Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/2847

Fundstücke von Gottlieb Muffat
Glen Wilson hat bislang unbekannte Suiten herausgegeben, die nicht nur für Cembalisten interessant sind.
Warum nicht auch einmal die spätbarocken Cembalosuiten kennenlernen, die sich nicht ganz mit denjenigen von Bach und Händel messen können? Zweifellos handelt es sich bei dieser Gattung um eine ab 1740 sterbende Spezies, die in der Musik für Hammerklavier keine Verwendung mehr fand, aber auch Klavierspieler profitieren von der Kenntnis solcher Literatur, welche wohl noch zum Repertoire der späteren sogenannten Klassiker gehörte. Da kommt es einer Sensation gleich, wenn in den 2001 aus Kiew rückgeführten Beständen der Berliner Singakademie 26 bislang unbekannte Suiten (Parthien) von Gottlieb Muffat (1690–1770), dem Wiener Organisten und kaiserlichen Musiklehrer sowie Sohn des Geigers und Organisten Georg Muffat (1653–1704), aufgetaucht sind.
Der Cembalist Glen Wilson hat fünf von ihnen erstmals herausgegeben, eine sechste war zuvor schon in der Edition von Christopher Hogwood (Ut Orpheus, 2009) greifbar. Dabei zeigt sich, dass sich die Beschäftigung mit diesem Komponisten lohnt, der bislang hauptsächlich dank seinen 1739 unter dem Titel Componimenti musicali gedruckten acht Suiten im Bewusstsein war. Die sechs neuen, nur handschriftlich überlieferten Suiten können es an Extravaganz, Umfang und spieltechnischen Anforderungen mit den Componimenti nicht aufnehmen, aber Gottlieb Muffat erweist sich auch in ihnen als Kenner der diversen damaligen Musiksprachen, die er alle in seine Präludien, Tanzsätze und Charakterstücke integriert hat.
Dem Herausgeber muss man dankbar sein für seine sorgfältige Erörterung von Muffats Verzierungen in Vorwort und Haupttext, welche viel zur brillanten Wirkung dieser Stücke beitragen. Ähnlicher Hilfestellung bedürften wohl die meisten Spielerinnen und Spieler bei der Gestaltung der Schlüsse und den Einfügungen sogenannter «Petites Reprises», welche nach Lösungen verlangen, die nicht unbedingt in den Noten stehen. Muffat war bekannt für seine konsequente Aufteilung der Notation auf die beiden Spielhände bzw. Notensysteme. Diese hat Wilson glücklicherweise auch in der modernen Schlüsselung (G2 statt C1) beibehalten. Problematisch bleibt dagegen, wenn im modernen Stich zwei rhythmisch identische Figuren in demselben Takt ungleich viel Raum beanspruchen (z. B. im Ballet der a-Moll-Suite) und nicht gleichzeitig erklingende Töne in beiden Systemen beinahe direkt übereinanderstehen (z. B. Adagio, Allemande der d-Moll-Suite). Gerade der Originaldruck von Muffats Componimenti musicali würde lehren, wie man auch heute noch Musik schön und benutzerfreundlich drucken könnte.
Gottlieb Muffat: Sechs Suiten für Cembalo (Clavier), Erstausgabe, hg. von Glen Wilson, EB 8904, € 26.90, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden, 2017
Verlinkter Nachweis Bild oben: Dieter Schütz / pixelio.de