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Wakkerpreis 2023: Lichtensteig in altem, neuem Glanz
Das Städtchen Lichtensteig beziehungsweise die toggenburgische Gemeinde im Kanton St. Gallen, ist für seinen sorgfältigen Umgang mit alter Bausubstanz mit dem diesjährigen Wakkerpreis ausgezeichnet worden.
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Die im Kreis angeordneten Häuser bildeten einst die mittelalterliche Stadtmauer von Lichtensteig.
Das Städtchen Lichtensteig, das mit dem diesjährigen Wakkerpreis ausgezeichnet wurde, war im Mittelalter eine bekannte Markt- und Handelsstadt. Die Wurzeln der toggenburgischen Gemeinde im Kanton St. Gallen liegen im 13. Jahr-hundert. Belebt wurde Lichtensteig dann wieder besonders im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit «siedelten sich vor der Stadt am Fluss, der Thur, verschiedene Textil-betriebe an», erklärt Brigitte Moser.
Ein Schicksal von vielen
Die Präsidentin der Kommission für den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes erwähnt auch die Fusion der Toggenburger Bank mit der Bank in Winterthur zur Schweizerischen Bankgesellschaft UBS AG: Lichtensteig, die Textil- und Bankenstadt. Doch dann kam die Krise. «Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte sich die Industrie ins benachbarte Wattwil», ergänzt Brigitte Moser. «Die Industrie schrumpfte in den siebziger Jahren und versiegte gegen Ende des 20. Jahrhunderts schliesslich fast ganz.» Das Resultat waren unbenutzte Industriebrachen und wegen des Wegzugs von Läden leere Erdgeschossflächen.
Damit ereilte Lichtensteig ein Schicksal, das auch anderen Städten und Städtchen geblüht hatte. Das solothurnische Grenchen etwa hatte sich im Zug der Industrialisierung rasch vom Dorf zur Stadt entwickelt. Nach der Hochblüte in den 1950er-Jahren erlebte der Ort Anfang der 80er-Jahre mit dem Niedergang der Uhrenindustrie einen Tiefpunkt. Der Zusammenbruch der traditionsreichen Porzellanfabrik Langenthal hatte eine Schockwirkung auf die Stadt. Weil auch andere bedeutende Industriefirmen schwächelten, waren an der Jahrtausendwende weit über 1000 Arbeitsstellen verloren gegangen.
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Eine ehemalige Fabrikhalle wird vielfältig genutzt.
Den Widrigkeiten zum Trotz
Langenthal und Grenchen haben für den sorgfältigen Umgang mit alter Bausubstanz und die Erneuerungen von Industriebrachen beide den Wakkerpreis gewonnen. Langenthal beispielsweise überwand die Krise, indem der Ort Fabrikareale, Arbeitersiedlungen, öffentliche Gebäude und Villenanlagen systematisch inventarisierte und so die Grundlagen für künftige Sanierungen und Bebauungen schaffte.
Das war aber nur möglich, weil die Stadt federführend war. Seitens der öffentlichen Hand kamen Fachwissen und Geld. Gleichzeitig verlangte die Stadt von den Investoren Verantwortung und Offenheit für neue Ideen. Die öffentlichen Räume wurden aufgewertet, indem die Stadt Langenthal ins alte Zentrum und den wichtigen Achsen entlang investierte. Das Areal der ehemaligen Porzellanfabrik wird vielfältig genutzt.
Die Vision «Mini.Stadt»
Auch Grenchen behauptete sich und packte die schwierige Struktur eines verstädterten Dorfes, die grosse Belastung durch den Verkehr und die problematische wirtschaftliche Lage an. Die in den letzten Jahren entstandenen Neubauten zeugen von einer qualitätsorientierten Weiterentwicklung der gebauten Stadt, so beispielsweise das Wohnheim Rodania im Areal der ehemaligen Uhrenfabrik.
Der bewusste Umgang mit der Bausubstanz aus der Nachkriegszeit zeigt sich in der Sanierung verschiedener öffentlicher Gebäude, darunter das Schwimmbad des renommierten Bäderspezialisten Beda Hefti (1956) oder das Haldenschulhaus (1964). Grenchen ist eine beispielhafte Gemeinde auch im Sinn der aktuellen Kampagne des Schweizer Heimatschutzes (SHS) «Aufschwung – die Architektur der 50er-Jahre».
Auch Lichtensteig reagierte selbstbewusst auf die Leerstände. Die Einwohnerinnen und Einwohner liessen sich nicht beirren und schufen in partizipativen Prozessen zuerst einmal ein Label und gaben Lichtensteig den doppeldeutigen Namen «Mini.Stadt» – eine Vision von Initiativen, die Erdgeschosse und Brachen beleben. Und so entstanden zahlreiche neue Projekte.
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Die schmucke Altstadt von Lichtensteig präsentiert sich in bestem Licht.
Häusersanierungen in Altstadt
Lichtensteig hat beispielsweise die Probleme des Strukturwandels zusammen mit dem Netzwerk Altstadt («EspaceSuisse») umfassend aufgearbeitet. Dazu wurden die Instrumente Stadtanalyse, Wohnstrategie, Hausanalysen und Gassenclubs eingesetzt. Der umfassende Prozess führte unter anderem zu Häusersanierungen in der Altstadt, zu Bevölkerungswachstum, löste einen Entwicklungsschub aus und setzte Entwicklungsschwerpunkte zum Beispiel am Obertorplatz.
Die Stadtverwaltung zog in ein leerstehendes Bankgebäude. Das ehemalige Stadthaus wiederum wurde zum «Rathaus für Kultur» umfunktioniert. «Als uns Stadtpräsident Müller anbot, das ganze Rathaus in ein Kulturhaus zu verwandeln, sagten wir erst nach gründlicher Überlegung zu», meint Sirkka Ammann. «Wir hatten noch nie ein Haus umgenutzt, Technik eingekauft und ein volles Kulturprogramm organisiert», führt die Co-Leiterin des Rathauses für Kultur aus. «Aber das grosse Vertrauen seitens der Gemeinde hat uns motiviert, die Chance zu packen.»
Die Gemeinde hat mit ihrem Vertrauen in Neues viele Projekte unterstützt. Aus dem alten Feuerwehrdepot wurde ein Kleiderladen. Das leerstehende Industriearal hiess nun «Areal Stadtufer» und soll zu einem Ort für gemischte Nutzung mit Ateliers, Gewerbe und Wohnraum werden. Das Areal in und um die historische Bahnhalle (heute Chössi-Theater) wird in den nächsten Jahren entwickelt zu einem offenen Wohn-, Arbeits- und Lernort. Das Vorhaben soll unterschiedlichste Menschen und Generationen zusammenbringen.
Die Genossenschaft Macherzentrum wiederum hat die ehemalige Post in einen Co-Working-Space umgenutzt mit zwei Besprechungsräumen, einer Begegnungszone und einer offenen Kaffeeküche ergänzt. Genutzt wird die alte Post von aussenstehenden Firmen, von Organisationen und Vereinen für interne Anlässe wie Sitzungen oder Workshops.
Balanceakt
Lichtensteig zeigt sich heute von seiner besten Seite. Die schmucke Altstadt mit ihren verschiedenen Häusern aus mehreren Jahrhunderten wurde laufend und sorgfältig saniert. Nicht ganz einfach, wenn man immer wieder auf historische Schätze stösst – «von gotischen Balkendecken über Renaissancetäfer und barocken Täfermalereien bis hin zu Stuckatur-Decken aus dem Rokoko», erläutert Moritz Flury-Rova, stellvertretender Leiter der Kantonalen Denkmalpflege St. Gallen.
«Wir versuchen mit der Vergabe des Wakkerpreises Orte auszuzeichnen, denen der Balanceakt zwischen einem sorgfältigen Umgang mit der bestehender, meist alter Bausubstanz und einer geschickten Sanierung beziehungsweise Weiternutzung gelungen ist», erläutert Peter Egli. «Genauso wichtig ist es aber auch, private Bauherrschaften oder Firmen beim Umgang mit Baudenkmälern zu unterstützen», erklärt der Kommunikationschef des Schweizer Heimatschutzes.