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Pfarrkirche St. Johannes Baptist
Eine Landkirche der Fürstabtei St. Gallen
Bernhardzell ist im 18. Jahrhundert ein Pfarrdorf im Landhofmeisteramt der «Alten Landschaft», einem der grossen Herrschaftsgebiete der Fürstabtei St. Gallen. Die kleine und abgelegene Ortschaft liegt nordöstlich von St. Gallen über dem tief eingeschnittenen Flusslauf der Sitter. Aus dem Kloster ist sie in zwei Wegstunden erreichbar. Anfang des 19. Jahrhunderts wohnen im Ort und in den 20 Höfen der Umgebung 600 Einwohner. Ort und Pfarrei sind im Mittelalter noch Eigenbesitz des Chorherrenstifts St. Magnus der Stadt St. Gallen. Nach dem Übertritt von Chorherrenstift und Stadt zur Reformation Zwinglis kommt das ebenfalls reformierte Bernhardzell 1532 wieder unter die Klosterherrschaft und wird anschliessend rekatholisiert. Bis 1803, dem Ende der Klosterherrschaft, ist es eine Landpfarrei der Fürstabtei. Seit 1759 ist für die Landpfarreien der Leiter des Offizialats, Pater Iso Walser,[1] zuständig. Das Offizialat ist eine spezifisch der Fürstabtei St. Gallen vorbehaltene, geistliche und richterliche Oberhoheit über alle Pfarreien des fürstäbtischen Territoriums. Es ersetzt seit 1613 die bischöfliche Hoheit, die mit einem Konkordat 1748 vollumfänglich an St. Gallen übergeht.[2] Dieser Institution steht Pater Iso Walser während 26 Jahren vor. Er leitet in seinen Amtsjahren 19 Kirchenneubauten und 21 Kirchenumbauten. Zu den Neubauten zählt auch die Kirche in Bernhardzell.
1775 stimmen die Gemeindemitglieder einem von ihm vorgeschlagenen Neubau anstelle der noch aus vorreformatorischen Zeit stammenden, baufälligen Kirche zu.
Kirchenneubau 1776–1779
Als Baumeister zieht Pater Iso Walser den Vorarlberger Baumeister Johann Ferdinand Beer[3] bei, der für ihn die meisten Neubauten ausführt. Der Akkord mit Beer ist vom 20. Mai 1776 datiert. Der Baumeister aus Au im Bregenzerwald übernimmt das Gebäude im Generalakkord für 5600 Gulden. Als Bauinspektor setzt der Offizial den amtierenden Pfarrer Laurenz Sailer ein.[4] Baubeginn ist im August 1776. Ein Jahr später kann der Dachstuhl errichtet werden. Palier ist der jüngere Bruder des Baumeisters.[5] Beim Abbau des Aussengerüstes im Juli 1778 verunglückt er auf der Baustelle tödlich. Im Innern sind zu diesem Zeitpunkt die Stuckateure und Maler tätig. Mit ihnen schliesst der Pfarrer schon im Januar 1778 die Akkorde. Als Stuckateur beruft er Peter Anton Moosbrugger[6] aus Au im Bregenzerwald und als Maler Franz Ludwig Hermann[7] aus Konstanz. Hermann malt das grosse Kuppelfresko und die vier Deckenfresken der Kreuzarme noch im gleichen Jahr. Im Herbst 1778 können bereits die beiden vom Pfarrer gestifteten Kreuzarmaltäre aufgerichtet werden. Es sind Werke eines unbekannten Altarbauers aus Wil. Die Blätter malt Carl Anton Eugster aus Appenzell.[8] Ende Oktober kann der erste Gottesdienst in der neuen Kirche gefeiert werden. Im Frühjahr des folgenden Jahres baut der Orgelbauer Michael Grass[9] aus Lommis die ebenfalls vom Pfarrer gestiftete Orgel ein. Die Einweihung der Kirche folgt an Pfingsten 1779.
Sie findet noch mit dem alten Hochaltar von 1678 statt. Schon 1781/82 kann dieser dank einer Stiftung des Fürstabtes Beda Angehrn ersetzt werden. Das neue Retabel wird 1783 gefasst. Entwurf und Bildhauerarbeiten werden dem Feuchtmayer-Mitarbeiter Franz Anton Dirr[10] zugeschrieben. Maler der beiden Altarblätter ist Jakob Joseph Müller aus Wil.[11]
Die Gesamtbaukosten werden, ohne die gestifteten Einrichtungen, mit 16 473 Gulden abgerechnet. Bernhardzell ist damit eine der teuersten Landkirchen der Fürstabtei.
Das Bauwerk
Ein Zentralbau für eine Landkirche
Bernhardzell ist ein seltenes Beispiel für einen reinen Landkirchen-Zentralbau. Eigentlich ist die Rotunde im katholischen Sakralbau der Bautypus für Wallfahrtskirchen und -Kapellen, vor allem für reine Taufkapellen. Die Kombination einer Rotunde mit einem griechischen Kreuz kann bei der Kirche von Bernhardzell als ein dem Patrozinium Johannes des Täufers gewidmetes, bewusstes Zeichen für die Gnaden der Taufe und der Erlösung gedeutet werden.[12] Der wirkliche Grund für die Wahl eines reinen Zentralbaus ist wahrscheinlich prosaischer.[13]
Beim Zentralbau von Bernhardzell schliessen in der Geometrie eines gleichmässigen Oktogons vier gleichbreite Kreuzarme an die überkuppelte Rotunde an. Die Arme sind korbbogig überwölbt. Die West-Ost-Achse ist durch eine leichte Verlängerung betont. Der Ostarm ist Chorraum mit Hochaltar, der Westarm nimmt Eingangsraum und Orgelempore auf. Diese Hauptachse ist durch das Vordach des Westeingangs und durch den Kirchturm am Chorhaupt noch zusätzlich betont. Die Kreuzarme der Nord-Südachse nehmen die beiden Seitenaltäre auf. Alle Arme haben konvexe Abschlusswände mit dem übernommenen Innenraumradius. Die Gewölbe sind Leicht- oder Scheingewölbe.[14]
Aussenbau
Die Rotunde misst aussen 19 Meter. Die Kreuzarme messen 27 und 30 Meter. Der Bau wirkt im Äusseren durch seine Geschlossenheit und mit seiner kargen Ecklisenen-Gliederung monumental. Die Rotunde ist mit einem Mansarddach überhöht, die Kreuzarme schliessen mit Walmdächer an. Der Turm ist in den unteren Stockwerken von der Vorgängerkirche übernommen. Er wird von einer stark eingeschnürten Zwiebelkuppel bedacht. Der westlichen Kreuzarm-Fassade mit dem Eingangsvordach ist ein Uhrengiebel aufgesetzt.
Innenraum
Die Hängekuppel der Mittelrotunde ist eine einzige grosse Bildfläche, die den Raum vollständig beherrscht. Weite Korbbögen öffnen in die tonnengewölbten Kreuzarme. Die gleichmässige Geometrie des zur Rotunde geformten Oktogons, auch die nur durch eine Aufwölbung des Gebälks über den Fenstern markierten Zwischenarkaden, verschleifen die Kuppelauflager vollständig. Das umlaufende Gebälk ist auf ein leichtes Gesims reduziert. Anstelle der Pilasterkapitelle sind lediglich Stuckkartuschen angebracht. Die Kuppel ist nicht mehr Architekturglied, «sondern nur noch Malgrund für die Illusionskunst des spätbarocken Freskanten. Deshalb ist es richtiger, Bernhardzell gar nicht als Kuppelraum anzusprechen, sondern als oben offenes Gewände, von dem aus der Betrachter ringsum in eine andere Wirklichkeit hineinschaut».[15]
Stuckaturen
Die Stuckaturen beschränken sich im Hauptraum auf die Wandzone. Die Kuppelzone bleibt völlig frei. An Wänden und Pilastern bringt Moosbrugger lebhafte Rocaille-Kartuschen an, die er über den Fenstern und an den Bögen mit Blütengehängen kombiniert. In den vier Kreuzarmen dehnt sich der Stuck auch auf die Gewölbezone aus, wo sich Blütenschnüre um die Rahmenprofile der Gemälde winden. Auf dem Gesims stehen Rocaillevasen. Insgesamt wirken die Stuckaturen auch mit ihren zartfarbigen Fassungen in Grün, Grau und Rosa sehr zurückhaltend.
|Deckenfresken

Franz Ludwig Hermann malt das grosse Kuppelfresko und die vier Fresken der Kreuzarm-Tonnen 1778. Es ist sein grösstes Werk. Die Thematik bezieht sich auf das Leben und Wirken Johannes des Täufers, verbunden mit alttestamentlichen Gegenüberstellungen. Im Kuppelfresko inszeniert Hermann ein Schauspiel mit umlaufenden terrestrischen Szenen, die sich zum wolkigen Himmel mit Gottvater im Zentrum öffnen. Die mehrschichtige Ikonologie wird mit Kartuschentexten ergänzt. Der Konzeptor des Freskenzyklus ist unbekannt. Er könnte aus dem Kreis gebildeter Theologen der Fürstabtei stammen, ist aber eher ein Werk von Pfarrer Laurenz Sailer. Man darf sich seine späteren Predigten als volkstümliche Erläuterungen der Darstellungen vorstellen. Ihre Thematik ist in den Kreuzarmen leichter zugänglich.[16]
|«Der Gemäldezyklus in der Pfarrkirche Bernhardzell zählt zu den bildschöpferisch und ikonographisch intelligentesten Lösungen dieser Bildaufgabe und Gattung im gesamten Bodenseeraum».[17]|
Medaillons
Im Innenraum fallen regelmässig verteilte Medaillons in Rocaillekartuschen auf. Es sind einerseits Kreuzwegstationen von Franz Ludwig Hermann und, beidseits der Seitenaltäre, erzählende Historienbilder des Malers Jakob Joseph Müller.
Altäre, Kanzel
Die drei Bildretabel sind sich ähnlich, obwohl sie nicht von der gleichen Hand stammen. Es sind marmorierte Holz-Säulenretabel mit verkröpftem Gebälk und hohen Oberstücken. Die Blätter der Seitenaltäre sind beidseits durch diagonal vorstehende Säulen flankiert. Sie wirken dadurch schmal, erfüllen aber mit ihrer Vertikalbetonung eine nicht zu unterschätzende Aufgabe im tektonisch wenig gegliederten Raum. Der wenig später erstellte Hochaltar ist mit zwei beidseitigen, leicht konkav vorstehenden Säulen breiter und etwas harmonischer. Die schwarz marmorierten Säulen sind im unteren Drittel von vergoldeten Stäben umfasst. Im Gebälk des Hochaltars halten zwei Putti eine Draperie mit dem Wappenschild des Abtes Beda Angehrn. Die Figuralplastik aller Altäre wird dem Vorarlberger Bildhauer Johannes Wirthensohn zugeschrieben.[18]
Hingegen ist von der Kanzel weder der Meister noch das Erstellungsjahr bekannt. Sie könnte aus der Vorgängerkirche übernommen worden sein.
Orgel
Die 1779 gebaute Grass-Orgel mit 10 Registern wird schon 1856 zerstört. Von den sechs vom Vorarlberger Orgelbauer für die Fürstabtei zwischen 1778 und 1786 gebauten Orgeln ist nur seine im gleichen Jahr erstellten Orgel von Neu St. Johann erhalten.[19] Diese 29 Register umfassende Prachtsorgel mit Hauptwerk, Pedaltürmen 16', mit Brüstungspositiv und Kronwerk kann in der Grösse zwar nicht verglichen werden, gibt aber einen Eindruck der Bildhauerarbeiten, die bei den Orgeln von Grass meist von Johannes Wirthensohn stammen. Eine Vorstellung der Barockorgel von Bernhardzell kann auch das ähnlich grosse, 1792 erstellte Prospektgehäuse der Orgel (I/P/15) von Johann Michael Grass im vorarlbergischen Bartholomäberg geben.
Veränderungen nach 1805
1803 wird durch die Vermittlungsakte Napoleons der Kanton St. Gallen geschaffen. Der flächenmässig grössere Teil des neuen Kantons wird durch die vorherigen Herrschaften der Fürstabtei gebildet, vor allem aus der «Alten Landschaft» und dem Toggenburg. Unkluges Verhalten des letzten Fürstabtes führt 1805 zur Aufhebung der Fürstabtei durch den jungen Kanton. Ihr Kulturgut geht an den katholischen Konfessionsteil über. Bernhardzell wird selbständige Ortsgemeinde und Pfarrei.
Die Pfarrkirche bleibt ab Mitte des 19. Jahrhunderts vom Unverständnis gegenüber dem Barock nicht verschont. 1899 wird zugunsten einer neuen Orgel sogar die obere Empore tiefergelegt. Es verschwinden auch die alten Kirchenbänke. Das Hochaltarblatt wird irreparabel übermalt und mehrfach werden die Altäre neu gefasst. Immerhin fallen diesen «Restaurationen» von 1866–1908 die Fresken nicht zum Opfer. Eine erste Gesamt-Restaurierung macht 1955/56 viele der Eingriffe rückgängig.
Eine letzte Restaurierung, ausgelöst durch einen Orgelbrand, folgt 2007–2009. Orgelwerk (II/P/21) und Orgelprospekt werden deshalb neu gebaut. Der neue Prospekt, der die obere Empore vollständig ausfüllt, ist eine freie Neobarock-Schöpfung.[20]
Auch die etwas geschmäcklerischen Glasmöbel des neuen Liturgiezentrums sind Ergebnisse dieser letzten Restaurierung.[21]
Pius Bieri 2020
|Literatur

Grünenfelder, Josef: Beiträge zum Bau der St. Galler Landkirchen unter dem Offizial P. Iso Walser 1759–1785, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. Heft 1967.
|Huber, Johannes: Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Bernhardzell SG. Bernhardzell 2002.|
Anmerkungen
[1] P. Iso Walser OSB (1722–1800), Offizial der Fürstabtei St. Gallen 1759–1785. Zu P. Iso Walser siehe die Biografie in dieser Webseite.
[2] Rechtsnachfolger dieses fürstäbtischen Offizialates wird nach der 1805 erfolgten Säkularisation der «Katholische Konfessionsteil». Die «Katholische Administration», wie die Verwaltung dieser Nachfolgeorganisation genannt wird, ist bis heute Bewahrerin der Kulturgüter der ehemaligen Fürstabtei.
[3] Johann Ferdinand Beer (1731–1789), Baumeister aus Au im Bregenzerwald. Bis 1767 ist er Palier bei seinem Onkel Johann Michael Beer I von Bildstein und dann Baumeister der Fürstabtei St. Gallen. Sein Hauptwerk ist die neue Residenz (heute Regierungsgebäude) in St. Gallen. Zu ihm siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.
[4] Laurenz Sailer, auch Lorenz Seyler (1728–1791) ist 1766–1791 Pfarrherr in Bernhardzell. Er stammt aus einer begüterten Familie der Stadt Wil, die seit der sanktgallischen Gegenreformation während Generationen im Dienst der Fürstabtei steht. Laurenz Sailer stiftet für den Kirchenneubau und die Besoldung von Organist und Choralist erhebliche Summen aus seinem Privatvermögen. Noch 1790 vermacht er für den Gebäudeunterhalt zusätzliche 1000 Gulden. Er ist gleichzeitig Förderer der Dorfschule und kann diese 1784 in eine der ersten «Normalschulen» überführen. Die Normalschul-Reform wird im süddeutschen Bereich von Reichsabt Benedikt Maria Angehrn (1720–1787) in Neresheim eingeführt. Sein Cousin Beda Angehrn (1725−1796) übernimmt als Fürstabt von St. Gallen dieses Schulsystem der Aufklärung. Zum Normalschul-System siehe die beiden Äbtebiografien in dieser Webseite. Fürstabt Beda setzt nach 1791 dem verdienstvollen Pfarrer Laurenz Sailer in der Pfarrkirche Bernhardzell ein Bronze-Epitaph.
[5] Johann III Beer (1743–1778) aus Au im Bregenzerwald.
[6] Peter Anton Moosbrugger (1732–1806) aus Schoppernau im Bregenzerwald. Der Akkord für die Stuckaturen lautet auf 350 Gulden. Zu ihm siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.
[7] Franz Ludwig Hermann (1723–1791), geboren in Ettal als Sohn des Kemptener Malers Franz Georg Hermann, schreibt sich selbst immer Herrmann. Mitarbeiter in Bernhardzell ist sein Sohn Xaverius. Die Akkordvereinbarung lautet auf 800 Gulden. Zu Franz Ludwig Hermann siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.
[8] Carl Anton Eugster (1713–1788) aus Oberegg (AI) liefert die vier Altarblätter für 115 Gulden. Zum Vergleich: Altarbauer, Bildhauer und Fassung kosten 1100 Gulden. Der in Appenzell wohnhafte Maler wird als innerrhodischer Fa-presto-Maler bezeichnet. Die Altarblätter des Rosenkranzaltars auf der Evangelienseite zeigen im Hauptbild die Rosenkranzübergabe an den hl. Dominikus und im Auszug den hl. Joseph. Im Martinsaltar auf der Epistelseite ist im Hauptbild der hl. Martin als Bischof und im Auszug der hl. Karl Borromäus dargestellt.
[9] Johann Michael Grass (1746–1809) aus Bürserberg in Vorarlberg, Orgelbauer mit Werkstatt in Lommis (TG). Hauptwerk ist die Orgel in Neu St. Johann. Die einmanualige Orgel in Bernhardzell baut er mit zehn Registern. Werk und Prospektgehäuse sind nicht mehr vorhanden.
[10] Franz Anton Dirr (1724–1801) aus Weilheim in Oberbayern. Schüler von Franz Xaver Schmädl. Er arbeitet als Holz- und Steinbildhauer, auch als Altarbauer. Er ist Bruder von Johann Georg Dirr (1723–1779). Beide sind Mitarbeiter von Joseph Anton Feuchtmayer in Mimmenhausen. Zu Franz Anton Dirr siehe die Biografie in www.sikart.ch
[11] Jakob Joseph Müller (1729–1801) aus Wil. 1753–1757 ist er in Spanien mit einem Diplomabschluss an der Madrider Malerakademie. Sein Hochaltarblatt mit der Kreuzigung Christi ist heute übermalt. Im Auszug malt er die Auferstehung Christi, die noch vorhanden ist.
[12] Die Zeichensprache der Architektur übernimmt zwei sakrale Grundtypen. Die Rundform des Baptisteriums (Taufe) und die Kreuzkirche (Christus als Erlöser) symbolisieren die beiden zentralen göttlichen Gnadenakte.
[13] Der Entscheid für einen reinen Zentralbau ist eher in den beengten Platzverhältnissen in der Dorfmitte zu suchen. Jedenfalls führt Pater Iso Walser in der Begründung für den Zentralbau ausschliesslich praktische Gründe (Platzmangel, Beibehalten des Kirchturms, keine Stuckaturen in der Kuppel notwendig) auf, auf den Symbolgehalt wird von ihm nirgends hingewiesen.
[14] Die mit dem Dachstuhl verbundenen Gipslattengewölbe ersetzen ab Mitte des 18. Jahrhunderts vermehrt die stabileren, unabhängig vom Dachstuhl gebauten und deshalb auch feuersicheren Massivgewölbe in Backstein. Gründe sind die zunehmend weiter gespannten Korbbogen-oder Mulden-Querschnitte sowie die Kostenersparnis. Nachteile sind die sichere Zerstörung der ganzen Kirche bei einem Dachstuhlbrand (Kreuzlingen 1963) und die Abhängigkeit von einer Dachstuhlverformung (Wies 1984). Alle Kirchen von Johann Ferdinand Beer sind nicht massiv gewölbt. Zum Zeitpunkt des Baus der Massivkuppel von St. Gallen (1756, 26 m Durchmesser) durch Peter Thumb ist er Geselle bei Johann Michael Beer von Bildstein und kennt den Bau, auch die Nachteile der zu gewagten Massivkuppel. Obwohl Bernhardzell als kleinerer Bruder der Rotunde von St. Gallen betrachtet werden kann, steht bei allen Sakralbauten Johann Ferdinand Beers (und des Offizials) ein gemauertes Gewölbe ausser Diskussion. Grund sind sicher Kosteneinsparungen, vielleicht die weniger wertvollen Innenräume von Landkirchen und die negativen Erfahrungen mit der Statik der Riesenkuppel in St. Gallen.
Hätte Beer die Kuppel in Bernhardzell gemauert, würde sie mit 17 Meter Durchmesser zu den grösseren dieser Art im süddeutschen Barock zählen.
[15] Josef Grünenfelder 1967.
[16] Im Ostarm (Altarraum) ist die Geburt des Johannes und das Wunder der Namensgebung durch Zacharias dargestellt. Im Südarm ist die Wüstenpredigt Johannes des Täufers festgehalten. Im Westarm, durch die Orgel teilweise verdeckt, ist das Thema die Enthauptung des Johannes. Im Nordarm ist mit der Heimsuchung Mariens das einzige Thema ohne direkten Bezug zu Johannes dem Täufer.
[17] Johannes Huber 2002.
[18] Johannes Wirthensohn (1749–1818) aus Egg im Bregenzerwald, mit Werkstatt in Frauenfeld. Vermutlich ist er Schüler von Franz Anton Dirr
[19] Siehe zur Orgel den Baubeschrieb von Neu St. Johann in dieser Webseite.
[20] Orgelbau Armin Hauser, Kleindöttingen. Der Orgelbauer beschreibt die Neuschöpfung als «Neubau im Rokokostil».
[21] Keine Literaturangaben zum Gestalter. Architekt der Restaurierung ist RLC AG, Rheineck.
|Epitaph

Das bereits frühklassizistische Epitaph des Pfarrherrn Laurenz Sailer aus Wil ist in Bronze ausgeführt. Unten stehen die Lebensdaten:
Die. XXVI. Jul. MDCCLXLI. aet. LXIII. Sac. XL. Paroch. XXV (gestorben am 26. Juli 1791 im Alter von 63 Jahren, nach 40 Jahren Priester und 25 Jahren Pfarrer).
|Medaillons

In Rocaillekartuschen von Peter Anton Moosbrugger sind an den Innenraumwänden Medaillons verteilt, es sind einerseits Kreuzwegstationen von Franz Ludwig Hermann und, beidseits der Seitenaltäre, erzählende Historienbilder des Malers Jakob Joseph Müller. Im Bild ein Medaillon von Franz Ludwig Hermann beim Hochaltar. Foto: Bieri 2020.
|Ort, Land (heute)||Herrschaft (18. Jh.)|
|Bernhardzell

St. Gallen CH
|Fürstabtei St. Gallen

|Bistum (18. Jh.)||Baubeginn|
|Konstanz||1776|
|Bauherr und Bauträger|
|Fürstabt OSB Beda Angehrn (reg. 1767–1796)|
| Offizial der Fürstabtei St. Gallen P. Iso Walser

(im Amt 1759–1785)
| Pfarrherr 1766–1791 Laurenz Sailer

(1728–1791)