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Annette Hug schaut in die andere Richtung
Der sportliche Höhepunkt dieser Wochen war zweifellos die Qualifikation des philippinischen Nationalteams für die Fussballweltmeisterschaft der Frauen. Sie wird vom 19. Juli bis am 20. August 2023 in Neuseeland und Australien ausgetragen. Nie zuvor hat sich ein philippinisches Team für ein solches Turnier qualifiziert. Noch vor zehn Jahren war die Auswahl für Kanterniederlagen bekannt, so das 0:12 gegen Thailand im Jahr 2008. Und jetzt das: Das Team qualifiziert sich durch einen Sieg im Penaltyschiessen gegen Taiwan, das offiziell «China Taipei» genannt werden muss. Weil neben Frauenfussball auch noch andere Dinge passieren.
Wie sich die Welt verändert. 1983 gab es in der Schweiz noch keine Fussballjuniorinnen. Wer als Mädchen in einem Klub spielen wollte, musste in einem Erwachsenenteam auf der Ersatzbank sitzen, bis der Bodycheck gut genug war, um eine doppelt so grosse Spielerin umzuwuchten. Es gab auch Juniorentrainer, die gebrauchte Lizenzen fussballverdrossener Buben umnutzten, um androgyne Mädchen in einem Jungenteam unterzubringen. Ebenfalls in den achtziger Jahren formierte sich zum ersten Mal ein philippinisches Nationalteam. Eine Nationalliga war im Entstehen. Aber die Mehrheit der Spielerinnen, die sich jetzt für die WM qualifiziert haben, war da noch gar nicht auf der Welt. Sie wuchsen Jahre später in den USA auf und profitierten in dortigen Colleges von gezielter Sportförderung. Nach dem Schulabschluss wanderten sie in die Profiligen der Welt aus: Tahnai Annis nach Island, Katrina Guillou nach Finnland, Jessica Miclat nach Zypern, Eva Madarang nach Italien und Spanien, Sarina Bolden nach Japan, Quinley Quezada nach Taiwan.
Und so spielt sich in der philippinischen Öffentlichkeit ein trauriges Spektakel ab, das an helvetischen Sportjournalismus erinnert: Ob denn das noch richtige Filipinas seien, fragen erboste Blogger. Ein halbes Jahrhundert lang Millionen von Arbeitskräften exportieren, eine Konsumwirtschaft auf deren Remissen aufbauen und dann erstaunt sein, dass sich Familien in der Ferne verändern? Der australische Coach Alen Stajcic äussert sich über die Attacken erschüttert. Er preist den unglaublichen Einsatz und die Leidenschaft seiner Equipe.
Wer in jungen Jahren den Geruch von Dul-X im Umkleideraum für den Duft der grossen, weiten Welt hielt, hat sich daran gewöhnt, den grossen Zehennagel absterben zu sehen. Zu viel Druck, vielleicht auch die falsche Schusstechnik. Daran musste ich kürzlich denken, als ich für meine Verwandte, die im Pflegeheim wohnt, neue Schuhe kaufen sollte. Ständig entzündet sich die Wucherung auf den mittleren Zehen, die passen in keine gewöhnlichen Schuhe mehr. «Krallenzehen», sagt eine Pflegefachfrau. Das sei bei allen so, die als Kinder immer zu kleine Schuhe tragen mussten.
Meine Verwandte bestätigt: «Man trug halt aus, was da war.» Und verteidigt auch gleich ihre Mutter: «Es ging nicht anders. War ja Krieg.» Seit drei Monaten suche ich Schuhe, die nicht «ripschen» und trotzdem Halt geben beim Gehen, das immer schwieriger wird. Trümmerjahre in einer deutschen Stadt wirken noch nach in entzündeten Zehen, und nichts als Kriegstreiberei in den Nachrichten. Auf meinem Handybildschirm sollen die philippinischen Spielerinnen nochmals jubeln.
Annette Hug ist eine ehemalige Mittelfeldspielerin des FC Blue Stars.