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Wenn Europa in der Krise feststeckt und in China die Konjunktur abkühlt, leidet der Halbkontinent. Die Wirtschaft Lateinamerikas beruht seit 500 Jahren auf dem Export von Rohstoffen.
Die Wirtschaftsstruktur Südamerikas sieht man am besten aus der Luft. Selbst aus einer Höhe, in der nur noch Satelliten um den Erdball kreisen, wäre sie mit blossem Auge zu erkennen: die Kupfermine von Chuquicamata – ein riesiges Loch, fünf Kilometer lang, drei Kilometer breit und über tausend Meter tief, das im Norden Chiles ins Hochplateau der Atacama-Wüste gegraben wurde. Die Ölindustrie rund um den Maracaibo-See in Venezuela. Die riesigen Sojapflanzungen in Argentinien, die endlosen Zuckerrohrfelder in Brasilien, die unzähligen Quadratkilometer, die in Kolumbien mit langen akkuraten Reihen von Ölpalmen bestanden sind. Seit Eduardo Galeano vor 45 Jahren sein zum Standardwerk gewordenes Buch «Die offenen Adern Lateinamerikas» geschrieben hat, scheint sich nichts verändert zu haben: Südamerika ist der Halbkontinent der Rohstoffe.
Sicher, ein paar der Güter, über die Galeano damals geschrieben hat, sind heute verschwunden oder spielen eine deutlich geringere Rolle als damals. Baumwolle etwa gibt es kaum noch in Lateinamerika, das hauptsächliche Produktionszentrum von Kakao ist nicht mehr Brasilien, sondern Westafrika. Bananen und Kaffee, die einst die zentralamerikanische Landbrücke dominierten, spielen heute bei den Exporten der betreffenden Länder nur noch eine untergeordnete Rolle. Aber der Boden Lateinamerikas wird noch immer auf der Suche nach Gold und Silber, Kupfer und Zinn zermahlen. Es wird Erdöl gefördert wie eh und je und Zuckerrohr angebaut auf Teufel komm raus. Und es kamen neue Rohstoffe dazu. Die aus Afrika stammenden Ölpalmen gab es vor 45 Jahren in Amerika höchstens in einem botanischen Garten. Auf keiner Farm redete man über Soja. Dass Lithium, das leichteste und flüchtigste aller Metalle, einmal fundamental für die Produktion von Mobiltelefonen, Computern und in Zukunft wohl auch von Autos sein wird, das ahnte damals noch niemand.
Wenn die Rohstoffpreise sinken …
Für alle Länder Südamerikas – seien sie nun arm wie Bolivien oder relativ reich wie das benachbarte Chile – sind Rohstoffe noch immer das weitaus wichtigste Ausfuhrprodukt. Wenn die Konjunktur in den Industrienationen rundläuft und China boomt, geht es Lateinamerika gut. Nun aber steckt Europa seit Jahren in der Krise, in China kühlt das Wirtschaftswachstum ab, und Saudi-Arabien überschwemmt den Weltmarkt mit billigem Erdöl, von dem man lange dachte, dass es nur noch teurer werden könne. Die Preise für Rohstoffe sinken: für Erdöl seit 2013 um gut die Hälfte, für Agrarprodukte um ein Viertel, für Metalle um ein Fünftel. Südamerika leidet.
Nach einem eben veröffentlichten Bericht von Cepal, der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik, ist 2014 die Zahl der Armen seit Jahren zum ersten Mal wieder gestiegen, von 165 auf 167 Millionen Menschen. Die Zahl der extrem Armen, die sich nicht einmal ausreichend ernähren können, stieg von 69 auf 71 Millionen Menschen. Zum Vergleich: 1980 lebten in Lateinamerika 136 Millionen Menschen in Armut, 62 Millionen in extremem Elend.
Am härtesten hat es Venezuela erwischt. Achtzig Prozent seiner Ausfuhren sind Erdölexporte. Der ganze Staatshaushalt samt aller Programme zur Armutsbekämpfung hängt daran und muss nun zusammengestrichen werden (siehe WOZ Nr. 5/2015). Das Land steckt in einer Rezession. Laut Cepal-Statistik ist seine Wirtschaft im vergangenen Jahr um drei Prozent geschrumpft. Aber auch alle anderen Länder Lateinamerikas leben einseitig von der Ausfuhr von Rohstoffen. Selbst in Chile, dem am meisten entwickelten Land Südamerikas, bringt allein Kupfer mehr als die Hälfte der Exporteinnahmen. Sie werden ergänzt durch Lithium, Zellulose, Fische und Früchte.
Auch in Brasilien mit einer der weltweit grössten Industrieagglomerationen rund um São Paulo stellen Rohstoffe die Hälfte aller Ausfuhren. Ecuador (56 Prozent der Exporte) und Kolumbien (54 Prozent) hängen am Erdöl; in Kolumbien kommen auch noch 11,5 Prozent Kohle dazu. 49 Prozent der Ausfuhren von Bolivien sind Erdgas, dazu 20 Prozent Erze und Metalle. In Peru stellen Gold, Erze und Metalle weit über die Hälfte aller Exporte. Argentinien und Uruguay sind, was den Aussenhandel angeht, fast reine Agrarstaaten: Argentinien könnte mit seiner Agrarproduktion 400 Millionen Menschen ernähren, hat selbst aber nur knapp über 40 Millionen EinwohnerInnen.
Wer fast ausschliesslich Rohstoffe produziert, muss viele verarbeitete Waren einführen. Und weil die Rohstoffpreise wegen stagnierender oder sinkender Nachfrage auf dem Weltmarkt gefallen sind, muss Lateinamerika nun bei den Importen sparen. Venezuela hat im vergangenen Jahr 17,7 Prozent weniger importiert als 2013, Argentinien 9,9 Prozent. Das Angebot an Konsumgütern auf den lokalen Märkten wird knapper, die Preise steigen. Spitzenreiter war auch hier Venezuela mit einer Inflationsrate von 63,4 Prozent, gefolgt von Argentinien mit 24,2 Prozent. Für ganz Lateinamerika haben die StatistikerInnen von Cepal eine Inflationsrate von immerhin 9,4 Prozent errechnet. Und doch konnten die sinkenden Importe die Verluste bei den Exporten nicht ausgleichen. Fast alle Länder Südamerikas haben eine negative Aussenhandelsbilanz; Spitzenreiter ist Brasilien mit gut 83 Milliarden US-Dollar.
500 Jahre alte Strukturen
Das Problem ist ein halbes Jahrtausend alt. Als die SpanierInnen den für sie neuen Kontinent eroberten, teilten sie den Boden in riesige Haciendas auf. UreinwohnerInnen, die nicht für die Landwirtschaft gebraucht wurden, trieb man in die Gold- und Silberminen. Der Cerro Rico (deutsch: Reicher Berg) bei Potosí im heutigen Bolivien steht wie ein Symbol für die Ausbeutungswirtschaft – und für das Silber, mit dem die erste Welle der Industrialisierung in Europa finanziert wurde.
Diese ganz auf Rohstoffe ausgerichtete Wirtschaftsstruktur wurde in den Befreiungskriegen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und den nachfolgenden Republiken nicht infrage gestellt. Es war die spanischstämmige Elite, die sich gegen die Kolonialmacht erhob. Sie wollte den Reichtum selbst geniessen und nicht mehr an das Mutterland weiterreichen. Folgerichtig war das Wahlrecht in den meisten Ländern Lateinamerikas bis weit ins 20. Jahrhundert hinein an Besitz und spanische Sprach-, Lese- und Schreibkenntnisse gebunden. Nur eine winzige Minderheit lebte in einer «Republik», die grosse Mehrheit dagegen in Verhältnissen, die eher an Sklaverei erinnern.
Einmal nur gab es den Versuch, dieses im Grund noch immer koloniale Wirtschaftsmodell aufzubrechen. In den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts warb Cepal für eine «importsubstituierende Industrialisierung»: Geschützt von Zollschranken und bisweilen in arbeitsteiliger Kooperation verschiedener Länder wurden eigene Fertigungsanlagen aufgebaut, etwa in der Pharma-, Automobil- oder Elektrogerätebranche. Ziel war es, dem Verfall der Rohstoffpreise zu entkommen – denn für dieselbe Menge von importierten verarbeiteten Produkten mussten immer mehr Rohstoffe geliefert werden.
Doch dann kam am 11. September 1973 der Militärputsch in Chile. Zwei Jahre später wurde mit der Macht der Gewehre die neoliberale Doktrin durchgesetzt. Die Märkte wurden geöffnet, die eben aufgebaute Industrie brach unter dem Druck der Konkurrenz aus weiter entwickelten Ländern zusammen – übrig blieben am Ende wieder nur Rohstoffe. Das Modell hat sich in den darauf folgenden beiden Jahrzehnten über den gesamten Halbkontinent ausgebreitet und wird erst jetzt, in der Krise, vorsichtig infrage gestellt. An einer Konferenz der Gemeinschaft der Staaten Lateinamerikas und der Karibik (Celac) Ende Januar in Santo Domingo etwa forderte der ehemalige dominikanische Präsident Leonel Fernández «ein neues Wirtschaftsmodell, das nicht auf dem Export von Rohstoffen aufbaut, sondern Güter und Dienstleistungen mit hohem Mehrwert schaffen muss».
Das wird nicht leicht werden. Die neoliberale Unternehmerschaft Lateinamerikas ist auf schnelle Gewinne fixiert, und sei es mit Spekulationen auf die Preise der eigenen Rohstoffe. Der mühsame (und langfristige Investitionen erfordernde) Aufbau von Wertschöpfungsketten ist ihre Sache nicht. Und selbst wenn sie es wollten: Das lateinamerikanische Bildungswesen ist nicht darauf eingerichtet. An den Universitäten werden bevorzugt Geistes- und Sozialwissenschaften studiert, gerne auch Betriebswirtschaft und vielleicht noch Hoch- oder Tiefbau. Unterhalb universitärer Studiengänge aber gibt es so gut wie nichts; keine Ausbildung von Technikerinnen, Facharbeitern oder Handwerkerinnen. In Lateinamerika lernt man einen Beruf, indem man anderen zuguckt. Internationale Konzerne, die dort Produktionsstandorte betreiben, suchen händeringend nach qualifiziertem Personal und müssen es in aller Regel selbst ausbilden. Ein mühsamer Prozess, der Jahre dauert. Bolivien lernt das gerade beim Aufbau einer kleinen und für die Gesamtwirtschaft noch unbedeutenden Verwertungskette rund um die weltweit grösste Lithiumlagerstätte im Uyuni-Salzsee (siehe WOZ Nr. 35/2014).
Es wird mindestens eine neue Bildungsgeneration entstehen müssen, bevor überhaupt eine Chance besteht, die Rohstoffabhängigkeit Lateinamerikas zu überwinden. Der Silberberg Cerro Rico, der sinnbildlich für diese Abhängigkeit steht, ist inzwischen so von Minen ausgehöhlt, dass GeologInnen befürchten, er werde bald in sich zusammenstürzen. Das Symbol eines Wirtschaftssystems wäre dann verschwunden, ohne dass das System selbst auch nur angekratzt wäre.
Zentralamerika und Mexiko
Die T-Shirt-Republiken
Fast ein Jahrhundert lang war Zentralamerika von US-amerikanischen Fruchtkonzernen beherrscht. Sie zettelten nach Belieben Staatsstreiche an, setzten Regierungen ein und wieder ab, weshalb man diese Länder «Bananenrepubliken» nannte. Nur das bergige El Salvador war für die Bananenplantagen ungeeignet. Dort regierten die Kaffeebarone.
In den heutigen Aussenhandelsbilanzen Zentralamerikas spielen landwirtschaftliche Produkte nur noch eine untergeordnete Rolle. Die zentralamerikanischen Länder und Mexiko leiden nicht unter der Rohstoffabhängigkeit Südamerikas. Ihre weitaus wichtigsten Exportartikel sind Fertigprodukte. In Zentralamerika sind das Kleidungsstücke: gegen Niedriglohn hergestellte Jeans, T-Shirts und Unterwäsche. Mexiko führt vor allem Fahrzeuge, Geräte, Maschinen und Bildschirme aus. Ihre Sonderstellung verdanken diese Länder der Nähe zum grössten Konsumgütermarkt der Welt: Sie sind die verlängerte Werkbank der USA. Alles, was sich einfach, schnell und gegen niedrige Löhne herstellen lässt, wird in die Länder südlich der USA ausgelagert.
Das wichtigste Exportprodukt Zentralamerikas aber taucht in den Aussenhandelsbilanzen gar nicht auf: Arbeitskraft. Das Geld, das die Millionen von legalen und illegalen ArbeiterInnen in den USA in ihre Heimat überweisen, ist die weitaus wichtigste Devisenquelle dieser Länder.
Toni Keppeler