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Das Auto wird rundum und inwendig erneuert. Es weist immer mehr Sensoren und Aktoren und immer mehr Fahrerassistenzsysteme auf. Diese bieten nicht nur automatische, sondern auch autonome Funktionen: Sie entscheiden selbst in kritischen Situationen. Der autonome PKW ist als Prototyp unterwegs, zusammen mit seinem grossen Bruder, dem autonomen LKW. Wenn das Auto seinen eigenen Kopf bekommt, dann bestimmt auch bald einen speziellen Charakter.
Gastbeitrag von Oliver Bendel, Philosoph und Wirtschaftsinformatiker, Professor an der Hochschule für Wirtschaft FHNW
Viele Menschen haben zu ihrem Auto eine sehr enge Beziehung. Sie sprechen mit ihm und nennen es Horst (wenn es gemütlich ist) oder Panther (um den Panda sprachlich zu tunen). Bei Robotern treibt man es noch weiter; diese werden, selbst wenn sie nicht humanoid sind, häufig personifiziert, sowohl in technischer Weise vom Hersteller als auch in psychologischer Weise vom Benutzer. Es ist naheliegend, einem Auto, das mit Fahrerassistenzsystemen vollgestopft oder im Gesamten ein Roboter ist, einen Charakter angedeihen zu lassen, und diesen im Wesentlichen mit Hilfe auditiver Schnittstellen und Künstlicher Intelligenz (auf welchem Niveau auch immer) zu realisieren.
Auditive Schnittstellen zur Steuerung, Information und Kommunikation im Auto bzw. mit dem Auto sind, wenn es über Musik und Telefon hinausgeht, umstritten. Wahrscheinlich lenken sie ab, weil man zuhören und antworten, weil man überlegen und befehlen muss. Wenn das Auto sich aber als Hybrid durchsetzt, als mehr oder weniger autonomes Auto, dessen Meister der Mensch bleibt, ist Spracheingabe und -ausgabe (mit weiblicher oder männlicher Stimme) durchaus eine Option. Muss man händisch etwas eingeben oder gestisch etwas steuern, kann in diesem Moment eine lebenswichtige Aktion nicht oder nur eingeschränkt ausgeführt werden. Egal welchen Geschlechts – eine charakteristische Stimme bietet sich bei einem Charakter auf jeden Fall an.
Der Begriff des Charakters ist vieldeutig. Man kann damit auf moralische Eigenschaften einer Person zielen, auf ihre Identität und Persönlichkeit. Man kann damit ferner eine Kunstfigur meinen (wie bei einem Computerspiel oder einem Theaterstück), mit der im vorliegenden Beispiel das Auto verschmilzt. Dieses ist also ein Charakter, zumindest ein Teil davon, und es hat womöglich auch einen Charakter, im üblichen Sinne des Wortes. Es wird so oder so zum Gesprächspartner, der immer da ist während einer Fahrt, zu einem Begleiter, der nicht bloss eine Wissensbasis hat wie ein Chatbot, sondern sich mit seinen Kameras durch die Welt bewegt und diese kennenlernt und auswertet, ein intelligenter Agent auf Abwegen.
Die Konsequenzen von Experimenten
Die Bindung zwischen Mensch und Maschine könnte damit stärker als bisher werden. Man würde vielleicht noch mehr versuchen, einen Unfall zu vermeiden, weil man seinen künstlichen und doch irgendwie natürlichen Freund und Helfer nicht beschädigen will. Wer will schon, dass Horst eine Schramme kriegt? Oder Uschi eine Delle? Vielleicht würde man aber auch auf manche Aussagen emotional reagieren und damit gerade Gefahren heraufbeschwören. Sicherlich fällt man negativ auf, wenn man im Bekanntenkreis von seinem Auto erzählt wie von seiner Katze oder seinem Hund – oder wie von seinem Lebensgefährten. Oder wenn man in den Blechhaufen solche Eigenschaften hineininterpretiert, die er definitiv nicht hat, auch wenn er einige Chips vorweisen kann.
Ein Auto als und mit Charakter könnte sich als einträgliches Geschäftsmodell erweisen. Man möchte etwas dafür ausgeben, eine bestimmte Persönlichkeit zu erwerben, oder man möchte den Charakter ausbauen, ihm Stärken oder Schwächen angedeihen lassen. Mit einem sanften Charakter erwirbt man ein rücksichtsvolles Auto, mit einem wilden eines, das rasant und nicht immer beherrschbar ist. Daran kann man bereits die Grenzen erkennen: Wer will schon einen Wagen mit fortgeschrittenen Funktionen, der einem nicht mehr gehorcht? Oder ein Roboterauto, dessen Verhalten einem im Grundsatz und im Einzelfall widerstrebt?
Eine Spielwiese für die Gestaltung
Könnte man den Charakter nicht nur auditiv, sondern auch visuell realisieren? Dafür gäbe es einige Mittel. Die Scheinwerfer bekannter Marken, mögen sie freundlich oder grimmig wirken, sind ein erster Schritt in dieser Richtung. Genau genommen hat man schon vor Jahrzehnten versucht, dem Auto eine äusserliche Menschenähnlichkeit oder Tierhaftigkeit zu verleihen, wie man an (offiziellen oder inoffiziellen) Namen wie VW Käfer und Ente und den Formen dieser Autos unschwer erkennt. Später haben "Cars" und Co die Phantasien von Drehbuchautoren, Filmproduzenten und -regisseuren umgesetzt und von Zuschauern beflügelt. Zukünftig könnte man eine Windschutzscheibe einbauen, die ein doppeltes Display ist, das nach innen und aussen Informationen, Reaktionen und Emotionen darstellt. In Anlehnung an die Transformers könnte man das Aussehen auch bei der Karosserie laufend verändern.
Das Auto könnte sich offensichtlich nicht nur gegenüber dem Fahrer, sondern auch gegenüber Fussgängern und anderen Verkehrsteilnehmern von seiner besten oder schlechtesten Seite zeigen, könnte lachen, grinsen, grimassieren, loben, schimpfen, flirten. Es könnte nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Maschinen flirten, den Motor röhren lassen, die Hupe betätigen. Und ihnen auf die Pelle rücken bis zur sanften Berührung. Ob wir in unseren Strassen und auf unseren Parkplätzen solche Annäherungsversuche dulden wollen, müssen wir diskutieren.
Das moralische Auto
Wenn das Auto schon ein Charakter ist oder einen Charakter hat, kann man auch daran denken, es mit Moral auszustatten. Die Maschinenethiker schlagen mehrheitlich regel- oder fallbasierte Ansätze vor. Auch das Fahrzeug, das aus seiner Tugendhaftigkeit heraus automatisch richtig handelt, wurde ins Spiel rund um die Sittlichkeit gebracht. Eventuell wäre die Überzeugungskraft grösser, wenn die Tugend einen Träger mit natürlichsprachlichen Fähigkeiten, einem konsistenten Verhalten und einer gewissen Individualität hätte. Wobei die Tugend vielleicht auch ein veraltetes Konzept ist und die Individualität ihr natürlicher Feind.
In seiner Kurzgeschichte "Sally" aus dem Jahre 1953 beschreibt Isaac Asimov die Möglichkeiten selbstständig fahrender Autos. Sally, die Heldin, ist ein Cabriolet (kein Porsche wie Sally aus "Cars"). Sie hat, wie ihr Besitzer schwärmt, die schönsten und feinsten Linien. Um ihr Aussehen kümmert sie sich selbst. Sie kann sich putzen, und sie kann sich sogar wachsen und polieren. Wenn sie fröhlich oder amüsiert ist, öffnet sie ihre beiden Türen und schlägt sie mit einem Knall wieder zu. Sally ist nicht nur attraktiv, sondern auch frei, geradezu autonom. Einmal hilft sie bei einem Mord mit, was die Liebe des Besitzers deutlich abkühlt. Der russisch-amerikanische Science-Fiction-Autor hat das Auto als und mit Charakter vorausgesehen. Ob es sich etabliert und was daraus folgt, wird die Wirklichkeit zeigen.