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Wein und Kultur oder Geschichte eines Grenzlandes, betrachtet durch ein Glas Blaufränkisch
Von Roland Velich
Wein
Man sagt, Wein sei eines der ältesten Kulturgüter der Menschheit. Was macht nun Wein zu einem Kulturgut? Auf den ersten Blick vielleicht die Tatsache, dass aus einer einst wild wachsenden Pflanze durch Eingriffe des Menschen versucht wurde, regelmässige Erträge zu generieren, indem die wilde Pflanze gezähmt und kultiviert wurde. Menschen wurden sesshaft, konnten durch ein erweitertes Nahrungsangebot überwintern, vermehrten sich – eine hinlänglich bekannte Geschichte. Wein wurde spiritueller Begleiter der unterschiedlichsten Kulturen.
Basis
Ödenburg, heute Sopron, war bekannt durch seinen Wein, den Ödenburger Blaufränkisch, der auf den östlich der Stadt vorgelagerten Hügeln entlang des Neusiedlersees und an den nördlichen und südlichen Ausläufern des Ödenburger Berglandes wuchs. Ein Wein, der es zu grosser Beliebtheit gebracht hatte und, soweit wir wissen, erfolgreich in die ganze Welt versandt wurde. Begründer und Erhalter, Financier und tägliches Brot von Generationen in Ödenburg und seiner Umgebung. Der Reichtum und die Schönheit dieser Stadt und angrenzender Orte sind in vielen Bereichen heute noch zu sehen. Unser Wein heute wächst auf diesen letzten Hügeln der Ostalpen. Sie sind geologisch betrachtet Ausläufer der Alpen, bedeckt von den Sedimenten des pannonischen Meers. Das Klima ist kontinental, geprägt von der pannonischen Tiefebene. Unser Wein wächst am Schnittpunkt zweier grosser, Mitteleuropa dominierender Landschaftsformen: der Alpen und der pannonischen Tiefebene.
Conclusio 1: Bacchus amat colles. Nicht nur Bacchus, auch Blaufränkisch liebt den Hügel und besondere geologische, klimatische und zivilisatorische Gegebenheiten, um aussergewöhnliche Qualität zu erreichen.
Dickicht
Blaufränkisch, ein Wein, der seine ersten Höhenflüge in der Zeit der napoleonischen Kriege erlebt hatte und, so sagt es die Fama, von Napoleon höchstpersönlich als einer der besten Rotweine Europas gepriesen wurde. Als wertvolles Tausch- bzw. Zahlungsgut sei der feine Rote ein Äquivalent zu den wertvollen «blauen Franken», der Franzosen Napoleons härteste Währung, gewesen. Daher der Name? Eine weitere gute Geschichte? Andere erzählen, Karl der Grosse, vermutlich persönlich, hätte den Blaufränkisch ins Land gebracht. Selbstverständlich waren auch Sissi von Österreich, Franz Liszt, Johann Wolfgang von Goethe, Bismarck usw. usw. angeblich grosse Liebhaber des Blaufränkischen. Viele Geschichten, grosse Namen der Weltkultur, wenig wirklich Belegtes. Erzählt, um den kulturellen Kontext und die Wertigkeit dieser Rebsorte zu erhärten? Wohl eher, um potentiellen Kunden den guten Tropfen schmackhafter zu machen – als früher PR-Kniff sozusagen.
Conclusio 2: Marketing, eine alte Kulturtechnik, die uns aber in unserer Darstellung und Findung wenig hilft. Finden müssen wir uns schon selbst.
Zäsur
Das Burgenland, ein schmaler Landstrich im Süden Wiens, begrenzt im Norden durch die Slowakei, im Süden durch Slowenien und im Osten, die längste Grenze, durch Ungarn. Einst als Deutsch-Westungarn innerhalb der Austro-Hungarischen Monarchie integrativer Bestandteil des Königreichs Ungarn – dieses Ungarn war damals eines der grössten Weinländer der Welt – kam das heutige Burgenland 1921 zu Österreich, gedacht als Nahversorger Wiens. Allerdings sah das Diktat der Kriegsgewinner damals vor, alle Städte dieser ehemaligen Region Deutsch-Westungarn in Ungarn zu belassen: Steinamanger, Pressburg, Güns und eben Ödenburg, der natürlich gewachsene, im Zentrum dieser Region gelegene Ort, Mittelpunkt einer prosperierenden Weinkultur mit Blaufränkisch und Furmint als wichtigste Rebsorten. Das Burgenland verblieb als ein Land ohne Städte, vor allem als ein Land ohne verbindende Hauptstadt, seines jahrhundertealten historischen Kontextes beraubt. Das Land des Ödenburger Blaufränkisch wurde zerschnitten, und damit verlor sich die Geschichte dieser Rebsorte in den dunklen Gängen der politischen Wirren Ungarns.
Conclusio 3: Politik als ein grosser Zerstörer von Kulturgut und tradierten Werten.
Wärme
Zwei Kriege und ein daraus resultierender Stacheldraht quer durch ein einst Gemeinsames laufend, das Wegbrechen von wesentlichem Hinterland einerseits und dem Mittelpunkt andererseits, bedeuteten grossen Verlust für alle. Verlust von Verankerung, Verlust von Identität, Verlust von Vertrauen in sich und in die grandiosen Gegebenheiten. Das Resultat waren oftmals beliebige Weine, konstruiert im Glauben an die Qualität der anderen und an die Allmacht von Einheitsgeschmack, beziehungsweise seelenloser Industriewein, entsprungen aus dem gnadenlosen kategorischen Imperativ eines Fünfjahresplans. Das Bewusstsein über eine gemeinsame Geschichte, über ein Produkt, das wir teilen, ein Produkt, entstanden im Vertrauen auf seine Stärke und Unvergleichlichkeit, sowie die Sicherheit, in einer gemeinsamen kulturellen Identität verankert zu sein, wird uns zeigen, dass es nicht immer das Hemd ist, das uns näher als die Jacke ist. Vielmehr ist es oft die Jacke, die uns in stürmischen Zeiten wärmt. Eine Rebsorte wie Blaufränkisch wäre in der Lage, über Grenzen hinweg wunderbare Wärme zu spenden.
Conclusio 4: Selbstreflexion als Momentum kultureller Entwicklung.
Kultur
Kulturelle Leistung besteht aus dem Sammeln, Erweitern und Umsetzen von Techniken, die ein Produkt über die Zeit von einem groben Klotz zu einem kunstvoll ziselierten Objekt der Leidenschaft werden lässt:
Natürliche Gegebenheiten von Klima und Böden, Hangneigung und Ausrichtung; Versuch und Irrtum und die Reflexion darüber; die Identifikation falscher Interpretation von Erfahrungswerten und deren Richtigstellung, die Wahl der Unterlagsreben, der Sorte, der Klone bzw. Selektionen von Setzlingen und das Erforschen, auf welchem Platz diese die besten Ergebnisse bringen können; Erziehungsform, Pflanzdichte, Bodenbearbeitung entsprechend den Gegebenheiten, Wissen über die Physiologie der Pflanze und die Umsetzung in der Bearbeitung der Pflanze, Optimierung von Erntezeitpunkten in Bezug auf Stilistik und vor allem optimaler Interpretation der Traube und ihres Standortes; das «Lesen» des jeweiligen Jahrganges und das Zulassen von Besonderheiten desselbigen; Ernteselektionen, Fingerspitzengefühl, Geschmack von Boden, Abbeeren, Maischestandzeiten, intensives Bearbeiten oder Streicheleinheiten, Geduld, Risiko, Bereitschaft, Schlaflosigkeit, Ausbau, Holzfass, Probieren, Verzweiflung, Enthusiasmus, Fülltermin, Füllung. All dies jedes Jahr aufs Neue, in all den aufgezeigten Facetten jeweils eine neue Erfahrung, die Einfluss auf das nächste Jahr haben kann. Und am Ende kleben wir dann unser Etikett auf die Flaschen!
Conclusio 5: Die Zeitstrecke, als der halbnomadische Reiter eine wohlschmeckende Beere im Wald fand, seine Satteltaschen damit füllte, nach wochenlangem Ritt nach Hause in den Satteltaschen vielleicht weniger Wohlschmeckendes aber durchaus Inspirierendes fand, bis heute: Wein als säkularisiertes Objekt der Begierde und des grossen Geschäftes, aber auch nach wie vor grosser Faszination, entwickelt eine Kulturgeschichte in Form einer tief in sich verstrickten Doppelhelix mit den Strängen Mensch und Wein.
Der 1963 geborene Winzer Roland Velich stammt aus Apetlon am Neusiedlersee. Er führte mit seinem jüngeren Bruder Heinz das elterliche Weingut Velich an die Spitze des österreichischen Weinbaus und schuf unter anderem den Kultweisswein Tiglat. 2001 startete Roland Velich sein visionäres Blaufränkisch-Projekt Moric und interpretierte aus dem Kontext des Burgenlandes einen bisher ungekannten, feingliedrigen und zarten Weinstil aus alten Rebbeständen. Roland Velich und Moric dürften massgebend für den heutigen weltweiten Erfolg des Burgenländer Blaufränkisch verantwortlich sein.