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Vielleicht darüber, wie's war als ich – meine Nase 8 cm überm Papier – als Erstklässler meine ersten Buchstaben und Zahlen malte oder stolz "Bello hol den Ball. Wo ist der Ball", las. Vielleicht darüber, wie ich ein Jahr später Zusatzunterricht im Schreibmaschinenschreiben und im Lesen der Blindenschrift erhielt und wie diese Dinge allmählich auch in meinen Schulalltag Einzug hielten. Vielleicht darüber, wie ich – damals bereits im 2. Jahr DES humanistischen Gymnasiums – wieder einmal in die Augenklinik musste, wo man mit neuester Technik aber ohne Erfolg die drohende Netzhautablösung zu verhindern versuchte. Vielleicht darüber, wie ich danach mit meiner Trauer und meiner Scham umging, darüber, wie ich mich lange weigerte, einen weissen Stock zu benützen, weil dann ja alle sehen könnten, dass ich ... dass ich ... Vielleicht über die danach einsetzende Langeweile an dem altertümlichen Gymnasium, über die träge dahingedämmerten Jahre, über mein soziales Aussenseitertum und die allmähliche Rückkehr in den Schoss der Gesellschaft mit 15, 16 Jahren. Vielleicht über die 1974 absolvierte Maturitätsprüfung, dem Tiefpunkt gymnasialer Langeweile oder über meinen ersten USA Aufenthalt gleich danach, über das dort entdeckte Töpfern, über mein erstes Jahr als Mitarbeiter/Praktikant an der im Berner Oberland gelegenen Ecole d'Humanité, über die dort erlebte Freude an der Arbeit mit Jugendlichen und das Erlebnis einer Schule, die so ganz anders war, als das was ich selbst in Basel erlebt hatte, auch anders, als das, was heute noch immer an den meisten Orten unter diesem Namen gehandelt wird ...
Ein paar Zeilen über mich? Meine nach der "Ecole" beginnenden Lehr- und Wanderjahre durch einige Wohngemeinschaften, einige Unis und einige Jobs als Lehrer und Erwachsenenbildner, die wachsende Zahl von Freunden und Bekannten überall, meine Beschäftigung mit den Schweizer Alternativschulen und meine europäische "Karriere" als Funktionär in Sachen Bildungsfreiheit, meine Erlebnisse und Erfahrungen als "schwuler Mann", mein Rückzug in die Welt der Geschichte, in Archive und Bibliotheken als Biograph von Paul und Edith Geheeb-Cassirer, die geglückte Diss 1996 und die abgelehnte Habilitation 2004, meine wachsende Radikalität gegenüber der Schule und gegenüber der Wirtschaft, meine Lust am Reisen und an der Musik, vor allem der selbst gemachten, meinen enschluss, 2010 die Wohnung in Basel zu kündigen und nach Afrrika zu gehen, ein Kontinent der so nah und so fern zugleich ist. Ich hatte Spass in Mauretanien, ich verliebte mich im Niger, ich engaschierte mich als Rektor in Kongo, ich gründete einen Hilfsverein namens Darsilamano in der Schweiz!
Ein paar Zeilen über mich? Im Niger hatte ich 2013 einen Hirnschlag. Man holte mich heim. Ich konnte nicht mehr reden. Es ging auf und ab. Ich hatte Malaria, ich habe Epilebsie gehabt und jetzt bin ich wahnsinnig Vergesslich! Ich habe beide Beine gebrochen, ich bin im Rollstuhl, ich weiss nicht, wie es weiter geht und ich weiss es. Ich verändere mich nicht und ich bin zugleich ganz anders. Ein paar Zeilen über mich?
Copy 2018 Martin Näf