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An sich ist es nichts Besonderes, dass ein Fussballer auf mehreren Positionen eingesetzt wird. Dass aber aus dem grössten Goalietalent einer Nation plötzlich ein Stürmer wird, ist dann doch eine bemerkenswerte Geschichte.
Es läuft die 82. Minute in Lyon, als Nordirland Josh Magennis einwechselt. Ein durchaus bemerkenswerter Wechsel, denn der Underdog führt gegen die Ukraine mit 1:0 und Magennis ist ein Stürmer – heute. Doch das war nicht immer so. Als Junior stand der heute 25-Jährige zwischen den Pfosten. Magennis war ein so guter Goalie, dass er sogar in der nordirischen U17-Nati eingesetzt wurde. Und in einem Ligacup-Spiel mit Cardiff City gegen das grosse Liverpool durfte das Talent auf der Ersatzbank Platz nehmen.
Doch dann, im Sommer 2008, folgte der Wechsel von ganz hinten nach ganz vorne. Der Leiter von Cardiffs Nachwuchs-Abteilung, Neal Ardley, sah im Goalie grosses Stürmerpotenzial und drängte auf einen Positionswechsel. Natürlich habe es Kritik an diesem Plan gegeben, diese habe ihn aber kalt gelassen, erzählte Magennis nach der EM-Qualifikation: «Auf die Stimmen von aussen wollte ich auf keinen Fall hören. Ich spürte in mir das brennende Verlangen, mich voll und ganz reinzuhängen.»
Magennis, der heute bei Kilmarnock in der schottischen Premier League spielt, vertraute Ardleys Einschätzung. Er habe ihn gefragt, ob er den Positionswechsel als eine Art wissenschaftliches Experiment sehe oder ob er wirklich daran glaube, dass er es als Stürmer schaffen könne. «Er versicherte mir, dass er sich sicher sei, dass ich durchaus das Zeug dazu hätte, als Stürmer Karriere zu machen. Das reichte mir als Motivation.»
Bereits kurz nach der Transformation wurde Josh Magennis für die U19-Nati aufgeboten. Wobei dies eher ein Missgeschick war, denn deren neuer Trainer nominierte ihn im Glauben daran, dass der Spieler ein Goalie ist … «Ich kam dort ohne Handschuhe an und wurde sofort gefragt, was das soll. Heute wird darüber gelacht.» Selbst Martin O'Neill, der Trainer der EM-Mannschaft, mache noch ab und zu Witze darüber. «Es war ja auch eine ziemlich lustige Sache», gibt Magennis zu.
Mit überzeugenden Leistungen sorgte Magennis aber dafür, dass er bald auch regulär als Stürmer in die Landesauswahl berufen wurde. Und schon im Mai 2010 lief er erstmals für Nordirlands A-Nati auf – nur zwei Jahre nach dem Wechsel vom Tor aufs Feld.
Danach musste sich Magennis aber fünf Jahre gedulden, ehe er erstmals in der Startelf stand. Er bedankte sich für das Vertrauen, indem er sein erstes Länderspieltor schoss – beim 3:1-Sieg gegen Griechenland, der die definitive EM-Qualifikation bedeutete. «Das war zu diesem Zeitpunkt der Höhepunkt meiner Karriere», sagte Magennis nach dem Sieg gestern. «Aber dass wir nun hier in ‹Graceland› ein Spiel gewinnen, ist einfach nur fantastisch.»
Es läuft die 96. Minute in Lyon, als Nordirland noch einmal einen Angriff lanciert. Josh Magennis flankt vors Tor, ein erster Schuss wird abgewehrt, doch Niall McGinn gelingt im zweiten Anlauf das 2:0. Die Sensation ist perfekt: Auch dank einem Stürmer, der bis vor wenigen Jahren noch Goalie war.
«Nach der Auslosung waren sich die Leute einig, dass wir keinen einzigen Punkt holen. Wir haben ihnen das Gegenteil bewiesen», strahlte Verteidiger Gareth McAuley, der kurz nach der Pause das 1:0 erzielt hatte. Nun besteht für «Norn Iron» gar noch die Chance aufs Weiterkommen, wobei der letzte Gruppengegner niemand Geringeres als Weltmeister Deutschland ist.
Am Dienstag kommt es im Prinzenpark-Stadion zu dieser Partie und Josh Magennis freut sich schon darauf. Er kündigte an, dass im Falle eines Erfolgs alle Dämme brechen würden: «Wenn wir in Paris gewinnen, kann alles passieren. Dann fliegen wir First Class zum Mond oder etwas Ähnliches!» Wer die Bilder von jubelnden Spielern und Fans gesehen hat, der zweifelt keinen Moment an dieser Aussage.