Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03461.jsonl.gz/2545

| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

26. Vortrag.
15.
Auf die Frage aber, wie der Herr sein Fleisch zu essen geben könne, erhalten die Streitenden nicht sogleich eine Antwort, sondern zunächst wird ihnen gesagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben“. Wie es nämlich gegessen wird und worin die Art und Weise besteht, dieses Brot zu essen, wisset ihr nicht; jedoch „wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben“. Das sprach er natürlich nicht zu Leichnamen, sondern zu Lebendigen. Daher fügte er, damit sie nicht an dieses Leben dächten und darüber stritten, fortfahrend bei: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“. Dieses hat also derjenige nicht, der dieses Brot nicht ißt und dieses Blut nicht trinkt; denn das zeitliche Leben können die Menschen ohne dasselbe haben, das ewige Leben können sie keineswegs haben. Wer also sein Fleisch nicht ißt und sein Blut nicht trinkt, hat das Leben nicht [S. 449] in sich, und wer sein Fleisch ißt und sein Blut trinkt, hat das Leben. Beidesmal aber hat er beigesetzt: „das ewige“. Nicht so verhält es sich bei dieser Speise, die wir zu Erhaltung des zeitlichen Lebens nehmen. Denn wer diese nicht nimmt, wird nicht leben, und dennoch wird der, welcher sie nimmt, nicht leben. Denn es kann vorkommen, daß sehr viele, die sie nehmen, durch Alter oder Krankheit oder irgendeinen Unfall sterben. Bei dieser Speise und diesem Tranke aber, d. h. beim Leibe und Blute des Herrn, ist es anders. Denn sowohl derjenige, der sie nicht nimmt, hat das Leben nicht, als auch derjenige, der sie nimmt, hat das Leben, und zwar das ewige. Unter dieser Speise also und diesem Tranke will er die Gemeinschaft des Lebens und seiner Glieder verstanden wissen1, d. i. die heilige Kirche in seinen vorherbestimmten, berufenen, gerechtfertigten, verherrlichten Heiligen und Gläubigen. Davon ist das erste schon geschehen, nämlich die Vorherbestimmung; das zweite und dritte ist geschehen, geschieht und wird geschehen, nämlich die Berufung und Rechtfertigung, das vierte aber wird erhofft, wird jedoch in Wirklichkeit erst in der Zukunft stattfinden, nämlich die Verherrlichung. Das Geheimnis2 dieser Sache d. i. der Einheit des Leibes und Blutes Christi wird da und dort täglich, da und dort an gewissen Tagen am Tische des Herrn bereitet und vom Tische des Herrn genommen, manchen zum Leben, manchen zum Tod; die Sache selbst aber, die in geheimnisvoller Weise dargestellt wird, ist jedem Menschen zum Heile, keinem zum Verderben, wer immer derselben teilhaft wird.
1: Metonymisch, sofern nämlich die Eucharistie diese Gemeinschaft bewirkt.
2: Huius rei sacramentum. Die Eucharistie, d. h. die eucharistischen Elemente, ist nicht bloß ein Zeichen des real anwesenden Leibes Christi, sondern auch des mystischen Leibes Christi oder der kirchlichen Einheit (Hurter).