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Ursprung und Zweck der ausserrhodischen Lesegesellschaften liegen eigentlich nicht in der Unterhaltung, sondern in der Belehrung und politischen Information. Dies trifft vor allem auf die ersten Gründungen zu: die Sonnengesellschaft in Speicher, die Donnerstag-Gesellschaft in Heiden, die Mittwoch-Gesellschaft in Herisau usw., sie alle wurden in der geistig so regsamen Zeit der Regeneration um 1820/30 ins Leben gerufen. Damals gab es noch sehr wenige Zeitungen, oder sie fanden aus Kostengründen nur eine beschränkte Zahl von Abonnenten. So kam die Idee auf, gemeinsam Zeitungen zu bestellen, in einem Lesezimmer aufzulegen oder zirkulieren zu lassen, daher der Name Lesegesellschaft.
Die politische Zielsetzung bestand auch bei den später gegründeten Gesellschaften; namentlich um 1870 herum war der Kampf um eine Bundesrevision der Grund, dass sich innerhalb des kantonalen ‚Volksvereins’ manche lokale Sektion mit dem Charakter einer Lesegesellschaft bildete.
Die Lesegesellschaften waren in unserer dicht besiedelten Gegend die politischen und kulturellen Zirkel der kleinen Räume: hier wurden die Angelegenheiten des Bezirks diskutiert: Schul-, Strassen, wirtschaftliche Fragen. Hier wurden auch die kantonalen und eidgenössischen Vorlagen besprochen, man verliess sich nicht auf die Presse und wollte sich auf Grund der Publikationen und Gesetzestexte selber ein Bild machen. Man hörte sich Referate an, die man ausgiebig diskutierte. Typisch für die Sorgfalt der Bürger ist etwa das Vorgehen der Lesegesellschaft Bach (Trogen) bei einer kantonalen Strafgesetzrevision des letzten Jahrhunderts: An einer ersten Versammlung wollte man das ganze Gesetz Artikel um Artikel durchnehmen; als man damit nicht vorwärts kam, betraute man eine Kommission mit dem Studium der Vorlage und einer Auswahl der kritischen Punkte, worauf man ein zweites Mal zusammenkam und erst jetzt die Parole beschloss. Nie wäre den Beteiligten in den Sinn gekommen, dass die 20‑30 Anwesenden ja nur einen winzigen Bruchteil der Stimmberechtigten bildeten und dass ihre Meinung doch nicht so wichtig sei. Dass ein Bürger in diesem Staat zu jeder Abstimmungsvorlage Stellung nehmen müsse, war selbstverständlich, und über die heutige Stimmabstinenz wären alle entsetzt gewesen.
Die Ausrichtung auf die Politik hat natürlich dazu beigetragen, dass die Lesegesellschaft zu reinen Männerzirkeln wurden. Zwar berichtet der ‚Freie Appenzeller’, eine kurzfristig erscheinende Zeitung um 1846, von einer ‚Frauengesellschaft’, weil der ‚Mangel an weiblicher Bildung’ bei den Frauen zu beklagen sei. Liest man den Bericht, so merkt man freilich, dass sich dieser Verein lediglich die bessere Schulung ‚armer Mädchen’ in Handarbeiten zum Ziel setzte. Sonst wurden die Frauen nur bei unterhaltenden Anlässen, z. B. bei Vereinsausflügen, eingeladen. Auch mögen die Frauen die Lesemappen ausgiebiger als die Männer benutzt haben. Die Ausflüge kannten noch Ziele, die uns heute sehr begrenzt vorkommen mögen und uns in einer Zeit der weiten Auslandexpeditionen ein Lächeln abnötigen: Meldegg, Rheineck, Teufen, Schwellbrunn, Ebenalp, St. Peter und Paul, Walzenhausen. Seltener waren Fahrten nach entfernteren Orten wie Glarus, Pfäfers, Zürich, Schaffhausen oder sogar ins nahe Ausland, nach Feldkirch, Dornbirn oder Konstanz. So nahe die Ziele lagen, um so intensiver waren die Erlebnisse der noch nicht übersättigten Teilnehmer, die wohl mehr nachhaltige Eindrücke von unbekannten Landschaften nach Hause brachten, als die Schilderungen der Berichterstatter ahnen lassen.
Die geselligen Anlässe mögen auch über manche kleinliche Auseinandersetzung politischer oder persönlicher Art hinweggeholfen haben. Denn solche gab es oft gerade in Gemeinde-Belangen. Vielfach regte sich auch in den Lesegesellschaften der Aussenbezirke eine gewisse Opposition gegen das Dorf. Anders wurde es, wenn ein Mitglied einer Lesegesellschaft in ein wichtiges Amt gewählt wurde, dann wurde man plötzlich regierungstreu. Die Hauptsache bleibt doch wohl die ständige Bemühung um das Gemeinwesen, sei es der Bezirk, die Gemeinde, der ‚Staat’ (d. h. der Kanton) oder der Bund. Man bemühte sich, die Bürger über die persönlichen Probleme auf die gemeinsamen zu lenken. Dieser Tatsache möge man sich bei der Lektüre solcher Vereinsberichte immer bewusst sein.
[Aus: Walter Schläpfer. Vorwort. In: Walter Züst. Die appenzellischen Lesegesellschaften am Beispiel der Lesegesellschaft Bissau Heiden. Verlag Schläpfer + Co. Herisau 1989.]