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System zähmen
«Jürgen Habermas: ‹Mit Habermas wurde die Kritische Theorie auf den Boden einer Wissenschaft unter anderen zurückgeholt›», WOZ Nr. 23/2019
Rudolf Walthers so uneingeschränkt freundliche Gratulation zu Habermas’ 90. Geburtstag bedarf einiger Ergänzungen und Korrekturen. Bei Walther fehlt erstens der Hinweis auf «Erkenntnis und Interesse» (1968), das in vorzüglicher Weise noch ganz in der Tradition der Kritischen Theorie steht, wohingegen Walther versucht, Habermas zu deren Opfer zu stilisieren. Bei dieser Gelegenheit: Den Begriff des «Nicht-Identischen» aus Adornos «Negativer Dialektik» als «spekulativ aufgeladene Metapher» abzutun, mit der «Adornos Spätwerk für die Philosophie einen Rest von privilegiertem Status behaupte», zeugt von ebenso erstaunlicher wie bestürzender Unwissenheit.
Zweitens fehlt der präzise Hinweis auf die «Theorie des kommunikativen Handelns» (1981), häufig als Habermas’ Hauptwerk betrachtet, mit der er auf die Linie der politischen Soziologie in den USA einschwenkt und sich als Rechts- und Staatstheoretiker in der Tradition des aufgeklärt bürgerlichen Republikanismus etabliert.
Drittens fehlt der Hinweis auf «Der philosophische Diskurs der Moderne» (1985), wo sich Habermas mit postmoderner Theorie von Nietzsche an in jener Mischung aus Unverständnis und Geringschätzung auseinandersetzt, die auch Walthers Einlassung kennzeichnet. Kurz: Habermas geht als Theoretiker in der Sache Gesellschaftsphilosophie von der Rivalität zwischen Lebenswelt und System (Staatsmacht und Reichtum hiess das in Hegels Rechtsphilosophie) aus und bemüht sich, in mehrfacher Perspektive zu zeigen, wie es der Lebenswelt gelingen mag, das System zu zähmen und in die Schranken zu weisen. Das hat ihn, wie sich versteht und Walther zu Recht betont, zum Public Enemy der «FAZ» und der ihr zugewandten Denkorte gemacht. Das ist anerkennens- und achtenswert. Kant hätte ihn gewiss an seinen Mittagstisch eingeladen. Aber die bürgerliche Gesellschaft ist inzwischen 200 Jahre älter. Der Kapitalismus auch.
Wolfram Malte Fues, Duggingen
Keine «Ökodiktaturen»
«‹Die Vergangenheit ist vielleicht die grösste Utopie›: Schriftstellerin Judith Schalansky über ihre Kindheit – und den Traum von einer Ökodiktatur», «wobei» Nr. 3/2019
In der WOZ-Beilage «wobei» vom 23. Mai erschien ein Interview von Florian Keller mit der Autorin Judith Schalansky. Schon im Titel steht ohne kritische Distanz und ohne Anführungs- und Schlusszeichen der Begriff «Ökodiktatur», im Interview dann wieder und völlig naiv.
Diesen unbedarften Umgang mit Faschismus stelle ich neuerdings auch bei meinen Designstudierenden der ZHdK und HSLU fest, die vermehrt den Wunsch nach einer Diktatur äussern, um die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung durchzusetzen. Neulich hörte ich das im «Echo der Zeit» auch einen ETH-Professor für Urban Design in Singapur sagen. Ich bin jedes Mal schockiert über so viel Geschichtsvergessenheit. Diktaturen sind nicht einfach ein bisschen «strengere» Systeme als Demokratien, sondern extrem paranoid, extrem gewalttätig und extrem asozial. Man sollte diese Wünsche nach Ökodiktaturen immer sofort als brutale Illusionen entlarven und zurückweisen. In diesem Sinne haben Herr Keller und die WOZ wenig Verantwortungsbewusstsein gezeigt.
Ganz anders dafür der Essay von Richard Smyth: «Wir sollten wachsam sein, wenn wir über unsere Beziehungen zu wilden Wesen und Landschaften schreiben. Faschismus ist ein einfallsreicher Parasit» in der WOZ Nr. 22 vom 30. Mai. Vielen Dank hierfür.
Paola De Martin, per E-Mail