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Es ist spät, und ich kann nicht schlafen. Ich schiebe ein Fenster hoch, um etwas Palo-Alto-Frühlingsluft hereinzulassen, doch auch das hilft nicht. Mit offenen Augen im Bett liegend höre ich ein Flüstern, was mich an den Präsidenten denken lässt, weil wir oft im Flüsterton miteinander sprechen. Ich weiss, dass das Flüstern nur von meiner Frau stammt, Charlotte, die die ganze Nacht lang Nirvana über ihre Kopfhörer hört und die Texte im Schlaf mitmurmelt. Charlotte hat ihr eigenes Bett, ein elektrisch gesteuertes Klinikbett.
Ja, den Präsidenten flüstern zu hören ist gruselig, weil er seit genau jetzt schon drei Monaten tot ist. Noch gruseliger ist es, wenn ich die Augen schliesse: Dann sehe ich nämlich meine Frau vor mir, die Selbstmord begeht. Beziehungsweise das versucht, sie ist nämlich von den Schultern abwärts gelähmt. Die Lähmung ist vorübergehend, aber viel Glück beim Versuch, Charlotte davon zu überzeugen! Sie hat heute auf der Seite geschlafen, damit die wundgelegenen Stellen nicht schlimmer werden, und das Geländer neben der Matratze auf so eine Art angestarrt. Das Bett steuert sie mit der Stimme, wenn sie also ihren Kopf irgendwie zwischen die Stäbe des Sicherheitsgitters bekäme, bräuchte sie nur noch «hoch» zu sagen. Hätte sich das Bett erst einmal in Bewegung gesetzt, wäre sie in Sekundenschnelle erstickt. Auch die Schlaufe im Kabel des Hoyer-Lifters, mit dem sie aus dem Bett hinaus- und wieder hineingehoben wird, starrt sie so ähnlich an.
Was einen wirklich nachts wachhalten kann, ist der Gedanke, dass sie gar keine exotische Ausstiegsstrategie braucht, nicht, wenn sie dir das Versprechen abgeknöpft hat, dass du ihr helfen wirst, wenn es so weit ist.
Ich stehe auf und trete an ihr Bett, aber sie hört noch gar nicht Nirvana – das hebt sie sich meist für die Augenblicke auf, in denen sie es am dringendsten braucht, nach Mitternacht, wenn ihre Nerven richtig zu knistern anfangen.
«Ich hatte das Gefühl, ich hätte etwas gehört», sage ich zu ihr, «eine Art Flüstern.»
Kurz abgeschnittene Haare umranden ihr abgehärmtes Gesicht, ihre Haut ist weiss wie Kühlschranklicht.
«Ich habe es auch gehört», sagt sie.
In den Monaten zwei, vier und sieben hat sie sehr viel und heftig geweint – ich kann dir sagen, hilfloser kann man sich als Mann nicht fühlen. Aber die Phase seitdem ist noch schwerer zu ertragen: Ihre Augen sind weit aufgerissen, keine Regung ist ihnen abzulesen, und man weiss nicht, was sie denkt. Als ob sie Dinge betrachten würde, die nicht in diesem Zimmer sind.
In der Metallschale liegt neben ihrer sprachgesteuerten Fernbedienung ein halb gerauchter Joint. Den zünde ich ihr an und halte ihn an ihre Lippen.
«Und wie ist das Wetter da drin?», frage ich.
«Windig», sagt sie, als sie den Rauch ausatmet.
Windig ist besser als Hagel oder Blitz oder, Gott bewahre, Hochwasser, das Gefühl, das sie hatte, als ihre Lungenfunktion wieder einsetzte. Aber Wind ist nicht gleich Wind.
Ich frage: «Windig wie das Wispern im Fliegengitter oder windig wie das Rattern von Klappläden?»
«Eine starke Bö, die wirbelt und zischt wie ein Mikrophon im Wind.»
Sie raucht. Charlotte will nicht bekifft sein, aber es beruhigt ihr Inneres, sagt sie. Sie hat das Guillain-Barré-Syndrom, eine Krankheit, bei der das Immunsystem die Leitbahnen der eigenen Nerven angreift, und wenn das Gehirn Signale an den Körper schickt, dann verenden die elektrischen Impulse irgendwo, bevor sie bei den Muskeln ankommen. Eine Milliarde Nerven in ihr senden Impulse aus, die überall und nirgendwo verglühen. Das ist jetzt der neunte Monat und am Rand des medizinisch bisher Beschriebenen. Ein Zustand, in dem die Ärzte sich nicht mehr befähigt fühlen, uns zu sagen, ob Charlottes Nervenfunktionen wiederhergestellt werden oder…