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Titel
Viehhandel,
der geschäftliche Verkehr mit landwirtschaftlichen Haustieren, vollzog und vollzieht sich zur Befriedigung lokaler Bedürfnisse in kleinern Kreisen durch Handelsleute, welche zuweilen auch nur Unterhändler sind, von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf, auf den Viehmärkten, die zum Teil sehr bedeutend sind, und auf denen die Tiere in den Großhandel gelangen. Durch Eisenbahnen u. Dampfschiffahrt hat der in der neuern Zeit bedeutende Dimensionen angenommen, und selbst aus Amerika [* 3] wird lebendes Vieh nach Europa [* 4] geschafft.
Infolgedessen wurden an den
Stapelplätzen verbesserte Einrichtungen erforderlich, die mit einer Regelung und
Erleichterung des
Viehhandels zugleich dessen bessere Überwachung ermöglichten. So entstanden die
Viehhöfe (s. d.), mit
denen öffentliche
Schlachthäuser,
Fabriken zur Verwertung von Abfallstoffen verbunden wurden. Der Viehtransport auf
Eisenbahnen
übt auf die beförderten
Tiere einen nicht unbedeutenden Einfluß aus. Dieselben verlieren auch bei ganz entsprechenden Einrichtungen
nach längerm
Transport an Körpergewicht und bedürfen immer einiger Zeit, um sich wieder zu erholen.
Um so mehr ist dies der Fall bei ungeeigneten Transportverhältnissen. Im lokalen Viehverkehr kann die Beförderung mit gewöhnlichen Güterzügen nicht ausgeschlossen werden; beim Transport auf große Entfernungen aber sollte die Beförderung, sofern nicht Güterschnellzüge für den Viehtransport bestehen, nur mit Personenzügen stattfinden dürfen. Die Wagen müssen mit hinreichender Ventilation und für längern Transport auch mit Vorrichtungen zum Füttern und Tränken der Tiere versehen sein sowie Schutz gegen Sonnenhitze und strenge Kälte bieten.
Die Fußböden müssen das
Ablaufen des
Urins und leichte
Reinigung gestatten und das Ausgleiten der
Tiere thunlichst verhindern.
Es ist verwerflich, Großvieh
(Rinder)
[* 5] mit Kleinvieh (Kälbern,
Schafen,
Schweinen) zusammen in einem
Wagen zu transportieren,
wenn in demselben nicht besondere Abteilungen angebracht sind; ebenso ist das Einpferchen möglichst vieler
Tiere in einen
Wagen nicht statthaft. Nur durch entsprechende Vorschriften kann hier wie auch beim
Transport des
Viehs auf dem
Landweg ein vernünftiger
Tierschutz zur Geltung kommen, welcher arge Quälereien der
Tiere verhindert, ohne den
Viehhandel durch übertriebene,
nicht immer auf richtigem Verständnis basierte
Sentimentalität zu erschweren.
Die große
Ausdehnung
[* 6] des
Viehhandels steigert auch die
Gefahr der raschen Verbreitung ansteckender Viehkrankheiten, und er
unterliegt daher den Beschränkungen, welche durch das
Gesetz, betreffend die Beseitigung von Ansteckungsstoffen
bei Viehbeförderungen auf
Eisenbahnen, vom und das
Gesetz, betreffend die Abwehr und Unterdrückung von
Viehseuchen,
vom geregelt sind (vgl.
Viehseuchen). Außerdem kommen zum
Schutz privatrechtlicher
Interessen Bestimmungen in Betracht,
welche sich auf Fehler und
Krankheiten der
Tiere beziehen (vgl.
Gewährsmängel). - Das Anwachsen der
Bevölkerung
[* 7] und die
Erhöhung des Wohlstandes führten zu einem stetig wachsenden Fleischverbrauch, während die Erstarkung des städtischen
und industriellen
Elements eine Einschränkung der
Viehzucht und
[* 8] eine
Erhöhung der Gestehungskosten zur
Folge hatte.
Man suchte daher einerseits den Vieh- und Fleischhandel immer weiter auszudehnen, um billige Nahrung zu erhalten, während die Viehzucht der drohenden Konkurrenz mit Besorgnis entgegensah, da zu geringe Rentabilität der Viehzucht im Landwirtschaftsbetrieb hoch entwickelter Länder Europas eine Ausdehnung derselben wenig ratsam erscheinen ließ. In Europa hat sich seit 20 Jahren zwar die absolute Menge der Fleischtiere im ganzen vermehrt, der relative Viehstand aber, das Verhältnis der Fleischtiere zur Einwohnerzahl, war bis 1880 in Abnahme begriffen, und in einigen westeuropäischen, dicht bevölkerten Industrieländern ist auch die absolute Menge der Fleischtiere gesunken.
Seitdem wurde der Rindvieh und Schweinezucht erhöhte Sorgfalt zugewendet, und da die Zunahme der Bevölkerung geringer war, so hat eine weitere Verschiebung der Verhältnisse nicht stattgefunden. Die internationale Fleischversorgung begegnet größern industriellen und kommerziellen Schwierigkeiten als die Brotversorgung; nach einem Aufschwung in den Jahren 1876-80 trat ein Stillstand ein, doch wurde derselbe nach zwei Jahren überwunden, und die seitdem gewonnenen Erfahrungen stellen die weitere Entwickelung dieses Handelszweigs in sichere Aussicht.
Die Zahlen, welche die Statistik über den Viehstand der einzelnen Länder seit Jahren geliefert hat, sind unter sich nicht gut vergleichbar, weil zunächst sehr namhafte Fortschritte in der Erzielung höhern Fleischgewichts der Tiere gemacht worden sind. So wurde z. B. für Frankreich ermittelt, daß das Lebendgewicht eines Ochsen von 413 kg im J. 1840 auf 500 kg im J. 1873 und entsprechend das Gewicht der Kühe von 240 auf 372, der Kälber von 48 auf 68, der Schafe [* 9] von 24 auf 36, der Schweine [* 10] von 91 auf 116 kg gebracht worden ist, und trotz des abnehmenden Viehstandes hat man in Frankreich die jährliche Fleischproduktion gegenwärtig um 50 Proz. höher als 1856 angenommen. In ähnlicher Weise wirkt die Umwandlung des Betriebs: die Zahl der Schafe ist in Frankreich gesunken (12 Mill. Stück weniger als vor 20 Jahren), aber man ließ früher, als man Wolle produzieren wollte, die Schafe 3-4 Jahre alt werden, während man sie jetzt im Alter von 21-22 Monaten schlachtet. Die Herden erneuern sich also schneller, und trotz geringerer Kopfzahl wird mehr Fleisch produziert. Auch in England, Belgien, [* 11] Deutschland [* 12] sind analoge Erfolge erreicht worden. ¶
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Übersicht des Viehstandes in Europa.
|in Millionen Stück||auf 1000 Einw. Stück|
|Rinder||Schafe||Schweine||Rinder||Schafe||Schweine|
|Russland||26,036||46,694||10,136||305||583||119|
|Österreich||8,584||3,841||2,722||367||361||182|
|Ungarn||5,592||11,184||5,272||↗||↗||↗|
|Frankreich||11,617||21,635||6,260||308||574||166|
|Großbritannien||6,598||26,535||2,403||298||826||101|
|Irland||4,229||3,478||1,265||↗||↗||↗|
|Deutsches Reich||15,785||19,185||9,206||345||419||201|
|Italien||4,783||8,596||1,164||168||302||41|
|Schweden||2,287||1,412||0.455||495||305||98|
|Norwegen||1,017||1,686||0.101||563||933||56|
|Spanien||2,353||16,939||2,349||142||1020||141|
|Niederlande||1,437||0.704||0.421||340||167||100|
|Belgien||1,383||0.365||0.646||251||66||117|
|Dänemark||1,470||1,549||0.527||747||791||269|
|Schweiz||1,036||0.368||0.335||371||131||130|
|Zusammen:||100,662||184,439||47,943||-||-||-|
In großartiger Weise hat sich der in Nordamerika [* 14] entwickelt, seitdem der überseeische Transport als technisches Problem gelöst ist. Man zählte Ende 1885 in den Vereinigten Staaten [* 15] 45,5 Mill. Rinder, 48,3 Mill. Schafe und 46,1 Mill. Schweine, und zwar haben die dünn bevölkerten Teile der Union den höchsten Viehstand, anerkannt vorzügliche Viehrassen, abstammend von alter spanischer und mexikanischer Zucht und Kreuzungen mit Shorthorn und Herefordstieren.
In den großen Grasländereien im Westen Nordamerikas (Range and Ranch Cattle Area) weiden über 16 Mill. Rinder, welche im Jahr 6 Mill. Kälber liefern, und das vierjährige Rind [* 16] kostet dem Eigentümer 4-5 Dollar, während es 25-45 Doll. wert ist, sobald es die Eisenbahnstation erreicht. Jungvieh wird aus den Staaten des Südens und Ostens in die Ranges teils zugetrieben, teils verschifft, um dort gemästet zu werden. Dies und das eigne Vieh der Range and Ranch Cattle Area wird zu äußerst niedrigen Frachtsätzen lebend oder geschlachtet östlich befördert.
Chicago, St. Louis und Kansas sind die drei Zentralpunkte für den Handel und versandten 1884: 2,802,00 Stück Rindvieh, teils lebend, teils geschlachtet als frisches und als konserviertes Fleisch. Dank den vorzüglichen technischen Einrichtungen werden jetzt jährlich 115-120 Mill. Pfd. frischen amerikanischen Fleisches nach Europa, fast ausschließlich nach England, ausgeführt. Dazu kamen 1884: 510,774 Stück Vieh, worunter sich 190,518 Stück Rindvieh befanden, die ebenfalls großenteils nach England gingen.
Rindfleisch bester Qualität kann auf diese Weise zu 6,5-7 Pence, aber nicht darunter, nach England geliefert werden. Auch Südamerika [* 17] besitzt großen Reichtum an Vieh und hat angefangen, lebende Rinder und Schafe zu exportieren, Hauptexportartikel sind aber Tasajo und Chorqui ^[richtig: Charqui], Produkte, welche dem europäischen Gaumen wenig zusagen. Kanada vermittelt vielfach den Verkehr zwischen den Vereinigten Staaten und England, hat aber auch selbst einen großen Viehstand von vorzüglichen Vollbluttieren und macht mit diesen dem Mutterland in London [* 18] und Liverpool [* 19] erfolgreiche Konkurrenz. Algerien [* 20] versorgt Frankreich mit Rindern und Schafen. In Australien [* 21] liegen die Verhältnisse ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, nur daß hier die Schafe die Hauptrolle spielen. Neusüdwales, Victoria [* 22] und Südaustralien haben großartige Wollproduktion, Neuseeland züchtet hauptsächlich schwere Fleischtiere. Hauptausfuhrartikel ist frisches Hammelfleisch.
Vieh- und Fleischhandel 1884 (in 1000 Mk.).
|Einfuhr (zum Verbrauch)||Ausfuhr (aus eignem Verkehr)|
|Lebend Vieh||Fleisch||Lebend Vieh||Fleisch|
|Großbritannien||210097||300520||3745||-|
|Österreich-Ungarn||30032||816||64704||2804|
|Deutsches Reich||109161||8052||135933||11680|
|Frankreich||120886||12653||25504||5460|
|Belgien||53852||29971||22164||17519|
|Schweiz||37502||4606||17555||3835|
|Dänemark||4606||1768||53576||14949|
|Italien||11398||517||26427||2412|
|Russland||-||-||17775||1433|
|Niederlande||2670||1212||20329||4719|
|Rumänien||327||139||5698||83|
|Schweden||856||5730||12555||311|
|Serbien||554||?||18047||?|
|Norwegen||1470||2994||304||7|
|Europa:||583411||365671||424316||65512|
|Verein. Staaten||5099||-||58795||259220|
|Australien||27012||-||20149||15961|
|Algerien||-||768||30424||-|
|Kanada||3163||7968||30654||4004|
|Uruguay||-||-||2621||24146|
|Argentinien||1208||862||7614||10084|
|Außereurop. Staaten:||38847||11994||150340||313488|
|Zusammen:||622258||377665||574656||379000|
Die europäischen Staaten haben im Vieh- und Fleischhandel ein regelmäßiges Defizit, welches 1877 auf 345 Mill., 1884 auf 459,3 Mill. Mk. sich bezifferte und durch die Mehrausfuhr der außereuropäischen Länder ausgeglichen wurde. Zollpolitische und veterinärpolizeiliche Maßregeln können diesen internationalen Handel drücken, wie die 70er Jahre gezeigt haben; aber trotzdem ist derselbe, obwohl noch 1874 kaum beachtet, in zehn Jahren auf die ansehnliche Höhe von 1954 Mill. Mk. gestiegen.
Vgl. Freudenstein, Der
Viehhandel nach deutschem, österreichisch-ungarischem und schweizerischem
Recht (Leipz. 1889).