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Unlängst war der Presse zu entnehmen, dass gemäss einer Studie in den Industrieländern rund ein Drittel der Nahrungsmittel verschwendet oder weggeworfen wird. Dieser Umgang mit Lebensmitteln ist dekadenter Auswuchs einer Überflussgesellschaft, welche die Erfüllung aller Bedürfnisse als Selbstverständlichkeit hinnimmt und jede Wertschätzung dafür verloren hat. Rechenschaft über den Verbrauch abzulegen und verantwortungsbewusst mit den beschränkten Mitteln umzugehen, scheint nicht mehr zu interessieren, eine Haltung, die in der Wegwerfgesellschaft ihren Ausdruck gefunden hat. Die Bitte "unser tägliches Brot gib uns heute" wird wohl von vielen nicht mehr in ihrer Bedeutung erfasst. Es wäre wünschenswert, wenn der Umgang mit den Mitteln allgemein und den Lebensmitteln im Besonderen wieder mehr von Verantwortung, Bewusstsein um den Wert und auch Dankbarkeit geprägt würden. Dass die Erfüllung der Vitalbedürfnisse keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt ein Blick in die Welt und in die Vergangenheit. Auch in unseren Breitengraden gab es Zeiten der Not, des Mangels und des grossen Hungers. Besonders einschneidend war diesbezüglich die Ernährungskrise von 1816/1817.
Das Jahr 1816 ging in weiten Teilen Europas als das "Jahr ohne Sommer", das Folgejahr 1817 als das Jahr der Grossen Teuerung in die Annalen ein. Der Ausbruch des Vulkans Tambora auf der im malaiischen Archipel gelegenen Insel Sumbawa im Jahre 1815 richtete nicht nur in der Umgebung selbst verheerende Schäden an, sondern hatte eine dramatische Verschlechterung des weltweiten Klimas zur Folge, was zu katastrophalen Missernten im Jahre 1816 führte. In weiten Teilen Europas und auch in der Schweiz schneite es im Sommer bis weit hinunter in die Täler, es war nass und kalt, das Getreide reifte nicht und war aufgrund der Feuchtigkeit häufig von Mutterkorn (Claviceps purpurea) und anderen Pilzen befallen, Gemüse, Früchte, Trauben wuchsen schlecht oder verfaulten, die Kartoffeln mussten im Herbst aus dem Schnee gegraben werden. Eine grosse Hungersnot in weiten Teilen der Schweiz, insbesondere in der Ostschweiz war die Folge. Die Verknappung der Lebensmittel zog eine hohe Teuerung der Lebensmittelpreise nach sich, welche insbesondere die ärmeren Bevölkerungsschichten hart traf. Nach den napoleonischen Kriegen mit Truppendurchzügen, Plünderungen, Requisitionen, etc., welche die Bevölkerung stark getroffen hatten, folgte eine Hungerkrise. Während im Ancien Régime die Obrigkeiten in den Kornhäusern straff verwaltete Reserven bewirtschaftet hatten, fehlte es nach den revolutionären und Kriegswirren vielerorts an Vorratshaltungen. Die Hungerkrise wurde dadurch verschärft, dass jeder Kanton vorab für sich schaute, die Transportwege schlecht und die kornreichen Nachbarregionen im Burgund, dem Elsass und in Schwaben ebenfalls von der Missernte betroffen waren. Die Erntekrise wuchs sich zu einer schlimmen Hungersnot aus. Eine grosse Teuerung der Lebensmittel war die Folge, die insbesondere die ärmere Bevölkerung betraf.
In der Jahresschrift 2005/2006 der Historischen Vereinigung Wynental sind die Auswirkungen des "Jahrs ohne Sommer" auf die Region anhand der Eintragungen des Gontenschwilers Jakob Haller in der Piscatorbibel dargestellt worden (Die Bibel als Hauschronik). Es werden die Wetterverhältnisse im Jahr 1816 und die Preissteigerungen aufgrund der schlechten Ernte im Folgejahr aufgeführt. In einem Wynentaler Haushalt findet sich ein weiteres Erinnerungsstück aus dem Hunger- und Teuerungsjahr 1817, das, auch wenn es aus dem Kanton Zürich stammt, vorgestellt werden soll.
|Beschreibung

Quadratischer Holzrahmen 140x 140 mm, ausgesägter und gekehlter Innenkreis mit 120 mm bzw. 77 mm Durchmesser, darin eingesetzt ist ein ziselierter Messingreifen vom 5mm Breite. In den Messingring ist ein gewölbter Glaseinsatz eingelegt, welcher die Zinnmedaille birgt. Der Holzrahmen ist schwarz bemalt, ein alter Bruch ist geleimt. Auf der Rückseite finden sich alte Reste von rotem Siegellack. Die auf starkes Papier montierte Zinnplakette wird mittels 25 umbiegbaren Messingzähnchen hinter einem weiteren Karton im Glaseinsatz fixiert.

||Die Zinnplakette selbst weist einen Durchmesser von 76 mm und eine Dicke von ca. 1.5 mm auf. Die auf einer Papierunterlage befestigte Medaille zeigt eine Stadtansicht von Zürich vom Seebecken her mit Grossmünster, Fraumünster, St. Peter, Wellenberg (abgebrochen 1837) sowie Grendeltor (abgetragen 1836). Über der Stadt ein fliegender Engel, einen Garbenbund haltend.

Die Medaille trägt in der Rundung folgenden Text:
"ANDENKEN. VON DER GROSSEN THEURUNG. IM IAHR 1817".
Unter dem Engel ist geschrieben:
"SIHE DAS NOCH EIN GOTT IST"
Auf der Rückseite finden sich unter einem Stück starken Papiers/Kartons 10 rote Blättchen mit Zackenrand mit aufgedrückten Preisen für Nahrungsmittel:
Die einzelnen Blättchen tragen folgende Texte:
Höchste Preise von Zürich, im Monat Juny
Ein Mütt Kernen 43 fl. 30 fs.
Ein Mütt Gersten, 23 fl. 20 fs.
Ein Mütt Bohnen 27 fl. 27 fs.
Ein Mütt Erbsen 28 fl. 15 fs.
Ein Vrtl Erdäpfel 3 fl. 20 fs.
Ein doppeltes Brot; 1 fl. 11 fs.
Ein Viertel Hafer 3 fl. 10 fs.
Ein Pfund Reis, 14 fs.
Ein Maas Blut, 3 fs.
Die Blättchen sind mehrheitlich an der Rückseite der Medaille angeklebt und ergeben ausgeklappt einen Blätterkranz; zwei Blättchen sind lose. Ursprünglich waren es 16 Blättchen mit folgenden Preisen
Die Plakette wurde im Juli 1817 in Zürich hergestellt.
Einordnung:
Die Zinnplakette erinnert bezüglich Gestaltung der Stadtansicht und stilistisch an die Talerprägungen des 18. Jahrhunderts, welche die Stadt vom Seebecken her abbilden. Das Stadtbild ist zeitgerecht wiedergegeben: das Grossmünster trägt die in den Jahren 1781 bis 1787 entstandenen charakteristischen Turmabschlüsse, Grendeltor und Wellenberg, welche zwanzig Jahre später abgebrochen wurden, sind gut erkennbar.
Der Text auf der Plakette weist eine auch für die damalige Zeit eigentümliche Schreibweise auf (SIHE, DAS…). Auffällig ist, dass in den Texten sämtliche N und S seitenverkehrt sind. Dass einem Stempelschneider, der natürlich den Stempel spiegelverkehrt schneiden muss, damit die Prägung richtig kommt, ein solcher Fehler unterlaufen sollte, ist fast nicht vorstellbar. Die Seitenverkehrung ist letztlich unerklärlich. Die Schriftzüge auf der Plakette kommen überhaupt unbedarft und naiv daher und passen an sich nicht zu der eleganten, detaillierten Stadtvedoute, der plastischen Gestaltung des Engels mit der Garbe und der restlichen aufwendigen Gestaltung des Objektes.
Das gesamte Erinnerungstäfelchen macht mit dem gewölbten Glas, dem Messingreif, der aufwendig gestalteten Plakette einen gediegenen Eindruck. Seine Anschaffung vor 200 Jahren wird nicht billig gewesen sein. Es war den damaligen Menschen offenbar wichtig, die grosse "Theurung" in Erinnerung zu halten.