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Jetzt ist es offiziell: Laut einer Erklärung des internationalen Währungsfonds nimmt die französische Finanzministerin Christine Lagarde den IWF-Chefsessel ein. Sie ist die erste Frau auf dem Posten.
Die Vermutungen haben sich bestätigt: Die Französin Christine Lagarde wird neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das IWF-Direktorium gab am am Abend bekannt, dass sie für den Posten ausgewählt worden sei und ihre fünfjährige Amtszeit am 5. Juli antreten wird.
Lagarde gilt schon länger als Favoritin für den Posten, der seit der Gründung stets von einem Europäer gehalten wurde. Ihr Gegenkandidat Carstens hatte in einem Interview die Besetzung durch einen Europäer als «bedauernswerte Tradition» bezeichnet, die den Währungsfonds «als Geisel» halte.
Französische Dominanz
Lagarde ist die fünfte französische Führungskraft an der Spitze. Seit die Finanzinstitution 1946 ihre Arbeit aufnahm, führten Franzosen insgesamt 35 Jahre lang ihre Geschicke.
Auch eine Reihe von Schwellenländern haben dieses ungeschriebene Gesetz in den vergangenen Wochen kritisiert. Die BRICS-Länder - die aufstrebenden Wirtschaftsmächte Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika - hatten im Mai erklärt, dies unterwandere die Legitimität des Fonds.
Der bisherige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn war im Mai wegen des Vorwurfs sexueller Übergriffe gegen ein New Yorker Zimmermädchen festgenommen worden und hatte schliesslich sein Amt zurückgelegt. Seitdem führte sein Stellvertreter John Lipsky die Geschäfte des Währungsfonds.
Energische Verhandlungspartnerin
Lagarde gilt auf internationaler Bühne als energische Verhandlungspartnerin und wurde von «Forbes» wiederholt zu den einflussreichsten Frauen weltweit gezählt. Vor ihrem Quereinstieg in die Politik 2005 erwarb sie sich bei einer internationalen Anwaltskanzlei einen Ruf als Wirtschaftsexpertin und verbrachte einen Grossteil ihres Berufslebens in den USA.
2007 berief Staatschef Nicolas Sarkozy die frühere internationale Top-Anwältin als erste Frau zur Wirtschafts- und Finanzministerin eines G-8-Staates. In der zweiten Hälfte 2008 leitete sie den mächtigen Ecofin-Rat der EU und trug mit ihrer charmant-energischen Art dazu bei, dass die Finanzkrise eingedämmt werden konnte.
Ihren Chef Sarkozy hat die 55-Jährige, die einst zu den besten Synchronschwimmerinnen ihres Landes gehörte, in Umfragen weit überflügelt. Wegen ihrer Geradlinigkeit und Frische gehört Lagarde zu den beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs und wurde von der "Financial Times" zur besten Finanzministerin der EU gekürt - auch wenn ihr politisches Profil bislang unscharf geblieben ist.
Selbst im Visier der Justiz
In den letzten Monaten geriet die selbstbewusste Madame allerdings zu Hause unter Druck. Dass sie 2008 einer staatlichen Millionenentschädigung an den Geschäftsmann und Sarkozy-Vertrauten Bernard Tapie zustimmte, brachte die sozialistische Opposition in Rage. Auf ihren Druck forderte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren. Am 8. Juli soll darüber entschieden werden.
Ihre Qualifikation für den IWF-Chefposten könnte dessen ungeachtet kaum besser sein: Einen Ruf als Fachfrau für Wirtschaftsfragen erarbeitete sie sich schon bei der internationalen Anwaltskanzlei Baker & McKenzie, deren Chefposten sie 2005 für den Quereinstieg in die Politik aufgab. Fast 20 Jahre pendelte sie in ihrem Job zwischen Frankreich und den USA hin und her. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gilt noch immer als ihre heimliche Liebe.
Und seit Frankreich Anfang des Jahres den G-20-Vorsitz übernommen hat, spielt sie bei der Reform des globalen Finanzsystems schon jetzt eine Führungsrolle. Nicht zuletzt könnte die Mutter von zwei Kindern auch das ramponierte Image des männerdominierten IWF aufpolieren.
Schweiz zufrieden mit der Wahl
Die Wahl von Christine Lagarde zur IWF-Chefin ist für die Schweiz erfreulich. Sie verfüge über die Fähigkeiten und Erfahrungen für ein solches Amt, sagte Mario Tuor, Kommunikationschef des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF).
Die Schweiz habe die Kandidatur Lagardes darum auch unterstützt. Sehr wichtig sei aus Schweizer Sicht gewesen, dass die Nachfolgefrage schnell geklärt wird. Damit können nun wesentliche Themen - allen voran die internationale Finanzstabilität - weiter bearbeitet werden.
Die Schweiz hat seit 1992 einen Sitz im 24-köpfigen Exekutivrat des IWF. Ihrer Stimmrechtsgruppe gehören die sieben Staaten Polen, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Serbien, Tadschikistan und Turkmenistan an. Die Gruppe wird darum oft "Helvetistan" genannt.
Bei der letzten Wahl in das Exekutivdirektorium hatten das Eidgenössische Finanzdepartement und die Schweizerische Nationalbank gemeinsam über die Stimmabgabe entschieden.
Am Kapital des IWF ist die Schweiz mit 1,21 Prozent beteiligt. Vor einer IWF-Reform im November 2010 zugunsten der Schwellenländer waren es 1,45 Prozent gewesen. Obwohl die Schweiz damit von Platz 17 auf 19 zurückfiel, gehört sie immer noch zu den 20 wichtigsten IWF-Mitgliedern.
(laf/sda/awp)