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Ostschweiz, Kantone und Fürstentum Liechtenstein
Die Ostschweiz ist inklusive Fürstentum Liechtenstein mit über 900'000 Einwohnern bevölkerungsmässig die drittgrösste der 10 ISIS-Regionen – nach den im ISIS-Projekt abgeschlossenen Kantonen Zürich und Bern. Insgesamt sind bei einer Einwohnerzahl von 7,9 Millionen in der Schweiz und in Liechtenstein nun Gebiete von 3,25 Millionen Einwohnern erfasst, und zwar – mit Ausnahme der Region Basel – Solothurn – Aargau – und der Kantone Glarus, Zug, Jura und Neuenburg die am stärksten industrialisierten Kantone.
Die Ostschweizer ISIS-Bestandesaufnahme in den Jahren 2010 und 2011 zeigt gegenüber den früher erfolgten, in Bezug auf dieses Thema lückenhaften Inventaren einen Verlust an Substanz, aber auch eine verblüffende Kontinuität von vielen Klein- und Mittelbetrieben: In dieser Landesgegend sind mehr produktive Einrichtungen kommerziell oder museal erhalten als in den bisher untersuchten Gebieten. Historisch gewachsene Gewerbe- und Industrielandschaften mit Weihern, Kanälen, Pärken, Wohn- und Fabrikgebäuden haben dort überlebt, wo Basisinitiativen und der politische Wille für eine weitsichtige Planung vorhanden waren: Die acht Routen veranschaulichen diese Zusammenhänge eindrücklich.
Die untersuchten Kantone werden alphabetisch kurz vorgestellt.
AI und AR: Kantone AppenzelI Innerrhoden und Ausserrhoden
Appenzell stand im Jahre 1071 für Abbacella, für den äbtischen Meierhof der Gotteshausleute des Klosters Sankt Gallen. Zwecks Förderung der Besiedlung der voralpinen Gebiete wurde den Bauern genossenschaftliche Freiheiten gewährt. Rhoden nannten die Sankt Galler die Bezirke für die Militärpflicht und Steuererhebungen. Dagegen schlossen sich die Appenzeller in den Freiheitskriegen 1403 bis 1405 zusammen. Sie erlangten die Unabhängigkeit im Bündnis mit der Eidgenossenschaft. In der Reformation blieben die sechs inneren Rhoden beim alten Glauben, was 1597 zur Landteilung in das katholische Innerrhoden AI und in das reformierte Ausserrhoden AR führte. Die beiden Halbkantone sind sowohl flächenmässig als auch bezüglich ihrer Einwohnerzahl klein. AI hat auf 173 Quadratkilometern knapp 16'000 Einwohner, AR auf 243 Quadratkilometern 53'300 Einwohner.
Neben dem Berner Oberland ist das Appenzellerland die schweizerische Gegend, die am erfolgreichsten ein bekanntes bäuerliches Traditionsbild pflegt. Viehmärkte, Alpaufzüge mit Trachten, Bauernmalerei, alter Silvester und Volksmusik mit Örgeli, Jodeln und Zäuerlen machen das Appenzellerland für Freunde der Volkskunde attraktiv. Dabei leben im Innerrhodischen weniger als 20% der Bevölkerung von der Landwirtschaft, im Ausserrhodischen weniger als 10%. Von grosser wirtschaftlicher Bedeutung war bereits im 17. Jahrhundert die textile Heimindustrie, vorerst die Handweberei, später die Stickerei. Daneben entwickelte sich in der stotzigen Landschaft an den Bach- und Flussläufen ein unglaubliche Dichte von Gewerbebetrieben mit mechanischen Antrieben.
Thomas Fuchs erfasste im Appenzellerland für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht weniger als 250 Wassermühlen. Das ist im Vergleich zum früh und hoch industrialisierten Kanton Zürich eine dreifach so hohe Dichte. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Herisau zu einer der ersten Industriestädte der Schweiz, viele Appenzeller Dörfer verwandelten sich von Bauern- und Industriedörfer. Parallel dazu bauten die beiden Kantone eine sehr aufwändige Verkehrsinfrastruktur mit Brückenkonstruktionen von internationalem Pioniergeist. Anerkennung über die Grenzen hinaus erlangten die Teufener Brückenbaumeister Grubenmann. Im Appenzellerland entstanden zudem einige der frühesten Gebirgsbahnen mit Zahnradantrieb und mit Meterspur in der Schweiz und die erste Personenluftseilbahn mit langfristigem Betrieb.
FL: Fürstentum Liechtenstein
Liechtenstein ist ein Kleinststaat im Alpenraum, der eng verbunden ist mit dem Kleinstaat Schweiz. Gemeinsam sind den beiden Ländern der Schweizerfranken und die Dominanz des Bankwesens. Gesprochen wird Schweizerdeutsch, wobei eine sehr restriktive Einbürgerungspolitik dazu geführt hat, dass auf 24'000 Bürger halb so viele ausländische Einwohner kommen – ohne die Grenzgänger. Die Anlehnung an die Schweiz ist ebenso jüngeren Datums wie das Fürstentum selbst. Das Ländle kam 1712 durch Verkauf an das Adelsgeschlecht der Fürsten der niederösterreichischen Burg von Liechtenstein. Es blieb katholisch und stark nach Österreich ausgerichtet – bis 1842 betrat keiner der Fürsten das Ländle am Rhein: Dann musste die Unzufriedenheit der verarmten Bevölkerung besänftigt werden. Die Leibeigenschaft war erst 1808 abgeschafft worden, 1849 entfielen auch die Frondienste und die Lehenszinsen. Seit 1862 ist Liechtenstein eine konstitutionelle Monarchie.
Der Zusammenbruch des österreichisch-ungarischen Reichs im Ersten Weltkrieg führte danach zur Annäherung an die Schweiz. Die Schweizer Industriellenfamilien Jenny und Spoerry hatten die Wirtschaft mit den damals grössten Fabriken des Landes in Triesen und Vaduz schon zuvor dominiert. Sie fanden im Ländle billige Arbeitskräfte, an den Gebirgsbächen reichlich Wasserkräfte und dank der Mitgliedschaft Liechtensteins in der Zollunion optimale Exportmöglichkeiten. 1938 war Franz Josef II der erste Fürst, der ständig Wohnsitz in Liechtenstein nahm. Mit Steuervergünstigungen förderte er die Industrie, welche in den 1960er Jahren über die Hälfte der Arbeitsplätze anbot. Unter seinem Sohn Hans-Adam II wurde Liechtenstein eine wichtige Finanzdrehscheibe. Die Spekulation mit dem zerstückelten Grundeigentum liess das Baugewerbe überdimensional wachsen und mangels Baureglementierung entsprechende Siedlungsstrukturen entstehen. Allerdings sorgten die Kulturförderung und eine aktive Denkmalpflege auch für qualitätvolle neue Architektur und für die Erhaltung der wichtigsten Kulturgüter – selbst im Industrie- und Verkehrsbereich.
TG: Kanton Thurgau
Das Kantonsgebiet umfasst den längsten Anstoss eines schweizerischen Kantons an den Bodensee, den Hügelkamm des Seerückens, das Thurtal mit den Unterläufen der Zuflüsse aus dem Kanton St. Gallen und den Hinterthurgau im Einzugsgebiet der Murg. Zur römischen Zeit gab es am See Kastelle bei Eschenz, Kreuzlingen und Arbon. Im mittelalterlichen Herzogtum Schwaben bildete der Thurgau eine Grafschaft, welche 1460 bis 1499 von den Eidgenossen erobert wurde – ohne Konstanz. Lastsegelschiffe ermöglichten einen florierenden Handel mit Salz, Werkzeugen, Korn, Obst und Millionen von Rebstecken. Zwinglis Reformation setzte sich mit dem Versprechen auf Ablösung der Zinsen und Zehnten durch. Doch wurde der Thurgau ein Untertanengebiet, gemeinsam verwaltet von den „Langfingern“ des reformierten Zürich und der katholischen Orte. Zudem blieben die meisten Gerichtsherrschaften im privaten Besitz von Schlossherren. Unter dem Parallelregime von Obrigkeiten nahmen sich die Thurgauer Freiheiten, die in stadtstaatlichen Gebieten nicht geduldet waren.
Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionsheere erlangte der Thurgau zwischen 1798 und 1803 seine eigene Staatlichkeit. Es folgten die Mechanisierung der Schifffahrt, dann diejenige der Müllerei, die vom Thurgau ausging, und schliesslich der fremd bestimmte Bahnbau, verbunden mit einem Aufblühen der Metallverarbeitung. Zu bedeutenden Industrieorten entwickelten sich Steckborn, Romanshorn, Arbon mit Saurer als lange Zeit grösstem Arbeitgeber im Kanton, ferner Horn, Frauenfeld und Bischofszell. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot die Industrie jedem zweiten Einwohner Arbeit.
Von den Plünderungen durch das Finanzkapital war der Thurgau weniger betroffen als der benachbarte Kanton Zürich. Trotz des Verschwindens von grossen Unternehmen wie Saurer, Stromeyer oder Heine bleiben vor allem die kleinen und mittleren Industrieunternehmen zusammen mit dem Transportwesen das Fundament der Volkswirtschaft. Von besonderer Bedeutung ist der Anstoss an den Bodensee, den Untersee und den Rhein. Für den Verkehr der Schweiz mit den zu allen Zeiten grössten Handelspartnern Deutschlands war der Bodensee der wichtigste Verkehrsträger. Dort rangen im 19. Jahrhundert verschiedene Umschlagplätze um führende Stellungen: Lindau als bayrischer Hafen, Bregenz als österreichischer Hafen, Rorschach als St.Galler Hafen, Konstanz als badischer Hafen und auch Schaffhausen war dank der problemlosen Schifffahrt auf Untersee und Hochrhein wichtig. Die Zürcher, die Thurgauer und die Württemberger bauten erst spät moderne Hafenanlagen in Friedrichshafen und Romanshorn. Sie überflügelten bis 1900 alle anderen Warenumschlagsplätze an den Schweizer Grenzen bezüglich Gütertonnagen.
SG: Kanton St. Gallen
Das Herrschaftsgebiet entwickelte sich aus der Klostergründung des Wandermönchs Gallus auf dem abgeschiedenen Plateau über der Sitter. Es entstand ein ringförmiges Kantonsgebiet, das die Bezirke um die Hauptstadt, das Toggenburg, das Rheintal und das östliche Linthgebiet umfasst. Internationale Geltung hatte die St. Galler Stickerei. Ungewöhnlich rasch dehnte sie sich aus, gab weiten Teilen der Ostschweiz, des Vorarlbergs und Schwabens Arbeit. Bereits 1773 arbeiteten rund 6’000 Stickerinnen für die Sankt Galler und Appenzeller Handelshäuser. 1790, nach der Effizienzsteigerung des Verlagswesens durch Ferggereien auch in Schwaben, waren es bis zu 40'000. An Stelle der heimischen Stoffe bestickten die Sticker nun mehrheitlich Stoffe aus englischem Baumwollgarn.
Die Kriegs- und Krisenzeit brachte die frühe Luxusgüterindustrie zum Erliegen. Doch schon 1801 wurde in Sankt Gallen die erste mechanische Spinnerei der Schweiz im Kloster St. Gallen gegründet. Bereits bis 1814 standen in der Ostschweiz weitere 23 Spinnereien. Auch die Stickerei blühte erneut auf, zuerst mit Handstickmaschinen bei Heimarbeitern in vereinzelten Stickereilokalen. 1840 stand in der Stadt Sankt Gallen die erste fabrikmässige Stickerei mit 12 mechanischen Stickmaschinen. Die Konstruktionen der Maschinenfabriken Sankt Georgen und Benninger Uzwil förderten die Verbreitung der seit 1828 teilmechanisierten Stickmaschinen.
Während zwischen 1870 und 1910 alte Textilregionen wie der Aargau Arbeitsplätze einbüssten, wuchs deren Zahl in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Appenzell dank der Stickerei von 46'100 auf 87'600. Weit verstreut über das Land bauten sich Gewerbetreibende kleine Stickereibauten für eine einzige Stickmaschinen oder Unternehmer ganze Fabriken. Noch heute zeugen in etlichen Orten Stickerquartiere von diesem Boom: Rasterförmig angelegte Quartiere mit gleichartigen Häusern für Sticklokale im Erdgeschoss und Wohnräumen darüber. Nach den kurzen goldenen Zwanzigerjahren stürzte die Krise Zehntausende fleissige Sticker in die bittere Armut. Selbst die Stadt St. Gallen verlor Einwohner. Erst 1960 war der Stand von 1910 wieder aufgeholt. Nach 2000 überstieg die Einwohnerzahl der Agglomeration die 100’000er Grenze.
Im Unterschied zu den eidgenössischen Landvogteigebieten des Rheintals und der Linth-Ebene gehörte das Toggenburg neben den Bezirken um St. Gallen seit der Neuzeit zu den Kernlanden des Stadtstaates. 1803 fügte Napoleon die Landvogteigebiete mit den Kerngebieten zum heutigen Kanton zusammen. Hunger- und Kriegsjahre hinterliessen für Jahrzehnte Spuren des Elends, das neue Kantonsgebilde bemühte sich um den Aufbau einer zusammenhängenden Infrastruktur. Für das Toggenburg wichtig waren die Massnahmen gegen die Wassernot entlang der Thur, was der Gründung von Fabriken förderlich war, und der Strassen- und Bahnbau. 1828 beschloss der Kanton den Bau der durchgehenden Toggenburgerstrasse vom Mittelland ins Rheintal. 1836 war sie – mit Gemeindebeteiligung – vollendet. Schon kurz darauf, 1845, bemühte sich die Sanktgallisch-Appenzellische Gemeinnützige Gesellschaft SGA um den Bau einer Eisenbahn. Aber die schwierigen topografischen Verhältnisse machten jeden Bahnbau in diesem Gebiet sehr teuer. Immerhin war 1870 die Linie Wil - Ebnat-Kappel mit drei grossen Brücken vollendet. Der topografisch schwierige Streckenabschnitt bis Nesslau kam erst 1912 zur Vollendung, der Erste Weltkrieg machte einen Strich durch die 1908 skizzierten Pläne für den Weiterbau nach Buchs. Neben der Längsverbindung durch das Toggenburg entstand bis 1910 auch eine Querverbindung vom Bodensee Richtung Alpen, die Bodensee-Toggenburg-Bahn.
Das Rheintal als weiterer wichtiger Wirtschaftsraum des Kantons St. Gallen eignete sich die oft überschwemmte Ebene erst im 20. Jahrhundert für eine dauerhafte Besiedlung an, die dann vielmehr zur Zersiedlung geriet. Die alten Dörfer und frühen Fabriken liegen auf den seitlichen Schuttkegeln. Eine eindrücklich dichte Gewerbe- und Industrieachse bilden die Betriebe am Grabser Mühlbach. Entscheidend für den weiteren industriellen Aufbau waren die Rheinkorrektion, der Strassen- und der Bahnbau.
Da Rorschach um 1850 für die Schweiz der wichtigste Hafen und nach Basel und Genf der drittwichtigste Import- und Exportort war, führte der Transitverkehr von den Ostalpen zum Bodensee zum Hafen der Sankt Galler Bodenseestadt. Im 20. Jahrhundert bauten vier Generationen der Familie Schmidheiny ausgehend von Heerbrugg ein Industrieimperium auf, das sie zu den reichsten und mächtigsten Familien der Schweiz aufsteigen liess. Zum Ausgangsgeschäft gehörte die Ziegelei, zum Kerngeschäft wurde die Betonindustrie. Der später Holcim genannte Zementkonzern wurde weltweit tätig und produziert heute mit über 60'000 Beschäftigten Zement rund um den Globus. Für das Rheintal von grosser Bedeutung waren die Schmidheinys beim Aufbau der 15 Kilometer langen Rheintalischen Strassenbahn und die Heerbrugger Grossbetriebe Viscose und Wild Heerbrugg.Die Region zwischen Sargans und Rapperswil war wichtig als Bergbaugebiet und auf der Basis der reichen Gebirgswasserkräfte als Textilindustriegebiet, sie bleibt wichtig als Transportachse zwischen Zürich und dem Rheintal. Hier befand sich das grösste Bergwerk der Schweiz, das heute als Besucherbergwerk Gonzen geführt wird. Hier befand sich die mit 100'000 Spindeln grösste Spinnerei des Landes. Von überregionaler produktiver Bedeutung bleiben die Gebirgskraftwerke des Taminatals.
SH: Kanton Schaffhausen
Schaffhausen, abgeleitet wahrscheinlich vom mittelalterlichen „Schiff-Hausen“, wuchs dank des Rheinfalls zum Umschlagsort von Waren und zu einem regionalen Gewerbezentrum. Unterhalb des Rheinfalls entwickelte sich „Neu-Hausen“ zum zweitwichtigste Ort des Kantons. 1501 kam dieser als nördlichste Region zur Eidgenossenschaft. Sie schloss sich 1529 der Reformation an. Dem Stadtstaat gelang der Aufbau eines bescheidenen Territoriums nördlich des Rheins. Dieses erreicht im Rhein in der Exklave Buchberg den tiefsten Punkt bei 345 und im Randen den höchsten bei 912 Metern über Meer. Nach dem Zusammenbruch des Ancien Régimes gliederte Napoleon dem Kanton die Exklave Ramsen - Stein am Rhein an. Es sollte gut 50 Jahre dauern, bis der Eisenbahnbau und die Industrialisierung der Gegend einen neuen Aufschwung brachten. Die Wirtschaft des weitgehend von Deutschland umgebenen Kantons war stark verflochten mit dem nördlichen Nachbarland, auch in der Nazizeit. Am Ende des Zweiten Weltkrieges richteten amerikanische Bomber in Schaffhausen Schäden an wie sonst nirgendwo in der Schweiz. Mit dem Wachstum der Konzerne Georg Fischer GF und Schweizerischen Industriegesellschaft SIG erreichte die Industrialisierung 1970 ihren Höhepunkt. In den 1990er Jahren erlitt die lange sozialdemokratisch regierte Stadt einen starken Abbau von industriellen Strukturen und von Arbeitsplätzen. Der Kanton näherte sich dadurch weiter dem Wirtschaftsraum Zürich an. Er hatte 2010 gegen 76'000 Einwohner, wobei Schaffhausen mit 35'000 und Neuhausen mit gut 10'000 Einwohnern Stadtgrösse erreichen.
Eine Konzentration von schwerindustriellen Betrieben entstand am Rheinfall. 1810 hatten hier die Gebrüder Neher ein bestehendes Eisenwerk mit Wasserradantrieb erneuert. Später beteiligte sich die Firma auch am Gonzenbergwerk, betrieb eine zweite Hütte bei Sargans und war an der Gründung der Schweizerischen Industriegesellschaft SIG beteiligt. Die SIG baute oberhalb des Kataraktes ihre Maschinenfabriken auf. Sie bezog ihre mechanische Kraft über eine Wellentransmission vom nicht mehr existierenden Turbinenwerk am Rheinfall. Die Neher’schen Werke unterhalb des Falles wurden zur Geburtsstätte von einer der drei weltweit ersten Aluminiumhütten. Das Areal dieser Pionierfabrik wurde nach langen Auseinandersetzungen zwischen Industrieförderern und Naturschützern geräumt, nur das Kraftwerk, zwei Portalbauten und die Verwaltung sind geblieben.
Weitere Industriequartiere entstanden unterhalb der Altstadt am Rhein, im Mühlental, auf dem Ebnat und im Herblinger Tal. Die Fabriken an beiden Rheinufern bezogen ihre Antriebskraft mehrheitlich vom Moser-Kraftwerk. Der Schaffhauser Heinrich Moser plante ab 1858 das erste Grosskraftwerk für mechanische Kraftübertragung in der Schweiz – mit dem Ziel, die Industrialisierung zu fördern. Die Anlage auf Schaffhauser und Zürcher Kantonsgebiet setzte 1866 mit Drahtseilen die Maschinerie in einem Dutzend Fabriken in Bewegung. Als weitere Fabrik nutzte die Bindfadefabrik Flurlingen auf der südlichen Talschulter über eine 150 Meter lange Wellentransmission die Wasserkraft des „oberen Laufens“ – die dem Investor Martin Ebner gehörende Arova war vorübergehend weltweit der viertgrösste Hanfverarbeitungsbetrieb. Jüngeren Datums sind die Fabrikanlagen auf dem Ebnat und im Herblinger Tal. Die expandierende Industrie suchte sich im 20. Jahrhundert flaches, gut erschliessbares Gelände. Die Erschliessung geschah auf dem Ebnat durch die Erweiterung des meterspurigen Schaffhauser Strassenbahnnetzes, auf dem auch der Werkverkehr für das Mühletal abgewickelt wurde. Im Herblinger Tal entstand der internationale Rangierbahnhof für den normalspurigen Grenzverkehr.
Die Urzelle der Stahlwerke Georg Fischer Schaffhausen liegt im Mühlental. Hier erwarb Johann Conrad Fischer 1802 eine Kräutermühle, die er mit einem Blasbalg zur Tiegelstahlgiesserei ausbaute. Die Grundlage für das Erschmelzen von Eisen mit Stahlqualität bildete das bohnenförmige Erz, das Bohnerz, das aus dem Schaffhauser Randen kam. Georg Fischers gleichnamiger Sohn gab dem Schmelzwerk beim späteren Werk III die Gestalt einer Villa. Die ursprünglich dort eingerichtete Werkstätten und Giessereien wurden in zwei andere Mühlen des Mühlentals im Gelände der späteren Werke II und I ausgelagert. Georg Fischer der Dritte verbesserte die spärliche Wasserkraftnutzung an der Durach durch das Anlegen eines Turbinenweihers. 1906 kam das Werk IV hinzu. Der Wasserkraftachse der Durach war nun eine 8 Kilometer lange Werkbahn überlagert, die Kohle und Eisen brachte und Maschinenteile abtransportierte. Renommierte Architekten entwarfen im Mühlental einen durchgehenden urbanen Industriestrassenraum. Die Firma beschäftigte 1970 7’000 Arbeiter in Schaffhausen und 15'000 international. 2010 bot GF – immerhin – noch 12'300 Arbeitsplätze an, wovon über 10'000 ausserhalb von Schaffhausen.