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Mittelalter
Sardinien, das später eine so grosse Bedeutung in der Geschichte der Muschelseide haben wird, wird zum ersten Mal im Frühmittelalter erwähnt. Papst Leo IV. (790-855) ersuchte 847 die sardischen Richter um die Zusendung von Meerwolle für die Verfertigung von Pontifikalgewändern: „lana marina, quod nos usu nostro pinnino dicimus“. Lana marina dürfte nun klar sein – was aber meint der ‚landläufige‘ Begriff pinnino in diesem Zusammenhang? (Herbers 1996, Carta Mantiglia 1997, Meloni 2002, Zedda 2006, Pala 2013) Für den Begriff pinnino (auch pinnikon) gibt es mehrere Erklärungen; auch hat sich dessen Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte verändert und muss stets im Kontext gesehen werden. Im Periplus maris erythraei, einem aus dem 1. Jahrhundert nach Christus stammenden Buch, das Häfen, Handelsbedingungen und Warenströme entlang der Routen des Indienhandels beschreibt, steht der Begriff für Perlen oder die Perlmuschel, vielleicht auch für mit Perlen verzierte Stoffe. Eine zweite Erklärung weist auf Stoffe aus den Federn einheimischer Vögel hin, „… pinne di uccelli acquatici, come oche, cigni, anatre…“ (Zanetti 1964, Bellieni 1973), wie wir sie aus arabischen Quellen kennen. Diese sprechen von einem kostbaren Stoff aus oder mit Vogelfedern, dessen Farbe sich ständig veränderte, genannt suf al-bahr, buqalamun, abû qalamûn: „… it was usually compared with peacock feathers and with the plumage of a Nile wader bird, the Sultan fowl (Porphyrio porphyrio), which seemed to change the colour of its feathers continuously“ (Baker 1991).
Die dritte Erklärung ist eine linguistische: „pinninum traduce il greco érion píninon ‘lana della pinna’ (bisso) e anche l’espressione latina lana marina corrisponde in modo perfetto, come calco, al greco tà ek tês thaláttes éria“ (Paulis 1983) – also Muschelseide – wie offensichtlich hier in diesem vatikanischen Brief aus dem 9. Jahrhundert. Es ist die erste Erwähnung von Muschelseide auf Sardinien. Möglicherweise ist dieser Brief die Quelle für die Annahme, dass Muschelseide für kirchliche Gewänder verwendet wurde; eine oft zitierte und weiterverbreitete Aussage. Allerdings wurde bis heute kein materieller Beweis gefunden. Ein vermeintlich mit Muschelseide hergestelltes Priestergewand der Kirche Saint-Yves in Louannec (Bretagne) ist bestens analysiert und besteht aus Seide, Leinen und Goldfäden (de Reyer 1997).
Nicht nur Stoff aus Vogelfedern, auch die Muschelseide wird mit den arabischen Begriffen suf al-bahr, buqalamun oder abû qalamûn in Verbindung gebracht. „In dieser Stadt Tinnis webt man das buqalamun, das es sonst nirgends auf der Welt gibt. Es ist dies ein farbenprächtiges Gewebe, das zu jeder Tageszeit eine andere Tönung zeigt“ – so im Buch des Persers Naser-e Hosrou aus dem 11. Jahrhundert über die Fatimiden in Ägypten. „Diesen Stoff exportiert man aus Tinnis nach dem Okzident wie nach dem Orient. Ich habe gehört, dass ein Kaiser von Byzanz einmal dem Herrscher von Ägypten vorschlug, er möge hundert Städte seines Reiches nehmen und ihm dafür Tinnis geben; der Sultan aber lehnte ab. Was jenen aber an der Stadt interessierte, war das Leinen und das buqalamun.“ (Serjeant 1972, Lombard 1978, Stillman 2000, Halm 2003, Boulnois 2004) Nach heutigem Wissensstand handelt es sich bei suf al-bahr um Muschelseide, buqalamun bzw. abû qalamûn hingegen ist die Bezeichnung für die Steckmuschel (Maeder, nicht publiziert).
Auch der jüdische Rechtsgelehrte Maimonides (ca 1135/38-1204) erwähnt in seinen Schriften Textilien unter den Begriffen sea creature und wool that grows in the sea. Neueste Studien sehen darin Muschelseide (Makbili 2013). Darauf weisen auch hebräische Schriften des 9. bis 13. Jahrhunderts hin, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Geniza von Kairo gefunden wurden. Dies war ein Nebenraum einer Synagoge, in dem nicht mehr verwendete religiöse Texte und Dokumente aufbewahrt wurden. Textfragmente berichten von einem Textilmaterial – Meerwolle und ‚Wunder der westlichen Welt’ wird es genannt – produziert von einer grossen Meeresmuschel: „In addition to the main textiles … some minor fibers are mentioned in the Geniza records …. A fanciful material was ‘sea wool’, made of threads produced by a large marine mollusk, which have a golden luster and take on various colors during the day. Known in Italy from Roman times to the present day, it was counted by the Muslims as one of the marvels of ‚the West‘, and the Umayyad rulers of Spain used to forbid its export. In a large order for precious textiles we find also one for two covers of sea wool, each twenty-four cubits long and woven together with green and red silk.“ (Goitein 1967) Wie muss man sich diesen ‚Überwurf’ vorstellen? Könnte er Ähnlichkeit haben mit dem seltsamen gewobenen Muschelseide-Fragment in der Molluskensammlung des Naturhistorischen Museums in London? (Maeder et al. im Druck).
Im 13. Jahrhundert beschreibt der italienische Poet Francesco di Barberino in einem Gedicht den Prunk eines königlichen Hochzeitszimmers. Es endet mit der Zeile … con nova vesta di lana di pesce. (Zanetti 1964)
Fast in allen Texten aus dem Mittelalter wird auf die Farbveränderungen hingewiesen, im Laufe des Tages, je nach Sonnenlicht, je nach Lichteinfall. Tatsächlich schimmert gewobene – mehr noch pelzartig verarbeitete – Muschelseide je nach Lichteinfall in verschiedenen Tönungen von Goldbronze über Kupfer bis Dunkelbraun. (Siehe dazu auch das Kapitel Handwerkliche Aspekte → Gewinnung und Reinigung.)
Wenn wir das folgende Gedicht lesen – wer denkt nicht an das nachdenkliche junge Mädchen aus Pompeij mit dem Buch in der Hand und dem Griffel am Mund – und einem feinen goldenen Haarnetz?
Pinnae quod humidum effluit de viscere,
Qui fulgur aequet, fit lapillus lucidus;
Sed unionis induit tandem jubar,
Vis promoventis si caloris appetat.
Quin & pilorum pinna germen byssinum
Es stammt aus dem 14. Jahrhundert vom byzantinischen Dichter Manuel Philes (ca. 1270 – nach 1332): das Haar der Pinna, das an Spinnweben erinnere und dessen Glanz den Haarlocken junger Mädchen einen verführerischen Charme verleihe…
Der arabische Historiker Al-Umari aus dem 14. Jahrhundert berichtete über hohe Beamte in Damaskus, die kostbare Kleider aus wabar al-samak (fish down) trugen – ein weiterer Begriff für Muschelseide, wie der Historiker Serjeant in seinem Buch über islamische Textilien 1942 meint.
In einem Textilinventar von 1399 findet sich ein halbes Dutzend bonnets en poil de poisson für die französische Königin Isabeau von Bayern (1370-1435), die für ihr ausschweifendes Leben berüchtigt war. Fischhaut, wie einige Autoren meinen – oder Muschelseide? (Lombard 1978, Sardi 2012).
Ältestes Objekt aus Muschelseide
Aus dem Spätmittelalter stammt das älteste noch existierende Objekt aus Muschelseide, eine glatt rechts gestrickte Mütze, die 1978 bei archäologischen Grabungen in der Nähe der Kathedrale von Saint-Denis bei Paris gefunden wurde – nicht in einem Grab, sondern in einem Dépotoire, einer Abfallgrube. Aufgrund der am gleichen Ort entdeckten weiteren Funde wird sie auf das 14. Jahrhundert datiert. Die Mütze ist heute im Musée d‘art et d’histoire in Saint-Denis ausgestellt (Rodrigues & Wyss, 2001, Maeder 2008).
Gestrickte Mütze aus Muschelseide, ältestes erhaltenes Objekt, 14. Jahrhundert. Musée d’Art et d’Histoire, F-Saint-Denis.
Lana di Pescie – Fischwolle, aus einem Warenkatalog 1442
Florenz war in der Renaissance das Zentrum für den Handel mit kostbaren Stoffen. Auch Muschelseide gehörte dazu: „Nelle merci fiorentine però dei secoli decimoquarto e decimoquinto si trova nominata la lana di pesce….” Diese ‚Fischwolle‘ wird auch in einem florentinischen Warenkatalog aus dem Jahr 1442 aufgeführt: Berretta di lana di Pescie, Mütze oder Kappe aus Muschelseide (Pagnini della Ventura 1766, Pignotti 1843).