Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03128.jsonl.gz/2285

Vaterschaftsurlaub braucht dringend eine gesetzliche Basis
Travail.Suisse hat die Zahlen zur Verbreitung des Vaterschaftsurlaubs in der Schweizer Wirtschaft aktualisiert (Stand Juli 2017). Dabei wurden die grössten und dazu die allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge analysiert (45 GAV). Es zeigt sich: Es geht nur langsam vorwärts mit einem Vaterschaftsurlaub. Für fast die Hälfte der einem Gesamtarbeitsvertrag unterstellten Arbeitnehmenden sind nach wie vor nur 1-2 Tage Vaterschaftsurlaub vorgesehen. Bei den grossen Unternehmen gibt es zahlreiche Beispiele mit 10 bis 20 Tagen Vaterschaftsurlaub.
Aktualisiert wurden auch die Zahlen zur öffentlichen Hand als Arbeitgeberin. Beim Bund, den Kantonen, den 30 grössten Städten und den Kantonshauptorten werden 5-10 Tage Vaterschaftsurlaub je länger je mehr zur Norm. Einen Vaterschaftsurlaub im Bereich von 20 Arbeitstagen, wie von der Volksinitiative von Travail.Suisse gefordert, bieten jedoch nur grössere städtische Zentren an.
Insgesamt besteht ein grosser Unterschied zwischen grossen und kleinen Arbeitgebern: Grosse Arbeitgeber sehen einen – wenn auch bescheidenen – Vaterschaftsurlaub vor, kleinere Arbeitgeber in der Regel nicht. Diese Lücke kann nur mit einer gesetzlichen Regelung zum Vaterschaftsurlaub und einer solidarischen Finanzierung geschlossen werden, welche gleiche Bedingungen für alle schafft.
> Factsheet Vaterschaftsurlaub in 45 Gesamtarbeitsverträgen
> Factsheet Vaterschaftsurlaub bei der öffentlichen Hand
::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::
Sozialkommission schiebt Vaterschaftsurlaub auf die lange Bank
Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, ist erstaunt, dass die Sozialkommission des Ständerates den Vaterschaftsurlaub auf die lange Bank schiebt. Denn die Fakten sind klar: 80 Prozent der Stimmbevölkerung wollen einen Vaterschaftsurlaub, die notwendigen Berichte liegen vor und Mitte-Links hat eine Mehrheit in der Kommission. Travail.Suisse fordert die familienfreundlichen Parteien auf, das Anliegen ernsthaft voranzutreiben anstatt auf Zeit zu spielen. mehr
Es ist höchste Zeit, dass ein gesetzlich definierter Vaterschaftsurlaub als Schritt in Richtung einer modernen Familienpolitik vom Parlament beschlossen wird. Wird das Anliegen weiter verzögert und werden die Bedürfnisse der jungen Familien nicht ernst genommen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass der Geduldsfaden bei der Bevölkerung reisst und das Anliegen per Initiative durchgesetzt werden muss. Denn es entsteht der Eindruck, als ob wegen der Diskussion bezüglich Altersvorsorge die Familien vergessen gehen. Das wäre kurzsichtig: Gute Rahmenbedingungen für junge Familien und somit Massnahmen gegen die tiefe Geburtenquote sind wegen der Umlagefinanzierung in der AHV äusserst wichtig für die Altersvorsorge.
Martin Flügel, Präsident, Tel. 079/743‘90‘05
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Tel. 079/777‘24‘69
Vaterschaftsurlaub jetzt!
Heute haben sich in Bern über 150 Personen zur ersten Papizeit-Aktion versammelt. Mit einer bunten und fröhlichen Aktion haben sie nochmals auf das dringende Anliegen eines gesetzlich verankerten, bezahlten Vaterschaftsurlaubs aufmerksam gemacht. Am 1. September hat die Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) des Ständerats die Möglichkeit, einen wichtigen und konkreten Schritt in Richtung Einführung eines Vaterschaftsurlaubs zu machen. mehr
Wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag von Travail.Suisse, der unabhängigen Dachorganisation der Arbeitnehmenden, gezeigt hat, sind über 80 Prozent der Stimmberechtigten für die Einführung eines bezahlten Vaterschaftsurlaubs. Die Zustimmung ist über alle Bevölkerungsgruppen hoch. Am kommenden Dienstag kann die Sozialkommission des Ständerats mit der Annahme der parlamentarischen Initiative Candinas diesem Bedürfnis Nachachtung verschaffen und einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub gutheissen. Damit würde erstmals der Auftrag verankert, ein entsprechendes Gesetz zu schaffen.
Heute erhalten Väter gemäss Obligationenrecht bei der Geburt eines Kindes von ihrem Arbeitgeber einen arbeitsfreien Tag zugesprochen. Das ist gleichviel wie bei einem Umzug. Heutige Väter wollen sich vom ersten Tag an in der Familie engagieren. Dafür müssen sie jedoch über genügend zeitliche Freiräume verfügen. Es braucht deshalb einen bezahlten Vaterschaftsurlaub.
Über 150 Personen haben mit ihrer Teilnahme an der ersten Papizeit-Aktion in Bern unterstrichen, dass die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden darf. Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse, bringt es auf den Punkt: „Die Zeit für einen Vaterschaftsurlaub ist überreif. Das darf die Politik nicht weiter ignorieren.“
Martin Flügel, Präsident, Tel. 079/743‘90‘05
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Tel. 079/777‘24‘69
Schweizer Stimmbevölkerung ist klar für einen Vaterschaftsurlaub
Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, hat heute die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zum Vaterschaftsurlaub veröffentlicht. Die Resultate könnten eindeutiger nicht sein: Über 80 Prozent der Schweizer Stimmberechtigten wollen einen gesetzlich festgelegten und bezahlten Vaterschaftsurlaub. Die Zustimmung ist über alle Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und über beide Geschlechter stabil hoch. Das zeigt: Die Zeit ist überreif für den Vaterschaftsurlaub. Es ist nun an der Sozialkommission des Ständerates, die Zeichen der Zeit am 1. September zu erkennen und den konkreten Auftrag für ein entsprechendes Gesetz zu erteilen. mehr
Mit der repräsentativen Umfrage des Link-Instituts hat Travail.Suisse zum ersten Mal verlässliche Aussagen über die Ansichten der Schweizer Stimmbevölkerung hinsichtlich des Vaterschaftsurlaubs gewonnen. Dabei bestätigt sich die schon früher festgestellte Tendenz, dass der Vaterschaftsurlaub einem starken Bedürfnis entspricht: Über 80 Prozent der Stimmberechtigten sind dafür, dass Väter nach der Geburt eines eigenen Kindes einen gesetzlichen Anspruch auf einen bezahlten Vaterschaftsurlaub haben. Überaus stark wird das Anliegen von den 30-44-jährigen Müttern und Vätern unterstützt (fast 90 Prozent Zustimmung). Das Anliegen ist in der Stimmbevölkerung breit abgestützt. Keine Bevölkerungsgruppe weist eine Zustimmung von unter 70 Prozent aus. Obwohl in der Tendenz die jüngeren Stimmberechtigten dem Anliegen etwas stärker zustimmen, ist die Zustimmung z.B. auch in der Altersgruppe der 60-74-Jährigen überaus deutlich. So befürworten auch die Väter, die selber noch keinen Vaterschaftsurlaub hatten, einen solchen deutlich.
Das Gros der Bevölkerung will zwei bis vier Wochen Vaterschaftsurlaub
Die Umfrageteilnehmenden wurden auch zur idealen Dauer des Vaterschaftsurlaubs befragt. Etwas über 40 Prozent derjenigen, welche sich grundsätzlich für einen Vaterschaftsurlaub aussprechen, tendieren zu einer Auszeit von 4 Wochen oder mehr. Weitere gute 40 Prozent sprechen sich für zwei Wochen aus. Der Rest erachtet eine kürzere Dauer als genügend. Die Väter selber möchten tendenziell einen etwas längeren Urlaub als die Gesamtbevölkerung. Die Resultate der Studie mit Grafiken können im Anhang eingesehen werden.
Papizeit-Aktion am nächsten Sonntag (30. August 2015) in Bern
Die heutige Generation der Väter verlangt nun einen ersten konkreten Schritt der Politik. Auf www.papizeit.ch haben schon fast 200 Väter ihr Statement in Wort und Bild abgegeben, warum es einen Vaterschaftsurlaub braucht. Am 1. September kann die Sozialkommission des Ständerats dem geäusserten Bedürfnis Nachachtung verschaffen und einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub gutheissen. Damit würde erstmals der Auftrag verankert, ein entsprechendes Gesetz zu schaffen. Travail.Suisse und weitere Organisationen machen mit einer Papizeit-Aktion am 30. August auf dem Berner Waisenhausplatz nochmals auf das wichtige Anliegen aufmerksam. Weitere Infos gibt es unter www.kinderwagen-rallye.ch. Für Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik bei Travail.Suisse, ist klar: „Es braucht den Vaterschaftsurlaub jetzt!“.
Martin Flügel, Präsident, Tel. 079/743‘90‘05
Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik, Tel. 079/777‘24‘69
Anhang Grösse
Vaterschaftsurlaub jetzt!
Am 1. September diskutiert die Sozialkommission des Ständerats über einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Auch wenn zehn arbeitsfreie Tage bescheiden sind: Sie wären ein wichtiger und konkreter Beitrag zu einem gelungenen Start ins Familienleben. Travail.Suisse, die unabhängige Dachorganisation der Arbeitnehmenden, organisiert zusammen mit unterstützenden Organisationen deshalb am 30. August in Bern eine Papizeit-Aktion, um dem Anliegen Nachdruck zu verschaffen. mehr
Heute erhalten Väter bei der Geburt ihrer Kinder gemäss Obligationenrecht von ihrem Arbeitgeber einen arbeitsfreien Tag zugesprochen. Travail.Suisse hat kürzlich in einer Analyse der wichtigsten Gesamtarbeitsverträge gezeigt, dass dieser mickrige freie Tag auch in der Realität den Normalfall bedeutet. 1 Meistens sind es grössere Unternehmen, die etwas grosszügiger sind und einen nennenswerten Vaterschaftsurlaub anbieten. Das ist kein Zufall: Grössere Betriebe haben mehr finanzielle Möglichkeiten als Kleinbetriebe. Doch ein bezahlter Vaterschaftsurlaub darf nicht davon abhängen, wo ein Vater arbeitet. Heutige Väter wollen vom ersten Tag an Verantwortung übernehmen. Das ist auch richtig so: Es gilt die Mutter zu entlasten und allfällige Geschwister zu betreuen, eine Beziehung zum Neugeborenen aufzubauen, den Haushalt zu schmeissen, etc. Die Zeiten, als dies die Grossmütter getan haben, sind vorbei. Diese sind heute selber erwerbstätig.
Damit sich die Väter engagieren können, müssen sie aber genügend zeitliche Freiräume verfügen. Heute müssen sie ihr Ferienkontingent aufbrauchen und dann eine Zeit lang – oft übermüdet – ohne Ferien über die Runden kommen oder unbezahlten Urlaub nehmen. Das ist keine zeitgemässe Familienpolitik!
Parlament kann erstmals einen konkreten Gesetzesauftrag erteilen
Travail.Suisse macht sich seit längerem für einen über die Erwerbsersatzordnung (EO) finanzierten 20-tägigen Vaterschaftsurlaub stark. Nun liegt im Parlament eine bescheidene, aber konkrete Lösung vor: Die parlamentarische Initiative von Martin Candinas propagiert das gleiche Modell wie Travail.Suisse, beschränkt den Urlaub aber auf zehn Arbeitstage. Auch wenn sich damit nicht alle heutigen Unzulänglichkeiten beseitigen lassen, wäre dies ein wichtiger erster Schritt für einen gelungenen Familienstart. Travail.Suisse unterstützt deshalb die parlamentarische Initiative Candinas. Dies mit Erfolg: Im April dieses Jahres hat sich die Sozialkommission des Nationalrats erstmals für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ausgesprochen. Nun muss am 1. September die Schwesterkommission des Ständerats darüber befinden. Wenn sich mit der CVP die eigene Partei des Initianten konsequent für das Anliegen einsetzt, wird auch diese Hürde zu nehmen sein. Das Parlament hätte danach den Auftrag, einen konkreten Gesetzestext auszuarbeiten.
Papizeit-Aktion am 30. August
Um dem Anliegen Nachdruck zu verschaffen, hat Travail.Suisse mit Erfolg die Online-Plattform www.papizeit.ch eingerichtet. Als nächste Aktion laden Travail.Suisse und weitere unterstützende Organisationen am 30. August zu einer Kinderwagen-Rallye auf den Berner Waisenhausplatz ein. Väter und Kinder, aber auch Mütter, Verwandte und Bekannte treffen sich um 14.15 Uhr zum Fototermin und geben mit einer bunten Aktion dem Anliegen Vaterschaftsurlaub ein Gesicht. Weitere Informationen finden sich unter www.kinderwagen-rallye.ch.
Das Interesse an diesen Aktionen macht deutlich: Auch die etwas bejahrtere Ständeratskommission wird nicht weiter ignorieren können, dass die Zeit für einen Vaterschaftsurlaub auch in der Schweiz reif ist.
1 http://www.travailsuisse.ch/themen/gleichstellung/mutterschaft_und_vaterschaft
Anhang Grösse
10 Jahre Mutterschaftsurlaub – Lehren und Herausforderungen
Am kommenden 1. Juli feiert die Schweiz das 10-jährige Bestehen des Mutterschaftsurlaubs. Eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, welch ungeheuren Fortschritt dessen Einführung für die Arbeitnehmerinnen und die Arbeitgeber bedeutete. Die schweizerische Lösung ist sicher nicht in jeder Hinsicht perfekt für die Mütter, hat aber den Vorzug, dass sie die Praktiken vereinheitlicht hat und ein Minimum für alle erwerbstätigen Frauen in der Schweiz gewährleistet. Das ist bei den Vätern noch nicht der Fall. mehr
Ab 1945 verpflichtete die Bundesverfassung den Bund, eine eidgenössische Mutterschaftsversicherung einzuführen. Nach jahrzehntelangen Anstrengungen von Gewerkschaften, Frauenorganisationen und politischer Parteien und nach mehreren Abstimmungsniederlagen wurde der Verfassungsauftrag schliesslich umgesetzt. Am 3. Oktober 2003, nach rund zwanzig Versuchen in knapp sechzig Jahren, nahm das Volk das Bundesgesetz über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und Mutterschaft an.
Arbeitsverbot seit 1877
Die Einführung dieser obligatorischen Mutterschaftsversicherung, die am 1. Juli 2005 in Kraft trat, schloss eine bedeutende Lücke im Schweizer Sozialsystem. Seit 1877 ist es Wöchnerinnen verboten, in den ersten acht Wochen nach der Entbindung zu arbeiten. Dieses Verbot gilt bis heute und ist im eidgenössischen Arbeitsgesetz geregelt. Damals zeigte sich die Schweiz sehr fortschrittlich und war das erste Land Europas, das den Schutz der Wöchnerinnen regelte.
Seit 2005 haben alle erwerbstätigen oder arbeitslosen Frauen in der Schweiz Anspruch auf einen bezahlten Urlaub von 14 Wochen (oder 98 Tagen) bei der Geburt ihrer Kinder. Die Mutterschaftsentschädigung (Erwerbsersatzordnung EO) beträgt 80% des Lohnes, höchstens jedoch 196 Franken pro Tag. Der Höchstbetrag wird somit bei Angestellten mit einem Monatslohn von 7’350 Franken und bei Selbstständigen mit einem Jahreseinkommen von 88’200 Franken erreicht. Ausführliche Informationen zur Mutterschaft und zum Anspruch sind auf der regelmässig aktualisierten Website www.infomutterschaft.ch von Travail.Suisse zu finden.
Nebenbei sei angemerkt, dass die Arbeitnehmerinnen aufgrund des Erwerbsersatzgesetzes von 1940 bis 2005 Beiträge entrichteten, ohne dafür eine Leistung dafür beziehen zu können.
Positive Auswirkungen des eidgenössischen Mutterschaftsurlaubs
Anlässlich dieses Jubiläums ist es angebracht, daran zu erinnern, was die Einführung des Mutterschaftsurlaubs an Positivem bewirkt hat: Der Mutterschaftsurlaub verringerte die Diskriminierung, unter der junge Frauen bei der Einstellung zum Teil stark zu leiden hatten. Sie wurden mit Kosten in Verbindung gebracht, die ausschliesslich zu Lasten der Unternehmen gingen. Die Diskriminierung wegen Mutterschaft ist damit noch längst nicht ganz vom Tisch, wurde aber massiv abgefedert. Die Diskriminierung an sich ist sehr schwer zu fassen und grundsätzlich seit Inkrafttreten des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann gesetzeswidrig. 1
Der eidgenössische Mutterschaftsurlaub ermöglichte zudem eine Vereinheitlichung der Praktiken, auch wenn vor 2005 bereits 41% der Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen einen Mutterschaftsurlaub anboten. Dazu gehörten zahlreiche Grossunternehmen und die öffentliche Verwaltung, wie eine Erhebung des Bundesamtes für Sozialversicherungen BSV im Jahr 2012 ergab. Befragt wurden über 400 Unternehmen und 335 Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren, die in den letzten fünf Jahren erwerbstätig waren und in dieser Zeit Kinder geboren hatten 2 . Drei Viertel der vom BSV befragten Unternehmen, die bereits vor 2005 eine Mutterschaftsentschädigung ausgerichtet hatten, die grosszügiger (länger oder höher) war als das Obligatorium, haben diese beibehalten, und nur ein Viertel hat die neue Regelung genutzt, um seine Leistungen auf das gesetzliche Minimum zu reduzieren. Von dieser Anpassung nach unten waren vor allem die typischen Männerbranchen (Industrie, Bau, Transport, Handel…) und die KMU mit hohem Frauenanteil (Gastgewerbe, Bäckereien) betroffen. Sektoren, die auf gut ausgebildete und qualifizierte Frauen angewiesen sind (Spitäler, Banken, Versicherungen usw.), bieten ihren weiblichen Arbeitskräften insgesamt bessere Leistungen.
Vierzehn Wochen Urlaub nach der Geburt des Kindes, das kann nach wenig oder viel tönen. 2012 gaben 60% der befragten Frauen an, einen längeren Mutterschaftsurlaub bezogen zu haben, wobei die Hälfte dies in Form eines unbezahlten Urlaubs tat. Das können sich aber nur Frauen mit mittlerem oder hohem Einkommen leisten. Nur 8% der Frauen bezogen einen kürzeren Urlaub. Als Grund wurde in vielen Fällen (40%) angegeben, dass die Verkürzung auf Wunsch des Arbeitgebers erfolgte, was besorgniserregend ist. Zu verkürzten Urlauben kam es auch mangels Rechtskenntnis (30%) und aus eigenem Willen der Arbeitnehmerin (25%).
Kein Vormutterschaftsurlaub, aber begründete Absenzen vor dem Geburtstermin
Der eidgenössische Mutterschaftsurlaub beginnt am Tag der Entbindung. Wenn die Gesundheit einer schwangeren Frau oder ihres ungeborenen Kindes beeinträchtigt ist, darf sie der Arbeit nur fernbleiben, wenn sie ihre Arbeitsunfähigkeit mittels Arztzeugnis nachweisen kann. Es gibt keine offiziellen Statistiken zur Zahl der schwangeren Frauen, die aus diesem Grund vor dem Geburtstermin kürzer treten, wie der Bundesrat in seiner Antwort vom vergangenen 20. Mai auf die Interpellation der Sozialdemokratin Liliane Maury-Pasquier 3 zugibt. In der Schweiz besteht kein Anspruch auf einen Vormutterschaftsurlaub. In der Praxis schätzen die vom Magazin L’Hebdo 4 befragten Gynäkologinnen und Gynäkologen jedoch, dass 90% ihrer Patientinnen bereits vor dem Geburtstermin zu arbeiten aufhören.
Die Ärztinnen und Ärzte werden verdächtigt, Gefälligkeitszeugnisse auszustellen, aber das ist ein heikles Thema, denn die Entbindung ist eine grosse körperliche Belastung. Es liegt somit im Interesse aller, dass die schwangeren Frauen nicht in einem Zustand völliger Erschöpfung gebären müssen, damit die Geburt möglichst reibungslos verläuft. In der Schweiz haben Ärztinnen und Ärzte gemäss der Verordnung über die Unfallverhütung VUV und der Mutterschutzverordnung das Recht, eine Risikobeurteilung von Unternehmen mit beschwerlichen oder gefährlichen Arbeitsplätzen zu verlangen. Fehlt diese Beurteilung, hat der Arzt oder die Ärztin das Recht, ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis auszustellen.
Manche Länder haben das Problem gelöst, indem sie einen Vormutterschaftsurlaub gewähren, bei dessen Bezug sich mancherorts der Mutterschaftsurlaub entsprechend verkürzt (dieser ist jedoch in der Regel in anderen europäischen Ländern länger als in der Schweiz). Eine andere Lösung besteht darin, dass bei nicht beanspruchtem Vormutterschaftsurlaub ein Teil davon an den Mutterschaftsurlaub angehängt wird. Diesen Ansatz sollte man vielleicht weiterverfolgen, denn zahlreiche Stimmen fordern eine Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs, der als zu kurz erachtet wird.
Künftige Herausforderungen
Die Schwierigkeit besteht darin, eine angemessene Formel für einen Urlaub vor und nach der Geburt zu finden, die der heutigen Scheinheiligkeit ein Ende setzt, gesunde, belastbare Frauen dazu ermutigt, bis zum Ende ihrer Schwangerschaft zu arbeiten, und Frauen nicht benachteiligt, die der Arbeit für längere Zeit fernbleiben müssen. Der Mutterschaftsurlaub ist ein wichtiges Teilchen eines komplexen Puzzles, das etwas angepasst werden muss.
Das ist eine neue Herausforderung, die wir annehmen müssen und die Teil einer umfassenderen Debatte sein muss, bei der es um Vereinbarkeit von Arbeit und Familie, Aufgabenteilung und Gleichstellung in der Paarbeziehung, Vaterschaftsurlaub und Elternurlaub geht.
Nun sind die Väter an der Reihe!
In einer Zeit, in der die im Rahmen des Militärdienstes ausgerichteten EO-Entschädigungen ständig abnehmen, befinden sich die Männer immer mehr in einer ähnlichen Lage wie die Frauen vor 2005: Sie zahlen Beiträge an eine Versicherung, aus der sie immer weniger Leistungen beziehen. Die EO ist ohne Systemänderung in der Lage, den Vätern einen Urlaub nach der Geburt ihrer Kinder zu finanzieren. Dieser könnte sogar noch grosszügiger sein als die Vorlage, die im Parlament auf dem Tisch liegt. Demnächst wird das Parlament nämlich die historische Gelegenheit haben, einen Vaterschafsurlaub einzuführen, der diesen Namen verdient, wenn die Motion des Christdemokraten Martin Candinas 5 für einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von 10 Tagen von der mit der Prüfung des Vorschlags beauftragten Kommission des Ständerates gutgeheissen wird. Voraussichtlich steht das Geschäft am kommenden 1. September an.
In der Zwischenzeit sind Väter (und Mütter) eingeladen, auf der Website www.papizeit.ch, einer Initiative von Travail.Suisse in Zusammenarbeit mit Pro Familia Schweiz, Männer.ch, Avanti Papi und Operation Libero, ein Zeichen für die Väter zu setzen – und bei der Kinderwagen-Rallye am 30. August in Bern mitzumachen! Weitere Infos für die Rallye finden Sie unter www.kinderwagen-rallye.ch.
1 Die von Travail.Suisse eingerichtete Website www.mamagenda.ch ermöglicht Arbeitnehmerinnen und ihrem Arbeitgeber, Schwangerschaft und Absenzen in einem konstruktiven Dialog optimal zu organisieren, um Konfliktsituationen zu vermeiden, die zu einer Diskriminierung der Frauen am Arbeitsplatz führen könnten.
2 «Sieben Jahre Mutterschaftsentschädigung – eine erste Wirkungsanalyse», Katharina Schubarth, Bundesamt für Sozialversicherungen, in Soziale Sicherheit CHSS 5/12, S. 305-309.
http://www.bsv.admin.ch/dokumentation/publikationen/00096/03158/03222/index.html?lang=de
3 Interpellation 15.3154 Maury Pasquier «Unterbrechung der Berufstätigkeit vor dem Geburtstermin» http://www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20153154
4 « Santé : femmes enceintes, au boulot ! », Marie Maurisse, L’Hebdo, 19. März 2015 http://www.hebdo.ch/hebdo/cadrages/detail/sant%C3%A9-femmes-enceintes-au-boulot
5 Motion 14.415 «Zwei Wochen über die EO bezahlten Vaterschaftsurlaub» http://www.parlament.ch/d/suche/Seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20140415
Anhang Grösse