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Immer mehr Politikerinnen schaffen den Einzug in den Nationalrat. Hat die höhere Frauenrepräsentation einen Einfluss auf das Redeverhalten männlicher Politiker? Die Analyse zeigt: Je grösser die weibliche Konkurrenz, desto weniger äussern sich Nationalräte zu Anliegen, die Frauen überproportional betreffen. Aber: Der Gender-Gap bei Reden zu diesen Themen scheint sich zu verkleinern.
Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil Nationalrätinnen markant angestiegen. Die letzten Wahlen 2019 wurden sogar als «Frauenwahl» gefeiert, da erstmals über 40 Prozent der Parlamentarier:innen im Nationalrat weiblich sind. [1] Es hat demnach grosse Fortschritte gegeben bezüglich der deskriptiven Repräsentation von Frauen in der Schweizer Politik. Wie sieht es hingegen bei ihrer substantiellen Repräsentation [2] aus? Auch wenn man/frau es sich anders wünschen würde: Es gibt bis heute gesellschaftliche Themen, die Frauen überdurchschnittlich betreffen beziehungsweise benachteiligen. [3] Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmass solche «frauenspezifischen» Themen auf dem politischen Parkett behandelt werden.
Insbesondere das Verhalten der Männer wurde in diesem Zusammenhang noch kaum untersucht. Während die Vermutung naheliegt, dass die Repräsentation von «Frauenanliegen» im Parlament durch den erhöhten Anteil Nationalrätinnen zunimmt, ist nicht klar, wie männliche Abgeordnete damit umgehen. Gibt es einen spillover-Effekt, wonach sich die Nationalräte ebenfalls in der Verantwortung sehen, «frauenspezifische» Themen anzusprechen? Oder ziehen sie sich infolge der neuen weiblichen Konkurrenz eher aus diesen Themenfeldern zurück?
Eine Analyse der Nationalratsreden im Zeitraum 1999-2021 zeigt: Im Allgemeinen reden die Männer weniger über «weibliche» Anliegen, je höher der Frauenanteil unter den Abgeordneten ausfällt. Allerdings hat sich die Lücke zwischen ihrer gesamten Redetätigkeit und den Wortmeldungen zu «frauenspezifischen» Themen tendenziell verringert. Das könnte auf eine etwas stärkere Sensibilisierung hindeuten.
Parlamentarier debattieren deutlich seltener über «Frauenthemen» im Vergleich zu ihrer gesamten Redetätigkeit
Das Wichtigste vorab: Was soll ein «Frauenthema» denn sein? Neben biologischen Angelegenheiten wie die Geburt, Abtreibungsrechte oder die Reproduktionsmedizin berücksichtigt dieser Artikel auch soziale Themen, welche – Stand heute – überproportionale Auswirkungen auf das Leben von Frauen haben. Dazu zählen beispielsweise Zwangsverheiratungen, Kinderbetreuung und sexuelle Belästigung, aber auch die Pflege von Angehörigen oder Lohn(un)gleichheit. [4] In diesem Beitrag werden «Frauenthemen» mithilfe eines Wörterbuchs von Höhmann (2020) definiert, der eine ähnliche Analyse im deutschen Kontext durchgeführt hat.
Entgegen den Erwartungen ist es nicht so, dass in den letzten Jahren mehr über «frauenspezifische» Anliegen gesprochen wurde. Über alle Parliamentarier:innen hinweg ist die absolute Anzahl solcher Redebeiträge eher zurückgegangen, von 1126 in der 46. Legislatur (1999-2003) auf 812 in der letzten abgeschlossenen Legislatur (2015-2019). [5] Dies gilt allerdings auch für die Anzahl Nationalratsreden insgesamt. Es lohnt sich deshalb, einen Blick auf die relativen Redeanteile von Nationalrät:innen zu werfen:
Abbildung 1 macht den generellen Rückgang von Reden bei den Männern ersichtlich. Der Anteil Nationalräte ist in der betrachteten Zeitspanne um 18.5 Prozentpunkte (Pp.) gesunken (von 76.5 auf 58 Prozent) – ihr Redeanteil verringerte sich analog dazu um 16.7 Pp. Während der 46. Legislatur wurden drei Viertel der Reden von Männern gehalten, in der aktuellen Legislaturperiode sind es noch knapp unter 60 Prozent. [6] Interessanterweise lag der männliche Redeanteil pro Legislatur meistens leicht unter dem Anteil Nationalräte. Das heisst im Umkehrschluss, dass Parlamentarierinnen etwas redefreudiger waren, als man/frau es aufgrund ihrer deskriptiven Repräsentation erwarten würde.
Auffällig ist auch die grosse Differenz zwischen den Redeanteilen der Nationalräte insgesamt und ihren Redeanteilen bei den «frauenspezifischen» Themen. In diesen Sachbereichen melden sich die Männer deutlich seltener zu Wort. Auch hier ging ihr Redeanteil über die Zeit eher zurück (mit einem kleinen Ausreisser nach oben in der 49. Legislaturperiode). Gleichzeitig verringerte sich jedoch der Abstand zwischen ihrer gesamten Redeaktivität und ihrem Redeanteil bei «weiblichen» Anliegen. Zwischen 1999-2003 betrug dieser Unterschied noch rund 20 Pp., in der laufenden Legislaturperiode ist die Differenz auf 14.1 Pp. geschrumpft. [7] Dies könnte ein Hinweis dafür sein, dass sich Nationalräte infolge der grösseren Frauenpräsenz zwar weniger häufig zu Wort melden, aber dass ihr relatives Interesse an «frauenspezifischen» Themen doch etwas angestiegen ist.
Linke Nationalräte reden weniger über «weibliche» Anliegen
Wie sieht die Verteilung in den Ratsfraktionen aus? Abbildung 2 zeigt die grosse Varianz zwischen den einzelnen Fraktionen. Die SVP (und die EVP/EDU) befinden sich in fast jeder Legislaturperiode am weitesten oben rechts. Die Fraktionen sind also stark männergeprägt und die Redeanteile der Männer zu «frauenspezifischen» Angelegenheiten fallen entsprechend hoch aus. Am anderen Pol unten links liegen die SP und die Grünen. Sie erreichen mitunter auch Frauenanteile über 50 Prozent, was sich in tieferen männlichen Redeanteilen zu «Frauenthemen» widerspiegelt. Über die Jahre hinweg hat sich die Rangordnung zwischen den Fraktionen nicht gross verändert. Die Entwicklung der FDP-Liberalen in der laufenden 51. Legislaturperiode fällt aber auf: Sowohl der fraktionsinterne Frauenanteil als auch der Redeanteil der Männer zu «frauenspezifischen» Themen liegt bei rund 34 Prozent. In früheren Legislaturen zählten sie zu den Fraktionen mit eher hohen männlichen Redeanteilen. Spannend ist ebenfalls das Abschneiden der Grünliberalen. Sie befinden sich immer deutlich oberhalb der blauen Trendlinie, was bedeutet, dass die grünliberalen Parlamentarier mehr über «Frauenthemen» sprechen, als man/frau es aufgrund des Frauenanteils in der Fraktion erwarten würde.
Der Vaterschaftsurlaub lockt die Männer ans Rednerpult – aber auch die Covid-Impfung von Schwangeren
Die «frauenspezifischen» Reden decken verschiedene Themenfelder ab. Über die Zeit hinweg wurde jedoch nicht über jedes Thema gleich intensiv debattiert. Abbildung 3 zeigt die Entwicklung der männlichen Redetätigkeit zu ausgewählten Unterthemen im Vergleich zum Männeranteil im Nationalrat. [8] Bei den Reden, die das Stichwort «Vaterschaft» enthalten, hat sich die Lücke zwischen den Parlamentarier- und Redeanteilen tendenziell vergrössert. In der aktuellen Legislatur aber steigt der männliche Redeanteil zum Thema sprunghaft an. Das hängt mit der Debatte zum 2020 beschlossenen Vaterschaftsurlaub zusammen (der wohl einige Nationalräte persönlich betraf). Auch bei anderen Themen sieht man/frau insgesamt rückläufige Entwicklungen, welche durch einzelne Ausreisser unterbrochen werden. Beim Schlagwort «Lohngleichheit» stieg der Anteil von Männern gehaltene Reden in der 50. Legislaturperiode stark an, als über verbindliche Lohnanalysen für Unternehmen diskutiert wurde. In der 48. Legislaturperiode sprachen die Nationalräte plötzlich häufiger über Vergewaltigungen. Die Redetexte verraten, dass es sich vorwiegend um Beiträge zur SVP-Ausschaffungsinitiative handelte, die das Thema Ausländerkriminalität bespielte. Da die SVP-Fraktion einen tiefen Frauenanteil hat (siehe Abbildung 2), führte diese Debatte zu einem höheren Redeanteil der Männer. Das Thema «Schwangerschaft» stiess 2021 plötzlich auf Interesse, als es um die (Nicht-)Impfung von Schwangeren gegen das Coronavirus ging.
Übers Ganze gesehen ist der Männeranteil bei Nationalratsreden zu «frauenspezifischen» Angelegenheiten zurückgegangen, im Gleichschritt mit dem wachsenden Frauenanteil im Parlament. Dennoch suggeriert die kleiner werdende Lücke zwischen der allgemeinen Redetätigkeit der Männer und ihren Wortmeldungen zu «Frauenthemen», dass ihr Interesse – relativ gesehen – leicht angestiegen ist. Es gibt zum Teil deutliche Unterschiede zwischen den Ratsfraktionen. Auch mit Blick auf verschiedene Unterthemen verändert sich die Redefreudigkeit der Nationalräte über die Zeit.
[4] Die vollständige Liste aller verwendeten Suchbegriffe ist dem R-Code zu entnehmen. Für Informationen zum methodischen Vorgehen, siehe Box Daten, Validität und Methoden.
[5] Über die gesamte Zeitperiode hinweg betrafen 13.6 Prozent der analysierten Reden mindestens ein «frauenspezifisches» Anliegen.
[6] Dabei ist zu beachten, dass die Anteile für die laufende 51. Legislaturperiode auf eine kleinere absolute Anzahl Reden beruhen, da zum Zeitpunkt der Datenerhebung erst die Hälfte der Legislatur vorüber war.
[7] In der 49. Legislaturperiode war der Unterschied mit 13.7 Pp. am kleinsten, wie in Abbildung 1 angegeben.
[8] Die Darstellungen zu den einzelnen Stichworten basieren auf zwischen 81 und 150 Reden.
Informationen zum Blogbeitrag
Verfasserin: Jenny Roberts
Matrikelnummer: 17-705-179
E-Mail: <email-pii>
Lehrveranstaltung: Forschungsseminar «Politischer Datenjournalismus» (FS 2022)
Dozierende: Dr. Theresa Gessler, Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Bruno Wüest
Abgabedatum: 17. Juni 2022
Anzahl Wörter (exkl. Lead, Anhang und Fussnoten): 1023
Selbständigkeitserklärung
Daten, Validität und Methoden
Die Daten für die Analyse wurden vom Dozierenden (Dr. Bruno Wüest) zur Verfügung gestellt. Sie wurden mit dem R-Paket swissparl via die Webservices der Schweizer Parlamentsdienste heruntergeladen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 1999 (Beginn 46. Legislaturperiode) bis Ende 2021 (laufende 51. Legislaturperiode). Im finalen Datensatz sind 38’625 Reden erfasst. Die Angaben zu den Frauenanteilen im Nationalrat/pro Fraktion stammen vom BFS.
In die Anaylse eingeflossen sind ausschliesslich Nationalratsreden, welche nicht von Bundesrät:innen oder Bundeskanzler:innen gehalten wurden. Der Grund für diese Einschränkung liegt darin, dass Exekutivmitglieder eine andere Art politische Repräsentation pflegen als Abgeordnete im Parlament. Während Erstere den Gesamtbundesrat vertreten müssen, sind Parlamentarier:innen am ehesten noch an die Haltung ihrer Fraktion gebunden. Sie können aber grundsätzlich mehr oder weniger frei entscheiden, ob sie sich zu den untersuchten «Frauenthemen» äussern oder nicht. Auch wenn ein:e Nationalrät:in ein Kommissionspräsidium oder sonstige Spezialfunktion innehat, welche Redepflichten mit sich bringt, handelt es sich um substantielle Repräsentation (z.B. der Kommissionsmeinung). Ausserdem kann die Annahme getroffen werden, dass sich Parlamentarier:innen für die Präsidien derjenigen Gremien bewerben, die sie inhaltlich besonders interessieren.
Was die im Nationalrat vertretenen Fraktionen angeht, wurden nur diejenigen berücksichtigt, die innerhalb einer Legislaturperiode mindestens 200 Reden (egal zu welchem Sachverhalt) verzeichneten. Ziel dieser Begrenzung war das Vermeiden von sehr kleinen Substichproben, die Generalisierungen erschweren. Somit wurden die folgenden (ehemaligen) Fraktionen aus der Analyse ausgeschlossen: Liberale (46. Legislatur), BDP (48. Legislatur). Wegen ihrer inhaltlichen Nähe wurden die christlichdemokratische, Mitte-, CVP/EVP- und CVP/EVP/glp-Fraktionen im Nachgang zu einer Kategorie zusammengefasst.
Um die «frauenspezifischen» Reden zu bestimmen, wurde ein Dictionary-Ansatz gewählt. Wenn eine Rede mindestens eines der gesammelten Stichworte enthielt, wurde sie als «frauenspezifisch» gekennzeichnet. Das Suchergebnis wurde für jedes Schlagwort anhand einer Stichprobe manuell überprüft und die Dictionary entsprechend angepasst. Beispielsweise wurde das Stichwort «Pflege» präzisiert, da das ursprüngliche Ergebnis zu grob ausfiel (z.B. «Pflege eines regelmässigen Austauschs»). Neu wurden nur Reden berücksichtigt, die den Suchbegriff im spezifischeren Kontext von «Alterspflege», «Krankenpflege», «Pflege von Angehörigen» usw. enthielten. Die finale Liste aller verwendeten Suchbegriffe ist im R-Code aufgeführt.
Hier geht’s zum Code der gezeigten Grafiken.
Bei der Interpretation der Ergebnisse gilt es, einige Vorbehalte zu beachten:
Da die Analyse einen deskriptiven Fokus hat, können keine kausalen Zusammenhänge belegt werden. Die Auswertungen zeigen aber grobe Tendenzen auf und erlauben somit eine erste Annäherung an die Fragestellung.
Die erwähnten Redeanteile der männlichen bzw. weiblichen Abgeordneten beziehen sich immer auf die absolute Anzahl Reden innerhalb einer Legislaturperiode/Fraktion. Die Analyse wurde nicht auf einzelne Parlamentarier:innen heruntergebrochen. Das heisst, es kann sein, dass besonders redefreudige Nationalrät:innen in bestimmten Legislaturen/Fraktionen die Bilanz stark beeinflussen, während die Unterschiede zwischen Durchschnittsabgeordneten der verschiedenen Fraktionen womöglich kleiner ausfallen. Mit der gewählten Vorgehensweise werden die Dimensionen der gesamten Redetätigkeit jedoch am besten abgebildet.
Im Gegensatz zum Artikel von Höhmann (2020), der eine ähnliche Analyse im deutschen Kontext durchgeführt hat, berücksichtigt dieser Beitrag nur die Anzahl gehaltener Reden und nicht deren inhaltiche Richtung. Für eine tiefergehende Analyse wäre es allerdings wichtig zu wissen, inwiefern sich die Nationalräte zu «frauenspezifischen» Themen äussern: Zielen ihre Beiträge eher auf die Ausweitung von Frauenrechten bzw. die Verringerung von Diskriminierung (z.B. durch Forderungen nach mehr Lohngleichheit), oder sind sie eher antiemanzipatorisch gefärbt (wie z.B. die Forderung nach einem strikteren Abtreibungsgesetz)? Dieser zentrale Aspekt konnte aus Zeit- und Platzgründen nicht in den vorliegenden Beitrag einfliessen. Es würde sich jedoch lohnen, die Wertung von Redebeiträgen zu «Frauenthemen» in einem anderen Rahmen zu beleuchten.
Literaturverzeichnis
Bundesamt für Statistik: Frauen und Wahlen (2022).
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/politik/wahlen/frauen.html#1390978129 [Stand: 17.06.2022].
Fuchs, Gesine: Politische Repräsentation von Frauen in der Schweiz und in Europa: Blick zurück und nach vorn (2021).
https://www.defacto.expert/2021/04/13/politische-repraesentation-von-frauen-in-der-schweiz-und-in-europa-blick-zurueck-und-nach-vorn/ [Stand: 17.06.2022].
Höhmann, Daniel: When Do Men Represent Women’s Interests in Parliament? How the Presence of Women in Parliament Affects the Legislative Behavior of Male Politicians (2020). In: Swiss Political Science Review 26(1): 31-50.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/spsr.12392 [Stand: 17.06.2022].
Pitkin, Hanna: The Concept of Representation (1967). Berkeley: University of California Press.