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Autor: Silvia Häcki-Eggimann
In «Das Gegenteil von Tod» beschreibt Roberto Saviano in zwei Geschichten auf eindringliche Weise die ganze Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht junger Leute, die das Pech haben, in Neapel zu leben. In der Titelgeschichte geht es um Maria, die mit knapp achtzehn Jahren zur Witwe wird, bevor es überhaupt zur Trauung kommt. Ihr Verlobter hat sich als Söldner im Afghanistan-Krieg verdingt und stirbt bei einem Anschlag. Er ist einer unter vielen, es gibt kaum eine andere Möglichkeit, um in dieser Gegend auf legale Weise Kreditwürdigkeit zu erlangen.
In Marias Umfeld wird die schwarze Trauerkleidung erst gar nicht mehr abgelegt. Die Familien haben Tote zu betrauern oder Verletzte und psychisch Geschädigte zu betreuen. Szenen wie jene der jungen Männer am Trauergottesdienst, die sich statt der Hostie ihre Erkennungsmarke in den Mund stecken, gehen unter die Haut.
In der Geschichte «Der Ring» bekommt der Ich-Erzähler ein Kribbeln in den Händen, als er zum ersten Mal ein Mädchen aus dem Norden abholt. Er hat sie als seine Begleiterin zu einem Hochzeitsfest eingeladen. Schnell führt er sie weg von der tristen Gegend um den Bahnhof an Orte, für die er sich nicht zu schämen braucht, ans Meer zum Beispiel, «wo man den Beton im Rücken hat».
Er kann der jungen Freundin nicht erklären, vor was er sie mit dem Ring beschützen möchte, den er ihr bei ihrem Besuch überstreift. Später ist aus der jungen Frau eine Journalistin geworden. Bei einer erneuten Begegnung nach vielen Jahren zeigt sie ihrem alten Freund ein Foto von jenem Fest und deutet auf Giuseppe und Vincenzo: «Sie wurden umgebracht, weil sie bei der Camorra waren, oder?» Die Dinge sind aber viel komplizierter: «Es gibt Orte, an denen geboren werden schuldig werden bedeutet.»
Die beiden Geschichten des schmalen Bandes berühren auf erschütternde Weise und demonstrieren zugleich die gewaltige Macht der Worte.
Roberto Saviano: «Das Gegenteil von Tod», Hanser-Verlag, 72 S.
Silvia Häcki-Eggimann ist Erwachsenenbildnerin.