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Im Frühjahr1971, pünktlich zum Beginn der Cabriolet Saison, erschien eine neue Generation mit der legendären Bezeichnung SL. Für die vierte Generation des SLs musste Mercedes seinerzeit schwierige Entscheidungen treffen. Auch bei seiner Einführung fand er durchwachsene Kritik. Von überschwinglicher Begeisterung bis zu brüsker Ablehnung konnten die Resonanzen sowohl beim Publikum als auch in der Fachwelt kaum unterschiedlicher sein. Die Bauzeit von sensationellen 18 Jahren sprechen allerdings für den Erfolg des 107ers.
Schwere Entscheidungen
Die entscheidende Sitzung vom 18. Juni 1968 war geprägt von teils heftigen Debatten und schwierigen Entscheidungen. Obwohl der Vorgänger, der W113 oder aufgrund der charakteristischen Wölbung des Hardtops auch Pagode genannt, sich gut verkaufte und auch entsprechend beliebt war, so wurde es Zeit für Anfang der 70er Jahre einen neu entwickelten Nachfolger auf die Strasse zu bringen.
Eines der Punkte der Sitzung war das Fahrwerk. Das Fahrwerk der Pagode stammte im Prinzip noch aus der 1959 präsentierten Heckflossen-Limousine. Die Pendelachse führte in Kombination mit dem kurzen Radstand besonders in Grenzsituationen oft zu kritischem Fahrverhalten. Auch zahlreiche Nachbesserungen brachten das Fahrwerk nur bedingt auf ein zeitgemässes Niveau.
Ausserdem fehlte es dem Vorstand an einer leistungsstarken Topmotorisierung für den SL. Der M130 Motor, aus dem 280 SL der Pagode hatte seine besten Tage schon hinter sich. Man befürchtete dass die immer schärfer werdenden Abgasbestimmungen, besonders im für den SL sehr wichtigen Exportland USA mit dem M130 nicht mehr eingehalten werden konnten. Zudem passte der zwei Jahre zuvor im W109 vorgestellte M116 V8 Motor nicht in den Motorraum der Pagode.
Eines der schwierigsten Entscheidungen betraf allerdings den Insassenschutz bei offenen Fahrzeugen. In den USA wurden die Bestimmungen für offene Fahrzeuge, woraus beispielsweise aufgrund des festen Überrollbügels die typische Form des VW Golf Cabriolets, oder auch Erdbeerkörbchen genannt entstand, deutlich verschärft. Ein Streitpunkt war ob man statt einer traditionellen Variante mit Stoffverdeck eine Targa-Ausführung des SLs herstellen sollte um den strengen Bestimmungen gerecht zu werden.
Dem vehementen Einsatz vom damaligen Entwicklungschef Hans Scherenberg ist es zu verdanken dass der SL kein Targa geworden ist, sondern ein Roadster mit Stoffverdeck der komplett unter eine Abdeckung verschwindet und zusätzlich abnehmbarem Hardtop. „Der SL hat mir viel Freude, aber auch viel Mühe gemacht. Das haben wir uns nicht leicht gemacht.“ fasste er die entscheidende Sitzung zusammen.
In dieser Sitzung wurde eine Coupé Variante des SLs besprochen, die letzten Endes 6 Monate später erschien. Die Entscheidung fiel allerdings zu einem späteren Zeitpunkt.
Eine vollkommen neue Designsprache im Hause Benz
Verantwortlich für das Design des 107ers war Friedrich Geiger, der seinerzeit auch den 500K und den legendären 300 SL, einschliesslich Roadster zeichnete. Das Design prägte das Markengesicht der 70er und 80er Jahre. Manche lobten das neue Design in den höchsten Tönen, bei anderen stiess das neue Aussehen auf Ablehnung. Beim 107er hatten die Designer enorme Veränderungen vorgenommen. Zum einen waren die Breitbandscheinwerfer eine Abkehr von den bisher traditionell im Hochformat gestalteten Scheinwefern. Ausserdem störten sich einige daran dass die Seitenansicht mit leicht nach hinten ansteigender Gürtellinie zu sehr der damaligen Mode der Keilform folgte. Das Heck wurde von einigen als Bullig, von anderen als klotzig empfunden. Die für damalige Verhältnisse recht gross geratenen Seitenflächen wurden anhand von Falzen und Knicken optisch geschmälert. Die Verfechter schlichter Eleganz empfanden dies als geschmacklos.
Allerdings zeigte sich dass vor allen Dingen die zeitlosen Sportwagenproportionen mit der langen Motorhaube und dem kurzen Heck für 18 Jahre Produktionszeit sorgten, ohne den SL jemals altbacken wirken zu lassen.
Viele der Designmerkmale sind dem Prinzip „Form follows Function“ geschuldet und waren zu der Zeit teils fast revolutionär. Ein Beispiel ist die Front, die neben dem Kühlergrill, auch ein Breites Maul unter dem Stossfänger bietet um für reichlich Kühlluft für den Motor zu sorgen. Ebenso sind die annähernd parallel verlaufenden Scheibenwischer erwähnenswert. Als Premiere bei Mercedes gelten die Rückleuchten mit den dicken Rippen. Diese schützen effektiv vor Schmutz und gewährleisten eine sehr gute Sichtbarkeit der wichtigen Lichtsignale. Auch die oft getadelten Waschbrettmuster im unteren Bereich der Flanken dienen einem übergeordneten Zweck. Diese aerodynamisch optimierten Riffelmuster sollen laut Mercedes von den Vorderrädern aufgewirbeltes Schmutzwasser von den Türgriffen und den Seitenscheiben fern halten.
Obwohl der 107er in sämtlichen Abmessungen seinen Vorgänger um einige Zentimeter übertrifft, wirkt er etwas „schlanker“ als sein Vorgänger. Dies mag an der etwas schmaleren Spurbreite an Vorder- und Hinterachse liegen. Durch die hierdurch weitere innen liegenden Rädern wirkt der 107er weniger breit als sein Vorgänger.
Das Stoffverdeck, dass sich, wie bei der Pagode vollkommen in einem abgeschlossenen Verdeckkasten versenken lässt, gehört zu den wichtigen Designelementen die zur zeitlosen Eleganz des 107ers massgeblich beitragen.
Frische Technik, und kräftige Motoren
Den grössten Kritikpunkt der Pagode, nämlich das Fahrwerk, hat der 107er nicht geerbt. Er bekam das innovative und hoch gelobte Fahrwerk der W114/W115 Limousinen auch bekannt als /8. An der Vorderachse kommt also die Doppelquerlenker- Einzelradaufhängung, an der Hinterachse die Schräglenkerkonstruktion die auch als Diagonalpendelachse bekannt ist. Dies verleiht dem 107er eine stabilere Radführung sodass er mit weicheren Stossdämpfern zurecht kommt und einen weitaus höheren Komfort erhält.
Im Motorraum, der nun für V8 Motoren optimiert wurde, kommt anfangs der M116 V8 Motor mit 3,5 Litern Hubraum zum Einsatz. Der Fahrer konnte sich nun über standesgemässe 200PS erfreuen. Serienmässig wurde ein Viergang-Schaltgetriebe angeboten. Eine Automatikgetriebe gab es gegen Aufpreis. Das anfangs angebotene eher ruckhaft schaltende Vierstufen-Automatikgetriebe mit hydrodynamischer Strömungskupplung wurde im Herbst 1972 durch einen erheblich weicher schaltenden 3-Gangautomaten mit Drehmomentwandler ersetzt. Im selben Jahr stellte Mercedes den 450 SL vor. Diese hatte denselben Motor, allerdings hubraumgesteigert und auf den Namen M117 hörend. Mit seinen 225 PS bot er einen ordentlichen Leistungsgewinn.
Möglicherweise als Folge der Ölkrise, bot Mercedes ab 1974 einen 280 SL an mit dem drehfreudigen M110 Reihen-Sechszylinder Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen. Mit seinen 185 PS dürfte er dank ähnlicher Fahrleistungen viele potentielle Abnehmer des 350 SLs bekehrt haben. Gegen Aufpreis war ein 5-Gang-Schaltgetriebe erhältlich. Mittlerweile bot Mercedes erneut ein 4-Gang Automatikgetriebe an, dass allerdings eine neu konstruierte Variante mit Planetengetriebe und Drehmomentwandler war.
In den folgenden Jahren wurden sämtliche Motoren mehrfach überarbeitet. Der Sechszylinder im 280 SL wurde vorübergehend mittels Rücknahme der Verdichtung auf 177 PS gedrosselt. Von Dauer war der Wechsel von der elektromechanisch gesteuerten Benzineinspritzung D-Jetronic zur mechanisch gesteuerten K-Jetronic.
Als Vorbote einer neuen V8 Generation wurde auf der IAA 1977 der 450 SLC 5.0 vorgestellt mit überarbeiteten M117 V8 Motor. Diese Variante durfte sich zahlreicher Einsätze im Rallyesport erfreuen. Ab 1980 wurde die neue V8 Motor Generation beim Cabriolet umgesetzt. Der 350 SL wurde durch den 380 SL mit 218 PS ersetzt, und aus dem 450 SL wurde der 500 SL mit 240 PS. Bei beiden Motoren handelt es sich weiterhin jeweils um den M116 bzw. M117. Der ursprünglich aus Grauguss gefertigte Motorblock wurde nun durch eine Variante aus einer Aluminiumlegierung ersetzt. Eine weitere wichtige Neuerung sind die neuen Automatikgetriebe, die nun aus der neuen S-Klasse Baureihe W126 stammen. Lediglich der 280 SL bleibt in seiner ursprünglichen Technik und seinen mittlerweile wieder 185 PS erhalten, wie er seit 1978 war. Ab 1981 wurden diverse Massnahmen getroffen im Rahmen einer grossen Verbrauchs- und Abgasoffensive. Der 380 SL erhält einen längeren Hub, und verliert 14 PS an Leistung. Beim 500 SL wird lediglich die Motorsteuerung leicht verändert wodurch er nur 9 PS verliert. Daraus resultieren allerdings Verbrauchsvorteile von 1-2 l/100km. Der 280 SL bleibt bis auf eine Motorsteuerung mit kontaktlose Zündung und Einspritz-Schubabschaltung wieder ganz der alte.
Im Jahr 1985 gibt es die nächste Überarbeitung der Motoren, die insgesamt mit einer leichten Modellpflege kommt. Dieses mal geht es dem M110 aus dem 280 SL an den Kragen. Er wird durch den aus der W124 Baureihe bekannten, neu entwickelten M103 Reihen Sechszylindermotor mit 3 Litern Hubraum und 180 PS ersetzt. Dieser kommt mit nur einer oben liegenden Nockenwelle aus, hat die besseren Voraussetzungen für den Betrieb mit einem Katalysator, ist sparsamer und bedeutend laufruhiger. Trotz einiger Bedenken wird für dieses Modell die legendäre Bezeichnung 300 SL wieder zum Leben erweckt. Der 380 SL wird über arbeitet und erhält als 420 SL 204 PS.
Die Änderungen an der Karosserie sind minimal. Ein weiter nach unten gezogener Frontspoiler, Türgriffe auf schwarzem Kunststoff und neue Leichtmetallfelgen, auch als Gullideckel bekannt ersetzen die bisherigen Barockfelgen. Für die letzten vier Jahre wurde der 500 SL serienmässig mit einem Heckspoiler aus Gummi angeboten, der von vielen als albern angesehen wurde.
Vorbildliche Sicherheit
Bei der Entwicklung des 107ers ging der Fokus relativ stark zur Sicherheit. Nicht zuletzt um die Freigabe für den äusserst wichtigen Markt in den USA nicht zu verlieren.
Im Rahmen der passiven Sicherheit wurde die Rohbaustruktur auf ein optimales Knautschverhalten bei Unfällen optimiert. Beim Überschlag sorgt die hochfeste Struktur der A-Säule für einen grösstmöglichen Schutz der Insassen, auch ohne einen festen Überrollbügel der zu sehr an den Henkel eines Erdbeerkörbchens erinnert. Stark gepolsterte Armaturen, deformierbare und versenkt angeordnete Schalter und Hebel sowie ein Vierspeichen-Sicherheitslenkrad mit Pralltopf und breiter Polsterplatte gehören zu den Massnahmen des nach Sicherheitskriterien gestalteten Innenraums. Der Kraftstofftank wurde ausserdem kollisionsgeschützt über der Hinterachse angeordnet anstatt wie bisher im Wagenheck.
Innovationen in der aktiven Sicherheit wurden hauptsächlich in Hinsicht zur Verbesserung der Sicht, und Sichtbarkeit eingeführt. Neu entwickelte Windleitprofile an den A-Säulen leiten in ihrer Funktion als Schmutzwasserrinnen dafür dass die Seitenscheiben auch bei schlechten Witterungsverhältnissen schmutz- und wasserfrei bleiben. Die weit herumgezogenen Blinker sorgen für gute Sichtbarkeit der Fahrtrichtungsanzeigen. Auch das bereits erwähnte gerippte Profil der Rückleuchten bewirkt dass die Rückleuchten weitestgehend unempfindlich gegen Schmutz sind und sorgen ebenfalls für bessere Sichtbarkeit der restlichen Lichtsignale.
Diese Massnahmenn sind nicht nur wegweisend für die Sicherheitstechnik der kommenden Jahre, sie sind auch stilprägend für die kommenden zwei Jahrzehnte.
„Sportlich und Leicht“ war schon lange Vergangenheit
Ursprünglich stand das Kürzel „SL“ für „Sportlich und Leicht“, und dem 300 SL (W198) konnte man das dank seines sehr leichten Gitterrohrrahmens zweifelsfrei abkaufen. Spätestens seit der Pagode mit ihrem kritischen Fahrverhalten in Grenzsituationen und den recht trägen Motorisierungen konnte man das „Sport“ nicht mehr so ernst nehmen. Mit seinen knapp 1,5 Tonnen Gewicht wollte man auch dem „Leicht“ auch eher weniger Glauben schenken. Kein Zweifel lässt der 107er dass „Sportlich und Leicht“ keine Attribute dieses Fahrzeugs sind. „Schwer und Luftig“ nennen ihn einige. „Sanft und Lässig“ könnte auch eine weitaus passendere Beschreibung für den Wagen darstellen. Schliesslich konnte beispielsweise ein Fiat 595 Abarth aus den 70ern mit einem Zehntel der Leistung den SL gnadenlos alt aussehen lassen.
Die Liebhaber des 107ers lieben ihn aber nicht aufgrund seiner Sportlichkeit. Eher das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein „saugemütlicher“ offener Strassengleiter mit einem zeitlosen und wunderschönen Design. Bis auf eine gewisse Rostanfälligkeit der Karosserie stellt sich die Technik als sehr robust und weitestgehend unproblematisch dar.
Der SL als Exportschlager
Sein Erfolg im Ausland, insbesondere in den USA erforderte spezielle Massnahmen für die notwendige Zulassung. Um den strengen Sicherheits- und Abgasbestimmungen in den USA gerecht zu werden wurden spezielle Modifikationen durchgeführt, die ebenso für die Exportmodelle für Japan und Australien umgesetzt wurden. Zum einen war es erforderlich grössere Front- und Heckstossfänger einzubauen die zudem rostunempfindlich sein mussten. Desweiteren mussten die Scheinwerfer angepasst werden um den Bestimmungen, die zwei grosse, bzw. vier kleine runde Scheinwerfer vorschrieb gerecht zu werden, woraus die charakteristischen Rundscheinwerfer entstanden.
Bereits 1968 wurde es in den USA für Fahrzeughersteller verpflichtend Seitenmarkierungsleuchten in ihre Fahrzeuge einzubauen. Diese müssen vorne orange, und hinten rot sein. Seit 1986 wurde es zudem verpflichtend ein 3. Bremslicht in Neufahrzeugen einzubauen.
18 Jahre Erfolg
Trotz der äusserst kritischen Stimmen die bis zur kategorischen Ablehnung reichten, wurde der SL der 107er Baureihe zu einem der erfolgreichsten Roadster in der Geschichte von Mercedes-Benz. Seine Bauzeit von mehr als 18 Jahren spricht für das Konzept dass dank dem Einsatz vom damaligen Entwicklungschef Hans Scherenberg nach heftigen Debatten realisiert wurde.
Kultstatus erlangte der 107er nicht zuletzt dank seiner zahlreichen Auftritte in Film und Fernsehen. Bekannteste Beispiele sind die Auftritte bei der Kultserie „Dallas“ in dem der rote 107er in der Ewing Familie regelmässig zum Einsatz kommt. In der ebenfalls kultigen Fernsehserie „Hart aber Herzlich“ standen den Protagonisten Jonathan und Jennifer Hart ebenfalls ein 107er zur Verfügung, allerdings in gelb. Die zahlreichen weiteren Auftritte aufzuzählen würden den Rahmen sprengen. Die IMCDB (International Movie Car Database) zählt 902 Einträge.
Nicht nur aufgrund der kultigen Fernseher und Filmauftritte schaffte es mit der Zeit immer mehr Kritiker für sich zu gewinnen. In den USA war es einige Jahre sogar der einzige erhältliche Roadster seiner Art. Dank seines hervorragenden Sicherheitskonzept war es schliesslich lange der einzige Roadster der ohne Überrollbügel in den USA zulassungsfähig war. Sein rundum gelungenes Konzept machte ihn auch weltweit auf Anhieb zu einem Bestseller. Seine hervorragenden Verkaufszahlen zeugen von dem Erfolg. Vom Frühjahr 1971 bis zum Sommer 1989 entstanden im Werk Sindelfingen insgesamt 237.287 Roadster. In den deutschen Zulassungsstatistiken kann sich der 107er zudem seit seinem 30. Geburtstag unter den Top 3 der Oldtimerzulassungsstatistiken behaupten. Seite an Seite mit dem W123, und dem Dauerbrenner VW Käfer.Heutzutage gibt es kaum Zweifel daran dass der 107er eines der am besten entwickelten, und schönsten Roadster der Mercedes-Benz Geschichte ist.
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