Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/660

Kein Meisterspieler hatte, so würde ich meinen, mehr Persönlichkeit als der lettisch-russische Schachweltmeister Michail Tal, der “Zauberer von Riga”. Viele seiner Partien sind Meisterwerke. In Höchstform zeigte Tal eine Tollkühnheit, die schon an Leichtsinn grenzte. Er stürzte sich immer vorbehaltlos ins Gefecht und forderte Probleme geradezu heraus. Darüber sagte er einmal: “Man muss seinen Gegner in den tiefen dunklen Wald schleppen, wo zwei und zwei gleich fünf sind und von wo es nur für einen von beiden einen Ausweg gibt.”
Auch er verirrte sich gelegentlich in den Tiefen dieses Waldes. Bei einem Simultanturnier gegen 20 Amerikaner kämpfte der Großmeister gegen einen unerschrockenen und begabten Zwölfjährigen. In einem entscheidenden Moment opferte Tal seine Dame, um die Initiative zu gewinnen, aber das Opfer war letztlich doch zu groß, und er verlor. Der ehemalige Weltmeister zuckte nur mit den Schultern und schüttelte als fairer Verlierer dem Jungen die Hand, bevor er die restlichen Partien zu Ende brachte.
Tal war jemand, der sich auf den Feldern des Spielbretts gefühlvoll vortastete, denn das Fühlen ist auch eine Art zu denken. In seiner Autobiografie steht eine kleine, aber wundervolle Anekdote über diesen intuitiven Ansatz. Tal beschreibt einen Wettkampf gegen den Großmeister Jewgeni Wassjukow bei der UdSSR-Meisterschaft 1964 in Kiew. Beide Gegner hatten sich durch wagemutige Züge in eine verwickelte Stellung manövriert. Tal erzählt, wie er lange über seinen nächsten Zug brütete. Der Weg zum Sieg, das spürte er, begann mit einem Springeropfer, aber die ungeheure Anzahl möglicher Varianten brachte ihn durcheinander; geistiges Chaos folgte. Dann, plötzlich, hatte er wie aus dem Nichts einen amüsanten Vers des Kinderlieddichters Tschukowski im Kopf: “Oh, wie schwierig war es doch, das Nilpferd aus dem Sumpf zu ziehen.”
Tal hatte keine Ahnung, wieso sein Gehirn diesen Text assoziierte. Aber jetzt hatte es ihn gepackt: Wie genau würde man denn zu Werke gehen, um ein Nilpferd aus dem Sumpf zu ziehen? Unter den atemlosen Blicken der Zuschauer und Journalisten durchdachte der Großmeister zahlreiche Nilpferdrettungsmethoden: Flaschenzüge, Hebel, Hubschrauber, “sogar eine Strickleiter”. Auch hier kam er zu keinem Ergebnis. “Dann muss ich es ertrinken lassen”, sagte er schließlich missmutig zu sich selbst. Sofort wurde sein Kopf klar, und er entschloss sich, seinen Instinkten zu vertrauen und einfach zu spielen. Am nächsten Morgen las er in der Zeitung, “Michail Tal überdachte den nächsten Zug 40 Minuten lang sorgfältig, bevor er schließlich mit präziser Vorausberechnung eine Figur opferte.”
Bevor wir uns von Tal verabschieden, noch ein Wort zu seiner Schachausbildung. Der junge Michail lernte schwindelerregend schnell. Mit acht Jahren eignete er sich das Schachspiel aus Beobachtungen der Partien von Patienten in der Klinik an, in der sein Vater arbeitete. Der Junge war kein Wunderkind, ganz im Gegenteil. Sein jugendlicher Stil machte ihn zu einem der vielen Anfänger, bei denen ältere Spieler ihre Punkte sammelten. Erst mit zwölf Jahren wandte er sich dem Schachspiel ernsthaft zu. Der lettische Schachmeister, Journalist und Trainer Alexander Koblenz nahm ihn 1949 unter seine Fittiche. Nach zwei Jahren (1951) qualifizierte sich der Jugendliche für die Allunionsmeisterschaft; ein Jahr später (1952) erzielte er einen höheren Rang als sein Trainer. Wieder ein Jahr darauf, mit 17, errang er den Meistertitel Lettlands.
Solche schnellen Fortschritte erinnern an die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Muttersprache erlernen. Nur vier Jahre trennten den Anfänger Tal von seinem ersten Titel: UdSSR-Meister 1957; nur vier Jahre trennen – gewöhnlich – das Baby vom fließenden Sprechen. In beiden Fällen macht die Anleitung durch einen Erwachsenen den entscheidenden Unterschied. Auf sich allein gestellt kann weder das Kleinkind noch der Schachanfänger mit großen Fortschritten rechnen. Sprachwissenschaftler sagen, dass Kinder die Sprache anhand hochstrukturierter Vorbildäußerungen erlernen; sie werden von den Eltern langsamer, fragender und in kürzeren Sätzen, die eher abrupt klingen, angesprochen. So lernt auch der Schachspieler das Beste aus den Ratschlägen eines Trainers; er bekommt viele Muster und Zugfolgen gezeigt, die das Spiel eines Experten ausmachen.”
Ausschnitte aus dem ausgezeichneten Buch von Daniel Tammet: Die Poesie der Primzahlen, Hanser 2012, im Kapitel: Die Sprache des Schachspiels.