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1929, das Jahr des grossen Börsenkrachs: Geschwungene Kreidestriche zieren den Boden einer leerstehenden Lagerhalle. Geometrische Muster fügen sich zur Silhouette eines Schiffes zusammen, mehr als 100 Meter lang, aufgeteilt in Kabinen und Salons. Mitten in Brooklyn nimmt Marjorie Merriweather Posts Traum Gestalt an. Die Erbin des Nahrungsmittelproduzenten Charles William Post wünscht sich eine Luxusyacht, die andere Schiffe in den Schatten stellen soll.
Mit dem Bau beauftragt Marjories zweiter Ehemann Edward F. Hutton das Konstruktionsbüro Cox & Stephen. Wie die ersten fünf Schiffe der Familie Hutton läuft die Yacht mit schwarzem Rumpf und dem Namen «Hussar» vom Stapel. Für Marjories Tochter Deenie wird sie zum Vergnügungspark, Kostümfeste und Kinoabende unter tropischem Nachthimmel inklusive. Vollends paradiesisch verlaufen die Reisen allerdings nicht. 1935 lässt sich Marjorie von ihrem untreuen Ehemann Ned scheiden.
Lange bleibt die Millionenerbin aber nicht allein. Im Dezember desselben Jahres gibt sie Joseph E. Davies das Ja-Wort, der später von Präsident Franklin D. Roosevelt als Botschafter nach Moskau geschickt wird. Die Überfahrt erfolgt auf der inzwischen weissen Yacht der Familie, an der nun der Name «Sea Cloud» prangt. In der UdSSR wird aus dem schwimmenden Palast eine inoffizielle Dependance der Botschaft.
Geschütze statt Liegestühle
Als sich die politische Situation in Europa Ende der 30er Jahre zuspitzt, finden die Abenteuer auf See ein jähes Ende. Marjorie verchartet ihr Schiff für einen Dollar pro Jahr an die Regierung. Aus der eleganten Segelyacht wird ein «unclassified vessel», aus der «Sea Cloud» die «WPG 284» mit dem Marinecode IX-99. Mit seinem Namen verliert das Schiff auch seine Inneneinrichtung, seinen Anstrich und sogar die Masten. Fortan soll die «WPG 284» die U-Boot-Jäger unterstützen und Wetterbeobachtungen durchführen. Ihr Kriegsdienst endet im November 1944.
Von Waffentechnik befreit, aber ohne kosmetische Behandlung grau und zerbeult gibt die «Sea Cloud» ein wenig schmeichelhaftes Bild ab. Die Instandsetzungsarbeiten verschlingen drei Millionen Dollar, schwerer wiegen allerdings die laufenden Kosten. Marjorie zahlt mehrere Hunderttausend Dollar jährlich, unter anderem für die 72 Crewmitglieder, deren Löhne im allgemeinen Aufschwung der Nachkriegszeit stark angestiegen sind. Also muss die Yacht weg. John Davies übrigens auch.
Über Geld muss sich Rafael Leonidas Trujillo keinen Kopf machen. Die gesamte Dominikanische Republik ist das Bankkonto des Diktators. Er tauscht die «Sea Cloud» gegen ein Flugzeug, tauft sie «Angelita» und schickt seinen Sohn Rafael, genannt Ramfis, damit zum Jurastudium nach Kalifornien. Statt seinen Büchern widmet sich dieser allerdings den Ausschweifungen Hollywoods. Zur illustren Gästeliste seiner wilden Partys an Bord zählen Zsa Zsa Garbor, Kim Novak und Joan Collins.
Trujillo beordert seinen Sohn zurück – die Party ist vorüber. Der Diktator selbst stirbt am 30. Mai 1961 in einem Kugelhagel. Ramfis knüpft nahtlos an die Schreckensherrschaft seines Vaters an, doch der Widerstand in der Bevölkerung wächst, die Uhr der Familie ist abgelaufen. Genau wie die der «Angelita». Unter dem neuen Namen «Patria» dümpelt sie im Besitz der neuen Regierung in der tropischen Sonne vor sich hin.
Hörsaal auf offener See
Nachdem der Geschäftsmanns Clifford Barbour das Schiff für seine Firma «Operation Sea Cruise» kauft und in «Antarna» umbenennt, dann aber Schwierigkeiten mit der US-Steuerbehörde bekommt, droht der endgültige Verfall. Die Rettung naht in Person der 26-jährigen Amerikanerin Stefanie Gallagher. Mit ihrem Mann plant sie die Oceanic Schools, ein akademisches Programm an Bord eines Grossseglers. Sie schliesst eine Vereinbarung mit Barbour. Mündlich.
Als die «Antarna» in See sticht, bleiben die Schiffspapiere an Land zurück. Weder Barbour noch sein Vertreter John Blue wollen sich so recht an den Wortlaut der Vereinbarung mit Stefanie Gallagher erinnern. Stattdessen betrachteten sie die Ausfahrt als Akt der Piraterie. Blue nimmt die Verfolgung auf. Der ausgelassenen Stimmung an Bord der «Antara» tut das keinen Abbruch, tatsächlich fertigt man aus einem Bettlaken sogar eine Piratenflagge. Als in Panama bewaffnete Polizisten und Anwälte an Bord kommen, streichen die jungen Leute aber die Segel. Die «Operation Sea Cruises» hat allerdings keine Verwendung für das Schiff und so liegt die Yacht acht Jahre lang im Hafen von Colón.
Zum Glück erinnert sich der deutsche Kapitän Hartmut Paschburg an die Yacht. Mit der kaum seetüchtigen «Antarna» wagen er und seine Crew die Überfahrt nach Hamburg. Die Seeleute schuften in Zwölf-Stunden-Schichten und müssen immer wieder improvisieren, doch schliesslich erreichen sie den Hafen. Bis zum 790. Hamburger Hafengeburtstag wird das Schiff, inzwischen wieder unter dem Namen «Sea Cloud», für sieben Millionen Dollar auf Vordermann gebracht.
Historischer Charme in neuem Gewand
Als die «Sea Cloud» 1994 erneut den Besitzer wechselt, ist das Schiff gerade erst zum Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff aufgewertet worden. Der Charme der 30er Jahre aber bleibt erhalten.
Mit diesem Mix aus Nostalgie und Moderne kreuzt die «Sea Cloud» beispielsweise im Herbst 2019 durch die Adria von Dubrovnik nach Malta. Es stehen auch Trips nach Sizilien und Sardinien sowie nach Andalusien und zu den Kanaren an. Und auf der Weihnachts- und Silvesterreise von Santo Domingo nach Barbados läuten Passagiere das neue Jahr unter karibischer Sonne ein.
Dass die Diva von damals ihr ursprüngliches Mass an Luxus wiedererlangt hat, erlebte Marjorie Merriweather Post nicht mehr mit – wohl aber ihre Tochter. Als Schauspielerin Dina Merrill hatte «Deenie» Karriere gemacht. Ihrer langjährigen Weggefährtin, der «Sea Cloud», wünschte sie alles Gute: «Möge sie noch lange über die Weltmeere segeln.»