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Hier gibt es Berichte von Ausflügen und Reisen, dazu einige subjektive Gedanken zum Thema Reisen.
Das Notierte dient als Erinnerungsstütze. Vielleicht finden auch Einzelreisende nützliche Informationen und Anregungen.
Wenn wir eine Reise oder einen Ausflug vorbereiten, treibt uns die Kombination von Nichtwissen und Neugier an. Wir bemühen uns um ein Verständnis der Orte, die wir besuchen, und der Menschen, die dort leben und gelebt haben.
Was hat Bern im Jura verloren? Delémont, 15. August 2020
Es gibt viele Gründe, um den Besuch der jurassischen Hauptstadt Delémont, deutsch Delsberg, ausgerechnet bei der Chapelle du Vorbourg zu beginnen.
In den Burgen neben der Kapelle sollen ursprünglich die Herren von Telsberg gehaust haben. Die Burgen hoch über der Schlucht, die der Fluss Birs in die Kalkfelsen gegraben hat, sind 1386 beim Erdbeben von Basel beschädigt oder zerstört worden. Heute bleiben Ruinen übrig.
Von 1271 an gehörte die Herrschaft Delsberg dem Fürstbischof von Basel. Die Chapelle du Vorbourg wurde nach dem Erdbeben wiederaufgebaut. Gemäss der Überlieferung wurde sie 1049 von Papst Leo IX geweiht, einem Papst, der aus dem Elsass stammte und sich oft auf der Alpennordseite aufhielt. Seit dem 17. Jahrhundert befindet sich eine wundertätige Statue der Madonna in der Kapelle.
Vor der Kapelle brennen Kerzen. In der Kapelle hängen Votivbilder. Ein Bild dankt für die Verschonung während des Stadtbrandes 1671. Es zeigt genau, wie die Stadt im 17. Jahrhundert ausgesehen hat.
Die Kapelle war ein Ort des katholischen Widerstands gegen die protestantisch-bernische Staatsgewalt anfangs der 1870er Jahre. Im Chor werden bis heute der Bischofsstab und die Mitra von Bischof Eugène Lachat aufbewahrt. Dieser hatte am Ersten Vatikanischen Konzil teilgenommen, als im Juli 1870 das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet wurde. 1872 exkommunizierte er zwei Geistliche, die das Dogma nicht anerkennen wollten (so Beat Juncker in seiner “Geschichte des Kantons Bern seit 1798”).
Lachat wurde darauf 1873 von fünf freisinnig regierten Kantonen seiner Diözese abgesetzt und aus seiner bischöflichen Residenz in Solothurn ausgewiesen. Er liess sich in Luzern nieder. Den Geistlichen im Jura wurde jeder Kontakt mit ihm verboten, sie protestierten, darauf wurden 97 Geistliche im Jura ihrer Funktion enthoben. Von einem kirchenrechtlichen Standpunkt aus hatte Bern nicht die Kompetenz für solche Massnahmen.
Die katholische Kirche funktionierte jedenfalls im Untergrund, bis 1878 das Kantonsparlament alle Geistlichen amnestierte. Nicht verbieten konnten die bernischen Behörden in dieser Zeit die Pilgerfahrten der Katholiken zur Chapelle du Vorbourg.
Pilger besuchen die Kapelle auch heutzutage, besonders am 15. August, also an Mariae Himmelfahrt.
Der Konflikt zwischen Staat und Papsttum fand auch ausserhalb der Schweiz statt, vor allem in Preussen, er ist unter dem Begriff «Kulturkampf» Thema für den Geschichtsunterricht. In Preussen und im Jura ging es dabei nicht zuletzt um die staatliche Kontrolle des Erziehungswesens.
Ein Aussichtspunkt mit Sitzbänken unter Bäumen bot die Gelegenheit, ein den meisten Schweizern nur ansatzweise bekanntes Staatswesen vorzustellen, das vom Jahr 999 an etwa achthundert Jahre lang existierte.
Das Fürstbistum Basel war Teil des Heiligen Römischen Reichs, territorial umfasste es in den letzten Jahrhunderten seiner Existenz das heutige Gebiet des Kantons Jura, den heutigen Berner Jura, die Stadt Biel, die gleichzeitig zugewandter Ort der Eidgenossenschaft war, das Laufental sowie die Herrschaft Birseck, in dem die heute bevölkerungsreichen Vororte im Südwesten von Basel liegen (Reinach, Oberwil, Ettingen, Allschwil, Therwil und Arlesheim), ausserdem die Herrschaft Schliengen nördlich von Basel.
Nach der Reformation musste der Fürstbischof die Stadt Basel verlassen. Er residierte von nun an in Pruntrut (Porrentruy), hatte aber in Delsberg ein Schloss im Stadtzentrum als Sommerresidenz.
Gewählt wurde der Fürstbischof aus den Reihen des Domkapitels, das seinen Sitz 1678 von Freiburg im Breisgau nach Arlesheim verlegte. Wer Mitglied des Domkapitels werden wollte, musste einen Stammbaum mit 16 adeligen Urahnen vorweisen. Das konnten vor allem Adelige aus dem Elsass.
Die komplizierte Geschichte des Juras ist im kollektiven Gedächtnis der Schweiz abwesend. Wer kennt die Fürstbischöfe, ihre Berater, ihre politischen Ziele, ihre Wirtschaftspolitik, ihre Freunde und Feinde, ihre Intrigen, ihre Erfolge, ihre Niederlagen?
Ende April 1792 besetzen französische Freiwilligenbataillone das Fürstbistum Basel. Der Fürstbischof flieht am 27. April aus seinem Schloss in Pruntrut nach Biel, später nach Konstanz. Es ist der Anfang vom Ende des Fürstbistums. Der Grund für den Angriff ist die Kriegserklärung des Kaisers in Wien an die Französische Republik am 20. April 1792. Die Kriegserklärung ist auch der Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reichs. (Genau genommen ist es wie oft etwas komplizierter: Franz II erklärt den Krieg als König von Böhmen und Ungarn, Kaiser wird er erst im Juli.)
Im Dezember 1792 wird die République rauracienne gegründet. Sie existiert drei Monate als erste Schwesterrepublik der revolutionären République française, dann wird sie ein Teil Frankreichs. Der protestantische Südjura, durch Verträge mit den Eidgenossen vorläufig geschützt, wird nicht Teil dieser Republik.
Über tausendachthundert Jahre früher erwähnte Caesar in seinem Bericht De bello gallico (“Über den gallischen Krieg”) den keltischen Volksstamm der Rauraci. Caesar berichtete, wie im Frühling des Jahres 58 vor Christus 263,000 Helvetier, 23,000 Rauraker und weitere Volksstämme versuchten, bei Genf in Richtung Südwesten auszuwandern. Sie wurden von Caesar aufgehalten, besiegt und zur Rückkehr gezwungen. Der Name der Rauraker ist in der Colonia Raurica enthalten, die im Jahr 44 vor Christus in Basel oder Augst (Augusta Raurica) gegründet wurde.
Im Nordjura suchte man 1792 nach einer eigenen Identität und sah sich als Nachfahren dieses Volksstammes. Dass die Rauraker je im Gebiet des Nordjuras gelebt haben, wird inzwischen selbst von jurassischen Historikern bezweifelt. Im Gebiet des heutigen Kantons lebten eher die Sequaner, wie in der benachbarten Franche-Comté.
Einer der bedeutendsten Politiker im Jura des 19. Jahrhunderts war Xavier Stockmar. Im Musée jurassien d’art et d’histoire in Delsberg findet man seine kleine Gipsbüste. Im Juli 1826 traf er sich mit Freunden in den Ruinen des Schlosses Morimont im Sundgau, etwa einen Kilometer von der Grenze entfernt, und schwor, den Jura von der Herrschaft der bernischen Oligarchie zu befreien.
War er der erste Separatist? Mit der liberalen bernischen Verfassung von 1830, an der Stockmar mitarbeitete, hatte er sein politisches Ziel erreicht – das Regiment der Stadtberner Patrizier war zu Ende. Stockmar selbst zog in die Regierung ein. Aber 1839 wurde er von seinem Regierungskollegen Charles Neuhaus aus Biel angeklagt, für die Trennung des Juras vom Kanton Bern zu arbeiten, und ohne Anhörung abgesetzt. Das Obergericht sprach ihn später vom Anklagepunkt des Hochverrats frei, und nach einer Zeit des Exils war Stockmar 1846 bis 1850 wieder Berner Regierungsrat, ausserdem war er 1848-51 und 1854-64 Nationalrat.
Stockmar war Verfasser der jurassischen Hymne La Rauracienne. Dieses Lied sieht die Befreiung des Juras in einem antifeudalen europäischen Kontext zwischen Lissabon und dem Baltikum. Der Text der Hymne wurde 1950 von Roland Béguelin und Roger Schaffter aktualisiert. Béguelin, später Generalsekretär des Rassemblement jurassien, war während Jahrzehnten der bestgehasste Mann im Kanton. In Delsberg ist ein zentraler Platz in der Altstadt nach ihm benannt.
Heutzutage wird la Nouvelle Rauracienne gesungen, zum Beispiel an der jährlichen Fête du peuple jurassien. Besonders inbrünstig war der Gesang, als die jurassische Regierung die Aufnahme der Stadt Moutier in den Kanton Jura feierte – zu früh, die Abstimmung des 18. Juni 2017 muss wiederholt werden. Die Texte der beiden Gesänge findet man im Internet, eine genaue Lektüre der Texte lohnt sich.
1947 äusserte der langjährige sozialdemokratische Regierungsrat Georges Moeckli den Wunsch, das Baudepartement zu übernehmen, das frei wurde. Die gesamte Regierung unterstützte seinen Wunsch. Wahlgremium war aber der bernische Grosse Rat. Hans Tschumi, Grossrat der BGB, die später zur SVP mutierte, gab zu bedenken, man verstehe Moeckli schlecht wegen seiner Sprache. Ein Wiedererwägungsgesuch der Jurassier scheiterte mit 64 zu 62 Stimmen, diskutiert wurde es nicht. Die arrogante Haltung der bernischen Mehrheit führte zu Demonstrationen in Delsberg, zur Gründung der separatistischen Bewegung und zu politischen Auseinandersetzungen, die Bern und den Jura seit über siebzig Jahren beschäftigen, trennen und lähmen.
Als Zugeständnis an die Jurassier änderten die Berner anfangs der 1950er Jahre ihre Verfassung. Artikel 1 lautete neu: Der Kanton Bern «umfasst das Volk des alten Kantonsteils und dasjenige des Jura». Zwei Völker, das Berner Volk und le peuple jurassien? Als in Biel aufgewachsener Mensch lehnte ich es lange strikte ab, mich als «Berner» zu definieren, obwohl ich sonst ein loyaler Bürger meines Kantons bin. Vielleicht geht es anderen im Kanton ähnlich.
Die heute gültige bernische Verfassung spricht wieder nur vom «Volk des Kantons Bern», also nicht vom «Berner Volk», während die Verfassung des Kantons Jura so beginnt: «Le peuple jurassien… se donne la Constitution dont la teneur suit…».
Wie steht es mit dem Volk im bernischen Südjura? Gehören sie noch zum peuple jurassien oder ist ein neues frankophones Volk mit einer eigenen Identität im Südjura entstanden, die jurassiens bernois?
Zur Frage, was Bern im Jura verloren hat.
Ganz gewiss haben Berner Politiker schon im 19. Jahrhundert im Jura, ganz besonders im katholischen Nordjura, sehr viele Sympathien und Vertrauen verloren, ohne sich ernsthaft darum zu kümmern. Der Kanton Bern war, so scheint es, lange nicht in der Lage, die Diversität des Kantons als Chance zu begreifen und zu nutzen. So erstaunt es nicht, dass ein Teil der jurassischen Bevölkerung zur Überzeugung gelangte, dass der Jura sich nur als eigener Kanton frei entwickeln könne.
Verloren haben in diesem Konflikt aber auch die Separatisten. Ihr ursprüngliches Ziel, einen Kanton vom Laufental bis zum Bielersee zu gründen, haben sie nicht erreicht, und sie werden es auch nicht erreichen.
Lange haben die Separatisten argumentiert, der Südjura habe sich nur wegen der Einwanderung von Deutschschweizern, also wegen der «Germanisierung», gegen die Zugehörigkeit im neuen Kanton ausgesprochen. Die Argumentation ist verständlich. Es hat tatsächlich eine Einwanderung aus den deutschsprachigen Teilen des Kantons stattgefunden, schon zu Zeiten des Fürstbistums, als die von Bern verfolgten Täufer die Erlaubnis erhielten, sich auf den Jurahöhen niederzulassen. Aber spätestens die Kinder dieser Germanen haben sich integriert und sind längst Teil des peuple jurassien geworden.
Wie entscheidend ist die Sprache für Fragen der Identität und der Abgrenzung? Im Jura ist sie nicht entscheidend, denn die Sprachgrenze ist nicht die Kantonsgrenze. Die heutige Grenze zwischen den Kantonen Bern und Jura entspricht stattdessen ziemlich präzise (mit Ausnahme des ehemaligen Klosters Bellelay) der Grenze der Ausdehnung der Reformation im Jahr 1530. Das Gebiet «sous les Roches» machte die Reformation nicht mit, aber die traditionell protestantische Gemeinde Roches nördlich von Moutier hat sich vor kurzem für Bern entschieden.
Ist also die Religion entscheidend, wie in Bosnien? Sicher ist auch dies nicht. Vielleicht ist es die Geschichte, die gemeinsame Erfahrung. Vielleicht macht es einen Unterschied, ob ein Gebiet zur République rauracienne gehört hat. Der Südjura mit Moutier gehörte nicht dazu, weil das Gebiet mit Bern und Biel verbündet war, und weil Frankreich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Krieg mit den Eidgenossen riskieren wollte. Die französischen Truppen besetzten das Gebiet nicht im Jahr 1792, sondern erst wenige Monate vor dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft.
Bleibt nun Moutier bei Bern oder wird die Stadt Teil des neuen Kantons? Wenn alte konfessionelle Grenzen und die langfristige Geschichte weiterhin wirken, wird Moutier nicht Teil des Kantons Jura. Allerdings wählt die Stadt seit Jahren autonomistische Stadtbehörden, die den Wechsel zum Kanton Jura propagieren. Für einen Verbleib bei Bern könnte sprechen, dass die Stadt bei einem Kantonswechsel ihre Rolle als Zentrum einer Region riskiert, weil die ganze Region sich nämlich schon für Bern entschieden hat. Der Ausgang bleibt offen.
Zurück zum Thema der Germanisierung. Das wertvollste Ausstellungsstück im Musée jurassien ist ein mit merowingischen Goldschmiedearbeiten verzierter Gehstock, la crosse de Saint Germain. Er soll dem im Jahr 675 bei Delsberg ermordeten Abt von Moutier-Grandval gehört haben. In der Stadtkirche Saint-Marcel sind die Gebeine des Abtes als Reliquien aufbewahrt. Sein Name: Germain, lateinisch Germanus. Geboren wurde er in Trier. Zeichen einer frühen Germanisierung? Saint Germain war ein in der spätrömischen Zivilisation aufgewachsener, kultivierter Germane. Und obwohl er Germane war, bleibt er bis heute einer der prominentesten Heiligen des Juras, und sein Gehstock wird im Museum sicher aufbewahrt.
Weniger Glück hatten andere Kulturgüter. Die Brunnenfigur der Gerechtigkeit in Bern, ein Werk aus dem 16. Jahrhundert, wurde 1986 von Mitgliedern des Groupe Bélier niedergerissen. Ähnlich erging es der neun Meter hohen Monumentalstatue La Sentinelle des Rangiers des neuenburgischen Bildhauers und Malers Charles l’Eplattenier, Lehrer von Le Corbusier, die 1924 auf Initiative von Pro Jura errichtet worden war. Der Statue wurde wohl der Übername Le Fritz zum Verhängnis, vielleicht auch sein strenger Blick Richtung Ajoie und Frankreich. Während des Festaktes zum 25-jährigen Bestehens des Kantons Juras im Jahr 2004 wurde sein Kopf von zornigen Mitgliedern des Groupe Bélier mit schweren Hämmern in Stücke gehauen. Die Zerstörungsaktion vor laufenden Fernsehkameras sollte zeigen, dass der Kampf um die Einheit des Juras weitergeht. Die Überreste des Denkmals gehören dem neuen Kanton. Sie warten in einem Lagerhaus in Delsberg auf ihre mögliche Auferstehung, zusammen mit den geschlossenen Restaurants des ehemaligen Ausflugsziels Les Rangiers.
Die Geschichte des Juras ist nicht nur kompliziert, sondern für Berner und Bieler auch bedauerlich und schmerzhaft. Unsere Vorfahren, so scheint es, haben versagt. Und die lebenden Generationen, was haben sie getan, um die gestörte Beziehung zu verbessern? Hat uns die Frage, was schief gelaufen ist, genügend beschäftigt? Gab es eine Vergangenheitsbewältigung? Sind Fehler identifiziert und bewusst gemacht, damit sie sich nicht wiederholen?
Den Besuch des Musée jurassien empfehlen wir jedenfalls sehr als Einstieg in die jurassische Geschichte, die ja über weite Strecken eine gemeinsame bernische und jurassische Geschichte ist.
Trotz einiger Gefühle des Bedauerns können wir uns über diesen 15. August nicht beklagen. Abbé Bernard Miserez in der Chapelle de Vorbourg hat unsere Fragen gutmütig und wohlwollend beantwortet. Und im Restaurant auf der Rue du 23 Juin fanden wir nette Angestellte, die sofort die letzten freien Tische zusammenschoben, so dass wir draussen unter Sonnenschirmen ausgezeichnet gegessen haben. Das Wetter war sonnig und warm, nicht zu heiss und nicht zu kalt. Le bonheur parfait.
Beklagen können wir uns auch nicht über die Teilnehmenden an unserer Exkursion, die sich für Delsberg und für das Thema interessiert haben.
Kulturreise Tessin (Sopraceneri), 18.-23. Juli 2020
Früher, da hielt jeder Schnellzug in Biasca, mal abgesehen vom rot-beige gestreiften Trans-Europa-Express Gottardo, in dem es nur Plätze der ersten Klasse mit Zuschlag gab.
Biasca ist dort, wo die alte Gotthardbahn den Talboden erreicht und keine weitere Steilstufen mit Kehrtunneln nach unten führen. Der Halt bot den Reisenden die Gelegenheit, vom Zug aus die dunklen, hoch aufragenden, von Gletschern abgeschliffenen Felsen zu betrachten und den Bach, der sich von ganz oben über mehrere Wasserfälle in die Tiefe stürzte, dann unter einer kühnen Steinbrücke neben einer Kapelle durchfloss und schliesslich in einem letzten tiefen Fall vor einer steilen Felswand zerstäubte.
Der Wasserfall beeindruckte mich als Kind. Ich ahnte nicht, dass sich am Bach unter der Steinbrücke hoch über dem Bahnhof der Badestrand von Biasca versteckt.
In Biasca begann unsere Kulturreise, die wir kurzfristig organisierten, weil sich im Frühling und Frühsommer angesichts der Coronakrise kaum jemand für eine Auslandreise erwärmen konnte.
Die alte Kleinstadt, die im Jahr 830 erstmals erwähnt wurde, ist das Zentrum der ambrosianischen Täler Leventina, Blenio und Riviera, die früher dem Domkapitel von Mailand gehörten und in denen die Messe bis heute nicht nach dem römischen Ritus aus der Zeit von Papst Gregor zelebriert wird, sondern nach dem älteren Ritus, den der Kirchenvater und Mailänder Bischof Ambrosius im vierten Jahrhundert eingeführt hatte.
Die erste Kirche der drei Täler ist die den Heiligen Petrus und Paulus geweihte Kirche hoch über dem Städtchen. Einer der beiden Wege zum Badestrand unter der Steinbrücke führt direkt an der reich mit Fresken geschmückten Kirche vorbei.
Wir hatten uns für eine Unterkunft im Zentrum von Biasca entschieden, gleich neben der Bushaltestelle Biasca Centro/Borgo. Dort trafen wir uns auf der Terrasse des Restaurants, bezogen unsere Zimmer, fuhren dann mit dem Bus nach Giornico (genauer bis zum Bushalt Giornico Paese) und holten uns beim freundlichen Wirt der Osteria an der Via San Gottardo 37 den Schlüssel für die Kirche Santa Maria del Castello.
Dann gingen wir der Hauptstrasse entlang nach oben durch das Dorf, das eine unübliche Dichte an Kirchen besitzt, und wunderten uns über die vielen verlassenen und zum Verkauf angebotenen Häuser.
Wir kamen zum Denkmal, das am 1. August 1937 eingeweiht wurde und daran erinnert, dass im Dezember 1478 ein Heer der Mailänder Herzöge, das vom Tal her gegen das Dorf vorrückte, in einen Hinterhalt der Bewohner der Leventina geriet.
Beim Denkmal führt eine moderne Brücke über den Fluss Tessin, von der aus man die zwei historischen Steinbrücken erblickt, die die beiden Arme des Flusses überqueren. Eine Quartierstrasse führt zur Kirche auf dem Schlosshügel – das Schloss der Mailänder wurde 1513 zerstört.
Ein Fresko von 1448 in der Schlosskirche zeigt den Heiligen Georg, der den Rachen eines Drachen durchsticht. Die gerettete Prinzessin hält mit unbeteiligter Miene den Drachen locker an einer Leine und hebt mit der anderen Hand ihren Rock ein wenig hoch.
Noch seltsamer ist der dreiköpfige Jesus in der nahen Kirche San Nicola oder San Nicolao, als Symbol für die Dreieinigkeit gemeint.
Gemalt wurden die beiden Fresken mit einem Abstand von über dreissig Jahren von Malern aus dem lombardischen Seregno, die sich mit ihrer Werkstatt in Lugano niedergelassen hatten.
Im Sommer ist am Samstag und Sonntag jeweils nachmittags das Museum der Leventina in der Casa Stanga geöffnet. Das Haus, eine Herberge aus dem 16. Jahrhundert, ist geschmückt mit den Emblemen illustrer Gäste, die dort auf ihrem Weg über den Gotthard übernachteten. Die lohnende Ausstellung stellt die Frage, was die Identität der Bewohner der Leventina ausmacht.
Um 17 Uhr waren wir zurück in Biasca, stiegen durch die Kastanienwälder zur Steinbrücke bei der Kapelle Santa Petronilla hoch, ein Teilnehmer benutzte die Gelegenheit und badete. Der Tag endete mit einem gemeinsamen Abendessen im Ristorante mit Pizzeria namens Pomodoro, das wir hiermit mit gutem Gewissen allen hungrigen Reisenden empfehlen.
Der nächste Vormittag begann mit einer weiteren Busfahrt, und zwar bis zur Haltestelle Acquarossa-Comprovasco, von 1911 bis 1973 Endpunkt einer elektrischen Schmalspurbahn. Dort, im Restaurant Stazione, kann man den Schlüssel abholen zur bekanntesten Kirche des Bleniotals. Es handelt sich um die Kirche San Carlo von Negrentino oberhalb Prugiasco. Die Kunsthistoriker nennen sie auch Sant’Ambrogio Vecchio, weil sie ursprünglich dem Mailänder Bischof und Kirchenvater geweiht war, dessen Reliquie wir im Februar 2020 unter dem Altar der Kirche Sant’Ambrogio in Mailand entdeckt hatten (siehe Reisebericht Mailand, Pavia, Genua). In einer zweistündigen Rundwanderung, die als Sentiero Storico 2 mit braunen Wegweisern ausgeschildert ist, gelangt man zur Kirche und wieder zurück.
Das ehemalige Dörfchen Negrentino und die Kirche liegen am historischen Saumpfad über den Passo di Nara, der ins mittlere Leventinatal führt und dabei die früher nicht begehbare Biaschina-Schlucht meidet. Der Saumpfad liegt geographisch im Bleniotal, politisch gehörte er aber bis 1798 zur Talschaft Leventina und damit zu Uri. Diese Zugehörigkeit dokumentiert bis heute der grosse Uristier am Kirchturm.
Von der Kirche aus überblickt man das Bleniotal. Es ist aber vor allem der bemalte Innenraum, der Besucherinnen und Besucher anzieht. Die Christusfigur aus dem 11. oder beginnenden 12. Jahrhundert mit einem Lorbeerkranz in der Hand hat verschiedene Kunsthistoriker zu Publikationen motiviert. Sehenswert sind auch die Malereien der Seregnesi aus dem 15. Jahrhundert und das Gemälde des Heiligen Ambrosius, das wohl Antonio da Tradate um 1500 gemalt hat.
Es zeigt den im Jahr 397 verstorbenen Kirchenvater auf einem Pferd und mit einer Geissel in der Hand. So soll er in der Schlacht von Parabiago 1339 erschienen sein. Der Anführer des Mailänder Heeres war schon gefangen, die Schlacht schien verloren, da halfen Gebete und eine wundersame Erscheinung des Mailänder Stadtheiligen.
Seit 2007 hilft eine neue Fussgängerbrücke den Wanderern, die die Schlucht hinter der Kirche überqueren und ins Dörfchen Leontica gelangen wollen. Dort hat der alte Mann Felice gelebt, über dessen ruhige Existenz die Leserschaft des preisgekrönten Schriftstellers Fabio Andina Bescheid weiss. Von Leontica führt der Sentiero Storico zurück ins Tal. Die Zeit bis zur Abfahrt des Busses überbrückt man im Restaurant Stazione gerne bei einem kühlenden Getränk.
Das Reisegepäck ruhte während unserer Wanderung im Hotel. Ohne Umsteigen fuhren wir dann vom Zentrum von Biasca ins Zentrum von Bellinzona, mit dem Postauto. In der politischen Hauptstadt des Tessins bezogen wir unser Hotel unter einem Turm der Stadtbefestigung, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das Hotel ist klein. Es hat keinen Lift, dafür ein gutes und gut besuchtes Restaurant.
Fresken gibt es nicht nur in Giornico und Negrentino, sondern auch in Bellinzona. Etwas ausserhalb der Stadtmauern, an der Strasse nach Lugano, entstand in der bewegten Zeit zwischen 1480 und 1505 ein Kloster der Franziskaner. Die Querwand in der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie grenzte die Mönche von den Besuchern ab. Ein bis heute unbekannter Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts hat auf dieser Wand eine grosse Darstellung der Kreuzigung gemalt, umrahmt von fünfzehn kleinen Szenen aus dem Leben Jesu. Wer die Malerei der beginnenden Renaissance liebt, wird diese Fresken nicht vergessen.
Von der Kirche Santa Maria delle Grazie gelangt man durch die Bahnunterführung und über eine Treppe direkt zum Park der Villa dei Cedri, wo bis im November eine zeitgenössische Kunstausstellung zu sehen ist mit dem Titel “Hortus conclusus. L’illusione di un paradiso”.
In Bellinzona sollte man jedenfalls nicht einfach vorbeifahren auf dem Weg in den Süden. Beim Flanieren in der kompakten Altstadt zwischen den Mauern der Stadtbefestigung sollte man es auch nicht versäumen, einen Blick zu werfen in den Innenhof des Rathauses.
Man kann sich fragen, ob militärische Festungen als Kulturerbe taugen. Im Fall von Bellinzona wurde argumentiert, dass es sich um den einzigen Ort der Alpen handelt, wo eine Befestigung ein ganzes Tal absperrt, und die UNESCO fand die Argumentation überzeugend. Ein gutes Argument für den Besuch ist auch die Tatsache, dass das Museum im Castelgrande am Montag geöffnet ist. Diesen Umstand nutzten wir für einen Besuch am Vormittag. Vom Castelgrande aus gelangt man zu Fuss auf die Murata, die das Tal vom Castelgrande aus gegen Westen abriegelt. Wer mehr Zeit zur Verfügung hat, kann auch die beiden anderen Burgen Montebello und Sasso Corbaro besuchen.
Die Stadtbefestigung, die die Mailänder Herzöge zum Schutz vor den gefährlichen Eidgenossen gebaut haben, wurde von diesen zwar belagert, aber nie erobert. Die Bellinzonesi selbst schlossen sich in unsicheren Zeiten der Eidgenossenschaft an.
Aber im Wappen ihrer Stadt haben sie, wie übrigens auch die Bewohner von Biasca, den biscione bewahrt, die Schlange als Symbol der Visconti, der Herzöge von Mailand.
Kurz vor der Ankunft in Locarno fährt der Zug durch einen Tunnel. Was direkt über dem Tunnel liegt, sieht man vom Zug aus nicht, dafür auf den genauen Karten der Landestopografie. Es ist die Villa La Baronata, die der Anarchist Michail Bakunin mit dem Geld seines Freundes und Mitstreiters Carlo Cafiero im Frühling 1873 gekauft hat als Zentrum für die kommende anarchistische Weltrevolution.
Bakunin, der ewig an finanzieller Not leidende Revolutionär mit adliger Herkunft, wohnte seit 1869 in Locarno, wo der Lebensunterhalt billiger war als in Genf. Mit dem Kauf der Baronata hoffte Bakunin auch auf eine Rückkehr seiner Frau Antonia, die zu ihren Eltern nach Sibirien zurückgekehrt war, um dort ihr drittes Kind zu gebären, das wie die zwei ersten von ihrem Liebhaber Carlo Gambuzzi in Neapel stammte. Cafiero billigte aber die Art, wie Bakunin das ihm anvertraute Geld ausgegeben hatte, nicht. Das Projekt Baronata scheiterte, Bakunins Revolutionspläne auch. 1876 starb Bakunin in Bern, als er seinen Arzt besuchte.
Bakunins Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft aber überlebte und inspirierte einerseits die Terroristen, die um die Jahrhundertwende den französischen Präsidenten Carnot, den italienischen König Umberto I, den amerikanischen Präsidenten McKinley, die Kaiserin Sissi und andere Mächtige umbrachten, andererseits die Gründer des Projektes Monte Verità oberhalb von Ascona.
In Locarno angekommen, bezogen wir erst mal unsere Hotelzimmer im Zentrum und machten dann einen Rundgang zur Via della Pace mit dem Gebäude, in dem der kurzlebige Frieden von Locarno nach dem Ersten Weltkrieg verhandelt wurde, zur Piazza Grande, weiter zum seit fünfzehn Jahren leerstehenden Grand Hotel, in dem die Geschichte des Locarno Film Festival begann, dann zur ältesten Kirche des Locarnese (San Vittore in Muralto) und schliesslich an die Uferpromenade.
Am folgenden Tag stand eine dramatische Busfahrt ins Val Lavizzara auf unserem Programm. Die Fahrt führt von Bignasco aus in eine horizontale Welt mit tief eingeschnittenen Schluchten und Dörfern, die an steilen Hängen kleben. Wer mit dem Auto fährt, achtet auf die Leitplanken und Kreuzungsmöglichkeiten auf der engen Strasse mit Haarnadelkurven. Das kleine Postauto hingegen, das fünfmal pro Tag fährt, erlaubt dem Passagier einen ungefährlichen Blick in die Tiefe und in die Höhe.
In Camblee stiegen wir aus, folgten dem Fussweg talaufwärts und gelangten bald von oben ins Dörfchen Mogno mit dem berühmten Kirchenbau von Mario Botta.
In einem Interview erklärte der Architekt, warum er bereit war, nach der Zerstörung der alten Kirche durch eine Lawine eine neue Kirche zu bauen an einem Ort, der keine Einwohner mehr hatte und in dem seit einiger Zeit kein Gottesdienst mehr abgehalten wurde. Botta war einverstanden unter der Bedingung, dass er die Kirche nicht für eine Lebensdauer von 50 Jahren, sondern für 500 Jahre bauen konnte. Die Idee gefiel ihm, in einer Zeit, die Funktionalität verlangt, eine Kirche zu bauen aus einem spirituellen Grund, zur Erinnerung, dass dort früher eine Kirche stand.
Auf den ersten Blick erinnert wenig an die alte Kirche, aber die neue Kirche übernimmt die Orientierung der alten. Ein neuer Damm oberhalb des Dorfes soll zukünftige Schnee- oder Schlammlawinen ablenken. Um die Kirche trotzdem für alle Fälle widerstandsfähig zu bauen, hat der Grundriss die Form einer Ellipse, und an der Seite, die dem Berg zugewandt ist, hat die Mauer eine maximale Dicke von zweieinhalb Metern. Das Erstaunliche ist, dass der Bau aus schwarzen und weissen Steinen aus der Umgebung so elegant und luftig wirkt, dass man als ahnungsloser Betrachter keineswegs eine solch dicke Mauer vermutet.
Nach einem Picknick auf einer frisch gemähten Wiese nahmen wir das nächste Postauto, stiegen in Bignasco um und fuhren bis Cevio Centro scolastico. In der Nähe der Haltestelle steht die Kirche, die im 19. Jahrhundert dank dem Beitrag der Auswanderer in Kalifornien renoviert werden konnte, wie eine Gedenktafel erwähnt. Auf dem Platz neben der Kirche grüssen die Sensenmänner eines ehemaligen Beinhauses. Von dort führt ein kurzer Fussweg zum Dorfkern Cevio Vecchio mit der ehemaligen Residenz der eidgenössischen Vögte und dem Museo Valmaggia.
Neben Dokumenten und Bildern zum Thema Auswanderung zeigt das Museum Zeugnisse vergangener Handwerkskunst, Gefässe aus Speckstein zum Beispiel. Die historischen grotti vor den Felslöchern mit ihren alten Steintischen sollte man auch aufsuchen. Den kühlen Luftstrom aus dem Innern der Felsen schätzt man bei heissem Sommerwetter besonders. Nicht weit davon steht auch ein bewirtschaftetes grotto, das sich für eine Pause eignet und dessen schützendes Dach man besonders schätzt, wenn der Donner eines aufziehenden Gewitters von den Talwänden widerhallt.
Der nächste Tag begann mit einem Besuch des Schlosses, das die Mailänder Herzöge in Locarno hinterlassen haben. Sehenswert sind die archäologischen Funde von Gläsern aus der Römerzeit und die Ausstellung moderner Kunst in der Casorella, der Residenz der mächtigen Familie Orelli.
Jean Arp oder Hans Arp und seine Frau Sophie Taeuber-Arp (die Künstlerin auf einer alten Fünfzig-Franken-Banknote) haben in Locarno gelebt, sind in Locarno begraben und haben der Stadt viele Werke vermacht. Gemälde und Reliefs sind in der Casorella ausgestellt, Skulpturen von Jean draussen an der Uferpromenade Richtung Lido.
Wladimir Rosenbaum war der erste, der Jean Arp ein Werk abstrakter Kunst abkaufte. So stellt es zumindest der Historiker Peter Kamber in seinem lesenswerten Buch «Geschichte zweiter Leben» dar. Rosenbaum, ein Jude aus dem Zarenreich, der als Kind in die Schweiz kam, und seine Frau Aline Valangin, Enkelin des schweizerischen Friedensnobelpreisträgers Ducommun, sind auf dem Friedhof von Ascona begraben (gleich neben dem Bushalt San Materno). Rosenbaum bestand 1925 in Zürich die Prüfung als Anwalt, beteiligte sich als Anwalt am Bau einer Genossenschaftssiedlung (Neubühl in Wollishofen), verdiente viel und gewann Prozesse, die die Öffentlichkeit beschäftigten. Die Wohnung von Wladimir und Aline in Zürich war Treffpunkt der Avantgarde, in ihr und im Palast Barca in Comologno im Onsernonetal fanden kreative und politisch engagierte Menschen Zuflucht, die in den 1930er Jahren vor den italienischen Faschisten und den deutschen Nationalsozialisten flohen.
1937 wurde dem Juden Rosenbaum das Anwaltspatent entzogen. Es wurde ihm Waffenhandel zugunsten der demokratisch gewählten Regierung der spanischen Republik vorgeworfen, die sich gegen die Putschistengeneräle um Francisco Franco wehrte. Die ihm vorgeworfenen Taten standen im Widerspruch zur damaligen Neutralitätspolitik. Weniger neutralitätspolitische Bedenken hatte die offizielle Schweiz bei der Lieferung von Waffen und Munition an Deutschland und Italien, auch noch während dem Weltkrieg.
Verziert ist der Grabstein von Rosenbaum und Valangin mit einem Yin und Yang-Symbol, das wir auch prominent auf den alten Fotografien des Sanatoriums auf dem Monte Verità finden. Neben dem Friedhof führt ein signalisierter Wanderweg auf die bewaldete Schattenseite des Wahrheitsbergs. Der Aufstieg ist so auch bei Hitze zu bewältigen und vermittelt einen Eindruck der Vegetation, die die ersten Siedler um das Jahr 1900 vorfanden.
Sonne, frische Luft, vegetarische Ernährung, Gleichberechtigung der Geschlechter, eine Kleidung, die nicht beengt, Ausdruckstanz, Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung und nach Wahrheit: die Menschen, die hier ein neues Leben suchten, hatten vieles im Sinn. Sie verstrickten sich auch in Widersprüche. Während einige Gründer ein Sanatorium bauten und betrieben, wollten andere möglichst naturnah und anspruchslos leben. Viele Tendenzen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart haben einen Bezug zum Monte Verità. Wer sich in die Geschichte des Berges vertiefen will, sollte genügend Zeit einplanen für die Ausstellung in der Casa Anatta, dem Wohnsitz der Gründer Henry Oedenkoven und Ida Hofmann.
Vor dem Ende des Nachmittags empfiehlt sich ein Abstieg über die Treppen (Scalinata Ruga) nach Ascona und ein Besuch des Museo Comunale d’Arte Moderna. Ein Stockwerk ist der Malerin Marianne Werefkin gewidmet. Die Schülerin des naturalistischen Malers Ilya Repin und langjährige Lebensgefährtin und Fördererin des Expressionisten Alexej Jawlensky hat über zwanzig Jahre in Ascona gelebt. Ihr Grab in der Form eines russisch-orthodoxen Kreuzes findet man auch auf dem Friedhof.
Vom Museum gelangt man durch Passagen zur Casa Serodine mit ihren Renaissance-Skultpuren, in der Rosenbaum nach dem Abbruch seiner Anwaltskarriere ein zweites Leben als Antiquar führte, und zur Uferpromenade von Ascona.
Die ist mit ihren Restaurants und Cafés kein Geheimtipp.
Problematisch ist vor allem ihr Name: Piazza Giuseppe Motta. Geehrt wird der Aussenminister der Eidgenossenschaft von 1920 bis 1940, ein einseitiger Interpret schweizerischer Neutralität. Während seiner Amtszeit weigerte sich die Schweiz, diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion zu unterhalten, wehrte sich auch 1934 gegen die Aufnahme der UdSSR in den Völkerbund. Unter Mottas Führung machte die Schweiz nicht mit bei den Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien, als Mussolinis Armee Abessinien, das heutige Äthiopien, einen Mitgliedsstaat des Völkerbunds, angriff, dabei auch Giftgas einsetzte und das System der kollektiven Sicherheit aushebelte, das nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen worden war. Zu dieser Politik passte, wie die Schweiz und andere Staaten Europas zusahen, wie die von Deutschland und Italien unterstützten Putschisten die spanische Republik zerstörten.
Die antikommunistische Besessenheit der damaligen Schweiz trug gewiss dazu bei, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg durch keine Genfer Konvention geschützt waren, dass drei Millionen sowjetische Gefangene in Lagern starben oder umgebracht wurden, dass nach dem Krieg eine Million deutscher Kriegsgefangene nicht mehr aus der Sowjetunion heimkehrten.
Aber denken wir nicht daran, geniessen wir stattdessen den Blick auf den See und die Berge!
Von der Haltestelle Ascona Centro fährt der Bus zurück nach Locarno. Wer im Tessin noch nicht genügend Fresken gesehen hat, sollte neben der Bushaltestelle unbedingt noch die Kirche Santa Maria Misericordia im Innenhof des Collegio Papio betreten.
Am letzten Abend unserer Reise erreichten wir das Restaurant in der Altstadt von Locarno für eine gemeinsames Essen gerade noch rechtzeitig. Während draussen ein kräftiger Gewitterregen niederprasselte, assen und tranken wir mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die wir auf dieser Kulturreise kennengelernt hatten und die wir hoffentlich auch bei weiteren Reisen wiedersehen werden.
Den Zeitpunkt der Heimreise am nächsten Morgen überliessen wir den Mitgliedern unserer kleinen Gruppe, die sich fünf Tage lang tapfer an die Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln gehalten hatte.
Nachträglich wird uns bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, während einer Pandemie als Gruppe unterwegs zu sein. Wir spüren nach der Reise Erleichterung, aber auch die Bereitschaft, weitere Reisen unter ähnlichen Bedingungen zu organisieren.