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Erich Kästner
"Der Dichter wurde 1899 in Dresden geboren, studierte
Germanistik und arbeitete als Journalist. Schon seit frühester Kindheit war der
junge Kästner eigentlich ein Außenseiter - einerseits aufstiegsorientierter
Schüler, der aus dem kleinbürgerlichen Milieu heraus wollte, andererseits ein
scharfer Kritiker der verlogenen Formen und Formeln der bürgerlichen
Gesellschaft. Diese Ambivalenz zieht sich auch durch sein Werk.Während er in
seinen Lyrikbänden (Herz auf Taille, Lärm im Spiegel, Ein Mann gibt Auskunft und
Gesang zwischen den Stühlen) mit Satire und Ironie die herrschenden Zustände,
die verlogenen Gesellschaftsformen und die Torheit und Kurzsichtigkeit seiner
erwachsenen Zeitgenossen attackiert, zeigt er in seinen Jugendbüchern (Das
doppelte Lottchen, Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, Das fliegende
Klassenzimmer u.a.m.), wie man ‘Musterschüler’ und ‘doller Bengel’ gleichzeitig
sein kann.
Als Motor seines Schaffens sieht er "die Hoffnung, daß die Menschen vielleicht
doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser" werden könnten, wenn man sie
einerseits oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht, wenn man ihnen
andererseits positive Figuren als Identifikationsmodelle präsentiert, wie dies
in seinen Kinderbüchern geschieht. Mit diesem Anliegen wird er letztlich zum
Schulmeister und Moralisten, der einen Humanisierungsprozeß der Gesellschaft in
Gang setzen wollte.1974 starb Kästner in München, ohne sein Ziel erreicht zu
haben."
Die Entwicklung der Menschheit
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.
Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
Kurzgefasster Lebenslauf
Wer nicht zur Welt kommt, hat nicht viel verloren.
Er sitzt im All auf einem Baum und lacht.
Ich wurde seinerzeit als Kind geboren,
eh ich's gedacht.
Die Schule, wo ich viel vergessen habe,
bestritt seitdem den grössten Teil der Zeit.
Ich war ein patentierter Musterknabe.
Wie kam das bloss? Es tut mir jetzt noch leid.
Dann gab es Weltkrieg, statt der grossen Ferien.
Ich trieb es mit der Fussartillerie.
Dem Globus lief das Blut aus den Arterien.
Ich lebte weiter. Fragen Sie nicht, wie.
Bis dann die Inflation und Leipzig kamen;
Mit Kant und Gotisch, Börse und Büro,
mit Kunst und Politik und jungen Damen.
Und sonntags regnete es sowieso.
Nun bin ich zirka 31 Jahre
Und habe eine kleine Versfabrik.
Ach, an den Schläfen blühn schon graue Haare,
Und meine Freunde werden langsam dick.
Ich setze mich gerne zwischen Stühle.
Ich säge an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Ich gehe durch die Gärten der Gefühle,
die tot sind, und bepflanze sie mit Witzen.
Auch ich muss meinen Rucksack selber tragen!
Der Rucksack wächst. Der Rücken wird nicht breiter
Zusammenfassend lässt sich etwas sagen:
Ich kam zur Welt und lebe trotzdem weiter.