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Es gehört zu den Privilegien von Piloten, dass sie - während sie nackt im Bett liegen - mit hübschen jungen Frauen plaudern dürfen, deren Vornamen sie nicht genau kennen. Wenn diese charmante Erscheinung dann dem Herrn der Lüfte die Worte «ich brauche dich» zärtlich ins Ohr flüstert und dieser ohne schlechtes Gewissen vor der Ehefrau den Silben zuhört, dann muss die Dame von der Crew-Disposition sein und dem armen Piloten telefonisch einen Einsatz übermitteln.
«Wohin?» - «New York?» - «früh, spät oder Genf?» - «spät - gut - danke». So elegant schafft es kaum ein Geschlechtsgenosse von mir, fremde Frauen im eigenen Ehebett zu verabschieden.
So sitze ich ein paar Stunden später im Cockpit des Airbus und kneife die Augen ob dem grellen Sonnenlicht zusammen. In irgend einem Magazin betrachte ich die Bestsellerliste der Sach- und Lustbücher und bemerke, dass erstaunlich viele Werke vom Umgang mit dem Glück berichten. Da ich mir schon lange einmal vorgenommen habe in den Bestsellerlisten vorzukommen, schreibe ich doch einmal einen Beitrag über das Glück beim Fliegen. Vielleicht lädt mich Aeschbacher nach diesen Worten ins Labor ein.
Über Glück schreiben kann vermutlich nur ein Unglücklicher. Ich bin aber weder unglücklich, dass die Frau von heute nur virtuell in meinem Ehebett aufgetaucht ist, noch schmolle ich, dass ich nach New York unterwegs bin. Vielleicht bin ich ein bisschen unglücklich, dass ich Frau und Hund temporär verlassen musste, dafür bin ich dann um so glücklicher, wenn ich sie am Samstag wieder in die Arme nehmen kann. Mein Chef sieht auch nicht betrübt aus, ihn kann ich also auch nicht fragen. Da hilft nur ein Gang durch das Flugzeug.
Die beiden Kolleginnen im Galley haben keine Zeit für Gefühle, sie bewirten und bekochen die zwölf Personen der obersten Klasse. Der Herr auf 2A wäre mein Mann. Nichts, aber auch gar nichts an seinem Leben scheint ihm zu gefallen. Er stochert im ausgezeichneten Lachsfilet herum und versucht parallel dazu das Unterhaltungssystem zu bedienen.
Die Dame hinter ihm lächelt mich an und ich lächle zurück. Wir sind so quasi alte Bekannte. Als ich das Klo verliess, stand sie vor mir in ihren langen blonden Haaren und schaute mit ihren blauen Augen in meine. Gekleidet war sie in dunkelblauen Stoff, was mein Kleinhirn dazu bewog, sie sofort zu duzen. Erst, als die Dame in die Latrine verschwand, bemerkte ich mein Missgeschick. Das an die Passagiere abgegebene Pyjama hat exakt die gleiche Farbe und fällt ähnlich im Schnitt wie unsere Uniform. Beim Blick auf die Passagierliste erkannte ich vor lauter Abkürzungen fast ihren Namen nicht. VIP war noch die harmloseste aller. Artig wartete ich, bis sie ihren Toilettengang beendete. Zum Glück habe ich aus einer Laune heraus im Sprüngli am Flughafen eine Schachtel Luxenburgerli gekauft. Ich entschuldigte mich brav, stellte mich vor und offerierte der Dame ein «Verführerli» aus Zürcher Manufaktur. Sie nahm ein zweites und das Glück stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Den Blick vom Herrn auf 3B gehe ich aus dem Weg. Er wird mir nie verzeihen, dass ich seine Gemahlin im Schlafanzug angesprochen habe und ihr dabei noch ein Lächeln auf die Lippen zauberte.
Mein Fazit aus der 1. Klasse: Durchzogen.
Jetzt zur Businessclass. Hier reist der komplizierteste Teil der Gäste. Sie oder ihre Firma haben einen stolzen Preis für ihr Ticket bezahlt und dafür bin ich sehr dankbar. Doch man muss wissen, dass verschiedene Weg in diese Klasse führen. Herr 7A zum Beispiel hat seinen Computer offen. Er ist Vielflieger und ein sehr beschäftigter Mann. Nach dem erlöschen des Anschnallzeichens hat er seinen 17“ Multi-Task-Highlevel-Superduper Laptop aufgeklappt und eingeschaltet. Jetzt, 23 Minuten später, leuchtet zum ersten Mal das Desktopbild von Windows auf und ausgerechnet in diesem Moment wird der Apéro serviert. Er will nicht unhöflich wirken, klappt das grosse Teil wieder zusammen und entscheidet sich weltmännisch für einen Gin Tonic. Es werden neuerlich 23 Minuten vergehen, bis sein Arbeitsgerät eingabebereit ist. Schade um die Zeit, ist doch das Flugzeug noch der einzig virenfreie Raum für Windowsrechner.
Mein Fazit aus der Businessklasse: Hoffnungslos.
Ich breche mein sozioaviatisches Projekt ab und begebe mich wieder an meinen Arbeitsplatz. Stunden später landet der Chef den Airbus auf der 22L in JFK. Wir rollen an den Standplatz und lösen unsere Sitzgurten. Gemütlich schlendere ich zum Ausgang. Im linken Gang kommt mir eine Putzfrau entgegen, die wegen des aufgeschnallten Staubsaugers wie eine Ausserirdische aussieht. Sie schwitzt, riecht streng und faucht mich an, ich solle doch aus dem Weg gehen. Wie von Zauberhand geführt öffnet sich die rosa Schachtel und ich offeriere ihr die süssen Grüsse aus Zürich. Sie lächelt mich mit ihrer Zahnlücke an und bedankt sich mit einem kräftigen Klaps auf den Oberarm.
Was wollte ich eigentlich schreiben? Ach ja, fliegen macht manche Menschen wirklich glücklich!