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Die Guldenen bildet eine einzigartige Landschaftsinsel am Pfannenstiel, dem langen Hügelzug zwischen dem Zürichsee und dem oberen Glatttal.
Viele Wege führen dorthin, wenn auch nicht alle – dieses Privileg bleibe Rom vorbehalten! – Ob man von der Forch dem Bergrücken entlang zur Hochwacht geht, durch das Küsnachter Tobel zum Chüelemorgen wandert, von Herrliberg über den Hasenacker oder von Maur am Greifensee durch den Egger Berg aufsteigt, irgendwo öffnet sich dann der Blick auf die geborgene, von Wald eingeschlossene, sich in nord-südlicher Richtung erstreckende Lichtung der Guldenen mit ihren zwei Weilern, dem älteren Vorder Guldenen im Süden und dem jüngeren Hinter Guldenen im Norden.
Intuitiv kommt einem beim Namen das Wort Gold in den Sinn. Für einmal liegt die Assoziation des Hobby-Etymologen nicht weit von der Meinung der Spezialisten: Der Name Guldenen gehe vermutlich auf das mittelhochdeutsche Wort guldîn (goldfarben) zurück. Tatsächlich verleiht die Vegetation der Landschaft oft einen goldigen Teint, besonders im Spätsommer und Herbst, wenn sich die Gräser verfärben und das Buchenlaub die Gegend in gelb-goldenes Licht taucht.
Die beiden Weiler sind zweifach getrennt, topografisch durch eine in west-östlicher Richtung verlaufende Senke, politisch durch die Gemeindegrenze zwischen Maur (Norden) und Egg (Süden). Die Senke bildet einen flachen Sattelpunkt: Sowohl nach Norden als auch nach Süden steigt das Gelände an, während es nach Westen und Osten abfällt und damit die Wasserscheide zwischen der Limmat (Zürichsee) und der Glatt (Greifensee) bzw. dem Glatttal bildet. An solchen Stellen entstanden nach der letzten Eiszeit oft kleine Seen und Moore. Im Zuge der sogenannten Anbauschlacht während des Zweiten Weltkrieges wurden zur Gewinnung landwirtschaftlich nutzbaren Landes zahlreiche Moore dieser Art trockengelegt. Wie ich der alten Siegfried Karte entnehme, verschwand das Moor zwischen Vorder und Hinter Guldenen allerdings weitgehend bereits zwischen 1920 und 1925.
Umso erfreulicher, dass dort in den letzten zehn Jahren ein neues Biotop geschaffen worden ist, das jederzeit zu Entdeckungen einlädt. Ich möchte daher für einmal nicht über einen spezifischen Ausflug auf die Guldenen berichten, sondern mit Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, anhand einiger im Laufe der Zeit entstandenen Bilder gleichzeitig durch die Landschaft und die Jahreszeiten wandern.
Stellen wir uns also vor: Nebel liegt über dem Zürichsee und dem Glatttal. Im Bahnhof Meilen wartet der 922er Bus; er fährt uns in einer knappen Viertelstunde hinauf an die Sonne zum Vorderen Pfannenstiel. Am Restaurant Hochwacht und dem Aussichtsturm vorbei (er stand einst auf dem Bachtel) wandern wir dem bewaldeten Bergrücken entlang Richtung Norden zur Guldener Höchi. Ein Strässchen schlängelt sich durch die Wiesen hinunter zum Weiler Vorder Guldenen. Vor einem Haus steht der in die Jahre gekommene Landrover, mit dessen Besitzer ich vor ein paar Jahren ins Gespräch über die Welt und ihre Menschen gekommen war, als er mit seinem Fahrzeug Holzscheiter zur Feuerstelle beim Aussichtsturm auf der Hochwacht transportiert hatte. Ja, die Städter, meinte er: Manchmal könnte man ob ihrer fehlenden Einsicht in das reale Leben auf dem Land und ihrer Egomanie («Jemand wird hier dann schon aufräumen …») verzweifeln, aber er habe sich vorgenommen, darüber nicht bitter zu werden. Und bitter war er tatsächlich nicht, dafür weiser als mancher «Gstudierter».
Wenige hundert Meter weiter, beim Gerstenchrüz, befindet sich der Anfang eines kleinen, harmlos aussehenden Baches, der nordostwärts ins bewaldete Rappentobel fliesst, bei Neuhaus Forchstrasse und Forchbahn unterquert und später als «Dorfbach» bei Uessikon in den Greifensee mündet. Wahrscheinlich hätte mein Vater damals seinen Kindern geraten, in den Bach zu spucken und später beim Gang durch das Küsnachter Tobel das Gleiche zu tun, und dann hätte er uns erklärt, dass sich unsere Rappentobel-Spucke in Koblenz, wo Rhein und Aare zusammenfliessen, wieder mit der Küsnachter Dorfbach-Spucke vereinigen würde.
Soviel zur Spucke-Hydrologie. Ich gehe dem Waldrand entlang nordwärts und nehme im Sattelgrund den Weg nach Westen, der hier die Gemeindegrenze zwischen Egg und Maur bildet. Rechterhand liegt das renaturierte Feuchtgebiet, das über drei offene Wasserflächen verfügt, welche im Laufe des Sommers teilweise oder vollständig austrocknen. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass der Mensch hier ein bisschen Ökomanipulator spielt und den Wasserspiegel der Teiche künstlich reguliert. Das teilweise oder vollständige Austrocknen dieser Teiche sei gewollt, habe ich gelesen, denn nur so könne verhindert werden, dass sich in den Teichen eine Fischpopulation etabliere, welche den Laich der Amphibien fressen würde. in diesem Fall könnten Kröten und Frösche hier nicht überleben.
Allerdings gibt es auch andere Aspiranten auf Laich und Kaulquappen. Überall stehen Graureiher im Schilf und hohen Gras. Auch ein Paar Rote Milane hat in der Guldenen Quartier bezogen. Ihr charakteristischer Ruf ist allgegenwärtig; manchmal sieht man sie am Himmel ihre kunstvollen Kreise ziehen. Auch einige Störche aus der grossen Kolonie am Greifensee scheuen den Höhenunterschied zur Guldenen hinauf nicht und spazieren durch die Wiesen.
Und schliesslich lieben die Stockenten aus dem Zürich- oder Greifensee die Guldener Teiche für die Aufzucht ihres Nachwuchses. Allerdings kann dies zum Wettlauf mit der Zeit werden, falls die Teiche zu früh austrocknen und die kleinen Enten noch nicht fliegen können.
Ich stehe auf dem Steg am Rande des grössten Teiches und lasse vor meinem inneren Auge all die Erinnerungen vorbeiziehen, die interessanten Beobachtungen, die meine Frau und ich hier im Laufe der Jahreszeiten gemacht haben, aber auch Gedanken über unser Leben. Manchmal hatte ich auch Sorgen, Probleme oder Ärger in meinem geistigen Gepäck auf die Guldenen mitgebracht. Da hatte mich im Februar 2022 doch tatsächlich mein Unmut über einen (im Journal.21!) erschienen Artikel auf die Guldenen begleitet, in dem der Autor über die Maskenpflicht während der Pandemie hergezogen war. Schliesslich entschied ich mich zu einer indirekten Entgegnung und gab ihr den Titel: «Demaskierung: Morgengedanken auf Guldenen».
Den Text habe ich kürzlich wieder gelesen – ohne sachliches Bedauern. Nur dass ich damals für den Titel mein Guldener Paradies missbraucht hatte, tut mir nachträglich leid. Vielleicht leiste ich hier etwas an die Wiedergutmachung …
Unterdessen ist es Winter geworden.
Am Morgen liegen dünne Nebelschwaden über der Talmulde. Der erste, von den Langläufern sehnlichst erwartete Schnee ist gefallen, allerdings noch lange nicht genug für eine richtige Loipe, wie sie in früheren Jahren auf Guldenen jeweils während Monaten Jung und Alt erfreut hatte. Die Klimaveränderung beeinträchtigt offensichtlich nicht nur natürliche, sondern auch gesellschaftliche Biotope. Es ist stiller geworden, seitdem die Loipe nur noch während weniger Wochen offen ist – falls überhaupt. Aber auch die Schliessung des Gasthofs Hinter Guldenen vor über 15 Jahren war ein empfindlicher Schlag, umso mehr als dass trotz mehrfacher Ankündigung eine Wiedereröffnung immer noch in weiter Ferne zu liegen scheint.
Westlich von Hinter Guldenen, wo sich die Geländemulde gegen die Wolfsfgrueb senkt und der Küsnachter Dorfbach seinen Anfang nimmt, wirft die winterliche Morgensonne ihre langen Schatten auf den Schnee.
An der Hohrüti vorbei wandere ich ins winterliche Küsnachter Tobel. In meinem «Erinnerungsjahr» darf sich der Winter wieder einmal von der besten Seite zeigen. Sogar der Wasserfall unterhalb der Tobelmüli ist gefroren.
Nur schwer kann man sich vorstellen, dass dieser Bach auch zerstörerische Kraft zu entwickeln und Unheil über die Menschen zu bringen vermag, so in jenem Katastrophenjahr 1778, als sich ein Gewitter über der Forch und dem Pfannenstiel entlud und sich eine gewaltige Flutwelle durch das Tobel wälzte, welche in der Nacht mehr als fünfzig Küsnachterinnen und Küsnachtern den Tod brachte. Darüber habe ich in anderem Zusammenhang berichtet.
In Küsnacht wird der Tobel-Wanderer buchstäblich in die weite Freiheit entlassen. Ich folge dem Bach durchs Dorf bis zum See.
Als ich aufs weite Wasser schaue, kommt mir der kleine Guldener Teich mit seinen Enten und Fröschen in den Sinn. Ob wohl meine Spucke hier angekommen und dann ihren Weg zur Limmat und Aare gefunden hätte? Wie anders ist doch der Zürichsee als jener Teich. Es ist still auf dem Wasser (wir befinden uns im Winter), die Bojen schwimmen einsam wie schlafende Wasservögel. Nur an einer liegt ein Segelboot mit blauer Blache, daneben ein Gummiboot mit zwei Fischern. Das andere Ufer verschwindet im Nebel. Man muss nur die Augen zukneifen, dann ist man am Meer (dem Endpunkt aller Spucke) und gleichzeitig ganz nahe am kleinen Teich auf Guldenen.