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Anlass zu diesem Artikel ist die Ausgabe Nr. 18 der Schweizerischen Kirchenzeitung zum Thema „Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kirche und Theologie“. Dieser Rückblick auf 1,5 Jahre Coronakrise ist unbefriedigend. Etwas mehr Selbstkritik wäre angemessen. Sicher ist es im Nachhinein einfach, Kritik zu üben und zu erklären, was alles hätte besser gemacht werden können oder müssen. Wenn eine ehrliche Analyse entfällt, wird die Chance verpasst, es in einer ähnlichen Lage besser zu machen.
Der erste COVID-19 Patient wurde in der Schweiz am 15.2.2020 im Kanton Tessin gemeldet. Wenn der Staat angesichts fehlender Vorräte an Desinfektionsmitteln und Schutzmasken schon auf dem falschen Fuss erwischt wurde, dann gilt das erst recht für die Kirche.
Voreilige Einschränkungen ohne Not
Kurz bevor die ausserordentliche Lage ausgerufen wurde, limitierte der Kanton Schwyz die Gottesdienste auf maximal 99 Personen. Das galt für das Wochenende vom 14./15. März 2020. Bereits vom Kanton bewilligte religiöse Veranstaltungen mit 150 und mehr Personen wurden verboten. Das Bistum St. Gallen erliess schon am 13. März ein Dekret, das Beerdigungen nur im Familienkreis und im Freien ermöglichte. Für die Feiern in der Karwoche/Ostern wurde vorsorglich das Mitwirken von Kirchenchören und Orchestern verboten. Zudem ordnete der Bischof Handkommunion an und untersagte aus unerfindlichen Gründen am Karfreitag die Kommunionspendung. Erst am 19. März ging ein Dokument des Vatikans über den Umgang mit der Gefahr für COVID-19 an die Bischöfe. Das entsprechende römische Dekret wurde in revidierter Form am 25. März veröffentlicht. Dieses enthielt weder ein Verbot der Mundkommunion, noch der Kommunionspendung am Karfreitag.[1]
Die ausserordentliche Lage seit dem 16. März 2020
Am Montag dem 16. März 2020 rief der Bundesrat die ausserordentliche Lage gemäss Epidemiengesetz aus und verschärfte die Massnahmen radikal. Alle Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe wurden bis am 19. April 2020 geschlossen. Ausgenommen wurden unter anderem Lebensmittelläden und die Gesundheitseinrichtungen. Ab Mitternacht wurden öffentliche und private Veranstaltungen verboten. Alle Läden, Märkte, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe wie Museen, Bibliotheken, Kinos, Konzert- und Theaterhäuser, Sportzentren, Schwimmbäder und Skigebiete wurden geschlossen. Ebenso wurden Betriebe geschlossen, in denen das Abstand halten nicht eingehalten werden kann, wie Coiffeursalons oder Kosmetikstudios. Diese Massnahmen inklusive das Schliessen der Schulen ordnete der Bundesrat bis und mit dem 19. April 2020 an, d.h. bis und mit dem Weissen Sonntag!
Keine Beerdigungsgottesdienste in Unkenntnis der Erläuterungen zur Covid-Verordnung
Am 28. März 2020 erhielten wir im Dekanat eine Mail eines übereifrigen Pastoralassistenten, der den kantonalen Führungsstab Schwyz konsultiert hatte und uns die Anweisung gab, dass Beisetzungen „nur draussen auf dem Friedhof“ stattfinden können. Der betreffende doppelte am 23. April noch einmal nach und fügte hinzu: „Fürbittgebete, Rosenkranz, Gottesdienste sind auch weiterhin nicht möglich! Bitte schaut, dass ihr keine Veranstaltungen in Kirchen haltet, diese sind weiter in jeglicher Form ausdrücklich untersagt.“
Der Generalvikar Dr. Martin Grichting hatte uns glücklicherweise am 24. April eine E-Mail mit dem Link zur „Erläuterung zur aktuellen Verordnung des Bundesrates vom 22. April 2020“ zusammen mit einem Hinweis auf S. 21 Buchstabe l. geschickt. Es betrifft u.a. die Beerdigungen, gültig ab 27. April 2020.[2] Das wurde mit grosser Erleichterung aufgenommen, weil nun auch die Eucharistiefeier mit der Trauerfamilie ermöglicht wurde und nicht nur der Bestattungsritus im Freien am Grab.
Dennoch drängte sich die Frage auf, ob der Begriff „Beerdigungen“, wie er hier von der Behörde verstanden wurde, schon in früheren Erläuterungen so ausgelegt wurde. Tatsächlich ist es so, dass die Erläuterungen vom 16. und 18. März nur in aller Kürze festhalten: „Bst. l: Ebenfalls nicht untersagt ist die Durchführung von Beerdigungen, an welchen nur Familienangehörige teilnehmen (Bst. l).“
Allerdings enthält dann die Erläuterung vom 3. April, die im Internet nur mehr mit Mühe auffindbar war, den Passus, von dem wir in der Erläuterung vom 22. April erstmals erfuhren: „Ebenfalls nicht untersagt ist die Durchführung von Beerdigungen, an welchen nur Familienangehörige teilnehmen. Der Begriff «Beerdigungen» ist im Sinne dieser Verordnung als Oberbegriff zu verstehen, so dass darunter alle Formen der Bestattung fallen können. Mithin sind auch Abdankungsfeiern in der Kirche darunter zu subsumieren. Artikel 6 Absatz 3 Buchstabe l stellt einerseits eine Ausnahme vom Veranstaltungsverbot dar und relativiert mit der Formulierung «im Familienkreis» gleichzeitig auch das Verbot von Menschenansammlungen von mehr als 5 Personen nach Artikel 7c. Es gibt demzufolge keine Vorgabe betreffend die maximale Anzahl anwesender Personen, solange sie zum Familienkreis gehören“ (Hervorhebung durch den Autor).
Demnach hätten wenigstens im engsten Familienkreis mindestens seit dem 4. April Trauergottesdienste in unseren Kirchen stattfinden können. In etlichen Pfarreien hätte man diese Trauergottesdienste gehalten, wenn man nur gewusst hätte, dass sie erlaubt waren. Vielen mit der Kirche tief verbundenen Angehörigen wurde die für die Trauerverarbeitung wichtige und notwendige Eucharistiefeier und auch die Sterbegebete aus Unwissenheit vorenthalten. Für die Diözese St. Gallen ordnete Bischof Markus Büchel im Dekret Nr. 5 vom 17. April 2020 in Unkenntnis der oben genannten Erläuterung an: „Die Beerdigungsfeiern finden nur im Freien statt. Eine Feier in der Kirche oder Kapelle kann nur in Rücksprache mit den Verantwortlichen der politischen Gemeinde erfolgen.“
Verzweifelte Gläubige während der unsäglichen 5er-Regel
Als die unsägliche 5er-Regel galt, feierte ich die hl. Messe am Hochaltar mit einer Audio-Liveübertragung. Einmal zündete eine Frau im Vorzeichen (Vorraum zur Kirche) eine Kerze an. Sie merkte, dass in der Kirche die hl. Messe gefeiert wurde, sah aber, dass schon fünf Personen anwesend waren, notabene in einer Kirche, die Platz für 260 Personen umfasst. Verzweifelt ging sie ein und aus und wusste nicht, was sie tun sollte. Die unsägliche 5er-Regel lähmte das kirchliche Leben vom 17. März bis zum 27. Mai. Taufen, Erstkommunion- und Firmfeiern sowie Trauungen mussten auf die Zeit danach verschoben werden. Das sakramentale Leben der Kirche kam abgesehen von den privat zelebrierten hl. Messen praktisch zum Stillstand. Das zeigt sich auch in der Anweisung der Bischofskonferenz vom 27. März 2020: „Hausbesuche (mit oder ohne Kommunion) sind zu unterlassen. Einzige Ausnahme ist das Viaticum (Krankensalbung und Kommunion und f. Beichte für Personen, die im Sterben liegen oder sich in Todesgefahr befinden). Statt des Sakraments der Krankensalbung können Familienmitglieder dazu angeleitet werden, einen Krankensegen zu spenden.“[3]
Um das sakramentale Leben doch noch aufrecht zu erhalten, wurde in manchen Pfarreien samstags zusätzlich Anbetungsstunden mit Beichtgelegenheit und dem Empfang der hl. Kommunion angeboten. Das wurde rege benutzt.
Zudem behalf man sich nicht nur mit Livestreams, sondern lud die Leute bereits am Vortag des Palmsonntags dazu ein, ihre eigenen Palmzweige in der Kirche zum Segnen zu deponieren und diese nach dem Gottesdienst abzuholen. Das ergab dann gleich die Gelegenheit, die hl. Kommunion zu empfangen. Das wurde auch an Ostern im Zusammenhang mit dem Abholen des Osterwassers gemacht.[4]
Das II. Vatikanum hat die hl. Eucharistie als „die Quelle und den Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ bezeichnet. Allerdings, erfuhr ausgerechnet der Hohe Donnerstag des Jahres 2020 angesichts der Coronakrise mit dem Versammlungsverbot von mehr als fünf Personen eine spezielle Prägung. In die Freude über die Einsetzung der hl. Eucharistie durch Jesus Christus beim letzten Abendmahl mischte sich eine gewisse Trauer und auch Nachdenklichkeit. Es war eine ähnliche Traurigkeit, die einen im Jahr 2018 erfassen musste, als die Priorin des Klosters Fahr, Sr. Irene Gassmann, ein Eucharistiefasten für 40 Tage vorschlug. Ihr damaliger Vorschlag wörtlich: „als Kirche im Kanton Zürich, auch als Klostergemeinschaft, eine Fastenzeit zu machen. Und zwar ein Eucharistie- und Sakramentenfasten. Die Erfahrung machen, 40 Tage lang keine Sakramente zu haben. Den Leerraum, der dadurch entstehen würde, könnten wir nutzen, um miteinander im Gebet zu hören, was Gott uns sagen möchte.“[5][5] Miteinander beten, auf Gott hören, das alles ist gut und recht, aber nicht ohne die hl. Sakramente!
War das ein Omen für den eucharistischen Zwangsentzug für die Gläubigen? Dieser dauerte vom 16. März bis zum 27. Mai 2020. Das waren 73 Tage und darin befanden sich die höchsten Feiertage des Kirchenjahres. Wir machten das nicht freiwillig – es ist uns auferlegt worden. Die Gläubigen sind auf eucharistischen Entzug gesetzt worden! Diese erzwungene Fastentortur würde keine gesunde vernünftige Person römisch-katholischen Glaubens freiwillig auf sich nehmen. Sicher ist es sinnvoll und gut, die geistliche Kommunion beim Verfolgen eines Livestreams zu erbitten. Gerade das Gebot der Sonntagspflicht zeigt jedoch, dass die persönliche Teilnahme an der hl. Eucharistie mit der Gegenwärtigsetzung des Opfers Christi auf dem Altar und auch der Empfang der hl. Kommunion wichtig sind.
Ob dieser zwangsverordnete Entzug der hl. Sakramente zur Besinnung und zur Neuausrichtung zu Gott führte, lässt sich rückblickend bezweifeln. Immerhin wurde am 28. April 2020 bekannt, dass sich Bischof Peter Bürcher und Bischof Felix Gmür für eine Lockerung der zweifellos unverhältnismässigen Einschränkungen einsetzten, noch ohne Erfolg.[6]
Restaurants öffneten, Kirchen blieben auf 5er-Regel sitzen
Statt dessen konnten am 11. Mai 2020 aufgrund einer Lockerung der Schutzmassnahmen die Restaurants mit einem Schutzkonzept wieder öffnen. So durften maximal vier Personen am gleichen Tisch sitzen, während in den Kirchen nach wie vor die 5er-Regel galt! Das veranlasste wohl Bischof Felix Gmür in einem offenen Brief die rasche Öffnung der Gottesdienste für grössere Gruppen gerade auch im Hinblick auf das Hochfest Christi Himmelfahrt zu fordern.[7] Erst am 27. Mai liess sich der Bundesrat allergnädigst zur Lockerung in Kirchen bewegen, so dass Pfingsten wieder mit dem Volk gefeiert werden konnte. Als Schutzkonzept wurde die Masken- und Abstandspflicht angeordnet. Konnte der Abstand nicht eingehalten werden, mussten die Kontaktdaten aufgenommen werden. Das ermöglichte, die Erstkommunionfeiern und Firmungen nachzuholen. Es gab dann allerdings Pfarreien, die das Pech hatten und diese nach dem 25.10.2020 unter der 30er-Regel durchführen mussten.
Ab dem 22. Dezember 2020 mussten Restaurants sowie Freizeit-, Sport- und Kultureinrichtungen wieder schliessen. Am 13. Januar 2021 verlängerte der Bundesrat diese Massnahme bis Ende Februar. Die einzigen Veranstaltungen, die noch stattfinden durften, waren Gemeindeversammlungen und Gottesdienste. Letztere mit maximal 50 Personen und unter Einhaltung der Schutzkonzepte und Hygienemassnahmen. Der Synodalrat, die Exekutive der Kantonalkirche Zürich, und das Generalvikariat in Zürich empfahlen während des Lockdowns laut ihrer Webseite eine «verantwortungsbewusste Zurückhaltung bei der Durchführung von Gottesdiensten». Die Verantwortlichen von Pfarreien und Kirchgemeinden sollten «genau überprüfen, ob aufgrund der vorhandenen Schutzkonzepte und der örtlichen Rahmenbedingungen eine religiöse Feier mit bis zu 50 Teilnehmenden noch vertretbar sei». Schon am 16. Januar 2021 kündigte die umstrittene Gemeindeleiterin Monika Schmid auf Facebook an, die Sonntagsgottesdienste in ihrer Pfarrei Effretikon würden ab dem 24. Januar 2021 bis mindestens Ende Februar ausgesetzt. Ihre Pfarrei St. Martin wolle damit ein Zeichen setzen und «als Kirche keine Sonderzüge fahren», teilte sie dem Medienzentrum kath.ch mit. Ihre Begründung: «So viele Restaurants und kleine Läden ringen ums Überleben, und wir als Kirche pochen auf unser Recht, weil Gottesdienste so wichtig seien.» Sie hielt hingegen am Wortgottesdienst fest, den die Pfarrei jeweils am Donnerstag anbietet.[8] Da scheint doch die Devise des II. Vatikanums, wonach die Eucharistie Quelle und Höhepunkt des christlichen Leben ist, spurlos an ihr vorbeigegangen zu sein. Die Zurückhaltung des Synodalrates sowie des Generalvikariates Zürich ist nicht vornehm oder gar verantwortungsbewusst, sondern wird schlicht und einfach der Wichtigkeit der hl. Eucharistie nicht gerecht. Was würde ein hl. Bruder Klaus dazu sagen?
Besuchsverbot für Spitäler sowie Alters- und Pflegeheime
Am 16. März 2020 erliess der Kanton Schwyz, wie andere Kantone auch, ein generelles Besuchsverbot für Spitäler. Allen Personen wurde untersagt, Patientinnen und Patienten in einem Spital zu besuchen. Die Spitaldirektion konnte in begründeten Fällen Ausnahmen bewilligen (z.B. Eltern von Kindern, Partner von Gebärenden oder palliativen Patientinnen und Patienten). Dabei durften höchstens zwei Besucherinnen oder Besucher eine Patientin oder einen Patienten gleichzeitig besuchen.
In Alters- und Pflegeheimen galt ein generelles Besuchsverbot. Die Leitung der Institution konnte im Einzelfall in begründeten Fällen (z.B. Palliative Care) Ausnahmen bewilligen. Diese Anordnung wurde bis und mit dem 30. April 2020 angeordnet. Der Kanton Schwyz hatte zu jenem Zeitpunkt gerade mal 13 bestätigte Fälle registriert.[9]
Es gab Leute, die das Pech hatten, ohne an COVID-19 erkrankt zu sein, einen längeren Spitalaufenthalt durchstehen zu müssen. Eine Person hatte beispielsweise schon eine Odyssee von acht Wochen in verschiedenen Spitälern hinter sich, ohne dass ihre Angehörigen sie besuchen konnten. Psychisch war sie laut den Angehörigen inzwischen sehr angeschlagen. Sie weinte am Telefon, doch die behandelnde Ärztin verweigerte ihrem Dorfpfarrer einen Besuch und damit die Spendung der hl. Krankensalbung. Die Person kam danach noch einmal zwei Wochen in die Reha. Kurz nach der Rückkehr ins Alters- und Pflegeheim machte ihr psychischer Zustand die Einlieferung in eine psychiatrische Klinik nötig. Welchen Schaden durch solche Rücksichtslosigkeit angerichtet wurde, ist nicht abschätzbar. Diese Isolation hinterliess ihre Spuren. Manche Bewohner in Alters- und Pflegeheimen gaben ihren Lebenswillen auf. Es kam auch zu Suiziden. Das alles aufgrund des zwangsverordneten Liebesentzuges, den die Behörden und Leitungen der Einrichtungen angeordnet hatten. Die hauptsächliche Ansteckungsgefahr kam nicht von den Angehörigen, sondern von den Angestellten. Es gab Institutionen, die keinen einzigen Coronafall hatten und trotzdem liessen sie das Essen auf die Zimmer bringen. Das war nichts anderes als Isolationshaft mit einer freundlicheren Bedienung.
Aktion Kerze am Fenster – der einsame Papst
Die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirche in der Schweiz setzten zum Beginn des Lockdowns zusammen ein Zeichen der Verbundenheit, Gemeinschaft und Hoffnung. Sie riefen dazu auf, bis Gründonnerstag (1.4.2020) im ganzen Land jeweils am Donnerstagabend um 20 Uhr Kerzen auf den Fenstersimsen zu entzünden. Die Menschen wurden so zum gemeinsamen Gebet eingeladen. «Ein Lichtermeer der Hoffnung soll sich so durch das ganze Land ziehen», erklärte Bischof Felix Gmür, der Vorsitzende der Schweizer Bischofskonferenz. In diesem Gebet sollten für die am Virus Erkrankten, für die im Gesundheitswesen Arbeitenden und für alle Menschen, die angesichts der aktuellen Lage zu vereinsamen drohen, gebetet werden. Der Lockdown ging bis am 27. Mai weiter. Es hätten sich in dieser Zeit etliche Gelegenheiten geboten, Gebetsaufrufe zu machen oder – warum nicht an Ostern – einen ermutigenden Hirtenbrief der Bischofskonferenz zu veröffentlichen.
Vielen hat sich der Karfreitag 2020 eingeprägt, das Bild des einsamen Papstes Franziskus auf dem Petersplatz. Wegen der Corona-Pandemie wurde eine zusätzliche, elfte Fürbitte in die Karfreitagsliturgie eingefügt. In den katholischen Gottesdiensten der Welt wie auch im Petersdom wurde für alle jene gebetet, „die in diesen Wochen schwer erkrankt sind; für alle, die in Angst leben und füreinander Sorge tragen; für alle, die sich in Medizin und in Pflege um kranke Menschen kümmern; für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmitteln suchen, und für alle, die Entscheidungen treffen müssen und im Einsatz sind für die Gesellschaft, aber auch für die vielen, die der Tod aus dem Leben gerissen hat.“ Beim Ritus der Kreuzverehrung entfiel die sonst übliche lange Prozession mit Kardinälen, Bischöfen und Kurienverantwortlichen, um das Kruzifix zu küssen. Nur ein einziger Kardinal – Angelo Comastri als Erzpriester der Petersbasilika – nahm an der Liturgie teil. Einzig der Papst küsste an diesem Karfreitag das Pestkruzifix im Petersdom, das seit der Pestepidemie von 1522 in Rom besonders verehrt wird. Später am Abend ging das Bild mit dem einsamen Papst beim Kreuzweg auf dem Petersplatz um die Welt. In etwa 200 Ländern galten gleichzeitig strikte Massnahmen wie in Italien oder in der Schweiz. Das Bild des einsamen Papstes wurde auch zum Sinnbild für eine Kirche, welche die Gläubigen wegsperrt und sakramental aushungert: ein in der Kirchengeschichte in diesem Ausmass wohl einmaliger Vorgang. Sicher wäre es auch passend gewesen, am Eidg. Dank-, Buss- und Bettag 2020 und 2021 ausnahmsweise wieder einen Hirtenbrief der Schweizer Bischöfe zu veröffentlichen. Es wäre ein schönes Zeichen gewesen. Es war eine verpasste Chance, denn gerade der Bettag 2021 fiel ja ausgerechnet auf jenen Sonntag, an dem die neuen Regeln mit Zertifikatspflicht bzw. Fünfzigerregel erstmals galten. Ein Hirtenbrief mit einem Aufruf zum vereinten Gebet für Kirche und Staat wäre bestimmt auch medienwirksam gewesen.
Der staatlichen Impfpropaganda erlegen
Am 19.12.2020 wurde in der Schweiz der erste Impfstoff von Pfizer/BioNTech zugelassen, am 12.1.2021 jener von Moderna. Das wurde von staatlicher Seite geradezu euphorisch begrüsst. Mit einem „rollenden“ Zulassungsverfahren wurden die experimentellen Impfstoffe in kürzester Zeit von Swissmedic erlaubt. Immerhin war es bei der Amerikanischen Behörde FDA eine Notzulassung.
Zu beachten ist: Die Impfstoffe von Pfizer/BioNTech und Moderna wurden nicht mit Zelllinien aus abgetriebenen Föten produziert. Es erfolgten hingegen Tests der entwickelten Impfstoffe mit solchen Zelllinien. Ein gewichtiger Nachteil dieser beiden Impfstoffe ist die Tatsache, dass es sich um eine völlig neue Impfstoffklasse handelt, basierend auf einem gentechnischen Verfahren, das bisher noch nie beim Menschen so breit angewandt wurde. Die Impfstoffe von Johnson&Johnson sowie Astrazeneca werden hingegen direkt mit Zelllinien abgetriebenener Föten produziert. Die US-Bischofskonferenz rät deswegen, auf die Impfstoffe von Pfizer/NioNTech bzw. Moderna auszuweichen. Allerdings gehören beide zu einer neuen Impfstoffklasse (mRNA). Die langfristige Auswirkung ist noch überhaupt nicht erforscht.Die Glaubenskongregation hat am 20.12.2020 eine „Note über die Moralität des Gebrauchs einiger Impfungen gegen Covid-19“ herausgegeben. Sie enthält im dritten Absatz eine bemerkenswerte Einschränkung, welche die Note selber in ihrer Bedeutung für die moralische Bewertung der Impfungen relativiert: „Es ist nicht Absicht, über die Sicherheit und die Wirksamkeit dieser Impfstoffe zu urteilen – obwohl auch dies ethisch relevant und notwendig ist –, da diese Beurteilung in der Verantwortung der biomedizinischen Forschung und der Arzneimittelbehörden liegt.“ Vor diesem Hintergrund ist auch die Impfaufforderung von Papst Franziskus, wonach es ein „Akt der Liebe“ sei, sich impfen zu lassen, als verfrühte Gutheissung der Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu kritisieren. Ebenso ist seine Aussage, die Impfstoffe seien eine „Gnade Gottes“, sicher nicht eine theologisch gründlich reflektierte Aussage. Das ist schlicht und einfach Teil eines Werbespots für eine 60 Millionen Dollar teure Kampagne der US-amerikanischen Werbeagentur Ad Council, an dem sich Kardinäle und Erzbischöfe als Vertreter der lateinamerikanischen Bevölkerung in den USA, Mexiko, Honduras, Brasilien El Salvador und Peru beteiligten.[10]
Um noch einmal auf die Note der Glaubenskongregation zurückzukommen. Sie erklärt mit ausdrücklicher Billigung von Papst Franziskus, „dass die Impfung in der Regel keine moralische Verpflichtung ist und daher freiwillig sein muss. […] Diejenigen, die eine Impfung aus Gewissensgründen ablehnen, müssen sich darum bemühen, mit anderen Mitteln und Verhaltensweisen zu vermeiden, dass sie zu Überträgern des Virus werden.“[11]
Interessant ist der Umstand, dass der Bundesrat es mit keinem Wort nötig fand, seine übertriebenen Massnahmen mit dem enormen Druck auf die Ungeimpften gegenüber der Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission (NEK) zu rechtfertigten. Diese hält unmissverständlich fest: „Das Epidemiengesetz lässt einen Impfzwang nicht zu. Eine Impfung greift in die Rechte auf persönliche Freiheit, körperliche Unversehrtheit und die körperliche Integrität der Person ein, die verfassungsrechtlich (Art. 10 Abs. 2 BV), zivilrechtlich (Art. 28 ZGB) und strafrechtlich (Art. 122ff. StGB) geschützt sind. Jede Impfung setzt die freie und informierte Zustimmung der betroffenen urteilsfähigen Person (Art. 16 ZGB) voraus. Ein Impfobligatorium, das gegen den ausdrücklichen Willen einer Person zwangsweise durchgesetzt wird, stellt eine massive Grundrechtsverletzung dar.“ Die NEK gelangt zu folgendem Schluss: „Vor dem Hintergrund ihrer Erwägungen empfiehlt die Kommission, von einem Impfobligatorium für bestimmte Bevölkerungsgruppen abzusehen. Derzeit ist lediglich eine Wirkung der Impfstoffe zum Selbstschutz der betroffenen Person nachgewiesen. Einen solchen Selbstschutz für bestimmte Personengruppen allgemein zu verordnen, wäre paternalistisch und nicht zu rechtfertigen … Die NEK hält es überdies für unverzichtbar, ablehnende Haltungen in der Bevölkerung gegenüber der Impfung ernst zu nehmen, ohne deswegen Abstand zu nehmen vom Bemühen, alle Personen von den Vorteilen der Impfung zu überzeugen. Hierbei im Sinne des Nudging sanfte Massnahmen zur Beeinflussung des Verhaltens einzusetzen, ist nach Meinung der Kommission solange legitim, als diese einer ethischen Prüfung standhalten und namentlich der Autonomie und Entscheidungsfreiheit der einzelnen Person Rechnung tragen.“[12] Auch der Druck der Eidgenössischen Impfkommission auf die Kinder und Jugendlichen ist aus ethischer Sicht nicht zu rechtfertigen. Nutzen und Risiko sind abzuwägen. Wörtlich schreibt die NEK: „Es sollte davon abgesehen werden, Jugendliche mit dem Versprechen von mehr Freiheit oder der Androhung erneuter Restriktionen zu einer Impfung motivieren zu wollen.“[13]
Spaltung der Gläubigen durch die Zertifikatspflicht
Seit dem 9. September 2021 gelten in den Kirchen Einschränkungen, welche eine Spaltung der Glaubensgemeinschaft bewirken. Jene ohne Zertifikat nehmen an Gottesdiensten teil, die auf 50 Personen limitiert sind. Dann gibt es Gläubige mit Zertifikat, die an separaten Gottesdiensten ohne besondere Einschränkungen teilnehmen dürfen (max. 2/3 der Kirche belegt). Etliche Pfarreien bieten daher an Sonntagen beide Varianten an. Es gibt aber auch Pfarreien, die generell ein Zertifikat verlangen und somit einen Teil der Gläubigen ausschliesse. Das ist willkürlich und auch mit theologischen Argumenten nicht zu rechtfertigen.
Sind die aktuellen Regeln überhaupt verfassungsgemäss?
Gemäss Rechtsexperte Kaspar Gerber von der Uni Zürich gibt es für die Zertifikatspflicht mit kostenpflichtigen Tests weder im Epidemiengesetz noch im Covid-19-Gesetz eine hinreichende Gesetzesgrundlage.[14] Wenn das für die Einschränkungen in Restaurants etc. gilt, dann erst recht für die Gottesdienste. Schliesslich werden die Glaubensgemeinschaften durch die Verfassung in ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit geschützt. Zur Verordnung des Bundesrates vom 8.9.2021 gibt es bezüglich Art. 14a Abs 2 zusätzlich Erläuterungen[15], welche die religiösen Veranstaltungen betreffen. Da heisst es im Wortlaut:
Da wird die Ausweitung des Zertifikatserfordernisses mit „der aktuell stark steigenden Anzahl Hospitalisationen“ begründet und zugegeben, dass das eine Einschränkung der Grundrechte (Glaubens- und Gewissensfreiheit) bedeutet. Tatsache ist, dass die Anzahl der Hospitalisationen seit dem 20.8.2021 kontinuierlich gesunken ist. Die neuen Einschränkungen der religiösen Veranstaltungen sind daher verfassungswidrig. In Art. 15 Abs. 1 der Bundesverfassung heisst es: „Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.“ Dabei gehört die Kultusfreiheit auch dazu, denn sie ist gemäss Bundesgericht als Bestandteil und Ausfluss der Glaubens- und Gewissensfreiheit aufzufassen (BGE 129 I 74).
Die Schweizer Bischofskonferenz hat am 8.9.2021 gemeinsam mit der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz eine Medienmitteilung herausgegeben. Darin heisst es u.a.: „Die Landeskirchen danken dem Bundesrat, dass er den Zugang zu Gottesdiensten und religiösen Veranstaltungen als wichtig erachtet und die Zertifikatspflicht erst ab einer Anzahl von 50 Personen fordert. Sie erachten es als Ergebnis des Einwirkens der Kirchen bei der Landesregierung im Vorfeld des heutigen Entscheids.“[16] Demnach hätte es die religiösen Versammlungen vielleicht noch harter treffen können. Weiter heisst es: „Mit Blick auf die pandemiebedingte Situation tragen die EKS und die SBK die strengeren Schutzvorschriften mit und hoffen, dass die Massnahmen wirken. Sie werden sich weiterhin aktiv beim Bundesrat dafür einsetzen, dass Abdankungen von der Zertifikatspflicht ausgenommen werden.“ Angesichts der eindeutigen Rechtslage ist diese vorschnelle Absegnung zu bedauern. Mindestens ein Hinweis auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie der daraus resultierenden Kultusfreiheit wäre angebracht gewesen. Wenn sich in einem solchen Fall die Stimme der Kirche gegenüber dem übergriffigen Staat nicht zu Wort meldet, wann denn sonst?
[2] Die Erläuterungen sind auf folgender Webseite zu finden: www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/massnahmen-des-bundes.html
[3] Die Schutzkonzepte der SBK aus dieser Zeit und auch die entsprechenden Communiques sind auf der Webseite der SBK nicht mehr zugänglich.
[4] Das Osterwasser wurde in Flaschen abgefüllt und abgegeben. Schon im März 2020 war den Wissenschaftlern bekannt, dass das Coronavirus hauptsächlich via Tröpfchen übertragen wird und nicht durch Schmierinfektion (Türfallen etc.). Spätestens im Oktober 2020 hätten in den Kirchen die Massnahmen in dieser Hinsicht angepasst werden können.
Vgl. Dogra A., Goyal B. Sharma A.M., Corona Virus: A Novel Outbreak. Boomet Pharmakon J 13 (2020) 5-10, veröffentlicht: 16.03.2020; Riddell S, Goldie S, Hill A, Eagles D, Drew TW., The effect of temperature on persistence of SARS-CoV-2 on common surfaces. Virol J 17 (2020) 145, veröffentlicht: 7.10.2020.
[5] Interview mit Irene Gassmann, Frauen in der Katholischen Kirche: Gemeinsam mit Christus im Zentrum. Forum 06/2018: https://archiv.forum-pfarrblatt.ch/ausgaben/2018/06/gemeinsam-mit-christus-im-zentrum/?L=0
[6] Simon Hehli, Kirchenvertreter machen Druck. NZZ vom 28. April: www.nzz.ch/schweiz/ausuebung-des-glaubens-in-unertraeglichem-mass-eingeschraenkt-druck-auf-bundesrat-waechst-gottesdienste-wieder-zuzulassen-ld.1554035.
[7] Simon Hehli, Bischöfe beissen beim Bundesrat auf Granit. NZZ vom 14. Mai: https://www.nzz.ch/schweiz/bischoefe-beissen-beim-bundesrat-auf-stein-ld.1556532
[8] Barbara Ludwig, Einem Aufruf zum Trotz: Pfarreien wollen Gottesdienste feiern. kath.ch vom 2.2.2021: www.kath.ch/newsd/einem-aufruf-zum-trotz-pfarreien-wollen-gottesdienste-feiern/
[10] Domradio, Vatikan beteiligt sich mit Video an Corona-Impfkampagne: „Ein Akt der Liebe“. 25.08.2021: www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2021-08-25/ein-akt-der-liebe-vatikan-beteiligt-sich-mit-video-corona-impfkampagne
Der spanischer Werbespot mit englischer Übersetzung wurde am 17. August 2021 hochgeladen: www.youtube.com/watch?v=zY5rwTnJF0UPressemitteilung vom 18. Aug. 2021: www.adcouncil.org/press-releases/pope-francis-joins-the-ad-council-and-covid-collaboratives-its-up-to-you-campaign-to-inspire-confidence-in-the-covid-19-vaccines
[11] Kongregation für die Glaubenslehre, Note über die Moralität des Gebrauchs einiger Impfungen gegen Covid-19. 21.12.2020. www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20201221_nota-vaccini-anticovid_ge.html
[12] Nationale Ethikkommission, Covid-19-Pandemie: Die gleichberechtigte Behandlung ungeimpfter Personen ist Pflicht, Stellungnahme Nr. 39/2021 vom 26. Aug. 2021: www.nek-cne.admin.ch/inhalte/Themen/Stellungnahmen/NEK_Stellungnahme_Behandlung_Ungeimpfte_def.pdf
[13] Nationale Ethikkommission, Die COVID-19-Impfung bei Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren. Stellungnahme Nr. 40/2021 vom 8. Sept. 2021: https://www.nek-cne.admin.ch/inhalte/Themen/Stellungnahmen/NEK-CNE_Stellungnahme_Covid-Impfung_bei_Jugendlichen_FINAL.pdf