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Er kann sich nicht mehr daran erinnern, wann er zum letzten Mal glatt rasiert in den Spiegel geschaut hat. Nur dass es schon sehr lange her ist. Und dass er damals noch bei seiner Mutter lebte. Und dass sich kurz darauf – als er ein Stipendium akzeptiert hatte und ans College in Arizona wechselte – Faulheit bei ihm breitmachte. Auf Rasieren hatte James Harden auf einmal keine Lust mehr. Und so sprossen die Haare in seinem Gesicht langsam, aber sicher. Und sie sorgten für den berühmtesten Bart im amerikanischen Sport.
Das dichte schwarze Etwas verdeckt so einiges. Zum Beispiel sein Mienenspiel mit dem leichten Stich ins Pausbäckige. Aber es legt gleichzeitig den Blick frei auf die subtile Note eines vielschichtigen Charakters. Denn James Harden kommuniziert mit der Welt nicht nur durch seine enorme Kunstfertigkeit im Umgang mit einem Basketball. Vieles teilt er anderen einfach mit seinen tiefdunklen Augen mit. Sie blitzen auf, wenn er auf eine listige Weise einen Korb erzielt hat. Wenn er sich über die Entscheidung eines Schiedsrichters ärgert. Oder wenn er seine Unschuld beteuert, nachdem er, auf dem Boden liegend, einem Gegner mal kurz in die Weichteile getreten hat.
Harden ist ein Mensch, der in der Lage ist, kluge Sätze zu formulieren, aber er wirkt nicht wie jemand, der gern und lange spricht. Zum Glück spart er nicht am Nötigsten. Der Genfer Clint Capela, eine der wichtigen Anspielstationen für Hardens rasanten Kombinations-Basketball im Angriff der Houston Rockets, war darüber ziemlich froh. Der Schweizer Center war kurz zuvor mit grossen Erwartungen in Texas eingetroffen, aber litt – typisch Nachwuchs – an einem Mangel an Selbstvertrauen: «Er hat mir gesagt, dass er gern mit mir zusammenspielt und es gut findet, dass ich immer so viel Energie in alles stecke. Es fühlte sich gut an, dass der wichtigste Spieler im Team an mich geglaubt hat.»
«Die Hasser spornen mich an, mich jedes Jahr weiter zu verbessern»James Harden
Sicher, Der Bart ist das Markenzeichen, durch das sich Harden deutlich von seinen NBA-Kollegen unterscheidet und weswegen ihn Firmen für Werbespots anheuern wie dem einer Computerspielefirma, in der ein Schauspieler mit einem albernen deutschen Akzent einen fiktiven Bart-Guru aus den Alpen namens Fritz spielt. Aber der 29-jährige Ballzauberer ist nicht wegen der Haartracht zum Gesicht der Rockets geworden und zu einem der höchstbezahlten Spieler der Liga, der in der laufenden Saison 30,5 Millionen Dollar verdient und in den beiden folgenden zusammen weitere 78,7 Millionen. Sondern weil er das schaltschnelle Gehirn einer Mannschaft mit Ambitionen auf den Titel ist. Jemand, der wegen seiner Scorerqualitäten vor einem Jahr als MVP, als «wertvollster Spieler» der regulären NBA-Saison ausgezeichnet wurde.
Das Problem: Das Fachpublikum erwartet weit mehr von ihm, als dass er jedes Jahr in der Statistik der Liga seine Korbausbeute steigert. So liegt sein Schnitt pro Spiel in der laufenden Saison bei erstaunlichen 36,2 Punkten. Eine Ziffer, die weit über der Bilanz des letzten Jahres liegt (30,4 Punkte) und erst recht über der vorangegangenen Saison (29,1 Punkte). Denn das bedeutet zunächst nur, dass die Angriffsstrategie von Trainer Mike D’Antoni darauf abzielt, den zielgenauen Harden so oft werfen zu lassen wie möglich. Während der übrige Beitrag zum Spiel der Rockets vergleichsweise bescheiden ist.
Weil aber dabei nur ein Tabellenplatz
im Mittelfeld der Playoff-Aspiranten herausspringt, setzt es oft genug Kritik. Der siebenfache All-Star schmettert so etwas gelassen ab. «Das ist in Ordnung», sagte er unlängst und wischte jede Skepsis weg. «Du musst dir ja unsere Spiele nicht anschauen. Aber ich kenne eine Menge Leute, die das tun.»
Harden dürfte allerdings beim Blick in die Ränge des Toyota Center nicht sehr weit schauen. Die Rockets liegen in der Tabelle des Zuschauerzuspruchs bei Heimspielen derzeit nur auf dem 16. Platz von allen 30 Mannschaften. Den Gegenwind und die hohen Ansprüche nutzt er dennoch. «Mir gefallen diese Hasser», fügte er neulich hinzu. «Sie motivieren mich, mich jedes Jahr zu verbessern. Und darum geht es doch. Ich muss niemandem irgendwas beweisen.» Er gehe total mit sich zufrieden in jedes Spiel. Und er findet dieses Gefühl «ziemlich cool».
Im Hochgeschwindigkeits-Basketball von Trainer Mike D’Antoni wirkt Harden derzeit tatsächlich unersetzlich. Dabei können die Rockets von Glück sagen, dass sie ihn haben. Denn das kommt nur deshalb zustande, weil Harden im Herbst 2012 bei seinem ersten NBA-Team, den Oklahoma City Thunder, in Vertragsverhandlungen ziemlich schlecht behandelt wird. Man sieht ihn nur als dritte Option hinter den Jung-Stars Kevin Durant (inzwischen bei den Golden State Warriors) und Russell Westbrook und will nicht so viel Geld springen lassen, wie es der Rahmentarifvertrag der Liga erlauben würde.
Als man sich nicht einig wird, muss Harden damals innerhalb weniger Stunden seine Sachen packen und ein Team verlassen, mit dem er noch wenige Monate vorher in der NBA-Finalserie gestanden hat. «Ich dachte, wir würden auf ewig zusammenbleiben», sagt er, als er eine Weile danach auf den schwierigsten Moment seiner Karriere angesprochen wird. Der Tausch zu einem anderen Team über seinen Kopf hinweg ist schmerzhaft. «Ich war fast den Tränen nahe.»
«Er sagt, dass er gern mit mir spielt. Das hört sich gut an vom wichtigsten Spieler des Teams»Clint Capela, Rockets-Center
Ein paar Jahre danach sieht die Sache ganz anders aus. Harden will gar nicht mehr aus Houston weg, hat die Führungsrolle akzeptiert, die ihm als wichtigstem Korbschützen der Rockets zufällt. Die Situation in Texas ist allerdings nicht immer angenehm. Denn alle Versuche, ein Kader zusammenzustellen, das stressresistent und leistungsstark genug ist, um die zähen Auseinandersetzungen der Playoffs mit ihren Best-of-Seven-Serien zu bestehen, zeigen am Ende immer wieder nur, dass irgendetwas fehlt. Mal mangelt es am Format des Trainers, mal verlangt der so egozentrische wie hochbezahlte Center Dwight Howard zu viele Streicheleinheiten.
Wichtige Versatzstücke sind inzwischen aber eingetroffen: Zum Beispiel der Genfer Capela, der sich zum stabilen Leistungsträger entwickelt und erstaunliches Selbstbewusstsein ausstrahlt. Zudem passt das auf hohes Tempo setzende Spielkonzept von Trainer Mike D’Antoni blendend zu Harden, dem Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft. «Er ist der beste Angriffsspieler, den ich je gesehen habe. Sein Passspiel, sein Blick für Spielsituationen, seine Korbleger, seine Lobs, wie er Fouls herausholt – er hat so viele Waffen.» Wozu inzwischen auch ein Distanzwurf gehört, bei dem er die gegnerischen Verteidiger düpiert, wenn er kurz zuvor einen Schritt zurück hinter die Drei-Punkt-Linie macht. «Es ist einfach unmöglich, ihn zu decken», sagt der Coach über seinen Vorzeigespieler.
Obendrein holten die Rockets mit Chris Paul von den Los Angeles Clippers einen der besten Aufbauspieler Amerikas. Als raffinierter Ballverteiler ist er ein idealer Partner für Harden.
«Er ist der beste Angriffsspieler, den ich je gesehen habe»Mike D’Antoni, Coach Houston Rockets
Der bärtige Superstar wächst im von Gangs und Drogenproblemen geplagten Compton auf, einem Vorort von Los Angeles, der Heimat der Tennis-Schwestern Venus und Serena Williams. Sein Vater landet nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Marine mehrmals im Gefängnis. Die Mutter wird so zur wichtigsten Bezugsperson. Hardens Haltung gegenüber dem Leben in einer konfliktbeladenen Welt besteht darin, dem Ganzen zu entkommen, anstatt sich in dem Milieu aufzureiben. Das Basketballspiel gibt ihm die Möglichkeit dazu. Denn Harden entwickelt sukzessive das Können eines Ball-Jongleurs – erst an der Highschool, dann an der Arizona State University in Phoenix und schliesslich als Jung-Profi, den die Oklahoma City Thunder 2009 bereits als Dritten der Nachwuchsdraft aus dem Pool der Aspiranten herausfischen.
Auch sein wirtschaftliches Potenzial wächst. 2015 etwa schliesst er einen Werbevertrag mit Sportausrüster Adidas, der ihm dem Vernehmen nach über eine Laufzeit von dreizehn Jahren 200 Millionen Dollar brutto einbringen soll. Harden beschäftigt trotzdem keinen klassischen Agenten mehr. Um das tägliche Geschäft kümmert sich inzwischen Mutter Monja Willis. Ihre Maxime: «Ich vertraue niemandem, schon gar nicht in den geschäftlichen Angelegenheiten meines Sohnes.»
Trainer D’Antoni ist anfänglich besorgt, dass seine Galionsfigur den wachsenden Druck nicht bewältigen kann. Der erfahrene NBA-Coach, der auf zwei seiner beruflichen Stationen – bei den LA Lakers und den New York Knicks – an den übergrossen Egos gescheitert war, weiss um die Grenzen. «Es ist schwer für Superstars, zu verstehen, was nicht mehr wie bis anhin ist. Wir zahlen ihnen 20 oder 30 Millionen Dollar im Jahr, und sie sollen plötzlich akzeptieren, dass es noch bessere Ansätze gibt?» Die meisten behaupten in solchen Phasen, das Problem der Mannschaft bestehe nur darin, dass das Team-Management bessere Rollenspieler einkaufen müsse. «Aber James war bereit zu sagen: ‹Okay, ich selbst muss mehr bringen.› So etwas erfordert erheblichen Mumm.»
In die Geschichtsbücher
38387 Punkte Total
Mehr Zähler als Kareem Abdul-Jabbar holt kein Spieler der NBA-Geschichte. Ihm am nächsten kommen Karl Malone und Kobe Bryant.
29,7 Prozent Rebounds
Mehr als jeden vierten nicht versenkten Ball des Gegners schnappt sich Denis Rodman in einer Saison. Niemand sonst knackt je die 27%-Marke.
1611 Spiele
Bis zum Rücktritt mit 43 kommt Robert Parish auf so viele Einsätze. Bei durchschnittlich 28 Minuten Spielzeit steht er 763 Stunden auf dem Feld.
41 Fouls
2000/01 begeht Rasheed Wallace mehr technische Fouls als jemals ein Spieler pro Saison. Logisch, fliegt er auch 18 Mal vom Platz.
37 Punkte / Viertel
In einem einzigen Viertel wirft Klay Thompson mehr Punkte als wenige Basketballer je in einem ganzen Spiel. 12 Minuten benötigt er dafür.
98% Prozent Freiwürfe
Nur 3 von 154 Freiwürfen des spanischen Point Guard José Calderòn landen in der Saison 2008/09 nicht im Korb. Aus 4,3 Meter Distanz!
15 806 Assists
In 19 Karriere-Jahren bedient John Stockton seine Mitspieler mit so vielen korbreifen Vorlagen. Acht Saisons lang ist er bester NBA-Passgeber.
Harden nutzt seitdem die Sommer, um weiter an sich zu arbeiten. Er beschäftigt sich mit Aufzeichnungen von Spielen von Steve Nash, der unter D’Antoni vor mehr als zehn Jahren bei den Phoenix Suns der beste und kreativste Spielgestalter der NBA gewesen war. Und er holt sich Rat bei Experten für Motivationsförderung. Alles nur, um eine intensivere Beziehung zu seinen Mannschaftskameraden aufzubauen.
Was weniger gut klappte: Beziehungen mit Frauen wie der Reality-TV-Prominenten Khloé Kardashian. Es war eine Existenz im Aquarium, angestarrt und verfolgt von hartnäckigen Paparazzi und «gewiss eine Lernerfahrung». Eine mehr.
Dass der Mann mit dem Bart sportlich bereits seinen Zenit erreicht hat, sollte man nicht annehmen. «Das Beste von ihm haben wir noch gar nicht gesehen», meint John Lucas, der bei den Rockets die sportliche Entwicklung des Kaders im Auge hat. Mit anderen Worten: Selbst wenn das Team in den Playoffs gegen Mannschaften wie die höher eingeschätzten Denver Nuggets oder die amtierenden Meister Golden State Warriors verlieren sollte, geht für Harden und Houston der Kampf weiter. Wo er selbst dabei steht, scheint ihm klar zu sein: «Ich habe das Gefühl, ich bin in allem sehr solid. Was den Intelligenzquotienten betrifft, die Art, wie ich das Spiel studiere, wie ich Punkte erziele und meine Teamgefährten besser mache. Es gibt nicht so viele Leute, die das in einer Person vereinen.»
Zu all den Besonderheiten gehören übrigens noch ein paar mehr: James Harden ist einer der wenigen NBA-Spieler ohne irgendeine Tätowierung. Dafür führt sein Bart seit einer Weile im Internet ein kurioses Eigenleben. Bei Twitter folgen «James Harden’s Beard» knapp 20 000 Leser.