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Es ist im Grunde eine wahnwitzige Idee, die Maurice Ravels Boléro, einem der Evergreens der Klassik, zugrunde liegt: der radikale Mut zur Wiederholung, ja eine richtiggehende Wiederholungswut. Immer wieder werden über demselben zweitaktigen Trommelrhythmus dieselben zwei Melodien wiederholt – insgesamt sechzehn Mal. Allerdings in immer neuer Instrumentierung und gestaltet als unaufhaltsam anschwellendes Crescendo, als viertelstündige Steigerungskurve von geradezu narkotisierender Sogwirkung.
Dmitri Schostakowitsch greift diese Idee im Kopfsatz seiner Siebten Sinfonie – dort, wo man die Durchführung erwarten würde – auf. Und macht doch etwas ganz anderes: Wo das unerbittliche Metrum der kleinen Trommel bei Ravel auf einen beschwingten Tanzrhythmus zurückgeht, inszeniert Schostakowitsch einen geradezu gewalttätigen Marsch. Wo Ravels mäandernde Melodielinien an spanische oder arabische Volksweisen gemahnen, zitiert Schostakowitsch den Operettenschlager Da geh’ ich zu Maxim. Und wo Ravel mit stupender Orchestrierungskunst immer neue Klangfarben abmischt, aus denen sich die einzelnen Instrumente oft kaum mehr heraushören lassen, setzt Schostakowitsch auf grelle Überzeichnung: Bei ihm kreischen die Holzbläser, brüllt das Blech. Kein Wunder, geht es in seiner Siebten doch um die musikalische Darstellung eines Infernos.
Begonnen hatte Schostakowitsch die Arbeit an der Sinfonie mitten im Zweiten Weltkrieg, unter Sirenengeheul und Geschützdonner. Genauer: im belagerten Leningrad. 900 Tage, vom September 1941 bis zum Januar 1944, dauerte die Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht. Mehr als eine Million Opfer forderte sie. Gegen seinen Willen wurde Schostakowitsch, wie viele andere Künstler, im Oktober 1941 aus Leningrad ausgeflogen und vollendete seine Siebte in Kuibyschew an der Wolga, wo sie am 5. März 1942 erstmals erklang. Doch auch im umkämpften Leningrad selbst gelangte das neue Werk wenige Monate später zur Aufführung – während die deutschen Truppen mit tausenden von Granaten beschossen wurden, zum Schutz der Musiker dieses improvisierten Konzerts, die man vielfach direkt von der Front abgezogen hatte.
Schon zeitgenössische Hörer haben die «Invasionsepisode» des Kopfsatzes deshalb auf das unerbittliche Vorrücken der deutschen Truppen bezogen. Und auch Schostakowitsch selbst bemerkte einmal: «Unausgelastete Kritiker werden mir den Vorwurf machen, dass ich den Boléro von Ravel nachahmen würde. Sollen sie mir den Vorwurf machen, so jedenfalls klingt in meinen Ohren der Krieg.» Als Kriegssinfonie und Fanal gegen das faschistische Deutschland wurde Schostakowitschs Leningrader Sinfonie auch im Ausland rezipiert. Per Mikrofilm gelangte die Partitur über Teheran und Kairo in die USA, wo Pultstars wie Eugene Ormandy, Leopold Stokowski, Serge Koussevitzky oder Artur Rodziński um die Ehre der US-Premiere konkurrierten. Den Zuschlag erhielt schliesslich Arturo Toscanini, dessen Aufführung der Rundfunk am 19. Juli 1942 landesweit ausstrahlte. In der nachfolgenden Spielzeit wurde die Leningrader Sinfonie auf dem amerikanischen Kontinent nicht weniger als zweiundsechzig Mal gespielt.
Kurz: Mit seiner Siebten avancierte Schostakowitsch zum wohl berühmtesten Komponisten der Welt. Und gerade dieser Erfolg wurde dem Werk nach Kriegsende zum Verhängnis. Denn was dem bourgeoisen Ausland gefallen hatte, konnte nicht der sowjetischen Kunstdoktrin entsprechen, befanden Stalins Kulturbeamte. Schostakowitsch selbst wiederum, so berichtet es Solomon Volkov in seinen umstrittenen Aufzeichnungen, soll seine Sinfonie später nicht nur auf Hitler, sondern auch auf den stalinistischen Terror bezogen haben: «Mit Gedanken an die Siebte beschäftigte ich mich schon vor dem Krieg. Sie war daher nicht das blosse Echo auf Hitlers Überfall. Das Thema ‹Invasion› hat nichts zu tun mit dem Angriff der Faschisten. Ich dachte an ganz andere Feinde der Menschheit, während ich dieses Thema komponierte.»
Auch Mariss Jansons versteht die Siebte nicht nur als Kriegs- und Siegessinfonie. In Hinsicht auf den Schlusssatz erklärt er: «Bei Schostakowitsch ist der Triumph immer ein zwiespältiger. Es ist nie ein glanzvoller Sieg. Und dieser Sieg – das habe ich immer gesagt – ist sehr heikel, er lässt sich nie affirmativ lesen. Es gibt in keiner seiner Sinfonien diese triumphale Wahrheit, kein echt siegreiches Finale, der Triumph erscheint uns immer gebrochen.» Am 20. März dirigiert Mariss Jansons die Leningrader Sinfonie zum Abschluss des Luzerner Oster-Festivals.
Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL