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| Laktanz († nach 317) - Gottes Schöpfung (De opificio Dei)

VI. Hauptstück. Epikurs Irrtum; über die Organe und deren Zweck.
§ 1. Ich kann mich auch hier wiederum nicht enthalten, den Unverstand des Epikurus durchzuhecheln. Von ihm stammt ja alles, was Lukretius faselt. Um zu zeigen, daß die lebenden Wesen nicht durch die [S. 243] kunstsinnige göttliche Vernunft, sondern, wie er zu sagen pflegt, durch Zufall entstanden seien, behauptete jener, es seien am Anfange der Welt auch unzählige andere Lebewesen1 von absonderlicher Gestalt und Größe zur Welt gekommen; diese aber hätten nicht fortbestehen können, weil ihnen die Möglichkeit benommen gewesen wäre, sich zu nähren, oder weil sie sich nicht hätten begatten und somit nicht hätten zeugen können.
§ 2. Natürlich, um für seine Atome Platz zu machen, wollte er die göttliche Vorsehung ausschließen. Da er aber doch sehen mußte, daß an allen lebenden Wesen ein Beweis der göttlichen Vorsehung sich finde, was, zum Henker, war das für eine Torheit, zu behaupten, daß es einige Ungeheuer gegeben habe, wo dieselbe gefehlt habe?
§ 3. Da nämlich alles Sichtbare aus einem vernünftigen Grunde ins Dasein getreten ist — denn eben das, was zur Welt kommt, kann nur die Vernunft zustande bringen —, so ist eben offenbar, daß nichts Vernunftwidriges habe erzeugt werden können2.
§ 4. Denn bei der Bildung der einzelnen Tiere wurde schon vorgesehen, daß sich dieselben der Glieder zur Erwerbung des Lebensunterhaltes bedienen, und daß die durch Begattung hervorgehende Nachkommenschaft sämtliche Arten von Lebewesen fortpflanzen solle.
§ 5. Denn wie ein tüchtiger Baumeister3 zunächst sich vorstellt, wie das Gebäude in seiner Vollendung [S. 244] aussehen werde, und früher die Stelle bestimmt, welche ein geringes Gewicht erfordert, dann den Ort, wo eine große Masse hinkommen muß, die Säulenabstände, den Abfall, den Ausfluß, den Auffang des [Wassers], Regens:
§ 6. Alles sieht er vorher, wie es für das vollendete Werk nötig ist, wenn es erst mit den Fundamenten beginnt, — warum sollte einer glauben, daß Gott bei der Schaffung der Tiere nicht das zum Leben Notwendige vorgesehen habe, bevor er das Leben selbst ihnen gab? Die könnten ja nicht bestehen, wenn nicht früher die Dinge geschaffen worden wären, wodurch sie bestehen können.
§ 7. Epikurus sah also am Leibe der Tiere das Walten der göttlichen Vernunft, doch fügte er, um auf seiner Annahme bestehen zu können, zu den früheren Behauptungen albernes Zeug hinzu, um seine Ansicht damit zu stützen.
§ 8. Er behauptete nämlich, daß die Augen nicht geschaffen seien, um damit zu sehen, die Ohren, um damit zu hören, noch die Füße zum Gehen, da die Organe vor dem Sehen, Hören und Gehen vorhanden seien, sondern daß deren sämtliche Verrichtungen sich erst nach der Geburt entwickelt hätten.
§ 9. Ich fürchte, es möchte zu albern sein, solch entsetzliche Behauptungen im Ernst zu widerlegen; indes ich will albern sein, da wir es mit einem albernen Menschen zu tun haben, damit er sich nicht für allzu scharfsinnig halte.
§ 10. Was meinst du, Epikurus, sind also die Augen nicht zum Sehen geschaffen? Warum sehen sie denn? Später erst, behauptet er, hat sich ihre Verwendung gezeigt. — Zum Sehen sind sie doch geschaffen, da sie einmal nichts anderes tun können als sehen. Bei den übrigen Organen zeigt ingleichen ihre Verwendung, zu welchem Zwecke sie geschaffen sind. Diese wäre selbstverständlich unmöglich, wenn nicht alle Organe so angeordnet und von der Vorsehung so geschaffen wären, daß sie ihre Verwendung zulassen.
§ 11. Wie? Wenn du dich zu sagen erdreistetest, die Vögel seien nicht zum Fliegen geschaffen, die wilden [S. 245] Tiere nicht zum Wüten, die Fische nicht zum Schwimmen, der Mensch nicht zum Denken, da es doch einleuchtet, daß jedes Lebewesen dem Zwecke, zu dem es geschaffen ist, dienen muß?
§ 12. Aber selbstverständlich muß der, welcher einmal vom Grundprinzip der Wahrheit abgewichen ist, immer irren. Wenn nun nicht durch die göttliche Vorsehung, sondern durch das zufällige Zusammentreffen der Atome alles entsteht, warum sind denn jene Urstoffe niemals so zusammengetroffen, daß ein Wesen entstanden wäre, das mit der Nase gehört, mit den Augen gerochen, mit den Ohren gesehen hätte?
§ 13. Wenn nämlich der Anfang keine Möglichkeit ausschließt, so müssen doch täglich derartige Tiere zur Welt kommen, bei denen die Anordnung der Organe verkehrt und deren Dienst ganz verschieden ist.
§ 14. Da aber jede Gattung und jedes Organ seine Bestimmung, seine Anordnung und seine Verwendung stets beibehält, so ist klar, daß nichts zufällig geschaffen ist, weil die Anordnung der göttlichen Vernunft ewig währt.
§ 15. Doch den Epikurus werden wir ein andermal widerlegen: nun wollen wir, wie wir angefangen haben, von der göttlichen Vorsehung handeln.
1: Laktantius macht sich hier über die Behauptung des Lukretius, als habe es bei Anfang der Welt noch unzählige, heutzutage ausgestorbene Tiergattungen gegeben, lustig. Laktantius tut hiermit dem Lukretius sehr unrecht, indem die Paläontologie nachgewiesen hat, daß in den verschiedenen Entwicklungsepochen unserer Erde verschiedene Tiergattungen dieselbe bewohnten, die dann aber, allerdings nicht deshalb, weil sie sich nicht hätten nähren oder begatten können, sondern aus Mangel an Daseinsbedingungen untergegangen sind [z. B. der Ichtyosaurus, Plesiosaurus u. v. a.]. Doch zeigte sich eben auch hierin die göttliche Weisheit, daß sie einige Tiergattungen untergehen, andere aber dafür entstehen lassen konnte.
2: Ist ein offenkundiger Zirkelschluß.
3: Dieser Vergleich ist von seinem teleologischen Standpunkte aus ganz gerechtfertigt.