Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/1625

«Albert Alexander, Polizist, 43 Jahre, Kratzer an der Backe von einem Rosenstrauch, zugezogen vor ein paar Monaten.» So oder ähnlich musste der Eintrag in der Krankenakte eines Londoner Polizisten gelautet haben, dessen Kratzer sich zu einem veritablen Abszess entwickelt hatte, der das ganze Gesicht und die Augen in Mitleidenschaft zog und lebensgefährliche Ausmasse angenommen hatte.
Dem bedauernswerten Albert Alexander ging es so schlecht, dass sich der Australier Howard Florey und der Engländer Ernst Chain dazu entschlossen, eine neuartige Behandlung an ihm zu testen.
Das Penicillin, dessen Wirkung die beiden Wissenschaftler zuvor an acht Mäusen getestet hatten, wurde im Februar 1941 also erstmals einem Menschen gespritzt.
Die Experimentaltherapie schlug an und rettete dem Patienten vorerst das Leben. Da das Penicillin aber nicht in grösseren Mengen verfügbar war, wurde ihm die Infektion schliesslich doch noch zum Verhängnis. Obwohl noch versucht wurde, Penicillin aus seinem Urin zurückzugewinnen, verstarb Reserve Constable Albert Alexander am 15. März 1941.
Durchbruch in den USA
Der Fall, der in die Medizingeschichte einging, zeigte eine ganze Reihe von Problemen auf, mit denen die beiden Mediziner 13 Jahre nach der Entdeckung des Penicillins druch den Bakteriologen Alexander Fleming zu kämpfen hatten. Vor allem aber gab es damals in England noch keine Möglichkeit, Penicillin auf industrieller Basis zur Marktreife zu führen.
Florey und Chain sahen diese Chance in den Vereinigten Staaten, von wo das in grossem Massstab gefertigte Penicillin dann den Weg nach Europa zurückfand – erst als kostbare Ampulle im Gepäck von amerikanischen Soldaten, später in den 1950er-Jahren als Massenprodukt in Tablettenform.
Markstein der modernen Medizin
Den Forschern Fleming, Chain und Florey verhalf das Penicillin zu höchsten wissenschaftlichen Weihen: Schon 1945 erhielten sie gemeinsam den Nobelpreis für Medizin.
Dieses Jahrzehnt war eine zentraler Moment für die moderne Medizin, wie Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte an der Universität Zürich, betont: «Innert relativ kurzer Zeit hatte man endlich wirksame Heilmittel gegen Krankheiten wie Wundinfektionen oder Tuberkulose, denen man zuvor über Generationen hinweg hilflos gegenüberstand.»
Heute bestimmt dafür ein Thema den medizinischen Alltag, das den Akteuren in den 1940-er Jahren noch völlig fremd war: Antibiotikaresistenzen und der Umgang damit.