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Wegen seiner Innovationen in den 1960er-Jahren wird der Komponist in den USA auf einem Level mit John Cage wahrgenommen. In Europa allerdings war Alvin Lucier lange unterschätzt. Obwohl der Musiker, Forscher und Performancekünstler auf einzigartige Weise das Wesen und die Wirkung von Akustik und Klang erforscht hat.
Am Mittwochabend wurde bekannt, dass Alvin Lucier nach einem Sturz mit 90 Jahren verstorben ist. Das vermeldete seine Tochter Amanda Lucier.
Meister der experimentellen Musik
1969 schrieb er Musikgeschichte: Alvin Lucier sitzt auf einem Stuhl, nimmt das Mikro in die Hand und spricht: «I am sitting in a room different from the one you are in now. I am recording the sound of my speaking voice …»
Er spielt den Text über Lautsprecher im Raum ab und nimmt den Klang wieder auf. Das wiederholt er. So lange, bis sich durch die vielen Überlagerungen die Stimme auflöst. Am Ende ist nur noch die Eigenresonanz des Raumes zu hören.
«Ich denke abstrakt. Ich schere mich nicht um Technik.»
«I am sitting in a room» ist ein Meisterwerk der experimentellen Musik und beispielhaft für Alvin Lucier: auf das Wesentliche reduziert und voller Poesie. Alvin Luciers mache in seinen Stücken unhörbare Klänge hörbar, sagte der kalifornische Cellist Charles Curtis 2016 über seinen Freund: «Es ist so einzigartig, wie er einen Klang, von dem man vorher nicht wusste oder den man vorher nicht wahrnehmen konnte, entschleiert.»
Vier wichtige Stücke
- Eine Stimme im Raum: Luciers Musik ist kein Pop. Seine Klang-Experimente fordern. Aber wer mitgeht, an die Grenzen und darüber hinaus, schreitet hörend in unbekannte Welten. Etwa in der Aufnahme «I am Sitting in a Room» (1969).
- Die Beatles in der Teekanne:
Luciers Ideen bringen Räume zum Singen. Und seien sie noch so klein. Im Stück «Nothing Is Real» (1991) lässt er die Melodie des Beatles-Klassikers «Strawberry Fields» in einer Teekanne resonieren und schlägt damit eine Klangbrücke aus den 90ern in die Hochblüte der Popgeschichte des letzten Jahrhunderts.
- Hirnwellen im Konzertsaal:
Bei einem weiteren Schlüsselwerk macht Lucier seine Hirnwellen zum Instrument. Der Performer sitzt bei «Music for Solo Performer» (1965) mitten im Konzertsaal, umgeben von Rhythmusinstrumenten. An seiner Stirn werde Sensoren angebracht, die seine Alphawellen lesen und auf die Instrumente überspielen. Je tiefer die Meditation des Performers, desto höher die Wellen und lauter das unbändige Rumpeln.
- Elektrische Vögel:
Lucier macht sich auf die Suche nach Vogel-Phantomen: «Bird and Person Dyning» (1975). Bewaffnet mit einem binauralen Mikrofon tänzelt er um einen kleinen Verstärker, aus dem elektrische Vogelstimmen zwitschern. Je nach Abstand überlagern und verschieben sich die Feedbacks von Aufnahme und Abspielgerät. Plötzlich erklingen Phantom-Vögel in den Gehörgängen des Publikums.
Er dachte abstrakt
Melodie und Harmonie hatten bei Alvin Lucier nichts verloren, und das obwohl er, geboren 1931 in New Hampshire, klassische Komposition studiert hat und in einer Musikerfamilie aufgewachsen ist:
«Ich hatte mich dagegen gewehrt Klavier zu studieren. Ich hatte Angst bei dieser musikalischen Familie. Ich glaube das hat mir gut getan. Ich falle nicht in Klischees. Meine Musik ist so anders. Ich denke abstrakt. Ich schere mich nicht um Technik.»
Ein Mann der Praxis
Alvin Lucier gilt auch als Pionier der elektronischen Musik, zudem schrieb er für Film und Theater und bekam viele Kompositionsaufträge für traditionelle Instrumente, die er alle annahm. Ein Grund: Er konnte so schlecht Nein sagen.
Fragen Sie mich nicht was es bedeutet, fragen Sie mich, wie ich es gemacht habe.
Das hat er vor fünf Jahren in einem Interview erzählt, als er für ein Festival anlässlich seines 85. Geburtstages an der Hochschule der Künste in Zürich zu Gast war. Auch eine Konferenz fand statt mit klugen Vorträgen über ihn und seine Musik. Wie fühlt sich das an Forschungsobjekt zu sein?
«Es ist schon ein wenig unangenehm», antwortete er damals und fing an zu grinsen. «Ich musste das Wort Epistemologie nochmal nachschlagen. Ich bin nicht dumm, ich bin einfach mit dem Kopf woanders.»
Alvin Lucier stand da mitten im Trubel, das Baseballcap tief ins Gesicht gezogen. Er hat sich gelangweilt, wenn er zu den Interpretationen seiner Werke gefragt wurde: «Fragen Sie mich nicht, was es bedeutet, fragen Sie mich, wie ich es gemacht habe. Ich denke nicht philosophisch, ich denke darüber nicht nach, ich bin ein Mann der Praxis.»
Ein Stück wie eine Therapie
Mit seinem Sound hat Alvin Lucier Generationen von Klangkünstlerinnen und Musikern auf der ganzen Welt geprägt. Seine Stücke wurden interpretiert von prominenten Figuren wie John Cage, Joan La Barbara, Yoko Ono, Pauline Oliveros bis zu kontemporären Grössen wie Oren Ambarchi, Yo La Tengo oder Stephan O'Malley von Sunn O))).
Im vergangenen Mai feierte Alvin Lucier seinen 90igsten Geburtstag mit einer über 24-stündigen Performance. Rund um den Globus sassen Klangkunstschaffende in ihren Studios und Wohnzimmern und performten «I am Sitting in a Room».
Der junge US-Komponisten Adam O'Dell hat das Stück während der Pandemie immer wieder bei sich zu Hause aufgeführt. In einem YouTube-Video erklärte er, dass es für ihn wie eine Therapie war, weil es unsere Beziehung zur Technologie und zu unseren eigenen vier Wänden verhandle.
Es besteht wenig Zweifel, dass Alvin Luciers Kunsts aktuell bleibt, auch über seinen Tod hinaus.
Eine persönliche Hommage
SRF-Musikredaktor, Autor und Musiker Claudio Landolt erinnert sich an seine Begegnung mit Alvin Lucier:
«No! No! No! Something is completely out of tune here!» Das Erste was ich von ihm vernahm, war seine Stimme. Er hatte das lauteste Flüstern der Welt. «Etwas ist komplett verstimmt hier», sagte ein Schatten, der sich langsam aus der Dunkelheit schälte und als Alvin Lucier höchstpersönlich enthüllte, wie er am Stock durch den Saal zu uns in Richtung Bühne schritt.
Sein Besuch hatte guten Grund. Die Zürcher Hochschule der Künste lud ihn für eine Woche in die Schweiz, an ein Festival zu seinem 85-jährigen Schaffen. Ich war einer von zwei Elektroakustik CAS-Studenten, die im Stück «Small Waves» als Wassergiesser über die Bühne huschten und der kryptischen Partitur folgend, im richtigen Moment, Wasser in mikrofonierte Glasbehälter gossen.
Am Boden unter den Behältern standen Lautsprecher, die auf die Mikrofone in den Behältern zielten und je nach Wasserpegel unterschiedliche Feedbacks produzierten. Zu diesen hellen Rückkopplungsschleiern spielten ein Streichquartett, eine Posaune und ein Piano.
Herr Lucier trat vor und fand es töne schief. Er gab den Instrumentalistinnen ein paar Anweisungen, justierte die Wasserbehälter und richtete über die Mittagspause die Lautsprecher neu aus. Als wir wieder zu spielen begannen, schwebten noch nie gehörte Klangprismen durch den Saal.
Am Ende des Stücks wurde es still. Ich hörte Alvin Lucier atmen. Er stand auf, murmelte «Now, that's better» und verliess den Raum.
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