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Für Rosa Sánchez hat die Erfahrung mit dem Erasmus-Programm ihren Wunsch, im Ausland zu leben, gefestigt. Heute lebt sie in der Schweiz und macht ein Doktorat in Soziologie unter Bedingungen, die in Spanien, ihrem Heimatland, "undenkbar" wären. Das Gefühl, "zu keinem Land zu gehören", setzt ihr jedoch zu.
Rosa Sánchez wusste schon immer, dass sie nach Beendigung ihres Studiums aus Spanien weggehen würde. Das Erasmus-Jahr in England war noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: "Nach zehn Monaten im Ausland musste ich zurückkehren, um mein Studium zu beenden. Sofort wurde mir bewusst, dass ich mich nicht mehr zuhause fühlte", erzählt die 25-jährige Spanierin. Durch das Leben in einem anderen Land wurde sie vom "Expat-Virus" angesteckt. "Ich lernte Leute kennen, die sich andere Zukunftsperspektiven wünschten und für die es normal war, kurz nach dem Studienabschluss einen interessanten und gut bezahlten Job zu bekommen."
"Unbezahlte Praktika, Freiwilligenarbeit oder ein Forschungsstipendium, mit dem man für einen Vollzeitjob 300 Euro verdient. Dies waren die Angebote. Ich entschied, dass es sich nicht lohnt zu bleiben."
Der persönliche Wunsch war das eine, doch wie für viele andere Spanier führte die Situation auf dem Arbeitsmarkt schliesslich dazu, dass sie Spanien verliess. Nach Angaben des Ministeriums für Bildung, Kultur und Sport finden lediglich etwas weniger als die Hälfte der Studienabgänger in Soziologie eine Arbeit, die ihrem Bildungsniveau entspricht. Zuhause bleiben hätte zu dieser Statistik beigetragen: "Unbezahlte Praktika, Freiwilligenarbeit oder ein Forschungsstipendium, mit dem man für einen Vollzeitjob 300 Euro verdienen würde. Dies waren die Angebote. Ich entschied, dass es sich nicht lohnt zu bleiben."
Keine Wertschätzung für die Jungen in Spanien
Dank der Universität kam Rosa 2013 aus Salamanca, ihrer Geburtsstadt, in die Schweiz. "Ich mache hier ein Doktorat unter Bedingungen, die in Spanien undenkbar wären. Ich erhalte einen Lohn, mit dem ich gut leben kann, er ist sogar höher, als ich erwartet habe."
Sie konnte sich das gar nicht vorstellen, denn "in Spanien erfahren die Jungen keine Wertschätzung, es gibt keine Förderung oder motivierende Hilfestellungen." Einer der Gründe, die Rosa dazu bewogen haben, wegzugehen, ist auch die politische Situation in ihrem Heimatland. Wer Rosa fragt, ob sie nach Spanien zurückkehren würde, erhält als Antwort einen Kommentar zu den letzten Wahlen: "Ein Wechsel in der Regierung hätte mir die Option einer Rückkehr leichter gemacht. Ich hatte mir erhofft, dass wir über Arbeitsbedingungen wie in der Schweiz hätten sprechen können, die ein anständiges Leben ermöglichen. Um in Spanien zu überleben, ist man gezwungen, von einer befristeten Stelle zur nächsten zu wechseln. Doch das Wahlergebnis weckt in mir keinerlei Hoffnung auf eine wirtschaftliche und soziale Verbesserung in Spanien."
Für Rosa ist klar, dass der Wegzug aus ihrem Land zur Verbesserung ihrer Situation beigetragen hat. "Ich verdiene etwa dreimal soviel wie in meinem Land." Der Vergleich mit Freunden und Studienkollegen bestätigt sie in ihrem Entscheid. "Ich bemerke den Unterschied zu jenen, die geblieben sind. Sie sind in Madrid oder Barcelona und machen Telefonumfragen, arbeiten in der Hotellerie oder haben sehr prekäre Arbeitsverträge. Viele unter ihnen denken ans Auswandern", betont Rosa.
Ausländerin unter Ausländern
Als sie in die Schweiz kam, wurde sie mit einer riesigen Bürokratie konfrontiert und musste viele Dokumente vorzeigen. Sie merkte sofort, dass sie nicht mehr in der Europäischen Union war. Doch nachdem die anfänglichen Hindernisse überwunden waren, war dies schnell vergessen. In allen Bereichen der Gesellschaft gibt es "viele Ausländer". Tatsächlich kommt der grösste Teil ihrer Kolleginnen und Kollegen an der Universität, ob Angestellte oder Studierende, aus anderen Ländern. Fremde Sprachen lernen und sprechen "ist ganz normal".
Rosa hat jedoch auch diskriminierende Situationen miterlebt, die diese Wirklichkeit kontrastieren. "Die Vorgesetzte einer spanischen Kollegin war mit deren Arbeit nicht zufrieden. Das Erste, was sie sagte, ohne ihre Worte zu zügeln, war, dass der Qualitätsstandard der Südeuropäer nicht so hoch sei wie im restlichen Europa." Die Spanierin lernte auch eine spanisch-uruguayische Doppelbürgerin kennen. Die Arbeitsvermittlungsstelle in Lausanne bot ihr, wie allen anderen Frauen aus Südeuropa, nur Reinigungsarbeiten an. "Sie meinten wohl, dass dies die Arbeit sei, die für sie als Spanierin in Frage kam."
Rosa ihrerseits fühlte sich nie ausgeschlossen. Aber das allen "Expats" gemeinsame Gefühl teilt auch sie: "Der Eindruck, dass man zu keinem Land gehört." Nur noch als Touristin nach Hause gehen, ohne den Alltag zu leben, ist eine Lebensform, "welche die Art der Beziehungen mit Leuten, die eine solche Situation nicht kennen, verändert".
Sie ist sich nicht sicher, ob sie für die Heimfahrt ein einfaches Ticket lösen möchte. Doch in einem Jahr endet ihr Vertrag, dann wird eine Entscheidung fällig. "Wenn ich in den Ferien nach Hause komme, sehe ich oft die Bedingungen, unter denen meine Freunde arbeiten. Ich spüre, dass alle sehr pessimistisch sind. Unter diesen Umständen wird mir bewusst, dass ich nicht das haben würde, was ich in der Schweiz habe."
Kontaktieren Sie den Autor via Twitter @danielegrassoexterner Link
Daniele Grassoexterner Link ist ein nach Madrid ausgewanderter italienischer Journalist. Seit 2013 arbeitet er für die spanische Tageszeitung El Confidencial, wo er die Abteilung Datenjournalismus gründete und leitet. Er arbeitete bei diversen journalistischen transnationalen Untersuchungen mit, darunter LuxLeaksexterner Link, SwissLeaksexterner Link und Panama Papersexterner Link. 2014 war er bei The migrants filesexterner Link dabei, einem internationalen Datenjournalismus-Projekt über Migration in Europa. Er gehört zum Team von Generation Eexterner Link, dem ersten Crowdsourcing-Projekt zur Geschichte der jungen Auswanderer in Europa. Dieser Artikel konnte dank der von Generation E gesammelten Daten realisiert werden.
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(Übertragung aus dem Italienischen: Christine Fuhrer)