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Der letztjährige War Horse war für mich mit Abstand eines der grössten musikalischen Erlebnisse von 2011. Nun, ein Jahr später, erscheint mit Lincoln ein Biopic von Steven Spielberg um die letzten sechs Monate Amtszeit des wohl berühmtesten amerikanischen Präsidenten. Kein anderer hat die Geschichte des Landes so positiv geprägt wie der 16. Präsident Abraham Lincoln, der am 14. April 1865 von John Wilkes Booth tödlich verletzt und am darauf folgenden Tag verstorben ist. In einer US-Umfrage der letzten 10 Jahre wurden zwei Dinge als essentiell „amerikanisch“ und „vertrauenswürdig“ erkannt: Baseball und Lincoln. In einem Land, welches sich über nicht viel einig werden kann, ist das bezeichnend.
Basierend auf den letzten Kapiteln aus Doris Kearns Goodwins Buch „Team of Rivale: The Political Genius of Abraham Lincoln“, ist Lincolnein grosser Film, welcher mit der Qualität der eingesetzten Schauspieler, allen voran Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle, ein Meilenstein im Werk von Spielberg darstellen dürfte.
John Williams setzt hier das Chicago Symphony Orchestra und den Chicago Symphony Chorus ein, um dem rund 150 Minuten langen Film musikalisch einen von Herzen warmen Score zu verleihen. Es zeigt aber auch, wie sehr es um die heutige Filmmusikwelt steht, dass nur selten mehr ein neuer Score so berühren kann, wie dies Lincoln tut. Die Veränderung der letzten 15 Jahre in der Dramaturgie und Sprache eines Filmes machen es zudem immer schwieriger, dass so klug durchdachte, mehrschichtige Werke geschrieben werden können (und dürfen). Es spricht für das Vertrauen Spielbergs in Williams.
„The Purpose Of The Amendment“. Die dichte Atmosphäre setzt die Absicht des Präsidenten frei und seine Überzeugung wird klar zum Ausdruck gebracht: Es darf keine Sklaverei in einem freien Land wie den USA geben. Schliesslich dauerte es bis in den Januar 1865, bis das Repräsentantenhaus das 13. Amendment bewilligen konnte. Hier hat Lincoln übrigens noch den kleinen faux pas begangen, in dem er die Ergänzung gleich selber unterschrieb (was er nicht hätte tun dürfen, bzw. was nicht nötig gewesen wäre). Am 18. Dezember 1865 wurde dann offiziell mit einer 3/4 Mehrheit der Staaten die Sklaverei aufgehoben.
„With Malice Toward None“, der sechste Track des Albums, ist in seiner elegischen Kraft ein Herzstück des Scores. Es ist ein Zitat aus seiner Rede zur zweiten Amtsperiode, kaum ein Monat vor seiner Ermordung. Es spricht dafür, dass der Präsident die Zeitzeichen erkannt und nach vorne schaute:
„With malice toward none, with charity for all, with firmness in the right as God gives us to see the right, let us strive on to finish the work we are in, to bind up the nation’s wounds, to care for him who shall have borne the battle and for his widow and his orphan, to do all which may achieve and cherish a just and lasting peace among ourselves and with all nations.“
So feinfühlig setzt sich Williams denn auch in Lincolns Lage, denn er schafft es immer wieder mit einer orchestralen Dichte die Momente festzuhalten. Da wird nicht gedroht, sondern verstanden. Verständnis lässt Veränderung zu.
„The Southern Delegation And The Dream“, ein brodelnder Track, der erst 90 Sekunden vor Schluss erwacht, als der Traum erscheint, getragen von Streichern; eine verhalten-optimistische Stimmung, wie das Morgengrauen nach einer langen Nacht.
„Father And Son“ beleuchtet die Beziehung zu seinem Sohn Willie… in warmen Tönen, endend mit einem Piano-Solo. Eine einfache Melodie ohne viel Schnörkel, berührend und geradlinig.
Eine Anekdote am Rande zum ersten der drei Söhne: Robert Todd Lincoln (1843-1926) hatte das zweifelhafte „Vergnügen“, stets in der Nähe oder unmittelbar bei einer Ermordung von amerikanischen Präsidenten zu sein: bei seinem Vater war er in der Nähe, bei James A. Garfield war er ein Augenzeuge und beim Attentat an William McKinley wieder nah am Geschehen, aber kein Augenzeuge. Er selber erkannte diese Anhäufung an Zufällen, so dass er sich nicht mehr zu präsidentialen Anlässen einladen liess.
„Freedom’s Call“ ist ein anderer wichtiger Track auf dem Album. Es zeugt von einem Erwachen, beginnt zunächst mit einem langsamen Americana, Streicher tragen die Melodie und schwingen in „präsidentielle Höhen“, bevor ab der dritten Minute plötzlich ein neuer Rhythmus auftaucht, der alles treibt und überschattet. Eine Kraft beseelt den Track, die Bläser füllen die Stille, gewinnen bei jedem neuen Anhören an Dimension und Farbe.
„Appomattox, April 9, 1865“ bezieht sich auf die letzte Schlacht General Lees „Army of Northern Virginia“, bevor sie sich der Armee von Ulysses S. Grant ergab. Es war auch einer der letzten grossen Kampfhandlungen des Amerikanischen Bürgerkrieges. Ein wichtiger Zeitpunkt, den Williams hier begeht. Der elegische Charakter dringt immer wieder durch. Hier gehalten mit einer schlichten Melodie auf dem Piano bevor die Bläser und der Chor den Moment verdeutlichen. Geschichte wird hier geschrieben, aber es ist auch die Sinnlosigkeit, welche deutlich wird. So viel verloren.
Der längste Track ist „The Peterson House And Finale“. Holzbläser und Streicher führen uns an das Ende der Reise, wenn der Präsident nach 9 Stunden im Koma verstirbt. Williams fängt die Gefühle von Verlassenheit und Hoffnung ein. Verlassenheit und Angst, welche sich aber im Laufe des Tracks in Hoffnung und Zuversicht zu wandeln vermögen. Immer grösser, stärker wird dieses Gefühl. Das kraftvolle Thema aus „Freedom’s Call“ macht sich breit, bevor es dem Hauptthema aus „The People’s House“ weicht, hier als Pianosolo, später gepaart mit Holzbläsern und Streichern. Dann „The Blue and Grey“ in der Reprise in der selben Orchestrierung und Umsetzung. Williams zeigt deutlich, dass ein Track nicht überorchestriert sein muss, um zum Zuhören verleiten zu können.
Den Abschluss bildet die Piano Solo Reprise von „With Malice Toward None“.
Das Album verströmt immer wieder eine Wärme und Ruhe. Und trotzdem besitzt der Score einen Ausdruck, welchen ich auch als „somber“ bezeichnen würde. „Somber“ kann sowohl „düster, trist, traurig, finster, trüb, dunkel“ bedeuten – im musikalischen aber speziell mit „trauervoll“ übersetzt werden. Es ist aber noch mehr dahinter. Williams ist kein Fremder was diese Sprache anbelangt. Immer wieder hat er in der Vergangenheit so zu uns gesprochen: Saving Private Ryan, Angela’s Ashes, Born on the 4h of July und The River. Das schimmert auch hier bei Lincoln durch. Keine einfache Kost, aber wer sich hinsetzt und zuhört, der wird vermutlich auch nicht als erstes Popcorn machen wollen.
Lincoln als Score isoliert zu betrachten, ist, ob der historischen Zusammenhänge, welche Williams hier musikalisch dokumentiert, für mein Dafürhalten fast nicht möglich. Anders als beispielsweise War Horse, empfinde ich Lincoln als nicht linear gestaltet, eher mehrgleisig und deshalb mehrschichtig. Und weil mehrschichtig, keine einfache Kost. Wie damals Sleepers (1996), der gelungenen Verfilmung von Lorenzo Carcaterras Roman/Autobiographie mit dem selben Namen, gibt jedes Zuhören ein weiteres Mosaiksteinchen preis. Je einfacher die Melodie, desto besser sollte man hinhören, weil genau hier, weit im Hintergrund, die Dinge sich noch mehr bewegen, als man es zuerst annimmt.
(Sehr) langer Rede kurzer Sinn: John Williams lässt uns mit Lincoln an einem ganz grossen Score teilhaben. Natürlich verdient er damit sein Geld – aber wenn Filmmusik, dann richtig. Wie die hier.