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Am 1. Oktober 1970 wurde das Shopville unter dem Zürcher Hauptbahnhof eröffnet. Die unterirdische Shoppingmeile war eine kleine Sensation.
Am 1. Oktober 1970 wurde der Zürcher Bahnhofplatz für Fussgänger gesperrt – für fast 22 Jahre. Etliche Stadtpolizisten standen herum und baten Fussgänger, die den Platz noch überqueren wollten, freundlich, auf den Rolltreppen in den Untergrund hinabzugleiten. Die Kollegen von der Polizeimusik spielten drüben in der Bahnhofshalle, wo ein Stadtrat – FDP-Politiker Ernst Bieri – feierlich ein Band durchschnitt und dabei das unterirdische Einkaufszentrum in den Himmel lobte, das in den letzten fünf Jahren direkt unter dem Bahnhofplatz entstanden war und seinesgleichen in Europa suche: Wer über den Bahnhofplatz wollte, musste von nun an durch das Shopville, die Einkaufspassage unter dem Bahnhofplatz.
Die Idee, den Bahnhofplatz zu untertunneln, reichte bis in die 1950er-Jahre zurück. Auf dem Bahnhofplatz trafen damals alle Verkehrsarten zusammen: Tramlinien, Autos, Taxis und Fussgänger – zu Spitzenzeiten bis zu 17’000 Personen pro Stunde – verbanden sich hier zu einem trägen Knäuel aus Blech und Fleisch. Man verbreiterte die Bahnhofsbrücke, legte einen Flussarm der Limmat trocken, um die Verkehrsflüsse darauf zu lenken, baute den Leonhardplatz zum «Central» um – doch nichts half. Der unaufhaltsame Aufstieg des Automobils brachte in den Zentren nicht mehr Geschwindigkeit, sondern Stockung.
Es wurde klar: Eine Benutzergruppe musste weggeplant werden. Zuerst wollten die städtischen Verkehrsingenieure die Trams unter die Erde verlegen. Doch die so genannte Tiefbahn wurde 1962 an der Urne verworfen – nicht zuletzt auch, weil man Trams unter der Erde als beleidigende Schrumpfvariante einer U-Bahn ansah.
Was die Abstimmung überlebte, waren die Pläne einer Personen-Unterführung unter dem Bahnhofplatz. 1964 wurde über die Erstellung eines «unterirdischen Fussgängergeschosses» abgestimmt. Um den Fluss des privaten Personenverkehrs nicht zu bremsen, sollten statt der Trams die Fussgänger die übernutzte Oberfläche verlassen und in Zukunft den Bahnhofplatz unterirdisch überqueren. Wir befinden uns im Kalten Krieg, die Akzeptanz von unterirdischen Schutzräumen war hoch: Der Vorschlag wurde angenommen. Ab 1965 prägte ein klaffendes Loch den Bahnhofplatz.
Der Wunsch nach einer Bereinigung des Bahnhofplatzes im Namen des Verkehrs ging so weit, dass man sogar den Alfred-Escher-Brunnen samt Statue abräumen wollte – doch hier stiess man auf erbitterten Widerstand. In der Diskussion um Escher wurde klar: Der Bahnhofplatz war nicht irgendein Verkehrsknotenpunkt, er war die «Visitenkarte» Zürichs, eine Verlängerung der Bahnhofstrasse. Die Unterführung, nun in der Planung bereits ehrwürdiger «Passage» genannt, sollte die repräsentative Einkaufsmeile im Untergrund vollenden, als ihr «Diamant», wie einige Laden-Mieter stolz meinten. 1967 wurde die geplante Ladenfläche vergrössert. Sie sollte Reisende und Pendler gebührlich in der Stadt Zürich empfangen.
Zürich sah sich in den späten 1960er-Jahren auf dem Weg dazu, eine Metropole von Weltrang zu werden. Auch der Bau der U-Bahn wurde im Bau bereits angedacht – unter der Ladenfläche wurde ein Hohlraum frei gelassen, in dem später die U-Bahn fahren sollte. Die Schweizerische Bauzeitung sah in diesem leeren Tunnel das «symbolkräftigste Zeichen für Zürichs Grossstadt-Ambitionen».
Ende der 1960er Jahre war die Unterführung Teil eines grösseren städtischen Planungs-Ensembles geworden: Der Raum um den Hauptbahnhof sollte, so träumten Stadtplaner und Geschäftsleute, zu einem kleinen «Manhattan» umgebaut werden, mit Hochhäusern, Expressstrassen und einer U-Bahn. Hier sollte sich, laut Richard Allemann, dem damaligen Präsidenten der Zürcher City Vereinigung, «Gestaltungskraft unserer Gesellschaft, unserer Zeit und unseres Jahrhunderts zum Ausdruck bringen». Über der Baugrube am Bahnhofplatz waberten Zukunftsträume in der Luft.
Die Unterführung wurde immer mehr zu einem unterirdischen Shopping Center umkonzipiert, durchaus verstanden als urbane Kampfansage an die Einkaufszentren in der Peripherie, die sich auch im Bau befanden. Die Bahnhofpassage verlor den Wettkampf nur knapp: Das Shoppi Spreitenbach eröffnete dann doch ein halbes Jahr früher.
1967 wurden die 23 Ladenlokale ausgeschrieben – nur wer bereits einen Laden in Zürich hatte, durfte sich bewerben. Das lag einerseits am Wunsch, dass es die Geschäfte Zürichs repräsentieren sollte, aber auch an arbeitsrechtlichen Bedingungen – zu lange Schichten unter der Erde sollten vermieden werden. Unter den Geschäften waren eine «Silberkugel», ein Fast-Food-Laden, ein Blumenladen, eine Bankfiliale, Kleider- und Schuhläden, eine Milchbar. Eine ganz besondere «Attraktion» – ein Lieblingswort der Beamten in den Sitzungsprotokollen – sollte der Automatenladen darstellen, an dem man Tag und Nacht einkaufen konnte.
Die Auswahl der Ladeninhaber wurde bis in den Frühling 1970 vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Dann begann man die Werbetrommel zu rühren. Im Gratisanzeiger Züri Leu rief man die Leser auf, Namensvorschläge einzusenden. Für den Gewinner gab es einen VW-Porsche, für den zweiten Platz erhielt man eine Reise nach Mexiko, für den dritten einen Breitschwanzmantel. Am Schluss wählte eine Jury aus. Insgesamt wurden 5000 Vorschläge eingereicht. Englisches wie Mini, Maxi, Power City traf hier auf Urzürcherisches wie Buuch, unedure, Im Züri-Grabe und Lade-Schacht sowie Bildungsbeflissenes wie Orpheus-Shopping oder Hades. Auch Zeitgeistiges fehlte nicht: Es bestand zumindest die theoretische Möglichkeit, dass die Jury die Bahnhofpassage Ho-Chi-Minh-Pfad genannt hätte.
Unter die ersten drei schafften es «Ladorado», «Shoppikon» und eben: «Shopville». Ein wütender Chor von Leserbriefen beklagte den Namen sofort nach der Ziehung als Ausdruck von Heimatverlust, als «englisch-französisches Sprachmonstrum» und «Bastard-Mischung». Der Zürcher Stadtrat knickte ob der sprachlichen Überfremdungsängste ein: Die Postadresse hiess nun «Bahnhofpassage». Die Ladeninhaber behielten den Namen aber bei: An der Eröffnung verteilten Sie sogar rote «Protestknöpfe», auf denen in trotzigem Englisch stand: «I like Shopville».
Abseits dieser Streitigkeiten herrschte Begeisterung. Die Presse lobte das grossstädtische Flair und das Publikum flanierte durch den Untergrund oder bewunderte nach Ladenschluss, wie Hundefutterdosen oder Milchflaschen aus dem Automatenladen geholt wurden.
In den 1970ern zerbrach der Fortschrittsoptimismus – Bürger und Bürgerinnen protestierten in Wurmkostümen gegen ähnliche Projekte wie die Unterführung am Hauptbahnhof. Der Zukunftsenthusiasmus der 1960er-Jahre hatte sich zerschlagen, auch die U-Bahn-Pläne wurden zu den Akten gelegt. Bereits 1980 war auch unter dem Bahnhof das Gefühl von Glamour dahin. Die NZZ schrieb: «Das Shopville ist, soviel darf als sicher gelten, kein Thema mehr, es ist für Passanten, wenn sie nicht gerade Touristen sind, zum Alltagsbild geworden, zum Routinegang.» Zunehmend wurde es auch zu einer Unterkunft für Menschen ohne Obdach, in den späten 1980er-Jahren drängte die Drogenszene insbesondere im Winter in den Untergrund – hier gab es trockene Schlafplätze.
Ab Januar 1992 wurde der Bahnhof in der Nacht abgesperrt, Shopville verriegelt und der Bahnhofplatz für Fussgänger zum Teil wieder eröffnet. Das alte Shopville galt als veraltet. Die Drogenszene wurde ins Off verdrängt, die S-Bahn kam, der Raum unter dem Bahnhof wurde erweitert und die Stadt über und unter der Erde wurde zu einer anderen. Eine mit mehr Marmor.