Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03245.jsonl.gz/701

Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität.
Radikaler Konstruktivismus
Erkenntnistheorie
32 Es gibt eine Außenwelt, was sich schon daraus ergibt, dass das Erkennen als selbstgetätigte Operation überhaupt durchgeführt werden kann; aber wir haben keinen unmittelbaren Zugang zu ihr. Das Erkennen kann nicht ohne Erkennen zur Außenwelt kommen. Es ist, mit anderen Worten, Erkennen nur als selbstreferentieller Prozess. Erkennen kann nur sich selber Erkennen.
33 Man kann auf die Frage: wie ist Erkennen möglich? antworten:durch Einführung einer Unterscheidung. Die Frage nach dem (ermöglichenden) Grund transformiert sich damit in die Frage nach der Unterscheidung des Unterscheidens, also in eine offenkundig selbstimplikative Problemstellung. Der Übergang von der Frage nach einer (begründenden, also asymmetrisch gedachten) Beziehung zu einer Einheit wird umgedacht in die Frage nach einer operativ benutzten Differenz, und man kann erkennen, dass damit Zirkel und Paradoxien nicht länger abgewiesen werden können, sondern ins Spiel kommen.
34 Erkenntnis ist das, was Erkenntnis für Erkenntnis hält.
35 Erkennen können nur geschlossene Systeme. Erkennen können nur nichterkennende Systeme; oder: man kann nur sehen, weil man nichtsehen kann. Der Effekt dieser Intervention von Systemtheorie kann als De-ontologisierung der Realität beschrieben werden.
36 Unterscheidung Sein/Nichtsein
Unterscheidung System/Umwelt
Nimmt man diesen Vorschlag an, lautet die Antwort auf die Frage „wie ist Erkenntnis möglich?“ also zunächst: als Operation eines von seiner Umwelt abgekoppelten Systems. Nimmt man zusätzlich ernst, dass es sich hier immer um ein operational geschlossenes System handeln muss, reichert sich diese Ausgangsthese an mit Annahmen über Selbstreferenz und Rekursivität. Operationen dieser Art sind nur möglich im Kontext eines Netzwerkes von Operationen desselben Systems,auf die sie vorgreifen und zurückgreifen, und keine einzige Operation kann ohne diese rekursive Vernetzung zustandekommen. Jede Operation reproduziert die Einheit des Systems und mit ihr die Grenzen des Systems. Jede Operation reproduziert Schließung und Einschließung. Aber ohne Operation läuft nichts, läuft auch keine Erkenntnis, und jede Operation muss dieser Bedingung genügen, eine unter anderen zu sein, weil sie anders gar nicht vorkommen, gar nicht eine Operation sein könnte.
Das System ist deshalb von einem Beobachter aus gesehen eine Paradoxie, eine Einheit, wie nur als Vielheit Einheit ist, eine unitas multiplex.auch für die Selbstbeobachtung des Systems gilt nichts anderes, als für jede Beobachtung. Will ein System erkennen, was es möglich macht, dass es erkennen kann, stößt es auf dieser Paradoxie. Alle Erkenntnistheorie hat mit der Auflösung einer Paradoxie zu beginnen.
37 Ist es möglich, und ist es angemessen, das, was hier sichtbar wird, überhaupt als Erkenntnis zu bezeichnen? Will man auf diese Frage eine Antwort suchen, empfiehlt es sich, eine zweite Unterscheidung einzuführen, die von Operation und Beobachtung. Diese Unterscheidung besetzt den Platz, den bisher die einheitssüchtige Reflexionslogik eingenommen hatte. (auch insofern also: Austausch von Einheit gegen Differenz).
Zum Begriff der Operation ist zunächst klarzustellen, dass etwas, was ist, nichts anders ist, als es ist. Diese Aussage darf man nicht „zusammenziehen“; aus ihr folgt auch nicht, dass nichts anders ist, als es ist. Denn „Nichts“ ist überhaupt nicht, also auch nicht anders, als es ist.
Wir müssen vermeiden, in den Begriff des Negativen irgendetwas Substantielles oder gar Geistiges einzuschmuggeln. Das „nicht“ ist, wie man heute wohl allgemein annimmt, ein positiver Operator, mit dem in positiv stattfindenden Operationen etwas erreicht werden kann. Alles Negative ist, mit anderen Worten, positiv in einem rekursiv operierenden Systemen, und es gibt in der Umwelt dieses Systems „nichts“ (also wieder: für das System nichts), was dem entspricht.
Mit Spencer Brown kann man nun zeigen, dass die Operation des Negierens durch den Gebrauch einer Unterscheidung ermöglicht wird (und nicht wie ein Logiker meinen müsste, umgekehrt!). Wenn man negieren will, muss man das, was man negieren will, zuerst unterscheiden können. Eine Operation, die Unterscheidungen verwendet, um etwas zu bezeichnen, wollen wir Beobachtung nennen.
Wir verfangen uns also wieder im Zirkel. Die Unterscheidung von Operation und Beobachtung kommt in sich selbst als Moment der Beobachtung wieder vor. Eine Beobachtung ist einerseits selbst eine Operation, andererseits Handhabung einer Unterscheidung wie zum Beispiel der von Operation und Beobachtung. Eine hier anschließende Logik kann also nur als Entfaltung eines Zirkels gebaut sein und muss dafür Vorsorge treffen, dass die Unterscheidung in das durch sie Unterschiedener wieder eintreten kann. Spencer Brown sieht dieses „re-entry“ ausdrücklich vor, nachdem er es am Anfang mit der Anweisung an einen Beobachter „Draw a distinction“ souverän ignoriert hatte. (Das heißt nicht zuletzt, dass zur Auflösung von selbstreferentiellen Zirkeln und Paradoxien Zeit in Anspruch genommen wird).
38 Eine Beobachtung führt zu Erkenntnissen, wenn und soweit sie im System wiederverwendbare Resultate zeitigt. Man kann auch sagen: Beobachten ist Erkennen soweit es Redundanzen benutzt und erzeugt – Redundanz verstanden im Sinne von systeminternen Beschränkungen des Beobachtens mit der Folge, dass eine bestimmte Beobachtung anderer wahrscheinlich bzw. unwahrscheinlich macht.
39 Kein Zweifel also, dass die Außenwelt existiert, und ebenso wenig ein Zweifel daran, dass ein wirklicher Kontakt mit ihr möglich ist als Bedingung der Wirklichkeit der Operationen des Systems selbst. Nur die Unterschiedenheit dessen, was existiert, wird durch den Beobachter hinzuimaginiert, und zwar deshalb, weil mithilfe der Spezifikation von Unterscheidungen ein immenser reichhaltiger Kombinationsraum erschlossen werden kann, der dem System dann zur Entscheidung über eigene Operationen dient.
Anders formuliert: die Einheit einer Unterscheidung, mit deren Hilfe beobachtet wird, ist systemintern konstituiert. Das, was Unterschiedenes zur Einheit des Unterschiedenseins zusammenfasst, gibt es nur im beobachtenden System. Erkennen ist weder Copieren, noch Abbilden, noch Repräsentieren einer Außenwelt im System. Erkennen ist das Realisieren kombinatorischer Gewinne auf der Basis der Ausdifferenzierung eines gegen seine Umwelt geschlossenen (aber eben: in ihr eingeschlossenen) Systems.
Wenn ein System gezwungen ist, mithilfe des Gebrauchs von Unterscheidungen zu erkennen und nicht anders erkennen kann als so, dann heißt das auch, dass alles, was für das System Welt ist und damit Realität hat, über Unterscheidungen konstituiert werden muss.
Der blinde Fleck der jeweiligen Beobachtung, ihre im Moment benutzte Unterscheidung, ist zugleich ihre Weltgarantie. Soziale Realität ist zum Beispiel das, was im Beobachten einer Mehrheit von Beobachtern als ihnen trotz ihrer Unterschiedenheit übereinstimmend gegeben beobachtet werden kann.
Soziale Realität gibt es also nur, wenn ein Beobachter eine Mehrheit von Beobachtungen (sich selbst einbezogen oder auch nicht einbezogen) unterscheiden kann. Und die Welt ist für jedes System das, was als Einheit der Differenz von System und Umwelt (Selbstreferenz und Fremdreferenz) angenommen werden muss, wenn (und nur wenn) man diese Unterscheidung verwendet. Wir können nach alldem formulieren:
Erkennende Systeme sind wirkliche (empirische, das heißt beobachtbare) Systeme in einer wirklichen Welt. Sie können ohne Welt gar nicht existieren und auch nichts erkennen. Die Welt ist ihnen also nur kognitiv und zugänglich.
Niklas Luhmann