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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

7. Buch
23. Über die Erde, aus der Varro eine Göttin macht, weil der Geist der Welt, den er für Gott hält, auch diesen untersten Teil seines Leibes durchwalte und ihm göttliche Kraft verleihe.
Ohne Zweifel ist die Erde ein Einzelding; wir sehen sie zwar mit einer Unzahl lebender Wesen bevölkert, aber sie ist für sich ein wichtiges Glied unter den Elementen und der unterste Teil der Welt. Warum macht man aus ihr eine Göttin? Weil sie fruchtbar ist? Warum sind dann nicht vielmehr die Menschen Götter, da sie die Erde durch Anbau noch fruchtbarer machen, jedoch nicht, indem sie sie anbeten, sondern indem sie sie pflügen. Doch nicht, erwidert man, sondern der Teil der Weltseele, der sie durchdringt, macht sie zur Göttin. Als ob die Seele nicht viel klarer in den Menschen in die Erscheinung träte, wo deren Existenz gar nicht in Frage steht; und doch hält man die Menschen nicht für Götter, und sie geben sich, was sehr zu beklagen ist, in merkwürdiger und unwürdiger Verblendung der Verehrung und Anbetung von Wesen hin, die keine Götter sind und hinter ihnen an Gutheit zurückstehen. Und zwar behauptet Varro in dem erwähnten Buch über die auserlesenen Götter, daß sich die Seele im ganzen Weltall dreifach abstufe; die erste Stufe bestehe darin, daß die Seele alle Teile des Körpers, die ein Leben haben, durchdringt, selbst aber keine Empfindung hat, sondern nur die Kraft zum Leben mitteilt; diese Kraft, sagt er, ergieße sich in unserm Leibe in die Knochen, Nägel und Haare; wie auch in der Welt die Bäume ohne Empfindung Nahrung aufnehmen, wachsen und in ihrer Art Leben haben; auf der zweiten Stufe habe die Seele Empfindung; diese Kraft teile sich mit den Augen, den Ohren, der Nase, dem Mund und dem Gefühl; die dritte Stufe sei die höchste, die, auf welcher die Seele Geist genannt wird, unter dessen Fähigkeiten der Verstand die oberste Stelle einnimmt; an dieser Stufe nehmen unter allen sterblichen Wesen nur die Menschen teil. Diesen Teil der Weltseele nennt er Gott, bei den Menschen aber heiße er Genius. Es gebe ferner auf der Welt Steine und das Erdreich, wie wir es vor Augen haben; sie sind nicht Träger von Empfindung, sind also gleichsam die Knochen und Nägel Gottes; Sonne, Mond und Sterne dagegen, die wir wahrnehmen und durch die Gott wahrnimmt, seien seine Sinne; der Äther sodann sein Geist; dessen Kraft dringe zu den Gestirnen und mache sie zu Göttern; und was sich durch die Gestirne über die Erde ergießt, sei die Göttin Tellus; was aber von dort in Meer und Ozean überströme, sei der Gott Neptunus.
Und nun möge sich Varro zurückwenden von dieser Theologie, die er für die natürliche hält, auf die er abgeschweift ist, wie um ermüdet auszuruhen von seinen Wirr- und Irrgängen; er wende sich zurück, sage ich, zurück zur staatlichen Theologie; dort will ich ihn noch festhalten, über sie handle ich vorerst noch. Ich will hier nicht einwenden, daß das Erdreich und die Steine, wenn sie unseren Knochen und Nägeln zu vergleichen sind, ebenso wie der Empfindung, auch des Verstandes ermangeln; oder daß es, wenn man unseren Knochen und Nägeln deshalb Verstand zusprechen wollte, weil sie sich am Menschen finden, der Verstand hat, ebenso töricht wäre, Steine und Erdreich Götter zu nennen, wie es töricht wäre, die Knochen und Nägel an uns Menschen zu nennen. Das wird etwa mit den Philosophen auszumachen sein; hier dagegen gilt mir Varro noch als Politiker. Es wäre nämlich denkbar, daß er auch bei diesen Ausführungen, obwohl er sich den Anschein gibt, als wolle er damit sein Haupt für einen Augenblick zu der scheinbaren Freiheit der natürlichen Theologie erheben, doch die staatliche Theologie, die er ja in diesem Buche behandelt und ex professo behandelt, im Auge gehabt und diese Ausführungen in der Absicht gemacht hätte, die alten Römer oder andern Staaten gegen die Anschauung in Schutz zu nehmen, als hätten sie ohne Grund die Tellus und den Neptunus verehrt. Wohl aber ist hier folgende Einwendung am Platz: Warum bildete der Teil des Weltgeistes, der die Erde durchdringt, die doch etwas Einheitliches ist, nicht auch lediglich die einzelne Göttin, die er als Tellus bezeichnet? Und wenn das der Fall wäre, wo bliebe dann Orcus, der Bruder Jupiters und Neptuns, der Dispater, wie er heißt? wo dessen Gemahlin Proserpina, die nach einer anderen, im nämlichen Werke ausgesprochenen Meinung nicht die Fruchtbarkeit der Erde1 , sondern der untere Teil der Erde sein soll? Und wenn man sich darauf bezieht, daß ein Teil des Weltgeistes, indem er den oberen Teil der Erde durchdringt, den Gott Dispater bilde, und indem er den unteren Teil durchdringt, die Göttin Proserpina, was ist dann die Tellus? Das Ganze, was sie gewesen ist, wurde ja in einer Weise in zwei Teile und Götter zerlegt, daß sie als die dritte nicht mehr existieren und keinen Platz mehr finden kann; man müßte nur sagen, die Götter Orcus und Proserpina zumal seien die eine Göttin Tellus und es seien also nicht mehr drei Götter, sondern entweder eine Göttin oder zwei Gottheiten; und doch redet man von dreien, glaubt man an drei, verehrt man drei mit eigenen Altären und Tempeln, eigenen Opfern und Bildnissen und Priestern und demnach auch mit eigenen trügerischen Dämonen, die die preisgegebene Seele schänden. Weiter soll man uns Aufschluß geben, welchen Teil der Erde ein Teil des Weltgeistes durchdringe, daß daraus der Gott Tellumo entsteht. Nicht so, sagt Varro, sondern ein und dieselbe Erde hat eine zweifache Kraft, eine männliche, sofern sie Samen hervorbringt, und eine weibliche, sofern sie die Samen aufnimmt und ernährt; deshalb werde sie von der weiblichen Kraft Tellus, von der männlichen Tellumo genannt. Warum fügen dann die Priester, wie Varro selbst aussagt, noch zwei Götter hinzu und opfern vier Göttern, der Tellus, dem Tellumo, dem Altor und dem Rusor? Von Tellus und Tellumo war schon die Rede. Warum auch dem Altor? Weil aus der Erde, sagt er, alles, was geboren ist, seine Nahrung zieht. Warum dem Rusor? Weil alles ebendahin wieder zurückkehrt, heißt es.
1: Vgl. oben K. 20.