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Le-Corbusier-Juwel in Chandigarh unter Beschuss
Die Anlage um Chandigarhs Gerichts- und Parlamentsgebäudekomplex aus der Feder von Le Corbusier droht wegen eines Immobilienprojekts der Superlative ihr Gesicht zu verlieren.
Chandigarh, die Hauptstadt des Bundestaats Punjab, gehört zu den am schnellsten wachsenden indischen Städten. Die Metropole am Fuss der Siwaliks, der Vorberge des Himalaya, ist nach der Unabhängigkeit Indiens gegründet worden.
Im Laufe der vergangenen rund sechzig Jahre hat sich das von Le Corbusier geplante Chandigarh massiv verändert. Das Problem daran: Während sich die Stadt im Zentrum um den Erhalt des Erbes des Schweizer Architekten kümmern kann, fallen gewisse Randbereiche Chandigarhs unter die Zuständigkeit des Bundestaats. Hier breiten sich die Hochhäuser aus.
In den Augen Vikramāditya Prakāshs – des Gründers des Chandigarh Urban Lab und Professor an der Universität von Washington – droht die Handschrift Le Corbusiers zu verschwinden. Dies betrifft vor allem den Gebäudekomplex, in dem das Gericht und das Parlament untergebracht sind. Er befindet sich wie die übrigen Regierungsbauten auf einem künstlich aufgeschütteten Plateau im Norden der Stadt und ist von einer üppig begrünten Landschaft umgeben, die Le Corbusier in die Gestaltung der Anlage mit einbezogen hat.
Doch das könnte sich bald ändern: Die Tata Housing Development Company – sie zählt zu den grössten Immobilienunternehmen Indiens und ist Teil der Tata Gruppe – plant mit dem Projekt Tata Camelot eine Überbauung mit Wohnungen, Hotels und Geschäften, bestehend aus neunzehn Hochhäusern. Sie sind laut Vikramāditya Prakāsh alle zwischen zwölf und sechsundreissig Etagen hoch und werden Le Corbusiers Bauwerk „ruinieren“. Er sammelt deshalb Unterschriften gegen das Projekt auf moveon.org. „Die Beziehung zwischen den Gebäuden und der Landschaft sowie dem Himalaya ist ein integraler Bestandteil der Architektur des Komplexes“, schreibt Prakāsh auf der Website. Zwar argumentiere Tata Housing damit, dass die geplanten Türme umweltfreundlich seien. Doch Hochhäuser dieser Grösse würden in den natürlichen Lebensräumen der Umgebung schwerwiegende Schäden anrichten. Das gilt etwa für den unter Schutz stehenden, angrenzenden Wald und den ebenfalls daneben liegenden kleinen See.
Ball beim Bundesstaat?
Weil in den sechziger Jahren die Staatsgrenzen angepasst wurden, untersteht heute ein Teil des Gebiets um das Gerichtsgebäude nicht mehr den städtischen Behörden, sondern jenen des Bundestaats. Prakāsh wirft Tata Housing vor, mit dem Tata-Camelot-Projekt aus den „exorbitanten“ Immobilienpreisen Chandigarhs Profit zu schlagen. Zudem verweist er darauf, dass über hundert Parlamentsmitglieder Shareholder bei dem Camelot-Projekt sind.
„Chandighar war ein wichtiger Teil von Jarwahal Nehrus Vision des postkolonialen Indiens“, so Prakāsh . Sie ist eines der Wahrzeichzen des globalen Modernismus und der Gründung des modernen Indiens. „Die demokratischen Werte des indischen Staates und auch des Modernismus finden Ausdruck im Gerichts- und Parlamentsgebäudekomplex. Sie verdienen es, dass man sie schützt.“ (mai)