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Die SCL Tigers rocken diese Saison die Liga wie nie zuvor seit dem Wiederaufstieg von 2015. Die beiden ausländischen Stürmer Harri Pesonen (30) aus Finnland und Chris DiDomenico (30) aus Kanada spielen eine zentrale Rolle. Sie geben im Interview auch einen Einblick in das Leben eines Hockeyprofis im Emmental und die Besonderheiten einer ländlichen Hockeykultur.
Chris DiDomenico, Harri Pesonen, Sie haben beide ähnliche Karrieren hinter sich: zu wenig gut für die grosse NHL-Karriere, zu gut für Farmteam-Ligen …
Chris DiDomenico: … Moment mal, wer sagt, dass ich nicht gut genug bin für die NHL?
Nun ja, das ist meine Einschätzung. Sie sind ja wieder hier in Langnau und nicht mehr drüben in Ottawa.
DiDomenico: Es war meine Entscheidung, wieder in die Schweiz zurückzukehren.
Sie hätten Optionen in Nordamerika gehabt?
DiDomenico: Ja.
Warum diese Entscheidung?
DiDomenico: Die Bezahlung ist gut, das Hockey hier gefällt mir, ich fühle mich in Langnau wie zu Hause und ich werde ja auch älter.
Also ist unsere Liga die perfekte Alternative zur NHL, zur KHL und zu den skandinavischen Ligen?
Harri Pesonen: Aber es ist nicht so einfach. Du siehst Spieler, die haben viel mehr NHL-Spiele bestritten und viel bessere Statistiken als wir beide und schaffen es hier doch nicht. Eine gute NHL-Vergangenheit ist noch lange keine Garantie für eine schöne Karriere in der National League. Sagen wir es so: Die National League ist, wenn du nicht mehr in Nordamerika spielen willst oder kannst, eine sehr gute Alternative zu Schweden, Finnland oder zur KHL. Wie es Chris sagte: Das Geld ist gut, der Zahltag kommt pünktlich, die Lebensqualität ist hoch.
Was macht die National League speziell?
Pesonen: Es gibt nur vier Imports pro Team. Der Unterschied zur NHL liegt in der höheren Qualität: Die besten Spieler in der Welt sind in der NHL, die Mannschaften sind viel besser besetzt. Du kannst in einer sehr guten Mannschaft ein Rollenspieler sein und nicht alle Aufmerksamkeit ist auf dich gerichtet. Hier aber musst du Punkte produzieren und in jedem Spiel gut sein. Wenn du diesen Druck nicht aushalten kannst, wird es schwierig.
Was bedeutet Druck konkret?
DiDomenico: Der Verstand kontrolliert deinen Körper. Einige denken, sie müssten hier ihren Stil ändern. Aber du bist der Spieler, der du bist, und kannst nicht einfach deinen Stil ändern. Wer das versucht, scheitert meistens. Wenn du wissen willst, ob du dem Druck gewachsen bist, dann stell dir ein paar Fragen: Willst du auch im 7. Spiel einer Playoff-Serie bei jedem Shift den Puck? Willst du auch zwei Sekunden vor dem Ende des Spiels unbedingt den Puck? Und es kommt darauf an, welcher Typ du bist. Welches Leben du geführt hast. Musstest du für alles, was du erreicht hast, hart kämpfen? Und bist du dazu in der Lage, dich auf dein Spiel zu konzentrieren, wenn dir tausend Dinge durch den Kopf gehen? Kannst du dich noch auf dein Spiel konzentrieren, wenn du zehn Spiele lang kein Tor mehr erzielt hast? Und immer wieder die Frage: What if? Was wäre, wenn? Ich habe es auch in der NHL versucht, damit ich mir nicht die Frage stellen muss, was wäre, wenn ich es nicht probiert hätte. Hockey is just a tough, tough world to live in. Nur wenige ahnen, wie schwierig dieses Leben sein kann, und manchmal denkst du, es geht nicht mehr. Wenn du dich in dieser Welt bewährst, dann wirst du eine stärkere Persönlichkeit.
Harri, Sie haben es in Nordamerika nicht geschafft. Warum eigentlich?
Pesonen: Ich habe es zwei Jahre lang versucht. Ich würde mich heute noch hassen, wenn ich nach einem Jahr schon aufgegeben hätte. Ich sah ja Spieler eine grosse NHL-Karriere machen, von denen ich dachte, die seien sicher nicht besser als ich. Also blieb ich ein zweites Jahr und spielte in der AHL. Das war hart und ich habe grössten Respekt vor den Schweizern, die auf das leichte Leben zu Hause verzichten und sich dieser Herausforderung stellen. Als ich es auch im zweiten Jahr nicht schaffte, entschied ich mich für die Rückkehr nach Europa.
Bezahlen die Klubs hier bessere Saläre als in Finnland und Schweden?
DiDomenico: Ja und auch in der KHL zahlen nur die Topteams erheblich mehr. Aber es geht nicht nur um 100'000 Franken mehr oder weniger. Es geht auch um die Lebensqualität. Einerseits ist das Eishockey hier sehr gut und andererseits ist es angenehmer, wenn in der Regular Season nur 50 Spiele anstehen, wenn es wegen der Nationalmannschaft drei Pausen gibt und es eigentlich im Vergleich zu Nordamerika keine Auswärtsspiele gibt: Nach jeder Partie komme ich noch am gleichen Abend wieder nach Hause.
Pesonen: Ein wichtiger Punkt in der Schweiz ist die Sicherheit. Du bekommst dein Salär pünktlich. Die Klubs kümmern sich hier um alles. Wenn du verletzt bist, zahlt die Versicherung und die medizinische Versorgung ist erstklassig. Du kannst dich voll und ganz auf das Eishockey konzentrieren. Wir werden hier respektvoll behandelt. Das ist wichtig. Die Eishockeywelt ist klein. Wenn einer eine Offerte von einem Schweizer Klub bekommt, dann fragt er einen Kollegen, der schon hier spielt.
Sie leben in Langnau in einem Dorf. Chris, Sie sind in der Weltstadt Toronto aufgewachsen…
DiDomenico: … Das ist überhaupt kein Problem. Nach Bern ist es bloss eine halbe Stunde, nach Zürich anderthalb Stunden mit dem Auto. Wir leben hier im Zentrum, die Busfahrten zu den Auswärtsspielen sind angenehm kurz. Die Leute sind sehr freundlich, wir sind hier fast eine Familie.
Pesonen: Ich bin in Finnland nicht in einer Grossstadt aufgewachsen und sehe es ähnlich wie Chris. Ich bin in Langnau sehr gut aufgenommen worden, die Leute sind glücklich, wenn wir gewinnen und immer noch freundlich, wenn wir verlieren. Dieses Umfeld ist mir wichtig. Wir spielen ein Spiel, das wir alle lieben und wenn wir spüren, dass alle hinter uns stehen, dann hilft das der ganzen Mannschaft. Wir wollen niemanden enttäuschen.
Wir haben vorhin von Druck gesprochen. Sie beide spielen eine tragende Rolle und die Gegner wissen das auch. Wird gezielt versucht, Sie zu provozieren?
DiDomenico: Oh ja!
Gibt es also immer noch die Kultur des «Trash Talks»?
DiDomenico: Oh ja.
Und wie gut kommen Sie damit zurecht?
DiDomenico: An manchen Tagen ist es leichter zu ertragen als an anderen. Manchmal geht es einfach zu weit und es ist verletzend. Vor allem dann, wenn auch noch die Fans mit ins Spiel kommen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, Fehler schnell zu vergessen und sich nicht frustrieren zu lassen. Play your way!
Was wird eigentlich konkret beim «Trash Talk» gesagt?
Pesonen: Das bleibt unter uns Spielern. Aber es wäre gut, einmal alle mit einem Mikrofon zu verdrahten. Damit alle mitbekommen, was da manchmal abgeht.
Sie erwähnten, dass auch die Fans eine Rolle spielen können?
DiDomenico: Es geht nicht unbedingt um die Sprüche im Stadion. Obwohl wir manchmal schon mitbekommen, wie wir beschimpft werden. Ich meine vor allem das, was in den sozialen Medien abgeht. Wenn ich daran denke, welche Beleidigungen sich Maxime Comtois nach der Junioren-WM gefallen lassen musste. Nur weil er einen Penalty nicht verwertet hatte, wurde er wie ein Stück Dreck hingestellt. Da kommt dann schon die Frage auf, ob es das wert ist. Und was denken Kinder, wenn sie das mitbekommen? Wollen sie dann einen Sport ausüben, der sie solchen Situationen aussetzt?
Ist der «Trash Talk» bei uns schlimmer als anderswo?
DiDomenico: Nein. Früher war es in Nordamerika weniger schlimm, weil es dann Prügel auf dem Eis absetzte.
Pesonen: Das war früher auch in Finnland so. Da gab es Prügel, wenn man einen Star provozierte. Aber das geht mit den neuen Regeln ja nicht mehr.
Also ein leichteres Leben für Provokateure auf dem Eis?
Pesonen: Es ist eben ein Teil des Hockeys und es ist ja nicht so gemeint, wie es gesagt wird. Es passiert immer wieder, dass schon beim Handshake einer kommt und sagt: «Sorry und du hast übrigens gut gespielt». Das geht schnell vergessen. Ich spreche sowieso nicht Deutsch und Englisch weniger gut als Chris. Ich verstehe manchmal gar nicht, was gesagt wird – es ist schwieriger, mich zu provozieren.
Von der Tribüne aus ist zu sehen, wie Sie sich tatsächlich eher provozieren lassen als Harri.
DiDomenico: Ich bin ruhiger geworden und nehme heute vieles gelassener hin. Mein Job ist ja hier sicherer als in Nordamerika …
Wenn Sie über eine längere Zeit nicht gut spielen, gerät Ihr Job aber auch hier in Gefahr…
Pesonen: ... Ja, aber die ganze Atmosphäre ist weniger aggressiv. In Nordamerika kämpft jeder deiner Gegenspieler um seinen Job, du kannst nach jedem Spiel deinen Platz verlieren und ins Farmteam zurückgeschickt werden, jeder ist der Konkurrent von jedem. Die meisten Spieler hier in der Liga haben hingegen ihren Job auf sicher. In der Schweiz geht es nicht bei jedem Einsatz um Sein oder Nichtsein.
Wir spielen bei uns mehr Nord-Süd-Hockey und das Spiel ist weniger strukturiert als in Skandinavien. Eigentlich entspricht das eurem Stil.
Pesonen: Ja klar, es macht uns auf dem Eis mehr Spass, aber manchmal dem Coach weniger, der lieber eine gute Organisation hat. Du hast praktisch bei jedem Shift den Puck, die Einsätze sind länger und du musst dich nicht so sehr darauf konzentrieren, nur ja keinen Fehler zu machen.
DiDomenico: Ich möchte aber anmerken, dass in dieser Liga die meisten Teams gut organisiert sind.
Wir haben bereits über Druck gesprochen. In Langnau spielen die ausländischen Spieler eine noch wichtigere Rolle als bei den Topteams. Ihr seid die Leitwölfe. Wenn ihr nicht produziert, dann geht gar nichts mehr.
DiDomenico: Das mag sein. Aber jeder spielt eine wichtige Rolle im Team. Nicht jeder kann zehn oder 20 Tore erzielen. Wichtig ist, dass jeder in der ihm zugewiesenen Rolle das Beste herausholt.
Pesonen: Die Differenz machen in entscheidenden Partien ja oft die dritte und vierte Linie, weil sich die ersten beiden Formationen neutralisieren. Da kann die Energie eines Spieles aus der vierten Linie, ein Check im richtigen Moment sehr viel auslösen. Ich musste in Nordamerika oft in der dritten oder vierten Linie spielen, ich kenne das.
DiDomenico: Das sehe ich auch so. Es macht jeden Spieler besser, wenn er weiss, dass seine Rolle wichtig ist. Jeder will auf seine Weise ein Leader sein und etwas zum Erfolg beitragen. Aber die Verantwortung der Leader bleibt. Wenn ich resigniere und nichts mehr unternehme, dann denken die Mitspieler bald: Ja, wenn der nichts mehr macht, was soll ich dann noch machen?
Ist eigentlich die Kabine für die Egos von Chris DiDomenico und Harri Pesonen gross genug?
Pesonen: Kein Problem. Wir haben zwar eine ähnliche Rolle im Team, aber wir sind verschiedene Spielertypen. Und wenn Chris zwei Tore macht und ich keines, dann mag ich ihm das gönnen.
DiDomenico: Ja, so sehe ich das auch. Alles, was zählt, ist der Sieg der Mannschaft. Hockey besteht nicht nur aus Toren und Assists.
Werden die ausländischen Spieler zu sehr nur auf ihre Skorerpunkte reduziert?
DiDomenico: Nein. Du wirst ja geholt, um Tore zu erzielen. Wenn du nicht mehr produzierst, dann gehen alle anderen Qualitäten vergessen.
Pesonen: Im Team werden die anderen Qualitäten sehr wohl erkannt und geschätzt. Aber die Zuschauer sehen das schon anders und fragen sich, was los ist, wenn ich keine Tore erziele. Aber ich weiss ja selbst, ob ich gut gespielt habe, ob ich alles versucht habe. Manchmal will der Puck einfach nicht rein. Was mir hilft: Anders als daheim in Finnland kann ich hier gar nicht lesen, was über mich geschrieben wird.
Was ist der Unterschied zwischen Harri Pesonen und Chris DiDomenico?
Pesonen: Die Position: Chris spielt am rechten und ich am linken Flügel.
Und darüber hinaus?
Pesonen: Er hat ganz besondere Qualitäten. Er ist nicht besonders gross, aber in den Ecken spielt er grösser, als er ist. Er hat eine unheimlich gute Spielübersicht, es ist, als ob er ständig das ganze Eis im Auge hat und wenn ich losrenne, dann weiss ich, dass ich den Puck genau auf die Stockschaufel bekomme. Er ist mehr Playmaker als ich und deshalb spiele ich gerne mit ihm.
DiDomenico: Harri ist mehr Powerstürmer als ich, er schiesst besser als ich, er ist sehr schnell und im Abschluss besser als ich. Und beide haben wir etwas gemeinsam: Wir wollen jeden Tag die Besten sein.
Es ist offensichtlich, wie gut Sie beide auf dem Eis harmonieren. Und doch werden Sie oft nicht in der gleichen Linie eingesetzt.
DiDomenico: Das ist die Entscheidung des Coaches.
Pesonen: Der Coach befiehlt, wir haben nichts zu sagen und spielen dort, wo wir eingesetzt werden.
Nichts zu sagen?
Pesonen: So ist es. Alle werden vom Coach gleich behandelt.
Na, kommen Sie! Sie haben doch mehr Freiheiten und der Coach fragt Sie mal nach Ihrer Meinung!
DiDomenico: In jeder Mannschaft haben einige mehr Freiheiten als andere. Sidney Crosby hat mehr Freiheiten als ein Viertlinienstürmer. Aber das ist eben die Herausforderung: zu zeigen, dass man diese Freiheiten verdient.
Pesonen: Heinz kümmert sich nicht darum, wer einen Fehler macht. Er reagiert bei allen gleich. Er kritisiert uns so hart wie alle anderen. Das ist gut so.
DiDomenico: Manchmal brauchen wir diese Kritik.
Wäre es besser, wenn die Anzahl der Ausländer von vier auf sechs bewilligt worden wäre?
DiDomenico: Nein. Vier ist okay. Es wären Plätze für die jungen Schweizer verloren gegangen.
Pesonen: Es wäre für die Schweizer Spieler schwieriger geworden, sich zu entwickeln. Wenn sechs ausländische Feldspieler eingesetzt würden, gäbe es für die Schweizer nicht mehr viel Eiszeit im Powerplay.
Harri, Sie haben bis 2021 verlängert. Heisst das, dass das Kapitel NHL für sie nun definitiv abgeschlossen ist?
Pesonen: Ja, und um ehrlich zu sein, an die NHL habe ich gar nicht mehr gedacht.
Chris, Sie sind aus der NHL wieder zurückgekommen. War es eine schwierige Heimkehr? Hatten Sie auch andere Offerten?
DiDomenico: Ja, es gab andere Offerten. Aber die haben mich gar nicht interessiert. Langnau hat mich aus einem laufenden Vertrag freigegeben, damit ich noch einmal versuchen konnte, in der NHL meinen Traum zu verwirklichen. Ich habe damals mein Wort gegeben, dass ich, wenn ich zurückkomme und man mich wieder will, nur für Langnau spielen werde. Und ich verdanke Langnau zu einem grossen Teil auch, dass ich der Spieler geworden bin, der ich heute bin. Hier in Langnau bleibe ich, so lange ich kann.
Für eine Handvoll Dollar mehr hätten Sie nicht bei der Konkurrenz unterschrieben?
DiDomenico: Auch für mehr als eine Handvoll Dollar würde ich nicht für einen anderen Klub spielen. Ich habe hier eine zweite Heimat gefunden.
Lausanne hat auf diese Saison mit Ville Peltonen einen finnischen Cheftrainer engagiert. Wie kann es sein, dass man einen Harri Pesonen nicht mehr wollte?
Pesonen: Lausanne setzte für diese Saison auf zwei ausländische Center und zwei ausländische Verteidiger. Da wäre für mich höchstens noch die Rolle des fünften Ausländers geblieben. Also suchte ich einen neuen Klub.
Hatten Sie keine anderen Offerten?
Pesonen. Nein. Erst, als ich in Langnau unterschrieben hatte, kam hinterher das Interesse der anderen Klubs.