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Weisser Hai
Carcharodon carcharias
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
1975 kam der Film eines damals noch wenig bekannten Regisseurs namens Steven Spielberg in die Kinos, in welchem ein gigantischer Hai die Menschen an einem beliebten Badestrand im Nordosten der USA terrorisiert. Der Film, der auf dem Roman «Jaws» («Kiefer») des Schriftstellers Peter Benchley gründete, wurde zum Kassenschlager und gilt als «einer der Nerven zerreissendsten Thriller aller Zeiten». Beim fraglichen Hai handelte es sich um einen Weissen Hai (Carcharodon carcharias), der seinen schlechten Ruf als «Menschenfresser» nie mehr loswurde und darum noch heute von den meisten Leuten lieber tot als lebend gesehen wird.
Der Weisse Hai ist in der Tat ein mächtiger Beutegreifer. Statistisch gesehen stellt er allerdings keine nennenswerte Gefahr für den Menschen dar. Es ist umgekehrt der Mensch, der dem Weissen Hai massiv zusetzt. Seine Population ist darum, wie die vieler anderer grosser Meeresfische, in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft und weiterhin rückläufig. Heute steht der Weisse Hai in der Kategorie «Verletzlich» auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten.
Maximal 7 Meter lang
Der Weisse Hai gehört innerhalb der Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes) zur Ordnung der Makrelenhaie (Lamniformes) und da zur Familie der «eigentlichen» Makrelenhaie (Lamnidae). Zu dieser zählen ausserdem der Heringshai (Lamna nasus)
, der Lachshai (Lamna ditropis)
, der Kurzflossen-Mako (Isurus oyxrinchus)
und der Langflossen-Mako (Isurus paucus)
. Der Weisse Hai ist das grösste Mitglied der Familie und mithin die grösste wirklich Beute jagende Haiart. Die beiden einzigen Haiarten, welche noch grösser sind als er, nämlich der Walhai (Rhincodon typus)
und der Riesenhai (Cetorhinus maximus)
, sind friedfertige, gemächlich dahinziehende Planktonfilterer.
Wie gross der Weisse Hai tatsächlich werden kann, ist allerdings nicht ganz klar. Die Fachleute sind nämlich überzeugt, dass frühere Berichte von bis zu elf Meter langen Exemplaren unwahr sind. Den Rekord unter denjenigen, welche zuverlässig vermessen wurden, hält ein Weibchen, das 1945 bei Kuba im Karibischen Meer gefangen worden war: Es wies eine Länge von 6,4 Metern auf und wog 3,3 Tonnen. Einigermassen glaubhaft ist ferner der Bericht von einem Weibchen, das sich 1987 vor der südaustralischen Kangaroo-Insel in einem Fischernetz verfangen hatte und zwischen 6,9 und 7 Meter lang war. Im Allgemeinen weisen erwachsene Individuen eine Länge von 4 bis 5 Metern auf und wiegen bis zu zwei Tonnen, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser und schwerer sind als die Männchen.
Anzutreffen ist der Weisse Hai rund um den Erdball herum in allen gemässigten, subtropischen und tropischen Meeren und Ozeanen, so auch im Mittelmeer. Vorzugsweise schwimmt er in küstennahen Gewässern von Kontinenten wie auch Inseln der gemässigten Klimazone umher. Vor allem grössere Individuen durchstreifen aber auch gern subtropische und tropische Gewässer, und einzelne Individuen besuchen mitunter sogar kalte, polare Gewässer.
Im Bereich von Küsten dringt der Weisse Hai seiner Grösse zum Trotz bis zur Brandungszone, also in sehr seichtes Wasser, vor. Mehrheitlich bewegt er sich aber in tiefergründigem Wasser über einem Kontinentalsockel oder an dessen Abhang umher. Dort hält er sich im Allgemeinen entweder in den oberflächennahen Wasserschichten oder aber direkt über dem Meeresboden auf und meidet die mittleren Wasserschichten.
Im westlichen Atlantik kommt der Weisse Hai regelmässig im Bereich der Kleinen Antillen vor, so auch bei Saint Vincent, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Ebenfalls häufig anzutreffen ist er in den Küstengewässern Nordamerikas, von Neufundland (Kanada) südwärts bis Florida (USA), ferner im nördlichen Bereich des Golfs von Mexiko, bei den Bahamas und bei Kuba sowie, weiter südlich, in den Küstenbereichen Brasiliens, Uruguays und Argentiniens.
Ein warmblütiger Fisch
Dass der Weisse Hai eine praktisch weltweite Verbreitung hat, verdankt er zu einem wesentlichen Teil seiner Fähigkeit, die Temperatur in gewissen Bereichen seines Körpers um zehn bis zwölf Grad Celsius höher zu halten als die des umgebenden Wassers. Er ist also kein wirklich wechselwarmes, allein von der Umgebungstemperatur geprägtes Geschöpf wie die meisten anderen Haiarten. Dank dieser Fähigkeit kann der Weisse Hai in Gewässern umherschwimmen, in welchen andere Haie vor Kälte erstarren und sterben würden. Ausserdem vermag er, dank stets warmem «Motor», jederzeit stark zu beschleunigen, was bei der Jagd sehr dienlich ist. Die «Warmblütigkeit» hat zwar ihren Preis: Sie verzehrt viel Energie und erfordert darum die Aufnahme besonders energiereicher, das heisst möglichst fettreicher Nahrung. Auf die Beschaffung solchen Futters ist der Weisse Hai jedoch bestens eingerichtet: Er ist ein mächtiger, höchst erfolgreicher Beutegreifer.
Das Nahrungsspektrum des Weissen Hais ist sehr breit. Es reicht von Wirbellosen wie Quallen, Krebstieren und Tintenfischen über Knochen- und Knorpelfische einschliesslich anderer Haie bis hin zu Meeressäugetieren wie Robben, Delfinen und weiteren kleineren Waltieren. Auch Meeresschildkröten erjagt er mitunter. Meeresvögel greift er zwar häufig an und verletzt oder tötet sie, doch verspeist er sie kaum je.
Von allen Beutetieren scheint der Weisse Hai Robben - insbesondere Seelöwen und Seebären aus der Familie der Ohrenrobben (Otariidae) - zu bevorzugen. Dafür gibt es zwei Erklärungen: Erstens kommen diese, vor allem während der Fortpflanzungszeit, in bestimmten Gebieten in grosser Dichte vor, wodurch die Beutesuche weitgehend entfällt. Zweitens ist ihr Unterhautfett sehr kalorienreich und versorgt den Weissen Hai konzentriert mit der benötigten Energie.
Auf die Jagd geht der Weisse Hai gewöhnlich tagsüber und er bejagt vor allem Tiere, die sich in den oberflächennahen Wasserschichten aufhalten. Einem möglichen Opfer nähert er sich zunächst ruhig und unauffällig - und greift es schliesslich unvermittelt und mit hoher Geschwindigkeit an. Bevor er zupackt, zieht er seine Augäpfel weit in deren Höhlen zurück, um das Risiko einer Augenverletzung zu vermindern. Er beisst also «blindlings» zu und verlässt sich kurzfristig allein auf seinen im Mundbereich gut ausgeprägten Tastsinn.
Hat der Weisse Hai ein Opfer gepackt, so schüttelt er es meistens heftig hin und her, wodurch die dreieckig-spitzigen, rasiermesserscharfen und bei den älteren Individuen gesägten Zähne tief in dessen Leib schneiden. Dann lässt er gewöhnlich von ihm ab und entfernt sich etwas vom schwer verletzten, verblutenden Opfer. So verringert er das Risiko, von diesem während dessen Todeskampf verletzt zu werden. Es scheint ferner, dass der Weisse Hai beim ersten Zubeissen Informationen über Beschaffenheit, Geschmack und vermutlich Fettgehalt des Opfers sammelt. Jedenfalls geschieht es oft, dass er nach dem «Testbiss» das verwundete Opfer zurücklässt, ohne es zu verspeisen, weil er es offensichtlich als ungeeignete Nahrung einschätzt. Dies geschieht auch bei praktisch allen Menschen, weshalb sich die meisten von ihnen an die Küste oder auf ein Boot retten können und so den Angriff durch einen Weissen Hai überleben.
Neben lebenden Beutetieren verzehrt der Weisse Hai durchaus auch Tierleichen. Tatsächlich scheint er vor allem nach toten Waltieren Ausschau zu halten, um von deren Unterhautfett («Blubber») zu essen. So gelangt er jeweils risiko- und mühelos zu grossen Mengen energiereicher Nahrung.
Bei der Nahrungssuche streifen die einzelnen Weissen Haie Tag für Tag weit umher und legen im Jahresverlauf enorme Distanzen zurück. Es gibt ferner Hinweise darauf, dass zumindest gewisse Bestände regelmässige Wanderungen unternehmen. So schwamm einst ein markiertes Individuum in nur neun Monaten von Mossel Bay (Südafrika) nach Exmouth (Westaustralien) und zurück, was einer Strecke von über 20 000 Kilometern entspricht. Ausserdem tauchen an bestimmten ergiebigen Jagdgründen Jahr für Jahr dieselben Individuen zur selben Zeit auf. Beispielsweise erscheinen an einem Küstenstrich Südafrikas gewisse Weisse Haie alljährlich gegen Ende der Fortpflanzungszeit der lokalen Seebärenpopulation, um die frisch entwöhnten, noch unerfahrenen Jungtiere zu bejagen.
An solchen Orten zeigt sich jeweils auch, dass die Weissen Haie keineswegs Einzelgänger sind, wie wir dies im Allgemeinen annehmen. Sie treffen nämlich selten einzeln, sondern zumeist truppweise ein. Im Übrigen scheinen die Mitglieder der Trupps eine feste Rangordnung untereinander zu haben. Jedenfalls zeigen sie bei Begegnungen klar definiertes, wechselseitig beeinflusstes Verhalten, welches als Dominanz- bzw. Unterwürfigkeitsverhalten gedeutet werden kann. All dies lässt vermuten, dass die Weissen Haie entgegen der allgemeinen Meinung eine recht komplexe Gesellschaftsform aufweisen und als soziale Tiere zu bezeichnen sind.
Die Ungeborenen essen Eier
Wie bei den meisten Haien erfolgt die Befruchtung der Eier beim Weissen Hai nicht im freien Wasser, sondern innerhalb des Körpers des Weibchens. Eine Begattung konnte allerdings erst ein einziges Mal beobachtet werden.
Die Weibchen bringen lebende Junge zur Welt. Nach der Befruchtung der Eier werden diese nämlich nicht abgelegt, sondern gelangen in gebärmutterartige Ausbuchtungen der beiden Eileiter und verbleiben dort, bis sich die Keimlinge vollständig entwickelt haben. Die Jungen schlüpfen schliesslich in den mütterlichen Eileitern aus ihren Eiern. Interessanterweise werden sie auch zu diesem Zeitpunkt nicht freigesetzt, sondern verbleiben noch eine geraume Weile im Schutz des Mutterleibs und entwickeln sich dort weiter. Die genaue Dauer der Trächtigkeit ist unbekannt, wird aber auf ungefähr ein Jahr geschätzt.
Anzumerken ist, dass das Weibchen eine aussergewöhnliche Art «erfunden» hat, seine in den Eileitern heranwachsenden Jungen zu ernähren: Sobald diese geschlüpft sind und den Inhalt ihres Dottersacks verzehrt haben, beginnt es, unbefruchtete Eier in grosser Zahl zu erzeugen, welche den heranwachsenden Jungen bis zur Geburt als Nahrung dienen. Letztere sind also vorübergehend «oophag» («Eier essend»).
Hochträchtige Weibchen sowie kleine, offensichtlich erst kürzlich geborene Jungtiere werden im Allgemeinen im Frühling oder Sommer gefangen, weshalb wir annehmen dürfen, dass die Geburten dann stattfinden. Die Geburtsorte liegen weit verstreut in den gemässigt-warmen Gewässern beider Erdhalbkugeln. Die Wurfgrösse schwankt zwischen zwei und neun, möglicherweise sogar vierzehn Jungen. Aufgrund der Grösse der grössten Jungtiere, die sich in trächtigen Weibchen finden, und der kleinsten Jungtiere, welche im freien Wasser angetroffen werden, können wir schliessen, dass die Jungen bei der Geburt zwischen 120 und 150 Zentimeter lang sind. Sie sorgen vom ersten Augenblick an für sich selbst.
Die jungen Männchen erreichen die Geschlechtsreife, wenn sie 3,5 bis 4 Meter lang sind, während sich die jungen Weibchen gewöhnlich erst am Fortpflanzungsgeschehen beteiligen, wenn sie ungefähr 4 bis 4,5 Meter lang sind. Das Alter, das sie zu diesem Zeitpunkt haben, ist je nach Region und Individuum unterschiedlich. Im nordöstlichen Pazifik beispielsweise sind die Männchen beim Eintritt der Geschlechtsreife 8 bis 10 und die Weibchen 12 bis 15 Jahre alt. Die natürliche Lebenserwartung ist nicht bekannt, dürfte aber bei mindestens 25 Jahren liegen. Manche Fachleute vermuten sogar, dass die Weissen Haie ebenso alt werden können wie wir Menschen.
«Biologisch ausgestorben»?
So wenig wir über die Gesellschaftsform des Weissen Hais wissen, so gross sind unsere Wissenslücken hinsichtlich der Bestandssituation. Weder auf regionaler noch auf globaler Ebene existieren einigermassen verlässliche Bestandsschätzungen. Verschiedene Fangstatistiken und die langjährigen Beobachtungen in gewissen Küstengewässern deuten aber unmissverständlich darauf hin, dass in den vergangenen Jahrzehnten überall im Verbreitungsgebiet des Weissen Hais markante Rückgänge der Bestände stattgefunden haben. Diese Rückgänge dürften verschiedene Ursachen haben. Am schwersten wiegt aber zweifellos die Überfischung.
Als Beutegreifer, der sich an der Spitze der marinen Nahrungspyramide befindet, weist der Weisse Hai von Natur aus recht geringe Bestandsdichten auf. Typisch für einen mächtigen Beutegreifer sind ferner das späte Eintreten der Geschlechtsreife, die lange Tragzeit und die geringe Wurfgrösse. Wer als Erwachsener so gut wie keine Ausfälle durch natürliche Feinde erleidet, also eine geringe Sterblichkeitsrate hat, der braucht keine hohe Fortpflanzungsrate.
Seit jedoch in Form des Menschen unvermittelt und weltweit ein übermächtiger Feind aufgetaucht ist und dem Weissen Hai auf breiter Front nachstellt, geht diese biologische Rechnung nicht mehr auf. Begehrt ist einerseits sein Fleisch für den Verzehr, insbesondere sind es aber seine Flossen und der aus seiner Leber gewonnene Tran auf den Ingredienzmärkten des Fernen Ostens sowie seine Zähne auf den Kuriositätenmärkten der westlichen Welt. Für diese Körperteile werden inzwischen Höchstpreise bezahlt. Beispielsweise kann ein grosses Gebiss mehr als 50 000 US-Dollar einbringen. Der Weisse Hai wird darum in grosser Zahl durch spezialisierte Haifischereien erlegt, wobei vor allem beköderte Langleinen zum Einsatz gelangen. Darüber hinaus bilden Weisse Haie einen willkommenen Teil des Beifangs beim Tunfisch- und Schwertfischfang, welcher weltweit in enormem Umfang betrieben wird. Man schätzt, dass global mehr Haie den Tunfisch- und Schwertfischfängern zum Opfer fallen als den spezialisierten Haifängern.
Wenn es uns nicht gelingt, die grossen Fischereinationen endlich dazu zu bewegen, den Hochsee-Fischfang nachhaltig - also unter Berücksichtigung der natürlichen Fortpflanzungsrate der befischten Bestände - zu betreiben, wird der Niedergang des Weissen Hais zweifellos anhalten. Von einer solchen Selbstbeschränkung wollen diese aber vorderhand gar nichts wissen. Manche Fachleute betrachten den Weissen Hai ohnehin bereits als «biologisch ausgestorben», weil es ihrer Meinung nach schon heute zu wenig geschlechtsreife Tiere gibt, um die massiv ausgedünnten Bestände wenigstens auf dem gegenwärtigen Niveau zu erhalten. Aufgrund der derzeitigen Lebenserwartung der Weissen Haie befürchten sie, dass womöglich schon in zwanzig bis dreissig Jahren keine dieser spektakulären Jäger mehr durch die Meere streifen werden.
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