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In einem Essay über die Theologie der Sünde schreibe ich:
Eine der frühesten „Razzien“ der Aufklärung bestand in der Abschaffung des Sündenbegriffs bzw. der Verbannung aus einzelnen Lebensbereichen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mochte ein protestantischer Volksschullehrer in der Kirche den Begriff zwar oft hören, wurde aber in der beruflichen Welt gehalten, sich nicht mehr an ein solches Menschenbild zu halten. Der bahnbrechende Einfluss von J.-J. Rousseau (1712-1778) kommt uns in den Sinn, der die Sünde vom Wesen des Menschen in seine Umgebung verlagerte. Am Anfang des 21. Jahrhunderts treffen wir nochmals eine völlig andere Ausgangslage an. Der Sündenbegriff im Sinne einer Schuld, in welcher sich der Mensch ursprünglich vorfindet, ist auch aus der Kirche weitgehend entfernt. Die relationale Seite ist völlig umgedeutet worden: Entweder ist Sünde eine „tiefe Beziehungsstörung“. Noch individualistischer ist jedoch diese zeitgemäße Deutung: „Ich werde an meinem einzigen Leben schuldig, wenn ich nicht ein Optimum an persönlicher Erfüllung erreiche.“ (Michael Herbst. beziehungsweise: Grundlagen und Praxisfelder evangelischer Seelsorge. Neukirchener: Vluyn, 2013. S. 212.) Sünde ist Verfehlung an der optimalen Erfüllung.
… Wer predigt und lehrt heute über die Sünde und die Auswirkungen in unseren Ehen, Familien, Schulen, Arbeitsstätten? Ein zuverlässiger Gradmesser, wie klar diese Lehre verkündet wird, ist die Sonntagsschule. R. C. Sproul spricht von zwei Hauptbotschaften: „Du bist genial!“ und „Sei nett!“ Das haben wir sie: Die überzogene Zukunftshoffnung, die sich auf den Menschen abstützt. Auf ihn ist jedoch kein Verlass. Die meisten Menschen, welche diese Botschaft über Jahrzehnte inhaliert haben, werden entweder gleichgültig oder wenden sich vom christlichen Glauben ab. Da ist mir Alexander Solschenizyn lieber, der im Grauen des russischen Archipel Gulag zur Einsicht gelangte, dass er, wäre er auf der Seite der Lageraufseher gestanden, selber einer der tyrannischen Sorte geworden wäre. Setzen wir unsere Hoffnung besser auf den souveränen Gott und seine Gnade!
Eine Theologie der Sünde ist keine Spielerei von Theologen, sondern ein Muss für Christen, die sich mit der Lehre des Menschen auseinandersetzen. Damit sind also insbesondere Menschenarbeiter, also Sozialpädagogen, Psychologen und Therapeuten, Seelsorger, Lehrende aller Stufen angesprochen. Ich hoffe und bete, dass es aufgrund der momentanen Vernachlässigung der Lehre über die Sünde zu einer Wende kommt.