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Edi stand hinter dem Buffet. Und polierte die Gläser.
Punkto Gläser war er pingelig. Er hielt nichts von diesen neuen Abwasch mitteln, die ein Polieren «unnötig» machten. Gläser waren wie Brillanten.
SIE MUSSTEN GLÄNZEN!
Bei Silbergabeln war er genauso pingelig - wehe, wenn da ein Zacken leicht angelaufen war. Da hatte er jeweils die Lehrkellner zusammengestaucht.
PUMPEN WAREN DAS!
HATTEN KEIN GRAMM BERUFSSTOLZ IN DEN FINGERN.
Edi seufzte. Heute gab es kaum mehr junge Menschen, die sich zum Kellner ausbilden liessen. Meistens waren es Studenten. Sie jobbten sich in den Semesterferien ein paar Nötchen rein. Und hauten dann wieder ab.
Er selber war in einer Zweizimmerwohnung aufgewachsen. Seinen Vater hat er nie gekannt - und von seiner Mutter nur geschwollene Beine.
Sie hatte sich von früh bis spät in einem Bierlokal abgerackert. Kam sie heim, spickte sie als Erstes die Schuhe an die Wand: «Bring mir mal einen Gespritzten!»
Er flog von der Schule. Man hatte ihn beim Dealen erwischt.
Zuerst versuchte er sich als Gitarrist in einer Band. Aber die liess ihn nur die Verstärker schleppen.
Ein Beizer, bei dem die Gruppe auftrat, heuerte ihn am Buffet an - da polierte er Gläser.
Er arbeitete sich hoch. Faltete Stoffservietten zu Schwänen. Und schnallte bald, dass man Saucenlöffel zu Fisch, aber keine Löffel zu Spaghetti deckt.
Der Beruf des Kellners machte ihm Spass.
Er lernte die Menschen kennen: zum Beispiel diejenigen, die ihn einfach nicht beachteten. Für sie war er ein Stück Inventar, das erst auffiel, wenn er bei «Zahlen!» nicht gleich da war.
Die andern waren diejenigen, die ihn jovial duzten und ihm auf die Schulter klopften. Um den Begleiterinnen zu imponieren, sagten sie: «Hallo Ed, du alter Kumpel!»
Immerhin rundeten sie die Zeche stets grosszügig auf.
Am besten konnte Edi die Leute beim Abräumen einschätzen - es gab solche, die stoisch vor ihrem Teller hockten. Sie warteten stur, dass der Kellner sich um sie herumschlängelte und das dreckige Geschirr wegtrug.
Und dann gab es jene, die ihm den Teller entgegenstrecken. Und lächelnd «danke» sagten.
Manchmal hatten sie das Besteck etwas ungeschickt daraufgelegt. Man musste verdammt aufpassen, dass es bei dieser freundlichen Geste nicht zur donnernden Katastrophe kam: Es konnte passieren, dass das Messer herunterrutschte. Und mit seinem harten Griff eines der zarten Riedelgläser erschlug.
Also nahm Edi die Sache sofort ab. Und lächelte ebenfalls freundlich: «Danke!»
Wenn Edi heimkam, dachte er an seine Mutter und ihre Schuhe, die sie einfach in eine Ecke donnerte.
Er nahm zwei hölzerne Spanner. Füllte das zarte Leder damit auf. Und polierte es. Die Schuhe eines Kellners hatten genauso zu glänzen wie die Gläser!
Edi legte sich jetzt aufs Sofa. Er stierte an die Decke. Es war sein letzter Tag als Kellner gewesen.
Der Chef hatte ihm erklärt, man werde das Restaurant auf Jahresende schliessen müssen: «Der gute Service macht sich nicht mehr bezahlt - nur noch Fast-Food, Papierservietten und Pappbecher.»
Die Jahre haben eindeutig an Stil verloren.
Was sollte Edi tun? Seine Art von Glanz war passé. Glänzer gab es nur noch in der Politik. Oder im Geschirrspüler.
Vielleicht kam er als Kellner in einem Altenheim unter?
Er stand müde auf. Deckte sich den Tisch.
Dann polierte er seine Gabel. Aber sie zeigte immer mehr schwarze Stellen. Die silbrigen Zeiten waren wegpoliert ...