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Die Klimaerwärmung in der Arktis bedroht die Routen, auf denen sich die Inuit beispielsweise zwischen ihren Siedlungen oder beim Jagen und Fischen bewegen. Viele dieser Routen sind – abhängig von Jahreszeit und Wetter – nur zeitweilig zu benutzen und verlaufen über Meereis, Meerwasser, Land, Seen und Flüsse. Ein internationales Forscherteam fand nun heraus, dass die Klimaerwärmung die Nutzbarkeit dieser Routen durch die Inuit weniger beeinträchtigt als befürchtet.
Die Forscher unter Leitung des Briten James Ford, Professor vom Priestley International Centre for Climate an der Universität Leeds, konzentrierten sich bei ihrer Untersuchung auf die Region Inuit Nunangat im Nordosten Kanadas. Die 50 permanent bewohnten indigenen Gemeinden in dieser Region liegen überwiegend an der Küste und sind im Sommer per Schiff erreichbar. Die Inuit nutzen ganzjährig Quads, Motorschlitten und Boote, um sich außerhalb ihrer Siedlungen fortzubewegen. Dabei legen sie auch Strecken zurück, die mehrere Hundert Kilometer lang sind.
Für ihre Studie befragten die Forscher die Einwohner von neun indigenen Gemeinden dazu, welche Routen sie nutzen und vor allem, unter welchen äußeren Bedingungen – etwa Wetter, Wassertemperatur – sie das tun. Daraus entwickelten sie ein Computermodell über die Zugänglichkeit verschiedener Typen von Routen – über Land, Wasser oder Meereis. Dann fütterten sie das Modell mit den Wetteraufzeichnungen der Jahre 1985 bis 2016.
Das überraschende Ergebnis: Trotz Klimaerwärmung veränderte sich die Zahl der Tage im Jahr kaum, an denen die Reisewege nutzbar waren. Betrachtet man alle Routentypen gemeinsam, stieg die Zahl der jährlich reisetauglichen Tage um zwei leicht an. Denn durch den Klimawandel verbesserten sich die Sicht- und die Windverhältnisse auf den Land- und Wasserrouten im Sommer und im Frühling. Das fällt rechnerisch mehr ins Gewicht als der Rückgang von Tagen, an denen die Routen über das Meereis mit Motorschlitten befahren werden können.
Das Computermodell der Forscher berücksichtigt erstmals, dass die Risikobereitschaft und die Fähigkeiten der Inuit beeinflussen, ob sie eine Route unter bestimmten äußeren Bedingungen wählen oder nicht. Beispielsweise fahren manche Inuit noch mit ihren kleinen Booten über das Meer, wenn es zur Hälfte mit Eis bedeckt ist. Vorsichtige Inuit mit geringer Erfahrung verzichten dagegen bereits bei einer mehr als 10-prozentigen Eisbedeckung auf eine Fahrt mit dem Boot, weil die Gefahr von Unfällen mit der Eisbedeckung stark steigt.
Die Wissenschaftler schätzen aufgrund ihrer Studie, dass es jährlich rund 100 Tage gibt, an denen die Wetterverhältnisse für erfahrene und kenntnisreiche Inuit gut genug sind für Touren auf den üblichen Routen, während sie für weniger kompetente Reisewillige nicht ausreichen. Der Klimawandel hat also einen weitaus geringeren Einfluss auf die Nutzung der Routen als die individuellen Voraussetzungen der Inuit, ihre Risikofreude und ihre Ausrüstung. James Ford, der leitende Wissenschaftler, betont jedoch: „Selbst, wenn derzeit die Auswirkungen des Klimawandels auf die Reisebedingungen durch die Fertigkeiten der Inuit-Gemeinschaft vermindert werden, gibt es keinen Zweifel, dass die Erwärmung der Arktis sich schädlich auf die Region auswirkt.“
Quellen: University of Leeds // Nature Climate Change 9, 335–339 (2019) https://www.nature.com/articles/s41558-019-0435-7