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Dem Begriff Freiheit kann man kaum ausweichen, weder im Alltags- noch akademischen Diskurs. Was aber ist eigentlich Freiheit?
Besagter Frage haben sich - aus gutem Grund - noch immer (nicht alleine) Studierende des Faches Philosophie zu stellen, obwohl bereits eine Reihe weitestgehend anerkannter, großer Geister jenen Terminus umfangreich thematisierten. An dieser Stelle darf, zugegeben willkürlich ausgewählt, exemplarisch die Freiheitslehre von Jean-Jaques Rousseau rudimentäre Erwähnung finden. Sehr stark vereinfachend zusammengefasst, postulierte genannter Gelehrter: Im Naturzustand sei die Freiheit des Menschen in dem Sinne der Freiheit voneinander zu verstehen. Da ein Alleinleben kaum möglich erscheine, müssten die Individuen durch einen Gesellschaftsvertrag ein Gemeinwesen konstituieren, welches, plakativ skizziert, das Gemeinwohl in der Form des allgemeinen Willens formuliert. Die vorausgesetzte Gleichheit aller Menschen würde deren individuelle Freiheit im genannten Gesellschaftsvertrag nicht aufheben, sondern der allgemeine Wille jener zu gründenden Gemeinschaft drücke sich in einem Bündnis der Gleichen sozusagen als Manifestation des eigenen, freien Willens aus. Durch die Aufgabe der Freiheit des Naturzustandes erlange man die bürgerliche und sittliche Freiheit in einer Gemeinschaft. Soweit zu einem theoretischen Ansatz des 18. Jahrhunderts. Wie erwähnt, kann der deutlich komplexere Gedankengang an dieser Stelle keine Darstellung finden. Man lese die originalen Schriften Rousseaus, primär "Du contract social ou Principes du droit politique". Trotz notwendiger Kürze, wird selbst in diesen wenigen Worten deutlich, dass besagter Begriff der Freiheit so einfach nicht zu fassen ist, wie es im täglichen Gebrauch auf den ersten Blick erscheint.
Im Jahr 2022 erschien im dtv das 111 Seiten umfassende, kurze Büchlein "Freiheit beginnt beim Ich". Die Autorin Anna Schneider, ihres Zeichens Journalistin der Springer-Zeitung 'Die Welt', versuchte sich darin, genannten Freiheitsbegriff in den Mittelpunkt einer eindeutig blassen Schrift zu stellen. Ihr wollte es wohl gelingen, die Ideen sowie Denkschulen der Freiheit auf ein ärmliches, antisoziales Niveau einzuschmelzen und damit zu diskreditieren. "Freiheit ist Freiheit. So einfach ist das" (S.9), posaunte sie schon zu Beginn des Büchleins unberechtigt selbstsicher hinaus. Mit diesem gleichermassen rätselhaften als auch tautologischen Statement eröffnet die Journalistin ihr wenig originelles Werk. Dass es ganz so einfach nicht zu sein scheint, verdeutlichte ja schon der bereits oben sehr grob skizzierte Ansatz Rousseaus.
Schneider sieht in jedwedem Kollektiv, also faktisch in jeglicher gemeinschaftlicher, vergesellschafteter Freiheit eine Bedrohung individueller Freiheit des Menschen. Diese Gefährdung formuliert sie unter anderem so: "Und je öfter auch sogenannte Liberale mit dem Satz 'Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt' um sich werfen, umso mehr denke ich mir: Die Freiheit des anderen endet dort, wo die Freiheit des Einzelnen beginnt." (S. 9). Hmm. Das ist, betrachtet man die Aussage auch nur oberflächlich, keine alternative, sondern dieselbe, identische Perspektive. Anders gesagt: schon wieder eine Tautologie.
Ein recht schwacher, allerdings bezeichnender Beginn der Schrift, was sich im weiteren Verlauf ihrer Äußerungen auch nicht verbessern wird. Die Autorin ist zwar stets bemüht, ihrem tendenziell recht simplen und eindimensionalen Freiheitsbegriff intellektuell mittels einer Reihe von Bezügen zu meist ideologisch nahestehenden Denkern oder Nichtdenkern zu untermauern. Es bleibt inhaltlich allerdings mehr als dürftig.
Sicherlich zu Recht unterscheidet sie zwischen positiver sowie negativer Freiheit, also der Freiheit von etwas und jener zu etwas. "Die Unterscheidung … geht auf den Philosophen Isaiah Berlin zurück" (S. 12). Dem kann man so nicht folgen. Diese Differenzierung wurde schon seitens ganz anderer geistig Schaffender vorgenommen. Man denke nicht nur an den bereits oben erwähnten Rousseau, sondern beispielsweise auch an Kant oder Marx. Letzterer sprach bekanntermaßen von doppelt freien Lohnarbeitern. Diese seien nicht mehr als Leibeigene gebunden, also frei von etwas. Ihre positive Freiheit, also die für etwas, lag und liegt wohl bis heute darin, ihre Arbeitskraft zwecks Lohn verkaufen zu müssen, um faktisch den Reichtum anderer zu erwirtschaften (Mehrwert). Erheblich eingeschränkt bis hin verunmöglicht ist diese positive Freiheit dann tatsächlich. Wem muß man gezwungenermaßen, also unfrei, seine Arbeitskraft verkaufen, da 'freie' Alternativen fehlen?
Nicht alleine dieser Aspekt findet bei Schneider weniger, also eigentlich gar keine Beachtung. Das zeigt sich exemplarisch auch in folgender Aussage: "Die Gleichung Freiheit = Freiheit des Individuums ist also eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die dennoch immer öfter als radikalindividualistischer Quatsch beiseitegeschoben wird." (S. 23). Ja, und es ist auch gut so, jene sogenannte Gleichung zu verwerfen. Die individuelle Freiheit ist also bei jedem Menschen unabhängig von seinen Voraussetzungen, also beispielsweise Bildungsoptionen oder völlig losgelöst hinsichtlich der Verfügbarkeit über materielle Ressourcen gegeben? Es scheint, dass die von der Autorin gewollte Freiheit diejenige für wenige Menschen ist. Genanntes schreibt besagte Journalistin nicht nur oberflächlich versteckt hin, sie meint es auch so.
Schneider verdeutlicht später ihre Vorstellung unter anderem mit einem Zitat von Berlin: "Jedes Ding ist das, was es ist: Freiheit ist Freiheit – und nicht Gleichheit oder Fairness oder Gerechtigkeit...". (S. 34) Diese Aussage bedarf eigentlich keiner weiteren Einlassung. Trotzdem sei angemerkt: Freiheit in diesem Sinne bedeutet faktisch die Freiheit der Besitzenden, was sie später unzweideutig, erneut in einem Zitat verkleidet, bestätigt, indem sie von Hayek heranzieht: "Eine soziale Marktwirtschaft (ist) keine Marktwirtschaft … soziale Gerechtigkeit (ist) keine Gerechtigkeit." Sie schließt daraus: "Soziale Freiheit (sei) keine Freiheit." (S. 29). So weit, so antisozial.
Der Staat als Organisationsform in kapitalistischen Gesellschaften kann und soll an dieser Stelle nicht lobend im Fokus der Betrachtung stehen, sein tendenziell repressiver Charakter im Umgang mit progressiven Kräften gänzlich zu verschweigen, wäre völlig unpassend. Die Autorin mag ihn auch nicht, den Staat, wenngleich sie ganz andere Motive ihr Eigen nennt. Die Welt-Journalistin beruft sich dabei, um intellektuell ein wenig besser dazustehen, was allerdings nicht gelingt, auf jene Schriftstellerin und Turbokapitalismusphilosophin Ayn Rand, welche bereits fragwürdige Gestalten wie Elon Musk oder Donald Trump inspirierte. "Je weniger Staat, desto besser." (S. 73) Damit positionierte sich Schneiders Vorbild Rand nicht alleine zugunsten eines ungezügelten Kapitalismus und seiner bekannten sozialen Verelendungen, sondern stellte sich im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen auf dem Nebenkriegsschauplatz der Geschlechterfragen zusätzlich hinter antifeministischen Positionen Rands. Übrigens: Weshalb werden die Anschauungen der Frau Rand eigentlich nachvollziehbarer sowie aussagekräftiger, wenn Schneider auf ihre schwierige soziale Herkunft und ihr Geschlecht hinweist?
Als Fazit darf gezogen werden, dass die vulgärliberale Stellungnahme von Anna Schneider und ihre Liebe zur sozialen Ausgrenzung sowie Verelendung im Kapitalismus deutlich wurde. Direkt als auch indirekt. Ihre Selbstverliebtheit war bemüht, diesen Dumpfsinn irgendwie akademisch zu verpacken, indem sie sich hinter Positionen zum Teil fragwürdiger Provenienz versteckte.
Wer sich amüsieren oder ärgern möchte, vielleicht auch beides gleichzeitig, mag zu diesem Heftchen greifen. Erleuchtend oder nachdenkenswert ist es für Leser außerhalb gewisser Strömungen beispielsweise in der FDP sicherlich nicht.
Am Ende sei mir erlaubt, mit dem an Loriot anlehnenden Satz zu schließen:
Ein Leben mit dem Buch ist möglich – aber sinnlos.