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Als Mormonen werden Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bezeichnet. Da die Religionsgemeinschaft aus den USA stammt, ist deren ursprüngliche Bezeichnung englisch (Latter-Day-Saints). Auch die Abkürzung LDS ist sehr gebräuchlich und wird von den Mitgliedern selbst so verwendet.
Mormonen glauben, dass sich die ersten Christen nach Jesus während der „Grossen Apostasie“ (griechisch: Abfall, Wegtreten) von der „wahren Lehre“ abwandten. Diese sogenannte „Fülle des Evangeliums“ war danach 1500 Jahre verschollen und wurde erst durch den Gründer des Mormonentums – Joseph Smith – wiederhergestellt. Der Begriff „Heilige der letzten Tage“ deutet auf die Unterscheidung zu den Heiligen der ersten Tage hin, womit die ersten Christen zur Zeit der Apostel gemeint sind.
Verbreitung und Organisation
Zu den Mormonen können etwa 70 Religionsgemeinschaften gezählt werden, die sich im Laufe der Zeit nach der Gründung der ersten Mormonengemeinschaft (1830) abgespalten hatten. Heute sind die Mormonen hauptsächlich im Westen der USA beheimatet, vor allem im Staat Utah, wo beinahe 70 % der Bevölkerung den Latter-Day-Saints angehören. Dies hat historische Gründe, da die frühen Mormonen aus dem Osten der USA, wo sie ihre Kirche gegründet hatten, vertrieben wurden und im Laufe des „Grossen Zugs nach Westen“ am Great Salt Lake eine neue Heimat fanden. Utah wurde als „Zion“, als ihr gelobtes Land angesehen. Dort bewirtschafteten die Mormonen die unwirtliche Gegend sehr erfolgreich und nannten ihre neue Heimat „Deseret-Terretorium“. Erst 1896 wurde Deseret unter dem Namen „Utah“ als Bundestaat in die Vereinigten Staaten aufgenommen. Salt Lake City, die heutige Hauptstadt, wurde zum Zentrum der Mormonen und beherbergt noch heute den Haupttempel.
Historische Entwicklung
Im frühen 19. Jahrhundert fand man in den USA eine grosse Vielfalt an Religionsgemeinschaften. Zahlreiche Erweckungsbewegungen, Offenbarungen und Verkündigungen eines erneuten Kommens Jesu Christi versetzten das Land in einen religiösen Taumel und die Vielzahl an Presbyterianern, Methodisten, Siebenten-Tags-Adventisten, Baptisten usw. war nicht mehr überschaubar. Inmitten dieser religiösen Unsicherheit stellte Joseph Smith die Frage nach der „wahren Religion“.
Joseph Smith wurde 1805 als Kind einer armen Farmersfamilie in Vermont (USA) geboren. Seine Eltern waren tief religiös, aber nicht einheitlich einer Kirche angeschlossen. Mit 14 Jahren geht Joseph in den Wald, um dort im Gebet Gott zu fragen, welcher Religionsgemeinschaft er sich anschliessen solle. Im Wald erscheinen ihm zwei gleissend helle Lichtgestalten, die Gott und Jesus Christus darstellen. Sie sagen Joseph, dass er sich im Moment keiner Kirche anschliessen dürfe, da deren wahre Botschaft im Laufe der Zeit verfälscht wurde. Drei Jahre später hat Joseph wieder eine Vision, in der ihm der Engel Moroni als Bote Gottes erscheint und ihm aufträgt, die Fülle des wahren Evangeliums wiederherzustellen.
Mit der Veröffentlichung des Buches Mormon 1830 wurde die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Fayette im Bundestaat New York offiziell gegründet. Durch Taufen wuchs die kleine Gemeinschaft rasch. Ihr wurde aber auch feindselig begegnet, da sie mit dem Buch Mormon quasi eine „zweite Bibel“ geschaffen hatte, was manche als ungeheuerliche Anmassung betrachteten. Andere jedoch fanden in ihrem Inhalt Antworten auf Fragen, die ihnen die Bibel nicht geben konnte.
Lehre
Ein zentrales Element des Glaubens der Mormonen ist das Buch Mormon. Gemäss der Vision Joseph Smiths erzählt ihm der Engel Moroni von Goldplatten, die ganz in der Nähe seines Hauses versteckt sind. Auf diesen Goldplatten befinden sich Berichte der Ureinwohner Amerikas, die schon vor Jahrtausenden den Kontinent besiedelt hatten. Moroni selbst war der letzte Berichtschreiber dieses Volkes. Joseph Smith solle die Goldplatten aus dem Hügel Cumorah bergen und den Text übersetzen. Um die «reformierten altägyptischen Schriftzeichen» lesen zu können, braucht Joseph Smith die «Sehersteine Urim und Thummim». Mithilfe dieser kann er die unbekannte Schrift mühelos entziffern und diktiert den Text seiner Frau Emma sowie Oliver Cowdery, der einer der ersten Anhänger der neuen Glaubensgemeinschaft wird.
Der Inhalt dieser goldenen Platten wird zum Buch Mormon. Darin wird von den frühen Juden berichtet, die vor der Zerstörung Jerusalems flüchten und unter der Führung von Lehi und Nephi per Schiff über das Meer nach Amerika gelangten. Ihre zahlreichen Nachkommen teilen sich in zwei Gruppen auf, von denen die Nephiten (von Nephi abstammend) weisse Haut haben und die Gebote Gottes folgsam beachten. Die Lamaniten (Lehis Nachkommen) hingegen haben dunkle Hautfarbe und wurden ein «faules und schmutziges Volk». In einem Kampf besiegten die Lamaniten die Nephiten und wurden somit zu den Vorfahren der Indianer. Als letztem Berichtschreiber gelang es Moroni, die Geschichte der Nephiten im Hügel Cumorah zu verstecken.
Das Glaubensverständnis der Mormonen beruht hauptsächlich auf der «wiederhergestellten Kirche» und den «neuen Offenbarungen».
Die «wiederhergestellte Kirche» geht davon aus, dass die frühen Christen vom wahrem Glauben abgefallen waren und somit die wahre Lehre verloren gegangen war. Erst durch Joseph Smith wurde die Kirche wiederhergestellt und somit ist das Mormonentum die «wahre Kirche». In dieser Kirche spielt auch das «einzig vollmächtige Priestertum» eine wichtige Rolle. Die Mormonen kennen zwei Arten von Priestertum, das aaronische und das melchizedekische Priestertum. Joseph Smith und Oliver Cowdery empfingen von Johannes dem Täufer das aaronische, sowie von den Aposteln Petrus, Jakobus und Johannes das melchizedekische Priestertum. Während das aaronische Priestertum zur Taufe und Vergebung der Sünden befähigt, berechtigt das höhere, melchizedekische Priestertum den Priester zu allen geistigen Segnungen der Kirche und verleiht ihm die Gabe, himmlische Offenbarungen zu empfangen.
Der Grund für die Notwendigkeit der «neuen Offenbarungen» liegt gemäss dem mormonischen Glaubensverständnis darin, dass in der Bibel noch nicht alles gesagt wurde, sondern laufend neue Lehren hinzukämen. Joseph Smith hatte zu seinen Lebzeiten als einziger die Gabe, Offenbarungen zu empfangen und gab dies an seine Nachkommen, die Mormonenpräsidenten, weiter. Heute gelten die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel als Empfänger von Offenbarungen, welche für die ganze Kirche von Bedeutung sind.
Religiöse Praxis
Das alltägliche Leben von Mormonen ist betont lebensfroh, da sie sich an den Spruch aus 2. Nephi 2,25 halten: «Menschen sind, dass sie Freude haben können.» Der Konsum von Alkohol und Tabak hingegen ist verboten.
Familie
Die Familie hat einen zentralen Stellenwert im Leben von Mormonen. Mitglied in der Gemeinschaft wird man durch die Taufe. Ab dem Alter von acht Jahren können Kinder getauft werden, die Säuglingstaufe wird nicht praktiziert. Da die Familie und Vorfahren eine derart wichtige Bedeutung für die Mormonen haben, sind sie führend im Bereich der Ahnenforschung. Aus der ehemaligen Genealogischen Gesellschaft von Utah ging das Portal familiysearch.org hervor, das Millionen von Daten enthält und es somit jedem ermöglicht, seine Ahnen aufzuspüren. Mormonen sehen sich immer wieder dem Vorwurf der Polygamie ausgesetzt. In ihren Anfängen praktizierten die Anhänger Joseph Smiths und er selbst tatsächlich noch Polygamie, seit 1890 ist die Mehrehe jedoch von der Kirche verboten.
Rituale im Tempel
Zentrales Element im religiösen Leben von Mormonen sind die Rituale, welche im Tempel vollzogen werden. In den meisten Fällen gehen Ehepaare gemeinsam in den Tempel, vollziehen die Rituale dort jedoch getrennt voneinander. Nicht-Mormonen haben zum Tempel keinen Zutritt, und auch die Gläubigen selbst müssen sich gründlich auf ihren Tempelbesuch vorbereiten. Zu den Voraussetzungen zählen moralische Reinheit und Würdigkeit, den Tempel betreten zu dürfen. Zudem muss ein Tempelempfehlungsschein des Gemeindevorstehers vorgewiesen werden. Beim Besuch des Tempels trägt man spezielles Priestertumsgewand. Im Zuge der sogenannten «Endowments» (etwa: Ausstattung, Begabung) werden die Ritualteilnehmer (Patrons) mit Waschungen, Salbungen, Belehrungen und geheimen Zeichen (Tokens) ausgestattet. Dabei erhalten sie auch einen «neuen Namen», der der Bibel entlehnt ist (z.B. Mose, Joseph, Abraham, Maria, Marta, etc.). Alle Rituale folgen einem genau festgelegten, detaillierten Ablauf.
Stellvertretende Taufe für Tote
Zum Merkmal des Mormonenkults gehört auch die stellvertretende Taufe für Tote. Dabei empfangen Menschen als Stellvertreter für verstorbene Ahnen die Taufe. Hintergrund dieser Zeremonie ist die Überlegung, dass es Tausende Menschen gibt, die vor ihrem Tod nie etwas von Gott und Jesus gehört hatten, oder aber der «falschen Lehre» angehangen haben. Da sie nicht die mormonische Taufe erhalten hatten, bewegen sich ihre Seelen nun in einem Zwischenreich und haben nie die Möglichkeit, mit Gott und ihren Familienmitgliedern vereint zu sein. Durch die stellvertretende Taufe wird dieser Missstand behoben.
Siegelungen
Eine weitere wichtige Zeremonie, die im Tempel vollzogen wird, ist die «Siegelung». Vorwiegend werden dabei Ehepaare aneinander gesiegelt, aber auch Kinder können an ihre Eltern gesiegelt werden. Der Zweck dieser Siegelungen ist einerseits die Ehe der Partner im Diesseits, andererseits auch die unzerstörbare Ehe nach dem Tod. Die Siegelungen versprechen den Familien, auf immer und ewig verbunden zu sein und auch nach dem Tod in Gottes Reich vereint zu sein.
Missionierung
Zu den Pflichten junger Mormonen, Mädchen wie jungen Männern, gehört es, für einige Monate auf Mission zu gehen. Dabei werden die jungen Erwachsenen oftmals weit weg ihrer Heimat eingesetzt, wie es auch in der Schweiz zu beobachten ist, wenn (hauptsächlich) junge Männer in schwarzem Anzug, mit schwarzer Namenplakette, zu zweit unterwegs sind, um mit Menschen über ihren Glauben zu sprechen. Finanziert werden muss dieser Missionseinsatz von den Familien selbst.
Besonderheiten in der Schweiz
Laut eigenen Angaben gibt es in der Schweiz knapp 8'500 Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, während es in ganz Europa knapp eine halbe Million sind. Weltweit sind etwa 15 Millionen Menschen Mitglied der Latter-Day-Saints. In Zollikofen (Bern) befindet sich ein Tempel. Erstmals kam das Mormonentum 1850 nach Genf und von dort aus in die Deutschschweiz. Der deutsche Begriff «Pfahl» bezeichnet ein Gebiet ähnlich einer Diözese oder eines Bezirks, in dem mehrere Gemeinden zusammengeschlossen sind und von einem Pfahlpräsidenten geleitet werden.
Literatur
Ballard, M. Russell: Unser Weg, glücklich zu sein die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage stellt sich vor, Bad Reichenhall: LDS Books 1995.
Gräub, Christian: Chronik der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der Schweiz: 1850 bis 2003., Zürich: C. Gräub 2003.
Hauth, Rüdiger: Die Mormonen: Geheimreligion oder christliche Kirche? ; [Sekte oder neue Kirche Jesu Christi?] ; ein Ratgeber, Freiburg: Herder 1995.
Mössmer, Albert: Die Mormonen: die Heiligen der letzten Tage, Solothurn: Walter 1995.
„Häufige Fragen über Mormonen“, http://www.presse-mormonen.at/artikel/haeufige-fragen (abgerufen am 09.02.2017).
„Mormon.org | Glaubensgrundsätze und Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, https://www.mormon.org/deu (abgerufen am 09.02.2017).
„Schweiz - Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, http://www.hlt.ch/ (abgerufen am 09.02.2017).