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Wer am 4. Dezember, dem Barbaratag, einen Kirschzweig vom Baum schneidet und in die warme Stube stellt, darf sich an Weihnachten über einen schönen Blütenschmuck freuen. Der Brauch geht auf die Legende der Heiligen Barbara zurück und gibt Anlass zu allerlei Orakeln und Glücksverheissungen.
Neuer Fund aus dem Fundus Agri-Cultura Alpina, der Wissensdatenbank zum traditionellen landwirtschaftlichen Wissen im Alpenraum. Geschrieben von Urs Fitze.
In den christlichen Heiligenmythen mangelt es nicht an Grausamkeit. Auch die Sage der Heiligen Barbara ist keine schöne Gutnachtgeschichte. Barbara wurde von ihrem Vater Dioskuros, wenn er abwesend war, in einen Turm gesperrt, damit sie ihre Jungfräulichkeit bewahre. Doch dieser goldene Käfig hinderte Barbara nicht daran, zu lernen, zu korrespondieren und sich für den christlichen Glauben zu interessieren, den sie schliesslich annahm. Doch das geschah zur Zeit der Christenverfolgung des römischen Kaisers Diokletian, um das Jahr 306. Ihr Vater war so empört über ihr Konvertieren, dass er sie persönlich in den Kerker werfen liess. Auf dem Weg dorthin verhedderte sich ein Kirschzweig in Barbaras Kleid. Tief im Verliess entdeckte Barbara den Zweig an ihrem Kleid und tränkte ihn mit dem wenigen Wasser, das man ihr zum Trinken gab. Am Tag ihrer Hinrichtung erblühte der Zweig, obwohl es tiefer Winter war. Barbara deutete die wundersamen Blüten als Hinweis auf das Himmelreich, das sie schon bald erwartete. Ihr Vater soll sie persönlich geköpft haben. Der liebe Gott bestrafte ihn mit einem tödlichen Blitzschlag.
Nach der Legende hatte Barbara vor ihrem gewaltsamen Tod eine Jesuserscheinung. Dieser habe ihr verheissen, kein Christ, der sie angerufen habe, werde ohne die heiligen Sakramente sterben müssen. So wurde Barbara zur Schutzherrin der Sterbenden. Im Laufe der Zeit gesellten sich eine ganze Reihe von gefährlichen und weniger gefährlichen Berufsgattungen dazu, unter anderem Bergleute, Artilleristen, Maurer, Zimmerleute, Glöckner oder Glockengiesser. Das gemeine Volk lieh sich aus der Legende vor allem das schöne Motiv vom erblühenden Kirschzweig. Daraus entwickelte sich der Brauch, am Barbaratag, dem 4. Dezember, Kirschzweige vom Baum zu schneiden und sie in der warmen Stube zu tränken, bis sie hoffentlich am Weihnachtstag erblühten. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern soll auch Glück und Segen bringen. Ähnliche Bräuche waren nicht nur im Christentum verbreitet, sondern etwa auch bei den alten Römern, die zu Neujahr Lorbeerzweige verschenkten, als Symbol der Lebenskraft.
Barbarazweige galten auch als Orakel für Liebe und Ernte. So schloss man aus der Anzahl der aufgegangenen Blüten auf die kommende Ernte. Beim letzten Viehtrieb vor dem Wintereinbruch schnitten Bauern Barbarazweige und schlossen aus deren Erblühen auf die Anzahl Kälber, die im kommenden Jahr zu erwarten waren. Und Verliebte ritzten den Namen des oder der Begehrten in die Rinde und stellten den Zweig ins Wasser. Wenn dieser bis Weihnachten blühte, wurde ihre Liebe erwidert. Und in modernen Zeiten hoffen selbst Lottospieler auf die Hilfe der Schutzpatronin Barbara. Sie stellen so viele Zweige wie Lottozahlen ins Wasser und numerieren diese. Auf die ersten sechs blühenden Zweige bzw. die Zahlen setzen sie im Lotto. Barbarabäume wurden auch als komplette Leitäste verwendet und geschmückt. Daraus soll sich, nachdem das Schneiden von Obstbäumen am Barbaratag zunehmend zu Schäden geführt hatte, der Weihnachtsbaum mit der Tanne oder Fichte entwickelt haben.
Wer, sei es aus reiner Freude an der Natur oder mit dem spirituellen oder abergläubischen Hintergrund einen Barbarazweig zum Blühen bringen möchte, sollte ein paar Punkte beachten:
- Geeignet sind neben Kirschen auch Weichseln, Zwetschgen oder Pflaumen. Auch Forsythien oder manche Zierbäume eignen sich. Äpfel sind weniger geeignet. Auf Triebe mit dicken, rundlichen Knospen achten.
- Den Zweig schräg anschneiden und auf das oft empfohlene Klopfen an der Schnittstelle verzichten. In lauwarmes Wasser stellen.
- Idealerweise hat der Baum schon eine Frostnacht hinter sich, denn erst dann ist er auf Winter eingestellt und bereit, nach einer Erwärmung auszutreiben. Experten empfehlen deshalb, den Zweig für ein paar Stunden ins Tiefkühlfach zu legen, um damit den frostigen Winter zu simulieren.
- Das Wasser regelmässig wechseln.
Mehr zu alten Apfel- und Obstsorten, Gemüse, Tierrassen, Kulturtechniken und Brauchtum auf www.fundus-agricultura.wiki der Online-Datenbank für das traditionelle Wissen im Alpenraum. Dieses oft nur lokal verbreitete und mündlich überlieferte Kulturgut gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Fachkundige Laien sind herzlich zum Mitmachen eingeladen. Anmeldung und Anleitung auf der Website von Fundus Agri-Cultura Alpina.