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CARMENERE - Diplomarbeit zum Weinakademiker - Carsten Fuss
Niedergang und Geschichte
Während der für den europäischen Weinbau äusserst dramatischen und sehr intensiven Verbreitung der Reblaus Phylloxera, welche im ausgehenden 19. Jahrhundert in ganz Europa und hier besonders in den klassischen Anbaugebieten Frankreichs, Spaniens und Italiens ihren Vernichtungsfeldzug antrat, wurde besonders im Bordeaux der weitaus grösste Teil der europäischen Reben der Gattung Vitis vinifera vernichtet. Unter diesen vielen verschiedenen Rebsorten, welche zu dieser Zeit in Südwestfrankreich der Reblaus zum Opfer fielen, befand sich die weiter oben beschriebene Sorte Carmenere. Die Katastrophe hatte nicht nur weit reichende Folgen für die Weinreben, sondern auch für die von dieser Industrie lebenden Menschen. Schon vor der Ankunft der Reblaus machten verschiedenste Rebkrankheiten, die zum grössten Teil aus der Neuen Welt stammten, den Weinbauern das Leben schwer. So begann schon bald ein Exodus von Rebe und Mensch, um in anderen Regionen einen Wiederaufbau zu versuchen – unter anderem auch nach Chile.2 Doch die Geschichte des Rebbaus sollte weiter gehen. Nach einigen Jahren intensiver Forschung und dem Faktor Zufall wurde eine Lösung des Problems gefunden. Durch das Aufpfropfen der europäischen Edelreben auf die amerikanischen Reben, die einen Befall der Reblaus quasi unbeschadet überstehen konnten, begann man mit der Wiederanpflanzung der fast verschwundenen Sorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und vielen anderen. Der Neuanfang des europäischen Weinbaus war gesichert. Trotzdem gab es einige Verluste der Sortenvielfalt zu beklagen. Nicht dass die Sorte Carmenere nicht mehr zu retten gewesen wäre, aber ihre negativen Eigenschaften wie der niedrige Ertrag, die Anfälligkeit auf verschiedene Rebkrankheiten und die Verrieselung trugen dazu bei, dass diese spezielle Sorte nicht erneut angepflanzt wurde. Nichts desto trotz existieren auch heute noch einige Hektar dieser Traubensorte.
2 Quelle: Wein, Andre Domine
3 Quelle: Das Oxford Weinlexikon. Jancis Robinson
Wanderschaft
Kurz bevor die vom amerikanischen Kontinent hereingeholte Reblaus Phylloxera in Europa erste Schäden verursachen konnte, gelangte die Carmenere dank einiger engagierter Weinbauern aus der so genannten «Neuen Welt», auf dem Seeweg nach Südamerika. Vor allem in Chile wurde Carmenere unter anderem vom Naturforscher und Wissenschaftler Claudio Gay mit einigen anderen Rebsorten aus Europa eingeführt. Was heute aufgrund diverser Quarantänebestimmungen nicht mehr so einfach möglich wäre, hat der Carmenere zum Überleben verholfen. Aber auch auf dem europäischen Kontinent, vor allem in Norditalien konnten sich kleine Bestände dieser Sorte retten. Ob diese schon vorher dort heimisch waren, wie Mario Fregoni von der Katholischen Universität Piacenza meint oder ob sie kurz vor dem Niedergang der Rebbestände durch die Reblaus nach Italien kamen, ist Gegenstand laufender Untersuchungen.
4 Quelle: Mario Fregoni, Katholische Universität Piacenza, Italien
Neuanfang
Während in Europa die Reblausplage ihren Höhepunkt erreichte und die meisten europäischen Weinregionen und deren besten Reblagen vernichtete, wurde der chilenische Weinbau von einer nie da gewesenen Euphorie erfasst. Die Exporte schnellten explosionsartig in die Höhe und der bis dahin nie erreichte Markt «Europa» wurde mit chilenischem Wein beliefert. Die kurz zuvor in Chile eingeführten Rebsorten gelangten, allerdings in flüssiger Form, auf diesem Weg wieder in ihre Heimat. Die Carmenere gedieh ausgezeichnet im vielfältigen Klima Chiles und wurde grösstenteils zusammen mit Merlot in den Weinbergen angebaut. Mit der Zeit wurde der Name Carmenere wahrscheinlich einfach gestrichen oder vergessen und so stand einzig noch der Name Merlot im Vordergrund.
5 Quelle: Janet Duggans, Where oh where is Carmenere; Vinas de Chile; History
Vergessen
Wieso diese Rebsorte so lange nicht namentlich erwähnt wurde, darüber kann man nur spekulieren. Fakt aber ist, dass die Carmenere, laut dem chilenischen Landwirtschaftsministerium, tatsächlich in grösserem Stil mit Merlot und anderen Sorten angebaut wurde – und das trotz eindeutiger Unterschiede in Geschmack und Aussehen. Offensichtliche Unterschiede des Blattes, der Beeren und der Triebspitzen sind untenstehend eindeutig zu erkennen. Beim Geschmack sind vor allem der äusserst pfeffrige und sehr beerige Charakter der Carmenere zu nennen, der doch einen enormen Unterschied zum Merlot darstellt.
Waren die Weinproduzenten in der Vergangenheit einfach nur unwissend oder rechneten sie damit, mit der bekannteren Rebsorte Merlot international mehr Aufsehen zu erregen? Tatsächlich ist Chile eigentlich immer noch für Cabernet Sauvignon, Merlot und Chardonnay bekannt. Nur wenige Weinliebhaber wissen überhaupt, was Carmenere eigentlich ist. Daher liegt die Vermutung nahe, dass das Interesse sehr gering war, mit der Entdeckung der Carmenere, allzu viel Aufsehen zu erregen. Selbstverständlich wurden in der Vergangenheit die Rebgärten nicht all zu genau unter die Lupe genommen, um in der Folge die genaue Rebenvielfalt zu kennen. Wahrscheinlich war der Weinproduzent zum grössten Teil gar nicht in der Lage, die einzelnen Traubensorten zu unterscheiden und wenn doch, wie sollte er unterscheiden, ob es sich um natürliche Mutationen verschiedener Traubensorten oder um andere Rebsorten handelt. Die Wissenschaft der Ampelographie ist auch heute noch nicht sehr verbreitet. Erst mit neuen Techniken, Mitte der 1990er Jahre, und mit der Hilfe der Gen-Analyse waren grossflächige Untersuchungen erst möglich.
5 Quelle: Das Oxford Weinlexikon