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Nach geraumer Zeit bin ich nun endlich dazu gekommen, den dritten Teil von Zellers Philosophiegeschichte zu lesen. Der erste Teilband ist der Entwicklung der ‚klassischen‘ philosophischen Schulen der Antike gewidmet: der Stoa, dem Epikureismus, der Skeptik bis hin zu den grossen Eklektikern. Theodor Gomperz hat seine Geschichte der antiken Philosophie beendet, nachdem er die ersten Häupter der von Platon bzw. Aristoteles gegründeten Schulen vorgestellt hatte. Wenn wir mit Eduard Zeller nun über diese Periode hinausgehen, sehen wir auch gleich, warum: Vieles in der Entwicklung der nacharistotelischen Philosophie ist – vor der römischen Zeit – nur schlecht bezeugt. Zeller kann oft nicht genau angeben, welches die Häupter der jeweiligen Schulen waren oder in welcher Reihenfolge sie aufgetreten sind. Was er darüber weiss, entnimmt er fast immer dem notorisch unzuverlässigen Diogenes Laertius oder eben den Römern – Seneca und, allen voran, dem Eklektiker Cicero und seinen Gesprächen in Tusculum.
Wie schon in Zellers Behandlung der Vorsokratiker führt das bei ihm dazu, dass an Stelle der Darstellung der philosophischen Überzeugungen und Inhalte über weite Strecken eine solche der Überlieferungslage tritt – Philologie statt Philosophie. Generell fällt auch auf, dass – wenn Zellers Darstellung korrekt ist – nunmehr kaum noch direkt auf Sokrates zurückgegriffen wird, sondern vorwiegend auf Aristoteles und teilweise noch auf Platon.
Zeller gibt als Einführung eine Darstellung der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung Griechenlands am Ende des vierten Jahrhunderst v.u.Z. Die Entwicklung der Stoa wird als erstes und in aller Ausführlichkeit behandelt: Von Zeno und der Integration von kynischem und kyrenäischem Gedankengut geht es weiter zur Betonung der Praxis dieser Schule. Dass führt dazu, dass die Logik der Stoa zwar auch behandelt wird, eben so wie die (Meta-)Physik, aber natürlich der Ethik dieser Schule das Hauptgewicht zugemessen wird – der Ethik und dem Verhältnis der Stoa zur Religion. Immerhin, auch wenn Zeller das nicht nachdrücklich dokumentiert, hat das spätere Christentum viele Positionen der Stoa übernommen, und Zeller will uns ganz offenbar darauf vorbereiten. In der Ethik dominiert für Zeller die Aporie zwischen Willensfreiheit einerseits und Determinismus andererseits.
Wenn die Darstellung der Stoa über 350 Seiten in Anspruch nimmt, so ist die von Epikur und seiner Schule schon bedeutend kürzer geraten. Gerade mal etwas über 100 Seiten finden wir. Zellers Darstellung der epikureischen Lehre ist zwar korrekt, er sieht also durchaus die grosse Nähe der epikureischen Ataraxie zur stoischen Apatheia (er kennt auch Gassendis diesbezügliche Schrift!), wir werden aber dennoch das Gefühl nicht los, dass Zeller Epikur als weniger wichtig betrachtet. Vor allem die Physik, die Gomperz so gefallen hätte, wird – trotz Erwähnung von Lukrez‘ De rerum natura – kaum gestreift. Diese Vernachlässigung kann natürlich philosophiegeschichtlich bedingt sein, da die Stoa schon rasch den Sieg über Epikurs Lehre davon getragen hatte. Der Pyrrhonischen Skepsis schliesslich widmet Zeller dann noch weniger Raum: Kaum 50 Seiten sind der Unmöglichkeit des Wissens gewidmet.
Mit dem zweiten Abschnitt dieses ersten Teilbandes, der vor allem dem Eklektizismus gewidmet ist, treten wir in den Raum der römischen Philosophie ein. Stoa, Akademie und Peripatetik nähern sich einander inhaltlich an, so dass schliesslich das philosophische Denken im erklärten Eklektiker Cicero und dem nominalen Stoiker Seneca seinen klassisch-lateinischen Höhepunkt in einer ausgefeilten Melange der drei alten Schulen findet. Die Römer übernahmen von der griechischen Stoa vor allem deren Praxis-Bezug. Epiktet, der Sklave, und Marc Aurel, der Philosoph auf dem Kaiserthron, stellen die gesellschaftliche Spannweite der römischen Philosophie wohl am besten dar. Beides nominelle Stoiker, werden sie von Zeller als die Eklektiker behandelt, die sie ideengeschichtlich auch sind.
Es fällt auf, dass sich die heute bekanntesten Denker jener spätantiken Zeit – soweit sie sich nicht als Stoiker sahen und als Stoiker überliefert wurden – eine gewisse Unabhängigkeit bewahrten. Weder folgten sie nominell einer Schule, noch haben sie eine gegründet. Galen, der als Arzt die Viersäftelehre definitiv in die Medizin einführte, steht für Zeller der Peripatie am nächsten; der Spötter Lukian ist noch unabhängiger. Er wird von Zeller – ganz im Versteckten! – de facto als der erste philosophische Atheist apostrophiert.
Damit ist die erste Abteilung des dritten Teils fertig. Es ist ein Abbruch, kein Ende, da der dritte Teil mit über 1’500 Seiten aus rein buchbinderischen Gründen halbiert werden musste. Zeller wird uns die griechische Philosophie noch bis zum Neuplatonismus schildern.