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Am Beispiel von Leutnant Stefan Wąsik
Vor 80 Jahren überquerte die 2. Polnische Schützendivision den Fluss Doubs bei der Französisch-Schweizerischen Grenze. Die Soldaten waren Teil des 45. Französischen Armeekorps. Ihre letzte Schlacht führten Sie auf der Höhe Clos du Doubs. Danach gab die Korpsführung den Befehl zum Grenzübertritt in die Schweiz.
Einer der Hauptgründe war der Mangel an Munition. Die Soldaten waren seit Tagen kämpfend unterwegs. Psychisch und körperlich erschöpft. Am Morgen des 20. Juni 1940 um 4.30 Uhr marschierten das Sapeur-Batallion als eines letzten über die Grenze beim Dörfchen Goumois. Dahinter die Befehlshabenden: Marius Daille, General des 45. Französischen Armeekorps und Bronislaw Prugar-Ketling, General der 2. Polnischen Schützendivision. Für über 12000 Soldaten endete somit die Möglichkeit, weiter für die Freiheit ihres Landes zu kämpfen.
Unter den Sapeuren war auch mein Schwiegervater Leutnant Stefan Wąsik. Die Soldaten wurden in der ganzen Schweiz verteilt. Anfangs in zahlreichen Gemeinde-, Schul-, und Hotelsälen. Später dann in neu geschaffene Lager. Stefan Wąsik kam ins Lager Winterthur. Dort gab es für die Polnischen Internierten die Möglichkeit zu studieren und die Schweizer Kultur kennenzulernen. Diese Zuteilung besiegelte sein späteres Schicksal.
Während eines Arbeitseinsatzes in der Region lernte er in Bassersdorf seine zukünfte Ehefrau Elsi Siber kennen.
Für die Internierten, wie auch für die Schweizer Bevölkerung, gab es strenge, vom Bund verordnete Verhaltensregeln. Unter anderem war es untersagt, privat Kontakt zu halten oder den Internierten Hilfe anzubieten. Die Schweizer Zivilbevölkerung begegnete den Polen allerdings mit grosser Sympathie. Sie empfanden diese als anständig, tüchtig und sympathisch. Wenn eine junge Frau auf einen charmanten, fremden Mann trifft, scheint die Liebe keine Grenzen zu kennen. So war es auch im Fall von Elsi und Stefan. Dies änderte sich allerdings mit dem Beginn des Jurastudiums von Stefan Wąsik in Fribourg. Doch auch hier fanden die jungen Verliebten Wege sich heimlich zu treffen. Eines dieser heimlichen Treffen spielte sich im Bündnerland ab. Stefan Wasik musste in den Semesterferien ins Arbeitslager. Polnische Internierte bauten Bergstrassen und Waldwege. Heute sind diese unter dem Namen Polenwege schweizweit bekannt. Im Safiental traf sich das junge Paar also in einem Hotel, wo am Wochenende Tanzabende stattfanden. In Begleitung einer Anstandsdame betrat Elsi Siber das Lokal. Als wäre es ein Zufall, bat der junge Soldat die fremde Dame zum Tanz. Solche „zufälligen“ Treffen musste sich verliebte Paare damals immer wieder ausdenken. Meine Schwiegereltern waren vermutlich eines der ersten Paare, die schon 1943 heirateten. Dafür brauchte es eine spezielle Bewilligung, die nicht einfach zu bekommen war.
Die Internierten Soldaten führten viele verschiedene Arbeiten aus. Zum Beispiel in der Landwirtschaft, im Strassen- und Brückenbau und in der Forstwirtschaft. Dies half ihnen unter anderem sich gedanklich abzulenken, hatten Sie doch Eltern und Familie in der kriegsgebeutelten Heimat.
Im November 1940 wurden drei Universitätslager gegründet. Das grösste war Winterthur, wo es 419 studierende Soldaten gab (90 mit Abschluss). Das Lager war verbunden mit der ETH und der Universität Zürich. Das Lager in Fribourg arbeitete ebenfalls mit der Universität zusammen. Die Unterrichtssprachen waren französisch und deutsch. In Fribourg studierten 247 Soldaten (141 mit Abschluss).Das dritte Lager war anfangs in Sirnach TG und später in Herisau. Es war verbunden mit der HSG St. Gallen. Im selben November wurde auch das Polnische Liceumslager gegründet. Es ermöglichte den jüngeren Soldaten die Matur zu machen. Unterrichtet wurde von Polnischen Lehrern. 185 Soldaten konnten so die Polnische Matur machen.
In den Lagern wurde auch die Kultur gelebt. Theater, Chöre oder Kunst entstanden. Bis heute gibt es in zahlreichen Schweizer Gemeinden Skulpturen und Fresken, die an diese Zeit erinnern.
Im Mai 1945 beendete die Schweizer Regierung die Internierung der Polnischen Soldaten. So sah es auch die Hager Konvention vor. Einige der Soldaten kehrten nach Polen zurück. Aufgrund der unsicheren Lage in der Heimat emigrierten viele aber nach Frankreich, Grossbritannien, USA oder Australien. Auch Stefan Wąsik wollte mit seiner Frau und dem neugeborenen Sohn in seine Heimat zurückkehren. Auf die Bitte seines schon älteren Schwiegervaters Jean Siber blieb er aber und übernahm dessen Gasthof, wo seine Frau und Schwiegermutter in der Küche wirkten.
Elsi Siber verlor durch die Heirat mit einem Polen automatisch die Schweizer Bürgerschaft. Erst fünf Jahre später bekam sie auf eigenes Drängen den Schweizer Pass zurück. Auch Stefan Wąsik beantragte den Schweizer Pass. Das war damals nicht so einfach. Er musste ab Kriegsende 13 Jahre warten, bis er Schweizer Bürger wurde.
Viele Jahre lang führte er mit seiner Frau und Schwiegermutter den Gasthof in Bassersdorf. In den 60-er Jahren arbeitete er auch am Zürcher Bezirksgericht.
Viele in der Schweiz verbliebene Polen engagierten sich in der Gewerkschaft, in Bildung und Kultur. Auf ewig dankbar für Gastfreundschaft der Schweiz.
Ewa Wąsik