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PROLOG
«Vor langer Zeit lebte eine Göttin. Diese Göttin war eine deiner vielen Vorfahrinnen. Sie lebte gemeinsam mit ihrer Familie in einem von Kirschblüten umwachsenen Palast mitten im Wald Japans. Wo genau, dass wusste niemand. Doch eines Tages verschwand ihr Kind spurlos im Wald. Deine Vorfahrin suchte lange nach einer Lösung, doch irgendwann kam sie zu dem Entschluss, dass hier nur Magie helfen konnte. Sie erschuf ein magisches Schwert und benannte es nach ihrem vermissten Kind, nämlich Kazuri. Dieses war in der Lage, verschwundene oder verstorbene Menschen wieder zu finden. Doch sie begriff schnell, dass das zu selbstsüchtig war und versteckte das Schwert an einem Ort, den bis heute niemand kennt.» Als ihr Vater zu Yua schaute, schlief diese tief und fest.
Was geschehen ist, ist Vergangenheit
«Yua, steh sofort auf! Du musst zur Schule, JETZT! » Yua quälte sich lustlos aus ihrem Bett und zog sich an. Als sie wenig später das Haus verliess, kochte sie vor Wut. Ihre Mutter war schon bei ihrer Geburt gestorben, ihr Vater, seit sie sechs Jahre alt war, im Krieg. Seitdem lebte sie bei ihrer kaltblütigen Grossmutter. Diese hatte ständig etwas an ihr auszusetzen. Gerade in solchen Momenten vermisste sie ihren Vater besonders.
Nach der Schule ging sie wie jeden Tag sofort auf ihr Zimmer. Sie dachte an die schönen Zeiten mit ihrem Vater. Eine Erinnerung erfüllte ihren Kopf. Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild von ihrem Vater. Er erzählte ihr eine Geschichte über ihre Vorfahrin und irgendein Schwert. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, ihren Kopf dazu zu bringen, sich an mehr zu erinnern, beschloss sie, auf dem Estrich ihrer alles besitzenden Grossmutter nach Hinweisen zu suchen.
Gesagt, getan. Sie suchte mehrere Stunden, blieb aber erfolglos. Gerade als sie aufgeben wollte, fand sie hinter der Tür ein verstaubtes Buch. Bingo! Sie kniete sich hin und nachdem sie den ersten Abschnitt gelesen hatte, konnte sie sich wieder genau erinnern. Als sie das Buch aufheben wollte, war es überraschend schwer. Sie kehrte es um und fand eine aus Gold geschnitzte Karte. Der Weg führte zu einem Schwert.
Sofort wurde ihr bewusst, dass es die Karte zum Schwert Kazuri war. Yua wollte ihre Eltern wieder haben, egal zu welchem Preis. Sie rannte auf ihr Zimmer, schnappte sich ihre wichtigsten Dinge und verliess das Haus. Schnell schaute sie noch einmal auf die Karte und stellte überrascht fest, dass die Strecke nur 25 km betrug. Nachdem sie ihren Kompass hervorgeholt hatte, lief sie los Richtung Norden.
Sie lief und lief, doch sie schien dem Ziel kein Stück näher zu kommen. Es wurde dunkel und die Nacht legte sich über Japan. Nach einer Weile erreichte sie den Wald. Büsche streiften ihre Haut und hin und wieder durchbrach ein klägliches Heulen die Stille. Yua schauderte. Die Temperatur sank mit jedem Schritt, den sie machte und ein eisiger Wind spielte mit ihren langen, pechschwarzen Haaren. Plötzlich hörte sie ein Knacken hinter sich, mit angsterfülltem Gesicht drehte sie sich um, doch der Wind hatte nur einen Zweig abgebrochen. Erleichtert drehte sich Yua wieder um und sah ein Leuchten in der Ferne. Schnell rannte sie zu dem geheimnisvollen Leuchten. Vor ihr stand ein schillernder, von Kirschblüten umschlungener Palast. Ein Schimmern erregte ihre Aufmerksamkeit. Es kam von dem Schwert auf der Karte, die sie in der Hand hielt. Sie betrat den Palast. Vor ihr befand sich eine gigantische Treppe. An ihrem Ende war ein Sockel zu sehen. Was darauf zu sehen war, raubte ihr den Atem: Das Kazuri!
Einen Moment lang stand sie einfach nur reglos da. Als sie ihren Fuß auf die erste Stufe setzte, schossen wie aus dem Nichts spitze Pfeile aus dem Boden. Der Griff eines Pfeiles streifte ihr Bein, doch sie blieb verschont. Erschrocken wich sie zurück. Sie überlegte sich umzukehren, entschied sich aber dagegen. Yua schlängelte sich durch die Pfeile und in Windeseile war sie beim Kazuri. Aus der Nähe sah es noch viel eindrucksvoller aus. Ihre Hand streckte sich nach dem Schwert aus und umfasste es. In diesem Moment landete vor ihrer Nase ein Felsbrocken auf dem Boden. Sie blickte nach oben. Die Decke fiel in sich zusammen. Das Kazuri an die Brust gedrückt, sprang sie die Stufen hinunter. Die Steine verfehlten sie nur haarscharf. Knapp schaffte sie es nach draußen, von wo aus sie zusah, wie der Palast in sich zusammenstürzte.
Betroffen starrte Yua auf den Trümmerhaufen. Schlechtes Gewissen stieg in ihr auf. Sollte sie das wirklich tun oder war das nicht einfach zu selbstsüchtig? Einen Moment lang dachte sie still nach. Doch schon bald kam sie zu dem richtigen Entschluss:
Sie legte das Schwert auf den ehemaligen Palast und machte sich auf den Heimweg. Yua war aber nicht traurig, im Gegenteil, denn: «Was geschehen ist, kann man nicht ändern, also bleibe nicht mit einer Hand an der Vergangenheit hängen, denn du brauchst beide für die Zukunft.»