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Die Menschheit hat sich nie mit dem zufrieden gegeben, was sie schon kannte – sie wollte auch das ergreifen, was einmal kommen würde.
Die Utopie (der Ort, den es nicht gibt) stellte oft eine Wunschwelt dar. Eher zunehmend setzte man ihr die Dystopie entgegen, weil die Zukunft schrecklich zu werden schien. In der industriellen Zeit musste sich wohl die Science Fiction herausbilden; sie sah die Entwicklung der Welt von der Wissenschaft, von der Technik bestimmt.
Wer sich eine Zukunft ausdachte, musste überlegen, wie er oder sie diese historisch ansetzen wollte. Er lieferte sich den Kritikern aus, falls das gewählte Datum erreicht wurde und überprüft werden konnte, wieweit er richtig geraten hatte. Ein berühmtes Beispiel ist George Orwells «1984». 1948 entworfen – unterdessen längst eingeholt. So können wir zweierlei beurteilen: Wo hatte er’s bis 1984 getroffen mit seinem totalitären Staat, der Gleichschaltung der Menschen, der allgemeinen Überwachung? Und wie betrachten wir das heute, angesichts von Regimes wie in China oder Nordkorea?
Hier zunächst ein vorgestriges Beispiel:
Jules Verne: «La Journée d’un journaliste américain en 2889»
Jules Verne ist für Zukunftsvisionen berühmt – den Mondflug, das Unterseeboot. Diese kaum bekannte Erzählung von 1889 zeigt – sehr weit vorausgreifend –, nicht irgendeinen Journalisten, sondern den Medienzaren Francis Benett, einen «König», um dessen Gunst sich Würdenträger aus der ganzen Welt bemühen. Verne zeigt mit dem «Earth Herald» (immer noch «Zeitung» genannt) den Einfluss von Medien – wie wir ihn heute sehen; doch scheint bei ihm die Politik nicht die Macht zu haben, Medien zu unterdrücken.
Treffend der Einstieg, finde ich:
«Die Menschen dieses 29. Jahrhunderts leben inmitten einer beständigen Wunderwelt, ohne es zu ahnen. Sie sind Wunder gewohnt; die, welche der Fortschritt ihnen täglich bringt, lassen sie kalt. … Würden sie mit der Vergangenheit vergleichen, würden sie unsere Zivilisation besser würdigen …»
Jules Verne war Fantast, Romantiker ebenso wie Wissenschaftsgläubiger, Beobachter seiner Zeit. Er war den Erfindern seiner Zeit verpflichtet, hat aber seine Fantasie ins Kraut schiessen lassen; heute staunen und lächeln wir darüber gleichermassen. Auch diese Erzählung birgt eine Mischung aus klar erkannten Tendenzen und Fehleinschätzungen, oft viel zu bescheidenen Prognosen:
Er rühmt Riesenstädte mit bis zu zehn Millionen Einwohnern; schlägt vor, die Chinesen sollten ihre Expansion durch strenge Geburtenkontrolle bremsen; freut sich über den Anstieg der Lebenserwartung – von 37 auf 68 Jahre. Auch das Einfrieren und Wiederauftauen eines Menschen – kennen wir das nicht? – wird erwogen, aber noch verurteilt.
Die geschilderten Kommunikationstechniken verraten, wie Verne über die seinerzeitigen Möglichkeiten hinaus dachte. Er lobt, gegenüber dem «vorsintflutlichen Telegrafen», das Telefon und – seine Erfindung – den Telefoten, der Bilder überträgt. Eine Banalität, würden wir heute sagen, ebenso wie die «gesprochene Zeitung», die er abonnieren lässt; dazu die fotografische Berichterstattung – eine Art Live-Stream – immerhin mit Bildern («Fototelegrammen») auch vom Merkur, von der Venus! Etwas wie Smartphones hingegen hat sich Verne nicht auszudenken vermocht.
Vieles in der Welt des Francis Benett sieht nach aufgeblasenem 19. Jahrhundert aus. Alles aber ist beherrscht von einem unglaublichen Optimismus. Das ändert sich mit dem folgenden Beispiel gründlich:
Aldous Huxley: «Brave new World» (Schöne neue Welt)
Huxley geht davon aus, dass es in der Zukunft biotechnologische Methoden geben wird, die es erlauben, das menschliche Genom zu manipulieren, und dass dies Auswirkungen haben wird auf die menschliche Gesellschaft – ein keineswegs unrealistisches Szenario. Im 1932 veröffentlichten Roman beschreibt er das «Bokanowski-Verfahren», das wir heute als Klonieren bezeichnen würden: Aus einer befruchteten Ei-Zelle können Tausende genetisch identischer Menschen erzeugt werden, oder wie es Huxley formuliert: «Genormte Männer und Frauen in konstanten Mengen. Aus einer einzigen bokanowskifizierten Ei-Zelle die Belegschaft eines mittelgrossen Industriewerkes.»
Dieses bereits perfide Verfahren wird erweitert, indem die Embryonen, die aus der Ei-Zelle hervorgehen, sich nicht mehr in der Mutter entwickeln, sondern in vitro, in Flaschen, aufgezogen werden. Durch gezielte Veränderung der Nährmedien wie durch Steuerung der Entwicklungsdauer der Embryonen entstehen Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten. Beispielsweise werden durch ein nährstoffarmes Medium Menschen mit normalem Körperbau, aber unterentwickeltem Gehirn hergestellt, die als Arbeiterkaste eingesetzt werden. Oder die Embryonen werden in den Flaschen erhöhten Temperaturen und Sauerstoffmangel ausgesetzt, so dass sie später gerne unter entsprechenden Umweltbedingungen leben, zum Beispiel als Minenarbeiter. Infolge dieser Konditionierung lehnen sich Menschen nicht mehr gegen bestimmte gesellschaftliche Vorgaben auf, sondern lieben diese. Huxley bezeichnet das Verfahren als soziale Prädestination, bei der technologische Entwicklungen gezielt zur Stabilisierung der Machtverhältnisse eingesetzt werden. Wie er im Vorwort von 1946 schreibt: «Der wahrhaft effiziente totalitäre Staat wäre der, in dem eine allmächtige Kaste von Politbossen eine Bevölkerung aus Sklaven kontrolliert, die man zu nichts zwingen muss, weil sie ihr Sklavendasein lieben.»
«Bokanowskifizieren» ist heute bereits möglich. Wo stehen wir beim zweiten Schritt, der Konditionierung der Menschen? Huxley dachte an die biotechnologische Manipulation der sich entwickelnden Menschen. Aber vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob sich andere technologische Möglichkeiten zur menschlichen Konditionierung abzeichnen.
Nun noch ein Buch, das uns deutlich näher steht:
Margaret Atwood: «Oryx and Crake»
Nicht Science Fiction, sondern Blick in die Zukunft nennt Margaret Atwood ihren Roman, eine Geschichte der Vernichtung der Natur und der Menschheit. Er ist vor 18 Jahren erschienen, ohne einen Hinweis, wann diese Katastrophe stattfindet.
«Oryx und Crake» zeigt einen überbevölkerten, ausgebeuteten Planeten. Die natürlichen Ressourcen sind verbraucht, ein Grossteil der Tiere ausgestorben und das Klima spielt verrückt. Die Oberschicht besteht aus WissenschaftlerInnen, die das Ende des Lebens auf der Erde abwenden sollen. Sie leben privilegiert und isoliert in besonderen Komplexen und meiden «Plebsland», wo die Menschen arm und gewalttätig sind. Da alle Macht bei den Forschenden ist, spielt Politik keine Rolle.
Dass schlussendlich von Crake eine Pille erfunden wird, um die Geburtenrate drastisch zu senken, ist schlüssig. Die Pille «BlyssPlus» verbreitet sich schnell, da sie gleichzeitig potenzfördernd und vitalisierend ist; sie löst eine Pandemie aus und vernichtet die Menschheit. Zu Beginn werden die Menschen zu desinfizierenden Handlungen, wie Händewaschen, aufgefordert. Autos mit Lautsprechern fahren durch die Strassen und fordern: «Bleiben Sie zu Hause!» Da Crake die Menschheit als nicht lernfähig erachtet, soll sie nicht gerettet werden. An ihrer Stelle sollen seine humanoiden Designergeschöpfe die gesäuberte Natur bevölkern. Diese Geschöpfe kennen keine Religion, keine Kunst, keine Interpretationen oder Spekulationen. Ihre Sprache ist direkt, einfach und klar. Sie sind ohne Aggressionen, ohne Besitzdenken und ihre Fortpflanzung führt nicht mehr zu Überbevölkerung. Sie brauchen keine Kleidung und ernähren sich von Gras und Blättern. Sie fallen nach dreissig Jahren tot um – immer noch gesund.
Margaret Atwood wurde 1939 geboren, lebt in Toronto und schreibt immer noch. Laut Wikipedia ordnet sie ihre Werke eher in die «Speculative Fiction» ein; das heisst, sich mit Mitteln auseinandersetzen, die wir bereits anwenden und die auf dem Planeten Erde vorkommen.
Ihre Visionen spielen nicht in ferner Zukunft, und das ist es, was mich erschüttert. Unglaublich ist, dass die Menschheit den Klimawandel nicht ernst nimmt und durch Besitzdenken den Planeten zu Grunde richtet. Ich glaube, ohne Menschen könnte sich die Erde wieder erholen. Atwood bezeichnet den Klimawandel als Klimakrise – einen Notstand. Und was tun wir?