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Milano a piedi
Und doch entsteht auch heute jedes Mal dieses Gefühl der Erhabenheit, angesichts der monumentalen Bahnhofshalle, die 1931 als Nuova Stazione F. S. eröffnet wurde. In ihrer Wirkung oszilliert sie zwischen pompöser königlicher Gemäldegalerie und zu gross geratenem Schlossportikus. Aber die Mailänder Stazione Centrale ist unbestritten einer der schönsten Kopfbahnhöfe Europas. Das ursprüngliche Projekt für einen neuen Zentralbahnhof stammt aus dem Jahr 1912 aus der Feder des italienischen Architekten Ulisse Stacchini. Sein Vorbild war die Union Station in Washington. Stacchini realisierte auch das San-Siro-Stadion, auch heute noch eine Mailänder Verheissung für Fussballfans. Das erste Spiel fand hier im Jahr 1926 zwischen AC Milan und Inter Mailand (3 : 6) statt. Die Weltwirtschaftskrise und der Erste Weltkrieg hingegen verzögerten die Fertigstellung des neuen Hauptbahnhofs. Die monumentale Vorhalle trägt faschistische Züge. Unsichtbar ist heute indes die schreckliche Berühmtheit von Gleis 21. Von hier aus wurden in den Jahren 1943 bis 1944 viele Juden in die Konzentrationslager deportiert. Jedes Jahr am 30. Januar wird an diesem Ort der Opfer gedacht.
«Il ragazzo della via Gluck»
Eigentlich heisst der Namenstifter der kleinen Strasse im städtebaulichen Wirkungsfeld des Mailänder Hauptbahnhofs Christoph Willibald Gluck. Doch viel berühmter als der Schöpfer der Oper «Orfeo und Euridice» (1762) ist im Zusammenhang mit diesem eher gesichtslosen Strässchen Adriano Celentanos Schlager «Il ragazzo della via Gluck» (1966). Wann immer im väterlichen Opel auf der italienischen Autostrada Celentano die Zeile «In una casa, fuori città» auf Kassette sang, sah ich vor meinem jungen geistigen Auge ein Haus auf dem Land. Dass die Anfang der 1960er-Jahre noch ländliche Via Gluck aber praktisch am Schienenstrang zum Mailänder Hauptbahnhof lag, entzog sich meiner Vorstellung. Bewusst wurde mir dies erst in der Auseinandersetzung mit der aktuellen Stadtentwicklung Mailands. Dass sich hier damals Wiesen und ein Naviglio befanden, wo Kinder Fussball spielten, sieht man im gepixelten Musikvideo, das sich auf Youtube streamen lässt. «Là dove c’era l’erba ora c’è. Una città. E quella casa. In mezzo al verde ormai. Dove sarà.» Als Celentano 1966 aber mit dem Song einen Hit landete, war Mailand bereits über den Stadtrand hinaus gewachsen wie ein flüssig quellender Pizzateig.
Porta Nuova
Die Schnittstellen zwischen historisch gewachsener Innenstadt und den Neubaugebieten der 1960er-Jahre sind zum Teil erkennbar, zum Teil haben sie sich verwischt. Präzis eingeschnitten ins Stadtgefüge hingegen ist der neue Stadtpark Parco Biblioteca degli Alberi, der im Oktober 2018 offiziell eingeweiht wurde und der an diesen ersten Frühlingstagen schon rege genutzt wird. Die Stadtverwaltung ist stolz auf diese neue grüne Lunge mit einem geplanten Bestand von 500 Bäumen und 150 000 Pflanzen, die eine Planstadt nachzeichnenden Fussgängerwege, die Spielplätze und Erholungszonen (sogar einen eingezäunten Hundespielplatz gibt es hier). Das Flanieren durch den Park eröffnet vor allem aber auch eine gute Gesamtschau über die Architekturleistungen der letzten Jahre in diesem Stadtentwicklungsgebiet, das anlässlich der Expo 2015 lanciert worden war. In gebührender Distanz liegt der Palazzo Lombardia (2015), die Landesregierungszentrale, erbaut von Pei Cobb Freed & Partners – ein Turm aus Stahlbeton und Glas, spannend in seinem Grundrisskonzept aus Kreissegmenten (pcf-p.com). In seiner architektonischen Wirkung setzt er allerdings eher das modernistische Erbe fort, als dass er einen neuen visuellen Bezugspunkt in der Stadt schafft oder gar in eine neue Zukunft weist. Auch Italiens grösster Wolkenkratzer, die Torre Unicredit (231 Meter) vom argentinischen Architekten César Pelli, bestehend aus drei Gebäuden, ist mehr Symbol für die globalen Machtverhältnisse als für einen zukunftsweisenden Städtebau. Der gläserne Wolkenkratzer bildet mit seiner «Nadelspitze» und den anderen Hochhäusern an der Porta Nuova die neue Skyline Mailands. Was einst die vergoldete, himmelwärts weisende Turmfigur auf dem Mailänder Dom war, ist heute die blinkende Turmspitze des grössten Mailänder Finanzinstituts. Schon beinahe bescheiden nehmen sich in diesem Kontext die beiden Wohntürme von Studio Boeri mit Stefano Boeri, Giovanni La Varra und Gianandrea Barreca aus: Wohl kaum ein Gebäude wurde im Zusammenhang mit nachhaltiger Architektur und vertikaler Begrünung in den letzten Jahren mehr abgebildet als die Zwillingstürme Bosco Verticale (2014). Der «vertikale» Wald aus Obst-, Laub- und Nadelbäumen sowie Hängeefeu und Rosmarinbüschen in den Betonscheiben aufliegenden Pflanztrögen sind zu einem ikonischen Bild für eine mögliche «grüne» Zukunft der Städte geworden. Bereits 2010 hat die holländische Trendforscherin Li Edelkoort vorausgesagt, dass Vertikalgrün bis zu Urban Farming im Hochhaus das Aussehen der Städte prägen wird: für Durchlüftung und Biodiversität, für Ernährung, fürs Gemüt. Noch ist es – mit Ausnahme von Singapur – noch nicht so weit. Die Wohntürme Bosco Verticale lassen aber exemplarisch erahnen, wie diese Zukunft vielleicht aussehen könnte, ganz unabhängig davon – wie Roland Züger in «Werk, Bauen und Wohnen» (wbw 3/2019) festhält –, dass die Nachhaltigkeitsbilanz der grünen Zwillingstürme in keiner Weise vorbildlich ist, unter anderem führen die «Flying Gardeners» zweimal jährlich per Helikopter einen Baumschnitt durch.
Kein Inseldasein mehr
Kürzlich verwies Matteo Thun in einem Interview auf die Frage, was neu in Mailand sei, auf das Isola-Quartier, das hinter dem Parco Biblioteca degli Alberi, den Bosco-Verticale-Türmen sowie der gleich daneben sich befindenden «Casa della Memoria» (2015) beginnt. Letztgenannter Neubau der Mailänder Architekten baukuh, in seiner kubischen Schlichtheit aus Sichtbackstein eher wie ein historisches Lagerhaus aussehend, beherbergt auf einer Gesamtfläche von 2500 Quadratmetern die Archive der fünf geschichtswissenschaftlichen Institutionen, die nun unter einem Dach zusammengeführt sind. Die subtile Fassadengestaltung, je nach Lichteinfall stärker oder weniger «sichtbar», besteht aus 19 auf Backsteine übertragenen Porträts Mailänder Bürger sowie historischen Szenen aus der jüngeren Stadtgeschichte. Auch hier begegnet man dem Thema der Deportationen während der faschistischen Diktatur wieder. Es wird aber auch die Befreiung von den Nazis dargestellt. Im Innern erschliessen sich die verschiedenen Archivgeschosse durch eine skulpturale Wendeltreppe in Gelb, die als Rückgrat gelesen werden kann.
Das Isola-Quartier selbst hat eine spannende Stadtgeschichte: Hier standen einst verschiedene Arbeitersiedlungen. In der Stadtkarte von 1930 – die den Auftakt zu diesem Heft bildet – findet sich noch das Villagio del Postelegrafonici oder das Villagio dei Ferrovieri. Auch einige bemerkenswerte Beispiele des Rationalismus sind hier zu finden, unter anderem die Casa Ghiringhelli (1933) oder die Casa Comolli Rustici (1935) von Giuseppe Terragni. Ab den 1990er-Jahren hat sich in Isola eine angesagte Clubkultur entwickelt. Mit der städtebaulichen Veränderung an der Porta Nuova scheint es der Stadt endgültig gelungen zu sein, die einstige «Insel» in die Stadt einzubinden.
Lieblingsquartier Brera
Um noch einmal auf den seit vielen Jahren in Mailand lebenden Südtiroler Architekten Matteo Thun zurückzukommen: Dessen Seele schlägt für «sein» Quartier Brera. Man erreicht das Lieblingsquartier vieler Mailänderinnen und Mailänder zu Fuss von der Porta Nuova über die Corsi Como und Garibaldi. An lauen Frühlingstagen sind hier die Strassencafés und -restaurants praktisch rund um die Uhr besetzt, die «Beimischung» von Modeboutiquen und Spezialitätenläden macht die Lebendigkeit dieses Quartiers mit seinen manchmal engen Gassen aus. Bevor man in den Corso Garibaldi einbiegt, sollte man zwei Orte nicht ausser Acht lassen: den Gourmettempel Eataly, das dreistöckige Warenhaus mit dem Besten, was Italien kulinarisch zu bieten hat, sowie den Sitz der Fondazione Feltrinelli (2016), das erste grössere Bauwerk von Herzog & de Meuron in Italien (siehe dazu Fundus S. 12). Das lang gestreckte Doppelgebäude, das durch seine horizontalen Betonauskragungen die Strassenflucht an diesem Ort der einstigen Stadtmauer besonders stark betont, lenkt zugleich den Blick auf den für Mailand typischen Strassenbelag mit seinen quadratischen Granitplatten. Altes und Neues, das historisch Verankerte, Bewahrte und Gewachsenes, Überschreibungen einstiger Stadtstrukturen und befremdend Neues: Auch auf kurzen Spaziergängen durch die Mailänder Innenstadt kann man allem begegnen. Das macht die Metropole – unabhängig von Design und Mode – architektonisch und städtebaulich höchst interessant. Mit Eröffnung des Ceneri-Basistunnels (geplante Inbetriebnahme Ende 2020) rückt Mailand zeitmässig dann auch noch näher an die Schweiz. Vorausgesetzt, dass bis dann auch die SBB mit zugelassener Höchstgeschwindigkeit durch die Poebene rauschen dürfen, was heute nach wie vor nicht der Fall ist.
Für Architekturinteressierte schlägt der «Architectural Guide Milan» (siehe Buchtipp) von DOM Publishers in englischer oder italienischer Sprache verschiedene mögliche Stadtwanderungen vor. Es lohnt sich immer wieder, die Stadt neu zu entdecken, in der von der wirtschaftlichen und politischen Bredouille, in der sich das Land des Stiefels befindet, nur am Rande – im Wort- und im übertragenen Sinne – etwas zu spüren ist. Auf Mailand und Umgebung konzentriert sich, so Insider, denn auch die italienische Bautätigkeit, während im Rest des Landes vieles auf die lange Bank geschoben wird.
Architectural Guide Milan
Mailand war schon seit dem frühen 20. Jahrhundert ein Laboratorium für neue architektonische Ideen. Der Architekturführer von Carlo Berizzi führt auf thematischen Stadtwanderungen durch die Metropole, die sich immer wieder neu erfindet.
ISBN 978-3-86922-396-4 CHF 49.90 (E)
dom-publishers.com