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Detroit symbolisiert seit langem den Niedergang des Industriekapitalismus in den USA. Auf seinen Bankrott hätte nun ein Eingeständnis folgen können, dass zu viele Fehler gemacht wurden. Doch das Gegenteil ist eingetreten.
Der Stadt Detroit, die eben den grössten Städtebankrott in der US-Geschichte anmelden musste, bleibt nichts erspart. Das einstige Herz der US-Automobilproduktion blutet seit Jahrzehnten aus. Die Mittelklasse zog bereits ab den fünfziger Jahren in die Vorstädte um; dank breiter Autobahnen wurde Pendeln zur Normalität. Und die Industriekonzerne machten ihre Fabriken in der grössten Stadt des Bundesstaats Michigan eine nach der anderen dicht. Sie verlegten die Produktion vielfach weit weg in den Süden der USA, wo die Gewerkschaften schwach sind. Später eröffneten sie neue Produktionsstätten in Billiglohnländern wie Mexiko.
Die in die Weite gebaute Stadt mit ihren 360 Quadratkilometern Ausdehnung hat in dieser Zeit mehr als die Hälfte ihrer EinwohnerInnen verloren. Die Bevölkerungszahl sank von über 1,8 Millionen auf heute gerade noch 700 000. Ganze Quartiere sind zu Geisterstädten geworden, in denen in überwuchertem Gelände einzelne abgewrackte oder ausgebrannte Häuser stehen.
Die relativ kleine Innenstadt Detroits ist eine besondere Zone der Stadt: Mit den reichen Vorstädten ist sie direkt durch drei Autobahnen verbunden, die verlassenen Quartiere und Armensiedlungen sieht man auf der Fahrt kaum. Und zwischen den Hochhäusern findet sich auf Brachflächen viel freier, günstiger Parkraum.
Nach Detroits Innenstadt pendeln täglich Zehntausende an ihre Arbeitsplätze. Die günstigen Häuserpreise locken gar neue Firmen hierher, wie etwa den Hypothekenfinanzierer Quicken Loans, der auch mehrere leer stehende Bürogebäude aufgekauft hat und zu vermieten versucht. Darüber hinaus ist Detroits Innenstadt in den letzten Jahren auch zu einer Art Themen- und Freizeitpark geworden, mit einem neuen Baseball- und Footballstadion, der Vergnügungsmeile Greektown und grossen Casinos in Gehdistanz.
Doch auch dieses neue, auf Downtown fokussierte Wirtschaftsmodell hat für die Stadt selbst nie wirklich funktioniert. Weil die Stadt nicht mehr von ArbeiterInnenfamilien bewohnt wird, die dank starken Gewerkschaften hohe Löhne, eine Krankenversicherung und gute Pensionen haben, sondern mehrheitlich von Arbeitslosen oder Beschäftigten mit Billigjobs, sind viele Steuereinnahmen weggebrochen. Die Wirtschaftskrise von 2008 tat das Ihre: Die Schuldenlast der Stadt stieg weiter an, die Spirale nach unten drehte sich schneller.
Dazu kamen weitere Probleme: So nahm 2005 der damalige Bürgermeister Kwame Kilpatrick (er wurde inzwischen mehrfach wegen Korruption und Betrug verurteilt) für die Stadt einen Kredit von 1,4 Milliarden US-Dollar auf. Federführend dabei waren die Grossbanken Merrill Lynch und UBS. Als verhängnisvoll erwies sich insbesondere die Verquickung des Kreditgeschäfts mit einem sogenannten Swap, einem Finanzprodukt, das Detroit in eine Wette auf steigende Leitzinsen verwickelte. Mit der Finanzkrise ab 2008 sanken die Zinsen, und die Stadt musste bis zu dreizehn Millionen US-Dollar pro Quartal an Sonderzahlungen leisten. 2009 schafften es die beiden Banken dann auch noch, diese Zahlungen durch einen vertraglich festgelegten direkten Zugriff auf die Steuereinnahmen der Casinos abzusichern – der besten Einnahmequelle der Stadt. Nur wenige Tage vor dem Konkurs Detroits haben UBS und Merrill Lynch schliesslich eingewilligt, dass sich die Stadt von diesem ruinösen Swap-Geschäft vergünstigt loskaufen darf.
Die Bevölkerung hatte zu all dem nie etwas zu sagen. Und nach dem Bankrott entscheiden nun KonkursverwalterInnen über die Ausgaben der Stadt. Michigans republikanischer Gouverneur Rick Snyder hatte bereits Monate zuvor Kevyn Orr als «Notfallmanager» für Detroit eingesetzt und damit den gewählten Bürgermeister Dave Bing sowie das Stadtparlament entmachtet.
Mit dem Bankrott drohen den Pensionierten, die früher bei der Stadtverwaltung angestellt waren, Kürzungen ihrer Renten. 3,5 Milliarden Dollar gross sei das Loch in den beiden Pensionskassen der Stadt, sagt Orr. Gouverneur Snyder wie auch US-Präsident Barack Obama haben Hilfspakete für Detroit bereits abgelehnt. Während in der Krise die Banken und die Autoindustrie mit viel Steuergeldern gerettet wurden, lässt man die überwiegend schwarze Bevölkerung Detroits nun hängen. Beim neuen Kapitalismus, an dem in Detroit laboriert wird, interessieren die MacherInnen weder sichere Renten noch Demokratie und faire Löhne.
Geisterstädte und eine weiter verarmende Bevölkerung werden in Kauf genommen, Luxusprojekte hingegen gefördert. So hat Gouverneur Snyder fast zeitgleich mit der Bankrotterklärung Detroits entschieden, dass der Staat in Detroits Innenstadt den Bau eines neuen Eishockeystadions mit 283 Millionen Dollar subventioniert. Der Detroiter Eishockeyklub Red Wings, der davon profitiert, gehört dem Milliardärsehepaar Mike und Marian Ilitch, denen auch das Detroiter Baseballteam Tigers gehört sowie eines der drei grossen Casinos in Detroit. Ausserdem besitzen sie die Pizzakette Little Caesars. 400 neue Jobs, frohlockt Gouverneur Snyder, soll das neue Eishockeystadion schaffen, und zum «neuen Detroit» beitragen. Laut einer Umfrage unter den Beschäftigten liegt in den Detroiter Pizzerien der Ilitchs der durchschnittliche Stundenlohn bei 7,60 US-Dollar.