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Am Sonntagmorgen kam ich nach Hause und fand eine Sardelle im Milchkasten vor. Jemand, vermutlich ein betrunkener Student oder Possenreisser, hatte sich den merkwürdigen Scherz erlaubt, sie auf einem Stück Zeitungspapier hineinzulegen. Ich umwickelte den Fisch angewidert mit einem Taschentuch und warf ihn in den Mülleimer, bevor ich ins Treppenhaus trat. Dort begegnete ich wie üblich niemandem; der Mieter im unteren Stock war kürzlich weggezogen. Ohne die nächtlichen Störgeräusche (mein Nachbar pflegte laut Musik zu hören) schrieb ich in diesen Stunden viel an der Doktorarbeit. Sie handelte von Metonymien bei Hoffmann. Im letzten Drittel plante ich auf einige unbekannte Werke des 18. Jahrhunderts einzugehen und mit einer Rekurrenz zu schliessen.
Aber zurück zur Sardelle. Wie ich am nächsten Tag bemerkte, hatte sie einen unerwünschten Nebeneffekt. Sei es wegen des Geruchs oder der vermeintlichen Aussicht auf eine Zwischenmahlzeit, hatten sich zwei, drei Katzen um den Briefkasten versammelt. Beim Weg zur Arbeit versuchte ich sie zu ignorieren, aber als sie abends, als ich von der ETH nach Hause kam, immer noch da sassen, verscheuchte ich die ungebetenen Gäste zischend. Einzig ein besonders aufmüpfiger Kater wollte sich nicht von der Stelle rühren – ich musste ihm mit einem Tritt nachhelfen. Er verschwand im Gebüsch auf der anderen Strassenseite, nicht ohne mich vorher rachsüchtig anzufauchen.
Die Symptome setzten ein, kurz nachdem ich in der Wohnung die Schuhe ausgezogen und hinter der Eingangstür im Flur deponiert hatte. Auf ein heftiges Jucken in der Nase folgte ein Nieser, und bald darauf tränten meine Augen, als hätte ich eine Wasabi-Nuss verschluckt. Zunächst glaubte ich an eine verspätete Reaktion auf den kalten Wind, aber als die Beschwerden eine Stunde später mit noch mehr Heftigkeit und alle gleichzeitig einsetzten, vermutete ich eine Allergie. Im Geist sondierte ich die Bestandteile des Kantinenessens. Weshalb ich nicht auf die logische Schlussfolgerung kam, dass ich den Auslöser in die Wohnung geschleppt hatte, weiss ich nicht. Aber ich muss wohl müde von der Arbeit gewesen sein.
Gegen zehn Uhr abends – ich sass noch immer mit tränenden Augen auf dem Sofa – klingelte es an der Tür. Ich schlurfte in den Eingangsflur blickte durch den Spion. Im Halbdunkel des Treppenhauses stand eine zwielichtige, vermummte Gestalt, die nicht nach einem Studenten aussah. Letztere schrieben bei mir nämlich Hausarbeiten, und es hätte wohl sein können, dass einer, verzweifelt darüber, den gestrigen Abgabetermin verpasst zu haben, vorbeischaute, um sich persönlich mit einer Schachtel Pralinen zu entschuldigen. Des enttäuschten Wunschdenkens ungeachtet öffnete ich die Tür.
Ein Mann trat ein. Er trug eine Melone samt Frack, weisse Handschuhe und bunte Hosen. Er war nicht rasiert und blickte mich mit unappetitlicher Strenge an, als fühlte er sich unwohl in dem Aufzug. Ohne Begrüssung oder ein Lächeln ging er durch den Flur in die Stube.
«Wer sind Sie?», fragte ich.
«Ich bin Priester», sagte der Mann.
« … Und? Was verschafft mir die Ehre?» Der Beruf passte, wie ich fand, nicht zu seiner Kleidung.
Er betrachtete die Vorhänge mit einem Stirnrunzeln. «Ich bin hier, um Sie von Ihrer Strafe in Kenntnis zu setzen.»
«Strafe?»
«Sie müssen wissen, das ist der höhere Wille. Ihre Strafe lautet: Allergie auf Lebenszeit.»
«Wie bitte?»
«Vor wenigen Stunden haben Sie einen Fehler begangen. Sie haben jemanden misshandelt.»
Ich verstand nicht. «Die Katze?», riet ich zögernd.
«Den Kater», korrigierte der Priester. «Sie haben ihn getreten. Das Treten eines Katers steht unter Höchststrafe. Die da lautet: Katzenhaarallergie. Auf Lebenszeit. Guten Abend.»
Der Mann nahm seinen Hut.
«Halt, warten Sie. Ich habe eine Katzenhaarallergie?» Mit brennenden Augen folgte ich ihm ins Treppenhaus. Die einzige Antwort, die ich erhielt, war das Zuschlagen der Eingangstür.
«Wann sind die Symptome das erste Mal aufgetreten?»
Ich wusste überhaupt nicht, wie ich dem Arzt den Vorfall erklären sollte. Unschlüssig sass ich im Stuhl und rutschte darin hin und her. Sollte ich den Priester in der seltsamen Verkleidung erwähnen? Oder dass ich einen Kater getreten hatte? Auf dem Weg zur Praxis hatte ich mit mir gerungen. Vielleicht bildete ich mir ja alles ein und ich hatte gar keine Allergie. Andererseits zeigte der Hauttest ein deutliches Resultat. Ich starrte auf den roten Punkt auf meinem Unterarm, der wie ein Mückenstich aussah und auch so juckte.
Der Arzt widerholte seine Frage, ich schreckte hoch.
«Vor zwei Wochen», sagte ich.
«Ja, das sieht deutlich nach einer Allergie aus», bestätigte er. «Haben Sie Katzen in der Wohnung?»
Obwohl es mich verwunderte, dass wir dieses Gespräch erst nach dem Test führten, erwiderte ich: «Nein.»
«Kamen Sie sonst mit Katzen in Kontakt?»
«Ja vielleicht», sagte ich gedehnt.
«Inwiefern?»
«Da war ein Kater vor unserem Eingang. Ich habe ihn gestreichelt.»
«Haben Sie danach die Hände zu Ihrem Gesicht geführt? Zu Nase, Mund, Augen?»
«Schon möglich …»
«Das erklärt Ihre Beschwerden. Allergiker sollten nach dem Kontakt mit Katzen die Hände waschen.»
«Gibt es denn … eine Lösung dafür? Ein Gegenmittel, oder so etwas in der Art?», fragte ich ohne viel Hoffnung.
«Eine Allergie ist keine bakterielle Infektion», erklärte der Arzt gutväterlich. «Das Beste, was Sie tun können, ist den Kontakt zu Katzen abzubrechen.»
«Sie sprechen von ihnen wie von einer Geliebten.»
«Das sind Katzen vielleicht auch», erwiderte der Arzt mit einem vieldeutigen Lächeln. «Aber jetzt haben Sie ihre Gunst für immer verloren.»
Die seltsamen Worte liessen mich stutzen. Ich sah in das Gesicht des Arztes und realisierte, dass ich die ganze Zeit mit dem Priester gesprochen hatte.
«Verloren», wiederholte er ein letztes Mal, bevor er über seinen Kittel strich und den Raum verliess.