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Im Hitzesommer 2023, mit dem heißesten je gemessenen Monat, mit Waldbränden auf Rhodos, auf der Insel Euböa, auf Maui, in weiten Teilen Kanadas, und an vielen anderen Orten, dann mit dem Sturmtief „Daniel“, das ganze Gegenden in Griechenland und Rumänien verwüstete und auch verantwortlich war für die Überflutung der libyschen Stadt Darna in diesem Sommer, bei dem die globale Temperatur über Wochen über der Grenze von plus 1,5 Grad lag, fand sich ein Topos in jeder Katastrophenmeldung: dass „der Klimawandel“ daran schuld sei.
Die NZZ vermeldete in Zusammenhang mit den Hitzewellen in Südeuropa, China und den USA, „der Klimawandel“ habe „so hohe Temperaturen erst möglich gemacht“; das SRF schrieb, dass Winde, Trockenheit und Blitzschläge die verheerenden Brände auf Maui verursacht hätten, und dass „der Klimawandel“ all diese Faktoren „verstärkt“. In der ZEIT war zu lesen, dass „der Klimawandel“ eine Ursache sein könnte für die Neuansiedlung von Meeresschildkröten auf den Balearen, neuerdings gefährdet „der Klimawandel“ auch die europäische Bierproduktion, und überhaupt ist „der Klimawandel“ schuld an Überschwemmungen, Erosion und Dürre.
Derweilen reden Politiker:innen prominent und regelmäßig davon, man müsse „den Klimawandel“ bekämpfen, „der Klimawandel“ sei die größte Herausforderung für die Menschheit, oder „der Klimawandel“ biete auch Chancen, etwa für die Innovation; oder es wird gesagt, dass „der Klimawandel“ die ärmsten Nationen am heftigsten trifft, manchmal tönt es auch apodiktisch von den Rednerbühnen, der Menschheit drohe das Ende, wenn „der Klimawandel“ nicht gestoppt werde. Es ist möglich, so kürzlich Bundeskanzler Olaf Scholz in einer Rede, „den Klimawandel“ zu nicht nur zu „bekämpfen“, sondern auch zu „lindern“, man kann „den Klimawandel“ auch „konstruktiv angehen“, und ja, „der Klimawandel“ ist die Ursache der allgegenwärtigen „Climate Anxiety“.
Das sind Reden und Redensarten, die eine eigene Wirkung entfalten. Sie machen deutlich, dass „der Klimawandel“, in abgewandelter Form als „Klimakrise“ oder einfach auch nur als „Klima“, zu einem allgegenwärtigen, medial und öffentlich kommunizierten Agens in unserer Sprache geworden ist, ähnlich einer Instanz, die vielfache Wirkung entfaltet kann: hier Brände, dort Überflutungen, da Hitzewellen, andernorts Hungersnöte, erhöhte Sterblichkeit überall, „der Klimawandel“ beeinflusst auch Investitionsentscheidungen, er ist die Ursache für „Migrationsströme“. Ein mächtiger Faktor, der vielleicht auch nicht mehr „aufzuhalten“ sei, dieser „Klimawandel“.
Aber wer genau ist nun dieser „Klimawandel“, der so mächtig in der Welt waltet? In die Welt gekommen ist der Begriff „Climate Change“ mit der Framework Convention on Climate Change der UNO (UNFCCC), die im Rahmen des Erdgipfels in Rio de Janeiro 1992 erarbeitet wurde. Die UNFCCC hielt in ihrem Artikel 1 fest, dass mit „Klimawandel“ gemeint ist: „a change of climate which is attributed directly or indirectly to human activity that alters the composition of the global atmosphere and which is in addition to natural climate variability observed over comparable time periods“. Die UNFCCC machte einen Unterschied zwischen menschengemachtem „climate change“ und der „natural variability“ der klimatischen Änderungen; eine Differenzierung, die sich im Glossar der UNO zum Begriff „climate change“ wiederfindet, dort allerdings mit der Verdeutlichung, dass menschengemachte Klimaveränderungen auf das Verbrennen von fossilen Brennstoffen zurückzuführen sind. Sämtliche Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC haben über die Jahre dann mit wissenschaftlicher Akribie aufgezeigt, wie komplex die Auswirkungen der fortgesetzten Kontamination der Atmosphäre durch menschengemachte Treibhausgase sind, durch CO2, Methan, Lachgase und andere. Hier, in den Berichten des IPCC, werden nicht nur die komplexen Wirkungen des „change“ im Klima wissenschaftlich belegt, sondern auch die Verursacher beim Namen genannt: die fossile Industrie, die Banken und Regierungen, die mit Krediten und Subventionen für die Weiterexistenz dieser Industrie sorgen, und letztlich alle, die vom fossilen Status quo profitieren.
Die Medien und auch die Politiker:innen haben diese Kausalketten, die im Endeffekt nicht zu einem „change“ im Klima führen, sondern zu einem Kollaps des Klimasystems, unmittelbar nach dem Erdgipfel in Rio de Janeiro unter dem Begriff „Klimawandel“ zusammengefasst, eine Zeitlang noch Hand in Hand mit dem griffigeren Begriff des „Treibhauseffekts“, dann nicht mehr. Vorgespurt wurde dieses Framing allerdings schon vorher durch diejenigen, die das eigentliche Problem darstellen: die Erdölkonzerne. Shell beispielsweise erzählte bereits 1991 im firmeneigenen Film Climate of Concern den ganzen Komplex als ein wissenschaftliches, hauptsächlich meteorologisches Thema, mit akkuraten Vorhersagen über die Erhitzung des Planeten und der damit verbundenen technologischen Herausforderungen, ohne allerdings auch nur einmal die Erdölkonzerne als die Verantwortlichen zu nennen; das meist genannte Wort in diesem Film ist „climate change“ (nicht „fossil fuels“).
Damit hat sich seit mehr als dreißig Jahren in der öffentlichen Diskussion ein Begriff festgesetzt, der den Fakt der fortgesetzten, irreparablen Verschmutzung der Atmosphäre mit Klimagasen in den Kontext eines „Wandels“ versetzt. Mit der Folge, dass viele unter „Klimawandel“ tatsächlich die drohende Katastrophe verstehen, während aber sehr viel mehr Menschen darin eben eher einen langsamen, fortschreitenden, aber undramatischen „Wandel“ des globalen Klimas sehen.
Wenn „Metaphern töten können“, wie der Linguist George Lakoff feststellte, wenn Sprache „wie ein Motor ist fürs Denken“, wie die Sprachforscherin Lera Boroditsky festhält, dann ist relevant, wie das vielleicht größte aktuelle Problem der Menschheit in öffentlichen Diskursen benannt wird. Sprache befähigt zum Handeln, weil sie die handlungsleitenden Zusammenhänge aufzeigt, aber sie kann auch das Gegenteil bewirken, gerade auch und besonders in Krisenzeiten. Alle Forschungen zur kognitiven Dissonanz, die seit Leon Festingers bahnbrechendem Buch A Theory of Cognitive Dissonance (1957) gemacht wurden, zeigen, dass Menschen bei der Wahrnehmung einer Dissonanz (hier mein Lebensstil, dort die manifeste, fossil bedingte Erhitzung der Atmosphäre) sich für die mildere, weniger beunruhigende Interpretation der Umstände entscheiden („Es ist nicht so schlimm“). Das mag erklären, weshalb Freizeithungrige unbekümmert die Flugzeuge bestiegen, um im feuerversehrten Rhodos ihre Ferien zu verbringen, warum Touristen in Maui ins Meer stiegen, verkohlte Körper von Einheimischen in unmittelbarer Nähe hin oder her.
Eine Untersuchung an der Universität Busan in Südkorea und der Newcastle University bestätigt denn auch, dass die Veränderung der Wortwahl signifikante Änderungen der Krisenwahrnehmung mit sich bringt. Bei der Studie stuften nur 33,1 Prozent der Probanden den Begriff „climate change“ als „negativ“ ein, während umgekehrt „global warming“ von 52,1 Prozent als „negativ“ bezeichnet wurde. Die Ergebnisse der Studie lassen den vorsichtigen Schluss zu, dass ein Begriff negativere, ablehnendere Reaktionen auslöst, je konkreter er ist („warming“ statt „change“).
Der unkonkrete Begriff „Klimawandel“ hat für die Verursacher:innen den unbestreitbaren Vorteil, dass er ganze Kausalketten und damit auch Komplexitäten verschleiert – besonders durch die Personalisierung, wonach „der Klimawandel“ zu schlechteren Ernten etc. führt. Insbesondere diese Tatsache, die wir seit der Entdeckung der Physikerin Eunice Newton Foote im Jahr 1856 kennen, dass der wärmende Effekt der Sonne grösser ist, wenn die Atmosphäre mit Wasserdampf getränkt ist, und noch viel grösser, wenn CO2 beigegeben wird. Diese Verschleierung von Ursache und Wirkung camoufliert, und darauf hat der Soziologe José Maurício Domingues hingewiesen, auch die Machtkonstellationen und die Verantwortlichkeiten in der Debatte rund ums Klima. Der „Klimawandel“, so Domingues, benennt keine Ursache und keine Wirkung, er bezeichnet nicht, was Risiken sind und wer sie am Ende trägt, er sagt nichts zu den Verantwortlichkeiten und führt so, in seiner uneingeschränkten, auch massenmedialen Verwendung zu einer Entpolitisierung der Debatte.
Domingues sieht in der Verschleierung der Risiken, der Machtkonstellationen, des Ressourcenverbrauchs, der historischen Akkumulation von Klimagasen seitens der Industrieländer unter dem Begriff des „Klimawandels“ eine „epistemologische Community“, in deren Zentrum er das IPCC und die UNO mit ihren Definitionen sieht. Er verweist aber vor allem darauf, dass unterschiedliche Akteure aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Absichten auf die Definitionen von IPCC und UNO referenzieren. Diese Bezugnahmen sind immer interessensgeleitet und es lässt sich leicht nachweisen, dass das Interesse an der Verschleierung von Ursachen und Wirkungen vor allem bei denjenigen groß ist, die als Quelle allen Übels leicht zu identifizieren sind: die großen Erdölkonzerne und ihre Finanzierer. Sie sind denn auch dazu übergegangen, in ihren pledges den „Klimawandel“ offensiv zu adressieren, um diesen dann zu einem „gemeinsamen Problem der gesamten Menschheit“ zu erklären, verbunden mit der Versicherung, dass sie sich ihrer Verantwortung „bewusst“ seien. Shell (um hier nur ein Beispiel zu nennen) sieht sich als „Partner“ von Regierungen und Kunden, wenn es um die Bewältigung des „Klimawandels“ geht. Dass Shell 2022 mit netto 51 Millionen Tonnen CO2 in der eigenen Produktion und mit 1,2 Milliarden Tonnen CO2 beim Gebrauch der fossilen Produkte zu den größten Verschmutzern der Atmosphäre und zugleich zu den größten Profiteuren des „Klimawandels“ gehört, wird nicht adressiert.
Die Fatalität besteht darin, dass ein existenzielles Problem der Menschheit, nämlich die wissentliche, letztlich letale Kontamination der Atmosphäre mit Treibhausgasen in den leeren Signifikanten „Klimawandel“ verpackt wurde. Ein leerer Signifikant ist in der Terminologie des argentinischen Philosophen Ernesto Laclau so etwas wie ein Sammelbegriff, das heißt der „hegemoniale Repräsentant“ einer ganzen Reihe von Forderungen und Vorstellungen, der „unterschiedlichen Akteuren, Interessen und Vorstellungen“ als ein „leeres Begriffsfeld“ dient.
Damit verbindet sich, betont Laclau, die Gefahr der Entpolitisierung und auch der Normalisierung. Das zeigt sich etwa in wiederkehrenden Redensarten wie „Bekämpfung des Klimawandels“ oder „Anpassung an den Klimawandel“, die einen Gegenstand suggerieren (einen Agens), der nicht mehr als eine Chiffre ist. Über solche Operationen sickert der Begriff „Klimawandel“ in den kollektiven Sprachkanon ein, veralltäglicht sich und verliert sich im Unbestimmten. Vage adressiert wird damit die im Ergebnis unstrittige Tatsache, dass sich das Klima „wandelt“, während die Ursache dieser „Wandlung“, nämlich die fortgesetzte, wissentliche Schädigung der Atmosphäre durch Klimagase mitsamt ihren Verursachern semantisch und diskursiv wegdividiert wird. Hier sehen wir also eine ebenso verklausulierende wie verharmlosende Strategie am Werk, die darauf abzielt, von den Schuldigen abzulenken; genauso, wie die Erfindung des (zwischenzeitlich standardmäßig berechneten) „CO2-Fussabdrucks“ durch BP von der eigenen Verantwortlichkeit ablenken wollte (und immer noch will).
In einem bemerkenswerten Ansatz hat der Politologe Mario Candeias, Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung festgestellt, dass wir „in keiner offenen Situation“ mehr leben; vielmehr seien die „Entwicklungspfade zwar umkämpft, aber viele Wege bereits verunmöglicht und Alternativen verschlossen“.
Candeias sieht eine neue historische Phase kommen, die geprägt sein wird von einem hegemonialen „Green Capitalism“, der aber, weil die Ausbeutungsstrukturen fortbestehen, sowohl in den westlichen Gesellschaften wie auch gegenüber dem globalen Süden zu neuen Konfrontationen führen wird; und dies in einer Welt, die aufgrund klimatischer Extreme „von Gewalt und Katastrophen geprägt sein wird“. Mario Candeias sieht hegemoniale Kämpfe, gepaart mit dem Kampf ums nackte Überleben, auf uns zukommen und er ist entschieden der Ansicht, dass es an der Zeit wäre, sich Gedanken zu machen über eine „demokratische und solidarische Lebensweise, für eine sozialistische Perspektive“, die mit Blick auf die Zeiten eines „Post-Growth“ (der unweigerlich kommen wird) als Leitlinie dienen kann. Diese Perspektive erfordert, und darauf läuft Mario Cadeinas Argumentation hinaus, „disruptive Strategien“ innerhalb der Linken, eines „erkennbaren und wirkungsvollen Bruchs“ gegenüber dem ganzen Parteiengefüge.
Dieser „Bruch“, den Cadeinas fordert, beginnt, wie viele andere, mit einem anderen Gebrauch der Sprache, mit der Verwendung anderer Wörter. Heruntergebrochen auf die Frage nach der Verwendung des Begriffs „Klimawandel“ kann das nur heißen, in radikaler Offenheit zu benennen, was das Problem ist: die fortgesetzte, wissentliche Kontaminierung der Atmosphäre durch profitgierige Konzerne, die Bürgerinnen und Bürgern, Konsumentinnen und Konsumenten keine Alternative für Fortbewegung und Heizung geboten haben (und weiterhin nicht bieten) als die fossilen Brenn- und Treibstoffe, um deren Schädlichkeit sie erwiesenermaßen seit den 1970er Jahren wissen.
Die britische Zeitung The Guardian hat einen Anfang gemacht und schreibt in letzter Zeit immer häufiger von einem „human made climate change“, manchmal auch von einer „climate crisis, as the result of burning fossil fuels“. Es sind erste Versuche, die Folgen dieser Krise, in die wir gerade hineinschlittern, und die Verursacher dieser Krise wieder zu versprachlichen, um die Sprechenden neu handlungsfähig und damit mächtig zu machen.