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Die Gründungsphase (1904-1913)
Die Gründungszeit der Eintracht fällt in die Hochblüte der Industrialisierung. Industrie, Handwerk und Gewerbe liefen in Rorschach um 1900 auf Hochtouren. Arbeiter aus dem In- und Ausland liessen sich in der Stadt nieder, wodurch die Bevölkerung rasch zunahm. Unterschiedliche Lohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen führten zu sozialen und politischen Spannungen. Als Folge entbrannten zu Anfang des Jahrhunderts eine ganze Reihe von grösseren und kleineren Arbeitskonflikten.
Auch die Gründung der Musikgesellschaft Eintracht im Jahr 1904 spielte sich vor diesem Hintergrund ab. Der Chronist der Stadtmusik Rorschach beschreibt die Abspaltung einer kleinen Gruppe von Musikanten von der Bürgermusik, wie sich die Stadtmusik damals nannte: "Probleme begannen sich abzuzeichnen, weil sich eine kleine Gruppe von Mitgliedern zeitweise separierte, um selbständig zu Tanzanlässen und kleinen Konzerten aufzuspielen." Dieser Verein im Verein, der sich erst "Alpenrösli" und später "Eintracht" nannte, trennte sich zwar erst 1907 formell von der Bürgermusik. Faktisch geschah die Ablösung aber schon früher, nämlich am 20. April 1904. Damals gaben sich sieben Musikanten eigene Statuten, die Gründung der Musikgesellschaft Eintracht Rorschach war perfekt!
Leider sind die Originalstatuten von 1904 nicht mehr vorhanden, doch scheinen die Gründungsmitglieder grossen Wert auf gewissenhaftes Musizieren und einwandfreies Auftreten gelegt zu haben. Die ältesten vorhandenen Statuten von 1908 führen folgenden ersten Artikel auf:
"Der Verein bezweckt durch regelmässige Übungen und öffentliche Produktionen die Förderung der musikalischen Fähigkeiten der Mitglieder sowie des musikalischen und gesellschaftlichen Lebens."
Alle Aktivmitglieder verpflichteten sich, bei Proben und Konzerten "in nüchternem Zustand zu erscheinen und während der Dauer derselben dieser Aufforderung Folge zu leisten". Ob diese hehren Absichten auch immer eingehalten wurden, lässt sich leider nicht genau rekonstruieren! Nach Aussagen eines Gründungsmitglieds war man aber "Gaumen- und anderen Freuden" nicht abgeneigt. Die Musikanten der Eintracht verdienten sich diese vor allem mit Gartenkonzerten an schönen Sommersonntagen. Lüpfige Polkas, vergnügte Schottisch-Melodien und schwungvolle Walzer sollen beim Publikum besonders angekommen sein.
Zu den Arbeitergesellschaften hatte die Eintracht ein gutes Verhältnis. Mit der Arbeiter-Union und der Gewerkschaft der Metallarbeiter reiste sie an zahlreiche Versammlungen und Feste in der Bodenseeregion. Anscheinend war die Eintracht auch beim sogenannten "Rorschacherkrawall" von 1905 beteiligt. Der Sohn des ersten Eintracht-Präsidenten schreibt in einem Brief, die Musikanten seien mit "rassigen Märschen der erzürnten Arbeiterschaft vorausmarschiert". Der Streik der Giessereiarbeiter wurde mit Truppeneinsatz beendet. Für die Einträchtler lief er glimpflich ab, kein Mitglied wurde gerichtlich belangt.
Trotz ihrer Verbundenheit mit den Arbeitern war die Eintracht niemals eine eigentliche Arbeitermusik. Einerseits war sie stets offen für Mitglieder aller sozialen und politischen Richtungen, andererseits bot sie ihre musikalischen Dienste allen Bevölkerungsgruppen an. In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens hatte die Eintracht deshalb schon zahlreiche Auftritte. Turn- und Schützenvereine, Flugsportaussteller, Chöre, der Zirkus Knie und auch der Altersverein nahmen die Dienste der Musikanten gerne in Anspruch. Neben den bereits erwähnten Gartenkonzerten und Ständchen spielte die Eintracht unter anderem in Lindau, in St. Gallen und auf dem Schloss Wartensee zu Konzerten auf.
Schnell stellten sich also erste Erfolge ein. 1907 war das Korps bereits auf 18 Musikanten angewachsen. Dadurch wurde die Anstellung eines erfahrenen, "externen" Dirigenten unumgänglich. An der Bürgerversammlung des gleichen Jahres bekam die Eintracht die erste städtische Subvention von sage und schreibe 400 Franken zugesprochen. Die Werbung von Passivmitgliedern und eine erfolgreiche Tombola halfen mit, die ärgsten Finanzlöcher zu stopfen. Mit den Einnahmen konnte die erste Uniform bezahlt werden, ein schnittiger schwarzer Zweireiher mit vielen Knöpfen. Auch Instrumente und Noten waren nötig, nahm doch die Mitgliederzahl bis 1913 auf 38 zu!
Damit noch nicht genug: Bereits 1909 wagten sich die unentwegten Rorschacher ans Musikfest in Au und übertrumpften mit "straffem Rhythmus und wenig getrübter Harmonie" sogleich alle teilnehmenden Vereine. Beim Ostschweizer Musikfest 1912 in Wil mischte die Eintracht ebenfalls bei den Besten der zweiten Klasse mit. Leider misslang das Vierwochenstück nach einem formidablen Selbstwahlstück, so dass schlussendlich doch nur der zweite Lorbeer herausschaute. Um die frühen Erfolgserlebnisse der Eintracht abzurunden, sei noch die erste Leerung der Reisekasse erwähnt. Am Vierwaldstättersee genossen die Musikanten zwei glückliche Tage.