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Die Schweiz sieht sich in Sachen Tierschutz gerne als fortschrittlich. Seit Jahrzehnten sei die Zahl der in Tierversuchen verwendeten Individuen stark rückläufig. Wurden im Jahre 2010 insgesamt 761‘675 Tiere zu Versuchszwecken eingesetzt, sind es ein Jahr später nur noch 662‘128; immerhin ein Rückgang von 13,1 Prozent. Erfreulich kommt hinzu, dass insbesondere die Versuche des dritten und höchsten Schweregrads abgenommen haben, also diejenigen, bei denen die Tiere unter einem erheblichen Leidensdruck kläglich verenden. Ein Beispiel für solche Versuche sind toxikologische Tests wie die Ermittlung des sogenannten LD50-Wertes, der für praktisch alle Arzneimittel erhoben wird – zumeist für unterschiedliche Tierarten und Verabreichungsformen. Der LD50-Wert gilt als Referenzgrösse für die Toxizität von Arzneimitteln und Substanzen. Er steht für die tödliche Dosis bei 50% der Versuchsobjekte, gibt also die Menge eines Wirkstoffs an, bei der die Hälfte der Versuchstiere stirbt. Bei der Acetylsalicylsäure, dem Wirkstoff des Aspirins, liegt dieser Wert für die Maus bei oraler Verabreichung bei 250 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, für die Ratte bei 200 Milligramm. Da sich die ermittelten Werte nur äusserst bedingt auf Menschen übertragen lassen, ist nicht nur die Praxis zur Bestimmung dieses Wertes ethisch höchst bedenklich - zahlreiche Tiere erleiden dafür einen qualvollen Vergiftungstod -, sondern auch der pharmazeutische Erkenntnisgewinn und Nutzen für den Menschen fragwürdig.
Dass die Zahl der in der Schweiz durchgeführten Tierversuche abnimmt, darunter gerade auch jene, die einen erheblichen Leidensdruck der Tier mit sich bringen, scheint auf den ersten Blick erfreulich. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass bei dieser Betrachtungsweise verschiedene Aspekte unberücksichtigt bleiben, so zum Beispiel die Verlegung von durch Schweizer Pharmafirmen in Auftrag gegebenen Versuchen in Filialen und Partnerfirmen ins Ausland. Denn dort sind die Tierschutzbestimmung in vielen Fällen weit dürftiger als hierzulande. Tierschutz darf keinen Halt machen vor Landesgrenzen; wenn die Versuchszahlen in der Schweiz sinken, aber im nahen und fernen Ausland steigen, ist das kein grosser Erfolg. Aber auch innerhalb der Schweizer Grenzen gibt es indes mehr Tierversuche, als uns so manche Statistik glauben lässt. In vielen Fällen bleibt etwa der Trend zur mehrfachen Verwendung von ein und denselben Tieren verborgen. Abgesehen davon sind die Werte trotz des Rückgangs immer noch sehr hoch – bei deutlich mehr als einer halben Million Versuchstieren im letzten Jahr handelt es sich definitiv nicht um Einzelfälle.
Weil Tierversuche von einem erheblichen Teil der Ärzteschaft, von Pharmavertretern und klinischen Forschern als nützlich oder gar notwendig erachtet werden, ist nicht damit zu rechnen, dass die Versuche in Kürze gänzlich eingestellt werden. Zwar gibt es längst Alternativen wie In-vitro-Tests, bei denen Substanzen an menschlichen Zellkulturen oder DNS-Material ausserhalb eines lebenden Wesens getestet werden, oder über Mikrodosierungen beim Menschen. Juristisch sind Tierversuche im Vergleich zu den Versuchen an Menschen jedoch immer noch weit unproblematischer. Allerdings täuschen gerade auch Tierversuche immer wieder eine falsche Sicherheit vor. Nicht selten können im Tierversuch unproblematisch wirkende Medikamente bei Menschen zu schwerwiegenden Komplikationen führen. In den letzten Jahren haben verschiedene Studien das immer noch von vielen Medizinern stillschweigend akzeptierte Konzept der Unverzichtbarkeit der Tierversuche in Frage gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass sich ein Einstellungswandel, dem Tier genauso wie dem Menschen zuliebe, rasch vollzieht.