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Von Sabine Wendt. Ein Datum der nahen Zukunft hat es Esoterikern, selbsternannten Para- und Pseudowissenschaftlern besonders angetan: der 22. Dezember 2012. Von diesen Leuten wird behauptet, dies sei das “Enddatum” des Mayakalenders, an welchem die Welt wie wir sie kennen, untergehen oder zumindest große Katastrophen eintreten sollen.
Wenn der Mayakalender, oder besser gesagt das vielschichtige Kalendersystem der Maya, losgelöst vom kulturellen Kontext betrachtet wird, eignet es sich besonders gut für Fehl-Interpretationen und Mystifizierungen. Gerne werden diese von den Esoterikern mit angeblich “geheimem”, nur sehr wenigen Menschen zugänglichem Wissen begründet. Wissen, zu dem sie natürlich Zugang haben…
Ein vielschichtiges Kalendersystem
Der Mayakalender besteht eigentlich aus einem ganzen System miteinander verbundener und ineinander verschachtelter Kalender. Diese finden ihren Ursprung in der Mythologie dieses Volkes und basieren auf genauesten astronomischen Beobachtungen. Sie dienten der Vorhersage und Weissagung bestimmter Ereignisse, die es im alltäglichen Leben zu beachten und denen es zu begegnen galt, sei es durch politisches Kalkül oder zu deren Abwendung bestimmte Opferriten zu vollziehen waren.
Auf das astronomische Wissen und Verfahrensweisen soll hier nicht näher eingegangen werden.
Wichtig im Zusammenhang mit dem Kalendersystem der Maya ist jedoch der Umstand, dass dieses Wissen bei der Stadtplanung, genauer bei der Planung der Zeremonialzentren der Maya-Städte genutzt wurde. Alle städtischen Zeremonialzentren waren funktionierende Kalender, an denen Äquinoktien (Tag- und Nachtgleichen: heutzutage am 21. März und 22. September), Solstizien (Sonnenwenden, 21. Juni und 21. Dezember) und Horizont- bzw. Zenitdurchgänge bestimmter Sterne und Sternengruppen abgelesen werden konnten.
Das Kalendersystem der Maya ist heute noch immer nicht restlos geklärt. Die mesoamerikanischen Kulturen, das heisst, die Maya und ihre Vorfahren wie z.B. die Olmeken, entwickelten über die Jahrtausende ein sehr kompliziertes Kalendersystem mit einer Vielzahl miteinander verwobener Zyklen. Solche Zyklen waren:
[b]Tzolkin – oder “Sacred Round”[/b]
Dieser Kalender ist der rituelle 260-Tage-Kalender. Sein Ursprung ist noch nicht restlos geklärt. Möglicherweise besteht ein astronomischer Bezug zu den Venusphasen (wie auch beim Mond sind bei der Venus Phasen beobachtbar, man sieht sie also abwechselnd als zunehmende und abnehmende Sichel). Eine andere Erklärung ist, dass dieser Kalender auf den Zenitdurchgängen der Sonne bei 15° nördlicher Breite beruht. Es wird angenommen, dass er auf zwei Subzyklen mit 13 Ziffern und 20 Tagesnamen basiert. Die 260-Tagezählung soll das Ergebnis, schon vorher existierender, ritueller Zyklen sein, wobei die Herkunft dieser Zyklen unbekannt ist. Die Zahl 20 hat ihre Bedeutung im vigesimalen Zahlensystem der Maya (vigesimal = 20-zählig, im Unterschied zu unserem 10-zähligen Zahlensystem).
[b]Haab[/b]
Beim Haab handelt es sich um den an das Sonnenjahr angenäherten Jahreskalender mit 365 Tagen. Das angenäherte Sonnenjahr wurde in 18 Monate zu je 20 Tagen unterteilt. Die verbleibenden fünf Tage blieben namenlos und galten als Unglückstage. Korrekturen des Jahreskalenders, die den Maya von einigen Forschern zugeschrieben werden, sind nicht existent. Es ist fraglich, ob die Bedeutung dieses Kalenders im landwirtschaftlichen Bereich liegt.
[b]Kalenderrunde[/b]
Das angenäherte Sonnenjahr übernimmt, zusammen mit dem Tzolkin, die Funktion eines konstituierenden Zyklus: beide zusammen ergeben die sogenannte Kalenderrunde – einen Zyklus von 52 Jahren. Die insgesamt 18980 Tage bilden das kleinste gemeinsame Vielfache aus 260 und 365. Bei jedem Beginn der Kalenderrunde nach 18980 Tagen oder 52 Jahren stimmt der erste Tag des Tzolkin mit dem ersten Tag des Haab überein.
[b]Lange Zählung (auch als Long Count bezeichnet)[/b]
Diese Art des Kalenders wurde für die Archivierung oder Berichterstattung von Ereignissen, die länger als 52 Jahre zurücklagen, notwendig und war somit eine absolute Zählung der bisher vergangenen Tage, welche durchnummeriert wurden und einen durch Konvention festgelegten Nullpunktes hatten. Dieser Nullpunkt wurde als Beginn des gegenwärtigen Zeitalters aufgefasst.
Um die Zeit zu notieren, wurde ein leicht abgeändertes Vigesimalsystem, mit Unregelmäßigkeiten an der 3. Stelle, angewendet. An dieser Stelle durfte maximal die Zahl 18 stehen. (360 Tage wurden durch 18 dividiert) Das 360-Tage-Jahr war die Ausgangsbasis für den Long Count. Es waren allerdings Algorithmen vorhanden, die es erlaubten das abgewandelte Vigesimalsystem in ein normales umzuwandeln und umgekehrt.
Für das verwendete 360 Tage-Jahr werden heute kalendarische und astronomische Gründe angenommen. Der Zahl 949 kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die Zahl 949 ist die Summe aus der ganzzahligen synodischen Umlaufzeit der Venus (584 Tage) und der Anzahl der Tage des angenäherten Sonnenjahres (365 Tage). Wird diese Zahl mit 360 multipliziert, erhält man als Ergebnis 341640. Diese Dauer entspricht genau 18 Kalenderrunden. Also so: 360×949=341640=18980×18.
Neuesten Forschungen zufolge, wurde der Long Count lange nach der Kalenderrunde entwickelt, wobei es über die zeitliche Differenz keine Klarheit gibt. Die ältesten Long Count-Daten wurden außerhalb des Mayagebietes gefunden und entsprechen dem 9. Dezember 36 v.u.Z. . Der von den Maya verwendete Kalender erhielt seine endgültige Form im 1. Jh. v.u.Z bei Völkern, die unter starkem olmekischen Einfluss standen.
Im Long Count soll die Unendlichkeit der Zeit dokumentiert werden, deren Beginn und Ende nicht fassbar sind. Die verschachtelten Kalender der Maya veranschaulichen riesige Zeiträume mit immer wiederkehrenden Zyklen.
1. Übereinstimmung mit den Daten der Venustabelle im sogenannten Codex Dresdenensis
2. Übereinstimmung mit möglichst vielen Tzolkin-Kalendern, die bei den Mayastämmen die Zeit der spanischen Eroberung und danach überlebt haben
3. Bezug zu den entsprechenden Aufzeichnungen des Diego de Landa aus dem 16.Jahrhundert
4. Übereinstimmung mit den aztekischen Aufzeichnungen über die Ankunft von Cortez in Mexiko
5. Übereinstimmung mit den astronomischen Daten über die Monddaten, die auf den Stelen vermerkt sind
Bis heute ist man zu keinem definitiven Schluss gekommen. Je nach dem, welche Korrelationen verwendet werden, ergeben sich unterschiedliche Anfangs- und Enddaten für das gegenwärtige Mayazeitalter. Dessen Ende kann also entweder bereits durch sein oder noch in der fernen Zukunft liegen. Dem eingangs erwähnten Enddatum des gegenwärtigen Mayazeitalters liegt die Thomson-Korrelation zugrunde, die von den meisten Mayaforschern favorisiert wird. Nach dieser begann das gegenwärtige Mayazeitalter am 11.08.3113 v.u.Z. und endet am 22.12.2012.
In diesem Zusammenhang mag sich die Frage stellen, warum die Mayas den Beginn des gegenwärtigen Zeitalters so weit in die Vergangenheit legten, in eine Zeit, in der es noch keine Mayakultur gab. Es muss bedacht werden, dass nicht die Maya den ersten Kalender entwickelten, sondern ihre Vorläuferkulturen. Die Maya brachten dieses System „lediglich“ zur Perfektion. Bereits um 5000 v.u.Z. begannen die Menschen in Mesoamerika mit der Domestikation erster Pflanzen und Tiere und etwa um diese Zeit begann auch ein Kalender, an Bedeutung zu gewinnen. Für die frühen Kulturen waren Himmelsbeobachtung und Kalender untrennbar miteinander verbunden. Sofern es in jener Zeit eine sehr markante Konstellation bestimmter Sterne, Sternengruppen und/oder Planeten gegeben haben sollte, wird das von diesen Menschen in irgendeiner Form dokumentiert worden sein.
Neben den bekannteren Kalendersystemen existieren noch weitere, die ihren Ursprung in der Mythologie der Maya haben und wahrscheinlich für die Weissagungen von besonderer Bedeutung waren.
[b]Herren der Nacht[/b]
Es handelt sich um einen neuntägigen Zyklus, bei dem jeweils einer der Götter der Unterwelt eine Nacht lang regiert. Sonderbarerweise beginnt dieser Zyklus mit dem sechsten Herrn der Nacht. Dieser endlose Kreislauf ergibt zusammen mit der Kalenderrunde einen neuen Zyklus von 468 Sonnenjahren oder 657 Tzolkinjahren.
[b]Mondserie[/b]
Die Maya notierten das “Alter des Mondes”, welches sie abwechselnd mit 29 oder 30 Tagen angaben und das von besonderer Bedeutung für die Finsternisberechnungen war. Die Bedeutung des Mondes ist erstaunlich. Sie resultiert möglicherweise aus seiner Stellung am Nachthimmel, weil er durch seine Größe und schnelle Umlaufzeit leicht zu beobachten war. Die Mondphasen hatten für die Maya schwer verständliche Eigenschaften. Zusammen mit der Sonne kam ihm eine besondere Bedeutung in der Mythologie zu.
[b]Sieben-Tage-Zählung[/b]
Über den Ursprung der Sieben-Tage-Zählung gibt es nur Vermutungen, da die Zahl Sieben kein Faktor in der Kalenderrunde von 18980 Tagen ist. Wahrscheinlich ist dieser Zyklus auf das numerologische Interesse der Maya zurückzuführen, die bestrebt waren alle heiligen Zahlen in den Kalender zu integrieren.
Bedeutung der Zeit in der Maya-Kultur
Die Maya waren besessen von der Messbarkeit der Zeit, darum versuchten sie den endlosen Ablauf der Tage in Gruppen stetig wiederkehrender Zyklen zu untergliedern. Diese Zyklen spiegeln den Grundgedanken wider – Dimensionen vom Nachvollziehbaren und Überschaubaren bis zum Unvorstellbaren darzulegen. Für die Maya bestand ein Zusammenhang zwischen den jeweiligen Zyklen, astrologisch-kalendarischen Einflüssen und historischen Ereignissen. Sie waren überzeugt, dass solche Kombinationen in den darauf folgenden Zeitperioden erneut wirksam würden. Daher versuchten sie Strukturen zu finden, denen menschliches Handeln unterlag. Eine Zwangsläufigkeit und innere Konsistenz des Weltbildes wurde durch die Verzahnung gleichzeitig auftretender Einflüsse in religiösem, astronomischem und alltäglichem Bereich erreicht.
“In der zyklischen Zusammenfassung und dem Glauben, dass sich Ereignisse in bestimmten Rhythmen wiederholen, werden inzwischen mit die wichtigsten Gründe gesehen, warum die Maya etwa in ihrem angenäherten Jahr keine systematische Korrektur anbrachten und sich bewusst gegen Schaltjahre entschieden haben müssen.” [1]
Die Maya befürchteten, dass Schaltjahre die Verzahnung stören würden, so dass Venus-, Ritual- und Sonnenjahr nicht mehr zusammen passen würden, obwohl genaueste Berechnungen angestellt worden waren. Das Weltbild der Maya war astrologisch geprägt. Sie waren überzeugt, dass Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne Einfluss auf das menschliche Leben haben. Aus diesem Grund wurden politische Strategien und gesellschaftliche Ereignisse, innerhalb des komplexen Systems vielschichtiger Einflüsse auf das sorgsamste geplant. Hierfür waren Kenntnisse in grundsätzlich allen Kalendern notwendig. Die Maya gingen davon aus, dass jeder Tag durch mehrere Götter beeinflusst wurde und kein Tag unter exakt den gleichen Einflüssen stand.
Die unterschiedlichsten Kalenderformen und -systeme erscheinen auf den ersten Blick verwirrend und unübersichtlich. Tatsächlich war es eine Wissenschaft, die nur von extra ausgebildeten Priestern ausgeübt werden konnte und durfte. Nur diese verfügten über die sehr genauen astronomischen und astrologischen Aufzeichnungen und über die Mechanismen und Hilfsmittel, um sie zu lesen und zu deuten.
[i]Sabine Wendt[/i]
Quellenhinweise
1. Schalley, Andrea C.; Das mathematische Weltbild der Maya S. 127 Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaft. 2000