Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03161.jsonl.gz/51

Das Schneeschuhkaninchen und das Wollschwanzkaninchen
Märchen aus Nordamerika, vom Stamm der Nez Percé
Schneeschuhkaninchen und Wollschwanzkaninchen waren Freunde. Sie lebten in einem kleinen
Wäldchen an einem Fluss, sie spielten miteinander und gingen gemeinsam auf Futtersuche. Eines Tages be schlossen sie fortzuziehen und sich ein neues Heim zu suchen. Schneeschuhkaninchen wollte nach Norden gehen, denn es hatte gehört, dass die Luft dort immer klar und rein sei. Wollschwanzkaninchen wollte nach Süden wandern, denn es hatte gehört, dass es dort immer warm sei.
"Wenn du im Süden bist", sagte das Schneeschuhkaninchen, "dann lass mich wissen, wie es dir dort
ergeht."
"Wenn du im Norden bist", sagte das Wollschwanzkaninchen, "dann lass mich wissen, wie es dir dort ge-
fällt. "
Sie nahmen voneinander Abschied und jeder zog seines Weges, der eine nach Norden, der andere nach Süden. Wie sie versprochen hatten, schickten sie einander Nachricht durch die Vögel, die im Frühling nach Norden fliegen und im Herbst nach Süden.
"Lieber Freund", so lautete die Botschaft des Schneeschuhkaninchens, "wie glücklich bin ich im Norden. Die Luft ist rein und klar. Nahrung gibt es mehr als genug, Föhrenknospen, Beeren und würzige Kräuter. Und nichts ist gemütlicher, als in der warmen Höhle zu schlafen, wenn es draußen stürmt und schneit. Schade, dass du nicht hier sein kannst! Im Schnee herumzutollen, das würde dir Spaß machen."
"Lieber Freund", so lautete die Botschaft des Wollschwanzkaninchens, "wie glücklich bin ich im Süden. Immerzu scheint die Sonne, immer ist es warm. Nahrung gibt es auch genug, saftige Kakteenfrüchte, Knollen und Wurzeln aller Art. Wie angenehm ist es, im Schatten zu liegen, wenn die Sonne heiß scheint. Schade, dass du nicht hier sein kannst! Im Sand herumzutollen, das würde dir gefallen."
Als das Schneeschuhkaninchen diese Nachricht hörte, bekam es Sehnsucht nach dem warmen Süden. Das Wollschwanzkaninchen aber bekam Sehnsucht nach dem kalten Norden. Bald waren sie überzeugt, dass jeweils der andere das bessere Heim gewählt hatte. So zogen sie wiederum fort. Das Schneeschuh kaninchen wanderte nach Süden, das Wollschwanzkaninchen wanderte nach Norden.
Mitten auf dem Weg, in dem kleinen Wäldchen am Fluss, trafen sie sich. "Oh, wie freue ich mich auf den Norden", sagte das Wollschwanzkaninchen.
"Oh, wie freue ich mich auf den Süden", sagte das Schneeschuhkaninchen.
Eine Zeit lang ging alles gut, jedes von beiden fand das neue Heim wunderbar. Das Schneeschuhkaninchen tollte im Sand umher, war froh, dass die Sonne schien und dass es nicht stürmte und schneite. Es fraß die saftigen Kakteenfrüchte und fand, dass sie viel besser schmeckten als Föhrenknospen. Das Wollschwanzkaninchen tollte im Schnee umher, war froh, dass es nicht heiß war, und erfreute sich an der klaren Luft. Es fraß Föhrenknospen und fand, dass sie viel besser schmeckten als die Kakteenfrüchte. Aber dann kam die Zeit der langen, langen Nächte. Eisige Stürme tobten über das Land. Das Wollschwanzkanin chen saß zitternd vor Kälte in seiner Höhle und sehnte sich nach dem Süden, nach Sonne und Wärme.
Im Süden erging es dem Schneeschuhkaninchen nicht besser. Die Sonne brannte vom Himmel, von Tag
zu Tag wurde es heißer. Die Luft flirrte in der Hitze. Sogar der Schatten bot keine Kühlung. Das Schnee schuhkaninchen begann sich nach dem Norden zu sehnen, nach der klaren, kalten Luft.
Endlich hielten es beide nicht mehr aus. Das Schnee schuhkaninchen wanderte nach Norden, das Woll schwanzkaninchen wanderte nach Süden. Mitten auf dem Weg, in dem kleinen Wäldchen am Fluss, trafen sie sich.
"Schnee und Kälte gefallen vielleicht dir", sagte das Wollschwanzkaninchen. "Für mich ist es nicht das Rich tige."
"Immer nur Sonne und wieder Sonne mag dir gefallen", sagte das Schneeschuhkaninchen. "Für mich ist es aber nicht das Richtige."
Als es im Norden angekommen war, sagte das Schneeschuhkaninchen zu sich: .Föhrenknospen schmecken doch am besten! Und immerzu Sonnenschein ist langweilig. Davon hat man bald genug."
“Kakteenfrüchte schmecken doch am allerbesten", sagte das Wollschwanzkaninchen zu sich, als es im Sü den angekommen war. "Wie angenehm ist es hier, wo die Sonne immer scheint und man nicht frieren muss."
Beide waren froh, wieder daheim zu sein. Manchmal aber, im Traum, spielte das Schneeschuhkaninchen im heißen Sand. Und manchmal, im Traum, tollte das Wollschwanzkaninchen im kalten Schnee umher. Es war schön, etwas zu haben, wovon man träumen konnte. Mit dem anderen zu tauschen, das wünschten sie sich aber niemals mehr.