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Das Kätzchen hat beim Spielen eine Tablette Algifor 200 mg aus der Handtasche der Besitzerin stibitzt und gefressen. Algifor 200 mg enthält den Wirkstoff Ibuprofen, welche wir Menschen bei Fieber, Kopfschmerzen oder anderen Schmerzen zu uns nehmen.
Der Besitzerin fällt während der nächsten Tage auf, dass das Kätzchen vereinzelt erbricht, jetzt nicht mehr fressen will und auch zunehmend apathischer wird.
Der Allgemeinzustand ist reduziert, das sonst sehr verspielte Kätzchen sehr ruhig. Die Schleimhäute sind etwas blass und seine Temperatur nur noch 36.8 °C (normal: 38.3-39°C). Herz und Lunge tönen unauffällig, die Bauchabtastung für die Katze etwas unangenehm aber nicht schmerzhaft. Die Harnblase ist klein.
Da wir befürchten, dass die Tablette einen Nierenschaden verursacht haben könnte, wird umgehend eine Blutuntersuchung vorgenommen. Der Kater wird auf eine warme Unterlage gebracht und zusätzlich mit einer Wärmelampe wieder aufgewärmt. Nach etwa 30 Minuten ist die Temperatur bereits gestiegen.
Im Blutbild bestätigt sich unsere Befürchtung: die Nierenwerte sind sehr stark erhöht - Bao-Remi leidet an einem akuten Nierenversagen. Ohne weitere Unterstützung und Therapie hat die Katze keine Überlebenschance.
Um dem Tier eine Überlebenschance geben zu können, muss die Nierenfunktion unterstützt und eine Dialyse (Blutwäsche) durchgeführt werden - dies in der Hoffnung, dass sich nach wiederholter Entfernung der durch die Nieren nicht mehr ausgeschiedenen Abfallstoffe die Nieren wieder erholen. Das Dialysezentrum am Tierspital Bern ist schweizweit der einzige Ort, welcher diese Behandlung anbietet: Die Katze wird umgehend überwiesen, hospitalisiert und erhält auch gleich die erste Dialyse. In den nächsten Tagen folgen zwei weitere Dialysen.
Glücklicherweise spricht das Katerchen gut auf die Therapie an, die Nieren können sich erholen und ihre Funktion wieder aufnehmen, Bao-Remi geht es nun wieder besser, er erbricht nicht mehr, beginnt wieder zu fressen und setzt auch Harn ab. Die Nierenwerte stabilisieren sich und das Kätzchen darf nach einigen Tagen wieder nach Hause. Bei der Nachkontrolle eine Woche wie auch einen Monat später sind die Nierenwerte weiterhin stabil. In einem halben Jahr wird das Blutbild nochmals kontrolliert werden.
Ibuprofen ist ein Entzündungshemmer und Schmerzmittel und beim Menschen gut verträglich. Hingegen können bei Hund und Katze bereits kleine Mengen giftig und sogar tödlich wirken: Beim Hund können tägliche 5 mg pro kg Gewicht nach wenigen Tagen schon schwere Schäden im Magen-Darmtrakt verursachen, Katzen können bei einer einzelnen Dosis von 90 mg pro kg Gewicht eine fatale Nierenschädigung erleiden. Die Aufgaben der Nieren sind die Produktion von Urin (über welchen viele Stoffwechselprodukte und Abfallstoffe aus dem Körper entfernt werden) sowie Regulation des Säure-Base-Gleichgewichts und des Salz-Haushaltes des Körpers. Bei einem akuten Nierenversagen wird die Niere plötzlich so stark geschädigt, dass sie nur noch wenig oder keinen Harn mehr produzieren kann; die Abfallstoffe werden also nicht mehr ausgeschieden und akkumulieren sich im Körper.
Symptome eines Nierenversagens sind Übelkeit, Erbrechen, Appetitverlust, abnormaler Harnabsatz und schlimmstenfalls der Tod. Ursachen eines akuten Nierenversagens können Vergiftungen (Medikamente, Gifte, bei Katzen Lilien, bei Hunden Schokolade, Trauben), Infektionen (beim Hund die gefürchtete Leptospirose) oder anderes (zB Harnleiterverschluss) sein.
Bei der Dialyse wird versucht, die Nieren zu entlasten und die angesammelten Giftstoffe aus dem Blut zu entfernen, bis sich die Nieren unter weiterer Therapie (Flüssigkeitszufuhr, gegebenenfalls Antibiotika und andere Medikamente) wieder erholt haben. Es wird zwischen einer Hämodialyse (hierbei wird wie bei Bao-Remi das Blut durch eine Maschine geleitet, welche die Giftstoffe ausfiltriert) und einer Peritonealdialyse (hierbei wird Flüssigkeit in die Bauchhöhle geleitet, welche nach einiger Zeit (beladen mit Giftstoffen) wieder abgesaugt wird) unterschieden.
Der Erfolg der Dialyse hängt von der Ursache des akuten Nierenversagens sowie vom Zeitpunkt ab, an dem sie begonnen wird - im schlimmsten Fall kommt die Dialyse zu spät oder die Nieren sind so schwer geschädigt, dass sie sich auch unter der Entlastung einer Dialyse nicht mehr genügend erholen können und ein chronisches Nierenversagen oder sogar der Tod folgt. Das Verfahren ist nicht billig - je nach Dauer der Hospitalisation und Anzahl Dialysen muss mit 5000.- bis 8000.- Franken Aufwand gerechnet werden.
Die Dialyseeinheit am Tierspital Bern kann sich über fehlende Arbeit leider nicht beklagen - insbesondere Hunde mit Leptospiroseinfektion sind immer häufiger Patienten des Teams von Dr. Francey und Dr. Schweighauser, weshalb die Einheit in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut wurde.
Vergiftungen kommen bei Hunden und Katzen recht häufig vor. In manchen Fällen ist den Besitzern bekannt, dass die aufgenommene Substanz beim Tier ein Problem darstellen könnte - ein bekanntes Beispiel ist hier die Schokolade. Gewisse, beim Menschen unproblematische Medikamente können beim Tier zu schweren Problemen führen - gerade weil dies den Besitzern zu wenig bewusst ist.
Wird die Aufnahme der Substanz beobachtet und baldestmöglich der Tierarzt (allenfalls Notfalltierarzt) oder das Tox-Zentrum unter der Gratisnummer 145 kontaktiert, kann innert kurzer Zeit festgestellt werden, ob das aufgenommene Lebensmittel oder Medikament eine Gefahr darstellt. In diesem Fall kann ein Medikament injiziert werden, welches das Tier zum Erbrechen bringt und die Substanz aus dem Körper entfernt, wodurch toxische Wirkungen vermieden werden können.
Eine spezifisch tiermedizinische Informationsquelle zu möglichen Giftstoffen findet sich auch hier .
Der Fall wurde behandelt und aufgearbeitet von Dr. R. Lüthi