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Ciceros Wahlkampf-Tipps aus dem Jahr 64 vor Christus
- Montag, 3. Juni 2013, 11:07 Uhr
Parteien unterhalten heute ganze Stäbe von Wahlkampfstrategen. Vieles, was diese neu erfinden, ist längst gesagt: Quintus Tullius Cicero schrieb im Jahr 64 v. Chr. seinem weltberühmten Bruder Marcus einen Brief, der als «Tipps für einen erfolgreichen Wahlkampf» nun als hübsches Büchlein vorliegt.
Das höchste Amt in der römischen Republik (509 bis 27 v. Chr.) war das Konsulat. Zwei Konsuln standen dem römischen Senat und Volk («SPQR») vor, sie wechselten jedes Jahr. Es war eine aristokratische Staatsform mit gewissen demokratischen Elementen. Und dazu gehörte auch, dass jährlich zwei neue Konsuln zu wählen waren. Kandidieren konnte, wer zuvor die vollständige Ämterlaufbahn («cursus honorum») absolviert hatte, wer also zuvor der «res publica» als Quästor (im wesentlichen Untersuchungsrichter und Verwalter der Staatskasse), Ädile (Polizeigewalt, Markt- und Festaufseher, Ausrichter von Spielen) und Prätor (Rechtsprechung, Vertreter der Konsuln) gedient hatte.
Der (wahrscheinliche) Autor
Quintus Tullius Cicero (102-43 v. Chr.) war wie sein älterer Bruder, der weltberühmte Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.), Politiker. Als Prätor beseitigte Quintus 62 v. Chr. die letzten Reste der Verschwörung des Catilina. Wie Marcus 43 v. Chr. öffentlich geächtet («proskribiert») und getötet. Auch Autor von Dramen.
Der kommende Mann
Marcus Tullius Cicero (106 bis 43 v. Chr.) erfüllte diese Voraussetzungen. Er war wegen seiner Plädoyers vor Gericht und seinen politischen Aktivitäten her eine bekannte Persönlichkeit, ein berühmter Redner. Und er entschloss sich im Jahr 64 v. Chr., fürs Konsulat zu kandidieren.
Höchst wahrscheinlich war es sein jüngerer Bruder Quintus (102 bis 43 v. Chr.), der für ihn zu diesem Zweck den «Commentarium petitionis consulatus» verfasste, einen «Kommentar zum Konsulatswahlkampf».
Aktuelles antikes Wissen
Das Verblüffende: wie gut die Ratschläge für Cicero noch heute anzuwenden sind. Die fast 2100jährigen Ratschläge in heutige Gültigkeit zu übertragen, gelingt mit sehr kleinem Aufwand.
Zuerst empfiehlt Quintus seinem Bruder Marcus Tullius Cicero, sich jeden Morgen drei Gewissheiten einzuhämmern: «Ich bin ein Neuling. Ich will Konsul werden. Dies ist Rom.»
Den Makel, nicht zu einer der alten Adelsfamilien zu gehören, könne der Bruder vor allem durch eines tilgen: «Deinen Status als Neuling wirst du zuallererst durch deinen Ruhm als Redner kompensieren.» Mit anderen Worten und in die Gegenwart übersetzt: Du musst dich überall öffentlich in Szene setzen. Als Redner, in TV- und Radiosendungen, in der Presse, in den Social Media. Kommunikation auf allen Kanälen ist essentiell.
Politik ist auch Show
Quintus rät seinem Bruder auch: «Handle so, dass sowohl die Zahl als auch die Stellung deiner Freunde offen sichtbar sind, denn nicht viele Neulinge haben so viele davon wie du.» Das heisst: Zeige allen, dass du viele wichtige Freunde hast. Nicht irgendwelche Leute, sondern grosse Kaliber. Lass dich mit ihnen fotografieren und filmen. Zeig dich mit ihnen in der Öffentlichkeit. Und: «Ein Neuling kann viel Hilfe durch den guten Willen der Nobilität empfangen.» Die heutige Entsprechung der Nobilität, des Adels, wären die Wirtschaftsführer und Meinungsführer, die Leute, die am Drücker sind. Sie können dir nützen. Du ihnen auch.
Buchhinweis
Quintus Tullius Cicero: «Tipps für einen erfolgreichen Wahlkampf», lat./dt.; übersetzt und herausgegeben von Kai Brodersen; Stuttgart: Reclam, 2013. 92 Seiten.
Quintus‘ nächster Punkt zielt darauf ab, was für Lumpen zwei von Ciceros direkten Konkurrenten seien: «Beide sind Messerstecher von Kindheit an, beide Lüstlinge, beide bettelarm.» Mit anderen Worten: Ziele bei Bedarf auf die Person. Nütze ihre charakterlichen Schwächen aus und mache sie öffentlich. Denn die Politik ist eine Schlangengrube: «Alles ist voller Betrug, Intrigen und Verrat.»
Das Volk ins Boot holen
Und wie gewinnt der Emporkömmling, der Cicero ja noch war, im Wahlkampf Verbündete? «Die eifrige Unterstützung durch Freunde sollte man sich durch Wohltaten, Beachtung von Verpflichtungen, alte Bekanntschaften, Zugänglichkeit und natürlichen Charme sichern.»
Da sind wir bei Seilschaften und beim Filz, aber auch bei Ansprechbarkeit und Charisma. Du kannst deinen «Followern» Gutes tun, ihnen Ämter und Ansehen verschaffen. Pflege deine Verbindungen. Habe ein offenes Ohr für die Anliegen der Leute. Und vor allem: Sei sympathisch.
Und wie holt einer, der Konsul werden will, das breite Volk ins Boot? «Dies erfordert ein gutes Namensgedächtnis, Verstellung, Ausdauer, Grosszügigkeit, Renommee, eine gute Show und damit Hoffnung für den Staat.»
Das alles und noch einiges mehr schreibt Quintus Tullius Cicero seinem älteren Bruder Marcus zu dessen Wahlkampf fürs Konsulat des Jahres 64 vor Christus. Diese Ratschläge lassen sich allesamt auch heute vorteilhaft umsetzen. Und zwar 1:1.
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