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Im Vorsommer brachte der chinesische Künstler Ai Weiwei unfreiwillig die Redaktion des Kulturmagazins “Du” in Bedrängnis. Die Autoren hatten ein Interview mit Ai geplant, doch dieser sass seit April in einem chinesischen Gefängnis. Nicht mal Ais Frau erfuhr anfangs, wo ihr Mann einsass und welchen Vergehens er sich angeblich schuldig gemacht hatte.
Immerhin ist Ai Weiwei inzwischen aus dem Gefängnis raus und wartet auf den anstehenden Prozess. Das Gericht wirft ihm Steuervergehen vor. Das Du-Magazin entschloss sich, dem Künstler ungefähr die Hälfte der Juni-Ausgabe mit dem Titel “Wer hat Angst vor Ai Weiwei” zu widmen.
1001 Stühle, 1001 Menschen
In verschiedenen Beiträgen lässt “Du” das ganze Schaffen von Ai Weiwei in Texten und Bildern nochmals Revue passieren. Der Westen hat den verschmitzten Künstler zum ersten Mal 2007 an der Kasseler Documenta kennen gelernt und lieb gewonnen. Grosse Aufmerksamkeit zog Ais Beitrag “Template” (eine Konstruktion aus Holztüren aus der Ming- und Qing-Dynastie) auf sich. Als die ganze Konstruktion nach einem Sturmwind flach lag, meine Ai Weiwei nur, der Eingriff der Natur habe die Arbeit eigentlich verbessert.
Doch Ais Clou an der Documenta war sein Projekt “Fairytale”. Ai verteilte über das Ausstellungsgegenstände 1001 Stühle (antike Exemplare aus der Qing-Dynastie) und bestückte diese mit 1001 Chinesinnen und Chinesen, die er aus China eingeflogen hatte. Mit väterliche Fürsorge liess Ai eine Fabrikhalle in ein Wohnheim umfunktionieren. Besorgte Betten, Kissen, Köche aus dem Heimatland, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Die Kasseler Bevölkerung revanchierte sich kürzlich beim Künstler mit der Initiative “1001 für Ai Weiwei”, bei der 1001 (oder mehr) Bürgerstimmen die Freilassung des Künstlers forderten.
Pokerspieler und Performer
In der Du-Ausgabe öffnen sich dem Leser weitere Facetten von Ai. Ein junger Fotograf*, der sich in amerikanischen Spielcasinos als Blackjack-Spieler durchschlägt, ein Bildhauer, Bürgerrechtler, Performer…fast scheint es, als ob Ai von einem ungeheuren Schaffensdrang durchdrungen ist. Dennoch scheint er auf die in unsren Kreisen üblichen weltfernen Künstlerposen zu verzichten. Seine Kunst ist politisch, doch Ai setzt nicht auf blosse Worte. Er setzt die Botschaft spielerisch um, ohne dabei ins kitschig-deklamierende abzurutschen.
In seinem Werk “Remembering” liess Ai neuntausend farbige Schulrucksäcke am Haus der Kunst in München anbringen. Der daraus entstandene Schriftzug lautete: “Sie lebte sieben Jahre lang glücklich auf der Welt”. Es ist die Aussage einer Mutter, deren Kind beim Erdbeben von Sichuan im Mai 2008 getötet wurde. Die chinesische Regierung hatte sich geweigert, die genaue Anzahl der Opfer bekannt zu geben, worauf Ai die Namen recherchierte und in einem Blog publizierte.
Das Du-Magazin “Wer hat Angst vor Ai Weiwei” ist im Juni 2011 erschienen (Ausgabe Nr. 817) und ist bestellbar bei Du.
*Das Fotomuseum Winterthur zeigt in der Ausstellung “Ai Weiwei – Interlacing” noch bis zum 21. August Fotografien von Ai Weiwei
Buch des Monats
Michel Benedetti, Inhaber von text.im.takt., veröffentlicht in dieser Rubrik Buchtipps für Texter, Journalisten, Sprachfans und sonstigen von Fachliteratur begeisterten Mitmenschen.
Über text.im.takt. – Michel Benedetti
2011 hat der freischaffende Journalist, Übersetzer und Web-Texter Michel Benedetti die Textagentur text.im.takt. gegründet. Bei seiner Arbeit verbindet Michel Benedetti seinen akademischen Rucksack mit seiner 12jährigen Berufserfahrung als Marketing- und Kommunikationsspezialist.
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