Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/2680

Abwechslungsreiche Türkei
Die Türkei hat nicht nur aktuell resp. in den letzten Jahren eine bewegte Geschichte hinter sich, sondern eigentlich schon seit tausenden von Jahren. Von allen Seiten wurde sie immer wieder angegriffen, geplündert, besetzt und griff auch selbst immer wieder alle Seiten an, um ihr Territorium und damit ihre Macht und Einflussnahme zu vergrössern. In ihrer heutigen Form existiert die Türkei erst seit 1923, davor sprach man vom Osmanischen Reich, das sich zu seiner Blütezeit im 16. Jh. vom Balkan um das ganze Mittelmeer inkl. Schwarzem Meer bis nach Algerien ausdehnte. Ab dem 17. Jh. «verlor» das Osmanische Reich aber laufend Gebiete, unter anderem deshalb schlossen sie sich schon ganz am Anfang des 1. Weltkrieges Deutschland und den Habsburgern an, in der Hoffnung verloren gegangene Gebiete in Griechenland, im Balkan und am Schwarzen Meer (Krim) wieder zurückerobern zu können, was aber misslang. So wurde nach dem Krieg das Osmanische Reich, wie auch das Habsburgische Reich, von den Siegermächten (insbesondere Grossbritannien und Frankreich) in verschiedene Staaten aufgeteilt: Türkei, Syrien, Libanon, Irak und Palästina bestehend aus Trans- sowie Cis-Jordanien; die Wünsche der Bevölkerung wurden dabei nicht in Betracht bezogen. Die aus dieser «etwas willkürlichen» Aufteilung entstandenen Konflikte prägen noch heute das Geschehen im Nahen Osten.
Die heutige Türkei ist mit über 783’000 km2 fast zwanzig Mal so gross wie die Schweiz und hat mit knapp 83 Millionen Einwohner etwa zehn Mal so viele Menschen wie die Schweiz. Die Türkei erstreckt sich über zwei Kontinente, der Bosporus in Istanbul ist die Grenze zwischen Europa und Asien, 3% der Fläche liegt in Europa, 97% in Asien. Der asiatische Teil der Türkei wird als Anatolien bezeichnet und der Süden davon grenzt ans Mittelmeer, der Westen ans Ägäische Meer (Ägais, Marmarameer und Dardanellen) und der Norden an das Schwarze Meer. Wir haben uns gefragt, warum das Schwarze Meer diesen Namen trägt, denn Schwarz kam es uns überhaupt nicht vor sondern ganz normal blau. Auf dem Internet, z.Bsp. in Wikipedia gibt es eine ganze Abhandlung mit möglichen Begründungen darüber. Fazit: Es ist nicht ganz klar. Die nachvollziehbarste Begründung war für mich, dass die Osmanen, als sie Anatolien eroberten, die Bezeichnung der Venezianer übernahmen, nämlich Grosses Meer. Im Türkischen lautete dies «Kara Deniz», was aber auch finsteres oder trübes Meer heissen kann.
Wir hatten mittlerweile unseren 25’000sten Kilometer seit unserer Abfahrt in Sugiez am 2. Mai abgespult. Ein guter Grund um wieder einmal den Ölstand von unserem Jupi zu kontrollieren. Am Morgen früh zeigte der Ölstab, dass das Öllevel gerade noch beim Minimum lag. Hmm, oder muss man nun den Ölstand bei warmem Motor messen? Also lasen wir im Handbuch des Mercedes Sprinters nach und da stand, dass es einerseits die Möglichkeit gibt, dies direkt am Steuerrad auf Knopfdruck elektronisch zu messen oder manuel mittels Ölstab – aber immer erst fünf Minuten, nachdem der betriebswarme Motor abgestellt wurde. Aha, die Messung heute Morgen war also ungültig. Richtig gemessen sahen wir darauf, dass der Ölstand genau in der Mitte war und auch das elektronische System meldete, dass kein Öl nachzufüllen sei. Hier in der Türkei gab es auch wieder vermehrt Tankstellen mit AdBlue-Zapfsäulen, z.Bsp. bei Aytemiz, und wir füllten unseren Tank randvoll, ohne danach noch einen Resten in einem Kansiter mitführen zu müssen. Der Verbrauch war nach wie vor sehr niedrig und lag bei etwas mehr als 1.3 Liter pro 1’000km, d.h. mit unserem Tank von 19 Liter kommen wir rund 14’000km weit.
Nach zwei oder drei Sonnentagen am Schwarzen Meer regnete es rund 24 Stunden sehr intensiv, Zeit zum (fast) nichts tun. Danach versuchten wir, eine Teefabrik zu besichtigen, doch alle angefahrenen waren wegen dem vergangenen Regen geschlossen, der Grund: Kein Nachschub, denn die Blätter mussten zuerst getrocknet werden. Die Türkei hat übrigens den grössten Teeverbrauch der Welt, noch höher als Grossbritannien. Und dies, obwohl die Teekultur in der Türkei eigentlich erst so richtig nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches um 1923 einsetzte, davor wurde mehr Kaffee getrunken. Doch durch die Abspaltung der ehemaligen Kaffeeanbaugebiete, insbesondere in Jordanien, wurde der Kaffee plötzlich zum zu importierenden teuren Luxusgut. Der Staatgründer, Mustafa Kemal, später Kemal Atatürk genannt, «empfahl» den Türken den Tee, der davor bereits durch das russischen Reich in Georgien angebaut wurde. Man fand heraus, dass sich auch die warme und niederschlagsreiche östliche Türkische Schwarzmeerregion für den Teeanbau sehr gut eignete und heute ist die Türkei einer der grössten Teeexporteure der Welt.
Nach dem Regen war die Fernsicht super: Richtung Osten sahen wir plötzlich viele Schneeberge, d.h. es muss oben geschneit haben.
Nach diesen erste Türkeitagen bei den Teeplantagen um die Stadt Rize herum, ganz im Nordosten des Landes, bewegten wir uns ins Landesinnere Richtung Zentralanatolien und Südostanatolien. Unser Fernziel Nummer eins war Kappadokien und Nummer zwei Antalya am Mittelmeer, wo wir einmal wirklich mehrere Wochen nichts tun wollten. Auf dem Weg dorthin namen wir selbstverständlich nicht die kürzeste Route sondern fuhren ein paar «Umwege» und hatten dabei auf dem 2’682m hohen Pass namens Ovitdagi Gecidi unseren höchsten Übernachtungspunkt auf dieser Reise. Da es recht kalt war, am Morgen sogar Bodenfrost, mussten wir wieder einmal unsere Dieselheizung einschalten, die aber ihren Dienst auf dieser Höhe klaglos verrichtete.
Das von uns durchfahrene Landesinnere lag meist auf einer Höhe von mehr als 1’000müM, es ging immer wieder mal einen Pass rauf und dann wieder runter. Die Landschaft war sanft gewellt, hatte immer wieder etwas höhere Berge, war meist recht kahl und während unserer Durchfahrt mitte September recht braun, d.h. ausgetrocknet und dürr. Wenn es mal Gebiete mit Bäume gab wurden wir daran erinnert, dass wir Herbst hatten. Es war sehr abwechslungsreich und wunderschön hier hoch und nieder zu fahren. Auf jeden Fall erinnerte uns die Szenerie an das Hinterland von Andalusien und die Extremadura in Spanien, welche wir (auch) sehr gerne besuchen.
Und mitendrin erreichten wir den Oberlauf des Euphrat, links und rechts von ihm säumte ein grüner Streifen den Fluss, der hier noch kaum grösser als die Aare in Bern war.
Der Euphrat hat keine eigene Quelle sondern entsteht durch den Zusammenfluss von zwei sogenannten Quellflüssen (Keban und Karasu). Die Quellen dieser beiden Flüsse befindet sich rund 150km südlich von der Schwarzmeerküste, wo wir die Teeplantagen um Rize besuchten. Der Euphrat fliesst südwärts durch die Türkei, danach durch Syrien und von dort in den Irak, wo er sich mit dem Tigris vereinigt und den Namen erneut wechselt in Schatt al-Arab, der dann im Unterlauf die Grenze mit dem Iran bildet und in den Persichen Golf mündet. Vor 4 – 6’000 Jahren lag die Küstenlinie allerdings über 250km mehr im Nordwesten und der Euphrat wie auch der Tigris flossen selbstständig in den Persischen Golf. Grosse Abholzungen in der Antike führten zur Versandung dieses Gebietes. Heute wird der Euphrat neben der Bewässerung vorallem zur Erzeugung von Strom eingesetzt und fliesst in den erwähnten Ländern durch mehrere dutzend Stauseen, der bekannteste darunter ist sicher der Atatürk-Stausee. Er ist sehr umstritten weil man annimmt, dass er neben der Versenkung von vielen Ortschaften auch das Klima verändern wird. Doch wie oben erwähnt, ist dies ja nichts neues. Ob es wohl in der Antike auch schon warnende Stimmen gab?
Wir folgten dem Euphrat rund hundert Kilometer und wurden mehrmals durch Militärsperren angehalten und kontrolliert. Einmal mussten wir unsere Heckgarage öffnen, danach fuhren wir 30 Meter weiter und sollten erneut die Heckgarage öffnen. Wir erklärten ihnen, dass wir dies eben schon gemacht hätten, doch es gab kein Pardon. Generell war in dieser Region um den Euphrat das Militär und die Jandarma (Gendarmerie) sehr stark präsent und auch alle Polizeiposten waren immer sehr stark verbarikadiert. Der Grund: Wir befanden uns am Rande, respektive je nach Definition schon in kurdischem Gebiet.
Wir fanden einen wunderbaren Übernachtungsplatz am Euphrat, das Wetter war perfekt und wir nahmen zum ersten Mal auf dieser Reise unser Teleskop hervor und beobachteten die Sterne, ab 19 Uhr war es bereits dunkel. Einfach genial die Sicht, keine Lichtverschmutzung. Gegen 22:30 Uhr verstauten wir wieder alles und gingen schlafen.
Warum dieser Platz noch nicht im iOverlander ist? Wir wollten ihn morgen fotografieren und dann im iOverlander einfügen.
Um halb zwölf wurden wir geweckt.
Die Jandarma stand vor der Tür und erklärte irgend etwas auf türkisch, von dem wir aber kein Wort verstanden. Gut, wir nahmen an, dass wir nicht hier bleiben konnten, denn wir hatten gelesen, dass solche «Besuche» möglich sind. Sie waren zu dritt, in zivil, mit Gewehren bewaffnet aber sehr freundlich, überhaupt nicht angsteinflössend oder herumschreiend. Sie riefen mit dem Handy jemandem an, der Englisch konnte und uns das ganze übersetzte. «Der Platz hier ist sicher, sie dürfen nicht hier übernachten. Bitte folgen sie den Leuten der Jandarma, sie werden Sie zu einem sicheren Platz in der nächsten Gemeinde geleiten.» Auf meine Frage, warum es hier nicht sicher sei erhielt ich keine Antwort sondern den Hinweis: «Die Jandarma will für Sie nur das Beste. Wenn Sie irgend welche Fragen haben, dürfen Sie jederzeit die Jandarma anrufen, die Telefonnummer ist überall dieselbe, 156.»
Wir zogen uns also wieder an und fuhren in der dunklen Nacht hinter ihnen her bis zur nächsten Ortschaft, wo wir Jupi in einem Park abstellen durften und bis am Morgen früh unsere Ruhe hatten. Am Morgen lasen wir in der WhatsApp, dass es Christian und Aline, auch von unserer Gruppe und ebenfalls noch in der Türkei, genau gleich erging. Sie wurden allerdings schon um 21 Uhr von der Jandarma an einen «sicheren» Ort geleitet. Bei ihnen wurde allerdings gesagt, sie befänden sich auf archäologischem Gebiet und hier sei das Campieren verboten.
Die nächste Nacht suchten wir dann einen Übernachtungsplatz in einer Gemeinde und nicht «in to the wild».
Immer wieder sahen wir vor und nach Ortschaften Gemüse und Früchteanbau, am meisten hatten es Apfelbäume, daneben auch Tomaten, die wie Melonen und Kürbisse einfach am Boden wuchsen, weiter sahen wir noch viele Tabakfelder, Peperoni und sogar einzlne Chilipflanzen.
Unser Zwischenziel war der Berg Nemrut Dagi, dessen Gipfel vor über zweitausend Jahren von Menschen als Grabstätte für einen Herrscher aufgetürmt war, eine Art Pyramide aus Kies. Und unten stand eine Brücke namens «Septimius Severus Brücke», welche die Römer vor knapp zweitausend Jahren bauten und welche bis 2005 für den Verkehr bis 5 Tonnen zugelassen wurde. Doch dann missachtete ein Tanklaster das Gewichtslimit und die Brücke stürzte teilweise ein. Heute ist sie wieder aufgebaut aber für den Verkehr gesperrt, daneben gibt es eine neue Betonbrücke. Ob die auch wieder 2’000 Jahre halten wird?
Wir befanden uns weiter im Kurdengebiet und ca. 120km nördlich der syrischen Grenze, doch war praktisch keine Militär- und Jandarma-Präsenz mehr sichtbar, das Gebiet galt als sehr sicher. Das sahen wir auch an den Ladungen von Touristen aus allen Ländern, welche hierher kamen. Soviele Leute hatten wir seit langem nicht mehr gesehen. Und wie sie posierten und Selfies schossen, schon das war ein interessantes Spektakel für sich… Wir durften im Jupi auf dem Berg übernachten, dort wo die Shuttlebusse die Besucher bis zum Gipfel hochfuhren. Von dort sahen wir auch ziemlich im Dunst den Anfang eines Armes des Atatürk Stausees, der heute 10% der elektrischen Energie der Türkei erzeugt.
Vom Nemrut Dagi planten wir in zwei Etappen nach Kappadokien zu fahren. Als wir unterwegs wieder einmal auf dem Pannenstreifen einen Fotostopp einlegten, hielt plötzlich hinter uns ein weisser Camper auf Iveco-Basis. «Habt ihr ein Problem, können wir euch irgendwie helfen?», wurden wir mit starkem holländischem Akzent auf deutsch gefragt. Wir kamen ins Gespräch und merkten bald, dass wir beide das gleiche Zwischenziel, nämlich Kappadokien, hatten und verabredeten einen gemeinsamen Übernachtungsplatz. «Aber kein Konvoifahren bitte», kam dann noch der Wunsch von ihnen. So kam es, dass wir mehrere Tage mit Ank und Philipp aus den Niederlande unterwegs waren und uns auch in Kappadokien mehrmals wieder trafen. Sie hatten mit ihrem «Azalai-Truck» eine Reise in den Iran gemacht, wollten nächstes Jahr damit in die Mongolei reisen und ihn übernächstes Jahr nach Südamerika verschiffen. Genügend Gesprächsstoff für einige Abende.