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Zehn Jahre lang arbeitete er im Nationalmuseum von Aleppo. Kurz vor seiner Flucht versuchte er noch die letzten Kunstwerke zu retten. Jetzt lebt Mohamad Fakhros mit seiner Familie in Lörrach. Und möchte so schnell wie möglich zurück in seine Heimat und zu seiner Kunst.
Mohamad Fakhros Hand gleitet das Holzgeländer hinauf. Die Stufen unter seinen Füssen knarren. Es ist das erste Mal seit seiner Flucht aus Aleppo, dass er wieder ein Museum betritt. Andrea Bignasca, der Direktor des Antikenmuseums Basel, führt den Syrer in den ersten Stock, wo apulische Vasen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus stehen. Fakhro streicht die nassen Handflächen an seinen Hosen ab. «Das hier», sagt er und zeigt mit seinem Finger in den Raum, auf die Vasen, die Vitrinen, «das erinnert mich in allen Details an Aleppo.»
Seit einem Jahr wohnt der 38-jährige Fakhro in Lörrach. Davor arbeitete er zehn Jahre im Nationalmuseum von Aleppo. Die letzten sechs Monate als Direktor. Bevor Fakhro Aleppo verliess, war die Frontlinie des Krieges nur noch 200 Meter von seinem Museum entfernt.
Heute ist das Gebäude geschlossen, ein Besuch wäre lebensgefährlich. Seit der «Islamische Staat» Gebiete rund um Aleppo zu besetzen begann, war Fakhros Leben als Archäologe besonders gefährdet. Denn der «IS» will alles vom Islam Abweichende ausradieren. Archäologen, die sich für den Erhalt und Schutz antiker Stätten einsetzen, stehen auf der Todesliste der Dschihadisten.
Ein Freund von Fakhro, der berühmte Archäologe Khaled Asaad, der über 50 Jahre lang die antiken römischen Stätten in der syrischen Wüstenstadt Palmyra leitete, wurde im letzten August vom «IS» enthauptet.
Ein wenig verloren steht Fakhro zwischen den polierten Schaukästen. Er kneift die Augen zusammen und studiert ein Detail im Gesicht einer ausgestellten Figur. Dann sagt er: «Diese Objekte haben es gut. Sie sind in Sicherheit und werden schön ausgeleuchtet. Unsere Stücke in Aleppo sind alle in Dunkelheit gehüllt.»
Fakhro hatte Glück. Er musste nicht wie die anderen Flüchtlinge den gefährlichen Weg über die Balkanroute unter die Füsse nehmen. Er bekam ein Jobangebot von der Universität Tübingen. In Aleppo arbeitete er an dem Ausgrabungsprojekt Tell Halaf mit, das von der deutschen Universität mitgetragen wird. Die Arbeit vor Ort wurde gestoppt, doch in Tübingen kann Fakhro an der Auswertung der Funde weiterarbeiten. Seine Frau, die zwei Kinder und er durften mit dem Flugzeug einreisen.
Er erinnert sich an den Moment, als er in Basel aus dem Flugzeug stieg: «Freunde von der Universität holten uns ab. Ich spürte grosse Dankbarkeit. Im gleichen Moment aber tat es unheimlich weh zu wissen, wie viele meiner Landsleute auf dem Weg nach Deutschland leiden oder gar sterben müssen.» Hätte Fakhro den Job an der Uni nicht erhalten, wäre er wohl wie die anderen ebenfalls zu Fuss geflohen. Aber ohne die Kinder und seine Frau. Das wäre viel zu gefährlich. Dass Deutschland nun wie die Schweiz den Familiennachzug für Flüchtlinge verbieten will, findet er schlimm.
Die dreieinhalbjährige Tochter habe in Deutschland anfangs Mühe gehabt. Der Krieg sei nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Wenn in Aleppo wieder einmal Flugzeugangriffe geflogen wurden, beruhigte sie Fakhro damit, es seien nur laute Motorräder, die sie höre. Der eineinhalbjährige Sohn hingegen blieb von der Hölle in Syrien verschont. «Aus ihm wird wohl ein richtiger Deutscher», sagt Fakhro und lacht.
Neben seinem 50-Prozent-Pensum bleibt Fakhro genug Zeit, um an seiner Doktorarbeit an der Uni Bern zu schreiben. Das Thema: «Strategie für Schutz und Rekonstruktion für Museen und archäologische Stätten in Syrien direkt nach dem Krieg». Er bereitet sich darauf vor, nach dem Krieg möglichst schnell zurückzukehren. Obwohl er sich in Lörrach eingelebt habe – die Nachbarn seien freundlich, die Strassen sehr sauber –, vermisse er alles an Syrien, alles. Vor allem seine Eltern, die drei Schwestern, die zwei Brüder. Aber auch die Olivenbäume. Und seine geliebte Istup-Ilum-Statue.
«Istup-Ilum?» Andrea Bignasca, der Direktor des Antikenmuseums Basel, stutzt. Dann erinnert er sich: «Istup-Ilum – ja! Diese Statue war vor fünfzehn Jahren hier, in diesem Museum.» Fakhros Augen weiten sich. Bignasca erzählt von der syrischen Ausstellung damals in Basel. Auch aus Aleppo hätten sie Objekte einfliegen lassen, unter anderem die Lieblingsstatue Fakhros. Dieser beginnt zu schwärmen. «Ah! Meine schöne Istup-Ilum!» Er liebe die vielen Details, die das Gesicht der Statue aus dem 3. Jahrhundert vor Christus definieren. Die Kringel im Bart, die feinen Striche in den Augenbrauen. «Sie ist eine der wichtigsten Statuen in unserem Museum. Jetzt ist sie in eine Zementwand eingehüllt, und niemand kann ihre Schönheit sehen.»
Wegen des Kriegs bestand Fakhros Arbeit in den letzten drei Jahren vor allem darin, die Objekte seines Museums zu schützen. Zuerst haben er und sein Team sämtliche Ausstellungsstücke digitalisiert. Danach wurde alles, das sich herumschieben und wegtragen liess, in Sicherheit gebracht. Für den Rest wurden Schutzvorrichtungen konstruiert. Mit Sandsäcken, Holzverschalungen oder meterhohen Zementwänden.
Weil der Arbeitsweg für Fakhro, der ausserhalb Aleppos wohnt, immer mühsamer wurde, schlief er zuletzt in seinem Büro im Museum. Um sein 40 Kilometer weit entferntes Zuhause zu erreichen, hätte er zehn Autofahrstunden gebraucht. «Umfahrungen und Tausende Checkpoints machten mir das Leben zur Hölle», sagt er. Bei jedem Checkpoint musste er Lügengeschichten erzählen. Seine Identität und seinen Beruf preiszugeben, hätte ihn den Kopf gekostet. Auf einem Foto zeigt Fakhro, wie sein Schlafplatz aussah, sein Büro mit einem gut sichtbar platzierten Namensschild auf einem massiven Holztisch. Daneben ein schmales Feldbett. Die Fenster sind zersprungen, Scherben liegen auf dem Pult, am Boden, im Bett. «Das war, nachdem in der Nähe eine Bombe eingeschlagen war», sagt Fakhro. «Wenn ich in der Nacht das Knattern der Maschinenpistolen nicht hörte, konnte ich nicht schlafen.» Denn Ruhe hätte bedeutet, dass draussen irgendetwas nicht stimmte.
Fakhro hat noch mehr Fotos mitgebracht. Auf seinem Computer klickt er sich durch die Bilder, bleibt dann an jenen aus Palmyra hängen, dem Ort, wo der «IS» seit letztem Frühjahr wütet und nach und nach eine der bedeutendsten antiken Kulturstätten im Nahen Osten zerstört. Fakhros Augen bleiben am Bild einer mächtigen Löwenskulptur hängen. «Es ist eine Schande», murmelt er. Dann klickt er ein Bild weiter. Statt der Skulptur sind nur noch grosse Steinbrocken zu sehen, die am Boden liegen.
Der «IS» hat die Skulptur, die vor dem Allat-Tempel steht, in tausend Stücke zersprengt. «Ich bereue es, nicht nochmals nach Palmyra gereist zu sein. Ich war nur einmal dort, im Jahr 2000. Jetzt liegt alles in Schutt und Asche.» Und doch bleibt Fakhro bei all dem Erlebten, dem Leid, der Zerstörung, der Angst optimistisch. Er will zurück, das ist klar. Und wenn es so weit ist, dann wird er mit all seiner Kraft mitanpacken, um Syriens Kulturerbe wieder aufzubauen.