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Dem Schreiben wandte er sich erst als fast 30-Jähriger zu. Zuvor liess sich Rolf Hochhuth, geboren 1931 im deutschen Hessen, zum Buchhändler ausbilden und arbeitete als Verlagslektor.
Ein Theaterskandal, wie es ihn noch nie gab
Während eines Ferienaufenthalts in Rom entstand sein Drama «Der Stellvertreter», mit dem er über Nacht berühmt wurde. Und berüchtigt.
Die Aufführungen in Berlin und kurz darauf in Basel – wo Hochhuth am Theater hospitierte, um Bühnenerfahrung zu sammeln, und wo er lange leben blieb – begleitete ein Theaterskandal von bis dahin ungekannten Ausmassen.
Die Erregung war derart, dass sich noch 1976, als Hochhuth den Basler Kunstpreis erhielt, die katholische Kirche dagegenstellte.
Die Rolle der Kirche im Holocaust
Um die Unterlassungen des Vatikans zur Zeit der Nazis geht es im «Stellvertreter», um Papst Pius XII. und seine Weigerung, sich öffentlich gegen Hitler und den Holocaust zu stellen.
Das Drama ist ein Szenen-Konglomerat, die pure Beweisführung, mit über 200 Seiten Material. Die Abwehr, die es hervorrief, richtete sich weniger gegen die These selbst als gegen Hochhuths mangelnden Respekt.
Nach dem Tenor: «Mag ja sein, dass der Papst nicht alles tat, aber …» Und genau dagegen stellt sich Hochhuth mit seinem Schaffen: Für ihn gibt es kein «Ja, aber», nur Recht und Unrecht.
Das Theater als Ort der (einen) Wahrheit
Theater blieb für ihn der Aufklärung verpflichtet. Die Bühne sollte ein Ort sein, um die Wahrheit zu verkünden (und nicht unbedingt mehrere Wahrheiten). Ein Ort, um die Gesellschaft aufzurütteln.
Auf diesem Weg blieb Rolf Hochhuth sich treu. Auch in seinen späteren Dramen, in denen er Missstände anprangerte und Zeitgeschichte akribisch recherchierte.
So 1967 in «Soldaten, Nekrolog auf Genf» zu Winston Churchill, 1993 über das Verhältnis der alten zu den neuen deutschen Bundesländern in «Wessis in Weimar» und noch 2004 in «McKinsey kommt», in dem er den Vorsitzenden der Deutschen Bank mit Gessler verglich (und umgehend des Aufrufs zum Mord bezichtigt wurde).
Der «furchtbare Jurist»
Hochhuth hat in die Wespennester gestochen, weil das sein Antrieb war: die Empörung angesichts der Zustände und der Kampf gegen die Ungerechtigkeit.
Er hat mit seinen Dramen und Essays viel bewirkt. Etwa 1978, als der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger zurücktreten musste, weil Hochhuth seine Verstrickungen in die Nazi-Justiz aufgedeckt hatte und ihn als «furchtbaren Juristen» bezeichnet hatte.
Das hat eine gesellschaftliche Debatte mit ausgelöst, die weit über den Einzelfall hinausging, und das Wort vom «furchtbaren Juristen» sprichwörtlich machte.
Wach und wachsam
Rolf Hochhuth war ein durch und durch politischer Künstler. Er blieb wach und wachsam, hat sich bis ins Alter seine Empörungsgabe erhalten.
Es kippte gelegentlich. Es nahm skurrile Züge an, wenn er Aufführungen von seinen Stücken auf juristischem Weg durchsetzte oder sich in Gerichtsklagen verzettelte. Da ist er zuletzt an den Rand des Kulturbetriebs gerutscht, als einsamer, manchmal belächelter Rufer in der Wüste.
Aber als Ankläger und Aufklärer wird Rolf Hochhuth in Erinnerung bleiben. Als Autor, der sehr präzis recherchiert und sich fundiert dokumentiert hat. Und damit eine Theaterform massgeblich geprägt hat, die heute im Theaterbetrieb eine wichtige Rolle spielt: das dokumentarische Theater.