Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03150.jsonl.gz/1006

Bildung für den Frieden
Der Südsudan – seit Juli 2011 der jüngste Staat der Welt – ist schon seit Jahrzehnten von Konflikten geprägt. Staatliche Strukturen sind vielerorts zusammengebrochen. Trotz eines Friedensabkommens im August 2015 brachen im Juli 2016 erneut Kämpfe aus. Eine Erneuerung des Friedensabkommens im Sommer 2018 hat zwar den über fünf Jahre dauernden Bürgerkrieg offiziell beendet. Die anhaltende Rivalität und die gewaltsamen Konflikte zwischen Regierung, bewaffneten Gruppen und verschiedenen ethnischen Gruppierungen ist aber noch nicht gänzlich überwunden. Die grosse Instabilität erschweren eine nachhaltige Entwicklung, die Mehrheit der Bevölkerung lebt in extremer Armut.
Aufgrund des Bürgerkrieges und der grossen Armut haben bisher nur wenige Kinder und Jugendliche eine Schule besucht oder gar abgeschlossen. Das Bildungssystem muss neu aufgebaut werden. Ebenso braucht es dringend nachhaltige Friedensförderung.
Erlebt: Deborah geht zur Schule
«Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass ich die Sekundarschule besuchen kann», erzählt die 16-jährige Deborah. Sie besucht die 2. Sekundarklasse. «Jeden Tag fahre ich etwa drei Stunden mit dem Fahrrad zur Schule. Es ist die nächst gelegene Sekundarschule.» Ihr älterer Bruder arbeitet beim TearFund-Partner ACROSS und bezahlt ihr Schulgeld. Ohne seine Unterstützung wäre Deborahs Ausbildung kaum möglich. Denn ihre Eltern leben vom Feldbau als einziges Einkommen.
Auch ihre Nachbarn und die Dorfbevölkerung reagieren mehrheitlich positiv. «Sie sind stolz darauf, dass ich als eine der wenigen Frauen aus unserem Dorf die Sekundarschule absolviere. Von einigen aber, zum Teil auch gleichaltrigen jungen Frauen, höre ich immer wieder den Einwand, weshalb ich die Zeit mit Schule vertrödle, anstatt zu heiraten und Kinder zu kriegen – wie sie es tun.»
Von diesen Einwänden lässt sich Deborah nicht beeinflussen. «Nach meiner Ausbildung kann ich immer noch eine Familie gründen», betont sie. Die motivierte junge Frau möchte gerne einen Beruf im medizinischen Bereich erlernen oder gar Medizin studieren. Deborah träumt zudem davon, eine Schule in ihrem Dorf zu eröffnen. «Ich möchte dem Dorf etwas von dem zurückgeben, was ich erhalten habe.»
Projektinhalt
Die TearFund-Partnerorganisation ACROSS leistet einen unverzichtbaren Beitrag für den Aufbau des noch jungen Staates. ACROSS arbeitet mit den lokalen Behörden zusammen und engagiert sich auch gegen Korruption und Misswirtschaft.
Ein Leitsatz von ACROSS lautet «Bildung für alle!». Noch sind das Tragen und Einsetzen von Waffen sowie gewaltsame Konflikte unter den ethnischen Gruppen in Boma trauriger Alltag. Dadurch werden auch die Bildungschancen immer wieder zerstört.
Das Projekt in Boma verfolgt das Ziel, durch Bildung und Friedensarbeit Strukturen für ein friedliches Zusammenleben aufzubauen. Kindern und Jugendliche, welchen aufgrund des anhaltenden Konflikts im Land der Schulbesuch verwehrt war, werden wieder in die Schule integriert und erhalten psychosoziale Unterstützung. Dies geschieht durch sogenannte beschleunigte Lernprogramme (Accelerated Learning Programme – ALP). Das ALP ist ein verkürztes Lernprogramm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ohne bisherige Schulbildung. Sie können in vier anstatt acht Jahren einen Schulabschluss erlangen. Die ALP Schulen sind die einzige Bildungsmöglichkeit in der ganzen Projektregion. Davon profitieren auch ehemalige Kindersoldaten.
Um Bildung und Frieden zu fördern, beinhaltet das Projekt unter anderem die folgenden zwei Komponenten und Massnahmen:
Bildungsförderung
- Stärkung von zwei ALP-Schulen. Ehemalige Kindersoldaten, Jugendliche und Erwachsene ohne Schulbildung können in vier anstatt in acht Jahren den Schulabschluss erlangen.
- Berufsbegleitende Aus- und Weiterbildungskurse für Lehrpersonen. Sie erwerben didaktische und pädagogische Fähigkeiten und werden für die psychosoziale Betreuung von Kindern mit Trauma geschult.
- Schulung von «Schulmüttern»: Diese Mentorinnen fungieren als Vertrauens- und Bezugspersonen für die Mädchen und haben eine Vorbildfunktion. Sie tragen wesentlich zur Qualität des Schulunterrichts bei, dies führt auch zu einer höheren Einschreiberate – insbesondere von Mädchen.
- Aufbau von Eltern-Lehrpersonen-Vereinigungen und Förderung von Mädchen durch Gründung von Girls Clubs.
- Psychosoziale Unterstützung von Kindern und Jugendlichen sowie Durchführung von friedensfördernden Massnahmen in ALP-Schulen.
Friedensförderung
- Aufbau von 5 zivilen Friedenskomitees, die bei lokalen und bewaffneten Konflikten unter ethnischen Gruppen schlichten und der Bevölkerung zeigen, wie sie ein friedliches Zusammenleben gestalten können. Mithilfe von Friedensbotschaftern in den Dörfern sucht ACROSS neue Wege, um Frieden zu fördern und Konflikte gewaltfrei zu lösen.
- Initiierung von Friedensaufbauprozessen durch Dialoge, die Konfliktparteien aus den drei ethnischen Gruppen Jie, Murle und Kachipo zusammenbringen.
- Regelmässige Schulungen für die Zivilbevölkerung, lokale Entscheidungsträger und lokale Behörden. So können gemeinsam neue Lösungen für alte Konflikte gefunden und ein friedliches Zusammenleben gestaltet werden.
- Aufbau von Friedens-Klubs in den ALP-Schulen und in den Dorfgemeinschaften. Mittels Diskussionsforen, Sport-Turnieren und Sensibilisierungsprogrammen in der Schule lernen Kinder und Jugendliche, wie Konflikte entstehen und friedlich lösbar sind.
Partnerorganisation
Die lokale TearFund Partnerorganisation ACROSS arbeitet bereits seit 1972 im Sudan bzw. seit 2011 im Südsudan. ACROSS ist eine wichtiger Akteur vor Ort und verfügt über grossen Rückhalt in der Bevölkerung, in den Kommunen sowie bei den lokalen Entscheidungsträgern und Regierungsvertretern.
ACROSS ist national sowie international gut vernetzt und setzt Projekte in der Humanitären Hilfe und der Entwicklungszusammenarbeit um, unter anderem in den Sektoren Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und kommunale Entwicklung. ACROSS hat für uns wichtige langjährige Kompetenz in der Friedensförderung sowie in der Schul- und Ausbildung von Lehrpersonen.
Projektgebiet
Jebel Boma County ist ein sehr abgelegenes Gebiet nahe der äthiopischen Grenze. Die Zufahrtswege sind nur während der Trockenzeit für fünf Monate im Jahr passierbar. Boma gehört damit zu den am meisten vernachlässigten Regionen im Südsudan. Die Infrastruktur in der Region ist sehr bescheiden.
Drei ethnische Gruppen leben hier: Murle, Jie und Kachipo. Konflikte um Land, Wasser, Vieh und kulturelle Unterschiede, sowie ungelöste Spannungen aus Zeiten des Bürgerkrieges, enden leicht in Gewalttaten. Ein dringendes Anliegen der Bevölkerung sind der Wiederaufbau der Schulen und die Friedensarbeit.