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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1993 von Peter Ziegler
EINE VERKANNTE PIONIERTAT
Wädenswilerinnen und Wädenswiler, die in den späten 1940er Jahren vom Stoffel zum Gwad hinunterstiegen oder vom Gaskessel zum Schießstand Steinacker hinauf wanderten, sprachen mit einem Blick auf die 1943 im Gwad neu entstandene Eigenheimsiedlung meist etwas despektierlich von den Hühnerställen. Die wenigsten erkannten eben damals, was wir 50 Jahre später wissen: dass hier mitten während des Zweiten Weltkriegs eine Pionierleistung vollbracht wurde, die ihresgleichen suchte. Wie war es dazu gekommen?
Situationsplan der Siedlung Gwad, gemäss Weisung an die Stimmberechtigten vom 11. April 1943.
WILLI BLATTMANN HAT EINE ZÜNDENDE IDEE
Seit Ausbruch des Krieges hatte sich der Wohnungsmarkt auch in Wädenswil verknappt. Die Nachfrage nach Wohnungen nahm zu. Mit Hilfe der Gemeinde – durch Landabtretung oder finanzielle Leistungen – und Unterstützung durch Kanton und Bund konnten neue Wohnungen geschaffen werden.
Fabrikant Willi Blattmann (1906-1984), damals auch Präsident der «Schweizerischen Vereinigung für Industriepflanzwerke», wurde auf diesem Gebiet aktiv. Er wollte den Industriearbeiter zum Eigentümer eines Heims mit Garten machen, in dem dieser nach Gutdünken frei schalten und walten und seine Freizeit sinnvoll gestalten konnte, das ihn aber finanziell unter keinen Umständen mehr belasten durfte, als sich dies mit seinem Einkommen vertrug. Die gleichzeitige Abgabe von zirka sechs Aren Land sollte – im Sinne des Anbauwerks von Professor Friedrich Traugott Wahlen – eine gewisse Selbstversorgung ermöglichen und ihn, zusammen mit dem seinem Lebensstandard entsprechenden Eigenbesitz am Haus, mit der Scholle verbinden und so seine Unabhängigkeit und Krisenfestigkeit gewährleisten.
In der Urnenabstimmung vom 11. April 1943 beschlossen die Stimmberechtigten der Politischen Gemeinde Wädenswil zur Förderung des Wohnungsbaus den Erwerb des 3 ha 75 a grossen Heimwesens von Rudolf Wolfer im Gwad. Gleichzeitig bewilligten sie die Abtretung eines 198,2 Aren grossen Grundstücks von diesem Bauerngut an die Siedlungsgenossenschaft Gwad. Der Verkaufpreis von 84 000 Franken – als Schuldbrief zu verzinsen – war ein Mischpreis für das Bauland zu 5 Franken pro Quadratmeter und das übrige Land zu Fr. 1.80 pro Quadratmeter. Der Mehrpreis für das Bauland wurde dadurch ausgeglichen, dass die Gemeinde auf ihre Kosten die Quartierstrasse, den Kehrplatz, die Kanalisation, die Kabelzuleitungen und die zentrale Kläranlage baute.
Die Genossenschaft als Besitzerin des Landes gab den Siedlern, die gleichzeitig Genossenschafter sein mussten, das Land im Baurecht ab. Der Abschluss des Baurechts erfolgte auf 80 Jahre fest, mit Verlängerungsmöglichkeit.
Die Siedlung Gwad ist in ihrer Form einmalig. Sie kann geradezu als Prototyp des sozialen Wohnungsbaus angesehen werden. Ihre Qualitäten liegen in der klaren Struktur der Anlage und der gut gelungenen landschaftlichen Integration.
Der von Süden nach Norden abfallende Hang unterhalb des Stoffels erlaubte es dem Architekten Hans Fischli, neun parallele Häuserreihen mit zwei bis vier leicht gestaffelt angeordneten Einfamilienhäusern fast exakt in Nord-Süd-Richtung zu erstellen, was für die 28 Bauten optimale Belichtungsverhältnisse schuf. Mit ihren abgetreppten Flachdächern schmiegte sich die Siedlung ausgezeichnet an den Hang; die freie Aussicht auf den Zürichsee blieb erhalten.
Erschlossen wurden die Häuserzeilen mit einer Fahrstrasse unterhalb der Siedlung und mit Fusswegen hinter den einzelnen Häuserreihen. Der Raum zwischen den Häusern konnte so als Garten genutzt werden.
NEUARTIGE KONSTRUKTIONSWEISE
Für die Konstruktion der hölzernen Häuser wählte die Siedlungsgenossenschaft Gwad ein damals neues amerikanisches System. Die Hölzer wurden nicht mehr mit traditionellen Zimmermannsverbindungen gefügt, sondern seitlich an durchlaufende Pfosten genagelt. Die Rahmenbauweise der Gwadhäuser erlaubte es, im Hausinnern ganz auf tragende Wände zu verzichten. Die Vorfabrikation der Rahmen verkürzte die Bauzeit; auch weniger qualifizierte Arbeitskräfte konnten bei diesem einfachen Konstruktionssystem Hand anlegen und so die Baukosten senken helfen. Eine Zwischenschalung versteifte die Konstruktion. Gegen die Witterung schützte eine äussere waagrechte Holzverschalung. Zusammen mit einem Kraftpapier und einer Innenschalung ergab sich eine gute Wärmeisolation.
Die 1943 erstellte Siedlung Gwad mit ihren 28 Einfamilienhäusern ist vorbildlich in die Landschaft integriert.
Durch das Abtreppen der einzelnen Häuserzeilen in der Hanglage konnte Aushub, der in Eigenleistung zu erbringen war, eingespart werden. Indem Schopf und Keller unter das höherliegende Nachbarhaus geschoben wurden, liessen sich alle Räume auf einem Stock anordnen. Um freie Aussicht auf den Zürichsee zu gewährleisten, erhielten die Häuser flache Pultdächer mit GlaswolleIsolierung und Kiesklebebelag. Neben dem Argument der Aussicht halfen die niedrigen Erstellungskosten die damals keineswegs beliebten Flachdächer durchzusetzen. Als Heizung wählte man einen von der Küche aus eingefeuerten Kachelofen im Wohnraum.
Die Gesamtfläche eines Hausgrundrisses ergab sich aus der Berechnung des maximalen Mietzinses. Fischli teilte die total 82 Quadratmeter wie folgt auf:
26 m2
Wohnstube
14 m2
Elternzimmer
2 x 9 m2
zwei Kinderzimmer
5 m2
Gangfläche
14 m2
Küche, Waschküche, Bad
5 m2
Eingang, WC
EIGENLEISTUNGEN DER SIEDLER
Was für Eigenleistungen mussten die Genossenschafter der Siedlung Gwad erbringen? Dazu Initiant Willi Blattmann: «Ausser 100 Franken für den Genossenschaftsanteil ist der Siedler zu keinen weiteren Geldleistungen verpflichtet. Auch jüngere Arbeiter mit Familien können daher mitmachen. Der Beitrag des Siedlers besteht aber in ansehnlichen Arbeitsleistungen am Bau: durch Ausführung von Arbeiten, die kein grosses handwerkliches Können voraussetzen, zum Beispiel Humusabbau, Auffüll- und Umgebungsarbeiten, Zufahrtswege, Bereitstellung von Schlacke und anderen Isolationsmaterialien, Ausführung von Blindböden, Holzimprägnierungsanstrichen usw.»
DIE FINANZIERUNG
Bemerkenswert war die Finanzierung der Siedlung Gwad. Initiant Willi Blattmann schrieb darüber in der Zeitschrift «Werk» vom Juli 1943: «Wir rechneten mit einem Vorkriegsjahresverdienst von 3600 bis 4000 Franken. Gemäss den Unterlagen des Eidgenössischen Statistischen Amtes soll die Wohnung für diese Verdienstklasse zirka 18 Prozent – = jährlich 650 bis 750 Franken – betragen. Dies führte zu folgender Finanzierung:
Baukosten des Hauses
Fr. 21 000.–
Erschlossenes Land 600 m2 a Fr. 5.-
Fr. 3 000.–
Total
Fr. 24 000.–
Darin sind 800 Franken für Anschlussgebühr an die Gemeinde inbegriffen.
Kapital Fr.
jährliche Belastung Fr.
1. Hypothekder Sparkasse à 3¾ %
10 500.–
393.75
2. Hypothek, zinsloses Darlehen des Kantons und der Gemeinde
2 800.–
140.–
3. Hypothek, Darlehen der Industrie
2 100.–
-.–
Hypothekarische Verpflichtungen
15 400.–
533.75
A-Fonds-perdu-Beiträge:
Staat:
2 100.–
Kanton:
2 000.–
Gemeinde:
2 000.–
Beitrag des Siedlers durch Arbeitsleistung am Bau
2 500.–
Unterhalt
210.–
Total
24 000.–
743.75
Die erste Hypothek ist nach Abtragung des zinslosen Darlehens, also nach dem zwanzigsten Jahr, mit 140 Franken zu amortisieren. Die zweite Hypothek des Kantons und der Gemeinde ist innert zwanzig Jahren mit jährlich 140 Franken zu amortisieren. Die dritte Hypothek der Industrie wird im Sinne einer Beitragsleistung an den Fürsorgefonds geleistet. Für das Darlehen ist eine auf den Inhaber lautende Hypothek zu errichten. Solange der nutzniessende Arbeitnehmer in der beitragsleistenden Firma arbeitet, ist das Darlehen zinsfrei und ohne Amortisationszwang. Bei Austritt aus der Firma ist das Darlehen als erste Hypothek zu verzinsen. Nach zwanzig Jahren Hausbesitz und ununterbrochenem Angestelltenverhältnis erlischt die Darlehensschuld des Siedlers.»
Gestaffelt angeordnete, mit Flachdächern gedeckte Einfamilienhäuser der Siedlung Gwad, umgeben von Gärten.
KURZE BAUZEIT
Die Siedlung Gwad wurde in der Zeit zwischen Juli und Oktober 1943 gebaut. Der umbaute Raum pro Haus bezifferte sich auf 390 Kubikmeter, berechnet zum Einheitspreis von 49 Franken pro Kubikmeter. Von der Gesamtbausumme von rund 500 000 Franken vergab die Bauherrschaft 90 Prozent der Arbeiten an ortsansässige Unternehmer. Nur bei gewissen Spezialarbeiten – wie etwa der Ausführung der Kiesklebedächer – kamen auswärtige Handwerker zum Zuge.
AUSBLICK
In den 1980er Jahren wurden zwei Häuser der Siedlung Gwad verkauft. In den übrigen 26 Häusern wohnen noch immer die ursprünglichen Siedler oder deren Nachkommen. Diese Tatsache ist wohl der beste Beweis für die hohe Wohnqualität der Siedlung, deren Konzeption sich bewährt hat. Die Häuser sind in sehr gutem Zustand. Viele sind mit einer zusätzlichen Wärmedämmung versehen und – damit das Holz nicht immer gestrichen werden muss – mit Eternitschindeln verkleidet worden. Durch die Abgeschlossenheit der Siedlung und den Zusammenschluss in der Genossenschaft entstand ein Geist des Zusammenhalts. Bei Architekten und Kunsthistorikern ist die Siedlung Gwad – die 1993 fünfzig Jahre alt geworden ist – inzwischen zum Begriff geworden. Sie gilt als sehenswertes Studienobjekt und wird neuerdings auch in kunstgeschichtlichen Führern gewürdigt.