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11. Aug 2021
Während ihrer Schullaufbahn erwerben Schülerinnen und Schüler schrittweise neue Kompetenzen und Diplome, die sie für die berufliche Tätigkeit qualifizieren. In der Schweiz resultieren Schullaufbahnen aus der Abfolge von schulischen Übergängen. Übergänge enthalten Weichen, in denen Jugendliche einem der verschiedenen Bildungskanäle zugewiesen werden. In Übergängen beschleunigen sich Lern- und Entwicklungsprozesse, weil sich Kinder und Jugendliche intensiv mit neuen Bezugsgruppen, Bildungswegen und deren fachlichen, persönlichen und sozialen Anforderungen auseinandersetzen. Im Schweizer Bildungssystem gibt es viele normative Übergänge, beginnend vom Kindergarten in die Primarschule bis zum Übergang von der Sekundarstufe II in die tertiäre Ausbildung. Es gibt auch nicht normative Übergänge, die nicht von allen Schülerinnen und Schüler durchlaufen werden, wie etwa die Zuweisung in Einführungsklassen, die Wiederholung eines Schuljahres, der Wechsel eines Schulniveaus in der Sekundarschule, ein Zwischenjahr nach dem 9. Schuljahr, eine Lehrvertragsauflösung, das Durchfallen in der Abschlussprüfung (z. B. Maturität, Qualifikationsverfahren beim Abschluss der beruflichen Grundbildung) usw.
Leistungsprinzip und Passungsprinzip als bestimmende Werte
Im englischsprachigen Raum gelten Schullaufbahnen in die vollzeitschulische Sekundarstufe II-Ausbildung und in die tertiäre Ausbildung als angesehen. Im Unterschied dazu erhalten in der Schweiz Laufbahnen über die berufliche Grundbildung in die tertiäre Ausbildung ebenfalls hohes Ansehen. Studien zeigen gar, dass das Lebenseinkommen von Personen, die von der beruflichen Grundbildung in die tertiäre Bildung (z. B. Fachhochschule) gewechselt haben, höher ist als von Personen, die den Weg über das Gymnasium in die tertiäre Ausbildung gegangen sind – wobei zwischen den Branchen grosse Unterschiede bestehen. Schullaufbahnen können aufgrund von zwei Prinzipien bewertet werden.
WiSel-Studie
Seit 2011 wird das Forschungsprojekt «Wirkungen der Selektion» (WiSel) durchgeführt. Es wird vom Schweizerischen Nationalfonds und vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation finanziert. Es startete mit einer Befragung von ca. 1700 Schülerinnen und Schülern im 5. Schuljahr, ihren Eltern und Lehrpersonen sowie mit Leistungstests in Deutsch und Mathematik für die Schülerinnen und Schüler aus den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern und Luzern. Fragebogen und Leistungstests wurden bei den Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrpersonen im 6. und 7. Schuljahr erneut eingesetzt. Die Schülerinnen und Schüler wurden schliesslich im 9. Schuljahr sowie im ersten Jahr nach Schulaustritt erneut befragt. Zusätzlich wurden zu verschiedenen Messzeitpunkten Interviews mit Schülerinnen und Schülern und Lehrpersonen durchgeführt, die vertiefte Analysen von Teilfragen zuliessen. Eine letzte Datenerhebung ist im Sommer 2021 geplant, fünf Jahre nach Austritt aus der obligatorischen Schule. Das Projekt ist die erste und grösste schulbasierte Längsschnittstudie zur Analyse von Bildungsverläufen von der Primarschule bis in die Erwerbstätigkeit in der Schweiz.
Markus P. Neuenschwander
Dr. Markus P. Neuenschwander ist Professor für Pädagogische Psychologie. Er leitet das Zentrum Lernen und Sozialisation der Pädagogischen Hochschule FHNW, ist Dozent im Master für Erziehungswissenschaften an der Universität Basel und für das WiSel-Projekt verantwortlich (www.fhnw.ch/ph/zls). Seine Arbeitsschwerpunkte bilden die Analyse der Bedingungen und Wirkungen von Bildungsverläufen und des Übergangs in den Beruf, Heterogenität und Chancengleichheit, Verhältnis von Schule und Familie, Verhaltensprobleme von Schülerinnen und Schülern.