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Sibylle Lüpold berät seit zehn Jahren Familien zum Thema Schlaf. In dieser Rubrik spricht sie in loser Folge typische Probleme und Irrtümer rund ums Thema Kinderschlaf an und liefert Lösungsansätze, die sich in der Praxis bewährt haben. Teil 1 handelte von den nächtlichen Notlösungen, die viele Familien praktizieren, statt die Schlafsituation grundsätzlich zu überdenken.
Neugeborene schlafen meist noch in kurzen Phasen rund um die Uhr. Dieser sogenannt ultradiane Rhythmus verschiebt sich langsam zu einem zirkadianen (ungefähr 24-Stunden dauernden) Schlaf-Wach-Rhythmus mit längeren Schlafphasen in der Nacht. Die Tagesschläfchen reduzieren sich dann im Verlauf der ersten Monate und Jahre. Während ein sechs Monate alter Säugling noch ungefähr drei Mal am Tag (kurz) schläft, sind es beim neun bis zwölf Monate alten Kind nur noch zweimal und nach dem ersten Geburtstag (durchschnittlich mit 15-18 Monaten) nur noch einmal am Tag. Dieser Mittagsschlaf fällt bei den meisten Kindern zwischen zwei und fünf Jahren dann komplett weg.
Ob und wie lange ein Kind tagsüber schläft, hängt also einerseits mit seinem Alter zusammen, andererseits aber auch mit dem individuellen Schlafbedarf, dem Schlafrhythmus (wann steht das Kind morgens auf und wann geht es abends zu Bett?), den Aktivitäten, den familiären und kulturellen Gewohnheiten. So ist es in manchen Kulturen sogar bei Erwachsenen üblich, tagsüber kurz zu schlafen oder eine Siesta zu machen – demensprechend spät wird dann abends gegessen und zu Bett gegangen.
Bei vielen Kindern reicht ein Powernap von 10-15 Minuten, um das abendliche Zu-Bett-Gehen um 1-2 Stunden nach hinten zu verschieben.
Wenn der Schlafdruck, der sich während des Wachseins aufbaut und das Kind müde werden lässt, durch einen Tagesschlaf reduziert wird, dann ist das Kind abends verständlicherweise erst später müde. Bei vielen Kindern reicht ein sogenannter Powernap von 10-15 Minuten, um das abendliche Zu-Bett-Gehen um 1-2 Stunden nach hinten zu verschieben. Australische Forscher kamen zum Schluss, dass sich ein Tagesschlaf störend auf das Ein- und Durchschlafen auswirken kann.
Gestaltet sich das abendlichen Einschlafen sehr lange (45-60 Minuten) oder ist das Kind nachts regelmässig hellwach und möchte spielen, lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob sein Tagesschlaf weggelassen oder zumindest gekürzt werden könnte. Diese Massnahme empfiehlt sich aber nicht vor dem zweiten Geburtstag, und auch danach sind manche Kinder noch auf einen Mittagsschlaf angewiesen. Die Regel der Zürcher Kinderschlafexperten Oskar Jenni und Caroline Benz besagt: Kinder sollen tagsüber so viel schlafen können, dass sie im Wachzustand zufrieden und an ihrer Umgebung interessiert sind.
Kinder sollen auch nicht zum Tagesschlaf gezwungen werden, wenn sie diesen nicht mehr brauchen. Das «Stillliegen-müssen» führt beim Kind nur zu unnötigem Stress.
Das Schlafen tagsüber hilft ganz besonders dem Säugling, aber auch dem Kleinkind, Informationen abzuspeichern und dem Gehirn eine Ruhepause zu ermöglichen. Gerade für Kinder, die den Tag in einer Kita verbringen, kann das Schlafen eine sinnvolle Strategie sein, den vermehrten Umgebungsreizen vorübergehend zu entfliehen und die Zeit der Trennung abzukürzen. Diese Kinder dann extra zu wecken, damit sie abends zeitig im Bett sind, dient eher den Eltern als der kindlichen Entwicklung.
Umgekehrt sollen Kinder aber auch nicht zum Tagesschlaf gezwungen werden, wenn sie diesen nicht mehr brauchen. Das «Stillliegen-müssen» führt beim Kind nur zu unnötigem Stress, der sich negativ auf die Qualität der Nachtschlafs auswirkt, wie japanische Forscher belegen konnten. Es geht also auch hier darum, feinfühlig zu erkennen, was jedes Kind individuell braucht und ihm dann die nötigen Rahmenbedingungen zu bieten.
Der Tagesschlaf sollte nicht zum «Heiligtum» werden, mit dem sich die Familie selbst bestraft.
Der Tagesschlaf des Kindes ist verständlicherweise eine geschätzte Erholungspause für die Eltern und insofern sehr wichtig. Wenn möglich sollte er aber nicht zum «Heiligtum» werden, mit dem sich die Familie selbst bestraft: «Ich muss um diese Zeit zu Hause sein, weil Max von 13 bis 14 Uhr schläft und er das nur in seinem Bettchen kann …» Lieber dem Kind von Anfang an beibringen, bezüglich Tagesschlaf flexibel zu sein (z.Bsp. im Tragetuch oder später im Kinderwagen zu schlafen), so dass die Eltern in ihrem Tagesablauf nicht allzu eingeengt sind.
Das Weglassen des Mittagsschlafes wird oftmals vom Kind selbst initiiert, indem es klar zeigt, dass es lieber spielen als schlafen möchte. Wenn die Eltern aber aktiv mithelfen möchten, dann bewährt es sich, in ganz kleinen Schrittchen vorzugehen. Der Tagesschlaf wird zunehmend gekürzt (das Kind wenn möglich in einer kurzen Wachphase wecken, die am Augenzucken oder Bewegungen zu erkennen ist) oder langsam verschoben. In der Übergangszeit, die mehrere Tage bis Wochen dauern kann, kommt es meistens vor, dass das Kind aufgrund der Müdigkeit quengelig ist. Hier geht es darum, das Programm sinnvoll anzupassen, sich in dieser Phase bewusst Zeit für das Kind zu nehmen, es wach zu halten und mit etwas Attraktivem, aber Einfachem zu beschäftigen. Das kann für die Betreuungsperson zuweilen anstrengend sein, da sie dann mehr gefordert ist.
Das Weglassen des Mittagsschlafes wird oftmals vom Kind selbst initiiert. Wenn die Eltern mithelfen möchten, bewährt es sich, in kleinen Schrittchen vorzugehen.
Jede Familie muss und darf für sich selbst herausfinden, was stimmig ist: Ein Mittagsschlaf des Kindes bietet den Eltern eine Pause und lässt das Kind dann bis am Abend gut durchhalten, dafür ist ein frühes Zu-Bett-Gehen nicht zu erwarten. Das Weglassen des Tagesschlafes führt zu vorübergehenden Krisen am (späten) Nachmittag, dafür haben die Eltern früher «Feierabend».
Unser Interview mit Sibylle Lüpold, das zu unseren meistgelesenen Texten gehört und vom «Tages-Anzeiger» in gekürzter Form publiziert wurde, könnt ihr hier nachlesen: «Einem Baby bringt es nichts, wenn es früh durchschläft» Mehr Informationen und Beratungsadressen: www.1001kindernacht.ch