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2.5
Beispiel 4: Enhanced Interrogation Techniques
Der sogenannte «War on Terror» verdeutlicht mithilfe eines aktuellen Beispiels, dass die Psychologie einer reflektierten Ethik bedarf.
Ein aktuelles ethisches Problem stellt das Verhalten von Psychologinnen und Psychologen im Kontext des «War on Terror» dar, der nach den Anschlägen von 9/11 von der damaligen US-Administration unter Präsident Georg W. Bush ausgerufen wurde. Dieser Sachverhalt ist zwar nicht Gegenstand psychologischer Forschung, zeigt jedoch, wie wichtig ethische Reflektionen für die Psychologie sind.
Im Rahmen des «War on Terror» kam es zu Festnahmen und Internierungen von zahlreichen Personen, denen man eine Beteiligung am Terrorismus vorwarf. Infolgedessen wurden gewisse Foltermethoden legitimiert. Dies geschah, indem man den Begriff der Folter durch die sogenannten «Enhanced Interrogation Techniques» (zu Deutsch etwa «erweiterte Verhörmethoden») ersetzte. Dabei wurde psychologisches Wissen zur Folter und zum «Brechen von Widerstand» eingesetzt.
Man könnte dies nun als Vergehen einzelner Psychologinnen und Psychologen sehen, aber tatsächlich war das Ganze noch problematischer. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn Sie die einschlägigen Dokumente – wie etwa den sogenannten «Hoffman Report» – lesen. Die Gefangenen wurden mit verschiedenen Methoden gefoltert: Waterboarding, Walling, Stress Positions oder Sleep Deprivation sind die bekanntesten. Sie sind auf ein Trainingsprogramm zurückzuführen, das die CIA und das US-amerikanische Verteidigungsministerium entwickelt hatten. Mit diesem Programm sollten eigene Soldaten und Soldatinnen gegenüber solchen psychologischen Foltermethoden abgehärtet werden.
Das Programm hatte den Namen «Survival, Evasion, Resistance and Escape» abgekürzt SERE. Am Trainingsprogramm waren auch Psychologen und Psychologinnen beteiligt, die darauf achten sollten, dass den Trainingskandidaten und -kandidatinnen keine bleibenden Schäden zugefügt wurden – man wollte sie schliesslich nur abhärten und nicht traumatisieren oder kampfunfähig machen. Als nun die Notwendigkeit der «Enhanced Interrogation Techniques» ausgerufen wurde, setzte man das SERE-Programm anders ein. Und zwar setzte man die dabei verwendeten Methoden gegen Gefangene ein, um deren Widerstand zu brechen und sie zu Aussagen zu bewegen. Dabei waren natürlich auch Psychologinnen und Psychologen beteiligt; die US-amerikanische Armee ist einer der grössten Arbeit- und Geldgeber von Psychologinnen und Psychologen sowie der psychologischen Forschung.
Damit kamen natürlich sehr viele Psychologinnen und Psychologen in einen ethischen Konflikt, dem sich auch die American Psychological Association, die Vereinigung von über 130‘000 Psychologinnen und Psychologen in den USA, stellen musste. Die APA hatte nun die Befürchtung, dass viele ihrer Mitglieder aufgrund der bisherigen ethischen Richtlinien der APA juristisch belangbar waren. Sprich, die bisherigen ethischen Richtlinien führten zu einem juristischen Problem, das man mit einer Revision dieser Richtlinien aus der Welt schaffen wollte. Das folgende gekürzte Zitat stammt aus dem Hoffmann-Bericht (die Lektüre ist empfehlenswert; der Bericht liest sich wie ein Politthriller):
The revised ethic code («2002 Code») became effective June 1, 2003. The most significant changes were the revisions to Standard 1.02 which addressed «Conflicts Between Ethics and Law». In the 2002 Code, Standard 1.02 was revised to make clear that it applied to conflicts between ethical obligations and the «law, regulations, or other governing legal authority» where the standard had previously only included the term «law». APA understood «regulations or other governing legal authority» to include military orders from a superior. In the event of a conflict, psychologists were required to make known their commitment to the Ethics Code and take steps to resolve the conflict. If the conflict was unresolvable, psychologists were permitted to adhere to the requirements of the law, regulations, or other governing legal authority – a concept that was not included in the prior version of Standard 1.02. Standard 1.02, in the 2002 Code, was the first time that the Code explicitly permitted psychologists to follow the law instead of their ethical obligations when faced with a conflict between the two.
Diese problematische Haltung der APA wurde erst nach Publikation des Hoffmann-Reports 2015 konkret hinterfragt und in einer weiteren Revision der ethischen Richtlinien umgesetzt. Seitdem heisst es:
1.02 Conflicts Between Ethics and Law, Regulations, or Other Governing Legal Authority
If psychologists’ ethical responsibilities conflict with law, regulations, or other governing legal authority, psychologists clarify the nature of the conflict, make known their commitment to the Ethics Code, and take reasonable steps to resolve the conflict consistent with the General Principles and Ethical Standards of the Ethics Code. Under no circumstances may this standard be used to justify or defend violating human rights.
Im Standard 3.04 Avoiding Harm heisst es nun explizit:
Psychologists do not participate in, facilitate, assist, or otherwise engage in torture, defined as any act by which severe pain or suffering, whether physical or mental, is intentionally inflicted on a person, or in any other cruel, inhuman, or degrading behavior that violates 3.04(a).
Studierende der Universität Basel, die für die Vorlesung von Prof. Dr. Jens Gaab eingeschrieben sind*, können sich hier auf der Lernplattform ADAM der Universität Basel anmelden. Dort finden Sie prüfungsrelevante Literatur, mögliche Prüfungsfragen und eine Sammlung von interessanten Dokumenten, Links und Videos, unter anderem den Hoffman Report.
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