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Ein Buch, das wachrüttelt. Gerade auch in der in diesem Jahr nicht ganz frohen Weihnachtszeit.
«Ein schwüler Tag im Sommer 1952. Gewitterstimmung. Voraus mein Vater, wir Kinder hintendrein. Ich war zwölfjährig. Zu Fuss gings auf dem alten Saumweg ins wilde Val Bavona. Auf halbem Weg wurde ich unterbrochen in meinem schon schläfrigen Trott. Wie eine Litanei plagte mich die Frage: Vater, wie weit ist es noch? Da tauchte an der gegenüberliegenden Bergflanke in der grellen Sonne ein schäumendes weisses Band auf, dessen Geräusch mit jedem Schritt lauter wurde. Von hoch oben, aus der Einsenkung eines Seitentals, schossen Wassermassen über die glatte Felswand ins Leere hinaus, um 70 Meter weiter unten als zischende Fontänen in rhythmischer Folge auf mächtige Felsblöcke zu klatschen. Dort zerstoben sie zu einem Sprühregen, der, wenn man sich ihm näherte, durch die Kleider bis auf die Haut drang. So etwas hatte ich zuvor weder gesehen noch gehört oder gespürt.
Später, nach einer Wegbiegung, wurde das Staunen über den Wasserfall durch etwas anderes abgelöst: das Gebrüll von Presslufthämmern. Wenn sie jeweils kurz verstummten, erfüllte der dumpfe Knall von Felssprengungen das ganze Tal. Ohne dass ich irgendetwas im Voraus gewusst hätte, wurde mir in Sekundenschnelle klar, dass hier Veränderungen im Gang sind, die das ganze Tal und wahrscheinlich auch den eben gesehenen Wasserfall betreffen. Weit hinten wurde ein Betonsilo sichtbar. Arbeiter im Overall waren mit dem Bau einer Strasse beschäftigt. Ich fasste mir ein Herz, näherte mich einem der Arbeiter, zeigte mit fragendem Blick auf den hinter uns liegenden Wasserfall und deutete mit der anderen Hand eine waagrechte Bewegung an, so als wollte ich mir die eigene Kehle durchschneiden. Von dem, was der Arbeiter lakonisch und ohne aufzublicken antwortete, verstand ich nur die entscheidenden Worte: ‚Sì è peccato.ʽ»
Ja, es wäre wirklich jammerschade gewesen, wenn der Wasserfall von Foroglio abgestellt worden wäre, um via Stollen und Turbinen ein paar Glühbirnen und Kochherde anzustellen. Die Geschichte vom geretteten Wasserfall erzählt Hans Weiss in seinem jüngsten Werk, dessen Titel „achtung: landschaft schweiz“ sich bewusst anlehnt an „Achtung: die Schweiz – ein Gespräch über unsere Lage und ein Vorschlag zur Tat“ von Lucius Burckhardt, Max Frisch und Markus Kutter (1955) und an „Achtung: die Landschaft“ von 2016. Wie nun la cascata di Foroglio, gerade dank Weiss, immer noch rauscht, lesen wir im zweiten Teil seines Buches mit Beispielen geretteter Landschaften. Der Wasserfall war „das Primärerlebnis“ für seinen lebenslangen Einsatz für den Landschafts- und Naturschutz. Ohne sein unermüdliches und engagiertes Wirken sähen manche Gegenden der Schweiz, insbesondere in den Alpen, ziemlich anders aus.
In „achtung: landschaft schweiz. Vom nachhaltigen Umgang mit unserer wichtigsten Ressource“ zieht der achtzigjährige Hans Weiss eine Bilanz seines Lebens und Wirkens. Ein Buch, dem man ganz viele Leserinnen und vor allem Leser wünscht. Denn: An den Schalthebeln der Regierungen und Ämter, der Baukonzerne und Bagger sitzen immer noch mehrheitlich Männer. Und sie sassen schon dort, als Weiss als Leiter des Bündner Natur- und Landschaftsschutzes, als Geschäftsleiter der Schweizerischen Stiftung für Landschaftsschutz und dann des Fonds Landschaft Schweiz den Finger erhob und Bauvorhaben verhinderte, manchmal in letzter Minute. Die Wiesen von Soglio, die Seen des Oberengadins, die Äcker von Galmiz, um nur drei weitere Beispiele zu nennen. Aber Weiss muss zu seinem (und unserem) Bedauern feststellen, dass die friedliche Landschaftszerstörung Tag für Tag fortschreitet, oft nicht mit auffälligem Getöse, sondern sozusagen nebenbei und unbeachtet. Warum das leider so ist, erklärt er kräftig und überzeugend. Und was man dagegen unternehmen könnte, ebenfalls.
Fazit von Hans Weiss: „Die Verhinderung eines Vorhabens, welches das unverwechselbare Gesicht einer Landschaft zerstört, ist genauso eine Tat, wie eine Strasse oder ein Haus zu bauen – und erst noch eine Tat für die Zukunft.“
Hans Weiss: achtung: landschaft schweiz. Vom nachhaltigen Umgang mit unserer wichtigsten Ressource. Vorwort von Dominik Siegrist. AS Verlag, Zürich 2020, Fr. 39.80.