Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03480.jsonl.gz/545

Am 07. April 2007 schrieb ich einen Artikel über die Boeing YAL-1 Airborne Laser. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan bei den laserbasierenden Waffen, so dass ich hier ein neu überarbeitetes Update publiziere, in dem auch verwandte Spin-Off-Projekte kurz erwähnt werden.
Bei den laserbasierenden Waffen unterscheidet man die eher niedrigenergetischen Blendwaffen (oft auf intensivem sichtbarem Licht oder UV-Strahlung basierend), die als nicht-letale Waffen propagiert werden. Permanent erblindende Waffen sind gemäss der Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen verboten. Einer der bekanntesten Blendwaffen war der PHaSR (Personnel Halting and Stimulation Response Rifle) um den es jedoch ab 2005 ziemlich ruhig wurde. Derzeit scheinen auf diesem Niveau keine ernsthafte Projekte zu laufen. Vermutlich liegt das darin, dass beispielsweise Taser kompakter, günstiger und einfacher im Gebrauch sind.
Ganz anders sieht dies bei den taktischen Lasersystemen aus. Am Airborne Laser wird schon seit Jahrzehnten geforscht: bereits anfangs der 1970er beschäftigte sich die US Air Force mit Konzepten für eine luftgestützte Laserwaffe. Sie montierte im Rahmen des “Airborne Laser Laboratory” einen Laser an Bord einer umgebauten Boeing KC-135A, um den Abschuss von taktischen Lenkflugkörper zu erproben. Während der Erprobungsphase wurden 5 AIM-9 Sidewinder Luft-Luft Lenkwaffen und eine BQM-34A Zieldrohne der US-Navy abgeschossen (Quelle: FAS).
Auch wenn der Airborne Laser ursprünglich zur Zerstörung taktischer Lenkflugkörper vorgesehen war, wird vermutet, dass er auch zum Abschuss von Interkontinentalrakete in ihrer Startphase (boost phase) eingesetzt werden kann. Der Airborne Laser soll mögliche Ziele mittels sechs Infrarotsensoren erfassen können. Nach der Erfassung soll ein Target Illuminator Laser (TILL) die anfängliche Zielverfolgung übernehmen und mögliche atmosphärische Turbulenzen werden durch einen weiteren Laser (Beacon Illuminator Laser, BILL) gemessen. Die atmosphärischen Störungen werden kompensiert, um die volle Energie des Hauptlasers auf den Lenkflugkörper während 3-5 Sekunden zur Wirkung bringen zu können. Die Hitze auf der Aussenhülle des Flugkörpers führt zu dessen Zerbrechen oder zur Störung der Zielelektronik. Der ganze Prozess ist nach 8-12 Sekunden abgeschlossen und der Airborne Laser für ein weiteres Ziel bereit. Die Reichweite des Lasers soll (je nach Quelle) zwischen 400-700 km liegen. Beim Hauptlaser handelt es sich um einen Chemical Oxygen Iodine Laser (COIL), der im infraroten Bereich (1315 nm) operiert und einen Energieinhalt von mehreren Megawatt aufweisen soll. Die Apparatur zur Erzeugung des Lasers und die dazu benötigten Chemikalien füllen die Boeing 747-400F, auf welcher das System eingebaut ist, aus. Das Gewicht des Lasers, der Chemikalien und der Rechner umfasst rund 80 Tonnen. Die Chemikalien sollen für rund 20-40 Schuss ausreichen (je nach Quelle), wobei jeder Schuss um die 1.000 US-Dollar kosten soll, was angesichts einer Abfangrakete (rund 400.000 US-Dollar für ein Standard-Lenkwaffe; 40 Millionen US-Dollar für eine im Silo basierende Abfangrakete) geradezu ein Spottpreis darstellt; pro Airborne Laser rechnet man jedoch derzeit Produktionskosten um 1-1,5 Milliarden US-Dollar.
Ein erster Praxistest des Zielmarkierungslaser im Flug fand am 15. März 2007 statt. Der Einsatz des Hauptlasers wurde zwar mehrmals stationär am Boden getestet, jedoch nicht in der Luft. Ein vorgesehener Test des Gesamtsystems in der Luft war für Ende 2008 vorgesehen, wurde jedoch unter Angabe finanzieller Gründe verschoben. Verantwortlich dafür könnten jedoch auch technische Gründe und Schwierigkeiten beim Einbau in die Boeing 747-400F gewesen sein. Derzeit ist geplant, dass der Airborne Laser im August 2009 erstmals seine Leistungsfähigkeit in der Luft unter Beweis stellen soll. Drei Fähigkeiten müssen dabei nachgewiesen werden: erstens die konstante Zielverfolgung einer Rakete, zweitens die Funktion der adaptiven Optik, um atmosphärische Störungen auszugleichen und drittens der tatsächliche Abschuss einer ballistischen Rakete mit dem Kampflaser COIL. Das Projekt steht derzeit unter gewaltigem Erfolgsdruck, denn bis jetzt wurden in dieses Projekt 4,3 Milliarden US-Dollar investiert.
Eine Einstellung des Projektes ist derzeit kaum wahrscheinlich, weil es den Weg zu weiteren laserbasierten Waffen ebnen könnte, beispielsweise für den schwächeren Advanced Tactical Laser, der in einer Lockheed C-130 Hercules eingebaut, Ziele auf der Erdoberfläche bekämpfen soll. Er soll in erster Linie beim Kampf im überbauten Gelände Infrastruktur aus einer Distanz von 10 km zerstören, in dem beispielsweise die Pneus von Fahrzeugen schmelzen, Leitungen, Masten, Antennen und Sattelitenschüsseln zerstört werden. Boeing denkt bereits jetzt über eine weitere Verkleinerung des Lasers bzw. Umstellung auf Feststofflasern nach, um diese auch in beispielsweise in Hubschraubern (oder Humvees) einsetzen zu können. Auch wenn das Pentagon behauptet, es handle sich dabei um eine non-lethal Waffe, wird dies beispielsweise von Jürgen Altmann von der Technischen Universität in Dortmund bezweifelt:
“Classifying the ATL as non-lethal is obviously incorrect. With 30-100 times the heating power of a stove plate applied at a spot of the same size the weapon can kill people, set combustible objects on fire or explode munitions. It is clearly a lethal weapon, as comparison with an assault rifle shows.” — Jürgen Altmann, “Millimetre Waves, Lasers, Acoustics for Non-Lethal Weapons? Physics Analyses and Inferences“, Deutsche Stiftung Friedensforschung, 16, 2008.
Trotzdem fallen diese Laserwaffen nicht unter die Konvention über das Verbot oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen, weil sie nicht direkt zu permanentem Erblinden führen – auch wenn es sarkastisch tönt: töten durch Hitzeeinwirkung ist erlaubt.
Hauptquelle
Jan Helmig, “Der Airborne Laser (ABL) vor entscheidenden Tests?“, Bulletin der Raketenabwehrforschung International, 62, Frühjahr 2008.