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In ihrer letzten Kolumne für «Grosseltern» schreibt Hebamme Carole Lüscher die rührende Geschichte von vier Generationen von Frauen, deren Vorname alle mit einem M beginnen; auch jener des neusten Zuwachses, Mia.
Heute sind vier Frauengenerationen im Wohnzimmer versammelt, als ich für den Wochenbettbesuch komme. Vor einer Woche kam Mia zur Welt. Sie liegt in den Armen ihrer Grossmutter Marie. Gemeinsam mit Magda, der Urgrossmutter, bewundert sie das friedlich schlafende Mädchen. Milena, die frischgebackene Mama, sitzt den dreien gegenüber und lächelt bei deren Anblick. Frischer Tee und Zimtschnecken stehen auf dem Tisch, Kerzen brennen.
Milena und ich gehen ins Zimmer, wo ich die körperliche Kontrolle mache und ihre heutigen Fragen kläre. Als wir fertig sind, sage ich: «Ein schönes Bild, ihr vier». «Ja, die 3 M’s – also jetzt 4 M’s», entgegnet Milena mit leuchtenden Augen. Auf meinen fragenden Blick hin erzählt sie: «Wir haben mal gemerkt, dass unsere Namen alle mit M beginnen. Von da an waren wir die 3 M’s, wie die Musketiere.» Ich erfahre, dass Magda und Marie beide ihre Töchter allein grossgezogen haben. Magdas Mann, Maries Vater, starb bei einem Arbeitsunfall, da war Marie fünf Jahre alt. Zunächst überliess Magda ihre Tochter der Mutter, um als Schneiderin in einer Textilfabrik zu arbeiten. Doch wohl war ihr dabei nicht. Die Grossmutter erzog ihre Enkelin wie sie damals Magda erzogen hatte, mit Strenge und Härte. Als Marie plötzlich wieder einnässte und zunehmend stiller wurde, kündigte Magda kurzerhand ihre Arbeit in der Fabrik und machte sich als Schneiderin selbstständig. «Das war eine Riesensache in der Familie!», erzählt Milena die Geschichte ihrer Ahninnen. «Die Mutter sagte zu Magda: ‹Das macht man nicht als Frau›. Da hat sich Magda das erste Mal in ihrem Leben ihr entgegengestellt und gesagt: ‹Bräuche füllen keine Bäuche!› Ihre Mutter war so verdattert, dass sie nie mehr etwas sagte.» Milenas Augen leuchten. Weiter erzählt sie, wie Marie also zwischen Garn, Stoffen und Besuchen von Kundinnen aufwuchs, und diese reine Frauenwelt spannend für sie gewesen ist. So war sie, was Männer betraf, als junge Frau entsprechend wählerisch. Sie fand dann doch ihre grosse Liebe, Hans. Und verlor sie wieder. Hans starb an Krebs, da war Milena drei Jahre alt. Die Grossmutter zog mit ihrer Nähmaschine und Schneiderpuppe ein, und nun schnurrte auch in Milenas Kindheit Magdas Bernina. «Es gab immer nur uns drei. Als ich auszog, gab es deswegen eine grosse Krise. Es war schwierig für uns alle. Wir hatten sogar ein halbes Jahr gar keinen Kontakt.» Milena fällt es sichtlich schwer, an diese Zeit zurückzudenken. Schlussendlich habe die Schwangerschaft mit Mia sie wieder einander nähergebracht. Als wir ins Wohnzimmer zurückkommen, streichelt Magda mit ihren runzeligen, von einem langen arbeitsreichen Leben gezeichneten Händen zart über Mias Kopf. Erst jetzt fallen mir ihre vernarbten Fingerbeeren auf. Ich denke, dass Magdas Hände stellvertretend für diese Ahninnenreihe stehen. Für Schmerz und Bürde, aber auch für Kraft und Liebe.