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Buchanfänge sind bedeutungsvoll und entscheidend. Manche haben sogar etwas Magisches. Und dieser ganz besonders: «Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf.»
Mit diesem Paukenschlag, so lakonisch wie suggestiv, beginnt die nur etwas mehr als hundert Seiten starke Erzählung «Gentleman über Bord» – «Gentleman Overboard», wie der Titel des amerikanischen Originals lautet. Und gleich darauf folgt ein sanfterer zweiter «Paukenschlag», gleichsam ein relativierender und ironisierender Kontrapunkt zum ersten: « Das Meer war so still wie eine Lagune, das Wetter so mild und die Brise so sanft, dass man nicht umhinkam, sich auf wunderbare Art traurig zu fühlen.»
Geschrieben hat das Buch Herbert Clyde Lewis, über den das Internet nur wenig preisgibt. Der Autor, zweiter Sohn einer jüdisch-russischen Einwandererfamilie, wurde 1909 in New York City geboren, wo er nach einem unsteten Dasein – er lebte zeitweise in Paris und Shanghai, arbeitete als Reporter für diverse Zeitungen und Magazine, musste mehrfach Insolvenz anmelden und war zuletzt alkohol- und medikamentensüchtig – 1950 in einem Hotelzimmer einem Herzinfarkt erlag. Parallel zu seiner journalistischen Tätigkeit tat er sich als Schriftsteller und Drehbuchautor hervor, wofür er 1947 als Co-Autor für die beste Originalgeschichte für einen Oscar nominiert, allerdings nicht ausgezeichnet wurde. Sein literarisches Werk umfasst nur gerade vier wenig beachtete Romane. «Gentleman Overboard», sein Erstling aus dem Jahr 1937, wurde zwar positiv aufgenommen, geriet aber bald in Vergessenheit. Jetzt erlebt die faszinierende Geschichte eine Wiederentdeckung und erscheint erstmals in Deutsch, ausgezeichnet übersetzt von Klaus Bonn.
Zurück zum Buchanfang, der so gekonnt, so schnörkellos und auf den Punkt formuliert daherkommt. Dieser prägnante Auftakt verrät zweifellos den versierten Journalisten. Und mehr! Obwohl der erste Satz eigentlich die ganze Geschichte bereits «vorwegnimmt», schafft es der Autor, die Spannung bis zur letzten Seite nicht abbrechen zu lassen. Und – wichtiger noch – seiner knappen Erzählung eine existentielle Dimension zu verleihen, die nicht nur packt, sondern auch erschüttert.
Bedeutungsvoll ist schon der Titel: Nicht einfach Mann über Bord, nein, «Gentleman über Bord» lautet dieser. Henry Preston Standish ist und bleibt Gentleman selbst in dieser misslichen Lage, was den Unglücklichen anfänglich sogar daran hindert, lauthals um Hilfe zu schreien – «die Standishs waren keine Schreihälse.»
Der Protagonist ist also ein besserer Herr, einer aus der gehobenen Mittelschicht, dürfen wir annehmen. Yale-Absolvent. Gesund, sportlich, selbstbewusst. Immer konservativ-korrekt gekleidet, sicherlich Maßanzüge. Dazu eine teure Uhr am Handgelenk (die aber im Kontakt mit dem Salzwasser stehen bleibt, exakt um: 05:23 Uhr). Standish ist Börsenmakler, 35 Jahre alt, also «nel mezzo del cammin di nostra vita», in der Blüte seines erfolgreichen Lebens. «Er trank mäßig, rauchte mäßig und schlief mäßig mit seiner Frau». Mit ihr, Olivia, der Tochter eines seiner beiden Geschäftspartner, zeugte er zwei Kinder, Henry jr. (5) und Helen (3), die sie «liebten, wie es sich gehört» – kurz: ein schickliches, urbanes Leben in einem gediegenen Appartement am Central Park West. Und ein ziemlich langweiliges...
Ein braver, gewissenhafter, tüchtiger Mann (zudem, «wie der Name suggeriert, Nachfahre jener Pilgerväter, die 1620 an Bord der Mayflower an der amerikanischen Küste landeten») – Männer dieses Schlags fallen nicht einfach so ins Meer. So ein Ausrutscher ist lächerlich. Ein peinliches Missgeschick, äußerst unrühmlich, geradezu erniedrigend. Doch da war eben jener fatale Ölfleck; dort, unmittelbar an der Reling, wo die Küchenmannschaft den Abfall über Bord gekippt und die Stelle danach nicht ordnungsgemäß saubergemacht hatte. Hier, etwa auf 12 Grad nördlicher Breite und 108 Grad westlicher Länge, geschah das Malheur, als Standish frühmorgens in aller Stille ganz allein, korrekt gekleidet und bestens gelaunt, den Sonnenaufgang genießen wollte...
Mit dem linken (!) Fuß war er auf diesem ominösen Fleck ausgerutscht, am 13. Tag (!) seiner Seereise von Hawaii nach Panama, auf der man, wie er zuvor erfahren hatte, «die weltweit schönsten Sonnenuntergänge bei ruhiger See» bewundern konnte. Er hatte diese Auszeit angetreten, ohne Frau und Kinder, weil ihm, kurz nach seinem siebten Hochzeitstag, innere Stimmen unversehens zugeraunt hatten: «Du musst fort von hier, du musst fort!» – Heute würde man wohl von einer Midlife Crisis, einem Burnout, einer Depression sprechen. Die aber nicht in die Lethargie führte, sondern zu einem mutigen Ausbruch aus der gewohnt geordneten Welt von Business und Familie. Jedenfalls hatte sich Standish mit schweigender Einwilligung und devotem Verständnis seiner liebenden Gattin für eine Reise entschlossen, diese sogar noch um einen Monat verlängert für den vielversprechenden Abstecher nach Panama auf dem Frachtschiff «Arabella», einem plumpen Kahn, auf dem nicht das übliche Kreuzfahrt-Rambazamba abging, sondern sich nur noch gerade acht weitere Passagiere mit an Bord befanden: Das sauertöpfische evangelikale Missionarsehepaar Brown. Der Farmer Nat Adams, der, von plötzlichem Fernweh gepackt, Pflug und Traktor stehen gelassen hatte. Sowie die «bemerkenswert fruchtbare» Mrs. Benson, die ihm in ihrem roten Badeanzug besonders attraktiv erschien, mit ihren vier kleinen Kindern – mithin ein kleines Universum an Mitmenschen, wie sie bis anhin nicht zu Standishs Umfeld gehört hatten. Dazu die Schiffscrew, angeführt von dem leicht misanthropischen Captain Bell und dem Ersten Offizier Mr. Prisk.
Lewis zeichnet diese zusammengewürfelte Gesellschaft mit Scharfblick und feiner Ironie, nicht denunzierend, sondern eher belustigt – so, wie Standish diese für ihn neu zu entdeckende Spezie Mensch wohl mit Interesse und Neugier und höflicher Distanziertheit betrachtet hatte. Diese, fast möchte man sagen, subkutane Ironie ist eine entscheidende Tonalität von Lewis’ Text. Sie macht die eigentlich äußerst tragische Geschichte für den Leser erträglich, ohne sie jedoch auch nur im Geringsten zu banalisieren. Man ahnt, nein, man weiß, dass es nicht gut enden wird. Und hofft gleichzeitig das Gegenteil, was hinwiederum die Erzählung ihres existenzialistischen Tiefgangs beraubt hätte – ganz im Sinne der klassischen «schlimmstmöglichen Wendung».
Nein, zum Schlimmstmöglichen wird es gewiss nicht kommen, war Standish überzeugt, als er einsam in der Weite des Pazifiks paddelte. Und wir, gespalten zwischen Empathie mit dem Protagonisten und dem literarischen Anspruch als dramenresistente Leser, hoffen mit ihm. Binnen kurzem würde man seine Absenz an Bord realisieren, die «Arabella» würde anhalten, Rettungsring und Boot würden heruntergelassen, der Pechvogel an Bord geholt. Doch blödsinnige Zufälligkeiten und Koinzidenzen – ein quengelndes Kind, ein zu diskreter Kajütennachbar, ein unbedarfter Kellner, ein nachlässiger Koch, der Standishs nicht gegessene Frühstückseier ins Meer wirft – alle trugen sie durch Borniertheit, Unachtsamkeit oder Nachlässigkeit dazu bei, dass niemand das Fehlen eines Passagiers bemerkte. So entfernte sich der Frachter Meile um Meile von der Unglücksstelle, wurde kleiner und kleiner – «und plötzlich dämmerte Standish die wahrhafte Einsamkeit seiner Lage. Er war so ein «jämmerliches Bündel in einer so unermesslichen Welt.»
Die Sonne geht auf, und Standish durchlebt die unterschiedlichsten Gemütszustände: Seine Stimmung schwankt zwischen Scham, Zuversicht, Ungeduld, Überlebenswille. Schlägt um in Panik, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Resignation... Er entledigt sich seiner Kleider, seiner teuren Schuhe als unnötigen, dem Schwimmen hinderlichen Ballast. Er überlässt seine aufgequollene Brieftasche – Geld, Reiseschecks, Clubmitgliedschaften, Adressbuch, Ausweise, seine ganze Identität – den Wellen. Ebenso ein Foto von Olivia mit den Kindern... Alles, was bis anhin sein Leben bestimmt, seine Persönlichkeit, seinen Status definiert hatte, ist hinfällig, überflüssig, nutzlos. Schlagartig wird ihm die Kostbarkeit des Lebens bewusst, schlagartig erfährt er just in dem Moment so viel über das Leben, wo dieses zu entschwinden droht und ihm diese Erkenntnisse nicht mehr taugen. Alle Wünsche waren ihm bisher erfüllt worden, im Job, in der Gesellschaft, privat. Doch jetzt sollte ihm der einzige Wunsch nach dem Überleben nicht erfüllt werden?
Gegen Abend kippt Standishs Bewusstsein; er beginnt zu halluzinieren. Angehörige, Bekannte, aber auch Monster, Seejungfrauen, parzenhafte Schicksalsgöttinnen, schillernde Lichter und Leuchtraketen geistern durch sein Gemüt.
Lewis schildert dieses stückweise Wegdriften aus der Realität mit der Akribie eines unparteiischen Beobachters, mit der sprachlichen Ökonomie eines objektiven Berichterstatters und macht damit auch dem Leser die metaphysische Dimension nahezu körperlich erfahrbar. Was denkt und fühlt ein besonnener, seiner Sinne mächtiger Mensch, der nur noch wenige Stunden zu leben hat, aber das bei vollem Bewusstsein? Nahtlos wechselt Lewis die auktoriale Perspektive zwischen dem im Wasser Treibenden und dem banalen Geschehen an Bord. Raffiniert bespielt er den Wechsel zwischen realistischer Schilderung und poetischer Ausgestaltung. Und immer wieder schlägt auch der ziemlich schwarze Humor durch: Beispielsweise, wenn Standish sich Gedanken über die Leerstellen macht, die er hinterlassen wird – auf dem Briefkopf des Firmenpapiers, auf dem Briefkastenschild, im Telefonbuch, in der hohlen Hand eines Liftboys, in seinem Armsessel, den Olivia sicherlich im untröstlichen Gedenken behalten würde...
Bilder: © Bruno Nauer, Bruno Rauch, Foto-Burk, Pixabay, Pixhere – Cover: Louise Aspinall
Das Ende ist rasch erzählt: Als es eindunkelt, beginnt man sich auf der «Arabella» doch langsam Gedanken über den Verschollenen zu machen. Ziemlich widerwillig – weil es halt moralische Pflicht der Seefahrer ist – lässt der Kapitän das Schiff wenden und die Suchscheinwerfer einschalten. Im Wissen, dass es umsonst sein wird. Dafür ergehen sich die Mitpassagiere an Bord in den wildesten Vermutungen: Fatale Börsenspekulation, Bankrott, eine untreue, eiskalte Gattin, eine Mätresse... Alle sind überzeugt: Es war Selbstmord.
Es war ein simpler Ölfleck!
Herbert Clyde Lewis: «Gentleman über Bord»
mit einem Nachwort von Jochen Schimmang
mareverlag, Hamburg, 2023
ISBN E-Book: 978-3-86648-696-6
ISBN Print: 978-3-86648-823-6
08.10.2023
P.S. Bei der Lektüre erinnerte ich mich an die, wenn auch völlig anders gelagerte Kurzgeschichte, wo ebenfalls ein Mann über Bord geht: Die zauberhafte Novelle «Lighea» (dt. Titel: Die Sirene) des «Gattopardo»-Autors Giuseppe Tomasi di Lampedusa aus dem Jahr 1956. Auch eine unbedingte Leseempfehlung!
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