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Philippe Vandenberg, einer der bedeutendsten Künstler Belgiens, eckte an, provozierte und irritierte. Stilistische Brüche, Überarbeitungs- und Zerstörungsprozesse bilden seine zentrale Strategie. Nun sind seine Werke aus dem Zeitraum von 1995 bis 2009 in ihrer Radikalität und Magie zu erleben.
Philippe Vandenberg (1952-2009) liess sich sein Blut entnehmen, um Leinwände zu bemalen. Als sein Arzt meinte, dass er damit nun ernsthaft seine Gesundheit gefährde, verwendete er Hasenblut. In dem grossformatigen Werk von 1996, das mit Blutstropfen übersät ist, sieht man in der rechten oberen Ecke einen roten, lächelnden Mund mit langen Zähnen. Ich weiss nicht, ob er mich zähnefletschend angrinst, oder ob er im Begriff ist, mich mit zynischem Lachen zur Schnecke zu machen. Die «Condition humaine» hat Vandenberg sein Leben lang in all seinen Abgründen umgetrieben; seien es Verstrickungen in Liebe, Abhängigkeit und Hass, Unschuld und Schuld, Vergebung, Zerstörungswut und Gewalt, Schönheit und Hässlichkeit. Den Rahmen bilden Themen aus der europäischen Literatur, des politischen Geschehens, der Mythologie und der Religion. Ein grossformatiges, monochromes schwarzes Bild zeigt in Weiss geschriebene Satzfetzen, welche die ambivalente Beziehung des Künstlers zu Gott offenbaren: «C’est un cri dans le désert.»
Das Malen und besonders das Zeichnen bedeutete ihm ein Heilmittel als «Ausweg aus dem Eingesperrtsein im Leben». Zweifellos war Philippe Vandenberg ein extremer Mensch, gezeichnet von Drogensucht und Depressionen, die ihn schliesslich 2009 in den Suizid trieben. Extreme sind charakteristisch für sein Werk. Dafür fand er die Kamikaze-Methode als formale Entsprechung seiner Neuschaffungen aus der kreativen Zerstörung des Vergangenen. Abgesehen davon, dass dies eine immer wiederkehrende Methode in der Kunstgeschichte ist, vernichtete Vandenberg nicht nur seine Arbeiten, sondern warf auch Denkgewohnheiten über Bord. Um jeden Preis wollte er «in Bewegung bleiben». Dazu gehörten auch seine stilistischen Brüche zwischen expressiven, figurativen Gemälden und abstrakten Arbeiten und Schriftbildern. Kamikaze nannte er dieses Prinzip: «L’important c’est le kamikaze». Den pastosen Farbschichten abstrakter Gemälde sind die Buchstaben «K.A» oder «KA.M» eingeschrieben. Kamikaze, eine japanische, selbstmörderische Luftangriffstaktik im Zweiten Weltkrieg, spiegelt sich auch im Symbol der Swastika, das Vandenberg oft aufgriff: Einerseits in ihrer ursprünglichen Form als religiöses Glücks- und Sonnensymbol, das im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus bis heute verwendet wird, andererseits durch eine Kippbewegung in pervertierter Form als Hakenkreuz. So vereinen sich in Vandenbergs magisch aufgeladenen Werken Werden und Vergehen, Schöpfung und Zerstörung in ewiger Wiederkehr.
Centre Pasqu’Art, Philippe Vandenberg — Kamikaze, bis 16.6.2019. In Kollaboration mit der Hamburger Kunsthalle (16.11.2018- 24.2.2019). www.pasquart.ch