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Um das Dilemma der Modernen zu umgehen, benutze ich für meine Arbeit den Begriff der Existenzweisen, wie ihn der französische Philosoph Bruno Latour vorschlägt. Es handelt sich hierbei um den Versuch, unser Denken und unsere Sprache zu erweitern, um dabei nicht nur den Menschen, sondern die Vielzahl der Entitäten zu berücksichtigen. Auch wenn sich Vieles nicht mit Gewissheit sagen oder sich erst über das Studium der Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten erschliessen lässt, so können Wissenschaftler:innen zumindest Möglichkeiten ausloten, um z.B. das Verhalten von Vögeln in ihrer Diversität zu erklären. Hier liegt vielleicht der letzte immer kleiner werdende Unterschied zwischen den Geisteswissenschaften wie der Transkulturellen Musikwissenschaft und den Naturwissenschaften, wozu auch die Biologie zählt. Diese Grenze wird zunehmend durch inter- und transdisziplinäre Projekte wie «Seeking Birdscape» aufgeweicht, wie hier am Beispiel der akustischen Mimesis von Vögeln und Menschen gezeigt wird.
Der altgriechisch Begriff mímēsis, der auf Deutsch „Nachahmung“ bedeutet, wurde in der Biologie seit den 1860er Jahren von Henry Walter Bates benutzt, wobei die Mimikry (engl.), also die visuelle Warntarnung, besondere Beachtung fand. Um sich zu schützen, geben sich einige Tiere als andere, gefährliche Tiere aus. In erster Linie erfolgt dies auf körperlich-visueller Ebene wie z.B. die stachellose Schwebefliege, die mit ihrer schwarz-gelben Hinterleibs-Zeichnung einer Wespe ähnelt oder der Octopus, der mit seinen vielen Armen giftige Seeschlangen vortäuscht.
Neuere wissenschaftliche Studien zeigen, dass es dieses Phänomen auch auf akustischer Ebene gibt. Ein australisches Forscherteam definiert den Begriff der Mimesis von Vogel-Lautäusserungen wie folgt: Eine Vokalisation ist mimetisch, wenn sich das Verhalten des Empfängers ändert, nachdem er die akustische Ähnlichkeit zwischen dem Nachahmer und dem Modell wahrgenommen hat, und diese Verhaltensänderung dem Nachahmer einen selektiven Vorteil verschafft.
Ein beeindruckendes Beispiel für eine solche klangliche Nachahmung sind die Klapperschlangengeräusche, welche die Nestlinge der Kaninchenkäuze (Athene cunicularia) produzieren, um sich vor Nesträubern wie dem Marder zu schützen. Die Ähnlichkeit der Klangäusserung der Nestlinge ist verblüffend, hört man sich im Gegenzug das Rasseln der Klapperschlange an.
Dieses Prinzip der Tarnung haben auch Menschen in ihren Heilungsprozessen integriert, wie ich es während einer Feldforschung bei den indigenen Bewohner:innen im Norden Amazoniens antraf. In ihren Heilungsritualen integrierten die Indigenen magische Zauberformeln. Über einen Zeitraum, der die ganze Nacht andauern kann, werden ein oder zwei Sätze unermüdlich wiederholt. Sie werden geflüstert und verbleiben zwischen zwei Tönen, ähnlich dem Prinzip des chantens (singen von spirituellen Liedern). Verwendet wird dabei eine Ritualsprache, die nur die Heiler:innen kennen und selbst von indigenen Patient:innen nicht verstanden werden.
Ein kleines Mädchen wurde von einer giftigen Schlange gebissen, als sie mit ihren Freundinnen in der Savanne spielte. Diese verständigten ihre Eltern, welche sie sofort ins Haus der Heilerin trugen. Sie besah sich die Wunde und den besorgniserregenden Zustand des Mädchens und entschied zugleich, dass sie dringend Verstärkung brauchte. Umgehend fanden sich weitere Heilerinnen ein. Die kleine Patientin hatte sehr hohes Fieber und bereits das Bewusstsein verloren. Die Heilerinnen beschlossen, dass ein tarén, eine magische Zauberformel vonnöten war. Sie verständigten sich darauf, den Tabakgeist ayuk hinzuzuziehen. Es ist die Tabakpflanze, deren Inneres menschlich ist, genauso wie die Schlange und ihr abgesondertes Gift von ihrer Interiorität her wie Menschen sind. Das hat den Vorteil, dass mit den beiden in der alten Ritualsprache kommuniziert werden kann.
Nachdem der Tabak entzündet wurde, übergaben die Heilerinnen ayuk die Botschaft an das Schlangengift. Die Botschaft umfasste lediglich einen Satz: «Ich bin ein pawik-Vogel».
Die Heilerinnen chanteten unermüdlich und pusteten den Tabakrauch über die Beine der kleinen Patientin. Bei Tagesanbruch bedeckten sie die Fenster, um zu verhindern, dass das Licht den Pflanzengeist ayuk von der Arbeit abhalten könnte. Der Tabakgeist übermittelte pausenlos die Nachricht an das Schlangengift, welches nun zunehmend zweifelte, ob es sich im Körper eines kleinen menschlichen Mädchens oder vielleicht doch im Körper eines feindlichen pawik-Vogels befinde.
Die Sonne stand hoch am Himmel als die Heilerinnen erschöpft aus der Hütte traten. Sie sahen sehr mitgenommen aus. Fast zwanzig Stunden lang hatte das Ritual gedauert. Verzweifelt fragte der Vater, wie es um seine Tochter stünde. «Sie schläft», antwortete eine Heilerin und ergänzte: «Ayuk hat es gerichtet». Erleichtert trocknete er seine Tränen.
Der pawik (pauxi pauxi) ist ein für den Menschen harmloser Vogelbewohner der Gran Sabana, einem Hochplateau zwischen Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Dieser Vogel hat verhältnismässig dünne Beine, die kaum durchblutet sind. Der Biss einer giftigen Schlange kann dem Vogel deshalb nichts anhaben. Im Gegenteil, dieser unscheinbare Vogel jagt Schlangen.
Was bedeutet die Botschaft «Ich bin ein pawik-Vogel» und weshalb wird sie gechantet? Sind damit die anwesenden Heilerinnen gemeint oder die kleine Patientin?
Dazu muss erklärt werden, dass in dieser indigenen Denkweise (die als Animismus bezeichnet wird) das Prinzip der Heilung über die Existenzweise einer menschlichen Konstante erfolgt, welche alle Lebewesen besitzen. Die empathische Grundbedingung dieser Sicht- und Hörweise besagt, dass Tiere von ihrem Inneren her Menschen sind, die sowohl Gefühle, Gedanken als auch eine Seele haben. Körperlich hingegen unterscheiden sie sich von den Menschen. Deshalb mag ein Vogel die Welt anders sehen; er hört sie jedoch ganz ähnlich wie ein Mensch. Der Wahrnehmung des Hörens wird bei den Indigenen ein höherer Wahrheitsgehalt zugeordnet als dem Sehen. Was gesehen wird, kann eine Täuschung bzw. Tarnung sein. Was gehört wird, entspricht häufig der Wahrheit.
Wenn die Heilerin nun diesen Satz: «Ich bin ein pawik-Vogel» chantet, erlangt das Schlangengift Gewissheit, dass der menschliche Körper der kleinen Patientin eigentlich der Tarnung des Vogels dient. Es handelt sich also um dasselbe Prinzip der akustischen Mimesis wie es die Kaninchenkäuzchen praktizieren, nur dass die gechantete Botschaft in der alten menschlichen Sprache aller Lebewesen benutzt wird, um diese Täuschung vorzunehmen. Je öfter, länger und vielstimmiger die Botschaft wiederholt wird, umso mehr besteht die Wahrscheinlichkeit, dass das Schlangengift vom Mädchen ablässt.
Die Prinzipien der magischen Zauberformeln beruhen auf den gleichen Prinzipien der Mimesis, wie sie die Tiere verwenden. Ein Angreifer wird abgewehrt, indem die vermeintlichen Opfer vortäuschen, ein anderes für den Angreifer gefährliches Wesen zu sein, ob über tierliche Klänge oder besondere formalisierte Klangsätze in einer Ritualsprache.
Aus einer tierphilosophischen Sicht ergeben sich folgende Fragen: Woher wissen die Kaninchenkäuzchen, dass ihre Feinde Angst vor der Klapperschlange haben? Liegt hier nicht auch eine empirisch gewonnene Erkenntnis der Tiere vor, die über Generationen weitergegeben wird? Ist dies nicht eine Form der Reflexion, die nicht nur den Menschen vorbehalten ist?
— Matthias Lewy