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Das Indiovolk der Apinajé wird als “okzidentale Timbira” klassifiziert und zeichnet sich aus durch eine komplizierte gesellschaftliche Organisation, die sich aus verschiedenen zeremoniellen Systemen und relativ dicht besiedelten Dörfern zusammensetzte.
Apinajé
|Andere Namen: Apinaié, Apinajés, Apinayé

Sprache: Aus dem Stamm der Jê
Population: 1.847 (2010)
Region: Extremer Norden des Bundesstaates Tocantins (am Zusammenfluss des Rio Araguaia mit dem Rio Tocantins)
|INHALTSVERZEICHNIS

Name, Lebensraum, Bevölkerung
Geschichte des Erstkontakts
Kontakt und Entvölkerung
Territoriale Rechte: Anerkennung unvollständig
Gesellschaftliche Organisation
Kosmologische Aspekte
Produktive Aktivitäten
Gegenwärtige Situation
Apinayé oder Apinajé sind zwar keine Selbstbezeichnungen der Gruppe, aber inzwischen benutzen sie selbst diese Begriffe und werden auch von den anderen Timbira sowie ihren regionalen Nachbarn so genannt. Im Vokabular der Orientalischen Timbira bezeichnet die Endsilbe “yê/jê” ein Kollektiv. Curt Nimuendajú liefert weitere Bezeichnungen für diesen Stamm, alle abgeleitet von dem Terminus “hôt oder hôto”, was unter den Orientalen Timbira die Bedeutung “Ecke” hat und sich auf das traditionelle Territorium der Apinajé bezieht, welches sich in jener “Ecke” befindet, die von Rio Araguaia und Rio Tocantins an ihrem Zusammenfluss gebildet wird – eine Region, die unter dem Namen “Bico do Papagaio” (Papageienschnabel) bekannt ist.
Die Apinajé haben jene Region, die vom Zusammenfluss der beiden Ströme Araguaia und Tocantins geformt wird, nie verlassen, deren mittlere Grenze bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Flüsse Rio Mosquito (auf der Seite des Tocantins) und Rio São Bento (auf der des Araguaia) bildeten. Gegenwärtig befindet sich die “Terra Indigena Apinajé” innerhalb der Distrikte (Municipios) von Tocantinópolis, Itaguatins und São Bento, im extremen Norden des Bundesstaates Tocantins.
Mit einer Fläche von 141.904 Hektar ist das “IT Apinajé” demarkiert und offiziell registriert in der CRI und SPU (Dekret 90969 vom 14/02/85 /DOU 15/02/85). Allerdings betreiben die Apinajé gemeinschaftlich eine Beschwerde zur Erweiterung dieses Gebiets, und die FUNAI hat 1994 eine Kommission eingesetzt, um die so genannte “Area Indígena Apinajé II” zu demarkieren – bis jetzt jedoch innerhalb der Bürokratie untergegangen.
Vom ökologischen Gesichtspunkt, hinsichtlich ihres Gesamtzustandes der lokalen Ökosysteme, ist die Region der “Terra Indígena Apinajé” relativ gut erhalten, hat sich relativ schnell von dem degenerativen Eingriff erholt, der von mehr als 600 Familien bis zum Jahr 1985 provoziert wurde – dem Jahr der Demarkation und Rückgabe des Gebiets an die Indianer.
Allerdings muss das Reservat den Eingriff zweier Erdstrassen ertragen, welche im Bau sind und deren Asphaltierung danach vorgesehen ist: 1. die TO 126 (Staatsstrasse), welche die Distrikte Tocantinópolis und Itaguatins miteinder verbindet, an dem Flecken “Maurilandia” vorbeiführt und das Territorium in seinem östlichen Teil von Nord nach Süd unterteilt. Entlang dieser Piste finden sich die Siedlungen des “Parque Indigena Nacional Apinajé” (Mariazinha, Botica, Riachinho e Bonito). 2. die TO 134 (Staatsstrasse) des Distrikts von Anjico, bis zur Einmündung in die Bundesstrasse BR 230, weiter nach Tocantinópolis – ein Teil dieser Strasse bildet heute die südliche Grenze des Indianerterritoriums – und sie verläuft, erst kürzlich asphaltiert, nur wenige Kilometer vom Apinajé-Dorf São José.
Bis zum Jahr 1999 durchquerte die BR 230 – besser bekannt unter dem Namen “Transamazonica” – mit einem Teilstück von 30 Kilometern das Territorium Apinajé und bildete mit dem anderen Teil seine westliche Grenze. Im Juni 1997 verbot die IBAMA (Umweltschutz-Organ) den weiteren Ausbau der BR 230 im Teilstück “Araguatins – Estreito” und verlangte eine offizielle ambientale Lizenz für die Fortführung der Arbeiten. Nach vielen öffentlichen Audienzen und einer fortwährenden Behinderung der Strassenarbeiten durch die Apinajé, entschloss man sich zur Änderung der offiziellen Reservatsgrenzen. Von der “Prata-Kreuzung” aus – wie sie lokal heisst – führt die BR 230 jetzt nach “Nazaré” weiter – unter dem Namen TO 134 – und von dort weiter zum Distrikt “Lagoa de São Bento”.
Die historischen Referenzen ergeben das folgende Bevölkerungsbild:
|Datum||Quelle||Zahl der Indianer|
|19. Jahrhundert||Cunha Matos||4’200|
|1859||Ferreira Gomes||2’000|
|1897||Coudreau||400|
|1926||Snethlage||150|
|1928||Nimuendajú||150|
Diese Zahlen veranschaulichen, dass die Apinajé innerhalb von weniger als 60 Jahren einen Bevölkerungsrückgang von mehr als 90% erlitten haben. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts stabilisiert sich die Zahl der Stammesangehörigen und beginnt mit einem schnellen demografischen Erholungsprozess: einem Wachstum von annähernd 300% innerhalb von 30 Jahren, wie die nachfolgenden Daten belegen:
|Datum||Quelle||Zahl der Indianer|
|1967||Matta||253|
|1977||Waller||364|
|1980||Galvão||413|
|1985||FUNAI||565|
|1993||CTI||780|
|1997||FUNAI||1’025|
|2003||FUNASA||1’262|
Diese Daten belegen auch ein demografisches Wachstum über dem brasilianischen Durchschnitt – sie deuten auf ein Bevölkerungswachstum von 10% pro Jahr hin.
Die ersten Zivilisierten, welche das von den Apinajé besetzte Territorium erreichten, waren Jesuiten – zwischen 1633 und 1658. Sie unternahmen vier Expeditionen zum oberen Tocantins, um Indianer in ihre Dörfer in Pará “herunterzuholen”. Mit der Öffnung von Anfahrtswegen über die Flüsse Araguaia und Tocantins nahmen auch die Kontakte zu den Indianern in dieser Region zu, und die Berichte über die Apinajé wurden genauer.
Die Flüsse Araguaia und Tocantins dienten verschiedenen Expeditionen der Kolonialzeit als Anfahrtswege im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts. Die kamen nicht nur aus dem Süden, sondern auch aus den nördlichen Bundesstaaten Maranhão und Pará, und sie stritten sich um den Besitz der reichen Goldregion, welche von den Bandeirantes aus São Paulo im Süden des Bundesstaates Goiás entdeckt worden war. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts gruben die Apinajé verschiedene Male das Kriegsbeil gegen die “Zivilisierten” aus – sie unternahmen mit Vorliebe Raubzüge auf dem Tocantins, um den Goldsuchern die begehrten Eisenwerkzeuge abzunehmen.
In Konsequenz gründete man 1780 den Militärposten “Alcobaça”, der trotz seiner sechs Artilleriegeschütze von den Apinajé eingenommen wurde und danach nie wieder besetzt. 1791 gründete man einen anderen Militärposten am Rio Arapary und 1797 den Posten São João das Duas Barras, heute São João do Araguaia. Letzterer prägte den permanenten Kontakt der Apinajé mit der nationalen Gesellschaft.
Trotzdem waren die Beziehungen der Postenbesatzung zu den Indianern weiterhin konfliktbeladen. 1810 wurde von einem Geschäftsmann der Flecken São Pedro de Alcântara gegründet. Nachdem sie mit ihren Nachbarn, den Krahô, in freundschaftliche Beziehung getreten waren, benutzten die Apinajé ihr Bündnis jetzt, um zahlenmässig verstärkt, andere Indianer anzugreifen. 1816 wurde in dem von den Apinajé besetzten Territorium die erste brasilianische Siedlung gegründet, Santo Antônio, gleich unterhalb des Wasserfalls von “Três Barras”. Die Apinajé hatten damals fünf Dörfer. Im Jahr 1824 wurde Santo Antonio in den Ort São Pedro de Alcântara eingemeindet und daraus entstand das Städtchen Carolina am jenseitigen Ufer des Rio Tocantins, im Bundesstaat Maranhão.
Im Jahr 1826 hatte Carolina eine Bevölkerung von 81 Weissen und zirka 120 bis 150 Apinajé. Im gleichen Jahr traf Cunha Mattos die Apinajé in vier Dörfern an, mit einer Gesamtzahl von 4.200 Individuen. 1831 wurde Boa Vista gegründet, das gegenwärtige Tocantinópolis, in ihm hatte sich eine kleine Bevölkerung aus dem brasilianischen Nordosten zusammengefunden, wahrscheinlich Leute, die sich vor den häufigen Konflikten zwischen nordöstlichen Politikern zurückgezogen hatten.
Im Jahr 1840 wird von Frei Vito in einem der Apinajé-Dörfer eine Mission gegründet, die ihren Einfluss auch auf die anderen drei Dörfer ausbreitet und damit eine Gesamtheit von 3.000 Indianern erreicht. Die mündliche Überlieferung der Apinajé kann hinsichtlich dieser Ortsgründung keine Angaben machen – die Geschichte von Boa Vista wird erst wieder erwähnt mit der Ankunft des Frei Gil Vilanova, gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Um 1850 verkehrten auf dem Rio Tocantins bereits regulär 31 kommerzielle Schiffe, mit fast 500 angestelltem Personal, während der Schiffsverkehr auf dem Rio Araguaia vollkommen abhängig von governamentaler Unterstützung war. Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte man die Bevölkerung der Apinajé als zahlenmässig bedeutend bezeichnen – das geht aus verschiedenen offiziellen Geschäftsberichten der Provinz von damals hervor. 1851 wurden in der Siedlung von Boa Vista 2.822 Indianer gezählt. 1877 gab ein neuer Bericht der Provinz ihre Zahl mit 1.564 Apinajé an – ihr offensichtlicher Bevölkerungsschwund wurde mit einer Masern-Epidemie begründet.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Besetzung der Apinajé-Region durch weisse Eindringlinge systematischen Charakter an und läutete eine konfliktreiche Geschichte der Landbesetzung in diesem Gebiet ein. Die Konsequenzen waren verheerend: Im gleichen Mass wie die weisse Bevölkerung wuchs, verringerte sich die der Indianer drastisch. Im Jahr 1897 schätzte Coudreau die Apinajé-Restbevölkerung auf 400 Individuen, und zur Jahrhundertwende besucht Buscalioni, auf seiner Expedition durch Goiás, auch die Apinajé im Dorf São Vicente und schätzt sie auf noch 150 Individuen! Die Apinajé, bis dato die bedeutendste Bevölkerungsgruppe der Region mit dem Namen “Triângulo do Tocantins”, wechseln ins nächste, 20. Jahrhundert über als eine unbedeutende Minorität gegenüber den Besitzern ihres angestammten Landes.
In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Region des “Triângulo do Tocantins” von einer Front überschwemmt, welche die Frucht der Babaçu-Palme für industrielle Zwecke sammelte und sich mit der Viehzucht als bedeutendste wirtschaftliche Aktivitäten vereinte. In dieser Region allerdings, im Gegenteil zu den Geschehnissen in den Latex- und Paranuss-Sammelgebieten weiter nördlich, hat nie eine bestimmte wirtschaftliche Aktivität alle anderen verdrängt! Die Viehzucht verlor zwar etwas an Bedeutung als die nordöstliche Front den Rio Tocantins überquerte, aber daran Schuld waren die Transportschwierigkeiten des Viehs auf die Verbrauchermärkte des Nordostens.
Die Babaçu-Frucht, von geringerem Preis und unabhängig von Schwankungen des internationalen Markts – wie etwa der Gummi oder die Paranuss – hat auch zu keiner Zeit die gesamte Bevölkerung des Distrikts envolviert. Und so gelang es auch der Bevölkerung des Apinajé-Territoriums, auf relativ konstante Art und Weise sich durch das 20. Jahrhundert zu lavieren – ohne brüske wirtschaftliche oder gesellschaftliche Veränderungen. Und dies war von höchster Bedeutung für ihr Überleben.
Zwischen 1928 und 1937 besuchte Curt Nimuendajú die Apinajé verschiedene Male und präsentierte einen sehr pessimistischen Bericht über die Situation hinsichtlich ihrer Grundrechte auf ihrem Land:
“ . . . von ihrem angestammten Land ist kaum noch ein Stück im Besitz ihres Stammes, denn die neo-brasilianischen Siedler haben sich inzwischen über ihr gesamtes ererbtes Land verteilt. Noch vor zwanzig Jahren hat kein Apinajé geahnt, dass dies irgend eine Gefahr für seine Zukunft bedeuten könnte. Im Gegenteil, sie haben gutwillig, und wegen ihres scheinbaren Wertes für sie, die freundschaft der Eindringlinge angenommen und erwidert – als sie ihre Augen öffneten, war es bereits zu spät . . . ihr gesamtes Territorium hat jetzt fremde Besitzer, und das Bisschen, was ihnen geblieben ist, läuft Gefahr, eines Tages von einem reichen und skrupellosen Fazendeiro an sich gerissen zu werden”
(Zitat Nimuendajú Ende).
Die Möglichkeit eines gewissen Zusammenlebens der Apinajé und den regionalen Siedlern war gegeben durch die Art der Besetzung des Landes durch die letzteren: eine weit auseinander gezogene Bevölkerung, welche von der Landwirtschaft zum Eigenbedarf lebte, Kleinviehzucht betrieb und Babaçu-Nüsse sammelte. Diese Bevölkerung unterhielt persönliche Beziehungen mit den Apinajé, wie zum Beispiel die einer “Gevatternschaft” – sehr verbreitet in den landwirtschaftlichen Gebieten des Landes. Eine solche Art von Beziehung war zum Beispiel in den Gebieten der Latex-Gewinnung in Amazonien niemals möglich, denn die Organisation hinsichtlich der Arbeitsverteilung in diesen Camps verbot jedwede individuellen Kontakte mit den Indianern.
Dies war sozusagen die Art und Weise der Besetzung des Apinajé-Territoriums durch die Nicht-Indianer bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts, ausgenommen die Ostgrenze (Territorium der Untergruppe “Krindjobrêire” – jetzt Distrikt von Nazaré). Der von Viehzüchtern besetzt war. Bis 1940 hat man auch konstante Epidemien registriert (Masern, Fieber, Pocken), welche einen grossen Teil der Apinajé-Bevölkerung dezimierten.
Um 1944 herum installiert sich der SPI (Serviço de Proteção aos Índios – staatliche Indianerschutz-Organisation) Im Dorf São José einen Hilfsposten, um die Konflikte zu beheben. Ohne Zweifel hat die Gründung dieses Postens dazu beigetragen, den demografischen Rückgang der Indianer zu stoppen, der bereits 1930 zu beobachten war. Obwohl es nicht gelang, neue Invasionen aufzuhalten und auch nicht, gerichtliche Schritte zu erwirken, hat der SPI die Praxis der “vorübergehenden Zurverfügungstellung” erwirkt, eine Art “Landvermietung”, um den Besetzern zu demonstrieren, dass sie sich auf dem Besitz der Indianer befanden (das Mietgeld dafür steckten die SPI-Leute allerdings in die eigene Tasche, wie man später herausfand und die Institution aus diesem und anderen Gründen auflöste). Deshalb hörten die Mietforderungen Ende der 50er Jahre auf und viele der alten Landbesetzer “verkauften” eilig ihre besetzten Grundstücke.
Mit der Eröffnung des SPI-Postens wurden die Apinajé von den Beamten dazu angehalten, sich im Sammeln von Babaçu-Nüssen zu engagieren. Anfang der 70er Jahre, schon mit der FUNAI (Nachfolgeorganisation des SPI) in diesem Gebiet, wurden die Apinajé sogar unter Druck gesetzt, Babaçu-Nüsse für die industrielle Weiterverarbeitung zu sammeln. Die FUNAI ersetzte den Posten des SPI lediglich durch einen anderen, als “Wirtschaftsunternehmen” geführten: das sich als Vermittlungsinstanz für die Kommerzialisierung der von den Apinajé gesammelten Nüsse aufspielte.
1976 notierte der Anthropologe Roberto da Matta, dass die Apinajé das Sammeln von Babacu-Nüssen als “ein notwendiges Übel“ betrachteten: das Sammeln und Aufbrechen der Nüsse war für sie eine ausdrücklich negative Arbeit im Vergleich zu den traditionellen Tätigkeiten, wie die Jagd, der Fischfang und ihre Feldarbeit. Erstens, weil es eine Sammeltätigkeit war – zweitens, eine Tätigkeit mit dem Ziel des Verkaufs – was nicht zu dieselben gesellschaftlichen Beziehungen mit sich bringt, wie Jagd oder Feldarbeit!
Die Einkünfte aus dem Vertrag mit der CVRD/FUNAI (ab 1982) festigten diese Vorgehensweise der FUNAI: im Dorf Mariazinha wurden die Indianer gezwungen, ihre Produktion exklusiv dem Posten zu verkaufen, ohne die Möglichkeit einer Alternative mit einem anderen, besser zahlenden Aufkäufer. Dafür erhielten sie von der FUNAI die Mittel zum Anlegen grosser Reisfelder, unter dem Mäntelchen “Projekte zur Gesellschaftlichen Entwicklung“ mussten die Indianer jenes Dorfes nun entweder auf dem “Feld des Projekts“ arbeiten, oder Nüsse sammeln und aufbrechen – beide Aktivitäten von der FUNAI kontrolliert. Jagd oder Fischfang wurde ihnen nur an Sonntagen erlaubt – die Indianer hatten keine eigenen Felder mehr und mussten, darüber hinaus, noch die Babaçu-Palmen auf ihrem eigenen Land gegen die Landbesetzer verteidigen.
Doch die Reaktion der Indianer liess nicht auf sich warten: das Dorf Mariazinha begann sich ab 1990 immer mehr zu leeren – schliesslich war die Mehrheit der bis dato dort ansässigen Apinajé-Familien abgewandert, um sich in anderen Gebieten des IT Apinajé niederzulassen. Und dort begannen sie ihr traditionelles Leben wieder aufzunehmen, lebten wieder von der Bestellung ihrer Felder und von der Jagd und dem Sammeln nativer Waldfrüchte – so wie in anderen Dörfern auch.
Im Norden, im Dorf Cocalinho, zwischen 1990 und 1994, zwang die fehlende Gegenwart der FUNAI die dort lebenden Indianer-Familien dazu, Holzspekulanten wertvolle Edelholzbäume aus ihrem Territorium zu verkaufen, um mit dem erhaltenen Geld über die Runden zu kommen. Nach 1995, nachdem die FUNAI die letzten Eindringlinge aus diesem Gebiet des Reservats entfernt hatte, ist diese Art von “Veräusserung ihrer Naturalien” unter den Indianern nie mehr vorgekommen.
Zwar hat der Prozess der Besetzung des Apinajé-Territoriums schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts begonnen und hat Anfang des 20. Jahrhunderts zugenommen, aber zweifellos wurde er mit der Implantierung grosser Entwicklungsprojekte in der Nordregion des Bundesstaates Goiás noch verstärkt – besonders nach dem Bau der Überlandstrassen “Belém-Brasília” und “Transamazônica”, die das Territorium der Apinajé durchqueren. Entlang der letzteren existierten (1985) – bis direkt an die demarkierte Apinajé-Grenze – kleine Ansiedlungen von Landbesetzern, wo vorher die Camps der Strassenarbeiter gestanden hatten. Diese Ansiedlungen, die vom Verkauf von Mahlzeiten, Kaffee und Alkohol an die Benutzer der Strasse lebten, brachten den Indianern unzählige Probleme, indem sie als Prostibül und Überträger von Krankheiten funktionierten – und um sich herum im Lauf von nur zehn Jahren das Land verwüsteten, während die Apinajé es im Verlauf von einhundert Jahren ihrer eigenen Besetzung vollkommen intakt gehalten hatten!
Zwischen 1975 und 1982 werden von der FUNAI verschiedene Landvermessungs-Gesellschaften mit der Demarkation des Apinajé-Territoriums beauftragt – doch erst 1979 wird offiziell der Prozess der Demarkation eingeleitet – der aber wieder gestoppt werden musste, weil die Indianer mit der Festlegung der Grenzen nicht einverstanden waren, die ihnen von der Regierung mir nichts, dir nichts, vorgeschrieben wurden. Es ging ihnen dabei darum, dass die Regierung ihnen das Gebiet mit den Bächen Gameleira und Mumbuca einfach abzwacken wollte!
Im Februar 1985 war dann ein Teil der Ländereien der Apinajé von der brasilianischen Regierung anerkannt – nachdem sie vorher den Verkehr auf der Transamazonica unterbrochen und auf eigene Faust, unterstützt von den Kriegern der Krahô, Xerente, Xavante und einigen Kayapó, die Demarkation ihres Gebiets eingeleitet hatten. Mit diesem Grenz- und Demarkationstumult des Apinajé-Territoriums wurde der MIRAD (damals noch verantwortliches Regierungsorgan für Indianer-Territorien) gezwungen, ein Gebiet von 142.000 Hektar zu dekretieren – und damit den Vorschlag der FUNAI annullieren und Besetzer von wichtigen Gebieten um die Wasserläufe Gameleira, Mumbuca und Cruz zu vertreiben.
Zur Zeit des Kampfes um die Demarkation war dieses Gebiet von 641 Invasionen besetzt – einer Gesamtzahl von 5.000 Personen! Diese illegalen Landbesetzer wurden für ihre Installationen entschädigt und angehalten, das von ihnen besetzte Land 12 Jahre später zu verlassen, im April 1997, mit Entschädigungen aus dem Vertrag CVRD/FUNAI!!! Nur jene Familien wurden nicht entschädigt, die an der Nordgrenze lebten – am Rio Pecobo, wo die FUNAI noch keine Aufstellung des besetzten Grund und Bodens hatte machen lassen, die zur Berechnung der Entschädigung notwendig ist.
Nach der Demarkation, noch im Jahr 1985, schickte die FUNAI zwei GTs (Grupo Técnico) zur Neudefinierung der Grenzen des IT Apinajé – ohne jedoch den Prozess weiter zu verfolgen. Erst am 27. April 1994 unterzeichnete die FUNAI das Schriftstück No. 0429/94, mit dem sie die Technische Einheit zur Revision des Gebiets des IT Apinajé offiziell einsetzt. Diese ernannte GT erfasste einen Teil des von den Apinajé reklamierten Gebiets in ihrer Aufstellung, aber der Prozess muss nun auf die Aufstellung des von den Landbesetzern bestrittenen Bodens in diesen Gebieten warten – und vorher kann der Justizminister auch keine Entscheidung fällen.
Wie die anderen Jê-Gesellschaften, welche Zentralbrasilien bevölkern, haben auch die Apinajé eine anspruchsvolle gesellschaftliche Organisation, die sich zur einen Hälfte aus zeremoniellen und zur andern aus rituellen Gruppen zusammensetzt – und ihre Dörfer sind relativ stark bevölkert. Sie sind hauptsächlich Jäger und Sammler und praktizieren – in der Vergangenheit mehr als heutzutage – lediglich eine Bebauung des Bodens, die sich auf Knollenfrüchte konzentriert.
Die Anpassung dieser Gesellschaft an die Cerrado-Umgebung erreichte eine solche Perfektion, dass die ersten europäischen Wissenschaftler, von denen sie besucht wurden, beeindruckt waren und sich fragten, wie es möglich sei, dass diese Indianer auf einer so armen materiellen Basis (das heisst: ohne Keramik, ohne entwickelte Landwirtschaft und ohne Textilverarbeitung) in sich geschlossene, demografisch bedeutende und auch noch expansive Gesellschaften bilden konnten. In der Tat, vor dem sie dezimierenden Kontakt mit den Europäern – der gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann – besassen diese Gesellschaften runde oder halbrunde Dörfer mit 2.000 und 3.000 Individuen!
Die Region des Cerrado, mit seinem weiten Horizont, der ihnen eine leichte Fortbewegung gestattet (alle Jê-Stämme sind Geher und Läufer) sowie die Möglichkeit, dass sie simultan die unterschiedliche vegetative Beschaffenheit, die den Cerrado ausmacht (Galeriewald, Buschsteppe und Savannen), nutzen konnten, hat in ihnen die Basis zu der so genannten “Cerrado-Kultur” gelegt.
Bis in die vierziger Jahre hinein hielten die Apinajé rigoros ihr rituelles System in Funktion – und mit ihm ihre gesamte gesellschaftliche und kulturelle Struktur, welche sie den anderen Timbira-Gruppen einerseits näher brachte und andererseits auch von ihnen entfernte. Die Fotos, welche Curt Nimuendajú unter diesen Indianern in den dreissiger Jahren machte, sind überwältigend: Die Männer noch nackt, Stafettenlauf-Klötze im ganzen Dorf verteilt (bezeichnend für die Intensität des rituellen Lebens), alle Jünglinge noch strikt bemalt und mit Federn geschmückt, begleitet von den “beigegebenen Jungfrauen” während der Szenen der rituellen Initiation.
Die drastische Entvölkerung, welche sie erleiden mussten, zusammen mit ihrem auferlegten Engagement durch den SPI und später durch die FUNAI für die produktiven Aktivitäten der Ernte und der Bearbeitung der Babaçu, haben in ihren traditionellen Rhythmus verhängnisvoll eingegriffen, sie haben vor allem ihren rituellen Kalender als Orientierung ihrer eigenen wirtschaftlichen Aktivitäten ein für alle Mal verloren. Gegenwärtig – nach der Demarkation ihres Gebiets und einer intensiveren Widerannäherung an andere Timbira-Stämme, welche durch ihre Mitgliedschaft in der “Associação Vyty–Cati” möglich wurde – haben die Apinajé mit grösserem Interesse angefangen, einige ihrer Rituale in ihrem Dorfalltag wieder aufleben zu lassen.
Um zu verstehen, was die Timbira im allgemeinen, und die Apinajé im besonderen, unter einem “Territorium” verstehen, muss man wissen, dass ein Timbira-Dorf jeweils von einer autonomen lokalen Gemeinschaft bewohnt wird, das bedeutet: von einer Gruppe, die als politische Einheit agiert und sich als solche auch gegenüber anderen Dörfern behauptet. Diese Autonomie entsteht aus einem Trennungsprozess, indem einige Familien sich vom Mutter-Dorf lösen – aus unterschiedlichen Gründen (in der Regel wegen Verleumdungen oder Anklagen der Hexerei). Aber deren Autonomie ist erst wieder hergestellt, wenn die neue Gruppe sich in der Lage befindet, ohne Hilfe anderer Dörfer, die wichtigsten Rituale des Jahreszyklus selbst zu veranstalten. Die Einheit einer lokalen Gruppe manifestiert sich, darüber hinaus, auch in ihrer Führung (der “Pa´hi” besitzt das Mandat der Hausbewohnergruppen, um autonom über die Interessen des Dorfes zu entscheiden) und in ihrer exklusiven Nutzung eines Teils des Territoriums zur Jagd und zum Sammeln (wenn ein neues Dorf gegründet wird, muss sein Standort in der Regel mit den zurück gebliebenen Mitgliedern des alten Dorfes vereinbart werden, um deren Jagdterritorien nicht zu beeinträchtigen – Grund für ständige Konflikte zwischen den Dörfern). So hat jedes Dorf seinen Führer und Chef (pa’hi) und besitzt seine Entscheidungsfreiheit. Es gibt keine den Dörfern übergeordnete Macht – eine, die vielleicht die Interessen aller Dörfer vertreten würde – wie vielleicht ein Häuptlingsrat oder ähnliches.
Die alltäglichen Aktivitäten in den Dörfern richten sich nach einem rituellen Kalender und nach den Aktivitäten des “Patios”, dem Zentrum der kreisförmigen Dörfer, einem Dorfplatz, auf dem sich die politische Szene entfaltet, eine Domäne der Männer. An jedem Morgen und am späten Nachmittag versammeln sich hier die Männer mit den “Governadores” zur Diskussion oder zur Bewertung der täglichen Aktivitäten (wer aufs Feld zu gehen hat, wer zur Jagd etc.) oder sie besprechen die notwendigen Aktivitäten für einen Abschluss oder einer Fortsetzung eines aktuellen Rituals. Die “Governadores” (temporäre Riegenführer – stets zwei junge Männer) werden von den Älteren gewählt und gehören notwendigerweise zur saisonbedingten Hälfte des Dorfes, die jeweils herrscht: im Sommer (Trockenperiode) werden sie aus der Hälfte der “Wacmejê” gewählt – im Winter (Regenzeit) aus der Hälfte der “Catãmjê”.
Die Dynamik und das verantwortliche Netz für ihre Gesellschaftsstruktur wird von zwei miteinander verknüpften Tauschsystemen bestimmt: dem Tausch der Namen und dem der Ehepartner – Systeme, welche die Beziehungen zwischen den Hausbewohnern und Hausbewohnergruppen untereinander gründen und bestimmen – in jedem Dorf der Timbira-Völker.
Von den Apinajé, wie auch von der Mehrheit der anderen brasilianischen Indianer, werden die Elemente der “Natur” (vor allem auch die Tiere) nicht als einzig oder isoliert angesehen, sondern als Teile einer Kette von Beziehungen begriffen, die alle auf einmal involviert – die menschlichen und die nicht menschlichen Wesen, sowie alle untereinander. In diesem Sinn bedeutet jagen eine Interaktion von symbolischen Kräften der Natur, denn jedes Wild besitzt eine persönliche Subjektivität (einen “Geist”, der den “Charakter” einer bestimmten Tierart definiert) welche die Beziehung Jäger und Beute zu einer Relation zwischen zwei Subjekten macht.
Die Mythologie hebt auch die “Menschlichkeit” der Tiere hervor, in der “die Tiere früher mal sprechen konnten”, wie die Indianer erzählen. Die Tiere werden als ex-menschlich gesehen – die indianische Auffassung unterscheidet sich in diesem Punkt radikal von der Kosmologie der so genannten occidentalen Gesellschaft, für die eine “Gemeinsamkeit” zwischen Mensch und Tier in der beidseitigen “Animalität” besteht (wir sind rationelle Tiere).
Nach der Auffassung der Timbira erfährt der Geist (carõ) der verstorbenen Menschen eine Reihe von Metamorphosen, bei denen er sich der Körper von Tieren und Pflanzen als Hülle bedient – in einer regressiven Skala (von den höheren Säugetieren zu den Insekten, und der kultivierten Pflanzen bis zum faulen Holz – um sich schliesslich in Stein zu verwandeln und seine Kommunikation mit den Menschen endgültig einzustellen). Diese Auffassung der Timbira, welche uns eine ineinander verschachtelte Hierarchie der natürlichen Ordnung enthüllt, geht auch von der Annahme aus, dass eine verstorbene Person in ihrem Stadium der Metamorphose, sozusagen unter der Haut eines Wesens der Natur, mit den Menschen in Kontakt treten kann – einem Kontakt, der immer gefährlich ist (kann Krankheit oder sogar Tod bringen), was den kontaktierten Menschen (im Fall, dass er die “angebotenen Bedingungen” des Toten akzeptiert) in die Lage versetzt, Schamane (Wajaka) werden zu können – indem er durch seinen Kontakt de Macht erlangt, eine kontinuierliche Verbindung mit “der anderen Seite” halten zu können und die Kraft der Heilung verliehen bekommt.
Ausserdem ist die natürliche Welt auch von so genannten “Geist-Wächtern” der verschiedenen Spezies bevölkert – das sind namenlose Wesen (der “ijãxycatê” zum Beispiel, der “Herr des Hirsches”) welche sich unter der Hülle einer individuellen Spezies verbergen, aber durch ihre typischen Eigenschaften (Grösse, Kraft, Schlauheit etc.) identifiziert werden können. Die “Geist-Wächter” kommunizieren mit den Menschen in ihren Träumen oder während eines Grenzstadiums (Krankheit, “Resguardo”) dem sie Nachrichten über den Zustand ihrer “Herde” übermitteln. Zum Beispiel gibt es viele Geschichten über gewisse Jäger, die krank wurden, weil sie immer wieder eine bestimmte Art von Wild töteten. Dann erscheint ihnen der “ikraricatê” (Geist-Wächter) und macht ihnen zur Auflage, das sie fortan jenes bestimmte Wild nicht mehr töten und auch nicht mehr von seinem Fleisch essen dürfen, wenn sie wieder gesund werden und bleiben wollen ! Auf diese Weise reguliert der “Geist-Wächter” die Anzahl der Tierart, die er beschützt und agiert wie ein Umweltschützer, der das Aussterben einer bestimmten Spezies verhindert.
Die Felder zur Selbsterhaltung – die übrigens den Frauen gehören – werden innerhalb von Galeriewäldern gerodet, in ziemlicher Entfernung vom Dorf, stets in der Nähe von kleinen Wasserläufen oder Bächen und auf höher gelegenen Terrains mit einer guten Rundumsicht, vorzugsweise auf einem Plateau (põpej), auf dem die Cerrado-Vegetation vorherrscht. Den Männern kommt die Aufgabe der Rodung zu – das Entfernen von Bäumen und Büschen, und die Pflanzung von Reis – die Frauen säen dagegen den Mais, die Maniok und alle übrigen Pflanzenarten (Inhame-Wurzeln, Bohnen, Süsskartoffeln, Kürbisse, Melonen, Erdnüsse, Bananen und Papayas). Die ausgesuchten Böden sind in diesen Wäldern von Lehm durchsetzt und recht nährstoffreich. Eine durchschnittliche Fläche für eine Hausbewohner-Gruppe liegt bei 1,5 Hektar (oder 0,5 Hektar pro Kernfamilie).
Die Felder der Apinajé unterscheiden sich kaum von jenen anderer Indianer Südamerikas – aber doch gewaltig von denen ihrer regionalen (weissen) Nachbarn. Während letztere Reis und Maniok den Vorzug geben, die sie getrennt voneinander anbauen, herrscht auf den Feldern der Indianer ein scheinbares Durcheinander, sie präsentieren eine “Vereinigung der Spezies”: Reis, Mais und Maniok werden zuerst angepflanzt – in kleinen zeitlichen Abständen (November/Dezember) und miteinander vermischt in den Boden eingesetzt, entlang der gesamten Ausdehnung des Ackers. Danach werden auf reservierten Abschnitten die Inhame-Wurzeln und Süsskartoffeln gesteckt (Januar) – nach der Ernte des grünen Mais (März) pflanzt man die Bohnen, deren Ranken die abgeernteten, trockenen Maisstängel zum Klettern benutzen. Und zwischen den Lücken des teilweise abgeernteten Feldes werden dann die Kürbisse gepflanzt, und zum Schluss Papayas und Bananen auf die Restfläche verteilt. Die Nutzungsdauer eines Feldes wird von dem Zyklus der Maniok bestimmt (9 bis 10 Monate) und dem der Banane.
Die Apinajé erhielten als Vergütung aus dem Vertrag mit der CVRD-FUNAI von 1982 bis 1985 aufwendige Maschinen und landwirtschaftliche Einrichtungen. Die Felder “der FUNAI”, welche die Indianer mit diesen Maschinen bearbeiteten, dienten dazu – in der Vergangenheit mehr als heute – einen Überschuss (in erster Linie Reis) für die Staatsbeamten zu erarbeiten. Die Indianer erhielten eventuell einen Teil dieses “Überschusses”. Heute bearbeitet man nur noch im Dorf São José die Felder mit Maschinen, aber ihre Produktion – nachdem die Kosten für das Saatgut abgezogen wurden – wird unter die Familien des Dorfes verteilt.
Fleisch ist unerlässlich für Feste, und heutzutage behelfen sich viele Dorfgemeinschaften mit Rindfleisch – anstelle von Wild – um die grossen und bedeutenden Rituale durchführen zu können. Die Jagd reizt die neuen Generationen nicht mehr so wie noch ihre Väter, besonders in Gebieten, wo diese Tätigkeit eine grössere Anstrengung erfordert wegen der Seltenheit jagdbarer Tiere. Also ersetzt man die Jagd durch die Haltung von kleineren Haustieren, wie Schweinen oder Hühnern, was zu stetigen Konflikten zwischen den einzelnen Familien führt, denn die Tiere werden frei auf dem Terrain des Dorfes gehalten, und nicht selten schlachtet « jemand » ein Tier eines andern Besitzers.
Die derzeitigen Dörfer der Apinajé liegen an der südlichen und nordwestlichen Grenze des IT und sind abhängig vom PIN São José (Patizal, Cocalinho und São José selbst) – wo sie noch über ein relativ gutes Angebot von jagdbaren Tieren verfügen, obwohl sie dort auch in illegalen Jägern eine gewisse Konkurrenz haben.
Generell unternehmen sie eine Jagd mit Gewehren, selten mit Pfeil und Bogen. Kollektive Jagdzüge (heutzutage mit Hunden und nicht mehr mit Hilfe von gelegten Waldbränden) werden innerhalb der Trockenperiode durchgeführt, die auch die beste Zeit zur Veranstaltung grosser Rituale darstellt. Die angewendete Strategie einer individuellen Jagd richtet sich nach der jeweiligen Jahreszeit: im Sommer (Trockenperiode) gibt man dem “Ansitz” den Vorzug (den die Indianer der regionalen weissen Bevölkerung abgeguckt haben) – im Winter (Regenzeit), wenn man die Fährten des Wildes besser erkennen kann, bevorzugt man die Verfolgung.
Alle Völker der Timbira bevorzugen folgende Tiere als Jagdbeute – in der Reihenfolge ihrer gastronomischen Bedeutung: Hirsche (vom Typ “catingueiro – mateiro und campeiro”), Tapire, Gürteltiere (vom Typ “peba – china – verdadeiro” und “rabo-de-couro”, der Typ “canastra” ist verschwunden), Erdferkel, Cutias, Ameisenbären (der kleine Typ, denn der Grosse Ameisenbär wird immer seltener), Nasenbären, Affen, Stachelschweine und Hasen. Wildschweine (vom Typ “queixada” und “ caitetu”), früher im Gebiet der Apinajé recht häufig, sind praktisch verschwunden. Unter den Timbira essen nur die Apinajé auch Faultiere, Leguane und Anacondas.
Wie alle Jäger und Sammler empfinden die Apinajé eine wahre Leidenschaft für die Jagd: sie träumen vom Wild und von Jagdzügen, und man erzählt den Jüngeren im Patio am Abend von den Abenteuern eines jeden Jägers – dies ist auch der Moment, in dem man Erfahrungen und Informationen austauscht über das Wild, die besten Jagdtechniken für bestimmte Tiere.
Auch Fisch gehört zu den bevorzugten Speisen der Apinajé, und Fisch ist inzwischen auch ein bedeutender Ersatz für Wild geworden – auch für Personen, die sich im Stadium des “resguardo” befinden (einer Zeit rigoroser Diät, abhängig von bestimmten familiären Situation). Wegen dem Fehlen von jagdbarem Wild, fischen die Bewohner der Dörfer an der Nordostgrenze des IT fast täglich. Neben dem Angeln mit Schnur und Haken praktizieren sie die “tinguizada”, ein kollektiver Fischzug während der Trockenperiode, der in kleineren Flussläufen stattfindet, und zu dem man sich des “tingui” bedient – einer toxischen Pflanze, welche den Sauerstoffgehalt des Wassers verringert und die Fischen “besoffen” macht.
Die Sammelaktivitäten der Apinajé erstrecken sich vorwiegend auf Früchte, Heilkräuter und Fasermaterial zur Konstruktion und Konfektion von Haushaltsutensilien.
Zusammenfassend kann man sagen, das die Demarkation eines Teils ihres traditionellen Territoriums dazu beigetragen hat, die wirtschaftliche Abhängigkeit der Apinajé von der sie umgebenden nationalen Gesellschaft zu verringern, und ihnen die fast totale Nutzung dieses Gebiets in ihrem traditionellen Rahmen zurück gegeben hat. Und sie konnten sich auch von jener ihnen unangenehmen Tätigkeit des Babaçu-Sammelns und Bearbeitens befreien, damals dem einzigen Mittel um Geld für die Anschaffung von Industriegütern zu erhalten.
Heute unterhalten die Apinajé mit dem regionalen Markt eine eher gelegentliche Verbindung. Damals, auf dem Höhepunkt des Babaçu-Sammelzyklus war ihr Beitrag bedeutend – der von den Apinajé erbrachte Marktanteil betrug zwischen USD 30-40.000 pro Monat! Gegenwärtig haben die Apinajé lediglich beim Kauf ihrer wenigen industrialisierten Waren auf dem Markt in Tocantinópolis Kontakt – das Geld dazu stammt aus den Renten der Alten, die sie vom INSS (staatliche Rentenfürsorge) beziehen, aus Löhnen indianischer Krankenhelfer, die von der FUNASA bezahlt werden, der Entlohnung von indianischen Schullehrern, die vom Staat ihr Geld erhalten, oder auch aus der Arbeit von Jugendlichen, die sich bei “Fazendas” der Region als Hilfskräfte verdingen. Die Babaçu-Nuss dagegen, die in der Vergangenheit eine so wichtige Rolle zur Beschaffung von Industriegütern spielte, hat ihre Bedeutung verloren.
Die beiden Kontaktposten, welche von der FUNAI in diesem Gebiet unterhalten werden – Apinajé und São José – unterliegen der regionalen Gerichtsbarkeit vom ADR n Aragaína (Tocantins). Der PIN São José kümmert sich um das Dorf mit demselben Namen (dem grössten Apinajé-Dorf und Sitz des PIN, mit einer Bevölkerung von 591 Personen), neben den Dörfern “Patizal” (38 Bewohner), “Buriti Comprido” (43 Bewohner) und “Cocalinho” (60 Bewohner). Diese Dörfer befinden sich im Osten des Indianerterritoriums (IT). Ein Chef des FUNAI-Postens koordiniert die Assistenz-Aufgaben in diesen drei Dörfern. Der PIN Apinajé kümmert sich um die Dörfer “Mariazinha” (Sitz, mit einer Bewohnerzahl von 192 Personen), “Riachinho” (126 Bewohner), “Bonito” (111 Bewohner) und “Botica” (101 Bewohner) – alle im Westen des IT gelegen.
Trotz dem kontinuierlichen Druck auf das Apinajé-Territorium wurde erst im Jahr 1993 der “Posto Indígena de Vigilância Veredão gegründet, an seiner Nordgrenze am Rand der Strasse BR-230, an der Stelle, wo die Strasse das Indianergebiet kreuzt – um durchfahrende Fahrzeuge zu kontrollieren und zu verhindern, dass sich illegale Landbesetzer hier niederlassen. Diesem Posten fällt ausserdem die Aufgabe zu, jedwede ausbeuterischen Praktiken zu vereiteln, wie das Fällen von Bäumen, die Jagd oder den Fischfang in diesem Reservat. Der Posten ist von einem Chef und seinem Fahrer besetzt.
Gegenwärtig gibt es im Apinajé-Gebiet acht Schulen – eine für jedes Dorf, mit einer Gesamtschülerzahl von ungefähr 500. Die Situation der Lehrer und der Schule ist von Dorf zu Dorf unterschiedlich. Im Dorf São José, dem traditionsreichsten mit den meisten Einwohnern, gibt es vier Lehrer, zwei sind selbst Indianer und unter Vertrag der Seduc (Secretaria Estadual de Educação), eine Lehreri kommt von der FUNAI und eine andere ist Missionarin der Gruppe “Novas Tribos”. In den anderen kleineren Dörfern gibt es nur indianische Lehrer, einige mit Verträgen der lokalen Distriktsorgane, andere mit staatlichen. Es gibt noch eine andere Lehrerin von der FUNAI im Dorf “Mariazinha”.
Die Apinajé gründeten 1998 die “Associação Krinduré”, aber die hat weder ein Mandat noch die Autorität um für die verschiedenen Dorfgemeinschaften Entscheidungen treffen zu können, und das liegt an der traditionellen politischen Autonomie die jedes Dorf für sich beansprucht. Aus dieser gesellschaftlichen Dynamik heraus ist es zu verstehen, dass zum Beispiel eine Dorfgemeinschaft sich für die Asphaltierung der BR-230 ausgesprochen hat, während eine andere radikal dagegen war. Diese Widersprüchlichkeit, welche aus der Autonomie der einzelnen Dörfer entsteht, haben sich die offiziellen Regierungsorgane mehr als einmal zunutzen gemacht, indem sie den Zuspruch der einen Dorfgemeinschaft als “offiziell” bestätigten und die Ablehnung der andern einfach ignorierten!
Ausser unwiderruflichen Umweltschäden haben die Engagements der Regierung in diesem Gebiet auch noch eine wachsende Wertsteigerung des Bodens in dieser Region zu verantworten. Der Modernisierung der Landwirtschaft ist die Produktion der Kleinbauern zum Opfer gefallen (Maniok, Bohnen, Mais), um ein Exportprodukt in grossem Stil zu fördern – die Soja. Ohne irgend ein Einkommen zur Erziehung der Kinder, für Kleidung und Medikamente etc., verkaufen die Kleinbauern notgedrungen ihr Eigentum an Spekulanten oder reichere Nachbarn.
Was die Indianer-Bevölkerung betrifft, so ist das einzig Positive dieser Politik in der Regel eine gewisse Aufmerksamkeit und entsprechender Druck von Seiten der Regierungs-Organe, welche direkt mit der Landerschliessung zutun haben (wie zum Beispiel die ELETRONORTE und die CVRD), auf die FUNAI, um den Prozess der Landvermessung des Indianer-Territoriums (IT) voranzutreiben – da sie wiederum unter dem Druck der multilateralen Banken stehen, welche die Regierungsprojekte finanzieren und ihrerseits empfindlich sind gegen den Druck der Umweltschutz- und Menschenrechts-Organisationen (GNO).
In dieser Szene geht die grösste Gefahr für die Apinajé vom allgemeinen Druck auf ihre Ländereien aus, welcher sich mit einer blutigen Auseinandersetzung früher oder später entladen könnte – wenn es zum Beispiel Landbesetzern einfallen sollte, aus ihren bereits überfüllten Gegenden ins Indianergebiet vorzurücken, oder durch Fazendeiros oder die konstanten Sägewerks-Agenten, die auf der Jagd nach einem in dieser Region immer rarer werdenden Rohstoff sind.
Wie auch immer, die Tatsache, die BR-230 als Grenze ihres Gebiets zu haben, bedeutet für die Apinajé der Dörfer Sao José und Cocalinho eine kontinuierliche Bedrohung ihres Territoriums und ihrer Integrität als Volk, denn durch diese Strasse ist eine Kontrolle von Invasionen von illegalen Landbesetzern, Jägern, Holzfällern und Sammlern schwierig – ausserdem bedeuten die so genannten “Bolichos” eine ständige Bedrohung, kleine Verkaufsstände für Alkohol und Zentren der Prostitution!
Und darüber hinaus gibt es noch die folgenden, ihren Lebensraum bedrohenden Projekte in der Region:
Das Wasserkraftwerk “Serra Quebrada”: wird direkt das IT Apinajé am linken Ufer des Rio Tocantins beschneiden – zwischen den Distrikten Tocantinópolis (Tocantins) und Porto Franco (Maranhão) und Maurilândia (Tocantins) 30 km flussaufwärts. Bei Estreito (Maranhão) werden immense Babaçu-Palmenareale vom Stausee überschwemmt werden, ausserdem für die Indianer lebenswichtige Ländereien mit fruchtbaren Böden für ihren Ackerbau.
Die Wasserstrasse Araguaia-Tocantins: Das IT Apinajé liegt zirka 30 km vom Städtchen Estreito (Maranhão) entfernt, wo man das Terminal für die geplante Wasserstrasse einrichten will. In derselben Stadt beginnt auch die Strasse TO-126, welche Estreito mit Tocantinópolis und der Transamazônica (BR-230) verbindet.
Die Eisenbahnlinie Norte-Sul: Das IT Apinajé liegt im Einzugsbereich dieses projektierten Schienenweges und seine Auswirkungen werden von der VALEC bereits studiert.
Das Projekt “Ferro-Carajás”: Während der Erstellungsphase der “Estrada de Ferro Carajás” (Eisenbahnlinie), welche die Minen der Serra dos Carajás mit dem Hafen Itaqui in São Luis (Maranhão) verbindet, wurde das IT Apinajé in den Einflussbereich des Projekts einbegriffen und erhielt Vergütungen aus diesem Vertrag von der CVRD/FUNAI (1982-1986).
(Centro de Trabalho Indigenista, Oktober 2003)
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther