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In nur einem Jahr entdeckten Historiker Belege für 250 Orte, an denen sechs oder mehr Menschen auf einmal umgebracht wurden. 6200 der Opfer waren Aborigines, weniger als 100 der Toten weisse Siedler, teilten die Forscher von der australischen Universität Newcastle mit.
Massaker an Aborigines wurden in der Regel von Jagdgruppen aus Soldaten, bewaffneten Siedlern oder berittenen Polizisten mit jeweils sechs bis 40 Männern durchgeführt. Die Täter kamen mit Schwertern, Pistolen, Bajonetten oder Gift. Die Aborigines hatten als Waffen nur Speere und Beile.
Die Massaker waren sehr weit verbreitet und es gab mehr von ihnen, als ich mir je vorgestellt hatte.
Es ist das nach eigenen Angaben erste gross angelegte australische Forschungsprojekt, das die Besiedlung des Kontinents im 18. und 19. Jahrhundert unter dem Gesichtspunkt von Kriegsverbrechen dokumentiert und als Karte aufbereitet. Die Vorfälle von 1788 bis in die 1930er Jahren sind mitsamt Quellen zugänglich.
Überwältigende Faktenlage
Selbst unter strengsten Ansprüchen an die Beweislage gebe es vermutlich noch einmal genauso viele weitere Tatorte, sagte Lyndall Ryan, Geschichtsprofessorin und Leiterin des Kartographieprojekts «Colonial Frontier Massacres Map, Link öffnet in einem neuen Fenster». Ihr eigene anfängliche Skepsis gegenüber Berichten von Massakern sei der überwältigenden Faktenlage gewichen.
Lyndall Ryan
Lyndall Ryan ist eine australische Historikerin. Sie ist derzeit Forschungsprofessorin am «Zentrum für Geschichte der Gewalt» am Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften an der Universität Newcastle.
Sie promovierte 1975 an der Macquarie University in Sydney mit dem Titel «Aborigines in Tasmanien, 1800-1974 und ihre Probleme mit den Europäern».
«Den meisten Australiern wurde beigebracht, dass die Besiedlung Australiens grösstenteils friedlich war», sagte Ryan. «Aber die Geschichte ist komplizierter, die Massaker waren sehr weit verbreitet und es gab mehr von ihnen, als ich mir je vorgestellt hatte.»
Ryan sagt, dass die Reaktionen der australischen Öffentlichkeit seit dem Start des Forschungsprojekts überwältigend gewesen sind. «Die Menschen haben dem Forschungsteam grosszügig angeboten, weitere Daten und Informationen über Vorfälle zu bestätigen, die noch nicht auf der Karte verzeichnet waren». Das hohe Mass an Interesse und Engagement zeige, dass die Menschen in den Regionen wirklich wissen wollen, was passiert ist.
Geschichte kaum aufgearbeitet
Bei der Ankunft der Europäer lebten die Aborigines schon seit wenigstens 40.000 Jahren in Australien. Doch erst 1993, mehr als 200 Jahre nach Ankunft der Briten in Australien, wurden die Ureinwohner des fünften Kontinents offiziell als ursprüngliche Bewohner anerkannt.
Der Staat hat die Geschichte der sogenannten Grenzkriege zwischen Siedlern und Ureinwohnern bislang kaum aufgearbeitet. Seit einigen Jahren steigt aber das Bewusstsein für das Unrecht, das Aborigines durch europäische Neuankömmlinge widerfahren ist.
Keine Perspektive
Viele Probleme sind aber immer noch ungelöst: Im Vergleich zu der Gesamtbevölkerung Australiens gehören die Ureinwohner zum ärmsten Teil der australischen Gesellschaft. Die Arbeitslosenquote der Aborigines ist mit 20 Prozent fast dreimal so hoch wie die der Durchschnittsbevölkerung. Sie haben eine geringere Bildung und ihre Lebenserwartung liegt im Durchschnitt zehn Jahre unter jener der weissen Bevölkerung.
Erklärt werden diese Unterschiede mit dem Verlust funktionierender sozialer Strukturen durch die Assimilationspolitik sowie dem generellen Mangel an Arbeit und Krankenversorgung in den ländlichen Gebieten.