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Die südfranzösische Stadt Montpellier hegt seit einigen Jahren grosse architektonische Pläne, die mit dem Label «folies architecturales du 21ème siècle» bekannt gemacht werden sollen. Was sich hier entwickelt, könnte noch für etliche Überraschungen sorgen.
Montpellier lenkte schon einmal den Architekturdiskurs auf sich, in den 1980er-Jahren, als der spanische Architekt Ricardo Bofill, ein Hauptvertreter der Postmoderne, das gigantische Quartier Antigone entwarf. Bofill plünderte für seinen Plan den Formenschatz nicht nur des Barocks, sondern auch des 19. Jahrhunderts und rahmte eine rund tausend Meter lange Hauptachse östlich der Altstadt mit zahlreichen Flügeln, die, teils gerundet, verschiedene Plätze und Torsituationen bilden. Die Fassaden können mit den Säulen, Pfeilern, Gesimsen und komplexen Fensterrahmungen schon fast als Anschauungsmaterial für historische Bauformen dienen.
Zum Fluss Lez schwingt die Achse in einen gewaltigen Halbkreis aus, der mit seiner Kolossalordnung wohl nicht zufällig an den zwischen 1767 und 1774 gebauten Royal Crescent von John Wood dem Jüngeren in Bath gemahnt. Ob man das gute Architektur findet, hängt davon ab, wie man zur Postmoderne steht. Der Autor dieser Zeilen ist definitiv kein Anhänger dieser eklektizistischen Stilrichtung, die von niemandem so ausgereizt wurde wie von Bofill.
Danach wurde es in Montpellier relativ ruhig. Erst nach 2010 konnte ein neuer Aufschwung festgestellt werden vor allem durch das multifunktionale Zentrum «Pierres vives» von Zaha Hadid und das Rathaus von Jean Nouvel. Im Norden der Stadt erscheint Hadids Monument wie ein riesiger gestrandeter Ozeandampfer. Die Betonhülle ist mit wellenartigen Glasbändern perforiert, wobei das Fliessende noch durch eingelassene Metallbänder verstärkt wird. Im Vergleich zu anderen Realisationen der irakisch-englischen Architektin wirkt dieses Werk überraschend verhalten und diszipliniert.
Nouvel bekrönte einen mit viel Grün versehenen Hügel über dem Fluss mit einer Konstruktion, die bestens als Kulisse für einen Science-Fiction-Film verwendet werden könnte. Da erhebt sich ein Stahl-Glas-Koloss mit allen Ingredienzen, die man von der Architektur Nouvels kennt. Insbesondere das KKL Luzern scheint für etliche Elemente Pate gestanden zu haben, etwa für das Wasserbecken, das in den Leerraum eindringt, oder die spezielle gitterartige Verblendung der Glasflächen. Auf dem Platz vor dem Haupteingang wird man von der dunklen Fassade fast erschlagen – die Grande Nation liebt es, die Stätten der Macht monumental in Erscheinung treten zu lassen.
Folies sind diese Beispiele aber noch nicht. Der Begriff ist den historischen Lustschlössern entlehnt, die in der Umgebung von Montpellier zu finden sind. Die Stadtbehörden wollten vor allem im Hinblick auf das angestrebte Ziel, 2028 Kulturhauptstadt zu werden (eine Hoffnung, die sich inzwischen zerschlagen hat), so etwas wie moderne Varianten dieser aristokratischen Vergnügungsbauten erproben. Da etliche Brachen für grosszügige Bebauungspläne zur Verfügung standen und noch stehen, erging an Investoren wie an die Zunft der Architekten und Architektinnen der Aufruf, innovative optische Brennpunkte vorzuschlagen.
2017 wurde am Rande des Areals Port Marianne auf einer von unterschiedlichen, abwechslungsreichen Wohnbauten gesäumten Grünfläche der von der britischen Architektin Farshid Moussavi gestaltete Wohnturm «La folie divine» hochgezogen. Das zehngeschossige Punkthaus setzt sich aus amorphen Scheiben zusammen, die gegeneinander verschoben sind und vertikal wie horizontal das Gebäude sozusagen tanzen lassen.
Ein weiteres gerne zitiertes Beispiel ist die 2017 bezogene Residenz Koh-i-noor. Der aus dem Persischen entlehnte Begriff bedeutet Berg des Lichts. Das Büro Agence Bernard Bühler hat zum Fluss hin die leporelloartigen Betonbrüstungen aus gelblich verspiegeltem Glas aufgebrochen. Dies verleiht dem Komplex etwas Glamouröses und löst damit das Versprechen ein, die Tradition der historischen Lustschlösser wiederaufzugreifen.
Hauptattraktion des Folies-Programms ist der 56 m hohe Turm «L’arbre blanc» (Bild ganz oben) gegenüber dem Quartier Antigone, der seit der Einweihung im Jahre 2019 zu einem Wahrzeichen für das neue Montpellier geworden ist. Am Entwurf beteiligt waren der Japaner Sou Fujimoto, der für das Learning Center der HSG St. Gallen tätig war, und die beiden Franzosen Nicolas Laisné und Manal Rachdi. Aus den 17 Geschossen mit Wohnungen über einem unregelmässigen Grundriss ragen rechteckige Balkonplatten und gitterartige Schutzdächer heraus und verwandeln das Gebilde in einen überdimensionierten Kaktus. Verblüffend, witzig, originell.
Weitere zeitgenössische Folies sollen folgen. In zwei Etappen sind insgesamt 13 vorgesehen, die teilweise mittels Ausschreibungen im Wettbewerb konkretisiert werden sollen. Eine erste Tranche wurde im letzten Jahr beschlossen, und die Lösungen der vier Gewinner sind mit täuschend echten Renderings im Netz bereits publiziert. Allerdings dürfte der Elan nach dem Dämpfer der Nichtberücksichtigung Montpelliers als Kulturhauptstadt etwas erlahmt sein. Zumindest deutet derzeit nichts auf eine schnelle Verwirklichung der zum Teil höchst originellen Eingaben hin. Doch die offiziellen Informationen deuten darauf hin, dass man unbedingt am Ball bleiben möchte.
Alle Fotos © Fabrizio Brentini