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Israel M. Kirzner, ein Nationalökonom der österreichischen Schule und Verfasser einflussreicher Studien zur Theorie unternehmerischen Handelns, definiert den Unternehmer oder Entrepreneur als denjenigen, der Gewinnmöglichkeiten nutzt. Wie sein Lehrer Ludwig von Mises, betont Kirzner die spekulative Seite unternehmerischen Handelns. Der Gewinn ergibt sich, so seine These in «Wettbewerb und Unternehmertum» (1973), «durch Entdeckung und Ausnutzung von Situationen, in denen er [der Unternehmer] das, was er zu einem niedrigen Preis kaufen, zu einem hohen Preis verkaufen kann. […] Er [der Gewinn] entsteht dadurch, daß er Verkäufer und Käufer einer Sache findet, für die die letzteren mehr zu zahlen bereit sind, als erstere verlangen. Die Entdeckung einer Gewinngelegenheit bedeutet, etwas zu entdecken, was ohne jede Gegenleistung erhältlich ist.»
Kirzners Unternehmer ist also kein Produzent, sondern ein Spekulant, ein Wort, das im Deutschen meist pejorativ verwendet wird. Die Handlungsmaxime des Unternehmer-Spekulanten ist einfach: kauf billig, verkauf teuer (buy low, sell high). Die entscheidende Eigenschaft ist seine «Findigkeit» (alertness): «Unternehmertum besteht nicht darin, nach einem freien Zehndollarschein zu greifen, den man bereits irgendwo entdeckt hat. Es besteht vielmehr darin, zu entdecken, daß es ihn gibt und daß er greifbar ist.»
Es war diese Vorstellung vom Unternehmer als demjenigen, der weiss, dass das Geld auf der Strasse liegt und man es nur aufzuheben braucht, die mir in den Sinn kam, als ich über den urban entrepreneur – den städtischen Unternehmer – nachdachte. Wenn irgendwo Geld auf der Strasse liegt, dann sicher nicht auf der Landstrasse im Grünen, sondern in der Stadt, insbesondere in der Grossstadt. Und es stellte sich auch gleich das Bild einer Gestalt ein, die diesen Typus des Unternehmers emblematisch verkörpert: der Flaschensammler, der durch die Stadt streift und Mülleimer, Glascontainer und Parkanlagen nach Leergut absucht, um bei einem Supermarkt dafür Flaschenpfand zu kassieren.
Oft ist er mit einem Fahrrad unterwegs, an dem eine Vielzahl von Plastiktüten und Leinentaschen hängen, gelegentlich hat er eine lange, an einem Ende zurechtgebogene Metallstange bei sich, um besser in den Abfalltonnen und Recyclingcontainern fischen zu können. Die Gewinnmargen dieses Unternehmers liegen niedriger als die des Kirznerschen «Entrepreneurs» – statt nach Zehndollarscheinen greift er – um im Bild zu bleiben – nach 5- oder 10-Cent-Münzen und muss sich entsprechend oft bücken. Weil er weiss, dass das Geld im Gebüsch hinter der Parkbank oder eben im Glascontainer liegt und «greifbar ist», sofern nicht ein anderer schneller danach greift, wirkt er stets etwas abgehetzt. Dennoch sind seine Bewegungen keineswegs hektisch, sondern eher eigenartig verlangsamt; sein Blick ist meist gesenkt zum Boden oder zum Öffnungsschlitz des Abfallbehälters. Dort «entdeckt» er die Flaschen und Dosen, die ihn nichts kosten als die Mühsal des Herausklaubens.
Der Flaschensammler ist eine nomadische Grossstadtgestalt, die sich von anderen emblematischen Grossstadtnomaden unterscheidet, etwa dem von Walter Benjamin porträtierten Flaneur im Paris des 19. Jahrhunderts, der seine Distanziertheit zum städtischen Getriebe zur Schau stellte, indem er provokativ eine Schildkröte an der Leine spazierenführte, oder dem umherschweifenden Situationisten der fünfziger und sechziger Jahre, der in ziellosem, meist nächtlichem und oftmals betrunkenem Abdriften die Psychogeographie der Grossstadt erkundete. Einen Ahnen besitzt der Flaschensammler im Sandwichmann, jenem «flâneur salarié» der Wirtschaftskrise von 1929, der sich als wandelndes Reklameplakat verdingte und vor den grossen Kaufhäusern auf- und abging.
Sandwichmann wie Flaschensammler sind prekäre Existenzen, sie stehen am Rande der Gesellschaft, beide treibt die Not zum Umherwandern in der Stadt – den einen als Werbeträger im Wortsinn, den anderen als mobilen Abfallverwerter. War der Sandwichmann eine Prothese des Kapitalismus, so parasitiert der Flaschensammler an dessen Exkrementen. Die entscheidende Differenz zwischen den beiden, und diese Differenz ist zeitdiagnostisch höchst signifikant, liegt jedoch in…