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Um 1920 wurde an Pfingsten in Einsiedeln von den Buben der «Pfingstgugger» geblasen und von den Mädchen die «Pfingstschelle» angeschlagen. Der Pfeifton erinnerte an den Kuckuck als Frühlingsbote, das Geläut ahmte die von den Wallfahrern mitgeführten Metallschellen nach. Mit dem Kirchenfest hatten die beiden Spielzeuge nichts zu tun.
Brauch und Sitte ist es eigen, dass sie sich verändern, aber auch verschwinden und später vielleicht wieder neu entdeckt und belebt werden. Ein Beispiel für denAbgang eines alten Brauches ist das «Pfingstguggern» und «Pfingstschellen », der in Einsiedeln um 1920 noch gepflegt wurde. In den letzten Jahrzehnten waren die beiden «tönernen Instrumente» jedoch nur noch Souvenirs oder Sammelgut.
Pfingstgugger als Spielzeug …
Immerhin ist der Pfingstgugger im Handbuch der europäischen Volksmusikinstrumente aufgeführt und beschrieben, dazu mit dem Hinweis, man schenke die Gefässpfeife ausschliesslich in Einsiedeln den Kindern als Spielzeug, vor allem an Pfingsten. Zudem sollen die Instrumente nach Geschlecht zugeteilt gewesen sein: Während die Buben den Pfingstgugger bliesen, schlugen die Mädchen die Pfingstschelle an. Mit dem Namen «Gugger» ist übrigens der Kuckuck gemeint und nicht etwa der «Guugger», wie heute die Mitglieder einer Katzen- oder Guuggenmusik genannt werden. Einige aufschlussreiche Hinweise zum «Gugger» überliefert uns Martin Gyr in seinen 1935 publizierten volkskundlichen Aufzeichnungen. Er berichtet, wie in Einsiedeln jeweils am Morgen des Pfingstsonntags die Hafner vor dem Rathaus einen Stand aufstellten und für je einen «Batzen» der Jugend «Gugger» und «Schälle» feilboten. Ferner vermerkt er dazu: «Gegen Mittag liessen sich überall im Dorf herum Gugger und Schellen hören. Die Gugger erzeugten zwei Töne, die mit dem natürlichen Rufe des befiederten Frühlingsboten genau übereinstimmten. » Daraus ist zu schliessen, dass das «Pfingstguggern» keinen religiösen Hintergrund hatte, sondern im freien Spiel eine Art Weckruf zum Wiedererwachen der Natur oder ein Willkommgruss gegenüber dem nahen Frühling war.
… und Volksmusikinstrument
Von den Musikethnologen wird der Pfingstgugger den Aerophonen zugewiesen, also den durch Lufteinwirkung zum Tönen gebrachten Musikinstrumenten. Exakt ist der Gugger eine «Spaltgefässflöte ohne Grifflöcher ». Beim «Pfingstkuckuck» handelt es sich denn auch um eine Gefässpfeife aus gebranntem Ton, wie sie übrigens in nahezu gleicher Form auch in Tschechien und Ungarn zu finden ist. Sie ist rund sechs Zentimeter hoch und hat eine etwa fünf Zentimeter breite, kreisrunde Grundfläche. Unten an der Wandung ist eine sogenannte «Kernspalte mit Aufschnitt» eingelassen. Am gegenüberliegenden Boden befindet sich ein kleines Loch mit einem Durchmesser von zirka einem Zentimeter. Die Volksmusikforscherin Brigitte Bachmann-Geiser hat 1981 das Blasen der Pfeife wie folgt beschrieben: «Beim Spiel mit dem Pfingstkuckuck wird die gerade Grundfläche an die Unterlippe gelegt, während sich die Oberlippe über die Spaltöffnung wölbt. Beim Anblasen wird der Luftstrom gegen die scharfe Kante des Aufschnitts gerichtet. Als Grundton erklingt ein obertonarmes, warmes und hohles ‹g›, beim Decken der unteren Öffnung mit dem Zeigefinger ertönt die Unterterz. Durch wechselndes Öffnen und Decken des einzigen Grifflochs lässt sich der Kuckucksruf naturgetreu nachahmen.»
Pfingstscheller als Nachahmer
Der Einsiedler Mönch Odilo Ringholz weist 1918/1919 in seinem Aufsatz über «Die Einsiedler Wallfahrts-Andenken einst und jetzt» darauf hin, dass die sogenannte «Pfingstschelle» noch vor zirka 50 Jahren (um 1870) hergestellt worden sei. Für ihn scheint das Glöcklein aus gebranntem Ton und dem mit einer Schnur befestigten Klöppel jedoch weniger ein Wallfahrtsandenken als vielmehr «ein Spielzeug für die Jugend gewesen zu sein», also sozusagen das Pendant zum Pfingstgugger. So sei ihm mündlich berichtet worden, die kleinen Glocken seien deshalb Pfingstschellen genannt worden, «weil die Schwyzer Kreuzgänge (= Wallfahrergruppen, Red.) am Pfingstmontag grosse Metallschellen mitführten, die auf dem Wege durch die Ortschaften und besonders beim Einzuge in Einsiedeln geläutet wurden, eine Sitte, die die Jugend gerne mit den tönernen Schellen nachgeahmt habe». Diese Erklärung wäre ein Beleg dafür, dass Sitte und Brauch oft auch Nachahme
Autor
Bote der Urschweiz
Kategorie
- Brauchtum / Feste
Publiziert am
Webcode
schwyzkultur.ch/JpnBCM