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Nachtrag vom 1. April, 2005: Papst im Koma?|

Am Freitagmorgen wurde die Information verbreitet, der Papst liege im
Koma. Für den Vatikan wäre ein Koma ein Problem, denn
damit wäre der Papst nicht mehr führungsfähig. Der Vatikan
hatte bis anhin eine Stellvertretung strikte abgelehnt.
In einem Komafall müsste die Frage der Stellvertretung
geregelt werden. Über Mittag liess der Vatikan verlauten, der Papst
liege nicht im Koma. Er befinde sich im ruhigen Zustand.
Wie informiert der Vatikan, wenn sich Tatsachen nicht mehr so leicht
beschönigen lassen? Am 1. April kamen weniger optimistische
Statements vom Vatikan: der Papst sei in einem "sehr ernsten Zustand".

Chronologie der Krankengeschichte (Quelle: Spiegel.de):

- 13. Mai 1981: Der Papst wird auf dem Petersplatz niedergeschossen
und erleidet schwere Verletzungen im Unterleib sowie an einer Hand.
Er wird im Gemelli-Krankenhaus operiert.
- 20. Juni 1981: Johannes Paul II. wird wegen der Schussverletzungen
abermals ins Krankenhaus eingeliefert. Am 5. August erfolgt eine weitere
Operation.
- 15. Juli 1992: Der Papst lässt sich einen
gutartigen Dickdarmtumor entfernen.
- 11. November 1993: Bei einem Sturz von einer Treppe im Vatikan kugelt
Johannes Paul sich den rechten Oberarm aus.
- 29. April 1994: Beim Sturz in seinem Badezimmer bricht sich der Papst ein
Bein. Er krieg ein künstliches Hüftgelenk.
- 25. Dezember 1995: Während der Weihnachtsmesse auf dem Petersplatz
wird Johannes Paul infolge einer Grippe von Fieber und Übelkeit
befallen.
- 13. März 1996: Der Papst sagt wegen einer neuerlichen
Grippeerkrankung eine Messe im Petersdom ab.
- 15. August 1996: Der Papst sagt Audienzen ab, weil er nach Angaben des
Vatikans an einer fiebrigen Darmgrippe leidet.
- 8. Oktober 1996: Dem Papst wird der Blinddarm entfernt.
- Februar 1997: Wegen Grippe und Fieber sagt Johannes Paul wieder
Audienzen ab.
- 15. Juni 1999: Eine Grippe hält den Papst davon
bei einem Besuch in seiner Heimatstadt Krakau eine Messe
zu zelebrieren.
- 24. September 2003: Absage von Audienzen wegen einer Darmkrankheit.
- 31. Januar 2005: Der Vatikan gibt eine "leichte Grippeerkrankung" des
Papstes bekannt, woraufhin öffentliche Auftritte abgesagt werden.
- 1. Februar 2005: Der Papst wird wegen akuter Atembeschwerden ins
Gemelli-Krankenhaus von Rom eingeliefert. Der Papst war schon so oft dort, dass
dieser Ort von der italienischen Presse schon "der dritte Vatikan" getauft wird.
am 10. Februar 2005 kehrt er in den Vatikan zurück.
- 24. Februar 2005: Der 84-Jährige wird mit
Grippe-Symptomen in die Gemelli-Klinik gebracht. Die Ärzte
nehmen einen Luftröhrenschnitt vor, um die Atmung zu erleichtern.
Am 13. März kehrt er in den Vatikan zurück.
- 27. März 2005: Der Papst kann nicht an den Osterfeierlichkeiten
teilnehmen. Er versucht vergeblich, den Segen Orbi et Orbi zu sprechen.
- 30. März 2005: Der Vatikan meldet, dass der Papst über eine
Sonde ernährt werden muss. Der Papst zeigt sich gegen
den Rat seiner Ärzte am Fenster. Es gelang ihm nicht zu sprechen.
- 31. März 2005 Nach Vatikansprecher leidet der Papst an hohem Fieber,
hat tiefen Blutdruck. Die Medien berichten unter Berufung auf
anonyme Quellen im Vatikan, dass der Papst die Letzte Ölung
erhalten habe.
Das italienische Fernsehen berichtete, der Papst sei ins Koma gefallen.
Dies wird vom Vatikan als "Blödsinn" bezeichnet wurde. Später
hiess es, er sei bei vollem Bewusstsein.
-
1. April 2005: Der Vatikan bestätigt, dass der Papst in einem
"sehr ernsten Zustand" ist. Der Pressesprecher Joaquin Navarro-Valls
hatte Tränen in den
Augen als er über das Lebensende des Papstes gefragt wurde.
In der Zwischenzeit ist
der italienische Kardinal Camillo Ruini im Vatikan eingetroffen. Nach
kirchlichem Recht ist der römische Vikar beauftragt, den Tod des
Papstes zu verkünden.
Spiegel: Freitag abend: Das EKG zeigt italienischen
Presseberichten zufolge kein Signal mehr. Die Nachrichtenagentur
ADNKronos meldet sogar den Hirntod. Der Vatikan widerspricht dieser
Darstellung.

Nachtrag vom 1.April, 2005: 10 vor 10 vom 1.April
Für Erwin Koller, Lehrbeauftragter in
Medienethik ist der Papst eine öffentliche Person, die wenig
Gefühl fürs Private hat. Für Koller geht die Intimität
mit der das Leiden gezeigt wurde etwas zu weit. Koller sieht aber auch
einen Zweck: so immunisiere das Leiden gegen Kritik.
Doch für Koller heiligt der Zweck nicht alle Mittel. |
Auch für Klara Obermüller, Publizistin mit Schwerpunkt Religion
und Kirche, ist das öffentliche "zur Schaustellen" des Papstes gewollt.
Es habe etwas Demonstratives und Glorifizierendes. Es zeigt Leiden als Teil
des Lebens, das nicht verdrängt werden soll. Ist damit die Schamgrenze
überschritten? Der Papst hat das Leben unter den Medien und der
Kamera gelebt und das bis zum Ende durchgezogen.

Nachtrag vom 2. April: Beschönigungsrhetorik
Für Papstsprecher Navarro Valls darf der Papst das Bewusstsein
nicht verlieren. Obschon das aber immer wieder zu passieren scheint,
heisst es nun:

"Der Papst ist müde und er schläft viel."

Nach Navaro-Valls reagiert der Papst, wenn er angesprochen werde.

"Manchmal scheint es, als ruhe er mit geschlossenen Augen, aber wenn
man ihn anspricht, öffnet er seine Augen"

sagte Navarro-Valls. Die Beschönigungs-Rhetorik wird bis
zum Schluss durchgezogen. Am Samstag morgen sei im Beisein des Papstes
die Morgenmesse zelebriert worden, auch wenn Johannes Paul nicht
mehr aktiv daran teilgenommen habe. Sa Nachmittag: Das Bewusstsein
sei getrübt, aber der Papst liegt nicht im Koma.

Am Samstag Abend, am 2. April ist der Papst Johannes Paul II
gestorben. Vor 28 Jahren hätte keiner auf den 58 jährigen
Bischof Karol Wojtyla als Papstkandidat getippt.

Nachtrag vom 3. März, 2005:
Bei unseren Analysen ging es in erster Linie um die Informationspolitik
des Vatikans. Zur Veranschaulichung der Beschwichtigungs-Rhetorik
des Vatikansprechers mussten hier auch einige Beispiele mit Bild und
Ton dokumentiert werden. Der Papst verstand es sehr gut, mit den Medien
umzugehen. Er wurde als "Medienpapst" oder "Telepontifex" weltweit
bekannt und nutzte den Multiplikationseffekt der Massenmedien.
Er ist der erste Papst, der
sogar CD's herausgegeben hatte (CD's, internet gab es vorher noch nicht).
Er wusste wie sich das "Sprachrohr Gottes" dank Medien zusätzlich
verstärkten lässt. Dass beim Informationsmanagement
im Vatikan etwas nicht stimmen konnte - im Umgang mit Medien - wurde
auch noch nach dem Tod ersichtlich. Erst am 3. April gestand der Vatikan
ein, dass der heilige Vater an der Parkinsonkrankheit litt. Die Symptome
waren allen offensichtlich. Aber der Vatikan bestätigte vorher diese
Krankheit nie - Nach dem Motto: Was nicht sein darf, darf es nicht geben). |

Fazit: Jede Institution schadet sich, wenn Informationen
beschönigt oder Fakten bestritten werden. Offenes, proaktives
Informieren macht sich immer bezahlt.

Nachtrag vom 10. April, 2005:
Medien haben auch noch den toten Papst lange
öffentlich zur Schau gestellt. Auf Schritt und Tritt haben die Medien
den Papst begleitet. Er war sich dessen immer bewusst und hat diese
Multiplikatoren genutzt. Als erster Pontifex des Medienzeitalters
wurde diese Präsenz so selbstverständlich,
dass man sich eine hermetische Abgeschlossenheit des
Vatikans kaum noch vorstellen kann. Nachdem er sich sich während
der Leidenszeit der Öffentlichkeit gezeigt hatte, wurde er auch noch
nach dem Tod den Kameras stundenlang präsentiert. Ein Zitat aus
der Zeit vom 6. April: "Jesus Christus ist fuer alle Menschen gestorben,
Johannes Paul vor allen Menschen".