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Die Covid-19-Krise hat sich auf die gesamte Bevölkerung ausgewirkt. Personen mit tiefem Einkommen sind jedoch am stärksten von den negativen Auswirkungen betroffen. Bestehende Ungleichheiten haben sich folglich verschärft. Deutliche Unterschiede zeigen sich auch nach Alter, Geschlecht und Beschäftigungsstatus.
Auf einen Blick
- Personen mit tiefem Einkommen waren in der ersten Pandemiewelle im Frühling 2020 seltener im Homeoffice, häufiger in Kurzarbeit und hatten mehr Angst vor dem Jobverlust als Besserverdienende.
- Im Gegensatz zu Besserverdienenden, wirkten sich die pandemiebedingten Änderungen der Lebensumstände für Geringverdienende überdurchschnittlich negativ auf die finanzielle Situation, die (psychische) Gesundheit, die Erwerbsarbeit (Homeoffice, Kurzarbeit) und die Familie (Kinder- und Hausaufgabenbetreuung) aus.
- Berufliche Nachteile, wie Kurzarbeit, waren nicht immer einkommensbedingt. Entscheidend waren auch die Wirtschaftssektoren, in denen das Einkommen erzielt wurde.
Die Nationale Plattform gegen Armut hat das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) beauftragt, Forschungsprojekte zu den Auswirkungen der Pandemie in Auftrag zu geben. Ein Forschungsauftrag, der vom FORS und von der Haute école de travail social et de la santé Lausanne (HETSL/HES-SO) ausgeführt wurde, untersuchte die Folgen der Corona-Pandemie und der Massnahmen zu deren Bekämpfung (insbesondere des Teil-Lockdowns vom 17. März bis 11. Mai 2020) auf die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Dieser Artikel fasst den Bericht zusammen, der dem BSV im Mai 2021 vorgelegt wurde (Tillmann et al. 2021).
Forschungsfragen und Ziele des Berichts
Die Studie sollte vor allem zwei Fragen beantworten: Erstens galt es herauszufinden, ob sich die negativen Auswirkungen der Pandemie und die Massnahmen zu deren Bekämpfung in der ersten Welle vor allem auf die unteren Einkommenskategorien konzentrierten und ob die Krise demnach bestehende soziale Ungleichheiten verstärkte. Zweitens sollte untersucht werden, ob bei gleichem Einkommen gewisse Gruppen, z. B. aufgrund ihres Alters, ihres Geschlechts, ihrer Familienkonstellation, ihrer sozialen oder beruflichen Stellung oder ihres Bildungsniveaus stärker betroffen waren. Dazu mussten zahlreiche soziodemografische Variablen geprüft werden, denn die Stellung einer Person in der Gesellschaft ist vielschichtig und kann nicht auf eine einfache vertikale Hierarchie reduziert werden, wie eine ausschliesslich einkommensbasierte Messung vermuten liesse.
Methode
Die Untersuchung stützt sich auf die Daten des Schweizer Haushalt-Panels (SHP) ab, insbesondere auf die Spezialbefragung zu Covid-19, die im Mai und Juni 2020 durchgeführt wurde (SHP + COVID-19). Das SHP ist eine für die Schweiz einzigartige Längsschnittstudie, für die seit 1999 jedes Jahr alle Mitglieder der Haushalte einer Zufallsstichprobe befragt werden. Damit lassen sich der soziale Wandel und die Veränderungen der Lebensbedingungen in der Schweiz beobachten. Dank seiner vor Beginn der Corona-Pandemie durchgeführten Messungen erwies sich das SHP als besonders geeignet, um die erwähnten Forschungsfragen zu beantworten. Allerdings gibt es zwei Vorbehalte: Erstens erfassen die Daten des SHP nur die Auswirkungen der ersten Pandemiewelle und der Massnahmen, die aufgrund der «ausserordentlichen Lage» getroffen wurden. Zweitens liegt der Zeitpunkt der Covid-19-Befragung sehr nahe am Ende des partiellen Lockdowns, sodass nur die kurzfristigen Auswirkungen auf die Lebensbedingungen dokumentiert werden konnten. Um die längerfristigen Folgen zu beurteilen, müssen die nachfolgenden Studien des SHP abgewartet werden.
Bei der Beurteilung der finanziellen Situation wurde vom verfügbaren Äquivalenzeinkommen des Haushalts ausgegangen, das nach Haushaltsgrösse gewichtet wurde. Dieses Einkommen beinhaltet alle Einkünfte (aus Erwerbstätigkeit, Renten usw.) sowie eine fiktive Miete für Eigentümerinnen und Eigentümer, abzüglich direkter Steuern, Krankenkassenprämien und Transferzahlungen an andere Haushalte. Es wurden drei Einkommenskategorien betrachtet: Tiefe Einkommen (weniger als 70 % des Medians), denen 14,5 Prozent der untersuchten Haushalte zuzuordnen sind, mittlere Einkommen (zwischen 70 und 150 % des Medians), denen 67 Prozent angehören, und hohe Einkommen (mehr als 150 % des Medians), auf die 19 Prozent der Haushalte entfallen. Beim Einkommenskonzept zur Messung des Lebensstandards wird das Vermögen ausser Acht gelassen. Das ist für eine wirtschaftliche Gesamtsicht der Haushalte nicht unproblematisch. Um zu verhindern, dass vermögende Haushalte die Stichprobe der tiefen Einkommen verzerrten, wurde die materielle Situation der Haushalte anhand verschiedener Informationen kontrolliert und gegebenenfalls aus der Untersuchung ausgeschlossen.
Damit sich mögliche Wechselwirkungen zwischen den Einkommenskategorien und den übrigen Erklärungsfaktoren (Alter, Geschlecht, Haushaltstyp usw.) kontrollieren liessen, wurde der Ansatz der Regressionsanalyse gewählt.
Hauptergebnisse
In diesem Artikel konzentrieren wir uns hauptsächlich auf die erste Frage des Forschungsrojekts, die sich wie erwähnt auf die Einkommenskategorien bezieht. Untersucht wurden fünf Schwerpunktthemen, die die Lebensbedingungen massgeblich bestimmen: finanzielle Situation, berufliche Situation, Gesundheit, Familie und Unterstützung sowie Zufriedenheit mit den sozialen Beziehungen.
Finanzielle Situation
Was die finanzielle Situation betrifft, so zeigt die Analyse, dass die Covid-19-Krise und die Massnahmen, die zu ihrer Bekämpfung ergriffen wurden, negative Auswirkungen auf alle Einkommenskategorien hatten; mit allerdings erheblichen Unterschieden: Personen in der untersten Einkommenskategorie stellten beispielsweise durchgehend häufiger negative Auswirkungen fest (siehe Tabelle T1). Was darauf schliessen lässt, dass die Pandemie finanzielle Ungleichheiten tendenziell verstärkt.
Berufliche Situation
Wenig überraschend brachte die Krise auch bedeutende Veränderungen bei der beruflichen Situation, die je nach Höhe des Einkommens unterschiedlich wahrgenommen wurden. Beispielsweise arbeiteten Personen mit einem tiefen Einkommen seltener im Homeoffice und schätzten das Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, höher ein als die anderen beiden Einkommensgruppen. Der Homeoffice-Anteil bewegte sich zwischen 28 Prozent für niedrige und 60 Prozent für hohe Einkommen. Auf einer Skala von 0 «kein Risiko» bis 11 «schon eingetreten» stufte ein Drittel der Personen mit einem tiefen Einkommen das Risiko eines Arbeitsplatzverlustes bei mindestens 3 ein, während es bei den Personen mit mittlerem bis hohem Einkommen rund ein Viertel war. Ebenso waren lediglich 12 Prozent der Gutverdienenden von Kurzarbeit betroffen, bei den tiefen Einkommen waren es 22 Prozent, bei den mittleren 20 Prozent der Befragten. Aus der Analyse geht jedoch hervor, dass die Nachteile im beruflichen Bereich nicht immer mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Einkommenskategorie zusammenhängen. Eine wichtige Rolle spielen hier insbesondere auch die Wirtschaftssektoren, in denen das Einkommen erzielt wird.
Gesundheit und Wohlbefinden
Die Analyse der Aspekte Gesundheit und Wohlbefinden liess ebenfalls einkommensspezifische Auswirkungen erkennen. Allerdings nicht systematisch. Geringverdienende zeigten sich stärker besorgt darüber, bei einer Covid-19-Erkrankung nicht die notwendige Versorgung zu erhalten. Bei ihnen waren denn auch körperliche Reaktionen wie Stress oder Angst sowie negative Gefühle häufiger (siehe Tabelle T2).
Diese Unterschiede müssen jedoch relativiert werden: Sie spiegeln die schlechtere psychische Gesundheit Geringverdienender wider, die bereits vor der Krise bestanden hatte. Die Längsschnittanalysen deuten nicht darauf hin, dass die sozialen Ungleichheiten im Gesundheitsbereich beim Abklingen der ersten Pandemiewelle zugenommen hätten (zumindest, wenn sie über Indikatoren des Wohlbefindens dokumentiert werden).
Familie und Unterstützung
Durch die Schliessung der Schulen waren viele Familien mit Fernunterricht konfrontiert. Daraus ergaben sich zahlreiche Probleme, wie beispielsweise der Mangel an Zeit und Kompetenzen bei der Hausaufgabenbetreuung oder die Schwierigkeit, Homeoffice und den Schulbetrieb zu Hause miteinander zu vereinbaren. Hier ergaben die Analysen signifikante Unterschiede zwischen den Einkommenskategorien: Eine zeitweise Überforderung mit der Kinder- und Hausaufgabenbetreuung lässt sich bei der Gruppe der Geringverdienenden häufiger feststellen als bei den anderen Kategorien. 34,9 Prozent der Eltern mit tiefem Einkommen fühlten sich mit der Betreuung bei den Schulaufgaben überfordert, bei denjenigen mit mittlerem Einkommen waren dies nur 15,2 Prozent, bei jenen mit hohem Einkommen 20,3 Prozent. Demgegenüber hing es nicht vom Einkommen ab, ob es in einer Familie häufiger zu Spannungen kam oder Eltern die Schulschliessung zum Anlass nahmen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen.
Schule zu Hause
Neben den erwähnten einkommensabhängigen Unterschieden zeigen Analysen, die andere soziodemografische Merkmale berücksichtigten, dass das Gefühl, mit der Hausaufgabenbetreuung der Kinder überfordert zu sein, unterschiedlich ausgeprägt war. So lassen sich Unterschiede aufgrund des Geschlechts feststellen, wobei sich Frauen häufiger überfordert fühlten; aufgrund der Anzahl Kinder, wobei die Betreuungsschwierigkeiten mit zunehmender Familiengrösse stiegen; und aufgrund des Bildungsniveaus der Eltern, wobei ein hohes Bildungsniveau die Probleme verringerte. Zudem liess sich ein Alterseffekt beobachten: Jüngere Eltern (18- bis 35-Jährige) berichteten vergleichsweise weniger, mit den Schulaufgaben ihrer Kinder überfordert zu sein als ältere.
Die Schliessung der Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen führte dazu, dass die Kinder häufiger zu Hause waren. Das Gefühl, mit der Beschäftigung der Kinder, ob schulpflichtig oder nicht, überfordert zu sein, war insgesamt unterschiedlich ausgeprägt. Eltern von Kindern im Vorschulalter gaben an, häufiger überfordert zu sein, und das Gefühl stieg linear mit der Anzahl Kinder. Ausserdem waren arbeitslose Personen stärker vom Gefühl der Überforderung durch die Kinderbetreuung betroffen. Die Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nahmen ab Beginn der Krise zu, wobei die Anzahl Kinder im Haushalt eine Rolle spielte; für Personen, die im Homeoffice arbeiteten, verbesserte sich die Situation hingegen.
Persönliche Beziehungen
Schliesslich zeigt die Datenanalyse auch, dass sich die Zufriedenheit mit den persönlichen Beziehungen durch die Krise nicht verschlechterte und es diesbezüglich keinen einkommensspezifischen Effekt gab. Das Gefühl der Einsamkeit sank bei den Personen im mittleren Einkommenssegment während der ersten Pandemiewelle; bei Gering- und Gutverdienenden hingegen blieb es gleich.
Fazit
Zusammenfassend trafen die negativen Auswirkungen der Krise Geringverdienende stärker als andere. Das deutet darauf hin, dass sich bereits bestehende Ungleichheiten verschärften. Diese Tendenz ist jedoch nicht systematisch. Die negativen Folgen, mit denen die tieferen Einkommenskategorien konfrontiert sind, betreffen vor allem die finanzielle Situation, gewisse gesundheitliche Aspekte (insbesondere die psychische Gesundheit), die Erwerbsarbeit (Homeoffice, Kurzarbeit) und die Familie (Kinder- und Hausaufgabenbetreuung). Für bestimmte Bereiche der beruflichen Situation sind die negativen Auswirkungen hingegen gering oder gar nicht vorhanden; dasselbe gilt für die Unterstützung und die Zufriedenheit mit den sozialen Beziehungen.
Literaturverzeichnis
Tillmann, Robin; Kuhn, Ursina; Kühr, Judith; Thiévent, Romaric; Tabin, Jean-Pierre (2021). Auswirkungen der Corona-Pandemie und des Shutdowns auf die Lebensbedingungen: Analyse der Erhebung «COVID-19» des Schweizer Haushalts-Panels nach Einkommensgruppen (Französisch mit deutscher Zusammenfassung); [Bern: BSV].
SHP + COVID-19. FORSbase, Swiss Household Panel – Living in Switzerland (Internetquelle): Living in Switzerland Waves 1-21 + Covid 19 data. doi 10.23662/FORS-DS-932-7