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Historisch betrachtet gibt es verschiedene Auffassungen von Behinderung. Im Vordergrund stehen zwei Modelle:
- Das individuelle (oder medizinische) Modell kam nach Ende des Ersten Weltkriegs auf und beruht auf einer bio-medizinischen Betrachtung. Die Behinderung wird als eine «körperliche, psychische oder geistige Beeinträchtigung» einer Person verstanden, aus der Einschränkungen der gesellschaftlichen Partizipation entstehen. Behinderung ist demnach das Resultat einer Beeinträchtigung der Person. Der Umgang mit Behinderung bezieht sich hauptsächlich auf die Pflege und setzt sich die längerfristige Heilung oder die Wiedereingliederung in die Gesellschaft der «Gesunden» zum Ziel.
- Das soziale Modell betrachtet Behinderung als Ergebnis einer Gesellschaft, welche die Besonderheiten ihrer Mitglieder nur unzulänglich berücksichtigt. Die Ursache der Behinderung liegt nach diesem Modell nicht im Individuum selbst. Daraus folgt auch ein anderer Umgang mit Behinderung: Die soziale Betrachtungsweise stellt als Ideal nicht die Heilung in den Vordergrund, sondern setzt auf die Förderung der vorhandenen Fähigkeiten der Person mit dem Ziel, ihr Autonomie im Alltag zu ermöglichen. Dieses Modell legt den Schwerpunkt auch auf die Beseitigung physischer und sozialer Barrieren. Umfeld und Dienstleistungen sollen so angepasst werden, dass sie für Personen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen zugänglich und nutzbar sind. Das soziale Modell entstand in den 1960er-Jahren als Reaktion auf die medizinische Sicht der Behinderung durch das individuelle Modell.
Schliesslich sind zwei «interaktive Modelle» zu erwähnen: die neue Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (International Classification of Functioning, Disability and Health ICF) der WHO, sowie der in Québec von Fougeyrollas entwickelte «Prozess der Erzeugung von Behinderung»
(Processus de Production du handicap PPH). Die ICF trägt bei der Definition der Behinderung sowohl den individuellen als auch den umweltbezogenen Faktoren Rechnung. Behinderung ist das Resultat der Interaktion zwischen Gesundheitsproblemen und persönlichen und umweltbedingten Faktoren. Das PPH-Modell setzt den Akzent auf die Interaktion zwischen den verschiedenen Faktoren, die zu einer Situation von Behinderung führen. Diese neueren Ansätze sind offen und dynamisch und haben den Anspruch, den individuellen Determinismus des medizinischen und den externen Determinismus des sozialen Modells zu überwinden.