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kanwiki
Fundbericht zu den «Kanwiki-Steinen» der Grabung Nienetwil 4-2021
Prof. Dr. Nomis Arbogast
Bei verschiedenen Grabungen, insbesondere aber bei der Umgebungsgrabung zur Temporär-Siedlung Nienetwil 4, wurden Steine (und teilweise Knochenfragmente) ergraben, die jeweils ein Symbol auf einer Seite aufwiesen und besonders in Abschnitt G4/H4 bis F7/G8 gehäuft in Paaren vorkamen.
Es wurde lange darüber gerätselt, welche Bedeutung diese Objekte haben könnten. Waren es Mitteilungen? Übungen? Oder eine Art Memory?
Als die letzten Steine gereinigt, verpackt und verzeichnet waren, suchte ich im glücklicherweise grossen Netzwerk von Angehörigen der Skandaj (zu denen ich ja selbst gehöre) nach jemandem, der etwas darüber wissen könnte.
Es dauerte mehr als ein halbes Jahr, bis ich von der Skandaj reskandi (Alaju für Vorsingerin/Vorsinger) Kejina Aulaeto aus Finnland eine Nachricht bekam. Sie könne sich mit ihren sechsundneunzig Jahren noch gut an ein Spiel erinnern, bei dem solche Knochen und Steine eine wichtige Rolle gespielt hätten.
Der Name des Spiels laute kan·wiggi: oder kanwiki. Der Begriff stammt aus dem Alaju und bedeutet «langer Weg».
Das Spiel ist ein typischer Vertreter der Erinnerungs- und Überlieferungsspiele. Es geht dabei in erster Linie darum, den Mitspielenden einen Weg zu erklären – also zum Beispiel von Tal A nach Tal B. Da es in früheren Zeiten noch keine Karten gab, wurden alle für die Skandaj wichtigen Wege in Geschichten mündlich überliefert.
Laut Kejina Aulaeto wurde kanwiki so gespielt: Ein Kind erkundete einen Weg von vielleicht dreihundert Metern in der Nähe des Lagers. Danach ging es zurück zur Gruppe. Dort angekommen nahm es zehn (oder auch mehr Steine – ältere Kinder, Erwachsene und sehr Gewiefte nahmen manchmal bis zu vierzig Steinen) und malte oder ritzte auf die Rückseite jeweils ein Zeichen, wobei immer zwei Steine dasselbe Zeichen bekamen. Das konnten Schriftzeichen oder Symbole sein. Danach legte es die Hälfte der Steine im Abstand von etwa zehn Schritt mit den Symbolen nach unten auf den Boden, wobei es erstens zuerst der Gruppe die Zeichen zeigte und zweitens den ganzen Weg in einem möglichst kurzen, einfachen und unterhaltsamen Gedicht oder Geschichte beschrieb.
Die anderen aus der Gruppe bekamen die andere Hälfte der Steine und mussten sich die Geschichte gut merken. Wenn die Gruppe an der Reihe war, mussten sie die Steine parallel zu den vorher abgelegten auf den Boden legen, und zwar so, dass die Symbole übereinstimmten. Dazu mussten sie möglichst wortgetreu die Geschichte wiedergeben, die ihnen dabei half, die richtigen Symbole zu nehmen.
Wenn die Gruppe damit fertig war und die Symbole auf den Steinpaaren übereinstimmten, schwärmten alle um das Lager herum aus, um den beschriebenen Weg zu finden. War er gefunden, so wurde oft gehänselt, weil etwas nicht präzise genug beschrieben worden war oder weil man fand, dass dieses oder jenes doch Ähnlichkeit mit diesem oder jenem hatte und es lustig gewesen wäre, das zu erwähnen. Die Geschichte wurde dann nicht selten in der Gruppe umgeschrieben, was für alle ein grosser Spass war.
Sinn des Spiels war natürlich, dass die Kinder einerseits ihr Erinnerungsvermögen auf spielerische Art trainierten und anderseits auch ihre Fantasie benutzten, denn diese ist –gerade um präzise erzählen zu können – stark gefordert. Die Fabulierlust liegt den Skandaj seit jeher im Blut und es war und ist noch immer an jedem Treffen von Skandaj gang und gäbe, dass Erlebnisse (auch die von anderen) in schillernden Farben – oft stark ausgeschmückt und dem, was wir «Seemannsgarn» nennen, nicht unähnlich – zum Besten gegeben werden.
Dabei spielt die Weitergabe des diesen Geschichten innewohnenden Wissens eine grosse Rolle.