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Augsburg, 17. Jh.
Ebenholz, Elfenbein, Messing
H. 21,5 cm, B. 27 cm, T. 15,5 cm
Inv. 1946.441.
Zum kostbarsten Mobiliar einer Kunstkammer gehörte im 16. und 17. Jahrhundert der Kabinettschrank. Neben Wandschränken, Regalen und Truhen eignete sich der mit zahlreichen Schubladen und Fächern ausgestattete Kabinettschrank in besonderem Masse zur Aufbewahrung kleinformatiger Kostbarkeiten. Eine der bedeutendsten Produktionszentren in Europa war neben Florenz, Antwerpen, Paris und Neapel die süddeutsche Reichsstadt Augsburg. Hier begannen die Werkstätten Anfang der 1570er Jahre mit der Herstellung von Möbeln, die mit dem teuren tropischen Ebenholz furniert wurden. Von dem hohen Ansehen dieser Kabinettschränke zeugt ihre Existenz in fast allen grossen Kunstkammern Europas. Parallel zu den wertvollen Prunkmöbeln, die für hohe Würdenträger und Regenten entstanden, wurden in Augsburg in beachtlichem Umfang oftmals kleinere Kästchen in Serienfertigung hergestellt, die für einen grösseren Kundenkreis erschwinglich waren (Alfter 1986, S. 84; Mundt 2009, S. 13). Zu dieser Gruppe gehört das vorliegende Schränkchen, das unter den in Basel erhaltenen Kabinettschränkchen aus Augsburg (Kat. Nr. 86) zu den qualitätvollsten Exemplaren zählt. Auf der Oberseite des zierlichen Möbels sind vorne mittig gut sichtbar der Ebenholzstempel EBEN und die Augsburger Stadtmarke angebracht. Die Stempelung von Ebenholzmöbeln wurde 1625 in Augsburg eingeführt, um die Echtheit des überaus kostbaren exotischen Holzes zu garantieren und von Fälschungen, beispielsweise aus dunkel gebeiztem Birnbaumholz, abzuheben. Der Schlagstempel mit dem Pinienzapfen aus dem Stadtwappen Augsburgs wandelte sich im Laufe des Jahrhunderts. Das vorliegende Kästchen zeigt den Stempeltypus des auf einem Sockel stehenden Pinienzapfens, wie er zwischen 1631 und 1639 verwendet wurde, und erlaubt somit eine recht genaue zeitliche Einordnung (Alfter 1986, S. 68).
Das Kabinettschränkchen ist geprägt vom reizvollen Kontrast dunkler, einfach strukturierter Aussenflächen und einer farbenprächtigen Innenfront. Geschlossen zeigt das kastenförmige, auf einem Sockel mit ausgesägten Füssen ruhende Möbel ebenholzfurnierte Flächen, die an den Türen, Seitenwänden und auf dem Deckel durch rechteckige, von Wellenleisten eingefasste Füllungen gegliedert sind. Das recht schlicht gehaltene Beschlagwerk, die zwei Tragegriffe an den Seiten sowie kleine blumenförmige Verzierungen in den Ecken der Hauptfront setzen verhaltene Akzente. Die Rückwand ist rautenförmig mit Fichten und Nussbaumholz parkettiert, wie dies für Augsburger Möbel charakteristisch ist.
Öffnet man die Flügeltüren, so offenbart sich die eigentliche Pracht des Möbels: Die sechs von vergoldeten Wellenleisten eingerahmten Schubladen und Innenfelder der Türen sind mit Ebenholz furniert und mit fein bemalten Elfenbeinflächen ausgestattet, die durch den Farbkontrast effektvoll zur Wirkung kommen. In den Bogenfeldern der oberen hochrechteckigen Schubladen und der Innenseiten der Türen erscheinen die Allegorien der fünf Sinne mit den entsprechenden Attributen (von links nach rechts): «Visus» mit Fernrohr und Spiegel, «Odoratus» mit Blumenkranz und Blumenvase, «Gustus» mit einem grossen Füllhorn voller Früchte, «Tactus» mit Jagdfalke und Schlange sowie «Auditus» mit Laute. Kleine blumenverzierte Elfenbeinplättchen akzentuieren die Kämpferlinie der Bögen, die querrechteckigen Plättchen unterhalb der Rundbogenfelder sind ebenfalls mit Blumen verziert. Während «Visus» und «Auditus» auf den Sockelfeldern an den Innentüren bezeichnet sind, wurden die anderen drei Elfenbeinplättchen als kleine Blendschublädchen gestaltet.
Auf den Panneaux der unteren Schubladen erscheinen drei Szenen der Lebensalter eines Mannes vom Kind zum Greis: Jeweils vor einer Stadtkulisse sieht man links einen mit einem Reifen springenden Knaben, in der Mitte die Werbeszene eines Mannes um eine Dame, die durch die Brautkrone als ledige Frau gekennzeichnet ist, und rechts einen Greis, der am Stock geht. Das Bildprogramm der Sinne und der Lebensalter, die den unaufhaltsamen Verlauf der Zeit versinnbildlichen, stellt einen allgemeinen Bezugsrahmen zum menschlichen Leben her. Es scheint für die Ausschmückung von Kabinettschränkchen in dieser Zusammenstellung ungewöhnlich zu sein.
Die Darstellung der fünf Sinne verbreitete sich in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts bis Mitte des 17. Jahrhunderts mit grafischen Bildfolgen, wobei der 1561 von Frans Floris gestochene Zyklus typenbildend war (Putscher 1971, S. 153). In der Wahl der Attribute und der Auffassung der stehenden Allegoriefiguren vergleichbar ist ein Kupferstich mit den fünf Sinnen von dem niederländischen Stecher Jan Collaert (1550–1618).
Der ursprüngliche Besitzer des kleinen Schränkchens ist leider nicht überliefert, seine Provenienz im Basler Privatbesitz lässt sich nur bis Anfang des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen. Solche kostbaren Kunstschränkchen eigneten sich als galante Geschenke und dienten vermutlich der Aufnahme von Schmuck oder anderen kleinen Preziosen, wobei besonders kostbare Dinge in drei Geheimfächern versorgt werden konnten. Diese sind im unteren Drittel der hohen Schubladen verborgen und auf der Rückseite durch kleine Schieber gesichert. SST (Die grosse Kunstkammer 2011, S. 165-166).