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Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) hat einen Bericht über den «Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz. Prognosen bis 2040» veröffentlicht. Die Prognosen können nicht gleichgültig lassen.
Zurecht wird in der Einleitung die These aufgestellt, dass das Wachstum der älteren Bevölkerung die Alters- und Langzeitpflegestrukturen unsere Gesellschaft vor grosse Herausforderungen stellt: Wachstum der Altersklasse 65+ um 52%, der Altersklasse 80+ um 88% bis 2040, im Vergleich zum Referenzjahr 2019.
Auswirkung der demographischen Alterung
In der Zusammenfassung des Berichts werden die Auswirkungen der demographischen Alterung folgendermassen auf den Punkt gebracht (S. 5 und 6):
«Der Bedarf an Alters- und Langzeitpflege wird aufgrund der Alterung der Bevölkerung bis ins Jahr 2040 um die Hälfte (+56%) steigen.»
«Pflegeheime zeigen den stärksten Bedarfsanstieg (+69%). Eine unveränderte Versorgungspolitik würde 54 335 zusätzliche Langzeitbetten bis ins Jahr 2040 erfordern.»
«In der Spitex-Pflege ist mit 101 921 zusätzlichen Klientinnen und Klienten (+52%) zu rechnen.»
«Intermediäre Strukturen: In Kurzzeitaufenthalten liegt der Bedarfsanstieg bei +63%, während es bei den betreuten Wohnformen +43% sind.»
«Eine alternative Versorgung für leicht pflegebedürftige Pflegeheimbewohnerinnen und Pflegeheimbewohner reduziert den zukünftigen Bedarf an Langzeitbetten, stellt jedoch einen erheblichen Bedarfsanstieg in der Spitex und intermediären Strukturen dar.»
Zudem wird postuliert, dass die Nachfrage nach betreuten Wohnformen bis 2040 zunehmen wird.
Diese Kürzestzusammenfassung der Prognosen der Untersuchung wird in der Studie auf 109 Seiten ausführlich erläutert und regional differenziert.
Erschreckend wären die Prognosen, wenn im Kapitel «Methode» nicht folgende Einschränkungen gemacht würden: Die Ergebnisse seien keine Vorhersage, sondern eine Schätzung von Grössenordnungen unter drei Einflussfaktoren, nämlich 1) der demographischen und 2) der epidemiologischen Entwicklung der älteren Bevölkerung und 3) von «Annahmen zur Organisation der Versorgung im Bereich der Alters- und Langzeitpflege.» (s.5).
Mängel in der «Versorgung»
Die oben gemachten Prognosen zeigen, dass in der Alters- und Langzeitpflege einige Formen der «Organisation der Versorgung» neu überdacht werden müssen, da die personellen und finanziellen Ressourcen bis 2040 nicht so leicht bereitgestellt werden können. Einige Indizien weisen darauf hin, dass schon jetzt die «Organisation der Versorgung» in der Langzeitpflege und -betreuung gravierende Mängel aufweist, etwa der Pflegenotstand, der Zeitmangel beim Umsorgen von Pflege- und Betreuungsbedürftigen, die Übermedikamentation und die hohen Kosten für die Langzeitpflege.
Dürfen Pflegende und Betreuende bei der Umsorgung von hochaltrigen Pflegebedürftigen unter Zeitdruck arbeiten? (Foto von truthseeker08 bei Pixabay)
Kritik an der Obsan-Studie
- Der Begriff «Versorgung» deutet auf eine einseitige Richtung des professionellen Umgangs in der Langzeitpflege hin: Die «Versorger» kümmern sich mit medizinischen Handlungen um die «Versorgten». Besser wäre vom «Umsorgen» zu sprechen, da dann alle, die sich um Personen mit chronischen Erkrankungen kümmern, stärker in den Blick kommen, insbesondere Erkrankte und deren An- und Zugehörige, die in Selbst- und Fürsorge mit der professionellen Unterstützung von medizinischen Fachkräften versuchen, das Leiden von Erkrankten zu vermindern oder zu überwinden.
- Erfreulich ist, dass in der Obsan-Studie nicht mehr von «Langzeitpatienten» gesprochen wird, sondern durch die Redeweise «Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen» und «Klientinnen und Klienten in der Spitex-Pflege und -Betreuung» sogenannte Langzeitpatienten zu Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf werden und damit der Blick für eine möglichst ganzheitliche Umgangsweise mit erkrankten Personen eröffnet wird. Fraglich ist dabei, wie in «Pflegeheimen» eine Lebenssituation für die Bewohnenden geschaffen werden kann, die neben dem Kranksein alle andern wichtigen Lebensdimensionen nicht zu sehr in den Hintergrund drängt.
- Das Obsan-Prognosemodell berücksichtigt nur die folgenden Versorgungsstrukturen: Pflegeheime, Spitex-Dienste, Kurzzeitaufenthalte in Pflegeheimen und betreute Wohnformen. Gut an den Obsan-Prognosen ist, dass offensichtlich mit einer hohen Dringlichkeit andere Versorgungsstrukturen stärker gefördert werden müssen, die allerdings in der Studie viel zu wenig in den Blick genommen werden.
- Neben den fachmedizinischen Pflege und Betreuung ist die nichtmedizinische Pflege, Betreuung und Begleitung durch An- und Zugehörige zu fördern, durch bessere Kommunikation zwischen Professionellen und Nichtprofessionellen, durch besseres Coaching der Nichtprofessionellen durch Professionelle, etwa beim Austritt von Erkrankten aus dem Spital oder Pflegeheim oder bei der Pflege und Betreuung zuhause, durch die Finanzierung von nichtprofessionellen Betreuungsleistungen usw.
- Der Gesundheitsprävention ist insbesondere vor dem Eintritt in die Hochaltrigkeit zu stärken durch gezielte Bildung in gesunder Ernährung und Bewegung, durch Ermunterung zu einem sinnstiftenden Alltag, durch soziale Teilhabe. Dabei ist dem Ausbau des gemeinnützigen Engagement von fitten Personen im dritten Alter (65 – 80/85) mehr Beachtung zu schenken.
Soziale Teilhabe wird auch ermöglicht durch digitale Kommunikation mit den Geliebten. Hier braucht es bei Hochaltrigen oft mehr Unterstützung. (Foto: Gerd Altmann bei Pixabay)
6. Menschen mit chronischem Leiden brauchen oft stärkere Unterstützung ausserhalb der medizinischen Fachkräfte, etwa durch An- und Zugehörige, durch alternative Formen des Umgangs mit dem Leiden (Beziehungspflege, Spiritualität, Kreativität, Achtsamkeitspraxis), durch den leichten Zugang von Betroffenen und Angehörigen zu Ombudsstellen, wenn sie mit der fachmedizinischen Pflege und Betreuung nicht einverstanden sind.
Quelle: Obsan Bericht 03/2022: Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz. Prognosen bis 2040, unter https://www.obsan.admin.ch/sites/default/files/2022-05/Obsan_03_2022_BERICHT.pdf
Titelbild: Betagte Frauen umsorgen einander. (Foto Eberhard Grossgasteiger bei Pixabay)