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Von JÁNOS MOSER.
Nobuo Uematsu – der Mann, der was bewegen kann. Was jetzt klingt wie der Anfang eines Superhelden-Comics, soll weniger werden als das. Der Mann, von dem ich spreche, hat eigentlich keine Heldentaten vollbracht, zumindest keine, von denen ich wüsste. Alles, was er getan hat, ist, ein paar Musikstücke zu komponieren, die mir gefallen. Darüber hinaus hat er so einige Berühmtheit erlangt, doch was heisst schon Berühmtheit? Ein Begriff dürfte der Komponist vor allem denjenigen sein, welche die alten Videospiele der Final Fantasy-Reihe (I-IX) gespielt haben.
Warum ich darüber schreibe? Vielleicht, weil seine Musik einen bleibenden Eindruck auf mir hinterlassen hat, mich „bewegt“ hat, wie man so schön sagt.
Um also zum Anfang zurückzukehren: vielleicht hat er doch was bewegt. Mich (und ein paar Andere).
Es wäre schwierig, seine Musik in ein paar wenigen Worten zu beschreiben. Das Internet schafft aber zum Glück genügend Abhilfe, und ich empfehle einen Abstecher auf Youtube. Wenn mich nicht alles täuscht, begann er seine Karriere als Jingle-Komponist für Radiosender. Rühren daher seine prägnanten, einfachen Melodien? Wer weiss. Jedenfalls wurde er dann in den 80er-Jahren von einem Freund gefragt, ob er bei der Softwarefirma „Square“ (heute Square-Enix) arbeiten wollte. Die Firma entwickelte zu jener Zeit gerade ein Spiel, das den Namen „Final Fantasy“ trug. Square drohte der Bankrott und es sollte der letzte Versuch werden, die Firma vor dem finanziellen Ruin zu retten (deshalb das „Final“ im Namen). Wie jeder Videospieler heute weiss, ist der Versuch geglückt. „Final Fantasy“, kurz FF, wurde zum vollen Erfolg, mitsamt allen Nachfolgespielen. Wenn man davon absieht, wie heute Schindluder mit der Marke betrieben wird, ist der Erfolg auch verständlich. Die meisten FF-Spiele verfügten über eine hohe technische sowie spielerische Qualität und verstanden es, den Spieler komplett in die Spielewelt hineinzuziehen. Anders als bei anderen Serien gestaltete sich jedes FF anders, spielte in einer anderen Welt, man steuerte andere Charaktere, bekam eine andere Geschichte erzählt usw. Auch besassen sie einen gewissen Wiederspielwert, d.h. wie in Rollenspielen üblich gab es immer viele Geheimnisse und Boni zu entdecken. Gewisse Elemente tauchten auch immer wieder auf, wie zum Beispiel Luftschiffe, Die Namen „Cid“, „Biggs“ und „Wedge“ oder die Chocobos (gelbe, straussähnliche Vögel). Ebenso verhielt es sich mit der Musik: gewisse Melodien tauchten immer wieder an verschiedenen Stellen auf, sei es das „Crystal Theme“ oder das Hauptthema. Überhaupt lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass die von Nobuo Uematsu komponierte Musik massgeblich zum Erfolg der FF-Serie beitrug. Berühmt gewordene Spielszenen wie der Tod von Aeris (FF VII) oder die Opernsequenz (FF VI) hätten ohne die Musik kaum die durchschlagende Wirkung gehabt, wie ihnen heute immer noch nachgesagt wird.
1988 erschien der erste FF-Teil, 2000 der bislang letzte (IX), für den Nobuo Uematsu den gesamten Soundtrack beisteuerte. Bei neueren Teilen (X-XIII) wirkte er nicht mehr vollumfänglich mit, da er sich mit anderen Projekten beschäftigte.
Über die Jahre und die wechselnde Technik hinweg (NES, SNES, PS1, PS2 …) hat sich sein Stil natürlich verändert. Fast immer gleich geblieben sind jedoch die Eingängigkeit und die Einfachheit der Stücke. Viele dauern nicht mehr als 1:50 oder 2 Minuten, manchmal nur eine halbe, bis sie sich videospieltypisch wiederholen. Raum für grosse Entwicklungen mag da nicht sein, könnten klassische Musikkritiker einwenden (auch wenn sein längstes Stück 21 Minuten dauert). Ihnen kann und muss ich Recht geben, man sollte jedoch bedenken, dass der Vergleich mit klassischen Komponisten hinkt. Uematsu reiht sich in die Riege der modernen Unterhaltungsmusiker ein, und sein Talent mit demjenigen eines Mozarts zu vergleichen, finde selbst ich zu gewagt. Das Medium Videospiel liess zu SNES-Zeiten z.B. ja auch nicht alle Eskapaden zu. Dennoch: ich halte ihn für ein geniales, grossartiges Genie, das mich ebenso beeinflusst hat wie eine Siouxsie Sioux, ein Josh Homme, Pink Floyd oder Kafka, Gogol, Bradbury. Mehr noch: ich halte ihn für einen der Einflussfaktoren, weshalb ich überhaupt mit dem Schreiben begonnen habe. Nicht zuletzt inspirierte mich Final Fantasy zu einer Art Fanfiction, woraus sich dann alles entwickelt hat. Und FF ist für mich immer mit Uematsus Musik verbunden.
Muss man die Final Fantasy-Spiele gespielt haben, um die Musik zu mögen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Neugierige Kommentare, wenn ich auf dem Klavier sein „Terra’s Theme“ runterrattere, sprechen für Letzteres.
Klar hat er auch einen Haufen schlechte Stücke geschrieben, und manche gehen schon nach kurzer Zeit auf die Nerven. Aber da ist dieses Gefühl, dieses eine Gefühl, von dem ich glaube, dass er es so gut wie nur wenige rüberbringen kann: das Gefühl von entrückten Fantasiewelten, die man sich als Kind träumend auf der Schaukel oder lesend unter der Bettdecke ausgedacht hat. Dieses Gefühl, das einen überkam, wenn man selbst so begeistert von den eigenen Traumwelten war, dass man es kaum erwarten konnte, sie in der nächsten Nacht, oder bei einem Blick in den Himmel oder im Zug, weiterzuspinnen, und man sich gefragt hat: was, wenn dieses Erträumte wirklich passieren könnte? Was, wenn du jetzt plötzlich davonfliegst, oder mit Artus an der Tafelrunde sitzt oder auf einem fremden Planeten landest? Wenn du eben von der Fantasie mitgerissen wirst, und wenn du das Gefühl hast, genau das ist genau jetzt das Richtige für dich.
Andere mögen dieses Gefühl nicht so cool finden, oder aber es in anderen Beschäftigungen suchen wie Bungee-Jumping, Reisen oder Schlittschuhlaufen. Aber manchmal glaube ich, ich habe mich dem Träumen einfach irgendwie verschrieben. Ob das eine gute oder schlechte Sache ist, kann ich nicht beurteilen. Die Musik von Uematsu jedenfalls bedeutet für mich einfach das.