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Geld erhitzt die Gemüter. Dass es sich um eine emotionale Angelegenheit handelt, belegen auch diverse Studien zur Einkommensverteilung. Die aktuellste Umfrage des International Social Survey Programme (ISSP) hinsichtlich sozialer Ungleichheit zeigt, dass die Einkommensunterschiede mehrheitlich falsch eingeschätzt werden. 77.5% der ungarischen Bevölkerung beispielsweise empfinden die Einkommensunterschiede als wesentlich zu gross, tatsächlich aber schneidet Ungarn im europäischen Vergleich gut ab.
Wenn es um die subjektive Einschätzung der jeweiligen Gesellschaftsform geht, herrschen offenbar ebenfalls eher Meinungen als Tatsachen vor. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung etwa geht davon aus, dass die meisten deutschen Staatsbürgerinnen und -bürger der unteren Schicht angehören. Tatsächlich zählen fast 50% zur Mittelschicht. Das Gesellschaftsdiagramm gleicht also eher einem Ei als einer Pyramide. Die Schweizer sind treffsicherer bei ihrer Einschätzung und nehmen sich eher als das wahr, was sie sind: als Mittelschichtsgesellschaft.
Die Einkommensverteilung wird oft am sogenannten Gini-Index gemessen – je höher, desto ungleicher sind die Einkommen verteilt. Bei 0 würden alle Personen einer Gesellschaft gleich viel verdienen, bei 1 würden das gesamte Einkommen in ein Portemonnaie fliessen. Gemäss OECD-Daten bewegte sich der Schweizer Gini-Koeffizient zwischen 2013 und 2015 konstant bei 0.38. In Deutschland lag er 2015 bei 0.5, genau wie in Amerika. In Ungarn übrigens bei 0.45.
Das sogenannte verfügbare Äquivalenzeinkommen bezeichnet jenes Budget, das nach Steuern und anderen Abgaben fürs Sparen und/oder Ausgeben zur Verfügung steht. Die Schweiz schneidet im Europa-Vergleich sehr gut ab: Platz Drei. 10% der Schweizerinnen und Schweizer standen 2016 unter 26'926 Franken und 10% mehr als 90’000 Franken im Jahr zur Verfügung. Laut Bundesamt für Statistik weist gemäss subjektiver Einschätzung über 50% der Schweizer Bevölkerung eine hohe Zufriedenheit in Bezug auf die finanzielle Situation ihres Haushaltes auf.
Einkommensungleichheiten lassen sich nicht nur im Gini-Index abbilden. Es gibt verschiedene Studien, die einen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und psychischer Gesundheit nachweisen. Je weiter die Schere auseinander klafft, desto mehr Depressionen beispielsweise. Der amerikanische Psychologe Keith Payne ist sogar der Ansicht, dass bereits ein subjektives Armutsgefühl reicht, um uns negativ zu beeinflussen.
Aber eben, Gefühl und Tatsachen sind oftmals nicht deckungsgleich. Forscher Daniel Treisman schreibt in seinem Paper «Misperceiving Inequality» (übersetzt: Falsch wahrgenommene Ungleichheit), dass das Wissen bezüglich Einkommensungleichheit häufig keines sei. Professorin Rachel Sherman schlägt in die gleiche Kerbe: Wir würden wenig darüber wissen, was es in der heutigen Gegenwart bedeute, reich zu sein. Vielleicht, weil sich die mediale Aufmerksamkeit auf die beiden Extreme – Arm und Reich – konzentriert und kaum auf die Mittelschicht.