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Torbjörn Bergflödt, Mittelland Zeitung (24.12.2007)
In seiner Neuinszenierung der Grand Opéra «La Juive» von Halévy macht Regisseur David Pountney die Bühne zur moralischen Anstalt.
«Die Jüdin» ist eigentlich keine Jüdin. Sondern die Tochter des sie für tot haltenden Kardinals Brogni. Aber das erfahren nur wir. Und in dem für ihn brutalsten Augenblick der Kardinal. Dann nämlich, als Rachel gerade hingerichtet wird wegen einer Beziehung zum Reichsfürsten Léopold, einem verheirateten Christen. Mit dieser Botschaft rächt sich Rachels danach gleichfalls hingerichteter Ziehvater Éléazar an Brogni, der einst Söhne des jüdischen Goldschmieds wegen Ketzerei zum Tode verurteilt hatte.
Eugène Scribes enthüllungsdramaturgisch gebautes Libretto zur 1835 uraufgeführten Oper «La Juive» des Juden Jacques Fromental Halévy spiegelt das kritische Bewusstsein des Pariser Bürgertums der nachrestauratorischen Zeit. Der Antisemitismus blühte wieder auf in der Zeit nach der Niederlage der «Grande Nation» im französisch-preussischen Krieg. Insofern wirkt es schlüssig, dass David Pountney als Regisseur der Zürcher Neuinszenierung die Handlungszeit des Fünfakters vom mittelalterlichen Konstanz ins Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts verlegt hat. Damals machte die Dritte Republik mobil gegen den jüdischen Hauptmann Dreyfus.
«La Juive» gehört zur Gattung der Grand Opéra. Individualszenen und Massenszenen gilt es ins überzeugende Verhältnis zu setzen. Und wer die Genrekonventionen nicht verletzen will, sollte auch die Balletteinlagen nicht über Bord werfen. Der Bühnenbildner Robert Israel nutzt wesentlich die Drehbühne. Diese fährt Empire-Saal und überdachtes Goldschmiedeatelier heran und wieder weg, Wohnraum für Léopolds betrogene Frau Eudoxie und Kircheneingangsbereich, Ballettschulsaal und Hinrichtungsstätte.
Schiefe Ebenen und Risse verweisen auf die Brüchigkeit dieser Gesellschaft. Zusammen mit den von Marie-Jeanne Lecca zu Bürgern und Proletariern, Klerikern und Militärs individualisierend kostümierten Choristen und Statisten ist so die Chance genutzt worden, neben intimeren Szenen auch Tableaus mit etwas Glamour und Showbusi-ness zu organisieren. Renato Zanella hat ironisch aufgeladene, giftig-«wüste» Choreografien samt einem Cancan ersonnen. In einen Tanz grüssen da Karikaturen aus dem Umfeld der Dreyfus-Affäre hinein. Die Personenführung im Verbund mit hingebungsvollem darstellerischem Einsatz macht, dass wir stets «dranbleiben», was das Schicksal der in Liebe und Hass entbrannten Figuren betrifft. Bei Pountney wird die Bühne zur moralischen Anstalt › als Plädoyer für gegenseitigen Respekt. Freilich schiebt sich gelegentlich auch etwas Folklore vor den tristen Inhalt.
US-Tenor Neil Shicoff gab an der Premiere den Éléazar mit einem singdarstellerischen Totaleinsatz › allerdings auch mit zu viel Druck auf der Stimme und damit forciert-gepressten Forti. Angeles Blancas war eine glühende Rachel. Hart und mitleidsweich: Alfred Muff stattete den Kardinal Brogni mit einem passenden Doppelgesicht aus. Der als indisponiert gemeldete Celso Albelo schlug sich sehr gut in der Rolle des Léopold. Malin Hartelius entfaltete ihr schönes Stimmtimbre als Léopolds betrogene Frau.
Überzeugend war der von Ernst Raffelsberger präparierte Chor. Carlo Rizzi am Dirigierpult hielt das Orchester bei dieser Partitur, mit der sich der Komponist Halévy unter anderem als Zeitgenosse des Italie- ners Rossini ausweist, zu einem eloquenten Spiel an.