Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03175.jsonl.gz/1343

Wie ungerechtfertigt es ist, dass die Gitarre in der breiten Musikszene ein Randdasein fristet, wurde einem bei Vladimir Mikulkas Rezital nur zu deutlich bewusst. Schon im ersten Werk offenbarte sich die Vielfalt des Instrumentes. Die im klassischen Stil gehaltene Sonate erfüllte den Raum mit zarter Melodik, virtuosen Skalengängen und nachklingender Akkordik.
Leidenschaftlichkeit und spanisches Temperament kamen in den drei Werken Joaquin Turinas zum Ausdruck. Hier offenbarte sich die Gitarre als Rhythmusinstrument. Mittels klopfenden und schlagenden Anschlags wurde der volkstümliche Charakter des spanischen Tanzes hervorgehoben, um dann mit virtuosen Verzierungen und dem Verklingen auf Flageolett-Tönen wieder die Verbindung zur Kunstmusik herzustellen.
Vladimir Mikulka lud durch sein schlichtes Auftreten und sein gänzlich in die Musik versunkenes Spiel ein, sich von den innigen Klängen berühren zu lassen. Der Künstler lernte den russischen Komponisten Nikita Koshkin in Moskau kennen. Der «Usher Valse» beginnt im Walzertakt. Mit der Zeit wird das rhythmische Muster durchbrochen, bis sich die Musik ganz aus dem Taktschema befreit und in immer schneller werdendem Tempo das Klangspektrum bis hin zu geräuschhaft-perkussiven Elementen ausschöpft.
An Koshkins Oeuvre schloss sich dessen französische Zeitgenossin Suzanne Giraud mit «Eclosion» an. «Eclosion» benutzt Skordaturen. Hierbei werden eine oder mehrere Gitarrensaiten auf eine andere Tonhöhe gestimmt. Ein solcher «skordaturbedingter» Ton bildet die Grundlage dieses vierteiligen Stückes. Ausgehend von im Frage- und Antwort-Charakter gehaltenen Sechstonreihen bringt das Stück immer komplexer werdende Akkorde und Arpeggien hervor, die bis an die Grenze der technischen Möglichkeiten des Instrumentes gehen. Der Gitarrist zeigte sich hierbei als Meister seines Fachs; er verstand es, durch Wechsel von Dynamik und Klangfarbe die Architektur des Werkes zu verdeutlichen und dieses dem Publikum verständlich zu machen.
Mit dem Wiegenlied von Mario Castelnuovo-Tedesco neigte sich das Programm dem Ende zu: Der ruhige melodische Charakter des Werkes liess die Stille des Raumes bewusst werden. Es ist zu hoffen, dass solche Oasen der Kunst in Zukunft ein viel grösseres Publikum ansprechen und in den Alltag hinein weiterhallen.