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Wie wurde die Burg Freienstein zerstört? Historische Quellen, Legenden und Funde erzählen unterschiedliche Geschichten von einer missglückten Befreiungsaktion, einer Belagerung im Alten Zürichkrieg oder einem Unfall, der zu einem Feuer führte. Fakt ist: Die Burg brannte Mitte des 15. Jahrhunderts ab. Archäologische Ausgrabungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts förderten bedeutende Funde zu Tage, die von den letzten Bewohnern erzählen.
Ein Hochzeitsgeschenk für ein sorgenfreies Leben?
Im Jahr 1254 schenkte der Freiherr Konrad von Tengen die neu erbaute Burg Freienstein seiner Tochter Heilwig und seinem Schwiegersohn Egelof von Hasli zur Hochzeit. Der markante, dreistöckige Wohnturm war von weit her sichtbar und sollte Volk und Feinden zeigen, wo die Herrschaft wohnt. Heilwig und Egelof und ihre Nachkommen nannten sich fortan «von Freienstein», was auch dem nahe gelegenen Dorf den Namen gab.
Im Burgnamen Freienstein ist das mittelhochdeutsche «vrî» enthalten, was so viel bedeutet wie «frei von Abgaben und Sorgen, angenehm und behaglich». «Stein» steht als Synonym für Burg.
Die von Freienstein und ihre Nachkommen herrschten rund 100 Jahre auf der Burg, bis ihr Geschlecht im 14. Jahrhundert ausstarb. Danach gaben sich wechselnde Besitzer des niederen Adels die Klinke in die Hand, bis die Burg in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Flammen aufging. Seither ist sie unbewohnt.
Bedeutende Waffenfunde im Innern der Burg
Im Innern der Burg stiessen die Ausgräber auf diverse Haushaltsgegenstände: Fragmente von Töpfen, Pfannen, Deckeln, Schüsseln, Lampen und mehreren Kachelöfen. Ausserdem fanden sie Waffen und Rüstungsteile.
Äusserst selten und wissenschaftlich bedeutsam sind die Teile von zwei Handfeuerwaffen aus dem 14. Jahrhundert, die im Turm geborgen wurden. Sie gehören zu den ältesten überlieferten Handfeuerwaffen überhaupt. Solche sogenannten Faustrohre waren nicht besonders treffsicher, man benötigte viel Zeit zum Nachladen und musste stets glühende Kohlen zum Entflammen des Zünddrahts bei sich tragen. Sie waren aber günstiger zu produzieren als Armbrüste und sorgten mit Lärm und stinkendem Qualm für Angst und Schrecken.
Um die Handhabung dieser frühen Schusswaffen zu erforschen, führte Ulrich Bretscher, Experte für historische Schusswaffen, in den 1980er-Jahren Experimente mit rekonstruierten Faustrohren und nach historischen Rezepten gemischtem Schwarzpulver durch. Er konnte zeigen, dass die in der Burg Freienstein gefundenen Faustrohre ernst zu nehmende Waffen waren, die auf eine Entfernung von 50 Metern noch grossen Schaden anrichteten.
Das Kriegshandbuch «bellifortis» des Konrad Kyeser (1366– nach 1405) zeigt ein Faustrohr im Einsatz.
Neben den Faustrohren wurden auch drei gut erhaltene mittelalterliche Schwerter gefunden. Das ist selten, denn normalerweise gab man solche Waffen aufgrund ihres hohen Wertes von Generation zu Generation weiter. Nur in Ausnahmefällen gelangten sie in den Boden und überdauerten dort die Jahrhunderte.
Im Brandschutt der Burg lagen drei Schwerter. Sie wurden im 13. und 14. Jahrhundert geschmiedet. Foto: Martin Bachmann, Kantonsarchäologie Zürich.
Das Schwert links im Bild wurde wohl im 13. Jahrhundert geschmiedet und weist auf der Klinge beidseitig eine Inschrift auf. «+INIINIINIIN+» kann gedeutet werden als: I(n) N(omine) I(esu), I(n) N(omine) I(esu), I(n) N(omine) I(esu), I(esus) N(azarenus). Die zweite Inschrift «+NIIEDNEDN+» gibt mehr Rätsel auf. Vielleicht heisst es so etwas wie: (In) N(omine) I(esu), E(terni) D(ei) N(ostri), E(terni) D(ei) N(ostri). Mit grosser Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den Inschriften um Zeichen, die zeigen sollten, in wessen Namen das Schwert verwendet wurde: Jesus Christus.
Inschriften auf der Schwertklinge. Illustration: Kantonsarchäologie Zürich.
Brandschutt im Sodbrunnen
Auf einem Burghügel hat es in der Regel keine Trinkwasserquelle. In Freienstein lösten die Bauherren das Problem der Wasserversorgung mit dem Bau eines Sodbrunnens. 32 Meter tief trieben die Brunnenbauer den Schacht in den Sandsteinfelsen, bis sie auf Grundwasser stiessen. Solche Brunnen waren zwar ein zuverlässiges Wasserreservoir, der Bau dauerte aber in der Regel mehrere Jahre und kostete ein Vermögen.
Die ungewöhnliche Form des Schachts gibt Rätsel auf: Alle anderen bekannten Sodbrunnen der Gegend sind rund. Der Brunnen von Freienstein dagegen ist rechteckig. Warum wurde dieser Brunnen anders gebaut als alle vergleichbaren Brunnen im Umkreis? Möglicherweise waren hier Bergleute aus weit entfernten Gegenden am Werk. Dies lässt sich jedoch heute nicht mehr in Erfahrung bringen.
In Erwartung reicher Funde entschied sich die Kantonsarchäologie 1981, den verfüllten Schacht vollständig freizulegen. Sensationelle Funde blieben aus, die Verfüllung lieferte aber Hinweise zum Ende der Burg. Ganz unten fanden sich verbrannte Holzbauteile, die von einer Brandkatastrophe zeugen und belegen, dass die Burg danach aufgegeben wurde: Das verbannte Holz warf man in den Brunnen, womit dieser unbrauchbar wurde. Die Burg wurde nach dem Brand also bewusst unbewohnbar gemacht.
Der Sodbrunnen ist 32 Meter tief und versorgte die Burg bis zum Brand zuverlässig mit Frischwasser. Illustration: Daniel Pelagatti, Kantonsarchäologie Zürich.
Ein Ende mit Schrecken
Was zum Brand geführt hat, kann heute nicht mehr restlos geklärt werden. Vielleicht wurde die Burg 1443 im Alten Zürichkrieg bei einer Belagerung durch die Truppen der Herrschaft Kyburg und der Städte Winterthur und Diessenhofen mit Feuerpfeilen und -kugeln angezündet. Dies berichtet Heinrich Brennwald in seiner Schweizerchronik (verfasst 1508–1516). Da Brennwald reale Ereignisse gerne mit Phantasiegeschichten anreicherte, ist diese Quelle jedoch keine sehr verlässliche.
Eine mündlich überlieferte Legende besagt, dass der letzte Bewohner der Burg ein Raubritter namens Hermann Künsch war. Dieser soll Gefallen an der hübschen Tochter eines einflussreichen Embrachers gefunden haben. Nachdem das Mädchen sich seinen Annäherungsversuchen wiederholt wiedersetzt hatte, raubte der Ritter das Mädchen und verschleppte es auf seine Burg. Dem Vater des Mädchens gelang es, seine Tochter aus der Burg zu befreien, er geriet bei der Befreiungsaktion aber selbst in Gefangenschaft. Die Tochter alarmierte daraufhin die befreundeten Kyburger, die die Burg in Brand steckten und die Bewohner in die Flucht trieben. Beim Jubel um den Sieg vergassen sie aber den eigentlichen Grund ihres Angriffs – der gefangene Vater erstickte elend im Kerker.
Die archäologischen Untersuchungen können ein solches Ende der Burg weder bestätigen noch widerlegen. Ein verschütteter Gefangener wurde bei den Ausgrabungen nicht gefunden. Auch die wertvollen Funde sprechen gegen eine kriegerische Zerstörung. Üblicherweise wurden eingenommene Burgen nämlich vor der Zerstörung geplündert. Steckten die Angreifer die Burg versehentlich vor der Einnahme in Brand?
Nicht erst heute ist die Burgruine ein beliebtes Sujet, wie das Neujahrsblatt der Zürcher Hülfsgesellschaft aus der Mitte des 19. Jahrhunderts belegt. Druckgrafik: Zentralbibliothek Zürich, https://doi.org/10.3931/e-rara-42658 / Public Domain.
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