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Früher war es unanständig, wenn eine Frau Gelüste hatte: Wenn sie etwa ganz fest Lust auf Süsses hatte oder einen Mann begehrte. So etwas durfte sie auf keinen Fall zeigen. Man hätte sonst schlecht über sie geredet. Darum mussten Frauen darauf achten, dass sie ja auf nichts Lust hatten, oder wenn, dann nur heimlich.
Aber böse Leute finden immer einen Grund, um dummes Zeug zu schwatzen. Sie dachten sich im 16. Jahrhundert folgenden Unsinn aus: Jedes Mal, wenn eine schwangere Frau eine Lust hatte, die sie nicht befriedigen konnte, wuchs ein Fleck auf der Haut ihres Kindes. Kam dieses dann zur Welt, verrieten diese Zeichen die Unsittlichkeit der Mutter. Man nannte sie Muttermale, weil das damalige Wort «māl» so viel bedeutete wie Flecken oder Zeichen. Es gibt auch Wörterbücher, die es mit dem althochdeutschen Wort «meil» in Verbindung bringen: Das bedeutet Makel.
So gesehen würde ein «Mal» für einen Fehler der Mutter stehen und hätte nichts mit dem Vater zu tun. Im Wort scheint daher eine gewisse Abfälligkeit gegenüber Frauen mitzuschwingen.
Inzwischen hat die Mode etwas anderes daraus gemacht: Sie bestimmt, wie eine Frau auszusehen hat, damit sie als schön gilt. Sie hat das Muttermal in unserer Zeit zum «Schönheitsflecken» erkoren. Allerdings nur bei Frauen. Und nur, wenn es genau an der richtigen Stelle sitzt – nämlich etwa auf der Wange oder am Kinn.
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