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© BILANZ 20/11 04.11.2011
Schon wieder ging der Nobelpreis für Ökonomie an einen Theoretiker, der sich nicht für Menschen, aber sehr für Modelle interessiert.
Eigentlich sollte man annehmen, dass der Nobelpreis für Ökonomie an Wissenschaftler dieses Fachgebiets verliehen würde, die etwas zu unserem Verständnis der Wirtschaft beitragen. Doch einmal mehr wurden wir dieses Jahr eines Besseren belehrt. Nobelpreise in den Wirtschaftswissenschaften werden vor allem an Ökonomen verliehen, welche die Realität ignorieren und sich stattdessen mit hypothetischen Modellwelten beschäftigen. Diese Modellwelten werden dann mit mathematisch beeindruckenden Gleichungen beschrieben, aus deren Ergebnissen wiederum wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen für die real existierende Wirtschaft gezogen werden. Was dabei herauskommt, ist klar: Unsinn! Aber immerhin Unsinn, für den man Nobelpreise bekommt.
So «entdeckte» etwa Robert Lucas (Nobelpreis 1995) dank seinen Modellen, dass Rezessionen das Resultat falscher Erwartungen sind, denen sich auch rationale Teilnehmer des Marktgeschehens nicht entziehen können. Unternehmen und Haushalte verwechseln öfters nominale Preisänderungen mit realen Preisänderungen. Wird die Inflation unterschätzt, dann wird zu viel produziert und gearbeitet (Boom), und umgekehrt führt eine Unterschätzung in die Rezession. Mit andern Worten: Konjunkturschwankungen werden nur durch Verwechslungen von realen mit nominalen Grössen ausgelöst.
Edward Prescott (Nobelpreis 2004) hatte eine noch bessere Erklärung auf Lager. Aufgrund eines andern Modells gelang es ihm zu zeigen, dass Wirtschaftskrisen gar nichts mit der schwankenden Nachfrage von Unternehmen und Haushalten zu tun haben. Sie werden stattdessen durch Produktivitätsschwankungen ausgelöst, die dazu führen, dass Angestellte in Jahren mit viel technischem Fortschritt viel arbeiten (Boom) und dafür in Jahren mit wenig Fortschritt ihre Arbeit reduzieren und die Freizeit geniessen (Rezession). Mit andern Worten: Arbeitslosigkeit wird durch die Arbeiter selbst verursacht.
Der in diesem Jahr an Thomas Sargent verliehene Nobelpreis passt bestens in diese Tradition exzellenter Erklärungen. Die schon von Lucas verbreitete «Erkenntnis», dass sämtliche realen Auswirkungen der Geldpolitik nur auf Täuschungen der wirtschaftlichen Akteure zurückzuführen sind, wurde von ihm noch auf die Spitze getrieben. Gemäss Sargent sehen die Wirtschaftsakteure die durch eine Geldmengenerhöhung morgen ausgelöste Inflation bereits heute voraus und verlangen deshalb bereits heute höhere Preise, was jeden stimulierenden Effekt auf die reale Wirtschaft verunmöglicht. Nur wenn es die Zentralbank fertig bringt, die Wirtschaftsakteure systematisch zu täuschen, kann sie die Wirtschaft kurzfristig beeinflussen. Da ihr das aber nicht gelingen wird, kann Geldpolitik praktisch nie eine Auswirkung auf die reale Wirtschaft haben.
Eine der heilsamsten Auswirkungen der gegenwärtigen Finanzkrisen liegt darin, dass sie den erbärmlichen Zustand der Mainstream-Makroökonomie für ein breiteres Publikum entlarvt hat. Dies hat kürzlich ein anderer Nobelpreisträger, nämlich Paul Krugman, mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Und Krugman hat recht. Erst wenn auch Makroökonomen wieder schauen, wie sich Menschen und Unternehmen in der Realität tatsächlich verhalten, statt irgendeine unrealistische, aber modelldienliche Annahme wie «rationale Erwartungen» zu unterstellen, kann man ihre nobelpreisgekrönten Theorien wieder ernst nehmen.