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Abstract
Die Sekundar- und Gymnasiallehrerausbildung an der Universität Zürich war nach ihrer Einführung im Jahre 1861 zuerst einmal ein rein fachwissenschaftlicher Studiengang. Pädagogische Themen wurden in den Reglementen erst nach der Jahrhundertwende erwähnt – entsprechende Vorlesungen waren fakultativ. Dies änderte sich ab den Jahren 1918 und 1930 mit der Einführung der didaktischen Kurse respektive der Schaffung des Lehrstuhls für Allgemeine Didaktik.
Die Sekundar- und Gymnasiallehrerausbildung an der Universität Zürich war nach ihrer Einführung im Jahre 1861 zuerst einmal ein rein fachwissenschaftlicher Studiengang. Pädagogische Themen wurden in den Reglementen erst nach der Jahrhundertwende erwähnt – entsprechende Vorlesungen waren fakultativ. Dies änderte sich ab den Jahren 1918 und 1930 mit der Einführung der didaktischen Kurse respektive der Schaffung des Lehrstuhls für Allgemeine Didaktik.
Die Schaffung der akademischen Lehrer/innenbildung fiel in eine historische Phase, in der sich die politischen Kräfte in der Schweiz im Rahmen des Kulturkampfes über die Zentralisierung der Lehrer/innenausbildung stritten. Das Polytechnikum (die spätere ETH Zürich) als einzige nationale Hochschule wurde entsprechend als zentrale Ausbildungsstätte für das Höhere Lehramt in Erwägung gezogen (Borer & Criblez, 2011; NZZ, 16.10.1861). Ein beträchtlicher Teil der Lehrerinnen und Lehrer der höheren Bildungsstufen war zu Beginn der 1860er-Jahre für die Zentralisierung des Bildungswesens. Dies hatte zur Folge, dass die kantonalen Universitäten Studiengänge für die Ausbildung von Sekundar- und Gymnasiallehrer/innen einrichteten. Gleichzeitig waren die kantonalen Erziehungsdirektionen gefordert, Prüfungsreglemente für die Zertifizierung der Lehrer/innen beider Bildungsstufen zu erlassen. Diese Prüfungsrelevanz verpflichtete damit die Universitäten, Lehrveranstaltungen mit pädagogischen Inhalten permanent anzubieten (Borer & Criblez, 2011).
Ein weiterer Umstand, welcher die Entwicklung der Pädagogik zu einer eigenständigen universitären Disziplin beeinflusste, waren die Standesinteressen von Gymnasiallehrern. In den Anfängen der universitären Lehrerausbildung dozierten häufig aktive Gymnasiallehrer als Privatdozenten. Durch die Etablierung einer akademischen Lehrerausbildung erhielten diese Privatdozenten eine Chance zu mehr akademischer Lehre. Publikationsorgane wie die Pädagogische Rundschau dienten den akademischen Pädagogen als entsprechende Diskurs-Plattform.
Stellung der Pädagogik in der Ausbildung von Gymnasiallehrer/innen an der Universität Zürich
Die Prüfungsreglemente und Wegleitungen für das Diplom für das Höhere Lehramt zeigen, wie die Bedeutung von pädagogischen Elementen in der Ausbildung zunahm. Das erste Reglement wurde im Jahre 1861 für die philologisch-historischen Fächer erlassen. Darin ist von Pädagogik als Bestandteil der Diplomprüfung noch keine Rede. In jenem von 1905 wird der Besuch von Pädagogik- und Psychologievorlesungen zwar empfohlen, ist jedoch nicht obligatorisch. Für die Diplomprüfungen für das Höhere Lehramt wurde in dieser Zeitspanne ausschliesslich Fachwissen vorausgesetzt, und zum Teil detailliert beschrieben (UAZ BH1, 14.8.1861; 20.9.1905).
Dies änderte sich erst mit dem Jahr 1918. Ab diesem Zeitpunkt musste als Voraussetzung zur Prüfungszulassung entweder „ein Kolleg über allgemeine Pädagogik oder über beide
Teile der Psychologie“ (UAZ BH.1, 23.12.1918) besucht werden. Gleichzeitig wurden die sogenannten Didaktischen Kurse eingerichtet und für obligatorisch erklärt. Sie sind die Vorläuferinnen der heutigen Fachdidaktiken für die Fächer der Philosophischen Fakultät I. Auf die allgemeine Didaktik wurde im Rahmen dieser Kurse eingegangen. Naturwissenschaftler/innen hatten die naturwissenschaftlich ausgerichteten allgemein-didaktischen Kurse des Polytechnikums zu besuchen. Der Ausbau des Sekundarlehramtsstudiums an der Universität führte zu einer Etablierung pädagogischer Veranstaltungen im Höheren Lehramt, gehörten doch die Veranstaltungen in Methodik und Didaktik für zukünftige Sekundarlehrpersonen auch zur Grundausbildung für die Gymnasiallehrpersonen.
Ein weiterer wichtiger Schritt zur Stärkung der Pädagogik im Rahmen der Gymnasiallehrerausbildung wurde mit der Schaffung des Lehrstuhls Zollinger im Jahre 1930 geleistet. Erstmals hielten Vorlesungen über Allgemeine Didaktik des Mittelschulunterrichts auch Einzug in die Ausbildung der Gymnasiallehrer/innen. Damit wurde eine Entwicklung abgeschlossen, aus der sich die Pädagogik ab Mitte des 19. Jahrhunderts zuerst als Subdisziplin der Philosophie, später als Teil der Anthropologie und der Medizin (zum Beispiel Kinder- und Jugendpsychiatrie) heraus entwickelte. Gemäss Späni (2002) war dies keine Entwicklung aus sich selbst heraus, im Sinne eines „Wachsens“ der Wissenschaft aus der Praxis heraus. Vielmehr war dieser Prozess beeinflusst von den benachbarten Disziplinen, politischen Kräften und Berufsständen. Späni geht von einem doppelten Spannungsverhältnis aus, dem die neue Disziplin ausgesetzt ist: einerseits zu den bestehenden Disziplinen und andererseits zu denjenigen Akteuren, welche in der pädagogischen Praxis tätig waren (Späni, 2002).
Literatur
Reglement über die Diplomprüfung der Kandidaten des höhern Lehramts in den philologisch-historischen Fächern. 14.8.1861 Erziehungsrat.
Studien- und Prüfungspläne für das höhere Lehramt in Fächern der I. und II. Sektion der philosophischen Fakultät. 20.9.1905 Erziehungsrat.
Borer, V. L. & Criblez, L. (2011). Die Formierung der Erziehungswissenschaften und die akademische Lehrerinnen- und Lehrerbildung. In Hofstetter, R. & Schneuwly, B. (Hrsg.), Zur Geschichte der Erziehungswissenschaften in der Schweiz (S. 237-269).
Späni, M. (2002). Zur Disziplingeschichte der Pädagogik in der Schweiz aus der Perspektive der Lehrstuhlentwicklung zwischen 1870 und 1950. In Hofstetter, R. & Schneuwly, B. (Hrsg.), Erziehungswissenschaft(en) 19.-20. Jahrhundert. Bern: Peter Lang.
Autorenschaft
Reto Fessler, Karin Manz
Zeitmarke
14.8.1861