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Edinson Nuez wurde im warmen Klima der Dominikanischen Republik geboren, wo er die ersten acht Lebensjahre verbrachte. Dann zog seine Familie mit ihm in die Schweiz. Im Alter von Sieben begann sich die Netzhaut bei Edinsons Augen abzulösen. Innerhalb von zwei Jahren erblindete er vollends.
Den normalen Weg gehen
Als Kind war Edinson sehr quirlig und liess sich nur ungerne bremsen. Sein Temperament liess ihn wie die sehenden Kinder umherrennen. Oft stiess er sich irgendwo an, weil er ein Hindernis oder eine Wand nicht sah. Er war wissbegierig und lernte schnell: «Ich war ein lernfreudiges Kind. Die Blindenschrift ‹Braille› habe ich mir rasch angeeignet. Ich malte auch gerne. Einmal malte ich ein Bild aus meiner Vorstellung heraus und stellte mir vor, dass ich die Farbe Rot verwende. Als mir die Lehrerin sagte, du malst jetzt aber Blau, wurde mir so richtig bewusst, dass die Farben nur in meiner Vorstellungskraft so sind wie ich denke. Tatsächlich sah ich ja nicht, mit welcher Farbe ich male».
Eingeschult wurde Edinson in der Schule für Sehbehinderte Zürich (SfS). Dies ist eine Sonderschule für sehbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche. Im Anschluss daran konnte er dank sehr engagierter Lehrkräfte die öffentliche Sekundarschule in Rümlang absolvieren. Punkto Schulmaterial wurde er weiterhin von der SfS unterstützt.
«Es gibt Menschen, die an mich glauben.»
Wie er zum Jazz kam
Edinson Nuez gegenüber, spüre ich seine Präsenz und seine Persönlichkeit. Er spielt eine Übungsfolge auf dem Klavier und geht plötzlich über ins Improvisieren. Ich schliesse die Augen und lasse mich auf eine kurze Reise mitnehmen.
Der 25-jährige erzählt, dass er eine Weile lang mit Freunden aus der Schulzeit Torball gespielt hat; heute geht er ein bis zweimal die Woche ins Fitnesstraining. Aktiv dabei ist er auch in der Kirche des Christlichen Zentrums Buchegg, wo er in einer ‹Worship Band› spielt. Seine Musikalität ist breit abgestützt. Aufgewachsen mit lateinamerikanischen Rhythmen und Hip-Hop lernte er schon früh Klavier spielen. Anfangs nahm er klassischen Klavierunterricht. Aufgrund seines Talentes zu Improvisationen, legte ihm seine Klavierlehrerin Ursula Tobler die Stilrichtung ‹Jazz› nahe. Und dort ist er jetzt angekommen. Sein erstes Vorbild war Michel Camilo, ein Künstler, der mit seiner Musik die Kraft der karibischen Lebensfreude ausdrückt. Mittlerweilen hat er einen weiteren Favoriten: «Die Improvisationskraft von Keith Jarrett ist einzigartig für mich. Es gibt niemand, der so im Moment versinkt wie er», schwärmt der junge Jazzpianist von seinem Idol.
In der Klavierstunde mit Andy Hartmann erlernt Edinson Nuez wichtige Grundsätze des Jazz.
Jazzpianist und Musiklehrer
Sein Weg scheint vorgezeichnet: er absolviert den Lehrgang Bachelor of Arts in Musik an der Zürcher Hochschule für Künste (ZHdK) in Jazz Klavier bei Chris Wiesendanger. Im Anschluss daran möchte er den Master in Pädagogik machen, um Musiklehrer zu werden. Als er von zuhause auszog, nutzte er erstmal das Angebot des ‹Begleiteten Wohnens›. Seit zwei Jahren hat er eine eigene Wohnung, deren Haushalt er (fast) alleine führt.
Das erste Studienjahr an der ZHdK absolvierte er ohne spezielle Unterstützung. Doch als die Kosten für die blindengerechte Übertragung von Lehrmitteln etwas aus dem Ruder liefen, beauftragte die IV-Stelle Zürich die Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld (SIBU) damit, Edinson Nuez während seines Studiums zu begleiten. Die Dienstleistung heisst ‹Sehbehindertentechnische Supported Education› (Ausbildungsbegleitung). Im Rahmen dieser Begleitung wurden alle Dozierenden über die Arbeitsweise und seine invaliditätsbedingten Bedürfnisse – insbesondere im Lehrmittelbereich – informiert. Ausserdem wurde abgeklärt, welche Lehrmittel zwingend und welche nur fakultativ eingesetzt werden. Mit diesem Vorgehen können die Kosten für die blindengerechte Lehrmittelanpassung optimiert werden, und gleichwohl hat Edinson rechtzeitig all jene Unterlagen, die er fürs Studium benötigt, in für ihn lesbarer Form.
Edinson: «Die Unterstützung der SIBU brachte Struktur in mein Studium und Klarheit in meine Arbeitsorganisation. Martin Huwyler, ein blinder Musiklehrer der Blindenschule Sonnenberg in Baar tauscht sich mit ihm aus, wenn es um das Thema Erfassen von Musiknoten in Braille geht. Margaretha Glauser ist seitens der SIBU seine Ansprechperson, um das Studium zu begleiten und die Kommunikation zu den Dozierenden der Zürcher Hochschule für Künste sicherzustellen. Die Informatikerin Saskia Buschbaum hat ihm die Voice-Over-Bedienung seines Mac Computers beigebracht und unterstützt ihn auch bei der Anwendung von Programmen wie ‹Logic›, einem Komponierprogramm von Apple.
Vielfältiger Musiker
Edinson schöpft seine Energie, die er für sein Studium benötigt, auch aus seiner Verbindung zu Gott. Wichtig ist ihm, dass Musik eine ‹Message›, also eine Botschaft hat. Wenn die Herzverbindung fehlt, dann spielt er auch nicht: «Ich habe beim Musizieren schon früh realisiert, dass ich nicht alles spielen kann.»
Sein Künstlername ist ‹Eddy Delaluz› und mit der Jazzsängerin Isabel Richiusa bildet er das Duo Richiusa-Delaluz. Dazu soll im Sommer 2019 die erste EP seiner Hip-Hop Band ‹KC7› herauskommen. EP heisst Extended Play und ist ein Tonträger zwischen Single und Album. Eddy beschäftigt sich immer mehr auch mit der Beat Produktion. So hat er viele Piano Grooves des KC7-Albums selbst eingespielt.
«Mein ganzes Leben lang gab es immer Menschen, die an mich glauben. An erster Stelle meine Eltern, aber auch Lehrer oder andere Musiker. Das verleiht mir natürlich Kraft und Mut, mich musikalisch weiter zu entwickeln». Dass er seinen Weg gehen wird da sind sich wohl alle einig, die Edinson Nuez kennen und schätzen.
Wer weiss, vielleicht gelingt ihm später einmal ein grosser Wurf improvisatorischen Schaffens wie das ‹Köln-Konzert› von Keith Jarrett. Zuzutrauen wäre es ihm.
Im Rahmen eines Workshops befassen sich Edinson und einige Mitstudierende mit dem Werk des Bassisten ‹Avishai Cohen›. Die Formation besteht aus Bass, Drums, Posaune, Klavier und Gesang.
Die Netzhaut ermöglicht, dass wir vor unseren Augen ein Bild erkennen. Wenn sich die Netzhaut ablöst, verdunkelt sich das Bild in einem Teil des Gesichtsfeldes – wie ein dunkler Vorhang oder eine Mauer. Es kommt zur Ablösung der Netzhaut vom Retinalen Pigmentepithel, der äussersten Schicht der Netzhaut, welche direkt auf der Aderhaut liegt.
Eine Netzhautablösung kommt sehr selten vor, kann aber im schlimmsten Fall zur Erblindung führen. Anzeichen einer Netzhautablösung können folgende Sehstörungen oder Wahrnehmungen sein:
- flimmernde Lichter oder Lichtblitze im Auge
- Schatten/Vorhang im peripheren Blickfeld
- punktförmige Verdichtungen im Auge, ähnlich eines Mückenschwarmes
- Sehverschlechterung
Bei einem oder mehreren dieser Anzeichen sollten Sie sofort Ihren Augenarzt aufsuchen. Je früher eine (beginnende) Netzhautablösung behandelt wird, desto besser sind die Chancen, dass das Sehvermögen wenig beeinträchtigt wird. Stark kurzsichtige Personen oder Verunfallte haben ein etwas erhöhtes Risiko für eine Netzhautablösung.
Es werden drei Arten der Netzhautablösung unterschieden:
Rissbedingte Netzhautablösung (Rhegmatogene Amotio)
Bei der rissbedingten Netzhautablösung kann es sein, dass die Netzhaut durch eine Verletzung gerissen ist und sich nur teilweise vom Rest des Auges ablöst. Dies ist die häufigste Form der Netzhautablösung.
Zugbedingte Netzhautablösung (Traktive Amotio)
Bei der zugbedingten Netzhautablösung löst sich die Netzhaut komplett und in einem Stück von der Aderhaut.
Exsudative Netzhautablösung (Exsudative Amotio)
Bei der exsudativen Netzhautablösung kommt es zu einer Flüssigkeitseinlagerung zwischen der Netzhaut und Aderhaut, die aus deren Gefässen stammt.
Quellenhinweis: https://www.pallas-kliniken.ch/de/augen-augenlaser/augenheilkunde/netzhauterkrankungen/netzhautabloesung-amotio-retinae
Mit dieser Dienstleistung werden Personen mit abgeschlossener sehbehindertentechnischer Schulung während ihrer Ausbildung in allen sehbehindertentechnischen Belangen von der SIBU begleitet. Edinson Nuez, der an der Zürcher Hochschule der Künste Musik (Jazz Piano) studiert, profitiert seit seinem zweiten Ausbildungsjahr von diesem Angebot.
Wenn Studierende, egal welcher Fachrichtung, ein neues Studium beginnen sind sie meistens mit ähnlichen Voraussetzungen konfrontiert. Die Universität oder Fachhochschule kommt mit viel Material und Unterlagen auf sie zu mit der Botschaft: «Das müsst ihr alles lesen, lernen und können». Doch so viele Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten ist in der verfügbaren Zeit oft gar nicht möglich. Jeder Studierende muss daher lernen, zu selektieren was am wichtigsten ist. Doch was, wenn die zusätzliche Schwierigkeit dazu kommt, dass der Student blind ist?
Viel Koordinationsarbeit
Die IV-Stelle und Eddy Nuez realisierten nach dem ersten Studienjahr gemeinsam, dass ein solches Studium für einen blinden Musiker ohne fachliche Unterstützung gar nicht realisierbar ist. Deshalb wurde die SIBU beauftragt, den Musikstudenten ab dem zweiten Studienjahr mit der Dienstleistung ‹Sehbehindertentechnische Supported Education› zu unterstützen.
Lehrmittel für blinde Menschen zugänglich zu machen ist Bestandteil dieser Dienstleistung. Unterlagen von mehreren 100 Seiten in blindengerechter Form aufzubereiten ist jedoch weder in nützlicher Frist machbar noch kann die IV diese Kosten übernehmen. Margaretha Glauser: «Bei Herrn Nuez nahmen wir gleich zu Beginn mit all seinen Dozenten Kontakt auf um mit ihnen ein gemeinsames Verständnis aufzubauen, was es bedeutet, wenn ein Student blind ist und die gängigen Lehrmittel so nicht verarbeiten kann. Gemeinsam mit den Dozenten gelang es, in jedem Fach eine individuelle Lösung zu finden, die sowohl die Lehrmittelanpassung als auch den Nachteilsausgleich für die Prüfungen beinhaltete.»
Eine Sehbehindertentechnische Supported Education ist hilfreich, wenn die betroffene Person zuvor gelernt hat, ihr visuelles Handicap mit kompensatorischen Arbeitstechniken wettzumachen. Dies lernen die Klienten zum Beispiel während ihrer Sehbehindertentechnischen Grundschulung in Teil- oder Vollzeit bei der SIBU in Basel. Die beiden Bereiche Ausbildung und Unterstützung arbeiten Hand in Hand.
Margaretha Glauser: «Manchmal sind es auch ganz einfache Dinge, die wir unterstützen. Bei der ZHDK zum Beispiel ist das Reservieren von Räumen nicht barrierefrei zugänglich. Edinson Nuez kontaktiert mich jeweils mit der Bitte, ob ich ihm für ein bestimmtes Zeitfenster einen Raum buchen könnte. Solch kleine aber wichtige Unterstützungsdienste gehören zu unserer Arbeit mit dazu».
Lesen und Schreiben von Musik
Normalerweise gehört zum Angebot Sehbehindertentechnische Supported Education die Ausbildungsbegleitung, die Koordination mit der Ausbildungsinstitution sowie eine technische Unterstützung dazu. Doch bei Eddy Nuez ist dies allein noch nicht ausreichend. Weil er im Rahmen seines Studiums auch mit dem Schreiben und Lesen von Braillenoten konfrontiert ist, braucht es hier eine zusätzliche musikspezifische Unterstützung.
Die grosse Herausforderung ist die zeitnahe und kostenbewusste Versorgung mit Braillenoten und die Umsetzung der eigens geschriebenen Braillenoten in Schwarzschrift für Mitmusiker und Dozenten.
Als blinder Musiker kann Martin Huwyler – unterstützt durch Sehende Personen – einen wertvollen Beitrag leisten. Dazu gehören handschriftliche Übertragungen, die Hilfe von technischen Programmen (z. B. Goodfeel) und stets der Blick auf die Blindenschriftbibliotheken wie SBS.
Windows und Mac-Welt kennen
Edison Nuez muss ausserdem mit dem Apple-Programm ‹Logic› zurechtkommen, da ihm dies beim Aufnehmen und Schneiden von verschiedenen Tonspuren unverzichtbare Dienste erweist. Saskia Buschbaum hat ihm dieses Handwerk und den richtigen Einsatz des Programmes ‹Logic› beigebracht. An der ZHDK haben sie für solche Zwecke Schnitträume, wo Video oder Tonaufnahmen in der gewünschten Form zusammengefügt werden können. Saskia Buschbaum: «Es macht Spass Edinson Nuez zu begleiten. Er ist äusserst motiviert und hat eine rasche Auffassungsgabe. So war es ihm möglich, auch das Programm ‹Logic› und zusätzlich zur Windows-Umgebung auch die Mac-Welt relativ rasch kennen zu lernen und anzuwenden».
Fotos: Michael Fritschi