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Die Bevölkerungszahl von Städten entwickelt sich selten linear. Vielmehr gibt es Phasen der intensiven Urbanisierung, Suburbanisierung und Desurbanisierung oder Phasen der gleichbleibenden Bevölkerungszahl. Viele Städte erlebten im Wandel zur Industrialisierung eine rasante Urbanisierung; ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung von Wohlstand, Kultur und Innovation, aber auch von Armut und Ungleichheit.
Urbanisierung für sich ist weder schlecht noch gut. Je nach Geschwindigkeit des Wachstums oder je nach Art des wirtschaftlichen Umschwungs kann sie Wohlstand oder Armut mit sich bringen.
Beispiel Luzern
Im 19. Jahrhundert entwickelt sich Luzern zunehmend zu einer florierenden Handels- und Wirtschaftsstadt. Die Bevölkerung wächst zwischen 1850 und 1950 von 10'000 auf 60'000 EinwohnerInnen. Gleichzeitig intensiviert sich die Produktion. Dies lässt den Bedarf an Wasser sowie die Einträge von verschmutztem Wasser in die Umwelt steigen. Es kommt regelmässig zu Epidemien von wasserbürtigen Krankheiten, wie der Cholera. Die städtische Wasserversorgung ist mit diesem rapiden Umschwung überfordert und beginnt, ihre Wasserversorgung auszubauen. Hiervon profitieren zunächst die wohlhabenderen Stadtgebiete. Arme Gebiete sind noch lange auf teilweise unsichere Brunnen angewiesen. Erst mit der Erschliessung des Vierwaldstättersees in den 1960er-Jahren vermag die Stadt alle EinwohnerInnen mit sauberem Trinkwasser versorgen. Nach einer Phase der intensiven Suburbanisierung bis zum Jahrtausendwechsel stabilisiert sich die Bevölkerungszahl von Stadt und Agglomeration.
Globale Urbanisierung
Die demographischen Übergänge, wie sie Luzern erlebt hat, sind andernorts ebenfalls sichtbar. Allerdings in komplett anderem Kontext und Ausmass. Viele Städte weltweit befinden sich mitten in intensiven Phasen der Urbanisierung. Insbesondere junge Menschen erhoffen sich in der Stadt wirtschaftlich bessere Perspektiven als in ruralen Gebieten. So leben seit einigen Jahren zum ersten Mal mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Dieser Trend bleibt bestehen: 2050 sollen 66% der globalen Bevölkerung, über 6 Mrd. Menschen, in Städten leben.
Die Gesamtzahl an Menschen, die in urbanen Räumen wohnen, wächst weltweit um zwei Personen pro Sekunde. Über die Hälfte aller Städte leiden unter Wasserknappheit.
Enorme Geschwindigkeit in Sub-Sahara Afrika
Der grösste Anteil an StadtbewohnerInnen weist mit Abstand Asien auf. Bereits jetzt leben rund 2 Mrd. Menschen in Städten Asiens. Das grösste Wachstum werden allerdings Städte in Afrika erfahren. Dies einerseits aufgrund eines starken Bevölkerungswachstums durch eine hohe Geburtenrate und eine leicht sinkende Sterberate und andererseits durch grosse Zuwanderung aus ruralen Gebieten in Städte. In ländlichen Gebieten ist die Armut oder der Zugang zu Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung nach wie vor prekärer als in Städten, die folglich für viele eine Hoffnung auf Besserung darstellen.
Anzahl Stadtbewohnerinnen pro Region von 2010 bis 2050. Der blaue obere Graph steht für Asien und Ozeanien, der zweite Graph mit starker Wachstumstendenz repräsentiert Afrika.
Bis 2050 wird die urbane Bevölkerung Afrikas voraussichtlich von 400 Millionen auf 1.26 Mrd. anwachsen
Bis 2035 werden 50% der Bevölkerung Afrikas in Städten leben
Beispiel Lusaka, Sambia: Seit 1990 stieg die Bevölkerung von 700'000 auf 2.5 Mio. Menschen
Beispiel Moçambique: Die landesweite Stadtbevölkerung wird in den nächsten 20 Jahren von 8 Mio. auf 24 Mio. Menschen ansteigen
Konsum- statt Produktionsstädte
Die heutige Entwicklung der Städte in Sub-Sahara Afrika verläuft anders als diejenige von Europa im 19. oder von Asien im 20. Jahrhundert. Es gab bisher weder eine grüne noch eine signifikante industrielle Revolution. Vielmehr scheint Afrika die Phase der Industrialisierung zu überspringen. Dafür ist der Dienstleistungs-Sektor mit einem Anteil am afrikanischen BIP von fast 60% in 2014 der wichtigste Wachstumstreiber. Die Entstehung von Konsumstädten anstatt von Produktionsstädten führt dazu, dass Arbeitskräfte mehrheitlich gering-qualifizierten Tätigkeiten im informellen Dienstleistungssektor nachgehen.
Bei gleich hohem Urbansierungsgrad ist der Anteil der verarbeitenden Industrie am BIP in Afrika nur halb so gross wie in anderen Regionen.
ÜBERFÜLLT ANSTATT VERDICHTET
Mangelnde Infrastruktur, fehlende Kapazität des Arbeitsmarkts und informeller Wohnraum lassen die Kosten (Überfüllung, Staus) der städtischen Konzentration den Nutzen übersteigen. Die Infrastruktur-Defizite sind das Ergebnis jahrzehntelanger Unterinvestitionen.
FRAGMENTIERT ANSTATT VERNETZT
Städte bestehen aus einer Vielzahl miteinander nicht verbundener Viertel. Die fehlende verlässliche Transportinfrastruktur verursacht lange Anfahrtswege und begrenzt die Beschäftigungsmöglichkeiten für ArbeitnehmerInnen.
HOHE KOSTEN FÜR HAUSHALTE UND UNTERNEHMEN
Aufgrund hoher Lebensmittel-, Wohn- und Transportkosten müssen Unternehmen hohe Nominallöhne zahlen. Hohe Arbeits- sowie Transaktionskosten schrecken Investoren ab, insbesondere in regional und international handelbaren Sektoren, weil die Kosten letztlich über den Verkauf der Produkte in einem globalen Wettbewerbsumfeld erwirtschaftet werden müssen.
Wirtschaftlicher Wassermangel in Sub-Sahara Afrika
Obwohl sich durch den Klimawandel und die erhöhte Nutzung die Verfügbarkeit von Wasser verändert und knapper wird, herrscht in vielen Regionen Sub-Sahara Afrikas wirtschaftlicher Wassermangel. Die Herausforderung für Städte besteht demnach in erster Linie in der Verteilung von Wasser, nicht in der Beschaffung. Den lokalen Wasserversorgern fehlen häufig die finanziellen Mittel für den notwendigen Ausbau der Infrastruktur sowie ausgebildetes Personal auf Management- und Handwerkerebene. Ausserdem sind sie darauf angewiesen, wirtschaftlich langfristig zu funktionieren, um den Unterhalt der Infrastruktur zu gewährleisten. Dies führt dazu, dass Wasserversorger häufig zögern, grosse Investitionen neuer Infrastruktur in ärmeren Stadtgebieten zu tätigen. Die Ungleichheit von grossen Teilen der Gesellschaft wird so verstärkt.
Städtische Wasserversorger müssen wirtschaftlich funktionieren, um die enorme Zuwanderung langfristig abfedern zu können. Dies führt häufig dazu, dass sie zögern, in die ärmsten Gebiete der Stadt zu investieren. Ungleichheiten werden so weiter verstärkt.
Unzureichende Wasser- und Abwasserversorgung
Viele Städte vermögen die hohe Zuwanderung nicht abzufedern. Das Wachstum erfolgt oft dereguliert. Informelle Quartiere entstehen mit mangelhafter Infrastruktur für Trinkwasser, Abwasser, sanitären Anlagen oder Entwässerung. Dies führt dazu, dass AnwohnerInnen wenig Wasser zur Verfügung haben, grosse Aufwände in der Beschaffung leisten oder teures Wasser einkaufen müssen. Häufig werden Pit Latrines gebaut, die nicht gewartet und geleert, sondern durch eine nächste Latrine ersetzt werden. Gerade in der Regenzeit führen die infrastrukturellen Mängel zu Problemen. Löcher füllen sich und werden zu unsicheren Wasserstellen, offene Latrinen stehen unter Wasser. Es kommt zu einem verheerenden Kreislauf: Mangelhaft aufbereitetes Trinkwasser ist mit Krankheitserregern kontaminiert. Menschen kommen während der alltäglichen Nutzung von Wasser in Kontakt mit den Erregern und erkranken. Durch mangelhafte sanitäre Anlagen gelangen diese Erreger über Fäkalien in den Boden und damit ins Grund- und Trinkwasser. Dadurch verbreiten sich wasserbürtige Krankheiten wie Cholera und Typhus. Diese Situation hat weitreichenden Einfluss auf die Gesundheit und die Würde der Betroffenen und verringert die gesellschaftliche Entwicklung beträchtlich.
Wachsende Slums
Weltweit leben 863 Mio. Menschen in Slums. Dies sind rund 200 Mio. Menschen mehr als 1990.
Die Stadt als Perspektive
Städtische Wasserversorger können verständlicherweise mit der enormen Zunahme nicht Schritt halten. Es braucht gezielte Massnahmen, mit denen die Institutionen gestärkt werden. Gelingt es, diese Zugänge für alle zu verbessern und das grosse Potenzial der urbanen Bevölkerung weiter abzurufen, besteht die Möglichkeit, sichere Lebensgrundlagen für ein würdevolleres Leben von Millionen Menschen zu schaffen. Denn Städte leisten einen wichtigen Beitrag zum strukturellen Wandel einer Volkswirtschaft, indem sie ökonomische Ressourcen aus Bereichen geringer Produktivität wie der traditionellen Landwirtschaft, in Bereiche mit höherer Produktivität wie dem verarbeitenden Gewerbe verschieben. Dadurch sind sie auch immer Katalysatoren von Innovation und Wohlstand.
Wasserkiosksystem
Das Wasserkiosksystem bietet Wasserversorger die Möglichkeit, ihren Service finanziell nachhaltig in schnellwachsende Stadtgebiete auszubauen.