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Schulsprache und Literalität im neuen Rahmen-lehrplan der französischsprachigen Schweiz
Redaktionsbeitrag | Nummer 2/2010
von Martine Wirthner
Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat die Prioritäten der Vereinbarung zur Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS) festgelegt. Dazu gehört auch die Ausarbeitung gesamtschweizerischer Bildungsstandards für die Fächer Schulsprache, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Expertenteams dieser Fachbereiche arbeiten seit 2005 an der Entwicklung solcher Standards. Die wissenschaftlichen Berichte liegen inzwischen vor, und die Vorschläge für die Standards wurden der EDK und den Projekverantwortlichen vorgestellt. Gegenwärtig werden diese Vorschläge in den Kantonen von den verschiedenen schulischen Instanzen überprüft. Die Standards sollen die Grundanforderungen für die Schülerinnen und Schüler am Ende des 4., 8. und 11. Schuljahres (gemäss HarmoS; nach bisheriger Praxis am Ende der 2., 6. und 9. Klasse) definieren.
Diese Standards bilden auch eine Grundlage für die Erarbeitung sprachregionaler Lehrpläne. Während in der französischsprachigen Schweiz bereits eine Tradition der interkantonalen Koordination bei der Lehrplanentwicklung besteht, ist diese Aufgabe für die Deutschschweiz neu: Hier hat es bis anhin keine sprachregionalen Lehrpläne gegeben. In der französischsprachigen Schweiz wurde vor kurzem ein neuer Lehrplan erarbeitet. Er hat die Vernehmlassung bereits hinter sich und steht in der Phase der Schlussredaktion. Die definitive Fassung wird demnächst vorliegen, und die Einführung in den Kantonen ist auf 2011 geplant. Somit spielen die Standards in den beiden Sprachregionen eine unterschiedliche Rolle: In der Deutschschweiz werden sie eine Arbeitsgrundlage für den neuen sprachregionalen Lehrplans bilden, für die französischsprachige Schweiz stellt sich dagegen die Frage, wie die Vorgaben des neuen Lehrplans mit den HarmoS-Standards in Einklang gebracht werden können.
In diesem Kontext veröffentlicht lesefoum.ch in der Nummer 2/2010 zwei Beiträge, die sich mit dem neuen Lehrplan der französischsprachigen Schweiz und insbesondere mit dem Bereich der Schulsprache und seinen Bezügen zum Thema Literalität befassen.
Der erste Beitrag stammt von Christian Merkelbach, dem Redaktionsleiter des Lehrplans der französischsprachigen Schweiz (Plan d’Etudes Romand, PER). Er stellt den neuen Lehrplan und daraus insbesondere den Bereich Schulsprache (Französisch) vor. Nach einer einführenden Darstellung des Kontextes der Lehrplanarbeit in der französischsprachigen Schweiz erläutert Merkelbach den Bereich «Sprachen» und das Fach «Französisch»: die zentralen Zielsetzungen, die didaktischen Grundlagen und ihre Umsetzung im Lehrplan. Abschliessend werden Bezüge wischen Schulsprache und Literalität besprochen. Wichtige Anliegen des neuen Lehrplans wie das kommunikative Grundverständnis von Sprache, die Beziehungen zwischen Lesen und Schreiben und der Stellenwert der Medien sind Beispiele für die Kompatibilität des PER mit dem Konzept der Literalität. Merkelbachs Darstellung dürfte für Fachpersonen der Deutschdidaktik, die mit der Entwicklung des neuen deutschschweizer Lehrplans betraut sind, von besonderem Interesse sein.
Da zurzeit noch kein sprachregionaler Lehrplan für die deutsche Schweiz vorgestellt werden kann, hat die Redaktion Brigit Eriksson gebeten, auf die Darstellung von Christian Merkelbach zu reagieren. Die Autorin ist Expertin für Schulsprachdidaktik und an den bisherigen und laufenden Arbeiten an HarmoS sowie an verschiedenen weiteren Projekten der EDK im Bereich Schulsprache beteiligt. Sie kennt die gesamtschweizerische Situation des sprachlichen Lehrens und Lernens sehr gut und kommentiert aus ihrer Sicht die Schwerpunkte des Lehrplans der französischsprachigen Schweiz.
Da der Text von Christian Merkelbach nur auf Französisch vorliegt, gibt Brigit Eriksson in ihrem Beitrag zunächst einen Überblick über den Inhalt des PER. Sie betont, wie wichtig es ist, den historischen Kontext eines solchen sprachregionalen Projekts zu kennen: Das nun vorliegende Dokument ist aus einem langen Prozess hervorgegangen, der auf einem kontinuierlichen theorie- und forschungsbasierten Diskurs beruht. Sie verweist insbesondere auf die besondere Bedeutung des Textgenre-Konzepts im Fach Französisch: Die Ausrichtung der Sprachförderung auf Textgenres wie erzählen, berichten, argumentieren, Wissen vermitteln und Verhaltensweisen regeln gaben schon im Kontext der HarmoS-Arbeiten Anlass zu vielen Diskussionen und bilden einen wichtigen, interessanten Unterschied zwischen der französisch- und deutschsprachigen Schulsprachdidaktik.
Auch andere Besonderheiten des Lehrplans im Bereich Schulsprache werden von Brigit Eriksson diskutiert, beispielsweise der Grammatikbegriff sowie die Beziehungen zwischen den Sprachen. In diesem Zusammenhang verweist sie auf das im PER aufscheinende Anliegen einer (noch zu entwickelnden) integrierten Sprachdidaktik. Abschliessend thematisiert sie den noch ungeklärten Bezug zwischen den Vorgaben des Lehrplans und den HarmoS-Standards sowie die Ausführungen Merkelbachs zum Thema Literalität.
Die beiden Beiträge nehmen damit Bezug auf die aktuelle Situation ind den Schweizer Schulen und sollen zu Diskussionen veranlassen. Die Redaktion würde sich über Reaktionen der Leserinnen und Leser sehr freuen. Bitte schreiben Sie uns per E-Mail an folgende Adresse: <email-pii>. Die grossen Baustellen, die sowohl auf gesamtschweizerischer als auch auf regionaler Ebene eröffnet worden sind, werden ein neues Kapitel der schweizer Schulgeschichte einleiten und verdienen es deshalb, zur Kenntnis genommen und diskutiert zu werden.
Fokusartikel 1 | Nummer 2/2010
von Christian Merkelbach
Unter der Leitung der Regionalkonferenz der Erziehungsdirektorinnen und –direktoren der französischen Schweiz und des Tessins (CIIP SR+TI) sind die Arbeiten am Lehrplan der französischen Schweiz (PER) beinahe abgeschlossen. Im Bereich Sprachen wird ein neues Curriculum für die Schulsprache (Französisch) beschrieben. Es soll die vertikale Kohärenz zwischen den Schulstufen und die Koordination mit den andern Sprachfächern (Deutsch und Englisch) sicherstellen.
Fokusartikel 1 von Merkelbach (in Französisch)
Reaktion auf den Artikel Plan d’études romand et langue de scolarisation (français): quelles options pour la littératie? von Christian Merkelbach
Fokusartikel 2 | Nummer 2/2010
von Brigitte Eriksson
Mit ihrem Beitrag reagiert Brigit Eriksson aus der Perspektive der Deutschdidaktik auf den Artikel von Christian Merkelbach zur Schulsprache im neuen Lehrplan der französischsprachigen Schweiz (PER). Der sprachenübergreifende Diskurs ist zurzeit besonders interessant, weil sich die Deutschschweiz gerade mit der Konzipierung eines sprachregionalen Lehrplans (u.a. auch für die Schulsprache) zu befassen beginnt. Brigit Eriksson kommentiert in ihrem Beitrag einige zentrale Punkte des Artikels: den Erarbeitungsprozess des PER, das Konzept der Schulsprache, die mögliche Rolle der HarmoS-Standards in der Architektur dieses Lehrplans, das Konzept einer integrierten Sprachdidaktik und Bezüge zur Literalität.
Fokusartikel 2 von Eriksson
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