Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03321.jsonl.gz/1272

Vermögensverteilung
Die Vermögensverteilung erfasst, wie die Vermögen vor allem auf Einzelpersonen, Haushalte, Bevölkerungsgruppen und wirtschaftliche Sektoren regional, national und global verteilt sind. Im Vordergrund stehen Sach- und Geldwerte sowie Beteiligungen.
Bei den Vermögen ist die ausgewiesene Ungleichheit wesentlich grösser als bei den Einkommen. Faktisch ist sie wohl noch grösser. Denn viele hohe Vermögen lassen sich kaum eruieren. Vermögen sind auch Potenziale der Macht. Sie helfen, eigene Interessen gegen Widerstreben zu verwirklichen. Als nützlich erweisen sich verfügbare Netzwerke und Wissensbestände. Zentral ist das ökonomische Kapital.
Zu den wirtschaftlichen Vermögen zählen prinzipiell sämtliche Mittel und Güter über die einzelne Personen oder soziale Gruppen verfügen. Neuere Berechnungen beziehen auch Ansprüche an staatliche und private Pensionskassen ein. Das ist allerdings umstritten. Denn bei diesen Geldern handelt es sich vornehmlich um aufgeschobene Löhne. Vernachlässigt bleiben meistens die effektiven Werte von Immobilien. Bei diesen liegen die Steuerwerte gewöhnlich unter den Marktwerten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der angestrebte politisch liberale Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit einen beschränkten sozialen Ausgleich mit sich. Der Kompromiss diente auch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Breite Bevölkerungskreise konnten ihre materielle Lebenssituation verbessern. Und sie konzentrierten sich darauf, ihren Warenkonsum weiter zu steigern. Der Lift fuhr aufwärts. Kapital und Arbeit galten in etwa als gleichwertig. Seit Ende der 1970er Jahre verbreitet sich indes ein geldgetriebener angelsächsischer Wirtschaftsliberalismus. Er versucht die einseitige Vermögensverteilung zu rechtfertigen.
Der neue Finanzkapitalismus favorisiert die optimale Verwertung des Kapitals. Er nimmt gläubig an, der Markt bestimme den Wert der Arbeit. Seither verstärken sich vier Trends. Erstens nimmt die Erwerbslosigkeit strukturell zu. Wenn Maschinen manuelle Arbeit ersetzen, könnte uns das zwar mehr Zeit und Geld bescheren. Zumal die Produktivität steigt. Es hapert aber mit der Verteilung. Zweitens halten Teile der nominell steigenden Löhne mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt. Das führt zu mehr erwerbstätigen Armen (Working Poor) und prekären Arbeitsbedingungen. Drittens orientiert sich das System der sozialen Sicherheit einseitig an der Erwerbsarbeit. Es ignoriert neue Lebenslagen. So geraten viele Alleinlebende, Alleinerziehende und Familien mit Kindern in Bedrängnis. Dies auch deshalb, weil seit der Jahrtausendwende laut Bundesstatistiken die Soziallast- und Sozialleistungsquoten sich nur unwesentlich verändern, die Vermögenswerte sich seither aber mehr als verdoppelten. Viertens erhöht sich tendenziell die soziale Kluft bei den privaten Vermögen, die sich weiter konzentrieren. Und das politisch demokratische Korrektiv ist nur beschränkt in der Lage, die soziale Polarisierung zu verhindern.
Der frühere politische Liberalismus wollte die extremen Kapitalgewinne und sozialen Gegensätze ausgleichen, die der heutige Finanzliberalismus akzeptiert und privatisiert. Dieser Wandel kennzeichnet den aktuellen Paradigmenwechsel. Die Gegensätze liegen vor, wenn Individuen oder soziale Gruppen sehr unterschiedlich mit begehrten Mitteln und Gütern ausgestattet sind. Dazu gehören nebst dem Kapital auch Ansehen, Wohlstand und Einfluss.
Finanzielle Vermögen sind weltweit stark konzentriert und einseitig verteilt. Der Gini-Koeffizient misst die Verteilung. Wenn eine Person alles besitzt, ist der Koeffizient eins. Besitzen alle Personen gleich viel, ist er null. In der Schweiz liegt der Koeffizient nach offiziellen Statistiken über 0,8. Damit befindet sich die Schweiz weltweit punkto Gleichheit auf einem der untersten Ränge. In Namibia, Südafrika, Russland und den USA sind die Vermögen noch ungleicher verteilt. Wobei in den meisten Ländern das Ausmass krasser sein dürfte als ausgewiesen, weil sich hohe Vermögen oft in Steueroasen befinden und immer noch gut verstecken lassen.
Weniger als ein Dutzend Personen weisen 2017 weltweit laut der Entwicklungsorganisation Oxfam mehr Vermögen aus als die Hälfte der Erdbevölkerung zusammen. Seit den 1980er Jahren hat sich die ungleiche Verteilung global und auch innerhalb vieler Länder verschärft. In der Schweiz haben die reichsten 0,1 % der Bevölkerung in den letzten dreissig Jahren ihre Anteile an den gesamten Vermögen deutlich ausgeweitet. Die dreihundert Reichsten versechsfachten in dieser Zeit ihre steuerbaren Nettovermögen auf über 600 Milliarden Franken. Daraufhin weist das im Dezember 2017 erschienene Wirtschaftsmagazin «Bilanz» zu den «300 Reichsten der Schweiz» hin.
Laut dem 2018 erschienenen Verteilungsbericht des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes verfügen in der Schweiz 1,9 % der reichsten Steuerpflichtigen gleichviel Reinvermögen wie die restlichen 98,1 %. Das reichste Prozent kommt auf über 42 % der Reinvermögen, die alle Vermögenswerte abzüglich der Schulden umfassen. Auf die reichsten 10 % entfallen drei Viertel der Vermögen. Ein Viertel verbleibt den untersten 90 %. Und rund ein Viertel der Steuerpflichtigen hat überhaupt kein steuerbares Nettovermögen. Das ist sozialpolitisch relevant. Interessant ist auch die Diskrepanz zum Durchschnitt. Das durchschnittliche Vermögen liegt laut dem 2017 publizierten Global Wealth Report der Credit Suisse über einer halben Million Franken.
Ein Grund für die hohe Konzentration der Vermögen in der Schweiz sind die tiefen Steuern der Vermögen und Erbschaften. Die Vermögen bleiben zu Lebzeiten der Besitzenden kaum angetastet. Und sie lassen sich ohne grosse Abstriche weitergeben. 10 % der Erbenden erhalten drei Viertel der gesamten Erbschaften. Ein Drittel der Bevölkerung geht hingegen leer aus. Wer hat, erhält noch mehr dazu. So zurren sich erhebliche Unterschiede fest. Dies auch deshalb, weil Steuersenkungen die höheren Einkommen und Vermögen begünstigen. Hinzu kommen erstens die oberen Löhne, die mehr Vermögen generieren, zweitens der Anstieg der privatisierten Gewinne und drittens interne Steuerparadiese, die vom Zustrom vermögender Zuwanderer profitieren.
Die ungleiche Verteilung dokumentiert sich auch in der Millionärsdichte. Sie ist 2015 laut OECD weltweit nirgendwo so hoch wie in der Schweiz. Ebenfalls hoch ist die Milliardärsdichte. Von den dreihundert Reichsten in der Schweiz hat mehr als jede(r) Dritte über eine Milliarde Franken Vermögen. Und von allen Milliardärinnen und Milliardären der Welt lebt jede(r) vierzehnte in der Schweiz. Von den Reichen besitzen die Ultra High Net Worth Individuals je mindestens 30 Millionen Dollar. Nur 13 % von ihnen sind Frauen. Frauen sind bei der Verteilung der Einkommen und Vermögen stark untervertreten. Frauen verdienen in der Schweiz durchschnittlich 25 % weniger als Männer. Und ihre privaten Vermögen sind auch in Partnerschaften rund ein Drittel niedriger als jene der Männer. So treffen Geschlecht und Klasse wiederum aufeinander. Die Vermögensverteilung berührt damit ebenfalls die Frage der Demokratie.
Thomas Piketty beschreibt in seinem 2014 veröffentlichten Werk Das Kapital im 21. Jahrhundert, wie sich in vielen Ländern mit dem ökonomischen Wachstum nach den prosperierenden Nachkriegsjahren die Vermögensungleichheiten nicht weiter ausgleichen liessen. Als wichtigsten Treiber der Ungleichheit erwähnt er die Tendenz von Kapitalgewinnen, die Wachstumsrate zu übertreffen. Die damit einhergehende einseitige Vermögensverteilung unterläuft aus seiner Sicht den sozialen Frieden. Die wachsende Ungleichheit prägt laut Oliver Nachtwey auch «Die Abstiegsgesellschaft». Sie läuft Gefahr, autoritäre Strömungen zu stärken, die sich zunehmend liberalen Grundlagen entledigen. Wenn die Rolltreppe weiter nach unten fährt, führt die Ungleichheit ebenfalls dazu, Klassengegensätze zu verschärfen und soziale Rechte einzuschränken. Der Vermögensverteilung kommt somit eine sozialpolitisch hohe Bedeutung zu.
Literaturhinweise
Mäder, U. (2015). Macht.ch: Geld und Macht in der Schweiz. Zürich: Rotpunktverlag.
Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der repressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.
Piketty, T. (2014). Das Kapital im 21. Jahrhundert. München: Beck.