Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03617.jsonl.gz/984

Die vielgescholtenen US-Amerikaner haben den Europäern etwas Entscheidendes voraus. Es ist ihre Fehlerkultur. Ein Passepartout-Debakel, bei dem sich die Verantwortlichen in mühsamste Rechtfertigungsrituale flüchten, wäre in den USA kaum möglich. Ein neuestes Beispiel ist die Studie der amerikanischen University of California in San Diego. Uri Gneezy wollte herausfinden, ob die statistisch eklatanten Unterschiede zwischen US-amerikanischen und chinesischen Schülerinnen und Schülern bereits durch das Testdesign mitbedingt werden könnten.
Bei den PISA-Studien, an denen bekanntlich unsere Schulen auch schon mehrmals mitgemacht haben, ist es so, dass 15-jährige Jugendliche 4 Stunden lang in einem Saal sitzen und Testaufgaben lösen. Sie bekommen kein Feedback und schon gar nicht werden sie erfahren, wie ihre Leistungen im internationalen Vergleich beurteilt werden. Ihre Ergebnisse gehen unter in der Gesamtgrösse aller Daten, aus denen dann Wissenschaftler ihre Ranglisten erstellen, aufgrund derer Politiker dann ihre Alarmsignale aussenden.
Diese Ranglisten sind bekannt: Chinesische Schüler gehören zur Weltspitze, amerikanische Schüler belegen dagegen erst den 36sten Rang.
Uri Gneezy vermutete, dass chinesische Schüler immer motiviert sind, ihr Bestes zu geben, US-amerikanische Schüler hingegen dazu angespornt werden müssen.
„Um das zu überprüfen, verschafften wir den Jugendlichen eine Motivation. Als sie zum Test kamen, gaben wir ihnen 25 Dollar und 25 PiSA-Testaufgaben und sagten ihnen, dass wir für jede falsche Antwort einen Dollar abziehen würden. So hatten sie einen starken Anreiz, sich wirklich anzustrengen“, so Gneezy.
Der Lohn verbesserte die Leistungen.
Insgesamt verglich Gneezy 700 Jugendliche aus Shanghai und San Diego. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, aber Gneezy stellte sie jetzt auf einer Tagung des Max- Planck-Instituts für Gemeinschaftsgüter in Bonn zur Diskussion. Die Ergebnisse sind eindeutig.
„Die Jugendlichen aus Shanghai haben sich durch den finanziellen Anreiz nicht verbessert, wahrscheinlich, weil sie beim Test schon von Anfang an alles gaben. Die Jugendlichen aus den USA dagegen schnitten deutlich besser ab. Wenn man sich die Rangliste in Mathematik anschaut, dann hätten sie sich von Rang 36 auf Rang 19 vorgeschoben – allein dadurch, dass wir ihnen am Anfang des Tests 25 Dollar gegeben haben!“
„Wir müssen die Testergebnisse künftig anders interpretieren.“
Für den Bildungsforscher Uri Gneezy lassen diese Ergebnisse nur einen Schluss zu: „Wir müssen die Testergebnisse künftig anders interpretieren. Denn der Test ist nicht so verlässlich, wie wir glauben. Er misst eben nicht nur die Leistungsfähigkeit. Er misst auch die Motivation, sich bei einem Test richtig ins Zeug zu legen, für den man keine Belohnung erhält.“
Natürlich denkt Gneezy nicht im Traum daran, fortan für eine Prämie bei den PISA-Tests zu plädieren. In typisch US-amerikanischer Manier erklärt er: „Wir haben noch eine Menge zu lernen. Der erste Schritt besteht darin anzuerkennen, dass es hier ein Problem gibt. Das ist die Voraussetzung dafür, es lösen zu können.“
Diese hochinteressante Studie belegt nicht nur, dass der LCH-Präsident mit seiner Annahme der mangelnden Motivation ein relevantes Problem angesprochen hat. Sie ist auch eine weitere Herausforderung für alle PISA-Verfechter, welche mit ihren statistisch fragwürdigen Ranglisten vorgeben, sie könnten die Qualität eines Schulsystems in seiner Gesamtheit quantifizieren und aufgrund der Ergebnisse steuern.