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Filmkritik: Eins, zwei oder drei, das ist keine Hexerei...
Wonju (Yumi Jung), eine junge Filmstudentin, ist mit ihrer Mutter vor ihren Gläubigern nach Mohang geflüchtet. In der idyllischen Umgebung nahe dem Strand versucht sie, ihre angespannten Nerven zu beruhigen, indem sie einen Drehbuchentwurf zu einem Kurzfilm verfasst. Dieser besteht aus drei Geschichten, die im selben Hotel in Mohang spielen und bei denen jeweils eine französische Frau namens Anne (dreimal Isabelle Huppert) im Mittelpunkt steht.
Die erste Anne ist eine bekannte Regisseurin, die einen koreanischen Berufskollegen besucht; die zweite Anne trifft sich hier heimlich mit ihrem Liebhaber, einem bekannten koreanischen Regisseur; die dritte Anne wurde eben von ihrem Mann für eine koreanische Frau verlassen und versucht in Begleitung einer japanischen Professorin ihr Leben in den Griff zu kriegen. Während ihres Aufenthaltes kreuzen alle drei Annes den Weg eines Rettungsschwimmers (Junsang Yu) und fühlen sich dabei in unterschiedlicher Weise zu diesem hingezogen.
In perfekter Spielfilmlänge von 90 Minuten erzählt der Film von Sangsoo Hong eine Geschichte, die auf verschiedenen Ebenen verstanden werden kann. So existieren die drei Storys, aus denen der Film besteht, nur in der Fantasie der Protagonistin, sind also gewissermassen gar nicht "echt". Doch was ist schon echt in einem Film, der per definitionem eine Illusion ist? Auf verschiedenen Handlungsebenen lotet In Another Country so die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aus - und reflektiert damit auch ironisch das Medium Film.
Mit immer wiederkehrenden Elementen wie einem Regenschirm, gleichen Figuren (die Protagonistin Wonju und ihre Mutter kommen in den Episoden als Nebenfiguren vor) und identischen Dialogzeilen ist der Film ein Puzzle, das einiges an Interpretationspotenzial bietet. Erfreulich ist dabei, dass der Streifen trotz dieser eher intellektuellen Konstellation nie kopflastig ist, sondern im Gegenteil leicht und locker daherkommt wie eine luftige Sommerkomödie - diese gelungene Kombination ist eine der grössten Stärken des Filmes.
Für die amüsanten Momente sorgen vor allem die Begegnungen der drei Annes mit dem Rettungsschwimmer, die - durchsetzt von sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten - immer in ähnlicher, aber doch nicht ganz gleicher Weise ablaufen. Jungsang Yu gibt so den liebenswerten Konterpart zu Isabelle Huppert, die in drei unterschiedlichen (oder doch nicht so unterschiedlichen?) Rollen die Gelegenheit nutzt, eine Kostprobe ihres schauspielerischen Könnens darzubieten.
Etwas schade ist, dass die drei Anne-Episoden nicht stärker mit der Rahmenhandlung verknüpft sind, also der Geschichte um die Filmstudentin und ihre Mutter. Einzige Bindeglieder sind die Location - das Hotel am Strand - sowie Wonju und ihre Mutter, die in den Episoden in einer anderen Rolle wieder auftauchen. Diese Episoden hätte Sangsoo Hong noch etwas kunstvoller miteinander verweben können, was den Film allerdings vermutlich auch länger gemacht hätte. In der jetzigen Form hat In Another Country eine angenehm kurze Länge und ist sympathisch und leicht - für einige vielleicht ein bisschen zu leicht. Sehenswert ist er dennoch dank seinem bekömmlichen Mix aus Unterhaltung und intelligentem Tiefsinn.
Simon Eberhard [ebe]
Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.