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Von Mark van Huisseling
Während seiner Laufbahn hat der Wirtschaftsjournalist Silvio Bertolami Hunderte Texte über Geldanlagen veröffentlicht. Ein Buch darüber hat er auch geschrieben. Und viele Leser beraten.
Was auf den 69-Jährigen, der immer noch als freier Autor tätig ist, nicht zutrifft, ist der Satz: «Die, die was können, tun es. Die anderen beraten.» Er bewirtschaftet nämlich auch sein eigenes Vermögen; dieses hat er durch Sparen und Anlegen erst aufgebaut. Oder wie man in Amerika sagt: «He’s got skin in the game» – er steckt selbst drin in der Börse, mit Haut und Haaren.
Anleger wurde der in Thun Aufgewachsene mit Nationalökonomie-Abschluss der Universität Basel eigentlich ungeplant. Seit er in den 1980er-Jahren eine Reportage über Brasilien verfasst hatte, war er von diesem Land magisch angezogen. Er erreichte, dass ihn sein damaliger Arbeitgeber «Die Weltwoche» zum Lateinamerika-Korrespondenten mit Sitz in Rio de Janeiro machte.
Zwar musste er eine Lohneinbusse in Kauf nehmen, doch er verhandelte immerhin so gut, dass er recht schnell 100’000 Franken zusammensparen konnte. «Das Leben In Brasilien kostete erheblich weniger als in der Schweiz, deshalb konnte ich einen Teil meines Einkommens investieren», sagt er.
Zuvor war er Leiter des Wirtschaftsressorts auf der Redaktion in Zürich gewesen. Und redigierte unter anderem eine Anlagekolumne, die ein Vermögensverwalter schrieb, der so bekannt war, dass er dies unter dem Pseudonym «Blauschild» tat. So habe er erstes Know-how erworben, sagt Bertolami. Nie vergessen habe er etwa, dass «Blauschild» einmal schrieb, Trends dauerten meist viel länger, als man meine. In keiner Hinsicht bewahrheitete sich das mehr als mit den jahrzehntelang sinkenden Zinsen.
In den vergangenen rund 30 Jahren sind nicht bloss seine Kenntnisse gewachsen, sondern auch sein Depot. Hauptsächlich weil er keine groben Fehler gemacht habe, sagt er.
Und auch weil er einen höheren Anteil seines Einkommens aus seiner Arbeit investieren konnte als viele andere Anleger – er ist unverheiratet, kinderlos und hat keine Mittel in einer Immobilie gebunden. Kinderlos sei er nicht aus Prinzip, sagt er. Aber seine langjährigen Freundinnen wollten entweder partout keine Kinder oder verspürten – wie er selbst – keinen starken Kinderwunsch. «Und man braucht keine eigene Familie, um geliebt und geschätzt zu werden.»
Er räumt auch mit dem Einwand auf, nur Privilegierte könnten heutzutage noch sparen. Er kenne ein Doppelverdiener-Ehepaar mit einem Jahreseinkommen von 250’000 Franken, das meine, das Leben sei nicht bezahlbar ohne Zustupf der Eltern. «Aber ich kenne auch eine alleinerziehende Mutter mit mittlerem Einkommen, die jedes Jahr 10’000 Franken auf die Seite legt.»
Bertolami wurde zu einem vertrauenswürdigen Berater in Sachen Geldanlagen.
Mit zunehmendem Erfahrungsschatz machte Bertolami das Investieren beziehungsweise Publizieren darüber zum Hauptinhalt seines Berufs – einige Jahre nach seiner Rückkehr aus Brasilien wechselte er zum «Blick», wo er über Wirtschafts- und Anlagethemen schrieb, später tat er das für Zeitschriften von René Schumachers Konsumenteninfo-Verlag («K-Tipp», «Saldo», «K-Geld»). So entwickelte er sich zu einem vertrauenswürdigen Berater in Geldangelegenheiten.
2010 liess er sich als Angestellter des Ringier-Verlags frühpensionieren, mit 59. Damals befürchtete er steigende Inflation als Folge der Gelddruckerei der Notenbanken nach der Finanz- und Wirtschaftskrise. Weil Renten bei Inflation an Kaufkraft verlieren und Bertolami sich zutraute, durch seine eigene Geldanlage besser vor Inflation geschützt zu sein, entschied er, 30 Prozent seines Anspruchs aus der Beruflichen Vorsorge BVG als Kapital zu beziehen beziehungsweise bloss 70 Prozent in eine Rente umzuwandeln.
Ausserdem habe er noch zwei Säule-3a-Konten. Das eine Konto werde er gegen Ende Jahr auflösen, das andere im kommenden Januar, dem spätesten möglichen Zeitpunkt, da er am 1. Februar 2021 70 wird. Durch die Aufteilung der steuerbegünstigten Selbstvorsorge auf zwei Konten kann er die Progression der Steuer, die beim Bezug fällig wird, verringern.
Die längste Zeit war er Mieter in und um Zürich, doch seit circa zehn Jahren lebt er ausschliesslich in Hotels, vor allem in Bangkok, aber auch in Russland und Brasilien. Oder wo es ihn gerade hinzieht, schliesslich kann er sich fast überall auf der Welt, wo es eine Internetverbindung gibt, um sein Geld und seine Texte kümmern.
«Investieren sollte nur, wer ein Zeitfenster von zehn Jahren oder mehr hat.»
Für ihn stellen fünf, sechs kostengünstige Indexfonds die Kernanlagen seines Portfolios dar – gehalten in Depots bei sogenannten Billigbrokern. Diese ergänzt er mit zum Teil teuren, sogenannt aktiv verwalteten Fonds.
Das sei aber eine knifflige Sache: Denn die meisten «Aktiven» sind ihr Geld nicht wert, das heisst, sie schneiden oft schlechter, manchmal sogar deutlich schlechter ab als Indexfonds oder Benchmarks ihres Anlagegebiets. «Herausragende Fondsmanager zu finden, ist aufwendig, macht mir aber Spass», sagt Bertolami. Hat er solche gefunden, lässt er immer noch nicht locker, sondern überwacht ihre Leistung weiter. «Es kommt nämlich immer wieder vor, dass einer vom Glück verlassen wird und bald in die Kategorie ‹Ferner liefen› abrutscht.»
Glück? Tatsächlich. Zum Anlageerfolg braucht es auch Glück – oder das Glück des Tüchtigen. Und was erfolgreiche Anleger auch noch brauchten, sei Geduld, viel Geduld. «Wo Börsen oder einzelne Aktien morgen oder übermorgen stehen, weiss kein Mensch», sagt Silvio Bertolami: «Ich spekuliere nicht kurzfristig, ich investiere langfristig.» Erst über längere Frist lassen sich bestimmte Entwicklungen einigermassen zutreffend voraussagen. «Deshalb sollte nur investieren, wer ein Zeitfenster von mindestens zehn Jahren hat.»
Sein Vermögen ist heute, auch dank Sparen, fast 30-mal grösser als vor 30 Jahren, als er in Rio de Janeiro lebte und erstmals Geld investierte.
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