Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03208.jsonl.gz/1176

Temperament am Pult, Genauigkeit in der Probenarbeit, Freundlichkeit und Bescheidenheit im Umgang zeichneten den Japaner aus, der es aus bescheidenen Anfängen an die ersten Bühnen der Musikwelt schaffte. Jetzt ist Ozawa 88-jährig in Tokio gestorben.
Als einer der meistbeschäftigten und reisefreudigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts lebte Seiji Ozawa, der «Hundertausend-Volt-Dirigent», wie er oft genannt wurde, jahrzehntelang auf drei Kontinenten zugleich: in Asien, in Europa und in Amerika. Er war der erste asiatische Dirigent, der zu einem international gefeierten Star aufstieg. Geboren 1935 in der damals japanisch besetzten Mandschurei, kam er schon früh mit verschiedenen Kulturen in Berührung. Sein Vater war Buddhist, seine Mutter eine Christin. Sie machte ihn mit der westlichen Musik vertraut. Das Leben und die Vermittlung zwischen den Kulturkreisen sollte seine gesamte spätere Laufbahn als Künstler prägen.
Mit seinen detailgenauen, klangsinnlich transparenten und bei allem Temperament stets kultiviert distanzierten Annäherungen an das romantische und spätromantische Repertoire hat Ozawa schon früh einen produktiven Mittelweg gefunden: zwischen den Extremen einer hemmungslos pathetischen Emphase und einer sportiven Entschlackungsmanie. Unvergleichlich war seine Gabe, in einer aquarellartig fliessenden Transparenz des Klangs heftige Steigerungen zu entwickeln und alle Emotionalität in einem kontrollierten, aber stets obertonreich blühenden Klang zu sublimieren.
Temperament am Pult, Genauigkeit in der Probenarbeit, Freundlichkeit und Bescheidenheit im Umgang: Es mag sein, dass sich in Ozawas spürbarem Respekt den Werken gegenüber, jener spezifischen Form von Zurückhaltung, die das genaue Studium einer Partitur vor die individuelle Deutung stellt, auch ein Charakteristikum seiner kulturellen Herkunft ausdrückte. Allerdings hatte Ozawa mit dem konservativen Wertebewusstsein in seinem Heimatland Japan, wo er wie eine Ikone verehrt wurde, zunächst durchaus zu kämpfen.
Gegenkultur
Nach dem Krieg waren Ozawas Eltern zurück nach Tokio gezogen, wo Ozawa ersten Klavierunterricht erhielt, und sich an der privaten Tōhō-Musikschule zum Pianisten ausbilden liess. Sein Lehrer Hideo Saito hatte selber in Leipzig studiert und sich anschliessend pionierhaft darum bemüht, die westliche Kunstmusik nach Japan zu bringen. Da Ozawa den Unterricht nicht bezahlen konnte, verbrachte er sieben Jahre als Diener in Saitos Haus.
Nach einem Rugby-Unfall, der Ozawas Aussichten auf eine Pianistenkarriere zunichtemachte, sattelte er um, studierte an der Tōhō-Musikschule Komposition und Dirigieren und beschloss 1958 beide Studiengänge mit Auszeichnung. Im Anschluss an sein erstes öffentliches Auftreten reiste er nach Europa, wo er 1959 den ersten Preis des Dirigierwettbewerbs in Besançon gewann. Der grosse elsässische Dirigent Charles Munch sass in der Jury und empfahl ihn nach Tanglewood, wo Ozawa ein Jahr später prompt auch den Kussewitzky-Wettbewerb gewann. Durch Assistenzen bei Leonard Bernstein in New York und bei Herbert von Karajan in Berlin holte er sich weiteren Schliff. Karajan wiederum vermittelte ihn an seinen einflussreichen amerikanischen Manager Ronald Wilford.
Nachdem Ozawa in New York 1961 auch den Mitropoulos-Preis gewonnen hatte, entwickelte sich seine weitere Laufbahn rasant. Er debütierte beim New York Philharmonic Orchestra und begleitete es auf eine Japan-Tournee. In Japan stiess Ozawa zunächst auf heftigen Widerstand: Das NHK-Symphonieorchester verweigerte ihm den Dienst, da es ihn als zu selbstbewusst und zu modern empfand. Mit seinem damals noch schwarzhaarigen Wuschelkopf, mit roten Turnschuhen und Baseball-Kappe verkörperte Ozawa auch eine Art Gegenkultur zum konservativen Konzertbetrieb.
Ozawa reagierte selbstbewusst, indem er bekanntgab, er werde seinen Vertrag erfüllen, und sei es ohne Publikum und ohne Orchester. Er stellte sich vor dem leeren Zuschauerraum aufs Podium und liess sich von der Presse fotografieren. Japanische Intellektuelle wollten die Abfuhr, die das NHK-Orchester dem aufsteigenden Star erteilt hatte, nicht hinnehmen. Sie mieteten kurzerhand das Japanische Sinfonieorchester für ein Sonderkonzert mit Ozawa, das zu einem durchschlagenden Erfolg geriet. 1963 wurde Ozawa daraufhin zum musikalischen Direktor des wiedereröffneten Nissei-Theaters in Tokio ernannt.
Wichtige Uraufführungen
Von 1964 bis 1969 war Ozawa Musikdirektor des Toronto Symphony Orchestra und wechselte 1970 für sechs Jahre in gleicher Funktion ans San Francisco Symphony Orchestra. Im gleichen Jahr und parallel zu seiner Verpflichtung in San Francisco übernahm Ozawa gemeinsam mit Gunther Schuller die Leitung des Tanglewood-Musikfestivals, für das er eine solche Schlüsselrolle spielte, dass man sich 1994 bei ihm mit dem Bau der neuen Seiji Ozawa Hall bedankte.
Eine Sensation war 1973 die Ernennung zum Chef des Boston Symphony Orchestra, das Ozawa mit grossen internationalen Erfolgen neunundzwanzig Jahre lang leitete. Diese wichtige Chefposition verschaffte Ozawa endgültig den Rang eines internationalen Superstars. Die zahlreichen Plattenaufnahmen, die während dieser Zeit entstanden, vermitteln auch heute noch ein eindrückliches Bild dieser künstlerisch reichen Verbindung, die andauerte, bis die Wiener Staatsoper Ozawa 2002 zu ihrem Direktor ernannte.
Dort hatte Ozawa 1988 erstmals Furore gemacht mit einer spektakulären Premiere von Tschaikowskys «Eugen Onegin». Dass Ozawa ein begnadeter Tschaikowsky-Interpret war, hatte er freilich auch schon in Boston bewiesen. «Nussknacker» und «Schwanensee» mit dem Boston Symphony Orchestra. Strömend, voller Schmelz und klangsinnlich funkelnd entfalteten sich Tschaikowskys Ballettmusiken unter seiner Leitung. Nichts wurde dick aufgetragen, nichts sentimentalisiert, die Tempi wurden nicht verschleppt.
Das deutsch-österreichische Kernrepertoire hat Ozawa in Plattenproduktionen lieber anderen überlassen – obwohl er gelegentlich auch fabelhaft Brahms dirigieren konnte. Ozawas Klangsinnlichkeit liess den Duft der Natur in Brahms’ Gelehrtenstube wehen und befreite diese Musik vom Klischee eines schwerblütigen Gründelns. Besonders angetan hatte es Ozawa das französische Repertoire von Gabriel Fauré über Hector Berlioz, Claude Debussy und Maurice Ravel bis zu Arthur Honegger und Henri Dutilleux. Hier konnte sich seine Kunst kaleidoskopisch schillernde, kristalline Klanglandschaften zu formen, besonders eindrucksvoll entfalten.
Neben seiner Vorliebe für das romantische Repertoire hat sich Ozawa auch für die Musik der Moderne von Bela Bartók über Igor Strawinsky bis hin zur Wiener Schule interessiert. Wichtige Uraufführungen waren Ozawa zu verdanken. Seine Fähigkeit zur nuancierten Klangformung kam etwa der «San Francisco Polyphony» von György Ligeti zugute, die er 1975 aus der Taufe hob. Auch die 8. Sinfonie von Hans Werner Henze, Stücke von John Cage, Darius Milhaud und Iannis Xenakis, sowie zahlreiche Werke des japanischen Komponisten Tōru Takemitsu hat Ozawa uraufgeführt. Epochal war die von Ozawa geleitete Uraufführung der einzigen Oper von Olivier Messiaen, «Saint François d’Assise», 1983 in Paris.
Leidenschaft fürs Unterrichten
Neben seiner internationalen Karriere hat sich Ozawa stets dafür engagiert, die Bemühungen seines Lehrers Hideo Saito weiterzuverfolgen und die westliche Musik und Interpretationskultur zunehmend in Japan zu etablieren. Sein wichtigstes Instrument für diese Bemühungen ist das im Jahr 1984 von ihm gegründete, nach seinem Lehrer benannte Saito-Kinen-Orchestra. 1992 rief Ozawa in Matsumoto mit dem Saito-Kinen-Festival eine Art japanisches Pendant zu den Salzburger Osterfestspielen ins Leben.
2001 leitete Ozawa als designierter Staatsopernchef zum ersten Mal das traditionsreiche Neujahrskonzert in Wien. Sich den Silvesterkater mit Strauss-Walzern vertreiben zu lassen, die ein Japaner dirigiert, das empfand manch ein ewig gestriger Wiener damals als chauvinistischen Albtraum. Dabei wusste Ozawa wie kein Zweiter die klebrigen Zuckerl des Wiener Walzerkönigs in raffiniert funkelnde, geschliffene Kristalle zu verwandeln. Insgesamt aber war das Wiener Intrigenmilieu, wo Ozawa immerhin bis 2010 amtierte, nicht gerade das ideale Biotop für einen zurückhaltenden, verbindlich freundlichen und so aufrichtigen Musiker wie Ozawa.
Anfang 2010 wurde bei Ozawa eine Krebserkrankung diagnostiziert, die ihn zu einer Auszeit zwang. Drei Jahre später kehrte er auf die internationalen Podien zurück. 2016 ernannten ihn die Berliner Philharmoniker anlässlich des 50-jährigen Jubiläums ihrer Zusammenarbeit zum Ehrendirigenten. 2017 zog sich Ozawa aus dem internationalen Konzertbetrieb zurück und konzertierte seither in Japan, wo er die Leitung des kleinen, aber feinen Mito Chamber Orchestra übernommen hatte.
Ozawa hat im Alter auch seine Leidenschaft fürs Unterrichten entdeckt. Angetrieben vom Wunsch, seine Liebe zur Musik weiterzugeben und zu teilen, steckte er seine Energie in Akademien zur Förderung von jungen Nachwuchsmusikern. Schon 2004 gründete er die Seiji Ozawa International Academy Switzerland in Genf, an der er junge Musiker kostenlos unterrichtete. Wie sein Management am Freitag mitteilte, ist Seiji Ozawa bereits am 6. Februar in seinem Haus in Tokio an Herzversagen gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.