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Nummer 91:
Wer ein Haar in der Suppe sucht, ist pedantisch, pingelig, kleinlich, übergenau, aber auch in gewisser Weise unlauter, unredlich, denn es geht den jede Suppe durchforschenden Haarsuchenden mitnichten darum, die Wahrheit zu ergründen, sondern bloß hartnäckig nach einem fadenscheinigen Grund zu trachten, mit dem die vorgefasste Ablehnung eines Arguments, eines Gedankens, einer Ansicht begründet werden kann. — Das sprachliche Bild jedoch, mit dem man die Nervensägen charakterisieren möchte, die mit vordergründiger Liebe zur Präzision bloß sabotieren und alles schlecht machen, was sie aus ganz anderen Gründen nicht vertragen, ist aber nicht sehr passend. Ein wirkliches Haar in einer wirklichen Suppe zu entdecken — gleichgültig, ob es vom Koch, vom Kellner oder von einem selbst stammt —, ist schlicht und einfach etwas Widerliches. Niemand würde jemanden je zeihen, ein Suppenkaspar zu sein, bloß weil er die Suppe nicht auslöffeln wollte, in der ein Haar schwimmt.
Dass Vergleiche im Allgemeinen hinken und dass Redewendungen oft nicht sehr genau illustrieren, was sie eigentlich meinen, weiß man, aber ohne selbst um jeden Preis ein Haar in der Suppe suchen zu wollen, muss man sagen, dass diese Wendung besonders weit neben das Ziel schießt.
Woher kommt sie und wie ist sie überhaupt entstanden? — Sie ist aus dem Italienischen entnommen und — weil man die italienische Version nicht verstand — hyperkorrigiert, mithin verfälscht worden.Die italienische Wendung, auf die sie zurückgeht, lautet: ‹Cercare un pelo nell’uovo›, (ein Haar im Ei suchen)!
Auf der einen Seite entspricht einer, der ein Haar nicht in einer Suppe, sondern in einem Ei sucht, was er niemals finden wird, in der Tat dem Bild des unerträglichen Nörglers viel eher, andererseits bringt man auch für die deutsche Bodenständigkeit ein gewisses Verständnis auf, wenn diese sich sagte: «Der haarige Vergleich geht uns Teutonen entschieden zu weit! Wenn die südlandischen Phantasten Eier an den Haaren herbeiziehen wollen, um Pedanten zu kritisieren, kochen wir doch unser eigenes Süppchen!»
Was jedoch diese Deutschen nicht wussten (und um ehrlich zu sein, die Italiener auch nicht oder wenigstens nicht mehr), ist, dass mit dem Haar im Ei nicht ein Kopf- oder Bart- oder Achselhaar gemeint war, sondern ein Haarriss! (‹Pelo› bedeutet auf Italienisch sowohl Haar als auch Haarriss!)
Auf mittelalterlichen Märkten gab es den gefürchteten und allgemein verhassten Ei-Kontrolleur oder Eier-Prüfer. Die Bauern, die Eier auf dem Markt verkaufen wollten, mussten ihre Ware von diesem kontrollieren lassen. Der hielt die Eier gegen das Licht und suchte und suchte, bis er irgendwo einen feinen Riss entdeckte. Eier, die einen noch so feinen, unbedeutenden oder auch bloß behaupteten, gar nicht existenten Riss aufwiesen, wurden konfisziert und behutsam in eine Kiste der Beweismittel, der ‹Corpora delictorum› gelegt. Nicht zu Unrecht waren sich alle einig, dass das Haar im Ei nicht gesucht wurde, um potentielle Käufer vor Salmonellen-Infektionen zu schützen, sondern um den Eierbedarf des Kontrolleurs zu decken.
Nummer 92:
Wieder einmal ein zweiteiliges ‹Amuse-Bouche›:
Eine äußerst interessante Abteilung der Linguistik ist die Toponomastik, [von Griechisch ‹τόπος› (tópos) = ‹Ort› und ‹ὄνυμα› (ónyma) = ‹Name›], auf Deutsch ‹Ortsnamenkunde›.
In einigen Fällen erklärt die Wandlung einer geografischen Bezeichnung durch die Jahrhunderte einen Teil der Ortsgeschichte, in andern Fällen ist es zwar hübsch zu erfahren, wie und woher eine Stadt ihren Namen bekommen hat, aber einen Beitrag zum Verständnis der Geschichte bekommen wir dadurch nicht, in wieder anderen Fällen ist allein der linguistische Prozess, der von der ursprünglichsten zur heutigen Bezeichnung führt, schon sprachlich so aufschlussreich, dass man nicht beklagen wird, wenn er über das Leben am besagten Ort wenig aussagt.
Mit vier Beispielen (zwei in dieser Nummer 92 und zwei in der nächsten, in Nummer 93) möchte ich eure Neugier wecken, selbst etwas Forschung zu betreiben und dem Ursprung des Namens eurer Stadt, eures Dorfes oder eurer Region nachzugehen. Die einschlägigen offiziellen Web-Seiten liefern dazu manchmal schon einiges Wissenswertes. Allerdings möchte ich davor warnen, allzu romantische, anekdotenhafte, epische Stories unbesehen zu glauben. Wikipedia ist im Allgemeinen vertrauenswürdiger, vor allem wenn man auch den Links zur den Belegen folgt. Misstraut aber grundsätzlich allem, was — wie ich in meinen ‹Amuse-Bouche›! — keine oder fast keine Quellen angibt. Und das meine ich nicht ironisch: ‹Amuse-Bouche› sollen bloß Appetit anregen! Wenn ihr mir also misstraut und alles kritisch überprüft, was ich schreibe, haben sie ihr Ziel voll und ganz erreicht.Nun zu den ersten beiden toponomastischen Beispielen:
Basel: Die älteste Erwähnung spricht von einem ‹Ort des Basilius›. Ob mit diesem Ort eine militärische Einrichtung, ein Marktort, ein Dorf, ein Städtchen (eine große Stadt kann es nicht gewesen sein) gemeint ist, wissen wir nicht. Genauso wenig wissen wir, wer dieser Basilius war; ein Feldherr? Ein Bischof? Vielleicht sogar ein romanisierter Germane? — Aus zahllosen archäologischen Funden hat man die Gewissheit, dass es am selben Ort bereits vor der römischen Zeit eine ziemlich bedeutende keltische Siedlung gegeben hatte. Da die Kelten jedoch nichts vom schriftlichen Dokumentieren hielten, wissen wir nicht, wie sie ihr Basel nannten.
Neapel: Parthenope (Παρθενόπη) ist in der griechischen Mythologie eine Sirene. In der Odyssee wird erzählt, dass Odysseus während seiner Irrfahrt von Troja nach Ithaka, seiner Heimat, an der Insel der Sirenen vorbeikommt. Odysseus weiß, dass der Gesang der Sirenen ekstatisch berauschend, aber zugleich tödlich ist, weil man ihm nicht widerstehen kann und sich davon so stark angezogen fühlt, dass man sich ins Meer stürzt und ertrinkt. Odysseus lässt seine Matrosen die Ohren mit Wachs verstopfen und sich selbst an den Schiffsmast fesseln. So kann er den Gesang hören, ohne in den Tod zu gehen. Das ist für die Sirene eine unerträgliche Schmach. Sie bringt sich selbst um und wird tot angeschwemmt, wo dereinst die Stadt entstehen wird, die nach ihr benannt ist. Der römische Dichter Vergil nennt Neapel ‹Parthenope› und noch Napoleon gründete 1799 die Parthenopäische Republik. Die kleine Halbinsel und die enge Bucht, wo die Stadt Parthenope entstanden war und wuchs, bot aber keinen genügenden Raum zur weiteren Ausdehnung, sodass man wenige Meilen südlich, jenseits der begrenzenden Klippen, weiterbauen konnte und der Hafen, der schnell große Bedeutung erlangen würde, entstand. Es war eine einzige Stadt unter einer einzigen Stadtverwaltung, die aber topografisch deutlich in zwei Teile aufgeteilt war: in die alte Stadt ‹Paläopolis› (‹Παλαιόπολις›) und die neue Stadt ‹Neapolis› (‹Νεάπολις›). Da die neue Stadt binnen weniger Jahrzehnte zu solcher Größe anwuchs, dass sie mit der alten Stadt, die sich ja nicht weiter ausdehnen konnte, verschmolz und diese einverleibte, wurde der Name ‹Neapolis›, später ‹Napoli› zum Namen der ganzen Stadt.
Wenn der Grund dafür, dass ich diese beiden Beispiele als die ersten gewählt habe, ein emotionaler oder sentimentaler ist, werden die nächsten beiden Beispiele sprachwissenschaftlich ergiebiger sein.
Nummer 93:
Die Nummer 92 zeigt — anhand der Etymologien von Basel, Neapel und jener von Biel, die Elisha Schneider in einem dankenswerten Kommentar ergänzt, den ich gern in die Printausgabe der Amuse-Bouche integrieren möchte — in drei Beispielen auf, wie die linguistischen Werkzeuge als komplementäre, manchmal unabdingbare Hilfsmittel zur klassisch historischen toponomastischen Archivarbeit beigezogen werden können und müssen. Für diese Nummer 93 habe ich — willkürlich und zufällig — zwei Beispiele gewählt, die zeigen, dass es auch Fälle gibt, in denen die strukturellen sprachwissenschaftlichen Methoden, ohne einen auch bloß geringen Beitrag leisten zu können, nur staunend zur Kenntnis nehmen müssen, was die Arbeit von Historikerinnen und Historikern an den Tag fördert. Dadurch erkennt man einen fundamentalen Aspekt der Sprachen und der Sprachgeschichte, mithin der Linguistik, nämlich dass immer wieder Entwicklungen auftreten, die mit den Regeln und Gesetzen nicht zu erklären sind oder diesen sogar widersprechen.
Saragossa, (Spanisch ‹Zaragoza›): Die Stadt mit rund 700’000 Einwohnern, Hauptstadt Aragoniens hat zumindest seit 1492, nach der vollendeten Reconquista also, große wirtschaftliche, administrative und kulturelle Bedeutung. Die Stadt hat seit dem 15. Jahrhundert unverändert so geheißen, wie sie heute noch heißt, und die örtlichen antiken Dokumente sind während der fast achthundertjährigen maurischen Herrschaft von 711 bis 1492 nahezu vollständig vernichtet worden. Dazu kommt, dass die Verwaltung der Westgoten vor dem Jahr 711 ohnehin keine Archive hinterlassen hätte, wie sie anderswo die römische Administration (etwa unter den Ostgoten in Italien) der Nachwelt überliefert hat. Da der Name ‹Zaragoza› von keinem spanischen oder lateinischen Wortstamm abzuleiten ist, wurden zwei Hypothesen verfolgt. Die einen vermuteten, es handle sich um ein uriberisches, vor-indoeuropäisches Substrat, während andere, die Arabisten, versuchten, die Erklärung in einer arabischen Etymologie zu finden. Beide Ansätze erwiesen sich als falsch. Die Archäologie beweist, dass es in und um Saragossa vor dem zweiten Jahrhundert keine Siedlung von nennenswerter Größe und Bedeutung gab, die einen Namen in die indoeuropäische Zeit herüber hätte retten können, und gegen die arabische Hypothese sprechen gleich zwei Fakten: 1. Die arabische Etymologie steht dem Namen ebenso ratlos gegenüber wie die indoeuropäische, 2. die Mauren nannten die Stadt bereits ‹ﺳﺎرﮐوﺳﺎ› (Sarakussa), als sie sie 711 einnahmen. — Auch wenn die westgotischen und örtlichen lateinischen Dokumente verloren gegangen sind, bleiben uns doch zu einem großen Teil arabische, und in einigen von ihnen kann man nachlesen, dass die Stadt einst ‹ﮐﺳﺎروﺟوﺳﺎ› (Ksaraugussa) geheißen hatte. Und da ist es ziemlich klar, dass es sich um die iberische Stadt handelt, die in römischen Dokumenten, die in Italien gefunden worden sind, ‹Caesar Augusta› genannt wird.
Ventimiglia: Der Name der kleinen Stadt an der Costa Azzurra bedeutet wörtlich: Zwanzig Meilen. Nun ist das Städtchen weder von einer Grenze noch von sonst einem wichtigen Punkt zwanzig Meilen entfernt und die Ausmaße eines manchmal wachsenden und manchmal schrumpfenden Ortes als Kriterium für dessen Namensgebung zu wählen, wäre unsinnig. Das ligurische (eine keltische Sprache) ‹Albom› bedeutet ‹Zentrum, Handelsplatz› und ‹Indemeliom› nannten sich die dortigen Kelten, also etwa ‹keltischer Marktplatz›. Eine erste paretymologische Fehldeutung geht auf Plinius den Älteren zurück, der ‹Albom› als Lateinisch ‹albus› (weiß) zu verstehen vermeint und den Ort ‹Albus Intimilius› nennt, später kontrahiert zu ‹Albintimilium›. Jahrhundertelang wird der Ort nicht mehr schriftlich erwähnt, bis in einer notariellen Urkunde aus dem 9. Jahrhundert der Name ‹Vigintimilium› auftaucht, was in einer zweiten volksetymologischen Interpretation zu ‹Ventimiglia›, zu den zwanzig Meilen führte.
Was der Toponomastik oft große Schwierigkeiten bereitet, sind unter vielem anderen plötzlich auftauchende, willkürliche politisch motivierte Namensgebungen wie Leningrad, Alexandria, Kaliningrad, Ghetto, Liberia, Tasmanien, Bolivien, Hudson Bay, Victoria-See und so weiter. In der Neuzeit ist man dokumentiert genug, um solche Bezeichnungen als neue Namen zu erkennen oder allenfalls nach einer gewissen Zeit wieder rückgängig machen zu können. In der Antike und im Mittelalter kam es aber oft zu Verballhornungen, Verwechslungen, Missdeutungen, Verschiebungen der Grenzen des Sprachraums, Volksetymologien, vermeintlichen Korrekturen aus religiöser Motivation oder sich selbst falsch einschätzender Gelehrsamkeit, die heute nicht mehr oder nur mit großer Mühe zu entwirren sind. So bedeutet Cortigrado letztlich ‹Hof-Hof› (‹corte› = ‹Hof› auf Italienisch, ‹grad› = ‹Hof› auf Slawisch). Und ‹Sangiovese› und ‹Sanmarzano› haben mit den Göttern Iovis (Jupiter) und Mars, aber rein gar nichts mit christlichen Heiligen zu tun.
Nummer 96:
Kein Nummerierungsfehler: ich übernehme bloß von dieser Nummer an die Zählung der papierenen Buchausgabe, in der ich auch die zweiteiligen Amuse-Bouche, da sie ja sowieso aufeinanderfolgen, fortlaufend nummeriere. — Obwohl ich Skizzen, Kladden und Brouillons für schätzungsweise fünfzig Amuse-Bouche hätte, muss ich bei der Nummer 104 (2 x 52) den Zyklus vorerst abschließen und mich an die Redaktion der Printausgabe machen, damit mir dann nicht plötzlich die Arbeit auf (!) dem Nagel brennt.
Die indoeuropäische Wurzel ‹*sem› erfreute sich noch im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen als ‹sam› bester Gesundheit, starb dann — zumindest als selbständiges Wort — im Neuhochdeutschen plötzlich und unerwartet, hinterließ aber, wie wir sehen werden, eine große Zahl verborgener Nachkommen. Jacob und Wilhelm Grimm erwähnen ‹sam› in ihrem «Deutschen Wörterbuch» als Adverb mit folgenden Bedeutungen: ‹wie, gleichwie, auf dieselbe Weise, ebenso, gleichartig, mit etwas übereinstimmend, von gleicher Beschaffenheit, einheitlich, gesamthaft, gleichsam, als ob›. Und in der mittelhochdeutschen Beteuerung, der wir in zahllosen Texten begegnen, hat es wieder einen leicht anderen Sinn: ‹sam mir got› muss man mit ‹So wahr mir Gott (helfe)› übersetzen. Das ist eine ganze Menge an verschiedenen Bedeutungen für ein einziges Wort, auch wenn die einzelnen Bedeutungen erkennbar einem Bedeutungsfeld angehören. Diese Unschärfe ist denn wohl auch der Grund dafür, dass es entweder, wie im Deutschen, ausgestorben ist, oder, wie im Englischen, als ‹same› (das gleiche, dasselbe) heute enger definiert wird.
Aber auch wenn es als selbständiges Wort im Deutschen nicht mehr existiert, sind doch zahlreiche Wörter davon abgeleitet: ‹gesamt, gesamthaft, Gesamtheit, zusammen, beisammen, sammeln, Sammlung, ansammeln, Ansammlung, versammeln, Versammlung, Sammelstelle, Sammelklage, Sammelbecken…› und andere.
Schon im Germanischen gab es das aus ‹*sem› abgeleitete Suffix (Wortendung) ‹*-sama›, das auch im Neuhochdeutschen noch Wörter bildet wie ‹einsam, gehorsam, biegsam, duldsam, heilsam, wachsam› und viele mehr.
Wie vorsichtig man in der Linguistik immer sein muss, um nicht in die Falle des bloß vermeintlich Offensichtlichen zu tappen, zeigt folgendes Beispiel: Das Wort ‹seltsam› gehört — so seltsam es anmuten wird — nicht zu den eben aufgelisteten! Bei ‹seltsam› handelt es sich um eine so genannte falsche Analogie, denn es ist aus dem Althochdeutschen ‹selitosahn› (selten gesehen, was man selten sieht) abgeleitet. Es sollte also nach Gesetzmäßigkeiten der Wortentwicklung heute ‹seltsahn› oder ‹seltsehn› lauten, wurde aber bereits im Mittelhochdeutschen — fälschlicherweise zwar, aber ohne gravierende Konsequenzen — an die oben erwähnte Wortgruppe angepasst.