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Geschichte
Meldungen aus der Provinz Sachsen
Vor allem in Diktaturen leben die Herrschenden in ständiger Furcht vor Machtverlust. Während in Demokratien Wahlen und Umfragen die Stimmung im Lande und unter dem Volk abzubilden vermögen - die Gefahr von Populismus und politischer Verführung besteht hier zwar auch immer, aber eben auch die Möglichkeit der Abwahl von missliebigen Regierungen - und die Medien als "vierte Gewalt" agieren, verschließen sich diktatorische Regime jeder öffentlichen Kritik.
Um sich dennoch ein möglichst genaues Abbild über die Akzeptanz der eigenen Herrschaft und die Opposition zu verschaffen, ordneten die nationalsozialistischen Machthaber bereits 1933 das Erstellen von Stimmungs- und Lageberichten an. Bis 1936 sammelten Bürgermeister, Landräte, Regierungspräsidenten und Oberpräsidenten, die Staatspolizeistellen, aber auch Ortsgruppenleiter, Kreisleiter und Gauleiter fleißig Informationen und gaben sie an ihre jeweiligen übergeordneten Stellen weiter. Die politische Berichterstattung dieser Stellen wurde im April 1936 beendet, angeblich weil sie zu pessimistisch waren. Tatsächlich hatten sie die schwindende Popularität des Regimes angesichts der Versorgungsengpässe 1935/36 festgestellt. Solche sensiblen Erkenntnisse sollten in Zukunft noch strengerer Geheimhaltung unterliegen. Fortan war ausschließlich der Sicherheitsdienst (SD) der SS, also eine loyale Parteiorganisation, dafür zuständig.
Die wissenschaftliche Forschung ist sich nicht ganz einig gewesen, wie diese Lageberichte einzuschätzen sind: haben die Berichterstatter im besten Falle ihre Auswahl der vorliegenden Nachrichten subjektiv getroffen und im schlimmsten Falle geschönte Meldungen verfasst, um ihre Position nicht zu gefährden, oder bilden die Aufzeichnungen, da sie geheim waren und in ihnen offen und schonungslos auch über Missstände geschrieben werden sollte, ein - annäherndes - Abbild der Realität im Dritten Reich? Trotz aller berechtigten Kritik sind die Berichte für die Forschung eine wertvolle Quelle und dementsprechend genutzt worden.
Bereits 1957 gab Bernhard Vollmer die Berichte der Staatspolizeistelle Aachen heraus. Mit großem zeitlichem Abstand folgten weitere Editionen zu Pommern (1974), Baden (1976), Hessen-Nassau (1985/86), Hannover (1986), Osnabrück (1995), Flensburg (1997), Brandenburg/Berlin (1998) und schließlich Oldenburg (2002). Auf Reichsebene erschienen die "Meldungen aus dem Reich", die Lageberichte des SD von 1938 bis 1945. Im Projekt "Bayern in der NS-Zeit" (1977) haben die Herausgeber eine Auswahl lokaler Berichte veröffentlicht. Des Weiteren liegen die Berichte der Berliner Justiz aus der Kriegszeit (1986) vor.
Mit der 2006 abgeschlossenen Edition der Lageberichte der Gestapo für die Regierungsbezirke Magdeburg, Merseburg und Erfurt, welche die preußische Provinz Sachsen bildeten, haben die beiden Herausgeber Hermann-Josef Rupieper und Alexander Sperk drei dicke Quellenbände mit 487, 693 und 567 Seiten vorgelegt.
Jedem Band vorangestellt ist eine kurze Einführung zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lage des jeweiligen Regierungsbezirks, zur jeweiligen Staatspolizeistelle, ihrer Mitarbeiter und ihrem Berichtswesen sowie zu den Berichterstattern und dem Berichtswesen der allgemeinen Verwaltung. Neue Erkenntnisse sind in den später erschienen Bänden ergänzt worden. Auf eine ausführliche Referierung des Forschungsstandes zur Gestapo im Allgemeinen wurde verzichtet.
Da sich die Quellenedition nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an die breite Öffentlichkeit wendet, war es Editionsprinzip, die historischen Sachverhalte - soweit das der Stand der Forschung zuließ - ausführlich zu erläutern. Die Personen aus der Region wurden biographisch "identifiziert"; wer selbst Regional- und Lokalforschung betreibt, kennt die damit verbundenen Schwierigkeiten.
Die Berichte selbst umfassen den Zeitraum von Mai 1933 bis März 1936. Die Überlieferung ist nicht nur verstreut (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Bundesarchiv), sie weist zudem Lücken auf. Mehrere Monate fehlen vollständig, andere sind nur teilweise erhalten geblieben. Die Herausgeber haben versucht, diese Lücken durch die Berichte der Regierungspräsidenten und des Oberpräsidenten der Provinz Sachsen auszugleichen, doch auch von diesen sind nicht mehr alle vorhanden. Dass die Berichte der Oberpräsidenten an der entsprechenden Stelle in allen drei Bänden abgedruckt sind, ist zwar nicht üblich und es wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen, aber für den lediglich lokalhistorisch interessierten Käufer nur eines Bandes sehr entgegenkommend. Von den untergeordneten Stellen ist offenbar nichts erhalten geblieben.
Inhaltlich folgten die Berichte der Stapostellen einem empfohlenen Schema. Im Visier der Berichterstatter waren an erster Stelle die "Gegner des Staates und der Bewegung", also Kommunisten, Marxisten (Sozialdemokraten), die evangelische und die katholische Kirche, aber auch Juden und Freimaurer. An zweiter Stelle standen die nationalsozialistische Bewegung und ihre Organisationen selbst. Besonderes Augenmerk lag auch auf der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der allgemeinen Verwaltung war zu ihrer Berichterstattung (ab Juli 1934) ebenfalls ein differenziertes Schema vorgegeben, welches auch die Kulturpolitik, Presse und Ausländer (letzteres nur bis Februar 1935) einschloss.
Die Berichte unterscheiden sich je nach Berichterstatter und den Gegebenheiten vor Ort. Die Stapostelle Erfurt berichtete ausführlicher als die beiden anderen, insbesondere über die katholische Bevölkerung im Eichsfeld, aber auch über die unzureichenden Löhne und steigenden Lebenshaltungskosten. Während der erste Leiter der Stapostelle Halle noch konkrete Angaben zu Personen und Orten lieferte, nannte sein Nachfolger meist nur noch die Vorkommnisse.
Dabei werden in den Berichten einzelne Ereignisse sehr detailliert geschildert und kommentiert, Inhalte von Flugblättern übernommen, Äußerungen von Personen zitiert, Festnahmen, Prozesse und Urteile aufgeführt. Ihre Bedeutung erhalten diese Einzelheiten dadurch, dass sie weder in der gleichgeschalteten Presse noch in den lokalen Archiven zu finden sind.
Jeweils eine Karte, ein Abkürzungsverzeichnis, eine Literaturauswahl sowie ein Personen-, ein Orts- und ab Band 2 ein Sachregister runden die gelungene Edition ab. Sie wird so manchen Anstoß für weitere Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Sachsen-Anhalt und Thüringen geben. Es ist mehr als wünschenswert, dass weitere solcher Editionen für andere Regionen folgen, denn sie sind wichtig und bedeutend für die Regional- und Lokalgeschichte.