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Kein NHL-Team scheint sich in der Rolle des Playoff-Aussenseiters wohler zu fühlen als die Columbus Blue Jackets. Letztes Jahr überraschten sie mit dem Sweep gegen die Tampa Bay Lightning, die damals mit Abstand das beste Team der NHL waren. Dieses Jahr schalteten sie in der Qualifying-Runde die Toronto Maple Leafs aus und stellen nun erneut Tampa vor Probleme.
Im ersten Spiel brauchte Tampa fünf Verlängerungen und insgesamt 150 Minuten, um die Blue Jackets in die Knie zu zwingen. Im zweiten Spiel der Serie gestern Abend war Columbus aber nicht müde oder am Boden zerstört wegen der bitteren Niederlage. Stattdessen zeigten sie erneut eine extrem gute Leistung und bezwangen Tampa mit 3:1.
Doch wie schafft es ein Team, das insbesondere dieses Jahr auf dem Papier eigentlich nicht besonders stark besetzt ist, Superstars der Liga zu neutralisieren? Der Erfolg der Blue Jackets fusst auf drei Pfeilern.
Das grösste und wichtigste Puzzlestück des diesjährigen Erfolgs ist Torhüter Joonas Korpisalo. Der Finne spielt absolut überragend, obwohl die Torhüterposition bei Columbus nach dem Abgang von Sergei Bobrovsky eigentlich eine Schwäche hätte sein sollen.
Doch Korpisalo kam gegen Toronto (immerhin die viertgefährlichste Offensive der Liga) auf eine Fangquote von 95,6 Prozent. Und nun gegen Tampa (die beste Offensive der Liga) sind es in zwei Spielen 96,2 Prozent. Im ersten Spiel gegen Tampa hielt der 26-Jährige 85 Schüsse. Das ist absurd!
Und wer mit reinen Fangquoten wenig anfangen kann, für den haben wir noch diese Statistik: Laut Expected Goals hätten die Blue Jackets aufgrund der Qualität und Quantität der gegnerischen Schüsse in den sechs Spielen mit Korpisalo 17,23 Gegentore erhalten müssen. Tatsächlich waren es aber nur neun Tore. «Korpi» hat also bereits 8,23 Tore über Erwartung verhindert. Das sind 1,37 Tore pro Spiel, die die Blue Jackets dank dem Finnen nicht erhalten. Als Referenz: Connor Hellebuyck war in dieser Statistik der beste Torhüter der Regular Season und verhinderte 0,34 Tore über Erwartung pro Spiel.
Kann Korpisalo diese Form über längere Zeit halten? Vermutlich nicht. Aber wenn es ihm in den nächsten Spielen noch gelingt, wird Tampa grosse Mühe haben. Eigentlich hätten die Blue Jackets ja auch noch Elvis Merzlikins in der Hinterhand, der ebenfalls Spiele stehlen kann. Doch der Ex-Luganesi ist derzeit verletzt.
Ähnlich wichtig wie Korpisalo ist bei Columbus auch Trainer John Tortorella. Der heissblütige US-Amerikaner hat es geschafft, aus den Blue Jackets eine zähe und konstante Truppe zu formen.
Der Coach ist sich bewusst, dass er nicht genug Stars in der Mannschaft hat, um sich mit Toronto oder Tampa auf einen offenen Schlagabtausch einzulassen. Also setzt er wie schon in den letztjährigen Playoffs voll darauf, die Mitte des Eisfelds zu verstopfen, den Gegner im Spielaufbau früh zu stören und auf die Aussenbahnen zu drängen. Das gelingt relativ gut. Toronto kam phasenweise kaum zu gefährlichen Schüssen. Tampa gelingt das nun etwas besser.
Die Spieler setzen das System von «Torts» bedingungslos um. Es spielt keine Rolle ob die erste oder die vierte Linie auf dem Eis steht. Das Spiel bleibt genau gleich und es funktioniert unabhängig von den Spielern im Einsatz konstant.
Obwohl er ein harter Hund ist, scheint Tortorella auch ein gutes Händchen mit den jüngeren Spielern zu haben. Der 22-jährige Pierre-Luc Dubois ist mit bislang vier Toren und vier Assists in diesen Playoffs so richtig aufgeblüht. Daneben überzeugen auch Liam Foudy (20) und Alexandre Texier (20).
Will man Mannschaften aufhalten, die auf dem Papier überlegen scheinen, braucht man nicht nur einen guten Goalie und gutes Coaching, sondern auch eine solide Verteidigung. Und die hat Columbus.
Angetrieben wird sie von den beiden Arbeitstieren Zach Werenski und Seth Jones. Beide standen im verrückten ersten Spiel gegen Tampa insgesamt mehr als eine Stunde auf dem Eis. Jones übernimmt in jedem Spiel extrem viel Verantwortung, ist herausragend in Unterzahl und für Columbus extrem wichtig im Transition-Spiel – also im Verlassen der eigenen und Betreten der offensiven Zone. Werenski dagegen räumt mehr vor dem eigenen Tor auf und geht auch selbst gerne in den Abschluss.
Der Rest der Blue-Jackets-Verteidigung hat ebenfalls Qualität – auch Dean Kukan. Zwar spielt der Schweizer nicht besonders viel (in der Nacht auf heute waren es gerade Mal acht Minuten). Doch was der Zürcher zeigt, ist extrem solid.
Kukan ist ein Defensivverteidiger, fällt also nicht mit wahnsinnigen Offensivaktion auf, sondern beruhigt das Spiel in der eigenen Zone überragend, wie der «Tages-Anzeiger» kürzlich analysiert hat. Kukan hat immer den richtigen Abstand zu den gegnerischen Stürmern, unterbindet Pässe und dank seinem Skating kann er auch immer wieder scheinbar mühelos Drucksituationen aus dem Weg gehen.
Der grösste Faktor ist und bleibt sicherlich die Leistung von Joonas Korpisalo. Wenn der Goalie weiterhin derart fantastisch spielt, wird es auch für das Star-Ensemble um Brayden Point, Nikita Kucherov und Victor Hedman schwer, Columbus zu bezwingen. Gut möglich, dass die Blue Jackets schon die nächste Überraschung schaffen.
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