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Classement thématique série 1848–1945:
III. AFFAIRE DE NEUCHÂTEL
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Mein lieber Freund!
Wenn ich Dir über den Neuenburger-Handel schrieb, so geschah es, um Dich über alles erhebliche, was darüber in unsern Kreisen vorgeht, in Kenntnis zu setzen und keineswegs, um damit ein Urtheil von Dir zu erhalten, für das Du gleichsam verantwortlich seyn solltest. In diesem Sinn fahre ich fort, Dir weitere Mittheilung zu machen. Du weisst, dass inzwischen Sydow, sekundirt von Mensshengen, Malzen und Dusch (von diesen drey jedenfalls sehr contre cœur) das Begehren stellte2, dass vor allem und ohne jede Bedingung die Gefangenen befreit, d. h. der ganze Process niedergeschlagen werde; dann wolle er unterhandeln; wo nicht, so behalte er sich weitere Massregeln vor. Gestern beschloss der Bundesrath einstimmig, das Begehren sey abzulehnen3, dagegen sey man hierseits zu Unterhandlungen bereit. Ich bemerke Dir, dass man nur über die Form der Antwort discutirte, über den Inhalt kein Wort, weil man diesen als selbstverständlich voraussetzte. Auch über die Motive brauchte man um so weniger sich den Kopf zu zerbrechen, als der Bundestag sich auch nicht die Mühe nahm, das unverschämte Begehren um Aufgeben unsrer Jurisdiction zu motiviren. Jetzt heisst es also gegenüber Deutschland: Jacta est alea, und wir müssen gewärtigen, wie weit es unsre lieben Nachbarn in ihrer Unterwürfigkeit gegen Preussen treiben wollen.
In Paris ist wahrscheinlich nur so viel erreicht, dass der böse Eindruck einer abschlägigen Antwort von uns grossentheils verwischt wurde. Bei Napoleon ist es aber Sache der Eitelkeit und des Interesses, dem König von Preussen zu seinem nächsten Zweck, Befreiung der Gefangenen zu verhelfen; würde dieses geschehen, so erhielten wir die confidentielle Zusicherung, dass der K. v. Preussen dann schon zum Verzicht bestimmt werde. England scheint mir im Stillen froh zu seyn, wenn wir nicht nachgeben, wenn wir Napoleon diesen Sieg nicht gestatten. Wir unserseits können uns auf zweideutige diplomatische Versprechungen nicht verlassen, zumal der K. v. Preussen nichts andres begehrt, als die Gefangenen, die er hineinritt, wieder frey zu haben und dann die Sache wieder beim Alten zu lassen. Das wäre vermuthlich das schmähliche Ende vom Liede, da er bei den Unterhandlungen nur Bedingungen zu stellen brauchte, die wir nicht annehmen könnten. Wir haben übrigens ziemliche Anzeichen, dass man (auch von Frankreich her) nur das Maass von Drohungen erschöpfen will, um uns einzuschüchtern und dass N. einen ernstlichen Angriff auf die Schweiz nicht gestatten will. Sollten wir uns mit confidentiellen Zusicherungen eines nachherigen Verzichtens begnügen, so müssten wir jedenfalls und mindestens noch die zweite Zusicherung und zwar schriftlich haben, dass, wenn Preussen nicht verzichte, Frankreich und England nie ein einseitiges Vorgehen desselben gegen die Schweiz gestatten werden oder irgend einen Act, der das Londoner-Protokoll wieder auf den Kopf stellte. Dufour wird nächstens zurückkommen, ohne ostensibel den Kaiser auf eine andre Bahn und davon abgebracht zu haben, die Befreyung der Gefangenen zu verlangen. Gleichwohl glaube ich, dass seine Mission von guter Wirkung gewesen sey. Das Raisonement des Kaisers beruht darauf: «Lasst die Gefangenen frey und ich garantire euch, dass Preussen verzichten wird; die Bedingungen sind Sache der Unterhandlung; jene Garantie kann ich aber nicht förmlich und offiziell aussprechen.» In diesem Sinn werden wir wahrscheinlich nächste Woche noch eine Note erhalten, die wir aber vermuthlichst höflichst und motivirt ablehnen werden und zwar um so mehr, wenn England nicht dabei ist. Wir dürften weit eher vor die Bundesversammlung kommen, wenn wir statt eines Verzichtes von Preussen gewisse, vorläufige Zusicherungen von England und Frankreich gemeinschaftlich vorlegen könnten. Jedenfalls ist so viel sicher, dass der K. v. Preussen zur Zeit nicht einwilligen will, vor der Befreiung der Gefangenen von einem Verzicht oder von Unterhandlungen zu sprechen. Wenn die Procedur einen Zweifel übrig Hesse, so wäre dieser Umstand ein schlagender Beweis, dass die Royalisten ihre Parole in Berlin erhielten. Denn sonst wäre die Ehre des Königs gar nicht erheblich engagirt.
Obwohl ich sonst in so wichtigen Sachen ziemlich ängstlicher Natur bin, so habe ich merkwürdiger Weise diese ganze Geschichte von Anfang bis jetzt mit der grössten Gemüthsruhe verfolgt, als ob sie mich nichts anginge. Und doch weiss ich, dass in solchen Dingen die Regierungen ganz nach dem objektiven Erfolg beurtheilt werden.
Bis auf weiteres grüsse Dich und unsre Freunde herzlich,
Dein F.