Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03234.jsonl.gz/1391

Im Sommer 1984 durfte ich als Sechzehnjähriger mit dem berühmten Romancier Michael Ende
ein schriftliches Interview führen. Er war in Stuttgart, wo er bei seinem Verlag "Station machte", wie es in dem Brief des Lektors oder der Sekretärin mit den Antworten hiess.
Elf Fragen und Antworten
Elf kurze Fragen habe ich gestellt und elf kurze Antworten erhalten. Soweit ich mich erinnern kann, war ich ein wenig enttäuscht. Als ich das Interview um 2010 bei der Recherche zu einem Sachbuch hervorgeholt habe, war ich fasziniert. Es war viel Zeit vergangen, es hatte sich viel getan, und die eine oder andere Passage las sich anders als in den 80er-Jahren.
Der Schriftsteller, den ich befragt habe, ist noch heute bekannt. Sehr bekannt, und wer nicht seine Bücher gelesen hat, hat die eine oder andere Verfilmung gesehen, etwa der "Unendlichen Geschichte
". Oder hat von Momo
und den grauen Herren gehört, die einem Zeit stehlen, wie die IT-Unternehmen, die natürlich behaupten, dass man dank ihnen Zeit sparen kann, und die Unterhaltungsmedien, die freilich anführen, dass sie einem die Zeit vertreiben helfen. Zeit spielt für Michael Ende keine Rolle mehr, denn er ist 1995 gestorben und liegt auf dem Waldfriedhof in München begraben, unter seidigen Blumen und steinernen Büchern.
|Michael Endes Grab.
||© de.wikipedia.org

Nach mehreren Fragen, die teils offenherzig, teils griesgrämig beantwortet wurden, wartete ich mit der folgenden Zumutung auf: "Zukunftsaussichten für das Buch – wird der Tag kommen, an dem man anstatt zu lesen sich lieber mit neuen Medien oder Computern beschäftigt?" Ich hätte schwören können, den Begriff der neuen Medien erst Jahre später kennengelernt und gebraucht zu haben. Eine Art Computer besass ich, eine elektronische Schreibmaschine von Canon, die eine Seite Text speichern konnte. Wie haben die Lehrer gestaunt, als der Blocksatz Einzug in unsere Schülerzeitung hielt!
1984 fragte ich nach den Zukunftsaussichten für das Buch ... Die Antwort lässt an Deutlichkeit nichts vermissen: "8) ME glaubt, dass Computer u. dgl. n i e Bücher ersetzen werden." Derjenige, der die Antworten aufschrieb, war ein Meister der Abkürzung, und dass der Meister selbst abgekürzt wurde, rückte diesen in die Nähe von Unsterblichen, mehr als eine Dekade vor seinem Tod. "Computer u. dgl." – besser kann man es nicht sagen, wenn man es abfällig meint. Und das gesperrte "n i e" – schöner kann man es nicht setzen, nicht einmal mit den heutigen technischen Möglichkeiten.
Vom Substituieren und Aggregieren
Lesen auf dem Handy 2008.
Jahrzehnte später ersetzen Computer zwar nicht Bücher, aber manch gedrucktes Werk. Man liest Romane, Geschichten und Artikel auf Kleinst- und Mikrocomputern. Bei den E-Books
wandert das gute, alte Buch auf den Reader, oder dieses wird – Stichwort "Enriched E-Books" bzw. "Enhanced E-Books
" – mit Bildern, Videos, Tönen, Musik (sogar Booktrack
s) und weiterführenden Informationen angereichert. Es haben sich spezielle Genres wie Handyromane und -haikus herausgebildet, deren Vertreter und Förderer ich selbst jahrelang gewesen bin.
Die Produktion ändert sich in einer weiteren Weise. Manche Bücher entstehen in Gruppen, und es kommt vor, dass am Ende kein Autor mehr sichtbar ist, kein Name auf dem virtuellen Umschlag prangen kann. Ich selbst finde Werkstätten sehr interessant, nach dem Vorbild eines Michelangelo oder, in der Literatur, eines Alexandre Dumas. Man kann Talente suchen und finden und ihnen Aufgaben anvertrauen, bei denen man selbst nicht so stark ist. Umgekehrt kann man als Erfahrener Hand anlegen, kürzen, strecken...
Was die Zukunft bringt und beseitigt
Gedruckte Bücher sind nach wie vor beliebt. E-Books, mit Texten und Bildern oder als Multimediashow, haben sich etabliert, bei Jung und Alt. Sie haben Bücher in der Tat nicht verdrängt, eher ergänzt. Und Computer als Allzweckwerkzeuge? Wenn wir 15 Stunden am Tag vor dem Notebook sitzen und liegen, wenn wir vom Hansguckindieluft zum Hansstarraufsdisplay geworden und als Smombies mit dem Smartphone verschmolzen sind – bleibt dann überhaupt Zeit zum Lesen? Und ist Lust am Lesen vorhanden?
Ich habe den Eindruck, dass man heute die Frage anders stellen und die Antwort anders formulieren müsste. Zukunftsaussichten für das Buch – wird der Tag kommen, an dem man anstatt zu lesen sich lieber mit neuen und sozialen Medien oder Computern, mitsamt ihren Kommunikations- und Unterhaltungsmöglichkeiten, beschäftigt? Dieser Tag scheint längst da zu sein. Wird der Tag kommen, an dem das klassische Buch durch das E-Book ersetzt wird? Die gedruckte Zeitung wird vermutlich aussterben, aber das gebundene Buch wird noch eine Weile seine Anhänger haben.
Die Schildkröte, die neben den Büchern auf dem Grab von Michael Ende zu sehen ist, trägt einen Satz auf ihrem Panzer, den schon Momo vernommen hat: "Habe keine Angst". Angst ist zweifellos ein schlechter Ratgeber. Aber die Autoren und Verleger müssen alles tun, um ihre Kinder und unsere Zeit zu retten.