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Im Berner Oberland wurde einst die Hälfte aller Schweizer Zündhölzer hergestellt. Eine leuchtend gemachte Schrift erinnert an diese ungesunde Blütezeit.
«Müde, aber voll innerer Freude trampelten wir beim flackernden Laternenschein der Concordiahütte zu.»
Der letzte Satz im Bericht „Die Fiescherwand. Erste Ersteigung“ von Walter Amstutz, abgedruckt in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“ von 1927. Uns interessiert aber nicht diese erste Durchsteigung der Fiescherwand über den Nordpfeiler zum nordwestlichen Vorgipfel (3801 m) des Grossen Fiescherhorns (4049 m) am 3. August 1926 durch Amstutz und Pierre von Schumacher, eine Route, die der SAC-Führer „Jungfrau Region“ mit SS+ (sehr schwierig plus) einstuft. Sondern wir fragen uns, ob der Verfasser damals schon ganz bewusst die Kerze in der Laterne angezündet hat, vielleicht gar auf die Zündholzmarke geschaut hat. Denn 1928 wird seine Dissertation „Die schweizerische Zündholz-Fabrikation“ gedruckt. Dass Amstutz, Skierstbesteiger des Eiger, Mitbegründer des Schweizerischen Akademischen Ski-Clubs, erster Kurdirektor von St. Moritz, ein Dr. rer. pol. war, das wusste ich. Aber den Titel seiner Doktorarbeit kannte ich nicht, bis ich die 2020 publizierte Schrift „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ zur Hand nahm und das Literaturverzeichnis anschaute.
Was für ein alltäglicher Gegenstand: Zünd- oder Streichhölzer! Laut Wikipedia erfand der englische Apotheker John Walker 1826 das erste echte Streichholz mit Reibungszündung. Vier Jahre später kamen mit den Phosphorstreichhölzern die ersten zuverlässigen Streichhölzer auf den Markt. Diese waren allerdings wegen der leichten Entzündbarkeit nicht ungefährlich; noch gefährlicher und vor allem ungesunder war die Produktion mit dem weissen Phosphor, unter der die Arbeiter leiden mussten. Die erste Zündholzfabrik in der Schweiz gründete der Deutsche Johann Friedrich Kammerer in Zürich-Riesbach. Von dort verbreitete sich die neue Industrie schnell, insbesondere in Gegenden mit grosser Armut und ohne grosse Verdienstmöglichkeiten, so dass genügend Leute bereit waren, zu mickrigen Löhnen die giftige Arbeit zu machen. So eine Gegend war das Frutigland, das von 1827 bis 1850 von Dorfbrand, Überschwemmungen und Hungersnöten heimgesucht wurde. Die erste Zündholzfabrik wurde 1850 in Frutigen gegründet. Innert 30 Jahren entstanden über 20 Fabriken in Frutigland, das zu einem Zündholzzentrum der Schweiz wurde, wie die neue Schrift schreibt: „Jahrzehntelang stammte rund die Hälfte der Gesamtproduktion aus Frutiger Betrieben.“
Im ersten Teil von „Die Zündholzindustrie im Frutigland“ lesen, wie erbärmlich ein Arbeitstag in der Fabrik um 1860 war, gerade auch für Kinder; warum Zündhölzchen überhaupt brennen; wie sie verpackt wurden und wie die Phosphorzündhölzchen von den Sicherheitszündhölzchen abgelöst wurden. Letztere werden auch Schwedenzündhölzchen genannt. Denn die „Svenska Tändsticks AB“ strebte mit ihren sichereren und billigeren Produkten das Weltmonopol an. Mit ein Grund, warum die Zündholzindustrie im Frutigland bis auf einen Hersteller erlosch. Andere Gründe sind das Aufkommen der Gasfeuerzeuge und neuer Lichtquellen mit Batterien. Der zweite Teil der Schrift widmet sich den einzelnen Fabriken. Eine Seite versammelt die Firmenlogos; eine Gämse bildet dasjenige von Ferdinand Gehring in Reinisch. Auch auf den Zündholzschächtelchen zeigt sich immer wieder Alpines. Vor allem die Zündwarenfabrik Kandergrund spielte mit dem Sujet: Blüemlisalp, Balmhorn-Altels oder Eiger & Mönch sind wechselnd abgebildet. Und Alpinisten, die sich eine Pfeife anzünden.
Walter Amstutz war der Schriftleiter des SAS-Jahrbuches „Der Schneehase“. In der Ausgabe von 1929 findet sich – kurz nach Vorstellung der Amstutz-Feder (sie diente der flexiblen Fixierung der Ferse auf dem Ski) – der Bericht über die fünften internationalen Universitäts-Skiwettkämpfe vom 8. bis 10. Februar 1929 in Mürren. Der Text ist illustriert mit Actionfotos der Rennläufer (Amstutz gewann Slalom und Abfahrt bei den Alt-Herren mit abgeschlossenem Studium bis 32 Jahre) sowie mit Zeichnungen. Auf einer sehen wir „das hohe Kampfgericht“, darunter bekannte Skigrössen wie Arnold Lunn, Christoph Iselin, Henry Hoek – und Walter Amstutz. In seinem Mund steckt eine Pfeife.
Hans Egli, Ruedi Egli: Die Zündholzindustrie im Frutigland. Kulturgutstiftung Frutigland, Frutigen 2020, Fr. 20.- Erhältlich in regionalen Geschäften sowie unter <email-pii>.
Im Herbst 2020 hätte das Zündhölzlimuseum in der ehemaligen Zündhölzlifabrik Kanderbrück eröffnet werden sollen. Die Corona-Vorschriften liessen dies nicht zu. Sobald als möglich wird die Einweihung mit einem Zündhölzlifest stattfinden. Infos unter www.kulturgutstiftung.ch.