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Annette Hug in einem chinesischen Countdown
In einem besseren Hochhausviertel von Schanghai haben sich mehrere gute Mittelschulen angesiedelt. Ausgerechnet um die beste stehen alte vierstöckige Lotterbauten. Sie kontrastieren mit den teuren Autos, die hier jeden Abend um zehn Uhr SchülerInnen abholen.
Wer diese Schule besucht, geht von morgens um halb acht bis spätabends zur Schule, jedes Wochenende ist mit Nachhilfestunden und Hausaufgaben gefüllt. So bleiben die Chancen intakt, an der Grossen Prüfung einen Spitzenplatz zu erreichen.
Normalerweise legen am 7. und 8. Juni Millionen von SchülerInnen in ganz China die Hochschulaufnahmeprüfung ab. Nur die Besten erhalten einen Studienplatz an einer angesehenen Universität. Deshalb können HausbesitzerInnen ihre Immobilien, die rund um eine Eliteschule liegen, verlottern lassen. Eltern mieten hier jede Wohnung zu horrenden Preisen, weil ein langer Schulweg dem Kind noch unnötig Schlaf rauben würde. So erklärte mir im vergangenen Oktober ein Bekannter die seltsamen Kontraste seines Viertels.
Wegen der Coronakrise wird die Grosse Prüfung dieses Jahr um einen Monat in den Juli verschoben. Damit dauert die heisseste Phase der Prüfungsvorbereitung einen Monat länger. Für viele SchülerInnen und ihre Eltern muss das eine Tortur sein.
Wie angespannt die letzten Wochen vor der Prüfung sein können, vermittelt ein Thriller von Cai Jun, den der Piper-Verlag diesen Frühling unter dem Titel «Rachegeist» herausgebracht hat. Ort des Geschehens ist eine Elitemittelschule in einer Stadt, die unschwer als Schanghai zu erkennen ist.
Der Plot erstreckt sich über drei Generationen von Schülerinnen und Schülern, das äussere Bild der Stadt verändert sich im Lauf der Geschichte radikal. Neben der Mittelschule macht ein letztes Stahlwerk dicht, in seinem Keller geschieht einer von vielen Morden, die diesen Kriminalroman vorantreiben.
An Cai Juns Mittelschule wird mit harten Bandagen gekämpft. Bereits das Aufnahmeprozedere birgt Möglichkeiten zum Betrug: Ist jenes Mädchen, das es trotz armen Eltern an die Schule geschafft hat, tatsächlich die Tochter eines Helden aus dem sino-vietnamesischen Krieg? Oder ist der Heldenstammbaum nur gekauft?
Eine andere Heldentat ist zwar echt, aber kalkuliert: Wenige Wochen vor der Grossen Prüfung im Jahr 1995 wird einem Schüler bewusst, dass seine Noten wohl nicht reichen, um an eine Spitzenuniversität zu gelangen. Zum Glück für ihn brennt eines Nachts das Armenviertel, das in jenem Jahr noch neben der Schule liegt. Er kann sich in die Flammen stürzen und ein kleines Mädchen retten. So erwirbt er die nötige Auszeichnung, die sein Zeugnis aufwertet.
Gebäude verschwinden, aber dunkle alte Geschichten bleiben in der Seele eines Schülers lebendig. Er ist vom Geist eines Toten besessen. Cai Jun gelingt es mühelos, immer neue Verdachtsmomente aufblitzen zu lassen. Auch ein reiches Elternhaus kann suspekt sein: Hat sich ein Grossvater am Ende der Kulturrevolution noch rasch eine gute Immobilie unter den Nagel gerissen? Kam da ein Vater in der Privatisierungswelle der neunziger Jahre mit schmutzigen Tricks zu viel Geld? Alles falsche Fährten.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. «Rachegeist» von Cai Jun hat sie gelesen, weil das Buch von Eva Schestag übersetzt ist. Dass sie eigentlich auf chinesische Klassiker spezialisiert ist, zeigt sich an ein paar wunderbaren Gedichten, die sich wie Perlen im Text verbergen.