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Das Relief «Venus von Laussel», dessen Alter auf 25000 Jahre geschätzt wird, zeigt eine üppige Dame mit einem Trinkhorn – zumindest glauben dies einige Archäologen. Unklar ist allerdings, ob damals schon gezielt Alkohol hergestellt wurde oder ob man ihn in Form fermentierter Früchte oder Säfte quasi als «Zufallsprodukt» konsumierte. Noch bevor Menschen vor rund 10000 Jahren sesshaft wurden, gab es Gerstenbier, das man sich aber nicht wie heutiges Bier vorstellen darf. Dieses nahrhafte Getränk entstand durch die Fermentierung von Gerste und Weizen und war eher eine klumpige Brühe, der mit Früchten und Gewürzen Geschmack hinzugefügt werden musste, um sie einigermassen geniessbar zu machen. Die leicht berauschende Nebenwirkung wurde wohl als willkommene Begleiterscheinung akzeptiert. Die ersten Spuren von Wein wurden auf die Zeit 7000 v. Chr. datiert, man fand sie in China und im Iran.
Rituelle Trinkfeste
Im Zuge der Zivilisation entstanden Städte, die ältesten waren die der Sumerer in Mesopotamien ca. 4000 v. Chr. Ihre schriftlichen Hinterlassenschaften berichten bereits vom Bier, dem «Kasch»; die Göttin Ninkasi war für das Bierbrauen verantwortlich. Diese Zuständigkeit der Frauen für die Bierbrauerei im Rahmen ihrer alltäglichen häuslichen Verrichtungen setzte sich übrigens bis zum Mittelalter fort. Auch die Verbindung religiöser Riten mit Trinkgelagen zieht sich durch die Kulturgeschichte.
Die alten Ägypter (ca. ab 3000 v. Chr.) frönten dem Rauschkult besonders hingebungsvoll. Sie waren der Meinung, dass Bier die Menschheit gerettet habe, indem Chefgott Ra die wütende Göttin Hathor mit Bier abfüllte, das er rot einfärbte, damit es wie Blut aussähe. Sie trank davon, wurde müde und vergass darüber ihre Mordgelüste. Deshalb feierten die Ägypter das Festival der Trunkenheit – wahrscheinlich ähnlich dem Münchner Oktoberfest heute, nur ohne Dirndl. Auch Wein war bekannt, so fand man Weinamphoren als Grabbeilagen früher Pharaonen. Diese Überlieferungen lassen darauf schliessen, dass dem Alkoholkonsum ein hoher Stellenwert im Alltag und bei Festivitäten eingeräumt wurde, und zwar bei Männern und Frauen. Diese gemeinschaftlichen Trinkgelage gingen – so die Überlieferungen – mit enthemmten Liebesspielen einher. Dafür verwendeten die Ägypter den Ausdruck «Waten im Morast».
Um Dionysos, den Trinkgott der Griechen – Bacchus bei den Römern – ranken sich ausgesprochen unangenehme Mythen. Er präsentiert sich zwischen überschwänglicher Genusssucht und cholerischen Wutausbrüchen. Abstinenzler mochte er nicht besonders, und er liess sie gerne umbringen. Streng ging es wohl auch auf den Symposien der Griechen ungefähr im 5. Jh. v. Chr. zu. Dabei handelte es sich um ritualisierte Trinkrunden unter Männern, bei denen Wein nach Massgabe des Leiters der jeweiligen Runde getrunken – und zur Not zwischendurch wieder erbrochen – wurde. Zu diesen Symposien lud der Gastgeber zirka zwölf Gäste, die in einem speziell dafür eingerichteten Raum, dem Andron, nach sozialer Rangordnung platziert wurden. Der Leiter des Trinkabends, der Symposiarch, wählte den Wein aus, wobei die edlen Weine nur den wichtigen Gästen gereicht wurden. Auch sagte der Symposiarch die Trinkgebete auf, die die drei Trinkopfer begleiteten. Ein Trinkopfer bestand in einer Schale verschütteten Weins. Jeder Gast musste seine Schale mit der Wein-Wasser-Mixtur austrinken, bevor der gesamten Runde nachgeschenkt wurde. Der Symposiarch gab die Themen vor, über die beim Symposion gesprochen werden musste. Insgesamt war dies also eine ziemlich ernste Angelegenheit.
Trinkfeste Bibel
Auch in der Bibel wird recht gern Wein getrunken. Als Noah mit seiner Arche anlandete, pflanzte er als Erstes einen Weinberg. In dieser Situation irgendwie verständlich. Zwar warnt das Alte Testament auch immer wieder vor übermässigem Weingenuss. Das Trinken von Wein scheint jedoch ein fester Bestandteil des Lebens gewesen zu sein.
Jesus trank und ass gern (Matthäus 11.19). Das gemeinschaftliche Trinken, die Kommunion, war bereits ein Ritus der frühen Christen. Allerdings ging es dabei nicht darum, betrunken zu werden. Möglicherweise hat dies nicht jeder verstanden.
Wein im Norden Europas
Bei den Germanen fand römischer Wein dankbare Abnehmer, die den Anbau fleissig weiterkultivierten, als die römischen Legionäre schon längst wieder aus den nördlichen Gebieten verschwunden waren. Von hier bezogen auch die Wikinger ihren Wein – Odin, ihr Gott, trank nichts anderes als Wein und war dem Epos nach auch häufig betrunken. Die Wikinger pflegten ihre Gelage mit Wein, dunklem Bier oder Met (fermentiertem Honig) in sogenannten Methallen abzuhalten, in denen Frauen ausschenken, sich aber sonst nicht beteiligen durften. Methallen waren Statussymbole der Stammesfürsten. Diese wurden praktischerweise gelegentlich schon inklusive Trinker von Feinden in Brand gesteckt.
Alkoholkonsum als Männlichkeitsritual hat somit eine lange Tradition und hat auch heute nicht ausgedient. In der Geschichte des Alkohols wird die mediterran-romanische Trinkkultur der germanisch-slawischen gegenübergestellt. Im Süden dominierte Weinkonsum, im Norden wurde Bier bevorzugt. Berauschung wurde jeweils kulturell unterschiedlich akzeptiert. Im Süden galt sie als ungesitteter Missbrauch einer Gottesgabe. Sich nicht zu betrinken, galt im Norden und Osten eher als Ausdruck der Verschlagenheit oder Verweichlichung.
Die Kultivierung des Weinbaus übernahmen im frühen Mittelalter häufig die Klöster, die sich auch beim Bierbrauen hervortaten. Der Genuss von Alkohol hatte zu dieser Zeit allerdings keineswegs mehr eine sakrale Funktion; Götter der Trunkenheit wurden nicht mehr bemüht. Der gemeinschaftliche Rausch war blosses Vergnügen, über das die Obrigkeit mitunter besorgt wachte. Die Herstellung alkoholischer Getränke war noch relativ beschränkt, so dass es zu dieser Zeit zwar eine allgemeine kulturelle Integration des Alkoholkonsums und Fälle von Trunksucht gab, aber noch keine epidemische Ausbreitung der Trunksucht. Betrunkene galten eher als von Dämonen Besessene, was in der damaligen Gesellschaft nicht ganz ungefährlich war.
Kommerzialisierung des Alkohols
Mit zunehmender Bedeutung von Alkohol als Wirtschaftsgut verstärkte sich auch seine gesellschaftliche Bedeutung in Nordeuropa. Zwar versuchte man im Mittelalter und in der frühen Neuzeit grassierende Trunkenheit durch Erlasse zu bekämpfen, gleichzeitig förderte besonders der Adel aus ökonomischen Gründen die Bier- und Weinproduktion. Mit dem Aufkommen der Destillation im 16. Jh. entstanden Destillerien und grosse Weinkellereien. Auch der Hopfen verbesserte die Qualität des Biers und machte es lagerfähig. Die Ambivalenz zwischen dem Trinken als kulturell geprägter sozialer Norm und der Thematisierung der Trunksuchtproblematik in Abwägung zum Wirtschaftsgut Alkohol zieht sich fortan durch die Geschichte des Alkoholkonsums bis in die Gegenwart.
William Hogarth: Gin Lane (1751)
Wachsende Städte brachten in der Neuzeit neue gesellschaftliche Ordnungen hervor. In den Wirtschaftszentren formierte sich ein Proletariat am Existenzminimum. Gleichzeitig wurde das Rauschmittel Alkohol leicht verfügbar. In der ersten Hälfte des 18. Jh. kämpfte Grossbritannien mit der sogenannten Gin-Epidemie, wobei Gin (vom niederländischen «Geneva» = Wacholder) ein Synonym für jegliche Art von Branntwein und Fusel war. Branntwein war damals aufgrund von Weizenüberproduktionen billiger als Brot und Bier, auf das 1694 höhere Steuern erhoben worden waren. In dieser Zeit verzehnfachte sich der Branntweinkonsum pro Kopf der Londoner Bevölkerung. So soll ein erwachsener Londoner Bürger im Durchschnitt 63 Liter Gin pro Jahr konsumiert haben, was nicht nur wegen der Menge recht riskant war. Das bei nicht sachgerechter Destillation entstehende Methanol kann Vergiftungserscheinungen hervorrufen, beispielsweise Erblindung, und zum Tod führen. Verarmung, desolate hygienische Verhältnisse, Auszehrung und soziale Vernachlässigung hat der zeitgenössische Maler William Hogarth in seinen Bildern anschaulich illustriert.
Verbote und Regulierungsversuche
Eine Erhöhung der Branntweinsteuern und restriktive Schanklizenzen führten ab 1751 zu einer Senkung des Ginkonsums in London. Diese Praxis füllte auch anderen Ländern erfolgreich den Staatssäckel, wobei der Bekämpfung der Trunksucht nur mässiger Erfolg beschieden war.
In amerikanischen Saloons – die übrigens entgegen gängigen Western-Klischees durch ganz konventionelle Türen zu betreten waren –, britischen Alehouses, Schweizer Beizen und deutschen Wirtschaften tummelten sich vornehmlich Männer, die ihren Arbeitslohn vertranken und auch sonst draufgängerischem Treiben im Rausch durchaus nicht abgeneigt waren: ein Motiv, das seit Beginn der Neuzeit kulturell bis zu einem gewissen Grad integriert war, aber auch zur Verelendung beitrug.
Fusel und soziale Zerstörungskraft des Alkohols wurden im 19. Jh. in den westlichen Kulturen von verschiedenen Seiten thematisiert. Frauenbewegungen, christliche Vereinigungen, Mediziner, Humanisten und politisch ausgerichtete Kreise forderten Mässigung oder Abstinenz. Die Abstinenzbewegung verzeichnete um 1900 in der Schweiz ca. 60 000 Mitglieder. Trotzdem konnte sich eine Prohibition nach amerikanischem Vorbild (1920–1933) politisch nicht durchsetzen: 67 % der Schweizer Stimmbürger votierten vor ca. 100 Jahren gegen die Möglichkeit von Prohibitionsverordnungen auf Gemeindeebene. Einer der wichtigsten Vertreter und Vordenker der Abstinenzbewegung war der Schweizer Mitbegründer der Psychiatrie und Sozialreformer Auguste-Henri Forel (1884–1931). Er entwickelte das Konzept einer Trinkerheilanstalt und eröffnete 1889 eine Klinik, die noch heute als Forel-Klinik in Zürich existiert.
Auguste-Henri Forel
In der öffentlichen Diskussion galt die Trunksucht je nach ideologischer Prägung für die einen als ursächlich für ökonomisch-soziale Schieflagen, für die anderen als deren Folge. Als ein probates Mittel zur Eindämmung des Konsums wurden Beschaffungshürden betrachtet – sei es durch hohe Preise, sei es durch Verbote, wobei diese Hürden vor allem untere gesellschaftliche Schichten betrafen, wie auch die Erfahrungen aus der amerikanischen Prohibition zeigten. In der Schweiz glaubte der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (1888–1962), dass der Verkauf von Rauschmitteln in den Genossenschaftsmärkten der Migros der Volkssucht Vorschub leisten würde, und er verbot Alkohol- und Tabakverkauf in den Geschäftsstatuten der Migros. Dieses ökonomische Problem wurde im Jahr 2007 höchst pragmatisch mit dem Erwerb der Denner-Märkte, in denen Alkohol verkauft wird, gelöst, weshalb sich vielleicht diese Märkte gern in der Nähe eines Migros-Markts befinden.
Rigorose Beschaffungshürden befeuern Beschaffungskriminalität – auch dies hat die Erfahrung mit der amerikanischen Prohibition gezeigt. Fusel, Schmuggel und Kriminalisierung waren die Folgen. Ähnliches zeigen die Erfahrungen mit anderen Drogen.
Gibt es einen «gesunden» Umgang mit Alkohol und anderen Drogen? Über diese Frage und das «Recht auf Rausch» herrscht Uneinigkeit. Die Geschichte zeigt, dass sich diese Frage staatlicher Regulierung meist erfolgreich entzieht. Damit liegt die Entscheidung über das «richtige Mass» auch bei rigorosen staatlichen Präventionsmassnahmen in der Verantwortung autonom entscheidender Einzelner, solange der Konsum nicht zur Suchtkrankheit führt, die zur medizinischen Frage wird.
Take-Aways
- Spuren von Alkoholkonsum gehen auf früheste Funde der Menschheit zurück.
- Bis zum Mittelalter war Gerstenbier ein Grundnahrungsmittel, das von Frauen hergestellt wurde.
- Berauschung wurde mit der Destillation und der Verbesserung der Alkoholqualität ein soziales Problem, während das Wirtschaftsgut Alkohol an Bedeutung gewann.
- Sucht als Krankheit wurde erst Ende des 19. Jh. thematisiert, womit auch die Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten begann.
- Das «Grundrecht auf Rausch» steht der Gefahr der Gewöhnung an den Alkoholkonsum und damit der Suchtgefahr gegenüber.
Quellen
Mark Forsyth
Eine kurze Geschichte der Trunkenheit
Eine amüsante und kenntnisreiche Abhandlung über die Geschichte des Alkoholkonsums auf der Welt. In der Hörbuch-Version wunderbar gelesen von Jürgen von der Lippe.
Als Hardcover, Hörbuch und E-Book erhältlich.
Dr. Burkhard Kastenbutt
Zur Sozial- und Kulturgeschichte des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident
Kompakte Darstellung der kulturellen und sozialen Bedeutung des Alkohol- und Hanfkonsums im Orient und Okzident. Analyse kultureller Veränderungen und Umbrüche in Bezug auf die Rolle beider Drogen in verschiedenen Geschichtsepochen.
Als Kindle-Edition oder Taschenbuch erhältlich.