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Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung (15.03.2010)
«Les Contes d'Hoffmann» von Jacques Offenbach, aufgeführt am Opernhaus Zürich
Ist der Wurm einmal drin, dann ist er drin. Für «Les Contes d'Hoffmann», die einzige grosse Oper, an deren Komposition Jacques Offenbach am Ende seines hektischen Lebens gearbeitet hat, gilt das in besonderer Weise. Das Werk existiert nicht wirklich; was unter diesem Titel auf die Bühne gebracht wird, sind Vermutungen. Offenbach konnte das Stück nicht zu Ende bringen, er starb mitten in der Arbeit im Herbst 1880. Zudem war er gewohnt, seine Partituren erst im Vorbereitungsprozess für die Aufführung abzuschliessen; herkömmliche Vorstellungen von Autorschaft und Werkgestalt geraten hier an ihre Grenzen. Und schliesslich wurde das Konglomerat an Versatzstücken, das der Komponist zurückliess, bald in alle Winde zerstreut, was eine äusserst verquickte Quellenlage zur Folge hat. Vor gut zehn Jahren sind weitere Takte zum Vorschein gekommen, seit fünf Jahren gibt es eine neue, von Michael Kaye und Christophe Keck erstellte Fassung der Partitur. Wie nahe diese Edition den Absichten des Komponisten kommt, lässt sich nicht ermessen.
Das Problem des Idioms
Bei seinem Versuch, «Les Contes d'Hoffmann» auf die Bühne zu bringen, hatte das Opernhaus Zürich nun aber noch ganz spezielles Pech. Am Tag vor Probenbeginn musste der für diese Produktion vorgesehene Regisseur Thomas Langhoff eines akuten gesundheitlichen Problems wegen sein Engagement zurücklegen. Als Retter in der Not sprang Grischa Asagaroff in die Lücke, der Betriebsdirektor der Zürcher Oper, der das Stück in der von Langhoff zusammen mit dem Bühnenbildner Bernhard Kleber entwickelten Dekoration und mit den durch Florence von Gerkan dazu entworfenen Kostümen konkretisierte. Das blieb eine halbe Sache. Mehr als solides Handwerk ist kaum zu sehen; das szenische Arrangement wirkt konventionell, die Aktion im Einzelnen stereotyp – gerade auch in den Szenen mit dem Chor, der hier nicht seinen besten Auftritt hat.
Und wie wenn des Unheils nicht genug gewesen wäre, musste Elena Moşuc, welcher der Auftritt in den vier Partien der Stella, der Olympia, der Antonia und der Giulietta einen glanzvollen Höhepunkt in ihrer Karriere hätte bescheren sollen, im letzten Augenblick auf ärztlichen Rat hin von ihrer Aufgabe zurücktreten und sich an der Premiere auf das Agieren und das Sprechen beschränken. Fürs Musikalische konnten, Glückwunsch ans Betriebsbüro, innerhalb von vierundzwanzig Stunden drei Sängerinnen gefunden und nach Zürich gebracht werden, die nach kurzen Verständigungsproben von der Seite aus ihre Aufgaben erfüllten.
Sie taten das in sehr unterschiedlicher Weise. Zu einem frühen Höhepunkt des Abends geriet der Auftritt der chinesischen Koloratursopranistin Sen Guo, eines jungen Ensemblemitglieds der Zürcher Oper; sie sang die Olympia mit phantastischer Sicherheit, bestechender Klarheit der Linienführung und grossartiger musikalischer Präsenz. Raffaela Angeletti übernahm die Antonia und im fünften Akt die Stella: souverän, aber ganz und gar à l'italienne, mit Druck und enormem Vibrato. Riki Guy dagegen gab die Giulietta dunkel und still, geheimnisvoll und bedrohlich – mit einem warmen Timbre und ruhiger Entfaltung der Stimme, nur leider mit viel zu wenig Volumen. Und das in einer Aufführung, in der, einmal mehr, die vokale Kraftentfaltung im Vordergrund stand.
Denn Vittorio Grigolo als der Dichter Hoffmann, den in Luthers Weinstube die Imagination durch einen dreiteiligen Albtraum mit der menschenähnlichen Puppe Olympia, der schwindsüchtigen Sängerin Antonia und der undurchsichtigen Kurtisane Giulietta jagt – Vittorio Grigolo verwechselt seine Partie mit der, zum Beispiel, des Rodolfo aus Puccinis «Bohème». Gewiss begabt, wenn auch nicht mit Geschmack, und absolut höhensicher, singt er die Töne an, dass es eine Art hat, stemmt er sich immer wieder in ein fast gellendes Forte, spielt er aber auch gerne den Leisen, zumal dann, wenn er blitzschnell ins Pianissimo fallen kann, was er so oft tut, dass man von dieser Manier schon bald genug hat. Eine krasse Fehlbesetzung, vollkommen am Idiom vorbei.
Wie überhaupt der Abend wenig von jenem französischen Geist atmet, von dem «Les Contes d'Hoffmann» leben. Das Werk wird ja mit den von Offenbach vorgesehenen Dialogen gespielt, und der Besetzungszettel verzeichnet auch eine Sprachberatung, aber was man da zu hören bekommt, grenzt ans Absurde. Einen Glanzpunkt diesbezüglich bietet Giuseppe Scorsin als der um seine Tochter Antonia bangende Crespel; seine Einfärbung der Vokale ist geradezu reif fürs Kabarett, und noch lustiger wird es, wenn er zu singen beginnt. Wie «Les Contes d'Hoffmann» besetzt sein müssten, führen als Einzige Benjamin Bernheim (Spalanzani) und Laurant Naouri als der vierfache Bösewicht Lindorf, Coppélius, Miracle und Dapertutto vor: beide mit perfekter Diktion und gesanglich hochstehend, Naouri allerdings mit einer merklichen Neigung zum Dröhnen.
Vom Podium in den Graben
So werden die vier Stunden dieses Abends ausgesprochen lang – zumal, auch das muss gesagt sein, «Les Contes d'Hoffmann» unter dem Strich doch zu wenig musikalische Substanz aufweisen. Es gibt aber Rettung, und sie kommt aus dem Orchestergraben. Dort wirkt nämlich, zum ersten Mal seit seinen Zürcher Anfängen vor fünfzehn Jahren, David Zinman, der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich – der sich mehr auf dem Podium als im Graben bewegt, der bei dem von ihm geleiteten Sommerfestival in Aspen, Colorado, aber durchaus auch Opern dirigiert. Schon die ersten vier Takte zeigen die Richtung an; das dort vorgeschriebene Fortissimo lässt Zinman warm und weich ausformen. Ruhig und entspannt bewegt er sich durch die Partitur, geschmeidig wirken seine Tempi, während die reiche Palette der instrumentalen Farben erahnen lässt, mit welchem Elan Offenbach in diesem Werk seine Vorstellungen von einer grossen Oper verfolgt hat. Wenigstens auf dieser Ebene – und daran hat das Orchester der Oper Zürich bedeutenden Anteil – ist eindeutig zu erfahren, dass Offenbach kein Italiener war.