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CAROLA JÄGGI: Die Bilder sind grossartig. Sie stehen einerseits in der Tradition von Porträtgemälden etwa von Holbein oder Velázquez, sind andererseits aber auch sehr ambivalent.
JÄGGI: Eines der Fotos zeigt einen Jungen, der eine Kalaschnikow in Händen hält. Im Hintergrund sind Kuscheltiere und auf einem Bildschirm eine Ballettinszenierung zu sehen, für die er sich zu interessieren scheint. Im Vordergrund posiert er selbst mit dieser Knarre. Hier ist die Ambivalenz ganz vordergründig. Offenbar gehört die Waffe zu seinen Spielzeugen. Fragt sich, wie er dazu gekommen ist. Die Möbel seines Zimmers sind im Stil des Gelsenkirchener Barocks – sicher keine Erbstücke, sondern neu gekaufte Möbel. Interessant zu wissen wäre, wie sich die Kinder, die Anna Skladmann porträtiert hat, weiterentwickeln. Skladmanns Serie heisst «Little Adults» (siehe Kasten unten): Werden diese «kleinen Erwachsenen», wenn sie grösser sind, ganz in die Rollen schlüpfen, die sie hier spielen?
JÄGGI: In relativ konventioneller Form, mit Chiffren, die schon in der Porträtmalerei des 19. Jahrhunderts gängig waren. Damit heben sich die Dargestellten ab von den vulgären Neureichen, die Klunker, teure Autos und Uhren vorführen und damit protzen, reich zu sein. Auf Skladmanns Fotos wird Establishment in Szene gesetzt, man zeigt, dass man arriviert ist. Interessant ist das Bild, auf dem ein Mädchen mit Schatztruhe und Bärenfell vor einem Kamin posiert. Der Bär mag ein Kuscheltier sein, vor allem aber ist er eine Jagdtrophäe. Die Jagd ist ein uraltes Vorrecht der Aristokratie. Mit Assoziationen an Landadel und Junkertum spielt bekanntlich auch Vladimir Putin.
JÄGGI: Durchaus, man hat Kultur und zeigt das auch. So gesehen enthalten die Bilder Anklänge an die Zarenzeit, sie sind quasi neomonarchistisch. Salons mit grossen Leuchtern oder ein Privattheater wie auf dem Titelbild – das hatten Prinzen und Prinzessinnen. Die Bewohner dieser Räume wissen zwar, dass sie nicht altreich oder gar adlig sind, geben sich aber dennoch so.
JÄGGI: Genau, das ist fingierte adlige Tradition. Als Gegensatz dazu fällt mir ein Kollege aus einer wohlhabenden englischen Familie ein, der oft ausgebeulte Tweedjacken und Hosen trägt. Trotz dieses Outfits wissen alle in seinem Umfeld, dass er reich ist. Wir können solche Codes lesen, in Dubai würde er vielleicht Almosen bekommen.
JÄGGI: Ich denke schon. Ich kann mir vorstellen, dass es in Schweizer Steueroasen auch Villen in diesem Stil gibt.
JÄGGI: Auch im Mittelalter berief man sich zuweilen auf die Tradition, um Reichtum und Macht zu demonstrieren. Ein Beispiel dafür ist der Tempietto sul Clitunno, ein Tempel bei Spoleto in Mittelitalien, den ich vor vielen Jahren untersucht habe. Er wirkt auf den ersten Blick antik, stammt aber aus dem 7. Jahrhundert. Die Auftraggeber des Tempietto waren Langobarden. Sie sind vergleichbar mit den russischen Familien von Skladmanns Bildern.
JÄGGI: Im späten 6. Jahrhundert eroberten die Langobarden Italien. Sie hatten keine eigene Steinbautradition, sondern lebten in Holzhäusern oder Zelten. Die Langobarden übernahmen in Italien die Macht, einem Land mit grosser Kultur und langer Geschichte. Ein Mächtiger ist aber nur glaubwürdig, wenn er sich auch so repräsentiert. Als neue Herrscher standen die Langobarden folglich vor der Aufgabe, sich Paläste zu bauen. Nur wie? Sie lösten das Problem, indem sie an die Antike andockten – an eine grosse Tradition, die ihnen fehlte.
JÄGGI: Genau, auf eine Epoche, die weiter zurücklag als die, in der sie lebten – wie in den Bildern von Anna Skladmann. Damit versuchten sich die neuen Machthaber zu legitimieren. Aber die Langobarden griffen auf antike Repräsentationsformen zurück, ohne diese wirklich zu kennen. Das sieht man, wenn man sich den Tempietto genau anschaut. Auf den ersten Blick wirkt das Baudekor antik. Auf den zweiten merkt man dann, dass diese antike Inszenierung überall eine Spur überdreht ist, ähnlich wie in den Villen der Neureichen in unserer Zeit.
JÄGGI: Das Christentum führte zu einer Art ethischem Reload. In der Bibel gibt es die berühmte Passage, die besagt, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel komme. Dieser Gedanke hat die mittelalterliche christliche Gesellschaft geprägt: Reichtum, zumindest der, der nicht für die Allgemeinheit ausgegeben wird, galt als unmoralisch. Das prägte die christlich-westliche Kultur für lange Zeit.
JÄGGI: Selbstverständlich gab es auch im Mittelalter reiche Menschen. Reichtum wurde aber moralisch überhöht, indem zumindest ein Teil des Reichtums in Form von Stiftungen an die Kirche floss. So stifteten Reiche etwa einen Altar mit einem Priester, der regelmässig für sie die Messe las und dafür betete, dass sie am Jüngsten Tag gnädig gerichtet würden – eine Art fromme Jenseitsversicherung.
JÄGGI: Durchaus. Im Mittelalter war wichtig, dass über eine Stiftung auch an die Person und den Namen des Stifters erinnert wurde. Das ist heute nicht anders. Stiftungen sind nicht anonym. Da geht es um den guten Ruf, den man sich auf diese Weise aufbauen will. Das Gleiche gilt für Kunstsammler, die ihre Sammlungen Museen zur Verfügung stellen. Das sind sublimierte Formen, Reichtum zu zeigen.
Dieser Artikel ist im UZH Magazin 3/19 erschienen.