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Wenn man in Compton, einer Stadt im US-Bundesstaat Kalifornien, aufwächst, lebt man in einer Gemeinde, welche sich durch Drogen- und Bandenkriminalität definiert und in der man als Afroamerikaner kaum Chancen auf ein Leben abseits des Verbrechens hat. So zumindest erscheint es Eric Wright (Jason Mitchell), genannt Easy-E, der sich seinen Lebensunterhalt als Drogendealer verdient und bis jetzt immer dem Gesetz entkommen konnte. Seine Freunde jedoch haben ganz andere Pläne, denn sowohl O’Shea Jackson (O’Shea Jackson Jr.), genannt Ice Cube, wie auch Andre Young (Corey Hawkins), der als Discjockey unter dem Namen Dr. Dre bekannt ist, träumen von einer Karriere in der Musik- und Rapszene.
In den späten 1980ern will jedoch niemand etwas von der Art Rap hören, der Geschichten von der Strasse, von Verbrechen, Verzweiflung und Polizeigewalt erzählt. Als aber ihre erste Single ein Erfolg wird, erhalten sie ein Angebot von Jerry Heller (Paul Giamatti), einem Manager, sie zu vertreten, ihnen Eintritt in das Musikgeschäft zu verschaffen und einen Plattenvertrag. Zusammen mit ihren Freunden Antoine Carraby (Neil Brown Jr.) und Lorenzo Patterson (Aldis Hodge), genannt DJ Yella und MC Ren, geben sich Ice Cube, Dr. Dre und Easy-E den Namen N.W.A. („Niggaz Wit Attitudes“) und beginnen mit den Aufnahmen zu ihrem ersten Album.
Gleich ihr ersten Album „Straight Outta Compton“ wird zu einem Sensationserfolg und verkauft sich millionenfach in den USA, tritt aber auch wegen der Themen, welche in den Texten behandelt werden, eine teils sehr aggressiv geführte Mediendebatte los, welche die Musiker beschuldigt, durch ihr Songs Gewalt und Hass zu schüren. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen, insbesondere wegen ihres Songs „Fuck tha Police“, der in sehr expliziter Weise Polizeigewalt gegen Afroamerikaner darstellt. Doch mit dem Erfolg kommt es auch in der Gruppe zu Konflikten, denn während Easy-E bereits einen Vertrag hat und von Heller quasi hofiert wird, beschwert sich vor allem Ice Cube über das Fehlen einer solchen Vereinbarung und seiner gerechten Bezahlung.
The strength of street knowledgeNach diversen Filmen, die sich mit dem bewegten Leben von Musikern, nicht zuletzt dem von Rappern wie Notorious B.I.G. befassten, war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand auch mit dem Werk von Künstlern wie 2 Pac oder N.W.A. beschäftigen würde. Produziert von Dr. Dre und Ice Cube war es dann F. Gary Gray, der schon mit vielen Grössen der Brache zusammengearbeitet hatte, welcher die Regie übernahm bei der Verfilmung der Geschichte einer der prägendsten, aber auch kontroversesten Gruppen, deren Werk im starken Kontrast zum Hip Hop der 1980er stand und von ihrem Leben in Gemeinden wie Compton erzählte. Sehr ambitioniert versucht der Film nicht nur die Kontroversen, sondern auch die Geschichten der Musiker wie auch ihre Differenzen nachzuverfolgen, womit er durchaus viele interessante und bewegende Momente erreicht, aber doch über die Laufzeit von fast drei Stunden dennoch sehr gehetzt und unausgewogen wirkt.
Gerade vor dem Hintergrund der letzten Jahre, in denen die Rechte von Afroamerikanern und Polizeigewalt verstärkt thematisiert wurden, gewinnt ein Werk wie Straight Outta Compton naturgemäss an Brisanz und Aktualität. In diesem Kontext darf man Grays Film nicht nur als Biopic sehen, sondern auch als eine Art Bestandsaufnahme, wie langlebig Themen wie die Benachteiligung, die soziale Ungerechtigkeit und die gesellschaftliche Teilhabe von Afroamerikanern ist.
N.W.A. wird als eine Gruppe gezeigt, welche vor allem in dieser Hinsicht solche Themen in ihrer Kunst integrierte, auf diese aufmerksam machte und dadurch eine Kontroverse entfachte, deren Darstellung, wenn auch abgekürzt, zu den Stärken des Filmes zählt. Jonathan Hermans und Andrea Berlofs Drehbuch betonen, beispielsweise durch Szenen wie eine Presskonferenz anlässlich der Tournee der Gruppe, inwiefern die Musiker einen Nerv im Land trafen, der langsam aber sicher zu einer schwelenden Wunde wurde, in welche sie mit jedem ihrer Auftritte mehr Salz warfen.
Besonders in der ersten Hälfte von Straight Outta Compton konzentriert sich die Geschichte auf den Hintergrund ihrer Figuren, den Ursprung dessen, was ihre Texte ausmachte, doch auch ihre Entwicklung. Insbesondere O’Shea Jackson Jr. (der Sohn des „echten“ Ice Cubes), Corey Hawkins und Jason Mitchell stechen heraus, wobei sich vor allem zeigt, mit welch unterschiedlichen Motiven sie alle in die Musik einstiegen. Was für den einen „nur“ ein Geschäft ist, ist für den einen eine Form des Ausdrucks, vielleicht sogar ein kulturelles Erbe, während Ice Cube das Kämpferische, wie für seinen Charakter üblich, der Musik betont. Die glaubhafte Dynamik der Gruppe, kombiniert mit dem Talent der Darsteller, ist eine weitere Stärke des Films, auch wenn sich dieser mehr und mehr in der Ästhetik des extravaganten, teils dekadenten Lebensstils seiner Protagonisten verliert.
Das grosse Hip Hop-DramaVielleicht ist gerade dies aber auch ein Verweis auf die Richtung, in die sich Rap und Hip-Hop hin entwickelten, wenn die Fokussierung auf diverse Exzesse einen nicht unerheblichen Stellenwert im Straight Outta Compton einnimmt. Die bereits früh absehbare Auflösung der Gruppe stellt keinesfalls das Ende des Filmes dar, denn dieser verliert sich dann in einer teils oberflächlichen Nacherzählung der Einzelkarrieren der Figuren, was selbst bei der nicht unerheblichen Laufzeit des Filmes abgehakt, wirr und dramaturgisch schlampig wirkt.
Darüber hinaus erinnert die Ästhetik immer mehr an die diverser Musikvideos aus der Branche, die teilweise bis heute überlebte und der Signifikanz der Gruppe an sich wie auch dem Level des Schauspiels nicht gerecht wird. Eine Aussage wie die Dr. Dres, er würde sich nur auf die Musik konzentrieren wollen, wirkt in diesem Zusammenhang beinahe hohl und unglaubwürdig, steht im krassen Gegensatz zu der Explosivität der Musik, die der Film gerade in der ersten Hälfte noch so zelebriert.
So bleibt Straight Outta Compton vor allem wegen seiner Darsteller und seiner ersten Hälfte in Erinnerung, fällt aber in die gleiche Falle wie bereits viele solcher Biopics, die bei all der Nacherzählung Aspekte wie Dramaturgie und Form vergessen. Das grosse Hip-Hop-Melodram, zu welchem der Film dann wird, mag zwar immer noch emotional gespielt sein, wirkt aber wie eine weitere Episode eines Werkes, welches am Ende sich der Logik eines „Best-of“-Albums annähert und mehr Schlaglichter einer Karriere zeigt, die fragmentarisch anmuten.