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Statussymbol hochbegabt
Eigentlich war ich ganz zufrieden mit meinem ganz normalen Kindergärtler. Im Elterngespräch vor drei Wochen wurde ihr attestiert, dass sie sich bestens in die Kindergartengemeinschaft eingegliedert habe, dass sie motorisch ihrem Alter gemäss entwickelt sei, sich sprachlich sehr gut auszudrücken vermöge und sich rege am Unterricht beteilige. Und dass sie sehr gerne mit den anderen Kindern spiele. Wie fast alle Fünfjährigen. Super Zeugnis, dachte ich. Bis ich im Zug auf eine Bekannte traf, mit einer Tochter im selben Alter.
Sie: Lasst ihr eure Tochter auch einschulen? Ich: Nein, wieso? Sie: Braucht sie denn wirklich ein zweites Jahr Kindergarten? Liest sie noch nicht? Ich: Nur Wörter, die sie auch schreiben kann, ihren Namen zum Beispiel. Sie: Aha. Meine hat sich das Lesen selbst beigebracht. Selber! Ich: Aha. Sie: Sie langweilt sich im Kindergarten. Ich: Weisst du das von den Kindergärnerinnen? Sie: Ja. Die haben gesagt, sie beteilige sich selten am Unterricht. Ausserdem malt sie nicht schön aus. Ich: Weil sie sich langweilt? Sie: Klar. Kann deine ohne Finger rechnen? Ich: Keine Ahnung. Sie: Meine schon. Bis zehn locker, sogar darüber. Ich: Wow! Sie: Ja, gell. Wir müssen wirklich aufpassen, dass sie endlich richtig gefördert wird. Ich: Finden die Kindergärtnerinnen, dass das im Kindergarten nicht geht? Sie: Sie finden, dass unsere Tochter noch sehr verspielt ist. Ich: Das haben sie über meine Tochter auch gesagt. Sie: Das sagen sie immer, wenn sie ein Kind nicht einschulen wollen. Ich: stimmt es denn nicht? Sie: Keine Ahnung, aber das ist doch kein Argument. Ich: Aber… Sie: Auf alle Fälle lassen wir sie abklären. Sie ist überdurchschnittlich begabt und soll nicht deswegen unter die Räder kommen. Ich akzeptiere verspielt als Argument gegen die Schule nicht. Und du solltest dir das auch überlegen. Ich: Was? Sie: Deine Tochter früher einzuschulen. Ich: Meine ist aber tatsächlich verspielt. Sie: Hmm.
Dieses «Hmm» klang wie: «Das tut mir aber leid für dich, dass du eine Fünfjährige zuhause hast, die noch gerne spielt». Und man konnte deutlich heraushören, was sie nicht sagen wollte, als sie «Hmm» sagte, nämlich: «Zwei Jahre Kindergarten brauchen bloss Verlierer». Jedenfalls war dieses «Hmm» ein Frontalangriff auf den Glauben, dass ein unauffälliges Zeugnis ein gutes Zeugnis sein konnte. «Unauffällig» droht heute zum Synonym für «zurückgeblieben» zu werden. Weil «verhaltensauffällig» im Zuge der politischen Korrektness in der Schule erst in «verhaltensoriginell» und nun immer öfter in «unterfordert» umgedeutet wird.
Kleine Genies haben Konjunktur. Wo immer man hinkommt, hört man von hochbegabtem oder aber zumindest sträflich unterschätztem Nachwuchs. In der Kinderkrippe, in Spielgruppen, im Kindergarten, in der Schule. In Deutschland sprechen Psychologen und Pädagogen bereits von einer «Hochbegabten-Hysterie», wie der Spiegel vor Ostern vermeldete. Offenbar ist es bei unseren Nachbarn längst Alltag, «dass Mütter und Väter rüpelhaftes oder arrogantes Verhalten der Sprösslinge mit herausragender Intelligenz rechtfertigten.»
Auch in der Schweiz gehört es zum guten Ton, einen Kindergärtner zu haben, der mindestens den Erstklassstoff beherrscht. Die wenigen Kinder, die hierzulande noch auf die Welt kommen, sind ebenfalls immer öfter hochbegabt. Zumindest in den Augen ihrer Eltern. Und so frage ich mich manchmal: Bin ich einfach nur altmodisch oder vielmehr zurückgeblieben, wenn «verspielt» in meinen Ohren nicht klingt wie eine Beleidigung? (na)