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Ich habe also probiert, meinen Kindern die Masseneinwanderungsinitiative zu erklären, so gut ich konnte - und so gut ich sie denn selbst verstanden habe: «Also, stellt euch vor, ihr wohnt zu sechst in einem Haus. Ihr beide und je zwei Freunde und Freundinnen. Mia, Laura, Noah und Lukas. Alle Schweizer, mit Schweizer Pass. Wie ihr - ausser dass ihr eben italienische Wurzeln und einen italienischen Nachnamen habt. Weil das Haus so schön ist, wollen viele andere Leute auch da wohnen. Und wenn vorne sehr viel mehr Leute reinkommen, als hinten wieder rausgehen, ist die Hütte irgendwann voll und ihr habt ein Problem. Deshalb könnt ihr nicht einfach jeden reinlassen, der rein will. Also lasst ihr vor allem die rein, die euch etwas nützen.
Zum Beispiel David (mit serbischem Pass), weil der gut kochen kann, und ihr könnt das alle nicht so gut. Aber David kommt nur, wenn er seinen Bruder auch mitnehmen darf.» - «Aber Davids Bruder ist doof.» - «Das wisst ihr aber noch nicht, wenn ihr ihn reinlasst. Und ihr wisst dann auch noch nicht, dass er den ganzen Tag Nintendo spielt, nie beim Putzen hilft und euch sogar eure Spiele klaut.» - «Können wir Viktoria (mit russischem Pass) auch reinlassen?» - «Ja, wenn sie verspricht, dass sie jeweils das Bad putzt.» Es ist also schon jetzt so, dass nicht jeder einfach so rein darf, in euer Haus. Weil aber immer noch mehr reinkommen, als rausgehen, will die Mehrheit von euch sechs, dass es ein Kontingent gibt, das heisst, dass ihr zum Beispiel festlegt, dass pro Tag nur noch zwei reindürfen. Und jetzt wirds schwierig: David braucht ihr, weil er der einzige ist, der kochen kann. Seinen Bruder wollt ihr eigentlich nicht, weil er doof ist. David kommt aber nur, wenn sein Bruder auch kommt. Viktoria könntet ihr ganz gut brauchen, sonst müsst ihr das Bad selbst putzen. Aber eben - alle drei können nicht rein. Was macht ihr jetzt?» Sie zucken ratlos die Schultern. «Ihr verschärft die Konditionen.»
Das heisst, wer rein will, muss mehr Voraussetzungen erfüllen als bisher. Zum Beispiel muss er Deutsch können. Jetzt stellt euch vor, Viktoria kann kein Deutsch. Dann lasst ihr Davids doofen Bruder eher rein als Viktoria, weil er Deutsch kann und sie nicht. Sie würde aber innerhalb von ein paar Wochen besser Deutsch lernen als er, und irgendwann könnte sie auch besser kochen als David. Eigentlich müsstet ihr Viktoria aber wieder fortschicken, weil sie gerade im Moment eure Bedingungen nicht erfüllt - über die sich eh schon alle Nachbarn das Maul zerreissen und den Kopf schütteln. Überhaupt hattet ihr eigentlich mit den Nachbarn abgemacht, dass sie bei euch reindürfen, wenn man sie brauchen kann. Aber da viele der Nachbarn kein Deutsch können, müsst ihr da jetzt wieder neu verhandeln.
Aber zurück zu Viktoria: Da keiner von euch sechs Lust hat, das Bad zu putzen, beschliesst ihr alle gemeinsam, Viktoria doch reinzulassen. Und nun werden die Zimmer verteilt. Sagen wir mal, bis jetzt war es so, dass der, der in der Schule die besten Noten schrieb, das grösste Zimmer bekam. Nun habt ihr aber beschlossen, dass die Schweizer bei der Zimmerverteilung bevorzugt werden sollen. Viktoria schreibt die besten Noten, ihr beide seid so im Mittelfeld und Noah ist ganz mies - ausserdem hat er eure Nintendo-Spiele geklaut. Wer kriegt das grösste Zimmer?» - «Viktoria?» - «Nein, die hat ja keinen Schweizer Pass. Wenn ihr Schwein habt, kriegt ihr es. Wenn nicht, kriegt es Noah.» - «Was? Der hat geklaut und ist schlecht in der Schule.» - «Ja, aber er heisst Brunner, und ihr habt einen ausländisch klingenden Nachnamen. Und Mia, die die Zimmer verteilt, hat Angst, dass die Ausländer das gesamte Haus in Beschlag nehmen. Auch wenn sie eigentlich weiss, dass ihr keine Ausländer seid.»
«Und wo ist jetzt der Unterschied, ob man Ja oder Nein stimmt?» - «Einen echten Unterschied gibt es nur, wenn ihr den Mut habt, das Kontingent tatsächlich auf zwei pro Tag zu beschränken - und die Konsequenzen zu tragen. Das heisst, Viktoria kommt nicht rein, David und sein Bruder schon. Ihr müsst dafür das Bad selber putzen und habt Davids Bruder am Hals. Allerdings habt ihr den Vorteil, dass ihr den leichter wieder rauswerfen könnt als jetzt, wenn er klaut. Und wenn einer von euch kochen lernt und ihr David nicht mehr braucht, könnt ihr den auch wieder rausschmeissen. Und den Nachbarn sagt ihr klipp und klar, sie sollen sich nicht so anstellen, sondern deutsch lernen wenn sie reinwollen. Und wenn sie komisch tun, schliesst ihr euren Garten auch noch, dann sollen sie selber schauen, wie sie jeweils zu den Nachbarn auf der anderen Seite kommen. Noah könnt ihr im Übrigen nicht rausschmeissen, auch wenn er klaut. Und es kann sogar sein, dass er trotzdem das grösste Zimmer kriegt.
In der Realität wird es aber vermutlich eher so aussehen, dass ihr dermassen null Bock drauf habt, das Bad selbst zu putzen, dass ihr Viktoria auch reinlasst, obwohl ihr Ja gestimmt habt. Damit sie jetzt reindarf, muss sie sieben verschiedene Anträge stellen und es dauert drei Mal länger als bisher - bis dann müsst ihr das Bad selbst putzen. Und weil ihrs euch doch nicht so ganz mit den Nachbarn verderben wollt, sucht ihr stundenlang nach irgendwelchen Kompromissen und euer Garten bleibt offen.
Am Ende putzt also Viktoria das Bad, David kocht, sein Bruder hängt rum, die Nachbarn stampfen durch euren Garten und Noah kriegt vermutlich das grösste Zimmer, wenn ihr Ja stimmt. Und Viktoria putzt das Bad, David kocht, sein Bruder hängt rum, die Nachbarn stampfen durch euren Garten und Viktoria kriegt das grösste Zimmer, wenn ihr Nein stimmt.
Also, was hättet ihr gestimmt? «Nein», sagt meine Tochter. «Weil es fairer ist wenn Viktoria das grösste Zimmer bekommt.» - «Und wenn bei einem Ja du das grösste Zimmer bekommst statt Noah?» «Dann stimme ich Ja.» Aha. «Und was stimmst du?», frage ich meinen Sohn. «Mami?», fragt er zurück. «Bin ich eigentlich Ausländer oder Schweizer?»