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Die Finanzmarktaufsicht Finma hat das Verfahren gegen die Credit Suisse wegen deren Probleme mit den Greensill-Fonds abgeschlossen. Sie stellt fest, dass die Bank «in schwerer Weise» gegen die aufsichtsrechtlichen Pflichten verstossen habe und ordnet korrigierende Massnahmen an, wie sie am Dienstag mitteilte. Die CS begrüsste das Ende des Verfahrens und betonte, dass sie bereits weitreichende Korrekturen eingeleitet habe.
Die Finma ordnet an, dass die Bank künftig auf Stufe Geschäftsleitungsmitglied periodisch die wichtigsten rund 500 Geschäftsbeziehungen namentlich auf Gegenparteirisiken überprüft. Zudem muss die CS die Verantwortlichkeiten ihrer rund 600 höchsten Mitarbeitenden in einem Verantwortlichkeitsdokument festhalten. Damit die CS die Korrekturen sauber durchführt, schickt die Aufsicht der Bank erneut einen Aufpasser ins Haus.
Ausserdem hat die Finma laut den Angaben gegen vier ehemalige CS-Mitarbeiter, die nicht namentlich genannt werden, sogenannte Enforcementverfahren eröffnet. Chef des Credit Suisse Asset Management (Schweiz), wo sich das Desaster abspielte, war Michel Degen. Von ihm trennte sich die Bank 2021.
So funktionierte das Geschäft mit Greensill
Die Credit Suisse hatte bei vier Fonds mit der britischen Finanzboutique von Lex Greensill zusammengearbeitet. Die fraglichen Anleihen, die Greensill gegeben hatte, basieren auf Lieferantenforderungen. Das heisst: Ein Unternehmen bestellt Ware bei einem Zulieferer. Greensill kauft dem Lieferanten die offene Rechnung ab und zahlt ihm das Geld sofort mit einem Abschlag aus. Der Besteller der Ware zahlt Greensill später den vollen Rechnungsbetrag. Diese kurzlaufenden Forderungen hat Greensill verbrieft, versichert und an die vier Fonds der Credit Suisse verkauft. Die Bank fühlte sich sicher, weil die Anleihen gegen Ausfall versichert waren.
Im März 2021 platzte das Konstrukt, da sich der Versicherer aus Australien zurückzog. Er hatte interne Übertretungen festgestellt. Infolgedessen schloss die CS die vier Fonds, in denen 10 Milliarden Dollar steckten. Das war im März 2021.
«Die Untersuchung der Finma hat gezeigt, dass die Asset-Management-Gesellschaft der Credit Suisse insgesamt wenig Wissen und Kontrolle über die konkreten Forderungen hatte. Deren Auswahl und Prüfung nahm de facto nicht die Credit Suisse als Asset Managerin der Fonds vor, sondern Greensill selbst», schreibt die Finma. So habe es die CS auch Greensill überlassen, für die fraglichen Fonds den Versicherungsschutz zu organisieren. Dieser aber lief im Frühling 2021 aus, Monate zuvor hatte die Versicherung angekündigt, die Versicherungspolice mit Greensill zu kündigen. Die Credit Suisse aber wurde von Greensill erst im Februar 2021 auf den demnächst auslaufenden Versicherungsschutz hingewiesen.
CS vertraute Greensill blind
Im Laufe der Zeit ging Greensill immer grössere Risiken ein. So kaufte er nicht nur bestehende Lieferkettenforderungen, sondern auch solche, die erst in Zukunft anfallen sollten, sogenannte Future Receivables. Zudem fiel ein grosser Teil der aufgekauften und verbrieften Forderungen auf Firmen, deren Kreditwürdigkeit mehr als zweifelhaft war. So war das Stahlimperium GFG des Unternehmers Sanjeev Gupta eine der wichtigsten Gegenparteien, von denen Greensill Forderungen aufkaufte und in die CS-Fonds packte.
«Die Untersuchung der Finma hat gezeigt, dass die Credit Suisse die Tragweite dieser Änderungen zunächst nicht erkannte», teilte die Finma mit. Zudem hatte die CS keine «Kenntnis und Kontrolle», wie viele Forderungen tatsächlich vertraglich geschuldet waren. Die Bank vertraute laut Finma blind auf den Versicherungsschutz.
Dabei hatte es schon früh Warnzeichen gegeben, und zwar vor der Haustüre in Zürich: 2018 geriet ein Fonds des Anbieters GAM in Schieflage, bei dem der Fondsmanager ebenfalls schon stark in Greensill-Papiere investiert hatte. Dies habe auch zu kritischen Fragen bei der CS und ihren Lieferkettenfonds geführt, aber keine Konsequenzen gehabt. GAM betont, dass die Kunden des abgewickelten GAM-Fonds alle Gelder komplett zurückbekommen haben.
Interne Kritiker wurden übergangen
So viel Glück ist den Fonds-Investoren nicht zuteil. Von einst 10 Milliarden Dollar Investments stehen noch rund 2,6 Milliarden Dollar aus. Zwei der vier Greensill-Fonds konnte die CS mittlerweile schliessen. Wieweit das Restgeld eingetrieben werden kann, hängt auch von diversen Gerichtsverfahren ab, die in den USA, London und Australien anhängig sind.
Die Finma stiess bei der CS auf weitere Merkwürdigkeiten. So wollte Greensill mit seiner Boutique an die Börse, dafür brauchte er aber einen Überbrückungskredit. Der zuständige Risikomanager hatte sich dagegen ausgesprochen, den Kredit zu gewähren. «Ein hohes Kadermitglied überstimmte aber diese Empfehlung», so die Finma. Bei diesem hohen Kadermitglied handelt es sich um Lara Warner, eine ehemalige Analystin im Investmentbanking, die es zur Compliance-Chefin und dann auch noch zur Risikochefin brachte.
Ihr Verständnis war geprägt von mangelndem Wissen und Verkaufstalent, wie eine Recherche der «Handelszeitung» zeigt: An einem Anlass an ihrer Alma Mater in Philadelphia meinte die oberste Risikochefin der CS, früher sei im Banking eine «gathering capability», eine Kultur des Einsammelns, gefragt gewesen. In Zukunft sei «hunting capability» gefragt. Von Risikomanagement sagte sie nichts.
Auch die Finma war aufmerksam geworden auf die Bank. Bei kritischen Fragen der Aufsicht holte die Bank just bei jenen Mitarbeitenden Informationen ein, «die selbst für die Geschäftsbeziehung mit Greensill zuständig und daher nicht unabhängig waren», kritisiert die Aufsicht.
«Wiederholt fragte die Credit Suisse sogar bei Lex Greensill selbst nach und übernahm dessen Antworten für ihre eigenen
Stellungnahmen. Gegenüber der Finma machte die Bank aus diesen Gründen teilweise falsche und zu positive Angaben zum Auswahlprozess der Forderungen sowie zum Exposure der Fonds gegenüber bestimmten Schuldnern», so die Aufsicht.
Bank braucht mehr Übersicht
Der CS fehlte eine Gesamtsicht auf alle Risiken im Geschäft mit Greensill auf höchster Stufe, so die Aufsicht. Zu Deutsch: Die Geschäftsleitung war offenbar ahnungslos. Oder dann war man in einem Silodenken verhaftet, das eine konsolidierte Meinungsbildung unmöglich machte. Nur so ist verständlich, dass der damalige CEO der Bank, Thomas Gottstein, ein ehemaliger Investmentbanker, Lex Greensill ein Mail schickte mit dem Inhalt: «CS will not let you down.» Dies im Vorfeld eines von ihm geplanten IPO. Dieses kam allerdings nie zustande, weil sich nicht genügend Investoren fanden.
Um die Gesamtsicht in der Bank zu gewährleisten, ordnet die Finma nun an, dass die CS auf Stufe der Geschäftsleitung regelmässig die 500 wichtigsten Geschäftsbeziehungen gesamtheitlich auf Gegenpartei-Risiken abklopfen muss. Zudem soll die Bank den 600 wichtigsten Manager in einem Dokument klar deren Verantwortung zuweisen. Kommt es dann zu Fehlern in diesen Bereichen, sollen den zuständigen Manager die Bezüge gekürzt werden.
Die CS zeigte sich erleichtert, der Abschluss des Verfahrens «ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur endgültigen Bewältigung» der Greensill-Affäre, erklärte Bank-Chef Ulrich Körner.
Die Bank betonte, dass sie bereits weitreichende Änderungen eingeleitet habe, so wurden mehrere Manager entlassen. Es sind deren 12, zudem wurden 43 Millionen Franken an Bonus-Ansprüchen zurückbehalten.
Ferner betont die CS, dass die Finma in der Affäre keine Gewinneinziehung angeordnet habe. Die Umsetzung der angemahnten Änderungen «wird für die Credit Suisse voraussichtlich keine erheblichen Kosten zur Folge haben», so die CS.
Im Klartext: Die Bank kommt mit einem blauen Auge aus der Affäre raus. Zumindest aufsichtsrechtlich. Ganz anders ist es bei der Reputation. Und bei den noch ausstehenden 2,6 Milliarden Franken.