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Pfahlbaumuseum
Das Fraubrunnenhaus und das dazugehörende Pfahlbaumuseum Dr. h.c. Carl Irlet in Twann am Bielersee sind in gewissem Sinn Teil der Biographie von Annelise Zwez
Der Renaissance-Bau im Zentrum des Dorfes war in gotischen Zeiten Herbsthaus des Frauenklosters Fraubrunnen, nach der Reformation (1528) verbrachten die Landvögte von Fraubrunnen die Herbst-Wochen (die Erntezeit der Trauben)im Haus. Nach dem Brand von 1570 wurde das Haus vergrössert wieder aufgebaut und erhielt seine heutige Fassade. Die Dachkonstruktion von 1572 ist original erhalten. Um 1730 und um 1835 wurde das Haus südwärts hufeisenförmig vergrössert und um 1880 wurde im Parterre ein Ladengeschoss und ein Magazin eingerichtet.
Nach dem Fall der Ancienne République de Bern wurde das Haus privatisiert (1804) und gehört seither der Familie Irlet respektive Mörikofer+Zwez.
Im Haus befindet sich insbesondere das Pfahlbaumuseum Dr. h.c. Carl Irlet, in dem seit ca. 1935/1940 Artefakte aus der Pfahlbauzeit ausgestellt sind (Originalzustand).
Im Seebutz 2005 erzählt Annelise Zwez von der Beziehung des Hauses und seiner Bewohner zu den Pfahlbauern:
Als die Hellebarden noch von den Pfahlbauern stammten
Schon Mitte des 19. Jahrhunderts zog die Archäologie ins Fraubrunnenhaus in Twann.
Gefundenes und Erinnertes
Dann und wann sieht man vom fahrenden Auto aus Menschen, die sich mit einem Kissen unter den Ellenbogen über die Fensterbrüstung ihres Hauses lehnen und dem Verkehr zuschauen. Kommen und Gehen ist etwas ewig Faszinierendes. Am Bielersee, insbesondere am Nordufer, war die „Strasse“ bis ins 19. Jahrhundert primär der See, das Wasser.
Es war bis zur Juragewässerkorrektion auch noch viel näher an den Dörfern. Doch selbst heute klingt das Gefühl von Ferne, von Geheimnis, von Kommen und Gehen noch an beim täglichen Kontrollblick über das Wasser.
Diese Verbundenheit mag einer der Gründe sein, dass die Pfahlbauer, die vor 5000 Jahren (man vergegenwärtige sich, was diese Zahl heisst!) an diesem Wasser lebten, geradezu allgegenwärtig sind. Welcher Forschungszweig kann sich schon rühmen, dass jeder seiner Schritte öffentliches Interesse auslöst. Und dies seit mehr als 150 Jahren.
1846 wunderte sich der St. Petersinsel-Schaffner Wilhelm Irlet (1802 – 1857) – der Ur-, Urgrossvater der Schreibenden, dass er auf einer erhöhten Stelle mit Pfählen in der Bucht vom „Mörigeneggen“ Bruchstücke von Vasen fand. Warum er, offenbar häufig, von der Petersinsel nach Mörigen ruderte, vielleicht auch segelte, wäre zu hinterfragen.
Im Themenzusammenhang interessanter ist, warum wir von seiner Beobachtung schriftlich Kenntnis haben. Denn Irlet erzählte Oberst Schwab und Emanuel Müller lediglich davon. Doch 1865 brach unter den Altertumsforschern ein Disput aus, wer die Pfahlbaustationen am Bielersee entdeckt habe. Worauf sich Oberst Schwab korrigierend einmischte indem er dem Zürcher Ferdinand Keller schrieb, dass Wilhelm Irlet ihm bereits 1846 von seinen Funden berichtet habe. Damit wurde aus der mündlichen eine schriftliche Überlieferung. Gut gab es den Streit.
Es frägt sich indes wie Schwab, Müller und Irlet miteinander in Kontakt kamen und warum Rebschaffner Irlet überhaupt erkannte, dass das da im Mörigeneggen ein besonderer Ort sein musste. Zuvor waren ja sicher auch viele da, nur reagierte keiner. Nun, das 19. Jahrhundert brachte trotz grossen wirtschaftlichen Problemen im Nachgang zu Napoleon Vieles. Zum Beispiel erste Ansätze von Tourismus auf die St. Petersinsel.
Weil es so schwierig war mit den Insel-Reben, die Wilhelm Irlet für die Burgergemeinde Bern verwaltete, genügend Geld zu erwirtschaften, versuchte er Gäste auf die Insel zu locken, für Ferien gar (glücklicherweise ist im Nachlass Wilhelm Irlets Schriftliches dazu erhalten). Warum also nicht annehmen, dass sich auch Oberst Schwab und Emanuel Müller einmal auf der Insel bewirten liessen und die drei dabei ins Gespräch kamen.
Sie müssen sich gut verstanden haben, denn der Kontakt, wie immer er zustande kam, blieb erhalten, auch nachdem Wilhelm Irlet kurz darauf in sein Haus in Twann zurückkehrte; das sogenannte Fraubrunnenhaus, das sein Vater, Buchsee-Schaffner Sigmund Conrad Irlet (1757–1834) im Jahre 1804 vom Staat Bern ersteigert hatte und wo sich seit den 1930/40er Jahren das Pfahlbaumuseum Carl Irlet befindet.
Einst war das Haus Rebsitz der Klosterfrauen von Fraubrunnen und nach der Reformation Herbsthaus der Landvögte von Fraubrunnen. Bis Napoleon der „Ancienne République de Berne“ den Garaus machte und das Haus in Twann überzählig wurde. Ein geschichtsträchtiges Gebäude, in das sich Schwab und Müller um 1850 offenbar gerne einladen liessen. Warum nicht Forschung und Genuss miteinander verbinden? Zumindest gibt es die Legende, dass da gewaltig gefeiert wurde.
In einem Brief vom 28. August 1950 schreibt der Enkel Wilhelm Irlets, alt Pfarrer Dr. h.c. Carl Irlet (1879–1953), an Werner Bourquin, Konservator des Museums Schwab in Biel, Folgendes: „Schwab war übrigens ein häufiger und gern gesehener Gast im Fraubrunnenhaus in Twann. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie mein Vater (Amtsrichter Karl Irlet, Anm. von azw) zu meinen Bubenzeiten noch immer recht beeindruckt von den „Pfahlbauerabenden“ in der Halle, an denen Oberst Schwab mit Mitinteressenten erschienen war, erzählte; oft seien die Herren, wenn die ‚Begeisterung‘ etwas hoch gestiegen war, mit Hellebarden und anderen mittelalterlichen Waffen, die mein Grossvater (Wilhelm Irlet, Anm. von azw) vom Estrich heruntergeholt hatte, nach Biel zurückgekehrt und einmal habe es sogar zu einer vollständigen Ritterausrüstung gereicht.“
Nun, „take with a pinch of salt“, aber für das Fraubrunnenhaus und die Familie Irlet bezeichnend ist, dass zumindest eine dieser Hellebarden, die wohl eher aus dem historienfreudigen 19. Jahrhundert als dem Mittelalter stammt, etlichen Wurmattacken Stand hielt und noch heute in jener Halle hängt, wo einst besagte Feste gefeiert wurden.
Und klar macht die Geschichte auch, dass die Pfahlbauer wirklich schon vor mehr als 150 Jahren ins Fraubrunnenhaus „einzogen“ und damit eine Tradition begründet wurde, die wohl einmalig ist. Denn mehr noch als sein Vater wurde Amtsrichter und Handelsmann Karl Irlet zum Liebhaber-Pfahlbauforscher und -historiker. Während Altertumsfunde von Wilhelm Irlet nicht belegt werden können, gibt es zu den Funden von Karl Irlet zahlreiche Kästen, Belege, Fotos, Briefe usw.
Und vor allem hat er seine Leidenschaft seinem Sohn vererbt, der die private Pfahlbauforschung der Familie in den 1930er Jahren durch ein Museum öffentlich machte. Dieses befindet sich – Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Zu-Fällen – noch heute im Originalzustand der 1930er bis ’50er Jahre. Und längst Geschichte in der Geschichte erzählt.
Nicht nur was die Original-Elektrifizierung des Raumes (um 1911), die Möbel und die typisch ornamentale Anordnung der Artefakte anbetrifft, sondern zum Beispiel auch der Bemühungen, Holz aus der Zeit der Pfahlbauer zu konservieren. Entsprechende Versuche endeten bis um 1950 jeweils kläglich, sei es dass das Holz „versteinerte“ oder die „Fette“ mit welchen man das Holz behandelte, auskristallisierten und das Holz in sich aufsogen.
Doch zurück ins 19. Jahrhundert, denn noch ist die Frage nicht beantwortet, warum sich Wilhelm Irlet in den 1840er Jahren bei seinen Entdeckungen dachte, das, was er da sehe, sei so ausserordentlich, dass er Fachleuten davon Mitteilung machen müsse. Wobei er möglicherweise an keltische Überreste dachte, denn die Geschichte der Ursiedler am See war ja noch weitestgehend unbekannt.
Aber, Wilhelm Irlet wuchs im sogenannten Buchsee-Haus auf, dem uralten Herbstsitz des Klosters Münchenbuchsee respektive (analog dem Fraubrunnenhaus) der Landvögte von Buchsee. Und dieses Haus war akut bedroht, denn an die Dorfkirche angebaut, sollte es dem Bau der ersten Strasse durch Twann weichen. Obwohl diese erst 1835/1936 realisiert wurde, war schon die Motivation seines Vaters (Sigmund Conrad Irlet), das Fraubrunnenhaus anno 1804 zu ersteigern, just diese Strasse.
Doch die Familie blieb im Buchseehaus bis die Spitzhacker kamen. Das hat im jungen Wilhelm Irlet zweifellos den Sinn für den Wert von Geschichtlichem gefördert, jedenfalls weiss man, dass er bei einer Versteigerung von Gegenständen aus dem Buchseehaus solche selbst gekauft hat, um sie ins Fraubrunnenhaus zu bringen. Wie sollte er da nicht „Vasen, meistens Bruchstücke“ wie es in Schwabs Brief heisst, in denselben Kontext stellen. Umsomehr als das 19. Jahrhundert weltweit ein Archäologie-Jahrhundert war und man davon sicher auch in der Region erfuhr.
Sohn Karl Irlet war erst 12 Jahre alt als sein Vater 1857 starb, doch da war der „Virus“ bereits übertragen. So richtig zum Ausbruch kam die Altertums- und Sammlerprägung allerdings erst als er das Fraubrunnenhaus zusammen mit seiner Frau, Louise Irlet-Feitknecht, übernahm. Seine Schwestern hatten, der Zeit entsprechend, in die Familien ihrer Männer eingeheiratet und die zwei Brüder waren nach Amerika ausgewandert.
Karl Irlets „Pfahlbauzeit“ ist somit nicht Teil der grossen Welle nach der Juragewässerkorrektion, sondern setzt erst ab den 1880er Jahren ein. Dies jedoch mit dem Eifer, den alle Liebhaber-Pfahlbauforscher rund um den See auszeichnen. Jedenfalls berühren die „wissenschaftlichen“ Bemühungen, wie man sie nicht nur bei Karl Irlet findet. 1899 zum Beispiel wurde ein amtliches „Circular“ verschickt, das die Liebhaber-Sammler nach Fundgegenständen am Nordufer fragte (die meisten Funde des 19. Jahrhunderts stammen vom flachen Südufer).
Karl Irlets Antwortbrief ist als Entwurf erhalten. Er schreibt u.a.: „Nachfolgende art wurden ca. 10 Minuten unterhalb von Twann aufgefunden. Nº 1 ist ein kleiner vierkantiger, eiserner Dolch. a und b sind Beste der hölzernen Griffe, 2 3 4 5 sind eiserne Messer. Nº 4 zeichnet sich durch eine grössere Breite und eine ziemlich tiefe Rinne am oberen Theil … Nº 11 ist ein Klappmesser mit eisen Klinge und broncenem Griff, sehr hübsch … usf.
Es sind nicht alle Altertumsfunde von Karl Irlet im Fraubrunnenhaus erhalten; vermutlich hat er, um das Studium seines Sohnes zu finanzieren, anfangs des 20. Jahrhunderts einiges verkauft. Doch gerade das wiederum hat seinen Sohn Carl Irlet, als er in den 1930er Jahren definitiv ins Fraubrunnenhaus übersiedelte, innerlich verpflichtet, dem Pfahlbauererbe Sorge zu tragen und es mit den eigenen – den seit langem schon getätigten und den künftigen – Funden zu verbinden, öffentlich zu machen und durch Zukäufe zu mehren.
Ihn charakterisierende Zukäufe
Die Lüscherzer Bauernfamilie Dubler – ein bestbekannter Name in der Pfahlbausammler-Szene – geriet in den 1940er Jahren in finanzielle Schwierigkeiten als ihr Lastwagen zusammenbrach. Carl Irlet finanzierte den neuen und übernahm dafür Teile der Pfahlbausammlung und integrierte sie ins Museum. So war beiden gedient. Dank guter Beschriftung ist heute noch klar, um welche Stücke, oft herausragend schöne, es sich handelt.
Vater Dubler fand auch 1952 die legendäre Holzkeule, die Carl Irlet ins Landesmuseum gab, um sie fachmännisch zu erhalten, was inzwischen chemisch möglich geworden war. Es gäbe ähnliche Geschichten mehr. Und viele harren im grossen Fraubrunnenhaus, in dem man bis heute nicht entsorgt, was vielleicht und unter Umständen irgend einmal Dokument einer Zeit sein könnte, noch immer ihrer Entdeckung.
Mit dem Tod von Carl Irlet (auf der Pfahlbaustation Lüscherz!) kam der Dornröschenschlaf für die Pfahlbauer im Fraubrunnenhaus. Zwar empfing auch die nächste Generation immer wieder Gäste und öffnete das Museum an den Twanner „Läsersunntige“, doch alles blieb bis ins Detail wie es war.
Mit mulmigem Gefühl erinnert sich die Schreibende, wie zu ihrer Kinderzeit jeweils im Herbst das muffige Museum geöffnet werden musste, wie kalt es da war und wie in ihren Augen alles so fürchterlich altmodisch wirkte. Doch Dornröschenschlafe sind auch eine Chance. Spätestens zu Beginn der 1990er Jahre, als mehr und mehr Kunstschaffende zu Besuch ins Fraubrunnenhaus kamen und alle ausnahmslos mit ah! und oh! auf das Museum reagierten, begann der Sichtwechsel der Verfasserin.
Heute ist das „so lassen“ nicht mehr einfach Dornröschenschlaf, sondern stilles und bewusstes Erhalten eines musealen Zeugnisses, das es anderswo kaum mehr gibt. Nur ganz leise weht ein Hauch Ironie durch das Museum, dort wo Fotos von Heini Stucki Gegenwart und Vergangenheit verbinden, wo vom Bieler Künstler Berndt Höppner an einer Schnur aufgereihte, moderne Fundstücke mit alten Spinnwirtel-Bündeln konkurrieren. Weitere Werke von Max Matter, Barbara Graf, Marie-Françoise Robert, Valerie Heussler, Andrea Wolfensberger, Heidi Widmer, Peter Rösch, Romana del Negro, Heiner Kielholz, Jürg Altherr, Aurélie Jossen, Lorenzo lekou Meyr, Hannah Külling, Guido Nussbaum, Esther-Lisette Ganz und Véronique Zussau lassen heute unterschwellig einen subtilen Dialog zwischen Pfahlbaukultur und zeitgenössischer Kunst erkennen.
Eines Tages werden die Stoffe reissen, auf welche die Pfeilspitzen und Harpunen aufgenäht sind. Bereits mussten da und dort Beschriftungen in aller Eile abgeschrieben werden, da das Papier der Generation von Amtsrichter Karl Irlet langsam zerfällt. Die Steine, wohl auch die präparierten Hornstücke und die Knochen und die versteinerten Schädel werden aber gewiss noch manche Generation überleben.
Information: Wer das Museum respektive das Haus besichtigen möchte, kann sich über „Kontakt“ mit der Schreibenden in Verbindung setzen.