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Die Liberalen Juden in Zürich – Tradition und Erneuerung
Die Institution der Synagoge entstand in der babylonischen Gefangenschaft und in Ägypten in Folge der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 586 vor unserer Zeitrechnung. Als dann der zweite Tempel gebaut wurde, verschwand die Synagoge nicht, sondern bestand neben ihm weiter - auf dem ganzen Erdkreis, überall, wo Juden wohnen. Selbst auf dem Tempelberg, neben dem Heiligtum, stand einst eine Synagoge. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels wurde die Synagoge dann immer wichtiger; und so gibt es Synagogen bis auf den heutigen Tag.
Im Tempel ging es um den Opferkult, um ein Opfer, an dem keine Änderungen erlaubt waren. Alle Einzelheiten waren, so sagt unsere Tradition, Mosche am Sinai gegeben worden, der sie dem Priester Aharon und seinen Söhnen weiterleitete: ein präzise festgelegter und unabänderlicher Ritus, den unsere Weisen Avoda ("Pflicht-Gottesdienst") nennen.
Demgegenüber (und anstelle der Opfer) hat die Synagoge Gebete entwickelt. Damit sind zum einen festgelegte Gebete (Stammgebete) gemeint, wie sie heute in unserem Gebetbuch enthalten sind - zum andern aber auch freie Gebete des Herzens, Gebete, die dem Leiden, den Sehnsüchten und Hoffnungen jeder Generation Ausdruck geben und später wieder in das Gebetbuch eingeflochten wurden. Dieser Prozess, dass immer wieder neue, freie Gebete des Herzens Eingang in den Sidur finden, dauerte bis zur Erfindung des Buchdrucks an und kam dann zum Stilstand. Innerhalb des liberalen Judentums mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen setzt sich dieser Prozess aber heute fort.
Innerhalb der Institution der Synagoge kam es dann zu einer Demokratisierung des jüdischen Lebens. Während im Tempel nur die Priester und die Leviten aus dem Stamm Levi aktiv waren, wurden die diensttuenden Männer in der Synagoge nach ihren persönlichen Fähigkeiten ausgewählt, angefangen von den Leitern des Gottesdienstes, bis hin zu den Kantoren, Rezitatoren und Gemeindevorstehern, jeder nach seiner Eignung und Begabung. So entstand ein Rahmen, der die Beteiligung möglichst vieler Gemeindeglieder am Gottesdienst möglich machte: (auch) das Aufsteigen zur Tora, das Aufheben der Torarolle, das Öffnen des Toraschreins und so weiter, Aktivitäten, die ja nicht so viel Übung oder Expertise erfordern. Vor etwa zweihundert Jahren begann im liberalen Judentum eine Entwicklung der allmählichen Gleichberechtigung der Geschlechter in der Synagoge - ein Prozess, der sich heute auch in den anderen Strömungen des Judentums ausbreitet.
Eine Synagoge dient drei unterschiedlichen gesellschaftliche Funktionen:
Sie ist ein Versammlungshaus (Beth Knesset): der Ort, an dem die Gemeinde zusammenkommt, um über ihre Angelegenheiten zu beraten, ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, das den Gliedern der Gemeinde ermöglicht, den Wechselfällen ihres Lebens Ausdruck zu verleihen, von der Geburt bis zum Tode.
Sie ist ein Lehrhaus (Beth Midrasch), ein Ort zum Studium und zur Weiterentwicklung der Tradition für die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Ein Ort zur Vertiefung unseres Verstehens und unseres Glaubens, eine Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden oder uns auf eines zu konzentrieren. Dabei geht es darum, zum Glauben zu gelangen, einem Glauben, der mit den Geboten und Verboten verbunden ist, den moralischen und den rituellen Geboten, durch die wir eine Verbindung zu unseren Mitmenschen und zu Gott herstellen.
Dabei müssen wir uns heute auch mit denen auseinandersetzen, die an die Notwendigkeit glauben, mit Hilfe der jüdischen Tradition die Verbindung zu unserem Nächsten zu stärken, jedoch in ihrem Herzen starke Zweifel an der Existenz eines Schöpfergottes oder überhaupt jedes göttlichen Wesens haben oder einen solchen Glauben gar vehement ablehnen. Auch sie haben ihren Ort in der Synagoge, und in jedem Falle sollen sie sich im Lehrhaus wohl fühlen.
In der Synagoge als Lehrhaus versuchen wir, eine Verbindung zu schaffen, eine Brücke zu bauen zwischen dem einzelnen Menschen und seinem Schöpfer. Diese Verbindung geschieht mit Hilfe der Gemeinschaft, und danach kann jeder und jede einzelne ausserhalb der Synagogenmauern an dieser Verbindung weiterbauen. Nach jüdischer Auffassung ist die verstandesmässige Existenz des Menschen nicht ohne seinen Nächsten zu denken. Die Erkenntnis wie die Liebe sind Erfahrungen, die mit einem Etwas ausserhalb des Menschen verbunden sind und ihn auf den Nächsten beziehen, insofern dieser Mensch ist - oder auf das Ideal: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst... Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen..." So hängt die jüdische Existenz mit der Gemeinschaft zusammen, mit allen anderen Juden, mit der Ortsgemeinde, einer Institution, die schon 1200 Jahre besteht.
Und die Synagoge ist schliesslich drittens ein Bethaus (Beth Tefilla). Dort vereinen sich unsere Gedanken, unsere Sehnsüchte, unsere Bitten und unser Lobpreis. In diesem Rahmen ist die Emotion wichtiger als die Logik. Entsprechend dem festgelegten Opferkult im Tempel entstand ein regelmässiger Gebetsgottesdienst, und an seine Seite traten freie Gebete des Herzens.
In der Synagoge als Versammlungshaus sind wir eine Gemeinschaft, die in der Gegenwart lebt.
In der Synagoge als Lehrhaus sind wir eine Gemeinschaft, die aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit eintaucht, die sich in die schriftliche und die mündliche Tora vertieft. Wer im Lehrhaus lernt, sieht diese Texte als immer stärker werdende Quelle, die den Lernenden eine Richtung zeigt, ihnen im Heute und in der Verankerung in der Vergangenheit einen Weg in die Zukunft weist. Das ist grundsätzlich ein bewusster Prozess, der mit dem Verstand und mit Gefühl verbunden ist.
In der Synagoge als Bethaus sind wir eine Gemeinschaft von Betenden, die die Gemeinde Israels, Knesset Israel, repräsentiert: Alle Generationen in der Vergangenheit, der Gegenwart und in der Zukunft, die noch kommen werden. "Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gott", sagt Mosche in den Steppen Moabs vor dem Einzug in das Land Israel, und er spricht dabei von allen Generationen, "die hier heute mit uns vor dem Ewigen, unserm Gott, stehen, und die heute noch nicht mit uns stehen." (Dtn. 29, 9. 14). "Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes, aber das Offenbare ist unser und unserer Kinder bis auf ewig - all die Worte dieser Tora zu TUN." (Dtn. 29, 28).
Die Synagoge als Versammlungshaus, als Lehrhaus, als Bethaus.
Tovia Ben-Chorin