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Beim Lesen von Ducio Trombadoris Gespräch mit Michel Foucault[1] fällt mir in dessen Argumentation die «Prozeduralisierung» seiner Begriffe auf. Foucault gehe es, wie Trombadori ausführt, bei seiner Arbeit nicht darum, ein (statisches) «System» zu konstruieren, sondern eine (prozesshafte) «persönliche Erfahrung» zu machen (S. 26). Das Subjekt als Wahrnehmungsinstanz werde einerseits in Grenzerfahrungen von sich selbst losgerissen und ent-subjektiviert (S. 27), andererseits als unendliche und vielfältige «Serie unterschiedlichster Subjektivitäten» konstituiert und so als fixe Instanz relativiert (S. 85). Mit dem Wissen, das so angeeignet wird, zielt Foucault «auf einen Prozess, der das Subjekt einer Veränderung unterwirft» (S. 52). Sowohl das erkennende Subjekt, die Erkenntnisarbeit als auch das Erkannte lösen sich in ihrer feststehenden Substanz auf und gehen in prozesshafte Bewegung über.
Genau diese Operation führt – so wie ich das verstehe – auch Jürgen Habermas aus, um den von den Vorgängern der Frankfurter Schule entsubstantialisierten «Vernunft»-Begriff neu zu fassen: «Vernunft wird nicht länger substantiell, sondern ausschliesslich als prozedurales Verfahren konzipiert.»[2] Unabhängig von der Denktradition, so scheint es, werden die zuvor als Substanz gedachten Begriffe zunehmend in einen anderen Aggregatszustand überführt, «verflüssigt» sozusagen.
Substanzgefüllte Begriffe sind statisch und in ihrer Bedeutung manichäisch: In dem Mass, in dem ein Begriff substantiell etwas bedeutet, bedeutet er alles andere nicht. Wahres wird so von Falschem klar trennbar – ganz abgesehen davon, ob die Unterscheidung auch ausserhalb der Sprache evident ist. Substanzgefüllte Begriffe eignen sich deshalb zur Führung intellektueller Kriege, die Foucault, wie er sagt «zum Lächeln» bringen, wenn er bedenke, «dass die theoretischen Bindungen eines jeden, in ihrer Geschichte betrachtet, eher konfus und schwankend sind und nicht die Klarheit einer Grenze haben, hinter die man den Feind zurücktreiben möchte». (S. 121)
Werden Begriffe dagegen prozedural gedacht, folgt zweierlei: Einerseits verlieren sie ihren als Substanz feststehenden Sinn, andererseits werden sie befähigt, differentielle Bedeutungsverschiebungen laufend zu assimilieren und so den immer flächendeckenderen Ungleichzeitigkeiten in Bezug auf Bewusstseinsstände und Informationsgrade gerechter zu werden.
Substanzgefüllte Begriffe gehörten den Zeiten an, in denen Information Mangelware war und man die spärlich eintreffenden Neuigkeiten aus der grossen Welt und lebenslang unverändert bleibende Schulweisheiten als für die Bildung notwendigen Wissenskanon vermitteln konnte. Gezielte Informationsverhinderung mittels Zensur konnte in jenen Zeiten als wirkungsvolle Repressionsmassnahme gelten. Heute gibt es Information im Überfluss und die Leistungsfähigkeit der elektronischen Speicherkapazitäten und Vermittlungskanäle wächst weiterhin exponentiell. Aktuelles Wissen zerfällt in kurzen Halbwertszeiten und wird zur begrenzt haltbaren Wegwerfware. Ob Wissen mit Bildung noch korreliert, wird immer zweifelhafter. Von Zensur zu reden ist in den hochindustrialisierten Ländern innert weniger Jahrzehnte vollkommen sinnlos geworden: Weder die vielfältigen internationalen und interkontinentalen Informationskanäle, noch die mikroskopisch kleinen Datenträger, noch die unabsehbaren Datenmengen sind von staatlichen Instanzen in Zukunft lückenlos kontrollierbar. Diese neue Zeit könnte deshalb zum Zeitalter der prozeduralen Begriffe werden.
Die Wendung von der Substanz zum Prozess kann wertkonservativ wohl als Zerfall des kognitiv präzisen Diskurses gedeutet werden, jedoch hat sie andererseits auch eine emanzipative Seite: Sie könnte der Beginn sein einer von mehr erkenntnisskeptischer Vorsicht getragenen neuen Gesprächskultur. Die Wendung zu prozeduralen Begriffen macht es notwendig, das Behaupten als zentrale kommunikative Strategie zu ersetzen durch das versichernde Nachfragen. Der Diskurs gibt nur noch dort Sinn, wo die Zeit und der Wille da ist, situative Begriffsbestimmungen vorzunehmen, sich also vorerst im Detail darüber zu verständigen, wie genau wovon die Rede sein soll: Dieser metakommunikative Prozess, bis hinunter zum einzelnen Begriff eine gemeinsame Sprache zu finden als Voraussetzung für das Gespräch, gewinnt an Bedeutung.
Mit den substantiellen Begriffen ist auch das Zeitalter der grossen, allgemeingültigen Aussagen untergegangen. Apodiktische Formulierungen können ernsthafterweise nur noch spielerische Angebote zur Begriffsklärung sein. Wer apodiktische Aussagen mit manichäischem Ernst verbindet, will – das zeigt die Geschichte – nicht kommunizieren, sondern Macht ausüben. Gegen solch rhetorische Machtusurpation helfen – damals wie heute – keine Argumente. (Das ist die Falle, in die die IdealistInnen des politischen Diskurses fortwährend gutgläubig treten, wenn sie mit dem besseren Argument in die Realpolitik eingreifen wollen: Sie glauben, so scheint es, auf diesem Feld sei mit besseren Argumenten allein etwas zu erreichen).
[1] Michel Foucault: Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio Trombadori, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1996.
[2] Helga Gripp: Jürgen Habermas, Paderborn/München/Wien/Zürich (UTB Schöningh). 1986, S. 129f.
(10./11.7.1997; 29.11.+04.12.2017)