Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/1845

Seit der Finanzkrise von 2007 begiessen die amerikanische Fed und die europäische Zentralbank (EZB) die Märkte mit Liquidität. Die Fehler der Grossen Depression der 1930er Jahre, als die Fed es versäumte, den Märkten genügend Geld zur Verfügung zu stellen, sollten nicht wiederholt werden. «Monetarismus» wird diese Lehre genannt. Und sie beruht auf dem Monumentalwerk der Ökonomen Milton Friedman und Anna Jacobson Schwartz. In vielen Publikationen zeichneten Friedman und Schwartz minutiös die monetären historischen Entwicklungen der Jahrzehnte vor der Grossen Depression nach. Mit dem Zusammenbruch des Dollar-Gold-Standards, 1973, wurde der Monetarismus zur Lehrmeinung. Während Friedman sogleich 1976 zum Nobelpreis sowie zu Ruhm und Ehren kam, ging Anna Schwartz leer aus. Dies mag damit zu tun haben, dass sie «nur» als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim National Bureau of Economic Research (NBER) in New York angestellt war. Den Doktortitel erwarb sie erst 1969, als ihre vier Kinder erwachsen waren und bereits zahlreiche ihrer Bücher und Artikel zur ökonomischen Standardliteratur gehörten. Friedman starb 2006, doch Schwartz ging weiterhin (auch noch im Alter von über 90 Jahren) täglich zur Arbeit ins NBER, als 2007 eine neuerliche globale Finanzkrise ausbrach. Während in den Jahren darauf Notenbanker in der ganzen Welt im Namen ihrer Forschung die Geldpresse anwarfen, meldete sich Anna Schwartz in der «New York Times» zu Wort. Sie befand, der damalige Fed-Chef Ben Bernanke müsse abgesetzt werden und der frischgebackene Nobelpreisträger Paul Krugman habe keinen blassen Schimmer von Monetarismus: «Das Bankensystem retten und Banken retten ist nicht dasselbe. Firmen, die falsche Entscheidungen treffen, sollen bankrottgehen.» Hätte Friedman diese Aussage gemacht – ganz bestimmt wäre eine grosse Debatte entbrannt. Nicht so bei Schwartz: Nach ihrem Tod 2012 ging nicht nur sie selbst, sondern auch ihre ursprünglichen monetaristischen Aussagen vergessen.
Andrea Franc
ist Wirtschaftshistorikerin und forscht zu Nord-Süd-Handel sowie ökonomischer Theoriegeschichte. Sie lebt in Basel.