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Toni Vescoli: Schön, kommst du uns besuchen.
Adolf Ogi: Das hat ja schon einen speziellen Grund. Weisch no, Toni?
V: Erzähl!
O: Das war vor 30 Jahren, ich war Bundesrat. Am 18. Juli schickte ich dir ein Telegramm nach Mürren und gratulierte dir zu deinem 50. Geburtstag. Du spieltest dort am Top Mountain Open Air. Auch ich feierte an diesem Tag meinen 50. Ein paar Tage später rief ich dich an, ich musste dir etwas beichten. Die Schweizer Illustrierte hatte ein Foto von mir auf ihre Titelseite gesetzt: ich mit Art Furrer bei der Besteigung des Doms. «Gipfelstürmer Adolf Ogi» hiess es darunter. Ursprünglich warst du für das Titelbild vorgesehen. Ich hatte dich ohne mein Wissen verdrängt – das war mir nirgendwo recht. Deshalb bin ich heute zu dir gekommen – um das quasi zu reparieren und dir meine Wertschätzung zu zeigen.
V: Getroffen haben wir uns erst später.
O: Das war im Jahr 2000 in Magglingen, dann gingen wir Zmittag essen. Wir verstanden uns prächtig, plauderten über Gott und die Welt. Ich war damals Bundespräsident.
V: Du warst mit einem Glanzresultat gewählt worden. Als erfahrener Astrologe prophezeite mir mein Bruder Michael, dass es auch für mich ein gutes Jahr wird. Mit dem Album «Tegsass» war ich für den Prix Walo nominiert.
O: Und, hats geklappt?
V: Ja. Damals erzähltest du mir, dass du die Beatles live gesehen hast. Wie war das mit dem Beatles-Konzert?
«Ein bisschen plagiert hab ich schon, die Beatles live gesehen zu haben»Adolf Ogi
O: Ab Anfang der 1950er-Jahre kam ein kurliger Engländer nach Kandersteg zu meinem Vater in die Skischule: ein ehemaliger Chauffeur von Feldmarschall Montgomery, Inhaber einer Textilfabrik bei Liverpool. Nach dem Studium an der Swiss Mercantile School in London machte ich 1962 in seiner Fabrik ein Praktikum – ich wollte mein Englisch weiter verbessern. Eine grossartige Zeit! Mit der Dampfeisenbahn und einer selbst gemachten Schweizerfahne reiste ich nach London, an den Fussballmatch England - Schweiz im Wembley-Stadion. Wochen später schenkte mir mein Chef ein Ticket für ein Beatles-Konzert. Ich wusste gar nicht recht, wer da spielt. Da stand ich, ein Junge aus dem Berner Oberland, vor dem legendären Cavern Club; nicht jeder kam rein. Ein bisschen plagiert hab ich schon, die Beatles live gesehen zu haben.
V: Hats dir gefallen?
O: Doch, doch, von da an gefiel mir ihre Musik. Im selben Jahr habe ich deine legendäre Beat-Band Les Sauterelles im Casino Interlaken live gesehen. Du hattest schon damals schöne lange Haare.
V: Wir mussten dort jeden Abend eine Showeinlage machen und blödelten herum. Die Beatles leibhaftig zu sehen, war mir Swiss Beatle nie vergönnt. Da beneide ich dich schon es Bitzeli. 1:0 für dich, Dölf!
O: Ein 1:1 gabs bestimmt.
V: Oh ja! 1967 spielte ich mit meinen Sauterelles im Hallenstadion Zürich vor den Rolling Stones.
O: Meine Frau Katrin und ich hatten Tickets für das Stones-Konzert Mitte Juni im Wankdorf-Stadion. Leider wurde es wegen der Corona-Erkrankung von Mick Jagger abgesagt.
V: Wie wichtig ist dir Musik?
O: Ich bin traurig, lernte ich nie Schwyzerörgeli spielen. Meine Frau sagte immer: Dafür hast du doch keine Zeit! Als Bundesrat war ich viel im Auto unterwegs, da hörten mein Chauffeur und ich oft Ländler oder klassische Musik – so konnte ich mich gut auf meine Reden vorbereiten. Ein Bundesrat wird ja öppe auch angejodelt. Ich selber kann leider nicht mehr jodeln, aber ich bin gern in volkstümlicher Gesellschaft.
V: Und ich hätte gern Sport gemacht! Wir zwei sind zwar im Sternzeichen Krebs geboren. Aber mein Aszendent ist Waage: Da steht das Musische im Vordergrund. Du wurdest ein paar Stunden später geboren, mit Skorpion im Aszendenten: Da ist das Kämpferische wichtig. Als 16-Jähriger wollte ich in einen Judoklub, doch ich durfte nicht – obwohl mein Vater Box-Schweizer-Meister im Fliegengewicht war.
O: Als Bundesrat hatte ich viele Zweifler und Kritiker. «Das ist ja nur der Ogi, Primarschüler aus Kandersteg», hiess es etwa. Wie ist das bei dir?
V: Mir ging es gleich. Als Hochbauzeichner war ich in der Liedermacher-Szene unter lauter Akademikern der Aussenseiter. Manche Leute reden von mir als «dä mit de schöne Liedli». Meine politische Meinung tat ich nie öffentlich kund. Ich bin offen, wähle Köpfe aus allen Parteien, Menschen, die mich beeindrucken, die auf andere zugehen. Da mache ich dir ein grosses Kompliment, Dölf. Ich fand dich immer super. Leider bist du bei der falschen Partei. Das kommt dir wahrscheinlich manchmal auch so vor (Ogi nickt). Ich bin ein Fan von dir als Mensch.
«Zweimal wöchentlich spiele ich ein ganzes Konzert für mich allein»Toni Vescoli
O: Du siehst sportlich aus.
V: Fast jeden Vormittag mache ich Schnell-Gehen, jage den Puls auf 150. Zweimal pro Woche gehe ich ins Krafttraining. Früher hatten wir mehr als 300 Auftritte im Jahr, momentan sind es noch etwas über 20. Zweimal wöchentlich gehe ich in meinen nahen Musikraum, gegen 15 Uhr. Dann spiele ich ein ganzes Konzert, zwei Stunden lang, für mich allein. Um fit zu bleiben. Dazwischen nehme ich einen Kafi und ein paar Basler Läckerli. Dann gehe ich heim, lege mich auf den Massagestuhl, und Ruthli macht einen feinen Znacht. Ja und dann geniessen wir gemeinsam den Abend. Wie hältst du dich fit, Dölf?
O: Mit Bewegung. Ich war im letzten Winter 35-mal in Kandersteg Ski fahren. Trotz Rückenproblemen und Arthrose im linken Knie. Ich mache alles, um nicht operieren zu müssen. Jeden Morgen gehe ich eine Stunde im Wald laufen. Wichtig: tief ein- und ausatmen! Daheim eine kalte Dusche, dann mache ich für rund fünf Minuten den Yoga-Kopfstand. Das ist gut für die Durchblutung und das Herz-Kreislauf-System, stärkt die Immunabwehr und fördert die Konzentration. Anschliessend bete ich und gehe gedanklich den zurückliegenden Tag durch. Das mache ich täglich, seit 1969 – auf Tipp von Jean-Claude Killy, dem dreifachen Ski- Olympiasieger. Ich habe viele Fehler, doch zwei Sachen kann ich gut: Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis! Und ich gehe auf die Menschen zu. Mein Credo: Man muss Menschen mögen! Wenn jemand auf mich zukommt, spreche ich mit ihm, nehme ihn ernst. Das kannst auch du gut, Toni. Auch heute merke ich es: Wir haben vieles gemeinsam, und wir achten einander.
V: Sich konzentrieren und beten, das hängt fest zusammen. Unmittelbar vor einem Auftritt bereite ich mich minutiös darauf vor: Im Kopf gehe ich den Ablauf durch, im Notfall auf einem WC. Ich wünsche mir für das Publikum und mich einen schönen Auftritt. Dann gehe ich auf die Bühne. Wenn alles gut gelaufen ist, sage ich dem da oben Danke! Du, Dölf, hast deinen Sohn Mathias verloren, Ruthli und ich hatten den Tod ihrer Tochter Carmen zu verkraften, ihr Sohn Karl ist durch einen Unfall inkompletter Tetraplegiker geworden – auch hier gibt es Parallelen zwischen dir und mir! Wir haben diese Schicksalsschläge bewältigt. Sie gaben uns neue Kraft.
O: Ich bin kein grosser Musikkenner. Doch ich weiss, du bist ein Pionier der Schweizer Popmusik, mit deinen Mundart-Liedern schafftest du es als Erster in die Hitparade. Ich war Bundesrat. Nun feiern wir am gleichen Tag unseren 80. Ich möchte nicht nochmals 20 sein. Du, Toni?
V: Sicher nicht! Welchen Reichtum an Erfahrungen hat unsere Generation sammeln können! Früher hätte man dafür fünfmal leben müssen. Nun abzutreten, wäre für mich okay. Aber ich habe keine Todessehnsucht. Ich hatte ein richtig tolles Leben – was will ich noch mehr. Es Bitzeli weiter lebe ich schon noch. Doch manchmal überlege ich mir: 90 werden, Jessesgott!
O: Wir wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Wir kamen in eine Phase, in der es nur vorwärts ging. Wir durften die beste Zeit erleben, die es gab. Dafür sind wir dankbar (Toni nickt). Wir lernten Anstand und Respekt, das war damals hoch angeschrieben. Leistung wurde honoriert, man sagte Danke. Diese Zeit möchte ich nicht missen. Deshalb bin ich bereit, das Alter zu akzeptieren und zu sterben. Doch vorher möchte ich noch viele interessante Momente erleben.