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Humanistische Modelle
Ursprünge des humanistisch-existenzialistischen Modells
Die Anfänge des humanistisch-existenzialistischen Modells gehen in die 1940er Jahre zurück. Zu dieser Zeit begann Carl Rogers (1902—1987), der vielen als Pionier des humanistischen Ansatzes gilt, psychotherapeutische Vorstellungen zu entwickeln, die mit den einflussreichen psychodynamischen Prinzipien jener Zeit konkurrierten. Er vertrat die Ansicht, die Klienten würden mehr von der Behandlung profitieren, wenn die Therapie von ihrer besonderen, subjektiven Sicht der Dinge ausginge statt von einer fremden Definition von objektiver Realität. Auch meinte Rogers, die Klienten würden besser reagieren, wenn sich die Therapeuten besonders warm, echt und verständnisvoll verhielten. Er beschrieb seine neue therapeutische Methode, die klientenzentrierte Psychotherapie, in einem einflussreichen, in den 1950er Jahren veröffentlichten Buch («Client-Centered Therapy»).
Im selben Zeitraum trat auch die existenzialistische Sicht der Persönlichkeit und der psychischen Störungen in Erscheinung. Sie berief sich auf die Ideen der europäischen Existenzphilosophen, wie Sören Kierkegaard, Karl Jaspers, Edmund Husserl, Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre. Diese Theoretiker behaupteten, dass der Mensch sein Dasein durch seine Handlungen definiere und dass der Sinn der einzelnen Existenz in diesen Definitionsbemühungen liege.
Äusserst populär waren die humanistischen und existenzialistischen Theorien in den 1960er und 1970er Jahren, einer Zeit tiefreichender Identitätssuche und sozialer Umbrüche in den westlichen Gesellschaften. Viele Menschen fanden, die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts sei durch den Überfluss zu materialistisch geworden, menschliche Werte und Belange seien beiseite geschoben worden, und angesichts des schnellen technischen und wirtschaftlichen Wachstums hätten sich Entfremdung, Sinnlosigkeit und geistige Leere ausgebreitet. Die humanistischen Theorien, die eine erneuerte Menschlichkeit proklamierten, und die existenzialistischen Theorien, die die Menschen dazu aufforderten, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, griffen diese wachsende Besorgnis auf. Zwar verlor das humanistisch-existenzialistische Modell in den 1980er Jahren an Popularität, doch es beeinflusst immer noch viele therapeutische Techniken (Comer, 2008).
Philosophische Wurzeln
Die philosophischen Wurzeln der humanistischen Psychologie können unter verschiedenen Voraussetzungen beschrieben werden. Eine kurze, aber fundierte Beschreibung findet sich bei Kriz (2014), der die folgenden philosophischen Strömungen und ihre wichtigsten Vertreter als Wurzeln der humanistischen Psychologie bezeichnet (S. 186):
- die Existenzphilosophie, repräsentiert durch Sören Kierkegaard, Friedrich Nietzsche, Martin Buber, Gabriel Marcel und Karl Jaspers,
- die Phänomenologie (Edmund Husserl, Max Scheler),
- den klassischen Humanismus (Johann Gottfried Herder) und den sozialistischen Humanismus (Karl Marx),
- und den Humanismus moderner französischer Prägung, der im phänomenologischen und existenziellen Kontext entwickelt wurde (Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Albert Camus).
Demgegenüber existieren in Publikationen und im Internet unzählige Beschreibungen und Aufzählungen der philosphischen Wurzeln und der Vorgeschichte der humanistischen Psychologie, die als Ergänzung zu den oben erwähnten eine mehr oder weniger beliebige Aufzählung (namedropping) von Vorläufern und Traditionen von der Antike bis zur Moderne liefern (Straub, 2012).
Als Beispiel zitiert Straub eine Aufzählung, die bei Homer und Platon beginnt und über Erasmus von Rotterdam, Jean-Jacques Rousseau, Johann Heinrich Pestalozzi, Friedrich Nietzsche, William James, Wilhelm Dilthey, Eduard Spranger, Edmund Husserl, Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty, Sören Kierkegaard, Albert Camus, Lew Wygotski reicht und schliesslich auch noch Federico Fellini bemüht (Straub, 2012).
Einflüsse aus der Psychologie
Gestaltpsychologische Konzepte aus dem deutschen Sprachraum übten einen starken Einfluss auf die Entwicklung der humanistischen Psychologie aus (Wertheimer, Köhler, Koffka, Goldstein). Die Gestaltpsychologie betont, dass Wahrnehmung, Denken, Willenshandlungen und Bewegungsabläufe ganzheitlich nach übergeordneten Gestaltgesetzen organisiert sind (Kriz, 2014).
Die so genannten Gestalten sind transponierbar und heben sich vor einem Hintergrund als geschlossene, in sich gegliederte Ganzheiten ab. Dies wurde bereits im Modul zu den kogntiven Modellen (Kognitivismus > Gestaltpsychologie) ausführlich dargestellt. Die Gestaltpsychologen zeigten, dass die Gestaltgesetze nicht nur für den Wahrnehmungsbereich, sondern für den gesamten Organismus gültig sind. Sie betonten die Einheit und die Fähigkeit zur Selbstregulation des Organismus. Dynamische Prozesse der Selbstaktualisierung führen zu einer angemessenen Ordnung. Die gestalpsychologischen Konzepte zeigen ausserdem eine bemerkenswerte Nähe zur naturwissenschaftlich fundierten modernen Systemtheorie (Kriz, 2014).
Ein weiterer wichtiger Einfluss für die Entstehung der humanistischen Psychologie stammt vom Psychiater Jacob Levy Moreno (siehe Kapitel Therapieformen des humanistischen Modells > Psychodrama), in dessen Gruppenpsychotherapie (Psychodrama) zwischenmenschliche Konflikte in theaterähnlichen Szenen dargestellt werden.
Die Gestalttheorie hat mit den folgenden Leitsätzen zur theoretischen Fundierung des Handlungsmodells der humanistischen Psychotherapie beigetragen (Sechs Kennzeichen der Arbeit am Lebendigen, Kriz, 2014, nach Walter, 1994).
- Nichtbeliebigkeit der Form: Man kann Lebendigem «auf die Dauer nichts gegen seine Natur aufzwingen»; man «kann nur zur Entfaltung bringen, was schon in dem ‹Material› selbst an Möglichkeiten angelegt ist».
- Gestaltung aus inneren Kräften: «Die Kräfte und Antriebe, die die angestrebte Form verwirklichen, haben wesentlich in dem betreuenden Wesen selbst ihren Ursprung. Der Betreuer sieht sich darauf beschränkt, durch die Setzung und Abwandlung gewisser Randbedingungen dessen innere Kräfte nach seinem Wunsch zu steuern, zu stärken oder zu schwächen, ihre Wirksamkeit im Ganzen oder an bestimmten Stellen zu erleichtern oder zu hemmen. Von Dauer sind im Bereich des Lebendigen nur solche Formen, die durch die Entfaltung innerer Kräfte sich bilden und ständig von ihnen getragen und wieder hergestellt werden».
- Nichtbeliebigkeit der Arbeitszeiten: Das lebende Wesen kann nicht beliebig auf seine Pflege warten. Es hat vor allem seine eigenen fruchtbaren Zeiten und Augenblicke, in denen es bestimmten Arten der Beeinflussung, der Lenkung oder der Festlegung zugänglich ist. Der Formungsvorgang in dem Augenblick, wo ich mich von dem betreuten Wesen abwende, [bleibt] nicht stehen; er geht weiter».
- Nichtbeliebigkeit der Arbeitsgeschwindigkeit: «Prozesse des Wachsens, Reifens, Überstehens einer Krankheit haben offenbar ihre jeweils eigentümlichen Ablaufgeschwindigkeiten, die sich nicht beliebig beschleunigen lassen.»
- Duldung von Umwegen: «Wer mit der Pflege, Aufzucht und Erziehung von lebenden Wesen zu tun hat, muss überall dort Umwege in Kauf nehmen, wo diese bei der Entwicklung jenes Wesens im Schöpfungsplan vorgesehen sind».
- Wechselseitigkeit des Geschehens: «Das Geschehen beim Pflegen ist wechselseitig. Es ist im ausgeprägten Fall ein Umgang mit ‹Partnern des Lebens›. Man kann daher — im strengen Sinne des Wortes — nur ein lebendes Wesen lieben — und von ihm wiedergeliebt werden, oder hassen — und von ihm wiedergehasst werden».
Diese «Kennzeichen» Metzgers machen deutlich, wie gut Wurzeln der Philosophie und der Gestaltpsychologie zu einem «Busch» (mit vielen Zweigen) «humanistische Psychologie» zusammenwachsen können.
(Kriz, 2014, S. 189, nach Walter, der Metzgers Aussagen kommentiert).
Humanistische Pädagogik
Humanistische Pädagogik ist eine Einstellung und Praxis in der Erziehung, die den Aspekten der Freiheit, der Wertschätzung, der Würde und der Integrität von Personen ein grosses Gewicht beimisst.
Die moderne humanistische Pädagogik übernahm ihre Grundansätze aus der humanistischen Psychologie. Als wichtige Vertreter dieser Richtung sind Carl Rogers, Charlotte Bühler, Abraham Maslow und Paul Goodman zu nennen. Die Ziele der humanistischen Pädagogik wurden 1978 von der ASCD (Association for Supervision and Curriculum Development) wie folgt formuliert:
- Die Humanistische Pädagogik akzeptiert die Bedürfnisse der Lernenden und stellt Erfahrungsmöglichkeiten und Programme zusammen, die ihr Potenzial berücksichtigen.
- Sie erleichtert «Selbst-Aktualisierung» und versucht, in allen Personen ein Bewusstsein persönlicher Wertschätzung zu entwickeln.
- Sie betont den Erwerb grundlegender Fähigkeiten, um in einer aus vielen Kulturen bestehenden Gesellschaft zu leben. Dies beinhaltet akademische, persönliche, zwischenmenschliche, kommunikative und ökonomische Bereiche.
- Sie versucht, pädagogische Entscheidungen und Praktiken persönlich zu machen. Zu diesem Zweck beabsichtigt sie, die Lernenden in den Prozess ihrer eigenen Erziehung miteinzubeziehen (schülerorientierter Unterricht).
- Sie erkennt die wichtige Rolle von Gefühlen an und verwendet persönliche Werte und Wahrnehmungen als integrierte Teile des Erziehungsprozesses, vgl.Ganzheitlichkeit (Pädagogik).
- Sie entwickelt ein Lernklima, das persönliches Wachstum fördert und das von den Lernenden als interessant, verstehend, unterstützend und angstfrei empfunden wird.
- Sie entwickelt in den Lernenden einen echten Respekt für den Wert des Mitmenschen sowie die Fähigkeit, Konflikte zu lösen (Sozialkompetenz).
Verschiedene therapeutische Ansätze, die sich in der humanistischen Psychologie entwickelten, fanden ebenfalls Eingang in die pädagogische Arbeit (nach Wikipedia).