Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03498.jsonl.gz/912

Der aufstrebende Violinist Dmitry Smirnov spielte am Sonntagnachmittag auf der Insel Ufnau im Rahmen des «Musiksommers am Zürichsee» in einem vielseitigen Solorezital Stücke, die kaum umsetzbar erscheinen.
Eine Violine stehe, so eine althergebrachte Überlieferung, der menschlichen Stimme besonders nahe. In der Hand eines Virtuosen, der seinen Namen verdient, kann sie jedoch noch viel mehr: Sie kann die-ser Melodie auf magische Weise eine zweite oder dritte gegenüberstellen oder sogar eine ganze Klavierbegleitung übernehmen.
Mit Leichtigkeit durch das Konzert geführt
In zwei Stücken des berühmten Virtuosen Heinrich Wilhelm Ernst, die die Eckpunkte des sonntäglichen Konzerts von Violinist Dmitry Smirnov auf der Insel Ufnau legten, offenbarte sich dies eindrücklich: Während die Melodie des irischen Evergreens «The Last Rose of Summer» von verschiedensten Seiten funkelte und glitzerte, machte der verblüffende Realismus der Bearbeitung von Schuberts klassisch gewordener Vertonung von Goethes «Erlkönig» das verführerische Säuseln des Elfen wie Pferdegetrappel und das furchterfüllte Wimmern des Kindes hörbar. Dies setzt von einem Virtuosen nicht nur höchste technische Fähigkeiten voraus, sondern auch ein seltenes Empfindungsvermögen, die Smirnov, der mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit durch das Konzert führte, scheinbar mühelos vereinte.
Das Urbild, sein Spiegel und eine Entdeckung
An zweiter und vierter Stelle in diesem symmetrisch angelegten Konzert stand das Urbild Johann Sebastian Bach mit einer Violinsonate und eine Spiegelung davon in Form einer Solosonate des Basler Komponisten Walter Courvoisier, der in den 1920er- und 30er-Jahren eine verdienstvolle Position an der Münchner Hochschule besetzte. Wie Dmitry Smirnov in einer Ansprache anmerkte, sei zur Ausführung dieser Stücke eine völlig andere, innerlichere Form der Virtuosität vonnöten wie für jene Ernsts. In der Tat zeigten die beiden Werke, deren Entstehung 200 Jahre auseinanderliegt, wie modern Bachs Musik wirkt, indem auch Courvoisiers Werk wie zeitlos in der Luft zu schweben schien. In der Mitte des Konzerts, vielleicht aber auch im Mittelpunkt, stand aber ein von Smirnov ausgegrabenes Werk für Violine solo und eine optionale Tanzpartie (die der Fantasie vorbehalten bleiben musste), das fünf menschliche Gefühlszustände musikalisch thematisiert. Die New Yorker Komponistin Netty Simons, über die kaum Informationen zu finden sind, schrieb das expressive, oft aber reduzierte, zum Teil aber auch heftig ausbrechende Werk im Jahre 1960 – eine faszinierende Entdeckung, der nachzugehen sich lohnen würde.
Ein Vorkonzert als Vermittlungsangebot
Zur Vertiefung seines Vermittlungsangebots konzipierte der «Musiksommer am Zürichsee» einen Workshop mit Dmitry Smirnov, der gemeinsam mit einem jungen Streichquartett der Musikschule Einsiedeln durchgeführt wurde. Das Nachwuchsensemble führte nach einem informativen Gespräch zwischen Manuel Bärtsch, dem künstlerischen Leiter des Festivals, und Dmitry Smirnov mit viel Spielfreude zuerst Stücke aus Mozart-Divertimentos auf und daran anschliessend, nun gemeinsam mit dem Virtuosen, ein gemeinsam erarbeitetes Stück von Fritz Kreisler. Auf diesem Weg gab es an diesem Konzert zweimal Gelegenheit, tosenden Applaus zu spenden.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Severin Kolb