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Cartola Angenor de Oliveira, der erst zu seiner Hochzeit auf dem Standesamt entdeckte, dass sein Vorname als „Angenor“ eingetragen war – und nicht „Agenor“ – war der erste von acht Söhnen aus der Ehe seines Vater Sebastião mit Aída. Vom achten Lebensjahr an wohnte er in der Rua das Laranjeiras, in Rio de Janeiro. Sein Interesse für die Musik wurde durch den Kontakt mit Arbeiter-Clubs und portugiesischen Einwanderer-Zentren geweckt.
Er war 11 Jahre alt, als die finanzielle Situation seiner Familie problematisch wird und sie aus der besseren Gegend in ein Armenquartier auf dem „Morro da Mangueira“ umziehen müssen – zu dieser Zeit noch von wenigen Hütten vereinnahmt und mit einem gewissen ländlichen Charakter. Dort lernt er Carlos Cachaça kennen, sechs Jahre älter als er, der immer noch am Leben ist, mit ihm geht er eine enge und lebenslange Freundschaft ein – und sie werden auch Partner in ihrer musikalischen Laufbahn. Zuerst bekommt er eine Anstellung in einer bescheidenen Typografie, eine von zahlreichen folgenden bescheidenen Anstellungen. Sein Spitzname „Cartola“ (Zylinder) bekommt er, weil er sich bei seiner Tätigkeit als Maurer stets einen Hut aus Kokosfasern auf den Kopf setzte, um seine Haare vor dem herumspritzenden Mörtel zu schützen.
Mit nur 18 Jahren tut er sich mit Deolinda zusammen, einer verheirateten, sieben Jahre älteren Frau, die schon ein Kind mitbringt. Mitglied in der „Roda dos Batuqueiros“ (Perkussions-Runde) macht er ein paar Jahre später mit bei der Gründung des „Bloco dos Arengueiros“ (Block der Streitsüchtigen), die ihren Namen zurecht trugen, denn ihre Mitglieder hatten die grösste Freude daran Strassentumulte zu provozieren! Eines Tages kamen sie allerdings zu der Erkenntnis, dass es inzwischen an der Zeit sei, die Nerven langsam zu beruhigen und sich wieder auf ihre musikalischen Intentionen zu besinnen. Also beschliessen sie unisono, eine „Escola de Samba“ zu gründen – die „Escola Estacao Primeira de Mangueira“ im Jahr 1928, deren Clubfarben, nach einem Vorschlag von Cartola, Grün und Rosa sein sollten, dieselben des „Rancho dos Arrepiados“, den er während seiner Zeit in der Stadt immer frequentiert hatte.
Gegen Ende 1929 wurde dann seine erste Komposition auf Platte geprägt: der Samba „Que Infeliz Sorte“, gesungen von Francisco Alves. Bis zum Jahr 1933 lanciert er acht Samba-Kompositionen – fünf gesungen von Francisco Alves, dem besten Sänger dieser Epoche, einen mit Carmen Miranda, der latein-amerikanischen Entdeckung jener Zeit, einen mit Sylvio Caldas, auch ein Interpret der ersten Kategorie und einen mit der Neuentdeckung Arnaldo Amaral.
In dieser seiner ersten Phase – als gravierte Musikplatten von ihm erschienen, überliess er die Interpretation stets anderen Sängern, aber auch durch sie bewegten sich seine Einnahmen durch die Musik am Rand des Existenzminimums – so widmete er sich schliesslich nur noch Kompositionen für seine geliebte „Mangueira“, wo er sich zu einer legendären Figur entwickelte.
Spontan nahm er mal diesen mal jenen Samba wieder auf Platte auf – wie zum Beispiel “ Não Quero Mais“ (Ich möchte nicht mehr) – gesungen von Aracy de Almeida 1936 – oder „Quem me ve sorrir“ (Wer mich lachen sieht) – in eigener Interpretation 1940 – und „Não Posso Viver Sem Ela“ (Ohne sie kann ich nicht leben) – mit Ataúlfo Alves Gesang, für den Karneval 1942.
Die 40er Jahre gingen nicht besonders rücksichtsvoll mit ihm um – wieder tauchte er ab in seine chronischen finanziellen Probleme, bedrückt durch den Tod seiner Gefährtin Deolinda und bedrängt durch eine schwere Krankheit. Er entfernt sich aus dem Kreis der „Mangueira“ und viele Menschen nehmen an, dass er bereits tot ist. In der Mitte der 50er Jahre entdeckt ihn der Journalist und Schriftsteller Sérgio Porto in seinem Elend – er wäscht Autos gegen ein paar Münzen in einer Garage in Ipanema (Rio). Sérgio verbreitet die gute Neuigkeit, dass der „göttliche Cartola wiedergefunden sei“ und arrangiert ihm eine weniger qualvolle Anstellung. Cartola beginnt sich langsam wieder ins musikalische Milieu einzufinden.
Seine Lebensgemeinschaft mit Dona Zica (Eusébia Silva do Nascimento), eine nette Mulattin mit leuchtenden Augen gab seinem Leben die Liebe und Ruhe zurück. Dona Zica wahr eine exzellente Köchin, und Jahre später installierten sich die beiden in einem antiken Herrenhaus der Rua Carioca und eröffneten das Restaurant „Zicartola, das 1963 bis 65 absolut „in“ war: In der Küche hatte Dona Zica das Kommando, im Salon kommandierte Cartola den Samba – und sie verwandelten das „Zicartola“ in einen beliebten Treffpunkt der Sambistas und einer Elite von Komponisten der umliegenden Morros – und sie gaben auch jedem Amateur eine Chance, der im „Zicartola“ etwa sein Können unter Beweis stellen wollte.
Cartola eroberte sein Prestige von neuem und nimmt beim Plattenverlag Marcus Pereira eine ganze LP nur von seinen Werken aus – seine erste! Und sie wird von der Kritik hoch gelobt und als „die beste Platte des Jahres“ bezeichnet. „Es ist schwer zu sagen, was an dieser Platte das Beste ist, denn sie hat keine Schwächen..“ (Tinhorão). 1979, im Alter von 68 Jahren, komponiert er sein bekanntestes Werk, den Samba „As Rosas Nao Falam“ (Die Rosen sprechen nicht) – interpretiert im Original von Beth Carvalho, ein Klassiker.
Cartola starb getragen vom Respekt und der Anerkennung seines Volkes am 30.11.1980, mit 72 Jahren – er wurde unter grosser Verehrung in der „Mangueira“ aufgebahrt und auf dem Friedhof von Caju beigesetzt. 1983 erschien seine Biografie „Cartola, Os Tempos Idos“ (die verflossenen Jahre) von Marilia T. Barboza und Arthur L. de Oliveira Filho – Edicao Funarte/INL. Der vorliegende Text beinhaltet lediglich wichtige Stationen seines Lebens und stellt nicht den Anspruch komplett zu sein.
Diskographie Cartola
- CARTOLA AO VIVO (2000)
- MANGUEIRA – SAMBAS DE TERREIRO E OUTROS SAMBAS (1999)
- SAMBA DE CARTOLA (1998)
- DOCUMENTO INÉDITO (1982)
- CARTOLA 70 ANOS (1979)
- VERDE QUE TE QUERO ROSA (1977)
- CARTOLA II (1976)
- CARTOLA (1974)
- CARTOLA 80 ANOS (1987)