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Die Gestelnburg
2.1. Wahrzeichen und Lage
Wahrzeichen der von Turn
Das Wahrzeichen der Freiherren von Turn war die als uneinnehmbar geltende Burg auf der Feschti. Entsprechend ihrer Macht war auch die Burg die eindrücklichste Anlage im bischöflichen Oberwallis.
Vermutlich erbaute Peter IV. von Turn an der Stelle des früheren Wachturms das Schloss; es ist jedoch auch möglich, dass bereits Girold I. das Schloss erbaute.
Die Lage
Allein schon die Wahl des Standortes macht aus dieser Burg ein Modell ritterlicher Burgen des 13. Jahrhunderts. Es gab im Oberwallis keine Felsrippe ihres gleichen. Wie eine Laune der Natur tritt hier ein Felssporn aus dem Talhang quer ins Tal vor.
2.2. Bau der Burg
Die als Ruine erhaltene Burg auf dem ins Tal hinausragenden Felsvorsprung ist, den drei vorhandenen Wehrabschnitten nach zu schliessen, wohl in drei Etappen gebaut worden.
Erste Etappe, 12. Jh.
Die zuoberst auf dem Burghügel liegenden Elemente – der Rundturm und die Bastei – können noch im 12. Jahrhundert entstanden sein.
Zweite Etappe, 13. Jh.
Das zum zweiten Wehrabschnitt gehörende imponierende Herrengebäude (Palas) ist wohl im 13. Jahrhundert errichtet worden. Es geht über die ganze Hügelbreite und hat einen Grundriss von 40 x 13 Metern. Die Burgmauern weisen teilweise eine Dicke von drei Metern auf. Ein gewundener Weg führt hinauf ins Schloss, welches über eine monumentale bequeme Rampe betreten werden kann.
Dritte Etappe
Die weiter unten liegenden Gebäude, wohl Dienstwohnungen und Wirtschaftsgebäude, sowie eine Zisterne, die „rote Wiichüefa“, sind noch später angefügt worden. Sie befinden sich innerhalb des dritten Verteidigungsdispostives, welches gegenüber dem zweiten mit schwächeren Mauern ausgerüstet war.
2.3. Geschichtliches zur Gestelnburg
(Walter Ruppen) Da es sich um den Stammsitz der Herren von Turn-Gestelnburg handelt, ist das Schicksal der Burg mit demjenigen des Geschlechtes engstens verknüpft; wir betrachten daher im Folgenden das Bauwerk vor dem Hintergrund der mit dieser Familie verbundenen Walliser Geschichte.
Wie die Herkunft des Geschlechtes nicht restlos geklärt ist, so weiss man auch über die Entstehung der Burg keinen genauen Bescheid. Freiherr Anselm I. aus dem wohl ortsansässigen Geschlecht von Gesteln hatte das Reichslehen Niedergesteln, zu dem das Lötschen- und das Nikolaital gehörten, um 1179 an Bischof Cono von Sitten abgetreten. Warum er das Lehen als Vasall des Bischofs nicht wiederum entgegennahm, ist nicht bekannt. Bischof Cono übertrug es dem wohl aus der Dauphiné stammenden Geschlecht der von Turn, einem Zweig der la Tour du Pin. Er folgte damit vermutlich der gegen die Zähringer gerichteten Politik der Walliser Bischöfe, die sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts durch die Verleihung wichtigster Lehen die administrative und militärische Erfahrung auch bedeutender oberitalienischer Adelsfamilien zunutze machten. Sonderbarerweise wurden die Freiherren von Gesteln Vasallen des neuen bischöflichen Lehensgeschlechtes aus dem Ausland und verbanden sich verwandtschaftlich mit ihm.
Die Burg geht – nach ihren Ruinen zu schliessen – kaum auf die Anfangszeit der Freiherren von Gesteln zurück. Der monumentale und zugleich schmucke Eckquaderbau an der schrägen Front des Wohntraktes hoch über der Kirche, der unwillkürlich an die Eingangsfront der bischöflichen Burg Seta (1219) erinnert, lässt darauf schliessen, dass sich das neu belehnte Geschlecht der von Turn bald nach seiner Ankunft oder eher noch im 13. Jh. in der Burg von Niedergesteln ein ebenso trutziges wie imposantes Statussymbol für seine Lehensmacht errichtete; der Typ des Felsennestes weist denn auch eher auf das 13. Jh. Genannt wird die Burg erstmals 1235; ein Kastlan der Herren von Turn erscheint 1233.
Die Familie gelangte in der Folge zu ansehnlicher Macht. Ihr Einflussreich erstreckte sich nicht nur hinunter bis Conthey und bis ins Bagnestal; die Herren von Turn waren auch Meier von Sitten und hatten Lehen im Chablais, im Berner Oberland und im Freiburgischen inne. Sie wurden zum bedeutendsten Feudalgeschlecht des Oberwallis im früheren Spätmittelalter.
Die bischöfliche Politik der Lehensverleihung an bedeutende fremde Geschlechter sollte sich aber als gefährlich erweisen. Ende des 13. Jh. erhoben sich die Adeligen unter der Führung des Peter von Turn gegen den Bischof Bonifaz von Challant; nach der Niederlage der Aufständischen auf der Seufzermatte bei Leuk 1294 wurde Peter von Turn im Schloss „uff der Flüe“ in Naters gefangen gesetzt. Wie die Burg von Niedergesteln damals nicht eingenommen wurde, so war auch das Geschlecht zu mächtig, als dass der Bischof ihm seine Lehen hätte entziehen dürfen.
Dennoch konnte sich das Geschlecht von den Folgen dieser Fehde nicht mehr erholen. Am 1. März 1356 stellte Peter V. von Turn vermutlich aus finanziellen Gründen die Burg unter die Schirmherrschaft Savoyens. Es ist, wie wenn er die unmittelbar bevorstehenden Krisen und den Zusammenbruch der Macht des Geschlechtes im Oberwallis geahnt hätte.
1362 begannen die Streitigkeiten zwischen den Familien von Turn und Tavelli, die bald die unseligen Feldzüge des Grünen und des Roten Grafen nach sich zogen. Der zuerst savoyenfreundliche Bischof Witschard Tavelli näherte sich den Gemeinden, deren Zorn gegen die Feudalherren zusehends wuchs. Vor Ende 1366 brandschatzten die Bischöflichen die Besitzungen der von Turn: 1200 (!) Häuser in Lötschen sowie 30 Häuser samt dem Inventar in Niedergesteln. Am 13. November 1365 wurden bei der Brücke von Naters die Gräfin Isabella von Blandrate und ihr Sohn als Anverwandter der von Turn ermordet. Dann belagerten die Oberwalliser acht Wochen lang Niedergesteln: sie zerstörten die Häuser der Burgschaft, konnten die Burg aber nicht einnehmen. Als nun Anton von Turn die Intervention Savoyens verlangte – nicht ohne zuvor den Vasalleneid für das Schloss erneuern zu müssen - , wurde der Gegensatz zur Landschaft unüberbrückbar. Es ist bezeichnend, dass die Burg auch nach dem Frieden von Evian 1368 noch vier Tage lang grimmig belagert wurde. Für die dabei zugefügten Schäden musste der Bischof nach dem Urteilsspruch des Grafen von Savoyen vom 29. Juni 1370 in St. Maurice 1500 Florin bezahlen: Anton von Turn musste den Lehenseid an den Bischof leisten bzw. erneuern.
Die Gewalttat bei Seta, bei der Anton von Turn am 8. August 1375 Bischof Witschard Tavelli über den Burgfelsen stürzen liess, entfachte dann den allgemeinen Sturm gegen die Herren von Turn. Nach der Niederlage vom 18. August desselben Jahres in St. Leonhard floh Anton schwer verletzt an den Hof von Savoyen. Im Juli des folgenden Jahres verkauften Anton und Johann das Lehen von Niedergesteln dem Grafen von Savoyen, der es käuflich Bischof Eduard von Savoyen überliess. Im Gegensatz zur Burgschaft, die unter den anhaltenden Fehden schwer hatte leiden müssen, entging die Burg auch diesmal der Zerstörung. Bischof Eduard versuchte sie zu retten.
Noch am 13. April 1384 wurde im mittleren Saal der Burg ein Akt getätigt. Doch noch im gleichen Jahr wurde Bischof Eduard vom Bischofstuhl vertrieben. Nun brach auch über die Stammburg der von Turn das Unheil herein. Am 21. August 1384 vernimmt man erstmals, dass die Burg eingenommen und bis auf den Grund zerstört worden sei, was wohl besagt, dass man sie in Brand gesteckt hat, um hernach Dächer und Mauerkronen zu zerstören.
2.4. Konservierung der Burg
1984 bis 1993 Konservierung der Anlage
Die Stiftung Pro Castellione hat sich, 600 Jahre nach der Zerstörung der Burg, 1984 zum Ziel gesetzt, mit der Restaurierung der Burganlage zu beginnen. Für die gesamte Sanierung rechnete man mit einer Dauer von 10 Jahren und mit einem Aufwand von 1 Million Franken. Bei den Ausgrabungen fand man Fragmente eines Kachelofens. Im Jahr 1993 konnten die Konservierungsarbeiten an der Burgruine abgeschlossen werden.
Feschtiloch
Oberhalb des Burgareals kann der Burgfels durch eine Eiszeithöhle von Osten nach Westen durchquert werden.
Felsentiere (Augustin Imboden) Im Feschtitschuggu sind drei Gänge oder Löcher. Da erzählte man früher, in einem lägen drei Becken voll Geld. Auf einem wache eine Schlange, auf dem zweiten eine Kröte und auf dem dritten ein Löwe. Wer am heiligen Abend um Mitternacht da gewesen wäre, hätte das Geld nehmen können, wenn er jedem Tier einen Kuss gegeben hätte. Man sah das Geld aber nur während der Wandlung. Da versuchte es einmal ein Mann. Er sei aber ohnmächtig zurückgekommen und das Geld habe er nicht bekommen.
Feschtilochschatz (Peter Josef Imboden) Im Feschtiloch soll ein Schatz begraben sein. Man kann ihn aber nur in der hl. Nacht sehen, wenn es zur Wandlung läutet. Darum gingen einst zwei Gestler hinauf in dieses Feschtiloch. Als es zu läuten begann, lag da wirklich ein Haufen voll Gold, aber darauf sass eine wüste Kröte. So wagten sie es nicht, danach zu greifen. Der Prior hatte ihnen vorher noch geraten, ein Messer oder einen Rosenkranz mitzunehmen und darauf zu werfen. Während sie diese hervorsuchten, packte sie noch einmal die Angst und sie kehrten unverrichteter Dinge zurück. Dem Prior berichteten sie, es gehe nicht, es sei zu gefährlich, es sitze ein wüstes Tier drauf. Sie hätten eben den Mut brauchen sollen, antwortete der Prior. So geht es eben, wenn man gerne Geld möchte, es aber nie erhält.
2.5. Ein Kachelofen der Manesse-Zeit
Fund
In den Ruinen der 1384 zerstörten Gestelnburg wurde 1989, bei Sicherungsmassnahmen an der Burgruine im westseitigen Saal des Palas, im Schutt ein umfangreicher Komplex glasierter Ofenkacheln mit modellgeformtem Dekor geborgen. Die Ofenkeramik gehört zu einem Reliefkachelofen, der nach dem archäologischen Befund beim Brand der Burg aus einem Raum des Obergeschosses in die Tiefe gestürzt war.
Ofenkeramik aus der Gestelnburg
(Zusammenfassung aus dem Separatdruck der Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 50, 1993, Heft 4, von Gabriela Keck)
1989 wurde bei Bauuntersuchungen an der 1384 zerstörten Gestelnburg ein Kachelofen in Sturzlage angetroffen. Zum Bestand gehören Ofenfüsse und Leistenkacheln, quadratische, querrechteckige, spitzbogige und trapezförmige Blattkacheln mit modellgeformtem Reliefdekor und bräunlich-olivgrüner Glasur. Aus dieser Vielfalt und der Mindestanzahl von 121 nachweisbaren Kacheln ist auf einen architektonisch gegliederten, vollständig mit Kacheln ummantelten Ofenkörper zu schliessen.
Als Dekore sind florale und geometrische Motive neben figürlichen Darstellungen aus dem ritterlich-höfischen Milieu der Minnezeit vertreten. Formate, Randgestaltung und Glasur deuten auf eine Entstehung der Kacheln im 14. Jahrhundert hin. Diese Datierung ist mittels des Figurenstils, der Kleidermode und Haartracht sowie rüstungstechnischer Details in die Zeit um 1330 – 1350 zu präzisieren.
Nach der vorgeschlagenen Kachelanordnung besass der Ofen ein Bildprogramm, bei dem das Turnier als höfisches Fest inszeniert worden war.
Auftraggeber war vielleicht Peter V. von Turn, der dem Geschlecht von 1324 bis in die früheren 50er Jahre vorstand und mit Agnes von Grandson verheiratet war.
Die Hafnerwerkstatt ist gegenwärtig nicht lokalisierbar, doch könnten modelidentische Kachelfunde aus Bern, technische Besonderheiten und die vielfältigen Verbindungen der Freiherren von Turn auf die Herkunft aus einer Ofenhafnerei im Raum Bern hinweisen.
Ausstellung
Die Kacheln wurden als bedeutender Fund eingestuft und bleiben im Besitz des Kantons. Sie sind im kantonalen Museum in Sitten ausgestellt. Kopien der schönsten Kacheln werden der Stiftung pro Castellione zur Ausstellung in Niedergesteln abgegeben.