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Brasilianische Einsamkeiten: Clarice Lispector (10. Dezember 1925 - 9. Dezember 1977)
«Güte verursacht mir Übelkeit», erkennt Johanna, die Heldin des Romans «Nahe dem wilden Herzen». Und erzählt von ihrem Empfinden als Mädchen und als Ehefrau von Octavio, den sie ebensowenig liebt wie den Rivalen, mit dem sie fremd geht und der sich ihr wie der Gatte wieder entfremdet, weil sie keine Geborgenheit schenken kann. Vergnügen macht ihr nur das Böse, und «in sich spürte sie ein vollkommenes Tier, voller Ungereimtheiten, Egoismus und Vitalität.»
Clarice Lispector, die am 10. Dezember 1925 im ukrainischen Tschetschelnik geborene Tochter jüdisch-ukrainischer Einwanderer, ist 19, als sie in Rio auf Portugiesisch ihren Erstling publiziert und mit ihrer radikal subjektiven Schreibweise und ihrem Fatalismus in Sachen Liebe und Ehe provoziert. Dennoch will sie es wissen, heiratet einen Diplomaten und lebt mit ihm in Rom, in Bern (wo 1949 ein Sohn geboren wird) und in den USA, wo 1953 ein zweiter Sohn dazukommt. 1959 aber lässt sie sich scheiden, lebt bis zu ihrem Tod am 9.Dezember 1977 wieder in Rio, und zweifellos hat sie ihre Ehe in den Werken der produktiven Spätzeit auf ebenso radikale wie poetisch intensive Weise «sublimiert».
Die Titelstory von «Die Nachahmung der Rose» (1960) erzählt vom kläglichen Scheitern von Ana und Laura, die «etwas anderes als die Frau eines Mannes» werden wollten. «Der Apfel im Dunkeln» von 1961 handelt von einem Mann mit Vergangenheit, der auf einer Farm in die Hände zweier in Liebe und Hass um ihn rivalisierender Frauen gerät, während «A Hora da estrela» / «Sternstunde» von 1977 zwei Monate vor dem Tod der Autorin ein Schriftstellerleben parodierte, das in der Begegnung mit einer unbekannten Toten wahnhafte Züge erhält und die Literatur insgesamt als hybrides Konstrukt der Lächerlichkeit preisgibt. Befreiend und erfreulich endet eigentlich nur ein Werk von Clarice Lispector: «Eine Lehre oder Das Buch der Lüste» von 1969, wo endlich einmal eine Frau aus ihrer Einsamkeit ausbricht, Selbstvertrauen gewinnt und auf sinnlich-euphorische Weise zur Liebe fähig wird.