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Völlig verzweifelt sitzt das arme Aschenputtel da und soll die Linsen sortieren, die ihm die böse Stiefmutter in die Asche geworfen hat. Schliesslich kommen die Tauben ans Fenster und mit ihrem Wunsch an sie «Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen», helfen sie dem Aschenputtel dabei. Wohl jeder kennt diese Szenen aus dem Märchen der Brüder Grimm. Sie ist hunderttausendfach abgebildet und auch zahlreich verfilmt worden.
Interessanterweise sind dabei immer Pfautauben zu sehen. Diese scheinen eine ganz besondere Wirkung auf Menschen zu haben. Ob es nun die besondere Form, die gedankliche Verbindung zum stolzen Pfau ist oder die früher fast ausnahmslos vorhandene weisse Farbe, die in Verbindung mit Zartheit, Zerbrechlichkeit und vielleicht auch Unschuld steht. Berücksichtigt man, dass die Ursprünge des Märchens Ende des 17. Jahrhunderts liegen, dann könnten wirklich Pfautauben die Linsen sortiert haben. Kaum eine Rassengeschichte ist nämlich so detailliert dokumentiert, wie die der Pfautaube.
Gene kannte man früher nicht
Vielleicht liegt es auch daran, dass die Pfautaube vom Aussehen her so aussergewöhnlich ist und sie dem Pfau, dem König des Geflügelhofs, ähnlich sieht. Die erste Abbildung einer Pfautaube stammt aus dem Jahr 1678, und zwar aus «The Ornithology» des Engländers Francis Willughby. Damals noch nicht unter dem Namen Pfautaube, sondern übersetzt eher als Breitschwanz-Schüttler. Damals waren also sowohl das aufgestellte Schwanzgefieder als auch die Halsbewegung schon in der Rasse verankert.
Entstanden sind die Pfautauben aber schon ein gutes Stück früher in Indien. Dort sind noch heute mehrere Rassen bekannt, die eine Halsbewegung zeigen. Diese und auch das Aufstellen des Schwanzgefieders durch die Bürzeldrüse sind durch Mutationen entstanden. Also eine sprunghafte Veränderung des Erbgutes. Das hat aus heutiger Sicht ein negatives Image, was aber nicht gerechtfertigt ist. Schliesslich sind alle Haustierrassen wie wir sie heute kennen, einmal durch eine Mutation und anschliessende Selektion beziehungsweise Züchtung entstanden. Und das zu einer Zeit, als Genuntersuchungen, Klonen und das Einpflanzen von Embryonen nicht möglich waren. Die damaligen Züchter haben also nicht im Entferntesten daran gedacht, geschweige denn gewusst, dass es überhaupt Gene gibt.
So ist eine gescheckte Simmentalerkuh in der Natur nicht vorgesehen. Das endlose Wollwachstum des Schafes ebenfalls nicht und selbst der heute überall zu findende blaue Wellensittich ist durch eine Mutation entstanden. Ob die Mutation überlebt hat, hing von mehreren Faktoren ab. Zum einen mit dem Nutzgedanken, der Schönheit, der Extravaganz oder einfach dem Besonderen. Bei der Pfautaube war es zu Beginn das Aussehen. Diese Tauben haben sich von den anderen bekannten Tauben abgehoben, sie sahen anders aus. Und das zu einer Zeit, als das für unbezahlbar gehalten und zum Beispiel der Fürstenhof beneidet wurde. Selbst mehr als die bei Felsentauben (Columba livia) üblichen zwölf Schwanzfedern haben die Pfautauben der damaligen Zeit besessen. Francis Willughby berichtet von 26, was eine deutliche Steigerung darstellt.
Ein Hauch von Luxus
Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, wie die Rasse zu ihrem Namen kam. Spätestens dann: Wer einmal einen Pfauen-Hahn (Pavo cristatus) in voller Frontalbalz gesehen hat, dem fällt es auf. Wie die aufgestellten Schwanzfedern des Pfaus zeigt nämlich auch die Pfautaube ihre Schwanzfedern. Und doch gibt es einen Unterschied. Während der Pfau sein Schwanzgefieder zusammenlegen kann und wie eine Schleppe hinter sich herzieht, präsentiert sich die Pfautaube die ganze Zeit über mit ihrem Fächer – so der Fachbegriff in Züchterkreisen.
Die späteren Schriftsteller bringen sie mit der Insel Zypern in Verbindung, wobei heute davon auszugehen ist, dass das eher ein finanzielles Verkaufsargument war. Die teuren Pfautauben sollten damit noch teurer werden. Vielleicht liegt in dieser Zeit auch der Ursprung, dass Pfautauben ein gewisser Hauch von Luxus umweht. Noch bis in die 1950er-Jahre jedenfalls warb so mancher Züchter mit dem Hinweis auf Luxus für seine Tauben. Pfautauben und Luxus waren also zu einer gedanklichen Einheit verbunden.
Gerade diese Sonderstellung hat bewirkt, dass es wohl weltweit kein taubenzüchtendes Land gibt, in dem keine Pfautauben gezüchtet werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass die räumliche Trennung in früheren Zeiten dazu geführt hat, dass unterschiedliche Pfautaubentypen entstanden sind. In Europa ging es vor allem um die Grösse des Fächers. Je grösser, umso eindrücklicher war die Erscheinung. Auch die Körper wurden etwas länger, sodass die Züchter von einem Birnentyp sprachen.
Typische Felsentauben
In den USA waren die Tauben kleiner, vor allem der Körper gedrungener und runder, und wurden deshalb Apfeltyp genannt. Darüber hinaus wurde in den USA eine weitere Pfautaubenrasse mit grossem Körper, waagerechter Haltung, kurzer Fussbefiederung und weniger flachem Fächer gezüchtet, die heutige Indische Pfautaube. In den 1980er-Jahren kamen beide über den grossen Teich und haben die europäischen Pfautauben «amerikanisiert» und die Indischen Pfautauben überhaupt erst etabliert. Neben diesen beiden Ausstellungsvarianten haben sich noch die sogenannten Garten-Pfautauben erhalten, die man ohne Standard züchtet.
Ihren Luxus-Status haben sie eingebüsst. Zumindest für die Rassetaubenzüchter ist die Pfautaube eine Rasse unter rund 400. Viele, die mit der Taubenzucht nichts zu tun haben, sind bis heute von dieser besonderen Rasse angetan. Für sie haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Dennoch wird den Pfautauben aufgrund ihres Aussehens auch Unwahres angedichtet. Ziel ist es wohl, die Rasse zu diskreditieren, ihr womöglich ihre Daseinsberechtigung abzusprechen.
Objektiv betrachtet sind Pfautauben typische Felsentauben, von denen sie abstammen, nur in einem anderen Gewand. Sie sind anspruchslos, zeigen arttypisches Verhalten und vor allem: Sie sind eine der fruchtbarsten Rassetauben überhaupt. Man kann ohne Übertreibung Pfautauben als eine Jahrtausend-Mutation bezeichnen, der durch Züchterhand zu einmaligem Aussehen und Bekanntheit verholfen wurde – nicht zuletzt durch das Aschenputtel der Brüder Grimm.