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Aktuell wird die Debatte über die Dekolonisierung von Geschichte und Gedächtnisinstitutionen in der Schweiz hauptsächlich im Hinblick auf ethnographische, respektive aussereuropäische Kunstsammlungen geführt. Obwohl mit der Frage nach der Dekolonisierung insbesondere koloniale Objektsammlungen in Museen und Universitäten betroffen sind, müssen auch andere Gedächtniseinrichtungen wie Bibliotheken und Archive hinterfragt werden.
Wir dürfen nicht vergessen, dass Archive Orte sind, in denen Wissen gesammelt, selektioniert und aufbewahrt werden. Insbesondere staatliche Archive, aber auch das Hochschularchiv der ETH Zürich, archivieren nach dem Bundesgesetz über die Archivierung. Es werden «rechtlich, politisch, wirtschaftlich, historisch, sozial oder kulturell wertvolle Unterlagen» archiviert. Damit leisten Archive «einen Beitrag zur Rechtssicherheit sowie zur kontinuierlichen und rationellen Verwaltungsführung». In Archiven wird also Wissen verfestigt, weitergegeben und geformt.
Indem Informationen und Daten über die kolonisierten Subjekte aufbewahrt werden, trugen Archive dazu bei, koloniale Kategorien des «Anderen» zu festigen und ermöglichten ein Stück weit auch die politische Kontrolle des kolonisierten «Anderen». Die Archive entschieden schliesslich, ob die Stimmen der Kolonisierten ins Archiv eingingen oder nicht.
Die Institution des Archivs ist damit kein neutraler Aufbewahrungsort für Dokumente, Fotografien und Filme. Schweizer Hochschulen und ihre Archive unterstützten die Produktion von Wissen beziehungsweise Nicht-Wissen über die koloniale Bevölkerung.
Obwohl die Schweiz formell keine Kolonien besass, waren zahlreiche Schweizer:innen direkt und indirekt als Akteur:innen an kolonialen Projekten beteiligt. Seit Beginn der gewaltvollen kolonialen europäischen Expansionen waren Schweizer Akteur:innen wie zum Beispiel Forscher:innen in koloniale Netzwerke eingebunden. Dieses Engagement hinterliess auch in Schweizer Archiven ihre Spuren.
Ein erster Schritt in der Dekolonisierung von Archiven ist die Diagnose seiner kolonialen Genealogie. Wie das folgende Beispiel des Nachlasses von Arnold Heim zeigt, wurden zahlreiche Wissensbestände des ETH Hochschularchivs im kolonialen Kontext produziert.
Arnold Heim wurde am 20. März 1882 in Zürich in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Seine Mutter war die erste praktizierende Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin und sein Vater Albert Heim, ein renommierter Geologie-Professor an der ETH Zürich.
Arnold Heim mit Orang-Utan Baby auf dem Arm (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Portr_06300 / Public Domain Mark)
1905 erlangte Arnold Heim den Dr.-Titel in Geologie an der Universität Zürich. Im späteren Verlauf seiner akademischen Karriere war er Privatdozent an der ETH und an der Universität Zürich und von 1929 bis 1931 war er Professor an der Universität Canton in China.
Ausserdem begleitete er zahlreiche wissenschaftliche Expeditionen auf der ganzen Welt. Diese waren oft von privaten oder staatlichen Firmen in Auftrag gegeben worden. 1938 bis 1939 war er unter anderem als Petrologe für die «Bataafse Petroleum Maatschappij» tätig.
Heim galt als einer der international renommiertesten Erdölexperten seiner Zeit. Aber auch jenseits akademischer und beruflicher Kreise erlangte er wegen seiner zahlreichen Reisebücher, wie etwa das 1942 erschienene und äusserst beliebte «Weltbild eines Naturforschers», grosse Bekanntheit. Neben der Schilderung geologischer und ethnologischer Beobachtungen, übte er Kritik am Verhalten weisser Menschen gegenüber «aussereuropäischen Völkern» und trat für eine gesunde Lebensweise ein.
Bohrturm umgeben von Bäumen in Palembang, Indonesien (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Heim, Arnold / Dia_013-003 / CC BY-SA 4.0)
Diese Kritik war jedoch inspiriert von einem Weltbild, das ebenfalls kolonial geprägt war. Anknüpfend an die Weltbilder damaliger Schweizer Anthropologen, gliedert es die Menschheit in verschiedene Entwicklungsstufen ein. Die sogenannten «Naturvölker» verortete Heim in der Steinzeit. Trotz dieser anachronistischen Beschreibung bewunderte Heim deren Lebensweise als Gegenentwurf zur westlichen Zivilisation, die zur «Entartung» und «Degeneration» führe. Die «Naturvölker» sollten deshalb von der Zivilisation geschützt werden. So schreibt Heim in seinem Tagebuch von 1938:
«Meine Hoffnung noch Dajak-Naturmenschen anzutreffen, ist endgültig dahin. Ich bin 50 Jahre zu spät. Kampong Tentang war noch m. letzte Hoffnung, zwei schwere Tagmärsche von hier. Aber nur vernehmen wir von unseren Basap (Dajak)-Kulis, dass auch dort die Leute Kleider aus europ. Stoffen tragen.»
(ETH-Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 494:267, Eintrag vom 05.11.1938, Ma Djelawan)
Der Nachlass von Arnold Heim ist nur eines von vielen Beispielen für die Schweizer Beteiligungen an der Erforschung, Kontrolle und Ausbeutung der aussereuropäischen Welt zur Zeit des Imperialismus. Auch die Nachlässe von Walter Mittelholzer, Alfred de Quervain, Augusto Gansser im Hochschularchiv und Bildarchiv der ETH Zürich sind Beispiele kolonialer Verstrickungen von Schweizer Hochschulen.
Heims Beispiel zeigt auf, wie Schweizer Hochschularchive mithilfe ihrer kolonialen Bestände eine erste Diagnose stellen könnten. Dazu gehört es, die Formen der Wissensproduktion aufzuarbeiten. Das heisst zu zeigen, unter welchen historischen und sozialen Bedingungen koloniales Wissen generiert wurde und in welchen polyzentrischen Kommunikationsnetzwerken es zirkulierte. Wie gelangte es ins in einen Wissensspeicher wie das Archiv? Welche Stimmen wurden verschwiegen?
Eine solche Diagnose ist erst der Anfang. Weitere Fragen im Bereich der Erschliessungs- und Digitalisierungspraxis, der Archiv- und Sammlungspolitik, der Kollaboration und/oder Restitution sowie in der Vermittlung und Zugang können in einem nächsten Schritt behandelt werden.
Dieser Text ist ein Auszug der Präsentation «A Repository of Colonial Knowledge. Decolonizing the ETH Archives and its Globally Entangled Collections» von Stephanie Willi und Philipp Krauer, welche an der Konferenz «Decolonizing Curricula. Pluralizing Teaching and Research. Postcolonial Perspectives on Universities in the 21st Century» (vom 02.02. bis 04.02.2023) an der ETH Zürich vorgetragen wurde.