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Gebürtlichkeit oder Die Befähigung zur Freiheit – Ergänzungen zu Hannah Arendt
Ergänzung zu Hannah Arendt:
Gebürtlichkeit oder Die Befähigung zur Freiheit
“Der Anfang gleicht vielleicht wirklich, wie Jacob Burckhardt meinte, einem ‘Grundakkord’, der in endlosen Modulationen und Variationen durch die ganze Geschichte des Denkens der westlichen Welt nachklingt. Nur am Anfang und am Ende ertönt er rein und unmoduliert. (…) Es ist, wie Plato einmal beiläufig in seinem letzten Werk sagt: ‘Denn der Anfang ist auch ein Gott, und er rettet alle Dinge, solange er unter den Menschen weilt.’ ”
“Das Heilmittel gegen Unwiderruflichkeit – dagegen, dass man Getanes nicht rückgängig machen kann, obwohl man nicht wusste und nicht wissen konnte, was man tat – liegt in der menschlichen Fähigkeit zu verzeihen. Und das Heilmittel gegen Unabsehbarkeit – und damit gegen die chaotische Ungewissheit alles Zukünftigen – liegt in dem Vermögen, Versprechen zu geben und zu halten. Diese beiden Fähigkeiten gehören zusammen, insofern die eine sich auf die Vergangenheit bezieht und ein Geschehenes rückgängig macht, dessen ‘Sünde’ sonst, dem Schwert des Damokles gleich, über jeder neuen Generation hängen und sie schliesslich unter sich begraben müsste; während die andere ein Bevorstehendes wie einen Wegweiser in die Zukunft aufrichtet, in der ohne die bindenden Versprechen, welche wie Inseln der Sicherheit von den Menschen in das drohende Meer des Ungewissen geworfen werden, noch nicht einmal irgend eine Kontinuität menschlicher Beziehungen möglich wäre, von Beständigkeit und Treue ganz zu schweigen.”
Als Hannah Arendt ihr erstes philosophisches Werk schrieb, die von Karl Jaspers als “Doktorvater” angenommene Dissertation über den Liebesbegriff bei Augustinus, die sie 1929 – mit 23 Jahren – veröffentlichte (bei Springer, Berlin), begann sich für sie der doppelte spannungsschwere Kontrast auch theoretisch abzuzeichnen, den sie in ihrer noch jungen Existenz schon erfahren und durchgestanden hatte und den sie in ihrem ganzen späteren Werk weiter aufarbeiten wird: zum einen das Hinwegsterben geliebter Menschen, generell die Bedingtheit der Sterblichkeit oder Mortalität, der jedoch, wie sie erkannte, das Geborenwerden, die “Gebürtlichkeit” oder Natalität entgegensteht; zum anderen die doppelte Herkunftsbedingtheit als Jüdin und Deutsche, je mit einem spezifischen Wissen verknüpft, einerseits mit dem Wissen um die Unverfügbarkeit der Zugehörigkeit zu ihrem im damaligen Deutschland schon zunehmend bedrängten Volk, ein Wissen der Differenz und der Auszeichnung („gezeichnet“ und „auserwählt“); andererseits auch ein Wissen um die Verfügbarkeit der Zugehörigkeit zur grossen westlichen Kultur, zu einem enormen Fundus an philosophischen Theorien, seit der griechischen Antike, den sie über ihre deutschen Lehrer vermittelt bekommen hatte, Heidegger (mit dem sie 1924/25 in Marburg ein geheimes Liebesverhältnis verband) und Jaspers (bei dem sie in Freiburg doktorierte und den sie als Vaterfigur ihr Leben lang verehrte).
Im doppelten Spannungsbogen, den Hannah Arendt mit der Arbeit an ihrer Dissertation aufdeckt, definieren sich die Existenzbedingungen der Menschen generell – Bedingungen, die so sind, weil die Menschen Menschen sind -, und sie definieren sich je individuell, für den je einzelnen Menschen in seiner Besonderheit und Einzigartigkeit. Mortalität und Natalität versteht Hannah Arendt als die beiden Pole der Zeitlichkeit, während die Herkunftsbedingungen mit der existentiellen Räumlichkeit verknüpft sind. Zeitlichkeit und Räumlichkeit sind die unabänderlichen Bedingungen des Menschseins und In-der-Welt-Seins wie des Zusammenlebens der Menschen, innerhalb dessen sich über das menschliche Handeln Geschichte entwickelt. Das Handeln aber, beim Kind im Prozess des Geborenwerdens über den Atem, später über die Sprache und über das Tätigsein, geschieht aus der Befähigung zur Freiheit: über die Natalität.
Gewiss, lässt sich einwenden, gerade im Rekurs auf Hannah Arendts erste Auseinandersetzungen im Rahmen ihrer Doktorarbeit, der Begriff der Natalität verweist nicht nur auf die Bedingung der Zeitlichkeit, sondern auch auf die übergebene, nicht wählbare Herkunft, bei Hannah Arendt auf besondere Weise auf ihre jüdische Herkunft, das Jüdischsein, das gemäss der Halacha von den Müttern, nicht von den Vätern, an die Kinder weitergeht. Gemäss der psychoanalytischen Kenntnis lässt sich ergänzend sagen, dass in der Primärbeziehung zwischen Mutter und Kind alles innerpsychisch Lebensbestimmende, alles Beziehungshafte und Welthafte entsteht, nämlich die erste Erfahrung der Liebe oder jene der Verlassenheit.
Hannah Arendts Begriff der Natalität stützt sich jedoch weder auf die jüdische Matrilinearität noch viel weniger auf die Psychoanalyse, sondern vollumfänglich auf eine Theorie der Freiheit. Diese findet ihre stärkste Ausformulierung in „Vita Activa“, 1958 unter dem Titel „The human condition“ erstmals (bei der Chicago University Press) erschienen. Wenige Jahre später, 1963, als Hannah Arendt plante, ihre 36 Jahre früher geschriebene Doktorarbeit zu überarbeiten (was sie dann aufgab), hielt sie in einer Notiz fest: „Die entscheidende Tatsache, die den Menschen als ein bewusstes, sich erinnerndes Wesen determiniert, ist die Geburt oder Natalität, dass wir nämlich durch die Geburt in die Welt eingetreten sind, während die entscheidende Tatsache, die den Menschen als ein begehrendes Wesen determiniert, der Tod oder die Mortalität ist, die Tatsache, dass wir die Welt im Tod verlassen werden.“ In die Welt eintreten und die Welt verlassen spannen Zeitlichkeit und Räumlichkeit in jeder Existenz zusammen, für jeden Menschen auf unaustauschbare Weise, zugleich stellen sich je individuelle Aufgaben, in der Pluralität und sich übereinanderschiebenden Gleichzeitigkeit der anderen Existenzen bestehen zu können und zum guten Zusammenleben durch das persönliche Denken und Handeln beizutragen. Allein die Pluralität macht das aus, was Hannah Arendt unter “Welthaftigkeit” versteht.
Ich wiederhole, “Natalität” hat die Bedeutung der Befähigung zum Neubeginn und zur Freiheit. Diese gilt ohne Ausnahme für alle Menschen, welcher Herkunft sie auch seien. Diese Befähigung zum Neubeginn stösst jedoch vorweg an Hindernisse der Verwirklichung. Das mögen interne oder externe Hindernisse sein, sowohl genetisch oder religiös bedingte, psychisch beeinflusste wie auch sozial und politisch geprägte. Was Hannah Arendt in einem anderen Jugendwerk, in ihrer Studie über Rahel Varnhagen aufarbeitete, ist die Geschichte der mühevollen Überwindung der inneren und äusseren Hindernisse durch die Generation der jüdischen Frauen im ersten Dritttel des 19. Jahrhunderts, oder eher die Geschichte der Sehnsucht nach Überwindung. Gerade diese Geschichte mag deutlich machen, wie die Befähigung zur Freiheit nach deren Verwirklichung drängt, wie dank ihr das Bedürfnis nach Veränderung und nach selbstbestimmter Gestaltung der Herkunfts- und Lebensbedingungen sich Ausdruck schafft, angesichts der Tatsache, dass zusätzlich zu den für alle Menschen geltenden Bedingungen des In-der-Welt-Seins für die jüdische Herkunft eine geschichtlich bedingte, über Jahrhunderte geschaffene und tradierte “Differenz” galt, die in der jüdischen Selbstwahrnehmung, wie Rahel Varnhagen festhielt, zur “Unentrinnbarkeit” wurde.
Dass das aus der Befähigung zur Freiheit sich regende Aufbegehren dagegen häufig nicht die ersehnte äussere Freiheit bewirkte, sondern zu tragischen Entwicklungen führte, zeigt lediglich an, welch enorme Distanz zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, zwischen der – bei Hannah Arendt onthologisch verstandenen – Voraussetzung und der Verwirklichung liegt. Als Beispiel mag eine ganze Reihe von Frauen aus der Berliner Gesellschaft um 1800 dienen , unter ihnen Rahel Varnhagen, die Hannah Arendt wie eine hundert jahre ältere Schwester empfand, oder Brendel Mendelssohn , deren Leben zwischen Tradition und dem Bewusstsein des Aufbruchs, zwischen Zeitbedingungen und eigener Wahl immer wieder die Tragik des von Aussen bestimmten Andersseins erlebte.
Brendel Mendelssohns Vater, Moses Mendelssohn (geb. 1729 in Dessau, gest. 1786 in Berlin), ein Philosoph und Gelehrter von europäischem Rang, einer der bedeutendste Denker der jüdischen Emanzipation, lebte zwar gesetzestreu, wie seine Frau Fromet, ganz im Geist der Frömmigkeit, teilte jedoch gleichzeitig die Ideen der deutschen Aufklärung, insbesondere die Ideen Lessings von der Ebenbürtigkeit und vom gleichen Recht aller Menschen, in Freiheit und in bürgerlicher Gleichstellung leben zu dürfen, unabhängig von Religion oder sozialer Herkunft. Er wagte es, diese öffentlich zu fordern und setzte selber um, was der Idee des gleichen Rechts der Menschen entsprach. Schon 1763 hatte er geschrieben, dass die entwürdigenden Diskriminierungen nicht länger zu ertragen seien: „Es tut mir weh“, schrieb er in einer Bittschrift um einen Schutzbrief, „dass ich um das Recht auf Existenz erst bitten soll, welches das Recht eines jeden Menschen ist.” Mendelssohn selber leistete einen wichtigen Beitrag zur Frauenemanzipation, indem er das während Jahrhunderten kaum beachtete Bedürfnis der Frauen nach ebenbürtiger Bildung und nach Wissen ohne Vorbehalt anerkannte und seine Töchter mit den bei ihm lernenden jungen Männern gemeinsam die sogenannten „Morgenstunden“ besuchen liess, in denen er täglich von fünf Uhr in der Früh an das Lesen der Thora und Philosophie lehrte. In diesem Geist wuchs Brendel Mendelssohn auf, die später Brendel Veit und nochmals später Dorothea Schlegel hiess.
Es ist nicht verwunderlich, dass junge, begabte Frauen damals begannen, sich vom Leben ihrer Mütter abzuwenden, von den typisch jüdischen wie den typisch weiblichen „Tugenden“, und dass sie eigene Schritte in die Freiheit wagten, war doch die jüdische Herkunft verbunden mit der Erfahrung von Geringschätzung, Verhöhnung und Ächtung, selbst durch Denker wie Fichte, Herder oder gar Kant und Goethe (der in „Wilhelm Meister“ eine Gesellschaft entwarf, in der es keine Juden gab). In psychoanalytischer Hinsicht lassen sich Selbstverachtung und Selbsthass erklären, die sich auf unterschiedliche Weise entwickelten und manifestierten . Ebenso ging Weiblichkeit einher mit grossen Einschränkungen in der Bildung wie auch mit vielen Zwängen in der Lebensgestaltung. So versuchten in dieser Zeit des Aufbruchs insbesondere jüngere jüdische Frauen einerseits über die Taufe, andererseits über den Schritt in eine gebildete Öffentlichkeit, in die literarischen Salons, in Lesekreise und Adelsfamilien, über den Austausch mit Philosophen, Dichtern, Staatsmännern und Künstlern die Engnis ihrer Herkunftsbedingungen abzuschütteln – häufig ohne dass dies wirklich gelingen konnte. Man muss die – noch vorhandenen – Briefe dieser Frauen lesen (zahlreiche wurde von ihnen selber vernichtet, wurden später verändert oder gingen verloren), um zu verstehen, mit welcher Sehnsucht sie danach strebten, einfach Menschen unter Menschen zu sein, und wie selten und wie konditional dies ihnen zugestanden wurde, trotz aller verzweifelten Bestrebungen und Bemühungen, trotz Geist, Berühmtheit und Mut, trotz einflussreicher nicht-jüdischer Freunde und Verbindungen. 1806 schrieb Rahel Varnhagen an ihre Freundin Rebekka Friedländer: „Was ist es garstig, sich immer erst legitimieren zu müssen! – darum ist es ja nur so widerwärtig, eine Jüdin zu sein“, oder, ein Jahr später: „… Nie erscheine ich die, die ich bin; ewig nimmt mich einer aus des anderen Hand!“
Ebenso leidenschaftlich, wenn nicht noch tragischer als die Klage Rahel Varnhagens erscheint das Schicksal Brendels. 1764 wurde sie in Berlin geboren, wuchs, wie ich schon sagte, zwischen Frömmigkeit und den Ideen der Aufklärung auf, von ihren Eltern jedoch schon als Vierzehnjährige an den Kaufmann und Bankier Simon Veit verlobt (was eigentlich erstaunt, da Moses und Fromet Mendelssohn einander aus Liebe und ohne Vermittlung selber gewählt hatten), den sie im Frühjahr 1783, mit 19 Jahren heiratet, und von dem sie sich nach 16 Ehejahren, 1799, vor dem Berliner Rabbinatsgericht scheiden lässt. Aus dieser Ehe hat Brendel zwei Söhne geboren, Jonas und Philipp Veit, die später als Maler berühmt sein werden. Moses Mendelssohn starb am 4. Januar 1786. Ein Jahr später gründeten Brendel Veit, ihre Freundin Henriette Herz (die in Berlin einen der bedeutendsten literarischen Salons führte) sowie Alexander und Wilhelm von Humboldt in Berlin einen „Tugendbund“, welcher der gegenseitigen Förderung sowohl in der Bildung als auch im „guten Leben“ dienen sollte. Weitere Mitglieder wurden in diesen Kreis aufgenommen, Frauen und Männer, und hier, im Salon von Henriette Herz, lernte Friedrich Schlegel 1997 Mme. Veit kennen, die sich seit einiger Zeit nicht mehr Brendel, sondern Dorothea nannte. Die beiden wurden noch im selben Jahr ein Liebespaar, später folgte Dorothea zusammen mit Philipp, ihrem jüngeren Sohn, dem Geliebten nach Jena, dann nach Paris, wo sie sich protestantisch taufen liess und anschliessend mit Schlegel getraut wurde. Wenig später zog Schlegel nach Köln, Dorothea folgte ihm wieder mit ihrem jüngeren Sohn, sie fühlte sich aber vereinsamt, weder als Protestantin noch als Jüdin angenommen; 1808 trat sie mit Schlegel zum Katholizismus über. Ein Jahr später übersiedelte Schlegel nach Wien, und wieder folgte ihm seine Frau. Von 1818 bis 1820 lebte Dorothea bei ihren zwei Söhnen in Rom, die als religiöse Maler grossen Erfolg hatten. Auch die letzten zehn Jahre nach Schlegels Tod, von 1829 bis 1839, verbrachte Dorothea bei ihrem Sohn Philipp in Frankfurt a. M., wo sie mit 75 Jahren starb.
Was war mit Dorothea Schlegel geschehen? Als junge, begabte und im Mendelssohn’schen Haus gebildete Frau, gegen ihre Neigung mit einem Mann verheiratet, der zwar von hoher Moral war, der aber ihrem Bedürfnis nach geistreichem Austausch in keiner Weise entsprechen konnte, hatte sie sich in einen – damals – erfolgreichen nicht-jüdischen Schriftsteller verliebt – und alle Regeln der Sitte und Schicklichkeit, der gesellschaftlichen Konvention und alle materielle Sicherheit hinter sich geworfen. Sie hat eine eigene Wohnung bezogen und nam es in ihrer Leidenschaft unbekümmert auf sich, einen Skandal zu bewirken. Doch aus dem grossen Impuls der freien Liebe folgte – von Aussen gesehen – nicht viel Freiheit, sondern eine vielfache, schwerwiegende Unterordnung unter Schlegel. Das materielle Leben war ungesichert, sie schrieb und übersetzte unermüdlich, aber publizierte alle ihre Werke immer unter Schlegels Name, sie kam für den ganzen materiellen Lebensunterhalt auf, und als Schlegel zunehmend seine geistige Brillanz einbüsste, hielt sie seine Krankheit lange verborgen, indem sie Bücher in seinem Namen schrieb und veröffentlichte. Was sie aus Liebe tat, trug ihr kaum Achtung, eher sogar Verachtung ein. So schrieb Karl August Varnhagen, Rahel Ehemann, dieser 1814 aus Wien (anlässlich des Wiener Kongresses), nachdem er die Schlegels kennengelernt hatte: „…ich kenne nichts Peinlicheres als eine Frau, die ihrer Selbständigkeit zu Gunsten des Mannes, und sei‘s auch der Liebhaber, mit Fleiss entsagt.“
Wie aber empfand dies Dorothea Schlegel selber? Aus einem der letzten Briefe Dorothea Schlegels zitierte Henriette Herz in ihren Erinnerungen: „Alles, was wir Weltkinder sonst Poesie des Lebens genannt haben, das ist weit, weit! Ich könnte sagen wie du, ich bin es satt. Aber ich sage es dennoch nicht, und ich bitte und ermahne dich,: sage auch du es nicht mehr. Sei tapfer! Das heisst, wehre dich nicht, sondern ergibt dich in tapferer Heiterkeit“. Dorothea Schlegel selber schrieb als 47jährige in ihr Tagebuch: „…ich tat alles, was ich tat, ohne alle Absicht auf Ruhm oder um berüchtigt zu sein, sondern, ich bekenne es ehrlich, ganz unbefangen, bloss zu meiner eigenen Selbstzufriedenheit, ohne nur im Geringsten an die Welt zu denken“…