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«Höhere Qualität mit weniger Kosten»
Sowjetische Architektur zwischen Stalin und Glasnost
Die sowjetische Architektur der Nach-Stalin-Ära kann aus heutiger Sicht neuerliches Interesse beanspruchen. Nicht zuletzt bezeugen die Repräsentationsbauten der Sechziger- und Siebzigerjahre den Wunsch der östlichen Supermacht, die Konkurrenz der Systeme ästhetisch für sich zu entscheiden.
Autor: Philipp Meuser – erschienen in archithese 5.2010 Russland, S. 84–89.
Am 25. Februar 1956 erlebte die Sowjetunion einen Schock, der das Fundament der kommunistischen Welt für immer verändern sollte. Als der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow an jenem Morgen die Machenschaften seines Vorgängers Josef Stalin kritisierte und damit das bis dato wichtigste Kapitel der sowjetischen Geschichte in einem vierstündigen Referat systematisch demontierte, trauten viele Genossen ihren Ohren nicht. Chruschtschows ideologische Abrechnung drei Jahre nach dem Tod Stalins war – historisch betrachtet – gleichsam eine späte Entrechtung der despotischen Herrschaft eines Mannes, der sich skrupellos in die Parteiführung gekämpft hatte und eine Generation lang als «Vater des Volkes» verehrt wurde. Die Epoche Stalins war plötzlich nicht mehr Glanz und Heldentat, sondern galt fortan als ausnahmebedingter Unzustand.
Chruschtschows Rede glich einem Neuanfang, der die Sowjetunion ideologisch auf den Ausgangspunkt vor Lenins Tod zurückbringen sollte. Der neue Führungsstil und die damit verbundene Ideologie sollten sich auch stilprägend in der Architektur- und Stadtbaugeschichte niederschlagen, denn in derselben Konsequenz, mit der Stalin ab Anfang der Dreissigerjahre die russischen Konstruktivisten in ein neotraditionelles, später stalinistisches Korsett gezwängt hatte, liess Chruschtschow eine neue Epoche der sowjetischen Architektur einläuten. Seine Vorgaben, das Planen und Bauen im Sinne der funktionalistischen Moderne zu rationalisieren, hatten zudem einen weitaus grösseren Einfluss auf das Baugeschehen in der sozialistischen Welt als das neotraditionelle Formenvokabular Stalins.
In der Baugeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts sollte die Sowjetunion Mitte der Fünfzigerjahre an Ideen anknüpfen, die Städtebauer der Moderne wie etwa Le Corbusier, Walter Gropius oder Ludwig Hilberseimer in den Zwanzigerjahren erdacht hatten, jedoch nie in ihrer Radikalität hatten umsetzen können. Mit industriell gefertigtem Stuck und Ornament, mit der Stadt als in sich geschlossenem Organismus sollte nun Schluss sein. Die Neuorientierung war jedoch nicht das logische Ergebnis einer wirtschaftlichen Entwicklung. Sie wurde – in der Tradition politischer Diktaturen – von der Politik verordnet.
Die dafür entscheidende Rede hielt Chruschtschow am 07. Dezember 1954, eineinhalb Jahre vor seiner offiziellen politischen Abrechnung mit Stalin vor den Parteigenossen. In seinem Vortrag vor der Nationalen Konferenz der Vertreter des gesamten planenden, organisierenden und ausführenden Bauwesens proklamierte er, die umfassende Industrialisierung der Konstruktion unter dem Motto «Höhere Qualität mit weniger Kosten» erreichen zu wollen. Mit einer möglichst geringen Anzahl normierter Bauelemente war demzufolge eine möglichst grosse Vielfalt an Baueinheiten zu erstellen. Nicht der Architekt, sondern die wieder erstarkende Schwerindustrie, auf die Chruschtschow sein Augenmerk legte, sollte nun die Städte bauen. Chruschtschows Direktive einer künftig rationalisierten Bauweise mit am Fliessband vorgefertigten Modulen nach dem Baukastenprinzip rehabilitierte zumindest formal die unter Stalin verpönten Konstruktivisten, kurzum den funktionalen Rationalismus der Moderne, der bis Ende der Zwanzigerjahre Europa einschliesslich der jungen Sowjetunion sowie Amerika bestimmt hatte.
Innenpolitisch bedeutete diese Vorgabe, das gravierende Wohnungsproblem in dem eurasischen Riesenreich zwischen dem nunmehr russischen Kaliningrad (ehemals Königsberg) im Westen und Wladiwostok am Japanischen Meer zu lösen. Aussenpolitisch hiess das, den Wettstreit mit dem kapitalistischen Klassenfeind zu gewinnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die ehemaligen Alliierten mit dem Verschwinden des gemeinsamen Feindes auf der Weltbühne schon während des Potsdamer Abkommens 1945 untereinander zerstritten. Der Kalte Krieg war ausgebrochen. Chruschtschows Rede vor der sowjetischen Bauzunft war deshalb ein bedeutendes Manifest, weil damit nicht nur die grossen Ziele in der Architekturplanung für eine Nachkriegs-Sowjetunion formuliert wurden. Mit der Revolution des Planens und Bauens umriss Chruschtschow zugleich die Meilensteine für eine Weltpolitik der folgenden dreissig Jahre. Diese neue Politik sollte sich in neuen Strategien des Städtebaus ebenso widerspiegeln wie in den Baunormen der sozialistischen Architektur. Das rationelle Planen und serielle Bauen im grossen Massstab, das unter Chruschtschow seinen Anfang nahm, sollte zu einem der umfangreichsten Architekturprogramme des 20. Jahrhunderts werden. Kein Staatsmann hat mit seiner Politik einen solch grossen Einfluss auf die Bauwirtschaft seines Landes ausgeübt wie der gelernte Maschinenschlosser aus dem ukrainischen Donezbecken.
Ging es finanziell darum, den von Lenin formulierten staatsmonopolistischen Kapitalismus gegenüber dem marktwirtschaftlichen zu behaupten und nach innen die Bedürfnisse der Bevölkerung wesentlich zu verbessern, so hatte Chruschtschows Rede aus dem Jahr 1954 architektonisch den Anschluss des sowjetischen Imperiums an den vom Westen bestimmten International Style beziehungsweise an die Nachkriegsmoderne zur Folge. Wenn auch mit Zeitverzug, so verewigte sich der sowjetische Funktionalismus doch beispielhaft im Kongresspalast im Moskauer Kreml. Dieser Bau gilt bis heute als Inkunabel der sowjetischen Architektur unter Chruschtschow. Doch der hohe gestalterische Anspruch, mit dem auch die post-stalinistischen Architekten antraten, konnte nur bei einzelnen Sonderbauten eingelöst werden. Der Massenwohnungsbau blieb in seiner ästhetischen Form gegenüber den repräsentativen Projekten zurück. Dennoch leistete er einen wichtigen Beitrag zur politischen Propaganda. Dem pragmatischen Zweck verpflichtet, möglichst viel Wohnraum in möglichst kurzer Zeit preiswert zu produzieren, verkörperte der funktionale Baustil als künstlerische Ausdrucksform die neue Lebensweise des von Wladiwostok bis Magdeburg zu schaffenden «Sowjetmenschen». Die Idee der Moderne avancierte spätestens mit Chruschtschow zu einem nun auch auf dem Reissbrett ausgetragenen Wettbewerb der politischen Systeme – wobei die Orientierung daran, was für Fortschritt gehalten wurde, im Wesentlichen vom Westen vorgegeben wurde.
Die Sechzigerjahre
Der stilistische Wechsel vom traditionsbewussten Stalinismus zum sowjetischen Funktionalismus wurde erst einige Jahre nach Chruschtschows Machtübernahme manifest. In Moskau entstanden als städtebauliche Meilensteine Grossprojekte wie der Kalinin-Prospekt oder die Uliza Kirowogradskaja, die an die für eine Ville Radieuse dokumentierten Vorstellungen Le Corbusiers erinnert. Das Theater Saphyr avancierte mit seiner Flachkuppel zum Vorbild einer Kultur architektur, die in alle Unionsrepubliken und – beispielhaft sei die Kongresshalle am Ostberliner Alexanderplatz genannt – in die osteuropäischen Bruderstaaten exportiert wurde.
In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre, nach dem Flug des ersten bemannten Raumschiffs Wostok 1 mit Juri Gagarin als Kosmonaut (1961), spitzte sich das Ringen der Gesellschaftssysteme um den Vorsprung in der Weltraumfahrt zu. Im Jahr 1966 gelang den Sowjets die erste Mondlandung, 1970 die erste Venuslandung, wenn auch beide unbemannt. Zwischen diesen Meilensteinen der Weltraumfahrt entstand 1967 in Moskau der Fernsehturm Ostankino in Gestalt einer Rakete. Die Faszination der Architekten für die imageträchtige Kosmonautik riss bis zum Ende der Sowjetunion nicht ab. Noch in den Achtzigerjahren entstand so in Taschkent der Fernsehturm, der in seiner technisierten Form von einer Weltraumrakete kaum noch zu unterscheiden ist.
Gagarins Weltraumflug war der Beginn einer semiotischen Architektur, die zum Beispiel Kaluga ein Museum der Kosmonautik beschert hat und Kasan einen Zirkus (beide 1967), der wie eine fliegende Untertasse aussieht und bei dem die Kuppel nicht mehr, wie noch beim Moskauer Theater Saphyr, ein Bestandteil der Gesamtarchitektur ist, sondern sich als eigenständiger Baukörper emanzipiert. Zugleich entstanden auch Bauten in einem sachlichen Monumentalstil, wie etwa das Dramentheater in Grodno (Weissrussland). Während für den Griff nach den Sternen alle Freiheiten gestattet waren, wurde der Drang der alltäglichen Realpolitik nach mehr Freiraum auf dem Boden zunächst durch den Mauerbau 1961 und später im Prager Frühling 1968 gewaltsam erstickt. Wurde der Führungsanspruch Moskaus im eigenen Einflussbereich infrage gestellt, gab es keinen Verhandlungsspielraum. In der Sowjetunion war es vor allem Breschnew, der das Kräfteverhältnis in Europa um jeden Preis erhalten wollte und auch daher keine politisch abtrünnigen Bruderstaaten duldete. Aber nicht nur der scheinbare politische Kurswechsel, sondern auch die massgebliche Phase des städtebaulicharchitektonischen Wandels der UdSSR fielen in die 18-jährige Amtszeit Breschnews.
Während aussenpolitische Krisen wie etwa in Kuba, Vietnam oder der Tschechoslowakei den Graben zwischen den Supermächten nur noch vergrösserten und der technische Wettlauf im Weltraum nicht gerade zu einer ideologischen Annäherung beitrug, wurde die Sowjetunion auch durch innenpolitische Ereignisse erschüttert. Im April 1966 zerstörte ein Erdbeben das Zentrum Taschkents, damals viertgrösste Stadt der UdSSR. Innerhalb weniger Minuten fielen die überwiegend aus Lehm errichteten Wohngebäude in sich zusammen und hinterliessen mehrere hunderttausend Obdachlose. Was menschlich eine gewaltige Tragödie war, bescherte der politischen Führung eine Propagandabühne für einen mustergültigen Wiederaufbau. Binnen Monatsfrist wurden in allen Sowjetrepubliken Planungs- und Bauteams zusammengestellt und nach Taschkent abgeordnet. In den Folgejahren avancierte die Stadt im Süden der Sowjetunion zu einem Versuchslabor industriellen Bauens. Sowjetische Serientypen und regionale Volkskunst wurden zu einer einzigartigen Melange vermengt. Bis heute gilt Taschkent als gelungenes Beispiel für den Versuch Moskaus, den Architekturkollektiven und Baukombinaten in den fernen Sowjetrepubliken eine gewisse gestalterische Freiheit zu lassen.
Zugleich wurde hier ein Exempel statuiert. Gleichsam nebenbei wurde eine nicht von der Hand zu weisende Analogie zwischen dem gestalterischen Rahmen der Plattenbauweise und den Ordnungsprinzipien der islamischen Kunst sowie die von Chruschtschow geforderte Austauschbarkeit des Standorts und die Anwendbarkeit ein und desselben Prinzips auf jeden nur erdenklichen Bautypus bestätigt. Oder provokativer: Die sowjetische Ideologie der Serie und das islamische Regelwerk der sich wiederholenden Grundformen basieren zwar auf unterschiedlichen kulturellen Wahrnehmungen, sind sich aber in der architektonischen Anwendung durchaus ähnlich.
Die Siebzigerjahre
Der Einfluss orientalischer Bauelemente auf die sowjetische Architektur setzte sich im Kaukasus und in Zentralasien zu Beginn der Siebzigerjahre flächendeckend durch. Beispiele hierfür sind das Autozentrum und das Lenin-Museum in Taschkent – beides Komponenten eines staatstragenden städtebaulichen Arrangements – oder die Bibliothek in Aschgabad als Teil eines grossflächigen, staatlich-öffentlichen Stadtmittelpunkts.
Die orientalischen Bauformen in der mittelasiatischen Architektur waren zunächst einer von Chruschtschow verordneten Ökonomisierung geschuldet; später dann, unter Breschnew, einer auferlegten Eigenart und Verschiedenartigkeit. Diese konnte sich in volkstümlich-modernen Architekturen wie im Musik- und Dramentheater in Kysyn nahe der mongolischen Grenze artikulieren – oder abstrahierend reliefartig im Haus der Politischen Bildung im turkmenischen Aṣgabad. Die gestalterischen Regeln der Wiederholung paarten sich mit der Oberflächenästhetik der späten Sechzigerjahre und fielen nicht nur in der Sowjetunion auf fruchtbaren Boden.
Die frühen Siebzigerjahre waren die Zeit, in der sich die Moderne im Sowjetimperium in der ihr eigenen grossen Geste ihre repräsentativen städtebaulichen Monumente und Plätze schuf. Deren Planungs- und Bauzeit nahm nicht selten zehn oder fünfzehn Jahre in Anspruch. Es war die Ära einer opulenten Kongressarchitektur, die sich im sozialistischen Einflussbereich vor allem auch in stadtbildprägenden Kulturbauten oder solchen der Wissenschaft artikulierte. In Moskau entstand mit dem Zirkus am Wernadski-Prospekt ein Rundbau, der in seiner Schalenbauweise in modifizierter Form bis hin zu den ethnisierten Varianten in Zentralasien stilbildend für die Unterhaltungs- und Vergnügungsarchitektur dieses Typus wurde und – neben Sportpalästen, grossen Bibliothe ken und sonstigen Kulturgebäuden – den sichtlichen Willen der Sowjetführung zeigte, «das Kulturniveau der Werktätigen zu steigern» und «der Erziehung zu einer sowjetpatriotischen Gesinnung» (Lenin) zu dienen.
Zwischen 1973 und 1988 wurde in Moskau das Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften gebaut; die Technik auf dem Dach ist mit einem stilisierten Gehirn geschmückt und eröffnet einen grandiosen Blick auf die Hauptstadt. In Semipalatinsk, der von 1949 bis 1991 im Epizentrum sowjetischer Kernwaffenversuche gelegenen Gebietshauptstadt von Nordostkasachstan, entstand ein Dramentheater, das wie ein Renaissancepalast die stadträumlichen Koordinaten der Stadt bestimmt. 1975 wurde der Sportpalast in Kuibjschew (heute: Samara) fertiggestellt – im gleichen Jahr, in dem der Vietnamkrieg mit der Wiedervereinigung des asiatischen Landes unter kommunistischem Regime endete.
Das Sowjetimperium hatte sich nach der Entstalinisierung erfolgreich ein neues internationales Gesicht verschafft und erschien nach aussen weltoffen, modern und international. Zumindest in den Medien bemühten sich Breschnew und seine Genossen, auf Augenhöhe mit dem kapitalistischen Westen als gleichberechtigte Kontrahenten aufzutreten. Es ging um das künftig die Welt beherrschende Gesellschaftsmodell, doch gleichzeitig wurden die ökonomischen, inneren Zerfallserscheinungen im sozialistischen Lager auch aussen erkennbar. Aber noch überwog die Kunst, die Defizite zu überspielen. Besonders die Raumfahrt, Prestigeträgerin der Weltmächte, war ein Feld des Wettstreits um das bessere Gesellschaftsmodell – ebenso wie die Entwicklungshilfe und die damit verknüpften militärischen Engagements.
Die Achtzigerjahre
An der Schnittstelle zum neuen Jahrzehnt standen drei weltpolitische Ereignisse, die einander völlig widersprachen. Im Jahr 1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Die Gefahr eines Übergreifens der Islamischen Revolution, die 1978 zum Sturz des Schahs von Persien geführt hatte und eine neue Epoche des politischen Islam einleitete, liess die Sowjetunion um ihr Marionettenregime in Kabul bangen. Zugleich trieb Moskau die Furcht vor den Auswirkungen aus dem politischen Epizentrum im Iran auf die islamischen Sowjetrepubliken.
Ab 1980 rebellierte mit Polen abermals ein sowjetischer Vasall gegen die desolate Wirtschaftslage. Aus dieser Opposition erwuchs die Gewerkschaft Solidarno´s´c. Die Gefahr einer Intervention wurde mehr durch das taktische Kalkül der Sowjetführung denn durch den Gang der Dinge in Polen selbst abgewandt, denn im selben Jahr fanden auch die Olympischen Sommerspiele in Moskau statt. Mochte die Wirtschaftslage noch so prekär sein und waren die Verschleisserscheinungen des hochgerüsteten Systems noch so gross – hier galt es umso mehr, siegesgewissen Zweckoptimismus zu verbreiten. Entsprechend wurden in Moskau die architektonischen Akzente gesetzt. Hier entstand mit dem Hotel Kosmos ein Gebäude gleich einer Projektionsfläche für sozialistischen Fortschrittsgeist: Es stellt zusammen mit dem Denkmal für die Bezwinger des Weltraums am Prospekt Mira eine gewaltige Kunstinstallation inmitten der Stadt dar. Im Westen Moskaus wurde mit der Sportstadt Krilatskoje so etwas wie ein städtebauliches Epizentrum des Leistungssports errichtet. Die organische Architektur mit leichter, schwungvoller Note verkörperte die Dynamik des olympischen Weltereignisses, das jedoch von einem von den USA angeführten Boykott überschattet wurde.
Die Hauptstadt des Sowjetimperiums erlebte dafür einen durchgreifenden Bauboom, mit dem die Überlegenheit der eigenen politischen Ordnung nochmals anschaulich und für alle Welt sichtbar demonstriert werden sollte. Die Lust an organischen Formen färbte auf die repräsentativen Bauten anderer Sowjetrepubliken ab. Stellvertretend hierfür steht etwa der Sport- und Konzertkomplex in Eriwan (1984). Auch der Palast der Feierlichkeiten in Tiflis (1985) sowie die Hotel- und Kuranlage Druschba auf Jalta (1985) haben auffällige Marken in die Stadtlandschaft gesetzt; ebenso der Ausstellungsbau der Minsk Expo von 1988 in der gleichnamigen weissrussischen Hauptstadt. In jenem Jahr starb in Moskau Konstantin Tschernenko, der erst 1984 dem ehemaligen Staats- und Parteichef Juri Andropow im Amt gefolgt war, der wiederum 1982 Breschnew beerbt und für eine kurze Zwischenzeit die Regierungsverantwortung übernommen hatte. Beide Breschnew- Nachfolger stammten noch aus der Ära Stalin, und mit ihrer Ernennung war bereits eine Art Rotationsprinzip für das traditionell fast schon päpstlich anmutende oberste Führungsamt der KPdSU eingesetzt worden.
Erst mit Michail Gorbatschow erfolgte 1985 eine Verjüngung der Führungsspitze und damit zugleich eine Eigendynamik der Entwicklung im Zuge des angestrebten Umbaus der Wirtschaft (Perestroika). Sie führte zwangsläufig zur schonungslosen Offenlegung von Miss- und Vetternwirtschaft (Glasnost) und damit letztlich zur Selbstauflösung der Staats- und Parteidiktatur. Der Beschluss zur Auflösung der Sowjetunion wurde am 17. Dezember 1991 zwischen dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und dem Vorsitzenden der Russischen SSR, Boris Jelzin, gefasst. Vier Tage später traten auf einer Tagung des Allunionsrats in Alma-Ata (heute: Almaty) acht ehemalige Sowjetrepubliken der von Russland, Weissrussland und der Ukraine gegründeten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) bei. Manche Republiken hatte dieser historische Erdrutsch völlig überraschend getroffen.
Philipp Meuser, Jahrgang 1969, Architekt BDA und Autor. Seit 1996 gemeinsames Architekturbüro mit Natascha Meuser. Planungs- und Bauprojekte u. a. in Russland und Kasachstan. 2005 Gründung des Verlags DOM publishers.