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Zu Robert Burtons Zeit (der Engländer lehrte und lebte von 1577 bis 1640 – praktisch ausschliesslich an der Oxford University) war “Melancholie” die Bezeichnung jenes Krankheitsbildes, das später “Depression” genannt wurde, noch später “bi-polare Störung”.
Burton allerdings fasst den Begriff “Melancholie” sehr weit und subsummiert darunter praktisch alle Formen von madness. Burton war ein Gelehrter, der alles und jeden kannte, der oder das in Form eines Buches greifbar war. Er zitiert nicht nur aus der Bibel, aus älteren und jüngeren Kirchenvätern (Augustinus von Hippo natürlich, v.a. den Gottesstaat, und – bei einem Engländer wohl ebenfalls “natürlich” – Bedas Kirchengeschichte), was bei einem Theologen zu erwarten ist, er zitiert nicht nur aus den alten Medizinern (Hippokrates, Galen, Avicenna – die für ihn nicht ‘alte’ Mediziner sind, sondern nach wie vor die Spitze der medizinischen Wissenschaft darstellen), sondern auch aus so entlegenen und eher kulturgeschichtlich interessanten Autoren wie Olaus Magnus (dem er Beispiele entnimmt dafür, dass gewisse Handlungs- und Lebensformen auch an exotischen Schauplätzen dieser Erde zu finden sind), ja gar so rezente Autoren wie Erasmus oder Melanchthon.
Denn rasch wird klar: Robert Burton braucht sein Wissen nicht, um ein medizinisches oder gar ein theologisches Fachbuch zu verfassen. Burton zielt höher. Schon das Pseudonym, unter dem die erste Auflage der Anatomy of Melancholy erschienen ist, Demokrit der Jüngere, weist darauf hin: Robert Burton liefert eine Abhandlung zur Conditio Humana ganz allgemein. Demokrit, der (seine abderitischen Mitbürger ver-)lachende Philosoph, wurde durch ihn zum Spiegel, den man seinen Zeitgenossen vorhalten kann – von seinen Nachfolgern sind Wieland und Carl Julius Weber im deutschen Sprachraum die wichtigsten Beispiele. Mit Wieland allerdings hat Burton wenig gemein, mit Weber schon um so mehr. Burton wie Weber waren gestandene Bücherfresser, und beiden ging es um die Darstellung der Conditio Humana im Allgemeinen.
Allerdings ziehe ich Burton bei weitem vor. Sein Stil ist bei aller Gelehrsamkeit sehr elegant, bei allen Abschweifungen präzis und konzis. Es ist ein Genuss, ihn zu lesen. Im ersten Teil, den ich jetzt gerade (wieder) gelesen habe, agiert Burton zuerst als Arzt, danach als Seelsorger. Alle Arten von Verrücktheit werden geschildert. Vor allem der Seelsorger vergisst seine Mission allerdings rasch ob der Schilderung all der möglichen Aberrationen der menschlichen Seele. Man spürt, dass er sich richtig an die Kandarre nehmen muss, um nicht zu vergessen, dass die gängige Lehrmeinung von ihm verlangt, gewisse Krankheiten als notwendige Geissel Gottes zu betrachten und sich nicht in deren Schilderungen bzw. in der Schilderung allenfalls möglicher Kuren zu verlieren.
Man folgt Burton gern in seinen mäandrischen Wanderungen durch das Wissen seiner Zeit. Er ist kein Satiriker, beileibe nicht. Man spürt den Menschenfreund, der genau weiss, was für eine furchtbare Krankheit die Depression ist (vgl. Burgers Tractatus Logico-suicidalis!).
Oder, wie es Philip Pullman in der Introduction meiner Ausgabe (Folio Society 2005, nach der Everyman-Ausgabe von 1932) ausführt:
[…] is the book in any sense a cure for melancholy? Because it is a dreadful condition still: ‘if there be a hell upon earth. it is to be found in a melancholy man’s heart’ (vol. 1, p. 467) is as true now as it was then. Our word ‘depression’ has always seemed to me far too genteel, too decorous for this savage and merciless torment. Anything that can palliate it, is worth knowing; and certainly no disorder has ever had so rich, so funny, so subtle and so eccentric an anatomy.
(Wer sich für Weiterführendes, Aktuelleres zum Thema ‘Melancholie’ interessiert, wo auch Dürers berühmte Zeichnung, die Burton in der First Partition nur am Rande streift, behandelt wird, der sei auf Folgendes hingewiesen:
Raymond Klibansky, Erwin Panofsky, Fritz Saxl: Saturn und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und der Kunst. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, Taschenbuch Wissenschaft 1010, 1990. Das Original erschien 1964. (Klibansky war übrigens auch Lecturer an der Oxford University – so schliessen sich Kreise.)