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26.01.2021 | Personen | Umwelt & Materie
Zum Tod von Hans Balsiger
Der ehemalige Direktor des Physikalischen Instituts und Professor für Experimentalphysik der Universität Bern, Hans Balsiger, ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Balsiger hat massgeblich dazu beigetragen, den weltweiten Ruf des Physikalischen Instituts der Universität Bern in der Weltraumforschung zu stärken.
Von Kathrin Altwegg und Ernest Kopp
Mit grosser Trauer haben wir die Nachricht von Hans Balsigers Hinschied an der Universität Bern aufgenommen. Der ehemalige Direktor des Physikalischen Instituts ist am 19. Januar 2021 nach längerer Krankheit verstorben.
An zahlreichen Weltraummissionen beteiligt
Hans Balsiger hat seine Laufbahn an der Universität Bern begonnen, wo er Experimentalphysik studierte und 1967 mit dem Doktorat abschloss. Seine Dissertation bei Prof. Johannes Geiss befasste sich mit irdischen und meteoritischen Materialien, an denen er mit Hilfe der beiden Massenspektrometern – Susanne und Atlas genannt – Altersbestimmungen durchführte.
Gleich nach seiner Dissertation begann er sich aber mit Weltrauminstrumenten zu befassen. Zusammen mit Prof. Ernest Kopp entwickelte er die Elektronik für das erste Weltraum-Instrument der Universität Bern, das von der Firma Contraves 1967 in den Himmel geschossen wurde. Gleichzeitig arbeitete er am ersten flugfähigen Satelliten-Massenspektrometer aus Bern, dem GEOS-Instrument, das die irdische Magnetosphäre erforschen sollte. In den Jahren 1968 bis 1970 war er als Postdoctoral Fellow (ESRO/NASA) an der Rice University in Texas, wo er am Apollo-12 ALSEP Suprathermal Ion Detector Experiment beteiligt war. Er erlebte also die erste und zweite Mondlandung hautnah vor Ort bei der NASA in Houston.
1970 kam er als Oberassistent-Lektor zurück in die Gruppe von Johannes Geiss. 1977 und 1978 wurden «seine» GEOS-Experimente nach etlichen Verzögerungen in den Orbit geschossen, wobei der erste Flug nicht ganz nach Plan verlief und darum ein zweites Instrument gebaut wurde. 1979 habilitierte Hans Balsiger, 1984 wurde er zum ausserordentlichen Professor befördert und schlussendlich 1990 zum ordentlichen Professor. 1993 bis fast zu seiner Emeritierung 2003 war er Direktor des Physikalischen Instituts.
Hans war schon immer ein Teamplayer, im Beruf und im Sport. So spielte er Fussball, Wasserball und Handball, was seinem Charakter gut entsprach. Er war selbst sehr sportlich und hatte mit Zeitungsberichten vor allem über die Wasserball-Spiele am Sonntag in der Studienzeit einen kleinen Nebenverdienst. Zwischen 1967 und 1974 war er auch regelmässig Captain der Physiker Fussballmannschaft an der Universität Bern, und manchmal schaffte man es auch in die Endrunde der Uni Meisterschaft.
Nach den Erfolgen mit GEOS war Hans an vielen weiteren Weltraummissionen beteiligt: Co-Investigator beim Plasma Composition Experiment auf ISEE-1 (International Sun Earth Explorer), Co-Investigator beim Sonnenwindexperiment auf Ulysses um die Sonnenpole, beim Dynamics Explorer und AMPTE Energetic Ion Mass Spectrometer und bei den WIND, POLAR, SOHO, und CLUSTER Missionen. Einen ersten fulminanten Höhepunkt erreichte seine wissenschaftliche Karriere als Hauptverantwortlicher des Giotto Ionenmassen-Spektrometers mit dem Vorbeiflug am Kometen Halley 1986. Dieser Erfolg führte dann zu einem weiteren Höhepunkt, dem Bau und Start (2004) des ROSINA Instruments für die Rosetta Mission zum Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko.
Einsitz in zahlreichen Gremien
Es ist kein Zufall, dass Hans Balsiger bei so vielen Missionen massgeblich beteiligt war. Seine wissenschaftliche Kompetenz, seine Leidenschaft, sein pragmatisches Vorgehen, aber vor allem auch sein Humor und seine Menschlichkeit wurden weltweit geschätzt, bei Wissenschaftskolleginnen und -kollegen, bei der ESA und der NASA, bei politischen Gremien, bei der Schweizer Industrie wie auch beim wissenschaftlichen Nachwuchs.
Dies führte auch dazu, dass Hans Balsiger in vielen wissenschaftlichen und politischen Gremien Einsitz nehmen konnte und damit die Weltraumforschung in der Schweiz und bei der ESA geprägt hat. So war er Mitglied und zeitweise Präsident der wissenschaftlichen Beratungsgremien der ESA: der Solar System Working Group, des Senior Space Science Advisory Committee; des Long-term Space Policy Committee und 1996 bis 1999 präsidierte er das höchste ESA-Gremium, das Science Programme Committee, das die Entscheidungen trifft. Auch in der Schweiz war er gefragt als Präsident der Kommission für Weltraumforschung der Schweizerischen Akademie für Wissenschaften, als Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Weltraumfragen, im Forschungsrat des SNF.
Wer meint, dass er sich mit seiner Emeritierung 2003 zur Ruhe gesetzt hätte, liegt falsch. Er spielte weiter eine aktive Rolle beim ROSINA Instrument und war täglich an seinem Arbeitsplatzt im Institut anzutreffen. Das half mit, das Wissen über mehr als 20 Jahre an unzählige Nachwuchsleute weiter zu geben, ein wichtiger Pfeiler für den Erfolg von ROSINA. Von 2004 bis 2009 präsidierte er zusätzlich die internationale Stiftung «Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch und Gornergrat».
Ein gewiefter Diplomat und menschlicher Chef
Hans Balsiger war nicht nur ein guter Wissenschaftler, sondern auch ein exzellenter Diplomat, mit einer Portion Bauernschläue und einem Pokergesicht. Wie gewinnt man den Zuschlag für ein Weltrauminstrument gegenüber einer starken Konkurrenz? Ja, mit einem hervorragenden Proposal, einem guten Netzwerk und einem guten Ruf. Aber unschlagbar wird man, wenn man sämtliche Konkurrenten ins eigene Team holt. So gewann Hans Balsiger 1996 den Kampf um ROSINA gegenüber der ESA. Denn die ESA wollte für ROSINA nur ein Instrument und nur 21 kg Gewicht bewilligen. Die Antwort von Hans mit seinem Pokergesicht war: Dann mach ich das Instrument nicht. Ihr müsst jemand anders suchen. Der ESA blieb mangels Alternativen nichts übrig, als einzuwilligen: drei Instrumente und 35 kg. Kurz nachher kündigte die NASA an, dass sie ihren Beitrag an ROSINA nicht bezahlen könne, was den Bau dieses Instruments praktisch verunmöglicht hätte. In der Folge führte Hans Balsiger viele bilaterale Gespräche mit Verantwortlichen der deutschen und französischen Weltraumagentur, mit der ESA, mit dem Swiss Space Office und mit dem NASA Administrator. Schlussendlich hatte er einen Deal zusammen, der so kompliziert war, dass ihn niemand, nicht einmal mehr er selber, verstand. Aber der Deal stand, und so wurde ROSINA mit Unterstützung der NASA gebaut.
Hans war hartnäckig, konnte auch mal seine Meinung lautstark verteidigen – nicht von ungefähr darum sein Pfadiname «Bäggu» –, aber seine Positionen waren immer sehr gut begründet, und er griff Leute nie persönlich an. Es ging ihm um die Sache, und er konnte sich dann auch durch entsprechende Argumente umstimmen lassen. Sein Humor hat sicher mitgeholfen, dass seine Wissenschaftskolleginnen und -kollegen wie auch seine Konkurrenten und Konkurrentinnen ihn immer respektiert haben. Wenn er sprach, haben die Leute zugehört. Hans hatte auch immer Zeit für Probleme seiner Mitarbeitenden. Er forderte und förderte, er war ein menschlicher Chef für alle.
Mit dem Tod von Hans Balsiger ein knappes Jahr nach dem Tod von Johannes Geiss geht eine Ära zu Ende, die das Physikalische Institut und die Universität Bern auf ein Top-Niveau im Bereich der Weltraumforschung katapultiert hat.
Die Mitarbeitenden, seine Kolleginnen und Kollegen am Institut, an der Universität, im ROSINA Team, bei der ESA und der NASA werden ihn schmerzlich vermissen.
Zur Autorenschaft
Prof. em. Dr. Kathrin Altwegg studierte und doktorierte an der Universität Basel. Als die Physikerin 1982 an die Universität Bern kam, arbeitete sie gemeinsam mit Hans Balsiger für die Giotto-Mission zum Kometen Halley. Später war sie Projektmanagerin und schliesslich Hauptverantwortliche für das ROSINA-Experiment, das an Bord der Raumsonde Rosetta den Kometen Chury erforschte. Sie lehrte als Professorin und war Direktorin des Center for Space and Habitability (CSH) an der Universität Bern. Seit 2016 ist sie pensioniert, forscht aber weiter.
Prof. em. Dr. Ernest Kopp studierte an der Universität Bern Physik. Im Rahmen seiner Doktorarbeit entwickelte er gemeinsam mit Hans Balsiger ein Messgerät, das 1967 erstmals mit einer Zenit-Höhenforschungsrakete von Sardinien aus gestartet wurde. In der Folge leitete Ernest Kopp Kampagnen zu Höhenforschungsexperimenten in Schweden, Frankreich, Spanien und den USA. Er war wesentlich an der Entwicklung von miniaturisierten, robusten Massenspektrometern für Satelliten und Raumsonden beteiligt – der Spezialität der Berner Weltraumforschung.
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