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Es ist noch viel zu tun, um die Klischees über männliche oder weibliche Berufe zu überwinden. Die Leiterin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann, Sylvie Durrer, liefert einige Denkanstösse.
In der Schweiz lag der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen 2012 bei 21,3%. Rund 40% dieses Unterschieds lassen sich nicht auf objektive Kriterien wie Ausbildung, Berufserfahrung oder die Position in der Firmenhierarchie zurückführen. Trotz einer leichten Verbesserung bleibt die Berufswelt mit vielen Stereotypen behaftet, insbesondere in den KMU. Erläuterungen.
Welche Bilanz kann man heute hinsichtlich der Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen in der Schweiz ziehen?
Sylvie Durrer: Leider zeigen die Statistiken, dass dieses Thema noch nicht Geschichte ist. Daher hat der Bundesrat daraus eines der zentralen Elemente seines Programms für diese Legislaturperiode gemacht. Auch international ist die Frage weiter aktuell. Kalifornien hat beispielsweise seine gesetzlichen Vorschriften dahingehend verbessert, dass das Konzept "gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit" integriert wurde, das in der Schweiz schon lange existiert. Wenn es um die konkreten Instrumente geht, nimmt die Schweiz eine Vorreiterrolle ein. Das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann entwickelte die Software Logib, um Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten dabei zu helfen, ihre Lohnpraxis zu analysieren. Das Tool ist die Basis für ein europäisches Projekt, an dem Deutschland, Belgien, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Luxemburg, die Niederlande, Polen und Portugal teilnehmen.
Wie weit spreizt sich heute die reale Lohnschere, wenn Kompetenzen, Ausbildung, Verantwortung und Beschäftigungsrate auf demselben Niveau sind?
Durrer: Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik belief sich der durchschnittliche Unterschied in der Privatwirtschaft, gemessen an standardisierten Monatslöhnen, 2012 auf 21,3%. Ein Teil dieses Unterschieds lässt sich mit objektiven Kriterien wie der Ausbildung, der Berufserfahrung oder der Position in der Hierarchie erklären. Rund 40% dieses Unterschieds sind nicht gerechtfertigt. Ausserdem stellen wir unerklärte Unterschiede von der ersten Stelle bis zur höchsten Hierarchiestufe fest. Insgesamt lag der unerklärte Anteil 2012 somit bei 8,7%, also CHF 678 pro Monat.
Welche Wirtschaftszweige sind besonders betroffen?
Durrer: Alle Branchen sind betroffen. Wir bemerken allerdings, dass das Problem im Privatsektor grösser ist als im öffentlichen Sektor, wo der durchschnittliche Unterschied 2012 mit 16,5% geringer war. Das ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Festlegung der Löhne hier verstärkt formalen Kriterien unterliegt, insbesondere in Form von transparenten Lohntabellen. Darüber hinaus zeigten diverse Studien, dass die Feminisierung bestimmter Berufe mit einer Senkung der Löhne einhergeht. Die Arbeitswelt ist durchtränkt von Klischees über weiblich oder männlich konnotierte Berufe. Das Lohnniveau in den typisch männlichen Berufen ist deutlich höher als in den typisch weiblichen Berufen.
Wie entwickelt sich die Situation der Frauen in den Schweizer Unternehmen?
Durrer: Sie verbessert sich tendenziell, aber sehr langsam. Das erstaunt uns, weil das Ausbildungsniveau der Frauen in den letzten Jahren konstant gestiegen ist und sie immer stärker auf dem Arbeitsmarkt vertreten sind. Bedauerlich ist, dass viele Unternehmen der Frage nicht immer mit einer fundierten Analyse auf den Grund gehen, obwohl es Instrumente dafür gibt.
Wie sieht es im Speziellen bei den KMU aus?
Durrer: Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 lag der durchschnittliche Lohnunterschied in den Unternehmen mit bis zu 499 Mitarbeitenden bei rund 25%, während Frauen in Grossunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten ein Drittel weniger verdienten als Männer. Dies ist zum Teil auf die besonders hohen Löhne der männlichen Manager in diesen Grossunternehmen zurückzuführen. Des Weiteren gibt es in den Grossunternehmen im Verhältnis mehr männliche Kader als in den KMU. Entscheidend ist aber, dass Unternehmen aller Grössen betroffen sind.
Gibt es in den Unternehmen interessante Initiativen zu diesem Thema?
Durrer: Nur wenige Unternehmen veröffentlichen dazu Informationen. Die Lohnfrage bleibt ein Tabu. Wir stellen fest, dass die Mehrheit derjenigen, die wir im Rahmen der öffentlichen Beschaffung kontrollieren, noch nie eine echte Analyse der Lohngleichheit vorgenommen hat. Dennoch kann man den Unternehmen gratulieren, die sich im "Lohngleichheitsdialog" engagiert haben, besonders den KMU wie Ergon Informatik, RWD Schlatter, Ericsson Suisse oder dem Hôtel Crowne Plaza in Genf. Sie zeigen, dass der Ansatz durchführbar ist und das Ziel Lohngleichheit erreicht werden kann. Der "Lohngleichheitsdialog" ist zwar vorbei, doch die Unternehmen haben weiterhin die Möglichkeit, an einem Projekt im Rahmen einer Sozialpartnerschaft mit dem "Engagement Lohngleichheit" (www.elep.ch) teilzunehmen. Darüber hinaus gibt es auch private Zertifizierungen.