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Generation L
Manche Dinge ändern sich nie
Fünf Jahre nach der Matur sass ich wieder in einem Klassenzimmer und das ausgerechnet, um mich in meinem Hassfach unterrichten zu lassen. Französisch. Sauschwer, aber wichtig, wenn man in Paris lebt und nicht ständig auf Englisch kommunizieren möchte. Ich beschloss also, ein paar Lektionen in einer Sprachschule zu besuchen, um mein Wissen aufzufrischen.
Ich freute mich auf den Unterricht, er liess sich schliesslich nicht mit der fünfundvierzigminütigen Hölle im Gymi vergleichen, zumal ich freiwillig daran teilnahm und sogar dafür bezahlte. Im Gegensatz zur obligatorischen Schulzeit waren wir alle hier, um etwas zu lernen.
Scheinbar nicht. Es hatte sich, mit Ausnahme des Alters der Schüler, nicht viel geändert. Da gab es noch immer das desinteressierte Mädel, das lieber an ihrem Handy herumtippte, als zuzuhören. Und nein, dieses Mädel war nicht ich. Glaubt es oder nicht, ich versuchte, mich aktiv zu beteiligen. Versuchte deshalb, weil ich nie zu Wort kam. Das lag einzig und alleine an meiner Banknachbarin, die zwar die Vierzig längst hinter sich gelassen hatte, ihr Selbstwertgefühl aber trotzdem immer noch aus der Anerkennung der Lehrerin zu ziehen schien.
Jedes Mal, noch bevor die Lehrerin – die übrigens über eine Stimme schriller als ein Feueralarm verfügte – die Frage hatte fertigstellen können, schnellte der Oberkörper der Streberin hervor, ihre Augen weiteten sich zu zwei fiebrig schimmernden Tellern, und die Antwort erbrach sich über ihre Lippen. Danach hielt sie gespannt die Luft an, bis das gekiekste «très bien» von Madame la professeur ihre Gier befriedigte.
So ein Verhalten bin ich mir zwar von meinen ehemaligen Klassenkameraden gewöhnt, hätte es jedoch nicht in einem Erwachsenenkurs erwartet. Aber scheinbar ändern sich die Rollen in diesem sozialen Umfeld mit dem Alter kaum. Denn neben der Streberin und dem Mädel mit dem Handy sassen da ein Klassenclown, der es schaffte, selbst in einer Fremdsprache Witze zu reissen, die nette, chronisch Überforderte, die vor allem in der Pause aufblühte, und die stillen Klugen, die immer dann zum Zuge kamen, wenn die Streberin mangels Wissens ausnahmsweise die Klappe hielt.
Wo genau ich da reinpasste, überlege ich mir lieber gar nicht. Sowieso fand ich, eine Woche reichte, um wieder in die Sprache reinzukommen. Ich bevorzuge – damals wie heute – mir das Wissen auf der Strasse anzueignen. Manche Dinge (und manche Leute) ändern sich eben nie.