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Beim Ausatmen beugt Naomi ihren Oberkörper nach vorne und legt ihre Handflächen sanft auf den Boden. Dann atmet sie ein, streckt ihre Hände, richtet ihren Körper auf und beugt ihren Rücken vorsichtig nach vorne. Sie wirkt dabei wie ein Gummiband: kräftig und zugleich elastisch. Das ist noch nicht lange so. Naomi litt jahrelang an einer Wirbelsäulenverkrümmung. Ihr Weg zur Yoga-Lehrerin war langwierig und riskant.
Als Naomi 12 Jahre als ist, bemerkt der Kinderarzt beim Routinebesuch die holprige Gangart sowie die verkrümmte Haltung. Unverzüglich verweist er das Mädchen im pubertierenden Alter zum Röntgen. Die Diagnose: Skoliose.
«Skolios» bedeutet auf Griechisch krumm. Skolios beschreibt aber nicht etwa die Haltung von Naomi, sondern ihre seitlich gekrümmte Wirbelsäule – die verantwortlich für die schiefe Haltung ist. Anhand des Krümmungsgrads wird der Schweregrad der Wirbelsäulenerkrankung gemessen. Bei Naomi liegt die Krümmung anfangs bei 10 Grad, wobei es sich um eine leichte Skoliose handelt.
Man schickt Naomi zur wöchentlichen Physiotherapie. Doch diese bewirkt nichts. Naomis Gang ist noch immer stark nach links ausgerichtet. Bei einer weiteren Untersuchung wird eine Krümmung von 15 Grad gemessen. In nur sechs Monaten hat sich ihre Wirbelsäule um weitere 5 Prozent verbogen.
Als Naomis Skoliose nach einem weiteren Jahr eine Krümmung von 25 Grad erreichte, verordnete ihr Arzt daraufhin ein Korsett, welches ihre Wirbelsäule mit Gewalt in die Gegenrichtung drückt. Es ist aus Hartplastik und die 12-Jährige muss es 23 Stunden am Tag tragen – mit dem Versprechen, dass sich ihre Krankheit nicht verbessern, dafür aber nicht verschlechtern wird. Nur eine Stunde pro Tag ist sie vom Korsett befreit. Bis zur Volljährigkeit soll sie die Unterstützung praktisch Tag und Nacht tragen.
«Besonders in den Nächten schmerzte das Korsett. Ich konnte darin kaum atmen, geschweige denn schlafen», erinnert sich die gebürtige Aargauerin zurück. Nach nur einer Woche hängt Naomi das Korsett an den Nagel. In Absprache mit einem Physiotherapeuten entscheidet sie sich für eine neue Therapie und gegen das Korsett. Ihr Physiotherapeut rät ihr sogar vom Korsett ab. Die Rückenmuskulatur könne stark zurückgehen. Besser sei es, Muskeln aufzubauen, als sie zu vernachlässigen. Den Arzt informiert sie nicht über ihr Vorhaben. Zu gross ist die Angst, das Korsett doch nicht ablegen zu dürfen.
«Ich befand mich da kurz vor der Pubertät. In einer Zeit, in dem sich der Körper zu einer Frau entwickelt und wo man damit beginnt, sich mit anderen Teenagern zu vergleichen. Ich wollte einfach normal sein – so wie die anderen», sagt Naomi. Sie fühlt sich unwohl in ihrem Körper und versteckt ihre verkrümmte Wirbelsäule unter weiter Kleidung. Das Hartplastik-Korsett kann sie nicht gut verbergen.
Naomi lässt sich auf die zeitaufwendige und teure Dorn-Therapie ein. Die Kosten dafür muss ihre Familie selbst tragen. Zum damaligen Zeitpunkt wird diese Art von Therapie von der Krankenkasse nicht übernommen.
Zweimal wöchentlich wird Naomis Rücken für fast zwei Stunden durchgeknetet. Nach sechs Monaten besucht sie ihren Arzt, welcher den Erfolg des Korsetts lobt. Die Verkrümmung ist 2 Grad zurückgegangen. Dabei trägt Naomi die schmerzhafte Schiene schon lange nicht mehr.
Nach weiteren sechs Monaten Therapie – und ohne Korsett –bleibt der Zustand der mittlerweile 14-Jährigen stabil. Der Arzt befreit Naomi vom Korsett. Mit 25 Jahren soll sie sich wieder untersuchen lassen. Die Dorn-Therapie setzt Naomi noch eine Weile lang fort, bis sie – unter anderem aus finanziellen Gründen – ganz darauf verzichtet.
Mit Beginn ihrer Lehre als Hochbauzeichnerin verschlechtert sich Naomis Gesundheitszustand rasant. Sie lässt sich erneut untersuchen. Die Krümmung liegt nun bei 42 Grad. Bei einer Verbiegung von 45 Grad wird eine Operation empfohlen. Ihre Familie macht sich auf die Suche nach einem Experten. Schweizweit soll es nur drei davon geben.
Einen Monat später steht Naomi wieder einmal vor dem Röntgengerät, dieses Mal beim Experten. Die Verkrümmung zeigt bereits 50 Grad an. Die mittlerweile 16-Jährige leidet nun nicht mehr an einer leichten, sondern an einer schweren Skoliose. Ohne Operation drohen Naomi zunehmende Schmerzen sowie Quetschungen oder Verschiebungen der inneren Organe.
Doch nicht nur Naomis Rücken schmerzt. Ihre psychische Gesundheit hat sich gleichzeitig mit der Krankheit verschlechtert. Eine Operation macht ihr Hoffnung, so auszusehen wie die anderen Jugendlichen in ihrem Alter. Sie ist sich der Risiken bewusst: Wenn es beim Eingriff zu Komplikationen kommt, kann sie im schlimmsten Fall querschnittsgelähmt sein.
Kurz vor der Operation beginnt die 16-Jährige, selbst im Internet zu recherchieren. Sie findet keinen einzigen Erfahrungsbericht eines Skoliose-Patienten. Kurz vor der Operation folgte ein Nervenzusammenbruch. In Naomis Kopf rattert es. Die Folgen von Komplikationen verfolgen sie bis in den Schlaf.
Viele Alternativen stehen ihr nicht zur Auswahl. Der Eingriff kann ihren Gesundheitszustand entweder stark verbessern oder massiv verschlechtern. «Ich stellte mir immer wieder die Frage: Was ist, wenn ich danach querschnittsgelähmt bin?», erinnert sich die Aargauerin zurück.
Trotz Bangen entscheidet sich Naomi für die Operation. Dass dies die richtige Entscheidung ist, wird ihr am Tag vor der Operation bewusst. Kurz vor dem Eingriff zeigt das Röntgengerät eine Verkrümmung von 56 Grad an. Das ist eine Verschlechterung von 6 Prozent innerhalb von nur zwei Monaten.
Die 16-Jährige unterzeichnet die Einwilligungserklärung. Danach folgt die heikle Operation. Spezielle Titan-Schrauben mit Halterungen werden in die Wirbelkörper geschraubt. Danach führen die Spezialisten Metallstäbe ein, um die Wirbelsäule aufzurichten. Um Naomis Wirbelsäule geradezubiegen, braucht es 12 Schrauben und 2 Stangen à 25 Zentimetern, die ihr ein Leben lang erhalten bleiben sollen. Der Eingriff verläuft ohne Komplikationen.
«Nach der Operation soll ich als erstes gesagt haben: ‹Mami, ich bin nicht gelähmt!›», weiss die Aargauerin aus Erzählungen. An ihre ersten Worte kann sie sich nicht mehr erinnern. Zu stark sind die Medikamente gegen die starken Schmerzen. Während des weniger als einwöchigen Spitalaufenthalts nimmt sie sieben Kilo ab. «Aber ich bin auch quasi über Nacht fünf Zentimeter gewachsen», scherzt die aufgestellte Naomi.
Die starken Schmerzen nach dem Eingriff machen sie appetitlos. Zudem kann sie sich nach dem Eingriff kaum bewegen. Gleichzeitig braucht sie aber viel Energie. «Ich musste wieder lernen, wie man aufsteht und wie man richtig läuft. Wenn ich mich aufrichtete, kippte ich gleich um». Nach ein paar Tagen pendelt sich das aber ein.
Mit neuem Selbstbewusstsein gestärkt verabschiedet Naomi sich vom Krankenhaus. Nach drei Monaten war keine Physiotherapie mehr notwendig. Der einzige «Nachteil»: Naomi kann kein «Buggeli» – keinen runden Rücken – machen. Das macht sich besonders beim Yoga bemerkbar. Erst im letzten Sommer begann sie in den Sommerferien mit der Sportart, bei der vor allem Beweglichkeit gefragt ist. Schnell merkt sie, dass Yoga viel mehr als einfach nur eine Sportart ist.
Kurz darauf besucht sie vier- bis fünfmal wöchentlich eine Yoga-Klasse. Innert kurzer Zeit wird sie immer beweglicher und das Gefühl «steif» zu sein schwindet immer mehr. «Anfangs konnte ich den Boden nicht einmal mit meinen Fingern berühren, nun kann ich die Handfläche am Boden ablegen», sagt Naomi stolz.
Schnell wächst der Traum vom eigenen Yoga-Studio. Und prompt ist sie auf einen leeren Raum aufmerksam geworden. «Ich bin in den leeren Raum gelaufen und wusste bereits, wo ich was einrichten werde», erinnert sich die gelernte Hochbauzeichnerin.
Die Eröffnung des hellen Studios im Boho-Stil erfolgt im Oktober letzten Jahres. Zu diesem Zeitpunkt traut sich die damals 21-Jährige noch nicht zu, selbst Yoga zu unterrichten. Doch immer stärker wurde der Drang noch mehr über Yoga zu lernen und das Wissen, sowie die tollen Erfahrungen als Yogalehrerin zu teilen. Dafür beginnt sie neben ihres 100-Prozent-Pensums als Hochbauzeichnerin eine Fern-Ausbildung als Yoga-Lehrerin.
Um fleissig zu üben, modelt die Perfektionistin ihren Keller als Studio um. Ihre Familie zählt zu ihren ersten Kunden – sogar ihre Grosseltern kann sie mit ihrer Leidenschaft anstecken. Mittlerweile unterrichtet die 22-Jährige drei Klassen pro Woche. Nach dem Motto: Nichts ist unmöglich für die, die es versuchen.