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Meine Puppe besass einen überproportional grossen Kopf. Es war höllisch schwer für mich, ihr ein Kleidchen überzustreifen. Aber meistens machte das ja auch Grenadinchen für mich, wie sie alle schwierigen Arbeiten für mich übernommen hat. Dann aber wurde Grenadinchen plötzlich eingeschult, zeigte dort viel Fleiss und Ehrgeiz und umringte sich mit neuen Freunden. Und somit ergaben sich für mich ein paar Probleme. Eines davon, das Puppenkopfproblem, löste ich, in dem ich die Pullover und Hemden meiner Puppe am Hals kurzerhand einfach einschnitt. Mit dem Resultat, dass bei einer Strickweste eine Masche unschön heraus lugte, an der ich solange zog, bis vom Kleidungsstück nichts mehr übrig blieb als ein Knäuel blauer Fäden. Es war, glaube ich, eine Weste, die ich an meiner eigenen Taufe getragen hatte. Dann aber ging auch für mich die Spiel- und Kinderzeit zu Ende. Und mit der Einschulung rollten zwei Jahrzehnte über mich hinweg, auf die ich nicht gewappnet gewesen war, und nach deren Ablauf auch von mir nicht viel mehr übrig blieb, als von einer in ihre Bestandteile aufgelösten Strickweste!
Kurz vor ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag rief mich Grenadinchen an und fragte mich, ob ich nicht an den Vorbereitungen für ihr Fest mitmachen wolle . Ich könne doch ein paar Trink- und Essbons verkaufen, oder, wenn mir das lieber sei, ein paar fantasievolle Eintrittstickets basteln. Ich konnte in gewissen Bereichen fantasievoll sein, in andern aber nicht. Da ich Grenadinchen aber lange nicht mehr gesehen hatte, sagte ich zu und bemalte fürs Fest eine alte Kassenrolle von meiner damaligen Arbeitsstelle, der Parfümerie Ryffelhof, im Warenhaus Coop, mit unzähligen Köpfen. Ich hatte immer gerne Menschen gezeichnet, namentlich Gesichter ohne Nasen und Ohren, jedoch mit grossen Augen und fein geschwungenen Lippen. Die Köpfe, die ich für Grenadinchens Geburtstag zeichnete, sollten meiner Meinung nach einen deutlichen Gesichtsausdruck transportieren, so dass die Gäste dann einen für sie passenden Kopf auswählen und die Mimik imitieren konnten: Lachen, Grinsen, Staunen, Strahlen, Kichern, Dösen, Schmollen, Schlafen, Schnüffeln, usw.
Als ich am besagten Tag bei Grenadinchen eintraf, war das Fest bereits in vollem Gange. Bunt dekorierte, mit Kuchen und Salaten verzierte Tischbänke standen im Garten, Musik und Menschenstimmen tönten vom Erdgeschoss ins Freie hinaus, und um ein im grossen Rasen aufgespanntes Badmintonnetz versammelten sich mehrere Personen zum Doppel. Etwa zehn Meter vor dem Wohnhaus stand ein altes Wohnmobil, in dem ich das Klimpern von Gläsern hörte.
Aus der Richtung dieses Wohnmobils lief mir Grenadinchen wenige Momente später ziemlich aufgelöst entgegen. Sie trug ein rotes Kleid, und ihr rotes, schulterlanges Haar Haare leuchtete im Nachmittagslicht wie hellrote durchscheinende Rüben. „Hast du es doch noch geschafft!“, lachte sie, umarmte mich kurz und war schnell wieder weg.
Was sollte ich jetzt tun? Mit meinen Händen befühlte ich kurz die Kassarollen in meinen Jackentaschen und betrat dann etwas unschlüssig den Wohnwagen, wo Fred hinter einer improvisierten Bar mehrere Aperol Spritz zubereitete. Fred wohnte nur zwei Häuser weiter vorne, am Ende des Grabens und verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Züchten von Gemüse im Grossen Moos sowie gelegentlichen Einsätzen als Barkeeper. Er war ein bodenständiger Mann mit ledergegerbtem Gesicht, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. „Hallo Schwesterchen!“, grinste er schelmisch.
Den knallfarbigen Drink in der Hand, schlenderte ich unbemerkt über den Rasen und schaute zur angrenzenden Wiese, wo ich unter einer Gruppe von Leuten die beiden Ex von Grenadinchen, Thilo und Jan, ausfindig machte. Jan und Thilo tranken Bier und steckten die Köpfe zusammen, während Phil, auch ein Ehemaliger, unweit von ihnen über ein Slackline balancierte. Sowohl der gutmütige Thilo, als auch Alphatier Jan hatten vor Jahren bei uns daheim zum sonntäglichen Brunch gehört wie Mutters Butterzopf oder der, gerade beim Butterzopfessen, etwas schwerer verdauliche Joseph Haydn. Schon als Zwölfjährige hatte Grenadinchen ihre männlichen Freunde ganz selbstverständlich in unsere vierköpfige Familie eingeschleust, als sei ein fünftes Mitglied innerhalb unserer Trupps gerade zu zwingend. So war der stille Thilo ihr erster offizieller Freund gewesen, Jan, der zweite und der Übergang zwischen den beiden fliessend, als Grenadinchen mit Sechzehn aufs Gymnasium kam. Vier Jahre lang teilten Grenadinchen und Jan jede freie Minute zusammen, büffelten den Schulstoff und trainierten zusammen sechsmal wöchentlich Mittelstreckenlauf auf der Bahn. Allerdings war auch der Kontakt zwischen Thilo und Grenadinchen in dieser Zeit nie abgebrochen. Thilo war nicht nur ebenfalls Mitglied im Laufclub, in dem Grenadinchen und Jan rannten; er war auch an Grenadinchens Geburtstagen immer mit von der Partie. Ja, gehörte in Grenadinchens Leben quasi zum Inventar. Sowohl mit ihr, die er bewunderte, als auch mit Jan, der ihn begeisterte, verband ihn eine Freundschaft.
Phil war auch in Jan und Grenadinchens Schulklasse gewesen und hatte sich dort einen Namen als das Mathematik-Genie mit den würzigen Socken gemacht. Er war umgänglich und bei allen beliebt, obschon ihn niemand recht kannte. Dagegen glänzte er als Sportmuffel, was sich jetzt auf dem Seil nicht zeigte. Er hatte bereits die Hälfte des Bandes bezwungen, verwarf die Arme wie ein Tintenfisch, und es sah so aus, als würde abstürzen. Im letzten Moment konnte er sich halten. Schliesslich rief ihm Jan etwas zu, und er stürzte doch.
Die Beziehung Grenadinchens mit dem stolzen Hünen Jan war nach Ablauf des letzten Gymnasiumsjahr nicht wirklich zerbrochen, auch wenn sie sich offiziell von ihm getrennt hatte. Sommerferien standen damals vor der Tür, und ein bisschen wie eine Alchimistin zauberte Grenadinchen eine Ferienmannschaft für eine Veloreise an der Westküste Frankreichs zusammen, zu der neben Ex-Ex-Jan, mit neuem weiblichem Anhang, und Ex-Ex-Ex-Thilo, das Inventar, auch Ex-Phil, der Würzduftige, gehörte! Im Prinzip wusste jeder, dass der Bruch zwischen Grenadinchen und Jan auf Phils Kappe ging, weil sich Grenadinchen auf einmal in diesen unsterblich verliebt und über einen längeren Zeitraum eine Beziehung mit zwei komplett unterschiedlichen Männer gleichzeitig geführt hatte. Jetzt, auf der Veloreise war Phils Status jedoch wieder klar, denn Grenadinchen nahm mit nach Biarritzz auch den schlaksigen Hubi, ihren Aktuellen!
Ich hatte damals für meine Sommerferien mal wieder kein Projekt und machte dabei auf meinem rostigen Viergänger Quicki Pinkie ganz selbstverständlich als Schlusslicht auch mit.
Ich betrachtete ein wenig die Umgebung. Gleich hinter der Wiese erhob sich ein etwas ausgedünntes Wäldchen auf einem Hügel, der aussah wie ein Nashornrücken, und von dem es, gleich hinter dem Haus und der Mühle noch einen gab. Im Prinzip war in dieser Gegend alles voll von kleinen, leicht ausgefressenen Waldinselchen, die daran erinnerten, dass hier, lange vor der Urbanisierung, einmal alles mit Wald überwuchert gewesen war. Ich fragte mich, was Grenadinchen, dazu bewogen hatte hier, in diesem feuchten, geheimnisvollen Graben ihr Nest aufzubauen. Gegen Ende ihrer Ausbildung zur Sozialarbeiterin hatte Grenadinchen eine Weile zusammen mit Thilo in einer Dreizimmer-Wohnung in der Stadt gewohnt, als bei ihr die Sehnsucht nach dem Land zurückkehrte. Irgendwann stiess sie dann auf das Inserat in der Zeitung, in dem Mark Bauer, der Sohn des ehemaligen Mühlebesitzers, zwei Bewohner für das Wohnhaus neben einer alten Mühle suchte. Grenadinchen hatte sofort zugesagt. Thilo folgte ihr wenig später. Zu diesem Zeitpunkt war Grenadinchen bereits die Freundin von Mark Bauer geworden.
Ich blickte zum Haus und der alten Mühle, die jetzt, nachmittags um fünf, beide bereits im Schatten lagen. Im Wohnhaus waren kleine, düstere Fenster eingebracht, ein bisschen wie introvertierte Augen. Ich stellte mir vor, wie Grenadinchen früh morgens das Fenster öffnete und über sich den vorhängenden Dachfirst der alten Mühle sowie die darüber hinweg führende Autobahn wie den massiven Unterbauch eines mächtigen Krokodils bestaunen konnte. Jetzt hingen ein paar Krähen darin und flatterten in den Nischen der dicken Betonpfeiler nervös auf und ab, während von darüber das regelmässige, Dröhnen einiger Laster auf der Durchreise nach Genf, Frankreich oder sogar Spanien polterte.
Diese Zeltreise an der Westküste Frankreichs entlang hatten wir ein Jahr später in der mehr oder weniger gleichen Formation wiederholt. Diesmal startete unser Radtrip jedoch im Norden der Bretagne und endete in Archachon, bei der Dune de Pyla, einem damals noch nicht überlaufenen Touristenort. Hatte der zweite Teil unsrer Fahrt durch kilometerlange Pinienwälder geführt, gehörten zum ersten Teil Möwen, die mit nervösen Schreien Slalom über unsere Köpfe hinweg sausten, heftige Regengüsse und undichte Zeltplanken. Allabendlich kümmerte sich Thilo unter dem wuchtigen salzigen Himmel von Brest um die Rezeptur des immergleichen, schmackhaften Bohneneintopfs, während Phil tropfnass und schlotternd aus der Duschkabine hervor huschte, die nur rostiges Regenwasser in kalten Schüben ausspuckte. Jan und Phil warfen sich bei jedem Wetter in die Brandung, doch einmal wurden sie beide von einer Welle an Land geschleudert und überschlugen sich wie Treibholz. Jan war sofort wieder auf den Beinen, doch Phil blieb eine Weile im Sand liegen, konfus wie ein Baby. Er hatte sich eine blutende Schramme über der Wange zugezogen und doppelte kurze Zeit später an mein Zelt. Schliesslich war ich die einzige, die eine Reiseapotheke mit sich führte, aber keinerlei Werkzeug zur Instandhaltung eines Fahrrades. Zwei mal musste Jan meiner alten Mähre Quickie Pinkie auf dem Zeltplatz den gesprungenen Reifen flicken, während ich die Toilettenspiegel ortete, um mir die pinkigen Ohrringe aus Plastik in die Ohren zu schieben. Kein Ersatz für einen Veloreifen, meinte Jan über dieses Accessiore, das mir auf dem Fahrrad bei Gegenwind immer hinter die Ohren nach hinten zerrte. Ich hatte auch einen unpraktischen, hoch geschnittenen Badeanzug ohne Träger mit eingepackt, eine Schwimmente zum Planschen, Biskuits in Unmengen sowie ein verfetztes Tagebuch, in das ich jede freie Minute schrieb.
Jan, der jetzt Sportmedizin studierte, hatte blondes, kurz geschorenes Haar, eine karätige Stirn und ein leicht vorgeschobenes Kinn. Er war loyal, wollte im Leben vorwärts kommen, betrachtete alles aus einem praktisch rationalen Blickwinkel und dementsprechend forsch konnten seine Augen wirken. Phil war schon von der Physiognomie komplett anders, rundlich und plump mit dunklen Locken und feinen Gesichtszügen, erinnerte er ein wenig an einen glitschigen Fisch, der sich problemlos an jede Gruppe anpassen konnten, knabenhaft kicherte und immer mal wieder urplötzlich vom Erdboden verschwand. Zwei Jahre lang liess sich Grenadinchen jeden Samstagabend auf dem Rücksitz von Phils Vespa fünfzig Kilometer weit zu Jan chauffieren und dort ein paar Stunden später, aufgelöst und manchmal nur im dünnen Pyjama bekleidet, spät nachts wieder abholen. Vielleicht war Jan mit seinem gesunden Selbstbewusstsein nie auf die Idee gekommen, Phil könnte so etwas wie sein Konkurrent sein, während Phil, obschon er so tat, als wäre ihm die Trio-Gemeinschaft mehr als recht, insgeheim nach wie vor Jan für den eigentlichen Partner Grenadinchens hielt. Schliesslich bezahlte Grenadinchen dieses Hin und Her nach einer eisigen Winternacht mit einer schweren Lungenentzündung, und das war das Ende von Jan und Phil gewesen und bald einmal die Sternstunde von Hubi. Brav, still und schlaksig, mit Hosen, die ihm knapp über das Schienbein reichten, aber ein kreativer, origineller Kopf, trafen sich die beiden am sozialpädagogischen Einführungsseminar, diskutierten zwei Stunden über Hubis Zweifel und Ängste, den Beruf des freien Grafikers gegen den Willen seines strengen Vater auszuüben und verliessen dieses Problem respektive Einführungsseminar gemeinsam als Paar.
Es dämmerte bereits und über dem Waldrücken, der sich jetzt mit Dunst überzog, zeichnete sich ein glasklarer Mond ab. Drüben im Garten waren Jan, Phil und Thilo dabei, ein Feuer zu entfachen, was ihnen offensichtlich nicht recht gelang. Mein Aperol Spritz war lau geworden. Ich nahm den letzten Schluck und ging damit in den Wohnwagen zu Fred an die Bar. „Noch einen, Schwesterchen?“, grinste dieser und meinte, dass ich durchaus einen zweiten Drink vertragen könnte, nachdem ich, um den ersten zu vertilgen, bereits sagenhafte neunzig Minuten gebraucht hätte. Ich schüttelte den Kopf und wollte wissen: “ He, weisst du eigentlich, wo Hubi steckt?“ Und indem ich den zweiten Aperol Spritz in Angriff nahm, beförderte ich auch Fred gleich mit hinaus ins Freie. Ich war mir sicher: Wenn einer die Glut über der improvisierten Feuerstelle entfachen konnte, dann er!
Grenadinchen hatte den etwas steifen Hubert, der aus einem Bergkaff kam, gelockert, hatte ihn in ihre Hemden und Trainern eingekleidet, vom Knaben zum Mann, fast wie eine Pflanze gezogen. Er, der Grenadinchen während unserer Veloreise zärtlich den Übernamen Mutterschaf gegeben hatte, welcher sofort von allen übernommen worden war, besass mittlerweile vier Galerien in vier verschiedenen Weltstädten. Das Studium der Sozialpädagogik hatte er im dritten Semester abgebrochen, kurze Zeit darauf zog es ihn aus der provinziellen Enge dieses Landes hinaus in die Grossstadt, und er musste auch mit Mutterschaf brechen.
Aber auch mit Grenadinchen waren während ihrer Bekanntschaft mit Hubi einige Veränderungen vor sich gegangen. So hatte sie ihre Laufschuhe plötzlich an den Nagel gehängt, war beim Sonntagsbrunch mit roten Haaren erschienen und verkündete, sie wolle das Studium abbrechen und stattdessen praktische Arbeitserfahrungen in einem Wohnheim mit Behinderten sammeln. Hier erfolgten vielleicht die ersten und einzigen rebellischen Wochen in Grenadinchens bisherigem Leben, denn die Eltern hatten kein Verständnis dafür, dass eine ehemalige Klassenbeste, die eine erfolgreiche berufliche Zukunft mit einem guten Auskommen vor sich hatte, praktische Arbeitserfahrungen in einem Wohnheim mit Behinderten sammeln wollte. Grenadinchen und Vater schrien sich bei Tisch wie Wölfe an, Mutter senkte das Gesicht und weinte. Ein paar Wochen später schleppte Grenadinchen einen grossen Marmorstein nach hause und meisselte daraus in hartnäckiger monatelanger Feinarbeit eine Frauengestalt, die sich birnenförmig über einen unfertigen männlichen Korpus beugte.
Dieses Gespann, dessen männlicher Kopf sich in die Bauchhöhe der Frauengestalt schützend verkugelte, war Grenadinchen in den Graben gefolgt. Kaum sichtbar stand es zwischen hängenden Bohnen und wildem Rhabarber verdeckt, in der eindunkelnden Dämmerung drüben vor der alten Mühle.
Mark Bauer, ein etwas launischer und manchmal weinerlicher, dann wieder sehr zuvorkommender Mann, dessen grimmiger Gesichtsausdruck mich öfters an einen Mühlstein erinnerte, kam gerade aus dem Keller. Er hatte eine Harrasse Bier in der Hand und ging damit hinüber zur Feuerstelle, wo er sie zwischen Fred und Grenadinchen auf den Boden stellte. Grenadinchen bedankte sich, während sie laufend Auberginen-Bratlinge auf Pappteller legte, die ihr Fred mit einer Zange aus dem Feuer fischte, worauf sie sie den herum stehenden Gästen reichte. Ex-Ex-Ex-Ex-Ex–Thilo, Ex-Ex-Ex-Ex-Jan, Phil und Ex-Mark Bauer jedoch umringten aus der Nähe das Feuer und waren mit Ästen, Steinen oder blossen Händen, die sie als Blasebälge einsetzten, darum bemüht, dass die Glut des Feuers ihre Kraft behielt und nicht ausging!
Eigentlich sah sie jung aus, fand ich, jünger als sechsundzwanzig, aus der Weite, doch, jetzt, im Schein des Feuers, zeichneten sich auf ihrer Stirn ein paar gewittrige Falten ab. Ich erschrak leicht. Ob sie sich irgendwelche Sorgen machte? Nicht etwa, dass sie sich an ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag mehr für das Wohl aller andern verantwortlich fühlte, als für das ihrige? Ich dachte nach: Ja klar, von Grenadinchens Anwesenheit hing alles ab! Von Grenadinchens Launen, ihren Kräften! Ohne Grenadinchen hätte es schon damals bei uns am Brunchtisch keinen rechten Gesprächsstoff, keine so rechte Sonntagsstimmung gegeben. Mit Thilo waren die Schulnoten und die Freizeit, mit Jan die Zeitrekorde und Auszeichnungen, die Hundertstel, die im Sport entschieden hatten bei uns daheim das Thema gewesen. Und immer war es Grenadinchen, die es schaffte, das gegen die Nullgradgrenze tendierende Stimmungsbarometer zwischen unseren Eltern zu kitten. Nicht, dass wir – Mutter und ich – für keinen Gesprächsstoff hätten sorgen können, oder unsere Eltern ein von Natur aus sich ziemlich anschweigendes Paar gewesen wären; aber mit Hubi und Phil, mit Thilo und Jan am Tisch waren die Launen einfach. besser! Jan sass immer da, führte mit der linken Hand die Gabel mit dem Essen zum Mund und hielt mit der rechten Grenadinchens Hand über der Tischplatte ganz demonstrativ umschlossen. Thilo, der ebenfalls Grenadinchens Hand während des Essens hielt, schweifte mit den grossen, leicht kuhigen Augen meistens etwas verlegen zwischen Grenadinchen und Dad hin und her, während Phil, der nicht so oft bei uns daheim übernachtete, einen ziemlich unscheinbaren, ja, geradezu verschlossenen, gleichzeitig übernächtigten Eindruck bei uns zu Tisch machte – ein bisschen so, als wäre er gar nicht da.
Ich machte ein paar Schritte zur Seite und hob die schweren Blätter der Rhabarer an. Aber auf wie viele Reisen mich Mutterschaf doch so nebenbei, als wäre es das Natürlichste, noch mitgenommen hatte! Hatte ihr unsere Mutter einen Wink gegeben? Oder war ihr irgendwann vielleicht aufgefallen, dass ich in der Gestaltung meiner Ferientage genauso hilflos und unselbständig war, wie im Anziehen meiner Puppe?
Jeden Abend breiteten Hubi und Grenadinchen auf dem Zeltplatzboden die Michellin-Karte aus und heckten in stundenlangen, sozial einvernehmlich geführten Diskussionen die beste Veloroute für den nächsten Tag aus. Der letzte Tag verlief dann so, dass sich Jan, nachdem er allen beim Packen der Zelte wie von Zauberhand geholfen hatte, auf sein famoses Mountainbike schwang und über die Departementstrasse durch das kurvig verwinkelte Archachon, allen vorab düste, als wäre er eine Art frühzeitiger Lance Armstrong! Selbst beim Erklimmen der Dune de Pyla nahm er kein einziges mal den Schuh vom Pedal, was nahezu an ein Kunststück grenzte, während wir andern die Räder mühsam durch den tiefen Sand schleppten. Phil liess sein Rennvelo (das er anschliessend nicht mehr fand!) auf halber Höhe einfach gegen einen Sandkamm fallen und legte den nachgiebigen Untergrund tribbelnd zurück, sein Rücken war nass geschwitzt, und hinter ihm folgte nur noch ich. Oben angekommen hatte Grenadinchen ihr Rad bereits in den Sand hinein gepfuhlt und mit Rucksäcken befestigt, so dass alle andern ihre Räder und Rucksäcke dagegen lehnen, Tücher und Jacken darüber legen konnten. So sassen wir dann an diesen Wall gelehnt und äugten über den gewaltigen Dünenkamm hinweg aufs dunstige Meer hinaus …. Ein heftige Salzbrise wirbelte durch die Luft, während von unten her, dem Zeltplatz Pyla, die Trommelschläge der Hippies, die dort das ganze Jahr über wohnten, in dumpfer, aufregender Gleichmässigkeit zu uns hinauf dröhnten.
Ich gelangte hinter das Haus und überquerte die Strasse, die zusammen mit dem kleinen Bach den Graben durchteilte. Hier, unmittelbar neben der Mühle, war für die Autos Sackgasse, und sie mussten entweder umkehren oder sich durch das Geäst eines der Nashornrücken einen eigenen Weg nach Irgendwo graben. Mit einem grossen, aber nicht ganz beinsicheren Sprung landete ich im Gebüsch und setzte mich auf eine Baumwurzel nieder, von der aus ich das Fest und den Garten aus der Ferne beobachten konnte. Es war nun dunkel und über der Mühle stach der helle Mond durch den Himmel wie ein frisch gewaschener Zahn. Der intensive, süssliche Duft von alten Bastsäcken und Getreide stieg mir in Nase, während ich auf einmal wieder die Kassarollen in meinen Hosentaschen befühlte und an die vielen Grimassenköpfe denke musste, die ich gezeichnet hatte. Dann hörte ich plötzlich ein Geräusch.
„Wieder mal am Davonschleichen?“ – „Ach, du bist’s!“ Ich sah mich um und erkannte Phil das Bächlein überspringen und durchs Laub zu mir hoch stampfen. Er hatte sich gerade schnaufend auf den Waldboden niedergelassen, da hörten wir erneut ein Geräusch, und diesmal tauchte Fred auf der Strasse auf. Geübt im Erspähen von Tieren im Wald, machte er uns sofort ausfindig und kam mit einer Flasche Aperol Spritz in der Hand auf uns zu. „Ich zieh Leine!“, grinste er. „Was du gehst schon?“ Phil war überrascht. „Ja, die können auch ohne mich Party machen!“, antwortete Fred vergnügt. “ Und falls ihr mich braucht: ihr findet mich im Haus Nummer Zwei da vorne an der Strasse!“
Phil und ich schauten Fred eine Weile nach, der trotz fort geschrittener Stunde ganz offensichtlich in Schuss war. Er hatte die Flasche Aperol Spritz neben Phil stehen lassen, dessen seitliches Profil mit dem leicht gewölbten Doppelkinn ich im Dunkeln nicht sehen konnte. Aber ich hörte seinen unregelmässigen Atem, und einen Augenblick lang fragte ich mich, ob er schlief.
„Darf ich was fragen?“. Nein, Phil schlief doch nicht. „Hm ah.“ – „Wie du damals jeden Abend dem Sonnenuntergang nachgelaufen bist, dich auf eine Klippe gesetzt und wie wild in dein Tagebuch geschrieben hast, weisst du. Ich meine, auf unseren Reisen, wo du ja auch mitgekommen bist, eigentlich …“ – „Was ist damit?“ – „Das hat mich irgendwie beschäftigt. Du bist so stumm gewesen, und man hat mit dir irgendwie nicht recht reden können, denn du warst so weit ab von uns, so teilnahmslos, einfach für dich. Aber dann, wenn wir wieder an einem neuen Zeltplatz in der Nähe des Meeres angekommen sind, bist du immer auf und davon mit deinem Tagebuch in die Bucht. Wir andern haben die Zelte montiert, die Campinganlagen ausgetestet und gekocht, aber du bist einfach abgehauen, hast dich einfach verdrückt …“ – „Kann sein.“ Phil griff nach der Aperol Flasche, sah das halbleere Glas in meiner Hand, zögerte kurz und füllte es bis zur Hälfte auf. Zuerst trank nur ich, doch dann tranken wir gemeinsam daraus. „Einmal bin ich zu dir ins Zelt gekommen, und du hast schreibend im Schneidersitz auf dem Boden gesessen. Ich hatte mich an der Wange verletzt und blutete, aber es dauerte mehrere Minuten, bis du reagiert und von deinem Tagebuch aufgeschaut hast …“ – „Ich habe dir doch ein Pflaster quer über die Wange geklebt, Phil!“ – „Ja! Das tatest du dann. Und mit was für einem Abscheu! Was schreibt sie, was kritzelt sie da die längste Zeit in dieses Heft? Warum läuft sie bei jedem Sonnenuntergang davon und lässt uns stehen? Wollte ich dich fragen. Aber fragen konnte man dich nicht. Ich nicht, und auch sonst keiner.“ – „Hast du es denn versucht?“ – „Naja, nicht wirklich. Aber vielleicht hat es mich auch zuwenig beschäftigt, oder es ist mir nicht recht bewusst geworden, wie damals beim Brunch bei euch. Als ich in Ronja so verliebt war …“ Phil nahm einen Schluck aus der Flasche und stellte sie dann hinter unseren Köpfen auf den Baumstrunk. Wir waren beide in der Zwischenzeit immer weiter daran hinabgesunken, so dass der Strunk jetzt als Kopfstütze diente. „Da warst du doch eigentlich auch da, wenn auch nicht wirklich, aber doch da, eindeutig da, und nicht eigentlich als Schatten, nein, so kann man das nicht sagen …“ – „Du erinnerst dich an unseren familiären Sonntagstisch? Erstaunlich…“ – „Wieso? Es war ein schwerer runder Tisch aus Holz mit fünf grau gepolsterten Stühlen drum herum. Auf dem ersten Stuhl mit dem Rücken zur Küche hockte deine Mutter und hatte vor sich Zugriff zum geschnittenen Zopf im Brotkorb, Milch, Zucker, Marmelade und Kaffee in der Tischmitte, ja, diesen Bereich verwaltete deine Mutter quasi. Links von ihr sass dein Vater mit dem Rücken zum Flur, meistens in einem schwarzen T-Shirt, auf dem in grossen gelben Buchstaben der Name seines Laufclubs, „Der Schnellste Thuner“, geschrieben stand. Dein Vater war immer in hoher energetischer Spannung und kompensierte das, indem er mit der Messerspitze mehrmals hintereinander dicke Scheiben Butter vom Butterbrett abtrennte. Ich erwartete, er würde sie sich gleich so, nackt, in den Mund stecken, doch er strich sie dann doch noch flüchtig an seinem Brothappen ab, bevor der ganze Happen auf einmal elegant in seinem Rachen verschwand. Ronja und ich sassen deinem Vater gegenüber, und er und Ronja unterhielten sich, doch mich sah dein Vater dabei nie an. Du kamst fast immer als Letzte zum Frühstück, barfuss und im Schlafanzug und in ziemlich übler Laune. Manchmal hast du nur einen Yogurt gegessen und den Tisch gleich wieder verlassen, aber auch wenn du länger da bliebst, du hast nie irgendetwas gesagt oder dich an einem Gesprächsthema beteiligt. Es erwartete auch keiner, dass du bei der Unterhaltung mit diskutieren oder selbst ein Thema in die Runde bringen würdest. Deine Mutter beteiligte sich auch nur spärlich und hing immer wieder ihren eigenen Gedanken nach. Ich glaube, sie interessierte sich nicht gross für Sport oder Schulstoff, und das waren die Themen, die bei euch am meistens besprochen wurden. Mich behandelte deine Mutter anfangs ziemlich ambivalent, in dem sie mir mal zuvorkommend den Brotkorb reichte, mich dann wieder ziemlich kühl über meine Zukunftspläne ausfragte. Manchmal erwähnte sie auch Anekdoten, in denen Jan und Thilo vorkamen, und in denen ihr Bedauern mitschwang, dass diese Beziehungen nicht gehalten hatten. Aber obwohl deine Mutter mich über meine Zukunftspläne ausfragte; im Grunde, glaube ich, wollte sie bloss herausfinden, ob sie mich würde mögen können oder nicht, ebenso wie sie Thilo oder Jan gemocht hatte. Darum war sie bemüht. Du aber gabest dir nie auch nur im geringsten Mühe für irgendwas. „Hast du gut geschlafen?“, fragte dein Vater manchmal, wenn du aufgetauchst bist. „’S geht.“ War deine Antwort. Jedesmal. „’S geht.“ Sagtest du. Und einmal ist mir das aufgefallen: ‚Sie sagt immer s’geht! Sie rennt jedem Sonnenuntergang nach! Sie ist unfreundlich, aber eigentlich ist sie doch ganz reizend! Sie hat mir mit zitternder Hand ein Pflaster auf die Wange geklebt! Und ich habe mich gefragt …“ – „ Ja?“ – „ Wer ist sie? Wer ist ihre kleine, unbedeutende Schwester?“
Phil machte eine ruckartige Bewegung, schlug mit dem Arm gegen die Flasche, und das zuckrige Gesöff ergoss sich sprudelnd über seinen Kopf. Vielleicht, um uns beide vor dem Aufprall des Flaschenbodens zu schützen, schnellte er vor, und sein ganzes Körpergewicht lag auf mir, während wir so, seine Hände in meine Jackentaschen verhakt, nochmals einige Meter weiter den Waldboden hinabrollten. Übrigens waren wir die so ziemlich typischen fünfundzwanzigjährigen Betrunkenen. Wir kicherten, und vielleicht presste ich meinen Mund sogar auf seinen Mund und stopfte ihm das Kichern, zusammen mit der Aperolzuckermischung, die an seinem salzigen Hals, seinem fleischigen Kinn, seinem kleinen Ohr klebte, verwegen in den Mund zurück,wer weiss. Da krallten sich seine kleinen mädchenhaften Hände noch etwas tiefer in meine Jackentaschen, als er plötzlich inne hielt und zwei auseinander fallende Kassenrollen in die Luft streckte. „Hey! Was ist denn das?“ – „Ach so!“, gab ich schwach zurück. „Das sind nur meine Eintrittsköpfe!
Du weisst vielleicht, dass ich im Warenhaus Ryffelhof in der Hygiene- und Parfümerieabteilung an der Kasse arbeite….“ – „Ronja hat mal sowas erwähnt, ja …“ – „Und dort habe ich diese Rollen auch her. Ich habe Köpfe drauf gemalt und Gesichtsausdrücke hinein gezeichnet. Augen, Nasen und Mund. Es sollte mein Beitrag fürs Geburtstagsfest sein!“ Phil setzte sich auf, griff nach einem Feuerzeug und fuhr mit der Flamme der Kassenrolle entlang, während ich weiter die rudimentären Gesichtsausdrücke erklärte: „Dieser Kopf hier zeigt ein offenes Lachen, fast ein Strahlen, eigentlich! Und dieser hier nur ein Schmunzeln! Dieser hier stellt einen Träumenden dar, dies ist einer, der in die Ferne schaut! Dies ist die Freude! Und das der Schlaf! Hier haben wird das Misstrauen! Hier ein Pickser oder ein Druck! Ein Gähnen! Es sind alles nur Grimassen! Welche würdest du für dich wählen?“ Phil überlegte eine Weile und entschied sich dann für den „Schlaf-Eintritt“. Dem Gesicht waren zwei halb geschlossene Lidern und ein friedlich entspannter, winzig kleiner Mund eingezeichnet, und der Ausdruck hatte etwas von einem Baby. Ich hatte verstanden.
Ich glaube, Phil schnarchte leicht, als ganz in der Nähe wieder ein Geräusch zu hören war, und jemand trat aus dem Hintereingang des Hauses. Es war Grenadinchen, die ein Einrad bei sich trug, das sie vor sich auf die gepflasterte Strasse stellte. Dann schwang sie sich hoch, verknotete das rote Kleid über dem Bauch und … kein Zweifel … das war ein echter Bauch, der sich da wölbte! Für einen Moment wollte ich aus mein Baumversteck springen und ihr entgegen laufen. Dann aber staunte ich nur, wie gut sie das Einradfahren beherrschte und während des Fahrens mit den Armen das Gleichgewicht ausbalancierte. Etwa auf unserer Höhe verringerte sie plötzlich die Geschwindigkeit und schaute lachend in unsere Richtung: “ Falls mich jemand sucht, ich bin da vorne im Haus Nummer Zwei, am Ende der Strasse! Die Party läuft auch ohne mich!“ Sie war schon wieder mehrere Meter gegen den Horizont entschwunden, ein kleiner werdender, schwach rötlich schimmernder Punkt, da drehte sie noch einmal den Kopf um und rief: „Und ihr zwei! Ich hab euch!“ Ich stand auf, putzte mir das Laub vom Hosenboden und rief zurück: „Und ich habe dich!“ Auch Phil war wieder ziemlich wach. Hatte mir tatsächlich unnötig Sorgen um Grenadinchen gemacht.
(1998//17)