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Der Portugiese hatte als Trainer mit dem FC Porto und Paris Saint-Germain Erfolg, in der Schweiz blieb er unverstanden. Sein Leben war voller Traurigkeit.
In den letzten Monaten empfing Artur Jorge nur noch engste Freunde bei sich zu Hause. Andere respektierten seinen Wunsch nach Diskretion und Distanz. Jorge war vor ein paar Jahren an Parkinson erkrankt und hatte deshalb in Lissabon die Wohnung wechseln müssen. Treppen konnte er keine mehr bewältigen. Selbst langjährige Weggefährten blieben draussen vor der Tür.
Die letzten Jahre des früheren Fussballers und Fussballtrainers Artur Jorge waren von Zurückgezogenheit und Leiden geprägt. «Er hatte im Fussball Erfolge vorzuweisen, aber ein Leben voller Traurigkeit», sagt José Martins Morim, einer seiner portugiesischen Weggefährten. Jorge verlor seine erste Frau aufgrund von Krebs, seine Tochter Francisca 2013 mit nur 22 Jahren wegen eines Hirntumors und seinen Bruder, der Niederlagen im Leben im Alkohol ertränkte.
Als Stürmer schoss Artur Jorge über 20o Tore, die meisten für den FC Porto, den Klub seines Herzens, und für Benfica Lissabon. Er war der Offensive verpflichtet und lebte darin den Kontrapunkt seines verschlossenen Charakters. Jorge war der Rätselhafte, der Unverstandene mit den knappen Worten. Verbal wurde er nie zum Torschützen, zumindest in der Öffentlichkeit nicht.
Er hörte klassische Musik statt den Fernsehkommentar
Jorge wuchs in Porto auf, studierte in Coimbra und lebte nach seiner Karriere in Lissabon. Er galt als Intellektueller, der sich für Bücher, für Kunst und für klassische Musik interessierte. José Martins Morim erzählt die Legende, wonach Jorge beim Fussballschauen den Fernsehkommentar ausschaltete und stattdessen Musik hörte. Fussball nicht als Geschwätz, sondern als Symphonie.
Als Trainer wurde Jorge in den 1980er Jahren mit dem FC Porto portugiesischer Meister und gewann 1987 gegen den FC Bayern München (2:1) den Meistercup, der heute Champions League heisst. Legendär ist der Ausgleich des Algeriers Rabah Madjer, der den Ball per Absatz im Tor unterbrachte.
Jorge war 1994 der letzte Coach, der mit Paris Saint-Germain französischer Meister geworden war, bevor Katar 2011 das PSG-Projekt vorantrieb. Er hatte etwas vorzuweisen, und so führte ihn der Weg 1996 in die Schweiz. Der Brite Roy Hodgson, mit dem sich die Schweizer Fussballer für die WM 1994 in den USA und für die Euro 1996 in England qualifiziert hatten, wollte Anfang 1996 in die Serie A zu Inter Mailand wechseln. Hodgson strebte das Doppelmandat an – Inter hier, die Schweiz dort.
Doch der Schweizerische Fussballverband (SFV) stellte sich quer. Hodgson zog vergrault nach Italien und bezeichnet diesen Schritt heute als «einen grossen Fehler». Alsbald zauberte der SFV Jorge aus dem Hut. Jorge, der nicht verstand, warum man in der Schweiz so wenig darüber wusste, was mit ihm in Porto und Paris gewesen war.
Jorge musste eine heftige Medienkampagne erdulden
Der Vorlauf zur Euro 1996 wurde zum Tiefpunkt. Als Jorge die Publikumslieblinge Alain Sutter und Adrian Knup kurzerhand und ohne Kommentar aus dem EM-Kader strich, geriet die Auswahl in einen Strudel, aus dem sie sich wochenlang nicht zu befreien vermochte.
Der «Blick» entwickelte eine mediale Kampagne gegen Jorge, die in ihrer Destruktivität nicht zu überbieten war. Die Zeitung beackerte die intuitive Ebene, erhob sich zu Volkes Stimme und titelte: «Jetzt spinnt er, der Jorge». Das Blatt schrieb tagelang von einem «Jorge-Wahnsinn». Auf Bildern wurde nicht auf seinen Kopf, sondern vor allem auf seinen Schnauz gezoomt. Ein paar Monate zuvor hatte sich Jorge einer Operation wegen eines Hirntumors unterziehen müssen.
Zum Spiessrutenlauf wurde das letzte Testspiel in Basel gegen Tschechien (1:2), in dem sich Volkes Zorn gegen Jorge wandte. Einige Personen schlugen gegen die Fenster des Medienraumes. Jorge musste flüchten, das St.-Jakob-Stadion durch einen Nebenausgang verlassen. Der damalige Sportchef der NZZ schrieb, dass man sich als Schweizer «schämen» müsse.
Jorge blieb zeitlebens ein Enigma
Inhaltlich sei der Entscheid Jorges gegen Sutter und Knup nachvollziehbar gewesen, aber formal habe er Mängel offenbart. Das sagte hinterher sein damaliger Assistenztrainer Hans-Peter Zaugg. Nach dem 1:1 gegen England, dem 0:2 gegen die Niederlande und dem 0:1 gegen Schottland war die EM für die Schweiz frühzeitig zu Ende. Und Jorge nicht mehr Schweizer Nationaltrainer.
Jorge blieb für viele ein Enigma. Zugänglich in trautem Kreis, interessiert, gebildet, humorvoll auch, keine Plaudertasche, aber eben auch misstrauisch, verschlossen und verschwiegen, sobald die Runde grösser wurde.
Kein Wort zu viel. Eigentlich keiner für das geschwätzige und oberflächliche Fussballmilieu. Artur Jorge starb am Donnerstag in Lissabon 78-jährig nach langer Parkinson-Krankheit.