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Nein, Christoph Bertschy ist in Nordamerika noch nicht weg vom Fenster. Erst vorgestern wurde er vom Trainerstaff der Iowa Wild als einer der Assistenzcaptains bestimmt. «Das war ein grosser Tag für mich, es ist eine grosse Ehre, einen Buchstaben auf der Brust zu tragen, und es zeigt mir, dass die Trainer an mich glauben und Vertrauen in mich setzen», sagt der Düdinger am Telefon gegenüber den FN. Es zeigt auch, dass er im AHL-Team immer noch zu den wichtigsten Spielern gehört, und damit automatisch zu denjenigen, die dem Sprung ins NHL-Team Minnesota Wild am nächsten sind. Tatsächlich stand Bertschy vor drei Wochen, als Minnesota einige Verletzte zu beklagen hatte, im Aufgebot der Wild und kam zum neunten NHL-Spiel seiner Karriere. Der Stürmer spielte bei der 4:5-Overtime-Niederlage gegen Columbus gut, verpasste sein erstes NHL-Tor nur knapp, verliess das Eis mit einer Plus-1-Bilanz – und wurde doch wieder ins Farmteam nach Iowa zurückgeschickt.
Immer weniger Skorerpunkte
In der zweitklassigen AHL hat Bertschy mittlerweile zehn Saisonspiele absolviert. Iowa ist schlecht in die Saison gestartet: Mit drei Siegen aus elf Spielen belegt die Mannschaft den 14. und zweitletzten Rang der Western Conference. Persönlich ist der Sensler mit seinem Saisonstart jedoch nicht unzufrieden. «Ich fühle mich gut, bringe viel Energie ins Spiel und gewinne viele Zweikämpfe. Einfach in Sachen Skorerpunkte hapert es noch.» Tatsächlich hat sich die offensive Ausbeute Bertschys während seiner Zeit in den USA stets verschlechtert. In seiner ersten Saison 2015/16 holte er in 72 AHL-Spielen 11 Tore und 24 Assists, letztes Jahr waren es in 67 Partien noch 11 Tore und 13 Assists. In dieser Saison steht Bertschy nach 10 Spielen bei bloss einem Treffer und zwei Assists. Hat sich seine Rolle im Team verändert? «Nein, ich spiele immer noch in einer der ersten zwei Linien und habe eine offensive Rolle.» Zu Beginn der Saison sei er zwar im Powerplay nicht eingesetzt worden, mittlerweile habe sich das aber wieder geändert. «Manchmal will es einfach nicht klappen. Manchmal kannst du Superpässe spielen und die Mitspieler machen trotzdem kein Tor daraus. Gleichzeitig habe auch ich zuletzt Chancen en masse vergeben. Aber wenn irgendwann einmal der Knopf aufgeht, kann sich das schnell ändern.»
Sportliche Ziele nicht erreicht
Gut zwei Jahre ist es nun her, seit Christoph Bertschy die Schweiz und den SC Bern verlassen hat, um sein Glück in Übersee zu versuchen – im Gepäck einen Dreijahresvertrag bei der Organisation der Minnesota Wild. Vor Beginn seines Abenteuers hatte er stets betont, er werde sich mindestens zwei Saisons lang Zeit geben, um sich durchzusetzen. Weil er auch letzte Saison immer wieder einmal zu einzelnen NHL-Spielen kam, hat er nun auch noch eine dritte Saison in den USA begonnen. Die Bilanz seiner gut zwei Jahre in Nordamerika fällt auf den ersten Blick durchzogen aus: 9 NHL-Spiele, 0 Tore, 1 Assist lauten die nackten Zahlen. «Natürlich hätte ich mir vor zwei Jahren gewünscht, heute weiter zu sein. Ich bin mit dem Ziel hergekommen, in meiner zweiten Saison mehr oder weniger fix in der NHL zu spielen. Ich wusste allerdings auch, dass das ein hoch gestecktes, schwierig zu erreichendes Ziel ist.»
«Komfortzone verlassen»
Dass er das Ziel nicht erreicht hat, lässt Bertschy keineswegs ins Grübeln geraten. «Ich habe meinen Wechsel nach Nordamerika noch keine Sekunde bereut. Er hat mich als Eishockeyspieler und auch als Mensch extrem weitergebracht. Das kann mir niemand mehr nehmen.» Er verbirgt einen gewissen Stolz für seinen Durchhaltewillen nicht: «Ich habe die Komfortzone verlassen, weg von meiner Familie, weg von meinen Freunden. Das haben nicht viele Schweizer Spieler erlebt.» Das habe ihn auf und neben dem Eis stärker gemacht, sagt Bertschy. Auch eishockeyspezifisch habe er in den letzten zwei Jahren Fortschritte gemacht. «Ich habe mich als Spieler verändert. Schon nur, weil ich mein Spiel an die kleineren Eisfelder anpassen musste. Ich bin physisch stärker geworden und habe mein Spiel ohne Scheibe verbessert.»
Und neben dem Eis ist er zwangsläufig schnell einmal definitiv erwachsen geworden. Eine Zeit lang wohnte er alleine, jetzt teilt er sich mit dem befreundeten Teamkollegen Ryan Murphy in Des Moines, wo die Iowa Wild beheimatet sind, eine Wohnung. «Ich habe mir auch hier mittlerweile ein Umfeld geschaffen. Zwar wechseln in der AHL die Mitspieler ständig, aber ich habe hier definitiv zwei, drei Kollegen fürs Leben gefunden.»
Wie lange noch geduldig?
Auch wenn Christoph Bertschy noch nicht weg vom Fenster ist, all die tollen Erfahrungen hin und positiven Rückmeldungen der Trainer her: Die Frage, wie lange sich Christoph Bertschy noch Zeit gibt, um regelmässig in der NHL zu spielen, drängt sich langsam aber sicher automatisch auf. Nicht nur, weil sein Vertrag Ende Saison ausläuft. Der Alltag in der AHL ist mit den vielen Spielen und den langen Reisen extrem anstrengend, gleichzeitig sind die Löhne für gute Schweizer Spieler deutlich tiefer als in der heimischen Liga. Hat sich Bertschy ein zeitliches Limit gesetzt? «Ehrlich gesagt habe ich nicht gross darüber nachgedacht. Mein Fokus liegt immer noch klar auf Nordamerika. So lange ich gut spiele und glücklich bin, werde ich meinen Traum noch nicht aufgeben.» Bertschy ist weiterhin davon überzeugt, nicht weit vom Sprung in die NHL entfernt zu sein. Das hätten ihm auch seine Trainer versichert, als er sie vor zwei Wochen danach gefragt habe, sagt er.
Dass der Sensler die Saison in Nordamerika zu Ende spielt, ist trotzdem nicht sicher. Auf die Frage, ob er Weihnachten in Des Moines feiern werde, hat er keine klare Antwort. «Das werden wir sehen. Es ist schon möglich, dass ich mitten in der Saison plötzlich für mich Bilanz ziehe und dann schaue, wie es weitergeht.» Bevor sich Gottéron-Fans falsche Hoffnungen machen: Christoph Bertschy wird nicht nach Freiburg wechseln. Zwar sagt der Düdinger, dessen Schwester übrigens die Freundin des einzigen Senslers bei Gottéron, Andrea Glauser, ist, nichts zu seiner Präferenz bei einer möglichen Rückkehr in die Schweiz. Allerdings hatte Gottérons Sportchef Christian Dubé bereits vor der Saison in Interviews verraten, er habe Christoph Bertschy ein sehr gutes Angebot für eine allfällige Rückkehr gemacht; Lausanne habe allerdings noch mehr Geld geboten, so dass sich Bertschy für den LHC entschieden habe.
Olympia als Zückerchen
Ein zusätzliches Zückerchen für eine baldige Rückkehr in die Schweiz könnte die Chance auf eine Teilnahme bei den Olympischen Spielen von Pyeongchang im kommenden Februar sein. Für Spieler der NHL und der AHL ist eine Teilnahme nach gescheiterten Verhandlungen nicht möglich. Zwar sagt Bertschy, es sei momentan für ihn kein Thema, da eine Teilnahme für Spieler in seiner Liga ja nicht möglich sei. Er fügt jedoch gleich hinterher: «Aber natürlich wäre und ist es immer eine Riesenehre, das eigene Land zu vertreten.» Für Christoph Bertschy stehen definitiv wegweisende Wochen und Monate an.
«Ich fühle mich gut, bringe viel Energie ins Spiel und gewinne viele Zweikämpfe. Einfach in Sachen Skorerpunkte hapert es.»
Christoph Bertschy
Eishockey-Spieler
«Ich habe meinen Wechsel noch keine Sekunde bereut. Er hat mich als Spieler und als Mensch extrem weitergebracht.»
Christoph Bertschy
Eishockey-Spieler