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In den vergangenen Wochen haben wir beleuchtet, dass das Zusammenleben zwischen Tieren grosse Ähnlichkeiten mit dem unseren aufzeigt: Sie kommunizieren, spielen, lernen voneinander und gewisse Tiere können sich sogar in ihr Gegenüber hineinversetzen.
Was unterscheidet denn nun den Menschen von anderen Tieren? Laut der christlichen Ethik und lange Zeit auch der Wissenschaft ist es die Moral, die den Menschen von Tieren trennt. Die Antwort auf die Frage in unserem Titel war ein kategorisches „Nein“. Die Verhaltensbiologie zeigt nun aber: Es gibt so etwas wie Moral — oder zumindest ein Gerechtigkeitsempfinden — auch bei einigen anderen Tieren. Um sie zu erkennen, müssen wir nur einen Schritt von unserem eigenen, hochgradig ausdifferenzierten Moralverständnis zurücktreten.
Es beginnt mit dem Mitgefühl
Eine unserer komplexesten emotionalen und kognitiven Fertigkeiten ist die Empathie: Die Fähigkeit, die Gefühle der Menschen um uns herum zu verstehen und zu teilen. Menschen zeigen Einfühlungsvermögen gegenüber anderen Menschen (und nicht selten sogar gegenüber anderen Tieren). Tun Tiere das auch? Die Forschung antwortet mit einem vorsichtigen «Ja».
Empathie ist bei Tierarten, die sich in sozialen Gruppen zusammenschliessen, stärker ausgeprägt als bei anderen. Dr. James C. Harris, ehemaliger Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Johns Hopkins University, beschrieb sie als "einen evolutionären Mechanismus zur Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts". Mit anderen Worten: Tiere, die zum Überleben auf ihre Gruppe angewiesen sind, müssen auf die Gefühle ihres Umfelds sensibilisiert sein. Denn nur wenn es der Gruppe gut geht, geht es auch dem Individuum gut. Diese komplexe emotionale Fähigkeit wurde bei Primaten, aber auch bei Rabenvögeln, Hunden und Wölfen, Mäusen, Delphinen und Elefanten beobachtet. Beispielsweise wurden in einem Experiment Ratten darauf trainiert, Hebel zu ziehen, um ein leckeres Zuckerkügelchen zu erhalten. Wenn der Hebel bei einem Nachbarn einen leichten Schock auslöste, hörten einige der Ratten auf, diesen Hebel zu ziehen und wechselten zu einem anderen, der dem Artgenossen kein Leid zufügt.
Niemand wird gern zum Affen gemacht — auch nicht Kapuzineraffen
In dieser Fähigkeit, sich empathisch zu anderen zu verhalten, wurzelt das, was wir Menschen bei uns als Moral bezeichnen. Die Entwicklung sozialer Normen, die Befähigung zu Bindung und Freundschaft, zu Konfliktlösung und gegenseitiger Hilfe sowie ein basales Gerechtigkeitsempfinden sind Bestandteile oder zumindest Voraussetzungen jener moralischen Empfindungen, die wir besitzen.
Ähnliche Emotionen oder Denkstrukturen versuchte Frans de Waal bei Kapuzineraffen zu finden: Der niederländische Verhaltensforscher hat in einem Experiment das Gerechtigkeitsempfinden von zwei Kapuzineraffen auf die Probe gestellt. Zuerst brachte er ihnen bei, Steine als Tauschmittel einzusetzen. Er überreichte den beiden Affen ein Gurkenstück im Austausch für einen Stein, und auf diesen Handel liessen sich die Affen zunächst auch gerne ein. Als dann aber das Muster geändert wurde und einer der Affen im Austausch weiterhin eine Gurke, der andere eine schmackhaftere Weintraube erhielt, bemerkte der Benachteiligte schon bald, dass etwas nicht stimmte. Zunächst prüfte er den Stein auf allfällige Makel. Als er sich seine Benachteiligung daraus nicht erklären konnte, diese sich aber fortsetzte, warf er sein Gurkenstückchen auf den Betreuer, fletschte die Zähne, rüttelte an seinem Käfig und verweigerte schliesslich jeden weiteren Tauschhandel. Frans de Waal interpretierte dies als deutliches Signal eines Gerechtigkeitsempfindens. Lieber verzichtete der Kapuzineraffe auf sein Gurkenstückchen, als die ungerechte Behandlung weiter hinzunehmen.
In diesem Video kann man sich die Reaktion des benachteiligten Kapuzineraffen anschauen:
Soziale Regeln bei Hunden und Wölfen
Soziale Verhaltensregeln lassen sich gut bei Kampfspielen erkennen, wie man sie von jungen Hunden und Wölfen kennt: Trotz Zähnefletschen, Beissen und Herumtollen wird kein Beteiligter ernsthaft verletzt. Laut Marc Bekoff, Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie an der University of Colorado, dient dieses Raufen und Toben dem Aufbau und der Festigung sozialer Bindungen und dem Erlernen der Regeln, der 'Moral' des sozialen Verbands, in dem das Tier lebt. Bekoff und seinen Studenten gelang es in jahrelangen Beobachtungen und Videoanalysen, gewisse Hemmnisse zu identifizieren, die verhindern, dass ein Kampfspiel eskaliert und in einen ernsthaften Kampf ausartet. Die Tiere kommunizieren stets klar über ihre Körperhaltungen, dass es sich nur um ein Spiel handelt. Sollte versehentlich doch einmal zu hart zugebissen worden sein, bittet der Schuldige in der Regel durch einen gebeugten Körper um Verzeihung. Tiere, die wiederholt unfair spielen oder unehrliche Signale senden, trifft die Höchststrafe: Sie werden aus dem Rudel verbannt. Die Chancen, alleine in der freien Wildbahn zu überleben, stehen sehr schlecht für sie.
Fair Play hat sich demnach entwickelt, um soziale Bindungen zu formen und aufrechtzuerhalten. Diese sind für das Überleben des Rudels als Ganzem unabdingbar. Wenn es für uns einzelne Menschen einen Überlebensvorteil brachte, sozial miteinander umzugehen, ist es naheliegend, dass es auch für einige andere Tiere so ist. Wie tief dieses Gerechtigkeitsempfinden und die sozialen Normen gehen, das wird – in Verbindung mit all den weiteren kognitiven und emotionalen Fertigkeiten, mit denen wir uns hier über die letzten Wochen auseinandersetzten – Gegenstand vieler weiterer spannender Forschung bleiben. Klar ersichtlich tritt indessen schon zu Tage, dass die „Grenze zwischen Mensch und Tier“ weit verschwommener ist, als wir sie uns noch unlängst ausmalten.
Quellen und weitere Informationen:
Julen Hernandez-Lallement et.al. (Current Biology): Harm to Others Acts as a Negative Reinforcer in Rats
James Harris: The evolutionary neurobiology, emergence and facilitation of empathy
Sarah F. Brosnan & Frans B. M. de Waal (nature): Fair refusal by capuchin monkeys
Marc Bekoff: Play signals as punctuation: The Structure of social play in canids