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»Darf ich Ihnen den Koffer tragen?«
Hätte sie geahnt, was dieser Satz für Folgen hatte, sie hätte abgelehnt, höflich, aber entschieden, sie wäre ihrer kleinen Stimme, die sie zu hören glaubte und die ihr zuraunte: »Nicht!« gefolgt, hätte rechtsum kehrtgemacht und schnellen Schrittes ihren Rollkoffer hinter sich hergezogen, bis ins Bahnhofscafé, um der unerwarteten Freundlichkeit eines fremden Mannes zu entgehen. Hinterher lässt sich so etwas gut denken, aber im Moment sprach nichts gegen die Annahme dieser Hilfe.
Isabelle war unterwegs zum Zürcher Flughafen. Sie wollte zwei Wochen in Stromboli verbringen und hatte einen Flug nach Neapel gebucht. Da sie in der Nähe des Bahnhofs Oerlikon wohnte, fuhr sie jeweils von dort aus mit der S-Bahn zum Flughafen. Vorher hatte sie noch in der Apotheke Medikamente geholt und stand nun in der Unterführung, von der aus die Treppen zu den Perrons hinaufführten. Zu spät hatte sie daran gedacht, ganz nach hinten zum Ende der Geleise zu gehen, wo es schräg ansteigende Auf- und Abgänge ohne Treppen gab, und erst als sie die Stufen vor sich sah, die ihr so steil und feindlich vorkamen wie noch nie, merkte sie, wie schwer ihr Koffer eigentlich war, und ärgerte sich, dass ein so stark frequentierter Bahnhof wie dieser immer noch nicht über Rolltreppen verfügte, sondern wie die Provinzstation behandelt wurde, die sie vor hundert Jahren einmal war. Sie hatte eine Operation hinter sich und wusste, dass sie mit dem Tragen von Lasten vorsichtig sein sollte.
Wieso also nicht ja sagen, wenn ein gut gekleideter graumelierter Herr mit einem Bärtchen, der ihr Aufseufzen bemerkt haben musste, sich anerbot, ihren Koffer die Treppe hochzutragen? Sie war knapp dran, wie meistens, wenn sie auf Reisen ging, ihr Zug fuhr in drei oder vier Minuten, und da stand dieser Herr da wie ein Gentleman der alten Schule, dem Hilfsbereitschaft ein nobles und selbstverständliches Gesetz war – kein Grund also, abzulehnen, nichts Falsches, wenn sie »Oh, danke!« sagte.
Und als er die kleine Mappe, die er bei sich trug, von der rechten in die linke Hand wechselte, den Koffergriff anfasste und das Gepäckstück mit einem leichten Ruck hochhob (war er doch etwas erstaunt über das Gewicht?), dabei ein bisschen mit dem herausragenden Zugbügel zu kämpfen hatte, der sich ihm unter die Achsel schob, fragte sich Isabelle, ob sie ihn schon irgendwo gesehen hatte, oder an wen er sie erinnerte.
Aber es kam ihr nur jener Mann in den Sinn, welcher sie und ihre Freundin, die als junge Frauen nach London gereist waren und am Morgen mit einem Stadtplan vor ihrer Hotelpension standen, gefragt hatte: »Can I help you?« Er hatte ihnen den kürzesten Weg zur Westminster Abbey erklärt und war dann weitergegangen.
Diese Freundin erwartete sie jetzt in Stromboli. Sie hatten dort für drei Wochen ein kleines Haus gemietet, in dem sie zusammen ihre Ferien verbringen wollten, doch dann war der Spitalaufenthalt dazwischengekommen, und nun reichte es Isabelle noch für zwei Wochen; die waren ihr zur Erholung von der Operation sehr willkommen.
Gallensteine hatte sie sich entfernen lassen, als die Koliken immer unerträglicher wurden und die medikamentöse Behandlung wirkungslos blieb. Alles war gut verlaufen. Die entfernten Steine hatte man ihr in einem Gläschen überreicht, etwa ein Dutzend waren es, kantige, runde, zentimeterdick vielleicht, sie könne sich ja, hatte Isabelle mit der Krankenpflegerin gescherzt, eine Halskette daraus machen lassen, aus Gallenperlen, das wäre doch etwas Neues. Natürlich war sie froh gewesen, dass beim Eingriff nichts Bedrohliches entdeckt worden war, und nach einer schonend verbrachten Woche zu Hause fühlte sie sich der Reise gewachsen und freute sich darauf.
Sie stieghinter dem unverhofften Helfer die Treppe hoch, öffnete dazu die Handtasche, um sich zu versichern, dass die Fahrkarte und der Beleg für ihre Buchung darin waren und nickte, als sich der Herr umdrehte und sie fragte: »Zum Flughafen?« Auf Gleis 5 war die S-Bahn nach Rapperswil angekündigt, auf Gleis 4 diejenige nach Effretikon via Flughafen.
Der Mann rollte den Koffer zum Rand des Bahnsteigs, ließ ihn stehen und machte eine galante Geste zu Isabelle hin. »Vielen Dank«, sagte sie, »das war aber sehr nett.« Der Angesprochene nickte lächelnd, doch anstatt den Kopf wieder hochzuheben, ließ er ihn auf die Brust