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Hungersnot
von Cedric Weidmann
Ich kannte mal einen gar nicht dummen Esel namens Vielleicht. Er war alt, als ich ihn kennenlernte, und er schien schon immer alt gewesen zu sein. Nach einigen Minuten der Beobachtung konnte man sogar sagen, dass er weise war oder gewissermassen über Lebenserfahrung verfügte. Er war belesen und galt in vielen Kreisen als sehr intellektuell. Alles in allem versuchte Vielleicht aus der Reihe zu tanzen. Er wollte alle diese Klischees aufheben, mit denen Esel belastet wurden. Esel müssen nicht dumm sein, fand er. Esel müssen nicht nur Esel sein, fand er. Leider begriffen das seine Arte-Genossen nicht so recht.
Was ihm allerdings noch fehlte, um seinen Intellekt als Macht zu nutzen, war Entscheidungsfähigkeit: seit sieben Jahren hatte er noch nicht entschieden, ob er Depressionen hatte oder nicht, ob er deshalb sterben wollte oder nicht. Er fragte sich allerlei Dinge, doch wusste sie nicht zu beantworten.
Nichts störte Vielleicht so sehr wie diese Tatsache. Er, der Klischees und Vorurteile hasste und ausserordentlich entscheidungsträge war, musste ausgerechnet Vielleicht heissen und in diese Welt mit einem Klischee auf dem Rücken geworfen werden. Aber vielleicht war er nur entscheidungsträge geworden, weil er Vielleicht hiess. Darüber konnte er keine Entscheidung fällen.
Eines Tages machte Vielleicht eine lange Reise durch die Wälder und die Wiesen, bis er in die Berge kam. Er pflegte diese Spaziergänge öfters zu machen und hing allerlei hochstehenden Gedanken nach, meistens versuchte er auch nur, Entschlüsse zu fassen und selten ging das so gut, wie wenn er ziellos durch die Gegend streifte. Er wanderte lange und abwesend und bemerkte lange Zeit gar nicht, wie sehr der Hunger in ihm wuchs. Langsam hatte er viele Höhenmeter bestiegen und die Berglandschaft war öde und vegetationslos. Von einem unbezähmbaren Hunger gerüttelt, stieg Vielleicht voller Hoffnung auf die Bergspitze, wo sich ihm ein Plateau offenbarte.
Dann war er, Vielleicht, in eine Metapher getreten.
Das Plateau war leer bis auf einen kleinen See, kaum mehr als eine Lache. Neben ihm standen, wie vom Himmel geschickt, zwei exakt gleich grosse Heuhaufen. Vielleichts Magen zog sich bei diesem Anblick zusammen, denn er hatte grossen Hunger.
Doch es musste auch zweierlei gesagt werden.
I) Vielleicht konnte sich nicht entscheiden, welchen Haufen er zuerst essen sollte, so war er eben, er konnte nichts dafür.
II) Vielleicht hatte ein anderes grosses Problem. So denn es auch seine Natur verlangte, widersprach es seiner Zivilsation einen dieser Heuhaufen zu essen. Es war nämlich offensichtlich, dass er Opfer einer grossen Verarschung war. Man hatte Vielleicht eine Falle gestellt und er war hinein getappt. Er war nun in einer Metapher gefangen. Wie er es gelernt hatte, wäre es nun seine Aufgabe gewesen, zwischen den beiden Heuhaufen hin und her zu laufen, bis er verenden würde. Doch das liess er sich nicht gefallen und er wusste auch wie: Er würde die Tatsache akzeptieren, dass er Hunger hatte und nur keinen von beiden haben wollen. Er würde auf keinen Fall zwischen diesen beiden Heuhaufen hin und her laufen, bis er stürbe. Stattdessen würde er stolz erhobenen Hauptes neben diesen Heuhaufen sterben.
Für einige mag dieses Verhalten immer noch nicht besonders nachvollziehbar sein, doch dafür muss man vielleicht einen tieferen Blick in Vielleichts Inneres tun.
Vielleicht war ein Intellektueller der kritisierenden Sorte. Die offensichtliche Ansicht, die aus der bekannten Metapher zu ziehen war, befahl ihm eigentlich einen der beiden Haufen zu essen und nicht so gierig zu sein, beide zu wollen. Doch Vielleicht unterstützte diese Philosophie nicht; Gier war ihm die falsche Interpretation eines Stolzes, des Stolzes nämlich, auf einen ihm zustehenden, angemessenen Heuhaufen. Jeder sollte nicht das bekommen, was er verdiente, fand Vielleicht, denn niemand hatte das Recht zu bestimmen, wieviel ein jeder verdiente und wie es zu bemessen war. Stattdessen fand er, jeder sollte das Möglichste bekommen, jeder sollte das bekommen, was er glaubt, dass ihm zustehe, denn: alles andere war für ihn Unterwürfigkeit. Man musste sich nicht der Gesellschaft unterordnen, war Vielleicht überzeugt, die Gesellschaft musste sich der dümmsten Meinung der Gesellschaft unterordnen und diese dümmste Meinung war, dass jederglaubte den grössten Haufen verdient zu haben.
Und ausserdem hatte er keine Lust, der Maslow’schen Pyramide, der Welthandelsorganisation, dem Neoliberalismus und fünzig Jahren volkswirtschaftlicher Spieltheorie rechtzugeben.
Zuerst kam die Moral, dann das Fressen und die Verarschung war eindeutig irgendwo dazwischen.
In Konsequenz dieser beiden Dilemmas, wusste er selbst nicht einmal, zwischen welchen dieser beiden Probleme er sich entscheiden sollte. Verwirrt und unentschieden, denkend und hungernd sass er auf der Bergspitze.
Vielleicht musste Hunger sterben. Und das stand schon in seiner Geburtsurkunde.