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Zwischen Steinway und Motorboot
Fünf Jahre lang lebte der Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow in Hertenstein am Vierwaldstättersee.
Natalia Rachmaninow war skeptisch. Jahrelang war ihr Mann (und Cousin) Sergej Rachmaninow als Starpianist durch die musikalischen Zentren gereist. Seit der Flucht aus Russland nach der Oktoberrevolution von 1917 hatte die Familie mit den beiden Töchtern vorwiegend in den USA und in Frankreich gelebt. Und nun wollte er einen Felsvorsprung über dem Vierwaldstättersee kaufen?
Rachmaninow kaufte ihn tatsächlich. Liess einen Teil des Felsens sprengen, um das 20'000 m2 grosse Gelände bebaubar zu machen. Engagierte dann die Luzerner Architekten Alfred Möri und Karl Friedrich Krebs, die ihm eine Villa im Bauhausstil entwarfen, hoch modern, mit Lift, grossen Fensterfronten und einer Sonnenterrasse. Und begann hier 1934, mit 61 Jahren, sein zweites Leben als Komponist.
Sein erstes hatte er beendet, als er Russland verliess. In den Jahren danach komponierte er kaum noch: weil er als Pianist ausgebucht war, aber auch, weil die Inspiration fehlte. In Hertenstein bei Weggis fand er sie wieder. Gleich im ersten Sommer schrieb er hier seine «Rhapsodie über ein Thema von Paganini» für Klavier und Orchester, die zu einem seiner grössten Hits werden sollte.
Russische Erde, russisches Personal
Die Villa Senar, wie er das Haus in Anlehnung an die Namen Sergej und Natalia Rachmaninow nannte, wurde zu einer Art russischen Enklave in der Schweiz. Rachmaninow liess Unmengen von russischer Erde importieren, auf der dann sein Park angelegt wurde. Auch die Hausangestellten, die er für seinen durchaus luxuriösen Lebensstil brauchte, kamen aus Russland, ebenso der Chauffeur, der ihn in einem Wagen Marke Lincoln durch die Gegend fuhr. Vorzugsweise in hohem Tempo.
Denn Rachmaninow war gerne schnell unterwegs: Nicht nur mit dem Auto, sondern mehr noch mit seinem Motorboot, mit dem er beinahe täglich auf dem Vierwaldstättersee jene Stille und Ruhe störte, die er so schätzte an diesem Ort. Und natürlich auch als Pianist: Wie virtuos und leidenschaftlich er spielte, das entdeckten bald auch die Luzerner Fischer, die sich mit ihren Booten jeweils in der Bucht vor der Villa Senar versammelten, wenn Rachmaninow übte.
Im November 1934 reiste er nach Boston, um dort die Uraufführung der «Paganini-Rhapsodie» zu spielen. Danach tourte er kreuz und quer durch die USA, Kanada und neun europäische Länder. Kaum war er zurück am Vierwaldstättersee, begann er die Arbeit am zweiten grossen Werk seiner Schweizer Zeit, der Sinfonie Nr. 3. Nur selten konnte ihn seine Frau in den folgenden Jahren von der Arbeit weglotsen; dann machte man Ferien an der Adria, in Riccione, oder eine Kur in Aix-les-Bains.
Besuch eines Maharadschas
Fünf Jahre dauerte Rachmaninows Zeit in der Villa Senar, dann griff das politische Geschehen ein zweites Mal in seine Biografie ein. Der drohende Krieg beunruhigte ihn, er plante, in die USA zu ziehen. Für den 11. August 1939 war unter der Leitung von Ernest Ansermet noch ein letzter Auftritt in Luzern geplant, mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 und der «Paganini-Rhapsodie». Danach wollte er abreisen.
Es kam dann aber doch noch zu einer kleinen Verzögerung, denn im Konzert sass ein indischer Maharadscha mit seiner rund 40-köpfigen Familie, der Rachmaninow danach bat, seine Villa besichtigen zu dürfen. Er durfte. Als er beim Besuch in Hertenstein den Wunsch äusserte, Rachmaninow möge doch am Tag danach das Klavierspiel seiner Tochter in einem Luzerner Hotel anhören, wurde ihm auch dies gewährt. Die Tochter spiele nicht übel, vermerkte Rachmaninow dazu – und reiste dann endlich ab. Einen Tag vor der Mobilmachung verliess er über Paris Europa; bis zu seinem Tod 1943 kehrte er nicht mehr zurück.
In der Villa Senar lebte später seine jüngere Tochter Tatjana, noch später führte deren Sohn Alexander Conus hier ein zurückgezogenes Leben. Gelegentlich lud er Pianisten ein, auf Rachmaninows einst speziell angefertigtem Steinway-Flügel zu spielen und CDs aufzunehmen. Nach seinem Tod ging ein kompliziertes Gerangel um die Villa los, die schliesslich vom Kanton Luzern übernommen wurde. Sie wird nun in mehreren Etappen saniert und als Kultur- und Bildungszentrum neu eröffnet.