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Wie konnte es mit den Banken so weit kommen?
The Roaring Nineties
Den finalen Durchbruch schafften die Kapitalmarktabteilungen dann in den 90er Jahren. Mit den immer noch zu verdauenden Verlusten aus dem Kreditgeschäft, den weltweit sinkenden Zinsen und den sich gigantisch aufbäumenden Kapitalisierungen der weltweiten Aktien- und Bondmärkte schien es immer offensichtlicher zu werden, dass die globalen Strukturveränderungen die Szenerie der Grossbanken in Richtung global integrierter Universalbanken treiben würden.
Zusätzlich wuchsen die Bankbilanzen unaufhaltsam, und die Eigenkapitalrenditen erreichten Traumwerte. Warner, welche darauf aufmerksam machten, dass dies vor allem darauf zurückzuführen war, dass die Eigenkapitalausstattung der entsprechenden Bilanzen immer dünner ausfiel, wurden mit dem Hinweis in die Wüste geschickt, dass die entsprechenden Risiken mit den sophistiziertesten statistisch-mathematischen Modellen wohl abgesichert seien. Dass man es international zuliess, dass die grossen Player in diesem Spiel am Ende sogar noch ihre eigenen Risikomodelle verwenden konnten, um de facto die Höhe ihrer Eigenkapitalausstattung selber zu bestimmen, sei hier nur am Rande bemerkt.
Unwiderstehliche Bonuskultur
In der Zeit dieses gigantischen Aufschwungs des Wertschriftengeschäftes wurde es nachgerade als lästerlich empfunden, die oben angetönten Interessenskonflikte zwischen «Buy-Side» und «Sell-Side» auch nur zu erwähnen. Die Kapitalmarkt- (sprich: Investmentbanking-) Seite hatte die Banken praktisch übernommen. Die Universalbanken wurden grossmehrheitlich von angelsächsisch geprägten Investmentbankern geführt, und die von ihrem Charakter her eher leise auftretenden Anlageabteilungen standen mit ihren Bedürfnissen (und teilweise auch mit ihren Kunden) schon bald im Regen. Sie wurden nur mehr als günstiger Vertriebskanal für die immer grösser werdenden Produktabteilungen der Investmentbank gesehen.
Dies war für die Anlageseite allerdings nicht nur mit Nachteilen verbunden. Inzwischen hatte man sich nämlich auch hier mit dem Gebaren und den Gehaltsmodellen abgefunden, die aus den USA herübergeschwappt waren und in der Investment Bank eine Bonuskultur etabliert hatten, gegen die man nur schwer etwas haben konnte. Der Vertrieb der Produkte der Kollegen der Investmentbank bescherte auch den Anlageabteilungen plötzlich Einkommensmöglichkeiten, die man nicht einfach auf der Strasse liegen lassen wollte.
Und der Anlagekunde?
Einzig die Anlageperformance der Kundenportfolios schien nicht so richtig mithalten zu wollen. Wen wundert’s, hatten doch die Anlagekunden plötzlich kaum mehr Fürsprecher für ihre Bedürfnisse. Vorgaben der Investment Banker – diese hatten sich inzwischen definitiv an die Spitze der Banken gehievt – bezüglich steigender Rentabilität der Kundenbeziehung z.B. im Private Banking, konnten aber über kurz oder lang nicht aufgehen.
In einem Umfeld mit weiter sinkenden Zinsen auf Neuanlagen und lethargisch werdenden Aktiennotierungen schlagen steigende Margen (teurer werdende Anlageprodukte, intransparente Strukturen) unweigerlich auf die Performance der Kundenportfolios durch. Zum einen waren die früheren Treuhänder der Kundeninteressen zu einem Teil einer gigantischen Vertriebsmaschinerie geworden, und zum anderen liessen die makroökonomischen Konstellationen ganz einfach auch die Renditemöglichkeiten, die man noch aus den 90er Jahren gewohnt war, nicht mehr zu.
Vom Bankier zum Broker
Immerhin waren inzwischen auch Regulierer und Konsumentenschützer auf die entsprechende Problemstellung aufmerksam geworden. Plötzlich entstanden alle möglichen Auflagen und Regulierungen, um die «Konsumenten» der entsprechenden Produkte zumindest vor Fehlempfehlungen und eigenen Fehlgriffen zu bewahren. Stichworte sind Anlagefondsgesetze, Vertriebsrestriktionen, MiFid (eine Richtlinie der EU mit Bestimmungen zu Anlegerschutz, verbesserter Transparenz der Finanzmärkte und Integrität der Finanzdienstleister).
Konsequenz: Es entstanden zum einen Produktbeschreibungen und Beratungsverträge, die an Komplexität nicht mehr zu übertreffen sind und (wenn überhaupt) nur noch von Leuten verstanden werden, die selber einige Jahre an juristischer und finanztechnischer Ausbildung hinter sich haben. Und zum anderen entstand auf Kundenseite eine Grundskepsis darüber, ob denn in der Anlageberatung die Probleme der ratsuchenden Anleger überhaupt noch von Interesse oder relevant wären. Der frühere Banquier und Vertrauenstreuhänder war zum Banker und Broker verkommen.
Des weiteren entstand plötzlich ein Image, das insinuiert, die früheren Erfolge des Anlage- und Privatkundengeschäftes seien wohl ausschliesslich darauf zurückzuführen, dass mit irgendwelchen (im Zweifelsfall illegalen) Tricks ausländische Gelder jedwelcher Couleur in die Schweiz gelockt worden seien, die allein schon aufgrund der Herkunft beliebig hohe Margen eingespielt hätten. Es geht hier nicht darum, von Fehltritten abzulenken, die es ohne Zweifel gab. Wer aber die Qualität sowohl unseres Retailbankings aber auch des Privatkunden- und Anlageberatungsgeschäftes in der Schweiz international vergleicht, weiss, dass dies eine zu einfache und zu plakative Sicht der Dinge ist. Dies aber nur als Anmerkung nebenbei.
Und die Zukunft?
Eine der Fragen, die sich für die Zukunft der Banken- und Finanzindustrie in der gegenwärtigen Krise stellt, ist, ob die oben beschriebenen Formen von Regulierung geeignete Mittel darstellen, um die entstandenen Probleme zu lösen. Es wurde aufgezeigt, dass diese teilweise auf unterschiedliche Anreizstrukturen und auf Interessenskonflikte zurückzuführen sind.
Vielleicht sollten wir uns fragen, ob es richtig ist, die Konsequenzen von Interessenskonflikten auf der Mikro-, bzw. Produktebene (im Sinne von MiFid etc.) zu regulieren, oder ob es nicht besser wäre, dort anzusetzen, wo die Interessenskonflikte überhaupt entstehen: Auf Ebene der Organisation und der entsprechenden Anreizstrukturen. Ich weiss, dass es nicht besonders modern ist, noch einmal die alte US Glass-Steagall Akte aus den 30er Jahren aus der Mottenkiste zu ziehen, die ein Verbot des gleichzeitigen Betreibens des Einlage- und Kreditgeschäfts auf er einen und des Wertschriftengeschäft auf der anderen Seite vorsah.
Die obigen Darstellungen weisen darauf in, dass die Strukturen des Bankgeschäfts sich heute tatsächlich völlig anders präsentieren. Aber vielleicht darf man trotzdem mal wieder zumindest über den Geist von Glass-Steagall nachdenken. Es ist ja kein Zufall, dass die entsprechende Regulierung aus der Kapitalmarkt- und Finanzkrise in den 30er Jahren heraus entstanden ist.
Perverse Anreizstrukturen
Dabei geht es auch nicht darum, dass die Politik den Banken spezifische Businessmodelle vorschreiben soll, weil sie besser wüsste, wie man eine Bank zu führen hat als die Banker selber. Aber dort, wo Interessenskonflikte zu perversen Anreizstrukturen führen, deren Konsequenzen im Zweifelsfall der Anlagekunde oder am Ende gar der Steuerzahler zu berappen hat, sind Eingriffe gefragt.
Es ist keine Frage, dass solche Überlegungen der Auslöser waren für die strategische Umorientierung der UBS. Ebenso klar ist, dass verschiedene politische Diskussionen, die in den letzten Jahren zur Rolle des Finanzplatzes in unserem Land geführt wurden, teilweise ihren Ursprung in Überlegungen wie den obigen haben.
Ob die One-Bank-Philosophie, die von vielen Universalbanken noch immer – nota bene im Rahmen der Neupositionierung auch von der UBS –vertreten wird, mit den oben beschriebenen Interessenkonflikten in die Finanzmarkt- und Anlagekultur der nächsten Dekade passt, werden uns – unabhängig von den gegenwärtigen Bemühungen um den Konsumentenschutz – über kurz oder lang die Kunden wissen lassen.
Steigende Komplexität
Ob die Regulierungsbemühungen der Politik bei der too-big-to-fail oder der too-big-to-rescue Problematik erfolgversprechend sind, sollten wir uns allerdings etwas früher, idealerweise vor der nächsten Krise überlegen. Komplexität der Strukturen und der Produkte war ein Auslöser der Probleme, die wir im Moment ausbaden. Ein Grossteil der im Augenblick diskutierten bzw. bereits beschlossenen Regulierungsvorschläge und Massnahmen – Basel III lässt grüssen – basiert auf noch mehr Komplexität!
Bei der Bedeutung, welche die Banken in der Schweiz haben, täte man gut daran, sich sehr detailliert mit den Vickers- und Volker Reformen von Bankenstrukturen zu beschäftigen und den Liikanen-Bericht ernst zu nehmen. Eine Expertengruppe unter Leitung des Finnischen Notenbankchefs Erkki Liikanen hat kürzlich empfohlen, Banken in der EU sollten in Zukunft risikoreiche Aktivitäten rechtlich von ihrem Einlagegeschäft trennen müssen. In eine ähnliche Richtung gehen die Vorschläge von Paul Volker zur Struktur des US Bankenwesens, sowie diejenigen von John Vickers zum englischen Bankensystem. Weder aus Kundensicht noch aus Sicht des volkswirtschaftlichen Risikos sind One-Bank-Strukturen wie sie zum Teil auch heute noch verteidigt werden, wünschenswert.
"Back to the Roots
Auch wenn zuzugestehen ist, dass der eingeschlagene Weg der UBS in mancher Hinsicht ein interessanter Ansatz zum „Back to the Roots“ darstellt, löst er per se natürlich die „too-big-to-fail“ Problematik in unserem Land noch in keiner Weise. Und ob sich die inhärenten Interessenskonflikte einer „One-Bank-Struktur“ im neuen Modell ausmerzen lassen, werden wir spätestens nach dem nächsten Boom an den weltweiten Finanzmärkten sehen, wenn dann vielleicht wieder andere Investmentbanker an der Spitze sind.
Die Lehren aus der Finanzkrise sind auf jeden Fall bei weitem noch nicht gezogen.
Der Autor ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und beim Swiss Finance Institute in Zürich sowie Chairman der Valartis Bankengruppe.
Der 1. Teil des Beitrags ist hier zu lesen.
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