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Wolfram Schöllkopf, Privatdozent für Glaziologie und deutsche Literatur an der Eidgenössischen Technischen Universität, flieht aus der Sitzung der Freifächerfakultät, der Abteilung 13 für Geistes- und Militärwissenschaften. Soeben ist mit einer Intrige sein Lehrauftrag aus dem Unterrichtsprogramm gestrichen worden. Als er an der Brüstung zum Gebäudeinnenhof kurz überlegt, ob er sich hinunterstürzen soll, erleidet er einen Herzanfall. Er quält sich die Treppen hinab, aus dem Haus, über die Strasse ins benachbarte Universitätsspital und bricht in der Notaufnahme zusammen.
Während Hermann Burgers Studienzeit: Lesesaal der ETH-Bibliothek, 1965 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L14-0442-0225)
Unauffällig kleingedruckt steht auf der Titelblattrückseite von Hermann Burgers Roman „Die künstliche Mutter“ aus dem Jahr 1982:
„Alle Personen und Örtlichkeiten dieses Romans sind frei erfunden, selbst dort, wo Namen aus der realen Topographie übernommen wurden.“
Auf den Tatort des Eingangskapitels „Ermordung eines Privatdozenten“ trifft dies kaum zu. Abgesehen von der nur leicht verfremdeten Organisation des akademischen Betriebs handelt es sich um die wirkliche ETH Zürich. Deren Hauptgebäude ist erkennbar in zahllosen vom gepeinigten Schöllkopf exakt beschriebenen und kommentierten Architektur- und Ausstattungseigenheiten, darunter auch ein Bruchstück der ETH-Bibliothek:
„[…] oben im glarigen Licht die braunrote Kuppel über dem Lesesaal mit den giftgrünen Tischlämpchen […]“
Das Braunrot der gleichzeitigen Aussen- und Innensicht der Kuppel zielt auf die Ziegelbedeckung der Eisenbetonkonstruktion, die Schöllkopf als monumentale Brust einer hartherzigen Mutter empfindet. Kein Wunder birgt dieses Gebilde entgegen der lateinischen Bezeichnung für Hochschulen „Alma Mater“, nährende Mutter, im Innern die zum Aussenpanzer komplementärfarbenen Giftdrüsen.
Lesesaal der ETH-Bibliothek, Versuchsaufnahme mit zu prüfender Panorama-Kamera aus Japan, 1955 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, PL_55-SCH-0028)
Dank Burgers Roman ist ein schriftliches Zeugnis für die Farbe der historischen Leseleuchten vorhanden, denn es hat sich weder ein Exemplar der Tischlichter erhalten, noch existiert eine Farbfotografie aus der Zeit ihrer Verwendung vor der Lesesaalrenovation in den 1970er Jahren. Immerhin können Schwarzweissaufnahmen aus der entsprechenden Perspektive einen zum Romangeschehen passenden Eindruck vermitteln, wie etwa die japanische Panoramasicht von 1955: Das „glarige Licht“, die blendende Helle, bricht durch die hohen Fenster. Darunter laufen lange Reihen stramm gerade ausgerichteter Halbkugeln in die Bildmitte, die Lampenschirme oder Stahlhelme von Marschkolonnen einer Truppenparade, so genau ist das im Streulicht nicht auszumachen. Unter den Halbkugeln fehlen bei näherer Betrachtung die Köpfe, sie – die Lampenhelme – sind aufgepflanzt auf fusslosen Ständern, ein Soldatenfriedhof. Sollte es sich bei diesem Lesesaal um eine militärische Weihestätte handeln?
Burger/Schöllkopf jedenfalls zieht Parallelen von der ETH zur Gotthardfestung der Schweizer Armee, in die der weitere Romanverlauf verlegt wird:
„Es gab ja in der Tat hochinteressante Parallelen zwischen dem Fort Réduit im Gotthard und dem über und über rustizierten Semper-Gullschen Hochschulsackbahnhof, der auf einer Schanze des ehemaligen Festungsareals der Stadt Zürich thronte; hier biss man auf Granit, dort würde man auf Granit beissen; hienieden ein undurchschaubares Labyrinth von Auditorien, Sammlungen, Zeichensälen, Stichtonnengewölben, Materialkatakomben, Lieferanteneingängen, Senatszimmern, Lichthofkanzeln, Blendarkaden, Säulen-Balustraden – dort, wenn man dem Gerücht über die Existenz einer Heilstollenklinik Glauben schenken durfte, ein nicht minder verwirrendes Carceri-System; der heilige Godehard war sozusagen die Natur gewordene ETU unter besonderer Berücksichtigung der Abteilung für Geologie, Hydrologie und Glaziologie, umgekehrt die Landeslehrstätte ein zum Polytechnikum aufgefächertes Gebirgsmassiv; in Göschenen wie hier herrschte permanente Geistesdämmerung, betrat man an einem gleissenden Frühsommertag die Apsis des Vestibüls, verfinsterte sich der Junimorgen zu einem Dezembernachmittag, und man hielt unwillkürlich Ausschau nach einer heissen Schockolade, wie sie im Bahnhofbuffet Göschenen, so die kulinarische Legende, verabreicht wurde, aus Crémant-Riegeln gestossen.“
Hermann Burger als angehender ETH-Student 1962 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/39775)
Der Schriftsteller Hermann Burger war ab Winter 1975 bis zu seinem Freitod am 28. Februar 1989 Privatdozent für deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Hier studierte er auch von 1962 bis 1965 Architektur, danach Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Zürich.
Hinweise:
Hermann Burger, Die Künstliche Mutter, 1982. Daraus die Zitate auf Seite 16 und Seiten 14/15.
Im Hochschularchiv der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek wird das Dossier zu Hermann Burgers Architekturstudium aufbewahrt.
Das Max-Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek verfügt über eine Kopie von Burgers dreitägiger Hausarbeit im Rahmen seiner Lizentiatsprüfung an der Universität Zürich: Architekturschilderung in der modernen deutschen Literatur am Beispiel von Max Frisch, Typoskript, Aarau 1972.
Bei der ETH-Bibliothek ausleihbar ist eine Kopie des ersten Teils von Burgers ETH Habilitationsschrift: Studien zur zeitgenössischen Schweizer Literatur, Typoskript, Zürich 1974.
Hermann Burgers Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.