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Die Geschichte der Faglianos beginnt wie die Zehntausender italienischer Auswanderer: mit der Überfahrt nach Amerika, wo sie sich Ende des 19. Jahrhunderts einen in Europa undenkbaren sozialen Aufstieg erhofften. Wie einst die Ferragamos verliessen sie ihre Heimat als einfache Schuster, um in der neuen Welt ihr Glück zu versuchen.
Rodolfo, der erste Fagliano, war 1884 von Cuneo nach Argentinien gereist. Er liess sich in Hurlingham, einem Vorort von Buenos Aires, nieder. Dort brauchten die Bauern Stiefel für die Feldarbeit. Im Kontakt mit englischen Polospielern, die sich auf den nahegelegenen Spielfeldern mit den heimischen Teams massen, verfeinerte er sein Handwerk. Er reparierte ihre Schuhe und ihr Material. Binnen kürzester Zeit wusste er, wie der perfekte Polostiefel aussah. 1910 fertigte er schliesslich sein erstes Paar an und entfachte damit die Leidenschaft der Faglianos.
Durch Mundpropaganda wurde schon bald die Neugier der grossen Polofamilien geweckt. Sie reisten an, um sich selbst von der Kunst des italienischen Handwerkers zu überzeugen. Über seine Werkstatt hängte er ein Schild mit einem einzigen Wort: Confiança – Vertrauen. GermanFagliano Denn genau das ermöglichte es ihm, in der Polohochburg Hurlingham sein Geschäft auszubauen. Generation für Generation lernten die Faglianos die Schusterei und wie man den perfekten massgefertigten Stiefel herstellt.
Eduardo Fagliano erinnert sich: «Mein Vater Rodolfo hat mich ins Handwerk eingeführt, als ich zwölf Jahre alt war. Zunächst schaute ich ihm ein paar Stunden die Woche bei der Arbeit über die Schulter, versuchte zu verstehen, wie das Leder geschnitten und verarbeitet wird und wie man die Teile regelmässig und präzise vernäht.» Kurze Zeit später stand er dann schon selbst an der Werkbank. Mit seinem Bruder Héctor übernahm er das Geschäft. «Und zwar gerne», sagt er.
Diesen Sinn für das Familienerbe habe er auch seinem Sohn Germàn bereits in dessen zwölftem Lebensjahr weitergegeben. Sie arbeiten in der Familie, führen die gleichen Bewegungen aus und machen alles von Hand. Jeder kontrolliert sorgfältig die Arbeit des anderen. Eduardo: «Die Gewissenhaftigkeit der Casa Fagliano ist sprichwörtlich und soll es auch bleiben.» Das Unternehmen fertigt aber auch günstigere Stiefel, die man im Handel kaufen kann.
Was macht die Schönheit eines Polostiefels aus? Sein Leder, sagt Eduardo Fagliano. Es werde ausschliesslich in Argentinien produziert und habe durch seine Qualität auch Prinz Charles und seinen Sohn Harry überzeugt, beide begeisterte Polospieler. «Das Leder beziehen wir von der Gerberei Lorenzo. Sie befindet sich ganz in der Nähe von Hurlingham. Und auch sie ist ein Familienunternehmen. Der Grossvater und Besitzer der Gerberei belieferte bereits meinen Grossvater. Sein Sohn belieferte meinen Vater.» Und daran werde sich auch nichts ändern.
Denn das beste Leder sei für ihn noch immer das Cordovan-Leder. Es wird aus den Hinterflanken schwerer Kaltblutpferde gewonnen und ist sehr robust und geschmeidig. Da sich Pferd und Spieler im Polosport mehr berühren als früher, muss das Material entsprechend widerstandsfähig sein. «Ein gutes Paar Stiefel besteht aus vier bis fünf Lederschichten und muss nach jedem Match gereinigt werden», sagt Eduardo. Pferdeschweiss ist sehr scharf und greift das Leder an. Wenn die Stiefel nicht mit Wasser abgespült sowie wöchentlich mit Pflanzenöl eingerieben und poliert werden, nutzen sie sich schnell ab.
Welche Zukunftspläne hat Eduardo für die Casa Fagliano? «Wir haben vor zehn Jahren diversifiziert und auf Bestellung der Marke Jaeger-LeCoultre in unserem eigenen Stil Uhrenbänder aus Cordovan-Leder hergestellt.» Eine aufwendige, heikle Arbeit. Man konnte je Woche nur ein Dutzend produzieren – doch ein Paar Stiefel auf Mass herzustellen, dauert noch viel länger. Für ein Paar braucht es rund eine Woche bei Fagliano.
Dank dem World Wide Web baut das Unternehmen das Angebot demnächst weiter aus. Man arbeite mit einem Partner zusammen, der für die Ledermanufaktur eine Online-Handelsplattform entwickelt, über die Stiefel, Schuhe und Kleider auf der ganzen Welt verkauft werden können.
Obschon sich die Faglianos damit auf den Weltmarkt begeben, halten sie an einem Grundsatz fest: «Unsere Familie ist seit über hundert Jahren im Polosport tätig, aber vom Spielfeld halten wir uns fern», sagt Eduardo. Man soll die Rollen nicht tauschen. Die Familie liefert Polomaterial, und so soll es auch bleiben. «Unser Lebensmotto lautet: Du kannst nicht Gitarre spielen und gleichzeitig tanzen.»