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Die afrikanischen Wälder absorbieren 600 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, mehr als jede andere Waldregion der Welt. Potenzial, das Investoren in Form von Carbon Credits zu Geld machen wollen.
Ganz vorne dabei ist ein Unternehmen namens Blue Carbon, das in Afrika in grossem Stil CO2-Gutschriften ernten will. Wenn die Pläne des Eigentümers Scheich Ahmed Dalmook Al Maktoum aus Dubai aufgehen, wird sein Unternehmen für die nächsten Jahrzehnte die Kontrolle über ein Fünftel Zimbabwes, ein Zehntel Liberias und Sambias sowie 8 Prozent der Landesfläche von Tansania ausüben. Beziehungsweise über deren Wälder.
24 Millionen Hektaren Wald für ein privates Unternehmen
Es geht um insgesamt 24 Millionen Hektaren Wald. Endgültige Vereinbarungen gibt es noch nicht, mehrere Länder haben jedoch bereits Absichtserklärungen unterzeichnet. Details will Blue Carbon auf dem internationalen Klimakongress COP28 bekannt geben, der Ende November in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfindet.
Al Maktoum ist nicht der einzige Carbon Cowboy. Sowohl kleine lokale wie grosse internationale Zertifizierungsunternehmen sind an den afrikanischen Wäldern interessiert. Blue Carbon ist der derzeit grösste Interessent und hat es eilig, denn es gibt noch mehr Investoren, die mit Klimagutschriften handeln wollen. Verkaufen wollen sie vorzugsweise an wohlhabende Länder, die viele Klimagase ausstossen, aber das Pariser Klimaabkommen einhalten wollen.
Willkommen im neuen Carbon-Kolonialismus?
Eine Geschichte, die der Erzählung der ersten Petro-Unternehmer verdächtig ähnlich ist. Nach Öl, Diamanten, Kobalt und Kakao wären Kohlendioxid-Senken das Neueste, was sich in Afrika ausbeuten lässt.
Dass die afrikanischen Wälder von Gutschriftenhandel profitieren, ist wahrscheinlich. Aber kann es einem Land guttun, die Kontrolle über einen grossen Teil seiner Landesfläche an ein ausländisches Unternehmen abzugeben? Auf der vertraglich beanspruchten Fläche würde ein Investor dann auf Jahrzehnte hinaus die Regeln festlegen.
CO2-Gutschriften oder -Zertifikate waren ursprünglich dazu gedacht, nachhaltiges, umweltfreundliches Verhalten zu fördern, Innovationen zum Schutz des Klimas anzuschieben und Klimaschäden zu mildern. In der Realität handelt es sich um einen wackligen Markt unter wackligen Umständen, der aus vielerlei Gründen kritisiert wird.
Die Regeln für das lukrative Business stehen noch nicht
Denn erstens sind die Regeln noch keinesfalls fix. Analysten, die das Magazin «Yale Environment 360» in einem Hintergrundartikel zitiert, sagen, Blue Carbon verfolge in erster Linie Pläne, CO2-Gutschriften aus Nicht-Abholzung zu generieren. Ob vermiedene Emissionen für den internationalen Handel zugelassen werden, steht in Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens.
Beziehungsweise – es steht dort noch nicht endgültig. Die Regeln für den internationalen Handel mit «Internationally Transferred Mitigation Outcomes» (ITMOs) sollen auf dem COP28-Kongress festgelegt werden. Wie viele Gutschriften Blue Carbon dann handeln darf, ist offen.
Die EU und auch andere Länder wehren sich dagegen, Waldschutzmassnahmen für den staatlichen Emissionshandel zuzulassen. Länder könnten damit ihre nationalen Klimaziele erreichen, ohne wirklich etwas für das Klima zu tun, argumentieren sie.
Carbon Credits oder CO2-Zertifkate geniessen kein grosses Vertrauen
Zweitens ist das Vertrauen in CO2-Zertifikate nicht gerade gross. Die meisten gehen derzeit in den privaten Markt. Sie werden vor allem von grossen Unternehmen genutzt, um Emissionen zu kompensieren, was als Greenwashing kritisiert wird. Eine grossangelegte Recherche mehrerer Medienunternehmen deckte im Januar 2023 auf, dass die meisten Gutschriften fragwürdig, wenn nicht wertlos sind (Infosperber berichtete).
Zertifikatshändler verkaufen demnach nicht nur CO2-Kompensation, die weit in der Zukunft stattfindet, sondern auch Gutschriften für Wald, der nur vielleicht abgeholzt worden wäre und für Baumplantagen, die wenig ökologischen Nutzen haben. Die ausstellenden Unternehmen prüfen eher oberflächlich, fanden die Recherchepartner. Blue Carbon hat aber ohnehin grössere Ambitionen. Das Unternehmen will vor allem an Regierungen verkaufen, die ihre Klimazusagen erfüllen müssen.
Der Markt setzt die falschen Anreize
Die Vertrauenskrise wirkt sich auf afrikanische Länder besonders nachteilig aus. Die grössten afrikanischen Waldgebiete stehen in sehr armen Ländern. Korrupte, instabile Regierungen, Streit um Landrechte und häufige Menschenrechtsverletzungen fördern das Vertrauen in Zertifikate aus diesen Ländern nicht gerade.
Carbon Credits aus Afrika sind daher weniger nachgefragt und günstiger als solche aus anderen Teilen der Welt. Der Markt setzt dazu falsche Anreize. Das Zertifizierungssystem fördert vor allem Zertifikate von Projekten, die Entwaldung verhindern oder Bäume pflanzen.
Bäume pflanzen vs. Bäume haben
Ein Beispiel dafür ist Gabon, eines der wenigen CO2-negativen Länder der Welt. 90 Prozent der Landesfläche sind von Wald bedeckt. Abholzung, die sich verhindern liesse, gibt es nur wenig, also nach den eben beschriebenen Regeln auch wenig zu verkaufen. Der Handel mit Carbon Credits begann dennoch hoffnungsvoll – bis zum Coup am 30. August, der die Herrschaft von Gabons Präsident Ali Bongo beendete.
Zurück zu den Einwohnern von Liberia, Zimbabwe, Sambia, Tansania und Angola, wo Blue Carbon derzeit noch verhandelt. Besonders zu denjenigen, die in den CO2-Senken leben, die ihre Regierungen gerade für die Gutschriftenernte verpachten wollen. Das Unternehmen verspricht hohe Gewinne und Investitionen in Wohlfahrtsprogramme. Was von den CO2-Millionen bei der Bevölkerung ankommt, ist jedoch unklar.
Gegenwehr in Liberia
Eine öffentliche Debatte gibt es derzeit nur in Liberia, wo im Oktober Wahlen stattfinden. Nach der Absichtserklärung, die die liberianische Regierung unterzeichnet hat, will das Land eine Million Hektaren Land für 30 Jahre an Blue Carbon abgeben, was Liberia 50 Milliarden Dollar bringen soll.
Das Geschäft mit Blue Carbon sei in mehrfacher Hinsicht illegal, sagt beispielsweise Silas Siakor, Gründer der liberianischen Nichtregierungsorganisation Sustainable Development Institute. Es missachte die Rechte der Menschen, die in den betroffenen Gebieten leben, und verstosse gegen Landrechtsgesetze. Demnach müssten die Betroffenen dem Vertrag zustimmen. Gefragt wurden sie bisher nicht. 2009 hatte Liberia bereits versucht, Land an das britische Unternehmen Carbon Harvesting Corporation abzugeben. Der Vertrag wurde für illegal befunden und einige hochrangige Regierungsbeamte wurden in Folge wegen Bestechung und Korruption angeklagt.
Nach einem Vertragsentwurf mit Blue Carbon, der «Yale Environment 360» vorliegt, soll ausschliesslich Blue Carbon Kohlenstoffgutschriften aus den beanspruchten Wäldern verkaufen dürfen. Das Unternehmen soll anfänglich 70 Prozent des Erlöses bekommen, für Liberia blieben 30 Prozent.
Eine Gruppe von 27 internationalen NGOs verlangte im Juli, dass die Verhandlungen Liberias mit Blue Carbon eingestellt werden. Der Vertrag berühre die Rechte und Lebensgrundlagen von einer Million Menschen. USAID, Conservation International und die Weltbank haben laut «Yale Environment 360» ebenfalls Bedenken ausgedrückt. Hunderte afrikanische NGOs haben bereits dagegen protestiert, überhaupt einen afrikanischen Markt für CO2-Zertifikate zu etablieren.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.