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Was Christina Hausammann beim Studium des neuen Zivilgesetzbuchs von 1907 herausfand, auf welchem Umweg Alex Sutter auf die Universalität kam – und wie eine Fluchthelferin die beiden zusammenbrachte.
WOZ: Christina Hausammann, als Jusstudentin schrieben Sie eine Arbeit zu den Forderungen der Frauen bei der Entstehung des neuen Zivilgesetzbuchs von 1907. Was brachte das neue ZGB?
Christina Hausammann: Zwar wurden damit für Frauen zentrale Bereiche wie das Personen-, Familien- oder Erbrecht einheitlich auf Bundesebene geregelt. Rechtlich gleichgestellt waren sie damit aber noch lange nicht. Im Gesetzgebungsprozess waren sie vollständig von ein paar emanzipatorisch denkenden Männern abhängig. Interessant zu sehen war auch, dass nur ein kleiner Teil der Frauenorganisationen gleiche Rechte forderte. Die meisten argumentierten mit der Fehlbarkeit der Männer. So wurde immer wieder das Thema «Alkoholismus der Männer und dessen Folgen für Frauen und Kinder» erwähnt.
Gab es nicht bald auch echte Fortschritte?
Hausammann: Ein wirklicher Fortschritt kam erst 1988 mit dem neuen Eherecht. Bis dahin stand die Frau faktisch unter der Vormundschaft des Mannes: Das Gesetz bestimmte, dass der Mann das Oberhaupt der Familie sei und die Frau den Haushalt führe; er hatte das Recht, ihr Geld zu verwalten – und sie musste ihn um Erlaubnis bitten, wenn sie Geld verdienen wollte. Junge Frauen von heute können sich kaum vorstellen, wie Frauen hierzulande bis in die achtziger Jahre von Männern abhängig waren.
Wie erlebten Sie als junge Frau diese Zeit?
Hausammann: In den Zirkeln, in denen ich verkehrte, waren wir frei. Ansonsten wurde man schon auch immer wieder mit dem Patriarchat konfrontiert. An der Uni etwa, wenn man von einem Kommilitonen gesagt bekam: «Du hast ja sowieso keine Probleme, du kannst ja dann heiraten.» Sexuelle Belästigung oder Ausbeutung waren an der Uni höchstens hinter vorgehaltener Hand ein Thema. Vieles, was heute im Zuge der #MeToo-Debatte angeprangert wird, wurde damals noch als mehr oder weniger «normal» angesehen.
Alex Sutter, war Gleichberechtigung bei Ihnen damals auch ein Thema?
Alex Sutter: In der linken Szene gab es immer feministische Positionen, das hat man durchaus rezipiert. Die Frage ist eher: Wie sehr wurde Gleichberechtigung auch gelebt? Da wurde es auch in unserer Videogenossenschaft schnell mal schwierig: Am Anfang waren wir vier Frauen und drei Männer – einige Jahre später fünf Männer und null Frauen.
Was waren die Gründe?
Sutter: Zum einen haben es die Männer besser verstanden, ihre Interessen durchzusetzen – eine Folge der Sozialisation. Zum andern waren die meisten technikaffiner als die beteiligten Frauen. Video war eine neue Technologie. Wobei: Ich selber war kein Technikfreak – dafür habe ich die Buchhaltung gemacht.
Wie landeten Sie bei den Menschenrechten?
Sutter: Bei Professor Georg Janoska genossen wir maximale Narrenfreiheit. Mit allem, was einen interessierte – Marx, Freud, Nietzsche, Foucault –, konnte man sich beschäftigen. Janoska war aber auch ein verschmitzter Typ: Immer, wenn wir mit grandiosen Dekonstruktionen von Ethik und Moral kamen, stellte er die Frage: «Und die Menschenrechte? Sind die nun auch nichts mehr wert?» Nach der Dissertation arbeitete ich ein Jahr auf einem Bauernhof im Toggenburg. Da habe ich buchstäblich im Mist gewühlt und den Entschluss gefasst, ein Kursangebot auf die Beine zu stellen: 1991 gründete ich das Büro Transkultur. Meine Spezialität war die Analyse des Konzepts der ethnisch-nationalen Kultur – und damit verbunden die Auseinandersetzung mit der Universalität der Menschenrechte.
Und Sie, Frau Hausammann?
Hausammann: In der Praxis erstmals näher mit den Menschenrechten auseinandergesetzt habe ich mich als Hilfswerksvertreterin im Asylverfahren und als Assistentin beim Völkerrechtsprofessor Walter Kälin. Nach der Geburt meines ersten Kindes arbeitete ich vor allem zu Themen im Asylbereich sowie zu Frauen- und Kinderrechten. Und dann, 1995, sollte ich für die Akademie für Menschenrechte ein Gutachten zur Menschenrechtspolitik der Schweiz schreiben.
Sutter: Und ich zur Menschenrechtsbildung und den Diskussionen über die Universalität der Menschenrechte.
Hausammann: Womit wir uns kennenlernten.
Was für eine Akademie war das?
Hausammann: Die Idee dazu kam von Anne-Marie Im Hof-Piguet. Im Zweiten Weltkrieg hatte sie jüdische Jugendliche aus Frankreich in den Jura geschmuggelt und so vor den Nazis gerettet. Im Alter entwickelte sie die Vision eines menschenrechtlichen Bildungszentrums. Doch letztlich hatte niemand den nötigen Draht zu möglichen Geldgebern. Auch schien mir alles etwas gar idealistisch. Trotzdem hat Im Hof-Piguet vieles in Bewegung gebracht.
Wie ging es danach weiter?
Sutter: Aus dem Kreis um die Akademie bildete sich eine Gruppe, die sagte: «Machen wir etwas, das den Menschenrechtsschutz in der Schweiz wirklich weiterbringt!» So gründeten wir 1999 den Verein humanrights.ch.
Die Juristin Christina Hausammann und der Philosoph Alex Sutter (beide 63) waren bis Ende September 2018 GeschäftsleiterInnen von humanrights.ch.