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documenta – ein Museum für 100 Tage
Dieses Jahr findet die documenta – die Kleinschreibung ist in diesem Fall kein Lapsus – zum fünfzehnten Mal statt. Dabei sind die Anfänge der documenta gar nicht erfreulich, und deren Dauerhaftigkeit war bei der Gründung in den 50er Jahren noch gar nicht absehbar.
Die erste documenta fand vom 15. Juli bis zum 18. September 1955 in Kassel unter der künstlerischen Leitung von Arnold Bode statt. Bode selbst war Maler, Zeichner aber auch Hochschullehrer in Berlin. Wegen seiner politischen Überzeugung als Sozialdemokrat und seiner Kunst, wurde er von den Nazis ab 1933 aus seinem Amt gedrängt und erhielt als ‘entarteter Künstler’ Berufsverbot. In dieser Zeit zog er sich nach Kassel zurück, wo er aufgewachsen war uns seine künstlerische Ausbildung erhalten hatte. Nach dem Krieg geriet Bode für kurze Zeit in amerikanische Kriegsgefangenschaft und ging tatsächlich zu Fuss aus Salzburg, wo er interniert war, nach Kassel zurück. Dort stand er vor den Ruinen seiner Stadt. Kassel wurde diverse Male bombardiert, der schwerste Angriff traf die hessische Stadt am 22. Oktober 1943, bei welchem etwa 10'000 Menschen starben und rund 80% der Wohngebäude zerstört wurden. Der Wiederaufbau stand damit in der Nachkriegszeit an erster Stelle. Bis in die Mitte der 50er-Jahre konnten man in Kassel viel an Infrastruktur und Wohnungsbau realisieren, was das Gesicht der Stadt bis heute prägt. An diesem Ort nun, wollte Arnold Bode mit Künstlerfreunden, die sich zur ‘Gesellschaft Abendländische Kunst des XX. Jahrhunderts’ zusammenschlossen, eine Ausstellung realisieren. Später wird er sagen:
Wir waren der Meinung, etwas sagen zu müssen zu den verlorenen Jahren 1933-1945: Erfahrungen und Erinnerungen an die zwanziger Jahre, an die Kunststadt Paris, an Rom, an London, an das Bauhaus, an die Lehrjahre in Kassel, an die Arbeitsjahre in Berlin.
Damit sprach Bode die Zeit an, in der Künstler:innen und deren Kunst als ‘entartet’ gebrandmarkt und aus der Öffentlichkeit entfernt wurden. Bodes Intention war es deshalb, mit einer Ausstellung, die nun eben genau jene Kunst zeigt, Nachkriegsdeutschland an die internationale Kunst wieder anzuknüpfen. Tatsächlich gelang es der Gruppe, genügend öffentliche Gelder einzuwerben. Dabei half auch die geographische Lage Kassels an ‘der Zone’. Damit meint man ein etwa 40 km breiter Gebietsstreifen an der Grenze zur DDR, in welchem Kassel am äußersten Rand des Bundeslandes Hessens lag. Diese Zone wurde besonders hart von der Teilung Deutschlands getroffen, weil gewachsene wirtschaftliche Strukturen und die Infrastruktur grundlegend gestört wurden. Um dieser Problematik gerecht zu werden, wurde die Zonenrandförderung ins Leben gerufen, die neben steuerlichen Erleichterungen auch gezielte Interventionen – auch im kulturellen Bereich – vorsahen. Davon konnte die Ausstellung Bodes profitieren. Dass Bode und die Gesellschaft die Ausstellung zeitlich mit der bundesweit überaus beliebten und folglich gut besuchten Bundesgartenschau, die im Jahr 1955 in Kassel gastierte, abglichen, kommt einem marketingtechnischen Meisterstück gleich.
Im Fridericianum, welches in den 50er-Jahren ebenfalls wiederaufgebaut wurde, eröffnete die Ausstellung unter dem Titel ‘documenta’ und zog wegen der Koordination mit der Bundesgartenschau nicht weniger als 130'000 Besucher an. Ein Publikumserfolg! Die erste documenta zeigte, wie bereits vorher angesprochen, hauptsächlich Kunst aus den 20er- und 30er-Jahren, die wegen ihren abstrakten Tendenzen in der NS-Zeit als entartet galten. Durch den großen Erfolg angespornt, wurde 1959, vier Jahre nach der ersten documenta, die documenta II. am 11. Juli eröffnet.
Hier nun, wurde nicht mehr auf die nahe Vergangenheit, sondern auf die zeitgenössische Kunst geblickt. Der Name der Ausstellung, die jetzt erkennbar zum Reihentitel wurde, betont den dokumentierenden Charakter der Ausstellung als Querschnitt zum momentanen Kunstgeschehen. Dabei zeigte sich bereits bei der documenta II. ein Phänomen, das bis heute für die Ausstellungen gilt: Es sind vor allem die künstlerischen Leiter:innen und Kurator:innen und deren Teams, die den Blickwinkel und die Schwerpunkte festlegen. Für die documenta II. unter der Leitung von Arnold Bode und Werner Haftmann war das vor allem die abstrakte Kunst der eigenen Gegenwart. Die documenta III. wurde 1964 eröffnet, damit wurde der Rhythmus von vier Jahren durchbrochen und bis heute mit wenigen Ausnahmen auf fünf Jahre fortgesetzt. Bei der documenta III. wurde auch erstmals die Bezeichnung ‘Museum für 100. Tage’ geprägt.
Sie betont die Ausrichtung der documetna als Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst, die an einem Ort für eine gewisse Zeit stattfindet. Was als Ausstellung mit 130'000 Besuchern begonnen hatte, feierte 2017 einen neuen Publikumsrekord mit rund einer Million Besuchern. Die documenta ist heute ein kulturelles Großereignis.
Nachdem die 14. Ausgabe sich den Standort Kassel mit dem Ausstellungsort Athen geteilt hat, wird die documenta 15 wieder ausschliesslich in Kassel angesiedelt sein. In der künstlerischen Leitung gibt es nun aber ein Novum. Erstmals liegt diese nicht bei einer Einzelperson, sondern bei dem Kollektiv ruangrupa aus Indonesien. Damit wird es dieses Jahr sicherlich zu bemerkenswerten Neuerungen in der Austragung mit überraschenden neuen Schwerpunkten und Zielsetzungen kommen. Einen ersten Vorgeschmack darauf haben wir schon bekommen: Bislang wurden die Teilnehmer:innen der jeweiligen Ausstellung erst kurz vor Eröffnung bekannt gegeben. Jetzt wurde die Liste schon im Vorjahr abgedruckt. Wer jetzt ein kunsthistorisches Hochglanzmagazin oder das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erwartet, wird noch einmal überrascht. ruangrupa hat sich für das Asphalt-Magazin entschieden. Ein Hannoveraner Strassenmagazin, dessen Erlös Armen und Obdachlosen zukommt. Wir dürfen also sicher sein: Die Documenta 15 wird uns noch einige Überraschungen bieten.