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Otto Roos, [Sitzender weiblicher Akt], um 1908, Öl auf Leinwand, 70.9 x 59 cm. Erbengemeinschaft Otto Roos
Foto: Zoé Tschirren.
Kurz nach dessen Eröffnung belegte Otto Roos ab 1907 bis 1909 an der Malschule von Hermann Meyer jeweils in den Wintermonaten Aktmalerei.
Aus dem Kursprogramm geht hervor, dass Aktmodelle täglich jeweils von 9-12 Uhr posierten. Die Schule war an der St. Johannsvorstadt 27 im Formonterhof eingemietet.
Malschule Hermann Meyer, Programm
Seit Ende des 19. Jahrhunderts galt der Formonterhof als Liegenschaft in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, in der es spukt, ein Gespenst umgeht (https://www.ckk-ns.ch/formonterhof). Das hat es Hermann Meyer wahrscheinlich erleichtert, günstig Räume anzumieten, um seine Malschule zu eröffnen – und den jungen, Geschichten liebenden Otto Roos vermutlich zusätzlich gereizt. Nach eigenen Angaben war er der allererste Schüler Hermann Meyers.
Der Basler Hermann Meyer (1878-1961) hatte wie unzählige andere seine Fähigkeiten als Maler bei Fritz Schider (1846-1907) an der Gewerbeschule Basel erworben. Er war lange als Kunstkritiker tätig. Seine private Malschule gab er wieder auf, als er 1920 eine Stelle als Lehrer für Landschaftszeichnen an der Gewerbeschule antreten konnte.
An der Malschule lernte Otto Roos den drei Jahre älteren Maler Karl Dick kennen. Dick war an der Malschule von Hermann Meyer autorisiert, ihn in seiner Abwesenheit zu vertreten. Er hatte also einen etwas anderen Status als die ‚gewöhnlichen‘ Schüler und Schülerinnen (Meyer bot auch Aktmalerei für Frauen an), war aber gleichwohl auch bei Meyer in Unterricht.
Formonterhof, St. Johannsvorstadt 27
Der Vergleich mit einem Akt, den Dick 1909 malte, zeigt, dass die beiden Maler wahrscheinlich gemeinsam Stunden belegten – auch wenn sich die Bilder in der Umsetzung unterscheiden.
Soweit sich das im Vergleich mit einem s/w-Bild beurteilen lässt, malt Roos summarischer. Ihn interessiert das Spiel des Lichts an der Oberfläche des Körpervolumens. Sein Modell ist undeutlicher, verliert sich dadurch aber auch weniger in den Einzelheiten. Der zukünftige Plastiker wird bereits spürbar. Sehr geschickt hat Roos das Modell vor einen ‚Vorhang‘ aus chromatisch abgestimmten vertikalen Farbzonen platziert.
Das oben vorgestellte Bild ist undatiert, dürfte aber um 1908 in Hermann Meyers Malschule entstanden ein. Zwei von Otto Roos gemalte männliche Aktstudien, über die wir leider nichts Näheres wissen, dürften ebenfalls in diesem Zusammenhang entstanden ein.