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Mit der Rolle der Julia, des blutjungen, stürmisch liebenden Teenagers aus dem Ballett von Sergej Prokofjew, sollte die Tänzerin Marcia Haydée weltberühmt werden. Die Figur des Romeo verkörperte Richard Cragun, auch er ein Hochbegabter. Der Premierenabend im Jahr 1962 an der Stuttgarter Oper markiert gleichzeitig den Beginn dessen, was die Kritiker etwas später als «Stuttgarter Ballettwunder» bezeichneten.
Um den künstlerischen Leiter und Choreografen John Cranko hatten sich damals einige der besten Tänzerinnen und Tänzer geschart, eine davon die Brasilianerin Marcia Haydée.
Sie kam 1937 in der Nähe von Rio de Janeiro auf die Welt, unter dem klingenden Namen Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva. Ihre Ausbildung hatte sie in London in der Schule des Royal Ballet vervollständigt.
Die Bühne füllte ihr Leben
Dort entdeckte John Cranko die Tänzerin und holte sie in seine Kompanie nach Stuttgart. Haydée hatte nicht nur eine umwerfende Technik, sie hatte vor allem auch Ausdrucks- und Gestaltungskraft, war klug und ohne Allüren. Bald schon machte sie Cranko zu seiner ersten Solistin.
Das Stuttgarter Ballett wurde zur eigentlichen Familie von Haydée. Sie fühlte sich in der Kompanie um den Briten Cranko glücklich. In einem späteren Interview sagte sie, Stuttgart sei zu ihrer zweiten Heimat geworden. Heimweh kannte sie nicht, denn das Theater, das Tanzen und die Kompanie füllten ihr Leben aus.
Kritische Stimmen zum «Tanztheater»
Als John Cranko 1973 noch jung unerwartet durch einen Unfall starb, übernahm Haydée drei Jahre später die künstlerische Leitung. Sie schaffte es, die Truppe auf höchstem künstlerischen Niveau zusammen zu halten und begann später auch selber zu choreografieren.
Sie förderte gezielt den Nachwuchs, unter anderem William Forsythe, mit dem sie auch später noch zusammenarbeitete, als er zum Star geworden war. 1996 gab Haydée die Leitung ab. Vermehrt gab es kritische Stimmen, ihr Repertoire tendiere mehr und mehr zum Tanztheater.
Faszinierende Weiblichkeit
Die «New York Times» nannte Haydée einmal «die Maria Callas des Tanzes» und spielte damit auf die Intensität ihrer Tanzkunst an. Ihre Bühnenpartner waren Legenden wie Rudolf Nurejew, Mikhail Baryshnikow, Ismael Ivo und Richard Cragun, mit dem sie in erster Ehe auch verheiratet war.
Für die Choreografen John Neumeier und Maurice Béjart war sie eine Inspirationsquelle, eine Art Muse. Béjart war von ihrer Weiblichkeit und Kraft fasziniert. Mit ihm arbeitete Haydée Anfang der 1980er-Jahre bis kurz vor seinem Tod immer wieder zusammen.
Eine tanzende Nonne
Béjart kreierte eigens für sie das Werk «Mutter Teresa», in dem sie die Titeltrolle übernahm. Da war sie schon weit über 50. Auch in diesem Punkt ist sie eine Ausnahmeerscheinung sowie ein Vorbild, in einer Branche, in der Tänzerinnen mit 40 ihren Abschied zu nehmen pflegen.
Haydée verkörperte in «Mutter Teresa» nicht die berühmte Nonne aus Kalkuttas Armenvierteln, sondern sich selbst. Einer Gruppe von Tänzern vermittelt sie Werte, wie sie Mutter Teresa vertrat. Für ihre Stuttgarter Kompanie war sie tatsächlich wie eine Mutter, und das 30 Jahre lang.
Brennpunkt der Tanzwelt
Ohne den Tanz konnte Marcia Haydée nicht sein. 2002 übernahm sie in Santiago de Chile die Leitung des Teatro Municipal, das sie schon einmal, gleichzeitig mit dem Stuttgarter Ballett, geleitet hatte.
Dank ihrer Beziehungen und choreografischen Qualitäten schaffte sie es, das Ballett dort zu einem Brennpunkt in der internationalen Tanzwelt zu machen.
Heute feiert die grosse Tänzerin Marcia Haydée ihren 80. Geburtstag. In Südamerika. Nach Stuttgart kommt sie Ende April zurück, wo ihr die Kompanie die Reverenz erweisen wird, mit einer Aufführung von «Romeo und Julia».
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 18.4.2017, 17.22 Uhr
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