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ran befindet sich momentan in einer äusserst heiklen politischen und wirtschaftlichen Lage. Die einseitige und nicht gerechtfertigte Kündigung des Atomvertrags durch die USA und die damit ausgelöste Verschärfung der Sanktionen sind für das Land eine Katastrophe. Dies alles stärkt die radikalen Kräfte in Iran, die eine weitere Zusammenarbeit mit dem Westen ablehnen.
Iran ist eine wichtige Regionalmacht und hat zusammen mit Russland und der Türkei – unter hohen materiellen und menschlichen Kosten – den Syrien-Krieg beendet und damit ein zweites Libyen verhindert. Die USA haben am Schluss mitgespielt, aber die US-Aussenpolitik bleibt unberechenbar. Ob die USA tatsächlich Abstand nehmen von ihrem schon vor 9/11 deklarierten «neuen amerikanischen Jahrhundert» (Project for the New American Century) ist noch unklar. Bis vor kurzem war einer der Initiatoren des «neuen Jahrhunderts», John R. Bolton, noch der Nationale Sicherheitsberater Präsident Trumps.
Dass die Lage so ist, wie sie ist, liegt nicht an Iran, sondern an geopolitischen Interessen der westlichen Länder, die lieber einen zerrütteten und zerstörten Mittleren Osten fördern als mit den Ländern konstruktiv und friedlich zusammenzuarbeiten. Iran sendet schon lange positive Signale aus und fordert einen Dialog auf gleicher Augenhöhe.
So zum Beispiel im Jahr 2001, das die Vereinten Nationen (Uno) zum «Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen» ausriefen. Damit sollte unter anderem eine Gegenposition zu den Aussagen des US-amerikanischen
Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington formuliert werden. Dieser hatte mit seinem Buch «Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Welt im 21. Jahrhundert» (Originalausgabe 1996) die Hypothese vertreten, dass es im 21. Jahrhundert zu Konflikten zwischen verschiedenen Kulturräumen, insbesondere der westlichen Zivilisation mit dem chinesischen und dem islamischen Kulturraum kommt. Die Uno wollte dagegen konsequent auf Dialog setzen: «Daher verfolgt das Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen das Ziel, einen Dialog in Gang zu setzen, der – sofern möglich – sowohl Konflikte verhindern als auch integrieren soll.»1 Der damalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan ernannte Giandomenico Picco zu seinem persönlichen Beauftragten für das Uno-Jahr. Picco sollte die Diskussion über Vielfalt durch Konferenzen und Seminare sowie die Herausgabe von Informations- und Schulmaterial fördern. Er stand bereits zwei Jahrzehnte lang im Dienste der Vereinten Nationen und war vor allem durch seine Teilnahme an den Verhandlungsbemühungen der Uno um den sowjetischen Rückzug aus Afghanistan oder die Beendigung des Krieges zwischen Iran und Irak bekannt. Picco genoss aus diesem Grund besonderes Vertrauen in Iran. Das war der Grund, wieso der Dialog zwischen den Kulturen auch Gegenstand eines runden Tisches am Sitz der Vereinten Nationen im September 2000 war. Die Initiative dazu ergriff der damalige Präsident der Islamischen Republik Iran, Mohammed Chatami. Der runde Tisch stand unter der Leitung des Generaldirektors der Unesco, Koichiro Matsuura, und führte die Staats- und Regierungschefs und die Aussenminister von über 20 Ländern aus verschiedenen Kulturkreisen zusammen (u. a. Afghanistan, Irak, Iran, Sudan, Indien und auch die USA): «Alle Teilnehmer erklärten übereinstimmend, dass mit der Hilfe eines solchen Dialogs zwischen den Kulturen alle Nationen in der Lage wären, Feindschaft und Konfrontation durch Gespräch und Verständnis zu ersetzen.»2 Die involvierten Länder setzten grosse Hoffnungen darauf, dass das folgende Uno-Jahr einiges in Bewegung setzen werde. Die Ziele für das Jahr waren die folgenden:
Das Jahr setzte vieles in Bewegung, der friedliche Dialog wurde gefördert, doch dann kam der 11. September 2001 und mit ihm der Versuch, das «Projekt für ein neues amerikanisches Jahrhundert» zu realisieren. Die USA setzten Iran auf die «Achse des Bösen» und initiierten ihre Kriegspolitik mit den verheerenden Feldzügen gegen Afghanistan und den Irak. Es ist der geschickten Politik Irans und seiner militärischen Abwehrbereitschaft zu verdanken, dass das Land bis jetzt noch nicht zerstört wurde. Wie apokalyptisch ein Krieg wäre (siehe Afghanistan, Irak, Lybien und Syrien), wird einem bewusst, wenn man durch das Land reist, die Kulturgüter in ihrer Anmut und Schönheit bewundert und mit den offenen und gastfreundlichen Menschen vor Ort spricht.
Das antike Persien gilt als das Ursprungsland der Menschenrechte. 539 v. Chr. eroberten die Armeen von Kyros dem Grossen, dem ersten König von Altpersien, die Stadt Babylon. Er befreite die Sklaven und erklärte, dass alle Menschen das Recht haben, ihre eigene Religion zu wählen. Auch die Juden soll Kyros aus der babylonischen Gefangenschaft befreit haben. Zugleich betonte er die Gleichheit der Menschen in der damals bekannten Welt. Diese sowie weitere Erlasse wurden auf einem gebrannten Tonzylinder – dem Kyros-Zylinder – aufgezeichnet, welcher offiziell als erste Menschenrechtserklärung durch die Vereinten Nationen anerkannt ist, auch wenn einige westliche Historiker den Text anzweifeln und als Propaganda abtun. Er ist Zeugnis einer toleranten Haltung, die ihresgleichen sucht und die so, nicht einmal hundert Jahre später, durch das klassische antike Griechenland entwickelt wurde. Diese Haltung war verankert in der noch heute bestehenden Religion des Zoroastrismus, die von den Menschen die Einhaltung von ethischen Werten fordert und sie anhält, «das Gute» zu tun.
Auch nach der Eroberung durch die Araber und mit dem Beginn der islamischen Zeit bestand der Rote Faden von Gleichheit und Toleranz weiter. In Iran setzte sich der schiitische Islam durch und damit auch die Bedeutung der Vernunft im Kontext des Glaubens und der Grundsatz, dass sich jeder eine eigene Meinung bilden sollte. Kurz gesagt: Entsteht Streit zwischen zwei Menschen, müssen sie zuerst das Gespräch suchen, bei Erfolglosigkeit einen dritten Neutralen beiziehen, und erst am Schluss bei Nichteinigung ist der Koran zu konsultieren. Das ist ein sehr pragmatischer und menschlicher Weg, welcher der islamischen rationalistischen Theologenschule (13. Jahrhundert) sowie naturrechtlichen Vorgaben folgt. Der Ägypter Muhammad Abduh (1849–1905), einer der wichtigsten islamischen Reformer des 19. Jahrhunderts und der Begründer des islamischen Modernismus, übte mit der Betonung dieses Pragmatismus eine grosse Wirkung aus. Selbst Schüler des kolonialismuskritischen Denkers Gamal ad-Din al-Afgani (1838–1897) stützte sich Abduh auf die Argumentation des Naturrechts, das universell in der Natur des Menschen verankert sei. Auch das Nationalgefühl sei im Wesen des Menschen angelegt, und deshalb müsse ein Volk, das seine Menschenwürde erhalten wolle, gegen die Entwürdigung des westlichen Kolonialismus und Imperialismus Widerstand leisten. Ägypten, Iran und grosse Teile der islamischen Welt waren damals der Herrschafts- und Ausbeutungspolitik westlicher Länder unterworfen. In Iran führten vor allem die Geistlichen den Widerstand gegen diese Politik an.
An die Tradition des Naturrechts und der Menschenrechte kann auch heute in der Islamischen Republik Iran angeknüpft werden. Iran besitzt eine bemerkenswerte politische Struktur, eine Mischung aus Theokratie und Demokratie. Nach einigen Wirren wurde 1979 mit der islamischen Revolution erstmals ein westlich orientiertes säkulares Regime auf revolutionärem Weg durch eine politische Ordnung auf dem Boden des Islamismus ersetzt. Diese «islamische Wende» in Iran ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte Irans im 19. und 20. Jahrhundert im Zeichen der kolonialen und postkolonialen Hegemonie des Westens studiert. Der iranische Weg ist ein eigenständiger Weg und stellt keinen theokratischen «Gottesstaat» dar, sondern – und das zeigen die immer wieder vorangetriebenen politischen und wirtschaftlichen Reformen – ein islamisches Experiment, das möglichst zusammen mit der Bevölkerung eine Synthese zwischen traditionellem Glauben und der globalisierten Moderne anstrebt.
Demokratie ist in den Ländern der islamischen Welt, und so auch in Iran, wie der kürzlich verstorbene Islamkenner und Autor Arnold Hottinger schreibt, «nicht einheimisch»3. Aber die reiche Geschichte und Kultur Irans zeigen wichtige Ansätze und Anknüpfungspunkte, so auch die islamische Revolution von 1979. Hottinger fügt hier an: «Die islamische Republik vereinigt in ihrer Verfassung zwei widersprüchliche Grundprinzipien, einerseits das der Volkssouveränität, die durch die Volkswahlen des Präsidenten und der Parlamentarier zum Ausdruck kommt, andererseits das der Theokratie in der Form der absoluten Herrschaft des von einem Komitee hoher Geistlicher für die Zeit seines Lebens ernannten herrschenden Gottesgelehrten.»4 Betrachtet man den europäischen Weg zur Demokratie, sieht man, wie beschwerlich und widersprüchlich dieser war und ist. Iran hat bereits wichtige Schritte hin zu mehr Demokratie gemacht. «Der Islamismus», so Hottinger, «hat in vielen muslimischen Ländern dazu beigetragen, dass die Bevölkerung begann, sich selbst als die Protagonisten des politischen Geschehens zu sehen, in vielen Fällen zum ersten Mal seit dem Befreiungskampf gegen die Kolonialisten. Aus diesem Grund gibt es die Möglichkeit, dass die islamistische Mobilisierung in gewissen Glücksfällen in eine demokratische umschlagen könnte. Dass das Volk, wenn es nur weiss, was es will, das politische Geschehen nach seinem Willen vorantreiben kann, wäre eine der möglichen Lehren, die aus den Anfangserfolgen des Islamismus, vor allem gegen den Schah von Iran, gezogen werden könnten.»5
Der aktuelle Besuch von Bundesrat Ueli Maurer in Saudi-Arabien ist sehr zu begrüssen. Er wird dort neben wirtschaftlichen Themen auch auf die Guten Dienste der Schweiz zu sprechen kommen. Seit der islamischen Revolution vertritt die Schweiz in Iran die US-Interessen, und umgekehrt macht sie dies auch in den USA mit den iranischen Interessen. Saudi-Arabien hat nun eine Gesprächsrunde mit dem verfeindeten Iran angeregt. Pakistan und der Irak wollen vermitteln. Es ist zu hoffen, dass mithilfe der stillen Diplomatie der Schweiz und dem guten Willen der beteiligten Akteure in der Region das nötige Vertrauen geschaffen und der Faden des «Dialogs zwischen den Kulturen» wieder aufgenommen werden kann. Iran und der Region wäre es zu wünschen, ganz im Sinne des persischen Nationaldichters Saadi, der im 13. Jahrhundert folgendes schrieb und dessen Zeilen die Eingangshalle des Uno-Hauptquartiers in New York zieren:
Die Menschen sind Glieder,
miteinander verwoben,
Von gleichem Stoff
aus der Schöpfung gehoben.
Hat das Leben ein Glied
mit Schmerz versehen,
Die anderen Glieder vor Leid vergehen.
Du, der kein Mitleid mit anderen kennt,
Bist unwürdig, dass man dich
einen Menschen nennt.6
1 www.unric.org. Uno-Jahr des Dialoges zwischen den Kulturen
2 ebd.
3 Hottinger, Arnold. Gottesstaaten und Machtpyramiden. Demokratie in der islamischen Welt. Zürich 2000, S. 11
4 ebd., S. 402
5 ebd., S. 445
6 Gol-o-Bolbol (Rosen und Nachtigall). Ausgewählte Gedichte aus zwölf Jahrhunderten, übertragen aus dem Persischen von Purandocht Pirayech. Teheran 2017, S. 48
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