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Sie hatten schon länger Schwierigkeiten miteinander und sie war hinter seinem Rücken eine andere Beziehung eingegangen. Nur oberflächlicher Sex ohne Bedeutung, hatte sie ihm versichert, als sie es ihm nach fast einem Jahr gestand. Und sie hatte, um ihn nicht zu verletzen, stets Termine gewählt, an denen er beruflich belegt war, also ohnehin keine Zeit für sie hatte, auf dass er nichts merke und ihm nichts abgehe, schliesslich wolle sie ihn auf keinen Fall verletzen. Eine Woche später musste er bei einem Anlass eine Rede halten. Vom Podium aus sah er sie, wie sie mit einem ihm Unbekannten sehr vertraulich sprach, mit den allen Liebenden eigenen Blicken, Gesten und Berührungen, bis sie gemeinsam mit dem Unbekannten aus dem Raum ging. Er wusste sofort, dass das ihr Liebhaber war. Später fragte er sie, ob er recht habe und sie bejahte. Dummerweise fragte er sie, ob sie ihn zum Abschied geküsst habe und auch das bejahte sie. Natürlich, sie sei doch kein empathieloses Monster.
Er hatte es mit der Frage darauf angelegt und auch geschafft, seinen ganz persönlichen Tag der Heuschrecke zu bekommen.
Wie bekannt, wird übermorgen, am Dienstag, dem ersten Februar, um 17 Uhr 45, die Welt untergehen. Unmittelbar danach findet das Jüngste Gericht statt.
Die zuständige Abteilung beim Rat der Hauptstadt ersucht die Einwohnerschaft, Panik zu vermeiden. Andererseits ist jede Ungeduld überflüssig, da jeder ohne Ausnahme an die Reihe kommt.
Verkehrseinschränkungen grösseren Umfangs werden nicht erforderlich sein, doch wird der Burgtunnel wegen eventueller Einsturzgefahr um 15 Uhr gesperrt. Von dieser Zeit an werden die Autobusse 4, 5 und 56 nicht über die Kettenbrücke, sondern über die Elisabeth-Brücke fahren.
Züge, Schiffe und Autobusse verkehren fahrplanmässig; vom Vigadó-Platz aus geht sogar ein letzter Ausflugsdampfer; er wird bei genügender Beteiligung als beflaggter Katafalk in die malerischen Gebiete des Eisernen Tores und des Schwarzen Meeres hinunterfahren.
Allen jenen, die um eine Verlängerung ihres Lebens ansuchen wollen, geben wir bereits jetzt bekannt, dass ihr Verlangen nicht erfüllt werden kann. Auch werdende Mütter und Neugeborene bilden keine Ausnahme; einige beklagen sich allerdings mit Recht darüber, da sie gerade übermorgen um 17 Uhr 45 auf die Welt kommen sollen und infolgedessen ein enorm kurzes Leben haben werden.
Dagegen haben alle jene ein besonderes Glück, die zu diesem Zeitpunkt sowieso verscheiden würden. Sie lachen sich jetzt eins ins Fäustchen.
Istvan Örkeny, Hinweise und Verkehrseinschränkungen in Verbindung mit den Ereignissegen am 1. Februar, in: Gedanken im Keller, Berlin: Eulenspiegel, 2. Auf., 126 f.
Mein Großvater pflegte zu sagen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß — von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen — schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.“
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