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Jean-Claude Juncker hat in seiner in der letzten Ausgabe erwähnten luxemburgischen Neujahrsrede vor Journalisten das Jahr 2013 nicht, wie auf Webseiten fälschlicherweise übersetzt, als «Vorkriegsjahr», sondern als «Vorkrisenjahr» bezeichnet. Das ändert allerdings nichts daran, dass seine dreimalige dezidierte Parallelisierung der Jahre 1913/2013 auffällig und bemerkenswert ist. Hier ein zentrales Stück aus dieser ominösen Rede: «Lesen Sie, bis auf ganz wenige Ausnahmen, in der Literatur aus dem Jahr 1913 nach – insbesondere der deutschen, österreichischen und slawischen, mit Ausnahme der serbischen Literatur. Dort findet man eine Friedensgläubigkeit, die unbändig war. Und die in keinerlei Hinsicht den Sturm verraten hat, der bereits im Jahr 1914 über Europa hereingebrochen ist – zunächst im Ersten und dann im Zweiten Weltkrieg. Das Jahr 1913 weist unendlich viele Parallelen zum Jahr 2013 auf. Oder das Jahr 2013 zeigt unendlich viele Parallelen zum Jahr 1913. Jeder wäre gut beraten, diese Jahre miteinander zu vergleichen.»*
Doch wie kann zwischen einem historischen Jahr, und einem solchen, von dem gerade erst ein paar Tage verstrichen waren, überhaupt ein solcher ungeheuerlicher, warnender Vergleich gezogen werden? Spricht die luxemburgische Kassandra einfach aus einer prophetischen Schau in die nahe, unheilvolle Zukunft? Oder will sie den Landsleuten vielmehr ein Stückchen Insiderwissen preisgeben, damit sie nicht erneut in naive Friedensgläubigkeit verfallen und sich vorsehen, ehe es zu spät ist? Ein Insiderwissen um das, was in der Gegenwart gebraut wird?
Vergessen wir nicht: Auch der Erste Weltkrieg war keineswegs ein von selbst eintretendes, gewissermaßen höheres Naturereignis: Er wurde durch Jahrzehnte systematisch herbei intrigiert. Und zwar um eines weitgesteckten Zieles willen: Der völligen Umgestaltung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in Russland. Das bereits nachweislich in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts konzipierte «sozialistische Experiment» erschien den Planern nur nach «dem nächsten großen europäischen Krieg» durchführbar.** 1917 schlug die Geburtsstunde des verhängnisvollen Experiments.
Stehen wir vor der Geburtsstunde eines weit größeren, globalen Experiments, das ebenfalls eines «Sturms» bedarf, um umsetzbar zu werden? Die erdumspannende Finanzkrise, die weltweiten sozialen Missstände, die gegenwärtig auf fast allen Erdteilen geführten Kriege, die bedrohliche Situation im Nahen Osten und im Iran: Irgend etwas davon kann leicht zum Hebel für die Auslösung eines nächsten «Sturmes» dienen.
In ganz anderer Art wird das Jahr 1913 durch den Bestseller von Florian Illies 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts mit dem «Vorkrisenjahr» 2013 parallelisiert: Der Klappentext bezeichnet den Inhalt des vor ein paar Monaten erschienenen Buches als «Die Geschichte eines ungeheuren Jahres». Gesetzt wurde das Werk absichtlich in der Monotype Imprint, welche 1913 erfunden worden war. Illies Buch endet mit einer Tagebucheintragung von Arthur Schnitzler vom 31. Dezember 1913: «Vormittags die Wahnsinnsnovelle zu Ende diktiert.»
Angesichts solcher Krisenvoraussagen und Untergangsstimmungen wollen wir einmal mehr auf die großen, starken Gedankenimpulse verweisen, wie sie aus der Geisteswissenschaft gewonnen werden können. Impulse, die sich allen vergangenen Katastrophen gegenüber als unzerstörbar erwiesen haben und dies auch gegenüber den künftigen tun werden, wenn sie mit Verstand und Herz ergriffen werden.
Thomas Meyer
* Wir verdanken die Übersetzung dieser Passage Gisela Roeder.
** Siehe C.G. Harrison, Das transcendentale Weltenall, Sechs Vorträge über Geheimwissen, Theosophie und den katholischen Glauben, reprint Stuttgart 1990, zweiter Vortrag.