Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/589

Ein sehr altes Gotteshaus mit einer sehr alten Uhr
Hans Heeb aus Ermatingen über die Aloisius-Kapelle Mannenbach und ihre Turmuhr
Oberhalb des Dorfes Mannenbach steht die Aloisius-Kapelle. Sie ist vom Schloss Louisenberg und von Bäumen und Sträuchern aber so verdeckt, dass sie - vor allem seit der letzten Renovation, die in den Jahren 1993 bis 1995 erfolgte, ein Juwel - sowohl vom See aus wie auch von der Louisenbergerstrasse her, die unmittelbar an ihr vorbeiführt, leicht übersehen werden kann.
Sachliche Hinweise über den Bau und die Ausstattung unserer Kapelle fehlen bis ins 19. Jahrhundert. Die Sage weiss aber zu berichten, dass ein Junker von Landenberg die Kapelle gestiftet habe. Nach einer geglückten Rückkehr aus dem Heiligen Land soll er die Kapelle mit einer Heilig-Kreuz-Relique - einem Splitter vom Kreuz, an dem Jesus starb - versehen haben. Geweiht worden sei die Kapelle im April des Jahres 1155.
In verschiedenen mittelalterlichen Dokumenten lesen wir, dass die Kapelle dem Heiligen Nikolaus geweiht worden sei. Seit 1692 wird in der Kapelle auch der Heilige Aloisius verehrt. Das führt dazu, dass in der Folgezeit auch Wallfahrten nach Mannenbach stattfanden. Von diesen legen Motivtafeln in unserer Kapelle noch heute Zeugnis ab.
Eine alte Kaplanei wurde im Jahr 1825 verkauft. Dieser Verkauf hatte zur Folge, dass die Kapelle gleichsam auf einer Insel stand, die von fremdem Gebiet umschlossen war.
Wo die Kaplanei gestanden hatte, wurde Schloss Louisenberg erbaut. Eine neue Kaplanei, die im Jahre 1854 erbaut wurde, wird seit 1950 nicht mehr von einem Kaplan bewohnt.
Um auf die Ausstattung der Kapelle einzugehen, fehlt hier der Raum. Hingewiesen sei stattdessen auf eine {tooltip}ausgezeichnete Beschreibung der Kapelle aus dem Jahre 2001.{end-link}Alfons Raimann und Peter Erni: Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau VI: Der Bezirk Steckborn, Wallfahrtskapelle St. Aloysius, S. 300 - 307, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern (2001) - mit zahlreichen weiteren Literaturhinweisen{end-tooltip} Erwähnt sei auch, dass wir in unserer Kapelle dem grossen Barockmaler Franz Ludwig Herrmann - er lebte von 1723 bis 1791 - begegnen, der auch in unserer Ermatinger Kirche die Chordecke und den ehemaligen Hochaltar bemalt hat. Vor Augen halten wollen wir uns aber noch die Turmuhr unserer Kapelle.
Was das Alter der Uhr anbetrifft, kann man an verschiedenen Stellen lesen, dass auf dem Uhrwerk die Zahl 1533 zu finden sei. Andreas Müller in Wagenhausen, der in Mannenbach aufgewachsen ist und sich verschiedentlich mit der Uhr beschäftigt hat, sagt nun allerdings, dass es sich bei der vierten Ziffer nicht um eine 3, sondern eher um eine 7 handeln würde. Somit kommt als Herstellungsjahr der Uhr nun also das Jahr 1537 in Frage. In einem Brief an Pfarrer Dr. Hürlimann vom 22. Januar 1977 weist Dr. Bruno Meyer, der damalige Direktor des Museums des Kantons Thurgau, übrigens daraufhin, dass es sich bei der Mannenbacher Turmuhr wohl um die einzige im Kanton Thurgau handeln würde, die noch aus dem 16. Jahrhundert stamme und noch in einer Kirche in Betrieb stehe.
Wer hat die Uhr geklaut?
Die Frage, wer im Jahr 1537 die Uhr herstellte - ich gehe jetzt von dieser Jahrzahl aus - kann man beantworten. Die Uhr wurde Hans Luter aus Zürich zugeschrieben. Es findet sich hier auch die Schreibweise Luterer und der betreffende stammt aus Waldshut und ist nach Zürich gegangen.
Unsere Uhr soll ursprünglich für die Kirche in Ermatingen hergestellt worden sein. Später sei sie von Anhängern von Napoleon III. gestohlen worden und im Jahre 1869 habe sie Napoleon III. dann den Mannenbachern für ihre Kapelle geschenkt. Zu diesen Aussagen möchte ich ein Fragezeichen setzen. Wir wissen freilich, dass Napoleon III. zuletzt bis in alle Details über das Geschehen in unserer Region im Bild war. Der Informant hier in Ermatingen scheint in erster Linie ein Vertreter der bekannten Familie Ammann gewesen sein. Anderseits - Napoleon III. war doch zum letztenmal im Jahre 1865 in der Schweiz beziehungsweise auf dem Arenenberg. Zudem - das Jahr 1869 war das Jahr vor dem Ausbruch des Siebzigerkrieges. Fand da Napoleon noch Zeit, um sich für eine Turmuhr für die Kapelle Mannenbach zu kümmern? Für möglich halte ich freilich, dass sich die Uhr ursprünglich in der Ermatinger Kirche befand und von da aus dann nach Mannenbach kam.
Im bereits erwähnten Brief von Dr. Bruno Meyer an Pfarrer Hürlimann aus dem Jahre 1977 heisst es, dass es sich bei unserer Uhr um ein wichtiges Museumsstück handeln würde und dass sie darum bei einer nächsten Renovation der Kapelle dem Museum des Kantons Thurgau übergeben oder von diesem als Leihgabe dem Heimatmuseum Steckborn überlassen werden sollte. Ich kann mir vorstellen, wie die für die Kapelle Verantwortlichen - im Brief von Dr. Meyer ist die Rede von der «Kapellenkorporation Mannenbach» - dann mit roten Köpfen beschlossen, dass diesem Ansinnen nicht entsprochen werde. Für diesen Beschluss sind wir diesen Männern heute noch dankbar.
Elektrische Einrichtung
Als in den Jahren 1993 bis 1995 die Kapelle restauriert wurde, wurde auch eine elektrische Einrichtung geschaffen, die es ermöglichte, die Zeiger der Uhr zu bewegen und die zwei Glocken läuten zu lassen. Auf die Stunden- und Viertelstundenschläge wurde mit Rücksicht auf die Nachbarn verzichtet. In das Uhrwerk, welches sich nach wie vor auf seinem alten Platz befindet, wurde nicht eingegriffen. Einen Holzmechanismus, der früher bei der Uhr vorhanden gewesen sein soll, gibt es heute nicht mehr. Die Turmuhrenfabrik, die die Arbeiten anlässlich der letzten Renovation ausführte, scheint es heute nicht mehr zu geben.
Sowohl betreffend die Kirche in Ermatingen als auch die Kapelle in Mannenbach gibt es noch Unterlagen, die nicht gesichtet sind. Max Rietmann, der Archivar der katholischen Kirchgemeinde Ermatingen - in deren Bereich ja auch Mannenbach liegt sagt mir, dass er hoffe, in absehbarer Zeit die Unterlagen von Mannenbach, die noch nicht gesichtet wären, sichten zu können. Möglicherweise ergeben sich dann noch Antworten auf Fragen, die unsere Mannenbacher Kirchenuhr betreffen und heute noch offen sind.
Wie Lange war die Uhr noch in Betrieb ? (Persönliche Erinnerungen von Robert Keller aus Mannenbach)
Den Messnerdienst mit dem Aufziehen der Uhr übte von 1950 – 1961 Fritz Kornmaier aus Mannenbach aus. Für mich, so erzählt Robert Keller, war es als Bub eindrücklich, wie er umhüllt mit seiner schwarzen Pelerine und seinem etwas schlurfenden Gang immer frühmorgens - natürlich bei jedem Wetter - wie ein „Ührchen“ zur Kapelle hoch ging. In der Kapelle angekommen, stieg er hoch zum Uhrwerk im Dachstock. Dort begann Fritz Kornmaier mit seiner wichtigen Tätigkeit als Glöckner. Mit der Kurbel die an einem Hanfseil hängenden Gewichte für den Antrieb vom Uhr- und Schlagwerk hochziehen. Schmieren und kontrollieren der Mechanik. Nach beendeter Arbeit im Uhrenraum, wieder heruntersteigen hinter die Kanzel, um nach dem sechs-Uhr-Schlag mit der kleinen Glocke das Tagwerk einzuläuten. Letzteres Ritual wiederholte sich am Mittag um 11.00 Uhr und am Abend um 19.00 Uhr, wenn er schliesslich das Tagwerk wieder ausläutete.
Joseph Beerli war der Nachfolger von Fritz Kornmaier und führte das Messner-Amt von 1961 – 1975 aus. Berta Beerli (die Frau von Joseph Beerli) führte nach ihm dieses Amt weiter von 1976 – 1985. Sie war die letzte, welche die Messnerdienste in der Kapelle Mannenbach ausführte. Danach mussten die Mannenbacher 10 Jahre warten, bis sie ihre geliebten Glocken der Kapelle wieder hören konnten. Doch nun wurden die Glocken nicht mehr manuell betätigt, sondern eine elektrische Einrichtung übernahm diese Arbeit.
(Dieser Artikel wurde - bis auf den letzten Abschnitt - dem Boten vom Untersee und Rhein vom 12. Nov. 2010 entnommen)