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Die Namen (Nomenklatur)
Diese Übersichtspläne, ergänzt durch eigene stereophotogrammetrische Flugbildauswertun-gen der Eidgenössischen Landestopographie, bildeten dann - wo vorhanden - die Grundlage zur Bearbeitung neuer Blätter der Landeskarte t :25000 ( Photo 12b ).
Die Übersichtspläne werden von den kantonalen Vermessungsämtern verwaltet und können, falls reproduziert, auch bei diesen Ämtern bezogen werden.
Die Namen ( Nomenklatur )
R. Knöpfli Ortsnamen sind bestimmt das weitaus gebräuchlichste Orientierungsmittel. Reisen, Ausflüge und Bergtouren planen wir mit Hilfe von Fahrplänen, Reiseprospekten, SAC-Clubführern und Telefonbüchern. Während des Ausfluges sprechen wir mit Einheimischen und benützen dabei Ortsnamen, oder wir orientieren uns an Wegweisern. Da wir selbstverständlich auf allen unseren Ausflügen auch Landeskarten mitführen, sollte das in den oben aufgezählten Reisehilfen vorkommende Namengut auch in den Landeskarten vorhanden sein. Wenn sich die Benutzer unserer Landeskarten über etwas nicht einig sind, dann ist es die Schreibweise unserer Ortsnamen. In der Schweiz leben zur Zeit rund 6,3 Millionen Menschen. 1,9 Millionen sind 19 Jahre alt und jünger, 4,4 Millionen sind älter als 19 Jahre - und ich bin auf Grund der Briefe und Telefonanrufe, die ich erhalte und zu beantworten das Vergnügen habe, zum Schluss gekommen, dass wir in unserem Lande etwa 4,4 Millionen Ortsnamenspe-zialisten haben! Das hängt mit der Struktur unserer Sprache zusammen; wir sprechen viele Lokal-mundarten und schreiben in Schriftsprache. Wie sollen die Ortsnamen in der Karte geschrieben werden? Gewisse Namen kommen im schriftlichen Verkehr vor, vor allem in Adressen. Post-zustellungen und militärische Aufgebote sollten klar und eindeutig möglich sein. Andere Ortsbezeichnungen haben ganz lokale Bedeutung und werden nur im Gespräch gebraucht, zur Orientierung innerhalb eines verhältnismässig eng begrenzten Raumes. Dementsprechend wird das Namengut in unseren Landeskarten in zwei Gruppen unterteilt, nämlich in geschützte und ungeschützte Namen. Zur Gruppe der geschützten Namen gehören zum Beispiel alle im Ortsverzeichnis der PTT aufgeführten Ortsbezeichnungen. Diese Namen müssen in gleicher Schreibweise in die Karte übernommen werden. Die meisten der nichtgeschützten Namen werden in der lokal gefärbten Mundartform in die Karte übernommen. Aber doch nicht alle. Unter den nicht geschützten Namen gibt es nämlich viele, deren Schreibweise wohl nirgends amtlich festgelegt ist, die aber in oft weltweit zerstreuten touristischen oder wissenschaftlichen Publikationen aufgeführt werden, so dass ihre Schreibweise gleich in die Karte übernommen werden muss, auch wenn sie der am Ort gesprochenen Mundartform nicht entspricht. Zu diesen zählen auch viele Bergnamen. Sie sind so etwas wie « quasigeschützt ».
Die Nomenklatur wird grundsätzlich geregelt durch den « Bundesratsbeschluss über die Erhebung und Schreibweise der Lokalnamen bei Grundbuchvermessungen vom 22. Februar I 938 », dann besonders durch die « Weisungen für die Erhebung und Schreibweise der Lokalnamen bei Grundbuchvermessungen in der deutschsprachi- gen Schweiz, vom 27. Oktober 1948 » und durch den « Bundesratsbeschluss über Orts-, Gemeinde-und Stationsnamen, vom 30. Dezember 1970 ».
Zur Bearbeitung eines neuen Blattes t :25000 wurde nebst der gesamten übrigen Topographie auch das Namengut vom Grundbuch-Übersichts-plan übernommen. Dieses Namengut wurde vom Grundbuchgeometer an Ort und Stelle im Gelände erhoben und anschliessend von der zuständigen kantonalen Nomenklaturkommission in sprachlicher Hinsicht überprüft und bereinigt. Diese aus Sprachwissenschaftern und Vermes-sungsfachleuten zusammengesetzten Fachgre-mien gaben Gewähr für eine sprachlich einwandfreie Mundartschreibweise. Bei den Blättern des Massstabes 1:25000 ging man denn mit der Schreibweise auch bedeutend weiter in Richtung Mundart als bei den früher bearbeiteten Blättern des Massstabes 1: 50000. Die besonders in den zuletzt erschienenen Gebirgsblättern vorkommenden Mundartformen stossen allerdings bei den eher auf Schriftsprache getrimmten schweizerischen Mittellandohren nicht immer auf helle Begeisterung. Sehr oft stehen sich bei solchen Meinungsverschiedenheiten Sprachfachleute und irgendwelche potentielle Kartenbenützergrup-pen ( z.B. der SAC ) gegenüber. Und es zeigt sich dann ganz besonders in solchen Fällen, dass die Karte eben vor allem eine möglichst praktische Orientierungshilfe und nichts anderes sein soll und kann.
Dazu ein kleines Beispiel: Für das neue Blatt 1230, Guttannen, wurden die Namen dem von der kantonalen Namenkommission bereinigten Namengut des Übersichtsplanes Urbachtal entnommen, unter anderem auch Tossen, Tossengrat, Tosscnpletschen und ~ oh Schreck! auch Tossenhütte SAC. Nun, das mit der Tossenhütte war selbstverständlich ein Versehen; der SAC hätte zumindest auf die neue, von Sprachfachleu-ten vorgeschlagene und im Übersichtsplan aufgeführte korrekte Schreibweise aufmerksam gemacht werden müssen. Ein mich an einen mittleren Steinschlag erinnernder Telefonanruf des zuständigen Sektionspräsidenten zeigte mir alsbald, dass auch in der Landestopographie Fehler passieren. Da der für alphabetisch aufgebaute Wör-terverzeichnisse ( Telefonbuch, SAC-Clubführer, Verzeichnis von Rettungsdienststellen usw. ) besonders wichtige Anfangsbuchstabe von der « Verbesserung » betroffen wurde und dies für die SAC-Sektion sehr unangenehme Folgen gehabt hätte, erklärten wir uns bereit, in der nächsten Überarbeitung der Blätter 1230, Guttannen, und 255, Sustenpass, die « Tossenhütte » wieder in « Dossenhütte » zurückzuverwandeln - zum grossen Leidwesen der Namenfachleute, für deren Leistung ich ebenfalls Verständnis aufbringen konnte. Aber SAC-Hüttennamen sollen auch als zur Gruppe der geschützten oder « quasigeschütz-ten » Namen gezählt werden. Der Unterschied zwischen den geschützten, mehr oder weniger schriftsprachlich « zurechtgemurksten » Namen und den korrekten, gesprochenen Mundartformen führt ganz allgemein dauernd zu folgenden Schwierigkeiten. Der Name einer Ortschaft muss in geschützter, mundartlich falscher Form geschrieben werden, während alle darum herum liegenden Ortsbezeichnungen, die diesen Namen auch enthalten, jedoch von nur lokaler Bedeutung sind, in korrekter Mundart geschrieben werden. Hiezu einige Beispiele: Neunkirch/Uf Nüchilch ( Bl. 1031, Neunkirch ), Jens/Jäissberg ( Bl. 1146, Lyss ), Kriens/Chrienser Egg ( Bl. 1150, Luzern ). Und mit diesen letzten Namen stossen wir auf ein weiteres Problem. Sehr oft erscheint ein Name von der Neubearbeitung her über etliche Nachführungen hinweg in Mundartform. Plötzlich wird der von ihm bezeichnete Ort touristisch « interessant », und die daran interessierten Organisationen schreiben dann den betroffenen Ort und alle dazugehörigen Transportmittel nicht mehr in Mundart, sondern in einer für den nationalen und internationalen Touristen besser verständlichen und einprägsameren « Schriftsprache », an. So erscheint z.B. in der Karte, übrigens nach sorgfältiger Absprache zwischen Namenkommission und Gemeindevertretung, eine Büössalp oder ein Loichbiel, während wir auf den Verkehrsmitteln Bussalp und Lauchbühl finden. Und die Landestopographie sieht sich dann gezwungen, sehr zum Leidwesen der Namenkommission, solche Namen sprachlich wieder den touristischen Gegebenheiten anzupassen - korrekte Mundart hin oder her! Aber topographische Karten können eben keine Reservate sprachlicher Reinheit sein, und Namenkriege dürfen nicht auf dem Buckel des Kartenbenützers ausgetragen werden. Wohin das führen kann, soll ein letztes Beispiel zeigen. Im Blatt 1273, Biasca, finden wir im Val Blenio, 1 Kilometer westlich von Dongio, die Ortsbezeichnung Cassi. Der Name wurde uns so von Namenfachleuten mitgeteilt. Die Gattin eines in dieser Gegend arbeitenden Topographen will ihren Mann über das Wochenende besuchen. Als Alpinistin und Schriftsetzerin bei der Landestopographie kann sie Karten lesen und fährt nach Blatt 1273, Biasca. Sie glaubt, auf der richtigen Strasse zu sein, erkennt aber plötzlich im Dunkel der Nacht eine Ortstafel mit der Aufschrift Casserio. Offenbar hat sie die Strasse verfehlt, macht kehrt und fährt ins Tal. Schliesslich kommt sie zur Einsicht, dass Cassi und Casserio dasselbe sind. Als « vom Fach » hat sie für solche « Irreführungen » Verständnis - aber wer sonst? In der nächsten Überarbeitung des Blattes Biasca werden wir jedenfalls den Namen « Cassi » durch « Casserio » ersetzen ( es hiess übrigens früher in der Siegfried-Karte schon einmal so ). Anlässlich einer Namen-erhebung erklärte mir ein Gemeindepräsident auf meine Frage, wie ein bestimmter Berggipfel heisse, kurz und bündig, das sei ihm egal, die Namen seien ja doch nur für die Fremden da! Als Bearbeiter der Nomenklatur ist man auch immer wieder überrascht über das geringe Verständnis, das man den im Alpengebiet noch gut erhaltenen Mundartformen entgegenbringt. Jedenfalls wird das Namengut topographischer Karten stets ein Gemisch korrekter lokaler Mundartformen und interkantonal oder gar international « zurechtge-dengelter » Ortsbezeichnungen sein und bleiben, sollen die Karten einer möglichst guten Orientierung im Gelände dienen.