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von Dr. Jana Nikitin
Sie kennen wahrscheinlich das Gefühl: Wenn Sie etwas Interessantes tun oder einfach nur Spass haben, vergeht die Zeit wie im Flug. Könnte es aber auch sein, dass Sie Spass haben, weil die Zeit wie im Flug vergeht? Genau dieser Frage sind fünf amerikanische Forscher in ihren Studien nachgegangen. Ihre Hauptidee war, dass Menschen das Gefühl der Schnelligkeit, mit der die Zeit vergeht, dazu nutzen um zu beurteilen, wie positiv und spannend sie die verstrichene Zeit empfunden haben.
Die Hypothese war die folgende: Verstreicht die Zeit schneller als erwartet, wird sie im Nachhinein als spannender und positiver empfunden; verstreicht sie dagegen langsamer als erwartet, sollte sie als schleppend und lustlos empfunden werden. Um diese Annahme zu überprüfen, liessen die Forscher Studienteilnehmer einen Text lesen und alle Wörter unterstreichen, die einen Doppelkonsonant beinhalteten (z.B. «treffen») – eine relativ langweilige Aufgabe also. Den Teilnehmern wurde gesagt, dass die Aufgabe genau 10 Minuten dauert. Eine Hälfte der Teilnehmer wurde aber schon nach 5 Minuten unterbrochen, mit der Information, dass die 10 Minuten um seien, während die andere Hälfte erst nach 20 Minuten die gleiche Information bekam. Die erste Gruppe hatte dementsprechend das Gefühl, dass die Zeit schnell verflog, während die zweite Gruppe das Gefühl hatte, dass die Zeit nur schleppend voranging. Wie die Forscher erwarteten, haben Teilnehmer der ersten Gruppe danach über mehr Freude, Herausforderung, Engagement und Spass bei der Durchführung der Aufgabe berichtet als die Teilnehmer der zweiten Gruppe. Dasselbe Ergebnis haben die Forscher gefunden, wenn beide Gruppen genau gleich lang an der Aufgabe arbeiteten (10 Minuten) und ihnen lediglich gesagt wurde, dass die Aufgabe 5 bzw. 20 Minuten dauerte, und bei anderen Tätigkeiten als Wörterunterstreichen, wie zum Beispiel beim Musikhören.
Warum beurteilen Menschen eine Tätigkeit als spannender, wenn sie das Gefühl haben, dass die Zeit schnell vergangen sei? Einerseits darum, weil sie nach einem Grund für ein Erlebnis suchen, das für sie überraschend war. Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Zeit schneller (langsamer) verging, als Sie erwartet haben, werden Sie sich fragen, warum dem so ist. Die nahe liegende Erklärung ist, dass die Tätigkeit, in die Sie vertieft waren, besonders spannend (langweilig) war und deshalb die Zeit verflog (schleppend voranging). Tatsächlich fanden die Forscher in einer weiteren Studie, dass die Tätigkeit nur dann als mehr oder weniger spannend und spassig eingestuft wurde, wenn die Zeitaufgabe über die verflossene Zeit überraschend war.
Eine weitere Erklärung ist, dass besonders Menschen, die an die Regel «Zeit verfliegt, wenn man Spass hat» glauben, die überraschend schnell/langsam verflossene Zeit der Qualität der Tätigkeit zuschreiben. Auch diese Annahme konnte bestätigt werden. Schliesslich wollten die Forscher noch wissen, was passiert, wenn man eine andere Erklärung für die schnell oder langsam verflossene Zeit hat als den Spassfaktor der Tätigkeit. In der letzten Studie haben sie daher die Teilnehmer aufgefordert, Ohrenstöpsel zu tragen. Einem Teil der Teilnehmer wurde dabei nahe gebracht, dass das Tragen von Ohrenstöpseln dazu führe, dass man das Gefühl habe, die Zeit würde schneller laufen, ein anderer Teil der Teilnehmer hatte die genau gegenteilige Information erhalten und einem dritten Teil wurde keine Informationen zum Tragen von Ohrenstöpseln gegeben. Wie erwartet hatten nur diejenigen Teilnehmer, die nicht das Gefühl haben konnten, dass die Schnelligkeit der Zeit vom Ohrenstöpseltragen beeinflusst wird, mehr oder weniger Spass an der Aufgabe, je nach dem, wie schnell die Zeit verging. Alle anderen «wussten», dass dies mit den Ohrenstöpseln und nicht mit der Aufgabe zusammenhängt, und haben dementsprechend die Aufgabe nicht als spannender oder weniger spannend empfunden.
Menschen haben also nicht nur das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, wenn sie spassig ist, sondern auch, dass sie spassig ist, weil die Zeit schneller vergeht, besonders dann, wenn die schneller verflossene Zeit für sie überraschend ist, sie keine andere Erklärung dafür haben und davon überzeugt sind, dass spannende Zeit verfliegt. Menschen benutzen also offensichtlich die subjektive Zeit als Information dazu, wie gut oder schlecht ihre Zeit ist. Wenn wir das nächste mal beim Zahnarzt warten, sollten wir uns also wünschen, dass die Uhr dort etwas schneller läuft, als sie sollte. Vielleicht wäre das eine Idee für alle Warteräume?
Quelle: Sackett, A.M., Nelson, L.D., Meyvis, T., Converse, B.A., & Sackett, A.L. (2009). You’re having fun when time flies: The hedonic consequences of subjective time progression. Psychological Science, 20.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.