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Wenn Alexander I., König von Jugoslawien, in den 1930er- Jahren im offenen Wagen an der Villa der Familie Voegeli in Belgrad vorbeifuhr, hob er jeweils die Hand und grüsste. Nikolaus, damals 6 oder 7 Jahre alt, sah ihn manchmal und winkte zurück – auch wenn der Gruss eher seinem Grossvater Henri galt, einem erfolgreichen und hoch angesehenen Schweizer Geschäftsmann, genannt der «Balkankönig».
«Er war immer elegant im britischen Stil gekleidet und hielt sich ganz gerade», erinnert sich Nikolaus Voegeli (90) in seiner Anwaltskanzlei an der Zürcher Bahnhofstrasse. «Und er redete allgemein sehr wenig. Kinder mochte er allerdings und liess uns einiges durchgehen.» Manchmal aber habe er schon Geschichten erzählt, jedoch kaum von seinen Geschäftserfolgen. «Lieber gab er Tipps, wie man in London nachmittags trotz Alkoholverbot zu einem Glas Bier kam», erzählt Voegeli und lacht.
Die erstaunliche Familiengeschichte der Voegelis, die im neuen Buch «Der Balkankönig» dokumentiert ist, bietet einen Einblick in eine andere Zeit und zeigt, wie bedeutsam die Geschäfte und das Netzwerk einzelner Unternehmer für die Wirtschaftsbeziehungen zweier Länder sein können. Ohne den Schweizer Auswanderer Henri Voegeli (1866–1941) hätte sich das Verhältnis zwischen der Eidgenossenschaft und dem ehemaligen Jugoslawien wohl anders entwickelt. In den 70er-Jahren etwa war das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern höher als zwischen der Schweiz und der damals zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt, der Sowjetunion – auch dank Voegeli und seinen Nachkommen.
Henri Voegeli stammte aus gutem Hause im Kanton Glarus, doch von dort zog es ihn schon als Minderjährigen weg. Er wollte etwas erleben, und wo tat man das besser als in London, dem Herz des britischen Weltreichs. Nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn weiter ins Osmanische Reich nach Istanbul und Smyrna führten, liess er sich schliesslich als erfolgreicher Geschäftsmann in Belgrad nieder und half dem serbischen Königreich, seine Eisenbahn zu modernisieren. Sein jüngerer Bruder Christian (1872–1922) geschäftete bereits dort, und die beiden Brüder sahen noch viel Entwicklungspotenzial im Balkanland.
Schweizer brachten Fortschritt und Moderne
Während der Balkankriege 1912/13 betrieben sie in ihren Büros auf eigene Kosten die Agentur des Internationalen Roten Kreuzes in Serbien und setzten sich dabei sehr für die leidende Zivilbevölkerung ein, was ihnen hoch angerechnet wurde. Schon bald nach dem Krieg gründete Henri 1921 die Banque Serbo-Suisse, die die guten Geschäfte zwischen den Ländern enorm förderte. Belgrad galt damals als Tor zum Orient, Serbien als brachliegendes Land voller Chancen. «In den südosteuropäischen Gesellschaften, die gemessen an den Massstäben ihrer Zeit als unterentwickelt galten, waren die Schweizer Träger von Fortschritt und Moderne», zitieren die Voegelis in ihrem Buch den Schweizer Historiker Thomas Bürgisser.
In diese Welt wurde Nikolaus Voegeli 1927 hineingeboren. Die Ehe seiner Eltern war jedoch nicht besonders glücklich, Vater Rudolf (1897–1956) war eher intellektuell, Mutter Marguerite (1899–1980) sehr lebenslustig. «Mein Vater gab sich Mühe und verbrachte jeden Sonntag mit uns, aber de facto wurde ich von den Dienstboten aufgezogen», erzählt Voegeli.
Er verbrachte viel Zeit in der Küche, wo alle Fäden zusammenliefen und ihm die Angestellten aufregende Geschichten aus den Kriegsjahren erzählten. Die Bediensteten trugen die Kinder quasi auf Händen. «Wir konnten in ihren Augen nichts falsch machen, was für meine Leistungen in der Schule nicht gerade förderlich war.»
In der deutschen Schule Belgrad erlebte er auch den Aufstieg der Nazis. Kurz vor Kriegsbeginn wechselte er 1939 in die Schweiz an die Kantonsschule Trogen AR. «Ein Kulturschock. Mein Schweizerdeutsch war nicht besonders gut, ich war unsportlich und auch kein guter Schüler.» Grossvater Henri war zu jener Zeit ebenfalls in der Schweiz. «Er ersetzte damals den Vater, unterschrieb auch immer meine Zeugnisse.»
Rudolf Voegeli hielt derweil in Belgrad die Stellung und leitete – wie sein Vater und Onkel zuvor – das IKRK-Büro. Dank seiner Vermittlung durften 500 jugoslawische Kinder die Kriegsjahre in der relativ sicheren Schweiz verbringen.
Am 6. April 1941 wurde Nikolaus in Trogen konfirmiert, am gleichen Tag erreichte der Krieg seine Heimat Belgrad. Die Deutschen hatte ohne Vorwarnung angegriffen, bereits am 17.4. kapitulierte Jugoslawien. Knapp drei Monate später starb Henri Voegeli – so blieb es ihm erspart zu sehen, wie sein Lebenswerk zerstört und seine Familie aus Belgrad vertrieben wurde.
Nach dem Krieg wurde die Familie enteignet
«Mein Vater, der 1945 zu Besuch in der Schweiz weilte, wurde damals fälschlicherweise als Kriegsgewinnler bezeichnet und erhielt ein Einreiseverbot, unser ganzer Besitz wurde beschlagnahmt.» Viele Schweizer verloren damals auf diese Weise ihr Vermögen in Jugoslawien. Erst unter Tito spielten sich wieder gute Verhältnisse ein. Historiker Thomas Bürgisser spricht gar von der «Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg».
Nikolaus Voegeli wurde Anwalt und hielt sich von seiner alten Heimat fern. «Ich nahm dem Land die Behandlung meiner Familie nach dem Krieg sehr übel.» In den 60er-Jahren allerdings wurde er von der jugoslawischen Botschaft angefragt, ob er nicht als Rechtsvertreter für Jugoslawen in der Schweiz tätig werden könne, weil er die Sprache noch immer beherrschte. So näherte er sich langsam wieder an. 1971 gründete er mit seinem älteren Bruder Hansruedi (1922–2010) die schweizerisch-jugoslawische Handelskammer und förderte damit einmal mehr die Wirtschaftsbeziehungen.
Diese kriselten dann in den 90er-Jahren, als auf dem Balkan erneut Krieg herrschte, viele Flüchtlinge in die Schweiz strömten und sich das Image der «Jugos» rapide verschlechterte. Nicht völlig zu Unrecht, wie Voegeli heute findet. «Ich habe ja viele von ihnen als Anwalt verteidigt.» Da kam es schon vor, dass er zunächst mal zwei Familien davon überzeugen musste, auf gegenseitige Blutrache zu verzichten, bevor er einen Fall vor Gericht brachte.
Voegelis Sohn Peter (54), heute als SRF-Radiokorrespondent in Berlin tätig, machte 2014 einen Beitrag über den Ersten Weltkrieg für die Radiosendung Kontext. Dazu lud er seinen Vater ein, der diesen Krieg zwar nicht selbst erlebt hatte, aber all die Geschichten erzählen konnte, die er als Kind gehört hatte. Daraufhin meldete sich der Stämpfli Verlag und fragte, ob sie aus ihrer Familiengeschichte nicht ein Buch machen wollten. «Erst da realisierte ich, was für eine bemerkenswerte Historie meine Familie hat», sagt Peter Voegeli. «Natürlich hatte ich diese Storys als Kind immer wieder gehört, aber für mich waren das mehr Abenteuergeschichten als Realität.»
Schwärmen von der slawischen Seele
Er begann zu recherchieren, führte viele Gespräche mit seinem Vater und reiste 2016 mit ihm nach Belgrad, um die Schauplätze seiner Kindheit zu besuchen. «Am meisten hat mich dabei überrascht, dass sich all die Geschichten von damals als wahr erwiesen», sagt Voegeli und lacht. Ein Jahr schrieben Vater und Sohn zusammen an dem Buch.
«Ich lebe schon so lange in Zürich und fühle mich hier wohl, aber auch Belgrad bleibt ein Stück Heimat», sagt Nikolaus Voegeli und schwärmt von der slawischen Seele der Menschen dort. Er geht noch immer jeden Tag zur Arbeit in seine Kanzlei an der Bahnhofstrasse, wo er seit Jahrzehnten und bis heute auch als Generalkonsul von Marokko amtet.
Vor Gericht vertritt er zwar niemanden mehr, aber als Berater in Steuersachen sind seine Dienste noch immer gefragt, vor allem von ausländischen Klienten aus aller Welt. Und obwohl er nicht mehr so gut hört und wegen Problemen mit dem linken Knie am Stock geht, ist er sonst noch gesund und munter. «Würde ich zu Hause rumsitzen, ginge es bestimmt rasch bergab», sagt er. «Da tue ich doch lieber das, was mir Spass macht.»
Das Buch: Peter Voegeli, Nikolaus Voegeli: «Der Balkankönig und seine Familie. Eine andere Geschichte der Schweiz», Stämpfli Verlag 2017, bei exlibris.ch für Fr. 32.– Die Vernissage: 18. 9., 19 Uhr in der Buchhandlung Sphères in Zürich