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Kopie der Zeitung "Mennonitische Rundschau" vom 11. Juli 1923, Seiten 7-9. (gotisch) von Elena Klassen.
Bericht über die Sachlage der Mennoniten – Kolonien in Turkestan (Mittelasien)
Um den Leser ein klares Bild über die Lage der Mennonitenkolonien Turkestans zugeben, muß ich in die Vergangenheit zurückgreifen, und nämlich in die Zeit des Entstehens derselben in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.
1922.
Viele Hindernisse mußten von den kleinen Kolonien überwältigt werden, bis die Wirtschaftslage eine mehr oder weniger erträglicher wurde. Der feste Boden, der ohne Dünger und künstliche Bewässerung keine Ernte gibt, mußte mit großer Mühe bearbeitet werden, und so gelang es, im Verlaufe der Zeit, einen Teil des den Dörfern zugeschnittenen Bodens zu einem blühenden Eilande (veraltete Bezeichnung für eine Insel – E.K.) umzugestalten, und wäre der Viehbestand größer gewesen, so würde dies wohl von der ganzen Landfläche zu sagen sein.
Viel zur Hebung der ökonomischen Wirtschaftslage der Kolonien in der ersten Zeit ihrer Existenz, trugen die Gaben der amerikanischen Brüder bei, wofür ihnen der Dank nie vergessen werden wird.
Die Kolonien wurden von ca. 100 Familien gegründet, welche gegenwärtig ungefähr 300 Familien zählt. Für die heranwachsende Generation machte sich immer mehr und mehr die Notwendigkeit von Landzuschnitt geltend, doch bis heutzutage haben die Kolonien dies nicht erlebt.
Es wurden Versuche gemacht, neue Kolonien zu gründen, doch diese konnten sich nicht zur Selbstständigkeit aufschwingen und auch nicht erhalten, letzteres ist dem feindlichen Verhalten der einheimischen Bevölkerung (Kirgisen) zuzuschreiben, und jetzt ist in der kleinen Kolonie am Tschu kein mennonit mehr wohnhaft.
Die Zeit verlief und die Kolonien erreichten ihren Höhepunkt des Aufblühens, der wohl in die Jahre 1913 und 1914 fällt. Mit dem Ausbruche des großen Weltkrieges trat für die Kolonien eine traurige Zeitperiode ein, und der ruinierende Verfall der wirtschaftlich – ökonomischen Lage nahm seinen Anfang. Massenhafte gesetzliche und ungesetzliche Mobilisationen von Pferden versetzten der Wirtschaftslage einen herben Schlag, und in vielen Wirtschaften, wo 10 bis 15 Pferde gehalten wurden, ging die Zahl herab bis auf 5-6, und als der große Tag des Umsturzes im ganzen Reiche kam, waren die Kolonien sichtlich ärmer als bei Kriegsanfang im Jahre 1914.
Doch alles Vorherige war nur der Not Anfang. Das Jahr 1917 brachte zu all den äußeren Unruhen, noch eine große Dürre mit sich. Winters war kein Schnee, im Frühlinge kein Regen, und die Bergströme, die uns das Wasser zur Bewässerung im Sommer bringen sollten, waren zu wasserarm, sodaß von einer Ernte in dem Jahre garnicht zu sprechenist. Im Jahre 1918 konnte nur wenig ausgesät werden, weil nicht Samen vorhanden war. Bei vielen Leuten, besonders unter den Kirgisen, mangelte es dermaßen an Brot, daß viele von letzteren einen schrecklichen Hungertod fanden. Hier galt es für die Kolonien „Nächstenliebe beweisen“, und so wurden Küchen eingerichtet, wo täglich ca. 300 hungernde Kirgisen unentgeltlich ein heißes Mittag fanden. Unter Mennoniten ist kein Fall eines Hungerstodes zu verzeichnen, während unter den Kirgisen in vielen Gegenden 2/3 der Bevölkerung ausgestorben ist.
In die Jahre 1918 und 1919 fällt auch die Mobilisation der besten Pferde (Zuchtpferde), 67 an der Zahl, durchgeführt von Abenteuern „Murawjew, Pawlow und Dobrowoßky“ wöfür keine Zahlung erfolgte.
Am 17. Juli 1919 wurden die ersten 48 Jünglinge und junge Männer mobilisiert und somit ein beträchtlicher Teil der besten Arbeitskräfte den Kolonien enthoben und nach Fergana (Usbekistan – E.K.) in die rote Armee eingereiht, wo sie jedoch nur wirtschaftliche Dienste trugen. Weitere Mobilisationen hoben noch weitere 63 Mann aus, welche teilweise nach Samarkand, teilweise auch Aulie-Ata kamen.
Um die Mobilisierten in die Heimat zu bringen, wurde mit den Kriegsbehörden ein Kontrakt geschlossen, laut welchen die Kolonien gegen geringe Preise alle Erzeugnisse an Käse und Butter abliefern mußten, wofür die Mobilisierten als Spezialisten und Arbeitskraft in die Molkereien abkommendiert wurden.
Gegenwärtig stehen noch 38 Jünglinge im Dienste.
Die Raswerstka (Getreideenthebung) im Jahre 1920-21 hatte zur Folge, daß im Jahre 1921 nur wenig ausgesät werden konnte, und somit war für den kommenden Winter auch nicht auf Brotüberfluß zu rechnen. Von 95 Höfen wurden 25.000 Pud Weizen und 2000 Pud Hafer gefordert und auch geschüttet, sodaß viele Bauern auch die Saat hergeben mußten. Die Aussaat im Jahre 1921 war daher im Verhältnis zur Aussaat früherer Jahre nur sehr gering. Doch die Naturalsteuer 1921-1922 war erträglich für die Bauern, da, der bebauten Bodenfläche entsprechend, Weizen, Hafer, Gerste, Klee usw. geliefert werden mußten, und zu dem war ein Produkt, nach entsprechender Norm, mit einem andern zu ersetzen.
In üble Lagen wurden die Kolonien durch die uns zugeschickten Lehrer, die ihrem Berufe nach keine Pädagogen waren, gesetzt, welche oft ganz unbegründete Areste vornahmen und so wurden auch unsere mennonitischen Lehrer, als ihrer Stellung nicht entsprechende, von der örtlichen kommunistischen Zelle, deren Mitglieder jene waren, zur Ansiedlung verurteilt. Letzteres wurde jedoch nicht so durchgeführt, als es wohl Beschluß der deutschen Sektion bei der R.K.P.T., die sich auch in die Sachen der Mennoniten einzumischen berechtigt glaubte, war, und gegenwärtig sind wieder unsere mennonitischen Lehrer in den Schulen tätig.
Im Winter des verflossenen Jahres kamen in unsere Kolonien viele Hungernde aus den Hungergebieten, Gouv. Samara und Saratow, die laut Vorschriften der kommunistischen Zelle, die sich ganz und gar in die administrativen Sachen des Bezirkes mischte, und wo die Lehrer als Vorsitzende des revolutionären Bezirkskomitees und andere auftraten, vollständig unterhalten werden, und dies hatte zur Folge, daß im Frühlinge 1922 viel weniger Weizen gesät werden konnte, als wohl gesät worden wäre, da viele Bauern, den zur Aussaat bestimmten Brotvorrat aufopfern mußten, um die Nichtstuer zu unterhalten, und die Aussaat des Jahres 1922 gleicht ungefähr 15% der Aussaat früherer Jahre.
Doch das Schwerste ist jetzt vor der Tür, dieses ist die überaus hohe Naturalsteuer des laufenden Jahres. Die Durchschnitternte wurden von den Behörden Turkestans auf 75 Pud von der Desjatine abgeschätzt und das in der Zeit, wo das Korngetreide in den Kolonien nur erst Aehren ausschlug. Die Aussichten ließen auf eine gute Ernte hoffen, doch unzeitlicher Regen während der Blütezeit schlug die Blüte ab und brachte viel Mehltau mit, was die Folge hatte, daß viele Aehren leer waren und der Ernteertrag schwankte zwischen 6-30 Pud von der Desjatine, und eine Mittelernte könnte auf 20 Pud gesetzt werden.
Die Besteuerung steigert sich, je nach der Desjatinenzahl von 11 Pud 20 Pfund bis auf 17 Pud 20 Pfund von der Desj., und dies auf alle Kulturen Weizen, Hafer, Gerste, Klee und Gemüse, in Weizen gefordert, was bei der totalen Mißernte recht traurige Bilder gibt. Zum Beispiel – N.N. hat wegen Mangel an Weizen nur 2 Desj. mit Weizen besäen können, hat 3 Desj. Hafer und 5 ½ Desj. Klee, sollte 183 P. 30 Pfund liefern, wovon 10% Prozent nachgelassen wurden, bleibt zu liefern 165 Pud 15 Pfund. Von dieser Summe sind 20% mit Hafer auszutauschen, was folgende Ziffern gibt: 132 Pud Weizen und gegen 33 Pud 15 Pfund Weizen, 50 Pud Hafer, hat von 2 Desj. Weizen nur 45 Pud geerntet, muß also seinen ganzen Ernteertrag an Weizen liefern und zudem noch, um die aufgelegte Steuer einzubringen 87 Pud Weizen kaufen, und für Brot und Saat fürs kommende Jahr ist noch gar keine Aussicht.
Folgende Statistik gibt eine klare Uebersicht über die Brotverhältnisse im Bezirke: Die gesamte Ernte des Bezirkes 18.410 Pud; 80% der Steuer, die in Weizen geliefert werden soll 14.408 Pud; Rest nach Ausfüllung der Steuer 4002 Pud; Die Seelenzahl 2254; Bleibt auf jede Person 1 Pud 31 Pf.; Ist notwendig auf jede Person zu Brot und zur Saat 1923 12 Pfund Brot 6 Pf. Saat, macht 18 Pfund a.d. Seele; Fehlt zum Winter 1922 und zur Aussaat im Jahre 1923 35.570 Pud.
Die Lage der Kolonien ist höchst traurig und wenn nicht schnelle und tüchtige Hilfe von außen kommt, so sind sie dem Hunger preisgegeben.
Zu alledem kommt noch das unfreundschaftliche Verhalten der einheimischen Bevölkerung den Europäern gegenüber und dieses zwingt uns Auswege zu suchen, denn die Existenz der Kolonien ist unmöglich und ein Emporschwingen ausgeschlossen und daher macht sich mehr und mehr die Auswanderungsluft geltend, und eine Massenauswanderung in der nächsten Zukunft ist nicht ausgeschlossen. Und unsere Blicke aus Turkestan sind ins Ausland gerichtet von wo auch wir Hilfe in dieser sehr schweren Zeit erwarten, und in der Hoffnung auf warme und rege Teilnahme der Brüder an dem Schicksale der Mennoniten Turkestans senden wir unsern unsern herzlichsten Dank.
H.Janzen