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Löwendenkmal
Das Löwendenkmal verbindet das alte Luzern des Söldnerhandels mit dem neuen Luzern des Tourismus. Was dabei bisher kaum bemerkt wurde, ist deren postkoloniale Bedeutung.
Das Löwendenkmal ist das bekannteste Denkmal der Stadt Luzern und gemäss «tripadvisor» noch vor der Freddy-Mercury-Statue in Montreux das beliebteste Denkmal der Schweiz. 2021 ist es 200 Jahre alt geworden. Zu diesem Jubiläum wurde ein Sammelband publiziert mit dem Titel «In die Höhle des Löwen». Exemplarisch erklärt der Stadtpräsident darin: «Wir tragen dem Löwen Sorge, weil er Teil von uns Luzernerinnen und Luzernern ist». Es geht für die Stadt beim Löwendenkmal also nicht nur um einen Erinnerungsort, sondern auch um ein bedeutendes Stück Luzerner Identität. Diese Geschichte reicht über 200 Jahre zurück.
Söldnerwesen
Als Söldner werden Personen bezeichnet, die vertraglich und gegen (nur teilweise erfolgte) Bezahlung in fremden Diensten kämpfen. Der Einsatz von Schweizer Söldnern in europäischen Heeren war bis ins 19. Jahrhundert hinein weit verbreitet. Für einzelne Städte, wie beispielsweise Luzern, war Söldnerhandel das Kerngeschäft und Grundlage des Wohlstands. Trotz Verboten und Einschränkungen in der neuen Bundesverfassung von 1848 blieb der individuelle Solddienst bis 1927 erlaubt. So dienten Schweizer bis ins 20. Jahrhundert insbesondere in ausländischen Kolonialarmeen, wie der Fremdenlegion oder der niederländischen Kolonialarmee.
Luzern verdankt seinen Wohlstand zu grossen Teilen dem Krieg. Über Jahrhunderte lenkten wenige, reiche Familien, die sogenannten Patrizier, Wirtschaft und Politik der Stadt. Sie taten dies mit ihren Militärunternehmen, deren einträgliches Kerngeschäft der Söldnerhandel war. Zumeist arme, aus der ländlichen Unterschicht stammende Männer wurden rekrutiert und als Söldner in militärische Dienste geschickt. Oft hatten sie keine Alternativen oder wurden gar gezwungen. Die Bündnispartner der Luzerner Patrizierfamilien – allen voran Frankreich – waren aufgrund ihrer kolonialen Expansion auf Söldner angewiesen. Diese fremden Dienste konnten sie sich wiederum aufgrund ihrer einträglichen kolonialen Raubwirtschaft leisten. Darüber hinaus pflegten die Luzerner Patrizier ihr Netzwerk in die adligen Kreise Europas, um jenseits des Militärs einträglichen Handel zu aufzubauen. Umgekehrt nutzten sie den Reichtum dazu, ihre Zugehörigkeit zum Adel zur Schau zu stellen. Davon zeugen noch heute die imponierenden Patrizierhäuser der Alt- und Neustadt.
Im 18. Jahrhundert nahm das Luzerner Geschäft mit dem Krieg sein Ende. Nach einem schon länger andauernden Niedergang erlebte 1792 sein Aushängeschild, die «Schweizergarde» – die Leibwache der Königsfamilie Frankreichs –, eine entscheidende Niederlage. Beim sogenannten Tuileriensturm starben hunderte Luzerner Söldner im Kampf gegen französische Revolutionäre.
Karl Pfyffer von Altishofen – ein Sprössling der wichtigsten Luzerner Patrizierfamilie – nahm diesen Niedergang aber nicht spurlos hin. Zu Ehren der gefallenen Söldner, aber eigentlich zu Ehren des alten Glanzes der Patrizierfamilien wollte er ein monumentales Denkmal schaffen lassen. Pfyffer wollte damit auch ein Zeichen gegen die Bemühungen setzen, aus der Schweiz einen demokratischen Staat zu formen. Er rief «alle, die das Vaterland lieben», dazu auf, für das Denkmal zu spenden. Mit Erfolg.
Dass mit dem Löwen die Patrizier und der europäische Adel geehrt wurden, war nicht zu übersehen. Wolfgang Menzel, der die Eröffnung des Denkmals 1821 miterlebte, beobachtete «Greise in den altmodischen roten Uniformen der früheren Schweizergarde» und glaubte sich «an den Hof Marie Antoinettens versetzt».
Aufgrund seiner antidemokratischen Botschaft stand der Löwe sogleich in der Kritik. Viele hätten, wie der Historiker Hans-Ulrich Jost schreibt, «den Löwen am liebsten im See versenkt». Spätestens mit der Gründung des modernen Bundesstaats 1848 standen Luzern und der Löwe definitiv an einem Wendepunkt. Die Stadt musste sich neu erfinden und die fehlenden Einkünfte aus dem Söldnerhandel ersetzen. Mit dem Löwendenkmal, wie es Pfyffer haben wollte, war dies nicht zu schaffen.
Die Wende gelang aber, als die Stadt ein neues Kerngeschäft zu entwickeln begann: Tourismus. Als Tourismusstadt verkaufte Luzern keine Söldner mehr in fremde Dienste, sondern vermarktete ein Bild, das möglichst viele und möglichst zahlungskräftige Menschen anlocken soll. Als Zielgruppe nahm die Stadt deshalb das aufsteigende Bildungsbürgertum ins Visier. Dieses konnte sich zunehmend den Luxus leisten, Reisen zu unternehmen. Umgekehrt bot die Tourismusindustrie diesem Bürgertum einen speziellen Gewinn an. Nämlich die Gelegenheit, seinen Aufstieg aus der Bauern- und Arbeiterklasse zur Schau zu stellen. Es möchte den Beweis antreten, einer höheren, einer zivilisierten Gesellschaft zugehörig zu sein. Um die perfekte Kulisse dafür zu bieten, nutzte die Stadt Luzern die schöne Natur, die sie umgab, und den kulturellen Glanz ihrer alten Patrizierfamilien.
Zum Star des neuen Kerngeschäfts wurde das Löwendenkmal. An ihm gelang der Stadt ein Meisterstück an Marketing. Es gelang, Karl Pfyffers antidemokratische Botschaft soweit zu entpolitisieren, dass von ihr nur Nostalgie übrigblieb, also eine unbestimmte Sehnsucht nach alter Grösse. Das kam nicht von ungefähr. Nostalgie war im damaligen Bildungsbürgertum sehr in Mode. Besonders beliebt waren deshalb Reiseorte, wo man sie zu finden glaubte. Und der Löwe verfehlte diese Wirkung nicht. Schon Mark Twain, Autor der beliebten Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Demokrat und Kriegsgegner, erkannte kein antidemokratisches Kriegsdenkmal mehr. Er vermerkte nur: «Der Löwe von Luzern ist das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt». Luzern hätte sich keine bessere Werbung wünschen können.
Aber natürlich half die Stadt ihrem touristischen Glück auch sonst auf die Sprünge. Überall häuften sich die Beschreibungen der wunderbaren Natur Luzerns. Den imposanten Stil der Patrizierhäuser weiterführend, entstanden die ersten Grand Hotels. Und beim Löwendenkmal wurde mit dem Bau des Wasserbeckens und des englischen Gartens eine idyllische Atmosphäre hergestellt.
Das Löwendenkmal verbindet also das alte Luzern der Patrizier mit dem neuen Luzern des Tourismus. Die Vermarktung von Nostalgie war und ist ein Scharnier dafür. Karl Pfyffers antidemokratische Botschaft spielt keine Rolle mehr. Und doch führt der Löwe die Verehrung der Luzerner Familien, die sich direkt an Krieg und indirekt am Kolonialismus bereicherten, weiter. Es ist immer noch Patrizierreichtum, den der Löwe als Zeichen einer zivilisierten Gesellschaft zur Schau stellt.
Geändert hat sich bis heute nur, dass der Tourismusmarkt global wurde. Und auch die Stadt vermarktet den Löwen weltweit mit grossem Erfolg. Jährlich kommen knapp 1.5 Millionen Menschen aus aller Welt nach Luzern, um den Löwen zu sehen, Fotos mit ihm zu machen und Souvenirs zu kaufen.
Ob es die Stadt nun will oder nicht; indem sie den Löwen weltweit als Zeichen von Nostalgie und einer zivilisierten Gesellschaft vermarktet, führt sie unter anderem eine Erzählung weiter, die für die Rechtfertigung des Kolonialismus wichtig war. Nämlich, dass die europäische Geschichte, so brutal und kolonial sie ist, letztlich eine fortschrittliche Zivilisation hervorgebracht habe. Somit wird klar, warum das Löwendenkmal mehr ist als ein Erinnerungsort. Mit ihm dürfen wir Luzerner:innen uns zu einer weltweit beliebten und zivilisierten Gesellschaft zugehörig fühlen.
Quellen
Büro für Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen Luzern, In die Höhle des Löwen. 200 Jahre Löwendenkmal Luzern, pro libro, Luzern: 2021. Swissinfo, zul. abgerufen im Oktober 2023: https://www.swissinfo.ch/ger/kultur/warum-der-loewe-von-luzern-ein-umstrittenes-denkmal-ist/46798112 Philippe Henry, Philipp Krauer, Fremde Dienste, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), zul abgerufen im Oktober 2023: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008608/2023-10-31/