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Objektsexuelle oder Objektophile verlieben sich in Dinge. Und das nicht einmal besonders verrückt.
Als Erika 14 war, verabredeten sich ihre Freundinnen mit Jungs, Erika verabredete sich mit einer Brücke. Sie war verknallt in die Brücke. Ihre Eltern bestraften sie dafür, und Erika lebte ihre Liebe zu ihrer ersten Brücke und vielen weiteren im Geheimen aus. Weil sie die Konstruktion von Metallbrücken überaus erotisch fand, verliebte sie sich überdies in Kräne. Die Kräne erinnerten sie an Brücken.
Und dann traf sie den Eiffelturm. Und die Liebe schlug ein wie der Blitz. Sie schaute sich den Turm an, der aussieht wie eine Mischung zwischen Brücke und Kran, ihre Beine gaben nach, denn sie fühlte, dass der Turm «eine tiefe Sehnsucht nach Liebe» hatte. Es war um Erika geschehn. «Erst als ich ihn inmitten riesiger Menschenmengen sah, wusste ich, wie einsam und leer er sich fühlte. Er rief nach Hilfe, ich hörte ihn und war zu ihm hingezogen.»
Die starke Erika, von Beruf dreifache Weltrekordhalterin im Bogenschiessen mit einer äusserst leidenschaftlichen Beziehung zu ihrem Bogen namens Lance, eilte dem einsamen Turm zu Hilfe. 2007 «heirateten» die beiden. Sie waren glücklich. Bis Erika den Turm mit einer Brücke betrog.
Erika war früher auch schon mal in die Berliner Mauer verliebt gewesen. Aber die Berliner Mauer war schon mit der Schwedin Eija-Riitta Eklöf – genauer Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer – verheiratet. Und auch der deutsche Oliver Arndt hätte gern «-Berliner-Mauer» hinter seinen Namen gehängt. Aber er hatte ja schon seine Lokomotive namens «Sahneschnittchen».
Eija-Riitta liebt auch noch einen hübschen roten Zaun, den sie zum Maskottchen aller Objektsexuellen oder Objektophilen gemacht hat. Also all der Menschen, die wie sie, Erika und Arndt nicht Menschen, sondern Dinge lieben. Menschen wie die Holländerin Eva, die in Buchstaben und Worte verliebt ist. Nicht in Worte, die nur aus Grossbuchstaben bestehen, sondern in jene, die mit einem Grossbuchstaben beginnen und mit kleinen Buchstaben weitergehen. Am meisten liebt sie russische oder polnische Worte. Und der Deutsche Sandro K., der vor 2001 eine mit den Twin Towers liierte Frau war, steht jetzt auf Kühltürme von Atomkraftwerken.
Ein Ding, sagen die Menschen, denen Dinge lieber sind, besitze eine Körperlichkeit und eine Identität, eine Seele und auch eine Kommunikationsfähigkeit. Und das ist nun gar nicht so abwegig. Wir müssen uns dabei nur an unsere eigene verrückte Liebe zum ersten Stofftier erinnern. An die gebrochenen Kinderherzen, wenn es irgendwo vergessen ging, wenn es entsorgt werden musste, weil es vor lauter Liebe nur noch aus ein paar Fetzen bestand.
Oder das Haus, in dem wir wohnen, die Geborgenheit, das Wohlbefinden, die wir dort empfinden. Und das Glück, sich abends ins eigene Bett legen zu können, die Zärtlichkeit für die letzte von der geliebten Grossmutter geerbte Blümchentasse beim ersten Kaffee am Morgen.
Man kann sich das also vorstellen. Und wie ist es jetzt mit der Sexualität? Darüber geben die Objektsexuellen nicht so gerne Auskunft. Davon, dass Intimität Privatsache sei, ist auf ihren Foren zu lesen. Überhaupt ist für die Objektsexuellen vieles Privatsachen, sie seien, sagen alle ausser Erika, eher scheue, zurückhaltende Menschen. Die sich von den Dingen, die sie lieben, auch gerne noch ganz viele Modelle bauen. Die wenigsten lieben wie Erika ein öffentliches Objekt, es sei zu anstrengend, immer mit den Massen umzugehen, die so ein Objekt auch noch begehren.
Unglücklich machen sie bloss die immer gleichen Fragen nach den Gründen. Ja, einige von ihnen sind Missbrauchsopfer, einige nicht. Ja, einige wissen nicht, ob sie Mann, Frau oder etwas dazwischen sind, einige wissen es ganz genau. Ja, einige von ihnen leiden unter dem Asperger-Syndrom, andere nicht. Und während der klassische Fetischist das Objekt seiner Erregung – einen Fuss, einen Latexstiefel – nach vollzogener Befriedigung vergisst, denken sie Tag und Nacht an ihre Mauer, ihren Turm, ihren Zaun.
Es scheint eine liebenswerte Heiterkeit und Selbstironie über den scheuen Liebenden zu liegen. Und vielleicht wäre die Welt ja ein winziges bisschen besser, wenn wir uns ein Stück ihrer rührenden Umsicht und Sorgfalt zu eigen machen würden.