Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03266.jsonl.gz/584

Die Majella
Ernst Furrer, Zürich
Nachdem in Heft 4Jig6g der « Alpen » die Schilderung « La Majella » von Erwin Roth erschienen ist, der diesen zweithöchsten Berg der Abruzzen von der adriatischen Seite bestiegen hat, bringen wir nachstehend einen Aufsatz von Dr. Ernst Furrer, Zürich, Mitglied des SAC seit igh, aus einer Zeit, als die Majella touristisch ringsum noch nicht erschlossen war. Furrer hat die Abruzzen zwölfmal bereist, sechsmal bereits in den zwanziger Jahren. Seine Besteigung der Majella erfolgte ig2y von der Landseite aus. Wir entnehmen den Bericht dem Kapitel « Von Berg zu Berg » seines igji bei Herder, Freiburg i.Br., erschienenen Buches « Die Abruzzen ». Auch erinnern wir an zwei seiner Aufsätze über die Abruzzen im Jahrbuch 8 des SAC und im Jahrgang io « Der Alpen ».
Die Majella ist der abruzzesische Libanon. Was die Geschichte Grosses und Seltsames gebucht hat, findet an diesem Felsenberg, ins Poetische verklärt und ins Romantische und Legen-däre entrückt, einen abgerissenen Widerhall. In den vielen Höhlen und Grotten, die einst die frühesten Menschen bewohnt haben mögen, hausten im Mittelalter Einsiedler, Zauberer und Heilkräutersammler. Später, unter den Spaniern und Bourbonen, hat sich das Gezücht der Briganten dort eingenistet, während rings um den Berg, neben den trotzigen Burgen der Feudalherren, sich fromme Stätten, Klöster und Abteien erhoben. Zwei nachmalige Päpste haben die Wildnis des Berges gekostet, Viktor III. als Kind, Cölestin V. als greiser Einsiedler, bis ihn die kirchliche Welt gewaltsam aus der Einsamkeit herausholte und ihm, dem merkwürdigsten aller Päpste, die Tiara aufzwang. Den letzten Volkstribunen, Gola di Rienzo, hat politischer Schiffbruch hierher ins Exil getrieben. Nach seinen Irrfahrten im Neapolitanischen lebte er als cölestinischer Büsser in der Einsiedelei, betete, träumte, grübelte und entwarf Pläne, bis ihn der Drang nach dem Wir- ken unter Menschen wieder aus der Abgeschiedenheit heraushob. An heiliger Stätte suchte Torquato Tasso, der Sänger des « Befreiten Jerusalem », Heilung für sein krankes Herz. Als er, elend und bettelarm, durch die Abruzzen ritt, stiess er auf die Banden des Häuptlings Marco Sciarra. Da fiel ihm dieser zu Füssen, und er soll gerufen haben: « Grosser Genius Italiens, Fürsten und Neider verfolgen dich; ich, Marco Sciarra, verehre dich », und nötigte ihn, wenigstens eine Nacht in seiner Briganten-behausung zuzubringen, wo er ihn mit Liebes-bezeigungen überschüttete. In allerneuester Zeit hat D' Annunzio in seiner Figlia di Jorio die berühmteste aller Höhlen der Majella, die Grotta del Cavallone, mit den Gestalten seiner Tragödie belebt und damit den sagenumrankten Berg aufs neue in die Poesie hineingerückt.
Weithin schaut die Majella fast über alle Berge des Abruzzenlandes hinweg; einzig dem Géante, dem Gran Sasso, reicht sie nur bis ans Kinn. Einen langen Streifen des Meeres beherrscht sie und zieht aus seinen Wassern den feuchtfrischen Hauch zu sich empor. Während die Luft ringsum rein und klar ist, hüllt sich die Majella in Dunst- und Nebelschleier und lässt dieses ihr Gewand um ihren steinernen Riesenleib auf- und abwogen, auferstandenen Sagen gleich, die sich ewig an den Berg heften, aus seinen Schrunden und Grotten herauswachsen und wieder an seinen glatten Wänden zerfliessen, etwas unauslöschlich Lebendiges, aus den wechselvollen Schicksalen der Menschheit her-ausgeboren, von ihnen genährt und von ihnen verzehrt...
Morgens um 5 Uhr trat ich in Campo die Giove, einem Dorf am Südsüdwesthang ( 1060 m ), den Aufstieg an. Der Bergführer hatte mir tags zuvor den Schlüssel zur Klubhütte übergeben, ein Riesending, als ob es ein mittelalterliches Burgtor aufzuschliessen gälte. Es nahm fast die ganze Rucksackbreite ein und wog gottsträflich viel. Ich steuerte dem breiten Waldband zu, das den Leib der Riesin umschlingt, und wand mich darüber hinaus zum Grat. Welch seltsamer Anblick, dieser Grat! Der lange Scheitel der Majella ist auf 4-5 Kilometer der Länge nach eingedrückt und schliesst ein langgezogenes, abflussloses Hochtal ein. Es ist die Valle di Femina morte, die am Fuss des Gipfelkegels in 2500 Meter Höhe ihren Anfang nimmt und am unteren Ende, bei 2330 Meter, in ein rundliches Becken von einem halben Kilometer Durchmesser ausmündet. Die riesigen Schneemassen, die jeder Winter anhäuft, versickern in seinem Grund. Alles schluckt der durchlöcherte Leib des Berges, der wie keiner in den Abruzzen reich ist an Höhlen. Auch der Aufstieg führte mich an einer solchen vorbei, der Grotta Canosa, an deren Fuss sich eine gewellte Hochfläche dehnt, die mit unzähligen Karsttrichtern kleinsten bis mittleren Formats zu erkennen gibt, wie hier das Wasser den Berg zernagt. Fast so löcherig wie ein Schwamm muss er in seinem Innern stellenweise aussehen. Ganze Dörfer samt Kirchtürmen könnte er in seinem Bauch beherbergen.
Ich nahm mir reichlich Zeit, schaute die pok-kennarbige Haut des verkarsteten Berges gehörig an und machte manchen Gang seitab, auf-oder abwärts, um meine botanischen Liebhabereien zu befriedigen. Mein Plan war, in dem Rifugio, das den höchsten Gipfel, den Monte Amaro, krönt ( 2795 Meter ), zu nächtigen. So kam ich denn erst gegen 3 Uhr nachmittags am Ziel an.
« Vier Mauern und ein Dach » - so beschreibt Steinitzer die Hütte, die er allerdings selber nicht gesehen hat. Schon wenige Wochen nach der Einweihung im Jahre 1890 ist sie - wie Rumpelt aus dem Hüttenbuch berichtet - aufgebrochen und ausgeplündert worden, ein zweites Mal 1896, und schliesslich habe die Sektion Rom des Italienischen Alpenklubs das Inventar nicht mehr erneuert. Es ist ja nicht ganz unverständlich, wenn der Hirt bei Unwetter im Anblick der verschlossenen Hütte den Tantalus in sich fühlt. Da steht er draussen in Sturm und Nässe, kann sich nicht auf ein trockenes Lager niederlassen, kein Feuer anzünden, um sich zu erwärmen, hat kein Dach über sich, um sich vor der Nässe zu schützen. Er begreift nicht, warum fremde Menschen hier in sein Reich hinein ein Haus stellen, es mit brauchbaren Gegenständen ausstatten und - abschliessen!
In die Türe dieser Hütte steckte ich um 3 Uhr den Schlüssel; aber sie ging nicht auf. Ich machte einen Rundgang um die Hütte und musterte sie. Aber es war kein schwacher Punkt zu entdecken. Ich trat in den überdachten Nebenraum ein, der nach aussen offen ist und wo mitgeführte Maultiere untergebracht werden. Hier lagen um einen Aschenhaufen ange-kohlte Buchenäste. Ich nahm einen von Ellen-länge, um die Hebelwirkung an meinem Festungsschlüssel zu verstärken - vergeblich. Da machte ich eine verheissungsvolle Entdeckung: im Nebenraum bemerkte ich, dass zuoberst im Giebeldreieck einige Mauersteine herausgebrochen waren. Hirten mochten hier vermutlich einmal ihre Kraft erprobt haben. Wie, wenn ich die Mauerlücke vergrösserte und so in den Hüttenraum eindringen könnte? Ich beigte die am Boden liegenden Steine übereinander und kletterte hinauf. Ich rüttelte und riss. Die Steine lockerten sich, und siegesfreudig stiess ich sie hinunter. Schon konnte ich durch die Spalten zwischen den Brettern der Wand in den Hüttenraum hineinschauen. Zwischenhinein machte ich mich an diese Bretter, fing an, daran zu sägen und Stücke abzuzwäng'en. Aber die Arbeit war mühsam und ging langsam vonstatten. Ich sah ein, dass ich hier noch mehrere Stunden lang meine Kräfte verschleudern könnte und schliesslich, zu guter Letzt, mit Einbruch der Nacht immer noch vor der Hütte stünde. Ich hielt den Rückzug für das beste und entschloss mich, nach Campo di Giove zurückzukehren. Den Schlüssel verpackte ich wieder in den Rucksack, um die hinterlegten 50 Lire einlösen zu können.
Noch war ich über der Waldgrenze, als die Sonne hinter bleischweren Wolkenschwaden sich zum Untergang neigte. Sie versilberte ein paar Wolkenränder und übergoss das tief unter mir liegende dunsterfüllte Becken von Sulmona mit trübroter Glut, in der Rauchsäulen und die kiesreichen Bachbette aufleuchteten. Häher krächzten, Schafe blökten. Eine finstere Nacht brach herein, ehe ich aus dem unteren Saum des Waldes heraus war.
Eine Viertelstunde vor dem Dorfe begegnete mir eine alte Frau, die hastig den Berg herauf eilte. Ob ich hier Schafe gesehen hätte? Ich verneinte. Da brach sie in lauten Jammer aus, schrie nach ihren Tieren und verschwand hinter mir in der Finsternis.
Im Dorf übergab ich den Riesenschlüssel dem Majella-Führer. Als ich ihm von dem ruinierten Schloss erzählte, machte er ein verschmitztes Gesicht und bemühte sich erstaunt zu sein.