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1828-1912, Übergang von der Klus (Erstfeldertal) nach der Steinalp am Susten
Von Gustav Ott-Daeniker
1828—1912 ( Zürich ) ( Schluss ) Gegen N wurden der Vierwaldstättersee und der grösste Theil der ebenen Schweiz durch die lange Reihe der Schlossbergfelsen verdeckt. Hinter diesen ragt aber die rothe Pyramide des Urirothstockes heraus und macht einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Gegen SO, S und SW ist eine Bergaussicht, über aller Beschreibung gross und erhaben. Die beiden Windgellen, Scheerhorn, Klariden, Tödi sind deutlich zu unterscheiden. Weiter gegen S kamen dann die ferneren Urner- und zwischen diesen hindurch die Graubündtner-berge; doch war keine Zeit vorhanden, mich bis in die Details zu orientiren, und ich begnügte mich damit, die Namen der am Meisten in die Augen fallenden Berge zu bestimmen. Merkwürdig ist, dass wir in dieser Richtung einen Theil des grünen Urserenthalbodens sehen konnten, der doch scheinbar ganz von Bergen umgeben ist. Weiter gegen SW dominirte das Sustenhorn und bildete mit den sich unmittelbar daran reihenden Eispyramiden des Berneroberlandes, den eigentlichen Häuptern unserer Alpenwelt, den Glanzpunkt der Aussicht. Das Auge wird nicht satt, von einer Spitze zur andern zu wandern, und immer wieder trifft es bekannte Spitzen, eine Felswand oder Alpe, die es schon von einem andern Punkte aus gesehen. Nicht weniger grossartig als die Fernsicht waren die mächtigen Formen der uns zunächst umgebenden Ausläufer und Gletschermassen. Südlich lag tief unter uns ein mächtiger Gletscher und unmittelbar daran reiheten sich die wild zerklüfteten Felsen des Mäntliser, den wir vom Obersee aus hoch über unsern Köpfen gesehen hatten und dessen Spitze nun weit unter uns lag.
Der Ort, wo wir uns zuerst gelagert hatten, ist nicht die höchste Spitze des Krönlet, sondern diese erhebt sich etwas weiter gegen Osten in der Form von zwei senkrechten Felsthürmen, die, obgleich nicht hoch, unersteiglich schienen. Da sie einen Theil der Aussicht verbargen, stieg ich über loses Geröll einem andern Vorsprung zu, wo dieselbe nicht mehr verdeckt war, und hier überraschte mich der Anblick einer Gemse, die sich ganz in meiner Nähe aufgehalten hatte und nun wie die vorigen in schauerlichen Sprüngen der Tiefe zueilte. Wahrscheinlich war es dieselbe, die wir vorher auf der Spitze gesehen hatten. Ich rief meinen Begleitern zu, aber da die Entfernung zu gross war, um mein Wort zu verstehen, eilten sie schnell herbei in der Meinung, es sei mir etwas zugestossen, und kamen gerade noch früh genug, um die letzten Sprünge der Gemse zu sehen. „ Hier ", sagte Wipfli zu mir, „ sind schon Gemsjäger gewesen, aber wollt Ihr versuchen, ganz hinauf zu steigen, so werdet Ihr wahrscheinlich der Erste auf der Spitze des Krönlet gewesen sein. " „ Das Probiren kann Nichts schaden ", antwortete ich, und so stiegen wir in eine Kluft, die unsern Standpunkt von der Wand trennte, und von da wieder hinauf zu dem Einschnitte, der den Grat von dem einen Thurm schied. Hier war die schwierigste Stelle, die wir noch an diesem Tage angetroffen hatten, denn nach vorne fiel der Felsen senkrecht nach dem Gletscher ab. Hinten war der steile Weg, auf dem wir empor geklettert waren; rechts erhob sich der Fels senkrecht, links der schmale Grat, und dazu war der Raum so beschränkt, dass wir kaum stehen konnten. Auf diesem Plätzchen nahm W. Position, um Xaver auf seine Schultern zu nehmen; auf diesen stehend konnte derselbe mit den Händen einen Vorsprung ergreifen, an dem er sich hinaufziehen und dann festen Fuss fassen konnte. Nun kam an mich die Reihe, aber die Hülfe von oben erleichterte mir das Hinaufkommen bedeutend. Auf der Spitze, die wir nun nach wenigen Schritten erreicht hatten, blieben wir nur wenige Minuten, zufrieden damit, vielleicht die ersten gewesen zu sein, und stiegen nun wieder mit Hülfe des unten wartenden W. hinunter. Von hier gings nun halb laufend halb rutschend so schnell als möglich wieder nach der Stelle hinunter, wo unsere Sachen, einem schwarzen Punkte gleich, auf der weissen Ebene lagen.
Nicht sehr weit von hier am Rande des Abgrundes wurde mein Hund, den ich sehr unklugerweise mitgenommen hatte, plötzlich unruhig und sprang fort in die Klüfte, die neben uns sich in die Tiefe zogen, woraus wir schlossen, es müssten wieder Gemsen in der Nähe sein und schnell auf einen Vorsprung traten, wo wir mehrere dieser Thiere entdeckten, die wie die früheren in fürchterlichen Sprüngen von Absatz zu Absatz hinunter flohen, einen Augenblick verschwindend, um im nächsten wieder viel tiefer unten zu erscheinen. Wir sahen anfangs nur, dass es mehrere waren, bis bald die erste auf dem weissen Gletscher anlangte, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte, eine fünfte und eine sechste, um von hier, eine hinter der andern, in scharfem Trabe quer über den Gletscher den südwestlich denselben begrenzenden Felsen zuzueilen. Mehreremale blieben sie plötzlich stehen, als wollten sie sich besinnen, welchen Weg sie einschlagen wollten, aber nur einen Augenblick, um dann schneller als vorher ihren Lauf fortzusetzen. So freudig als unerwartet war uns diese Erscheinung, und der Weg über den Gletscher war lang genug, dass wir das Fernrohr zur Hand nehmen und uns die gelenkigen Thiere näher betrachten konnten; es schien eine Familie zu sein, denn eines oder zwei waren noch junge Gizi. Nicht lange dauerte es, so hatten sie die Felswände erreicht und waren nun auf dem dunkeln Grunde derselben nicht mehr sichtbar. Noch lange blieben sie der Hauptgegenstand unseres Gesprächs, denn der einförmige Weg über das Firnplateau der Einsattlung zwischen den Spannörtern zu hat wenig bemerkenswerthes. Diese sechs Gemsen waren ohne Zweifel von meinem Rattenfänger „ Chasseur " aufgejagt worden, der nun wirklich seinem Namen Ehre gemacht hatte. Diese Jagd hatte ihn aber in eine so sinnlose Aufregung gebracht, dass er, kaum wieder erschienen, schon wieder fort war, ohne dass wir wussten wohin. Gross war aber unser Erstaunen, als wir seine Fußstapfen vor uns sahen, dieselbe Richtung verfolgend, die wir innehielten, ohne von ihm selbst auf der ganzen weiten Fläche das geringste zu sehen. Geraume Zeit verfolgten wir diese, bis sie plötzlich nach rechts bogen, wo wir sie verliessen. Rufen und Pfeifen blieben erfolglos und so gingen wir lange weiter, ohne etwas von ihm zu sehen oder zu hören. Die ganze Umgebung blieb fortwährend die gleiche, und wie in der Sandwüste zeigte uns Nichts an, dass wir vorwärts kamen. Gegen rechts dachte sich der Gletscher langsam ab; dort zeigte er wenige, langgedehnte Spalten, die aber grossentheils mit Schnee gefüllt waren; weiter unten wurden diese häufiger und an der äussersten Wölbung, die wir sehen konnten, waren schon fortgesetzte Zerklüftungen; aus diesen erhoben sich mehrere Felsen mit schwachem Rasen bekleidet, und auf einem derselben entdeckte Xaver zwei Thiere, die wir natürlich für Gemsen hielten, die aber so weit entfernt waren, dass es nicht möglich war, sie wirklich als solche zu erkennen. Wir blieben stehen und nahmen das Fernrohr, mit welchem wir zu unserm grossen Erstaunen Chasseur erkannten, der eine Gemse verfolgte, was mir gar nicht angenehm war, denn ich hielt es für ein Wunder, dass er dahin hatte gelangen können, ohne in einen Schrund zu fallen und dass er den Weg zurück zu uns würde finden können, schien mir vollends unmöglich, da Gletscherstufen dazwischen lagen, über die er wohl hinunter, aber nicht wieder heraufspringen konnte. Wir verfolgten übrigens für einmal unsern Weg, da wir die ganze Fläche fortwährend übersahen, aber der Gedanke, meinen Hund verlieren zu müssen, war mir ein sehr unerfreulicher. Wieder hielten wir an und pfiffen; aber Toden-stille folgte jedesmal darauf und Hund und Gemse waren nun verschwunden. Endlich näherten wir uns der Einsattlung, und kurz bevor wir diese erreichten, erschien zu unser Aller Freude Chasseur am Rande der nächsten Eisstufe und gelangte von dort, einen Schrund nach dem andern überspringend, kurz darauf zu uns, auf alle mögliche Arten seine Freude bezeugend, uns wieder gefunden zu haben. Diese Expedition hatte aber seinen Muth gekühlt, denn nun trottete er ruhig hinter uns her, ohne irgend einen Abstecher mehr zu machen. Er war wohl drei Viertelstunden lang fortgewesen, denn wir brauchten eine Stunde von dem Orte aus, wo wir die sechs Gemsen gesehen hatten, bis an die Einsattlung, und fast die ganze Zeit hatte er auf seiner wenigstens doppelt so langen und für einen Menschen nahezu unmöglichen Tour zugebracht. Dass der Weg von der Spitze des Krönlet bis zwischen die Spannörter, wo wir nun waren, ein für die kurze Zeit ziemlich langer ist, kann man daraus abnehmen, dass man von Zürich aus den Krönlet links von dem breiten Rücken des Urirothstockes sieht, die Spannörter dagegen rechts davon. Das grosse Spannort besteht aus thurmähnlichen Felsen, welche fast überall senkrecht in den Firn abfallen und deren höchste Spitze, vom Erstfelderthale verkürzt gesehen, Nichts weniger als grossartig aussieht. Hier wächst der übrigens noch nie bestiegene Felsen zu einer mächtigen Masse heran und nur gegen Süden dachte sich diese in einem Winkel von 45 ° ab. Wipfli, den ich befragte, ob er es für möglich halte, hinaufzukommen, bejahete meine Frage; doch möchte dieses Unternehmen nicht ganz leicht sein. Leitern und dergleichen ausserordentliche Hülfsmittel hatte er natürlicherweise nicht im Auge, denn abgesehen davon, dass bei ganz unbegränzten Geldmitteln fast das unmögliche möglich werden kann, ist ihm wohl nie eingefallen, eine Leiter auf diese Höhe zu tragen. Wieviel man erreichen kann, wenn einem die nöthigen Mittel zu Gebote stehen, beweist schon die so häufige Besteigung des Montblanc, wo der bequemste Weg längst gefunden ist, wo man eine ganze Anzahl von Führern nicht nur nehmen kann, sondern sogar nehmen muss, wo eine Hütte für das Nachtquartier gebaut ist, wo ein für allemal eine Leiter sich an einer Stelle befindet, wo eine solche nöthig wird u. s. w. Dafür sind aber auch alljährlich Engländer da, die an die Fr. 1000 für eine Besteigung bezahlen.
Herr Hoffmann aus Basel, dessen einfach wahre und lebendige „ Gletscherwanderungen " jeder Freund der Alpenwelt kennt, ist mehrmals in die Klus gekommen, um das grosse Spannort zu ersteigen, aber allemal war ihm das Wetter ungünstig.
Es ist bekannt, dass die Gemsen auf den Gletschern ihre betretenen Wege haben, und der feine Instinkt dieser Thiere lässt sie immer die sichersten Übergänge über die Schneebrücken finden, die die Spalten überwölben; ein solcher Gemsweg ist daher dem Wanderer in diesen Regionen sehr erwünscht, und er verlässt ihn nicht, so lange derselbe in der von ihm verfolgten Richtung liegt. Auf einem solchen waren auch wir während der letzten halben Stunde gegangen, und nur kurz ehe wir die Höhe des Sattels zwischen dem rechts sich erhebenden grossen und dem gegenüberliegenden kleinen Spannorte erreichten, bog er seitwärts ab. Dieser Engpass ist durch den zusammengedrängten Firn ausgefüllt, und sanft ansteigend gelangten wir auf dessen Höhe, wo sich eine ganz neue, überraschende Aussicht vor uns aufthat. Unbeschränkt tauchte der Blick in die Tiefe des Engelbergerthals, das sich mit seinem Kloster und seinen grünen Alpen unter uns ausbreitete. Es ist ein eigenes Gefühl, einen bekannten Ort so plötzlich von einer solchen Höhe aus zu sehen, und ganz geeignet, die fürchterliche Einsamkeit der nächsten Umgebung recht deutlich vor die Augen zu führen. Die Aussicht vom Krönlet athmete nur Licht und Freude, die letzte Stunde war das gleichförmige Einerlei der Sandwüste, aber jetzt hatten wir eine weite schöne Aussicht nach NO, verbunden mit einer Umgebung, die an schauerlicher Wildheit alles bisherige übertraf. Lange hatte mein Auge auf der theils freundlichen, theils grossartig erhabenen Fernsicht geruht; fiel es aber dann wieder auf die nächste Umgebung, so kam mich fast ein Grauen an. Kaum dreissig Schritte links erhoben sich die schwarzen, senkrechten Wände aus dem Firn, welcher nach vorn sich steil nach einem tiefer unten liegenden absenkte. Etwa hundert Schritte rechts, aber bedeutend tiefer, stieg der andere Felsen in die Luft, und währenddem die Eisfläche für uns bis dahin nichts Drohendes geboten hatte, so waren wir hier am Rande mächtiger, breiter, gleichförmiger Schründe, die von einem Felsen zum andern gingen und uns den Weg abzuschneiden droheten. Ich hatte gehofft, der Firn würde sich wie bis dahin flach um das kleine Spannort herumziehen; aber anstatt dessen öffneten sich mächtige Spalten, und jenseits derselben zog sich der Gletscher in schauerlichen Abfällen in die Tiefe und links in weitem Bogen an den senkrechten Felsen hin dem Grassen zu, ähnlich dem innern halben Kreise einer mächtigen Arena, überall in einen Winkel von wenigstens 45° abfallend. Über diesen Firnabhang, der glücklicherweise weiter keine Schründe zeigte, war der einzige mögliche Weg, und so ist es ganz natürlich, dass uns die schöne Aussicht durch den trostlosen Anblick des zunächst vor uns liegenden getrübt wurde. Eh ich weiter gehe, muss ich doch erwähnen, was mir von dieser noch hauptsächlich im Gedächtniss geblieben ist; es sind dieses die wilden Firnen, die sich theils um die Felsen des Grassen herum, theils über sie hinweg, oft als weite, sanft gewölbte Flächen, oft als zerklüftete Gletscher bis nach dem Titlis zogen, der die letzte Coulisse dieses Bergtheaters bildete.
Ich selbst hatte nicht die nöthige Erfahrung, um mir über den Grad der Gangbarkeit des vor uns liegenden Terrains eine ganz richtige Meinung bilden zu können und desshalb wurde mir Wipflis auf lange Übung gegründete Sicherheit, die sich besonders an diesem Punkt wieder glänzend bewährte, neuerdings sehr schätzbar. Ein Stich mit dem Stocke in den Schnee genügte, um ihn von der Tragfähigkeit der die ersten Spalten überwölbenden Brücken zu überzeugen, und sicher überschritten wir sie einer nach dem andern; dann kam eine, die zu schwach war, und wir mussten das Seil nehmen und jeder einen tüchtigen Sprung thun; nur eine wenige Fuss dicke Scheidewand trennte diese Spalte von einer weiteren, die nur an einem Orte eine schmale Schneebrücke hatte, welche aber fest genug war, dass wir sie, natürlich immer das Seil in der Hand, überschreiten konnten, indem wir neben uns in den bodenlosen blaugrünen Schlund sahen. Dieses war der letzte Schrund, und nun standen wir an den steilen Abfällen, die man von Engelberg aus deutlich sieht. Die Oberfläche war glücklicherweise so weich, dass Wipfli tüchtige Fußstapfen machen konnte, in die wir regelmässig eintraten. Wäre, wie dieses auf der Nordseite zuweilen im höchsten Sommer vorkommt, der das Eis bedeckende Schnee festgefroren gewesen, so wäre hier, nur mit dem Beil in der Hand, ein ausserordentlich langsames und gefährliches Vorschreiten möglich gewesen, so aber fanden Füsse und Stöcke sicheren Halt, und bald hatten wir uns an den Blick in die Tiefe gewöhnt und erreichten nach etwa vierzig Minuten das neue Plateau, das von dem Kleinen Spannorte nach dem Grassen sich zieht. Auf diesem, das nun in weitem Bogen sich in die Höhe zog, stiegen wir ein Stück weit hinan, um dann die lang ersehnte Mittagsruhe mitten auf der weissen Fläche zu halten; es war schon nach ein Uhr; aber früher wäre nicht daran zu denken gewesen, und zwischen den Spannörtern hatte der vor uns liegende Weg uns zu sehr beschäftigt, als dass uns der Sinn daran gekommen wäre. Nun hatten wir ihn hinter uns und konnten uns unbesorgt der stärkenden Ruhe hingeben. Der Kautschuck wurde auf den Boden ausgebreitet, und wir setzten uns auf denselben, so nahe als möglich zusammen, um uns gegenseitig zu erwärmen und alle darauf Platz zu haben. Schnell waren Salami und Wein ausgepackt, und behaglich stillten wir unsern Hunger und Durst. Der gute Piemonteser schmeckte uns wie wohl selten der Wein schmeckt; diesen Genuss kennt nur, wer in der Eisregion gedürstet und Wein getrunken hat. Neues Leben, neuen Muth und neue Wärme trinkt man mit jedem Schlucke, und ist der Wein eine wahre Wohlthat für den Menschen, so ist er es gewiss hier. Dem Chasseur war längst aller Muthwille vergangen, und den letzten Theil des Weges war er zitternd vor Kälte uns gefolgt; nun war sein erstes, sich zwischen uns herein-zudrängen, und wirklich stellten ihn Wärme und Nahrung in kurzer Zeit wieder völlig her. Für uns hingegen fiel die ersehnte Mittagsruhe weder so lang noch so freundlich aus, als ich gehofft hatte, denn kaum hatten wir den letzten Bissen heruntergeschluckt, so wurde auch die Kälte unausstehlich; vor dieser schützte uns der Kautschuck nicht, obwohl er keine Nässe durch-liess, und zudem war unsere Fussbekleidung ganz mit Schneewasser getränkt. Es blieb also nichts übrig, als baldigst wieder aufzubrechen. Schnell löste sich der schwarze Knäuel auf der weissen Fläche, der sich aus der Ferne wohl sonderbar mochte ausgenommen haben, und bald schritten wir wieder einer hinter dem andern in südwestlicher Richtung das Firnplateau überschreitend den ersten Felsen des Grassen zu, wo wir sicher hofften, einen unbeschränkten Blick nach S und SW zu haben und zugleich auch den weiter einzuschlagenden Weg zu übersehen. Der Marsch über den Firn war ohne Interesse, grosse Schründe waren vorhanden, aber so mit Schnee gefüllt, dass sie uns nicht auffielen; hingegen hatte sich ein leiser, aber gleichmässig über den Gletscher ziehender Föhn erhoben, der am Ende etwas unangenehm wurde. Unsre Gedanken waren nun ganz auf den Grat gerichtet, dem wir zusteuerten, denn was wir hier zu sehen hofften, sollte entscheiden, ob es wirklich möglich sei, den Susten zu erreichen und wie sich der weitere Weg gestalten würde. Die erste Hälfte unseres Unternehmens war geglückt; wie wird sich nun die zweite gestalten? fragte ich mich, und obgleich voller Hoffnung musste ich mir doch gestehen, dass sie weit schwieriger werden würde, da wir uns auf gänzlich unbekanntem Terrain befanden und darauf angewiesen waren, unsern Weg selbst zu suchen. Zudem hatten wir auch vor uns, von dem Gletscher wieder auf den festen Boden zu kommen, und dieses ist in vielen Fällen keine leichte Sache; denn wo der erstere dem letztern die Herrschaft streitig macht, geschieht es nur mit Einbüssung der glatten Oberfläche, welche eine Unzahl von Schründen und Rissen erhält.
Fast eben fortgehend gelangten wir bald an die ersehnten Felsen, welche, wie wir gehofft, eine Kante bildeten, hinter welcher sich Felsen und Schneeabhänge steil gegen S auf eine viel tiefer liegende Gletscherstufe absenkten, die über dem Meyenthale liegt und die wir nun zum erstenmale sahen. Der Sustenpasshöhe und dem Zickzackwege, welche wir deutlich sahen, waren wir allerdings näher gekommen, aber doch lagen sie noch sehr weit, und ich muss gestehen, dass bei der vorgerückten Zeit schon einige Zweifel in mir aufstiegen, den jenseits davon gelegenen Stein noch denselben Tag zu erreichen. Vor uns thronten nun die jenseitigen Berge des Meyenthals; aber rechts zog sich ein bedenklicher Ausläufer vom Grassen in dasselbe hinunter, überall als senkrechte Wand abfallend und nur an einer Stelle einen Übergang bietend; unmittelbar über dessen unterm Theil sahen wir den viel weiter entfernten Susten; aber was dazwischen lag, das wussten wir nicht und waren somit getäuscht in der Hoffnung, die wir gehegt hatten, von hier aus den ganzen Weg dahin zu übersehen. Nun waren zwei Dinge, die wir thun konnten, um zu unserm Ziele zu gelangen, entweder besagten Übergang zu versuchen, um von dort über die höchsten Alpenabhänge, die wir dahinter vermutheten, nach der Passhöhe niederzusteigen oder dann rechts vom Grassen einstweilen die Richtung nach dem Titlis auf dem Firnplateau einzuhalten, um dann über den Uraths- oder den Wendengletscher nach der Passhöhe oder direkt ÜBERGANG VON DER KLUS NACH DER STEINALP AM SUSTEN nach dem Stein zu gelangen. In dieser Richtung aber wartete ein Gletscherchaos auf uns, das Wipfli selbst mit misstrauischen Augen ansah, einerseits wegen der Wahrscheinlichkeit, uns einem zeitraubenden Rückzug auszusetzen und anderseits, weil auch im glücklichen Falle der Schwierigkeiten soviele waren, dass wir kaum hoffen konnten, den festen Boden vor Nacht zu erreichen. Der einzig mögliche dritte Weg bestand darin, nach S auf den Gletscher niederzusteigen und von da nach dem Meyenthal hinunter zu gehen; aber damit hätten wir unsern Grundplan aufgegeben, und dieses wollten wir ohne absolute Nothwendigkeit nicht thun. Somit wurde beschlossen, den vom Grassen nach S auslaufenden felsigen Grat an der gangbaren Stelle zu überschreiten in der Hoffnung, wenigstens dort einen deutlichen Überblick über das Terrain gegen den Susten hin zu haben. Dieses zu erreichen, mussten wir zuerst auf den tieferen Gletscher niedersteigen; denn erst von dort war jene Stelle zu erreichen. Die Schneeflächen, die dazu hinabführten, waren aber so steil, dass wir mit der grössten Vorsicht rutschen mussten, um nicht in eine unfreiwillige Geschwindigkeit zu kommen, aus welcher einen nichts mehr retten kann, wenn nicht der Abhang selbst weniger steil wird und die starke Bewegung dadurch von selbst aufhört. Solche Schneeabhänge waren uns am heutigen Tage noch nicht vorgekommen, und anstatt, wie man sonst so gerne thut, so schnell als möglich hinunter zu gleiten, mussten wir unsre ganze Kraft anwenden, um mit der krazenden Spitze des Stockes soviel als möglich aufzuhalten. Sind keinerlei Hindernisse da und läuft der Abhang unten aus, so kann man wohl ohne Gefahr sich rutschen lassen, ist hingegen dieser überall gleich steil, so hat man, einmal ins unwillkührliche Rutschen gekommen — wenn auch immer noch auf den Füssen stehend — doch alle Gewalt über seinen Körper verloren, und die grösste Anstrengung vermag dann der Blitzesschnelle nicht den geringsten Einhalt mehr zu thun. Das Schlimmste ist, wenn dann unten Sprünge, Abstürze oder Felsen kommen, denen man unaufhaltsam zufährt; bei den ersteren wäre Rettung kaum denkbar und bei den letzteren nur dann, wenn man den Oberkörper im Momente des Anprallens so zurücklegen kann, dass die Füsse den Stoss auffangen und derselbe durch die Elastizität des Körpers selbst nur geschwächt die obern Theile desselben erreicht. Vor Allem hat man sich auf steilen Abhängen davor in Acht zu nehmen, nicht in die sitzende Stellung zu kommen, denn nicht nur halten die bei stehender Stellung durch die Schwere des Körpers sich eingrabenden Füsse den Lauf auf, was natürlich beim Sitzen aufhören muss; sondern dieselbe Schwere, die auf den hinten als Hemmschuh wirkenden Stock drückt, geht verloren und man kommt in eine Schlittenfahrt, bei welcher keine Rettung ist, wenn eben nicht die Fläche unten ausläuft. Glücklich kann sich auf einer solchen Fahrt derjenige schätzen, der, wie vor zwei Jahren ein Engländer am Titlis, nur seine Beinkleider einbüssen muss.
Wir kamen ohne Unfall auf den Gletscher; aber zahlreiche Schründe versperrten uns hier den Weg nach der gangbaren Stelle am Felsgrat; wir mussten daher mehr gegen S einen andern Ausweg suchen, und dieser war nur mit Mühe zu finden. An den südlichen Abhängen der Berge reichen be- kanntlich Schnee und Gletscher viel weniger weit hinunter als auf der Nordseite, und so war auch dieser Gletscher ein hoch über die Felswand abgebrochener. Wo wir standen, war er flach; gleich einer Terasse, senkte sich aber dann nach zwei Seiten im Bogen ab, das glatte Eis zeigend und Schründe bildend. Ich hatte keine Fusseisen, sondern nur Schuhe mit grossen, scharfkantigen Nägelköpfen, aber hier wurde mir dieser Mangel recht empfindlich, denn wo meine Gefährten noch mit ziemlicher Sicherheit auftraten, mussten für mich mit den eisernen Spitzen der Stöcke Stufen eingeschlagen werden. Doch auch dieser Ausweg wurde gefunden, und bald standen wir wieder auf dem festen Fels, um fast unter den abhängenden Eismauern durch den felsigen Grat zu erreichen. Theils wieder über Schneerutsche, theils förmlich über den Felsen kletternd, mussten wir wieder weit steigen, bis wir endlich jenen Einschnitt bezwungen hatten, und erwartungsvoll betraten wir dessen letzte Kante, denn hier mussten sich alle Zweifel lösen und der Weg nach dem Susten unbedeckt vor uns liegen.
Doch der Susten war uns das letztemal noch in so weiter Ferne erschienen und trotz des langen Weges konnten wir demselben nur so wenig näher gekommen sein, dass ich eine geheime Ahnung hatte, es stehe uns eine neue Täuschung bevor, und so war es auch. Statt der sanften Abhänge, auf denen, quer darüberschreitend, wir uns in gerader Linie nach der Passhöhe hinunter zu senken hofften, sahen wir fast senkrecht unter uns einen neuen grossen Gletscherarm, der ein Thal ausfüllte, das auf der andern Seite wieder durch einen ganz ähnlichen, felsigen Ausläufer begränzt wurde, auf dem wiederum nur eine Stelle einen Übergang bot. Zudem sahen wir gerade über einem sich vor uns absenkenden mit kurzem Gras bewachsenen Abhang den Gletscher in der Tiefe, und ob das dazwischen liegende Terrain gangbar war oder aus senkrechten Felsen bestand, wussten wir nicht. Grosse Müdigkeit verspürte ich nicht; hingegen schien mir der Erfolg auch gar zu gering im Verhältniss zu den Strapazen, und die neuen Hindernisse, die sich uns hier entgegenstellten, liessen mir nach und nach das noch ferne Ziel als einen erwünschten Lichtpunkt erscheinen. Bis hieher hatte mich die unmittelbare Nähe der grossen Alpenwelt ganz erfüllt; aber nun fing es leise in mir an, sich nach dem Ziele zu sehnen, denn schon näherte sich die Sonne dem Horizonte und weit lag noch der Susten, dessen obern Theil wir über dem neuen Ausläufer sahen. Einen Augenblick machten wir hier Halt, um den letzten Rest des mitgenommenen Weines zu trinken, und stiegen dann an dem Grasabhange hinunter, um womöglich das darunter liegende Terrain zu erforschen. Er wurde aber bald so steil, dass Xaver und ich stehen blieben, um dem erfahrenen Wipfli diese Aufgabe zu überlassen. Schon sahen wir nur seinen Oberkörper, dann nur noch den Kopf und einen Augenblick später nichts mehr als den Abgrund. Wipflis besonnene Sicherheit hatte uns ein solches Vertrauen zu ihm eingeflösst, dass wir Alles guthiessen, was er unternahm, und die sichere Leichtigkeit, mit welcher der schon bejahrte Mann Schneeabhänge und Gletscherspalten überschritten hatte, imponirte sogar dem kräftigen, gletscherkundigen Xaver, einem der besten Schützen im Thale, so sehr, dass er seine Meinung ganz derjenigen dieses Mannes unterordnete. Für diesen letzteren war der bisherige Weg ohne alle Schwierigkeiten gewesen, und desshalb wusste ich, was ich davon zu halten hatte, als er endlich wieder heraufkommend sagte: „ I meine es söt 's thue. " Er ging nun mit Xaver voraus, diesem genau zeigend, wo er seinen Fuss hinsetzen und wo er sich halten solle. Mich band er dann an das Seil, und er selbst blieb nun mit dem Ende desselben auf einem Punkte, wo er festen Stand hatte. Dem Xaver folgte ich nun genau nach, oft den Fuss neben seine Hand stellend, bis das Seil gestreckt war und wir anhielten, um nun Wipfli zu erwarten; dieser kam nun so nahe als möglich, fasste wieder Stand so gut es ging, und so wurde dasselbe mehreremale wiederholt, bis wir am Fusse anlangten. Ich gestehe, dass, so an den Felsen geklebt, mir der Gletscher unten schon ein sehr ersehntes Ziel, das endliche Haus am Stein aber, mit seinen freundlichen Bewohnern, als eine noch ferne, aber heissgewünschte Ruhe nach diesen Strapazen erschien, eine langersehnte Oase nach der unwirthlichen Wüste. Der Gletscher war breit und voller Spalten; aber leichten Schrittes und ohne das mindeste Zögern eilten wir darüber hin, denn das war ein Kinderspiel zu der Felswand hinter uns. Doch kaum hatten wir einige Schritte auf demselben gethan, als das klägliche Geheul meines Hundes sich hören liess, der noch hoch am Rande der Felswand stand; wir waren so sehr mit uns selbst beschäftigt gewesen, dass wir gar nicht mehr an das arme Thier gedacht hatten. Anfangs hatte er vermuthlich geduldig unsere Rückkehr erwartet; nun aber, da er uns über den Gletscher weiter eilen sah, brach er in ein Verzweiflungsgeheul aus. Was war nun zu machen? Keiner von uns hatte die mindeste Lust, den Weg noch einmal zu machen; und was hätte dieses im Grunde genützt? War es für den Hund irgendwie möglich, herunterzukommen, so konnte er es am besten allein.
Das war unser Schluss und somit pfiffen und riefen wir so laut wir konnten. Erst stand er in stiller Verzweiflung still; plötzlich aber schien er entschlossen, zu folgen und lief nun suchend am Rande hin und her, endlich gerade an derselben Stelle, wo wir heruntergekommen waren, haltend, um hier den Versuch zu machen. Wirklich war auch dieses der Ort, wo die Felsen nicht senkrecht abfielen. Von hier sprang er auf die ersten Absätze, sich jedesmal im Sprunge halb umkehrend, um sich nicht zu überstürzen. Bei dem ersten Versuche dieser Art sagten wir alle zusammen: „ Jetzt ist er verloren ", aber schon hatte er wieder einen tieferen Absatz erreicht, noch einen, und endlich eine Stelle, wo es nicht mehr möglich schien, weiter zu kommen; aber todesmuthig und ohne sich zu besinnen, versuchte er nun wie eine Katze an der fast senkrechten Stelle schnell herunterzulaufen, was natürlich zur Folge hatte, dass er sich überwarf und auf einen tiefern Vorsprung fiel, wo es ihm nur mit grösster Anstrengung gelang, wieder auf die Füsse zu kommen; dasselbe geschah noch einmal, und mehr rollend als laufend kam er endlich an eine Art Rinne, die auch wir passirt hatten und von wo er halb rutschend, halb fallend den Boden erreichte, und zwar unversehrt, was wirklich ein halbes Wunder ist. In wenigen Sätzen war er wieder bei uns und konnte nicht genug thun, um seine Freude zu bezeugen.
Schneller, als ich es erzählt habe, ging dieses vor sich, und äusserst zufrieden eilten wir nun weiter, Spalten umgehend, andere überspringend, und näherten uns dem andern Ufer; hier wurde der Gletscher aber bedeutend ungangbarer; doch fanden wir halb instinktmässig leicht den Weg zwischen den Schründen durch und hatten bald wieder den felsigen Boden unter den Füssen. Ein Gedanke trübte unsre Fröhlichkeit, nämlich der, dass wir auf der Westseite des neuen Grates, an dessen Fuss wir standen, neue ähnliche Felswände finden würden; doch diese Befürchtung ging nicht in Erfüllung, denn oben angelangt, hatte das Terrain einen weit weniger wilden Charakter. Erst gingen wir in südlicher Richtung auf der Höhe des breiten Grates; dann aber wendeten wir uns steil absteigend rechts. Der Susten war sichtbar und bedeutend näher; aber noch ein nach S gehender Ausläufer lag dazwischen. Gegen das Thal fiel er steil als Felswand ab, aber oben war er wegsam, und der unaufhaltsam anrückende Abend allein hinderte uns an diesem letzten Übergang, von wo wir, wie wir dann den nächsten Tag deutlich sahen, horizontal auf die Passhöhe hätten gelangen können. Die Sonne war schon am Untergang, und bei Nacht in dieser Höhe an Orten zu gehen, wo keinerlei Weg ist, wäre Wahnsinn gewesen. Unter diesen Umständen war nichts zu thun, als über Geschiebeabhänge hinabzusteigen und den genannten Ausläufer unten zu umgehen. Von hier gingen wir horizontal weiter, da jeder Schritt, den wir nun abwärts thaten, selbstredend am Susten wieder hinaufgestiegen werden musste. Durch diese Alpenrosenbüsche, die aber längst ihrer Zierde, der Blüthen, beraubt waren, gelangten wir an einen Gletscherbach, der durch die Hitze des föhnigen Tages so angeschwollen war, dass es nicht möglich schien, ihn zu überschreiten, ohne bis tief im Wasser zu waten. Um uns dieses Bad im Eiswasser zu ersparen, opferte sich Xaver auf, indem er uns anbot, uns hindurchzutragen, was wir mit Dank annahmen; ich sollte zuerst den gefährlichen Ritt wagen; aber unter dem schäumenden Wasser waren Steine aller Art und inmitten desselben trat Xaver auf eine spitzige Kante und machte eine Bewegung zum ausrutschen, so dass ich es für gerathen hielt, von seinem Rücken ins Wasser zu springen, das zwar nicht viel über die Knie ging, aber mich doch so spritzte, dass ich ganz durchnässt wurde. Wipfli war glücklicher, und bald hatten uns ein Schluck Kirschwasser und das schnelle Gehen wieder so erwärmt, dass wir nicht mehr an die Nässe dachten. Ein ähnliches Vergnügen wurde uns kurze Zeit darauf beim nächsten Bache zutheil. Nun sahen wir den Sustenweg links unter uns, verweilten aber in der eingeschlagenen Richtung, bis uns die Finsterniss nöthigte, nun auf denselben niederzusteigen. Wir erreichten ihn bei Nacht und hatten nun noch eine kleine Stunde bis zum Gipfel zu steigen. Der gute Weg — der erste seit der Oberseealpe — war eine Wohltat für unsere Füsse, und leicht stiegen wir nun auf demselben hinan, um bald den ersehnten Stein zu erreichen. Doch wir hatten uns zu früh dieser schönen Hoffnung hingegeben, denn der Weg schien ins Unendliche verlängert, und als wir einmal auf der Höhe waren, dauerte es eine endlos lange Zeit, bis wir endlich die undeutlichen Massen des Steingletschers erkannten. Das wiederholte Absteigen hatte nun plötzlich eine solche Müdigkeit in mir erzeugt, dass ich mich nur hätte hinlegen und schlafen können; aber das gastliche Haus war nicht mehr ferne, und endlich — endlich winkte uns ein Licht: eine Minute später traten wir ein in das gastliche Haus und wurden von freund- lichen Gesichtern empfangen und dann aufs beste mit Speis und Trank erquickt. Es mochte zehn Uhr sein. Bald nachher gönnten wir in den guten Betten unseren müden Gliedern Ruh, und am nächsten Tage wurde erst gegen elf Uhr der Rückweg angetreten.
Ich war längst aufgestanden, als meine Gefährten noch in tiefem Schlafe lagen, und herrlich glänzte der Steingletscher, der nicht fünf Minuten vom Hause entfernt ist, in der Morgensonne. Ein neuer herrlicher Tag war in der Alpenwelt aufgestiegen, und ohne Beschwerde legten wir den Weg über den Susten nach Waasen zurück, von dort durch ein anziehendes Gewitter genöthigt, einen Wagen zu nehmen, der uns Abends nach der Klus zurückbrachte.
Unser Zweck, von der Klus aus durch das Erstfelderthal den Canton Bern zu erreichen, ohne weder in das Engelberger- noch in das Meyenthal hinunterzusteigen, war erreicht bis auf die letzte Strecke, die wir, gezwungen durch die einbrechende Nacht, aufgeben mussten. Wie wir übrigens auf dem Rückwege deutlich sahen, bietet diese letzte Strecke keine Schwierigkeiten. Rechnet man eine Stunde ab für das Mittagessen und den Ruhepunkt auf dem Krönlet ( denn mehr wurde nicht darauf verwendet ), so waren wir sechszehn Stunden auf dem Marsche, wovon wenigstens acht auf den ewigen Schnee fallen. Gemsen hatten wir dreizehn gesehen, keine kleine Zahl, wenn man bedenkt, wie sehr sich diese Thiere in den letzten Jahren vermindert haben.
Ich war leichtsinnig genug gewesen, weder Schleier noch Brille mitzunehmen, wofür ich schwer büssen musste, denn nicht nur schälte sich die Haut an meinem ganze Gesichte, sondern ich bekam noch dazu am Halse eine Entzündung, deren letzte Spuren noch Wochen nachher nicht verschwunden waren, wesshalb ich jedem rathen möchte, bei solchen Wanderungen einen Schleier mitzunehmen, der allein davor schützen kann. »