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«Mein Fürst war mit allen meinen Arbeiten zufrieden, ich erhielt Beifall, ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen», schrieb Joseph Haydn rückblickend über seinen Arbeitgeber, Fürst Nikolaus Esterházy. «Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selber irre machen und quälen, und so musste ich original werden.» Tatsächlich lebte Haydn, der 1761 von Fürst Paul Anton an seinen Hof nach Eisenstadt geholt worden war und nach Paul Antons Tod von dessen Bruder Nikolaus auf Schloss Esterháza weiter beschäftigt wurde, eher isoliert. Schloss Esterháza, war ein prachtvolles Anwesen am Südufer des Neusiedlersees, auf dem reges kulturelles Leben herrschte. Dort gab es ein Theater- und ein Opernhaus, und Haydn hatte ein Orchester, ein Sängerensemble und grosszügige Mittel zur Verfügung. Zwar litt er unter der Abgeschiedenheit, aber sie bot auch eine ideale Arbeitsbedingung. Denn der musikalische Anspruch des Fürsten und sein Unterhaltungsbedürfnis trieben Haydn zu ununterbrochenem Komponieren: Symphonien, Opern, Messen, Streichquartette, Sonaten, dazu 150 Werke für Baryton, ein tiefes Streichinstrument der Zeit, das der Fürst selber spielte. Hatte Haydn bis etwa 1775 hauptsächlich Instrumental- und Kirchenmusik komponiert und dirigiert, so beschäftigte er sich ab 1776 zunehmend mit der Oper und wurde Opernkomponist und -kapellmeister. Der Fürst, der nicht zufällig «der Prachtliebende» genannt wurde, wollte sein Opernhaus zum berühmtesten Europas machen.
Die zehnjährige Periode, in der Haydn die fürstliche Oper auf Schloss Esterháza leitete, bildet den Rahmen des Romans von Dušan Šimko, der 1945 in Košice geboren wurde und 1968 in die Schweiz emigrierte und der in seinem Buch in ironisch-nostalgischem Ton die Kulturszene am Esterházyschen Hof rekonstruiert. «Haydn muss jedes Jahr an die hundert Werke aufführen, und er selbst steuert acht eigene Stücke bei», erklärt der Oberhofmeister Rahier im Roman dem Isaak Abeles, den er gerade zum Opernintendanten ernannt hat. Isaak ist die Hauptfigur im Roman, in dem auch eine Emanzipations- und Anpassungsgeschichte erzählt wird: die Geschichte eines Juden aus dem Ghetto, der in den Dienst des liberalen Fürsten tritt und an dessen Hof eine beispiellose Karriere macht, indem er sich vom Lakaien zum Opernintendanten emporarbeitet, die fromme jüdische Lebensweise aufgibt und zum Katholizismus konvertiert.
Isaaks Geschichte bildet im Roman den leitenden Handlungsfaden, der nicht geradlinig gesponnen, sondern in einem Muster aus Rückblenden und eingeschobenen inneren Monologen zu einem fiktiven Stoff verwoben wird. Isaak wird schon im ersten Satz des Romans eingeführt, im Verlauf der Handlung tauchen viele Nebenfiguren auf: der Oberhofmeister Rahier, die exzentrische Operndiva Flavia Cornelia Pozzi, der schwarze Kammerdiener des Fürsten Lobkowitz, der Kopist Baumann, der Hofmedikus Gimessi, der Hofkapellmeister Haydn – nur skizzenhaft gezeichnete Figuren, die jeweils in kurzen Episoden auftreten und das Geschehen um Isaak mitbestimmen oder zumindest beeinflussen, um dann wieder in den Hintergrund zu verschwinden. (Dass sporadisch selbst der Erzähler auftritt, wirkt eher hilflos als narrativ-technisch notwendig.)
Der dramaturgische Höhepunkt des Geschehens stellt einen Wendepunkt in Isaaks Lebensweg dar. Als das fürstliche Opernhaus in Flammen aufgeht, erfährt Isaak die vollkommene erotische Erfüllung. «In der Nacht, als in der Oper das Feuer ausbrach, hatte sich der Intendant in die Gefangenschaft der weissen Schenkel der Sopranistin Anna Zannini begeben.» Damit wird die Liebesgeschichte zwischen Isaak und der Hofsopranistin eingefädelt, die von hier an ebenso minutiös wie diskret verfolgt wird, während scheinbar die kriminalistische Untersuchung der Brandursachen und der Bau eines neuen Opernhauses im Vordergrund der Handlung stehen. Die neue Oper soll besser als die alte sein: «die Bühne tiefer und breiter, die Beleuchtung dank der neuen Lüster strahlender, und mehr Sitzplätze würde es auch geben.» Aber der Tod des Fürsten setzt den Opernträumen ein brüskes Ende. Als Fürst Nikolaus 1790 stirbt, endet Haydns Dienst am Esterházyschen Hof. «Der Kapellmeister, der Intendant und die Sopranistin sahen sich beim Begräbnis zum letzten Mal», heisst es im Epilog des Romans. In einem Nebensatz wird erwähnt, dass Haydn nach London ging. Dass der Sohn von Isaak und Anna in der Neuen Welt geboren und auf die Namen Joseph Nikolaus getauft wird, also die Vornamen des Fürsten und seines Kapellmeisters trägt, markiert den Schluss eines Liebesromans, in dem Musikgeschichte mit kriminalistischen und historischen Elementen versetzt und zu einer amüsanten Lektüre verflochten wird.
Dušan Šimko, «Esterházys Lakai». Aus dem Slowakischen, mit Illustrationen von Josef Mzyk. Wuppertal: Arco Verlag, 2005.
Stefana Sabin, geboren 1955, schreibt als freie Kulturkritikerin insbesondere für die NZZ und die FAZ.