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Heugümper, Heustraffel und Heustöffel
Vor hundert Jahren gab es den Heugümper fast nur im Aaretal zwischen dem Seeland und dem Wasserschloss sowie im Freiamt – so jedenfalls wurde er im Sprachatlas verortet. Im Jura und in einem Teil des Thurgaus sagte man leicht abweichend Heu- oder Mattegumper (also mit -u- statt -ü-), im Zürcher Oberland Heugüpfer, im Oberthurgau und im st.gallischen Fürstenland Heujucker und überdies laut Idiotikon im Aargau auch Heugümpel. Fast die gesamte übrige Deutschschweiz aber hatte einen anderen Worttypus, nämlich Heustaffel, -stäffel, -stoffel, -stöffel, -stuffel, -stüffel beziehungsweise Heustraffel, -sträffel, -stroffel, -ströffel, -strüffel oder auch Heustäfze, -stäfzg, -stäfzge.
Die Bezeichnung Heugümper, Heugumper oder Mattegumper versteht sich (fast) von selbst: Das Tier «gumpet», das heisst springt dank seinen speziellen Hinterbeinen durch die Wiesen. Unter Heu ist dagegen nicht einfach das trockene Viehfutter zu verstehen, sondern das hohe sommerliche Gras, das abge«hauen» wird. Heugümper hat damit die gleiche Bedeutung wie das schriftdeutsche Heuschrecke, denn althochdeutsch schrecken bedeutete «(auf)springen» – wenn wir heute er-schrecken, «springen» wir ja immer noch auf. Woher gumpen kommt, ist schwieriger zu sagen. Das Wort lässt sich zwar schon im Spätmittelalter nachweisen, aber irgendwo anschliessen kann man es nicht so recht. Zwar scheint englisch jump ganz nahe zu liegen, doch das g- und das j- bringt man hier nicht so einfach zusammen.
Den Heustaffel mit alle seinen Varianten finden wir erstmals bezeugt in den Werken Notkers III. von St. Gallen, der um das Jahr 1000 herum vom «hêstafel» schreibt. Auch hier bezieht sich das Grundwort auf die Fortbewegung; althochdeutsch stapf oder staffo bedeutete «Schritt», stapfôn «gehen». Das Wort wurde allerdings später nicht mehr verstanden. Die einen lehnten es an Stoffel, Stöffel an, eigentlich eine Ableitung von «Christoph», die «einfältiger Mensch» bedeutet; andere an Stuffel, was entweder ebenfalls «Dummkopf» oder aber «(Getreide-)Stoppel» meint, wieder andere vermischten es mit Straffel «Tritt, Spitz, magerer Mensch» – die umgelauteten Varianten mit -sträffel und -strüffel könnten jeweils auf Übertragung der Mehrzahl in den Singular beruhen –, und noch andere verwechselten es mit Stäfz(g) «Stift».
Wie kürzlich eine kleine Umfrage auf Facebook ergab, hat sich der Heugümper in den vergangenen Jahrzehnten sozusagen zum schweizerdeutschen Standardwort gemausert – ein Beispiel, dass nicht nur schriftdeutsche Wörter einheimisches Wortgut verdrängen, sondern dass es auch einen schweizinternen Sprachausgleich gibt. Der Heugümper war wohl deshalb so erfolgreich, weil er in Wort und Form durchsichtig ist. Denn die Heuschrecke «gumpet» tatsächlich im Gras umher, wogegen uns «Staffel» nicht mehr einleuchtet – und die vielen Assoziationen mit ähnlich tönenden Wörtern wie Stöffel, Straffel oder Stäfz machten das Wort nur noch sinnloser. Der Heugümper hat diese Sinnkrise nun beseitigt.
(31. August 2015, CL)