Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03118.jsonl.gz/2140

Die Via de la Plata ist der längste der spanischen Caminos, die nach Santiago de Compostela führen. Mein Mann und ich haben die Osterpause genutzt, um mehrere Etappen dieses Pilgerwegs zwischen Sevilla und Mérida zu meistern. Damit die Erholung nicht zu kurz kommt und auch eine erneute Infektion mit dem Coronavirus verhindert wird, haben wir uns in sehr netten Hotels einquartiert. Generell aber ist es so, dass es auf dieser Strecke kaum öffentliche Herbergen gibt. Wir haben es sehr gut gehabt. Die täglichen Wanderetappen waren zwischen 16 und 26 km lang.
Die US-amerikanische Kulturanthropologin Ruth Béhar hat 2002 einen Dokumentarfilm über ihre eigene Identitätssuche gedreht. Filme verdanken ihren Erfolg manchmal ihrem Titel: «Adio kerida» («Goodbye, dear love») ist eines der bekanntesten sefardischen Volkslieder.
Ruth Béhar ist in La Habana geboren. Ihre Eltern sind beide in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach Kuba ausgewandert, um vor dem wachsenden Antisemitismus in Europa zu fliehen. Ihre Grosseltern mütterlicherseits waren jiddisch-sprechende Ashkenazi aus dem heutigen Polen/Russland. Ihre Grosseltern väterlicherseits kamen aus der Nähe von Istanbul und sprachen Ladino, das altertümliche Spanisch der vertriebenen sefardischen Juden. Kuba zeigte sich in den Zwanziger Jahren noch recht grosszügig gegenüber jüdischen Flüchtlingen. Die Motivation für die Aufnahme hatte jedoch ebenfalls rassistische Hintergründe: Die weisse Oberschicht, so Béhar, war daran interessiert, mehr Weisse ins Land zu holen, weil sie immer mehr Angst vor der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung Kubas bekamen. Die jüdischen Neu-Kubaner waren häufig selbständige Kaufleute. Viele hatten ihre Geschäfte in der Calle de los Oficios. Nach der Revolution wurden sie enteignet. Auch Béhars Familie zog es wieder weg. Sie siedelte sich schliesslich in Queens/New York an. Als Anthropologin machte sich dann Béhar im Erwachsenenalter auf die Suche nach den Spuren ihrer Familie in Kuba.
Béhar führt uns in ihrem Dokumentarfilm an viele Orte, die sie in Kuba besucht hat. Da ist zum einen das Elternhaus in La Habana, das gleich neben der Synagoge stand. In ihm leben heute noch die ehemaligen Hausangestellten. Auch Möbel und Geschirr sind noch von damals. Gemeinsam besuchen wir mit ihr auch die ehemaligen und noch bestehenden Synagogen in La Habana. Bizarrerweise befand sich die erste sefardische Synagoge, die 1914 gegründet wurde, in der Calle Inquisidor. Sie ist heute eine Ruine. Béhar spricht auf ihren Besuchen auch mit den wenigen Juden, die nach der Revolution blieben. Während die einen darauf beharren, dass sie auch in Kuba als Juden respektiert werden können, möchten andere endlich aus Kuba wegkommen und nach Israel auswandern. Israel zahlt Ausreisewilligen Überfahrt und den Start im neuen Land. Béhar trifft auch Exil-Kubaner in Miami, die in ihren Seniorenheimen die Traditionen sefardischer Gebäcksorten aufrecht erhalten. Die Börekitas erinnern jedenfalls mehr an die türkische Küche als an die kubanische.
Der Film verläuft sehr ruhig. Die Kameraführung hat einen privaten, fast intimen Charakter, was auch damit zu tun haben mag, dass Béhars Sohn Gabriel für die Aufnahmen verantwortlich war. Im Gedächtnis geblieben ist mir das Interview mit dem Promi-Friseur Sami. Auch er ist ein Kubaner, dessen jüdische Familie zunächst aus der Türkei in Kuba gelandet war und nach der Revolution weiter nach Miami zog (im Jargon Miamis ein „Juban“. Er sagt, er sei froh für die Offenheit, die er dem Zusammentreffen so vieler verschiedener Kulturen in seiner Person verdanke.
Der Film ist denjenigen zu empfehlen, die sich für die Diaspora des sefardischen Judentums in Amerika interessieren. Sehr angenehm fand ich, dass Béhar ihre Geschichte sehr persönlich erzählt und keinen Drang empfindet, ihre Erfahrungen bewertend zu verallgemeinern. Wer sich mit Béhars Motivation auch aus akademischer Sicht beschäftigen möchte, dem empfehle ich ihren Artikel «While Waiting for the Ferry to Cuba: Afterthoughts about Adio Kerida» aus der Michigan Quarterly Review (er ist frei zugänglich). Es gibt übrigens unzählige Varianten des Volksliedes «Adio Kerida», aber keine ist so schmissig wie die kubanische am Ende des Dokumentarfilms. Ich habe sie weder auf YouTube noch auf Spotify gefunden. Alleine deshalb lohnt sich der spanischsprachige Film. Er kann auf Vimeo für 48 Stunden ausgeliehen werden:
Natürlich helfen auch Bücher, die Auseinandersetzung mit dem schwierigen und schönen Land weiterzuführen, ohne selbst vor Ort zu sein. Richard McColl hat im Sommer mit Hilfe seiner Follower eine Liste mit dem Titel „Required Reading Colombia“ zusammengestellt. Auch ich habe mich am Entstehen dieser Liste beteiligt. Ich gebe sie auch hier gerne wieder (McColls Seite hat leider keinen Repress-Button) und habe gleichzeitig alle die Titel farbig markiert, die ich selber bereits gelesen habe.
Abad Faciolince, Hector. Oblivion, 2013 (El olvido que seremos, 2006)).
Alvarez Gardeazábal, Gustavo. Cóndores no entierran todos los días, 1985.
Arana, Marie. Bolívar, American Liberator, 2014.
Ballvé, Teo. The Frontier Effect: State Formation and Violence in Colombia, 2020.
Behar, Olga. Noches de humo. Los protagonistas, 2010.
Bennion, Neil. Dancing Feat: One Man’s Mission to Dance Like a Colombian, 2014.
Betancourt, Ingrid. Even Silence has an End: My six years of captivity, Penguin Press 2010. (No hay silencio que no termine, 2010).
Bibliowicz, Azriel. Rumor Del Astracan, 2013.
Birenbaum Quintero, Michael. Rites, Rights and Rhythms: A Genealogy of Musical Meaning in Colombia’s Black Pacific, 2018.
Bowden, Mark. Killing Pablo: The Hunt for the World’s Greatest Outlaw, 2018.
Britto, Lina. Marijuana Boom: The Rise and Fall of Colombia’s First Drug Paradise, 2020.
Brodzinsky, Sibylla. Throwing Stones at the Moon: Narratives from Colombians Displaced by Violence, 2012.
Vallejo, Fernando. La virgen de los sicarios, 2017.
Various Authors. Voices of Bogotá: A Short Story Collection – Various Authors, 2018.
Vásquez, Juan Gabriel. The Sound of Things Falling. 2014
Villalon, Carlos. Coca. The Lost War on Drugs. 2018.
Young, Rusty. Colombiano, 2019.
Zanetti, Luca. Colombia: On the Brink of Paradise, 2018.
Zapata Olivella, Manuel. Changó, el gran putas, 1983.
Zuleta, Estanislao. Colombia: violencia, democracia y derechos humanos, 1991.
Es gäbe also noch viel zu lesen, aber wichtig ist auch der persönliche Fokus. Es ist sicherlich unverzichtbar, sich mit den Basisthemen „Drogenhandel“ und „Violencia“ gut auszukennen, um Kolumbien und seine Literatur besser zu verstehen. Gerade die tagtägliche Gewalt darf in dieser Zeit nicht vergessen werden. In den letzten beiden Jahren sind nämlich so viele politisch aktive Menschen wie schon lange nicht mehr in Kolumbien umgebracht worden. Leider berichten die grossen Medien immer weniger darüber. Ich finde aber, man darf Kolumbien auch nicht auf diese beiden Themen reduzieren. Ich kann beispielsweise die ganze Narcos-Literatur nicht mehr sehen.
Zwei Autoren könnten aus meiner Sicht etwas prominenter auf der Liste vertreten sein. Das sind Juan Gabriel Vázquez und Tomás González. Beide überzeugen mich inhaltlich wie auch stilistisch. Ich lese auch gerne die Bücher meines guten Freundes Memo Anjel. Leider werden seine aktuellen Bücher nicht mehr ins Deutsche übersetzt. Überhaupt gibt es in Medellín eine überaus lebendige literarische Szene, die sich durchaus einmal für eine Anthologie eignen würde.
Welche Autoren und Autorinnen fehlen ausserdem noch?
Peter B. Schumanns publizistische Reisen durch Lateinamerika | Teil II
Die Redaktion des SWR hatte Peter B. Schumann gebeten, doch mal ein Resumée seiner Reisen durch Lateinamerika zu ziehen. Ein halbes Jahrhundert in einer Stunde Sendezeit. Wir stellen davon Auszüge vor. Nach Rio de Janeiro folgt hier nun Teil II: Buenos Aires.
Nach der Bossa Nova nun der Tango, nach dem ach so „wunderbaren“ Rio de Janeiro eine Stadt, die mir bekannt vorkam, so wie Rom oder Madrid. Ich stieß hier bei meinem ersten Aufenthalt im Oktober 1969 auf nichts irritierend Befremdliches, sondern auf eine Art europäische Großstadt.
Der Vergleich in der Überschrift mag anmassend klingen, denn Marco Polo ist mit seinen Reisen weltberühmt geworden. Die Reisen Benjamin von Tudelas (hebräischer Name: Biniamin ben rabbí Yonah mi-Tudela) führten denn auch tatsächlich nicht ganz so weit in den Osten, doch sie geben ein gutes Zeugnis über die Eindrücke eines jüdischen Reisenden in die Region, die wir heute als Nahen Osten bezeichnen. Immerhin gilt er als der erste Europäer der Neuzeit, der China mit dem heutigen Namen erwähnt. Anders als Marco Polo ist Benjamin von Tudela bis heute weitgehend unbekannt. Auch ich traf heute erstmals in einem Artikel der La Vanguardia auf die Reiseberichte des Rabbinersohns aus dem navarrischen Städtchen Tudela.
Die Reisen
Er notierte genau, was er auf seinen Reisen zwischen 1160 und 1173 beobachtete (eine andere Quelle behauptet auch ab 1158). Seine Notizen, die von einem unbekannten Autoren im Libro de viajes (Masa’ot Binyamin) zusammengestellt worden sind, machen ihn bis heute zu einem bedeutenden Geographen und Darsteller der jüdischen Geschichte des Mittelalters. Seine genaue Route ist nicht bekannt, aber sie kann wie folgt rekonstruiert werden:
Besonders angetan war er vom damaligen Konstantinopel:
„An diesem Ort“, fährt er fort, „zeigen sich vor dem König und der Königin alle Arten von Menschen auf der Welt, wie durch Zauberei; und sie bringen Löwen, Panther, Bären und Zebras dazu, gegeneinander zu kämpfen; sie tun dasselbe mit Vögeln, und so ein Spektakel sieht man in keinem anderen Land.“
Auch von Bagdad und der Person des Kalifen ist er sehr begeistert. Mit grossem Detail schildert er das Leben der jüdischen Gemeinschaften und hält seine Eindrücke vom städtischen Leben insgesamt in seinen Notizen fest. So schreibt er genau auf, wie die jüdische Gemeinde lebt, wer sie anführt und wie ihre Lage jeweils ist – ob sie marginalisiert sind und unterdrückt werden oder ob sie sich mit den Machthabern arrangiert haben. Bis heute spekulieren Historiker und Philologen über die Motive seiner Reise. Eine häufig geäusserte Hypothese ist die, dass er als Händler neue Märkte suchte. Da er sich einige Male interessiert über Korallen äussert, vermutet man, dass er möglicherweise mit Schmuck handelte.
Das Buch
Wenn ich die Quellenlage richtig deute, ist die Originalausgabe 1543 in hebräischer Sprache in Konstantinopel erschienen, also 50 Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien. Es ist wenig erstaunlich, welch lange Reise die Notizen machen mussten, um endlich veröffentlicht zu werden. Sie zeichnet das Schicksal vieler sefardischer Juden nach, die nach 1492 gen Osten ziehen mussten. Es scheint fast so, dass die erste spanische Übersetzung erst 1918 herausgegeben wurde. Sie ist als pdf erhältlich. 1994 hat die Regierung Navarras auch eine dreisprachige Ausgabe in Spanisch, Baskisch und Hebräisch herausgegeben.