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Gastkolumne
In meiner letzten Kolumne habe ich über die Autonomie von Athleten, Schülern oder Kindern geschrieben. Dazu gibt es noch mehr zu sagen. Heute aus der Sicht des Trainers, des Lehrers, des Chefs oder der Eltern.
Vor über zehn Jahren, an einem Volleyball-Symposium in Magglingen, hat mir ein erfahrener Trainerkollege während eines Vortrages folgenden Satz auf meinen Notizblock gekritzelt: «Lerne alle Spielerinnen und Spieler zu respektieren und zu schätzen. Liebe sie für das, was sie sind, um das, was sie machen, umso mehr zu schätzen!» Ich weiss nicht, ob ich die beiden Sätze damals schon in ihrem ganzen Umfang verstanden habe, vergessen habe ich sie allerdings nicht.
Wenn wir heute in der Ausbildung mit Trainern arbeiten, dann nimmt die Persönlichkeit einen wichtigen, ja vielleicht den entscheidenden Platz ein. Sich selbst und andere zu verstehen, scheint uns der Ausgangspunkt dafür. In der Praxis verwenden wir dafür eine Metapher mit vier farbigen Hüten: Der Trainer mit dem gelben Hut ist der Individualisierer. Er entdeckt, respektiert und fördert die natürlichen Vorlieben und Stärken des Athleten. Er schätzt die Eigenheiten jedes Sportlers und nutzt die vorhandenen Talente und Begabungen für dessen Entfaltung.
Der Trainer mit dem grünen Hut ist der Berater: Er berät den Athleten mit seiner Erfahrung, gibt ihm Tipps für seine Entwicklung und überprüft seine Abläufe. Er optimiert in erster Linie das Umfeld des Athleten.
Der Trainer mit dem roten Hut ist der Ausbildner: Er hat immer eine Antwort bereit, weiss (fast) alles, bringt Techniken und Methoden mit und lernt dem Athleten neue Fähigkeiten und Verhalten.
Und schliesslich ist der Trainer mit dem blauen Hut der Begleiter. Er weiss (fast) nichts, stellt sich nichts vor, er stellt nur Fragen. Und zwar stellt er seine Fragen so, dass der Athlet gezwungen ist, nach eigenen Lösungen zu suchen. Die Mission des Begleiters ist die Erweckung der internen Ressourcen des Athleten.
Nun, Sie können sich jetzt wahrscheinlich vorstellen, dass nicht jeder Trainer mit jeder Hutfarbe einen gleich guten Eindruck macht. Vor allem die Rollen des Individualisierers und Begleiters fordern unsere Trainer in besonderem Mass heraus. Jean-Pierre Egger, ehemaliger Trainer von Werner Günthör oder Konditionstrainer im Alinghi-Team, hat das kürzlich ganz treffend formuliert: «Als Athlet musst du oft ein ausgeprägtes Ego haben, um dich durchzusetzen. Als Trainer darfst du lernen, dein persönliches Ego abzulegen und deine Aufmerksamkeit voll und ganz auf deinen Athleten zu richten.» Das bedeutet, manchmal auf eigene Vorstellungen und Vorurteile zu verzichten, die Botschaft des Athleten zu empfangen, fähig sein, ihm vollumfänglich zuzuhören.
Zuhören, ohne an anderes zu denken, solange der Athlet spricht. Sich zurückzuhalten. Auf Bewertung und Beurteilung zu verzichten und persönliche Lösungsvorschläge auszuschliessen. Es bedeutet, die Meinung des Athleten ohne Wertung zu akzeptieren.
Das gilt wahrscheinlich nicht nur für Trainer. Sondern auch für Lehrer. Und Vorgesetzte. Oder Eltern.
Wenn wir in Zukunft etwas mehr gelbe und blaue Hüte sehen, dann ist das sicher nicht verkehrt. Schliesslich macht es die richtige Mischung aus. Es braucht vier Hüte für ein Halleluja.
Philipp Schütz(39) ist Trainerausbildner am Bundesamt für Sport in Magglingen und arbeitet als Press Delegate beim internationalen Volleyballverband FIVB. Ausserdem war der gebürtige Murtner Volleyball NLA-Trainer bei Neuchâtel UC.