Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/2700

Ein gefährliches Tier
Als Dean in den Essbereich zurückkam, stand Claudine da und balancierte nervös eine der Vogelspinnen auf den Händen. Ein rötlicher Ausschlag breitete sich auf Claudines Haut aus. Die Vogelspinne hatte also bereits ihre Brennhaare abgeworfen.
Dean blieb abrupt stehen. Er hatte Claudine falsch eingeschätzt. Die Tatsache, dass sie die Spinne trotz dem Juckreiz immer noch auf den Händen trug, sagte ihm, dass sie zu allem fähig war. Ruhig bleiben war jetzt das Wichtigste.
»Was machst du da?«, fragte er sachlich.
Claudine sah ihn an. »Liebst du diese Dinger mehr als mich?« Sie bemühte sich um einen gefassten Tonfall, brachte es aber kaum hin. Dean beobachtete wie die Spinne oberhalb von Claudines Handgelenk stehen blieb und eine starre Haltung einnahm, als würde sie sich festklammern.
Claudines Arm bebte. Nur Gott wusste, wie sie das Tier aus dem Terrarium geschafft hatte. Möglicherweise hatte sie es dabei schon verletzt. Grundsätzlich sollte man die Tiere überhaupt nicht aus ihrem gewohnten Klima herausreissen. Es war ein Schock für sie.
»Claudine«, sagte Dean und hob beschwichtigend eine Hand, während er sich langsam näher schob. Er konnte die Frau nicht beeinflussen, aber er konnte rechtzeitig da sein, um die Spinne aufzufangen. Bei einem Sturz würde sich die Spinne möglicherweise alle Beine brechen und wenn das geschah, konnte er ihr genausogut den Gandenstoss geben.
»Claudine, bitte«, sagte er so sanft wie es ihm nur möglich war. »Setze sie ab, auf den Boden.«
»Beantworte die Frage«, forderte Claudine.
Dean wusste nicht, was er sagen sollte. In ihren Augen flackerte der reinste Wahnsinn. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie als nächstes tun würde und er sorgte sich um die Vogelspinne. Langsam tat er den nächsten Schritt. Claudine wich ein wenig zurück. Die Spinne bäumte sich ein wenig auf.
»Hör zu«, versuchte Dean es. »Dein Arm juckt unerträglich, nicht wahr? Das ist die Spinne, die sich verteidigt. Wenn sie dich beisst, ist das noch unangenehmer, glaub mir.«
»Dann ist es also wahr«, fauchte Claudine während die Spinne sich immer noch an ihrem Arm festklammerte.
»Das ist eine schlichte Tatsache«, entgegnete Dean. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. »Setze sie ab und wir reden in aller Ruhe darüber.«
»Ach, ja?« Claudines Stimme wurde hysterisch. »So wie wir immer darüber geredet haben? Ich halte das nicht mehr aus, Dean. Ich brauche Klarheit.«
Dean war nun fast bei ihr, doch schon wieder bewegte sich Claudine, dieses Mal seitlich zur Anrichte. Er folgte ihr.
»Komm nicht näher!«, rief Claudine aus. Ihr Körper bewegte sich dabei so heftig, dass die Vogelspinne aufschreckte und die Beisswerkzeuge in Claudines Arm rammte. Claudine schrie auf und wollte das Tier abwerfen, doch Dean packte gerade noch rechtzeitig ihren Arm, während er das Tier mit der anderen Hand von oben in den Spinnengriff nahm und es von Claudine weghob. Die Beine der Vogelspinne zappelten, als er sie langsam auf den Boden setzte. Sofort krabbelte sie in die nächstgelegene dunkle Ecke und verharrte dort. Dean schaute sie noch einen Moment lang an. Eigentlich musste die Vogelspinne auf der Stelle ins Terrarium zurück, aber Claudine schrie bereits in der Gegend herum.
»Oh mein Gott! Oh mein Gott, Scheisse!« Sie drückte die Hand auf die wunde Stelle, als könnte sie damit den Schmerz lindern. »Sie hat mich gebissen! Sie hat mich tatsächlich gebissen, sie ist giftig! Tu etwas, verflucht nochmal!«
Dean legte die Hände um ihre Schultern und führte sie zur Spüle. Er drehte das kalte Wasser auf. »Hast du irgendwelche Krankheiten, Kreislaufprobleme?«, fragte er, während er ihren Arm unter den Wasserstrahl zog.
»Nein«, antwortete Claudine. »Was wird jetzt passieren?«
»Überhaupt nichts«, sagte Dean ein wenig ungehalten. »Es wird eine Weile lang brennen und jucken und vielleicht gibt es eine Schwellung. Im Grunde kannst du es mit einem Wespenstich vergleichen.«
»Eine Vogelspinne hat mich gebissen«, erwiderte Claudine.
»Sie ist nicht gefährlich für einen gesunden Menschen«, erwiderte er. »Warte hier, beweg dich nicht!«
Er holte ein Glasgefäss und ein Blatt Papier aus dem Schrank und näherte sich mit langsamen, ruhigen Schritten der Vogelspinne, die immer noch reglos in ihrer Ecke kauerte. Vorsichtig stülpte er das Glas um das Tier und schob das Papier darunter. Ein paar minimale Bewegungen reichten, um die Spinne dazu zu bringen, entlang dem Glas hinaufzukrabbeln. In aller Ruhe brachte er die Spinne in ihre richtige Behausung zurück. Wie erwartet brauchte die Spinne einen Augenblick, bevor sie kapierte, wo sie war und in ihre Höhle zurück rannte, um sich einzubuddeln.
Auf dem Weg zurück zu Claudine holte er einen Verbandskasten heraus und brachte ihn ihr mit. Sie schaltete das Wasser ab und liess zu, dass er die Bissstelle desinfizierte und Verband.
»Die Wunde sollte in ein paar Tagen verheilen«, erklärte er. »Tut sie das nicht, musst du einen Arzt aufsuchen.«
Claudine nickte. »Okay.«
Dean verschloss den Verbandskasten wieder.
»Die verdammten Viecher sind dir wichtiger als ich!«, schleuderte sie ihm unvermittelt entgegen.
»So ist es nicht«, erwiderte er. »Ich habe nur …« Er hielt inne, als ihm klar wurde, dass sie ihm nicht zuhören würde.
»Was?« Ihre Stimme war voller Zorn und Verzweiflung. »Nur Spass gewollt? Na los, sprich es nur aus, ich kann damit leben.«
Er gab auf. »Nicht dieselben Gefühle für dich wie du scheinbar für mich hast.«
Claudines Gesichtsausdruck veränderte sich. Auf einmal wirkte sie nicht mehr wütend, sondern nur noch grenzenlos enttäuscht. »Das ist ja wohl das letzte«, sagte sie und stapfte davon. Nach einigen Sekunden hörte er, wie sie die Schuhe anzog und schliesslich die Tür hinter sich zuknallen liess.
Dean atmete geräuschvoll ein und aus. Er brauchte noch einen Moment, um sich zu fassen und seine Gedanken zu ordnen. Wenigstens dem Tier ging es gut. Hoffte er jedenfalls. Spätestens in ein paar Tagen, wenn die Vogelspinne wieder Hunger hatte und aus ihrer Höhle herauskam, würde es sich zeigen.
ist fasziniert von Geschichten über menschliche Gefühle. Das Genre spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist ihr nur, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird: Von den Abgründen bis zu den Höhenflügen.