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Das ist eine Replik auf den Kommentar von Min Li Marti im P.S. vom 8. Juni, verfasst von Mitgliedern des Debattierclubs des feministischen Netzwerks Wide Switzerland.
Simona Isler, Anja Peter, Sibylle Stillhart*
Im Minimum Dreiviertel aller Arbeit auf der Welt ist Arbeit, die direkt auf das Leben und Überleben der Menschen ausgerichtet ist, Wohlstand und Lebensstandard für alle schafft. Es gibt verschiedene Begriffe für diese Arbeit: Reproduktionsarbeit, Care-Arbeit, Sorge- und Versorgungsarbeit oder Subsistenzarbeit. Der grösste Teil dieser Arbeit wird von Frauen geleistet, hier in der Schweiz und überall auf der Welt. Die Frauen kümmern sich um die Menschen und um die Welt, ergo um einen grossen Teil der Wirtschaft, der für unseren Lebensstandard zentral ist.
Das Problem – und da gehen wir einig mit deiner Feststellung, Min Li Marti – ist die Machtfrage. Männliche Lebens- und Erwerbsverläufe, die sich über Vollzeiterwerbsarbeit, Optimierung, Output und Bruttowertschöpfung definieren, gelten als Norm, weibliche Lebensverläufe als Abweichung dieser Norm. Diese Asymmetrie wirkt in unserer Wahrnehmung, aber noch viel mehr in der Ausgestaltung unserer Gesellschaft: Kinderbetreuung, Sozialversicherungen, Arbeitszeiten – alles ist darauf ausgerichtet, möglichst der männlichen Norm zu entsprechen. Es ist eben einfacher, aus den Frauen Männer zu machen, d.h. sie von den Vorteilen eines typisch männlichen Lebensverlaufs zu überzeugen, als den männlichen Lebensverlauf infrage zu stellen.
Zurück zu den Frauen. Wir gehen ebenfalls einig mit dir, dass es für das Ausräumen einer Geschirrspülmaschine keine Gebärmutter braucht. Für andere Dinge braucht es diese sehr wohl: Die Geburt eines Kindes zum Beispiel. Sobald Feministinnen über diese Tatsache schreiben und nachdenken, geraten sie in Essentialismusverdacht. Wir: Feministinnen, Mütter, Grossmütter und kinderlose Frauen möchten über Mutterschaft nachdenken und darüber sprechen und schreiben. Und wir haben politische Forderungen: Massiver Ausbau der Mutterschaftsversicherung inkl. dem Recht, nicht bis zum Tag der Geburt erwerbsarbeiten zu müssen, die Einführung einer Elternzeit (mit Vätermonaten), das Recht auf gute Bedingungen für Mutterschaft, das Verbot von Mütterarmut, das Recht auf Abtreibung, usw.
Zurück zur Macht. Die Forderung nach gleichen Einkommen und einer guten Altersrente sind alte feministische Forderungen. Die wirtschaftliche und politische Ausgangslage hat sich aber seit den 70er-Jahren verändert. Der arbeitsmarktliche Megatrend der letzten Jahrzehnte ist und bleibt die Zunahme der Erwerbstätigkeit von Müttern und Frauen.1) Es war und ist ein wesentliches feministisches Versprechen: Die Befreiung der Frau durch ihr eigenes Einkommen. Und im selben Mass, wie die Frauen verstärkt erwerbstätig sein würden, würden die Männer unbezahlte Arbeit übernehmen.
Beides ist nicht passiert: Viele Frauen sind trotz Erwerbsarbeit finanziell abhängig geblieben, und die Umverteilung der unbezahlten Arbeit zu den Männern bleibt bis heute ein Traum, den wir seit den 70er-Jahren träumen. Allein das Volumen der unbezahlten Arbeit sollte uns eigentlich klar machen, dass sie sich nicht einfach so umverteilen lässt. Die zeitliche Belastung für Väter und Mütter ist heute schon enorm. Beide Elternteile arbeiten laut aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik rund 70h in der Woche. Ein Kind im Haushalt bedeutet rund die Verdoppelung der Anzahl unbezahlter Arbeitsstunden im Vergleich zur Anzahl Arbeitsstunden in kinderlosen Haushalten.2)
Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter arbeiten heute in der Schweiz gleich viele Stunden. Frauen verfügen dennoch über rund 100 Milliarden Franken weniger Lohneinkommen im Jahr als die Männer.3) Das ist der feministische Skandal von heute! Gleich viel Arbeit für die Frauen, aber 100 Milliarden Franken weniger Einkommen! (Es gibt kein faules Geschlecht – aber es gibt sehr wohl ein armes Geschlecht.)
Die Einkommenslücke der Frauen, die u.a. massive Auswirkungen auf die Rentenhöhe hat, setzt sich wie folgt zusammen: Rund ein Viertel der Lücke sind auf den Gender Pay Gap (GPG), das ist der Unterschied zwischen Bruttostundenlöhnen von Männern und Frauen, zurückzuführen. Der weitaus grösste Teil der Einkommenslücke, drei Viertel – d.h. rund 80 Milliarden Franken – hat jedoch mit der Verteilung der unbezahlten und bezahlten Arbeit zu tun. Würden Frauen für die unbezahlte Arbeit, die sie mehr leisten als Männern, zu Marktpreisen entlöhnt, würde dieser Teil, der grösste Teil der Einkommenslücke, verschwinden.
Die übliche sozial- und gleichstellungspolitische Antwort auf die Einkommenslücke lautet: Ausbau des Kinderbetreuungsangebotes, Vaterschaftsurlaub und Umverteilung der unbezahlten Arbeit von Frauen auf Männer. Das würde den Frauen erlauben, noch mehr Erwerbsarbeit zu leisten und die Einkommenslücke zu schliessen. Schweden gilt in dieser Hinsicht seit Jahrzehnten als Vorbild. Es wäre in der Tat ein Riesenerfolg für die Gleichstellung der Frauen in der Schweiz, sich an die schwedische Einkommenslücke anzunähern. In Schweden beträgt die gesamte Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern rund 26 Prozent (umgerechnet auf die Schweiz sind das rund 57 Milliarden Franken). Der Anteil GPG beträgt 14 Prozent (über 20 Milliarden Franken), der Index für die Verteilung der Arbeit rund 35 Milliarden Franken. Der Vergleich zu Schwedens Einkommenslücke zeigt sehr deutlich: Auch hier fällt der Unterschied der Beschäftigung stärker ins Gewicht als die Lohnunterschiede. Das heisst nichts anderes, als dass die bisherigen gleichstellungspolitischen Konzepte an Grenzen stossen. Denn auch in Schweden arbeiten demnach die Frauen viel häufiger unbezahlt und in schlecht(er) bezahlten Berufen als die Männer. Ungelöst bleibt also die Frage der gesellschaftlichen Organisation der bisher unbezahlten Arbeit und der schlecht bezahlten Sorge- und Versorgungsarbeit. Und genau hier setzt die politische Strategie «Lohn für Hausarbeit» an. (Und nein, es ist kein Hausfrauenlohn – denn wir haben ja bereits gelernt: Abwaschmaschinen kann man auch mit Penis ausräumen.) Lohn für Hausarbeit bedeutet bisher unbezahlte Arbeit zu bezahlen und/oder gesellschaftlich zu organisieren und zu finanzieren. Niemand will heute die Frauen an den Herd zurückschicken. Die Fragen aber, von wem und zu welchen Bedingungen die Kinder, Kranken und Alten betreut und gepflegt werden, sind völlig ungeklärt. Und diese Fragen sind wesentliche gesellschaftliche und feministische Zukunftsfragen und so gar nicht reaktionär. Die Antwort darauf ist mehr Geld und mehr Zeit für diese Arbeit. Eben Lohn für Hausarbeit.
* Verfasst von: Simona Isler, Anja Peter, Sibylle Stillhart.
Kommentiert und gegengelesen von: Mascha Madörin und Therese Wüthrich
Das ist eine Replik auf den Kommentar von Min Li Marti im P.S. (www.pszeitung.ch/zeit-fuer-vaeter/#top) zum Interview in der WOZ mit Siliva Federici (www.woz.ch/1822/durch-den-mai-mit-karl-marx-5/die-halten-uns-wirklich-fuer-bloed). Sie wurde verfasst und kommentiert von Mitgliedern des Debattierclubs von Wide Switzerland, einem feministischem Netzwerk, das sich seit Jahren mit Fragen von Care-Arbeit und Care-Ökonomie beschäftigt.
Fussnoten:
1) Seit 1980 hat sich die Erwerbsquote von Müttern mit Kindern im Vorschulalter fast verdreifacht. Siehe Bundesamt für Statistik, Gleichstellung von Frau und Mann, Erwerbsbeteiligung allgemein und Erwerbsbeteiligung von Müttern und Vätern.
2) Siehe Bundesamt für Statistik, 2017, Gleichstellung von Frauen und Mann, Belastung durch Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit und Freiwilligenarbeit.
3) Neuerdings berechnet Eurostat einen Index, der die gesamte Einkommenslücke von Frauen ausdrückt: Den Gender Overall Earnings Gap (GOEG). Für die Schweiz beträgt er 44,4 Prozent. Die grobe Berechnung stammt von Mascha Madörin. Die 100 Milliarden sind inklusive Sozialversicherungen der Arbeitgeber.
Vergleiche dazu Eurostat, 2017: Gender statistics. ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Gender_statistics und hec.europa.eu/eurostat/web/equality/data/database, code teqges01
4) Die Berechnungen und Argumente verdanken wir Mascha Madörin,«Die kleingerechnete Ungerechtigkeit, Neue Zahlen zu den Einkommenslücken zwischen den Geschlechtern», in ‹Widerspruch› 71, 2018 (im Erscheinen). Hier verwendet mit der freundlichen Erlaubnis von Mascha Madörin.