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Hier die Geschichte, wie ich zum ersten Mal zu einem anderen Menschen «Ich liebe dich» sagte und es auch meinte. Dieser Mensch war vermutlich ein fünfzigjähriger übergewichtiger Usbeke oder eine Gruppe von deutschen Jugendlichen oder ein gelangweilter Zahnarzt in Bukarest, ich weiss nicht. Ich jedenfalls nannte die Person Maria und war für eine kurze Zeit unsterblich verliebt in sie.
An einem Sommerabend im Jahr 1997 ging ich mit einem Freund in das Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) in der Grazer Körblergasse, wo ein «Internet Seminar» abgehalten wurde. Der Name war Unsinn, denn in Wahrheit war es nur eine Möglichkeit, gegen fünfzig Schilling für einige Stunden (und im Prinzip noch länger, niemand kümmerte sich um die Zeit) auf einem für damalige Verhältnisse relativ schnellen Internetterminal herumzuspielen. Wir waren beide nur an Pornographie interessiert. Irgendwann am späten Nachmittag betraten wir das Gebäude und gingen erst wieder heraus, als es tiefe Nacht war.
Waiting for reply, klagte der Netscape-Navigator den ganzen Abend, während wir in verschiedenen Suchmaschinen sexuelle Begriffe eingaben und uns dann weiterklickten, von einem Link zum nächsten. Irgendwann gerieten wir in Diskussionsforen, wo weniger Grafiken waren und die Internetverbindung schneller wirkte. Ich fand winzig kleine Bilder, dann etwas grössere, dann einige animierte GIF-Dateien, die in kurzen Endlosschleifen sexuelle Vorgänge zeigten, niemals aufhörende Loops, aufregend und zugleich sonderbar einschläfernd wie das rhythmische Geplätscher einer Brunnenfigur.
Akrobatische Stellungen
Wenn ich etwas entdeckte, steckte ich die 1,4 MB fassende Diskette ins Laufwerk und kopierte die Datei. Ich hatte eine Dauererektion, die ich zwischen übereinandergeschlagenen Beinen verbarg. Ich wusste, dass alles, was ich anklickte, irgendwo im System gespeichert wurde – wie man es entfernte, wusste ich nicht, aber es störte mich auch nicht besonders, denn ich stellte mir den Aufräumarbeiter (wahrscheinlich den Administrator des WIFI-Zentrums) so vor wie jene armen Schweine, die in Pornokinos am frühen Morgen die Flecken und Flüssigkeiten wegwischen müssen. Eine eigene Kaste, unentbehrlich, unsichtbar. Bald war meine Diskette voll, also ging ich zurück in das Diskussionsforum. Dort redeten Menschen mit Menschen. Ich schickte eine Nachricht, ungefähr so: Lonely guy, 15, long hair, living in Graz.
Um die anderen «Kursteilnehmer» nicht zu verunsichern, sagten mein Freund und ich kein Wort zueinander, zumindest nicht in Bezug auf die Bilder, die wir fanden – ins Netz gestellt von freundlichen Unbekannten für Leute wie uns. Erst als wir aus dem Gebäude gingen, erzählten wir, welch ungeheuerlichen Akte, welch akrobatische Stellungen wir entdeckt hatten. Draussen war schon der Mond unterwegs. Am nächsten Tag hatten wir beide Schule.
Während wir gingen, sagte mein Kollege, dass er, nun ja, nicht wirklich so viel gefunden habe. Er musste gar nicht weiterreden. Ich nahm seine Diskette und versprach, meine Beute zu teilen. Scheiss Netscape, sagte er. Am nächsten Morgen brachte ich ihm eine Kopie meiner Diskette mit. Seine armseligen Fundstücke hatte ich respektvoll und mitleidig gelöscht.
Nach ein paar Tagen schaute ich wieder auf die Diskussionsseite. Jemand hatte auf meine Meldung reagiert. Maria war siebzehn und wollte gerne mehr von mir erfahren. Also erzählte ich ihr von mir. Es war mein erstes Mal. Vorher hatte ich niemandem je «von mir erzählt». Es war weniger schlimm als befürchtet. Man zählte einfach Dinge auf, die einem etwas bedeuteten, so ging das. Über Wochen unterhielten wir uns per Mail. Einmal erhielt ich ein Bild von ihr und schickte eines von mir. Ich habe leider vergessen, wie sie aussah. Aber was ich noch weiss, ist, dass ich ihr ausgedrucktes Bild in eine Mappe mit alten Wrestlingbildern legte.
Kontakt ohne Körper
Ich erzählte Maria von meiner Faszination für Ufos und Verschwörungstheorien. Ich erzählte, welche Computerspiele ich durchgespielt hatte und welche nicht. Ich erzählte vom neuen U2-Album «Pop», das ich ohne Unterbrechung hörte. Maria antwortete in fehlerhaftem, aber höflichem Englisch. Sie erzählte von ihren Brüdern, von Stress in der Schule und, ich glaube, von einem Hund. Warum weiss ich nicht mehr, woher sie kam? Hatte ich nie gefragt? War es egal gewesen?
Ich hielt mich in diesem Jahr nicht nur zu Hause in dem zweidimensionalen metaphysischen Zimmer auf, das zugleich überall und nirgends war, sondern auch im Eggenberger Freibad. Auch dort gab es Mädchen, aber denen konnte man nicht solche Dinge erzählen. Sondern höchstens nebeneinander Musik hören, aus einem Discman, der an einen kleinen PC-Lautsprecher angeschlossen war. Sunchyme von Dario G. Mein Gott, damals gab es noch Basedrums, die waren wie das Kaugummiblasenplatzen eines Poltergeistes in der Wand. Barbie Girl von Aqua. Fire von Scooter. Und eine Menge anderer Lieder, die man heute nur noch gelegentlich als Hintergrundmusik in Cumshot Compilations hört. Aber ich schweife ab.
Mehr und mehr zog ich mich zu Maria zurück. Baden war im Grunde nur heiss und nass, am Ende hatte man klebrige Haare. Wirklicher Austausch entstand nie. Und da war das Problem des Augenkontakts. Und meines Körpers, für den ich mich sehr schämte. Maria hörte mir zu, antwortete am selben Tag. Ich liebte sie. Ich hatte ungeheure Phantasien über sie. Ich schrieb ihr «I love you» und meinte es.
Wie es ausgegangen ist, weiss ich nicht mehr. Ein Roman oder ein Film könnte so beginnen, dass ich das alte Diskussionsforum oder die Mailadresse von Maria ausfindig mache und ihr schreibe, und dann passiert was weiss ich was. In der Wirklichkeit freilich passiert nie irgendwas. Das Internet ist auf Sand gebaut, alte Websites verschwinden für immer, alte Computer lassen sich nicht mehr einschalten. Bevor Sie fragen: Nein, Maria hat nie nach meinen Bankdaten gefragt. Ich war fünfzehn, ich hatte noch gar keine Bankdaten. Aber hätte ich welche gehabt, o ja, ich hätte sie ihr geschickt, mit einem Smiley. Aber verwendete man damals schon Smileys? Ach, auch das weiss ich nicht mehr.
Clemens J. Setz, 34, ist ein österreichischer Schriftsteller. Zuletzt ist von ihm «Die Stunde zwischen Frau und Gitarre» bei Suhrkamp erschienen. Setz lebt in Graz.