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Lectio I
Latein nennen wir die Sprache, die zunächst in Rom und seiner näheren Umgebung, die Latium hiess, gesprochen wurde. Die Römer selbst nannten diese Sprache lingua Latina.
Zu der Zeit, in der Rom als kleine ländliche Siedlung entstand, also ungefähr im achten Jahrhundert vor Christus, wurden auf der italienischen Halbinsel viele verschiedene Sprachen gesprochen. Einige davon, die sogenannten italischen Sprachen, waren mit dem Lateinischen verwandt. Andere von ihnen, so zum Beispiel Etruskisch, waren mit dem Lateinischen nicht verwandt, sie funktionierten ganz anders.
Die italischen Sprachen gehören zu den indoeuropäischen Sprachen. Sprachforscher*innen haben entdeckt, dass zwischen verschiedenen Sprachen in einem sehr grossen geographischen Raum (von den germanischen Sprachen in Nordwesteuropa bis zu gewissen indischen Sprachen im Südosten) Ähnlichkeiten bestehen. Das zeigt sich vor allem im Vokabular:
|altindisch
|lateinisch
|griechisch
|russisch (slawisch)
|deutsch (germanisch)
|englisch
|pitar
|pater
|pater
|Vater
|father
|mātā(r)
|mater
|meter
|mat
|Mutter
|mother
|svasar
|soror
|Schwester
|sister
|bhrātā(r)
|frater
|brat
|Bruder
|brother
|asti
|est
|esti
|jest
|ist
|is
Man nimmt an, dass ein relativ grosses Volk, das wohl in einer Steppenlandschaft von Viehzucht lebte und eine indoeuropäische Ursprache sprach, sich in einer Völkerwanderung vor etwa 5’000 Jahren buchstäblich in alle Himmelsrichtungen verteilte. Dort, wo sich die verschiedenen Teile dieses Volkes niederliessen, stiessen sie auf andere Völker, die schon dort siedelten und andere Sprachen sprachen. Mit der Zeit vermischten sich die Sprachen der Neuzuzügler mit denen der Alteingesessenen, so dass daraus neue Sprachen entstanden, die aber wegen der gemeinsamen Vorgängersprache immer noch gewisse Ähnlichkeiten hatten.
Im Italien des 8. Jh. v. Chr. wurden also viele Sprachen gesprochen, die zwar z.T. verwandt, aber doch alle verschieden waren. Rom war damals ein kleines Bauerndorf. Im dritten Jahrhundert v. Chr. dominierte Rom schon ganz Italien und im ersten Jh. v. Chr. den ganzen Mittelmeerraum.
In den meisten der von Rom beherrschten Gebiete begann die Bevölkerung, Latein zumindest als Zweitsprache zu sprechen, und so wurde aus der Sprache einer kleinen Zahl dörflicher Siedlungen in Mittelitalien im Laufe einiger Jahrhunderte eine Weltsprache. Natürlich hat sich das Lateinische selbst in diesem Zeitraum auch verändert: Alle Sprachen wandeln sich ständig, solange sie gesprochen werden.
Dem Lateinischen ging es nun wiederum so wie zuvor der indoeuropäischen Ursprache: Es wurde von Bevölkerungen übernommen, die eine andere Muttersprache hatten. So entstanden verschiedene Varianten der lateinischen Sprache. Nachdem im 5. Jahrhundert n. Chr. das weströmische Reich endgültig zerbrochen war, weil wieder andere Völker die verschiedenen Teile des weströmischen Reiches erobert hatten und beherrschten, entstanden dort durch die erneute Vermischung wieder neue Sprachen, denen man die lateinische Verwandtschaft noch ansah oder anhörte, die aber doch wieder eigene Sprachen waren. Wir nennen sie die romanischen Sprachen, weil sie alle auf der Sprache Roms basieren, sich aber sehr verschieden entwickelt haben. Zu ihnen gehören Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Französisch, Rätoromanisch, Italienisch und Rumänisch. Früher gab es noch mehr romanische Sprachen, doch haben sie sich teils zu einer Sprache vereinigt, teils sind die Sprachen auch ausgestorben.