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London Kingsroad A-Verz.58, Foto: Doris Mademann
1994: Sie reicht mir ein Textfragment zur Übersetzung ins Schweizerdeutsche! Gesprochene Sprache, deren Schreibweise den Lauten allen Spielraum lässt: 'S QUADRAAT?!
"Form der Ordnung und Vollkommenheit"
Ein zweites Blatt listet die Arbeiten (1989-1994): Internationale Ortsnamen und Ein-Wort-Beschrei- bungen: [Raum], Landart, Cityart, Waterart. Die Arbeiten sind sorgfältig dokumentiert auf VIDEO, Dias, Fotos - hingegen die Originalquadrate existieren in der Regel nicht mehr. Die Dokumentation tritt an Stelle des Werks, das während der dokumentie-renden Zeitspanne (oder bis zum Abriss) für den flüchtigen Passanten sichtbar war.
Arbeit an der quadratischen Form
Schwarze Klebestreifen fassen die Rundung des geplättelten Bürgersteigs, einen aufgebrochenen, sandigen Boden und einige Teerflicken zusammen (Frankfurt am Main, 1994). Eingegrenztes Strassenstück. Ab und zu wird die Umgebung erfasst: Die Absperrung einer Baustelle, aufblitzende Hochbauten, Turmspitzen. Manchmal zirkeln Fussgänger haarscharf an der äussersten Ecke des Quadrats vorbei - ohne es zu betreten.
In der weiten Leere der Fabrikhalle spannt sich die 5x5 Meter Teerfläche auf dem ausgefegten Stück Betonboden (Düsseldorf, 1994). Der Blick betrachtet das gestreckte Trapez, zeigt Staub, ölig-sandige Verkrustungen, Fensterfronten im Gegenlicht und den öden, schattigen Raum. Entrückt sind die Geräusche eines Alltags.
Die Künstlerin reist
Belegt Orte ihrer Wahl mit einem Quadrat, definiert so ein Strassenstück, ein Wiesenstück, ein Erdstück, [ein Waldstück, ein Wasserstück], ein Wandstück, ein Raumstück. Sie eignet sich fremden oder öffentlichen Grund und Boden an, den sie markiert ohne Rücksicht auf Niveau-Unterschiede, Schmutz, Verkehr oder Wetter. Sie definiert in ihrer erreichbaren Umgebung ein Territorium, dessen Inbesitznahme temporär ist, sich flüchtig und oft unbemerkt vollzieht. Doris Mademann achtet auf die Spurlosigkeit ihres Handelns. Nur das Bild- und Tonmaterial weisen auf den Augenblick der Existenz der Quadrate hin.
Territoriale Aneignung und Aufgabe
Die existentielle Frage nach einem eigenen möglichen Lebensraum, dem Verhältnis von Besitz und Eigentum ist gestellt.
Materialisierte Projektionen innerer Territorien
Ihre Quadrate sind Abbild nicht-greifbarer, "immaterieller" Räume, widerspiegeln das Bedürfnis, über präzise und spielerisch veränderbare Raum-grenzen zu verfügen. Die transienten Arbeiten bilden den Übergang zwischen Innen und Aussen, zwischen Eigen und Fremd, zwischen Dasein und Erinnerung. Selbst das Video ist eine Aufnahme eines Nicht (-mehr)-Existenten, ein gestaltetes Rudiment einer unsichtbaren Erfahrung.
The Tongue of It, Le Prese / Lago di Poschiavo, 1999, Foto: Doris Mademann
The Tongue of It, Le Prese / Lago di Poschiavo, 1999, Foto: Doris Mademann
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