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Die Gipfelbewegung der Rosablanche
Val de Bagnes.
H. Zölly und H. Dübi, Ingenieure der eidg. Landestopographie ( Sektion Bern ).
Von Ueber diese ausserordentliche Gipfelbewegung hat bereits Ingenieur J. Ganz im Jahrbuch L, 1914/1915, S. 182/183, einige kurze Mitteilungen veröffentlicht. Seither ist die Bewegung des Gipfels weitergeschritten Die eidgenössische Landestopographie verfolgte diese Veränderungen periodisch mit um so grösserem Interesse, als die Triangulation der weiteren und näheren Um- gebung der Rosablanche erst in die Jahre 1917 bis 1921 fiel, wobei der trigonometrische Punkt auf diesem Gipfel stets als Hauptausgangspunkt zu dienen hatte. Nachdem im Winter 1920/1921 sämtliche Berechnungen im Wallis südlich der Rhone zum Abschluss gebracht waren, konnte anhand aller Erhebungen ein zahlenmässig genauer Verlauf der Gipfelbewegung festgestellt werden.
Um im nachstehenden ein vollständiges Bild dieses Verlaufes zu geben, wiederhole ich einige bereits veröffentlichte Ergebnisse. Im übrigen beschränke ich mich darauf, zu erklären, wie es möglich war, die Bewegung zu erkennen, ziffernmässig festzulegen und sie anhand einiger Photographien zu illustrieren. Mein Kollege Dübi wird sodann den Aufsatz vervollständigen, indem er anhand der beiliegenden Ansichtsreihe, der topographischen Aufnahme und der Illustrationen die Ursachen in geologischer Richtung zu erklären sucht.
Der Gipfel der Rosablanche, ungefähr 3340 m hoch, im Grenzkamm zwischen Val de Bagnes und Val d' Hérémence gelegen ( Blatt Lourtier, S. A., Nr. 527 ), wurde erstmals wohl von Jägern erstiegen. Als erster Tourist betrat Weilenmann am 9. September 1865 den Gipfel. Später wurde der Gipfel infolge seiner leichten Zugänglichkeit und dank der lohnenden Aussicht ein beliebter Ausflugspunkt. Ingenieur Rosenmund wählte den Gipfel anlässlich seiner Rekognoszierung für das Hauptnetz über das Wallis im Jahre 1888 als Netzpunkt 1 .Ordnung wesentlich deswegen, weil von hier aus neben Dent du Midi, Oldenhorn, Alteis, Schwarzhorn ( Turtmann ) auch die Dufourspitze sichtbar war, während der im Gebiet dominierende Gipfel des Mont Fort diese notwendige Netzsicht nicht gibt. Er versicherte den trigonometrischen Punkt auf dem « höchsten Punkt » durch einen in den Fels eingetriebenen Eisendorn sowie drei in Fels eingemeisselte Kreuze und signalisierte ihn durch einen konischen Steinmann mit Stange und Bretterkreuz. Auf der photographischen Aufnahme vom August 1890 des Herrn E. Thury in Genf, die mir unser Klubkollege bereitwilligst zur Verfügung stellte, ist dieses Signal deutlich erkennbar. ( Siehe Fig. 6. ) Im Jahre 1891 führte Ingenieur Rosenmund seine Winkelbeobachtungen auf Rosablanche aus; er machte in seinen Aufzeichnungen die kurze Bemerkung, dass das Signal « etwas nach Süden Die Gipfelbewegung der Rosablanche.
neige ». Später, in den Jahren 1894 und 1895, pointierte er von verschiedenen Gipfeln aus das Signal der Rosablanche; er stellte beidemal fest, dass dasselbe nach Süden neigte. Durch seinen berühmten Gehilfen Coquoz lässt er es senkrecht stellen. Eine kritische Bemerkung über das Schief-stehen, eine für den Geodäten nicht allzu ausserordentliche Tatsache, ist in den Notizen Rosenmunds nicht zu finden. Da der Gipfel viel besucht war, vermutete er wohl unfreiwilliges oder mut- williges Schiefdrücken der Stange durch Touristen. Heute, nachdem es uns gelungen ist, nachzuweisen, dass die Gipfelbewegung schon zwischen 1891 und 1905 einsetzte und den Betrag von 70 cm in östlicher Richtung erreichte, können wir diese Schiefstellung der Signalstange und den Zerfall des Steinmannes auf die Bewegung der ganzen Gipfelpartie zurückführen.
Den nächsten Besuch bei Anlass der Erstellung der Triangulation des Kantons Waadt erhielt die Rosablanche im August 1905 durch Ingenieur Baeschlin; er fand noch Reste des Steinmannes und das schiefgedrückte Stangensignal vor. Baeschlin rekonstruierte das Zentrum und dessen Versicherung — der eingetriebene Eisendorn war verrostet — durch ein eingemeisseltes Kreuz im Felsen und mass die Distanzen zwischen Zentrum und Kreuzen und unter den Kreuzen selbst. Auffällig war eine lokale Bewegung des südlichen Kreuzes. Ingenieur Baeschlin sowie sein ihn damals begleitender Messgehilfe, Ulrich Fornage, erinnern sich heute genau, dass sich damals der trigonometrische Punkt auf der Kulmination des Gipfels befand, wie sich auch, trotz der tatsächlich um zirka 1 Meter tieferen Lage gegenüber 1891, durch Rechnung bestätigen lässt Anzeichen irgendwelchen Verfalls des Gipfels stellte Ingenieur Baeschlin nicht fest.
Bei der Inangriffnahme der Haupttriangulation im schweizerischen Alpengebiet wurde auch die Rosablanche beibehalten.
Ingenieur Ch. Bähler besuchte Ende Juni 1913 den Gipfel. Er stellte fest, dass der Steinmann von 1905 zerfallen war und das Signal schief in demselben steckte, nach dem achtjährigen Unterbruch erfahrungsgemäss nichts Ausserordentliches. Ingenieur Bähler revidierte und ergänzte die Versicherung und Signalisierung vollständig. Ein nach allen Regeln der Kunst zylindrisch aufgebauter Steinmann, ein Stangensignal mit Bretterkreuz und ein zweckmässiger Blitzableiter krönten wiederum den Kulmination spunkt des Gipfels, wie ihn Ingenieur Bähler noch 1913 auffasste. Irgendwelche Anzeichen lokalen Zerfalls des Gipfels stellte Bähler nicht fest; er verwies einzig auf die Unsicherheit der Masszahlen gegen das südliche Versicherungskreuz, die er in der Verschiebung eines der Gipfelblöcke vermutete. Die hier beigegebene Photographie ( siehe Fig. 1 ) von Ingenieur Bähler, 1913 aufgenommen, und andere mir zur Verfügung stehende Bilder von 1913 lassen nun nachträglich erkennen, dass der Gipfel nicht so aus- gesprochen Gipfel war wie 1890, denn der auf den Bildern sichtbare, aufgehäufte Schnee in südwestlicher Richtung deutet an, dass sich 1913 eher von einem Gipfelgrate sprechen lässt. Rechnerisch habe ich nachweisen können, dass sich 1913 der trigonometrische Punkt seit 1891 um 4 m gesenkt hatte und die Kulmination nicht mehr der trigonometrische Punkt war, sondern die Gipfelblöcke in unmittelbarer Nähe des später ausgewählten Zentrums 1916, die zirka 0,5 m höher waren als der trigonometrische Punkt von 1888.
Im ersten Kriegsjahr 1914 wurden am 1. August die im vollen Gange befindlichen Winkelbeobachtungen plötzlich abgebrochen. Erst nachdem einige unserer tüchtigsten Hochgebirgsgeodäten den ersten Aktivdienst hinter sich hatten, konnten die verlassenen Hochstationen wieder bezogen werden. So kam es, dass Ingenieur Schwank erst Mitte September auf Rosablanche stationierte, die infolge frühen Herbstes bereits eingeschneit war. Unfreundliche'Witterungs-verhältnisse zwangen Ingenieur Schwank, das Minimum an Kontrollen auszuführen. Ohne jede Ahnung, dass der Gipfel sich horizontal und vertikal verschiebe, beendigte er seine Station. Immerhin blieben Ingenieur Schwank einige charakteristische Eindrücke des Gipfels in der Erinnerung haften, die er später, als wir die Bewegung erkannt hatten, mitteilte. Unter diesen Merkmalen erwähne ich besonders die Tatsache, dass sich der trigonometrische Punkt nach Ingenieur Schwanks Ansicht nicht auf der Kulmination befunden hatte, sondern in südwestlicher Richtung, und er beim Traversieren auf diese Kulmination, in zirka 5 m Distanz vom alten trigonometrischen Punkt entfernt, in einer Kluft eingesunken sei.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren ich und meine Mitarbeiter überzeugt, dass auf Rosablanche alles in Ordnung sei. Ich begann mit aller Zuversicht die Zen-trierungsrechnungen, Stationsausgleichungen, Dreieckzusammenstellungen und Vergleiche mit bereits vorhandenen älteren Messungen von 1891 von Rosenmund und Baeschlin von 1905. Jetzt stellten sich unliebsame Überraschungen ein; alle Dreiecke mit Rosablanche wollten nicht stimmen. Ich suchte zuerst eigene Fehler, sodann Fehler in exzentrischen Heliotrop-Aufstellungen der Gehilfen und meiner Mitarbeiter. Alle Doppelrechnungen bestätigten aber meine erste Berechnung. Es blieb nur noch eine Annahme, ein bis jetzt noch nicht in dieser Grosse ziffernmässig festgestelltes Phänomen: eine Verschiebung des trigonometrischen Punktes auf Rosablanche von zirka 3,5 m, abgeleitet aus den Beobachtungen von Ingenieur Rosenmund 1891/1895 und den neuesten von 1914, von zirka 3 m zwischen denjenigen von Baeschlin von 1905 und denjenigen von 1914 in nordöstlicher Richtung.
Die relativ kleine Verschiebung von 1891 bis 1905 konnte in diesem Zeitpunkt 1914 nur mit dem Dreieck Dent du Midi-Oldenhorn-Rosablanche genähert gerechnet werden. Mit den gleichen Resultaten hätte sie eigentlich schon 1905 erfasst werden können; die Differenzen in den Winkeln innerhalb ± 2",5 ( sex ), d.h. knapp innerhalb der Genauigkeitsgrenzen, mit denen sowohl 1891 Ingenieur Rosenmund als Baeschlin und ich 1905 messen konnten, waren aber nicht schlüssig, um auf einem der drei Punkte, Dent du Midi, Oldenhorn oder Rosablanche, Veränderungen zu vermuten. Da nun von 1905 bis 1914 aber einwandfrei angulare Differenzen bis zu 20 " ( sex ) vorlagen und die Punktlagen auf Oldenhorn und Dent du Midi als vollständig unverändert sich erwiesen, blieb nur übrig, die Verschiebung auf Rosablanche zu suchen. Der Rückschluss, dass auch die Differenzen in den Die Gipfelbewegung der Rosablanche.
Winkeln zwischen Rosenmund und Baeschlin-Zölly nicht nur auf Messungsfehler, sondern teilweise auf Verschiebungen hindeuten mussten, war nun berechtigt und ist, wie ich später nachweisen konnte, auch tatsächlich bestätigt worden.
Wir standen also vor der Tatsache, dass einer unserer wichtigsten trigonometrischen Fixpunkte kein Fixpunkt war. Die Feldkampagne 1915 stand vor der Tür, als wir diese Überraschungen erfasst hatten. Die Beobachtungen für das Alpennetz waren glücklicherweise 1914 wenig weit vorgerückt; der Punkt Rosablanche war ferner der wichtigen Sicht Rosablanche—Monte Rosa wegen nicht zu umgehen, so dass wir uns entschliessen mussten, soviel als möglich die Beobachtungen gegen Rosablanche hin und auf Rosablanche selbst wiederholen zu lassen, und zwar im möglichst gleichen Zeitpunkt, um eine bestimmte Lage des sich bewegenden Fixpunktes festhalten zu können. Anderseits hoffte ich, durch eine genaue, örtliche Untersuchung am Berg selbst einen die Bewegung des Gipfels nicht mitma- chenden Ort zu finden, um durch lokale, geometrische Beobachtungen die Länge und Richtung der Bewegung zu messen.
In diesem Sinne B- ) wurde die Feldkampagne 1915 durchgeführt. Ingenieur Ganz konstatierte in günstigster Jahreszeit durch photographische Aufnahme ( vide Jahrbuch L, S. 180 ) die seit 1914 erweiterte Kluft, die in der Ansichtsreihenbeilage deutlich sichtbar ist. Es gelang ihm ferner, den Rückversicherungsbolzen « C » im nordwestlichen Grat einzulassen, der sich bis heute wirklich, wie gehofft, als vollständiger Fixpunkt erwiesen hat. Er wiederholte ferner die Winkelbeobachtungen auf Dent du Midi, Oldenhorn und Rosablanche selbst in kurzer Aufeinanderfolge, ebenso wurden auf Monte Rosa und Schwarzhorn anfangs August die Beobachtungen gegen Rosablanche erledigt.
Die Berechnungen, die ich im Winter anhand der neuen Winkelbeobachtungen durchführte, stellten eine Bewegung des trigonometrischen Punktes von 1,19 ni in nördlicher Richtung fest und eine Senkung von 1,67 m. Wie schon Ingenieur Schwank 1914 den höchsten Punkt nicht auf dem trigonometrischen Punkt, sondern in südwestlicher Richtung gelegen bezeichnete, so stellte nun Ingenieur Ganz fest, dass sich der Kulminationspunkt in südwestlicher Richtung zirka 3 m höher als der alte trigonometrische Punkt befindet.
Im Jahre 1916 folgten für die Sichten nach Norden, Nordwesten und Nordosten weitere Winkelbeobachtungen Vorerst war aber eine Verlegung des trigonometrischen Punktes auf den nunmehr höchsten Gipfelpunkt notwendig, da von einzelnen Punkten aus der alte trigonometrische Punkt im Frühjahr 1916 nicht H. Zölly und H. Dübi.
Zentrum 1888.
mehr gut sichtbar war. Die Verlegung erfolgte N am 21. Juni 1916 durch | Ingenieur Bähler I ( siehe Fig. 2 ), der'g als neuen Standpunkt ~ einen Punkt nahe bei
Kluft mit Schnee gefüllt.
Fig. 3 ), welche die erweiterte Kluft deutlich zeigt. Durch Einbezug des Rückversicherungsbolzens « C von 1915 in die Beobachtungen und direkte Längen- und Winkelmessung zeigte sich nach rechnerischer Verarbeitung, dass seit 1915 der trigonometrische Punkt weiterhin um l,09 m in nordöstlicher Richtung sich bewegt hatte und um 1,97 m tiefer lag als 1915. Die photographische Aufnahme von Herrn Ingenieur Ganz ( Fig. 3 ) zeigt deutlich das weitere Wandern des alten Zentrums von 1888.
1917 wurde das Signal Rosablanche neuerdings von einigen Gipfeln pointiert, so dass die für diesen Zeitpunkt notwendige Lage des neuen Signals 1916 wiederum fixiert werden musste. Ingenieur Schneider beobachtete am 8. September 1917 auf Rosablanche alles Notwendige. Dank des Rückversicherungsbolzens « C » von 1915 gelang wiederum die Zentrierung einwandfrei; die Wanderung des alten Zentrums von 1916 bis 1917 wurde zu L3 m in nordöstlicher Richtung ermittelt bei einer Senkung von 2,5 m, während das neu gewählte Zentrum 1916 auf dem Kulminationspunkt sich als unverändert erwies. Auch hier belege ich die neueste Wanderung durch eine Photographie ( siehe Fig. 4 ).
Im Jahre 1919 wurde die Triangulation des ganzen Val de Bagnes und des Val d' Entremont ausgeführt. Auch hierfür waren genaue Erhebungen auf dem Gipfel der Rosablanche notwendig, da immerhin befürchtet werden musste, dass auch das neugewählte Zentrum von 1916 sich verschieben könnte. Die W¾ikelbeob-achtungen und weitere Messungen von Ingenieur Bähler, im September ausgeführt, bestätigten die unveränderte Lage des neuen Zentrums 1916 auf der Kulmination des Gipfels, während der alte trigonometrische Punkt mit Beharrlichkeit den Weg in die Tiefe suchte. Die zweijährige Periode seit der Beobachtung von 1917 ergab eine horizontale Verschiebung von 2 m, während die vertikale Verschiebung volle 4,8 m betrug.
Die Gipfelbewegung der Rosablanche.
Das Jahr 1920 brachte eine neue Überraschung. Während Ingenieur Bähler vom Grand Cornier aus noch einwandfrei durch Vergleichung seiner Beobachtung vom B. August 1920 das trigonometrische Signal 1916 auf Rosablanche in unveränderter Situation im Jahre 1916 pointiert hatte, stellte Ingenieur de Raemy bei Anlass seiner Winkelbeobachtung auf Sasseneire am B. September 1920 fest, dass das Signal wohl noch auf dem Gipfel stand, aber in veränderter Situation. Leider zwangen uns die Verhältnisse, diese Veränderung nicht sofort nachmessen zu können; nach eingezogener Auskunft bei bekannten Messgehilfen im Val de Bagnes ergab sich die Richtigkeit unserer Vermutung; das Signal war durch Touristen infolge Abrutschens auf neuen Standpunkt aufgestellt worden. Wir hatten die Genugtuung, durch den Artikel im « Echo des Alpes » von Herrn Ed.Correvon, 1921, S. 148, die aufmerksamen Erbauer des Signals in Sittener Klubkollegen kennen zu lernen. Wir danken ihnen hier für die Aufmerksamkeit und spornen unsere zahl- reichen Klubkollegen zur Nacheiferung an, mit der Bitte, uns sofort auf einer Karte ähnliche Operationen mitzuteilen.
Nun war also glücklich unser neuer E >< Zentrum 1916.
Fixpunkt, das Zentrum 1916, abgeglitten, nicht so säuberlich wie der alte trigo- nometrische Punkt, Kluft mil Schnee ausgefüllt.
dessen Lage sich immer wieder ermitteln liess, sondern, infolge der steilen Abrutschfläche, auf Nimmerwiedersehn im Trümmerfeld oder in der Randkluft des Gletschers. Es war uns bange, ob wohl auch unser Rückversicherungsbolzen von 1915 den gleichen Weg gewandert und ob damit die Rosablanche ihre Rolle als trigonometrischer Punkt ausgespielt habe. Wir inussten ihn für 1921 noch für die Detailtriangulation im Val d' Hérémence und Val d' Hérens haben.
Mit gutem Mute ging Herr Geometer Knecht der wackeligen Rosablanche zu Leibe. Ende Juni 1921 fand er das von den Sittener Herren im August 1920 gestellte Signal in leidlich senkrechter Stellung, aber zu äusserst am Rande der .Abrutschfläche, ebenso den charakteristischen Block. Glücklicherweise schien unser Anker, der Rückversicherungsbolzen « C », unverändert. Er stellte das Signal noch südlicher, an die ihm damals sicher scheinende höchste Stelle des Gipfels. Ende Juli führte er bei vollständig aperen Verhältnissen auf dem Gipfel die fehlenden Winkelbeobachtungen aus, erhob die Beziehungen mit dem Rückversicherungsbolzen « C » und versicherte nun das neueste, dritte Zentrum in der Position, wie es die Fig. 5 und die topographische Aufnahme zeigen, auf der heutigen Kulmination des Gipfels. Der Sachverhalt in diesen Tagen zeigt, dass der charakteristische Block seit Ende Juni auch den Weg zur Tiefe gefunden hatte und der heutige Gipfel- Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 56. Jahrg.
H. Zölly und H. Dabi.
Ungefähre Lage des Zentrums 1D16.
Zentrum 1921.
< Bolzen C.
punkt einen äusserst kleinen Raum umfasst, knapp gross genug, um den Theodoliten gut aufstellen zu können. Die Berechnung der Aufnahme führte ich mit berechtigter Spannung sofort nach Eingang der Feldbücher, anfangs August, durch; glücklicherweise mit Erfolg, der Rückversicherungsbolzen « C » war unverändert geblieben, unsere neuesten Beobachtungen konnten den letzten notwendigen Dienst einwandfrei versehen und in die alten Beobachtungen zurückzentriert werden.
Am 27. August 1921 stattete ich dem seltsamen Gipfel, der mich so manche Rechenoperation gekostet hatte, persönlich meinen Besuch ab. Ich war gespannt, die Zerstörung auf dem Gipfel und die Bewegung des alten Zentrums von 1888 mit eigenen Augen zu sehen, alte und neue Aufnahmen zu vergleichen, um meine Überlegungen bestätigt zu finden. Bei herrlichem Wetter und bei günstigsten Verhältnissen gelang es mir, einige die Bewegung des trigonometrischen Punktes darstellende photographische Aufnahmen zu machen. Das Vollbild zu Seite 288 gibt die Ansicht vom nordöstlichen Felsgrate gegen das heute noch bestehende Zentrum von 1888 und die deutlich sichtbare Abrutschstelle.
Ich war voll befriedigt von meinen Ergebnissen und doch fehlte mir etwas, die topographische Aufnahme. Die Landestopographie hatte dieselbe in Anbetracht des einzigstehenden Falles schon 1920 vorgesehen; sie war leider infolge der ungünstigen Witterung nicht ausgeführt worden. Auf meine Befürwortung hin wurde sie 1921 nachgeholt. Mein Kollege, Ingenieur-Topograph Dübi übernahm diese Aufnahme. An zwei aufeinanderfolgenden Herbsttagen, am 6. und 7. Oktober, gelang es ihm, die topographische Aufnahme der ganzen - Gipfelpartie bei vollständig aperen Felsen zu machen, die wir hier als direkte Reproduktion des Originals geben. Neben derselben photographierte Dübi den Gipfel ungefähr von den gleichen Standpunkten aus wie Herr Thury im August 1890 und Herr Paul Montandon im August 1902 ( auf dem Vollbild zu Seite 290 oben steht irrtümlicherweise 1890 ). Die nebeneinander reproduzierten Photographien ( Fig. 6 und 7 und Vollbild zu S. 290 ) zeigen deutlich die Veränderung am Grate nach 30- resp. 19jähriger Zerstörungsarbeit am Gipfel und das gewaltige Zurückgehen des Glacier de Prazfleuri.
Zum Schlüsse gebe ich eine kleine graphische Situation ( Fig. 8 ) mit den wichtigsten Zahlen, die auf Grund aller Beobachtungen haben bestimmt werden können. Die interessanteste Erhebung ist wohl die genaue Fixierung der Lage und Höhe von 1891. Sie geschah durch Rückwärtsschnitt mit den Beobachtungen von Ingenieur Rosenmund aus den nur mit neuesten Beobachtungen gerechneten, der Rosablanche zunächst gelegenen Punkten III. Ordnung. Die Genauigkeit dieser Festlegung geschah mit einem mittleren Fehler von ± 3 cm in Lage und Höhe; in Anbetracht der schwierigen Verhältnisse also mit einer sehr befriedigenden Genauigkeit.
Der heutige Gipfelpunkt ( 1921 ) ist somit um 4,74 m tiefer als der von Ingenieur Rosenmund fixierte Punkt von 1888 gelegen. Dieser selbst ist von 1891 bis 1921, also in 30 Jahren, 21,16 m tief abgeglitten. Die Bewegung war von 1891 bis voraussichtlich 1911, dem vorletzten sehr heissen Sommer, verhältnismässig klein, in der Lage betrug die Bewegung ungefähr 1,5 m, die Senkung ungefähr 2 m. Von 1911 an ist die Bewegung eine stetige, aber eine bedeutend stärkere als in der vorangegangenen Periode.
Damit bin ich am Schluss meiner Ausführungen angelangt und überlasse die Feder meinem Mitarbeiter Dübi.H. Zölly.
Da möchte ich am liebsten mich geschickt aus der Affäre ziehen, etwa wie eine Gerichtsinstanz die Zuständigkeit ablehnen. Auf alle Fälle erwarte man nicht gewagte Seitensprünge auf geologisches Terrain; es könnte mir da gehen wie der Rosablanche selber; ich könnte ins Rutschen kommen. So ist es gewiss besser, ich beschränke mich darauf, den Schluss dieser merkwürdigen Bewegungsgeschichte zu erzählen, gewissermassen die letzten Sensationen dieser « Donna mobile » Rosablanche vorzuführen. Wenn sich dabei aber nolens volens geologische Fragen aufdrängen, so bin ich überzeugt, der Sache am besten zu dienen, wenn hier der berufene Fachmann zu Worte kommt.
Wie von Kollege Zölly oben erwähnt, erhielt ich im Oktober 1921 den Auftrag, eine topographische Messtischaufnahme von der Gipfelpartie der Rosablanche auszuführen. Ausserdem handelte es sich bei meinem Gipfelbesuch auch darum, endlich einmal der Ursache dieses Bewegungsphänomens energisch nachzuspüren. Denn, obgleich an dieser geologischen Frage nicht direkt interessiert, konnte es der Landestopographie nicht gleichgültig sein, zu wissen, ob diese Bewegung der Rosablanche eine ganz vereinzelte Abnormität sei, oder ob im Lauf der Zeit mit ähnlichen Erscheinungen auch anderswo gerechnet werden müsse, was für unsere Gebirgstriangulation höchst unwillkommen, ja verhängnisvoll werden könnte. Die ausserordentliche Trockenheit jener Jahreszeit schien für diese Untersuchungen besonders günstig. So zog ich denn, begleitet von zwei H. Zolli; und H. Dabi.
Gehilfen,beiherrlich-stem Wetter los, wir trotteten durch den schuhtiefen, braungelben Staub auf der Strasse von Lour-tiernachFionney, wir balancierten mit der Laterne und im Dämmerungs-zwielicht über die erbarmungslos blossgelegten Blockfelder der oberen Val de Severeu zum Col de Cleuson hinauf, in beständigem Zwiespalt einer vorwärtsstürmenden Neugierde und einer weisen Zurückhaltung, um die Kräfte für die zu erwartende ergiebige Gipfelarbeit zu sparen. Nicht auf dem Gipfel selbst, sondern auf dem obersten Zacken des Nordwestgrates, der die beste Übersicht gewährt, machte ich Halt und gönnte mir eine Viertelstunde ruhiger Beschaulichkeit. Vor mir ragte der Gipfel als schmales, steiles Riff empor, jetzt vollständig losgeschält von allen lockeren Gesteinsmassen. Er besteht aus einem kompakten und anscheinend durchaus gesunden und soliden serizitartigen Gestein. Dort, in halber Höhe auf der Gratkante sitzt ja auch der berühmte Bolzen C, ein eigentlicher « point de résistance)1. Alles andere war ein Bild der Umwandlung, der Zerstörung. Es brauchte schon recht viel Phantasie dazu, um sich die Lage des Gipfels von 1888 irgendwo in der Luft vorzustellen, und die ominöse Kluft, in welche 1914 Kollege Schwank mit seinen langen Beinen einstach ( siehe oben S. 286 ), war jetzt offener Geröllhang. Dort unten aber liegt, inmitten hässlicher Gesteinstrümmer, zerspalten, zerfetzt, das, was einst Gipfel und Krone des Berges gewesen ist. Fürwahr, eine eigenartige Metamorphose, interessant genug, um zu eingehendstem Studium zu verlocken. Früher ein Signalgipfel wie viele hundert andere auch, ein « Aussichtsberg ersten Ranges » wie so viele andere auch, mit Graten und Flanken, die ebenso leicht als uninteressant waren, brachte dich nichts aus deiner harmonischen Ruhe, aber auch nichts aus deiner Mittelmässigkeit. Und heute, o Rosablanche! Bei deinem Anblick ist man versucht, aus Fatinitza zu zitieren: « was hast du alles durchgemacht ». Du bist geodätisch und geologisch examiniert, du bist photographiert und topographiert, Jahrbücher erzählen von deinem Schicksal, ja, welch ein Schicksal, erst nachdem du um dein hohes Haupt gekürzt worden bist, kamst du zu dieser zweifelhaften Berühmtheit! Doch mit Phantasieren ist noch keine topographische Aufnahme gemacht worden; ich raffte mich also auf, damit mir der kurze Herbsttag nicht aus den Händen gleite. Anfangs etwas unsicher in der Wahl der Darstellung und der Mittel, brachte ich schliesslich das Gebilde heraus, welches ich dem Leser auf dem Incavobild zu S. 294 vorstelle. Ich war dabei bestrebt, eher ein Die Gipfelbewegung der Rosablanche.
Bolzen C.
Bild als einen topographischen Plan im eigentlichen Sinne zu geben. Der Kartenleser möge mir verzeihen, wenn ich, entgegen der üblichen Gewohnheit, die Karte auf den Kopf stelle: Nord und Süd sind vertauscht, demnach auch Ost und West. Dies geschah deshalb, um beim Anblick der Karte die Abrutschstelle gerade vor sich zu haben. Die Bewegung des Zentrum 1921.
Rutsches geschieht auf diese Weise zum Beschauer hin und nicht von ihm weg. Auch bei der Wahl der Beleuchtungsrichtung wurde vom Üblichen abgewichen. Sie ist nicht von links oben, sondern von Mitte oben, also direkt von Süden gewählt und entspricht demnach der vollen Mittagsbeleuchtung. Dies war für das plastische Herausarbeiten der Abrutschstelle mit ihren nach Nordost und Nordwest verlaufenden obern Begrenzungskanten am vorteilhaftesten.
Ein erklärendes Wort zu der Serie der Gipfelprofile oder besser ausgedrückt der Ansichtsreihe ( siehe die Beilage in der Schleife ) möge hier beigefügt sein. Dieselbe ist normal zur Gleitfläche des alten Zentrums gesehen, und zwar von einem, theoretisch gesprochen, unendlich fernen Standpunkt aus. Auf diese Weise gelangen alle Masse, welche die Bewegung des alten Zentrums bezüglich Lage und Höhe illustrieren, unverkürzt im Bilde zur Darstellung. Alle Höhen-masse beziehen sich auf denjenigen unveränderten Gratpunkt, welcher seit 1916 das Gipfelsignal trug, und zwar deshalb, weil dies der einzige feste Punkt ist ( bis zum Jahre 1920 !), der angenähert in obgenannter Gleitfläche liegt. Im Sommer 1921 ging auch dieser verloren ( siehe oben S. 289 ).
Sobald mich die topographische Aufnahme zu Atem kommen liess, warf ich einen Blick auf die petrographische Beschaffenheit des Gipfelkomplexes. Dieser besteht durchwegs aus Gneis, aber von sehr wechselnder Art. Auf dem breiten Südgrat und in der Ostflanke bis hinauf zum jetzigen Gipfel ist er von körniger Struktur, Albit-Gneis1 ) nach authentischer Bestimmung. Prächtige, glattpolierte Rutschharnische zeugen dafür, dass schon vor Jahrtausenden hier allerlei Gesteinschübe und -rutsche stattgefunden haben. Mehr dichtes Aussehen und von dunkler Farbe, infolge Auftretens von Hornblende, haben die auf dem alten Gipfel geschlagenen Handstücke. Es sind sogenannte Prasinitgneise.Von wesentlich anderem Aussehen ist das Gestein des Nordwestgrates samt seiner Felsenmauer auf der Nordseite, über welche die ehemalige Gipfelpartie geglitten ist, und seiner gegen Severeu abfallenden Flanke. Es ist jenes schon erwähnteDie Bestimmung der Handstücke fand nachträglich durch Herrn Prof. Argand statt.
schöne, seidenglänzende Gestein, welches fachmännisch als Albit-Serizitgneis angesehen wurde. Fast könnte man sich verleiten lassen, hier des Rätsels Lösung zu suchen, so etwa, als ob es sich um zwei einander fremde Gesteinszonen handelte und dass der Rutsch auf einer geologischen Kontaktfläche erfolgt wäre. Zwar gehen weiter unten am Nordwestgrat die genannten Gesteinsarten durch mannigfache Verquetschungen oft ineinander über, was wieder dafür sprechen würde, dass alles ursprünglich dasselbe Material, dass der Gneis nur gelegentlich durch Druckmetamorphose serizitisch umgewandelt worden sei. Auch weiss die geologische Karte jener Gegend nichts von etwaigen lokalen Überschiebungsdecken. Also, wenn nicht aus dem Gesteinswechsel und auch nicht tektonisch, woher kommt denn diese Gipfeldeformation? Hängt sie vielleicht zusammen mit dem Rückgang des Glacier de Prazfleuri, aber wie das? Seit Jahrzehnten gehen Gletscher zurück, ohne dass deshalb Teile des Alpengebäudes zusammenfallen. Oder endlich: Befindet sich unser Berg in einem Zustand beschleunigter Verwitterung und Abtragung, ist der erste Schritt getan zur Umwandlung des stolzen Alpengipfels in Trümmer, wie sie das Tälchen von Severeu erfüllen, um schliesslich in ebensolchen Gesteinsstaub überzugehen, wie derjenige auf der Strasse von Lourtier nach Fionnay? Das alles waren Fragen, welche der fachmännischen Beurteilung harren. Einige jüngere Geologen, denen ich die Sache vorlegte, interessierten sich wohl lebhaft dafür, dabei aber blieb es. Zu einem Augenschein an Ort und Stelle, welche einzig das Problem restlos zu lösen vermocht hätte, kam es nicht.
Da führte mich mein guter Stern nach Neuenburg. Im herrlich gelegenen ehemaligen Pénitencier, von dem aus man an schönen Tagen den Alpenkranz bis zum Mont Blanc sieht, herrscht jetzt ein freier Geist. Dort hat sich unter der Leitung von Prof. Argand das geologische Institut eingerichtet. Aus primitiven Sammlungen von Prof. Agassiz hervorgegangen, besteht heute das neuen-burgische Institut in aller Stille als das modernste, umfangreichste und besteingerichtete der ganzen Schweiz. Herr Prof. Argand, der beste Kenner der penninischen Alpen, empfing unsere kleine Rosablanche-Delegation in liebenswürdigster Weise. Da stellte es sich bald heraus, dass Herrn Argand die Rosablanche-Defor-mation schon seit Jahren bekannt ist. Er unterzog sie im Jahre 1916 einem eingehenden Studium, und wir sind durch sein freundliches Entgegenkommen in der Lage, das Resultat dieser Untersuchung hier wiedergeben zu können.
Herr Argand teilte mir mündlich folgendes mit:
Das Problem ist durchaus abgeklärt und seine Lösung zweifelsfrei. Nicht in der Gesteinsart ist die Ursache zu suchen, dieser Gneis ist solid genug, um die Unveränderlichkeit des Gipfels noch auf lange Zeit zu garantieren. Auch nicht tektonisch ist die Sache erklärlich, denn das Fallen der Schichten ist steil nach Süd oder Südwest. Ein Abrutsch von Schicht auf Schicht wäre demnach nicht gegen Prazfleuri, sondern auf die Gegenseite, nach Severeu-Fionney hin, erfolgt. Nein, den Sünder fassen wir, obschon er ruhig und scheinbar harmlos daliegt, an der Abrutschstelle selbst — es ist der Glacier de Prazfleuri. Dieser hat durch jahrtausend-lange Erosion sein Felsenbett angeschürft, wobei auch die Basis der Gipfelpartie nicht verschont geblieben ist, sie wurde angekratzt, benagt, untertieft. So entstand, als der Gletscher zurückging, ein « défaut de stabilité »; die Felsmassen, welche kein Fundament mehr hatten, lösten sich dort ab, wo natürliche Spalten und Klüfte dies begünstigten, und rutschten zur Tiefe. Es ist klar, dass die in die.
Die Gipfelbewegung der Rosablanche.
Klüfte eingedrungenen atmosphärischen Niederschläge durch Sprengwirkung den Prozess beschleunigten, aber es wäre ganz falsch, in diesen das primär Wir-kende zu erblicken. So bildete sich, wie bei jedem Bergsturz oder Bergrutsch, eine 3327.23 m ¾ :0.00 m Rückversicherungsbolzen C ROSABLANCHE issi -1921 Ò Zentrum 1916 Fd.N 373.6 m Abrissnische,wel-ohe in ihrer zentralen und orographisch rechten Partie heute o 1920. 22 vin versetztes Signal Zentrum 1921 9.11 m Fig. 8.
als fertig ausgebildet zutage tritt ( siehe Vollbild zu S. 288 und den topographischen Plan ). Der Prozess ist dort zum Stillstand gekommen, er ist in einen « état de stabilité » übergegangen, und Herr Argand gab uns die tröstliche Versicherung, dass jetzt auf dem Signalgipfel alles in Ordnung sei. Er sagte wörtlich: « je me laisserais couper la main, si le signal dans la position où il se trouve actuellement se déplaçait encore ». Während also der Abrutschprozess am Gipfel selbst beendigt, ist er am Nordwestgrat noch in vollem Gange.Vom kleinen Sattel, welcher auf dem topographischen Plan mit 3318,2kotiert ist, zieht sich eine beginnende Gesteinsspalte, analog derjenigen, welche den Gipfelbrocken abgetrennt hat, in nordwestlicher Richtung hin. Alles, was nördlich derselben liegt, ist dem sichern Untergange geweiht. Die Nordwand dieses Felsgrates taucht in ausserordentlicher Steilheit unter das Eis des Glacier de Prazfleuri und beginnt in grossen Stücken abzuspalten. Durch Vergleich der Aufnahmen von 1890 und 1921 ( Fig. 6 und 7 ) ist die Deformation des Nordwestgrates deutlich zu erkennen: Während die untere Partie vorläufig noch unverändert ist, hat sich das Gratstück oberhalb jenes kleinen Sattels vollständig NO
deformiert, seine Silhouette ist nicht wieder zu erkennen, wobei ich, wie schon früher erwähnt, hervorhebe, dass die beiden Photos vom gleichen Standpunkt aus aufgenommen worden sind.
Interessant wäre es noch, die Frage über die Gletschertiefe zu diskutieren. Allein da sind wir auf blosse Vermutungen angewiesen. Herr Prof. Argand, den ich auch darüber um Auskunft bat, gab dieselbe zu 80 bis 100 Meter an, und es ist einleuchtend, dass solche Eismächtigkeit TeinenKolossaldruck auf die Unterlage aus- eine intensive Schürfung derselben hervorrufen musste. Wer nun glaubt, die Annahme einer Gletschertiefe von 80 bis 100 Meter sei übertrieben, möge folgende approximative Berechnung nachprüfen. Erstens: auf dem Vollbild zu S. 290 ist ersichtlich, dass im Jahre 1902 der Gletscher fast bis auf den Gipfel reichte. Der Höhenunterschied vom Gipfel bis zum obern Eisrand mag schätzungsweise 10 Meter betragen. Nun hat sich nach Kollege Zöllys Berechnungen der Gipfel im ganzen um rund 20 Meter abgesenkt. Auch heute reicht der Gletscher bis nahe an den abgerutschten, ehemaligen Gipfel ( siehe dasselbe Vollbild ). Nach dem topographischen Plan sind es wiederum 10 Meter, somit Totalrückgang des Gletschers in vertikalem Sinne 20 Meter. Zweitens: im Herbst 1921 war der Gletscher ausserordentlich stark zerschrundet und ich erinnere mich, in Spalten geschaut zu haben, die gut 25 Meter tief klafften, was mir auch Kollege Zölly, welcher ja einige Wochen früher oben war, bestätigte. Es sind die Schrunde, welche ungefähr auf der Horizontalkurve 3300 liegen ( siehe topographischer Plan ). Nun aber reissen Gletscherspalten nie bis auf den Grund, sondern nur bis etwa x/3 oder höchstens bis zur Hälfte, das heisst, wir berechnen die jetzige Gletschertiefe minimal zu 25 x 2 resp. 25 x 3 = 50 resp. 75 Meter. Dies zu den oben berechneten 20 Meter addiert, gibt die totale Eishöhe vor Beginn der Deformation, nämlich 70 bis 95 Meter, wodurch die Schätzung von Herrn Argand bestätigt ist.
Endlich stellen wir uns noch eine und damit die Schlussfrage: Was wird in Zukunft mit dem abgetrennten Gipfelstück geschehen? Da ergeben sich zwei Möglichkeiten. Einmal ist es denkbar, dass dasselbe an den obern Eisrand anstösst und dass es bei weiterem Rückgang des Gletschers an heutiger Stelle oder nicht weit davon entfernt, liegen bleibt. Viel wahrscheinlicher aber ist die Annahme, dass der Gipfelbrocken wurzellos auf dem Eise sitzt und die Gletscherbewegung mitmacht. Denn ist man nicht berechtigt, in den ganz konstanten jährlichen Bewegungszahlen des alten Zentrums ( vide Fig. 8 ) die Vorstoss-bewegung des Gletschers selbst zu erblicken? So ist es nach dem Verlauf der Horizontalkurven des Gletschers ( viehe topographischer Plan ) leicht zu prophe-zeihen, dass der Gipfelbrocken aus seiner Nordostrichtung nun bald eine Schwenkung nach Norden machen wird, um der Richtung des stärksten Gefälles zu folgen, und wir werden noch eine Zeitlang das merkwürdige Schauspiel haben, den Gipfel der Rosablanche auf dem Rücken des Gletschers talwärts reiten zu sehen. La Rosablanche — der weisse Gletscher! Diese Etymologie wird wohl richtig sein. Aber wie sinnlos scheint es, dass der Gletschet, welcher dem Berg den schönen Namen gegeben hat, heute daran ist, ihn selbst zu zertrümmern!
Es erübrigt nun noch, dass wir allen denjenigen danken, welche uns in diesem Rosablanche-Feldzug beigestanden sind, in erster Linie Herrn Prof. Argand. Seine Aufklärungen waren von grösstem Interesse, sie wirkten für uns direkt erlösend. Ferner sind wir all denjenigen Clubmitgliedern zu Dank verpflichtet, welche auf jenen Appell in der Alpina hin uns wertvolles photographisches Material zur Verfügung stellten, nämlich die Herren E. Thury und A. Desmeules von Genf, Dr. M. Bornand, Dr. H. Grandjean, Ch. Robert von Lausanne, nicht zu vergessen Herr P. Montandon,'welcher, wie schon oft, die Sache der Landestopographie durch seine reiche Photosammlung unterstützte.H. Dübi.