Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/3055

Fünf Fragen an Martin Amis
© Kein & Aber
»Ein Hintergrund, der sehr idyllisch anmutete, hätte man in der Ferne nicht die Galgen gesehen.« – Das Stammlager in Auschwitz
Wie sind Sie auf die Idee zu Ihrem neuen Roman Interessengebiet gekommen?
Romanideen sind bei mir in der Regel Geschenke des Unterbewusstseins. Meist kommen sie mir mit einem einzigen Bild, das zunächst merkwürdig bedeutungsvoll wirkt. Bei Interessengebiet war es gewissermaßen ein Blitzschlag vor einem Hintergrund, der sehr idyllisch anmutete, hätte man in der Ferne nicht die Galgen gesehen. Im Prinzip kann man diesen Moment auf der ersten Seite des Buches nachlesen.
In den meisten Besprechungen in England und Amerika wurde der Roman sehr gelobt. Es gab auch einige kritische Stimmen. Was entgegnen Sie der Meinung, man dürfe Liebe und Humor nicht mit einem Vernichtungslager zusammenbringen?
Die Gegenüberstellung von Liebe, satirischer Komödie und Massenvernichtung scheint zutiefst gefährlich. Aber beim Schreiben sind gewisse Freiheiten erlaubt; da sollte es keine Verbotsschilder geben. Das Schreiben über den Holocaust jedoch bringt eine besondere Verantwortung mit sich: die ewig schwierige Suche nach »Anstand«, im literarischen Sinn (die angemessenen Wörter für ein bestimmtes Thema zu finden). Dieses Schreiben ist beschwerlicher als das Schreiben über andere Dinge – aber qualitativ unterscheidet es sich nicht.
Wie erklären Sie sich das unvermindert große Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus?
Im Nachwort des Buches zitiere ich Michael André Bernstein: »Der Nazi-Völkermord ist wesentlich für unser Selbstverständnis.« Dies erklärt zum Teil die anhaltende Faszination für das Dritte Reich. Auch Hitler selbst und der Bann, unter dem Deutschland stand, bleiben völlig undurchsichtig und daher faszinierend. Das ist anders als zum Beispiel bei Stalin, der sich immer auf den Schienen bewegt hat, die Karl Marx ausgelegt hatte. Hitlers Wirken war wild und sinnlos.
Auch viele Ihrer älteren Romane sind gewissermaßen zeitlos – Das Rachel-Tagebuch (1973) zum Beispiel in Bezug auf den Drang, sich selbst zu inszenieren, oder Gierig (1984) mit seiner Kritik des kapitalistischen Wertesystems. Sind Sie manchmal selbst überrascht von der Zeitlosigkeit Ihrer Romane?
Ich denke, es geht weniger um Zeitlosigkeit als um die Frage, ob der Roman auf einer menschlichen Ebene universell genug ist. Der Schriftsteller ist, anders als ein Dichter, ein Durchschnittsmensch. Er geht davon aus, dass der Leser im Wesentlichen gleich tickt wie er selbst, dass er die gleichen Träume und Ängste hat. Im Prinzip ist das Schreiben ein Glücksspiel, bei dem man auf Universalität setzt.
Womit dürfen wir als Nächstes rechnen?
Zwei meiner letzten vier Bücher waren in Straflagern angesiedelt (Gulag und Konzentrationslager). Mein derzeitiges Schaffen nimmt die Dinge einfacher: Ich arbeite an einem autobiografischen Roman über all die Schriftsteller in meinem Leben (und über einige meiner Frauen und über all meine Kinder). Der Arbeitstitel lautet Inside Story.