Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/1568

-
Publication
Back to overview
Show all
Book (peer-reviewed)

Publisher

Michael Imhof Verlag, Petersberg D

ISBN

978-3-7319-0138-9

Abstract
Während aktuelle Forschungsprojekte zu Innenarchitektur und Innenausstattung unterschiedliche Entwürfe, Modelle, Konzeptualisierungen und Interpretationen von Innenräumen in Kunst, Architektur, Theater und visueller Kultur von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart untersuchen, wird die Beschreibung von Interieurs in der Literatur ausgeklammert. Diese Forschungslücke wollte das Symposium „Ein Dialog der Künste: Beschreibungen von Innenarchitektur und Interieurs in der Literatur von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart“ schließen.
Das zweite internationale Symposium „Ein Dialog der Künste“ ging dabei von der Tatsache aus, dass in solchen Beschreibungen immer auch Spielerisches mitwirkt, in gleichem oder gar höherem Masse jedoch auch Kulturtheorien enthalten sind. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt ist: Hat die in der Literatur implizit formulierte Kulturtheorie Auswirkungen auf die Herausbildung der als solchen deklarierten Kulturtheorien oder ist die Wirkungsweise in gegenläufigem Sinne auszumachen? Eine weitere Möglichkeit umfasst die gegenseitige, sich durchdringende und durchwebende Beeinflußung von impliziter literarischer Kulturtheorie und den verschiedenen expliziten Kulturtheorien.
Zweifelsohne handelt es sich bei den Beschreibungen von Innenarchitektur und Interieurs in der Literatur um Zeugnisse, die für die Kunstgeschichte einen wichtigen Beitrag in methodologischer Hinsicht leisten können, denn sie erschließen neue interdisziplinäre Dialoge. Im Idealfall werden nicht nur literarische Texte im engeren Sinn für die Analyse herangezogen, sondern weitere Genres wie journalistische Beiträge, Reiseberichte, Briefe oder Tagebücher. Beschreibungen von Innenarchitektur und Interieurs geben Einblick in die Wohnverhältnisse des Adels, aber auch des Groß- und Kleinbürgertums und der gesellschaftlichen Unterschichten. Diese Beschreibungen zeigen des Weiteren die Beziehungen der Individuen zur Umwelt auf und sind Spiegel der Veränderungen, denen diese unterworfen sind.
Hubertus Günthers Beitrag Vorstellungen von Amors Residenz in der Renaissance ist das Resultat eines mehrjährigen Forschungsprojektes, das der Analyse bildlicher, textlicher und architekturtheoretischer Quellen gewidmet war. Anhand von Apuleius und ausgewählten Dichtern der Renaissance werden die gegenseitige Beeinflussung von Literatur und Architektur untersucht und die Motive, die sich dabei ergeben, herausgearbeitet. Als auffälligstes Motiv aus den untersuchten Beschreibungen ergibt sich die unerhörte Pracht und der strahlende Glanz der Residenzen, die als aus den edelsten Materialen, aus Gold und Edelstein, Kristall und Elfenbein gebaut geschildert werden. Ein weiteres wichtiges Merkmal für Amors Residenz ist die Durchdringung von Aussen und Innen, wobei nicht immer auszumachen ist, wo die Architektur beginnt und wo der Garten einsetzt. Als wichtigstes Element der literarischen Beschreibungen von Amors Residenz nennt der Autor die Architektur, oftmals vage bleibt, auch wenn sich die Beschreibung auf einen realen Bau bezieht, wie im Falle von Udines Psiche, die sich am Palazzo Te orientiert. Somit ist der Phantasie dessen, der ihn nicht kennt, ein weiter Spielraum gelassen.
Einem Medienwechsel gleicht präsentiert sich der Beitrag von Katharina Eck, der wie der Beitrag von Hubertus Günther Psyche in den Vordergrund stellt, diesmal jedoch am Beispiel der Folge einer Bildtapete. Der Titel ihres Beitrags, der Einblick gibt in die laufende Dissertation zu Bildtapeten des frühen 19. Jahrhundert aus der Manufaktur Dufour heisst: Donnant naissance à la volupté: Die Amor und Psyche-Tapetenszenen in (kon-) textuellen Ordnungen des Einrichtens um 1800. Diese Bildtapete war nach den Beschreibungen von literarischen Texten entstanden. Für ihre Untersuchungen zieht die Autorin zeitgenössische Texte aus dem Journal des Luxus und der Moden sowie den Werbebroschüren der Fabrikanten heran und kann so die Beziehungsstrukturen von Tapetenszenen zu den Räumen ihrer Anordnung und den Betrachter-/Bewohnersubjekten herausarbeiten.
Der Beitrag von Fabio Colonnese, Modello e deformazione: Edgar Allan Poe e l’architettura dell’opacità, ist der Entwicklung der Raumvorstellungen des 16. bis frühen 20. Jahrhunderts gewidmet. Die Veränderungen dieser Raumvorstellungen werden insbesondere am Beispiel einiger Erzählungen von Edgar Allan Poe herausgearbeitet. Im 16. Jahrhundert passte sich die Innenarchitektur allmählich den Vorstellungen der Linearperspektive an. Waren die Räume zunächst so untereinander verbunden, dass sie verschiedenen Zwecken dienen und auf verschiedene Arten betreten oder durchquert werden konnten, wurde dieses Modell einerseits durch den seitlichen Korridor, der den Zugang zu den Räumen ermöglichte, ersetzt. Damit wurde insbesondere das Problem des freien Durchgangs durch die Innenräume gelöst und eine distinkte Unterscheidung in bediente und dienende Räume geschaffen. Andererseits entwickelte sich auch die Raumabfolge als enfilade, wobei sich der Innenraum in Appartements gliedert, deren Räume durch Öffnungen auf einer gemeinsamen Axe verbunden sind. Diese zwei Modelle der Raumaufteilung und Raumerschließung sind kennzeichnend für das 17. Jahrhundert. Robert Adams war einer der ersten, welcher das Raummodell der enfilade in Frage stellte, indem er die Raumöffnungen und Türen dezentralisierte. Auch Edgar Allen Poe stellte dieses Modell in seinen Erzählungen in Frage, doch was bei Robert Adam als bizarr bezeichnet werden könnte, wird bei Poe zur krankhaften Deformation eines Raummodells und zur Präfiguration von Walter Benjamins Konzeption des Interieurs oder von Adolf Loos introvertierter und peripatetischer Architektur.
Balzac et les intérieurs. Autour d’une déclinaison romanesque de la chambre ist der Beitrag von Sabine Frommel und Paulina Spiechowicz. Balzacs Romane, so zeigen die beiden Autorinnen, sind auch Recherchen zu den realen Dingen und zur materiellen Welt. Die Dinge stehen im Zentrum der Überlegungen zur Gesellschaft seiner Zeit. Sie sind sozusagen eine Verankerung der romanesken Welt der Comédie humaine. Die Beschreibung der Interieurs werden für Balzac zur Notwendigkeit, sowohl in Bezug auf die Struktur als auch in Bezug auf die Organisation seiner Romane. Insbesondere die Schilderung der Möblierung erlaubt es dem Autor, eine spezifische Semantik des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln, mit ihren Konventionen und ihren Moralvorstellungen. Gesehen durch das Prisma der Beschreibungen von Interieurs, erscheint somit das Spannungsverhältnis zwischen dem Privatleben des Individuums und einer korrumpierten Gesellschaft. Dank dieser Methode ergibt sich die Kohärenz der Struktur und die machtvolle Präsenz der Bilder der Balzac’schen Romane.
Im Beitrag Das verweigerte Interieur in Victor Hugos Les Misérables von Barbara von Orelli-Messerli werden ausgehend von einer Textpassage zu Beginn des Romans kunstwissenschaftliche Fertigkeiten wie die kennerschaftliche Begutachtung von Kunstwerken in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt. Der Beitrag soll aufzeigen, was die Kunstgeschichte - zur Zeit von Hugo noch in ihren Anfängen steckend - vermochte und wo ihren Grenzen waren. Interessant sind diese Untersuchungen deshalb, weil die Beschreibung der Prozesse der Authentifizierung, die in komplexen epistemischen Strukturen angelegt sind, nicht von einem Kunsthistoriker sondern von einem Romanschriftsteller vorgenommen wird. Auch wenn in Les Misérables gewisse methodologische Ansätze eher rudimentär geschildert werden und auch nicht immer zu einer korrekten Authentifizierung führen, kann dies für die Erforschung der Geschichte der Kunstgeschichte und ihrer Methoden erhellend sein. Die Autorin kann aufzeigen, dass Hugo sowohl über Connoisseurship als auch über Stilkritik verfügte und sich dies in der Realität auf eine ganz spezielle Art und Weise zeigte.
Der Beitrag von Sabine M. Thümmler geht spezifisch auf Tapeten in Interieurbeschreibungen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Zwischen Wohnen und Wahn. Tapeten in Interieurbeschreibungen zeigt insbesondere auf, dass Tapeten zu Gradmessern der sozialen Entwicklung werden und in den literarischen Texten zu Psychogrammen ihrer Bewohner mutieren. Mit den Tapeten entstehen Phantasmagorien, die die Innenwelt der Figuren veranschaulichen und so zur Seelenlandschaft ihrer Besitzer mutieren. In diesem Sinne sind Tapeten auch Folie der inneren Ängste der Bewohner der Räume, in welchen sie zu finden sind.