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Der erste Summer of Love war 1967, als die Hippiebewegung in den USA erstmals eine grosse Sichtbarkeit im Mainstream erreichte. Gegen den Krieg in Vietnam, für bunte Farben, Drogen wie LSD, lange Haare und noch längere Konzerte, etwa von The Grateful Dead. Manche sagen grosszügig, 1968 gehöre mit dazu – die Grenzen verschwimmen, das ist Teil der Liebe.
Der zweite, nun europäische Summer of Love: die Hochzeit von Acid-House-Partys in Grossbritannien im Jahr 1988. Gelbe Smileys, gutes Ecstasy, leere Fabrikhallen und schon wieder bunte Farben. Auch dieser Sommer schwappte nahtlos ins Jahr 1989 hinüber, weil die Raver:innen der ersten Generation einfach nicht ins Bett gingen bis zum Fall der Mauer.
Mit der Samtpfote
Und nun stehen wir mitten im dritten Sommer der Liebe, weil nach zwei Jahren dauernder Absagen die Popstars wie Heuschrecken über die Konzerthallen hereinbrechen. Und egal ob sie 20, bald 30 oder 65 Jahre alt sind: Sie kuscheln mit dem Publikum wie noch nie, die Leute löffeln die Liebe von der Bühne, wie eine Katze eine Schale Milch schlürft. Wirklich tierisch, wie Stars wie Nick Cave, Lorde, Harry Styles oder Billie Eilish dem Publikum die Samtpfote reichen.
Popkonzerte sind heute eine Messe der weichen Gefühle. Nick Cave steigt ständig auf einen der Bühne vorgelagerten Steg hinunter, berührt eine Hand nach der andern, verwuschelt dem Konzertfotografen die grauen Locken, lässt sich den Oberkörper stützen und das Mikrofon halten beim Kuscheln mit der ersten Reihe. Lorde erzählt zwischen den Songs ausgiebig aus dem Nähkästchen und zeichnete in Berlin einem Fan eine Vorlage für ein Tattoo auf ein Blatt Papier, während das Piano fünf Minuten lang das Intro des nächsten Songs klimperte.
Harry Styles half in Hamburg in einem vollen Fussballstadion einer jungen Frau beim Coming-out. Und Billie Eilish, der grösste Popstar der Welt, ruft die Security, wenn sie denkt, dass es in den engen Reihen jemandem vielleicht nicht so gut geht. Die drei Regeln, die Eilish an ihren Konzerten durchgab: Sei kein Arsch, urteile nicht über andere, have fun.
Der Popsommer 2022 findet wie der erste von 1967 mitten in einem Krieg statt, den man heute am Konzert aber eher zu vergessen sucht, als dort gegen ihn zu demonstrieren. Und es spielen weniger technologische Gründe mit wie beim zweiten Summer of Love Ende der achtziger Jahre, als japanische Drum Machines, Plattenspieler und Mischpulte die Rave-Revolution antrieben. Der Berührungsverzicht der Pandemie verschärft die Kuscheloffensive des aktuellen Popsommers zwar wohl. Am Anfang steht aber der mediale Wandel, der nun nicht die Produzent:innen betrifft, sondern auch die Konsument:innen ermächtigt. Denn das Internet hat die Kommunikation zwischen Popkünstler:innen und ihren Fans grundlegend verändert.
Die digitalen Spuren
Früher wollten Fans alles über die Stars wissen. Sie kauften Musik- oder Klatschmagazine, lasen die Texte auf den Platten- und CD-Hüllen, hörten endlos lange Radio und warteten, bis sie mit dem Kassettenrekorder das Lieblingslied aufnehmen konnten. Der Zugang zu den Stars war für die allermeisten Fans stark vermittelt und distanziert (während Journalist:innen oder Groupies, der Unterschied war nicht immer deutlich, auf einer Tournee manchmal in die innersten Zirkel vorgelassen wurden, wie das heute unmöglich wäre). Soziale Medien stellen heute für Fans eine direkte, visuelle Nähe her, die es im Pop noch nie auch nur ansatzweise gab. Und die digitalen Spuren sind tatsächlich für die Stars wichtig, die Daten sind das Gold bei Instagram und Spotify. Man könnte also sagen: Der Star will alles über seine Fans wissen – wo sie wohnen, was sie hören, wie alt sie sind.
Soziale Medien haben eine zumindest imaginäre Nähe zu den Stars hergestellt, die im physischen Raum nie möglich wäre. Und die Konzerte suchen nun Formen, um diese Nähe zu inszenieren. Doch es gibt Grenzen: Als sich Nick Cave in die erste Reihe so gut wie fallen liess, schaute er beim Singen kurz an sich herunter, pausierte und sagte nicht unfreundlich: «Put your fucking phone away.»