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Sie beginnt unmittelbar unterhalb des Kühlschranks. In vielen Verzweigungen, ähnlich des Wasserlaufes eines Flussdeltas, führt sie an der Stirnfläche der Besteckschublade runter, weiter über das Türchen des Teigwarenschrankes und des Dosenschränklis. Auf den Horizontalen der Türspalten liegen die Sedimente ausgetrockneter Flüssigkeit, die sich durch die Beschleunigungs- und Bremskräfte des Autos horizontal ausgebreitet hatten. Die Saugfähigkeit des darunterliegenden Teppichs ist überschritten, sodass sich die Flüssigkeit weiter zum gelben Teppich ausbreitet, wo sie sich mit den Kaffeeflecken, die sich schon vorher darauf befanden, verbinden. Es riecht wie in einer Bierbrauerei! Moni, der Quelle auf der Spur, öffnet den Kühlschrank, woraus ein Schwall Flüssigkeit, ein Bierfall sozusagen, ihr entgegenkommt. Schäumend springt sie in und über die Schubladen und Kästchen, und erodiert die eingetrockneten Rinnsale von der Oberfläche. Schnell dämmen wir mit allen auffindbaren saugfähigen Materialien die Bierflut ein. Mit einem Schritt zur Seite, überschauen wir das Katastrophengebiet, beginnend mit einem Blick in den Kühlschrank. Eine Bierflasche liegt auf dem oberen Gitterabteil mit dem Verschluss zur Türe gerichtet. Unter dem Metalldeckel bildeten sich vereinzelt Bierbläschen, die mit einem leichten Pfeifen zerplatzten, bevor sich wieder neue bildeten. Als ob sie uns etwas klagen wollte. Irgendwie erinnert mich diese Blasen an die Mundwinkel meines alten Entomologie Professors, wo sich immer wieder Speichelbläschen bildeten, wenn er uns besonders ausführlich und mit trockenem Mund die Vielfältigkeit der Insekten-Geschlechtsorgane präsentierte. Ein leichtes Kopfschütteln bringt mich zurück in die Realität. Der Blattsalat, die Tomaten und die Gurke sind gewaschen mit Bier, die Etikette des Essiggurkenglases und die Eierschachtel triefend vollgesogen. Kleine Schaumblasen schwimmen auf den kleinen Stauseen, die sich in den Dellen der Eierschachtel bildeten. Was war passiert, was will uns die Bierflasche erzählen?
Noch in Gedanken an die Ursache dieses Dammbruches, mache ich mich an die Arbeit, eine Wäscheleine vom Auto zum einzigen Baum in der Nähe zu spannen, der dummerweise auf der gegenüberliegenden Seite eines schmalen, aber tiefen Grabens steht. Dieser Graben bildet zugleich eine stinkende Grenze zwischen den Grundstücken des Restaurants, wo wir auf dem grossen Parkplatz campieren, und dem benachbarten Hof, wo sich Schweine, Enten und Hühner im Grunzen, Schnattern und Gackern konkurrieren. Der Graben ist die an der Oberfläche glitzernde Jauchegrube dieser niedlichen Haustiere. Mit einem ebenso eleganten wie leichten Sprung springe ich, zur Überraschung dieser Tiere, auf die andere Seite, das Seilende in der einen Hand und die andere haltsuchend in der Luft – in der Luft. Luft, das sollte ich doch wissen, bietet nicht viel Halt, ausser man bewegt sich sehr schnell in diesem Element und erzeugt gleichzeitig sowohl einen Unter- und einen Überdruck, oder man ist gleich schwer oder leichter wie Luft. Beide Systeme treffen in meinem Fall nicht zu und als Resultat kippe ich haltlos nach hinten. Das linke Bein, und mit ihm der neue Nike Turnschuh mit dem leuchtend weissen Sohlenrand und glänzendem Logo auf der Seite, versinkt knietief in dieser schwarzen, klebrigen Jauche. Der ‘Swoosh’, eines der teuersten Markenlogos der Welt, in der Scheisse – man stelle sich das vor, ein Jammer, trotz der farbig glänzenden Oberfläche des stillen Wassers.
Scheisse!
Ein bisschen ausser Atem hänge ich den gewaschenen Schuh mit dem Schnürsenkel neben die beiden Teppiche an die letztendlich doch noch gespannte Wäscheleine, nahe am Rand der Grube, wo die letzten Sonnenstrahlen noch züngeln. Dann erschreckt mich Monis Schrei aus dem Auto, gefolgt von einem gehässigen ‘Scheisse’. Unüblich von Monika, denke ich, und renne mit dem Socken in der Hand ums Auto zur Schiebetüre. Die ‘Scheisse’ ist weiss und sprudelt aus der grossen Tube Körpercreme, die sie noch in ihren Händen hält. Wie aus einer Wurstmaschine schiesst die Creme aus der Tube, und fliesst unaufhörlich über ihre Hand, ihr T-Shirt und ihre Hose, runter auf den nackten Linoleum, wo üblicherweise der gelbe Teppich liegt. Wie gebannt schaue ich auf die Tubenöffnung und sehe weisse Lava die träge aus einen Vulkankrater fliesst. Scheisse denke auch ich, dieser Überdruck in der Tube – nicht mein Problem. Schnell wiesle ich zurück zur Wäscheleine, um die gewaschenen Socken aufzuhängen. Scheissssse! Mein Ruf schallt über die Laguna Sausacocha und kommt als Echo zurück von den Cordillera Central, die dünne Luft auf über 4200 Meter vibriert, ich kann es nicht glauben: Mein Turnschuh liegt wieder in der Grube, der Schnürsenkel wedelt alleine gelassen im Wind an der Wäscheleine und scheint mich anzulachen. Na ja.
Ursache aller Übel: Wir sind heute wieder vom Peruanischen Ozean hinauf auf die Anden gefahren, wo die dünne Luft, respektive der niedrige Umgebungsdruck, nicht nur uns ausser Atem, sondern auch das Bier zum Sprudeln und die Cremetuben fast zum Platzen bringt und der angefangene Wein zum perlenden Sekt macht. Aber auch die moderne Abgastechnologie des DaBa wird durch den Sauerstoffmangel überfordert. Der Abgasfilter, wo die vom verbrannten Diesel übrig gebliebenen Dieselpartikel gefangen werden, bekommt zu wenig Sauerstoff bei der Regeneration und als Folge besteht Gefahr, dass der Filter verstopft. Deshalb schaltet der Motor nach einigen fehlerhaften Regenerationsversuchen auf den sogenannten Notbetrieb und limitiert die Tourenzahl des Motors auf maximal 3000 Touren, was natürlich nicht nur mühsam, sondern das Auto fast unfahrbar macht.
Dies passierte uns, als wir in Peru während Wochen auf Höhen über 4000 Meter unterwegs waren und mehrere Male hintereinander Pässe von 4600 bis 4700 Meter überwanden. Das hiess für uns, wieder runter auf Meereshöhe zu fahren, nach Lima, um eine Mercedes Garage aufzusuchen. Wir suchten uns die Strassenverbindung mit der geringsten Steigung und waren mehr als glücklich, als wir das Meer von weitem sahen und die Strecke auch mit Notbetrieb problemlos schafften. Dort unten hatten wir dann einen ganz leichten Atem, die Körpercreme- und die Essig-Petflasche waren mit konkaven Dellen eingedrückt, der Korken der Weinflasche war weit in den Flaschenhals gedrückt und das Essiggurkenglas liess sich kaum öffnen. Physik sei Dank! Aber auch DaBa kurierte seine Höhenkrankheit, der Dieselpartikelfilter konnte wieder regenerieren, jedoch die Fehlermeldung der Motorsteuerung blieb.
24. November 2019