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Die erste Made in Bangladesh Week (MIBW), die am Freitag zu Ende ging, hat es geschafft, Bangladesch nicht nur auf die Landkarte zu setzen, sondern auch die vielen Vorteile dieses Beschaffungslandes hervorzuheben. Auf diese Weise verwandelte die Veranstaltung das Label “Made in Bangladesch”, das ursprünglich mit Fast Fashion und billigen Arbeitskräften in Verbindung gebracht wurde, in ein Zeichen für Qualität und hochmoderne Fabriken.
Keine Kleinigkeit, die Geschichtsinteressierten und europäischen Hersteller:innen gleichermaßen bekannt vorkommen wird. Schließlich wurde das Label “Made in Germany” im späten 19. Jahrhundert nicht von deutschen, sondern von britischen Hersteller:innen geschaffen, die ihre Qualitätsprodukte von Billigimporten - vor allem aus Deutschland - abgrenzen wollten. Im Laufe der Zeit steigerten die deutschen Produzierenden ihre Leistung, investierten in Technologie und hochwertige Materialien, und der Rest ist Geschichte - bis heute ist “Made in Germany” ein Markenzeichen, das für Qualität steht.
Bescheidene Anfänge
Aber zurück zu Bangladesch: Die Entwicklung der Bekleidungsindustrie in Bangladesch ist beeindruckend, insbesondere in den letzten 20 Jahren: Während das Land 2002 Konfektionskleidung (RMGs) im Wert von etwa 5 Milliarden US-Dollar exportierte, waren es 2011 bereits 14,6 Milliarden US-Dollar, und verdoppelte sich in nur acht Jahren bis 2019 auf 33 Milliarden US-Dollar, was einer jährlichen Wachstumsrate von 7 Prozent entspricht. Heute beschäftigt die Branche rund 4,4 Millionen Arbeitskräfte, von denen die Mehrheit Frauen sind, und erwirtschaftete im Finanzjahr 2021-22 RMG-Exporte in Höhe von 42,6 Milliarden US-Dollar.
“Die Prognosen für Bangladesch waren zu Beginn [nach der Unabhängigkeit im Jahr 1971] düster: Man erwartete, dass das Land 100 Jahre brauchen würde, um ein Pro-Kopf-Einkommen von 1.000 US-Dollar zu erreichen, aber es hat sich gut gemacht”, sagt Ahmad Kaikaus, Generalsekretär des Premierministers. Er wies auch auf den drastischen Rückgang der ausländischen Unterstützung hin, die bei 90 Prozent lag und jetzt nur noch 2 Prozent beträgt. “Früher waren wir nicht auf Augenhöhe, aber jetzt sind wir es; Bangladesch ist ein gleichberechtigter Partner.”
Beschaffungszentrum
“Bangladesch ist im Bereich Beschaffung sehr wichtig. Es liegt mir schon seit 30 Jahren am Herzen: Ich war 1994 zum ersten Mal hier”, erklärt Anne-Laure Descours, Chefeinkäuferin bei Puma, am ersten Tag des Dhaka Apparel Summit. Sie wies auf die Tatsache hin, dass das Land früher als “billigster Standort und für die billigsten Preise” bekannt war, die Welt heute aber “ganz anders ist als noch vor zehn Jahren”, da vor allem junge Verbraucher:innen sehr besorgt über den Klimawandel und dankbar für “grüne” Fabriken sind.
Descours sieht Transparenz und Kreislaufwirtschaft als Wege in die Zukunft: “Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieses Thema ist”; vor allem wenn es darum geht, Abfall als Ressource zu betrachten. Sie erwähnt die Umstellung der Produktion, die das Land derzeit durchläuft, und hofft, dass in Zukunft mehr Tier-2-Lösungen umgesetzt werden, zum Beispiel im Hinblick auf die Beschaffung von Materialien vor Ort und im Inland, so dass keine Importe von Stoffen mehr nötig wären. Sie weist auch darauf hin, dass Daten das Rückgrat eines jeden Unternehmens sind und nennt die Zusammenarbeit zwischen den Akteur:innen als ihre wichtigste Erkenntnis und Empfehlung.
Ein Beispiel dafür waren die beiden Hallen, in denen die Bangladesh Denim Expo und die Dhaka Apparel Expo stattfanden: Erstere präsentierte die gesamte Denim-Wertschöpfungskette von Stoffen, Veredelungen und Waschungen bis zu Zubehör, und bot auch technische Workshops an. Die Veranstaltung wurde derart gut angenommen, dass die Türen zeitweise wegen Überfüllung geschlossen werden mussten.
Die Dhaka Apparel Expo stellte die neuesten Bekleidungs- und Textilprodukte und -technologien aus Bangladesch vor, die herstellende Betriebe von Textilwaren, Stoffen und Garnen, Zubehör, Maschinen, Chemikalien und internationale Einkäufer:innen zusammenbrachten.
Nachhaltigkeit
Nachhaltigkeit war das Thema vieler Podiumsdiskussionen und technischer Präsentationen. Syed Naved Husain, Group Director und CEO von Bangladeschs größtem Mischkonzern Beximco, erläuterte auf der vierten Sitzung des Dhaka Apparel Summit am Dienstag seine Vision, “Bangladesch zum größten Recycling-Zentrum zu machen”, während Zuena Aziz, Hauptkoordinatorin für SDG-Angelegenheiten im Büro des Premierministers, erklärte, wie die Regierung gegen die Wasserverschmutzung vorgeht. Sie wies auch darauf hin, dass Bangladesch mit 176 umweltfreundlichen Bekleidungsfabriken gut positioniert sei, um diese Entwicklung voranzutreiben, “ohne Kompromisse bei der Umwelt einzugehen”.
In diesem Zusammenhang wies der Präsident und CEO von WRAP, Avedis Seferian, auf die Gefahr einer “Audit-Müdigkeit” in Bangladesch hin. “Sie ist real und zeigt, wie wenig nachhaltig wir geworden sind”, sagte er mit Blick auf zu viele Betriebsprüfungen, die von der Produktion ablenken und Ressourcen verschwenden. Obwohl es derzeit keinen Konsens über weniger messbare Standards wie Sicherheit und Verantwortung zu geben scheint, sollte jeder Standard gut genug sein. “Bei der Audit-Müdigkeit geht es nicht um mehrere Auditstandards, sondern um mehrere Audits”, sagte er.
Daran anknüpfend wies Roger Hubert, Geschäftsführer des neu gegründeten RMG Sustainability Councils (RSC), Nachfolger des Bangladesh Accords, auf die Notwendigkeit standardisierter Richtlinien für die Ausbildung der Bekleidungsarbeiter:innen hin. “Wir brauchen mehr Schulungen”, sagt er, aber derzeit seien viele private und entwicklungspolitische Organisationen beteiligt, so dass die Gefahr von Überschneidungen und doppelten Kosten bestehe. Seiner Meinung nach sollten sich Auftraggeber:innen engagieren, indem sie 80 Prozent der Betriebsprüfungen und Inspektionen finanzieren.
Katherine Stewart, Direktorin für Unternehmensverantwortung bei Primark-Mutter Associated British Foods Plc. konzentrierte sich auf nachhaltige Baumwolle und ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Materialforschungsunternehmen Recover, das vor fünf Jahren begonnen wurde und derzeit 15.000 Landwirt:innen umfasst. “Es gibt eine Grenze für die Menge an recycelter Baumwolle, die wir verwenden können”, warnte sie. Stattdessen sollte ein kurz-, mittel- und langfristiger Ansatz berücksichtigen, was man mit den Fasern machen kann. “Ein altes Primark-T-Shirt sollte ein neues T-Shirt werden”, findet sie. Ihre Erfahrung in Bangladesch war aufgrund der “Can-do”-Einstellung des Landes eine “bewegende”.
LDC-Aufstieg
Die erste Sitzung des zweiten Tages des Dhaka Apparel Summits am Mittwoch war dem bevorstehenden Austritt Bangladeschs aus der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDCs) im November 2026 und den sich daraus ergebenden “Hindernissen und dem weiteren Weg” gewidmet. Sharifa Khan, Sekretärin der Abteilung für Wirtschaftsbeziehungen im Finanzministerium von Bangladesch, erwähnte die verlängerte Übergangszeit von fünf Jahren (statt der üblichen drei Jahre) und forderte die Auftraggeber:innen und Entwicklungspartner:innen auf, sich großzügig zu zeigen und den Meilenstein durch ethische Einkaufspraktiken zu unterstützen, das heißt zum Beispiel keine Aufträge zu stornieren.
Nazneen Ahmed, Länderökonomin beim UNDP, warnte Bangladesch davor, in die Falle des mittleren Einkommens zu tappen, das heißt, den Vorzugsstatus und seine Privilegien zu verlieren und bis zum Jahr 2031 von einem niedrigen Pro-Kopf-Einkommen zu einem mittleren Einkommen aufzusteigen. “Dieser Aufstieg sollte nachhaltig sein”, mahnte sie, damit Bangladesch “sein Wachstum fortsetzen und bis 2040 ein Land mit hohem Einkommen werden kann”, was für viele Länder in einer ähnlichen Lage eine Herausforderung darstellt.
Für Riaz Hamidullah, Botschafter des Konsulats von Bangladesch in den Niederlanden, ist es wichtig, dass Bangladesch (und globale Lieferketten im Allgemeinen) aus einem linearen Denken aussteigt und einen Weg findet, der Konkurrenz voraus zu sein, zum Beispiel Indien, wo 100 Unternehmen freiwillige Umweltangaben machten, oder Sri Lankas Initiative “Garments without Guilt”. “Hashtag Design Thinking” ist für ihn der Weg in die Zukunft, “Technologie, Innovation und Design Thinking werden gebraucht.”
Diesem Thema war auch eine eigene Veranstaltung gewidmet - der Sustainable Design and Innovation Award am 16. November - bei dem Design-Studierende und etablierte Designer:innen aus Bangladesch für ihre kreativen und nachhaltigen Designs ausgezeichnet wurden.
Bekleidungsarbeiter:innen
Obwohl außerhalb der Veranstaltungsorte der Made in Bangladesh Week Plakate von Bekleidungsarbeiter:innen mit einprägsamen Slogans allgegenwärtig waren (siehe Fotos), waren sie in den ansonsten gut besuchten Hallen der MIBW leider völlig abwesend, abgesehen von einer tapferen jungen Frau. In der dritten Sitzung des zweiten Tages des Dhaka Apparel Summits, die dem Thema “Sicherstellung des Wohlergehens der Arbeitnehmer:innen” gewidmet war, erzählte die ehemalige Bekleidungsarbeiterin Sabina Yeasmin von ihrem Weg von einer Näherin zur Studentin an der Asian University for Women (AUW) in Chittagong.
Sie erhielt Zugang zu einer kostenlosen Ausbildung an der AUW in Form eines Stipendiums für fünf Jahre, durch das sie auch weiterhin ihr Näherinnengehalt erhält, das zum Einkommen ihrer Familie beiträgt. “Ich habe meine Träume aufgegeben, als ich vor fünf Jahren in einer Fabrik anfing, aber ich habe das Leben nie aufgegeben und die Gelegenheit ergriffen, als sie sich mir bot”, erzählt Yeasmin. Jetzt hat sie ihr eigenes Projekt gestartet, eine Organisation, die mehr Frauen wie sie selbst unterstützen soll. “Tausende weitere brauchen eine Ausbildung... es könnte 4.000 weitere Sabinas geben”, schloss die junge Frau, die im Rahmen ihrer Ausbildung in nur zwei Jahren perfekt Englisch sprechen lernte und selbstbewusst vor einem großen internationalen Publikum auftrat.
Peter McAllister, geschäftsführender Direktor der Ethical Trading Initiative, stimmte zu, dass es nicht ausreiche, für das körperliche Wohlbefinden der Arbeitnehmer:innen zu sorgen, und dass Wohlbefinden über die Bereitstellung von Sicherheit, Kantinen und dergleichen hinausgehe. “Arbeitnehmer:innen müssen Teil dieser Partnerschaft des Wandels sein; sie brauchen einen Platz am Tisch”, betont er. “Nur wenn es den Fabriken gut geht, wird es auch den Arbeitnehmer:innen gut gehen”. Er fügte hinzu, dass ein “traditionelles, transaktionales Modell nicht funktionieren wird. Stattdessen werden neue Modelle der Effizienz, Produktivität und Wertschöpfung benötigt.”
Zum ersten Mal wurden nachhaltige Fabriken mit einem “Sustainability Leadership Award” ausgezeichnet, der am 18. November stattfand, und die besten Praktiken von Bekleidungsfabriken in Bangladesch in drei Haupt- und verschiedenen Unterkategorien prämierte, darunter herausragende Umweltleistungen, die Fabrikgestaltung, Innovationen im Bereich des Arbeitnehmerschutzes und mehr.
Ausblick
Linda Kronjong, Präsidentin von Amfori, riet bei der Frage nach den Anforderungen verantwortungsbewusster Unternehmen an die Sorgfaltspflicht, sich von der Lieferkette weg und hin zur Wertschöpfungskette zu bewegen, die viel breiter angelegt sei. Amfori arbeitet derzeit mit über 3.000 Lieferbetrieben in Bangladesch zusammen und bringt Auftraggeber:innen (viele von ihnen aus Europa) und Betriebe zusammen, um bessere Ergebnisse zu erzielen. “Viele Unternehmen sind bereits aktiv geworden oder bereit, dies zu tun”, bestätigt sie.
Sandeep Das, Regionaldirektor für Südasien und MENAP-Produkte bei Intertek, wies zudem auf die gemeinsame Verantwortung von Auftraggeber:innen und Lieferbetrieben hin: “Unternehmen wie unseres müssen mit den Fabriken zusammenarbeiten, um festzustellen, was richtig und was falsch ist. Man kann nicht einfach jemandem sagen, dass eine Brücke überquert werden muss, sondern man muss die Brücke zusammen überqueren.”
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Made in Bangladesch Week eine große organisatorische Leistung darstellt, die Interessengruppen aus der gesamten Lieferkette und aus der ganzen Welt zusammenbrachte. Während sich die erste Ausgabe auf die Etablierung des Gütesiegels “Made in Bangladesh” und die damit verbundenen Lorbeeren konzentrierte, sollten bei künftigen Ausgaben der Made in Bangladesh Week anstehende Risiken und Herausforderungen sowie die Einbeziehung von Arbeitnehmer:innen stärker berücksichtigt werden. Mehr Stimmen der Arbeitenden zu hören, würde die Erfahrung definitiv bereichern. Wie eine der Hauptrednerinnen, Monique Leeuwenburgh, Direktorin für Beschaffung, Technik und Nachhaltigkeit bei Clothing & Home, Marks & Spencer London, es ausdrückte: “Es gibt viel zu tun, wir müssen Prioritäten setzen”.