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Borsäure,
Acidum boricum, Sal sedativum Hombergii, als normale Säure B(OH)3, als Anhydrid B2O5, kommt teils in freiem Zustande, teils in Form von Salzen, wiewohl spärlich verbreitet, in der Natur vor. Im freien Zustande findet sie sich in den Ausströmungen von Dämpfen, welche an einigen Orten der Provinz Toscana teils natürlich aus dem zerklüfteten Kalkgebirge hervorbrechen, teils künstlich durch Bohrungen erschlossen sind, krystallisiert als Sassolin (s. d.), ferner gebunden an Basen im Borax [* 2] (s. d.), Boronatrocalcit (s. d.), Boracit (s. d.) und in einigen andern Salzen.
Die Gewinnung der in
Toscana erfolgt auf sinnreiche
Weise durch die an Ort und
Stelle vorhandenen
Mittel. ^[Abb] Die Dampfausströmungen
oder
Soffionen werden künstlich gefaßt, indem man einen dieselben umfassenden Raum mit
Mauerwerk aus
Bruchsteinen und
Cement umgiebt und den so gebildeten
Teich (Lagune) mit Wasser bis zu etwa 2 m Höhe füllt. Der mit Gewalt
aus der Erde hervorbrechende
Dampf
[* 3] durchströmt das Wasser und giebt dabei einen
Teil seiner an dieses ab. (S. vorstehende
Abbildung.) Nach ungefähr 24
Stunden hat das
Waner seinen Maximalgehalt von etwa ½ Proz.
Borsäure erreicht,
es wird dann zum
Klären in eine
¶
mehr
Cisterne abgelassen, worauf die Lagune wieder mit Wasser gefüllt wird. Die schwache Lösung der
Borsäure ist
nun bis zum Krystallisationspunkt zu verdampfen, wobei die dazu erforderliche Wärme
[* 5] ebenfalls durch die Soffionen geliefert
wird. Zu diesem Behufe ist eine flache Bleipfanne von 125 m Länge, 2,5 m Breite
[* 6] und 20 cm Tiefe so über
Soffionen aufgestellt, daß diese den ganzen Boden, der nur von auf seitlichem Mauerwerk ruhenden eisernen Stäben getragen wird,
bestreichen müssen.
Die klare Lösung fließt beständig an dem einen Ende der etwas geneigt stehenden Pfanne zu und der Zufluß wird so reguliert, daß am andern Ende beständig eine krystallisationsfähige Lösung abläuft. Diese kommt in ein durch eine Soffione warm gehaltenes Klärbassin und wird nach dem Klären in hölzernen, mit Blei [* 7] ausgelegten Behältern dem Erkalten überlassen, wobei die Krystallisation der Säure erfolgt. Nach dem Ablassen der Mutterlauge und Trocknen bildet die so gewonnene Säure Handelsware.
Sie ist in diesem Zustande nicht chemisch rein, sondern enthält noch schwefelsaures Ammonium und wird
als Rohmaterial für die Darstellung des Borax (s. d.) verwendet. Zur Darstellung in chemisch reinem Zustande erhitzt man 10 Teile
Borax mit 30 Teilen Wasser zum Sieden und versetzt die siedendheiße Flüssigkeit mit 6 Teilen Salpetersäure von 1,35 spec.
Gewicht. Nach 24stündigem Stehen an einem kalten Orte hat sich eine Menge von feinschuppigen Krystallen
von
Borsäure gebildet, die, von der Mutterlauge durch Abpressen befreit, durch Umkrystallisieren rein gewonnen werden.
Die reine
Borsäure bildet farblose, seidenglänzende, sich fettig anfühlende kleine Krystalle, die in kochendem Wasser leicht,
in 26 Teilen kaltem Wasser und auch in Alkohol löslich sind. Die alkoholische Lösung brennt mit schön
grüner Flamme.
[* 8] Die wässerige Lösung färbt Lackmuspapier weinrot, gegen Kurkuma aber verhält sie sich wie eine Basis,
indem sie diesen Farbstoff bräunt; beim Kochen der Lösung entweichen erhebliche Mengen der Säure. Beim Erhitzen der trocknen
Säure findet zunächst bei 100° partielle Anhydridbildung statt; es bleibt dabei Säure von der Zusammensetzung
BO(0H) (Metaborsäure) zurück, bei 140-160° erhält man Tetraborsäure, B4O5(OH)2, endlich beim Glühen geschmolzenes,
nach dem Erkalten glasartig erstarrendes Borsäureanhydrid, B2O3.
Die verschiedenen Anhydride gehen beim Lösen in Wasser wieder in gewöhnliche
Borsäure, B(OH)3, über. Ferner kennt man die
im Boronatrocalcit (s. d.) vorkommende dreibasische Pentaborsäure: B5O6(OH)3 und die im Boracit (s. d.) enthaltene
sechsbasische Octo
borsäure: B8O9(OH)6. Die
Borsäure dient zur Darstellung von Glasuren, Email, künstlichen Edelsteinen,
zum Tränken der Kerzendochte, zum Konservieren von Nahrungsmitteln, medizinisch als Desinfektionsmittel und Antiseptikum
bei Augen-, Ohren- und Blasenleiden, Diphtherie u. s. w. Preis 25 Proz.
höher wie der des Borax.