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Ein Medikament kann eine Depression nicht heilen. Trotzdem ist es wichtig, sich mit der Option der medikamentösen Behandlung auseinander zu setzen.
Mit 16 Jahren musste ich mich zum ersten Mal entscheiden: Nehme ich ein Antidepressivum oder nicht? Denn meine damalige Therapeutin legte mir nahe, die Depression nicht nur mit einer Gesprächstherapie, sondern auch medikamentös anzugehen.
Damals war für mich aber klar, dass ich keine Medikamente nehmen möchte. Obwohl mich meine Psychotherapeutin über die Wirkung der Antidepressiva aufklärte, hatte ich Angst, dass die kleinen Pillen mein Denken und somit mein Wesen verändern würden. Ich stellte mir vor, wie die Pillen meine depressive Seite ausschalten und ich nur noch imstande wäre, glückselige Gedanken zu denken. Und das wollte ich nicht. Schliesslich fühlte ich mich mit der depressiven Seite verbunden, auch wenn es eine schmerzhafte Beziehung ist.
Erst 10 Jahre später wurden die Medikamente wieder zum Thema in der Therapie. Diesmal aber wollte ich diese Pillen unbedingt ausprobieren.
Der Treiber und der Körper im Kampf
Zu dem Zeitpunkt, als ich mich für die Antidepressiva entschied, war ich bereits (wegen meiner Depression) vier Monate lang krank geschrieben. Mein 100-Prozent-Pensum wurde nach Absprache mit meinem Arbeitgeber und meinem Psychiater auf 30-Prozent zurückgeschraubt. Die Idee dahinter war, dass so mein Körper und meine Psyche eine Chance bekommen, sich regenerieren zu können. Denn mein Ziel war es, meine Ausbildung nicht unterbrechen zu müssen und in einem halben Jahr das Diplom entgegennehmen zu können. Mein Körper war mit diesem Plan überhaupt nicht zufrieden. Doch das war mir egal. Ich wollte dieses Diplom! Was der Körper wollte, war: weniger als diese 30 Prozent arbeiten, weniger denken und weniger Gefühlsausbrüche durchleben. Denn zu dieser Zeit durchlebte ich innerhalb einer Stunde Trauer, Wut, Hoffnung, Leere, Enttäuschung und Glück im wirren Wechselspiel.
Mein Gehirn hingegen, mein „Treiber“, hatte ganz andere Pläne: Das Arbeits-Pensum sollte wieder erhöht werden, ich sollte mehr Verantwortung im Job erhalten und in meiner Freizeit sollte ich mehr Zeit und Energie in meine Hobbies investieren.
So verkrachten sich also mein Körper und mein Gehirn. Schlussendlich konnte ich weder meinen Hobbies nachgehen, noch mein Arbeitspensum erhöhen. Denn während mein Körper alles lahm legte und ich mich zeitweise kaum mehr bewegen konnte, machte mir mein Treiber Vorwürfe, wie ich mein Leben gestalte. Es war kaum zum Aushalten.
Dann kam die Idee, den Antidepressiva eine Chance zu geben. Mein Körper war einverstanden. Denn er sehnte sich nach mehr Ruhe und nach einer Auszeit von den regelmässigen Heulkrämpfen und Wutanfällen. Auch mein Treiber sah die Medikamente als eine Chance. Denn so wollte er seinen Willen durchsetzten: Die Depression vernichten und sie mit Ehrgeiz ersetzen.
So begann ich Anfang 2018 mit der Medikation.
Und da vermisst man plötzlich die Wutanfälle
In den ersten Wochen fühlte es sich seltsam an. Stress-Situationen, die normalerweise einen depressiven Schub verursachten, hatten plötzlich fast keine Macht mehr. Die grossen Tiefs blieben meist aus. Ob der Grund nun das Medikament selbst, oder es einfach mein Wille war, dass sich etwas ändern muss, weiss ich nicht.
Der Treiber und der Körper waren zufrieden. Doch plötzlich kam die Panik. Die selbe Panik, die ich damals als 16-Jähriger hatte. „Fuck, wegen den Pillen werde ich nun zu einem anderen Menschen“, dachte ich. Also manövrierte ich mich bewusst in ein emotionales Tief und provozierte somit die üblichen Emotions-Achterbahnen. So komisches es auch klingen mag: Ich vermisste die „Normalität“, die vor den Antidepressiva herrschte.
Dieses „künstliche“ kreieren eines Tiefs wiederholte ich vielleicht noch zwei Male. Nach dem ersten Monat mit den Antidepressiva kehrte eine neue Normalität ein.
❓
Was sind eure Gedanken und Sorgen im Bezug zu Antidepressiva?
Habt ihr bereits Erfahrungen damit?
Konntet ihr als Aussenstehende miterleben, wie Antidepressiva einen Menschen verändern kann – oder eben nicht?
Herzlichst,
Volpe 🦊