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Classement thématique série 1848–1945:
V. CHEMIN DE FER DU GOTHARD
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Gestern habe ich über die hiesige Lage einlässlich an Herrn Escher geschrieben – und, obschon ich voraussetze, Herr Escher werde Ihnen das Wesentliche aus meinem Bericht mittheilen – so erlaube ich mir doch noch einige ergänzende Worte direct an Sie zu richten, hochgeachteter Herr!
Die Auszeichnung, die mir hier von allen Seiten zu Theil wird, habe ich wohl hauptsächlich Ihrer Einführung beim Minister Correnti zu verdanken, und den wohlwollenden Zeilen, die Herr Mélégari an den Minister Sella geschrieben; wollen Sie gefälligst dem Herrn Gesandten dafür meinen Dank aussprechen.
Pioda hat mich als alten, vieljährigen Bekannten sehr zuvorkommend aufgenommen, und wenn ich reüssiere, so gehört das Verdienst namentlich ihm. Pioda hat hier eine vortreffliche Stellung in allen Kreisen, er ist geachtet und geliebt. Selbst seine Schwächen sind, weil nationale, hier sympathisch.
Am 22. d. Mtes hatte ich Ihnen aus Mailand2 geschrieben, dass ich nach Florenz reisen werde, um das Schleppen Correntis zu überwinden, und ihn zu bestimmen, nach Mailand zu reisen, um da seinen Vertrag zu vertheidigen – bei den Mitgliedern des Provinzial-Rathes. Correnti, dem Pioda meinen sehr dringenden Brief in originali mitgetheilt hatte, versprach zwar zu verreisen, und Pioda versprach mir, die Abreise des Ministers telegraphisch anzuzeigen. Da ich weder am 23. noch 24. eine derartige Anzeige erhielt, so reiste ich am 24. Nachts nach Florenz – und schätze mich glüklich, diess gethan zu haben! Denn nun erst brachte ich Correnti dazu, am 26. Abends nach Mailand zu reisen und dort auf die Zweifelhaften einzuwirken. Da er selbst unwohl ist – und da überdiess seine Tochter am 26. ernstlich erkrankte, so wäre er ohne mein mündliches Drängen kaum abgereist. Und doch hängt davon wahrscheinlich der Entscheid des Provinzialrathes von Mailand ab. Gadda der Bauminister ist krank und konnte nicht mitgehen. Dagegen habe ich im Einverständniss mit dem Minister Correnti dafür gesorgt, dass er den Syndic von Genua in Mailand treffen werde. Beide vereint werden die Zweifelhaften wohl unter die Fahne des Gotthardes führen! So bin ich denn für Mailand voller Hoffnung! Hier stehen die Sachen viel besser als ich vermuthet hatte!
Lanza ist ein ganzer Mann, ein Cato, ein Puritaner, ein fester Charakter, dessen Rede: «ja, ja – nein – nein» ist, auf den man sich verlassen kann. Ich hatte eine lange einlässliche Besprechung mit ihm, die mich sehr befriedigte. Er ist durch die Finanzlage Italiens erschrekt und legt darum den grössten Werth darauf, dass nicht mehr als 25 Millionen durch den Staat direct übernommen werden sollen, sondern die 20ändern den oberitalienischen Bahnen (haute Italie Rothschild, laut Vertrag 10 Millionen), Genua-Municipium und Provinz (zugestanden 7 Millionen) und Mailands Municipalität und Provinz (3 Millionen) Überbunden werden.
Ich war nun froh, mich einerseits auf das Urtheil Bergenous stützen zu können, den der Minister kennt, um ihm nachzuweisen, dass er in kürzester Zeit die Auslagen für den Gotthard auf den mehr rentierenden italienischen Bahnen, für welche gegenwärtig jährlich 60 Millionen als Zinsengarantie ausgegeben werden, gewinnen werde, und andererseits konnte ich mich auf das Beispiel Berns berufen, das, obschon auch mit einem Normaldeficit sein Budget abschliessend, dennoch einen verhältnissmässig viel beträchtlicheren Beitrag an den Gothard votiert habe, in der Hoffnung, dadurch Ausbau und bessere Rendite der Staatsbahnen zu erzie
Lanza versprach mir nun in die Hand, den Vertrag der Kammer zur Ratification zu empfehlen, sobald die deutschen Subventionen gesichert seien, und der Provinzialrath von Mailand sich ausgesprochen haben werde.
Selbst wenn dort die gewünschten 3 Millionen nicht erhältlich wären, wird Lanza den Vertrag doch zur Annahme empfehlen, da das Wort des italienischen Gesandten Geltung behalten soll. Lanza ist ein Mann, der Wort hält, und ich vertraue daher vollkommen auf seine mir mit einem Handschlag gegebene Zusicherung. Am Zweifelhaftesten war die Haltung des Ministers des Auswärtigen Visconti-Venosta, und seine Vernehmlassung wäre, wenn ich die verlangte Audienz schon am 25. erhalten hätte, kaum so befriedigend gewesen, als sie es am 29. war. Visconti-Venosta hatte vor ein Paar Tagen eine heftige Explication mit Correnti gehabt, allein gestern war er ganz umgestimmt. Zwei Gründe dieser veränderten Stellung habe ich in den Brief an Herrn Escher niedergelegt, daher ich sie hier nicht wiederhole, der hauptsächlichste lag aber wohl in der am 26. stattgehabten Verhandlung im Senat, der ich mit grossem Interesse beigewohnt habe und mir daher die Reflectionen der Minister leicht vorstellen kann. Conforti (Generalanwalt, gewesener Minister der Justiz), wie alle Neapolitaner sehr beredt, interpellierte das Ministerium über die Ereignisse in Pavia u. Piacenza.
Lanza antwortete, fest und ruhig, nun schlug Menabrea in einem gereizten Ton eine motivierte Tagesordnung vor. Lanza erwiderte heftig, und erklärte, das Ministerium widersetze sich dieser Tagesordnung, da bei deren Begründung mittelbar gegen eine Reduction der Armee protestiert worden sei, welche erforderlich sei, wenn die Finanzlage sich bessern solle. Die allzu weitläufigen Erörterungen Lanzas wiesen den gewesenen Finanzminister Digny in die Schranken. Menabrea antwortete nun auch wieder heftig Lanza sowohl, als Govone, dem Kriegsminister, wer Sieger bleibe, schien zweifelhaft. Als Conforti eine andere Redaction der motivierten Tagesordnung vorschlug, welcher sich nun Lanza und Menabrea – die beide nicht geschlagen sein wollten – anschlossen. Diese Discussion musste bei Visconti-Venosta, der nach seinen Überzeugungen Menabrea näher steht als Lanza, die Besorgniss erweken, ein Ministerwechsel wäre nicht unmöglich. Da das Gotthard-Project vom Ministerium Menabrea ausgieng, so würde er sich durch Opposition gegen dasselbe nicht nur bei seinen gegenwärtigen Collegen unangenehm machen, sondern er würde sich auch die Thüre, im Falle das frühere Ministerium wieder auftauchen sollte, verschliessen. Napoleon der erste hatte die Veltliner «les renards des montagnes» genannt!
Ziehen Sie nun selbst daraus die Consequenzen; Visconti ist ein eleganter Mann mit rothem Bakenbart und röthlichem Haar. Beim Empfang sagte er mir, H. Planta sei bei ihm gewesen, «qui est prèsque mon concitoyen». Als ich ihn nach zwei Stunden verliess, sagte er mir: «Das jetzige Splügenproject mit dem hohen Tunnel könne unmöglich entsprechen, er sei überzeugt, dass die Mehrheit der Kammer, namentlich wenn die Neapolitaner günstig seien, sich entschieden für den Gotthard aussprechen werde, ja er glaube sogar, dass, falls die Provinz Mailand einen Beitrag verweigere, das Ministerium dennoch auf der Ratification bestehen solle» (des Vertrages v. 15. Oct.v.J.).3
Der Herr Minister hatte mich über eine Menge anderer politischer Fragen der Schweiz u. anderer Staaten interpelliert und brach unsere Unterredung erst nach 2 Stunden ab. In Folge derselben bin ich beruhigt, zumal ich, wie Sie aus dem Brief an H. Escher ersehen werden, glaube, auf die Neapolitaner zählen zu dürfen, insoweit sie der Rechten angehören. Die der Linken folgen Moncini, der sich bei H. Escher für den Gotthard ausgesprochen hat.
Die Herren der Linken sprechen aber hier in der Kammer nicht immer – «umsonst», um mich eines schweizerischen Ausdrukes zu bedienen, der Ihnen meine Gedanken klar machen wird, ohne dass ich deutlicher werde.
Dürfen solche Stimmen, wenn es Noth thut, so gewonnen werden, wie es hier Übung ist? Darüber erhielte ich gerne eine Andeutung. Pioda sprach sich für die Affirmative aus. Sie oder Herr Escher lassen mir vielleicht nach Mailand eine Antwort auf diese Andeutung zukommen; ich reise Morgen nach Mailand zurük und bleibe dort 3–4 Tage, bis der Provinzialrath entschieden haben wird, komme dann aber wieder hierher, was Lanza namentlich wünscht, da ich den Deputirten manches sagen könne, was ein Minister nicht dürfe. Sagen Sie Mélégari, ich versäume nicht, sein Verhalten in der Sache hier ins rechte Licht zu stellen.
Durch Zufall habe ich unter dem hiesigen diplomatischen Corps, wie in der Deputirtenkammer einige gute alte Bekannte gefunden, deren Aufschlüsse über Personen u. Sachen mir von grossem Nutzen waren. Ich wiederhole, dass ich mich Piodas nicht genug rühmen kann, in der Spezialfrage war es etwas geniert, weil er, als Tessiner, alle Alpenpässe schon empfohlen hatte und als Gesandter vom Bundesrathjahrelang nothwendigerweise ohne Instruction blieb! Er kam aus der Auffassung nicht recht heraus, als handle es sich um eine politische Frage: soll Italien das ihm von jeher ergebene Veltlin, oder den der Schweiz ergebenen Kanton Tessin in seinen Wünschen unterstützen? Diese politische Auffassung schwächte seine eigene Überzeugung, er war daher froh, wenn ich bei allen Unterredungen, denen er allen beiwohnte, die Frage von dem einfältigen kleinen politischen Localstandpunkt auf den national-öconomischen handelspolitischen-europäischen hinüberzog und nachwies, dass niemand mehr gewinne als Italien.