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Von chilenischen Linken und Liedermachern in Lateinamerika wird sie bis heute verehrt, diese kleine, unscheinbare Frau mit strähnig langen, schwarzen Haaren und grossen, dunklen Augen.
Poetin, Musikern, Schöpferin kunstvoller Wandteppiche und Gemälde: «Wenn Sie sich für eines dieser Ausdrucksmittel entscheiden müssten, welches würden Sie wählen?», fragt die Schweizer Journalistin Madeleine Brumagne 1965 in Genf, in einem der wenigen filmischen Zeugnisse über Parra. Die Künstlerin scheint erstaunt: «Ich würde wählen, bei den einfachen Menschen zu bleiben. Denn sie sind der Grund, warum ich all diese Dinge tue.»
Boleros für ein Stück Brot
Geboren wird Violeta Parra 1917, als eines von elf Geschwistern. Sie wächst im rauen Süden Chiles auf. Dort wo die Häuser zugig sind, die Strassen staubig und die Armut gross.
Halt gab die Musik: Der Vater ein Dorfschullehrer, musiziert auf Volksfesten, die Mutter sang bei ihrer Arbeit als Näherin – und die kleine Violeta, kaum kräftig genug, um die Gitarre zu halten, beginnt die Folklore-Lieder nachzuspielen. Als der schwerkranke Vater stirbt, unterstützt die Zehnjährige so die Familie.
Boleros für ein Stück Brot, Polkas und Schlager für ein bisschen Geld – auch die jugendliche Violeta singt. In den Vorstädten und Arbeiterviertel der Hauptstadt Santiago feiert sie im Duo mit ihrer Schwester Hilda erste Erfolge.
Folklore als Mittel, die Gesellschaft zu verändern
Nicht Folklore, kitschige Unterhaltungsmusik ist gefragt im Chile der 40er Jahre. Für Violeta ein Widerspruch zu jener Welt, die sie während ihrer Auftritte entdeckt und die sie aufrüttelt: Die Armut der Vorstädte, die Ausbeutung der Bergleute in den Kupfer- und Eisenerzminen des Landes, meist kontrolliert durch US-amerikanische Besitzerfirmen, die Ausgrenzung der Indigenen und der Landbevölkerung im Gegensatz zum Reichtum der Grossgrundbesitzer und bürgerlichen Eliten.
Mit 21 Jahren heiratet sie den Eisenbahner Luis Cereda, mit dem sie zwei Kinder bekommt: Angel und Isabel. Gleichzeitig engagiert sich Violeta an der Seite ihres Mannes in der Kommunistischen Partei – und trifft dort auf andere Vertreter der künstlerischen Avantgarde ihres Landes: «Aus dieser Fusion zwischen Politik, Volksmusik und Intellekt entstand später die Nueva Canción», erklärt Musikwissenschaftler Juan Pablo González, «Folklore wurde als Mittel der Bildung entdeckt, die Gesellschaft zu verändern.»
Sängerin des Widerstandes
Doch so fortschrittlich die politischen Ideen in jener Zeit, so patriarchal blieb die Vorstellung über die Geschlechterrollen. Daran zerbrach Violetas erste Ehe – und später auch ihre zweite. Die alleinerziehende Mutter folgt weiter ihrem künstlerischen Weg. «Die Schöpfung ist ein Vogel ohne Flugplan, der niemals eine gerade Linie fliegt», erklärte die Künstlerin in einem Interview.
Mit Gitarre und Aufnahmegerät zieht sie durch abgelegene Dörfer und Städte ihres Landes. Als eine der ersten Musikanthropologen Lateinamerikas sammelt und archiviert sie, was bereits vom Aussterben bedroht ist: Streik- und Liebeslieder, religiöse und Protestgesänge, die authentische Folklore Chiles. Im Laufe der Jahre sammelte sie über 3000 Lieder, die sie in einem eigenen Radioprogramm vorstellt.
Und die Menschen entdecken sie als jene Stimme, in der sie sich selbst und die Geschichte ihres Landes wiederfinden: das stetige Auf und Ab zwischen Hoffnung auf einen sozialen Wandel und dessen Scheitern am Widerstand eingesessener Eliten.
Rastlose Arbeit
Mit ihrer einfachen, poetischen und gleichzeitig kritischen Musik begeistert Violeta schliesslich auch die Bohème in Europa, vor allem in der Schweiz und Paris. 1957 ereilt sie dort die Nachricht, dass das jüngste ihrer inzwischen vier Kinder, mit kaum drei Jahren, in Chile verstorben ist. Die Künstlerin kehrt zurück in ihrer Heimat – und stürzt sich umso rastloser in Arbeit.
Eine Befreiung vom Schmerz? «Bei allem, was sie tat, ging sie bis zum Äussersten», so Musikwissenschaftler Juan Pablo González. Eine Radikalität, die ihren Kompositionen Tiefe gab, aber auch jene Kraft «Schmerz und Wut in eine Kunst zu verwandeln, die das Gegenüber aufforderte, Verantwortung für sein Schicksal zu übernehmen.»
Vergänglich wie eine Sekunde zu sein
Am 4. Oktober 1960, ihrem 43. Geburtstag, lernt Violeta Parra den um viele Jahre jüngeren Schweizer Musiker und Anthropologen Gilbert Favre kennen – und leidenschaftlich lieben. Auch ihre Karriere erlebt einen neuen Höhepunkt – als erste lateinamerikanische Künstlerin kann sie zu Lebzeiten ihre Werke im Pariser Louvre ausstellen.
Voller Tatendrang kehrt Violeta erneut nach Chile zurück, um dort ihren Traum zu verwirklichen: In einem gigantischen Zirkuszelt, ihrer «Carpa de la Reina», richtete sie eine Universität der Folklore ein. Bekannte Musiker der Nueva Canción wie Victor Jarra oder Héctor Pavez treten dort auf – doch bald lässt der Erfolg nach.
Der Tod und der Dank an das Leben
Sie ist verschuldet, auch ihr Geliebter Gilbert verlässt sie – Violeta bleibt allein. Es gab kein Feedback mehr, nicht von aussen, nicht von ihr selbst. Stillstand, Leere. Am 5. Februar 1967 nimmt sich die Künstlerin das Leben, wenige Wochen vor ihrem 50. Geburtstag, den Kopf an ihre Gitarre gelehnt.
Kurz zuvor hat sie ihr wohl bewegendstes und berühmtestes Lied geschrieben: «Gracias a la Vida» – Dank an das Leben. Mercedes Sosa sang es später, Joan Baez oder Chavela Vargas. Ihr Sohn Angel sang es während seiner Gefangenschaft unter der Pinochet-Diktatur, ihre Tochter Isabel im Exil. Und noch heute stimmen es die Studenten an, die auf den Strassen Chiles gegen die Bildungsmisere ihres Landes protestieren.