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Intakte Flusslandschaften wie hier der Illinois-River in Colorado – ein Paradebeispiel für einen intakten Wasserkreislauf. Bild: istock.com
Stefan Schwarzer: Nein, so schlimm ist es nicht. Wir werden uns aber selbst in Ländern, die bisher eigentlich viel Wasser haben, zunehmend einschränken müssen und Probleme mit der Wasserversorgung von Mensch und Natur haben. Mit anderen Worten: Der Bodensee wird noch lange nicht austrocknen, aber Grundwasser und Oberflächenwasser für die Vegetation werden knapper, weil wir unsere Böden falsch nutzen und dadurch den Land-Wasserkreislauf stören.
Definitiv nicht. Dazu muss man wissen, dass der Mensch Wasser seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten als ein Problem betrachtet. Er möchte es möglichst schnell abführen: Wir haben Böden mit Drainagen trockengelegt und Wälder gerodet, um Ackerland zu gewinnen, Kanalisationen gebaut, Flüsse begradigt und Böden grossflächig versiegelt. All diese Landnutzungsmassnahmen – also eigentlich «Landschädigungen» – führen dazu, dass das Wasser viel zu schnell in die Ozeane abgeführt wird.
Ja, denn eigentlich würde dieses Wasser in der Landschaft verbleiben, in der Vegetation, in den Böden, in Tümpeln und Seen oder würde als Grundwasser gespeichert. Und stünde damit dem natürlichen Land-Wasserkreislauf oder sogenannten kleinen Wasserkreislauf zur Verfügung. Das bedeutet, die Vegetation, die mit diesem Wasser versorgt wird, würde dafür sorgen, dass neuer Regen entsteht und das Klima gekühlt wird. Dazu müssen wir verstehen, wie der kleine Wasserkreislauf funktioniert.
Stefan Schwarzer: „Der grosse Baum im Biergarten kühlt seine Umgebung mit der Kühlleistung von rund 10 haushaltsüblichen Klimaanlagen“
Ja genau. Ein grosser Baum im Biergarten nimmt Wasser aus dem Boden auf und verdunstet es über seine Blätter. An einem heissen Tag können das gut 400 Liter sein. Dieses «Verdunstschwitzen» ist energieaufwendig. Der grosse Baum im Biergarten kühlt dadurch seine Umgebung mit der Kühlleistung von rund 10 haushaltsüblichen Klimaanlagen, die mit voller Kraft laufen. Sie können sich ungefähr vorstellen, was da ein grosser, gesunder Wald zustande bringt.
Ja genau, der Wasserdampf steigt in die Atmosphäre auf, wo er zu Wolken kondensiert und an einem anderen Ort über dem Kontinent abregnet. Die Vegetation ist ein Regenmacher!
„Böden, Moore, Auenlandschaften und Wälder würden enorme Wassermengen speichern. Doch dieses Wasser fehlt zunehmend“
Wie gesagt, erdnah entsteht durch die Transpiration des Baums Verdunstungskühlung. Die dabei aufgewendete Energie steigt im Wasserdampf gespeichert als sogenannte «latente Energie» in die höhere Atmosphäre auf. Wenn der Dampf dann wieder zu Wasser kondensiert, wird diese Energie freigesetzt. Ein Teil davon entweicht ins All. Vereinfacht gesagt: Dieser Wasserkreislauf transportiert Wärme von den Luftschichten, in denen wir leben, in höhere Luftschichten und einen Teil sogar bis ins All. Nun funktioniert das natürlich nicht nur mit Bäumen, sondern mit der Vegetation allgemein. Also auch mit Ackerpflanzen, mit Pflanzen in Moor- oder Auenlandschaften…
Ja, und genau da liegt das Problem. Dauerhaft bedeckte Böden, Moore, Auenlandschaften und Wälder würden enorme Wassermengen speichern und langsam wieder an die Atmosphäre abgeben. Doch dieses «Recycling»-Wasser fehlt zunehmend.
Allerdings. Denn die Landzerstörungen in dieser Zeit und damit die reduzierte Verdunstung hat nach Modellierung zu einem weltweiten Anstieg der Temperatur um 0,3 °C geführt. Insgesamt lassen sich dadurch 18 bis 40 Prozent der bis 2015 verzeichneten globalen Erderwärmung erklären, was enorm wäre.
Dazu gibt es kaum Zahlen. Aber was sich sagen lässt, ist, dass 60-80 Prozent des Land-Niederschlags durch die Verdunstung der Pflanzen generiert wird, was erklärt, dass die Hälfte des Regens auf den Kontinenten über dem Land entsteht. Von Region zu Region gibt es jedoch grosse Unterschiede: In vielen Küstenregionen kommt der Regen hauptsächlich von den Ozeanen. Aber in Ostchina beispielsweise stammen rund 80 Prozent des Niederschlags aus Verdunstungsprozessen in Eurasien.
Magerwiesen und Bäume im Feld helfen, damit mehr Wasser aufgenommen und gebunden wird. Bild: istock.com
So könnte man das sagen, ja.
„Ein gesunder Boden könnte soviel Wasser aufnehmen, wie bei der Flutkatastrophe im Ahrtal runterkam“
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Das ist unterschiedlich. Als ein Beispiel: Rund die Hälfte der Trockenheitsproblematik in Ostdeutschland lässt sich auf falsche Landnutzungsmassnahmen zurückführen. Dazu gehören verlorene Wälder, gepflügte Äcker, deren Böden über Wochen und Monate offen liegen gelassen werden, drainierte, also trockengelegte, Böden, Gräben, kanalisierte Fliessgewässer und versigelte Flächen. Wenn die Böden ausgelaugt und ausgetrocknet sind, nehmen sie bei stärkerem Regen viel weniger Wasser auf. Es fliest quasi direkt in die Flüsse statt im Boden zu versickern. Aber ein gesunder, bewachsener Boden kann in 10 bis 20 Minuten 200 Liter Wasser aufnehmen. Das ist in etwa die Menge, die bei der Flutkatastrophe im Aartal runterkam. Das sind eigentlich gute Neuigkeiten!
„Die Losung ist Agroforstwirtschaft – Bäume zurück in die Äcker“
Es bedeutet, dass Bäuerinnen und Bauern mit relativ einfachen Massnahmen und betrieblichen Verbesserungen die Trockenheit bekämpfen können. Dazu zählen ständige Bodenbedeckung mit Untersaaten und vielfältige Zwischenfrüchte, flache bis gar keine Bodenbearbeitung, Agroforstwirtschaft – also Bäume zurück in die Äcker –, Kompostwirtschaft oder der Anbau von Mischkulturen um ein paar Elemente zu nennen. Dadurch steigern die Betriebe die Bodenfruchtbarkeit und sorgen dafür, dass der Boden das Wasser besser aufnehmen und speichern kann.
Ja und nein. Es gibt immer mehr Bäuerinnen und Bauern aber auch Gruppierungen, die in Richtung Permakultur, regenerative Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft arbeiten. Doch es müsste sich an vielen Stellen noch einiges ändern, so zum Beispiel bei den Landwirtschaftsschulen, den Bauernverbänden, aber auch beim Handel und den Konsumentinnen und Konsumenten.
„Wir müssen Bäuerinnen und Bauern dafür bezahlen, dass sie gesunde Böden schaffen, die das Wasser besser aufnehmen“
Wir müssen verstehen, dass Bäuerinnen und Bauern nicht nur Getreide anbauen, sondern dass sie mit ihren Äckern vor Hochwasserereignissen wie auch vor Trockenheit und Dürren schützen können. Das ist aktiver Klima- und Bevölkerungsschutz und damit eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der wir sie unterstützen müssen.
Es braucht einen Paradigmenwechsel. Denn ob nun in Spanien, Indien, Deutschland oder der Schweiz: im heutigen System werden Landwirtinnen und -wirte einfach nur pro Ertrag bezahlt. Wir müssten sie aber eigentlich auch für andere gesellschaftliche Aufgaben oder Dienstleistungen entschädigen.
Genau, wir müssen Bäuerinnen und Bauern dafür bezahlen, dass sie gesunde Böden schaffen, die das Wasser besser aufnehmen und speichern können. Dass sie die Biodiversität fördern, die Klimaerwärmung abmildern, das Grundwasser auffüllen, Landschaft schön gestalten, indem sie für eine durchgehende Bodenbedeckung sorgen, Agroforstwirtschaft betreiben oder andere Methoden einer ressourcenaufbauenden Landwirtschaft anwenden.
„Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“
Wir haben tatsächlich schon sehr viel zerstörte Böden, abnehmende Biodiversität, verunreinigtes Trinkwasser oder einen abnehmenden Nährstoffgehalt in Lebensmitteln. Gerade wenn es um fruchtbare Böden geht, wissen viele Leute nicht, dass fruchtbarer Boden eine endliche Ressource ist. Ein Zentimeter fruchtbarer Boden braucht in unserem Klima 100 bis 200 Jahre, um zu wachsen. Deswegen sind Starkregen und Stürme zu bestimmten Jahreszeiten, wenn der Boden trocken ist, ein grosses Thema. Denn es geht viel Boden verloren, wenn er brachliegt. Er wird mit den Wassermassen einfach weggespült oder vom Wind weggeweht. Dieser Effekt wird bei verarmten und ausgelaugten Böden noch verstärkt. Deshalb halte ich es mit Felix zu Löwenstein, der sein Buch untertitelt: «Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.»
Da wird aber unterschlagen, dass weltweit ungefähr 60 Prozent der Ackerflächen für Tiere und die Produktion tierischer Nahrungsmittel wie Getreide und Soja verwendet wird. 60 Prozent! 10 bis 15 Prozent nutzen wir für den Anbau von Bio-Treibstoffen und Bio-Energie. Das führt zu massiver Nahrungsmittelkonkurrenz. Hinzu kommt der gigantische Lebensmittelverlust durch Food Waste. Die Frage nach dem «Ob» stellt sich also gar nicht, sondern wir müssen weniger tierische Produkte konsumieren, Food Waste möglichst vermeiden und sollten die Ackerflächen nicht für Bio-Treibstoff oder -Energie verschwenden.
„Pestizide zerstören die Biodiversität, darunter auch das Bodenleben“
Mit solchen Technologien lassen sich immer nur Symptome bekämpfen. In einigen Fällen verschlimmern sie dann einfach andere Bereiche. Beispielsweise hat die Abhängigkeit von Düngemitteln die Bauernfamilien im globalen Süden in die Armut getrieben. Pestizide wiederum zerstören die Biodiversität, darunter auch das Bodenleben. Wir brauchen langfristige und ganzheitliche Lösungen statt Symptombekämpfung.
„In Deutschland und vielen anderen Ländern sehen wir keine Wälder um uns herum, sondern Forste, also bewusst angelegte, plantagenähnliche Konstrukte“
Ja, aber ich spreche ungern von «Forst» oder «Aufforstung», weil diese Begriffe in die Wald- und Holzwirtschaft gehören und es dann eigentlich um Monokulturen und Plantagen geht. In Deutschland und vielen anderen Ländern sehen wir keine Wälder um uns herum, sondern Forste – also bewusst angelegte, plantagenähnliche Konstrukte mit einer einzigen oder sehr wenigen Baumarten – also auch eine Monokultur. Daher sprechen wir von Waldumbau und das ist etwas komplett anderes. Beim Waldumbau, wollen wir mehr Vielfalt und Durchmischung in industriell bewirtschaftete Wälder bringen. Wir sorgen dafür, dass so rasch wie möglich Bäume wachsen können, die den Wald resilienter machen.
„Wir müssen dringend die Bodenfruchtbarkeit der Wälder verbessern“
„An vielen Orten gibt es keine Wälder mehr, sondern Forste“, sagt Stefan Schwarzer.
So könnte man es sagen. Wobei zwei Faktoren sehr wichtig sind. Und einer wird meiner Meinung nach stark unterschätzt. Angesichts der zunehmenden Wasserknappheit müssen wir dringend die Bodenfruchtbarkeit der Wälder verbessern, damit sie mehr Wasser aufnehmen und speichern können. Da machen wir beispielsweise sehr gute Erfahrungen mit Edellaubbäumen. Denn ihre Blätter dienen Regenwürmern als Nahrung. Die arbeiten sie in den Boden ein, bauen ihn dadurch auf und machen ihn wieder fruchtbarer.
Die Altersdurchmischung ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, der die Resilienz der Wälder gegen Stürme, Trockenheit, Schädlinge oder Krankheiten immens erhöht. Man holt dann alle paar Jahre gezielt einige Bäume als Ernte aus dem Wald, sodass er sich gesund verjüngen und erneuern kann.
Es ist noch nicht zu spät. Ich bin immer wieder fasziniert von der Regenerationskraft der Natur. Ein Acker beispielsweise, der jahrelang gepflügt und mit Pestiziden eingedeckt wurde, kann innerhalb weniger Jahre wieder unglaublich lebendig werden. Aber beim Wald ist es etwas komplizierter, weil Bäume nur langsam wachsen. Wir haben noch einen gewissen Handlungsspielraum, aber der wird natürlich immer kleiner.
Stefan Schwarzer: „Die Landnutzungsschädigungen haben einen grossen Einfluss auf den Klimawandel“
Sagen wir so: In dieser menschengemachten Klimakrise sind Treibhausgase die einzigen Parameter, die betrachtet werden. Dabei haben die angesprochenen Landnutzungsschädigungen einen wesentlichen Einfluss auf den Klimawandel. Hier können wir der Klimakrise aktiv entgegenwirken, indem wir die Vegetation wieder in die Landschaft integrieren – durch gesunde Mischwälder und angepasste Landnutzung. Wir haben die Vegetation und insbesondere Wälder, die da, wo wir leben, die Luft kühlen und durch Verdunstung nicht nur den Land-Wasserkreislauf ermöglichen, sondern einen Teil der Sonnenenergie in Form von Wärmestrahlung ins All abgeben. Die Wolken, die sich durch das Verdunsten bilden, reflektieren die einfallende Sonnenstrahlung. All das wirkt sich positiv auf unser Klima aus. Wenn wir alles zusammenzählen, dann haben wir hier einen mächtigen Hebel, um die Klimakrise abzumildern.
Stefan Schwarzer ist Physischer Geograf und Permakultur-Designer. Er arbeitete 21 Jahre lang für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in Genf, wo er sich mit globalen Umweltthemen beschäftigte. Die Verbindung von globalen Interessen und Zielen mit lokalem Handeln ist sein zentrales Anliegen. Schwarzer ist Initiator des Symposiums «Aufbauende Landwirtschaft» und des Netzwerks «Klima-Landwirtschaften». Vor kurzem war er auch Gastredner am Soil to Soul Symposium in Zürich. Diesen Sommer ist das Buch «Aufbäumen gegen die Dürre» (2023) erschienen, an dem Stefan Schwarzer als Co-Autor mitgearbeitet hat.