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Die WM in Paris hat unabhängig vom Ausgang des Viertelfinals gegen Schweden heute Abend nachhaltige Auswirkungen auf die Schweizer Eishockey-Landkarte.
Verträge sind nur Buchstaben auf einem Stück Papier. Sie werden nach Belieben vor der Zeit aufgelöst und gebrochen. Und doch spielen sie gerade rund um das Schweizer Nationalteam eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Eine Revolution anzetteln ist eine Sache. Nachhaltige Veränderungen herbeizuführen eine andere. Ralph Kruegers «defensive Revolution» ab 1998 führte nur zu einer höheren Wertschätzung der Nationalmannschaft, zu einer neuen Ära, zu Kontinuität, weil sein Vertrag im Sommer 2000 vorzeitig um sage und schreibe fünf (!) Jahre bis 2006 verlängert wurde. Krueger nutzte die Euphorie nach dem «Wunder von St.Petersburg» (3:2-Sieg gegen Russland), um seine Position zu festigen. Und der Deutsch-Kanadier war damals 41 Jahre alt – genau gleich alt wie jetzt Patrick Fischer. Krueger hatte einen Traum: eine Medaille. Für seinen Nachfolger Sean Simpson wurde dieser Traum 2013 Wirklichkeit.
Verbandspräsident Werner Kohler wurde damals wegen dieses «Rentenvertrages» heftig kritisiert. Aber ohne diesen langfristigen Vertrag wäre Ralph Krueger bereits nach der WM 2002 gefeuert worden, ja, er hätte wahrscheinlich nicht einmal das Skandal-Olympiaturnier von Salt Lake City (mit der vorzeitigen Heimreise von Reto von Arx und Marcel Jenni) im Amt überstanden.
Erst die Vertragsdauer machte ihn «unentlassbar» und ermöglichte es ihm, seine Mission zu einem guten Ende zu bringen. «Eine Entlassung aus diesem Vertrag konnten wir uns finanziell einfach nicht leisten», erinnert sich Kohler. Krueger brachte seine Mission zu einem guten Ende und blieb bis zum Olympischen Turnier von 2010. Ohne diesen Fünfjahresvertrag von 2000 hätte es vielleicht auch die Silber-WM 2013 nicht gegeben.
Patrick Fischers Vertrag läuft bis und mit der WM 2018. Auch er hat eine Revolution angezettelt, auch er hat eine WM, die nach einer Niederlage gegen Frankreich zu scheitern drohte – wie 2000 in St.Petersburg – auf wundersame Weise in einen Erfolg verwandelt.
Noch steht diese «offensive Revolution» auf dünnem Eis. Ein Rückschlag beim olympischen Turnier oder bei der nächsten WM kann bei der Ausgeglichenheit des Teilnehmerfeldes nicht ausgeschlossen werden. Aber nur wenn sich Patrick Fischer langfristig durchsetzt, hat 2017 in Paris eine neue Ära begonnen, bekommt die Nationalmannschaft endlich wieder die Bedeutung, die ihr gebührt und kann sein Traum – ein WM-Titel – Wirklichkeit werden.
Die Silber-WM von 2013 hatte praktisch keine verbandspolitischen Auswirkungen gehabt. Dem grantigen «Schmirgelpapier-Kommunikator» Sean Simpson fehlte das Charisma, um diesen Erfolg zum Wohle der Nationalmannschaft zu nützen. Verbands-General Florian Kohler musste noch kürzlich einräumen: «Der Verband ist das Dienstleistungszentrum der Klubs.» Der Nationalmannschaft blieb auch nach Stockholm 2013 nur der Platz am Katzentisch.
Das ändert sich nun. Mit dem Zuger Patrick Fischer hat der Verband erstmals seit Ralph Krueger wieder einen charismatischen «Posterboy», der es versteht, die Nationalmannschaft zu verkaufen. Wünsche von Sean Simpson und seinem Nachfolger Glen Hanlon zu ignorieren, war für die Klubs einfach.
Bei Patrick Fischer wird es schwieriger sein. Sein Rückhalt in der Hockey-Öffentlichkeit ist unabhängig vom Ausgang des heutigen Viertelfinals gegen Schweden gross. Auch so bewährte Hockey-Machiavellisten wie Zürichs Peter Zahner und Berns Marc Lüthi werden die Interessen des Nationaltrainers nicht mehr einfach übergehen können wie bisher.
Und so entsteht ein neues politisches Hockey-Machtzentrum in Zug. Zumal auch das lokale Hockey-Unternehmen EV Zug mit seiner Ausbildungs-Akademie alle Voraussetzungen hat, die Titanen aus Zürich, Bern und Davos erfolgreich herauszufordern und langfristig sportlich und wirtschaftlich eine Spitzenposition im nationalen Hockey zu behaupten.
Eigentlich müsste Verbands-General Kohler, um seinen Nationaltrainer und damit dessen «offensive Revolution» und die Nationalmannschaft nachhaltig zu stärken, den Vertrag vorzeitig um fünf (!) Jahre bis 2023 verlängern – so wie es im Sommer 2000 mit Ralph Krueger gehandhabt wurde.
Florian Kohler hatte den Mut, den in Lugano gescheiterten Klubtrainer Patrick Fischer zum nationalen Trainer zu machen und auf die Philosophie «Swissness» zu setzen. Aber nun mag der kluge Nonkonformist, der auch im Bereich der TV-Vermarktung eine neue Ära eröffnet hat (neu etwas mehr als 30 Millionen TV-Gelder pro Jahr) nicht auch noch eine revolutionäre Vertragsverlängerung. Er sagt: «Wir stehen nicht unter Druck und wir wollen nichts überstürzen. Der Vertrag mit Patrick Fischer läuft bis Ende der nächsten Saison. Wir werden voraussichtlich zwischen den Olympischen Spielen und der WM 2018 entsprechende Gespräche führen.»
Aber Erinnerungen an die legendäre Vertragsverlängerung von Ralph Krueger im Jahr 2000 sind Erinnerungen an die Zukunft. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.
Der Zuger Daniel Giger ist der vielleicht cleverste Kulissenschieber unseres Hockeys. Er ist Patrick Fischers Berater und Kumpel. Die beiden stürmten einst in Zug zeitweise in der gleichen Linie. Müsste er nicht alles daransetzen, die Euphorie von Paris für eine vorzeitige Vertragsverlängerung zu nutzen? Giger sagt: «Wir sind nicht im Stress.» Und fügt, in Erinnerung an Kruegers Situation nach der WM 2000, an: «St.Petersburg wäre doch auch was für Patrick Fischer …»
Also doch: Das grosse Pokerspiel hat begonnen. Dass Patrick Fischer in der KHL bei St.Petersburg ein Thema werden könnte, dort, wo er kurzzeitig auch als Spieler war, ist mehr als nur ein billiger Bluff im grossen Pokerspiel. Auch wenn Daniel Giger beteuert: «Nein, ich pokere überhaupt nicht.» Recht hat er. Die richtigen Worte sind «klug verhandeln.» Nicht «pokern.» Und ganz nebenbei: Patrick Fischer ist ein exzellenter Pokerspieler und hat sich schon bei Profiturnieren bestens bewährt.