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Einleitung
Asperger (Asperger-Syndrom) fällt in die Gruppe „neurologischer Entwicklungsstörungen“, das als ASD (Autismusspektrumsstörung) oder als Variante des Autismus aufgefasst wird. Die Experten betrachten heute Asperger als „milde Form von Autismus“ oder als Level-1-ASD.
Asperger wurde erstmals vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger im Jahr 1944 in seiner Habilitationsschrift beschrieben. Er bezeichnete das Verhalten seiner Patienten als „autistische Psychopathie“[1]. Diese Psychopathie wiederum war gekennzeichnet durch Schwierigkeiten bei der Kommunikation und mangelnder sozialer Interaktion.
Das klingt nach einer einfachen Kategorisierung. Es sollte sich in der Folge jedoch herausstellen, dass diese Vereinfachung nicht immer hilfreich war.
Geschichtliche Hintergründe
Im Jahr 1943 hatte ein amerikanischer Psychiater, Leo Kanner, fast zeitgleich mit Asperger den „infantilen Autismus“ beschrieben. Seine Arbeit schien relativ schnell internationale Beachtung erhalten zu haben, während die Arbeit von Asperger bestenfalls in der deutschsprachigen Literatur bekannt wurde.
Aspergers Arbeit wurde erst nach 1980 einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt. Asperger starb 1980 im Alter von 74 Jahren. Im gleichen Jahr führte die APA (American Psychiatric Association) die Indikation „infantiler Autismus“ als eigenständige Kategorie in die dritte Ausgabe des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – diagnostisches und statistisches Handbuch für Geisteskrankheiten) ein. Im Jahr 1993 wurde dann das Asperger-Syndrom in das medizinische Klassifikationssystem ICD der WHO aufgenommen.
Im Jahr 1981 war es eine britische Psychiaterin, Lorna Wing, die sich erstmals näher mit den Arbeiten von Asperger beschäftigte. Ihr ist es auch zu verdanken, dass das, was bislang als „infantiler Autismus“ bezeichnet wurde, fortan als Asperger-Syndrom galt. Im Jahr 1989 gab es dann erstmalig diagnostische Kriterien[2] für das Asperger-Syndrom.
Einzug in das DSM hielt das Asperger-Syndrom erst im Jahr 1994 in dessen 4. Auflage. Hier war es Teil der Kategorie der „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ (PDD). Ab diesem Zeitpunkt gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich damit abmühten, Messmethoden zu entwickeln, mit denen sie die Therapeuten in die Lage versetzen konnten, Asperger zu diagnostizieren und vor allem von einer „normalen“ Autismus-Störung zu differenzieren.
Im Jahr 2013 erschien dann das DSM-5, aus dem die diagnostische Kategorie „Asperger-Syndrom“ gestrichen wurde. Stattdessen wurde es Bestandteil der mehr generalisierten Kategorie von ASD. Interessanterweise schloss sich die WHO dieser Vorgehensweise an. Ab oder in 2022 soll die ICD-11 in entsprechender Weise geändert werden.
Asperger und seine immerwährende Veränderung in der DSM Klassifizierung
Anscheinend ist die systematische Beschreibung von psychiatrischen Störungen extrem kompliziert, besonders wenn es sich um die Psychiatrie der Störungen bei Kindern und Jugendlichen handelt. Dementsprechend sehen auch die anscheinend nicht enden wollenden Veränderungen bei den verschiedenen DSM Klassifikationen für das Asperger-Syndrom aus.
DSM-4
Hier war das Asperger-Syndrom eingebettet in die große Familie der PDD[3], die aus fünf Subtypen bestand:
- Autistische Störungen
- Asperger-Syndrom
- Desintegrative Störung in der Kindheit
- Pervasive (tiefgreifende) Entwicklungsstörung – nicht anderweitig spezifiziert (PDD-NOS)
- Rett-Syndrom
Symptome und klinische Zeichen für Autismus im Sinne von PDD wies drei breite Kategorien auf[4]:
- Mangelhafte soziale Interaktion
- Mangelhafte Kommunikation
- Eingeschränktes, sich wiederholendes Verhalten
Für eine Diagnose von Asperger wurde Folgendes benötigt[5]:
- Mindestens zwei Symptome einer Beeinträchtigung der sozialen Interaktion und jeweils mindestens ein Symptom aus den Bereichen Kommunikation und eingeschränktem, sich wiederholendem Verhalten
- Verzögerungen oder abnorme Funktionen in mindestens einem der Bereiche wie soziale Interaktion, Sprache, wie sie in der sozialen Kommunikation verwendet wird, oder symbolisches oder fantasievolles Spiel mit Beginn vor dem Alter von 3 Jahren.
- Die Diagnosekriterien für eine autistische Störung (oder eine andere spezifische PDD) sollten nicht erfüllt sein (andernfalls ist die Asperger-Diagnose ausgeschlossen und die Diagnose der autistischen Störung sollte Vorrang haben).
Der Unterschied von Asperger zu Autismus bestand in Folgendem[6]:
- Das Fehlen der diagnostischen Kriterien im Bereich der Kommunikation
- Das Fehlen des Erfordernisses eines Beginns im Alter von unter 3 Jahren
- Das Fehlen einer Sprachverzögerung
- Das Fehlen eines Defizits in der kognitiven Entwicklung
Damit entbrannte eine Diskussion, ob Asperger möglicherweise mit Autismus nur wenig zu tun haben könnte, da Kernpunkte, die Autismus ausmachen, bei Asperger fehlen.
DSM-5
Das führte dann dazu, dass PDD und seine Kategorisierung in der fünften Version des DSM verschwand. Dafür wurden vier seiner Subtypen (Autistische Störungen, Asperger-Syndrom, desintegrative Störung in der Kindheit und PDD-NOS) in eine einheitliche Kategorie zusammengefasst und als ASD bezeichnet. Die wichtigste Veränderung hier war die Annahme, dass Untergruppen von PDD nicht zuverlässig voneinander zu unterscheiden waren. Und auch die diagnostische Rolle von sozialer Kommunikation und sozialen Interaktionsdefiziten wurde neu bewertet.
Dazu wurde noch eine weitere diagnostische Kategorie eingeführt, die sogenannte „soziale Kommunikationsstörung“, die dann angeblich alle die Patienten beschreibt, die in Sachen sozialer Kommunikation Probleme haben, aber auch nicht direkt in die Kategorie ASD fallen.
Das Rett-Syndrom wurde auf Basis von genetischen Daten ganz aus der Klassifizierung gestrichen.
Noch mehr Verwirrung mit der neuen Klassifizierung von ASD
Asperger rein – Asperger raus. Die Neudefinitionen waren dann Munition für eine Reihe von Kontroversen unter den „Experten“, bei der jeder Experte seine Interpretation von minimalen Veränderungen in der Verhaltensweise der Patienten in einer entsprechenden Klassifizierung untergebracht sehen wollte. Oder aber es wurde kritisiert, dass die neuen Definitionen bestimmte Verhaltensweisen nicht adäquat berücksichtigten.
Andere Experten argumentierten, dass mit der Eliminierung von Asperger als spezifische diagnostische Kategorie und Subsummierung unter die Kategorie ASD die Betroffenen als „Autisten“ diskriminiert werden könnten, wo die Diagnose „Asperger“ mit weit mehr positiven Stereotypen belegt sei als die Diagnose „Autismus“[7] [8].
Es lässt sich also festhalten, dass das, was als „Asperger-Syndrom“ bezeichnet wird, alles andere als wissenschaftlich klar definiert gelten kann. Und damit gibt es auch den notwendigen Spielraum für eine neue Version als DSM-6, mit noch mehr „wissenschaftlichen Feinheiten“ und noch mehr Zutaten aus der Küche der „Experten“.
Ursachen
Angesichts der sich ständig ändernden Kategorisierung dessen, was „Asperger“ ist oder sein könnte oder sein sollte, dürfte die Frage nach der Ursache ebenso „chaotisch“ ausfallen. Aber immerhin bietet dieses Chaos Raum für die tollsten Hypothesen.
Da gab es zunächst die atemberaubende Hypothese von den „Kühlschrank-Müttern“, die für die Misere ihrer psychisch gestörten Kinder verantwortlich sein sollten. Das waren angeblich Mütter, die gefühlskalt und emotionsarm sein sollten, unter denen die Kinder dann zu leiden hatten. Aber diese Hypothese gilt heute als unzutreffend.
Dann wurde vermutet, dass die Lebensumstände in der Familie, das Einkommen und das Ausbildungsniveau hier eine Rolle spielten können. Aber auch das gilt als überholt. ASD und damit auch Asperger zeigen eine deutlich größere Heterogenität in ihren möglichen Ursachen als nur die eben aufgezählten möglichen Faktoren.
Hier einige Faktoren, die für ASD diskutiert werden, für die es aber keine wissenschaftlich nachvollziehbare Kausalität gibt – bislang jedenfalls nicht:
Genetische Faktoren
Die Gene sind schuld – das ist eine beliebte Erklärung, wenn die wirklichen Ursachen alles andere als eindeutig sind. Mit der modernen Genom-Sequenzierung wurde es möglich, nach solchen Genen zu fahnden. Heute „weiß“ man, dass Hunderte von Genen mit ASD in Verbindung stehen. Nur, bislang gibt es keine spezifische Mutation oder ein spezielles Gen, von dem man behaupten könnte, dass es ASD bewirkt.
Stattdessen hat man sich auf die Vermutung geeinigt, dass zwischen 400-1000 Gene möglicherweise, sehr wahrscheinlich die Anfälligkeit für Autismus erhöhen. Diese Gene, die diese Prädisposition erhöhen, sind auch in eine Reihe von biologischen Funktionen involviert, die mit der Entwicklung des Gehirns und seinen Funktionen zu tun haben.
Bei der Suche nach genetischen Faktoren stieß man dann auf ein Phänomen, was mit der Genetik nicht mehr sehr leicht zu erklären war, wie eine Arbeit[9] aus dem Jahr 2014 belegte.
Diese Arbeit erwähnt Zahlen der amerikanischen CDC, denen zufolge in den Jahren zuvor die Zahl der Kinder mit ASD dramatisch in die Höhe gegangen war. Ein solcher Anstieg ist mit genetischen Ursachen absolut nicht zu erklären. Zu diesem Zeitpunkt litt jedes 88. Kind in den USA an ASD. Wenn die Gene für diesen Anstieg verantwortlich gewesen wären, dann hätte man entsprechende Veränderungen im genetischen Set-up/Genom beobachten müssen. Man hätte Mutationen von bestimmten Genen sehen müssen, die bei den Betroffenen ASD/Asperger ausgelöst hätten. Aber genau das ist nie beobachtet worden.
Die Autoren versuchen zwar noch die Genetik zu retten, indem sie behaupten, dass es hier zwar eine starke genetische Grundlage für die Erkrankung gäbe. Aber es gäbe „mehrere Begleitfaktoren“, die die Pathogenese von ASD beeinflussen und als Gen-Modifikatoren das ursprüngliche Problem verschärften. Und damit wären wir da, wo die Genetik aufhört und die Umwelt beginnt.
Umweltfaktoren
Die Studie zählt interessanterweise eine Reihe von Faktoren auf, die bei Kindern mit ASD signifikant häufiger beobachtet wurden als bei gesunden Kindern. Das sind vor allem gastrointestinale Störungen, wie Bauchschmerzen, chronischen Durchfall, Verstopfungen, Erbrechen, Reflux, Darminfektionen etc. Die Studie erwähnt auch, dass der Gastrointestinaltrakt eine direkte Verbindung mit dem Immunsystem hat. Störungen der Darmschleimhaut, Leaky Gut und andere Probleme haben damit einen direkten Einfluss auf die Immunfunktion. Und genau das, so die Studie, kann man für gewöhnlich bei ASD-Kindern beobachten.
Andere Umweltfaktoren sind zum Beispiel Neurotoxine. Auch hier gibt es eine Diskussion, inwieweit Aluminiumverbindungen[10] in Impfungen (und anderswo) bei Kindern ASD auslösen. Oder Quecksilberverbindungen wie es zum Beispiel in Amalgam[11] [12] vorkommt?
Immerhin scheint man sich in der Wissenschaft jetzt dazu durchgerungen zu haben, diese Faktoren als eigenständige Risikofaktoren für ASD anzuerkennen, ohne dass die Genetik hier eine unabdingbare Grundvoraussetzung sein muss.
Aber auch hier gibt es, ganz ohne die Genetik (oder vielleicht doch nicht?), merkwürdige Assoziationen, wie zum Beispiel das Alter der Eltern. Denn man will festgestellt haben[13], dass mit dem fortschreitenden Alter der Eltern das Risiko für ein Kind mit ASD erhöht zu sein scheint.
In der eben erwähnten Arbeit wird noch eine lange Liste von möglichen Ursachen aufgeführt, dass man zu dem Schluss kommen muss, dass es bei der schier endlosen Menge an beobachteten möglichen Ursachen den Anschein hat, dass die Wissenschaftler auch in diesem Bereich nur im Trüben fischen.
Epidemiologische Daten
Mit der neuen Klassifizierung als „ASD“ im DSM-5 von 2013 gibt es fast kaum noch Möglichkeiten, Asperger in seiner Inzidenz und Prävalenz (neue Fälle und bestehende Fälle) zuverlässig zu beurteilen. Es scheint eine Reihe von Studien zu geben, die einen steigenden Trend bei der Prävalenz gesehen haben wollen. Aber hier lässt sich nicht zuverlässig ausschließen, dass die Veränderungen bei der Definition dessen, was ASD und was Asperger ist, für diesen Zuwachs verantwortlich sind. Dazu kommt jetzt noch ein verbessertes und erweitertes Screening, was dann mehr „Fälle“ zutage fördert, gepaart mit einer erhöhten Aufmerksamkeit für dieses Problem.
Ich hatte bereits die Zahlen von der amerikanischen CDC von 2014 erwähnt, wo damals jedes 88. Kind unter ASD litt. Unklar bleibt, wie hoch hier der Anteil für Asperger ausfällt. Der liegt laut einer italienischen Studie[14] von 2019 je nach Studie zu dieser Fragestellung bei 6 von 10.000 bis zu 7 von 1000, wenn davon ausgegangen wird, dass der größte Teil der mit ASD Betroffenen Asperger-Patienten sind. Ältere Studien von einigen Autoren, die in dieser italienischen Studie aufgeführt werden, von 1993, 1998 und 1999, waren zu dieser Auffassung gekommen. Aber das war noch zu einem Zeitpunkt, wo ASD und Asperger unterschiedlichen diagnostischen Kategorien angehörten.
Interessant ist auch die Beobachtung, dass 70 % der ASD-Betroffenen (besonders bei kleinen Kindern) weitere psychiatrische und körperliche Störungen aufweisen. Geistige Behinderung, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Tic-Störungen, Angstzustände, Depressionen und Epilepsie sind häufige Begleiterkrankungen bei ASD, während ADHS, Depressionen, bipolare Störungen, Angstzustände und Tic-Störungen häufige Begleiterkrankungen beim Asperger-Syndrom sind[15] [16].
Charakterisierung und Diagnose
Mit der sich stetig ändernden Kategorisierung dessen, was Autismus und was Asperger-Syndrom sind oder sein sollen, ändern sich gleichzeitig die diagnostischen Kriterien, die bestimmen, was die beiden voneinander unterscheidet. Dies macht die ohnehin schon schwer durchführbare Differenzierung nahezu unmöglich. Übrig bleiben einige Teilaspekte, bei denen sich die beiden Formen unterscheiden. Aus praktischer Sicht stellt sich dann die Frage, wie signifikant diese Unterschiede ausfallen und ob diese überhaupt klinisch relevant sind.
Das heißt mit anderen Worten, dass die diagnostischen Kriterien von heute in einer kommenden Ausgabe des DSM vollkommen anders aussehen können.
Wie sieht also ein „typischer Asperger-Patient“ aus (falls es diesen wirklich geben sollte)?
Ein wichtiger Unterschied zwischen ASD und Asperger scheint zu sein, dass frühe Symptome für ASD bereits im Alter von 1-3 Jahren auftreten, die für Asperger sehr viel später, oft im Alter von elf Jahren und älter, klinisch auffällig werden. Begründet wird dieser Unterschied damit, dass Asperger-Patienten mildere Symptome von ASD aufweisen, die oft „übersehen“ werden können, und im Gegensatz zu ASD-Patienten keine Verzögerung bei der Sprachentwicklung aufweisen und damit über ein gutes Sprachvermögen verfügen.
Der aktuelle Stand[17] nennt zehn Eigenschaften, die für Asperger charakteristisch sind:
Intellektuelles oder künstlerisches Interesse
Auffallend viele Betroffene haben mindestens ein spezielles Interessensgebiet beziehungsweise künstlerisches Talent, in dem sie überdurchschnittliche Leistungen zeigen. Diese Fähigkeiten treten bereits im frühen Alter auf und bleiben bis ins spätere Leben erhalten.
Sprachliche Unterschiede
Die meisten Asperger-Kinder weisen sprachliche Besonderheiten auf, wie ein fehlender Sprachrhythmus, eine monotone Tonlage und ein eigenartiger Tonfall bei bestimmten Wörtern. Erwachsene Asperger weisen die gleichen Merkmale auf, da viele von ihnen nicht aus diesem Stadium herauswachsen. Sie sind oft nicht in der Lage, die Lautstärke ihrer Stimme an ihre Umgebung anzupassen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man Asperger an ruhigen Orten wie einem Gotteshaus oder einer Bibliothek laut sprechen hört.
Verzögerte motorische Entwicklung
Bei einigen Kindern mit Asperger-Syndrom ist die Entwicklung der Fein- und Grobmotorik verzögert. Kinder mit verzögerter Feinmotorik können Schwierigkeiten haben, zum Beispiel einen Bleistift richtig zu halten oder Gegenstände mit den Fingern zu greifen. Zu den verzögerten grobmotorischen Fähigkeiten kann die Unfähigkeit gehören, einen Ball mit der Hand zu werfen oder auf einem Klettergerüst zu schwingen, selbst wenn dies wiederholt demonstriert wird. Dieses Merkmal fällt sehr unterschiedlich aus und kann sowohl in leichten und schweren Fällen auftreten.
Eingeschränkte soziale Fähigkeiten
Aufgrund ihrer begrenzten Interessensgebiete und ihrer geringen emotionalen Fähigkeiten fühlen sich Asperger während des größten Teils ihrer Kindheit und bis ins Erwachsenenalter hinein isoliert. Asperger versuchen zwar, Freundschaften zu schließen, sind aber aufgrund ihrer mangelnden sozialen Fähigkeiten oft nur vorübergehend oder in Ausnahmefällen erfolgreich. In der Regel zeigen sie ein mangelndes Interesse an den Diskussionen, Gedanken und Meinungen der Menschen, mit denen sie sich vorübergehend anfreunden.
Die Entwicklung schädlicher psychologischer Probleme
Das Potenzial für die Entwicklung schädlicher psychischer Störungen tritt typischerweise während der Pubertät oder unmittelbar danach auf. Die häufigsten Störungen sind Angstzustände und Depressionen. Leider haben junge Asperger eine hohe Selbstmordrate[18], die möglicherweise direkt mit Angst und Depression zusammenhängt.
Detailorientiert
Viele der oben genannten Eigenschaften sind problematisch für die Betroffenen. Aber es gibt auch viele großartige Eigenschaften, die diese erste Stufe des Autismus-Spektrums begleiten können. Eine überdurchschnittliche Detailorientierung ist einer dieser sehr nützlichen Vorteile. Es gibt zahllose Berufe, Sportarten, Hobbys und andere Beschäftigungen, bei denen ein hohes Maß an Detailgenauigkeit das Potenzial für großen Erfolg hat.
Ausdauer
Eine der wichtigsten, grundlegenden Fähigkeiten, die in allen Bereichen hilfreich sein kann, ist Beharrlichkeit. Die Fähigkeit, durchzuhalten, wo viele andere scheitern könnten, ist ein häufiger Vorteil des Asperger-Syndroms. Die Erfüllung einer Aufgabe um fast jeden Preis und das Durchstehen jeder Art von Problemen kann diese Menschen beruflich und persönlich unglaublich weit vorwärts bringen, oft weiter als die „normalen“ Zeitgenossen.
Nicht gesellschaftsorientiert
Einerseits kann soziales Engagement eine großartige Quelle für die persönliche Motivation in dieser immer stärker sozial geprägten Welt sein. Andererseits kann dies in bestimmten Situationen auch ein erheblicher Nachteil sein. Für Menschen mit Asperger-Syndrom ist dies keine Hürde, da soziale Belange in dieser Bevölkerungsgruppe oft eine geringere Priorität haben als bei vielen anderen.
Hohe Integrität
Eine weitere Schlüsseleigenschaft, die viele Menschen mit Asperger-Syndrom haben und die viele andere bewundern, ist ein hohes Maß an Integrität. Viele Betroffene lassen sich nicht auf komplizierte und unnötige „Dramen“ ein, spielen keine „Psychospielchen“ mit anderen und können in ihren Absichten und Loyalitäten ziemlich geradlinig sein. Dies ist eine positive Eigenschaft, die man einem persönlichen Freund, Partner, Geschäftspartner, Mitarbeiter usw. gegenüber haben sollte.
Meister der Routine
Eine weitere hervorragende Eigenschaft, die bei den meisten Menschen mit Asperger-Syndrom zu finden ist, ist die Regelmäßigkeit und die ausgeprägte Neigung, in Sachen Routine und Muster aufzublühen. Während der Durchschnittsmensch vielleicht Schwierigkeiten hat, sich an bestimmte Routinen oder Aspekte bestimmter Routinen anzupassen, kommen Asperger-Patienten mit solchen Mustern in der Regel sehr gut zurecht und machen darin große Fortschritte. Die Vorteile dieser Neigung sind ebenfalls vielfältig.
Wie sieht die praktische Diagnose aus?
Nicht alle „typischen Merkmale“ für das Asperger-Syndrom sind negativ belegt. Das widerspricht der klassischen Vorstellung einer Erkrankung. Dazu kommt noch die weitestgehend mangelnde Differenzierung zwischen ASD und Asperger. Das heißt, dass die praktische Diagnose entsprechend detailliert ausfallen muss, um all diesen vielen Einzelaspekten gerecht zu werden.
So sehen die Eckpfeiler der momentan gültigen Diagnoseparameter aus:
- Sprachkenntnisse/-eigenschaften
- Soziale Interaktionen
- Mimik beim Sprechen
- Interesse an der Interaktion mit anderen
- Einstellungen zu Veränderungen
- Motorische Koordination und motorische Fähigkeiten
Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass aufgrund dieser Kriterien die Diagnose „ADHS“ oder „neurologische Entwicklungsstörungen“ erhoben wird.
Besonders wichtig:
Aufgrund der neuen Kategorisierung wird die Diagnose „Asperger-Syndrom“ so nicht mehr gestellt, sondern durch „ASD“ oder „Level-1-ASD“ ersetzt.
Behandlung & Therapie
Aufgrund der bislang durchgeführten Erörterung dessen, was unter Asperger-Syndrom verstanden wird und wie es diagnostiziert beziehungsweise nicht diagnostiziert wird, ist es nicht verwunderlich, dass eine „Therapie“ ähnlich konfus aufgestellt ist und selbstverständlich und ausnahmslos intensiv auf die Behandlung von Symptomen konzentriert ist.
Viele der Betroffenen, gleichgültig ob Asperger oder ASD, empfinden ihre „Störung“ als vollkommen natürlich und kaum behandlungsbedürftig. Besonders bei Asperger ist es kaum nachzuvollziehen, warum ausgerechnet die positiven Charakteristika, wie Durchhaltevermögen, Sonderbegabung, Detailorientiertheit etc., Anlass für eine „Therapie“ sein sollen.
Und so scheint es auch keine spezifische Therapie für das Asperger-Syndrom zu geben. Praktisch alle Therapieansätze beziehen sich auf ASD. Und Variationen in der Therapie[19] messen sich am „Schweregrad“ der Störung, die laut Definition für Asperger auf einem niedrigen Niveau liegt.
Und dieser Schweregrad wird abhängig gemacht von zusätzlichen mentalen Problemen, die mit Asperger zusammen auftreten können, wie zum Beispiel Depressionen oder Unruhezustände etc. Man verspricht sich von einer Behandlung dieser Probleme eine gleichzeitige Besserung dessen, was man als Asperger-Syndrom diagnostiziert hat.
Medikamente gegen Asperger?
Demzufolge gibt es auch keine Medikamente, mit denen Asperger zu behandeln wäre. In den USA gibt es allerdings zwei Medikamente, die von der FDA[20] zugelassen wurden. Das sind Risperidon und Aripiprazol.
Risperidon ist ein Neuroleptikum, welches primär zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt wird. Aripiprazol ist ebenfalls ein Neuroleptikum, welches ebenfalls bei Schizophrenie zum Einsatz kommt. Die Liste der Nebenwirkungen für beide Substanzen ist beeindruckend, sodass man sich sofort die Frage stellt, ob hier nicht die Therapie schlimmer ist als die Störung, die behandelt werden soll?
Angeblich sollen die beiden Substanzen nur kurzfristig zum Einsatz kommen und auch nur, um eine symptomatische Behandlung von Aggressionen, selbstverletzendem Verhalten, Reizbarkeit und Wutanfällen bei Kindern und Jugendlichen mit ASD durchzuführen.
Da Asperger-Patienten nicht selten unter Depressionen leiden, ist der Griff zu Antidepressiva fast vorprogrammiert. Und hier werden in der Regel die „selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer“ bevorzugt und gelobt. Aber auch hier, und gerade im Zusammenhang mit Asperger, sehe ich eine Menge an Problemen, die durch diese Art der Medikation für diese Menschen entstehen kann:
- Antidepressiva – Lebensgefährliche Placebos?
- Depression und die Theorie vom Serotoninmangel – Sehr fragwürdig – Yamedo.
- Psychopharmaka – gefährliche Plazebos?
Nicht-medikamentöse Therapien
In diesem Bereich gibt es eine Reihe von Ansätzen und Vorschlägen, die darauf abzielen, die Kommunikationsfähigkeit, emotionales Verhalten und soziale Interaktionen der Betroffenen zu verbessern.
Kognitive Verhaltenstherapie
Diese Therapie zielt darauf ab, negative und störende Vorstellungen und Verhaltensmuster der Patienten zu erkennen und zu ändern. Zudem soll diese Therapie hilfreich sein bei der Bekämpfung von Depressionen, Unruhe und Problemen bei täglich auftretenden Herausforderungen.
Eine Verhaltenstherapie, die in der Literatur als die „am meisten evidenzbasierte Intervention“ gepriesen wird, ist die „Applied Behavioral Analysis“[21] (ABA – „angewandte Verhaltensanalyse“). Ein Blick auf die Liste der Indikationen zeigt, dass Asperger überhaupt nicht erwähnt wird, dafür aber andere psychische Störungen, gegen die diese Verhaltenstherapie wirksam sein soll.
Dies erregt natürlich den Verdacht, dass Asperger-Patienten, zusätzlich zu einer möglichen exzessiven Gabe von Medikamenten, auch im Bereich der Verhaltenstherapie übertherapiert werden könnten. Diese Therapie ist vor allem für Kinder gedacht, da man ja das Problem so früh wie möglich in Angriff nehmen möchte. Und hier gibt es einige Merkwürdigkeiten, die für die Betroffenen in der Regel recht unangenehm sein dürften.
Die Therapie beruht auf positiver Verstärkung. Das heißt, dass ein Kind, welches sich erwartungsgerecht verhält, belohnt wird. Nicht erwartungsgerechtes Verhalten dagegen wird „entmutigt“. Über diesen Mechanismus soll dem Kind beigebracht werden, wie es sich zu verhalten hat. Das Ganze erinnert etwas an eine Tierdressur, die in vielen Teilen mit ähnlichen Methoden vorgeht:
„Im Vergleich zum Tiertraining. Angewandte Verhaltensanalyse wird auch eingesetzt, um positive Verhaltensweisen bei Tieren zu verstärken und negative zu verhindern. Aus diesem Grund wird die ABA-Therapie von manchen Menschen in einem negativen Licht mit dem Tiertraining verglichen. Nicht jeder ist der Meinung, dass Kinder ein Belohnungs- und Konsequenzsystem für soziales Verhalten haben sollten.“
Sprachtherapie
Diese Therapie zielt darauf ab, die Kommunikationsfähigkeit der Patienten zu verbessern. Sie beinhaltet Strategien wie Verstärkung von Sprachlauten, übertriebene Nachahmung, Verstärkung kommunikativer Handlungen und Nachahmung der Laute. Es gibt auch mehrere Methoden zur Verbesserung der praktischen Anwendung von Sprachkenntnissen für Patienten mit fließender Sprache, aber eingeschränkten Anwendungsfähigkeiten.
Training von sozialen Fähigkeiten
Dieses Training überschneidet sich größtenteils mit den bereits diskutierten kognitiven Verhaltenstherapien. Das Ziel dieses Trainings ist, bestimmte soziale Verhaltensweisen zu trainieren, die „unbehandelt“ für die Betroffenen zu Problemen führen. Auch hier stellt sich gerade bei Asperger die Frage, ob die Betroffenen diese Art der „Fürsorge“ durch mehr oder weniger forcierte Verhaltensänderung überhaupt wollen.
Physiotherapie und Beschäftigungstherapie
Diese Therapien können hilfreich sein, wenn es darum geht, Koordination und Feinmotorik zu verbessern, falls hier ein Defizit vorliegen sollte.
Weniger beachtete Alternativen
Eine Reihe von Problemen, die im Zusammenhang mit Asperger auftreten (können), sind häufig mit Methoden zu lösen, die in den Bereich der „alternativen Medizin“ fallen beziehungsweise die auf natürliche Substanzen positiv ansprechen.
Schlafstörungen scheinen bei Kindern mit Asperger relativ häufig vorzukommen. Diese Schlafstörungen verschlimmern Unruhezustände, Depressionen und Gereiztheit. Ein Review kanadischer Autoren[24] von 2018 geht davon aus, dass Melatonin bei ASD (und damit auch bei Asperger) hilfreich sein könnte:
„Melatonin hat das Potenzial, auf eine Vielzahl von Symptomen im Zusammenhang mit ASD einzuwirken. Abgesehen von Schlafproblemen gibt es jedoch keine Studien über Melatonin als Behandlung für ASD-Komorbiditäten.“
Musik- und Kunsttherapie
Wie bereits besprochen, eine Reihe von Kindern mit Asperger zeigen bereits im frühen Alter eine Art „Sonderbegabung“. Während es sinnvoll ist, diese Begabungen zu fördern und zu unterstützen, kann eine Musiktherapie und/oder eine Kunsttherapie dabei helfen, die Defizite im Bereich Emotionen, Kommunikation und soziale Kompetenzen zu verbessern. Der Vorteil dieser Therapien, wenn sie gut durchgeführt werden, liegt darin, dass es sich hier nicht um eine Dressur der Kinder handelt, um gewünschte Verhaltensweisen zu provozieren.
Massagetherapie[25]
Eine Massagetherapie kann kurzfristig dazu beitragen, Erregungszustände und gefühlsbedingte Symptome zu beseitigen. Allerdings hat dies zur Voraussetzung, dass die Patienten keine Probleme damit haben, berührt zu werden.
Eine Übersichtsarbeit koreanischer Autoren[28] aus dem Jahr 2018 ergab, dass Akupunktur die soziale Anpassung und den Schlaf, sowie andere Symptome von ASD verbessern kann. Aber auch in diesem Bereich scheint es keine systematisch durchgeführten klinischen Studien zu geben, die sich explizit dieses Problems angenommen hätten. Angesichts der bislang bestehenden Hinweise, dass Akupunktur hier sehr hilfreich sein könnte, ist es wenig verständlich, warum in diesem Zusammenhang nicht mehr geforscht wurde.
Aber auch hier ist das Problem, dass eine wirksame Akupunktur in diesem Bereich eine unliebsame Konkurrenz für medikamentöse Lösungen darstellt, die es aus geschäftlichen Gründen zu unterdrücken gilt.
Quellen:
[3] Tiefgreifende Entwicklungsstörungen