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Rasseportrait: Manchester Terrier
von
Cornelia
Bergundthal
© Cornelia Bergundthal, Schweizer Club für Terrier (SCFT)
Die meisten Terrier verdanken ihren Ursprung Züchtern und Zuchten in den ländlichen Gegenden von England, Irland oder Schottland. Anders verhält es sich mit dem Manchester Terrier, diesem hübschen Black-and-Tan (schwarz-und-lohfarben) Vertreter der Terrierrassen. Er wurde in den Industrie- und Ballungsgebieten im Norden von England und in den grossen Hafenstädten als Rattenfänger und Haushund gezüchtet.
Der "Old English Black-and-Tan" und der "White English Terrier" sind zwei Hunderassen, welche heute nicht mehr existieren. Sie sind die eigentlichen Urahnen aller Terrier. Unbestritten bildete der glatthaarige Schlag des "Old English Black-and-Tan" den Grundstock, aus dem der Manchester Terrier entwickelt wurde.
Die Chronisten berichten, dass ein gewisser John Hulme im 15. Jahrhundert eine schwarze Whippethündin mit seinem Old English Black-and-Tan paarte. Dieses Einkreuzen hatte zwei entscheidende Auswirkungen. Zum einen wurde die Geschwindigkeit des Hundes verbessert, eine wichtige Eigenschaft, welche sich bei der Kaninchenjagd sehr positiv auswirkte. Zum andern veränderte sich der Schädeltyp. Der Kopf wurde keilartig und stromlinienförmig wie der des Whippets. Der ganze Hund bekam insgesamt eine elegantere, feinere Gestalt.
Heute weiss man nicht mehr genau, wann die Rasse erstmals in ihrem heute typischen Aussehen aufgetreten oder erwähnt wurde. Tatsache ist aber, dass es sich um eine sehr alte Terrierrasse handelt, welche unter der Bezeichnung "Black-and-Tan Terrier" bekannt wurde.
Die Hafengebiete von Liverpool und Manchester litten, wie alle Häfen und Grossstädte jener Zeit, unter einer grossen Rattenplage. Was lag da näher als die flinken "Black-and-Tan Terrier" dagegen einzusetzen. Diese Hunde, welche sich durch Intelligenz und Schnelligkeit auszeichneten, brachten die idealen Voraussetzungen mit, dieses Problem unter Kontrolle zu bekommen.
Sie waren die geborenen Rattenbeisser - flink, schnell und unerschrocken. Besonders die Dockarbeiter in den Hafenstädten Manchester und Liverpool schätzten diesen Hundeschlag. Um die Laderäume eines Schiffes zu reinigen wurden diese vierbeinigen Helfer immer zuerst an Bord geschickt.
Die Züchter um 1800 waren zunächst nur an den Arbeitsqualitäten der Rasse interessiert. Hohe Wetten wurden auf die Hunde beim "Töten nach der Stoppuhr" abgeschlossen. In allen Büchern wird "Billy" erwähnt, welcher in 6 Minuten 32 Sekunden 100 Tiere zu töten vermochte. Man erwartete von diesen Hunden, dass sie mit einem Biss die Ratte töten, um sich sofort die Nächste zu schnappen. Zu dieser Zeit waren die Ohren dieser in der Pit "arbeitenden" Hunde kupiert, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. 1835 wurden alle Arten von Tierkämpfen in England offiziell verboten.
Es gab in der Vergangenheit grosse Auseinandersetzungen, welchen Namen diese Rasse tragen soll. 1873 wurde das Zuchtbuch des Kennel Club für die Rasse "English Black-and-Tan Terrier" oder einfach "Black-and-Tan Terrier" eröffnet.
Da man einige namhafte Züchter der Region um Manchester und im besonderen Mr. Sam Handley, einem sehr bekannten Rasseexperten, die Ehre erweisen wollte, wurde der Name später in "Manchester Terrier" umbenannt. Er wurde aber wieder in "Black-and-Tan" verändert und abermals in "Manchester Terrier" umgewandelt, unter dem er bis heute fortgeführt wird. Hugh Dalziel, ein anerkannter Richter jener Tage, schrieb im Stonehenge's Buch "Dogs of the British Islands": "So gross die Ehre auch sein mag, dass man ihn "Manchester" nennt, grösser wäre die Ehre noch, ihn "English" zu nennen." Dalziel beschrieb den Manchester als den elegantest geformten und anmutigsten aller Terrier. Er war ein entschiedener Gegner des Kupierens und schrieb schon 1879 heftige Angriffe gegen diese Praxis.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte diese attraktive Terrierrasse stetig an Liebhabern gewonnen. Dies änderte sich 1898 mit einem Schlag, als das Parlament auf Drängen des Prinzen of Wales (später King Edward VII) das Kupieren für illegal erklärte. Die Rasse verlor auf einmal viele ihrer Anhänger, welche sich den Manchester ohne gestutzte Ohren nicht vorstellen konnten oder wollten.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man sich nie über ein schönes Ohr Gedanken gemacht, geschweige züchterische Anstrengungen in dieser Richtung unternommen - es wurde einfach abgeschnitten. Die Ohren der nun unkupierten Hunde waren recht unattraktiv, schwer und fleischig, und viele ehemalige Manchester Terrier Besitzer wandten sich anderen Rassen zu. Die Rasse verlor immer mehr an Popularität und kam völlig in Vergessenheit. Die beiden Weltkriege versetzten der Rasse beinahe den Todesstoss. Nach Kriegsende gab es in England noch 11 Manchester Terrier mit Ahnentafel.
1937 wurde wieder ein neuer Rassezuchtclub aufgebaut, der British Manchester Terrier Club. 1955 konnte die erste Championship Show durchgeführt werden. Langsam erholte sich die Rasse und wurde wieder populärer. Einer Handvoll von hochmotivierten Rasseliebhabern in England und in den USA ist es zu verdanken, dass der Manchester Terrier heute noch existiert.
Damals wie heute ist der Manchester Terrier "an eye catching dog", ein Hund der auf den ersten Blick gefällt, ein "Augenfänger". Sein natürlicher, eleganter Körperbau ist frei von jeglicher Übertreibung, und er ist von angenehmer mittlerer Grösse (38-41 cm). Er hat ein lackschwarzes, feines, dicht anliegendes Fell mit satten mahagonifarbenen Abzeichen. Er sieht einem unkupierten, verkleinerten Dobermannpinscher recht ähnlich. Schnelligkeit, Athletik und Agilität sind die Attribute, welche schon immer diese spezielle Rasse auszeichnete. Der lange, keilförmig geschnittene Kopf mit hochangesetzten, dreieckigen Kippohren und die mandelförmigen, schwarz-funkelnden Augen geben dieser Rasse den lebhaften, aufmerksamen und wachsamen Ausdruck.
Die feurige Veranlagung seiner Vorfahren verleihen ihm noch heute ein eifriges, beherztes Temperament. Der Manchester Terrier ist ein blitzschneller Hund, jederzeit bereit zu reagieren. Der Instinkt, Nager aller Art zu jagen und zu töten, ist immer noch sehr stark vorhanden und gibt man ihm die Möglichkeit, tut er dies mit Leidenschaft und grosser Effektivität.
Er ist ein guter Wachhund, misstrauisch gegenüber Fremden, warnend vor jedem unüblichen Geräusch und dies mit einer, für seine Grösse, eindrucksvollen Stimme. Der Manchester Terrier ist normalerweise nicht aggressiv, er will aber seine Familie und sein Haus beschützen und er verteidigt seinen Boden bei einer drohenden Gefahr. Er ist nicht unterwürfig und gleichgeschlechtliche Hunde haben sich ihm zu fügen.
Der Manchester Terrier ist ein idealer Haushund. Er ist sauber, liebt den Komfort und das Leben mit ihm wird nie langweilig. Für sein lebhaftes Temperament und seine überschäumende Energie braucht er den nötigen Auslauf. Er hat einen grossen Tatendrang, der überwacht werden muss, da sonst seine unstillbare Neugier auch Schaden anrichten kann.
Er ist sehr anhänglich und möchte immer bei seinem menschlichen Partner sein, deshalb bleibt er nicht gerne allein. Der Manchester Terrier ist ein überschwenglicher, hoch intelligenter Hund. Eine sehr frühe, gute, soziale Prägung sowie eine intensive Erziehung garantieren einen loyalen, führigen Partner und es wird ein Vergnügen sein, einen solchen Hund als Begleiter zu haben. Durch fleissiges Training ist das Erreichen eines hohen Ausbildungsstandes möglich.
Es darf aber nie vergessen werden, dass der Manchester "ein Terrier erster Güte" ist, der einen eigenen Kopf hat und ihn für seine eigenen Interessen einsetzt.
Das kurze, enganliegende Haarkleid des Manchester Terriers haart wenig und ist sehr pflegeleicht. Leichtes durchmassieren mit dem Gummistriegel und abwischen mit einem feuchten Tuch reichen aus.
Er ist ein unverbesserlicher, gieriger Aasfresser, der alles verschlingt, was er findet und überall um Futter bettelt. Seine Ansprüche an die Ernährung sind bescheiden, brauchen aber strenge Überwachung, will man den Hund in einer guten, schlanken, eleganten Kondition behalten. Gesegnet mit einer guten robusten Gesundheit ist er ein seltener Besucher des Tierarztes.
In der grossen Familie der Terrier ist der Manchester Terrier ein Exot. Zugegeben, er ist nicht ein Hund für jedermann. Trotzdem oder gerade deshalb ist er ein echter Terrier.
Erschienen in "unser Terrier" Nr. 83 / Sommer 2002