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Übernachten in einer historischen Kaplanei in Ernen
Im Walliser Dorf Ernen in Goms steht auf 1200 Meter über Meer eine Kaplanei. 1776 erbaut, erstrahlt das geschichtsträchtige Baudenkmal nach über 70 Jahren Leerstand in neuem Glanz. Die Stiftung Ferien im Baudenkmal hat den Bau sorgfältig saniert.
Quelle: Gataric Fotografie
Neu im Angebot der Stiftung Ferien im Baudenkmal: Die frisch renovierte Kaplanei im Dorf Ernen in Goms.
Während Jahrhunderten hatte Ernen eine Vormachtstellung in Goms inne: Ein Ämterpatriziat – bestehend aus den Familien Schiner, Kreyg, Am-Hengart, Michel und Sigristen – bestimmte hier einst die politischen und religiösen Geschicke des Goms und der Republik Wallis mit. Ihre Macht demonstrierten sie vornehmlich mit eindrücklichen Wohnbauten, deren Ausstattung und Raumprogramme reicher als bei jenen bäuerlicher Gemeinden war.
Da in der Region die Holzbauweise vorherrschte, galt der Steinbau in diesem Zusammenhang als vornehm. So wurden im Bergdorf stattliche, meist zweigeschossige Block- oder Strickbauten auf hohen Mauersockeln mit Saalgeschossen errichtet. Die ältesten Häuser in Ernen datieren laut einer Publikation des Landschaftsparks Binntal aus dem späten Mittelalter. Der grösste Teil des historischen Hausbestandes stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert und entstand – bedingt durch den Handelsverkehr über die Pässe – in einer Zeit wirtschaftlicher Blüte.
Markante Bauten aus dieser Zeit sind etwa das Tellenhaus (Baujahr 1576), das Jost-Sigristen-Haus (1581) oder das Am-Hengart-Haus (1584). Später im 17. Jahrhundert entstanden mit dem Martin-Matlis-Haus (1631) und dem Kreyg-Haus (1677) zwei weitere imposante Gebäude, die damals die grössten Wohnbauten in Ernen waren. Danach stagnierte die Bautätigkeit im Bergdorf mehrheitlich und kam in der Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz zu erliegen.
Kaplanei erinnert an Reichtum
Erst kurz vor dem Einfall der Franzosen (1798 / 1799) kam eine neue Welle der Bautätigkeit auf. In dieser Zeit entstand die Kaplanei, ein zweigeschossiger Mischbau über einem gemauerten Kellersockel. Im Jahr 1776 erbaut, diente diese einst Kaplanen und Pfarrern als Wohn- und Diensthaus und erzählt bis heute vom Einfluss Ernens im Kanton Wallis. Um Steine für den Bau zu erhalten, kaufte der Kirchenrat die «Gerbe» in Mühlebach, von wo aus das Baumaterial mühsam ins Dorf transportiert wurde. Das Bauholz stammte zum Teil von einem in Niederernen abgerissenen Haus.
An den damaligen Reichtum erinnern neben anderem die barocke Wandvertäfelung, Tuffsteinfassungen an Fenstern und Türen sowie mit gelbem Tuffstein bemalte Eckquader und filigrane Fenster. Von der sakralen Bedeutung des Hauses zeugen eine Hauskapelle im zweiten Obergeschoss mit gemörteltem Kreuzgewölbe aber auch florale Deckenmalereien.
Quelle: Simona Ferrari
Vorher: Die historische Kaplanei im Dorf Ernen im Kanton Wallis wurde 1776 erbaut. Nach dem Tod des Altpfarrer stand sie 70 Jahre lang leer.
Quelle: Gataric Fotografie
Nachher: In Zusammenarbeit mit der Walliser Denkmalpflege wurden die Aussenfassade sowie der Kamindurchbruch im Dach restauriert.
Die letzte Restaurierung des geschichtsträchtigen Hauses erfolgte 1938. Bis 1952 diente es als Kaplanei, nachdem der Altpfarrer verstorben war, stand es beinahe 70 Jahre leer. Diesem Leerstand ist es laut der Stiftung Ferien im Baudenkmal auch zu verdanken, dass sich ein Grossteil der Bausubstanz noch im ursprünglichen Zustand befindet.
Die Stiftung engagiert sich schweizweit für den Erhalt von bauhistorisch wertvollen Gebäuden, indem sie dem Verfall ausgesetzte und vom Abriss bedrohte Baudenkmäler nach einer Restaurierung als Ferienobjekte neu belebt. Zu den neusten Objekten im Angebot gehört nun die Kaplanei in Ernen. Bis zu sieben Personen können hier seit Juli die «einzigartige Baukultur eines Walliser Bergdorfes erleben», wie es auf der Webseite der Stiftung heisst.
Sanfte Renovation
2005 wurde die Kaplanei vom Staatsrat als Denkmal von lokal-regionaler Bedeutung unter Schutz gestellt. Laut der Stiftung befand sich das Haus bereits damals in einem sehr schlechten baulichen Zustand. 2018 entschied sich die katholische Kirchgemeinde Ernen dann, die Kaplanei der Stiftung in Nutzniessung zu übergeben, um ihr neues Leben einzuhauchen.
Nach einer fünfjährigen Projektvorbereitung und Instandsetzung konnte die sanfte Renovation des Baudenkmals dieses Jahr abgeschlossen werden. In enger Zusammenarbeit mit der Walliser Denkmalpflege wurden die Aussenfassade mit den Fenstern sowie der Kamindurchbruch im Dach sorgfältig restauriert. Der Innenbereich wurde um moderne Sanitär-, Küchen- und Heizungsinstallationen ergänzt.
Im Sockelgeschoss wurden einige Veränderungen vorgenommen. Weil dieses aufgrund einer früheren Nutzung bereits stark umgebaut worden war und kaum mehr historische Bausubstanz aufwies, wurde dem Architekturbüro Zenklusen Pfeiffer Architekten aus Brig bei der Neugestaltung freie Hand gelassen: Sie öffneten das ehemals durchgehende Treppenhaus wieder und führten es neu bis ins Sockelgeschoss.
Quelle: Simona Ferrari
Vorher: Die Küche vor der Restaurierung. Die «Trächa», eine offene Feuerstelle mit russgeschwärzten Wänden, ist erhalten geblieben.
Quelle: Gataric Fotografie
Nachher: Der Innenbereich wurde um moderne Sanitär-, Küchen- und Heizungsinstallationen ergänzt.
«Wäntelengrün» gegen Bettwanzen
Im neu ausgebauten Sockelgeschoss befindet sich ein grosses, tannengrün getünchtes Badezimmer sowie ein Musikzimmer mit Bettsofa. Im ersten Obergeschoss, in das man über eine Steintreppe gelangt, liegt die Küche mit originalem Steinboden und der «Trächa» als offene Feuerstelle mit russgeschwärzten Wänden. Gleich daneben befindet sich das Esszimmer sowie das Wohnzimmer mit barocker Wandvertäfelung und einem würfelförmigen Giltsteinofen mit sakralen Ornamenten.
Wie die Stiftung zur Renovation vermerkt, ergab eine Bestandsanalyse der Wandvertäfelung, dass sich unter der obersten weissen Schicht ein «Wäntelengrün» verbirgt. Der Name leitet sich von Bettwanzen ab, respektive den Worten «Wändel» oder «Wentel» für Wanze. Die Insekten wurden früher durch die Beimischung von Schweinfurtergrün, einem Doppelsalz aus Kupfer, Arsen und dem Anion der Essigsäure, abgeschreckt. Die historischen Farbschichten wurden von den Wänden abgebeizt und durch einen Anstrich mit gesundheitlich unbedenklichen Farbpigmenten ersetzt.
Im zweiten Obergeschoss der Kaplanei befinden sich zwei Schlafzimmer und das Herzstück des Hauses: der Kapellenraum mit Kreuzgratgewölbe und einem Medaillon mit allegorischen Malereien. Während der Bauarbeiten entdeckte man unter drei Farbschichten weitere gemalte, florale Deckenornamente und legte diese frei. Eine schmale Holztreppe führt schliesslich ins Dachgeschoss, wo in den wärmeren Monaten zwei weitere Personen übernachten können.
Vorbildliche Ortsbildpflege
Das Dorf Ernen blieb weitgehend von grösseren Zerstörungen durch Kriege oder Dorfbrände verschont. Um das Ortsbild von nationaler Bedeutung zu erhalten, betreibe die Gemeinde seit den 1950er-Jahren eine vorbildliche Ortsbildpflege, wie die Stiftung festhält. Dafür ist das Dorf 1979 mit dem Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes ausgezeichnet worden.
Ein grosser Teil der Finanzierung für die Instandstellung der Kaplanei konnte laut der Stiftung dank einer Partnerschaft mit der Schweizer Berghilfe sichergestellt werden. Daneben hätten zahlreiche weitere Institutionen und Privatpersonen zur Restaurierung beigetragen, darunter die Gemeinde Ernen, der Kanton Wallis, die Schweizerische Eidgenossenschaft, die Beisheim-Stiftung, die Ernst- Göhner-Stiftung, die Sophie & Karl Binding-Stiftung sowie die Accentus-Stiftung.
Weitere Informationen unter: ferienimbaudenkmal.ch/kaplanei
Quelle: Gataric Fotografie
Blick in die Stube mit barocker Wandvertäfelung und einem würfelförmigen Giltsteinofen mit sakralen Ornamenten.
Quelle: Gataric Fotografie
Blick in die Stube mit barocker Wandvertäfelung.
Quelle: Gataric Fotografie
Während der Bauarbeiten entdeckte man unter drei Farbschichten weitere gemalte, florale Deckenornamente und legte diese frei.
Quelle: Gataric Fotografie
Während der Bauarbeiten entdeckte man unter drei Farbschichten weitere gemalte, florale Deckenornamente und legte diese frei.