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Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro
Gewissenhaft und mit Würde erfüllt Butler Stevens seine Pflichten in voller Unterordnung seines Dienstherrn. Dabei wägt er sorgfältig die Erfordernisse und Folgen jeder Handlung ab – in skurrilem Detail.
Ausserdem führt er ständig Selbstgespräche über längst vergangene Ereignisse, die für ihn offensichtlich von grosser Bedeutung sind. Er sinniert über das Verhalten und die Einstellungen seines früheren Herrn, Lord Darlington – “Die Demokratie gehört einer vergangenen Zeit an” – und seinen daraus resultierenden schlechten Ruf als möglicher Nazi-Sympathisant. Kein Vergleich zu den relativ sorglosen Meinungen und Gewohnheiten seines neuen Chefs, des Amerikaners Mr. Farraday.
Stevens philosophische Betrachtungen, sowohl über die Pflichten eines Butlers als auch über die Weltpolitik – die Geschichte handelt in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in England – lockern die Prosa auf. Doch seine Gedanken führen ihn immer wieder zu bestimmten Vorfällen, die sich vor Jahren ereignet hatten, in die die ehemalige Haushälterin verwickelt war.
Eine Erinnerung im Besonderen hat mich den ganzen Morgen beschäftigt – oder vielmehr das Fragment einer Erinnerung, das mir aus irgendeinem Grund über die Jahre hinweg sehr lebendig im Gedächtnis haften geblieben ist. Ich stehe in der Erinnerung allein auf dem hinteren Flur vor der geschlossenen Tür von Miss Kentons Aufenthaltszimmer; genauer gesagt stand ich damals nicht mit dem Gesicht zur Tür, sondern hatte mich ihr nur halb zugewandt, gelähmt von Unentschlossenheit, ob ich anklopfen sollte oder nicht; denn ich war, wie ich mich erinnere, in diesem Augenblick überzeugt, dass Miss Kenton nur wenige Meter von mir entfernt hinter dieser Tür weinte. Wie gesagt, dieser Moment ist mir deutlich im Gedächtnis geblieben, wie auch die Erinnerung an jenes eigenartige Gefühl, das in mir aufstieg, als ich so dastand. Ich bin mir jetzt jedoch keineswegs der näheren Umstände sicher, die dazu geführt hatten, dass ich so auf dem hinteren Flur stand. Ich glaube an anderer Stelle bei dem Versuch, solche Erinnerungen zu sammeln, angegeben zu haben, diese Szene habe sich abgespielt, nachdem Miss Kenton die Nachricht vom Heimgang ihrer Tante erhalten hatte, das heisst, als mir, nachdem ich sie mit ihrem Kummer allein gelassen hatte, bewusst geworden war, dass ich vergessen hatte, ihr mein Beileid auszusprechen. Ich habe aber inzwischen noch weiter darüber nachgedacht und glaube, da etwas verwechselt zu haben; es scheint, dass dieses Bruchstück einer Erinnerung mit Ereignissen zu tun hat, die sich an einem Abend wenigstens einige Monate nach dem Tod von Miss Kentons Tante abspielten…Seite 249-250
So kommt es dann auch, dass er eine mehrtägige Reise durch die südwestlichen Grafschaften unternimmt, um diese Miss Kenton, die ihren Dienst vor einigen Jahren verliess, um zu heiraten, zur Rückkehr zu überreden.
Unterwegs geniesst er die Sehenswürdigkeiten und beschreibt kleinlich die banalsten Details:
Ich bin endlich in Little Compton eingetroffen und sitze jetzt im Speisesaal des Rose Garden Hotel. Ich habe gerade zu Mittag gegessen, und draussen regnet es ununterbrochen. Rose Garden Hotel ist zwar keineswegs luxuriös, aber ganz gewiss behaglich und komfortabel, und man hat keinen Grund, die zusätzlichen Ausgaben für diese Unterkunft zu bereuen. Das Hotel liegt recht günstig an einer Ecke des Dorfplatzes, ein sehr reizvolles, von Efeu überwachsenes Herrenhaus, das nach meiner Schätzung etwa dreissig Gäste beherbergen kann. Der Speisesaal, in dem ich jetzt sitze, ist jedoch ein moderner Anbau an das Hauptgebäude – ein lang gestreckter Raum mit einer Reihe grosser Fenster zu beiden Seiten. Auf der einen Seite blickt man auf den Dorfplatz, auf der an deren ist der Garten zu sehen, nach dem das Haus wohl seinen Namen hat. Im Garten, der gut gegen Wind geschützt zu sein scheint, sind mehrere Tische aufgestellt, und bei schönem Wetter muss es sehr angenehm sein, dort eine Mahlzeit oder eine Erfrischung einzunehmen. Ich habe sogar mitbekommen, dass vor einer Weile einige Gäste tatsächlich dort zu essen angefangen hatten, bis sie durch das Auftauchen bedrohlicher Gewitterwolken vertrieben wurden. Als ich vor ungefähr einer Stunde in den Saal geleitet wurde, waren Kellner gerade dabei, in aller Eile die Gartentische abzudecken – während die Gäste, die noch kurz zuvor an ihnen gesessen hatten, ein wenig ratlos herumstanden, unter ihnen ein Herr, der die Serviette noch im Hemdkragen stecken hatte. Bald darauf hatte es so heftig zu regnen begonnen, dass einen Augenblick lang alle Gäste mitten im Essen innezuhalten schienen, um zu den Fenstern hinauszublicken.
Mein Tisch steht an der dem Dorfplatz zugewandten Seite, und ich habe den grössten Teil der vergangenen Stunde damit verbracht, dem Regen zuzusehen, wie er auf den Platz fällt und auf den Ford und zwei weitere dort abgestellte Fahrzeuge.Seite 241-242
Der Autor, beziehungsweise Stevens, da das Buch in der ersten Person geschrieben ist, verwendet eben eine seltsame Sprache. Mehrfach verschachtelte Sätze mit sehr formalen Ausdrücken spiegeln seine pedantische Art wider, erschweren aber das Lesen. Aber der Stil vermittelt genau die Haltung eines hingebungsvollen, völlig uneigennützigen Dieners der damaligen Zeit, dem es gelingt, stets seine “steife Oberlippe” zu bewahren.
Nachdem er Miss Kenton nicht zur Rückkehr gewinnen kann, weilt Stevens abends am Weymouth Pier. Ein Mann setzt sich neben ihm und es entsteht ein seltsamer Austausch über die fröhlichen Zuschauer, die die Abendstimmung geniessen. Der Unbekannter behauptet plötzlich, „Der Abend ist der schönste Teil des Tages.“
So kommen wir zur eigentlichen Botschaft des Buchs:
Jetzt sind es etwa zwanzig Minuten, seit der Mann gegangen ist, aber ich blieb hier auf dieser Bank sitzen, um das Ereignis abzuwarten, das gerade stattgefunden hat, nämlich das Aufleuchten der Lampen auf dem Pier. Wie gesagt, die Fröhlichkeit, mit der die auf diesem Pier versammelten Vergnügungssuchenden das kleine Ereignis begrüssten, könnte für die Korrektheit der Aussage meines Banknachbarn sprechen; für sehr viele Menschen ist der Abend der erfreulichste Teil des Tages. Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen.Seite 286