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Torbjörn Bergflödt, Südkurier (25.11.2009)
Die Uraufführung bereitete er nicht selbst vor, und an jenem Oktobertag 1848 in Triest glänzte er durch Abwesenheit. Trotz hervorragender Besetzung wurde „Il corsaro“ schon nach drei Vorstellungen wieder abgesetzt. Im Unterschied zu anderen wenig gespielten Werken setzte sich Giuseppe Verdi nie dafür ein, dass dieses ins Repertoire einginge. Vielmehr riet er von einer Wiederbelebung ab. Das tragische „melodramma“ nach Lord Byrons Verserzählung „The Corsair“ um den gegen den Muselmanen Seid kämpfenden Piratenkapitän Corrado und die diesen unglücklich liebenden Frauen Medora und Gulnara gehört heute zu den am seltensten gespielten Opern Verdis. Dies, obwohl sich bei der Neuentdeckung des „Corsaro“ nach dem Zweiten Weltkrieg Berühmtheiten wie Carlo Bergonzi und Katia Ricciarelli für den Dreiakter einsetzten.
Nicht gerade ermutigende Voraussetzungen, um ihn wieder zu spielen. Oder, umgekehrt, gerade doch, weil man unbeschwerter für das Stück plädieren darf? Was Eivind Gullberg Jensen als musikalischer Leiter und das Inszenierungsteam mit Damiano Michieletto (Regie), Paolo Fantin (Bühnenbild) und Carla Teti (Kostüme) im Opernhaus Zürich anrichten, lässt diesen raren Verdi mit großer Lust hören und sehen. Kein bemühter Ehrenrettungsversuch. Sondern: ein spannender, lebendiger Opernabend.
Musikalisch vermögen Jensen, die Sängerdarsteller, der von Jürg Hämmerli vorbereitete Chor und das Orchester zu zeigen, dass die Partitur etliche Schönheiten birgt. Da sind zum Beispiel der harmonisch und in Streichersoli differenziert gearbeitete Beginn der Kerkerszene mit Corrado nach dessen Brandanschlag auf die Türken und das anschließende Duett mit Seids Lieblingssklavin Gulnara. Da ist das bemerkenswerte und mit Dringlichkeit interpretierte Finalterzett, wo Corrado Medora, die Gift genommen hat, weil sie den Geliebten tot wähnte, von seiner Rettung durch Gulnara erzählen kann – bevor er der Sterbenden durch einen Sprung ins Meer in den Tod folgt. Selbst Passagen, in denen scheinbar die Konvention regiert, können plötzlich Qualitäten offenbaren. In Zürich wird hörbar, dass das künstlerische Gewissen auch im Verdi der „Galeerenjahre“ und selbst bei dieser Pflichtarbeit für einen ungeliebten Verleger weiterpochte.
Regielich hätte sich das Ganze verbraten lassen als maritime Robin-Hood-Story, als Freibeuter-Oper à la „Pirates of the Caribbean“ oder aber als eine Reflexion über einen Clash der Kulturen. Der junge Italiener Michieletto, der vor einem Jahr mit demselben Ausstatter-Duo wie jetzt eine „Lucia di Lammermoor“ herausbrachte, hat sich solches versagt und stattdessen, mit großem Gewinn, eine Verbindung gezogen zwischen dem (Anti-)Helden Corrado und dem Schöpfer der Librettovorlage. Ohne dessen genaues Abbild sein zu wollen, wird nun der Piratenhauptmann zu einem Porträt von Lord Byron: im einzelgängerischen, weltschmerzlich aufgeladenen Kämpfertum gegen gesellschaftliche Übereinkünfte, in der Härte zu sich selbst und der Unempfindlichkeit gegenüber der Liebe zweier Frauen. Der szenische Haupteinfall, der tatsächlich den ganzen Abend über trägt, ist der, die Bühne teilweise unter Wasser zu setzen und metaphorische Bilder zu (er)weite(r)n durch eine spiegelnde angeschrägte Rückwand und spiegelnde Seitenflächen. Wenn so etwa Vittorio Grigolo als Corrado-Byron auf einem Dichterschreibtisch und Elena Mosuc als Medora auf einem Bett übers Wasser gleiten, ergeben sich raffinierte Spiegelbilder. Die Protagonisten werden gleichsam zu schwimmenden Inseln, die nie ganz zueinander kommen. Das See-Stück wird zum wirkmächtigen Seh-Stück auch etwa, wenn sich der Chor mit Haremsdamen in der Signalfarbe Rot oder schwarz uniformierte Muselmanen mit Zylinder zum Großtableau formieren.
Vittorio Grigolo, der in jener „Lucia“ seinen Zürcher Einstand gegeben hatte, ist jetzt als Korsar zu erleben – wieder mit sehr timbreschöner Tenorstimme singend und mit viel Temperament die Oper unter emotionalen Hochdruck setzend. Carmen Giannattasio überzeugt mit ihrem blühkräftigen Sopran und auch schauspielerisch als tragisch rebellierende Gulnara. Elena Mosuc in der Rolle der passiv dem Tod entgegenschwebenden Medora bewährt sich einmal mehr als eine höhensichere Sopranistin mit sehr beweglichem Organ: Auch schnelle Verzierungen und Spitzentöne kommen elastisch daher. Juan Pons gibt den Seid mit markanter Bühnenpräsenz, sängerisch achtbar, stimmlich inzwischen aber doch von Verschleißerscheinungen bedroht.