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In Klaus Pezolds Geschichte zur «Deutschsprachigen Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts» heisst es bündig: «Den bedeutendsten Beitrag zur proletarischen Literatur der Schweiz leistete Elisabeth Gerter (1895-1955).» Damit ist ein Werk charakterisiert, dessen blosses Vorhandensein ein Skandal war. Sozialkritische Literatur von einer Frau, von jemandem also, die nicht einmal das Stimmrecht hatte: Das war unerhört!
Gesellschaftsromane
Elisabeth Gerter wuchs unter ihrem bürgerlichen Namen Hartmann in Gossau (SG) auf. Ihr Vater war zuerst Sticker, später Dorfbriefträger. Sie wurde Krankenschwester, heiratete zweimal, in zweiter Ehe den Basler Kunstmaler und Kommunisten Karl Aegerter. Sie wurde selber Kommunistin, zeitweise arbeitete sie als Sekretärin der KP-Sektion Kleinbasel. Und sie begann zu schreiben, zuerst vor allem Literarisches, später zunehmend als Journalistin. In den dreissiger Jahren veröffentlichte sie, unter dem Pseudonym Gerter, das sie vom Namen ihres Ehemannes ableitete, ihre zwei bedeutendsten Romane:
• In «Schwester Lisa» (1934) zeigt sie den Krankenschwesternberuf und seine miserablen Arbeitbedingungen: die drückende Spitalhierarchie, die Klassenmedizin, die religiös verbrämte extreme Ausbeutung – aber auch ein damals vollständig tabuisiertes Thema: Schwester Lisas Erfahrungen als Patientin in einer Abtreibungsklinik in Genf.
• Der Industrieroman «Die Sticker» (1938) ist dem Niedergang der Stickereibranche in der Ostschweiz gewidmet. Wirtschaftspolitisch und kapitalismuskritisch versiert entwirft sie das Gemälde eines Rheintaler Stickereidorfs mit lebensechten Figuren. «‘Die Sticker’», würdigte der Literaturwissenschaftler Gustav Huonker das Werk, «gehören an die Seite der wenigen grossen zeitkritischen Gesellschaftsromane, die die Schweizer Literatur in diesem Jahrhundert hervorgebracht hat.»
Brüchige Tradition
Elisabeth Gerter war nicht allein beim Versuch, literarischen Stoff aus der Welt der Arbeitenden und in deren Interesse zu gestalten. Zu ihrer Zeit schrieben in diesem Sinn auch zum Beispiel Jakob Bührer und Carl Albert Loosli, später dann etwa Arthur Honegger, Urs Karpf oder Emil Zopfi. Aber die Tradition der schweizerischen Arbeiterinnen- und Arbeiterliteratur ist immer brüchig geblieben.
Dabei gilt bis heute unverändert: Das Reden über die Arbeitswelt darf nicht nur Arbeitgebenden und Gewerkschaften überlassen werden. Wo Hunderttausende einen grossen Teil ihrer Tage verbringen, geht es um mehr als um gerechten Lohn oder bessere Arbeitsbedingungen. Die Arbeitssituation sprachlich zu gestalten heisst bis heute, ein Stück eigenes Leben durch das kritische Nachdenken darüber veränderbar zu machen.
Der Beitrag entstand aus Anlass des Elisabeth-Gerter-Schreibwettbewerbs, den der Schweizerische Gewerkschaftsbund – zusammen mit dem Literaturverein Pantograph und dem Literaturhaus Basel – Anfang 2007 ausgeschrieben hatte. Mit diesem Wettbewerb ermunterte der SGB die Lohnabhängigen, als Expertinnen und Experten ihrer Arbeitswelt Beiträge zu verfassen. Die besten wurden im Dezember 2007 im Rahmen einer Elisabeth Gerter-Ausstellung in Basel vorgestellt und ausgezeichnet.