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«Ich fand ihn untypisch», sagt Nikolaus Stingl über den neuen Roman von Cormac McCarthy. Stingl muss es wissen – er hat Cormacks zentrale Werke wie die tragische Cowboy-Geschichte «All die schönen Pferde», das Teufelsbuch «Kein Land für alte Männer» oder den Endzeitroman «Die Strasse» ins Deutsche übertragen.
Ein anderer McCarthy
Nun veröffentlicht McCarthy «Der Passagier», der zusammen mit seinem Schwesterroman «Stella Maris» ein Doppel-Opus bildet. Es ist ungewohnter Text des sonst so stringent erzählenden Autors.
«Seine anderen Werke sind karge Geschichten von wortkargen Menschen», sagt Stingl. Oftmals, wie in «Kein Land für alte Männer», gehe es um letzte Fragen wie jener nach Gut und Böse, die dann in einer sehr linearen Handlung abgehandelt werden. «Das war in dem Fall nicht so», sagt der Übersetzer.
Von Inzest bis Politik
Seit vielen Jahren fühlt sich Cormac McCarthy dem Santa Fé Institute verbunden, einer interdisziplinären Forschungseinrichtung, die sich mit komplexen naturwissenschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzt. Das hat sich in seinen beiden neuen Romanen über eine inzestuöse Geschwisterbeziehung und die Grenzen menschlicher Erkenntnis niedergeschlagen.
Buchhinweis
- Cormac McCarthy: «Der Passagier.» Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, 2022.
- «Stella Maris» erscheint am 22. November 2022.
«Es sind die Sachen, die ihn sein Leben lang umtrieben – aber auch metaphysische Fragen in der Mathematik oder in der Teilchenphysik. Auch politische Themen werden behandelt. Sogar über den Mord an J.F. Kennedy wird spekuliert», sagt Stingl.
Quantenphysik trifft Literatur
Auf über 500 Seiten mäandern mehrere Erzählstränge um das nie wirklich geklärte Schicksal von Bobby Western. Er ist ein Bergungstaucher, gescheiterter Physiker, Rennfahrer und Sohn eines Atomphysikers, der am Bau der amerikanischen Atombombe in Los Alamos beteiligt war.
Vielversprechend ist der Anfang: Bobby Western bekommt den Auftrag, im Golf von Mexiko nach einem abgestürzten Privatflugzeug zu tauchen. Denn ein Passagier und die Black Box fehlen. Im Zentrum des Romans stehen Gedankengänge und Erörterungen aus der Quantenphysik, die Bobby Western während zahlloser Restaurantbesuche mit alten Weggefährten bespricht. Und Überlegungen, die die an paranoider Schizophrenie erkrankte Alicia einem halluzinierten Zwerg in den Mund legt.
Das klingt im Buch dann auch mal so: «Bewegen sich Spiegelbilder auch mit Lichtgeschwindigkeit fort? Was meint dein Kumpel Albert? Wenn das Licht aufs Glas trifft und sich auf den Rückweg in die entgegengesetzte Richtung macht, muss es dann nicht zuerst komplett zum Stillstand kommen?»
McCarthys Vermächtnis?
Cormac McCarthys Alterswerk ist möglicherweise ein metaphysischer Essay in der Kulisse eines Romans, sagt Nikolaus Stingl: «Ich denke, das ist eine Art Vermächtnis. Dieses Interesse an der modernen Physik oder an der modernen Mathematik kommt meines Wissens in früheren Büchern nicht vor. In diesen beiden Büchern spielt das eine enorme Rolle.»
In «Der Passagier» und «Stella Maris» wird der Leser ins spekulative Reich der Quantenphysik und Mathematik geführt. Alicia und Bobby Western wirken wie Verlorene, auf die der Vater als Mit-Schöpfer der Hiroshima-Bombe seine Schatten wirft. Wie Sonderlinge, die ihr «echtes Leben» in die Parallelwelt der Mathematik und Physik verschoben haben.
«Dieses Buch ist wahrlich keine Wärmestube», bilanziert Nikolaus Stingl.
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