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Vormundschaft als Herrschaftsinstrument? Technologien der Macht im schweizerischen Sozialstaat nach 1945
Samstag, 11. Juni
09:15 bis 10:45 Uhr
Raum 2056
Der Sozialstaat ist ein klassisches Untersuchungsfeld der historischen Forschung, erst jüngeren Datums hingegen ist das Interesse an der Geschichte des Vormundschaftswesens, einem zentralen Bereich des Sozialstaates. Die in den letzten Jahren publizierten Studien zeigen, dass das föderalistisch und subsidiär ausgerichtete Staatswesen zu regional unterschiedlichen Formen der Vormundschaftspolitik und -praxis in der Schweiz führte mit vielfältigen Aufgabenteilungen zwischen Behörden und privaten Organisationen. Was bislang vor allem in Einzelstudien untersucht wurde, soll im Panel vergleichend zur Diskussion gestellt werden: Welche Aussagen lassen sich zu Entwicklung, Tradierung und Wirkmächtigkeit des schweizerischen Sozialstaates als Herrschaftsinstrument machen?
Wir verstehen Herrschaft als soziales Regelsystem, in dem Macht institutionalisiert und soziale Normierungen erzeugt werden. Michel Foucault beschreibt Macht als Wirkung in einem Netz von Praktiken. Ein solches Dispositiv stellt das institutionalisierte Vormundschaftswesen dar, in dem Macht dezentral, lokal, performativ, instabil und relational ist.
Uns interessiert, wie sich die regional unterschiedlichen politischen Strategien, gesetzlichen Grundlagen, institutionellen Settings und personellen Beziehungen des vormundschaftsrechtlichen Dispositivs auf das Kräfteverhältnis und die Handlungskompetenzen der involvierten Personen auswirkten. Im Zentrum stehen Fragen wie: Welchen Einfluss hatten die unterschiedlichen Ausprägungen des Dispositivs auf Wahrnehmungs- und Deutungsmuster sozialen Verhaltens? Wie nutzten Akteure ihre Ermessens- und Handlungsspielräume? Inwiefern bestimmten die Akteure ihre Aufgaben eigenmächtig im Kontext von unbestimmten Rechtsbegriffen, wenig geregelten Zuständigkeiten und divergierenden Interessen? Welche Praktiken verstärkten bzw. reduzierten die asymetrische Beziehung zwischen den Behörden und den von Massnahmen Betroffenen?
Ausgehend von der Annahme, dass der Sozialstaat insbesondere in seiner Ausformung nach 1945 sowohl helfende und befähigende als auch disziplinierende und normalisierende Absichten und Effekte hat, stellt sich also die Frage, inwiefern behördliches Handeln tradierte Machtbeziehungen legitimierte, reproduzierte und festigte oder zunehmend aufbrach und die Rede von der Ermächtigung der Betroffenen nicht bloss Rhetorik blieb.
Die Referate zeigen am Beispiel von Fremdplatzierungen von Kindern und Jugendlichen, wie sich vormundschaftlichsrechtliche Dispositive im städtischen und ländlichen Kontext zwischen 1950 und 1980 präsentierten und welche Deutungsmuster den behördlichen Entscheiden zugrunde lagen. Susanne Businger und Nadja Ramsauer untersuchen Entscheide im Kanton Zürich, Mirjam Janett im Kanton Appenzell Innerrhoden. Die Referate werden von Mischa Gallati und Sara Galle kommentiert, die zugleich für das Panel verantwortlich sind.