Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03463.jsonl.gz/1318

Dampfzentrum Winterthur
Einst bauten die Gebrüder Sulzer Dampfmaschinen, die Webstühle, Stanzen, Pressen oder Schiffe antrieben. Und in der Loki, der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik, wurden Dampflokomotiven fabriziert. Dampfmaschinen sind ein Teil der Winterthurer Kultur- und Industriegeschichte. Daran will der Verein Dampfzentrum Winterthur anknüpfen. Er möchte eine Eventhalle mit offener Fabrik, das Dampfzentrum Winterthur einrichten.
Die Geschichte des Dampfmaschinen-Museums begann in Thun anfangs der 1970er-Jahre. Die BLS hatte beschlossen den Raddampfer „Blüemlisalp“ auf dem Thunersee ausser Betrieb zu setzen. 1973 wird der Verein Freunde des Thunersee-Dampfschiffs "Blümlisalp" gegründet mit dem Ziel, das historische Schiff zu erhalten. Dieses Ziel wurde erreicht. 1992 startete die restaurierte „Blüemlisalp" zur 2. Jungfernfahrt. Parallel zu dieser Entwicklung startete 1975 der Verein Schweizerisches Dampfmaschinen-Museum Thun. Das Ziel ist das Selbe. In der dort eingerichteten Werkstatt sollen Prunkstücke der schweizerischen Industrie in aufwändigen Restaurationsarbeiten aufgewertet und zu neuem Leben erweckt werden. Nach der Jahrhundertwende muss die inzwischen in eine Stiftung umgewandelte Organisation das Handtuch werfen. Das Ausstellungsprojekt in einer ehemaligen Industriehalle liess sich nicht realisieren. So hiess es anfangs 2011, findet sich kein Retter für die Sammlung wird sie versteigert bzw. verschrottet.
2009 wurde der Verein Dampfzentrum Winterthur (VDW) gegründet. Die engagierten Initianten wollten das Sammelgut der Stiftung Vaporama Thun übernehmen. Die Sammlung Vaporama umfasst über 50 Dampfmaschinen unterschiedlichster Bauart, Grösse, Herkunft und Einsatzgebiet. Diese lieferten, direkt oder über Transmissionen, den Antrieb für Pumpen, Generatoren und vielfältige Arbeitsgeräte. Die Sammlung Vaporama gibt einen breiten Überblick über die wichtigsten Abschnitte in der Geschichte des Dampfmaschinenbaus. Sie umfasst Maschinen der Baujahre 1859 bis 1970, also Repräsentanten aus 100 Jahren Technikgeschichte.
Der VDW argumentiert, dass die Entwicklung und Vermarktung von Dampfmaschinen ein Grundstein für den Erfolg des Industriestandortes Winterthur und den Aufstieg der Firma Gebrüder Sulzer zum Weltkonzern war. Sulzer ist mit zehn Maschinen in der Vaporama-Sammlung vertreten, unter anderem mit einer Dreizylinder-Verbundmaschine aus dem Jahr 1888, die an der Weltausstellung in Paris gezeigt wurde. Weitere Maschinen der Sammlung stammen von der SLM, von Escher Wyss und der BBC. Die Bemühungen führten zum Ziel. Die Sammlung Vaporama ist seit 2011 im Dampfzentrum Winterthur in der alten Sulzerhalle 181 auf dem Lagerplatz untergebracht. Das Unterfangen gelang, weil Donatoren, in erster Linie Robert Heuberger, die nötigen Finanzen zur Verfügung stellten.
2011 hatte der Vereins Dampfzentrum Winterthur VDW das erste Ziel mit der Übernahme der Maschinen des Vaporama Thun erreicht. Seither ist die Sammlung mit über 40 Dampfmaschinen, Baggern und Dampfwalzen sowie viel Zubehör wie Bohr-und Fräsmaschinen, Dampfhämmern und weiteren Gerätschaften in einem Schaulager in der Halle 181 untergebracht. Weil die Stiftung Abendrot, die Besitzerin der Liegenschaft, das Fabrikgebäude um einen Bürotrakt aufstocken will und daher an den Wänden Gerüste montiert werden müssen, und weil ein weiterer Mieter einen Teil der Halle als Lager beansprucht, ist die Nutzung der Halle in Frage gestellt. Der VDW unter dem damaligen Präsidenten Stephan Amacker denkt weiter. (Seit März 2017 steht Robert Notz der Verein vor.) Denn in der als Provisorium dienenden Halle lässt sich der geplante Museumsbetrieb mit Maschinen unter Dampf und einer Schauwerkstatt mit Riementransmissionen nicht realisieren. Die Vibrationen könnten den Betrieb der benachbarten Gewerbler und jenen in den Büros empfindlich stören. Zudem zehrt die Miete die Reserven auf. «Uns steht das Wasser bis zum Hals», erklärt Amacker. Die Hälfte der 500‘000 Franken der Robert und Ruth Heuberger-Stiftung seien für den Transport der Maschinen eingesetzt, und das restliche Geld reiche bei einer Jahresmiete von 100 000 Franken nur noch für eine beschränkte Zeit. Die 20‘000 Franken, die der 300-köpfige Verein jährlich mit Anlässen und «Dampftagen» verdienen könne, seien nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein.
Zurzeit bestehen allerdings Chancen, dass die stolze Industrie- und Arbeiterstadt Winterthur zu einem einmaligen Museum ihrer eigenen Geschichte kommen könnte. Ein guter Teil der Maschinen des Dampfzentrums Winterthur (DZW) wurden hier gebaut. Darunter befindet sich ein halbes Dutzend jener horizontalen Dampfmaschinen, mit denen sich Sulzer an der Spitze der Maschinenindustrie etablierte, sowie die Zwei-Zylinder-Dampfmaschine aus dem Jahre 1902, die den Strom für das Basler Tramnetz generierte. Auch die mächtige, stehende Drei-Zylinder-Verbundmaschine von Sulzer, die neben dem Eiffelturm die grösste Publikumsattraktion an der Weltausstellung 1889 in Paris war, gehört zur Sammlung.
Die Stadt Winterthur plant die Umnutzung der Halle 53 am Katharina-Sulzer-Platz zu einem Kultur- und Veranstaltungszentrum. Die unter integralem Denkmalschutz stehende «Industriekathedrale» wird zurzeit als Parkhaus genutzt. Der VDW könnte sich gut vorstellen, dass ein Museum mit festen Exponaten, Wechselausstellungen und «Dampftagen» — samt Fahrten mit der Sulzer-Werk-Dampflokomotive E 2/2 Nr. 3 — einen Teil des Gebäudes belegen und dabei auch als Magnet für andere kulturelle Einrichtungen sowie für weitere Aktivitäten in der Halle dienen könnte.
«Sobald es irgendwo dampft und sich etwas bewegt, kommen die Kinder und ziehen ihre Mütter mit. Und die Väter werden dann sowieso alle zu Experten». Und Stephan Amacker, Maschineningenieur ETH und langjähriger Kaderangestellter bei Sulzer, ergänzt, dass das Dampfzentrum auch zu einem Ort der Forschung werden solle. Man plane, die 1899 von Sulzer und Escher Wyss für das ETH-Labor konstruierte, liegende Drei-Zylinder-Verbundmaschine wieder in Betrieb zu nehmen. Bis 1983 waren an ihr Maschineningenieure ausgebildet worden, und wenn es nach dem VDW ginge, würden sich bald Studenten der ZHAW Winterthur an der grossen Dampfmaschine mit den Gesetzen der Thermodynamik vertraut machen. Die Hochschule expandiert derzeit nämlich in mehrere Gebäude des Sulzer-Areals.
«Ein solches Labor ist dringend notwendig in einer Zeit, in der nachhaltige Energie- und Wärmeproduktion Priorität haben», hält Amacker fest. Viele Ingenieure verfügten kaum mehr über vertiefte Kenntnisse der Thermodynamik. Den Dampf will der VDW im nahen Kesselhaus CO2-neutral mit Biomasse generieren und damit Strom produzieren sowie Heisswasser und Dampf in das in Winterthur geplante Fernwärmenetz einspeisen. Betreiben soll die Anlage eine externe Firma.
Die Baugenehmigung tritt für die Halle allerdings erst 2018 in Kraft. So lange reicht das Geld des VDW kaum. Eine weitere Variante sieht der Verein in der gleichfalls integral denkmalgeschützten Halle 1013. Bis vor kurzem produzierte dort die Firma Stadler Rail Schienenfahrzeuge. Besitzerin Implenia will es verkaufen.
«Mit den Arbeitsgruben und dem Schienenanschluss wäre das eine perfekte Halle für uns», betont Amacker. Man würde sie als offene Fabrik betreiben, in der sich weitere Unternehmen wie die Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM des Ingenieurs Roger Waller oder Oldtimer-Restauratoren und andere gewerbliche Betriebe einmieten könnten. Auch ein Restaurant fände Platz in der Halle. Damit würden Arbeitsplätze geschaffen und es käme Leben und Betrieb in das Areal, wie es laut Amacker auch der Quartierverein Brühlberg-Tössfeld wünscht.
Diese Überlegungen von 2013 sind Absichten und Wunschdenken und leider noch sehr weit von der Realität entfernt. Die Stadt Winterthur hat andere Sorgen und sieht sich ausser Stande ein weiteres Museum zu finanzieren. Ende 2014 rettete Robert Heuberger den Verein und damit das Ziel Dampfmuseum erneut mit einem finanziellen Zustupf. Damit haben die Verantwortlichen ein weiteres Jahr Zeit Nägel mit Köpfen zu machen. Sie sind darum nicht zu beneiden.
Ein Lichtblick wurde im August 2016 publiziert (Landbote 16.08.2016): Dank Spenden aus privaten Quellen ist der Weiterbestand und -betrieb vorerst gesichert.