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Rollstuhl-Bodybuilding und adaptives Crossfit
Im Rollstuhl die eigenen Stärken ausspielen
«Jeder einzelne Mensch hat das Recht, fit, stark und gesund zu sein.»
… sagte Arnold Schwarzenegger, der weltberühmte Bodybuilding-Champion und Schauspieler, bei seiner Rede auf dem Arnold Sports Festival zum Publikum, darunter einige Rollstuhlsportler/-innen. Das jährliche Festival zeigt Bodybuilding-, Kraftsport- und andere Fitnesswettbewerbe und -ausstellungen. Seit 2016 können auch Rollstuhl-Bodybuilder an der Pro Wheelchair Championship des Festivals teilnehmen.
Körperliche Aktivitäten wie Bodybuilding und CrossFit drehen sich um den Körperbau und hochintensive funktionelle Bewegungen. Sie erfordern viel physisches und mentales Durchhaltevermögen. Trotz der Herausforderungen haben die folgenden drei Menschen im Rollstuhl ihre Leidenschaft für diese Sportarten entdeckt – und wurden zu Pionieren des Rollstuhl-Bodybuilding und des adaptiven CrossFit.
Nick Scott: der Gründer von Wheelchair Bodybuilding, Inc.
«Erfolg ist kein Ziel – Erfolg ist der Weg!»
Nick Scott, zweifacher Weltmeister im Kraftdreikampf und professioneller Rollstuhl-Bodybuilder, teilt seine Meinung auf der Website von Wheelchair Bodybuilding, Inc.
Nach einem Autounfall im Jahr 1998 ist Nick von der Hüfte abwärts gelähmt. Aufgrund von Depressionen wog er irgendwann 136 Kilo. Doch alles änderte sich, als er zum Training wieder in den Kraftraum seiner Highschool kam. Seit der Verletzung ist sein Leben anders, aber er erkannte, dass es Dinge gibt, die er immer noch tun kann und in denen er gut ist. Er nahm sich ein Jahr Zeit, um abzunehmen und an einem Schulwettbewerb im Bankdrücken teilzunehmen. Schliesslich brach er den Schulrekord, indem er eine Langhantel von 159 Kilo in die Höhe stemmte.
Seitdem lebt Nick seine Leidenschaft für Fitness. 2006 gründete er Wheelchair Bodybuilding, Inc.: eine gemeinnützige Organisation, um Rollstuhl-Bodybuilding zu fördern und um Mittel zur Unterstützung von Rollstuhl- und Behindertensportlern zu beschaffen, die professionelle Bodybuilder werden wollen.
Um sein Haupteinkommen als Bodybuilder zu erwirtschaften, braucht man eine «Pro-Card», die von professionellen Bodybuilding-Organisationen ausgestellt wird. Nick ist der einzige Rollstuhl-Bodybuilder, der zwei Karten von zwei verschiedenen Bodybuilding-Organisationen besitzt. Mit dieser ganz besonderen Anerkennung erhielt er auch die Erlaubnis, den ersten International Federation of Body Building (IFBB) Pro Wheelchair Bodybuilding-Wettbewerb im Jahr 2011 zu veranstalten.
Im folgenden Video erzählt Nick über seine Erfolgsgeschichte und gibt Tipps fürs Bodybuilding. Seine Botschaft:
«Anstatt zu denken, dass ich es nicht tun könnte, denke ich nur ‹Wie könnte ich das tun?› oder ‹Wie kann ich es so anpassen, dass es für mich funktioniert?›»
Jen Pasky Jaquin: Die erste professionelle Rollstuhl-Bodybuilderin
Die 43-jährige Mutter von zwei Kindern hat seit ihrem 10. Lebensjahr eine Leidenschaft für Fitness und Gesundheit. Ihr erster Job war in einem Fitnessclub, wo sie sich entschloss, aktiv und fit zu bleiben. Sie konnte nicht ahnen, dass sie ihren Entschluss im Rollstuhl weiterverfolgen musste.
Bei einer Periduralanästhesie während einer Geburt verlor Jen jegliches Gefühl von den Lippen abwärts. Ihr Gefühl in den Beinen kam nie wieder zurück. Sie hörte auf zu trainieren, ihr Leben war geprägt von Verleugnung und Unklarheit über ihr Problem, bis schliesslich eine Störung des oberen Motoneurons diagnostiziert wurde: eine Krankheit, welche die motorische Kontrolle und die Muskelaktivität des Patienten beeinträchtigt.
Mit ihrem Wissen über Fitness und Ernährung nahm Jen ihr Hobbytraining wieder auf und arbeitete auf ihr Ziel hin, Bodybuilderin zu werden. Sie war die erste Frau im Rollstuhl, die je beim professionellen Wettbewerb Arnold Classic posierte. Nachdem sie bei zahlreichen Bodybuilding-Wettbewerben und -Veranstaltungen als Gastposerin teilgenommen hatte, erhielt Jen 2020 die allererste IFBB-Pro-Card für weibliches Rollstuhl-Bodybuilding.
Bei einem Bodybuilding-Wettbewerb werden die Teilnehmenden nach ihrer Grösse, Körpersymmetrie und Muskulatur beurteilt. Da Bodybuilding ein subjektiver Sport ist, wird ein Punktesystem auf der Grundlage von Durchschnittswerten verwendet, wobei die Teilnehmenden fünf bis acht Pflichtposen absolvieren müssen. Da bei Rollstuhlfahrer/-innen nur die Muskeln des Oberkörpers bewertet werden, müssen sie nur vier Pflichtposen absolvieren: doppelter vorderer Bizeps, seitlicher Brustkorb, doppelter hinterer Bizeps und Bauchmuskeln.
Unten ist das Video, in dem Jen ihre freien Posing-Routinen als Gastposerin bei der Arnold Classic 2019 zeigt. Sie wünscht sich, dass mehr Frauen es schaffen, ihre Komfortzone zu verlassen und sich Zeit für das nehmen, was ihnen wichtig ist.
«Du musst es nur versuchen. Es spielt keine Rolle, ob Du im Rollstuhl bist oder nicht, gib nur nicht auf.»
Kevin Ogar: der CrossFit-Meister
Im Jahr 2014 veränderte eine Verletzung das Leben von Kevin Ogar. Nach seinem Versuch, bei einem CrossFit-Wettbewerb ein Gewicht von 107 Kilo zu stemmen, fiel eine schwere Stange herunter und traf ihn am Rücken – er wurde querschnittgelähmt.
Viele würden vor der Tätigkeit zurückschrecken, bei der sich der Unfall ereignet hat – nicht so Kevin. Entschlossen, Menschen zu helfen, kehrte er in sein Fitnessstudio zurück. Noch im Jahr seiner Lähmung wurde er zu einem der 200 Elite-CrossFit-Trainer auf der Welt.
Wie der Name sagt, handelt es sich bei CrossFit um ein hochintensives Fitnessprogramm, das Elemente aus verschiedenen Sportarten und Übungsformen wie Kraftdreikampf, Gymnastik und Kugelhantel umfasst. Als zertifizierter CrossFit-Trainer hat Kevin den Lehrplan für den Zertifizierungskurs Adaptiver & Inklusiver Trainer mitgestaltet, um den Sport inklusiver und für alle durchführbar zu machen. Ausserdem engagiert er sich in Organisationen wie der Adaptive Training Academy und in WheelWOD, wo er inklusives Fitnesstraining und Unterstützung für alle anbietet.
Im Video erzählt Kevin von seinem Leben vor und nach der Verletzung. Seine Strategie zur Bewältigung von Widrigkeiten beschreibt er mit der Analogie des hüpfenden Balls, einem Rat seines Arztes:
«Ein Ball soll immer aufspringen. Wenn man ihn loslässt, ist das Fallen in Ordnung, solange er wieder zurückspringt. Nur dann, wenn der Ball nicht wieder hochspringt, sollte man sich Hilfe suchen.»
Wie in einem anderen Interview erwähnt, fühlte Kevin seine Lebensaufgabe immer darin, Menschen zu helfen. Seine Verletzung hat sich positiv auf seine Fähigkeit ausgewirkt, anderen zu helfen. Er war einer der ersten, die CrossFit für Sportler/-innen mit Behinderung möglich machten. Heutzutage können Menschen bei dem jährlichen Wettbewerb CrossFit Open in sechzehn adaptiven Klassen antreten, darunter auch eine für sitzende Athleten mit oder ohne Hüftfunktion.
Das Video unten zeigt Menschen mit ganz verschiedenen Behinderungen, die gemeinsam an einem CrossFit-Wettkampf teilnehmen. Wie Kevin in einem Interview sagte, ist in der CrossFit-Community jeder und jede willkommen, unabhängig von Behinderung, Fähigkeiten und Stärken. «Es gibt kein ‹Das kannst du nicht›, sondern nur ein ‹Lass es uns versuchen!›.»
Was war Euer Lieblingssport vor der Querschnittlähmung und welcher ist es jetzt? Wie habt Ihr hinterher das Vertrauen in Sport zurückgewonnen?