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Die Schweiz hat in einem der schwächsten Länderspiele der letzten Jahre gegen Deutschland sang- und klanglos 1:3 verloren. Der Einstand von Nationaltrainer Glen Hanlon ist missglückt.
Glen Hanlon wirkt während der Medienkonferenz nach seinem ersten Spiel als Schweizer Nationaltainer wie ein Reisender, der wegen des Bahnstreiks in München gestrandet ist und nun etwas Nettes über die Lokomotivführer sagen sollte.
Der Kanadier ist nach diesem 1:3 gegen Deutschland enttäuscht. Ja, er ist ratlos. Er sagt, er wolle jetzt nicht über einzelne Spieler reden: «Sie können mich kritisieren. Aber ich kritisiere meine Spieler nicht.» Er sei sehr stolz auf die Neulinge und Lino Martschini habe ihm ganz besonders gefallen. Der Zuger ist mit 169 Zentimetern der kleinste Spieler im Team. Glen Hanlon sagt, Martschini erinnere ihn an Martin St.Louis.
Nur jetzt ja keine Polemik. Der Kanadier versucht mit der Körpersprache eines Verlierers wie ein Sieger zu reden. Man möchte ihm tröstend übers Haar fahren. Er hat weder das Charisma Ralph Kruegers noch die bärbeissige Grantigkeit Sean Simpsons.
Die 1:3-Niederlage gegen Deutschland ist sportlich bedeutungslos und wird schon in ein paar Tagen nur noch statistischen Wert haben. Aber es war das erste Spiel unter dem neuen Nationaltrainer Glen Hanlon und es hat eine gewisse symbolische Bedeutung. Die Novemberkatzen werden Glen Hanlons Schicksal.
Die alten Bauern im Emmental hielten wenig von Novemberkatzen. Geboren um diese Jahreszeit hatten diese Katzen kaum Chancen, den harten Winter zu überleben und entwickelten sich nur in ganz seltenen Fällen zu charismatischen Alphatieren mit glänzendem Fell.
Das Schicksal von Novembernationalspielern ist durchaus ähnlich. Wer beim Deutschland-Cup im November zum ersten Länderspiel aufgeboten wird, hat etwas von den Novemberkatzen der alten Emmentaler Bauern. Die Aufgebote im November sind billig. Wer im November Nationalspieler wird, ist in der Regel im Frühjahr kein WM-Held.
Glen Hanlon hat elf Novemberkatzen, elf Neulinge, gegen Deutschland aufgeboten. Wenn die auch in den beiden anderen Partien (heute um 19.45 Uhr gegen Kanada und morgen um 13.15 Uhr gegen die Slowakei) versagen oder nicht wenigstens eine heftige Reaktion zeigen, dann bringt Glen Hanlon den Schwefelgeruch des Verlierens fast nicht mehr aus den Kleidern.
Wenn wir nicht wüssten, dass es «nur» der Deutschland-Cup ist, dann müssten wir uns um unsere Nationalmannschaft Sorgen machen. Denn die Leidenschaft, die Kampfkraft der Deutschen machte in diesem Spiel die Differenz. Glen Hanlon sagt: «Wir mussten um jeden Zentimeter Eis kämpfen.» Es war fast so wie in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren, als wir vor den Deutschen in die Hosen machten und jedes Spiel verloren. Sozusagen ein Rückfall in die Steinzeit.
Dabei steckt das deutsche Eishockey in einer der schwersten Krisen der Nachkriegszeit. Der Deutsche Eishockey-Bund findet das Geld nicht, um das bescheidene Budget von 4,5 auf 5 Millionen Euro aufzustocken. Die Schweizer haben dreimal mehr Geld zur Verfügung.
In der Weltrangliste ist Deutschland, 2010 noch Halbfinalist, inzwischen auf den 13. Platz abgerutscht (die Schweiz ist 7.) und bei der WM ein Abstiegskandidat. Am letzten Wochenende ist deshalb hier in München ein Eishockey-Dialogtag veranstaltet worden. Um Lösungen zu erörtern und Aufbruchsstimmung zu entfachen.
DEB-Präsident Franz Reindl ist immer noch tief beeindruckt von René Fasels 20-minütiger Motivationsrede. «Es war super, dass er zu unserer Tagung kam. Das hat gut getan», sagt Reindl über den Besuch des IIHF-Bosses. Nach Fasels Münchner Rede sei ein Ruck durchs deutsche Eishockey gegangen. Der Weltverbandspräsident aus der Schweiz ist in Sorge, wenn es Deutschland nicht gut geht. Denn es ist einer der wichtigsten Hockeymärkte.
Offenbar haben Fasels Worte etwas bewirkt. Der Deutschland-Cup ist die erste Veranstaltung seit dem Hockeykrisengipfel. Das Turnier ist mit viel Brimborium eröffnet worden: Beim Einlaufen der teutonischen Hockeyhelden fürs Spiel gegen die Schweiz dröhnte die berühmte Chormusik «Carmina Burana» von Carl Orff viel zu laut über die Stadion-Soundanlage, die Töne in Lärm umwandelt. Dem grossen Eröffnungsspektakel folgte ein grosses Spiel der Deutschen.
Allerdings hätte es gegen unsere Nationalmannschaft in Normalform nicht zum Sieg gereicht. Die Leistung der Schweizer war nämlich in jeder Beziehung ungenügend, ja phasenweise miserabel. Das Schussverhältnis von 21:36 illustriert die mutlose Spielweise. Mehr als drei Viertel aller Anspiele gingen verloren. Es gelang nicht einmal, den Gegner wenigstens in der Schlussphase zu dominieren. Nur die Tempolinie mit Reto Suri, Lino Martschini und Romano Lemm sowie Torhüter Daniel Manzato sind von der harschen Kritik auszunehmen.
Das Urteil bleibt auch dann so ungnädig, wenn wir die fehlende Erfahrung der elf Neulinge berücksichtigen und davon ausgehen, dass aus dieser Mannschaft kaum mehr als vier oder fünf Spieler im nächsten Frühjahr zur WM fahren werden.
Die Handschrift von Coach Glen Hanlon war in diesem ersten Spiel noch nicht zu sehen. Die konzeptlosen Schweizer strandeten irgendwo im Niemandsland zwischen Offensive und Defensive, zwischen Fleiss und Passivität und die Spielorganisation war ungenügend. Die Deutschen, die wir unter Sean Simpson bei der WM noch 3:2 gebodigt hatten, setzten sich mit einfachem, rustikalem Hockey erstaunlich leicht durch.
Auch Ralph Krueger hat an einem 7. November seine Amtszeit mit einer Niederlage begonnen und ist dann einer unserer erfolgreichsten Nationaltrainer aller Zeiten geworden. Er verlor am 7. November 1997 in Füssen gegen Kanada 1:4. Sean Simpson hingegen begann den langen Marsch ins WM-Finale am 7. April 2010 in Olten mit einem 4:1 gegen Tschechien.
Bei den restlichen Partien hier in München sind zwei Siege oder wenigstens eine starke Reaktion Pflicht – und die Initialzündung muss von den Neulingen, den Novemberkatzen, kommen. Sean Simpson hat bei seinem ersten Deutschland-Cup 2010 mit 14 Neulingen im Team zwar auch gegen Deutschland verloren (1:2). Aber die zwei anderen Partien gegen Kanada (2:1 n. V.) und die Slowakei (2:0) gewonnen.
Die Züge der Deutschen Bahn sollen am Sonntag wieder fahren. Vielleicht wirkt Glen Hanlon nach dem Turnier nicht mehr wie einer, der wegen des Bahnstreiks in München gestrandet ist.