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|Tamara Drewe

Land: Grossbritannien
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Moira Buffini, Posy Simmonds
Darsteller: Gemma Arterton, Roger Allam, Bill Camp, Dominic Cooper, Luke Evans, Tamsin Greig, u.a.
Kamera: Ben Davis
Schnitt: Mick Audsley
Musik: Alexandre Desplat
Laufzeit: 111 Minuten
Kinostart: 07.10.2010
Verleih: Pathé Films
Weitere Infos bei IMDB
Die Kunst der Verführung
von Sarah Stutte
England gilt als Herkunftsgarantie für gute Komödien schlechthin. Der britische Regisseur Stephen Frears bestätigt dies einmal mehr, indem er mit Tamara Drewe eine ausgezeichnete Comicverfilmung präsentiert.
Das englische Provinzkaff Ewedewn bietet mit viel Ruhe und einer malerischen Landschaft den idealen Aufenthaltsort für Schriftsteller wie den schreibblockierten Glen McCreavy (Bill Camp). Er ist zum zweiten Mal im Arbeitsrefugium Stonefield, dass die von ihm höchstverehrte Beth Hardiment (Tamsin Greig) schon vor Jahren in ihrem Landhaus “am grünen Rand der Welt” (wie die Zeitungsannonce wirbt) eingerichtet hat. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ihr Mann Nicholas (Roger Allam) selbst zu den Bestsellerautoren des Landes gehört. Zumindest ist er das auf dem Papier, denn eigentlich formt Beth in seinen Büchern sämtliche Charaktere, bringt viele Ideen ein und tippt die Manuskripte regelmässig ab. Noch dazu steigt Nicholas viel lieber jungen Frauen nach und mit diesen ins Bett, als seiner von ihm betrogenen Ehefrau in Haus, Hof oder bei der Gästebetreuung unter die Arme zu greifen.
Während zwischen dem Gastgeberehepaar gewaltig die Luft brennt, platzt plötzlich die attraktive Londoner Klatschkolumnistin Tamara Drewe (Gemma Arterton) in die scheinbare Idylle. In Ewedewn aufgewachsen, will sie ihr Erbe, das leerstehende Elternhaus, für den Verkauf herrichten und nistet sich dafür kurzerhand dort ein. Ihr Auftauchen sorgt für noch mehr Gefühlschaos, denn sowohl Beths Angestellter Andy Cobb (Luke Evans), der als Teenager kurz mit Tamara liiert war, als natürlich auch Schürzenjäger Nicholas haben ein Auge auf die nun nasenoperierte Schönheit geworfen. Genau wegen des Makels ihres früher hässlichen Riechorgans liess Andy Tamara damals fallen und Nicholas sie links liegen. Tamara rächt sich auf ihre Art: Sie holt sich Rockstar Ben (Dominic Cooper) ins Haus und schürt damit die Eifersucht. Jedoch nicht nur die der Männer: die halbwüchsigen Kleinstadt-Pomeranzen Casey (Charlotte Christie) und Jody (Jessica Barden), deren Hormone beim Anblick von Ben gänzlich in Wallung geraten, lassen nichts unversucht, um ihr Idol und Tamara auseinanderzubringen…
Illustratorin und Schriftstellerin Posy Simmonds brachte 2007 mit Tamara Drewe eine nicht nur in England sehr erfolgreiche Graphic Novel heraus. Die Comiczeichnerin verarbeitete darin ihre Cartoonstrip-Serie, die zuvor jahrelang in der englischen Zeitung “The Guardian” publiziert wurde. Die Graphic Novel ist ihrerseits eine Adaption des Thomas Hardy Romans Far From The Madding Crowd. Simmonds nahm die darin enthaltenen Charaktere auf und erzählte die Geschichte neu aus verschiedenen Perspektiven, fügte moderne Elemente wie journalistische Notizen, Briefauszüge und Tamaras Kolumnen ein und bereicherte das Ganze mit vielen literarischen Verweisen. Nicht zuletzt deshalb ist Simmonds Graphic Novel eine einzigartige Mischung: sie packt die Prise Romantik im Stile des 18. Jahrhunderts in ein zeitgemässes Gewand und nimmt dabei ironisch die englische Mittelschicht und insbesondere deren Literaturszene auf die Schippe.
Regisseur Stephen Frears liess die Zeitungsschnipsel für seinen Film zwar beiseite, übernahm dafür aber die unterschiedlichen Blickwinkel der Figuren auf die Handlung. Das Resultat ist eine wirklich tolle Comicverfilmung, in der die Darsteller wie die fleischgewordenen Personen der Graphic Novel aussehen und agieren. Gemma Arterton, die bisher als Bond-Girl, Halbgöttin oder arabische Wüstenprinzessin meist nur durch ihre Schönheit glänzte, darf diesmal mit dieser nicht nur kokettieren, sondern sie auch neckisch persiflieren. Arterton spielt dabei zwar das weniger berechnend als vielmehr naive Zentrum der Erotik, um das die Männer wie Satelitten kreisen. Das Herz des Zuschauers gewinnt aber Tamsin Greig, die ihre Rolle “Beth” mit einer liebenswert vorgetragenen Gutmütigkeit ausstattet. Herrlich überzeichnet ist auch Dominic Coopers Figur als exzentrischer Gruftie-Rocker, genauso wie die Darstellung von Roger Allam als selbstverliebter, notorischer Fremdgänger Nicholas. Die meisten Lacher verbuchen jedoch die beiden jüngsten Schauspielerinnen: Charlotte Christie und Jessica Barden glänzen als gehässige, besessene Teenie-Groupies in Tokio Hotel-Manier.
Für Unterhaltung sorgen neben dem aberwitzigen Liebesreigen und den gut aufgelegten Schauspielern auch die pointierten literarischen Bezüge. So schreibt Glen McGreavy ausgerechnet an einem Buch über Thomas Hardy, was im Laufe der Geschichte immer mehr zu einem Werk über das Leben des Autors, nicht über seine Literatur, wird. Hardy sei ein Mann gewesen, erzählt Glen Beth im Gespräch, der sich, trotz seines eigenen fortgeschrittenen Alters, immer wieder zu jüngeren Frauen hingezogen fühlte. Damit schafft Frears über die Namensgebung Hardiment hinaus, die direkte Verbindung zu Nicholas und macht gleichzeitig auch deutlich, wie sehr Glen Nicholas zwar verwerfliche, doch immerhin offene Art heimlich bewundert. Ebenso kann Tamara Drewes einst unförmiger Zinken als Verweis betrachtet werden, denn Nicole Kidman war in der Literaturverfilmung The Hours als Virginia Woolf ähnlich hübsch-hässlich anzusehen.
Die Geschichte um Versteckspiele, Gewissensbisse und Grenzüberschreitung spiegelt sich bei Frears auch immer in seinen Bildern wieder, in denen der freie Blick auf Häuser von hohen Bäumen verwehrt wird, eine Horde Kühe (nicht Rinder!) Nicholas Hardiment zu Leibe rückt und die titelgebende Figur in einer Szene behände über den Zaun steigt. Leider wirkt der Schluss etwas abrupt und ist deshalb auch als einziger Minuspunkt zu werten. Nichtsdestotrotz hat Stephen Frears mit der Verfilmung von Tamara Drewe ganze Arbeit geleistet. Seine nonchalante, witzige und leichtfüssige Art macht den Film unbedingt sehenswert.
©Pathé Films
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