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Roger Federer hat in Schanghai eine der unerwartetsten Niederlagen seit Langem kassiert. Der Titelverteidiger unterlag im Startspiel dem spanischen Qualifikanten Albert Ramos-Viñolas (ATP 70) 6:7 (4:7), 6:2, 3:6.
Nach 125 Minuten war die Sensation perfekt. Die letzte Rückhand von Roger Federer segelte ins Out, die Mehrheit der Zuschauer im gut zur Hälfte gefüllten Stadion verfiel in kurzzeitige Schockstarre. Albert Ramos-Viñolas hingegen bejubelte seinen grössten Sieg; der 27-jährige Linkshänder hatte sich diesen aus seiner Sicht durchaus verdient. Den Triumph vor Augen bekam er nach dem Break zum 5:3 nicht den «kurzen Arm» und liess sich auch nicht beirren, als das Stadion beim Stand von 15:30 für Federer noch einmal zu explodieren drohte. Er gewann die verbleibenden drei Punkte.
Schon vorher hatte der Katalane mutig gespielt. Er hatte im ersten Satz die wichtigen Punkte und vor allem das Tiebreak gewonnen und zu Beginn des dritten Satzes ein Davonziehen Federers verhindert. «Der erste Satz war im Nachhinein sicher entscheidend», befand Federer, der wie fast immer nach Niederlagen die Medienpflichten schnellstmöglich hinter sich brachte.
«Aber ich hätte auch Anfang des dritten Satzes einen Weg finden müssen, ihn zu breaken. Bei meinen Aufschlagspielen war ich ja stets souverän. Insgesamt war meine Leistung okay, aber bei den Returnspielen hat es schon etwas gehapert.»
Dass er mehr Punkte totalisierte als sein Gegner (100:93) und sowohl mit dem ersten wie auch mit dem zweiten Aufschlag erfolgreicher war, wurde angesichts der Niederlage eine statistische Randnotiz.
Nichts hatte auf einen solchen Rückschlag hingedeutet. Nicht das bisher einzige Duell, das Federer 2012 in Wimbledon klar für sich entschieden hatte (6:1, 6:1, 6:1), nicht die letzten drei Monate, in denen Federer zwar zwei Niederlagen gegen Novak Djokovic kassiert, ansonsten aber die letzten 16 Widersacher alle ohne Satzverlust bezwungen hatte und auch nicht das Palmarès seines Widersachers. Ramos wies vorher gegen Top-10-Spieler eine 0:15-Bilanz auf, das Satzverhältnis lautete 2:35.
«Ich war perfekt vorbereitet, hatte vorher Ferien und habe in Dubai und hier wunderbar trainiert. Diese Niederlage habe ich wirklich nicht erwartet, aber solche Tage gibt es», fand Federer, der für einmal weder Stefan Edberg noch Severin Lüthi in seiner Box hatte, keinen wirklichen Erklärungsansatz.
Für den Weltranglistenzweiten ist eine Niederlage in diesem Stadium eines Masters-1000-Turniers höchst selten. Auf Hartplatz unter freiem Himmel hatte er zuletzt in Toronto 2008 sein Startspiel nicht gewonnen, sein Gegner damals hiess Gilles Simon. Gegen einen noch schlechter klassierten Widersacher als Ramos-Viñolas hatte er auf dieser Unterlage letztmals ebenfalls 2008 verloren, im Final von Indian Wells gegen Mardy Fish (ATP 98).
Auftaktspiele in Schanghai sind für Federer allerdings generell kein Freilos. Schon im Vorjahr hatte er gegen den Argentinier Leonardo Mayer enorm Mühe bekundet, sich dann aber nach fünf abgewehrten Matchbällen doch noch durchgesetzt. Fünf Tage später feierte er damals den Turniersieg. «Ich bin überzeugt, dass ich mich auch diesmal nachher gesteigert hätte», so Federer, dem aber bewusst ist, dass für den Auftakt ins Turnier in China spezielle Gesetze gelten. «Für mich war der Jetlag kein Problem, aber es ist doch ein anderer Kontinent. Grundsätzlich weiss man in einem Startspiel nie genau, wie aggressiv man spielen muss, und er war natürlich schon im Turnier drin.»
Natürlich war die Enttäuschung unmittelbar nach Matchende gross. «Es ist doch eine lange Reise, um eine Startniederlage zu kassieren», sagte Federer, wollte sich aber nicht allzu lange damit aufhalten: «Ich versuche auch immer, das Positive zu sehen. So bleiben mir ein paar freie Tage mehr, und ich werde bereits am Freitag zusammen mit Pierre Paganini an der Kondition arbeiten. Wenn ich dann wieder in der Schweiz bin, gehe ich wieder auf den Trainingsplatz, damit ich für Basel, Paris-Bercy und die ATP Tour Finals wieder fit bin.»
Morgen startet die damit letzte verbliebene Schweizer Hoffnung ins Turnier. Stan Wawrinka (ATP 4) spielt gegen den Serben Viktor Troicki (ATP 24). (ram/si)