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Die Monster sind immer die anderen
“Monsters” von Gareth Edwards
Kalter Schweiss muss Hollywoods Filmproduzenten den Rücken herunter gelaufen sein, als sie Gareth Edwards “Monsters” sahen. Ein britischer Visual Effects Creator hatte mit einem Budget von 500’000 einen Spielfilm gedreht, der nicht nur um Meilen intelligenter und vielschichtiger war als manches von Hollywoods Multimillionenprojekten, sondern auch mindestens so gut aussah. “Monsters” ist der Beweis, dass low budget nicht zwingend low quality sein muss, sondern vielleicht sogar der Weg zurück zu gutem Kino ist.
Von Lukas Hunziker.
Mit zwei Schauspielern, einem Produzenten, einem Soundtechniker und einem Übersetzer fuhr Gareth Edwards letztes Jahr in einem Lieferwagen durch Mexiko und drehte dabei “Monsters”, seinen ersten Spielfilm. Es war ein Guerillaprojekt, von dem wohl niemand vermutet hätte, dass daraus einer der interessantesten Filme von 2010 entstehen würde. Ein Drehbuch war nur in Ansätzen vorhanden, meistens improvisierten die beiden Schauspieler Scoot McNairy und Whitney Able zu einer grob vorgegebenen Storyline. Sämtliche Nebenrollen wurden vor Ort mit Freiwilligen besetzt, Schauplätze wurden kurzfristig und meist ohne eingeholte Genehmigung ausgewählt. Umso erstaunlicher ist es, dass man dem Film dies alles nicht anmerkt. Nichts wirkt gebastelt, nichts lässt erahnen, auf welch verrückte Weise der Film entstand.
Angst vor der neuen Spezies
“Monsters” spielt in der nahen Zukunft in Mexiko, wo 6 Jahre zuvor eine NASA-Sonde abgestürzt war, die Spuren ausserirdischen Lebens auf die Erde bringen sollte. Inzwischen hat sich dieses ausserirdische Leben in Mexiko ausgebreitet: Riesige krakenähnliche Monster tummeln sich im Dschungel des nördlichen Mexikos in der so genannten “Infected Zone”. Mexiko versucht, unterstützt von amerikanischen Militärs, die Ausbreitung der neuen Spezies zu verhindern, doch der riesige Drahtzaun kann die Monster auf die Länge nicht davon abhalten, auszubrechen und für Chaos in den südlichen Städten zu sorgen. An der Grenze zur USA andererseits haben diese eine gigantische Mauer errichtet, welche Mexiko komplett von ihrem nördlichen Nachbarn abschottet.
Diese Mauer ist das Ziel von Andrew und Samantha, den zwei Protagonisten des Films, welche innerhalb von drei Tagen die Grenze erreichen müssen, bevor diese endgültig geschlossen wird. Andrew, ein Fotograf für eine amerikanische Zeitung, wurde von seinem Chef gebeten, dessen Tochter Samantha unversehrt nach Hause zu bringen – ein Auftrag, der ihm gar nicht in den Kram passt. Da er aber keine andere Wahl hat, setzt er sich mit ihr in einen Zug Richtung Norden und erreicht mit ihr schliesslich eine Hafenstadt, von welcher aus Fähren in die USA überschiffen. Dank unglücklicher Umstände verpassen die beiden jedoch die letzte Fähre, wodurch der einzige Weg, nach Hause zu gelangen, mitten durch die gesperrte Zone führt.
Aus- oder eingesperrt?
Obwohl Gareth Edwards seinen Erstling nicht (oder nicht nur) als Kommentar auf die amerikanisch-mexikanische Grenzpolitik verstanden haben will, ist der Ort des Geschehens in “Monsters” mehr als passend gewählt. Viele Amerikaner wünschen sich seit langem eine Mauer entlang ihrer südlichen Grenze, wie sie im Film zu sehen ist, um die Migration einer ebenfalls als Bedrohung empfundenen Spezies zu stoppen: mexikanischen Einwanderern. Die Paranoia Amerikas ist eines von vielen Motiven, mit welchen der Film spielt, und eine der vielen interessanten Fragen, welche “Monsters” stellt, ist, ob die Mauer die USA zu einem geschützten Ort oder zu einem Gefängnis macht. Die Angst vor den Kreaturen der infizierten Zone scheint bei den USA wesentlich grösser zu sein als in Mexiko. Auch dort fürchtet man sie, aber man hat gelernt, mit ihnen zu leben, so wie man mit Krankheiten oder anderen Gefahren lebt.
Eine andere Frage, die der Film denn auch stellt, ist, wie bösartig die neue Spezies wirklich ist. Obwohl Begegnungen mit den Monstern oft tödlich enden, sind sie meist zufällig; nichts deutet darauf hin, dass die neue Lebensform den Planeten an sich reissen will oder dass homo sapiens zuoberst auf seiner Speisekarte steht. Wer ein Monster ist, müssen die beiden Reisegefährten, die sich einander auf ihrem gefährlichen Road Trip immer näher kommen, feststellen, ist eine Frage der Perspektive. Viele Mexikaner, welche sie treffen, scheinen die amerikanische Reaktion auf das Erscheinen der Spezies ebenso, wenn nicht noch mehr zu fürchten, als die Monster selbst.
Vom richtigen Einsatz von CGI
Diese Vielschichtigkeit und die Bezüge zu aktueller US-Aussenpolitik sind jedoch der Subtext des Films und werden nie ins Zentrum gestellt. “Monsters” ist in erster Linie genau das, was der Titel verspricht: ein packender und unheimlicher Monsterfilm. Wie Gareth Edwards in einem Interview angab, wollte er den realistischsten Monsterfilm machen, den es je gegeben hat. Das Mittel, um dies zu erreichen, war, die Special Effects der Story und Charakterentwicklung unterzuordnen, und nicht umgekehrt. Obwohl nie vor Bluescreen oder Greenscreen, sondern immer an echten Schauplätzen gedreht wurde, ist viel an “Monsters” CGI. Wirklich merken tut man dies aber nicht, da es nur für die Monster selbst und Details im Hintergrund verwendet wurde. Genau so möchte Edwards CGI verwendet sehen: nicht als Hauptattraktion eines Films, sondern als Mittel, um diesen realistischer zu gestalten.
Gelungen ist ihm dies, und zwar beneidenswert gut. Ob “Monsters” der realistischste Monsterfilm aller Zeiten ist, sei dahingestellt, aber dass Science Fiction schon lange kein so glaubhaften Szenario mehr heraufbeschworen hat, steht ausser Zweifel. Man kann nur hoffen, dass Gareth Edwards nicht von Hollywood gefressen wird, indem man ihm schlechte Drehbücher und ein Millionenbudget zur Verfügung stellt für seinen nächsten Film. Die Lehre, welche die reiche, aber ideenlose amerikanische Filmindustrie aus “Monsters” ziehen sollte, ist, zu erkennen, dass mit einer guten Idee, zwei motivierten Schauspielern und Equipment für gerademal 15’000$ ein Film zu machen ist, dem das meiste, was Hollywood auskotzt, nicht das Wasser reichen kann.
Ausstattung
Dass zu “Monsters” kein Making of entstand, ist absolut verständlich. Stattdessen enthält die DVD einen Audiokommentar mit dem Regisseur und den beiden Hauptdarstellern.
Seit dem 21. April 2011 im Handel.
Originaltitel: Monsters (Mexiko, Grossbritannien 2010)
Regie: Gareth Edwards
Darsteller: Whitney Able, Scoot McNairy
Genre: Intelligenter Monsterfilm
Dauer: 90 Minuten
Bildformat: 2,35:1
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar, Trailer
Vertrieb: Impuls
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