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Der Sprung in die erste Stärkeklasse (1972-1977)
Unter dem Dirigenten Robert Favre wagte die Stadtharmonie den Sprung in die erste musikalische Stärkeklasse. Bei Kantonalen und Eidgenössischen Musikfesten erzielte sie hervorragende Resultate, aber auch in anderen Bereichen leistete der Verein erstklassige Arbeit.
Mit Robert Favre hatte die Eintracht wiederum einen Dirigenten gefunden, der die Partitur zu interpretieren wusste und der sich sorgfältig auf die Konzerte vorbereitete. Er verstand es, auf der Vorarbeit von Jakob Bichsel aufzubauen und stellte hochstehende Konzertprogramme zusammen. Das Jahreskonzert 1974 eröffnete die Eintracht mit der Ouvertüre "Das Goldene Zeitalter". In seiner Kritik meinte das Ostschweizer Tagblatt, ein ebensolches sei dank Favre in der Rorschacher Musiklandschaft angebrochen! Die "Rorschacher Zeitung", wesentlich prosaischer, schrieb: "Auch unter ihrem neuen Direktor hat die Stadtharmonie nichts von dem grossen Können, der Begeisterung für die Musik und der verdienten Popularität eingebüsst."
Tatsache ist, dass die Eintracht unter Favre ihre bisher grössten Erfolge an Musikwettbewerben feierte. 1974, beim Thurgauischen Kantonalmusikfest in Arbon, trat die Stadtharmonie erstmals in der ersten Stärkeklasse an. Dass sie gleich mit Goldlorbeer heimkehren würden, damit hatten die Musikantinnen und Musikanten nicht einmal selbst gerechnet! Zwei Jahre später kam es noch besser. Die Einträchtler reisten hoffnungsvoll ans Eidgenössische Musikfest in Biel. Lohn für zwei hervorragende Darbietungen war der dritte Rang von 24 Harmoniemusiken der ersten Klasse. Auch bei der Marschmusik erhielt die Eintracht die Note "sehr gut". Als einer von wenigen Vereinen lief sie in der Bruthitze des Bieler Stadions einstudierte Evolutionen (Marschmusik-Figuren). Für ihren kreativen Mehraufwand verdiente sich die Stadtharmonie den einen oder anderen Zusatzpunkt bei der Jury.
Erstklassige Arbeit scheinen in dieser Zeit auch die Kleinformationen der Eintracht geleistet zu haben. Die Güllenfilter, immer noch gefürchtet wegen ihres beissenden Fasnachtsspottes, wurden auch auf dem Fussballplatz (!) zu einer ernsten Gefahr. Beim Grümpeli in Abtwil konnten sie erst im Final gestoppt werden. Dieser Fussballerfolg (über den sogar die Rorschacher Presse erstaunt war) blieb leider der erste und letzte in der Geschichte der Eintracht. Die Mariner sorgten mit ihren Auftritten ebenfalls für Aufsehen. Allgemein hatten die Engagements der Kleinformationen kräftig zugenommen, wie ein dichterischer Höhenflug im "Eintracht-Bulletin" von 1973 beweist:
Jeder Club und sei's ein kleiner
grade grösser noch als keiner
klopft im Jahre irgendwann
einmal bei der Eintracht an.
Drum zu GV, DV, HV
für den BV, TV, KV
spielt die kleine Formation,
Ton für Ton seit Jahren schon!
Ein Ziel der Kleingruppen war es, den Gesamtverein zu entlasten. Natürlich ging man bald darüber hinaus, weil mehr musikalisches Angebot automatisch mehr Nachfrage erzeugte! Wer gleichzeitig bei der Eintracht, bei den Güllenfiltern, bei den Marinern und eventuell noch bei der Bigband des Eintracht-Mitglieds Paul Eigenmann mitspielte, hatte jedenfalls einen vollen Terminkalender!
Weitere Ereignisse aus den 70er-Jahren dürfen an dieser Stelle nicht fehlen. Als die Stadtmusik 1972 ihr neues Vereinsbanner einweihen konnte, übernahm die Eintracht die Fahnenpatenschaft. Die Vereine ernannten sich gegenseitig zu Ehrenmitgliedern. Ihre Präsidenten Kurt Schaffner und Willi Kern setzten sich mit Erfolg gegen ein ungesundes Wettbewerbsdenken ein, wie es in früheren Jahren gelegentlich bestanden hatte. Bis heute ist man froh, dass Rorschach zwei leistungsfähige Musikkorps besitzt, die sich die zahlreichen musikalischen Pflichten aufteilen können und eine gesunde Konkurrenz erlauben.
Die Stadtharmonie schaffte sich 1974 eine neue, sandfarbene Uniform im Stil der französischen Fremdenlegion an. Weil man sich vielleicht an die Gluthitze von Toulon erinnerte, sollte es eine Sommeruniform sein. Leider war der Schnitt etwas eng für sommerliche Verhältnisse, was sich aber erst im Nachhinein herausstellte! Die Eintracht lud zu einem grossen Fest im Stadtpark, doch verglichen mit früheren Uniformierungsfesten kamen wesentlich weniger Zuschauer. Der triviale Grund dafür war, dass gleichzeitig das Finalspiel der Fussball-Europameisterschaft stattfand. Musik ist halt leider nicht immer Trumpf!
Zu guter Letzt sei noch die Musikreise 1975 ins Elsass erwähnt. Die Instrumente liessen die Einträchtler zu Hause und genossen Erholung pur an der Elsässer Weinstrasse. Bei Degustationen und kulinarischen Köstlichkeiten kamen nach Augenzeugenberichten alle auf ihre Kosten.
Unter der Leitung von Robert Favre hatte die Eintracht ihre Erstklassigkeit unter Beweis gestellt. 1977, nach fünf Jahren im Dirigentenamt, zog es ihn nach St. Gallen, wo er die Stadtmusik übernahm. Die Eintracht wählte den bisherigen Vizedirigenten, Gerhard von Gunten, zum musikalischen Leiter und trat in einen neuen Abschnitt der Vereinsgeschichte ein.