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Elementary, sagte Sherlock Holmes zu Watson, wenn der Doktor langsam etwas begriffen hatte. Elementar. Wie im chemischen Periodensystem habe ich meine Mutter abgekürzt immer Ma genannt. Weil sie elementar für mich war. Zusammen mit Fe, Au und Li habe ich sie unbewusst der Gesellschaft der kleinsten unteilbaren atomaren Einheiten zugeordnet, wird mir langsam klar.
Meine Ma war eine unteilbare Einheit, ein Kern in sich. Nichts und niemand konnte sie von ihrem Weg und ihrem Ziel abhalten, nachdem sie es einmal so definiert hat. Viele Dinge hat sie in ihrer Kindheit und Jugend im Krieg für sich beschlossen. Lange, lange vor meiner Zeit. Sie hat sich auf den Weg vom napoletanischen Hinterland nach Zürich Schwamendingen vielleicht manchmal fragend gestellt, doch nur, um umso triumphierender darauf hinzuweisen, dass ihr alles schon von Anfang an klar gewesen war.
Wunderkind mit Urmutter.
Ich habe sie als phantasiebegabtes Kind mit einem Sprachtalent, das das ihre weit überstieg, mein Leben lang herausgefordert. Nichts, was ich in meinem magischen Zukunftsdenken ihr gegenüber erwähnte, verdiente ihre Zustimmung. Romantische Liebe? Bullshit. Konkubinat? Wahnsinn. Selbständige Texterin? Gefährliche Dummheit.
Sie konnte mich nicht von meinen Fehlern abhalten, wie ich sie nicht von ihren. Mit 15 habe ich aufgehört, sie retten zu wollen aus der Ehe, die sie so gewaltig herausforderte, dass sie weinend im Treppenhaus das Weite suchte. Irgendwann war ich des Spiels überdrüssig, das meine Eltern zwecks Dampfablassen immer wieder spielten. Sie fanden den Frieden nach wochenlangem Schweigen nicht dank meiner helfenden Worte, sondern irgendwie zwischen den reinweissen Bettlaken in der Nacht.
Meine Ma war immer an meiner Seite, ohne jemals einen Zweifel daran zu lassen, dass sie es besser wusste, mir aber nicht sagen konnte, wie, da ich nicht so war wie sie. So sein wie sie. Meine lebenslange Herausforderung. Vor ein paar Wochen habe ich für meinen Papa und meine Brüder und Besuch eine Lasagne gemacht. Üblicherweise gelingt mir das gut, aber dieses Mal war dies Sosse zu suppig. „Du bist nicht so gut wie sie“, dieser Gedanke aller Anwesenden stand in flammenden Lettern über dem Esstisch.
Das Leben ohne sie.
„Nächstes Mal mache ich Sushi“, habe ich trotzig zur Feuerschrift gesagt, und damit war das Thema vom Tisch. Mein Trotz, Widerstand, Verschlossenheit waren die einzigen Bastionen, die mich von meiner Mutter retteten. Ihre Dramapalette war keine meiner Farben, so dachte ich lange. Doch in meiner schweigsamen und stillen Art habe ich seit 55 Jahren das gleiche wie sie gelebt: Den Punk. Wenn ich einmal etwas für mich ausgeschlossen habe, konnten mich keine Tausend Pferde dazu bringen, dies zu ändern. Nicht einmal meine Ma.
Daran sind wir aber nicht verzweifelt, sondern wir sind kreativ und gesund damit umgegangen. An ihrem 50igsten Hochzeitstag bin ich mit meinen Kindern nach Pagani gereist und habe allen von meiner Scheidung berichtet. An meinem 50igsten Geburtstag hat sie Polpette gekocht und ihren Ehe-Jubiläumsvideo gezeigt. Wir waren am Ende immer quitt, irgendwie, und haben uns doch nie in Frieden gelassen. Besonders als ich den Wahnsinn aller Mütter leben musste, meinen erwachsenen Kindern nur zuschauen zu dürfen beim Leben und sie nicht mehr schützen zu können. Meine Ma und ich sahen uns an und wussten alles voneinander.
Fast fünf Jahre Chemotherapie.
In den letzten fünf Jahren war ich die Begleitung meiner Ma in eine Welt, die unsere Waffen das Leben zu meistern, zerbrach. Keine Intelligenz, Klarheit, Schlauheit dieser Erde konnten ihr die Via Crucis des Krebs erleichtern. Vom ersten Moment an war ihr klar, dass sie ihren Erzfeind getroffen hatte und diese Prüfung nicht überleben würde. Und trotzdem hat sie keinen Augenblick einen Zweifel daran gelassen, dass sie diesem Teufel keinen Millimeter kampflos überlassen würde. Sie machte einen Pakt mit dem Onkologen ihres Vertrauens, mit ihrem Ehemann und mit ihrer Familie und kämpfte bis zum Schluss.
Und was für einen Kampf hat sie geliefert. Aus allen medizinischen Kanonen wurde fast fünf Jahre lang geschossen, um dann elegant am Tag nach ihrem 82igsten Geburtstag ganz allein den Krieg zu beenden und in Frieden zu gehen. In einem Brief an uns Kinder hat sie im Detail angeordnet, wohin ihre Asche gebracht werden sollte: In die Kappelle ihrer Familie nach Pagani. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass sie uns hier in der Schweiz allein lassen würde, doch sie hat es so gewollt. Ihr letzter Altar war nicht ein Grab auf dem Schlieremer Friedhof, sondern eine marmorne Nische im Hinterland der amalfitanischen Küste. Ihre letzte Gedenkstätte sollte für uns wohl eine mentale sein. Io vivo in voi, stand in ihrem letzten Brief und steht jetzt unter ihren Lebensdaten. Kein Ort auf dieser Erde, sondern ein Platz in unseren Herzen will sie besetzt halten.
Beim Verstauen der Urne rieselte ein bisschen Asche auf das weisse indische Tuch mit der Goldbordüre, das ich aus Vorsicht mitgebracht hatte. Dieses Quantum Ma wurde mir also doch noch geschenkt, und ich habe es jetzt auf einem Fenstersims bei mir zu Hause in einer rosa Vase verstaut. Mein Papa, den ich jetzt öfters bei mir beherberge, und ich, wir reden von ihr, wenn wir zusammen essen und sehen die Vase an.
In Elena Ferrantes Lila wieder gefunden.
Unbezähmbar ist das Wort, das ich meiner Ma beim Beschreiben oft schenke, dazu ein Lächeln. Das gleiche Lächeln hatte ich nachdem ich in Elena Ferrantes Büchern das Mindset von Lila so schön beschrieben gefunden habe. Elementare Frauen gibt es wohl einige in Neapel. Heute am 88igsten Geburtstag meines Pa’s habe ich den Impuls gepackt, um diesen Blogbeitrag zu schreiben und ein Mantra meiner elementaren Ma zu widmen: Ich verzeihe mir, dass ich nicht Deine Wunschtochter war, ich verzeihe Dir, dass Du nicht meine Wunschmutter warst, und ich danke Dir, dass wir uns – tief unten in unserer Wahrheit – immer grenzenlos geliebt haben.
Du hast Liebe gesät, Ma. Wie sie aufgeht, war immer unsere Sache und dafür gehört Dir mein Herz.