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Armand Schulthess - J'ai le téléphone (I)
Hans-Ulrich Schlumpf
Schulthess malte nicht, sondern schrieb ab, klassifizierte und hängte die Texte in die Bäume. Im 18.Jahrhundert wäre er zweifellos ein grosser Enzyklopädist geworden. Seinen Besitz, einen 18'000 qm grossen Kastanienwald im Onsernone-Tal im Tessin, verwandelte er in einen philosophischen Garten. Entlang eines ansteigenden Weges standen Bäume voller Tafeln, auf denen Schulthess das Wissen der Menschheit verzeichnet hatte. Oft handelte es sich einfach um Buchtitel.
Armand Schulthess wurde 1901 in Neuenburg geboren und ging in Zürich zur Schule. Nach der Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten und der Aufgabe eines Geschäftes für Damenbekleidung trat er 1939 in die Bundesverwaltung ein. 1951 quittierte er den Dienst, um im Tessin einen völlig neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Er war zweimal verheiratet.
Evolutionistisch lösten sich die Themenkreise ab: Unten begann es mit Geologie, Paläontologie, Atomphysik. Oben, nahe beim Haus, erreichte man die Bezirke Zur Mechanik des Geistes, Psychoanalyse und Esoterik. Sorgfalt, Ordnungssinn und enzyklopädische Vollständigkeit waren Ausdruck einer ihm eigenen Zärtlichkeit, die sich in seinem immensen Gesamtkunstwerk niederschlug. Seine über 70 selbst geschriebenen und selbst gebundenen Bücher über Ehe und Sexualität zeugen ebenfalls davon. Auch rechnete er ganze Jahrestabellen von astrologischen Planetenkonstellationen mit Zehntausenden von Zahlen durch. Seine Arbeitswut war unerschöpflich. Nachts hörte man ihn singen, wenn er Mauern und Sitzplätze aus Granitsteinen baute. Über vielen dieser Sitzplätze hing die Tafel: Une idée: s'asseoir et lire un livre.
Vor seinem Tod liess Schulthess kaum jemand in sein Heim. Als 1973 verständnislose Erben das Haus räumten, den grössten Teil der Bücher verbrannten und den Garten zerstörten, stellte sich heraus, dass die Tafeln in den Bäumen lediglich den Zettelkasten zu überbordenden Dokumentationen bildeten, die das Haus bis auf schmale Gänge füllten. Vor Menschen flüchtete Schulthess wie ein scheues Wild. Zeitlebens suchte er eine Frau, der er in seinem Haus bereits ein Zimmer mit allem Notwendigen eingerichtet hatte.
Hans-Ulrich Schlumpfs Film über, genauer: zu jenem am 19.Februar 1901 in Neuenburg geborenen Alfred Fernand Armand Schulthess spiegelt nicht, wie der Dokumentarfilm im landläufigen Sinn, Fakten wieder, dokumentiert nicht, sondern ist ein Dokument, ein Faktum, das sich den beschriebenen Fakten anschliesst, sich ihnen einverleibt, sich ihnen zurechnet und ihnen zuzurechnen ist. Vom ersten Augenblick seines Entstehens an war der Film schon ein unabdingbares Schulthessianum. Ein seltener Glücksfall des Non-Fiction-Films, des Mediums, das als wirkliche Erinnerungsdeponie funktioniert, die Vergangenheit nicht nur beschreibt, sondern überhaupt erst aufbewahrt.
Schulthess ist von Schlumpf nicht porträtiert, sondern recht eigentlich am Leben erhalten worden. So würde es sich nämlich mit Schulthess heute verhalten, ginge Schlumpfs Film jetzt verloren oder wäre er nie gemacht worden: als ob es den Mann nicht gegeben hätte, als ob mit seinem Nachlass er selbst der Müllabfuhr übergeben worden wäre.
Pierre Lachat in der Zeitschrift Cinéma
Bonusmaterial: Erstmals wird das Footage der Hausräumung, welches im Film den Schluss bildet, in seiner vollen Länge abrufbar. Dazu kommen drei der von Armand Schulthess selbstgemachten Bücher über Sexualität zum Durchblättern, ein Plan des Gartens sowie der TAGES-ANZEIGER MAGAZIN Artikel Das zweite Leben des Armand Schulthess in der deutschen Originalversion und in französischer und englischer Übersetzung.
Hans-Ulrich Schlumpf
Geboren 1939 in Zürich. 1961 Arbeit als Fotograf in Paris. 1962-69 Studium der Kunst- und Literaturgeschichte an der Universität Zürich. 1969 Dissertation über Paul Klee. 1970-73 Geschäftsführer des Schweizerischen Filmzentrums. 1972-76 Redaktor des Schweizer Filmkatalogs. Ab 1974 selbständiger Filmautor. Seit 1980 Leiter der Abteilung Film der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, Basel. 1981 Gründung der Ariane Film AG, Zürich. Seit 1984 Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.
2005 ULTIMA THULE - EINE REISE AN DEN RAND DER WELT
2000 DUE SCHWALBEN DES GOLDRAUSCHS
1991 BRUNO WEBER
1993 DER KONGRESS DER PINGUINE
1990 SOFIA - VELASQUEZ - LA PAZ, BOLIVIEN
1989 KAP DER DIGITALEN HOFFNUNG
1987 UMBRUCH
1983 TRANSALTANTIQUE
1979 GUBER - ARBEIT IM STEIN
1978 KLEINE FREIHEIT
1977 DIE BÜHNE IM DORF - DAS DORF AUF DER BÜHNE
1974 ARMAND SCHULTHESS - J'AI LE TELEPHONE
(version française, english version, versione italiana)
Videos
Internet
Preis: 48.00 CHF
An Lager
DVD5
PAL 4:3
Region 2
Armand Schulthess - J'ai le téléphone
CH 1974 53'
Regie: Hans-Ulrich Schlumpf