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Die Bezeichnung «Quartier» für ein Stadtviertel ist ein schweizerischer Ausdruck für ein Stadtviertel. Das (alt)französische «cartier», später «quartier», bedeutete «der vierte Teil von etwas», insbesondere auch einen Teil eines Heerlagers, daraus abgeleitet auch das «Nachtquartier» oder jemanden bzw. Truppen, wohl in vier Gruppen geteilt, in einer zeitweiligen Wohnung bzw. Unterkunft «einquartieren».
Das mit dem (vierten) Teil eines Heerlagers geht wohl auf die Heerlager der römischen Legionen vor rund 2000 Jahren zurück. Zur Festigung der jeweiligen Eroberungen wurden diese Heerlager zu kleinen Städten ausgebaut, wobei es üblich war, zwei Hauptstrassen mehr oder weniger symmetrisch übers Kreuz anzulegen, was das Stadtgebiet in vier etwa gleich grosse Teile schnitt. Das lateinische «quartus» (vierte) wurde später zum französischen «quartier».
Immer neue Viertel
Für die heutige Quartierforschung spielt die Etymologie keine Rolle, was damit zusammenhängen mag, dass mit dem Wachsen der Städte den vier Stadtvierteln neue Viertel angebaut wurden, etwa ein Hafenviertel, ein Gerberviertel usw. Die Bezeichnung Viertel blieb, auch wenn sich die Stadt längst in Elftel geteilt hatte. Die Bezeichnung blieb auch, wenn es später darum ging, mehreren Strassenzügen zusammenfassend eine sozial-symbolische Bezeichnung zu geben: Villen- und Elendsquartier, Künstler- oder Rotlichtviertel.
Translokale Gemeinschaften
Quartiere sind allerdings keineswegs homogen, wie die Quartierforschung betont, und zwar weder in Bezug auf ihre Nutzung noch auf ihre Bedeutung, was auch damit zusammenhängt, dass die jeweiligen Bewohner*innen in «translokalen und deterritorialen» Gemeinschaften leben und kaum durch die gebaute räumliche und die soziale Nachbarschaft geprägt und miteinander verbunden sind, wie es der britische Soziologe Martin Albrow in den 1990er-Jahren beschrieb.
Die Leute von heute steigen nicht aus dem Bett und dann zwei Stockwerke tiefer in ihre Werkstatt. Mit ihren Vereinskolleginnen treffen sie sich am anderen Ende der Stadt; ja selbst zum Einkaufen oder Biertrinken müssen sie oft jenes Gebiet verlassen, das sie als ihr Quartier bezeichnen würden. Und wenn sie den Computer anschalten, verabschieden sie sich in die ganze Welt hinaus – zwar nur mental, aber umso unerreichbarer...
Unsere ressourcenverschleissende Wirtschafts- bzw. Lebensweise «spicken» so die Menschen «furt vo hie», raus aus dem Quartier.
Nachbarschaften
Ein radikaler Gegenentwurf zum eben Dargestellten findet sich im Büchlein Neustart Schweiz (2008) des Utopisten P.M. aus Zürich. Was er darin skizziert, ist das Konzept einer 1000-Watt-Gesellschaft: Die «Nachbarschaften» von etwa 500 Menschen sind auf kleinem Raum aufs Beste organisiert und menschenfreundlich gestaltet. Alles fürs alltäglich Nötige ist in kurzer Zeit zu Fuss erreichbar. Privatautos braucht es keine, die Strassen sind frei für die Menschen. «Die zweite Heimat neben der Nachbarschaft ist das Stadtquartier oder die kleine Landstadt mit zehn bis vierzig Nachbarschaften.» P.M. spricht von der «Basisgemeinde», in der auch Aufgaben wie Schule, Gesundheitswesen (Grundversorgung) u. Ä. übernommen werden. Eine «Basisgemeinde» ist grösstenteils autark, und die meisten Menschen, die darin leben, müssten sie nie in ihrem Leben verlassen und führten trotzdem ein sehr angenehmes Leben...
Quartiere und Verwaltungseinheiten
Aber zurück in den Stadtteil IV: «Ein Quartier ist ein Ort lokaler Lebenszusammenhänge, welcher zur Realisierung alltäglicher Lebensvollzüge dient. Das Quartier ist durch physische, soziale und symbolische Strukturen gekennzeichnet. Es ist kontextuell eingebettet und wird durch interne und externe Handlungen sozial konstruiert.» So definierte Fabienne Herzog 2015 in ihrer Bachelorarbeit im Rahmen eines Forschungsberichts der Uni Bern mit dem Titel Vom Aufwachsen und Altern in der Hochhaussiedlung (Wittigkofen) das «Quartier».
So verstanden, ist der Stadtteil IV kein Quartier, das ist offensichtlich, sondern eine Verwaltungseinheit, innerhalb derer verschiedene «Quartiere» voneinander unterschieden werden können: Das Kirchenfeld, die Schosshalde, das Brunnadernquartier etc.
Da unser Stadtteil in seinen «Quartieren» sehr heterogen und zum Teil auch sehr kleinräumig strukturiert ist, braucht es überall gute Übergänge und Verbindungen zwischen diesen kleinen Einheiten.
Patchwork
Der Stadtteil IV gleicht mit seinen vielen verschiedenen «Blätzen» – sind es Nachbarschaften mit Identitätsgefühl? – und den dazwischenliegenden grossen und extrem stark befahrenen Strassen sowie der Autobahn einer Patchwork-Decke, deren Nähte teilweise gerissen sind.
Kommt dazu, dass es auch «Kleinstblätze» gibt, die quasi am Rand des Decken-Vierecks noch so dranhängen, etwa das Burgfeld oder das Vermont samt Merzenacker, wobei letztere (schon nur) baulich verschiedener nicht sein könnten! Auch der Unterschied des «Quartiergrooves» von Baumgarten und Unterem Galgenfeld könnte grösser kaum sein, auch wenn es zu Fuss nur drei Minuten über die A6 hin sind.
Dazu kommen dann noch Gebiete wie die Allmend oder das Obere Wankdorffeld, die sich gar nicht erst als «Quartiere» beschreiben lassen.
Spannend könnte sein, was sich bezüglich Quartierverständnis im Stadtteil IV vielleicht verändert, wenn sich Ostermundigen und die Stadt Bern zusammenschliessen.
Text: Johannes Künzler
Quelle: QuaVier Nr. 100, September 2020 – Journal B gratuliert zur 100. Ausgabe