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Die G20: Eine Klassenzusammenkunft?
Es war absehbar, dass der G20-Gipfel in Seoul kein substanzielles Ergebnis bringen wird. Die Interessen sind zu unterschiedlich, die Materie zu komplex. Der Zürcher Fluglärm-Streit, der regelmässig alle Behörden und Parteien an den Rand der Verzweiflung bringt, ist ein Pappenstiel dagegen.
Dass die G20 nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht, ist eigentlich längst bekannt. Dennoch steigen die Erwartungen im Vorfeld jeweils ins Unermessliche. Woran liegt das?
Noch rätselhafter werden diese Hoffnungen, wenn man weiter in die Geschichte zurückblickt, denn es gibt kaum ein Beispiel eines gelungenen Wirtschaftsgipfels. Im Gegenteil, die Liste des grandiosen Scheiterns ist beeindruckend lang. Im Fiasko endete etwa die Londoner Weltwirtschaftskonferenz von 1933, als es wie heute um die Währungspolitik ging. US-Präsident Roosevelt blieb in Washington und liess ausrichten, dass er keinerlei Interesse an einer internationalen Koordination habe. Die USA hatten wenige Monate zuvor abgewertet und erfreuten sich eines Exportbooms. Frankreich sass auf einer überbewerteten Währung und fühlte sich alleine gelassen.
Die Vergangenheit zeigt zudem, dass ein Durchbruch meist nur dann erzielt wird, wenn die Parteien über Monate hinweg geheim miteinander verhandeln können. So auch in den 1930er Jahren. Während die Konferenz von 1933 ergebnislos endete, einigten sich Frankreich, Grossbritannien und die USA 1936 auf ein gemeinsames Vorgehen. Frankreich durfte abwerten, während Grossbritannien und die USA ihre Währung stabil hielten. Die Märkte reagierten äusserst positiv.
Dasselbe gilt im Übrigen für die Aussenpolitik. Geheimverhandlungen haben zum Beispiel die Konsensfindung am Wiener Kongress von 1815 entscheidend erleichtert. Die Vereinbarungen hielten jahrzehntelang. Die Verhandlungen in Paris 1919 wurden hingegen von einem Heer von Presseleuten begleitet. Es war unmöglich, Konzessionen anzudeuten, ohne das Gesicht zu verlieren. Das Ergebnis kennen wir: Der Frieden von Versailles hielt gerade mal 20 Jahre. (Siehe dazu das brillante Buch von Margaret Macmillan, einer Urenkelin von Lloyd George, dem damaligen britischen Premierminister).
Natürlich können wir das Rad nicht mehr zurückdrehen. Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht, informiert zu werden. Aber die regelmässigen Gipfeltreffen scheinen immer mehr den Charakter einer Klassenzusammenkunft zu haben. Am letzten G20-Treffen in Toronto schauten David Cameron und Angela Merkel gemeinsam Fussball. Das mag sympathisch rüberkommen, aber bei einem Sicherheitsaufgebot, das rund eine Milliarde Franken kostete, fragt man sich schnell einmal, ob die Staatschefs nicht Wichtigeres zu tun haben.
Brauchen wir die G20 noch? Oder wird hier nicht ein Aktivismus vorgetäuscht, der zunehmend kontraproduktiv wirkt? Oder leisten die Staatschefs hinter den Kulissen wertvolle Arbeit, die spätere Verhandlungserfolge erst möglich machen?