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Jegliche Erfolge werden auf Zufall, Charme oder Mitleid der relevanten Entscheidungsträger*innen zurückgeführt: Schliesslich ist die eigene Intelligenz ja nicht ausreichend, um diese zu erklären. Was hat es mit dem impostor phenomenon auf sich?
« Wann wohl jemand merkt, dass ich gar nicht so intelligent und fähig bin, wie alle meinen? Klar, ich habe einige intellektuelle Erfolge erzielt. Aber das war ja alles nur Zufall – ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Irgendwann fällt ihnen auf, dass ich sie reingelegt habe. Wenigstens ist dann die ganze Heuchlerei vorbei.»
Hochstapler*in sein
Das von den Psychologinnen Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes (1978) beobachtete und benannte impostor phenomenon umfasst die subjektive Selbstwahrnehmung als intellektuelle*r Hochstapler*in, entgegen der Beweise des Gegenteils durch objektive Erfolge (Kolligian Jr. & Sternberg, 1991). Die impostors – in der Originalpublikation handelt es sich dabei um hochgradig erfolgreiche Frauen – sind nicht in der Lage, ihre Erfolge zu internalisieren, das heisst den Erfolg als Konsequenz ihrer eigenen Kompetenz zu sehen und sich entsprechend als intelligent und fähig wahrzunehmen. Vielmehr gehen sie davon aus, ihr ganzes Umfeld an der Nase herumzuführen (Clance & Imes, 1978). Kolligian und Sternberg (1991) identifizierten zwei Bestandteile des impostor phenomenon: wahrgenommene Unechtheit, also beispielsweise das Gefühl, anderen in Bezug auf die eigene Kompetenz etwas vorzumachen, und Selbstabwertung durch selbstkritische und perfektionistische Tendenzen sowie negative Selbsteinschätzungen.
Impostor phenomenon vs. impostor syndrome
Das impostor phenomenon selbst stellt keine diagnostische Kategorie dar, ist aber oft mit klinischen Symptomen wie generalisierter Angst, Depressivität und fehlendem Selbstvertrauen verbunden (Clance & Imes, 1978). Dennoch ist der Begriff des impostor syndrome – auf Deutsch «Hochstapler*in-Syndrom» – weit verbreitet. Eine der beiden Psychologinnen, welche den Begriff geprägt haben, Suzanne A. Imes, wird zitiert, dass sich ihr der Magen umdrehe, wenn sie «impostor syndrome» höre, da dies technisch inkorrekt und konzeptuell fehlleitend sei (Impostor Syndrome Institute, 2023).
Typischerweise nennen Definitionen des impostor phenomenon drei Merkmale desselben (Gadsby, 2022). Eine affektive Komponente bezieht sich auf die Angst, entdeckt und entlarvt zu werden, welche diverse negative psychologische Konsequenzen wie Stress und emotionale Erschöpfung nach sich ziehen kann. Ein weiteres Merkmal ist die Überzeugung der Person, dass es ihr an gewissen Fähigkeiten mangele. Diese Überzeugung bezieht sich jedoch nicht auf alle relevanten Eigenschaften – oft sehen sich impostors als charmant, umgänglich und fleissig – sondern auf Intelligenz oder andere, für den jeweiligen Bereich wichtige Merkmale. Zuletzt beinhaltet das impostor phenomenon eine verhaltensbezogene Komponente, die darin besteht, auf die eigene Leistungsfähigkeit und Intelligenz hindeutende Beweise abzuwerten und zu entkräftigen. So wird Lob ignoriert, eine positive Rückmeldung relativiert und Erfolg fehlattribuiert und zum Beispiel dem Zufall statt den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben (Gadsby, 2022).
Wer sind die impostors?
In dieser Beschreibung mag sich manche*r wiederfinden. Das impostor phenomenon ist insbesondere in Disziplinen verbreitet, in welchen Intelligenz eine wichtige Rolle spielt, so zum Beispiel unter Akademiker*innen (Kets de Vries, 2005). Eigenschaften wie Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Leistungsorientierung, welche mit dem impostor phenomenon in Verbindung gebracht werden (Ross et al., 2001), können durch den akademischen Publikationsdruck verstärkt werden (Hutchins, 2015). Gleichzeitig sind Leistungsziele oft wage definiert und der Forschungs- und Finanzierungskontext ist hochgradig kompetitiv, was wiederum als Nährboden für Selbstzweifel und wahrgenommene Hochstapelei dient (Hutchins, 2015). Das impostor phenomenon beschränkt sich jedoch nicht auf akademische Berufe, sondern findet sich in den verschiedensten Berufsgruppen (Parkman, 2016).
«To some extent, of course, we are all impostors. […] Displaying a facade is part and parcel of the human condition. Indeed, one reason the feeling of being an impostor is so widespread is that society places enormous pressure on people to stifle their real selves»
Ursprünglich beobachteten Clance und Imes (1978) das Phänomen in einer Stichprobe von erfolgreichen Frauen. Obwohl die Autorinnen davon ausgehen, dass Männer sich ebenfalls als impostors empfinden können, argumentieren sie, dass die gesellschaftlichen Stereotype, welche Frauen geringere intellektuelle Fähigkeiten zuschreiben als Männern, in der Kindheit entstandene Selbstzweifel der Frauen verstärken und bestätigen (Clance & Imes, 1978). Weitere Forschung zeigte, dass das impostor phenomenon sowohl bei Männern als auch bei Frauen vorkommt. Insbesondere in Berufsfeldern, welche von einem Geschlecht dominiert werden, zeigt sich das impostor phenomenon bei Personen eines anderen, nicht-dominierenden Geschlechts (Parkman, 2016). Für ein abschliessendes Urteil hinsichtlich Geschlechtsunterschiede in der Häufigkeit des Phänomens fehlt empirische Evidenz (Slank, 2019).
Verhaltensmuster aus der Kindheit oder rationale Begründung
Wie kommt es dazu, dass intelligente Personen sich in Anbetracht der eindeutigen Beweise für ihre Fähigkeiten an der Überzeugung festhalten, dass sie impostors sind, welche ihr Umfeld täuschen? Als Ursprung werden oftmals Erlebnisse in der Kindheit und Familiendynamiken angesehen. So beobachteten Clance und Imes (1978), dass die Probandinnen entweder ein Geschwister haben, welches von ihrer Familie als «das Intelligente» bestimmt wurde, während die Frau selbst «die Sensible» oder «die Soziale» in der Familie ist. Fehlt die Anerkennung für hart erarbeitete gute Leistungen durch ihr familiäres Umfeld, fragt sie sich irgendwann, ob ihre Familie womöglich recht hat und sie sich ihre Leistungen durch soziale Fähigkeiten oder durch ein gutes Gespür für die Erwartungen ihrer Lehrpersonen erschlichen hat. Anderen Mädchen wird vermittelt, dass sie anderen in jeglicher Hinsicht überlegen seien und für diese Perfektion keine Anstrengung erforderlich sei. Müssen sie doch für ihre guten Noten lernen und Arbeit hineinstecken, schlussfolgern sie, dass sie doch dumm sein müssen (Clance & Imes, 1978).
Erklärungen, die das impostor phenomenon auf Erziehungsstile oder familiäre Umstände zurückführen, gehen nicht auf möglicherweise zugrundeliegende Absichten und Motivationen ein. Gadsby (2022) postuliert die Existenz einer Unterkategorie des impostor phenomenon, welches auf Selbsttäuschung beruht. Obwohl die Überzeugung der eigenen Unzulänglichkeit mit negativem Affekt verbunden ist, gibt es auch motivationale Vorteile. In einem Bereich, in welchem Erfolg durch Anstrengung erzielt werden kann, und diese Anstrengung fehlende Fähigkeiten auszugleichen vermag, kann eine solche Überzeugung motivational förderlich sein. So kann unter manchen Umständen eine negative Selbsteinschätzung motivationalen Nutzen haben, indem sie uns signalisiert, dass wir uns anstrengen müssen. Der motivationale Nutzen, der sich aus impostor Verhalten und Empfinden ergibt, könnte also die negativen affektiven Folgen ausgleichen und schlussendlich überwiegen (Gadsby, 2022). Eine andere Herangehensweise betrachtet das impostor phenomenon als rationale Perspektive auf Erfolge, welche die fähigkeitsunabhängigen Faktoren, die Einfluss auf den eigenen Erfolg haben, ebenfalls einbeziehen (Slank, 2019).
Kein*e Hochstapler*in mehr sein
Trotz der potentiell positiven motivationalen Effekte des impostor phenomenon (Gadsby, 2022), scheint dieses vielen Menschen im Weg zu stehen und dazu zu führen, dass sie eine angestrebte Karriere aufgeben, obwohl sie objektiv dafür geeignet sein mögen. Eine Möglichkeit, um negative Auswirkungen von impostor Tendenzen, wie beispielsweise geringe Arbeitszufriedenheit, zu verringern, sind Interventionen, welche auf den Umgang mit emotionaler Erschöpfung abzielen (Hutchins et al., 2018). Indem über das Phänomen und dessen Verbreitung aufgeklärt wird, kann den impostors vermittelt werden, dass es sich dabei nicht um eine persönliche, einzigartige Schwäche handelt, was den Umgang damit erleichtern soll. Ähnlich könnten Gruppensettings helfen, um Personen zu zeigen, dass sie in ihrem Empfinden nicht alleine sind (Clance & Imes, 1978). Betroffene können in Rollenspielen eine Person voller Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten verkörpern und in Gedankenexperimenten überlegen, wie relevante Personen reagieren würden, wenn sie ihnen mitteilen, dass sie ihnen die ganze Zeit über etwas vorgespielt haben. Weiter kann ein Tagebuch geführt werden, welches positives Feedback festhält, sowie die Gedanken, welche aufkommen, um dieses zu verneinen und abzuwerten (Clance & Imes, 1978).