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Emmerich Kálmán 1882–1953
Er wurde am 24. Oktober 1882 in Ungarn geboren, in Siofok am Plattensee. Sein Vater war als Unternehmer in einer aufstrebenden Branche tätig, der Erschließung Siofoks als Sommerfrische. Kálmáns früheste Kindheitserinnerungen sind geprägt von Musik. Stunden lang saß er unter dem Flügel und hörte seiner begabten Schwester beim Üben zu. Zahllose Besuche von Proben und Aufführungen des Sommertheaters weckten zudem früh seine Liebe zur Bühne. Als er mit zehn Jahren nach Budapest aufs Gymnasium wechselte, verließ er diese Idylle nur ungern. Doch seine intellektuelle wie seine musische Begabung verlangten nach einer Ausbildung in der Großstadt. Kálmán war 14, als sein Vater bankrott ging. Die Familie folgte Emmerich nach Budapest, ihr Leben dort war bestimmt durch schwierige wirtschaftliche Bedingungen. Der radikal veränderte Lebensstil prägte den Jungen nachhaltig; ein zaghaftes, finsteres Lebensgefühl stammt aus dieser Zeit, es sollte ihn nie wieder verlassen. Seiner extrovertiertesten Musik hört man jene unterschwellige tiefe Traurigkeit an. Vor allem in der Musik suchte er damals Halt. Sein Entschluss stand fest, er wollte Konzertpianist werden. Doch er übte so viel, dass seine Hand Schaden nahm – schließlich musste er den Traum von einer Karriere als Pianist begraben.
Noch als Gymnasiast begann er an der berühmten Budapester Musikakademie mit dem Kompositionsunterricht bei Hans Koeßler. Seine Eltern bestanden darauf, dass er Jura studiere, doch auch nach der Einschreibung an der Universität setzte er den Unterricht fort. Das Jurastudium war ihm von Herzen zuwider, kurz vor dem Doktorat brach er es ab. Seinen Lebensunterhalt verdiente er von nun an als Musikkritiker bei einer der führenden Budapester Tageszeitungen. Ein Kollege dort und bald auch ein enger Freund war Franz Molnár. Kálmáns Studienfreunde an der Musikakademie waren Bela Bartok, Zoltan Kodály und Leo Weiner. In einem Konzert der Studenten im Juni 1903 kamen neben anderen Werken auch Kálmáns Scherzando für Streichorchester und der erste Satz seiner Klaviersonate zur Aufführung. Seine symphonische Dichtung Saturnalia wurde im folgenden Jahr in einem Graduiertenkonzert an der Budapester Oper aufgeführt – am Schalttag, dem 29. Februar. Die kuriose Affinität zum Schalttag sollte ihn seine ganze Karriere lang begleiten, einige seiner größten Erfolge feierte er in den Schaltjahren zwischen 1908 und 1936.
1906 gewann Kálmán den Robert-Volkmann-Kompositionswettbewerb der Akademie. Trotzdem konnte er weder seine Eltern von einer Karriere als Komponist überzeugen, noch einen Verleger finden, ob in Berlin, Leipzig oder München. Die Ablehnung der Verleger irritierte ihn so sehr, dass er einmal in einem der seltenen hellsichtigen Momente zu seinen Komponistenkollegen gesagt haben soll: «Wenn es so weiter geht, schreibe ich noch eine Operette!»
Und so kam es. Zunächst wandte er sich an Karl von Bakonyi, einen seinerzeit schon erfolgreichen Librettisten, und schlug ihm eine Operette über jene Militärmanöver vor, die im Österreich-Ungarn der Zeit vor 1914 fester Bestandteil des Alltages waren. Dann brachte er das Lustspiel-Theater (das normalerweise nur Schauspiel brachte) irgendwie dazu, das Stück aufzuführen. «Ein Herbstmanöver» hatte am 22. Februar 1908 Premiere. Dass es ein gutes Stück war, muss sich schnell bis nach Wien herumgesprochen haben, denn Wilhelm Karczag und Karl Wallner, die Direktoren des Theaters an der Wien, und mit ihnen der gefeierte Operettenkomponist Leo Fall kamen bald nach Budapest, um es anzusehen. Sie sagten umgehend einer Produktion zu, und am 22. Januar 1909 hatte Kálmán sein Wiener Debüt. Noch im selben Jahr wurde das Werk ähnlich erfolgreich in Hamburg, Stockholm, New York und London aufgeführt. Bis 1914 lief «Ein Herbstmanöver» auch in Dänemark, Italien, Frankreich, Russland, Polen, der Tschechoslowakei und Australien. Über Nacht war der scheue, introvertierte junge Jurastudent aus der Provinz in Wien, der unumstrittenen Kapitale der Operette, ein berühmter und gefeierter Mann geworden. In jener Zeit begegnete er auch Paula Dworzak, zu der er eine enge Bindung entwickelte. Sie blieb an seiner Seite bis zu ihrem Tod im Jahr 1927.
Als die für den 13. November 1915 geplante Premiere der «Csárdásfürstin» wegen der Erkrankung eines Sängers um mehrere Tage verschoben werden musste, war der ausgeprägt abergläubische Kálmán erleichtert. Das Libretto von Bela Jenbach und dem erfahrenen und erfolgreichen Leo Stein (der schon bei «Wiener Blut» und der «Lustigen Witwe» am Libretto mitgewirkt hatte) ist ein präzises Spiegelbild jener Welt dekadenter Kaffeehausgänger und Theateraristokraten, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges für immer unterging. Musikalisch ist sie eine der überaus seltenen Operetten, in denen jede einzelne Nummer ein Hit ist und im Gedächtnis bleibt.
Das nächste Schaltjahreswerk war «Gräfin Mariza». Schon 1919 hatten Brammer und Grünwald mit der Arbeit am Buch begonnen, aber ernst wurde es erst nach «Die Baja- dere». Premiere war am 28. Februar 1924 im Theater an der Wien. Nach der «Csárdásfürstin» ist «Gräfin Mariza» sein meistgespieltes Werk und vielleicht das beste Beispiel, wie gekonnt er die Musik und das Lokalkolorit Ungarns mit aktuellen Schauspieltrends kombinierte. So etwa die Suche nach immer exotischeren und aussergewöhnlichen Schauplätzen: War «Die Bajadere» ein Beispiel für die «orientalische» Operette gewesen, so hatte wohl Kálmán selbst den Einfall, das nächste Stück im Zirkusmilieu anzusiedeln und teilweise auch im Zirkus spielen zu lassen. «Die Zirkusprinzessin», uraufgeführt im März 1926, war für Kálmán, Brammer und Grünwald der dritte Erfolg hintereinander. Wie die beiden vorgenannten Operetten hat auch sie ihren festen Platz im Repertoire.
Wie viele andere emigrierte Künstler fand auch Kálmán in den USA Achtung und Respekt, jedoch relativ wenig Verständnis und Begeisterung für seine Kunst. Nach Kriegsende erhielt er die Nachricht, dass seine beiden Schwestern – anders als der Bruder waren sie in Budapest zurückgeblieben – spurlos verschwunden waren. Seine Gesundheit verschlechterte sich, er erlitt einen Herzinfarkt. Erst im Juni 1949 hatte er sich so weit erholt, dass an eine Rückkehr nach Europa zu denken war. Zu dieser Zeit hatte bereits eine wahre Renaissance seiner so lange verbotenen Musik in Deutschland und Österreich eingesetzt, unzählige erfolgreiche Produktionen seiner Operetten belegen es. Der Heimkehrer und seine Familie waren durch die große Begeisterung überwältigt. Schließlich ließ Kálmán sich in Paris nieder. Trotz anhaltender Herzprobleme konnte er seine letzte Operette vollenden: «Arizona Lady». Die Berner Premiere sollte er nicht mehr erleben. Einige Tage nach seinem 71. Geburtstag starb Kálmán im Oktober 1953 in Paris.
Aus der Schrift zum 50. Todestag des Komponisten Emmerich Kálmán
Josef Weinberger GmbH, Frankfurt am Main