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Wir sind Experten darin, jung zu sein , sagte Synnöve Snyen. Wenn nun in Norwegen in Parteien von links bis rechts mehr junge Lokalpolitiker gewählt würden, erklärte die 20-Jährige im Fernsehen, führe dies zu einer besser auf die Jugend zugeschnittenen Politik. Die Jungsozialistin wurde 2015 in den Gemeinderat von Oppegaard südlich von Oslo gewählt, zusammen mit einer Reihe von jungen Politikern, die von einem Versuch profitierten: 2011 und 2015 senkten 20 Gemeinden das Wahlalter auf 16 Jahre. Snyen wurde dank vielen Direktstimmen ins Amt katapultiert sicher auch, weil sie Teenager im Wahlkampf gezielt ansprach. Auch sonst setzt Norwegen auf ein tiefes Stimmrechts alter: Drei Viertel von 215 Gemeinden, die in den letzten Jahren Abstimmungen durchführten, liessen auch 16-Jährige zu.
Eine Langzeitstudie über die Lokalwahlen kommt zum Schluss, dass die höhere Zahl von Jungpolitikern der grösste Effekt des gesenkten Wahlalters ist. Laut Studienleiter Johannes Bergh vom privaten Institut für Sozialforschung gab es in den Versuchsgemeinden fast 50Prozent mehr Gewählte unter 25 Jahren. Junge wählten Junge , sagt Bergh. Zudem hätten die Parteien Nachwuchspolitikern vordere Listenplätze gegeben, um junge Wähler anzusprechen. So könne es gelingen, die verzerrte Repräsentation der Altersschichten in der Politik etwas auszugleichen.
Analysen des Brexit, aber auch von Abstimmungen in anderen Ländern zeigen, dass nicht nur die politischen Behörden, sondern auch das Stimmvolk meist überproportional männlich und alt ist. Junge Leute, so die Folgerung, stimmen weniger ab, womit die Politik die Bevölkerung schlecht abbildet. Einige Länder versuchen deshalb, mit der Senkung des Stimmrechtsalters Gegensteuer zu geben. Österreich ist das einzige EU-Land, in dem 16-Jährige an nationalen Wahlen zugelassen sind. In Schottland, Estland, einigen deutschen Bundesländern sowie im Kanton Glarus als einzigem Stand in der Schweiz gilt wie in Norwegen lokal Stimmrechtsalter 16.
Die Debatte ist überall ähnlich: Bringen die Teenager eine erhöhte Stimmbeteiligung? Und kann ihr Interesse früher geweckt werden? Die neuste Studie aus Norwegen verneint dies. Wer befürchte, 16-Jährige würden eine Revolution auslösen, den könne er beruhigen, sagt Johannes Bergh. Die Stimmbeteiligung der Jungen liege etwa im Durchschnitt aller Altersgruppen allerdings höher als bei den 19- bis 25-Jährigen. Es zeige sich, dass ein erster Gang an die Urne mit 16 noch keine regelmässigen Wähler schaffe. Vieles deute darauf hin, sagt Bergh, dass zum Abstimmen motiviert werde, wer noch die Schule besuche und zu Hause wohne.
Studien in Deutschland und Österreich ergaben ebenfalls, dass sich die Euphorie der Teenager nach einiger Zeit abschwächt. Bezüglich Wahlbeteiligung sind die Ergebnisse widersprüchlich; die Effekte könnten sich aufgrund regionaler Demografie oder dem politischen System unterscheiden. In Glarus gibt es bisher keine empirischen Daten über die Folgen des tieferen Stimmrechtsalters. Positiv aufgenommen wurde es in breiten Kreisen, und laut Ratsschreiber Hansjörg Dürst besuchen Jugendliche die Landsgemeinde rege. Dort haben sie eine sehr direkte politische Mitwirkung.
Minderjährige verändern laut der Forschung auch die Parteienstärken nicht stark. Dänemark war bisher gegen eine verjüngte Wählerschaft. Dafür ist dort die Schulwahl ein nationales Ereignis: Jedes Jahr spielen Zehntausende 15- bis 17-Jährige einen dreiwöchigen Wahlkampf mit Urnengang durch. Die Resultate werden flächendeckend ausgewertet, das Ganze kommt zur besten Sendezeit im Fernsehen. Dieses Jahr gewann der bürgerliche Block sogar noch deutlicher als bei den Parlamentswahlen.
Die Schule ist laut internationalen Experten bei einem tieferen Stimmrechtsalter besonders gefordert, um die nötige politische Bildung zu vermitteln und Teenager zum Urnengang zu motivieren. Umgekehrt haben die Studien in Österreich und Norwegen gezeigt, dass das Interesse der Jungen an Politik steigt, wenn sie besser repräsentiert sind.