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In der Familienforschung hilft oft nur das eifrige Sammeln mosaikartiger Bruchstücke dazu, nach und nach die genealogischen Zusammenhänge zu klären. Wir wollen an einem Beispiel zeigen, wie eine zunächst hoffnungslos scheinende Situation doch Schritt für Schritt der Lösung näher kam.
Vor einiger Zeit fragte ein auswärtiger Reinacher Bürger den Verfasser dieser Zeilen an, ob er ihm bei der weiteren Suche nach seinen Vorfahren behilflich sei. Er war mit den eigenen Forschungen anhand der Reinacher Bürgerregister und eines Sterberegisters bis zu einem Ulrich Hediger vorgestossen, der 1806 als Sohn eines Heinrich Hediger und einer Anna Maria Flückiger zur Welt gekommen war. Mehr war nicht bekannt.
Die für die fragliche Zeit digitalisiert vorhandenen Reinacher Taufdaten gaben nichts her. In Reinach war 1806 kein Ulrich Hediger getauft worden. Doch eine Liste auswärts getaufter Reinacher Kinder brachte ein erstes Resultat. Ulrich Hediger wurde am 21.März 1806 im bernischen Madiswil getauft. Seine Eltern hiessen, wie schon bekannt, Heinrich Hediger und Anna Maria Flückiger. Die Familie wohnte zu dieser Zeit in Madiswil. Die Mutter war auf Grund ihres Familiennamens offensichtlich eine Bernerin. Auch die Taufpaten waren alles Berner. Mehr über die Familie war von Madiswil nicht nach Reinach gemeldet worden, nur diese einzige Taufe.
Damit war nun der zeitweilige Aufenthalt der Familie Hediger bekannt, aber noch gar nichts über die Abstammung des Familienvaters Heinrich. Guter Rat war weiterhin teuer. Die Überprüfung der Reinacher Taufen im Zeitraum 1764-1786 ergab, dass damals in Reinach nicht weniger als 26 Heinrich Hediger zur Welt kamen. Darunter den Madiswiler Heinrich zu suchen und einem Zweig zuzuordnen war aussichtslos, umso mehr als nicht einmal dessen Reinacher «Übername» bekannt war. Und es war ja nicht einmal sicher, ob nicht schon Heinrichs Geburt auswärts stattfand.
Näher vorgestellt wurde Heinrich dabei nicht. Im Taufrodel von Madiswil war einzig die bekannte Taufe des Sohnes Ulrich vom 21.März 1806 eingetragen. Das ist auch verständlich, denn laut Totenrodel war die Mutter, Anna Maria Flückiger, schon einige Tage vor der Taufe im Alter von 36 Jahren gestorben, offensichtlich an der Geburt. Heinrich Hediger ging schon am 14 Januar 1807, wiederum in Rohrbach, mit der von dort stammenden Anna Barbara Würgler eine neue Ehe ein. Taufen von Kindern aus dieser neuen Verbindung fanden aber weder in Madiswil noch in Rohrbach statt. Auch Heinrichs Tod war weder da noch dort zu finden.
Damit war etwas mehr über Heinrichs Familie bekannt, aber immer noch nichts über seine Vorfahren. Doch half die Erkenntnis weiter, dass Heinrich Hediger-Flückiger mit Heinrich Hediger-Würgler identisch war. Wenn man sich nun wieder in den Reinacher Unterlagen umsah, nochmals in der Liste der auswärtigen Taufen, fand man nämlich heraus, dass das Ehepaar Hediger-Würgler bald nach der Heirat aus Madiswil wegzog. Es zeugte in der Folge eine ganze Reihe von Kindern, jedes an einem andern Ort, nämlich in Ursenbach, Herzogenbuchsee, Wangen, Glashütten (Murgenthal) und Busswil.
Wieder waren damit Einzelheiten zu Heinrichs Familie gewonnen, aber noch immer nichts zu seiner Abstammung. Was konnte weiter getan werden? Liess sich im Reinacher Gemeindearchiv noch irgend etwas aufspüren? Vordringlich wäre es gewesen, Heinrichs Todesdatum mit allfälligen nützlichen Zusatzangaben zu finden. Eine Liste auswärtiger Todesfälle gab es jedoch nicht. Konnten in dieser Notlage nicht-kirchliche Dokumente helfen, etwa die Protokolle des Reinacher Gemeinderats? Der hatte sich manchmal auch mit auswärts wohnenden Bürgern zu befassen, zum Beispiel wenn einer einen Heimatschein brauchte oder wenn jemand in dürftigen Verhältnissen ein Gesuch um finanzielle Unterstützung stellte. Die Heimatgemeinden waren ja ehedem für das Armenwesen zuständig, auch für auswärtige Bürger. Deshalb versuchte der Schreibende, anhand des Registers im Anhang der dicken Bände herauszufinden, ob im Zeitraum 1818-1835 ein Heinrich Hediger im Kanton Bern irgendeine Rolle spielte. Unter dem 16.02.1833 fand sich tatsächlich ein Eintrag, in dem die Witwe und die Kinder des in Seewil verstorbenen Heinrich Hediger, Schneidermartis, erwähnt werden. Der Reinacher Gemeinderat wollte das Oberamt Aarberg ersuchen, über Hedigers Hinterlassenschaft ein Inventar aufzunehmen und zu publizieren. Gross kann seine Hinterlassenschaft nicht gewesen sein; denn in der Folge gewährte der Gemeinderat der Witwe Hediger mindestens zweimal eine kleine Unterstützung.
Nun wurde es spannend. War der in Seewil verstorbene Heinrich mit dem Zunamen Schneidermartis mit dem gesuchten Heinrich Hediger identisch? Das ging aus dem Protokoll-Eintrag natürlich nicht hervor. Die bis 1820 digitalisierten Reinacher Kirchenbuchdaten nannten immerhin keine andere Hediger-Familie im Kanton Bern, deren Vater Heinrich hiess. Die Wahrscheinlichkeit der Identität stieg damit. Vielleicht halfen die zur Zeit im Regionalen Zivilstandsamt in Burg aufbewahrten Bürgerregister weiter. Rasch liess sich dort der älteste Sohn aus Heinrichs zweiter Ehe mit seiner Familie finden, der 1807 geborenen Heinrich junior. Das Taufdatum stimmte mit dem im Kanton Bern ermittelten überein. Entscheidend dabei: Dieser Heinrich lebte zur Zeit seiner Heirat in Seewil. Was man nur leise gehofft hatte, bestätigte sich: Der 1833 in Seewil verstorbene Heinrich Hediger, Schneidermartis, war tatsächlich der gesuchte Mann.
Der nächste schwierige Schritt stand aber noch bevor. Es galt nun, den genauen Anschluss an die Hediger im Heimatort Reinach zu finden. Zwar war der Dorfname Schneidermartis jetzt bekannt und die Suche damit einfacher. Doch handelte es sich bei den Schneidermartis um einen ausgedehnten Familienzweig, und in den Reinacher Kirchenbüchern des 18. Jahrhunderts sind die Zunamen längst nicht immer aufgeführt. Es blieb nur eines: ein dritter Griff zu den Berner Kirchenbüchern, diesmal zum Sterberegister von Rapperswil, der Pfarrei für Seewil. Fand sich dort der endgültige Schlüssel zum Erfolg? War dort das Alter von Heinrich sen. beim Tod und möglichst noch der Name seines Vaters erwähnt? Es war tatsächlich so: nach dem Rapperswiler Register starb am 2. Februar 1833 in Seewil Heinrich Hediger von Reinach, Heinrichs sel. Sohn, im Alter von 59 Jahren und 1 Monat.
Der wichtige Eintrag im Totenrodel der bernischen Pfarrei Rapperswil vom 2. Februar 1833
Nun musste sich der Anschluss bewerkstelligen lassen. Rechnete man mit der Altersangabe zurück, wäre Heinrich im Januar 1774 geboren. Im Taufrodel fand sich in diesem Monat kein Heinrich Hediger, wohl aber einer am 5. Dezember 1773. Der musste es sein. Bekanntlich wurde das Alter der Verstorbenen von den Pfarrern sehr oft ungenau angegeben. Es lag auch keine andere Heinrich-Hediger-Taufe nur einigermassen in zeitlicher Nähe. Die weiteren Angaben des Taufrodels überzeugten: Der Vater des Täuflings hiess tatsächlich Heinrich und gehörte, wie anderswo im Kirchenbuch ersichtlich wird, dem Schneidermarti-Zweig an.
Nun war der Knoten endlich gelöst. Die vielen kleinen Schritte – mit wechselnder Suche in den Reinacher und in den Berner Quellen – hatten schliesslich zum Ziel geführt. Ergänzt sei nur noch, dass die Nachkommen von Heinrichs Sohn Ulrich vorwiegend in der Romandie lebten, die seines Sohnes Heinrich in den Kantonen Bern und Solothurn. Eine bemerkenswerte Einzelheit zum Schluss: Ulrichs Tochter Maria Hortensia Bosson-Hediger starb 1953 im Alter von fast 104 Jahren als damals älteste Schweizerbürgerin.