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Die Autorin Helena Mettler hat ein Gespräch mit Schwester Emma geführt, die 2002 als eine der letzten Spitalschwester vom Kantonsspital Luzern pensioniert wurde. Damals waren noch 15-Stunden-Arbeitstage üblich – und dies bei gerade einmal zwei freien Tagen je Monat.
Schwester Emma, die mir an diesem Morgen die Türe zur Spitalschwestern-Gemeinschaft am Bramberg öffnet, ist eine zierliche Frau mit wachem Blick und entwaffnendem Lächeln. Sofort fällt mir auf, dass sie keine Ordenstracht trägt – worüber ich durchaus enttäuscht bin. Allerdings kann ich mir zu diesem Zeitpunkt des Treffens ohnehin erst wenig unter einer «Spitalschwester» vorstellen, und das, obwohl deren Gemeinschaft bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Stadt Luzern tätig ist.
Anno 1800 im Bürgerspital Luzern
Dort, wo sich heute der Innenhof der Luzerner Polizei und des Einwohneramts erstreckt, stand früher das Bürgerspital – die grösste sogenannte «Armenanstalt» der Stadt. Sie wurde 1660 erbaut und beherbergte über kürzere oder längere Zeit die verschiedensten Menschen: Arme, Alte, Kranke, aber auch schwangere, mittellose Frauen, wandernde Handwerksgesellen und sogenannt «liederliche Leute» – kurz: Nach 1800 wurden Stimmen laut, die unzeitgemässe Krankenpflege zu modernisieren.
Der Armen- und Waisenrat Luzerns wurde deshalb in den 1820er-Jahren beauftragt, das Bürgerspital neu zu organisieren. Die konservative Regierung wünschte sich für den Krankendienst eine religiöse Frauengemeinschaft – Frauen, die katholische Werte weitergaben und die zuverlässig, aber für wenig Lohn, arbeiteten. Fündig wurde sie im französischen Jura, bei der Spitalschwestern-Gemeinschaft von Besançon.
Die Ehelosigkeit der Schwestern war ursprünglich - und trotz der religiösen Ausrichtung der Gemeinschaft, der ständigen Dienstbereitschaft und nicht etwa einer Klostersatzung geschuldet.
Schwester Emma
So kamen im Jahr 1830 die ersten fünf Spitalschwestern nach Luzern. Die Bedingungen im Bürgerspital dürften sich damals stark vom Hôtel Dieu von Beaume unterschieden haben, das 1443 von Nicolas Rolin, dem Begründer des Spitalschwester-Ordens, gegründet worden war und grössten Wert auf eine künstlerische Ausgestaltung des Hospizes legte. Dort lagen die Ärmsten in «hohen Betten» – in mit schönen, schweren Überwürfen ausgestatteten Lagerstätten, deren Stoff an den «Schleier für das Sakrament des Altars» erinnern sollte.
Die Schwestern ihrerseits stellten ihre gesamte Energie in den Dienst der Kranken und Armen: Ihrer Satzung entsprechend verstanden sie die Begleitung und Betreuung ihrer «Gäste» als «Minne-Dienst», der sich in der Ehrfurcht vor dem Menschen als Abbild Gottes begründete. Die Ehelosigkeit der Schwestern war ursprünglich – und trotz der religiösen Ausrichtung der Gemeinschaft, der ständigen Dienstbereitschaft und nicht etwa einer Klostersatzung geschuldet.
Die erste Luzerner Spitalschwester: Schwester Vuillemin
Die Schwestern des Besançon-Ordens wurden von der Ordensleitung im 18. und 19. Jahrhundert in verschiedene Spitäler geschickt, um sich dort der Armenpflege anzunehmen. Eine dieser Schwestern war Schwester Vuillemin, geborene Marie-Madeleine Käsermann, die am 25. August 1830 nach Luzern kam. Weil sie als gebürtige Bernerin Deutsch sprach, war sie von der Generaloberin vorausgeschickt worden, um die Ankunft ihrer Mitschwestern vorzubereiten. Sie war damals knapp 20 Jahre alt und arbeitete in der Folge ungefähr sechs Jahre lang in Luzern. Dann (1836) musste sie aus gesundheitlichen Gründen nach Besançon zurückkehren. Dort starb sie nach langer Krankheit im Alter von erst 27 Jahren.
Dem 15-Stunden-Arbeitstag standen gerade einmal zwei freie Tage gegenüber – pro Monat.
Schwester Emma
Über das Alltagsleben von Schwester Vuillemin gibt es kaum weiterreichende Informationen. Die Satzung von 1443, auf die sich die Spitalschwestern-Gemeinschaft seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder besinnt, enthält nur allgemeine Hinweise auf den Alltag der Spitalschwestern. Aus ihnen lässt sich keine Tagesstruktur rekonstruieren. Sicher ist: Der Krankendienst blieb über die Jahrhunderte hinweg wichtigstes und definierendes Merkmal der Schwestern-Gemeinschaft, die in Luzern die Vorstufe eines Kantonsspitals gründete.
1837 wurde im Bürgerspital ein Krankenhaustrakt mit kleineren Zimmern und Sälen mit bis zu 17 Krankenbetten gebaut. 1902 entstand auf dem Bramberg schliesslich das Kantonsspital als Ersatz für das baufällige Bürgerspital. Die Spitalschwestern übernahmen auch dort die Leitung der Krankenpflege und gründeten 1937 eine Krankenpflegeschule. 1998 übernahm der Kanton die Krankenpflegeschule.
Schwester Emma im Kantonsspital Luzern
An eben dieser Schule wurde Schwester Emma von 1958 bis 1961 zur Krankenschwester ausgebildet – damals noch unter ihrem bürgerlichen Namen Emma Fust. Zwei Jahre später, mittlerweile 24½ Jahre alt, trat sie der Spitalschwestern-Gemeinschaft bei.
Im Gespräch erinnert sie sich an ihre harten Arbeitstage als Jungschwester im Kantonsspital anfangs der 1960er-Jahre: «Morgens um fünf Uhr stand man auf, besuchte die Messe und meditierte. Gegen halb acht begann der Dienst auf der Abteilung, der bis zur Mittagspause um zwölf Uhr dauerte. Dem gemeinsamen Mittagessen folgte ein persönliches Gebet. Es dauerte rund dreissig Minuten. Danach ging man wieder auf die Abteilung, etwa bis 18 Uhr. Das Abendessen wurde in Gemeinschaft eingenommen, ein Abendgebet folgte. Oft gingen wir danach noch einmal auf die Abteilung, um alles fertig zu machen. Das dauerte manchmal bis 22 Uhr.»
«An unseren freien Tagen haben wir vor allem geschlafen».
Schwester Emma
Dem 15-Stunden-Arbeitstag standen gerade einmal zwei freie Tage gegenüber – pro Monat. «An diesen beiden Tagen haben wir vor allem geschlafen», erläutert Schwester Emma, und fügt an: «Das war ein hartes Leben.» Weil sich die Unterkunft der Spitalschwestern auf dem Areal des Kantonsspitals befand – bis 1932 schliefen die Spitalschwestern gar auf den Abteilungen – habe sie die Stadt Luzern anfangs kaum zu Gesicht bekommen. Diese Isolation, aber auch der Schlafentzug, seien so hart gewesen, dass viele Schwestern damit überfordert gewesen seien. Tränen habe es darüber gegeben, so Schwester Emma, oder auch Nickerchen während des Gebetes in der Kirche.
Die Gemeinschaft sei in solchen Situationen zwar immer wieder Stütze gewesen, auch wenn es allerlei Regeln zu befolgen gegeben habe. Sie selbst, so gibt Schwester Emma rückblickend zu, sei wohl oft zu streng gewesen: «Das war vielleicht damals nicht so viel Minne, wie sie ursprünglich im Hotel Dieu gelebt wurde. Doch bei aller Härte dieses Einsatzes durfte ich doch stets meinen Sendungsauftrag spüren, die jesuanische Botschaft weiterzutragen. Für dieses innere «feu sacré» bin ich sehr dankbar.»
Kost und Logis statt Lohn
Schwester Emma, die 2002 pensioniert wurde, arbeitete fast ihr ganzes Leben lang im Krankendienst in Luzern. Viele Abteilungen hat sie in dieser Zeit betreut – manchmal war sie als einzige ausgebildete Krankenschwester für bis zu 50 Patienten zuständig, während sie gleichzeitig für die Ausbildung von fünf bis sechs Schülerinnen besorgt war. Für die ganze Gesellschaft zweifellos ein unglaubliches Engagement. Besonders, wenn man bedenkt, dass die Spitalschwestern bis in die 1980er-Jahre hinein nur gegen Kost und Logis arbeiteten und statt eines Lohns nur ein «symbolisches Sackgeld» bezogen.
im Jahr 2010 ging die 180-jährige Ära mit der Pensionierung der letzten Spitalschwester am Kantonsspital Luzern zu Ende. Die Gemeinschaft, deren Durchschnittsalter mittlerweile bei 80 Jahren liegt, engagiert sich jedoch weiterhin in der Sterbebegleitung, im Begegnungsort Stutzegg, in der Begleitung von Menschen und verschiedenen freiwilligen Engagements.
Autorin:Helena Mettler