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Geschichte des Elisarion, 1911–2011
Das Jahr 2011 stellt in doppelter Hinsicht ein Jubiläumsjahr dar. Auf der einen Seite sehen wir die Eröffnung des Centro culturale Elisarion im Jahr 1981, auf der anderen Seite die Gründung der ersten Klaristengemeinschaft in Weimar im Jahr 1911.
Während das Centro culturale Elisarion in den letzten Jahrzehnten einen regionalen Ruf für kulturelle Veranstaltungen erlangen konnte, ist die Geschichte der Klaristengemeinschaften und Ihrer Gründer, Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer, weitestgehend in Vergessenheit geraten.
Denn wer käme heute auf die Idee, dass das eigentümliche Gebäude, ursprünglich der Weihetempel einer ‹neuen› Religion des frühen 20. Jahrhunderts war? Um den genius loci zu würdigen, somit auch die Fundamente für das heutige Centro e Museo Elisarion in einem neuen Licht zu zeigen, ist es sinnvoll an den Anfang zurück zu kehren, denn nach nunmehr 100 Jahren und drei Generationen wächst das Bewusstsein für die überaus interessante, bisweilen skurrile Geschichte des Ortes.
Beginnen wir also mit den Hauptakteuren: Elisàr von Kupffer, seit 1911 nannte er sich ‹Elisarion› und Eduard von Mayer.
Am 20. Februar 1872 kommt Elisàr von Kupffer als Sprössling einer deutschbaltischen Adelsfamilie in Sophiental/Estland zur Welt.
Nach einer gesundheitlich instabilen Kindheit und Jugend, der Erfahrung wechselnder politischer Verhältnisse, dem begonnenen Studium orientalischer Sprachen und der Juristerei, beschloss er seiner wahren Berufung zu folgen und Literat zu werden.
Nach St. Petersburg führte ihn seine Ausbildung vorerst nach Berlin und München, wo er zwischen 1895 und 1900 erste Erfolge verbuchen konnte. Kennzeichnend für diese Periode seines literarischen Schaffens sind die Themen Religion, Ethik und Gesellschaftsreform.
Mit dem 1900 erschienenen Werk ‹Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur› bezog er sich auf damals weit verbreitete Sexualtheorien. Bis heute wird das Werk als erste Anthologie mann-männlicher Texte aufgelegt, von Kupffer distanzierte sich in späteren Jahren jedoch ausdrücklich davon.
Bereits 1891 hatte er den 1873 bei St. Petersburg geborenen Eduard von Mayer kennen gelernt, der seit 1896 von Kupffers Freund und Weggefährte wurde. Standesgemässe Bildungsreisen führten beide Männer durch ganz Europa, insbesondere nach Italien und Griechenland, in ausführlichen Briefwechseln wurden Fragen der Religion und Kunst diskutiert.
Das Jahr 1900 stellte für von Kupffer jedoch eine Art Lebenskrise und einen erneuten Richtungswechsel dar. Der vorherrschende Naturalismus in der Literatur blieb ihm fremd und massive gesundheitliche Probleme stellten sein Leben im Dezember 1900 grundsätzlich in Frage.
Dieses Jahr beschrieb von Kupffer in seiner posthum veröffentlichten Autobiographie als Jahr der Selbstfindung. Er beschloss einen neuen Weg zu gehen, von der Literatur abzulassen und eine neue Religion, den Klarismus, zu gründen, der das Ziel hatte, die Weltgemeinschaft innerhalb eines Jahrhunderts zu reformieren.
Von 1902 bis 1915, beide Männer lebten nun in Florenz, wurden ausführliche theoretische Schriften und kunsthistorische Studien verfasst. Zusätzlich wurden Baupläne für einen zukünftigen Weihetempel des Klarismus entworfen, von Kupffer bildete sich autodidaktisch zum Maler aus und 1911 wurde der Klaristische Verlag Akropolis in München ins Leben gerufen.
Nachdem sich 1915 die politischen Verhältnisse in Italien grundlegend verändert hatten, beschlossen sie sich vorläufig in Muralto nieder zu lassen, wo sie 1922 die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangten. 1923 lernten sie Rita Fenacci kennen, welche die Männer als enge Vertraute und Haushälterin bis zum Tod Eduard von Mayers begleitete.
In diesen Jahren hatte Elisàr von Kupffer bereits mit der Ausführung seines wohl wichtigsten Werkes begonnen: die Klarwelt der Seligen, ein monumentales Rundbild, welches das Zentrum eines zukünftigen klaristischen Tempels werden sollte.
Im Jahr 1925 konnte schliesslich ein Grundstück auf der Via Rinaldo Simen in Minusio erworben werden und bereits am 1. August 1927 wurde das Sanctuarium Artis Elisarion eröffnet, dem 1939 ein abschliessender Rundbau hinzugefügt wurde, um die Klarwelt der Seligen aufzunehmen.
Nachdem zwei weitere klaristische Gemeinschaften mit rund 30 Mitgliedern gegründet worden waren, setzte ein verheissungsvoller Besucherstrom ein, der jedoch im Verlauf des Krieges wieder abflaute.
1942 starb Elisàr von Kupffer. Seine letzten Lebensjahre hatte er erfolglos damit verbracht, eine breitere Öffentlichkeit für den Klarismus zu begeistern.
1960 starb Eduard von Mayer und Rita Fenacci fiel die schwierige Aufgabe zu den gesamten Nachlass zu verwalten und in die öffentliche Hand zu überführen. Eine schwierige Episode des Zerfalls, der Plünderung und Zerstörung setzte mit dem Tod Rita Fenaccis 1973 ein. 1978 konnte Harald Szeemann das Rundbild und Teile des Nachlasses von Kupffers im letzten Moment retten. Das Rundbild wurde auf dem Monte Verità provisorisch ausgestellt.
Erst einige Jahre später entschloss sich die Gemeinde Minusio zu einer Umnutzung des Gebäudes. Trotz internationaler Proteste kam es zu einem tiefgreifenden Umbau, welcher die Atmosphäre des ursprünglichen Ortes zerstörte, andererseits dazu beitrug, dass das Haus bestehen blieb, statt abgerissen zu werden.
1981 konnte das Centro Culturale Elisarion eröffnet werden, das seit nunmehr 30 Jahren Raum für verschiedene kulturelle Veranstaltungen bietet und damit versucht, die Geschichte des Ortes fortzusetzen.
Ein kurzer Blick auf den kulturhistorischen Hintergrund, es bleiben die Fragen: Wieso kamen Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer auf die Idee eine ‹neue Religion› zu gründen? Wieso bauten sie ein Sanctuarium?
Es ist schwer möglich die Aufbruchstimmung zwischen der wilhelminischen Zeit und der Machtergreifung Hitlers zu beschreiben. Sich deutlich wandelnde politische Verhältnisse und eine Krise der institutionalisierten Kirchen hatten zu einer weiten Verunsicherung bürgerlicher Lebensformen geführt. Hinzu kamen massive Erkenntnisse der Naturwissenschaften, die teilweise geradezu als beängstigend empfunden wurden: man denke an die Neudefinition von Materie als Energie, das Gesetz der Erhaltung der Energie, die Entdeckung der Röntgenstrahlung und Radioaktivität, nicht zuletzt Charles Darwins Evolutionstheorie und Sigmund Freuds Psychoanalyse.
In bürgerlichen Kreisen entstanden Foren, in denen derlei Themen ausführlich behandelt wurden. Vollkommen neue Fragestellungen und Bedürfnisse waren entstanden und schon bald bildeten sich sogenannte lebensreformerische Strömungen, die oftmals zwischen religiöser, politischer und naturwissenschaftlicher ‹Erleuchtung› lagen.
Hier sei auf die nicht zu unterschätzende Wirkung der weit verbreiteten Theosophie der Helena Blavatsky verwiesen, die eine ‹Brücke› zwischen Religion und Naturwissenschaften darstellte und damit exakt auf zeitgenössische Fragestellungen reagierte.
Im deutschsprachigen Raum hatte sich zusätzlich der Monismus gebildet, der ebenfalls naturwissenschaftliche und religiöse Fragen miteinander verband und den Menschen aus einem göttlichen Schöpfungsplan heraushob.
Heute vergessene Werke monistischer Autoren – Ernst Haeckel und Wilhelm Bölsche seien hier genannt – gehörten vor 1933 zu den auflagenstärksten Sachbüchern der westlichen Welt. Der ‹erotische Monismus› definierte Sexualität nun als Energie, die der Elektrizität oder der Schallwelle vergleichbar sei. Nur vor diesem Hintergrund kann die Gründung der ersten klaristischen Gemeinschaft im Jahr 1911 verstanden werden.
Elisàr von Kupffer und Eduard von Mayer bezogen sich in umfangreichen Schriften auf die Entwicklung des Monismus, lehnten ihn grundsätzlich als ‹zu naturwissenschaftlich› ab, übernahmen jedoch auch einige inhaltliche Aspekte. Als Gegenpol gründeten sie den Klarismus als ‹Wissenschafts-Religion›. In programmatischen Schriften wurden – ebenso wie im Monismus – Fragen der Staatserneuerung, der Sexualreform, verschiedener Emanzipationsbewegungen, allgemein der Lebensreform behandelt.
Letzten Endes sollten ‹Staaten im Staat› entstehen, nach drei Generationen sollte eine länderübergreifende Religion herangewachsen sein, klaristische Schulen und Tempel sollten christliche Institutionen ablösen.
Neben den umfangreichen theoretischen Werken ist in diesem Kontext besonders ‹Das Mysterium der Geschlechter› hervor zu heben, das neben Otto Weininger ‹Geschlecht und Charakter› (1903) eine der wichtigsten Geschlechter-Theorien des frühen 20. Jahrhunderts darstellt.
In diesem 1923 veröffentlichten Buch entwarf Eduard von Mayer eine Theorie, die allem Sein eine beseelte, zweigeschlechtliche Urzelle zugrunde legte, die rhythmisch durch die Wirrwelt der Klarwelt zustrebe. Als Ausdruck dieser Idee und sozusagen als ‹transzendenten Körper› beschrieb er den ‹Araphroditen›, dessen Name sich aus dem des Kriegsgottes Ares und der Liebesgöttin Aphrodite zusammensetzte.
Dem Klarismus entsprechend inszenierte sich Elisàr von Kupffer in Begegnungen als Religionsgründer, als Staatsoberhaupt, als Ritter einer Gralsburg und als übergeschlechtlicher Araphrodit. In zahlreichen Fotografien dokumentierte er seinen eigenen Körper und versandte Aktaufnahmen als Vorbilder für künstlerische und medizinische Studien.
Zentrum der neuen Religion wurde das 1927 in Minusio eröffnete Sanctuarium Artis Elisarion, dessen Besuch als Wallfahrt verstanden werden sollte.
Der ehemalige Garten stimmte den Ankommenden auf eine Atmosphäre der Besinnung ein, die Fassade sollte durch Betonung der Horizontalen und Vertikalen bereits auf die Geschlechtertheorie bzw. den harmonischen Ausgleich der Kräfte hinweisen.
In der Empfangshalle des Untergeschosses, in der Naturstudien und Portraits ausgestellt wurden, wurde man von der Haushälterin Rita Fenacci oder Eduard von Mayer empfangen.
Nachdem man sich ‹standes – und geschlechterverhüllende› Gewänder übergezogen hatte, wurde man in das Obergeschoss geführt, in dem der Besucher in einem salonartigen Ambiente mit grossformatigen Gemälden von Kupffers konfrontiert wurde.
Danach folgte die Aula, in der ausgesuchte Besucher einem Initiationsritual unterzogen wurden.
Anschliessend betraten sie die sogenannte Gruftbrücke: ein schmaler, abgedunkelter Raum, der den Besucher mit der beengten Atmosphäre des Hier und Jetzt, mit seinem Leben, der Wirrwelt konfrontieren wollte.
Erst dann öffnete sich der Blick in den lichtdurchfluteten Rundbau, der die Klarwelt der Seligen als kultisches Zentrum des Gebäudes beherbergte. Durch die Wirkung der Farben und der linearen Führung sollte der Besucher an diesem Ort in den Rhythmus des Universums und der zukünftigen Klarwelt hinein fallen.
Als Höhepunkt der Wallfahrt erschien nun der Weihepriester: Elisàr von Kupffer.
Das ursprüngliche Bildprogramm des Hauses zeigte also nicht nur die zukünftige Klarwelt und den vielfach fehlinterpretierten Araphroditen als Ideal einer ‹neuen Religion›, es führte den Betrachter zugleich einem spirituellen Erleuchtungs-Moment zu.
Man kann sich vorstellen, dass eine derartige Inszenierung die Besucher von Beginn an in zwei Lager spaltete: die Bewunderer und die Gegner.
Stefan George, der nur wenige Strassen vom Sanctuarium entfernt seine letzten Lebensjahre verbrachte, distanzierte sich vom Werk der beiden Herren durch ausdauernde Ignoranz. (Auf dem Friedhof von Minusio lassen sich die Gräber der drei Herren jedoch in friedlicher Nachbarschaft wiederfinden. George in einem marmornen Prachtgrab, die Herren von Kupffer und von Mayer in einer bescheidenen Nische des Kolumbariums.)
Nach dem Tod von Mayers wurde der Nachlass zunehmend vernachlässigt. Die testamentarisch festgesetzten Auflagen wurden aufgrund praktischer Erwägungen nur teilweise befolgt.
Die provokante, teils kitschig wirkende und äusserst verschlüsselte Bildsprache der grossen Werke, scheinbar pornographische Inhalte des fotografischen Nachlasses und das schier undurchdringbare theoretische Werk der Männer liessen ‹braune›, noch schlimmer ‹rosa› Inhalte befürchten, denen sich die damalige Generation nicht gewachsen fühlte. Auch die christliche Kunstgeschichte der Nachkriegszeit zeigte wenig Interesse an der Erforschung ‹esoterischer› Kunst.
Erst mit zeitlicher Distanz und einem Generationenwechsel schmolzen derlei Berührungsängste dahin. Seit wenigen Jahren erkennen Kunst- und Religionswissenschaften die nationale und internationale Bedeutung dieses Gesamtkunstwerkes.
Dem Sanctuarium Artis Elisarion, das neben dem Goetheanum Steiners und dem Kunsttempel Johann Michael Bossards den einzigen Tempelbau dieser Epoche darstellt, ebenso seiner kultischen Begehungsstruktur, wird neues Interesse entgegen gebracht.
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht jedoch das Rundbild die Klarwelt der Seligen. Es kann als einer der wichtigsten Paradiesentwürfe des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden.
Erst heute, nach einer wissenschaftlichen Würdigung, weiss man, dass sich in ihm naturwissenschaftliche, geschlechtertheoretische, religiöse und philosophische Bezüge der Zeit um 1920 in nicht gekannter Dichte zeigen.
Eine eigentümlich konservative Formsprache, die sich am französischen Symbolismus und der italienischen Renaissance orientiert, steht äusserst ‹modernen› Inhalten gegenüber. So stellen die dem Rundbild zugrunde liegenden Rhythmisierungs-Theorien das Werk – unerwarteter Weise – in eine unmittelbare Nähe zu den ersten abstrakten Arbeiten Wassily Kandinskys.
In sehr ungewohnter Sprache zeigt sich also ein überaus wichtiges Kapitel europäischer Geschichte: der Aufbruch in die Moderne.
Dank einer Initiative des Vereins Pro Elisarion, der Hilfe von Memoriav, dem Kanton Tessin, der Hössli Stiftung und der Gemeinde Minusio, konnte der fotografische Nachlass Elisàr von Kupffers und Eduard von Mayers im Jahr 2011 umfassend restauriert werden.
Dennoch bleibt es eine verantwortungsvolle Aufgabe der Eigentümerin, der Gemeinde Minusio, die Reste des Vermächtnisses für die Nachwelt zu erschliessen und zu erhalten, unterstützt vom Verein Pro Elisarion und einer historisch interessierten Öffentlichkeit, die die Einzigartigkeit dieses Gesamtkunstwerkes neu für sich entdeckt.
Fabio Ricci