Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03350.jsonl.gz/409

Der Geograf und Fotograf Michael Martin ist von Wüsten fasziniert, seit er als Jugendlicher mit dem Mofa nach Marokko reiste. Sein Buch «Das Wesen der Wüste» ist eine Mischung aus Reiseberichten, wissenswerten Hintergrundinformationen und eindrücklichen Bildern.
Unter dem Begriff Wüste haben die meisten Menschen das Bild der Dünen im Kopf, die klassisch wohlgeformte Sanddüne, Erg genannt. Doch es gibt auch unwirtliche Geröllwüsten, Hammada, die mit dem Auto kaum passierbar sind; Kieswüsten, Reg, in Algerien, Mali und Teilen Australiens; Gebirgswüsten im Hoggar-Gebirge in der Sahara oder in den Anden; Salzseen in der Wüste von Atacama zwischen Peru und Chile, auch in Bolivien; schneeweisse Gipsdünen im Bundesstaat New-Mexico, die unter Naturschutz stehen. Aber auch die Fata Morgana darf nicht fehlen.
Michael Martin mit seiner Nikon Kamera in Argentinien im Jahr 2009. ©Foto Michael Martin.
Reisen durch die Wüste setzt ein gewisses Mass an Abenteuerlust voraus. Insbesondere wenn ein Siebzehnjähriger sich in den Kopf setzt, den Sternenhimmel im Süden mit dem Teleobjektiv zu betrachten und dafür mit dem Mofa in die Wüste nach Marokko tuckert. Und die Wüste hat es ihm angetan. Nach dem Studium in Geografie und Völkerkunde reist Michael Martin mit seiner Kamera durch die Welt und fotografiert während 35 Jahren Wüsten auf allen Kontinenten. Seine Publikationen und Fotobücher sind mehrfach ausgezeichnet, für Spiegel online berichtet er seit 2010 regelmässig und auf seiner Webseite bietet er Vortragsreihen an.
Die abenteuerlichsten und gefährlichsten Wüstenreisen unternahm Michael Martin zu Beginn in den 1980er Jahren, als es weder GPS noch Satellitentelefone gab. Wenngleich die Sahara seine erste grosse Liebe – seine Königin der Wüste – war, bereiste und fotografierte er in den 1990er Jahren auch die übrigen Wüsten Afrikas. In den 2000er Jahren folgten Wüsten überall auf der Erde und als die Reisen in die Sahara wegen der Islamisten zu gefährlich wurden, erweiterte er seinen Radius und beschäftigte sich mit den Wüsten im Norden, den Polarwüsten.
Wüste – ein Sehnsuchtsort
Wir leben in einem hektischen, nicht überschaubaren Umfeld mit ständiger Reizüberflutung. In der Wüste ist alles reduziert, alles ist klar, übersichtlich, weit und still, eine Erholung für unsere Sinne. Die Sterne sieht man über den ganzen Himmelsbogen funkeln, sieht wie sie sich im Laufe der Nacht langsam verschieben, was wir in unserer Lichterflut höchstens noch mit der Bewegung des Mondes wahrnehmen.
Michael Martin bringt uns in seinem Buch die Wüste näher, er berichtet von seinen Abenteuern und dokumentiert sein grosses Wissen. Die Abbildungen erscheinen im Text schwarzweiss und im Mittelteil gesondert in Farbe. In den rund siebzig kurzen Kapiteln geht er auf die unterschiedlichsten Typen und Aspekte der Wüste ein. Das Buch liest sich in Verbindung mit seinen persönlichen Geschichten flüssig, lebendig und anschaulich, so dass ich mir als Leserin alles lebhaft vorstellen und mit meinen eigenen alten Erinnerungen in der Wüste in Mali verknüpfen kann.
Sanddünen in Arakao, Sahara, Niger, 2004. ©Foto: Michael Martin.
In den «richtigen» Wüsten herrscht Vegetationsarmut, obwohl auch hier Pflanzenarten unter den kargsten Bedingungen wachsen können. Es sind meist Wüstenpflanzen mit kleinen Blättern, giftige Knollen von Bitterkürbissen, in der Regenperiode auch Wildgräser, die sich wie ein grüner Bodenteppich ausbreiten. In den Oasen gedeihen dank Wasservorkommen Dattelpalmen und Nutzgärten werden angelegt.
Pflanzen, Gummibärchen und Coca-Cola
Tamarisken und Akazien mit harten spitzen Dornen spenden etwas Schatten und die Ziegen lieben sie als Knabbereien. Begehrt ist seit je das Harz der Senegal-Akazie. Um es zu gewinnen, schneiden die Touareg die Baumrinde ein und beim nächsten Besuch sammeln sie das inzwischen getrocknete Harz ein. Dieses Gummiarabikum ist ein altes Handelsgut, das vielseitig verwendet wird: in der Papeterie als Klebemittel für Papier und Couverts und zur Herstellung von Temperafarben; in der Medizin für die gummiartigen Hustenpastillen; in der Lebensmittelindustrie als Verdickungsmittel, auch für Gummibärchen. Für die Produktion von Coca-Cola ist es unentbehrlich, denn ohne Gummiarabikum würde der schwarze Farbstoff verklumpen. Als die USA 1997 ein striktes Handelsembargo gegen den Sudan verhängten, nahmen sie Gummiarabikum davon aus, um die Versorgung vom Coca-Cola sicherzustellen.
Wüstensand düngt den Regenwald im Amazonas
Michael Martin erklärt die Entstehung von Wüsten damit, dass im Lauf von Jahrmillionen Passatwinde, unterstützt von Hitze und Kälte, ganze Gebirge abtragen und riesige Mengen Sand als Dünen ablagern. Winde aus der Sahara befördern den Saharastaub bis nach Europa – wo er öfters in den Hochalpen auf Schneefeldern sichtbar liegenbleibt – und sogar über den Atlantik bis in die Regenwälder am Amazonas, die so gedüngt werden.
Dünen kann man auch singen hören. Studien haben gezeigt, dass singende Dünen durch synchrones Abrutschen grösserer Mengen von Sand entstehen, dabei beginnen die Sandkörner zu vibrieren und versetzen die umgebende Luft in Schwingung, so dass Schallwellen entstehen. Je kleiner die Sandkörner sind, umso höher die Töne und je grösser die Sandkörner, umso tiefer und dumpfer der Ton.
Tiere, Menschen und ihre Hinterlassenschaften
Verschiedenste Tierarten leben angepasst an die Wüstenverhältnisse, von Käfern, Schlangen, Skorpionen über Wüstenfüchse, Antilopen bis zu den Wüstenelefanten und Löwen in Namibia. Die Kamele können innerhalb von nur 15 Minuten bis zu 200 Liter Wasser aufnehmen. Die Nomaden ziehen mit ihren Tieren an neue Weideorte, wenn die alten abgegrast sind. Mit ihren Karawanen legen sie tausende von Kilometern zurück, wobei heute immer weniger Menschen dieses beschwerliche Leben auf sich nehmen. Der Autor berichtet von Begegnungen mit den Touareg in der Sahara, als das noch möglich war, und auch mit Beduinen und Nomaden in der Mongolei.
Natürliche Wasserstelle in der Wüste. Das Guelta von Archi im Ennedi-Gebirge im Nordosten der Tschad wird täglich von Hunderten Kamelen besucht. ©Foto: Michael Martin.
In der Wüste findet man Gerippe von verendeten Tieren, in der Wüste Gobi auch von Dinosauriern, altsteinzeitliche Werkzeuge, Felsritzzeichnungen oder versunkene Städte. Zwischen Reibeschalen von Jungsteinzeitmenschen, die vor 5000 Jahren hier lagerten, gibt es heute noch Metallschrott, liegengebliebene Motorräder, Autowracks und Champagnerflaschen aus der Zeit des Rallye Paris-Dakar. 2009 wurde das Rallye auf den südamerikanischen Kontinent verlagert, wo rücksichtslos über die Nazca-Linien, riesige nur aus der Luft sichtbare prähistorische Scharrbilder in der Wüste, gefahren wird und diese dabei stellenweise zerstören. Auch Spuren der französischen Kernwaffenversuche aus den 1960er Jahren sind in den Weiten der Sahara noch präsent.
Nachdem Michael Martin für sein Spezialthema praktisch sämtliche Wüsten auf allen Kontinenten in fast fünfzig Ländern besucht und fotografiert hat, will er sich neuen Landschaftszonen zuwenden: Die Tundra, die Taiga, die Savannen, das Hochgebirge nimmt er sich vor, – es gibt noch viel zu entdecken und zu dokumentieren, wir dürfen gespannt sein.
Michael Martin mit Sabine Wünsch, Das Wesen der Wüste. Wie der Sand in die Wüste kommt und weshalb die Dünen singen – die Entdeckung einer faszinierenden Welt. Ludwig Verlag, München, 2019, 2. Auflage, 286 Seiten, mit Abbildungen. ISBN 978-3-453-28121-9.