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60 Jahre Schweizer Flagge zur See
Bericht
von Walter Zürcher
Als die Schweiz eine zur See fahrende
Nation wurde
Die Schweiz,
dieser kleine Staat mitten im Binnenland, als Seefahrtsnation?
Dem weissen Kreuz im roten Feld konnte man auf den Weltmeeren vereinzelt schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts also kurz nach der Gründung des Bundesstaates begegnen, nachdem der Bundesrat erstmals die entsprechende Bewilligung und sogar den Auftrag zur Anfertigung einer schweizerischen Flagge erteilt hatte. Mehr als symbolische Bedeutung kam dieser Präsenz unseres Landes auf hoher See aber nicht zu. Als während des Ersten Weltkrieges die schweizerische Landesversorgung dramatische Erschwerungen erfuhr, konnten sich die Behörden nur mit Geleitscheinen für ausländische Segler und Dampfer behelfen.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war seit Mitte der dreissiger Jahre absehbar. Doch für die Sicherstellung der Zufuhren aus Übersee wurden kaum Vorkehrungen getroffen. Wohl gab es damals schon Hochseeschiffe in schweizerischem Eigentum, doch waren sie mangels gesetzlicher Grundlagen im eigenen Land in anderen Staaten registriert, sodass ihr Einsatz für die schweizerische Landesversorgung höchst unsicher war.
Im Bundesgesetz vom 1. April 1938 über die Sicherstellung der Landesversorgung mit lebenswichtigen Gütern im Falle eines Krieges, wurde dem Bundesrat die Aufgabe übertragen, die notwendigen Vorbereitungen für die Sicherstellung der Transporte zu treffen. Zu diesem Zweck wurde das Kriegstransportamt geschaffen. Im September 1938 wurde das Politische Departement beauftragt, mit den Regierungen von Frankreich, Italien, Deutschland, Grossbritannien und Belgien in Verhandlungen zu treten. Die genannten Staaten wurden um grundsätzliche Erklärungen gebeten, wie die Versorgung der Schweiz mit lebenswichtigen Gütern im Falle eines Krieges aufrechtzuerhalten sei.
Chartervertrag mit Griechenland
Mit dem Beginn des Krieges wurde die Situation dramatisch. Es musste das Bestreben der Schweiz sein, sich Schiffsraum eines neutralen Staates zu sichern. So kam es am 15. September 1939 zum Abschluss eines Chartervetrages mit einer griechischen Reederei, die sich verpflichtete, bis im Frühjahr 1940 insgesamt 15 Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 115 000 Tonnen zu liefern. Die in schweizerischem Dienst gestandenen Einheiten waren einzig durch die nachts beleuchtete Aufschrift «Switzerland» gekennzeichnet. Griechenland verlor jedoch seine Neutralität und wurde Krieg führend, als es Ende 1940 von Italien angegriffen wurde.
Die für die Schweiz fahrenden griechischen Schiffe konnten nur noch auf dem Atlantik eingesetzt werden, was zur Schaffung eines Lastwagendienstes von Lissabon über Spanien und Frankreich nach Genf zwang. Diese nun äusserst kritisch gewordene Lage zwang das Kriegstransportamt, die Voraussetzungen für die Einführung der Schweizer Flagge zur See zu prüfen. Der Basler Rechtsgelehrte Professor Robert Haab wurde mit der Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfs beauftragt. Am 9. April 1941 wurde der Vorentwurf vom Bundesrat als Beschluss genehmigt.
Der Bund als Reeder
Die beiden ersten Schiffe, die ins schweizerische Register eingetragen wurden, waren die der Schweizerischen Reederei AG (Basel) gehörenden «Calanda» und «Maloja». In der Folge des U-Boot-Krieges waren die Schiffspreise stark angestiegen, was den Ankauf erheblich erschwerte. Im Jahre 1941 gelang es dem Bund, vier Schiffe zu erwerben und unter Schweizer Flagge in Betrieb zu nehmen. Ausser den vom Bund gekauften Schiffen haben auch private Unternehmungen Schiffe angeschafft. Die Eidgenossen haben von den am Krieg beteiligten Seemächten von Anbeginn die Zusicherung erhalten, dass die für die Schweiz bestimmten Schiffsladungen die Meere ungehindert befahren können.
Dennoch wurden, wenn auch irrtümlich, Schweizer Schiffe auf hoher See angegriffen. Ein erstes dramatisches Geschehen dieser Art ereignete sich am 7.September 1943, als die «Maloja»" auf der Höhe von Korsika von unbekannt gebliebenen Flugzeugen angegriffen und torpediert wurde. Drei Matrosen fanden dabei den Tod. Weitere Verluste durch kriegerische Einwirkungen waren die «Chasseral» die «Albula», die «Zürich» und die «Generoso».
Als ein Jahr nach Kriegsende (im Jahr 1946) keine Schwierigkeiten mehr bei der Beschaffung zusätzlichen Schiffsraums auftraten, verkaufte der Bund die ihm gehörenden Schiffe. Da sich die Lage im Überseeverkehr so weit normalisiert hatte, konnten die Griechenschiffe bis Ende 1947 wieder ihren Eigentümern zurückgegeben werden. Für die Besatzung der Schweizer Schiffe kamen während dem Krieg aus Sicherheitsgründen ausschliesslich Personen neutraler Staaten in Betracht. Mehrheitlich waren Portugiesen an Bord der Schweizer Schiffe.
Lebenswichtige Verbindungen
Erst der Krieg mit seinen verheerenden Wirkungen zeigte mit aller Deutlichkeit, in welchem Ausmass die Transportmittel das Rückgrat unserer Wirtschaftsordnung bildeten. Insbesondere die Schweiz mit ihrer damaligen speziellen Wirtschaftsstruktur war wie kein anderes Land auf den weltwirtschaftlichen Güteraustausch angewiesen. Handelspolitik und Verkehrspolitik dienten zusammen als wirksame Waffen im Kampf um die wirtschaftliche Selbstbehauptung der Schweiz.
Erschienen auch in der Thurgauer Zeitung am 5.April 2001