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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Zwölfte Homilie.
II.
Siehe da weder Anfang noch Ende! Wie uns von diesem (Melchisedech) weder der Anfang der Tage noch das Ende des Lebens bekannt sind, weil sie nicht aufgeschrieben sind, so befinden wir uns in derselben Unkenntniß in Bezug auf Jesus, nicht aus Mangel an schriftlicher Aufzeichnung, sondern weil sie (Anfang und Ende) eben ganz fehlen; denn Jener ist das Vorbild, und darum fehlt die Aufzeichnung; Dieser aber ist die Wahrheit und daher (wirklich) ohne Anfang und ohne Ende. Ähnlich verhält es sich auch mit den Namen; denn hier waren die Benennungen: „König der Gerechtigkeit und des Friedens,“ dort aber die Wirklichkeit; so ist auch dort Das genannt, was sich hier wirklich findet. Wie hat er also einen Ursprung? Du siehst, daß der Sohn nicht in dem Sinne anfangslos ist, als hätte er keinen Grund seines Daseins, weil Das unmöglich ist, denn er hat einen Vater, und wie könnte er sonst Sohn sein? sondern insofern er keinen Lebensanfang und kein Ende hat.
„Er wurde,“ heißt es, „dem Sohne Gottes ähnlich gemacht.“ Worin liegt die Ähnlichkeit? Darin, daß wir das Ende und den Anfang von Diesem und von Jenem nicht kennen; von Diesem, weil die Aufzeichnung fehlt, von Jenem, weil sie gar nicht sind. Hier ist die Ähnlichkeit. Wenn aber in allen Theilen Ähnlichkeit vorhanden sein würde, so bestände ja nicht mehr Vorbild und Wahrheit, sondern beide wären Vorbild. Solches kann man auch bei Gemälden beobachten, bei denen Ähnlichkeit und Unähnlichkeit in die Augen fallen. In den einfachen Zügen und Umrissen liegt eine gewisse Ähnlichkeit; sind aber die Farben aufgetragen, so tritt die Verschiedenheit hervor, und es wird klar, in wiefern Ähnlichkeit und Unähnlichkeit bestehen. [S. 201]
4. Sehet aber, wie groß Der sei, dem der Patriarch Abraham den Zehnten vom Besten (der Beute) gab! Schön paßt er das Vorbild an: er zeigt bereits mit Zuversicht, daß dasselbe viel vortrefflicher sei, als was bei den Juden wirklich bestand. Wenn aber Der, welcher als Vorbild Christi dasteht, in so hohem Grade nicht allein vor den Priestern, sondern auch vor dem Stammvater der Priester hervorragt, wie muß es dann erst mit der Wahrheit bestellt sein? Siehst du, wie glänzend er den Vorzug darstellt? „Betrachtet,“ sagt er, „wie groß Der sei, dem der Patriarch Abraham den Zehnten vom Besten (der Beute) gab!“ Unter dem Besten wird die Beute verstanden. Und es kann nicht gesagt werden, daß er demselben als Genossen des Krieges (vom Erbeuteten) gegeben habe; denn darum heißt es: „Er ging ihm, da Dieser von der Niederlage der Könige zurückkehrte, entgegen,“ andeutend, daß er zu Hause gewesen, und daß er ihm die Erstlinge seiner Kriegsmühen gegeben habe.
5. Jene Söhne Levi’s, welche das Priesterthum empfingen, haben wohl die Vorschrift, den Zehnten nach dem Gesetze zu nehmen vom Volke, das ist von ihren Brüdern, obwohl auch diese aus den Lenden Abrahams abstammen.
So groß, sagt er, ist der Vorrang des Priesterthumes, daß Diejenigen, welche in Bezug auf die Vorfahren in gleicher Ehre stehen und denselben Stammvater haben, vor den Andern eine große Auszeichnung genießen: sie empfangen ja von ihnen den Zehnten. Würde nun aber Jemand gefunden, der von Diesen selbst den Zehnten erhielte, gehörten sie dann nicht zu den Laien, Dieser aber zu den Priestern? Und nicht allein Dieses, sondern er stand mit ihnen [S. 202] nicht auf gleicher Stufe der Ehre und war aus einem anderen Geschlechte. Darum würde er einem Fremdling den Zehnten nicht gegeben haben, wäre dieser nicht in hohen Ehren gestanden. Ha! was hat Paulus gethan? Mehr, als man glauben sollte, hat er im Briefe an die Römer in seinen Erklärungen ausgesprochen; denn dort hat er den Abraham als den Stammvater unserer und der jüdischen Verfassung dargestellt; hier aber spricht er sich entschieden gegen ihn aus und zeigt, daß der Unbeschnittene einen großen Vorzug behaupte. Wie zeigt er nun Das? Dadurch, daß Levi den Zehnten gab; „Abraham,“ heißt es, „gab.“ Und welche Beziehung hat Das auf uns? Die allernächste für euch; denn ihr werdet doch schwerlich behaupten, daß die Leviten mehr seien als Abraham.
6. Derjenige aber, der gar nicht zu ihrem Geschlechte gehörte, nahm den Zehnten von Abraham.
Dann geht er nicht einfach weiter, sondern fügt bei: „und segnete Den, der die Verheissungen hatte.“ Da Dieses für die Juden in jeder Beziehung ehrenvoll war, zeigte er, daß Dieser nach dem gemeinsamen Urtheile Aller eine noch höhere Würde als Jener behaupte.
7. Ohne alle Widerrede aber wird, was geringer ist, von dem Größeren gesegnet.
Das heißt: Allen scheint es angemessen, daß das Geringere von dem Höheren gesegnet werde. Daher ist das Vorbild Christi höher und hat auch den Vorzug vor Dem, der die Verheißungen hatte. [S. 203]
8. Auch nehmen hier sterbliche Menschen den Zehnten, dort aber (nimmt ihn) Einer, von dem bezeugt wird, daß er lebe.
Damit sie aber nicht sagen konnten: Warum gehst du in die frühere Zeit zurück? Was geht es unsere Priester an, wenn Abraham den Zehnten gab? Sprich, was auf uns paßt, - fügt er die Worte hinzu:
9. Und so zu sagen (ganz passend sprach er sich so mehr zurückhaltend und nicht ganz klar aus, um nicht zu verletzen) durch Abraham hat auch Levi, welcher Zehenten empfing, den Zehenten geben müssen.
Wie denn?
10. Denn er war noch in den Lenden des Vaters, als ihm Melchisedech entgegen kam, d.h. in ihm war Levi, obgleich er noch nicht geboren war, und durch ihn gab er den Zehnten.
Siehe, er sagt nicht: Die Leviten, sondern: „Levi“, was mehr war, wie er es auch wollte, um schon dadurch den Vorzug hervorzuheben. Erkennst du, welch’ ein Unterschied ist zwischen Abraham und Melchisedech, der ein Vorbild unseres Hohenpriesters ist? Und er zeigt, daß der Vorzug in der Macht, nicht in der Nothwendigkeit liege. Denn Jener gab den Zehnten, was den Priester angeht; Dieser segnete, was die Sache eines Höheren ist. Dieser Vorzug geht auch auf die Nachkommen über. Auf eine bewunderungswürdige und kräftige Weise fertigt er, was jüdisch ist, ab, weßwegen er auch sagt: „Ihr seid schwach [S. 204] geworden,“1 und wollte diesen Grund legen, damit sie nicht muthwillig würden; denn das ist die Weisheit des Paulus: vorerst macht er die gehörigen Einleitungen, dann unternimmt er das vorgenommene Werk. Denn das Menschengeschlecht ist schwer zu überzeugen und bedarf großer Sorgfalt, mehr als die Pflanzenwelt. Hier nämlich ist es die Natur der Körper und der Erde, die sich den Händen des Landmannes fügt; dort aber ist es der freie Wille, der viele Wandlungen durchmacht und bald diese, bald jene Wahl trifft; denn er ist zum Bösen geneigt.
1: Hebr 5,11