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Berberei
(Barbareskenstaaten, s. Karte »Algerien [* 2] etc.«),
der nordwestliche Teil von Afrika, [* 3] an der Küste des Mittelländischen Meers, im W. durch den Atlantischen Ozean, im S. durch die Sahara und im O. durch Ägypten [* 4] begrenzt, begreift die vier Staaten Marokko, Algerien, Tunis und Tripolis mit Fezzan und Barka (s. diese Art.) und umfaßt einen Flächenraum von 2,629,000 qkm (47,800 QM.). Die Oberfläche dieses großen Landes zeigt einen von dem des übrigen Afrika ganz verschiedenen Charakter; seine äußere Ansicht, seine Vegetation, sein Klima [* 5] ähneln so ziemlich denen der Pyrenäischen Halbinsel, der Apenninen- und Griechischen Halbinsel.
Unter den Einwohnern sind außer den Europäern zu unterscheiden:
Berber,
Mauren,
Beduinen,
Juden,
Türken und
Neger (s. Tafel
»Afrikanische
Völker«).
[* 6] Für die echten Abkömmlinge der ältesten Bewohner der
Berberei hält man
die
Berber, ein
Volk hamitischen
Stammes, dessen
Sprache
[* 7] mit den verschiedenen Verzweigungen des
Volks selbst sich vom Atlantischen
Ozean im W. bis fast zu den
Grenzen
[* 8] von
Ägypten im O., dann vom
Mittelmeer im N. bis zum Nigerland im S. hat verfolgen lassen,
und deren Verbreitung in Nordafrika früher, ehe das
Arabische durch
Einwanderung zahlreicher arabischer
Stämme und das Überhandnehmen des
Islam ihr Abbruch gethan, noch weit bedeutender gewesen ist.
Jetzt wird sie noch gesprochen von den Amazirghen (Imoscharh) und Schellöchen (Schuluh) in Marokko, den Kabylen und Schaouia in Algerien, den Resten der Berber in Tunis und zu Sokna in Tripolis, endlich von den Bewohnern der meisten Oasen längs dem südlichen Fuß des Atlasgebirges und in den östlichsten Oasen, in Audschila und Siwah, sowie im größten eil der westlichen Sahara von den Tuareg. Gänzlich untergegangen ist sie in der Landschaft Barka, im Flachland von Tunis und Tripolis, in dem ganzen westlichen Teil von Algerien und auf den Kanarischen Inseln, wo sie vor etwa 100 Jahren noch von den Guanchen gesprochen ward.
Mit den meisten aboriginalen Sprachen des Kontinents hat sie das gemein, daß sie das Zahlverhältnis des Haupt- und Zeitworts und selbst das Genus durch den Worten vorgesetzte Silben bezeichnet und die Konjugation durch Präfixe und Suffixe bildet. Übrigens wird sie mit arabischen Buchstaben geschrieben; nur die Tuareg haben für ihre Sprache, das Ta-Maschek, ein eignes Alphabet. Nach Fr. Müller ist die Sprache der Berber als Abkömmling der altlibyschen Sprache zu betrachten, daher denn auch die Berber selbst für die direkten Nachkommen der alten Libyer gelten müssen.
Daß sie im übrigen ein mit fremdem Blut nicht unbedeutend vermischtes Volk sind, geht daraus hervor, daß die Stämme, in welche sie zerfallen, sich in zwei Abteilungen gliedern, nämlich sogen. freie (Ihaggaren) und unterworfene oder Vasallenstämme (Imrhad), welch letztere offenbar die besiegten fremden Stämme sind, die von den Berbern in sich aufgenommen wurden. Barth schlägt in seiner Besprechung der nordafrikanischen Bevölkerungsverhältnisse vor, den ganzen großen Stamm, der noch heute vom Atlantischen Ozean bis nach Ägypten hin und in das Herz des Sudân verbreitet ist, mit dem Namen Mazigh oder Imoscharh zu belegen.
Das zahlreichste von den Völkern der
Berberei sind die Araber, welche in die
Mauren (Städtebewohner) und die auf dem Land nomadisch
in
Zelten wohnenden
Beduinen zerfallen. Die
Juden der
Berberei sind zum Teil aus dem
Orient mit den Arabern dahin gelangt, meist aber
aus
Spanien
[* 9] nach ihrer und der
Mauren Vertreibung hier eingewandert. Die
Türken sind erst im 16. Jahrh.
in die
Berberei, mit Ausschluß von
Marokko, wo sie sich nicht festzusetzen vermochten, gekommen. In
Algerien,
Tunis und
Tripolis bildeten
sie früher den herrschenden Volksstamm; in
Algerien wurden sie nach der französischen
Okkupation gezwungen, das Land
zu verlassen, und in den beiden andern
Ländern, namentlich aber in
Tunis seit der letzten
Katastrophe, ist ihr Ansehen sehr
gesunken. Da sie fast nie türkische
Weiber mitbrachten, ihre
Kinder von den Eingebornen aber, die
Kulugli, ihre Privilegien
und
Rechte auf ausschließlichen
Besitz von
Staats- und Militärwürden nicht erbten, so waren sie gezwungen,
sich fortwährend durch
Werbungen in
Konstantinopel
[* 10] und
Smyrna zu ergänzen.
Auch die
Mehrzahl der in der
Berberei befindlichen
Neger ist nicht daselbst geboren, sondern als Sklaven, meist aus dem
Sudân und
aus
Guinea, dahin gebracht. Sie sind meist Haussklaven; doch gibt es auch viele Freigelassene unter ihnen,
die sich größtenteils mit
Handarbeiten beschäftigen. Sämtliche
Völker der
Berberei bekennen sich, mit Ausnahme der
Juden und
Europäer, zum
Islam. Die
Geschäfts- und Umgangssprache ist das
Arabische, das in
Marokko die Regierungssprache und den
Beduinen,
Mauren und
Juden Muttersprache ist; in
Tunis und
Tripolis aber ist das
Türkische die Regierungssprache.
Geschichte. Zu den eingebornen Stämmen, den Numidiern, Gätulern und Libyern, kamen früh die Phöniker, welche eine Reihe von Kolonien und als deren mächtigste Karthago [* 11] (850 v. Chr.) anlegten, sich zum Teil mit den Ureinwohnern vermischten und von den Syrten bis zur Meerenge von Gibraltar [* 12] die Küste beherrschten, während die Einwohner des Binnenlandes ihre Unabhängigkeit bewahrten. Daneben bestanden die griechischen Kolonien Barka und Kyrene zwischen Ägypten und dem karthagischen Gebiet.
Die Römer [* 13] faßten in Nordafrika seit dem zweiten Punischen Krieg Fuß; aber erst nach der Zerstörung Karthagos (146) ward das karthagische Gebiet unter dem Namen Afrika römische Provinz. Westlich davon lag das numidische Reich Masinissas und Mauretanien. Numidien östlich vom Fluß Ampsaga wurde 46 v. Chr., Mauretanien 43 n. Chr. zur römischen Provinz gemacht. Unter Konstantin ward Nordafrika in sechs Provinzen geteilt, deren östlichste, Kyrenaika, bei der Teilung des Reichs dem oströmischen Reich zufiel, während die übrigen Provinzen dem weströmischen verblieben. Um diese Zeit verbreitete sich das Christentum in Nordafrika und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß es in kurzem hier über 160 Bistümer gab, und daß dort die bedeutendsten Kirchenlehrer, wie Cyprianus, Tertullian, Augustin, wirkten. Nach dem Sturz des römischen Reichs wurde das Land die Beute der ¶
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Vandalen, die hier von 429 bis 534 herrschten und mit ihren Kriegsflotten die Küsten Italiens [* 15] und die Inseln des westlichen Mittelmeers [* 16] plünderten. Belisar gewann diese Provinzen dem oströmischen Kaisertum 534 zurück. Bei dessen Schwäche wurden die Eingebornen im Innern wieder völlig Meister des Landes und bemächtigten sich selbst des Küstenstrichs der Mauretania Tingitana. Die griechisch-römische Herrschaft beschränkte sich auf die Gegend von Karthago und einige Küstenpunkte.
Eine andre Gestalt erhielt Nordafrika durch die Araber. 648 besiegte Othmans Feldherr Abdallah den byzantinischen Statthalter von Karthago, Gregorius; die Eroberungen wurden fortgesetzt durch Okba, welcher Kairawan gründete und das heutige Algerien und Marokko unterwarf; endlich wurde durch Musa 699 Karthago erobert und niedergebrannt. Seitdem war das Land aus der Reihe der Kulturländer gestrichen, die Einwohner nahmen den Islam an und verschmolzen allmählich mit ihren Besiegern.
Residenz der Statthalter war Kairawan; an die Stelle Karthagos trat für Handel und Verkehr Tunis. Die Abhängigkeit des Landes von dem Kalifat Bagdad hörte auf, als um 790 in Fes und Marokko die Dynastie der Edrisiden, die Abkömmlinge Alis, in Kairawan und Tunis um 800 die Aghlabiten unter Ibrahim, Aghlabs Sohn, sich losrissen und selbständige Kalifate bildeten. Auf die Aghlabiten folgten 908 die Fatimiden, welche 986 auch die Länder der Edrisiden unterwarfen, aber selbst von den Zeiriden verdrängt wurden; letztere wiederum wurden um 1060 von den Almorawiden gestürzt, welche die Herrschaft um 1150 an die Almohaden verloren.
Die Dynastie der Almohaden wurde jedoch durch die Niederlagen, welche sie im 13. Jahrh. in Spanien erlitt, sowie durch innere Kämpfe so erschüttert, daß in Tunis seit 1206 die Hafiden, in Tlemsen seit 1248 die Zianiden aufkamen und in Magrab 1269 die almohadische Dynastie durch die Meriniden gestürzt wurde. Während die Expedition Ludwigs IX. von Frankreich gegen Tunis 1270 ohne Erfolg war, wurden die Mauren nach und nach aus Spanien vertrieben und wandten sich nach Afrika, wo sie sich besonders in den Küstenstädten niederließen.
Hierher wandte sich auch ein großer Teil der 1492 aus Spanien und 1495 aus Portugal vertriebenen Juden. Wegen der beginnenden Seeräuberei landeten die Spanier mehrmals in Afrika, bemächtigten sich der Häfen Ceuta, [* 17] Melilla, Oran, Budschia und der Insel vor Algier, nahmen 1509 Tripolis und machten die Regenten von Tlemsen und Tunis zinsbar. Die Portugiesen landeten in Marokko, mußten aber nach anfänglichen Erfolgen das Land wieder räumen. Doch hatten diese Invasionen zur Folge, daß von den Angegriffenen die Piratenhäuptlinge Horuk und Cheireddin Barbarossa zu Hilfe gerufen wurden, welche die arabischen Dynastien in Algier, Tunis und Tripolis stürzten und diese Provinzen für die Pforte in Besitz nahmen; nur auf kurze Zeit entriß ihnen Karl V. 1535 Tunis.
Seitdem herrschten in Algier türkische Paschas und seit 1600 von den Soldaten gewählte Deis, dem Namen nach von der Pforte abhängig, in Tunis bis 1576 Paschas, von da an Deis und von 1694 an ein erblicher Beg (Bei), der jedoch an Algier Tribut zu Wahlen hatte. Tripolis blieb noch eine Zeitlang in den Händen der Christen, ward ihnen aber 1551 von Dragut abgenommen, seit welcher Zeit Paschas, die nach Konstantinopel Tribut zahlten, hier herrschten. Seit der Besitznahme dieser Länder durch die Türken kam allmählich der Name und Barbaresken für dieselben und ihre Bewohner auf; man bezeichnete die letztern damit als Barbaren wegen des systematischen Seeraubes, welchen sie trieben, und wegen der Grausamkeit, mit welcher sie namentlich die in ihre Hände fallenden Christen behandelten.
Der Hauptsitz des Barbareskenwesens war Algier (s. d.), bis es 1830 von den Franzosen erobert wurde. Auch Tunis und Tripolis wurden genötigt, die Seeräuberei fast ganz aufzugeben. Tunis mußte die Forderungen einräumen, welche Algier dem Lord Exmouth abschlug (1816); Tripolis blieb roher und räuberischer als die beiden Nachbarstaaten, gelangte aber bei geringere natürlichen Hilfsmitteln nie zu gleicher Macht und Gefährlichkeit. Später erfuhr es gleiche Demütigungen wie Tunis und mußte sich von England, Amerika [* 18] und Frankreich ähnliche Bedingungen diktieren lassen. 1835 nahm die Pforte das Land in unmittelbaren Besitz, und der Pascha ward nach Konstantinopel gebracht.
Seitdem hat Tripolis als türkische Provinz aufgehört, Barbareskenstaat zu sein. Dagegen hat das Reich von Fes und Marokko seine eigentümliche, von der Pforte unabhängige Stellung behauptet unter einer 1567 von dem Scherif Mehemed, einem Abkömmling des Propheten, gegründeten Dynastie.
Vgl. Ibn Chaldun, Histoire des Berbères (franz. Übersetzung von Slane, Par. 1852-56, 4 Bde.);
Fournel, Les Berbers. Étude sur la conquête de l'Afrique par les Arabes (das. 1875-81, 2 Bde.).