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Osaka ist anders als alle anderen Städte, die ich kenne und obwohl ich keinerlei Erwartungen an die Stadt hatte, überrascht mich diese Erkenntnis, die kommt, sobald wir den Bahnhof verlassen. Ich verliebe mich sofort. Vieles ähnelt Tokio, aber es ist, als wäre es ein Finde den Fehler im Bild-Spiel : Das Auge stolpert. Über die kleinen Details, die verraten, dass hier etwas anderes in der Luft liegt. Ohne einen wirklichen Anlass dafür zu haben, drängt sich mir die Idee auf, die Stadt sei irgendwie ehrlicher. Als hätten selbst die Gemäuer der Häuser lange aufgegeben, sich darum zu scheren, was andere von ihnen halten. Die Menschen, denen wir begegnen, sehen müder aus, nicht weil sie es sind, sondern weil sie sich weniger Mühe geben es zu verstecken. Der Schein, den es mal galt aufrecht zu erhalten, interessiert hier keinen und die Straßen trauen sich, unvollkommen zu sein.
Wir haben kein genaues Ziel, das klassische Sightseeing haben wir schon vor einiger Zeit aufgegeben und wir laufen einfach kreuz und quer durch die Straßen, die sich im Schachbrettmuster endlos in alle Richtungen erstrecken. An einer Ecke sitzt eine alte Frau, die einem jungen Mädchen in einem Trainingsanzug und mit pinken Crocs an den Füßen aus der Hand liest. Mit gesenktem Blick eilen wir an einigen Polizisten vorbei, die mit Mühe zwei lautstark streitende Männer auseinanderhalten, der eine von beiden schon in Handschellen, und machen eine Pause an einem Schrein, der ein riesiger grüner Löwenkopf ist und der mich fragen lässt, ob der Architekt es wirklich ernst gemeint hat, als er seine Entwürfe eingereicht hat. Als die Sonne langsam untergeht machen wir uns auf in Richtung Festival of the Lights . Es ist Weihnachtszeit und viele Städte Japans lassen ganze Straßenzüge mit tausenden von kleinen Lichtern in den unwirklichsten Farben erstrahlen. Auf der Brücke, die uns noch von den blinkenden LED-Gerüsten trennt, bleiben wir lange Zeit stehen und blicken auf die Wolkenkratzer der Stadt. Es ist, als läge das Abendlicht wie ein Schleier auf den hohen Bürotürmen und Raoul spricht mir aus der Seele, als er sagt, er habe ein Gefühl, als würde er zum ersten Mal wirklich Wolkenkratzer sehen. Ich möchte gar nicht weitergehen.
Dann fällt mir auf, dass der Schleier vermutlich nicht auf der Stadt liegt, er liegt auf meinem Blick. Dass Osaka nur das ist, was es ist, weil ich mich fühle, wie ich mich fühle. Schon bald werden wir Heinz Rühmann in schwarz-weiß dabei zuschauen, wie er als Oberprimaner Hans Pfeiffer seinen Unfug treibt. Die Feuerzangenbowle ist ein nettes Ritual, aber nichts anderes als Klamauk und Tiefgründiges sucht man natürlich vergeblich. Doch die letzten Worte, die gesprochen werden, sind die folgenden:
Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir ins uns tragen, die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben.
Wir beginnen unseren Spaziergang unter den kitschigen Lichterbögen hindurch, weiß leuchtende Schneeflocken blinken über uns und die ersten Töne von einer besonders gefühlvollen Version von Have Yourself A Merry Little Christmas erklingen aus den Lautsprechern. Es wird gar nicht erst versucht, ein Gefühl von Schönheit und Besinnlichkeit zu erzwingen, stattdessen ist es nur völlig übertriebener, dafür aber ehrlicher Kitsch. Das denke ich mir, eingelullt in meinen kleinen Schleier.