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Anlässlich einer Hochzeit reise ich für wenige Tage nach Belgrad. Die Stadt ist keine Schönheit, überzeugt aber mit spannenden Kontrasten, roher Architektur und hinterlässt das Gefühl einer Zeitreise.
Zara Zatti
Will man vom Flughafen Nikola Tesla in die Innenstadt von Belgrad gelangen, führt der Weg mit dem Taxi zuerst einmal vorbei am Stadtteil «Novi Beograd». Das «neue» Belgrad, ein Bezirk mit 390 000 EinwohnerInnen, wurde ab den späten 1940er Jahren bis in die 1980er erbaut und erinnert mich auf den ersten Blick an eine gigantische Lochergutüberbauung – graue Hochhäuser im Plattenbaustil, die ihre besten Tage definitiv hinter sich haben, schiessen wie Pilze aus dem Boden. Wie ich mir später erklären lasse, ist Neubelgrad, so wie die gesamte Stadt, geprägt vom Brutalismus – einem architektonischen Stil aus den 1950ern, der seinen Namen vom dafür typischen Sichtbeton (béton brut) erhalten hat. Die Architekten des frühen Jugoslawiens bedienten sich des Stils, da sie einerseits mit begrenzten Ressourcen zu kämpfen hatten und sich gleichzeitig mit einem starken und Macht symbolisierenden Ausdruck vom Westen abheben wollten. Das wohl bekannteste brutalistische Gebäude ist der Genex-Turm, der das symbolische Tor in die Stadt bildet. Das für ein Wahrzeichen äusserst unglamouröse Gebäude wirkt mit der Betonfassade und den beiden doppelten Türmen, die mit einer Brücke verbunden sind, alt und futuristisch zugleich.
Eine Stadt der Gegensätze
An einen futuristischen Weltuntergangsfilm erinnert auch die Belgrader Skyline, die sich an der Donau erstreckt, und ich frage mich, wieso die ehemalige Hauptstadt Jugoslawiens den Namen «Die Weisse Stadt» erhalten hat, denn auch die Innenstadt zeigt auf den ersten Blick ein graues, betoniertes Gesicht. Dass die Stadt geprägt ist von Gegensätzen, das macht sich schnell bemerkbar: An einem ausgehölten Betongebäude lacht George Clooney mit einer Omega am Arm von einem Hochglanzplakat, unter abbröckelnden Fassaden tummeln sich gut gekleidete Menschen in den üblichen Kleiderläden, und auf einem Platz, der aussieht, als sei seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges nichts mehr gemacht worden, überrascht ein begrüntes Hipster-Café, in dem die Leute Matcha-Latte schlürfen.
Auch der Kontrast von Hausfassade und darin stattfindendem Innenleben könnte grösser nicht sein. Als wir vor dem Gebäude stehen, in dem sich unser Hotel befinden soll, glauben wir zuerst, wir hätten uns in der Adresse geirrt, gammelige Fassade, Mülltonnen vor dem Eingang und auch der Lift, der mit Kritzeleien verschönert wurde und seltsame Geräusche von sich gibt, lässt uns nichts Gutes erahnen. In der kleinen Hotellobby im fünften Stock empfängt uns aber eine aufgeräumt gekleidete junge Frau, die uns erklärt, das Gebäude sei in den 1920er Jahren erbaut worden und stehe seither unter Denkmalschutz. Unser Zimmer ist hell und freundlich, das Bad verfügt über eine Regenwalddusche und könnte sauberer nicht sein. Wie wir in den nächsten Unterkünften und durch Blicke in Belgrader Wohnungen merken, ist dieser Unterschied zwischen Aussen- und Innenleben weit verbreitet.
Keine Stadt für Nichtraucher und Vegetarier
Man darf sich in Belgrad vom ersten Eindruck nicht täuschen lassen, dringt man etwas tiefer in die Stadt ein, hat sie durchaus viel und Schönes zu bieten. In den Seitengassen findet man hübsche Bäckereien mit traditionellem Gebäck, viele kleine Cafés und Restaurants, grosse Parkanlagen mit lebendigem Treiben. An vielen Ecken der Stadt ist Musik zu hören, sei es eine Live-Band in einer Bar, einer Sängerin vor dem Einkaufszentrum oder einem kleinen, beeindruckenden Ensemble mit Bass, Cello und Geige mitten auf der Strasse.
Beim Gang ins Restaurant fühlt man sich wieder in der Zeit zurückversetzt: Egal, wo man hinschaut, Aschenbecher und Zigarettenrauch. Im ersten Moment irritiert es mich, dass der Mann neben mir genüsslich an seiner Zigarette zieht, während ich mich über meine Cevapi hermache. Als ehemalige Raucherin gewöhne ich mich schnell daran und rauche nach kurzer Zeit selbst, für eine konsequente Nichtraucherin könnte es in Belgrad aber schnell einmal unangenehm werden. Es gibt zwar in der Regel Nichtraucherbereiche, in diesen wird aber häufig ebenfalls geraucht, wenn die Raucher mehr Platz benötigen. Auch Vegetarier dürften es nicht ganz einfach haben: In den meisten Lokalen muss man lange suchen, bis man auf der Speisekarte ein Gericht ohne Fleisch findet.
Die Beton Hala, ein langgezogenes Betongebilde am Ufer der Donau, beherbergt schicke, moderne Bars und Restaurants. Ein nicht allzu üppiges Essen für fünf Personen kostet hier 12 000 Dinar, umgerechnet etwa 120 Franken. Auch wenn das verglichen mit der Schweiz nicht viel ist, frage ich mich einmal mehr, wie sich die Menschen hier das Leben leisten können, die Cafés an der Promenade sind gefüllt mit jungen Menschen, viele scheinen Einheimische zu sein. Wie ich mir sagen lasse, verdient ein Staatsanwalt hier 700 Euro im Monat, der Durchschnittslohn beträgt 390 Euro.
Belgrad mag nicht die schönste Stadt der Welt sein, bietet aber viel Abwechslung, sowohl innerhalb der Stadt, als auch im Vergleich zu anderen europäischen Grossstädten. Mich hat die Stadt mit ihrem gammligen Charme definitiv in ihren Bann gezogen.