Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03502.jsonl.gz/551

Ilma Rakusa ist eine europäische femme de lettres der ersten Stunde. Als die Länder Osteuropas noch unter dem sozialistischen Joch standen, entdeckte die Zürcher Slawistin für das deutschsprachige Publikum jene grossen Literatinnen und Literaten, die lange Zeit nur von Insidern auf russisch, serbokroatisch oder ungarisch gelesen werden konnten: Alexej Remisow, Marina Zwetajewa, Michail Prischwin, Danilo Kis und Imre Kertesz. Ob Suhrkamp, Hanser oder Manesse, die renommierten deutschsprachigen Verlagshäuser hatten mit Ilma Rakusa endlich die Übersetzerin gefunden, die selbst Autorin war und kongenial Texte aus jenem Teil Europas ins Deutsche übersetzen konnte, der es in Deutschland, Österreich und in der Schweiz schwer hatte, von sich reden zu machen. Ilma Rakusas Interesse an literarischer Vermittlung galt zugleich auch den grossen französischen Autorinnen, Marguerite Duras und Leslie Kaplan etwa; von jener übersetzte sie den berühmten Roman «Der Liebhaber», von dieser «Das Buch der Himmel». Von Zürich aus erfüllte Ilma Rakusa – neben François Bondy – in den siebziger und achtziger Jahren gleichsam im Alleingang die Aufgabe, zwischen den westlichen und östlichen Polen des alten Kontinents Brücken zu bauen. Die Intellektuellen des deutschsprachigen Zentraleuropa, insbesondere in der Bundesrepublik und in der DDR, hatten sich in ihrer Mehrzahl, nicht zuletzt unter kulturpolitischem Druck, stets geweigert, in diese Rolle zu schlüpfen.
Ilma Rakusa wurde 1946 als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Ostslowakei geboren, lebte in Budapest, Ljubljana und Triest und kam 1951 nach Zürich. Ihre Biographie war für sie auch Verpflichtung – sich selbst, ihrer osteuropäischen Herkunft und der Westeuropas gegenüber, in dessen Kultur sie hineingewachsen war. Man würde ihrer literarischen Leistung, vor allem aber ihrem eigenen Selbstverständnis nicht gerecht werden, wenn man nur ihre Übersetzungstätigkeit hervorhöbe, so einzigartig und wertvoll diese auch sei. Ihren eigenen ersten dichterischen Einübungen in den siebziger Jahren liess die Autorin 1982 die erfolgreiche Erzählung «Die Insel» folgen. Diese handelt von der Zeit unmittelbar nach der Trennung eines Paares und fokussiert auf das Erleben und die Sichtweise des Mannes. Ilma Rakusa sucht nicht etwa nach den Gründen des Scheiterns, sondern entdeckt dem Leser den mikroskopischen Prozess, der sich zwischen Mann und Frau abspielt. Der Autorin geht es mithin um die an Konsequenzen reichen Unwägbarkeiten in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese Imponderabilien – von Nathalie Sarraute ja bekanntlich als «Tropismen» bezeichnet – aufzuzeigen, nicht aber zu interpretieren, ist Rakusas Anliegen, das sie auch in dem Prosaband «Miramar» (1986) beschäftigt. Später, in dem stark beachteten Band «Steppe» (1990), werden Paarbeziehungen freilich zum Ort von Selbstvergewisserung in Form endgültiger Desillusionierungen.
Dass die Sprache ein Hort ganz persönlicher Sinnfindungen sei, gerät der Autorin in ihrer Lyrik zu einer lebensnotwendigen Überzeugung. Immer wieder tastet Ilma Rakusa die lyrische Sprache auf ihren Klang ab und auf das Spielerische, das der willkürlichen Klanglichkeit der Buchstabenfolgen eigen ist. Der Gedichtband «Leben» (1990) enthält fünfzehn Akronyme, Texte mithin, in denen die Anfangsbuchstaben der Wörter innerhalb jeder Zeile den Buchstaben des Titelwortes entsprechen. Deutlich wird dabei das assoziative, heterogene Vorgehen der Autorin, das bereits im Titel ihres 1992 erschienenen Gedichtbandes «les mots/les morts» programmatisch präsent ist. Ilma Rakusa bevorzugt die kleinen Formen, Pirouetten auf der Spitze des Fusses mithin, die mal selbstreflexiv, mal anspielungsreich, manchmal allerdings auch hermetisch die Sprache nach ihren Bestandteilen befragen.
Anspielungen und Sprachspielerei ersetzen auch in «Jim. Sieben Dramolette» (1993) Spannungsbögen, Aktion oder thematische Auseinandersetzung. Im Dramatischen zeichnet sich ab, was für die Autorin in dem Gedichtband «Ein Strich durch alles» (1997) zur Gewissheit zu werden scheint. Der Klang der Sprache ist das Suggestive der Mitteilung, und was durchgestrichen wurde, steht immer noch da. Lautlichkeit ist bei Ilma Rakusa mit sinnlicher Wahrnehmung schlechthin verbunden. Und sie ist auch in die Vergangenheit gerichtet. So kann Literatur im allgemeinen und die Poesie im besonderen zu Gefässen werden, denen Erinnerungen wie süsse Düfte entweichen.