Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03552.jsonl.gz/2005

Auch mit 81 pflegte Jost Limmacher sein Grundstück noch selber. Es ist so gross wie ein halbes Fussballfeld mit über 20 Bäumen in der Gartenanlage rund um die zwei Wohnhäuser. Eine Menge Arbeit. Im März 2012 wurde der pensionierte Arzt verletzt in seinem geliebten Garten gefunden und starb kurz darauf. Fünf Tage später folgte ihm seine Frau Margot mit ebenfalls 81 Jahren. Seither stehen die beiden Häuser am Ende der Luzerner Sternmattstrasse leer.
Rund 20 Jahre zuvor, im Sommer 1990, hatten Jost und Margot Limmacher je ein gleichlautendes Testament verfasst. Darin steht, alle Angehörigen seien enterbt, Pflichterben gebe es nicht. Und:
«Die Liegenschaften an der Sternmattstrasse 68 und 74 dürfen auf keinen Fall wieder bewohnt werden. Das gesamte Inventar ist so zu belassen, wie es beim Eintritt des Todes des zweiten Ehegatten besteht.»
Weiter verfügten sie, dass nach dem Tod des zweiten Ehegatten eine Stiftung gegründet werden soll, in die der gesamte Besitz übergeht. Dazu gehören auch ein Mehrfamilienhaus an der Sternmattstrasse 32, ein Stockwerkeigentum in Kriens (Jost Limmachers einstige Praxis) und ein Grundstück im deutschen Mühlacker. Das Grundstück in Deutschland, noch grösser als jenes in Luzern, darf nicht überbaut werden. «Gegebenenfalls kann es von der Stadt Mühlacker als Tierpark oder für ein Tierheim genutzt werden», steht in den Testamenten.
Ein weiterer Stiftungszweck ist die Unterstützung des Pferdeheims Le Roselet im Kanton Jura. Auf der jeweils letzten Seite der Testamente steht allerdings: «Der Erlös aus dem Vermögen ist nur zu zehn Prozent an die tierschützerische Organisation zu geben, 90 Prozent sind wieder dem Fonds der Stiftung zuzuführen, mit der Absicht, dass immer genügend Mittel zum sorgfältigen Unterhalt der Liegenschaften vorhanden sind.»
Viel Briefverkehr mit der Gemeinde
Das Haus an der Sternmattstrasse 68 ist Jost Limmachers Elternhaus. Sein Vater hat es 1937 erbaut. Es steht am Südrand von Luzern an der Grenze zu Horw. 1974 liess Limmacher auf dem Grundstück ein weiteres Gebäude bauen: ein «Kleintierhaus für zwei Katzen» für 4600 Franken. Es gab Einsprachen, gegen die sich Limmacher in einem Brief an die Baudirektion wehrte. Die Einsprachen beruhten «allein auf nachbarlicher Böswilligkeit».
Über die Kosten des Baugesuchs, 266 Franken und 30 Rappen, ärgerte sich Limmacher dermassen, dass er in mehreren Briefen eine Reduktion forderte. «Ich verlange, dass mir bewiesen wird, dass ähnliche Bauten in der Stadtgemeinde Luzern für die Baubewilligung ebenfalls mit einem solchen Betrag belastet wurden.» Schliesslich handelte er sich eine Strafanzeige ein, weil er mit dem Bau des Katzenhauses begonnen hatte, bevor er die Bewilligung erhalten hatte.
Später wollte die Stadt, nach einem schweren Unfall mit einem Fussgänger, ein Trottoir entlang Limmachers Parzelle bauen – eine Massnahme gegen die unübersichtliche Verkehrssituation. «Die unterschiedlichen Vorstellungen über den Wert des zu enteignenden Terrains und der zu fällenden Bäume beschäftigten Stadtrat, kantonale Schätzungskommission und Verwaltungsgericht neun Jahre», steht dazu in der Quartierchronik.
Ihre Urnen befinden sich im Garten
1989 bauten Limmachers ein weiteres Einfamilienhaus auf ihrem Grundstück – die «Dependance». Sie hat zehn Zimmer auf vier Etagen, eine Garage und einen Schutzraum im Keller. In den Testamenten ist vermerkt, dass der Familienschmuck im Tresor des Schutzraums aufbewahrt werden soll. Auch die Autos – ein Mercedes, ein Porsche Carrera und ein Chevrolet Caprice – sowie ein Boot sollen dort eingestellt und «sorgfältig und fachmännisch» gepflegt werden.
Die Dependance sei ursprünglich als private Altersresidenz vorgesehen gewesen, sagt Jörg Sprecher. Er ist einer der wenigen Nachbarn, die je Kontakt mit Limmachers hatten. «Sie lebten sehr zurückgezogen und beschäftigten sich vor allem mit sich und ihrem Grundstück. Das komplette Areal ist mit einem hohen Zaun abgeschirmt, was ja eigentlich für sich spricht.» Aus welchem Grund die Limmachers die beiden Häuser der Nachwelt vorenthalten wollten, kann niemand mit Sicherheit sagen.
Bei ihrem Tod im Frühling 2012 gab es keine Abdankung. Die Bestattung war in den Testamenten geregelt: «Die Urnen werden im Park der Liegenschaft Sternmattstrasse 68 in der Gruft der Eltern von Jost Limmacher beim Denkmal des grosselterlichen Grabes (zwei Frauengestalten) beigesetzt.»
«Wir können den Wunsch nach den leerstehenden Häusern zwar nicht nachvollziehen, trotzdem mussten wir versuchen, ihn zu erfüllen.»
Paul Eitel, Professor an der Universität Luzern und Stiftungsratspräsident
Dass die Urnen in der Gruft stehen und die Häuser leer geblieben sind, dafür sorgt die «Margot und Jost Limmacher-Leo Stiftung». Nach dem Tod des Paars betraute das Luzerner Teilungsamt einen Treuhänder mit der Erbschaftsverwaltung. Er holte zur Gründung der testamentarisch verfügten Stiftung einen Immobilienfachmann ins Boot – sowie Paul Eitel, Professor an der Universität Luzern. Sein Spezialgebiet: Erbrecht. Eitel, der Stiftungsratspräsident, sagt: «Wir können den Wunsch nach den leerstehenden Häusern zwar nicht nachvollziehen, trotzdem mussten wir versuchen, ihn zu erfüllen.»
Damit eine Erbstiftung gegründet werden kann, braucht es drei Dinge: den Willen des Testators, eine Stiftung zu errichten, den Stiftungszweck und ein Vermögen, das die Stiftung erhält. «Das alles ist gegeben, somit ist dem Testament Folge zu leisten, auch wenn der Stiftungszweck teilweise sinnlos erscheinen mag», so Eitel.
2016, ein Jahr nach der Gründung der Stiftung, wurde das Haus an der Sternmattstrasse 68 kurzzeitig wieder belebt: Am 11. Juni, eine halbe Stunde vor Mitternacht, stieg eine Gruppe junger Leute in das leerstehende Haus ein und hängte ein Transparent an die Fassade: «BESETZT!»
«Wir finden es grundsätzlich absurd, dass manche Leute viel Land besitzen, um damit Rendite zu machen», sagt einer der damaligen Besetzer. «Die Situation an der Sternmattstrasse 68 ist doppelt absurd: Besitz über den Tod hinaus! Darauf wollten wir aufmerksam machen.» Im ersten Moment seien sie ziemlich erschrocken: «Wir dachten, das Haus sei leer. Die ganze Wohnung war aber noch komplett eingerichtet.» Nach einer Woche räumte die Polizei das Haus.
Eine Million Steuern fällig
Die Hausbesetzung war die kleinste Sorge der Stiftung. Sie geriet in finanzielle Schieflage. Die Steuerbehörde taxierte sie nicht als gemeinnützig, damit war sie steuerpflichtig. «Wir müssen rund eine Million Franken Erbschaftssteuern und Grundstückgewinnsteuern zahlen», sagt Stiftungsratspräsident Paul Eitel. Hinzu kamen Probleme mit der Hypothek. Die Liegenschaften sind mit drei Millionen Franken belastet. Unter diesen Umständen wollte die Credit Suisse die Hypothek nicht weiterführen. Man habe keine andere Bank gefunden, die sie übernommen hätte, sagt Eitel.
Damit war klar, dass der Stiftungszweck nicht mehr vollständig erfüllt werden kann. «In diesem Fall darf der Stiftungszweck angepasst werden. Die Aufsichtsbehörde bewilligte das auch», so Paul Eitel. Seit Januar 2018 besagt der Stiftungszweck nur noch: Unterstützung des Pferdeheims Le Roselet, bestmögliche Vermietung des Mehrfamilienhauses an der Sternmattstrasse 32, und das Grundstück in Deutschland darf nicht überbaut werden. «So konnten wir zumindest einen Teil des Stiftungszwecks retten», resümiert Eitel.
In nächster Zeit wird die Stiftung die beiden leeren Häuser und das gesamte Inventar verkaufen. Die Urnen werden im Hinblick auf den Verkauf vom Grundstück entfernt. Alles nur, weil man keinen neuen Kredit erhielt: «Wenn wir eine Bank gefunden hätten, hätten wir dafür sorgen müssen, dass die Häuser, gemäss dem Willen der Stifterin, bis auf weiteres gut unterhalten und eingerichtet, aber unbewohnt bleiben», sagt Stiftungsratspräsident Paul Eitel.