Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03657.jsonl.gz/2213

Werbung
Das Leben der jungen Astrid Ericsson, die behütet in einem schwedischen Dorf aufwächst, ändert sich drastisch, als sie mit 18 Jahren bei der lokalen Zeitung zu arbeiten beginnt. Sie verliebt sich in den verheirateten Chefredaktor Reinhold Blomberg, beginnt mit ihm eine Affäre und wird schwanger. Astrid verlässt ihre Heimat und reist nach Kopenhagen, um dort in einer Klinik, die anonyme Geburten zulässt, ihren Sohn Lasse auf die Welt zu bringen. Da der Vater des Bub noch immer verheiratet ist und Astrid arbeiten muss, wächst Lasse zuerst bei einer Pflegefamilie in Dänemark auf. Erst als Lasse ein Kleinkind ist, holt sie ihn zu sich zurück. Von da an müssen sich Mutter und Sohn neu kennenlernen. Der Film «Astrid» zeichnet das Leben einer jungen Frau und Mutter nach – noch bevor sie heiratete und zu Astrid Lindgren wurde. Unter diesem Namen kennen wir sie bis heute: Lindgren, die berühmte Kinderbuchautorin, die mit ihren Werken wie «Pippi Langstrumpf», «Ronja Räubertochter» oder «Wir Kinder aus Bullerbü» Millionen Leserinnen und Leser fand.
annabelle.ch: Pernille Fischer, im Bücherregal meines Kinderzimmers stehen einige von Astrid Lindgrens Büchern, über Ihre Lebensgeschichte wusste ich aber eigentlich nichts. Ging Ihnen das vor diesem Film ähnlich?
Pernille Fischer Christensen: Auch ich bin mit ihren Büchern aufgewachsen und hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, wer Astrid Lindgren wirklich ist. Bis ich in einer dänischen Zeitung dieses wunderschöne Bild einer jungen Frau sah, die einen kleinen Bub an der Hand hält. Darunter stand: «Astrid and little Lasse on the alley of hope». Die Gasse der Hoffnung ist eine Gasse in Kopenhagen. Ich fragte mich: Was hatte sie in Kopenhagen gemacht? Der Artikel rezensierte ein dickes Buch mit Fotografien von Astrid Lindgrens Leben. Ich kaufte es als Geschenk für meine Mutter, die ein grosser Fan ihrer Geschichten ist. Da sah ich all die Fotografien von Lasse, der zurück nach Schweden – zurück nachhause – kam.
Dann begannen Sie mit der Recherche zu Astrid Lindgrens Leben?
Ja, gut sechs Jahre vergingen bis zum fertigen Film. Wir erzählen die Geschichte aber nicht nur, weil es die von Astrid ist. Es ist auch ein Zeitzeugnis, ein Teil der Frauengeschichte. Ich denke, wir sehen nicht viele Geschichten, die sich wirklich um das Leben von Frauen drehen. Das liegt daran, dass nur bei vier Prozent der Filme, die auf der ganzen Welt produziert werden, Frauen Regie führen. Und manchmal braucht es einfach eine Frau, die eine Geschichte erzählt.
Inwiefern?
Weil auch ich Kinder geboren habe. Weil ich weiss, wie es ist, eine Mutter zu sein, und ich kann mir vorstellen, wie furchtbar es ist, sein Kind weggeben zu müssen. Ich weiss, wie es ist, wenn die Hormone durch den ganzen Körper schiessen, und wie es ist, entzündete Brüste zu ertragen. Ich glaube nicht, dass ein Mann sich das so vorstellen und filmisch umsetzen könnte.
Sie zeigen im Film hauptsächlich die jungen Jahre Astrids, also die Zeit, bevor sie zu der berühmten Kinderbuchautorin wurde. Warum gerade dieser Fokus?
Astrid selbst sagte, wenn das mit Lasse nicht passiert wäre, dann wäre sie vielleicht eine Autorin geworden, aber niemals eine so gute. Sie hatte selbst erkannt, das diese Zeit in ihrem Leben eine sehr wichtige Rolle dabei spielte, wie sie Kinder sah. Das spiegelte sich auch in ihren Geschichten wider: Sie schrieb von Kindern, die von ihren Eltern getrennt sind. Pippi Langstrumpf hat beispielsweise keine Mutter mehr, und auch der Vater ist weg.
Astrids Frauenpower spiegelt sich auch in ihren Figuren.
Ich wäre nicht die Frau geworden, die ich bin, wenn es Pippi nicht gegeben hätte! Sie ist eine extrem wichtige Alternative zu den Cinderella-Figuren. Nicht, dass ich behaupte, sie wäre das weltbeste Vorbild, aber ohne Pippi, zu wem hätte ich da aufsehen können? Auch 60 Jahre nachdem das Buch erschienen ist, sehe ich noch viele Mädchen, die mit dem Bild kämpfen, wie eine Frau zu sein hat, wie sie sein muss, um schön oder clever zu wirken. In diesem Sinn ist Pippi immer noch sehr modern und wichtig: Sie verkörpert freies Denken.
Lindgrens Bücher und ihren grossern Erfolg als Kinderbuchautorin behandeln Sie im Film nur am Rand und zwar mit Briefen und Zeichnungen, die Astrid als ältere Frau zugeschickt bekommt.
Wir haben uns gefragt, wie wir im Film die Grösse ihrer Autorenschaft zeigen könne, und was diese überhaupt ausmacht. Sind es die Million Bücher, die sie verkauft hat? Oder ist es die tatsächliche Wirkung, die sie auf uns ausgeübt hat? Ich kann sagen: Astrid war die wichtigste Künstlerin in meinem Leben. Weil sie meine erste Begegnung mit Kunst war, die erste, bei der ich über die wichtigen Dinge gelesen habe, über Geschwister, Freundschaft, Liebe und Tod – ja, all die grossen Fragen.
Sind die Zitate, die im Film vorkommen, also authentisch?
Astrid erhielt tatsächlich viele Briefe und Geschenke von Kindern, die der Autorin ihre Dankbarkeit zeigen wollten. Die Briefe im Film hätten also authentisch sein können, sind es aber nicht.
Wo verschwimmen im Film die Grenzen zwischen Dokumentation und Ihrer eigenen Autorenschaft?
Es ist eine grosse Verantwortung, über das Leben eines Menschen zu sprechen, also war ich wirklich sehr erpicht darauf, dass alles tatsächlich so geschehen war. Alles, was in diesem Film passiert, basiert auf Fakten: Die Zeitabläufe stimmen, und alle Charaktere hat es wirklich gegeben – die Freundinnen, die Familie und auch die Mädchen, die sie in Stockholm trifft. Aber natürlich können wir nicht wissen, was sie zueinander gesagt haben, das ist die Freiheit, die man als Autorin hat. Man schaut aus einem bestimmten Blickwinkel, taucht nachträglich in ein Leben ein und erschafft daraus eine Geschichte. Das echte Leben ist kein Film, es sind einfach nur viele Dinge, die passieren – es ist Chaos.
Der Film «Astrid» startet am Donnerstag, 6. Dezember, in den Schweizer Kinos