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Julius Settelen wird am 7. August 1857 an der Freien Strasse 13 geboren, wo seine Eltern Franz Anton (1819 - 1878) und Franziska Theresia Settelen-Settelen (1832 - 1876) eine grosse Schneiderei betreiben. Dort und ab 1871 an der Freien Strasse 17 wächst er als viertes Kind mit sechs weiteren Geschwistern auf. Da sich die Eltern vor allem dem wachsenden Betrieb widmen müssen, überlassen sie die Erziehung der Kinder weitgehend der Mutter von Franziska, Anne Marie Settelen-Thomas (1806 - 1866). Emma (1856 - 1917), die ältere Schwester, beschreibt Julius später als «kleinen Knirps mit treuherzigen grossen Blauaugen und immer heiteren Kindergesicht, der mit seinem Frohmut und seiner köstlichen Offenheit Alt und Jung bezaubern konnte. Nur Papas Pessimismus schalt diese Eigenschaft als Vorwitz, indess Mamma ihre geheime Freude an den schlagfertigen, oft witzigen Antworten des aufgeweckten kleinen Blondschopfs hatte». Sein Bildungsgang führt ihn durch verschiedene Schulen der Stadt. Alle Geschwister besuchen zuerst - vermutlich auf Druck der tief religiösen Grossmutter - die katholische Schule zu «St. Clara». Die dort von den Lehrschwestern gepflegten Erziehungsmethoden sind wohl dafür verantwortlich, dass Julius, obwohl gläubiger Christ, immer ein eher distanziertes Verhältnis zu den Landeskirchen hat. Anschliessend lernt er in den Instituten «Zuberbühler-Kettinger» in Aarburg und «Vicorino» in Romont. Es folgen 1875 bis 1878 eine Schneiderlehre im elterlichen Geschäft und ein Ausbildungsjahr in einer Bank. Die ersten grossen Zäsuren in dem noch jungen Leben sind die Tode seiner erst vierzigjährigen Mutter am 30. Dezember 1876 und seines Vaters am 10. Januar 1878. Julius übernimmt zusammen mit seinem älteren Bruder Victor (1853 - 1933) am 18. März 1878 die Schneiderei. Vorerst tritt er aber nicht aktiv in die Firma ein. Zur Weiterbildung als Schneider geht er zwei Jahre nach Paris und ein Jahr nach London.
Aufs Beste auf seinen Beruf vorbereitet, treffen wir Ende 1882 Julius in «seiner» Schneiderei in der Freien Strasse 17 an - allerdings nicht für lange. Bereits am 15. März 1883 ersteigert er mit einem Blankokredit der Handwerkerbank den am 2. Februar in Konkurs gegangenen Pferdtramomnibus-Betrieb von Henri Imhoff-Schuhmacher. Folgende Episode wäre heute Stoff für eine «Fernsehsoap»: Emma, das einzige Mädchen der sieben Settelen-Geschwister, führt nach dem frühen Tode ihrer Mutter den Haushalt. Im April 1880 heiratet sie - wie alle Geschwister protestantisch - Emil Imhoff, Sohn von Henri Imhoff. Das Hochzeitsfest soll durch Unterhaltungsbeiträge von Freunden und Familienmitgliedern aufgelockert werden. Julius, der über eine sehr gute Stimme verfügt und Aktivmitglied der Basler Liedertafel ist, soll ein «Couplet» singen. Zur Klavierbegleiterin wird Julie Dorothea Imhoff, die 16-jährige Schwester von Emil, bestimmt. Kurzum: Emma Settelen heiratet Emil Imhoff, Julie Imhoff und Julius Settelen versprechen sich «ewige Treue». Ihre Hochzeit sollte jedoch erst sieben Jahre später stattfinden.
Als Henri Imhoff 1880/81 den Pferdetram-Omnibus-Betrieb aus dem Boden stampft, schiesst ihm ein Pariser Finanzinstitut geschätzte 300'000 Goldfranken vor. Dafür muss er vermögende Bürgen beibringen. Einer davon ist der dreiundzwanzigjährige Julius Settelen, der beim Tode seiner Eltern ein fürstliches Erbe angetreten hat. Warum Julius das «Rösslitram» übernimmt, ist nicht schriftlich überliefert. Man munkelt, dass er damit die Ehre seiner zukünftigen Frau retten will. Denn Konkursiten, damals in Basel als «Failliten» bezeichnet, wird die «bürgerliche Ehre» aberkannt. Auch ihre Familie wird von der «Gesellschaft» ausgeschlossen.
Der Regierungsrat, gegen dessen Willen Henri Imhoff die Einführung des «Rösslitrams» durchgezwängt hat und der als Konzessionsbehörde die Tarife bestimmt, bleibt auch gegenüber Julius während der ganzen Betriebsdauer abweisend bis feindlich eingestellt. Er straft ihn mit Gebühren und anderen Verpflichtungen ab und will keinerlei Allgemeinnutzen in dieser Institution sehen, obwohl sie pro Jahr mehr als 750'000 Menschen transportiert. Als heute gesichert gilt, dass der Omnibusbetrieb nur dank Nebeneinnahmen überleben kann. Belegt sind Sonderfahrten wie die Theaterkurse in die Vorstädte nach Schluss der Vorstellungen oder die Beförderung von Badegästen und deren Gepäck nach Rheinfelden sowie die Ausführung von Warentransporten. Dazu muss Julius sukzessive seinen Fahrzeugpark erweitern. 1890 besitzt er neben den 14 Tramomnibussen acht schwere, vierspännige Lastwagen und drei etwas leichtere, ein- und zweispännige Federwagen sowie zwei Personenwagen und einen Schlitten.
Julius vergräbt sich jedoch nicht in den vier Wänden seines Betriebes. Er reist viel und Indizien belegen, dass er gute Kontakte zu den Verantwortlichen anderer Trambetriebe in ganz Europa pflegt. Ihm ist bestimmt schon früh klar, dass dem Schienentram die Zukunft gehört und weder Pferdetraktion noch Dampflokomotiven in der überaus engen Innerstadt endgültige Lösungen sein können. Hofft er auf den Strom, der 1880 den Siegeszug antritt? Sieht er sich schon als Betreiber einer elektrischen Strassenbahn? Man weiss es nicht. Technische Unterlagen zum Geleisebau, die sich in seinem Nachlass finden, belegen, dass Julius die Zukunft des Rösslitrams plant. Dafür sprechen auch handschriftliche Notizen, die den Zeitraum vom 22. Januar bis zum 1. Februar 1890 abdecken. Völlig überrascht vernimmt er damals aus zweiter Hand, dass ein in Strassenbahnfragen erfolgreiches Konsortium, bestehend aus den Herren J. E. Brüstlein (Birsigthalbahn) und Ed. Riggenbach sowie der Firma Pümpin & Herzog, Bern, dem Regierungsrat am 20. Januar 1890 ein Konzessionsgesuch für ein Strassenbahnnetz eingereicht habe. Empört stellt er bald fest, dass seine Hausbank längst auf dem Laufenden ist. Er fühlt sich von ihr verraten, als sie ihn unverhohlen auffordert, dem Konsortium seinen Betrieb zu verkaufen! Er notiert: «Direktor Fischer will, dass ich mich denen an den Hals werfe»; und weiter: «dass ich es sehr bedaure, nun den Karren nach 7 Jahren (für die Bank) durch den Koth gezogen zu haben und jetzt wo es anfienge besser zu gehen ich erst recht nichts haben solle». Die Haltung der Bank ist aus heutiger Sicht nicht ganz unverständlich, denn Julius ist zwar den Zinszahlungen, nicht aber der vereinbarten ratenweisen Tilgung seines Darlehens nachgekommen - und eine Besserung ist für die Bank nicht in Sicht. Am 31. Oktober 1890 verkauft er seinen Betrieb an der Solothurnerstrasse zu einem fairen Preis an das Konsortium unter dem Vorbehalt der Erlangung einer Konzession. Die noch zu gründende «Basler Strassenbahn Gesellschaft» hat das gesamte Personal zu übernehmen. Julius verpflichtet sich für drei Jahre als Geschäftsführer, wobei ihm nebst einem anständigen Lohn eine Gewinnbeteiligung zustehen soll. Allerdings sieht der Vertrag für ihn ein dreijähriges Konkurrenzverbot vor. Rückblickend glaubt er, dass die Käufer mehr an seiner Mitarbeit als am Betrieb selbst interessiert waren. Nachdem der Regierungsrat das Konzessionsgesuch ablehnt, wird der Verkauf ohnehin gegenstandslos.
Mehr zur Geschichte des Basler Rösslitrams und dessen Liquidation im Jahre 1895 finden Sie im «Persönlich» Winter 2004/2005: Das Basler Rösslitram I (1881 bis 1895) und Das Basler Rösslitram II (1881 bis 2003).