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Die Frage, ob die EU tatsächlich Garant des europäischen Friedens sei, ist gerechtfertigt. Die quantitativ-empirische Kriegsursachenforschung hat drei Wege der Kriegsverhütung aufgezeigt. Man kann die Kriegsgefahr wesentlich dadurch reduzieren, dass Nachbarn oder potentielle Kriegsgegner Demokratien werden oder bleiben. Dieser sogenannt demokratische Frieden verspricht nicht, dass Demokratien seltener als andere Länder Krieg führen, sondern nur, dass Demokratien sehr selten oder fast nie gegenein-ander Krieg führen. Zweifel an der Gültigkeit des demokratischen Friedens konzentrieren sich auf die Frage, ob der demokratische Frieden auch unter armen oder nicht-marktwirtschaftlich organisierten Ländern gilt. Im vergleichsweise wohlhabenden Europa steht dies aber nicht zur Debatte.
Man kann die Kriegsgefahr auch wesentlich dadurch reduzieren, dass man den Handel und die ökonomische Verflechtung unter Nachbarn oder mit potentiellen Kriegsgegnern verstärkt. Aktuelle Forschungen legen sogar die Hypothese nahe, dass die Vermehrung der wirtschaftlichen Freiheit und der Abbau von staatlicher Reglementierung der Wirtschaft, zum Frieden unter wirtschaftlich freien Staaten beitragen. Zweifel am Frieden durch Freihandel lassen sich am ehesten dort begründen, wo es nicht nur um militärische und tödliche Konflikte geht, sondern verbales Droh- und Konfliktverhalten mit berücksichtigt wird. Für den Schreibenden reicht es, wenn politische Konflikte niemanden umbringen – wenn nicht gestorben wird. Deshalb halte ich die These vom Frieden durch Freihandel, wirtschaftliche Freiheit und Zusammenarbeit für gerechtfertigt. Weil wirtschaftliche Freiheit und Freihandel wesentlich zum Wohlstand beitragen, weil Wohlstand eine wesentlich zur Stabilisierung von Demokratien beitragende Bedingung ist, würde ich sogar vorschlagen, von einem kapitalistischen Frieden zu sprechen, der die befriedenden Effekte von Freihandel und Demokratie als Komponenten auffasst.
Als dritter Weg der Kriegsverhütung gilt in der quantitativen Forschung die Zusammenarbeit in internationalen Organisationen. Auf diesem Gebiet leidet die Forschung allerdings bisher noch an ungenügender Differenzierung hinsichtlich verschiedener Arten internationaler Organisation, die ja vom Weltpostverein bis hin zur EU oder Nato gehen kann. Also möchte ich aus methodologischer Skepsis diesen Punkt ausklammern. Festzuhalten bleibt, dass die Gefahr europäischer Kriege im allgemeinen und eines deutsch-französischen Krieges im besonderen durch die Tatsache minimiert wird, dass Deutschland und Frankreich – und sehr viele andere europäische Staaten – immer noch teilweise marktwirtschaftlich organisierte und wohlhabende Demokratien und miteinander wirtschaftlich eng verflochten sind. Meines Erachtens ist der Frieden in Europa sicher, weil Demokratie und wirtschaftliche Zusammenarbeit die innereuropäischen Beziehungen befriedet haben und weil seit dem Zweiten Weltkrieg Europa (westlich von Russland) keine echten Grossmächte mehr umfasst. Grossmächte waren immer auch kriegführende Mächte. Die Europäer haben sich inzwischen das Kriegführen gleichzeitig mit ihrem Abschied von Grossmachtambitionen weitgehend abgewöhnt. Wir Deutschen lernten das 1945. Franzosen und Briten fällt wegen ihrer eigentlich anachronistischen Privilegien im Weltsicherheitsrat die Einsicht in ihre globale Bedeutungslosigkeit – eher mit der Schweiz als den USA oder auch China vergleichbar – etwas schwerer.
Wer die Zusammenarbeit in Allianzen und Staatenbünden für wichtiger hält als ich es tue, den möchte ich daran erinnern, dass immer die Nato und nie die EWG oder EU die entscheidende sicherheitspolitische Instanz Europas war. Die USA und ihr Instrument Nato sind für die Sicherheit Europas vor der kommunistischen Bedrohung, für die Demokratisierung Westdeutschlands, und sogar für die wirtschaftliche Zusammenarbeit im westlichen Europa der Nachkriegszeit verantwortlich. Die USA und die Nato sind wesentliche Geburtshelfer der EU und des Wiederaufstiegs der westeuropäischen Volkswirtschaften gewesen. Der Beitrag der EU oder ihrer Vorläufer (wie der EWG) zum Frieden in Europa ist kaum der Rede wert. Höchstens an den Rändern Europas – in Griechenland oder Spanien und vielleicht bei einigen neuen mittelosteuropäischen Mitgliedern – lässt sich eine optimistischere Einschätzung der Rolle der EU vertreten.
Der Sonderweg Europas führt vom Standortwettbewerb über Eigentumsrechte und Freiheit zum Wachstum. Wenn man die Wirtschaftsgeschichte Europas mit derjenigen der asiatischen Hochkulturen, vor allem Chinas, vergleicht, dann fällt auf,…