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Iain Abernethy ist ein grossartiger Karate-Lehrer.
Ein grossartiger Karatelehrer, der einen Podcast veröffentlicht.
Und als ob das nicht schon erstaunlich genug wäre (schliesslich gehört Karate nicht unbedingt zu den Themen, von denen man spontan den Eindruck hat, dass es reicht, etwas darüber zu hören), hat er eine Episode aufgenommen, die sich mit Kommunikation beschäftigt. Nun gut, so weit liegen Kämpfen und Kommunikation wohl gar nicht auseinander. Und Kampfkunst und Kommunikationskunst auch nicht.
In diesem Beitrag ging es um das Entschärfen bedrohlicher Situationen durch Reden. (Originaltitel: „Verbal De-Escalation“.)
Reden und nicht aufs Maul kriegen
Ich fasse kurz zusammen:
Als Leitlinie dient ein Akronym, ein Wort, das sich aus den Anfangsbuchstaben weiterer Begriffe zusammensetzt. Um meine Nerven zu schonen (und die meiner Leser, schliesslich kommt bei solchen Unterfangen in der Regel höchstens Mittelmässiges heraus), verzichte ich auf eine Übersetzung und präsentiere das englische Original:
LEAPS
(Leaps könnte in diesem Kontext etwa weite Sprünge bedeuten, also solche aus der gefährlichen Situation heraus in sicheres Terrain hinein.)
Das Szenario: Mitten im Alltag ergibt sich eine bedrohliche Situation, in der ich mich einer Person gegenüberfinde, die allenfalls gewalttätig werden könnte. Jedenfalls ist das nicht auszuschliessen.
Leaps bietet nun folgende Leitlinie, um solche Situationen zu entschärfen:
L: Listen! – Hör erst einmal zu, biete der Frustration ein Ventil, durch das der Dampf entweichen kann. Indem du den anderen reden lässt, vermittelst du ihm ein Gefühl der Kontrolle, behältst sie aber selbst.
E: Empathise! – Drück dein Mitgefühl aus. – Wie bitte? – Ja, auch wenn der andere im Unrecht ist. Lieber den Stolz hinunterschlucken als die Zähne. Zeig Verständnis: „Ja, klar, wenn mir einer so blöd vor den Wagen fahren würde, wäre ich auch …“
A: Ask! – Frag nach. Bemühe Dich (scheinbar) darum, den anderen wirklich zu verstehen. Stelle ihm offene Fragen (also nicht solche, die sich kurz mit ja oder nein beantworten lassen), lass ihn reden.
P: Paraphrase! – Gib wieder, was du gehört hast. Wiederhole dabei nicht einfach, sondern umschreibe und zeige damit, dass du wirklich zugehört und verstanden hast, worüber er sich ärgert. Zeig ihm, dass du (scheinbar) auf seiner Seite stehst.
S: Summarise! – Fasse zusammen und bring die Begegnung zum Schluss. Zur Erinnerung: Es geht ja darum, eine bedrohliche Situation abzuwenden. Mein Hauptziel daher: Ich will weg hier! Bring den Sachverhalt und das Gesagte daher nochmals auf den Punkt und mach deutlich: Jetzt braucht’s eigentlich nichts mehr (vor allem keine Schläge).
Weil ich Iains Podcast hier natürlich nicht komplett wiedergeben will, empfehle ich meinen des Englischen kundigen Lesern gerne, die ganze Episode anzuhören. Sie ist hier zu finden, der Einstieg ins Thema nach 4 Minuten, Dauer 21 Minuten. (Und ganz am Schluss lüftet Iain auch noch das Rätsel um seinen bemerkenswerten englischen Akzent.)
Nähe und Manipulation
Auf mich wirkt das LEAPS-Schema anregend, weil es mich mit zwei Aspekten der Kommunikation konfrontiert, mit denen ich mich häufig beschäftige: Nähe und Manipulation.
Kommunikation kann Nähe schaffen, und Nähe ist auch hier das Ziel. Doch während ich sonst ständig predige, dass wir so reden sollen, dass Nähe zum Publikum möglich wird, geht es jetzt darum, eine Bedrohung durch ein Gefühl der Nähe abzuwenden. Ich verbünde mich dabei ja nicht wirklich mit meinem Gegenüber (den ich in Wahrheit mindestens auf den Mond wünsche), sondern mache ihm etwas vor. Die Werkzeuge bleiben dieselben: meine Worte.
Und damit sind wir schon beim zweiten Aspekt: Manipulation. Ich glaube, es gibt keine Frage, der ich in Kursen und Gesprächen häufiger begegne als der nach der Grenze zur Manipulation. Ich sag’s ganz offen: Ich kann sie nicht beantworten. Bei LEAPS aber ist klar: Um mich in Sicherheit zu bringen, manipuliere ich, was das Zeug hält. Ich setze all mein Kommunikationskönnen ein, um ein Gefühl der Nähe zu erzeugen, obwohl ich diese Nähe weder fühle noch anstrebe. Ja, diese Nähe ist nichts anderes als ein Sprungbrett zu möglichst grosser Distanz.
Und weil Karate tatsächlich zu den Themen gehört, bei denen Zuhören auf längere Zeit nicht mehr reicht, hier noch ein Video von Iain Abernethy: