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Zwei Frauen und ihr Baby, Teil 4: Wie ein Baby die Liebe verändert
Als Tanja im letzten Frühling eine Fehlgeburt erlitt, trauerten auch die Familie und Freunde mit ihr um das verlorene Kind. Die ganze Aufmerksamkeit und Anteilnahme richteten sich damals, nach der missglückten künstlichen Befruchtung, auf sie – obwohl auch Sarah, mit der Tanja gemeinsam eine Familie gründen wird, einen herben Schlag verkraften musste. Darunter habe sie damals gelitten, sagt Sarah, «ich hatte doch auch ein Baby verloren». Als beim dritten Befruchtungsversuch dann alles gut ging und Tanja wieder schwanger wurde, hatte Sarah zunächst Angst: Davor, dass sie sich während der Schwangerschaft ausgeschlossen fühlen könnte. Und davor, dass es ihr nicht gelingen würde, Muttergefühle für das Baby zu entwickeln, ohne selber schwanger zu sein.
Diese Befürchtungen haben sich bisher nicht bestätigt. Sie fühle sich Tanja gerade jetzt, wenige Wochen vor der Geburt des Babys, sehr nahe, erzählt Sarah. Sie sitzt mit ihr gemeinsam auf der Couch in der Ferienwohnung von Tanjas Eltern in Davos. Vom Streit, den sie erst vor wenigen Tagen ausgetragen haben, ist längst nichts mehr zu spüren. Es ging ums Kofferpacken – wie so oft, wenn Tanja und Sarah streiten. Dass diesmal Tränen flossen (Tanja) und Türen knallten (Sarah), ist jedoch eher ungewöhnlich. Überrascht habe es sie aber nicht, sagt Sarah, denn: «Seit Tanja schwanger ist, fängt sie viel schneller an zu weinen.» Sarah versucht dann, verständnisvoll zu sein, sich nicht zu sehr aufzuregen, «was zwar meistens, aber nicht immer klappt».
Vor der Schwangerschaft waren die Rollen in der Beziehung relativ klar verteilt: Tanja, die Vernünftige, die mehr Geld verdient, die organisiert, delegiert und für Ordnung sorgt. Sarah, die chaotischere von beiden, die sich anpasst und bei Konflikten meistens nachgibt, weil sie alles etwas lockerer nimmt. Seit das Baby unterwegs ist, haben sich die Muster verwischt. Tanja sei ruhiger geworden, emotionaler, weicher auch, findet Sarah. Dafür müsse sie selber jetzt öfters die Rolle der Vernünftigen einnehmen.
Wie damals, vor einigen Wochen, als Tanja sie mitten in der Nacht aufweckte: «Das Baby bewegt sich nicht mehr, irgend etwas stimmt nicht.» Sarah nahm Tanja in die Arme, versprach ihr, dass bestimmt alles in Ordnung sei, dass sie aber am Morgen, falls sie das Baby dann immer noch nicht spüre, sofort zum Arzt fahren würden. Das war dann zum Glück gar nicht nötig.
Auch im Haushalt übernimmt Sarah jetzt mehr Verantwortung, sagt Tanja: Sie kaufe öfters ein, koche, putze und trage den Müll runter. Und sie sei fürsorglicher geworden: «Gerade eben hat sie mir ein Bad eingelassen und mich massiert.» Für Sarah ist es wichtig, Tanja auf diese Art zu unterstützen, um sich ihr nahe zu fühlen und Anteil an der Schwangerschaft zu nehmen. Dass Tanja das Kind austrägt und nicht sie selbst, obwohl auch sie dazu körperlich in der Lage gewesen wäre, fühle sich nach wie vor richtig an. Eifersucht empfindet sie keine.
Die Angst vor einer weiteren Fehlgeburt hat mittlerweile bei beiden nachgelassen, jetzt, wo das Baby schon 32 Zentimeter gross und 1200 Gramm schwer ist. Die Schwangerschaft verläuft gut, Tanja hat kaum Beschwerden. «Beim Aufstehen und Hinsetzen ächzt sie immer lauter und beim Spazieren müssen wir alle paar Minuten Pinkelpausen einlegen – alles normal also», so Sarah.
Auch im Bett sei alles «in bester Ordnung». Das war vor allem in den ersten Monaten der Schwangerschaft anders, «ich war damals viel zu angespannt und besorgt, um überhaupt an Sex zu denken», sagt Tanja. Nun aber sei es faszinierend, zu spüren, dass der eigene Körper plötzlich andere Bedürfnisse habe, anders auf Berührungen reagiere. Gerade in den letzten Wochen habe sich eine neue, sanftere Art der Intimität zwischen ihnen entwickelt, sagt auch Sarah. Überhaupt sei sie noch nie so verliebt gewesen wie gerade jetzt: Ihre Gefühle, sowohl für Tanja als auch für das Baby, seien «überwältigend» und würden mit jeder Woche, die vergehe, noch grösser.
Sarah (27, l.) und Tanja (29) leben in Zürich, sind seit fünf Jahren ein Paar und seit September 2012 verheiratet. Im März erwarten sie ihr erstes Kind. Der Mamablog begleitet sie während der Schwangerschaft und berichtet in regelmässigen Abständen über ihr Leben, ihre Liebe und ihren Alltag.
*Franziska Kohler ist Nachrichten-Reporterin bei Tagesanzeiger.ch.