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Von der Direktorenvilla zur Wohnsiedlung
Eine baugeschichtliche Entwicklung über 170 Jahre
1840
Johann Caspar Brunner (1813-1886), Besitzer einer Stoffweberei (unteres Bild, links), baut um etwa 1840 unweit seiner Fabrik ein Wohnhaus mit 2 Wohnungen und einem Scheunenteil.
Brunner war ein fortschrittlicher Zeitgenosse. Seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass das aargauische Fabrikpolizeigesetz 1862 ein Verbot der Kinderarbeit unter 13 Jahren und eine Begrenzung der Arbeitszeit für Jugendliche auf 12 Stunden pro Tag brachte. Brunner selbst beschäftigte weder Kinder noch Jugendliche.
1900
Direktor Brunner ist offenbar ein Pflanzenliebhaber. Er baut nach Osten ein grosses Gewächshaus an. Er stirbt 1886. Seine Erbinnen verkaufen anfangs des 20. Jahrhunderts das Haus dem jungen Gemeindeschreiber F.W. Kull. Der baut in den 1920er Jahren den Scheunenteil aus. Die Wohnungen erhalten je 2 zusätzliche Zimmer, aus denen später je 1 Bad wird.
1948
Gertrud („Trudi“), die Tochter von Gemeindeschreiber Kull heiratet 1929 den Baumeister Arnold („Noldi“) Rusterholz aus dem Zürichseegebiet. 1943 – nach der grossen Krise und mitten in der Kriegszeit, es gibt kein Benzin für Autos oder Lastwagen – müssen sie aus wirtschaftlichen Gründen ihr Baugeschäft und die bereits 6-köpfige Familie vom Zürichsee nach Niederlenz zügeln.
Etappenweise werden nun Magazine für den Betrieb gebaut, meistens im auftragsarmen Winter. Noch lange liegt viel Baumaterial ungeschützt auf der Wiese.
1950
Die grosse Familie braucht mehr Raum. Für die mittlerweile 7 Kinder wird das Dachgeschoss ausgebaut. Der Hauseingang wird auf die Rückseite des Hauses verlegt. Auf der Gartenseite entsteht ein kaum 30 cm tiefer Vorbau, damit das Stubenbüffet platz findet. Es entstehen 2 Holzbauten; der eine für Gerüstmaterial, der andere für rund 100 Hühner.
1951
Als letzte Etappe entstehen eine grosse, mit Lastwagen befahrbare Halle für Gerüstmaterial und eine Doppelgarage. Während dieser ganzen Aufbauzeit wird aber auch schrittweise der Garten verschönert, mit Bruchsteinmauern, Plattenwegen und einem „Lusthäuschen“ für warme Abende. Doch es bricht Unglück herein. „Trudi“ erkrankt schwer und stirbt anfangs 1952. Der Jüngste ist gerade etwas mehr als 5 Jahre alt.
1963
Um „Trudis“ Krankheitskosten zu bezahlen, verkauft „Noldi“ 1951 einen Grundstückteil einem Krämer, der ihn übers Ohr haut: ein Konkurrent baut das Einfamilienhaus, während er zu wenig Arbeit im Baugeschäft hat. 15 Jahre später werden die Kinder aber Grundstück samt Einfamilienhaus zurückkaufen.
1958 stirbt auch Baumeister „Noldi“ Rusterholz. Das Baugeschäft wird stillgelegt, weil die Kinder teils zu jung sind oder andere Interessen haben. Einige Jahre stehen die Geschäftsräume leer, bis die Kinder 1963 in das ursprüngliche Materialmagazin vier einfache, stimmungsvolle Wohnungen bauen.
1974
In der Zwischenzeit wurde das Dachgeschoss des grossen Hauses zu einer Wohnung ausgebaut. Der Gewächshausanbau von 1900 wird ab 1961 als Architekturbüro genutzt. Es ist der Geburtsort von Metron.
Eines der 7 Kinder des Baumeisters baut sich das alte Hühnerhaus -das vorher während rund 15 Jahre von Luigi Fior, einem italienischen Gastarbeiter bewohnt wurde- mit wenig Geld in ein 4-Zimmerhaus um.
1980
1978 wird die alte Einstellhalle ausgebaut. Es entstehen 2 Wohnungen und ein Bildhaueratelier. Die Wohnungen im ehemaligen Materialmagazin erhalten je ein Dachzimmer. Die Kopfwohnung des ehemaligen Materialmagazins wird ausgebaut und das ehemalige Gewächshaus -längst als Wohnung genutzt- erhält ein höheres Dach.
Verbindungsgänge entstehen, damit man trockenen Fusses vom neu erstellten Autounterstand ins grosse Haus kommt.
1988
Das im Jahre 1966 zurückgekaufte Einfamilienhaus wird aufgestockt und auf die Nordseite angebaut. Es entstehen drei 2½-Zimmerwohnungen und zwei 3½- Zimmerwohnungen. Die ehemalige Garage wird zu einem Gemeinschaftsraum, 1 Zimmer wird als Gästezimmer mit Dusche und WC für die ganze Siedlung ausgebaut.
Es ensteht ein Velounterstand mit Gartengeräteraum.
2001
Die inzwischen gegründete Rusterholz AG kauft das benachbarte Bauernhaus von den Nachbarn W. Schmids Erben.
Das nicht mehr bewohnbare Bauernhaus wird mit einfachen Mitteln zu einer grossen Wohnung umgebaut und erhält 2 Badezimmer und eine neue Küche. Im Jahre 2007 werden der Dachboden und die baufällige Südfassade energetisch saniert.
2010
Auf dem überbaubaren, restlichen Grundstück des Bauernhauses wird ein Mehrfamilienhaus mit 6 Wohnungen erstellt.
Das Gebäude wird nach den neuesten energetischen Erkenntnissen (Minergie-P) gebaut. Die Wärme für Heizung und Warmwasser wird mit 60 m2 Sonnenkollektoren und einem 36’000 lt Speicher erzeugt. Diese decken ca. 2/3 des jährlichen Wärmebedarfs ab.
2011
Luftaufnahme: