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Pamela Rosenkranz kam am 15. Februar 2009 nach Amden und zeigte dort das Werk High Purity, das sie für die winterlichen Bedingungen in den Bergen konzipiert hatte. Es handelte sich um eine für die Situation geschaffene, auf einen Nachmittag befristete Installation, die aus akustischen und visuellen Elementen bestand. Aus dem Inneren des Hauses waren Geräusche von laufenden Motoren und zuschlagenden Autotüren sowie weibliche Stimmen zu hören.
Der Zugang zum Haus war mit einem schwarzen Tuch verhängt, so dass das Gebäude in der tief verschneiten Landschaft wie ein überdimensionierter, isolierter Lautsprecher wirkte. Weiter oben im Hang brannte ein Feuer, um das sich das Publikum versammelte. Man rieb und wärmte sich die Hände über dem Feuer, trank Tee, tauschte sich aus. Es war eine sehr reale Situation. Von der Feuerstelle aus hatte man den Gaden und die Autobahn am gegenüberliegenden Seeufer vor Augen und nahm das Rauschen der weit entfernten Fahrzeuge wie ein Echo auf die Audioarbeit vor Ort wahr. Die Motorengeräusche aus dem Inneren des Hauses, die als Tonmitschnitte aus Spielfilmen identifizierbar waren, vermischten sich mit jenen der Strasse, die zwar weit weg erschien, durch ihr monotones Dröhnen aber durchaus gegenwärtig war. Den verschneiten Hang nutzte die Künstlerin als Bühne, auf der sich die Besucher selbst darstellten, und deren einziges Requisit das Feuer war. Zu sehen gab es in dieser Ausstellung ausser dem Publikum am Feuer und der Landschaft, in die das Geschehen eingebettet war, nichts. Mit High Purity konzentrierte sich die Künstlerin auf die Verstärkung und Wiederholung der gegebenen visuellen und akustischen Momente.
Während für Künstler der 1960er-Jahre der Grad der Ungewissheit über den Ausgang eines Versuchs, teils auch das Experiment an sich, entscheidende Kriterien für eine aufregende, interessante Arbeit waren, steht für die Generation von Pamela Rosenkranz die Form der Präsentation bestimmter künstlerischer Untersuchungen im Mittelpunkt. In Amden inszenierte sie mit bescheidenen technischen Mitteln einen Echoraum und eine Leerstelle. In jener Zeit hatte sie begonnen, sich intensiv mit Person und Werk des französischen Künstlers Yves Klein (1928–1962) zu befassen, der ein von ihm verwendetes blaues Pigment unter eigenem Namen patentieren liess, und dessen medial entgrenztes Werk einen immateriellen Raum evoziert. Die elektronische, auf einem Flachbildschirm präsentierte Arbeit The Death of Yves Klein (2011) von Rosenkranz, die erst zwei Jahre nach der Ausstellung in Amden entstand, ist vor dem Hintergrund der kurzen Lebensspanne des Künstlers zu sehen: Zunächst kaum wahrnehmbar, ist eine digitale weibliche Stimme zu hören, die emotionslos und monoton aufzählt, was alles zu unterlassen sei, um Gesundheit und körperliche Unversehrtheit nicht zu gefährden. Es sind Warnhinweise, wie sie auch, aber längst nicht mehr nur, auf Beipackzetteln von Medikamenten zu finden sind. Auf dem Bildschirm, der wie ein Gemälde ausgestellt wird, erscheint eine monochrom blaue Fläche. Rosenkranz bringt in ihrer Arbeit die Farbe Blau mit dem Tod in Verbindung.
Am 27. November 1960 hatte Yves Klein in Paris sein Theater der Leere präsentiert: Ein Stück ohne Bühne, Schauspieler, Szenerie, Text und Zuschauer. Unter der Parole La revolution bleue continue liess er aus diesem Anlass eine Zeitung drucken, in der er Ideen für performative Handlungen oder theatralische Aufführungen erläutert: Im Zentrum steht die Idee der Aufhebung des Gegensatzes von Anwesenheit und Abwesenheit. In dieser Zeitung findet sich auch das heute berühmte Bild, das Klein beim Sprung in die Leere zeigt. Es sollte die Eroberung des Raumes, die Überwindung von Materialität und Schwerkraft durch den Künstler zum Ausdruck bringen. High Purity wirkte wie ein spätes Echo auf Kleins Theater der Leere.
– Roman Kurzmeyer