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Die Angst vor einer möglichen Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus hat die Indigenen Ecuadors in Aufruhr versetzt. Sie fordern vom nationalen Krisenstab, in die jeweiligen Gremien miteinbezogen zu werden. Auf dem Spiel steht ihr Überleben.
31. März 2020, Quito – Von der aktuellen Pandemie, die derzeit den Planeten zu grossen Teilen lahmgelegt hat, sind die Indigenen besonders gefährdet, auch jene in Ecuador. Dessen sind sich die FührerInnen der Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (Conaie) bewusst. Entsprechend gleicht ihr Schreiben an Ecuadors Staatspräsidenten Lenin Moreno vom vergangenen Donnerstag einem Notruf. Die Geschichte habe gezeigt, dass indigene Völker bei Epidemien besonders gefährdet seien und das die Krankheit COVID-19 diesbezüglich keine Ausnahme darstelle. „In diesen Bevölkerungsgruppen“, schreibt die Conaie, „könnte es zu einer hohen Sterblichkeit kommen, und wenn die Pandemie die in freiwilliger Isolation lebenden Indigenen erreicht, besteht das Risiko, dass diese Gruppen aussterben. […] Die Ernsthaftigkeit des Problems wird dadurch verschärft, dass es bisher an Massnahmen zur Eindämmung fehlt, die den geographischen und kulturellen Gegebenheiten der comunidades entsprechen.“
Die Conaie (Konföderation der indigenen Nationalitäten Ecuadors) spricht damit auf die Zentralregierung in Quito und deren Mangel an adäquater Kommunikation an. Viele der comunidades leben weit weg von den Städten und haben keinen oder kaum Zugang zu Festnetztelefon, Internet, Fernsehen oder Elektrizität. Eine Realität, die der nationale Krisenstab nicht zu kennen scheint. „Bisher hatte die Regierung keinen Kontakt zu den indigenen Organisationen aufgenommen“, sagt Sprecher Apawki Castro. „Die Communiqués zu den Präventionsmassnahmen für die comunidades haben wir selbst verfasst und verbreitet.“
Schliessung der Territorien ist ein Recht
Wie anderswo auf der Welt gehört die Isolation zu den wichtigsten Aspekten der Massnahmen. Die meisten der Conaie-Mitglieder, zumindest jene in den Anden und im Amazonasbecken, halten sich an diese Vorgaben. Die Konföderation entschied zudem, sämtliche Veranstaltungen, Treffen, Versammlungen, Feste und gemeinschaftliche Arbeiten (mingas) abzusagen. An einzelnen Orten ist gar das Chicha-Trinken* aus demselben Glas oder Krug verboten worden. Zudem forderten die lokalen Führer der comunidades dazu auf, vermehrt Kontrollen bei den Ein- und Ausgängen ihrer Territorien durchzuführen.
In den vergangenen Tagen haben sich landesweit mehrere comunidades dazu entschlossen, Fahrzeuge vor der Einfahrt in ihre Territorien zu desinfizieren. Ausserdem wurden Strassenabschnitte mit Zäunen, Steinen, Erde oder Baumstämmen blockiert. „Angesichts der mangelnden Unterstützung seitens der Regierung ist es wichtig, dass jede comunidad ihre eigenen Massnahmen ergreift“, sagt Apawki Castro von der Conaie. „Wir haben deshalb arrangiert, dass indigene Wachen in Absprache mit den staatlichen Streitkräften für die Kontrolle der jeweiligen Territorien sorgen.“
Das Recht der vierzehn indigenen Nationalitäten und achtzehn Völker Ecuadors, sich von der Aussenwelt abzuschneiden, ist explizit in der Landesverfassung verankert. Dort heisst es in Artikel 57, Absatz 9, dass „indigene Gemeinden, Gemeinschaften, Völker und Nationalitäten […] die kollektiven Rechte […] auf die Erhaltung und Entwicklung ihrer eigenen Formen des Zusammenlebens und der sozialen Organisation sowie auf die Schaffung und Ausübung von Autorität in ihren gesetzlich anerkannten Territorien und Gemeinschaftsgebieten im Besitz ihrer Vorfahren anerkannt und garantiert werden“. Mit anderen Worten: Die comunidades haben die Möglichkeit, ihre territorialen Grenzen zu schliessen, auch wenn sie nicht wie im Fall des Zentralstaates markiert oder überwacht werden. „Das bedeutet nicht, dass die StaatsvertreterInnen nicht einreisen können“, erklärt Anwältin Mariana Yumbay, „aber die FührerInnen der jeweiligen Völker und comunidades müssen konsultiert werden“.
Soviel zur Theorie. Die Praxis zeigt, dass nicht alle die Verfassung von 2008 kennen. Ein Beispiel dafür sind die gescheiterten Versuche von Vizepräsident Otto Sonnenholzner, nach dem Landesstreik vom Oktober 2019 in eben diese Gebiete einzureisen. „Ich wusste nicht“, sagte er damals, „dass ich als Ecuadorianer um ein Visum bitten muss, um im eigenen Land herumreisen zu können.“ Mehrere comunidades, vor allem in den Anden, hatten ihm damals die Einreise verweigert.
Für Mariana Yumbay, die Teil einer indigenen Gemeinschaft im Zentrum des Landes ist, fehlt es an Verständnis und politischem Willen, diese kollektiven Rechte zu berücksichtigen. „Die Behörden – egal ob Exekutive, Justiz oder Verwaltung – glauben, sie könnten einfach in diese Gebiete einreisen“, sagt die Spezialistin für Rechtsstreitigkeiten. „Deshalb sind sie vor den Kopf gestossen, wenn die comunidades auf ihre Rechte beharren“.
Peru übersetzt Sicherheitsmassnahmen in elf Sprachen
Die Coordinadora de las Organizaciones Indígenas de la Cuenca Amazónica (Coica – Organisation der Indigenen des Amazonasbeckens) machte bereits vor zweieinhalb Wochen auf die Verwundbarkeit der Indigenen durch das Coronavirus aufmerksam. „Wir sprechen von 506 indigenen Völkern, die unmittelbar gefährdet wären“, sagte Robinson López der digitalen Zeitschrift Mongabay. Der Coica-Koordinator für Klimawandel und biologische Vielfalt betonte, dass „eine Pandemie dieser Reichweite für die einheimischen comunidades eine Katastrophe enormen Ausmasses“ bedeuten würde. Auch Menschenrechtsorganisationen wie Amazon Watch oder Amazon Frontlines hatten ihre Besorgnis zum Ausdruck gebracht und die Regierung von Lenin Moreno aufgefordert, konkrete Massnahmen zum Schutz der indigenen Völker zu ergreifen.
Während das peruanische Kulturministerium die Sicherheitsmassnahmen in Bezug auf die Pandemie in elf indigene Sprachen übersetzen liess und ein entsprechendes Radioprogramm geplant hatte, folgte das offizielle Ecuador der Linie seines Vizepräsidenten: die Nicht-Differenzierung. Auf die Frage eines Journalisten, ob in Bezug auf die Indigenen spezifische Massnahmen getroffen würden, liess die Sekretärin des nationalen Krisenstabes im Rahmen einer Tele-Medienkonferenz bereits vor zwei Wochen ausrichten, dass keine Differenzierung stattfinden werde und die Indigenen Völker verpflichtet seien, die vom Staat erlassenen Massnahmen einzuhalten – allesamt auf spanisch formuliert. Und dies, obwohl die Muttersprache der Indigenen oft eine andere, und in der Verfassung explizit von Plurinationalität und Interkulturalität die Rede ist .
Wir wollten wissen, ob sich diese Position mittlerweile geändert hat und fragten bei der Regierung nach. Doch wir haben bis Redaktionsschluss keine Antwort erhalten.
Die Angst der indigenen Gemeinden vor COVID-19 hat ihren Ursprung in der Kolonialgeschichte des Kontinents. Denn der grösste Feind, den die europäischen Eroberer vor über fünfhundert Jahren mitgebracht hatten, waren nicht ihre Schwerter, sondern ihre Krankheiten – Krankheiten, die man diesseits des Atlantiks nicht kannte. Entsprechend unvorbereitet war das Immunsystem der hiesigen EinwohnerInnen. Sie hatten noch keine Antikörper entwickelt, um die neu eingeschleppten Bakterien und Viren bekämpfen zu können. Es wird geschätzt, dass allein im 15. Jahrhundert neunzig Prozent der amerikanischen Urbevölkerung durch Krankheiten wie Grippe, Pocken oder Masern ausgerottet wurden. Diese Verwundbarkeit – vor allem derjenigen, die in freiwilliger Isolation leben – hat bis heute Bestand. “Da die Indigenen über weniger genetische Vielfalt verfügen, sind sie anfälliger für Krankheiten“, hält die Conaie in ihrem Brief an Lenin Moreno fest.
Hinzu kommen weitere Risiko-Faktoren, wie etwa der fehlende Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem, mangelnde Ernährung und Hunger, hohe Raten an Mütter- und Kindersterblichkeit einerseits, sowie Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder HIV andererseits. Darüber hinaus heisst es auf der Website der UNO, dass über die Hälfte der über 35-jährigen indigenen Bevölkerung an Diabetes Typ 2 leiden. Diabetes ist eine jener Vorerkrankungen, die einen ernsthaften Krankheitsverlauf von COVID-19 begünstigen.
„Dieses Virus tötet ältere Menschen auf der ganzen Welt,
und das beunruhigt mich.“
Nemonte Nenquimo, Führerin der Waorani
„Wenn das Coronavirus in indigenes Gebiet eindringt, könnte dies das Ende der indigenen Bevölkerung des Amazonasbeckens bedeuten“, sagt Marlon Vargas, Präsident der Konföderation der indigenen Nationalitäten des ecuadorianischen Amazonasgebiets. Es geht um elf Nationalitäten mit über 500.000 Personen. Deshalb haben die FührerInnen lokaler comunidades bereits vor zwei Wochen beschlossen, keine Touristen mehr in ihr Gebiet einreisen zu lassen, die Grenzen zu schliessen und sich in ihren comunidades zu isolieren. Sie forderten auch, dass sämtliche Erdöl-, Bergbau-, Wasserkraft- und Holzhandelsfirmen, die im Regenwald tätig sind, ihre Aktivitäten unterbrechen, um dadurch die Pandemie so gut wie möglich einzuschränken. Während die grossen Bergbaufirmen ihre Produktion tatsächlich massiv runtergefahren oder sogar eingestellt haben, wird in der Erdöl-Industrie weitergebohrt. Beobachter vor Ort berichten, dass die Unternehmen weiterhin Arbeitskräfte aus anderen Provinzen einstellen – dies erhöht die Gefahr, das Virus einzuschleppen.
Eine der wenigen Indigenen-Vertreterinnen, die in der Stadt geblieben sind, ist Nemonte Nenquimo. Die Führerin der Waoranis hatte in den vergangenen Wochen zu viele Umarmungen und Küsschen erhalten und gegeben, als dass sie nun, als mögliche Coronavirus-Infizierte in ihre Gemeinschaft im Regenwald zurückkehren könnte. „Noch haben wir keine Fälle in unserer comunidad“, sagte sie gegenüber Al Jazeera. „Im Moment ist es jedenfalls besser, wenn niemand das Gebiet betritt oder verlässt.“ Nenquimo ist äusserst besorgt um die ältere Bevölkerung, die für die comunidades sehr wichtig ist. „Dieses Virus tötet ältere Menschen auf der ganzen Welt, und das beunruhigt mich“, sagt sie. „Für uns zählen die älteren Menschen zu den Weisen, an denen wir uns orientieren und die uns unsere Kultur weitergeben.“
Indigene bauen Solidaritäts-Netzwerk auf
Um die Koordination zwischen der Zentralregierung und den Basisorganisationen – egal ob indigen oder nicht – zu verbessern, pocht die Indigenen-Organisation Conaie darauf, dass der Krisenstab ab sofort einen technischen Tisch einrichtet. „Wir bitten die Verantwortlichen, uns in ihre jeweiligen Krisenstäbe zu integrieren, um die Gesundheit aller Bürger im Land zu schützen“, sagt Sprecher Apawki Castro.
Indigene Führer wie Leonidas Iza, möglicher Präsidentschaftskandidat für die Wahlen Anfang 2021, hatten inzwischen gefordert, dass der Staat die Produktion von Kleinbauern aufkauft und diese wiederum kostenlos den ärmeren Sektoren im Land zur Verfügung stellt. Da die Regierung nicht darauf eingegangen ist, sind die indigenen Organisationen inzwischen daran, die Solidarität mit ihren Familien in den Städten zu organisieren. In Machachi, einer Kleinstadt südlich von Quito, wurde ein Lebensmittellager für Leute eingerichtet, die schon vor Jahren in die Städte emigriert sind, dort im Moment jedoch kein Einkommen generieren und entsprechend nichts oder nur sehr wenig zu essen haben. Gemäss Conaie wird dieses Modell, bei dem die auf dem Land lebenden Bauern ihre Verwandten in den Städten mit Lebensmitteln versorgen, derzeit auch in anderen Provinzen angewandt.
*Chicha ist ein alkoholhaltiges Getränk, das hauptsächlich aus fermentiertem Mais und anderen Pflanzen hergestellt wird. In Ecuador wird es sowohl in den Anden als auch im Amazonasbecken getrunken, mit Vorliebe aus einer Schüssel, die in der Runde herumgereicht wird.
Text: Patricia Yallico, Kimberley Brown (Al Jazeera) und Romano Paganini
Hauptbild: Blick auf die zerstörte Brücke, Blick in eine ungewisse Zukunft: Ein Mädchen der Indigenen-Gemeinde Sarayaku, wenige Tage nachdem der Fluss Bobonaza einen Teil des Dorfes komplett zerstört hat. (Sarayaku-Defensores-de-la-
Mitarbeit: Emilio Bermeo
+ + + Diese Publikation ist im Verbund mit anderen unabhängigen Medien in Quito entstanden.
Dazu zählen La Linea de Fuego, Acapana, Radio Periférik und Cooperativa Audiovisual CoopDocs. + + +