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6Der folgende, bisher unveröffentlichte Ausschnitt aus «Tamangur» war ursprünglich als eine der Geschichten gedacht, die der Grossvater dem Kind erzählte, wenn es ihm einen Gegenstand brachte. In diesem Fall hätte das Kind dem Grossvater den Bimsstein der Grossmutter auf den Tisch gelegt.
Beim vorliegenden Objekt handelt es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um einen so genannten «Bimsstein für die Seele», der von den Mitgliedern des Nomadenstammes der «Reiter-ins-Nichts» benutzt wurde.
Die «Reiter-ins-Nichts» lebten im 5. Jahrhundert vor Christi Geburt in der Wüste Taklamakan.
Auf der Suche nach dem Nichts irrten die Männer ihr Leben lang auf ihren Kamelen durch die Wüste. In ihren Satteltaschen trugen sie nur das Notwendigste mit sich. Das raue, den Sandstürmen ausgesetzte Leben machte ihre Seele hart und undurchlässig für die Mitteilungen des Windes.
Einmal im Jahr musste darum jeder Reiter die Schamanin am Mondsichelsee aufsuchen, um die seelischen Verhornungen behandeln zu lassen.
Der Mondsichelsee wurde von zwei riesigen Sanddünen geschaukelt und war nur bei Vollmond zu erreichen.
Jeder Reiter musste seinen persönlichen Bimsstein mitbringen, um geheilt zu werden. Verlor er seinen Stein, so wurde er aus dem Stamm der «Reiter-ins-Nichts» verstossen.
Die Schamanin befreite die betroffenen Stellen von der Hornhaut, indem sie diese in langsamen, kreisenden Bewegungen mit dem Stein bearbeitete. Es ist nicht bekannt, ob je ein Mitglied der «Reiter-ins-Nichts» das Nichts wirklich gefunden hat.
Vielleicht irren sie immer noch rastlos durch die Weiten der Wüste Taklamakan und lassen ihre verkrusteten Seelen von der Schamanin am Mondsichelsee verarzten.
Der vorliegende Bimsstein wurde anlässlich einer wissenschaftlichen Expedition eines schweizerischen Teams nicht weit entfernt von der nördlichen Seidenstrasse, in der Nähe einer ehemaligen, nun vollkommen von Sand überdeckten Oase unbekannten Namens entdeckt.
Gedanken zu Leta Semadenis Werk
von Rico Valär
Die Engadiner Schriftstellerin Leta Semadeni hat neben Texten in namhaften Literaturzeitschriften und zwei Kinderbüchern fünf Lyrikbände auf Rätoromanisch und Deutsch publiziert. Diese sind über die Sprach- und Landesgrenzen hinweg auf ein positives Echo gestossen und wurden mit dem Bündner Literaturpreis und dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Im Jahr 2015 hat die Lyrikerin mit «Tamangur» ihren ersten Roman veröffentlicht, der von Lesepublikum und Presse mit Begeisterung aufgenommen wurde. «Tamangur» wurde vom Schweizer Radio und Fernsehen zu einem der fünf besten Bücher des Jahres 2015 erkoren.
Von Tieren und Menschen
Tiere sind ein Leitmotiv in Leta Semadenis Texten. Zwei ihrer Gedichtbände, «Monolog per Anastasia / Monolog für Anastasia» (2001) und «In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs» (2010), sind einem Tier gewidmet. In vielen Gedichten spielen Tiere eine Hauptrolle. Sei es der Uhu Anastasia, auf dessen Schwingen der Mond wächst und sich die Sterne schlafen legen, das Zebra, das sich über die Strasse legt, oder die Kuh, die Heimweh hat nach ihrem Leben aus erster Hand. Als zwar unmittelbares, aber undurchdringliches Gegenüber ist das Tier in zahlreichen ihrer Gedichte Spiegel und Sehnsuchtsort des lyrischen Ichs. «Ich wäre so gern einmal bei dir / Ich / bin doch auch / ein Tier» lesen wir beispielsweise in «Monolog für Anastasia», oder «In meinem Leben als Fuchs»: «Ich wusste nicht / meinen Namen / war nur immerfort da / wo die Pfote die Erde berührt.» Dabei ist die Begegnung mit dem Tier für den Menschen wohl irritierender als umgekehrt, da das Tier den Menschen einfach als weiteres Tier wahrnimmt.
Davant il serragl dals chucals
Al chucal
es l’uman
vacha chavà o chavra
La bes-cha
davant il serragl
nu sa nüglia
da la finezza dal gruogn
da la magia
cur cha saidla
as pozza sün saidla
Vor dem Schweinepferch
Dem Schwein
ist der Mensch
Kuh Pferd oder Ziege
Das Getier
vor dem Pferch
weiss nichts
von der Zartheit des
Rüssels der Leuchtkraft
der Nacht wenn Borste
auf Borste trifft
Gedichte in zwei Sprachen, Gedichte über Sprache
In ihren Gedichtbänden erschienen alle Gedichte auf Deutsch und Vallader. Leta Semadeni sagt, beide Sprachen seien Teil von ihr, sie fühle sich in beiden zugleich ein bisschen zu Hause und ein bisschen fremd. Denn in beiden gebe es noch vieles zu entdecken. Die Lyrikerin schreibt und versteht ihre Gedichte in beiden Sprachen als eigenständige Texte. Weder entstehen die Gedichte zuerst immer in derselben Sprache, noch handelt es sich um Übersetzungen von einer Sprache in die andere. Ein schönes Beispiel dafür ist das Gedicht «Bes-chas / Tiere», welches das Vorkommen von Tieren in zahlreichen Texten von Leta Semadeni explizit zum Thema macht:
Adüna darcheu
aintran
luotin
bes-chas
aint in meis destin
Immer wieder
schleicht ein Tier
durch meine Texte
Während in diesem Ausschnitt auf Deutsch das Tier im Singular durch die Texte schleicht, treten die Tiere auf Rätoromanisch im Plural auf leisen Sohlen in das menschliche Schicksal ein. Beide Sprachfassungen sind also durchaus eigenständige Texte und es gibt immer wieder sinnreiche Differenzen. Zusätzlich zeigt gerade dieser Ausschnitt, dass es sich lohnt, beide Sprachfassungen zu lesen, weil sich damit neue Interpretationsmöglichkeiten ergeben. In diesem konkreten Beispiel ist die Erkenntnis spannend, dass offenbar die Texte das Schicksal des lyrischen Ichs sind.
Leta Semadenis Texte entstehen durch extreme Reduktion, werfen mit wenigen Worten Daseinsfragen auf, schaffen intensive Bilder und erzählen kleine Begebenheiten. Ihre Gedichte nehmen den Leser ebenso ins warme Quito wie ins nächtliche Perugia mit, auf Vulkane wie an die Seine nach Paris, aber auch hin und wieder in ein kleines Bergdorf. Leta Semadeni erforscht das Unterbewusstsein nach Träumen und Albträumen, nach Bildern und Erinnerungen, nach Sehnsüchten und Illusionen. Sie vertraut, wie sie erzählt, ihrem Unterbewusstsein mehr als ihrem gesunden Menschenverstand. Letzterer habe sie schon einige Male getäuscht, ihr Unterbewusstsein hingegen geniesse ihr vollstes Vertrauen.
Mit dem Unterbewusstsein verbunden ist auch die Sprache, ein weiteres zentrales Thema von Leta Semadenis Schreiben. Woher kommen Worte, wie entstehen Sinnzusammenhänge und wie können diese möglichst in der Schwebe gehalten werden? Solche Fragen zur Deutungsoffenheit und zum Variantenreichtum von Sprache werden in verschiedenen Gedichten dichterisch angegangen.
In mia stanza
In mia stanza
as palainta
adüna
ün pled
in tschercha
da sia bocca
In meinem Zimmer
In meinem Zimmer
geistert immer
ein Wort
auf der Suche
nach seinem Mund
Deconstrucziun
Ils öss
dal fil
da la rain
dal corp
da la s-chierpa
chi m’es chara
Infilats sün cordas
culanas
sternüdas
pavel
per liuns
Dekonstruktion
Die Wirbel
des Rückgrats
der Körper
der Dinge
die mir lieb
Auf Schnüren
aufgereihtes
hingestreutes
Futter
für Löwen
Eine passende Metapher für ihre Schreibweise hat Leta Semadeni kürzlich in einem Radiointerview gefunden: Als sie einmal in Quito einen Kaffee bestellt habe, seien ihr eine leere Tasse und zwei Schalen serviert worden. Die eine Schale habe eine pechschwarze Creme enthalten, die andere kochend heisses Wasser. Der Kellner habe ihr erklärt, sie solle ein wenig vom schwarzen Konzentrat in die Tasse geben und dieses dann mit heissem Wasser aufgiessen. Was sie in ihren Gedichten serviere, gleiche diesem Konzentrat. Das Wasser müsse schon jeder selber dazugeben. In «Tamangur» habe sie zwar selbst ein wenig Wasser in die Tasse gegossen, aber es bleibe noch immer etwas recht Konzentriertes.
Ein Roman mit autobiographischen Spuren
Leta Semadeni ist in Scuol im Unterengadin aufgewachsen. Das Schreiben sei bei ihnen zu Hause etwas ganz Normales, Alltägliches gewesen. Ihr Vater Jon Semadeni war ein bedeutender rätoromanischer Dramatiker und Schriftsteller. (Seine Prosawerke «Die rote Katze» sowie «Der Bannwald» sind auch auf Deutsch erhältlich.) Mit seinen zeitkritischen Radiohörspielen und Kabaretten wurde er in ganz Graubünden bekannt. Leta Semadeni studierte Sprachen an der Universität Zürich sowie in Italien und Ecuador und war als Sekundarlehrerin tätig. Sie schreibt seit ihrer Jugend Lyrik und Kurzprosa und publizierte unter anderem in der Literaturzeitschrift «Orte», die sie mitbegründet hat. Heute arbeitet sie freischaffend in Lavin.
Zur Arbeit an ihrem ersten Roman «Tamangur» erzählt Leta Semadeni in einem Interview mit Angelika Overath im Jahrbuch viceversa 2013: «Ich lebe in der Nähe des Ortes, an dem ich aufgewachsen bin. Die Geschichten sind da. Die Grossmutter, der Grossvater. Die Mutter, der Vater, das Dorf. Sie brauchen jetzt Platz. Und weiss man denn immer, warum etwas Platz braucht, Raum braucht?» Die Menschen und Orte aus der Biografie der Autorin erscheinen bereits in vielen ihrer Gedichte und bilden nun den roten Faden ihres Prosaerstlings. So beispielsweise der Grossvater aus dem schönen Gedicht «Grossvater füttert die Dohlen»:
Mitten im Schwarm
auf dem Balkon
Sein Tanz gleicht dem Tanz
der Tanzbären
auf den Jahrmärkten
Aber die Liebe der Dohlen
hat die Schärfe
von Kralle und Schnabel
In ihren Mägen
pulsiert sein hartes Brot
Er spricht mit verzauberten Menschen
Und sie krächzen
mit der grossen Dohle
die ihnen das Futter reicht
mit der Kälte
Nicht nur die Menschen, auch verschiedene Tiere sind uns bereits aus Leta Semadenis lyrischem Werk bekannt. Die Ziege auf dem Buchumschlag des Romans und in der Eröffnungsszene oder der Uhu Anastasia (hier auf Rätoromanisch Staschia), den der Grossvater verletzt im Wald gefunden und zu Hause gefüttert hat. Ebenso erschien der Hund «Chan» (Hund auf Rätoromanisch), der sich sprachlich in den Schwanz beisst, bereits im Titel eines Gedichts, in welchem Semadeni Derrida zitiert: «Das Wort Hund beisst nicht.» Und Orte wie Paris oder Quito, wo Semadeni gelebt und welchen sie Gedichte gewidmet hat, sind im Roman die Orte vergangener Reisen der Grossmutter.
Reduzierte, dichte Prosa
Für den Leser besonders spannend sind jedoch nicht in erster Linie diese verborgenen und offenen Bezüge des Romans zu Werk und Leben von Leta Semadeni, sondern die besondere Schreibweise. Man spürt dieser Prosa an, dass sie von einer Dichterin stammt. Die Sprache ist reduziert, glasklar, folgt einem inneren Rhythmus. Die Formulierungen und Metaphern sind sinnreich und prägnant. Die Sätze sind durchdacht und sprachlich ausgefeilt – und lesen sich doch flüssig.
In einzelnen Miniaturen wird vom Alltag, von den Träumen und Sehnsüchten eines Mädchens und seiner Grossmutter erzählt. Ohne viele Worte werden ein seltsam zeitloses Bergdorf und die wunderlichen Figuren, die es bevölkern, beschrieben. Die grossen Abwesenden sind dabei die engsten Verwandten des Mädchens: Der kleine Bruder ist im Fluss ertrunken, die Eltern sind aus Trauer und Verzweiflung weggezogen, der Grossvater ist ins Paradies der Jäger entschwunden. Nach «Tamangur», ein Name wie geschaffen für das Totenreich.
Es ist der Name eines real existierenden Ortes, des höchstgelegenen geschlossenen Arvenwaldes Europas in S-charl im Unterengadin. Dieser urzeitlich klingende Name hat nicht nur Etymologen zu wilden Theorien über einen möglichen etruskischen Ursprung hingerissen, sondern auch Dichter wie Peider Lansel dazu inspiriert, diesen zähen, allen Wettern trotzenden Wald als Sinnbild der für ihre Sprache kämpfenden Rätoromanen zu feiern. Dass «Tamangur» nun zum sehnsuchtsvoll evozierten Totenreich wird, ist kein schlechtes Omen für das Rätoromanische. Es zeigt die Macht der Sprache, aus drei vagen Silben eine ganze Welt aufquellen zu lassen – vorausgesetzt, der Leser ist bereit, selber ein wenig Wasser dazuzugeben.