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Gibt es irgendein Buch eines anderen Autors, das Sie gern geschrieben hätten?
Nein. Aber einige Bücher zeigen uns anderen auf, wie man etwas Neues, etwas Anderes machen kann. So ein Buch möchte ich eines Tages auch mal schreiben.
Wie wird Ihr Feld in fünfundzwanzig Jahren aussehen?
Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob es in fünfundzwanzig Jahren noch Leben auf der Erde gibt, geschweige denn Buchhandlungen oder eine Buchbranche. Ich hoffe einfach, dass Romane uns weiterhin neue (Wort-)Welten eröffnen. Und ich befürchte, das der Diskurs um Identitätspolitik Leser und Schriftsteller weiter auseinandertreiben wird.
Welcher Ihrer Kollegen wird in hundert Jahren noch gelesen werden?
Schaut man hundert Jahre in die Vergangenheit, so sind die AutorInnen, die damals für bedeutsam gehalten wurden, dieselben, die wir heute aus jener Zeitperiode lesen. Es kommt sehr selten vor, dass jemand posthum in den Kanon erhoben wird. Hilary Mantel. W. G. Sebald.
Wer ist die oder der am meisten unterschätzte Autor und warum?
Ich bewundere kluges, selbstkritisches Schreiben, und mir gefallen Bücher, in denen nicht viel passiert. Kein Wunder also, dass meine Lieblinge unterschätzt werden. Jeder sollte alles von Miriam Toews lesen.
Und wer ist die oder der am meisten überschätzte Autor oder das am meisten überschätzte Buch?
Das, in dem der weiße, männliche Literatur-/Geschichtsprofessor mittleren Alters an einem liberalen amerikanischen Kunstcollege eine Midlife-Crisis hat, mit einer blonden Studentin schläft, die er hasst, und es dann alles ihre Schuld ist, als er seinen Job verliert und seine Frau, die er auch hasst, ihn verlässt, und er dann wieder bei seiner Mutter einziehen muss. Die er auch hasst.
Wenn Sie zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Ort Schriftstellerin sein könnten, wann und wo wäre das?
Irgendwo in der EU, wo es ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem gibt und das internationale Recht respektiert wird.
Wenn Sie irgendetwas umschreiben könnten, das Sie in all den Jahren geschrieben haben, was wäre das?
Alles. Und dabei all das einbauen, was ich bisher vom Schreiben gelernt habe. Aber es ist viel interessanter, das hinter sich zu lassen und etwas Neues zu schreiben.
Welche literarische Figur mögen Sie überhaupt nicht?
Diesen Professor.
Zeit für Scham und Schande: Welches berühmte Buch haben Sie noch nie gelesen, welches Stück noch nie besucht, welches Album noch nie gehört, welchen Film noch nie gesehen?
Ich habe es irgendwie geschafft, mit einem Doktor in Poesie der Romantik von Oxford abzugehen, ohne Byron gelesen zu haben. Ulysses habe ich erst gelesen, als ich es unterrichten musste. Harry Potter habe ich auch nicht gelesen, aber das ist nicht schändlich.
Haben Sie irgendwelche versteckten Talente?
Versteckte nicht, da ich es überall tue, aber ich beherrsche ziemlich komplizierte Strickmuster.
Noch ein paar kurze Fragen - George oder T. S.?
Beide. George.
Moderne oder Post-?
Moderne.
Jane Austen oder Charlotte Brontë?
Austen. Aber zu jedem früheren Zeitpunkt hätte ich Brontë gesagt.
Camus oder Sartre?
Camus.
Proust oder Joyce?
Joyce.
Knausgaard oder Ferrante?
Ferrante.
Jacques Derrida oder Judith Butler?
Butler.
Hamlet oder Ein Sommernachtstraum?
Hamlet.
Bram Stoker oder Mary Shelley?
Das ist doch kein Vergleich. Mary Shelley.
Tracey Emin oder Jeff Koons?
Emin.
Dieses Interview erschien am 06.06.2017 im Times Literary Supplement.