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Bands, die mehr sind als nur Bands
Gerade sind die Memoiren vom Handörgeler der Pogues in Taschenbuchform erschienen. Colin Meloy von den Decembrists hat's gefallen: «Alles, was wirklich grossartige Musikmemoiren sein sollen", hat er gemäss Buchumschlag gesagt. Der Mann, der im Mittelpunkt der besagten Erinnerungen steht, auch dann, wenn er kaputt in der Gosse liegt oder sich in einem japanischen Hotelzimmer eingeschlossen hat um beim Durchdrehen wenigstens allein zu sein, heisst Shane MacGowan. Er war der Frontmann, Sänger und vor allem Songschreiber der Pogues, ein Mann, der schon während den Glanzzeiten der Band derart versoffen in die Welt guckte, dass manche Leute an seine Auftritte gingen, nur weil sie sich auf ein Desaster freuten. Auch er äussert sich für seine Verhältnisse erstaunlich freundlich zur Lektüre: «Genau so, wie ich es mir vorstelle, dass auch ich mich erinnern würde.» sagte er offenbar.
«Genau so, wie ich es mir vorstelle, dass auch ich mich erinnern würde.»
Als die Pogues (sie hiessen «Pogue mahone» bis jemand merkte, dass dies «Leck mich am Arsch» hiess auf gälisch) anfangs der 1980er Jahre mit Fiedeln, Handorgeln und Banjos daher kamen, um irische Volksmusik für die Zwecke der Spätpunks zu missbrauchen, hatten Iren immer noch einen schweren Stand in England. Während die jungen Iren als billige Arbeitskräfte im Hoch- und Tiefbau praktisch allein waren unter sich, galten sie unter den Engländern als ungebildete Rüppel, womöglich gar Terroristen. Denn noch sammelte die Terrororganisation IRA auch in meinem Lokalpub in Kilburn offen Geld für die Bomben, mit denen sie Nordirland, Manchester, London und Birmingham auf Trab hielt. Die Pogues sprachen all diesen Menschen aus der Seele. MacGowans Texte kamen aus der irischen Tradition (zu einem Zeitpunkt notabene, wo niemand unter fünfzig Folk hörte), vermittelten also das Gefühl einer Kontinuität und einer Gemeinschaft. Andererseits erinnerten die Texte geradezu an Samuel Beckett in ihrer lustigen Hingabe an die Hoffnungslosigkeit - auch diese schräge Art von Galgenhumor sprach der Zeit aus dem Geist. Zuletzt aber blieben die euphorischen Refrains und das erhebende Gefiedel, dank denen sich der Nihilismus plötzlich in ein Feuerwerk der Lebensfreude verwandelte.
«Die Memoiren des Handörgelers von den Pogues - James Fearnley heisst er übrigens - sind eine herrliche Lektüre.»
Heute haben es die Iren anders in England. Den Secondos sind die dritten und vierten Generationen gefolgt, irische Pubs sind rar geworden - wenigstens die, die nicht für die Touristen da stehen -, auf dem Bau arbeiten Osteuropäer, und das Guinness kommt wieder aus Dublin, denn es wird nicht mehr genug verkauft, dass es sich lohnen würde, es in England zu brauen. The Pogues wiederum kommen alle paar Jahre wieder zusammen, um ein paar chaoitsche Weihnachts- oder St. Patrick-Day-Konzerte zu geben.
Die Memoiren des Handörgelers von den Pogues - James Fearnley heisst er übrigens - sind eine herrliche Lektüre. Sie zeigt, wie inspirationshafte Musik ihrerseits von den absurdesten Situationen inspiriert werden kann. So kamen die Ex-Punks MacGowan und Fearnley (einst Mitglieder von The Nipple Erectors) eher zufällig auf irische Volksmusik, nachdem einer von ihnen aus Blödsinn und ziemlich betrunken gemeint hatte, man sollte es mit griechischer Musik probieren.
«So kamen die Ex-Punks MacGowan und Fearnley eher zufällig auf irische Volksmusik, nachdem einer von ihnen aus Blödsinn und ziemlich betrunken gemeint hatte, man sollte es mit griechischer Musik probieren.»
Das Buch hat auch seine tragische Seite: derweil Fearnley auch sich selber nicht in Schutz nimmt, wenn es darum geht, Ausrutscher aller Art zu beschreiben, steht natürlich der alkoholische Untergang von MacGowan und von seinem raren Talent, die Erfahrung junger Iren in Worte zu fassen und gleichzeitig eine universelle Relevanz zu erlangen, im Mittelpunkt der Geschichte. MacGowan wird als ein Mensch dargestellt, dessen obsessive Rastlosigkeit und pathologische Abneigung gegen jegliche Verantwortung zuletzt alle Menschen um ihn herum zermürbte. Es ist eine traurige Geschichte, mit Sensibilität und Brio erzählt. Fearnley versucht sich nicht an psychoanalytischen Erklärungen. Er erzählt einfach nur. Wie es auch MacGowan in seinen Liedern tut.
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gelesen:
James Fearnley, "Here Comes Everybody" (faber & faber, 408 Seiten, £ 14.99)
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