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Brasilien: Rückkehr zu einem traditionellen Justizsystem
Die Quilombolas, eine von afrikanischen Sklaven abstammende Volksgruppe, haben im Laufe der Jahrhunderte ein besonderes Justizsystem entwickelt. Seine Verdienste ähneln denen des Systems, das Terre des hommes befürwortet. Tdh versucht nun, den Staat an diese althergebrachten Praktiken zu erinnern und öffentliche Entscheidungsträger dafür zu sensibilisieren, wie wichtig es ist, die kulturelle und ethnische Identität von Jugendlichen der Quilombolas zu bewahren. Denn diese vergessen ihre kulturellen Wurzeln immer mehr und gleiten in die Kriminalität ab.
In Zusammenarbeit mit dem Sekretariat für Rassengleichheit (SEIR) möchte Tdh ein Zivilrechtsprojekt entwickeln, das Quilombola-Gemeinschaften und ihre Arten der Konfliktlösung in den Städten Alcântara und São José de Ribamar berücksichtigt. Anhand der Kultur dieser Gemeinschaften versucht dieses neue Projekt, deren jahrhundertealten Rechtspraktiken zu verstehen und aufzunehmen, um sie in den Provinzen des Bundesstaates Maranhão einzusetzen.
Die Quilombolas sind die Nachkommen afrikanischer Sklaven in Brasilien. Ursprünglich wurden mit diesem Wort geflüchtete Sklaven bezeichnet. Diese gründeten im Verborgenen lebende Gemeinschaften, um nicht von ihren Besitzern aufgegriffen zu werden. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich diese Gemeinschaften in einer abgeschotteten Welt mit eigenen Regeln entwickelt, namentlich im Rechtswesen.
Von diesem alten historischen Kontext ausgehend – soziale Benachteiligung, Gefangenschaft und Sklaventum – haben die Quilombolas heute ein besonderes Rechtswesen, das direkt in der Gemeinschaft ansetzt. Die gesellschaftliche Rehabilitation ist die Devise dieses Justizsystems, das den Dialog als Werkzeug verwendet und sich damit stark den von Tdh in Brasilien entwickelten Praktiken im Jugendstrafrecht annähert.
Tdh versucht nun, an diese überlieferten Praktiken zu erinnern und öffentliche Entscheidungsträger dafür zu sensibilisieren, wie wichtig die Bewahrung der kulturellen und ethnischen Identität jugendlicher Quilombolas ist, die ihre kulturellen Wurzeln Tag für Tag mehr vergessen und in die Kriminalität abgleiten. Mit Hilfe einer Informationssammlung zum Justizsystem der Quilombolas lässt sich aufzeigen, wie restaurative Praktiken in Verbindung mit ihren althergebrachten Erfahrungen eingeführt werden können. Ziel ist es folglich, das Engagement der Jugendlichen und der Leader der Quilombolas zu fördern, um einerseits ihre ethnische und kulturelle Identität zu bewahren und andererseits die Kriminalitätsrate zu senken.
Im Bundesstaat Maranhão gibt es nur noch etwa 700 schwarze Quilombola-Gemeinschaften, ein Spiegelbild der Unterdrückung, unter der sie im Laufe der Jahrhunderte gelitten haben. Heute leben die Kinder und Jugendlichen der Quilombolas in grosser Armut und erhalten keinerlei Unterstützung von der öffentlichen Hand, was sie noch anfälliger für die Kriminalität macht.
Die Daten des Brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik (IBGE) zeigen, dass in Maranhão die schwarze Bevölkerung im Alter von 10 bis 24 Jahren etwa 1’678’000 Personen zählt. 15 % dieser jungen Menschen können weder lesen noch schreiben, 85 % benötigen eine Berufsausbildung, um in den Arbeitsmarkt eintreten zu können. Diese Zahlen erklären teilweise den grossen Anteil Quilombolas in der Gefängnisbevölkerung von Maranhão.
Tdh möchte in Zusammenarbeit mit dem SEIR ein Versuchsprojekt starten, das auf bereits durchgeführten Studien basiert, um zu qualifizieren, wie mit in den Gemeinschaften verbliebenen Jugendlichen juristisch verfahren wird. Aktuelle Studien zeigen nämlich, dass die für die Quilombolas typischen Rechtspraktiken enormen Erfolg bei Jugendlichen haben.
Seit 2008 führt Tdh mit Partnern Aktionen durch, um mit dem Gesetz in Konflikt geratenen Jugendlichen zu ermöglichen, ihre Strafen in der Nähe ihrer Familien zu verbüssen. In Koexistenz mit ihren Gemeinschaften im Bundesstaat Maranhão werden diese Jugendlichen in schützenden Dialog-Räumen zur Verantwortung gezogen. So können sie den verursachten Schaden wiedergutmachen, innerhalb der eigenen Gemeinschaft, und wenn möglich unter Beteiligung des Opfers.
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