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Geschichten statt Situationen
Unser Autor sitzt mit Freund Pierre am Kanal. Sie fischen, filmen und reden. Ein Gespräch über die Notwendigkeit von Geschichten in der Architektur.
Pierre und ich sassen eines spätherbstlichen Abends am Kanal im Rhône-Delta. Pierre ist ein junger Fischer und dreht mit einer Kamera kleine Filme. Ich war auf der Durchreise. Wir sprachen über Film, Fische, über Geschichte und Architektur.
«Schau mal hier –» Pierre hielt das Ende des Garns seiner Fischerrute hoch und der Haken schwenkte im Licht des Feuers funkelnd hin und her. «Dieser Widerhaken ist vollkommen verbogen. Vorgestern steckte er im Maul eines riesigen Wels, den ich gefangen hatte. Er brachte mir auf dem Markt einiges ein, wog stolze zwölf Kilo.» Während er sprach, kramte er in der Stofftasche neben sich eine kleine metallene Zange hervor und begann den Haken geradezubiegen. Ich filmte ihn schon eine Weile mit seiner Kamera. Seine Finger waren plump und kurz, aber der Haken flog flink zwischen ihnen hin und her. Zur finalen Kontrolle prüfte er die Schärfe des Hakens eingehend an den Schwielen seiner Hände. Ich gab ihm die Kamera und nahm meinerseits eine Rute in die Hände.
«Filmst du jeden Tag?», fragte ich. Sein Gesicht war von der Kamera halb verdeckt, ein Auge zugekniffen, die Linse auf mein Gesicht gerichtet, sich drehend, fokussierend. «Ja, ich filme jeden Tag. Ich muss ja, die Geschichte ist noch nicht zu Ende.» – «Welche Geschichte meinst du?»
Pierre senkte die Kamera und zog die Decke unter sich zurecht. «Ich möchte gerne einen Film über die Fische machen, die ich fange. Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht bloss die Fische filmen kann, um diese Geschichte zu erzählen.» Er drehte die Kamera, klappte den kleinen Bildschirm auf der Seite auf und spulte die Aufnahmen zurück.
«Ich habe den grossen Wels von vorgestern nicht gefilmt», sagte er wild herumspulend, als ob er einen spezifischen Moment suchte. Ich sah auf den Bildschirm, sah mein eigenes Gesicht, dann seine Hände, den Haken. «Du hast mich gefilmt, wie ich den Haken repariere, den dieser Wels verbogen hat. Aber den Fisch sieht man nicht. Bloss mich hört man, wie ich über ihn spreche, dieses Biest von zwölf Kilo, und man glaubt mir, dass ich ihn gefangen habe. Man braucht kein Bild von seinem Kampf an der Angel oder seinem Tod durch mein Messer. Man glaubt es mir, wenn ich bloss den verbogenen Haken zeige. Und man sieht den Fisch klar vor sich, zerteilt auf dem Tresen am Markt. Meinst du nicht auch?»
«Das Bild und der Ton und die Geschichte ergeben zusammen mehr als für sich allein. Es stimmt, Geschichten sollten nicht stumpf erklärt, sondern gut erzählt werden», bemerkte ich. «Stell dir vor, man sieht nur, was geschieht. Das wär ja sowas von langweilig», stellte er zufrieden fest, überzeugt, dass ich ihn verstanden hatte. «Bild und Ton gehören für mich zusammen. Aber ich filme nie, was ich erzähle und erzähle nie, was ich filme.» Wir sassen in Stille da.
«Das möchte ich eigentlich auch über die Architektur sagen können», begann ich, aber Pierre fuchtelte mit seiner Hand, als ob er lästige Mücken vertreiben wollte. Er sagte: «Die Architekten haben ja bloss den Plan oder das Bild, mit dem sie erzählen können. Ihnen fehlt die Musik, der Ton und die Erzählung.» «Nein, wir haben auch mehrere Schichten der Erzählung», erwiderte ich, mehr verwundert als genervt über seine klare Kritik. «Der Massstab ist die Linse der Kamera. Der Raum, das Material und das Licht sind Erzählmittel wie die Charaktere in einem Film.»
«Wie stellt dann ein Architekt ein Schlafzimmer oder ein Studierzimmer dar, ohne ein Bett oder einen Schreibtisch einzuzeichnen?», fragte Pierre spitz. Die Angelrute in meinen Händen schien plötzlich fehl am Platz. «Ich glaube du hast recht. Zu oft werden Situationen und nicht Geschichten beschrieben und die Architektur leidet schlussendlich darunter. Weil ihr eine Identität fehlt, die stark genug ist, um eine Geschichte zu erzählen.»
«Situationen statt Geschichten», wiederholte er genüsslich. «Wenn jemand nach der Vorführung sagt, der Film sei gut gewesen – was meint er damit?», fragte er rhetorisch. «Er meint, dass der Film erfüllte, was er von einem guten Film erwartet. Ein guter Film führt seine Zuschauer an der Nase herum. Nah genug, um sie nicht zu verlieren und genauso weit entfernt, damit sie zu laufen beginnen. Verstehst du was ich damit meine?» «Die Menschen wollen nicht für dumm verkauft werden und sind durchaus bereit nachzudenken, also zu arbeiten», erwiderte ich. «Sie wollen bloss nicht wissen, dass sie arbeiten», schlossen wir beide wie aus einem Mund.
Pierre lächelte und ich hatte etwas weniger das Gefühl, mich in der Dunkelheit mit einem Verrückten zu befinden. Erneut sassen wir in Stille und das Feuer neben uns war noch das gleiche wie zuvor. «Also, was tun nun Architekten wenn sie einen Schreibtisch in einen Raum zeichnen, der als Studierzimmer gedacht ist?»
* Joël Berger studiert im 7. Semester Architektur an der ETH Zürich.