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Beim Australian Open gibt es in diesem Jahr keine Linienrichterinnen und Linienrichter auf den Courts. Um das Personal im Melbourne Park auf ein Minimum zu reduzieren, wird aufgrund der Corona-Pandemie komplett auf die Unparteiischen an den Linien verzichtet. Dafür ist auf allen Plätzen das Hawk-Eye-Live-System installiert, das mithilfe von Kameras sämtliche Linienentscheidungen übernimmt.
Damit ist das Australian Open das erste Grand-Slam-Turnier, welches das «Electronic Line Calling»-System auf allen Plätzen einsetzt. Bei den US Open 2020 waren auf den grossen Courts noch Linienrichter im Einsatz. Anders als bei den kleineren Turnieren im Herbst, wo das System ebenfalls zum Einsatz kam, stammen die Rufe «Out», «Fault» oder «Foot Fault» in Melbourne nicht von einer Computer-Stimme, sondern wurden von Mitarbeitern der verschiedenen australischen Rettungsdienste eingesprochen.
Einer, der ziemlich froh sein dürfte über die Neuerung, ist Novak Djokovic. «Das ist besonders gut für Novak, weil er dann niemanden treffen kann, wenn er sauer ist», erklärte Boris Becker mit einem Augenzwinkern bei «Eurosport» und spielte damit natürlich auf den Zwischenfall beim US Open 2020 an, als die Weltnummer 1 versehentlich eine Linienrichterin abschoss und disqualifiziert wurde.
Aber ernsthaft: Die meisten Spieler stören sich nicht am elektronischen Linienrichter, dennoch gibt es einige, die sich das alte System zurückwünschen. Einer von ihnen ist Gilles Simon: «Das Hauptproblem ist, dass das Hawk-Eye sehr ungenau ist», erklärt der Franzose, der bei seiner Erstrunden-Niederlage gegen Stefanos Tsitsipas zweimal hintereinander viel Pech hatte. «Der Abdruck des Balles auf dem Court ist manchmal überhaupt nicht da, wo es das System anzeigt.» Tatsächlich liegt die Fehlertoleranz zwischen drei und vier Millimetern.
Doch nicht nur das stört Simon: «Mit dem elektronischen System fällt auch die Paranoia weg, dass der Schiedsrichter gegen dich entscheidet, weil es etwas Persönliches ist.» Oder anders: Früher konnte man dem Referee die Schuld in die Schuhe schieben, das geht jetzt nicht mehr. Etwas seltsam mutet an, dass die ehemalige Weltnummer 6 auch die Challenges vermisst: «Spieler und Zuschauer mochten sie. Es war eine schöne Möglichkeit, dreimal auf das Video zurückgreifen zu können. Die Maschine kann man nun ja nicht mehr challengen», so Simon.
«Eurosport»-Expertin Barbara Rittner stimmt Simon bei: «Es gibt jetzt keine Diskussionen und Challenges mehr, was ein bisschen schade ist. Gerade für die Zuschauer war das immer spannend», so die Ex-Spielerin, die ansonsten aber begeistert ist und das neue System als «spannende Technik» und in Corona-Zeiten «als eine super Sache» bezeichnet.
Gut möglich also, dass das «Electronic Line Calling» dem Tennis auch dann erhalten bleibt, wenn es irgendwann gelingen sollte, die Corona-Pandemie in den Griff zu bekommen. Den Turnieren könnte die Technologie komplett neue Horizonte eröffnen. Hawk-Eye-Direkter Ben Figueiredo hat gegenüber dem «Sydney Morning Herald» einen Vorschlag auf den Tisch gebracht, der sich zunächst wie ein Scherz anhört.
Anstelle der Rufe «Out» oder «Fault» vom Band könne man in Zukunft die Namen von Sponsoren abspielen. Fliegt ein Ball neben die Linie, könnte es in Australien beispielsweise «Kia», «Rolex» oder «Ralph Lauren» heissen. «Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, jedes Turnier kann sich die Ansagen massschneidern lassen. Damit bieten sich den Turnierveranstaltern ganz neue Optionen zum Generieren von Einnahmen», erklärte Figueiredo, der trotz des drohenden Widerstands an seine Idee glaubt. «Natürlich könnte das zunächst ein paar Leute auf die Palme bringen. Aber es ist etwas, dass die Turniere in Betracht ziehen sollten.»
Dass die Werbemöglichkeit dereinst von Grand-Slam-Turnieren genutzt wird, glaubt Figueiredo aufgrund ihrer bereits grossen Sponsoren-Abdeckung allerdings nicht. «Kleinere Turniere haben diesen Luxus aber nicht», gibt er aber zu Bedenken. Die ATP und die WTA haben unterdessen verlautbart, dass es momentan keine Pläne gebe, Sponsorennamen anstelle von Aus-Rufen einzuführen. Was noch nicht ist, kann aber freilich noch werden. Wer hätte es vor ein paar Jahren für möglich gehalten, dass das fünftgrösste Turnier des Jahres heute BNP Paribas Open heisst und nicht in Paris, sondern in Indian Wells stattfindet.
Rio Ferdinand geriet nach dem Spiel ins Schwärmen. Der 44-jährige langjährige englische Nationalverteidiger weilt als Experte für die BBC in Katar und er rieb sich nach Lionel Messis Vorstellung im Achtelfinal gegen Australien verwundert die Augen: