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In diesem Semester verfassen die Studierenden des ersten Jahres des Masterstudiums Schulmusik II unterschiedliche Texte über Musik und Pädagogik.
Ein Text von Noemie Hunziker
Die russische Klaviermusik der Romantik begeistert mich schon seit Jahren. Diese Musik zieht mich mit ihrer Dramatik und ihrem emotionalen Gehalt immer wieder in ihren Bann. Die Dichte, die Vollgriffigkeit, die endlosen Melodien mit oft schwermütigem Ton – dies alles ist dem klassischen Publikum vor allem von Komponisten wie Rachmaninoff bekannt.
Im Rahmen meines Masterprojektes für meinen Klavier-Pädagogik Abschluss machte ich mich auf die Suche nach vergessenen Komponisten der russischen Romantik. In der Hoffnung, jemanden zu finden, dessen Musik mich ebenso fesseln würde wie diejenige von Rachmaninoff, wurde ich in folgendem Namen fündig: Nikolai Medtner.
Medtner wurde am 5. Januar 1880 in Moskau geboren. Seine Mutter stammt aus der bekannten, ursprünglich deutschen Musikerfamilie Goedicke-Gebhard. So kam er von klein auf in Kontakt mit Musik. Er studierte in seiner Jugend Klavier bei namhaften Pianisten wie Pavel Pabst (Schüler von Liszt) und schloss seine pianistische Ausbildung mit der höchsten Auszeichnung ab. Medtner war für seine technischen und interpretatorischen Fähigkeiten berühmt. Bei seinen zahlreichen Konzerten begeisterte er das Publikum mit den damaligen ‚Hits‘ – Beethovens Appassionata-Sonate war sein meistgespieltes Werk.
Als Medtner selber mit dem Komponieren begann, wurde es zu seinem Ziel, seine pianistische Reichweite dazu zu nutzen, um seine eigene Musik bekannt zu machen. Er spielte immer seltener Werke anderer Komponisten und gab viele sogenannte ‚Komponistenabende‘, bei welchen er nur seine eigene Musik spielte. Medtner hielt nichts von der neu aufkommenden künstlerischen Avantgarde. Er hielt stets an der Lehre der traditionellen klassischen Musik fest, was in seinen Werken deutlich zu hören ist. Man kann wohl sagen, dass er einer der letzten Romantiker war.
Nach dem ersten Weltkrieg begann für ihn eine sehr schwere Zeit. Er emigrierte 1921 nach Deutschland, in der Hoffnung, dort seine Kompositionen etablieren zu können. Als Ausländer, der ‚veraltete‘ Musik komponierte, erwies sich dies jedoch als sehr schwierig. So wollte er, sobald es möglich würde, nach Russland zurückkehren. Die Sehnsucht nach seiner Heimat ist in seinen Kompositionen stark spürbar. Sie ist voll von russischen Volksmelodien und dem typischen russischen Pathos.
Medtner und seine Frau kamen mit den wenigen Konzerten, die er in Deutschland geben konnte, nur knapp über die Runden. Umso mehr waren sie dankbar, dass ihr guter Freund Rachmaninoff sie mehrmals finanziell unterstützte. Rachmaninoff hielt sehr viel von Medtners Oeuvre – seiner Meinung nach war Medtner einer der grössten Komponisten seiner Zeit. Er war es auch, der für Medtner eine Tournee in Amerika organisierte.
In Amerika wollte das Publikum vor allem berühmte Werke hören. Medtner hatte nur wenig Interesse daran, die altbekannten Werke von Beethoven etc. wieder einzuüben. Er wollte vor allem seine eigene Musik bekannt machen. Widerwillig musste er aufgrund der Verträge trotzdem Konzerte geben, die ihn als Pianisten zwar berühmt machten, ihn jedoch in seinem Ziel, seine Kompositionen zu etablieren, unbefriedigt liessen. Nach einigen Umwegen führte seine Reise ihn 1935 schlussendlich nach England, wo seine Musik von Kennern gefeiert wurde und bis heute einigermassen bekannt geblieben ist, auf jeden Fall mehr, als dies bei uns der Fall ist.
Medtner erschuf mit seinen ‚Märchen‘ ein neues pianistisches Genre, in welchem man besonders die Hingabe für sein Heimatland Russland spürt. Neben zahlreichen solcher ‚Märchen‘ komponierte er 14 Klaviersonaten, 3 Klavierkonzerte und einige kammermusikalische Werke. Typisch für seine Musik ist die Monothematik – er liebte es, aus einem einzigen Thema so viel wie möglich herauszuquetschen. Seine virtuos-kontrapunktische Handschrift ist in keinem Werk zu überhören, seine Musik sprudelt nur so von aussergewöhnlicher rhythmischer Virtuosität.
Medtners Musik sowie auch seine Geschichte faszinieren mich. Deshalb entschied ich mich dazu, mein Abschlussrecital im Juni 2020 mit seinen Werken zu gestalten. Ich wählte die Stücke so aus, dass möglichst alle Facetten seines Schaffens gezeigt werden konnten. Die Corona-Krise zwang mich dazu, mein Recital ohne Publikum spielen zu müssen. Ich wollte das Programm aber unbedingt an die Öffentlichkeit bringen, da Medtners Musik viel zu wenig gespielt wird und dadurch nicht die Bekanntheit geniesst, die sie verdient hätte. So liess ich das Projekt filmen und bin im Nachhinein froh über diese Möglichkeit, die sich durch Corona ergeben hat. Denn nun wurde dieses Programm vermutlich schon von viel mehr Menschen gehört, als wenn ich es an ein paar Abenden live vor Publikum gespielt hätte.
Quelle Bild 1: https://www.classicalmusicnews.ru/signdates/nikolai-metner/
Quelle Bild 2: https://www.russianartandculture.com/glazunov-medtner-and-tchaikovsky-open-the-pushkin-house-music-festival/