Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/1079

Die natürliche Vermehrung eines Bienenvolkes erfolgt durch die Teilung des Muttervolkes. Wie bei anderen staatenbildenden Insekten (Ameisen, Wespen und Termiten), legt nur die Königin Eier und ist in der Lage, ein neues Volk zu bilden. Die Königin verlässt dazu mit einer grossen Anzahl an Arbeiterinnen das ursprüngliche Volk und bildet ein neues. Dabei begibt sich der Schwarm in grosse Gefahr, verlässt dieser doch einen sicheren Nistplatz und nimmt die Unsicherheit in Kauf, keinen neuen optimalen Nistplatz zu finden. Die neue Königin welche im Muttervolk nachgezogen wird, übernimmt die Sicherheit des alten Bienennests in einem bewährten Sammelgebiet. Gleichzeitig übernimmt sie das Risiko von bestehenden Brutkrankheiten und muss sich auf gefährliche Paarungsflüge begeben, bei welchem sie Räubern zum Opfer fallen kann. Wenn die Umstände (Nahrungsangebot) besonders günstig sind, kann ein Volk mehrere Schwärme in einer Saison bilden.
Damit ein Volk schwärmen kann, muss seine Population so stark anwachsen, dass sich daraus überlebensfähige Einheiten bilden können. Für diese Volksentwicklung sind viele interne und externe Faktoren verantwortlich:
- Legeleistung und Ernährungsstatus der Königin
- Verfügbarer Platz für die Eiablage in den Waben
- Nahrungsverfügbarkeit und Pflegeeifer der Arbeiterinnen
- Klimatische Bedingungen
- Umwelteinflüsse (z.B. Einsatz landwirtschaftlicher Pestizide)
Sind keine Mängel vorhanden, folgt die Populationsentwicklung nach einem "inneren Programm" und lässt sich durch imkerliche Massnahmen nicht beeinflussen.
Lebenszyklus
Mit Zunahme des Tageslichtes im Januar beginnt die Königin im Zentrum der Bienentraube mit der Eiablage. Diese ist abhängig von der Aussentemperatur und wird, sobald es kühler wird, wieder eingestellt. Die passiven Winterbienen wandeln sich zu Saisonbeginn zu aktiven Bienen und betreiben Brutpflege. Sobald die erste Massentracht (Mitte März) einsetzt, wird die Brutpflege intensiviert und die Brutfläche dehnt sich rasch aus. Es schlüpfen die ersten Jungbienen und bis Ende April sterben die Winterbienen. Bis zu diesem Zeitpunkt verläuft die Populationsentwicklung zögerlich (Frühjahrsdepression). Ab Ende April nimmt die Zahl der schlüpfenden Bienen gegenüber der sterbenden rasch zu. Es beginnt auch die Heranzucht der ersten Drohnen.
Fehlendes "Foot-print-Pheromon" der Königin löst den Schwarmtrieb aus.
Sobald ein Bienenvolk stark angewachsen ist und kaum noch Platz zur Verfügung steht, ist die Königin in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie findet kaum noch freie Zellen zum Bestiften und hält sich meistens in der oberen Hälfte der Waben auf. Die Signalstoffe (Pheromone), welche die Königin bei der Wanderung über die Waben über die Tarsen (Fussglieder) abgibt, fehlen jetzt auf der unteren Wabenhälfte. Bei Königinnen, welche rege Eier legen, ist die Tarsaldrüse besonders gut ausgebildet. Fehlen diese Informationsstoffe, beginnen die Arbeiterinnen erste Weiselzellen zu ziehen.
Werden die Weiselzellen von der Königin bestiftet, folgt eine Reihe von Ereignissen im Bienenvolk. Sammeltätigkeit, Baulust und Putztrieb der Bienen lassen nach und die Aggressivität steigt. Die Königin wird von den Arbeiterinnen kaum noch gefüttert und zusätzlich gestossen und gebissen. Die Königin verliert in der Folge an Gewicht und reduziert die Legeleistung. Im gleichen Zug erlangt sie ihre Flugtauglichkeit wieder.
Der "Ausflug" wird vorbereitet und die Bienen fressen sich mit Proviant voll. Innert zehn Tagen nimmt das Gewicht der Honigblase um das Vierfache zu. Im Fettkörper legen die Bienen weitere Reserven an.
Schwärmen ist eine lautstarke Angelegenheit.
Vorschwarm
Sind die ersten Weiselzellen im Volk verdeckelt, fliegt der Schwarm aus. Dies passiert meistens zwischen 11 und 16 Uhr. Wird das Schwärmen durch Schlechtwetter verzögert, kann man die Jungköniginnen in den Weiselzellen "quaken" hören. Am Tag vor dem Schwärmen herrscht im Volk Ruhe. Es sind einige Bienen zu beobachten, welche mit Schwirrläufen den Schwarmtag ankünden.
Plötzlich giesst sich eine Flut von Bienen aus dem Flugloch und die Königin wird mitgerissen. Rund 1'000 Bienen pro Minute quellen ins Freie und begeben sich lautstark in einer Bienenwolke in kurzer Distanz an eine exponierte Stelle, wo sie sich aufgrund der Duftstoffe der Königin vorübergehend niederlassen. Die Bienen bilden um die Königin eine Schwarmtraube und beruhigen sich allmählich. Im Inneren der Traube befinden sich jüngere Bienen und die älteren Arbeiterinnen bilden um sie herum einen dichten Mantel. Noch fehlt dem Schwarm eine geeignete Behausung, um sich niederzulassen. Sogenannte Spurbienen fliegen los, um die Umgebung zu erkunden und einen neuen Nistplatz zu finden. Wird eine Spurbiene fündig, fliegt sie zum Schwarm zurück, um diesem den Weg zu weisen. Dazu fliegt sie mit hoher Geschwindigkeit in der Bienenmasse vor und zurück in Richtung des neuen Standortes.
Nachschwarm
Die zurückgebliebenen Bienen verfügen über eine Behausung und viel Futterreserven. Mit dem Abgang des Vorschwarmes ist das Muttervolk stark geschrumpft. Da vor dem Schwärmen die Brutaufzucht auf Hochtouren verlief, schlüpfen aber jetzt innert kurzer Zeit junge Bienen und das Volk wächst rasant zu der ursprünglichen Grösse heran. Die erste Königin welche nach dem Vorschwarm schlüpft, fliegt häufig mit einem Nachschwarm ab. Diese kleinen Schwärme haben es nicht leicht, ein überwinterungsfähiges Volk mit genügend Bienen und Futterreserven zu bilden.
Zum Schwärmen...
Vorschwarm: Erster Schwarm, der mit der alten Königin aufbricht.
Nachschwarm: Schwarm mit einer oder mehreren Jungköniginnen, der nach dem Vorschwarm auszieht. Ein Volk kann mehrere Nachschwärme abgeben.
Singerschwarm: Stirbt die alte Stockmutter vor dem Schwärmen, quaken die Jungköniginnen in den Zellen eifrig und kündigen ihr Schlüpfen an.
Falscher Schwarm: Die Königin ist beim Auszug des Schwarms im Stock geblieben oder dorthin zurückgekehrt.
Scheinschwarm: Nach einer längeren Schlechtwetterperiode begleiten manchmal viele Arbeitsbienen die Königin auf dem Hochzeitsflug. Stürzt die Königin mit der kopulierenden Drohne ab, bildet sich um sie herum eine Bienentraube, die sich aber bald wieder auflöst.
Hungerschwarm: Durch Futtermangel ausgelöster Schwarm.
Schwarmteufel: Völker mit besonders ausgeprägtem Schwarmtrieb.
Bleibt die frisch geschlüpfte Königin im Muttervolk ohne einen Nachschwarm zu bilden, muss sie ihre Konkurrentinnen in den verbleibenden Weiselzellen ausschalten. Sie beisst die Zellen auf und tötet die Puppe. Oft wird eine Königin von den Arbeiterinnen daran gehindert, und es schlüpfen weitere Königinnen und es kommt zum Kampf. Dabei überlebt die vitalste und beweglichste und wird die neue Stockmutter des Volkes.
Sommer
Nach zögerlichem Start im Februar, hat sich die Königin mit der Eiablage kontinuierlich gesteigert und erreicht im Mai und Juni die Höchstform. Diese ist nur bei guter Futterversorgung durch die Arbeiterinnen zu erreichen. Ab Juli reduziert die Königin bereits die Eilegeleistung.
Bei Brutmaximum befinden sich bis zu 40'000 Bienen im Volk.
Herbst
Bereits ab Juni bereiten sich die Bienen mit dem Aufbau von Futterreserven auf den Winter vor. Nach dem Ausklingen der Sommertracht werden auch die Drohnen im Volk nicht mehr geduldet. Mitte Sommer haben die Bienen bereits die Hälfte ihrer Jahresleistung vollbracht und die Brutflächen reduzieren sich fortan.
Bis zum Oktober / November klingt die Brut langsam aus und die Population schrumpft.
Winter
Während die Staaten von Wespen und Hummeln im Herbst zu Grunde gehen, überwintern Honigbienen als Volk und starten bereits als Gemeinschaft in das neue Jahr. Um die schwierige Zeit im Winter zu überstehen, bedarf es spezieller Anpassungen.
Winterbienen leben länger.
Im Sommer werden Arbeiterinnen zwischen drei und vier Wochen alt. Es schlüpfen in dieser Zeit immer neue junge Bienen und somit wächst die Populationsgrösse.
Im Winter wird keine Brut aufgezogen. Das Volk würde sterben, wenn es nicht langlebige Bienen geben würde. Äusserlich weisen diese keine Unterschiede auf, physiologisch und vom Verhalten her unterscheiden sie sich aber deutlich von den Sommerbienen. Sie sind passiver und beteiligen sich nicht an der Brutpflege oder anderen Arbeiten im Bienenstock. Sie konsumieren Pollen und haben wegen der Eiweissspeicherung grössere Futtersaftdrüsen. Sie weisen deutlich grössere Fettkörper aus als Sommerbienen. Winterbienen werden bereits Ende Juli produziert und werden zwischen sechs bis neun Monate alt.
Wintertraube
Einzelne Bienen würden winterliche Temperaturen nicht überleben. In der Wintertraube nutzen die Bienen zusammen die Stoffwechsel-Wärme und die isolierende Wirkung ihrer Körper. Der enorme Temperaturunterschied von Traubenzentrum zur Aussentemperatur kann nur mit genügender Bienenmasse aufrecht erhalten werden. Dazu ist eine Winterpopulationsstärke zwischen 8'000-12'000 Bienen erforderlich.
Bienen im Inneren der Wintertraube benötigen gegenüber ihren Genossinnen im umhüllenden Mantel beinahe dreimal so viel Nahrung. Die Energie für die Wärmeerzeugung gewinnen die Bienen aus den Futterreserven, welche sie im Sommer eingelagert haben. Im Verlauf des Winters konsumiert ein Volk rund zehn Kilogramm eingelagertes Futter.
Massenwechsel
Im Verlauf eines Bienenjahres schlüpfen in einem Volk 160'000-200'000 Arbeiterinnen. Ab Juni bis gegen den Winter schrumpft die Population wieder gegen 5'000-12'000 Individuen. Durch diese stetige Erneuerung der Bienenmasse werden vielen Krankheiten vorgebeugt. Denn mit den Bienen sterben jeweils auch viele Erreger. Sind aber Winterbienen befallen, ist ein erfolgreiches Überwintern schwierig.