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Seine nächste Station war Flamatt. Er rief seine Kollegin Janine Auderset auf ihrem Handy an. Ohne abzuwarten, was sie ihm zu berichten hatte, erzählte er ihr von seinen Ergebnissen: «Matthieu und ich waren jetzt bei drei Käufern. Es gibt nur noch einen im Sensebezirk, einen gewissen Patrick Dietrich in Flamatt. Der Seebezirk kommt später dran. Komm direkt nach Flamatt, dann kannst du Matthieu ablösen.» Janine brachte kein Wort heraus. Das durfte nicht wahr sein. Mäder war auch auf Päx’ Namen gestossen! Wie in Trance fuhr sie nach Flamatt. Sie musste diesen schrecklichen Verdacht sofort entkräften.
In Flamatt parkierte Janine ihr Dienstauto gleich vor der offen stehenden Garage, die zur Bar ihres Freundes Päx Dietrich gehörte. Von ihrem Kollegen Herbert Mäder war noch nichts zu sehen. Ohne zu zögern, ging sie in die Garage hinein. Da stand das weisse Motorrad mit den roten Streifen. Das Motorrad, mit dem Päx und sie tagelang durch die Gegend gekurvt waren. Das Motorrad, das nun vermutlich helfen würde, den vertracktesten Kriminalfall in ihrer noch jungen Polizeikarriere zu lösen. Das Motorrad, das zu ihrem Freund Päx führte, zu ihrem Freund, dem sie immer vertraut hatte, dem sie auch mal Dinge erzählt hatte, die sie nicht hätte erzählen dürfen.
In ihrer Mappe hatte Janine eine Fotokopie des Reifenabdrucks. Sie hielt die Kopie neben das Reifenprofil. Es stimmte zweifelsfrei überein. Ihr wurde speiübel. Schwer atmend schaute sie sich um. Auf der Werkbank lagen Päx’ Motorradhelm, ein Aschenbecher mit drei ausgedrückten Zigarillos und allerlei Werkzeug. Ihr Blick wanderte weiter zum Garagentor. Dort stand Päx. Er schaute sie resigniert an. Einen kurzen Moment blickten sich die beiden stumm in die Augen, dann schloss Päx schlagartig das Tor zur Garage und sperrte Janine ein. Sie schlug mit den Fäusten an das Tor, doch es geschah nichts.
Wenig später wurde das Garagentor wieder geöffnet. Herbert Mäder stand jetzt dort, wo Päx vorhin gestanden war. Im Hintergrund wurde Päx von zwei Kollegen abgeführt. Mäder trat hinein. Er schaute kurz auf den Aschenbecher und das Reifenprofil, schüttelte den Kopf und seufzte, ehe er sich ihr widmete: «Verdammt, Janine, du musst vorsichtiger werden. Das hätte böse enden können. Wir sind ein Team, wir arbeiten zusammen!» Er klopfte ihr auf den Rücken. «Du musst noch viel lernen, bevor ich in Pension gehe.» Ihr war zum Heulen zumute, doch sie konnte sich beherrschen. «Wir haben nur kurz einen Blick in seine Bar geworfen. Es deutet einiges darauf hin, dass er das Cannabis, das Knüsel angebaut hat, verdealt hat», erklärte Mäder. Janine schüttelte ungläubig den Kopf. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Wie hatte sie sich so in ihrem Freund täuschen können?
Mäder führte am nächsten Tag das Verhör mit Päx Dietrich, der ein vollumfängliches Geständnis ablegte: «Das Geschäft lief nicht mehr. Knüsel bestand aber auf der vollständigen Bezahlung. Dabei konnte ich das Zeug gar nie in Bern verticken. Am ersten August holte ich eine neue Ladung Gras in Baumetswil ab. Da hat er mir gesagt, er wolle das Geld sofort haben. Da bin ich ausgerastet.» «Wo war die Pistole?», fragte Mäder. «Die lag immer in der Schublade, sie war auch immer geladen, das wusste ich. Der Schuss ist dann aber versehentlich abgegangen.» Mäder kratzte sich am Kinn: «Warum haben Sie die Leiche aus dem Haus geschafft?» «Ich wollte sie verschwinden lassen, aber da hörte ich auf einmal ein Rascheln im Gebüsch. Ich bin erschrocken und sofort mit meiner Maschine davongebraust.» Mäder nickte. Das war wohl Luca gewesen, der Päx beim Wegschaffen der Leiche gestört hatte. Alles stimmte mit den gesicherten Erkenntnissen überein.
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Ein paar Wochen später trafen sich die Familien Keller, Hirschi und Tinguely wieder in Baumetswil – zum ersten Mal nicht an einem ersten August. Lea Hirschi tischte wieder ihren berühmten Häpperesalat auf. Die Stimmung war gelöst. «Heute gibt es viel zu feiern», sagte Thomas Hirschi. «Ich denke noch immer jeden Tag an meinen lieben Gorbatschow», erzählte seine Frau Lea. «Aber auch mit Kater Chruschtschow läuft es ganz gut. Bei der Freiburger Katzentrophy habe ich mit meinem Burschen den zweiten Platz geholt.»
Marius Keller sagte ganz feierlich: «Wir werden Knüsels Haus kaufen und umbauen. Ich habe schon mit seiner Schwester gesprochen. Sie ist die einzige Erbin und will vom Haus nichts wissen.» Er schaute Luca an: «Vielleicht kannst du ja gleich im ersten Lehrjahr als Zimmermann mithelfen.» Luca schüttelte den Kopf: «Ich war heute in Freiburg und habe mit dem Rektor gesprochen. Ich darf zurück ans Collège. Mein Rausschmiss war ja nicht gerechtfertigt.» Timo klopfte seinem Bruder freundschaftlich auf den Rücken.
Auch Georg Tinguely wirkte glücklich: «Dank Knüsels Tod sind meine Schulden weg, die ich angehäuft hatte. Und jetzt geht es bald los mit der Therapie gegen diesen Drang zu spielen.» Seine Frau Cindy griff nach seiner Hand und drückte sie: «Das werden wir auch noch schaffen.»
«Und was ist eigentlich mit dem Rotkopfwürger?», fragte Lea Hirschi plötzlich. «Den lassen wir in Ruhe», erwiderte Corina Keller. Ihr Mann Marius pflichtete ihr bei. «Im Grunde genommen sind wir ja alle ein bisschen Vogelfreunde, nicht wahr?», fragte er in die Runde und hob dabei sein Weinglas.
ENDE
In den letzten Tagen erschien in den FN in Form einer etwas anderen Sommerserie die Kriminalkurzgeschichte «Vogelfreunde». Alle Personen sowie die Handlung waren stets frei erfunden. Philipp Spicher, Student und Jungschriftsteller aus Wünnewil, hat die Geschichte im Auftrag der FN verfasst. Idee, Lektorat, redaktionelle Überarbeitung und Koordination: Marco Koller, FN-Redaktion. Alle 13 Kapitel können im Internet nachgelesen werden unter: www.freiburger-nachrichten.ch, Dossier «Sommerkrimi».
Vogelfreunde