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René Pollesch zeigt im Zürcher Schiffbau mit «High (Du weisst wovon)» eine wortreiche Verfolgungsjagd mit Ensemble und Frauenchor.
René Pollesch polarisiert. Sein Wortspieltheater ist nicht jedermanns Sache. Wer aus einer Pollesch-Aufführung kommt, kann wenig erzählen, geschweige denn darüber streiten. Denn es gibt darin keine geschlossene Story, nur Wortkaskaden mit Erzählfragmenten, manchmal auch Videos. Das Ganze gleicht einer Soap, einer bunten Nummernrevue, sehr schnell, sehr cool und grundkomisch. «Splatterboulevard» oder «Snuff-Comedy» nennt Pollesch sein Theater, aber vielleicht meint er es nur ironisch.
Vorgefertigte Bedeutungen im Visier
Sein neustes, am Samstag in der Schiffbau-Halle des Zürcher Schauspielhauses uraufgeführtes Stück trägt den Titel «High (Du weisst wovon)». Geboten werden zusammenhanglose Textfragmente, die sprunghaft erörtert, weitergesponnen und dann ad absurdum geführt werden. Befragt und hinterfragt wird menschliches Handeln mit all seinen Zuschreibungen und vorgefertigten Bedeutungen. Menschen missverstehen sich immerfort, weil sie in Bedeutungsroutinen verharren. Etwa, wenn sie "fälschlicherweise" davon ausgehen, dass, «wenn man zwei Personen auf der Bühne sieht, dass die miteinander sprechen, und wenn man nur eine Person sieht, dass die denkt». Bei Pollesch ist es genau umgekehrt: «Wenn du eine Person auf einer Bühne siehst, kannst du davon ausgehen, dass sie spricht, und wenn da zwei auftauchen, wird gedacht».
Wie entgeht man den herrschenden Bedeutungen? Diese Frage thematisiert Pollesch in all seinen Stücken. So auch im neusten Stück, das verschiedene Situationen und Lebensstile wie Picknick am Valentinstag, Filmsets, Hitlers Opernbesuch, Lotto, Depression, Individuum, Denken, Sprechen zum Anlass für ironische und absurde Wortspiele und Überlegungen nimmt. Gespielt wird auf einer ovalen Rennbahn, eingebettet in ein buntes Zirkus- und Variété-Ambiente, in der die vier Protagonisten (Hilke Altefrohne, Inga Busch, Marie Rosa Tietjen, Jirka Zett) in ständigen Rollenwechseln und ein 14-köpfiger Damensprechchor agieren. Das Publikum sitzt Rücken an Rücken je zur Hälfte in der Mitte der Rennbahn. Um die ganze Handlung mitzubekommen, hängen an beiden Längsseiten Grossleinwände. Eine Live-Kamera überträgt jeweils das Geschehen der anderen Rennbahnhälfte (Bühnenbild: Barbara Steiner).
Eine bunte Variéte- und Zirkusshow
Die Protagonisten laufen und rennen ständig palavernd und gestikulierend hinter dem formierten Damenchor (anfänglich in schwarz-weisse Overalls, später in orientalische Chiffonkleider gewandet) her. Wie auf einer Kreisbahn holen sich Spieler und Chor immer wieder ein, vermischen und trennen sich fortlaufend. Mit von der Partie sind auch ein rollender Raubtierkäfigwagen, bunte Riesenballone und aufblasbare Riesentiere auf Rishkas, die einer clownesken Parade gleich ihre Runden drehen. Der Chor vollführt hübsche Tanzeinlagen zu Musik von Al Green oder Sharon Jones. Eine akustisch und atmosphärisch stimmige Zirkuswelt wird präsentiert, derweil die Spieler und der Chor gekonnt ihre nicht immer verständlichen Wortkaskaden und Bonmots deklarieren.
«Das hier ist Warten auf Godot im Gehen», sagt ein Spieler. Das trifft präzise zu. Es ist müssig, sich über Polleschs skurrile Wortspiele zu ärgern. Wer genau hinhört, merkt schnell, dass es Pollesch um mehr als sprachliche Clownerie geht. Sein Überfalltheater nimmt die gängigen Konventionen auf die Schippe, um neue Spiel- und Denkräume zu öffnen. Und das klingt schon fast salonfähig. Dafür gabs am Premierenabend gehörigen Applaus.
Weitere Spieldaten: 9., 13., 16., 17., 20., 23., 24. Januar, 3., 6., 8., 11., 13., 16., 20., 21., 24, 27. Februar 2017.