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Windpferd
WENIGER ATMEN -
MEHR LUFT KRIEGEN
MEHR LUFT KRIEGEN
Die Buteyko-MethodeIn einem alten buddhistischen Text las ich, jeder Mensch habe eine bestimmte Zahl von Atemzügen zur Verfügung. Wenn die aufgebraucht sei, sterbe er.
„Was für ein Unsinn“, dachte ich. Eine Behauptung, die grundsätzlich nicht zu verifizieren oder zu falsifizieren ist. Also ohne Sinn.
Aber danach fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht doch mehr Aufmerksamkeit auf meine Atmung verwenden, vielleicht in der Tat achtsamer atmen solle.
Notmalerweise denkt jeder – wenn er nicht an einer Erkrankung des Respirationssystems leidet - seine Atmung sei schon richtig; er atme eben, um genügend Luft zu kriegen. Andernfalls würde er ja sterben.
Vladimir Buteyko (*1921) russischer Physiolog und Arzt, kriegte schon lange nicht mehr genug Luft. Er litt an schwerstem Asthma; seine Ärzte gaben ihm kein Jahr mehr zu leben. Blutdruck 220 / 110, unter vielem anderen. Buteyko beobachtete differenziert seine Atmung, modifizierte sie schrittweise und entwickelte die nach ihm benannte Methode. Er wurde 80.
Die empirischen Untersuchungen, mit denen er die Wirkungen der Methode in den 50er Jahren testete, erwiesen, dass Asthmatiker nach Erlernen der Technik – verglichen mit dem Zustand davor - nur noch ca. 40% der Kortikosteroide und ca. 10% der beta-Agonisten benötigten. Die Fachwelt diffamierte Buteyko als Fälscher: so etwas sei unmöglich.. Neuere Untersuchungen (seit den 90ern, als auch die Methodik des Experimentierens viel weiter entwickelt war) bestätigten seine ursprünglichen Ergebnisse.
Die Buteyko-Methode ist bei weitem nicht nur für Asthmatiker hilfreich. Er selber entdeckte die therapeutische Wirkung bei Angst- und Panikstörungen. Es bessern sich oder verschwinden auch Schnarchen, Schlafstörungen und Schlafapnoe; Erschöpfung (incl. schweren CFS); ADS, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen; Durchblutungsstörungen (Gehirn, Herz), Glaukom; Depression und andere Stimmungsschwankungen; schwere neurologische Erkrankungen (z.B. Parkinson).
Die Grundidee: Wir leben – v.a. infolge von Streß, mangelnder Bewußtseinsdisziplin und Fehlernährung - in einer chronisch hyperventilierenden Zivilisation. Wir denken, wir bekämen nicht genügend Sauerstoff – also atmen wir schneller und evtl. auch tiefer. Aber je hektischer wir atmen, desto weniger Sauerstoff bekommen wir, v.a. Gehirn und Herz. Ein Teufelskreis, der beim Asthmatiker dramatisch deutlich wird.
(Vielleicht gibt es eine Parallele zu der buddhistischen Empfehlung: den Magen nicht ganz zu füllen sondern nur zu 2/3. Wenn wir uns „vollfressen“, kriegen wir faktisch weniger essentielle Nährstoffe.)
Wir können uns selber beobachten: Was geschieht, wenn der Ausatem zu Ende gegangen ist? Dann ist da „an sich“ erstmal eine Pause. Sekundenbruchteile, evtl. auch ein paar Sekunden. Leere. Dann kommt spontan der nächste Einatem. Er folgt einem deutlich spürbaren Bedürfnis, evtl. den ersten automatischen Aktivitäten der Atemmuskulatur.
Aber was tu ich? Ich warte (ruhe) keineswegs in dieser „Leere“, bis der nächste Einatem von selber kommt. Die Leere ist mir unheimlich. (Vielleicht kommt ja gar nichts mehr?) Also: ich komme „vorsichtshalber“ dem organismischen Einatem ein wenig zuvor. Oder auch mehr als ein wenig. Dahinter, tja – Angst vorm Ersticken. Im Alltag natürlich nicht reflektiert. Aber es geschieht im Alltag. In dem mich ja auch Panikattacken überfallen. Und auf den es ja allein ankommt. Jedenfalls, ich atme unnötig schnell und z.T. auch unnötig tief.
Man weiß heutzutage ziemlich genau, welche physiologischen Prozesse bei Hyperventilation auftreten und welche Wirkungen sie im einzelnen haben. Darüber ein andermal in diesem Thread. Zunächst die Methode. Sie ist sehr einfach. Aber, wie alle Methoden, funktioniert sie nur, wenn man sie macht. Nicht wenn man darüber nachdenkt.
Also: man sitzt aufrecht oder man liegt auf dem Rücken und atmet eine Weile „normal“. Immer durch die Nase und immer Zwerchfellatmung. (Die Brust bewegt sich nicht.) Dann, am Ende eines Ausatems, verschließt man die Nase mit zwei Fingern, schaut auf eine Uhr und wartet, bis der nächste Einatmungs-Impuls deutlich spürbar ist. Dies nennt Buteyko Control Pause. Danach ein „normaler“ Einatem, nicht besonders tief.
Dann ein paar Minuten – und wieder Control Pause mit Stoppuhr. > 40 Sekunden ist optimal; < 15 Sekunden deutet auf stark chronifizierte Hyperventilation.
Und dann kann man soviel üben, wie man will. (Schwangere und Patienten mit Herzinsuffizienz oder Arrhythmien sollten vorsichtig sein.) Am einfachsten ist das Üben im Alltag, während des Autofahrens, Spazierengehens, Schreibens: Aufmerksamkeit auf jeden Ausatem – und danach eben nicht vorzeitig die Luft einziehen, sondern warten, bis der Reflex von selber kommt.
So simpel das ist – ich finde es sehr interessant. Zunächst: deutliche Angst. (Angst und Enge sind Wörter mit derselben Wurzel.) Ausatmen ist – ich muß das nicht notwendigerweise denken – die körperliche Entsprechung von Loslassen, Hingeben. Letztlich: Sterben. Klar: lebenslang atme ich meine Angst weg. (Nun, ich bin ein Angsttyp – aber vielleicht nicht der einzige.) Dann: nichts als dabeibleiben. Irgendwann – das kann eine Weile dauern – merke ich, dass ich definitiv nicht ersticke. Der Atemreflex kommt genau zur rechten Zeit. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Zugleich ein Gefühl von Wachheit und weicher Energie. (Auch spät am Abend.) Etwas erstauntes Lächeln. Die Angst hat sich klammheimlich verkrümelt. Intensiviertes Spüren des eigenen Körpers. Zuhause, nicht stranguliert. Die Nase läuft ein wenig, mehr Speichel als sonst (Vagotonus, klar), die Augen etwas feuchter. Hände, Wangen, Ohren wärmer. Von fern verwandt der Körperempfindung nach Arginin-Einnahme. (Darauf kommen wir noch.)
Das beste Einschlafmittel, das ich kenne. Bei viel zu frühem Aufwachen mit kreisenden Gedanken, Besorgnissen, Angst. Höchstens 10 Minuten den Atem herunterregeln auf „normal“ – das reicht.
Für Rabiate: Plötzlich die Nase verschließen, bis man’s nicht mehr aushält. Dann normaler Atem. Dann wieder verschließen. 6 – 10 Mal. Aber das muß nicht sein.
Für noch Rabiatere: Buteyko-Atmung kombiniert mit Training. Nicht bloß mit Gewichtheben oder Kreislauftraining sondern mit HIT (High Intensity Training), bei dem man sich 30 Sekunden absolut maximal verausgabt, 90 Sekunden ruht – und das Ganze 10 Mal. Zur Vorbeugung gegen plötzlichen Herzstillstand bei hochtrainierten Sportlern, der ja nicht selten ist. (Da halt ich mich vorerst noch raus.)
Ich vermute, dass die Normalisierung des Atems (wie die der Nahrungsaufnahme) die Lebenseinstellung, den „outlook“ verändern könnte. Ähnlich wie das in den Upanishaden durch Pranayama (1. Jahrtausend v. Chr.) geübt wurde.
Interessant ist auch, was dabei physiologisch passiert. Wodurch die Atemtätigkeit überhaupt gesteuert wird. Es hängt zusammen mit den Sauerstoff- und Kohlendioxyd-Partialdrucken in der Lunge und in den Zielorganen. Mit der Bindungsaffinität von Hämoglobin und Sauerstoff in Abhängigkeit vom pH-Wert des Blutes. Mit der Sauerstoffsättigungskurve des Blutes und mit deren Links- oder Rechtsverschiebung. Mit dem supergiftigen Stickstoffmonoxyd. Und mit Christian Bohr, der nicht nur Niels Bohr (den mit dem Atommodell) gezeugt hat und Großvater war von Aage Bohr (der gleichfalls den Nobelpreis für Physik erhielt) sondern genialerweise den „Bohr-Effekt“ entdeckte, ohne den wir längst erstickt wären. Wirklich.
Gute Nacht!
Bis dann
Windpferd
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