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Vor 50 Jahren: Erstbesteigung eines Achttausenders. Neue Dimensionen
Am 3. Juni 1950 standen die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal auf dem 8091 m hohen Gipfel der Annapurna. Damit war erstmals ein Achttausender-Gipfel bestiegen. Dies war gleichzeitig der Beginn einer neuen Ära im Höhenbergsteigen: Im anschliessenden Jahrzehnt wurden die meisten der 14 Achttausender bestiegen.
Der Wettlauf zu den höchsten Gipfein begann 1895, als der Engländer Albert F. Mummery versuchte, den Nanga Parbat ( 8125 m ) zu besteigen. 1902 erfolgte ein erster Anlauf auf den K2 ( 8611 m ), und 1905 führte eine erste Expedition zum Kanchenjunga ( 8586 m ). 1909 war eine grosse II III IV/1 IV/2 V X = Lager II = Lager IM = Lager IV/1 = Lager IV/2 = Lager V = Gletscher- spalte, in der die Erstbegeher beim Abstieg ins Lager IV zu biwakieren gezwungen waren.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzten sich vor allem englische Bergsteiger das Ziel, den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest ( 8848 m ) -den « Dritten Pol » - zu bezwingen. 1921 erfolgte eine Erkundungsexpedition auf der Nordseite ( China ) des Mount Everest. Im Jahr darauf wurde die 8000er-Marke überschritten; Bruce und Finch erreichten eine Höhe von 8320 m. Bei der dritten britischen Expedition im Jahr 1924 wurden Mallory und Irvine zuletzt auf 8530 m gesichtet und blieben dann ver-schollen.1 In den Dreissigerjahren waren vor allem deutsche Expeditionen am Nanga Parbat unterwegs, der in der Folge zum eigentlichen « deutschen Schicksalsberg » wurde. Unter den 26 Toten, die es zwischen 1934 und 1937 gab, waren elf deutsche Bergsteiger. 1939 waren deutsche Alpinisten am K2, wobei Fritz Wiesner eine Höhe von 8382 m erreichte. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten insgesamt 22 Expeditionen versucht, einen Achttausender zu bezwingen - erfolglos.
Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges verstrichen fünf Jahre, bis die Alpinisten wieder zu den höchsten Gipfeln vordringen konnten. 1950 öffnete Nepal erstmals seine Grenzen für Ausländer. Damit wurde der Zugang zu « neuen » Achttausendern möglich. Die Franzosen waren die schnellsten und erhielten von der nepalesischen Regierung als Erste die Genehmigung für einen Achttausender. Ihr Ziel war der 8167 m hohe Dhaulagiri. Mit sechs Tonnen Material und Proviant startete eine neunköpfige Expedition unter der Leitung von Maurice Herzog2 am 3O. März 1950 in Paris.
Die gewaltigen Südabstürze der Annapurna Messen den Gedanken an eine Erstbesteigung von dieser Seite gar nicht erst aufkommen. Sie gelang Maurice Herzog und Louis Lachenal dann über die Nordflanke. Blick von Pokhara auf die Annapuma-Südwand, links der Südgipfel, in der Mitte der Hauptgipfel ( Annapurna I, 8091 m ) Über die Zugangsmöglichkeiten zum Dhaulagiri lagen so gut wie keine Informationen vor. Der Anmarsch mit 200 Trägern ins Ausgangslager nach Tukuche ( 2650 m ) dauerte etwas mehr als 14 Tage. Die geheime Hoffnung, einen leichten Grat zu finden, der die Expedition gefahrlos und schnell zum Gipfel führen könnte, erfüllte sich nicht. Die ersten Erkundungstouren am Dhaulagiri, an einer ungeheuer steilen Pyramide, fielen ernüchternd aus. Die verschiedenen Routen erwiesen sich nicht nur als äusserst schwierig, sondern teilweise auch als sehr gefährlich.3 So wandten sie sich dem Gipfel der Annapurna ( 8091 m ) zu, die sich in einem gewaltigen Massiv von Dutzenden von Siebentausendern befindet. Das vorhandene Kartenmaterial des « Survey of India » war derart ungenau, dass zuerst der Berg und anschliessend noch die Zugangsroute gefunden werden mussten. Mit dieser Suche ging fast ein Monat verloren. Schliesslich wurde durch das Tal des Miristi Khola die Annapuma-Nord-flanke erreicht und Mitte Mai das Basislager errichtet. Trotz des ungeheuren Kräfteverschleisses durch das wochenlange Herumirren in grossen Höhen gelang es der Expedition, innert kurzer Zeit an der vergletscherten Nordflanke der Annapurna eine Reihe von Hochlagern anzulegen. Der Wettlauf mit dem früher als erwartet einbrechenden Monsun hatte begonnen. Im Morgengrauen des 3. Juni 1950 brachen Maurice Herzog und Louis Lachenal von Lager V ( 7300 m ) zum Gipfel auf. In knapp acht Stunden bewältigten sie die mehr als 800 Höhenmeter. Eine neue Epoche des Alpinismus hatte begonnen: Erstmals standen Menschen auf einem Gipfel von über 8000 m Höhe. Ein plötzlicher Wetterumschwung liess Herzog und Lachenal kaum Zeit für Fotoaufnahmen. Der Abstieg, bei dem Herzog seine Handschuhe verlor, endete beinahe in einer Katastrophe. Kurz vor Erreichen des Lagers V stürzte Lachenal ab. Nur dank dem raschen Eingreifen von Lionel Terray, der inzwischen zusammen mit Gaston Rébuffat und zwei Sherpas ins Lager V aufgestiegen war, konnte Lachenal aus seiner misslichen Lage befreit werden. Beim Abstieg ins Lager IV verirrte sich die Gruppe im dichten Nebel und musste auf über 7000 m Höhe in einer Gletscherspalte biwakieren. Am nächsten Tag wurden sie von einer Lawine 150 m weit mitgerissen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Im Basislager angekommen berichtete Herzog enthusiastisch über den grossen Sieg. Die riesige Freude über die sensationelle Nachricht verwandelte sich beim Anblick von Herzogs übel mitgenommenen Händen - empfindungslos bis über die Handgelenke hinauf und mit herunterhängenden Hautfetzen - in Betroffenheit. Seine und auch Lachenais Füsse wiesen so starke Erfrierungen auf, dass der Expeditionsarzt auf dem Rückweg zur nepalesischindischen Grenze Finger- und Zehenglieder amputieren musste.
Mit der Erstbesteigung der Annapurna war der Bann gebrochen. In den folgenden 10 Jahren wurden die meisten der 14 Achttausender ( vgl. Kasten) bezwungen. Auch die die Annapurna umgebenden Siebentausender wurden bestiegen, an den Hauptgipfel wagte sich jedoch während der folgenden 19 Jahre keine Expedition mehr. Im Rahmen einer Erkundung zur Besteigung desMachapuchare (6992 m) erreichte Jimmy Roberts, ein britischer Gurkha-Offizier, 1957 erstmals das «Heiligtum» («Annapurna Sanctuary»), ein gewaltiges Gletscherbecken auf der Südseite der Annapurna. Aber noch war die mächtige Südwand kein Thema. 1969 versuchte eine deutsche Expedition, die Annapurna zum zweiten Mal zu besteigen. Ein Jahr später war dann endlich eine britische Expedition erfolgreich, ebenfalls über die Route der Erstbesteiger. Kurz darauf gelang es einer weiteren britischen Expedition unter der Leitung von Chris Bonington, den Gipfel erstmals über die scheinbar unbezwingbare 3500 m hohe Südwand zu erreichen. 1974 erkletterte eine spanische Expedition den Ostgipfel (8026 m), und 1984 gelang Erhard Loretan und Norbert Joos die schon mehrmals versuchte Traversierung vom Ostgipfel über den Mittelgrat zum Hauptgipfel. 1985 durchkletterte Reinhold Messner zusammen mit Hans Kammerlander die noch unbezwungene Nordwestwand. Und im Herbst 1996 erfolgte schliesslich die Erstbegehung des Nordwestgrates.