Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03448.jsonl.gz/2244

Vor einigen Jahrzehnten herrschten theoretische Modelle vor, die davon ausgingen, dass Verluste der Lernfähigkeit und Intelligenz im Alter eine unausweichliche Tatsache seien. Diese Modelle liessen aber ausser Acht, dass die geistige Leistungsfähigkeit von vielen Faktoren abhängt, insbesondere von der Lebensgeschichte.
Die jetzige Forschung hat differenzierte Modelle herausgearbeitet, um die Veränderungen im Alter zu erfassen und würdigt die Lernkompetenzen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens entwickelt hat und die ihm erlauben, den natürlichen Alterungsprozess zu relativieren und zu kompensieren. Die Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane nimmt im Laufe des Erwachsenenlebens ab, und im Alter kommt es auch zu einem physischen Abbau des Nervensystems. Das ist nach wie vor eine Tatsache. Eine Überbeanspruchung der Sinnesorgane wird als ermüdend erlebt, und die Geschwindigkeit, Eindrücke zu verarbeiten, nimmt ab. Bei stressanfälligen und depressiven Menschen tritt dieses Phänomen schon vor dem eigentlichen Alter auf. Das kann sich auf die Lerngeschwindigkeit wie auch auf die Bereitschaft, sich mit grösseren Mengen an Lernstoff auseinanderzusetzen, auswirken. Trotzdem kann man nicht pauschal sagen, dass Lernen im Alter auf jeden Fall schwieriger ist. Manche Fähigkeiten verbessern sich, während andere nur eingeschränkt vorhanden sind; sie können aber durch gezielte Aufmerksamkeit verbessert werden. Irreversible Verluste treten meistens nur nach dem achtzigsten Lebensjahr zum Vorschein.
Was die Intelligenz betrifft, unterscheidet man heute zwischen „kristallisierter“, d.h. erfahrungs- und wissensgebundener und „fluider“ Intelligenz. Letztere ist die Fähigkeit zur Lösung von völlig neuen und unbekannten Problemen. Mit dem Alter soll die fluide Intelligenz nachlassen, während die kristalline, die auf vorhandenen Strukturen aufbaut, erhalten bleibt und sogar grösser werden kann. Wer andererseits die eigene Kreativität wach hält, behält auch die «Fluidität» länger und kann auch in hohem Alter neue Lösungen zu neuen Problemen finden. Er/sie wird bloss mehr Zeit brauchen, um sich zu orientieren, wenn er/sie mit Unerwartetem konfrontiert wird.
Was die Aufmerksamkeit betrifft, so werden wir mit dem Alter störanfälliger. Wir können mehrere Informationen nur mit Mühe gleichzeitig aufnehmen. Ablenkungen und Reizüberflutung führen zu einem schnelleren Verlust der Konzentration und zu einem schnelleren «Abschalten» bei Überforderung. Deshalb soll die Konzentration im Alter besonders trainiert werden. In direktem Zusammenhang mit der Aufmerksamkeit steht auch die Informationsverarbeitung, die nicht nur die Grundlage jeden Lernens ist, sondern auch der Interaktion mit der Umwelt und der Lebensbewältigung. Jeder Mensch muss die ganze Zeit Informationen aufnehmen, interpretieren und speichern. Wenn Störungen in einer dieser Phasen auftreten, ist die Informationsverarbeitung mangelhaft. Im Alter kann es in der Phase der Aneignung von Wissen und in derjenigen des Abrufs davon zu einer Verlangsamung kommen. Die Speicherungsphase läuft meistens reibungslos, weil unsere Fähigkeit, neue Informationen zu speichern, virtuell unendlich ist. Die Aneignung kann durch die verminderte Konzentrationsfähigkeit verlangsamt werden. Wer Neues ausserdem nur passiv aufnimmt, hat mehr Schwierigkeiten, es zu behalten. (Aber das gilt genauso bei jüngeren Menschen…) Die Abrufphase soll bei älteren Menschen schwieriger sein, wenn sie sich in jüngeren Jahren nicht daran gewöhnt haben, das eigene Wissen zu strukturieren und effizient zu organisieren.
Und wie ist es mit dem Gedächtnis? Ganz einfach: das Gedächtnis bleibt länger fit, wenn es trainiert wird. Und beim Trainieren des Gedächtnisses benutzen wir die drei Phasen der Informationsverarbeitung. Wenn wir uns aktiv mit neuem Wissen auseinandersetzen und es sinnvoll organisieren, helfen wir unserem Gedächtnis - weil meistens erinnern wir uns nur an das, was für uns Sinn macht.
Die Leistungskapazität des Gedächtnisses kann infolge unvermeidlicher neurophysiologischer Veränderungen nachlassen, aber in den meisten Fällen stellen wir fest, dass wir vor allem das vergessen, was wir nicht genug beachtet haben… Wenn wir Neugier und Aufmerksamkeit wach halten, vergessen wir weniger. Ältere Menschen haben sich schon so lange an die Welt gewöhnt, dass sie ihr kaum mehr Beachtung schenken. Und wenn die Neugier nachlässt, sich mit der äusseren Welt auseinanderzusetzen, hat man auch keine Energie mehr zum Lernen.
Zusammenfassend können wir sagen, dass im Alter die Lernfähigkeit nicht nachlässt, höchstens die Lerngeschwindigkeit. Die maximale Geschwindigkeit erreichen wir im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Danach nimmt sie langsam aber stetig ab. Dieses Nachlassen macht sich jedoch im Alltag kaum bemerkbar, weil es durch Erfahrung ausgeglichen wird. Wir verlieren jeden Tag eine gewisse Anzahl Hirnzellen, aber ihre Gesamtzahl ist dermassen enorm, dass wir 500 Jahren alt werden könnten und immer noch fast 90% unserer Hirnmasse zur Verfügung hätten. Ein merklicher geistiger Abbau bei gesunden Menschen ist meistens eine Frage von mangelndem Training. Wenn wir aufhören zu lernen, sinkt unsere intellektuelle Leistung in relativ kurzer Zeit. Lernen bildet neue Verbindungen (Synapsen) zwischen den Gehirnzellen und stärkt bestehende Verbindungen. Wenn wir über ein grosses Vorwissen verfügen, können wir neues Wissen sehr effizient in schon bestehende Strukturen einbetten und unsere «Schaltkreise» werden immer komplexer und effizienter.
Beim Lernen von Sprachen sind jüngere Menschen meist schneller aber nicht besser, und ältere Menschen weisen manchmal eine grössere Sprachgewandtheit auf.
Das Kurzzeitgedächtnis kann ein wenig nachlassen, deshalb brauchen ältere Menschen für die Einspeicherung ins Langzeitgedächtnis länger. Dafür können sie Dinge aus dem Langzeitgedächtnis fehlerfreier als jüngere Menschen wiedergeben.
Wenn wir diese geringen Veränderungen der geistigen Leistung berücksichtigen, können wir im Alter lernfähig bleiben; vorausgesetzt, wir passen unser Lernverhalten unserem Alter an (siehe Blogspot «Lernen im Alter»).