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Lord Byrons Leben verlief so skandalös, wie sein Werk bedeutend war. 1788 in London geboren, wuchs Byron in Aberdeen bei seiner allein erziehenden Mutter, einer schottischen Adligen, und einem calvinistisch geprägten Kindermädchen auf. Der Vater hatte die Familie nach kurzer Ehe verlassen, und einen ähnlich unglücklichen Verlauf sollte auch Byrons Liebesleben nehmen. Mit zehn erbte Byron unerwartet den Adelstitel, das dazugehörige Anwesen Newstead Abbey und einen Sitz im House of Lords. Als Lord nahm er zwar schon in jungen Jahren am mondänen Leben der Highsociety teil, doch sehnte er sich immer auch danach, dem Müssiggang zu entfliehen und ein «Mann der Tat» zu werden. Mit 21 Jahren unternahm er (wie damals in besseren Kreisen verbreitet) eine ausgedehnte Mittelmeerreise, von Lissabon über Spanien, Malta, Albanien, Griechenland bis an die Küste Kleinasiens.
Byronismus von Spanien bis Russland
Als Byron nach England zurückkehrte, veröffentlichte er die ersten beiden Lieder von «Childe Harolds Pilgrimage» (in deutscher Übersetzung bekannt als «Ritter Harolds Pilgerfahrt») und wurde dadurch mit 24 Jahren schlagartig berühmt. Von Frankreich über Deutschland und Spanien bis Russland wurde seine Reiseschilderung in Versen verschlungen. Da der Autor so schillernd und schön, intelligent, melancholisch und vielgereist wie seine Hauptfigur war, vermischten sich in den Köpfen der Rezipienten Realität und Fiktion, was zu einer enormen Nachahmungswelle führte (ähnlich wie bei Goethes 1774 entstandener Romanfigur Werther aus «Die Leiden des jungen Werther»). Die Leserschaft kopierte Byrons Auftreten und Kleidungsstil, und die Dichter seiner Zeit Byrons Schreibstil. In Frankreich waren Victor Hugo, Alfred de Musset und Alfred de Vigny von Byron angetan, in den USA Edgar Allen Poe, in Deutschland unter anderem Heinrich Heine, Nikolaus Lenau, August Graf von Platen und Wilhelm Waiblinger (die letztgenannten vier wird die Germanistin Anastasia Risch in ihrer Dissertation besonders berücksichtigen) und in Polen Adam Mickiewicz. Goethe bewunderte Byrons Dichtung und stellte ihn über alle lebenden Autoren; obwohl selbst kein Byronist, trug Goethe zum Ruhme Byrons in deutschen Landen entscheidend bei; mit Percy Bysshe Shelley und dessen Frau Mary Shelley war Byron befreundet und verbrachte er einige Zeit in der Schweiz und in Italien. Und in Russland läuteten Byrons Stanzen die literarische Wende zur Romantik ein, deren Gallionsfiguren Puşkin und Lermontow wurden.
Die deutschen «Byron»
Da über die zahlreichen Entlehnungen und Nachahmungen, die Byrons Werk erfuhr, bereits ausreichend publiziert worden ist, interessiert sich die Germanistin Anastasia Risch in ihrer Dissertation weniger für den direkten Einfluss Lord Byrons auf die literarische Produktion seiner Zeit und mehr für die strukturellen Gemeinsamkeiten mit Byron in der deutschen Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Zeit zwischen 1815 und 1848, zwischen den grossen literarischen Richtungen Romantik und Realismus, zeichnet sich nämlich durch immense Vielfalt, Brüche und unterschiedliche Stile aus, die nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind und mit «Biedermeier» oder «Nachromantik» unzureichend bezeichnet wurden.
Einige bedeutende deutsche Dichter jener Zeit sind gattungsbegrifflich nach wie vor kaum einzuordnen und werden aufgrund ihrer eher melancholischen Gestimmtheit – oft als Byronismus bezeichnet – unter dem Begriff «Weltschmerzpoeten» zusammengefasst: Neben Lenau, von Platen, dem jungen Heine etwa auch gewisse Werke Büchners sowie Grabbe, Grillparzer und Annette von Droste Hülshoff. «Sowohl Heine als auch Lenau wurde seinerzeit der stolze Titel des «deutschen Byron» zuteil», erzählt Risch.
Doch für Risch bedeuten die Ähnlichkeiten europäischer Dichter mit Lord Byrons Werk nicht einfach Epigonentum, sondern sie sieht im Byronismus (der oft simplifizierend mit «pessimistischer Grundstimmung» gleichgesetzt wird) eine breite, europaweit einsetzende Strömung, die nach ähnlichen Prinzipien funktionierte und qualitativ hochstehende Werke mit sich brachte.
Der Byronismus weist gemäss Risch interessante Eigenschaften auf, die sowohl der literarischen Tradition verpflichtet sind als auch die Moderne antizipieren – beispielsweise das derzeit verbreitete Sampling, das Montieren bestehender literarischer Mosaikstücke zu einem neuen Ganzen; aber auch die spezifische Behandlung politischer Themen in der Lyrik und die Vermischung der Gattungen zu lyrisch-epischen Dramen und dramatisierter Lyrik (insbesondere bei Heine und Lenau) sowie den Hang zur Antithese in der Gedankenführung und im Aufbau der Werke. Inwiefern diese verschiedenen «Byronschen» Eigenarten in den Werken deutscher Dichter im frühen 19. Jahrhundert zu literarischer Originalität und Qualität führten – das möchte Risch in ihrer Dissertation ebenfalls untersuchen. Betreut wird sie dabei von der Germanistikprofessorin Sabine Schneider.
«Massloses Interesse» in Europa
Lord Byrons «heldenhafter» Tod im Freiheitskampf der von ihm geliebten Griechen gegen die Türken (auch wenn er nicht im Kampf, sondern an einer falsch behandelten Entzündung starb) trug noch vollends zur Legendenbildung um seine Person bei. Sein herausragendes Werk und sein skandalträchtiges, «zerrissenes» Leben lösten in Europa ein geradezu «massloses Interesse» aus, wie es Risch formuliert. Dank dem Forschungskredit der Universität Zürich kann sich die Germanistin nun voll und ganz dieser «Zentralfigur der sogenannten europäischen Romantik» widmen.
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