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Ich bin seit jeher fasziniert von den grossen Fleischfressern, im Besonderen vom Luchs, der mittelgrossen Raubkatze, welche in den jurassischen Wäldern lebt. Dieses wunderbare Tier hat leider nach wie vor einen schlechten Ruf und wird zu oft Opfer von Vorurteilen, was seine Nahrungsliste oder sein Verhalten angeht. Dies führt zu einer hohen Wildereirate. Da ich meinen Teil für ein friedliches Zusammenleben von Menschen und dem Raubtier, das gerne Jagd auf Rehe macht, leisten wollte, habe ich mich in einen Studiengang in Biologie eingeschrieben; zunächst in Neuenburg (Bachelor) und anschliessend in Bern (Master). Leider gibt es kaum Möglichkeiten, wissenschaftliche Studien über dieses Tier durchzuführen, finanzielle Mittel sind sehr schwer zu beschaffen, vor allem in einem politisch und sozial wenig wohlwollenden Umfeld… Letztendlich würde es also Skandinavien sein, das mich aufnimmt. Zunächst würde ich im Sommer für sechs Wochen im Rahmen des Forschungsprojektes Scandlynx vor Ort sein und dann ab dem darauf folgenden Herbst die Forschungsarbeit im Rahmen meiner Masterthese weiterführen.
So bin ich also auf dem Weg nach Norwegen. Noch bevor ich überhaupt gelandet bin, bereits der krasse Umgebungswechsel: überall Wasser und aus der Luft sieht es aus, als würden auf der Erde tausende von Spiegeln schimmern. Mein Besuch in Norwegens Hauptstadt wird nur kurz sein, da mich eine mehrstündige Weiterfahrt mit einem Projektmitarbeiter erwartet. Die Forschungsstation befindet sich im hübschen Tal von Hallingdal, zwischen der Hauptstadt und Bergen, im Norden des Hardangervidda Plateaus, wo sich einer der grössten Gletscher des Landes befindet. In dieser gebirgigen Gegend leben einige mit Peilsendern ausgestattete Luchse. Dank der Rücksendung von Lokalisierungsdaten via Satellit direkt auf unsere Computer ist es uns möglich, ihnen zu folgen. Wir werden versuchen, die Überreste von Wild- oder Haustieren zu finden, welche von diesen Luchsen gerissen wurden, um die Auswirkungen der Raubzüge auf die Populationen der wilden Beutetiere zu quantifizieren und gegebenenfalls die betroffenen Tierhalter entschädigen zu können. Tatsächlich ist der norwegische Luchs eine potenzielle Gefahr für Schafe, besonders im Sommer, wenn diese ohne Hirte, nächtliche Ruhestätte oder sonstige Schutzmassnahmen frei in der Natur herumstreunen… Apropos Schafe: Wir sollten uns konzentrieren! Denn auch wenn die Strassen hier oft lang und monoton sind und man dazu neigt, den Blick schweifen zu lassen und sich in der Weite zu verlieren, ist nicht ungewöhnlich, Schafe anzutreffen, die sich in aller Seelenruhe hinlegen, um ihre Nahrung wiederzukäuen – und zwar mitten auf der asphaltierten Strasse…
Nachdem ich ein paar Tage meine beiden Kollegen draussen begleitet habe, finden diese, dass ich bereits so gut zurechtkomme, dass ich mich alleine in die unendlichen Weiten Norwegens wagenkann. Der fixe Treffpunkt am Abend: an der Strasse zur luchsig-lustigen Spurensuche. Nur dass ich dann zwei Stunden später bemerken musste, dass die Batterieanzeige des GPS bereits auf unterster Stufe war. Der grossartige Moment der Einsamkeit… Glücklicherweise verläuft meine Erkundungsroute entlang eines mehr oder weniger durchgehenden und geraden Pfades bis zur Strasse hin, wo ich mich mit den beiden Kollegen treffen soll. Ich habe meine Lektion gelernt: Nie wieder werde ich ohne ein paar Ersatzbatterien aus dem Haus gehen.
Ob es nun ein wenig nieselt oder giesst wie aus Kübeln (die Sonnenstunden sind in Norwegen ziemlich rar), wir verbringen unsere Tage draussen auf den Spuren der Luchse, inmitten dieser magischen Landschaft, wo die Gewaltigkeit der Natur uns stets daran erinnert, wie klein wir doch eigentlich sind und uns Menschen wiederzeigt, wo unser Platz ist. Hier ist noch die Natur die Königin. Zwischen Seen und Torfmoor, Wäldern, soweit das Auge reicht, steilen Felswänden oder Hochplateaus, über die der Wind fegt; für mich ist es ein riesiges Glücksgefühl, diese wilden Gegenden zu durchqueren. Das Vorankommen abseits des Weges kann sich allerdings als ziemlich mühsam erweisen. Eine Strecke von 1 km Luftlinie zurückzulegen dauert länger als geplant, wenn man zahlreiche Umwege machen muss, um Moorflächen zu umgehen oder alle 10 Schritte wieder auf allen Vieren landet, weil das feuchte Moos den Boden glitschig macht. Ebenso sollte man sich nicht zu sehr an Baumstrünken festhalten, um voranzukommen, da diese die lästige Tendenz haben, umzustürzen. Und schliesslich verlangsamt auch die unglaubliche Menge an Steinpilzen, mit denen wir unsere Taschen vollstopfen, unseren Marschrhythmus empfindlich… Mich überraschte die relativ geringe Anzahl Tiere, welche wir beobachten konnten, obwohl wir doch jeden Tag 12 Stunden draussen unterwegs waren. Man muss sagen, dass auf der einen Seite die Norweger zwar oft jagen gehen, aber auf der anderen Seite die Tiere auch viel Platz zur Verfügung haben, um sich vor dem Menschen zu verstecken. Dennoch hatte ich das Glück, eine schöne Erfahrung zu machen – auf der Nase vor den Füssen eines Elches gelandet. Ich weiss nicht, wer von uns beiden überraschter war, aber sich unterwegs plötzlich von Angesicht zu Angesicht mit diesen unglaublich langen Beinen vor einem mit einem überdimensionierten Geweih gekrönten Kopf wiederzufinden, hat mich doch für einen Moment etwas aus der Fassung gebracht…
Ebenso gab es unvergessliche menschliche Begegnungen, zum Beispiel mit einem Tierhalter, den wir angerufen hatten, um ihn darüber zu informieren, dass wir sein Land betreten würden, um dort nach Kadavern seiner Schafezu suchen. Unseren Informationen zufolge war seine Herde Opfer eines Luchsangriffes geworden. Schlussendlich haben wir ein einziges Schaf wiedergefunden, komplett verspeist. Nie werde ich das Lächeln des Halters vergessen, glücklich darüber, dass sein Schaf als Nahrung für einen Luchs gedient hatte! Was für ein schönes Beispiel harmonischen Zusammenlebens!
Aber das Terrain hält manchmal auch einige Überraschungen bereit. Als ich eine Erkundungszone ansteuerte, welche nicht weit von einer privaten Strasse mit Mautstelle gelegen war, entschied ich mich, vor der Barriere kehrt zu machen und off-road weiterzufahren. Ich sitze am Steuer eines Hilux 4x4, bekannt für seine Fähigkeit, Skipisten hinaufzufahren. Eine kleine moränische Böschung wird ihn bestimmt nicht einfach so stoppen… Doch in dem Moment, als die vorderen zwei Räder übernehmen, merke ich, wie der vordere Teil des Wagens einsackt. Das Fahrzeug steckt nun tief und fest in der Molasse drin. Ich versuche mit dem Rückwärtsgang wieder rauszukommen, doch es ist nichts zu machen. Der Lärm der durchdrehenden Räder lockt die Anwohner an, welche mir nun mit spöttischem Blick zuschauen. Glücklicherweise gelingt es mir dank ein paar Schaufelhieben und einer aufgrund der amüsierten Blicke entfesselten Kraft schliesslich, ganz alleine das Fahrzeug aus dieser misslichen Lage zu befreien…
Während diesen sechs Wochen Feldforschung hatte ich die Gelegenheit, eindrückliche Momente zu erleben, sowohl alleine als auch mit meinen Kollegen, lustige Stunden zu teilen, eine wunderschöne Natur zu durchqueren und vor allem wunderschöne Begegnungen mit Mensch und Tier zu machen… all das auf den Spuren des Luchses!
Der Herbst war bereits eingezogen und in den Höhen auch schon Schnee gefallen, als die nächste Etappe und eine weitere lange Reise von acht Stunden auf mich warteten: nach Trondheim und zu den Büros des Forschungsinstitutes über die norwegische Natur.
Trondheim ist am Rande eines Fjords gelegen und eine angenehme und sehr gastfreundliche Stadt. Sie wurde im Jahre 997 vom Wikingerkönig Olav Tryggvason gegründet. Heute verschmelzen das Alte und das Neue zu einem wunderbaren Gefüge, besonders im Stadtzentrum. Das Prunkstück ist die Kathedrale mit ihrer imposanten Hauptfassade. Noch heute ist die Kathedrale ein Pilgerort. Die Altstadt von Trondheim kommt sehr pittoresk daher mit ihren auf hölzernen Pfahlbauten gestellten Häusern in leuchtenden Farben und ihrer alten Brücke, die den Fluss überquert. Eine Strasse weiter wurden die Backsteingebäude, welche früher die Docks beherbergt hatten, gekonnt in eine lichtdurchflutete Einkaufszone verwandelt, welche mit ihren zahlreichen kleinen Cafés und Restaurants bis zum Hafen hinreicht. Gegenüber des Hafens bietet das per Boot erreichbare kleine Inselchen Munkholmen einen entzückenden Blick auf die Stadt.
Ein weiteres Muss, um einen atemberaubenden Blick über Trondheim zu ergattern, ist der Besuch des Tyholt Tower, der 120m hohe Turm mit einem Restaurant auf 74 m. Man kann jeden Tag gratis dort hinaufsteigen. Die Restaurantplattform dreht sich um sich selbst und vollbringt innerhalb einer Stunde eine ganze Drehung.
Schliesslich kannst du mit einem Besuch im Trøndelag Folk Museum mit seinen über 80 historischen Gebäuden (traditionelle Holzhütten, Bauernhof, Schloss…) gänzlich in die norwegische Kultur eintauchen.
Erkunde die Stadt ruhig per Fahrrad, denn ein Velolift, der einem Skilift für Zweiräder gleicht, bringt dich ganz ohne Mühe auf die Hügel der Stadt!
Die Universität der Naturwissenschaft und Technologie empfängt jedes Jahr mehr als 20'000 Studenten. Die Universität verfügt über zwei grosse Hauptcampus: Dragvoll für die Geisteswissenschaften und Gløshaugen für die Natur- und Ingenieurswissenschaften (ein altes Gebäude mit einer Fassade à la Harry Potter). Auf der Uniwebsite findest du alles Wissenswerte, um einen akademischen Studiengang in Angriff zu nehmen sowie praktische Tipps zum Leben in Trondheim während des Studiums.
Für alle neuen Studenten ist eine Orientierungswoche vorgesehen: Auf dem Programm stehen eine geführte Tour durchs Stadtzentrum, ein Spaziergang entlang der Küste, die Entdeckung kulinarischer Spezialitäten, ein Crashkurs in Norwegisch und vieles mehr…
Aber aufgepasst, in Trondheim zu wohnen erweist sich als äusserst kostspielig und kompliziert, wenn man nicht in einem der Studentenwohnheimen logiert!!! Am besten kümmert man sich schon im Voraus um eine Reservierung!
Es gibt in Trondheim ein Studentenwohnhaus, Samfundet, das zugleich Hauptsitz der grössten Studentenverbindung Norwegens ist und auch eine Café-Bar beherbergt sowie regelmässig Konzerte und andere Aktivitäten organisiert. Im Sommer funktioniert das Gebäude auch als Jugendherberge.
Darüber hinaus findet in Trondheim alle zwei Jahre ein internationales Studentenfestival statt. Dort können sich junge Leute aus aller Herren Ländern treffen. Das nächste wird 2017 stattfinden.
Natur, Sport und Gastronomie:
In Norwegen sind die Natur und Weiten omnipräsent. Das Land zählt 37 Nationalparks (Spitzbergen nicht mitgezählt). Die Norweger sind bei jedem Wetter draussen, sowohl Kinder als auch Erwachsene und der Sport ist integraler Bestandteil ihrer Kultur, besonders das Langlaufen. Ich war sehr überrascht zu sehen, dass in Trondheim fast mehr Leute mit dem Velo oder den Rollerskis zur Arbeit fahren als mit dem Auto. Zahlreiche Wege ermöglichen es, das Land und die umgebenden Hügel zu durchqueren. Im Winter werden die Wege dann durch schöne Langlaufloipen ersetzt. Hütten – oft als Self-Service organisiert – bieten ideale Rastmöglichkeiten auf mehrtätigen Exkursionen. Das Wetter kann in Norwegen abrupt wechseln, besser nimmt man daher vorsichtshalber eine gute, wasserfeste Jacke mit! Zudem dauert der „Tag“ während einiger Wochen im Winter nicht einmal zwei Stunden. Aber einige Nächte bieten ein unglaubliches Spektakel: die Polarlichter! Handkehrum scheint im Sommer selbst um Mitternacht noch die Sonne, will heissen, dass die ganze Zeit „Tag“ ist, die „Nacht“ sich lediglich durch schwächeres Licht bemerkbar macht.
Wenn man sich physisch verausgabt hat, gibt es nichts Besseres, als mit einer guten Mahlzeit wieder zu Kräften zu kommen. Die norwegische Küche basiert vor allem auf Fisch und Wild. Norwegischer Lachs ist ein absolutes Muss; tausend Mal besser als jener, der hier bei uns zu finden ist! Der Rakfisk, ein fermentierter Fisch den man roh isst, ist hingegen eher etwas speziell. Einer der typischsten norwegischen Käse ist der brunøst, eine braune Schwarte mit einem kompakten Karamelgeschmack, etwas trocken, den man in feinen Scheiben geniesst. Unbedingt probieren! Früchte und Gemüse müssen wegen des nordischen Klimas mehrheitlich importiert werden. Interessanterweise findet man sie in den Supermärkten einzeln abgepackt… Die besten norwegischen Desserts werden mit Früchten und lokalen Beeren zubereitet, wie den arktischen Brombeeren, köstlichen gelben Moltebeeren oder Preiselbeeren.
Norwegen ist wahrlich ein wunderbares Land, und dort zu studieren bietet eine reiche Erfahrung, sowohl auf menschlicher als auch beruflicher Ebene. Eine tolle Gelegenheit für all jene, welche die Natur lieben!