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Käfer- und Kammermusikvon Stephan Ruch Eine «wilde Parade» ist Leitmotiv in Benjamin Brittens «Les Illuminations» und auch für den Saisonauftakt «Cocktail Opus 3» der Camerata Bern. In der Dampfzentrale intonieren sie Klänge aus dem Tier- und Pflanzenreich.
Wie können Insekten – Mücken, Bienen, Käfer, Schmetterlinge – mit klanglichen Mitteln charakterisiert werden? Mit dieser Frage haben sich in den letzten Jahrhunderten zahlreiche Komponist*innen beschäftigt. Die Kompositionen, die dabei entstanden, sind so vielfältig wie die Insektenarten in der Natur.
Während sich Streichinstrumente wie die Geige oder das Cello besonders gut für schwirrende und surrende Flugtierchen eignen, entschieden sich manche dafür, Tasteninstrumente mit Insekten zu assoziieren. Der
französische Komponist des Barock, François Couperin, betitelte zum Beispiel ein heiteres Solo für Cembalo mit «Les Papillons». Oder für das Klavier schuf der dänische Komponist Rued Langgaard ein ganzes «Insektarium», in dem er etwa einen gemeinen Ohrwurm, eine Kohlschnake, einen Plattbauch oder einen Trotzkopf lautmalerisch darstellt.
Trouvaillen, Klangminiaturen
Beide Kompositionen – jene von Couperin und Langgaards Klavierzyklus – gibt es am Kammermusikkonzert im Rahmen des Saisoneröffnungsfestes, «Cocktail Opus 3», der Camerata Bern zu hören. Das Programm, das der langjährige Cellist des Kammerorchesters, Martin Merker, unter dem Titel «Insektarium» konzipierte, umfasst eine Reihe von Trouvaillen und Klangminiaturen aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen.
Kontrabass für den Riesenkäfer
Bei seiner Recherche fand Merker allerdings kein Werk für Kontrabass. Damit seine Kollegin, die Kontrabassistin Käthi Steuri, gleichwohl einen Platz im Programm erhält, komponierte er extra für sie ein humoristisches «Klangbild mit Bass». Im Vorfeld der Uraufführung verrät Merker, dass das tiefe Streichinstrument darin einen Riesenkäfer repräsentiere, der erfolglos abzuheben versuche. Daneben möchte der Cellist aber auch auf die ernste Thematik des Insektensterbens aufmerksam machen. Deshalb integrierte er in den Ablauf zwei instrumentale Trauermusiken, das «Requiem für Violine solo» von Igor Loboda und das «Requiem für Cello solo» von Peter Sculthorpe.
Das Kammermusikkonzert ist die vierte und letzte Veranstaltung der zweitägigen Saisoneröffnung, die die Camerata Bern dieses Jahr zum dritten Mal durchführt. Dem Konzept, das die Geigerin Patricia Kopatchinskaja 2019 als «Artistic Partner» initiierte, liegen zwei Intentionen zugrunde: Einerseits will das Kammerorchester die vielen Facetten seines Könnens und Wirkens zeigen, indem es verschiedene Musikstile und Kunstformen zu einem «berauschenden Cocktail» zusammenschüttelt und -rührt. Und andererseits soll die gelassene Atmosphäre in der Dampfzentrale auch persönliche Begegnungen zwischen Musiker*innen und Publikum ermöglichen.
Illuminationen der Grossstadt
Zunächst offeriert aber das erste Konzert, «Les Illuminations», klangliche Begegnungen mit den drei Komponisten Henri Purcell, Benjamin Britten und David Philip Hefti. Neben je zwei Vokalkompositionen von Purcell und Hefti interpretiert die kanadische Sopranistin Layla Claire zusammen mit dem Streichensemble und unter der Leitung der Geigerin Meesun Hong Coleman vier Lieder aus Brittens Zyklus «Les Illuminations» op. 18. Das relativ frühe Werk des britischen Komponisten aus dem Jahr 1939 ist eine Vertonung von rätselhaften Gedichten von Arthur Rimbaud, welche das vibrierende Leben in einer Grossstadt mystifizieren. Das Leitmotiv der Komposition ist die Zeile: «Ich alleine besitze den Schlüssel zu dieser wilden Parade.»
Danach findet dann das Late-Night-Konzert «Nachtviolen» statt. Nach zwei Kompositionen für Violen und Franz Schuberts Ode an die Blume, «Nachtviolen», gesellt sich zum Hörgenuss auch ein Augenschmaus: Zu Samuel Barbers «Adagio for Strings» tanzen Sophie Vergères und Marioenrico d’Angelo eine neue Choreografie, welche Berührung und Zärtlichkeit thematisiert. Cathy Marston, die ehemalige Ballettdirektorin von Konzert Theater Bern (2007-2013) und designierte Direktorin und Choreografin für das Ballett am Zürcher Opernhaus, zeichnet dafür verantwortlich.
Den festlichen Reigen der Camerata Bern ergänzt schliesslich noch das interaktive Familienkonzert «Die verlorene Insel», an dem Kinder auf einen Cembalo spielenden Eisbären treffen und dem kleinen Felix helfen, musikalische Rätsel und Aufgaben zu lösen.