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Gespräch mit Shadi Hammad und seiner Familie von Alexandra Müller und Marie-Anne Dinser
Shadi flüchtete mit seiner fünfköpfigen Familie aus dem Gazastreifen. Er machte sich auf den Weg nach Schweden, wo ein Onkel seiner Frau lebt und er Asyl beantragen wollte. Es kam anders. Die Familie sitzt seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz fest und bezieht Nothilfe.
Wir fahren nach Adliswil, um ein Interview mit Shadi zu führen. Mit Freuden stellen wir fest, dass man der Familie ein grösseres Zimmer zugeteilt hat. Die Eltern haben Tücher aufgehängt, um die Schlafzimmer abzutrennen. Wir nehmen auf dem Sofa im «Wohnzimmer» Platz und bekommen Kaffee serviert. Auf der Milchpackung steht «Migros Budget» und wir entdecken das grüne Logo auf verschiedenen Dingen im Zimmer. Wir unterhalten uns mit der Familie auf Englisch und Arabisch, mit den Kindern auch auf Deutsch.
Shadi, wie geht es dir?
Es geht, danke.
Kannst du etwas über das Leben im Nothilfezentrum in Adliswil erzählen? Was macht ihr den ganzen Tag, was sind eure Beschäftigungen?
Wir tun hier nicht viel, fernsehen und mit Skype telefonieren, was teuer ist, wegen den Internetgebühren, die wir selbst bezahlen müssen. Der älteste Sohn geht in den Kindergarten und hat so eine Beschäftigung. Ich putze fast täglich die grosse Küche und erhalte dafür pro Tag drei Franken Lohn. Wir bekommen für alle fünf Personen zusammen pro Woche zweimal 75 Franken und einmal 98 Franken, das macht pro Woche total 248 Franken. Damit müssen wir klarkommen. Es ist sehr eng hier. In Embrach hatten wir eine Wohnung mit getrennten Schlafzimmern und die Toilette war in der Wohnung. Hier in Adliswil müssen wir die gemeinsamen Toiletten und Duschen benutzen. Die Kinder erkälten sich oft, weil sie raus müssen und wir können sie nicht alleine gehen lassen, denn ich habe Angst um sie. Ich weiss nicht, wer hier wohnt, es gibt ständig Wechsel, die Leute sind nervös, trinken manchmal Alkohol. Ich habe hier zwar Freunde gefunden, aber ich fühle mich nicht sicher. Es ist sehr schwierig, mit Kindern hier zu leben.
Wir bleiben meistens im Zentrum, denn wir haben kein Geld, um Zug zu fahren.
Wohin brachte euch eure Odyssee, seit ihr geflüchtet seid?
Wir verliessen das Flüchtlingslager Jabalia im Gazastreifen bereits 2010 und machten uns über Ägypten und Oman auf den Weg nach Schweden, wo wir um Asyl bitten wollten. Der Onkel meiner Frau wohnt in Schweden und mein Bruder in Norwegen. Die Chance dort Asyl zu bekommen, schien uns also realistisch. Leider konnten wir keinen direkten Flug buchen und mussten über Zürich reisen und dort umsteigen. Was dann am Flughafen in Kloten passierte, mag einigen bekannt sein, denn der Tages-Anzeiger vom 2.8.2011 berichtete über uns. Wir wurden 49 Tage im Transit festgehalten, ohne an die frische Luft gehen zu dürfen. Die Hilfswerke weinten wegen uns, aber was nützen mir die Tränen? Ich möchte ein Leben, keine Tränen!
Man sagte uns, wir müssten ein Asylgesuch stellen, was wir dann taten. Der Asylantrag wurde abgelehnt und man trennte meine Familie. Ich kam für drei Monate in Ausschaffungshaft und meine Frau und die Kinder ins Nothilfezentrum (NUK) nach Adliswil. Danach konnten wir alle zusammen drei Monate im NUK in Embrach wohnen, bis wir zu einem Termin beim Bundesamt für Migration eingeladen wurden. Man sagte mir, dass ich die Schweiz verlassen müsse, sonst käme ich wieder ins Gefängnis, diesmal für ein ganzes Jahr. Weil ich das nicht wollte, entschieden wir uns zum zweiten Mal zu flüchten und reisten nach Schweden. In Schweden waren die Leute sehr nett zu uns, wir bekamen mehr Geld und wir konnten in einer Wohnung leben. Es war alles viel besser!
Was genau war besser in Schweden? Vielleicht könnte sich die Schweiz ein Beispiel daran nehmen...
Wir bekamen gratis eine Buskarte und eine Karte für die Bibliothek. Unser Geld konnten wir mit einer Bankkarte selbst vom Automaten abheben. Ich konnte schon nach kurzer Zeit in einem Restaurant arbeiten. Wir hatten eine «Healthcard», die es uns erlaubte, einen Arzt aufzusuchen, wenn wir das wollten. Die Kinder wurden sowieso regelmässig untersucht. Hier in der Schweiz läuft das anders ab. Wenn ich zum Arzt will, muss ich die Zentrumsleitung um Erlaubnis fragen. Weil ich mir das Schultergelenk ausrenkte, musste ich zum Arzt und der sagte, ich müsse mich einer Operation unterziehen. Die Administration in Embrach aber meinte, es sei kein Geld für solche Operationen vorgesehen, also wurde ich nicht operiert. In Schweden fand ich auch sehr gut, dass wir eine Identitätskarte bekamen, die verhinderte, dass man mich einsperrte und ständig kontrollierte.
Wir blieben nur sieben Monate in Schweden, denn wegen dem Dublin-II Abkommen hatten wir kein Recht, einen Anwalt zu sehen und um Asyl zu bitten. Man sagte uns, wir seien willkommen, aber wegen dem Gesetz könnten wir nicht bleiben. Wir waren ja bereits in der Schweiz als abgewiesene Flüchtlinge registriert. Die Schweiz holte uns also wieder zurück und steckte uns wieder in die Nothilfe, diesmal nach Adliswil, wo wir nun seit gut drei Monaten sind.
Ich wäre auch sehr glücklich, hier in der Schweiz Asyl zu bekommen. Es geht nicht um mich, es geht um meine Familie. Ich möchte, dass sie ein gutes Leben haben. Ich würde alles für sie tun. Aber so zu leben, das ist kein Leben und dann diese Ungewissheit, was als nächstes mit uns passiert. Ich habe deshalb auch erst ein wenig Deutsch gelernt. Ich weiss ja gar nicht, wo ich morgen sein werde. Nach Palästina zurück kann ich nicht, auch wenn ich das wollte.
Warum habt ihr Palästina verlassen?
Schaust du fern, liest du Zeitungen? Ich glaube, wer das tut, der weiss, was in Palästina passiert. Vor zwei Wochen traf eine Bombe das Haus unserer Nachbarn. Als der Vater nach Hause kam, lag das Haus in Trümmern und seine Familie war tot. Im Moment ist ein menschliches Leben in Gaza nicht möglich, es ist die totale Unsicherheit …
Im Dezember 2012.