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Von Helmut Schmidt, dem einstigen Bundeskanzler, ist bekannt, dass er gegen Ende seines Lebens lieber in den Klassikern las als in den Zeitungen. Für Schmidt war Zeit zu kostbar, um sich mit schnelllebiger Schreibe abzugeben. Dabei konnte er von Goethe und Schiller auch einiges für seinen Zweitberuf als «Zeit»-Herausgeber lernen: In Rüdiger Safranskis «Geschichte einer Freundschaft» kann man nachlesen, mit welchen – sagen wir: gewagten – Methoden Schiller und Goethe als Herausgeber und Autoren schon damals den Absatz ihrer Blätter beförderten.
1795 gründete Friedrich Schiller mit seinem Verleger Johann Friedrich Cotta das Monatsblatt «Die Horen». Der Name steht für sonst wenig bekannte Zeus-Töchter, die als Göttinnen des Schönen und der Ordnung die Himmelstore bewachen. Das wussten die von Schiller als Leser anvisierten gebildeten Stände selbstverständlich. Und so hochgestochen wie der Titel der Zeitschrift waren auch deren Ambitionen. Es war eine Art «Du», «Cicero» und «New York Review of Books» seiner Zeit, nur bei weitem intellektueller. Die besten deutschen Federn wurden mit exorbitanten Honoraren angelockt. Auch Johann Wolfgang von Goethe war dabei. Cotta versprach sich viel von dem Unternehmen: Die Startauflage betrug für die Zeit beeindruckende 2000 Exemplare.
Schiller wusste, dass er tüchtig die Werbetrommel rühren musste, und war sich dafür nicht zu schade. In einer verwandten Literaturzeitschrift platzierte er eine überaus freundliche Rezension – und liess Cotta die Druckkosten dafür übernehmen. «Native Advertising» im 18. Jahrhundert.
Nur: Das alles nützte nichts. Goethe behielt seine «exquisitesten Sachen» zurück. Es gab Streit mit Johann Gottlieb Fichte, dem aufsteigenden Philosophenstern seiner Zeit, dessen Beiträge entweder flüchtig geschrieben waren oder auf Ablehnung stiessen. Potenzielle Leser rümpften die Nase, statt Schiller das Blatt aus den Händen zu reissen. Die Wende brachte erst die sechste Ausgabe. Schiller war es endlich gelungen, Goethe etwas Ansprechenderes zu entreissen.
Es war mehr als exquisit:
«Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt.
[…] wenn ich des lieblichen Busens Formen spähe,
Die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich den Marmor, ich denk‘ und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug‘, fühle mit sehender Hand.
Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.»
Kurz: Die Elegien waren so etwas wie das Seite-3-Girl der «Horen». «Sex sells» im 18. Jahrhundert. Schiller selber bezeichnete sie als «schlüpfrig», Goethes Dienstherr, der Weimarer Herzog, riet ihm davon ab. Goethe verzichtete aber nur auf den Abdruck der gewagtesten Stücke, etwa jenem mit diesen Versen:
«Nahet sich einer und blinzt über den zierlichen Raum,
Ekelt an Früchten der reinen Natur, so straf ihn von hinten
Mit dem Pfahle der dir rot von den Hüften entspringt.»
Dennoch, das Heft schlug ein, wie Safranski berichtet. Cottas Hoffnungen erfüllten sich endlich, der Absatz war reissend. Aber in den gebildeten Ständen und bei Hofe hatten nicht alle ihre Freude daran. Oder, wenn schon, in Form von Hohn und Spott für Schiller und Goethe. Johann Friedrich Schlegel, einst geschätzter Mitarbeiter, liess sich vom Namen der Zeitschrift inspirieren:
«Die Horen wurden bald zu Huren
Die steigend von dem Götterthron
Nach Leipzig auf die Messe fuhren
Um schnöder Honorare Lohn».
Deutschlands Geistesriesen war die Lust an den «Horen» vergangen. Fortan siechte das Blatt dahin. 1798 schrieb Schiller an Goethe: «Wir werden beim Aufhören keinen Eklat machen.» So war es denn auch. Zeitungssterben im 18. Jahrhundert.
Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.