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SAFe und LeSS dominieren den Framework-Markt für skalierte Agilität. In diesem Beitrag möchte ich beide Frameworks gegenüberstellen und bei der Auswahl des richtigen Frameworks unterstützen. Willkommen.
Vorab: Ich bin mit beiden Frameworks vertraut. Ich berate Unternehmen in beiden Frameworks. Ich bin aber nicht mehr oder weniger mit einem Framework "liiert", ich halte keine Aktien und habe keine weiteren Interessen hinsichtlich der Frameworks, die ich hier offenlegen müsste. Ich bin also weitgehend unbefangen und kann hier von meinen Erfahrungen und Beobachtungen beider Frameworks berichten.
Ich möchte die beiden Frameworks hinsichtlich folgender Dimensionen vergleichen:
Was sind die Vorbedingungen der Einführung? Wann kann man starten? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
LeSS bedingt keine "Initiative", kein Vorhaben und identifiziert sich auch nicht als einmaliger Prozess, sondern als Haltung. LeSS spricht deswegen auch von der sogenannten Adoption. LeSS verneint auch die "Dichotomie" von Top-Down oder Bottom-Up. LeSS müssen alle wollen. LeSS ist eine Haltung, stets sich weiterzuentwickeln und keinem "Rezept" folgen zu können. Sobald diese Haltung gereift ist, kann die Adoption von LeSS starten.
SAFe liefert eine ausführliche Implementation Roadmap. Darin werden die generischen Schritte zur erfolgreichen SAFe-Einführung zusammengefasst. Die Vorbedingung für SAFe ist der sogenannte Tipping Point. Zwei Optionen sind möglich:
Sind entweder Burning Platform und/oder Proactive Leadership erfüllt, kann die Implementation Roadmap abgefahren werden. Diese startet mit ausgiebigen Schulungen.
Wie gestaltet sich die Einführung des Frameworks? Was ist die Einführungsstrategie? Gibt es eine "Blaupause"? Brauche ich externe Unterstützung?
Die LeSS Einführung hat folgende Schritte:
Alles weitere in LeSS ist Bestandteil der kontinuierlichen Verbesserung, die im LeSS-Prozess durch die entsprechenden Retrospektiven abgedeckt ist.
Die SAFe Implementation Roadmap ist ausführlich und ergiebig. SAFe praktiziert einen typischen Top-Down-Ansatz. Nach den obligaten Schulungen müssen zunächst die Prozesse analysiert werden. Der Operational Value Stream beschreibt den "normalen" Geschäftsprozess, der Development Value Stream den Entwicklungsprozess. SAFe unterstützt hier mit Vorlagen und Referenzmodellen für gewisse Branchen.
Sobald die Systeme und Personen betroffen sind, die in einem Development Value Stream den Operational Value Stream befähigen, können sogenannte Agile Release Trains (ART) geschnitten werden. Ein ART ist eine Sammlung von Systemen und Personen, die irgendwie zusammengehören, technische wie fachliche Abhängigkeiten haben, aber von anderen ART abgegrenzt werden können.
Danach kann alles recht schnell gehen. Das erste gemeinsame PI Planning besiegelt den Start eines Agile Release Train - kurz ART.
Wie ist die Anwendung des Frameworks? Schwierig, einfach? Welche Herausforderungen sind bei der Anwendung zu berücksichtigen?
LeSS ist eine Haltung, die man einnimmt. More with LeSS ist der Slogan von LeSS. Manchmal ist weniger mehr. LeSS hat nicht den Anspruch, alles zu erklären, sondern akzeptiert, dass nicht alles standardisierbar ist. LeSS fokussiert wenige Prinzipien. Ein Prinzip ist die kompromisslose, kontinuierliche Verbesserung - nicht nur des Produktes, sondern auch des Prozesses und der zugrundeliegenden Organisation. Der Nordstern ist stets die Perfektion.
Die LeSS Strukturen sind minimalistisch. LeSS arbeitet mit "Hinweisen" und "Optionen". Beispielsweise listet LeSS für die Integration und Koordination unterschiedlicher Feature Teams bloss Möglichkeiten wie "Just Talk" oder "Communicate in Code". Die Organisation muss selbst die passende Option wählen. Das bedingt eine lernende Organisation, die hinterfragen und Unsicherheit auch aushalten muss/kann.
Daher kann LeSS auch die meisten klassisch geführten Unternehmen überfordern. LeSS beschwört stattdessen den mündigen Mitarbeitenden und will ganz im Sinne von Reinventing Organizations Potenziale befreien.
Stay SAFe, so das Motto von Dean. SAFe ist "safe". SAFe hat sich in diversen Branchen bewährt. SAFe verspricht eine Blaupause für mehr Engagement, Qualität, Produktivität und zudem eine kürzere Time-to-Market. SAFe beantwortet alle Fragen. Auch für fortgeschrittene Themen - wie beispielsweise Requirements Abstraktion Model oder Arbeitsplatzgestaltung (hier unsere Meinung zum perfekten Scrum Büro) - leitet SAFe eine Anwendung an. Das entspannt und beruhigt Organisationen. SAFe wird thematisch immer breiter. SAFe etabliert sich allmählich als Lean-Agile-Full-Stack-Provider; in SAFe 5.0 werden nochmals weitere Disziplinen angeschlossen.
Die wichtigsten Rollen in SAFe haben auch spezifische Ausbildungen. Darin werden die häufigsten operativen Fragen geklärt. Die Schulungsunterlagen sind standardisiert und werden durch den SAFe-Betreiber weiterentwickelt. Auch SAFe-Berater sind zertifiziert und haben unterschiedliche "Ränge". Deren Firmen sind ebenfalls gelistet.
Bei all diesen guten Praktiken, erfolgreichen Beispielen, unzähligen Schulungsmaterialien und externen Beratern droht das Risiko der falschen Sicherheit. Dass die Organisation nicht nachhaltig lernt und sich weiterentwickelt, sondern bloss dort SAFe rezitiert, wo es gerade schicklich ist. Die unzähligen halbherzigen und schliesslich halbfertigen SAFe-Implementationen gerade hierzulande mahnen zur Wachsamkeit. Andy vom DasScrumTeam erinnert bei SAFe an Widerstand, Konformität und Verantwortung.
Wie kann das Framework in die bestehende Organisation integriert werden? Wie hoch sind die eigenen "Organisationsleistungen" des Frameworks? Muss ich meine Organisation ändern?
Weil klassische Organisationen den LeSS-Betrieb stören, empfiehlt LeSS eine sofortige organisatorische Anpassung. LeSS stellt daher ein generisches Organigramm bereit. Das Organigramm ist maximal vereinfacht. Die Teams sind autonom und direkt einem Head of Product Group angesiedelt. Der Product Owner ist auf derselben Stufe wie die Teams. Daneben kann noch ein sogenanntes "Undone Department" existieren. Darin können Analysten, Tool- oder Plattform-Spezialisten und andere Spezien vereinigt werden, die nicht gemäss Definition of Done ein lauffähiges Produktinkrement liefern, sondern lediglich den Teams zuarbeiten.
SAFe hat sich lange Zeit als rein "virtuelle" Ablauforganisation verstanden. SAFe ist somit sehr kompatibel mit der bestehenden Organisation und kann als reine Ablaufschicht aufgetragen werden. In SAFe werden neue Rollen geschaffen, die durch überkommene Rollen besetzt werden können wie z. B. Managers in der Krise. Mit der Version 5.0 hat SAFe allerdings ein neues Prinzip freigegeben, das sich mit der Organisation als solche beschäftigt: Organisiere um Wert.
Darin fordert SAFe die Etablierung eines dualen Organisationsmodells des Unternehmens. Also die SAFe-Ablauforganisation soll sich auch in der Aufbauorganisation wiederfinden, weil ansonsten strukturelle Widersprüche und Reibungen entstehen, die den Fluss (im SAFe konsequent als Flow) stören. Die SAFe Agile Release Trains skizzieren dabei den Organisationsschnitt.
In welchem Kontext ist das Framework prädestiniert? Für wen eignet sich eher LeSS oder SAFe? Beeinflusst die Art des "Produktes" die Wahl des Frameworks?
LeSS ist streng. LeSS ist diszipliniert. LeSS ist eine Haltung. LeSS eignet sich somit für einen Kontext mit vergleichsweise hoher Maturität hinsichtlich Menschen wie Maschinen. LeSS ist somit für fortgeschrittene und vor allem komplexe Kontexte ausgezeichnet. Das ist tendenziell in Organisationen mit stabilem Purpose möglich. Organisationen, die bereits allgemeinen an ihrem Purpose zweifeln, erfüllen tendenziell nicht die Anforderungen an Menschen wie Maschinen.
Eine klare Definition des "Produktes" ist bekanntlich für LeSS unumgänglich. Also überall dort, wo das Produkt nicht umreisst werden kann, ist LeSS ebenfalls riskant einzuführen, siehe auch Adrians Blog über die Frage "Was ist ein Produkt?".
SAFe ist nicht auf Produkte oder Branchen, sprich Kontexte, beschränkt. Die Vorbedingungen für SAFe sind trivial. Man muss bloss "wollen". SAFe kann auch mit nicht-maturen Organisationen gestartet werden. SAFe kann als grossartige und vor allem gemeinsame Lerngeschichte erzählt werden.
Beide Frameworks haben Vorteile, aber auch Nachteile. Ein pragmatischer Ansatz ist meistens zielführender. Es ist also kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch zu empfehlen. Je nach Reifegrad der Organisation können LeSS- wie auch SAFe-Elemente geschickt kombiniert werden. Allerdings kann man sich dann nicht vergleichen. Man ist dann weder LeSS noch SAFe. Für die Identität der Beteiligten kann eine eindeutige Zuweisung helfen - kann, muss aber nicht. In Organisationen mit starkem Purpose genügt es in der Regel, das Richtige richtig zu tun.
Wir unterstützen gerne auf dem Weg zum Nordstern der perfekten Organisation. Ob mit LeSS, SAFe oder was auch immer.