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Koffie und Gnuss unter Grachtenbrücken
Amsterdam
Eine tote Taube bringt einen älteren Herrn und ein junges Mädchen zusammen und wie es nicht anders sein könnte, packen sie das "Täubchen" - so der Titel dieser von Cees Nooteboom in vorliegender Kollektion enthaltenen Geschichte - in ein Plastiksackerl, hängen es ans Lenkrad und fahren mit dem Fahrrad Richtung Park. Mit dem Mädchen auf dem Gepäckträger sinniert der ältere Herr über die Sinnlosigkeit seines Lebens und fühlt plötzlich, dass dies die Entschädigung dafür sein könnte: "Leere, Einsamkeit und Angst, das hatte seine Nachteile, aber es gab auch Entschädigungen dafür, und das hier war eine." Der Zufall hatte die beiden zusammengeführt und er wollte diesem Zufall etwas nachhelfen und in die Pedale treten. "Der Begriff des mit Melancholie vermischten Glücks, dachte er, ist ein Klischee" und genau das genießt er dann auch, um dann zu resümieren: "Rekorde, damit quälten die sich auch herum". Als er ihre Dachkammer verlässt, registriert er, dass sie zwar miteinander geschlafen haben, aber sich nicht einmal ihre Namen gesagt hatten. Er beschließt, sie "Täubchen" zu nennen.
"Koffie verkeerd" unter 1'798 Brücken
Natürlich gibt es solche Geschichten und Abenteuer nicht nur in Amsterdam, "der Stadt der Unangepassten, der Rebellen und Freiheitsliebenden". Aber genau hierher passen sie am besten, denn nur eine Hafenstadt kann einem so viele Zufälle als Gelegenheiten anbieten. Die Bewohner radeln über die Grachten oder laufen darauf Eis, trinken ihren "Koffie verkeerd" in designten Cafés oder besetzen Wohnungen. Aber es war nicht immer so, kurz nach dem Krieg herrschte auch hier viel Armut und das Leben war noch karg, wie es in den beiden Beiträgen von Jozef Hilel Borensztajn anklingt. Aber schon in den sechziger Jahren zieht Amsterdam Künstler an, die Provos, die zum Nährboden berühmt gewordener Bücher von so beliebten Querdenkern wie Harry Mulisch, Margriet de Moor, Cees Nooteboom und A.F.Th. van der Heijden werden. 1'798 Brücken soll es in Amsterdam geben, aber wohl keine davon kann so verbindend wirken, wie einige der hier versammelten Essays, die eine literarische Einladung in die Stadt der Grachten nicht nur ausspricht, sondern auch in Worte kleidet.
Gnuss an den Grachten
Von Gammlern habe es damals zwei Sorten in Amsterdam gegeben, schreibt etwa Harry Mulisch in seinem "Bericht an den Rattenkönig": die Pleiners und die Dijkers. Die ersteren waren eher die bürgerlichen, die letzteren die proletarischen Gammler, aber beide Gruppen hielten ihre "Happenings" in der Öffentlichkeit ab. Eigentlich unterschieden sich die beiden Gruppen auch durch ihren "Gnuss" - die einen rauchten Tabak, die anderen kokelten gerne Theater mit brennendem Zeitungspapier ab, alles natürlich in bester Absicht, das Gleichgewicht der goldenen Achse mit dem Universum wieder herzustellen. Auch Harry Mulisch kann sich auf die eigentlichen Anliegen der Gammler keinen Reim machen, was wohl beweist, dass er wirklich dabei war. Damals. In Saskia Goldschmidts Geschichte "Die Lumpenkönigin" heißt schon der erste Satz: "Trau keinem über dreißig!" und wo sonst könnte dieser Satz herstammen, wenn nicht aus dieser unglaublichen, einzigartigen Stadt?