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Die COVID-19-Pandemie hat im Frühjahr 2020 Schockwellen in der ganzen Welt ausgelöst. Sie enthüllte auch tief greifende gesellschaftliche und kulturelle Trends. Die wissenschaftliche Gemeinschaft erhob und mobilisierte sich in den ersten Monaten und teilte neue Entdeckungen in einem eifrigen Versuch, die Geheimnisse des neuen Coronavirus zu entschlüsseln. Alle waren von dem Wunsch beseelt, eine Lösung zu finden – und zwar schnell – und arbeiteten an einer gemeinsamen Forschungsagenda. Klinische Daten sowie Fortschritte bei der genetischen Sequenzierung und der Bildgebung wurden von den Forschungszentren und Krankenhäusern ausserhalb der herkömmlichen Kanäle für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen frei verbreitet. «Es war eine Fallstudie, die veranschaulicht, wie Wissenschaft heute tatsächlich funktioniert», sagt Gilles Dubochet, Leiter der EPFL-Abteilung für Open Science: «Das Modell des Forschers, der allein in einem Labor forscht und seine Ergebnisse erst dann herausgibt, wenn er sie mit einem kleinen Kreis von Fachleuten teilen kann, überholt immer mehr. Heutzutage sind Forschungsprogramme kollektive Anstrengungen, die eine ganze Gemeinschaft einbeziehen und Ergebnisse hervorbringen, die von jedermann eingesehen werden können.»
Das ist im Wesentlichen die Revolution der offenen Wissenschaft: das Bestreben, die Forschungspraktiken so zu aktualisieren, dass sie besser auf die Bedürfnisse der Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Gemeinschaft abgestimmt sind und die Möglichkeiten der neuen Technologien voll ausschöpfen. Das herkömmliche System der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen wurde als erstes durch diesen moderneren Ansatz auf den Kopf gestellt: «Der heutige Veröffentlichungsprozess ist einfach eine Erweiterung des Modells, das im 17. Jahrhundert gang und gäbe war. Damals gab es Klubs von Wissenschaftlern, die miteinander diskutierten und ihre Entdeckungen durch Briefe mitteilten», so Dubochet, «diese Briefe wurden dann in Fachzeitschriften veröffentlicht, um die Entdeckungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft mitzuteilen.» Im Laufe der Jahre übernahmen spezialisierte Verlage die Rolle dieser Clubs und ermöglichten es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, ihre Ergebnisse sowohl in allgemeinen als auch in fachspezifischen Zeitschriften zu verbreiten. Je höher der Impact-Faktor einer Zeitschrift, desto grösser ihr Prestige. Die Verlage führten auch ein System ein, bei dem die zur Veröffentlichung eingereichten Artikel von Fachkolleginnen und -kollegen geprüft und begutachtet wurden. Gleichzeitig begannen die Universitätsbibliotheken, für Abonnements dieser Zeitschriften zu zahlen, damit die Forschenden ihrer Hochschulen Zugang zu ihnen bekamen. Mit der wachsenden Zahl dieser Zeitschriften stiegen auch die Kosten, die für die Aufrechterhaltung der Abonnements erforderlich waren.
Mit dem Aufkommen des Internets Mitte der 1990er Jahre änderte sich das: «Plötzlich konnten alle fast kostenlos Informationen austauschen, jederzeit, zu jedem Thema und mit allen», sagt Dubochet. Forschende, deren Forschung häufig mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, nutzten diese Gelegenheit, um so viele Daten wie möglich – von den ersten Hypothesen bis zu den Endergebnissen – an ein möglichst breites Publikum weiterzugeben, von Laien bis zu führenden Fachleuten. Das ist es, was die Open-Access-Bewegung antreibt.
Eine Veränderung ist im Gange
Die Herausforderung bei der Umsetzung von Open Access und der Open-Access-Politik, die dies ermöglicht, besteht darin, einen Weg zu finden, die Geschäftsmodelle der Verlage so umzugestalten, dass sie diese Art der kostenlosen, weiten Verbreitung anbieten können. Die Hochschulen sind dabei, die Details einer solchen Umstellung auszuhandeln, indem sie die Kosten für den Zugang auf die Publikationsseite verlagern. «Wir arbeiten hart daran, die richtigen Mechanismen zu schaffen, und es gibt noch viel zu tun», sagt Isabelle Eula, Leiterin der EPFL-Bibliothek, «aber die Veränderung ist im Gange.»
Öffentliche Förderstellen verbinden ihre Finanzierungen zunehmend mit der Bedingung, dass die Forschenden ihre Arbeiten im Open-Access-Format veröffentlichen. Dies bedeutet eine deutliche Abkehr von der üblichen Methode zur Bewertung von Forschenden und Forschungslabors, die weitgehend auf der Anzahl der Zitate und dem Impact-Faktor der Zeitschriften, in denen sie veröffentlicht werden, basiert. Die Zeitschriften mit den höchsten Impact-Faktoren (d. h. die renommiertesten) bieten teilweise kein Open Access oder nur zu hohen Preisen. Béatrice Marselli, Koordinatorin des Publikations-Support-Teams der EPFL-Bibliothek, erklärt: «Open-Access-Publikationen sind eine Möglichkeit für Forschende, ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Sie sind auch von grossem Nutzen für Länder und Universitäten, die sich keine Abonnements für wissenschaftliche Zeitschriften leisten können.»
Neben den Vorteilen für den einzelnen Forschenden trägt die Open-Access-Politik dazu bei, die Forschung als Ganzes voranzubringen. Die Idee ist nämlich, dass Forschende nicht nur ihre wichtigsten Ergebnisse, sondern auch den gesamten Prozess, der sie zu diesen Ergebnissen geführt hat, mit anderen teilen – von den Details ihrer Methode bis hin zu allen gesammelten Daten. «Die von Forschenden verwendeten Methoden sind immer noch häufig eine Blackbox», sagt Dubochet, «auch wenn Forschungspapiere in der Regel ein Kapitel über die Methode enthalten, sind die Beschreibungen meist nicht detailliert genug, um die Experimente zu replizieren. Man braucht den verwendeten Code oder andere Informationen.» Die Blackbox zu entpacken, damit andere Forschende die gleichen Experimente durchführen können, heisst, die Forschung reproduzierbar zu machen: «Wir müssen ein ganzes Forschungssystem einrichten, bei dem der Schwerpunkt auf offenem Zugang und effektiver Zusammenarbeit liegt», so Dubochet.
Öffnung in beide Richtungen
Open-Access-Publikationen sind nur ein Element eines umfassenderen Trends zur offenen Wissenschaft, d. h. zur gemeinsamen Nutzung wissenschaftlicher Instrumente und Erkenntnisse über eine Reihe neuer Kanäle, die neben den üblichen Forschungspublikationen bestehen. Zu diesen Kanälen gehören Online-Plattformen für die gemeinsame Nutzung von Daten, Codes, Teilergebnissen oder noch nicht von Fachleuten überprüften Ergebnissen sowie Arbeiten, in denen Forschungsmisserfolge vorgestellt werden, wenn die Ergebnisse nicht wie erwartet ausgefallen sind. Letzteres wird von Physikfachleuten schon seit Jahren praktiziert: «Die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, die nicht so ausfallen wie angenommen, ist genauso wichtig wie die Veröffentlichung von Arbeiten, die die Richtigkeit der Hypothese beweisen», sagt Marselli, «beide Arten von Wissen sind wichtig, um die Wissenschaft voranzubringen.» Open Science erfordert daher ein Überdenken des bestehenden Peer-Review-Verfahrens und der Kriterien, die derzeit zur Bewertung von Forschungsergebnissen verwendet werden.
Geht es bei Open Science nicht letztlich um die Pflicht der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft? «Wissenschaftliche Entdeckungen sind ein öffentliches Gut, dessen Wert proportional zur Anzahl seiner Nutzenden steigt», sagt Dubochet, «mit frei zugänglichen Veröffentlichungen können Ärztinnen und Journalisten eine Forschungsarbeit aus erster Hand lesen, um ihre Entscheidungen über die Behandlung eines Patienten oder einer Patientin oder über die beste Art und Weise der Berichterstattung über eine neue Errungenschaft für die breite Öffentlichkeit zu treffen. Die offene Wissenschaft geht noch einen Schritt weiter, indem sie nicht nur das Endergebnis, sondern jeden einzelnen Schritt auf dem Weg dorthin veröffentlicht. All dies trägt dazu bei, dass die Wissenschaft ihre Beziehung zur Gesellschaft stärkt – oder neu aufbaut –, denn die Öffnung muss in beide Richtungen erfolgen.»