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Donghua Li krönte sich 1996 in Atlanta zum Olympiasieger
Donghua Li gewann an den Sommerspielen 1996 in Atlanta eine von vier Schweizer Goldmedaillen. Der Triumph am Pauschenpferd des gebürtigen Chinesen war der Lohn für viele Entbehrungen.
Die erste Schweizer Olympia-Goldmedaille im Kunstturnen nach 44 Jahren und den Siegen von Jack Günthard (Reck) und Hans Eugster (Barren) 1952 in Helsinki war keine Überraschung - und schon gar keine Sensation. Donghua Li war 1995 in Japan an seinem Paradegerät Weltmeister geworden, im April 1996 holte er in Puerto Rico WM-Silber, ehe er sich im Mai in Kopenhagen auch zum Europameister küren liess.
Und doch war der Triumph am späten Abend des 28. Juli 1996 vor 40'000 Zuschauern im ausverkauften Georgia Dome ein ganz spezieller - für Lis neues Heimatland, aber vor allem auch für ihn und seine damalige Frau Esperanza. Diese fieberte auf der Tribüne mit und konnte sich einen Freudenschrei nicht verkneifen, als der letzte der acht Finalisten patzte und der Sieg ihres Mannes damit feststand. Es war der Abschluss einer langen Reise voller Entbehrungen, das Happy End eines Märchens, in dem der Held so manches Hindernis überwinden musste.
40 Sekunden - so lange dauerte Lis Final-Übung - entschieden, ob sich der beschwerliche Weg gelohnt hatte. Dieser begann 1974 in einem Kunstturn-Internat und nahm am 19. Juni 1988 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking eine entscheidende Wendung. An jenem Tag lernte der damals 20-jährige Student die Schweizer Touristin Esperanza kennen, die ihn heiratete, ihn in die Schweiz mitnahm und ihm später, wenige Monate nach dem Olympiasieg, eine Tochter gebar.
Mit der Transsibirischen Eisenbahn reiste Li im Frühjahr 1989 in seine neue Heimat, die ihn, den chinesischen Meister von 1987, aber nicht mit offenen Armen empfing, obwohl sein Können unübersehbar war. «Wow! Der ist der Hammer», erinnert sich Bruno Nietlispach an das erste Training mit Li. Beim BTV Luzern fand dieser Anschluss, mit Nietlispach traf er auf einen Trainer und Mentor, der ihn fortan begleitete und unterstützte. Ab 1990 war Li bei Nationalmannschaft-Zusammenzügen in Magglingen dabei, den Schweizer Pass und die internationale Starterlaubnis erhielt er aber erst 1994.
Fünf Jahre durfte Li quasi nur trainieren, dank der finanziellen Unterstützung seiner Frau hielt er sich über Wasser. «Es war eine spezielle Erfahrung und eine Lebensschule», sagte Li Jahre später. «Vor allem psychisch war es brutal hart.» Härter als die Zeit in der chinesischen Nationalmannschaft, als er sich zweimal schwer verletzte. 1984 zerriss es ihm bei einem Unfall die linke Niere und die Milz - beide Organe wurden entfernt -, 1988 stürzte er vom Barren und renkte sich einen Halswirbel aus.
Am Tag X bereit - trotz Angina
Die Olympia-Mission 1996 hatten Li und Nietlispach minutiös vorbereitet. Bereits Monate zuvor erstellte der damalige Schweizer Teamchef von Atlanta eine Liste, auf der jedes noch so banale Detail festgehalten wurde. Der heute 58-jährige Betriebsökonom und sein Athlet setzten sich zum Ziel, alle 100 Sachen zu beseitigen, die verhindern könnten, dass Li Olympiasieger wird.
Ein Jahr vor den Spielen in Atlanta, wo an Geräten der Marke AAI geturnt wurde, liess Nietlispach für 3900 Dollar ein Pauschenpferd des amerikanischen Herstellers via Antwerpen in die Schweiz importieren, das sich im Vergleich zu den europäischen Geräten in kleinen, aber feinen Details unterschied. Heute steht dieses im olympischen Museum in Lausanne.
Bereits am 8. Juli, knapp zwei Wochen vor Wettkampfbeginn, flogen die Kunstturner nach Atlanta. Nietlispach und Swiss Olympic hatten dafür gesorgt, dass es ihrem aussichtsreichsten Medaillenanwärter auch in der Olympiastadt an nichts fehlte. Li bekam ein Einzelzimmer, neben seiner Frau begleitete ihn aufgrund seiner Verletzungsakte auch der eigene Physiotherapeut. Zwischenzeitlich hatten die Kunstturner ihren eigenen Chauffeur, womit sie Verzögerungen durch mangelnde Ortskenntnisse der olympischen Busfahrer verhindern konnten.
Doch auch in Atlanta verlief nicht alles reibungslos. Nach erfolgreicher Pflicht und der Qualifikation für den Final befiel Li zwei Tage vor dem wichtigsten Wettkampf seines Lebens, auf den er acht Jahre hingearbeitet hatte, eine Angina. Sowohl der Athlet als auch die Schweizer Delegationsleitung verschwiegen die Krankheit vor dem Final der Öffentlichkeit.
Li liess sich durch die Angina nicht aus dem Konzept bringen. Er zeigte seine Übung nahezu perfekt und siegte mit 9,875 Punkten vor dem Rumänen Marius Urzica (9,825) und dem Russen Alexej Nemow (9,787). Es war die höchste Note, die Li je an einem internationalen Wettkampf erhielt, sämtliche sechs Kampfrichter sahen den Schweizer auf Platz 1.
Erst gegen vier Uhr morgens kehrten Li und Nietlispach ins olympische Dorf zurück. Schlaf fanden sie kaum, am frühen Morgen wartete eine Crew des Schweizer Fernsehens für eine Reportage. Li genoss den Triumph und liess sich unter anderen mit Muhammad Ali, Bill Clinton und dem damaligen IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch fotografieren. Anfang September wurden er und Esperanza in Luzern gebührend empfangen. Im Rückblick sagt Nietlispach: «Das Allerwichtigste ist der Athlet, er muss mental stark sein. Aber auch die Rahmenbedingungen und der Zustand der Delegation sind wichtig, damit am Ende ein solcher Erfolg klappt.»