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01.10.2018 - Laura Weidacher
01.10.2018
Laura Weidacher
Die Oper des unerfüllten Verlangens
Das Theater Basel zeigt „Pelléas et Mélisande“ von Claude Debussy, verrätselt und voller Symbole. Ein Erfolg.
Claude Debussy, an dessen 100. Todestag dieses Jahr erinnert wird, wurde zwar ohne seine direkte Zustimmung, aber wohl zu Recht, als der erste Komponist des Impressionismus bezeichnet. Der 1862 Geborene hat neben einem grossen Instrumentalwerk nur eine einzige Oper vollendet. „Pelléas et Mélisande“ wurde 1902 in der Opéra comique in Paris uraufgeführt und markierte einen Wendepunkt in der Musikgeschichte.
Debussy hatte es sich nicht leicht gemacht. Rund zehn Jahre, sogar bis kurz vor seinem Tod, arbeitete er sich immer wieder an der Textvorlage des Belgiers Maurice Maeterlinck ab. Dessen Schauspiel „Pelléas et Mélisande“ wurde 1893 zwar erfolgreich uraufgeführt und gilt als das erste Theaterstück des Symbolismus, ist aber nach Erscheinen von Debussy’s Vertonung praktisch aus den Spielplänen verschwunden. Das verwundert nicht. Denn was käme der schwebenden Luzidität und all dem ahnungsvollen Schrecken gleich, das Debussys Werk erfüllt wie kaum eine andere Oper der Weltliteratur?
Andrew Foster-Williams (Golaud), Elsa Benoit (Mélisande)
Vom Sog des Wassers
Die poetischen Textpassagen aus der Symbolsprache Maeterlincks setzte Debussy nur selten direkt um. Vielmehr rankt sich die Musik zart oder auch drohend um Sätze wie „Hörst du meine Küsse auf deinem Haar?“ oder: „Das Meer scheint nicht glücklich zu sein.“ – Ja, das Meer. Es scheint in diesem Werk allgegenwärtig zu sein, zumindest irgend eine Form von Wasser. Vor allem ein alter Brunnen, der „Brunnen des Blinden“ im tiefen Wald bildet das Zentrum sowohl von Melisandes rätselhaftem Auftauchen im imaginären Königreich Allemonde wie auch später der zart aufkeimenden Liebe zwischen dem Königssohn Pelleas und der inzwischen dessen Halbbruder Golaud angetrauten Melisande. Doch auch an diesem geheimnisvollen Ort bleibt die Sehnsucht nach dem nahen Meer allgegenwärtig. Noch mehr vertieft in das Thema Wasser hat sich Debussy später in den Orchesterskizzen „La mer“, bis heute wohl eine seiner bekanntesten Kompositionen.
Rolf Romei (Pelléas), Elsa Benoit (Mélisande)
Auf das Wasserelement gehen in der Basler Inszenierung vor allem die beeindruckenden Videosequenzen der Schweizer Künstlerin Sarah Derendinger ein, die man schon durch frühere Basler Arbeiten kennenlernen durfte. In ihnen spielt sich alles unter Wasser ab, in einer Art stillem und ausweglosem Überlebenskampf. Daraus wie aus einem Tagtraum auftauchend, erklingt uns Debussy’s Musik umso intensiver, bestrickender – hier könnte man noch lange über die Rezeption eines grossen Klangerlebnisses philosophieren, oder, um mit E.T.A. Hoffmann zu sprechen, „… sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hingeben.“
Der königliche Bauernhof
Klar an dieser vielbejubelten Basler Inszenierung war jedenfalls, dass Symbole und Verrätselung die Aufführung ganz im Maeterlinck’schen Sinne durchdrangen. Die aus Prag stammende, noch junge Regisseurin Barbora Horakova Joly hat mit dieser Inszenierung bewiesen, dass ihr der Preis der diesjährigen International Opera Awards „Newcomerin des Jahres“ zu Recht verliehen wurde. Sie rückt die handelnden Personen glaubhaft in eine nicht näher zu definierende Gegenwart mit bäuerlichem Hintergrund, denn sie geht davon aus, dass die hierarchische Konstruktion des Stücks auch heute noch in vielen Bauernhöfen anzutreffen ist. Der vereinsamte Königspalast als abgelegener Bauernhof, beherrscht von Arkel, dem Grossvater (oder auch Vater?) Golauds und Pelleas‘, seine machtlose, still ergebene Schwiegertochter Genéviève, einem Sohn, der im Sterben liegt, ein Enkelkind und Melisande, die offenbar mit einem Schiff von weither an die Gestade von Allemonde mit ihren dunklen Grotten getrieben worden war.
Jordanka Milkova (Geneviève), Andrew Foster-Williams (Golaud), Elsa Benoit (Mélisande)
Düsternis herrscht nicht nur im riesigen, das Haus umgebenden Wald, sondern auch im Hause, in dem sich Melisande nicht wohl fühlt: „Ich bin nicht glücklich hier“ – immer wieder die Sehnsucht nach Licht, nach Klarheit. Nur die Jugend und die Weichheit von Pelleas vermag das Dunkel um sie herum aufzubrechen. Und die Eifersucht ihres ihr fremd gebliebenen Mannes Golaud führt schliesslich zum Brudermord: Pelleas wird im Brunnen des Blinden ertränkt, gerade, als er sich für immer von Melisande verabschiedet hat. Die hoffnungslose Melisande stirbt bald darauf bei der Geburt ihres Kindes. Das Schlusswort der Oper hat König Arkel: „Wenn ich Gott wäre, hätte ich Mitleid mit dem Herzen der Menschen.“
Elsa Benoit (Mélisande)
Wie in Trance
Dass nichts, was festgebaut erscheint, auch wirklich haltbar ist, demonstriert das geniale Bühnenbild der Belgierin Eva-Maria Van Acker, unterstützt von einer klugen Lichtregie (Michael Bauer): Riesige dunkle Balken bilden ebenso den düsteren Wald wie auch, sich aufrichtend und wie von selbst sich zusammenfügend oder auch wieder auseinanderbrechend, das Haus Arkels. In dieser beklemmenden Szenerie bewegen sich die Protagonisten wie in Trance. Und singen nicht nur durchwegs sehr schön und auf hohem Niveau, sondern erfüllen ihre Rollen auch intensiv und glaubhaft.
Last but not least: Das erweiterte Sinfonieorchester Basel unter der Stabführung des Basler Musikdirektors Erik Nielsen gab dem Werk den traumhaften, lyrischen Charakter, setzte aber in den wenigen dramatischen Szenen auch kräftige Akzente. Man hätte sich gewünscht, öfters die Augen von der Szenerie losreissen und schliessen zu können, um sich ganz auf den Sog der Musik einzulassen. Ein Opernabend der Sonderklasse.
Nächste Vorstellungen im Theater Basel: 2., 5., 7., 14., 22., 24., 27. Oktober
Alle Fotos: © Priska Ketterer / Theater Basel