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«Ich bin kein grosser Autor», sagt Yoharaja Alvar Gasinathar bescheiden. Er sitzt am Küchentisch in seiner Wohnung in einem kleinen Dorf im Berner Mittelland, vor sich eine Schachtel gefüllt mit Heften, ein paar Bücher und eine DVD – alles Werke von oder mit ihm.
Sein neustes Buch ist im Februar 2020 erschienen. Darin setzt sich der 71-Jährige kritisch mit dem Kastensystem in Sri Lanka auseinander. Das Buch sei wie ein Manifest für Anti-Kasten-Aktivismus geschrieben, schrieb die englische Tageszeitung «Daily Mirror» in einem grossen Artikel über das nur auf Tamilisch erschienene Buch anlässlich der Buchpremiere in Jaffna vor rund achtzig Leuten. Ein wichtiger Beitrag von Gasinathars Arbeit sei, dass er ein neues politisches Vokabular sowie einen neuen Diskurs in den Anti-Kasten-Aktivismus einführe.
Hier im Berner Dorf weiss kaum jemand, dass Gasinathar ein international bekannter Autor ist, und die meisten in der Schweiz lebenden Menschen werden sein kastenkritisches Buch nie lesen können.
Wer bewertet die Texte?
Auch Halyna Petrosanyak, Jagoda Simac Despotovic und Mico Savanovic schreiben seit mehreren Jahren literarische Texte, haben Bücher publiziert und verfügen über eine beachtliche LeserInnenschaft. Alle leben seit längerem in der Schweiz, doch da auch sie in keiner der vier Landessprachen schreiben, sind sie nicht Teil des hiesigen Literaturbetriebs: Sie werden kaum in die Literaturhäuser oder an die Festivals eingeladen, ihre Werke werden hier nicht in den Medien besprochen, ihre Bücher nicht in den Buchhandlungen aufgelegt – und Fördergelder gibt es auch keine.
Das soll sich nun ändern. «Andere Landessprachen» heisst die in diesem Jahr an den Solothurner Literaturtagen neu gegründete Reihe, zu der die vier oben genannten AutorInnen eingeladen werden, um über ihr Werk und ihr Schaffen zu reden. Und auch die Stiftung Pro Helvetia spricht seit diesem Jahr neu Fördergelder für AutorInnen, die nicht in einer der vier Landessprachen publizieren, sofern sie seit vier Jahren in der Schweiz leben. Diese längst überfällige Änderung stellt jedoch die Institutionen und Festivals vor neue Schwierigkeiten: Wie soll eine tamilische, ukrainische oder albanische Eingabe bewertet werden, wenn in der Jury und in den Kommissionen niemand diese Sprachen beherrscht? Die Solothurner Literaturtage haben sich bei der Auswahl der AutorInnen auf Kenntnisse befreundeter ÜbersetzerInnen und mehrsprachiger AutorInnen wie Dragica Rajcic Holzner verlassen. Pro Helvetia greift auf ein externes Netzwerk von mehrsprachigen ExpertInnen zurück: Diese verfassen für die Jury aufgrund der eingereichten Texte ein Gutachten.
Diese unbefriedigende Situation ist Folge der langjährigen Ignoranz gegenüber anderssprachigen Menschen und deren Blick auf die Schweiz. Gleichzeitig zeigt sie auch die Diskriminierung, die sich noch immer durch die meisten Schweizer Institutionen zieht – und auch vor dem Kulturbetrieb nicht haltmacht: Noch immer werden zusätzliche Sprachkenntnisse – ausser in den vier Landessprachen oder Englisch – nicht als Ressource wahrgenommen, die man nutzen kann, sondern als Defizit. Dabei ist die Schweiz seit langem mehr als nur viersprachig. Eine Ende Januar publizierte Studie des Bundesamts für Statistik hat ergeben, dass 68 Prozent der in der Schweiz lebenden Personen mehr als eine Sprache regelmässig benutzen. Portugiesisch, Albanisch oder Spanisch gehören nach Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch zu den meistgesprochenen Sprachen – sie sind mittlerweile viel verbreiteter als Rätoromanisch.
«Es gibt ein verborgenes Land in diesem Land», sagt die Schweizer Autorin Dragica Rajcic Holzner. Die aus Split stammende Autorin lebt seit Ende der siebziger Jahre in der Schweiz, hat mehrere Bücher auf Deutsch publiziert und wurde dieses Jahr mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Seit Jahren setzt sie sich als Koleiterin von «Alit – Verein Literaturstiftung» für die Sichtbarkeit anderssprachiger AutorInnen in der Schweiz ein. «In der Schweiz leben eineinhalb Millionen anderssprachige Menschen», so Rajcic Holzner. Dass die Literatur, die da entsteht, einfach ignoriert werde, sei absurd und das Resultat von rund vierzig Jahren Rassismus.
«Gibt es etwas Traurigeres als einen bulgarischen Dichter in Marseille?», fragt sie rhetorisch, den Schriftsteller Wladimir Wladimirowitsch Majakowski zitierend. «Wenn du Informatiker aus Indien bist, kannst du in der Schweiz arbeiten, auch wenn du kein Deutsch kannst. Aber wenn du Dichter bist und eine andere als eine der offiziellen Landessprachen sprichst, wirst du nicht wahrgenommen.» Dass nun endlich etwas passiert, sei zwar ein kleiner, aber ein dringlicher Schritt: «Es hat lange gedauert, bis man hier in der Schweiz gemerkt hat, dass auch Frauen politisch handeln können. Vielleicht merken wir nun auch endlich, dass die Ausländer hier in der Schweiz eine Sprache können – vielleicht nicht die ‹richtige›, aber sie können eine.»
Das «Stanislauer Phänomen»
Halyna Petrosanyak, eine der vier nach Solothurn eingeladenen AutorInnen, sitzt auf einer Bank in der Garderobe der Universitätsbibliothek Basel; auf ihrem Schoss stapeln sich Bücher, Hefte und bedruckte Postkarten. «Als ich in die Schweiz kam, verstummte ich», sagt die 51-Jährige. «Ich dachte, ich würde zu schreiben aufhören und nur noch als Übersetzerin arbeiten, denn das mache ich gerne.» Doch dann habe sie gemerkt, dass sie nicht einfach aufhören könne.
Petrosanyak lebt seit bald fünf Jahren in der Schweiz, in einem kleinen Dorf im Kanton Solothurn. Sie hat in der Ukraine neben Russisch auch Deutsch studiert, und arbeitet seit langem als Übersetzerin. Zuletzt hat sie das Buch «Nächstes Jahr in Jerusalem» des Schweizer Autors André Kaminski ins Ukrainische übersetzt – «Ich möchte Brücken zwischen der Ukraine und der Schweiz bauen» –; zurzeit übersetzt sie Rainer Maria Rilke. Dass sie an die Literaturtage eingeladen wurde, freut sie, macht sie aber auch nervös, denn sie wisse, dass bekannte, preisgekrönte AutorInnen nach Solothurn eingeladen würden.
Dabei ist Petrosanyak selber auch keine Unbekannte – zumindest nicht in der Ukraine. Sie gehörte Ende der neunziger Jahre zu einer Gruppe um die Autoren Juri Andruchowytsch, Taras Prochasko und Juri Isdryk, die international als das «Stanislauer Phänomen» bekannt wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand in der westukrainischen Kleinstadt Iwano-Frankiwsk (früher: Stanislau) ein Kreis von Autorinnen und Malern, der für den postmodernen Diskurs stand, die Stadt künstlerisch prägte und diese zum «Geburtsort der neuen ukrainischen Literatur» machte. «Wir hatten eine neue Freiheit, die die Kreativität förderte und in der viel Neues entstand», sagt Petrosanyak. «Dieser Kreis hat mir den Anstoss für meine Arbeiten gegeben.» Im Jahr 2006 schrieb die FAZ: «Die Dichterin Halyna Petrosanjak gehört zum historischen Zentrum des Stanislauer Phänomens. Sie hat sich mit ihren beseelten Gedichten und Übersetzungen schon längst einen eigenen Namen gemacht.»
Einige ihrer Gedichte hat Petrosanyak selbst auf Deutsch übersetzt, die meisten wurden jedoch von anderen ÜbersetzerInnen übertragen. Im Selbstverlag hat sie vor kurzem auf Deutsch ein kleines Büchlein mit dem Titel «Liebesbotanik» herausgegeben. Der Illustration einer Blume, gezeichnet von der Künstlerin Iryna Pohribna, steht jeweils ein Gedicht von Halyna Petrosanyak gegenüber. In einem ukrainischen Verlag hat sie zwei Bücher mit Kurzgeschichten und Gedichten publiziert, im Sommer erscheint ihr erster Roman. Dieser handelt vom Thema Suizid und Sterbehilfe in der Schweiz. Inspiriert dazu wurde die Autorin von einer Diskussion um die Eröffnung eines Sterbehilfezentrums in ihrer Nähe. Es kam nicht zustande, doch die Diskussion habe sie schockiert: «Ich bin in einem kleinen Dorf in den Karpaten aufgewachsen, meine Umgebung war sehr religiös, das hat mich geprägt.» Ihr Roman spiele zwar in der Schweiz, doch sei er klar für eine ukrainische LeserInnenschaft geschrieben – denn der Diskurs rund um Suizid sei dort ein ganz anderer als hier.
Noch fühle sie sich als ukrainische Autorin, sagt sie, doch Fragen nach ihrer Zukunft treiben sie um. Soll sie weiterhin auf Ukrainisch schreiben oder ins Deutsche wechseln, da sie nun in der Schweiz lebt? Sie gehöre nicht zu den Mutigen, die das einfach machen würden, sagt sie: «Sprache ist etwas sehr Sensibles, sie ist mehr als ein Instrument. Man kann nicht einfach die Sprache wechseln und bei sich bleiben: Man verliert dabei sich selbst.» Andererseits könne man den Abstand zu einer erlernten Sprache auch kreativ nutzen, das könne inspirierend sein.
Ukrainisch und Deutsch seien sehr unterschiedliche Sprachen, so Petrosanyak: «Etwas plakativ gesagt, ist Ukrainisch eher aufs Emotionale ausgerichtet, Deutsch hingegen ist sehr rational – das diszipliniert auch das Denken.» Noch denke sie auf Ukrainisch, träume sie auf Ukrainisch, und mit ihrem achtzehnjährigen Sohn spreche sie Ukrainisch. Sprache sei etwas sehr Lebendiges, das sich verändere. Man müsse sie sprechen, hören und darin leben, um mit der Zeit der Sprache zu gehen. Das versuche sie zwar, doch seien die Möglichkeiten – trotz Internet – hier in der Schweiz beschränkt. Deshalb schätzt sie: «Mein Vorrat an ukrainischer Sprache reicht wohl etwa für zehn Jahre, dann könnte er veraltet sein.»
«Einheit» und «Menschlichkeit»
Yoharaja Alvar Gasinathar stellt zwei Teetassen auf den Tisch und setzt sich. Sein Deutsch sei nicht so gut, er spreche lieber Englisch. Neben ihm liegt ein Wörterbuch Tamilisch-Englisch; manchmal, wenn er ein Wort nicht findet, schlägt er es nach. Es gebe zu wenig Zeit für alle Sprachen, sagt er. Er lese nur auf Tamilisch, denn wenn er auch noch auf Englisch oder Deutsch lesen würde, würde er sein Tamilisch verlernen, fürchtet er.
Der frühere Lehrer Gasinathar flüchtete in den achtziger Jahren als junger Mann vor dem Krieg in Sri Lanka in die Schweiz und gab kurz nach seiner Ankunft Hefte für TamilInnen in der Schweiz heraus. «Onriyam» hiess das Heft, «Einheit». Die ersten Ausgaben schrieb er von Hand, kopierte und verteilte sie. «Es gab in den achtziger Jahren in der Schweiz keinen Computer, auf dem man Tamilisch hätte schreiben können.» Sein Antrieb zum Schreiben war stets ein politischer. Er war in Sri Lanka in der marxistischen Partei aktiv: «Sie war die einzige Partei, die gegen den bewaffneten Konflikt war. Ausserdem liebe ich den Marxismus!» In seinen Heften informierte er die tamilischen Geflüchteten einerseits über die Situation in Sri Lanka, andererseits über das politische System in der Schweiz.
Es folgte mit «Manithan» (Menschlichkeit) ein weiteres Heft, das er von 1989 bis 1994 mit einer Gruppe herausgab und das nach Sri Lanka und in die tamilische Diaspora auf der ganzen Welt verschickt wurde. Neben politischen Texten wurden darin auch Kurzgeschichten und Gedichte tamilischer AutorInnen publiziert. Wichtig ist Gasinathar, dass er mit seinen Heften politisch unabhängig war, von keiner Partei finanziell unterstützt – die Hefte finanzierten sich mit Spenden –, und dass die Tamil Tigers ihren Leuten verboten, sie zu lesen.
Gasinathar, der heute drei erwachsene Kinder hat, arbeitete zuerst in einer Druckerei, später war er als Putzkraft tätig. «Ich mochte diese Arbeit», sagt er, «meine Hände waren am Arbeiten, mein Kopf am Denken.» Nachdem sich die Gruppe um «Manithan» aufgelöst hatte, machte Gasinathar deutsch-tamilische Hefte für tamilische Kinder in der Schweiz. Schliesslich begann er, Theaterstücke und Filmdrehbücher zu schreiben, als Schauspieler zu arbeiten und war Mitbegründer des Ausbildungszentrums für tamilisches Theaterschaffen in Zollikofen, eines Orts der Begegnung mit der tamilischen Kunst.
Bei all seinen Arbeiten ging es ihm einerseits darum, das Leben in der Schweiz zu erklären, andererseits darum, den TamilInnen in der Diaspora die Geschichte, Sprache und Traditionen ihres Herkunftslandes nahezubringen. Gleichzeitig kritisierte er mit aufklärerischem Geist die strenge Auslegung der Traditionen – wie das Kastensystem oder das Ausüben bestimmter Rituale – in der tamilischen Community in der Schweiz und thematisierte tabuisierte Probleme wie Gewalt oder Alkoholismus. Heute trifft er sich alle zwei Monate mit TamilInnen der zweiten Generation zu einem Lesezirkel und ist für das von ihm mitgegründete Hilfswerk Thannir tätig.
Zweimal wurde Gasinathar, der in der tamilischen Community ein angesehener Autor ist, von der Journalistin Marianne Pletscher fürs Schweizer Fernsehen porträtiert: 1984, kurz nachdem er in der Schweiz angekommen war, und dann zwanzig Jahre später. Nächstes Jahr erscheint im Limmatverlag ein Buch über MigrantInnen in der Schweiz, die vom Putzen leben, in dem er ebenfalls vorkommt. Im Film von 1984 sagt er: «Wir haben in der Schule von der Schweiz gehört und gelernt, das Land sei neutral und vier Sprachgruppen lebten zusammen. Das Land lebe ohne Sprachprobleme. Deshalb dachte ich, die Regierung hier würde uns helfen, und beschloss, in die Schweiz zu kommen.» Allerdings, so erfährt man im Film zwanzig Jahre später, fürchtete er sich die ersten zehn Jahre ständig vor einer Ausschaffung, was ihn kaum dazu motivierte, Deutsch zu lernen.
«Ich bin ein tamilischer Schriftsteller, aber ich schreibe mittlerweile Schweizer Geschichten», sagt Gasinathar am Ende des Gesprächs. Das habe er vor ein paar Tagen gedacht, als er einen eigenen Kurztext wiedergelesen habe, den er vor zwei Jahren geschrieben hatte. Detailreich fasst er die Kurzgeschichte «Elektrozaun» zusammen: Sie spielt an der Zürcher Langstrasse und handelt von einem Taxifahrer und einer Sexarbeiterin. Diesen Text wird er nun für die Literaturtage ins Deutsche übersetzen lassen. Über die Einladung nach Solothurn freut er sich sehr. Dass seine Texte oder Bücher jemals auf Deutsch publiziert werden, glaubt er allerdings nicht.
Halyna Petrosanyak und Yoharaja Alvar Gasinathar diskutieren an den Literaturtagen am Freitag, 14. Mai 2021, um 17 Uhr, Jagoda Simac Despotovic und Mico Savanovic am Sonntag, 16. Mai 2021, um 16 Uhr.