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Es sind drei Wochen vergangen seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine. Ein junges Paar nähert sich dem Taufstein. Wir begrüssen uns. Sie nimmt das Handy hervor. «Sind Sie der Pfarrer?» – «Ja.» – «Schauen Sie.» Die junge Frau zeigt mir ein Whatsappbild: «Das ist mein Bruder. Vor einer Stunde hat er mir dies geschickt. Ich floh aus Mariupol. Übrigens – das ist mein Freund, aus Russland.» Sie zeigt auf den jungen Mann neben ihr. «Er studiert hier.» Sie wird still: «Ich weiss nicht, ob mein Bruder jetzt noch lebt.» Sie bricht weinend zusammen. Ihr Freund richtet sie auf. «Wollen Sie beten?» Beide nicken. Wir steigen in die 12-Boten-Kapelle. Wir stehen am ältesten Taufstein in Zürich. Die beiden beten in russischer Sprache. Ich bete auf Deutsch das Unser Vater. Ein Klangteppich voller Ohnmacht und Hilflosigkeit breitet sich aus. Ich segne sie mit Wasser. Ich zeichne ein Kreuz auf ihre Stirn. Sie halten sich gegenseitig.
Eine Gruppe bleibt staunend vor dem Weihnachtsfenster von August Giacometti im Chor stehen. Das Sonnenlicht bricht sich in den Farben und spiegelt sich am Boden. «Sie kommen von Amerika?» – «Ja, wir sind Mennoniten aus Pennsylvania.» – «Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas.» Wir sitzen in der Sakristei. Seit 2004 kommen viele Mitglieder von Täufergemeinden ins Grossmünster. Damals haben sich der Kirchenratspräsident und der Stadtrat bei den mehr als tausend Mitgliedern der Täufer- und Mennoniten-Gemeinden für die Ermordung ihrer Schwestern und Brüder entschuldigt. Damals, 1525, hatte der Rat von Zürich, zusammen mit dem Reformator Ulrich Zwingli, ein halbes Jahr nach der Einführung der neuen Kirchenordnung die Todesstrafe für die Täufer beschlossen. Im Januar 1527 wurde Felix Manz als erster Täufer in der Limmat ertränkt. «Wir sind in der Leitung unserer Gemeinde. Wir wollten den Ort unserer Familien besuchen.» Ich nehme die Bibel hervor, die die Buchdruckerei von Christoffel Froschauer 1580 herausgegeben hat. Ich möchte vorlesen. Da zieht der Mann aus Amerika die Bibel von mir weg zu sich. Er liest das alte Deutsch fehlerfrei vor. «Im Gottesdienst haben wir dieselbe Bibel. Dieses Deutsch ist unsere Gottesdienstsprache.» Wir beten miteinander. Wir umarmen uns. Meine Geschichte des Verfolgers und ihre Geschichte der Verfolgten schreiben sich als gemeinsame Versöhnungsgeschichte weiter.
Ein Mann mit Turban und Bart sitzt im Chorgestühl. Er ist in sich gekehrt. Er entdeckt mich. «Sind Sie der Pfarrer? Ich danke Ihnen. Ich komme aus Indien. Ich bin Geschäftsmann. Ich bin Sikh. Immer, wenn ich in Zürich bin, komme ich in Ihr Gotteshaus. Er wird zu meinem Tempel. Ich bete regelmässig. Gott hat uns alle geschaffen, ob wir in Indien oder Zürich leben.» Er schliesst die Augen. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
Das Grossmünster hat sich in den letzten 20 Jahren meines Pfarramtes zum Geschichtenladen unterschiedlicher Kulturen und Religionen entwickelt. Solche Begegnungen geschehen vermehrt an Werktagen, auch an Sonn-tagen. Waren es 2003 gut 100 000 Personen, die den Kirchenraum aufsuchten, besuchten im vergangenen Jahr wieder gut 600 000 Personen das Grossmünster: Global village meets church!