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In seinem Buch „Forcing Chess Moves“ definiert Charles Hertan den zwingenden Zug so: „Ein zwingender Zug ist ein Zug, der die Möglichkeiten des Gegners einschränkt, indem er eine konkrete Drohung aufstellt, wie etwa Matt oder Materialgewinn.“ Na klar, werden Sie sagen. Aber ist das wirklich so selbstverständlich?
Der Durchschnittsspieler denkt nämlich ganz anders darüber: In der gängigen Auffassung ist ein zwingender Zug einer, der den Gegner zu einer ganz bestimmten Antwort zwingt. Hertan spricht im Gegensatz dazu nur vom „Einschränken der gegnerischen Optionen“ durch eine „konkrete Drohung.“ Das ist genau die Auffassung, die ich mit anderen Worten seit Jahren vertrete, genauer gesagt die Hälfte davon. Ich halte die Vermehrung der eigenen Optionen ebenfalls für ein Kriterium.
Hertans Buch beschäftigt sich mit Gewinnkombinationen und Gewinnstrategien. Da reduziert sich die Aussage tatsächlich auf das ‚Einschränken‘. Ich selber interessiere mich aber viel mehr dafür, welche Bedeutung Drohung und Zwang in ’normalen‘ Stellungen haben, und inwiefern sie ein Kriterium für die Zugwahl sind.
Ich – Er, Blitz 3+0, 20.1.2022
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.Db3 De7 8.O-O Sf6 9.Te1 O-O 10.La3 d6 11.e5 Te8 12.Sbd2 dxc3 13.exf6 Dxe1+ 14.Sxe1 cxd2 15.Lxf7+ Kf8 16.Lxe8 Kxe8 17.Dg8+ Kd7 18.f7 dxe1=D+ 19.Txe1 Lxe1 20.De8# 1-0
Diese Partie liegt mir am Herzen, weil ich in meinem Buch „Zwingende Züge“ über Evans‘ Gambit im 10. Zug eine Neuerung empfohlen habe, die aber vorher in Turnierpartien nur zweimal und seither nie angewandt wurde. In meiner Blitzdatenbank finden sich aus 6 Jahren rund 20 Partien damit, mit einer Gewinnquote von über 80%.
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.Db3
Schon Howard Staunton machte diesen Zug im Jahr 1854. Er galt aber gegenüber 7.O-O als minderwertig und geriet bald in Vergessenheit. Bis ihn Nigel Short in einer spektakulären Partie gegen Jeroen Piket an Kortschnois Geburtstagsturnier 2001 in Zürich salonfähig machte. Seither zeigt sich das Phänomen, dass ihn der Computer leicht favorisiert, Grossmeister und Meister praktisch nur diesen, aber schwächere Spieler durchs Band noch 7.O-O spielen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung im Blitz, wo meine Gegner überwiegend 7.O-O anwenden.
Vergleichen wir.
7.O-O droht nichts, ist aber ein Entwicklungszug und muss sowieso gemacht werden. Ein so genannter „Sowieso-Zug“. Weil er aber nichts droht, lässt er dem Schwarzen verschiedenste Optionen offen. 7…d3 oder 7…dxc3 wird Weiss mit 8.Db3 beantworten, danach ergibt sich eine Zugumstellung. Auf 7…Sge7 sollte Weiss hingegen entweder 8.cxd4 oder 8.Sg5 spielen und nach 7…Lb6 8.cxd4. Nach 7…Sf6 hingegen ist 8.Db3 nichts wert, weil Schwarz dann f7 mit der Rochade decken kann. Weiss sollte entweder 8.La3 d6 9.e5 oder 8.e5 d5 9.exf6 dxc4 10.fxg7 versuchen.
7.Db3 droht Lxf7+ mit Schach. Das schränkt die schwarzen Optionen ein und ist daher zwingend. Die Drohung muss mit entweder 7…De7 oder 7…Df6 respektiert werden. Auf beide folgt die nun notwendige Rochade.
Ja was nun? Wie gesagt favorisiert Stockfish 7.Db3. In der Statistik ist es in etwa ausgeglichen, aber lässt man die Partien des 19. Jahrhunderts weg, und berücksichtigt man nur Partien von Spielern mit 2200+ Elo, ist auch da 7.Db3 mit 54% gegenüber 43% Gewinnprozenten im Vorteil. Es steht 1-0 für den zwingenderen Zug.
7…De7
Dies und die Alternative 7…Df6 werden von Stockfish mit 0.00 gleich bewertet. In der Statistik schneidet hingegen 7…Df6 viel schlechter ab. Weshalb das so ist, ist nicht klar. Die Hauptvariante lautet 7…Df6 8.O-O Lb6 9.e5 Dg6 10.cxd4 Sa5 11.Db4 Sxc4 12.Dxc4 Se7 13.La3 aus besagter Partie Short-Piket von 2001. Schwarz ist unter Druck und kommt nicht leicht zur Rochade.
8.O-O Sf6
Der beliebteste Zug ist 8…Lb6, was den Bauern auf d4 deckt, und er wird auch von Stockfish favorisiert. Theoretisch ergibt sich nach 9.cxd4 eine lange Variante (9.cxd4 Sxd4 10.Sxd4 Lxd4 11.Sc3 Sf6 12.La3 d6 13.Tad1 Lxc3 14.Dxc3 De5 15.Dc1 mit theoretischem Ausgleich trotz der zwei Minusbauern), die aber in der Vergangenheit nie sachkundig gespielt wurde.
Auch statistisch sind keine Rückschlüsse mehr möglich, da es einfach zu wenige gespielte Partien gibt.
Dass 8…d6 ein Fehler ist, zeigt sich sowohl an der Bewertung als auch statistisch. Es lässt den Angriff 9.e5 zu, Nach Sxe5 10.Sxe5 fällt entweder f7 mit Schach oder der La5 geht nach einem Zwischenschach der weissen Dame verloren. Nach 9…dxe5 öffnet 10.cxd4 die Stellung mit entscheidendem Vorteil.
9.Te1
Es gab drei Optionen, 9.cxd4, 9.La3 und diesen Zug.
Damit kommen wir zur Härte der Drohung. 9.La3 ist zweifellos die härteste Drohung und es erzwingt 9…d6. Aber was dann? Der einzig vernünftige Zug ist jetzt 10.cxd4. Anders herum droht sofort 9.cxd4 vernichtend 10.e5 und Schwarz bleiben genau 2 Optionen, 9…Sxe4 und das Gegenspiel 9…Lb6 mit der Idee 10.e5 Sxd4 und rundherum hängt alles. Nach 11.Sxd4 Lxd4 12.exf6 Dxf6 fällt der Turm auf a1. Schwierig.
Das Verdikt ist klar. Härte ungleich Zwang. Die harte Drohung 9.La3 verpflichtet nach 9…d6 zu 10.cxd4 und reduziert so nur die weissen Möglichkeiten. Was aber nicht so offensichtlich ist, denn was ist mit dem nächsten Angriff 10.e5? Weiss hat leider nach 10…Sxe5 11. Sxe5 Dxe5 12.Lxf7+ nichts als zwei Bauern weniger, egal wohin der schwarze König geht. Das war übrigens eine meiner ersten schlechten Erfahrungen mit Evans‘ Gambit.
Laut Computer ist 9.cxd4 meinem 9.Te1 leicht vorzuziehen, was auch eine aktuelle Partie des Shootingstars Abdusattorov von 2021 belegt, in der der Junge die exquisite Vorbereitung (bis zum 19. Zug!) seines Gegners überwand.
Auch mein 9.Te1 muss aber beachtet werden, Er nimmt dem Gegner keine Option weg, denn im Prinzip hat er ja nur die Rochade. Aber er bringt 10.e5 wieder ins Spiel, was Schwarz nicht mehr verhindern kann, denn nach 9…d6 kommt erst recht 10.e5. Und Nach 9…Se5 10.Sxe5 Dxe5 11.cxd4 wird die schwarze Dame durch die Gegend gescheucht.
Aber halt! Schwarz hat einen Angriffszug, nämlich 9…b5. Nach 10.Lxb5 funktioniert 10…Se5, und 10.Dxb5 Tb8 macht das Spiel verrückt, nach 11.Dg5 h6 12.Dxg7 Tg8 13.Dxh6 wird es Remis durch Zugwiederholung, sagt der Computer.
Also ist 9.Te1 eine Spur weniger zwingend als 9.cxd4. 2:0 für den zwingenderen…
9…O-O 10.La3?!
Falsch. Ich hatte die Vorbereitung durcheinander gebracht. Diesmal führt es einfach zu einer Zugumstellung. Aber ich habe Schwarz damit eine Zusatzoption gegeben, die er nach dem korrekten 10.e5 nicht hatte, welche das war, erfahren Sie gleich. Wiederum war der zwingendere Zug der bessere, denn er nimmt dem Gegner eben diese Option weg.
10…d6 11.e5 Te8?
Die oben erwähnte Zusatzoption war das Figurenopfer 11…Lg4 12.exf6 Dxf6, was mir ebenfalls vor langer Zeit einmal widerfahren war. 13.Ld5 dxc3 14.Lxc6 bxc6, und hier stellte ich mit 15.Lb4 alles ein, weil ich 15.Da4 Lxf3 16.Dxa5 nicht mehr fand, was aber auch kaum zu halten gewesen wäre. 3:0 für die zwingenden Züge.
Hier konnte er mit 11…Sg4 12.exd6 Df6 13.Sbd2 dxc3 14.Se4 Df4 15.dxc7 in die korrekte Variante nach dem richtigen 10.e5 einlenken. Diese Zugfolge hätte ich wohl wieder auf die Reihe gekriegt.
12.Sbd2!
Die Drohung ist manchmal stärker als die Ausführung, das hat Nimzowitsch gesagt. Ich überlegte nicht lange an 12.exf6 Dxe1+ 13.Sxe1 Txe1+ 14.Lf1 dxc3. Dieser Zug droht 13.exf6 und gewinnt auf der Stelle. Der Springer kann wegen exd6 nicht ziehen. Allerdings hatte ich schon ein paar Bedenken wegen 12…dxc3, aber die stellten sich als nichtig heraus.
12…dxc3 13.exf6 Dxe1+ 14.Sxe1
Überflüssiger Hokuspokus. 14.Txe1 Txe1+ 15.Sxe1 cxd2 und ich kann den Springer wegziehen, aber 16.Lxf7+ ist natürlich noch stärker. Nachträglich betrachtet war 14.Sxe1 aber noch ‚zwingender‘, wenn man bei einer Gewinnführung noch von ‚zwingender‘ reden darf. Es setzt praktisch forciert Matt.
14…cxd2 15.Lxf7+ Kf8 16.Lxe8
Droht Matt. Zwingender geht’s nicht.
16…Kxe8 17.Dg8+ Kd7 18.f7 dxe1=D+ 19.Txe1 Lxe1 20.De8# 1-0
Diese Ausführungen lassen vermuten, dass Schach ein Spiel von und mit Optionen ist. Zwingende Züge schränken die Möglichkeiten des Gegners ein oder sie erhöhen die Anzahl der eigenen. Nur, wie definiert man Optionen? Sind Allerweltszüge Optionen? Oder anders gefragt, ist 1.e4 besser als 1.d4, weil es mehr ‚Optionen‘ ergibt? Oder 1.c4 ganz schlecht, weil es gar keine Optionen eröffnet? Das ist offensichtlich Quatsch.
Optionen sind potenziell zwingende Züge. Das Ziel aller Schachstrategie ist es, solche zu ermöglichen oder zu verhindern. Wie ich das anstelle, sei es im Zeitlupentempo durch wachsenden Druck oder flexible Verteidigung dagegen, oder wie hier durch ein doppeltes Bauernopfer, das ist Geschmackssache.
Die Härte einer Drohung ist nicht ausschlaggebend. Salopp gesagt, macht es keinen Sinn die Dame des Gegners anzugreifen, die mich im nächsten Zug mattsetzt. Im Angriff ist es meines Erachtens entscheidend, die gegnerischen Optionen durch harte Drohungen zu reduzieren. Insofern hat Hertan recht. Der andere Aspekt ist, meine eigenen Optionen zu erhöhen, so wie dieses ominöse 9.Te1 die Option 10.e5 eröffnete.
Ich schätze, wenn ich die entstehenden Stellungen aller Nebenvarianten dieser Partie nach „Erhöhen oder Vermindern“ von potenziell zwingenden Zügen bewerten würde, wäre das Resultat eindeutig zugunsten dieses Kriteriums. Ob es in einer Damenindischen Partie ähnlich aussähe, ist nur zu vermuten. Die Drohungen sind dort per se viel seltener und subtiler. Trotzdem vermute ich, dass ein ähnliches Resultat herauskäme.