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Ernst entdeckt in der Schublade seines Küchentisches ein Tagebuch mit dem Titel «Mein Befinden». Er öffnet es aufs Geratewohl und liest:
25. April 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr gut.
28. April 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.
7. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.
8. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.
10. Mai 1864
Suppe Rindfleisch Taube Spargel sehr sehr gut.
16. Mai 1864
Mittags Rindfleisch sehr geschmeckt Taube weniger.[1]
Und auf einem beigelegten Zettel heisst es:
Schneide die jungen Tauben, eine jede zu 4 Theile, salze selbe ein, gieb sie in ein Kasterol mit etwas Rindsuppe, lass es dünsten, dann gieb in ein anderes Kasterol ein Stückel Butter, lass ihn zerschleichen, gieb eine Handvoll geschnittenen Sauerampfen hinein, lass selben etwas dünsten, gieb die Tauben dazu, lass selbe auch mit dünsten, staube etwas Mehl oder Semmelbrösel daran, lass es anlaufen, gieb Rindsuppe, und das Herausgedünstete von denen Tauben dazu, lass es aufsieden, gieb ein Paar Löffel Ram dazu, dann zur Tafel.
Ernst denkt an sein Wellness Journal und ruft:
Comme c’est curieux! comme c’est bizarre! et quelle coïncidence![2]
Dann legt er das Tagebuch vorsichtig, ja fast liebevoll zurück in die Schublade und setzt sich mit einem Wun Yu vor das Haus der kahlen Sängerin. Wie Ernst den Abhang hinunterschaut, sieht er einen Punkt, der auf Wellen über die Nebelbank fliegt. Ernst hält es für eine Sinnestäuschung, doch dann schlägt sein Herz hoch und höher und Ernst ruft: «Das ist sie! Das ist Gná und Hofvarpnir!» Die Reiterin hat Ernsts Freudenschrei gehört und fliegt wie eine Windsbraut zum Himmel, was Ernst in die Zeit zurückversetzt, als er Löcher in die Luft guckte und Nordlicht schrieb:
Bitte probiere bei schönem Wetter: leichte und tuffige Löcher in die Luft zu schauen, so etwas wattiges, fedriges, so ein Luftpolster vielleicht…[3]
Jetzt legt Hofvarpnir ein Ohr nach hinten (Ernst vermutet, um Gnás Anweisungen besser folgen zu können) und galoppiert so schnell im Kreis, dass tatsächlich eine Art Luftpolster entsteht, das mit jeder Umrundung immer mehr zu einer Scheibe wird, die sich mit Licht füllt. So kommt es, dass Ernst viele leuchtende Löcher sieht. Ernst möchte klatschen und brava rufen, brava Gná, aber dann wird Ernst misstrauisch. Ist das Wahn oder Wirklichkeit? und Ernst ruft: «Ernst will nicht schon wieder verrückt werden!»
«But I don’t want to go among mad people,» Alice remarked. «Oh, you can’t help that,» said the Cheshire Cat: «we’re all mad here. I’m mad. You’re mad.»[4]
Dabei erinnert sich Ernst, dass er, als ihn die Wölfe besuchten[5] und später im Blauen Haus mit dem Schmetterlingstraum[6], schon einmal zur Erkenntnis kam, dass Wachen und Traum nicht unterschieden werden können. Auch Sokrates sagt:
Du hast doch wohl oftmals fragen hören, mit welchem Beweis man sich gegen einen helfen könnte, der uns fragte, ob wir jetzt in diesem Augenblick schlafen und ob wir alle unsere Erinnerungen nur träumen, oder ob wir wachen und uns wachend unterhalten.[7]
Justgenauda sieht Ernst, wie Gná mit Hofvarpnir zu einem kühnen Sturzflug ansetzt und direktemang auf das Haus der kahlen Sängerin zufliegt. Sie setzt sich neben Ernst und ruft: «Moin, moin! Hättest Du auch einen Tee für mich?» Ernst holt ein Glas und giesst das Wasser (wie er es in Marokko gelernt hat) von hoch oben über die Blätter. Gná wartet zwei, drei Minuten, nimmt einen tüchtigen Schluck und singt:
Von dir befiedert, will ich hoch empor mich schwingen
Und holen aus der Wolken luftigem Reich ganz neue,
Wirbelwindige, schneeflockenfeine Melodien.[8]
Ernst ist sprachlos und Gná ruft: «Da bist Du baff, was?» Aber nun wiehert Hofvarpnir. In Ernsts Ohren klingt es wie eine Küchenuhr, die daran erinnert, dass Rindfleisch, Taube und Spargel gargekocht sind. Gná pustet Ernst eine Kusshand zu und ruft: «A presto!»[9] Ernst sieht, wie sie über der Nebelbank noch schnell einen Looping dreht, doch dann ist sie weg. Ernst nimmt einen letzten Schluck Wun Yu und ruft:
Wohlan denn: Möge Ernst träumen![10]
[1] Adalbert Stifter, Tagebuch «Mein Befinden»
[2] Wie sonderbar! wie bizarr! und was für ein Zusammenspiel! Eugène Ionesco, La cantatrice chauve, Die kahle Sängerin, Scène IV, Übersetzung Ernst
[3] Episode 71
[4] «Ich will aber nichts mit verrückten Leuten zu tun haben», bemerkte Alice. «Oh, da kannst Du gar nichts dagegen tun», sagte die Cheshire Cat. Wir sind hier alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt.» Lewis Carroll, Ernst’s Adventures in Wonderland, Chapter 6, Pig and Pepper, Übersetzung Ernst
[5] Episode 8
[6] Episode 58
[7] Platon, Theätet, XIII. Im neunzehnten Kapitel nimmt Sokrates das Thema von Wahrnehmung und Wissen noch einmal auf und sagt: «Vielleicht, Du Trefflicher, würdest du noch mehr dergleichen Überraschungen erleben, wenn jemand dich weiter fragte, ob man auch deutlich und undeutlich wissen könne, ob man denselben Gegenstand aus der Nähe zwar wissen könne, aus der Ferne aber nicht, und ob man ihn laut und leise wissen könne, und noch tausenderlei andere Fragen …».
[8] Aristophanes, Die Vögel, 1383-1385, Übersetzung Christian Voigt
[9] Es ist diese Kusshand, die Ernst später (auf dem Futon liegend) an Episode 28 erinnert, wo Frau Sonne eine ganze Tafel Rio Napo ass und mit derselben schönen Geste von Ernst Abschied nahm. Und wie damals verbreitet sich auch jetzt wieder der zarte Schmelz der Chocolat Grand Cru ohne zeitliche Verzögerung auf Ernsts Gaumen, so dass Ernst mehrmals leer schlucken muss.
[10] s. Episode 58: Doch halt! Als wenn Ernst Ernst nicht erinnerte, zu anderer Zeit auch von ähnlichen Vorstellungen im Traum genarrt worden zu sein: Indem Ernst das nun aufmerksam durchdenkt, sieht Ernst klar, dass das Wachen vom Traum niemals durch sichere Anzeichen unterschieden werden kann. Wohlan denn: Möge Ernst träumen! – Age ergo somniemus. René Descartes, Meditationes de prima philosophia, Meditatio I, De iis quae in dubium revocari possunt – Woran man zweifeln kann, §§ 5, 6, Übersetzung Ernst.