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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/D
Wir leben in einer Welt, die mit dem Adjektiv global näher beschrieben wird, global bedeutet weltweit, weltumfassend beurteilen, und globalisieren bedeutet, Produktionsvorgänge auf internationale Märkte bzw. Unternehmen auszurichten, um die Wettbewerbschancen zu optimieren.
Jemandem etwas global erläutern, wird in Englisch mit: to give somebody a general idea of something, also eine generelle Idee, übersetzt.
Diese Idee hatte schon Karl Marx.
Robert Menasse schreibt in seinem Buch Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung (S.50):
Im ersten Teil des Kommunistischen Manifests finden wir die literarisch gelungenste, aber auch analytisch präziseste Beschreibung der Globalisierung, die bis heute, wo doch bereits viel mehr empirisches Material auf dem Tisch liegt, formuliert wurde.
Wohl gemerkt, Karl Marx schrieb sein Manifest 1848! Sie glauben mir nicht? Ich rate Ihnen, es zu lesen, besonders im ersten Teil können Sie viel über die Entwicklung der Produktionsverhältnisse lernen. Ersetzen Sie einfach - so wie ich es unten getan habe - die Bezeichnung Bourgeoise in den Begriff Hochfinanz und Eigentümer weltweit operierender Firmen, ihre Vertreter repräsentieren die 85 reichsten Menschen, die über so viel Vermögen verfügen, wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.
Karl Marx schreibt dazu:
Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für 9 Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es existiert gerade dadurch, dass es für 9 Zehntel nicht existiert. (S. 26)
An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. (S. 11)
Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese wieder hat auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Masse, worin Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Masse entwickelte sich die Grossfinanz, vermehrte ihre Kapitalien, drängte alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund. (S. 8)
Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Hochfinanz über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. - Die Hochfinanz hat durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. (S. 10)
An ihre Stelle (der feudalen Eigentumsverhältnisse) trat die freie Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der Hochfinanzklasse. (S. 13)
So weit - leicht verändert - das Kommunistische Manifest. Karl Marx machte nur den Denkfehler, dass sich das Proletariat, die Arbeiterschaft in einer Revolution gegen die Verhältnisse auflehnen werde. Das ist nie geschehen.
Bekanntermassen hat die Umsetzung dieser Idee in der Praxis nicht funktioniert, die Proletarier haben sich aus ihrer Lage auch im so genannten Kommunismus nie emanzipieren können.
Deshalb ist die Analyse von Karl Marx nicht falsch.
Dem kapitalistischen System ist schon oft der Tod voraus gesagt worden, wie etwa an dem Begriff Spätkapitalismus zu ersehen ist. Nehmen wir ihn beim Wort, es ist noch nicht zu spät, den Kapitalismus zu überwinden. Je skeptischer die Bevölkerung gegen die Versprechen der Politiker, der Werbefachleute, der selbst ernannten Glücksvermittler und der im Dienste der Herrschenden ihre angeblich alternativlos herrschenden Meinungsverbreiter, ist, desto mehr gerät diese Kaste, die Hochfinanz, in Gefahr. Und wenn sie behauptet, ohne sie sei der abhängig Beschäftigte, der kleine Selbstständige nicht lebensfähig, weil ohne das Grosskapital kein Fortschritt möglich sei, dann glaubt ihnen nicht. Sucht nach Wegen, es ihnen zu zeigen! Kleine Anfänge davon gibt es schon, und es werden täglich mehr!
Quellen:
Marx - Engels, Manifest der kommunistischen Partei Dietz Verlag, Berlin 1959, 17. Auflage, 1. Auflage 1945 (mit Vorreden aus verschiedensprachigen Ausgaben und Abdruck des Originals der 1. Auflage, London, Februar 1848.)
Menasse, Robert, Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung, edition suhrkamp, Frankfurt/Main, 5. Auflage 2017, 1. Auflage 2006