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Eine ausserordentliche Quellenlage erlauben es, sich mit den Umverteilungspraktiken florentinischer Bankiersfamilien im 15. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Die Salviati, eine der grossen florentinischen Familien dieser Zeit, waren am wirtschaftlichen Aufschwung Europas, der sich durch die Güterproduktion und die zunehmenden Handels- und Finanzströme auszeichnete, massgebend beteiligt. Die Finanzbücher der Salviati aus ihrer Niederlassung in London führen ein Konto «Die Armen Gottes» (Poveri di Dio); gemäss Statuten der Gesellschaft sollten in der Tat 2 Prozent der Vorschüsse diesen «Armen» gelten. Die in den Konten der Salviati festgehaltenen Einzelheiten ermöglichen es, die Begünstigten zu identifizieren und die Modalitäten der Umverteilung zu beleuchten. Freilich gehörten die Ordensbrüder zu den hauptsächlichsten Geldempfängern. Etwas scheint in den Londoner Finanzbüchern besonders augenfällig: Die Salviati begünstigten zwar ebenso Engländer, hauptsächlich kamen jedoch Italiener, die sich auf der Durchreise befanden oder sich in London niedergelassen hatten, in den Genuss solcher umverteilter Gelder – eine Umverteilung, die im Übrigen von der florentinischen «Nation» in London überwacht wurde. Die Eröffnung eines Kontos für «Die Armen Gottes» scheint ausserdem eine Besonderheit der ausländischen Zweigniederlassungen zu sein. In der Tat besassen die Salviati in ihren Niederlassungen in Brüssel und London ein solches Konto – in Florenz und Pisa hingegen nicht.
Die «Armen Gottes» und die Bankiersfamilien. Umverteilung bei der Familie Salviati in London (circa 1445 bis circa 1465)(Les «pauvres de Dieu» et les marchands-banquiers. La redistribution chez les Salviati de Londres (vers 1445–vers 1465))
Erschienen in: traverse 2015/1, S. 65