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Thomas Gottstein vom Golfclub Schönenberg bei Zürich war 21-jährig, als er 1985 an der Golf-Europameisterschaft der Junioren mitspielte. Er schaffte das beste Einzelresultat im Feld. Hinter ihm lagen die etwa gleichaltrigen Konkurrenten José María Olazábal, Colin Montgomerie und Jesper Parnevik.
Golfexperten unter den BILANZ-Lesern zucken nun zusammen. Wer besser spielt als Olazábal, Montgomerie und Parnevik, der spielt verdammt gut. Die drei gehören auch heute noch zu den besten Profis auf der Tour. José María Olazábal gewann beispielsweise das Masters in Augusta, Colin Montgomerie das Volvo Masters in Valderrama, Jesper Parnevik das Phoenix Open. Alle drei siegten im Ryder Cup, dem grössten Golf-Event dieses Planeten.
Thomas Gottstein wurde nicht Golfprofi, er blieb Amateur, wurde ein paar Mal Schweizer Meister, ging an die Uni, ins Banking. Heute arbeitet er als Managing Director für die Credit Suisse in London, in den Equity Capital Markets, also im Bereich IPO, Kapitalerhöhungen, Wandelanleihen. Gottstein ist zuständig für die Schweiz, Benelux, Skandinavien und Österreich.
Golf spielt er nur noch privat und gelegentlich mit Businesspartnern, insgesamt vielleicht zehnmal im Jahr. Vor allem seit er Vater geworden ist, fehlt ihm die Zeit.
Gottstein ist dennoch der beste Golfer unter den Topmanagern des Landes. «Golf ist wie Schwimmen», sagt er, «wenn man es als Kind einmal gelernt hat, verlernt man es niemals mehr.»
Dies tönt in den Ohren von uns gemeinen Durchschnittsgolfern wie blanker Hohn. Der Vergleich mit dem Wassersport kann für uns allenfalls darin liegen, dass wir auf dem Golfplatz dauernd und unerwartet ins Schwimmen geraten, regelmässig also im Wald landen statt auf dem Fairway und im Sandbunker statt auf dem Green. Um einem Nichtgolfer die Probleme auf den Fairways und Greens zu erklären, taugt am besten der etwas blöde Golfwitz mit den zwei Ausserirdischen.
Zwei Ausserirdische landen auf einem Golfplatz und schauen einem Golfer zu. Zuerst schlägt er den Ball ins Gebüsch, hackt ihn aus dem Gebüsch ins hohe Gras, schlägt dreimal drauf, bis der Ball in einen Sandhaufen rollt. Von dort drischt er den Ball in den Wald, zurück ins hohe Gras und erneut ins Gebüsch. Schliesslich spielt er den Ball auf eine ebene Rasenfläche, und nach weiteren vier Schlägen fällt der Ball in ein Loch. «Ich glaube», sagt nun der eine Ausserirdische zum anderen, «jetzt ist er in ernsthaften Schwierigkeiten.»
Solange der gemeine Durchschnittsgolfer mit seinesgleichen unterwegs ist, geht es ja noch – Schlecht und Schlecht gesellt sich halt gern. Besonders augenfällig wird der Unterschied zwischen Alltags- und Spitzengolf allerdings, wenn Spieler minderer Güte gemeinsam mit Profis antreten. Pro-Am nennt man jene Turnierform, bei der ein Profi mit drei Amateuren eine Mannschaft bildet. Zwei grosse Pro-Ams gibt es in der Schweiz, an den Omega European Masters in Crans jeweils Anfang September und das Zürich Open Mitte August im Golfclub Schönenberg.
Wenn dann etwa Rolf Dörig und Hans Vögeli, die Chefs von Swiss Life und Zürcher Kantonalbank, gemeinsam mit dem deutschen Spitzenprofi Sven Strüver über die 18 Löcher am Zürich Open gehen, ist für scharfe Klassengegensätze gesorgt. Derweil Strüver im Normalfall mit dem zweiten Schlag den Ball ein paar Meter neben die Fahne setzt, lernen die beiden Schweizer Finanzmanager die Fauna in Schönenberg besser kennen, das hohe Gras, die Hecken, die Büsche und Farne, in denen sich ihre Bälle gerne verlieren. Nicht viel besser ergeht es regelmässigen Mitspielern wie Ernst Tanner, Guido Renggli oder Christian Malaer, den CEO von Lindt & Sprüngli, Media Markt und Bank Pictet Zürich.
Auch am Pro-Am in Crans ist die Dichte an helvetischer Wirtschaftsprominenz hoch. Migros-Präsident Claude Hauser spielt hier genauso regelmässig mit wie der Berner Bauunternehmer Bruno Marazzi oder Olivier Maus von Manor.
Topmanager reissen sich um die Teilnahme an Pro-Ams. Sie tun es weniger, um die eigene Unzulänglichkeit hautnah zu erleben, als vielmehr aus Lernbegierde. Der Anschauungsunterricht während einer Runde mit einem Weltklassespieler bringt einen Hobbygolfer weiter als stundenlanges Üben auf der Driving Range, und es macht deutlich mehr Spass. Bill Clinton beispielsweise wusste dies genau und spielte darum, wann immer es ging, mit Golfgrössen wie Tiger Woods und Phil Mickelson. Dies sei der Hauptgrund, sagte er in einem Interview bei seinem Abgang, dass er der bisher einzige Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten war, der während seiner Amtszeit sein Handicap herunterspielte. Zuletzt war Clinton bei einer Spielstärke von 7.0. Damit zählt er zu den besten fünf Prozent der Golf spielenden Menschheit.
Da ja zum Golf immer diese blöden Golfwitze gehören, wollen wir auch den besten Golfwitz über Bill Clinton nicht unterschlagen. Der Pointe wegen geht er nur in Englisch: Ever heard of the Bill Clinton golf ball? It will give you a perfect lie everytime!
Falls die Clinton-These stimmt, wonach eine Runde mit einem Topspieler auch den eigenen Golfschwung veredle, wären auch Rolf Dörig und Hans Vögeli dafür lebender Beleg. Swiss-Life-Chef Dörig spielte noch im Jahre 2003 mit einem Handicap von 21.9 und verbesserte sich bei seinen rund zehn Turnieren, die er im Jahr 2004 spielte, auf 20.9. ZKB-CEO Vögeli startete mit einem Handicap von 23.2 in die letztjährige Saison und spielte sich bis Ende Jahr auf 22.6 herunter. Wenn die Hausregel gilt, wonach das Handicap etwa der Anzahl monatlicher Arbeitstage entspricht, schafften sie diese Performance trotz einer normalen Fünftagewoche.
Damit wären wir definitiv bei der Handicap-Liste der Schweizer Wirtschaftsprominenz angelangt, welche die BILANZ dieses Jahr zum zweiten Mal veröffentlicht. Hinter dem neuen Spitzenreiter Thomas Gottstein steht Vorjahressieger Benedikt Goldkamp, der CEO von Phoenix Mecano, der wie die Nummer eins auch schon als Teenager fünfmal die Woche trainierte. Vorne steht auch der ehemalige Spitzengolfer und Zürcher Anwalt Martin Kessler, der neue Präsident des Schweizerischen Golfverbands. Auch Hotelplan-Manager Roland Hansmann, Bon-Génie-Mitbesitzer Nicolas Brunschwig, Möbelunternehmer Urs Schubiger, Juwelier Franz Türler und Boris Becker, deutscher Sportunternehmer mit Schweizer Clubmitgliedschaft, gehören zur Kategorie der «Single Handicappers» mit einer Marke unter 10.0. Beste Frau in diesem Gremium bleibt Denise Stüdi von der Credit Suisse.
Besondere Achtung in der Golfszene kommt immer jenen Spielern zu, die innerhalb eines Jahres ihre Spielstärke deutlich verbessern und damit ihr Handicap stark hinunterspielen. Spitzenreiter war im vergangenen Jahr Bruno Bencivenga, VR-Präsident von Navyboot, der sich von 24.0 gleich auf 18.0 nach unten brachte. Ähnlich beeindruckend waren Urs Berger (neu: 25.6), der CEO der Schweizer Mobiliar, Peter Cornelis (26.6), Direktor von Volvo Schweiz, Käseunternehmer Stephan Baer (25.2) oder Swisscom-Geschäftsleitungsmitglied Beat Bütikofer (12.3). Hier, so wissen Golfer, wurde kräftig geübt – oder kräftig Schwein gehabt.
Im Sinne sportlicher Fairness müssen wir natürlich auch jene nennen, die neuerdings gegen Formschwäche kämpfen und sich mit steigenden Spielvorgaben betraft sehen. In diese Kategorie fiel etwa Michael Hilti (16.2), VR-Präsident des gleichnamigen Liechtensteiner Unternehmens, der ehemalige UBS-Chef Mathis Cabiallavetta (18.1), Serono-CEO Ernesto Bertarelli (16.1) oder Raymond Bär (26.2), VR-Präsident seiner Bank. Zumindest Bertarelli und Bär können Entschuldigungen vorbringen: Der eine dachte wohl wieder zu viel ans Segeln statt ans Swingen, der andere arbeitete an der Einheitsaktie statt am Einheitsschwung.
Natürlich erhebt sich auch dieses Jahr wiederum die Frage, ob golfende Manager im Vergleich mit Nichtgolfern die besseren Manager ihres Unternehmens sind. Dazu haben wir zuerst die Leistung eines Unternehmens, das von einem Manager mit Golfhandicap geführt wird, nach objektiven Kriterien zu beurteilen. Am besten dazu eignet sich der Börsenkurs. Nehmen wir also die 25 grössten Schweizer Unternehmen, an deren Spitze ein golfender CEO oder ein golfender Verwaltungsratspräsident steht. Wir betrachten ihre Kursentwicklung vom 1. Januar 2004 bis zum 7. April 2005 und vergleichen mit dem Benchmark-Index SMI.
Der Fall ist klar: Die Unternehmen mit golfender Führung haben beim Aktienkurs im Durchschnitt um 20 Prozent zugelegt, das ist mehr als doppelt so gut wie der Index. 16 von 25 Unternehmen mit golfender Führung haben den SMI geschlagen, auch das ist deutlich überproportional.
Wir können also eine wissenschaftlich absolut abgestützte Aussage machen: Golfende Manager sind bessere Manager. Sie sind für die Aktionäre sozusagen Gold wert. Eine verantwortungsbewusste Generalversammlung muss künftig jeden Kandidaten für das VR-Präsidium ablehnen, wenn sich herausstellt, dass der Kandidat einen Slice nicht von einem Hook unterscheiden kann. Dasselbe gibt für die Wahl eines CEO: Wenn er zwar einen MBA hat, dafür aber kein HCP, ist sein Handicap eindeutig zu gross. Er ist aus betriebswirtschaftlicher Sorge um das Unternehmen nicht wählbar.
Etliche Unternehmen haben dies längst eingesehen. Die grösste Golferdichte an der Firmenspitze hat hierzulande eindeutig die Bank Sarasin. Angeführt von CEO Peter Merian, den GL-Mitgliedern Andreas Sarasin, Heinz Zimmer und Franz von Meyenburg driven und putten daneben auch der Verwaltungsrat und die Direktionsebene wacker mit. Ähnliches Golfer-Gedränge herrscht in den Chefetagen von PricewaterhouseCoopers, Credit Suisse, UBS oder Diethelm Keller.
Warum das Unternehmen besser läuft, wenn der Chef Golf spielt, ist auf zweierlei Arten zu erklären. Die pragmatische Erklärung ist, dass der Chef auf dem Golfplatz nicht die Möglichkeit hat, in Dinge hineinzureden, von denen er nichts versteht, also nicht tun kann, was ein Vorgesetzter normalerweise tut.
Die etwas differenzierte Erklärung ist, dass man auf dem Golfplatz Stärken und Fertigkeiten erwirbt, die aufs Geschäft übertragbar und nutzbar zu machen sind. Benedikt Goldkamp von Phoenix Mecano nennt etwa die golferischen Dauerqualitäten wie Selbst- und Leistungskontrolle oder die Fähigkeit, nach Enttäuschungen wieder hochzukommen.
Nicht nur an der Firmenspitze, können wir anfügen, eilen Golfer von Erfolg zu Erfolg. Auch in allgemeinen Leben ist es nicht anders. Zur Beweisführung vergleichen wir einmal die demografischen Merkmale der Schweizer Fussballer und Radsportler mit jenen der Golfgemeinde. 1 669 000 Schweizer sind Radsportler, 667 000 sind Fussballer, 119 000 sind Golfer: 21 Prozent der Fussballer sind Frauen, bei den Golfern sind es 32, bei den Velofahrern 50 Prozent. Über 35-jährig sind 32 Prozent der Fussballer, 64 der Velofahrer und 65 der Golfer.
Interessant wird es dann, wenn wir die drei Gruppen in ihrem gesellschaftlichen Ranking vergleichen. 20 Prozent der Velofahrer sind in einer Chefposition, 21 sind es bei den Fussballern, 31 bei den Golfern. Matura oder Ähnliches haben 28 Prozent der Fussballer, 31 der Velofahrer und 45 der Golfer. Über 8000 Franken im Monat verdienen 41 Prozent der Velofahrer, 43 der Fussballer und 54 der Golfer.
Im Vergleich zu Fussballern und Velopetern haben wir Golfer es also beruflich weiter gebracht, wir sind besser gebildet und besser verdienend, dafür etwas reifer. Na also, wenn das keine zwingende Beweisführung war!
Golfen macht erfolgreich und ist gesund, und wir wollen zur Bestätigung dieser Tatsache mit jener berühmten Anekdote enden, die auch dem letzten Zweifler die Augen öffnet.
Gehen wir zurück ins Jahr 1923, in die USA, und stellen uns sechs Fragen.
1. Wer war 1923 Präsident der grössten Stahlgesellschaft?
2. Wer war 1923 Präsident der grössten Gas-Company?
3. Wer war 1923 Präsident der New York Stock Exchange?
4. Wer war 1923 der grösste Weizenhändler?
5. Wer war 1923 Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich?
6. Wer war 1923 der grösste Baisse-Spekulant an der Wall Street?
Und was ist 75 Jahre später aus ihnen geworden?
1. Charles Schwab, der Präsident der grössten Stahlgesellschaft, starb im Armenhaus.
2. Edward Hopson, der Präsident der grössten Gas-Company, starb geisteskrank.
3. Richard Whitney, Präsident der New York Stock Exchange, wurde aus dem Gefängnis entlassen, um zu Hause sterben zu können.
4. Arthur Cooger, der grösste Weizenhändler, starb völlig mittellos.
5. Der Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erschoss sich.
6. Cosabee Rivermore, der grösste Baissespekulant an der Wall Street, beging Selbstmord.
Im selben Jahr 1923 gewann Gene Sarazan die zwei wichtigsten Golfturniere, das US Open und die PGA Championship. Und was tat er 75 Jahre später? Sarazan war 96-jährig, spielte immer noch Golf und war mehr als wohlhabend.
Die Moral von der Geschichte: Kümmern Sie sich nicht ums Geschäft, das ist zu riskant, gehen Sie auf den Platz!