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Mein allererstes Schachbuch war „Knaurs Schachbuch“, ein Erbstück meines Cousins Gerhard Sutter. Eine Partiensammlung von praktisch unkommentierten Partien, die heute noch nachgedruckt wird. Durch sie lernte ich die frühen Helden der Schachgeschichte kennen, Morphy, Steinitz, Tarrasch, Lasker, Capablanca und Aljechin. Mein zweites Schachbuch war Hans Müllers „Angriff und Verteidigung“ in der Erstausgabe von 1960. Einige Zeit darauf folgte „Botwinnik lehrt Schach“, ebenfalls von Hans Müller, welches bereits 1949 erschienen war, das Hauptwerk Hans Müllers. Es ist ein Klassiker der Schachliteratur.
Michael Botwinnik – Milan Vidmar
Nottingham 1936
1.c4 e6 2.Sf3 d5 3.d4 Sf6 4.Lg5 Le7 5.Sc3 O-O 6.e3 Sbd7 7.Ld3 c5 8.O-O cxd4 9.exd4 dxc4 10.Lxc4 Sb6 11.Lb3 Ld7 12.Dd3 Sbd5 13.Se5 Lc6 14.Tad1 Sb4 15.Dh3 Ld5 16.Sxd5 Sbxd5 17.f4 Tc8 18.f5 exf5 19.Txf5 Dd6 20.Sxf7 Txf7 21.Lxf6 Lxf6 22.Txd5 Dc6 23.Td6 De8 24.Td7 1-0
Nottingham 1936 war das damals stärkste Turnier aller Zeiten und endete mit dem Co-Sieg von Botwinnik und Capablanca vor Euwe, Fine, Reshevsky, Aljechin, Flohr und Lasker. Das ‚Mittelfeld‘ bildeten Vidmar, Bogoljubow und Tartakower, vor den britischen ‚Schlachtopfern‘ Tylor, Alexander, Thomas und Winter.
Es war Laskers letztes Turnier. Noch im Jahre 1935 war er in Moskau, wohin er emigriert war, Dritter geworden. Er erreichte im stattlichen Alter von 67 Jahren auch in Nottingham noch einmal ein Spitzenresultat. Im Jahr darauf kehrten er und seine Frau nach einen Besuch in New York nicht mehr nach Moskau zurück. Er starb 1941 in New York.
1.c4 e6 2.Sf3 d5 3.d4 Sf6 4.Lg5 Le7 5.Sc3 O-O 6.e3 Sbd7 7.Ld3 c5 8.O-O cxd4 9.exd4 dxc4 10.Lxc4
Hans Müllers Kommentare strotzen vor Plattitüden und oberflächlichen unbelegten Behauptungen. Z.B. hier. Er bezieht sich auf 7.Ld3, was seiner Ansicht nach schwächer als 7.Tc1 ist, unterstellt Botwinnik, dass er diesen Zug aus psychologischen Gründen gemacht hat und führt aus: „Der Psychologe Botwinnik hat also recht behalten! Anstelle einer ausanalysierten Remisvariante steht uns ein scharfer Kampf bevor, wobei Schwarz (der erwartungsgemäss die Eröffnung nicht ganz sachgemäss behandelt hatte) zur dauernden Passivität verurteilt ist.“
Es wird kommen wie so oft in Müllers Kommentaren: Botwinnik macht alles richtig, sein Gegner alles falsch und am Ende ist es ausgeglichen. Ich schenke mir und Ihnen weitere Exemplare Müllerscher Ergüsse, bis auf einen, den zum 14. Zug von Weiss.
10…Sb6 11.Lb3 Ld7 12.Dd3
Das ist aus der ersten Partie der WM 1894 Lasker-Steinitz bekannt. Wir können daher davon ausgehen, dass Botwinnik die Stellung untersucht hatte. Er war einer der ersten, der Eröffnungsstellungen konkret analysierte und manche Partie dadurch gewann, dass er diese Stellungen besser verstand als sein Gegner. Die vorliegende Partie ist ein Beispiel dafür.
Schwarz bekommt durch 12…Sfd5 13.Lxe7 Sxe7 14.Se5 Lc6 Totalausgleich. Nach 15.Lc2 bedeutet 15…g6 keine Schwächung der Königsstellung mehr, da dem Weissen jetzt der schwarzfeldrige Läufer fehlt, der nach h6 gehen könnte. Weiss sollte daher nach 12…Sfd5 den Läufer besser zurückziehen. Nach 13.Ld2 Sb4 14.De2 Lc6 entstünde eine interessante Stellung.
Selbstverständlich sind auch Züge wie 12…Tc8 und 12…Lc6 in Ordnung. Steinitz zog 12…Tc8, und nach 13.Se5 Lc6 14.Sxc6 Txc6 15.Tfd1 Sfd5 16.Lxe7 Sxe7 war nichts los. Nach 17.Lc2?! Wäre Steinitz mit 17…g6 mit der Idee 18.Df3 Sed5 19.Lb3 Sxc3 20.bxc3 Dc7 sogar etwas in Vorteil gekommen. Weiss kann dem schlecht ausweichen, weil auf etwa 18.Tac1?! 18…Sc4 stark ist.
13…Sbd5
Das hofft auf 13.Sxd5 Sxd5 14.Lxd5 (14.Lxe7 Sxe7) 14…Lxg5 15.Lxb7 Tb8 16.Sxg5 Dxg5 17.Df3 Db5, wonach Schwarz den Bauern zurück gewinnt.
Trotzdem ist der Zug zweifelhaft. Weiss hofft nämlich vor allem auf einen Königsangriff. Indem Schwarz ein paar Figuren, vor allem den Lg5 abtauscht, entschärft er diesen.
13.Se5 Lc6 14.Tad1
Diesem Zug verpasst Müller in Ausrufezeichen und kommentiert:
„Das Angriffsschema lautet:
- Der Turm deckt den wichtigen Zentralbauern d4, der wieder den Se5 beschützt;
- Dann wird die Königin nach h3 gebracht, von wo aus sowohl h7 als auch e6 unter Druck gesetzt wird. Vermeidet Schwarz die Schwächung des Königsflügels durch g6, dann tritt
- in Ausnützung des Aufrollungspunktes f5 der f-Bauer als Mauerbrecher in Aktion, dessen Vormarsch bis nach f5 die Freilegung der f-Linie und damit eine weitere Verstärkung des weissen Angriffs ergeben wird.“
Konkret ‚widerlegt‘ er 14…Sh5 mit 15.Sxc6 bxc6 16.Lc1, was überhaupt nichts einbringt, und übersieht dabei die triviale und standardmässige Angriffsfortsetzung 15.Lc2 g6 16.Lh6.
Er bemerkt noch, dass es witzlos wäre den starken Springer e5 gegen den wirkungslosen Läufer c6 abzutauschen, nur um dem Gegner einen schwachen Bauern anzuhängen.
Versuchen wir also die Stellung zu verstehen. Zu Punkt 1 und 2 ist zu sagen, dass Weiss den Bauern noch nicht zu decken braucht und die Dame sofort nach h3 ziehen kann, was wahrscheinlich auch genauer ist, weil 14.Dh3 ein Sowieso-Zug ist und der Bauer d4 in manchen Varianten nicht gedeckt werden muss.
Schwarz sollte sich um Abtäusche bemühen, aber 14…Sxc3 15.bxc3 Sd7 16.Sxf7 ist bereits kritisch, nach 16…Txf7 17.Dxe6 Lxg5 18.Dxf7+ Kh8 19.d5 Lb5 20.c4 hält nur noch 20…Lxc4 21.Lxc4 Se5 22.Dxb7 Sxc4 den Schaden in Grenzen.
Auf der Hand liegt 14…Sd7 15.Lc2 g6 16.Sxc6 bxc6 17.Lh6 Te8. Schwarz droht Lg5 und hat mehr oder weniger ausgeglichen.
Zu Punkt 2 ist entscheidend anzumerken, dass Schwarz g7-g6 nicht vermeiden, aber womöglich vorher den schwarzfeldrigen Läufer abtauschen sollte.
Punkt 3: f2-f4 ist nur gut, wenn der Bauer zwingend nach f5 vorrücken kann, auch wenn Schwarz g7-g6 spielt. Aber das liegt ja noch in ferner Zukunft. Müller kommentiert hier rückblickend, weil f2-f4-f5 in der Partie tatsächlich geschah, aber das war nur möglich, weil Schwarz schwach gespielt hat und kann keineswegs der Bestandteil einer Strategie sein.
14…Sb4?!
Offenbar hat Botwinnik den d-Bauern im Hinblick auf diesen Zug gedeckt. Nun ist 15.Dh3 selbstverständlich.
Als Alternative merkt Müller 14…Tc8 an, um nach 15.Dh3 15…Sxc3 16.bxc3 Le4 zu spielen. Er behauptet, dass dann Weiss mittels 17.f4 verstärkt, was angesichts meiner Erläuterungen zu Punkt 3 witzlos wäre. Der Läufer kann hingegen nicht auf der Diagonale b1-h7 bleiben, weil er von 17.Dh4 angegriffen wird. Nach 17…Lg6 18.Sxg6 hxg6 19.Td3 wird Schwarz mattgesetzt. Nach 17…Lf5 18.g4 Le4 19.Tfe1 gerät er in einen Angriff.
Tatsächlich tritt nach etwa 14…Tc8 15.Dh3 Tc7 Punkt 3 in Kraft. 16.f4 g6 17.Lh6 Te8 18.f5 exf5 19.Txf5 mit Vorteil für Weiss.
Auch 14…Te8 ermöglicht 15.f4, aber hier hat Schwarz 15…Sd7, interessant jetzt 16.Lh6 mit der Idee 16…gxh6? 17.Sxf7! Oder 16…Lf8 17.Dg3 mit Angriff. Anstelle von 15.f4 könnte Weiss schlicht mit 15.Dh3 weitermachen.
Wer gegen den Isolani spielt sollte möglichst viele Figuren tauschen. Diese Faustregel war Hans Müller bestimmt längst bekannt. Warum erwähnt er sie in der ganzen Partie-Besprechung nicht? Ein Springerzug des Sf6 lag auf der Hand.
14…Sd7 springt ins Auge. Aber halt, es kommen auch 14…Sh5 und 14…Sg4 in Frage. Welchen davon sollte man wählen? Nun, ich arbeite schon lange an der Idee der „schwierigsten Aufgabe.“ Laut Rudolf Spielmann und auch Magnus Carlsen sollte man dem Gegner möglichst schwierige Aufgaben stellen. Dies galt auch bereits im vorherigen Zug, wo 14.Dh3 anstelle von 14.Tad1 die schwierigere Aufgabe gestellt hätte, weil dieser Zug im Prinzip darauf hinausläuft, dass einzig 14…Sd7 die schwarze Stellung hält. Also rechnen wir ein wenig.
14…Sd7 15.Lc2 g6 16.Lh6 Sxe5 17.dxe5 Te8 18.Se4. Schwarz setzt mit 18…Da5 oder 18…Db6 fort und steht okay. Auch 16.Sxc6 bxc6 17.Lh6 Te8 ist in Ordnung.
14…Sh5 15.Lc2 g6 16.Lh6 Sg7 17.Lb3. Der Druck ist nicht übermässig, aber fühlbar.
14…Sg4 15.Lc2 g6 16.Lxe7 Sxe5 17.dxe5 Sxe7 mit Totalausgleich. 15.Lxe7 Sxe5 16.dxe5 Sxe7 läuft im Prinzip auf dasselbe hinaus. Aber Weiss hat andere Optionen:
14…Sg4 15.Sxg4 Lxg5 wird er nicht spielen wollen.
14…Sg4 15.Sxc6 bxc6 16.Ld2. Weiss behält das Läuferpaar, aber Schwaz hat mehrere gute Züge, ein deutliches Anzeichen für Ausgleich.
Nach 14…Sg4 ist 15.Lxd5 der interessanteste Zug. 15…Sxe5 16.dxe5 Lxg5 17.Lxc6 Dxd3 18.Txd3 bxc6. Jetzt ist 19.Tfd1 wegen 19…Lf4 harmlos, daher 19.g3. Weiss hat unbestreitbar einen kleinen Vorteil, aber das Endspiel bietet beiden Seiten Chancen.
Fazit: 14…Sh5 fällt wegen Passivität aus. 14…Sd7 und 14…Sg4 sind etwa gleichwertig. 14…Sd7 ist einfacher, 14…Sg4 komplizierter. Geschmackssache. 14…Sg4 ist nicht gefährlicher als 14….Sd7, Weiss kann nicht viel falsch machen.
15.Dh3 Ld5
Das war die Idee.
Weiss konnte ausweichen: 16.La4. Er möchte mit a3 den Springer vertreiben und dann mit Lc2 den Angriff fortsetzen. Zunächst droht aber 17.Lxf6 Lxf6 18.Sd7. Etwas besseres als 16… Lc6 ist nicht ersichtlich, 17.Sxc6 bxc6 18.a3 Sbd5 19.Lxc6 gewinnt einen Bauern. Dafür bekommt Schwarz mit 19…Tc8 Gegenspiel.
16.Sxd5 Sbxd5?
Der entscheidende Fehler. Nach 16…Sfxd5 tut Weiss wiederum gut daran, mit 17.Ld2 den Läufer zu behalten. Mit dem Läuferpaar ist er ein wenig im Vorteil.
Schwarz muss diese Stellung für äusserst solide gehalten haben. Aber erinnern wir uns an Stufe 3 der Müllerschen Gewinnstrategie. Die ist nun erreicht. Aber mit welchem Recht sollte ich eine Strategie entwerfen, die auf Fehlern des Gegners basiert?
17.f4 Tc8
17…g6 18.f5 exf5 19.Lh6 Te8 20.Txf5 half nicht, weil der Turm tabu ist. Der Sd5 kann nicht ziehen und wird irgendwann fallen. Es droht simpel 21.Sxf7. 20…Lf8 21.Txf6 verliert eine Figur. Auf 20…Dc8 21.Lxd5 Dxf5 ist 22.g4 tödlich.
17…Se4 war vielleicht im Sinne der schwierigsten Aufgabe noch einen Versuch wert. 18.Lc2 Lxg5 19.Lxe4 Lh6 20.Sg4 f5 21.Sxh6+ gxh6 22.Lxd5 Dxd5 23.Dxh6 mit Bauerngewinn.
Botwinnik hätte vermutlich auf 17…Se4 18.Sxf7 Kxf7 19.Tde1 gefunden, 19…Sxg5 20.fxg5+ Kg8 21.Dxe6+ und gewinnt.
18.f5 exf5 19.Txf5
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der nun entwurzelte Springer d5 fällt, oder der Königsangriff durchdringt. Ein paar Mustervarianten:
19…a6 20.Lh6 gxh6 21.Dxh6 Kh8 22.Tg5
19…g6 20.Tf3 Tc7 21.Dh4 Sh5 22.Lxe7 Txe7 23.Lxd5
19…Tc7 20.Tdf1 Dd6 21.Sxf7 Txf7 22.Lxd5 Sxd5 23.Txf7 Lxg5 24.De6
19…Dd6
Dieser Zug lässt den Tc8 ungedeckt. Zäher war 19…De8. Nach Z.B. 20.Te1 wird der Druck übermächtig. Am zwingendsten wäre 20.Lxf6 Sxf6 21.Tg5 mit der Drohung 22.Dh6.
Die Stellung kommt in vielen älteren Kombinationsbüchern vor. Das folgende ‚Opfer‘ gewinnt einen ganzen Turm.
20.Sxf7 Txf7 21.Lxf6 Lxf6 22.Txd5 Dc6 23.Td6 De8 24.Td7 1-0
Diese Art der ‚retrospektiven Strategie‘ taucht in vielen Kommentaren Botwinniks selber auf. Hans Müller war in dieser Hinsicht nur sein gelehriger Schüler. Das Schema des weissen Königsangriffs ist durch diese Partie erst bekannt geworden, das ist definitiv ein Verdienst Botwinniks. Aber eben, Schwarz braucht keineswegs das willfährige Opfer dieser Strategie zu werden. Er hat vielmehr einfach der damaligen mechanistischen Spielweise vertraut und Botwinnik hat diese dank überlegenem Verständnis der Stellung ausgenutzt.