Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/741

Die ChatGPT-App funktioniert wie eine kleine Wundertüte: Man gibt eine Anweisung (Prompt) ein und erhält geschliffen formulierte Informationen, die man selbst in so kurzer Zeit kaum hätte formulieren können. So habe ich denn dieser Wundertüte ein Word-Dokument mit meinem Lebenslauf mit der Bitte anvertraut, mir daraus ein zusammenfassendes Exposé zu basteln. Der Output war fantastisch. Man hätte meinen können, ChatGPT hätte einen Grundkurs in positiver Psychologie besucht. Die stärkenorientierte Zusammenfassung schlug meine eigenen Selbstanpreisungsfähigkeiten um Längen. Ich beschloss, meinem Lebenslauf – sollte ich ihn irgendwann einmal wieder zum Einsatz bringen müssen – eine poetischere Note zu geben. Bei näherem Studium des Elaborats musste ich allerdings auch feststellen, dass ChatGPT einige Fakten, Zeiten und Schwerpunkte der beruflichen Erfahrung durcheinandergewirbelt hatte.
Neuer Versuch: Ausgewogenheit anfordern
Die neue Anweisung lautete wie folgt: «Fasse den Lebenslauf auf 1200 Zeichen zusammen und stelle dabei die Stärken und Schwächen der Verfasserin dar.» Die nun folgende Auswertung der Stärken und Schwächen war durchaus analytisch und gab erste Hinweise auf mögliche Interviewfragen. Deutlich wurde aber auch: Es fehlt Kontext. Wenn die KI nicht weiss, für welche Position dieser Lebenslauf eine Qualifikation ausweisen soll, muss eine Stärken-Schwächen-Analyse oberflächlich bleiben.
Nächster Versuch – Kontext geben
Der nächste Prompt sollte noch stärker in die Analyse des Lebenslaufs reichen. Die Formulierung lautete: «Was sind die wichtigsten Fragen, die der Bewerberin für die Stelle der COO in einem medizinischen Fachverlag, der international aufgestellt ist und ca. 1000 Mitarbeitende beschäftigt und hauptsächlich wissenschaftliche Publikationen vertreibt, gestellt werden können?» Im Ergebnis wurde ein Fragenkatalog geliefert, der gezielt spezifische Erfahrungen der Bewerberin, ihre Einschätzung des Wettbewerbsumfelds, der Zukunftsvisionen, Wissen über Regulatorien im Wissenschafts-Publishing und Erfahrungen mit Arbeitsweisen in verteilten Umfeldern adressierte. Wollte ich mich auf diesen Job bewerben, wäre dies eine perfekte Vorbereitungsübung. Auch im Recruiting hat diese Vorgehensweise zur Vorbereitung eines Bewerbungsinterviews ihren Charme, allerdings gibt es datenschutzrechtliche Bedenken, siehe dazu Kasten «ChatGPT & Co. und Datenschutz». Eine automatisierte Schnellanalyse kann jedoch auch den Blick auf wertvolle Details verstellen – dessen sollte man sich im Recruiting ebenfalls bewusst sein.
Während der erste Versuch zwar schön für das Gemüt war, aber wenig Ergebnis im Hinblick auf eine analytische Aufarbeitung der Informationen brachte, zeigt dieser letztgenannte Prompt, worauf es im Umgang mit ChatGPT ankommt: Spezifität, Kontext, Zielgruppen (Tipps zu Prompts siehe Kasten «Präzisierung von Prompts»).
Tipp:
Stellen Sie sich für spezifische Aufgaben eine Prompt-Sammlung zusammen, um herauszufinden und zu katalogisieren, welche Formulierungen für Ihre jeweiligen Zwecke am besten geeignet sind.
Präzisierung von Prompts
Vorausgeschickt werden muss eine Mahnung: Auch noch so präzise Anweisungen können nicht verhindern, dass der Chatbot falsche Antworten untermischt. Dies kann Quellenangaben, falsche Zitate, falsche Zeitangaben, falsche Vorannahmen darüber, was sich hinter einem Begriff wie einer Job-Bezeichnung verbirgt oder welche Ausbildung üblicherweise zugrundegelegt wird, und vieles mehr umfassen. Fordert man Humor, lässt ChatGPT keine Fettnäpfchen aus. Tipp: Überprüfen Sie immer alle Faktenaussagen, die ChatGPT generiert.
In der ChatGPT-App trennt ein Doppelpunkt die Anweisung von der Aufgabe, auf die sich die Anweisung bezieht, also von dem Text oder dem Link («Anweisung: Text oder Link oder Datei»).
Für die Formulierung von Anweisungen gilt vor allem, dass sie möglichst präzise sein sollten, um adäquate Ergebnisse zu erhalten – wobei es auch Fälle gibt, in denen ChatGPT an Grenzen der Spezialisierung stösst. Solche Präzisierungen umfassen:
- Beschreibung der Textart, zum Beispiel: «Wandle die folgende Stellenbeschreibung in einen motivierenden LinkedIn-Post um», «Schreibe auf Grundlage der Informationen unter dem folgenden Link eine Rede zu Weihnachten», «Schreibe einen Social Media Post zur Stellenausschreibung unter folgendem Link».
- Angaben zur Textstruktur, zum Beispiel: «Formuliere sechs relevante Interviewfragen», «Stelle Stärken und Schwächen mit Aufzählungspunkten dar», «Nenne in kurzen Sätzen die wichtigsten Eigenschaften… », «Schliesse mit einem kurzen Fazit».
- Angabe der Zielgruppe, zum Beispiel: «Für technische Laien.»
- Hinweis auf die eigene Rolle: «Denke als Recruiter… ».
- Wenn Aussagen einer Person zusammengefasst werden sollen: Soll die Autorin, der Sprecher oder die zitierte Person genannt werden? Beispiel: «Fasse die Fakten des Artikels zusammen, nenne den Autor nicht.»
- Angaben zur Textlänge: «Fasse in 1200 Zeichen den folgenden Lebenslauf zusammen.»
- Informationen zu inhaltlich gewünschten Schwerpunkten: «Formuliere eine Stellenbeschreibung für die Position des Buchhalters auf der Grundlage des folgenden Jobprofils und stelle Entwicklungsmöglichkeiten im Job heraus.»
- Angaben zum Textstil: Genderneutrale Sprache, einfache Sprache, Duzen bzw. Siezen, lockerer Tonfall oder sachliche Faktenorientierung, motivierend und aktivierend oder genaues Quellenzitat?
Anwendungsfälle im Active Sourcing
Im Active Sourcing ist es entscheidend, Kandidaten, die nicht aktiv auf Jobsuche sind, kanalspezifisch wertschätzend, glaubwürdig und motivierend anzusprechen. ChatGPT erstellt auf Basis von Stichworten oder Jobprofilen Texte, mit denen in sozialen Medien oder per E-Mail potenzielle Interessenten angesprochen werden können. Eine Vorgehensweise besteht darin, eine Anweisung für das Abfassen eines Anschreibens zu formulieren und ChatGPT als Basis die Links zum Stellenprofil und zum Social-Media-Profil des Adressaten zu geben: «Denke wie ein Recruiter und verfasse mit maximal 1200 Zeichen eine freundliche, empathische E-Mail-Nachricht in Ich-Form an die Person zu dem folgenden LinkedIn-Profil. Erkläre kurz, warum das Jobprofil zum Bewerberprofil passt, stelle kurz das Unternehmen und die Benefits vor und bitte freundlich um eine Kontaktaufnahme bei Interesse. Gebe den Link zum Stellenprofil an: [Links].» Zugegeben: Wenn die Prompts eine gewisse Länge erreichen, ist es zweifelhaft, dass der Vorgang effizient ist.
Tipp:
Versuchen Sie Standards für ChatGPT-Prompts zu entwickeln, sonst verlieren Sie bei komplexeren Aufgabenstellungen zu viel Zeit mit Prompt-Varianten.
Es ist empfehlenswert, die Authentizität des gelieferten Sprachstils zu prüfen. Passt er zur Unternehmenskultur? Eine flockige Ansprache für eine Position auf Senior-Level wirkt eher unseriös, die raumgreifende Nennung von Benefits statt Arbeitsinhalten kann qualifizierte Interessenten enervieren. Diese Art von Feingefühl darf man von ChatGPT nicht erwarten; es kommt jedoch auf ein zielgruppengerechtes Briefing an.
Tipp:
Bleiben Sie in persönlicher Kommunikation möglichst authentisch in der Ansprache des Gegenübers. Unpersönliche KI-Formulierungen werden unbewusst als solche erkannt.
Hat man sich aber gut funktionierende Formulierungen erarbeitet, ist ChatGPT unschlagbar effizient in der Erledigung von Fleissarbeit. So kann die App effektiv dabei unterstützen, die wichtigsten Keywords in verschiedenen Sprachen zu einem Jobprofil für eine Kandidatenrecherche zusammenzutragen («Was sind die wichtigsten Keywords in Deutsch und Französisch zum Jobprofil eines Verlagslektors?») und vergleichbare Berufsfelder, die für das Active Sourcing relevant sein können, herauszufiltern («Was sind vergleichbare Berufsfelder zu dem des Lektors?»).
ChatGPT verweigert seine Arbeit allerdings dann, wenn es darum geht, dass man Zusammenfassungen einzelner Personen oder Listen über Personengruppen in einem bestimmten Jobumfeld anfordert. Die App durchsucht soziale Medien nicht nach möglichen Kandidaten für ein Active Sourcing. Es gibt auch keine Einzelauskünfte über Privatpersonen. Aber es macht etwas anderes, ebenfalls sehr hilfreiches: Es unterstützt dabei, eine Suchabfrage zu erstellen, die mit Google bestimmte Plattformen durchsucht. Ein Beispiel: Ich suche eine Liste aller Korrektoren in Zürich, Bern und Basel. Dazu benötige ich bei der Suche die beliebten Boolschen Operatoren (klingt monströs, ist aber eigentlich eine Kleinigkeit), mit denen sich Suchbegriffe verbinden lassen: «Erstelle einen Boolschen Such-String, um mit Google Korrektoren in Zürich, Basel, Bern, die in LinkedIn registriert sind, zu finden.» Das Ergebnis: site:linkedin.com "Korrektor" OR "Lektor" OR "Redakteur" OR "Korrekturlesen" OR "Textkorrektur" "Zürich" OR "Basel" OR "Bern".
Hier hat es ChatGPT etwas zu gut gemeint und selbständig einige affine Berufsbilder hinzugefügt – Löschen ist ja immer die einfachste Übung. Apropos Google: ChatGPT schreibt auch exzellente Google Ads und Metatexte für die Suchmaschine.
ChatGPT & Co. und der Datenschutz
Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) hat zum Einsatz von KIs wie ChatGPT eine Mahnung verfasst: Der EDÖB betont zwar die Chancen und Risiken von KI-Anwendungen wie ChatGPT, mahnt aber Sensibilität im Umgang mit personenbezogenen Daten an. Unternehmen, die KI-Anwendungen nutzen, müssen sicherstellen, dass Personendaten transparent für diese Personen verwendet werden und die informationelle Selbstbestimmung von Dritten nicht verletzt wird. So wurde ChatGPT in Italien vorläufig verboten, da seine Datenschutzkonformität in Frage steht. Der EDÖB hat ChatGPT noch nicht auf Datenschutzkonformität geprüft, ist jedoch im Austausch mit der italienischen Datenschutzbehörde. Wenn Unternehmen KIs wie ChatGPT einsetzen möchten, um interne Daten und Materialien zu bearbeiten, ist ohnehin eine firmeninterne Lösung notwendig, da öffentliche KIs nicht auf interne Server zugreifen können und sollten. Eine Anweisung für die Mitarbeitenden, dass keine personenbezogenen Daten oder Fotos und ggf. auch keine firmeneigenen Daten über eine öffentliche KI verarbeitet werden dürfen, empfiehlt sich, um Klarheit in diesen Punkten zu schaffen. Einige Unternehmen haben öffentliche KIs im Unternehmen bereits generell verboten. Gleichzeitig sollte ein Rahmen geschaffen werden, in dem die vielfältigen Möglichkeiten von Zukunftstechnologien wie ChatGPT & Co. erforscht und getestet werden können.
ChatGPT als Ratgeber
ChatGPT ist nicht nur ein williger Helfer, wenn es um die Erstellung oder Modifikation von Texten geht. Es bietet sich auch an, um Vorgehensweisen zu planen, Lösungen für Problemstellungen oder neue Ideen zu entwickeln.
Wenn man im Recruiting neue Wege gehen möchte und erste Anstösse braucht, kann man beispielsweise ChatGPT fragen: «Ich möchte einen Lektor für einen deutschsprachigen Pferdefachverlag einstellen. Welche Recruiting-Kanäle sind am geeignetsten?» ChatGPT bietet als Antwort die wichtigsten Jobplattformen und Social-Media-Kanäle, empfiehlt darüber hinaus aber noch eher allgemein gehalten Veranstaltungen und Foren. Hier ist also spezifischer nachzufragen: «Was sind die wichtigsten Messen und Veranstaltungen zum Thema Pferd im deutschsprachigen Raum?» Und schon wird man mit einer recht brauchbaren, kommentierten Liste belohnt.
Auch lässt sich ChatGPT nach durchschnittlichen Gehältern für bestimmte Positionen in bestimmten Ländern fragen, wobei die Breite der genannten Gehaltsbänder je nach Datenlage sehr gross und insofern wenig aussagekräftig sein kann. Man kann sich auch über mögliche Benefits in bestimmten Branchen hervorragend informieren und inspirieren lassen: «Nenne häufigste Benefits in Schweizer Einzelhandelsunternehmen für das Personal.» Auch ein Brainstorming zur Flexibilisierung von Schichtarbeit brachte mir anregende Vorschläge: «Mit welchen Massnahmen lässt sich Schichtarbeit flexibilisieren?» Man kann ja einfach mal fragen.
Tipp:
Man kann ChatGPT gut zum Sammeln erster Ideen für ein Konzept oder eine Vorgehensweise einsetzen.
Fragt man allerdings nach dem Einsatz von ChatGPT im Recruiting, werden die Antworten etwas abenteuerlich, da ChatGPT nicht reflektiert, dass die Eingabe personenbezogener Daten in öffentlich zugängliche Apps in Europa und der Schweiz gegen Datenschutzgesetze verstösst. Es existiert zwar eine Enterprise-Version von ChatGPT und eine Selbstverpflichtungserklärung hinsichtlich des Datenschutzes, allerdings hat diese wenig Wert, wenn keine klaren, rechtsverbindlichen Vereinbarungen zwischen Anbieter und Nutzer bestehen, die die Einhaltung der europäischen und schweizerischen Datenschutzregeln zusichern. Also Vorsicht mit diesen Selbstempfehlungen der KI.
Tipp:
Informieren Sie die Mitarbeitenden über die Risiken des Einsatzes öffentlicher KI-Tools im Unternehmen und geben Sie klare Anweisungen, was erlaubt ist und was nicht. Gleichzeitig sollten die Einsatzmöglichkeiten von KI breit getestet und diskutiert werden können.
Take Aways
- ChatGPT liefert schnell zielgruppenspezifisch formulierte Texte für verschiedene Zwecke im Recruiting wie Stellenprofile, Anzeigen, Metatexte für Google, Anschreiben.
- Die KI kann Lebensläufe auswerten und Interviewfragen vorbereiten (anonymisiert).
- Im Active Sourcing ist ChatGPT effektiv für Rechercheaufgaben wie Jobprofil- und Berufsfeldanalysen sowie für die Erstellung von Keyword-Listen einsetzbar.
- ChatGPT kann Ideen und Lösungen bei verschiedenen konzeptionellen Fragestellungen anbieten.
- Es ist wichtig, Informationen, die ChatGPT generiert, zu überprüfen.
- Datenschutz ist ein zentrales Thema bei der Verwendung von öffentlich zugänglichen ChatGPT- und ähnlichen KI-Tools. Über die erlaubte und nicht erlaubte Nutzung im Unternehmensumfeld sollte klar informiert werden. Ggf. empfehlen sich firmeninterne Lösungen.