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Bekannte und geliebte Gesichter en masse: Bill Murray, Owen Wilson, Léa Seydoux, Elisabeth Moss, Benicio Del Toro, Tilda Swinton, Christoph Waltz, Frances McDormand. Der langersehnte neue Wes-Anderson-Film hatte seine Weltpremiere am Filmfestival von Cannes. Mit einem Jahr und zwei Monaten Verspätung.
Das fiktive französische Städtchen, auf das Wes Anderson seine stets mutierende filmische Familie dieses Mal losgelassen hat, heisst «Ennui-sur-Blasé» – Langeweile auf Blasiertheit – aber für Langweile bleibt da schlicht keine Zeit.
Der «French Dispatch» des Titels ist die ebenso fiktive Zeitschrift, die aus einer Wochenendbeilage der Präriezeitung «Liberty, Kansas Sun» entstanden war, als der Sohn des Zeitungsbesitzers, Arthur Howitzer jr. (Bill Murray) seinen Vater nicht nur davon überzeugte, ihm einen Trip nach Frankreich zu finanzieren, sondern gleich ein ganzes Korrespondenten-Büro dort.
Die Redaktionsräumlichkeiten in Ennui-sur-Blasé stellt uns Andersson dann gleich zu Beginn des Film vor, in einer Hommage an das französische Filmkomödiengenie Jacques Tati, mit einem Kellner, dem wir von weitem zuschauen, wie er den obersten Stock eines Hauses mit seinem vollen Tablett erklimmt, immer wieder sichtbar in einem anderen Fenster oder Treppenhaus.
Überhaupt ist The French Dispatch zuweilen eine «Amélie»-ähnliche Versatzstücke-Tischbombe rund um alle Klischee-Vorstellungen der Amerikaner von Frankreich. Und eine Liebeserklärung an die Zeitschrift «The New Yorker», auf dessen Vorbild «The French Dispatch» klar aufsetzt.
Ein verschrobener, vermögender Verleger, der seinen noch viel verschrobeneren Autorinnen und Autoren die Zeit und die Ressourcen zur Verfügung stellt, die allerverschrobensten Reportagen zu den verstiegensten Themen zu schreiben – so lange sie es hinkriegen, so zu schreiben, «dass es sich liest, als ob es absichtlich so geschrieben worden wäre».
Der andere Verleger-Spruch steht über seiner Bürotür: «Don’t cry» — Heul nicht.
Das bildet den Rahmen für drei Beispiele aus der Story-Küche des «French Dispatch», welche ihrerseits drei filmische Kapitel ergeben.
Zunächst aber stellt der unnachahmliche Owen Wilson als Herbsaint Sazerac das Städtchen mit all seinen Schattenseiten vor.
Dann geht es um Wahnsinn und Kunst. Ein Rodin-ähnlicher psychopathischer Mörder/Künstler (Benicio del Toro) malt im Gefängnis abstrakte Bilder, für die ihm die überaus gestrenge Wärterin Simona (Léa Seydoux) nackt Modell steht. Das alles vorwiegend in schwarzweiss. Bis Kunsthändler Julian Cadazio (Adrien Brodie) ein Geschäft wittert und den Mann zu vermarkten beginnt.
Diese ganze Geschichte rekapituliert Tilda Swinton als Kunstszenen-Kennerin im kanariengelben Kostüm und Thatcher-Look. Im zweiten kommt die Anderson-Version der Studentenrevolution von 1968 zum Zuge. Und im dritten Kapitel geht es um eine Entführung, die Polizei und das Essen.
Aber das alles tritt zurück hinter dem gewohnten gestalterischen Furor von Wes Anderson. Hinter seinen zentralperspektivischen Aufnahmen und Sets, den Bühnentricks, den Animationssequenzen und der schier endlosen Aneinanderreihung von Einfällen, Figuren und absurden Zusammenhängen.
The French Dispatch ist, wie jeder Wes-Anderson-Film, ziemlich einzigartig und ziemlich unvergleichlich. Am ehesten erinnert das an eines jener kunstvollen Aufklapp-Bilderbücher, in denen nicht nur die Bilder dreidimensional werden, sondern sich alles noch irgendwie bewegen und kippen lässt.
Im Kino ab 21. Oktober 2021