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«Kabinett & Kammer» heisst ein kleiner Laden im East Village von Manhattan, der durch ein ausgestopftes Zebra im Schaufenster auffällt. Das Zebrafohlen ist nicht die einzige lebensechte Kopie eines Tiers in diesem Kuriositätenkabinett. Eingezwängt zwischen alten Landkarten und einer hölzernen Weltkugel stehen noch ein Pferd, eine Antilope, ein Hirsch und ein paar Flamingos. Im 18. Jahrhundert hätte man das Ladengeschäft als Wunderkammer bezeichnet.
Einen Wohnblock weiter, und man stösst auf eine Wunderkammer ganz anderer Art, die nicht weniger exzentrisch und exotisch anmutet. «The Stone» ist keine Skulpturengalerie, sondern ein Konzertraum für radikale Musik: Hauptquartier und spirituelles Zentrum der Avantgardeszene von Downtown Manhattan.
2005 wurde der Auftrittsort vom Saxofonisten und Komponisten John Zorn ins Leben gerufen, um als eine Art Klanglabor zu dienen. Er ist Teil der Do-it-yourself-Kultur der experimentellen New Yorker Szene und bietet solchen MusikerInnen Auftrittsmöglichkeiten, die von den etablierten, kommerziell orientierten Clubs übergangen werden. Im «Stone» können MusikerInnen ohne Druck und Zwänge neue Ideen ausprobieren und sich in den kühnsten Besetzungen der Öffentlichkeit vorstellen. Bis heute funktioniert der Club als Non-Profit-Organisation: Alle Einnahmen fliessen direkt in die Taschen der MusikerInnen, während die Unkosten durch Benefizkonzerte und CD-Verkäufe gedeckt werden. Deshalb steht der Auftrittsort in der experimentellen Szene in New York in hohen Ehren.
«The Stone» liegt im Herzen der Lower East Side, die seit den sechziger Jahren als Treibhaus für radikale Musik fungiert. Damals war das Viertel ein heruntergekommener Slum mit Crack-Häusern, vernagelten Ladenfronten und ausgebrannten Mietbaracken. Die Mieten waren so billig, dass sich selbst Freejazzerinnen, Minimalisten und experimentelle Rockmusikerinnen eine Wohnung leisten konnten. Daneben entstanden Clubs und kleine Galerien, die neuen Jazz und andere Undergroundklänge präsentierten. In Soho, an der Prince Street 131, betrieb Freejazzpionier Ornette Coleman seinen berühmten Loft. In Alphabet City wohnte Sun Ra mit seiner Musikerkommune in einem Haus, und in der 3rd Street befand sich das berühmte Slug’s, der Club, in dem kreativer Jazz auf der Tagesordnung stand. Joe Overstreet, abstrakter Expressionist, der mit den Künstlern Willem de Kooning und Christo befreundet war und bis heute in der 2nd Street die Kenkeleba-Galerie betreibt, erinnert sich, wie er damals in der Bowery in einem Haus mit Jazzlegende Eric Dolphy wohnte, «was schlimm war, weil der 24 Stunden am Tag übte».
Zwei Jahrzehnte Stadtsanierung haben das Viertel umgekrempelt. Aus Slumsiedlungen sind Luxusapartments geworden. Läden werden zu horrenden Preisen vermietet. Musikerinnen und Künstler packten ihre Koffer und zogen in weniger teure Stadtteile wie Brooklyn. Ein Jazzclub nach dem anderen machte dicht. Heute hält nur noch «The Stone» das Banner der Avantgarde hoch. John Zorn stemmt sich gegen den kommerziellen Trend. Experimentelle Sounds sind sein Metier. Im «Stone» sind schon Lou Reed und Laurie Anderson aufgetreten, auch Thurston Moore von Sonic Youth oder Produzent Bill Laswell sowie Tom-Waits-Gitarrist Marc Ribot, dazu die meisten kreativen New Yorker JazzerInnen abseits des Mainstreams.
Ein Ort ohne Leuchtreklame
Jetzt lud Zorn Intakt Records, das Zürcher Label des langjährigen WOZ-Kulturredaktors Patrik Landolt, ein, zwei Wochen lang das Programm zu gestalten. Die Konzertreihe brachte US-amerikanische, deutsche und Schweizer MusikerInnen zusammen. Mit Intakt Records kamen zwölf Zürcher MusikerInnen über den Teich. Das Spektrum reichte von Grössen wie der Pianistin Irène Schweizer und dem Schlagzeuger Pierre Favre bis zu jungen Talenten wie Michael Jaeger (Saxofon) und Julian Sartorius (Schlagzeug).
Wegen des bürokratischen Aufwands, um eine Arbeitserlaubnis für die USA zu erhalten, dauerte es Monate, bis der Papierkrieg gewonnen war. Dazu kamen die Unkosten, die von den dürftigen Gagen kaum gedeckt wurden. Doch der Mythos New York übt auf JazzmusikerInnen weiterhin eine ungeheure Faszination aus. Um einmal in der Welthauptstadt des Jazz aufzutreten, nimmt man so manche Widrigkeit in Kauf.
«The Stone» trompetet seine Bedeutung nicht hinaus. Der Auftrittsort in der 2nd Street, nur einen Steinwurf vom Kabinett-&-Kammer-Laden und Joe Overstreets Kenkeleba-Gallery entfernt, ist nicht leicht zu finden – weder Leuchtreklame noch Schild prangen über der gläsernen Eingangstür. Nur in winzigen Buchstaben steht der Name geschrieben. Innen gibt sich der Raum ähnlich spartanisch: Backsteinwände und Klappstühle bestimmen das Bild. Eine Fotoleiste ist die einzige Dekoration. Ein Drink von der Bar? Fehlanzeige! «The Stone» will «bewusst nicht Club sein, sondern Konzertsaal, wo die Musik im Mittelpunkt steht».
Zum Auftakt des Intakt-Festivals kommen viele BesucherInnen. Der Gitarrist Fred Frith wirkt als Publikumsmagnet. Mehr als achtzig ZuhörerInnen, der Raum platzt aus allen Nähten. Einige Fans müssen nach Hause geschickt werden. Das ist normalerweise nicht so. Der Kassier, der wie alle MitarbeiterInnen des «Stone» seine Arbeit ehrenamtlich verrichtet, erzählt, dass letzte Woche ein Trio hier vor nur drei ZuhörerInnen auftrat. Jeder Musiker erhielt zehn Dollar Gage. So sieht der weniger glorreiche Musikeralltag in New York aus.
Frith trat beim Intakt-Festival mit dem Schweizer Schlagwerker Lucas Niggli auf. Niggli ist ein quirliger Perkussionist, der auf die wolkigen Töne der E-Gitarre virtuos reagierte. Sounds nahmen zu und ebbten ab, verdichteten sich und lösten sich wieder in Stille auf.
Ein Abend gehörte dem Benjamin unter den MusikerInnen, Julian Sartorius, 1981 in Thun geboren. Zuerst war Sartorius als Schlagzeuger im Duo mit der Pianistin Sylvie Courvoisier zu hören, die vor Jahren von Lausanne nach New York übergesiedelt war. Courvoisier nutzte die ganze Palette pianistischer Möglichkeiten, während Sartorius subtile Perkussionsfarben und dichte melodische Trommelbögen entwarf. Danach sass er auf dem Schlagzeugstuhl des Co Streiff / Russ Johnson Quartet und machte auch in dieser knifflig-abstrakten Swingmusik keine schlechte Figur. Feuertaufe bestanden! Die schweizerisch-amerikanische Band überzeugte durch Power und das Wissen, wie Spannungen auf- und abzubauen sind.
Tritt man nach den Konzerten in die milde New Yorker Nacht, wird man gewahr, dass in Downtown Manhattan das Leben auf der Strasse stattfindet. Jeder ist zu Fuss unterwegs. Deshalb ist es kaum zu vermeiden, dass man irgendwann Philip Glass oder Lou Reed über den Weg läuft. Auf dem Broadway flaniert ein kleinerer älterer schwarzer Herr mit dünnen Rastazöpfen. Er hat eine Sonnenbrille und Baseballmütze auf und ist exquisit gekleidet. Beim Gehen raunt er seltsame Verse vor sich hin. Könnte das der Jazzpianist und Poet Cecil Taylor gewesen sein?
Unterstützung erhält die kreative Jazzszene vom Lokalsender WKCR-FM, der Campus-Radiostation der Columbia-Universität. Dort kann man schon morgens in aller Frühe Improvisationen von Jemeel Moondoc hören, einer der permanenten Grössen der Jazzszene auf der Lower East Side. Den 82. Geburtstag von Ornette Coleman beging WKCR mit einem Programm, das 24 Stunden lang nonstop die MusikerInnen präsentierte, die mit dem Jazzrevolutionär gespielt hatten. Auch das Intakt-Festival im «Stone» stellte der Sender ausführlich vor. Pianistin Sylvie Courvoisier und Drummer Tom Rainey bestritten jeweils ein zweistündiges Programm, um ausführlich das Label und die Konzertreihe vorzustellen und mit der entsprechenden Musik zu illustrieren. Die Werbung zahlte sich aus. Nur wenige der Intakt-Konzerte waren spärlich besucht, trotz MusikerInnen, die in den USA unbekannt sind.
Noch ein Glanzlicht
Einzig Christian Weber hatte Pech. Die Arbeitsgenehmigung des Bassisten war im bürokratischen Getriebe der US-Botschaft verloren gegangen. Mit gravierenden Konsequenzen: Weber hatte nicht einreisen können und sass deshalb Däumchen drehend zu Hause. Den Verdienstausfall musste er selbst tragen.
Für ihn sprang der New Yorker Bassist William Parker ein. Er komplettierte das Trio mit dem Zürcher Drummer Dieter Ulrich und dem US-amerikanischen Saxofonisten Oliver Lake, das mit wilden Schreien die Blütezeit des Freejazz der sechziger Jahre aufleben liess.
Im Gegensatz dazu setzte ein eher leiser Konzertabend den Schlussakkord: Saxofonist Jürg Wickihalder erträumte mit dem Violaspieler Frantz Loriot (New York) einfache Melodien, die wie Folksongs klangen. Danach offerierte das Ensemble von Courvoisier und ihrem Ehemann, dem New Yorker Violinisten Mark Feldman, spannende Kompositionen zwischen neuer Kammermusik und den Kadenzen des modernen Jazz.
Mit diesem Glanzlicht endete die Schweizer Residenz in New York, die das Profil des eidgenössischen Jazz auf der anderen Seite des Atlantiks nachhaltig gestärkt haben dürfte. Für Intakt Records bedeutete das Festival einen Imagegewinn, der – so die Hoffnung – das immense Engagement und den beträchtlichen finanziellen Aufwand aufwiegen wird. Das Gastspiel im «Stone» machte deutlich, dass mit den Schweizer JazzmusikerInnen auch international zu rechnen ist.
Fred Frith spielt zusammen mit Franziska Baumann (Stimme), Michel Wintsch (Piano) und Gerry Hemingway (Schlagzeug) am So, 15. April 2012, um 19 Uhr in der Zürcher Roten Fabrik.