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Ausgestorbene Tiere
Kinderliebe geht durch den Magen
Im Magen verdauen die meisten Tiere ihre Nahrung. Zwei vor einigen Jahrzehnten ausgestorbene Froscharten brüteten darin aber auch ihre Jungen aus – mit Tricks, für welche die Pharmaindustrie Millionen ausgeben würde.
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Die Entdeckung des Südlichen Magenbrüterfrosches im Jahre 1972 war eine wissenschaftliche Sensation: Noch nie zuvor war man auf ein Tier gestossen, das die gesamte embryonale Entwicklung im Magen seiner Mutter absolviert. Der Frosch lebte in einem kaum 1000 Quadratkilometer grossen Waldstück in einem Gebirgszug ganz im Westen Australiens. Er wurde ein Jahr nach seiner Entdeckung wissenschaftlich beschrieben und erhielt den klingenden Namen Rheobatrachus silus, an dem er sich allerdings nicht lange erfreuen konnte: Schon ein Jahrzehnt später verschwand er und wurde seither nie mehr gesehen.
Zweiter Magenbrüterfrosch entdeckt
Im Jahr 1984 entdeckten Biologen 800 Kilometer nördlich einen zweiten Magenbrüterfrosch. Folgerichtig wurde er als Nördlicher Magenbrüterfrosch betitelt und erhielt den wissenschaftlichen Namen Rheobatrachus vitellinus. Das Vorkommen dieser Art beschränkte sich auf ein noch kleineres Verbreitungsgebiet von lediglich 500 Quadratkilometern. Auch die Tage des Nördlichen Magenbrüterfrosches waren zum Zeitpunkt seiner Entdeckung bereits gezählt: Nur ein Jahr später verschwand er und blieb seither verschollen.
Die beiden vorwiegend im Wasser lebenden Froscharten sahen sich ähnlich. Sie unterschieden sich vor allem durch ihre Grösse und die abweichende gelbe Zeichnung an der Bauchseite. Die südliche Art blieb mit 54 Millimeter Körperlänge um etwa einen Drittel kleiner als die nördliche. Ansonsten zeigten beide Arten die typischen Merkmale aquatisch lebender Frösche: kurze Köpfe mit grossen, hervorstehenden Augen und kräftige Hinterbeine mit stark ausgeprägten Schwimmhäuten zwischen den Zehen.
Beide Arten pflegten als Magenbrüter eine unter Wirbeltieren einmalige Brutbiologie. Nach der froschtypisch externen Befruchtung der Eier durch das Männchen verschluckte das Weibchen die rund 40 Eier. Diese sonderten im Magen der Mutter das Hormon Prostaglandin E2 ab, welches die Ausschüttung von Magensäure unterband. Die Kaulquappen schlüpften im mütterlichen Magen und übernahmen die Absonderung des Prostaglandins, das ihre Verdauung verhinderte. Während die Kaulquappen heranwuchsen, vergrösserte sich der Muttermagen nach und nach, bis er fast die ganze Bauchhöhle des Muttertiers ausfüllte. Gleichzeitig verkleinerten sich die Lungen der Mutter, um mehr Patz für den Nachwuchs zu schaffen, und das Muttertier verlegte sich verstärkt auf ihre Hautatmung.
Die Entwicklung der jungen Magenbrüterfrösche dauerte ungefähr sechs Wochen. Während dieser Zeit nahm das Muttertier keinerlei Nahrung zu sich, ohne Magensäure hätte es diese ohnehin nicht verdauen können. Letztlich würgte es rund 25 voll entwickelte Jungfrösche aus.
Hoffnung dank Klonversuchen
Der Lebensraum der beiden Magenbrüterfrösche liegt in Naturreservaten und scheint weitgehend intakt. Man geht deshalb davon aus, dass die Magenbrüterfrösche einem weltweit grassierenden Pilzbefall namens Chytridiomykose zum Opfer gefallen sind, der gemäss Einschätzung von Spezialisten grosse Teile der modernen Froschfauna vernichten könnte (siehe Artikel: «Symbol für das Amphibien-Drama»).
Die Magenbrüterfrösche sind ein gutes Beispiel dafür, wie der Mensch sich mit der Ausrottung von Arten selber gefährdet: Die Tiere hatten durch ihre spezielle Brutbiologie das Interesse der Pharmaindustrie geweckt. Sie versprach sich von ihrer Erforschung neue Ansätze in der Behandlung von Krankheiten wie Magenkrebs und Magengeschwüren. Nach dem Verschwinden der beiden Arten mussten diese vielversprechenden Forschungen eingestellt werden. In Australien laufen derzeit allerdings Versuche, aus sichergestelltem Erbmaterial der Magenbrüter Klone herzustellen.