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Mike Gibbs weilt noch für ein Semester als Gastdozent für Jazzkomposition in Luzern. Im Laufe einer transatlantischen Karriere, die ein halbes Jahrhundert umfasst, arbeitete Gibbs nicht nur mit herausragenden Jazz-Stilisten wie z.B. Gary Burton oder John Scofield zusammen, sondern schrieb und arrangierte auch Musik für Pop-Produktionen, Filme, Ballett und Symphonieorchester. Im “Jazz Talk” sprach er u.a. über seine Jugend im heutigen Simbabwe, seine Ausbildung in den USA, seine Bewunderung für Gil Evans und andere musikalische Einflüsse.

Jazz Talks

Ohne fixe Termine würde Mike Gibbs seine Stücke nie zu Ende schreiben. «Ich habe immer mehr Ideen, als ich verwenden kann. Und diese Ideen entwickeln sich ständig weiter. Wenn die Musik nicht gespielt wird, macht es keinen Sinn, sie auf Papier festzuhalten», sagt er. Aber auch ein Stück, das im Konzert aufgeführt oder auf Tonträger verewigt wurde, ist für Gibbs nicht unantastbar: Das Überarbeiten und Umschreiben gewisser Passagen ist für ihn ein wichtiger Bestandteil des schöpferischen Prozesses. Als Beispiel sei hier Gibbs’ Bigband-Version der Monk-Ballade «Round Midnight» genannt, deren erste Fassung sich eng an die legendäre Aufnahme des Miles Davis Quintet aus dem Jahre 1956 anlehnt. Analog zu Davis, der das Stück im Laufe der Jahre immer mehr abstrahierte, hat Gibbs sein anfänglich recht opulentes Arrangement inzwischen ausgedünnt und aufgelockert.
Miles Davis ist einer von Gibbs’ Lieblingsmusikern - besonders angetan hat es ihm die ungeschönte, beinahe rohe Emotionalität (für Gibbs ist Davis’ Musik «schmerzhaft»). Gibbs studierte ab 1959 in den USA und hörte Davis’ Band mit John Coltrane mehrmals live. Auf die Welt kam Gibbs 1937 in Salisbury, das später in Harare umbenannt wurde. Damals herrschte im inzwischen von Mugabe mit brutaler Hand zu Grunde gerichteten Simbabwe ein Apartheid-Regime. Als Weisser wuchs Gibbs in privilegierten Verhältnissen auf. Als Kind genoss er klassischen Klavierunterricht (von Chopin schwärmt er immer noch). Zum ersten Mal mit Jazz in Kontakt kam er im Alter von 17 Jahren, als er zur Posaune wechselte und ihm sein Lehrer Dave Brubeck, Gerry Mulligan und Shorty Rogers vorspielte: «Das weckte sofort mein Interesse.» Er fing an, die Radiosendungen von «Voice of America» zu hören.
Gibbs erinnert sich noch genau daran, welche Aufnahmen es waren, die ihn den Entschluss fassen liessen, Profimusiker werden zu wollen: «When the Saints Go Marching In» und «Darktown Strutters Ball» des Trompeters Bunk Johnson und «Don’t Explain» der Sängerin Billie Holiday (also traditioneller New Orleans Jazz und eine melancholische Ballade mit üppiger Streichorchesterbegleitung). In dieser Musik waren Schmerz und Hoffnung, Leiden und Freude auf eine Art gemischt, die in Gibbs mehr als nur eine Saite zum Schwingen brachte. Sich an ein eigenes Arrangement von «Don’t Explain» zu wagen, steht bis heute auf seiner Wunschliste. Gewisse Dinge gehen eben auch dem gewieften Gibbs nicht so leicht von der Hand, der von sich sagt: «Wenn das Telefon klingelt, mache ich das, was von mir verlangt wird.» Und: «Einmal schrieb ich einen Soundtrack für eine Verfolgungsjagd, der schliesslich für eine Liebesszene verwendet wurde. Mir solls recht sein.» Gibbs ist der lebende Beweis dafür, dass sich eine reiche, frei umherschweifende Gefühlswelt, in der es auch für sentimentale Anwandlungen Platz hat, und ein hohes Mass an zielgerichtetem Pragmatismus nicht gegenseitig auszuschliessen brauchen.
Nicht auf der Wunschliste von Gibbs steht die Fertigstellung einer 12-Ton-Komposition: «Ich habs probiert, aber nicht geschafft. Für mich ist diese Methode mit zu vielen Verboten verbunden.» Gibbs ist offen für ganz unterschiedliche musikalische Idiome: «Wenn ich etwas höre, das mir gefällt, dann ist dies oftmals der Anstoss für eine eigene Komposition. In der Regel mache ich keine grossen Pläne, denn die Dinge können sich von Tag zu Tag ändern. Ich stehle viel von anderen Musikern.» Damit ist nicht gemeint, dass Gibbs fremde Ideen 1:1 abkupfert, vielmehr transformiert er diese und passt sie in seine eigenen Stücke ein. Damit praktiziere er eine Form des «kreativen Diebstahls», sagt er. Geradezu philosophisch meint er: «Es ist unmöglich, nicht originell zu sein. Wenn jemand nicht originell ist, dann liegt seine Originalität eben in der Unoriginalität» Und er fügt hinzu: «Eigentlich ist alle Kunst eine Fusion von verschiedenen Dingen.» Im Gegensatz zu Thelonious Monk hat Gibbs keinen unverwechselbaren Stil geschaffen, dem er die Treue hält: Sein Œuvre besteht zu einem guten Teil aus facettenreichen und doch eigenständigen Mixturen diverser Stilistiken.
Keine Schnellbleiche
Normalerweise sind Gastdozierende wieder weg, bevor man überhaupt richtig gemerkt hat, dass sie da waren. Im Rahmen neuer Master-Studiengänge an der Hochschule Luzern - Musik ist das anders. Da werden Gastdozierende aus den Bereichen Klassik und Jazz für zwei Semester verpflichtet, in deren Verlauf sie 16 Tage präsent sind und auch gewisse Spezialprojekte betreuen. Der erste Jazz-Gastdozent im Major Komposition ist Mike Gibbs. Für das Festival «Szenenwechsel» hat er mit der Bigband der Hochschule ein Programm einstudiert, das im KKL zur Aufführung gelangte. Genauere Ausführungen zu den neuen Master-Studiengängen findet man im Artikel «Spezialisierung durch Vernetzung» (Musik Aktuell 47).
Tom Gsteiger