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Glarus den 6./7. August 1847.
Mein theurer Freund!
Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr mich der Besuch Deines l. Vaters gefreut hat; es hat sich auch hier wieder bewährt, daß das Unerwartete immer den größten Genuß verschafft. In Folge Deines bestimmten Wunsches habe ich es unterlassen ihm ein Logis bei mir anzubieten, was ich auch sonst nur mit Rücksicht darauf, daß unsre Gasthöfe nicht glänzend sind, hätte wagen dürfen; er hat nun um so ungestörter die Gesellschaft Herrn Werdmüllers1 genießen können, in dem wir alle, d. h. Zwicki, meine Frau2 u. ich, einen ausgezeichnet liebenswürdigen u. geistreichen Mann gefunden haben. Schade nur, daß das Wetter den beiden Reisegefährten in unserm Ländchen nicht günstiger war. Ich ersuche Dich nur noch Deinem Papa zu sagen, daß ich heute endlich das von ihm im Adler zurückgelaßne Hemd erhalten habe, jedoch dabei eine Verwechslung vermuthe, indem dasselbe mit «H. E. 24» bezeichnet u. von sehr feiner Leinwand ist. Sollte er etwa das ihm von Frau Glarner3 im Stachelberg4 geliehne Hemd nach Hause mitgenommen u. dafür eines der seinigen zurückgelassen haben? Ich gewärtige darüber weitere Weisungen.
Und nun, was soll ich zu Deiner neuen Würde sagen? Ich möchte | beinahe, wie Brändli5 es gethan hat, Dir dazu condoliren. Daß Dir die Staatsschreiberstelle aus vielen Gründen unangenehm u. lästig ist, begreife ich vollständig u. finde die energischen Ausdrücke, die Du darüber in Deinem lieben Briefe an mich gebraucht hast, keineswegs übertrieben. Ein sehr großes u. anerkennenswerthes Opfer hast Du durch die Annahme der Stelle jedenfalls gebracht; aber ich kann die Frage nicht unterdrücken: war ein solches Opfer, das sich nicht bloß auf äußere Verhältnisse, sondern auf die Persönlichkeit selbst u. ihre Entwickelung bezieht, auch nothwendig? Jedenfalls nur unter der Voraussetzung, daß sich unter den Liberalen Zürich's kein andrer Mann fand, der die erste Staatsschreiberstelle zu übernehmen fähig war; eine Annahme, die mir etwas schwer fällt.
Es freut mich, daß Du mit dem Verlaufe unsers Schützenfestes6 zufrieden bist; ich glaube wirklich auch, wir dürfen mit Freude auf dasselbe zurückblicken. Mit Stolz sage ich darum nicht, weil die Hauptsache, die Vermeidung politischer Zänkereien u. leidenschaftlicher Ausbrüche des Partheiwesens, mehr dem guten Geiste, der in den Leuten herrschte, als den, wenn auch löblichen, Bemühungen des Comité's zu verdanken ist. Die von Bern aus, ohne unser Wissen geschehne Ausschreibung einer öffentlichen Berathung in der Speisehütte über die Gründung eines schweizerischen Volksvereins7 war eine unsägliche Thorheit, die uns auch in finanzieller Beziehung, mit Rücksicht auf verminderten Festbesuch aus den kleinen Kantonen, vielleicht auch aus der Stadt Zürich, wesentlich geschadet hat. Sie wurde auch von Imobersteg selbst, dem ad hoc8 Deputirten, förmlich désavouirt, | u. überhaupt schwärmte Niemand für die Idee außer dem bekannten Prof. Hagenauer9 von Aarau, so daß es eben keine Kunst war die Sache zu beseitigen. Mit unsrer Adresse an die Tagsatzung wirst Du einverstanden seyn; die Redaktion ist von mir, jedoch enthält der Abdruck in der N.Z.Z. einige arge Druckfehler.10 Eine Erholung, wie ich es zum Theil noch erwartet hatte, war mir das Fest allerdings nicht; das Unangenehmste dabei war mir, daß ich eine Menge von alten Bekannten traf u. ihnen doch beinahe keine Zeit widmen konnte. Aus diesem Grunde wird es mich persönlich allerdings mehr freuen, Dich ein ander Mal bei mir zu sehen, als während des Schützenfestes; dagegen muß ich gestehen, daß ich sehr gewünscht hätte, Zürich wäre etwas besser, d. h. durch hervorragendere Personen vertreten gewesen, als es der Fall war. Einerseits nämlich wäre dadurch – was immer mein hauptsächliches Bestreben ist – unser Kanton noch etwas mehr an Zürich u. seine Politik gekettet worden, während bei uns immer noch zu viele Sympathien für Bern u. Aargau vorhanden sind; anderseits aber – u. dieser Grund berührt Dich selbst – finde ich, daß sich die gegenwärtige Regierung u. ihre nächsten Freunde, wie die liberalen Staatsmänner andrer Kantone es auch thun, so viel als möglich bestreben sollten, ihrem u. dem ganzen schweizerischen Volke nahe u. mit demselben in innigster Berührung zu bleiben, worauf vielleicht ein bischen zu wenig Werth gelegt wird. Du wirst mir diese freimüthige Bemerkung um so weniger verübeln, als ich sie auch von andrer wohlmeinender Seite habe äußern hören.
Ueber unsre gegenwärtigen politischen Verhältnisse kein Wort, als daß nach meiner innigsten Ueberzeugung die Sache bei der Tagsatzung im rechten Geleise ist u. jede andere Organisation dermalen nur schaden würde. – In der Hoffnung also, daß Du bald einmal einen kleinen Ausflug zu mir machen werdest, grüßt Dich, unter vielen Empfehlungen an Deine Eltern u. Schwester11 u. Grüßen an meine Freunde, recht herzlich
Dein treuer
J J Blumer-Heer.