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Von Mai bis Oktober 1883 fand am Platzspitz in Zürich die erste schweizerische Landesausstellung statt. «Wohl die Hälfte des Volkes der Schweiz, anderthalb Millionen Menschen, Männer, Weiber, Kinder, Städter und Bauern kamen herbei und glaubten, es sei jetzt eine bessere Zeit zu hoffen!» berichtete der Schweizer Dichter Gottfried Keller, der für das Grossereignis den Text zu einer Eröffnungskantate geschrieben hatte. Zu den 5000 Ausstellern zählte Johann Bucher aus Niederweningen im Zürcher Wehntal. Wie die Neue Zürcher Zeitung damals schrieb, «konnte er mit schön gearbeiteten Mostpressen auftreten, die allseitig Beifall fanden und ihn rasch weit herum bekannt machten.»
Der Absatz der von Bucher selbst hergestellten Obstpressen stieg und trug dazu bei, dass aus der mechanischen Werkstätte in Niederweningen eine Maschinenfabrik wurde, die über Generationen hinweg weiter wuchs und heute als weltweit tätiger Konzern mehr als 10 000 Mitarbeiter beschäftigt. Die Schmiede, mit der das Unternehmen seinen Anfang nahm, steht noch immer auf dem Firmengelände.
«Die Intelligenz, der starke Wille und der Fleiss des aus der Fremde zurückgekehrten Bucher verschafften ihm den nötigen Kredit.»Der Wehntaler
Johann Bucher wurde 1843 geboren, als erstes von 20 Kindern, von denen aber nur neun das Kindesalter überlebten. Johanns Vater beschlug als Dorfschmied Pferde, fertigte aber auch Rebmesser und andere Schmiedewaren, welche die Mutter auf dem Markt in Zürich verkaufte. Der Junge musste im Betrieb mithelfen und durfte die Sekundarschule nicht besuchen. Nur an Sonntagen konnte er in Baden an Zeichenunterricht teilnehmen. Geometrie und Physik brachte er sich im Selbststudium bei. Dabei halfen ihm seine schnelle Auffassungsgabe und die Hartnäckigkeit, mit der er ein Ziel verfolgte. Die Lokalzeitung Der Wehntaler berichtete in einem Nachruf: «Durch das Interesse und die Geschicklichkeit des Jünglings unterstützt, fing der Vater Bucher mit eingestellten Schlossergesellen und Drechslern die Fabrikation von Jauchepumpen und nachher von Dreschmaschinen an.»
Doch Johann war das nicht genug. Gegen den Willen der Eltern ging er als Zwanzigjähriger auf Wanderschaft. Er arbeitete in mehreren deutschen Städten als Eisendreher, Mechaniker und Maschinenschlosser. Als 1866 wegen Kriegswirren die Arbeit in Chemnitz stockte, nahm er bei Kollegen Nachhilfeunterricht, um sein theoretisches Wissen weiter zu vergrössern. Drei Jahre später kehrte er in die Schweiz zurück. Doch mit einem eigenen Geschäft, das er in Langnau am Albis eröffnete, hatte er kein Glück. Das Ersparte und die Einnahmen reichten für die nötigen Anschaffungen nicht aus. Erst als er nach Hause zurückkehrte, stellte sich der Erfolg ein.
Sein Vater übergab ihm das Geschäft, stellte aber weiterhin Güllepumpen her, während der Sohn mit der Fabrikation von Obstmühlen und Mostpressen begann. «Die Intelligenz, der starke Wille und der Fleiss des aus der Fremde zurückgekehrten Bucher verschafften ihm den nötigen Kredit zur Anschaffung und Installation dieser und jener Einrichtung und zum Kauf der nötigen Rohmaterialien für seinen eigenen wie des Vaters Arbeitszweig», schrieb Der Wehntaler. Damit hatte Johann Bucher als einer von wenigen Schweizern den Schritt vom Handwerker zum Maschinenhersteller gemacht, wie die Autoren Andreas Nef und Andreas Steigmeier in einem Buch über Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik ausführen.
Ein Ereignis für das ganze Dorf war die Anschaffung einer Drehbank, die vom bereits vorhandenen Wasserwerk angetrieben wurde. Mit der neuen Einrichtung fertigte Johann Bucher das Herzstück der Obst- und Traubenpressen: eine präzise Spindel. Drehte man an der Spindelmutter, wurde der Deckel der Presse auf das Pressgut gedrückt. Die Konstruktion war so robust, dass sie auch grossen Belastungen standhielt. Selbst ungeschickte Leute konnten diese Maschine problemlos bedienen, wie der Hersteller vermerkte. Er bot die Pressen in verschiedenen Grössen mit Korbvolumen von 100 bis 1200 Litern an, und das Geschäft lief so gut, dass Bucher schon nach zwei Jahren vier Arbeiter beschäftigen konnte. Er heiratete und bekam vier Kinder. Neben der Fertigung von Obstmühlen und Pressen widmete er sich der Verbesserung von Pflügen, einem der wichtigsten Arbeitsgeräte in der Landwirtschaft. Ungewöhnlich waren die öffentlichen Pflugproben, bei denen der Fabrikant vor Ort auf einem Acker die Fortschritte seiner Entwicklungen demonstrierte.
Einen weiteren grossen Wachstumsschub erfuhr das Unternehmen, als Bucher sich nicht nur auf die Fabrikation eigener Produkte beschränkte, sondern auch fertige Maschinen importierte. «Eine Wagenladung Rübenschneider aus Deutschland wurde Ende der 1880er-Jahre innert kürzester Zeit noch auf dem Bahnhofplatz in Baden verkauft», schreiben Nef und Steigmeier. Eine Sensation war 1891 die öffentliche Vorführung einer Mähmaschine aus den USA im aargauischen Schneisingen. Die Veranstaltung zog über tausend Zuschauer an.
Beim Verkauf der neuen Landmaschinen lieferte sich Johann Bucher einen harten Konkurrenzkampf mit Johann Ulrich Aebi und dessen Firma in Burgdorf, Kanton Bern. Aebi behauptete in einem Inserat, seine Mähmaschinen seien sorgfältiger gearbeitet als die amerikanischen, «die gegenwärtig überall mit echt amerikanischem Humbug angepriesen werden». Bucher konterte, amerikanischer Humbug sei eine «recht unverschämte Bezeichnung» und hielt fest, dass Aebi nicht im Stande sei, «eine gute Maschine zu erstellen, ohne Bestandteile aus Amerika zu beziehen». Doch die Nachfrage war so gross, dass beide Konkurrenten gute Geschäfte machten.
Während der Maschinenhandel für ein grosses Umsatzwachstum sorgte, bestand Johann Buchers Kerngeschäft weiter in der Herstellung von Güllepumpen sowie Spindelpressen für Obst und Trauben. Und damit gewann er an Ausstellungen Preise. Diesem Bereich blieben auch seine Nachfolger treu. Sein Sohn Jean übernahm das Geschäft mit 70 Arbeitern im Jahr 1904 und entwickelte eine Presse, die mit Wasserhydraulik ausgerüstet war. Und die Presskraft wurde nicht mehr über eine Spindel, sondern über einen Kolben erzeugt. Die neuen Maschinen waren leistungsfähiger und vor allem für Mostereigenossenschaften interessant. 1912 verkaufte Jean Bucher über 130 dieser neuen hydraulischen Pressen.
Und Bucher liess weitere Innovationen folgen: Für Kleinbetriebe konstruierte er Anfang der 1930er-Jahre das legendäre Modell namens «Mostfritz», eine handbetriebene kombinierte Obstmühle und -presse.
1965 brachte das Unternehmen die erste Universal-Früchtepresse HP 5000 auf den Markt – eine grosse hydraulische Presse, welche die Verarbeitung von Obst, Beeren und Gemüse zu klaren Säften rationalisierte. Mit einer weiterentwickelten Maschine dieses Typs lassen sich heute pro Stunde 10 Tonnen Früchte zu Saft verarbeiten. Damit ist Bucher internationaler Marktführer bei den Saftpressen. Bei diesem Modell liegt der Pressbehälter horizontal, was beim Rotieren für eine bessere Durchmischung des Inhalts sorgt. Drainage-Elemente im Innern steigern die Ausbeute weiter. Eine spezielle Version dieser Presse wird inzwischen auch erfolgreich zur Entwässerung von Klärschlamm eingesetzt.
Johann Bucher hatte im Alter von 60 Jahren das Geschäft in Niederweningen seinem Sohn übergeben, weil er nahe der Schweizer Grenze, in Deutschland, eine kleine Fabrik für Jauchepumpen aufbaute. Doch schon bald machten sich Altersbeschwerden bemerkbar. Bucher kehrte schliesslich nach Niederweningen zurück, wo er bis zu seinem Tod, 1919, zu Hause im Garten und in einer kleinen Werkstatt arbeitete. «In spartanischer Einfachheit ging er durchs Leben», schrieb Der Wehntaler, «dabei war er aber nicht verdriesslich darüber, wenn andere sich etwas mehr gestatteten als er selbst in seiner angeborenen Bescheidenheit sich erlaubte.»