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Die letzten Worte seiner Rede gingen im Applaus unter. Ein paar Sekunden später gesellte sich “running mate” Paul Ryan zu Mitt Romney auf die Bühne. Seite an Seite strecken beide selbstbewusst ihre Hände hoch in die Luft und winkten. Das sieht nicht nur bei amerikanischen Spitzenpolitikern, sondern auch bei Mister-Schweiz-Kandidaten oder Konfirmanden unvorteilhaft aus, weil: bei raumgreifenden Posen darf ein Kittel nicht zugeknöpft sein. Basics.
Der republikanische Präsidentschafts-Kandidat stand vor der Herausforderung, am Parteitag in Tampa (Florida) die Rede seines bisherigen Lebens zu halten. Sie sollte die Zweifler in den eigenen Reihen auf Linie bringen, Romney den Amerikanerinnen und Amerikaner, die am späten Donnerstagabend live zuschauen könnten, als Mensch näherbringen und das Fundament für die letzten zehn Wochen Wahlkampf legen.
Ich analysiere die Rede Romney knapp und strukturiert.
Non-verbal:
Mitt Romney sieht gut, für seine 65 Jahre sogar sehr gut aus. Sein Outfit mit weissem Hemd, roter Krawatte und marineblauem Anzug war ideal kombiniert. Romney bewegt sich kaum, der Oberkörper ist verkrampft, und wenn er doch einmal mit den Händen zu Gesten ansetzt, wirkt das antrainiert, fast schon hilflos. Sein Blick ist leidend, die Nähe zum Volk bringt er so nicht hin.
Para-verbal:
Seine Stimme ist kräftig. Allerdings wurde die Rede so geschrieben, dass sie nach jeweils zwei oder drei Sätzen wieder von einem Applaus unterbrochen wird. Das hemmt den Republikaner, er kommt nie in Fahrt, eloquent und ein glaubwürdiger Verkäufer ist er nicht. Regelmässig bleibt er am Ende eines Satzes mit seiner Stimme oben. Auf die Dauer wird so das Zuhören anstrengend.
Inhaltlich:
Mitt Romney spricht zunächst über seine fünf Kinder. In dieser Phase spürt man ein wenig Emotionen, und das mögen die Leute. Später erklärt er, wohin er Amerika nach seiner Wahl führen würde: Er verspricht 12 Millionen neue Arbeitsplätze, will die Steuern senken, Regulierungen aufheben, die Abhängigkeit von Energie aus dem Ausland bis 2020 aufheben, das Budget ausgleichen und das Defizit in den Griff bekommen. Er malt das Ziel in Rosarot und Himmelblau, verliert aber kein Wort darüber, wie er dieses Ziel erreichen will.
Der ehemalige Gouvernor von Massachusetts versucht, die Delegierten im Stadion und zuhause vor den Bildschirmen bei ihrem Stolz zu packen. In seiner rund 35-minütigen Rede fällt das Wort Amerika 53 Mal, das Wort “Americans” 35 Mal. Vieles, was er aufgreift, tönt wie ein Referendum über die letzten vier Jahre der Obama-Administration. Das ist nicht die falsche Strategie, reicht aber nicht für den grossen Umschwung. Beim Was ist er schönfärberisch, beim Wie ragt er nicht aus das Mittelmass hinaus.
Fazit:
Insgesamt gelang Romney ein konzentrierter und solider Auftritt. Er schaffte es allerdings nicht, die Menge zu elektrisieren und in seinen Bann zu ziehen. Dafür geht ihm das Charisma ab, er ist nicht “silver-tongued”, wie die Amerikaner zu sagen pflegen. Rhetorisch spielt er in einer anderen Liga als Ronald Reagan, Bill Clinton und Barack Obama, die ein Stadion oder ein Fernsehstudio erleuchten konnten bzw. noch immer können. Auf der Bühne wirkte Romney wie ein Fremdkörper, er schaffte es nicht, sie zu erobern und sich kontinuierlich zu steigern.
Mitt Romney Rede von gestern Nacht in voller Länge.
Archivbild Mitt Romney: keystone