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Jogi Löw tritt nach der EM im Sommer als DFB-Coach zurück. Nun lässt Berti Vogts, er führte Deutschland 1996 zum letzten EM-Titel, mit Aussagen in seiner Kolumne aufhorchen. Er bringt Löw als Trainerkandidat für die Schweizer Nati ins Spiel. Ein realistisches Szenario?
Die Turnierbilanz von Rekord-Bundestrainer Jogi Löw
- EM 2008: Final (Platz 2)
- WM 2010: Platz 3
- EM 2012: Halbfinal
- WM 2014: Weltmeister
- EM 2016: Halbfinal
- Confederations Cup 2017: Sieger
- WM 2018: Vorrunden-Aus
Vladimir Petkovic ist seit Sommer 2014 Nati-Coach und hat die Schweiz sowohl an die EM 2016, die WM 2018 und die EM 2020 geführt. Letztere geht aufgrund der Corona-Pandemie erst in diesem Sommer über die Bühne. Bereits im März stehen die ersten Quali-Spiele für die Winter-WM 2022 in Katar auf dem Programm. Sollte sich die Schweiz für die WM qualifizieren, endet sein Vertrag erst nach dem Turnier.
Wenn Vogts nun aber Weltmeister-Trainer Löw in seiner Kolumne auf «t-online» als Nati-Trainer ins Spiel bringt, wird der Schweizer Fussballfan hellhörig. «Ich würde an seiner Stelle sofort alle Angebote von Vereinen ablehnen. Jogi war so lange Nationaltrainer und ist an diese Taktung gewöhnt. Den täglichen Stress eines Liga-Jobs sollte er sich nicht mehr antun», so Vogts.
Er könne sich Löw gut als Nationaltrainer der USA oder der Schweiz vorstellen. Beide Nationen hätten grosses Potenzial, das seiner Meinung nach offenbar nicht vollends ausgeschöpft wird. «Jogis Know-how würde beide Mannschaften in ihrer fussballerischen Entwicklung voranbringen. Und für ihn wäre es eine tolle Station zum Ende seiner Karriere.» Nun ist das freilich nicht Vogts Entscheidung, wie Löw seine Zukunft plant. Eine Einordnung.
Was spricht für Löw als Nati-Trainer?
Löw hat einen Bezug zur Schweiz. Seine letzten Stationen als Spieler waren der Reihe nach der FC Schaffhausen, Winterthur und Frauenfeld. Beim letztgenannten Klub amtete er als Spielertrainer. Von dort zog er weiter zum FC Aarau, wo er in der Saison 1994/95 als Assistent von Chefcoach Rolf Fringer tätig war. Der Bezug zur Schweiz und die Tatsache, dass er seit 2004 als Nationaltrainer (die ersten zwei Jahre davon als Co-Trainer) unterwegs ist, lassen vermuten, dass er die tägliche Arbeit auf dem Platz bis heute nicht allzu sehr vermisst hat.
Dass die Schweiz in absehbarer Zeit einen neuen Nationaltrainer installieren wird, ist nicht ausgeschlossen. Einerseits endet Petkovics Vertrag nach der WM 2022 und dürfte nur dann verlängert werden, wenn die Schweiz sich der Weltspitze weiter annähert. Gemessen würde dies am Abschneiden an den grossen Turnieren: Eine Viertelfinalqualifikation an der EM 2021 oder der WM 2022 ist wohl Pflicht, damit man erneut mit Petkovic verlängert. Zwei weitere Szenarien sind denkbar: Petkovic will gar nicht verlängern oder er wird frühzeitig entlassen. Letzteres könnte eintreffen, sollte im März der Start in die WM-Qualifikation missglücken und die Schweiz an der EM bereits in der Gruppenphase ausscheiden.
Von aussen betrachtet würde für Löw der Nati-Posten ein Rückschritt bedeuten. Darin könnte aber auch ein besonderer Reiz liegen, zumal der Druck kleiner wäre als im Nachbarland. Während in der Schweiz der Einzug in den Viertelfinal einen Höhepunkt darstellen würde, herrscht in Deutschland üblicherweise Totengräberstimmung, wenn ein Turnier schon vor dem Halbfinal endet.
Was spricht dagegen?
Es stellt sich die Frage, ob sich die Schweiz einen Jogi Löw überhaupt leisten kann und will. In Deutschland verdient Löw dem Vernehmen nach knapp vier Millionen Euro pro Jahr, rund viermal mehr als Petkovic in der Schweiz. Der 61-Jährige müsste sicherlich bereit sein, grössere Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Wo diesbezüglich Löws Schmerzgrenze wohl liegt?
Doch noch etwas ganz anderes spricht wohl gegen Löw als Nati-Trainer. Er selbst kann sich nämlich sehr wohl vorstellen, zurück in den Klubfussball zu wechseln, wie er nach der Rücktrittsverkündung als DFB-Coach klarstellte: «Meine Trainerlaufbahn wird danach nicht vorbei sein. Denn ich liebe die tägliche Arbeit auf dem Platz und das individuelle Training mit den Spielern.» Er könne sich vorstellen, einen Top-Verein zu übernehmen.
Was ob der ganzen Berichterstattung fast vergessen geht: Noch ist Löw Bundestrainer und deshalb gilt sein voller Fokus der Euro 2021. «Ich will mein Bestes geben, unseren Fans bei diesem Turnier grosse Freude zu bereiten und erfolgreich zu sein. Ich weiss auch, dass dies für die gesamte Mannschaft gilt.»