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Felsgravuren aus prähistorischer Zeit in einem oberitalienischen Alpental. Ältester bekannter Ortsplan, Mitte des zweiten Jahrtausends v.Chr.
VON WALTER BLUMER, BERN
Mit 5 Bildern ( 44-48 ) Im Val Camonica, bei Capo di Ponte, Provinz Brescia, Oberitalien, finden sich, auf von eiszeitlichen Gletschern glattgeschliffenen Felsen fein eingeritzt, eine grosse Zahl prähistorischer Zeichnungen. 1960 hat man auf mehr als 600 Felsen über 25 000 Darstellungen und Figuren gezählt. Diese Felszeichnungen sind vor einem halben Jahrhundert von Hirten entdeckt worden, doch wurde ihnen nicht sogleich die gebührende Beachtung geschenkt. Erst zwei Jahrzehnte später begannen Archäologen, sich ernsthaft mit ihnen zu befassen.
Die Gravuren sind im allgemeinen gut erhalten, da sie Staub, Erde, Moos und Gras im Laufe der Jahrhunderte zugedeckt und so vor zerstörenden natürlichen und menschlichen Einflüssen bewahrt haben. Ihre Erforschung ist noch nicht abgeschlossen.
Die Zeichnungen geben die kulturelle Entwicklung der vorgeschichtlichen Bewohner dieses abgeschlossenen alpinen Tales in ununterbrochener Folge wieder, ihr Leben und ihre Gewohnheiten im Dorf, Feld und Wald während eines Zeitraumes von mehr als zweitausend Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung, vom Ende des dritten Jahrtausends v. Chr., von der eneolithischen Periode über die Bronze- und Eisenzeit hinaus, bis die Römer mit ihrer Kultur im Jahr 16 v. Chr. ins Tal eindrangen und die Camuni, wie die Eroberer die Bewohner nannten, aus ihrer Isoliertheit herausrissen und ihre Gravierkunst, die schon Zeichen des Verfalls zeigte, ein Ende fand.
Diese Felszeichnungen, die Jahrtausende überdauert haben, sind von hohem volkskundlichem Wert. Es handelt sich um Darstellungen menschlicher und tierischer Figuren, von Jagd, Ackerbau und Handwerk, um kriegerische und kultische Szenen, Hütten, Waffen, Werkzeuge, Karren, Pflüge usw. sowie rätselhafte Bilder und magische Symbole. Einer der bedeutendsten Felsen ist derjenige von Naquane mit 885 Figuren aus fünf verschiedenen Kulturphasen.
Die Camuni sind unbekannter Herkunft. Ursprünglich als Jäger ins Tal gekommen, begannen sie als Halbnomaden Rindviehzucht zu treiben, die jedoch weniger entwickelt war als die Jagd. Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. wanderten von der Po-Ebene her fremde Menschengruppen ins Tal ein, die neue Waffen und Geräte brachten und wahrscheinlich den Ackerbau einführten. Die Camuni müssen dem Sonnenkult gedient haben. Gravuren, die bis ins Neolithikum zurückreichen, stellen immer wieder die Leben und Wachstum spendende Sonne als runde Scheibe dar und menschliche Gestalten mit erhobenen Armen in anbetender Stellung. Auch der Hirsch, der die Hauptnahrung lieferte, scheint verehrt worden zu sein. Hirschjagden kommen zahlreicher vor als Bilder aus der Landwirtschaft.
Eine genaue Zeitbestimmung der Gravierkunst ist nicht möglich. Da sich jedoch mit dem Fortschritt der Kultur auch die Darstellung der Figuren entwickelt hat, ist es möglich, die archäologischen Epochen und die verschiedenen Kulturphasen festzustellen. Jede Periode hat ihren eigenen Charakter. Die ältesten Gravuren stammen aus dem Ende des dritten Jahrtausends v. Chr., der eneolithischen Epoche. Während dieser und der Bronzezeit sind die Darstellungen eher schematisch, planmässig, im Grundriss, abstrakt und symbolisch, die menschlichen Gestalten z.B. bloss mit Strichen angegeben. Vom ersten Jahrtausend an, während der Eisenzeit, wird die Ausführung präziser, ausgeprägter, sorgfältiger; Hütten, Pflüge, Wagen sind in der Ansicht und die Szenen realistischer wiedergegeben. Ohne Zweifel war schon vor der Bronzezeit der einfache, hölzerne, räderlose, von Menschen gezogene Pflug im Gebrauch. Erst später erscheinen Ochsen und am Ende der Eisenzeit Pferde, als Zugtiere vor vierrädrige Karren gespannt. Der Webstuhl muss seit ältester Zeit bekannt gewesen sein. Das Handwerk hat sich besonders während der Eisenzeit entwickelt. Oft findet man Gravuren verschiedener Kulturphasen nebeneinander, ja, diese überlagern sich manchmal sogar, lassen sich aber gut voneinander unterscheiden.
Die höchste Stufe scheint die Gravierkunst in der mittleren Bronzezeit, um die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., erreicht zu haben, und zwar zur Zeit, während der die griechisch-mykenische Kultur durch ihren Tauschverkehr mit dem Norden Europas ( Bernstein ) starken Einfluss auf die Camuni ausgeübt hat. Der internationale Handelsverkehr führte vom adriatischen Meer her in der Nähe des Val Camonica, das reich an Kupfer und Eisen war, vorbei, der Etsch entlang über die Alpen und, der Elbe folgend, bis Skandinavien. Die Camuni, die neben ihrer Tätigkeit als Jäger und Bauern ihre Bodenschätze ausbeuteten und damit Handel trieben, kamen so mit Völkern des Südens und Nordens in Berührung. Vom sechsten Jahrhundert an herrschte der Einfluss der Etrusker vor. Es entwickelten sich auch Beziehungen mit den Ligurern und Kelten. Erst seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. findet man räto-etruskische Schriftzeichen. Alle diese Einflüsse sind an den Felszeichnungen zu erkennen, wie auch die Künstler an ihren technischen Eigenheiten.
Unter der Vielheit der Gravuren sind einige Situationspläne von besonderem Interesse. Es finden sich im Val Camonica zahlreiche solche Darstellungen, und zwar aus dem Ende des Neolithikums um 2000 v. Chr., aus der folgenden Bronzezeit und aus der Eisenzeit. Am bedeutendsten und hervorragendsten ist die sogenannte Mappa di Bedolina, die in der Ansicht und im Grundriss gezeigt wird. Diese Darstellung ist um so erstaunlicher, als es sich hier um die Kunst eines primitiven Volkes in einem alpinen Tal handelt. Von den hochkultivierten Völkern des Altertums in Mesopotamien und Ägypten ist nichts Gleichartiges bekannt, und doch müssen auch in den flachen fruchtbaren Ebenen die Eigentumsgrenzen irgendwie festgehalten und, wie am Nil seiner regelmässigen Überschwemmungen wegen, notgedrungen immer wieder rekonstruiert worden sein.
Der etwa vier Meter lange Plan von Bedolina ist mehr als ein blosser Katasterplan, einzig in seiner Gesamtheit und die erstaunlichste Darstellung dieser Art aus prähistorischer Zeit. Seine Entstehung kann nicht auf Jahre genau datiert werden, sie dürfte aber in die mittlere Bronzezeit, d.h. in die Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. zurückgehen 1. Der Plan ist kein Erzeugnis der Phantasie, vielmehr stellt er ein bestimmtes Gebiet dar, das der Künstler nach der Natur gezeichnet hat Die Linien bezeichnen Wege, Bächlein und Bewässerungsgräben. Am oberen Rand in der Mitte ist ein Bach angegeben, der sich den Feldern zuschlängelt. Dieser Bachlauf ist heute noch im Gelände zu erkennen, und Spuren deuten auf Reste von prähistorischen Ableitungen hin. Am auffallendsten sind die rechteckigen, mit Trockenmäuerchen umgebenen Felder oder Äcker, wie sie heute noch in der Gegend zu sehen sind. Die innerhalb dieser Grundstücke regelmässig angeordneten Punkte und Punktreihen scheinen auf Pflanzungen hinzudeuten. Weitere Felder dienten vermutlich als Sammelplätze für das Vieh, was ein Hinweis auf Gemeingut ( Allmenden ) sein könnte. Bewässerungsgräben verbinden die Grundstücke miteinander und werden von Quellen hergeleitet oder speisen Brunnen, die durch einen kleinen Kreis mit Punkt in der Mitte bezeichnet werden. Einzelne Wasserläufe versickern. Hütten, im Grundriss dargestellt, wie im Plan in den Ecken links oben und unten, weisen auf die Bronzezeit hin, diejenigen in der Ansicht dagegen, die z.T. ältere Zeichnungen überlagern, sind späteren Datums. Kleinere Hütten werden als Ställe oder Scheunen gedient haben. Die Gebäulichkeiten müssen aus Holz gewesen sein.
Die Bewohner des Val Camonica lebten als Selbstversorger in ihrem alpinen Tal von der Jagd, der Landwirtschaft und den Produkten ihres Bodens. Sozial, ökonomisch und kulturell hat die Bevölkerung eine Einheit gebildet. Die bebauten Felder und ihre Verteilung weisen auf einen Zusammenschluss der Familien hin. Vor allem aber lässt das Bewässerungssystem, das dem Plan zu entnehmen ist, erkennen, dass bei den Camuni schon zur Bronzezeit eine kollektive Arbeitsorganisation bestanden haben muss. Diese Tatsache wird die damaligen Bewohner von Capo di Ponte veranlasst haben, für die Besitzesverhältnisse und den Bestand, die Leistungen, Lasten und Rechtsansprüche der Grundeigentümer und Ackerbauer einen geltenden Plan aufzustellen, der mangels eines geeigneteren Materials auf die Felsflächen fein eingraviert worden ist.
Mit den Felszeichnungen des Val Camonica, im besondern mit denen des vorliegenden Ortsplanes von Bedolina, hat sich aus prähistorischer Zeit ein einzigartiges Dokument bis heute erhalten, das nur bewundert werden kann. Literatur, u.a.: E. Anati, La Civilisation du Val Camonica, Paris, 1960. Les Travaux et les jours aux âges des métaux du Val Camonica, L' Anthropologie, Vol. 3, Paris, 1959. Capo di Ponte, Centro dell'arte rupestre Camuna, Breno, 1963.
1 Der italienische Archäologe Dr. Emmanuel Anati, der beste Kenner und Erforscher der Felszeichnungen im Val Camonica, bezeichnet den Plan von Bedolina als « la più antica carta geografica ritrovata in Europa, che risale all'età del Bronzo ».
Riassunto Nei dintorni di Capo di Ponte in Val Camonica si trovano numerose incisioni rupestri di diverse specie, figure umane e animali, armi, utensili, scene guerriere e di culto, di caccia e d' agricoltura. Esse rappresentano senza interruzione l' evoluzione della coltura, dell' attività giornaliera e delle abitudini del popolo vallegiano, chiamato Camuni, dalla fine dell' epoca neolitica circa 2000 anni a. C, dell' età del bronzo e del ferro, finché i Romani conquistarono la valle 16 anni a.C, ove svilupparono la propria coltura.
L' arte di incisione rupestre raggiunse il suo apice durante l' età del bronzo nella metà del secondo millennio a. C, allorché il commercio di scambio greco-miceno coll' Europa settentrionale acquistò grande influenza sulla civiltà camuna. Il piano corografico qui descritto pare essere stato eseguito durante questo periodo. Esso misura circa 4 metri di lunghezza e merita la massima ammirazione, non essendo un'opera di fantasia, ma di vera realtà. Vale più di un semplice piano catastale. Unico nel suo complesso, è la più antica rappresentazione di questo genere conosciuta fino a oggi. Si osservano delle linee marcanti sentieri, muri di cinta, rivoletti e canaletti d' irrigazione che provengono da sorgenti e sboccano in fontane o si perdono. I campi rettangolari sembrano indicare piantagioni marcate da allineamenti regolari di punti.
La ripartizione dei campi ed il sistema d' irrigazione dimostrano che, già nell' epoca del bronzo, questo popolo preistorico ha regolato la sua vita, i diritti e doveri dei singoli individui, per mezzo di un' organizzazione collettiva di lavoro, fissata in un piano, il quale, in difetto di un materiale migliore e maneggevole, fu inciso stupendamente e minutamente sulla superficie delle rocce levigate l' epoca glaciale.