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Elternpaare mit egalitärer Rollenteilung: Die Langzeitperspektive und die Sicht der Kinder
Zusammenfassung der Resultate
1994 wurden 28 Deutschschweizer Elternpaare mit egalitärer Rollenteilung im Rahmen des NFP 35 über ihre Arbeitsteilung, ihre Elternschaft und ihr berufliches Engagement befragt. In der 2004 im NFP 52 durchgeführten Folgestudie wurde nun untersucht, wie sich die Rollenteilung zwischenzeitlich bewährt und gegebenenfalls verändert hat. Ergänzend wurde die Sicht der herangewachsenen Kinder hinsichtlich des egalitären Rollenmodells und der Beziehung zu ihren Eltern ermittelt. Die Befragung einer analogen Anzahl Kinder (Kontrollgruppe) aus Familien mit traditioneller Rollenteilung ermöglichte es, Sozialisationserfahrungen in zwei unterschiedlichen Haushaltstypen zu vergleichen.
Ergebnisse der Elternstudie:
25 der im 1994 erstmals befragten 28 Elternpaare üben die egalitäre Rollen-teilung nach wie vor aus. Drei Paare haben sich zwischenzeitlich getrennt, ein weiteres Paar bereitete zum Zeitpunkt der Befragung seine Trennung vor. Die meisten Paare wohnen noch am selben Ort, viele sogar im selben Haus bzw. in derselben Wohnung. Die bereits bei der Erstbefragung festgestellten Unterschiede zwischen den paarspezifischen Situationen haben sich seit der Erstbefragung verstärkt. Die paarspezifischen Entwicklungen erscheinen in vielen Fällen als eine Kette von wechselseitig gut aufeinander abgestimmten Veränderungen. Es gibt auffällig viele parallel verlaufende Entwicklungen, wodurch die Balance zwischen den Partnern in der Regel gewahrt blieb. Entwicklungsverläufe, die einen Partner einseitig begünstigen, erweisen sich als konfliktträchtig. Veränderungen des egalitären Rollenmodells werden vor allem bezugnehmend auf Sozialisation und Familienzyklus begründet. Die durch das Heranwachsen der Kinder sinkende Beanspruchung der Eltern eröffnet diese neue Freiräume, welche mehrheitlich zur Aufstockung der Erwerbsarbeitspensen genutzt werden. Weitere Gründe zur Veränderung der Rollenteilung liegen im Bereich der individuellen Erwerbsorientierung, der Arbeitssituationen oder krankheitsbedingter Erschwernisse.
Die Beurteilungen des Rollenmodells bestätigen im wesentlichen die schon 1994 genannten Vor- und Nachteile. Zusätzlich betonen sie die Wandelbarkeit und Entwicklungsfähigkeit des Modells im Zeitverlauf. Die Gesamtbilanz zeigt, dass das Modell die Erwartungen der befragten Eltern weitgehend erfüllt hat. Die grosse Mehrheit ist mit der bisher praktizierten Rollenteilung zufrieden und will sie auch in Zukunft beibehalten. Kritik bezieht sich auf ausgewählte Belastungsmomente, nicht auf das Arrangement an sich. Kein einziges Paar erklärte, es bereue die Wahl des egalitären Rollenmodells und würde dieses - retrospektiv gesehen - nicht mehr wählen. Auch geschiedene Personen und ein in Trennung befindliches Paar beurteilen das Modell mehrheitlich positiv. Das Scheitern der Beziehung wird nicht kausal mit dem praktizierten Rollenmodell verknüpft;sondern primär auf persönliche Probleme und/oder Ueberlastung im Erwerbsbereich zurückgeführt. Getrennt lebende Paare bemühen sich mehrheitlich darum, das Prinzip der geteilten Elternschaft weiterzuführen. Bemerkenswert ist auch, dass das egalitäre Rollenmodell bei Angehörigen, im sozialen Umfeld und am Arbeitsplatz zwischenzeitlich an Akzeptanz gewonnen hat.
Ergebnisse der Kinderstudie: Die beiden unterschiedlichen Rollenmodelle spiegeln sich deutlich in den Aussagen der Kinder. Die meisten Kinder aus egalitären Haushalten schätzen das elterliche Rollenmodell sehr, vermittelt es doch Abwechslung in der elterlichen Betreuung und dadurch Abwechslung in ihrer Lebens- und Beziehungswelt. Die Kinder aus egalitären Familien schützen den gemeinsamen Alltag mit dem Vater. Sie können sich gut vorstellen, welche Einseitigkeiten das traditionelle Modell mit sich bringen würde. Ihrer Einschätzung nach würde das traditionelle Modell alle Familienmitglieder einer bis dahin egalitären Familie tendenziell unglücklich machen. Kinder in traditionellen Familien scheinen sich mit dem Modell der Eltern eher "arrangiert zu haben", als ihm freudig zustimmen. Ein egalitäres Modell gäbe ihnen nach eigener Einschätzung vor allem die Möglichkeit, die Vater-Kind-Beziehung zu verbessern. Die Kinder aus traditionellen Haushalten vermissen ihre Väter im Alltag und wünschen sich "weniger Mutter".
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass Eltern-Kind-Beziehungen unterschiedlich ausgeprägt sind, abhängig davon, wie viel Alltag die Kinder mit Vater und/oder Mutter teilen. Die Vater-Kind-Beziehung ist in den egalitären Familien ausgeprägter als in den traditionellen. Der Vater ist in den egalitären Familien für seine Kinder ein verständnisvoller Gesprächspartner. Neben allen Diskussionen um die Qualität von miteinander verbrachter Zeit ist dieser Umstand nicht zuletzt der Quantität der "Väterzeit" zuzuschreiben. In den traditionellen Familien ist die Beziehung zur Mutter viel enger geknüpft als die zum Vater. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass sich die Art und Weise der Eltern-Kind Beziehung je nach Haushaltform unterscheidet. Durch die gleichzeitige Beteiligung von Mutter und Vater am Berufs- und Familienalltag nehmen die egalitären Kinder ihre Eltern weniger stark in einer einzigen Rolle wahr. Ihre Persönlichkeit ist für die Kinder vielfältiger und facettenreicher. Die egalitären Eltern sind in ihrer Bedeutung für die Kinder weniger festgelegt. Vor allem für die Mädchen und Frauen aus egalitären Familien scheint das partnerschaftliche Modell gewinnbringend zu sein. Sie sind in ihrem Denken und Handeln am wenigsten geschlechts- und rollentypisch geprägt und scheinen sehr von der engen Beziehung zum Vater zu profitieren. Bei den Jungen und Männern aus egalitären Familien kommt dies weniger stark zum Vorschein. In den traditionellen Familien sind vor allem die Jungen und Männer stark geschlechts- und rollentypisch geprägt. Die Mächen und Frauen aus traditionellen Familien andererseits sind dem egalitären Rollenmodell gegenüber ambivalent eingestellt. Einerseits möchten auch sie Beruf und Familie später verbinden, andererseits sind sie in ihrer traditionell geprägten Vorstellungswelt gefangen. Auf geschlechtsspezifisches Verhalten in der Freizeit sowie auf die Beteiligung der Kinder an der Hausarbeit scheint die Haushaltform keinen wesentlichen Einfluss zu haben.
Weitere Informationen zum Projekt
1994 wurden Elternpaare, welche sich die Verantwortung für Familie und Beruf teilen, über ihre Lebensform befragt.
Nun werden sie erneut interviewt und die Entwicklung ihres Rollenmodells im Zeitverlauf untersucht. Ergänzend werden die Kinder befragt. Deren Sichtweise wird mit jener von Kindern aus traditionellen Haushalten verglichen.
Hintergrund
Umfragen unter jungen Menschen in der Schweiz haben gezeigt, dass sich viele für ihre Zukunft eine partnerschaftlich organisierte Familie wünschen. Das egalitär-familienbezogene Rollenteilungsmodell hat in den letzten Jahren – statistisch gesehen – zwar einen erheblichen Zuwachs erfahren (Bühler 2001). Trotzdem ist es in der Schweiz nach wie vor sehr schwach verbreitet. Es besteht deshalb ein Interesse daran, mehr über diese Haushaltform zu erfahren.
Ziele
Die Hauptzielsetzung des Projektes ist es zu ermitteln, wie sich die Rollenteilung der 1994 befragten Paare seit der Erstbefragung bewährt und allenfalls geändert hat. Ergänzend fokussiert das Projekt auf die Erfahrungen der Kinder in den betreffenden Familien. Es stellt fest, ob die elterlichen Annahmen über die sozialisatorischen Vorteile des egalitären Rollenmodells aus Sicht der Kinder bestätigt werden. Zudem werden eine analoge Anzahl gleichaltriger Kinder mit vergleichbarem sozioökonomischen Hintergrund über ihre Sicht der elterlichen Rollenteilung und das Verhältnis zu ihren Eltern befragt. Diese Kinder sollen aus Familien mit traditioneller Rollenteilung stammen. Die Forschungsergebnisse sollen jungen Eltern und den die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit fördernden Beratungsstellen zugänglich gemacht werden.
Methoden/Vorgehen
Die Elternbefragung findet mit denselben Paaren statt, die sich schon 1994 an der Befragung beteiligt hatten. Diese werden gemeinsam anhand eines Gesprächsleitfadens befragt. Zur Erfassung der Arbeitsteilung in der Familie kommt ergänzend ein Zeitbudgetraster zum Einsatz. Für die Kinderbefragung wird ein speziell entwickeltes Befragungsinstrument verwendet. Dieses kombiniert einen Gesprächsleit-faden mit projektiven Techniken zum Erfassen der kindlichen Rollenvorstellungen.
Bedeutung
Das Projekt stellt einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über «neue Elternschaft» bzw. über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter dar. Mit dem hier vorgeschlagenen Projekt wird das Phänomen der egalitär-familienbezogenen Rollenteilung erstmals in einer Langzeitperspektive analysiert. Es ist zudem das erste Vorhaben, welches es ermöglicht, die Sicht der Kinder aus solchen Haushalten auf breiterer Basis kennen zu lernen und mit jener anderer Kinder zu vergleichen.
Projektdauer: 01.08.03–31.10.05
Bewilligtes Projekt: CHF 287 122
Proposal no.: 405240-68902
Anschrift des Hauptgesuchstellers:
Dr. Margret Bürgisser
Institut für Sozialforschung, Analyse und Beratung
Postfach 812
5620 Bremgarten
Tel. 056 631 25 50
E-Mail <email-pii>
Publikationen
Bürgisser Margret, Baumgarten Diana: Elternpaare mit egalitärer Rollenteilung. Die Lanzeitperspektive und die Sicht der Kinder. FAMPra.ch 2/2006, S. 318-335.
Bürgisser Margret: Balancierte Modelle. Egalitäre Rollenteilung bewährt sich. Männer-Zeitung 1/2008, S. 10-11.
Bürgisser Margret: Rollenteilung und Berufstätigkeit - ein anspruchsvoller Balanceakt. In: Kaufmännischer Verband Zürich: Einblick in den Berufsalltag von Frauen; Ausblick auf die Gleichberechtigung. Zürich 2008, S. 33-45.
Bürgisser Margret: Väter in egalitärer Partnerschaft: Voraussetzungen, Chancen, Schwierigkeiten und Wirkun-gen. In: Walter Heinz (Hrsg.): Vater, wer bist du? Auf der Suche nach dem "hinreichend guten" Vater. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 98-123.
Margret Bürgisser, Egalitäre Rollenteilung – Erfahrungen und Entwicklungen im Zeitverlauf, ca. 240 Seiten, broschiert, ISBN-10: 3-7253-0856-X, ISBN-13:978-3-7253-0856-9, Verlag Rüegger Zürich
Margret Bürgisser, Diana Baumgarten, Kinder in unterschiedlichen Familienformen – Wie lebt es sich im egalitären, wie im traditionellen Modell?, ca. 160 Seiten, broschiert, ISBN-10: 3-7253-0855-1, ISBN-13: 978-3-7253-0855-2, Verlag Rüegger Zürich
Buchveröffentlichungen zum Projekt:
Kinder in unterschiedlichen Familienformen
Egalitäre Rollenteilung
Informationen zu beiden Büchern
Dokumente:

||Bürgisser_poster.pdf

Bürgisser_poster.pdf (2184KB)
|12.01.2005

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||Summary 25.11.2005

summary_d_051114.pdf (32KB)
|24.11.2005

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||Medienmitteilung vom 24.11.2005

NFP52_Rollenteilung.pdf (121KB)
|25.11.2005

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