentren». Eine 70-seitige, inzwischen sogar ins Chinesische übersetzte Einführung erklärt und vertieft das Konzept.
Systematische Erfassung mit Informatik
In der 2. Auflage sind rund 10 Prozent der gut 12 000 Artikel neu.1 Das liegt zum einen daran, dass sich das internationale Autorenteam nun systematisch auf die computerisierte Auswertung einer Sammlung von mehr als 130 Millionen Zeitungsartikeln stützt.2 Zum andern haben die Autoren auch bereits Veränderungen des Wortschatzes registriert. Ferner sind nun zusätzlich «Viertelzentren» einbezogen, mit zusammen etwa 100 Einträgen: Namibia, Rumänien sowie deutschsprachige Gemeinschaften in Mittel- und Südamerika.
Mit der Korpusauswertung wurde es möglich, messbare Kriterien für die Zuordnung zur Standardsprache aufzustellen: Die Aufnahme eines Wortes wird umso wahrscheinlicher, je:
häufiger es auftritt (insgesamt und regional)
weniger dialektal seine Lautung ist;
weniger tief seine Stilebene ist;
weniger es in Anführungszeichen steht;
weniger gebräuchlich in der Region Standardalternativen sind.
Diese Methode erlaubte es auch, die Erfassung von «Grenzfällen des Standards» zu systematisieren, die zuweilen etwas willkürlich erschienen war. Der Hauptgrund für diese Zuordnung ist die Dialektprägung (was im Duden Rechtschreibung als «mundartlich» und im Duden Schweizerhochdeutsch als «mundartnah» qualifiziert wird). So wurden im VWB die Grenzfälle Bänkli, Löli und Meitli ganz gestrichen. Geblieben ist etwa Nuggi, neu als Grenzfall aufgenommen wurden z. B. Schnurri, Städtli und das Adjektiv ring; in diesen Status hinabgestuft wurde just unser Bodenlumpen. Weggefallen ist ferner der Butter im helvetischen Maskulinum, das sonst auch im ab Seite 162 dieses «Sprachspiegels» beschriebenen Lehrmittel aufgetaucht wäre. Dagegen bleibt der Anken als Schweizer Grenzfall des Standards im VWB, ebenso der Dativ jemandem anrufen, der in der 1. Auflage auch noch für Südwestdeutschland angegeben war.
Aus der Schweiz zu Nachbarn – und umgekehrt
Erstaunlicherweise stammt rund die Hälfte der Neueinträge aus der Schweiz. Dies habe «nicht nur sprachliche Gründe», räumt die hiesige VWB-Arbeitsstelle an der Universität Basel ein, sondern habe auch mit ihrer federführenden Rolle zu tun («Lead Agency» heisst das sogar bei diesem Wörterbuch): mehr Mitarbeiter und damit «etwas tiefergreifende Analysen». Neu und nicht nur als Grenzfall aufgenommen sind z. B. aufgleisen, Buvette, Engnis, Hobelkäse, Musikgehör, Raucherwaren, Supplement.
Auch dass sich Helvetismen ausbreiten, wird beobachtet, sogar in Grenzfällen des Standards. So kommen Metzgete und (seltener) Versteckis nun auch in der deutschen Nachbarschaft vor. Noch erfolgreicher im standardsprachlichen Export sind etwa zu reden geben, Offenausschank, Abendverkauf und CD-Taufe. Verbreitet sich allerdings ein früher vorwiegend in der Schweiz gebräuchliches Wort ins gesamte Sprachgebiet, so verliert es seinen Platz im VWB, z. B. degustieren, Urnengang, Schuldenbremse, Gondelbahn.
Noch markanter ist freilich die Wortwanderung in umgekehrter Richtung: Teutonismen, also nur in Deutschland gebräuchliche Wörter, breiten sich aus, meist schnell sowohl in die Schweiz als auch nach Österreich, und verlieren daher den Eintrag, so Müllkippe, Bettlaken, Handbesen. Regionale Synonyme bleiben, so für die Schweiz Handwischer, und Schüfeli (kein Grenzfall; vgl. «Wortsuche» auf Seite 183 dieses Hefts). Den Autoren ist aufgefallen, dass «viele Wörter gemeindeutsch wurden, die (…) ursprünglich salopp, derb, abwertend oder als Grenzfall des Standards eingestuft waren», so denkste, futtern, quatschen, sabbern, Sause oder Tussi, alle einst in Deutschland «salopp». Sie verlieren beim Export diese Qualifikationen, wohl weil «vielen Sprachteilhabern in den kleineren Zentren Deutschland immer noch als sprachliches Vorbild gilt» – als wäre, und dies ist nun kein Zitat, «von draussen rein» immer lupenrein.
Die abverheite Aufnahme
Den rund 1200 Neuaufnahmen im VWB stehen etwa gleich viele Streichungen gegenüber. 450 von ihnen erklären sich mit der Ausbreitung der Wörter. Umgekehrt sind 300 Wörter weggefallen, weil sie sich als zu dialektal erwiesen haben (siehe oben Löli usw.) oder aber als zu selten, so aus der Schweiz Mehlsauce, Apfelsprudel, abberichten oder unterkant. Manchmal scheinen sich die Autoren falsche Hoffnungen gemacht zu haben: «Das Verb abverheien hat sich trotz Aufnahme ins VWB nicht zu einem Standardwort entwickelt.» Zwar findet es sich nicht ganz selten in Schweizer Zeitungen, aber meistens in Dialektzitaten. Die restlichen Streichungen betreffen vor allem Orts- und Personennamen, da diese Kategorie nicht mehr vorkommt.
Die Machart des Variantenwörterbuchs als dichtes Geflecht von Verweisen schreit förmlich nach einer elektronischen Ausgabe. «Allerdings stehen diesem Wunsch noch erhebliche Urheberrechtsprobleme entgegen», schreiben die Autoren des hier verwendeten Werkstattberichts, da die Verwertungsrechte beim Verlag des gedruckten Buchs liegen. Zwar ist es auch als E-Book (PDF) erhältlich, aber ohne Sprungbefehle: Man muss ebenfalls von Hand (bzw. Maus) blättern oder die eher mühsame Suchfunktion verwenden.
Variantenwörterbuch des Deutschen
Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Von den HerausgeberInnen und AutorInnen Ulrich Ammon, Hans Bickel und Alexandra N. Lenz [sowie weiteren Beteiligten]. De Gruyter, Berlin / New York, 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2016. 994 Seiten, Fr. 128.–.
© Daniel Goldstein (Sprachspiegel – www.sprachverein.ch)
1Die Angaben und Zitate im Text stammen weitgehend aus einem Aufsatz der VWB-Beteiligten Hans Bickel, Lorenz Hofer und Sandra Suter: «Variantenwörterbuch des Deutschen – NEU. Dynamik der deutschen Standardvariation aus lexikografischer Sicht». In: Roland Kehrein, Alfred Lameli und Stefan Rabanus (Hrsg.): Areale Variation des Deutschen – Projekte und Perspektiven. Berlin / New York 2014: De Gruyter. Einige weitere Angaben verdanke ich dem Ko-Autor Hans Bickel.