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| Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)

Fünftes Buch [378—428]
22. Die Zerstörung der Götzentempel durch den Bischof Marcellus von Apamea
Zuerst nun unter allen Bischöfen begann der ganz ausgezeichnete Marcellus auf Grund des Gesetzes in der von ihm regierten Stadt die heidnischen Tempel zu zerstören. Dabei bediente er sich mehr des Vertrauens auf Gott als der Kraft vieler Hände. Ich will auch dieses erzählen, da es wohl verdient, in der Erinnerung zu bleiben.
[S. 301] Der Bischof Johannes von Apamea, den ich schon früher erwähnte1, war gestorben und an seiner Stelle der heilige Marcellus geweiht worden, ein Mann, der nach der Vorschrift des Apostels2 inbrünstig war im Geiste. Da kam nach Apamea der Präfekt des Morgenlandes mit zwei Obersten und ihren Untergebenen. Die Menge verhielt sich ruhig aus Furcht vor den Soldaten. Man versuchte den Tempel des Jupiter, der sehr groß und reich geschmückt und geziert war, zu zerstören. Da man aber das Bauwerk überaus fest und hart fand, so hielt man dafür, daß es Menschen unmöglich sei, das Gefüge der Steine zu lösen. Dieselben waren nämlich sehr groß, genau ineinandergepaßt und dazu noch durch Eisen und Blei miteinander verbunden. Als nun der heilige Marcellus sah, wie der Präfekt mutlos verzagte, ließ er ihn in die anderen Städte weiterziehen, er selbst aber flehte zu Gott, ihm Mittel und Wege an die Hand zu geben zur Zerstörung des Tempels.
Da kam von selbst am frühen Morgen ein Mann, der weder Baumeister noch Steinmetz noch in irgendeiner anderen Kunst erfahren, sondern nur gewohnt war, Steine und Holz auf seinen Schultern zu tragen. Dieser kam und erbot sich, den Tempel mit größter Leichtigkeit zu zerstören, nur forderte er den Lohn zweier Arbeiter. Nachdem der heilige Bischof versprochen hatte, ihm diesen zu geben, gebrauchte jener Mann folgenden Kunstgriff. Der auf einer Höhe gelegene Tempel hatte auf seinen vier Seiten eine Säulenhalle, welche fest mit ihm verbunden war. Die Säulen waren sehr groß und von gleicher Höhe wie der Tempel, der Umfang einer jeden war sechzehn Ellen. Die Natur des Steines war sehr hart und von den Werkzeugen der Steinhauer nicht leicht zu bearbeiten. Jener Mann untergrub nun eine jede Säule rings herum und stützte die darüber liegenden Teile des Gebäudes mit Balken von Ölbaumholz und wandte sich so von der einen zur anderen Säule. Nachdem er so drei Säulen untergraben hatte, legte er Feuer an das hölzerne Gerüste. Allein nun erschien ein [S. 302] schwarzer Dämon, der nicht zuließ, daß die hölzernen Balken ihrer Natur entsprechend vom Feuer verzehrt wurden, der vielmehr die Wirksamkeit des Feuers abwehrte. Nachdem man den Versuch öfter wiederholt hatte und einsah, daß das angewandte Mittel nicht zum Ziele führe, meldete man die Sache dem Bischofe, der eben nach der Mittagszeit ein wenig ausruhte.
Dieser eilte sofort in den heidnischen Tempel, ließ ein Gefäß mit Wasser herbeibringen und stellte das Wasser unter den Opferaltar; er selbst aber warf sich mit seinem Angesichte auf den Boden und flehte zu dem allgütigen Herrn, er möge nicht länger die Tyrannei des Teufels hingehen lassen, sondern die Ohnmacht desselben offenbaren wie auch seine eigene Macht zeigen, damit diese Sache den Ungläubigen nicht Anlaß zu größerem Schaden werde. Nach solchen und ähnlichen Worten machte er das Zeichen des Kreuzes über das Wasser und beauftragte einen gewissen Equitius, der mit der Würde des Diakonats geschmückt und im Glaubenseifer wohl befestigt war, das Wasser zu nehmen, schnell hinzueilen, es mit gläubiger Zuversicht auszusprengen und das Feuer anzulegen. Als dieses so geschah, ergriff der Dämon die Flucht, da er der vom Wasser ausgehenden Kraft nicht zu widerstehen vermochte. Das Feuer aber ergriff das ihm sonst feindliche Wasser wie Öl, erfaßte auch das Holz und verzehrte es in kurzer Zeit. Die Säulen aber fielen, als ihre Stütze weg war, nicht nur selbst zusammen, sondern rissen auch noch zwölf andere mit sich. Auch die Seite des Tempels, welche mit den Säulen verbunden war, stürzte ein, von der Wucht derselben mitfortgerissen. Das Getöse erfüllte die ganze Stadt, denn es war groß, und lockte alle zu dem Schauspiel herbei. Als sie vollends von der Flucht des feindlichen Dämons erfuhren, erhoben sie ihre Stimme zum Preise des Gottes aller Dinge. In dieser Weise zerstörte jener heilige Bischof auch die übrigen Götzentempel.
Ich wüßte über diesen Mann noch viele andere sehr staunenswerte Dinge zu erzählen; so schrieb er zum Beispiel Briefe an die siegreichen Martyrer und erhielt auch schriftliche Antworten von ihnen, und zuletzt erlangte [S. 303] er selbst die Krone der Martyrer; ich will es aber unterlassen, dieses jetzt des weiteren zu berichten, damit ich nicht durch zu große Weitschweifigkeit die Leser meines Werkes ermüde. Ich gehe deshalb zu einem anderen Gegenstande über.
1: Oben V, 3. S. 266.
2: Röm. 12, 11.