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Viele erinnern sich noch an die erste Kaffee-Aktion Anfang der siebziger Jahre. Wir tranken tapfer den Pulverkaffee aus Tansania, der zwar nicht besonders gut schmeckte, dafür aber «gerecht» war. Es folgten die Bananenfrauen mit ihren Forderungen nach «gerechten Preisen» für Bananen an die Adresse der Migros.
Die Jute-Taschen der Erklärung von Bern wurden zum Modetrend und verbreiteten mit dem Slogan «Jute statt Plastik» die Botschaft, dass es dringend sei, unsern Lebensstil zu verändern. Es war ein einfaches Prinzip, das diesen Kampagnen zum Erfolg verhalf. An ein Produkt, das alle aus ihrem Alltag kennen, wurden Informationen und Angebote zu «gerechtem» Handeln geknüpft. Die verbindende Idee war ein lapidarer Satz aus dem 1968er-Manifest der «Erklärung von Bern»: Für Waren aus Entwicklungsländern muss ein gerechter Preis bezahlt werden!
Neue Spielregeln
Früh schon wurde klar, dass die Änderung der Spielregeln des Welthandels Organisationen braucht, die fairen Handel kontinuierlich fordern und fördern. 1974 wurde in Uster der erste von über 500 Weltläden eröffnet, die sich dann bereits 1976 zu einer Vereinigung zusammenschlossen. Die Weltladenbewegung lebt übrigens bis heute von der Freiwilligenarbeit von Frauen.
Um der wachsenden Nachfrage nach Produkten des fairen Handels zu genügen, gründeten Hilfswerke und die Erklärung von Bern 1977 die Importgenossenschaft OS3. Entsprechend dem damaligen Zeitgeist funktionierte sie sehr basisdemokratisch. Mit der Zeit setzte sich die Einsicht durch, dass die Freiwilligenarbeit sich professionalisieren muss, wenn der faire Handel sich in der harten Marktrealität behaupten soll. Aus OS3 wurde 1997 die claro fair trade AG mit Sitz in Orpund. Das Aktienkapital von heute 3,4 Mio. Franken wird erfreulicherweise zum grössten Teil von Kleinaktionärinnen und -aktionären aufgebracht. claro bedient als Grossist 150 claro-Vertragsläden und über 300 Bio- und Quartierläden sowie Partner im Ausland.
Über 1200 Artikel
Für die Beschaffung ihres Sortiments von über 1200 Artikeln arbeitet claro mit der European Fair Trade Association (EFTA) zusammen. Diese importiert für ihre elf Mitglieder Produkte von 400 Produzentengruppen. Was aber ist denn eigentlich ein gerechter Preis und was macht den «fairen Handel» aus? Das Forum fairer Handel, in dem gegen 20 Schweizer Organisationen zusammenarbeiten, welche soziale Besserstellung, wirtschaftliche Sicherheit und ökologische Anbaumethoden fördern, hat dazu ausführliche Kriterien erarbeitet. Auf ihrer Website fasst die claro fair trade AG die Kernpunkte ihrer Geschäftstätigkeit folgendermassen zusammen:
Strenge Kriterien
Um die hoch gesteckten Ziele zu erreichen, braucht es regelmässigen Erfahrungsaustausch zwischen den Produzentengruppen und den EFTA-Handelsorganisationen. Ein wichtiger Punkt ist das Qualitätsmanagement. Denn die Anforderungen, welche Konsumentinnen und Lebensmittelgesetze stellen, sind hoch. Im Bereich Kunsthandwerk und Textilien müssen die Produzenten mit Schulung und Weiterbildung befähigt werden, rasch auf Modetrends zu reagieren. Schliesslich hängt die Glaubwürdigkeit des fairen Handels von der Garantie ab, dass die strengen Kriterien eingehalten werden. Laufendes Monitoring (Kontrolle) muss dies gewährleisten. Ein von der claro fair trade AG eigens für das Monitoring entwickeltes Computerprogramm, welches von den meisten europäischen Partnern übernommen worden ist, ermöglicht die einheitliche Arbeitsweise der Kontrollgremien.
Max Havelaar
Ein wichtiger Schritt war 1992 die Gründung der Max Havelaar Stiftung durch namhafte Schweizer Hilfswerke. Viele meinen, «Max Havelaar» handle selber mit Kaffee, Bananen, Orangensaft usw. Das ist ein Irrtum. Denn «Max Havelaar» ist ein Gütesiegel für Produkte des fairen Handels, vergleichbar der Bio-Knospe für Bio-Produkte. Die Stiftung vergibt das Gütesiegel für Produkte, die von den Grossverteilern Migros und Coop, vom Grossisten claro oder von weiter verarbeitenden Betrieben wie Schokoladefabriken und Kaffeeröstereien vertrieben werden. Zurzeit sind es 14 Produktegruppen von Ananas bis Zucker, die von Max Havelaar zertifiziert werden. Die Lizenznehmer verpflichten sich per Vertrag zur Einhaltung bestimmter Fair-Handels-Kriterien. Die Stiftung Havelaar ihrerseits muss mit ihrem Monitoring für die Fair-Trade-Kriterien garantieren. Sie ist ihrerseits Mitglied von FLO, der «International Fair Trade Labelling Organisation International», in der 17 nationale Initiativen in Europa, den USA, Kanada und Japan zusammengeschlossen sind.
Migros und Coop
Seit Migros und Coop Produkte mit dem Havelaar-Label verkaufen, sind die Umsätze des fairen Handels in der Schweiz sprunghaft gestiegen. Die Schweizer Konsumenten sind mit dem Umsatz pro Kopf Weltmeister. Grosse Konzerne folgen dem Druck der Konsumenten, indem sie zwecks Imagepolierung ein einzelnes Fair-Handels-Produkt führen. Zum Beispiel schenkt McDonalds eine Kaffeesorte mit Havelaar-Label aus. Gemessen an den Finanz- und Warenflüssen der Weltwirtschaft ist der faire Handel aber immer noch ein Zwerg. Er zeigt beharrlich, wie die Spielregeln verändert werden müssen und kämpft darum, dass die strikten Fair-Handels-Regeln nicht verwässert werden. Den Weltläden und claro bleibt die wichtige Rolle, nicht nur einzelne Mainstream-Produkte, sondern ein Gesamtsortiment mit Produkten des fairen Handels anzubieten und kleinen Produzentengruppen mit kostbaren Produkten wie zum Beispiel seltenen Reissorten den Zugang zum Markt zu öffnen.
Anne-Marie Holenstein
Unsere Autorin
WLu. Wohl kaum jemand konnte in der Schweiz die Geschichte des fairen Handels so intensiv verfolgen wie Anne-Marie Holenstein. Sie baute die «Erklärung von Bern» auf, war eine Vorkämpferin gerechter Handelsbeziehungen (ihre Wohnung diente als erstes «Büro»). Später war sie Direktorin des Fastenopfers. Heute wirkt sie als Präsidentin des claro-Verwaltungsrates.