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Verlust von Vertrauen in die Medien, Vorwürfe, die Medien machten gemeinsame Sache mit den Herrschenden, seien ideologisch voreingenommen und praktizierten ein Einheitsdenken: Der Journalismus lebt in einer Zeit des Verdachts. Angesichts dieses Gegenwinds wäre es falsch, wenn die Medien und der gesamte Berufsstand in der Defensive blieben. Denn es liegt in erster Linie an ihnen, ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Publikum zu bewahren und zu entwickeln (Photo KEYSTONE/Laurent Gillieron).
Die Medien müssen ihre Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer sowie Zuschauerinnen und Zuschauer davon überzeugen, dass sie unabhängig sind, dass sie keine mehr oder weniger verborgene Agenda verfolgen und dass sie keine Interessenkonflikte mit bestimmten Gesprächspartnern, Parteien oder Organisationen haben.
Um dies zu erreichen, hätten die Medien alles Interesse daran, transparenter zu werden, ohne darauf zu warten, dass sie durch staatliche Eingriffe dazu gezwungen werden.
Transparenz in Bezug auf die Identität ihrer Eigentümer, wie in einer Empfehlung des Europarats gefordert, aber auch in Bezug auf eine Reihe von Fragen, die ihre redaktionelle Unabhängigkeit und ihre kritische Freiheit beeinträchtigen können. Zum Beispiel: Ist die Mitgliedschaft eines Medienschaffenden in einer politischen Partei oder einer aktivistischen Organisation von dem betreffenden Medium erlaubt? Falls ja, unter welchen Bedingungen? Wie kann die Öffentlichkeit darüber informiert werden? Dürfen Medienschaffende zu Themen arbeiten, die mit ihrem politischen oder Verbands-Engagement in Zusammenhang stehen oder bei denen Angehörige involviert sind?
All diese Fragen sind legitim und die Medien schulden der Öffentlichkeit Antworten. In diesem Sinne hat sich die Schweizer Sektion von RSF Anfang April geäussert, als sie von der Tageszeitung «Le Temps» auf eine Debatte angesprochen wurde, die am nächsten Tag im Kantonsparlament des Kantons Waadt stattfinden sollte.
Da die Diskussion schliesslich verschoben wurde, werden die Abgeordneten erst zu einem späteren Zeitpunkt über ein Postulat diskutieren, das von den Medien mehr Transparenz fordert, insbesondere in Form eines Registers der Interessenbindungen von Journalistinnen und Journalisten.
Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn sich die öffentliche Hand in Fragen einmischt, die die redaktionelle Freiheit der Medien betreffen. Schon aus diesem Grund verdient der den waadtländischen Volksvertretern vorgelegte Vorschlag eine Ablehnung. Es wäre jedoch ein Fehler der Medien, es dabei zu belassen. Denn unsere Gesellschaft ist zunehmend empfänglich für legitime Forderungen nach Transparenz. Die Medien werden nichts gewinnen, wenn sie sich nicht bewegen.
An ihnen liegt es also, die Initiative zu ergreifen. Sie müssen einen Einblick ins Innere ihrer Redaktionen ermöglichen, dies aber im Einklang mit ihren Werten und ihrer Ethik. Natürlich ohne den Quellenschutz oder die notwendige kritische Freiheit zu verraten, ohne sich von irgendjemandem in Geiselhaft nehmen zu lassen, sondern indem sie ihre interne Funktionsweise, ihre Praktiken und ihr Verständnis davon offenlegen, was es konkret bedeutet, ein «unabhängiger» Journalist, eine «unabhängige» Journalistin zu sein.
Auf diese Forderungen nach Transparenz wollte unsere Organisation eine erste Antwort geben, indem sie vor einigen Jahren die Journalism Trust Initiative (JTI) ins Leben gerufen hat. Dabei handelt es sich um ein Label, das einen vertrauenswürdigen Journalismus fördern soll und bescheinigt, dass ein Medium in Übereinstimmung mit den von der Branche anerkannten Qualitätsstandards arbeitet. Dabei werden nicht die Inhalte, sondern nur die Prozesse zertifiziert. Das Online-Medium «SWI Swissinfo» gehörte zu den ersten Medien weltweit, die diese Zertifizierung erhalten haben.
Der Journalismus ist heute in eine kritische Phase seiner Geschichte eingetreten. Dies macht die Debatte sowohl spannend als auch unerlässlich. Lassen wir nicht zu, dass sie für politische Zwecke missbraucht wird, packen wir sie selbst an!