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Ein Gespräch um Armut und Krankheit (I): Familie G. in Lachapelles, Haiti
"Wie können wir unser Erspartes unberührt lassen und zusehen, wie das Kind stirbt?"
Darilia-Baptisse G. (Grossmutter): Ich heisse Darilia. Ich kann nicht sagen, wie alt ich bin. Ich weiss nicht, wie man die Monate zählt. Ich hatte einen Mann. Wir haben immer zusammen gearbeitet. Wir Frauen vom Land scheuen die Sonne nicht. Wir können sehr hart arbeiten. Mein Mann jätete auf der einen Seite des Feldes, ich auf der anderen. Jetzt muss ich ohne meinen Mann leben. Um essen zu können, jäte ich jetzt auch für andere Leute. Ich jäte Felder im Taglohn, um die Kinder durchzubringen.
Mein Sohn arbeitet auch auf dem Feld. Wenn das Essen knapp wird, brennt er Holzkohle. Manchmal jätet auch er für Landbesitzer. Das Geld, das er verdient, bringt er dann seiner Frau heim. Ich als Frau kann keine Holzkohle machen. Wenn ich eine Anstellung finde, jäte ich für Geld auf den Feldern. Einen Teil des Geldes schicke ich dann Rosematha. Sie ist im Escale.
Claudette-Charité G., 25 (Mutter): Das Kind hatte eine lang andauernde Grippe. Man sagt, dass sich diese Grippe wie der Mond verhält: Manchmal ist er voll, dann nimmt er wieder ab. Wir gingen ins Gesundheitszentrum von Lachapelles. Dort erhielt sie erhielt Medikamente. Nach vielen Konsultationen wurden wir an das Spital von Deschapelles überwiesen. Und das Spital hat uns dann für drei Monate ins Escale geschickt.
Hier schauen die Krankenschwestern sehr gut zu den Patienten. Sie geben ihnen Medikamente und regelmässig etwas zu essen. Der Kleine ist jetzt gut ernährt. Aber das Schlimme ist, wir wissen nicht, welche Krankheit er hat. Das grosse Kind hatte eine Kolik und eine Grippe mit Fieber, bevor wir hierher kamen.
Darilia-Baptisse G. (Grossmutter): Ich glaube, die Kinder leiden an derselben Krankheit wie ihr Grossvater. Ich sehe bei ihnen dieselben Symptome. Die Kinder husten und magern ab. Ich denke, das ist dieselbe Krankheit.
Claudette-Charité G., 25 (Mutter): Ihr Grossvater war auch krank. Das erste Mal erholte er sich noch, ohne zum Gesundheitsposten zu gehen. Das zweite Mal mussten wir ihn sofort ins Gesundheitszentrum von Lachapelles transportieren. Von da schickte man ihn ins Albert Schweitzer-Spital. Aber es war bereits zu spät. Er starb noch auf dem Weg ins Spital. Er starb am Husten. Und er hat auch noch die Kinder angesteckt. Das war im März.
Wir wussten nichts von dieser Krankheit. Erst im Gesundheitszentrum von Lachapelles erfuhren wir, dass der Grossvater Tuberkulose hatte. Aber es war schon zu spät für eine Behandlung. Er starb an Tuberkulose. Scheinbar stecken satanische Kräfte hinter der Erkrankung. Deshalb haben wir so spät erfahren, welche Krankheit er hatte.
Die Behandlung hier ist sehr teuer. Aber auf gar keinen Fall darf ein Kind von uns sterben. Wie könnten wir unser wenig Erspartes unberührt lassen und zusehen, wie das Kind stirbt? Wir mussten es ins Spital bringen, um sein Leben zu retten.
Wir wissen, wie wichtig es ist, gut für die Kinder zu sorgen. Aber für drei Mahlzeiten pro Tag haben wir leider einfach nicht genügend Geld. Aber so müsste es doch sein! Genügend Essen und Trinken, morgens und auch nachmittags. Das braucht es, damit ein Kind gesund bleibt. Da ich nicht genügend zu essen habe, gebe ich ihm das wenige, das ich habe. Und das muss dem Kind reichen.
Dieses Jahr haben wir nichts angepflanzt. Der Schwiegervater erkrankte schwer. Als er im Sterben lag, hätten wir eigentlich arbeiten müssen. Aber es hat uns davon abgehalten, die Felder für die Saison zu bestellen. Und jetzt machen mein Mann und seine Mutter ein Hin und Her, aber sie haben bisher fast keine Arbeit gefunden.
Darius G., 27 (Vater): Ja, manchmal haben wir etwas zu essen, manchmal gibt es eben nichts. Wenn wir nichts mehr haben, müssen wir Geld besorgen, um auf dem Markt Essen zu kaufen.
Mein Bruder macht dieselbe Arbeit wie ich. Wir arbeiten beide auf den Feldern. Keiner von uns hatte die Chance, zur Schule zu gehen oder einen Beruf zu erlernen. Wir pflanzen den Mais selber an. Wir lassen ihn trocknen, danach wird er gemahlen. Das Maismehl verwenden wir am Morgen. Abends essen wir Maisbrei.
Manchmal haben wir weder Essen noch Geld. Dann müssen wir Arbeit bei den grossen Landbesitzern suchen. Nur so können wir die Familie durchbringen. Oder wenn unser Nachbar gerade Mais erntet, helfen wir ihm dabei. Und kriegen ein Bisschen Mais. Oder wir leihen bei ihm zwei Töpfe Mais aus. Wir geben sie ihm dann nach unserer Ernte zurück.
Wenn unsere Vorräte knapp werden, schauen wir, dass zumindest die Kinder genug bekommen. Wir Erwachsene können Hunger besser ertragen als die Kinder.
Claudette-Charité G., 25 (Mutter): Hier geht es mir viel besser als zu Hause. Vor allem, weil die Kinder hier gut gepflegt werden. Weil sie hier zu essen und zu trinken bekommen, bin ich gerne hier.
Darius G., 27 (Vater): Das Leben ist schon viel schwieriger geworden. Ich kann sie nur alle zwei bis drei Wochen besuchen gehen. Das Bisschen, das ich habe, bringe ich ihnen mit. Manchmal kann ich ein wenig Geld bringen, und manchmal bringe ich Früchte vom Feld. Ich arbeite, so viel ich kann.
Darilia-Baptisse G. (Grossmutter): Ich wünschte, sie hätten ein besseres Leben. Es gefällt mir nicht, wie sie jetzt leben müssen.
Darius G., 27 (Vater): Ich kann weder lesen noch schreiben. Daher werde ich wohl nie eine gut bezahlte Anstellung finden. Aber so lange ich gesund bin, arbeite ich mit meinen Händen. Ich arbeite, damit ich meine Kinder irgendwann in die Schule schicken kann. Sie müssen nicht in eine höhere Schule. Aber sie sollten wenigstens ihre Namen schreiben können.
Darilia-Baptisse G. (Grossmutter): Nun ja, ich bin eine Frau. Ich kann einzig mit meinem Messer auf dem Feld arbeiten, um ein wenig Geld zu verdienen. Ich habe keine andere Wahl. Die Arbeit auf dem Feld ist das Einzige, womit ich das Leben dieser Kinder verbessern könnte.
Transkript des am Symposium vom 3. November 2004 gezeigten Filmporträts „Armut und Gesundheit“. Das Gespräch mit der Familie G. führten Chandon Chattopadhyay vom Verein Partnerschaft Kinderspitäler Biel-Haiti und der Filmemacher René Schraner. Wir danken Chandon Chattopadhyay und René Schraner, der Familie G., dem Verein Partnerschaft Kinderspitäler Biel-Haiti und allen anderen an dieser Filmproduktion Beteiligten für die angenehme und ergiebige Zusammenarbeit.