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Kuratiert von Marie Rebecchi (Paris) und Elena Vogman (Berlin)
in Zusammenarbeit mit Till Gathmann (Berlin)
Körper produzieren Werte, indem sie eine komplexe Ökonomie materialisieren, welche die rein funktionale Einheit ihrer Teile überschreitet. Exzentrische Werte entspringen einem Spannungsfeld zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven, zwischen Natur und Kultur, dem gegenwärtigen Augenblick und der evolutionären Vergangenheit. Das Werk des Sowjetischen Filmregisseurs und Theoretikers Sergej Eisenstein ist von dem stetigen Versuch durchzogen, diese Ausdrucksmanifestationen zu konstruieren, sie aufzuzeichnen und zu analysieren. „Ex-stasis“ bedeutete für ihn buchstäblich „aus sich auszutreten“, „seine unmittelbare Position zu verlassen“.
Weit davon entfernt, eine Schwäche zu bezeichnen, war das Potential, affiziert zu sein, für Eisenstein ein Medium der Transformation, da es zugleich eine anthropologische, eine ethische und politische Dimension ins Werk setze. Ausgehend von seinem unvollendeten „Kapital“-Projekt (1927–1928), das Marx’ „Kritik der politischen Ökonomie“ mittels Joyces „innerem Monolog“ zu verwirklichen suchte, zeigt die Ausstellung drei weitere Fragment gebliebene Filmprojekte aus Eisensteins Archiven: Que viva Mexico! (1931–1932), Bezhin Wiese (1935–1937) und Fergana Kanal (1939).
In Kapital plante Eisenstein, Marx’ Werttheorie durch einen semiotischen Exzess zu erkunden, durch eine Reihe von Montagen, in denen Körper ebenso zerlegt werden wie die für den Kapitalismus konstitutiven Kausalketten. Seine späteren Projekte lassen sich hingegen auf einen anthropologischen Ansatz ein, einen Ansatz, in dem Wert als sinnlicher Mehrwert erscheint, den die zentralisierte Ordnung stets zu negieren sucht. In den Mexikanischen Aufnahmen wird das Nachleben der heidnischen Antike plötzlich in gegenwärtigen christlichen Ritualen sichtbar; die Formen der Handarbeit bewahren eine Erinnerung der alten artes populares. Eisensteins Bilder restituieren jene komplexen sozialen Beziehungen, indem sie die Morphologie ihrer Bewegungen nachzeichnen. So wird der Wert zu einem Medium kritischer Erfahrung, zu einer Kraft statt einer Norm.
Die Ausstellung entfaltet die Kontinuität dieser Vision von Eisensteins Begegnung mit Bataille und dem Kreis um die Pariser Zeitschrift Documents bis zu seiner Auseinandersetzung mit der „Laienanthropologie“ der Avantgarde-Zeitschrift Mexican Folkways, von der Verwendung nicht-professioneller Schauspieler (tipazh), welche die mythischen Figuren in Bezhin Wiese verkörpern, bis zu einer historiographischen Reflexion von Gewalt und Arbeit in Fergana Kanal. In dieser neuen Perspektive erscheint Eisensteins Werk selbst als ein rastloser Prozess der Dezentrierung, als ein experimentelles und grenzenloses Prisma exzentrischer Werte.
Ausstellungseröffnung: 20. April 20, 19 Uhr
Öffnungszeiten: 21. April bis 25. Mai, Mi–Fr 14–18, Sa 12–16 Uhr
Die Ausstellung ist Teil der Reihe Pluralizing the Singular