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Der Hunger nach Strom hat in den Schweizer Alpen sichtbare Spuren hinterlassen. Bei den Stauseen verwandeln Kraftwerke die Energie aus den Bergflüssen in Elektrizität, die dann über Hochspannungsleitungen in den Rest der Schweiz verteilt wird. Gelegentlich mussten den Stauseen ganze Dörfer weichen, wie im Fall von Marmorera im Juliertal. 1948 erteilte die Gemeinde die Erlaubnis für den Bau des Staudamms. Die wichtigsten Gebäude wurden gesprengt, das Dorf steht seit 1954 unter Wasser. Ein fiktives Geheimnis um das überflutete Dorf und den «Fluch» der erkauften Energiequelle bildet die Inspiration für den Mystery-Thriller Marmorera, den Eröffnungsfilm der 42. Solothurner Filmtage.
Im Lai da Marmorera wird die Leiche einer geheimnisvollen jungen Frau (Eva Dewaele) gefunden. Auf dem Weg ins Spital wacht sie plötzlich wieder auf. Der junge Psychiater Simon Cavegn (Anatole Taubman), der in den Flitterwochen in seiner ehemaligen Heimat die Frau entdeckt hat, soll sich in der Psychiatrischen Klinik von Zürich um sie kümmern. In Anlehnung an den Fluss, der in den Stausee fliesst, gibt er ihr den Namen Julia. Als sich bei den Bürgern von Marmorera bizarre Todesfälle häufen, vermutet Cavegn Zusammenhänge zwischen diesen Unfällen und seiner Patientin. Die Gespräche mit Julia, in denen sie ihm Hinweise auf die nächsten Toten gibt, wirken besonders verstörend auf ihn. Die Nachforschungen führen wiederholt in seine eigene Vergangenheit, auch zu seinen Grosseltern, die über den Bau des Staudamms geteilter Meinung waren. Ist Julia etwa die als Wassernixe wiederkehrende Reinkarnation seiner Grossmutter Maria?
Marmorera ist nach Angaben der Filmemacher und des Verleihers der erste Schweizer Mystery-Thriller. Wie beherrscht nun ein Schweizer Regisseur, der zuvor hauptsächlich Fernsehfilme realisiert hat, das unübliche Genre? Markus Fischer bedient sich fleissig bei Vorbildern aus Hollywood, lässt aber durch die lokale Verankerung und das Spiel mit der Sprache ein eigenständiges Werk entstehen.
Ursprünglich hat Fischer mit der Idee gespielt, einen Horrorstreifen zu drehen, und so erstaunt es wenig, dass die Inszenierung der unterschiedlichen Todesarten stark an Szenen aus Final Destination (James Wong, USA 2000) erinnert. Beste Verwendung findet Fischer dabei für prominente Schweizer Schauspieler wie Mathias Gnädinger, Patrick Frey oder Stefan Gubser. Ansonsten erlaubt die heraufbeschworene Stimmung Vergleiche mit den düsteren Sequenzen aus Filmen von M. Night Shyamalan, der in seinem Märchen Lady in the Water (USA 2006) ebenfalls eine Wassernixe als Hauptfigur auf die Leinwand brachte. Die verschiedenen Einflüsse werden nicht immer ganz stilsicher vermischt, es lassen sich aber durchaus positive Ansätze erkennen. Mit Marmorera bringt Fischer auf alle Fälle willkommenen frischen Wind in die Schweizer Filmlandschaft: Der Film ist ein gelungener – und vor allem mutiger – Einstand für ein neues Genre, das nicht nur Fans von Mystery-Thrillern Nervenkitzel bietet.