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Neulich auf Netflix gefunden: Samurai Gourmet, eine 12-teilige TV-Serie, hergestellt in Japan.
Inhalt: Takeshi Kasumi ist 60 und soeben in Rente gegangen. Sein vorheriger Beruf wird nie ganz klar; er scheint eine nicht allzu hohe Kaderstelle im Büro einer japanischen Firma mit internationalen Kontakten inne gehabt zu haben (in einer Folge erwähnt er, dass er auf Weisung seiner Firma Englisch lernen musste, weil er Kontakt mit ausländischen Kunden hatte). Jedenfalls stellt ihn seine Pensionierung vor ungeahnte Probleme. Er, dessen Tag vorher klar strukturiert war, und dem im Büro immer klar gesagt wurde, was er zu tun hatte, hat plötzlich niemand mehr, der ihm solche Ansagen liefert. Natürlich ist da seine Frau, die immer noch berufstätig ist und ihn am ersten Tag seines neuen Rentner-Daseins auf einen Spaziergang schickt. Er solle auch sein Mittagessen nicht vergessen. Aber selbst so wirkt er in seinem neuen Leben etwas verloren.
Takeshi Kasumi marschiert also auf Geheiss seiner Frau tapfer los. Er bemerkt noch zu sich selber, dass er jeden Tag durch genau den gleichen Park gegangen ist, allerdings bedeutend schneller, um den Zug zur Stadt zu erreichen. (Er bewohnt ein kleines Häuschen, offenbar in einem Vorort von Tokio.) Doch erst, als er an der Bahnstation steht, realisiert er ganz, dass er tatsächlich seinen früheren Arbeitsweg noch einmal gegangen ist. Wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht, mustert er zum ersten Mal die Umgebung der Station; zum ersten Mal sieht er ihr gegenüber ein Teishoku-Restaurant. Es ist Mittagszeit, der zweite Teil des Befehls seiner Frau fällt ihm ein – was liegt da näher, als in eben dieses Restaurant zu gehen? Gesagt, getan. Er setzt sich an einen freien Tisch und bestellt. Dann fällt sein Blick auf eine Werbung für Bier, die an der Wand hängt. Plötzlich bekommt er ungeheure Lust darauf, zu seinem Essen ein Bier zu trinken. Nur: Er hat sein ganzes Leben lang zum Mittagessen keinen Alkohol getrunken. Was werden die andern Gäste von ihm denken, wenn er schon um diese Zeit Bier trinkt? Hier kommt der Samurai ins Spiel. Wortwörtlich. Plötzlich nämlich sieht sich Takeshi Kasumi um ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt. Ausser ihm tragen alle Gäste, und auch Koch sowie die Kellnerin, traditionelle japanische Kleidung. In dieses altertümliche Restaurant kommt nun ein Samurai. Auch er bestellt etwas zum Essen – und Saki. Zwei Herren am Nebentisch machen sich lautstark über den schon zur Mittagszeit Alkohol trinkenden Samurai lustig. Der Samurai bringt sie mit seinem Schwert sehr rasch zur Ruhe und fordert es quasi als Menschenrecht ein, dass man trinken dürfe, was und wann man wolle. Takeshi Kasumi aber nimmt sich die Worte seines Samurai zu Herzen und bestellt – wieder in der Gegenwart – ein Bier.
Mehr geschieht in der ersten Folge eigentlich nicht. Es sind keine hochdramatischen Ereignisse, die uns die TV-Serie Samurai Gourmet vor Augen führt. Takeshi Kasumi ist ein kleiner Mann mit Freude am kleinen Essen. Dieses Essen kann auch mal eine Lunch-Box sein, die er am Set eines Films kriegt, für dessen Dreh er sich extra als Statist gemeldet hat, weil er so eine Lunch-Box einmal probieren wollte. Selbst dieses Essen bringt den kleinen Mann in Ekstase. Dies ist im Grunde genommen der Höhepunkt jeder Folge, auf den der Zuschauer sehnlichst wartet: Der kleine alte Mann hat etwas zu essen gekriegt und nun warten wir darauf, dass er sich über dieses Essen freut wie ein Kind. Wird er (innerlich, denn er ist eher schüchtern und sicher kein lauter Mensch) oishii („lecker“) ausrufen, oder gar umai (ebenfalls „lecker“, aber eine Nuance männlicher)? Gespannt warten wir.
Das ästhetische Faszinosum der Serie dagegen ist die Art und Weise, wie das Essen und dessen Zubereitung gefilmt wird. Es sind Nahaufnahmen, in Zeitlupe, die oft nur die Pfanne – vielleicht noch mit den Händen des Kochs – zeigen. Die Flammen des Herdes hüpfen für einen Moment in die Pfanne. Das wirkt in der getroffenen Einstellung jeweils hochdramatisch – und wunderschön. Noch nie habe ich ein Bier ästhetischer eingeschenkt gesehen, wie in den Nahaufnahmen dieser TV-Serie. Man sollte diese Serie nicht ansehen, ohne selber ein Bier neben sich stehen zu haben. ( Takeshi Kasumi trinkt nur Bier, keinen Wein, keinen stärkeren Alkohol.)
Es geht also in Samurai Gourmet zwar ums Kochen und Essen. Wer sich aber Rezepte erhofft, ist hier fehl am Platz. Wer sich Einblicke in die Küche japanischer Starköche erhofft, ebenfalls. Hier steht nicht der Koch im Zentrum, sondern der Gast. Und zwar ein ganz bestimmter Gast, eben dieser Takeshi Kasumi. Vielleicht noch sein Samurai, der eigentlich ein Rōnin ist, denn er hat keinen Herren mehr – genau wie der pensionierte Takeshi Kasumi keinen „Herren“ mehr hat. Die Szenen, in denen der Samarai auftritt, sind ganz in jenem Farbton gehalten, den wir von alten Abzügen schwarz-weiss geknipster Fotos kennen: Ein leichter Hauch von Mauve liegt über allem.
Der Clou der Serie ist es, dass es dem Samurai nicht immer gleich gut gelingt, den schüchternen Ex-Bürohengst zu exakt dem Verhalten zu animieren, das er selber an den Tag legt. Takeshi Kasumis imaginärer Rōnin, der in Aussehen und (Macho-)Verhalten verblüffend an die Samurai-Gestalten der Filme von Akira Kurosawa erinnert, kennt die Grenzen nicht, die das 21. Jahrhundert Takeshi Kasumi auferlegt.
Und für Nicht-Japaner sicher ebenfalls interessant: Samurai Gourmet liefert einen Einblick in den japanischen Alltag, sowie in die Vielfalt japanischer Gastronomie. Dabei gibt sich die Serie keineswegs belehrend. Sie wurde von Japanern für Japaner gedreht, und wer (wie ich) nicht weiss, was Ramen oder Oden ist, muss das halt selber nachschlagen. Die Serie beruht auf einem Manga (der seinerseits auf einem Essay von Masayuki Kusumi basiert) und hat nur 12 Teile, deren jeder so um die 20 Minuten dauert. Wahrlich die Realisierung einer kleinen Form im TV! (So viel ich weiss, ist auch keine Fortsetzung geplant.)