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Von der Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften und von der Welt als Supermarkt. Oder: Was die Literaturwissenschaft über ein Gasgemisch zu sagen hat.
Von Stefan Buttliger, Deutschlehrer
Der englische Chemiker und Romanschriftsteller C. P. Snow beklagte 1959 in einer Rede, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften habe sich eine Kluft geöffnet: «Two Cultures» seien entstanden, die eine je eigene Sprache sprächen. Um die Probleme der Welt zu lösen, müssten die beiden jedoch Hand in Hand arbeiten. Wenn sich der folgende Essay aus nur geisteswissenschaftlicher Sicht ausgerechnet zu einem Thema äussert, das in die Domäne der anderen Kultur zu gehören scheint: Gräbt er nicht an der Kluft, die Snow eingeebnet wissen wollte?
Um diese Frage zu klären, lohnt es sich, nachzuzeichnen, wie die zwei Kulturen entstanden sind. Beide nahmen ihren Ursprung in der «filosofía», der «Liebe zum Wissen». Im alten Griechenland bezog sich dieser Begriff sowohl auf die materiell vorhandene Welt als auch auf die immaterielle. Nach Ansicht der Philosophen vor Sokrates bedingen diese zwei Welten einander: Ein höherer Wille auferlegt dem Materiellen Gesetze. Das so strukturierte Universum nannten die Vorsokratiker Kosmos (gr. «Ordnung»). Zum Beispiel vermutete der Milesier Anaximenes, es sei die Luft, die «die Welt/im Innersten zusammenhält» (J. W. v. Goethe, «Faust»). Aus ihr entstünden durch Verdünnung oder Verdichtung die anderen drei Elemente. So naiv diese Spekulationen heute wirken: Mit dem Glauben an den Kosmos legten die Vorsokratiker den Grundstein für die Naturwissenschaft. Denn nur eine geordnete Welt kann sinnvoll studiert werden.
Knapp zweitausend Jahre später hatten die zwei Wissenschaftsrichtungen sich differenziert, standen einander aber noch so nahe, dass der Dominikaner und Philosoph Eckhart von Hochheim, genannt Meister Eckhart, in einer Predigt wie beiläufig den aktuellen Wissensstand über die Luft heranziehen konnte, um zu illustrieren, unter welchen Bedingungen die Seele für Gott empfänglich sei. Warum, so Eckhart, sehe ich mein Spiegelbild erst in der Pupille meines Gegenübers (darum übrigens die Bezeichnung «pupilla», lateinisch für «Puppe») und nicht schon in der Luft zwischen uns? Diese muss es ja zunächst durchqueren, um zur Pupille des anderen zu gelangen. Die Luft, so Eckharts Antwort, ist zu dünn: Erst in der Pupille des anderen kann mein Bild sich niederschlagen. Und ebenso muss die Seele «zesamengezogen sîn und dihte», damit sie den «götlîchen vluz enpfâhen» kann.
Eckharts Beobachtung ist mehr als ein Vergleich. Nehmen wir an, Eckhart verstehe die Welt – wie es einem mittelalterlichen Gelehrten nahelag – als Buch, das Gott höchstpersönlich geschrieben hat. In so einer Welt hat Gott die Luft und deren Rolle in der Optik so konzipiert, dass wir aus der Beobachtung dieser Phänomene genauso viel über die wichtigste Frage des Mittelalters – wie kann ich ins Reich Gottes eingehen? – herauslesen können wie aus dem Studium der Bibel.
Mit der Aufklärung jedoch wird die Schrift Gottes unleserlich. Die Welt ist jetzt allein den Naturgesetzen unterworfen. Um diese plausibel zu machen, müssen die Gelehrten keinen höheren kosmischen Willen annehmen und auch keinen allmächtigen Schriftsteller. Gott, wenn er überhaupt existiert, hat nur als erster Beweger die Dominosteine geschaffen. Seither aber fallen diese von selbst um.
Dies heisst jedoch nicht, dass die materielle Welt für die Geisteswissenschaften aufhört interessant zu sein. Vielmehr verdoppelt sie sich: Neben dem empirisch abtastbaren Raum eröffnet sich der symbolische. Wir alle tragen eine Vielzahl von Landkarten in den Köpfen, gemäss denen wir allem, was wir jeden Tag sehen, hören und berühren, Bedeutung zuschreiben. So können wir fast physisch fühlen, wenn wir eine Landesgrenze überschreiten, obwohl die Luft, die wir atmen, noch dieselbe ist. Was sich ändert, ist das Raster von Bedeutungen, das wir über die Welt legen. Genau dieses – die Landkarten – interessiert die Geisteswissenschaften. Und so haben sie auch die Luft kartographiert. Im Falle der Literaturwissenschaft heisst dies, nachzuzeichnen, welche Bedeutungen die Literatur der Luft verleiht.
Im Jahr 1782 liessen die Brüder Montgolfier einen Heissluftballon über die französische Provinz schweben. Die Landkarte der Bedeutungen hatte eine Dimension dazugewonnen. Einer der ersten literarischen Texte, die den neuen Raum erschliessen, ist Jean Pauls «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» (1801). Die Luft ist für den Ballonfahrer Giannozzo «heilig» und ein Ort der Fantasie: Sie produziert eine «Riesenschlange» aus hundert Wolkenbergen, und die Menschen in der Tiefe erscheinen als «Ameisen-Kongresse». Über diese will Giannozzo sich erheben, da er sie verachtet. Im selben Masse fürchtet er den Absturz. Fände er so den Tod, könnten überdies die «schmutzige[n] Augen» der Irdischen sein Seebuch lesen. Der Verdacht liegt nahe, Giannozzos Horrorvision sei auch sein heimliches Begehren. Mit dem Luftschiffer würde Jean Paul dann eine Erfindung des 18. Jahrhunderts karikieren: das Genie – einen Menschen von aussergewöhnlicher Empfindsamkeit, der am Unverständnis der anderen leidet, dieses aber paradoxerweise zu brauchen scheint.
Nicht nur das Genie, sondern auch den Revolutionär verortet Jean Paul in der Luft. Dutzende von Grenzen zwischen Klein- und Kleinststaaten zerschnitten das Deutschland um 1800. Gelesen als Symbole verwiesen diese auf die Willkürherrschaft der Fürsten, auf die Ineffizienz und Rückständigkeit Deutschlands im Vergleich zum liberalen Grossbritannien und zum zentralisierten postrevolutionären Frankreich, aber auch auf die Sehnsucht nach einer vereinten Nation. Giannozzo wird nun insofern zum grenzverwischenden Revolutionär, als er nicht nur mit seiner Montgolfiere sich über die Grenzen hinwegsetzt, wie er will, sondern auch als «revenant» (frz. für «Gespenst», hier auch wörtlich zu verstehen) die Mächtigen am Boden heimsucht und ihnen derbe Streiche spielt.
Am Beispiel der Luft sollte verständlich geworden sein, wie die Geistes- und spezifisch die Literaturwissenschaft operieren, seit die Aufklärung Materielles und Immaterielles voneinander getrennt hat. Wenn wir uns die Welt als einen Supermarkt vorstellen, dann erforschen sie nicht den Vitamingehalt des Gemüses, sondern dessen Beschriftung – und die Wünsche und (Alp)träume, die damit einhergehen. Die Luft, weil sie über dem Boden der Tatsachen schwebt, scheint besonders geeignet, Beschriftungen zu tragen.
Auf den ersten Blick mögen die Luft zum Atmen und das Gemüse zum Essen wichtiger scheinen als die Etiketten. Wir können jedoch nicht anders, als die Welt zu beschriften, und diese Schrift sollten wir zu lesen imstande sein. C. P. Snow hatte nun insofern Recht, als die, die das Gemüse vermessen, und die, die die Etiketten lesen, gut daran tun, ab und an den Blick von ihrem Gegenstand zu heben und einander von ihren Erkenntnissen zu berichten.