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In den letzten siebzig Jahren hat sich die Basler Anästhesiologie von einem Ein-Personen-Fach zu einem Departement mit mehr als 250 Mitarbeitenden entwickelt. Aus einer Unterabteilung der Chirurgie wurde ein eigenständiges, stark ausdifferenziertes Fachgebiet, dessen Zuständigkeit sich längst nicht nur auf die perioperative Medizin beschränkt. Heute besteht das Departement in Basel aus zwei OP-Standorten, dem Interdisziplinären Intermediate Care Unit, der präklinischen Notfallmedizin und der Schmerztherapie.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs existierte die Anästhesiologie in Europa und in der Schweiz noch nicht als eigenständiges Fach. Obwohl in den Jahren zuvor wegweisende Entdeckungen gemacht worden waren, die eine für die Durchführung der immer grösser und komplexer werdenden Operationen erforderliche Schmerzlosigkeit und Immobilisation ermöglichten, war das «Narkosewesen», wie es damals hiess, ein Stiefkind der Chirurgie.
Anfänge der Anästhesiologie in Basel
Während in England und den USA bereits selbständige anästhesiologische Kliniken fachärztliche Anästhesie anboten, wurden Narkosen in der Schweiz unter Aufsicht der Operateure von Krankenschwestern und Pflegern oder den zu diesem Zweck abgeordneten chirurgischen Assistenten durchgeführt. Dieser Umstand wurde von den Schweizer Chirurgen als unbefriedigend empfunden. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften beschloss deshalb im Jahre 1946 ein Stipendium auszuschreiben, um einem interessierten jungen Arzt eine Ausbildung im neuen Fach Anästhesiologie zu ermöglichen. Die Wahl fiel auf Werner Hügin, der nach Stationen in den USA, Schweden und England 1949 zunächst die Leitung der Unterabteilung für Anästhesie an der Basler Universitätsklinik übernahm. 1952 folgte auf Anregung des neu berufenen Professors für Chirurgie Rudolf Nissen die Gründung der ersten selbstständigen Abteilung für Anästhesiologie in der Schweiz, deren Leitung wiederum Hügin übernahm. In die gleiche Zeit fielen auch die Gründung einer anästhesiologischen Gesellschaft (1951 Berufsgemeinschaft Schweizerischer Anästhesiologen, ab 1953 Schweizerischen Gesellschaft für Anästhesiologie und Reanimation), die Publikation erster deutschsprachiger Lehrbücher für Anästhesiologie (R. Frey, W. Hügin, O. Mayerhofer, Lehrbuch der Anästhesiologie und Wiederbelebung) sowie die Gründung der Fachzeitschrift Der Anästhestist (1952), an denen Hügin ebenfalls massgeblich beteiligt war. Charakteristisch für die Arbeitsweise der Schweizer bzw. Basler Anästhesiologie war von Anfang an der routinemässige Einsatz von Anästhesiepflegefachfrauen und -männern bei der Durchführung von Allgemeinanästhesien sowie in der Überwachung der Regionalanästhesien.
In den sechziger Jahren wurde am damaligen Bürgerspital in Basel ein Institut für Anästhesiologie gegründet, das unter der Leitung von Walter Niederer und Jacqueline Siegrist zu einer geschätzten Ausbildungsstätte für angehende Anästhesiologen und Anästhesiologinnen aus dem In- und Ausland wurde. Im Basler Bürgerspital bediente das Institut in zehn Operationssälen die allgemeine, elektive und notfallmässige Chirurgie, Handchirurgie, Gefässchirurgie, Urologie, HNO, Neurochirurgie und Herz- und Thoraxchirurgie. Anästhesien wurden zudem in der «Weissen Zone» – d.h. auf der Radiologie und Nuklearmedizin – sowie im Augenspital, am Zahnärztlichen Institut, in der Volkszahnklinik und in der alten Neurologischen Klinik durchgeführt. Nicht an das Institut angegliedert war die gynäkologische-geburtshilfliche Anästhesie im Frauenspital und die Kinderanästhesie, die der kinderchirurgischen Klinik im Kinderspital zugehörte.
Wandel der Anästhesiologie ab den 1970ern
In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre ging die Ära der traditionellen Anästhesiologie unwiderruflich zu Ende. Die Anästhesiologie war bis dahin eine sich vor allem auf handwerkliche Fähigkeiten und klinische Erfahrung stützende Disziplin gewesen, die zu Recht als «Kunst des Narkotisierens» bezeichnet wurde. Die Überwachung der Narkosen beruhte auf den Sinneswahrnehmungen der Anästhesist:innen: Die Palpation des peripheren Pulses, die Messung des Blutdruckes nach Riva-Rocci, das Abhorchen der Herztöne und die Betrachtung der Grösse der Pupillen sowie ihrer Reaktion waren die einzigen Methoden der intraoperativen Überwachung. Nun aber stand die Anästhesiologie an der Schwelle einer faszinierenden Entwicklung, die durch technologische Innovationen und eigene Forschung ausgelöst und vorangetrieben wurde. Führend bei diesem Wandel der Anästhesiologie waren wiederum die akademischen Zentren in den USA und Grossbritannien. Nicht nur wurden neue volatile und intravenöse Anästhetika entwickelt und klinisch geprüft, auch ihre pharmakodynamischen und pharmakokinetischen Eigenschaften wurden untersucht und ihre Wirkung sowie Sicherheit in klinischen Studien beurteilt. Die intra- und postoperative Überwachung von Patienten erlebte eine Revolution: Es konnten nun sowohl die hämodynamischen wie auch die respiratorischen Funktionen in der ganzen perioperativen Periode beurteilt und überwacht werden. Neue Muskelrelaxantien wurden eingeführt und mit ihnen die Überwachung der Muskelrelaxation mithilfe der neuromuskulären Stimulation. Die regionalen Anästhesietechniken erlebten dank neuem Material und neuen Lokalanästhetika ebenfalls einen bemerkenswerten Aufschwung. Mit Hilfe der neuen Verweilkatheter konnte die Regionalanästhesie nicht nur mehrere Stunden, sondern über mehrere Tage fortgesetzt werden, was für die postoperative Schmerzbehandlung von grosser Bedeutung war. Dazu kam eine entscheidende Verbesserung in der Hygiene, indem Tuben, Leitungen, Behälter, Katheter und anderes Material durch Einwegprodukte ersetzt wurden. Dank dieser neuen Errungenschaften wurde die Anästhesiologie als Fach stark aufgewertet und gewann an Attraktivität für diejenigen jungen Ärztinnen und Ärzte, die in ihr nicht nur die «handwerkliche Kunst» suchten, sondern damit auch ihr Interesse für angewandte Physiologie, Anatomie, Pharmakokinetik und Pharmakotherapie befriedigen konnten.
Reformen der Anästhesiologie in Basel
Die Übertragung der neuen Erkenntnisse und Methoden in die Ausbildung sowie in die tägliche Praxis stellten eine besondere Herausforderung für die anästhesiologischen Institutionen in Europa dar. Am Basler Universitätsinstitut für Anästhesiologie gab es in den 1970er-Jahren keine systematische Forschung und es drohte, den Anschluss an die internationalen Entwicklungen zu verpassen. Gleichzeitig war die Chirurgie in zunehmendem Masse auf eine innovative Anästhesiologie, Intensivtherapie und Pflege angewiesen und drängte auf Reformen. Unter Myron B. Laver, zuvor Professor an der Harvard Medical School, der 1979 den Lehrstuhl für Anästhesiologie am Kantonsspital Basel übernahm, gelang der Basler Anästhesiologie die Reorganisation von Klinik, Forschung und Fortbildung sowie der Schritt auf die internationale akademische, vornehmlich anglo-amerikanische, anästhesiologische Bühne. Gleichzeitig emanzipierte sich die Anästhesiologie von der Chirurgie. Das Institut für Anästhesiologie wurde zum Departement für Anästhesiologie (DfA), womit die Anästhesiologie mit den Departementen Chirurgie und Medizin gleichzog. Laver setzte durch, dass die Honorare für Anästhesieleistungen nicht mehr von den Honoraren der Chirurgen abhingen, sondern unabhängig berechnet wurden. In Anlehnung an das chirurgische Departement schuf er zudem einen Pool, in den die Honorare für Anästhesien von Privatpatienten einflossen und aus dem die Forschungs-, sowie Aus- und Fortbildungsaktivitäten am Departement finanziert wurden. Das interne Aus- und Fortbildungsangebot wurde um eine Vortragsreihe mit mehrheitlich internationalen Referent:innen ergänzt, die jeweils einen Teil ihrer Zeit in Basel in den Operationssälen verbrachten und so den Austausch von Erfahrungen ermöglichten. Um den Bedürfnissen der Forschung gerecht zu werden, wurden zudem zwei Labors eröffnet, in denen biochemische und pharmakokinetische Untersuchungen bzw. tierexperimentelle Studien durchgeführt wurden.
Unter Daniel Scheidegger, der das Departements für Anästhesiologie ab 1988 leitete, erfolgte eine weitere Ausdifferenzierung des Departements in verschiedene Spezialgebiete und die Erweiterung seiner Zuständigkeitsbereiche. Das DfA war nun auch für die präoperative Abklärung, Risikobeurteilung und gezielte Vorbereitung auf Operationen sowie für die postoperative Schmerztherapie verantwortlich. Ihre Expertise in der akuten Schmerztherapie nutzten die Anästhesist:innen zugleich, um in Schmerztherapiestunden Patient:innen mit chronischen Schmerzen zu behandeln. Zusätzlich beteiligte sich die Anästhesie am Rettungswesen zu Lande und in der Luft.
Innovative Projekte im Bereich Qualität und Sicherheit
Noch bevor dies in den Schweizer Anästhesiekliniken zum Standard gehörte, führte das DfA kontinuierliche Qualitätskontrollen ein. Bereits 1991 existierte am DfA etwa eine systematische Qualitätskontrolle aller operierten Patienten. Die postoperativen Kontrollen führten erfahrene Pflegefachfrauen durch, die dabei von den zuständigen Ärzt:innen unterstützt wurden. Alle Patient:innen wurden vor ihrer Entlassung aus dem Spital befragt und allfällige Komplikationen sowie Kritik dokumentiert.
Bei der Qualitätssicherung konnte das DfA im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem psychologischen Dienst der Swissair unter anderem von den Erfahrungen der Luftfahrt profitieren. Übernommen wurden etwa die sogenannten «Checklisten», die vor Beginn jeder Anästhesie sowie bei jeder Übergabe eines Patienten eine systematische Überprüfung der Apparatur, seiner Medikation und seines Zustandes erfordern.
Ein weiteres erfolgreiches Projekt war das sog. Critical Incidence Reporting System (CIRS). Das Konzept stammt ebenfalls aus der Aviatik und geht davon aus, dass es bei der Arbeit, sei es im Cockpit, im OP, auf der Kranken- und Notfallstation oder in der Ambulanz, immer wieder zu kleinen Fehlern kommt, die in den allermeisten Fällen zwar keine Folgen haben, unter ungünstigen Umständen aber dramatische Konsequenzen nach sich ziehen können. Das CIRS ermutigt die Mitarbeiter, diese «Fehler» anonym online zu melden. Die Meldungen werden editiert, von Experten analysiert, beurteilt und wenn möglich mit Vorschlägen versehen, wie sie künftig vermieden werden können.
Die Bedeutung der Simulation für die Anästhesiologie wurde auch im DfA in Basel früh erkannt und führte zur Anschaffung eines eigenen Simulators. Das erste Forschungsprojekt mit Simulation eines laparoskopischen Eingriffs unter Allgemeinanästhesie hiess TOMS (Team Oriented Medical Simulation). Im Gegensatz zu den üblichen Anwendungen des Simulators in der praktischen Ausbildung, insbesondere in der Reanimation, wurden hier vor allem die Rolle der Akteure im OP und ihre Interaktionen, kurzum die «Human Factors» studiert. So entstand 1994 am DfA das Schweizerische Zentrum für Medizinische Simulation, eines der ersten seiner Art in Europa.
Gegenwart
Die Basler Anästhesiologie hat sich in den letzten siebzig Jahren von einem «Ein-Mann-Betrieb» zu einem Departement mit 256 Mitarbeitenden entwickelt; von einer Unterabteilung der Chirurgie zu einem eigenständigen, stark ausdifferenzierten Fachgebiet, dessen Zuständigkeit sich längst nicht nur auf die perioperative Medizin beschränkt. Heute besteht das Departement in Basel aus zwei OP-Standorten (Ost und West), dem Interdisziplinären Intermediate Care Unit, der präklinischen Notfallmedizin und der Schmerztherapie.