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Ein Haus aus einer anderen Zeit
In Tokio dominiert die Moderne. Regelmässig entstehen höhere und eindrücklichere Wolkenkratzer (Asienspiegel berichtete). Die japanische Hauptstadt erlebt eine ständige architektonische Neuerfindung. Noch im 19. Jahrhundert war diese Millionenstadt aus Holz gebaut. In der Meiji- und Taisho-Zeit (1868 bis 1926) folgten Gebäude im westlichen Baustil. Schliesslich wurde Tokio im 20. Jahrhundert gleich zwei Mal – beim Grossen Erdbeben 1923 und während des Zweiten Weltkriegs – dem Erdboden gleichgemacht, um jedes Mal neu aus der Asche zu erstehen (Asienspiegel berichtete).
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Es ist diese Geschichte der wiederholten Zerstörung, die Tokio zu einer zukunftsgerichteten Stadt gemacht hat. Dem Denkmalschutz schenkt man wenig Aufmerksamkeit. Und trotzdem gibt es in Tokio Bauwerke, die selbst die grössten Katastrophen und die Euphorie des wirtschaftlichen Hochwachstums überstanden haben. Der Bahnhof Tokio, das Wakō-Kaufhaus in Ginza, das Meiji Seimei Kan, die Brücke Tokiwabashi (Asienspiegel berichtete) oder der ehemalige Hauptsitz der US-Besatzungsbehörde, das Dai-Ichi-Life-Gebäude (Asienspiegel berichtete), sind solche raren Beispiele.
Ein Haus aus einer anderen Zeit
Ein kleineres aber ebenso bedeutendes Bauwerk befindet sich unweit des Bahnhofs Shimbashi im Zentrum von Tokio. Inmitten zahlreicher Neubauten aus der Nachkriegszeit steht bei einer Kreuzung das Hori Building (siehe Foto oben). Es ist ein architektonisches Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Die abgerundete Form, die mit Fliesen verkleidete Fassade, die Ornamente, die bescheidene Bauhöhe und der kleine Turm fallen in dieser Umgebung auf. Über dem Erdgeschoss steht die Aufschrift Hori Shōten, das «Hori-Geschäft». Das Baujahr ist 1932. Der Auftraggeber war das Unternehmen Hori, ein Hersteller von Schlössern und Metallbeschlägen. Neun Jahre zuvor war an selber Stelle der Hauptsitz durch das Grosse Erdbeben zerstört worden. Anstatt auf Holz setzte man bei diesem Neubau auf eine moderne Formensprache und Stahlbeton, der Feuer und Erdbeben standhalten sollte.
Bei der Einweihung war es das grösste Gebäude in der unmittelbaren Nachbarschaft (hier einige historische Fotos). Im Erdgeschoss waren die Geschäftsräume, im ersten und zweiten Stock die Büros und im dritten Stock die Wohnung der gleichnamigen Besitzerfamilie. Ganz im Stil der traditionellen Machiya-Häuser (Asienspiegel berichtete) wurden Geschäfts- und Wohnbereiche vereinigt.
Ein nationales Kulturgut
Die Firma und das historische Gebäude haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs wie auch den ungebremsten Wiederaufbau überlebt und bestehen bis heute. 1998 wurde das Hori Building sogar zum nationalen Kulturgut erklärt, als ein repräsentatives Beispiel für den Baustil der frühen Showa-Zeit (1926 bis 1989). Noch bis ins vergangenen Jahr nutzte Hori das Erdgeschoss. Auch die 86-jährige Präsidentin der Firma wohnte im vierten Stock. Doch das Gebäude war in die Jahre gekommen. Ein Netzkonstruktion schützte die Passanten vor herunterfallenden Elementen. Es war Zeit für einen Neuanfang. Das Hori Building wurde der Firma Takenaka, die sich auf die Erhaltung historischer Bauten spezialisiert hat, verpachtet. Die Präsidentin zog um.
Seit Ende März 2021 sind die aufwendigen Restaurationsarbeiten vollbracht. Die Fassade, die Ornamente und die Aufschrift Hori Shōten erstrahlen in altem Glanz. Im Innern wurden die Räumlichkeiten modernisiert und gleichzeitig historische Elemente erhalten. Das Gebäude dient neu als Coworking-Space. Derweil ist aus dem Erdgeschoss eine Lounge und ein Veranstaltungsraum geworden. Mit der Restaurierung des Hori Building hat Tokio ein kleines Fenster in die eigene architektonische Vergangenheit mit viel Liebe bewahren können. Es ist ein schönes Beispiel für gelungenen Denkmalschutz in einer sich ständig wandelnden Metropole.
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