Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/2520

„Nun wurde mein Kakao verkauft, aber nicht ich habe ihn verkauft. Ich habe nichts daran verdient“, erklärt Léocadie Voho. Wir, die Frauen, machen die ganze Arbeit, aber es sind die Männer, die den Kakao verkaufen. Wir haben noch nie Kakao verkauft. Wir Frauen arbeiten, aber wir verdienen nichts.“
Léocadie Voho ist Kleinbäuerin in einer Kakao-Kooperative in der Elfenbeinküste. Sie ist eine von 25 Kakao-Produzentinnen, die in dem selbstproduzierten Film „Growing our cocoa, raising our voices“ („Wir pflanzen unseren Kakao und erheben unsere Stimme“) ihre Erfahrungen, Herausforderungen und Wünsche als Frau in einer ivorischen Kakaobauerngemeinschaft dokumentiert und geschildert hat. Während der Entwicklung der Fairtrade-Gender-Strategie wurde deutlich, wie wichtig es ist, noch mehr über die Lebenswirklichkeit der Frauen in den Lieferketten zu erfahren. Der Film „Growing our cocoa, raising our voices“ wurde von Frauen erstellt, die in der Nähe Daloas leben, der viertgrössten Stadt der Elfenbeinküste und wichtiger Umschlagplatz für Kakao. Die 25 Frauen sind alle eng verbunden mit den beiden Genossenschaften ECOOJAD und CAPEDIG, die wiederum Teil der Fairtrade-zertifizierten Kooperativen-Vereinigung ECOOKIM sind. Einige der Frauen sind eigenständige Genossenschaftsmitglieder, andere sind mit Genossenschaftsmitgliedern verheiratet. ECOOKIM will die Mitglieder der Kooperativen darin unterstützen, ihren Anteil an der Kakao-Wertschöpfungskette zu erhöhen. Um die Position gerade der weiblichen Mitglieder zu stärken, beschloss die Vereinigung, an dem Filmprojekt teilzunehmen.
Videospezialisten des niederländischen Forschungsinstituts KIT schulten die Frauen im Umgang mit Kamera und Mikrofon. Die Frauen übten, sich gegenseitig zu interviewen und vor der Kamera zu sprechen. Sie diskutierten und wägten ab, welche Themen und Probleme im Film präsentiert werden sollten. Auch das Storyboard entwickelten sie gemeinsam. Nach vier intensiven Trainingstagen kehrten die Frauen in ihre Dörfer zurück, um ihre Filme vor Ort zu drehen.
Das Ergebnis ist eine Mischung aus Theater und Dokumentarfilm. Der Film zeigt die Herausforderungen, vor denen die Frauen stehen: Sie arbeiten hart für die Produktion des Kakaos, haben aber gleichzeitig wenig direkten Nutzen aus dem Verkauf. Die Frauen äussern die Notwendigkeit höherer Kakao-Preise und den dringenden Wunsch nach besserem Zugang zu Pestiziden und Transportmitteln für ihre Ernte. Sie sprechen über ihre Hoffnung, ein aktiverer Teil ihrer Genossenschaften zu werden, und bitten den Präsidenten sowie den Direktor der Genossenschaft, sie bei ihren Bestrebungen zu unterstützen.
Neben der Kakaoproduktion sprechen die Bäuerinnen leidenschaftlich darüber, wie schwierig es für Frauen ist, eine gute Ausbildung zu erlangen, über die Notwendigkeit besserer Beschäftigungsmöglichkeiten und ihre Vision einer gleichberechtigten Gesellschaft. Wie Awa Ouedraogo im Film erklärt: "Ich möchte, dass Frauen im Büro arbeiten, weil Frauen und Männer das gleiche Potenzial haben. Es gibt heute keinen Job für Männer, den nicht auch eine Frau tun kann.“
Die Frauen bearbeiteten ihre Filme gemeinsam und stellten sie Vertretern ihrer Genossenschaften und von Fairtrade Africa vor. Am Ende des Projekts sprachen sie darüber, was sie gelernt hatten und welchen Nutzen sie daraus gezogen haben, Teil des Projekts zu sein. Die Frauen schätzten insbesondere die Gelegenheit, neue Fähigkeiten zu erlernen und mit modernen Technologien zu arbeiten. Dank des Projekts hatten sie die seltene Gelegenheit, sich mit Frauen aus anderen Dörfern zu treffen und Ideen auszutauschen. Sie konnten das Projekt als Plattform nutzen, um sich über ihre Erfahrungen in der Kakaoproduktion und den Kakao-Genossenschaften auszutauschen – und den Managern dieser Genossenschaften ihre Ansichten und Bedenken darlegen.
Aïssata Rado erklärte, was es bedeutet, Teil des Projekts zu sein: "Ich habe so viel gelernt: Wie man eine Kamera und ein Mikrofon verwendet, wie man Leute interviewt und wie man filmt." Sie sprach auch darüber, wie sich die Frauen durch das Projekt neu vernetzten: „Wir kamen aus verschiedenen Orten, wir kannten uns nicht. Jetzt essen, schlafen, baden und lachen wir zusammen.“ Und sie sprach darüber, was sie nach dem Projekt anders machen würde: „Der Workshop hat mir mehr Kraft gegeben. Ich werde meinen Beitrag leisten und mich stärker bemühen, Teil der Genossenschaft zu sein. Das wird hoffentlich auch meiner Kakaoernte zugutekommen.“
Den wahren Wert des Films erklärte Tsitsi Choruma, ehemals verantwortlich für den Arbeitsbereich „Gender“ bei Fairtrade International, wie folgt: „Frauen können ihre Stimmen erheben. Sie können Selbstvertrauen aufbauen und ihre Fähigkeit stärken, über ihren rechtmässigen Raum in Gemeinschaften und Produzentenorganisationen zu verhandeln.“ Und wie Ahou Héléne N´guessan, eine der beteiligten Kakaobäuerinnen, sagte: „Früher waren wir Frauen hier im Dunkeln. Unser Film bringt uns ans Licht.“
Der fertige Film soll als Instrument für Schulungen und als Diskussionsgrundlage für Genossenschaften in ganz Afrika und darüber hinaus genutzt werden. Nyagoy Nyong´o, ehemalige Geschäftsführerin von Fairtrade Africa, erklärte: „Der Film hat einen wertvollen Einblick in die Realität gegeben, mit der Kakaobäuerinnen in Côte d'Ivoire täglich konfrontiert werden. Wir wollen den Film nutzen, um über unser Kakao-Netzwerk mit den Kooperativen über Gender-Themen zu diskutieren. Ausserdem möchten wir noch weitere Möglichkeiten finden, den Film mit Kooperativen in ganz Afrika zu teilen, um ein Bewusstsein zu schaffen.“