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An der Aa Zug: «Absonderungshaus» und Hinrichtungen
Am 3. März stimmt die Stadt Zug über die Zukunft des Areals «An der Aa» ab. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Nicht zum ersten Mal politisiert das Volk über das städtische «Filetstück».
100 Wohnungen, davon 40 Prozent preisgünstig, sowie der Ausbau der Infrastruktur der Zuger Verkehrsbetriebe sowie des Rettungsdienstes. Sollte die Stadtzuger Abstimmung Anfang März angenommen werden, wird sich das Areal «An der Aa» im Westen des Bahnhofs Zug bald merklich verändern.
Das Areal zwischen General-Guisan-Strasse, Aabachstrasse und heutigem sowie ehemaligem Bahndamm hat sich in den letzten 120 Jahren stark verändert. Der Blick zurück in der Geschichte des Areals An der Aa ist reichhaltig, wie ein Tauchgang ins Zuger Stadtarchiv offenbart.
Hier lebten Menschen mit ansteckenden Krankheiten
Dort, wo heute die Verwaltung steht – genauer gesagt am Standort des heutigen Staatsarchivs – wurde 1905 ein «Absonderungshaus» geplant. Hierbei gings nicht um die Trennung von Schmutz- und Trinkwasser, nein, eine Kläranlage wurde später auf der Westseite des Areals gebaut. Das Absonderungshaus sonderte vielmehr Menschen mit ansteckenden Krankheiten ab.
Wie man den Unterlagen des Kantonsingenieurs vom Jahr 1905 entnehmen kann, waren zwei Krankensäle mit je acht Betten, zwei Wärterzimmer, ein Arztzimmer, zwei Badezimmer und zwei Abtritte geplant. Im Ökonomiezimmer war neben der Waschküche und einem Desinfektionslokal auch ein «Leichezimmer» geplant.
Auf der gegenüberliegenden Seite der General-Guisan-Strasse, die damals Gasstrasse hiess, stand zu diesem Zeitpunkt eine Gasfabrik.
Klowasser zum Betreiben der Brennerei? Nein, danke
Nicht alle waren angetan von den Bauplänen für das Absonderungshaus. Im Stadtarchiv liegt ein Schreiben eines Franz Wyss auf. Dieser besass offenbar auf der benachbarten Grafenau-Parzelle ein Landwirtschaftsgut. «Der Unterzeichnete erhebt Einspruch gegen das projektierte Absonderungshaus, weil dadurch meine Liegenschaft an Wert, zum Teil auch an Bauzwecken bedeutend verlieren würde», heisst es im von Hand verfassten Brief.
Er bemängelte, dass die Ableitung der Aborte in den Ahmühlebach geführt würden. Dieses Wasser brauche Wyss jedoch unter anderem in Haus, Scheune sowie im eigenen Brennhaus. Wyss blieb jedoch chancenlos. 1908 wurde das Absonderungshaus in Betrieb genommen.
Aus dieser Zeit ist im Stadtarchiv auch eine Postkarte zu finden. Auf der Vorderseite zu sehen ist das Absonderungshaus mit den Nebengebäuden. Die Karte wurde vermutlich von einem Patienten an einen italienischsprachigen Pfarrer verschickt. «Seit dem Monat Januar befinde ich mich in Zug im Absonderungsheim. Schreiben Sie mir bitte einen Brief.» Weshalb sich der Patient behandeln liess, geht aus der Karte nicht hervor.
Das Absonderungshaus wurde vermutlich im Jahr 1967 geschlossen, danach diente das Gebäude An der Aa unter anderem als Männerheim. 1988 wurde es abgerissen.
Anfang des 20. Jahrhunderts stand das Areal An der Aa noch ziemlich leer. Dies mit Ausnahme der Strafanstalt, die 1883 eröffnet worden war. Ein Gefängnis steht noch immer an derselben Stelle im Südosten des Areals, an der heutigen Aabachstrasse. Der damalige Bau wurde jedoch Anfang der 2000er-Jahre neugebaut.
Tod durch die Guillotine
Zeitweise blickte die ganze Schweiz auf ebendiese Strafanstalt: Dort nämlich fand 1939 die zweitletzte zivile Hinrichtung in der Schweiz statt. Der dreifache Mörder Paul Irniger starb im Gefängnishof durch die Guillotine. Nachdem er einen ersten Mord an einem Taxifahrer in Walterswil bei Baar begangen hatte, tauchte er unter und lebte unter anderem als falscher Mönch im Kloster Einsiedeln, wo er sogar Messen auf Latein las.
Viele Jahre zog er zudem als Vagabund durch die Schweiz, bis er nach Diebstählen im Kanton Zürich einen zweiten und kurz darauf gar einen dritten Mord beging. Am 25. August 1939 wurde Irniger geköpft. Davor hatten sich 75 Männer freiwillig als Scharfrichter gemeldet. Nur widerwillig erlaubte der Stadtrat, Irniger in der Stadt zu begraben.
Zuger Abwasser wurde zuerst lokal gereinigt
Nicht immer roch es auf dem Areal An der Aa sonderlich gut. 1957 baute die Stadt Zug dort, konkret im Westen des Geländes, die erste Kläranlage. Die Abstimmung dazu war vier Jahre davor mit grosser Mehrheit angenommen worden. An diese neue Kläranlage wurde die Kanalisation nach und nach angeschlossen. 1977 wurde die Kläranlage Schönau in Cham in Betrieb genommen. Dort werden die Abwässer von 14 Gemeinden gereinigt.
Nach und nach gesellten sich neue Bauten zwischen Kläranlage und Strafanstalt. So etwa liessen die Zugerland Verkehrsbetriebe Anfang der 50er-Jahre erste Bus-Einstellhallen bauen. 1962 kam ausserdem ein ZVB-Bürogebäude dazu. All diese Bauten stehen noch (zentralplus berichtete). Mit Betonung auf noch. Legt eine Mehrheit der Stimmberechtigten Anfang März ein Ja in die Urne, fahren hier bald die Bagger auf.
Schon 1988 hofften Gegner auf ein «Nein zum Bebauungsplan An der Aa»
Um den «Bebauungsplan An der Aa» stritt man sich übrigens schon vor fast 40 Jahren. Nur gings der Gegnerschaft damals nicht um die Anzahl geplanter Wohnungen, sondern um den Umweltschutz. 1988 entschieden die Stimmberechtigten darüber, ob die Kantonsverwaltung auf dem Osten des Geländes Einzug halten sollte.
Die Kritiker, primär Vertreter des VCS und der «Sozialistisch-grünen Alternative» befanden, dass die Zahl der geplanten Parkplätze viel zu hoch sei. «Damit macht sich der Kanton zum Schrittmacher für den privaten statt für den öffentlichen Verkehr», hiess es in einem Flugblatt.
Die Mehrheit des Stimmvolkes ignorierte die Einwände der Grünen und stimmte deutlich für eine kantonale Verwaltung und die projektierten 200 Parkplätze.
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