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Transcultural Perspectives on Late Medieval and Early Modern Slavery in the Mediterranean
Organisation
Historisches Seminar der Universität Zürich in Kooperation mit der Freien Universität Berlin, dem UFSP Asien und Europa und der Schweizerischen Asiengesellschaft
Beschreibung
Bis heute wird das Thema der Sklaverei in Wissenschaft und Öffentlichkeit kaum mit dem europäischen Mittelalter in Verbindung gebracht. Von der Forschung nach wie vor vernachlässigt, sind spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Praktiken von Sklaverei stattdessen vielfach Gegenstand stereotyper Vorstellungen und polemischer Debatten geblieben.
In westlichen Historiographietraditionen wird für gewöhnlich angenommen, dass sich „der Islam“ stark auf Wirtschaftsformen der Sklaverei stützte, während „Lateineuropa“ die Leibeigenschaft als neues ökonomisches und soziales System hervorbrachte und die Sklavenhaltung weitgehend abschaffte. Sklaverei im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa erscheint aus dieser Perspektive, verglichen mit den klassischen Sklavenhaltergesellschaften der Antike, der muslimischen Welt und der europäischen Kolonialreiche in Übersee, als Randphänomen. Islamwissenschaftler fordern ihrerseits weitere Studien zur interkulturellen Sklaverei und zum mediterranen Sklavenhandel aus muslimischer Perspektive, während Fallstudien der Osteuropaforschung und Byzantinistik von den Nachbardisziplinen kaum zur Kenntnis genommen werden. Während die westliche Mediävistik also dazu tendiert, das Phänomen der Sklaverei zu ignorieren, wird in der Frühneuzeitforschung schliesslich dem atlantischen Sklavenhandel im Kontakt mit „der Neuen Welt“ gegenüber den anhaltenden Sklavereipraktiken innerhalb „der Alten Welt“ meist der Vorzug gegeben.
Jedoch kam es im Laufe des 14. Jahrhunderts zu einem nachhaltigen und bislang wenig beachteten Wiederaufleben von Praktiken der Sklaverei in den christlich geprägten Ländern südlich der Alpen und in den Mittelmeergebieten, wobei von unterschiedlichen Formen auf den italienischen und iberischen Halbinseln, im Osmanischen Reich, in Nordafrika sowie auf dem Balkan auszugehen ist. Waren der Handel und die Haltung von (insbesondere getauften) Menschen seit der Jahrtausendwende im lateineuropäischen Sprachraum stark zurückgegangen, so wurden Sklavinnen und Sklaven nach der „Grossen Pest“ in Spanien, Italien und auf dem Balkan erneut zu einem wichtigen ökonomischen und gesellschaftlichen Faktor. Dabei verband der Menschenhandel der Südeuropäer bis weit ins 18. Jahrhundert hinein die christlich regierten Länder nördlich des Mittelmeers mit den muslimisch geprägten Regionen im Süden und Osten des grossen Binnengewässers und förderte regelmässige Kontakte nach Russland, ans Schwarze Meer und in die Mongolei. In einer Zeit also, in welcher „Europa“ angesichts der sogenannten „osmanischen Gefahr“ im Osten und der überseeischen Entdeckungen im Westen zunehmend zu einem eigenständigen Kulturraum stilisiert und gegen andere „Kulturen“ abgegrenzt wurde, bildete das Sklaven handelnde Mittelmeer – ganz im Sinne Braudels – ein Gravitationszentrum, das diesen Diskurs durchbrach und auf der Ebene sozioökonomischer Beziehungen eigene Bezugsräume hervorbrachte.
Erst in jüngster Zeit haben Detailstudien die Verschiedenartigkeiten mediterraner Sklavereipraktiken im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sichtbar gemacht und bisherige Vorstellungen in Frage gestellt. Allerdings sind die Ergebnisse dieser Forschungen bislang kaum systematisch miteinander verglichen und zueinander in Beziehung gesetzt worden. Diese Tagung widmet sich dem Sklavenhandel, Formen unfreier Arbeit sowie den Freilassungspraktiken im Mittelmeerraum während des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit mit dem Ziel, verschiedene Fallstudien unterschiedlicher geographischer und disziplinärer Perspektiven mit allgemeineren Theorien zu konfrontieren und so neue Forschungsperspektiven für eine internationale und interdisziplinäre Sklavereiforschung zu eröffnen. In der Untersuchung muslimischer und christlicher Sphären mediterraner Sklavenmärkte sucht diese Konferenz dabei „Kulturen“ als nichtholistische Konzepte darzustellen, indem vielschichtige Diskurse und komplexe soziale Praktiken herausgestellt werden.
Dabei gruppieren sich die Vorträge und Diskussionen um vier Fragenkomplexe:
Normative Diskurse und soziale Praktiken: Welche Normen und Diskurse herrschten in den verschiedenen Regionen des Mittelmeerraums in Bezug auf Sklaverei und Formen unfreier Arbeit? Wie formten sich Praktiken des Sklavenhandels innerhalb dieser Normsysteme heraus und in welchem Verhältnis standen Rechtsnorm und Rechtspraxis? Inwieweit prägten umgekehrt die Praktiken die Normen, und was für Rechtfertigungs- und Legalisierungsstrategien finden sich?
Ökonomische und militärische Verflechtungen: War der Sklavenhandel in erster Linie eine Begleiterscheinung militärischer Auseinandersetzungen im Mittelmeerraum, oder war er umgekehrt auch Motivation und Triebkraft für kriegerische Handlungen? Inwiefern reagierte der Sklavenmarkt auf ökonomische Bedürfnisse der Abnehmer und Haushalte vor Ort? Wie lassen sich die verschiedenen Praktiken von Sklaverei in den breiteren Kontext einer Geschichte der Arbeit einordnen?
Gesellschaft, Familie und Geschlecht: Welchen gesellschaftlichen Status genossen die Sklavinnen und Sklaven in den verschiedenen mediterranen Gesellschaften? Inwiefern waren – weibliche und männliche – Sklaven sozial und persönlich in Familien-, Sippen- und Verwandtschaftsstrukturen integriert? Welches waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Wurden männliche und weibliche Sklaven unterschiedlich angesehen und behandelt? Was waren jeweils ihre Funktionen und Handlungsspielräume in der Stadt und auf dem Land, in- und ausserhalb des direkten Einflussbereichs ihres „Besitzers“?
Kulturelle Überschneidungen: Waren muslimische Normen und Praktiken der Sklaverei von den christlichen grundsätzlich verschieden oder sind wechselseitige Einflussnahmen bzw. einseitige Transferbewegungen festzustellen? War das Wiederaufleben der Sklaverei in Südosteuropa eine Konsequenz des Kulturkontaktes und der Austauschbeziehungen mit muslimischen Gebieten, oder sind die vermeintlichen „Kulturgrenzen“ vielmehr als fluide Gebilde zu begreifen? Welche Rolle spielte die Religion in der Bewertung eigener und fremder Formen von Sklaverei, und inwiefern wurden über Sklavereidiskurse (hybride) Kulturgrenzen konstruiert? Wie und in welchem Ausmaß waren mediterrane Sklavereisysteme miteinander verknüpft und beeinflussten einander?
Konferenzort
Rämistrasse 69, 8001 Zürich, SOC-1-106