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…“Man findet nach dem Tode, wenn das Herz seinen letzten Schlag getan, die ganze Blutmenge des Körpers, zu Gerinnsel und Blutwasser auseinandergeschieden, in demjenigen Teil des Blutröhrensystems angehäuft, den man das „venöse“ nennt und der die Bestimmung hat, das Blut zum Herzen zurückzuführen.
Im Gegensatz hierzu erweist sich das sogenannte „arterielle“ Röhrensystem, durch welches das Blut vom Herzen aus nach allen Körperregionen hingeleitet wird, nach dem Tode blutleer und statt des Blutes mit Luft angefüllt.
Da man lange Zeit, nämlich bis zur Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey, der Ansicht war, dass es sich auch während des Lebens so verhalte, so nannte man eben die Schlagadern, welche den Pulsschlag des Herzens weiterleiten und hierzu durch stärkere elastische Wandungen in Stand gesetzt sind, unrichtigerweise Luftadern (Arterien), und diese Bezeichnung im Gegensatz zu den Blutadern (Venen) ist auch beibehalten worden, nachdem man von dem ursprünglichen Irrtum zurückgekommen war. Übrigens ist die Bezeichnung der Schlagadern als Luftadern auch heute noch insofern berechtigt, als die Lebensluft, die wir atmen, in dem Blute, welches durch die Schlagadern strömt, in chemisch gebundener Form enthalten ist.
Darunter ist allerdings nicht zu verstehen, dass das Blut der Venen von solcher Lebensluft (Sauerstoff) gänzlich frei wäre; es hält nur im Vergleich zu dem Blute der Schlagadern erheblich weniger Sauerstoff aufgelöst.
Von dieser Lebensluft, die das Schlagadernblut in den Lungen aufnimmt und dem Herzen zuführt, wird der größte Teil dazu verbraucht, um einen bestimmten Teil von öliger Nervensubstanz sowie von Muskelsubstanz chemisch zu verbrennen und dadurch, wie bereits erwähnt, Kraft zu produzieren.
Hierbei müssen wir uns nun klarmachen, dass jede verbrennende Substanz eine Asche zurücklässt und folglich fragen wir uns: Von welcher Beschaffenheit ist die Asche des Nervenfetts? — Und welchem Schicksal unterliegt dieselbe? — Die chemische Natur dieser Asche ist leicht genug festzustellen.
Nämlich so, wie sich metallisches Zinn, wenn es verbrennt, in Zinnoxid oder Zinnasche verwandelt, so liefern auch die beiden Substanzen Kohle und Wasserstoff nach der Verbrennung zwei Aschenarten; die Asche, die aus der Kohle entsteht, ist Kohlensäure, und die Asche, die aus verbranntem Wasserstoff hervorgeht, ist Wasser. Zum Glück sind beide Aschenarten (Kohlensäure und Wasser) nicht schwerwiegend wie etwa Zinnasche, sondern vielmehr geneigt, Dunstgestalt anzunehmen. Überdies lösen sie sich im Blute auf und dies befähigt sie eben, durch das venöse Blutröhrensystem, welches mit dem der Schlagadern parallel läuft, zuerst nach der rechten Herzhälfte und von dort aus nach den Lungen zu gelangen, wo sie in Dunstgestalt zur Ausatmung kommen, um dafür frische Lebensluft (Sauerstoff) neu herzutreten zu lassen.
Es leuchtet nun ein, dass, wenn solche Ausatmung nicht flott von Statten geht, die Aschenprodukte (Kohlensäure und Wasser) sich im Blute ansammeln; und wie alle Aschenarten, über die Glut gestreut, die weitere Verbrennung beeinträchtigen, so vermindert auch das kohlensaure Gas die flotte Oxidation von weiterem Nervenfett. Auf diese Tatsache ist dasjenige zurückzuführen, was wir „Ermüdung“ nennen. War beispielsweise unsere Augennervensubstanz längere Zeit in Anspruch genommen, etwa 16 oder 18 Stunden lang, so ist davon soviel Material verzehrt, d.h. zu Kohlensäure und Wasser umgewandelt worden, dass diesen Gasen Zeit zum Abziehen gelassen werden muss, wonächst dann durch die Lymphgefäße neues Nervenöl an den freigewordenen Platz geschafft wird. Ebenso verhält es sich mit der Gehörnervensubstanz und der gesamten Gehirnmasse und deren Verzweigungen.
Alles verfällt dem Zustand der „Ermüdung“. Bei übermäßiger perpetuierlicher Inanspruchnahme reichen sogar wenige Stunden aus, um beispielsweise unsere Ohren zu ermüden. Bei Muskelüberanstrengung geht die Sache noch schneller.
Darum halten Tagearbeiter, die frühzeitig beginnen, mit allem Grund eine Stunde Mittagsschlaf, um neues Nervenmaterial herbeifließen und die Verbrennungsprodukte mit der Ausatmung abziehen zu lassen.
In solchem Substanzverbrauch und der erforderlichen Erneuerung liegt schon eine der veranlassenden Ursachen zum Ruhen und Schlafen. Die zweite liegt in dem schon erwähnten Umstand, dass unser Blutvorrat nicht so groß ist als der Rechnung nach nötig sein würde, um beide Blutröhrensysteme vollständig anzufüllen, dass vielmehr nur etwa halb so viel Blut in den Adern zirkuliert.
Diese Einrichtung hat den Zweck, dass das strömende Blut vor sich her freie Bahn finde, denn wie sollte es wohl vorwärts fließen können, wenn es überall den Platz besetzt fände? Nun ist es aber, was einen Widerspruch hiergegen zu enthalten scheint, trotzdem gewiss, dass in allen Nervenregionen, zu welchen Blut hingelangt, sowohl die arteriellen wie die venösen Gefäße Blut enthalten, denn das Blut, welches beispielsweise zu den Fingerspitzen hinströmt, muss ja doch ohne Zweifel durch die venösen Kanäle wieder zurückfließen.
Dieser scheinbare Widerspruch findet seine Aufklärung in dem Umstand, dass zu gewissen Tageszeiten das Blut zu bestimmten Nervengebieten reichlicher als zu anderen hinströmt, sodass gewissermaßen Ebbe und Flut mit einander wechseln, was um so leichter geschehen kann, als die nachgiebigen Wandungen der Venenstämme je nach den Umständen mehr oder weniger Blut fassen können. Solche Zunahme und Abnahme der Blutmenge ist in besonders charakteristischer Weise an der Milzdrüse studierbar, die zur Zeit der Magenverdauung erheblich anschwillt, nachher aber wieder zu ihrem gewöhnlichen Volumen sich verkleinert. Und wie es sich mit der Milz verhält, so auch mit den übrigen Unterleibs-Organen, die während der Verdauung anschwellen, weil größere Mengen von Sauerstoffblut herbeigeschafft werden müssen, um Magensaft, Bauchspeichel, Galle und Darmsaft zu bereiten.
Diese größeren Blutmengen werden vorübergehend anderen Körpergebieten, vor allem dem Gehirn, entzogen, sodass sich in gewissem Lebensalter das Bedürfnis des Schlafs nach eingenommener Hauptmahlzeit auch bei solchen Individuen erklärt, die den Vormittag hindurch einer angespannten geistigen Tätigkeit obliegen. Ohne reichliche Versorgung des Gehirns mit Sauerstoffblut kann geistige Produktivität nicht stattfinden. Denkfähigkeit und Willenskraft sinken in dem Maße herab, als entweder das Gehirn mit kohlensaurem Blut überladen ist, oder aber das Schlagadernblut vom Gehirn zurückbleibt, um dafür nach dem Unterleib zu gehen, solange die Verdauungsvorgänge dies erfordern. Das Sprichwort kleidet das in dieser Beziehung herrschende Gesetz in die Worte: „Plenus venter non studet libenter“. (ein voller Bauch studiert nicht gerne)
In ähnlicher Weise ist der Schlafzustand in Ohnmachtsanfällen dadurch bedingt, dass fast alles Blut in dem geräumigen Venensystem der Eingeweide Unterkunft findet und das Gehirn auf solche Weise einer vorübergehenden Blutleere unterliegt.
Vor allem aber ist der regelmäßige Schlaf zur Nachtzeit darauf begründet, dass von dem Zeitpunkt ab, wo der Augennerv nicht mehr vom Tageslicht und der Gehörnerv nicht mehr vom Tageslärm in Erregung versetzt werden, die Blutströmung den Unterleib aufsucht, um der restaurierenden Tätigkeit der Lymphgefäße, welche neuen Blutsaft und neues Nervenmaterial herbeischaffen, den erforderlichen Beistand zu leisten, denn auch jene Nervenverzweigungen, welche zu den Lymphknoten hinführen und deren Funktionen unterstützen, können ihre Mission nicht erfüllen, ohne dass ihnen Sauerstoffblut zur Verfügung steht.
Dafür, dass das Gehirn einen Teil des ihm sonst zuströmenden Blutes an das Gebiet des herumschweifenden Nervs (Vagus) abtritt, unter dessen Einfluss in Lungen und Magen, Milz, Leber und Nieren das Blut sich von aufgesammelter Kohlensäure befreit und zugleich neuer Lymphsaft erzeugt wird, erlangt es zum Austausch eben diesen frischen Lymphsaft, der die Summe seines Materials wieder ergänzt und seine Leistungsfähigkeit erneuert.
In der gleichen Lage mit dem Gehirn befinden sich sämtliche von unserem Willen abhängigen Muskeln. Währendem ihre Tätigkeit ruht und ein weiterer Substanzverbrauch nicht stattfindet, kommt frischer Lymphsaft herbei, durch welchen ihr Material sich ergänzt und erneuert, Der Zeitraum, den die Saftbewegung in den Lymphgefäßen bedarf, um Blut und Nerven zum Ersatz für den verbrauchten Stoff mit neuem Material auszurüsten, ist auf sechs bis acht Stunden zu veranschlagen. Solange dauert denn auch unser Schlaf, nach dessen Beendigung die träumerisch herabgesunkene Lebensflamme wieder mit hellem Lichte leuchtet, um von neuem 16 bis 18 Stunden zu brennen, währendem Gedankenbildungen und klares Bewusstsein ihre Herrschaft wieder antreten.
Eine solche Einrichtung, dass die Lymphgefäße, welche neuen Saft (Chylus) aus dem Speisekanal herausziehen und sich nur durch die Kraft der Kapillarität füllen (wodurch sie im Gegensatz stehen zu den Blutröhren, die unter dem Druck der Herzpumpe funktionieren), eine angemessene Zeit, und zwar 6 bis 8 Stunden bedürfen, um den Saft zu sammeln, der tropfenweise von dem lang ausgedehnten Darmrohr mittels zahlloser feiner Röhren zu einem großen Behälter geleitet wird, wie die Rinnsale von den Gebirgen sich zu Bächen und die Bäche sich zum Strom vereinigen, — eine solche Einrichtung macht erkennbar, dass man die Zeitdauer für den Schlaf nicht beliebig abkürzen darf, ohne den Nachteil zu erleiden, dass sowohl das Blutmaterial wie die Nervensubstanz erschöpft werden und ein entsprechender Schwächezustand eintritt. Der große Behälter, in welchen die feinen Saugadern (Lymphgefäße), die von den Eingeweiden herkommen, ihren milchähnlichen Inhalt ergießen, hat den Namen „Milchbrustgang“ (Ductus thoracicus); er beginnt am unteren Teil der Wirbelsäule und steigt an derselben innerhalb der Brusthöhle bis zur Höhe der Schlüsselbeinregion empor, wo er an der Vereinigungsstelle von Drosselvene und Schlüsselbeinvene ausmündet und seinen Inhalt periodisch dem Blute beimischt.
Es folgt aus dieser anatomischen Sachlage, dass bei aufrechter Körperhaltung eine gewisse Schwierigkeit besteht, den Milchbrustgang mit Lymphe zu füllen, weil die salzreiche, schwerer als Wasser wiegende Lymphe den natürlichen Fallgesetzen unterworfen ist, wonach alle Flüssigkeiten nach abwärts streben; aber glücklicherweise ist der große Lymphbehälter, der an der Wirbelsäule hinaufsteigt, nicht geradlinig wie ein Flintenlauf, sondern er macht Zickzackwindungen, die das Aufwärtssteigen des Lymphsaftes ein wenig erleichtern. Trotzdem würde sich der Lymphkanal nicht füllen, wenn wir nicht gewohnt wären, zur Nachtzeit uns niederzulegen. Dabei kommt der Milchbrustgang annähernd in waagerechte Lage, und nunmehr kann die Lymphe ohne Schwierigkeit sich darin sammeln, da sie nicht mehr den Druck einer hohen Flüssigkeitssäule zu überwinden hat.
Also es handelt sich beim Schlafen nicht bloß darum, dass die Nervenfunktionen, welche im wachen Zustand das Spiel der Muskeln bedingen, lediglich zur Ruhe kommen; dadurch allein könnte der Organismus nicht neue Kraft erlangen, sondern es ist auch von besonderer Wichtigkeit, dass der Körper während des Schlafens eine liegende Stellung einnehme, denn bei aufrechter Körperhaltung wird der Lymphbehälter nicht voll und kann aus diesem Grunde seinen Inhalt nicht in das Blut ergießen, was dann zur Folge hat, dass beim Wiedererwachen die Erquickung fehlt. Hierin liegt übrigens schon zum Teil die Erklärung für die Tatsache, dass anhaltende Nachtwachen, welche trotz „Übermüdung“ das Blut zum Gehirn hinlenken, anstatt es zur rechten Zeit nach dem Unterleib strömen zu lassen, Ernährungsstörungen, Schwächezustände und Gemüts-Depression nach sich ziehen.
In Betreff des Einflusses auf den Gemütszustand ist unterbrochener Schlaf von gleicher Wirkung wie übermäßig langes Wachbleiben. Ich habe einen Mann gekannt, der sehr zornig wurde, wenn er sich verhindert sah, seinen gewohnten Nachmittagsschlaf zu halten, oder wenn er genötigt wurde, denselben vor der Zeit abzubrechen, weil ihn jemand dringend zu sprechen wünschte. Er blieb dann über den ganzen Rest des Tages übler Laune und ging bis zum späten Abend mit gerunzelter Stirn umher, während er sonst jovial und heiter war. Aus diesem einem Beispiel scheint schon hervorzugehen, dass unsere Gemütszustände abhängig sind von der Beschaffenheit sowie von der Art und Weise der Saftbewegung in den Blutröhren und Lymphgefäßen. Wir wollen jetzt diesen Gegenstand noch weiter ins Auge fassen“……