Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03212.jsonl.gz/1878

Lydia Davis' Prosa ist einzigartig. Der Vorsitzende der Jury des diesjährigen Man Booker International Prize, Literaturprofessor Christopher Ricks, fragte sich denn auch, wie man sie bloss kategorisieren solle: «Statt Kurzgeschichten könnte man Lydia Davis' Texte genauso gut Miniaturen, Anekdoten, Essays, Witze, Parabeln, Fabeln, Aphorismen, Sentenzen, Gebete oder einfach Beobachtungen nennen.»
Jedenfalls kommt Lydia Davis getrost mit ein paar Sätzen aus für etwas, wofür andere manchmal Hunderte von Buchseiten brauchen. Wie etwa in «Doppelte Verneinung»: «An einem gewissen Punkt ihres Lebens merkt sie, dass sie nicht so sehr ein Kind will, sondern dass sie nicht kein Kind haben oder gehabt haben will.»
Höchste Genauigkeit
Lydia Davis hat 1976 mit «The Thirteenth Woman and Other Stories» debütiert, seither sechs Bände mit mehreren hundert Kurzgeschichten veröffentlicht – und einen einzigen Roman, «Das Ende der Geschichte». Wobei man von einer, die gar nicht anders kann, als genau zu sein, keinen süffigen Plot erwarten darf. Vielmehr geht es in «The End of the Story» darum, festzuhalten, wie schwierig es ist, einen Roman zu schreiben, und wie hart, eine Liebe hinter sich zu lassen, die einst den Himmel versprach und kläglich scheiterte: «Es wäre leichter gewesen, am Anfang anzufangen, aber der Anfang gab nicht viel her ohne das, was danach kam, und was danach kam, gab nicht viel her ohne das Ende.»
Kafka als Lehrmeister
Im College noch hat Lydia Davis ganz traditionelle Kurzgeschichten geschrieben – sie wusste es einfach nicht besser. Dann entdeckte sie Franz Kafka: «Seltsamerweise war es Kafka, der mir mit seinen Erzählungen, die nur annähernd oder überhaupt nicht realistisch sind, die Möglichkeiten der ganz kurzen Form aufzeigte.»
Auch Robert Walser schätzt sie sehr, ebenso Russell Edson, den hierzulande kaum bekannten amerikanischen Illustrator und Poeten mit seinen knappen Tableaus häuslicher Dramen: «Edson schreibt noch seltsamere Geschichten als ich. Oder vielleicht nicht seltsamere, aber jedenfalls solche, in denen zum Beispiel nicht bloss Gatte und Gattin interagieren, sondern auch Gattin und Kuh, Kuh und Bratpfanne, Dach und Fussboden ...»
Texte wie DNA
Lydia Davis ist Literatin mit Haut und Haar, enorm belesen und eine kongeniale Übersetzerin aus dem Französischen. Für ihre Übertragungen Prousts, Flauberts, Butors, Leiris' und anderer wurde sie 1999 zum «Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres» ernannt. Was ihre eigenen Texte betrifft, meinte eine Rezensentin einmal, sie seien wie DNA: selbst bestünden sie aus fast nichts, enthielten aber jede Menge wichtiger Informationen.
Länger als ein paar Dutzend Seiten sind Lydia Davis' Erzählungen tatsächlich nie, die meisten kommen mit einem Titel und einigen wenigen Sätzen aus und erforschen mit scharfem Blick für die Umtriebe des Lebens und weit offenem Ohr für die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache so unterschiedliche Themen wie Alltag, Umwelt, Politik, Beziehungen, Gefühle, Obsessionen.
Verkappte Sängerin
Auf die Schnelle gelesen mögen diese Geschichten manchmal spröde wirken, bis man entdeckt, wie witzig, verspielt, subversiv und anrührend sie sind. Und ihrem atemberaubenden Rhythmus, ihrer einzigartigen Musik kann man sich schwerlich entziehen.
Als Kind hatte Lydia Davis Klavierunterricht. Zuerst fand sie es einfach nur öde. Als sie die Instrumentalfassung einer Mozart-Symphonie zu spielen lernte und entdeckte, mit welcher Wirkung sich der Orchesterklang in den Tönen des Klaviers reduzierte, zog es ihr den Ärmel rein. Sie fing an, Partituren zu kaufen, um beim Schallplattenhören mitlesen zu können.
Nicht von ungefähr also interessieren sie an einem Schreiben, das so konsequent auf Auslassungen baut wie das ihre, zuvörderst die musikalischen Komponenten: «Eigentlich lesen Sie die Geschichten einer Schriftstellerin, die gerne Sängerin wäre und deshalb versucht, ihre Texte zu Liedern zu machen.»