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Jugend und Lehrjahre
1901 wird Alberto Giacometti in Borgonovo im Bergell als erstes Kind von Annetta und dem bekannten Maler Giovanni Giacometti geboren. Das Leben der Familie wird von der klugen und willensstarken Mutter und dem Künstlerberuf des Vaters bestimmt: neben der Landschaft sind Annetta und ihre vier Kinder das Hauptthema seiner von Segantini, Hodler und den französischen Postimpressionisten geprägten Malerei. Von Geburt an als Modell, in der kleinen aber sorgfältig ausgestalteten Wohnung in Stampa, im Atelier des Vaters wächst Alberto auf natürliche Weise in die Welt der Kunst. Schon die Kinderzeichnungen lassen die ungewöhnliche Begabung erkennen, mit zwölf beginnt er Köpfe zu modellieren. Die Zeichnung der Mutter von 1918 zeigt nicht nur eine erstaunliche Formsicherheit, sondern bereits einen bewussten Stilwillen, der sich auf die Kunst des mit der Familie befreundeten, kurz zuvor verstorbenen Ferdinand Hodler bezieht. Längere Zeit schwankt der Zwanzigjährige zwischen Malerei und Skulptur; das vollfigurige Selbstbildnis von 1921 fasst zusammen, was er von der malerischen Kultur und der koloristischen Begabung des Vaters lernen konnte. Zugleich macht sich eine formale Strenge und eine künstlerische Durchdachtheit geltend, die Albertos Vorgehen stets auszeichnen wird.
Anfang 1922 tritt Giacometti in die Académie de la Grande Chaumière in Paris ein. Antoine Bourdelle leitet dieses führende Lehratelier, in dem Alberto junge Bildhauer aus vielen Ländern trifft und sich jene hohe Professionalität erarbeitet, die selbst die scheinbar so chaotischen Formen des Spätwerks noch künstlerisch kohärent wirken lassen. Bourdelle, ein Schüler Rodins, sucht sowohl die grosse Tradition der europäischen Skulptur weiterzuführen als auch das Aufbrechen der organisch plastischen Form durch das neue Sehen Cézannes zu verarbeiten. Giacometti irritiert schon jetzt der Widerspruch zwischen der lebendigen Bewegtheit des Modells und der bleibenden, stilisierten Form; die plastischen Versuche zerstört er, erhalten sind nur die meisterhaften Aktzeichnungen. Hier zeigt sich das spezifische Körpergefühl Giacomettis; es ist von skulpturaler Schwere und Massigkeit ebenso fern wie von organisch schwellender oder muskulös gespannter Plastizität. Vielmehr entwickelt er die Gestalt aus durchsichtigen räumlichen Strukturen, aus Energien, die sich zwischen Punkten zu Linien bündeln. Auf dieser für einen Bildhauer ganz ungewöhnlichen Auffassung oder Disposition beruhen sowohl die schwerelosen Skulpturen um 1930 wie die erscheinungshaften späten Figuren.