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Luxusgegenstände werden nicht erzeugt. Die Arbeit dauert 6 Stunden täglich, und die übrige Zeit ist der Ausbildung und Erholung gewidmet. Die schwersten und unreinen Arbeiten werden von Sklaven und Dienern besorgt, welche sich aus den Verbrechern und fremden Einwanderern rekrutieren. Alle Güter sind gemeinsam und ein Privateigentum besteht nicht. Jedermann arbeitet nach seinen Kräften, und jedermann hat den gleichen Anspruch auf alle Güter, je nach seinen Bedürfnissen.
Diese Gleichstellung aller kehrt bei allen Kommunisten wieder. Der Überschuß der Erzeugnisse des Landes wird in die Stadt abgeführt, und diese versorgt die Meierhöfe, eben auch umsonst, mit Industrieartikeln. Die Ehe ist monogamisch. Der Haushalt wird meist nicht einzeln geführt, sondern die freie Zeit in den großen gemeinschaftlichen Speisesälen etc. verbracht. Geld gibt es für den Utopier selbst nicht, sondern nur, durch Ausfuhr erlangt, zum Zwecke der Anwerbung von auswärtigen Kriegstruppen. An der Spitze des Staates steht ein lebenslänglicher Wahlfürst, und auch die Beamten sind gewählt. Die Hauptaufgabe des gewählten Parlaments ist die Verteilung der Güter und die Ausgleichung der Bevölkerung, [* 2] und zwar letztere durch Zuweisung von Kindern an kinderarme Familien, Auswanderung, Kolonisation u. dgl. Da Stolz und Eigenliebe in diesem Staate keinen Raum haben, so herrschen die glücklichsten Verhältnisse.
Dieses kommunistische Gemälde ist nun für die spätern S. grundlegend geblieben. Die drei folgenden von Platon sehr beeinflußten kommunistischen S., welche untereinander eine große Übereinstimmung zeigen, sind von geringem Werte und gehen alle mehr auf das äußerlich Gleichmäßige eines solchen Staats- oder städtischen Lebens, auch was Bauart und Anlage der Orte, die Stellung der beiden Geschlechter etc. anbelangt, ein, als auf nationalökonomische Gedanken; die Staatsverfassung ist bei allen dreien eine theokratische. Es sind folgende Schriften: des Humoristen A. F. Doni »I mondi celesti, terrestri e infernali degli academici Pellegrini« (1552/53),
des Dominikaners Th. Campanella »Civitas solis« (1620, schon früher italienisch erschienen),
endlich des protestant. Theologen J. V. ^[Johann Valentin] Andreae »Reipublicae Christianopolitanae descriptio« (1619),
welche gleichsam eine »Civitas solis« vom protestantischen Standpunkte aus darstellt. In Donis »Welten« wird in Form eines Dialoges »zwischen dem Weisen und dem Narren« eine kreisrunde Stadt geschildert, in deren Mitte der Tempel [* 3] steht, durch dessen 100 Thore man die 100 strahlenförmigen Straßen der Stadt, und durch die 100 Stadtthore ins Freie sieht, wobei jede Straße, die von gleichartigen Gewerben, und jeder Landesteil, der von gleichen Kulturen besetzt ist, unter der Aufsicht je eines Priesters steht, an deren Spitze sich der Oberpriester befindet.
Alle Bürger sind gleich und nach dem Alter uniformiert, alles ist gemeinschaftlich, auch die Frauen und Kinder. Die »Sonnenstadt« Campanellas ist in Form eines Dialoges gekleidet, dessen eine redende Person ein Genuese ist, der, auf einer Seereise verschlagen, zufällig in diese Stadt geraten war. Diese auf einem Hügel liegende Stadt besteht (nach Platons Vorbild) aus sieben großen quadratischen Ringgebäuden, die konzentrisch angeordnet sind und sowohl als Wohnhaus [* 4] als auch als Wall dienen.
Dieselben sind durch Thore verbunden und mit Galerien versehen (Arbeits- und Unterrichtsstätten); der Tempel liegt auf der Höhe des Hügels. An der Spitze des Staates steht der Priesterkönig nebst drei weltlichen Herrschern. Der Kommunismus ist vollständig bis zur Weiber- und Kindergemeinschaft. Die Fortpflanzung wird (ähnlich wie bei Platon) nach den Regeln der Zuchtwahl zur Erzielung der besten Nachkommenschaft obrigkeitlich geregelt. Die Lebensführung ist gemeinschaftlich in großen Speise-, Schlafsälen, Arbeitsstätten u. dgl. Die Arbeitsleistung erfolgt gemeinsam unter Leitung selbstgewählter Vorsteher und wird nach der Fähigkeit der einzelnen bestimmt.
Stolz gilt als das schwerste Verbrechen und jede Arbeit als ehrenhaft. In Andreäs »Christenstadt«, welche sich an die »Sonnenstadt« eng anlehnt, wird aus derselben alles beseitigt, was religiös und sittlich anstößig ist; es besteht hier z. B. die Monogamie, die Erziehung der Kinder durch die Eltern. Von größerm Werte ist die fesselnd geschriebene, an tiefen, besonders religionsphilosophischen Gedanken reiche »Histoire des Sevarambes« von D. Varaisse, 1677. Der Held des Romans, Kapitän Siden, scheitert mit Schiff [* 5] und Mannschaft und rettet sich nach vielen Irrfahrten mit der letztern an der damals so sagenumwobenen Küste Australiens zu dem glücklichen Sonnenstaate der Sevarambier, denen vor langer Zeit der weise Perser Savarias Sonnenkult und Staatsverfassung gab, durch welche er Stolz, Geiz, Müßiggang und Ausschreitungen des Geschlechtstriebes, diese vier Ursachen aller sozialen Übel, beseitigen wollte.
Der Güterkommunismus ist vollständig und alle Bürger sind gleich. Diese wohnen in großen, mit allem Komfort versehenen Gebäuden (Osmanien, zu rund 1000 Personen) in besondern Familienwohnungen, speisen aber gemeinschaftlich. Die Arbeit erfolgt gemeinsam und von allen durch 8 Stunden täglich; die zweiten 8 Stunden dienen der Erholung und geistigen Beschäftigung, und die dritten dem Schlafe. Die unangenehmen Arbeiten besorgen Sklaven (More). Die Erziehung der Kinder erfolgt (wie bei Andreä) erst nach dem 6. Lebensjahr gemeinschaftlich und für beide Geschlechter ganz gleichmäßig.
Die Ehe ist monogamisch und geboten, nur den Magistraten ist Polygamie und allen sind Konkubinen neben der Frau gestattet. Tausch der Ehegatten ist bei allseitiger Übereinstimmung erlaubt. Bei Übervölkerung erfolgt Auswanderung. Die Wehrpflicht ist allgemein und zwar für beide Geschlechter. Die Leitung jeder Osmanie erfolgt durch die Osmasionten, welche zusammen den Großen Rar bilden; daneben besteht noch ein Kleiner Rat und ein Senat. An der Spitze steht der aus vier Gewählten durch das Los bestimmte »Statthalter der Sonne« [* 6] als ziemlich absoluter Monarch, als Papstkönig. Daneben bestehen die Präfekten der Produktionszweige, die Osmasionten, die Lehrer etc.
Zum großen Teil auf dieser Geschichte der Sevarambier und auf der Utopia fußend, hat dann de Fontenelle sein Werk »La république des philosophes ou histoire des Ajaoiens« (Genf [* 7] 1768) verfaßt. Der Held desselben, der Holländer van Doelvelt, wird auf einer Seereise in der Nähe Japans durch Sturm an unbekannte Küsten verschlagen und auf der Insel Ajao, dem Schauplatz des Romans, aufgenommen. Die Bewohner glauben nicht an Gott, sondern verehren die Natur als Urgrund der Dinge; die geistige Thätigkeit des Menschen sei nur eine etwas vollkommnere als jene der Tiere und Pflanzen. Sie haben keine Tempel, Priester und Religion. Die politische und wirtschaftliche Verfassung ist ähnlich den Schilderungen von More und Varaisse. Jeder Mann muß zwei Frauen nehmen; die Gütergemeinschaft ist nicht konsequent durchgeführt, indem für gewisse Bedarfsgegenstände ein Tauschverkehr besteht. ¶
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Morelly, von dem wir auch einen allegorischen kommunistischen Staatsroman: »Naufrage des iSles flottantes ou Basiliade du célèbre Bilpaï. Poëme héroique traduit de l'Indien« (Messina [* 9] 1753), haben, in welchem die Erlebnisse des Herrschers Zeïnzemin in Form eines Kampfes der guten mit den verderblichen Naturgewalten (Leidenschaften der Menschen) und des Sieges der erstern, der Natur, geschildert werden, hat in seinem allerdings keinen Staatsroman darstellenden »Code de la nature, ou le véritable esprit de tout temps négligé ou méconnu« (Amsterdam [* 10] 1755) eine vollständige kommunistische Staatsverfassung in einer Reihe formulierter Gesetze gegeben, welche von größerm Interesse sind. Diese sind a) das Grundgesetz mit der Bestimmung des kommunistischen Urgedankens, b) das allgemeine Wirtschaftsgesetz und c) das spezielle Agrargesetz, d) das Bau- und Wohngesetz, e) das Arbeitsgesetz, f) das Luxusgesetz, g) das Verfassungsgesetz und h) das Verwaltungsgesetz, i) das Ehe- und Familiengesetz, k) und l) das Erziehungs- und Unterrichtsgesetz und endlich m) das Strafgesetz. - Die kommunistischen S. finden mit der Schrift »Voyage en Icarie« (Paris [* 11] 1840) des französischen Kommunisten Cabet (s. Bd. 3, S. 711) ihren durchaus nicht bedeutungslosen Abschluß.
Der Verfasser schildert in diesem Romane, dessen Held, Lord Carisdall, nach Ikarien, einem glücklichen kommunistischen Lande, reist und dort eine junge Einwohnerin, Dinaise, kennen und lieben lernt, die Einrichtungen eines kommunistischen Staatswesens. Dabei ist der Einfluß Mores und Varaisses, der französischen Revolution und ihres Kommunismus sowie der inzwischen geänderten Zeitverhältnisse und Anschauungen, ebenso auch des Litteraturgeschmackes nicht zu verkennen, indem von allen übertriebenen Phantastereien abgesehen und die Schilderung einfach, natürlich und anziehend durchgeführt wird.
Die wissenschaftliche Erörterung über den Kommunismus findet sich in die Form eines Vortrags des Ikariers Dinaros und einer anschließenden Diskussion eingekleidet. Cabet hielt eine ähnliche Staats- und Wirtschaftsform in Frankreich nach einem Übergangsstadium für durchführbar und angezeigt. Der Kommunismus Ikariens ist streng durchgeführt, beläßt jedoch die monogame Ehe und auch fast vollständig das Familienleben. Bezüglich der genauen Inhaltsangabe etc. vgl. »Kommunismus«, Bd. 9, S. 989. Cabet unterscheidet sich wesentlich von den frühern Staatsromanciers, indem er zuerst die praktische Verwirklichung seiner Ideen anstrebte und ikarische Kolonien in Amerika [* 12] gründete, deren Nachwirkung bis heute in zahlreichen kleinen, kommunistisch geordneten Gemeinden der Vereinigten Staaten [* 13] ersichtlich ist. Mit Cabet schließt die kommunistische Gruppe der S., deren Anfangspunkt (Utopia) eben auch so wie der Endpunkt (Ikaria) durch belangreiche Leistungen von dauerndem Werte gekennzeichnet sind.
2) Gleichzeitig mit den hier geschilderten kommunistischen Staatsromanen entstanden einige andre S., welche nicht so radikal angelegt, vielmehr von der herrschenden Wirtschaftsordnung ausgehen und durch Verbesserungen derselben deren Übelstände als beseitigt hinzustellen versuchen. Das geschieht dadurch, daß das Privateigentum zwar zugelassen, aber der Höhe nach begrenzt wird. So thut dies schon Platon in seinem Werke, die »Gesetze«, im Gegensatze zu der kommunistischen Ordnung des Wächterstandes im »Staat«. Da das Ideal einer Vermögensgemeinschaft unerreichbar sei, werden vier Vermögensklassen für die Bürger aufgestellt und die Ackerlose gleichmäßig verteilt (verlost). Die Stadt soll in der Mitte des Staates liegen (der griechische Stadt-Staat) und das Land von hier aus radial geteilt werden (s. die oben erwähnten kommunistischen S.). Die Geldmünze soll an sich wertlos sein, kein Bürger darf Gewerbsmann sein oder Darlehen geben, sondern Handel und Gewerbe ist von Fremden zu betreiben u. dgl. m. Im übrigen sind nur zwei S. hier zu nennen, nämlich J. ^[James] Harringtons »Oceana« (Lond. 1656) und die von einem unbekannten Verfasser geschriebene Schrift: »L'heureuse nation, ou relations du gouvernement des Féliciens etc.« (Par. u. Lyon [* 14] 1792). Auch in Fénelons »Telemach« sind (Buch 12) ähnliche Gedanken ausgesprochen.
Harrington wünscht, daß niemand eine größere Rente als 2000 Pfd. Sterl. (!) aus seinem Grundbesitz beziehen solle, und fordert vom allgemeinen Verfassungsstandpunkte aus das Prinzip rasch zu erneuernder Wahlen auf allen Gebieten. Bei den »Feliziern« ist die Obergrenze des Grundbesitzes 1500 alte pariser Arpents (à 34 Ar); das Volk ist in Plebejer und Patrizier, diese in Adelsgrade geteilt, wobei ein Aufrücken möglich ist. Diese Gruppe von Staatsromanen ist wenig belangreich.
3) Die sozialistischen S. An Stelle des Kommunismus ist in der Nationalökonomie als Gegenstück zu der herrschenden Lehre [* 15] der Sozialismus getreten, und mit den phantastischen und verschwommenen kommunistischen Systemen der französischen Revolutionszeit fand diese Theorie und damit auch die Reihe der kommunistischen S. wohl endgültig ihr Ende. An ihrer Statt hat der weit ernstere, auf viel wissenschaftlicherm Boden fußende und viel strenger durchgeführte deutsche Sozialismus, zunächst durch Rodbertus, Marx und Lassalle, sein Gebäude errichtet.
Während im Kommunismus das Schwergewicht auf der Gleichstellung Aller in Leistung nach individueller Kraft [* 16] und Genuß, nach individuellem Bedürfnis lag und dazu die Aufhebung des Privatbesitzes und die Forderung des Gemeinbesitzes durchwegs notwendig war, verlangt der Sozialismus die Entlohnung aller Menschen nach ihrer Arbeitsleistung und die Beseitigung der Vorteile, welche einzelne durch den Besitz von Produktionskapital (Grund und Boden, Miethäuser, Werkzeuge, [* 17] Roh- und Hilfsstoffe etc.) vor den andern voraushaben, und welche sie in die Lage versetzen, den Lohn der Nichtbesitzenden zu kürzen, um sich selbst einen Teil davon zuzuwenden. Im Sozialstaate der Zukunft soll nach diesen Theoremen der Staat selbst Eigentümer aller Produktionsmittel und damit Herr und Leiter aller Produktion sein, während der einzelne den Lohn für die staatlich geordnete Arbeit im Verhältnis zu deren Maß in Anweisungen erhält, mittels deren er sich Genußgüter beschaffen kann, deren Eigentum ihm voll zusteht. Daneben können Familienleben und zahlreiche andre heutige Einrichtungen unverändert fortbestehen. Dieser Sozialismus hat in den letzten Jahrzehnten eine große Bedeutung für die geistige Entwickelung und die agitatorische Thätigkeit gewonnen, so daß wohl anzunehmen war, daß auch er seine S., und zwar damit die sozialistischen S., hervorbringen werde, was thatsächlich auch, nach 50jähriger Pause, in der jüngsten Zeit geschehen ist.
Im J. 1888 erschien das Buch des Nordamerikaners E. Bellamy: »Looking Backward«, das in Amerika selbst bisher in einigen hunderttausend Exemplaren Verbreitung fand und unter verschiedenen Titeln mehrfach ins Deutsche [* 18] übersetzt wurde und unleugbar großes Aufsehen machte. Der Held ¶