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von Sandro Danilo Spadini
Ein junger Mann wandert durch den Wald, murmelnd, taumelnd, schliesslich an das Ufer eines Flusses stürzend. Er zieht sich aus, schwimmt, sitzt, schaut. Schnitt. Es wird dunkel. Der Mann sitzt am Feuer, er singt oder schreit oder jault. Schnitt. Nächster Tag. Wieder wandert der Mann durch den Wald. Nur scheinbar ziellos. Sein Weg führt ihn zu einem leicht heruntergekommenen Anwesen, seinem Anwesen. Er holt sich eine Schaufel aus der Garage, gräbt, geht ins Haus, isst etwas, ignoriert das läutende Telefon. Sitzt, schaut, singt, schreit, murmelt, taumelt, zieht sich aus, zieht sich an. Und irgendwann sagt irgendjemand irgendetwas zu irgendjemandem. Der erste Dialog! Zu diesem Zeitpunkt ist die erste Viertelstunde von Gus Van Sants «Last Days» freilich schon längst um. Und längst ist klar, dass der Independent-Altmeister, der zwecks Mittelbeschaffung auch schon mal mit Mainstreamigem herumexperimentierte («Good Will Hunting»), hier die Simplifizierungs- und Minimalisierungsstrategien seiner beiden letzten Filme wiederaufnimmt und bisweilen gar ausbaut. Zusammen mit «Gerry» und dem 2003 in Cannes ausgezeichneten Schulmassaker-Drama «Elephant» bildet «Last Days» nämlich eine Trilogie. Eine Trilogie des Todes, wenn man so will.
Monotone Zustandsbeschreibung
Der junge Mann (Michael Pitt) wird also sterben, denn der junge Mann soll Kurt Cobain respektive eine Version von Kurt Cobain darstellen. Zwar stellt Van Sant im Abspann klar, dass das eben Geschilderte fiktiv ist; dass es von den letzten Tagen des am 5. April 1994 27-jährig in den Freitod gestrauchelten Nirvana-Frontmanns inspiriert ist, verschweigt er aber auch nicht. Was Van Sant in den rund 90 Minuten zuvor gezeigt hat, ist quälend und soll quälend sein. Quälend kompromisslos und auch quälend langatmig. Van Sant ist nicht daran interessiert, ein schillerndes Rockstar-Leben und dessen stilgerechtes Donnerhall-Ende filmisch aufzubereiten. Er möchte ein Gefühl vermitteln. Ein Gefühl der Leere, der Monotonie, der Sinnlosigkeit. Er möchte den Zuschauer in einen Zustand überführen. Einen Zustand, wo der Rausch zur Routine geworden ist, wo der Exzess zum freudlosen Selbstzweck verkommen ist, wo Wein, Weib und Gesang schon lange Fusel, Flittchen und Gekrächze gewichen sind. Solches ist per se nicht ausnehmend spannend im traditionellen Sinne, und Van Sant gibt sich auch keinerlei Mühe, seine kreisförmige Zustandsbeschreibung mit etwelchem «Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll»-Glamour oder «Live fast, die young»-Desperadotum aufzupeppen. Nicht das Leben auf der Überholspur wird gezeigt, sondern das Ankommen auf dem Pannenstreifen, der Systemzusammenbruch, der Stillstand im Loop, das Ende. Trist ist das alles, nicht aber traurig und tragisch – bleibt doch der Antiheld mit seinem strähnenverhangenen Antlitz über weite Strecken beinahe buchstäblich gesichtslos. Mitgefühl wird keines geheischt, Hintergrundinformationen werden kaum geliefert: Leute kommen, Leute gehen, bringen nichts, hinterlassen nichts, wollen etwas von dem durch Druck und Drogen ausgemergelten Rockstar, konsumieren, konsumieren ihn.
Konsequentes Experiment
Auf gängige Manipulationstechniken wie musikalische Untermalung verzichtet Van Sant dabei bewusst; die Dialoge sind zäh, karg und nicht selten improvisiert. Wie schon beim ebenfalls von wahren Begebenheiten inspirierten «Elephant» bleibt die Kamera oftmals statisch, bloss beobachtend, dokumentierend. Und wenn sie dem Protagonisten – fast immer allein, auf der Flucht vor sich selbst – einmal folgt, dann macht sie das fast widerwillig, unbeteiligt, machtlos, so, als ob sie keinen Einfluss darauf hätte, wohin dessen Weg führt. Mitunter lässt sie ihn gar aus dem Bild fallen, auf dass der Zuschauer selbst schauen soll, was er mit alldem anfängt. Löblich ist daran letztlich weniger der so erzielte Effekt als vielmehr die Konsequenz, die Unkorrumpierbarkeit, mit der Van Sant, der einst Hitchcocks «Psycho» Einstellung für Einstellung nachgedreht hat, dieses Experimente voranpeitscht. Das könnte Kunst sein. Wenigstens kommt es so daher. Lapidar ist entsprechend auch der Schlusspunkt. Kein Trommelwirbel. Ein Abgang durch die Hintertüre sozusagen. Den todbringenden Schuss aus der Flinte hört man nicht einmal. Am Schluss liegt der junge Mann ausgestreckt am Boden. Sein Geist steigt die Himmelstreppe hoch. Zu den anderen toten Rockgöttern.