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Im ersten Teil dieser Serie ging es um die nicht-spezifischen Effekte von Impfungen. Der zweite Teil befasst sich mit der Frage, ob sich solche unspezifischen Effekte nützen lassen, um schweren Verläufen von Covid-19 vorzubeugen.
Die dänische Professorin Christine Stabell Benn und ihr Kollege Peter Aaby weisen seit Jahrzehnten darauf hin, dass Impfungen nicht nur spezifische Effekte haben, also die Schutzwirkung gegen die Erkrankung, gegen die sie entwickelt wurden. Sie können auch unspezifische Wirkungen entfalten. Und diese können positiv sein oder negativ.
Positiv sind sie – so die Befunde von Aaby und Stabell Benn – nach Lebendimpfstoffen. Dazu zählt beispielsweise die Impfung gegen Masern. Die beiden Wissenschaftler hatten beobachtet, dass Kinder, die gegen Masern geimpft wurden, seltener wegen anderer Infekte ins Spital kamen.
Training fürs Immunsystem
Der vermutete Grund: Die Masernimpfung «trainiert» das Immunsystem, so dass die Geimpften widerstandsfähiger gegen allerlei Erreger werden. Könnte das auch bei Covid-19 nützen?
Brasilianische Wissenschaftler haben dazu ein Experiment durchgeführt. Es scheint die Hypothese von Aaby und Stabell Benn zu bestätigen. Noch ist diese brasilianische Studie aber nicht von Fachleuten begutachtet worden. Deshalb sind die Resultate mit Vorbehalt aufzunehmen.
An dem Versuch nahmen 424 Pflegefachleute, Ärztinnen und Ärzte und weiteres medizinisches Personal teil, die beruflich grösstenteils mit Covid-Patienten zu tun hatten. Zu Beginn wurde ausgelost, wer von den Studienteilnehmenden zweimal die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) bekam und wer zwei Placebospritzen erhielt.
Gleich viele Ansteckungen, aber weniger Symptome
Im Verlauf von durchschnittlich fünf Monaten wurden in beiden Gruppen etwa gleich viele Personen positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Die MMR-Impfung verhinderte also keine Ansteckung.
Der grosse Unterschied war aber, dass die Wahrscheinlichkeit, Covid-Symptome zu entwickeln, bei den MMR-Geimpften nur etwa halb so gross war wie bei diejenigen, die Placebo erhalten hatten. In der MMR-Impfgruppe zeigten von 57 positiv Getesteten 30 keine Symptome, also mehr als die Hälfte. In der Placebo-Gruppe hatten acht von 45 keine Covid-Symptome, also etwa 18 Prozent.
1,4 von 100 Personen in der MMR-Impfgruppe fühlten sich so krank, dass sie Behandlung brauchten. In der Placebogruppe betraf das fast 6 von 100. Schwere Erkrankungsfälle traten in keiner Gruppe auf. Nebenwirkungen durch die Spritzen (zum Beispiel Schmerzen und Schwellung an der Einstichstelle) waren in der MMR-Gruppe deutlich häufiger.
Die Ergebnisse seien faszinierend, aber es brauche grössere Studien, um sie zu bestätigen. Und es sei ungewiss, ob die MMR-Impfung auch älteren Personen mit höherem Covid-19-Risiko nützen würde, schreiben die Autoren. Die MMR-Impfung könne möglicherweise Ländern helfen, die keine Covid-19-Impfstoffe hätten.
Tuberkulose-Impfung verbessert die Immunabwehr gegen Atemwegsinfekte
Ganz ähnlich wie die brasilianischen Forscher, führen Christine Stabell Benn und Peter Aaby gegenwärtig drei Studien zu Covid-19 durch. Auch sie möchten herausfinden, ob eine Lebendimpfung aufgrund ihrer nicht-spezifischen Wirkung zu einem leichteren Krankheitsverlauf bei Covid-19 führen könnte. Anders als ihre brasilianischen Kollegen prüfen sie das aber mit der Impfung gegen Tuberkulose (BCG-Impfung).
In einem Artikel im Wissenschaftsmagazin «Science», den auch Robert Gallo mitverfasst hat, der Mit-Entdecker von HIV und «Fast-Nobelpreisträger», legen sie dar, warum sie sich von der BCG-Impfung einen Nutzen erhoffen – auch in Bezug auf künftige Corona-Virusvarianten.
Die Tuberkulose-Impfung aktiviere das angeborene Immunsystem und «trainiere» das Immunsystem sozusagen. Nach der BCG-Impfung produzieren bestimmte Immunzellen mehr Entzündungsbotenstoffe. Innerhalb von Stunden kann die BCG-Impfung auf anderen, immunvermittelten Wegen, überdies das Risiko für eine Blutvergiftung senken. Das führt dazu, dass BCG-Geimpfte besser gegen Infektionen mit allerlei Erregern gewappnet sind.
Studie mit Senioren
BCG ist die bislang am meisten eingesetzte Vakzine, etwa 130 Millionen Kinder werden weltweit jährlich damit geimpft. Aus früheren Studien ist bekannt, dass Babys, die gegen Tuberkulose geimpft wurden, weniger Atemwegsinfektionen hatten. Das Sterberisiko von Personen, die beim Primarschuleintritt gegen Tuberkulose geimpft wurden, war bis zu ihrem 45. Lebensjahr merklich tiefer als bei denjenigen, die diese Impfung nicht erhalten hatten. Das zeigte eine Studie in Dänemark (Unnatürliche Todesursachen wurden dabei nicht berücksichtigt).
Auch ältere Menschen erkrankten nach einer Tuberkulose-Impfung weniger an Atemwegsinfekten. Ein Beispiel dafür ist eine Studie aus Griechenland. Dort wurden Menschen ab 65 Jahren, die aus irgendeinem medizinischen Grund im Spital waren, bei der Entlassung noch geimpft. Das Los entschied, ob sie eine Tuberkulose-Impfung bekamen oder aber eine Placebospritze. Die 2017 begonnene Studie möchte untersuchen, ob Senioren vom nicht-spezifischen Effekt der BCG-Vakzine profitieren.
Wegen der Corona-Pandemie wurde eine Zwischenauswertung gemacht. Demnach hatten in der 72-köpfigen Impfgruppe im Jahr nach der Tuberkulose-Impfung nur 25 Prozent einen Infekt. In der 78 Personen umfassenden Placebogruppe waren es deutlich mehr, nämlich 42 Prozent.
Schätzung: Etwa 20 Prozent der Hospitalisationen wären verhindert worden
Dieser Unterschied war wohl vor allem auf den Rückgang an viralen Atemwegsinfekten zurückzuführen. Im Jahr nach der BCG-Impfung sank die Wahrscheinlichkeit für eine virale Erkältung um rund 80 Prozent, verglichen mit der Placebo-Impfung. Zudem schien die BCG-Impfung sicher.
Das weckt Hoffnungen, dass die BCG-Impfung auch einen gewissen «unspezifischen» Schutz vor Sars-CoV-2 bieten könnte, wenn auch kleiner als der «spezifische» Schutz, den die Covid-19-Impfung vermitteln kann.
US-Wissenschaftler schätzten, dass geschickt eingesetzte Nicht-Covid-Impfungen, wie zum Beispiel die BCG-Impfung, bis zum März 2021 in den USA elf bis 23 Prozent der Todesfälle an Covid-19 hätte verhindern können, bei den Hospitalisationen wären es zwischen 16 und 25 Prozent gewesen.
Experiment mit der Lebendimpfung gegen Gürtelrose
Ein weiteres Experiment, mit einem anderen Lebendimpfstoff, wurde bereits von Fachleuten begutachtet und in der Fachzeitschrift «Vaccines» veröffentlicht. In dieser israelischen Studie ging es um die Frage, ob eine Lebendimpfung gegen Gürtelrose mit einem positiven Effekt bei Covid-19 einhergeht.1
Von 625 Senioren, die im Verlauf der letzten Jahre gegen Gürtelrose geimpft worden waren, infizierten sich nicht einmal halb so viele mit Sars-CoV-2 wie Personen ohne diese Impfung. Die Vergleichsgruppe bestand aus über 5’600 Personen im selben Alter und mit ähnlichen Erkrankungen. Wegen Covid-19 mussten 0,16 Prozent der Senioren, die gegen Gürtelrose geimpft worden waren, ins Spital, und 0,37 Prozent derer, die die Impfung gegen Gürtelrose nicht erhalten hatten. Je kürzer diese Impfung zurücklag, umso deutlicher war der Effekt.
Die Wissenschaftler bemühten sich, die Unterschiede in beiden Versuchsgruppen einzuberechnen. Allerdings ist bei einer solchen Beobachtungsstudie immer fraglich, ob weitere Faktoren das Ergebnis beeinflusst haben. Häufig gehen nämlich eher die Menschen zum Impfen, die allgemein vorsichtiger sind, die mehr auf Prävention bedacht sind und die gesünder leben.
Über 20 Studien zur Wirkung der Tuberkulose-Impfung bei Covid-19
Definitive Schlüsse lassen sich jedoch weder aus solchen rechnerischen Modellierungen, noch aus der Zwischenanalyse einer kleinen Studie ziehen – auch nicht in Bezug auf unerwünschte Wirkungen. Es braucht weitere Forschung, und sie ist im Gang. Weltweit gehen momentan über 20 Studien der Frage nach, ob die BCG-Impfung den Verlauf von Covid-19 günstig beeinflusst.
An den drei Studien von Christine Stabell Benn und Peter Aaby, die in Afrika und in Dänemark stattfinden, nehmen Senioren oder aber Gesundheitspersonal teil, also Personengruppen mit höherem Erkrankungsrisiko für Covid-19. Eine der drei Studien ist bereits abgeschlossen, mit den Resultaten ist demnächst zu rechnen.
Mögliche Nachteile
Ein Nachteil der BCG-Impfung sei ihre vergleichsweise hohe Nebenwirkungsrate, schreiben die beiden Wissenschaftler. Sie würden deshalb eigentlich die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung (Polio) anstelle der BCG-Impfung favorisieren, ebenfalls eine Lebendimpfung. Denn die Schluckimpfung sei sicherer als die BCG-Vakzine.
Dass man unspezifische Impfwirkungen nützen könne, glaubt auch Thomas Kündig, Immunologe und Direktor der Dermatologischen Klinik am Universitätsspital Zürich. Verglichen mit dem spezifischen Schutz, den die mRNA-Impfungen vor schwerem Covid-Verlauf bieten, würde ein möglicher unspezifischer Schutz durch Lebendimpfungen jedoch deutlich geringer ausfallen, gibt er zu Bedenken. Zudem müsse man bedenken, dass das Hervorrufen unspezifischer immunologischer Effekte, also ein «Auf- oder Vorheizen» des Immunsystems, nicht nur eine Schutzwirkung haben, sondern auch zum Beispiel entzündliche Krankheiten verstärken könnte, sagt Kündig.
Die Folge dessen könnten zum Beispiel mehr Autoimmunerkrankungen bei den Geimpften sein. Bisher allerdings scheint es, dass die BCG-Impfung vielleicht auch hier punktet. Einige Studien deuten nämlich darauf hin, dass sie bei Allergien und Autoimmunerkrankungen sogar positive Effekte haben kann. In einer kürzlich veröffentlichten, australischen Studie beispielsweise wurden Kinder mit hohen Risiko für Neurodermitis kurz nach der Geburt gegen Tuberkulose geimpft. Zwölf Monate später litten 35 Prozent der geimpften Kinder an Neurodermitis. In der nicht-BCG-geimpften Vergleichsgruppe waren es hingegen fast 47 Prozent.
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1 Die Eidgenössische Kommission für Impffragen empfiehlt diese Impfung Personen zwischen 65 und 79 Jahren, die keine Immunschwäche haben.
➞ Lesen Sie demnächst Teil 3: Gibt es unspezifische Effekte bei den Covid-Impfungen?
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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