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Die Legende will, dass am 6. Dezember 1717 ein grosses Kriegsschiff in die Bucht des heutigen Gwosgout einlief und einen Kanonenschuss abfeuerte, der indes nicht gegen das kleine Fischerdorf gerichtet war, das damals aus keinem Dutzend ärmlicher Hütten bestand. Die Kugel flog im Gegenteil auf das offene Meer hinaus, wo sie ohne Schaden anzurichten versank. Dann soll das Schiff ein kleines Beiboot zu Wasser gelassen haben, das von sechs kräftigen und vollkommen nackten Männern mit langen weissen Haaren gerudert wurde. Im Bug dieses Bootes stand ein Herr in einem golden schimmernden Mantel, der mit seinen Armen seltsame Bewegungen in der Luft vollführte. Die paar Fischer, die vor ihren Behausungen sassen und ihre Netze reparierten, waren eher erstaunt als erschreckt – waren die Männer in dem Boot doch offenbar unbewaffnet. Als das Schiff nahe genug war, hörten sie, dass der Mann in seinem Bug Verse in einer Sprache deklamierte, die sie nie zuvor gehört hatten. Der Mann ging von Bord und schritt majestätisch durch das Dorf. Wann immer er an einer der Fischerhütten vorbeikam, griff er in seinen Mantel, holte ein paar Goldmünzen heraus, und warf sie auf das Dach der Hütte, wo sie wie ein grober Regen niederprasselten. Als die Bewohner des kleinen Weilers viele Jahre später beschlossen, ihren bisher namenlosen Dorf einen Namen zu geben, erinnerten sie sich an diesen Moment und tauften ihre Heimat Gwosgout (=«Grosser Tropfen»).
Der fremde Mann stellte sich den Fischern mit einem Namen vor, den sie nicht richtig verstanden. Sie übertrugen, was sie hörten, in ihr Vokabular und nannten den Fremden in der Folge Eric d'Espadon. In den nächsten Tagen kamen noch mehr nackte Männer an Land und begannen, eine mächtige Burg zu bauen. An jedem Abend stellte sich Eric d'Espadon auf die höchste Mauer des werdenden Kastells und deklamierte mit grosser Geste Verse, die keiner der Fischer je verstand. Doch wer ihm zuhörte, wurde mit einem Goldstück belohnt. Also liessen sich die Fischer gerne in dieser fremden Poesie unterrichten. Auch als das Kastell fertig war, erschien Eric jeden Abend auf einem der Türme, deklamierte und verteilte Goldstücke. Die Fischer verkauften den nackten Herren von der Burg ihren Fisch und gingen ihnen bei allerlei Verrichtungen zur Hand – verstehen aber konnten sie sich nie. Genau sechs Jahre, sechs Monate, sechs Tage und sechs Stunden nach der Ankunft der Fremden, begaben sie sich alle wieder an Bord ihres Schiffes, lichteten die Anker und segelten davon. Kein Mensch hat je erfahren, was das Ziel ihres Besuches war, noch warum sie eine so mächtige Burg errichteten.
Was an der Geschichte wahr ist und was erfunden, lässt sich schwer nur sagen. Die Bewohner von Gwosgout jedenfalls führen ihren relativen Reichtum auf Eric d'Espadon und seine Mannen zurück und verehren den Fremden wie einen König. Noch Ende 19. Jahrhundert sah sich der Gemeinderat von Gwosgout veranlasst, dem fremden Poeten in einer Fassadennische der neuen Markthalle eine Statue zu errichten, die Eric als Sänger mit pathetischer Geste zeigt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch das neue Rathaus der Stadt mit Figuren verziert, die an die hühnenhaften Männer erinnern. Und am 6. Dezember jeden Jahres feiert man in Gwosgout die Fête de l'Esapdon – zu deren Traditionen es gehört, dass Fischer im Anschluss an die sogenannten Jeux de L'Espadon, die in der Burg von Gwosgout ausgetragen werden, Münzen in die Vorgärten und vor die Haustüren der Stadt werfen. Früher verwendete man zu diesem Zweck italienisch Lire-Stücke. Heute wirft man wunderbar golden glänzende Fünf-Rappen-Stücke aus der Schweiz, die Jahr für Jahr von einer Zürcher Bank gespendet werden (die indes ungenannt bleiben möchte).
Dass Eric der Erbauer von Schloss Espadon gewesen sein soll, hat sich unterdessen als falsch erwiesen – hingegen gilt es als «möglich» (Rose Tommoz: «400 ans sans histoire». In: «Revue historique», no. 78, 2012, S. 139), dass er der Schöpfer von ein paar Gedichtzeilen ist, die heute auf einer bronzenen Tafel in der Eingangshalle des Rathauses verewigt sind und als einzige überlieferte Poesie des grossen Helden gelten. Sie lauten:
Det watae sen kilt ep salzelech
dei fiski sa zisch wat pich
tiin spiri kamane grotze lech
ep ta spirs nimi tiin zich
tiin ranzlech filt ech lör sa lör
glich tiin kipfi senne stör sa stör
fiskimani hanne kin kripsa
daum fiski ni kamane pipsa
Was diese Zeilen bedeuten könnten, ist unbekannt, denn aus der Sprache der Fremden hat sich nur ein einziges Wort mit Übersetzung erhalten. Es lautet gadruff und bedeutet entweder «Alle Mann an Bord» oder umgekehrt «Alle Mann von Bord».
First Publication: 23-8-2012
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