Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03156.jsonl.gz/206

cash.ch: Die Finanzmärkte beschäftigen sich derzeit stark mit dem Coronavirus. Handelt es sich um eine Hysterie oder eine ernstzunehmende Bedrohung?
Joachim Klement: Insofern ist es eine Medienhysterie, als dass die Anzahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgebauscht wird. Die normale Grippe fordert in einer Saison viel mehr Todesopfer. Man muss aber auch sehen, dass das Virus eine Sterberate von 2 Prozent hat, das ist 20 Mal höher als bei einer Grippe, wo die Mortalität bei 0,1 Prozent liegt. Das Coronavirus ist wiederum weniger tödlich als Sars. Beim Coronavirus wurden aber auch sehr viele Gegenmassnahmen getroffen, um die Ausbreitung einzudämmen.
Inwiefern ist das Coronavirus keine Hysterie?
Chinas Bemühungen, um die Ausbreitung des Virus’ zu unterbinden, waren erfolgreich. Indem China einzelne Provinzen und indirekt das ganze Land abschottet, erleben wir aber einen kleinen wirtschaftlichen Schock, der sich weltweit auswirkt. China dürfte dieses Jahr 0,3 bis 0,5 Prozent an Wachstum einbüssen. Das ist kein kleiner Effekt. Nun hat Apple mitgeteilt, dass die Fabriken in China nicht schnell genug wieder zum Laufen gebracht werden, um die Nachfrage nach iPhones zu bedienen. Die HSBC, Europas grösste Bank, erwartet wegen China grosse Rückgänge beim Gewinnwachstum.
Erwarten Sie nach Apple oder der HSBC weitere grosse und wichtige Unternehmen, die wegen China mit schlechten Nachrichten aufwarten werden?
Ja, durchaus. Viele Unternehmen versuchen herauszufinden, was das Coronavirus für ihre Umsätze und Gewinnentwicklungen bedeutet. In den kommenden Wochen wird klarer werden, was der Einfluss ist. Deutsche Automobilfirmen, Schweizer Luxusgüterfirmen wie Swatch oder Richemont und auch DKSH mit Direktvertrieb in Asien sind am härtesten betroffen. Der Reisedetailhändler Dufry ist ein Kandidat für einen härteren Schock, einfach deswegen, weil die Passagierzahlen bei Flügen in China und Asien generell extrem zurückgegangen sind.
Wichtige Volkswirtschaften wie Japan oder Singapur sprechen von Rezessionsgefahr. Muss man das ernstnehmen?
Ich würde das schon ernst nehmen, und zwar bei allen Ländern, die stark von China abhängig sind: Sei es als Absatzmarkt oder als Zulieferer. Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan sind da am meisten betroffen.
Kann das auf Europa übergreifen?
Wo man die Folgen des Coronavirus auch gross sieht, ist Deutschland. Die Volkswirtschaft hat null Prozent Wachstum hingelegt, und ich gehöre zu jenen, die Deutschland in der Rezession sehen. Man sieht dies einfach noch nicht technisch.
Führen Sie dies auf Deutschlands wichtige Exportwirtschaft zurück?
Die Wachstumsschwäche Chinas führt dazu, dass deutsche Exporteure ein ziemliches Problem haben. Die Automobilwirtschaft in Deutschland ist aus verschiedenen Gründen ohnehin schon unter Druck. Und der chinesische Automarkt ist der grösste der Welt, aber auch einer der schwächsten wachsenden, weil er gesättigt ist. Und mit den Coronavirus kaufen die Leute keine Autos mehr. Das wird sich natürlich auch Schweizer Auto- und Maschinenbauzulieferer auswirken.
Erwarten Sie eine längere Krise?
In wahrscheinlich zwei oder drei Quartalen wird das Coronavirus vergessen sein. Die Rückschläge, die wir in den nächsten ein bis zwei Monaten sehen werden, werden von eher kurzfristiger Natur sein. Danach sollten sich die Aktienkurse erholen.
Manche Indizes stehen ja schon auf Rekordniveaus. Macht dies eine - vielleicht heftige - Korrektur nicht immer wahrscheinlicher?
Solange das Wachstum in den USA gut ist und in Europa nicht zu dramatisch in Richtung Rezession geht, kommt es bei den Aktienmärkten zu keinen grösseren Verwerfungen. In Europa sind nur Deutschland in Italien in der Rezession, die übrigen Volkswirtschaften wachsen noch halbwegs gut. Ausserdem spekulieren die Märkte drauf, dass die Notenbanken in den USA, Grossbritannien und der Eurozone die Geldpolitik weiter lockern, um konjunkturelle Abschwächungen abzufedern. Das sollte die Aktienmärkte beflügeln.
Erwarten Sie gar weiter steigende Märkte?
Die Märkte werden weiter von den Zentralbanken gestützt. Wir haben in den USA klare Anzeichen für eine Zinssenkung der Fed, und bei der Europäischen Zentralbank sind quantitative Lockerungsmassnahmen oder sonstige Massnahmen hoch wahrscheinlich. Dramatisch steigen wie 2019 werden sie wohl nicht, aber wir werden wohl auch keine Rückschläge von zehn oder zwanzig Prozent bekommen.
Schon während der heissen Phase des US-chinesischen Handelsstreits hielt wenig die Aktienmärkte von ihrer Rekordfahrt ab. Warum spricht man plötzlich so wenig von diesem Konflikt, der genaugenommen ja noch nicht abgeschlossen ist?
Der Konflikt ist überhaupt nicht abgeschlossen. Er ist nur durch zwei Effekte in den Hintergrund gerückt worden: Der provisorische Deal zwischen den USA und China Mitte Januar und gleich danach das Coronavirus. Mittlerweile ist das Coronavirus das einzige Thema, das die Aktienmärkte treibt.
Woran sehen Sie dies?
Die Korrelation zwischen dem S&P 500, dem FTSE100 oder dem EuroStoxx50 und dem Coronavirusfällen liegt bei minus 0,8. Das heisst: Immer wenn wir Nachrichten bekommen, dass es überraschend viele neue Fälle gibt, sinken die Kurse. Die Aktienmärkte haben wieder einmal ein klassisches Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und können sich nur auf ein Thema fokussieren.
Sie arbeiten in London: Spüren Sie, dass der Brexit nun formal vollzogen worden ist?
Die Konsumentenstimmung und die Stimmungsindikatoren der Unternehmen haben sich dramatisch aufgehellt. Dies als Reaktion auf die Wahlen vor Weihnachten und auf die Tatsache, dass Grossbritannien am 31. Januar aus der EU ausgetreten ist. Ich glaube aber nicht, dass das schon das Ende vom Lied ist. Die Verhandlungen über das Verhältnis Grossbritanniens zur EU nach 2020 beginnen nächsten Monat. Das wird noch einmal zu extremen Unsicherheiten führen. Das Pfund dürfte wie schon in den vergangenen drei Jahren ein weiteres Mal stark gebeutelt werden.
Betreffen solche Unsicherheiten nur Grossbritannien und das Pfund, oder auch die europäische oder gar die Weltkonjunktur?
Zunächst ist klaren Abstand vor anderen Grossbritannien betroffen. Betroffen sind aber auch Irland, die Niederlande und in etwas geringerem Umfang Deutschland. Mit zunehmender Brexit-Unsicherheit im Laufe der Verhandlungen wird aber die EZB dies als Vorwand nutzen können, um geldpolitische Lockerungen durchzuführen. Zu einer Eurozonen-Krise wird es wegen der Brexit-Unsicherheit aber nicht kommen.
Joachim Klement arbeitet als unabhängiger Anlagestratege in London. Er unterhält auch den Blog Klement on Investing. Bekannt in der Schweiz ist Klement von seiner Tätigkeit als langjähriger Anlagechef und Partner beim Beratungsunternehmen Wellershoff & Partner. Davor war der ETH-Mathematiker und CFA-Diplominhaber unter anderem bei der UBS tätig.