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Der Holocaust darf nicht nur in Hollywoods Sprache erzählt werden
- Dienstag, 27. Januar 2015, 16:37 Uhr
Vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. 70 Jahre, in denen vielen Filme von den Grausamkeiten des Holocaust erzählten. Auch in Hollywood – wie etwa Spielbergs «Schindlers Liste». Doch eine solche Katastrophe braucht eine tiefere Sprache als jene aus Hollywood.
Spielbergs «Schindlers Liste» und Polanskis «Der Pianist» sind allen bekannt. Aber sind sie die wichtigsten Holocaustfilme? Ist es Hollywood und hollywoodesken Filmen wie der «Der Pianist» gelungen, ein gerechtes und umfassendes Bild dieser historischen Katastrophe zu zeichnen?
Ernsthaftigkeit für die Geschichte, Leichtigkeit für den Film?
Der Film «Die letzte Etappe» entstand 1947 in Auschwitz. Er wurde in realer Umgebung und am beinahe noch originalen Schauplatz gedreht. Es war das erste ernsthafte Werk über den Holocaust. Aber wie viele von den Millionen Zuschauern von Hollywood-Filmen haben diesen Film gesehen, mit ihm eine Reise in das Zentrum des Grauens unternommen – und damit selbst die feuchten, kalten Ziegelsteine des KZ gespürt?
Erlauben wir also, uns nur sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust die Katastrophe der Geschichte zu überlassen und uns mit oberflächlichen Interpretationen aus Hollywood zu begnügen? Sind wir sicher, dass wir die Bitterkeit der Filme, die in den Jahren nach dem Krieg gemacht wurden, nicht sehen wollen?
Der unvermittelte Blick der europäischen Filmemacher
In den zwei Jahrzehnten nach dem Krieg befasste sich das europäische Kino – besonders in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei – direkt mit dem Holocaust. Das, bevor Hollywood versuchte, sich ernsthaft mit dem Thema zu beschäftigten und damit die enormen Dimensionen der Katastrophe in eine enge Uniform zwängte.
Der Nährboden der europäischen Filmemacher war ihr unvermittelter Blick, basierend auf ihren persönlichen Erfahrungen. Wanda Jakubowska, die erste Frau, die einen Film über den Holocaust drehte, zeigt in «Die letzte Etappe» ihre persönlichen Erfahrungen als Gefangene in Ausschwitz. Der Film gilt als erster Holocaustfilm in der Filmgeschichte und ist auch für Filmemacher wie Steven Spielberg eine Referenz. Er ist deshalb so bedeutend, weil Jakubowska sich mit ihrem neorealistischen Blick auf eine unglaubliche Weise den bitteren Details nähert. Der Film ist ein sehr wichtiges Beweisdokument für die die KZ-Grausamkeiten geworden.
Hollywoods Schatten reicht bis nach Europa
Auch «Lang ist der Weg» (Regie: Mark Frederdorfs, Herbert B. Fredersdorf Goldstein, 1947/48) und «Kapo» (Regie: Gillo Pontecorvo, 1960) und «Ehe im Schatten» (Regie: Kurt Maetzig, 1947) sind von ähnlicher Qualität. Sie zeigen meisterhaft die Lage der Frauen in den Konzentrationslagern. Aber der Schatten, den Hollywood auf das Holocaustthema geworfen hat, erreichte auch das europäische Kino. Kein Holocaustfilm, in dem Frauen im Zentrum stehen. Und: Keine Freiheit für die Filmemacher, die eine tiefere und persönlichere Sicht auf dieses Unheil darstellen wollten.
Es vergingen Jahrzehnte bis Andrzej Wajda 1970 in «Landschaft nach der Schlacht» in einem beispiellosen, poetischen Experiment secht Minuten lang, untermalt mit Vivaldis «Vier Jahreszeiten», die Reaktion der Gefangenen in den ersten Minuten nach der Befreiung zeigte. Und in all den Jahren danach hat uns kein europäischer Film, selbst von unabhängigen Filmemachern, mit solch einer atemberaubenden Kreativität überraschen können. Mit einer Ausnahme.
Ein Film aus Schweizer Produktion ragte heraus
«Die Gezeichneten» ist der erste und letzte Film, der den in Hollywood gängigen Konventionen nicht entsprach. Der Österreicher Fred Zinnemann drehte den Film 1948 in Kriegsruinen, ausserhalb der Studios. Ihm standen zwei Schweizer Drehbuchautoren bei: Richard Schweizer und David Wechsler. Praesens-Film Zürich produzierte im Auftrag von Metro-Goldwyn-Mayer den Film. Das Ergebnis war mehr europäisch als amerikanisch und hatte eine Narration Schweizer Art.
Wo aber ist der Film geblieben? Wo und aus welchem Anlass wurde der Film zuletzt gezeigt? Wo sind die anderen Filme? Wann haben unsere Stadt- und Podiumskinos – nicht nur zu diesem Jahrestag – Teile von diesem wertvollen Schatz, mit dem Ziel, historische Tatsachen vorzuführen, gezeigt?
Eine nötige Vertiefung, die nicht die Sprache Hollywoods spricht
Alle diesen Filme sind auch für heutige Zuschauer interessant. Unsere Gesellschaft braucht eine Vertiefung in der Katastrophe, die mit den heutigen Filmen nicht erreichbar ist: einen Prozess der Wiederanerkennung und der Verfremdung. Der Holocaust ist eine Katastrophe, deren enorme Dimension nicht durch die Sprache Hollywoods verstanden werden kann. Hierzu braucht man eine menschlichere Sprache, freie Denkweise, und künstlerisches Schaffen. So kann man die wahren Dimensionen dieser Katastrophe fühlbar machen.
Vielleicht ist nun, 45 Jahre nachdem Theodor Adornos Tod in Visp verstarb, sein Satz «Auschwitz beginnt da, wo einer im Schlachthaus steht und denkt: Es sind ja nur Tiere» besorgniserregender denn je. In der Begegnung mit diesen Fragestellungen, in der Begegnung mit diesen Sorgen, kann das Kino vielleicht einen wertvollen Beitrag leisten.
Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.1.2015, 16:45 Uhr
Beiträge zum Thema
«Reflexe»:
Ein gutes Leben trotz Auschwitz
6.1., 10 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
«Passage»:
Auf die Spuren des Juristen Henry Ormond
23.1., 20 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
«DOK»:
Riwkas Stamm – Wie ein Bub seine Liebsten vor dem KZ rettete
28.1., 22:55 Uhr, SRF 1
«Sternstunde Religion»:
Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz
1.2., 10 Uhr, SRF 1
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