Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/2227

| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

17. Buch
2. Über den Zeitpunkt, da sich Gottes Verheißung bezüglich des Landes Kanaan erfüllte, das auch dem irdisch gesinnten Teil des Volkes Israel zuteil ward.
Im vorigen Buch1 haben wir hervorgehoben, daß dem Abraham vom Beginn der göttlichen Verheißungen an zwei Dinge in Aussicht gestellt worden seien, zunächst, daß sein Same das Land Kanaan besitzen sollte [und dies ist angedeutet in den Worten2 : „Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde, und ich will dich zu einem großen Volke machen“], sodann etwas weit Vorzüglicheres, was nicht vom leiblichen, sondern vom geistigen Samen gilt, von Abrahams Vaterschaft nicht gegenüber dem einzelnen israelitischen Volke, sondern gegenüber allen Völkern, die den Spuren seines Glaubens folgen. Diese Verheißung lautete das erstemal3 : „Und gesegnet sollen sein in dir alle Stämme der Erde“; und in der Folge wurden diese beiden Dinge noch in gar vielen Zeugnissen verheißen, wie wir gezeigt haben. Nun befand sich der leibliche Same Abrahams, d. i. das Volk Israel, bereits im Lande der Verheißung und hatte dort auch schon seine Herrschaft begründet, nicht nur durch Einnahme und Behauptung der feindlichen Städte, sondern selbst auch durch Einrichtung eines Königtums, und zum großen Teil waren auch bezüglich des Volkes selbst die Verheißungen Gottes in Erfüllung gegangen, sowohl jene, die an die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob und überhaupt zu deren Zeit ergangen waren, als auch die, die Moses in seinen Tagen vermittelt hatte, als er das Volk durch die Wüste führte, der Befreier aus der ägyptischen Knechtschaft, durch den alles Vorangegangene geoffenbart worden ist. Indes war die Verheißung Gottes, sofern sie die Grenzen Kanaans von einem Flusse Ägyptens bis zum großen Flusse Euphrat bestimmt hatte4 , immer noch nicht erfüllt worden, weder durch den ausgezeichneten Heerführer Jesus Nave, der jenes Volk in das Land der Verheißung einführte und das Land nach Überwindung der dortigen Völkerschaften unter die zwölf Stämme nach der Anordnung Gottes verteilte und dann starb, noch auch nach ihm in der ganzen Zeit der Richter. Die Verheißung wurde auch nicht mehr erneuert, sondern man erwartete deren Erfüllung. Durch David endlich wurde sie erfüllt und durch seinen Sohn Salomon, dessen Herrschaft die Ausdehnung bis zu den verheißenen Grenzen gewann; sie unterwarfen alle dazwischen liegenden Völkerschaften und machten sie abgabepflichtig. So hatte sich also der Same Abrahams im Lande der Verheißung nach dem Fleische, d. i. im Lande Kanaan, unter diesen Königen völlig festgesetzt, und es blieb zur Erfüllung jener irdischen Verheißung Gottes nur übrig, daß das hebräische Volk in eben diesem Lande, was zeitliche Wohlfahrt anbelangt, auch in seinen nachfolgenden Geschlechtern in unerschütterter Beständigkeit bis zum Ende dieser vergänglichen Weltzeit verblieb, vorausgesetzt, daß es den Gesetzen des Herrn seines Gottes gehorchte. Allein da Gott wußte, daß es dies nicht tun werde, so bediente er sich auch zeitlicher Strafen und verhängte sie über das Volk, um seine wenigen Getreuen unter ihm zu üben und seinen künftigen Getreuen bei der Gesamtheit der Völker, an der er die zweite Verheißung nach Offenbarung des Neuen Bundes durch die Menschwerdung Christi erfüllen wollte, eine wohlangebrachte Warnung zukommen zu lassen.
1: Vgl. XVI 16.
2: Gen. 12, 1.
3: Ebd. 12, 3.
4: Ebd. 15, 18.