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Essay von Wolfgang Marx
Auch wenn er es in manchem vielleicht ein wenig übertrieben hat, auf einen Punkt hat Benjamin Lee Whorf zu Recht aufmerksam gemacht: Die standardeuropäischen Sprachen, wie er sie gerne benannt hat, tendieren dazu, Substantive zu verwenden und damit die Existenz von Dingen zu suggerieren, wo Verben oder Adjektive die betrachteten Sachverhalte angemessener beschreiben würden, weil es um Vorgänge oder Eigenschaften geht. Tatsächlich gibt es kein Ding namens Zufall, und schon gar nicht einen Akteur, der Zufall herstellt oder darauf hinwirkt, dass keine allzu grossen Abweichungen vom Zufälligen entstehen, vor allem keine erkennbare Ordnung. Was es allein gibt, sind Prozesse, denen das Prädikat «zufällig» zugeordnet werden kann. Eine solche Zuordnung ist keine triviale Angelegenheit; denn ein Ereignis sagt uns nicht gewissermassen von selbst «Ich bin zufällig zustande gekommen», so wie uns eine Tomate sagt «Ich bin rot». Weil also zufällig keine Eigenschaft ist, die man unmittelbar ablesen kann, mussten erst komplexe statistische Modelle entwickelt werden, um zufällig von nicht zufällig zustande gekommenen Prozessen unterscheiden zu können – und das auch nur mit einer nicht vollständig zu reduzierenden Irrtumswahrscheinlichkeit.
Wenn man ihn also nicht sehen kann, wie lernen wir dann, was Zufall ist? Wie haben wir überhaupt herausgefunden, dass es so etwas gibt? Ein Kind, das zum ersten Mal einen Würfel in die Hand nimmt, weiss noch nicht, dass es das Ergebnis seines Wurfs weder durch sein Wünschen noch durch sein Handeln steuern kann. Es kann sich noch vorstellen, man könne es lernen, eine Sechs zu würfeln, wenn man nur lange genug übt, so wie man lernen kann, einen Kreisel zum Tanzen zu bringen, was einem ja auch nicht auf Anhieb gelingt. Nach manchem vergeblichen Anlauf wird das Kind herausfinden, dass das Werfen von Sechsen keine Frage der Geschicklichkeit ist.
Was Zufall ist, kann also letztendlich nur durch Versuch und Irrtum herausgefunden werden. In dieser Sichtweise definiert sich Zufall dadurch, dass wir bestimmte Ereignisse weder vorhersehen noch machen können. Es bleibt dabei die Frage offen, ob das daran liegt, dass unser Wissenkönnen und unser Machenkönnen eben beschränkt sind – in diesem Falle würde das Wort Zufall etwas über die Grenzen unserer Möglichkeiten aussagen – oder ob das daran liegt, dass es in der Welt zwei Arten von Prozessen gibt, solche, die determiniert sind und damit berechenbar wie eine Sonnenfinsternis, selbst wenn sie erst in 200 Jahren statfinden wird, und solche, deren Ergebnisse prinzipiell nicht vorhersehbar sind, weil sich immer erst ad hoc und gewissermassen grundlos entscheidet, was geschieht.
EINE WELT DER WILLKÜR?
Wenn man mit dem Weltbild der klassischen Physik sozialisiert worden ist, fällt es schwer, an so etwas wie nicht verursachte Prozesse zu glauben, viel eher würde man annehmen, dass die Verursachungszusammenhänge bestimmter Vorgänge so komplex sind, dass wir sie beim Stand unseres derzeitigen Wissens nicht modellieren können. Was beispielsweise müsste man nicht alles wissen, um nur das Ergebnis eines Würfelwurfs vorhersagen zu können? Da wären die Kraft zu bedenken, mit der der Wurf ausgeführt wird, die Richtung und der Effet, die dem Würfel durch das Loslassen zu einem bestimmten Zeitpunkt mitgegeben werden, die Fallhöhe wäre zu bestimmen, der Winkel des Auftreffens auf der Tischplatte, die Oberflächenbeschaffenheit derselben, das Material, aus dem der Würfel besteht, könnte eine Rolle spielen, die Raumtemperatur, der Luftdruck – es ist leicht einzusehen, warum das Ergebnis eines Würfelwurfs bis auf weiteres unvorhersehbar bleiben wird, auch wenn der Prozess genau so determiniert abgelaufen ist wie der Weg des Mondes um die Erde.
Verlässt man jedoch den sicheren Boden der klassischen Physik, ist die Sache mit der durchgängigen Determiniertheit aller Vorgänge nicht mehr so sicher. Was beispielsweise soll man davon halten, wenn dasselbe Prozedere einmal zu Ergebnis A, einmal zu Ergebnis B führt, ohne dass das Resultat vorhersehbar wäre? Das wäre so, als würden verschiedene Leute denselben Weg einschlagen und einige von ihnen kämen in Rom an, andere in Kopenhagen, und niemand, auch nicht sie selber, könnte das wissen, bevor sie angekommen wären. Die Quantenphysik legt den Gedanken nahe, dass derart verwirrende Verhältnisse im Mikrobereich tatsächlich existieren. Wenn dem so wäre, würde das bedeuten, dass die Welt gewissermassen aus den Wurzeln des Zufalls wächst.
Einstein, der die Grundlagen der klassischen Physik als erster und nachhaltig erschüttert hat, konnte sich zu einer solchen Weltsicht nie durchringen. Er könne sich nicht vorstellen, so sein immer wieder kolportierter Ausspruch, dass der Alte würfele. Wer also mag seine Hand dafür ins Feuer legen, dass die Unvorhersehbarkeit von bestimmten Ereignissen im Mikrobereich tatsächlich auf einer letzten Grundlosigkeit beruht oder ob sie nicht vielmehr nur eine Grenze unserer Zugriffs- und damit Einsichtsmöglichkeiten markiert?
Obwohl eine letzte Sicherheit in dieser Sache vielleicht niemals zu gewinnen sein wird, spricht doch manches gegen die Annahme einer grundlosen Willkür in der Welt, zum Beispiel die Tatsache, dass auch der Zufall nicht vollständig unberechenbar ist, zwar nicht auf der Ebene von Einzelereignissen, wohl aber in Hinblick auf Mengen von Ereignissen. Mit anderen Worten: Auch der Zufall unterliegt einem Gesetz, dem Gesetz der grossen Zahl. So kann ein Versicherungs-Mathematiker mit erstaunlicher Genauigkeit berechnen, wie viele Menschen im nächsten Jahr voraussichtlich sterben werden, auch wenn er nicht berechnen kann, ob es gerade Frau Müller oder Herrn Meier treffen wird.
Die Struktur des Zufalls lässt sich mathematisch durch verschiedene Verteilungen beschreiben. Die bekannteste ist die wegen ihrer Form so genannte «gausssche Glockenkurve», die auch als «Normalverteilung» bezeichnet wird, weil sie beschreibt, wie sich Ereignisse, die allen Mitgliedern einer Population zugeordnet werden können, in der Regel verteilen. Je mehr Fälle ein Beobachter zusammenträgt, zum Beispiel über Körpergrössen oder Intelligenz- Quotienten von Personen, die zufällig aus dem Telefonbuch einer Grossstadt ausgewählt wurden, desto genauer entspricht die Verteilung der gewonnenen Daten dem mathematischen Modell. Aber auch Ereignisse, die nicht, wie zum Beispiel die Intelligenz, zu den am besten verteilten Dingen in der Welt gehören (ein Umstand, auf den bereits Descartes hingewiesen hat), also auch Ereignisse, die nur selten eintreten, wie ein hoher Lottogewinn oder ein schwerer Unfall, lassen sich mathematisch beschreiben, in diesem Falle durch die Poisson- Verteilung. Es ist nun wenig plausibel, dass so etwas grundlos so herauskommt – und das immer wieder, sooft man solche Daten erhebt und mathematisch analysiert.
Man mag das Gewicht dieses Arguments unterschiedlich bewerten, dennoch hat die Annahme, dass letztendlich nichts grundlos geschieht, einen nicht gering zu schätzenden heuristischen Wert. Sie ist die nie versiegende Quelle der Motivation zum Forschen. Wer sich damit zufrieden geben kann, an Ereignisse ohne Ursache zu glauben, kann getrost die Suche einstellen – und damit unter Umständen die Chance zu weiteren Fortschritten des Wissens vertun. Für einen Wissenschaftler ist es immer die bessere Strategie, nicht an die Grundlosigkeit und prinzipielle Unerklärbarkeit von Ereignissen zu glauben, nicht einmal an die Grundlosigkeit und Unerklärbarkeit menschlicher Entscheidungen.
ABERGLAUBEN UND VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN
Nun haben die meisten Wörter der Alltagssprache mehr als einen semantischen Kern. Das gilt auch für den Begriff des Zufalls. Was bisher erörtert wurde, ist der Aspekt der Indeterminiertheit. Wir sprechen aber von Zufall auch, wenn etwas geschieht, das niemand intendiert hat, das gewissermassen «von selbst» geschieht, ohne dass damit die Annahme verbunden sein muss, dieses Geschehen sei nicht determiniert gewesen. Wenn auf einer Hochgebirgsstrasse ein Steinschlag niedergeht und das gerade zu dem Zeitpunkt, an dem an dieser Stelle ein Auto vorbeifährt, das durch die herabfallenden Felsstücke getroffen wird, dann hat das vermutlich niemand beabsichtigt, und niemand hat das vorhersehen können. Dennoch würde man nicht behaupten, der Erosionsprozess im Fels sei nicht in jeder Phase bis zum Abbrechen der Gesteinsbrocken determiniert, er sei «grundlos» gewesen. Das Konzept «zufällig» im Sinne von «nicht beabsichtigt » verträgt sich also mit der Idee eines durchgängig determinierten Weltablaufs.
Was als zufällig erscheint, hängt somit davon ab, was ein Beobachter weiss, der einem Ereignis dieses Prädikat zuordnet. Damit wird Zufall relativ; denn je nach Wissensstand kann derselbe Vorgang für einen Beobachter zufällig, für einen anderen beabsichtigt sein. Der Autofahrer, der die Steine herabfallen sieht, mag das für einen unglücklichen Zufall halten, dass er gerade in diesem Augenblick diese Stelle passiert. Ein Beobachter weiter oben am Berg, der gesehen hat, wie ein Wanderer die Steinlawine absichtlich losgetreten hat, weiss zwar, dass es kein Zufall war, dass der Steinschlag gerade zu diesem Zeitpunkt niedergegangen ist; er kann es aber für zufällig halten, dass gerade in diesem Augenblick ein Auto vorbeigefahren ist. Der Auslöser des Unglücks, der von der Reise eines Rivalen gewusst und auf diese Gelegenheit gewartet hat, weiss, dass das, was geschehen ist, von ihm absichtlich herbeigeführt wurde und also keineswegs zufällig war. Was also als zufällig betrachtet wird, hängt vom Wissenstand des Betrachters ab. Irrtümer in beiden Richtungen sind immer möglich: Man kann etwas für zufällig halten, was tatsächlich intendiert war, man kann etwas für absichtlich herbeigeführt halten, was nur zufällig zustande gekommen ist. Solche Fehleinschätzungen sind die Wurzel manchen Aberglaubens und zahlloser Verschwörungstheorien.
Ganz gleich aber, ob «zufällig» als Gegenpol zu «determiniert» gesehen wird oder als Gegenpol zu «intendiert», für beide Bedeutungsvarianten ergibt die Untersuchung, dass die Einstufung als «zufällig» vom Wissen der Person abhängt, die diese Einstufung vornimmt. Was also als zufällig betrachtet wird, ergibt sich aus einem kognitiven Prozess, einem Urteil, das primär etwas über die urteilende Person aussagt, nämlich etwas über eine Grenze ihrer Möglichkeiten des Erkennens. Das sagt nicht zugleich zwingend etwas aus über die Verhältnisse in der Welt. Ob es Prozesse gibt, bei denen sich erst ad hoc und grundlos entscheidet, wie sie ablaufen, und deren Ergebnisse daher prinzipiell unvorhersehbar sind, lässt sich mit letzter Sicherheit nicht sagen. Die moderne Physik lässt das zwar denkbar erscheinen; aber es ist nicht auszuschliessen, dass das, was mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln nicht feststellbar ist, mit Mitteln feststellbar wäre, die ihr nicht oder noch nicht verfügbar sind. Der Grenze in unserem Kopf muss keineswegs eine Grenze in der Welt entsprechen.
MIT UNGEWISSHEIT UMGEHEN
Obwohl es aus heuristischen Gründen sinnvoll ist, nicht an prinzipielle Grundlosigkeit und damit Unerklärbarkeit zu glauben, ist es für die Lebenspraxis doch unerlässlich, mit Ungewissheit umzugehen. So viel Mühe wir uns auch geben, das Unvorhersehbare und damit das Risiko sind aus unserem Leben nicht vollständig auszuschalten. Dadurch kommt eine Dimension der Unsicherheit in alles Planen und Tun. Das kann gut sein, wenn ein glücklicher Fund gemacht wird, wenn etwas gelingt, dessen Erfolg so nicht erwartet werden konnte; das kann schlecht sein, wenn ein Unfall geschieht, wenn das klug Geplante wider Erwarten misslingt. Der Zufall ist gewissermassen das Salz in der Suppe des Lebens, auch wenn er diese gelegentlich gründlich versalzt.
Das Wissen darum, dass Leben immer ein Restrisiko birgt – das Unerwartete kann jederzeit und überall geschehen – dieses Wissen wird zu einem wichtigen Motivationsfaktor. Diese nie zu tilgende Ungewissheit ist im Erleben repräsentiert durch die Gefühle der Sorge und der Angst. Im Gegensatz zur Furcht, die sich auf erkennbare Gefahren bezieht, reflektieren Sorge und Angst ein Universum möglicher Gefahren, die sich erahnen lassen, ohne ihr Gesicht zu zeigen. Alles bleibt schemenhaft und dunkel, und das ist gerade darum so schrecklich; denn wie schon Shakespeare wusste, sind die Gräuel der Einbildung fürchterlicher als alles, was tatsächlich dann geschieht. Wir sollten lernen, dem, was uns zufällt, mit Gelassenheit entgegenzusehen – freilich nicht, bevor wir das unsrige getan haben.