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Rohdiamanten im Silo
108 Jahre alt ist das Silogebäude, das im Basler Quartier Erlenmatt Ost steht – und damit eine der ersten Industriebauten aus Stahlbeton in der Schweiz. 2020 wurde es von Harry Gugger Studio zu einem Begegnungsort mit Restaurant und Hostel umgebaut. Nicht nur seine charakteristischen Kraftlinien durfte es behalten, auch grosse Teile seiner Struktur.
Anfang des 20. Jahrhunderts war Basel eine der am stärksten industrialisierten Städte der Schweiz. War es mit seinem Zugang über den Rhein zum Meer seit jeher Handelshafen, prosperierte damals vor allem der Eisenbahnausbau (vgl. Kasten am Ende des Artikels). 1905 eröffnete der Güterbahnhof Basel Badischer Bahnhof, 1913 nahm der neue Badische Bahnhof östlich davon seinen Betrieb auf, nördlich entstand der 4 km lange Rangierbahnhof.
Mitten in dieser logistischen Drehscheibe, auf dem Gelände des Güterbahnhofs – heute an der Signalstrasse 37 –, liess die Basler Lagerhausgesellschaft BLG (vgl. Kasten am Ende des Artikels) ein etwa 50 m × 20 m grosses Silogebäude erstellen. Es diente zur Lagerung von Lebensmitteln – insbesondere Getreide, Kakaobohnen, Kaffee –, die bereits den Ozean und die grossen Häfen Nordeuropas passiert hatten.
Als Baustoff kam Stahlbeton zum Einsatz, der damals noch als Eisenbeton bezeichnet wurde und ein Novum im industriellen Bau darstellte. Nicht nur das Tragwerk des Gebäudes bestand aus diesem neuartigen Material, auch das Dach und die einzelnen, rechteckigen Silokammern – in Querrichtung waren vier angeordnet, längs reihten sich zehn Stück aneinander – waren in dieser grauen Gussmasse umgesetzt.
Talent ersetzt Tohuwabohu, Architektur besteht
Seit 2010 ist das Silogebäude Eigentum der Stiftung Habitat, die in Basel eine wichtige Akteurin ist, wenn es darum geht, massgeschneiderte Bauwerke zu realisieren und günstigen Wohnraum sowie Räume für gewerbliche, soziale und kulturelle Angebote bereitzustellen. Im Jahr 2015 lancierte die Stiftung eine Ausschreibung, um zunächst eine geeignete Nutzung zu finden. Gespräche mit Architektur- und Ingenieurbüros wurden geführt, um die dazu passenden Planer zu finden.
In der Ausschreibung überzeugte der eigens zu diesem Zweck gegründete «Verein für Kosmopolitisches». Dieser war sodann für die Formulierung und Leitung zukünftiger Aktivitäten zuständig. Das unter dem Projektnamen «tohuwabohu» vorgesehene Programm sah ein «Haus für Kosmopolitisches» vor. Als Ort der Begegnung und des Austauschs von Ideen war das Projekt als eine Mischung aus Hostel, Restaurant, offenem Salon und Arbeitsräumen konzipiert.
Die Stiftung entschied sich für ein Team, bestehend aus Harry Gugger Studio, Schnetzer Puskas Ingenieure und Waldhauser + Hermann: In seinem Entwurf zeigte es, dass der ursprüngliche Charakter des Bauwerks weitestgehend erhalten werden konnte. Eindeutig überzeugen konnte vor allem der Realismus des Architekturprojekts, denn dieses sah nur relativ kleine Eingriffe vor. An der bestehenden Bausubstanz sollte praktisch nichts verändert werden. Gleichzeitig brachte das Projekt durch den Einbau neuer Etagen deutlich zusätzliche Nutzfläche.
In der Entwicklungsphase des Programms zeigte sich jedoch, dass das Projekt eine Reihe von Unbekannten enthielt. Der «Verein für Kosmopolitisches» zog sich aus dem Projekt zurück. Ein Neustart glückte mit dem «Verein Talent», der von verschiedenen, in der Region Basel bekannten Hotel- und Restaurantbesitzern gegründet wurde. Jungen Talenten aus Hotellerie und Gastronomie will der Verein Talent nach ihrer Ausbildung eine Plattform bieten.
Im Erdgeschoss des Silos entstanden nun nach Einstieg des Vereins Talent ein Restaurant und Seminarräume, in den zwei Obergeschossen Zimmer zu erschwinglichen Preisen und von Habitat vermietete Ateliers. Auf zwei Jahre können sich junge Gastronomen nun bei «Talent» bewerben, um dort Berufserfahrungen zu sammeln.
Früher Mäuse im Silo, heute «Catwalk»
Nur vier Silobehälter mussten der neuen Nutzung gänzlich weichen – an den Stirnseiten des Gebäudes wurden an ihrer Stelle zwei neue Treppenhäuser eingefügt. Verbunden sind diese im Erdgeschoss durch einen grossen Korridor, der die neuen Nutzungen trennt: Zur Strassenseite hin liegen Seminarräume, zum Hof hin befindet sich der Restaurantbereich.
Die in Eichenholzrahmen gefassten Glaswände des Korridors erhalten weitgehend die visuelle Transparenz und vermitteln zugleich einen höheren Grad an Komfort. Dieser neue Filter, sowohl physisch als auch visuell, unterstreicht die neuartige Materialität, die die ursprünglich industrielle Atmosphäre des Raums neu taktet.
War die Nutzung des Erdgeschosses noch relativ einfach zu bewerkstelligen – unter den Schütttrichtern war die Raumhöhe genügend gross, und das Achsraster von 4.74 m × 4.88 m konnte gut integriert werden –, mussten sich die Planer auf Höhe der Silobehälterwände etwas einfallen lassen. Sie liessen die Trichter mit einer Leichtschüttung füllen und fügten auf dieser entstehenden Ebene das erste Obergeschoss ein. Zwei Laufgänge erschliessen hier die als Hostelräume und Ateliers genutzten Räume, die an den Aussenseiten zwischen den ehemaligen, weiterhin stehenden Behälterwänden liegen.
Den vollständigen Artikel finden Sie in TEC21 30/2020 «Gäste statt Getreide».
Die beiden Laufgänge offenbaren nun einen völlig neuartigen Durchblick durch die Silos, von denen man seitlich des Laufgangbodens noch die «Innenansichten» der Pyramiden sehen kann.
Im jetzigen zweiten Stockwerk – es befindet sich auf Höhe der Oberkante der früheren Silobehälter – überspannt ein einziger, breiterer Laufgang mittig die gesamte Länge. Von ihm gehen seitlich Stege ab, die zu den einzelnen Räumen führen. Diese Raumaufteilung ermöglicht den Durchblick in alle Richtungen, auch zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss, und unterstreicht gleichzeitig die eindrückliche Höhe von immerhin 10 m bis zum First des Satteldachs.
Das Runde muss ins Eckige
Die früher nahezu fensterlose Fassade – einzig im Erdgeschoss und unterhalb der Traufe waren rechteckige vorhanden – ersetzten die Planer durch ein isolierendes Einsteinmauerwerk. Durch den Einbau bullaugenartiger Fensteröffnungen in die Fassade verfestigen sich zwei wesentliche Aspekte, die das Lager erheblich aufwerten. Zum einen erweitert die runde Form die faszinierende Sammlung elementarer geometrischer Formen, die in diesem Bauwerk allgegenwärtig sind. Zum anderen untermauert die Grösse der Fenster die gewaltigen Ausmasse der anderen Bauwerkselemente. Ausmasse, die die neue urbane Präsenz dieses ehemaligen Industriegebäudes zum Ausdruck bringen.
Von aussen betrachtet behält das Silogebäude trotz der Rundfenster seine strenge vertikale Ordnung bei. Die Kraftlinien, die die Baute aufgrund ihrer Funktion als Lager aufwies, blieben erhalten. An der langen Fassade bestehen die zehn Silokammern, die durch Pilaster unterteilt werden, weiterhin. Sie ziehen sich nun über drei Etagen hoch und geben Aufschluss über die ursprüngliche Nutzung des Silogebäudes.
Diamanten auf der Perlenkette
Die Kraftlinien des Silogebäudes scheinen auch die Wohngebäude zu durchdringen, von denen es seit Kurzem an beiden Seiten eingegrenzt wird. Ein Studierendenwohnhaus – 2019 umgesetzt von den Zürcher Architekten des Büros Duplex – schliesst sich direkt an die Fassade des Lagers an, setzt die Reihe der langen, vorspringenden, vertikalen Pilaster fort und interpretiert diese neu durch eine Schattenfuge, deren Linie die Fassade in ähnlicher Weise gliedert.
Auch auf Höhe des Silosockels reihen sich die Nachbarhäuser wie eine Perlenkette auf und festigen so den einheitlichen Aspekt der Bauwerke. Das dem Silogebäude auf der Hofseite gegenüberliegende Wohngebäude – 2019 eröffnet und entworfen vom Architekturbüro Abraha Achermann aus Zürich – scheint eine weitere expressive Stufe der Betonbauweise zu bieten. Mit seinem stark artikulierten vertikalen Schnitt des Rohmaterials knüpft es an die Pionierrolle Sandreuters an. Dieses Gebäude greift zudem die Figur des Bullauges auf, das in verschiedenen Ausprägungen auftritt.
Somit fügt sich der neue Teil des Quartiers zu einem kohärenten Gebäudeensemble – und hebt sich dadurch von den zahlreichen neuen Bauwerken ab, die durch ihre architektonische Handschrift stark individualisiert sind. Sicherlich wird das ehemalige Silogebäude durch seine neue programmatische Ausrichtung zu einem Treffpunkt in diesem aufstrebenden Quartier avancieren, den man nicht verpassen sollte.
Anmerkung
1 Reyner Banham, «The New Brutalism», in: The Architectural Review, Dezember 1955.
Der Artikel beruht auf einem Text von Nicolas Bassand. Übersetzung: Zieltext.
Rheinhafen
Verbindet man heute in logistischer Hinsicht Basel vor allem mit seinen Rheinhäfen – sie sind die wichtigste Drehscheibe der Schweiz für Import und Export –, war dies Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht der Fall. Die Rheinkorrektur im 19. Jahrhundert hatte zu einer derartigen Erhöhung der Fliessgeschwindigkeit geführt, dass Basel für grosse Motorschiffe als nicht erreichbar galt.
Erst 1903 bewies der Ingenieur Rudolf Gelpke mit dem Schraubendampfer «Justitia», dass der Rhein bis Basel schiffbar war. Zwischen 1906 und 1911 entstand daraufhin der erste Basler Rheinhafen, am linken Ufer im Ortsteil St. Johann. 1914 nahm man die Planungen für den Hafen in Kleinhüningen (rechtes Ufer, auf Seite des Badischen Bahnhofs) auf. Hat man vor Augen, welche Schiffe um diese Zeit bereits die Weltmeere befuhren – die Titanic sank 1912 auf dem Nordatlantik –, begann der Basler Hafenbau recht spät.
(Peter Seitz auf Basis von Angaben aus Wikipedia)
Die Basler Lagerhausgesellschaft BLG
1878 gegründet, würde man die BLG heute als Logistikbetrieb bezeichnen. Ihr Geschäftszweck liest sich ungleich umfangreicher: «Übernahme und Weiterbetrieb des unter dem Namen ‹Lagerhaus Kiebigen› geführten Etablissements, Ankauf, Erbauung und pachtweise Übernahme von Lagerhäusern aller Art, Vermietung solcher Lagerräume und Übernahme der mit der Einlagerung und dem Weiterversand verbundenen Manipulationen sowie Vertragsabschlüsse mit der Grossherzoglichen Badischen Bahn für die Übernahme der Petrolkeller am Neuhausweg.» (Quelle: Hans Peter Rittmann, Basler Stadtbuch, 1978.) Die Gesellschaft ist heute im Logistikbetrieb Ziegler Schweiz integriert.
(Peter Seitz)