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Maria versucht, Agnes‘ Arzt David (Erland Josephson), mit dem sie anscheinend früher bereits eine Affäre hatte, zu verführen und Karin ist stets darum bemüht, kalt und unnahbar auf ihr Umfeld zu wirken; jede Berührung oder Annäherung ist ihr zuwider. Es scheint, beide Schwestern haben die Fähigkeit zu lieben verloren und es ist lediglich Agnes‘ treue Haushälterin Anna (Kari Sylwan), die sich der Pflege der Sterbenden annimmt. Nachdem Agnes gestorben ist, kommt es zu einer Reihe von Gefühlsausbrüchen, insbesondere seitens Karin, die einerseits zu heftigen Streitigkeiten und andererseits zu Annäherungsversuchen zwischen den Schwestern führen. Am Ende des Films verabschieden sich Maria und Karin im gewohnt kalten Tonfall voneinander…
Auch im vorliegenden Film verzichtet der schwedische Regisseur auf eine komplexe Handlung, sondern fokussiert vielmehr die Spannungen zwischen den Schwestern bzw. ihren Ehemännern vor dem Hintergrund des Krebstodes Agnes‘. Über die Ehemänner Marias und Karins erfährt der Zuschauer nur wenig- Joakim (Henning Moritzen), Marias Gatte, erscheint als unfreiwillig komisch und verweichlicht und Fredrik (Georg Årlin), der Mann Karins, ist ein ignoranter und egoistischer Tyrann. Während Maria ihre Eheprobleme „ausblendet“, indem sie mit anderen Männern Affären eingeht, entladen sich Karins Spannungen in extremen Handlungen- sie verstümmelt sich mit einer Glasscherbe im Intimbereich…
Bergmans Film ist in der Inszenierung und insbesondere der Charakterzeichnung der Protagonistinnen schockierend und beeindruckend zugleich. Die scharlachroten Wände der Räumlichkeiten des Herrenhauses, das ständige Ticken der Uhren, der dezente Cello- bzw. Klavier- Soundtrack, die hervorragenden Schauspieler und nicht zuletzt die bewegende Geschichte – all jene Faktoren erzeugen ein Höchstmass an atmosphärischer Dichte und Beklemmung. Erneut beweist Bergman seine Meisterschaft der visuellen Gestaltung seiner Filme, indem er Schreie und Flüstern die Optik eines Biedermeier-Gemäldes verlieh, doch gleichzeitig in einigen Szenen mit christlichen Motiven der Renaissance-Kunst spielt.
«Schreie und Flüstern» ist ein schonungsloses Meisterwerk, das sehr intime Einblicke in das ambivalente Innenleben der Protagonistinnen eröffnet. Bergman beschwört einen verstörenden Strudel aus Angst, (Selbst-) Hass, Entfremdung und den Abgründen der menschlichen Psyche; doch ist es gerade jener Pessimismus, der von einer demutsvollen Haltung gegenüber dem Leben an sich, man beachte vor allem das bewegende Schlussbild, in dem sich Agnes für ihr „so reiches Leben“ bedankt, und tief verinnerlichten Humanitätsidealen zeugt.
Schweden 1972 - 90 min.
Regie: Ingmar Bergman
Drehbuch: Ingmar Bergman
Darsteller: Harriet Andersson, Kari Sylwan, Ingrid Thulin
Produktion: Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Harriet Andersson, Sven Nykvist
Musik: Frédéric Chopin, Johann Sebastian Bach
Kamera: Sven Nykvist
Schnitt: Siv Lundgren