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Diese Bevölkerung sprach ein Lateinisch, welches, wie ebenfalls schon erwähnt, immer noch viele keltische Substratwörter enthielt. Gänzlich aus dem Kopf schlagen muss man sich allerdings Vermutungen, wonach diese Leute sogar noch keltisch gesprochen haben oder nach dem Abzug wieder zu sprechen begannen. Dies war vor 50 Jahren eine Vermutung von Hubschmied, der auch Öttli getreulich folgte. Es wurde postuliert, dass es in der deutschen und welschen Schweiz bis über das Jahr 800 hinaus immer noch keltische Sprachinseln gegeben habe. Diese Idee ist heute ziemlich gut widerlegt. Dennoch hatte sich Hubschmied seine Idee nicht einfach aus den Fingern gesogen. Er fand so viele Hinweise auf keltische Sprachelemente in Personen, Flur- und Ortsnamen jener Zeit, dass er glaubte, mit seiner Theorie diese Sprachresten erklären zu können. Viel wahrscheinlicher ist aber, was die OGS schon mehrmals angedeutet hat, dass die keltischen Sprachresten als Substratwörter ins Lateinische übergingen und so ihre Wirkung entfalteten.
Uralte Personennamen aus dieser Zeit sind für Örlikon vermutlich nur einer überliefert. Dieser einzige Verdacht könnte gegen den Namen des Neugründers von Örlikon, den Orilo gerichtet werden, der nicht gerade sehr germanisch klingt. Doch davon später. In Flurnamen hingegen könnten gallorömische Hinweise zu finden sein. Leider gibt es kein Örliker Flurnamenbuch. Rund 120 Flurnamen konnte die OGS dennoch für Örlikon ausfindig machen, doch finden sich darunter nur ganz wenige, verdächtige Kandidaten, welche möglicherweise gallorömische Sprachelemente enthalten.
Das liegt daran, dass die heute noch bekannten Flurnamen wohl jüngere Schöpfungen sind. Erst eine Erschliessung des ältesten, heute nicht mehr bekannten Flurnamengutes in den Urbarien würde vermutlich weitere solche Flurnamen zutage fördern. Trotzdem sind einige der neueren Flurnamen durchaus ein wenig verdächtig. Dazu gehören solche wie: Leutschenbach, Liguster, Langeten, Dietmatt, Riedmatt, Mauer, Plantage. Bei diesen Flurnamen könnte eine Herkunft aus der alten Sprache, wie sie bei der Ankunft der Alemannen in Örlikon gesprochen wurde, hergeleitet werden. Das wäre eine sehr aufwändige Arbeit.
Immerhin zeigt auch der kleine Flurnamenschatz durchaus Ansätze in die gesuchte Richtung. Er wäre letztlich ein Beweis für die durchgehende Besiedlung Örlikons seit dem Abzug der Römer und bis zur Ankunft der Alemannen, denn jemand müsste die Sprache ja bis dahin bewahrt haben.
Die Alemannen in Örlikon
Nach dem Abzug der Römer hätte man eigentlich vermuten müssen, dass die Alemannen in Scharen in unser Land eindringen würden, was aber nicht so schnell geschah. Dies lag zum einen daran, dass sich das Klima seit der Zeitenwende nicht mehr weiter abkühlte. Daher liess der Druck der Völker im Norden, nach Süden zu ziehen nach und entsprechend war auch der Zwang der Alemannen, nachfolgenden Völkerscharen weichen zu müssen, nicht mehr so stark. Zum anderen lagen sich Alemannen und Franken um die Vorherrschaft in den Haaren und waren dadurch sehr stark mit sich selbst beschäftigt.
Erst als diese Frage geklärt war, begann dann doch noch eine Einwanderung der Alemannen in das Gebiet der heutigen Schweiz. Diese erfolgte aber nicht mehr aus einem Wanderungszwang, sondern als Druckausgleich, war doch die Schweiz damals deutlich dünner besiedelt als Süddeutschland. Die Einwanderung der Alemannen endete auch weitgehend, nachdem eine gleichmässige Bevölkerungsdichte südlich und nördlich des Rheins wieder hergestellt war. Jene Alemannen, welche nach dem Jahr 500 einwanderten, waren also primär mit Weib und Kind bewaffnet und nicht mit Speeren. Diesem Umstand entsprechend mussten sich die Einwanderer ihre Siedlungsplätze dort suchen, wo es noch freien Platz gab. Die Wanderungszüge sind von Kläui & Schobinger im ZKB-Büchlein «Zürcher Ortsnamen» sehr schön grafisch dargestellt und zwar anhand der Ortsnamenendungen. Noch weiter gehende Forschungen zu den Alemannenzügen bis ins Welschland lieferte Prof. Dr. Paul Zinsli in seinem Buch «Ortsnamen», 1971, Huber Verlag.
Erste alemannische Siedler
Ein erster Siedlungsschub erfolgte in der Schweiz von 500 bis 600 (in Deutschland von 100 bis 600) und die meisten Orte, welche sie gründeten, trugen daher die Endung bzw. das Gattungswort -ingen, oft auch als -ingun geschrieben. Es sei dies am Beispiel von Andelfingen kurz dargelegt: Andelfingen war ursprünglich ein Hof und wurde «zi Andolfingun» genannt. Noch heute sagt man in der Mundart «z Andelfinge» Es bedeutete wortwörtlich «bei den Andolfingern» oder dem exakt beschreibenden Sinne nach «bei den bewehrten Höfen der Leute des Andolf». Da fragt sich mancher, was denn die Endung -ingen genau bedeutet. Das ist eine sehr interessante Frage und die OGS muss dazu ein bisschen ausholen.
Wir finden die Ortschaften mit dem Gattungswort -ingen im gesamten nördlichen, indogermanischen Raum und sogar noch ein bisschen darüber hinaus. Schaut man sich einmal eine skandinavische Landkarte an, so findet man dort zahlreiche -ingen-Orte, viele sogar in der unserem deutschschweizer Dialekt viel gewohnteren Form -inge. Das bedeutet, dass das Schluss-n offenbar etwas ist, das erst später dazu kam und in den nordischen Sprachen ebenso wie im Schweizerdeutschen in einem frühen Zustand erhalten geblieben zu sein scheint.
Man findet diese Formen auch in Nordostfrankreich, lautlich etwas der dortigen Sprache angepasst, als -ange. Auffällig auch hier das fehlende Schluss-n! Man findet es auch im Bayerischen als -ing, dort sogar noch mit e-Schwund! Man findet es auch im Holländischen als -ingen und -ongen geschrieben, in der dortigen Mundart aber meist nur -inge oder -onge ausgesprochen. Ausserdem findet man es auch in Norditalien und im Tessin, dort als -engo. Man wird rasch erkennen, dass es kein Zufall sein kann, dass das Endungs-n fast überall ausser in Deutschland fehlt. Sogar in Finnland, welches früher zu Schweden gehörte, finden sich ein paar Orte, welche mit -inka oder -inkää, abstammend vom schwedischen -inge (z.B. Hyvinge/Hyvinkää) enden. Selbst in Polen finden sich solche Orte (z.B. Cybinka). Es scheint sich somit um ein sehr altes Bestimmungswort zu handeln, welches man ganz ursprünglich einem Heimwesen oder Gehöft mitsamt allen Familienmitgliedern und dem gesamten Gesinde innerhalb der gleichen Wehrumzäunung gegeben hat.
Und das führt uns wieder zurück zu den uns viel näher vertrauten Kelten. Auch sie kannten nämlich diese Endung und benützten sie mit der gleichen Bedeutung. Bei den Kelten hiess die Endung latinisiert -inca und ursprünglich wohl -inka. Die Kelten benannten zumindest einen Teil ihrer Gehöfte, vor allem jene im offenen Kulturland, aber auch jene an Flüssen oder auf hochgelegen Ebenen nach dem Besitzer, die Endung aber bildeten sie aus -in, was soviel wie "zur Familie, Sippe oder zum Hof gehörend" bedeutete sowie mit einem nachfolgenden -ka, was "Befestigung, Umzäunung, Ort" hiess. Da die Germanen viele Gebiete der Kelten besiedelten und beherrschten, mit den Kelten in der Regal auch zusammen lebten, ging diese Art, die Höfe zu benennen, auch in die Gewohnheit der Germanen über. Das ist allerdings noch weitgehend unerforscht und es könnte auch sein, dass es je nach Gegend auch genau umgekehrt war. Dies würde aber an der exakten Bedeutung nichts ändern. Zu den keltischstämmigen Ortsnamen muss noch angefügt werden, dass die Kelten selber keine Ortsnamen hinterliessen, da sie die Schrift mieden. Darin waren sie aber nicht allein. Auch die Germanen haben erst viel später zu schreiben begonnen. Keltische Ortsnamen sind somit nur indirekt über Sprachnachbarn überliefert und müssen demzufolge rekonstruiert werden.
So entstand im Laufe der Zeit die gemeingermanische Ortsnamenendung -inge und später die hochdeutsche Form -ingen. Aus dem germanischen Vornamen Benno wurden die zur Sippe und zum Gesinde gehörenden Benninge, welche dann zu den Benningern wurden. Der Familienname Benninger bedeutete also ganz ursprünglich «der zum umzäunten Hofe der Sippe und der Leute des Benno Gehörende». Diese Bezeichnung war in grossen Teilen Europas üblich.
Mit dem vertieften Wissen um die exakte Bedeutung von -ingen werden mit einem Schlag auch bisher schwierig deutbare Ortsnamen über eine Herleitungskette möglicherweise verständlicher, wie etwa Höngg => Höngga => Hoinga => Hohinco => *Hohinca oder Heisch => Heische => Heinsche => Heinsca => *Haganinca oder Pfungen => Phungingen => Phunginga => *Phunginca oder Brünggen => Brüngga => Bruninga => Brunnica => *Bruninca. Sie könnten verstümmelte -ingen-Formen oder sogar keltische -inca-Formen sein. Die -ingen-Endung stellt also eine sehr alte Ausdrucksweise dar. Die Verbreitung dieser Ortsnamen ist nicht gleichmässig über das ganze germanische Siedlungsgebiet verteilt, sondern sie weist Konzentrationen auf, die bänderförmig ausstrahlen, was offensichtlich in indirekter Form die Wanderung der Germanenvölker darstellt.
Zurück zu den einwandernden Alemannen: Bei ihrer Landnahme auf dem Gebiet des bisherigen Helvetiens trafen sie auf bereits bestehende gallorömische Hofsiedlungen. Diese Orte lagen meistens in tieferen Lagen entlang der grösseren Fluss- und Bachläufe. In diesen Siedlungen lebten die seit 1000 Jahren ansässigen Kelten, welche sich seit der Zeitenwende und unter der römischen Oberherrschaft nach und nach zu Gallorömern gewandelt hatten, sodass die ersten alemannischen Siedler nicht mehr jeden beliebigen Flecken Land in Besitz nehmen konnten. Es galt daher, zum Teil auch höhere, noch zu rodende Lagen zu nutzen. Wenn hier von Orten die Rede ist, sind damit nicht Ortschaften gemeint, sondern Höfe mit Stallungen und zusätzliche Gebäude für das Gesinde.
Die alemannische Einwanderung ist nicht als eine Eroberung durch ein anderes Land zu verstehen, obwohl hinter diesen Leuten natürlich Burgunder- und Frankenfürste standen, die ihre Interessen wahrnahmen. Der Westen der Schweiz bildete dabei das Interessengebiet der Burgunder, der Osten jenes der Franken. Die in Helvetien einwandernden Siedler waren aber zum allergrössten Teil Alemannen.
Erste Ausbauphase und Gründung des Örliker Dörfli
In einer zweiten Phase von 600 bis 700 siedelten die landnehmenden Alemannen auf den noch frei gebliebenen Gebieten. Typische Ortsnamen dieser Phase endeten mit -inghofen, das sich später im Kanton Zürich und seinen Randgebieten zu -ikon verkürzte. Es gab auch noch einige andere, doch haben wir damit die für Örlikon wichtige Endung bereits erwähnt. Die Orte mit der Endung -ikon basieren gleich wie die -ingen-Orte ebenfalls auf dem Rufnamen des Hofgründers. In Örlikon war dies vermutlich ein gewisser Orilo. Der tatsächliche Zeitpunkt der Ortsgründung liegt naheliegenderweise vor der ersten urkundlichen Erwähnung.
Örlikon wird erstmals 946 erwähnt, doch ist der Fund dieses Dokumentes und das erwähnte Datum natürlich sehr zufällig. Örlikon nannte sich damals noch Orlinchova (sprich Orlingg-Hofa). Von anderen Orten mit diesem Gattungwort, die noch früher überliefert sind, kann man ableiten, dass Örlikon bei seiner Gründung um etwa 675 unverändert Orlinchova geheissen haben dürfte, was wortwörtlich und zugleich sinngemäss im Dativ übersetzt «dem Orilo und seinen Leuten ihre Höfe» oder etwas kürzer und geschliffener im Genitiv «Höfe der Leute des Orilo» bedeutet. Im einzelnen übersetzt bedeutet Orl = Name des Hofgründers, -inc = zur Sippe, Familie gehörend und -hova = dem Hof. Jetzt erkennen Sie auch, warum die OGS im vorangehenden Absatz die -ingen-Orte so eingehend erläutert hat.
Im Gegensatz zu den -ingen-Orten gehen die -inghofen oder gekürzt -ikon-Orte nur noch auf Höfe und nicht mehr auf befestigte Höfe zurück. Das ursprüngliche -ca, welches befestigter Hof bedeutete schwand zu einem -c und wurde Teil der Besitzanzeige, indem es zu -inc verschmolz. Nun wurde es nötig, den Hof, welcher früher in -ca enthalten war, nochmals zu erwähnen, also hängte man dem Orlinc noch ein hofen an. So entstand der Ortsname Orlinchova oder im Genitiv Orlinchovun. Diese Entwicklung führte dazu, dass das ursprünglich getrennte c mit dem nachfolgenden h zu einem ch verschmolz, aber nicht so ausgesprochen wurde. Man sagte nämlich Orlinc-hofen, welches dann zu Orlinkofen verschmolz. Das war also ein parallel verlaufender, aber genau umgekehrter Sprachentwicklungsprozess als jener, wo das germanische «k» sich zu einem allemannischen «ch» entwickelte. In der ersten Phase der Landnahme war aber auch das -ingen nur noch ein erstarrtes Wort, denn auch die -ingen-Orte waren zumindest in der Schweiz keine befestigten Höfe mehr, sondern begnügten sich mit einem Schutzzaun, der noch eine Restbefestigung markierte. Dieses zeigt, dass die Unterscheidung zwischen -ingen und -inghofen eine rein germanische Sprachentwicklung war, die bei der Einwanderung der Alemannen in die Schweiz bereits abgeschlossen gewesen sein dürfte.
Der vergessene Oharilo
Bei der Gelegenheit wäre darauf hinzuweisen, dass Reinhard Ochsner, Seebacher Primarlehrer, aus Örlikon stammend, Sohn des Reinhold Ochsners, Primarlehrer in Örlikon, am 1. Oktober 1916 am Lehrerseminar einen Vortrag hielt, dessen Originalschrift im Besitze des Ortsmuseums Seebach ist und dessen Titel lautete: Die Entwicklung meiner Heimatgemeinde. Dort schreibt Reinhard Ochsner auf Seite 2, dass Örlikon 942 erstmals urkundlich als Oharilinchovun erwähnt wurde. Er übersetzt den Ortsnamen mit «Hof des Ohariling, des Richters». Die OGS ist nicht in der Lage, diesen Hinweis zu werten. Sie erwähnt ihn einfach, damit diese noch frühere urkundliche Erwähnung Örlikons nicht wieder in Vergessenheit gerät. In den Seebacher Nachrichten Nr 7/1959 findet man den Hinweis, dass Örlikon schon 820 als Orlinchoca erwähnt wurde. Das «c» dürfte entweder ein Schreibfehler oder ein Lesefehler sein und müsste durch ein «v» ersetzt werden. Ferner findet sich in Pfarrer Julius Studers Buch «Schweizer Ortsnamen» von 1896 ebenfalls die Jahreszahl 942 mit dem Ortsnamen Orlinchova. Auch hier will die OGS keinen Kommentar abgeben. Es soll einfach darauf hingewiesen werden, dass es noch andere Quellen gibt als nur die von Kläui und Schobinger. Es war ihre Gewohnheit, dass sie die als unzuverlässig beurteilten Quellen ignorierten. Ob die drei obnannten dazu gehören, kann die OGS nicht beurteilen. Da sie bei Kläui und Schobinger aber fehlen, ist wohl davon auszugehen.
Orilo war nicht der Gründer Örlikons!
Jetzt gehts aber ans Eingemachte! Es ist nämlich festzustellen, dass nach dem Lesen des Obigen, der vielbemühte Orilo nicht der Gründer des Ortes Örlikon war, sondern «nur» der Namensgeber für den heutigen Ortsnamen. Denn wir wissen ja nicht, wie die Hallstätter Kelten ihrem Vorläuferort sagten und wir wissen auch nicht, wie die Römer diesen Ort nannten, sofern er denn einen Namen hatte und eben so wenig, wie er von den Gallorömern genannt wurde, bevor dann endlich der Orilo auftauchte. Er war aber immerhin der Begründer des Quartiers «Dörfli». Örlikon hat also 1'225 Jahre lang anders geheissen und wir wissen nicht einmal wie!!!
Da die Gründung Örlikons zur ersten Ausbauphase gehört, könnte es rein theoretisch schon um 600 gegründet worden sein. Die ältesten urkundlich festgehaltenen Orte im Kanton Zürich mit der Endung -ikon sind bis heute Berlikon, Effretikon, Mesikon und Riedikon, welche alle in der gleichen Urkunde erwähnt wurden, die mit 743 datiert ist, sodass nicht anzunehmen ist, dass Örlikon hier aus dem Rahmen fällt. Da diese Orte nicht bei Örlikon liegen, muss daher zuerst ein Abgleich mit Örlikons direkten Nachbarn gemacht werden.
Die meisten alemannischen Ortsgründungen um Örlikon weisen früheste Nennungen um 800+ auf, woraus als gemitteltes Datum der effektiven Gründung des alemannischen Örlikons frühestens etwa das Jahr 675 angenommen werden kann. Dies aber bezieht sich nicht auf den Ort selber, der ja viel älter ist, sondern auf die Entstehung des heutigen Ortsnamens, also der Gründung des Dörfli. Die alemannische Ortsgründung erfolgte erstaunlich nahe beim nach wie vor bewohnten, alten gallorömischen Dorf, welches bei der heutigen Regensbergstrasse auf der Halde lag. Während einer gewissen Zeit von vielleicht zwei bis drei Generationen dürfte Örlikon sogar zwei verschiedene Namen getragen haben, je nachdem, ob man vom gallorömischen oder vom alemannischen Örlikon sprach. In letzter Konsequenz war es während dieser Zeit auch zweisprachig, nämlich alemannisch und spätlateinisch (gallorömisch)!
Die ersten Häuser der Alemannen dürften im heutigen Dörfli entstanden sein. Die Kelten haben demzufolge die Heidegraben- und die Ligusterquelle als Frischwasserreservoir genutzt, während die Alemannen um den Örlikerbrunn siedelten. Beides waren Quellen, die sauberes Wasser lieferten, während die anderen Bäche bei stärkerem Regen verschmutzt waren. Es waren also die Quellen, welche die Lage der beiden Dorfteile mitbestimmtem, sowohl bei den Kelten wie bei den Alemannen.
Die Neusiedler lebten entsprechend der Standorte Halde und Dörfli nur etwa 500-600 m voneinander getrennt. Im Laufe der Zeit haben sich die beiden unterschiedlichen Volksgruppen aneinander gewöhnt. Das sollte vor allem für die Alemannen kein Problem gewesen sein, da sie es seit Jahrhunderten in Süddeutschland gewohnt waren, mit Kelten zusammen zu leben. Dass es so schnell ging, könnte auch dem Wirken des wahrscheinlich römischstämmigen Orilo zugeschrieben werden, der im gallorömischen Dorfteil vermutlich das Sagen hatte. Dass die Bezeichnung «Dörfli» bis heute überlebt hat, erklärt sich, dass dies möglicherweise der ursprüngliche Name des alemannischen Örlikons war, während Örlikon die Bezeichnung der alemannischen Dörfler für die gallorömische Siedlung war. Dieses namenmässige Doppelleben dauert etwas verdeckt bis heute an und jeder eingeborene Örliker kennt beide Ortsnamen, auch wenn sie heute eine etwas andere Bedeutung erlangt haben. Von der Christianisierung, die mittlerweile ebenfalls begann, wurden aber beide Völkerschaften gleichermassen betroffen. Dies könnte die gegenseitige Annäherung zusätzlich beschleunigt haben
Es interessiert nun sicher, wie der Name Dörfli entstanden ist. Das kam so: In einem ersten Schritt sei die Entstehung des Ortsnamens Dorf ganz allgemein erklärt:
Das dem Örliker Dorfli nächstgelegene «Dorf» war Dübendorf und hiess in seiner frühesten Form vermutlich *Tuobilinthoruf. Dass das althochdeutsche «thoruf» in unserer Gegend eine gängige Dorfbezeichnung war, erkennt man an zahlreichen Dorf-Orten, deren Endung in ländlichen Gegenden noch gerne «deref» genannt wird. Allerdings nur durch länger dort Wohnende. Neuzuzüger und auch Jüngere nehmen diese alte Form nicht mehr an. «Deref-Orte» haben sich nur dort erhalten, wo das Bestimmungswort zum Dorf einsilbig war, wie etwa in Schattdorf UR = Schatteref, Neudorf LU = Nüüderef, Hochdorf LU = Hooderef (daraus entstand durch Inversion das neuere Hofdere), Aadorf TG = Ooderef, Lustdorf TG = Lueschderef, Thundorf TG = Tuenderef, Neudorf bei Ürkheim AG = Nüüderef, Arisdorf BL = Aarschderef (daraus entstand das neuere Aarschdef), Urdorf ZH = Uuder(e)f und Dielsdorf ZH = Tielschder(e)f. Sogar im Tessin fand sich ein Beispiel: Gordevio = Gurdef! Dieser ist allerdings noch nicht eindeutig erforscht. So hatte Andres Kristol im «Lexikon der Schweizerischen Gemeindenamen» keine Kenntnis von den deutschen Exonymen Gurdef und Gerdorf! Noch weiter verschliffen sind Ober- und Unterrohrdorf AG = Rodlef oder Burgdorf BE = Burdlef. Es gibt keine Deref-Orte mit zweisilbigem Bestimmungswort mit einer Ausnahme: Fehraltorf ZH hiess im älteren Oberländer Dialekt Feeralteref (Idiotikon XIII, 1492). Das wird heute wegen der Einsilbenregel nicht mehr benützt, zeigt aber, dass früher wohl alle Dorf-Orte als «deref» ausgesprochen wurden und zur Gründungszeit auf dem althochdeutschen -thoruf fussten. Damit wäre nun geklärt, woher das Wort Dörfli stammt. Der zweite Teil der Geschichte folgt später.
Zweite Ausbauphase
In der zweiten Ausbauphase von 700 bis 800 hatte die alemannische Zuwanderung ihren Höhepunkt überschritten, doch entstanden nun viele vorgeschobene Hofsiedlungen, an welchen sich die nun immer mehr germanisierten Gallorömer ebenfalls beteiligten, was sie in der ersten Ausbauphase noch tunlichst vermieden. Sie bewohnten oftmals die von den Römern verlassenen Gutshöfe und Villen. Und sie waren schon mitten in der Assimilation. Neben vielen keltischen Substratwörtern fanden in dieser Phase auch lateinische Substratwörter Eingang in die Sprache der Alemannen. Dazu gehörte die Bezeichnung «Villa» für Landhaus und Gutshof, aus dem später -wil wurde.