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Im Churer Kunstmuseum ist vom 27. August 2022 bis zum 20. November 2022 eine ausserordentlich interessante Ausstellung über die Stickerei als Kunst zu besichtigen.
Das Rätische Museum ist im Besitz einer Sammlung von circa 7000 Textilien. Die Stickerei und insbesondere der Kreuzstich haben in Graubünden eine grosse Tradition. Sie erfüllte vor allem dekorative Funktionen, etwa auf Bettwäsche, Tischdecken und Kleidungsstücken.
Bei dem Ausstellungstitel «Venedigsche Sterne» handelt es sich nicht etwa um einen Schreibfehler, sondern um den aus einem Musterbuch des 16. Jahrhunderts stammenden Ausdrucks, welcher auf den Formenschatz hinweist, der durch Auswanderer und durch den Handel in die Bergtäler kam. Venedig war ein Umschlagplatz für Textilien und deren Muster. Man findet in diesem Formenschatz etwa Granatäpfel, Tulpen, Einhörner und ganze Sternkonstellationen.
Die Ausstellung konfrontiert traditionelle Bündner Stickereien mit einer Auswahl zeitgenössischer Kunstschaffenden. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde die weibliche Handarbeit deutlich aufgewertet und gefördert, gleichzeitig haben Künstler wie Sophie Täuber-Arp (CH), Alice Bailly und Ernst Ludwig Kirchner dazu beigetragen, dem Kunstgewerbe neue Impulse zu verleihen.
Das Leben und die Kunst von Alice Bailly verbindet sich mit den unterschiedlichsten Strängen der Kunstgeschichte. Die Künstlerin lebte ab 1904 in Paris inmitten der internationalen Avantgarde. Erst als sie 1917 in die Schweiz zurückkehrte, entdeckte sie die Stickerei. Allerdings wurden die Bilder «Tableau Laine» oder «Malen mit Wolle» genannt.
Jahre später greifen andere Künstler zu Nadel und Faden. Alighiero Boetti (Turin), Louise Bourgeois (Paris) sind nur zwei von ihnen.
Johanna Natalie (Jeanne) Wintsch (Warschau) zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Sammlung Prinzhorn (Universitätsspital Heidelberg, Kunstsammlung von Geisteskranken Künstlern). Jeanne wurde das erste Mal 1917 in eine Psychiatrische Klinik eingewiesen, weil sie Stimmen hörte, Diagnose unheilbar. Sie stickte in drei Monaten ein Reich der Zeichen, über ein Dutzend leuchtend bunte Tücher voller Buchstaben, Wörter, Satzfragmenten. Mit Vorliebe widmete sie ihre Werke den Ärzten, von denen ihr Schicksal abhing – Klinikdirektoren kamen da schlecht weg, sie verdammte sie als Teufel. Besser hatte es da der junge Assistenzarzt Oscar E. Pfister, der beeindruckt Ihre künstlerische Ausdruckskraft und Arbeit würdigte. Mit seiner Unterstützung wurde Johanna Natalie Wintsch 1925 in die Freiheit entlassen.
Eliza Bennet (London) bestickte ihre eigene Hand. Das Video in der Ausstellung geht einem regelrecht unter die Haut und ist sicher nicht jedermanns Sache. Im aus fünf Fotografien bestehenden Werk «a womans work is never done» sehen die Hautstickereien wie unschöne Narben und Blasen aus.
Sehr interessant fand ich auch die Textilarbeit «I need your words» von Veronique Arnold (Strasbourg). Die Künstlerin führte im Jahr 2020 Gespräche mit Angestellten der Textilindustrie in der Region Mulhouse. Veronique Arnold hat viele der Gespräche in Stickereien überführt und konfrontiert den Betrachter so mit den gestickten Biographien und Erfahrungen der vielleicht jahrelang unsichtbar im Hintergrund arbeitenden Frauen der Textilbranche.
Der Text auf dem Bild ist selbsterklärend:
J’ai fait les beau -arts
Pour trouver du travail, j’ai pris l’annuaire.
J’étais plein d’espoir,
je suis tombé amoureuse de l’entreprise:
le savoir faire
les dessins d’archive,
le patrimoine textile française,
sous le charme entre passé et présent,
les techniques sérigraphiques de gravures,
c’était passionnant
Fermeture:
Ça m’a manqué dur de faire le deuil
Puis j’ai eu de la chance... remplacement de congé maternité dans l’entreprise textile
créations
conceptions de dessins
choix de matières
création de collection
Redressement judiciaire
Licenciement économique
maintenant freelance dans le textile
Rozitha Sharafjahan (Teheran) hat Porträts populärerer Sängerinnen aus islamisch geprägten Ländern auf Plüsch gedruckt und bestickt. In Staaten mit einer fundamentalistischen Auslegung des Islams ist weiblicher Sologesang verboten.
Latifa Zafar Attaii (Afghanistan) widmet Ihr Werk der sozialen und geschlechtsspezifischen Ausgrenzung und der Aberkennung von Menschenrechten. Jede der 1000 Passfotos ist eine Person aus der ethnischen Gruppe Hazara, die in Afghanistan und Nachbarländern diskriminiert und Ihrer Rechte beraubt werden. Die Künstlerin hat jedes Passbild einzeln und von Hand mit Wollfäden bestickt. Die Stickerei verdeckt das Gesicht, schützt und beharrt zugleich auf einer Gleichstellung.
In der jüngeren Kunstgeschichte der Schweiz findet Jean Fréderic Schnyder seinen Platz in Malerei, Grafik, Fotografie, Objekt- und Installationskunst. Seit den siebziger Jahren unterläuft er konsequent die Grenzen der konventionellen Kunst. Seine «Broderie» ist ein fantastischer Kosmos, ein Sonnensystem und acht feurige Monde umgeben von abstrakten Mustern, steilen Bergen, Frauen- und Männermotiven, fliegenden Enten zwischen Irdischem und Himmlischen, zwischen Tag und Nacht. Ein Mustertuchjenseits der Tradition!
Text und Bilder Bea Bernasconi
Zur Ausstellung gibt es ein sehr gelungenes und lesenswertes Buch: Die traditionellen Bünder Stickereien sind darin in Schwarzweiss gehalten. Venedigsche Sterne, Kunst und Stickerei, Bündner Kunstmuseum Chur
Verlag Scheidegger und Spiess
ISBN 978-3-03942-124-4