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Die neue Woche begann mit etwas Hoffnung auf neue diplomatische Initiativen, nachdem Russland den Vorschlag eines Gipfeltreffens von Biden und Putin zuerst mit einer gewissen Offenheit kommentiert hatte. Später kam von russischer Seite ein partielles Dementi, insofern dass die Pläne für ein Gipfeltreffen gegenwärtig nicht konkret seien. Es bleibt somit derzeit unklar, ob dieser jüngste diplomatische Vorstoss gelingen wird und dies zumindest den Beginn der befürchteten russischen Invasion der Ukraine verzögern könnte.
Die Sicherheitskonferenz in München, die am Wochenende ohne russische Beteiligung stattfand, konnte nochmals die Geschlossenheit der Nato und der EU bekräftigen. Aber auch Putins Entschlossenheit seine Ziele zu verfolgen, wurde durch die fortgesetzten Manöver in Weissrussland und durch sporadische aber immer häufigere militärische Zwischenfälle in der Donbass Region sichtbar. Obwohl Joe Biden das Statement abgab, dass Putin die Invasion der Ukraine schon beschlossen habe und dass die US-Geheimdienste konkrete Anzeichen der Umsetzung des Entscheides beobachten, ist ein eigentlicher Beginn der Invasion bisher noch ausgeblieben.
Die Nato schliesst bei einer Invasion der Ukraine einen direkten Einsatz von Nato Truppen aus. Die EU und die USA haben aber in München nochmals deutlich bekräftigt, dass im Falle einer Invasion die ökonomischen Sanktionen gegen Russland beispiellos in der jüngeren Geschichte wären. Die Isolation Russlands von den internationalen Kapitalmärkten und ein Export Embargo für Güter die für Russlands Wirtschaft sensitiv sind, steht bei den Sanktionen dabei im Vordergrund. Die Bereitschaft zu Sanktionen wurde auch dadurch glaubwürdiger, weil die EU eingestand, dass sie sich durchaus bewusst ist, dass die wirtschaftlichen Gegenmassnahmen Russlands, insbesondere in der Energieversorgung, auch für die EU einen signifikanten aber tragbaren Preis haben würden.
Der Versuch die heutige Ausgangslage mit möglichen Szenarien zu ergänzen, führt zur Würdigung folgender Punkte:
- Obwohl Russland militärisch durchaus in der Lage sein könnte, die gesamte Ukraine für einen unbestimmten Zeitraum unter militärische Kontrolle zu bringen, wäre eine russisch besetzte Ukraine eine kaum kalkulierbare Eskalation der heutigen Situation. Viele Militärstrategen halten daher eine begrenzte Invasion mit der Schaffung eines russisch kontrollierten Korridors zur Krim für plausibler. Die Ukraine würde somit als souveräner Staat in diesem Szenario weiter existieren. Aber selbst diese Annahme ist heute unsicher.
- Die Sanktionen gegen Russland und die russische Antwort darauf hätten auf die globale Wirtschaftsentwicklung geringen Einfluss. Russland hat etwa die Wirtschaftsleistung von Italien und die Schweiz ist als Handelspartner der EU sogar noch etwas gewichtiger als Russland. Die Probleme in der Energieversorgung und steigende Energiepreise konnten durch eine Produktionserweiterung der OPEC und durch Flüssiggas Lieferungen über den Seeweg kompensiert werden. Das hätte einen gewissen wirtschaftlichen Preis und die Infrastruktur dafür wäre nicht sofort verfügbar, jedoch können die EU und die USA auf die geostrategische Lage bei der Energieversorgung Einfluss nehmen (z.B. bei der OPEC).
- Die Reaktion Chinas auf eine Invasion der Ukraine und auf westliche Sanktionen gegen Russland bleibt offen. Man muss aber davon ausgehen, dass China mit Russland ökonomisch enger zusammenarbeiten würde, um die negativen Auswirkungen der Sanktionen zu mildern. Dies könnte aber selbst China nur begrenzt bewerkstelligen.
- Eine russische Finanzkrise und ein Einbruch des Rubels hätten auf die Finanzsysteme in der EU und in den USA wenig Einfluss. Russische Wertschriften bei ausländischen Banken machen weltweit nur etwa 150 Milliarden USD aus. In typischen weltweit diversifizierten Anlageprodukten liegt das Gewicht Russlands meist bei unter 0.25%. Diese Zahl hat sich seit der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim in 2014 und der kriegerischen Annexion von Gebieten Georgiens durch Russland in 2008 deutlich reduziert.
- Die Unwägbarkeiten von Cyberattacken oder anderer Formen asymmetrischer Kriegsführung wie Desinformation, Einsatz chemischer Kampfstoffe, oder von physischen Angriffen auf kritische Infrastruktur sind gross und kaum in eine Szenario Analyse integrierbar.
- Zieht man militärische Konflikte der jüngeren Vergangenheit als Basis bei, wie beispielsweise den ersten Irak Krieg (1990) oder der Einsatz der USA in Afghanistan (2001), dann muss man im Falle einer Invasion mit einem Einbruch des Aktienmarktes (MSCI World) um 10% bis 20% rechnen. In vergangenen militärischen Krisen haben sich die Märkte in der Regel aber nach wenigen Monaten vom Einbruch erholt. Die humanitären und geostrategischen Folgen einer Invasion der Ukraine wären aber sehr weitreichend und könnten nachhaltig die Sicherheitslage Europas verändern. Somit ist ein Vergleich mit früheren Krisen nur bedingt sinnvoll.
Finanzmärkte spiegeln die Unsicherheit
Diese Szenario-Betrachtungen sind insgesamt kaum geeignet, um viel mehr Klarheit darüber zu erhalten, was in den nächsten Wochen konkret geschehen wird. Entsprechend bleibt auch an den globalen Finanzmärkten das Potenzial für Korrekturen und steigende Volatilität hoch. In Anbetracht des begrenzten wirtschaftlichen Gewichts Russlands gehen wir insgesamt nicht von einer langanhaltenden Auswirkung einer Eskalation auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte aus. Die Hoffnung bleibt zu dieser Stunde aber noch lebendig, dass eine blutige militärische Eskalation, die seit dem zweiten Weltkrieg in Europa beispielslos sein könnte, noch vermieden werden kann.
Heutige Marktentwicklung und Anlagestrategie
Die neue Woche beginnt an den Finanzmärkten mit moderaten Verlusten. Der SMI fällt um etwa 0.50% und der DAX verliert etwa 1%.
Die US-Aktienmärkte bleiben aufgrund eines Feiertages heute geschlossen (Stand ca. 13:40, 21.2.2022, Basel Zeit).