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Etrit Hasler hat eine alte Sportart neu entdeckt
Zu den ohrenbetäubenden Klängen von «Rollin’» von Limp Bizkit lassen sich ein Dutzend junge Frauen auf Rollschuhen vom Publikum zum Einlauf ins Stadion abfeiern. Die meisten von ihnen sind tätowiert und tragen gefährlich klingende Übernamen wie «Russian Roulette Babette», «Sin Sister», «Malice in Wonderland» oder «Bloody Cherry». Eine von ihnen trägt eine Aufschrift auf dem Helm, wie man es aus Vietnamfilmen kennt: «Whatever the fuck I want.» Eine andere hat sich ein Haifischgebiss aufs Gesicht geschminkt. Zugegeben, das Stadion ist eine Turnhalle in einem Zürcher Aussenquartier – aber das hat selbst hier Glamour.
Die Sportart nennt sich Rollerderby, und das Konzept ist so simpel wie bestechend: Setze ein Dutzend Menschen knapp bekleidet auf Rollschuhe, lass sie als Team Rennen fahren und dabei wilde Rempeleien und Keilereien mit viel Körperkontakt vollführen.
Aus den Marathonrollschuhrennen in den USA der dreissiger Jahre entstanden, entwickelte sich die Sportart in den vierziger Jahren zum Publikumsmagneten, mit Fernsehübertragungen und ausverkauften Shows im Madison Square Garden in New York. Flashy, mit lauter Musik, bunten Kostümen, gefährlich klingenden Übernamen der Spielerinnen – eigentlich wäre es nicht falsch, von Wrestling auf Rollschuhen zu sprechen. Kein Wunder, kam auch die Rollerderby-Liga irgendwann selber auf die Idee, das Ganze mit gescripteten Storylines anzureichern: verabredete Prügeleien, «Catfights», Intrigen und korrupte Schiedsrichter.
Es kam, wie es kommen musste – die echten Rollerderby-Shows wichen irgendwann einer komplett gescripteten Fernsehshow, und das war der Anfang vom Ende. Abgesehen davon, dass sich Musicalmacher Andrew Lloyd Webber (derselbe Mann, der schon sublime Gedichte von T. S. Eliot zu einer Bühnenproduktion prügelte) von der Sportart inspirieren liess – doch als er seine Spielzeugeisenbahnshow «Starlight Express» auf die Bühne brachte, starb die Sportart in den achtziger Jahren mehr oder weniger aus.
Seit der Jahrtausendwende erlebt sie jedoch ein Revival – als eine der wenigen Vollkontaktsportarten, die hauptsächlich von Frauen betrieben werden. Ausgehend von Austin, Texas, trat Rollerderby ein weiteres Mal den Siegeszug durch die Welt an: seit 2007 auch in Europa und seit 2009 auch in Zürich – im selben Jahr kam der Film «Whip it» in die Kinos. Auf Deutsch hiess der Film übrigens «Roller Girl. Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg»; eine zugegebenermassen etwas unglückliche Titelwahl, war doch Rollergirl eine Figur im semibiografischen Pornopic «Boogie Nights», die gar nichts mit der Sportart zu tun hatte.
Schrill ist die Sportart geblieben, sowohl mit den Kostümen wie auch mit den Übernamen. Doch im Unterschied zu den Frühzeiten ist der Showfaktor nicht mehr dominant. Mit dem Revival kam die Do-it-yourself-Attitüde: Gespielt wird häufig in Turnhallen, die unter Mithilfe der Spielerinnen und Coaches in kürzester Zeit mit Klebeband in Rennarenen verwandelt werden.
Und vor allem hat sich das Frauenbild geändert: Während auf dem Höhepunkt der Popularität gern sexistische Showelemente eingesetzt wurden, um ums Publikum zu buhlen (gross gewachsene Blondinen im knappen Zweiteiler, die sich an den Haaren zerren), herrscht heute in der Rollerderby-Szene eine Form von punkfeministischer Attitüde vor. Oder wie es eine US-Bloggerin schrieb: «Wenn uns die Gesellschaft sagt, dass unsere Körper statische Objekte sein sollen, die man anstarren und über die man reden kann, die vom männlichen Blick definiert werden (…) – dann stellen wir uns dem entgegen: Seien wir so aktiv wie möglich – und es gibt wenige Dinge, die aggressiver sind als ein Bodycheck mit Anlauf.»
Etrit Hasler ist Slampoet und Kolumnist und sieht sehr lustig aus, wenn er versucht, Rollschuh zu fahren. Wenn Sie das besser können, schauen Sie doch mal rein unter www.rollerderby.ch.
Die Zürich City Rollergirlz tragen am 23. April 2016 und am 4. Juni 2016 in der Turnhalle Fronwald ihre nächsten Heimspiele aus.