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| Athenagoras (2. Jhd.) - Bittschrift für die Christen (Apologia pro Christiana)

Auch Philolaos 1 liefert mit seiner Behauptung, alles sei von Gott wie in einer Warte umfaßt, einen Beweis sowohl von der Einheit Gottes als auch von dessen Erhabenheit über die Materie. Lysis und Opsimos gehören ebenfalls hierher; der eine definiert Gott als eine irrationale Zahl, der andere als die Differenz zwischen der größten Zahl und der ihr am nächsten stehenden; wenn nun nach der Lehre der Pythagoreer Zehn die größte Zahl ist (sie ist nämlich die Summe der ersten vier Zahlen und enthält alle arithmetischen und symmetrischen Verhältnisse) und wenn ihr die Zahl Neun nahe liegt, so ist Gott die Einheit, d. h. er ist einer; denn um eins überragt die größte Zahl diejenige Zahl, welche für sie die nächstliegende kleinste ist. Nun zu Plato und Aristoteles! Übrigens will ich die Aussagen der Philosophen über die Gottheit nicht durchgehen wie einer, der ihre Lehrmeinungen ausführlich darstellt; denn ich weiß, daß Ihr, wie Ihr alle im Herrschen an Weisheit und Kraft übertrefft, so auch allen an allseitiger, gründlicher Bildung überlegen seid; leistet Ihr ja doch in jedem einzelnen Bildungsfache mehr als selbst die Spezialisten. Weil aber der Nachweis, daß wir nicht die einzigen sind, welche Gott auf die Einzahl beschränken, ohne Beifügung von Namen nicht geliefert werden kann, so griff ich zu Zitaten. Plato also sagt: „Schwer ist es, den Schöpfer und Vater dieses Alls zu finden, und wenn man ihn gefunden hat, ist es unmöglich, ihn allen zu verkünden“ 2. Dabei faßt er den ungewordenen und ewigen Gott als einen einzigen auf. Wenn er aber auch andere kennt, wie Sonne, Mond und Sterne, so kennt er sie doch nur als gewordene. „Götter von Göttern, deren Bildner ich bin, und Vater der Werke, die unauflösbar sind, solange ich (die Auflösung) nicht will; alles Zusammengesetzte ist also lösbar“ 3. Ist nun Plato kein Atheist, wenn er [S. 281] den ungewordenen Gott, den Bildner aller Dinge, als den einzigen auffaßt, dann sind auch wir keine Atheisten, wenn wir den als Gott kennen und festhalten, durch dessen Wort alle Dinge gebildet worden sind und durch dessen Geist sie zusammengehalten werden. Auch Aristote1es und seine Schüler betrachten Gott als einen, der jedoch wie ein animalisches Wesen zusammengesetzt sei; sie lassen ihn aus Leib und Seele bestehen das Ätherische, nämlich die Planeten und die Fixsternsphäre mit ihren kreisförmigen Bewegungen, halten sie für seinen Leib; die Vernunft, welche über die Bewegung dieses Leibes wacht und, ohne selbst bewegt zu werden, dessen Bewegung verursacht, für seine Seele. Ferner können wir uns auf die Stoiker berufen. Sie geben zwar in ihren Aussagen der Gottheit viele Namen, je nach den Veränderungen der angeblich vom Geiste Gottes durchdrungenen Materie, in Wirklichkeit aber kennen sie doch nur einen einzigen Gott. Denn wenn Gott das gestaltende Feuer ist, das seinen Weg wandelt, um die Welt hervorzubringen, und alle samenartigen Vernunftgründe in sich einschließt, nach denen die Einzeldinge mit unabänderlicher Schicksalsbestimmung entstehen, wenn überhaupt sein Geist die ganze Welt durchdringt, so ist eben Gott nach stoischer Auffassung nur einer, der nach dem feurigen Teil der Materie den Namen Zeus, nach der Luft den Namen Hera bekommt, und so auch die übrigen Namen nach jedem einzelnen Teile der von ihm durchschrittenen Materie.
1: Philolaos (um 430), Lysis und Opsimos sind aus der Schule des Pythagoras, die in der Zahl das Wesen der Dinge erblickte und die Welt als verkörperte Mathematik deutete.
2: Timäus 28 c.
3: Ebd. 41a.