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AGNOSTO THEO - dem unbekannten Gott
Lieber Peter.
Du reizt mich mit einer Frage, die ich mir selbst schon öfters stellte: Wozu sind wir eigentlich da? Um einen Ausgangspunkt aus vielen möglichen Antworten festzulegen, verweist Du mich auf einen Text in der Apostelgeschichte, (Kapitel 17,16-34) mit dem Du Deine Frage verbindest. Dort stehen faszinierende Aussagen, die von einem Altar im antiken Athen ausgehen. Auf seinem Sockel stand: "AGNOSTO THEO", auf Deutsch: DEM UNBEKANNTEN GOTT.
Dieser Altar reizte damals den Apostel Paulus. Er machte sich eine Eigenart der Athener zunutze: Sie waren immer auf der Suche nach neuen (philosophischen) Lehren. So verband er diese Neugierde mit ihrer Religiosität und - indirekt - mit der Frage, die auch du gestellt hast. Nun leitet mich die Inschrift DEM UNBEKANNTEN GOTT in meiner Briefantwort an Dich.
Kompakt, kompetent, erleuchtend.
Paulus spürte die Wichtigkeit dieses Altars inmitten der vielen Götzenaltäre in Athen. Er liess sich mit einer spontanen Verkündigung von ihm inspirieren. Seine Rede fand nicht nur Gehör in den Herzen einiger Athener, sondern auch Eingang in das Neue Testament. Sie ist so gut, so kompakt, so kompetent, so erleuchtend, Peter, dass ich jetzt versuche, Punkt für Punkt darauf einzugehen.
Ausgangspunkt.
- Der unbekannte Gott (AGNOSTO THEO) verdient es, bei der Götter-Verehrung der Athener (DEISIDAIMONESTEROUS) völlig bekannt zu werden (KAT-ANGELLO).
- Er ist der Macher (HO POIÄSAS) des Kosmos mit allem Inhalt, der Herr (KYRIOS) des Himmels und der Erde.
- Er wohnt nicht in handgefertigten Tempeln und benötigt nichts von Menschenhänden.
- Er gibt allen Leben und Atem und alles.
- Er machte aus einem Menschen alle Menschen in ihren Völkern, Nationen und Rassen und liess sie überall wohnen ("auf allem Angesicht der Erde").
- Er verordnete (PROSTETAGMENOUS) Grenzen, Ausdehnungen (HOROTHESIAS) und Fristen (KAIROUS) ihrer Wohngebiete (KATOIKIAS).
Wozu?
- Er, der unbekannte Gott, will sich mit "ertasten" (PSÄLAPHÄSEIAN) finden lassen.
Begründung.
- Er ist nicht ferne von jedem einzelnen unter uns. In ihm leben wir, bewegen uns und "sind einfach da".
Rückblick.
- Etliche eurer griechischen Poeten sagten dies bereits:
"Wir sind (seines) Geschlechts" (Aretus, Phänomena 5)
- Ein "Geschlecht" (GENOS) Gottes hat es nicht "nötig" zu meinen, die Gottheit sei aus Gold, Silber oder Stein gemacht, aus menschlicher Kunst oder Gefühlen.
Gegenwart.
- Der unbekannte Gott hat die Zeiten der Unwissenheit (AGNOIAS) übersehen und verkündet allen Menschen an allen Orten umzusinnen und über ihn nachzudenken (METANOIEIN).
Ausblick.
- Er bestimmte einen Tag, um die bewohnte Welt mit Gerechtigkeit zu richten.
Angebot.
- Er wird dies durch einen Menschen tun, den er "vorher ersah" (HOORISEN) und nun anbietet, an diesen Menschen zu glauben und ihm zu vertrauen. Dazu weckte er ihn aus den Toten auf.
Philosophische Herausforderung.
Die Athener reagierten ausweichend. Einige lachten Paulus aus, einige hörten gut zu, glaubten ihm und nahmen seine Botschaft an.
Zwei davon werden sogar namentlich genannt: Dionysius und Damaris.
Es fiel mir auf, dass Paulus in dieser Rede auf dem Hauptplatz (AREOPAGOS) in Athen den Namen von Jesus nicht mehr nennt - so wie er es noch Tage zuvor auf dem Marktplatz (AGORA) getan hatte (Kapitel 17,17-19). Wieso? Hat es vielleicht damit zu tun, dass er von den Philosophen der Epikuräer und Stoiker auf den "geschichtsträchtigen" AREOPAG geführt wurde und sich DORT ihrer Denkart in der Lebensfrage des "wozu sind wir da?" anpasste? (Der AREOPAG Hügel liegt der berühmten Akropolis gegenüber und ist mit unserem "Landsgemeindeplatz" oder Bundesversammlung vergleichbar). Denn hier stellte er Jesus als ein zu "ertastendes" Mysterium in der Formulierung des "unbekannten Gottes" dar und regte somit zum Nachdenken an (METANOIEIN heisst nicht nur umsinnen, sondern auch nachdenken). Was meinst du, Peter, zu diesem Gedanken?
Das Mysterium der Beziehung Gott-Mensch und Mensch-Gott.
Zudem fällt mir auf, dass Paulus seine Rede stärker aus der Sicht Gottes aufbaut, als aus der Sicht der Menschen. Dadurch, dass der Name von Jesus nicht im Vordergrund steht, ist es keine "klassisch betonte Evangelisation". Du bist mit deiner Frage auch eher von der Sicht Gottes ausgegangen, Peter. Eine weitere Bibelstelle, die du mir gabst - die aus dem Lukasevangelium 10,22 - weist auf die souveräne Entscheidung Gottes hin, wem er sich offenbaren will. Die dritte Bibelreferenz deines Schreibens - die aus der Apostelgeschichte 2, 38-40 - betont neben Gottes Ruf an den Menschen auch dessen Reaktion. Ich werde versuchen, dem Mysterium
"Gott zu Mensch" und "Mensch zu Gott" mit mehreren - zum Teil schwierig einzuordnenden - neutestamentlichen Texten näherzukommen.
Als nächstes jedoch gehe ich nochmals auf die dreifache Aussage in Vers 28 ein, die das Leben in Gott plakativ beschreibt.
Leben, sich bewegen, sein.
In seiner bewegenden Rede an die Athener auf dem Areopag legt Paulus auch einen auffällig betonten Schwerpunkt auf das Leben, das von diesem unbekannten Gott ausgeht (Apostelgeschichte 17,28). Er sagt: "In ihm leben wir, bewegen uns und sind". Und "sind"? Seltsame Betonung. "Sind" wir nicht, wenn wir leben? Natürlich "sind" wir dann - also ist es eine Zusatzbotschaft. Meiner Meinung nach weist Paulus einerseits auf das besondere "Sein" Gottes hinweisen (JAWEH: "Ich bin der Ich bin", "Ich werde sein, der Ich sein werde") und andererseits weist er auf das "Sein-werden" des Menschen hin, wenn er in eine Gottesbeziehung eintritt, Peter, hier zielt Paulus auf eine "Schnittstelle" zwischen Gott und den Menschen hin.
Vollmacht des Seins.
Spontan kommen mir die bekannten Aussagen im Johannesevangelium (Kapitel 1,11 und 12) in den Sinn: "Er kam in sein Eigentum und die Eigenen nahmen ihn nicht auf. Wieviele ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht (EXOUSIA), Gottes Kinder zu werden - denen, die an seinen Namen glauben." Alle Verben in dieser Aussage stehen in einer griechisch grammatikalischen Form der momentanen Handlung (Aoriste) und nur das Verb "glauben" steht in der fortlaufenden Gegenwart, dem Präsenz. Gott gibt in einem einmalig geschehenden Akt die Vollmacht des Gläubig-werdens. Aber erst ein fortlaufendes Glaubensleben lässt eine Vollmacht "werden". Gott gibt sie als Anfang, der Mensch lebt sie aus. EXOUSIA, die Vollmacht, heisst genauer: "Aus-sich-sein", "Heraus-aus-sich-sein". Ich wage zu behaupten, dass man in dem Masse, in dem wir aus uns herausgehen, Gott den Platz lassen in uns hineinzugehen. Heisst es vielleicht auch deshalb in Johannes 1,12 (wörtlich übersetzt) "in ihn hinein" anstatt "an ihn" glauben? Paulus erklärte den Athenern wie nahe ihnen doch dieser unbekannte Gott ist. Mit dem Zitat einer ihrer eigenen Poeten (Kleantes, der Stoiker) geht er noch tiefer und weist auf die gleiche Abstammung der Athener mit dem unbekannten Gott hin Das Leben bewegt sich zum "Sein", weil wir aus Gott selbst kommen, weil wir "seines Geschlechts sind".
Fremde Worte willkommen?
Die Kommunikation zwischen uns Menschen ist ähnlich schwierig wie zwischen Gott und uns, Peter. Ich versuche es kurz zu skizzieren: Wo verstehen wir uns leichter, wo schwerer? Ist es nicht leichter, über Dinge auszutauschen, die sich auf der gleichen Ebene befinden? Oder fliesst ein Austausch nicht dort am besten, wo sich Kenntnis mit Kenntnis trifft, wo es übereinstimmende Grundlagen gibt? Ohne diese Grundlagen wird die Kommunikation schwerer - bis zu dem Punkt, wo sie stagniert und dann aufgegeben wird. Botschaften, die nicht mit unserem Verständnis, unserem Erfahrungsbereich übereinstimmen, empfinden wir als "fremde Worte". "Fremd" wäre ein anderes Wort für "neu". Als Paulus auf dem Areopag den wissensbegierigen Athenern "Neues" verkündet, gebraucht der griechische Text "neu" (KAINÄ) und "fremd" (XENIZONTA) als synonyme Aussage ( Apostelgeschichte 17,19-20). Da die Athener offen für Neues waren, wurde Gottes Wort von einigen in ihr Denken "eingelassen", von anderen nicht - so wie es schon Jesus bei seinen Gleichnissen erlebte und es uns im Matthäus-Evangelium 13, Verse 13-15 sowie in den Versen 19 und 23 erklärte.
Verstehen heisst nicht automatisch verstehen.
"Mit sehenden Augen sehen sie und mit hörenden Ohren hören sie und verstehen es dennoch nicht" (Matthäus 13,13). An der Sprache lag es nicht. Sondern "am Herzen", sagt Jesus. Dieses sei "stumpfsinnig" (EPACHYNTHÄ, von PACHYS, fett) geworden und kann in diesem Zustand nichts mehr aufnehmen, verstehen. Es geht, laut griechischem Text, hier um das "SYNIÄMI - verstehen" (siehe auch www.xandry.ch "Den Verstand verstehen"). SYNIÄMI heisst eigentlich "zusammenbringen", das Wahrgenommene "in einen Zusammenhang bringen". Zusammenbringen mit was? Mit dem eigenen, aus der Erfahrung herkommenden Verständnis! Wenn man aber das Wort Gottes (Vers 19) nur so hört, wie man will oder wie man es kennt, dann hat Gottes Botschaft keinen Platz mehr und der Widersacher reisst es weg.
Gott teilt sich dem Menschen gerne mit. Aber ist es beim Menschen ebenso? Wenn nicht, funktioniert die Kommunikation zwischen den beiden nicht. Jesus wählte dazu oft die Form der Gleichnisse. Dabei ging es nicht um besseres Verstehen, wie man allgemeinhin meint, sondern um ein "Abtasten" des Herzens-Verständnisses (vergleiche Apostelgeschichte 17,27). Die Erklärung dazu liegt in der griechischen Bedeutung des Wortes PARABOLÄ, stets mit "Gleichnis" übersetzt. Es bedeutet eigentlich "Danebenwurf". Es ist eine Rede, die zwar ein direktes Ziel hat, aber nicht direkt den Zuhörer treffen soll. Der Zuhörer hat die Freiheit, sich persönlich angesprochen zu fühlen - oder die Rede als für andere Menschen einzustufen. Mit anderen Worten: lässt der Zuhörer Gottes Wort nicht nur oberflächlich in sein Ohr, sondern in sein Inneres (Herz) hinein, dann kann er ohne Reaktionsdruck darüber nachdenken und es mit seinen Erfahrungen, mit seinem Verständnis vergleichend zusammenbringen (SYNIÄMI). Dann können sogar anfänglich befremdende Worte als bleibender Same "auf gutem Land" weiterwachsen ("Frucht bringen", Matthäus 13,23). Ich staune immer wieder, Peter, wie feinfühlig Gott auf uns Menschen eingeht!
Bevorzugte im Verstehen?
Ach, Peter, wenn die Bibel nur eindeutiger wäre! Sie ist sogar weit davon entfernt. Eindeutig wäre eigentlich nur Gott in seiner unausforschbaren, unauspürbaren (vergleiche Epheser 3,8) Singularität. Mit seinem Wort jedoch offenbart er sich seiner Schöpfung in multiplem Erscheinungsbild dieses Kosmos, das grundsätzlich auf dualem (binärem) Untergrund beruht. Seine Weisheit ist in Gegensätzen verfasst, am besten ersichtlich im zentralen Weisheitsbuch "Die Sprüche Salomos". Es trägt den hebräischen Namen "Die Vergleichenden", weil meistens Gegensätzliches in ihnen verglichen wird.
Berühmt sind ja auch Salomos Gegensatz-Paare im Buch des Predigers, Kapitel 3,1-11: "Alles hat seine bestimmte Zeit...geboren werden und sterben, pflanzen und ausreissen, töten und heilen, abbrechen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen, Steine werfen und Steine sammeln, umarmen und sich nicht umarmen, suchen und verlieren, aufbewahren und fortwerfen, zerreissen und nähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Krieg und Frieden...Gott hat den Menschen gegeben, sich damit abzumühen...alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er das Äonische ("Ewigkeit") in ihr Herz gelegt, ohne dass der Mensch Gottes Werk von Anfang bis zum Ende zu erfassen vermag".
Warum ist das alles im Inneren des Menschen niedergelegt, Peter, wenn wir es doch nicht erfassen können? Ein Rätsel. Und das um so mehr, weil Salomon zusätzlich schreibt (Sprüche 25,2): "Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verbergen, aber der Könige Ehre, eine Sache zu erforschen". Können wir es also doch "erfassen" durch Erforschung?
Ich schrieb dir vom SYNIÄMI-Verstehen in den Gleichnissen von Jesus (Matthäus 13,13 ff). Ich war froh, seine Erklärungen "verstanden" zu haben und liess daraufhin das besagte SYNIÄMI zu.
Dann aber las ich - und es war wie eine kalte Dusche für meinen Geist - dass SYNIÄMI auch nicht das Gelbe vom "Ei der Weisheit " ist!
Denn im Lukasevangelium 10,21 kommen die SYNÄTON (die SYNIÄMI Praktizierenden) nicht gerade gut weg im Verständnis. Jesus betont hier das Thema aus einer anderen Perspektive. Plötzlich stehen nicht mehr die SYNÄTON-Weisen als gute Beispiele da, sondern die "Unmündigen" (NÄPIOIS). Wer sind diese Unmündigen? Der griechische Ausdruck meint wörtlich diejenigen, die "ein Wort nicht richtig aussprechen können" (NÄ und EPOS) und somit "im Verstehen unreif" sind. Und doch verstehen sie, was Jesus meint.
Hier müssen wir eine andere Stelle zur Verständnishilfe nehmen. Im 1.Korintherbrief 14,20 steht das mit NÄPIOIS verwandte Verb NÄPIAZETE, das ein Verhalten bei üblen Situationen regeln soll. Paulus empfiehlt den Korinthern mit diesem Wort, dass "kindliche" Reaktionen in der Begegnung mit Boshaftigkeit stärker sein können als "erwachsene Reaktionen". Offenbar kann das Bauch-Gehirn (eines Unmündigen) oft besser funktionieren als das Gehirn-Gehirn (eines Mündigen).
Jesus wusste, dass auch darum die NÄPIOI als "unmündige Hörer" einen Vorzug vor den SYNÄTON als "mündige Hörer" im Verständnis seiner Rede haben konnten. Er freute sich überaus an dieser Erkenntnis und pries den Vater als Herr des Himmels und der Erde dafür!
Peter, haben wir hier nicht wieder diese biblische Wahrheit in gegensätzlichen Bildern, in Kindlichkeit und Reife? Haben wir hier einen "Auswahlprozess", der uns zu neuem Nachdenken anregt? Im Lukas 10,22 steht: Der Sohn Gottes offenbart sich, wem er sich offenbaren will. Ihre Namen sind bereits in den Himmeln angeschrieben (Lukas 10,20). Hat diese Auswahl aus den Menschen die Botschaft von Jesus schon verstanden oder ist dies noch zukünftig? Ob reif oder unreif im Glauben, sind es solche, die der Vater zu Jesus zieht oder solche die durch Jesus zum Vater kommen (Johannes 6,44 und 14,6)? Wo Gott und Jesus etwas betonen wollen und wie wir es am besten verstehen sollen - an diesen gegensätzlichen Aussagen müssen wir weiterforschen.
Schwierige Rettung.
Bibelorientierte Christen wissen, dass Errettung durch Glauben an das Rettungswerk von Jesus geschieht durch Gnade und nicht durch Werke - das, Peter, lassen wir uns nicht wegnehmen, oder? Aber du wunderst dich vielleicht, warum ich eine solche, uns selbstverständliche Aussage, überhaupt schreibe.
Nun, der Grund dafür liegt in einem schwer verständlichen Text, der die Gnade vielleicht doch mit dem Werk verbindet. Es ist das Beispiel Philipperbrief Kapitel 2,12-13: "...bewirkt eure eigene Rettung mit Furcht und Zittern, denn Gott ist es, der in euch wirkt - sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach seinem Wohlgefallen".
Dieser Satz befremdet. Mit Furcht und Zittern unsere Rettung bewirken? Bei dem Wort "Furcht" könnte man noch "ausweichen" auf das Verständnis "Gottesfurcht" - denn ohne dieselbe ist eine Errettung undenkbar. Aber bei "Zittern" kommen doch Fragen auf...gehört ein solcher Ausdruck zu einer freundlich gesinnten "Gnadenbeziehung" im Glauben? Wohl kaum. Aber es geht noch weiter mit diesem seltsamen Satz von unserem geschätzten Lehrer Paulus - denn, was meint er mit "die eigene Rettung bewirken"? Die wird den Philippern doch "gegnadet", also durch Gnade geschenkt - eines der Haupthemata in allen Briefen von Paulus. Und Gottes Wollen und Wirken sollen hier zusätzlich mit dem Fazit "nach seinem Wohlgefallen" geschehen. Aber wo wäre des Menschen Mitwirkung - ausser Furcht und Zittern - in all diesen Aussagen? Gibt es die überhaupt?
Ja, es gibt sie, Peter. Ich korrigiere nun den Text mit der Urtextfassung in den ältesten Handschriften. Dort fehlt das "seinem" bei "nach seinem Wohlgefallen". Es heisst nur "nach Wohlgefallen".
Ich nehme an, dass hier "der Schnittpunkt" zwischen göttlichem und menschlichem Anteil bei der Rettung liegt. Gott interessiert das Wohlgefallen des Menschen. Wie reagiert der Mensch bei all dem, was Gott für ihn vorsieht, für ihn wirkt oder bewirkt? Würde Gott nicht auf den Menschen eingehen, hätte der Mensch tatsächlich keinen Anteil an seiner Rettung durch den Glauben! Oder liegen hier meine Überlegungen daneben? Das Wohlgefallen des Menschen an Gottes Wegen zeigt Gott auf welche Art der Mensch seinen Glaubensweg gehen will und kann. Vielleicht hat auch die Intensität dieses Wohlgefallens einen Einfluss auf die Beziehungsfrage zwischen dem Glaubenden und Gott? Das wäre noch zu beachten...Nun aber nochmals zurück zum "Zittern". Paulus empfiehlt doch den Philippern kein "Angstzittern", so wie es Jakobus (Kapitel 2,19) über die Dämonen sagt: Sie glauben auch und zittern - wohl aus Angst vor dem schrecklichen Gericht, vor ihrer kommenden äonischen Zurechtbringung im Feuer. (Diese Art des Gerichts wird ja dem glaubenden Menschen erspart, Johannes 5,24). Meint das Zittern im Philipperbrief 2,13 vielleicht ein Zittern der Ergriffenheit des Menschen vor Gott? Das wäre eine mögliche Alternative.
Mit all diesem, was ich dir heute schrieb, Peter, könnte der Text wie folgt lauten: "Bewirkt eure eigene Rettung mit Gottesfurcht und ergriffenem Zittern, denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken, je nach Wohlgefallen (des Menschen)".
Übersetzt man so, dann ginge es um eine Beziehung Gott-Mensch in der Rettung und nicht um einen Konflikt zwischen Gnade und Werken. Gottes Wollen und Wirken würde sich dabei mit dem Wohlgefallen des Menschen verbinden.
Gottes Willen, Menschenwille.
Wir werden im Römerbrief 12,2 aufgefordert, den vierfach wirkenden Willen Gottes zu prüfen. Prüfen? Ja, das griechische Wort DOKIMAZO bedeutet einerseits eine Prüfung von Edelmetall und andererseits ein Erproben, einen Test in alltäglichen Angelegenheiten. Ich habe auf meiner Webseite im Artikel "Gottes vielfacher Wille" erklärt, wie ich die Steigerung dieser Willensbenennungen sehe, Peter. Du hast sie vermutlich gelesen. Aber heute komme ich aus einer anderen Richtung zu dem Thema seines Willens. Es ist das Entstehen seines Willens, verbunden mit dem Willen des Menschen. Hier gibt uns der Epheserbrief eine Spur dazu. Dreimal wird im ersten Kapitel, in den Versen 5, 9 und 11, Gottes Willen erwähnt. Des Menschen Wille erkenne ich aus Vers 4 - aber zuerst schauen wir auf die Entwicklung des göttlichen Willens. Ich glaube, dabei ein "Muster" zu erkennen. Es geht vom "Wohlgefallen" (EUDOKIA) seines Willens über das "Geheimnis" (MYSTERION) seines Willens zum "Rat" (BOULÄ) seines Willens.
Das Wohlgefallen seines Willens, EUDOKIA.
In den Evangelien fällt auf, dass der Vater im Himmel das Offenbarwerden (Matthäus 3,17) und die Herrlichkeit (Matthäus 17,5) seines Sohnes Jesus mit den Worten "an dem ich Wohlgefallen habe" (EUDOKEO) begleitet. Es ist für unser Verständnis eine eher seltsam anmutende Aussage, weil Jesus seinen Dienst ja erst anfängt und (scheinbar) noch gar nicht "bewährt" ist.
Aber ist das so? Wer weiss, was Jesus schon alles an Wohlgefälligem (EUDOKIA) vollbracht hatte in den etwa 30 Jahren vor seiner Taufe am Jordan? Oder - als gewaltiger Gedanke - wie er als Mit-Schöpfer unserer Welt gewirkt hatte (siehe Sprüche 8,22 f, Hebräerbrief 1,2 und Johannesevangelium 1,3)?
Dieses EUDOKIA-Wohlgefallen kommt uns nun im Epheserbrief 1,5 als erste Willens-Aussage Gottes entgegen, dieses Mal nicht auf Jesus allein bezogen, sondern auf eine Auswahl seiner Söhne. Genauer: bezogen auf die Sohnschaft (HYOTHESIA) der Kinder Gottes durch Jesus Christus.
Wir betreten mit diesem Text, der mit Epheser 1,3 und 1,4 eingeleitet wird, "geheimnisvolles Land" unseres Heils, Peter. Vers drei weist auf "alle geistliche Segnung in den Überhimmlischen" hin, in denen er uns auserwählt (genauer heraus-erwählt) hat. Es ist offenbar eine Auswahl aus einer Menge, die -zusätzlich betont - VOR "Herabwurf" (KATABOLÄ), vor der "Schöpfung des Kosmos" (KATABOLÄ KOSMOU), geschah. Es ist eine Auswahl an Menschen, die aus allen Menschen eine Art "Heils-Vorhut" bildet, die dann später nach und nach allen Menschen angeboten wird. In meiner Vorstellungskraft hat diese Auswahl auch etwas mit Austausch und mit Kommunikation zu tun. Es geht schliesslich um Menschen, die sich in das Leben des Erlösers integrieren lassen, als Teil seines Lebens, "als Glieder in seiner Körperschaft". Sie wurden voraus "ersehen" (PRO-ORIZO), eine Sohnschaft im Sohn darzustellen. Mit Freud und Leid. Mit Schöpferkraft und Todesleiden. Mit Auferstehung und Erhöhung. Der Epheserbrief betont dreimal das "zusammen-sein von uns und ihm" (Kapitel 2,5-6): Wir wurden zusammen mit ihm lebendig gemacht, zusammen mit ihm auferweckt und zusammen mit ihm in die überhimmlischen Örter gesetzt.
Einige Auslegungen sehen dies erst nach der Bekehrung zu ihm, also im Heute und nicht in der Zeit vor dem Niederwurf des Kosmos. Und das sehe ich halt anders, Peter. Meiner Meinung nach könnte ein Haupt solche grundlegenden Entscheidungen des gemeinsamen Lebens mit seinen Gliedern teilen. Sie werden ja gleichermassen betroffen sein. Für mich läge es nahe, dass Gott eine Sohnschaft für seinen Sohn auserwählt. Und weil diese Menschen die Erwählung begrüssten und ihre Zustimmung gaben, hatte Gott sein EUDOKIA-Wohlgefallen auch an ihnen.
Um es klar auszusagen: zu diesen Menschen gehören wir durch unseren Glauben.
Wir wurden damals gefragt, wurden mit einbezogen in den göttlichen Plan und - sind heute dabei.
Das Geheimnis seines Willens, MYSTERION.
Als nächstes nennt Paulus im Epheserbrief 1,9 das Geheimnis seines Willens. Obwohl die Bedeutung von Geheimnissen meistens geheimnisvoll bleiben und sich gegen Erklärungen wehren, will ich mich doch an diese eine Stelle von 28 Geheimnis-Nennungen im Neuen Testament heran wagen: Das Geheimnis seines Willens führt mit "Gottes Wohlgefallen" in die Haushaltung (OIKONOMIA) der Fülle (PLEROMA) der Zeiten (Fristen, KAIROS). Diese aufbauende Verwaltung mündet in eine vollständige Verbindung zu Christus. Alles was in den Himmeln und auf der Erde ist, soll in Christus zusammengeführt werden. Das besondere griechische Wort, das Paulus hier gebraucht, heisst ANAKEPHALAIOSASTAI und heisst wörtlich übersetzt "aufhaupten". Alles wird zum Haupt Christus nach oben hin ausgerichtet. Das Kommen von Christus in diese unsere Welt nennt der Galaterbrief (4,4) das "PLEROMA der Zeit, die Erfüllung der Zeit". Sie befreit aus der Zeit unter dem Gesetz zur Freiheit der Sohnschaft (griechisch HUIOTHESIAS, Epheser 1,5).
Dieses Geheimnis seines Willens lesen wir "einfach so" im Epheserbrief: Ein MYSTERION wird uns offenbart. Die geheimnisvolle, fast auch "mystische" (MYSTERION!) Zusammensetzung der Körperschaft Christi ist ein Aufbau mit allen Gläubigen aller Zeiten, zu denen wir ja auch gehören.
"Aller guten Dinge sind drei" sagt ein Volksspruch. Also schauen wir den Text weiter an, Peter. Tatsächlich - wie bei dem Wohlgefallen seines Willens und dem Geheimnis seines Willens haben wir auch einen Anteil bei der folgenden dritten Willensäusserung Gottes.
Der Rat seines Willens, BOULÄ.
Es geht weiter mit Epheser 1,11-12: Was nahm sich Gott noch alles vor? Aus einer anderen Perspektive lesen wir von einer gemeinschaftlich entstandenen Vorgehensweise. Es ist die des Gotteswilles im Rahmen seiner BOULÄ, seines Ratschlusses. Gott handelt nun nicht mehr allein, sondern vergleicht seine Überlegungen mit dem Rat anderer.
Ein Rat beruht auf Beratungen. Und Beratung bedeutet Mitreden, seine Meinung äussern, in Gemeinschaft das Beste suchen. Wer hier alles in der Ratsversammlung mitredet, sagt der Text nicht. Ich denke jedoch, dass sich überhimmlische Geistwesen (Epheser 2,6) und die anfangs genannten auserwählten Menschen (Epheser 1,4) mit Gott beraten. Es geht um das Thema: Wie kann die Herrlichkeit Gottes vermehrt werden, wie können alle ihren Anteil dazu beitragen? Dass die Meinungen von uns schwachen Menschen hier mitwirken, übersteigt mein vernunft-gesteuertes Vorstellungsvermögen. Aber es stärkt und erweitert meinen Glauben an unseren weisen, liebenden, und menschen-orientierten Gott.
Vorstossen, vorantreiben.
Bei der Taufe von Jesus sagte eine Stimme aus dem Himmel: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen" (Lukas 3,22-23). Ein grosses Lob, wegen einer grossen Vorgeschichte? Ja -- und nein. Ja, denn Jesus lebte und wirkte schon immer mit dem Vater - und nicht erst die 30 Jahre seit seiner Geburt. Nein - weil ich denke, dass sich der Vater besonders auf diese 30 Jahre bezog, in denen Jesus als Mensch heranwuchs.
Was wissen wir von ihnen? Nicht viel. Wir kennen die Geburtsgeschichte und feiern sie jedes Jahr Jahr. Wir wissen von der Flucht mit Joseph und Maria nach Ägypten, von den "drei Königen" aus dem Morgenland. All das wird im Lukasevangelium und Matthäus-Evangelium ausführlich dokumentiert, als Kern unserer Weihnachts-Geschichten (siehe auch meine zusätzliche Studie auf www.xandry.ch). Ansonsten wissen wir fast nichts aus seiner Kindheit, ausser von einer einzigen Begebenheit, als er sich,12 jährig, in Jerusalem mit Gesetzeslehrern im Tempel besprach. Sein Leben spielte sich in Galiläa ab. In aller Normalität des Alltags: Berufslehre als Zimmermann, Kleinstadtleben in Nazareth, (einem Verkehrsknotenpunkt für Handels-Karavanen), Synagogenbesuch am Sabbat, alles unter römischer Besatzungsmacht.
Dort lebte Jesus ungefähr 30 Jahre lang, bis er seine Aufgabe anfing, für die er auf die Erde gekommen war. Dies wird in einem Satz ausgesagt: "Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen" (Lukas 2,52). Eine ganze "Vita" in einem einzigen Satz, ein Lebenslauf ohne Erwähnungen von Taten und Leistungen und dennoch mit dem Wohlgefallen des Vaters im Himmel. Um was geht es?
Zunehmen oder "vorstossen"?
Eine mögliche Antwort sehe ich in einer speziellen Betonung dieses Satzes, die ein Leser ohne Griechisch-Kenntnisse nur schwer erkennen kann. Eine normale Aussage wie "Jesus nahm zu", im Sinne von "Jesus wuchs auf", könnte hier auch mit einem gebräuchlichen Verb ausgesagt werden - wie zum Beispiel in einem bekannten Text des Johannesevangeliums (3,30). Dort sagt Johannes der Täufer von Jesus und sich: "Er muss wachsen (AUXANEIN), ich jedoch muss abnehmen". Aber dieses gebräuchliche Verb AUXANEIN (wachsen,zunehmen) wird im Lukastext nicht für das normale Wachstum von Jesus verwendet, sondern das besondere Verb PROKOPTO, das nicht einfach "zunehmen" heisst, sondern "vorantreiben, voranhämmern, vorstossen".
Ein gutes Bild dazu ist das Hämmern von Metall über eine gegebene Form, wie wenn ein Goldschmied einen Gegenstand mit Goldblech überzieht. Er hämmert das Metall in jede Ritze und gleicht alle Unebenheiten aus. Folgende, freie Übersetzung träfe genauer zu: "Und Jesus nahm durch viele kleine Schläge zu (PROKOPTO). Er wurde vorangetrieben, vorgestossen (PROKOPTO) an Weisheit, altersmässigem Wachstum und Gnade bei Gott und den Menschen".
Diese knappe Erwähnung ergibt zusätzlich einen guten Vergleich zu uns: Jesus wuchs als Mensch auf, mit Hochs und Tiefs. Mit Freud und Leid. Mit Versuchungen, mit Schwachheiten. Alles geschah mit Gottes Wohlgefallen. Es gehörte zum Heranreifen als Mensch (siehe Hebräerbrief 5,8).
Auch wir können das kleine, feine oder auch festere, unangenehme Hämmern (PROKOPÄ) für unser Leben annehmen. Wachstum in Weisheit und Gnade war ein Ziel Gottes für Jesus, seinen Sohn. Dieses Ziel hat der Vater im Himmel auch für uns, seine Söhne und Töchter. Erkennen wir es, öffnen wir uns dafür? Vertrauen, glauben wir ihm? Im Hämmern des Goldschmieds geht es um eine Veredlung, die sich stets an der Urform unseres ursprünglichen Seins orientiert. Gold ist ein biblisches Symbol für Glauben und Vertrauen, wie es Petrus ausdrückt (1.Petrusbrief 1,7). Unser Schöpfer schleift und meisselt nicht wie ein Bildhauer(siehe auch www.xandry.ch "Geformt oder genormt"). Er überzieht unsere Form mit Gold, bringt uns voran, er "stösst" uns vor, immer umfassender zu unserem Urbild hin.
PROKOPTO oder PROKOPÄ wird im Neuen Testament verschieden angewendet. Paulus sieht seinen Gefängnis-Aufenthalt als "Förderung" (PROKOPÄ) des Evangeliums (Philipperbrief 1,12 und 25). Und als jüngerer Mann nahm er in der traditionellen Gesetzes- Ausbildung "stark zu" - "sogar über die Massen zu". Er erklärt es in seinem Brief an die Galater (1,14) mit dem Wort PROKOPTO. Darum würde ich "über die Massen zunehmen" hier zutreffender mit dem ungewohnten "über die Massen vorstossen" übersetzen.
Ob im Guten oder im Argen, PROKOPTO kann in beiden Richtungen als Vorstoss verwendet werden (siehe 2.Timotheusbrief 2,16). In unserem Leben und um unser Leben herum wird vieles mit Hämmern vorangetrieben - selbst die Nacht "stösst vor", um das kommende Heil an das Licht des Tages zu bringen (Römerbrief 13,11-12).
Hinauf oder hinunter?
Zum Thema "Reifungsprozess" bin ich beim Weiterforschen in der Schrift an einem Text hängengeblieben, der mit "sich eine gute Stufe erwerben" zu tun hat (1.Timotheusbrief 3,13).
Es geht dabei um dienen, um arbeiten. Wenn ich also ein guter Arbeiter oder gar Diakon sein will, muss ich mich dann "hinaufdienen"? Ist nicht des Christen Weg eher hinauf als hinunter? Denn es heisst: "Suchet was droben ist, trachtet nach dem, das droben ist" (Kolosserbrief 3,1-2). Oder: Verändert euch durch die Hinauf-Erneuerung (ANAKAINOOSEI) des Sinnes (Römerbrief 12,2).
Alles strebt zur himmlischen Vollendung hin.
Das ist richtig und gut so. Jedoch, wenn wir himmlisches Streben mit irdischen Streben verwechseln und denken, wir müssten in allem "nach oben" kommen, dann haben wir etwas Grundsätzliches nicht verstanden. Als Jesus zur Himmelshöhe hinauf stieg, musste er zuerst hinunter in die Todestiefe (Philipperbrief 2,5-11). Das ist ein Grundprinzip, das man nicht nur in Glaubensfragen findet. In einer Welt, in der man sich "hochdient", fängt man auch unten an.
Diakone und Diakonissen dienten und dienen seit bald 2000 Jahren (ab Apostelgeschichte Kapitel 6) Armen und Kranken und gingen oft einen ähnlichen Weg wie ihr Vorbild Jesus. Apropos Diakonie: Paulus schreibt an Timotheus klare Anweisungen zur Person und zum Dienst der Diakone (1.Timotheusbrief 3,8-13). Es fällt auf, dass in diesem Text zwei außergewöhnliche Formulierungen zum Thema Glauben stehen: Das Geheimnis (MYSTERION) des Glaubens (Vers 9) und die Stufe (BATHMOS) des Glaubens (Vers 13).
Da ich beim Bibellesen oft zu schnell lese, Peter, überlese ich Feinheiten des Textes. Mögliche "Besonderheiten" in der Ausdrucksweise merke ich erst im Rückblick auf einen Abschnitt. Eine Besonderheit wäre: Der Glaube als Mysterium, als Geheimnis. Das ist ein eigenes, grosses Thema. Auf dessen Vertiefung möchte ich jetzt nicht eingehen.
Ich konzentriere mich lieber auf die "Stufe des Glaubens" (BATHMOS), das mit einem Reifeprozess zusammenhängen könnte.
BATHMOS, hohe oder tiefe Stufe?
Hängt hier die Stufe des Glaubens zusammen mir dem Mass des Glaubens? Oder mit der Analogie des Glaubens (Römerbrief 12,3 und 12,6)? Also mit mehr oder weniger stark ausgedrücktem Glauben?
Eher nicht, denke ich, Mass und Analogie (Entsprechung) passen nicht gut zu der Aussage "Stufe". Die Übersetzungen, die ich kenne, lassen durchblicken, dass mit "Stufe" ein "Hinaufgehen" gemeint ist. Und das ist voll akzeptabel, wenn man von der Wortverwandschaft von BATHMOS (Stufe) mit BASIS und ANABAINOO ausgeht (BASIS, Tritt, Gang und Stand des Fusses, siehe Apostelgeschichte 3,7 und von ANA-BAINOO, hinaufgehen, siehe Matthäus 5,1).
Jedoch liegt die nähere Wortverwandtschaft von BATHMOS bei BATHOS, das mit "Höhe und Tiefe" im Lexikon angegeben wird. Und was soll man wählen, wenn beide Möglichkeiten offenstehen? Epheserbrief 3,18 beantwortet diese Frage: Dort steht für "Höhe" HYPSOS und für "Tiefe" BATHOS. Ein weiteres eng verwandtes Wort wie BATHYNOO "tiefgraben" (Lukas 6,48) zeigt ebenso die Tiefe und nicht die Höhe an.
Zurück zur Ausgangslage: Wie wäre "die Stufe des Glaubens" am verständlichsten? Arbeiten sich die Diakone hinauf oder hinunter? Ich habe Übersetzungen von 1.Timotheusbrief 3,8-13 in anderen Sprachen nachgeschlagen. In englisch steht für "Stufe" "degree", in französisch "rang", in italienisch "grado". Diese Worte gäben der Stufe eher eine Richtung nach oben als nach unten - man wäre sich einig im Verständnis des Ausdrucks BATHMOS als "Höhe"...
Aber anhand der oben erwähnten Texte aus dem Epheserbrief und dem Lukasevangelium führt "die Stufe" im Text an die Diakone eher hinunter, als hinauf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass "dienen" und "bedient werden" einige moralische Tücken mit sich bringt. Der Dienende steht äußerlich automatisch über dem Bedienten. Nur die Haltung des Dienenden kann dies ändern. Wie geschieht das Dienen? In aufgezwungener Weise? Oder herablassend? Oder gar vorwurfsvoll? Es gäbe im Dienen viele Facetten auf einer Stufe "von oben nach unten". Darin liegt die erwähnte Tücke. Um ihr auszuweichen, müsste man von der jeweils unteren Stufe aus wirken.
Ist dies die Kernaussage zu BATHMOS, die sich zu erwerbende Stufe?
Im zentralen Brief des Neuen Testamentes, dem Römerbrief, hat Paulus die wichtigsten Glaubensgrundlagen niedergeschrieben. Im zwölften Kapitel, Vers 3, betont er stark, wie jeder sich selbst erkennen sollte: "...dass niemand höher von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern dass er von sich mäßig halte, ein jeglicher, wie Gott das Mass des Glaubens ausgeteilt hat". Und in Vers 16 ergänzt er: "Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug."
Daran, Peter, will ich auch in meinem Brief an dich denken.