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Chancy, im äussersten Westen der Schweiz
Das Grenzdorf Chancy und seine beiden Grenzübergänge liegen im äussersten Westen des Kantons Genf. Der berühmte Grenzstein Nr. 1 bildet den westlichsten Punkt der Schweiz. Forum Z. war zu Gast.
16.09.2020, von Roman Dörr, Zollexperte, Zollinspektorat Pratteln
Wer von Genf westwärts fährt, erreicht nach wenigen Minuten das Gebiet der Champagne mit ihren Hügeln und Feldern. Am Rand dieser fruchtbaren Gegend, an der Grenze zu Frankreich, liegt Chancy. Hier befindet sich der westlichste Grenzübergang der Schweiz.
Chancy
Schon immer war Chancy ein wichtiger Grenz- und Durchgangsort an der einstigen Handelsroute Genf-Lyon. Lange vor dem Einmarsch der Römer, welche den Weinbau mitbrachten, begünstigten die Untiefen der Rhone eine Ansiedlung und den Warenaustausch. Im Mittelalter erwarben die Grafen von Genf das Dorf, das 1240 als Chancie erstmals urkundlich erwähnt wurde. 1260 ging es an das Herzogtum Savoyen über und verblieb ab 1536 bei Genf.
Von 1424 bis 1589 bestand eine Brücke über die Rhone. Bis zum Neubau 1874 stellte eine Fähre die Verbindung zwischen Chancy und Pougny sicher.
Wie alle Dörfer der Champagne ist Chancy, zu dem auch Passeiry und Le Cannelet gehören, von der Landwirtschaft geprägt. Die Gemeinde achtet darauf, dass das ländliche Ortsbild erhalten bleibt.
Der Abschnitt Chancy und seine Grenzübergänge
Der Abschnitt Chancy hat zwei Grenzübergänge nach Frankreich:
Chancy II ist der westlichste Grenzwachtposten der Schweiz. Er liegt an der Strasse, die durch das Naturreservat «Vallon de Longet» nach Valleiry, Département de la Haute-Savoie, geht. Die Grenzlinie liegt weiter oben beim «Parking de Chancy». Der Übergang ist täglich von 6 Uhr bis 22 Uhr offen. Der Posten wurde 1997 geschlossen. Das Gebäude ist heute von Grenzwächtern privat bewohnt.
Der Grenzwachtposten Chancy I war einst Hauptzollamt. Das Gebäude steht gegenüber der Rhonebrücke, welche nach Pougny im Département de l’Ain führt. Mit dem Zusammenschluss der schweizerischen und französischen Autobahnen bei Bardonnex brach der ganze Transitverkehr weg. Über Chancy I fahren hauptsächlich französische Pendler, welche in der Région Lémanique arbeiten. Dieser Grenzübergang ist rund um die Uhr passierbar und dient der Grenzwache weiterhin als Kontrollstützpunkt.
Speziell am Abschnitt Chancy ist, dass er an die französischen Departemente Ain und Hochsavoyen angrenzt. «Wenn wir in der Vergangenheit die Hilfe Frankreichs brauchten, mussten wir bis zum letzten Moment abwarten und beobachten, welche Strasse ein Fahrzeug nahm, das an der Ausfahrt fliehen wollte, um herauszufinden, welche Gendarmerie aus welchem Departement wir fragen mussten. Doch oft war es zu spät», erklärt Adjutant Michel Avanthay, Postenchef des Grenzwachtpostens Rive Droite. «In den letzten Jahren hat sich die Zusammenarbeit zum Glück stark verbessert.»
Arbeiten während der COVID-Pandemie
Mit dem Ausbruch der COVID19-Pandemie im Frühjahr 2020 blieb der Grenzübergang Chancy II die ganze Zeit geschlossen. Chancy I hingegen war während der Grenzzeiten geöffnet, um den Stau in Meyrin zu verringern.
Um illegale Übertritte zu verhindern, griff die Grenzwache auf traditionelle Überwachungsmethoden zurück. Dazu gehörten sowohl der Plantondienst an den Grenzübergängen als auch Fusspatrouillen im Gelände. Vor allem für junge Mitarbeitende war diese Art Dienst zu leisten eine neue Erfahrung.
Schmuggel
Ist Schmuggel ein Thema in Chancy? «Ja, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs», sagt Michel Avanthay, «Danach waren diese Grenzübergänge keine besonders «heissen» Punkte mehr. Es wurden Kontrollen durchgeführt, wenn die Menschen auf den Hauptstrassen ankamen, die zu den Grenzposten führten.»
Und heute? «Schmuggeln in unserem Abschnitt ist unrentabel», ergänzt Michel Avanthay. «Zum einen macht die Fliessgeschwindigkeit der Rhone das Überqueren des Flusses sehr gefährlich. Zum anderen führt das Zwischengelände den Verkehr zu den zwei alten offiziellen Grenzübergängen. Und ausserdem leiten alle Fahrwege den Verkehr an die Grenzposten. Deshalb hat sich hier der Schmuggel im Zwischengelände auch nicht entwickelt.»
Grenzstein Nr. 1, der westlichste Punkt der Schweiz
Doch, wo liegt nun der westlichste Punkt der Schweiz? Es gibt einen unscheinbaren Wegweiser, der uns dorthin führt. Hinter Chancy II folgen wir einem asphaltierten Strässchen. Dieses mündet in einen Feldweg ein, der in den Wald des Gebiets «vers-Vaux» hingeht, das zum Naturreservat «Vallon du Longet» gehört.
Da, zwischen Bäumen und Felsen, liegt der westlichste Punkt der Schweiz, der legendäre «Grenzstein Nr. 1», datiert 1816. Er ist der erste von den 6638 Steinen, welche die Schweizer Grenze säumen. Auf der einen Seite trägt er das Wappen des Kantons Genf, auf der anderen jenes des Königreichs Piemont-Sardinien. Für Ingenieur Guillaume-Henri Dufour war dieser Stein Referenzpunkt für die Vermessung der Schweizer Landkarte, die er in der Mitte des 19. Jahrhunderts schuf.
Den Grenzstein Nr. 1 gibt es nicht nur einmal. Bei einer Korrektur der Grenzlinie kamen später noch die Steine 1.1 bis 1.5 dazu.
Der Abschnitt Chancy ist voller Kontraste. Dennoch ist die Champagne, der «Far West» der Schweiz, eine Gegend, welche die Neugier für weitere Entdeckungen weckt.