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Kinderwelten von Erwachsenen
Autor: Angelica Tschachtli
Eines sei vorangestellt: Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee (ZPK) ist nicht eine Ausstellung für Kinder. Es geht vielmehr um eine Gegenüberstellung von Klees Werk mit Arbeiten der Cobra-Künstler (siehe Kasten unten rechts), um so ihre gemeinsame Begeisterung für die kindliche Fantasie herauszuarbeiten. Für die Kleinen empfiehlt sich ein Besuch im Creaviva-Kindermuseum, das sich wie die Ausstellung im Untergeschoss des ZPK befindet (vgl. Kasten rechts aussen).
Zu entdecken sind in «Klee und Cobra – ein Kinderspiel» allerdings mehrere Kinderzeichnungen und -malereien von Paul Klee selbst, die meist auf Anregung seiner Grossmutter entstanden sind. Klees Schwester Mathilde sammelte die Zeichnungen. Als der 23-jährige Klee nach seinem Studienaufenthalt in München sie im Elternhaus wiederentdeckte, war er voller Begeisterung. Seiner Verlobten schrieb er, dass diese Zeichnungen zum «Bedeutendsten» gehörten, das er bisher geschaffen habe. Klee stand damals am Anfang seiner Karriere. Rund zehn Jahre später nahm er 18 Blätter in seinen Oeuvre-Katalog auf: Er zog sie auf Karton auf, versah sie mit der Jahreszahl, mit einem Titel und einer Werknummer.
Klees Freunde, die Maler Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, sammelten damals schon Kinderzeichnungen; in Europa gab es erste Ausstellungen über Kinderkunst. Klee stand nicht allein mit seinem Interesse, aber er gehörte zu den Ersten, die zugaben, dass ihm Kinderzeichnungen (zum Beispiel die seiner eigenen Kinder) als Inspiration dienten. Den Vorwurf, seine Kunst sei infantil, musste er sich deshalb oft gefallen lassen. Verteidigt hat er sich dagegen mit der Erklärung, dass er versucht habe, eine gegenständliche Vorstellung «mit reiner Darstellung des linearen Elements zu verbinden». Besonders seine schwarzen Strichfiguren wie der «Clown im Bett» im Spätwerk Ende der 1930er-Jahre werden mit Kinderzeichnungen assoziiert.
Der Kunstpsychologe Rudolf Arnheim brachte den grundlegenden Unterschied zwischen Bildern von Kindern und Künstlern auf den Punkt: Während das Zeichnen Kindern hilft, sich die Welt anzueignen, und sie damit Wirklichkeit schaffen, ist für den Erwachsenen die Kunst ein Mittel, diese Wirklichkeit zu interpretieren. Auf der Suche nach einer alternativen Wirklichkeitsdarstellung versuchten die modernen Künstler – auch Klee auf der Suche nach einem persönlichen Stil –, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen. Dinge wurden vereinfacht, reduziert auf Linien, die einfache, geometrische Formen umreissen, ohne räumliche Tiefe, um in hellen Farben und spontanem Farbauftrag Motive aufs Blatt zu bringen, die häufig Mythen und Symbole aufgreifen.
Gegen die Normen einer vom Krieg geprägten Zeit
Klee war bereits acht Jahre tot, aber durch seine Schriften bei vielen jungen Künstlern präsent, als sich 1948 in Paris Künstler aus Dänemark, Belgien und Holland zur Gruppierung Cobra zusammenschlossen, um gemeinsam auszustellen, Publikationen mit ihren Idealen zu veröffentlichen und gegen die herrschenden bürgerlichen Normen in der Nachkriegszeit zu protestieren.
Die Anspielung des Namens auf eine Schlange ist nicht Zufall: Durch ihre Fähigkeit zur Selbsthäutung ist die Schlange in der Mythologie seit Jahrhunderten ein Symbol der Erneuerung und Wiedergeburt. Die Cobra-Künstler hatten keinen geringeren Anspruch als die totale Erneuerung der Kunst sowie auch die Auflösung der gesellschaftlichen Normen der Nachkriegszeit. Das Kind verkörperte diesen Neuanfang. Sie glaubten, es lebe ungehemmt, noch frei von den Verhaltensnormen der Erwachsenen, sei spontan, naiv und unverdorben – Qualitäten, die auch in ihren Zeichnungen zum Ausdruck kommen und deshalb als Inspiration dienten.
Skandal im Rathaus
Als solche Werte auch in der Erwachsenen-Kunst in den Vordergrund rückten, traf das nicht auf einhellige Zustimmung: Das Auftragswerk für ein Wandgemälde, das Karel Appel 1949 in der Kantine des Amsterdamer Rathauses anfertigte, musste wieder entfernt werden. Das Bild «Fragende Kinder» besteht aus geometrischen Formen und Farbflächen; die Gesichter mit grossen Knopfaugen und die rechteckigen Körper (wie unten beim «Kind mit Blume») fanden die Räte skandalös. Appel verarbeitete darin eine Erinnerung an bettelnde Kinder in Deutschland unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Berner Ausstellung ist ein beklemmendes Holzrelief zu sehen, das ebenfalls auf dieser Erinnerung beruht.
Die meisten ausgestellten Malereien verströmen aber eine spielerische Freude an Formen und leuchtenden Farben. Die Werke Klees und der zwölf Künstler (alles Männer) der Cobra-Gruppe sind thematisch gruppiert. So gesellen sich die durchkomponierten, durch feine Linienzeichnungen in ausgewogenen Farben gestalteten «Masken und Gesichter» Klees zu Fratzen-Ansichten der Cobra-Künstler, kraftvoll gestisch gemalt, zuweilen aggressiv, in kräftigen Farben. Hier der intellektuelle Klee mit seinen witzig-ironischen Bildtiteln und -sujets und daneben die lauten Cobra-Künstler. Diese Unterschiede werden auch in den Bildern des «Imaginären Bestiariums» deutlich. Bestaunen kann man hier Fische in einem Garten, brüllende Löwen, einen Sternenvogel, rotgeflügelte Sumpfhühner in nächtlicher Umgebung oder gar ein geflügeltes Pferd.
In der Mitte des Raumes, etwas erhöht, laden mehrere Zeitschriften der Cobra-Gruppe zum Durchblättern ein – ihre Manifeste, Kommentare zu Literatur und Film sowie Gedichte.
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Louisiana-Museum für Moderne Kunst in Dänemark und dem niederländischen Cobra-Museum, wo sie später ebenfalls gezeigt wird.
Wer tiefer ins Schaffen von Paul Klee eintauchen möchte, dem sei im ZPK die Sammlungsausstellung empfohlen, welche dieses Jahr unter dem Thema «Übermut» steht – auch eines der Themen in der Cobra-Ausstellung. Gleich im Entrée hängen grossformatige Gemälde von Asger Jorn, die ebenfalls Motive aus der Kinderkunst entlehnt.
Die Ausstellung dauert bis zum 4. Sept.
Lebensdaten
Paul Klee: Maler, Musiker, Lehrer
Als Sohn eines deutschen Musiklehrers und einer Schweizer Sängerin wurde Paul Klee 1879 in Münchenbuchsee geboren. Er besuchte die Schulen in Bern und bildete sich in München künstlerisch – und nicht musikalisch – weiter. Die Musik begleitete ihn jedoch sein Leben lang, und er spielte ausserordentlich gut Geige. Seine Frau Lily war Pianistin und sorgte mit Klavierstunden für den Lebensunterhalt der jungen Familie (Sohn Felix kam 1907 auf die Welt). Nach dem ersten Weltkrieg unterrichtete Paul Klee bis 1931 am Bauhaus in Weimar und Dessau. Nach seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten, welche später sein Werk als als «entartet» diffamierten, kam er 1933 zurück nach Bern. Unheilbar krank, starb er 1940 bei einem Kuraufenthalt in Muralto. Sein Werk und seine Schriften übten einen grossen Einfluss auf viele Künstler des 20. Jahrhunderts aus. at
Eckdaten
Die Künstlergruppe Cobra 1948–51
«Cobra» ist eine Abkürzung von Copenhagen-Bruxelles-Amsterdam, die Hauptstädte der Länder, aus denen die Künstler stammten. Insgesamt gehörten rund fünfzig Maler, Bildhauer und Schriftsteller der Gruppe an; die bekanntesten Vertreter sind Asger Jorn, Karel Appel, Pierre Alechinsky, Constant, Corneille und Christian Dotremont. Gegründet wurde Cobra am 8. November 1948 in Paris, damals das Zentrum der künstlerischen Avantgarde. 1951 löste sich die Gruppierung auf. Während diesen drei Jahren wurde die gemeinsame Zeitschrift «Cobra» herausgegeben, in der die Künstler ihre Ideale für eine radikale Abwendung von allen bisherigen ästhetischen Idealen propagierten. Ihre Kunst sollte spontan und ausdrucksstark sein, wie dies die Zeichnungen von Kindern seien. Tief geprägt durch den Zweiten Weltkrieg, war die Gruppe auch politisch aktiv und marxistisch orientiert. at
Karel Appel: «Kindje met bloemen», 1947, Kreide, Wasserfarbe, Tusche auf Papier, 44,6 x 53,5cm, Stedelijk Museum, Schiedam.© Karel Appel Foundation / ProLitteris 2011, Zürich
Paul Klee: «Clown im Bett», 1937, Tempera auf Papier auf Karton, 27,1 x 48,1cm.© Zentrum Paul Klee, Bern
Creaviva:Nebenprogramm und Angebote im Kindermuseum
Öffentliche Führungen über Klee und Cobra ohne Anmeldung und Reservation kosten zusätzlich fünf Franken zum Eintrittsbillett und finden samstags um 14 Uhr statt; Führungen durch die Sammlungspräsentation jeweils samstags um 12.30 und 15.30 Uhr. Weiter gibt es auch öffentliche Architektur-Führungen.
Unter dem Titel «Mit dem Auge des Kindes» bietet die Schauspielerin Michaela Wendt eine literarische Führung an und liest aus Kindheitserinnungen bekannter Künstler und Dichter vor (So., 31. Juli, 15 Uhr; Mi., 17. August, 13 Uhr; So., 28. August, 15 Uhr).
Sich kreativ austoben
Im Kindermuseum Creaviva können sich Kinder ab vier Jahren in Begleitung Erwachsener kreativ mit Farbe und Pinsel ausleben. Die «Offenen Ateliers» werden dreimal täglich angeboten. Speziell für Familien empfiehlt sich die Fünfliber-Werkstatt (bis 14.8. täglich im Angebot, sonst samstags und sonntags). «Interaktive Ausstellung» nennen sich Führungen mit Erlebnisstationen, welche für Kinder ab 8 Jahren in Begleitung konzipiert sind. Im August und November finden zwei Philosophie-Veranstaltungen für Kinder statt, unter der Leitung der Philosophie-Pädagogin Eva Zoller Morf, die mehrere Bücher über Kinderphilosophie verfasst hat.
Creaviva bietet auch speziell zugeschnittene Workshops für Schulklassen, Kaderleute, Teams, Behinderte und Senioren an. at
Kinder fühlen sich wohl im Paul-Klee-Museum.Bild key
Das Zentrum Paul Klee ist eins mit dem Gelände.Bild ce/a