Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/3797

Stellenwert und Rolle der Frau ist in den meisten Gesellschaften stark mit ihrer Mutterrolle identifiziert. Auch eine Mutter geht als Person und Frau aber nicht in dieser Rolle auf! Zwar macht das Kind die Frau zur Mutter, sie hört aber damit nicht auf eine eigenständige Person zu sein.
Das Recht der Mutter auf Achtung! Ist diese Forderung veraltet und überholt? Oder ist sie vielmehr heute selbstverständlich? Die Mutter erhält ja den Muttertag und ist auch sonst idealisiert als Kern und Fundament der Familie. Ja man musste geradezu zum Recht des Kindes auf Achtung aufrufen. Sollen so eingeleitete Fortschritte rückgängig gemacht werden?
Nichts von alledem. Es geht mir um die praktische Verwirklichung des Selbstverständlichen und die Betonung der eigenständigen Persönlichkeit und Personenrechte der Eltern - hier der Mutter - gegenüber den an sich gerechtfertigten Ansprüchen der Kinder. Ich meine sogar, dass die Achtung des Kindes ohne Achtung der Mutter (und des Vaters) gar nicht möglich ist. Achtung geben ist die Voraussetzung für Selbstachtung, wie Vertrauen geben und empfangen Voraussetzung für Selbstvertrauen ist.
Den Andern als eigenständige Person respektieren
Achtung ist etwas anderes als Wertschätzung. Viele Mütter werden sehr geschätzt und auch "geliebt", ohne dass sie aber im Alltag geachtet werden. Achtung heisst: einen andern Menschen als eigenständige Person mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Grenzen respektieren.
Wenn meine Beobachtungen zutreffen, so besteht in der modernen Erziehung ein gewisser Trend, der die Eltern ganz für die Kinder da sein lässt. Während die Kinder, ihre Sphäre und Wünsche, früher wenig beachtet wurden und sie sich ganz jenen der Eltern - zuvorderst des Vaters - unterordnen mussten, kehrte sich eine Zeit lang die propagierte Werthaltung in ihr Gegenteil. Auf die Länge tut aber die Selbstmissachtung (Aufopferung) weder dem Opfernden noch dem Empfänger der Opfer gut.
Keine Rede davon, dass die Verhältnisse der vorletzten Jahrhundertwende zu restaurieren wären. Hingegen ist einer Falscheinschätzung der Entwicklung des Kindes und einem Erziehungsdenken entgegenzutreten, das das Kind zum König, zum unverdorbenen "Selbstentwickler" macht. Keine Entwicklung ohne Auseinandersetzung; keine Entwicklung ohne Interessenkonflikte; keine Selbstwerdung ohne Selbstbeherrschung; keine Selbstbeherrschung ohne Frustrationstoleranz.
Was hat Frustrationstoleranz mit der Achtung der Mutter zu tun? Mehr als zunächst vielleicht ersichtlich: Erziehungswerte, die die Mutter zum Kindermädchen und zur aufopfernden (verzichtenden) Gluckenmutter machen oder ihr das Verfolgen eigener Ziele verbieten, lassen die Mutter zu wenig als eigenständige Person erscheinen. Sie läuft Gefahr, verlängerter Arm der kindlichen Wünsche zu werden.
Damit ist dem Kind nicht gedient, weil es so nicht lernt, mit seinen Wünschen selber fertig zu werden. Nicht alle kindlichen Wünsche sind gleich wichtig. Lernt es früh, die Bedürfnisspannung bei weniger wichtigen Wünschen auszuhalten, wird es sich selber gegenüber freier. Dies nennen wir psychologisch Frustrationstoleranz: Es geht um das Aushalten unerfüllter Wünsche, so dass sie nicht verdrängt, aber auch nicht sofort erfüllt werden müssen. Erträgliche Frustrationen helfen dem Kind, selbständig zu werden. (Dies gilt etwa ab Ende des ersten Lebensjahres.) Zu späte oder keine Frustrationen liefern das Kind den eigenen Wünschen hilflos aus. Zu frühe und unerträgliche Frustrationen fördern Gier und/oder Verlust der eigenen Mitte (Depressionen).
Erfüllung neben, nicht an Stelle der Mutterrolle
Wir sprechen von Erziehungsanforderung an das Kind, um das Recht der Mutter auf Achtung zu begründen! Weshalb ist dies nötig? Weil weitherum die Meinung besteht, eine Mutter, die ihre eigenen Interessen pflege, sei potentiell eine Rabenmutter - egoistisch, kinderfeindlich, schuldig. Dem ist nicht so. Die Mutter, die um ihre Persönlichkeitsentwicklung besorgt ist und Dinge unternimmt, die sie erfüllen oder die sie auf sich selber stolz machen, tut auch etwas für die Kinder. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Pubertätsstürme. Es ist gut, wenn dies eine Erfüllung neben, nicht statt der Mutterrolle bringt, denn diese muss sie früher oder später ja reduzieren und abgeben.
Es geht nicht nur darum, dem Kinde etwas "Verzicht auf die Mutter" zumuten zu dürfen. Es geht auch darum, dem Kind Grenzen seines Einflusses und seiner Wünsche anzubieten, die lebendig vertreten werden.
Das Erleben eigener Beschränkung darf nicht übermässig vertuscht werden. Das Kind soll sich damit auseinandersetzen. Zudem soll es die Mutter auch als Person erleben können, die ihr eigenes Leben und ihr eigenes Lebensrecht hat, die auf bestimmte eigene Dinge stolz sein kann und auf einen gewissen Eigenbereich nicht verzichtet. Verzichte sollen nicht einseitig verteilt sein. Für Verzichte soll es auch gewisse Kompensationen geben. Eine Kompensation für kindliche Verzichte auf die Mutter ist eine Mutter, die dem Kind als zufriedene, selbstbewusste Frau begegnet, die ihm Achtung und Vorbild anbietet.
Das Kind soll auf die Mutter stolz sein können
Die Verzichte der andern werden eher anerkannt, wenn das eigene Verzichten erlebt, ertragen und beherrscht wird. Verzicht ist zwar kein Wert an sich, weder beim Kind noch bei der Mutter. Die schlimmsten Enttäuschungen erleben Mütter, die sich - auf alles mögliche verzichtend - total auf das "Wohl" der Kinder einlassen und dann feststellen müssen, dass diese Kinder in späteren Lebensphasen (insbesondere Pubertät) ihre Mutter nicht als Person und Partner achten können, obwohl sie sie vielleicht "lieben".
Ibsen führt ein solches Verhältnis in seinem "Peer Gynt" eindrücklich vor Augen. Diese Mütter haben sich ihre Persönlichkeit und Entwicklungsfähigkeit nicht zu erhalten gewusst, so dass sie vor sich selber kaum etwas vorzuweisen haben als die Kinder. Kinder lassen sich aber meist gar nicht gerne als Erfolg der Eltern vorweisen, wollen und müssen sich als eigenständige Personen erleben dürfen, die ihre Eigenleistungen und Erfolge aufweisen.
Es ist auch nichts Aussergewöhnliches, dass Kinder danach streben, den Eltern ihre Überlegenheit zu zeigen. Die von der Familie ausgelaugte Mutter mit wenig Selbstachtung kann ihren Töchtern kaum imponieren und kaum ein attraktives Vorbild sein; sie kann kaum den Stolz des Sohnes bilden. Diese Gefühle braucht der Pubertierende jedoch, um sich ohne Schuldgefühle von ihr lösen und sich, wenn er es braucht, zugleich partnerschaftlich wieder ihr zuwenden und sich den Eltern anvertrauen zu können.
Das Recht der Mutter auf Achtung wird nicht von aussen garantiert, und kann nicht von aussen gefordert werden. Die Mutter muss es sich zunächst selber erhalten, vielleicht sogar erstreiten. Oft wird sie ihre Grenzen und Wünsche gegen Übergriffe der Familie verteidigen müssen. Obwohl ich sicher bin, dass eine Teilberufstätigkeit der Mutter (resp, des Kundenbetreuers in der Familie) - bei geeigneter Ersatzbetreuung - dem Kind ab dem zweiten oder dritten Jahren nicht schadet, will ich damit keinen Angriff auf die "Nur"-Mütter starten. Meine Überlegungen wenden sich nicht gegen hauptberufliche Hausfrauen und Mütter. Aber auch sie müssen ihre eigenen Bereiche jenseits der Kinder pflegen.
Eigenleben der Mutter innerhalb der Familie wichtig
Ist denn das „Recht der Mutter auf Achtung“ einfach und allein ihre eigene Sache und Verantwortung, also eine Verantwortung mehr, die letztlich doch hauptsächlich den Kindern dienen soll? Nein: Die übrigen Familienmitglieder - insbesondere der Vater - können durch Anerkennen dieses Rechts und seinen achtungsvollen Umgang mit der Mutter, seiner Entlastung und Ermunterung, auch für sich allein selber etwas zu entwickeln, viel dazu beitragen.
Dabei genügt ein gelegentlicher - womöglich symbolischer - Dank „der Familie“ aber nicht. Praktisch beginnt Achtung mit ausdrücklicher Anerkennung des Eigenlebens der Frau innerhalb der Familie. Konkret heisst dies das Einführen klarer Abmachungen und Regelungen, die der Mutter einen eigenen Lebensraum garantieren, sowohl zeitlich wie räumlich. Diese Regelungen müssen auch bei widrigen "Sachzwängen" (z.B. berufliche Verpflichtungen des Vaters) durchgetragen werden, sonst sind sie reine Illusionen und Fassaden. Durchschaute Fassaden sind "tödlich" für die Achtung, namentlich auch der Achtung der Kinder gegenüber den Eltern. Und Kinder durchschauen Fassaden schnell. Dann ist für die Achtung der Mutter nicht viel mehr getan als mit dem "verordneten" Blumenstrauss am offiziellen Muttertag. Bewähren muss sich die Achtung im Alltag.
© Dr. phil. Rudolf Buchmann