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Bürgermeister der Freien Städte zur persönlichen Teilnahme an der Eröffnung des Reichstags eingeladen. Mit Ausnahme des Fürsten Reuß [* 2] ältere Linie erschienen sie sämtlich oder waren durch ihre Thronfolger vertreten. Die Thronrede, welche der Kaiser, von den Fürsten umgeben, verlas, verkündete, daß er entschlossen sei, als Kaiser und als König dieselben Wege zu wandeln, auf denen sein Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslandes gewonnen habe.
»Ich bin entschlossen«, fuhr der Kaiser fort, »Frieden zu halten mit jedermann, soviel an Mir liegt. Meine Liebe zum deutschen Heer und Meine Stellung zu demselben werden mich niemals in Versuchung führen, dem Lande die Wohlthaten des Friedens zü verkümmern, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder auf dessen Verbündete uns aufgedrängte Notwendigkeit ist.« Als diese Verbündeten wurden Österreich [* 3] und Italien [* 4] bezeichnet, mit welchen Ländern gleiche geschichtliche Beziehungen und gleiche nationale Bedürfnisse der Gegenwart das Deutsche Reich [* 5] verbinden. Nach Annahme einer Adresse an den Kaiser wurde der Reichstag 26. Juni wieder geschlossen.
Schon in der Thronrede hatte der Kaiser die sorgfältige Pflege seiner persönlichen Freundschaft für den Kaiser von Rußland und der seit 100 Jahren bestehenden friedlichen Beziehungen zu dem russischen Nachbarreich, welche seinen persönlichen Gefühlen ebenso wie den Interessen Deutschlands [* 6] entspreche, als seine Absicht bezeichnet. Da er durch Anknüpfung persönlichen Verkehrs mit den Monarchen der Nachbarstaaten der Aufrechterhaltung des Friedens einen Dienst zu leisten glaubte, machte er im Juli zunächst einen Besuch am russischen Hof, [* 7] indem er, von einer ansehnlichen Flotte begleitet, auf der kaiserlichen Jacht Hohenzollern [* 8] nach Kronstadt [* 9] fuhr.
Nach mehrtägigem Aufenthalt in Peterhof begab sich der Kaiser 24. Juli ebenfalls zur See nach Stockholm [* 10] zum Besuch des Königs Oskar und von da 28. Juli nach Kopenhagen. [* 11] Nach Kiel [* 12] 31. Juli zurückgekehrt, stattete er auf der Fahrt nach Berlin [* 13] dem Reichskanzler in Friedrichsruh einen Besuch ab. Nachdem er in einer Rede bei Gelegenheit der Enthüllung des Denkmals des Prinzen Friedrich Karl in Frankfurt [* 14] a. O. 16. Aug. Anlaß genommen hatte, die Gerüchte, als ob sein Vater die Absicht gehabt habe, das, was er und Prinz Friedrich Karl mit dem Schwert erkämpften (Nordschleswig, Elsaß-Lothringen [* 15] oder einen Teil Hannovers), wieder herauszugeben, als eine Verleumdung entschieden zurückzuweisen, trat der Kaiser eine Reise an die süddeutschen Höfe in Stuttgart, [* 16] Mainau und München [* 17] an, traf 3. Okt. in Wien [* 18] ein, wo er von der Bevölkerung [* 19] mit stürmischem Jubel empfangen wurde, und wo der Kaiser Franz Joseph bei dem Galaessen 4. Okt. ein Hoch auf die deutsche Armee als das leuchtendste Muster aller militärischen Tugenden ausbrachte, und reiste dann nach Italien weiter, wo er 11. Okt. in Rom und [* 20] 16. Okt. in Neapel [* 21] einen begeisterten, glänzenden Empfang fand; in Rom wurde eine Heerschau, in Neapel eine Flottenschau abgehalten.
Auch den Papst im Vatikan [* 22] besuchte Kaiser Wilhelm, vermied es aber, auf die »römische Frage«, d. h. die weltliche Souveränität des Papstes, näher einzugehen; in dem Trinkspruch auf das italienische Königspaar und die italienische Armee, welchen der Kaiser am Abend desselben Tags (12. Okt.) darbrachte, nannte er wohl nicht ohne Absicht Rom die Hauptstadt des Königs. Am 21. Okt. kehrte der Kaiser nach Potsdam [* 23] zurück. Unzweifelhaft trugen seine Reisen und seine Äußerungen in den ersten Monaten seiner Regierung wesentlich dazu bei, die Lage zu klären und die Bahnen, in welchen sich die auswärtige Politik des neuen Herrschers bewegen würde, zu bezeichnen; namentlich trat immer mehr die außerordentliche Bedeutung des Dreibundes für die Aufrechterhaltung des Friedens hervor; die Politik desselben wurde im einzelnen von Bismarck mit Crispi und Kalnoky, welche nach Friedrichsruh kamen, vereinbart.
Dem Reichstag, welcher 22. Nov. vom Kaiser wieder eröffnet wurde, legte die Reichsregierung außer dem Etat eine Vorlage über Verstärkung [* 24] der Kriegsmarine durch neue Kriegsschiffe und den Entwurf eines Gesetzes über die Invaliditäts- und Altersversicherung der Arbeiter vor. Im Etat, welchen der neue Schatzsekretär v. Maltzahn-Gültz befürwortete, machte sich schon die neue Branntweinsteuer durch Erhöhung der Einnahmen, welche eine Verminderung der Matrikularbeiträge gestattete, bemerklich; er wurde genehmigt, ebenso wie die Marinevorlage, an welche sich auch eine Änderung in den Marinebehörden knüpfte, indem der Chef der Admiralität das Oberkommando der Marine verlor und dies einem kommandierenden Admiral übertragen wurde.
Chef der Admiralität wurde Admiral Heusner, kommandierender Admiral der Admiral v. d. Goltz. Die meiste Zeit nahm die Beratung des großen sozialpolitischen Gesetzes über die Invaliditäts- und Altersversicherung in Anspruch, welches von Sozialdemokraten, Freisinnigen und Ultramontanen hartnäckig bekämpft wurde, und gegen welches auch agrarisch gesinnte Konservative aus dem Osten Bedenken hatten, so daß es schließlich nur mit einer geringen Mehrheit (185 gegen 165 Stimmen) angenommen wurde.
Ferner beschäftigte sich der
Reichstag mit der Kolonialpolitik. Dieselbe erlitt 1888 einige Rückschläge. In Südwestafrika
wurde der Häuptling der
Herero, welcher den
Deutschen die Ausbeutung der
Bergwerke
übertragen hatte, diesem
Vertrag 1888 zu
gunsten eines Engländers,
Lewis, untreu, und da der deutsche
Reichskommissar keine bewaffnete Macht zur
Verfügung hatte,
mußte er sich vorläufig zurückziehen. In
Ostafrika trat der
Sultan von
Sansibar
[* 25] der
Deutschen
Ostafrikanischen
Gesellschaft die
Verwaltung der
Küste des deutschen Gebiets auf 50 Jahre ab. Die
Gesellschaft nahm etwas eilig und ohne die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln
von den abgetretenen Häfen
Besitz (16. Aug.) und rief dadurch einen
Aufstand der arabischen Sklavenhändler,
welche sich im Betrieb ihres
Geschäfts gefährdet glaubten, hervor. Dieselben bemächtigten sich nach und nach durch
Überfälle
der Häfen außer
Bagamoyo und ermordeten mehrere Deutsche. Die deutsche
Regierung vereinbarte mit
England eine
Blockade der
ostafrikanischen
Küste, um den
Sklavenhandel zunächst zur
See zu unterdrücken, und erhielt nicht nur
hierfür vom
Reichstag die
Genehmigung, sondern im
Februar 1889 auch dafür, daß der berühmte Afrikareisende
Wißmann zum
Reichskommissar für
Ostafrika mit der Aufgabe ernannt wurde, eine kleine Streitmacht zu sammeln und sich der
Küste wieder zu bemächtigen. In
Samoa
[* 26] erhob sich gegen den von den
Deutschen eingesetzten König Tamasese der Häuptling Mataafa und wurde
von amerikanischen Abenteurern unterstützt; eine Abteilung deutscher Marinesoldaten wurde von den
Scharen Mataafas
überfallen und erlitt empfindliche Verluste. Ein furchtbarer Seesturm vernichtete im
Hafen von
Apia zwei deutsche
Kriegsschiffe,
Adler
[* 27] und
Eber, während das dritte,
Olga, später wieder flott gemacht werden konnte.
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241 Um die Verhältnise in Samoa zu regeln, versammelte sich im Frühjahr 1889 in Berlin eine Konferenz deutscher, englischer und amerikanischer Vertreter, welche im Juni zu einer Vereinbarung gelangten. Ohne Störung entwickelten sich die Kolonien in Neuguinea. Die dortigen Besitzungen wurden durch einen Teil der Salomoninseln und die Marshallinseln erweitert.
Nachdem der Reichstag eine Erhöhung der Ausgaben für die Feldartillerie bewilligt und das Invaliditäts-und Altersversicherungsgesetz erledigt hatte, wurde er geschlossen, mitten in der freudigen Erregung, welche der Besuch des Königs Humbert von Italien in Berlin hervorgerufen hatte. Der Empfang, den ihm die städtischen Behörden und die Bevölkerung von Berlin bei seinem Einzug 21. Mai bereiteten, war großartig und gab von der Popularität des Bündnisses mit Italien Zeugnis; nur die Ultramontanen, welche auf Befehl der päpstlichen Kurie in allen Ländern sich für die weltliche Herrschaft des Papstes aussprechen mußten, hielten sich zurück.
Auch Crispi, der den König begleitete, wurde gefeiert. Gleichzeitig freilich brachen in Westfalen,
[* 29] Schlesien,
[* 30] Sachsen
[* 31] und im Saargebiet Ausstände, besonders unter den Bergleuten, aus, welche trotz des Eingreifens des Kaisers infolge sozialdemokratischer
Wühlereien sich lange hinzogen. Die Besuche des Kaisers von Österreich und des Zaren am Berliner
[* 32] Hof befestigten die Zuversicht
auf Erhaltung des Friedens, die Reise des Kaisers Wilhelm nach Athen
[* 33] und Konstantinopel
[* 34] im Oktober und November 1889 erhöhte
das Ansehen des Deutschen Reichs als Friedensmacht. In Ostafrika hatte die Blockade der Küste den gewünschten Erfolg für Unterdrückung
des Sklavenhandels, und Wißmann gelang es mit Hilfe der Blockadeflotte, die Küstenplätze wiederzuerobern und die Aufständischen
zu zersprengen, so daß die
Ostafrikanische Gesellschaft ihre Kulturarbeit wieder beginnen konnte (s.
Deutsch-Ostafrika, Bd. 17). Auch in Südwestafrika wurde
durch eine kleine bewaffnete Truppe das deutsche Ansehen hergestellt.
Die Sitzungen des Reichstags wurden wieder eröffnet. Demselben wurde eine Militär- und Marinevorlage, betr. die Organisation von zwei neuen Armeekorps und Verstärkung der Kriegsflotte, vorgelegt, welche genehmigt wurde. Die neuen Armeekorps wurden in Westpreußen [* 35] und Lothringen errichtet (s. oben, S. 234). Ebenso wurde die Untersuchung einer Dampferlinie nach Ostafrika und ein Nachtragsetat für die dortigen Kolonien bewilligt. Schwierigkeiten bereitete die Entscheidung über das Sozialistengesetz, welches aus einem auf kurze Zeit bewilligten Ausnahmegesetz in ein dauerndes Gesetz verwandelt werden sollte.
Einem solchen Gesetz widersetzten sich außer den Sozialdemokraten auch die Ultramontanen u. die Deutschfreisinnigen durchaus. Aber auch die Nationalliberalen wollten außer einigen andern Änderungen zu besserm Schutz gegen Willkür besonders die Ausweisungsbefugnis nicht für immer genehmigen, da die frühern Ausweisungen eher Schaden als Nutzen gestiftet und die Regierung daher von ihrer Befugnis in der letzten Zeit gar keinen Gebrauch mehr gemacht hatte. Da auch die Reichspartei für Milderungen war, so wurde in den Kommissionsberatungen die Regierungsvorlage in diesem Sinn umgestaltet, die Beratung im Reichstag selbst aber bis nach Beendigung der Etatsberatung verzögert, so daß man schon annahm, daß das Gezetz erst in dem nächsten Reichstag beraten werden solle.
Ende Januar 1890 fand die zweite Lesung statt und endete mit der Annahme der nationalliberalen Veränderungsanträge, namentlich der Ablehnung der Ausweisungsbefugnis; nur sollte für die Erlaubnis der Rückkehr der Ausgewiesenen der Regierung ein Spielraum von zwei Jahren gewährt sein. Da die Regierung jedoch nicht erklärte, daß sie sich mit den ihr von den Nationalliberalen gebotenen Waffen [* 36] begnügen wollte, so stimmten bei der Schlußabstimmung 25. Jan. die Konservativen gegen das Gesetz, so daß es abgelehnt wurde. Unmittelbar darauf wurden die Sitzungen des Reichstags vom Kaiser selbst geschlossen.
Vor den auf 20. Febr. festgesetzten Neuwahlen erschienen die kaiserlichen Erlasse vom 4. Febr. über die internationale Regelung des Arbeiterschutzes (s. Wilhelm). Dieselben wurden von den Sozialdemokraten als Erfolge ihrer Thätigkeit in Anspruch genommen und bei ihrer Wahlagitation geschickt verwertet. Die sogen. Ordnungsparteien bekämpften sich dagegen heftig, und namentlich die deutschfreisinnige Partei bemühte sich eifrig, dem Kartell eine Niederlage beizubringen.
Dieses war Ende 1889 auch für die neuen Wahlen erneuert worden, wurde aber in mehreren Wahlkreisen nicht beachtet. Es war daher begreiflich, daß die Sozialdemokraten bei den Wahlen vom 20. Febr. bedeutende Erfolge erzielten und zahlreiche Stichwahlen nötig wurden. Die bisherige Mehrheit der Kartellparteien ging verloren. Das von Windthorst geleitete Zentrum behauptete sich dagegen in seiner vollen Stärke [* 37] und erlangte bei der Zersplitterung der andern Parteien wiederum eine entscheidende Machtstellung wie 1884 - 87 Das Ergebnis der Wahlen ist auf beifolgender »Karte der Reichstagswahlen« dargestellt.
Zur Litteratur: Richter und Kohl, Annalen der deutschen Geschichte im Mittelalter (Halle [* 38] 1873 - 90. Abt. 1 - 3);
Maurenbrecher, Geschichte der deutschen Königswahlen (Leipz. 1889);
Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter (das. 1886, 4 Bde.);
Buchwald, Deutsches Gesellschaftsleben im endenden Mittelalter (Kiel 1886);
Tesdorpf, Geschichte der kaiserlich deutschen Kriegsmarine (das. 1889);
Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands (Leipz. 1887 ff.);
»Bibliothek deutscher Geschichte« (mit Th. Lindner, M. Ritter, Egelhaaf, Koser u. a. hrsg von Zwiedineck-Südenhorst, Stuttg. 1887 ff.);
v. Sybel, Die Begründung des Deutschen Reichs durch Wilhelm I (in 5 Bdn., Münch. 1889, Bd. 1 u. 2).