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Expert:innen: Daniel Gygax (SATW), Samantha Paoletti (CSEM)
Point-of-Care-Testing bezeichnet eine diagnostische Untersuchung, die nahe an Patient:innen oder Leistungsempfänger:innen, rasch, unkompliziert und günstig durchgeführt wird. Dies kann innerhalb des Spitals sein, beim Hausarzt oder bei der Hausärztin, in der Apotheke oder auch zu Hause bei den Leistungsempfänger:innen. Eine solche Überwachung kann die klinische Versorgung verbessern, indem häufigere Messungen möglich sind, sich die Reaktionszeiten verkürzen und die Häufigkeit von Arztbesuchen abnimmt. Eine Digitalisierung der Prozesse und die Integration der Dienstleistungen und Ergebnisse auf einer einzigen Plattform sollten zukünftig zu einer effektiveren medizinischen Versorgung und zu einer Kostensenkung im Gesundheitswesen führen. Voraussetzung ist, dass die Leistungserbringer:innen mit den Leistungsempfänger:innen zweckmässig vernetzt werden und dass die Verantwortungsbereiche aller Akteur:innen klar geregelt sind.
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Point-of-Care-Testing (POCT), auch bekannt als Schnelltest, bezeichnet in der Medizin eine diagnostische Untersuchung, die nicht in einem Zentrallabor, sondern in einer Apotheke oder Praxis, im Notarztwagen, im Krankenhaus oder zu Hause bei den Leistungsempänger:innen durchgeführt und deren Ergebnisse vor Ort ohne Einbezug eines Labors angezeigt werden. Einige POCT können von den Empfänger:innen selbst angewendet werden. Typische Eigenschaften von POCT sind demnach: (1) Durchführung und Auswertung nahe bei den Leistungsempfänger:innen; (2) keine oder nur technisch einfache Probenvorbereitung, da Blut, Speichel oder Urin untersucht werden; (3) kein medizinisch-technisches Wissen notwendig; und (4) das unmittelbare Ableiten therapeutischer Konsequenz erfolgt aus den Ergebnissen, was zu einer Verkürzung der Zeitspanne zwischen Diagnose und Therapie führt. Unterdessen hat sich POCT auch in der Lebensmittel- und Umweltindustrie etabliert, beispielsweise zum Nachweis von Salmonellen in Lebensmitteln oder Legionellen in Wasserproben.
POCT beruht auf dem Prinzip der molekularen Erkennung, also der spezifischen Wechselwirkung zwischen einer zu analysierenden Substanz und einem Reagens. Diese Interaktion findet auf einem Papierstreifen statt und wird mit einer Erkennungskomponente, die an einen Farbstoff gebunden ist, sichtbar gemacht. Die Auswertung erfolgt qualitativ, quantitativ und visuell und ist eindeutig. Je nach Bedarf und Marker kann das Ergebnis quantifiziert werden. Die Tests sind einfach in der Anwendung, zuverlässig und günstig. Die bekanntesten werden eingesetzt, um bei Diabetiker:innen den Blutzuckerspiegel zu messen, eine Schwangerschaft oder eine Infektion (Corona, Geschlechtskrankheiten) nachzuweisen oder die Blutgerinnung zu überwachen. Vermehrt nutzen Ärzte und Ärztinnen den Nachweis von Troponin mit POCT in der Tumordiagnostik oder um einen Herzinfarkt rasch nachzuweisen bzw. auszuschliessen.
In Zukunft werden sich Leistungsempfänger:innen vermehrt selbst kontrollieren und so einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierung der Gesundheitsvorsorge leisten. Überwacht werden bestimmte Biomarker über Zeit, um Krankheitsverläufe abzubilden sowie zeitnah und unkompliziert therapeutisch zu intervenieren. Ermöglicht werden soll dies durch eine medizinische Plattform: das Internet der medizinischen Dinge oder Internet of Medical Things (IoMT, -> siehe Beitrag Internet of Things). Die Leistungsempfänger:innen werden da ihre Messdaten und Dossiers hochladen, um sie den entsprechenden Leistungserbringer:innen in Spitälern, Praxen oder bei den Gesundheitsbehörden zugänglich zu machen und therapeutische Anweisungen zu erhalten. Die Plattform trägt so zur medizinischen Versorgung von Patient:innen zu Hause bei.
Die Digitalisierung und damit einhergehende Personalisierung kann nur Wirklichkeit werden, wenn neue Biomarker in POCT-Formate übertragen und somit neue Anwendungsfelder erschlossen werden. Dazu gehört auch die Verbindung zur Ernährung (siehe Beitrag personalisierte Ernährung). Damit POCT als Selbsttests breiter eingesetzt wird, muss es vermehrt nicht- oder minimalinvasiv werden, was eine Ausdehnung auf weitere Körperflüssigkeiten nebst Blut und Urin als Probe mit sich bringt.
Der Wert von POCT liegt im schnellen Zugriff auf medizinisch relevante Informationen. Daher liegt es nahe, Trends wie Multiplexing, eine leistungsstarke Methode zur Erzeugung von quantitativen Daten für viele zu analysierende Grössen aus einer Probe mit begrenztem Volumen, in ein Point-of-Care-Testformat zu überführen. Ein anderer Trend geht dahin, Sensoren in der Form von elektronischen Pflastern und medizinischen Wearables zusammen mit den Ergebnissen des POCT auf einer Plattform, dem IoMT zu vereinen, also einen geschlossenen Kreislauf zu generieren. Eine solche Plattform ermöglicht die Bestimmung von Biomarkern wie Insulin oder C-reaktives Protein CRP in Abhängigkeit von Medikamentenspiegeln und erlaubt, deren Dosierung anzupassen. Geräte wie Smartphones und Smartwatches und entsprechende Apps werden für solche Plattformen eine immer grössere Rolle spielen. Die Anwendungsbreite hängt dabei von den Kompetenzen der Leistungserbringer:innen ab; die Integration wird zuerst in Ambulatorien, bei Notarzteinsätzen und in Spitälern, also bei den Leistungserbringer:innen mit den höchsten Kompetenzen, erfolgen.
POCT ermöglicht die Transformation eines statischen in ein dynamisches Gesundheitssystem: Der klinische Arbeitsablauf wird in Zukunft vielfältig und beinhaltet nebst der klassischen Konsultation in der Praxis auch Selbsttests zu Hause sowie Tele- und Videokonsultationen. So entsteht das IoMT für Diagnose, Therapie und Überwachung. Die Digitalisierung führt zu einer effektiveren medizinischen Versorgung und sollte zu einer Kostensenkung beitragen. Zudem verbessert sich die Lebensqualität der Leistungsempfänger:innen, da sie bei Krankheit länger zu Hause bleiben können und die physischen Praxisbesuche seltener werden.
Der Absatzmarkt für POCT ist sehr gross und erlebt einen weltweiten Boom, wovon die international kompetitiven Pharma-, Medtech- und Uhrenunternehmen in der Schweiz profitieren. Vermehrt beleben auch Start-ups den Markt, welche den Einstieg meist über den schwach regulierten Lifestylesektor suchen und sich den hohen regulatorischen Hürden der Pharmabranche erst stellen, wenn sie erfolgreich unterwegs sind.
Eine technische Herausforderung ist die Sensitivität der Testsysteme. Im interdisziplinären Zusammenspiel von Bioanalytik, Computermodellierung, künstlicher Intelligenz sowie Molekular- und Strukturbiologie könnten dafür Lösungen gefunden werden.
Eine grosse Herausforderung ist und bleibt die korrekte Anwendung von POCT im Heimgebrauch. Die Benutzer:innen müssen sich strikt an die Anweisungen halten und Verantwortung für sich selbst und den Prozess übernehmen. Es ist unabdingbar, dass die Testergebnisse in Zukunft mit fundierten Handlungsempfehlungen geliefert werden, um zu verhindern, dass die Anwender:innen sich solche im Netz zusammensuchen. Vor allem ältere Personen, die stark vom Einsatz von POCT profitieren, scheitern an den Herausforderungen von Tests und Telemedizin. Ein strategisches Projekt der FHNW stellte eine Lösung vor. Das Labor im Rucksack enthält die wichtigsten Utensilien für eine telemedizinische Rundumversorgung mit der Spitex vor Ort. Dazu gehören nicht nur physikalische Diagnosegeräte, sondern auch die instrumentelle Ausstattung für die Durchführung von POCT. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in der Schweiz ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung dem technischen Fortschritt in der Medizin kritisch gegenübersteht. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, dass die Fragen nach Datenbesitz, Datenschutz und Datensouveränität geklärt werden.
Die komplexen Abläufe im Gesundheitswesen, die grosse Anzahl verschiedener Akteur:innen und die fehlende Zuordnung der Verantwortlichkeiten verhindern eine zielführende Umsetzung der skizzierten Transformation im Gesundheitssystem. Der Aufbau moderner Gesundheitsnetzwerke ist aber eine nationale, wenn nicht sogar internationale Aufgabe und würde sehr gut in eine Flagship-Initiative der Innosuisse passen, welche auch klinische Studien und den verbesserten Zugang zu Daten umfassen sollte. Auch wenn der Zugang zu EU-Programmen momentan stark eingeschränkt ist, sollte politisch versucht werden, Wissen aus solchen Projekten für Forschung und Wirtschaft in der Schweiz zugänglich zu machen.