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Frau Panjikidze, wir haben während unserer Reisen in Ihrem Land immer wieder gehört, dass die Blütezeit Georgiens mit einer Frau assoziiert werde: mit «König» Tamar, die das Land im 12. Jahrhundert modernisiert und dafür einen Männertitel verliehen bekommen habe. Bei Ihnen im Aussenministerium sind heute 60 Prozent aller Angestellten weiblich. Ist Politik in Georgien traditionsgemäss eine Frauendomäne?
Tatsächlich sind viele Staatsangestellte weiblich, die 60 Prozent würden Sie auch in anderen Ministerien finden. Daraus zu schliessen, dass Politik eine weibliche Angelegenheit sei, ist aber – leider – falsch: In unserem 20-köpfigen Ministerkabinett finden sich gerade einmal drei Frauen, und nur jeder fünfte Parlamentssitz ist von einer Frau besetzt. In den Führungspositionen gibt es also wenig Frauen – auch im Aussenministerium: Unter meinen 65 Botschaftern und Aussenstellenleitern zähle ich genau 6 Frauen.
Eine dieser Führungspositionen besetzen Sie als Ministerin ja höchstselbst. Worauf führen Sie die geringe Frauendichte zurück – fehlt es etwa an geeigneten Kandidatinnen?
Nein, das liegt in diesem Fall an der Struktur des Amts. Ich bin ja erst vor zwei Jahren auf diesen Posten gekommen und habe damals einen bestehenden – männlichen – Botschafterstab übernommen. Die sechs Frauen, die inzwischen im Korps sind, sind allesamt von mir berufen worden. Aber Achtung: das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich aufgrund meines eigenen Geschlechts nun Kandidaturen von Frauen bevorzuge. Es geht bei jedem Entscheid um die Qualifikation der Leute.
Sind Frauenquoten in Georgien ein Thema?
Nein, weder gesamtgesellschaftlich noch bei mir: Ich bin absolut keine Feministin, aber eine starke Verteidigerin der Frauenrechte. Ich bin nicht der Meinung, dass man Frauen mit Quoten fördern und ihnen spezielle Zugeständnisse machen sollte. Umgekehrt darf es aber auch nicht sein, dass eine Frau doppelt so gut sein muss wie ein Mann, um etwas erreichen zu können. Was wir brauchen, ist Chancengleichheit, und in dieser Hinsicht sind wir, wie ich glaube, nicht schlecht aufgestellt hier.
Inwiefern wird den Frauen das Erreichen von Karrierezielen durch Strukturen zur Kinderbetreuung erleichtert? Verfügen etwa die Ministerien über Kinderkrippen?
Nein, solche Betreuungsangebote führt keine hiesige Staatsstelle – so wie es überhaupt in Georgien keine Kinderkrippen gibt und vermutlich auch in Zukunft nicht geben wird: Ein Kind im Babyalter fremdbetreuen zu lassen, kommt für eine georgische Familie nicht in Frage. Dafür sind die Familienbindungen zu eng und das Bild der Frau, die sich um das Neugeborene kümmert, zu stark. Für ältere Kinder gibt es dann sehr wohl Angebote – etwa Kindergärten, wo man den Nachwuchs ab drei Jahren unterbringen kann –, aber nicht genügend; hier hinkt das Angebot der Nachfrage hinterher.
Wie stark beeinflusst die orthodoxe Kirche das Rollenverständnis, sprich das «Bild der Frau, die sich um das Neugeborene kümmert»?
Die Kirche hat zwar einen ziemlich grossen Einfluss auf die Gesellschaft: Laut Umfragen haben die Georgier mehr Vertrauen in die Kirche als in Einrichtungen wie die Armee oder die Polizei. Das heutige Familien- und Frauenbild ist aber sicher nicht ausschliesslich auf den Einfluss der Kirche zurückzuführen, denn in den 70 Jahren der Sowjetzeit war die Religion ja weitgehend unterdrückt und also nicht in der Lage, derart prägend zu wirken. Familie und Tradition sind einfach sehr wichtig in Georgien, und beide vereinen sich im Bild der Mutter, die sich ums Kind kümmert.
Wie sieht es mit Traditionsbrüchen aus: Gibt es heutzutage in Georgien auch Männer, die sich um Kind und Herd kümmern?
Ich selber kenne kein einziges solches Beispiel… was natürlich nicht heisst, dass es das nicht gibt – verbreitet ist es aber sicher nicht. Hingegen gibt es viele Familien, die auf Tagesmütter zurückgreifen: das ist weniger unpersönlich als eine Krippe und ermöglicht den Frauen doch eine rasche Rückkehr ins Berufsleben.…