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«Wir werden Planet 9 in weniger als einem Jahrzehnt finden»
Mit seinen leuchtend rot gefärbten Haaren sieht Konstantin Batygin eher aus wie ein Rockmusiker als wie ein Astrophysiker. Tatsächlich ist er beides: Assistenzprofessor für Planetenwissenschaften am Caltech, USA und Leader der Rockband «The Seventh Season». Weltweit Schlagzeilen machte er 2016, als er zusammen mit Mike Brown die Existenz eines noch unentdeckten Planeten am Rand unseres Sonnensystems voraussagte: Planet 9.
Aufgrund dieser Arbeit berechneten Christoph Mordasini und Esther Linder von der Universität Bern, wie Planet 9 aussehen könnte. «Ich erinnere mich, wie ich euer Paper gelesen und gedacht habe „wow“ ihr seid schnell – eine beeindruckende Menge von Berechnungen in solch kurzer Zeit», sagte Konstantin Batygin den Schweizer Forschern, als er sie im Mai 2017 bei einem Besuch an der Universität Bern traf. «Wir arbeiteten bereits an einem ähnlichen Problem», erklärte Christoph Mordasini: «Deshalb konnten wir diese Studie in nur zwei Wochen durchführen.»
Konstantin Batygin wurde in Russland geboren. Er zügelte mit seinen Eltern nach Japan, als er 8 Jahre alt war. Ohne ein japanisches Wort zu kennen, musste er die zweite Klasse überspringen, weil er zu gross war. «Nicht etwa, weil ich zu gescheit war», betont er. Ein halbes Jahr später sprach er fliessend japanisch, und das Gleiche geschah mit englisch, als die Familie 5 Jahre später nach Kalifornien weiterzog. Konstantin Batygin ist verheiratet und hat eine 5-jährige Tochter.
PlanetS: Mit 30 sind Sie einer der jüngsten Astrophysik-Professoren. Wie kam es dazu?
Konstantin Batygin: Ich weiss es nicht. Ich denke, es ist ein Schreibfehler. Ich habe dem Alter niemals viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich weiss auch nicht genau, was es heisst jung zu sein im Gegensatz zu alt. Ich habe mich immer genau gleich gefühlt, seit ich etwa 13 bin. Ich bin also nicht viel reifer geworden.
Sie sind sehr zuversichtlich, dass Planet 9 existiert. Wann wird man ihn finden?
Wir haben das Suchgebiet am Nachthimmel auf ein Feld von rund 20 Grad auf 60 Grad eingegrenzt. Im Vergleich zum ganzen Nachthimmel ist das recht klein, doch gleichzeitig muss man sich daran erinnern, dass Teleskope kein grosses Sichtfeld haben. Planet 9 leuchtet nur schwach; mit einer Magnitude von 24 ist er an der Grenze dessen, was mit heutiger Technologie nachweisbar ist. Deshalb braucht man mit dem Subaru-Teleskop, einem der weltweit grössten und für diese Suche besonders geeigneten Instrument, 20 Nächte. 20 Nächte tönt machbar, doch diese müssen perfekt sein, ohne Mond und ohne Turbulenzen in der Atmosphäre, die das Licht stören. Und sie müssen mehr oder weniger zwischen September und Januar liegen. Wer weiss, vielleicht finden wir Planet 9 dieses Jahr, wenn wir sehr viel Glück haben. Wenn nicht, kann die Suche bis zu 5 Jahre dauern. Alles in allem denke ich, dass wir in einem Zeitrahmen von weniger als einem Jahrzehnt Bilder von Planet 9 einfangen werden.
Wer wird ihn finden?
Ich weiss es nicht, und ich kann nicht gut vorhersagen, welche Gruppe ihn zuerst finden wird. Wir führen natürlich unsere eigene Suche nach Planet 9 durch. Aber es gibt andere Gruppen, die das gleiche Teleskop – Subaru – benutzen wie wir. Andere verwenden ein Teleskop namens „Dark Energy Camera“. Einige Leute benutzen vorhandene Daten und fügen sie zusammen, um Planet 9 in vorhandenen Bildern zu entdecken. Ich denke, dass all diese Projekte gleiche Chancen haben, Planet 9 zu entdecken. Deshalb würde ich jeder Gruppe etwa 20% Wahrscheinlichkeit zuordnen.
An der Universität Bern haben Christoph Mordasini und Esther Linder berechnet, dass Planet 9 eine Temperatur von minus 226 Grad Celsius oder 47 Kelvin haben könnte. Dies bedeutet, dass der Planet im Wellenlängenbereich des mittleren und fernen Infrarot viel heller strahlt als im sichtbaren Licht. Sie schlagen deshalb vor, ihn mit einem Radio- oder Subillimeter-Teleskop zu suchen anstatt mit einem optischen. Was halten Sie von dieser Idee?
Das ist eine sehr clevere Idee. Es wäre wirklich cool, Planet 9 mit Hilfe der Submillimeter-Suche zu finden, weil wir dann unmittelbar etwas über seine Atmosphäre erfahren würden. Wir würden sofort herausfinden, wie heiss Planet 9 ist, und das wäre sehr wertvoll.
Neben Ihrer Arbeit als Wissenschaftler sind sie Sänger und Gitarrist in Ihrer Rockband. Wenn Sie zwischen der Wissenschaft und der Musik wählen müssten, wofür würden Sie sich entscheiden?
Ich geniesse es wirklich, Musik zu machen. Das ist ein grosser Teil meines Lebens. Ich geniesse es vor allem, dass ich damit nicht meine Rechnungen bezahlen muss. Denn so habe ich absolut keinen Druck, etwas zu machen, das für andere Leute gut klingt. Es geht nur um Selbstentfaltung. Mitte/Ende 2006 gaben wir so viele Vorstellungen, dass ich erfuhr, wie es sich als Musiker auf Tournee anfühlt. Es ist so hart, viel härter, als Professor zu sein. Es erschöpft physisch. Ich sehe aber auch viele Parallelen zwischen den beiden. Die Art, wie man Musik schreibt und ein neuer Song zu einem vorführbaren Stück wird, ist der genau gleiche Prozess, wie aus einer wissenschaftlichen Idee ein präsentierbares Paper entsteht. Die Schritte, die es dazu braucht, reichen von der Idee über die Entwicklung, die Verfeinerung, die Aufzeichnung bis zur Produktion. Genau die gleichen Schritte mache ich auch in der Wissenschaft. Ich habe also viel Glück, dass ich beides machen kann. Und ich möchte auch weiterhin beides tun.