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Der ehemalige Präsident der US-Notenbank Alan Greenspan hat mehr Angst vor PolitikerInnen, die eine Gesundheitsvorsorge für alle wollen, als vor den SpekulantInnen des Finanzkapitals.
Ob das eine neue Form des US-amerikanischen Sozialismus sei, fragte das «Wall Street Journal» im September, als die amerikanische Notenbank - das Fed - die Leitzinsen senkte, um die Krise im Liegenschaftensektor zu bändigen. Denn mit dieser Massnahme pumpte das Fed zur Sicherung der Liquidität nicht nur billiges Geld ins Finanzsystem, sondern es rettete auch immense Gewinne, die mit Hypothekenspekulationen erzielt worden waren.
Anekdotenhaft und geschwätzig
Dieses Vorgehen hat in den USA eine lange Tradition, die massgeblich von Alan Greenspan, dem langjährigen Chef der US-Notenbank, geprägt wurde. Kürzlich hat Greenspan seine Memoiren unter dem Titel «Mein Leben für die Wirtschaft» veröffentlicht. Greenspan, einer der wichtigsten Finanzakteure der letzten drei Jahrzehnte, frönt in diesem Buch dem Altersnarzissmus. Er plaudert anekdotenhaft und geschwätzig über seine Kontakte zu anderen Grossen dieser Welt. Er beschreibt aber auch sein Handeln in Krisenzeiten. Greenspan wandte in diesen Situatonen immer das gleiche Rezept an: Er überschwemmte die Finanzmärkte mit Liquidität, um tiefere Zinse zu erzielen und damit möglichst viele Risiken abzufedern. Während seiner Ära hatte er gleich mehrfach Gelegenheit, sein Rezept anzuwenden: beim Einbruch der Börsenkurse im Jahre 1987, beim Beinahe-Bankrott des Hedge-Fonds Long Term Capital Management oder im Anschluss an die Terroranschläge vom 11. September 2001. Greenspan beschreibt die Motive, die ihn trieben: «Der Rückgang der Zinsen auf langfristigen Anleihen, der in den letzten zwei Jahrzehnten zu beobachten war, ging mit wachsenden Gewinnspannen bei Aktien, Immobilien und allen Wertanlagen einher. In der Folge stiegen die Unternehmenswerte zwischen 1985 und 2006 stärker als das weltweite Bruttoinlandprodukt. (...) Dies sorgte weltweit für einen Anstieg der Liquidität. (...) Wohneigentümer hatten in vielen entwickelten Nationen mehr Möglichkeiten, auf den steigenden Wert ihrer Immobilien Konsumkredite aufzunehmen und so Anschaffungen zu tätigen, die weit über das hinausgingen, was sie sich mit ihrem Arbeitseinkommen leisten können.» Eine Politik, die VermögensbesitzerInnen gegenüber den Lohnabhängigen bevorzugte.
Die Inflationsgefahr als Folge der Flutung der Finanzmärkte mit Liquidität blieb gering: Das Lohnniveau war durch die gezielt betriebene Zerstörung der gewerkschaftlichen Organisation in den USA während Jahrzehnten praktisch gleich geblieben oder gar gesunken, und die Globalisierung übte zusätzlichen Lohndruck aus. Inflation, das heisst eine starke Teuerung der Güter, gab es allenfalls im Bereiche der Luxusgüter.
Libertär und immoralisch
Diese Entwicklung entsprach der Ideologie Alan Greenspans, der ein sehr enger Freund der radikal-kapitalistischen Philosophin Ayn Rand war. Als russische Emigrantin hatte Rand einen tiefen Hass gegen alles entwickelt, was nach Sozialismus roch. Sie trat für einen unbeschränkten Individualismus ein und lehnte jeglichen staatlichen Schutz für die Armen ab. Ihrer Ansicht nach durften Steuern nur auf freiwilliger Basis erhoben werden. Der kritische Schriftsteller Gore Vidal beschrieb ihre Philosophie als «nahezu perfekt in ihrer Immoralität». Greenspan übernahm vieles von Rand. Er empfand sich als «libertärer Kapitalist», als Anhänger eines «Laissez-faire-Kapitalismus», wie er im 19. Jahrhundert verbreitet war.
Als Vorsteher der Notenbank war Greenspan auch zuständig für die Reglementierung des Finanzsektors. Entsprechend seiner Haltung gab er sich in dieser Frage ebenfalls «libertär»: So schreibt er etwa zur Frage einer Regulierung der Hedge Funds: «Jede staatliche Einschränkung der Aktivitäten von Investmentfonds (nichts anderes ist Regulierung) würde jene Risikobereitschaft drosseln, die ein wichtiger Beitrag der Hedge-Fonds zur globalen und speziell zur US-Wirtschaft ist. Warum sollten wir die emsigen Bienen der Wall Street an ihrer Arbeit hindern?» Während seiner Amtszeit wurde Greenspan unter den Börsianern auch «Easy Alan» (in Anlehnung an den Begriff «easy-going») genannt, weil er sich über Jahrzehnte hinaus immer bemühte, die Geldpolitik in den Dienst der Wall-Street-Spekulanten zu stellen.
Bewegliches Bankensystem
Die Gefahr, dass durch tiefe Zinssätze Spekulationsblasen - wie etwa beim Liegenschaftenboom der letzten Jahre - gefördert werden, war für ihn von untergeordneter Bedeutung. In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS entgegnete er auf eine entsprechende Frage: «Es war unser Job, das amerikanische Bankensystem beweglicher zu machen. Das ist wichtig, damit die amerikanische Wirtschaft funktioniert. Das verlangte tiefe Zinssätze.»
Früher waren hohe Zinsen und damit hohe Zinserträge des Kapitals ein Anliegen der Vermögensbesitzer. Im Zeichen der boomenden Finanzmärkte haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die Vermögensbesitzer gewinnen heute durch die implizite Wertzunahme des Besitzes. Greenspan verfolgte sein Ziel der tiefen Zinssätze auch auf staatspolitischer Ebene. Da ein hohes Haushaltdefizit - das Defizit muss ja über aufgenommenes Geld gedeckt werden - Druck auf eine Erhöhung der Zinssätze ausübte, meinte er, müssten Haushaltdefizite nach Möglichkeit vermieden werden. Hier kam der erklärte Republikaner Greenspan allmählich in einen Konflikt mit seiner Partei. In dieser verbreitete sich seit den achtziger Jahren der Gedanke, ein Staatsdefizit sei hinzunehmen, wenn dabei - etwa mit Steuergeschenken - die eigene Klientel bedient werden könne. Das tat dann vor allem George Bush. Entsprechend kritisiert Greenspan in seinen Memoiren die Regierung Bush vehement.
Gemäss Greenspan haben sich die Demokraten unter Clinton entschiedener für einen ausgeglichenen Haushalt eingesetzt als die Republikaner. Dies entspricht einer Umkehrung der traditionellen Rollen. Die Demokraten, früher bereit, den Staat zu verschulden, um Sozialprogramme finanzieren zu können, traten nun vermehrt für eine sparsame Haushaltpolitik ein, was ihnen Unterstützung aus Banken- und Finanzkreisen brachte.
Markt korrigiert die Irrtümer
Greenspan war sich durchaus der möglichen Schwächen seiner weitgehend auf Aktien- und Börsenboom aufbauenden Geldpolitik bewusst. Er war denn auch der Schöpfer des Begriffes «irrationaler Überschwang», der den Verlauf der Aktienkurse seit der Mitte der achtziger Jahre charakterisierte: Die Börsenkurse stiegen, abgesehen von kleineren Einbrüchen, ununterbrochen. Es gab dafür keinen objektiven Grund. Die Gewinnentwicklungen der Unternehmen, die aus ökonomischer Sicht als Grundlage für den Anstieg der Börsenkurse genommen werden müssen, wuchsen viel langsamer als die Börsenkurse.
Für Greenspan ist diese langfristige Perspektive irrelevant. Denn der «irrationale Überschwang» ist seiner Ansicht nach bloss ein kurzfristiges Phänomen. Langfristig pendeln sich seiner Ansicht nach die Märkte auf einem «richtigen» Niveau ein - wenn der Staat nicht reglementierend eingreift. Die Märkte sind für Greenspan nicht Ausdruck emotionaler oder anderer Verzerrungen, sondern sie sind der eigentliche Massstab, der Fixpunkt in einer unsicheren Welt. Den Märkten kommt gewissermassen eine metaphysische Bedeutung zu. Märkte liegen immer richtig. Es gilt sie bloss in ihren extremsten Auswüchsen ein bisschen zu beeinflussen. Während seiner Amtszeit hat Greenspan durch ständigen Liquiditätszuschuss dafür gesorgt, dass die Märkte spielen.
Fehlspekulationen unterstützt
Wenn allerdings die Notenbank mit ihrer helfenden Hand fehlgeleitete Spekulanten aus ihren selbstverschuldeten Schwierigkeiten hilft, steigt das Risiko des sogenannten «moral hazard». Unter «moral hazard» wird eine Entwicklung verstanden, bei der die Akteure der Finanzmärkte immer grössere Risiken eingehen, da sie wissen, dass ihnen im Notfall die Zentralbank aus der Patsche hilft. Tatsächlich dürfte das Verhalten der amerikanischen Notenbank durch ihr Laissez-faire die Chance für Fehlspekulationen - wie im aktuellen Fall im Zusammenhang mit den Liegenschaften- und Hypothekenspekulationen - verstärkt haben.
Grösseres Ungemach als von risikofreudigen Spekulanten erwartet Greenspan von einer möglichen Inflation, wenn allenfalls eine Regierung mit einer «populistischen Politik» an die Macht käme und den Wünschen einer breiten Bevölkerung - zum Beispiel bei einer staatlich subventionierten Gesundheitsvorsorge - entsprechen würde. Das brächte - durch damit verbundene staatliche Defizite - möglicherweise eine Erhöhung der langfristigen Zinssätze mit sich, und das definitive Ende der Ära Greenspan wäre besiegelt.