Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03362.jsonl.gz/2401

Im Jahre 1872, in Langnau, unter den Birken beim Fluss, wurde ein halbes Kind geboren: ein halber Kopf, ein halber Körper, ein Bein und ein kurzer, dünner Arm. Man konnte direkt in seinen Schädel schauen, die halbe Zunge sehen, den labyrinthartigen Knorpel seiner Nase, sein Gehirn wie eine zweigeteilte Walnuss. Die Mutter erschrak, als sie ihn zum ersten Mal erblickte. Das gesamte Dorf wusste nichts mit ihm anzufangen. Ein halbes Kind! Doch nicht ganz, nicht mal ganz halb, denn Philos Herz war vollkommen intakt, und als er wuchs, tat es ihm weh, die Menschen seines Dorfes zu sehen, wie sie alles doppelt hatten, zwei Augen und zwei Ohren, und ihre Köpfe dicht wie Teekannen, die Gedanken schön verpackt und verborgen.
Mit einem halben Kopf kann man nichts verbergen. Wenn Philo sich etwas überlegte, konnte es jeder sehen, seine Gedanken wie einen Schwarm juwelenfarbener Insekten, die aus seinem Gehirn hervorkrochen. Wenn er neidisch war, sickerte eine Prozession grünlicher Schnecken um die Windung seines Ohrs. Ein Geheimnis zu bewahren war für ihn unmöglich; denn egal was er versuchte, um es einzufangen, tanzte es in Form eines Tausendfüsslers spöttisch über seinen Nasenrücken. Am schlimmsten war, wenn er sich einsam fühlte, was nicht selten vorkam. Dann spriessten die Ranken, dunkelgrün, zwischen seinen offengelegten Rippen und streckten sich verzweifelt über den Boden zu den Menschen um ihn herum. Nicht einmal seine Eltern sahen das gern und wünschten sich, sie hätten ein Kind bekommen, welches sie nicht so gut kennen müssten.
Als Philo zu einem jungen Mann heranwuchs, begann er sich zu fragen, ob er das nicht alles ändern könnte, ob er nicht eine zweite Hälfte aus Holz, Drähten und Zahnrädern bauen könnte, die alles in ihm einschliessen würde, alles schön verpacken und verbergen, wie bei den anderen Bewohnern im Dorf auch. «Wäre ich nur so wie sie», dachte er, «dann wäre ich der glücklichste Mensch auf Erden. Dann wäre ich nicht mehr allein.»
Somit kamen der Ehrgeiz und der Fleiss. Philo begann wundersame Geräte aus Messing und Zinn zu bauen, verkaufte sie in der Nachbarschaft und dann in anderen Kantonen. Seine Eltern starben. Er wurde sehr reich in seinem einsamen Haus. Und abends, wenn er fertig war mit seinen täglichen Geschäften, arbeitete er fieberhaft daran, sich selbst zu vervollständigen. Er formte eine Porzellanmaske für die fehlende Seite seines Gesichts – Mund geschlossen, Glasauge dicht, so dass die lapisblauen Motten nicht mehr hervorblitzen konnten –, einen mechanischen Arm und ein Ebenholzbein. Er kaufte sich eine feine Jacke aus rotem Samt und eine Perücke aus silbernem Rosshaar.