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In der Schweiz wollte niemand Harry Gmürs antifaschistische Artikel drucken. 40 Jahre nach seinem Tod erscheint jetzt in der Schweiz ein Buch mit ausgewählten Reportagen und Essays.
Das hätte sich Harry Gmür nie träumen lassen: eine insgesamt recht freundliche Besprechung seiner Reportagen in der Zeitung «Blick». Denn der Spross aus reichem Hause war «seit den frühen 1940er Jahren ein prinzipientreuer Kommunist». So schreibt es work-Kolumnist Jean Ziegler im Vorwort zur Neuerscheinung von dreissig Artikeln, die Gmür zwischen 1938 und 1979, dem Jahr seines Todes, geschrieben hat. Neu herausgegeben hat sie jetzt sein jüngster Sohn, der Psychiater Mario Gmür.
In der Schweiz als Kommunist und Dissident verachtet und verfolgt, wich Gmür in die DDR aus.
FRÜHER KRITIKER
Mit der Auswahl aus einigen Hundert Reportagen und Essays möchte Mario Gmür zwei Lebensphasen seines Vaters dokumentieren. Zunächst in den Jahren 1938 und 1939 Gmürs Abscheu vor faschistischen Gruppen in der Schweiz und vor der liebedienerischen Politik des Bundesrates gegenüber Hitler und Mussolini. Kritik übte er auch an der nachgiebigen Innenpolitik seiner damaligen Sozialdemokratischen Partei, von der er sich in jenen Jahren entfremdete. Besonders stiess er sich am Gerede von der «Schicksalsverbundenheit sämtlicher Eidgenossen», wie er es in einem späteren Artikel einmal nannte. Es sollte vorgaukeln, dass alle in der Schweiz gleichermassen unter den Entbehrungen der Vorkriegs- und der Kriegsjahre leiden mussten.
Die zweite im Buch dokumentierte Lebensphase ist die Zeit des Kalten Krieges. In der Schweiz als Kommunist und Dissident verachtet und verfolgt, wich Gmür mit seinen Arbeiten in die DDR aus. Dort erschienen sie in der Zeitschrift «Weltbühne». An unüblich loser Leine geführt, publizierte die Zeitschrift Artikel für kultur- und aussenpolitisch interessierte Leserinnen und Leser. Zwei Artikel Gmürs (von 1965 und 1975) beschäftigen sich erneut mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Lange bevor die Geschichtsschreibung die verbreitete Vorstellung widerlegte, das Land habe den Krieg «als unbeteiligter Zuschauer vom sicheren Logenplatz aus verfolgt», verwies Gmür bereits auf die für Nazideutschland entscheidenden wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Verflechtungen. Diese hätten Hitler daran gehindert, auch der Schweiz den Krieg zu erklären. Was zum Zeitpunkt der Publikation empört haben mag, gilt heute als Konsens in der Schweizer Geschichtsschreibung.
AFRIKA-KENNER
Vor allem beschäftigt sich Gmür in seinen Reportagen für die «Weltbühne» aber mit der Entkolonialisierung afrikanischer Staaten. Im deutschen Sprachraum wohl einmalig und überaus lesenswert sind seine emphatischen Portraits der Befreiungskämpfer Julius Nyerere (Tanganjika, das heutige Tansania), Kenneth Kaunda (Sambia), Sékou Touré (Guinea) und Kwame Nkrumah (Ghana). Abgesehen von Nyerere sind sie heute in Europa in Vergessenheit geraten. Leider fehlen im Buch zusätzliche Erläuterungen zu den Personen und der Entwicklung ihrer Länder.
Dass Gmür nicht nur politischer Analytiker war, sondern auch literarische Qualität besass, demonstrieren schliesslich seine Beobachtungen während einer Mittelmeerkreuzfahrt, die er 1961 unternahm. Im Zusammenhang mit den vielen bedrückenden Themen im Buch sind seine spitzen Bemerkungen zu den Mitreisenden fast schon erholsam.
Harry Gmür, Reportagen von Links. Vier Jahrzehnte Kampf gegen Faschismus und Kolonialismus. Mit einem Vorwort von Jean Ziegler und Anmerkungen des Herausgebers Mario Gmür. Europa-Verlag, Zürich 2020, 336 Seiten, CHF 39.90.
Harry Gmür: Grossbürger und Kommunist
«Man kennt die Früchte nicht der Bäume, die man pflanzt.» Das senegalesische Sprichwort zitiert work-Kolumnist Jean Ziegler in seinem Vorwort zu den neu erschienenen Analysen und Reportagen von Harry Gmür. Denn der Sohn aus grossbürgerlichem Hause, geboren 1908 in Bern, entwickelte sich zum überzeugten Kommunisten. Die entscheidende Wegmarke seines politischen Lebens war die Machtergreifung des Faschismus in Deutschland, Italien und Spanien. Er engagierte sich im antifaschistischen Widerstand, gab die Wochenzeitung ABC heraus und arbeitete zu Kriegsbeginn für die damals verbotene Kommunistische Partei der Schweiz.
«VORWÄRTS»-CHEFREDAKTOR. Nach dem Ausschluss aus der SP gehörte er 1944 zu den Gründern der Partei der Arbeit (PdA), der Nachfolgeorganisation der KP. Er übernahm zwei Jahre lang die Chefredaktion des Parteiorgans «Vorwärts» und sass für die PdA von 1946 bis 1950 im Stadtzürcher Parlament. In den 1950er Jahren gehörte er zu den Gründern des Universum-Verlages. Ab 1958 publizierte er unter den Pseudonymen Stefan Miller
und Gaston Renard in der DDR-Zeitschrift «Weltbühne».