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Von der Grossfamilie zum Einpersonenhaushalt
Kinderreiche Familien werden immer seltener, Ein- und Zweipersonenhaushalte sind heute die Norm. Bergbauernfamilie um 1945. (Bild: Keystone)
Wohnen ist teuer, allein wohnen ein Luxusgut. Dennoch sind Einpersonenhaushalte heute in der Schweiz die am stärksten verbreitete Haushaltsform. Insgesamt machen sie gut ein Drittel aus. 1930 bestand gerade mal gut jeder zwölfte Haushalt aus nur einer Person. Hingegen gab es damals im Vergleich zu heute anteilsmässig fast sechsmal so viele Haushalte mit mindestens fünf Personen (siehe Abbildung 1). Der grosse Umschwung erfolgte in den 1960er- und 1970er-Jahren und zog sich bis zur Jahrhundertwende weiter.
Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein Grund für die Zunahme der Einpersonenhaushalte, die verstärkt ab den 1960er-Jahren einsetzt. Hinzu kommt die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft, insbesondere der verbesserte Bildungszugang der Frauen, der ihnen die Möglichkeit zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit und damit zum selbst bestimmten Wohnen gibt. Dies zeigt sich bei den heute älteren Frauen: Die über 65-Jährigen, die einen akademischen Abschluss aufweisen, sind rund dreimal häufiger ledig als Frauen mit tieferem Bildungsstand (Stand 2015). Insgesamt machen ledige Personen knapp die Hälfe der rund 1,4 Millionen Einpersonenhaushalte in der Schweiz aus (Stand 2020).
Abb. 1: Entwicklung der Haushaltsgrössen in der Schweiz (1920–2021)
Quelle: BFS, eidg. Volkszählung und Statpop / Die Volkswirtschaft
Stark steigende Scheidungsrate
Die gestärkte Selbstbestimmung der Frauen und das höhere Wohlstandsniveau widerspiegeln sich auch in der Scheidungsrate. Ab 1967 beginnt diese in der Schweiz stark anzusteigen: 1990 gibt es jährlich zwei Scheidungen pro 1000 Einwohner, doppelt so viele wie in den 1960er-Jahren. Scheidungen führen in der Regel zu einer Aufsplittung von Haushalten und so zu mehr Einpersonenhaushalten. In rund einem Fünftel aller Einpersonenhaushalte in der Schweiz leben geschiedene Personen.
Zum hohen Anteil an Kleinhaushalten leistet auch die demografische Alterung ihren Beitrag. Noch 1970 waren 11,5 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. 50 Jahre später beträgt dieser Anteil bereits 18,8 Prozent. Der Anteil der über 80-jährigen Personen verdreifachte sich von 1,8 auf 5,3 Prozent. Im Jahr 2020 wohnten neun von zehn der über 65-jährigen Personen allein oder zu zweit, wobei mit steigendem Alter der Anteil an Einpersonenhaushalten stark zunimmt. 35 Prozent der allein wohnenden Personen sind über 65 Jahre alt und 19 Prozent verwitwet.
Bildung der Frau senkt Geburtenrate
Ab Mitte der 1960er-Jahre nimmt die Geburtenrate stark ab. Bis dahin kamen nach dem Zweiten Weltkrieg pro 1000 Einwohner und Jahr durchschnittlich 18 Kinder zur Welt. Innerhalb von zehn Jahren sank diese Quote auf rund 12 Geburten (siehe Abbildung 2). Oft ist dabei vom sogenannten Pillenknick die Rede. Die aufkommende Möglichkeit zur hormonellen Empfängnisverhütung spielt aber nicht die entscheidende Rolle. Viel wichtiger ist auch hier die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Denn infolge der längeren Ausbildungsdauer von Frauen beginnt die Mutterschaft im Schnitt später – heute durchschnittlich mit rund 31 Jahren[1].
Zudem nimmt in einer immer urbaneren und wohlhabenderen Gesellschaft der Wunsch nach einer grossen Kinderzahl ab. 2020 hatten in der Schweiz 43 Prozent der Familien ein Kind, 42 Prozent zwei Kinder und 15 Prozent drei oder mehr Kinder[2]. Dies war 1950 noch anders. Das Statistische Jahrbuch der Schweiz aus dem Jahr 1954 fasst Ergebnisse aus der Volkszählung 1950 zusammen. Die darin enthaltene Familienstatistik zeigt, dass 44 Prozent der Mütter bereits drei oder mehr Kinder zur Welt brachten.
Abb. 2: Geburtenrate in der Schweiz (1880–2020) sowie in den Kantonen Bern und Luzern (1971–2020)
Quelle: BFS, eigene Berechnungen des Autoren / Die Volkswirtschaft
Konfession prägte Geburtenrate
Die bisherigen Ausführungen zeigen: Die Stellung der Frau in der Gesellschaft spielt eine zentrale Rolle, wenn es um den Rückgang der Haushaltgrössen geht. Insofern überrascht es nicht, dass sich eher konservative katholisch geprägte Kantone anders entwickelt haben als tendenziell liberale reformierte Kantone. Gemäss der Familienstatistik von 1950 hatten im «katholischen» Kanton Luzern 14 Prozent der Ehefrauen mindestens sechs Kinder. Im «reformierten» Kanton Bern war dieser Anteil nur halb so hoch.
Noch eindrücklicher sind die Unterschiede im Appenzellerland: Im «katholischen» Innerrhoden gebar jede vierte Ehefrau mindestens sechs Kinder, im «reformierten» Ausserrhoden war dieser Anteil ein Drittel so hoch. Die Geburtenraten der Kantone haben sich seither angenähert, dies auch, weil die Konfessionen in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung eingebüsst haben (siehe Abbildung 2).
Kleinere Wohnungen in den Städten
Die Entwicklung der Haushaltsgrössen in der Schweiz ist auch die Geschichte einer urbaner werdenden Schweiz. Eine dichtere Besiedlung in den Städten und den wachsenden Agglomerationen führt dabei tendenziell zu kleineren Haushalten. In den Städten fand seit 1970 grundsätzlich dieselbe Entwicklung in Richtung Kleinhaushalte statt wie auf dem Land, allerdings auf einem tieferen Niveau. Grosse Haushalte mit mindestens fünf Personen waren schon 1970 die Ausnahme. In den Städten Zürich, Basel und Bern betrug der Anteil damals 7 bis 8 Prozent, im Vergleich zu den 16 Prozent schweizweit. Bis ins Jahr 1980 ging dieser Anteil in allen drei Städten auf 3 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil an Ein- und Zweipersonenhaushalten von rund 60 Prozent im Jahr 1970 auf 80 Prozent im Jahr 2000.
Ein Grund für die kleineren Haushaltsgrössen in der Stadt liegt in der Wohnungsstruktur. Denn in den Städten ist der Anteil kleiner Wohnungen in der Regel deutlich höher. Über 70 Prozent der Wohnungen in Zürich, Basel und Bern haben drei oder weniger Zimmer, landesweit sind es hingegen weniger als 50 Prozent.
Wohnflächenkonsum wächst
Die Entwicklung der Haushaltsgrössen widerspiegelt den wirtschaftlichen Wandel von einer ländlich geprägten Agrargesellschaft hin zu einer urbanen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Sie widerspiegelt ebenso, wie das Patriarchat zu bröckeln beginnt und die Selbstbestimmung der Frauen zunimmt. Das erst 1971 eingeführte nationale Frauenstimmrecht steht dabei sinnbildlich für den lang andauernden gesellschaftlichen Prozess, den die Schweiz durchläuft. Des Weiteren sind die sich annähernden demografischen Entwicklungen in den Kantonen ein Abbild einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft. Alle diese Punkte zeigen: Es gibt mehrere Gründe für die immer kleiner werdenden Haushalte. Zudem sind sie Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesses – der auch Herausforderungen mit sich bringt.
So gilt etwa der hohe Anteil an Einpersonenhaushalten als wichtige Ursache dafür, dass sich in der Schweiz gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) gut jede dritte Person einsam fühlt (Stand 2017). Denn allein zu wohnen, erfordert ein höheres Mass an Eigeninitiative, um soziale Kontakte zu pflegen. Dazu sind nicht alle Menschen gleich gut in der Lage, im Alter teilweise auch aus gesundheitlichen Gründen.
Die starke Zunahme der Kleinhaushalte ist zudem auch raumplanerisch relevant. Zwischen 1985 und 2018 nahmen die Flächen der Wohnareale insgesamt um 61 Prozent zu, die Bevölkerungszahl hingegen nur um 32 Prozent. Mit ein Grund hierfür ist die Zunahme der Kleinhaushalte. Denn der Pro-Kopf-Wohnflächenkonsum bei Einpersonenhaushalten beträgt in der Schweiz durchschnittlich 80 m2, bei Zweipersonenhaushalten sind es 54 m2 und in Haushalten mit mindestens drei Personen nur noch 32 m2.[3]
Neue Konzepte für Wohn- und Siedlungsformen müssen diese veränderten Haushaltsgrössen mit einbeziehen. Dass es bereits solche neuen Wohnformen gibt, zeigen die Beispiele Generationenwohnen und flexible Wohnstrukturen oder Sharing-Ansätze im Wohnbereich. Noch sind dies Nischenangebote. Gute Lösungen können aber einen wertvollen Beitrag zu den genannten raumplanerischen und sozialen Herausforderungen stiften.
Zitiervorschlag: Ivo Willimann (2023). Von der Grossfamilie zum Einpersonenhaushalt. Die Volkswirtschaft, 31. Januar.