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Die Fondation Franz Weber (FFW) setzt sich im Dialog mit der Regierung für die Förderung des Friedens in Kolumbien ein und ist überzeugt, dass es unerlässlich ist, Umweltthemen in diesen Prozess einzubeziehen. Konflikte zwischen Staaten und Bürgerkriege, aber auch der Übergang zum Frieden haben ganz offensichtlich Auswirkungen auf die Natur und die Raumplanung. In Kolumbien treffen zwei gegensätzliche Standpunkte aufeinander: Der Naturschutz und die maximale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen (Holzindustrie, industrielle Landwirtschaft, Artenhandel, usw.). Im höchsten Grade gefährdet ist auch das Biosphärenreservat Sea Flower, eines der grössten marinen Reservate der Welt.
Das Biosphärenreservat Sea Flower ist im Archipel San Andrés, Providencia und Santa Catalina in der Karibik gelegen. Mit einer Fläche von über 180‘000 km2 ist es eines der grössten marinen Reservaten der Welt.
Das Korallenriff steht an dritter Stelle der bedeutendsten Korallenbänke der Erde und wurde im Jahr 2000 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt. Das Archipel San Andrés beherbergt 77% aller Korallenbänke Kolumbiens, verschiedene Verbreitungsgebiete von Mangroven und Sandgründen und Lebensräume für Tiefseeökosysteme.
Doch heute tragen eine Vielzahl von Faktoren zur Gefährdung von Sea Flower bei: Die Vernichtung der Lebensräume, die zunehmende Bevölkerungsdichte und die damit verbundene Küstenentwicklung, die Umweltverschmutzung, die stärkere Sedimentierung in Flüssen und im Meer, die Übernutzung, der wachsende Druck durch den Fischfang, die Einführung gebietsfremder Arten, der Klimawandel und Plastik. Inzwischen wissen wir, dass Kunststoffe zur einmaligen Verwendung, Zigarettenfilter, geschäumtes Polystyrol und Plastiktüten zu den
Hauptursachen für die Verschmutzung der Korallenriff-Ökosysteme sind – davon legen die Schäden im Meeresschutzgebiet Sea Flower ein düsteres Zeugnis ab.
Die FFW möchte mit ihrer Arbeit in Kolumbien sicherstellen, dass Umweltschutzanliegen in den Friedensprozess einbezogen werden. Darum unterstützte die Stiftung die Ausarbeitung des Gesetzes 210 von 2018, das die Einführung nicht wiederverwertbarer Kunststoffe auf die Insel San Andrés untersagt. Das Gesetz wurde im Juni 2019 vom Senat von Kolumbien verabschiedet und wird in den kommenden Wochen in Kraft treten. Dies ist ein erster entscheidender Schritt in unserer Mission, Sea Flower zu retten.
Die geopolitische Dimension Grenzkonflikt
Seit Jahren streiten sich Kolumbien und Nicaragua um den genauen Grenzverlauf zwischen den beiden Staaten. Am 28. November 2012 beschied der Internationale Gerichtshof (IGH) von Den Haag über den Rechtsstreit. Er bestätigte die Souveränität Kolumbiens über alle Inseln von San Andrés sowie über 60% der Hoheitsgewässer, während er 40% der Gewässer Nicaragua zusprach (74‘000 km2). Durch diese gerichtliche Aufteilung wurde ein Teil der kolumbianischen Inseln isoliert und das Ökosystem des Korallenriffs Sea Flower folglich in zwei Teile zerschnitten.
Kolumbien reagierte äusserst ungehalten auf das Urteil des IGH. Der Staat kündigte unverzüglich an, den Bogotá-Pakt, durch den der Gerichtshof eingesetzt wurde, zu verlassen und damit die Entscheidungsbefugnis des IGH nicht länger anzuerkennen. Die Spannungen zwischen Kolumbien und Nicaragua sind in der Folge längst nicht beigelegt, wodurch die Verwaltung des Biosphärenreservats Sea Flower erheblich verkompliziert wurde. Vor diesem Hintergrund schlug das Team der FFW in Kolumbien vor, Sea Flower zu einem binationalen Schutzgebiet zu erklären. Dies würde zumindest in diesem Punkt eine Zusammenarbeit zwischen den zwei Ländern ermöglichen. Und wer weiss? Wenn die zwei Staaten beginnen würden, beim Umweltschutz zusammenzuarbeiten, wäre das vielleicht der Anstoss, auch über die anderen Aspekte ihres langjährigen Konflikts erneut zu verhandeln…
Gemeinsame Aktionen für einen Ausweg aus der Situation
Gemeinsam mit der Fondation Vivamos Humanos setzt sich die Fondation Franz Weber dafür ein, konkrete Massnahmen zu finden, die zum Schutz des Biosphärenreservats Sea Flower beitragen. Dazu plant die FFW das Einrichten einer Plattform, um Organisationen mit sozialer und gemeinschaftlicher Zielsetzung sowie Umweltschutzorganisationen aus Kolumbien und Nicaragua an einen Tisch zu bringen. Dadurch entsteht ein Raum für einen Austauch auf Augenhöhe, für Begegnungen und Dialoge. Ziel der Plattform ist es, den verschiedenen NGOs so zu ermöglichen, ihre Massnahmen zu koordinieren und einen ersten Aufruf zur Lösung des juristischen Konflikts zu formulieren. Diese Plattform für den Austausch zwischen den Organisationen dürfte bereits Herbst 2019 Realität werden.
Das Archipel San Andrés blickt auf eine einzigartige Geschichte zurück. Seine Kultur, seine ökologische Struktur und seine Wirtschaft waren stets von einer gewissen Autonomie dem kolumbianischen Festland gegenüber geprägt. Viele Diskussionen von nationaler Bedeutung wurden in den letzten Jahren geführt, ohne die Inselgemeinschaft und ihre speziellen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Mehrfach forderte San Andrés, dass auch die Insel in die Diskussionen über Frieden und Versöhnung einbezogen werden müsse; auch wenn das Archipel – verglichen mit zahlreichen anderen Regionen des Landes – weniger stark von dem bewaffneten Konflikt betroffen war. Eine von der FFW in Zusammenarbeit mit den lokalen Organisationen geschaffene neutrale Plattform könnte dieses Anliegen endlich berücksichtigen.
Warum muss Sea Flower geschützt werden?
Einige der heute existierenden Korallenriffe begannen sich bereits vor 50 Millionen Jahren zu formieren. Wie aus einem Bericht der Vereinten
Nationen hervorgeht, könnten diese unfassbar alten und wertvollen Zeitzeugen bis 2050 verschwunden sein. Korallenriffe bilden den Lebensraum von einem Viertel der gesamten Meeresfauna, während die Mikroalgen der Korallen ganz am Anfang der marinen Nahrungskette stehen. Schlicht gesagt: Ohne Korallenriffe werden die Meere leer und tot sein. Und ohne Fische sind auch die Menschen vom Aussterben bedroht. Die internationale Weltnaturschutzunion (IUCN) betrachtet den Schutz der Korallenriffe deshalb als die vordringlichste und wichtigste Aufgabe unserer Zeit.
Die Fondation Franz Weber setzt sich für den Schutz aller Meere ein – Sea Flower ist ein wichtiges Beispiel, ein Symbol dieses Kampfes! Wie
sich zeigt, gestattet es die Lösung internationaler Konflikte und die Berücksichtigung der geopolitischen Situation vor Ort sowie der Anliegen der lokalen Bevölkerung oftmals, auch die Umweltprobleme zu reduzieren oder sogar zu lösen. Wenn die Massnahmen der FFW zur Einbeziehung der Umwelt in den Friedensprozess in Kolumbien erfolgreich sind, können diese anderen Ländern, die den Schritt vom Krieg zum Frieden machen, zukünftig als Vorbild dienen, die Natur auf diesem Weg zu achten.
Weitere Informationen:
- Unsere Projektseite «Umweltfrieden in Kolumbien»
- Unsere Projektseite «Gran SeaFlower»
- Dieser Artikel wurde erstmals im Journal Franz Weber 129 publiziert. Die PDF-Version aller bisheriger Journale finden Sie hier.
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