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Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft
1. Name und Gegenstand der Indogermanistik
Der genaueste Name der Disziplin im Deutschen ist 'Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft der indogermanischen Sprachen' (Französisch: Grammaire comparée des langues indo-européennes. Englisch: Comparative Philology. Amerikanisch: Indo-European Studies). Das impliziert einerseits, dass auch in anderen Sprachfamilien historisch-vergleichende Sprachwissenschaft betrieben werden kann; andererseits, dass die indogermanischen Sprachen auch anders als unter der historisch-vergleichenden Optik sprachwissenschaftlich betrachtet werden können.
Die Indogermanistik hat, was die erste Implikation betrifft, ein paar Vorteile, die sie zur wichtigsten historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft machen:
- Ihr Gegenstand ist eine sehr 'kinderreiche' Sprachfamilie, d.h. es gibt sehr viele Tochtersprachen, die entweder in der Vergangenheit bezeugt sind oder noch heute leben (dies erlaubt mannigfache historisch-vergleichende Kombinationen und besonders gut gesicherte Rekonstruktionen).
- Die Sprachfamilie ist vergleichsweise jung (die gemeinsame Grundsprache liegt nur etwa 6000 Jahre zurück, was den Nachweis, dass die beteiligten Sprachen wirklich verwandt sind, problemlos macht).
- Die Grundsprache ist nicht bezeugt (sonst könnten bzw. müssten wir sie ja nicht rekonstruieren).
- Einige indogermanische Sprachen gehören zu den wenigen Sprachen der Menschheit, die über mehrere Jahrtausende hinweg direkt bezeugt sind und sich somit in ihrer Veränderlichkeit schon früh und über lange Zeit hinweg beobachten lassen (z.B. das Griechische seit fast 3500 Jahren).
- Ein paar indogermanische Sprachen, namentlich das Englische und das Spanische, sind heute weltweit sehr verbreitet (deshalb interessieren sich potentiell sehr viele Menschen für Indogermanistik, reell allerdings nur diejenigen, denen die Geschichte ihrer Kultur und Sprache nicht gleichgültig ist).
- Drei indogermanische Sprachen, das Griechische, das Latein und das Sanskrit, sind wichtige sog. 'klassische' Kultur- und Literatursprachen (deshalb interessieren sich potentiell ...).
Was die zweite Implikation betrifft, ist freilich der Zeitgeist Disziplinen wie der Indogermanistik nicht sehr gewogen: Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich zur Zeit vorwiegend mit Sprachzuständen und Sprachanwendungen, nicht mit Sprachentwicklung. Dies wiederspiegelt eine generelle Tendenz in den Geisteswissenschaften: Die Beschäftigung mit Themen, in denen historische Folgen oder Kausalitäten eine Rolle spielen, ist etwas aus der Mode gekommen (eine Ausnahme machen Gegenstände mit unmittelbaren – vor allem juristischen, wirtschaftlichen, sozialen oder politischen – Auswirkungen auf die Gegenwart). Im Schwange stehen dagegen Fragen, die mittels Querschnittdarstellungen des Gegenstandes zu einer bestimmten Zeit und mit Erklärungen 'aus sich selbst heraus' gelöst werden können; diese Betrachtungsweise wird mittlerweilen nicht nur auf Themen der Gegenwart, sondern auch auf solche der Vergangenheit angewandt. Für die historische Sprachwissenschaft ist Chronologie dagegen das A und Ω.
Insgesamt hat die Indogermanistik allerdings keinen Grund zur Verzweiflung:
- Die Texte, mit denen sie sich beschäftigen kann, sind meist ausgesprochen wertvoll. Es ist nicht anzunehmen, dass es sich die Gesellschaft leisten wird, das enorme Wissen, das die kleine Gruppe der Spezialisten für diese Texte in den letzten 200 Jahren erarbeitet hat und auch heute noch weiterentwickelt, gänzlich preiszugeben. (Die durchschnittlich hohe Qualität der alten Texte liegt wohl unter anderem daran, dass vor der Erfindung des Buchdrucks - und gar der elektronischen Speichermedien – der Preis eines schriftlich festgehaltenen, also tradierten oder kopierten, Wortes oder Textes um Zehnerpotenzen höher war als heute; man konservierte und tradierte deshalb fast nur gute Texte.)
- Zwei der klassischen Sprachen, für deren Sprachwissenschaft traditionell der Indogermanist zuständig ist (weil eben nur mit dem historisch-sprachvergleichenden Forschungsansatz eine wissenschaftlich maximale Ausbeute erreicht werden kann), sind Latein und Griechisch. Diese sind für die Kultur des Westens erstens sprachlich bis heute omnipräsent (soeben: klassisch, traditionell, historisch, maximal, Kultur, omnipräsent – und sogar: Wissenschaft), und zweitens gehören viele der in ihnen verfassten Texte zum Besten der Weltliteratur, wirken bis heute und verdienen nach wie vor intensive wissenschaftliche (auch sprachwissenschaftliche) Forschung.
- Die dritte wichtige klassische Sprache, das Sanskrit, ist nur an wenigen Universitäten durch eine voll ausgebaute Indologie vertreten. Wo eine solche nicht existiert, wird der Indogermanist mit einem minimalen Lehrangebot beauftragt, und wo eine Indologie existiert, deckt der Indogermanist – wie bei Latein und Griechisch – die sprachwissenschaftliche Seite ab (mindestens im Bereich des Vedischen und des klassischen Sanskrit).
- Auch verschiedene andere Fächer können Hilfeleistungen des Indogermanisten mit Gewinn in Anspruch nehmen, besonders für ihre jeweiligen älteren Sprachzustände (so die Germanistik und die Theologie für Gotisch, die Slavistik für Altkirchenslavisch, die Vorderorientalistik und Islamwissenschaft für Altpersisch usw.).
- Ein bedeutend grösserer Anteil der Bevölkerung, als man denken könnte, interessiert sich sehr für Fragen wie 'Woher kommt dieses Wort?', 'Was bedeutet dieses Wort eigentlich?', 'Wie und wann ist dieses Wort entstanden?' Hier, im Bereich der sog. Etymologie, kann der Indogermanist am besten und vollständigsten weiterhelfen.
Angesichts dieser Vielfalt ihrer Aufgaben wird der Indogermanistik auch in Zukunft niemand mit überzeugenden Argumenten ihre Daseinsberechtigung absprechen können. Es wird aber – wie auch in den anderen historischen Wissenschaften – in nächster Zeit ein gerüttelt Mass an Durchhaltekraft und Überzeugungsarbeit brauchen, um unserer gegenwärtigen Gesellschaft den Nutzen der Wissenschaften, die ihr ihre kulturellen Quellen aufarbeiten und vermitteln, wieder klar zu machen und klar zu halten.