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Alberto Giacometti – Biographie und Zeitlosigkeit
«Ich kann diesen schwankenden Ast getrennt vom Baum selbst betrachten», schrieb Jean-Paul Sartre, «aber ich kann mir einen Arm, der sich hebt, eine Faust, die sich schliesst, nicht getrennt von einem menschlichen Akteur vorstellen. Ein Mensch hebt seinen Arm, ein Mensch ballt seine Faust; der Mensch ist die unauflösliche Einheit und die absolute Quelle seiner Bewegungen». Dies schrieb der französische Philosoph in seinem Text La Recherche de l’absolu. Der Text war die Einleitung zum Katalog, der zu Giacomettis erster Einzelausstellung in Amerika, 1948 in New York, erschien. In dieser Ausstellung war ein Bronzeguss von La main zu sehen.
Im Laufe des Jahres 1947 schuf Giacometti drei Skulpturen, die Teile des menschlichen Körpers darstellen – La main, Le nez und Tête sur tige. Auch eine vierte Skulptur, Le jambe, wurde angefangen, jedoch erst 1958 vollendet. Die Zeit unmittelbar nach dem Krieg markiert die Phase, als Giacometti sich erstmals mit seinen berühmten dünnen, langgestreckten Figuren beschäftigte.
Die Körperteil-Skulpturen wie La main stellen jedoch keine blossen Vorbereitungsübungen dar, sondern sind als Gegenpole zu den winzigen Figuren und Köpfen zu sehen, die er aus Genf mitgebracht hatte. Als er im September 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Schweiz nach Paris zurückkehrte, habe der Künstler alles, was er während des Krieges geschaffen hatte, in einigen wenigen Streichholzschachteln mit sich geführt.
Mit den Körperteil-Skulpturen kehrte Giacometti zu dem zurück, was er als junger Künstler während seines Studiums beim Bildhauer Antoine Bourdelle an der Académie de le Grande Chaumière gelernt hatte. Es fiel ihm damals, nach dem Krieg zunächst leichter, einzelne Teile anstelle ganzer Figuren zu formen. Nachdem seine Skulpturen in den Jahren zuvor immer kleiner geworden waren, näherte er sich mit diesen Arbeiten erstmals wieder der Lebensgrösse an, entschied sich dabei aber vorerst für das Fragmentarische.
«Alles, was ich tun konnte, war, einen Teil zu schaffen, der für das Ganze steht, und das war im Übrigen die Art und Weise, wie ich die Dinge sah».
Giacomettis künstlerische Entwicklung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und nach einer persönlichen Krise fand statt, als er sich wieder in das kosmopolitische Leben von Paris einfügte, als die Stadt aus dem alptraumhaften Tiefschlaf der Besatzungszeit erwachte und in den Jahren nach der Befreiung unter anhaltenden Entbehrungen langsam wieder zum Leben erwachte.
Im Dezember 1946 veröffentlichte Giacometti einen surrealistischen Text mit dem Titel «Le Rêve, Le Sphinx et la mort de T.» in der Kunstzeitschrift Labyrinthe. Darin finden sich zahlreiche Bezüge auf die damals entstandenen Skulpturen. Auch kommt eine Freundin, «A.», vor, mit der wohl Annette Arm gemeint war; die junge Frau, die der Künstler 1943 in einer Genfer Brasserie kennengelernt hatte. Sie kam im Juli 1946 nach Paris und lebte zusammen mit Giacometti in dessen Atelier. Sie heirateten 1949. Die Erwähnung ihres Arms im Text «Le Rêve» lässt vermuten, dass Giacometti bei der Modellierung von La Main an ein weibliches Körperglied gedacht hatte – und auch Annettes Nachname mag in diesem Zusammenhang mehr als bloss ein Zufall sein.
Für eine weibliche Inspirationsquelle für La Main spricht auch ein anderes Ereignis in Giacomettis Leben, das sich im Juni 1940 während der deutschen Invasion Frankreichs ereignete. Als die Lage in Paris unausweichlich schien, floh Alberto zusammen mit seinem Bruder Diego und dessen Freundin Nelly vor den anrückenden deutschen Truppen. Sie folgten den Strassen nach Süden, mit Bordeaux als Ziel. Zwei Tage später erlebten sie die unmittelbaren Folgen eines Luftangriffs auf die Stadt Étampes, ein paar Kilometer von Paris entfernt.
Sein Biograph James Lord schrieb darüber: «Die Gebäude lagen in Trümmern und brannten. Ein menschlicher Arm, an der Schulter abgetrennt, lag auf der Strasse, und sie erkannten, dass er von einer Frauenleiche stammen musste, denn ein Armband aus grünen Steinen hing noch am Handgelenk. Weiter kamen sie zu einem breiten, flachen Krater, in den vor kurzem eine Bombe gefallen war; um ihn herum lagen mehrere Leichen mit abgerissenen Gliedmassen […] Die Strasse war voller Blut.»
In der Arbeit La main sah der Autor denn auch eines der grundlegenden Eigenschaften von Giacomettis Schaffen aufscheinen; das Zusammenkommen von Biographischem mit dem Zeitlosen der Kunst: «Die Skulptur erzählt eine erschütternde Bedeutung als ein zufälliges Stück aus dem Inventar des menschlichen Grauens. Sie zeigt, wie Giacometti das Persönliche mit dem Universellen zu verbinden suchte.»