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Kultur
Kulturgeschichte des Reiseführers
Reisen ist heute Ausdruck ganz individueller Vorlieben. Eine ganze Reihe an Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, jeden möglichen Reisewunsch zu erfüllen und den Touristen an jeden erdenklichen Ort auf der Erde zu transportieren. Begonnen hat das Reisen als ein Vergnügen der Oberschicht, im größeren Stil dann erst im Laufe von Jahrhunderten, in denen sich die niederen Stände die ökonomischen Mittel und die Zeitressourcen aneignen konnten.
Und Reisen wollten geplant werden. 1832 kaufte der in Essen geborene Buchhändler Karl Baedeker die Rechte an einem Titel, der zur Grundlage seiner berühmte Reiseführerserie werden sollte: Die "Rheinreise von Mainz bis Köln" von August Klein. Dass der Rhein eine solche Beachtung bei den sogenannten "Schnelltouristen" erfahren sollte, das hat vor allem damit zu tun, dass die erstmals auf dem Fluss eingesetzten Dampfschiffe die Reisezeit flussauf- wie -abwärts um ein Vielfaches verkürzten. Die ersten Reiseführer Baedekers waren ein Reflex darauf. Genau getaktet auf die Geschwindigkeit der Dampfschiffe konnte der Tourist - je nachdem wo er sich gerade befand - präzise und schnell alle Informationen über die gerade passierte Stelle nachlesen. Die Entfernungsangaben waren in Minuten angegeben. Der Schnelltourismus ist eine zeitgenössische Form des Reisens. Eine Reise wird auch den weniger Begüterten dadurch möglich, dass weniger Zeit und weniger Geld für den Transport aufgebracht werden müssen. In der ersten Periode dieses neuen Reisestils wurde auch zum ersten Mal das medial begleitete Reisen populär und der Baedeker wurde das Leitmedium für Touristen.
Der Einfluss des Baedekers auf den frühen Massentourismus im 19. Jahrhundert ist kaum zu unterschätzen. In einer Welt, in der Informationen über Reiserouten und fremde Orte meist nur mühsam über persönliche Kommunikation zu erlangen waren, trafen die neuen Reiseführer ein großes Bedürfnis des Publikums. Sehr präzise und in fast standardisierter Form berichten die Baedeker Reiseführer von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten vor Ort genauso wie von den üblichen Preisen für Unterkunft und Transport. Diese Informationen gaben dem Reisenden einen enormen Wissensschatz an die Hand und der Reisende war in der Lage, die eigene Reise sehr bewusst zu gestalten.
Ein Schwerpunkt der Geschichte des Baedeker Reiseführers von Susanne Müller ist die Beschäftigung mit den Medien in und um den Reiseführer herum. Nicht von Anfang an verfügten die Baedeker-Bände über eine Ausstattung mit Illustrationen oder schmückenden Karten. Diese wurden häufig von lokalen Souvenirhändlern vor Ort an die Touristen verkauft. Mit der Zeit wurde Karten- und Ansichtsmaterial in die Reiseführer integriert und der Wert für den Reisenden dadurch gesteigert. Der Baedeker war im Gegensatz zu anderen Reiseführern, die eher Reiseberichten glichen, stets dadurch gekennzeichnet, dass er einen hohen Informationswert für den Reisenden hatte. Zahlreiche Detailangaben fanden sich in diesen, Maßstäbe setzenden Bänden, die bis heute die Form und Gestalt sowie den Inhalt von Reiseführern prägen.
Zu einer Ausdifferenzierung der Reiseführer für unterschiedliche Kundenkreise kam es erst an der Wende zum 20. Jahrhundert. Reisen ist nicht mehr nur auf das Bürgertum beschränkt, auch Arbeitern und Angestellten wird es möglich eine Reise anzutreten. Der Baedeker reagiert auf diesen Wandel. Die neuen Verkehrsmittel verändern die Art und Weise, wie die Inhalte dargestellt werden. Die ersten Reisebücher für Autofahrer und Reisende mit dem Omnibus entstehen, gleichzeitig kommt es vor allem für die neuen Reisenden im Kaiserreich und der Weimarer Republik zu einem Aufschwung des Reisens mit dem Fahrrad und zu Fuß. Auch wenn Anstrengungen unternommen wurden, den Baedeker auch für die neuen reisenden sozialen Schichten attraktiv zu machen, im Urteil der Zeitgenossen und der retrospektiven Perspektive Müllers konnte sich der Baedeker für sie nicht bewähren.