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Angenommen, Ihr Arzt oder Ihre Ärztin würde von der pharmazeutischen Industrie bezahlt – wie gross wäre Ihr Vertrauen? Vermutlich nicht sehr gross, und dieses Misstrauen ist berechtigt. Der US-Arzt Sidney Wolfe, ein früheres Mitglied des Komitees für Medikamentensicherheit bei der US-Arzneimittelbehörde FDA, hat im «Drug and Therapeutics Bulletin» einige Beispiele zusammengetragen, wie Geldzahlungen die Mediziner beeinflussen können:
- In den USA erhielten von 2014 bis 2016 drei Viertel der Magen-Darm-Spezialisten, die Medikamente verordneten, Geld von Pharmafirmen. Mit etwa 10,5 Millionen Dollar beispielsweise sponserten die Hersteller von «Adalimumab», einem rund 500 Franken teuren Wirkstoff gegen Darmentzündungen, die Mediziner. Es gab Mahlzeiten, Reisen, Hotelunterkunft, Vortrags- und / oder Beraterhonorare. Nur 0,12 Prozent des Betrags flossen in die ärztliche Weiterbildung. Für die Pharmafirmen lohnte sich das Investment: Für jeden Dollar, den die Firmen in Ärzte «investierten», kamen mehr als drei Dollar in Form von Medikamentenverordnungen von Adalimumab wieder zurück.
- Von über 4’000 US-Medizinern, die von 2016 bis 2018 Defibrillatoren gegen Herzstillstand einpflanzten, erhielten 94 Prozent finanzielle Zuwendungen von vier Geräteherstellern. Die Gesamtsumme betrug über 20 Millionen Dollar pro Jahr. Das machte im Durchschnitt etwa 1’200 Dollar pro Arzt und Jahr, das Maximum waren über 320’000 Dollar. Die Folge: Die Patienten erhielten überzufällig häufig genau das Gerät der Firma eingepflanzt, die ihrem Arzt gegenüber am spendabelsten war.
- Ärztinnen und Ärzte waren deutlich geneigter, ihren Patienten mehr als die empfohlene Dosis von Morphium-ähnlich wirkenden Medikamenten zu verschreiben, wenn sie Geld von Opioid-Herstellern erhalten hatten. In einem Zeitraum von 29 Monaten flossen über 36 Millionen Dollar an fast 64’000 Ärztinnen und Ärzte, deckte eine Untersuchung 2019 auf.
- Doch nicht alles wird offengelegt. Das zeigte ein Vergleich dessen, was US-Autoren von Artikeln in wichtigen Fachzeitschriften für Nervenheilkunde bei den Interessenkonflikten angaben – und was sie tatsächlich von Pharmafimen an Berater- und Vortragshonoraren, Forschungsgeldern und weiteren Zuwendungen entgegen genommen hatten. Etwa die Hälfte der Zahlungen, die im Zusammenhang mit dem Artikel als relevant eingestuft wurden, kehrten die Autoren unter den Teppich. Das Gros hatte kein Geld bekommen. Mehr als zehn Prozent aber heimsten über 10’000 Dollar ein und einige wenige sogar über eine Million – pro Jahr.
«Der Effekt kann bereits durch freundliche Worte ausgelöst werden»
«Aus psychologischen Studien wissen wir seit mehr als 50 Jahren, dass der Reziprozitätseffekt, also der Wunsch, sich für ein Geschenk zu bedanken, tief in uns verwurzelt ist. Dabei spielt der Wert des Geschenks keine Rolle. Der Effekt kann bereits durch geduldiges langes Warten oder freundliche Worte des Pharmavertreters in der Praxis ausgelöst werden», schreibt der Allgemeinarzt Niklas Schurig auf Anfrage. Schurig ist Vorstandsmitglied des Vereins «Mezis» («Mein Essen zahl ich selbst»), der sich seit 2007 gegen Korruption im Gesundheitswesen einsetzt und rund 1’000 Mitglieder hat. Hinzu komme «die ‹Resistenzillusion› auf Seiten des Arztes oder der Ärztin. Darunter verstehen wir, dass sie überzeugt sind, selbst nicht für Beeinflussung sensibel zu sein», so Schurig.
Bereits bei geringwertigen Zuwendungen seien Effekte messbar, es gebe keine Schwelle, unterhalb der keine Gefahr der Beeinflussung bestehe. Das Annehmen nur einer pharma-gesponserten Mahlzeit pro Jahr könne zu messbar mehr Verschreibungen des Medikaments des Herstellers führen.
Fokus auf Spezialisten in lukrativen Disziplinen
In der Schweiz überwies die Pharmaindustrie im Jahr 2020 an Ärzte, Spitäler, Fachgesellschaften, Patientengruppen und anderen Organisationen des Gesundheitswesens rund 182 Millionen Franken, errechnete das «Axel Springer Research Network». Etwa sechs Millionen davon gingen an Ärztinnen und Ärzte, im Jahr vor der Pandemie waren es noch 11,4 Millionen gewesen.
In Deutschland sei ein neuer Trend zu erkennen, stellt Schurig fest. «Allgemeinmediziner werden von Pharmavertretern weniger häufig besucht, Spezialisten in lukrativen Teilgebieten dafür häufiger. Je höher das Verschreibungsvolumen, desto wahrscheinlicher werden Ärzt:innen durch Marketingkampagnen erfasst.» Die Datengrundlage für die gezieltere Auswahl bildeten verbesserte Verschreibungsstatistiken der Ärzteschaft, aber auch das Auswerten von Daten, welche die Ärzte im Internet hinterlassen.
Bekanntes Online-Portal verkauft Daten von Ärztinnen und Ärzten an Pharmafirmen
Eines der bekanntesten medizinischen Onlineportale im deutschsprachigen Raum ist «DocCheck». Unter den registrierten Nutzern sind Zehntausende von Ärztinnen und Ärzten. Das Portal beinhaltet auch ein Lexikon.
«Das Geschäftsmodell ist simpel: Aus den ‹Nutzern› werden alle online erheb- und verknüpfbaren Daten mittels optimierter Verhaltensanalyse herausgepresst und meistbietend an bis zu ‹2.000 Kooperationspartner› weiterverkauft», klärte ein Artikel in den «MEZIS-Nachrichten» 2021 auf. Zu den Kooperationspartnern würden Pharmafirmen und Verlage gehören.
DocCheck verspreche der zahlenden Kundschaft wie Pharma-Unternehmen und globalen Datensammlern «gezieltes Targeting bis hin zur Facharztrichtung». Ab 500 Euro gebe es auch «Sponsored posts», die «zwischen den redaktionellen Beiträgen angezeigt» würden, und anderes mehr. Des weiteren könne die 10-Millionenmal pro Monat genutzte Lexikon-Suche mit bezahlten Suchbegriffen, sogenannten «MedWords» gezielt manipuliert werden. So würden laut DocCheck «Suchbegriffe besetzt und die Anzeige über den organischen Suchergebnissen ausgespielt.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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