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Ölhaut und Lederpapier – in Vergessenheit geratene Beschreibstoffe
Abb. 1: In einem schwedischen Kaufmannskontor des 19. Jahrhunderts (heute im Freilichtmuseum Skansen, Stockholm) hängen helle «Rechenhäute» an der Wand!
Abb. 2: Modernes Papier (F) Rechts die im Kalander geglättete Oberfläche; links die aufgeschabte Faserstruktur. Zwischen den Fasern sind
die Polymer-Agglomerate der Neutralleimung zu erkennen.
In Mittel- und Nordeuropa machte sich, parallel zur Lumpennot, seit dem 17. Jahrhundert ein Mangel an Häuten, also auch an Schreibpergament bemerkbar. Papiermacher, ihrerseits auf der Suche nach Ersatzstoffen für Hadern, sprangen in die Lücke und entwickelten Alternativen. Die Ölhaut ersetzte sowohl die Palimpsest-Praxis (Wiederverwendung von Pergament für Dokumente) als auch teilweise die bisher üblichen Schreib- und Rechentafeln aus Holz oder Schiefer, während das Leder-, Pergament-, Dokumenten- oder Urkundenpapier eine preislich günstige, qualitativ hervorragende Alternative zum Schreibpergament darstellte. Ein
Archivfund des beginnenden 19. Jahrhunderts belegt als Hersteller von Lederpapier den Papiermacher Marcus Heusler II in Basel.
Als das Staatsarchiv des Kantons Thurgau im November 2009 an die Basler Papiermühle gelangte, um Aufklärung über den Umstand zu erlangen, dass im 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert Urkunden auf ein Material geschrieben wurden, das zwar pergamentähnlich, aber kein Pergament und auch kein Papier zu sein schien, erwies sich die Antwort entgegen einer ersten Annahme nicht als Routineangelegenheit. Denn die genauere Prüfung des eingesandten Materials und der historischen Quellen führte nicht nur in den papierhistorisch überaus interessanten Zeitabschnitt der Suche nach Ersatzstoffen für Hadern, sondern auch in ein begriffliches Chaos.
Jeder Historiker mit Archivpraxis kennt das Phänomen der deutlichen Veränderung der Grösse und Gestalt mitteleuropäischer Pergamenturkunden, das besonders seit dem 17. Jahrhundert vermehrt auftritt. Betroffen sind vor allem Kauf- und Besitzurkunden, die immer zahlreicher auf kleinen, notdürftig einem Rechteck angenäherten Pergament- oder auf Lederabschnitten geschrieben werden, welche in früheren Zeiten als Abfall höchstens vom Buchbinder oder Flickschuster noch verwendet worden wären. Der Grund ist bekannt: Häutemangel. Zudem ist ein vermehrter Gebrauch von Papier für gesiegelte Urkunden festzustellen. Von einem Pergament-Ersatz ist kaum die Rede; hingegen finden sich zahlreiche Belege für eine Wiederverwendung beschriebener Pergamente als Palimpseste.
Im umfangreichen, neueren Handbuch über Pergament ist begreiflicherweise kein einziger Hinweis auf Ersatzstoffe zu finden, denn es handelt sich offensichtlich nicht um Pergament im eigentlichen Sinne. Andererseits erwähnt die gesamte neuere Papiermacher-Literatur den Fachausdruck Pergamentpapier, versteht aber darunter ausschliesslich das mehr oder weniger durchsichtige, fettdichte, nassfeste, durch Eintauchen in ein Schwefelsäurebad hergestellte Papier. Dem entspricht aber keines der Thurgauer Dokumente. Auch die historisch orientierte Papier-Enzyklopädie von Labarre kennt nur die verschiedenen Sorten des modernen Pergamentpapiers; aufmerken lässt aber das unter dem englischen Stichwort Vellum als Fachausdruck der Handpapiermacher erwähnte Schreibpergament, ein «ausserordentlich dickes, weder hitze- noch schädlingsanfälliges, der Pergamenthaut überlegenes, an Kalbsleder erinnerndes Imitationspergament für Urkunden, Diplome oder Luxusdrucke.» Das kann kein veredeltes Papier oder Karton herkömmlicher Art sein; die bei Labarre feststellbare Unsicherheit in der Terminologie ruft nach weiterer Abklärung.
Im 18. und frühen 19. Jahrhundert stehen im deutschen Sprachraum Begriffe wie Urkundenpapier oder Dokumentenpapier neben Pergamentpapier und Lederpapier mehr oder weniger synonym für ein sich hautähnlich anfühlendes, steifes, schweres Papier, das dem Labarre’schen Vellum entsprechen könnte.
Es ist anzunehmen, dass die Herstellung eines Pergament-Ersatzes in irgendeiner Form in Quellen des 18. oder 19. Jahrhunderts festgehalten worden sein muss. Die Papiermacher-Bibel des 19. Jahrhunderts, der Hofmann, kennt noch die Lederpappe, eine verbreitete Pappensorte, die vor allem für Koffer und Lederimitate in Handarbeit oder maschinell hergestellt worden ist. Der Stoff besteht aus einer Mischung zu gleichen Teilen von Lederabfällen und Sack- oder Tauen-Altstoff und Altpapier, die im Holländer, ohne Zusatz von Leim, zum Ganzstoff gemahlen werden. Hofmann stellt sich diesem Produkt eher skeptisch gegenüber und verweist für Details auf Louis Piette.
In der Tat findet sich in Piettes Journal des fabricants de papier ein längerer Aufsatz aus dessen Feder über Lederpapier (papier de cuir), dem zahlreiche Muster beigegeben sind. Dabei handelt es sich, wie die Muster zeigen, nicht um die gesuchte Pergamentimitation, sondern um die Verwendung von Lederabfällen als Ersatzstoff für Hadern allgemein, der eine Leimung überflüssig mache. Piette zitiert ausführlich das Patent des englischen Papiermachers Brown von 1845, der mehrere chemische Behandlungen zur Eliminierung von Fremdkörpern, zur Homogenisierung und zum Bleichen der Ledermasse vorsieht, und fügt bei, dass nach seiner eigenen Erfahrung ein achttägiges Wässern in Frischwasser, gefolgt von einer Behandlung mit Soda und Calciumsulfat die besten Resultate ergebe. Er räumt aber ein, dass die Eigenfarbe der Lederstücke auch durch eine Chlorbleiche nicht ganz zu eliminieren sei und weist eine Beigabe von Kaolin als überflüssig zurück. Nach 150 Jahren sind die im Journal eingeklebten Muster brüchig geworden. Das Papier aus 100% Lederfasern gleicht einer dunkelbraunen, geschrumpften Mumienhaut, dasjenige mit 50% Hadernzusatz einem gefleckten Schrenzpapier.
W.A. Rüst, ein Zeitgenosse Piettes, beschreibt in seinem Technologie-Handbuch die Fabrikation von Lederpapier wie folgt:
«Auch aus einigen tierischen Substanzen hat man versucht Papier darzustellen, wohin besonders die Verarbeitung der Lederabfälle zu Papier, wodurch das sogenannte Lederpapier entsteht, zu rechnen ist. Das Lederpapier wird ziemlich ebenso aus den Abfällen von Leder bereitet, wie das gewöhnliche Papier aus den Lumpen. Die Lederabfälle werden sortiert und nach den verschiedenen Ledersorten abgesondert; nur zu gemeineren Papiersorten können die Lederabfälle gemischt verwendet werden. Die Verwandlung derselben in Papier geschieht durch das Stampfen und Schöpfen der Masse mittelst Formen in beliebiger Dicke und Grösse, ganz in der Art, wie das gewöhnliche Papier erzeugt wird. Bei der Bearbeitung in der Stampfe wird jedoch Kalk zugesetzt. Nach Verschiedenheit des Leders und nach der Bestimmung des zu erzeugenden Fabrikats setzt man verschiedene Bindungsmittel, als Leim, Gummi, Hausenblase und Alaun, hinzu. Die Farbe dieses Papiers richtet sich nach den angewandten Ledersorten, kann aber, da das Chlor auch hier seine Einwirkung zeigt, durch chemische Prozesse verändert und so schön und weiss gemacht werden, dass das Papier sich wie Pergament, oder wie schönes Schreibpapier ausnimmt.» Damit ist nicht nur die Herstellung in groben Zügen geklärt, sondern es steht auch, zumindest für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, ein Sortenname fest: Lederpapier.
Auch im Handbuch der Technologie von Christoph Bernoulli findet sich ein interessanter Eintrag, allerdings im Kapitel Pergamentherstellung: «Die sogenannten Rechenhäute (oder Ölhäute) verfertigt man, indem man das Pergament mit einem starken Bleiweissgrund überzieht und dann noch zu wiederholten Malen mit Leinölfirnis. Auf solche Blätter kann man dann mit Bleistift oder Tinte schreiben und das Geschriebene mit Wasser wieder wegnehmen. Ähnliche Tafeln werden jetzt indessen gemeiniglich nicht mit Pergament, sondern mit Papier oder Leinwand gemacht, indem dieses auf gleiche Weise überzogen, dieselben Dienste tut, wofern es einen gehörig dichten Grund erhält.» Bernoulli führt uns also nicht nur zu einer neuen technischen Situation, sondern auch zu einem anders gearteten Schreibmaterial, der Ölhaut. Die Neugier ist geweckt: Finden sich weitere Hinweise unter diesem oder anderen Stichwörtern?
Die immer wieder zitierten Hauptwerke über Papier- und Pergamentherstellung des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts (Delalande, Desmarest/Seebass) führen weder Lederpapier noch Ölhaut an. Hingegen findet sich im Krünitz die wohl ausführlichste Beschreibung von Öhlpergament: «Nicht allein den Häuten von Kälbern, Eseln, Schafen usw. kann man auf einer kalkichten Gründung einen Ölanstrich geben, wodurch man sie zum wieder auslöschbaren Beschreiben und Bemalen tauglich und geschickt macht, sondern diese Zubereitung lässt sich auch mit Leinwand, dünnem Tuche und starkem Papier vornehmen, welches letztere sehr nutzbar und vorteilhaft ist, wie man da die geölten Pergamentstücke von jeder beliebigen Grösse machen kann … Dass sich geöltes Pergament besonders zu Merkbüchern, wo man immer etwas zu notieren und etwas wegzuwischen hat, empfiehlt, wer weiss das nicht?» Danach folgt die Beschreibung der Herstellung durch Einspannen des Trägermaterials in einem Rahmen und beidseitiges Bestreichen mit mehreren Schichten von Bleiweiss, Gips, Kalk und eingedicktem Hautleim. Die oberste Lage wird geschliffen. Darauf bringt man einen nach Belieben färbbaren Nussöl- oder Leinöl-Firnis in mehreren Schichten an; das weisse Ölpergament ist das beliebteste. «Auf dieses farbige Pergament kann man nun mit Bleistift, Silberstift, Rotstift, Schieferstift, Kreidestift usw. schreiben, zeichnen und malen, je nachdem die Farbe des Pergaments diesen oder jenen Stift erfordert und verträgt.»
Wir stellen also fest, dass das Ölpergament einen Ersatz für das echte, für Urkunden verwendete Pergament darstellen kann, jedoch vor allem als Konkurrent und/oder Nachfolger für die verbreiteten Notiztafeln (Wachstafeln, Holztafeln, Schiefertafeln, Tafeln aus gefirnisstem Karton) betrachtet werden muss. Entsprechend schreibt auch Beckmann in seiner Technologie: «Die Öhlhäute, Rechenhäute zu Schreibtafeln, auf denen man Bleistift mit Speichel auslöschen kann, und die gemeiniglich Eselhäute genannt werden, sind Pergament aus Schaffellen, welches mit Bleiweiss und Leimwasser, und hernach mit Öhl bestrichen ist. Zu denen Schreibtafeln, denen die Schrift entweder mit Fett oder Bimsstein oder besser mit Schmalte abgerieben wird, dient Pergament von Schaffellen, welches mit Kreide und Leimwasser und hernach mit Seifenwasser angestrichen ist.» Hier und bei Krünitz wird auch ersichtlich, dass als Alternative zum Recycling nicht mehr benötigter Pergamentmanuskripte und -Urkunden in Bucheinbänden oder als Palimpseste die nicht sehr aufwendige Umwandlung in Ölhaut gang und gäbe war.
Im Gegensatz dazu hat der französische Papiermacher Léorier Delisle, bekannt als Herausgeber des ersten, vollständig auf Ersatzstoff-Papier gedruckten Buches, auf Anregung des berühmten Chemikers und damaligen Finanzkommissars Lavoisier 1793 Versuche durchgeführt, welche zum Ersatz des qualitativ ungenügenden, leicht zu fälschenden Assignatenpapiers führen sollten. Dabei ging er von einem mittelstarken Pergamentpapier aus, das aus einer Fasermischung aus Hadern und Pergamentabfällen bestand und sich als knitterarm, wasch- und bleichbar erwies. Die erhaltenen Muster ähneln der zum Ausgangspunkt unserer Untersuchung gewordenen Thurgauer Urkunde von 1745, sind jedoch gelblicher. Man darf davon ausgehen, dass Delisle, der überaus sorgfältig alle Möglichkeiten des Hadern-Ersatzes recherchiert hat, von der früheren Herstellung eines Leder- oder Pergamentpapiers Kenntnis hatte. Im amtlichen französischen Papiersorten-Katalog von 1741 findet sich jedoch kein entsprechender Eintrag. Handelt es sich also um eine Nischenfabrikation, die bisher unbeachtet geblieben ist? Jedenfalls erwähnt auch der Prediger Abraham a S. Clara in seinem überaus populären Lob des Papiers nichts dergleichen.
Kehren wir zur Neuzeit zurück und stellen die Frage nach dem Nachleben von Ölhaut und Lederpapier. In der Tat entdecken wir bei Karmarsch den folgenden Hinweis: «Es seien hier nur einige Produkte als Beispiele angeführt: das Elfenbeinpapier von Einsle in London (1819) für Miniaturmaler; das Kreidepapier, worauf vorzugsweise Adress- und Visitkarten, öfters aber auch grössere Kupferstiche und Lithographien gedruckt werden; das sogenannte künstliche Pergament, auf welchem das mit Bleistift geschriebene nass weggewischt werden kann; das vegetabilische Pergament, aus ungeleimtem Papier durch Behandlung mit Schwefelsäure entstehend (erfunden von Gaine in London 1853); die sogenannten künstlichen Schiefertafeln oder elastischen Rechentafeln zum Schreiben mit dem Schieferstift (von Hardtmuth in Wien seit 1811); das Wachstuchpapier, nach Art der Wachsleinwand mit Farbe und Firnis überzogen und statt dieser zum Einpacken dienend…» Karmarsch kennt also den Unterschied von Ölhaut und Leder- oder Pergamentpapier noch, allerdings unter anderen Namen.
Auch das Brockhaus-Lexikon von 1896 kennt die Ölhaut! Wir lesen unter dem Stichwort Schieferpapier: «künstliche Schiefertafeln, die aus dünner, glatter Pappe oder festem Schreibpapier durch beiderseitigen dreifachen Anstrich (erst schwarze Ölfarbe, die nach dem Trocknen mit Bimsstein geschliffen wird, dann Kienruss, in Leinölfirnis abgerieben und nach dem Trocknen gleichfalls geschliffen, endlich die nämliche Ölfarbe, mit Terpentinöl verdünnt und mit Kienruss und Bimssteinpulver versetzt) hergestellt werden. Vor den eigentlichen Schiefertafeln hat das S. den Vorzug dunklerer Färbung, wodurch die Striche des Schieferstifts deutlicher sichtbar werden, sowie der Biegsamkeit, grössern Leichtigkeit und geringern Zerbrechlichkeit. Die Schrift lässt sich darauf ebenso wie auf dem Schiefer mit einem nassen Schwamm auslöschen.»
Dieser Sortenname führt uns ins 20. Jahrhundert, zum Sändig-Handbuch. Historisierend wird vermerkt: «Schieferpapier diente, auf Pappe kaschiert, als Ersatz für Schiefertafeln». Auch Lederpapier ist Sändig bekannt, allerdings unter der Bezeichnung Cambricpapier. Darunter versteht er ein Streich-Rohpapier mit drei Beschichtungen; die letzte wird mit einer Narbenprägung versehen.
Damit dürften die sprachlichen Bedenken ausgeräumt sein. Merkwürdig ist nur, dass in den detailreichen, zeitgenössischen Volksschul-Darstellungen des 17. bis 19. Jahrhunderts in Bild und Text immer nur von Tafel und Griffel die Rede ist, was auch für die verbreitetste illustrierte Darstellung des Schulalltags, den Orbis sensualium pictus des Johann Amos Comenius, zutrifft. Erwähnt wird das Ölpergament weder unter dem Stichwort ars scriptoria noch unter schola. Als Tafeln zum Üben werden mit Kreide oder Griffeln zu beschreibende Holztafeln genannt; das eigentliche Schreiben erfolgt, auch in der Schulstube, mittels Tinte, Feder und Papier.
Das Staatsarchiv des Kantons Thurgau stellte für diese Untersuchung eine Reihe von Originalproben zur Verfügung. Zu Vergleichszwecken wurden ein modernes Handelspapier, ein Fragment einer Pergamenthandschrift des 17. Jahrhunderts und ein Dokument des späten 19. Jahrhunderts herangezogen.
Die Bezeichnungen der Proben und die Spezifikationen der Originale lauten:
A
Lederpapier, Erkanntnis (Eidgenössischer Abschied). Frauenfeld, 20.07.1745; gesiegelt
Signatur: StATG O’7, O/123
Probe: Streifen, ca. 2.5 x 55 mm; Schnipsel, quadratisch, ca. 4 mm2
Dicke: 0.20 mm
B
Lederpapier, Liegenschafts-Urkunde. Bischofszell, 13.11.1702, mit Siegel in Holzkapsel
Signatur: StATG 7›30, 35.K/12
Probe: Streifen ca. 50 x 4 mm und Abschnitt des Siegelstreifens (Pergament)
Dicke: 0.19 mm
C
Lederpapier, Heiratsvertrag. Zug, 12.11.1813
Signatur: StATG 7›800, 13. Probe: Streifen, ca. 4 x 20 mm, Wasserzeichen: M.HEUSLER;
Dicke: 0.18 mm
D
Pergament, Fragment eines Graduale, beidseitig beschrieben, Spanien, Ende 17.Jh. (Privatbesitz)
Dicke: 0.24 mm
E
Lederpapier, Vergleich. Hochstift St.Gallen, 29.05.1752, mit Siegeln in Holzkapseln, Signatur: StATG O›7, O/125
Probe: Fragm. Siegelstreifen, Dicke: 0.12 mm; dünner Streifen, ca. 2.5 x 180 mm;
Dicke: 0.22 mm
F
Modernes Druck-/Kopierpapier. Herstellung 2009 (im Handel erworben) A4, 85 g/m2, gebleichter Zellstoff, satiniert;
Dicke: 0.11 mm
G
Urkundenpapier, Vormundschafts-Rechnung. Basel, 23.5.1879. Basler Papiermühle;
Signatur: Papier-Mskr. 2010.0003. Bogen, beschnitten, 30.6 x 45.5 cm, Vergé,
145 g/m2 , mit Wasserzeichen TF.
Dicke: 0.21 mm
Die Proben wurden zunächst bei wechselnder Vergrösserung (20x bis 160x) visuell im Auflicht und im Durchlicht geprüft. Zusätzlich wurde die Faserstruktur aller Proben an Knick- oder Riss-Stellen festgehalten.
Da die unbefriedigende Bildqualität dieser ersten Untersuchung in manchen Fällen keine eindeutigen Schlüsse erlaubte, wurden die Proben an der Universität Lausanne mit modernsten Apparaten erneut geprüft. Dabei konnte auch eine Spektralanalyse der Deckschicht von Probe (E) durchgeführt werden. Das so erhaltene hervorragende Bildmaterial führte zu fundierteren Einsichten.
Der grundsätzliche Unterschied von Papier und Pergament ist in Oberfläche und Struktur deutlich erkennbar. Während beim Papier der charakteristische Wirrwarr pflanzlicher Fasern auf den ersten Blick deutlich wird, zeigt echtes Pergament an der Oberfläche neben Spuren des Schabwerkzeugs mehr oder weniger regelmässig angeordnete Vertiefungen der Haarwurzeln und eine typische Hautstruktur.
Im Gegensatz zu diesen beiden Vergleichsmustern zeigen alle anderen Proben, auch das beigezogene späte Basler Dokument, davon abweichende Oberflächenbilder und Strukturen, die den speziellen Charakter dieser sich samtig weich und elastisch anfühlenden Beschreibstoffe hervortreten lassen. Deren Verwendungsdaten reichen vom Beginn des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Prüfung weist aber erhebliche Unterschiede nach.
Das älteste der zu prüfenden Dokumente, eine gesiegelte Urkunde (B), stammt von 1702. Das Siegel hängt an einem Pergamentstreifen. Der Schreibstoff ist relativ dünn, mit heller, weicher, hautartiger Oberfläche. Die Unterseite weist ein leichtes, kaum spürbares Relief auf; die Oberseite ist als glatt zu bezeichnen. Unter dem Mikroskop stellt man eine eindeutige Papierstruktur fest; beide Seiten sind gestrichen. Die Papiermasse besteht aus einer Mischung von Leinen- und Lederfasern. Die Streichmasse erweist sich als mit etwas Calciumcarbonat angereicherter Hautleim.
Jünger ist der Eidgenössische Abschied (A) von 1745, ebenfalls gesiegelt. Auch diese Urkunde fühlt sich weich und elastisch an. Die Mikroskop-Bilder enthüllen eine ähnliche Struktur wie die ältere Probe B.
An der nächstjüngeren Urkunde von 1752 (Probe E) besteht der das Siegel haltende Streifen aus Pergament; die Oberflächen beider Seiten des dicken, weisslichen, nicht sehr elastischen Schreibmaterials sind sehr gleichförmig, offensichtlich mit einem geglätteten Strich aus feinem Material versehen. Ihre Opazität verrät nichts über die Strukturen, weder der Streichmasse noch der vorauszusetzenden festigenden Mittellage. Erst die Mikroskopierung bringt Klarheit. Der ungewöhnliche, mit einem spachtelartigen Werkzeug geglättete Strich besteht aus einer Kreideschicht, über der eine dünne Kreide/Gelatineschicht liegt. Die kompakte Mittellage besteht aus starkem Lederfasern-/Hadernpapier. Der nach den überlieferten Rezepten zu erwartende Einsatz von Gips konnte durch eine Spektralanalyse ausgeschlossen werden.
Der Heiratsvertrag von 1813 (C) verrät seine Struktur auf den ersten Blick. Es handelt sich wiederum um eine typische Papierstruktur aus Leder-/Hadernfasern, die beidseits mit einer Hautleim/Calciumcarbonat-Schicht gestrichen worden ist. Der Papiercharakter wird durch das Wasserzeichen des Herstellers, des Basler Papiermachers Marcus Heusler II, bestätigt.
Das Material des Basler Dokuments von 1879 (G) ist als Urkundenpapier zu bezeichnen. Es handelt sich um ein starkes, von Hand geglättetes, wohl auf einer Rundsieb-Maschine hergestelltes Vergé-Papier mit einem Wasserzeichen TF aus Basler Produktion. Die Oberfläche fühlt sich samtig an, verrät jedoch die Vergé-Struktur mit Sieb- und Filzseite. Im Durchlicht lassen sich die Hadernfasern deutlich erkennen, die Strukturaufnahme zeigt, dass die Papierfasern in einer mit kleinen Lederfetzchen durchsetzten Gelatineschicht eingebettet sind, die als Leimung dient.
Allen hier geprüften Urkunden und Dokumenten ist gemeinsam, dass sie eine samtene, glatte Oberfläche besitzen und aufgrund ihrer Struktur als Papiere zu bezeichnen sind, den älteren Begriffen Lederpapier oder Pergamentpapier entsprechend. Am ehesten würde die Urkunde (E) von 1752 einer Ölhaut nahe kommen, jedoch fehlen die in den überlieferten Rezepten erwähnten zusätzlichen Firnis-Schichten. Auch wenn sich nun die bekannte, überlieferte Bezeichnung Lederpapier für alle hier vorgestellten Beispiele aufdrängt, wird man die Labarre-Begriffe Vellum und Pergamentimitation auf dieses offenbar nicht so seltene Material ebenfalls anwenden dürfen.
Die Beispiele (A), (B) und (C) bestehen aus einem Rohpapier, welches sich aus einem kleineren Anteil an Leder- oder Pergamentfasern und einem grösseren Anteil an Hadernfasern (vorwiegend aus Leinen),
die miteinander gemahlen wurden, zusammensetzt. Eine Leimung wird dadurch überflüssig; gelegentlich ist eine schwache mineralische Füllung festzustellen. Die Oberfläche wird anschliessend an den Schöpfvorgang beidseitig gestrichen und geglättet. Der mineralische Strich (meist Calciumcarbonat) wird mit Hautleim gebunden. Die auffällig rot oder blau gefärbten Teilchen in der Urkunde (C) konnten unter dem Mikroskop als Siegellack-Spritzer und Indigo-Partikel bestimmt werden.
Anders die Urkunde (E). Die tragende Mittellage besteht zwar auch hier aus einem Gemisch von Leder- und Hadernfasern; sie ist aber beidseitig mit einer kompakten, relativ dicken Schicht aus geschlämmter Kreide gestrichen, über die in einem weiteren Arbeitsgang eine Kreide/Gelatine-Deckschicht gelegt worden ist. Auch hier sind Spuren eines abschliessenden Glättevorgangs auszumachen.
Nochmals anders präsentiert sich das jüngste Dokument, das Urkundenpapier (G). Hier ist die leicht mineralisch gefüllte Hadern-Fasermasse zusammen mit einer stark verdünnten Leimleder-Lösung vermischt als Stoff in einer Rundsiebmaschine verwendet worden. Wiederum erübrigt sich das Leimen, und auch ein Streichen ist nicht nötig, weil die im maschinellen Prozess verfestigte äusserste, gelatinöse Blattschicht als Strich dient. Ein Glättevorgang schliesst den Arbeitsprozess ab.
Entgegen den aufgrund der Rezepte aufgestellten Hypothesen konnte ein reiner Lederstoff nicht nachgewiesen werden. Auch das von Léorier Delisle aus reinen Pergamentabfällen hergestellte Assignaten-Papier enthält Hadernfasern. Der Einsatz von Gips als Füll- oder Streichmittel wurde nicht festgestellt.
Die Wasserzeichen der Dokumente (C) und (G) belegen, dass solche Leder- oder Pergamentpapiere in traditionellen Papiermühlen bzw. Papierfabriken hergestellt worden sind.
Bei den vom Staatsarchiv des Kantons Thurgau eingesandten Mustern handelt es sich zweifelsfrei um Leder-oder Pergamentpapier. Dieses wurde in einer Papiermühle hergestellt; der Stoff bestand aus im Holländer zusammen mit Hadernfasern gemahlenen Pergament- und/oder Lederresten, zu einem Brei versetzt mit Kalk und Alaun. Hautleim diente auch als Binder des mineralischen Strichs und zur Festigung der Oberfläche. Diese kommerziell hergestellten Spezialprodukte sind als solche bisher kaum erkannt worden.
Ein spezieller Dank geht an Herrn Dr. Hannes Steiner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Staatsarchivs Thurgau, ohne dessen Anregung und Hilfe in der Beschaffung des Mustermaterials diese Arbeit nicht hätte durchgeführt werden können.
Ganz besonders zu Dank verpflichtet ist der Autor Herrn Prof. Dr. Peter Baumgartner und seinem Assistenten, Herrn M.Sc. Pascal Tschudin, Universität Lausanne, für die Erlaubnis, modernste Apparate benützen zu dürfen, und für die tatkräftige Hilfe beim Einsatz dieser spitzentechnologischen Ausrüstung.