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LuhmannGG1109
XXI. Der “unmarked state” des Beobachters und seine Verschiebungen
Die Darstellungen der vorangegangenen Abschnitte haben die Selbstbeschreibungen der Gesellschaft als historische Semantik behandelt und sie bis an die Gegenwart herangeführt. Aber natürlich waren diese Semantiken nicht für sich selbst „Semantiken“ gewesen, sondern man hatte geglaubt, das beschreiben zu können, was der Fall ist oder doch sein sollte. Die von Zeit zu Zeit aufkommende Einsicht, dass es sich um Beschreibungen handele, die unangemessen geworden waren (zum Beispiel die Unterscheidung von Helenen und Barbaren im Zeitalter des Hellenismus), führte nur zu einer Verschiebung des blinden Flecks, in dem der Beobachter sich selbst verborgen hält.
Noch heute werden Berichte der Massenmedien so abgefasst, als ob sie Tatsachen wiedergeben, und das was sich daraus als Gesellschaftsdarstellung zusammengefügt, gilt uns folglich als Tatsachenmosaik. Wenn Selektivität reflektiert wird, dann so, das man weiß, dass auch andere Tatsachen hätten berichtet werden können.
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Aber all dies trifft nicht zu; trifft zumindest nicht so zu, wie es gemeint ist. Wir haben am Beginn dieses Kapitels bereits darauf hingewiesen, dass Beschreibungen Beobachtungen sind, die sich als unterscheidende Bezeichnungen aktualisieren müssen. Das aber hat den Doppeleffekt, dass die Welt als unmarked space konstituiert wird und dass die Operation des Beobachtens (und mit ihr der Beobachter selbst im Vollzug seiner Operation) unbeobachtbar bleibt.
Es gibt in allen gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen mithin zwei Blindheiten, die miteinander korrespondieren: die alle Unterscheidungen transzendierende Welteinheit und der jeweils fungierende Beobachter.
Wenn wir von historischer Semantik sprechen, dann ist dies vorausgesetzt. Wir können deshalb fragen (und könnten unser Material nochmals durchgehen mit der Frage), wie die Semantik denn das Absichern ihrer Immanenz und das Verdecken ihrer Transzendenz vollziehen. Oder: welche Mystifikationen eingebaut sind, damit man nicht sieht, dass man nicht sieht, was man nicht sieht.
Wir können diese zweite Analyse hier nicht durchführen. Es ist klar, dass sie, was Welt betrifft, auf religiöse Grundlagen führen würde, und, was den Beobachter betrifft, auch auf die Axiome der zweiwertigen Logik, deren Evidenz ihre Setzung als Instrument der Beobachtung und damit den Beobachter verdeckt.
Es ist klar, dass dies zu einer Kritik der Tradition bestimmenden (sogar ihre Kritik bestimmenden) ontologischen Metaphysik im Hinblick auf ihre „Unterlassungen“ führen würde - zu einer Aufgabe, derer sich heute vor allem Jacques Derrida angenommen hat. Auch für die Darstellung der Gesellschaft durch die Massenmedien würde gelten, dass die bekannte unsichtbare Selektion der Tatsachen und Meinungen verdeckt, dass die Welt nicht nur ein „Undsoweiter“ von noch mehr Tatsachen und noch mehr Meinungen ist, sondern, wie Theologen von Gott sagen würden: etwas ganz anderes.
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Ein aktuelles Beispiel mag genügen, um diesen Punkt zu verdeutlichen. Wir wählen die ökologischen Probleme als zunehmend beachtete Folie der Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft.
Allgemein wird angenommen, dass die moderne Gesellschaft mehr als irgendeine ihrer Vorgängerinnen irreversibele Veränderungen in ihrer Umwelt erzeugt. Das wird vor allem auf die moderne Technik zurückgeführt, aber auch auf die am Markt und nur am Markt orientierte industrielle Produktion und nicht zuletzt auf demographische Veränderungen auf die Ermöglichung längerer Lebenszeiten für immer mehr Menschen. Dies ist eine (selbstverständlich hochselektive) Beschreibung der Gesellschaft im ökologischen Kontext, was vor allem heißt: in ihrer Angewiesenheit auf das Lebewesen Mensch.
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Zwei Aspekte dieser Beschreibung sind in unserer Perspektive bemerkenswert. Das Wissen über ökologische Zusammenhänge nimmt dank forcierter naturwissenschaftlicher Erkenntnisse rapide zu. Mehr als jede Gesellschaft zuvor sind wir in dieser Hinsicht komplexitätbewusst.
Mehr als für jede andere Gesellschaft liegen auch Erfolg versprechende Forschungsmöglichkeiten bereit.
Zugleich steigt aber damit auch das Nichtwissen, und zwar überproportional. Mathematik und Simulationstechnik werden dem angepasst - nur um Unprognistizierbarkeiten zu bestätigen. Die Gesellschaft kann sich bei steigendem Wissen (und nicht obwohl, sondern weil ihr Wissen zunimmt) nicht mehr über Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und Umweltveränderungen informieren. Weder die alten Naturgesetze noch die Erfahrungen mit Technik helfen. Es geht nicht um strikt, sondern um lose gekoppelte Sachverhalte, die sich aber sprunghaft verändern könne. Was früher als wohlgeordneter „kosmos“ erschien, wird heute als Bereich möglicher Katastrophen dargestellt - das eine und das andere eine Form, den unmarked space plakativ zu verdecken.
Ein Beobachter, der solche Beschreibungen vorträgt, sieht sich selbst als Warner, ohne aber diese Rolle reflektieren zu können. Er bleibt bei einer zweiwertigen Logik: die Gesellschaft wird sich selbst auslöschen, wenn sie sich nicht radikal ändert. Entweder/oder.
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Die Thematisierung der Gesellschaft unter dem Gesichtpunkt selbstindizierter ökologischer Probleme verdeckte mithin eine Differenz, die sich anderenfalls aufbringen würde, nämlich die vom Kommunikationssystem auf der einen und organischen beziehungsweise psychischen Systemen auf der anderen Seite. Es ist nicht mehr nur das Problem weiterer Entwicklung und weiteren Wachstum, das in erster Linie Sorge bereitet. Auch die ökologische Gesellschaftsbeschreibung steht unter dem Zeichen der Sorge.
Gerade dies höchst moderne Gemisch von Wissen und Aufregung vermag unsere These der doppelten Invisibilisierung belegen. Im unmarked space dessen, was nur mit fiktiven „Scenarios“ und mit Interessen bedingten Annahmen über wahrscheinliches und unwahrscheinliches beschrieben werden kann, etabliert sich eine Gesellschaftsbeschreibung, die darauf mit Selbstinvisibilisierung reagiert. Die Zweiwertigkeit ihrer Kodierung, sei sie logisch, sei sie moralisch, sei sie in den Prognosen bifurkativ, verdeckt die Einheit der eigenen Position. Und dies ist weder ein Vorwurf noch eine Äußerung zur Sache selbst, um die es hier geht. Sondern behauptet werden nur: es ist anders gar nicht möglich. Denn Beobachten ist unterscheidendes Bezeichnen.
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Zum Glück ist diese unvermeidliche Invisibilität der Welt und des jeweils operierenden Beobachters keine ontologisches Faktum. Es handelt sich nicht um eine Eigenschaft bestimmter Dinge oder Dinggesamtheiten. Das Problem liegt jeweils im Rücken, und es lässt sich verschieben, wenn sich Beobachter finden, die andere Beobachter beobachten.
Die Verschiebung kann auf der Zeitdimension und auf der Sozialdimension erfolgen. Man sieht später, dass bei früheren Beobachtungen ausgeblendet war, oder andere sehen es. Auch für die Beobachtung zweiter Ordnung gilt natürlich, dass für jede Beobachtung gilt. Aber eben deshalb kann es auch hier wieder zu Verschiebungen, displacements, différance kommen.
Das Problem liegt also eher in der gesellschaftlichen Institutionalisierung der Praxis des Beobachtens zweiter Ordnung. Dass dies in der modernen Gesellschaft üblich geworden ist, lässt sich vielfältig und vor allem für die verschiedensten Funktionssysteme belegen. Es bleibt nur zu erkennen, dass hier eine Alternative zum metaphysischen Letztbegründungen - schon etabliert ist.
Boe: Selbstbeobachtung der Welt - vgl LuhmannGG871 - LoF 105
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der modernen Weltdarstellung, dass man die Frage stellt, wie die Welt sich selbst beobachten könne.
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In der christlichen Weltdarstellung war eine solche Frage blockiert gewesen durch die Annahme, ob Beobachter die Welt. Dann kam es nur darauf an, in aller Bescheidenheit (und ohne teuflische Gelüste) zu beobachten, wie Gott die Welt beobachtet, um daraus Schlüsse für das eigene Verhalten zu ziehen.
Zunehmende Komplexität wurde mit semantischer Varietät aufgefangen, mit einer Unterscheidung der Wesen mit Differenzierungen nach oben und unten und mit Vorstellungen einer natürlichen Ordnung, die nicht ausschlossen, dass etwas gegen die Ordnung oder außerhalb der Ordnung sich ereignen könne. Aber Verstöße konnten dann immer noch als Bestätigung der akzeptierten Unterscheidungen gelesen werden. Das galt bis weit in die frühe Neuzeit hinein. Die Reflexion der Kontingenz blieb ein Reservat der Theologie und gewann dadurch eines gesellschaftlich und schädliche Form. Die Möglichkeiten der Beobachtung zweiter Ordnung, die über normale Personenkenntnisse hinausgehen, blieben den Gottesbeobachtern vorbehalten.
1114 Mit dem Zurücktreten der religiösen Weltsetzung war die Frage, wie die Welt in der Welt beobachtet werden könne, also wie die Welt sich selbst beobachte, freigegeben.
Damit kam diese Aufgabe auf den Menschen zu, der sich daraufhin „Subjekt“ nannte, um seiner Weltbeobachtung trotz aller empirischen Verschiedenheiten der Menschen Selbstgewissheit und Einheitlichkeit zu garantieren. Fast unvermeidlich tendierte dieser Denkfigur dazu, für das Subjekt einen „transzendentalen“, wenn nicht „extramundanen“ Standpunkt zu reklamieren. Das konnte jedoch nicht befriedigen. Wir müssen deshalb zu der radikaleren (weil paradoxieträchtigen) Frage zurückkehren, wie die Welt sich selbst beobachten könne.
Und für den soziologischen Blick ist klar, dass dieses Frageschema zugleich als Vorlage dienen kann für die Frage, wie die Gesellschaft sich selber beobachten könne.
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Für die Physik dieses Jahrhunderts ist klar, dass die Selbstbeobachtung der Welt auf physikalische Instrumente, darunter lebende Physiker, angewiesen ist, die die Operation der Selbstbeobachtung erst ermöglichen - und zugleich irritieren. Diese Erfahrung - man kann es so nennen - bestätigt und überbietet alles, was die Subjektphilosophie und die Sprachphilosophie ins Auge gefasst hatten. Als von der Selbstbeschreibungen erfordert sie Mathematik, die sich dieser Aufgabe anpassen muss.
Als Form der Reflexion erfordert sie ein Beobachten des Beobachtens, ein Beobachten zweiter Ordnung.
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Bei allen Schwierigkeiten und bei allen, bei weitem nicht ausgeschöpften Möglichkeiten der Korrektur müssen wir mit der Gesellschaft zurechtkommen, die als Resultat von Evolution entstanden ist. Und selbst der Utopiebedarf ist noch dieser Gesellschaft zuzurechnen.
Die Beobachtung solcher Sachlagen erfordert eine Position dritter Ordnung, die sich jedoch nicht prinzipiell (sondern nur in ihrer Reflektiertheit) von einer Position des Beobachtens zweiter Ordnung unterscheiden.
Boe: Wie beschreibe ich die "Reflektiertheit" von
Beobachtung 0., 1., 2., 3. Ordnung?
Batesons Lernen I, Lernen II, Lernen III ?
Wie haben lebende Systeme (Organismen) das Lernen gelernt? das "Reflektieren"?, das Denken des Denkens?
Niklas LuhmannGG1122
Niklas Luhmann