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Schweizer Städte sind meist aus einem mittelalterlichen Kern heraus organisch gewachsen. Ausnahmen sind etwa La Chaux-de-Fonds oder Le Locle, die beide nach einem Grossbrand neu auf einem schachbrettartigen Grundriss aufgebaut wurden. Heute sind Planstädte – manchmal etwas pejorativ Retortenstädte genannt – oft eine Lösung für Probleme, die sich in aus allen Nähten platzenden Metropolen anhäufen.
Ein aktuelles Beispiel ist die indonesische Hauptstadt Jakarta, die mit gewaltigen verkehrstechnischen und ökologischen Problemen kämpft. Die Regierung des Inselstaats hat deshalb beschlossen, eine neue Hauptstadt im Dschungel Borneos aus dem Boden zu stampfen. Oft sollen neu angelegte Hauptstädte aber auch politischen Zwecken dienen, beispielsweise als historisch unbelastete, neutrale Alternative. Oder als städtebauliches Symbol für einen Neuanfang, etwa bei Staaten, die erst kurz zuvor ihre Unabhängigkeit erlangten.
Nicht alle hier willkürlich versammelten Beispiele von Planstädten betreffen eine Hauptstadt. Darunter finden sich auch Städte wie Slawutytsch in der Ukraine, die als neue Heimstatt für die Menschen gebaut wurde, die aus der radioaktiv verseuchten Zone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl flüchten mussten. Oder Lelystad, das auf einem Stück Land angelegt wurde, das die Niederländer der Nordsee entrissen.
Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens, ist ein Moloch. Eine ungeheure Megacity, die aus allen Nähten platzt. Staus und Luftverschmutzung machen den mehr als 34 Millionen Einwohnern in der Metropolregion auf der dicht bevölkerten Insel Java zu schaffen. Aber Jakarta hat noch ein Problem: Es versinkt langsam im Meer, weil exzessiv Grundwasser abgepumpt wird. Immer grössere Flächen werden immer häufiger überflutet. Schon länger gibt es deshalb Pläne, eine neue Hauptstadt für den riesigen Inselstaat zu bauen; Präsident Joko Widodo hatte 2019 angekündigt, dass Jakarta als Hauptstadt aufgegeben werden soll.
Jetzt hat das indonesische Parlament grünes Licht für den Umzug gegeben, dessen Kosten auf mehr als 32 Milliarden Dollar geschätzt werden. Die neue Kapitale soll in der Provinz Ostkalimantan auf der Insel Borneo entstehen. Und sie soll «Nusantara» heissen – nach einem alt-javanischen Begriff, der etwa «äussere Inseln» bedeutet und heute meist als Synonym für den indonesischen Archipel verwendet wird. Als Erstes werden nun 6000 Hektar Wald gerodet, um Platz für Gebäude wie den Präsidentenpalast zu schaffen. Die ersten Behörden sollen 2024 umziehen.
Die Planstadt im Nordwesten Indiens verdankt ihre Entstehung dem Umstand, dass die Region Punjab 1947 zwischen Pakistan und Indien aufgeteilt wurde und die Hauptstadt Lahore dabei an Pakistan fiel. Indien beschloss, einen neuen Regierungssitz zu gründen – die Arbeiten begannen 1952. Entworfen wurde Chandigarh vom Schweizer Architekten Le Corbusier, der davon träumte, die perfekte Stadt zu bauen.
Er unterteilte Chandigarh systematisch in 1200 Meter lange und 800 Meter breite Sektoren, jeder mit eigenen Schulen, Grünflächen und einem Marktplatz. Mittlerweile zählt die für 500'000 Menschen angelegte Stadt weit über eine Million Einwohner; die grauen Fassaden aus Sichtbeton, die Le Corbusier entwarf, bröckeln heute vor sich hin.
Über 50 Jahre vergingen zwischen Beschluss und Umsetzung: 1891 entschied die brasilianische Regierung, eine neue Kapitale im Zentrum des Landes zu bauen, doch erst 1956 fuhren die Bagger auf. 1960 wurde Brasília dann eingeweiht und löste Rio de Janeiro als Hauptstadt ab. Zunächst sträubten sich die Beamten, in die neue Stadt zu ziehen, die fernab der Zivilisation auf dem zentralen Hochplateau liegt. Lange galt die Stadt vom Reissbrett als urbane Wüste. Heute aber leben um die drei Millionen Menschen im Bundesdistrikt und Brasília ist eine normale Stadt geworden.
Stadtplaner Lucio Costa entwarf die Stadt in Form eines Kreuzes, dessen Querbalken gebogen ist, um der Uferlinie eines Sees zu folgen. Er enthält die sogenannten Superquadras, in sich geschlossene Einheiten von Wohnblöcken. Der Längsbalken besteht aus den öffentlichen Gebäuden, von denen die meisten vom Architekten Oscar Niemeyer entworfen wurden. Nicht zuletzt dank seiner kühnen Formensprache steht das Stadtzentrum heute auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.
Kasachstan ist ein junger Staat – er entstand erst 1991 mit dem Untergang der Sowjetunion. Astana, 1830 als russische Festung Akmolinsk gegründet und nach mehrfachen Namensänderungen von 2019 an bis zu den Unruhen Anfang 2022 «Nur Sultan» genannt, ist zwar älter, aber erst seit 1997 Hauptstadt. Seither entstand ein modernes Regierungsviertel und die Zahl der Einwohner hat sich mehr als verdreifacht. Heute ist sie die zweitgrösste kasachische Stadt nach der alten Kapitale Almaty. Dabei gilt der Austragungsort der Expo 2017 als eine der kältesten Hauptstädte der Welt; das kontinentale Klima in der Steppe ist alles andere als mild.
Das ungestüme Wachstum zeigt sich in einer Vielzahl von prunkvollen Bauten, oft entworfen von internationalen Stararchitekten. Die Retortenmetropole wird deshalb manchmal auch «Dubai der Steppe» genannt. Wolkenkratzer prägen derzeit vornehmlich das Regierungsviertel, doch nach dem Willen der Stadtplaner soll bis 2030 ein «Berlin in eurasischer Version» entstehen.
Mit der Teilung Britisch Indiens 1947 entstanden zwei unabhängige Staaten, die sich bald in Feindschaft gegenüberstanden: Indien und Pakistan. Zur Hauptstadt Pakistans wurde zunächst die Hafenstadt Karatschi, doch die Regierung entschloss sich schon in den 50er-Jahren, die Kapitale weiter ins Landesinnere zu verlegen. 1959 löste Rawalpindi als Übergangshauptstadt Karatschi ab, und nur wenig später begann in der Nähe der Bau der neuen Hauptstadt Islamabad, die seit 1967 die pakistanische Hauptstadt ist. Heute sind die beiden Städte zusammengewachsen.
Die Planstadt wurde unter der Leitung des griechischen Architekten Konstantinos A. Doxiadis auf einem schachbrettartigen Grundriss angelegt. Sie befindet sich ursprünglich auf dem Gebiet der Provinz Punjab; aber seit 1970 besteht ein eigens ausgegliedertes Hauptstadtterritorium Islamabad («Islamabad Capital Territory»). Die Lebensqualität in Islamabad liegt gemäss einer 2018 erschienen Rangliste höher als in den anderen pakistanischen Metropolen wie Karatschi oder Lahore, doch die Hauptstadt rangiert dort nur auf Platz 195 von 231 Städten weltweit.
Als sich die voneinander unabhängigen britischen Kolonien Australiens zum Commonwealth of Australia zusammenschlossen, wurde Melbourne zur ersten Hauptstadt und blieb dies auch, als Australien 1907 den Status eines Dominions erhielt. Dennoch sorgte die Rivalität mit der grössten Stadt Australiens, Sydney, für einen Kompromiss: 1908 wurde der Bau einer neuen Hauptstadt in Canberra beschlossen und 1911 wurde dafür das Australian Capital Territory geschaffen.
Den Wettbewerb zur Gestaltung der neuen Hauptstadt gewann 1912 der amerikanische Architekt Walter Burley Griffin; doch er wurde 1920 – nachdem noch kaum etwas gebaut worden war – aus dem Projekt geworfen. Geometrische Motive wie Kreise, Sechsecke oder Dreiecke bestimmen die Struktur des Stadtzentrums, dessen Achsen sich auf topographische Landmarken ausrichten. Erst 1927 wurde Canberra tatsächlich zur neuen Kapitale; bis dahin blieb Melbourne Regierungssitz. Obwohl Canberra mittlerweile mit knapp 400'000 Einwohnern die achtgrösste Stadt Australiens ist, sind die Millionenstädte Sydney und Melbourne nach wie vor viel wichtigere Zentren.
Seit 2005 ist nicht mehr Rangun – die grösste Stadt Myanmars – die Hauptstadt des südostasiatischen Landes, sondern Naypyidaw. Die Retortenstadt, deren Name «Sitz der Könige» bedeutet, ist flächenmässig rund acht- bis neunmal grösser als Berlin und hat nach offiziellen Angaben mittlerweile mehr als eine Million Einwohner. Die wahre Zahl dürfte freilich weit niedriger liegen. Die Militärjunta, die den Regierungssitz wohl aus der kaum zu kontrollierenden Metropole Rangun ins Landesinnere verlegen wollte, begann 2000 heimlich mit dem Bau der Stadt.
Die in verschiedene Zonen eingeteilte Stadt bietet saubere Luft und grosse Grünflächen. Es gibt hier den grössten Zoo Südostasiens und diverse Golfplätze; Autobahnen mit acht oder noch weit mehr Spuren und ein internationaler Flughafen gehören zur grosszügig angelegten Infrastruktur. All dies vermittelt aber mangels Einwohner ein Bild der Leere. Der Bau der Stadt soll zwischen vier und fünf Milliarden Dollar gekostet haben – viel für ein bitterarmes Land wie Myanmar.
Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, besteht aus zwei deutlich verschiedenen Teilen: dem mehrheitlich christlichen Süden mit der alten Hauptstadt Lagos und dem muslimisch dominierten Norden. Um diese Teile symbolisch zu verbinden, wurde beschlossen, eine neue, zentral gelegene Hauptstadt anzulegen: Abuja. Erste Pläne dafür entstanden bereits 1976, die Gestaltung der Planstadt oblag dem japanischen Architekten Kenzo Tange.
Der gemächliche Fortschritt der Bauarbeiten und finanzielle Probleme verzögerten allerdings den Umzug, der erst 1991 stattfand. Heute noch ist erst etwa ein Fünftel der ursprünglich geplanten Stadt gebaut und eine lebendige Innenstadt mit Geschäften und Verwaltungseinrichtungen hat sich noch kaum entwickelt. Dennoch wächst die Stadt in hohem Tempo, hauptsächlich in den Vorstädten und Slums, so dass 2017 bereits eine Einwohnerzahl von 2,8 Millionen erreicht wurde.
Auf halbem Weg zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegt die israelische Planstadt Modi'in, deren Grundstein 1993 gelegt wurde und die heute knapp 100'000 Einwohner hat. Ein Teil des Stadtgebiets liegt auf fünf ehemaligen palästinensischen Dörfern, deren Bevölkerung im Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 floh oder vertrieben wurde. Zudem umfasst das Stadtgebiet seit 2003 auch die beiden Siedlungen Maccabim und Re'ut, die unmittelbar östlich der Grünen Linie im israelisch besetzten Westjordanland liegen.
Mod'in, das vom israelischen Architekten Moshe Safdie entworfen wurde, ist stark an die Topographie des Stadtgebiets angepasst: Die Wohngebiete liegen vornehmlich auf den Hügeln, wobei die Häuser an den Hängen terrassiert sind. In den Tälern, die zugleich als Grünzonen fungieren, befinden sich Schulen, Einkaufszentren und dergleichen. Hier verlaufen auch die Hauptverkehrsadern. Hochhäuser sind lediglich zuoberst auf den Hügeln erlaubt. All dies führt dazu, dass die ursprüngliche Topographie nicht verändert wird; sie wird durch die Stadt nachgebildet.
Slawutytsch wurde aus einer Katastrophe geboren: 1986 kam es in einem Reaktor des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl zu einer Kernschmelze; grosse Mengen Radioaktivität gelangten in die Umwelt. Die in der Nähe des Reaktors gelegene Stadt Pripyat musste evakuiert werden; 44'000 Einwohner mussten ihre Wohnungen Hals über Kopf verlassen. In einem Radius von rund 30 Kilometern um den Reaktor wurde eine Sperrzone eingerichtet, die heute noch besteht. Noch im selben Jahr begannen 50 Kilometer von Tschernobyl entfernt die Bauarbeiten für die neue Siedlung nahe am linken Ufer des Dnjepr.
1988 zogen die ersten Bewohner nach Slawutytsch, das heute eine Kleinstadt mit rund 25'000 Einwohnern ist. Viele von ihnen waren wirtschaftlich direkt oder indirekt vom AKW Tschernobyl abhängig, dessen intakte Reaktorblöcke noch bis zum Jahr 2000 in Betrieb waren. Seither haben die ökonomischen Probleme sich verschärft, auch wenn nach wie vor ein Teil der Einwohner im ehemaligen AKW mit Überwachungs- und Wartungsarbeiten beschäftigt ist. Mittlerweile sind bereits 1500 Menschen wieder aus Slawutytsch abgewandert, obwohl die Stadt einen höheren Lebensstandard bietet als andere Städte in der Ukraine.
Rund ein Viertel der Niederlande liegen unter dem Meeresspiegel. Das Land an der Nordseeküste hat dem Meer eine ganze Provinz abgerungen: Flevoland, die grösste künstliche Landfläche der Welt. Dieser riesige Polder ist eine Insel im IJsselmeer, einem Süsswassersee, der nach dem Bau des Afsluitdijks aus der Meeresbucht Zuiderzee entstand. Nach dem Ingenieur Cornelis Lely, der erste Pläne für diesen 32,5 Kilometer langen Deich entwarf und die Einpolderung der Zuiderzee vorantrieb, ist die Hauptstadt der neuen Provinz benannt: Lelystad.
Die Einpolderung Flevolands begann 1950; 1957 war der erste Teil trocken. Der Bau von Lelystad kam zunächst nicht schnell voran, erst 1967 zogen die ersten Bewohner ein. 1980 wurde Lelystad eine Gemeinde und 1986 die Hauptstadt der neugegründeten Provinz Flevoland. In den 80er-Jahren stockte das Wachstum der Stadt, weil das 1976 auf Flevoland gegründete Almere näher bei Amsterdam liegt und daher schneller wuchs; auf heute bereits 216'000. Lelystad hingegen zählt nur etwas mehr als 80'000 Einwohner. Um die Attraktivität der Stadt zu erhöhen, wurden in den 90ern ganze Quartiere neu strukturiert. Zudem richtete sich die Stadt nun stärker auf das IJsselmeer aus, dem sie zuvor quasi den Rücken zugekehrt hatte, weil ursprünglich ein weiterer Polder geplant war, der Lelystad vom See abgeschnitten hätte.
Nachdem die Dreizehn Kolonien in Nordamerika sich 1776 erfolgreich von Grossbritannien losgesagt hatten, wurde zunächst New York die Hauptstadt des jungen Staates, danach für zehn Jahre Philadelphia. In dieser Zeit wurde ab 1792 eine neue Planhauptstadt am Ufer des Potomac gebaut: Washington, benannt nach dem ersten Präsidenten der USA. Die Stadt wurde auf einem quadratischen Stück Sumpfland angelegt, dem District of Columbia, dessen Gebiet aus den Bundesstaaten Maryland und Virginia herausgelöst worden war. Später gelangte der Teil Virginias wieder zu diesem Staat zurück, sodass der District heute keine quadratische Form mehr hat.
Die nach Entwürfen des französischen Wissenschaftlers Pierre L’Enfant und danach des Landvermessers Andrew Ellicott geplante Stadt wurde 1800 zur neuen Hauptstadt der USA. Der Präsident bezog seinen Amtssitz, das Weisse Haus, der Kongress das Kapitol. Auch der Oberste Gerichtshof hat seinen Sitz in Washington. 1871 wurden das Washington County sowie die Städte Washington und Georgetown aufgehoben und in den District of Columbia integriert. Heute ist Washington D.C. eine Weltstadt mit fast 700'000 Einwohnern, die den Kern eines Grossraums von mehr als sechs Millionen Menschen bildet und zahlreiche internationale Organisationen beherbergt – darunter die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds. Dennoch gibt es in der Stadt selbst keine Wolkenkratzer, da die Gebäude eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen.
Dem 2018 auf dem Mars gelandeten Nasa-Lander «Insight» geht die Energie aus. Er verliert allmählich an Leistung und wird voraussichtlich noch in diesem Sommer den wissenschaftlichen Betrieb einstellen», teilte die US-Raumfahrtbehörde am Dienstag (Ortszeit) mit.