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Tanya Goel zeigt in Luzern mit «Equations in a Variable» ihre erste Solo-Ausstellung in der Schweiz, die sie zudem selbst kuratierte. Die Galerie Urs Meile, die bekannt ist für chinesische Kunst, vertritt damit erstmals eine indische Künstlerin.
Alchemie der Farben
Im Zentrum von Goels jüngsten Werken steht die Beziehung zwischen Farbe, Licht und Material. Wie in der konkreten Kunst Josef Albers, aber auch Peter Halleys, erkundet Goel systematisch die Wechselwirkungen der Farben. Zugleich aber überwindet sie durch ihr Interesse für deren spezifische Materialität den reinen Formalismus. Womit sie an die Textilindustrie, in der ihre Eltern tätig waren, und die indische Miniaturmalerei anknüpft.
Ihre selbst hergestellten Pigmentfarben bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Kohle, Aluminium, Beton, Glas, Erde, Glimmer, Graphit oder Folien. Diese bezieht sie aus abgerissenen modernistischen Bauten der 1950er bis 70er ihrer Heimatstadt Neu-Delhi, die sie anschliessend dokumentarisch indiziert und archiviert. Aus diesem «Archiv komprimierter Zeit» kreiert sie anschliessend ihre Werke, die selbst abstrakte Archive sind, die verschwindende Landschaften dokumentieren und neu entstehende urbane Zentren aufzeichnen.
Wie vom Reissbrett
Als Grundstruktur dient Goel das kartesische Raster. Zum einen nimmt sie damit ein Motiv auf, um wie Nasreen Mohamedi eine Poesie innerhalb der Struktur zu entwickeln. Zum anderen jedoch reflektiert sie damit ihre Erfahrung als Studentin in Chicago und New York. Die räumliche Ordnung der amerikanischen Städte, die im Gegensatz zu Neu Delhis Kreisen und Diagonalen rechtwinklig ist, habe wie ein Kulturschock auf sie gewirkt, wie sie in einem Interview mit Amy Beecher sagt.
Das geometrisch-technische Gestaltungsprinzip Goels erinnert an den russischen Konstruktivismus. Wobei die Rolle des Zufalls und des Unvorhersehbaren bei der Ausführung der Anweisungen Sol Lewitts Konzeptkunst aufgreift. In einem Interview mit «Art Guide» beschreibt sie ihre Methode, auf die der Titel der Ausstellung wie auch der Serie verweist, wie folgt: «Wie beim Weben, setze ich einen Algorithmus ein und verwende unterschiedliche Pigmente als Sprache. Ich wiederhole den Code wieder und wieder, bis der Algorithmus beginnt auseinanderzufallen und das Muster unleserlich ist.» Sie will, «dass das Auge auf nichts ruhen kann. So wie die fragmentierte Lebenserfahrung in post-industriellen, digitalen Städten».
Für eine Ästhetik des Verschwindens
Aus Fragmenten bestehen auch ihre Skulpturen. Bruchstücke modernistischer Sozialwohnungen, die sie unerlaubter- und listigerweise einsammelte – und somit eigentliche «Objets trouvés» sind. Auf die flache Seite der irregulären Formen trägt sie Pigmente auf. Die abstrakten Miniaturmalereien, erinnern wiederum an moderne konstruktivistische Gemälde. Damit wirken sie wie Aufnahmen einer verlorenen Zeit, Reminiszenzen an eine nie vollends realisierte Utopie, so als wollten sie die nunmehr zertrümmerte Identität zurückgeben. Zugleich verweist sie auf Neu-Delhis «Wohnungen für alle»-Programm, das ironischerweise Abrisse, Zwangsräumungen, Vertreibungen und letztlich Obdachlosigkeit zur Folge hatte.
Goels Werke wollen den Blick der Betrachter*innen gleichzeitig aus der Fassung bringen wie auch zur Entschleunigung zwingen. Und dazu, genauer hinzuschauen. Ihre intensiven Meditationen über das Wesen der Zeit befähigen sie dazu die Vernichtung des Raumes durch die Zeit festzuhalten. Die Werke dokumentieren den rasenden Stillstand durch die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit.
Ihre «Archive komprimierter Zeit» strahlen dadurch auch eine Melancholie der Erinnerung aus. Doch ist nicht das Gedächtnis die Mutter der Musen? Tempus fugit. Die Zeit flieht.
Tanya Goel – Equations in a Variable
Bis Sa 1. Februar 2020
Galerie Urs Meile, Luzern