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| Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron

Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)
VI. Kapitel. Die vier Elemente. Der Himmel ätherisch und gewölbartig. Die Erde "im Nichts hängend" kraft des göttlichen Willens. Keine Quintessenz als Himmelssubstanz.
23.
Was soll ich aber der Reihe nach das anführen, [S. 29] was die Philosophen in ihren Erörterungen über die Natur und Beschaffenheit des Himmels ersonnen haben. „Die einen nämlich behaupten eine Zusammensetzung des Himmels aus den vier Elementen. . ., andere führen zu dessen Konstitution eine fünfte Wesenheit von neuer körperlicher Art ein“1 und stellen sich dieselbe als ätherische Körpersubstanz vor, frei von Vermischung mit Feuer, Luft, Wasser und Erde2. Diese Weltelemente hätten nämlich ihre bestimmte natürliche Richtung und Betätigung und Bewegung, so daß die schwereren niedersänken und zu Boden fielen, die leeren und leichten nach oben strebten ― jedes folgt eben seiner eigenen Bewegung ―, an der Peripherie der Weltkugel aber gingen sie ineinander über und verlören die Fähigkeit zur Einhaltung ihrer Richtung; denn die Kugel drehe sich im Kreise und das obere kehre sich zu unterst, das untere zu oberst. Dinge aber, deren naturmäßige Bewegung verändert werde, erlitten damit, sagen sie, in der Regel auch eine Veränderung ihrer Wesenseigenschaften. Was brauchen wir für das Vorhandensein einer ätherischen Körpersubstanz eintreten, damit sie nicht der Vergänglichkeit verfallen erscheine? Was nämlich aus vergänglichen Elementen sich zusammensetzt, verfällt notwendig der Auflösung. Schon dadurch, daß eben diese Elemente entgegengesetzter Natur sind, können sie nicht eine schlechthin unveränderliche Bewegung haben; muß sich doch ihre entgegengesetzte Bewegung gegenseitig hemmen. Es kann nämlich nicht eine Bewegung für alle passen und für so verschiedenartige [S. 30] Elemente sich eignen: ist sie den leichten Elementen angepaßt, ist sie das für die schwereren nicht. Soll eine Bewegung zu des Himmels Höhen statthaben, leidet sie unter dem Schwergewicht des Irdischen; will man die Richtung nach unten nehmen, zerrt man das Kraftelement des Feuers gewaltsam nieder, indem es wider seine gewohnte Natur nach abwärts gezwungen wird. Alles aber, was nicht der Natur, sondern dem Zwange unterworfen, gewaltsam in sein Gegenteil verkehrt wird, fällt rasch der Auflösung und Zersetzung in jene Elemente anheim, aus welchen es zusammengesetzt ist, und von denen jedes in sein Bereich zurückkehrt. Die Erwägung nun, daß diese (Elemente) nichts Beharrendes sein können, brachte jene anderen Autoren zur Annahme eines ätherischen Stoffes für den Himmel und die Gestirne, indem sie eine fünfte Wesenheit materieller Art einführten, kraft welcher ihrer Ansicht nach die Himmelssubstanz eine ewig dauernde sein wird.
1: Basil., l. c. 11, dem auch die folgenden Ausführungen dieses Kap. zumeist entnommen sind.
2: Gemeint ist Aristoteles, der außer den vier Elementen noch einen ätherischen Stoff annahm, das „Göttliche“ in der Körperwelt, aus welchem die himmlischen Sphären und die Gestirne gebildet seien. Zum Verständnis des Folgenden sei noch bemerkt, daß bei Aristoteles (gegen Plato und Demokrit) die Elemente wesentlich im Gegensatz des Schweren und Leichten stehen, der ein ursprünglicher und qualitativer ist. Ihre qualitative Verschiedenheit ist durch ihre geradlinige, in entgegengesetzter Richtung führende Bewegung nach oben oder unten gefordert. Vgl. Zeller, Bd. ³II Abt. II 332 ff.