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Vor uns erheben sich unüberwindbar scheinende, hoch aufragende Felswände. Immer wieder versperren Zäune und Gatter, die mit Rostflecken übersät sind, einen Bergpfad. Andernorts entfalten schneebedeckte Berghänge- und –spitzen mit hellen Schneefeldern und dunklen Felspartien ihre ganze Majestät in der Glut der Abendsonne. Mit zunehmender Dämmerung erhält der Himmel eine zarte orange Färbung und die Berge werden von den wachsenden Schatten gleichsam vereinnahmt. «Kosmopolitin» guckt schelmisch in die Welt, ein für die Bildwelt von Jan Czerwinski typischer Tierschädel. Ebenso ultrarealistisch kommt «Fexvolk», 2018, daher. Eine riesig vergrösserte Flechte entfaltet sich mit Magenta gemischten Grün- und Grautönen vor einem schwarzen Hintergrund. Die neuen, in fotorealistischer Manier gemalten bastionsartigen Felsgebilde mit steilen Wänden, die von Spalten, verwitterten Gesteinsbrocken und markanten Einzelfelsen zerklüftet scheinen, sind so scharf gezeichnet und schattiert, wie es eher in Computerspielen oder in Computeranimationsfilmen als in der Natur vorkommt. Während in früheren Werken der Hintergrund sich dank seiner Weichzeichnung in der Ferne verlor, lässt nun neuerdings ein monochromer Hintergrund die steil abfallenden Felsformationen in ihrer ganzen Wucht in den Bildvordergrund drängen. Die bildliche Inszenierung einer solchen Naturgewalt mag von Jan Czerwinskis Irlandreisen inspiriert sein. Da war er von hohen Felsklippen beeindruckt, die senkrecht ins Meer stürzen, und die er in seinen Skizzenbüchern festhielt.
«Klippenkubismus»
In den neuen Werken scheint Jan Czerwinski zwischen figurativen und abstrakten Kompositionen hin- und herzupendeln. Er schiebt Flächen zusammen, zersplittert Bildelemente, facettiert, rhythmisiert und fokussiert auf die Oberflächenbehandlung. Spielerisch verkeilt er die verschiedenen Bildelemente ineinander. Dadurch verschwinden jegliche räumliche Dimensionen, und die Kompositionen verschliessen sich zu einer steilen Felswand oder zu einer Backsteinmauer. Durch zunehmende Reduktion treten die Kompositionen abstrahiert in Erscheinung. So nimmt das Werk «Klippenkubismus», 2019, ganz offenherzig und nonchalant Bezug zum Kubismus. Dieser Stilrichtung gemäss zeigen «Alpentetris» und «Felsenegger», beide 2019, vereinfachte, geometrische und kubische Formen. Die Abkehr von der Zentralperspektive und die ansteigende Anordnung der Felsblöcke auf der Bildfläche führen zu einem reliefartigen Charakter. Dazu gesellt sich noch die für den Kubismus charakteristische Beschränkung auf Ocker-, Braun- Grün-, Schwarz- und Grautöne. Die neuen Werke kontrastieren mit den etwas postkartenartig gemalten, fast kitschig und idyllisch anmutenden Berglandschaften, bei denen man sich fragt, ob es sich um eine wahrhafte Abbildung oder nur um den Mythos Berg handle.
Sie offenbaren jedoch, dass Jan Czerwinski, gemäss seiner Aussage, Augentäuscherei nicht interessiert, sondern ihn vielmehr Fragen der Malerei umtreiben, so das Wesenhafte der Malerei wie die Gliederung des Bildraums als integraler Teil der Bildoberfläche. In einer auf kristalline Klarheit bedachten Reduktion sucht der Künstler nach Bildstrukturen, die er aus der Nähe betrachtet und neu wahrnimmt. In «Backsteinfado», 2019, legt er die Nahansicht eines Backsteins bloss, der stellenweise von grauweissen Flechten, vertrockneten Moosen und Schmutz bedeckt ist. Der leicht schräg abfallende Backstein vor schwarzem Hintergrund teilt das Leinwandgeviert in zwei Farbflächen. Diese einfache Kompositionsform eröffnet dem Künstler neue bildnerische Fragestellungen und Möglichkeiten in der Aufteilung der Bildfläche und der Darstellung von Form, Farbe und Raum. Die emotional wirkende Kraft der Gelb- und gedämpften Rottöne beherrscht das Bildgeschehen, indem sich die Farben gegenseitig verstärken und so lebendig wirken. Sie stehen in krassem Kontrast zum monochromen schwarzen Hintergrund. Es stellt sich eine ruhige Wirkung ein, nicht zuletzt, weil der Künstler auf einen expliziten Pinselduktus verzichtet. Dieser Reduktionsprozess bewirkt, dass das kompositorische Zentrum wegfällt, sodass das Bild lediglich von den Bildstrukturen, der Technik und dem Malerischen der Farben selber lebt. Dies erlaubt Jan Czerwinski eine Ausdrucksfreiheit, die unabhängig von jedem narrativen Inhalt, und sowohl zeitlos als auch zeitbezogen ist.
Galerie Sam Scherrer, Ausstellungskatalog; 24. Januar bis 7. Februar 2020