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Geschichte
16.06.2019
Spurensuche in einem Kulturtal
Ein enges Tal am äussersten Rand Graubündens, ist das Bergell alles andere als abgeschieden. Es war Machtzentrum und die weltoffene Heimat eines der bedeutendsten Künstler der Welt.
Im Frühling kann es passieren, dass vor dem Hotel Palace in Maloja am Silsersee der Schnee noch meterhoch liegt. Gleichzeitig blühen im Garten der Villa Garbald in Castasegna zwischen hohen Palmen Kamelien und Magnolien. Zolldirektor Agostino Garbald und seine Frau, die Schriftstellerin Silvia Andrea, hatten Gottfried Semper um Pläne für ein Haus gebeten. Semper, Stadtplaner und Schöpfer der Semper-Oper in Dresden, war als Erbauer der ETH wie Garbald Bundesangestellter. Er schickte Zeichnungen einer idealisierten toskanischen Villa ins Bergell, und ab 1862 wurde danach gebaut. Es wurde ein attraktives Haus, das heute als Seminarhotel dient. Garbalds Sohn Andrea wurde Optiker und Fotograf und schuf Bilder, die ein fortschrittliches Tal zeigen, aus dem die Leute wegzogen, aber immer wieder heimkamen und hier ihre Spuren hinterliessen. Die verschlungenen Serpentinen von Maloja führen deshalb in eine Welt mit Palästen und vielen Spuren eines weltläufigen, wohlhabenden Bildungsbürgertums.
«Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist der Garten viel zu gross für das Hotel. Aber wir haben Gäste, die jeden Frühling und jeden Herbst kommen und uns helfen, ihn zu pflegen.»
Dominiert wurde das Tal jahrhundertelang von der Familie von Salis. Sie waren Strategen und Generäle, Militär-Unternehmer im modernsten Sinne. Sie kämpften mit ihren Regimentern in deutschen und französischen Diensten. Im heutigen Polen modernisierte Daniel von Salis Soglio als Festungsarchitekt für die Habsburger die Festung Przemysl. In der durch den braven Soldaten Schwejk berühmt gewordenen Anlage gibt es deshalb ein «Fort Salis- Soglio». Der Palazzo Salis liegt in Soglio etwas versteckt, mitten im Dorf, das über Kastanienwäldern hoch oben an einem steilen Hang klebt. Jeder Mensch brauche zwei Kastanienbäume, um überleben zu können, hiess es früher im Tal. Die Bewohner des Palazzo dagegen konnten sich jeden Luxus leisten – etwa einen französischen Garten, 2000 Quadratmeter gross, von Hand aufgeschüttet hinter dem Palast. Dekadenz kann auch eine ebene Fläche sein – in
einem steilen Ort.
Auch der Garten des Palazzo Salis zeigt mit den beiden gigantischen kalifornischen Mammutbäumen, dass hier schon immer weit über die Grenzen des Tals hinausgedacht wurde. «Aus betriebswirt- schaftlicher Sicht ist der Garten viel zu gross für das Hotel. Aber wir haben Gäste, die jeden Frühling und jeden Herbst kommen und uns helfen, ihn zu pflegen», lacht Christian Speck, der das Restaurant und das Hotel im Palast zusammen mit seiner Partnerin betreibt.
Nicht nur die von Salis waren viel grösser als ihr Heimattal. Alberto Giacometti ist einer der bedeutendsten Künstler der Welt. Für die protestantischen, italienischsprachigen Bergeller waren Chiavenna,
Mailand oder Venedig genauso nah wie Chur. Dank dem Durchgangsverkehr kannten sie Leute von weit her, wanderten aus, kamen als Zuckerbäcker zu Wohlstand und kehrten zurück.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gab es an der Primarschule und der Sekundarschule des Tals plötzlich zwei Lehrer, die sich beide sehr für Kunst und das Zeichnen interessierten, erzählt Marco Giacometti, Präsident der Fondazione Centro Giacometti in Stampa. Eine ganze Generation von Bergeller Kindern erhielt daraufhin während ihrer gesamten Schulzeit leidenschaftlichen Kunstunterricht. Zu den begabtesten Schülern gehörten die Cousins Augusto Giacometti und der zehn Jahre jüngere Giovanni. Augusto spezialisierte sich auf Farbenharmonie und auf Glasmalereien und wurde zum Stammkünstler des Churer Architekturbüros Schäfer&Risch. Giovanni dagegen gelang nur langsam der Kontakt zu Galeristen in Zürich oder Solothurn. Doch er hatte das Glück, dass sich die Tochter eines der beiden zeichnenden Lehrer, Annetta Stampa, in ihn verliebte. Mit dem Wohlwollen der ganzen Familie konnte sich nicht nur Giovanni, sondern später auch die Söhne Alberto und Diego als Künstler und Bruno als Architekt entfalten. Während Bruno in Zürich lebte und das Hallenstadion, aber auch viele Gebäude im Bergell baute, lebten Alberto und Diego in einer symbiotischen Arbeitsgemeinschaft in Paris. Diego war es, der die filigranen Gips- und Tonskulpturen seines Bruders für den Guss in Bronze vorbereitete und handwerklich perfektionierte. Und wenn immer Alberto nach Hause zu Mutter Annetta kam, arbeitete er in den beiden Ateliers des schon 1933 verstorbenen Vaters, zwei umgebauten Ställen in Stampa und Maloja. Alberto Giacometti machte es wie alle Bergeller. Er wanderte aus und kam zurück und hinterliess im Bergell und in der Welt seine Spuren.
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Zwei Kastanienbäume für einen Menschen
Das Tal der Familie Giacometti
Kraft- und Kunstwerke
Die Semper-Villa im Bergell
Bergeller Strom für die Schweiz
«In den 1950er-Jahren war das ganze Tal eine riesige Baustelle», erzählt Andreas Fasciati, Betriebsleiter der Bergeller Kraftwerke des ewz. In nur vier Jahren entstanden die Albigna-Staumauer, vier Kraftwerkszentralen und alle Zuleitungsstollen und Wasserfassungen. Beim jüngsten Bergsturz am Piz Cengalo im Sommer 2017 wurde allerdings eine Wasserfassung komplett verschüttet und damit das Kraftwerk Bondo unbrauchbar. Durch die Kraftwerke gibt es Führungen, und die Albigna-Seilbahn des ewz ist öffentlich.