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Wir treffen Röbi im renommierten «Aux Armes de Bruxelles» im Herzen der Brüsseler Altstadt, einem gehobenen Restaurant, in dem noch weisses Tuch und silbernes Besteck das traditionsreiche Interieur dominieren. Röbi sitzt bereits am Tisch, als wir den Raum betreten. Als sich unsere Blicke treffen, huscht ein kurzes, kraftloses Lächeln über sein Gesicht. Aus einer angedeuteten Handbewegung schliessen wir, dass wir Platz nehmen dürfen.
Röbi sitzt hinter einer halbleeren Schüssel «Moules-au-vin-blanc-Crème», leicht zur Seite geschoben und längst erkaltet, sodass der Rahm des Muschelsudes an der Oberfläche bereits eine feste Fettschicht gebildet hat. Er hat die Ellbogen auf die Tischkante gestützt, die Hemdärmel leicht hochgekrempelt, die Hände gefaltet und starrt gedankenverloren auf seine goldene Uhr. Das Tischtuch ist vollgekritzelt, zwischen seiner und unserer Tischhälfte sind diverse rote Linien eingezeichnet, die aber auch einfach lange Leitungen symbolisieren könnten.
Röbi sitzt schon seit einer Weile hier. Genauer: seit dem 12. Juni. Es ist der Tag, an dem er von Bern nach Brüssel flog, um hier, bei Moules et Frites, noch einmal mit einigen Leuten zusammenzusitzen, um ihnen die Haltung seiner Vorgesetzten zu erklären. Seither sitzt Röbi da: Roberto Balzaretti, Staatssekretär der Direktion für europäische Angelegenheiten (DEA) und Chefunterhändler in Sachen Rahmenabkommen mit der Europäischen Union. Ob wir ihn Röbi nennen dürfen, wissen wir nicht, aber das Bild, das der Mann hinter den roten Linien abgibt, ist mit «Röbi» einfach stimmiger.
Der 12. Juni ist der Tag, an dem Brüssel der Geduldsfaden riss. Die Leute, die Balzaretti traf, waren gekommen, um die letzten Fragen rund um das Rahmenabkommen zu klären. Balzaretti war gekommen, um seinen Tischgenossen mündlich zu erläutern, was der Bundesrat in seinem Brief an die EU genau geschrieben hatte. Ein Brief, an dem die Schweizer Landesregierung ein halbes Jahr lang herumformuliert hat. Monate Arbeit, um ein besseres Wort als «Nachverhandlungen» zu finden: punktuelle Präzisierungen.
Doch die punktuellen Präzisierungen blieben aus, an jenem 12. Juni. Balzarettis Tischgenossen konnten es nicht fassen. Brüssel hatte nach dem Brief des Bundesrates eine Klärung der offenen Fragen innerhalb einer Woche erwartet. Der Mann, der eigens aus Bern eingeflogen wurde, hatte nichts Neues im Gepäck, nur den bereits bekannten Brief bearbeitet, Wörter farbig unterstrichen und Bleistiftkommentare angebracht.
Wie kann ein Land, das die ganze Welt mit hochpräzisen Uhren versorgt, nur einen derart anderen Zeitbegriff haben? Röbi? Balzaretti zuckt zusammen. Er scheint erst jetzt zu bemerken, dass wir schon seit Zeile zwölf ihm gegenüber Platz genommen haben. Wir wiederholen die Frage: «Die EU forderte einen Abschluss in Wochenfrist, der Bundesrat schickt Sie an ein Abendessen, ohne Ihnen etwas Substanzielles in die Hand zu geben. Wie kann es sein, dass wir ein so unterschiedliches Zeitempfinden haben?»
«Es hat mit dem Alter zu tun», setzt Röbi langsam an: «Sie kennen das bestimmt von Ihren Grosseltern, die haben sicher oft gesagt, dass die Zeit mit zunehmendem Alter immer schneller verrinnt.» Wir nicken, ohne zu wissen, worauf er hinauswill. «Die EU in der heutigen Form ist mit Jahrgang 1992 keine 28 Jahre alt, die moderne Schweiz wurde 1848 gegründet. Haben Sie eine Ahnung, wie schnell in diesem Alter ein Jahr rum ist? Nur der Vatikan bewegt sich noch träger.»
«Eine interessante These. Sie sagen also, dass die Schweiz, wenn man ihr genug Zeit lässt …» – «… richtig spontan sein kann, genau! Nehmen wir zum Beispiel den Plan B. Sollte die EU die Börsenäquivalenz aussetzen, so hat die Schweiz schon im vergangenen Dezember beschlossen, spontane Gegenmassnahmen zu ergreifen.»
Langsam dämmert uns, dass die Aussage zur Zeit keine These ist, sondern Tatsache. Offenbar weiss Röbi noch nicht, dass der Plan B längst in Kraft ist. Ein Blick auf seine Uhr bringt die Bestätigung: Der Sekundenzeiger bewegt sich unglaublich langsam vorwärts, und – uns stockt der Atem – die Kalenderfunktion zeigt noch immer den 12. Juni.
«Herr Balzaretti, was genau machen Sie hier?» – «Ich warte auf die Rechnung. Als meine Tischgenossen vorhin gingen, sagten sie, diesmal werde die Schweiz bezahlen.»