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Durch die Lektüre von Erika Burkarts Lyrik hat die Schriftstellerin Eva Seck das Land der Schlaflosigkeit entdeckt. In der Fremdheit von Burkarts Sprache fand sie ihre eigene Geborgenheit.
Vor über zehn Jahren erfuhr ich, vermutlich wegen eines Nachrufs, von der Schriftstellerin und Dichterin Erika Burkart. Ich war Mitte zwanzig und befand mich am Ende meines Studiums. Die Fragen nach literarischen Gattungen und meiner gefühlten Unfähigkeit, richtige Prosa zu schreiben, beschäftigten mich sehr. Ich fühlte mich verzagt in diesen Wochen und Monaten. Was ich literarisch versuchte, konnte ich irgendwie nur als loses Aufschreiben bezeichnen. Die Texte fielen in den Augen der anderen auseinander, in einzelne Teile, sie folgten keinem grösseren Plan; das war keine Prosa, und es waren schon gar keine Gedichte.
Meine Dozent:innen und die Mitstudierenden: Alle schienen zu wissen, was sie schreiben wollten, sie produzierten Romane, Gedichte, Theaterstücke, da gab es nichts Uneindeutiges, und ihre Gewissheit umgab sie wie eine Aura. Ich wusste vieles nicht. Als ich mein Studium begann (und noch währenddessen), hatte ich keine Ahnung, was ein Seminar, geschweige denn ein Kolloquium war, wie man eine wissenschaftliche Arbeit verfasste, wen und was man alles gelesen haben musste, um mitreden zu dürfen. Welche Dichter, Autorinnen und Theorien man kennen sollte, um nicht wie eine ahnungslose Hochstaplerin dazustehen. Wie man sich verhalten, sprechen und bewegen musste, um ein Mensch zu werden, den man beachtete. Aus unerfindlichen Gründen schien es meinen Kommiliton:innen (ein Wort, das ich aufschnappte, aber nie verstand) damit ganz anders zu gehen, und wenn ich mit ihnen draussen vor dem Institut rauchte und lachte, lachte nur mein Gesicht. Innerlich war ich versteinert.
Fragwürdig und ein bisschen prekär stand ich damals abseits. Ich versuchte, mir alles zu merken. Es gelang mir natürlich nicht. Es war, als lernte ich meine Muttersprache neu. Meine gesprochene Sprache im Unterrichtsraum verriet mich, liess meine Herkunft auffliegen. Rückblickend waren es die Sprechversuche eines Kindes. Ich hielt den Mund, hörte zu und versuchte nachzuahmen. Das tat ich eine lange Zeit. Und ich schämte mich eine lange Zeit. Obwohl ich kaum etwas von den Worten verstand, versuchte ich, möglichst schwierige Texte zu lesen. Ich war verzweifelt: Wollten diese wichtigen Autor:innen und Werke überhaupt mit mir kommunizieren? Und dann endlich las ich Erika Burkarts Buch «Grundwasserstrom», ihre, wie sie es nannte, «Aufzeichnungen». Diese Lektüre verschob etwas in mir, öffnete einen Spalt. Ich stromerte durch ihr Sprachgelände. Die Unvertrautheit von Burkarts Texten war eine andere als jene, wie ich sie bei Max Frisch oder Ludwig Hohl empfand, sie erfüllte mich mit Neugier, mit einer erregenden Energie, ja, ich fühlte mich in der Fremdheit ihrer Sprache fast körperlich geborgen. Und das Beste war: Niemand kam, um geistreich nach ihr zu fragen oder klug über sie zu sprechen. Ich konnte in ihren Texten atmen, konnte mich darin locker machen, mich frei bewegen. Wir waren im Gespräch, und sie störte sich nie über mein akademisches Unwissen. Im Gegenteil: Ich ahnte ihr Verständnis dafür.
Verloren im Grossraumbüro
Wie in einen unberechenbaren Fluss war ich in das Studium in Biel gefallen. Ohne Schwimmweste. Wenige Jahre zuvor sass ich auf einem drehbaren Bürostuhl, ich war fast noch ein Kind, eingeschüchtert von der Welt der Erwachsenen und gleichzeitig sonderbar stolz darüber, eine Lehrstelle erhalten zu haben und eigenes Geld zu verdienen. Die Erleichterung meiner Mutter darüber, nicht noch einem Kind die weiterführende Schule finanzieren zu müssen. Ich konnte nun zu Hause sogar etwas von meinem Lehrlingslohn fürs Wohnen und Essen abgeben. In den Kaffeepausen im Büro las ich «20 Minuten» und versuchte, mich unsichtbar zu machen, wenn die Lästereien losgingen. Ich hatte Angst davor, das Kundentelefon abzunehmen. Eine Welt der Literatur an einer Hochschule konnte ich mir damals nicht einmal vage vorstellen. Aber bereits dort, im Grossraumbüro zwischen Einstellmappen und Aktenschiebern, fühlte ich mich wie ein winziger Fremdkörper. Das Sich-fremd-Fühlen: Ich glaube, dieses Gefühl kannte Erika Burkart, die Vikarin, ebenfalls. Ein Gefühl, welches sie als Stellvertreterlehrerin womöglich vor Schulklassen überfiel, im Lehrerzimmer oder auf dem Weg zu einem beliebigen Fin-de-Siècle-Schulhaus, auf irgendeinem Hügel in diesem Land. Wo konnte sie sich sicher fühlen? Später, in jenen letzten Wochen des Studiums, fühlte ich mich sicher bei Burkart, ich hatte sie ganz für mich. Ihre Gedichte waren das von Virginia Woolf beschriebene «eigene Zimmer», in welches ich mich zurückzog.
Die Toten sehen uns
Noch heute geben mir einige ihrer Gedichte und Texte die Gewissheit, dass es zwischen Schlafen und Wachen ein weiteres Land gibt: das Land der Schlaflosigkeit. Mit meinem Eintreten in die Welt der Literatur und somit in die Welt des Nichtwissens eröffnete sich mir auch die Welt des Nichtschlafens; es ist eine ziemlich einsame Welt. Wenn ich nachts wach liege, sitzt Erika Burkart auf dem Stuhl gegenüber von meinem Bett: ihre Schreibhand in der hellen, aber mit den Füssen in der dunklen Zone. «Komm nur», flüstert sie mir zu. «Sei unbesorgt! Was auf Erden passiert, bleibt auf Erden.» Später in der Nacht, wenn der Mut am kleinsten ist, rufen uns die Schreckgespenster beim Namen. «Schüttelfrost heisst das Frieren / zwischen drei und vier in der Nacht.»
«Aber die Hagebutte», murmle ich ihr in der Dunkelheit zu, «wird nur dank dem ersten Frost geniessbar.» Wir beide wissen: Unsere Nacht ist ein Krähenschwarm, beweglich und schimmernd und manchmal bedrohlich. Unsere Nacht ist ein Wald, ein «Nachtwald voller Fragen», den ich mir einst bei Ingeborg Bachmann lieh und bei Erika Burkart wiederfand. «Einmal», ich spreche jetzt lauter, «schrieb ich deine Zeilen in mein Buch: ‹Die sich verpassen, / vergessen nicht.›»
Sie lacht, und dann schweigt sie lange. Ich liege auf dem Rücken und traue mich nicht, meinen Kopf zu ihr zu drehen. Ich schaue an die schwarze Decke des Zimmers und spreche laut in den dunklen Raum: «Die Schlaflosigkeit oder das schreckhafte Erwachen aus Träumen sind wie Störungen im menschlichen Organismus, weisst Du. Die Schlaflosigkeit sucht sich ihre Trägerinnen sorgfältig aus, so wie Fadenwürmer die Käfer, mit deren Hilfe sie in die ersehnte Kiefer gelangen. Die Fadenwürmer befinden sich in den Eiern der Käfer. Die Käfer legen ihre Eier in die Kiefer. Wenn die Würmer einmal drin sind, schaust Du besser, wie Du mit ihnen zurechtkommst.» Sie kichert, als hätte ich einen Witz erzählt. Wir beide wissen: Die Schlaflosigkeit ist eine Wiedergängerin, sie überfällt uns um zwei Uhr nachts. Dann beten wir gemeinsam, der Augenblick möge vorübergehen, weil wir darin die Toten sehen. Und die Toten sehen uns.
Am anderen Tag ist Erika Burkart weitergezogen, und die Sonne bescheint die ersten Schneeflocken, die mir geduldig erklären, wie alles vergeht: «vor Augen die Flocke, / ihr Schwinden im Licht.»
Spaghetti auf dem Rasen
Das 300-jährige Haus Kapf in Aristau im Kanton Aargau, in dem Erika Burkart aufwuchs, wo sie zeit ihres Lebens wohnte, wo sie schrieb, älter wurde und schliesslich starb, und die Umgebung sind von faszinierender Schönheit. Dort, wo die Natur in Gestalt von Rehen über die offenen Felder der Bauern bis vor ihre Haustür kam. Ich stelle mir vor, wie sie anklopften oder einfach durchs offene Fenster in ihre Stube hineinäugten. In ihrem Werk fragt sie sich, wie die Umgebung, in der ein Mensch aufwächst, diesen Menschen prägt. Ich blättere durch das Buch mit den Fotografien ihres Hauses und des übernatürlich grünen Gartens. Sie beschrieb sich im 1994 veröffentlichten literarischen Werk «Das Schimmern der Flügel» als «ein Dorfkind, das, ausser auf Schul- und zwei missglückten Familienreisen, nie über seinen Heimatbezirk hinausgekommen war, das jedoch weit reiste, wenn es, schnuppernd, schauend, schaudernd, im Moor, im Garten und in den dreizehn zwischen Kellerverlies und Windenturm gestaffelten Räumen des Hügelhauses auf befremdende Geräte und Gerüche, verwirrende Formen und Farben stiess. Entzücken und Entsetzen des Entdeckers widerfuhren mir im Fabelreich der wirklichen Welt.»
Ich selber wuchs in einem Sechziger-Jahre-Wohnblock auf, dessen Fassade mit den Jahren zu schimmeln begann. Hinter dem Wohnhaus befanden sich ein Parkplatz und eine kleine Wiese, auf der ein Nussbaum stand. Er trug fast jeden Herbst Nüsse, die wir kiloweise in Plastiktüten sammelten. Einmal warf ich eine Nuss über die Balkonbrüstung des fünften Stocks, um eine Krähe zu treffen. Ich traf. Das dumpfe Geräusch der aufschlagenden Walnuss und mein schreckliches Gefühl dabei vergesse ich nie. Auch nicht die Schar Krähen, die auf der Rückseite der Sozialsiedlung, wo mein Vater lebte, zu Dutzenden nach den Essensresten pickten, die die Bewohner:innen einfach aus den Fenstern warfen. Vertrocknete Brote, Hühnerknochen; und einmal entdeckten wir einen Berg gekochter Spaghetti auf dem Rasen. Erst später begriff ich, wie teuer die Gebühren für Abfallsäcke waren. Die Sommerferien verbrachten wir Kinder bei unserem Vater, der inzwischen in Genf lebte. In den warmen Nächten drangen die Schreie der Menschen aus der benachbarten Psychiatrie durchs geöffnete Fenster. Ich sah mich um: Meine beiden Schwestern schliefen, als wäre nichts gewesen, auf den ausgelegten Schaumstoffmatratzen neben mir am Boden. Mich überkam eine grosse Angst vor dem Verschwinden. «Der Mähdrescher mäht / bis um Mitternacht, / in den goldenen Körnern, / hab ich gehört, könne einer / verschwinden / wie in saugendem Sand.» Ich versuchte, meine Panik zu unterdrücken, indem ich an Krähen dachte.
Leichtsinnig wie der Rest
Ich lese Erika Burkarts Gedichte und verstehe, dass sie oft an das Kind dachte, das sie einmal war. Sie hat sich erinnert und alles aufgeschrieben. Ich habe beinahe alles, was meine Kindheit betrifft, vergessen. Vielleicht fühle ich mich darum so unvollständig, vielleicht habe ich deswegen verlernt, wie man schläft. Burkart hat sich zurückgeschrieben in ihre Erinnerung, in ihre Kindheit. Zurück in den Schlaf hat sie sich geschrieben. Ich tippe in die Notiz-App meines Handys: Sie hatte ihren Zaubergarten, ich hatte meine Kiesgrube. In ihrem Fenster standen die Sterne und die Nacht, wenn sie die Glockenschläge zählte, und in meinem steht bis heute eine verkehrte Mondsichel.
Wenn sie nachts neben meinem Bett sitzt, werfe ich ihr manchmal vor: «In Deinen Gedichten kriege ich Deinen Puls zu fassen, aber Deinen Körper nicht!» Sie antwortet mir gelassen: «Ich bin hier, und Du bist da, wo Du bist.»
Als junge Frau schlief ich schliesslich jeweils in den Morgenstunden ein. Ich wollte logischerweise leben, genauso leichtsinnig wie der Rest. «Schlafen kannst du später», schrieb mir damals ein Geliebter in einer SMS. Sein Spruch verwandelte sich in ein unheimliches Orakel. Hätte ich in die Zukunft blicken können, ich hätte nicht auf seine Aufforderung gehört. Also schlafe ich später. Vielleicht besucht mich Erika Burkart dereinst in einem Traum.
Wo nichts anderes vermerkt ist, stammen die Zitate aus «Das späte Erkennen der Zeichen» (Weissbooks Verlag, Frankfurt am Main, 2010).