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Thomas Loosli
In die Ferien nach Taranto fahren? Abwegig! Wirklich? Taranto ist heute, wenn überhaupt als Industrie- oder Hafenstadt bekannt, aber hinter der hässlichen Fratze verbirgt sich eine Stadt in vollendeter Schönheit.
Petrochemie, Ölraffinerien und Stahlindustrie. Fabriken sind als erstes zu sehen, wenn man mit dem Zug in die Stadt fährt. Die Stahlindustrie ist seit den 80er-Jahren in der Krise, die Industriewerke dümpeln als vermeintliche Ruinen vor sich hin, sorgen aber noch heute für 15 000 Arbeitsplätze. Taranto hat 200 000 Einwohner, ist damit nach Bari zweitgrösste Stadt Apuliens und hat eine 4000jährige Stadtgeschichte. Taranto war in der Antike die einzige Kolonie Spartas, dem mächtigen Rivalen Athens. Ab dem 8. Jahrhundert vor Christus ist der Einzug der Spartaner belegt und es folgte der Aufstieg von Taras (das antike Taranto) zu einem der wichtigsten Zentren der sogenannten Magna Graecia.
In Apulien ist das griechische Erbe noch heute präsent. Nicht nur hatten die alten Griechen in Italien Städte gegründet, viel mehr war diese Region im Mittelalter bis ins 11./12. Jahrhundert hinein Teil des Byzantinischen Reichs, also ein Teil des Oströmischen Reichs mit der Hauptstadt Konstantinopel.
Nach den Byzantinern eroberten Normannen und Araber Tarent. Unvergessen bleibt die darauf folgende Regentschaft Kaiser Friedrich II., dem Stauferkönig, auch Gelehrtenkönig genannt, der vor allem in Sizilien lebte und die herausragende Persönlichkeit des 13. Jahrhunderts war. Ab dem 15. Jahrhundert gehörte Taranto der Regentschaft des aragonesischen «Regno di Napoli» an und wurde von Neapel aus regiert. 1860 schloss sich Taranto dem neugegründeten italienischen Staat an. Die erhoffte Verbesserung der Lebensumstände von fast allen Gesellschaftsschichten blieb aus. Zwar versuchte die italienische Regierung in den 1950er-Jahren in Taranto mit dem Aufbau der Stahlindustrie den Turnaround zu schaffen, aber auch dieser Versuch ist letztlich gescheitert. Heute weist Taranto aufgrund der Fabrikemissionen die höchste Krebsrate im Land aus, Atemwegerkrankungen bei Kindern sind extrem zahlreich. Die Altstadt ist in einem maroden Zustand. Touristen sieht man immer noch relativ wenige in Tarent. Gleichzeitig wird das nahe Salento vom Tourismus überschwemmt und Städte wie Lecce platzen im Hochsommer aus allen Nähten.
Hauslage himmlisch, Zustand höllisch
Die himmlische Lage von Taranto, das zwischen zwei Meeren liegt, dem eigentlichen Meer und dem Mar piccolo, würde die apulische Stadt eigentlich als Reiseziel prädestinieren. Taranto ist eine vergessene Perle. Die Stadt am Ionischen Meer hat mich auf den ersten Blick sofort an Neapel erinnert. Aber nicht an das Neapel von heute, sondern an Neapel, wie es vor 20 Jahren war. Die Altstadt Tarantos ist sprichwörtlich am Verfallen, die meisten Häuser sind unbewohnbar, viele Fenster zubetoniert, einige Stützpfeiler scheinen die fast einstürzenden Häuser befestigen zu wollen. Die Stimmung in den engen Gassen empfand ich als beklemmend. Die Menschen sind arm, viele sehen verlebt und ungesund aus, wirken auf den ersten Blick nicht allzu freundlich. Die Altstadtbewohner scheinen in einer merkwürdig verschworenen Gemeinschaft zu verharren, in welcher jeder jeden kennt. Eindrücklich ist etwa die kleine «Biblioteca popolare», wo gebrauchte Bücher von Marx, Lenin und viele weitere sozialistische Werke in den Regalen stehen, aber auch neue Bücher von linken Autoren.
«Wir sind in Taranto, hier kauft man keine Busbillette»
Einige AltstadtbewohnerInnen bieten an den Rändern der Altstadt Souvenirs an. Allerdings scheinen die meisten Verkäufer kein Interesse an Einnahmen zu haben. Als ich an einem normalen Wochentag um 11 Uhr morgens an einem Laden vorbeilaufe, der einigen Kram anbietet, zieht der Verkäufer auf einem Stühlchen vor dem Laden sitzend an einem gut riechenden Joint. Die Touristen beachtet er kaum. Taranto hat einen speziellen Vibe, der süditalienisch geprägt ist, vielleicht wirklich etwas Griechisch. Die Menschen gehen alles langsam an. Beinahe verstörend schon ist die Tarantiner Nonchalance. Als ich in einem Café nach einem Tabakladen frage, um ein Ticket für den Bus zu kaufen, erklärt mir der Barista: «Ma siamo a Taranto, qui non si fa il biglietto!», um dann gleich einzuwenden, dass er nicht ein schlechtes Beispiel sein wolle und mir anständig erklärte, wo die Tickets zu kaufen seien. Ich kaufte anschliessend keines und benutzte den Bus gratis. Wie alle.
Ein unermessliches Potenzial
Taranto hat viel zu bieten. Es hat ein Archäologisches Museum, das zu den bedeutendsten Europas zählt, es gibt gratis Führungen durch das wunderbar gelegene Kastell, und nicht zu vergessen sind die beiden monumentalen dorischen Säulen, ein Überrest des ältesten Tempels der Magna Graecia. Die zwei Säulen sind beinahe unversehrt und stehen seit 2600 Jahren an dieser Stelle! Taranto ist beinahe unentdeckt, was wohltuend wirkt, denn ein paar Tage zuvor besuchte ich Matera, die diesjährige Kulturhauptstadt Europas in der Region Basilicata. Matera rast in enormer Geschwindigkeit von einer nahezu unbekannten Stadt dem kulturellen Ausverkauf entgegen, überall sind Touristen, die Preise steigen, der Charme dieser einzigartigen Stadt geht zusehends verloren.
Es bleibt zu hoffen, dass die touristische Entwicklung der Stadt Taranto nicht blindlings vorangetrieben wird. Aber was auch passiert, diese Stadt hat in ihrer wechselhaften 4000jährigen Geschichte schon viel durchlebt, Höhen und Tiefen. Sie erhob sich immer wieder und wird sich in irgendeiner Weise neu erfinden.