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Freizeit
Abenteuer Landesvermessung
In diesem Jahr feiert das Bundesamt für Landestopografie Swisstopo sein 175-Jahre-Jubiläum. Erste Schweizer Karten gab es also schon vor der Gründung der heutigen Schweiz 1848.
Reportage
Die Schweiz ist nicht nur für ihre Uhren und Schokoladenweltweit bekannt, sondern auch für ihre Landeskarten. 1850 gab es dafür sogar eine Goldmedaille an der Weltausstellung in Paris. Das war nicht immer so: Es sieht wohl schwerlich mit den Charten irgend eines Landes schlechter aus, als mit denen von der Schweiz, klagte etwa der Berner Physikprofessor Johann Georg Tralles und forderte schon Ende des 18. Jahrhunderts öffentliche Mittel für die Landesvermessung.
Doch erst Guillaume-Henri Dufour, dem späteren General, gelang es, diese Idee durchzusetzen. 1838 gründete er das Eidgenössische Topographische Bureau in Genf. Zu einer Zeit also, als es die heutige Schweiz noch gar nicht gab. Das sei die grosse Leistung von Dufour, meint Martin Rickenbacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Swisstopo: Trotz der damals sehr dezentralen föderalistischen Strukturen schuf er ein einheitliches nationales Werk.
Bevor es aber an die eigentliche Arbeit gehen konnte,brauchte es eine Triangulation Erster Ordnung, ein landesweites Dreiecksnetz mit Eckpunkten im Abstand von 30 bis 40 Kilometern, und dazu eine genau gemessene Basis. Diese Aufgabe übernahm der Astronom Johannes Eschmann zusammen mit seinen Studenten Johannes Wild und Rudolf Wolf. Mit fast sechs Meter langen Eisenröhren vermassen sie die 13 Kilometer lange Basislinie im Grossen Moos zwischen Walperswil BE und Sugiez FR. Wolf erinnert sich in seinen Aufzeichnungen an diese Tage im Herbst 1834: Das herrlichste Wetter begünstigte uns, und 6 Franken Taggeld erlaubten uns manche Freude.
Später wurde Wolf Direktor der Sternwarte auf der Grossen Schanze in Bern, genau an dem Ort, den Dufour zum Nullpunkt für die neue Landeskarte bestimmt hatte. Einen Punkt mit den Koordinaten Null/Null sucht man heute auf den Landeskarten aber vergeblich. Man wollte nicht, dass irgendein Ort in der Schweiz ein negatives Vorzeichen bekam. Deshalb trägt der Nullpunkt seit etwa 1918 die Koordinaten 600'000 / 200000. Der Nullpunkt liegt damit also 600 Kilometer westlich und 200 Kilometer südlich von Bern, in der Nähe von Bordeaux in Frankreich.
Eschmann und seine Mitarbeiter massen nicht nur im Flachland, sie waren auch in den Bergen tätig. Am 19. September 1835 erreichten sie zum Beispiel den Piz Tgietschen: Die feuchte Kälte mahnte uns nun unser Wohnhaus zu errichten. Wir breiteten einen wollenen Bodenteppich über den Schnee aus, stellten das Zelt darüber, rollten mit vereinten Kräften Felsblöcke herbey um es zu beschweren, schreibt Wolf in seinen Erinnerungen; und dann zogen wir unsere Fuchspelzjacken an, steckten uns in die schaafwollenen Säcke und deckten uns noch mit Mützen, Mänteln, Decken etc zu, ohne jedoch die durchdringende Kälte meistern zu können.
Die Topografen, die im Gebirge unterwegs waren und das zwischen den Triangulationspunkten liegende Gelände kartierten, führten ein abenteuerliches Leben. Sie waren Kälte, Wind und Wetter ausgesetzt. Und Karten, die ihnen den Weg wiesen, gab es ja eben noch nicht. Sie mussten also nicht nur über das nötige technische Verständnis verfügen, sondern brauchten dafür auch Mut, eine gute Konstitution und Durchhaltevermögen und, nicht zuletzt, künstlerische Begabung, denn die Karten wurden ja direkt im Gelände aufgenommen. Dufour selber war in Frankreich ausgebildet worden, wo schon seit längerem gute Karten produziert wurden. Die Schweizer Landestopografie wurde nun aber berühmt dafür, nicht nur präzise Karten herzustellen, sondern vor allem schöne. In der ästhetischen Darstellung der Felsengebiete hat sie es zu wahrer Meisterschaft gebracht, betont der Kartenhistoriker Martin Rickenbacher. In mehreren Trägern wurde graviert, zuerst in Kupfer, später auf Stein und zuletzt in Glas. Heute werden die Kartenbilder am Computer entworfen. Es ist eine besondere Herausforderung, mit fundamental anderem Handwerkszeug ein ähnliches Bild zu kreieren.
Als die Dufourkarte erschien, zwischen 1845 und 1865, war der Alpenboom noch nicht richtig ausgebrochen. Aus purem Vergnügen stiegen nur die wenigsten auf einen Berg und weite Teile der Alpen waren weisse Flecken auf der Karte. Für die Gebirgstopografen galten zudem erschwerende Umstände: Sie mussten ihre Instrumente mittragen; und kamen sie oben an, begann die Arbeit erst richtig. Die Karten wurden ja direkt im Gelände aufgenommen.
Einer dieser Gebirgstopografen war Johann Coaz. Der Churer hatte Forstingenieur studiert und wurde später Eidg. Oberforstdirektor. Doch weil er nach dem Studium keine passende Stelle fand, arbeitete er zunächst für das Eidgenössische Topographische Bureau. Zu seinem Job gehörte es auch, Orte zu vermessen, wo vor ihm noch nie jemand gewesen war. 31 Erstbesteigungen schreibt man ihm zu, davon eine ganz besondere: Um 6 Uhr abends standen wir auf der ersehnten erhabenen Spitze auf reinem von keinem menschlichen Wesen betretenen Boden, auf dem höchsten Punkt des Kantons. Ernste Gefühle ergriffen uns, schrieb er in sein Tagebuch. Es war der 13. September 1850. Zwölf Stunden zuvor war er mit zwei Begleitern auf einen Berggipfel gestartet, der bis dahin als unbesteigbar galt und noch keinen Namen hatte. Er taufte ihn Piz Bernina.
Der Aufstieg war schwierig gewesen.Sie hatten einen Teil ihres Gepäcks unterwegs zurücklassen müssen. Und bald wurde es dunkel. Unsere Verlegenheit war gross, da wir keinen Proviant und auch keine Decken mehr besassen und nun, zum Übernachten im Freien gezwungen, unzweifelhaft erfroren wären. Da stieg zu unserer Überraschung und Erlösung der Vollmond langsam am Horizont empor. So fanden sie in der Nacht den Weg zurück.
Der Piz Bernina war nicht der einzige Gipfel, den Coaz benannte. Er hat zum Beispiel auch den Piz Quattervals getauft. Es erstaunt mich immer wieder, welch treffende Namen im Sound der lokalen Dialekte für die Gipfel gefunden wurden, sagt Martin Rickenbacher. Namen für unbenannte Gipfel zu vergeben war eine der Aufgaben der Topografen. Einen vergab allerdings der Bundesrat selber. 1863 änderte er den Namen des Gipfels, der bis dahin Höchste Spitze genannt wurde, in Dufourspitze. Eine Gruppe von Bergsteigern hatte dem Bundesrat die Namensänderung vorgeschlagen, zu Ehren von Dufour. Alpinismus wurde nun immer wichtiger. Die Dufourkarte war im Massstab 1:100000 gedruckt worden, ein zu kleiner Massstab für die Bedürfnisse der Berggänger. Das nächste amtliche Kartenwerk, die Siegfriedkarte, nach Dufours Nachfolger Siegfried benannt, bot grössere Massstäbe und neu auch Höhenkurven. Und eine neue Generation von Topografen machte sich auf in die Berge. Luftunterstützung gab es aber erst im 20. Jahrhundert: 1913 wurde eine ganze Ballon-Pionier-Kompanie aufgeboten, um einen Fesselballon zwischen Münsingen und Belp durchs Aaretal zu ziehen, um Tests für Luftaufnahmen zu machen. Ab Mitte der 1920er wurden regelmässig Flugzeuge eingesetzt. Und heute Satelliten.
Die satellitengestützte Landesvermessung ergab zum Teil Lagedifferenzen von zwei bis drei Metern zu den früheren Messungen. Deshalb werden auf den heutigen Landeskarten nun neue Koordinaten aufgedruckt, um sie von den alten unterscheiden zu können. Den bisherigen sechsstelligen Koordinaten wird eine zusätzliche Zahl vorangestellt, in Nord-Süd-Richtung ist es eine 1, in Ost-West-Richtung eine 2. Dufours ehemaliger Nullpunkt in Bern trägt heute also die Koordinaten 2 600000 / 1 200000. Die Satelliten-Vermessung hat die Schweiz übrigens auch ein bisschen grösser gemacht: ganze 0,3 Quadratkilometer.
Etwas Ähnliches ist schon einmal passiert. 1902 wurde der Ausgangspunkt für alle Höhenangaben neu vermessen. Dieser Höhen-Referenzpunkt ist ein Findling im Hafen von Genf, der Repère Pierre du Niton. Schon Dufour hatte ihn für seine Karten verwendet, mit einer Höhe von 376,86 Meter über Meer. Die spätere Messung ergab nun aber nur noch 373,6 Meter über Meer. Die ganze Schweiz wurde also mit einem Schlag mehr als drei Meter tiefer gelegt und manch ein stolzer Viertausender wurde zum Dreitausender erniedrigt. Etwa der Piz Zupò, der zweithöchste Gipfel im Bernina-Massiv.
Die Landestopografie gehört seit jeher zum Militärdepartement. Doch schon im 19. Jahrhundert war das Bedürfnis ziviler Nutzer nach guten Karten gross. Entsprechend gibt es heute Strassenkarten, Wanderkarten, geologische Karten, Luftfahrtkarten, Lehrmittel, und auch für die digitale Gesellschaft produziert Swisstopo eine Vielzahl von Geodaten. Dass aber die Landesverteidigung auch im 20. Jahrhundert bei der Kartenproduktion eine wichtige Rolle spielte, zeigt der Kartenausschnitt von Wimmis. 1917 wurde dort die Eidg. Pulverfabrik gebaut. Sie war in den beiden letzten Ausgaben der Siegfriedkarte sichtbar und auch noch während des Zweiten Weltkrieges. Doch in der Zeit des Kalten Krieges war sie von der Bildfläche verschwunden, buchstäblich wegradiert. Erst 1993 ist sie kartografisch wieder auferstanden.