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Obdachlosen-Schick
Aus dem Spiegel
:
Die deutsche Ausgabe von Condé Nasts Modezeitschrift "Vogue"
präsentiert, in ihrer Oktober-Ausgabe, also rechtzeitig
zum Beginn der nasskalten Jahreszeit, eine Fotostrecke, die ein
Model im Obdachlosen-Look zeigt. Mal mit einem Einkaufswagen voller
Getränkedosen, mal mit einem zerknüllten Oberbett auf der Treppe
im Hintergrund, immer aber mit vielen Schichten sehr teurer Kleidung
übereinander und immer mit einer Menge (Hand-)Taschen. "Bag Lady"
ist in den USA ein Ausdruck für eine obdachlose Frau, und man
kann sich vorstellen, dass irgendjemand in der Redaktion der "Vogue"
das sogar witzig fand.
Man kann der "Vogue" nicht vorwerfen, dass sie diese geschmacklose
Kombination - Kleidungsstücke für mehrere tausend Euro
ergänzt um die Insignien extremer Armut - allein erfunden
hätte. Brancheninsider würden womöglich sogar sagen,
dass das eine alte, geklaute Idee ist.
ANZEIGE Für allzu viel Aufmerksamkeit hat die Fotostrecke bislang
jedenfalls nicht gesorgt. Das US-Online-Magazine "The Gloss" wies darauf
hin, dass die Idee mit der Obdachlosen-Modekollektion im Ben-Stiller-Film
"Zoolander" von 2001 noch Satire war, das US-Portal BuzzFeed.com
veröffentlichte einige der "Vogue"-Bilder - darunter auch zwei, die
in der Druckausgabe gar nicht zu finden sind, aber der Originalserie zu
entstammen scheinen. Das Blog Kotzendes-Einhorn.de diagnostizierte "einen
der hässlichsten 'Let-Them-Eat-Cake-Momente' der letzten Jahre".
Bloggerin Antje Schrupp wies darauf hin, dass "Menschen, die von Hartz IV
leben" pro Monat "30 Euro und 40 Cent zur Verfügung" hätten,
um Kleidung zu kaufen. Viel mehr Echo gab es nicht - vielleicht kann
sich über das Thema tatsächlich niemand mehr aufregen.
Schliesslich hat doch beispielsweise der deutsche Designer Patrick Mohr
schon Ende 2009 Obdachlose als Models auf den Laufsteg geschickt, Vivienne
Westwood gab ihren Models zur Mailänder Modewoche im Januar 2010
löchrige Schaumstoffmatten, geklaute Supermarkt-Einkaufswagen und
zerschlissene Kleidung mit auf die Bühne. Und das "Antidote"-Magazin
aus den USA veröffentlichte vor fast genau einem Jahr eine
Modestrecke, in der krankgeschminkte Models auf Pappkartons und
Parkbänken vor sich hinvegetierten. "Homeless Chic" als
Modephänomen ist heute eigentlich schon wieder sowas von vorbei.