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Kunst
Kunst aus dem Umfeld der Russischen Revolution
Im Hotel Beau Séjour in Zimmerwald bei Bern trafen sich im September 1915 auf einer als Ornithologen-Kongress getarnten Zusammenkunft 30 Revolutionäre aus zwölf europäischen Ländern. Darunter befanden sich auch Lenin und Trotzki: der eine wohnte in Bern, der andere verfasste das Zimmerwalder Manifest. Gemeinsam führten sie im Oktober 1917 den Umsturz in Russland herbei und schufen die Sowjetunion. 100 Jahre später trägt die vorliegende Publikation diesem epochalen Ereignis Rechnung, indem es die Kunst der damaligen Zeit präsentiert. Denn "in der Kunst ist die Revolution noch lange nicht tot, sondern lebt in vielfältiger Weise weiter", wie es so schön im Vorwort heißt.
Sozialistischer Realismus als Utopie
Der vorliegende Band - der von zwei Seiten zu lesen ist - beruht auf einer Ausstellung im Kunstmuseum Bern und einer Kooperation mit dem Zentrum Paul Klee sowie dem Schweizerischen Landesmuseum. Die Geschichte des sozialistischen Realismus wird ebenso erzählt wie dessen Formensprache bis in die Gegenwartskunst. Dabei spielt nicht nur das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch eine Rolle, das als quasi ästhetische Revolution der eigentlichen vorausgegangen war. Der Ausstellungstitel "Die Revolution ist tot - lang lebe die Revolution!", ein Slogan der auf die französische Heroldsformel vom toten König zurückgeht, will zeigen, dass eine Revolution auch viele weitere Revolutionen in anderen gesellschaftlichen Bereichen auslöst, aber auf jede Revolution auch ein Prozess der Institutionalisierung und Gegenrevolution folgt. Die bolschewistische Führung unter Josef Stalin berief sich nach Lenins Tod 1924 weiterhin auf die Revolution, obwohl sie konterrevolutionär handelte. "Sie sahen sich stets als Lenins Erben, die auf dieselben utopischen Ziele hinarbeiteten wie die Gründer des Sowjetstaats: eine kommunistische Gesellschaft des materiellen Überflusses für das Proletariat und einen neuen kollektiven Menschentyp", so Orlando Figes, Chronist der Geschichte Russlands.
"Ingenieure der Seele"
Dass sich aber mit bildnerischer Propaganda die Realität nicht verändern lässt, zeigte eben gerade der sog. sozialistische Realismus. Ab 1932 übernahm das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei die Kontrolle über die nationale künstlerische Produktion. Maxim Gorki und Andrej Schdanow formulierten den "revolutionären Romantizismus", der die Wirklichkeit als revolutionäre Entwicklung darstellen sollte. Stalin sah die Künstler als "Ingenieure der Seele", denn sie sollten die vermeintlichen Erfolge der Revolution porträtieren. Nicht objektive Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit der revolutionären Entwicklung sollte dargestellt werden. Ein Rundgang durch die Ausstellung und damit auch durch die vorliegende Publikation bietet sowjetische Frühwerke aus den 1920er und 1930er Jahren, viele Plakate, die Weiterverarbeitung des sowjetischen Konzepts durch die Deutsche Demokratische Republik in den Sechzigern und Siebzigern, aber auch die ideologische Abwandlung des Sozialistischen Realismus in der BRD.