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Die Pilgerin Ziyong Chengru
Die Geschichte und die Gedichte von Ziyong begleiten mich seit dem Sommer. Ich möchte sie nunauch noch mit Euch teilen.
Ziyong lebte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Früh wurde sie Nonne und lernte 20 Jahre lang bei ihrem ersten Lehrer. Daneben besuchte sie bekannte Meister und unternahm Pilgerfahrten, so zum heiligen Berg Wutaishan, was nicht ungefährlich war (sie erzählt von Tigern und Wölfen, Dieben und Banditen), doch sie betrachtete alles mit „völliger Ruhe und Gelassenheit“. Auf dem Wutai Berg traf sie Chan-Meister Gulu Fan, unter dem sie später Erwachen erreichte und dessen Dharma-Erbin sie wurde. Sie praktizierte huatou und entwickelte den „grossen Frageklumpen“. Dann wurde sie Äbtissin eines Klosters in Beijing, später sogar in der verbotenen Stadt. Trotz grosserAnerkennung war ihre Aufgabe, Äbtissin eines Nonnenklosters zu sein, schwierig, musste sie doch sehr viele Besucher empfangen, auch Geld sammeln für Unterhalt und Reparaturen und Totengedenkfeiern sowie Meditations-Retreats durchführen. Sie hatte mindestens zwei DharmaErbinnen.
Hier ein Gedicht von Ziyong Chengru:
Den Stock in der Hand gehe ich durch den Wald,
wirble die gefallenen roten Blätter auf;
plötzlich höre ich silbern einen Glockenklang,
hingetragen vom Herbstwind.
Ich fürchte, dass ich das nächste Mal diesen Ort nicht mehr finden kann
und versuche, mir die einsame Kiefer,
die über die Klippe hängt, zu merken.
Schön ist die Berglandschaft entlang des Flusses He;
doch muss man den Regen, der unaufhörlich strömt, ertragen.
Wenn du die Strasse zum Berg Emei sehen willst,
musst du dich auf deine intuitive Weisheit verlassen.
Wolkenbedeckte Berge weichen der Morgendämmerung;
geheimnisvolle Bäume sind mit Herbstnebel bedeckt,
doch weniger als eine Fusslänge entfernt liegt eine Stelle,
um nach oben zu blicken,
wo man zum ersten der Himmel aufsteigen kann.
Ziyong reiste auch viel. Um 1700 brach sie in den Süden auf. Auf dieser Wanderung besuchte sie die hervorragenden Chan-Meister ihrer Zeit und die heiligen Orte, wie den Berg Eimeishan. Es waren Reisen für ein immer tieferes spirituelles Verständnis. Manchmal wurde sie in Mönchsklöstern auch abgewiesen, wie im untenstehenden Gedicht.
Es ist nicht klar, ob sie nach Beijing zurückkehrt und wann sie starb.
Weit zu reisen, auf der Suche nach Erkenntnis ist wirklich eine schwierige Sache:
in der Abenddämmerung kam ich zu einem Kloster,
doch durfte ich nicht bleiben.
Um Mitternacht sass ich mit den Elementen,
mein Geist eins mit der Stille.
Über zehntausend Meilen bin ich gewandert und herumgeschweift;
kein saurer Geschmack bleibt.
Ich lache über die albernen Mönche,
welche die Dinge anders sehen als ich
und fälschlicherweise solche wie mich als dumm und dumpf betrachten.
Die klare Brise und der helle Mond in der entlegenen Wildnis,
die versteckten, Blüten tragenden Vögel treten durchs Bambus-Tor. (…)
Auf dieser grünen Erde gibt es nichts, das nicht die Weisheits-Halle wäre!
Zu ihrem 50. Geburtstag schrieb Ziyong:
Wie viele wunderbare Jahreszeiten sind vergangen!
Neunundvierzig Jahre Frühling.
Obwohl ich in dieser Welt keinen Gefährten habe,
wenn ich meinen Geist frage, finde ich in ihm meinen eigenen Vertrauten!
Der Duft des Weihrauchs verbreitet sich in der frühen Dämmerung;
von heute an, erwacht aus einem albernen Traum,
bin ich die „Einfach-wie-es-ist-Faulenzerin“ auf dem WEG.
Auf dem Pilgerweg, auf unserem inneren Weg, machen wir Erfahrungen, und gerade die Schwierigkeiten bieten die Möglichkeit, zu wachsen. Und manchmal, unerwartet, werden uns Einblicke in die Klarheit des Geistes geschenkt. Da die tiefsten Erfahrungen nicht in Worten ausgedrückt werden können, bietet ein Gedicht, das zwischen den Zeilen Weiteres andeutet, eine Annäherung. Ist unser Weg nicht ein fortlaufendes Sich-Bemühen, ein kraftvolles Sich-Hineingeben, bis man so nahe an der Soheit (oder an Gott) ist, dass alles von selbst geschieht, dass nichts mehr zu tun bleibt – bis man sich so total dieser Führung anvertrauen kann, dass man zur „Einfach-wie-esist-Faulenzerin“ auf dem WEG werden kann?