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Sammlung
„Skulptur des Monats“ Mai 2003
Die sogenannte „Hera Farnese“
Original
Datierung: Römische Kopie der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. nach einem griechischen Original aus der Zeit um 430 v. Chr.
Standort: Neapel, Museo Nazionale Archeologico (Inv. 6005)
Herkunft: Rom, aus der Sammlung der Farnese
Material: Griechischer Marmor
Höhe: 63 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1892-4 / SH 85
Herkunft: Abgussformerei Arrondelle, Paris
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Der in strenger Frontalansicht wiedergegebene Kopf war ursprünglich als separat gearbeitete Einsatzbüste in einer kolossalen Göttinnenstatue eingelassen. Der Kopf ist von ebenmässiger Schönheit, die Einzelpartien sind scharf umrissen und von kräftigen Formen. Das Gesicht wird von einer streng symmetrisch gestalteten Fisur umrahmt; das Haar ist über der Stirnmitte gescheitelt und in sorgfältig gewellten Strähnen zu den Seiten geführt. über dem Strinhaar erkennt man ein Diadem, darüber liegt das Haar flach dem Schädel auf und ist hinten zu einem langen Nackenschopf zusammengewunden.
Wohl aufgrund des erhaben wirkenden und strengen Ausdrucks haben die frühen Archäologen die dargestellte Göttin als Hera empfunden und in der Büste eine römische Kopie der klassischen Hera-Kultstatue von Argos, einem verlorenen Meisterwerk des griechischen Bildhauers Polyklet, erkennen wollen.
Abbildung 1: Die „Hera Farnese“ in der Skulpturhalle.
Als „Hera Farnese“ wird der Kopf noch bis heute bezeichnet, auch wenn es mittlerweile gelang, vollständigere römische Repliken desselben griechischen Originalwerkes zu erkennen und das Urbild als Artemis zu deuten. Die am besten erhaltene Kopie dieser Replikengruppe stellt die kolossale Statue dar, die 1923 in einer römischen Villa bei Ariccia gefunden wurde (heute in Rom, Museo Nazionale Romano, Inv. 80941). Diese trägt den gegürteten attischen Peplos und ein quer über den Rücken laufendes, stark gefaltetes Manteltuch, das auf der linken Schulter aufliegt und um den rechten, vorgestreckten Unterarm geführt ist. Doch fehlen an dieser relativ gut erhaltenen Kopie, wie auch an den anderen Repliken, die beiden Hände und spezifische Attribute, die die Artemis-Deutung sichern würden. Die langen Haare sprechen aber eindeutig für eine mädchenartige Göttin wie die Artemis und schliessen eine Deutung als matronale Gottheit wie die Hera aus. Ausserdem hat sich in Delos eine Sttatuette der Artemis in änlicher Tracht und mit Köcher erhalten. In der waagrecht vorgestreckten Rechten müsste man eine Phiale erwarten und in der Linken den Bogen. Tracht und mit Köcher erhalten. In der waagrecht vorgestreckten Rechten müsste man eine Phiale erwarten und in der Linken den Bogen.
Abbildung 2: Hera-Statue aus Ariccia (2. Hälfte 1. Jh. n. Chr.).
Die strenge Frontalität und Stilsprache sowie die trotz des ausgewogenen Kontrapostes noch blockartig wirkende Komposition datieren das griechische Originalwerk in die Zeit der Hochklassik. Es handelte sich ursprünglich wohl um eine Kultstatue, die in einem attischen Artemis-Heiligtum gestanden haben dürfte.
Den Römern war dieser Statuentypus seit der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. gut bekannt, wie sowohl der Farnesische Kopf in Neapel als auch die Statue aus Ariccia in Rom, die beide in diese Zeit zu datieren sind, nahelegen.
Tomas Lochman
Auswahl an Literatur zum Typus
- Walter Amelung, Kolossalstatue einer Göttin aus Ariccia, Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 37, 1922, S. 112–137 Taf. 2–5.
- Enrico Paribeni, Museo Nazionale Romano. Scultre greche del V secolo (1953) S. 62 Nr. 108–109.
- Lexicon Iconographicum Mythologiae Classica II (1984) S. 798 Nr. 5 s. v. Artemis/Diana.
© Skulpturhalle Basel 2011 (barmasse.org)