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Linguistiker schätzen, dass rund ein Drittel der 7400 Sprachen auf der Welt bis zum Ende dieses Jahrhunderts verschwinden wird. Damit geht Wissen verloren, weil indigene Kulturen dieses meist mündlich weitergeben und nirgends schriftlich festhalten.
Rodrigo Cámara-Leret und Jordi Bascompte von der Universität Zürich untersuchten nun, wie bedroht das medizinische Wissen um Pflanzen ist. Sie sammelten Daten zu 3597 Heilpflanzenarten und deren 12495 medizinischen Anwendungen in Verbindung mit 236 indigenen Sprachen, die in Nordamerika, im nordwestlichen Amazonasgebiet und in Neuguinea gesprochen werden.
Demnach sind über 75 Prozent des Wissens um Heilpflanzen in nur einer einzigen Sprache konserviert, wie die Forscher im Fachmagazin PNAS berichten. Und: Es sind genau diese Sprachen, die zu den am stärksten bedrohten gehören, sagte Bascompte gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Besonders fragil ist das unersetzliche Wissen in Nordwest-Amazonien. Dort werden neun von zehn medizinische Verwendungen nur in einer einzigen Sprache überliefert - und diese drohen allesamt bis Ende dieses Jahrhunderts zu verschwinden. Das ist eine Tragödie, denn gehen Sprachen verloren, gibt es keinen Weg, diese wieder zurückzubringen, so Bascompte.
Anders als viele der Sprachen seien die meisten der untersuchten Pflanzen nicht vom Aussterben bedroht, schreiben die Forscher in ihrer Studie.
Die Forscher untersuchten in ihrer Studie nicht, inwieweit die Heilpflanzen tatsächlich einen medizinischen Nutzen im westlichen Sinne bergen. In vielen Fällen hätten sich diese Pflanzen aber als wirksam erwiesen, schreiben sie. Aber unabhängig davon stelle dieses Wissen einen Teil des kulturellen Erbes der indigenen Völker dar.
Wie viele Sprachen und damit kulturelles Erbe bereits unwiederbringlich verloren gegangen sei, wisse man nicht, sagte Bascompte. Es gebe aber Schätzungen, wonach jedes Jahr zehn bis zwanzig Sprachen verschwinden würden.
In einer globalisierten Welt lässt sich dieser Trend nur schwierig aufhalten, so der Forscher. Der wichtigste Schritt sei, die Schönheit und den Wert der sprachlichen Vielfalt anzuerkennen, Menschen in ihrer Muttersprache sprechen zu lassen und Sprachen, die kurz vor dem Aussterben stünden, zu dokumentieren, um diese immerhin der Nachwelt zu überlassen.
https://doi.org/10.1073/pnas.2103683118
(sda)