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«Extreme Armut stark rückläufig» verkündete ein Aufmacher-Titel in der NZZ am 7. März. Der prozentuale Anteil Personen, die in extremer Armut leben, habe sich seit 1990 «sogar halbiert». In absoluten Zahlen müssten nur noch 1,29 Milliarden Menschen mit einem Einkommen von weniger als 1,25 Dollar täglich auskommen, 1981 seine es noch 1,94 gewesen.
Damit sei das Millenium-Ziel bereits fünf Jahre früher als angestrebt erreicht, freut sich die NZZ. Zu diesem Erfolg habe «entscheidend» die Privatwirtschaft beigetragen.
«Niemand nimmt Notiz davon»
Doch von diesen optimistischen Zahlen der Weltbank «nimmt niemand Notiz», klagt der US-Korrespondent in einem Kommentar. Tatsächlich aber ist es fahrlässig, die Zahlen der Weltbank zum Nennwert zu nehmen, so wie es die NZZ tut. Denn es ist wahrscheinlicher, dass heute noch mehr Menschen ungenügend ernährt sind und in elenden Verhältnissen vegetieren müssen als vor zwanzig Jahren.
Grundlagen der Selbstversorgung zerstört
Auf Anhieb tönt es zwar plausibel: Mehr Geld bedeutet weniger Armut und erlaubt einen höheren Lebensstandard. Doch für viele der Ärmsten trifft dies nicht zu, weil sie sich weitgehend selber ernährt haben. Sie brauchten kaum Geld, um ihre existenziellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Dorfgemeinschaften bauten ihre Behausungen selber, hatten noch genügend Grundwasser und bessere Böden, pflanzen Mais, Reis oder Getreide auf eigenen Äckern – alles ohne Geld oder 1,25 Dollar pro Tag. Zusätzliche Lebensmittel und Waren tauschten sie untereinander aus.
Erst die globalisierte Wachstumspolitik der Industriestaaten hat in vielen Gegenden die Grundlagen zur Selbstversorgung der ansässigen Bevölkerung zerstört und zerstört sie weiter. Die fruchtbarsten Böden dienen nicht mehr der Selbstversorgung, sondern der Fleischproduktion und den Monokulturen für den reichen Norden. Die Lebensgrundlagen der Landbevölkerung wurden Schritt um Schritt zerstört.
Millionen der früheren Kleinbauern arbeiten heute als ausgebeutete Landarbeiter auf Monokulturen. Statt sich selber zu versorgen, müssen sie das Nötigste fürs Existenzminimum einkaufen. Familien, die selbst zu Hungerlöhnen keine Erwerbsarbeit finden, können sich nicht einmal mehr selber ernähren. Aus Verzweiflung wandern sie mit einer letzten Hoffnung in die Slums von Grossstädten aus. Dort erwarten sie in vielen Fällen unhygienische Zustände, Krankheiten, Kinderarbeit, Prostitution und Kriminalität.
«Wer keine Erwerbsarbeit hat, leidet Hunger
Der Oxford-Ökonome Teddy Goldsmith, Co-Autor von «A Blueprint of Survival», diagnostizierte schon 1998: «Wirtschaftliches Wachstum, das Umwelt und Lebensgrundlagen zerstört, ist heute die wichtigste Ursache der Armut. Die meisten Menschen in den städtischen Slums sind Wachstums-Flüchtlinge.» Sie brauchen dort zum Überleben ebenfalls Geld, das sie vorher nicht brauchten.
In Asien und Lateinamerika lebten 1950 nur 17 Prozent der Bevölkerung in Städten, 1975 waren es 25 Prozent und im Jahr 2000 etwa 40 Prozent. In den Städten sind die Menschen auf Erwerbsarbeit und Geld angewiesen, um zu überleben. Wer keine Erwerbsarbeit und damit kein Geld hat, leidet Hunger, obwohl es in vielen Entwicklungsländern genug Nahrung gäbe.
Die von Globalisierungs-Apologeten und Deregulierern häufig zitierte Weltbank-Statistik, wonach heute mehr Menschen über ein oder zwei Dollar Einkommen pro Tag haben als vor zwanzig Jahren, ist als Beweis für einen Rückgang der Armut und des Elends unbrauchbar.
Fragwürdige Konsum-Statistik der Weltbank
Die Weltbank-Statistik, welche die NZZ unbesehen übernahm, ist in vielerlei Hinsicht kritisch zu hinterfragen:
• Sie stützt sich auf Befragungen eines angeblich repräsentativen Samples der betroffenen Bevölkerungen. Jedes Land handhabt die Auswahl des Samples und die Art der Befragungen etwas anders.
• In etwa zwei Drittel der Länder wird nicht nach den Einnahmen, sondern nach den Ausgaben gefragt. Der Warenkorb ist nicht überall gleich.
• Die starken Preissteigerungen von Grundnahrungsmitteln seit 2008 sind nicht berücksichtigt.
• Bei den erfassten Ausgaben wird eine Eigenproduktion von Lebensmitteln sowie der geldlose Tausch von Waren und Dienstleistungen nur zu einem kleinen Teil berücksichtigt.
Das Institut für Wirtschaftspolitik an der Universität Köln hat sich im 2003 herausgegebenen Buch «Globalisierungskritik auf dem Prüfstand» mit der Frage befasst, ob man die absolute Armut am Kriterium von einem oder zwei Dollar pro Tag messen kann und kam zum Schluss: «Es kann sein, dass bestimmte Arten von Einkünften und Konsum wie zum Beispiel selbst bestelltes Land und Produktion für den Eigenbedarf sowie auch die Schwarzarbeit nicht erfasst werden.»
Die Weltbank ist an beschönigender Statistik interessiert
Die Weltbank und der Weltwährungsfonds IWF haben viele verschuldete Entwicklungsländer genötigt, anstelle der Selbstversorgung Agrarprodukte für den Export zu produzieren, ihre Grenzen für Dumping-Überschüsse aus den Industriestaaten zu öffnen und die Staatsausgaben für Sozial- und Gesundheitsausgaben zu reduzieren. Sie sind deshalb interessiert daran, Misserfolge zu vertuschen. Über Afrika verbreitete der damalige IWF-Direktor Michel Camdessus schon 1997 nur positive Nachrichten: Das weltweite Wachstum verleite zu «berechtigtem Enthusiasmus».
Das Prinzip Hoffnung hat Weltbank und IWF dazu verleitet, Statistiken «subtil zu manipulieren», kritisierte der auf Entwicklungsländer spezialisierte «Le Monde diplomatique». Ein Beispiel: Weltbank und IWF wählen in ihren Rückblenden als Vergleichsjahr mit Vorliebe das Jahr 1970 anstatt 1960 oder 1980, weil einige Vergleiche dann positiver aussehen. Ein anderes Beispiel: Die Kindersterblichkeit wird in Mali und andern afrikanischen Ländern nur bei Spitalgeburten erfasst. In Mali gehen aber zunehmend nur noch wohlhabende Frauen während der Schwangerschaft zum Arzt und ins Spital, weil die Regierung die Behandlungskosten nicht mehr zahlt. Niemand erfasste die zunehmenden Geburten ausserhalb der Spitäler und die damit verbundene Mütter- und Kindersterblichkeit.
«Ich könnte Ihnen präzis das Gegenteil beweisen
«Mit zunehmendem Alter werde ich zunehmend zynisch», hatte René Erbe, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Basel, im Cash vom 10. Oktober 1993 erklärt. Früher habe er bei internationalen Organisationen gearbeitet und wisse, wie solche Statistiken zustande kommen. Es lohnt sich, seine Aussage wörtlich zu lesen: «Den Ökonomen wird vorgegeben, es sei zu beweisen, dass das Gatt (heute WTO) einen Wohlstandszuwachs bringe. Und weil solche Thesen nur dann gefressen werden, wenn man sie quantifizieren kann, werden sie halt quantifiziert. Aber ich kann Ihnen versichern: Ich könnte Ihnen mit einer ebenso präzisen Modellrechnung genau das Gegenteil beweisen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine