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Der Begriff “Audismus” ist aus den beiden englischen Wörtern “audible” (= hörbar, vernehmbar) und im (Ismus: eine bloße Lehrmeinung, System) entstanden. Im Zusammenhang mit Gehörlosigkeit wird es auch Deafhood genannt. Damit ist aber seine tiefere Bedeutung noch nicht erschlossen. Vielmehr umfasst dieser Begriff die Einstellung und das (negative, weil bevormundende) Verhalten der Nicht-Behinderten gegenüber behinderten Menschen.
“Audismus” geschieht täglich, aber viele bemerken es gar nicht. Behinderung wird im funktionalen Sinne allgemein als Hindernis angesehen. Die Barrieren sind da. Die Behinderung hat jedoch mehr mit dem Kopf zu tun. Behindert ist man nicht, behindert wird man durch die Gesellschaft, in der man lebt.
Der Begriff Behinderung ist problematisch. Er führt oft zur Stigmatisierung und Fremdbestimmung gegenüber Menschen mit Behinderung (Stigmatisierung = wirkt wie ein negatives Kennzeichen und setzt den Betroffenen in seinem Ansehen herab). Bei Gehörlosen wird als vorrangige Behinderung die Hörbehinderung angesehen.
Die Folgen dieser Behinderung werden schlimmer, da Gehörlose wegen ihrer Gehörlosigkeit stigmatisiert werden. Diskriminierung und Unterdrückung behinderter Menschen sind die eigentlichen Probleme der Betroffenen. Aber das geben Nicht-Behinderte selten zu. Stattdessen sagen sie: Behinderte leiden, weil ihnen etwas fehlt. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Behinderte, die sich für ihre Rechte einsetzen, wissen: Es sind die Treppen, die Rollstuhlfahrern das Leben schwer machen. Es ist die fehlende Gebärdensprache, die gehörlose Menschen einsam macht. Es ist die schwere Sprache, die Menschen mit Lernschwierigkeiten daran hindert, zu verstehen. Viele Hörende fühlen sich automatisch gehörlosen und schwerhörigen Personen überlegen, nur weil sie hören können. Das geschieht oft ohne böse Absicht. Sie schenken der Gebärdensprache nicht die nötige Beachtung und lassen zu, dass gehörlose und schwerhörige Personen benachteiligt werden.
Benötigen Gehörlose Übersetzungshilfe, übernehmen Hörende die Regie. Gehörlose und Hörende begegnen sich meistens nicht auf Augenhöhe. Kurz gesagt, wird mit “Audismus” die Vorgehensweise der Hörendenbezeichnet, die Gehörlosengemeinschaft zu dominieren, umzuformen und Macht über sie auszuüben.
Der Begriff “Audismus” wurde 1975 von Tom Humphries, einem gehörlosen Pädagogen aus dem kalifornischen San Diego geprägt. Aber das,wofür “Audismus” steht, ist viel, viel älter. Mindestens seit dem berühmt-berüchtigten Mailänder Kongress “kolonisieren” die Hörenden die Gehörlosen und deren Gemeinschaften. Sie verbannten die Gebärdensprache aus den Schulen und erklärten sich zu so genannten Fachleuten. Die verheerenden Folgen sind bekannt: Gehörlose werden als gleichwertige Bürger nicht ernst genommen, ihnen werden Teilhaberechte verweigert, es gibt kaum gehörlose Führungskräfte, Hörende erörtern und entscheiden die Belange der Gehörlosen.
Quellenangabe:
DGZ-Ausgabe (DGZ 5/2007), Autorin Brigitte Beutel.
Ferner hat der deutsche Landesverband der Gehörlosen Hessen e.V. aus Deutschland eine Initiative gegen den Audismus gestartet.
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