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Thema der diesjährigen Retrospektive sind Filme aus dem Archiv der Deutschen Kinemathek, zumeist restauriert/digitalisiert, alle eher ungewöhnlich, häufig sperrig, die aber vor allem wegen des Zeitkolorits sehenswert sind. Die Zeitspanne umfasst die frühen 60er Jahre, bis nach der Wende, anfangs der 90er Jahre.
Zwei unter Millionen von Wieland Liebske und Victor Vicas von 1961 thematisiert das Leben in Berlin zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Kurz vor dem Mauerbau ist das Überqueren der Grenze noch möglich, aber von der DDR nicht gerne gesehen. Und mit Koffer geht das nicht wirklich. Kalle (Hardy Krüger), der gleichzeitig in Ostberlin Lastwagenfahrer für einen Gemüsegrossmarkt und in Westberlin Kellner in einer Eckkneipe ist, rettet Christine (Loni von Friedl) vor der Festnahme, als diese in den Westen will. Er hilft ihr über die Grenze und verliebt sich in sie, bleibt dann ganz im Westen und will seinen Traum Wirklichkeit werden lassen: den Kauf der Eckkneipe. Doch das ist viel zu teuer und droht noch zu scheitern, was bei seiner Frau fast zu einer Katastrophe führt. Und auch seine Freundschaft zu Paulchen (Walter Giller), der im Osten bleiben will, wird auf die Probe gestellt. Mit seiner schönen Liebesgeschichte ist der Film der Publikums-freundlichste Beitrag der Reihe, aber gleichzeitig sieht man Bilder aus einer Zeit, die es so nur sehr kurz gab, und sieht, dass es auch im Westen für Leute mit wenig Geld viele Probleme gab (und gibt).
Denk bloß nicht, ich heule ist einer der berüchtigten Verbotsfilme der Defa, die vom ZK der DDR verboten wurden, weil ihnen die politische Aussage oder das Weltbild nicht passte. Erst in den 90er Jahren auf der Berlinale wurden sie dann uraufgeführt. Der Film von Regisseur Frank Vogel von 1965 erzählt die Geschichte von Peter Naumann (Peter Reusse), einem Jugendlichen, dem wegen Protestplakaten der Weg zum Abitur verwehrt wird. Von der Schule verwiesen, lebt er nun nur noch in den Tag und möchte ein Motorrad kaufen. Als er sich in Anne (Anne-Kathrein Kretzschmar) verliebt, versucht er sich zu ändern und wird von ihr mit Nachhilfe zum Abitur vorbereitet. Doch die alten Kader, die das Sagen haben, wollen ihn nicht. Ein Film, der den Spalt zwischen jungen radikal-freigeistlich Denkenden und den alten Sozialisten gut sichtbar macht.
Tobby von Hansjürgen Pohland von 1961 ist das Porträt des Jazzmusikers Tobbi Fichelscher. Der Bongospieler und Sänger lebt nur für eins, und das, obwohl er seine Kinder und seine Ex-Frau immer noch liebt: die Jazzmusik. Als er das Angebot bekommt, ein halbes Jahr auf eine gut bezahlte Europatournee zu gehen, weiß er nicht, was er tun soll. Denn dort kann er seine Musik nicht spielen. Er lässt sich durch Westberlin treiben, trifft Freunde und Kollegen und spielt immer wieder mehr oder weniger improvisierte Jazztunes. Nebenbei sieht man Berliner Strassenzüge aus der Zeit oder z.B. das Strandbad Wannsee. Trotz seiner autobiografischen Bilder denkt man oft, dass es sich um einen Spielfilm handeln könnte. Die gesamte Machart des Films war für 1961 sehr modern. Die inneren Konflikte, ob Kunst oder Geld das wichtigere im Leben ist, werden gut sichtbar, auch wenn man merkt, dass Tobbi kein Schauspieler ist. Aber der Film atmet den Jazz.
Herzsprung von Helke Misselwitz ist ein Film aus der Nachwendezeit 1992. Betriebsköchin Johanna (Claudia Geissler-Bading) wird durch wirtschaftliche Schwächen nach der Wiedervereinigung in Brandenburg arbeitslos. Als sich ihr Mann umbringt, lebt sie mit ihrem Vater (Günther Lamprecht) zusammen. Nur bei ihm, der in der Nazizeit im KZ war, ihren zwei Kindern und ihrer Freundin, der Friseurin Lisa (Tatjana Besson) findet sie halt. Als sie sich in den afrodeutschen Betreiber eines Imbisswagens (Nino Sandow) verliebt, scheint alles besser zu werden. Doch das Glück wird jäh zerstört, als drei jugendliche Neonazis (u. a. Ben Becker) sie zu schikanieren beginnen. Es war damals einer der wenigen ostdeutschen Spielfilme, die den Zustand nach der Wiedervereinigung zeigten, von der Verödung in ländlichen Gegenden, sozialem Umbruch und vor dem bereits damals schon aufkeimenden Rechtsradikalismus. Ein Film, der auch heute noch von beklemmender Aktualität ist.
Unsichtbare Tage oder Die Legende von den weißen Krokodilen ist ein Essayfilm von Eva Hiller von 1991. Hier geht es um die Städte Frankfurt und Berlin bei Nacht. Es könnte aber auch jede andere Grossstadt sein. Was passiert in der Nacht, wie funktionieren die Städte im Dunkeln, gezeigt wird aber auch, wie dadurch der Tag vorbereitet wird. Leben ist auch nachts und überall, nicht nur in New York, wo ausgesetzte Babykrokodile, jetzt erwachsen, die Kanalisation bevölkern sollen. Der Film zeigt wie die Technik viel übernimmt (quasi KI), aber wie ohne menschliche Arbeitskraft viel nicht funktionieren würde. Gezeigt werden Verkehrszentralen bei Bahn und Flughäfen, Abwasserkanäle, Notärzte und Krankenhäuser im Einsatz, die Post vom Flugzeug bis zur Briefsortierung, und vieles mehr. Verquickt werden die faszinierenden Bilder mit kritischen Kommentaren der Regisseurin und Vergleiche zu Lang’s Metropolis.
Ismet Elci hat mit Hilfe des Berliner Undergroundfilmers Lothar Lambert 1987 seinen Film Kismet, Kismet gedreht. Mit sich selbst in der Hauptrolle, zeigt er einen Türken, der ziemlich integriert in Berlin lebt. Allerdings ist er mit seinem Leben mit Wohnung, Auto, Job und Freundin nicht völlig zufrieden. Seit seiner Jugend, in der sein Vater im türkischen Dorf mit der Videokamera Filme machte, will er selber einen Film machen. Doch mit den 12000DM, die er angespart hat, wird er nicht weit kommen. Ein Filmstudent und Kameramann (Ex-Berlinale-Panorama-Chef Wieland Speck) will ihm angeblich helfen, bringt ihn aber um sein Geld. Der Film zeigt die Probleme türkischer Einwanderer, sich im modernen Europa zurechtzufinden und zeigt beide Enden türkischen Lebens. Aber vor allem ist der Film amüsant, wenn man noch das Typenkabinett von Lothar Lambert kennt, die hier alle auftauchen und Leuten wie Wieland Speck oder dem damaligen Filmbeauftragten Berlins Hubert Ortkemper, der sich hier selber spielt. Und Lamberts Alptraumfrau Ulrike S. spielt hier nicht nur mit, sondern ist auch Regieassistentin.
Chapeau Claque von Ulrich Schamoni von 1974 ist ein Film der sehr viel Spass macht. Wie immer in seinen Filmen spielt er die Hauptrolle in seiner normal-lakonischen Art. Gedreht in seinem eigenen verwilderten Haus mit seinen vielen Tinnefsammlungen (Hasen, Spielkarten, Bilder oder Werbemetallschilder) ist er der ehemalige Zylinderfabrikat, der Pleite machte und nun dem Müssiggang und seinen Sammlungen frönt. Nur Lieferanten oder Käufer bei gelegentlichen Geldschwierigkeiten dürfen sein Haus betreten. Als sein Lebensmittellieferant (Rolf Zacher) ihn bittet, eine Freundin (Anna Henkel) bei ihm wohnen zu lassen, weil sie von der Polizei gesucht wird, geht er schliesslich darauf ein. Ist er ja doch schon ein wenig einsam. Doch die bringt sein Leben ganz schön durcheinander, läuft sie doch meistens nackt herum und frönt ihrer Langeweile mit gelegentlichen Eigennutz-Ausbrüchen. Das ist wie immer bei Schamoni, der leider viel zu früh verstorben ist, höchst witzig und gespickt mit viel Satire und Anspielungen auf alltägliche Gegebenheiten, wie die Machereuphorie der 60er Jahre. Und seine wie immer bei ihm auftauchenden Freunde wie der Kabarettist Wolfgang Neuss oder die Blödelgruppe Insterburg & Co (inkl. Karl Dall) runden das Vergnügen ab. Auch bei wiederholtem Ansehen immer wieder klasse.
Harald Ringel
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