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Welche Regulierung des Wolfs?
Pressemitteilung von fauna.vs zur Wolfsregulation
Welche Regulierung des Wolfs?
fauna.vs, die Walliser Gesellschaft für Wildtierbiologie, setzt sich seit vielen Jahren für ein modernes Wildtiermanagement ein, das die Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschung berücksichtigt. Die vom Bundesrat durchgesetzte Strategie zur Regulierung des Wolfs beruht auf Willkür und auf Glaubenssätzen und nicht auf Wissenschaft.
Das Wallis kündigte am 20. November 2023 an, 34 Wölfe schiessen zu wollen und sieben der zehn bis zwölf Rudel, die es im Kanton gibt, zu eliminieren. Das Bundesamt für Umwelt bestätigte die kantonale Strategie am 28. November 2023 und stimmte dem Abschuss der sieben Rudel zu. Die vom Bundesrat angepasste Verordnung für eine ersten Teil der Umsetzung von Massnahmen zur Regulierung des Wolfs basieren in keiner Weise auf wissenschaftlicher Evidenz. Daraus lässt sich ableiten, dass sie rein politisch, wenn nicht gar psychologisch motiviert sind.
Bundesrat Albert Rösti verbreitet das Schreckgespenst eines exponentiellen Wolfswachstums, obwohl kein biologisches Phänomen diesem Gesetz folgt, schon gar nicht die Entwicklung einer Tierpopulation. Es gilt nicht das exponentielle Modell, sondern das logistische Modell: Das Wachstum einer Population erfolgt anfangs sehr langsam, im mittleren Bereich findet ein schnelles Wachstum statt, gefolgt von einer ebenso raschen Stabilisierung, wenn der Gleichgewichtsbestand erreicht ist, der letztendlich von der Verfügbarkeit von Beutetieren bestimmt wird. Wenn man das von Herrn Rösti erwähnte Exponentialmodell weiterdenkt, würden im Jahr 2050 in der Schweiz fast eine halbe Million Wölfe leben. Das ist völlig realitätsfremd!
Die Auswirkungen der Regulierung können sich als kontraproduktiv erweisen
Was die Hypothese betrifft, dass Wölfe scheuer würden und dass unsere Sicherheit dadurch erhöht würde, wenn sie systematisch geschossen werden, gibt es dafür bislang keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege. Bisher konnte nicht nachgewiesen werden, dass durch einen erhöhten Jagddruck die mutigeren Wölfe, die sich eher den Menschen nähern, zugunsten von scheueren Individuen eliminiert werden.
Darüber hinaus haben Untersuchungen gezeigt, dass die Akzeptanz des Wolfs in der Bevölkerung mit einer Liberalisierung von Abschüssen nicht unbedingt zunimmt. Vielmehr steigt die Intoleranz gegenüber dem Wolf noch. Wilderer werden sogar aktiver, wenn legale Abschüsse vorgenommen werden, da man ihnen das Signal gibt, dass sie etwas für die öffentliche Gesundheit tun würden.
Man stellt sich gerne vor, dass die Ausrottung einer ganzen Wolfspopulation jegliche Schäden an Nutztieren beenden würde. Diese extreme Massnahme ist jedoch unrealistisch, da eine solche Ausrottung technisch viel schwieriger ist als angenommen, denn der Wolf ist eine sehr intelligente Art, die viele Fallen, die man ihm stellt, umgehen kann. Darüber hinaus ist der Wolf eine demografisch sehr dynamische Art, wobei die jährliche Wachstumsrate einiger Populationen bis zu 40% betragen kann. Zudem würde eine vollständige Eliminierung gegen internationale Verpflichtungen verstossen.
Destabilisierung der sozialen und demografischen Strukturen
Wenn die Entnahmen nicht fein abgestimmt werden, besteht die Gefahr, dass auch Wölfe, die wenig oder keinen Schaden anrichten, geschossen werden. Dies würde dem angestrebten «erzieherischen» Effekt (so der Begriff des Bundesrates) eindeutig zuwiderlaufen. Die Destabilisierung der sozialen und demografischen Strukturen, die Abschüsse innerhalb eines Rudels mit sich bringen, führt häufig zu mehr statt weniger Schäden durch Wölfe. In vielen Regionen weltweit ist zu beobachten, dass Wölfe, die nach der Regulierung ihres Rudels zu Einzelgängern wurden, verhältnismässig mehr Schaden anrichteten als Wölfe in etablierten Rudeln. Einzelwölfe, oft subadulte Streuner, konzentrieren sich auf leichter zu erbeutende Haustiere.
Herdenschutz funktioniert
Laut den fauna.vs zur Verfügung stehenden Zahlen gab es im Jahr 2023 im Wallis 334 offiziell registrierte getötete Nutztiere, von denen rund 195 auf Rudel zurückzuführen sind und 139 auf Wölfe, die nicht den etablierten Rudeln angehören. Was auffällt, sind die von den drei Oberwalliser Rudeln verursachten Schäden (total 132 Nutztiere) im Vergleich zu den 63 Nutztieren der sechs Rudel im französischsprachigen Wallis. Man kann darin ein Erfolg der Herdenschutzmassnahmen sehen: Viele Oberwalliser Kleinviehhalter sind nach wie vor nicht bereit, wirkungsvolle Massnahmen umzusetzen. So riss ein Unterwalliser Rudel im Jahr 2023 im Durchschnitt 10.5 Nutztiere, während es im Oberwallis 44 pro Rudel waren.
Angesichts dieser Zahlen muss man sich fragen, ob die Rudel im französischsprachigen Wallis überhaupt reguliert werden sollen, denn die Schäden sind begrenzt, auch wenn man sie mit anderen Todesfaktoren vergleicht, denen die Herden während der Sömmerung ausgesetzt sind. Wenn proaktive Regulierungsabschüsse in dieser Region gerechtfertigt wären, sollte der Schwerpunkt auf einzelgängerischen und streunenden Wölfen liegen. Was das Oberwallis betrifft, sollte eine Regulierung erst dann erfolgen, wenn angemessene Schutzmassnahmen ergriffen wurden, was eine klare Anforderung des neuen Jagdgesetzes und seiner Verordnung (JSG/JSV) ist.
Eine Korrektur nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ist notwendig
Die am 1. November 2023 unter der Ägide von Bundesrat Albert Rösti beschlossene Teilumsetzung der Jagdverordnung ist in vielerlei Hinsicht katastrophal. Aus Gründen der Verantwortung und Glaubwürdigkeit muss der Bundesrat bei der definitiven Umsetzung der Verordnung, die für den 1. Februar 2025 geplant ist, unbedingt auch wissenschaftliche Erkenntnisse über den Wolf berücksichtigen, die für eine vernünftige Managementpolitik nötig sind. Die Verordnung in ihrer jetzigen Form berücksichtigt diese nicht. Zudem stellt dieser allgemeine Abschussplan eine verpasste Gelegenheit dar, ein wissenschaftliches Experiment über die Wirksamkeit der teilweisen oder vollständigen Tötung von Rudeln durchzuführen.
Die ganze Medienmitteilung finden Sie hier.