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„Jeder denkt, ich sei einfach nur fett“, winselte der King traurig, kurz bevor ihm allerlei Krankheiten den Gar ausmachten. Elvis leidete an einem genetisch vererbten Herzfehler gepaart mit Wasserbildung, einem kaputten Darm, grünem Star und etwas Knochenkrebs. Bevor Elvis Presley starb, prägte er jedoch einen neuen Stil, schenkte den Massen Tutti Frutti und rockte die Welt. 1954 begann Elvis seine Karriere als einer der ersten Musiker der Rockabilly-Bewegung, einer Fusion von „weisser“ Country-Musik und „schwarzem“ Rhythm & Blues. Der Herzensbrecher verkaufte rund eine Milliarde Tonträger und gilt nach wie vor als erfolgreichster Solo-Künstler weltweit. Presleys Villa „Graceland“ in Memphis gibt einen Einblick in das Leben von Elvis und seine Vorliebe für pompösen Luxus-Schrott.
Ich besuche das Sun Studio, der Dinosaurier aller Aufnahmestudios. Sein Gründer Sam Phillips wollte damals die musikalischen Geschehnisse auf Tonträger bannen und lud Künstler zu Aufnahmen gegen Bezahlung ein (1952 noch Pioniersarbeit). Hier nahmen Musikfürsten wie Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und B.B.King ihre ersten Songs auf. Auch Elvis Presley kam vorbei. Zwischen Sam und Elvis funkte es anfangs jedoch nicht so richtig, erst als Elvis ein Jahr später wieder reinschaute, rüttelte er den gelangweilten Sam Phillips wach. Elvis blödelte zwischen den eigentlichen Aufnahmen herum und sang den Song „That’s All Right“ als eine Mischung aus Country und Blues, seine Kumpels stiegen mit ein. Der entzückte Sam nahm den Song auf und schickte ihn zur Radiostation von Radio-DJ Dewie Phillips. Aufgrund des grandiosen Echos, spielte Dewie das Stück während drei Stunden 14 mal. Ein Star wurde geboren.
Memphis darf sich als Geburtsort des Blues bezeichnen. Das Wort Blues leitet sich von der bildhaften englischen Beschreibung „I’ve got the blues“ bzw. „I feel blue“ (ich bin traurig) ab. Blues wurde von Afroamerikanern entwickelt und bildet die Wurzel eines Grossteils der populären nordamerikanischen Musik. Jazz, Rock’n’Roll, Soul und sogar Hip Hop sind nah mit dem Blues verwandt. Die gesellschaftliche Veränderung in den 1960er Jahren führte besonders unter den jungen US-Amerikanern, aber auch jungen Briten zu einem verstärkten Interesse an afroamerikanischer Musik, und der Blues wurde auch für weisse Musiker interessant.
Die Beale Street in Memphis fordert zum touristischen Saufbummeln. Mein Stimmungsseismograf schlägt aber eher ins Negative, obwohl viele ein Instrument zu bedienen wissen, fehlt es an Muse. Ich komme zum Schluss, dass Memphis versucht sich durch die Beale Street hip zu halten und die Stadt dadurch automatisch zur Touristenattraktion abstuft wird. Von Einheimischen ernte ich Zustimmung. „Ich hasse die Strasse etwa gleich wie Babymörder“, meint Mike und gibt mir einige alternative Ratschläge. Jenny stimmt auch zu, sie wohnt zwar Downtown, war aber vor ein paar Monaten das letzte mal dort.
„I have a dream“. Im Zenit der Kämpfe um die Bürgerrechtsbewegung 1968 kam der Baptistenpastor Martin Luther King nach Memphis. Der Friedensnobelpreisträger und Sprecher der Bürgerrechtsbewegung „Civil Rights Movement“ stieg hier aufs Podium mehreren Veranstaltungen und sprach für die afroamerikanische Bevölkerung. Das politische Klima in der Stadt war zu dieser Zeit ausgesprochen konservativ und von Rassismus geprägt. Es kam zu heftigen Protesten. Kurz darauf jagte ihn eine mysteriöse Kugel auf seinem Hotelbalkon ins Jenseits. Und obwohl Memphis keine Monarchie ist, musste die Stadt bereits zwei Könige begraben.
Nashville, Zentrum der Country-Musik. Tennessees grösste Stadt wird auch gerne „Music City USA“ genannt. Hier residieren zahlreiche Musikverlage und Plattenfirmen mit ihren Studios. Das sieht und hört man vor allem am Broadway. Es reiht sich Bar an Bar, Cowboy-Hut an Cowboy-Hut, Stiefelladen an Stiefelladen. Alle Bars offerieren vorzügliche Bands. Gefällt einem die Tonlage nicht, geht man raus und zwei Meter weiter wieder rein. Von Bluegrass über Boogie bis hin zum schnarrenden oder schnulzigen Countrybeats gibt es alles zu hören. Schlussendlich ist aber auch der Broadway in Nashville vergleichbar mit all den Bourban-, Baile- und 6th Streets. Eine grosse Jukebox mit rar gesäten Schmankerln. Die Einheimischen nennen den Strip lieblich „Nashvegas“, vollgepackt mit frühreifen „Uuuuuh-Girls“ und internationalen Saufkumpels. Dank Britt, der netten Singer-/Songwriterin habe ich nun ein „Nashville-Alternativprogramm“ für die nächsten zwei Monate in der Tasche. Ich versuche es mit John, dem warmen New Yorker, an einem Samstag durchzugehen.
Vorher besuche ich jedoch das Grand Ole Opry, das Sprungbrett für zukünftige Sternchen aber auch für gemachte Country-Legenden. Ich schweife durch das Publikum und realisiere zugleich wieso es im Vorfeld weder Studenten- noch Senjorenrabatt gab. Studierende können sich das Ticket sowieso nicht leisten und Senjorenrabatte würden das Opry wohl auf Dauer ruinieren. So mutiert der Country-Palast an den Wochenenden in einen Dschungel aus grauem Haar, keinem Haar und tuppiertem Haar. Glücklicherweise muss heute Abend niemand die zurechtgeschnittene Fratze von Dolly Parton bestaunen, dafür wird Country Music Hall of Fame Mitglied Mac Viceman auf die Bühne gerollt. Er hüstelt ein Lied, dass er vor 65 Jahren geschrieben hat. Aber auch die knackige Rae Lynn darf mit ihren 20 Jahren im Opry die Stimme heben. Nach einer Werbeunterbrechung für die werten Sponsoren (der Country Record Store und der Cowboy-Stiefelladen) sowie Geburtstagsgrüsse für die 70 jährige Daisy ist es dann endlich soweit. Bühne frei für die Alabama Shakes.
Tennessee behauptet sich bekanntlich als Mekka für Whisky-Fans. Ich besichtige die kleine aber absolut feine „Corsair Distillerie“ im historischen Marathon-Gebäude wo vor knapp 100 Jahren die Marathon Autos hergestellt wurden. Die Gründer der Distillerie haben sich früher an einem Maschinen-Prototyp für die Bio-Diesel Produktion versucht, scheiterten jedoch kläglich und sattelten um auf das Brennen von Spirituosen. Spezialitäten wie der „Triple-Smoke-Whisky“, der „Quinoa-Whisky“ oder der „Gurken-Gin“ sind ihre Verkaufsschlager.
Genug geschunkelt! Nun heisst es Tanzschuhe reaktivieren. Ich fahre zum TomorrowWorld Festival in Chattahoochee Hills, Georgia, für eine ordentliche Portion Techno. Für Amerikas grösste Elektroparty gönne ich mir ein „glorious sunday ticket“. Zuerst muss ich jedoch mein Auto wiederfinden. Während mich drei Schnarchnasen im Chor ständig aus dem Schlaf sägen, ahne ich noch nicht, dass sich die Jungs von Martin’s Wrecker Service meinem Van angenommen haben. Ein glorreicher Sonntag.
150’000 Partytiger, acht Bühnen und die crème de la crème der House-, Dubstep- und Elektroszene. Da reiben sich Sponsoren wie Budweiser vergnügt die Hände. Ein patriotisches Ami-Bier? Oder doch tschechische Braukunst? Bereits über 100 Jahre balgen sich die amerikanische Brauerei Anheuser-Busch und die Budvar Brauerei aus dem tschechischen Budweis um den Markennamen Budweiser. Gerichte in der ganzen Welt haben sich mit dieser Sache beschäftigt und sind bisher zu keiner einheitlichen Entscheidung gekommen. Aus diesem Grund wird das tschechische Budweiser-Bier in den USA und Kanada als Czechvar vertrieben, während das Bier von Anheuser-Busch in den meisten Flecken Europas als Anheuser-Busch Bud zu haben ist.
Auch das TomorrowWorld Festival unterbindet den Bargeldverkehr. Bezahlt wird mit der Währung „Token“. 1 Token entspricht 2.2 Dollar. Ein trügerischer Wechselkurs. 1 Budweiser = 5 Token = 11 Dollar (so viel kostet auch ein ganzes Truthahnbein oder eine Sushi-Platte). Zu gerne hätte ich mich auf marketingtechnischer Ebene mit den Verantwortlichen unterhalten. Gegen Festivalschluss hat man noch 2.5 Token (also 5.5 Dollar), kann davon aber kaum was kaufen, und liebäugelt damit nochmals den Minimumbetrag von 20 Dollar aufzuladen um das Restgeld nicht zu verlieren. Wer nimmt sich schon die Zeit das Geld später online zurückzufordern. Kein Baarkeeper freut sich ab dem System, Trinkgeld ist passé.
Empor die Selfie-Stange! Vorher noch kurz ein Halt bei einer der vielen Pflegestationen, wo Spiegel, Lotion und Haarspray auf einen warten. Zudem ist willkürliches „High Five“, eine heimische Flagge, ein lustiges Erkennungsschild, Brüste anmalen, Hula Hupp oder Freunde mit Kuchen bewerfen in Mode.