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Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter des Fachbereichs Digitale Prozesse auf der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese 6-teilige Kolumne fokussiert Dr. Urs Wiederkehr 2023 auf die Lokaltermine der Schweiz 1848.
Bei der Eröffnung des Bundeshauses in Bern im Jahr 1902 stand das Podest für die Skulptur „Die drei Eidgenossen“ im Mittelpunkt der Kuppelhalle noch leer. 1898, termingerecht vier Jahre zuvor, hatte der Bundesrat den Auftrag dafür erteilt. Künstlerische Meinungsverschiedenheiten führten jedoch dazu, dass das Kunstwerk des Genfer Rodin-Schülers, James Vibert, erst 1914 enthüllt werden konnte.
Die Skulptur der drei Eidgenossen wird aber dem Ursprung der heutigen Schweiz kaum gerecht: Vielmehr huldigt sie dem Mythos der Gründung auf der Rütli-Wiese am Ufer des Vierwaldstättersees. Die Vertreter der drei Urkantone haben vermutlich zwischen 1291 und 1307 sowohl einen Bundesbrief zur gegenseitigen Unterstützung verfasst als auch einen Eid darauf geschworen. 1848, ein Jahr nach dem innerschweizerischen Sonderbundskrieg, hat sich die Eidgenossenschaft eine neue Verfassung gegeben, den Bundesrat als gemeinsame Regierung definiert und ein Zweikammerparlament institutionalisiert. Ich weiss, nun begebe ich mich aufs Glatteis mit meiner Haltung, dass dies ein bedeutenderer Schritt für die heutige Schweiz gewesen ist als die Ereignisse vor über 700 Jahren, welche die Skulpturengruppe in der Kuppelhalle des Bundeshauses darstellt. Zur Gründung des modernen Bundesstaats vor 175 Jahren gibt es weder ein Schauspiel, wie von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“, noch ein „Rütli“, das mit den entsprechenden Ereignissen unmittelbar verortet ist. Zudem kann ich mich nicht erinnern, dass „mein“ Geschichtsunterricht in den 1970er-Jahren dieser Gründung die geschuldete Aufmerksamkeit gewidmet hat.
Zugegeben, mein Schulkanton Luzern hat zu den Sonderbundkantonen und damit zu den Verlierern im damaligen Bürgerkrieg gehört. Nichtsdestotrotz: Aus Anlass des 175-Jahr-Jubiläums der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft werde ich mich auf Spurensuche machen. Irgendwo müssen Impulse für eine neue Schweiz vorgedacht worden sein. Irgendwo muss die neue Bundesverfassung verabschiedet worden sein. Und irgendwo müssen der Bundesrat und das Parlament getagt haben, bevor 1902 das Bundeshaus in Bern eröffnet worden ist.
In der Verfassung von 1848 sind die Juden nicht gleichgestellt gewesen. Aber auch diverse konfessionelle Ausnahmeartikel haben davon gezeugt, dass die Wirren des Sonderbunds Nachwirkungen gezeigt haben, zum Teil bis zur neuen Bundesverfassung von 1999 und darüber hinaus. Auch das werde ich behandeln.
Friedrich Schiller hat die Schweiz nie besucht. Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz basieren seine Kenntnisse auf Schilderungen seines Freunds Johann Wolfgang von Goethe sowie auf den Werken von Karl Viktor von Bonstetten und Johann Gottfried Ebel. In den Regieanweisungen wird „das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen“ am Schluss der Rütli-Szene geschildert. Dank meinen Besuchen vor Ort hoffe ich, von solchen geografischen Fauxpas verschont zu bleiben. Bleiben Sie dran, liebe Leserin und lieber Leser, wenn ich in diesem Jahr aufbreche, um das „Rütli“ von 1848 zu suchen.
Liegt das „Rütli“ der modernen Schweiz ähnlich idyllisch an einem See wie das urschweizerische? Und ist es auch nur mit dem Schiff mühelos erreichbar? Wohl kaum.
Tipps
Text von Friedrich Schillers Schauspiel „Wilhelm Tell“ im Projekt Gutenberg:
[mit „Rütli“ im 2. Aufzug, 2. Szene]
Agenda der Aktivitäten zum Jubiläum (Parlamentsdienste)