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Dora Kostyàl, 24.02.2022
Skizzen:
Susanna
Sie war so eine Frau, die man als „imposante Erscheinung“ zu bezeichnen pflegt.
Gross und von gerader Haltung, ihr Haupt wie ein frisch verschneites Feld. Die himmelblauen Augen schalkhaft und wach, fast immer mit einer Spur vom Lächeln.
Sie hat wenig geredet, ihr Gleichmut war eher atypisch für die mit quirligen und aufbrausenden Gemütern gesegnete Familie.
Ihre Geschichte in Kürze: Ein Leben lang sehr arbeitsam, vollamtliche Hausfrau und Mutter von vier Kindern, das erste mit 18. Ein grosses Haus, Haustiere, alles von Hand gemacht, inkl. Bettwäsche waschen, einmachen, Teigwaren selber herstellen, Tiere schlachten und verarbeiten und was sonst noch so angefallen war zu ihrer Zeit ohne maschinelle Hilfe. Daneben die Bewältigung von zwei Weltkriegen mit all den persönlichen Tragödien und Entbehrungen (Ungarn) sowie einer Revolution mit anschliessender Diktatur.
In späteren Jahren war sie oft unterwegs zu Verwandten und Bekannten in weit entfernten Städten oder zu Badeorten, um ihr Rheuma zu kurieren. In der Heimatstadt stand einmal in der Woche Kartenspiel auf dem Plan. Partner: Der Schwiegervater ihrer ältesten Enkelin, ein älterer Herr. An diesem Nachmittag haben die beiden eine kleine Flasche Bier geteilt. Ein Grund zum Spotten für einen ihrer Enkel, der sich gerade in seiner heftigsten Pubertät befand.
Für mich war sie eine uralte Frau, obwohl, wenn ich jetzt nachrechne, damals vielleicht in ihren Sechzigern oder höchstens Anfang Siebzig.
Anstatt Ärger, Geschrei, Wutausbrüche, lautes Lachen, also jede Art von Aufregung mit einem stillen Lächeln in den Augen und leicht angedeutet um den Mund herum. Sogar dann, als besagter, scharfzüngiger Enkel grobe Witze gerissen oder etwa über sie gehöhnt hat, weil die Grossmutter die Namen der Kinder verwechselte. Ich war fassungslos - an ihrer Stelle wäre ich schon lang ausgerastet und ihm womöglich an die Kehle gesprungen.
Aber sie war duldsam, wie in die Ferne gerückt, weit weg von persönlicher Betroffenheit. Oder war ihre Liebe so umfassend?
Mit mir hat sie manchmal auch Karten gespielt – ein Lichtpunkt in meinem Kinderleben. Trotz fast wortloser Verständigung und Gleichklang erschien sie mir wie eine fremde Fee aus einer anderen, kalten Welt – wie gerne hätte ich sie umarmt, ihre Wärme gespürt, mit ihr herumgetollt! Doch sie war die weise Alte. Entrückt, unnahbar, fast mystisch. Kein Wellenschlag, glatt und kühl wie Marmor.
Aber mit einer ihren wiederholten Aussagen hat sie mich verwirrt, ja gerade erschüttert. Diese war ein Rätsel für mich. Nach einem tiefen Seufzer hat sie plötzlich gesagt: „Wozu lebe ich noch? Ich möchte gerne sterben.“ Und diese Äusserung kam aus dem Mund einer ausgeglichen erscheinenden und, abgesehen von den rheumatischen Beschwerden, gesunden und schönen alten Frau mit dem sphynxartigen Lächeln. Sie war zu dieser Zeit seit ca.10 Jahren verwitwet, hat aber nicht allein gelebt, sondern gut aufgehoben im Kreise der Familie ihrer Tochter.
Ich habe die Welt nicht mehr verstanden, konnte mir nicht vorstellen, wie man nur den Wunsch haben könne zu sterben.
Sie starb mit 86 an Altersschwäche.
Für mich war sie eine würdige Alte. Aber was bedeutet in ihrem Falle „Würde“?
Kühle Distanz? Sich rechtzeitig von den Turbulenzen des Lebens lossagen können und mit Gleichmut den Tod einladen? Oder trotz Todessehnsucht das Leben annehmen – mutig bis zum Schluss?
Joseph
Joseph war ständig beschäftigt. Noch über Achtzig die Heizung in die Wohnung eigenhändig eingebaut, alles Mögliche gebastelt, Kleider genäht, gekocht, gebacken. Die aufgehende Sonne hat ihn im weit entfernten Familiengarten angetroffen, wohin er sich selbstverständlich zu Fuss begeben hatte. Bis 10 Uhr war gejätet, gepflanzt, gegossen, geschnitten und geerntet. Mit schweren Körben ging er nach Hause, um anschliessend aus dem gartenfrischen Gemüse und Obst ein leckeres Mittagessen (inkl. Kuchen) zu zaubern. Dann, nach einer kurzen Siesta, folgten die Näh -und Reparaturarbeiten, auch im Auftrag für die Nachbarn: für eine symbolische Entlöhnung, Hauptsache waren ja die Gesellschaft und die Hilfeleistung.
Sowohl an gartenfreien Tagen als auch in den Herbst- und Wintermonaten hat er seinen späten Enkel in die Schule gebracht. Den Weg, 5 oder 6 Haltestellen bei jeder Witterung – wie anders? - zu Fuss zurückgelegt: „Zu Fuss gehen ist gesünder als mit dem Tram fahren - das muss der Kleine lernen.“
Er war seit Jahrzehnten pensioniert, hat sich aber nie zurückgelehnt. Als ehemaliges Verdingkind, als Soldat an der Front im Krieg und als Kriegsgefangener hat er früh und gründlich die Lektionen von Arbeit und Pflicht lernen müssen. Trotzdem hat er nie geklagt. Nie war er missmutig oder unzufrieden. Seine Kundschaft hat er mit Charme empfangen, mit Komplimenten beglückt und durch Anekdoten und Witze unterhalten – während seine Hände fleissig arbeiteten. Zu dieser Zeit war er schon weit über 90.
Dann, als 98 jähriger, erzählte er einmal, dass seine Frau schwer krank und pflegebedürftig geworden war. Auch da wollte er keine Hilfe. Er hat sie bekocht, gepflegt und liebevoll getröstet.
Der Bruch kam, als sie starb.
Seine Augen verloren die Schalkhaftigkeit, das Leuchten, plötzlich wurde er sehr alt. „Wozu lebe ich noch?“, fragte er bei einer Begegnung. Da war er 102.
Innerhalb von 2-3 Monaten folgte er seiner Frau.
Die Würde, seine Würde wuchs mit ihm: Wie er von früh auf die Herausforderungen seines nicht ganz einfachen Schicksals annahm: Seine Lebenshaltung, sein Optimismus und sein Humor wirkten als Urkraft des Vertrauens und der Authentizität.
Ohne Worte, durch sein Dasein hat er vermittelt: nicht aufgeben. Weitermachen. Sinn finden und geben. Annehmen. Dankbarkeit.
Und nicht zuletzt: Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe.