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Über Weihnachten und Neujahr war es in Mitteleuropa überdurchschnittlich warm. Generell werden die Winter wärmer. Auf das Verhalten der Zugvögel hat dies einen grossen Einfluss, wie Livio Rey, Mediensprecher der Vogelwarte, sagt. Doch nicht auf alle.
Livio Rey
Biologe Vogelwarte Sempach
Livio Rey hat Naturschutzbiologie an der Universität Bern studiert und arbeitet bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach in der Öffentlichkeitsarbeit.
SRF News: Welchen Einfluss haben die wärmeren Winter auf das Zugverhalten der Vögel?
Livio Rey: Eine allgemeine Aussage dazu ist schwierig. Besonders gute Zahlen haben wir zu überwinternden Wasservögeln, weil die Vogelwarte sie seit den 60er-Jahren zählt.
Wenn die Gewässer nicht zufrieren, finden die Vögel genug zu fressen und bleiben im Norden.
Es waren gegen eine halbe Million Wasservögel aus dem Norden, die den Winter in der Schweiz verbrachten. Doch diese Zahl nimmt seit Mitte der 1990er-Jahre ab, und im letzten Winter waren es nur noch 400'000 Vögel. Gleichzeitig werden in Nordeuropa immer mehr überwinternde Wasservögel gezählt. Grund dafür ist der Klimawandel. Wenn die Gewässer nicht zufrieren, finden die Vögel genug zu fressen und bleiben im Norden.
Wie sieht es bei Vögeln aus, die normalerweise hier leben und im Winter in den Süden ziehen?
Es gibt einige Arten, die nach wie vor ziehen und andere, die mittlerweile auch den Winter immer mehr in der Schweiz verbringen. Zwei besonders auffällige Beispiele sind der Weissstorch und der Rotmilan. Beide Arten haben früher hauptsächlich auf der iberischen Halbinsel überwintert. Mittlerweile bleiben schätzungsweise über 500 Weissstörche und rund 4000 Rotmilane auch im Winter in der Schweiz. Sie finden wegen ausbleibendem Schnee und Frost im Mittelland auch im Winter Nahrung.
Ist es für sie sogar von Vorteil, wenn sie nicht mehr in den Süden fliegen müssen?
Tatsächlich können gewisse Vögel vom Klimawandel profitieren. Die Brutvogelzählungen der Vogelwarte zeigen, dass insbesondere Standvögel, also Vögel, die gar nicht ziehen, und Kurzstreckenzieher, Vögel, die den Winter in Europa verbringen, häufiger werden.
Vögel sind sehr gute Indikatoren für die Umwelt.
In wärmeren Wintern brauchen sie weniger Energie, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten, und sie finden einfacher Nahrung. Das kann dazu führen, dass sie im Frühling besser genährt sind. Je nachdem können sie auch früher mit der Brut beginnen und das kann zu Bestandsanstiegen führen.
Weshalb bleiben diejenigen Vögel, die in Afrika überwintern, nicht auch hier?
Die meisten dieser Langstreckenzieher sind reine Insektenfresser und können ihre Ernährung nicht umstellen. Im Winter gibt es in Europa schlicht nicht genügend Insekten. Das heisst, sie müssen in den Süden ziehen, um zu überleben.
Ist der Klimawandel für Vögel grundsätzlich eher ein Problem oder eher eine Chance?
Eine generelle Antwort auf diese Frage ist schwierig. Das kommt sehr auf die Vogelart und auch auf das Zugverhalten an.
Wie aussagekräftig sind denn Zahlen über Vögel für die gesamte Umwelt?
Vögel sind sehr gute Indikatoren für die Umwelt, da sie mobil sind und schnell auf Umweltveränderungen reagieren. Die Erhebungen der schweizerischen Vogelwarte zeigen, dass Kurzstreckenzieher eher häufiger werden, Langstreckenzieher dagegen seltener. Wenn wir diese hoch spezialisierten Zugvögel erhalten wollen, dann müssen wir insbesondere Massnahmen ergreifen, um den Klimawandel zu stoppen und die Landwirtschaft naturfreundlicher zu gestalten.
Das Gespräch führte Martina Koch.