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Kapstadt, Südafrika. Auch über 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist die Bevölkerung in vielen Bereichen noch immer gespalten. Im Schatten von florierenden Weinanbaugebieten, spektakulären Naturlandschaften, wohlhabenden Siedlungen und gut ausgebauten Infrastrukturen leben Millionen unterhalb der Armutsgrenze in Townships. Von einem Moment auf den anderen befindet man sich in der dritten Welt. Blechhütten, soweit das Auge reicht. Als Enrico Baumann (CEO ELEKTRON AG) während einem längeren Aufenthalt mit den Lebensumständen im grössten Township Khayelitsha konfrontiert wurde, entschied er sich spontan etwas zur Verbesserung der Lebensqualität zu unternehmen.
Sicher Fussball spielen im grössten Township von Kapstadt
Es war naheliegend, Unterstützung im Rahmen von ELEKTRON's Kernkompetenz öffentliche Beleuchtung zu bieten. So wurde das Projekt Spiel- und Sportplatzbeleuchtung Khayelitsha ins Leben gerufen. Das Ziel war mit Licht die soziale Sicherheit zu auf Sportplätzen in, dem grössten Township der Stadt, zu verbessern. "Sodass die Kinder sicher Fussball spielen können", wie Enrico Baumann im Interview stolz erzählt.
Welchen Bezug haben Sie zum Land?
Enrico Baumann: Im April 2016 entschied ich mich, mit meiner Familie für einen längeren Sprach- und Ferienaufenthalt nach Kapstadt zu gehen. Während den sehr praxisorientierten Lektionen verbesserte ich nicht nur mein Englisch, sondern erfuhr viel über Kapstadt, die Bevölkerung, Kultur sowie die politische Situation - insbesondere über die Folgen der Apartheid. Bereits in den 20er Jahren entstanden rund um die grossen, südafrikanischen Städte "Pufferzonen" für die schwarze Bevölkerung. Die Siedlungen wurden gezielt in rund 40km Distanz zu den Städten angelegt, damit diese zu Fuss nur schwer erreichbar sind. Ziel waren die soziale Abschottung und Rassentrennung. Die Quartiere haben keine offizielle Regierung. Bauzonen oder Baubewilligungen gibt es nicht, da die Hütten, sogenannte „Shacks“ nicht auf Plänen verzeichnet sind. Trotzdem begannen sich die Bewohner zu organisieren, bauten behelfsmässige Unterkünfte. Da Kapstadt im Vergleich zu den umliegenden Regionen reich ist, nimmt die Zahl an Zuwanderern auf der Suche nach Arbeit stetig zu. Die Townships wachsen bis heute unkontrolliert weiter. Im grössten Township von Kapstadt „Khayelitsha“ leben oder überleben heute zwischen 600'000 und 1.5 Millionen Menschen, ausschliesslich Schwarze. Soweit das Auge reicht, sieht man nur Blechhütten. Nach Strassennamen sucht man vergebens. Um einen Überblick zu erhalten wurde das weitläufige Gelände in 26 mit Buchstaben bezeichnete Bezirke eingeteilt.
"Soweit das Auge reicht, sieht man nur Blechhütten!"
Wie kam es zum Engagement von ELEKTRON in Kapstadt’s grösstem Township?
Enrico Baumann: Durch meine Englisch-Lehrerin lernte ich Michael Krause, CEO der Nonprofit-Organisation VPUU (siehe Infobox) kennen. Spontan lud er meine Familie und mich zu einem abenteuerlichen Ausflug ins grösste Township von Kapstadt Khayelitsha ein. Obwohl wir mit einem mulmigen Gefühl gestartet sind, merkten wir schnell, dass die Menschen dort alle sehr freundlich und herzlich sind. Die Kinder spielten mit Gegenständen, die andere nicht mehr brauchen wie Alteisen – unsere Kinder spielten sofort mit. "Die Erlebnisse haben meine Frau und mich nicht mehr losgelassen und uns zu denken gegeben." Wir leben in einem solchen Wohlstand und im Township dürfen sie nicht einmal offiziell eine Infrastruktur aufbauen, weil sie de facto nicht existieren. Während dem Ausflug erzählte ich Michael von unserer Tätigkeit im Bereich der öffentlichen Beleuchtung und intelligenten Vernetzungen von Infrastrukturen. Technische Lösungen, welche auch in einem Entwicklungsviertel helfen könnten.
Was überzeugte Sie, dieses Projekt in die Wege zu leiten?
Enrico Baumann: Im Austausch mit Michael Krause wurde die schlechte Beleuchtungsinfrastruktur zum Thema. Aufgrund der hohen Bandenkriminalität ist insbesondere nachts die Gefahr gerade für Frauen und Kinder auf den dunklen Wegen sehr gross. Michael kämpft zusammen mit dem VPUU-Team für den Ausbau der Infrastruktur und gegen die Behördenwillkür. Sie bauen Schulen, Bibliotheken und Wege von Bahnhöfen ausserhalb in die verwinkelten Quartiere - obwohl die Berechtigungen dafür häufig fehlen. Als er mir einen Sportplatz vor Ort zeigte, hatte ich die Idee. Anstatt Leuchten abzuschreiben, die nicht mehr der neusten Technologie entsprechen, können wir sie für Spiel- und Sportplätze im Township spenden. Michael war von der Idee sofort begeistert.
"Anstatt Leuchten abzuschreiben, die nicht mehr der neusten Technologie entsprechen, können wir sie für Spiel- und Sportplätze im Township spenden."
Mit welchen Herausforderungen wurde ELEKTRON in Khayelitsha konfrontiert?
Enrico Baumann: Alle Infrastrukturen werden durch NGO's und Eigeninitiativen aufgebaut. Der Staat entzieht sich jeglicher Verantwortung, da diese Quartiere offiziell nicht existieren. Und trotz allen Bemühungen werden die sozialen Institutionen immer wieder mit einem grossen Dilemma konfrontiert. Denn mit dem Bau von Häuschen und Aufenthaltsbereichen ist ihre Arbeit noch nicht getan. Gleichzeitig muss auch der Unterhalt und Betrieb sichergestellt werden – konkret müssen die Bewohner zur Mitarbeit motiviert werden. Das bedeutet die Schaffung klarer Strukturen und die Verteilung von Aufgaben. Nur so kann eine nachhaltige Infrastruktur aufgebaut werden.
"Es ist ein langer Weg dorthin, aber zum Schluss profitieren die Bewohner doppelt: Neue Infrastrukturen bedeuten nicht nur mehr Lebensqualität, sondern auch bezahlte Arbeit in ihrem Township."
Wie sah der Projektverlauf aus?
Enrico Baumann: Bei meiner Rückkehr in die Schweiz tauschte ich mich mit meinem Team aus und wir starteten das Projekt. Insgesamt wurde die Beleuchtung von drei Arealen mit jeweils einem oder zwei Spiel-/Sportplätzen geplant. Schnell wurde uns bewusst, dass wir keine Produkte zweiter Wahl schicken möchten, sondern die passenden Leuchten für Sportplätze. "Wenn schon, denn schon." Wir entschieden uns, einen Teil von unserem Budget für Hilfswerke, normalerweise Schweizer Organisationen, für Südafrika zu verwenden. Nachdem wir die Leuchten zu guten Konditionen bei Philips bestellen konnten, ging es um die komplexe Organisation des Transports und Logistik.
Welche Hürden mussten überwunden werden?
Enrico Baumann: Der Transport sowie die Zollabwicklung zogen sich extrem in die Länge. Die Deklaration und der administrative Aufwand für eine zollfreie Einfuhr waren zeitintensiv und führten zu enormen Verzögerungen. Mit Hilfe des Schweizer Transportunternehmens Ziegler konnten dann aber Anfang 2018 alle 32 Leuchten für die Sportplätze und Zufahrtsstrassen in Südafrika eingeführt werden. Nach rund zwei Jahren intensiver Planung und vielen Rückschlägen können insbesondere die Kinder nun endlich davon profitieren, das macht mich sehr glücklich und stolz.
Wie erfolgte die Installation der Leuchten?
Enrico Baumann: Die Lichtplanung erfolgte durch ELEKTRON-Fachleute in der Schweiz. Mit Hilfe der Planungsunterlagen übernahm in Südafrika die VPUU die Installation sowie Konstruktion der Leuchtenanschlüsse. Bis anhin wurden bereits zwei Sportplätze in der Monwabisi Park Neighborhood mit den neuen Leuchten ausgestattet. Im Verlauf folgt das Harare Luleka Primary School Soccer und Basketball Field. Die restlichen Leuchten werden kontinuierlich für neue Plätze und Zufahrtswege eingesetzt.
Sind weitere Projekte in Aussicht?
Enrico Baumann: Im Rahmen unserer Kernkompetenzen wie Licht oder Smart City möchten wir gerne solche sinnvollen, gewinnbringenden Projekte weiterhin unterstützen. In den Townships muss man nicht lange nach den grössten Pain Point suchen – diese finden sich bereits bei den Grundbedürfnissen.
"Wenn man mit Technologie soziale Sicherheit schafft und Grundbedürfnisse stillen kann, ist das bereits smart."
Das könnte zum Beispiel im Bereich der Problematik Kanalisation und Abwasser sein. Bei den monsunartigen Regenfällen überlaufen regelmässig die Latrinen, weil sie nicht oder nur unregelmässig geleert werden. Die Hütten werden mit Abwasser überschwemmt und in der Folge verbreiten sich Krankheiten. Hier könnten zum Beispiel Füllstandsensoren in Kombination mit einem LoRa-Netz eingesetzt werden. Das ist nur eine von vielen Schwachstellen - es gibt dort viel zu tun.
Über VPUU
Die VPUU, kurz für Violence Prevention through Urban Upgrading, ist eine regionale Community, die sich für sichere und nachhaltige Entwicklung von Quartieren engagiert. Das Ziel ist die Lebensqualität aller Bewohner zu verbessern und gleichzeitig die Kriminalität zu senken. Mit einem strukturierten, partizipativen Ansatz fokussiert die VPUU auf die Erhöhung der Sicherheit, Stärkung des sozialen Zusammenhalts sowie die Förderung der Bereitschaft aller Beteiligten zur gemeinsamen Umsetzung der Projekte.
Weitere Informationen unter: http://vpuu.org.za/