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Darf man bei Minusgraden noch draussen trainieren, wann erwischt einen die Grippe? Pneumologe Thomas Sigrist beantwortet die wichtigsten Fragen zu Sport und Kälte.
Herr Sigrist, im Ausdauersport ist die Atmung zentral. Funktioniert sie im Winter anders als bei sommerlichen Temperaturen?
Im Winter ist die Luft nicht nur kalt, sondern auch trocken. Beim Einatmen von kalter Luft können sich die Bronchien zusammenziehen – dies in der Regel als Folge einer Austrocknung der Schleimhäute durch die trockene Luft. Das kann zu einem Hustenreiz führen und bei Menschen, die krankheitsbedingt bereits belastete Bronchien haben, auch schnell Atemnot provozieren. Nebel kann diese Symptomatik zusätzlich verstärken, denn im Nebel transportieren die kleinen Wassertröpfchen häufig noch kleinste Schmutzpartikel, die eingeatmet werden.
Welche Rolle spielt die Lunge bei der Atmung?
Die Lunge ist dafür verantwortlich, dass die Atemgase Sauerstoff und Kohlendioxid von der Umgebungsluft zu den Lungenbläschen geführt werden und dort ins Blut übertreten. Durch die Durchblutung der Lunge wird das sauerstoffreiche Blut zum Herzen und danach in den grossen Kreislauf zu den Organen geführt. Das Kohlendioxid wird umgekehrt als Abfallstoff vom Körper entfernt. Dies wird auch als Lungenatmung bezeichnet. Im Gegensatz hierzu bezeichnet die Gewebeatmung den Verbrennungsprozess von Kohlenhydraten, Fett beziehungsweise Eiweissen zusammen mit Sauerstoff in den Zellen selbst. Die Gewebeatmung dient der Energiegewinnung.
Was geschieht mit der Luft, wenn wir sie mit einem Herzschlag von über 150 Schlägen pro Minute ein- und ausatmen?
Sinn und Zweck der oberen Atemwege ist vor allem die Reinigung und Befeuchtung der eingeatmeten Luft. Bei rascher Atmung werden diese Funktionen durch die verminderte Kontaktdauer mit der Schleimhaut und durch die im Sport häufig praktizierte reine Mundatmung reduziert.
Sportler leben im Winter mit der ständigen Angst, sich irgendwo zu erkälten. Sowohl Erkältung wie auch Grippe werden durch Viren übertragen. Kann man sich auf einer einsamen Langlaufloipe mit einem Virus anstecken?
Viren existieren praktisch überall, allerdings sind sie in grösseren Menschenansammlungen und in geschlossenen Räumen weit häufiger anzutreffen als in der freien Natur bei tiefen Temperaturen. Beim Ausdauersport im Freien steckt man sich daher während der Anstrengung kaum an, allenfalls aber danach. Bei Mannschafts- oder Indoorsportarten ist das Risiko einer Ansteckung während des Sports grösser, da sich mehr Menschen auf engem Raum befinden.
Was passiert bei einer viralen Infektion im Körper?
Viren werden meistens durch Tröpfcheninfektion eingeatmet oder gelangen über die Hände ins Gesicht und in die Atemwege. Sie vermehren sich in den Zellen der respiratorischen Schleimhaut und führen zu einer Infektion der oberen Atemwege. Durch die mikrobiellen Erreger wird eine Entzündungsreaktion ausgelöst, welche im ganzen Körper zahlreiche und hochkomplexe Abläufe nach sich zieht. Darauf sind die meisten Symptome zurückzuführen, wie beispielsweise das Nasenlaufen, aber auch Schmerzen oder Fieber.
In welcher Zeitspanne nach der Ansteckung treten die Symptome auf?
Sehr unterschiedlich, das kann nach einem Tag sein, aber auch erst nach sieben Tagen. Daher ist die Ansteckungsgefahr am grössten, wenn man mit jemandem in Kontakt ist, der infiziert ist, es aber nicht weiss und noch keine Symptome zeigt.
Wie kann man sich am besten vor einer Infektion schützen?
Möglichst Menschenansammlungen und den direkten Kontakt zu offensichtlich bereits angesteckten Menschen meiden. Sich generell im Winter genug warm anziehen – und ganz wichtig: möglichst oft die Hände waschen, das mindert die Übertragung von Viren oder anderen Mikroorganismen deutlich. Ebenfalls sollte man nicht aus fremden Trinkflaschen trinken und beim Husten darauf achten, dass die Hände beziehungsweise die Ellenbeuge vor den Mund gehalten werden. Erkrankte sollten den Kontakt mit Teamkollegen meiden und umgekehrt. Wichtig ist auch darauf zu achten, dass man ausreichend und erholsam schlafen kann, Stress meidet und genügend trinkt.
Einige weitere Verhaltensmassnahmen zum vermeintlichen Schutz vor einer Erkrankung werden uns von klein auf beigebracht. Beginnen wir mit dem Trocknen der Haare nach dem Schwimmbadbesuch: sinnvoll oder nicht?
Indirekt schon. Lange, nasse Haare begünstigen im Winter eine Auskühlung, und dies erhöht den Stress und damit die Infektanfälligkeit.
Wie steht es mit der Empfehlung, sofort nach dem Sport die verschwitzten Kleider durch trockene zu ersetzen?
Da wird derselbe Mechanismus angesprochen. Sofort die nassen Kleider wechseln verhindert eine Aus- und Unterkühlung, damit auch den Stress gegenüber der Kälte und wirkt so als Schutz vor Infektionen.
Soll man beim Ausdauersport ein Tuch vor den Mund binden, um sich vor der kalten Luft zu schützen?
Das hat keine Evidenz als Schutz vor Erkältungen, ist aber allenfalls zur Befeuchtung der Schleimhaut wirksam. Am besten probiert man es individuell aus.
Und nur durch die Nase einatmen?
Besitzt ebenfalls keinen Einfluss auf eine mögliche Infektion und ist im Ausdauersport wohl kaum praktikabel, da eine reine Nasenatmung aufgrund eines verminderten Atemminutenvolumens leistungsmindernd ist.
Schwitzen oder Nässe im Winter sind allgemein erkältungsfördernd – richtig oder Mythos?
Mythos, wenn eine Unterkühlung vermieden wird.
Ist die Gefahr einer Infektion im Flugzeug erhöht?
Da treffen mehrere Risikofaktoren zusammen: viele Menschen auf engem Raum, trockene, oft auch klimatisierte Luft mit geringerem Sauerstoffgehalt. Wichtig daher, sich warm anzuziehen, genügend zu trinken und direkten Körperkontakt zu meiden.
Gibt es Lebensmittel, die uns vor einer Infektion schützen?
Anzuraten ist eine ausgewogene, abwechslungsreiche Kost, insbesondere Obst, Gemüse, Vitamine und Mineralstoffe.
Welche Rolle spielt die Flüssigkeitszufuhr beim Schutz der Atemwege?
Genügend Flüssigkeit sorgt für eine Befeuchtung der Atemwege und verhindert deren Austrocknung. Viel trinken sorgt zudem dafür, dass genügend Transportflüssigkeit im Herzkreislauf vorhanden ist.
Wie stark werden bei Minustemperaturen in Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Langlaufen die Schleimhäute belastet?
Bei erhöhter Atmung im Winter trocknen die Schleimhäute rascher aus, was zu einer Verengung der Bronchien führen kann und die Leistung schmälert. Besonders ausgeprägt ist dies bei langer sportlicher Aktivität in kalter Umgebung und bei Menschen, die an Asthma leiden.
Bedeutet das, dass man sich bei einem Langlauftraining bei minus 10 Grad nicht komplett verausgaben sollte?
Durch die Austrocknung der Atemwege und eine allfällige Unterkühlung ist das Infektionsrisiko sicher hypothetisch leicht erhöht. Es gibt aber keine Studien, die dies eindeutig belegen. Sportler sollten den gesunden Menschenverstand walten lassen und für sich selber herausfinden, welche Intensität sie im Winter vertragen und welche ihnen Probleme bereitet. Topleistungen mit Maximalbelastung sind auch bei Minusgraden durchaus möglich, ohne Schaden zu nehmen, wie uns beispielsweise Spitzenlangläufer zeigen. Wichtig ist dann eine gute Erholung.
Was ist der Unterschied zwischen einer Erkältung und einer Grippe?
Der Hauptunterschied ist der Erreger, verschiedenste Viren einer Erkältung stehen dem Influenza-Virus der saisonalen Grippe gegenüber. Ebenfalls unterschiedlich ist aber auch die Symptomatik. Die Grippe ist typischerweise mit Fieber, Kopfschmerzen, Muskel-und Gelenkschmerzen, teils auch mit Husten, Schnupfen und Atemwegsbeschwerden vergesellschaftet. Eine gewöhnliche Erkältung hingegen ist häufig nur auf die oberen Atemwege begrenzt. Oft beginnend mit einem trockenen Gefühl im Hals und Schluckbeschwerden. Fieber in leichtem Ausmass kann zwar auch auftreten, typische Symptome sind aber vor allem Schnupfen, eine behinderte Nasenatmung oder Husten.
Spürt man den Unterschied selber oder braucht es den Gang zum Arzt?
Je nach Gesundheitszustand und Intensität der Beschwerden kann es schwierig sein, eine Grippe von einer Erkältung eindeutig zu unterscheiden. Deutliche Hinweise für eine Grippe sind aber die Schwere der Erkrankung mit starker Beeinträchtigung des Allgemeinzustands, hohem Fieber sowie Muskel- und Gelenkschmerzen. Bei einer richtigen Grippe fühlt man sich derart schlapp und reduziert, dass die Lust auf Sport gar nicht vorhanden ist. Eine gewöhnliche Erkältung führt häufig nicht zu einer derartigen Einschränkung des Allgemeinzustands. Bei einer Behandlung der Infektion mit Medikamenten kann der Gang zum Arzt sinnvoll sein. Und je nach sportlicher Situation müssen allfällige Medikamente auf das Dopingreglement abgestimmt sein.
Verändern Medikamente den Verlauf einer Erkältung oder Grippe?
Wenn eine Grippe-Infektion frühzeitig erkannt wird, so kann eine antivirale Therapie die Dauer der Symptome zwischen einem halben und drei Tagen verkürzen. In diesem Falle sollte die Medikation aber innerhalb der ersten 24 Stunden begonnen werden.
Darf man bei einer Erkältung noch sportlich aktiv sein?
Bei einer leichten Erkältung mit Symptomen im Bereich der oberen Atemwege, also ab «Hals aufwärts», ist gegen eine leichte sportliche Tätigkeit nichts einzuwenden, wenn man sich dabei wohl fühlt. Bei Fieber gilt jedoch: Man muss mindestens einen ganzen Tag fieberfrei sein – und zwar ohne fiebersenkende Medikation. Erst dann kann bei guter Hydratation und subjektiv gutem Gefühl eine leichte Aktivität aufgenommen werden. Dasselbe gilt, wenn Antibiotika eingesetzt werden.
Welche Gefahren lauern, wenn man trotz Fieber intensiven Sport treibt?
In der Regel ist der Körper bei Fieber leicht bis erheblich dehydriert. Dies kann bei grosser Anstrengung zu Kreislaufproblemen führen bis hin zu einem Kreislaufkollaps. Ebenfalls kann die Hirnleistung durch Fieber eingeschränkt sein, was die Konzentrationsfähigkeit, die Reaktionsschnelligkeit und auch das Gleichgewicht beeinträchtigen kann. Letzteres insbesondere auch bei Infektionen, die das Innenohr mit beeinträchtigen. Im Extremfall kann als Komplikation einer viralen Infektion auch eine Herzmuskelentzündung auftreten. Die Devise lautet daher ganz klar: kein Sport bei Fieber!
Wie sinnvoll ist eine Grippe-Impfung für Sportler?
Für sportlich aktive Personen wird sie nicht per se explizit empfohlen, aber sie kann in Betracht gezogen werden, wenn man das Risiko für eine Grippeerkrankung aus privaten oder beruflichen Gründen senken möchte.
Im Sport kennt man den Begriff «Anstrengungsasthma». Der Schweizer Langläufer Dario Cologna leidet beispielsweise darunter. Was genau ist das?
Sportler mit Belastungsasthma leiden unter einer akuten Verengung der Atemwege bei körperlicher Anstrengung. Sie besitzen überempfindliche Bronchien, die auf äussere Reize wie Allergene, Schadstoffe oder eben Belastung sensibel reagieren, was sich in der Kälte allenfalls noch verstärken kann. Bei einem Anstrengungsasthma geht ein Anfall meist mit Atemnot und einem akuten Reizhusten einher, der innerhalb einer halben Stunde nach der Anstrengung aber meist wieder abklingt.