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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (08.09.2009)
Die Musikgeschichte ist ungerecht: Einige gute Opern sind in Vergessenheit geraten, schlicht weil es eine bessere über den gleichen Stoff gab: Giovanni Paisiellos «Barbiere di Siviglia», Ferdinando Paers «Leonora» (alias «Fidelio») oder Ruggero Leoncavallos «La Bohème» etwa. Der deutsche Komponist Manfred Gurlitt (1890-1972) hat gleich zwei solcher Werke zu beklagen: «Wozzeck» und «Die Soldaten», die durch Alban Bergs und Bernd Alois Zimmermanns Versionen verdrängt wurden.
Einen wesentlichen Anteil daran hatten auch die Nazis. Sie verboten seine Werke und drängten ihn ins Exil. Der sozialkritischen Themen aufgeschlossene und als Kulturbolschewist diffamierte Gurlitt mag so als einer der verfemten Komponisten gelten, freilich liegt sein Fall etwas komplizierter. Er konnte 1933 Mitglied der NSDAP werden, weil er angab, nicht der halbjüdische Vater, sondern der arische Stiefvater sei sein Erzeuger. 1937 wurde er aus der Partei ausgeschlossen.
Sein «Wozzeck», 1926 kaum ein halbes Jahr nach Bergs Oper in Bremen uraufgeführt, stand immer in deren Schatten. Zu Recht. Bergs Werk ist schlicht zu grossartig, zu dicht, zu vielschichtig. Was nun nicht heissen soll, dass es nicht lohnt, Gurlitts Werk wieder auszugraben. Sie erzählt die Geschichte vom einfachen Soldaten Wozzeck, der sich über die Welt vergrübelt und seine untreue Marie erdolcht, auf direkte und schlüssige Weise. Und so greift nun das Luzerner Theater diese Rarität auf, die bislang vor allem durch Gerd Albrechts Plattenaufnahme bekannt war.
Dabei beweist sie durchaus Qualitäten: Gurlitts Musik ist knapp und verständlich, sie umreisst jede der kurzen Szenen von Georg Büchners Fragment mit wenigen Motiven, folgt unmittelbar dem Text, wechselt rasch, versucht aber von Anbeginn weg auch eine Einheit aufzubauen, indem es quasi als Leitmotiv den Text «Wir arme Leut’» wiederholt und dieses dann in die musikalische Struktur einfliessen lässt. Das ist äusserst geschickt gemacht. Und da zeigt sich der pragmatische Theatermusiker, der als Kapellmeister an verschiedenen deutschen Opern tätig war. Dirigent Mark Foster schält diese Eigenschaften nun mit dem Luzerner Sinfonieorchester deutlich heraus.
Freilich: Die ersten Szenen wirken fast dichter als die letzten, eine wirkliche Steigerung findet nicht statt, die Bezüge sind zuweilen allzu offensichtlich, und manchmal kippt der damals zeitgemässe neusachliche Tonfall der Musik ins Larmoyante, und so zeigen sich auch gleich einige Schwächen. Gurlitt vermag den ohnehin schon eindringlichen Stoff musikalisch nicht zu übersteigern, er verlässt sich auf den Text, intensiviert ihn nicht. Glücklicherweise versucht Regisseurin Vera Nemirova nun in Luzern nicht, dem auf plakative Weise nachzuhelfen. Ihre Arbeit ist nüchtern und erreicht gerade dadurch Eindringlichkeit. Die Bühne von Werner Hutterli ist weiss und fast leer. Als Requisiten braucht es kaum mehr als einen Stuhl und ein Messer. So kann man sich auf die Personen konzentrieren. Simone Stock als Marie und vor allem Marc-Olivier Oetterli als Wozzeck stellen dieses Drama auf anrührende Weise dar.