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11.05.2021 16:48:52

Group Chief Executive
Der Wohlstand jeder Nation hängt massgeblich von der Beziehung zwischen Börse und Volkswirtschaft ab. Alle leiden, wenn das Kapital nicht wirksam den besten Unternehmen zugeführt wird.
Seit Jahrzehnten ist London das weltweit führende Finanzzentrum schlechthin, mittlerweile ist die Zukunft der City ungewiss. Zunächst ein Beispiel des Erfolgs. Genau vor 20 Jahren wagte ein aufstrebendes Biotech-Unternehmen seinen Börsengang an der Londoner Börse und erzielte 35 Mio. GBP. Dabei handelte es sich um einen ausgegliederten Bereich der Oxford University. Die Gründer Alan und Susan Kingsman hatten sich bereits 1996 Mittel mithilfe eines Börsengangs am Alternative Investment Market (AIM) beschafft.
Zwei Jahrzehnte später trug Oxford BioMedica dazu bei, AZD1222 herzustellen: das erste Vakzin gegen Covid-19. Das Unternehmen ist inzwischen im FTSE 250 aufgenommen und zählt zu Dutzenden, die im goldenen Biotech-Dreieck von Oxford-Cambridge-London erfolgreich sind. Labore und Fabriken befinden sich in der Umgebung von Oxford und konzentrieren sich in der Regel auf die Entwicklung von Gen- und Zelltherapien. Wenn das Unternehmen Finanzierungsmittel benötigte, leisteten ihm die Londoner Märkte gute Dienste.
Anfang dieses Jahrhunderts begann London die Vormachtstellung von New York und Hongkong in Frage zu stellen. Ich kann mich an das frenetische Marktgeschehen von 2007 erinnern, als London das erfolgreichste IPO-Jahr erlebte.
Doch es besteht die Gefahr, dass der Zenit überschritten ist. Ohne Reform, so befürchte ich zunehmend, ist London mit einem langsamen Niedergang konfrontiert, denn Amsterdam und andere Börsenplätze gewinnen an Bedeutung und Einfluss.
Immunocore, ein weiteres in Grossbritannien entstandenes Biotech-Unternehmen in der Nähe von Oxford, signalisierte im Januar - ganz im Gegensatz zu Oxford BioMedica - an der Nasdaq den Börsengang zu planen. Dieser Trend ist nichts Neues. GW Pharmaceuticals entschloss sich beispielsweise 2016, vom AIM an die Nasdaq zu wechseln.
Ein weiterer augenscheinlicher Vergleich ist das Wachstum der Mantelgesellschaften (Special Purpose Acquisition Companies, kurz Spacs).
Sie gelten als ein schnellerer und weniger volatiler Weg zur Börse. Mit ihnen wird zunächst Geld beschafft, um später ein Unternehmen zu kaufen.
Unseren Untersuchungen zufolge gingen in New York zwischen 2003 und 2019 durchschnittlich 17 Spacs an die Börse. Im vergangenen Jahr stieg die Anzahl auf sage und schreibe 248 dieser Mantelgesellschaften an. Dieser Rekord wurde 2021 bereits gebrochen. Der Markt für Spacs auf dieser Seite des Atlantiks war stagnierend. Im vergangenen Jahr wurden laut dem Datenunternehmen Dealogic in den USA nahezu 64 Mrd. GBP über Spacs eingesammelt. In Grossbritannien waren es lediglich 30 Mio. GBP.
Was muss sich ändern? Der Bericht von Lord Hill bietet eine Option für die Zukunft. Lord Jonathan Hill empfiehlt unter anderem eine Lockerung der Spac-Vorschriften.
Darüber hinaus wurde auch die dringende Reform vorgeschlagen, Unternehmen mit zwei Aktiengattungen die Möglichkeit des FTSE 100-Status zu gewähren. Aktuell haben Unternehmen mit doppeltem Stimmrecht lediglich Zugang zur "Standard"- und nicht zur "Premium"-Notierung im FTSE und kommen nicht in den Genuss vieler Vorzüge: Passive Fonds sind nämlich gezwungen, ihre Aktien zu kaufen. New York und Frankfurt gestatten zwei Aktiengattungen, so sind Besitzer neu zugelassener Unternehmen vor feindlichen Übernahmen geschützt.
Warum sollte es im globalisierten Zeitalter der Märkte wichtig sein, wo ein Unternehmen notiert wird? Es besteht die Gefahr, dass Unternehmergeist und Fachwissen ins Ausland abwandern, und dieser Prozess ist bereits im Gange.
Behält man alle Bestandteile der Entwicklungskette in Grossbritannien, fördern wir Branchen, die Wissen austauschen können. Zudem sind qualifizierte Arbeitskräfte in der Lage, problemlos zwischen schnell wachsenden Unternehmen zu wechseln.
Eine Folgewirkung ergibt sich zudem für Branchen, die aufgrund des Ökosystems der City erfolgreich waren, von Rechtanwaltskanzleien bis hin zu Hotels.
Doch vielleicht am wichtigsten ist, welche Auswirkung dies auf die britischen Altersvorsorgesparer hat. In jedem Jahr sind sie immer mehr dem Glück der Aktien der "alten Ökonomie" ausgesetzt, die den FTSE 100 beherrschen. Britische Pensionskassen haben immer noch einen "home bias", weshalb ihre Vermögensanlagen zugunsten von Banken und kohlenstoffabhängigen Sektoren wie Öl und Bergbau gewichtet sind. Dies allein sollte Grund genug für Veränderungen sein.
Einige unserer Kollegen in der Fondsbranche hinterfragten, ob sie ihre Stewardship-Pflichten mit lockeren Regeln erfüllen können. Die vorgeschlagenen Änderungen sind nicht radikal. Sie halten uns lediglich im Spiel.
Lord Hill schlug beispielsweise vor, die Anforderungen an den Streubesitz zu reduzieren, sodass der Mindestanteil der Aktien eines Unternehmens, die sich in öffentlicher Hand befinden müssen, 15 % anstelle von 25 % betragen darf.
Vor knapp zehn Jahren erörterte die britische Koalitionsregierung bereits diese Idee. Die anschliessende Lücke in der Wertentwicklung erzählt, was dann geschah. New Yorks S&P 500 rentierte nahezu 268 % im Zehnjahreszeitraum bis 2020. Der FTSE 100 schaffte mal gerade 43 %.
Dafür gibt es selbstverständlich viele Gründe. Einer der bedeutendsten ist das Versäumnis, die Anlaufstelle für Technologieunternehmer zu sein.
Was nun die Lockerung der Regeln für Spacs betrifft, da sollten gute Fondsgesellschaften zur Geltung kommen. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist unsere Daseinsberechtigung. Und insbesondere London ist weltweit führend, wenn es darum geht, das Risiko zu bewerten, vorausgesetzt, es hat die Chance dafür.
Das Ganze kommt allerdings nicht einem Kassandraruf gleich. Ich schöpfe Mut aus der Bekanntgabe von Oxford Nanopore, einem Biotech-Unternehmen, das in London an die Börse gehen will. Das darf aber nicht ein einmaliger Grund zur Freude sein; es sollte alltäglich werden und selbstverständlich sein.
Wir sollten der Warnung von Jason Kingdon, dem Chief Executive der an der Londoner Börse notierten Blue Prism Group, Gehör schenken. Er ist der Ansicht, dass britische Aktionäre einfach zu wenig über den Sektor seines Unternehmens - Roboter-Prozessautomatisierung - wissen. Das Unternehmen wäre an der Nasdaq achtmal so viel wert.
Die britischen Finanzmärkte unterdrücken das Wachstum, lässt er durchblicken. Der glanzlose Börsengang von Deliveroo wird als Beispiel dafür benutzt. Privat- und institutioneller Anleger haben gleich Verluste erlitten. Ich hoffe, dass künftige IPO-Anwärter nicht vor London zurückschrecken, nur weil ein Börsengang fehlgeschlagen ist, bei dem die Probleme unternehmensspezifisch waren. Für uns war es die Bewertung, die uns von der Anlage abhielt.
Weitaus wichtiger ist, dass wir am Scheideweg stehen. Die Umsetzung der Vorschläge von Lord Hill würde ein Kurswechsel für London bedeuten und für die britische Technologiebranche einen erfolgreicheren Weg ebnen. Nach dem Brexit ist dies von entscheidender Bedeutung.
Rishi Sunak sagte, dass Grossbritannien "der beste Ort in der Welt ist, um ein Unternehmen zu gründen, aufzubauen und an der Börse notieren zu lassen". Durch diese Änderungen könnte London rechtzeitig der beste Börsenplatz werden.
Dieser Artikel erschien am 11. April 2021 erstmals in The Sunday Times.
Hier erfahren Sie mehr: https://www.schroders.com/de/ch/asset-management/insights/
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