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Seit seinem ersten Film Celui au pasteur – Ma vision personelle des choses (2000) besteht Lionel Baier auf seiner «persönlichen Sicht der Dinge». Dabei drehen sich seine Werke vorzugsweise um seine eigene Person, seine Identität, seine Wurzeln. Nach seinen dokumentarischen Anfängen, in denen er sein Coming out thematisierte sowie die umstrittene Durchführung der Gay Pride im konservativen Waadtland (La parade, 2001), wandte er sich in seinem vielfach prämierten Garçon stupide (2004) erstmals dem Spielfilm zu und porträtierte exemplarisch schwule Selbstfindung am Beispiel des jungen Loïc. In seinem neusten Titel nun verschmilzt Baier Spiel- und Dokumentarfilm und nimmt seine eigene Geschichte (wieder) zum Ausgangspunkt für seine filmische Enquete. «Autofiktional» nennt und definiert er seine Arbeitsweise und tritt zur Veranschaulichung auch selbst als Figur in Aktion.
Die Ausgangssituation zeigt Protagonist «Lionel» in einem befriedeten Alltagseinerlei: Er lebt mit seinem Freund zusammen, arbeitet beim Radio, pflegt ein harmonisches Verhältnis zu seiner Familie. Doch innerlich scheint es zu brodeln, und er sucht geradezu nach einem Vorwand, um sein Umfeld zu brüskieren. So beginnt er, sich plötzlich für seine polnischenVorfahren zu interessieren (seinen Urgrossvater väterlicherseits), entdeckt in seinem Gesicht typisch slawische Züge und will eine Polin heiraten, um ihr eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen. Dabei quartiert er diese auch gleich bei sich ein und verweist seinen Freund kurzerhand in die zweite Reihe. Das Ganze eskaliert bei einem Familienpicknick, als Schwester Lucy sich mit Bruder Lionel im gestohlenen Auto davonmacht – «wie Diebe», was dem Film seinen Titel verlieh.
Die beiden fahren Richtung Osten – auf der Suche nach Abenteuer, nach Herausforderung und auch ein bisschen auf der Suche nach sich selbst. Dabei erweist sich Lucy durchaus als Komplizin: Sie ist nämlich schwanger und hat sich noch nicht entschieden, ob sie das Kind behalten will. So lassen die beiden die eintönige Landschaft an sich vorbeiziehen, landen im polnischen Shoppingcenter und im Überfluss des westlichen Kapitalismus, der das exkommunistische Land überschwemmt. Sie stranden in Auschwitz, in Warschau, werden zusammengeschlagen, beraubt, es folgt ein Techtelmechtel, eine Aussprache und schliesslich ein Zeichen des Himmels: Im Archiv treffen sie auf einen entfernten Angehörigen, der Licht ins Dunkel um den verschollenen Ahnen bringt.
In einem bemerkenswerten Genre-Mix entfaltet Comme les voleurs erst alle Charakteristika einer Familienkomödie, wird dann zum skurrilen Drama und endlich zum abenteuerlichen Roadmovie. Mit leichtfüssiger Nonchalance (und einiger Chuzpe, wenn es um die Grundregeln der Continuity geht) schafft es Baier, sein Publikum zu umgarnen – vor allem wenn die Geschichte mal ins buchstäbliche Rollen gekommen ist. Dies nicht zuletzt dank der bestechenden darstellerischen Leistung von Natacha Koutchoumov als Lucy, die bereits in Garçon stupide zu bewundern war. Bei allen Unebenheiten zeigt Comme les voleurs viel Mut, filmisches Neuland zu ergründen, und überzeugt vor allem durch die Lust des Filmemachers am Geschichtenerzählen, die förmlich mit Händen zu greifen ist.