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«Leute wechselten die Strasse, wenn sie mich sahen»
Es war Anfang August vor drei Jahren. Wir hatten geplant, unsere Ferien auf einem Campingplatz in Frankreich zu verbringen. Dort wollte mein Mann sein Hobby ausüben, Segelfliegen, während ich mit den Kindern von dort aus Ausflüge geplant hatte. Peter, 53, war bereits mit den Kindern Lukas, 12, und Theresa, 10, nach Frankreich gefahren, da ich noch arbeiten musste und erst zwei Tage später nachkommen wollte.
Ich fuhr gerade im Auto, als ich einen Anruf aus Frankreich erhielt. Die Stimme am Telefon sagte mir, ich solle rechts ranfahren. Dann berichtete man mir, mein Mann sei mit seinem Segelflieger abgestürzt, zusammen mit einem der Kinder. Beide seien tot. Welches der Kinder mit meinem Mann geflogen sei, konnte er mir nicht sagen. Von da an war ich wie gelähmt, erlebte die folgenden Tage wie im Nebel, vollkommen unfähig, zu fühlen oder klar zu denken. Eine Freundin fuhr noch am gleichen Abend mit mir nach Frankreich.
Als ich am Campingplatz ankam, war es 5 Uhr in der Früh. Meine Tochter schlief im Camper. Damit war klar, dass mein Sohn im Flieger war. Ich kuschelte mich an Theresa, glücklich, dass sie noch lebte. Nach dem Frühstück berichtete ich ihr, was passiert war. Zu meiner Überraschung nahm sie die Nachricht relativ gelassen auf. Indes sagte man mir, dass ich nicht an die Absturzstelle dürfte. Und überhaupt würde es wohl Tage, wenn nicht Wochen dauern, bis die Leichname überführt würden. So reiste ich mit meiner Tochter wieder heim. Auf der Heimfahrt fragte mich Theresa, ob sie nun eine Katze haben dürfte, da Papa ja nicht mehr da sei. Peter war immer gegen Haustiere gewesen. Ich war fassungslos, dass Theresa so pragmatisch einen Vorteil für sich aus der Situation schlagen wollte. Erst später wurde mir klar, im Gespräch mit einer Psychologin, die mir half, alles zu verarbeiten, dass es ihre ganz persönliche Art war, mit dem Schmerz und dem Verlust umzugehen. In der Folge habe ich Theresa nie weinen sehen, an der Beerdigung nicht und auch danach nicht.
Die folgenden Tage war ich mit den Vorbereitungen für die Beerdigung abgelenkt. Ich vermied es, ins Dorf oder einkaufen zu gehen. Wo auch immer ich Menschen traf, ging man mir aus dem Weg. Manche wechselten gar die Strasse, wenn sie mich sahen. Am meisten schmerzten mich die mitleidigen Blicke. Die Leute wussten nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen -sollten. Es hätte mir bereits geholfen, wäre irgendeiner von ihnen auf mich zugegangen und hätte mich gefragt, ob er mir auf irgendeine Art und Weise helfen könnte. Aber das tat niemand. Die Monate danach waren ein Albtraum. Gott sei Dank hatte ich zwei Freundinnen, die mir während dieser Zeit zur Seite standen. Sie waren da, nahmen mich in den Arm, hörten zu, selbst wenn ich hundertmal das Gleiche erzählte. Ich funk-tionierte zwar Theresa zuliebe, ging -arbeiten, versuchte, mir vor ihr nichts anmerken zu lassen. Doch innerlich war ich in einem schwarzen Loch gefangen. In den Nächten fand ich keinen Schlaf, monatelang weinte ich durch. Ich haderte mit dem Schicksal und Gott, der mich offensichtlich verlassen hatte.
Immer, wenn ich dachte, es ginge mir eine Spur besser, das Leben würde leichter, kam ein Feiertag, Weihnachten oder der Geburtstag meines verstorbenen Sohnes. Danach stand ich wieder ganz am Anfang. Wäre meine Tochter nicht gewesen, die mir Halt gab, weiss ich nicht, was passiert wäre. Es dauerte zwei Jahre, bis ich mich etwas stabilisiert hatte, dank Sport, viel Bewegung in der Natur, Freunden und meiner Psychologin. Und vor einem halben Jahr hatte «der dort oben» ein Einsehen. Da passierte etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: -Einer dieser Männer, die ich traf, eroberte mein Herz. Er akzeptiert mich, wie ich bin, meine Vergangenheit, meine Ängste, meinen Schmerz über den Verlust, den ich für immer in mir spüren werde. Er trägt mich, gibt mir Halt. Und dafür bin ich «dem dort oben» dankbar.
Aufgezeichnet von Carmen Schirm-Gasser, 25.10.2021, Kirchenbote