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Die heutige Globalisierung von Musik löst apokalyptische Diskurse aus. Doch der Musikwissenschaftler Julio Mendívil meint, dass sie vielmehr Differenz, Vielfalt und Austausch fördert.
In seinem Buch «Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte» ironisierte Karl Marx Georg Wilhelm Friedrich Hegels Aussage, alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen würden sich zweimal ereignen. Hegel, so Karl Marx, habe vergessen hinzuzufügen, dass sie das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce geschähen.
Wenn Marx den Satz auf die Reaktionen der Menschen auf neue Medien bezogen hätte, dann hätte er sich für einmal geirrt. Schon als das gedruckte Buch gegen Ende des Mittelalters aufkam, verkündete man den Tod der Lektüre. Ähnlich äusserten sich ExpertInnen, als um die Wende zum 20. Jahrhundert die technischen Medien die Aufnahme von Musik ermöglichten. Dann beklagten MusikliebhaberInnen, dass die Technik der Musik einen Todesstoss verpassen würde, indem sie das Liveereignis überflüssig mache. Die apokalyptischen Diskurse, die durch die heutige Globalisierung von Musik ausgelöst werden, sind ein weiteres Beispiel des Misstrauens, mit dem Menschen neuen Medien begegnen. Nur dass dieses Misstrauen keine Farce ist. Denn die Globalisierung verändert tatsächlich die Musik.
Die Aussage ist so banal, dass es fast lächerlich ist, sie überhaupt zu formulieren. Weniger banal erscheint die Frage nach der Art und Weise, wie die Globalisierung die Musik verändert. Globalisierungsprozesse in der Musik hat es immer gegeben: die Ausbreitung des diatonischen Systems durch die koloniale Ausbreitung Europas, die Durchsetzung auditiver Standards mit der Einführung der Mikrofonie oder die Verbreitung von bestimmten Rhythmen durch die Plattenindustrie et cetera. Aber keiner dieser Prozesse lässt sich mit dem messen, was die Etablierung des Internets und der digitalen Übertragung von Audiodateien für die Produktion und den Vertrieb von Musik bedeutet. Wir müssen also zuerst einmal definieren, über welchen Globalisierungsprozess wir sprechen.
Japanisch in São Paulo
Mit «Globalisierung» bezeichnen wir heute die transnationale Vernetzung von AkteurInnen in der postmodernen Welt. Diese Verflechtung kann ökonomischer, kultureller oder politischer Natur sein. Wie der britische Soziologe Anthony Giddens anmerkt, bezieht sich die Globalisierung nicht nur auf öffentliche Lebenssphären. Sie schliesst unsere private Welt mit ein, da sie mittels neuer Kommunikationstechnologien unsere Beziehung zu Raum und Zeit radikal verändert. Informationen zirkulieren dank des Internets mit einer vorher niemals erreichten Geschwindigkeit hier, dort und überall. Diese Veränderungen von Raum und Zeit prägen den Konsum wie auch die Produktion von Musik.
Während Lady Gaga, Rihanna oder Taio Cruz im Westen produziert werden, um in Neu-Delhi, Maputo oder Moskau gekauft, gehört und imitiert zu werden, werden angeblich lokale «Produkte» wie Mano Dibango aus Kamerun oder Juanes aus Kolumbien ebenfalls von Zentren ausserhalb des Territoriums produziert, in dem sie konsumiert werden. Lokalität hat an Bedeutung verloren.
Viele Musikformen leben in der Diaspora: Es gibt algerischen Raï aus Paris, ghanaischen Highlife aus Berlin, japanische Enka-Musik aus São Paulo oder angolanischen Kuduru aus Lissabon. Dies macht deutlich, dass territoriale Bindungen unwichtig geworden sind.
Auch der Umlauf von Musik hat sich geändert. Vor dreissig Jahren wäre es kaum möglich gewesen, Platten von Caetano Veloso in Buenos Aires oder von Ryuichi Sakamoto in London zu kaufen. Heute lässt sich Musik aus der ganzen Welt mit einem einfachen Klick downloaden. Jede Musik zirkuliert hier, dort und überall. Es ist ein Zeichen postmoderner Zeiten, dass Musikkulturen in Dialog treten und sich gegenseitig beeinflussen. So etwa ist der Einfluss des US-amerikanischen Heavy Metal in Dhaka genauso gross wie der Einfluss des Country im brasilianischen Sertão oder des Hip-Hop in Kathmandu. Wird die Differenz zum Mainstream?
Weltweite Diversität?
Globalisierungsgegner wie Neil Young oder Manu Chao mögen solche Entwicklungen kritisieren, weil sie vermeintlich eine Homogenisierung der Kultur und der Musik vorantreiben. Aber wie der französische Soziologe Frédéric Martel in seinem Buch «Mainstream» zeigt: Die Zukunft der Diversität ist nicht gefährdet. Martel demonstriert, dass mit der Globalisierung nicht nur die US-amerikanische Musik, sondern auch die chinesische, die indische, die lateinamerikanische, die arabische oder die südafrikanische durch die Welt ziehen. Statistiken zeigen zudem, dass die Vereinigten Staaten den internationalen Musikmarkt nicht erobert haben, selbst wenn Jennifer López oder Justin Bieber überall gehört werden. Der US-amerikanische Mainstream ist in China gescheitert, genauso wie der englische in den arabischen Ländern. Hingegen muss das Zentrum der Musikindustrie jetzt mit Konkurrenz aus der Peripherie rechnen. Dank Internetplattformen wie MySpace oder YouTube können KünstlerInnen wie Michel Teló oder Joanna Wang zum globalen Mainstream werden.
Ist das nun hegemonial oder subversiv? Gewiss ist, dass das Aufgeben der Lokalität die Entstehung multilokaler Musik begünstigt hat. Der peruanische Sänger Luis Ayvar nimmt seine Songs zum Beispiel teilweise in Deutschland auf, wo er wohnt, teilweise in Peru, wo er regelmässig auftritt und CDs massenhaft verkauft. Seine Platten kommen auf den Markt, ohne dass die involvierten MusikerInnen sich ein einziges Mal persönlich getroffen haben. Die Globalisierung moderner Technologie ermöglicht die Produktion und Zirkulation traditioneller Musik aus Peru.
Differenz, Vielfalt, Austausch
Die Globalisierung hat unser Hörverhalten revolutioniert. Während früher Musik allein sesshaft konsumiert wurde, wird sie heute vor allem konsumiert, während wir uns bewegen. Formate wie MP3 oder MPEG4, Nebenprodukte der Globalisierung, sind deswegen ökonomischer als CDs oder Schallplatten, denn sie können überall mitgenommen werden. Eine Konsequenz der Globalisierung ist, dass Musik nomadisch geworden ist.
Eine der wichtigsten Neuerungen des Musikkonsums ist die negative Rezeption. Eine Plattform wie YouTube, die jede Musikproduktion kostenlos weltweit anbieten kann, macht es möglich, dass Musik konsumiert wird, um verspottet zu werden. So sind die Videos von La Tigresa del Oriente oder Rebecca Black millionenhaft angeschaut und millionenhaft lächerlich gemacht worden – die Globalisierung macht uns alle zu MusikexpertInnen und schafft so eine Demokratisierung, die häufig missbraucht wird.
Die Globalisierung hat zudem ermöglicht, dass traditionelle Musikkulturen sich der grossen Welt präsentieren. Man kann die Technik der Nyanga-Panflöten aus Moçambique, die Tänze der Pintupi aus Australien oder die Songs der Xingú aus Brasilien auf YouTube oder anderen Internetseiten finden, wie all diese Kulturen John Lennon, Aretha Franklin oder Johannes Brahms entdecken können. Die Globalisierung fördert also nicht nur Homogenisierung, sondern auch Differenz, Vielfalt und Austausch. Sie verdrängt nicht nur das alte Musikleben, sie lässt auch hier, dort und überall neue Umgangsformen mit Musik entstehen.
Der italienische Autor Umberto Eco hat daran erinnert, dass VerfechterInnen von apokalyptischen Antiglobalisierungsdiskursen schon oft das Ende der Welt angekündigt haben – offensichtlich fälschlicherweise. Ja, die Globalisierung hat die Musik verändert. Aber, wie ein alter Schlager klugerweise verkündet: Davon geht die Welt nicht unter.
Julio Mendívil ist Dozent an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sowie an der Universität Köln. An den Thementagen «Musik und Globalisierung» referiert er am Mi, 30. Mai 2012, 10 Uhr, im Berner Progr über «Indianische Musik als globale Nische im postmodernen Europa».