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14. November 2019
Anna Schlatter - Fromme Verräterin?
19 Frauen und ein Mann verfolgten aufmerksam die Lebensgeschichte von Anna Schlatter-Bernet,
1773-1826, welche Marianne Jehle-Wildberger im Hof Speicher vortrug.
Anna wurde in die Kaufmannsfamilie Bernet als eines von zwölf Kindern geboren. Als gläubige Pietisten besuchten sie regelmässig den Gottesdienst in der St. Laurenzenkirche. Eines Sonntags redete ein Gastprediger feurig über Sünde und Verdammnis und eine Umkehr. Die junge Anna hoffte auf eine Besserung ihres ungestümen Wesens, wurde enttäuscht und betete noch inniger. Die Tochter von J. C. Lavater, einem berühmten Prediger aus Zürich, wurde ihre Freundin fürs Leben. Mit ihr führte sie einen regen Briefwechsel.
Die Stadt St. Gallen war damals wie Zürich durch und durch reformiert. Als Hektor Schlatter, ein Kolonialwarenhändler, seine erste Frau im Kindbett verlor, bat er Bernets, ihm ihre Tochter Anna, die eben 20 geworden war, zur Frau zu geben. Anna war nicht sicher, fügte sich aber und gewann ihren Mann und das „geschenkte“ Kind sehr lieb. Bald war sie selber in Erwartung, das Kind starb aber. Innerhalb der ersten 16 Ehejahre gebar sie 13 Kinder, von welchen zehn das Erwachsenenalter erreichten.
Anna Schlatters Sorge galt ihrem Gatten, ihren Kindern und dem ganzen Haushalt. Sie kümmerte sich am alles, stillte ihre Säuglinge, kochte, wusch, nähte und half im Geschäft. Sie sorgte auch für eine gute Bildung ihrer Kinder. Um ihnen ein Leben in der Natur zu ermöglichen, kaufte die Familie das Häuschen "Äckerli" in Rotmonten, wo man die Sonntage nach dem Gottesdienst verbrachte und wo Obst und Gemüse angebaut wurde. Als das Haus mit dem Laden zu klein wurde, konnte das baufällige Nachbarhaus dazu erworben werden und Anna plante den Neubau. In diesem Anbau hatte sie ihr eigenes Zimmer, in dem sie betete, las und unzählige Briefe schrieb.
Kurz vor der Geburt ihres neunten Kindes meinte sie sterben zu müssen, weil ihr Stolz und ihre Heftigkeit schlimm seien. Eine Tante überzeugte sie, dass Gott sie gewiss nicht sterben lasse und dass er auch für ihre Kinder sorgen werde. Aus diesem Erlebnis gewann sie den Glauben, dass die Liebe Gottes zu den Menschen unendlich sei und entwickelte daraus die "Lehre der Allversöhnung".
Diese Denkweise entwickelte sich auch in Deutschland. Anna Schlatter trat in Kontakt mit Geistlichen und fuhr zu einem Besuch ins Herzogtum Württemberg. Auch mit dem Jesuiten Johann Michael Sailer, der nach dem Jesuitenverbot des Papstes Theologieprofessor war, korrespondierte sie. Sailer kam mit drei Gefährten nach St. Gallen um ihren Kreis zu besuchen. (Sailer wurde im 2. Vatikanischen Konzil als Vordenker der Oekumene bezeichnet.) Mit ihm besuchte sie die Messe in der Kathedrale und anschliessend den Gottesdienst in St. Laurenzen, so dass die Stadtsanktgaller sich fragten: Wird sie nun katholisch? – Katholisch wurde sie nicht, aber ihre unbeirrbare Überzeugung, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, liess sie mütterlich für den französischen Soldaten sorgen, den ihr Napoleons Heer aufgezwungen hatte.
Im Alter von 53 Jahren starb sie an Herzversagen.
Bericht: Hanni Brogle | Fotos: Heidi Preisig