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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreissigste Homilie.
II.
So ist es Einer, der uns bildete, und Eins, wozu er uns bildete. Er sagt nicht, daß wir Glieder eines Leibes werden, sondern daß wir alle einen Leib ausmachen; denn immer bedient er sich solcher Ausdrücke, die einen größern Nachdruck haben. Und schön sagt er: „wir alle“ und rechnet sich somit selber dazu. In dieser Beziehung, will er sagen, habe ich, dein Apostel, nicht mehr als du; denn ich bin ein Leib wie du, und du bist ein Leib wie ich, und wir alle haben das nämliche Haupt, und wir alle sind auf dieselbe Weise wiedergeboren, und deßhalb sind wir ein Leib. Und was sage ich von den Juden? Selbst die Heiden, die von uns so weit entfernt waren, hat er durchaus zu demselben Körper gefügt. Nachdem er also gesagt: „wir alle“, — bleibt er nicht dabei stehen, sondern fügt bei: „Gleichviel, ob Juden oder ob Heiden, ob Knechte, ob Freie.“ Wenn wir nun, da wir von einander so ferne waren, verbunden und Eins geworden sind, so wäre es um so unbilliger, wenn wir, nachdem wir Eins geworden, trauern und uns grämen wollten; denn es findet hier kein Unterschied statt. Denn wenn Gott Heiden und [S. 517] Juden, Sklaven und Freie der nämlichen Gnaden gewürdiget hat, wie sollte er sie nachher trennen, nachdem er sie durch Mittheilung der Gnadengaben zu einer innigeren und festeren Einheit verbunden? „Und alle sind wir in einem Geiste getränkt worden.“
14. Denn auch der Leib ist nicht ein einziges Glied, sondern viele (bilden ihn).
Das heißt: Wir sind zu derselben Feier der Geheimnisse zugelassen, wir genießen dieselbe Speise. Warum sagt er aber nicht: Wir werden mit demselben Leibe gespeist und mit demselben Blute getränkt? Weil er durch den Ausdruck: „in einem Geiste getränkt“ Beides, das Blut und den Leib, zusammengefaßt hat; denn durch Beides werden wir in einem Geiste getränkt. Mir scheint er von der Ankunft jenes Geistes zu reden, der uns in der Taufe mitgetheilt wird, ehe wir noch die Heiligen Geheimnisse empfangen. „Wir werden getränkt,“ sagt er, weil dieser bildliche Ausdruck für den Gegenstand ganz besonders bezeichnend ist; sowie, wenn man von den Gewächsen in einem Garten sagte: Alle Bäume werden von derselben Quelle, alle von demselben Wasser getränkt, so haben wir, will er sagen, hier alle denselben Trank genossen, dieselbe Gnade empfangen. Wenn uns also ein Geist gebildet und uns alle zu einem Körper verbunden hat — denn Das will es sagen: „Wir sind zu einem Leibe getauft worden; — wenn er uns einen Tisch bereitet und Allen einen Trank gegeben hat, gemäß den Worten: „Wir sind in einem Geiste getränkt worden;“ und wenn er uns, die wir soweit von einander entfernt waren, vereiniget hat, und wenn die vielen Glieder, mit einander verbunden, einen Leib bilden: was redest du mir da beständig von einem Unterschied vor? Wenn du mir einwendest, daß es ja viele Glieder und verschiedene gebe, so wisse, daß gerade hierin der wunderbare Vorzug des Körpers bestehe, daß die vielen und verschiedenen Glieder ein Ganzes ausmachen; wären es [S. 518] nicht viele, so wäre es nicht so wunderbar und auffallend, wenn sie einen Körper bildeten; ja, es wäre dann kein Leib mehr. Jedoch davon spricht er später; hier aber beschäftigt er sich mit den Gliedern und sagt:
15. 16. Wenn der Fuß spräche: Weil ich nicht Hand bin, bin ich nicht (Theil) vom Leibe; ist er deßhalb nicht (Theil) vom Leibe? Und wenn das Ohr spräche: Weil ich nicht Auge bin, bin ich nicht (Theil) vom Leibe; ist es deßhalb nicht Theil vom Leibe?
Denn wenn sie darum, daß das eine (Glied) geringer, das andere vorzüglicher ist, nicht zum Körper gehörten, so müßte der ganze Körper aufhören. Sprich also nicht: ich bin kein Körper, weil ich nicht der vorzüglichere Theil bin, denn auch der Fuß ist nicht der vorzüglichere Theil, gehört aber dennoch zum Körper. Denn das Glied ist ein Theil des Körpers oder kein Theil desselben, nicht weil es an ihm diese oder jene Stelle einnimmt, — das ist bloß örtlicher Unterschied, — sondern weil es entweder mit dem Körper verbunden oder von demselben getrennt ist. Du aber erwäge mir die Klugheit des Paulus, womit er unsern Gliedern selbst die Sprache leihet! Denn wie er früher einmal gesagt: „Dieß habe ich nun auf mich und Apollo übertragen,“ so führt er auch hier, um mit seiner Rede nicht lästig zu fallen, sondern ihr guten Empfang zu bereiten, die Glieder selbst redend ein; er läßt die Natur selbst zu ihnen sprechen, so daß sie durch eigene Erfahrung und das Urtheil aller Menschen überzeugt, nicht mehr zu widersprechen vermochten. Möget ihr auch diese Sprache führen, sagt er, und murren, so seid ihr doch ein Theil des Körpers; denn viel stärker als das Gesetz der Natur schützt und hält die Macht der Gnade Alles zusammen. Siehe, wie er alles Überflüssige sorgfältig meidet und nicht von allen Gliedern, sondern bloß von zweien und zwar den äussersten redet; denn er führt das Auge an, welches das [S. 519] vorzüglichste ist, und den Fuß, der die unterste Stelle einnimmt, und läßt den Fuß nicht mit dem Auge, sondern mit der Hand, die schon etwas höher steht, und die Ohren sich mit den Augen besprechen. Denn so pflegen wir nicht Diejenigen zu beneiden, die hoch über uns stehen, sondern Die, welche zunächst über uns sind. Darum stellt auch er so den Vergleich an.
17. Wäre der ganze Leib Auge, wo (wäre) das Gehör? Wäre er ganz Gehör, wo (wäre) der Geruch?
Da er nun von der Verschiedenheit der Glieder gesprochen und Füße, Hände, Augen und Ohren erwähnt hat und sie somit an höhere oder tiefere Stellung erinnert, siehe, so richtet er sie wieder dadurch empor, daß er zeigt, wie zuträglich Das sei, und daß gerade die Vielheit und Verschiedenheit derselben den einen Körper ausmachen. Denn wenn alle eins wären, so machten sie keinen Leib aus; darum sagt er:
19. Wären die aber alle ein einziges Glied, wo (wäre) der Leib?
Vorher zeigt er aber noch, daß in diesem Falle nicht nur kein Körper vorhanden wäre, sondern nicht einmal die übrigen Sinne; denn er sagt: „Wäre er (der Leib) ganz Gehör, wo (wäre) der Geruch?“