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Der Bauer und das Nell10.03.2020 Leserbeitrag
Wenn es ein Bauer ist, aber kein Landwirt, dann handelt es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um eine Jasskarte. Die Kleidung der Bauern auf den Jasskarten eignet sich auch nicht für die Arbeit auf dem Feld oder im Stall. Und weil die Bauern auf den Jasskarten in der Gemeinschaft von Königen und Damen sind, erinnern sie am ehesten an Edelleute oder Ritter. Aber die Waffe, die sie in der Hand halten, stellen sie wiederum auf die Stufe der gewöhnlichsterbenden Jasser und Jasserinnen. Denn die Hellebarde, die Kombination von Spiess und Axt, war die Stangenwaffe der Soldaten, die zu Fuss kämpften. Die Jass-Bauern gehören also eher zum Fussvolk und müssen gehorchen, wenn Befehle erteilt werden. Auch die Bezeichnung «Under» bei den Deutschschweizer Karten bestätigt die untergeordnete Stellung der Bauern. Aber die Bauern haben dem Kartenspiel in der Schweiz immerhin den Namen gegeben. Denn in den Niederlanden heisst der Bauer/Bube «Jas» oder «Jass». Auch das «Nell», die Trumpf-Neun, hat ihren Namen aus den Niederlanden.
Obwohl die Bauern von all den Karten, die Punkte geben, den geringsten Wert haben, und obwohl sie bei «Obenabe» oder «Undenufe» nur dann eine Rolle spielen, wenn man von der gleichen Farbe mehrere Karten besitzt, können die Bauern immer wieder über Sieg oder Niederlage mitbestimmen. Und das sogar auf zwei verschiedene Arten: Zu viert bilden die Bauern zum Beispiel den höchsten Weis mit vier «Bildern» (200 Punkte), und als «Trumpf-Puur» wird der Bauer sogar zur höchsten Stechkarte und verzehnfacht so auch seinen eigenen Wert. Je nach Trumpf-Ansage hat ein Bauer also kaum eine Bedeutung oder dann wird er sogar spielbestimmend. Das, was angesagt wird, entscheidet über den Wert eines Bauern beim Jassen. Das, was angesagt wird, kann aber auch sonst manches bestimmen und verändern. Die Ansage «Ich liebe dich!» kann zum Beispiel der Anfang eines ganz neuen Lebensabschnittes sein. Oder die Ansage «Es war mein Fehler. Es tut mir leid!» kann helfen, dass man wieder friedlich miteinander umgeht. Und die Ansage eines Chefs «Ich muss sparen. Ich muss Sie entlassen!» kann düstere Wolken über die Zukunft legen. Wer die Aufgabe oder die Möglichkeit hat, beim Jassen oder im Leben eine Ansage zu machen, sollte darum eigentlich erst reden, wenn er oder sie sich bewusst ist, welche Folgen die Ansage haben könnte.
Das, was für die Bauern entscheidend ist, trifft auch auf die Neuner zu. Punktemässig hat eine Neun noch weniger Wert als ein Bauer. Doch zu viert oder je nach Trumpfansage kann sich alles verändern. Zu viert bilden die Neuner den zweithöchsten Weis mit vier «Bildern» (150 Punkte) und als «Nell», als Trumpf-Neun, wird die Neun sogar zur zweithöchsten Stechkarte. Das «Nell» zählt dann statt null gleich 14 Punkte. Dass ausgerechnet die Neun zu so hohen Ehren kommen kann, ist wohl kein Zufall. Denn die Zahl Neun gilt schon seit Urzeiten in vielen Völkern als Zahl der Vollkommenheit. Wohl weil die Neun dreimal die Drei enthält. Und die Drei gilt in sehr vielen Kulturen als «göttliche» Zahl. Die Neun ist zudem die höchste einstellige Zahl. Dass die Neun eine Zahl der Vollkommenheit ist, wird auch im Sprichwort bestätigt: «Es soll einer neunmal ein Wort im Mund umkehren, ehe er es sagt.» Manche «neunmalklugen» oder «neunmalgescheiten» Jasser, die jeden Fehler der Mitspieler lautstrak und besserwisserisch kommentieren, müssten wohl verstummen, wenn sie dieses Sprichwort ernst nähmen.
Übrigens: Wenn jemand voller Freude ruft: «Alle Neune!», dann sitzt er oder sie nicht beim Jassen und hat nicht alle vier «Neuner» in der Hand, sondern es ist ihm gelungen, beim Kegeln mit einem Wurf alle neun Kegel umzuwerfen. Aber, wie beim Kegeln: Wenn einem ein grossartiger Wurf gelungen ist, darf man sich auch beim Jassen herzhaft freuen, wenn man vier «Neuner» weisen und dazu noch einen Match schreiben kann.
ROBERT SCHNEITER