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Vor 42 Jahren krempelten die «Bananenfrauen» aus Frauenfeld den Handel um. Sie waren Pionierinnen für Fair Trade. Eine von ihnen ist Ursula Brunner. Mit 90 Jahren kämpft sie noch immer aktiv für mehr Gerechtigkeit.
Es war im Jahr 1973, als die Migros das «Bananenwunder» verkündete – gemeint war eine Preissenkung. Kurz zuvor zeigte Ursula Brunner im Frauentreff Frauenfeld «Bananera Libertad» einen Dokumentarfilm von Reto von Gunten, der die Zusammenhänge zwischen Armut in Zentralamerika und dem Wohlstand in der Schweiz aufzeigte. «Wir empörten uns, doch mehr wäre wohl nicht passiert», erinnert sich Ursula Brunner. Doch dann schrieb ihr eine Frau: «Man kann doch keine Bananen mehr kaufen und so tun, als wüsste man von nichts.»
Gemeinsam wandte sich eine Gruppe von neun Frauen an die Migros: Statt die Bananen zu verbilligen, sollten die 15 Rappen für bessere Lebensbedingungen bei den Bananenpflückern einsetzt werden. «Zehn Millionen Franken im Jahr wären das gewesen», erinnert sich die 90-jährige Ursula Brunner. Man sei keine Wohltätigkeitsorganisation, antwortete der Grossverteiler. Daraufhin kauften die Frauen 600 Kilo Bananen. Die inzwischen auf 40 Frauen angewachsene Gruppe verteilte die Früchte zusammen mit der «Bananenzeitung» mit Leiterwagen in Frauenfeld. Sie fragten die Passanten: «Haben Sie auch schon darüber nachgedacht, warum die Bananen so billig sind?» Zudem sammelten die Frauen 1500 Unterschriften gegen die Verbilligung der Bananen. Eine Sendung im Schweizer Fernsehen machte die «Bananenfrauen» dann schlagartig im ganzen Land bekannt. Vielerorts wurden an Ständen nun Bananen mit Aufpreis verkauft, der in einen Fonds für Projekte ging. «Jetzt mussten wir zeigen, dass der Wandel wirklich möglich ist», erzählt Ursula Brunner. Für sie waren diese Aktionen der Start zu ihrem Lebenswerk, dem Kampf für fairen Handel.
Soziales Engagement gehörte seit der Kindheit zu ihrem Leben. Ursula Brunner wuchs in einer Unternehmerfamilie auf. «Für meine Eltern war es selbstverständlich, weniger Privilegierten zu helfen, das hat mich geprägt.» Neben der Grossfamilie und der Arbeit in der Pfarrgemeinde wurde sie 1972 Kantonsrätin für die FDP im Kanton Thurgau. 12 Jahre später schloss die Partei die unbequeme Anwältin des fairen Handels aus. «Das Fass zum Überlaufen brachte ein Zeltcamp gegen die Wehrschau im Kanton Thurgau», erklärt sie. «Als Jugendliche hatte ich den Krieg miterlebt, ich konnte gar nicht anders, als gegen Waffen sein.» Bevor Brunner 1976 das erste Mal nach Zentralamerika reiste, um vor Ort Informationen über die Bananenproduktion zu sammeln, begann sie Spanisch zu lernen. Vorher war die siebenfache Mutter und Pfarrersfrau kaum gereist. Sie erinnert sich an die Angst vor dem Fremden. In Guatemala, ihrer ersten Station, wurde sie mit Armut, Ausbeutung und Abhängigkeit von multinationalen Firmen konfrontiert. Das nächste Land auf derselben Reise war Panama. Dort konnte sie an der Konferenz der Union der unabhängigen Bananenproduzenten teilnehmen, die vom Wirtschaftsminister Kolumbiens geleitet wurde. «Er war sehr interessiert an unseren Ideen, und ich fühlte mich zum ersten Mal ernst genommen.» Das sei einer der wichtigsten Momente in ihrem Leben gewesen, betont sie. «Denn nun zeichneten sich konkrete Handlungsmöglichkeiten ab.»
Die «Bananenfrauen» von Frauenfeld entschieden sich, in den Handel einzusteigen. Die ersten fair produzierten Früchte sollten aus Panama eingeführt werden. «Doch als alles eingefädelt war, zerstörte ein Hurrikan den grössten Teil der Ernte», erzählt sie. Trotz dieses Rückschlags liessen die Frauen nicht locker. «Als 1985 in Nicaragua die Sandinisten an die Regierung kamen und neue Absatzmärkte suchten, wagten wir den Sprung.» Die Nica-Bananen waren die ersten fair gehandelten Bananen, die nicht über transnationale Konzerne in die Schweiz kamen. 40 Tonnen wurden im ersten Jahr an Strassenaktionen und in Claro-Läden in der ganzen Schweiz verkauft. Der Aufpreis ging an Projekte – eine Ambulanz, Latrinen, Kinderkrippen, Bildungsangebote. Aus der Leiterwagen-Aktion wurde für Ursula Brunner eine ehrenamtliche Vollzeitarbeit. Während 23 Jahren reiste sie jedes Jahr sechs bis acht Wochen nach Zentralamerika, immer allein. «Alle Fäden gingen durch meine Hände», erklärt sie bildhaft. «Für mich stimmte es, ich konnte wirklich etwas bewegen.»
Mit dem Einstieg in den Handel gründeten die «Bananenfrauen» gemeinsam mit neuen Mitstreitenden, nun auch Männern, die «Arbeitsgemeinschaft gerechter Bananenhandel» – kurz gebana. Als in Nicaragua als Folge des Krieges die Bananenproduktion unabhängiger Produzenten abnahm, mussten neue Partner gesucht werden. «Das bedeutete nochmals von vorne anfangen, wieder mit viel Knochenarbeit und Reisen vor Ort», erinnert sich Ursula Brunner. Schliesslich fand sie in Costa Rica neue Produzenten. Die Pablito-Bananen waren ein Erfolg, die Genossenschaft Volg verkaufte sie in der ganzen Schweiz. «Doch unsere Anfragen an Hilfsorganisationen für finanzielle Unterstützung blieben erfolglos.»
1990 begann dann die holländische Stiftung Max Havelaar in grossem Stil faire Produkte zu vermarkten, ab 1997 stiegen Coop und Migros in den Verkauf von Max Havelaar-Bananen ein. «Nun brauchte es uns nicht mehr, wir wollten keine Konkurrenz im fairen Handel», erklärt Ursula Brunner. «Doch es war eine andere Gerechtigkeit, als sie uns vorgeschwebt hatte. Die Regelungen für das Gütesiegel bedeutet ja vor Ort auch Machtkontrolle durch Selektion.» Nützen würde dies vor allem den Händlern, den Konsumenten und den Fair-Trade-Organisationen. Nach dem Ausstieg von gebana aus dem Bananengeschäft, wurde die Arbeitsgemeinschaft zur Aktiengesellschaft mit dem Kerngeschäft nachhaltige Produkte. Ursula Brunner wirkte noch einige Zeit im Verwaltungsrat mit. «Doch unsere Frauenpower, die von viel Idealismus für die Sache getragen wurde, gab es nicht mehr», erklärt sie.
Die Ausstellung
Ausleihbare Wanderausstellung «hartnäckig und unverfroren: Bananenfrauen», Informationen zur Geschichte der Fair-Trade-Pionierinnen, heutige Aktivitäten wie Fair-Trade-Projektwochen: www.bananenfrauen.ch
Foto: Ursula Meisser