Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03196.jsonl.gz/3192

In seinen Werken thematisiert Aram Bartholl immer wieder die Schnittstellen und Beziehungen zwischen Online- und Offline-Welten. In Keep Alive sind Besucher eingeladen, ein Lagerfeuer vor einem Stein zu entfachen, der mit einem thermoelektrischen Generators ausgestattet ist, der Energie in Elektrizität übersetzt und damit einen WLAN-Router im Inneren des Steins zu aktivieren. Dieser gewährt Zugriff zu einer elektronischen Bibliothek mit einer Auswahl von Survival Guides, die als PDFs zum Download bereit stehen. Der Titel verweist auf eine technische Kondition des Netzwerkes, wenn zwei Geräte einander inhaltslose „keepalive“ Nachrichten schicken, um die Verbindung aufrecht zu erhalten. Auch wenn der Router nicht mit dem Internet verbunden ist, verweist die Arbeit auf globale Netzwerke, Server- und Cloud-Strukturen und den zunehmend zentralisierten Zugang zu Informationen. Geschickt wirft Bartholl Fragen nach Autonomie und Überleben in der Informationsgesellschaft auf.
Artwork: Link 1, Link 2
Artist homepage: http://datenform.de
In dem berühmt-berüchtigten „Fuck you“-Monolog aus dem Film „25 Stunden“ lässt Edward Norton eine rassistische, fieberhafte, bitterböse Hasstirade auf New York City und seine Bewohner los. Émilie Brout und Maxime Marion verorten die Szene im Zeitalter von Automatisierung, Datenmanie und leichtfertiger Verallgemeinerung mithilfe von Suchmaschinenalgorithmen. In ihrem generativen Film werden auf dynamische Weise Bilder aus Suchvorgängen bei Google und Bing mit der Tonsequenz des Films verknüpft. Jedes Schlüsselwort wird in Echtzeit in schonungslose visuelle Stereotypen übertragen, die kulturelle Vielfalt verhöhnen und die Liste an abgedroschenen Beleidigungen widerspiegeln, die der Schauspieler in Spike Lees Film ausspuckt. Die Bildauswahl wechselt bei jedem Abspielen des Videos und richtet sich danach, welche Bilder und Vorurteile Menschen am häufigsten – oft unbewusst – in Algorithmen einspeisen.
Artwork: http://www.c-l-i-c-h-e-s.net
Artist homepage: http://www.eb-mm.net
General Intellect ist eine generative Datenbank mit Tausenden von Videos, produziert von Arbeitern bei Amazon Mechanical Turk. James Coupe bezahlte die Arbeiter dafür, jede Stunde von 9 bis 17 Uhr einminütige Videos hochzuladen, die einen normalen Arbeitstag dokumentieren. Außerdem bat er sie, sie mit Kommentaren zu versehen. Der Künstler fasste dann die bewegten Bilder in einer Datenbank zusammen, die nach demografischen Merkmalen oder thematisch gefiltert werden konnte. Die beauftragten Arbeiter waren frei in der Gestaltung der Aufgabe. Das Ergebnis ist das Portrait einer Arbeiterschaft im Netz, die als anonyme Maschinen fungieren soll, stattdessen aber ein zuweilen albernes, merkwürdiges, langweiliges, unvorhersehbares und irrationales Verhalten an den Tag legt. Eben genau wie das Internet. Und genau wie die Menschen, die es nutzen oder die von ihm benutzt werden.
Die Mehrkanal-Videoinstallation wurde erstmals in einem verlassenen Schulgebäude gezeigt, das abgerissen werden sollte, um Platz für Luxuswohnungen und –büros für „andere“ Amazon-Arbeiter zu machen – solche, die in den Genuss von Krankenversicherungen, kostenlosen Bananen und Brainstorming-Meetings auf Dachterrassen kommen.
Jonas Lund konfrontiert uns auf der Website Fair Warning mit einem endlos scheinenden Strom an Fragen. Vier Sekunden haben wir Zeit zum Antworten, dann geht es – mit lautem Ping! – zur nächsten Frage über. Fair Warning führt ad absurdum, womit wir im Netz ständig konfrontiert sind, der Vermessung unserer Vorlieben mit Online-Umfragen und -Tests oder in der Interaktion auf Social Media. Mit Teilhabe an Entscheidungen haben solche vermeintlich auf demokratische Prozesse verweisende Systeme wenig zu tun. Wir bauen vielmehr freiwillig an unseren Profilen, die an Werbekunden weiterverkauft werden. Zum Dank für unsere Freiwilligenarbeit erhalten wir in der Regel praktische Services, Online-Reputation oder unterhaltsamen Zeitvertreib. Nicht so in Fair Warning – nichts als das nächste stressende Ping und der Entschluss, so schnell nicht mehr bei einer Online-Umfrage mitzumachen.
Das Werk 10.000 moving cities - same but different des Schweizer Künstlers Marc Lee widmet sich den Themen Urbanisierung und Globalisierung im digitalen Zeitalter. Die VR-Installation zeigt die Simulation einer generischen Stadtlandschaft visualisiert auf schlichten Kuben, deren Bild- und Klangwelten in Echtzeit aus Material der sozialen Netzwerken Flickr, YouTube, Freesound und Twitter gespeist wird, welches andere öffentlich gepostet haben. Die Installation ist wie ein Fenster zur Welt, das uns einlädt, eine virtuelle Reise über den Globus zu unternehmen und in immer wieder neuen Bild- und Klangcollagen lokale, kulturelle und sprachliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erfahren. Eindrücklich macht Lees Arbeit deutlich, wie sich in einer globalisierten Welt deren Orte kontinuierlich verändern und einander immer ähnlicher werden.
Artwork: Link
Artist homepage: http://marclee.io
Michael Mandiberg begann 2008, systematisch Logos der zahlreichen Banken herunterzuladen, die während der Finanzkrise Insolvenz anmeldeten und von der United States Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) übernommen wurden. Im Zuge dieses Prozesses wurden die visuellen Corporate Identities der Banken dauerhaft aus dem Netz gelöscht. Doch der Künstler lud jeden Samstagmorgen diese Logos herunter und konservierte so ihre Geschichte, die andernfalls verloren gegangen wäre. Insgesamt 527 Bankenlogos speicherte er über die Jahre auf seinem Computer. Aus den ursprünglich niedrig aufgelösten Bildern erstellte er in sorgfältiger Kleinarbeit neue Vektordateien.
FDIC Insured ist das Resultat dieses langwierigen Recherche- und Sammlungsprozesses von Daten über die Finanzkrise, die sonst verschwunden wären. Das Projekt besteht aus drei Formen: einem Onlinearchiv aller 527 Bankenlogos, ungewandelt in hochauflösende Vektordateien, das sich auf fdic.maniberg.com befindet, als Kunstbuch und als Installation, bei der alle Logos auf die Buchdeckel von aussortierten Investitionsratgebern gebrannt sind.
Artwork: Link 1, Link 2
Artist homepage: http://www.mandiberg.com
DCT (diskrete Kosinustransformation) ist eine Basiskomponente des JPEG-Kompressionsverfahrens. Kaum jemand weiß jedoch genau, wie der Algorithmus funktioniert oder ist sich der herkunfts- und geschlechterbezogenen Implikationen bei seiner Programmierung bewusst. Menkman bedient sich der satirischen Novelle Flächenland von Edwin Abbott Abbott (im Original: Flatland - A Romance of Many Dimensions), um einige dieser Probleme zu beleuchten. Die 1884 erschienene Novelle ist eine Satire auf die Hierarchien der viktorianischen Gesellschaft und eine Erforschung der Dimensionen. Menkman entwirft eine zweidimensionale Welt von geometrischen Figuren, in der DCT senior beschreibt, wie DCT junior erstmals ein Open-Source-Syphon im 64. Intervall startet. Sichtbar wird eine Transcodierungsreise des jungen Algorithmus durch verschiedenste Landschaften komplexer Bildfelder. Durch verschiedene Kompressionsstufen hindurch, von Makroblöcken vorbei an Dithersignalen und Linien bis hin zu den „Zukunftssphären“ von Wavelets und Vektoren reist der User durch eine geometrische Welt, die an Komplexität zunimmt und in der neuere und komplexere Dimensionen immer „unlesbarer“ werden. Menkmans Bildebenen sind in 3D konzipiert, und auf jeder Stufe bilden Artefakte aus einem anderen Kompressionsbereich die strukturelle Basis des Kapitels.
Wer die App namens Vlinder (holländisch für Schmetterling) auf das Smartphone lädt und öffnet, bekommt zunächst bloss mitgeteilt, es gebe hier nichts zu sehen. Doch irgendwann kommt der Schmetterling vorbei und wird im Kamerabild sichtbar, also in der Umgebung, in der sich Smartphone und User/in gerade befinden. Bald fliegt er zum geographisch nächsten Smartphone mit Vlinder weiter, «ad infinitum». Vlinder kreiert ein Netzwerk von Unbekannten, die gemeinsam einen einzigen zarten Schmetterling am Leben erhalten. Die Arbeit macht (auf äusserst freundliche, doch auch ein klein wenig unheimliche Weise) erfahrbar, dass wir ständig Teil von Mensch-Maschine-Netzen sind, auf denen Daten schwirren. Sie kann jedoch auch als Plädoyer für das Zarte, Fragile, Ephemere inmitten einer grellen Aufmerksamkeitsökonomie verstanden werden.
Artwork: Link 1, Link 2
Artist homepage: http://www.nikoprincen.com
Evan Roth fing 2014 damit an, die Übergänge aufzuspüren, wenn Internet-Glasfaserkabel, die entlang des Meeresbodens verlegt werden, das Land erreichen. Das Ergebnis dieses andauernden Forschungsprozesses sind „Netzwerklokalisierte Videos“: Videoausschnitte, die online auf Servern bereitgestellt sind, die sich in den Ländern oder Städten befinden, in denen sie aufgenommen wurden, und deren URLs aus den GPS-Koordinaten der Orte bestehen, von denen das Videomaterial stammt. Die Arbeiten wurden mit einer modifizierten Kamera aufgenommen, die dieselbe Infrarotfrequenz nutzt, die auch durch die Glasfaserkabel fließt.
In Landscapes wird eine Entdeckungsreise in die Physis des Internets als Tor zur Natur genutzt, und um den Paradigmenwechsel besser zu verstehen, der durch die ständig wachsenden Anforderungen der Technik herbeigeführt wird. Was als Versuch begann, eine Verbindung zum Netzwerk wiederherzustellen, hat sich mehr und mehr zu einer persönlichen und universellen Erzählung über die Beziehung zwischen dem Individuum und der Natur entwickelt und einem Versuch, Netzkunst zu schaffen, die ganz bewusst von der Geschwindigkeit abweicht, mit der wir Dinge normalerweise online konsumieren.
ADM XI ist das letzte Projekt der Trilogie Antidatamining series, die 2006 ihren Anfang nahm. Ziel ist, das neoklassische Wirtschaftsdogma zu hinterfragen, indem durch die Darstellung von Visionen und Wissen von Künstlern, innovative und widersinnige Anlage- und Spekulationsstrategien zu Handelsalgorithmen entwickelt werden. Die online zugängliche Sammlung umfasst zehn Projekte, die häretische, irrationale und experimentelle Handelsalgorithmen zeigen, die auf einem von RYBN.ORG zur Verfügung gestellten Markt operieren und konkurrieren. In dieser Welt sind Vorteile nicht mehr an Preise und andere ökonomische Instrumente geknüpft, sondern an Lebewesen, esoterische Mathematikformeln, numerologische Regeln oder übernatürliche Phänomene. Indem sie einer eigenen, nicht kommerziellen und zwanghaften Logik folgen, versuchen einige Algorithmen, ein totales und unumkehrbares Chaos zu stiften, während andere darauf abzielen, die Marktpreise so zu beeinflussen, dass sie eine bestimmte geometrische Figur ergeben, und wieder andere den Markt mit nicht menschlichen Affekten sättigen wollen. Inspiriert von der „Fabulatorischen Epistemologie“ von Louis Bec und Vilem Flusser, dem Hochfrequenzhandel und seinem algorithmischen Transformationsprozess und dem Konzept der „Algorithmischen Gouvernementalität“ wird die Website als Forschungsplattform für algorithmische Tradingtechnologien präsentiert. Die Seite dokumentiert detailgenau all die unheimlichen Strategien, dabei werden Systeme und Ästhetik von geometrischen und botanischen Praktiken wie logische Diagramme, Klassifizierungen, operative Muster und Strukturbeschreibungen parodiert. Ähnlich wie beim echten Finanzhandel kann das Publikum das Verhalten jedes Algorithmus des Monitoringsystems nachvollziehen. Als netzbasiertes Projekt zeigt ADM XI, wie Kunst nicht zwangsläufig eine personengebundene Arbeit ist, sondern sich zum Netzwerk ausweiten kann. Projekte von: b01, Brendan Howell, Martin Howse, Nicolas Montgermont, Horia Cosmin Samoila, Antoine Schmitt, Marc Swynghedauw, Suzanne Treister.