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Die Versicherungsaufsichtssysteme zeichnen sich durch neue Anforderungen aus, insbesondere bei den Punkten risikobasiertes Kapital und marktnahe Bewertung aller Anlagen und Verpflichtungen. Versicherungsunternehmen müssen Kapital halten, welches ihren tatsächlich eingegangenen Risiken entspricht. Mit berücksichtigt werden müssen sowohl Finanzmarkt- als auch versicherungsspezifische Risiken, zum Beispiel solche, die sich aus Katastrophenereignissen oder Pandemien ergeben. Das Geschäftsmodell von Versicherern besteht darin, Risiken zu übernehmen, und dies oft über Jahre und Jahrzehnte. Naturgemäss ist deshalb die Risikoexposition von Versicherungsunternehmen oft viel komplexer und heterogener als jene von Banken. Dies impliziert, dass die Modelle zur Quantifizierung der Risiken sowohl beim SST als auch bei Solvency II viel komplexer sind als bei Basel II und III.
Ebenso verlangen die neuen Versicherungsaufsichtssysteme, dass alle Anlagen und Verpflichtungen ökonomisch oder marktnahe bewertet werden müssen. Die angemessene Bewertung ist das Fundament der Versicherungsaufsicht - und die Wichtigkeit kann nicht genug betont werden. Ohne korrekte Bewertung sind alle Kapitalberechnungen und Anforderungen blosse Makulatur. Die Erfahrungen der Kreditkrise hat gezeigt, dass Anlagen und Verpflichtungen oft nicht sorgfältig genug bewertet wurden. So wurden Subprime-Produkte unter der Annahme bewertet, dass sich die Immobilienpreise positiv entwickeln, Vermögenswerte mit Marktwerten in den Büchern gehalten haben, obwohl sie kaum gehandelt wurden, und somit die vom Markt gegebenen Preise höchst zweifelhaft waren.
Einschätzung durch Experten
Die marktnahe Bewertung, welche in der Schweiz und in der EU von Versicherungsunternehmen verlangt wird, basiert auf den Grundprinzipien der Finanzmathematik. Unsichere Zahlungsströme werden in zwei Komponenten zerlegt: Eine Komponente, welche perfekt mit Finanzinstrumenten repliziert werden kann, die zuverlässige Marktpreise haben, und eine Komponente, welche nicht repliziert werden kann. Der marktnahe Preis ist dann als der Marktpreis des replizierenden Finanzinstrumentes gegeben, zuzüglich einer Risikomarge, welche die erwarteten Kosten für Kapital, welches gehalten werden muss, um die Risiken der nichtreplizierbaren Komponente der Zahlungsströme abzudecken, enthält. Diese Bewertung ist von herausragender Wichtigkeit. Die korrekte Anwendung der marktnahen Bewertung hätte manche Firma vor den Folgen der Kreditkrise bewahren können.
Eine weitere wichtige Lehre aus der Kreditkrise ist, dass sowohl die Bewertung als auch die Einschätzung von Risiken in den wenigsten Fällen mit einfachen Modellen geschehen kann, sondern in erheblichen Masse von Einschätzung durch Experten abhängt. Oft wurden (und werden immer noch) Modelle verwendet, welche im Grunde nur auf der statistischen Analyse von Daten aus den letzten Jahren beruhen. Diese Art von Modellen haben zwei fundamentale Schwachstellen. Oft ist die Anzahl beobachteter Daten zu klein, um robuste Schlüsse ziehen zu können. Stehen nur Daten aus den letzten zehn Jahren zur Verfügung, so ist es schlichtweg unmöglich, auf seriöse Weise die Auswirkung eines Ereignisses einzuschätzen, das vielleicht nur einmal in 100 oder gar 1000 Jahren vorkommt. Die zweite Schwachstelle ist, dass beobachtete Daten nur Information über tatsächlich eingetretene Ereignisse enthalten. Tritt nun ein Ereignis ein, welches in der Vergangenheit nie beobachtet wurde, versagen diese statistischen Modelle.
Risikomanagement entscheidend
Sowohl der Schweizer Solvenztest als auch Solvency II verlangen in viel grösserem Masse als zuvor, dass Versicherungsunternehmen ihre Anlangen und Verpflichtungen und Risiken nicht starr und nach Regeln bewerten und quantifizieren, sondern dass die Einschätzung der Experten des Unternehmens hinzugezogen wird. Für die Versicherungsaufsicht, aber auch für die Revisionsgesellschaften hat dies die Konsequenz, dass sie in der Zukunft auch eine Meinung darüber abgeben müssen, ob die Einschätzung der Experten zur Bewertung und Risikoquantifizierung Sinn macht oder nicht. Genügend Kapital ist wichtig für die Sicherheit von Versicherungen. Noch wichtiger allerdings ist, dass die Unternehmen ein gutes Risikomanagement besitzen, das auch aktiv von der Unternehmensführung verwendet wird. Dies wird unterstützt, wenn die regulatorischen Anforderungen kon-sistent sind und auf ökonomischen Prinzipien basieren.