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Die sogenannte lumbosakrale Verankerung ist einer der Begriffe, der seit Jahrzehnten in der Physiotherapie verwendet wird und nach meinem Dafürhalten zu undifferenziert gebraucht wird.
Normalerweise versteht man darunter, die muskuläre Verspannung der Lendenwirbelsäule (mit dem Sakrum) in dem Sinne, dass sie ihre Mittelstellung zwischen Lordose und Kyphose = Nullstellung bei allen Bewegungen des Körpers – speziell der Vorneigebewegung (Bücken) beibehält.
Im Folgenden werde ich zeigen, dass diese Idee in der Weise zu absolut ist und dass bereits die Verwendung des Begriffes aus zwei Gründen falsch ist. Weder gibt es eine reine lumbosakrale Verankerung, noch sollte diese WS Form als Verankerung bezeichnet werden, da der Begriff „Verankerung“ zu eng gefasst wird.
Zum Begriff „Verankerung“
Der Begriff Anker ist “ … die germanische Bezeichnung des Gerätes zum Festlegen von Schiffen“ (Duden). Wenn man von Anker spricht, meint man hauptsächlich den Schiffsanker, obwohl man auch bei Räderuhren von „Ankern“ spricht, wohl aufgrund der Form eines klassischen Ankers.
Bei der Verankerung eines Schiffes wird der Schiffskörper mit dem Anker, welcher mit einem Seil oder mit einer Kette mit dem Schiff verbunden ist, meistens auf dem Boden des jeweiligen Gewässers festgelegt. Wie man auf den nächsten Bild sehen kann, ist es dabei besonders wichtig, dass das Seil oder die Kette Spiel hat, damit sich das Schiff bei verändertem Wellengang optimal ausrichten kann.
Das Seil hängt im Normalfall also immer etwas durch, damit dieses Feintuning möglich ist. Im Englischen bedeutet durchhängen – slack.. Diesen Begriff kennt man auch in der manuellen Therapie nach Kaltenborn, welcher die Aufnahme der ligamentären Spannung einer Gelenkkapsel mit dem „Aufnehmen des Slack – Slack taken up“ bezeichnet, mit dem Aufspannen der zugfesten Struktur.
Anatomie des lumbosakralen Bereiches
Für unseren lumbosakralen Bereich können wir eine Analogie herstellen. Gemäss dem Begriff „lumbo-sakral“, in welchem die LWS = lumbal und das Sacrum angesprochen werden, entspricht
- das Sacrum der Struktur, an welcher verankert wird
- die lumbalen Wirbel dem Schiff und
- alle verbindenden Stukturen dem Anker und dem Seil
Betrachten wir also diesen Bereich genauer. Dieser wurde von mir bereits in einem anderen Beitrag beschrieben, damals ging es um die Palpation der SIG und die funktionelle Bedeutung dieses Bereiches.
Auf dem ersten Bild sieht man eine Aufsicht auf einen von der Haut und vom Fettgewebe frei präparierten Rücken. Man kann die mächtige Faszia thoracolumbalis (TFL) erkennen. Diese verbindet den M. latissimus dorsi und den M. trapezius pars ascendens mit der thorakolumbalen WS, dem Becken, dem Sacrum und dem M. gluteus maximus (beidseitig – die Verbindungen gehen noch weiter nach distal). Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Verspannung um eine Cingulo-trunco-cinguläre Verspannung handelt.
Beim zweiten Bild ist die FTL wegpräpariert und man sieht auf der rechten Seite den M. erector spinae mit seinen beiden Anteilen und links die nächst tiefere Schicht, die M. multifidi. Mit diesen Muskeln werden der Thorax und die thoracolumbale WS mit dem Sacrum und dem Becken verbunden. Man könnte auch hier von einer Trunco-lumbo-sacralen-pelvinen Verspannung sprechen.
Beim dritten Bild wurde auch noch der M. erector spinae wegpräpariert, so dass beidseitig die M. multifidi sichtbar werden. Diese verbinden, wie man sehen kann, die LWS mit dem Sacrum und dem Becken. Hier würde man von einer lumbo-sacralen-pelvinen Verspannung sprechen.
Fazit
Alle diese Bilder zeigen, dass es keine isolierte lumbosakrale muskuläre Verspannung und damit Verankerung gibt, da im Ganzen gesehen die unterschiedlichsten Körperteile miteinander verbunden sind. Die Vorneigung des Oberkörpers mit in Nullstellung fixierter WS erfordert weit mehr als nur die lumbosakrale Verankerung. So wird
- das Becken wird an den Ober- und Unterschenkeln „verspannt“
- die LWS wird mit dem Sakrum und dem Becken „verspannt“
- die LWS, die BWS und die Rippen werden mit dem Becken „verspannt“
- das Becken, die LWS, die BWS werden mit der Skapula und dem Humerus „verspannt“
All diese „Verspannungen“ ermöglichen synergistisch diese Vorneigebewegung. Eine alleinige lumbosakrale Verspannung könnte dieses Bewegungsmuster nicht garantieren. Deswegen ist dieser Begriff irreführend. Ich persönlich unterscheide zwischen dem Bewegungsmuster „Vorneigen“ und dem Bewegungsmuster „Bücken“, da das Wort Bücken das Beugen miteinschliesst. Bücken leitet sich etymologisch direkt von Beugen ab und beinhaltet so immer die Beugung der WS. Ein Bücken ohne Beugung der WS ist keine Bücken.
Alternativ könnte man also sagen „Vorneigung des Oberkörpers mit gestreckter WS“ vs Vorbeugung des Oberkörpers. Damit würden alle beteiligten und untereinander verspannten Körperteile eingeschlossen.
Leitet man gewisse Muskelaktivitäten im EMG ab, kann man diese darstellen.
Wie sieht es nun mit der Funktion des Verankerns aus?
Aus den obigen Ausführungen kann man ableiten, dass mit Verankern normalerweise nicht nur das straffe Verspannung gemeint ist, da ein Schiff niemals starr verankert wird. Es gibt immer einen Slack. Bei der Vorneigung mit gestreckter WS gibt es keinen Slack. Die WS ist straff in einer Konfiguration der Wirbel verspannt.
Würde man die Bedeutung des „Slack“ auf die Bückbewegung beziehen, könnte man diese mit dem Beugen der WS vergleichen. Bei dieser werden die einzelen Wirbel flexorisch abgesenkt und muskulär koordiniert (siehe EMG). Auch eine solche Bewegung könnte man als Verankerung im obigen Sinne bezeichnen, da die muskulären Verbindungen = Verankerung noch immer bestehen und auf diese Weise ein gewisses Feintuning möglich ist.
Damit wird keine Aussage über die Belastungen der Bewegungssegmente gemacht, dass ist ein anderes Thema, aber meiner Meinung nach, wird so der Begriff der lumbosakralen Verankerung relativiert.
Eine andere Sichtweise
Aus all diesen Gründen lohnt es sich, die Sache etwas anders anzugehen. Einer der Forscher, der sich seit Jahrzehnten mit diesen Fragen beschäftigt, ist Serge Gracovetsky, ein Ingenieur.
Bereits in den 1970-er Jahren hat er zu diesen Fragen publiziert und seit damals forscht er unermüdlich weiter. Er betont die Bedeutung und Notwendigkeit der Fascia thorakolumbalis, die er auch als PLL – posteriores Ligament System bezeichnet, für die „Stabilisation“ der Lendenwirbelsäule, wobei der Begriff „Stabilisation“ bei ihm ebenfalls eine anderer Bedeutung hat. Er spricht nicht von Stabilität sondern von kontrollierter Instabilität. Das aber ist wieder ein anderes Thema. Diese Gedanken werden bereits in seinem Hauptwerk „The spinal engine“ formuliert, welches 1988 bei Springer publiziert wurde.
Wie man dem folgenden Video entnehmen kann, hat er eine ganz anderer These der Dynamik der Wirbelsäule bei der Vorbeugung entwickelt, die sich von der rein muskulären Betrachtung löst und die Faszia thoracolumbalis in die Betrachtungen miteinbezieht.
Der Vortrag wurde 2007 am ersten Faszien Kongress in Bosten gehalten. Der Vortrag ist einer der besten, den ich je gehört habe – tiefsinning -eloquent und humorvoll. Grandios!