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Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese 6-teilige Kolumne verlässt sich Dr. Urs Wiederkehr 2022 auf den Zufall – so wie er einst zum Schreiben kam.
Ist die Erfindung der Röntgenstrahlen der strahlendste Zufall der Medizin, wie es ein Artikel auf „ardalpha.de“ darstellt? Diese Aussage hat mir den Steilpass zum diesjährigen Kolumnenthema „Zufall“ geliefert. Conrad Röntgen habe am 8. November 1895 im Dunkeln experimentiert und plötzlich die Knochen seiner Hand gesehen. So wird die Geschichte erzählt. Danach soll sich Röntgen sechs Wochen lang in seinem Labor eingeschlossen und unermüdlich weiterexperimentiert haben. Er hat seine Erfindung, die er nicht hat patentieren lassen, X-Strahlen genannt. Übrigens heissen sie im englischen Sprachraum heute noch so. Mit Absicht habe Röntgen (1845–1923) in seinem Testament verfügt, dass alle Laboraufzeichnungen zu vernichten seien. Und somit ist es kein Zufall, dass die Erfindungsgeschichte nicht mit den Originalunterlagen verglichen werden kann.
Am 27. November 1895 verfasste Alfred Nobel (1833–1896) sein Testament und verfügte darin, dass über 90 Prozent seines Vermögens für die Stiftung eines Preises verwendet würden. Mit diesem sollen diejenigen ausgezeichnet werden, die in Physik, Chemie und Physiologie oder Medizin die bedeutendste Entdeckung gemacht, in der Literatur das Herausragendste produziert und diejenigen, die am meisten auf die Verbrüderung der Völker hingearbeitet haben. Weder Nobel noch Röntgen ahnten, dass der erste Nobelpreis in Chemie im Jahre 1901 an einen Erfinder gehen würde, der seine Entdeckung genau 19 Tage vor der Unterzeichnung der finalen Testamentsurkunde gemacht hatte. Alfred Nobels grosses Vermögen basierte auf der Erfindung des Dynamits. Und so ist es kein Zufall, dass immer wieder suggeriert wird, dass Nobels schlechtes Gewissen hinsichtlich seiner tödlich einsetzbaren Erfindung zur Gründung der Stiftung geführt habe. Da das Testament keine Beweggründe nennt, sind die Aussagen von Zeitzeugen von Bedeutung. Diese zeigen, dass Nobel die Wissenschaften belohnen wollte, weil sie stets dem wirtschaftlichen Gegenwind ausgesetzt seien.
„Viel Glück und Zufall sind notwendig, um erfolgreich zu sein und ausgezeichnet zu werden“, meint Richard R. Ernst (1933–2021) in seiner Autobiographie „Nobelpreisträger aus Winterthur“. Hätte er im Estrich des Elternhauses als Jugendlicher nicht zufällig einen Experimentierkasten für Chemie gefunden, wer weiss, Ernst wäre möglicherweise Musiker geworden und hätte nicht an der ETH in physikalischer Chemie promoviert. So hat er mit der hochauflösenden magnetischen Kernresonanz-Spektroskopie (NMR) eine Entdeckung gemacht, die Conrad Röntgens Blick in die Knochen auf die Sicht in die Organe und Weichteile erweitert hat. Dass Ernst 1991 dafür den Nobelpreis für Chemie erhalten hat, sehe ich nicht als Zufall, sondern als logische Folgeentscheidung des Preiskomitees, das 90 Jahre nach Röntgen auch die Weiterentwicklung ausgezeichnet hat.
Nobel hat sich auf fünf Disziplinen beschränkt. Und so ist es kein Zufall, dass dank weiteren Stiftern gleichwertige Preise zu holen sind: Seit 1969 wird der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, seit 1966 der Turing Award für besondere Entwicklungen in der Informatik und bereits seit 1936 die Fields-Medaille für herausragende Leistungen in der Mathematik verliehen. Die in Lausanne lehrende ukrainische Mathematikerin Maryna Viazovska hat diesen Preis Mitte dieses Jahres zugesprochen erhalten. Auch wenn wir dieses Jahr bei den Nobelpreisen leer ausgehen sollten, diesen „halben Preis“ für die Schweiz haben wir auf sicher.
Tipps
Röntgen und der strahlendste Zufall der Medizin: ardalpha.de/wissen/geschichte/historische-persoenlichkeiten
Autobiografie von Richard R. Ernst, Nobelpreisträger aus Winterthur, Hier und Jetzt, 2020