Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03234.jsonl.gz/1942

Frage No 15
15 Müssen Wissenschaft und Kunst nützlich sein?
Die Antwort, die Rousseau in seiner Antwort auf die Akademiefrage gibt, lautet Ja. Sie stehen in einer ethischen Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die mit Begriffen wie „Sittlichkeit“ und „Tugend“ umrissen ist, und deswegen müssen sie – zumindest indirekt – nützlich sein. Wissenschaft und Kunst dürfen jedenfalls kein Selbstzweck sein, wie das etwa bei „Kompilatoren“ der Fall ist. Und so relativiert Rousseau seine Kritik an den Wissenschaften schon in den ersten Zeilen: Nicht mit den Wissenschaften gehe er schlecht um, sondern mit ihrer Rolle für die Gesellschaft, deren Ideal der „rechtschaffene Mensch“ ist – und mit ihrem Missbrauch.
„Denn wie kann man sich unterstehen, vor einer der gelehrtesten Gesellschaften Europas die Wissenschaften zu schelten, in einer berühmten Akademie die Unwissenheit zu loben und die Verachtung für das Studium mit der Hochachtung vor den wahren Gelehrten in Einklang zu bringen? Dieser Widersprüche bin ich mir durchaus bewusst, doch haben sie mich nicht ab- geschreckt. Denn, so habe ich mir gesagt, nicht mit den Wissenschaften gehe ich schlecht um, vielmehr verteidige ich die Tugend vor tugendhaften Menschen. Rechtschaffenen Menschen ist Redlichkeit weit lieber als Gelehrsamkeit den Gelehrten.“
„Was sollen wir von diesen Kompilatoren halten, die sich nicht scheuten, das Tor zu den Wissenschaften aufzubrechen und in deren Heiligtum den Pöbel einzulassen, dessen unwürdig, sich ihm zu nähern, während es doch zu wünschen wäre, dass all die, die es in der Gelehrsamkeit nicht weit bringen würden, gleich eingangs abgewiesen worden wären und sich beherzt auf die Künste verlegt hätten, die der Gesellschaft nützten?“
© 2012 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart