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Kaum einer kann so verirrt auf der Gitarre zupfen und dazu schmeichelnd mystischen Gugus ins Mikrofon hauchen wie Devendra Banhart. Doch am besten bastelt der Folkmusiker an seinem eigenen Mythos.
Er stolzierte erstmals Ende des 18. Jahrhunderts in einen Londoner Salon – mit gerüschtem Hemd und umhüllt von einer Wolke aus Parfüm: Beau Brummell gilt als erster Dandy der Geschichte. Sein androgyner Aufzug und die niedere Herkunft waren eine Provokation für den britischen Puritanismus. Die Soziologin Elizabeth Wilson nennt ihn einen «Kollaps der Kunst in das Leben». Beaus Dandy hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft eingebüsst. Seine zeitgenössische Entsprechung heisst Devendra Banhart. Devendra steht für Indra, den indischen Gott des Donners – den Vornamen gab ihm der umstrittene Prediger Prem Rawat, dem Banharts Eltern folgten. Seinen zweiten Vornamen Obi teilt er mit dem Jediritter Obi-Wan Kenobi aus «Star Wars».
Die Kindheit verbringt Banhart in einfachen Verhältnissen in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, die Jugend in Kalifornien, meist auf dem Skateboard. Mit zwölf Jahren schreibt er seine ersten Songs, später erhält er ein Stipendium, um in San Francisco Kunst zu studieren. Desinteressiert am akademischen Zirkus, führt er stattdessen ein modernes Landstreicherleben: Er schläft bei FreundInnen auf der Couch und reist nach New York, Paris und Marokko. Unterwegs schreibt er zahlreiche Songs und singt sie einem Freund in den Staaten auf den Anrufbeantworter (mit dem Hinweis, sie doch bitte nicht zu löschen).
Ein Fellhut von Bob Dylan
Irgendwann entdeckt Michael Gira von der Band Swans ihn bei einem seiner Konzerte und stellt aus über siebzig selbstaufgenommenen Songs ein Album mit einem irrsinnig langen (und deswegen hier abgekürzten) Titel «Oh Me Oh My» her. Die Songs sind spartanisch: leise Stimme, vielseitige Gitarre, gelegentliches Klatschen, Klopfen und (Vogel-)Gezwitscher. Banhart erhält für seinen eigensinnigen Stil viel Lob und zusammen mit CocoRosie, Joanna Newsom und Antony and the Johnsons das Etikett «New Weird America» respektive «Freak Folk» verpasst. Von 2004 bis 2009 veröffentlicht er fünf weitere Alben.
Gleichzeitig bastelt der Beau behutsam am eigenen Mythos: Seine (damals) schulterlangen Haare hat er meist zu einem Dutt hochgebunden, und der Bart spriesst scheinbar wirr ums Gesicht. Banhart beginnt eine Beziehung zu Hollywoodstar Natalie Portman – doch kurz vor der Verlobung geht das Verhältnis in die Brüche. Er zieht sich in sein Haus in einem Canyon bei Los Angeles zurück und empfängt pilgernde (meist weibliche) Fans. Daneben widmet er sich seiner obskuren Sammelleidenschaft: Er ersteht eine Couch von Jim Morrison, ein Jackett von Mick Jagger und einen Fellhut, der einst Bob Dylan gehört haben soll. Es scheint, als umgebe sich Banhart mit den Artefakten anderer popmusikalischer Dandys, damit deren mystische Aura auf ihn abstrahle.
Schon Beau Brummell mythologisierte seine Kleidung: Er liess den Daumen und die restlichen Finger seiner Handschuhe jeweils von unterschiedlichen Edelboutiquen anfertigen, verweigerte jedoch die Bezahlung und verwies stattdessen auf den Reputationsgewinn durch seine Berühmtheit. Auch Banharts Auftritt ist näher am parfümierten Brummell, als sein Äusseres vorgibt – «Richtige Hippies mögen mich nicht», lässt er sich vom britischen «Guardian» zitieren. «Die riechen einen wirklichen Hippie.»
So sanft, wie eine Katze schleicht
Im Jahr 2013 folgt mit «Mala» Banharts erfolgreichstes Werk. Wie schon auf seinen früheren Alben singt er teilweise Spanisch, im Song «Hildegard von Bingen», gewidmet der mittelalterlichen Mystikerin, gar (schwer verständliches) Deutsch. «Mala» ist ein aufwendig instrumentiertes Album, das dennoch Raum lässt für Banharts unverkennbare Stimme. Er singt oft so sanft, wie eine Katze schleicht, vieles daran erinnert an den Gesang des brasilianischen Bossa nova, allen voran an João Gilberto.
Nun schleicht Banhart wieder und kommt mit einem Album, das heisst wie ein Popartkunstwerk: «Ape in Pink Marble». Auch darin gibt es einen Song, der an den brasilianischen Sound der fünfziger und sechziger Jahre und vor allem an Gilbertos entspannte Gitarre erinnert. Und der Auftakt der Platte mit «Middle Names» und «Good Time Charlie» lässt mit seiner zurückhaltenden Instrumentierung Banharts Anfänge aufleben. Doch dann folgen üppig ausgestattete Songs, die zunehmend Gefahr laufen, ihre Anziehungskraft zu verlieren – insbesondere «Fancy Man» und «Fig in Leather» gehen mit ihren ulkigen Texten bald auf die Nerven. Daran schliesst mit «Saturday Night» ein einnehmender, fast radiotauglicher Hit an, und in «Mourner’s Dance» strahlt der Synthesizer so geheimnisvoll wie in der Titelmelodie von «Twin Peaks». Zum Schluss findet Banhart wieder zu seinem unverkennbaren Stil zurück: Er zupft die Gitarre desorientiert wie eh und flüstert dazu mystischen Gugus ins Mikrofon.
Im Ganzen hätte man dem Album mehr Mut zur instrumentalen Reduktion gewünscht. Der 35-Jährige selbst kennt diese Erwartung nur zu gut – und unterläuft sie mit Absicht. Auch die englische Aristokratie fühlte sich vom Auftritt ihrer flamboyanten Bohemiens provoziert und war zugleich fasziniert. Der entscheidende Punkt war indes schon damals nicht, was man über die Dandys sagte, sondern dass man über sie sprach.