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Zur Kenntnis der Minerallagerstätten des Binnenthales
Von Dr. R. Zeller ( Sektion Bern ).
Seit mehr als einem Jahrhundert genießt das Binnenthal im Oberwallis den Ruhm, eine der ersten Mineralfundstätten der Schweizeralpen zu sein, sowohl was den Reichtum der Arten als die Eleganz ihrer Ausbildung betrifft, wozu noch kommt, daß das Binnenthal neben den sonst überall vorkommenden Mineralspecies seine eigenen Minerale besitzt, die man zum Teil nirgends sonst in der Schweiz, zum Teil überhaupt nirgends anderswo findet. Und nicht wenig zur Berühmtheit der Binnenthaler Mineralien haben die Pfarrherren des einsamen Thales beigetragen, die mit Sorgfalt die Schätze ihrer Heimat hoben und den Mineralogen über-antworteten 1 ). Der hervorragende Domherr Murith ließ schon zu Anfang dieses Jahrhunderts den Dolomit sprengen zur Mineralgewinnung, die Pfarrer Mutter und Brunner setzten die Ausbeutung fort, und vom letzten der dortigen geistlichen Mineralogen, Pfarrer Walpen in Binn, jetzt Dekan in Münster, besitzen wir ein Verzeichnis der Binnenthaler Mineralien, das bereits 43 Arten aufzählt. 2 ) Ein Blick auf die geologischen Verhältnisse des Binnenthaies orientiert am besten über die Verbreitung der dortigen Mineralvorkommnisse.
Das Binnenthal, eines der südlichen Walliser Nebenthäler, mündet unterhalb Fiesch in das Rhonethal ein. Das Fahrsträßchen des Thales aber geht direkt von Fiesch aus und schneidet den Sporn ab, welcher Rhone und Binna trennt. Zunächst öffnet sich bei Außerbinn ein Querthal, das in den „ Twingen " den Charakter einer romantischen Schlucht annimmt. Hinter diesem finstern Schlund tritt man plötzlich in eine neue, offenere Thallandschaft; ein Zweig, das eigentliche Binnenthal, wendet sich zur f^iî^T;1ü3 >*V Linken und die gewaltige Masse des Ofenhorns schließt den malerischen Prospekt; geradeaus, in der Richtung des bisherigen QuerthaleS, zieht sich das Längsthal, welches bald durch die trotzige Burg des Heise » in zwei Thäler gespalten wird, und gegen rechts endlich steigt die Furche des Saflhchthales zum Passe gleichen Namens empor. Alle drei Thäler zusammen bilden das Binnenthal in weiterem Sinne.
Schon der Umstand, daß das eigentliche Binnenthal sowie das Saflisch thal Längsthäler sind, läßt vermuten, daß die Bildung derselben mît der geologischen Struktur des Gebietes in engerem Zusammenhang stehe. Denn, wo wir in einem Gebirge Thäler antreffen, die der Längsausdehnung desselben parallel laufen, so finden wir fast immer, daß diese Thäler entweder mit ebenfalls längsverlaufenden muldenförmigen Einsenkungen der Schichten zusammenfallen ( Muldenthäler des Berner Jura ), oder aber, daß sie der Grenze zweier ungleich harter und deshalb gegen das nagende Wasser ungleich widerstandsfähiger Gesteinszonen folgen. Die erstem sind sogenannte tektonische Thäler, d\ h. durch die Gebirgsbildung veranlaßt, die letztern möchte ich stratigraphische Thäler nennen wegen ihres Gebundenseins an weichere Schichtkomplexe ( Straten ) und deren Grenze gegen mehr harte. Eine Form der letztern sind die bekannten Comben des Jura. Es ist klar, daß auch bei Thälern der zweiten Art die Lagerungsverhältnisse mitsprechen und die durch den Verlauf und die verschiedenartige Härte der Schichten bedingten Thai-formen und Thalrichtungen mehr oder weniger modifizieren können.
Eine Betrachtung der geologischen Karte der Schweiz1 ) zeigt, daß die Nordseite des Binnen- und Saflischthàles aus einer Zone ganz anderer Gesteine besteht als die Südseite. Es iät die Zone der sogenannten Gianz-achiefer, die, vom Dauphiné herkommend, das Wallis heraufziehen, zwischen Brieg und Mörel das Rhonethal verlassen und nun die Nordhänge, des Biünenthales bildend über das Blindenhorn und des Griespaß in die Val Bedretto hinüberstreichen, um endlich über Val.Fiora und den Lukmanier das große Gebiet der Bündnerschiefer zu erreichen, mit denen sie zum Teil identisch sind. Diese Glanzschiefer sind meist kalkhaltige Glimmerschiefer 2 ), die in der Landschaft schwarze oder rötliche Felsen darstellen und durch große Schutthalden sich auszeichnen. Es sind umgewandelte Sedimente, und Versteinerungen, die man längs des Nordrandes der Zone findet, weisen darauf hin, daß wenigstens die nördlichen, mehr schwarzen Schiefer der Juraperiode angehören. Es leisten diese meist schieferartigen Gesteine der Verwitterung und der Erosion nur geringen Widerstand, da- her die großen Schutthalde » und daher die vielen Längsthäler innerhalb wie an den Grenzen dieser Zone.
Im'-Gebiet des Blindenthaies wird dieser Schieferzug im Norden und Süden von Gneisen begleitet, im Norden sind es die steilstehenden Gneise des bei Fiesch auftauchenden Gotthardmassivs, am Südrande fegt sich auf die Schiefer eine Gneismasse, welche, östlich am Ofenhorn beginnend, über die südliche Grenzkette des Binnenthals zum Monte Leone hinüberzieht. Diese Gneise sind im Vergleich zu den Glanzschiefern der Verwitterung und Erosion gegenüber viel widerstandsfähiger. Deshalb erodiert sich das Wasser seine Abzugsrinnen, die Thäler, weit eher in den weichern Glanzschiefern oder, falls die Lagerung dies erlaubt, auf der Grenze der beiden Gesteinsarten aus. Letzteres wird noch begünstigt, indem fast durchweg zwischen Glanzschiefern und Gneisen eine meist schmale Zone sehr leicht zerfallender Gesteine auftritt ( Rauchwacke, Dolomit, Gips ). Das erodierende Wasser hält sich mit Vorliebe an diese weichen Grenzschichten, es schneidet da mit Leichtigkeit ein und giebt Veranlassung zur Thalbildung. Wir sehen deshalb die Ränder der Glanzschieferzone auf weite Erstreckung hin orographisch durch größere oder kleinere Thal- furchen bezeichnet; von größern erwähne ich nur Val Piora, Val Bedretto, und das Rappenthal am Nordrand, das Saflischthal am Südrand. Das Binnenthal selbst fällt mit seiner Sohle oder vielmehr Furche nicht ganz mit der Südgrenze der Glanzschiefer zusammen, weil die Lagerung hier hineinspielt und durch das südliche Einfallen der Gneise wie der Glanzschiefer die Thalfurche in die letzteren hinein verlegt wurde.
Die sehr interessanten, aber etwas komplizierten Lagerungsverhältnisse zu entwickeln, würde hier zu weit führen, es genügt uns, zu wissen, daß im Binnenthal nebeneinander zwei Gesteinszonen vorkommen, die teilweise jurassischen Kalkglimmerschiefer der Glanzschieferzone und die Gneise der Ofenhorn - Monte Leone - Gneismasse, und daß beide getrennt sind durch eine Grenzschicht, welche im Binnenthal fast nur entwickelt ist in der Form des rein weißen, zuckerkörnigen Binnenthaler Dolomits.
Die Mineralien finden sich im Binnenthal in allen drei Gesteinszonen, in den Glanzschiefern, im Dolomit und im Gneis. Aber es sind nicht dieselben Arten; die einen finden sich nur im Gneis, andere nur in den Glanzschiefern, andere wieder im Dolomit. Die Mineralien des Gneises und der Schiefer finden sich naturgemäß nicht nur im Binnenthal, sondern überall da, wo diese Gesteine auftreten, der Dolomit aber enthält als eine fast nur dem Binnenthal eigentümliche Varietät des sonst weit verbreiteten Gesteines i ) auch ihm allein zukommende Mineralien, und nament- x ) Der Dolomit von Campolungo bei Faido ( Tessin ), eine in mancher Beziehung dem binnenthal analoge Minerallagerstätte, ist heute sozusagen erschöpft. Campolungo lieferte namentlich schöne Turmaline und Tremolite.
B. Zeller.
lieh diese haben den Ruf des Binnenthals als Mineralfundstätte über alle Welt hin verbreitet.
Unter den zahlreichen ( cirka 70 ) Mineralarten des Binnenthals kommen zunächst einige in allen drei Zonen vor, so der Quarz als Bergkrystall, Feldspat, Talk, Epidot und Rutil. Andere sind den Kalkglimmerschiefern und dem Gneis gemeinschaftlich, wie Granat, Titanit, Kalkspat, Adular, Albit und Anatas, wieder andere, wie Bleiglanz, Eisenkies, Muscovit, Chlorit, Strahlstein, Asbest, Turmalin und Fahlerze, finden sich sowohl im Dolomit als im Gneis. Eine ganze Reihe aber ist für den Dolomit charakteristisch, dazu gehören: Zinkblende, Jordanit, Kugel- und Stangenbinnit, Skleroklas, Realgar, Auripigment, Hyalophan, Dufresnoysit, Korund, Bitterspat, Azurit, Malachit, Baryt, Barytocoelestin und Phlogopit. Im ganzen enthält der Dolomit cirka 30 Mineralien. Für Binnit, Skleroklas, Jordanit und Dufrenoysit ist das Binnenthal der einzige schweizerische Fundort, Binnit und Skleroklas sind bis jetzt überhaupt nur hier gefunden worden.
Während die Glanzschiefer verhältnismäßig arm sind an Mineralarten, diese aber wie Zoisit und Granat gesteinsbildend auftreten, so zeichnet sich dagegen der Gneis durch einen Mineralreichtum aus, der mit seinen cirka 35 Species denjenigen des Dolomits noch übertrifft, aber wenig für das Binnenthal Charakteristisches bietet. Erwähnung verdient eine Abart des Anatas, der sogenannte Wiserin, welcher fast auf das Binnenthal beschränkt ist und dessen schöne gelbe Krystalle ( zirkon-ähnliche Prismen mit aufgesetzter Pyramide ) auf den Klüften des Gneises aufsitzen. Meist klein, giebt es nur als Seltenheit größere Krystalle. Ein solcher, mehr als zolllanger und jedenfalls einer der größten, die überhaupt bekannt sind, wurde im Sommer 1895 durch Prof. C. Schmidt von Basel für das dortige Museum erworben.
Alle diese Mineralien finden sich entweder gleichmäßig überall in der Gesteinsmasse oder aber sie häufen sich an wenigen Stellen als Lager oder Bänder in großer Menge an. Dies letztere gilt namentlich von einzelnen Mineralien des Dolomits. Fast die ganze oben citierte Gesellschaft von Mineralien findet sich an einem einzigen Punkte des Binnenthals bei Imfeid beieinander. Diesem Dörfchen gerade gegenüber öffnet sich in südlicher Richtung ein Seitenthal, durch welches ein Paß beim Geispfadsee vorbei nach Alpe Devero hinüberführt. Zwei Bäche, der Lengenbach und der Messerenbach, entströmen dem Thal und vereinigen sich kurz vor ihrer Einmündung in die Binna. Schwache 300 Meter über der Thalsohle sieht man quer durch dieses Seitenthal ein weißes Band ziehen, welches namentlich durch die beiden Bäche schön entblößt wird. Es ist die Dolomitschicht, und die Mineralgruben befinden sich da, wo dieselbe das Bett des Lengenbaches durchquert. Die schon alten Gruben werden neuerdings wieder von einem Syndikat von Binner Mineral-suchern ausgebeutet; die Leute arbeiten abwechselnd, stets ihrer zwei bis drei Mann. Das Gestein ist der typische weiße, zuckerkörnige, hier an der Luft leicht zerfallende Dolomit, wie er überall im Binnenthal auftritt. Die Schichten fallen steil gegen den Berg und streichen etwas schräg durch das Bachbett ungefähr von Osten nach Westen. Die Ausbeutung geschieht durch Sprengen in den trockengelegten Gruben, das Wasser des Lengenbaches wird durch Holzkanäle darüber weg geleitet. Es sind drei Gruben übereinander entsprechend drei Mineralbändern. Die drei Bänder, deren Mächtigkeit variert zwischen mehreren Centimetern bis fast 1 Meter, liefern jeweilen verschiedene Mineralien. Die unterste, erste Grube ( erstes Band ) ergiebt vorzugsweise Schwefelkies, der in großer Masse, aber nur in kleinen Krystallen vorkommt, ferner Zinkblende, Bleiglanz, Jordanit, Binnit, Skleroklas. Grube 2 enthält Realgar, Auripigment, Hyalophan, Kugel- und Stangenbinnit Grube 3 Dufrenoysit, Kugelbinnit, Skleroklas, Überzüge von grünem Turmalin auf den Schichtflächen. Der ganze Mineralreichtum dieser hier cirka 30 Meter mächtigen Dolomitzone beschränkt sich auf diese drei Bänder, von denen die beiden obern etwa 4 Meter, das mittlere vom untern etwa 8 Meter weit entfernt sind.
Als Hauptfundort für die Mineralien des Gneises, die berühmten Wiserine, Desmin, Eisenglanz etc. etc., wird die Lokalität Lercheltini angegeben. Der Name steht auf Blatt Binnenthal ( Siegfried-Atlas Nr. 494 ) unten beim Thalwasser, die Anwohner bezeichnen aber mit diesem Namen die ganze Bergseite bis hinauf zu den Felspfeilern des Schienhorns. Dort in der Höhe an den Abstürzen des Kollerhorns ( 2504 m ), im Kollergraben und den benachbarten Bachrinnen finden sich die bekannten Mineralien in Klüften eines feinkörnigen Gneises. Sie müssen auch hier auf äußerst mühsame Weise durch Sprengen und Ausräumen der nur schmalen Klüfte und Kamine ans Licht gefördert werden. Auch hier ist es wieder vorzüglich das Binner Syndikat, welches sich mit der Hebung dieser Schätze abgiebt und dieselben unten im Dorfe beim Mineralienhändler Adolf Tenisch für die Interessenten bereit hält. Gute Stücke bekommt man übrigens auch bei den Händlern Fr. Jentzsch und Wendelin Imhof in Giessen zwischen Binn und Imfeid. Die Gneismineralien sind natürlich nicht so lokalisiert wie diejenigen des Dolomits, sondern finden sich auch an vielen andern Stellen des engern und weitern Binnenthals, doch scheint der stark zerklüftete Gneis der nördlichen Abhänge des Schienhorns besonders reich zu sein. Andere Mineralien namentlich der Hornblendegruppe finden sich in der Umgebung des mächtigen Serpentinstockes der Gipfelgruppe Cherbadung(3213 m)-Helsenhorn ( 3274 in ), der am Geißpfad sowie am Kriegalppaß so schön aufgeschlossen ist.
Zu erwähnen sind endlich noch die alten Eisengruben im Nebenthaie des Feldbaches, welcher, am Turbhorn entspringend, ebenfalls bei Imfeid sich gegen das Hauptthal öffnet. Die ehemaligen Gruben, von denen einige Löcher noch Kenntnis geben, sind im Dolomit angelegt. Derselbe ist hier reich an mannigfachen Eisenerzen: Siderit, Magnetit, Eisenglanz, Limonit als Brauneisenstein und Brauneisenocker; aber immerhin ist der Gehalt an Erz nicht derart, daß sich die Ausbeutung heute noch irgendwie lohnen würde, und die Gruben sind, wie so viele ähnliche in den Alpen, längst eingegangen. Im 17. Jahrhundert sollen sie mit Erfolg betrieben worden sein.
Zum Schlüsse stellen wir, um einen Überblick des Mineralreichtums des Binnenthals zu erhalten, sämtliche bisher bekannten Mineralien nach den Verzeichnissen von R. Ritz und Pfarrer Walpen hier zusammen, aber nicht geordnet nach Lokalitäten wie bei Ritz, sondern, wie es oben schon teilweise geschah, nach der Gesteinsart, in der sie vorkommen:
Dolomit: Zinkblende, Bleiglanz, Jordanit, Binnit, Skleroklas, Eisenkies, Realgar, Auripigment, Hyalophan, Dufrenoysit, Bergkrystall, Feldspat, Muskovit, Chlorit, Talk, Grammatit, Asbest, Korund, Turmalin, Bitterspat, Rutil, Epidot, Azurit, Malachit, Fahlerz, Arsenkies, Molybdänit, Phlogopit, Baryt, Barytocoelestin, Siderit, Magnetit, Eisenglanz, Limonit.
Glanzschiefer: Bergkrystall, Rosenquarz, Kalkspat, Adular, Albit, Titanit, Epidot, Rutil, Anatas, Granat, Zoisit, Cyanit, Aragonit, Stilbit, Talk, Topfstein.
Gneis: Bergkrystall, Adular, Albit, Pyrit, Bleiglanz, Rutil, Anatas, Wiserin, Fahlerz, Epidot, Apatit, Baryt, Turnerit, Turmalin, Desmin, Chabasit, Titanit, Antigorit, Magnetit, Eisenglanz, Diallag, Augit, Diopsid, Granat, Hornblende, Pennin, Strahlstein, Chlorit, Serpentin, Asbest, Talk, Topfstein, Steatit.