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In der Corona-Zeit ein Märchen zum Nachdenken
Der Rat des Vaters
In alten Zeiten lebte ein König, dem fehlte es an Weisheit und Verstand. Einmal liess er seine Boten kommen und befahl ihnen: "Geht hin und verkündet allenthalben, dass die Söhne ihre alten Väter in den Wald bringen und sie dort sich selbst überlassen sollen, denn so wird man im Land eine grosse Menge Brot einsparen."
Da machten sich die Boten auf und brachten den Befehl des Königs unter das Volk. Das gab ein Weinen und Wehklagen. Aber es half alles nichts, dem König musste man gehorchen. Also brachten die Söhne ihre alten Väter in den Wald und überliessen sie dort ihrem Schicksal. Nur der Sohn eines Bauern hatte sich dem Befehl widersetzt. Als das dem König zu Ohren kam, liess er ihm ausrichten, dass er, wenn er seinen alten Vater nicht binnen drei Tagen in den Wald gebracht habe, eine harte Strafe über ihn verhängen wolle. Der Bauer dachte: "Wie soll es dann wohl meinem Weib und meinen KIndern ergehen?" Und zuletzt entschloss er sich schweren Herzens, dem Befehl des Königs nachzukommen. Dies geschah zur Winterszeit, und so setzte der Bauern seinen alten Vater auf einen Schlitten und band ihn fest und zog ihn in den Wald. Der Enkel des Alten hatte aber darauf bestanden, sie zu begleiten. Nachdem sie schon tief im Wald waren, wollte der Bauer den Schlitten mit seinem alten Vater stehen lassen und mit dem Sohn nach Hause zurückkehren. Aber das Kind bat: "Lass mich den Schlitten wieder mitnehmen."
Als der Bauer das abschlug, sagte das Kind: "Es ist ein guter Schlitten, und womit soll ich dich denn in den Wald ziehen, wenn du alt geworden bist?"
Da fing der Bauer an zu grübeln...…… "Wie lange dauert es, bis auch ich alt und zu keiner rechten Arbeit mehr fähig sein werde? Und wie wird es mir sein, wenn mein Sohn mich in den Wald bringt und mich verlässt, wie ich jetzt meinen Vater verlassen will?"
Nachdem der Bauer lange genug gegrübelt hatte, sagte er zu seinem alten Vater: "Wenn du es zufrieden bist, tagsüber im Keller zu wohnen, so will ich dich wieder mit nach Hause nehmen." Ja, ja damit war der alte Vater wohl einverstanden. Nun warteten sie, bis es Nacht geworden war. Da gelangten sie, von keinem gesehen, ins Haus zurück. Dort wohnte der Alte fortan im Keller, ohne dass jemand etwas davon erfuhr. Im Jahr darauf herrschte im Königreich eine grosse Hungersnot. Auch im Haus des Bauern musste man die Gürtel enger schnallen. Der alte Vater nahm es eine Zeitlang stillschweigend hin, dass der Sohn immer weniger Brot in den Keller brachte. Doch eines Morgens konnte er nicht mehr an sich halten. Also fragte er den Sohn: "Warum bekomme ich nicht mehr so viel Brot wie früher?"
Da erzählte der Sohn von der Hungersnot, und dass nur noch wenige wären, die etwas Roggen besässen, um ihn zu mahlen und Brot daraus zu backen. Aber das Allerschlimmste sei - für die Aussaat bleibe nicht mehr ein Körnchen.
Der Vater überlegte eine Weile. Dann sprach er: "Eile dich, mein Sohn. Trage das Dach der alten Scheune ab, drisch das Stroh noch einmal und säe das Korn, das herausfällt. So werden wir nicht des Hungers sterben müssen.
Der Sohn ging und besprach die Sache mit seiner Frau. Sollten sie das Dach er alten Scheune abtragen? Würden sie am Ende ihre Kräfte nicht bloss vergeuden? Dies und das. Sie wussten nicht, was sie tun sollten. Als die Hungersnot aber immer grösser wurde, ging der Bauer eines Tages daran, den Rat seines Vaters zu befolgen. Er trug das Dach der alten Scheune ab, drosch das Stroh, und welch ein Wunder - aus dem Stroh fielen zwei Scheffel Roggen. Die säte der Bauer aus.
Einige Zeit darauf wuchs auf dem Feld so viel Roggen, dass die Leute herbeikamen und nicht aufhören wollten, sich daran satt zu sehen. Es dauerte nicht lange, da erfuhr auch der König von dem Roggenfeld. Er liess den Bauern aufs Schloss rufen. Dem blieb nichts anderes übrig, er musste wohl oder übel hingehen. Als er nun vor dem König stand, fragte ihn dieser: "Wo hast du die Körner zur Aussaat hergenommen?" "Aus dem Stroh vom Dach meiner alten Scheune", antwortete der Bauer. Und das war die reine Wahrheit. Doch der König merkte wohl, dass ihm der Bauer etwas verschwieg. Also drängte er ihn, ihm alles zu sagen. Der Bauer dachte: "Wenn ich auch schweige, so wird der König doch nicht aufhören, Nachforschungen über mich anzustellen und dabei entdecken, dass ich meinen alten Vater im Keller meines Hauses versteckt halte. So oder so, es steht schlecht um mich."
Und der Bauer erzählte stockend, wie die ganze Sache vor sich gegangen war. Doch nichts von dem was er erwartet hatte, trat ein. Der König dachte nicht daran, den Bauern zu bestrafen.
"Geh", sprach er, "und führe deinen alten Vater aus der Dunkelheit ans Licht. Da soll er bis ans Ende seiner Tage bleiben."
Und fortan durfte keiner der Alten mehr in den Wald gebracht und dort seinem Schicksal überlassen werden. "Denn", sprach der König, "wie wir gesehen haben, kann der Rat der Alten für alle von grossem Nutzen sein."
Baltisches Märchen
Verlag Werner Dausien, Hanau 1981