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und es ist nun dessen Verlauf in den einzelnen Gebieten zu betrachten. Es sind da drei Hauptgruppen zu unterscheiden: die deutsche, die normannische und die südländische. Der romanische Stil als Ausdruck germanischen Geistes mußte natürlich dort am meisten sich entfalten, wo auch das germanische Volkstum unvermischt bestand; in Deutschland gelangte er daher zu seiner schönsten Blüte. Von Deutschland in dieser Beziehung abhängig erscheinen auch der skandinavische Norden und die Grenzländer im Osten und Südosten (Polen, Böhmen, Ungarn). In Nordfrankreich waren allerdings die germanischen Franken unter der keltisch-römischen Bevölkerung entdeutscht worden, doch blieb ihre Art ausschlaggebend und im 10. Jahrhundert erhielt das germanische Wesen eine neue kräftige Stärkung durch die Normannen (seit 911), welche bald die politische und geistige Führung übernahmen. Da sie (1066) auch England eroberten, so gelangte auch hier - wo ohnehin die Angelsachsen das alte Keltentum überwältigt hatten - die normannische Eigenart zur Herrschaft, deren Grundzug ein ausgeprägt germanischer ist, wenn auch die Normannen französische Sprache und Sitten angenommen hatten. Zu der normannischen Gruppe müssen aber außer Frankreich und England auch noch Sicilien und Unteritalien gerechnet werden, wo ein eigentümlicher Mischstil entstand.
Die Südländer: Italien, Südfrankreich und Spanien - soweit es in dieser Zeit nicht unter arabischer Herrschaft stand - waren, wie erwähnt, schon im 9. Jahrhundert vollständig verwälscht und hier trat der germanische Zug im Volkstum am wenigsten hervor. In diesem Gebiete blieb daher die Antike von nachhaltigem Einfluß auf die Gestaltung des romanischen Stiles.
Der romanische Stil in Deutschland. Deutschland war unter den Kaisern aus dem sächsischen Hause im 9. Jahrhundert die führende politische Macht in Europa geworden und die deutschen Stämme hatten sich zu einem Volke zusammengeschlossen, das - wenigstens nach Außen hin - einheitlich auftrat. Unter den ersten fränkischen Kaisern wurde die
[* 1] ^[Abb.: Fig. 256. Die Markuskirche zu Venedig.] ¶
Reichsgewalt weiter gestärkt, die gewonnene innere Einheit und Festigkeit ging aber zu Ende des 11. Jahrhunderts in dem großen Kampfe mit der Kirche (unter Heinrich IV.) allmählich wieder verloren. Die alten Stammesunterschiede machten dabei immer noch sich geltend und wir finden auch auf dem Gebiete der Kunst eine je nach den Gegenden verschiedene Entwicklung, beziehungsweise selbständige Erscheinungen und Besonderheiten.
Sachsen. Sachsen stand zunächst an der Spitze und hier im Stammlande der Kaiser entfaltete sich eine reiche Bauthätigkeit; man hat denn auch den romanischen Stil bisweilen als «altsächsischen» bezeichnet. Für dieses Gebiet sind namentlich in der Frühzeit die flachgedeckten Pfeilerbasiliken bezeichnend.
In Süddeutschland, wo damals der schwäbische Stamm dem bairischen überlegen war, bevorzugte man dagegen die flachgedeckten Säulenbasiliken und einen abenteuerlichen, phantastischen Schmuck; im Allgemeinen blieb aber dieses Gebiet ohne maßgebenden Einfluß auf die Weiterentwicklung des Stils.
Die Rheinlande. Für diesen hatten die Rheinlande die größte Bedeutung. Hier wurde der Gewölbebau zuerst angewendet, ausgebildet und der romanische Stil zu seiner glänzendsten Vollendung gebracht. Während in Sachsen der Stil seine Ursprünglichkeit und Selbständigkeit reiner bewahrte, wurde am Rhein die Ausbildung durch die vorhandenen Reste aus der antiken Zeit und die karolingischen Werke nicht unwesentlich beeinflußt. Die sächsischen Bauten sind einfacher und ernster, die rheinischen malerischer und von großer Zierlichkeit in den Einzelheiten.
Westfalen. Im Gegensatz zu der am Rhein herrschenden heiteren Schönheit findet man in dem Nachbargebiete der Rheinlande, in Westfalen, wieder große Schlichtheit; als besondere Eigentümlichkeit erscheinen aber hier die sogenannten «Hallenkirchen», bei denen die Seitenschiffe die gleiche Höhe wie das Mittelschiff haben, so daß ein gemeinsames Dach alle überdeckt.
[* 2] ^[Abb.: Fig. 257. Inneres der Markuskirche zu Venedig.] ¶