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Bernhard Schmid zur französischen Medienlandschaft nach der Wahl.
Ein «Erdbeben» in der Medienlandschaft oder der «Sturz eines Imperiums»: Viele französische Medien sparten nicht mit kraftvollen Metaphern, nachdem Ende Mai die bisherige Nachrichtensprecherin des Fernsehsenders TF1 ohne Vorwarnung ihren Rücktritt angekündigt hatte. Laurence Ferrari, die seit August 2008 die 20-Uhr-Abendnachrichten auf dem ersten Kanal des französischen Fernsehsenders moderierte, wechselt in diesen Tagen zu einer Talkshow beim kleinen Privatsender Direct8.
TF1 wurde 1987 privatisiert. Seitdem steht der einflussreichste Fernsehsender des Landes im Besitz des Bauunternehmers Martin Bouygues und ist eng mit der politischen Rechten verwoben: Im Wahlkampf 2001/02 etwa betrieb TF1 eine derart frenetische Angstkampagne zum Thema «Innere Sicherheit», dass der Sender nach dem Wahlausgang von KritikerInnen vielfach als «TFN» bezeichnet wurde, weil er dem Front National (FN) so sehr geholfen habe. Im September 2011 sorgte die TV-Station für einen Skandal, weil sie eine bereits programmierte Sendung zur «Karatschi-Affäre» – eine Korruptionsgeschichte rund um französische Rüstungsexporte – unmittelbar vor der Ausstrahlung absetzte. Einen Monat zuvor war TF1 zudem ertappt worden, als bei einer Sendung über Jugendkriminalität gar zu offensichtlich gefälscht worden war. Eine als «betroffene Mutter» auftretende Zeugin am Bildschirm erwies sich als kinderlose Mitarbeiterin des Rechtsaussen-Abgeordneten Eric Ciotti.
Ein Teil des Publikums floh vor solchen Sendungen und wechselte zu den politisch moderateren öffentlich-rechtlichen Stationen wie France 2 und France 3. Ein anderer Teil, der bislang TF1 aufgrund leichter Kost und billigen Amüsements geschätzt hatte, ging gleichzeitig zu jenen Kabelsendern über, die solche Ware noch unverblümter anbieten. Am Abend der französischen Präsidentschaftswahl, im Mai dieses Jahres, blieb jedenfalls zum ersten Mal der Zuschaueranteil der Hauptnachrichten von TF1 hinter jenem von France 2 zurück. Die Moderatorin Laurence Ferrari wurde zum weiblichen Sündenbock: In letzter Minute erfuhr sie an jenem Abend, dass nicht sie den Namen des Wahlsiegers bekannt geben sollte, sondern ihre langjährige Rivalin Claire Chazal.
Seither überlappt sich die Krise von TF1 mit der Krise der Rechten nach der Niederlage Nicolas Sarkozys und dem Verlust der politischen Hegemonie. Zumindest bei den audiovisuellen Medien ist aber die frisch an die Regierung gekommene Sozialdemokratie weit von einer neuen Hegemonie entfernt. Was die Printmedien angeht, verfügt Präsident François Hollande zwar bei den wichtigsten und seriösesten Zeitungen – vor allem bei «Le Monde» und «Libération», aber nicht beim klar rechten «Figaro» – über eine solide Basis. Die eher in der Mitte angesiedelten oder linksliberalen Leitblätter hatten sich vor der Wahl derart eindeutig auf Sarkozy eingeschossen, dass ihnen bislang kaum etwas Kritisches zu seinem beweihräucherten Nachfolger einfällt.
«Le Monde» und «Libération» werden aufpassen müssen, dass sie nicht ähnlich in den Abgrund gezogen werden wie in den achtziger Jahren die Satirezeitung «Le Canard enchaîné». Diese wurde nach der Wahl des Sozialisten François Mitterrand zum Präsidenten 1981 für ein paar Jahre regelrecht langweilig. Plötzlich fehlte der Vorgänger, über den der «Canard» aufsehenerregende Enthüllungen veröffentlicht hatte. Ein Lieblingsfeind kann eben auch eine Lücke hinterlassen.
Bernhard Schmid schreibt für die WOZ aus Frankreich.