Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03621.jsonl.gz/194

Gabriel-Urbain Fauré
12. Mai 1845 - 4. November 1924

Gabriel-Urbain Fauré
Geboren
am 12. Mai 1845 in
Paniers (Ariège)

| Doch
schon bald brach
der französisch- preussische Krieg aus und Fauré wurde als
Kurier in ein Infanterie Regiment eingeteilt. Seine liebenswürdige
Art verhalf ihm sogar in der Armee zu neuen Freundschaften. Zwischen
den Schlachten sorgte Fauré für Unterhaltung; er gab
improvisierend mehrere Rezitals. Seine Tapferkeit in der Schlacht von
Champigny trug ihm eine besondere Auszeichnung ein.

Nach dem Krieg kehrte Fauré nach Paris zurück, d. h. zurück in den Organistendienst. Im Sommer 1871 unterrichtete er als Kompositionslehrer an der Niedermeyer-Schule, welche sich vorübergehend in Lausanne angesiedelt hatte.
| Im Herbst
bekam er an der Kirche von St. Sulpice in Paris eine neue
Organistenstelle. An der Hauptorgel spielte Charles-Marie Widor; er
aber durfte nur den Chor begleiten. Dafür erhielt er einen ganz
geringen Lohn. Hie und da improvisierten die beiden Musiker zusammen
über irgendwelche Themen und amüsierten sich dabei sehr.

1877 wurde Fauré zum Chorleiter der Eglise de la Madeleine gewählt. Aber das Prestige, das diese Anstellung mit sich brachte, stand in einem beklagenswerten Widerspruch zu der kargen Besoldung. Viele kostbare Stunden, in denen er sich lieber der Komposition zugewandt hätte, musste er dafür aufwenden, bei Gesangsvereinen als Begleiter zu fungieren oder Klavierunterricht zu erteilen.
Fauré führte ein Doppelleben. Am Morgen fand er sich zu den Chorproben in der Madeleine ein. Nachmittags eilte er kreuz und quer durch die Stadt und besuchte seine zahlreichen Privatschüler. Am Abend aber tauchte er in die luxuriöse Welt der Pariser Salons ein, in die illustre Gesellschaft der aristokratischen Mäzene und der gefeierten Künstler. Fauré war in dieser berauschenden Sphäre ein gerngesehener Gast, der hier die Sorgen seines gleichförmigen, anstrengenden Alltags vergessen konnte. Als glänzender Improvisator am Klavier wurde er mit seiner attraktiven Erscheinung von einer grossen Hörerschaft bewundert.

Im Salon von Pauline
Viardot lernte
Fauré nicht nur Charles Gounod kennen, sondern auch
die
beiden musikalischen Töchter der Familie. Fauré genoss die
familiäre Vertraulichkeit, und Mlle. Marianne Viardot
gefiel dem Charmeur besonders gut. Eine glückliche Zeit folgte.
1877 verlobten sich die beiden. Mariannes Mutter Pauline interessierte
sich sehr für die Musik des jungen Komponisten. Für sie und
ihre Töchter schrieb Fauré Lieder und Klavierstücke.
Den gut gemeinten Ratschlag von Mme. P. Viardot, er möge doch auch
eine Oper komponieren, wollte Fauré damals nicht annehmen.
1883 beschloss G.
Fauré, nicht
mehr länger Junggeselle zu bleiben. Für einen beinahe
40-jährigen Mann gehörte es sich, einen Ehestand zu
gründen. In jener Zeit war es durchaus üblich, dass man sich
eine Frau suchen liess. Von der Kupplerin, die ein Jahr später
für Claude Debussy eine Gattin fand, liess sich nun Fauré
drei Damen aus der guten Gesellschaft vorschlagen. Da er sich aber
nicht entscheiden konnte, beschrieb er drei Zettelchen mit den
möglichen Kandidatinnen, schüttelte diese in einem Hut
durcheinander und zog den Namen Marie Fremiet.
Dahinter verbarg
sich die Tochter eines bekannten Bildhauers. Die Ehe wurde geschlossen,
und die Söhne Emmanuel und Philippe kamen zur Welt. Marie war an
der Musikszene von Paris überhaupt nicht interessiert.

Lange musste Fauré darauf warten, ein öffentliches Amt bekleiden zu dürfen.
1892 wurde er zum Inspektor für Musikunterricht gewählt, ein offizieller Titel, der ihm einiges Ansehen eintrug, ihn aber wegen der häufigen damit verbundenen Reisen allzusehr in Anspruch nahm.
1896
wurde Fauré Titularorganist der Madeleine und war
endlich von der mühsamen Chorarbeit befreit.
Um 1900 verliebte sich Fauré in die 24-jährige Pianistin Marguerite Hasselmans. Die Verbindung wurde nicht verheimlicht und dauerte bis zu Faurés Tod. Eine Heirat wäre zwar wünschenswert gewesen, aber nicht in Frage gekommen.
1905 avancierte Fauré überraschend zum Direktor des Conservatoires. Mit kompromissloser Reformfreudigkeit erneuerte er den Betrieb und entliess die Lehrer, welche ihm nicht passten. Vom Organistendienst in der Madeleine befreite er sich nun für immer.
| Lange genug
war Fauré mit Geldsorgen geplagt gewesen. Vom 57. Altersjahr an
häuften sich die Sorgen um seine Gesundheit. Als Folge von
dauernder Überarbeitung litt der Musiker schon früher an
Migräne- und Schwindelanfällen. Oft war er auch heiser. Seine
zunehmende, wahrscheinlich vererbte Schwerhörigkeit
und
die dazu kommenden Hörtäuschungen belasteten den
Musiker und schränkten ihn immer mehr ein. Anfänglich liess
er sich nichts anmerken. Wie Beethoven und Schumann zog er sich mehr
und mehr von der Öffentlichkeit zurück. Immer schwieriger
wurde es für ihn, Musikvorträge zu beurteilen. 1920 trat er
vom Conservatoire zurück.

Fauré komponierte weiter, wenn er auch seine Musik nur noch über die innere Vorstellung hören konnte. Sein Spätstil zeichnet sich aus durch Reduktion und Konzentration, d. h., je einfacher, desto klarer. Beispiele sind das Klaviertrio op.120 und das Streichquartett, sein letztes Werk.

An den Folgen einer Lungenentzündung starb 1924 in seinem achtzigsten Lebensjahr der grosse Meister der Vokalmusik und Erneuerer der französischen Kammermusik. In der Madeleine wurde er mit einem Staatsbegräbnis geehrt, und sein Requiem wurde für ihn gespielt.
Christine Bühler
Quelle: Jean-Michel Nectoux, Gabriel Fauré "Les Voix du clair-obscur"; 1990 Flammarion, 616 Seiten, englische Übersetzung