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Isabelle Rüf
Interview mit Isabelle Rüf (von Anne Pitteloud)
Sie waren ab 1983 zuerst Literaturkritikerin bei der Zeitschrift L'Hebdo , danach bei Espace 2, dem Kultursender von Radio Suisse Romande, und seit 2000 arbeiten Sie bei der Kulturrubrik der Tageszeitung Le Temps in Genf. Sie haben die Entwicklung der Literaturkritik in der Presse im Laufe der letzten zwanzig Jahre verfolgt. Was halten Sie von den oft gehörten besorgten Stimmen, die beklagen, dass ihr immer weniger Platz eingeräumt wird?
Es stimmt, dass dieser Platz in der Presse ganz allgemein kleiner geworden ist, doch nicht in Le Temps , die in der französischen Schweiz heute der Ort ist, wo am meisten über Bücher geschrieben wird. Ich habe also nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben. Anderswo hat die Literaturkritik Mühe, ihren Platz zu behaupten, obschon ihr auch in Le Courrier , La Liberté oder 24 Heures bestimmte Seiten gewidmet sind. Hingegen existiert sie nicht mehr wirklich als solche im Hebdo , wo die Literatur eher als «Coup» im Zusammenhang mit Aktualitäten (ein neuer Chessex, Littell …) oder in sehr kurzen Mitteilungen behandelt wird, und wo man den Essays mehr Platz einräumt. Die Anstrengungen zugunsten der Literatur konzentrieren sich stark auf einen Katalog, der in Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen Payot erstellt wird und in Form einer Promotionsbeilage zum Zeitpunkt der Neuerscheinungen und zum Salon du livre erscheint. Was die Literaturzeitschriften angeht, so sind diese leider verschwunden: Ecriture, Les Acariens … Bleibt Le Persil , ursprünglich das Organ eines einzelnen Autors, nämlich von Marius Daniel Popescu, und das jetzt versucht, sich für andere Federn zu öffnen. Und die Revue de Belles-Lettres für die Poesie.
Ich stelle diesen Verlust auch beim Fernsehen fest: Das Westschweizer Fernsehen hat seine eigentlichen Literatursendungen abgesetzt, nachdem man mehrere verschiedene Modelle versucht hatte. Doch es ist schwierig, eine geeignete Form zu finden, um am Fernsehen über Bücher zu sprechen, und ich bin nicht sicher, ob es das geeignete Medium dafür ist – auf jeden Fall, was die eigentliche Literaturkritik anbelangt. Das Modell mit langen Gesprächen mag funktionieren.
Eignet sich das Radio besser für die Literaturkritik?
Als ich bei Espace 2 arbeitete, als Produzentin oder Mitarbeiterin einer Sendung, ging es oft mehr darum, Autorenstimmen zu Gehör zu bringen, als einen kritischen Standpunkt zu vertreten. Literaturkritik ist auch am Radio möglich: Louis-Philippe Ruffy zum Beispiel versammelt auf Espace 2 jeweils einige Kritiker um drei, vier Werke. Ich für meinen Teil finde die geschriebene Form angemessener und weniger einschränkend, um seine persönliche, kritische Auffassung auszudrücken. Aber ich liebte das Radio dieser Begegnungen wegen, bei denen oft wundervolle Momente entstanden. Ich liebte am Radio auch den Aspekt der Vergänglichkeit – dank Internet kann man heute eine Sendung hören, wann immer man will, was ebenfalls wertvoll ist.
Verlagert sich die Literaturkritik denn allmählich auf Internet?
Mir scheint sehr interessant, was mit den Blogs geschieht. «La République des livres» von Pierre Assouline ist eine äusserst vielfältige Internetseite: Er hat eben einen langen Artikel über Philippe Jaccottet veröffentlicht, den er wohl kaum an den Nouvel Observateur hätte verkaufen können, er schrieb über die Spannungen an der theologischen Fakultät in Lausanne, usw. Auf dem Internet sind längere Artikel möglich, und es bietet eine grosse Freiheit sowohl in der Wahl der Themen wie des Tons. Man findet dort eine gewisse Flexibilität, einen sehr persönlichen Aspekt – man schreibt wahrscheinlich schneller. Blogs sind eine Form des Schreibens, die auch Antworten und Reaktionen herausfordert. Das begünstigt die für das Buch so wichtige Mundpropaganda. Ich persönlich habe keinen Blog, denn ich ziehe es vor, wenn man mich beauftragt zu schreiben: Das verschafft mir eine Legitimität. Das mag eine etwas seltsame psychologische Schranke sein, denn ich exponiere mich ja auch, wenn ich in Le Temps schreibe, aber … wenigstens hat man mich damit beauftragt!
Wie funktionieren Sie konkret in Le Temps ? Welches sind Ihre Stärken, und wie wählen Sie die Bücher aus, die Sie besprechen?
Ich bin vor kurzem in den Ruhestand getreten, aber ich habe mit Le Temps immer noch einen Vertrag für regelmässige Artikel. In der Rubrik Literatur arbeiten drei Journalisten. Zusätzlich versuchen wir, Journalisten aus der Redaktion heranzuziehen, wie Ariel Herbez, der regelmässig über Comics schreibt, doch das ist immer schwierig, weil jeder mit seinen eigenen Dossiers beschäftigt ist. Wir verfügen auch über ein Netz von etwa zehn Mitarbeitern, die wir anfragen, oder die uns von sich aus Beiträge vorschlagen.
Innerhalb der Rubrik hat sich jeder seine Spezialgebiete angeeignet. Ich selbst habe mich intensiv der lateinamerikanischen und iberischen Literatur gewidmet, die ich liebe. Ich versuche immer, mich für die abseitigen Werke, die eigenständigen Stimmen einzusetzen. Jetzt, da ich pensioniert bin, geniesse ich völlige Freiheit bei meiner Auswahl, was eine wirklich privilegierte Stellung ist, die ich mit Isabelle Martin teile.
Konkret werden alle Bücher zusammengelegt, und einmal pro Woche werden sie sortiert und entsprechend dem Geschmack der einzelnen und den Erfordernissen der Zeitung zugeteilt. Es ist ein breiter Dialog, in dem auch der Zufall eine Rolle spielt, und wo bestimmte Bücher durch die Maschen fallen – man verpasst notgedrungen wichtige Werke, weil man nicht genügend Zeit und Platz hat. Es ist manchmal ein Albtraum: Da sind die Autoren und die Verlage, die einem am Herzen liegen und die man verfolgen möchte, die Neuerscheinungen und der Ansturm im Frühjahr und Herbst, zum Zeitpunkt der Neuerscheinungen. Auch wenn es manchmal ruhigere Zeiten gibt, zum Beispiel über den Sommer, haben wir doch oft das Gefühl, es sei schon zu spät, einen Monat nach seiner Erscheinung über ein Buch zu schreiben …
Le Temps hat Jonathan Littells Bienveillantes mehrere Artikel gewidmet und auch über Muriel Barberys Bestseller L'Elégance du hérisson geschrieben. Fühlen Sie sich verpflichtet, über ein Buch zu schreiben, weil es erfolgreich ist? Wird in diesem Sinn Druck auf Sie ausgeübt?
Wir schreiben zwangsläufig über die Romane, die wichtige Preise gewonnen haben, etwa den Prix Goncourt. Und es ist an sich nichts Schlechtes, über die Bestseller zu schreiben, es ist sogar legitim, solange man sich mit dem Warum ihres Erfolgs auseinandersetzt. Man könnte einwenden, es sei schade, weil sie anderen, weniger bekannten Büchern den Platz wegnehmen, die es nötiger hätten, dass man über sie schreibt.
Was den Druck anbelangt, so schaffen wir ihn uns selbst! Da geistert immer diese Idee herum, man habe etwas verpasst, wenn man nicht über das Buch schreibe, das von den wichtigen Literaturbeilagen besprochen wird … Ich treffe in Le Monde des livres oder Libération oft auf Rezensionen von Titeln, die in der gleichen Woche auch bei uns angesagt sind: Wir sind dem selben Netz angeschlossen. Doch Le Monde des livres ist keine Referenz mehr, heute sind es mehr L'Express oder Le Nouvel Observateur . Man sagt uns oft: « Le Nouvel Obs hat heute das Buch XY besprochen, habt ihr gesehen?» Der Druck, den man auf uns ausübt, kommt also nicht wirklich als solcher daher, sondern eher in der Form von «man sollte eigentlich … », und als eine Art allgemeiner Konsens: Man erwartet von uns, dass wir sagen, was wir von Littell oder Houellebecq halten, von Büchern, die Kontroversen auslösen. Doch kein Druck von aussen hindert uns daran, die Autoren zu besprechen, die wir lieben, und das ist ein riesiges Privileg. Ich weiss zu schätzen, dass die Zeitung drei Seiten über Jean-Marc Lovay oder Marius D. Popescu gebracht hat! Von Seiten der Leser und der Redaktion besteht auch eine starke Nachfrage nach Autorenporträts.
Und wie steht es mit der Rezension von Essays, oder von spezialisierten Werken aus dem Bereich der Forschung?
Es gab eine Art Bündnis zwischen der Universität und dem Journal de Genève (einer der Titel, deren Fusion die Zeitschrift Le Temps hervorgebracht hat, Anm. d. Red.) , das gelöst worden ist. Le Temps schreibt nicht mehr über die Thesen und Bücher, die aus Kolloquien hervorgehen und die Leserschaft nicht unbedingt interessieren. Die Zeitung behandelt weiterhin Essays und Poesie, und sie schafft neue Blickwinkel, indem sie mehr ausführliche Berichte bringt und sich vermehrt auf kulturpolitische Fragen konzentriert. Manche Bücher dienen auch als Grundlage, um über gesellschaftliche Probleme zu sprechen, und sind auf unseren Seiten «Gesellschaft» platziert.
Schenken Sie der Westschweizer Literatur besondere Beachtung?
Als ich beim Hebdo begann, beklagten sich die Westschweizer Verlage, man kümmere sich nicht genügend um sie, und es stimmte – nach einer eher günstigen Periode gab es in den 80er-Jahren eine Art Flaute. Und dann wurde man sich bewusst, dass das, was hier geschrieben und veröffentlicht wird, tatsächlich Beachtung verdient. Ich liebe gewisse Westschweizer Autoren, aber ich würde die Westschweizer Literatur nicht als solche, en bloc, verteidigen, genauso wenig wie die «französische». Es gibt ausgezeichnete Autoren, aber auch allzu viele mittelmässige Bücher, die nicht genügend ausgearbeitet sind. Das Gleiche trifft auf Frankreich zu, auf einer anderen Ebene. Die Verleger sind überlastet, und die Verlage von einer bestimmten Grösse müssen einen Katalog erstellen, ständig neue Titel bringen, viel publizieren. Die kleinen Verlage verfügen oft nicht über genügend Mittel, vor allem was das Lektorat betrifft, und veröffentlichen unfertige Bücher. Ein kritischer Blick und ein sorgfältiges Lektorat bei den Westschweizer (und auch anderen) Verlagen wären sehr willkommen.
Fühlen Sie sich frei, eine negative Kritik über diese Bücher zu verfassen, obschon Sie die Enge des literarischen Milieus der französischen Schweiz kennen?
Es ist tatsächlich so, dass die Nähe zu diesem Milieu eine negative Kritik schwieriger macht. Wenn man ein Buch nicht gut findet, entscheidet man sich oft für das Schweigen. Ich teile es manchmal dem Autor oder dem Verleger mündlich mit, was zu dauerhaften Feindschaften führen kann …
Es hat ja keinen Sinn zu schreiben, ein bestimmter Autor eines bestimmten kleinen Verlags habe ein schlechtes Buch geschrieben. Eine negative Rezension will mit Argumenten untermauert sein, und sie nützt nichts, wenn es um ein Buch geht, dass ohnehin kein Echo findet. Wenn man hingegen Jacques Chessex nicht mag, oder wenn ein schlechtes Buch einen Medienaufruhr verursacht, dann hat es einen Sinn, es zu sagen oder in ein anderes Horn zu stossen. Sonst räumt man lieber Büchern Platz ein, die man interessant findet. Dennoch sagen manche Schriftsteller, ein negativer Artikel wäre ihnen lieber gewesen als das Schweigen. Tatsache ist, dass viele mittelmässige Bücher, die in der Westschweiz veröffentlicht werden, in der Presse einen Platz finden, was nicht unbedingt der Fall ist in Frankreich, wo ein französischer Roman nicht selten keinen einzigen Artikel erhält. Der Platz für die Literaturkritik mag zwar geschrumpft sein, doch es existieren hier immer noch bestimmte «nationalistische» Mechanismen: Die Westschweizer Medien richten ihr Augenmerk immer auch auf die Westschweizer Literatur.
Von Anne Pitteloud