Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03390.jsonl.gz/2492

Kapitel eins
Neun Monate früher
Mai 2018
Helles Vollkornbrot. Eineinhalb Scheiben Schinken. Ein Klecks Senf. Fünf Cheddar-Kartoffelchips von Lay’s sorgfältig auf dem Brot arrangiert. Die Krusten abschneiden, das Brot in einen Plastikbeutel legen, mit Edding ein Herz auf die braune Papiertüte fürs Pausenessen malen.
War Anne Wilkes gefangen im Alltagstrott?
Wahrscheinlich, dachte sie mit Blick auf die Sandwiches, die sie für ihre Kinder vorbereitet hatte, während sie Schinken, Käse und Senf in ihren perfekt organisierten Kühlschrank zurücklegte.
Selbst der war im Trott gefangen. Dieselbe Milch, derselbe Joghurt (Activia, weil Mark an Verdauungsstörungen und Blähungen litt), sogar dieselben Süßigkeiten. Ein Lindt-Trüffel pro Tag, damit ihr Hintern kleiner als Pluto blieb. Nach vier Kindern, zwei davon Zwillinge, war es ein ständiger Kampf.
Sie schloss die Kühlschranktür und murmelte etwas ins Telefon, woraufhin ihre Mutter noch ein paar Minuten weiterreden würde. Anne lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsfläche und schob sich ein paar Cheddar-Chips in den Mund, was doch sicher als Frühstück zählte.
»Anne, hörst du mir überhaupt zu? Ich wünschte, du würdest aufpassen«, sagte Beatrice. »Ich wünschte …«
Beatrice musste den Satz nicht beenden. Es war auch egal, denn Anne wusste, worauf ihre Mutter hinauswollte. Sie wünschte sich vieles. Wahrscheinlich eine andere Tochter. Nach dem, was vor drei Jahren passiert war, war Anne endgültig eine Enttäuschung für Beatrice Harper.
Eine Weile war Anne in den Augen ihrer Mutter einigermaßen gelungen gewesen. Sie hatte es zu einem Haus, Kindern und einem angesehenen Ehemann gebracht, und vierzehn Jahre lang war diese Ehe Beatrice’ ganzer Stolz gewesen. Mit einem gut aussehenden, vielfach ausgezeichnetenLAPD-Officer – früher beim Drogendezernat, gerade zum Detective befördert – hatte Anne wenigstens etwas in ihrem Leben richtig gemacht. Bis sie auch bei ihrer Ehe versagt hatte.
»Mom, ich muss jetzt aufhören«, sagte Anne schließlich. Sie ertrug das neueste Drama ihrer Mutter aus dem Country Club keine Sekunde länger. »Die Kinder müssen ins Bett.«
»Du solltest wirklich eine Köchin einstellen oder zumindest eine Nanny«, meinte ihre Mutter verschnupft. »Es ist nicht gut, dass du dich ständig so abhetzt. Du wirst noch Tränensäcke unter den Augen bekommen. Dann wird Mark dich verlassen, und du wirst ganz allein sein – eine unverheiratete Mutter von vier Kindern.«
»Danke, Mom«, erwiderte Anne. »Wir sehen uns dann in ein paar Wochen.«
Lautes Weinen hallte durch das Haus. Anne seufzte. Es war zu einfach gewesen. Die Zwillinge hatten sich früh ins Bett bringen lassen und um halb acht friedlich in ihren Bettchen geschlafen. Ein Rekord heutzutage.
Bestimmt hatte sich Samuel in ihr Zimmer geschlichen, um sie wieder zu piesacken. Mit vier Jahren war er fasziniert von seinen zwei jüngeren Geschwistern, auch wenn er sich damit oft auf einem schmalen Grat zwischen Liebe und Hass bewegte.
»Mom!« Gretchen, mit siebeneinhalb die Älteste, schrie wenig hilfreich aus dem Wohnzimmer: »Die Zwillinge sind aufgewacht!«
»Das höre ich!«, rief Anne zurück. »Los, zieh deinen Schlafanzug an und hilf bitte deinem Bruder.«
Anne legte die Pausenbrottüten für morgen in den Kühlschrank und warf die Tür zu. Blitzschnell machte sie die Küche sauber. Es wäre gut, d