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Sezgin Günes, 41, hat zwei Brüder an den Darmkrebs verloren. Sein ältester Bruder war 27 Jahre alt, als er starb. Es begann mit einem trockenen Husten, der nicht wegging, und damit, dass sein Bruder stark abnahm. Schliesslich die Diagnose: Darmkrebs mit Metastasen in der Lunge und weiteren Organen. Eine Operation war nicht mehr möglich. «Der Arzt sagte ihm, was er noch tun wolle im Leben, solle er jetzt tun», sagt Günes.
Trotz Chemotherapie verschlechterte sich der Zustand seines Bruders schnell, weniger als ein Jahr nach der Diagnose war er tot. Sieben Jahre später starb Günes’ zweitältester Bruder an Darmkrebs – auch er noch keine 40 Jahre alt und damit deutlich jünger als die meisten der 4300 Menschen, die pro Jahr in der Schweiz an Darmkrebs erkranken.
Darmkrebs-Risiko bei Jungen ist gestiegen
Nun legen Studien nahe, dass Darmkrebs bei Jüngeren in vielen Ländern zugenommen hat. Den Trend erstmals aufgezeigt hat eine 2017 publizierte Studie des US-amerikanischen National Cancer Institute: Darin wurden Daten von fast 500'000 Patienten analysiert, die in den USA zwischen 1974 und 2013 an Darmkrebs erkrankt waren. Es zeigte sich, dass die Anzahl Neuerkrankungen bei Personen über 55 Jahren stark abgenommen hatte, wohl dank der Einführung eines Darmkrebs-Screenings. Bei denen unter 55 Jahren jedoch gab es deutlich mehr neue Fälle. So hat jemand, der 1990 geboren wurde, ein doppelt so hohes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, wie jemand mit Jahrgang 1950.
Dieses Jahr stellten zwei weitere Studien mehr Darmkrebsfälle bei Erwachsenen unter 50 auch in Australien, Neuseeland, Kanada und in diversen europäischen Ländern fest. Bei jungen Erwachsenen von 20 bis 29 Jahren haben sich die Diagnosen sogar verdreifacht: Kamen im Jahr 1990 auf 100'000 Personen noch 0,8 Fälle von Darmkrebs, waren es bereits 2,3 Fälle im Jahr 2016.
Darmkrebs betrifft mehrheitlich Senioren – aber nicht nur
«Es sind eindrückliche Zahlen, und es scheint wirklich ein Trend zu sein», sagt Sabine Rohrmann, Professorin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich und Leiterin der Krebsregister der Kantone Zürich und Zug. Sie stellt aber klar: «Auch wenn Darmkrebs bei jungen Erwachsenen deutlich zugenommen hat, darf man nicht vergessen, dass es in absoluten Zahlen noch immer vergleichsweise wenige sind, die in jungen Jahren erkranken.»
Gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) erhalten jährlich etwa 560 Personen unter 55 die Diagnose Darmkrebs, bei den 55- bis 64-Jährigen sind es fast 780, bei den 65- bis 74-Jährigen rund 1200 und in der Altersgruppe ab 75 beinahe 1800.
Standardisierte Screenings senken Zahl der Neuerkrankungen
«Wir werden die Entwicklung aufmerksam verfolgen», sagt Guido Biscontin, Fachspezialist Früherkennung bei der Krebsliga Schweiz. Aufgrund der tiefen Fallzahlen empfiehlt er Erwachsenen unter 50 aber nur dann Vorsorgeuntersuchungen, wenn sie familiär vorbelastet sind oder Symptome haben (siehe Infobox unten). «Ein Screening ist erst ab einer bestimmten Häufigkeit sinnvoll. Aber wir setzen uns dafür ein, dass in der ganzen Schweiz ein Darmkrebs-Screening für Personen ab 50 Jahren eingeführt wird.»
Auch Urs Marbet, Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten und pensionierter Chefarzt des Kantonsspitals Uri, ist starker Befürworter des Screenings. Dabei werden Personen ab 50 regelmässig zu einer Darmspiegelung oder einem Test auf Blut im Stuhl aufgeboten.
«Ob sich Darmkrebs bei 30-Jährigen auch über eine lange Zeit entwickelt, wissen wir noch nicht.»
Urs Marbet, Facharzt für Magen- und Darmkrankheiten
Marbet erreichte, dass Uri 2013 als erster Kanton ein solches Screening einführte. «Gut durchgeführte Vorsorgeuntersuchungen können die Zahl der Neuerkrankungen und Todesfälle bei Darmkrebs stark senken», sagt er. Denn in den meisten Fällen entsteht Darmkrebs aus Polypen, die sich erst im Verlauf von 10 bis 20 Jahren zu einem bösartigen Krebs entwickeln. «Ob sich Darmkrebs bei 30-Jährigen auch über so lange Zeit entwickelt, wissen wir noch nicht. Es kann gut sein, dass es dann Wege sind, die viel schneller sind – und dann nützt es nichts, alle 10 Jahre eine Darmspiegelung durchzuführen.»
Die beobachtete Zunahme müsse man trotz den tiefen Fallzahlen ernst nehmen. «Es ist vor allem wichtig, dass auch Hausärzte wissen, dass es Darmkrebs bei jungen Patienten gibt, damit sie es seriös abklären, wenn jemand mit Symptomen zu ihnen kommt.»
Risikofaktoren für Darmkrebs haben sich verändert
Die Ursachen des Anstiegs sind noch unklar. «Wirklich erklären kann das derzeit niemand. Aber gewisse Risikofaktoren haben sich verändert», sagt Sabine Rohrmann. Ein wichtiger Faktor ist Übergewicht, und es gebe immer mehr Übergewichtige. Möglicherweise sei auch die Ernährung eine Ursache: mehr Lebensmittel mit hoher Energiedichte, mehr verarbeitetes Fleisch, weniger ballaststoffreiche Lebensmittel . Auch genetische Einflüsse kommen in Frage.
Wichtige Risikofaktoren bei Darmkrebs seien auch Rauchen und Alkoholkonsum, aber Rohrmann bezweifelt, dass sich diese so stark verändert haben, dass sie den Anstieg erklären könnten. «Die aus meiner Sicht wahrscheinlichsten Erklärungen sind Veränderungen von körperlicher Aktivität und die Ernährung bei Kindern und Jugendlichen.»
Obschon das eine Hypothese sei und noch mehr geforscht werden müsse, sei es sinnvoll, auf genügend Bewegung und eine ausgewogene Ernährung zu achten. «Das ergibt ja nicht nur im Hinblick auf Krebs Sinn, sondern auch bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und weiteren Krankheiten.»
Seit dem Tod der Brüder alle zwei Jahre zur Darmspiegelung
Sezgin Günes hat der frühe Tod seiner Brüder stark geprägt. Ebenso das Wissen, dass auch zwei Geschwister seiner Mutter jung an Krebs starben. Mit Rauchen hörte er sofort auf , als er seinen ältesten Bruder täglich im Spital besuchte und miterlebte, was Metastasen in der Lunge bedeuten. «Ich höre noch heute das Rauschen des Sauerstoffs, der in seine Nase floss», sagt er. Damals war er 15.
Alkohol trank er danach nur sporadisch, seit zwei Jahren verzichtet er komplett darauf. Und seit dem 33. Altersjahr geht er alle zwei Jahre zur Darmspiegelung, bereits mehrmals habe man ihm dabei Polypen entfernt. Manchmal fragt er sich, ob sein zweitältester Bruder heute noch am Leben wäre, wenn auch er zu Vorsorgeuntersuchungen gegangen wäre.
Laut Urs Marbet kommt es immer wieder vor, dass gerade Personen mit erhöhtem Risiko solche Untersuchungen nicht wollen – aus Angst. «Sie denken: ‹Wenn man bei mir einen Krebs findet, heisst es Chemotherapie und Bestrahlung, das will ich sowieso nicht.› Dabei hat man beim Screening die Chance, einen Darmkrebs so früh zu entdecken, dass man keine Chemo braucht.»
Darmkrebs: Wie sorgt man richtig vor?
Darmkrebs ist in frühem Stadium heilbar. Die Krebsliga empfiehlt deshalb auch Gesunden, ab 50 regelmässige Untersuchungen wie Darmspiegelungen oder Blut-im-Stuhl-Tests durchzuführen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten – und in Kantonen mit Screening-Programm die Franchise.
Bei familiärer Vorbelastung oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sollte man frühzeitig mit dem Facharzt besprechen, ab wann Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind. Zum Arzt sollte man auch bei unklarem Gewichtsverlust, neu auftretenden, anhaltenden Bauchschmerzen, veränderten Stuhlgewohnheiten oder Blut im Stuhl.
Mehr Fälle von Darmkrebs
In der Schweiz haben Darmkrebsfälle seit 1994 zugenommen – auch bei Jungen. Von 2012 bis 2014 erkrankten jährlich rund 559 Personen im Alter von 15 bis 54 Jahren.