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Das Mittelmeer ist diesen Sommer bis zu sechs Grad wärmer als es in der Vergleichsperiode zwischen 1982 und 2011 im Durchschnitt war. Unter den Wassertemperaturen von bis zu 28 Grad leiden die Meerestiere und mit ihnen die Fischerei, wie der Klimaexperte Thomas Frölicher erklärt.
Thomas Frölicher
Thomas Frölicher ist Klimaexperte an der Universität Bern. Er ist ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Meereserwärmung.
SRF News: Wie aussergewöhnlich sind die aktuellen Temperaturen des Mittelmeers?
Thomas Frölicher: Das ist schon sehr aussergewöhnlich. Vor allem im Golf von Lion, im ligurischen Meer und um die Balearen – also im nordwestlichen Teil des Mittelmeers – sind die Wassertemperaturen derzeit sehr hoch.
Nicht stark betroffen sind etwa Atlantik oder Nordsee – was ist so speziell am Mittelmeer?
Das Mittelmeer ist ein Hotspot der Klimaerwärmung: Es ist im Vergleich zum Nordatlantik bloss eine kleine Badewanne. Das aufgeheizte Wasser kann sich dort nicht mit kaltem Wasser – etwa aus dem Norden im Fall des Atlantiks – vermischen und so abkühlen. Das warme Oberflächenwasser im Mittelmeer wird einfach immer wärmer.
Welche Auswirkungen hat diese hohe Wassertemperatur auf das Ökosystem des Mittelmeers?
Mit den höheren Temperaturen ist auch weniger Sauerstoff im Wasser gelöst, die Lebewesen haben weniger Sauerstoff für die Atmung zur Verfügung.
Quallen können sich stark vermehren.
Auch die Versauerung des Wassers ist erhöht. Marine Hitzewellen haben einen negativen Einfluss auf Warmwasserkorallen oder Seegraswiesen. Umgekehrt gibt es mehr Algenblüten und die Quallen können sich stark vermehren.
Welche Folgen hat das warme Wasser auf die Fischerei?
Die Folgen sind mehrheitlich negativ. Weil die Fische kühleres Wasser suchen, halten sie sich vermehrt in der Tiefe auf. Dort aber ist die Sauerstoffkonzentration tiefer, was zu Fischsterben führen kann.
Hat das wärmere Mittelmeer auch klimatische Auswirkungen auf die Schweiz?
Das ist schwierig zu sagen. Unser Wetter kommt ja vor allem mit den Westwinden vom Atlantik. Das warme Mittelmeer kann aber möglicherweise auch Auswirkungen auf das sogenannte Genuatief haben. Doch derzeit ist die Klimaforschung noch nicht so weit, um hier genaue Zusammenhänge auszumachen.
Sind die sechs Grad höheren Wassertemperaturen im westlichen Mittelmeer angesichts des Klimawandels wirklich eine Überraschung?
Wasseroberflächentemperaturen von 27 oder gar 29 Grad findet man normalerweise in der Karibik – deshalb sind diese Temperaturen im Mittelmeer zu dieser Jahreszeit schon sehr aussergewöhnlich.
Solche Wassertemperaturen findet man sonst in der Karibik.
Als Forscher sind wir jedoch nicht wirklich überrascht. Weil sich das Mittelmeer in den letzten Jahrzehnten schon stark erwärmt hat, musste man mit solchen Hitzewellen durchaus rechnen.
Lässt sich die Erwärmung des Meeres wieder umkehren?
Das Meer ist ein sehr träges System. Wenn es mal warm ist, bleibt es eine lange Zeit warm. Ausserdem rechnet man damit, dass sich das Wasser in den nächsten Wochen und Monaten noch stärker erwärmen wird, bevor es sich im Herbst wieder abkühlt.
Das Gespräch führte Christian von Burg.