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SRF News: Wie ist die Stimmung unter den Apec-Staaten gegenüber Trump?
Manfred Rist: In diesem Jahr ist sie etwas speziell. Es ist das erste Mal, dass ein US-Präsident bei Handelsfragen in der Rolle des Bremsers geht. Die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsförderung Apec soll ja eigentlich den Handel fördern. Sie tritt für den Freihandel und den Abbau von Zöllen ein und das möglichst breit und praktisch weltumspannend.
Wie lebendig ist dieses Freihandelsabkommen ohne die USA noch?
Das ist die entscheidende Frage. Nachdem die USA ausgestiegen sind, ging man davon aus, dass das Abkommen tot ist und nicht mehr wiederbelebt werden kann. Hier zeigt sich jetzt aber ein etwas anderes Bild: Man bemüht sich, ein Freihandelsabkommen auch ohne die Vereinigten Staaten zusammenzustellen und hofft, dass die USA später aufspringen. Man ist noch nicht so weit und es gibt andere Länder, die bremsen und sich gewissermassen hinter den USA verstecken. Es laufen aber intensive Gespräche in diese Richtung.
China ist den asiatischen Ländern nicht nur geografisch viel näher als die USA, es hat nun auch das wirtschaftliche Instrumentarium zur Hand, um sie stärker an sich zu binden.
Ursprünglich wollten die USA die Staaten der Region stärker an sich binden. Nachdem Trump ausgestiegen ist, versucht China in die Bresche zu springen. Ist das erfolgsversprechend?
China hat im Moment zumindest einen Vorteil: Es spielt sich in Asien gerade als Fürsprecher des Freihandels auf. Es hat Initiativen lanciert, unter anderem eine eigene Freihandelszone, die sehr viele Länder einschliesst, die bisher bei transpazifischen Abkommen dabei waren. China ist den asiatischen Ländern nicht nur geografisch viel näher als die USA, es hat nun auch das wirtschaftliche Instrumentarium zu Hand, um sie stärker an sich zu binden. In Asien ist die Situation seit ein paar Jahren so, dass ohne China wirtschaftlich nichts geht. Es ist der dominierende Handelspartner für die meisten Länder in der Region.
Also entweder China oder die USA?
Das kann man so nicht sagen. Der Freihandel richtet sich nie gegen einzelne Länder. Er ist immer gross angelegt und soll möglichst viele Länder einschliessen. Diese Polarisierung trifft mit wenigen Ausnahmen nicht zu. Interessanterweise ist das Gastgeberland Vietnam ein Beispiel dafür. Vietnam will eine strategische Balance zwischen beiden Weltmächten anstreben. Das heisst zwischen dem grossen Nachbarn China, dem man ideologisch nahesteht, der aber auch gleichzeitig der Erzfeind ist, und den USA, einem ehemaligen Kriegsgegner, der heute in vielen politischen und militärischen Belangen Verbündeter ist.
Vietnam ist in der komfortablen Situation, mit beiden Grossmächten Beziehungen aufgebaut zu haben und diese zu pflegen.
Für Vietnam steht also viel auf dem Spiel?
Sehr viel. Vietnam ist als junges aufstrebendes Land auf offene Handelsbeziehungen angewiesen. Es fühlt sich gleichzeitig vom grossen Nachbarn China bedrängt – etwa im Südchinesischen Meer. Alleine ist es ein zu kleines Land, um eine glaubhafte Abwehrstrategie aufzubauen, deshalb braucht es Verbündete wie die Vereinigten Staaten. Das ist die spezielle Konstellation von Vietnam: Es ist in der komfortablen Situation, mit beiden Grossmächten Beziehungen aufgebaut zu haben und diese zu pflegen. Wegen seiner geografischen und wirtschaftlichen Nähe zu China ist es aber auch in einer speziell verwundbaren Situation. Es blickt deshalb nach Washington.
Das Gespräch führte Linda von Burg.
Manfred Rist
Manfred Rist ist Südostasien-Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung. Er besucht derzeit den Apec-Gipfel in Vietnam.