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Der Erfinder des schwedischen Sonderwegs sieht Gemeinsamkeiten mit der Schweiz:
Gegenüber ausländischen Medien gibt Anders Tegnell nur selten Auskunft. Er fühle sich ungerecht behandelt, weil alle beweisen möchten, dass Schwedens Sonderweg falsch war, schrieb die «New York Times». Im Zoom-Gespräch mit CH Media wirkt Tegnell jedoch entspannt. Während die schwedische Regierung diese Woche durch ein Misstrauensvotum im Parlament gestützt wurde (ohne Corona-Zusammenhang), sitzt der 65-Jährige fest im Sattel.
In seiner Heimat ist Tegnell zur Kultfigur geworden und insgesamt ziemlich populär, einigen dient er aber als Feindbild. Zur Entspannung trägt bei, dass die Infektions- und Todeszahlen auch in Schweden stark gesunken sind und dass die Impfkampagne etwa so schnell vorankommt wie in der Schweiz. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl, steht Schweden bei den Todesfällen besser da als Frankreich, Italien oder Grossbritannien, obwohl diese rigide Einschränkungen kannten, aber schlechter als andere skandinavische Länder und als die Schweiz.
Schweden und die Schweiz sind die beiden Länder in Westeuropa, die am wenigsten Einschränkungen hatten und am stärksten auf die Eigenverantwortung setzten. Warum gerade diese beiden Länder?
Anders Tegnell: Interessante Frage! Ich denke, Ihre Feststellung ist wahr. Schweden und die Schweiz haben einen ähnlichen Weg gewählt. Warum? Darauf habe ich keine befriedigende Antwort. In beiden Ländern werden Eigenverantwortung und Solidarität hochgehalten, vielleicht hat es damit zu tun.
Gibt es zwischen den schwedischen und schweizerischen Gesundheitsbehörden besonders enge Kontakte?
Besonders eng sind sie nicht, innerhalb der EU-Mitgliedsländer pflegen wir intensivere Kontakte. Aber wir hatten durchaus Austausch mit der Schweiz, sowohl mit den Behörden wie auch mit Wissenschaftern.
Schweden war noch lockerer als die Schweiz, hatte beispielsweise keine Lockdowns, keine geschlossenen Restaurants und keine Maskenpflicht. Was machte Sie so sicher, mit diesem Sonderweg richtig zu liegen?
Für unseren Weg gibt es zwei Gründe. Erstens verfügen wir in Schweden gar nicht über eine rechtliche Grundlage, um die individuelle Freiheit der Menschen so stark einzuschränken, wie das so viele andere Staaten taten. Zweitens – und das ist der Hauptgrund - erkannten wir, dass sich diese Pandemie kontrollieren lässt, ohne zu derart drastischen Massnahmen zu greifen. Die epidemiologische Entwicklung unterschied sich gar nicht so stark von derjenigen in anderen Ländern.
Sagen Sie rückblickend mit voller Überzeugung: Wir haben es richtig gemacht?
Nein, das wäre verfrüht. Man wird Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte brauchen, um beurteilen zu können, was die Stärken und Schwächen unserer Coronapolitik und jener anderer Länder waren. Diese Aufarbeitung wird wichtig sein. Was wir bislang sagen können: Schweden liegt bezüglich Infektions- und Todesfallzahlen im Mittelfeld der EU-Staaten. Wir schneiden sicher nicht am besten ab, aber bei weitem auch nicht am schlechtesten.
Gerade am Anfang starben in Schweden aber auffällig viele Menschen an Corona.
Eine wichtige Kennzahl ist die Übersterblichkeit, und da gehören wir zu den vier oder fünf EU-Staaten mit den tiefsten Werten.
Und das, obwohl Sie nie strikte Einschränkungen kannten.
Der Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Virus und den jeweiligen Schutzmassnahmen eines Landes ist sehr komplex. Es gibt keine einfache Korrelation zwischen der Schärfe der Massnahmen und der Eindämmung des Virus. Das illustriert beispielsweise der Vergleich mit Norwegen und Finnland.
Betrachtet man die Gesundheit eines Volkes ganzheitlicher, nicht nur auf Corona bezogen, und bezieht etwa auch die mentale Gesundheit mit ein: Was stellen Sie da fest?
Es gibt Indikationen, die zeigen, dass Schweden bezüglich mentaler Gesundheit besser abschneidet als Länder mit strikter Politik. Wir warten hier aber noch auf verlässliche Daten. Gesundheit ist ein langfristiges Phänomen, auch diese Frage lässt sich noch nicht abschliessend beantworten. Einiges deutet darauf hin, dass eine liberale Politik Vorteile für die mentale Gesundheit hat.
Für Ihren Sonderweg wurden Sie bisweilen stark angefeindet. Wie gehen Sie damit um, schlafen Sie immer gut?
Im Austausch mit Wissenschaftern und Expertinnen aus dem In- und Ausland spürte ich immer grosses Interesse und Verständnis für unsere Politik. In diesen Kreisen wird anerkannt, dass es verschiedene Weg gibt, die Pandemie zu bewältigen. Persönliche Anfeindungen habe ich erlebt, weil ich in Schweden unvermittelt zu einer öffentlichen Figur geworden bin. Das führt in einer aufgeheizten Stimmung leider zu rüden Attacken. Ich glaube, das hat weniger mit meiner Haltung zu tun als damit, dass mein Gesicht oft in den Medien kam.
Zum Schluss: Schweden ist bei Schweizerinnen und Schweizer als Feriendestination beliebt. Werden sie diesen Sommer ein offenes und entspanntes Land antreffen?
(Lacht) Ja, das hoffe ich doch sehr!