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Anfangs der achtziger Jahre fand eine Frauendemonstration in Paris statt. Ein Teil der Demonstrant:innen sammelte sich hinter dem Transparent „Wir marschieren gegen das Patriarchat“. Dann gab es den Block mit antikapitalistischen Slogans. Viele Demonstrierende dürften sich für diese Aufteilung nicht interessiert haben und irgendwo mitmarschiert sein. Ich weiss es nicht. Allen gemeinsam war wohl die Empörung über Diskriminierung, Unterdrückung, Ausbeutung und Benachteiligung der Frauen.
Damals in Paris hätte ich wohl im antikapitalistischen Block mitdemonstriert. Inzwischen wäre das aufgrund meiner langjährigen Arbeit zu politischer Ökonomie aus feministischer Sicht nicht mehr der Fall. Heute würde ich mich auch nur sehr widerwillig, allenfalls Freund:innen und Mitstreiter:innen zuliebe, hinter ein Transparent mit dem Slogan „Care-Gesellschaft statt Kapitalismus“ stellen – ein Slogan, der aus diesem Buch stammen könnte. Der Titel des zweiten Kapitels, „Kapitalismus und Care“, machte mir die theoretischen und analytischen Differenzen zwischen mir und den Autoren klar. Weshalb? Erstens sprechen die früher oft gleichzeitig genannten Begriffe „Kapitalismus und Patriarchat“ von zwei verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungssystemen, die sich zwar irgendwie überlagern aber trotzdem nicht dasselbe sind. Die Theoretiker:innen waren sich uneinig darüber, wie diese zwei Systeme in ihrer Verknüpfung zu analysieren seien. Im Zwischentitel des Buches ist der Begriff Patriarchat durch den Begriff Care ersetzt, und damit ist auch die Frage über das Zusammenspiel verschiedener Ausbeutungs- und Herrschaftssysteme eliminiert worden. Zweitens lehne ich die Substantivierung von „Care“ ab, wie auch „Leben“ bei der Abtreibungs- und Gentechnologiekontroverse. „Care“ ist im Englischen primär ein Tätigkeitswort – und bedeutet eben Care-Arbeit. Es handelt sich um Tätigkeiten, die direkt der Sorge und Versorgung von Menschen dienen, egal ob sie mit Sorgfalt und Empathie getan werden. Klar geht es bei Care-Arbeit – wie bei allen Arbeiten auch – darum, sie gut zu machen: So pflegen zu können, dass man tatsächlich von Pflege sprechen kann; die Taximitfahrerin sicher ans Ziel zu bringen oder mit medizinischer Behandlung ein Behandlungsziel zu erreichen. Ich brauche das Wort „Care“ nur im Zusammenhang mit Care-Arbeit oder Care-Ökonomie, weil es eine besondere Art von Arbeits- und Austauschprozess bezeichnet und nicht per se eine Qualität wie Nachhaltigkeit oder Sorgfalt. Drittens: Der Begriff „Care“ wird im Text in verschiedenen Bedeutungen gebraucht: zum einen als ethisches Kriterium oder als Wert, zum andern als Begriff, der ausdrücken soll, dass es bei der Arbeit nicht um Profite, sondern um eine bestimmte Arbeitshaltung geht, nämlich um Caring. Und dann wird Care auch im Sinn von Care-Arbeit gebraucht (die ich manchmal auch personenbezogene Dienstleistungen nenne).
Die unglaublichen zeitlichen Dimensionen der Care-Arbeit und die enorme Einkommensungleichheit von Frauen sind zentrale Themen von Feministinnen. Sie kommen nur arg unterdotiert im Text vor. Wir leben bereits jetzt in einer Care-Gesellschaft, denn rund 60 Prozent aller bezahlten und unbezahlten Arbeit in der Schweiz werden im Care-Sektor (im Sorge- und Versorgungssektor) geleistet – vorwiegend von Frauen. Die gesellschaftliche Organisation der Care-Arbeit geht allerdings schwer auf die Kosten der Frauen. Erstaunlicherweise werden die damit einhergehenden 100 Milliarden Franken Einkommensdifferenz zwischen Frauen und Männern (https://feministische-fakultaet.org/makroskandal/) im Buch nicht erwähnt, obwohl sie ein prominentes Thema am Frauenstreik von 2019 war. Dafür wird auf eine Studie von Oxfam über die globalen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern hingewiesen.
Es gäbe etliche Beispiele im Text dafür, wie die Autoren die Krise der Care Ökonomie unter die Systemdynamik und damit die Grundfragen des Kapitalismus einordnen. Aus meiner Sicht war beispielsweise die Finanzkrise eine Krise der Weltwirtschaft und des Finanzsystems, also eine tiefe Krise kapitalistischer Akkumulation. Das Reden über systemrelevante Tätigkeiten anlässlich der Covid-19-Krise hat aber eine ganz andere Systemkrise sichtbar gemacht: die Krise der Sorge- und Versorgungsökonomie, die seit einiger Zeit schwelt und weitgehend von einer anderen Wirtschaftsdynamiken geprägt ist als von der Profitorientierung des Kapitalismus, wie es das Buch suggeriert. Die Autoren machen da keinen Unterschied. Aber ein solcher würde vielleicht eine andere Diskussion und andere Änderungsvorschläge erfordern als wie sie im Text präsentiert sind.
Zwei weitere wichtige Punkte, die bei mir Lust auf eine Kontroverse auslösen, seien hier nur kurz genannt: die Kapitalismusanalyse kommt mir etwas veraltet vor, und die Frage öffentlicher Finanzierung all dessen, was im Teil drei vorgeschlagen wird, wird der grosse Elefant im Raum sämtlicher kommenden Debatten stehen. Ich finde die Erläuterungen dazu unbefriedigend.
Im Teil drei des Buches schreiben die beiden Autoren: „Die zentrale Aussage des Buchs lautet: Die prägende, gesellschaftliche und ökonomische Dynamik muss von der gewinnorientierten, von Großkonzernen dominierten Privatwirtschaft hin zum gemeinwohlorientierten Service public wechseln.“ (S. 262/3) Das ist eine gute Kurzfassung des Buches. Der dritte Teil enthält eine Reihe von interessanten Vorschlägen und Ideen dazu, was getan werden müsste. Es braucht in der Tat dringend eine Debatte und neue Konzepte über die Rolle des Staates im 21. Jahrhunderts. Die starke Erweiterung des Service Public wird da eine grosse Rolle spielen müssen. Trotz meiner Kritik und Einwände finde ich es nützlich und hilfreich, diesen Text als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen auf dem Tisch zu haben.
Mascha Madörin, Ökonomin. maschamadoerin.ch