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Die weltweiten Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben den Kauf von Kleidung und vielen anderen Konsumgütern stark reduziert. Grosse Modekonzerne stornieren nun abrupt ihre Bestellungen in Bangladesch und Kambodscha und handeln damit völlig verantwortungslos. In den nächsten Monaten könnten Millionen von ArbeiterInnen arbeitslos werden. NäherInnen in Bangladesch und Kambodscha stehen ohne soziale Absicherung und Arbeitslosenunterstützung vor dem finanziellen Ruin.
In Bangladesch legten grosse Marken im letzten Monat Aufträge im Wert von 2.8 Milliarden Dollar auf Eis. Davon sind mehr als die Hälfte der Textilfabriken des Landes betroffen. Mehr als eine Million ArbeitnehmerInnen wurden voraussichtlich ihren Job verlieren. "Eine Zahl, die jeden Tag in einem noch nie dagewesenen Tempo zunimmt", sagt Sanjiv Pandita, Büroleiter von Solidar Suisse in Hongkong.
Theoretisch haben die grossen Marken "eine vertragliche Verpflichtung, für diese Bestellungen zu zahlen. Aber viele machen fragwürdigen Gebrauch von allgemeinen Klauseln zu höherer Gewalt, um ihre Verletzung der Vertragsbedingungen zu rechtfertigen", so die jüngste Studie des Zentrums für globale Arbeitnehmerrechte. "Unsere Situation ist apokalyptisch. Die Stornierungen der westlichen Textilkonzerne drängen uns in die Insolvenz, wegen ungenutzter Produktionskapazitäten und Schulden auf den Rohstoffeinkäufen.", sagte Rubana Huq, Präsidentin der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA), in einem kürzlich erschienenen Interview mit der New York Times. Kambodscha ist etwas weniger von Textilindustrie abhängig, aber auch dort ist die Situation von zehntausenden ArbeiterInnen dramatisch.
Milliardengewinne für die Konzerne, Hunger für die TextilarbeiterInnen
Sanjiv Pandita ist alarmiert und wütend: "Heute sind die ArbeiterInnen, welche den grossen Marken in den vergangenen Jahren Milliardengewinne ermöglichten, mit Armut und sogar mit Hunger konfrontiert. Die Marken müssten nun mehr tun als lediglich «bestehende Verträge» zu erfüllen.» Das heisst sie müssten finanzielle Verpflichtungen gegenüber den Arbeitnehmenden eingehen, um ihnen in dieser Notsituation einen existenzsichernden Lohn und eine soziale Absicherung zu garantieren. Ausserdem müssen die Regierungen in der Region sicherstellen, dass die ArbeiterInnen einen angemessenen Schutz, einschliesslich Lebensmittelsicherheit und Gesundheit, erhalten.
Herkulesaufgabe für lokale Gewerkschaften
Die von Solidar Suisse unterstützten zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Gewerkschaften stehen vor einer Herkulesaufgabe: Sie müssen das Social Distancing respektieren und gleichzeitig die von den Fabrikschliessungen betroffenen ArbeitnehmerInnen mobilisieren. Denn nur gemeinsam können sie gegenüber den Fabriken bzw. Markenunternehmen etwas erreichen. Die Situation ändert sich täglich ändert und mit ihr auch ihr Engagement. Die dringlichste Aufgabe ist im Moment, Nahrungsmittel an die am stärksten betroffenen Menschen zu verteilen, denn der Hunger macht sich schon bemerkbar. Auch stellen sie Schutzausrüstung wie Desinfektionsmittel und Masken zur Verfügung. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Verhandlungen mit den Unternehmen zur Verteidigung der Interessen der ArbeitnehmerInnen braucht Zeit, während die Bedürfnisse vor Ort unmittelbar sind.