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Noch zu seiner Zeit in Jena konzipiert, stellt Hegels Phänomenologie des Geistes dessen ersten Versuch dar, sein Denken in systematischer Form nieder zu legen. Und wenn wir „Hegels Denken“ sagen, so meinen wir – oder meint zumindest Hegel selber – auch schon in dieser frühen Schrift das Denken des Weltgeistes. Denn die schon in dieser Schrift existierende dialektische Bewegung beginnt bei der sinnliche[n] Gewissheit, dem Diese und dem Meinen und endet bei dem absolute[n] Wissen.
Ich bin zeit Lebens mit Hegels Dialektik (und deren Kindern und Kindeskindern – zum Beispiel Marx und Engels) nie klar gekommen. Ich kann mich beim besten Willen nicht in den ‘Groove’ versetzen, der wahrscheinlich nötig wäre, um den Schwingungen von These, Antithese und Synthese folgen zu können – schon gar nicht, wenn sie, wie hier, ad infinitum aufgeführt werden. Ad infinitum und – ‘scuse my French – ad nauseam. Was ich von der Phänomenologie des Geistes verstehe, ist in den meisten Fällen (der dialektischen Einkleidung entledigt) trivial, ja banal. Oder es handelt sich um willkürliche Setzungen des Philosophen, die sich einem logischen oder inhaltlichen Nachvollzug des Lesers bzw. der Leserin ganz einfach entziehen.
Hegels Ausgangsproblem ist sein Versuch, Jacobis Erfahrung durch unmittelbare Anschauung in Vereinbarung zu bringen mit Kants These der Unmöglichkeit, das Ding an sich erkennen zu können. Allerdings hat sich sein System-Denken schon in der Phänomenologie des Geistes mittels der dialektischen Bewegung rasch verselbständigt, so dass dieser Ausgangspunkt binnen kurzem aus Hegels Augen verschwindet. Tatsächlich aber beginnt er seine Systemlehre noch als Wissenschaftstheoretiker. Das reine Beobachten genügt ihm aber dann rasch nicht mehr. Über das Klassifizieren von Beobachtetem macht er sich gar lustig. (Zugegeben: Er war zu seiner Zeit nicht der einzige, der Linné mehr oder weniger geistreich anfeindete.) Er sucht ganz eindeutig hinter der Beobachtung das Phänomen – und hier dürfen, ja müssen, wir an Goethes Phänomen bzw. dessen Urphänomen denken. Für Goethe wie für Hegel war das Urphänomen etwas real Existierendes – auch wenn wohl Goethe an eine ‘realere’ Realität dachte dabei, als die, die Hegel nun entwickelt. Dass sich Hegel in ähnlicher Weise wie über Linnés Klassifikation biologischer Entitäten auch über Galls Schädellehre oder Lavaters Physiognomik äußert und bei letzterem als Kronzeugen Lichtenberg zitiert, hat mich ein wenig mit seinem Linné-Bashing versöhnt.
Hegel driftet in der Folge aus der Wissenschaftstheorie ab in eine Darstellung der Vernunft, von da wiederum in moralphilosophische Fragestellungen. Da sind wir schon beim Geist. Der entfremdet sich selbst – in der Bildung! Diese wiederum führt ihn in den Glauben, nämlich den Aberglauben. (Wie gesagt: Logische oder inhaltliche Deduktion ist Hegels bzw. der Dialektik Sache nicht!) Aus dem Aberglauben holt den Geist die Aufklärung – und dort sind wir nun bei der schönen Seele. (Warum auch immer dieser Ausflug in quasi-mystische Gefilde nun kein Aberglaube sein soll…) Da wir aber nun schon beim Glauben und beim Gewissen sind (wo ist das her gekommen? – Ich habe den Faden verloren…), erheben wir uns dialektisch in die Religion – die natürliche zuerst, danach eine künstliche (am Kunstwerk exemplifizierte) und schließlich eine offenbare (was, wie Hegels Erklärungen eindeutig machen, die geoffenbarte Religion meint, i.e. das Christentum). Zum Schluss finden wir uns beim absoluten Wissen, das offenbar den Schlussstein in Hegels philosophischer Architektonik bildet und in der Umgangssprache wohl mit dem christlichen Gott gleichzusetzen wäre. Ansonsten wird gegen Ende der Phänomenologie des Geistes die ursprünglich Fichte’sche Formel des Ich = Ich schon beinahe mantramäßig wiederholt.
Dass ich Hegels Phänomenologie des Geistes überhaupt gelesen habe, verdankt der Text seinem Abschnitt IV.A., Selbständigkeit und Unselbständigkeit des Selbstbewusstseins; Herrschaft und Knechtschaft, der zumindest indirekt von Diderots Darstellung des Verhältnisses von Herr und Knecht abhängig ist, die dieser in seinem Roman Jacques der Fatalist und sein Herr gegeben hat. (Hegel geht zwar in genau diesem Abschnitt nicht auf Diderot ein; er zitiert ihn in einem ganz anderen Zusammenhang mit einem Ausschnitt aus Rameaus Neffe.) Wir sind in Abschnitt IV.A. nämlich in Hegels Moralphilosophie, und dort ist der Autor irgendwann bei der Lust und den Begierden gelandet. In einem seiner willkürlichen dialektischen Schritte kommt er zum Schluss, dass die Vielzahl der Begierden eines Menschen sich nicht nur gegenseitig ausschließen können und werden, sondern dass sie ihn auch in Konflikt bringen werden mit seinen Mitmenschen. Thomas Hobbes lässt grüßen: Dieser Konflikt wird mehr oder weniger gewalttätig ausgetragen. Wir haben als Resultat Sieger und Verlierer. Der Sieger wird zum Herrn, der Verlierer zum Knecht. Der Knecht ist der, der arbeitet, arbeiten muss. Doch genau diese Arbeit wird sein Denken anregen, mehr und neue Technik, Wissenschaft und Kunst produzieren und damit dem Knecht die Chance bieten, sich aus seiner Abhängigkeit vom Gebieter zu befreien. Damit haben wir in diesem Kapitel auch in nuce Hegels Geschichtsphilosophie – zumindest die seiner Jenaer Zeit.
Alles in allem kann man die Dialektik meiner Meinung nach getrost vergessen. Außer Hegel hat wohl nur noch nach ihm Heidegger mit derart vielen, derart leeren Worthülsen jongliert. (Marx und Engels vorbehalten. Meine diesbezügliche Lektüre ist zu lange her.)