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Obwohl die Schweiz ein Binnenland ist, hat sie eine Hochseeflotte. Die Schiffe tragen Namen wie «Helvetia», «Romandie» oder «Lugano». Versorgungsengpässe in den Weltkriegen trieben die Eidgenossen auf die Weltmeere.
Im 19. Jahrhundert unterhielt die Schweiz keine eigenen Hochseeschiffe. Einzelne Schweizer Kaufleute und Handelsgesellschaften besassen Segel- und Dampfschiffe, die unter der Flagge anderer Nationen verkehrten und zum Teil auch die Schweizerflagge hissten. Während des Ersten Weltkriegs war die Schweiz ab 1915 vollständig von kriegführenden Staaten umgeben und die prekäre Versorgungslage verschärfte sich. Das Fehlen einer eigenen Hochseeflotte wurde spürbar. Bei unterbrochenen Versorgungswegen in Europa mussten die Waren zunehmend aus Übersee importiert werden.
Doch Frachtraum war knapp und teuer. Gleichzeitig rief die deutsche Kriegsmarine 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aus und drohte auch Handelsschiffe zu zerstören. Die im März 1917 von der Schweizer Regierung gegründete Zentralstelle für auswärtige Transporte sollte sich der Import- und Exportprobleme annehmen. Demzufolge charterte die Schweiz Frachtraum auf amerikanischen Schiffen. Später jedoch platzte der Vertrag aufgrund des Kriegseintritts der USA. Angesichts der zugespitzten Versorgungslage gründete die Schweiz Anfang 1918 eine «Seetransportunion». Diese sah vor, eine Flotte von 28 Schiffen von einer belgischen Reederei zu mieten. Doch der Krieg war zu Ende, bevor die Schiffe zum Einsatz kamen.
1921 wurde neutralen Ländern an der Verkehrskonferenz des Völkerbundes in Barcelona das Recht auf eine eigene Hochseeflotte offiziell zugestanden. Die Schweiz hoffte auf eine friedliche Zukunft und verfolgte das Projekt nicht weiter. Ein Entscheid, der sich später zu rächen schien: Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sperrten die Deutschen den Rhein und die Schweiz büsste auf einen Schlag einen Drittel ihres Aussenhandels ein. Erneut geriet sie in eine versorgungswirtschaftliche Notsituation.
Als Reaktion darauf mietete die Regierung 15 Schiffe von einer griechischen Reederei. Die Schweizer Charterschiffe wurden jedoch von den kriegführenden Staaten beim Warentransport massiv behindert. Die Schweizer Verluste gingen in die Millionen, die Situation wurde unerträglich. Im April 1941 beschloss der Bundesrat per Kriegsnotrecht: Die Schweiz wird eine Seenation.
Die ersten vier vom Kriegstransportamt und privaten Reedereien erworbenen Schiffe trugen die Namen «Calanda», «Maloja», «St. Gotthard» und «Generoso». Während des Krieges fuhren insgesamt 14 Hochseeschiffe unter Schweizer Flagge, drei davon wurden vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes beschafft. Obwohl für die Schiffe exorbitant hohe Kriegspreise bezahlt werden mussten, ging die Rechnung auf: Sie versorgten die Schweiz mit Brennstoffen, Futtermittel, Getreide, Öl, Kaffee und Zucker.
Die Bordwände der Schiffe waren beidseitig in grossen Lettern mit «SWITZERLAND» gekennzeichnet. Ausserdem wurden an verschiedenen Stellen Schweizer Flaggen aufgemalt. Diese markante Kennzeichnung war überlebensnotwendig, denn die Schiffe unter neutraler Flagge mussten von denjenigen der kriegführenden Staaten unterschieden werden können. Die Massnahmen konnten jedoch nicht verhindern, dass Schweizer Schiffe von der See und aus der Luft angegriffen wurden.
Am 7. September 1943 notierte der niederländische Kapitän der «Maloja», Klaas R. Heeres, 30 Seemeilen vor Korsika in seinem Tagebuch: Schönes Wetter, ruhige See, gute Sicht. Kurz darauf wurde das Schiff fälschlicherweise von zehn britischen Kampfflugzeugen angegriffen und versenkt. Drei Matrosen starben im Kugelhagel oder durch die Explosion des Torpedos. Der Rest der Besatzung konnte am nächsten Tag mit Rettungsbooten den korsischen Fischerhafen Calvi erreichen. Ohne Geld und Papiere wurden sie für Kriegsgefangene gehalten und zwischen italienischen und französischen Truppen hin- und hergereicht. Nach ihrer Verschiffung über Algerien nach Marokko erreichten die Männer der versenkten «Maloja» erst nach rund fünf Monaten den Ausgangshafen Lissabon.
Auch die «Chasseral», die «Albula» und die «Generoso» gingen im Zweiten Weltkrieg durch Angriffe, Sprengungen oder Minen unter. Das unter dem Kommando von Fritz Gerber (1895–1952) stehende Schiff «St. Cergue» überstand 1940 im Hafen von Rotterdam mehrere deutsche Fliegerangriffe beinahe unbeschadet. Unter der umsichtigen Führung des Kapitäns aus dem Berner Seeland gelang es dem Schiff, während des Krieges mehrere hundert Überlebende von sinkenden Schiffen zu bergen und in Sicherheit zu bringen.
Nach Kriegsende hielt die Schweiz an ihrer Hochseeflotte fest. Sie wollte auf zukünftige Krisen vorbereitet sein. Der Bund verkaufte seine vier Schiffe 1953 an private Reedereien. Er bestand aber auf dem Recht, in Notzeiten jederzeit auf die Flotte zurückgreifen zu können. Im Gegenzug bürgt der Bund für alle Frachter. Gerät eine Reederei in Schieflage, muss er für die Kosten geradestehen. In den letzten Jahren hat sich der Bund darum bemüht, diese Abhängigkeit zu reduzieren.
Heute besteht die Schweizer Hochseeflotte aus 27 Schiffen, betrieben von vier Reedereien. Seit ihrem Aufbau ist Basel der Heimathafen aller Hochseeschiffe. Der Rhein ist die Verbindung zur grossen, weiten Welt.
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