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Der Verleger und der Schriftsteller sind sich partout nicht einig. Alain, der ein Pariser Verlagshaus leitet, weiss, dass sich die Zeiten ändern. Das literarische Leben findet immer weniger in Papierform und zunehmend im Internet statt, die Leute schreiben qua sozialer Medien mehr als früher, aber lesen weniger Bücher. Das digitale Zeitalter stellt die Buchbranche vor die Aufgabe, sich neu zu erfinden. Was Léonard betrifft, den Schriftsteller, so ist dem dieser Wandel herzlich egal, die Polemiken, die über sein letztes Buch auf literarischen Blogs entbrannt sind, interessieren ihn wenig, und überhaupt hat er den Eindruck, dass die digitale Revolution «das Verhältnis zur Kunst» untergrabe. Der Mann ist Künstler, die narzisstischen Stimmen im Internet sind ihm ein Graus, er sucht nach «Radikalität». Alain weist ihn darauf hin, dass auch seine «Radikalität» nichts weiter als Narzissmus sei und abgesehen davon ein Verkaufsargument auf dem Buchmarkt. Léonard ist Idealist, Alain ist Realist. Dann gehen sie zum Mittagessen.
Alain und Léonard sitzen im Restaurant, sie bestellen, es geht um Frauen und Exfrauen, um Léonards alte Bücher, die in Alains Verlag erschienen sind, und schliesslich um Léonards neues Manuskript. Das Entscheidende, was nun beim Mittagessen passiert und den ganzen neuen Film von Olivier Assayas auszeichnet, ist Folgendes: Die Konversation wird fortgesetzt. Nach dem Treffen im Büro beim Déjeuner, bei einem Drink an der Hotelbar, einem Abendessen unter Freunden. Man ist niemals am Ende. Nicht mit der intellektuellen Debatte über die krisenhaften Folgen der Digitalisierung für den Buchmarkt, die in diesem Film von allen möglichen Positionen aus immer und immer wieder neu aufgegriffen wird; nicht mit dem ewigen Gespräch der Figuren über sich selbst, also darüber, ob man Beziehungen oder Jobs weiter-führen oder aufgeben solle.
Und Léonards neues Manuskript, soll Alain es drucken oder nicht? Da schon sein letztes Buch mit dem Titel «Les adieux à voix basses» in Alains Worten eher ein «worst seller» gewesen ist und das neue Manuskript wie eine Fortführung wirkt, anstatt an den Ton vergangener Erfolge anzuknüpfen, wird Alain das Manuskript ablehnen. Es trägt den Titel «Point final».
Kunst in der Krise – darum geht es oft bei Assayas. L’heure d’été handelte vom Transfer eines wertvollen Familienerbes ins Museum, wobei gezweifelt wird, ob die Besucher_innen den wahren Wert der Erbstücke überhaupt erkennen können. In Sils Maria soll eine Schauspielerin (Juliette Binoche, die in Doubles vies Alains Frau spielt) noch einmal in dem Theaterstück auftreten, das sie einst berühmt gemacht hatte, wobei sie feststellen muss, dass sich die Zeiten geändert haben, und nicht zum Besseren. Immer wieder gibt es diese Figuren bei Assayas, die zu Erb_innen und Gralshüter_innen einer Kunst werden, die dabei ist, vom Gang der Dinge, von Kommerz, Pop oder den Massen entwertet zu werden. Im Fall von Doubles vies ist es die Digitalisierung, die dem Buchmarkt eine nicht gerade rosige Zukunft bescheidet. Man kann darüber spekulieren, ob es nicht Assayas’ Kulturpessimismus ist, aufgrund dessen ihn viele als Prototypen eines Autorenkinos französischer Provenienz bejubeln: Bezieht man den beklagten Niedergang der Kunst auf das Autorenkino im Geist der Nouvelle Vague, die das Kino einst zur modernen Kunstform erhoben hat, dann stellt sich Assayas als ihr letzter legitimer Erbe dar, der den wahren Wert der Filmkunst noch zu schätzen weiss. Was ein bisschen narzisstisch wäre. Aber, wie Alain anfangs zu Léonard sagt: Sind wir das nicht alle?
Abgesehen davon besteht der Kern von Assayas’ Filmen nicht einfach im epigonalen Bewusstsein, zu einem Ende von etwas zu kommen, sondern im ewigen Weitergehen. «Point final» ist nicht das «letzte» Buch, und es wird im Film dann doch noch irgendwann gedruckt werden. Das Fortsetzen der Konversationen dient dazu, das Spiel am Laufen zu halten – wenn man auch ahnt, dass es möglicherweise längst vorbei ist, so kann man immer noch ein Thema daraus machen («der digitale Wandel des Buchmarkts») und dieses weiter und weiter besprechen. Weswegen Assayas ein Filmemacher ist, der sich weniger durch seine Arbeit an filmischen Formen auszeichnet als durch seine Auseinander-setzung mit Themen.
Inmitten der Debatte im Film geht es dem Regisseur darum, eine Mitte zu finden: zwischen dem Radikalo Léonard und dem Realo Alain, zwischen dem Anspruch, ein radikaler Künstler zu sein, und dem Wissen, sich verkaufen zu müssen, zwischen dem Wunsch, den Wandel zu beklagen, und dem Wunsch, mit ihm zu gehen, von ihm zu profitieren. Doubles vies ist auch der Versuch, sich über eine kompromisslose künstlerische Radikalität lustig zu machen, sie (fast) aufzugeben, weswegen sich der Film stilistisch von jeder anderen x-beliebigen französischen Komödie kaum unterscheidet. Will man unter solchen Umständen ein authentischer Künstler bleiben, dann ist die Lösung aufseiten Alains zu finden. In Zeiten des Niedergangs der Kunst ist dasjenige, was einen zum Künstler macht, die eigene Luzidität, mit der man dem Niedergang begegnet: zu wissen, dass es vorbei ist, es zu sagen und dabei überlegen und luzide zu lächeln. Das Lächeln der Mona Lisa findet man in den Zeiten von Doubles vies auf dem Gesicht von Guillaume Canet. Und er lächelt in diesem Film wirklich oft.
Die entscheidende Figur in Assayas’ Film ist aber nicht Alain, sondern Laure, eine junge Frau, die für die Digitalisierung des Verlags zuständig ist und mit der Alain eine Affäre hat. Ihre Erneuerungsvorschläge (etwa: Romane als Textnachrichten auf dem Handy zu veröffentlichen) machen deutlich, dass Alain nicht annähernd das Ausmass der Veränderungen abschätzen kann, auf die seine Branche zusteuert. Laure, gespielt von Christa Théret, das ist die Zukunft, die sich in der Gegenwart schon breitgemacht hat, das ist die Realität eines Wandels, der nicht aufzuhalten ist. In Sils Maria hatte Kristen Stewart eine ähnliche Verkünderin von Veränderungen gespielt, gegen welche die von Binoche gespielte alternde Schauspielerin nicht mehr ankommen konnte. Und ebenso wie sich in Sils Maria Stewart wortwörtlich in Luft auflöste, so verschwindet auch Théret irgendwann aus Doubles vies, um weiterzuziehen, nach London, wo sie für eine grosse Mediengruppe arbeiten wird – Alain wird wieder mit seiner Frau zusammen sein, gespielt von Binoche, deren Assistentin Stewart in Sils Maria war. Es sind diese jungen Frauen, die Assayas verschwinden lassen muss. Weil sie ihm zu nah an der Gegenwart dran sind oder sich längst zu weit in die Zukunft entfernt haben, während Assayas und Alain noch in ihr schwelgen wie im Wissen über einen Wandel, der sie längst hinter sich zurückgelassen hat.
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