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Eine kleine Übung, um den grössten Rohstoffhandelsplatz der Welt zu sehen: am Sonntagnachmittag an dunklen Uhrenläden vorbeigehen, frieren, in eine Bar eintreten, die das Logo einer global tätigen Bank an den Fenstern trägt. Sich wundern, dass der Marmor am Boden und das restliche Dekor so abgegriffen wirken. Ist das schon Shabby Chic? Tourist:innen stürzen sich erschöpft und enttäuscht auf einen Hocker. Ausgerechnet hier und ausgerechnet dann, wenn sie hier ankommen, sind alle Geschäfte geschlossen.
Natürlich sehe ich nichts vom Rohstoffhandelsplatz. Deshalb das Buch auf dem Tresen: «Draussen vergingen die Tage und die Jahre, ohne dass wir Notiz davon nahmen. Auf unsere Art waren wir Sumerer, Babylonier, Gallier, Mandinka, Griechen und Römer. Wir besassen weder Armbanduhr noch Standuhr noch Sanduhr. Eigentlich verliessen wir uns auf den antiken Kalender, den schon unsere Urgrossmütter benutzt hatten. Den Takt unseres ganzen erbärmlichen Daseins bestimmten die Sonne, der Mond, die Trockenzeit, die Strassenschlägereien, der Klebstoff, die Razzien der Polizisten und Finanzinspektoren. Wir besassen unsere eigene Zeitrechnung. Wir rekrutierten die Sonne für unseren Wahnsinn. Manchmal blieben wir die ganze Nacht wach und verpennten den Tag.»
Auch die Finanzinspektoren sind Strassenkinder in Lubumbashi im Osten des Kongo, der zur Zeit des Romans «Tanz der Teufel» noch Zaire heisst. Hier werden Jugendliche vom Geheimdienst rekrutiert oder von der Opposition, oder sie wandern nach Angola aus, um dort Diamanten zu schürfen. Ihre Welt wird durch zwei pulsierende Zentren am Leben gehalten, zwei Tanzschuppen: einer in Angola, wo die Madonna Tshiamuena herrscht und sorgt, ein anderer in Lubumbashi, das «Mambo de la fête». In den Geschichten der Väter lebt noch die Erinnerung fort an die Union Minière, die grosse staatliche Firma, die allen irgendwie Arbeit verschaffte, ein korrupter Klotz, der jetzt bröckelt wie die Diktatur des Mobutu Sese Seko. Zum Wahnwitz dieses Buches gehört, dass sich sein Autor Fiston Mwanza Mujila ein Alter Ego schafft, das Franz Baumgartner heisst. Ein österreichischer Autor versucht, besoffen im «Mambo de la fête» und zu Füssen der Madonna Tshiamuena einen Roman über den Kongo zu schreiben.
In einem Schweizer Finanzdistrikt, an einer Bar, reiht sich der Ausverkauf der Union Minière in die Reihe grosser Plünderungen der neunziger Jahre ein. Auch das Volksvermögen des ehemaligen Jugoslawien und die Staatsbetriebe der ehemaligen Sowjetunion werden von mafiösen Netzwerken aufgeteilt und verscherbelt. Bürgerkriege schaffen ein besonders günstiges Umfeld, um Eigentum radikal neu zu verteilen. Im immer noch lesenswerten Band «Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz» der Erklärung von Bern (Public Eye) ist nachzulesen, wie internationale Firmen mit Sitz in der Schweiz in diesen Umbruchzeiten operierten, um sich Schürfrechte und Minen zu sichern. Zum Beispiel im Kongo. Von Öl und Gas aus Russland will ich für einmal nicht schreiben. Sondern von Hibari Misora, der japanischen Diva, die dem «Mambo de la fête» den Namen lieh, Göttin der Madonna der Apnoetaucher im Diamantenschlamm, und Günter Baby Sommer, auch ein Stern am musikalischen Himmel von Fiston Mwanza Mujila.
Annette Hug ist Autorin in Zürich.