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Buchrezensionen
In „Ordnung und Gewalt“ entwirft Stefan Plaggenborg einen umfangreichen Vergleich zwischen Kemalismus, Faschismus und Bolschewismus, wobei die Umsetzung wenig überzeugt.
Auf den ersten Blick scheint sich die Publikation Stefan Plaggenborgs, einem Professor für sowjetische und russische Geschichte, hier einzureihen. Angestrebt wird ein Vergleich zwischen Kemalismus, italienischem Faschismus und Bolschewismus beziehungsweise Stalinismus. Dies ist eine neue Herangehensweise, weil der Kemalismus und der türkische Nationalismus gemeinhin eher mit anderen nationalistischen Ideologien verglichen werden und ein Vergleich zu den Staatsideologien der Sowjetunion nicht bekannt ist.
Plaggenborg entgeht der Gefahr, Faschismus und Stalinismus gleichzusetzen – anders als viele AutorInnen, die beim Vergleich anfangen und bei plumper Gleichsetzung ankommen. Allerdings ist ein systematischer Vergleich ebenfalls nicht zu finden. Stattdessen wird die Geschichte der drei Regime in thematisch aufgeteilten Kapiteln parallel erzählt, wobei der Autor anekdotenhaft von einem Land zum nächsten wechselt. Hypothesen, die aus einer vergleichenden Perspektive geprüft werden, werden nicht formuliert. Gegen Definitionen und Kategorisierungen wendet sich der Autor explizit und möchte mit „wechselnden Fokussierungen“ (S. 33) arbeiten, wodurch es für LeserInnen nicht einfacher wird, die Gedankengänge nachzuvollziehen. Andere Lesehilfen, wie etwa ein zusammenfassendes Schlusskapitel, sind kaum zu entdecken.
Insofern ist es schwierig, sich zu den unterschiedlichen Argumenten und Ansätzen der Autors zu positionieren, wie etwa zu der These, dass unter den drei Regimen lediglich dem kemalistischen eine unblutige Transformation von einem autoritären Regime zu einer Demokratie gelungen sei. Diese Annahme liesse sich besser diskutieren, wenn der Autor darauf eingehen würde, dass es nach dem Übergang in ein Mehrparteiensystem insgesamt drei offene Militärputsche gab, die zu jeweils unterschiedlich langen Diktaturen führten. Die Diskussion um den Zusammenhang zwischen dem Kemalismus und der Einmischung des Militärs in die Politik wäre nicht zuletzt notwendig, weil die Putschisten die Aussetzung der Demokratie mit der Bewahrung der kemalistischen Staatsidee legitimierten.
Erkenntnisreicher sind die kritischen Kommentare des Autors gegenüber der bisherigen Türkeiforschung. Plaggenborg skizziert inhaltliche Schwächen und Ungenauigkeiten, wie etwa das Problem, dass der Kemalismus von vielen AutorInnen vorschnell als korporatistisch bezeichnet wird, obwohl ein Verbändesystem zu diesem Zeitpunkt gar nicht existierte. Ebenso lesenswert ist die Rekapitulation der sowjetischen Forschung über den Kemalismus, die nach der Ansicht des Autors ein stärkeres Gespür für die gesellschaftlichen Prozesse und Strukturen in der Türkei gehabt habe.
Die Publikation bietet keine systematische Analyse, lässt sich aber als Anregung für weitere Forschungsfragen nutzen. Dies wird allerdings dadurch etwas erschwert, dass insbesondere bei der Darstellung der türkischen Geschichte auffällige Fehlstellen existieren. So wird etwa die Niederschlagung des Dersim-Aufstandes 1937-38 als der einzige Massenmord in der kemalistischen Phase erwähnt, während andere Massaker und Vertreibungen wie etwa nach dem Scheich-Said-Aufstand 1925 unerwähnt bleiben (vgl. Bruinessen 2003). Die nationalistischen und rassistischen Tendenzen im Kemalismus werden nicht genug beachtet (vgl. Guttstadt 2008). Über die ambivalente Haltung der kemalistischen Staatsführung gegenüber pantürkistischen und turanistischen Bewegungen während des Zweiten Weltkrieges erfährt man bei Plaggenborg ebenfalls wenig.
Die LeserInnen, die sich bis dahin nicht intensiv mit der türkischen Geschichte befasst haben, werden neben der Lektüre von „Ordnung und Gewalt“ eine umfassende Darstellung der türkischen Geschichte (vgl. Zürcher 2004) benötigen, um die Argumente des Autors sinnvoll einordnen und bewerten zu können. Eine Leseempfehlung kann insofern nur mit Einschränkungen gegeben werden.
Stefan Plaggenborg: Ordnung und Gewalt. Kemalismus - Faschismus - Sozialismus. Oldenbourg Verlag, München, 2011. 350 Seiten, ca. 45.00 CHF, ISBN 978-3-486-71272-8
Stefan Plaggenborg, der Autor des Buches "Ordnung und Gewalt. Kemalismus - Faschismus - Sozialismus" hat der kritisch-lesen.de-Redaktion folgenden Leserbrief geschrieben, den wir dokumentieren:
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Verwunderung habe ich die Rezension meines Buches "Ordnung und Gewalt". Kemalismus - Faschismus - Sozialismus" von Ismail Küpeli gelesen. Ich habe nichts gegen schlechte Meinungen über mein Buch, aber sie sollten nicht mit Verdrehungen, Entstellungen und Falsifikationen begründet werden. Deswegen möchte ich Ihnen schreiben.
1. Der Rezensent ist zu der Meinung gekommen, die Geschichte der drei Regime werde parallel und anekdotenhaft erzählt. Die Einleitung und besonders der erste Abschnitt von Kapitel 1 "Über den Vergleich" sagt das Gegenteil. Dort wird explizit erklärt, dass die Geschichte der drei Regime nicht als parallele Geschichte erzählt werden soll und dass der Vergleich sich auf das verglichene Dritte (tertium comparationis) bezieht. Dem Rezensenten hätte auffallen müssen, dass die einzelnen Kapitel die Vergleichsperspektive dort durchhalten, wo dies sinnvoll erschien. An manchen Stellen bin ich davon abgegangen, und zwar mit genannten Gründen.
2. Der Rezensent bemängelt, dass ich die drei Militärputsche nicht erwähnt habe. Nun steht im letzten Kapitel, "(d)reimal sah sich ... das Militär veranlasst, gegen die Regierungen zu putschen (1960, 1971,1980)." (S. 359). Diese Meinung übersieht, dass ich - im letzten Kapitel mit Gründen versehen - den Vergleich nur sinnvoll bis 1945 anstellen kann, da der italienische Faschismus abgetreten war. Die Putsche liegen ausserhalb meiner Untersuchung, aber ich weise doch gerade in den buchstäblich letzten Zeilen des Buches auf ihre Problematik hin.
3. Der Rezensent bemängelt, ich hätte nur den Dersim-Aufstand von 1937 als Gewaltakt berücksichtigt. Aber auf den Seiten 132-136 werden die Gewaltakte genannt; ganz besonders wird der vom Rezensenten angeführte Scheich Said-Aufstand, von dem Rezensent behauptet, ich hätte ihn nicht zur Kenntnis genommen, in den Kontext der Entstehung der kemalistischen Diktatur gestellt, und zwar (mit den Worten des Türkeihistorikers Zürcher) als "real turning point in modern Turkish history".
4. Das Buch enthält ein ganzes Kapitel über die Gewalt. Wenn der Rezensent auch nur einen Blick hineingeworfen hätte, dann wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass dort einiges über das Gewalthandeln der Kemalisten zu finden ist. Ich kann den Inhalt hier nicht wiederholen. Wer jedoch das Kapitel liest, der wird auch den Vorwurf, ich hätte die Gewalt nach dem Scheich Said-Aufstand weggelassen, vollständig entkräftet finden.
5. Was die Nichtbeachtung der "nationalistischen und rassistischen Tendenzen" (Küpeli) im Kemalismus angeht, so ist das völlig unsinnig, denn das ganze Buch bezeichnet die Kemalisten als Nationalisten. Über die Anwendung des Rassismus-Begriffs im Kemalismus kann man vortrefflich streiten. Aber mal eben so behaupten, der Kemalismus sei rassistisch gewesen, um dann sagen zu können, das Buch habe diesen Aspekt nicht genügend gewürdigt, ist methodisch mindestens fragwürdig.
6. Zu der vom Rezensenten angegebenen Literatur: Alle drei Autoren sind ausgiebig in meinem Buch vorgekommen. Dass ich keine allgemeine Geschichte der Türkei schreiben wollte, steht im ersten Satz des Buches. Im übrigen darf ich darauf hinweisen, dass es sich um ein Buch handelt, dass den italienischen Faschismus und den Sozialismus sowjetischer Prägung vergleichend in den Blick nimmt. Leider finde ich dieses zentrale Anliegen, von einer Floskel abgesehen, in keiner Weise zur Kenntnis genommen. Müsste eine Buchbesprechung aber nicht auf den eigentlichen Inhalt des Buches eingehen?
Mit freundlichen Grüssen
Stefan Plaggenborg
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