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Wir haben besondere moralische Bindungen zu den Mitgliedern unserer Familie, insbesondere zu unseren Eltern, Geschwistern und Kindern. Diese moralischen Bindungen zeigen sich zum einen in moralischen Pflichten, die man gegenüber Familienmitgliedern, nicht aber gegenüber Fremden hat. Zum Beispiel haben Eltern die Pflicht, sich in angemessener Weise um ihre Kinder zu kümmern und sie zu erziehen, aber sie haben diese Pflicht natürlich nicht gegenüber den Kindern anderer Eltern. Zum anderen zeigen sich die moralischen Bindungen innerhalb von Familien auch in Autoritätsverhältnissen: Eltern können ihren Kindern Pflichten auferlegen, zum Beispiel wenn eine Mutter oder ein Vater dem 15-jährigen Sohn sagt, dass er ein Paket bei der Post abholen oder um 22 Uhr zu Hause sein soll. Diese Kraft, Pflichten zu erzeugen, haben sie gegenüber dem Sohn, aber nicht gegenüber anderen Jugendlichen.
Dass es solche moralischen Bindungen innerhalb von Familien gibt, ist eine sehr tief in unserem alltäglichen Denken und Handeln verankerte Überzeugung, die keiner tieferen Begründung zu bedürfen scheint. Es ist keine Überzeugung, die wir aufgeben würden, wenn eine bestimmte ethische Theorie sie für falsch erklärt. Vielmehr kann sie als Test für die Akzeptabilität von ethischen Theorien fungieren: Wenn eine ethische Theorie impliziert, dass es keine besonderen moralischen Bindungen in Familien gibt, dann muss die ethische Theorie falsch sein.
Wenn die Annahme moralischer Bindungen innerhalb von Familien so basal ist, dass wir keine ethische Theorie benötigen, um sie zu erklären, dann liegt es nahe, Autoritätsverhältnisse im Staat ähnlich zu behandeln wie Autoritätsverhältnisse in der Familie – und so das alte Problem der Rechtfertigung politischer Autorität einer einfachen Lösung zuzuführen. Seit Jahrhunderten streiten Philosophen darüber, wie der Staat zu der Autorität gelangen kann, Bürgern Gesetze auferlegen und sie mit Zwangsgewalt durchsetzen zu dürfen, aber keine Theorie konnte sich durchsetzen.
Vielleicht sollte man deswegen einfach die Autorität des Staates als ebenso basal akzeptieren wie die Autorität von Eltern. So wie es besondere Bindungen innerhalb von Familien gibt, so gibt es eben auch besondere Bindungen innerhalb von staatlichen Gemeinschaften; und so wie diese Bindungen sich in Familien unter anderem in Autoritätsverhältnissen zeigen, so tun sie es eben auch in staatlichen Gemeinschaften. Eltern können selbstverständlich ihren Kindern Pflichten auferlegen, und ebenso selbstverständlich kann der Staat – bzw. die Personen, die verschiedene Funktionen im Staat einnehmen – uns durch seine Gesetzgebung Pflichten auferlegen. Beides braucht keine tiefere Begründung, sondern kann vielmehr als Prüfstein für die Akzeptabilität ethischer oder politischer Theorien gelten: Wenn eine Theorie mit der Autorität des Staates nicht kompatibel ist, dann muss sie falsch sein.
Doch so attraktiv diese Strategie auf den ersten Blick erscheinen mag, sie ist leider nicht überzeugend. Der Grund ist, dass die Existenz besonderer moralischer Bindungen in staatlichen Gemeinschaften deutlich zweifelhafter ist als die Existenz besonderer moralischer Bindungen in Familien. So ist ein Kosmopolit, der der Auffassung ist, dass er genau dieselben Bindungen zu Menschen überall auf der Welt hat, nicht unbedingt moralisch fragwürdig. Manche werden ihn vielmehr für besonders fortschrittlich und aufgeklärt halten. Jemand, der leugnet, dass er besondere Bindungen zu seinen Eltern oder Kindern hat, scheint dagegen einen klarerweise falsch eingestellten moralischen Kompass zu haben (zumindest wenn nicht besondere Vorkommnisse das Verhältnis zu den Eltern oder Kindern zerrüttet haben).
Nicht nur die grundsätzliche Existenz moralischer Bindungen in staatlichen Gemeinschaften ist zweifelhafter als die Existenz moralischer Bindungen in Familien, insbesondere Autoritätsverhältnisse sind in Staaten problematischer. Der Grund ist, dass die Autorität, die Eltern gegenüber ihren Kindern haben, eine Autorität zwischen Ungleichen ist, während die Autorität in Staaten eine Autorität zwischen Gleichen ist. Erwachsene haben „von Natur“ die gleichen Rechte, Autoritätsverhältnisse schaffen dagegen eine Ungleichverteilung von Rechten. Autoritätsverhältnisse zwischen Gleichen bedürfen deswegen einer Erklärung und können nicht einfach als basal angenommen werden. Das Problem politischer Autorität ist somit nicht zu umschiffen, indem man eine Parallele zwischen Familien und staatlichen Gemeinschaften zu ziehen versucht.