Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03265.jsonl.gz/3127

Liberale Reaktionen auf den Klimawandel
Durch staatliche Reaktionen auf den Klimawandel könnte mehr Unheil als Gutes angerichtet werden.
Am kalten Winterabend des 5. März fand an der Universität Zürich unter der Ägide des Liberalen Instituts ein heiss geführter Liberaler Gesprächskreis mit dem Gastreferenten Dr. Beat Gygi von der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung statt. Der Gesprächskreis lief unter dem Titel „Liberale Reaktion(en) auf den Klimawandel?“.
Wegen ihres nahezu einzigartigen Charakters treffen die polit-ökonomischen Fragen, die von der aktuellen Debatte um den Klimawandel aufgeworfen werden, den Kern des liberalen Selbstverständnisses. In allen Teilen der Welt wird die Luft als öffentliches Gut verstanden und als solches ist sie anfällig für eine aus der Ökonomie bekannte tragedy of the commons. Der Klimawandel ist genau eine Folge dieses Problems: jeder Mensch nutzt die Luft, doch niemand kann für einen vermeintlichen Missbrauch derselben zur Verantwortung gezogen werden, weil die Nutzung der Luft durch einen einzelnen Menschen noch keine negativen Auswirkungen hat, sondern erst die akkumulierten Aktivitäten vieler Menschen.
Der liberale Lösungsansatz zu ähnlichen Problemen, wie beispielsweise zur Überfischung von Gewässern oder zur Abholzung von Regenwäldern, lautet, dass die Bestimmung klarer privater Eigentumsrechte an diesen Ressourcen gefordert wird. Bei der Luft ist es aber schwer vorstellbar, dass diese nicht öffentlich sein könnte. Diese Tatsache ist für einige Menschen Grund genug, ein staatliches Vorgehen in Sachen Klimafragen zu fordern. Das Kyoto-Protokoll ist einer der Auswüchse dieser Ansicht. Obwohl die Umsetzung desselben von vielen kritisiert wird, gibt es auch Liberale, die im Ansatz von Kyoto eine angemessene staatliche Reaktion auf den Klimawandel sehen.
Dr. Beat Gygi hat in seinem Inputreferat im Liberalen Gesprächskreis Bedenken zum zentralistischen, planwirtschaftlichen und undemokratischen Charakter des Kyoto-Protokolls angemeldet. Andere Diskussionsteilnehmer sahen aber in den Versuchen, durch Emissionshandel die Kyoto-Ziele zu erreichen, eine marktwirtschaftliche und damit offenbar liberale Lösung der klimatischen tragedy of the commons. Andere liberale Stimmen antworteten darauf aber, dass die willkürliche Festsetzung von Emissionsobergrenzen durch die Regierung ein planwirtschaftliches Instrument darstelle und der Markt dabei nur scheinbar zum Zuge komme.
Ausgehend von dieser Erkenntnis könnte im Allgemeinen durch staatliche Reaktionen auf den Klimawandel mehr Unheil als Gutes angerichtet werden. Die Welt steht heute auch vor viel grösseren Problemen, als dem des Klimawandels. Als Liberaler sollte man im Lichte der aktuellen Klimadebatte einerseits eine grosse Staatsskepsis aufbringen, andererseits über genügend Optimismus verfügen und an den technischen und wirtschaftlichen Fortschritt der Menschheit glauben, der es dieser erlauben wird, sich in Zukunft dezentral an die möglichen Folgen des Klimawandels anzupassen.
March 10, 2008