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Im Westen Kanadas befinden sich nicht nur die majestätischen Rocky Mountains, sondern auch die grössten weltweiten Vorkommen an Ölsand. Dieses Gemisch aus Quarzen und Erdöl, auch Teersand genannt, macht den nordamerikanischen Staat zum Wächter über die zweitgrössten Erdölreserven der Erde. Diese liegen jedoch nicht in flüssiger Form vor, sondern sind im Sand eingebunden und liegen tief im Boden. Das macht die Förderung dieser Ölreserven zur Umweltkatastrophe. Riesige Flächen an borealen Nadelwäldern und Mooren werden umgegraben und damit zerstört. Um das Öl aus dem Sand und Lehm auszuwaschen, ist enorm viel Energie notwendig, und der Wasserverbrauch und die anfallenden Mengen hochgiftiger Abwässer sind hoch. Ausserdem sind die Treibhausgasbelastungen bei der Ölsandförderung rund 50% höher ist als bei der konventionellen Ölgewinnung.
Nur durch den hohen Ölpreis wird diese Art der Ölgewinnung lohnenswert. Trotz der schlechten Ökobilanz und den dramatischen Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem unterstützt die kanadische Regierung die internationalen Ölkonzerne. Das, obwohl Mensch und Tier massiv unter der rücksichtslosen Ausbeutung des Landes leiden.
Vorkommen und Gewinnung
Ölsandlagerstätten gibt es weltweit, die größten befinden in der kanadischen Provinz Alberta und in Venezuela. Es wird angenommen, dass die Ölsandvorräte rund zwei Drittel der weltweiten Erdöl-Reserven ausmachen. Bei den Athabasca-Ölsand-Vorkommen gelten etwa 169 Milliarden Barrel und im Orinoco-Schwerölgürtel in Venezuela sogar 298 Milliarden Barrel als wirtschaftlich gewinnbar (Stand 2013). Auch in den USA, Saudi-Arabien und im Norden Deutschlands in der Lüneburger Heide gibt es Lagerstätten.
Der Abbau von Ölsand erfolgt bis zu einer Tiefe von 75 Metern im Tagebau. Tiefergelegene Vorkommen werden mit der sogenannten In-Situ-Methode, bei der in die Lagerstätte Wasserdampf injiziert wird, gewonnen. Für die Ölgewinnung aus dem Tagebau muss der Sand zunächst zerkleinert werden. Danach wird das Öl mit einer ätzenden Lauge ausgewaschen. Um einen Liter Öl zu produzieren, werden 3-5 Liter Wasser verseucht. Das Abwasser, eine hochgiftige Flüssigkeit, wird dann in Seen gelagert, die mit Dämmen vom Fluss getrennt sind. Dennoch sickert die Giftbrühe ins Grundwasser und gelangt auch in den Fluss. Täglich werden Unmengen an Abwasser produziert, bis zu 12 Millionen Liter pro Tag! Sollten die Dämme brechen, gehen Umweltaktivisten davon aus, dass die Umweltzerstörung hundertmal schlimmer sein könnte als nach einem grossen Tankerunglück.
Die eingesetzten Bagger und Laster sind haushoch und bis zu 400 Tonnen schwer. (Quelle: Jule Seifert)
Katastrophale Konsequenzen
Doch schon ohne einen verehrenden Dammbruch hat die massive Umweltzerstörung unüberschaubare Konsequenzen für die ganze Region. Wo einst noch dichter Wald stand, gleicht das Land nach den Eingriffen der internationalen Ölkonzerne einer Mondlandschaft. Riesige Flächen an Lebensraum werden systematisch für das “schwarze Gold” umgegraben und zerstört. Waldgebiete so gross wie England müssen der Förderung des Ölsands weichen. Nicht nur die gefährdeten Rentiere verlieren ihren Lebensraum, auch der Mensch büsst mit der Rodung des borealen Waldes ein Stück des letzten intakten Urwalds der Erde ein. Die schweren Verunreinigungen des Athabasca Rivers mit Kadmium, Arsen und Quecksilber – um nur einige der Gifte zu nennen – töten Wasservögel und sind verantwortlich für einen Anstieg der Genmutationen bei den Fischen. Auch die Folgen fürs Klima sind bedenklich: Die Ölsandindustrie verursacht extrem hohe Treibhausgasemissionen und macht Kanada zu einem der grössten CO2-Emittenten der Welt. Nicht nur in der Produktion selbst, auch durch die Zerstörung der Moore werden grosse Mengen CO2 an die Atmosphäre abgeben.
Da sich flussabwärts vor allem die Gebiete der First Nations befinden, sind die Indigenen Nordamerikas am härtesten von den Umweltbelastungen betroffen. Ganze Dörfer werden dem Erdboden gleich gemacht, das verseuchte Flusswasser, das früher als Trinkwasser diente, und der Fisch, der früher ein wichtiger Nahrungslieferant war, sind nun gesundheitsschädlich. Die First Nations sehen sich einmal mehr ihrer Lebensgrundlage beraubt, und auch die Krebsrate der Bevölkerung ist seit dem Beginn der Sandölforderung explosionsartig gestiegen. Tragischerweise bleibt vielen als einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, nur eine Anstellung bei genau dieser Industrie.
Die Umweltzerstörung ist gigantisch, der Klimawandel wird noch mehr angeheizt, die Existenzgrundlage vieler Menschen ist zerstört. Die kanadische Regierung unterstützt diesen Wirtschaftszweig und ist somit, zusammen mit den grossen internationalen Energiekonzernen, die alle Claims in Alberta besitzen, für diese Umweltverbrechen mitverantwortlich. Ölsand sei eine strategische Ressource, die die Sicherstellung von Energie und Wohlstand des Landes gewährleistet, so die Regierung. Die Aussicht, dass ein Drittel der Provinz Alberta zu Ödland verkommt und auch die Klimaziele mit dieser Art der Erdölgewinnung auf keinen Fall eingehalten werden können, scheint in dieser Strategie keine Rolle zu spielen.