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Ein zuverlässiger Gesprächspartner ist Adrien Bossel nicht. Beim von ihm selbst vorgeschlagenen Termin für ein Telefoninterview am Donnerstagmorgen bleibt sein Handy ausgeschaltet. Auch danach ist er, wie so oft, unerreichbar. Aber Adrien Bossel ist ein hervorragender Tennisspieler–und er wird immer besser. Seit dieser Woche ist er die Nummer 262 der ATP-Weltrangliste, so gut klassiert war der 28-Jährige in seiner Karriere zuvor noch nie. Damit ist der Freiburger nunmehr die Nummer drei der Schweiz, nur Roger Federer und Stan Wawrinka sind besser. Vor einem Monat stand Bossel in Newport zum zweiten Mal in seiner Karriere im Hauptfeld eines ATP-Turniers und verlor gegen den deutlich besser klassierten Dustin Brown (ATP 83), der kurz zuvor in Wimbledon Rafael Nadal ausgeschaltet hatte, nur knapp 6:7, 3:6.
Bossel gegen Marti
Den Schwung aus den erfolgreichen letzten Wochen versucht Bossel nun zu nutzen, um am Wochenende mit seinem Club Grasshoppers Zürich die NLA-Interclub-Meisterschaft zu gewinnen. In den Gruppenspielen lief es sowohl für den Freiburger als auch für sein Team mehrheitlich gut. GC gewann vier seiner fünf Spiele, verlor nur knapp gegen den punktgleichen Gruppensieger Genf Eaux-Vives und belegte den zweiten Rang. Bossel gewann als Nummer zwei sowohl im Einzel als auch im Doppel drei seiner fünf Spiele. Im Einzel besiegte er Luca Margaroli (N2/23), Federico Coria (N1/6) und Roman Vögeli (N2/16) problemlos in zwei Sätzen, nur gegen Yann Marti (N1/4) und Stéphane Robert (N1/3) zog er den Kürzeren.
Am Samstag und Sonntag nun finden auf der Anlage des LTC Winterthur die Finalspiele statt. Genf spielt im morgigen Halbfinal gegen den viertklassierten Aussenseiter Nyon, GC trifft am selben Tag auf Froburg Trimbach, das die Gruppenspiele auf Rang drei abschloss. Die Partie verspricht viel Spannung, im Gruppenspiel setzten sich die Grasshoppers hauchdünn mit 5:4 durch. Keine guten Erinnerungen an die Partie von letzter Woche hat Adrien Bossel, der sowohl Einzel und Doppel verlor. Sein Einzelgegner wird auch morgen wieder Yann Marti heissen. Wie im Gruppenspiel, als sich der Walliser zweimal im Tiebreak durchsetzte, ist erneut mit einem spannenden Match zu rechnen. Zusätzliche Brisanz ins Spiel bringt die Tatsache, dass Bossel zum Davis-Cup-Team in Belgien gehörte, aus dem Marti im März verärgert Hals über Kopf abreiste, weil er für den Starttag nicht im Einzel nominiert worden war.
Davis-Cup im September?
Bossel gehörte allerdings letztlich zu den Profiteuren des Eklats, durfte im entscheidenden Spiel fünf in Belgien gegen den Weltranglisten-14. David Goffin zum Spiel seines Lebens antreten. Da spielte es auch keine Rolle, dass er erwartungsgemäss chancenlos blieb. Ausserdem stehen nach dem Zerwürfnis zwischen Swiss Tennis und Marti sowie dem Rücktritt von Michael Lammer Bossels Chancen für zukünftige Davis-Cup-Auftritte gut.
Dass er im September im Abstiegsspiel gegen die Niederlande zum Team gehört, ist allerdings alles andere als sicher. Henri Laaksonen (ATP 340), der im Frühling in Belgien beide Einzel gewann und Marco Chiudinell (ATP 313), der viel Erfahrung einbringt und ein Jugendfreund von Roger Federer ist, dürften trotz schlechterer Klassierung die besseren Chancen haben, hinter Federer und Wawrinka, die ihre Teilnahme zugesichert haben, aufgeboten zu werden.
Dabei wäre ein Aufgebot äusserst lukrativ. Die Partie findet in der grossen Genfer Palexpo-Halle statt, was hohe Einnahmen garantiert. Die Hälfte der Einnahmen, die sich mindestens im hohen sechsstelligen Bereich bewegen, wird unter den Spielern verteilt. Wie genau, entscheidet das Team selbst, kommuniziert wird der Schlüssel nicht.
Klar ist aber, dass das für einen Spieler wie Bossel, der nur voll auf den Tennissport setzen kann, weil seine Eltern das jährlich entstehende fünfstellige Defizit decken, ein hochwillkommener Zustupf wäre. Ob er für die Partie vom 18. bis 20 September nominiert wird, hat Bossel nicht in seinen eigenen Händen. Er kann sich einzig mit guten Leistungen bei Captain Severin Lüthi empfehlen. Am besten bereits dieses Wochenende in Winterthur.