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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den Brief an die Hebräer

Erste Homilie.
II.
Wo sind Diejenigen, die da sprechen: Es war eine Zeit, wo er nicht war? Dann steigt er stufenweise höher und spricht sich weit erhabener als im Gesagten in folgenden Worten aus:
3. 4. Welcher, da er der Abglanz ferner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens ist, durch das Wort seiner Kraft Alles trägt und, nachdem er uns von Sünden gereiniget hat, sitzet zur Rechten der Majestät in der Höhe; der um so viel besser als die Engel geworden, je vorzüglicher der Name ist, den er vor ihnen ererbt hat.
Ha! welch apostolische Weisheit! Jedoch nicht so fast über die Weisheit des Paulus, als über die Gnade des heiligen Geistes müssen wir staunen; denn so sprach er nicht aus selbsteigener Erkenntniß, noch hat er eine solche Weisheit aus sich selber geschöpft. Woher hat er sie denn? Etwa vom Messer oder von den Häuten oder aus der Werkstätte? Nein! Eine solche Sprache ist göttliches Werk. Denn diese Gedanken waren nicht das Erzeugniß seines Verstandes, welcher damals so ärmlich und so gering war, daß er nicht mehr besaß als Einer aus dem gewöhnlichen Volke. Denn wie konnte Derselbe auch, der sich mit Handelsgeschäften und Häuten befaßte, einen größeren Aufschwung haben? Aber die Gnade des heiligen Geistes, welche nach freier Wahl ihre Werkzeuge wählt, zeigte ihre Kraft. Denn wie Jemand, der einen kleinen Knaben auf eine Höhe, die bis zum Himmelsscheitel hinaufreicht, bringen wollte, Dieß [S. 22] allmählig und in kleinen Absätzen thun und von unten ihn hinaufführen würde; dann, wenn er oben stände und den Kleinen abwärts blicken hieße und diesen dann bestürzt und ängstlich und schwindelig sähe, - ihn nehmen und auf einen niedriger liegenden Punkt hinabführen würde, auf daß er aufathmen könnte, dann den Neugekräftigten wieder bergan und wieder bergab führen würde -: so macht es auch der heilige Paulus sowohl bei den Hebräern als an allen anderen Orten, wie er es ja von seinem Meister gelernt hatte. Bald führt er feine Zuhörer hinauf in die Höhe, bald geleitet er sie wieder hinab und läßt sie nicht lange auf demselben Standpunkt verweilen. So betrachte ihn auch hier, wie er sie über viele Stufen hinaufführt und sie auf den Gipfel der Gottseligkeit stellt, dann aber, ehe sie von Verwirrung und Schwindel ergriffen werden, sie wieder tiefer hinabführt und sie aufathmen läßt, indem er spricht: „Er hat zu uns geredet durch den Sohn;“ und wieder: „Den er zum Erben des All gesetzt hat.“ Denn der Name „Sohn“ hat in soweit eine gemeinsame Bedeutung. Wird nun darunter der wirkliche Sohn (Gottes) verstanden, so ist er über Alles erhaben; wie er aber in diesem Betrachte sei, zeigt er im Folgenden, wo er darthut, daß er von oben ist. Sieh’ aber, wie er sie vorerst auf eine niedrigere Stufe hinstellt, indem er sagt: „Den er zum Erben des All gesetzt hat.“ Denn die Worte: „Zum Erben hat er gesetzt“ haben einen gewöhnlichen Sinn. In dem Zusatze: „Durch den er auch die Welt gemacht hat“ stellt er ihn auf eine höhere Stufe; dann stellt er ihn auf die höchste, über welche hinaus keine mehr ist, mit den Worten: „Welcher, da er der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens ist...“ Wahrhaftig, er hat ihn zum unzugänglichen Lichte, zum Abglanze selbst hingeführt. Und siehe, wie er ihn, ehe sich die Dunkelheit ausbreitet, wieder allmählig erniedrigt, indem er sagt: „Welcher durch das Wort seiner Kraft Alles trägt und, nachdem er uns von Sünden gereiniget hat, sitzet zur Rechten der Majestät in der Höhe.“ Er [S. 23] sagt nicht einfach: „er sitzet,“ sondern: „nachdem er uns von Sünden gereiniget hat;“ denn er übernahm die Menschwerdung, wodurch er etwas Unerhabenes ausspricht. Hierauf spricht er wiederum Hohes, indem er sagt: „zur Rechten der Majestät in der Höhe,“ und fügt alsdann nochmals die mehr niedrigen Worte hinzu: „Der um so viel besser als die Engel geworden, je vorzüglicher der Name ist, den er vor ihnen ererbt hat.“ Hier spricht er nämlich von seiner menschlichen Natur, da der Ausdruck: „besser geworden“ keinen Bezug hat auf seine mit dem Vater gleiche Wesenheit, - denn diese ist nicht geworden, sondern gezeugt, - sondern auf seine menschliche Natur, - diese ist geworden. Jedoch über die Wesenheit spricht er jetzt nicht, sondern wie Johannes mit den Worten: „Der nach mir kommen wird, ist vor mir gewesen, denn er war eher als ich,“ darthun will, daß er größerer Ehre werth und ruhmreicher sei, - so will auch hier Paulus, da er sagt: „Um so viel besser als die Engel geworden, je vorzüglicher der Name ist, den er vor ihnen ererbt hat,“ erklären, daß er höher stehe und gepriesener sei. Du siehst, daß hier von der Menschheit die Rede ist; denn den Namen: „Gott das Wort“ hatte er immer und nicht etwa später ererbt; auch wurde er nicht erst damals besser als die Engel, nachdem er uns von Sünden gereiniget hatte, sondern er war immer besser und zwar unvergleichbar besser. Paulus spricht demnach über seine menschliche Natur, sowie auch wir, wenn wir von einem Menschen sprechen, über ihn Hohes und Niedriges auszusagen gewöhnt sind. Denn wir sagen: Nichts ist der Mensch, Erde ist der Mensch, Staub ist der Mensch, so benennen wir das Ganze nach seinem geringeren Bestandtheile. Wenn wir aber sagen: Ein unsterbliches Wesen ist der Mensch, der Mensch hat Vernunft und Verwandtschaft mit den himmlischen Wesen, so bezeichnen wir hinwieder das Ganze nach seinem edleren Bestandtheile. So redet auch Paulus bald von seiner geringeren, bald von seiner höheren [S. 24] Wesenheit, je nachdem er über die Menschwerdung handeln oder über dessen pure Natur belehren will.