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Die ganze Welt in tausend Schriften
Der andere Kosmos des Alexander von Humboldt
„I read and re-read Humboldt.“
Charles Darwin
Alexander von Humboldt ist zweifellos weltberühmt. Kein Name wurde der Geographie der Erde angeblich häufiger eingeschrieben. Man benannte Städte, Flüsse und Berge nach ihm, eine Strömung vor Chile, einen Bezirk in Kalifornien und sogar einen Krater auf dem Mond. Zahlreiche Schriftsteller haben sich mit Humboldt beschäftigt oder seine Reisen in Szene gesetzt: von Goethe und Balzac über Charles Darwin und Jules Verne bis zu Gabriel García Márquez und Daniel Kehlmann. Aber die Prominenz keines anderen ‚Klassikers‘ stand lange Zeit in einem derartigen Missverhältnis zur Verfügbarkeit seiner Werke. Alexander von Humboldt wurde mehr gefeiert als gelesen.
Das hat sprachliche, politische und wissenschaftsgeschichtliche Gründe. Weil Humboldt ebenso ein französischer wie ein deutscher Autor ist, schien der europäische Weltbürger im Zeitalter der Nationalismen keiner Kultur allein anzugehören. Weil er sich entschieden gegen Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei einsetzte, störten seine Schriften die Instrumentalisierung seines Namens durch den Imperialismus des Deutschen Kaiserreichs. Und weil er die unterschiedlichsten Formen des Wissens kreativ zu verbinden wusste, fühlte sich keine der Disziplinen, die sich im 19. Jahrhundert immer mehr ausdifferenzierten, ganz für ihn zuständig.
Gerade diese Eigenschaften, die seine Rezeption lange Zeit erschwerten, haben sie in den letzten Jahren plötzlich befördert: Mehrsprachigkeit und Internationalität, postkoloniales Engagement und fächerverbindende Forschungspraxis. Seit einigen Jahren wird Alexander von Humboldt in diesem Sinn wiederentdeckt.
An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wurden seit 1973 zahlreiche Briefwechsel und seit 1982 die amerikanischen Reisetagebücher herausgegeben. Nach der Jahrtausendwende erschienen in Deutschland einige der wichtigsten Monographien in vollständigen, philologischen Editionen, die Ansichten der Kordilleren
sogar überhaupt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung. Das graphische Gesamtwerk liegt seit 2014 als Edition vor, hinzu kommen die Zeichnungen aus den Reisetagebüchern und aus dem Nachlass
Das vielleicht wichtigste Desiderat der Alexander von Humboldt-Forschung blieb die Sammlung und Edition seiner Schriften, d. h. der ‚unselbständigen‘ Publikationen, die nicht eigenständig in Buchform, sondern in Zeitschriften und Zeitungen oder in den Büchern anderer Autoren oder Herausgeber erschienen. Dieses ebenso umfangreiche wie vielfältige Corpus war allenfalls fragmentarisch verfügbar und nur ansatzweise erschlossen. Während ein detailliertes Verzeichnis der
selbständig erschienenen Werke seit 2000 vorliegt, blieben die Versuche einer bibliographischen Erfassung der unselbständigen Publikationen auf Teile des Materials beschränkt.
Die Werkgruppe der unselbständigen Schriften ist in der Tat überaus schwierig zu überblicken. Humboldts Texte wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Sie sind weltweit über mehr als 1240 Periodica verteilt, die an mehr als 440 Orten erschienen. Aufgrund der zeitgenössischen Publikationspraxis, Texte auch ohne Wissen des Verfassers abzudrucken und dessen Urheberschaft unterschiedlich klar oder auch gar nicht auszuweisen, stellen sich in etlichen Fällen schwierige Fragen der Autorschaft.
Nach neuestem Forschungsstand erschienen zu Humboldts Lebzeiten, zwischen 1789 und 1859, rund 750 im engeren Sinn verschiedene Texte zusammen mit ihren Wiederveröffentlichungen, Bearbeitungen und Übersetzungen in insgesamt rund 3600 Drucken. Diese kleineren Aufsätze, Artikel und Essays bilden gleichsam Humboldts Anderen Kosmos. In ihnen beschreibt er nicht ‚die ganze Welt in einem Buch‘, sondern ‚die ganze Welt in tausend Schriften‘.
Was erfahren wir aus Humboldts Schriften? Inwiefern sind sie bedeutend? Wie verändern sie unser Bild ihres Verfassers?
Zunächst geben uns die Schriften ein vollständigeres Bild von Humboldt als Schriftsteller. In den ersten zehn Jahren seiner Publikationstätigkeit, 1789 bis 1799, vor dem Aufbruch nach Amerika, veröffentlichte Alexander von Humboldt hauptsächlich wissenschaftliche Aufsätze und Besprechungen. Seine publizistische Praxis veränderte sich dann mit seiner amerikanischen Reise und mit seiner zunehmenden Prominenz.
Humboldts Repertoire erweiterte sich. Neue Formen kamen hinzu. Während der Expedition boten der Reisebrief, die Reportage und der Feldforschungsbericht die Möglichkeit, mit den europäischen Öffentlichkeiten kontinuierlich zu kommunizieren. Im Anschluss an die Reise erschienen Akademiereden, Geleitworte zu den Werken anderer Autoren, Auszüge in Schulbüchern, politische Beiträge in der Tagespresse und Dankschreiben für Ehrungen in aller Welt. Humboldt fand neue Formate zur Mitteilung nicht nur seiner wissenschaftlichen Beobachtungen, sondern auch seiner gesellschaftlichen Anliegen. Im Gegenzug nahm die Nachfrage nach Texten des berühmten Schriftstellers zu, die zum Teil auch ohne seine Kenntnis nachgedruckt und übersetzt oder aus seinen Buchwerken ausgezogen wurden. Nach seiner aufsehenerregenden Reise wollten offenbar viele, wie Ottilie in Goethes Wahlverwandtschaften erklärt, „Humboldten erzählen hören“.
Das Ergebnis ist eine große Vielfalt an Genres, die sich bereits an den Titeln von Humboldts Beiträgen ablesen lässt. Allein die deutschsprachigen Texte weisen diverse Gattungsangaben auf: „Abhandlung“, „Abriß“, „Analyse“, „Ankündigung“, „Anmerkungen“, „Ansichten“, „Antrittsrede“, „Antwort“, „Antwortschreiben“, „Anzeige“, „Arbeit“, „Aufforderung“, „Auszug“, „Beiträge“, „Bemerkungen“, „Beobachtungen“, „Bericht“, „Berichtigung“, „Beschreibung“, „Betrachtungen“, „Brief“, „Bruchstücke“, „Chronologie“, „Dankesworte“, „Darstellung“, „Einleitung“, „Entdeckung“, „Entwurf“, „Erklärung“, „Erläuterungen“, „Eröffnungsrede“, „Erzählung“, „Essay“, „Fragment“, „Gegenerklärung“, „Gemälde“, „Geschichte“, „Gutachten“, „Ideen“, „Karte“, „Korrespondenz-Nachrichten“, „Messungen“, „Mitteilung“, „Nachricht“, „Nachfrage“, „Nachtrag“, „Notizen“, „Rede“, „Reise“, „Resultate“, „Sammlung“, „Schilderung“, „Schreiben“, „Schriften“, „Skizze“, „Übersicht“, „Untersuchungen“, „Vergleich“ oder „Vergleichung“, „Versuch“, „Vorlesung“, „Vorwort“, „Zusätze“, „Zuschrift“. Hinzu kommen entsprechende und weitere Bezeichnungen in den französischen Artikeln und in den Übersetzungen in andere Sprachen. In all diesen Formen konnte sich Humboldt als Autor erproben und mit verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten experimentieren.
Der Verfasser der 29-bändigen Voyage und des 5-bändigen Kosmos war, wie sich nun zeigt, auch und gerade ein Meister der kleinen Formen. Als solcher ist er in seinen Schriften neu zu entdecken.
Der Meister der kleinen Formen
Humboldts Jugendschriften erschienen vor allem im deutschsprachigen Raum. Mit der amerikanischen Reise erweiterte sich der Radius seiner Kommunikation dramatisch. Er wurde global. Humboldts Beiträge erschienen in den folgenden fünf Jahrzehnten auf allen fünf Kontinenten: zum Beispiel in Berlin, Wien, Zürich, Paris, London, Mailand, Madrid, Prag, Warschau, Caracas, Havanna, México, Rio de Janeiro, Curação, New York, Chicago, Boston, Sankt Petersburg, Moskau, Sydney, Bombay, Shanghai und Pietermaritzburg in Südafrika. Alexander von Humboldt war der internationalste Publizist seiner Zeit.
Humboldts Texte wurden derart global publiziert, dass für jedes der 70 Jahre seiner publizistischen Tätigkeit eine neue Veröffentlichung an einem anderen Ort identifiziert werden kann. Wohl mit keinem anderen Autor wäre eine solche Bedingung zu erfüllen, die nicht nur eine lange Karriere und eine hohe Produktivität, sondern auch eine weltweite Verbreitung voraussetzt: weder mit Leibniz noch mit Goethe oder mit Darwin.
Mit der geographischen Reichweite veränderte sich auch die sprachliche Zusammensetzung des Corpus. Humboldt war von jeher ein mehrsprachiger Autor. Eine eher marginale Rolle spielte dabei die Publikation im Lateinischen, das seinen Status als internationale Wissenschaftssprache schon weitgehend verloren hatte. Humboldt verfasste seine Beiträge auf Französisch und Deutsch, in seiner Muttersprache und seiner Vatersprache. Seinen ersten Artikel schrieb er 1789 auf Französisch (für die Gazette littéraire de Berlin), seinen letzten 1859 auf Deutsch (für diverse Zeitungen, ebenfalls zunächst in Berlin). Während er die meisten Bücher über seine beiden Weltreisen auf Französisch verfasste (die Voyage aux régions équinoxiales ebenso wie Asie centrale), erschien die Mehrzahl seiner Artikel auf Deutsch. Historisch verschob sich das Gewicht vom Französischen als internationaler Wissenschaftssprache im 19. Jahrhundert zum Deutschen, was sich auch in den Veröffentlichungen und Übersetzungen von Humboldts Texten niederschlug.
Aus ihren Originalsprachen wurden Humboldts Schriften in ein Dutzend weitere Sprachen übersetzt: Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Niederländisch, Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Ungarisch, Russisch, Polnisch und Hebräisch. Humboldt gehört damit auch zu den meistübersetzten Autoren seiner Zeit. Die Zahl der übersetzten Texte und die Zahl ihrer Sprachen vergrößerten die Reichweite seiner Schriften enorm.
Dabei zeigt eine Auswertung des Corpus eine überraschende Menge von Publikationen in englischer Sprache, die zeitweise sogar jene der deutschen und französischen Originaldrucke übertrifft. Diese besondere Verbreitung im Englischen dürfte auf Humboldts Ansehen in den USA, auf seine antikoloniale Haltung und auf die günstigen Bedingungen einer freien Presse im anglophonen Raum zurückzuführen sein. Humboldt beförderte sie zusätzlich, indem er sich von Europa aus mit öffentlichen Stellungnahmen in den USA politisch einsetzte und durch offene Briefe mit Korrespondenzpartnern auf der anderen Seite des Atlantik in Verbindung blieb. Obwohl er seine Beiträge selbst nicht auf Englisch schrieb, wurde er in den 1840er und 1850er Jahren in den USA so stark übersetzt und nachgedruckt, dass er – gemessen an den veröffentlichten Texten – gegen Ende seines Lebens zu einem englischsprachigen Autor wurde.
Der internationale Publizist
An Humboldts Schriften können wir die intellektuelle Entwicklung ihres Verfassers ablesen. Rund 750 Aufsätze, Artikel und Essays – das entspricht in 70 Jahren durchschnittlich fast einem Text pro Monat – stellen eine viel genauere und kontinuierlichere Publikationsbiographie dar als 25 Bücher – eines alle drei Jahre.
Auch wenn sich schon früh seine kreative Neigung andeutet, verschiedene Wissensformen zusammenführen, veröffentlichte Humboldt in seinen Jugendjahren durchaus eher noch fachbezogen, insbesondere geologische und botanische Artikel. Die Disziplinarität seiner Beiträge ist dem Programm der Fachjournale abzulesen, in denen sie veröffentlicht wurden: Magazin für die Botanik, Bergmännisches Journal, Jahrbücher der Berg- und Hüttenkunde, Medicinisch-chirurgische Zeitung, Astronomisches Jahrbuch oder Allgemeine Geographische Ephemeriden.
Die amerikanische Reise eröffnete dann neue Forschungsfelder: insbesondere der Ethnologie und Anthropologie (die indigenen Völker der ‚Neuen Welt‘, die „Einheit des Menschengeschlechts“ in seiner ‚Vielheit‘), der Archäologie (die Zeugnisse der prähispanischen Zivilisationen) und der Demographie (die Zusammensetzung der kolonialen Gesellschaften). Hinzu kommt die Zoologie, die sich in einer Reihe von Gelegenheitsarbeiten zu exotischen Arten niederschlägt (Moskito, Manati, Condor, Neuwelt-Affen etc.).
Vor allem aber verlangte die Expedition eine fächerübergreifende Forschung. Die Natur der Tropen und die Lebenswirklichkeit der Kolonien konnte Humboldt nur bewältigen, indem er über die Grenzen der sich längst ausdifferenzierenden Disziplinen hinweg dachte. So verbindet er in seiner Pflanzengeographie botanisches, geographisches, historisches und klimatologisches Wissen, um die Verbreitung und die Migrationsgeschichte der Arten in Abhängigkeit von natürlichen und anthropogenen Faktoren nachzuvollziehen. Im Bericht von der Feldforschung mit elektrischen Aalen verbindet er zoologische, ethnographische, geographische und physiologische Interessen. In seiner Beschäftigung mit Pflanzen wie mit Tieren können wir nachvollziehen, wie Humboldt ein avant la lettre ökologisches Denken entwickelt, das die Lebensformen nicht mehr isoliert, sondern in ihrer Umwelt versteht.
Wenn wir Humboldts Schriften chronologisch folgen, wird deutlich, dass die Zahl verschiedener Disziplinen, die in den einzelnen Texten zur Geltung kommen, mit der amerikanischen Reise zunimmt und dass zugleich ihr Spektrum breiter wird. Humboldt steigert also zugleich die Bandbreite der von ihm erforschten Wissensfelder wie den Grad ihrer Durchmischung und wechselseitigen Anregung. Anhand seiner Schriften lässt sich beobachten, wie Humboldt von fachbezogener zu fächerübergreifender Forschung übergeht, wie er in inter-, multi- und transdisziplinären Beiträgen die Grenzen der Wissenschaften überschreitet und hinter sich lässt.
Dieser Befund ist keine nachträgliche Projektion, sondern schon zu seinen Lebzeiten eine historische Auffälligkeit. Dass Humboldts „Combination von Wissenschaften“, „welchen man ehedem keine engere Verwandtschaft zutraute“, bereits seine Zeitgenossen beeindruckte, da sie zu „unerwarteten Ergebnissen“ führte, wird aus dem Eintrag in Brockhaus’ Conversations-Lexikon von 1853 deutlich. Die Publikationsbiographie seiner Schriften zeigt: Alexander von Humboldt war keineswegs, wie er immer noch missverstanden wird, der ‚letzte Universalist‘, der vor der Ausdifferenzierung der Fächer noch alles mit allem zusammenbrachte, sondern im Gegenteil ein früher post disziplinärer Forscher.
Der postdisziplinäre Forscher
Mit seiner Forschungs- und Publikationstätigkeit, mit seiner Bekanntheit und diskursiven Präsenz veränderte sich auch Humboldts öffentliche Rolle. Bereits während seiner amerikanischen Reise arbeitete er durch gezielte Mitteilungen an seiner medialen Selbstdarstellung. Nach seiner Rückkehr erlangte er immer mehr Aufmerksamkeit und Zugang zu den internationalen Foren und Debatten. Der Forscher und Reiseschriftsteller wurde zur Celebrity und zum Public Intellectual.
Während dieser Prozess in den 1840er und 1850er Jahren seinen Höhepunkt hatte, blieben die Erfahrungen in den Amerikas aus den Jahren um 1800 die Grundlage seiner Forschung ebenso wie seiner öffentlichen Kommunikation. Das symbolische Kapital, das Humboldt durch seine vielbeachtete Forschungsreise erworben hatte, konnte er nun für Ziele einsetzen, die über die Wissenschaft hinausgingen – in Gesellschaft, Politik und Begabtenförderung.
Neben die Fachzeitschriften, in denen er wissenschaftliche Aufsätze veröffentlichte, traten im Lauf seiner Karriere immer mehr auflagenstarke und breitenwirksame Zeitschriften und Zeitungen, die Leitmedien ihrer Zeit waren und es zum Teil bis heute geblieben sind: die Neue Berlinische Monatschrift, das Morgenblatt für gebildete Stände und die Allgemeine Zeitung, die Vossische und die Spenersche Zeitung, die Wiener Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung, die Londoner Times und die New-York Times.
Humboldts politische Haltung, wie sie sich postum in seinen Briefen und Tagebüchern privat andeutete, wird in seinen zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften als öffentliches Engagement sichtbar. Humboldt bekämpfte die Sklaverei. Er solidarisierte sich mit den Juden als verfolgtem und unterdrücktem Volk, und er widersetzte sich den Bestrebungen, ihre Emanzipation in Preußen rückgängig zu machen. (Ein entsprechendes Statement erschien symbolischerweise sogar auf Hebräisch.) Humboldt beteiligte sich an transatlantischen Debatten und engagierte sich 1856 im Präsidentschaftswahlkampf in den USA für den liberalen Kandidaten John C. Frémont – wenn auch vergeblich. Programmatisch dachte er nach über die Unabhängigkeit der Kolonien, über einen freien Welthandel (befördert durch einen Kanal zwischen Atlantik und Pazifik, den Humboldt lange vor seiner Verwirklichung 1914 in Panama vorausgedacht hatte) und über die „künftigen Verhältnisse zwischen Europa und Amerika“.
Bei aller Vielseitigkeit und Veränderung hat dieses Engagement eine erstaunliche Kontinuität. Humboldt war der deutsche Schriftsteller (zumindest seiner Epoche), der sich am intensivsten mit fremden Kulturen und mit interkulturellen Fragen beschäftigte. Dies zeigen seine anthropologischen und ethnographischen Studien sowie seine politischen und historiographischen Beiträge zur ‚Neuen Welt‘, zum Beispiel: „Ueber die Urvölker von Amerika“ (1806), „Sur les peuples qui mangent de la terre“ (1809) oder „War Poison of the Indians“ (1821). Vom ersten bis zum letzten Text (1789–1859) setzte sich Humboldt kritisch mit dem Kolonialismus auseinander.
Der öffentliche Intellektuelle
Alexander von Humboldt hat keine Autobiographie veröffentlicht. Er hat sich gegen eine allzu autobiographische Konzeption seiner Reisewerke entschieden. Stattdessen wies er darauf hin, dass seine Texte grundsätzlich auch autobiographische Elemente enthalten, die aber hinter ihren eigentlichen Inhalten zurücktreten: „Mein Leben sucht in meinen Schriften.“ Dieser Devise können wir auf der Grundlage seiner gesammelten Schriften nun folgen.
Denn Humboldts Schriften, nicht zuletzt seine Reiseberichte und seine politischen Beiträge, aber auch seine naturwissenschaftlichen Aufsätze, enthalten in der Tat Tausende biographische Informationen. Zwar erzählt Humboldt nur ausnahmsweise zusammenhängende Lebensgeschichten, aber seine Texte sind durchsetzt mit Daten, Fakten und Episoden: mit zahlreichen (Auto-)Biographemen, die neues Licht auf sein Leben werfen.
Die meisten Humboldt-Biographien haben diese Werkgruppe jedoch weitgehend oder sogar ganz ausgeblendet. So verzeichnet die Bibliographie von Andrea Wulfs vielgelesener Biographie zwar Humboldts Bücher, Tagebücher und Briefausgaben, aber keine einzige seiner verstreuten Schriften.
Dabei erfahren wir in seinen Schriften oft nebenbei, mit wem Humboldt sich ausgetauscht oder zusammengearbeitet hat, wen er als enge Freunde oder als geschätzte Kollegen erachtete, wo und wann er Messungen durchgeführt und Daten erhoben hat, welche Briefe er erhielt und wessen Werke er studierte, welche Ereignisse der Zeitgeschichte er wahrnahm und wie sich seine politischen Ansichten entwickelten, wohin er Ausflüge und Reisen unternahm, aber auch welche Einladungen er wegen anderer Verpflichtungen ausschlagen musste, welche Ehrungen ihm zuteil wurden und schließlich auch wie ihn sein Dienst als Kammerherr des preußischen Königs an seinen wissenschaftlichen Arbeiten hinderte und wie ihn die Menge an Korrespondenz und der Aufwand seiner Verwaltungsaufgaben belasteten. Diese beiläufigen Kleinstinformationen bilden zusammengenommen eine dichte Mikrochronologie, die unsere Kenntnis von Humboldts Leben ergänzt.
Zu Humboldts Schriften gehören aber auch sein Lebenslauf, den er 1799 für den spanischen König verfasste; sein erster Bericht von der amerikanischen Reise, den er 1804 in den USA niederschrieb; und ein großenteils von ihm selbst aufgesetzter Lexikon-Artikel über sich selbst – wichtige Ego-Dokumente also in einem engeren Sinn für die Erzählung seiner Lebensgeschichte. Alexander von Humboldts Biographie wird auf der Grundlage seiner Schriften neu zu schreiben sein.
Während von Humboldts Werken heute vor allem seine Bücher bekannt sind, spielten diese für seine zeitgenössische Rezeption eine durchaus weniger wichtige Rolle, als man annehmen könnte. Abgesehen von den deutschsprachigen Bestsellern Ansichten der Natur (in drei Auflagen 1808, 1826 und 1849) und Kosmos (1845–1862) waren seine Buchwerke für die breite Leserschaft teilweise zu anspruchsvoll, zu umfangreich, zu teuer oder nur in geringen Auflagen verfügbar. So wurden von Humboldts prächtigstem und kostspieligstem Werk, den Vues des Cordillères (1810–1813), in der großformatigen Folioausgabe nur 600 Exemplare gedruckt.
Die begrenzte Zugänglichkeit vieler seiner Bücher mag die große Anzahl von Auszügen in Zeitungen und Zeitschriften erklären, die kleine Passagen oder auch ganze Kapitel einem breiteren Publikum vorstellten. Zum Teil wurden diese Auszüge von Humboldts Verlegern strategisch zur Werbung und Verbreitung seiner Bücher eingesetzt, etwa von Johann Friedrich Cotta, der in seinem vielgelesenen Morgenblatt zahlreiche Teilabdrucke aus den in seinem Verlag erschienenen Ansichten der Natur oder aus der deutschen Übersetzung von Humboldts Mexiko-Werk, dem Essai politique sur le royaume de la Nouvelle-Espagne (1808–1811), veröffentlichte, mitunter sogar als Vorabdrucke zur Steigerung der Nachfrage. Zum Teil erschienen die Auszüge aber auch ohne Humboldts Kenntnis in Tageszeitungen an entlegenen Orten auf der ganzen Welt. Sie sorgten so dafür, dass seine Werke sogar in Regionen bekannt wurden, die ihr Verfasser selbst nie bereist hatte und wo seine Buchwerke kaum zu bekommen waren. Die Lektüre von Humboldts Büchern vollzog sich zu seiner Zeit also maßgeblich durch das Medium ihrer Vor- und Teilabdrucke in Periodica.
Die Wirkung der Schriften
Das Corpus von Humboldts Schriften besteht freilich längst nicht nur aus Fragmenten seiner Bücher. Rund zwei Drittel von ihnen haben keine Entsprechung in den Buchwerken, sie stellen also eigenständige Texte dar, deren Inhalte Humboldt nicht anderweitig veröffentlicht hat.
Diese Schriften enthalten bahnbrechende Erkenntnisse: zum Beispiel die erstmals nachgewiesene Verbindung der beiden größten Fluss-Systeme der Welt, des Amazonas und des Orinoco; das Konzept der gleichwarmen Zonen, die sich über den Globus spannen und die Humboldt mithilfe der Isothermen-Linien darstellte, einer innovativen und bis heute verwendeten Darstellungsform der Klimatologie; die von Humboldt in den Tropen beobachtete nächtliche Zunahme der Schallverbreitung, die heute als ‚Humboldt-Effekt‘ bezeichnet wird; oder die Verteidigung von Zitteraalen gegen Pferde mittels elektrischer Schläge, die 2016 durch biologische Experimente bestätigt wurde.
Daneben leistet Humboldt eine Vielzahl von Beiträgen zu den verschiedensten Disziplinen, von der Anatomie und Anthropologie über die Botanik, Chemie, Geologie und Kartographie bis hin zur Physiologie und Zoologie. Selbst Humboldt-Spezialisten waren diese Texte zu einem großen Teil unbekannt. Gesammelt werden sie nun wieder zugänglich. Sie vervollständigen unsere Kenntnis von Humboldts Forschung und Werk.
Neben den biographisch und wissenschaftlich bedeutenden Schriften enthält das Corpus noch weitere besondere Beiträge, so etwa Humboldts allerersten Text, in dem er 1789 als 19-Jähriger in Berlin auf Französisch von einem javanischen Giftbaum berichtet; oder seine allerletzte Publikation, einen launigen „Ruf um Hülfe“, in dem der fast 90-Jährige öffentlich darum bittet, ihn nicht unnötig mit Korrespondenz zu behelligen, damit er seine Arbeiten abschließen könne. Zu den stilistisch-literarischen Glanzlichtern gehört Humboldts einziger fiktionaler Text, die Erzählung „Die Lebenskraft oder der Rhodische Genius“, die erstmals 1795 in Schillers Zeitschrift Die Horen veröffentlicht wurde. Auch von der berühmtesten Episode seiner Reisen, dem Aufstieg auf den Chimborazo, hat Humboldt nicht in Buchform, sondern in einem Aufsatz ausführlich berichtet: „Ueber zwei Versuche den Chimborazo zu besteigen“. An diesem Vulkan im heutigen Ecuador, der damals als höchster Berg der Welt galt, hatten Humboldt und seine Begleiter 1802 einen mehrere Jahrzehnte gültigen Höhenweltrekord aufgestellt, doch seine Schilderung veröffentlichte er erst 1837, nachdem diese alpinistische Höchstleistung von einer anderen Expedition übertroffen worden war.
Einige Drucke des Corpus sind darüber hinaus von buchstäblich singulärer Bedeutung, weil die Buchprojekte, für die sie vorgesehen waren, nicht verwirklicht wurden. So ist der Text „Géographie des Plantes“ von 1826 der einzige veröffentlichte Druckzeuge einer geplanten zweiten Auflage von Humboldts Essai sur la géographie des plantes (1807), die er in den 1820er Jahren vorbereitet, aber nie ausgeführt hat. Der Aufsatz über Meeresströme von 1837, in dem er den später nach ihm benannten Humboldt-Strom an der Westküste Südamerikas beschreibt, ist der einzige publizierte Teil eines umfangreichen Manuskripts, das er für den zweiten, nie veröffentlichten Band seiner Kleineren Schriften (deren erster Band 1853 erschienen war) vorgesehen hatte.
Eine weitere wichtige Textsorte innerhalb seiner publizierten Schriften stellen Humboldts Briefe dar, durch die er mit Freunden, Wissenschaftlern und Amtsträgern dies- und jenseits des Atlantiks in Verbindung stand. Waren seine Reportagebriefe, die er aus Amerika an Bekannte und Redaktionen in Europa schickte, ursprünglich noch ein Mittel, dem heimischen Publikum gleichsam live von seiner Reise zu berichten und Forschungsergebnisse bereits vor seiner Rückkehr publik zu machen, hatte sein Ruhm gegen Ende seines Lebens derart zugenommen, dass in Tageszeitungen mitunter noch knappste Schreiben von ihm veröffentlicht wurden, oft mit feierlichen Begleitworten gerahmt, um die Neugier des Publikums zu befriedigen. Selbst aus privaten Briefen entnommene Würdigungen, Dankschreiben und Kürzestverlautbarungen, viel mehr aber noch die für die Öffentlichkeit gedachten meinungsstarken Schriftstücke an internationale Korrespondenzpartner trugen zu Humboldts länderübergreifender Gegenwärtigkeit bei. Sie bilden eine wichtige Grundlage für seinen Status als kosmopolitischer Gelehrter und engagierter Publizist seiner Zeit.
Die Bedeutung der Schriften
Wenn man heutzutage den sogenannten Impact von Wissenschaftlern, die Bedeutung ihrer Forschungsbeiträge für ihr Fach, anhand der Menge und der Hochrangigkeit ihrer Publikationen misst, so wäre dieses Einflussmaß in Humboldts Fall von seinen Hunderten Schriften wohl noch stärker bestimmt worden als von seinen an sich schon zahlreichen, umfänglichen und wichtigen Buchwerken. Denn seine Schriften sind es, die für Humboldts diskursive Präsenz gesorgt und durch ihre niederschwellige Zugänglichkeit und ihr regelmäßiges Erscheinen in großen wie kleinen Periodica seine rasche Rezeption befördert haben. Sie sind es letztlich, was viele seiner Zeitgenossen lasen.
Von Humboldts Artikeln und Essays ging deshalb auch ein großer Teil seines wissenschaftlichen Einflusses und seiner literarischen Wirkung aus. So ließ sich Goethe durch Humboldts wegweisenden Aufsatz „Über den Bau und die Wirkungsart der Vulkane in verschiedenen Erdstrichen“ zu Szenen in Faust II anregen, in denen er geologische Theorien miteinander in Wettstreit treten lässt.
Aus der Verbreitung von Humboldts Schriften ergibt sich eine Reihe von Fragen: Welche von Humboldts Aufsätze waren es, die Schriftsteller wie Achim von Arnim und Adelbert von Chamisso zur Kenntnis nahmen und die nachfolgende Generationen von Wissenschaftlern wie Carl Friedrich Gauß und Charles Darwin in ihren Forschungen anregten? Welche seiner Essays gaben den Anstoß für literarische Adaptionen und fiktionale Abenteuer wie die von Jules Verne, der Humboldt in seinen Science-Fiction-Romanen mehrfach zitiert? Welche öffentlichen Stellungnahmen und politischen Interventionen des auteur engagé beeinflussten US-amerikanische Sklavereigegner, südamerikanische Unabhängigkeitskämpfer, preußische Juden und deutsche März-Revolutionäre? Wo wurde Humboldt mit manipulierten Zitaten und tendenziösen Bearbeitungen aber auch gegen seine Absichten vereinnahmt? Humboldt-Forscher von Mexiko bis Moskau werden diesen und noch ganz anderen Echos von Humboldts Aufsätzen, Artikeln und Essays auf der ganzen Welt nachgehen können.
Seit dem 250. Geburtstag liegt mit seinen Sämtlichen Schriften – als Druckausgabe und digital – nun also ein weiterer Baustein von Humboldts Werk vor. Bis es vollständig, in allen seinen Bestandteilen, ediert ist, wird aber vielleicht schon der 300. Geburtstag anstehen. Dass wir Humboldt mehr lesen als feiern werden, wird hoffentlich schon eher der Fall sein.
Oliver Lubrich und Thomas Nehrlich
Bern 2019/2021