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Juruena-Nationalpark in Brasilien: Bollwerk gegen die Abholzung
Der Juruena-Nationalpark im brasilianischen Amazonas ist eine der wichtigsten natürlichen Barrieren der Welt im Kampf gegen die Entwaldungswut. Die unberührte Natur wird dort zum Spektakel, aber auch Bedrohungen werden sichtbar. Ein Besuch an der Umweltfront.
Über Stunden ist kein Mensch zu sehen, kein Haus, kein Anzeichen von Zivilisation. Nur Wasser und Wald, ein undurchdringbar anmutendes Dickicht tropischer Vegetation. Plötzlich steht aber jemand am Ufer des breiten Juruena-Flusses im tiefsten brasilianischen Amazonas-Urwald und winkt das Boot zu sich her. «Eingeborene», sagt Lourdes Iarema. Das Boot der 40-jährigen Leiterin des Juruena-Nationalparks und ihrer Begleiter steuert Land an. Eine dürftig errichtete Hütte am Ufer, davor toben drei nackte Kinder im Wasser. Der Familienvater erzählt Iarema von einem wilden Jaguar, der kürzlich fast eins der Kinder angegriffen habe.
Eigentlich dürfte die Familie gar nicht an diesem Ufer leben, das zum viertgrössten Schutzgebiet Brasiliens gehört. Der 2006 gegründete und rund 1,9 Millionen Hektar umfassende Juruena-Park - eine Fläche fast halb so gross wie die Schweiz - befindet sich im Herzen Brasiliens zwischen den Bundesstaaten Mato Grosso und Amazonas. Die Lage gilt als strategisch wichtig: Südlich liegt das immense Agrarland des Mato Grosso, auf dem in grossem Stil Soja und Mais angebaut werden. Im Norden erstrecken sich hingegen noch weite Waldflächen.
Brasilien hat grösste Entwaldungsquote der Welt
«Der Park soll die Entwaldung stoppen», erklärt Iarema - sozusagen als ein natürliches Bollwerk gegen die Expansionswut der mächtigen Agrar- und Rinderzuchtindustrie. Mato Grosso im Mittelwesten Brasiliens ist womöglich das beste Beispiel weltweit für die grossflächige Erschliessung von Waldgebieten zu Ackerland. Der drittgrösste Bundessstaat des Landes wurde ab den 1970er und 1980er Jahren von Landwirten besiedelt. Inzwischen gelten die Wälder des Mato Grosso als weitgehend gerodet. Die Entwicklung setzt sich nun fort - Richtung Amazonas-Regenwald im Norden.
Da in Brasilien die Wirtschaft in der Rezession versinkt, gilt das sogenannte Agrobusiness als Hoffnungsträger. Daher erwägt die konservative Regierung von Staatschef Michel Temer, Schutzgebiete aufzuweichen. «Die Lage an der südlichen Grenze des Amazonas-Gebiets ist dramatisch - schon seit etwa 20, 30 Jahren», bilanziert der Schutzgebiet-Experte der Umweltstiftung WWF in Deutschland Roberto Maldonado.
Wegen seiner enormen Waldflächen ist Brasilien auch das Land mit der grössten Entwaldungsquote der Welt - und trotz Pariser Klimaabkommen steigt die Abholzung. Zwischen August 2015 und Juli 2016 wurde in dem Land eine Regenwaldfläche von 7989 Quadratkilometern vernichtet.
Eindrucksvolles Spektakel unberührter Natur
Iarema leitet seit 2012 den Juruena-Nationalpark mit einem winzigen Team, bestehend aus drei Mitarbeitern und ihr selbst. Die Biologin wohnt in der Stadt Alta Floresta in Mato Grosso. Um an den nördlichen Teil des Parks zu kommen, muss sie etwa zwei Stunden mit einem gecharteten kleinen Flugzeug fliegen. Durch den Wald führt kein Weg.
Der Juruena-Park ist ein eindrucksvolles Spektakel unberührter Natur. Eigentlich ist er für Besucher gesperrt, eine Besichtigung ist nur mit Genehmigung möglich. Aus der Luft sieht der Urwald wie ein gigantischer grüner Mantel aus. Erst unten wird die wirkliche Dimension erkennbar: Dichte Vegetation, imposante Wasserfälle, aus denen schon mal ein Riesenotter kurz zum Vorschein kommt. Der Juruena-Nationalpark beherbergt nach eigenen Angaben 103 Schmetterlings-, 101 Säugetier- und 412 Vogelarten.
Sichtbar werden aber auch die Probleme. Von oben sind ausserhalb des Parks Farmen zu sehen. Parkleiterin Iarema: «Wir spüren einen grossen Druck an den Rändern des Parks: durch Goldschürfer, Holzfäller, Menschen, die sich illegal Land aneignen.»