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Die Bewilligung für die Corona-Demonstration, die heute ich Schaffhausen hätte stattfinden sollen, wurde vom Stadtrat kurzerhand widerrufen. Man müsse davon ausgehen, dass die Auflagen des Bundes bewusst nicht eingehalten werden, begründet der Stadtrat seinen Entscheid.
Erfreulich hingegen, dass die Schaffhauser Nachrichten in der heutigen Samstagsausgabe meine Kurzgeschichte mit dem Titel »Der Fall Roman« publizieren.
Der Fall Roman
Ich erinnere
mich noch genau an die Hiobsbotschaft, damals, vor etwa fünf Jahren. Gut, eine
Hiobsbotschaft war es zunächst nicht, Rosa klang einfach nur besorgt. Roman,
ihr Mann, habe plötzlich seltsame Angewohnheiten. Er leide – sie wägte ihre
Worte sehr genau ab – unter einer Berührungsempfindlichkeit, lasse sich nicht
mehr umarmen, und wenn man ihm anerkennend auf die Schultern klopfe, zucke er
zusammen oder weiche erschrocken zurück.
Einen Rat
erwartete Rosa von mir nicht, was hätte ich auch sagen sollen? Es war ihr
einfach ein Bedürfnis, mit jemandem darüber zu sprechen.
Einen Monat
später rief Rosa erneut an. Diesmal legte sie ohne lange zu überlegen los. Roman
habe neuerdings einen Waschzwang, sagte sie und es schien, als sei sie nicht
einfach nur besorgt, sondern fast etwas empört.
Ich dachte daran
– Kompetenzen wurden damals noch nicht inflationär behandelt –, dass
Reinlichkeit und Ordnungsliebe bereits vor fünfzig Jahren in meinem
Schulzeugnis beurteilt wurden und versuchte sie deshalb zu beruhigen, doch Rosa
liess mich gar nicht erst zu Wort kommen. »Ein Waschzwang!«, wiederholte sie.
Roman vermeide es beispielsweise, Türklinken mit der blossen Hand anzufassen,
überhaupt reiche er niemandem mehr die Hand, und komme er trotzdem mit einem
gefürchteten Objekt in Berührung, wasche er wiederholt und gründlich seine
Hände, bisweilen sogar den ganzen Körper.
Das Drama, ich
hätte es mir denken können, nahm seinen Lauf. Eine Therapie wurde zunächst
angeordnet – Roman hatte möglichst viele Gegenstände zu berühren, ohne sich
danach die Hände zu waschen –, dann eine kurze stationäre Behandlung, und schliesslich,
da alles nichts half, wurde Roman in die Anstalt eingewiesen.
Es sei für alle
das Beste, hiess es damals, und auch Roman hatte ein Einsehen. Man hatte das
Gefühl, er sei froh, nicht mehr den alltäglichen Konfrontationen ausgesetzt zu
sein.
Dass sich Romans
Zustand allmählich besserte, nahmen wir mit Genugtuung zur Kenntnis. Vor ein
paar Wochen hiess es dann, Roman gelte als geheilt und werde in Kürze
entlassen. Rosa atmete auf, wenngleich ich das Gefühl hatte, dass sie dem
Frieden nicht ganz traute. Sie bescherte Roman einen herzlichen Empfang, kochte
sein Lieblingsessen und richtete die Wohnung so her, wie sie Roman seinerzeit
verlassen hatte.
Tatsächlich war
Roman jetzt ein anderer Mensch, oder sollte man sagen, er war wieder der
Menschen, der er vor der Krankheit gewesen war? Jedenfalls war er jetzt
äusserst redselig, ging auf die Leute zu und knüpfte mit Vorliebe neue
Kontakte.
Doch weit kam
Roman mit seiner offenen Art nicht. Im Gegenteil: Die Leute wichen zurück oder
wandten sich von ihm ab, wollte er ihnen die Hand geben. Manche zogen sogar
einen Mundschutz an, wenn sie mit ihm sprachen, und überall – in Geschäften,
Schulen, Büros und auch in den Privatwohnungen – standen Mittel bereit, um die
Hände oder auch Gegenstände zu desinfizieren.
Roman verstand
die Welt nicht mehr. Litten jetzt alle seine Mitmenschen unter einer
Berührungsempfindlichkeit oder gar einem Waschzwang? Vieles deutete darauf hin.
Roman sei jetzt
wieder in der Klinik, sagte Rosa, als sie mich gestern anrief. Es habe für ihn
keine andere Möglichkeit gegeben. Entweder weise man die gesamte Bevölkerung
ein – was natürlich unmöglich sei, meinte er –, oder er kehre freiwillig in die
Klinik zurück.
Ob es ihm jetzt
besser geht? Wohl kaum. Aber vielleicht besser als in Freiheit.