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Geschichte: Der rote Brief II

Der rote Brief verfolgte Lillias wie der Donner den Blitz, so sehr sie auch versuchte, ihm zu entkommen und ihre Gedanken von ihm abzulenken. Selbst die Menschen der Stadt schienen von nichts Anderem zu sprechen. Immer, wenn sie sich durch eine Menschenmenge drängte, schnappte sie Neuigkeiten auf.
Der rote Brief ging um. Alan, der Schmied, hatte ihn gestern vor seiner Tür gefunden. Es hieß, er sei über Nacht wahnsinnig geworden. Vor drei Tagen waren die Töchter des Septemberhauses spurlos verschwunden. Das ganze Martishaus einen Tag später. Man wusste von sechs Leuten, die den roten Brief bekommen hatten, und niemand konnte erraten, wen es als Nächstes treffen würde, denn die Wahl der Empfänger folgte keinem sichtbaren Muster.
Die Luft knisterte wie vor einem Gewitter, war erfüllt von einer flüsternden Erwartung, Furcht und einer Art von Faszination, wie wenn man von Ferne einen Kampf beobachtet. Es war etwas ganz anderes, wenn man selbst mitten im Kampf steckte.
Sie wählte den einsamen Weg nach Hause, den Weg über das Feld, der am Wald vorbei führte. Der Himmel über ihrem Kopf war von Wolken verhüllt, doch über dem östlichen Horizont hing schwer ein gelber Mond, als sei/wäre sein runder Körper zu wuchtig, um ihn weiter hinauf zu stemmen.
Rechts des Weges türmte sich schwarz der Wald auf und überdachte ihn mit seinen Ästen. Links erstreckte sich das Feld unter einer Decke aus Nebel. Weiter hinten wiegten sich drei einsame Pappeln im Wind wie drei Schwestern in einem langsamen Tanz.
Der sanfte Wind blähte ihr Gewand und reinigte ihre Haut vom Staub der Stadt. Doch er brachte auch neue Gerüche: Nach Fäulnis und Feuchtigkeit, wie die Haut von Kröten.
Über ihr in den dürren Ästen tanzte ein Schwarm von Fliegen.
Lillias vermied, in den Wald zu blicken, denn sie wusste, dass sie in den dunklen Schatten zwischen den Bäumen alle Arten finsterer Kreaturen sehen würde. Stattdessen ließ sie ihren Blick über die Weite des sumpfigen Feldes schweifen und begann, leise eine Melodie zu summen. Wie ein träges Gewässer schwappte der Nebel hin und her, als wiegte er sich zu ihrem Lied.
Plötzlich verstummte die Melodie auf Lillias’ Lippen und sie verharrte auf dem Weg. Da waren Gestalten im Nebel. Sie sah Reiter auf dem Feld, verschleierte Reiter auf ascheweißen Pferden. Irgendetwas an der Art, wie sie sich bewegten, erschien ihr unwirklich und nicht greifbar, als wären die Pferde selbst wabernde Nebelschwaden. Auch schienen sie den Boden nicht zu berühren. Die Gräser des Feldes neigten sich wie bei einem leichten Windstoß, als die Reiter in höchster Eile, aber ohne einen Laut vorbeigaloppierten. Dann, plötzlich, wie der Rauch einer Kerze vom Wind verweht wird, verschwanden die Gestalten im Nebel. Wie versteinert stand Lillias da und starrte über das Feld, doch der Dunst war nur Dunst und zeigte keine Spur mehr von den geisterhaften Reitern.
Lillias erschauerte. Ihr war plötzlich kalt. Als sie den Weg entlang blickte, konnte sie weiter hinten ihr Haus und die ihrer Nachbarn ausmachen. Sie setzte sich in Bewegung und begann, zu rennen.
Es kommt noch ein Dritter Teil, bevor wir uns zu einem neuen Zuhause aufmachen.
1 mal bearbeitet. Zuletzt am 06.12.18 18:59.
Uuh....ich glaube, als wäre sein wuchtiger Körper zu schwer etc wäre besser. Ich liebe die vielen Bilder!
Ups...