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Literatur
Die Vergangenheit der Gegenwart
Sein erster Roman "Die Welt ist im Kopf" hat sowohl Leser wie Kritiker begeistert. Entsprechend gespannt war man auf Christoph Poschenrieders zweites Buch, das unter dem Titel "Der Spiegelkasten" im Herbst 2011 bei Diogenes erschien.
Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, denn der junge Mann, dessen Geschichte hier erzählt wird, trägt Züge des Autors selbst. In seiner im Roman erzählten Form hat er sie verfremdet und manche Fakten verschleiert.
Ein junger Mann stößt mitten in einer persönlichen und beruflichen Krise, die ihn fast völlig von der Außenwelt abschneidet, auf die Kriegsfotoalben seines Onkels aus dem Ersten Weltkrieg. Der deutsch-jüdische Offizier Ismar Manneberg hat sie gesammelt. Während er sich ausschließlich von Pizza ernährt, die er per Internet bestellt und die ihm ins Haus geliefert wird, verliert er sich immer mehr in die schwarz-weiß-Bilder aus einem Krieg, der für den jungen Mann zunehmend lebendig wird. Besonders angetan hat es ihm eine verwischte Abbildung eines sogenannten Spiegelkastens.
Er versucht auf verschiedenen Internetforen zum Ersten Weltkrieg Information zu bekommen nicht nur über die Orte, an denen Ismar Mannbergs Kompanie gekämpft und gelitten hat, sondern vor allem auch über den sagenumwobenen Spiegelkasten. Irgendwann bekommt er eine Mail von einem "WarGirl18", die andeutet, Näheres darüber zu wissen, sich aber zunächst sehr bedeckt hält.
Die Arbeit des Ich-Erzählers, mit der er sich ernährt, befriedigt ihn nicht. Für eine unbekannte staatliche Organisation, die im Stil eines Geheimdienstes Informationen über die Rezeption der Staatspolitik in den Medien erhalten will, durchstöbert er täglich Dutzende von Zeitungen und fertigt Dossiers an. Texte, die niemand liest.
Irgendwann gerät er in Ungnade und muss seine Dossiers anhand der Onlineausgaben der Medien erstellen. Gleichzeitig verliert er sich immer mehr in der virtuellen Welt, in der er Informationen über seinen Onkel und den auf einem seiner Fotos abgebildeten Spiegelkasten zu erlangen hofft.
Dieser Onkel, Ismar Manneberg, erhoffte sich 90 Jahre vorher als Jude in der kaiserlichen Armee so etwas wie Anerkennung, die er aber nie wirklich bekam. Nach dem Krieg wird er wie so viele andere Juden ein Lied davon singen können. Während seines Einsatzes in Frankreich jedoch trägt ihn eine tiefe Freundschaft zu Ludwig Rechenmacher. (Der ist Poschenrieders eigentlicher Onkel mit den Fotos gewesen.)
Zwischen Fortunatus Rex (Manneberg) und Cursus Velox (Rechenmacher), wie sich die beiden oft anreden, entwickelt sich eine wirkliche Männerfreundschaft, deren Beschreibung über die schrecklichen Jahre des Kriegs die eine Säule des Romans bildet. Manneberg erfindet sich irgendwann ein Fräulein Müller in München, an die er einen Brief schreibt, weil doch alle Kameraden an Frauen, Freundinnen oder Mütter schreiben. Groß ist die Überraschung, als er später tatsächlich von Fräulein Müller eine Antwort erhält. Wie konnte das zugehen?
Ähnlich faszinierend und rätselhaft sind für Manneberg seine Begegnungen mit einem Militärarzt, der mit merkwürdigen Methoden Menschen von dem Trauma ihrer Amputation befreit.
Je mehr sich der junge Ich-Erzähler fragt, wie sein Onkel dieser Hölle des Ersten Weltkriegs auf Frankreichs Schlachtfeldern hat entkommen können, desto mehr gerät er selbst hinein, bis er die Realität mit der virtuellen Welt, in der er sich nur noch aufhält, verwechselt.
Mit einer schon aus dem ersten Roman bekannten virtuosen Collagetechnik erzählt Poschenrieder nicht nur von der grausamen Wirklichkeit von damals, sondern auch von der virtuellen Welt des Heute. Gründlich und sorgfältig recherchiert, legt Poschenrieder einen historischen Stoff, den man als historisch informierter Mensch zu kennen glaubt, aus einer völlig neuen Perspektive dar, und nimmt durch den permanenten Wechsel der Perspektiven den Leser mit auf eine abenteuerliche und spannende Reise in die Vergangenheit der Gegenwart.
Man legt das Buch bis zur letzten Seite nicht aus der Hand. Dieses zweite Buch zeigt wieder das große Talent Poschenrieder, der von ab jetzt mit den Großen in einem Zug genannt werden darf.