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Das Riehener Fest 1923
Hans Adolf Vögelin
Es wird Sache der im Druck befindlichen Geschichte über Riehen sein, dieses Fest in den Gang der Dorfgeschichte einzuordnen und zum Beispiel die Frage aufzuwerfen, weshalb es nicht im Jubiläumsjahr 1922 stattfand. Hier sei dargestellt, wie die Feierlichkeiten, welche sich zur Erinnerung an die vierhundertjährige Zugehörigkeit Riehens zu Basel abspielten, vorbereitet und durchgeführt wurden. Da die Festakten dem Gemeindearchiv einverleibt worden sind (Signatur V), lässt sich darüber recht vieles sagen.
Am 5. September 1921 schrieb der Riehener Gemeinderat dem Basler Regierungsrat, der Zeitpunkt sei gekommen, wo man sich darüber schlüssig werden sollte, in welchem Rahmen die Jubiläumsfeier durchzuführen sei. Da der Gemeinderat die Ansicht vertrete, es sei «diese Angelegenheit in gewisser Weise auf den kantonalen Boden zu stellen», ersuche er die Regierung, für eine erste Sitzung einige Delegierte zu ernennen. Bereits am 6. September wählte der Regierungsrat seine beiden Mitglieder Friedrich Schneider und Dr. Adolf Im Hof zu Vertretern des Kantons. Als Friedrich Schneider aus der Regierung austrat, nahm Regierungsrat Dr. August Brenner den verwaisten Sitz ein. Eine Vorbesprechung fand am 14. September im Gemeindehaus statt, das Protokollbuch des Organisationskomitees beginnt aber erst mit der Sitzung vom 15. Dezember 1921, als die meisten Mitarbeiter sich bereits verpflichtet hatten. Bis zum Feste selbst waren laut Protokollbuch sechzehn Sitzungen nötig.
Zu Beginn stand nur fest, dass die Feier von Riehen und Basel gemeinsam an die Hand genommen werden solle und dass ein Festspiel dazugehöre. Um die zahlreichen Aufgaben innert nützlicher Frist lösen zu können, entschloss man sich, neun «Subkomitees» zu bilden. Da jedes Subkomitee bloss zwei Mitglieder, den Präsidenten und den Vizepräsidenten, ins Organisationskomitee entsenden konnte, blieb das letztere relativ klein und deshalb entsprechend funktionstüchtig. Die Zusammensetzung sei hier wiedergegeben, weil der Leser wohl manchen vertrauten Namen findet und auch die Arbeitsteilung zwischen Kanton, Stadt und Gemeinde abgelesen werden kann: Festpräsident: Otto Wenk-Faber, Gemeindepräsident I. Vizepräsident: C. R. Wackernagel-Kellermann (Ri) II. Vizepräsident: Dr. med. E. Veillon-Stückelberg (Ri) Sekretär: Carl Prack-Furrer, Gemeindeschreiber (Ri) Delegierte Regierungsräte (einzige Ehrenmitglieder) : Dr. August Brenner (Ba), Dr. Adolf Im Hof (Ri) 1. Festspielkomitee: Dr. Rudolf Schwabe-Winter (Ba) Dr. Albert Oeri-Preiswerk, Festspieldichter (Ri) 2. Finanzkomitee: Dr. Heinrich Iselin-Weber (Ba/Ri) Fritz Lindenmeyer-Seiler (Ba/Ri) 3. Bau- und Dekorationskomitee : Theophil Seckinger-Gysin (Ri) Eduard Schill, Stadtgärtner (Ba) 4. Wirtschaftskomitee : Fritz Andres-Wieland (Ri) Louis Löliger-Plattner (Ri) 5. Polizeikomitee: Oberst Alfred Bodmer (Ri) Dr. Hans Stump (Ri) 6. Presse- und Propagandakomitee : Dr. Edwin Strub (Ba) C. R. Wackernagel-Kellermann (Ri) 7. Sanitätskomitee : Dr. med. Ernst Baumann (Ri) Ernst Blum-Weishaupt (Ri) 8. Unterhaltungskomitee : Hans Lengweiler-Henseler (Ri) August Jehle (Ba) 9. Komitee zur Herausgabe der «Geschichte des Dorfes Riehen» : Dr. Strub und Dr. Oeri Das Wirtschaftskomitee wandte sich am 5. Januar 1922 in einem Gutachten, und zwar hauptsächlich aus finanziellen Gründen gegen die Durchführung eines grösseren Festspieles, es wollte bloss ein Volksfest mit kurzen Darbietungen und nicht ein «Künstlerfest mit dem üblichen Defizit». Es befürchtete auch, zuviel Pomp könnte angesichts der Krisenzeit bei der Dorfbevölkerung eine Mißstimmung herbeiführen und bei zu hohen Anforderungen würden nur die Stadtvereine glänzen. Das Organisationskomitee beschloss dann jedoch trotzdem, das Festspiel zu wagen und dafür Fr. 50 000- einzusetzen. Als der Grosse Rat die vorgesehene kantonale Subvention von Fr. 25 000 - auf Fr. 10 000 - herabsetzte, griffen die Veranstalter zur Selbsthilfe. Ende März 1923 baten sie in einem Zirkular an die Einwohnerschaft des Kantons um die Zeichnung von Anteilscheinen zur Schaffung eines Garantiekapitals. Es gab Scheine zu Fr. 10-, Fr. 20.-, Fr. 50- und Fr. 100.-. Diese Aktion war von Erfolg gekrönt, es kamen volle Fr. 32 000.- zusammen. Aber sie war auch nötig. Nach dem Feste konnten nur 35 Prozent des Anteilscheinwertes zurückerstattet werden; nämlich der Ueberschuss von Fr. 129 000- Einnahmen und Fr. 118 000- Ausgaben. Da der Jubiläumsfeier ein voller Erfolg beschieden war, kam es zu keinen Klagen der Geldspender.
Neben den Finanzen bereitete die Platzfrage lange Zeit grosse Sorgen. Zuerst dachte man an einen Festplatz am Mühlestieg, der auch für die Festspielaufführungen geeignet gewesen wäre. Die Verhandlungen mit dem Landbesitzer scheiterten jedoch. Ein zweites Projekt oberhalb des Wenkenhofs wurde wegen der grossen Entfernung zugunsten einer Zweiteilung fallengelassen: die Festspielaufführungen fanden in der Basler Mustermessehalle statt, als Dorffestplatz diente das Gelände nördlich des Erlensträsschens zwischen dem alten und dem neuen Teich.
Etwas seltsam mutet an, wie die Bevölkerung über die Festanlässe orientiert wurde. Die in einem kleinen Plakatformat gehaltenen Programme, welche die Ueber- und Unterschrift «Polizeikomitee» trugen, hiessen «Tagesbefehl» Nr. 1 - Nr. 4. Daneben gab es einen friedlicheren Festführer, sowie ein Plakat von Kunstmaler Nikiaus Stoecklin und zwei von Robert Stoecklin, die letzteren für Schaufenster und Eisenbahnwagen. Medailleur Hans Frei hatte eine Festplakette und einen Festzinnteller geschaffen. Kunstmaler Burkhard Mangold, der herbeigezogene Sachverständige für sämtliche Kostümfragen, entwarf auch vier Festpostkarten. Eine zeigte den Dorfplatz zur Zeit des Bürgermeisters Wettstein, die drei anderen je eine Szene aus dem Festspiel. Zu kaufen waren schliesslich ein Textbuch und ein Klavierauszug zum Festspiel.
Vergegenwärtigen wir uns nun den Ablauf des Festes anhand der «Tagesbefehle» und der ausführlichen Pressekommentare. Am Freitag, den 22. Juni, abends acht Uhr besammelten sich, leider bei strömendem Regen, sämtliche Schulklassen von Riehen und Bettingen zum Marsch auf den Hackberg, wo ein Höhenfeuer angezündet wurde. Erfreulicherweise hatte man die Kinder sämtlicher Anstalten nicht vergessen und auch jene eingeladen, welche eine Schule in Basel besuchten. In strengem Ton sagt der Tagesbefehl Nr. 1: «Gemeinsamer Marsch um das Feuer herum unter Absingen des Liedes ,Lasst hören aus alter Zeit' mit Musikbegleitung und dann nach Riehen.» Der Marsch der stattlichen Dreierkolonne ins Dorf zurück blieb den Kindern trotz des schlechten Wetters in bester Erinnerung. Sie waren beim Feuer als «Lampionträger» ausgerüstet worden und durften ihre Lampions nachher behalten. Es gab rot-weisse, schwarz-weisse und blau-weisse mit den entsprechenden Wappen. An der Spitze marschierte der Musikverein Riehen. Ihm folgten die Riehener Turnvereine und die eingeladenen Schüler des Oberen Gymnasiums und der Oberen Realschule mit Fackeln, diese mussten beim Einzug ins Dorf allerdings gelöscht werden. Vorgeschrieben war folgende Route: Bettingerstrasse — Baselstrasse — Schmiedgasse — Schützengasse — Streitgasse — Oberdorfstrasse — Rössligasse — Baselstrasse (Contremarsch bis gegen La Roche Gut und Rückkehr zum Gemeindehaus). Der Samstagmorgen war schulfrei.
Der Samstag stand im Zeichen des Festspiels «Wettstein und Riehen». Es fehlt hier der Raum, den Text und die Musik eingehend zu würdigen. Dr. Albert Oeri hatte mit drei «Bildern» (1626, 1634, 1653) aus der Amtszeit des Landvogtes von Riehen und berühmten Basler Bürgermeisters erfolgreich versucht, dem 1923 in finanzieller Not und politischer Zerrissenheit lebenden Kanton Basel-Stadt einige Dinge zu sagen, ohne dabei den schulmeisterlichen Drohfinger zu heben. Als Komponist und Dirigent hatte sich Dr. h. c. Hermann Suter zur Verfügung gestellt; es ist wohl heute nötig zu bemerken, dass sein berühmt gewordener «Wettsteinmarsch» aus diesem Festspiel stammt. Die Regie lag in den Händen von Dr. Oskar Wälterlin. Es werden 691 Mitwirkende genannt, die Namen der Schauspieler gab man nicht bekannt. Ganz Basel wusste jedoch, dass die Hauptrolle, nämlich Wettstein, abwechslungsweise von Dr. Rudolf Schwabe und von Kunstmaler Willy Wenk übernommen wurde. Die Presse stellte fest, es seien beide ausgezeichnet gewesen, der erstere etwas beleibt und echt baslerisch, der letztere etwas hager, dafür aber wesentlich pathetischer. Willy Wenk hatte zudem die Bühnenbilder entworfen und in Zusammenarbeit mit dem Basler Theatermaler Rudin dann ausgeführt. Mit dem Saaldienst hatte man die Pfadfinderabteilung Rheinbund betraut. Die Aufführungen fanden übrigens nicht im uns heute bekannten Mustermessesaal statt, sondern in jener Anlage, die am 16. September 1923 einem Brand zum Opfer fiel. Die Hauptprobe am Samstagnachmittag war für die Basler Schulen reserviert; die Kinder der Landgemeinden kamen in den Genuss eines Gratiseintrittes und einer Gratistramfahrt. Zur Uraufführung am Abend waren alle Gäste eingeladen.
Was niemand mehr zu hoffen gewagt hatte, trat am Sonntag ein: ein strahlendes Festwetter. So konnten denn die für diesen Tag herausgegebenen Tagesbefehle Nr. 3 und Nr. 4 bis ins letzte eingehalten werden. Um sechs Uhr morgens weckten 22 Kanonenschüsse, die den eidgenössischen Ständen galten und auf dem Hackberg abgegeben wurden, die Gemeinde. Eine Stunde später konzertierte der Musikverein Riehen im Dorf. Um halb neun Uhr begann der Feldgottesdienst auf dem Festplatz. Die Festpredigt hielt der Gemeindepfarrer Karl Brefin über den Bibeltext Jeremia 29,7: «Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's euch auch wohl.» Um halb elf Uhr begrüsste der Riehener Gemeinderat die Basler Behörden, die sich in Landauern zum Festort begeben hatten, zwischen den Tramhaltestellen Burgstrasse und Pfaffenloh. Anstelle einer Begrüssungsrede sprachen ein Mädchen und zwei Knaben einen Prolog. An der gleichen Stelle hatten sich neben den übrigen Gästen auch verschiedene Vereine aus dem ganzen Kanton eingefunden, und bald bewegte sich ein bunter Festzug durch das Spalier der Schulklassen zum Gemeindehaus. Der Rede des Gemeindepräsidenten Otto Wenk-Faber folgte dort die Ansprache des Regierungspräsidenten Dr. Rudolf Niederhauser. Rudolf Moser dirigierte den von ihm komponierten Begrüssungschor. Alle angefragten Vereine hatten es übrigens abgelehnt, ein «so schwieriges» Werk einzustudieren, es war dann aber geglückt, einen ad hoc-Chor zu bilden. Nach einigen Worten des Gemeindepräsidenten Emil Schlup von Bettingen und dem Verlesen eines Glückwunschtelegrammes des Bundesrates folgte für die eingeladenen Gäste eine Besichtigung des Wettsteinhauses. Punkt zwölf Uhr begann das Festbankett im Gemeindehaus. Hier verdankte Oberbürgermeister Dr. Gugelmeier von Lörrach die Einladungen an alle badischen Nachbargemeinden; Dr. Wilhelm Vischer, Meister der Schlüsselzunft, sprach im Auftrag der Basler Zünfte.
Das Nachmittagsprogramm begann um halb drei Uhr mit dem grossen Festumzug auf der gleichen Dorfstrecke, wie sie für den Jugendumzug am Freitag festgelegt worden war, aber jetzt mit dem Festplatz als Ziel. Es ist unmöglich, hier alle Basler Vereine aufzuzählen, die sich geschlossen oder mit einer Delegation zum Zuge gesellten; besonderen Anklang fand, dass kostümierte Gruppen aus dem Festspiel im Zuge anzutreffen waren. Die Strassenbahn beförderte am Nachmittag innert drei Stunden 15 000 Passagiere nach Riehen und weitere 10 000 vor- oder nachher. Während des Hauptansturmes sahen sich zahlreiche Kleinbasier gezwungen, den Weg nach Riehen zu Fuss zurückzulegen oder zuerst an die entgegengesetzte Endhaltestelle zu fahren. Durch eine grössere Reduktion des Fahrplans auf anderen Linien hätte sich dieses einzige kleine Missgeschick wohl mildern lassen. Der Rücktransport verlief dann von selbst geordneter, es gab Fahrgelegenheiten bis morgens zwei Uhr. Für das Publikum liess man einen ausführlichen Spezialfahrplan drucken. Den damals noch nicht so zahlreichen Automobilisten stand gegen eine Gebühr von zwei Franken die von der «Securitas» bewachte «Autogarage» im Räume Bettingerstrasse-Burgstrasse zur Verfügung. Das Bezirksamt Lörrach hatte sich bereit erklärt, badischen Festbesuchern Tagesscheine und Kollektivpässe zur halben Taxe abzugeben.
Anschliessend an den Festzug folgte das Jugendfest, an dem die Jugend auch einen Teil des Programms bestritt. Unter der Leitung von August Jehle führten die Riehener Schulkinder den «Grossen Festreigen» auf, die Jugendriege des Turnvereins Riehen demonstrierte das Fahnenschwingen und 24 Mädchen, instruiert von Frau ReichelWichert vom Stadttheater, boten einen heraldischen Reigen dar. Den Unterhaltungsteil für das nächtliche «Volksfest für Riehen und Basel» hatten die Riehener Vereine übernommen. Ausser Programm musste Mosers Kantate «Zu Riehens Ehrentag» auf vielfachen Wunsch nochmals vorgetragen werden. 1923 war man mit den Tanzmelodien eines ganz gewöhnlichen Musikvereins übrigens noch völlig zufrieden. Die Festwirtschaft war den drei bekannten Basler Wirten C. Drexler, F. Hänsler und K. Lienin übertragen worden. Begnügen wir uns mit der Feststellung, dass an diesem Tage 70 Hektoliter Bier und 5000 Flaschen Festwein verkauft wurden. Drei Deziliter Bier kosteten dreissig Rappen, eine Flasche Festwein Fr. 2.50.
Um nun den Basler Vereinen ebenfalls die Möglichkeit zu geben, ihr Können zu beweisen, entschloss man sich kurzerhand, am folgenden Wochenende vom 30. Juni auf den 1. Juli ein zweites Volksfest anzuordnen. In letzter Minute verlegte man den Beginn von abends acht Uhr auf fünf Uhr, was ermöglichte, vor dem Hauptprogramm die Kinderdarbietungen nochmals aufzuführen, doch scheinen viele Leute davon keine Kenntnis gehabt zu haben. Im Hinblick auf die Qualität der Darbietungen erlaubte man sich, den Eintrittspreis von Fr. 1- auf Fr. 2.20 zu erhöhen. Nicht im Programm vorgesehen war, dass Dr. Hermann Suter den Taktstock ergriff und mit einem anwesenden Chor und einem Musikverein die von ihm komponierte «Landeshymne» zum besten gab. Die Deutsche Reichsbahn erklärte sich bereit, obschon der Bahnhof Riehen damals für den Personenverkehr immer noch geschlossen war, abends und nachts zwei Extrazüge zu führen, so dass diesmal wirklich jedermann ohne aufgezwungenen Fussmarsch zum Festort gelangen konnte.
Rechtzeitig war auch die «Geschichte des Dorfes Riehen» erschienen. Der Verfasser, D. (=Dr. theol. [h. c.]) Ludwig Emil Iselin, Pfarrer in Riehen von 1887-1923, hatte das Werk wegen eines Schlaganfalls leider nicht selbst zu Ende führen können. Der Basler Historiker Dr. Paul Siegfried erklärte sich dann bereit, den fehlenden Schlussteil abzufassen. Der Gemeinderat vergass nicht, am 22. Juni eine Deputation ans Krankenbett des langjährigen Dorfpfarrers zu entsenden. Das Festspiel erlebte statt der ursprünglich geplanten vier Aufführungen deren sieben; der rege Besuch gestattete die zusätzlichen Aufführungen ohne Ueberschreitung des Voranschlages, dann aber musste man aus finanziellen Gründen abbrechen. Nach dem letzten Spielabend gab es in der Mustermesse eine kleine Feier für die Mitwirkenden, an der Regierungsrat Dr. Adolf Im Hof den Dank der obersten Behörde in Versform entrichtete.