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18.06.2019 Dnipropetrovsk
Ich wasche und versuche erfolglos, den gebrochenen Navihalter mit einem Kabelbinder zu reparieren. Dann laufe ich zum zirka drei Kilometer entfernten Shevchenko Park. Am Rande des Parks steht eine Hotelruine, wohl in den 70er-Jahren gebaut. Gegenüber liegt eine ehemalige Kartrennbahn. Ueber die Brücke laufe ich zum Monastyrskyi Ostriv (Klosterinsel). Es gibt dort wie immer einen Lunapark, Verkaufsstände, eine Kirche. Die Aussicht auf Dnipropetrovsk ist wunderschön. Angler sind bereits am Fischen. Einstmals führte eine Sesselbahn zur Insel, doch diese funktioniert wohl schon seit Langem nicht mehr. Ich laufe zurück zum Shevchenko Park, zum Kulturpalast der Studenten und auf abenteuerlichen Fusspfaden zur Hauptstrasse, der entlang ich lange laufen muss, bis ich zum Ende des ehemaligen Karl-Marx-Prospekts komme (heute Dmytra Yavornytskogo Prospekt). Nochmals ein abenteuerlicher Fussweg durch verfallene, von Buschwerk und Wald überwucherte Grundstücke, dann die Ueberreste einer steilen Betonstrasse und ich bin beim Machyni Vremeny Muzey (Technikmuseum). Gleich beim Eingang stehen ein Auto Union und ein Dixi aus Anfangs 1930er Jahre. Die Fahrzeuge sind generell schön renoviert, nur der Auto Union ist noch nicht fertig. Ein Moskvich Allradantrieb, einSaporoshyets ZAZ-965 (1960-63), ein Saporoshyets ZAZ-968 Rallye (1971-94), ein Lada Rallye und ein Moskvich 412 Marathonez sowie ein Moskvich der London-Mexiko Rallye (1970), mehrere Estonia-21 Formula 1600 Rennwagen (1985-91), zwei verschieden alte GAZ Chayka sind ausgestellt. Es ist ein wildes Sammelsurium: Ein Stapel alter sowjetischer Radios, Markenetiketten, Film- und Fotokameras, Spielkästen, sowjetische Spielzeugauatos, alles wurde gesammelt. Ein Top-Exponat ist ein oranger Luaz der letzten Serie. Toll dessen Radaufhängung, die eine höchstmögliche Bodenfreiheit garantiert. Wohl vom zweiten Weltkrieg her sind ein Horch 930V und ein Mercedes. Ein Ostblock-Import war der EMW, was faktisch der Vorkriegs-BMW-Sportwagen aus Eisenach war. Den Amerikaner-Limousinen abgeguckt war der Baltika, der auf GAZ-Technik basierte. Irgendwie hat auch eine Lloyd Arabella (1959-63) ihren Weg hierhin gefunden, noch weit weniger klar, wie er hierher gekommen ist, ist es beim Mercury Montclair (1955-60), was beim Tatra 613 (1974-96) und beim Latvya Minibus keine Erklärungen braucht. Ein goldener GAZ M-20 Pobeda ist sicher nicht original lackiert, genausowenig wie der grüne Moskvich 434. Tatsächlich wurden mit dem trägen Wolga auch Rallyes gefahren, wie der GAZ 24 Sport (1966-85) zeigt. Zwei Kleinstwagen mit 60km/h Höchstgeschwindigkeit und Motorradschaltung waren die C3A Motokoliaska (1958-1970) und die C3D Motokoliaska (1974-97). Ein NSU abgeguckter ZAZ Motor steht herum. Bei den Motorrädern sind ein paar ausländische, jedoch auch Dnjepr, Izh und MZ zu sehen. Sogar ein Gokart sowjetischer Bauart gibt es. Ich laufe nun auf dem ehemaligen Karl-Marx-Prospekt zurück Richtung Stadtzentrum, an der Siegesstatue vorbei sowie am „Tank“, der an General Pushkin erinnern soll, und gelange zum historischen Museum, dessen Steinskulpturen teilweise draussen in der Witterung stehen. Drinnen gibt es etwas Früh-, Mittel- und Jungsteinzeit, Steinstelen, Keramiken, einen Bauernwagen aus dem 18. Jahrhundert, gespenstische Skeletthände zum Präsentieren von Ringen, Musikinstrumente, eine Kutsche… das Museum ist noch ganz im sowjetischen Stil gehalten, nur punktuell wurde gegen ukrainische Inhalte ausgetauscht. Es gibt ein Zimmer im Stil des 19. Jahrhunderts und sogar eine Thorarolle und ein Thoraschild. Schliesslich noch ein Klingsor-Grammophon. Im Saal der sowjetischen Kriege steht eine Kutsche mit montiertem Maschinengewehr, wie in sowjetischen Museen üblich, wird der Krieg anhand von Einzelschicksalen dargestellt. Im Saal des 20. Jahrhunderts hängen sowjetische Poster, stehen eine Drehbank und ein Traktor XT3 der Charkiver Traktorenfabrik. In der Halle der Verfolgten kann man ausgewählte Originaldokumente einsehen. Alles in allem ein wenig interessantes Museum. Im angrenzenden ATO Museum wird draussen die Ausstellung „Following the Roads of Donbas“ gezeigt, in der der Krieg mit Russland künstlerisch dargestellt wird. Dies geht nahtlos über in die viel ältere Ausstellung Sowjetische Waffen 1945-1975. Drinnen wird die Ausstellung "Battle of the Dnjepr“ gezeigt, wiederunm in Einzelschicksalen von Gefallenen. An der Decke hängt eine moderne Drohne. Nicht weit von der Ausstellung gibt es ein Sowjetisches Soldatendenkmal. Ich laufe nun zu einem Restaurant, wo es ein Mittagsbuffet gibt und kann mir so selbst auswählen, was mir passt. Nun laufe ich zuerst zur Synagoge in Michaila-Kochyubinskogo-Strasse, doch diese ist geschlossen. Dann laufe ich zur Zolotaya Roza Synagoge im Menorah Center. Sie ist offen und ich darf sie kurz besichtigen. Im Menorah-Center gibt es eine Reihe jüdischer Einrichtungen, so ein Laden für koschere Lebensmittel, ein Laden für Judaica und das Museum. Dieses besuche ich. Es gibt alte Bücher (mehrere Mishnot), historische und moderne Yads und Rimonim, aber auch erschreckende Habseligkeiten (Gebisse, Uhren, Schuhe) von in Ostrog ermordeten Juden. Nach einem kurzen Besuch bei der Dnjepr-Brücke laufe ich zum Lasar-Hloba-Park. Ein Junge lässt sein ferngesteuertes Modellschiff im Wasser laufen. Die Konzerthalle, mitten in den Teich gebaut, ist wohl kurz vor dem Einsturz. Dafür gibt es die obligaten elektrisch betriebenen Kinderautos zum Mieten, Verkaufsstände und ein sowjetisches Denkmal des ewigen Ruhms. Mir sind die Zugschienen aufgefallen. Nun sehe ich eine richtige Bahnstation, wo zwei richtige Züge mit grosser Diesellokomotive stehen. Gigantischer Overkill für eine Parkbahn, aber eben, aus Sowjetzeiten. Ob sie noch laufen, ist fragwürdig. Beim Zurücklaufen auf dem ehemaligen Karl-Marx-Prospekt komme ich an einer Römisch-Katholischen Kirche St. Josef vorbei. Innen ist sie modern. Ich wandere noch ein wenig durch die Shopping-Centers, auf der Suche nach einem Halsriemen für mein Navi, damit ich es zumindest noch irgendwie brauchen kann. Schliesslich werde ich fündig. Zum Nachtessen einmal mehr Gurken und Tomaten, sowie Fisch und Kefir. Ich muss auch noch fürs Büro arbeiten.