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Von postalischen Schreiben, die etwas später ankommen, hört man ja immer wieder. Bestimmt haben Sie auch schon Schlagzeilen gelesen wie: «Rekord! Brief von Flensburg nach England brauchte 62 Jahre». Und die Bestätigung, dass die Akademie der Künste einen gewissen Adolf Hitler aufnehmen wolle, abgeschickt am 2. Oktober 1907 in Wien, war 107 Jahre lang verschollen, ehe sie vor einigen Wochen an der Humboldstrasse 31 in Linz zugestellt wurde – wo mittlerweile ein Herr Ölmez wohnt, der sich wunderte. Amüsiert nimmt man von solch einer Geschichte Kenntnis und weiss doch nie recht, ob es sich um eine moderne Legende handelt.
Und nun erhalte ich eine Zuschrift zur allerersten Kolumne, die ich hier vor beinahe zehn Jahren schrieb. Ob es stimme, fragt Rosemarie aus Bern – und wir wollen ja nicht das Klischee von den langsamen Bundesstädtern bemühen, aber vielleicht hat es ja was? –, item, fragt also diese Rosemarie aus Bern mit reichlicher Verspätung, ob es stimme, was ich anno 2005 behauptet hätte: dass in den Achtzigerjahren alternative Männer das Hodenbaden gepflegt hätten. «Am liebsten würde ich mich ja ‹Hausfrau› nennen», schrieb ich seinerzeit, «denn Hausmann klingt mir zu sehr nach roter Brille mit runden Gläsern, nach gestreifter Latzhose, Birkenstöcken, Liegefahrrad und ‹Isch guet, hei mir drüber gredt›. Nach Achtzigerjahre, halt. Räucherstäbchen und so. Und nach Hodenbaden. Es gab damals tatsächlich Männer, die trafen sich in Männergruppen, um gemeinsam ihre Hodensäcke in warmem Wasser zu baden. Die ideale Temperatur für die Samenproduktion, liest man auf einschlägigen Websites, liegt nämlich zwei Grad unter der Körpertemperatur. Durch regelmässiges Hodenbaden erhofften diese Softies sich nun Unfruchtbarkeit. Im Fachjargon hiess das: die thermische Verhütung. Und weil die gar nichts verhütete, haben sie heute alle Familie.»
Hat sich seither etwas getan …?
Das erste Mail kam noch gleichentags, aus Basel: «Eine solch primitive Kolumne steht Ihrer Zeitung nicht gut an!» Die letzte Meldung zu besagter Kolumne brauchte etwas länger. «Ich bin auch aus dieser Generation», schrieb Rosemarie vor wenigen Tagen, «habe aber nie davon gehört. Und da ich Ihnen fast alles glaube, geriet ich in eine Diskussion mit einem Bekannten. Nein, so was habe es nie gegeben, meinte der. Das sei eine Erfindung von Bänz Friedli.» Doch, doch, dem Friedli kann frau alles glauben. Es gab das Hodenbaden tatsächlich. Diese Männer setzten sich auf einen eigens konstruierten Stuhl, in dessen Sitzfläche ein Becken mit Wasser eingelassen war, samt Tauchsieder, und badeten darin ihre … eben, Dings. Scheints hats sogar funktioniert. Und vielleicht tat ich den Heissbadern ja unrecht, schliesslich missfiel ihnen, dass Verhütung meist Frauensache ist, und sie wollten etwas für wahre Gleichstellung tun. Durchaus seriös, übrigens: Vor Beginn ihres Experiments, 1984 wars, liessen sie ihre Fruchtbarkeit am Unispital testen, danach analysierten sie ihre Spermien regelmässig unterm Mikroskop. Aus heutiger Sicht lässt sich das leicht verspotten. Aber seien wir ehrlich: Hat sich punkto Gleichstellung inzwischen wirklich etwas getan? Kaum. Sonst könnte einer wie ich, der im Haushalt auch mal etwas macht, wohl nicht mehr damit in der Zeitung rumbluffen.
Ich kann nur hoffen, liebe Rosemarie, Sie haben mit Ihrem Bekannten gewettet?
Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
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Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli