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Das Spiel von den alten und jungen Eidgenossen
Dem Spiel, das auch unter dem Namen Zürcher Neujahrsspiel bekannt ist, liegt keine fest gefügte Fabel zu Grunde. Im Prolog wird verkündet, dass der Beginn des neuen Jahres Anlass sei, Rückschau zu halten auf die Geschichte des vergangenen Jahres, damit im künftigen Schaden, Kummer und Leid vermieden werden könne. Im ersten Akt des Spiels wird der Grundkonflikt in einem Streitgespräch zwischen dem Eidgenossen und einem Franzosen – vermutlich einem Söldnerwerber – entfaltet. Mit zahlreichen Anspielungen auf die jüngsten geschichtlichen Ereignisse verteidigt der Eidgenosse die Adelsfreiheit der Schweizer Bauern, während der Franzose auf dem Herrschaftsrecht des Adels besteht und den König von Frankreich rühmt, der den Schweizern so viel Gutes erwiesen hätte und dafür mit Undank belohnt worden sei. Nach dem Auftritt des herrenlosen Narren, der dem Franzosen seine Dienste anbietet, setzt sich der Zank über die Vorzüge von Bauer und Edelmann im zweiten Akt fort. Dem ererbten Adel stellt der Eidgenosse den durch Tugend und Tapferkeit erworbenen Adel gegenüber und folgert, dass die Schweizer ihrem Verhalten nach die echten Edelleute seien. Nach einem Bauerntanz und einem erneuten Auftritt des herrschaftssuchenden Narren preisen im dritten Akt zwei alte Eidgenossen den glücklichen Zustand ihres Landes seit den Tagen von Sempach, Morgarten und Näfels und warnen davor, sich fremden Herren zu unterwerfen. In ihrer Meinung werden sie von einem schwäbischen Bauern unterstützt, der sein unglückliches Los unter der Adelsherrschaft beklagt, und von einem welschen Landmann, der Gott für seine Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft dankt. Die alten Eidgenossen beschliessen, in Beckenried eine Tagsatzung abzuhalten. Den Narren, der ihnen dienen will, weisen sie ab und schicken ihn zu den jungen Prunk liebenden Eidgenossen, die sich wie Edelleute gebärden und wohl eines Narren bedürften. Der Narr singt diesen ein Lied und fordert sie auf, von fremden Herren Abstand zu nehmen und ihr eigenes Land zu beschützen. Ein Bote aus Ungarn erscheint und bittet um Hilfe gegen die Türken. Im vierten Akt bittet die Frau von Mailand um den Beistand der Schweizer. Anschliessend erscheinen beispielhafte Gestalten der römischen Geschichte, ermahnen die Eidgenossen, das römische Reich nicht im Stich zu lassen und warnen vor Neid und Zwietracht. Die jungen Eidgenossen wollen den Rat der Alten einholen. Diese halten ihre Beratungen in Beckenried ab. Der letzte Akt führt die alten und jungen Eidgenossen an der Tagsatzung zusammen. Die Alten ermahnen die Jungen, schlicht und gottesfürchtig zu leben und fremde Solddienste auszuschlagen. Beschlossen wird das Spiel durch Narren und Schüler.
Auf Grund historischer Anspielungen ist das Stück genau datierbar: Es wurde im Spätherbst 1513 verfasst und zu Neujahr 1514 in Zürich aufgeführt. Das Spiel ist lediglich in einer Abschrift des verlorenen Originals überliefert und blieb bis zur ersten kritischen Ausgabe von 1847 ungedruckt. Als Verfasser des Spiels kommt nur Balthasar Spross in Frage, der das Spiel dem späteren Wiedertäuferführer Conrad Grebel († 1528) widmete. Die Familie Spross stammte ursprünglich aus der Gegend von Baden und wanderte in Zürich ein. 1507 findet sich ein Eintrag in den Zürcher Ratsmanualen über die Erteilung eines Stipendiums für ein Studium in Paris an Balthasar Spross. In Paris kam Spross zweifellos mit dem damaligen französischen Theaterleben in Berührung und machte Bekanntschaft mit dem späteren Liederchronisten Werner Steiner. Abschluss des Studiums als "artium magister". 1512 wurde Spross Mitglied der Zunft zum Kämbel und Mitglied des Grossen Rats, 1514 ist er als Schulmeister an dem Collegium Carolinum, einer Stiftsschule für Patriziersöhne, bezeugt. Spross verkehrte in den Zürcher Humanistenkreisen um Zwingli. 1517 Übernahme einer Zürcher Botschaft an den Papst Leo X., 1519 siegelte er als Obervogt von Höngg mit dem Siegel "Comes palatinus", 1520/21 Zunftmeister der Kämbel. 1521 nahm er als Leutnant an einem Feldzug in Italien teil und verstarb dort, vermutlich an einer Krankheit.
Eine direkte Vorlage lässt sich nicht nachweisen, aus so früher Zeit ist kein Schweizer Spiel bekannt, das die Zeitgeschichte in solchem Ausmass thematisiert. Als Vorbilder mögen politisch ausgerichtete Theaterformen aus Frankreich gedient haben (Moralitäten, Satiren, Sottien, Farcen, Schülerspiele), mit denen Spross vermutlich während seines Pariser Aufenthalts in Kontakt gekommen war. Insbesondere finden sich Parallelen zu Pierre Gingores 1512 aufgeführten politischen Tendenzstücken "Prince des Sots" und "L’Homme obstiné". Die Akteinteilung, die mustergültigen Disputationen und der Einbezug historischer und legendärer Figuren als Beispiele altrömischer "virtus" verraten den Einfluss humanistischer Schriften. Auch die Tradition des →Fastnachtspiels scheint ihre Spuren hinterlassen zu haben, etwa im Bauerntanz des dritten Akts und in der Narrenposse des Annexum ludi. Eine engere Verwandtschaft lässt sich zu den historischen Volksliedern feststellen, sowohl in inhaltlicher (Hass gegen den Adel, Lob des einfachen Bauern, Ablehnung der Reisläuferei, Ermahnungen) als auch in sprachlicher Hinsicht (Redensarten). Die Standortbestimmung der Eidgenossenschaft wird inhaltlich wie formal in einem Dreischritt vollzogen: Diskussion – Reihenspiel – Diskussion. Die wohl unter humanistischem Einfluss vorgenommene Einteilung des Spiels in fünf Akte ist sehr willkürlich. Die Narrenfigur untergliedert das Stück in szenenähnliche Einheiten und hält es auch inhaltlich zusammen. Höhepunkt bildet das Narrenlied, das sich ungefähr in der Mitte des Spiels befindet und die Hauptgedanken und die Tendenz der "politischen Moralität" (Christ-Kutter) zusammenfasst.
Die Aufführung fand in einem geschlossenen Raum statt, in den (lateinischen) Bühnenanweisungen als "stuba" bezeichnet. Der Bühnenort des ersten und zweiten Akts ist unbestimmt. Mit dem Beschluss, eine Tagsatzung abzuhalten, zerfällt die Bühne in zwei Spielorte: den geografisch und historisch bestimmten traditionellen Tagungsort Beckenried ("in medio stubae") und den neutralen Ort des Hier und Jetzt. Mittels Narrenfigur, die von einer Gruppe zur anderen wechselt und einmal auch im neutralen Raum dazwischen steht ("Nar stat in medio"), wird die Verbindung zwischen den beiden Orten hergestellt. Den letzten Ortswechsel vollziehen die Spieler selbst: die Jungen begeben sich nach Beckenried, um Rat zu holen. Das Spiel weist kein Personenverzeichnis auf. Die Zahl der auftretenden Personen ist nicht bestimmt, da es sich um Gruppen handelt. Aus den abgeschnittenen Randglossen lassen sich auf Grund von noch vorhandenen Majuskeln mindestens zwölf Spieler belegen, wobei noch mehrere kleine Rollen unbezeichnet sind. Das Publikum dürfte aus Schülern, deren Eltern und dem Lehrkörper bestanden haben, eine grössere Öffentlichkeit kann ausgeschlossen werden.
Literatur
- Wyss, Heinz: Der Narr im schweizerischen Drama des 16. Jahrhunderts, 1959.
- Stricker, Hans: Die Selbstdarstellung des Schweizers im Drama des 16. Jahrhunderts, 1961.
- Christ-Kutter, Friederike (Hg.): Das Spiel von den alten und jungen Eidgenossen, 1963.
- Sidler, Viktor: Wechselwirkungen zwischen Theater und Geschichte, 1973.
- Schmidlin, Stephan: Frumm byderb lüt. Ästhetische Form und politische Perspektive im Schweizer Schauspiel der Reformationszeit, 1983.
- Gut, Katrin: Das vaterländische Schauspiel der Schweiz, 1996.
Autor: Heidy Greco-Kaufmann
Bibliografische Angaben zu diesem Artikel:
Greco-Kaufmann, Heidy: Das Spiel von den alten und jungen Eidgenossen, in: Kotte, Andreas (Hg.): Theaterlexikon der Schweiz, Chronos Verlag Zürich 2005, Band 3, S. 1710–1712.