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«Mit dem Wissen wächst der Zweifel.»
Dieser Ausspruch von J. W. von Goethe lässt sich verschieden auslegen und erklären. Im Folgenden möchte ich mit einer Definition von 'Wissen' und 'Zweifel' beginnen und dann zu mehreren möglichen Auslegungen und Erklärungen kommen.
Das Wort 'Wissen' lässt sich ziemlich klar definieren als Erkenntnisse, Feststellungen, die man sich durch Erfahrung und Beobachtung, aber auch durch gezieltes Lernen aneignen kann. Nun kann hier Wissen in jeder Hinsicht gemeint sein, z.B. Wissen über unsere Mitmenschen, über das Universum und seine physikalischen Regeln, über Gesetze der Mathematik, über Gott (wobei das ‚Wissen' hier wohl eher ein ‚Glauben' ist), über die Natur usw. Diese Reihe liesse sich endlos weiterführen, ich werde mir jedoch aus Platz- und Zeitgründen von den oben genannten Wissensgebieten einige aussuchen.
Zum 'Zweifel' heisst es im Lexikon: "Zweifel ist das Unsicherwerden bzw. Infragestellen einer Meinung, eines Glaubens und Wissens bestehender Orientierung". Dies trifft meiner Meinung nach schon ziemlich gut den Kernpunkt der Sache. Für mich ist Zweifel aber nicht nur das Unsicherwerden, sondern in gewissem Sinne auch die Unwissenheit. Sozusagen der Zweifel, ob es "da draussen noch etwas gibt". Ob wir alleine im Universum sind, ob noch neue physikalische Gesetze existieren, ob es ausser Gott noch etwas anderes gibt. Diese Art von Zweifel, nennen wir ihn kurz den "Unwissenheits-Zweifel", wird von uns Menschen für gewöhnlich dadurch beseitigt, dass man neue Gesetzmässigkeiten bestimmt, Regeln festlegt, und Fakten erforscht. Das wiederum hat zur Folge, dass mit dem Wissen auch der Zweifel weiter wächst.
Um mich verständlicher auszudrücken, will ich dies gleich an einem Beispiel aus der Mathematik zeigen. Da diese ja bekanntlich eine eindeutige und genaue Wissenschaft ist, sind hier praktisch keine "normalen", sondern nur "Unwissenheits-Zweifel" möglich: 1 x 1 = 1. In dieser Gleichung ist zwar das Wissen sehr klein, der Zweifel jedoch ist noch um vieles kleiner; niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass 1 x 1 = 1 ist. (Zwar soll es in der "Neuen Mathematik" solche Leute geben, diese lasse ich hier jedoch der Einfachheit halber einfach mal ausser Acht.) Einige "Unwissenheits-Zweifel" sind dennoch angebracht. "Gibt es noch andere Operationen als mal?", "Existieren weitere Zahlenwerte ausser 1?" wären hier mögliche Fragen. Der Alltag lehrt uns: Es gibt nicht nur 1 Birne, sondern auch 2 Birnen, 3 Birnen usw. Auch weiss man, dass es andere Operatoren geben muss, da man 1 Birne und noch 1 Birne kaufen kann und danach 2 Birnen hat. Daraus lässt sich nun bereits die nächste Gleichung ableiten: 1 + 1 = 2. Hier ist das Wissen bereits stark gestiegen, man kennt eine neue Operation und einen neuen Zahlenwert, also ist gewissermassen doppelt so viel Wissen vorhanden. Auch der Zweifel ist gewachsen: Was ergibt 1 + 2? Und 2 + 2? 2 x1, und 2 x 2? Auch 2 x 2 x 2 oder 2 + 2 + 2 muss in Betracht bezogen werden. So steigt der Zweifel rasant an, und dies mit jeder weiteren Zahl und jeder Operation, die dem Gedächtnis hinzugefügt werden. Für die Mathematik liesse sich sogar behaupten: "Mit dem Wissen wächst der Zweifel exponentiell."
Soviel zur Mathematik. Das nächste Themengebiet, die Religion, ist nicht so klar und eindeutig wie die Mathematik. Jeder hat wieder eine andere Meinung davon. Trotzdem möchte ich versuchen, dieses Zitat auch in Bezug auf Religion allgemein verständlich zu erklären. An dieser Stelle halte ich ein Zitat von Arthur Schopenhauer für angebracht: "Glauben und Wissen verhalten sich wie die zwei Schalen einer Waage: In dem Masse, als die eine steigt, sinkt die andere."
Durch dieses Zitat wird jenes von Goethe kurz und bündig auf religiöser Ebene erklärt. Um es etwas ausführlicher darzulegen: Mit dem Wissen über physikalische Gesetze (z.B. über die Chaos-Theorie, nach der jede ‚Handlung' eine rein zufällige Auswahl sämtlicher Möglichkeiten ist, ) glaubt man kaum mehr an den Gott, der alle Entscheidungen leitet. Gott ist halt einfach nicht greifbar, und somit fällt es, heute noch mehr als zu Goethes Zeiten, vielen schwer, an ihn zu glauben.
Auch wenn man das Weltgeschehen, gerade im vergangenen Jahr, betrachtet, gibt es wohl viele, die nicht mehr an Gott glauben. Wie könnte Gott, der Allmächtige, solche Katastrophen zulassen? Der Glaube muss zwangsläufig dem Zweifel weichen.
Es liegt in der Natur der Menschen, zu zweifeln, und deshalb glaube ich, dass dieser Ausspruch auf jedem Gebiet, das der Mensch mit seinem Verstand zu ergründen sucht, seine Gültigkeit hat.
Dies sieht auf den ersten Blick wohl nicht gerade positiv aus, man könnte meinen, unsere Welt würde im Zweifel versinken. Dies würde vielleicht auch passieren, wenn das Zitat nicht auch umgekehrt gültig wäre:
"Mit dem Zweifel wächst auch das Wissen, ohne Zweifel würde es kein neues Wissen geben."
Ich meine damit, dass es, falls niemand mehr zweifelte, auch niemand mehr versuchen würde, die Zweifel aus dem Weg zu räumen. Und da Zweifel ja, wie oben beschrieben, durch neue Erkenntnisse beseitigt werden, würde unsere Welt nicht im Zweifel versinken, sondern beim aktuellen Wissensstand festsitzen, was meiner Meinung nach weit schlimmer wäre.
Seien wir also froh, dass noch gezweifelt wird, denn nur dadurch gelangen wir zu neuen Erkenntnissen, und das ist es ja, was unsere Welt so spannend macht.