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14. Juni 1974: Der englische Schiedsrichter Ken Aston erfindet Ende der 60-er Jahre die Gelben Karten und Roten Karten. Der Chilene Carlos Caszely bekommt dies spätestens dann mit, als er den Platz als Erster bei einer WM vorzeitig verlassen muss.
Während der Fussball-WM 1966 ist er Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichterkommission und steht mit dem Auto vor einer Ampel. In Gedanken ist Ken Aston noch beim hässlichen Viertelfinale zwischen England und Argentinien (1:0) vom 23. Juli. In diesem Spiel schien das Foul und nicht ein Tor das Ziel zu sein. Die Zerstörung des gegnerischen Spiels war die ultimative Taktik und die Geissel des Fussballs in den 1960er Jahren. In diesem Viertelfinale kommt es zu einem Eklat.
Der Deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein trägt Luis Artime in sein Verwarnungsbüchlein ein, Gelbe Karten gibt es ja noch nicht. Captain Antonio Rattin will gegen den daraus resultierenden Freistoss protestieren. Der Mittelfeldspieler sagt dem Schiedsrichter, er möge einen Dolmetscher kommen lassen. Kreitlein versteht kein Spanisch, Rattin kein Deutsch. Kreitlein besteht darauf, dass das Spiel fortgesetzt wird, Rattin will einen Dolmetscher.
Schliesslich verweist der Schiedsrichter den Argentinier vom Felde. Doch der weigert sich, diesen Ausschluss hinzunehmen. Entweder hat er die Anweisung des Schiedsrichters nicht verstanden oder er gibt vor, die Entscheidung nicht verstanden zu haben. Inzwischen reden alle elf Spieler plus die Trainer und Offiziellen der Argentinier auf den deutschen Unparteiischen ein – doch der gibt nicht nach.
Acht Minuten lang droht ein Spielabbruch. Dann geht Rattin doch in die Kabine und es wird weitergespielt. Der nur 168 Zentimeter grosse Rudolf Kreitlein erhält nach dem Spiel den liebevoll-spöttischen Spitznamen «das tapfere Schneiderlein». Antonio Rattin bringt es in Argentinien später als Abgeordneter bis ins Parlament.
Ken Aston ist klar, dass die ganze unerfreuliche Angelegenheit auch ein Kommunikationsproblem war. Und nun kommt ihm vor der Ampel die zündende Idee: Gelb = Achtung, Rot = Stopp. Das ist die Geburtsstunde der Gelben und Roten Karten.
Mit ihnen kann der Schiedsrichter den Spielern klar und eindeutig die Massnahmen signalisieren. Gelb = Verwarnung, Rot = Platzverweis. Er bespricht diese Idee mit Rudolf Kreitlein und die beiden unterbreiten diese Idee der FIFA. Die Karten werden für die WM 1970 in Mexiko eingeführt. In den ersten Jahren tragen die Schiedsrichter die rote Karte in der Gesässtasche, die gelbe in der Brusttasche. Dies um Verwechslungen zu verhindern und da früher im Schwarz-Weiss-TV die Farben nicht so deutlich unterschieden werden konnten, sah der Zuschauer sofort, wenn der Unparteiische die Karte aus der Gesässtasche zog, ist es Rot. Der Begriff «Arschkarte» für «Pech gehabt» hat seinen Ursprung auch durch die rote Karte am «Arsch» des Schiedsrichters.
Als der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher am 31. Mai 1970 das WM-Eröffnungspiel zwischen Mexiko und der UdSSR anpfiff, führte er neben Pfeife und Notizblock erstmalig auch Buntes mit sich. Die FIFA hatte für diese WM beschlossen, die Verwarnung auf «non-verbalem» Wege kenntlich zu machen. Eine Verwarnung oder ein Platzverweis sind seither so leicht und international zu erkennen wie das Rote Kreuz.
Und tatsächlich setzt Kurt Tschenscher die Karten auch gleich ein: Er verwarnt den Russen Jewgeni Lowtschew in der 29. Minute nach einem Foul an Horacio Lopez. Einen Platzverweis gibt es bei der WM 1970 noch nicht. Die zweifelhafte Ehre der ersten Roten Karte im Rahmen eines WM-Turniers gebührt dem Chilenen Carlos Caszely.
Nach mehreren rüden Fouls zeigte ihm der türkische Schiedsrichter Dogan Babacan im Spiel Deutschland gegen Chile am 14. Juni 1974 in der 69. Minute für die Attacke gegen Berti Vogts die Rote Karte. Deutschland gewinnt 1:0 und wird nach einem 2:1 im Finale gegen Holland Weltmeister.