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«Guten Tag, sie müssen Mr. Walters sein?» Sie musste die Frage ohne mein Wissen ungefähr zwei bis dreimal wiederholt haben, denn ihr wirklich aufdringlicher Augenkontakt sagte alles aus. Ich war wohl so beschäftigt mit der Inaugenscheinnahme des Hauses gewesen, dass ich nicht einmal bemerkt hatte, dass sie neben mich getreten war. «Tut mir leid, ich habe sie gar nicht bemerkt, ja der bin ich.» Ihr Blick lockerte sich etwas, sie gab sich anscheinend grosse Mühe höfflich zu bleiben. «Gut wie schön, ich bin Ms. Lakers, die derzeitige Betreuerin von Mr. Johnson. Ich werde Ihnen hier alles zeigen und erklären wie das Ganze abläuft.» Sie lächelte kurz, schritt dann eine Treppe hoch, wobei sie mir offensichtlich zu bedeuten gab, ihr zu folgen. Ich ging ihr wortlos nach. Das Haus erinnerte an das alte London, als es die Mode erlaubte lange Röcke und hohe Zylinder zutragen. Ich folgte ihr wortlos durchs ganze Haus, bis sie vor einer Tür stehen blieb. «Ich werde sie mal einige Zeit mit ihm alleinlassen, damit sie sich kennenlernen.» «Natürlich, danke.» «Ich kümmere mich mal um Ihr Gepäck unten.» Ich warf ihr noch einen Blick hinterher und öffnete dann die Tür.
Das Zimmer selbst, unterschied sich nicht gross vom Haus, nur war es nicht so vollgestopft, es war ordentlicher. Es befanden sich deutlich weniger Möbel darin, nur ein Bett mit einem Nachttisch nebenan, ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch, an dem ein älterer Mann sass. Entweder schien er mein Eintreten nicht bemerkt zu haben, oder es interessierte ihn einfach nicht. «Guten Tag, es freut mich sehr sie…», «Klopfen.» «Bitte?» Ich war etwas überrascht, als sich der Mann umwandte und mich ansah, als hätte ich gerade ein Schwerverbrechen begangen. Ich wartete ab, aber sein Blick blieb. «Nun, ich verüble es Ihnen nicht, die meisten halten es nicht lange aus. Was sehen sie mich denn so an? Dachten sie sie wären der erste der diesen Job kriegt?» Um ehrlich zu sein dachte ich das bis vor kurzem gerade noch. «Was war denn mit dem Letzten?» Statt zu antworten, drehte er sich wieder um. So viel zum Thema «Kennenlernen». Ich deutete sein Wegdrehen dafür, dass ich mich vorsichtig zurückziehen sollte. Ich zog meinen Block, in dem ich gelegentlich Notizen reinschrieb, aus meinem Rucksack und schrieb einzelne Stichworte auf.
Ich blickte in den Spiegel und bemerkte auf der Stelle mein eigenes Selbstmitleid, in dem ich zu versinken drohte. Jahrelanges Studium mit erfolgreichem Abschluss als Therapeut und jetzt das. Mir entfuhr ein tiefer Seufzer und ich senkte meinen Blick nach unten. Ich hatte schon einige verschrobene oder verschlossene Patienten, aber der Mann, den ich da gerade getroffen hatte, wirkte nicht verschroben, auch nicht verschlossen. Aber vor allem wirkte er nicht depressive. Wobei das eigentlich der Fall hätte sein sollen, jedenfalls nach den Ausführungen, die ich von seiner Betreuerin erhalten hatte.
Ich wollte gerade beschliessen schlafen zugehen, als mich ein sehr leises Klopfen, was ich wohl nicht mehr gehört hätte, wenn die Badezimmer Tür nicht mehr offen gewesen wäre, davon abhielt. Ich rechnete fest damit, Ms. Lakers vor der Tür zusehen, umso mehr überraschte es mich als ich feststellte das es jener ältere Herr war, den ich gerade als Patienten abgeschrieben hatte. Er trug einen orangefarbenen Morgenmantel und graue Schlappen, seine Haut schien plötzlich viel runzliger und besonders auffällig waren seine stark herausstechenden Augenringe. Die Augenringe wiesen auf nicht nur eine schlaflose Nacht hin, was mich wiederum dazu veranlagte die Sache noch einmal zu überdenken. «Haben sie meine Zeitung geklaut!?», grummelte er in finsterem Ton vor sich hin. «Es ist Ein Uhr morgens…», waren die einzigen Worte, die ich noch zustande brachte, bevor die reizende Ms. Lakers auch schon angetrabt kam und ihn zurück in sein Schlafzimmer brachte. «Er verwechselt manchmal einige Dinge miteinander, deswegen hatten wir sie auch hergebeten, weil er es nicht schaffen würde jeden Tag zu ihnen zufahren und Termine einzuhalten. Ich halte den Haushalt und hätte keine Zeit ihn so oft zu begleiten. Es wurde erst vor kurzer Zeit festgestellt, dass er sich im ersten Stadium von Demenz befindet. Es gibt gute und schlechte Tage, es variiert von Minute zu Minute.» Ihr Blick zum Boden machte die ganze Situation nur noch unangenehmer, aber da sie ohnehin mit ihren Nerven schon völlig am Ende zu sein schien, sah ich davon ab, auch noch meinen Senf dazuzugeben und mich schwer zumachen weil mir absolut gar nichts davon gesagt wurde und das gewissermassen nicht im Vertrag stand. Ausserdem konnte ich es mir zurzeit nicht wirklich leisten, einen so wichtigen Patienten zu verlieren, und mit wichtig meinte ich, dass die Bezahlung zu gut wäre um es sich nicht wenigstens noch eine Weile durch den Kopf gehen zulassen.
Ich beschloss morgens ein wenig früher auszustehen, um mich im Haus noch etwas umzusehen, ausserdem brachte ich es nicht über mich, nach dem was letzte Nacht war auch noch ein Auge zuschliessen. Wie erwartet war es von Oben bis Unten vollgepackt mit jeder Menge alten, merkwürdigen, grössten Teils unnützen Dingen. Am Ende des Ganges, befand sich eine schmale Wendeltreppe, die wohl hinauf zum Dachboden führte. Ich sah mich noch einmal kurz um, da ich keine Lust hatte beim Herumschnüffeln erwischt zu werden. Die Fenster oben wahren durch dicke Gardinen verdeckt, so dass kein Licht durchdrang. Es gab einige Lämpchen, die man anmachen konnte, was aber nicht sonderlich viel half. Der Raum war gefüllt mit Kisten, einigen Stühlen und Tischen, jede Menge Staub und einem alten Wandschrank, der wie aus dem Zeitalter der Antike wirkte. Da ich von Natur aus ein neugieriger Mensch bin, beschloss ich in einige Kisten einen Bick hineinzuwerfen. In den meisten befanden sich Akten über einige Leute, deren Gesichter mir rein gar nichts sagten. In einer der Kisten befanden sich alte, schon fast vergilbte Zeitungsartikel über Kriminalität aus den Achtzigern. Zunächst dachte ich mir nichts dabei, möglicherweise war es etwas berufliches oder einfach eine etwas seltsame Vorliebe seinerseits. Zumindest dachte ich das, bis ich feststellen musste, dass sich fast alle Artikel um denselben Mord drehten, oder besser gesagt Morde. Ich suchte weiter und fand noch mindestens zwei weitere Kisten mit Bildern, Texten und Akten, die alle in Verbindung mit demselben Vorfall standen. Ein Artikel fiel mir dabei besonders ins Auge, ich las ihn leise für mich durch.
« Am Morgen des 25. Augusts wurde ein junges Ehepaar in ihrer 2-Zimmer Wohnung an der Prestons Road in London aufgefunden. Die Polizei ging von Selbstmord aus, bis einige Wochen später ein weiteres gleichaltriges Pärchen im Park von einem Spaziergänger entdeckt und gemeldet wurde. Die Polizei fand keine übereinstimmende Ereignisse, ausser dem alter und der Tatsache selbst, dass es sich um Pärchen handelte, woraus erfolgte, dass der Fall schlussendlich doch als Selbstmord eingestuft wurde und ungelöst in die Akten gelegt wurde.»
Der Rest des Artikels befasste sich mit weiteren Details, von denen aber auch nicht viel mehr hervorging. Die Akten enthielten Bilder vom Tatort, die wohl veröffentlicht wurden und auch Bilder von den Opfern, vor der Tat natürlich. Ich starrte auf die Daten, die überall aufgedruckt waren: 1982! Nun, dass Mr. Johnson nicht so viele Hobbies hatte, war mir nicht entgangen aber Zeitungsartikel von vor fast 50 Jahren aufzubewahren hatte ich selbst ihm nicht zugetraut. Bis auf ein Foto, von dem ich mir sicher war, dass ich es bereits irgendwo gesehen hatte, legte ich alles wieder so zurück wie ich es vorgefunden hatte und stieg dann die Treppen runter zum Wohnzimmer. « Haben sie sich umgesehen?» Ich zuckte erschreckt zusammen als ich Ms. Lakers Stimme von Hinten vernahm. Sie musste bemerkt haben, wie ich von Oben ins Wohnzimmer kam. «Äh ja…», ich zögerte einen Moment zu fragen, « sagen sie, Mr. Johnson war doch nicht bei der Polizei, oder?» «Was? Nein, wie kommen sie denn darauf?» In ihrem Gesicht bildete sich ein ironisches Grinsen. «Ach nur so.» Ich beschloss die Sache mit den Akten und Artikeln erst einmal für mich zu behalten, möglicherweise wusste sie ja gar nichts darüber. Meine Versuche mich da nicht in Irgendwas hineinzusteigern, schienen regelrecht im Treibsand zu versinken, vielleicht wurde ich selbst paranoid. «Ach und, gehen sie nicht mehr auf den Dachboden?» «Bitte?» «Da Oben befinden sich einige private Sachen, von denen sie nichts etwas angeht.» Und mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Küche.
«Warum wollen sie sich eigentlich nicht darauf einlassen?» In den fünf Sitzungen, die wir nun innerhalb der letzten paar Tage hatten, hatte sich nicht wirklich viel geändert. Bei jeder Frage, die ich ihm stellte, bekam ich eine Antwort, die rein gar nichts mit der Frage zutun hatte und vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen war. «Wenn sie den Grund kennen würden, würden sie schneller aus dem Haus rausstürmen als sie selbst denken, dass sie rennen können. War’s das für heute?» «Tja, ich kann sie nicht zu einer Antwort zwingen also…» «Fantastisch!»
Ich verdrehte meine Augen und lehnte mich im Sessel zurück. Das Wohnzimmer wirkte viel geräumiger, wenn man alleine hier sass. Vor lauter Langeweile schlenderte ich durch den Raum und sah mir die, auf den Tischen und Regalen aufgestellten, Familienbilder an. Ich war mir ziemlich sicher eines der Gesichter schon mal irgendwo gesehen zu haben. Ich wollte schon weiterlaufen, bis ich begriff wo: in den Akten! Ich griff in meine Mappe, die ich während den Sitzungen immer mithatte und zog darin, das zuvor dort deponierte Foto heraus. Das Familien Foto zeigte, den jüngeren Mr. Johnson, umgeben von vielen unbekannten Gesichtern. Abgesehen von zweien, die eine war seine Frau, die ich zuvor schon auf einigen Bildern entdeckt hatte und der jüngere Mann, der am Bildrand zusehen war, sah genauso aus wie einer der Opfer aus dem Mordfall. Das Bild aus den Akten schien wie abgetrennt von diesem, wahrscheinlich eine Kopie, die zerschnitten wurde. Das erklärte zumindest, wieso er so viele Informationen gesammelt hatte, er musste ihn gekannt haben. Vielleicht sogar mehr als das. Kaum ging mir der Satz einmal durch den Kopf, kriegte ich ihn da auch nicht wieder heraus. «Was tun sie da!?» Ich drehte mich abrupt um und sah Ms. Lakers, mit weit aufgerissenen Augen und dem grimmigsten Gesicht, das ich je gesehen hatte. «Na, wollen sie denn nicht antworten, Mr. Walters?» Ich stopfte das Foto in meine Hosentasche, aber anscheinend war es schon zu spät, sie musste es bereits gesehen haben. «Woher haben sie das Foto?» Bevor ich antworten konnte, riss sie es mir aus der Hand und zerknüllte es. Ich blickte sie irritiert an, ich dachte sie würde es zurückzulegen, oder behalten. Ihre Augen stachen nun regelrecht durch mich hindurch. «Sie haben die Sachen gefunden, oder?» «Ich habe keine Ahnung wovon…» «Versuchen sie gar nicht mich anzulügen!» Sie seufzte und setzte ihre Augen nun auf den Boden an, wie sie es immer tat. «Eigentlich hatte ich ein gutes Gefühl bei Ihnen, aber sicher ist sicher.» Das Fragezeichen, das sich in meinem Kopf bildetet, hatte anscheinend schon die gesamte Hirnhälfte, die fürs Denken verantwortlich war übernommen. «Heutzutage geht Vorsicht vor.» « Hören sie ich wollte sie nicht verärgern, ich sollte wohl besser gehen.» «Tja, ich fürchte das ist nun nicht mehr möglich. Sie wissen ja schon so viel, da können sie auch noch den Rest hören.» Ihre Schritte waren leicht, fast als würde sie schweben. Ihr Blick und ihre Schritte harmonierten überraschend gut, dennoch wirkte die ganze Szene bedrohlich, schon fast unheimlich. Sie wäre schon fast in mich hineingelaufen, als sie plötzlich stehen blieb und sich noch ein wenig vorbeugte. Ich wich erschrocken zurück, aber sie kam nur noch näher, um mir etwas ins Ohr zu flüstern, « Glauben sie daran, dass sich ein Mensch ändern kann?» Sie ging wieder einen Schritt zurück. «Er ist doch schon so alt und ein guter Mensch. Er kann sich vermutlich noch nicht einmal mehr daran erinnern.» «Er war es, oder?» Ihre Augen kniffen sich zu dünnen Schlitzen zusammen, man merkte, wie sie die Tränen zu unterdrücken versuchte, dennoch schafften es einige durch. «Sie wussten es!? Sie wohnen seit Jahren mit einem Mörder zusammen und es interessiert sie gar nicht!?» Auf einmal kam eine unkontrollierbare Wut in mir auf. Gleichzeitig empfand ich eine gewisse Empathie für sie. Vermutlich arbeitete sie schon so lange für ihn, dass er schon so gut wie zu seiner Familie gehörte und niemand will einsehen, dass jemand aus seiner Familie ein Killer ist, vor allem nicht ein alter Mann mit Demenz.
«Kugel durch den Kopf. Einfacher Mord, komplizierte Vorgeschichte.» «Täter Angelica Lakers, Opfer Holden Walters, was machen wir mit dem alten?» «Wie und ob er sich für seine Taten von vor fast 60 Jahren verantworten soll, ist Sache des Gerichts, legen sie die Akte einfach ab, unsere Arbeit ist getan.» «Alles klar.» Detective Reyds drehte sich von seinem Boss weg und steuerte in Richtung seines Büros. Er setzte sich auf seinen Stuhl, warf noch einen letzten Blick auf die Akte, bevor er sie zum letzten Mal schloss und zu den anderen gelösten Fällen ins Aktenregal bei Scotland Yard ablegte. Er schüttelte den Kopf, manchmal verwunderte sich sogar er, trotz allem was er bereits in seinem Leben gesehen hatte, was den Menschen nicht alles einfiel.