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Gly-Coramin, das Dopingmittel, das Kariem Hussein die Olympia-Teilnahme kostet, ist so etwas wie ein Hochleistungs-Sugus: Jeder kann die Lutschtabletten kaufen, Schüler kauen sie vor Prüfungen, Omas vor Wanderungen. Schon Hitler wurde Coramin zur Stärkung verabreicht.
Seit seiner Erfindung 1924 ist Coramin, respektive sein Hauptwirkstoff Nikethamid, in aller Munde, weil es sowohl physisch wie psychisch gegen Erschöpfung hilft. Ursprünglich wurde es hauptsächlich nach einer Überdosierung von Beruhigungsmitteln gespritzt, gleichsam als Upper nach zu viel Downer. Hitlers Leibarzt Theo Morell etwa gab es seinem Patienten, wenn dieser wieder einmal zu viele Barbiturate geschluckt hatte. Der Führer musste ja energisch wirken.
Zur Stärkung von Kreislauf und Atmung wurde Nikethamid sogar bei Morphium-Überdosierung erfolgreich eingesetzt. Seine stimulierende Wirkung beruht auf der Steigerung der Sympathikusaktivität im zentralen Nervensystem. Das machte das Mittel der Firma Ciba so beliebt, dass der Chemiker Albert Hofmann 1938 für seinen Arbeitgeber Sandoz ein ähnlich wirkendes Konkurrenzprodukt herzustellen versuchte. Heraus kam bekanntlich LSD.
Gly-Coramin ist mit Hofmanns Erfindung freilich nicht vergleichbar. Die Tatsache, dass das Mittel in Apotheken frei erhältlich ist und man bis zu zehn Stück am Tag davon nehmen darf, lässt es wie ein aufgemotztes Traubenzückerchen wirken. Dass es ein Dopingmittel ist, wurde der breiten Öffentlichkeit allerdings spätestens 2006 bewusst, als eine Plakatkampagne die Kautablette bei Snowboardern bewarb.
Die Kampagne wurde Thema beim «Kassensturz». Beat Villiger, Chefarzt von Swiss Olympic, erklärte damals: «Dass junge Sportler mit einem solchen Medikament angesprochen werden, kann nicht toleriert werden.» In der weiteren Diskussion wurde auch wiederholt darauf hingewiesen, dass im Beipackzettel erwähnt wird, dass Gly-Coramin nicht an Jugendliche unter 16 Jahren verabreicht werden darf und ausserdem auf der Dopingliste steht.
Hürdenläufer Kariem Hussein war freilich bei weitem nicht der erste Sportler, der auf die scheinbare Harmlosigkeit des Wunder-Sugus' hereingefallen ist. Besonders spektakulär war der Fall des Schwingers Bruno Gisler. Der damals 30-jährige Solothurner wurde 2013 am Eidgenössischen Fest in Burgdorf positiv auf Nikethamid getestet. Er behauptete, er habe versehentlich daheim im Medikamentenschrank den Spagyrik-Spray seiner Frau gegen Schwangerschaftserbrechen mit seinem Grippemittel verwechselt.
Im selben Jahr wurde der kroatische Tennisspieler Marin Cilic positiv auf Nikethamin getestet und gesperrt. Weitere Beispiele waren – unter vielen anderen – die US-Sprint-Weltmeister Torri Edwards (2004), die russische Biathletin Albina Achatowa (2003), der Schweizer Beachvolleyballer Bernhard Vesti (2002), die Schweizer Tischtennisspielerin Christelle Cherix (2000), der polnische Kugelstösser Pjotr Perzylo (1994), die französische WM-Dritte im Riesenslalom Christelle Guignard (1989) und der spanische Radrennfahrer Jaime Huelamo (1972). (sda)