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Hochgeachteter Herr Regierungsrath!
Schon zwei Male habe ich an Sie zu schreiben angefangen & beide Male bin ich durch unabweisbare Hindernisse an der Fortsetzung meiner Schreiben verhindert worden: ich hoffe dießmal nun glücklicher zu sein.
Ich war letzte Woche für einige Stunden in Bern. Es lag mir daran, die dortige gegenwärtige Situation in Betreff der Alpenbahnfrage kennen zu lernen.|
Die Italienische Regierung hat auf die Anfrage des Bundesrathes, in welchem Zeitpuncte sie ihre Anträge an das Parlament in der Alpenbahnfrage zu formuliren gedenke, noch nicht geantwortet. Die Mitglieder des Bundesrathes erklären auch, nichts darüber zu wissen, wann & in welcher Weise die Antwort erfolgen wird. Lautet die zu gewärtigende Erwiederung dahin, daß die Anträge erst in einem spätern Zeitpuncte werden formulirt werden, so ist nach meiner Ansicht nichts gegen eine Verzögerung der Behandlung unserer Begehren bis nach der Neuwahl des Bundesrathes einzuwenden. Würde dagegen das Italienische Ministerium in seiner Antwort erklären, daß die Anträge an das Parlament beförderlich festgestellt werden sollen, so wird die| Mehrheit des Bundesrathes, wie ich mich vergewissert habe, die Stellung einnehmen, welche der Ausschuß bei den Schußnahmen, welche er betreffend die Begehren an den Bundesrath gefaßt, in Aussicht genommen hat. Ich glaube, diese Lage der Dinge sei uns zu befriedigen geeignet & es bedürfe darum zur Zeit mahnender Schritte von Seite des Ausschusses gegenüber dem Bundesrathe nicht.
Von Seiten der Anhänger des Lucmanier wird zur Erreichung ihrer Zwecke eine große Thätigkeit entwickelt. Es scheint mir eine große Combination im Gange zu sein. Finanzielle Reorganisation der Ver. Schweizerbahnen, Bodenseegürtelbahn, Lucmanier, die neu aufgetauchte Rheinbahn (Basel–Laufenburg–Zurzach–Eglisau–Winterthur– Wetzikon), welche den Zweck hat, die| ver. Schweizerbahnen in ihren Verbindungen mit dem Auslande von der Nordost- & Centralbahn zu emancipiren – das dürften ungefähr die Grundzüge des Planes sein, dessen Realisirung angestrebt wird. Es fiel mir auf, daß unter den Bewerbern um die Conzession für die Bodenseegürtelbahn die Namen von Talabot, Hentsch u. s. f. erschienen. Dieß würde darauf hindeuten, daß nicht zu verachtende Finanzmächte sich für die Verwirklichung des Planes, von dem ich eben gesprochen, interessiren.
Im Westen hinwieder beschäftigt man sich sehr ernstlich mit dem Simplon. Es ist davon die Rede, die Eisenbahn vorerst auf der Schweizerischen Seite bis Brieg & auf der Italienischen bis oberhalb Domo d'Ossola auszuführen. Es werden Subsidien von Frankreich erwar| tet, welche der Franzosenfresser «Bund» gewiß mit patriotischem Hochgefühle begrüßen wird. Die Gesellschaft der Ligne d'Italie werde vor Frühling in Concurs gerathen. Dannzumal würden die Cantone Waadt, Genf & Wallis sich zum Baue der Strecke Sitten–Brieg vereinigen. Der Bau derselben ist zu 10 Mill. frkn. veranschlagt. Waadt würde 5, Genf 3, Wallis 2 Millionen frkn. (letzteres in Bau & Baumaterialien ) beitragen. Diese Punctationen können als gänzlich festgestellt betrachtet werden.
Im Tessin stehen jedenfalls die Dinge sehr schwankend. Als ich mein Befremden darüber aussprach, daß Tessin als Glied der Gotthardt-Vereinigung der Conferenz in Chur beiwohne, wurde mir erwiedert, es bestehe eben noch ein altes Vertragsverhältniß| zwischen den Cantonen St. Gallen, Graubündten & Tessin, das man nicht gänzlich außer Acht lassen dürfe. Wir werden nun bald erfahren, ob wir von Tessin her über die Churerverhandlungen etwas erfahren können.
Bundesrath P. scheint mir mit Aufrichtigkeit das Programm zu verfolgen: «Wenn immer möglich der Gotthardt. Nur, wenn der letztere absolut unthunlich, lieber der Lucmanier als gar nichts.»
H Oberingenieur Beckh liegt seinen technischen Untersuchungen unablässig ob. Aus einer Zuschrift, die er in den letzten Tagen an mich gerichtet & welche ich Ihnen beizuschließen mich beehre, wollen Sie das nähere über seine daherige Thätigkeit zu entnehmen die Gefälligkeit haben.
Die Pläne über die Simplonbahn, welche ich mir verschafft, lasse ich heute an| Hrn Beckh abgehen.
Beiliegend ein Brief Jacini's an Hrn Gen.secr. Widmer. Derselbe dürfte Sie interessiren. Wollen sie mir ihn nach gemachtem Gebrauche gütigst wieder zukommen lassen.
Empfangen Sie die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von
Ihrem freundschaftlich ergebenen
Dr A Escher
Zürich
30 Novber1863.