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Bernhard Giger
10. Oktober 2022
Sie schmerzen, die Abschiede. Zum letzten Mal getroffen habe ich Friedrich Kappeler Ende April im Filmpodium Zürich bei einem Gedenkanlass für den im Januar verstorbenen Sebastian C. Schroeder. Beide waren sie Mitglieder der in den Siebzigerjahren gegründeten Produktionsgemeinschaft Nemo Film. Sie war eine Drehscheibe des neuen Schweizer Films, neben anderen gehörten ihr Fredi Murer, Yves Yersin, Markus Imhoof, Georg Radanowicz und Iwan Schumacher an.
Eine Eigenart dieser ersten Generation des neuen Schweizer Films war es, dass viele seiner Autorinnen und Autoren in der Fotografie begonnen haben, in der Nemo Film Murer, Radanowicz, Schumacher und Friedrich Kappeler. Sie wollten eigentlich Filme machen, haben aber, weil es noch kaum Möglichkeiten gab, das Filmemachen professionell zu erlernen, erst einmal eine fotografische Ausbildung gemacht. Kappeler besuchte 1971-74 die Fotofachklasse der Schule für Gestaltung Zürich. Die Fotografie blieb sein Thema, auch in seinem filmischen Schaffen, und er hat, im Gegensatz zu den meisten anderen, auch als Filmemacher noch fotografiert.
Friedrich Kappeler, 1949 in Frauenfeld geboren, war im besten Sinn ein Filmemacher der Provinz, der kleinen Verhältnisse. Grosses Kino, das war weniger sein Ding. Aus den fotografischen Porträts seiner Heimatstadt entwickelte er erste filmische Erzählungen, «Emil Eberli» (1973), «Müde kehrt ein Wanderer zurück» (1975). In seinem einzigen Spielfilm, der Fernseh-Produktion «Stolz oder die Rückkehr», drehte er 1980 Szenen im Atelier eines Frauenfelder Fotografen, den er bereits für eine Arbeit an der Fotofachklasse porträtiert hatte. «Stolz» handelt von einem jungen Fotografen, der das Geschäft des Vaters nicht weiterführen will, eine Geschichte mit durchaus biografischen Zügen. Auch Kappeler wollte nicht in den von der Familie geführten Gerbereibetrieb einsteigen, er wollte schon als Bub nur das eine, Filme drehen. Mit 14 Jahren trat er dem Amateurfilmclub Frauenfeld bei, nach der Fotofachklasse in Zürich absolvierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen in München ein Regiestudium.
1986 realisierte Friedrich Kappeler zusammen mit dem Kameramann Pio Corradi «Der schöne Augenblick», noch einmal ein Film über Fotografen, Wander- und Strassenfotografen verschiedener Epochen. Dann folgten die Porträtfilme, die ihn zu einem der führenden Schweizer Dokumentaristen machten: Adolf Dietrich, Gerhard Meier, Varlin, Dimitri und 2002 «Mani Matter – Warum syt dir so truurig», den mit 146'000 Kinoeintritten lange Zeit erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilm. 2007 drehte er einen letzten Dokumentarfilm, wiederum über Gerhard Meier.
Wenn ich an Friedrich Kappeler denke, sehe ich dieses Bild: Einer, der nie laut wird, eher ein Stiller, aber sehr träf, wenn er dann redet. Und dieses leise, verschmitzte Lächeln, dieser trockene Humor, der zugleich ironisch, aber auch ein wenig wehmütig ist. Am 3. Oktober ist Friedrich Kappeler, 73-jährig, gestorben.
Alexandre Ducommun
05 Oktober 2022
Mitteilung / kah
02 Oktober 2022