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Interview mit Maya Schweizer zur Premiere ihres neuesten Werkes «Vulnérable Witness»
Wir haben Maya Schweizer eingeladen im Rahmen des Basel Social Club eine neue Arbeit zu präsentieren. Schweizers Film- und Tonarbeiten befassen sich mit individueller und kollektiver Erinnerung. Ausgangspunkt für ihre Untersuchungen sind oft historische Stätten und Stadtgefüge. In diese Beobachtungen bezieht sie stets sowohl räumliche als auch aktuellste soziale Gegebenheiten jener Orte mit ein. Daraus lässt sie gedankliche Collagen entstehen, in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verwebt werden. Die 4-Kanal-Soundinstallation «Vulnérable Witness» feiert nun Premiere während der Art Basel-Woche.
Maya, Deine Werke befassen sich oft mit Erinnerung und Geschichte. Die neueste Arbeit heisst «Vulnérable Witness». Was erwartet die Besuchenden, wenn Sie dieser Arbeit begegnen? Welche Themen und Ideen stehen im Mittelpunkt?
MS: «Die fünf Tonstücke der Soundinstallation bestehen aus unterschiedlichen Sprachgeräuschen, die sich mit atmosphärischen Aufnahmen aus der Natur überlagern und vermischen: Ein Orchester, das sich aufwärmt, Gitarrenklänge und das Summen von Fliegen, ein Sprachgewirr von Handelsjargon bis hin zu Meditationen über den Schlaf, die Stimme eines Teenagers, die eine Reihe von Katastrophenszenarien beschreibt, Fragmente von Radiosendungen, Stimmen in Treppenhäusern, tropfende Wasserhähne und flackernde Neonröhren. Alle diese aus dem Alltag herausgeschnittenen Elemente suggerieren Mikrofiktionen von sehr aktuellen, fragilen Zeitlichkeiten.
Die Idee zu der Arbeit entstand zunächst aus den Aufzeichnungen, die ich während der Pandemie von meiner Tochter gemacht habe, als sie anfing, verschiedene Katastrophenszenarien zu skizzieren und uns Eltern fragte, wie wir darauf jeweils reagieren würden. Im Februar 2022, als Russland den Krieg gegen die Ukraine begann und die ersten Demonstrationen gegen den Krieg stattfanden, fing ich an, die Arbeit weiterzuentwickeln. So beziehen sich einige der Soundscapes auf die aktuelle politische Situation, während sich andere auf ganz persönliche Ebenen anspielen.»
Wie kommt es zum Titel «Vulnérable Witness»?
MS: «Vulnérable Witness ist eine französisch-englische Mischung, die mit ihrem Akzent auf dem Wort vulnérable etwas irritierend wirken kann. Der Titel bezieht sich auf die Kriegs- und Post-Pandemie-Situation, die durch Radiosendungen über Kriegsreporter, entfernte Geräusche von Demonstrationen sowie Sirenengeräusche akustisch bezeugt und miterlebt werden konnte. Während der Lockdowns spielte sich ein Grossteil des Lebens in den eigenen vier Wänden ab. Im Tonstück «Thin walls» (Dünne Wände) beispielsweise könnte man sich fast in einer Wohnung wiederfinden, deren Wände so porös sind, dass man die verschiedenen Nachbarn bei deren Alltagsbewältigung hört: Eine Jugendliche, die ihren Biologieunterricht über die verschiedenen Phasen der Zellvermehrung übt oder ein Klavierlehrer, der seinen Schüler korrigiert. Letztlich handelt es sich um eine Vielzahl von Mikrosituationen, die auf allen möglichen Ebenen empfindlich sind.»
Was bedeutet empfindlich in diesem Zusammenhang für Dich?
MS: «Was ich meine, ist, dass ich eine Analogie zwischen den absolut undichten, also empfindlichen Wänden einer Wohnung und der Jugendlichen ziehe, die ihre Biologielektion über die Reproduktion von Zellen wiederholt. Auch der Lernprozess ist empfindlich und fragil, denn er ist geprägt davon, dass Lernende immer wieder Fehler machen und sich korrigieren müssen.»
Die collagierten Geräusche deiner Tonstücke stammen alle aus dem Alltag, wurden aber an verschiedenen Orten gesammelt. In welcher Verbindung stehen diese Geräusche miteinander?
MS: «Bei den Tonstücken «Mehringplatz-Abstractions», «Désert» (Wüste) oder «Thin Walls» habe ich versucht, einen bestimmten Ort zu definieren, an dem sich die akustische Szene abspielt. Bei «Thin Walls» handelt es sich um eine private Wohnsituation. Generell ist jedes Geräusch mit einer Assoziation verbunden. Das kann ein Bild, ein Gefühl, ein Geruch, eine Erinnerung oder auch eine Bewegung sein – das passiert ganz individuell. Zusammen ergeben diese Assoziationen dann eine Soundscape, die tatsächlichen und fiktiven Raum miteinander verbindet. Es ist diese Kombination aus Realität und Erinnerung, welche die Arbeit räumlich lebendig werden lässt.»
Du arbeitest mit verschiedenen visuellen Techniken und Materialien. Die aktuelle Arbeit besteht nun nur aus Sound. Wie ist es dazu gekommen und was reizt Dich an dieser Form?
MS: «Auch in meinen Videos arbeite ich viel mit Tonspuren - sie sind genauso wichtig wie die Videospuren. «Vulnérable Witness» funktioniert aber auch ohne Bilder auf einer visuellen Ebene. Das Hinzufügen von Bildern hätte die Aussagen nur illustriert, was meiner Meinung nach überflüssig wäre. Die Arbeit ist in dieser Hinsicht einzigartig, auch wenn ich bereits 2017 mit Soundarbeiten experimentiert habe, wie für Karin Sanders Ausstellung «ZEIGEN» in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig und für die Ausstellung «Whenever the Heart Skips a Beat», ein von Marenka Krasomil und Gislind Köhler organisiertes Projekt im öffentlichen Raum.»
Reagieren die Menschen anders auf Werke, wenn es keine visuelle Komponente gibt– Was ist Deine Erfahrung?
MS: «Die Erfahrung ist ganz klar abstrakter als bei visuellen Werken. Aber das Hören von Tonmaterial, einer akustischen Textur, die durch das Zusammenleben von musikalischen und verbalen Elementen entsteht, macht den Ton in gewisser Weise auch sichtbar.»
Soeben wurdest Du mit dem Dagesh-Kunstpreis, der eine Einzelausstellung im Jüdischen Museum Berlin beinhaltet, ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Dich?
MS: «Der Kunstpreis ehrt künstlerische Positionen, die sich mit zeitgenössischen Perspektiven auf Dystopien und Utopien beschäftigen. Diese Setzung findet sich auch in meinen Arbeiten wieder. Zunächst einmal, gerade wenn man von der Verkörperung des Klangs spricht. Ich habe mich lange mit der Idee der Materialisierung von Erinnerungen beschäftigt, die eine zerbrechliche, flüchtige und ephemere Komponente darstellen. Zum Beispiel in Videoarbeiten über verschiedene Arten, wie Erinnerungen greifbar werden, und über die Betrachtung von Gedächtnisorten wie unter anderem in «A Memorial, a Synagogue, a Bridge and a Church» (2012), «Der sterbende Soldat von Les Milles» (2014), «Regarde par ici,...Und dort die Puschkinallee» (2018). Die Ausstellung im Jüdischen Museum ist das Erlebnis, einen Ort der Erinnerung direkt in einen künstlerischen Kontext einzubinden.»
Mai 2023
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Maya Schweizer wurde 1976 in Paris geboren. Sie studierte Kunst und Kunstgeschichte in Aix-en-Provence, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) und an der Universität der Künste Berlin. Dort machte sie 2007 ihren Abschluss als Meisterschülerin bei Lothar Baumgarten. Schweizer arbeitet mit verschiedenen Medien, (u.a. Fotografie, Zeichnungen und Textilarbeiten) wobei ihr Schwerpunkt auf experimentellen Videoarbeiten liegt.
Für die Vorbereitung der Sounddateien der quadrophonischen Übertragung von «Vulnérable Witness» hat Schweizer mit dem Komponist und Sounddesigner Ethan Braun zusammengearbeitet.
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Das Projekt wurde unterstützt durch die Hans und Renée Müller-Meylan Stiftung und die Kulturstiftung Basel H. Geiger