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Longo maï, das alte provenzalische Grusswort bedeutet: «Es möge lange dauern!» Dieser Name ist nach bald fünfzig Jahren immer noch eine tägliche Herausforderung. 1973 zog eine Gruppe von Lehrlingen, Schülern und Studenten, nach Südfrankreich auf einen verlassenen Hügel. In der Stadt konnte der Traum eines solidarischen Lebens nicht verwirklicht werden. In den europäischen Berggebieten, die von der Abwanderung betroffen waren, suchte die Gruppe neue Freiräume. Nicht nur auf dem provenzalischen Hügel ist neues Leben entstanden, sondern auch in neun weiteren Kooperativen in Frankreich, der Schweiz, Österreich, Ostdeutschland und in der Ukraine. Heute leben über 200 Erwachsene aus verschiedenen Ländern in den europäischen Kooperativenen; dazu kommen Kinder aller Altersstufen. Longo maï ist politisch unabhängig und religiös nicht gebunden.
Die Idee der Selbstverwaltung geht auf die Utopien der '68er Bewegung zurück. Die Gründer_innen von Longo maï verknüpften diese Idee mit alten Formen der Gemeinwirtschaft wie Genossenschaft und Allmend und liessen sich von dem Gedankengut der Frühutopisten des 19. Jahrhunderts inspirieren.
Die erste Kooperative wurde 1973 auf 300 Hektar Brachland bei Forcalquier, in der französischen Provence, gegründet.
Sie war der Anfang vom Aufbau weiterer Kooperativen in Frankreich, Österreich und der Schweiz. Später kamen Höfe in Deutschland und der Ukraine hinzu.
Natur und Leben auf diesem Planeten sind akut bedroht. Die tieferen Wurzeln dieser Bedrohung des Lebens liegen
nicht allein in der Unzulänglichkeit des einzelnen Menschen – der Mensch wird immer unzulänglich bleiben – sondern in einer kollektiven Unkultur von Konsum und Verschwendung, die direkt oder indirekt noch immer dazu führt, dass weltweit 24 000 Menschen jeden Tag an den Folgen von Armut und Unterernährung sterben. Nach wie vor werden Kriege um Ressourcen geführt. Der Zwang zum Wachstum, der schrankenlose Konsum, mit dem menschliche Mängel überdeckt werden sollen, und das Streben nach Gewinn plündern die Erde aus und schädigen die Umwelt täglich mehr. Klimatische Veränderungen, Entwaldung, Artensterben, Bodenerosion und die Bedrohung von Trinkwasservorräten sind nur einige der verheerenden Folgen. Lebensräume gehen verloren und Gemeinschaften werden auseinander gerissen. Jährlich werden Millionen von Menschen aus einer selbst bestimmten Existenz auf dem Land in das Elend der Städte vertrieben. Longo maï will an seinen Lebensorten konkret etwas tun.
Die Longo maï-Kooperateurinnen und Kooperateure haben sich zusammengefunden, weil sie sich eine Welt gleichgestellter Menschen wünschen, in der sich jede und jeder nach seinen Fähigkeiten entwickeln kann. Sie sind der Überzeugung, dass die Wirtschaft dazu da sein sollte, der Würde und dem Wohl aller Menschen zu dienen, mit Respekt gegenüber der Natur und gegenüber kommenden Generationen. Der persönliche Einsatz und das Leben in der Gemeinschaft ist für sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel. Die Longo maï-Gemeinschaften wollen keinen Modellcharakter für die ganze Welt haben, sondern sind eine von den Mitgliedern bewusst gewählte Lebensform. Diese soll aber nicht sich selbst genügen, sondern aufzeigen, dass andere Formen des sozialen Zusammenlebens und Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsform möglich sind.
Mit dem Aufbau und dem Betrieb selbstverwalteter Kooperativen will Longo maï Regionen, die durch Abwanderung bedroht sind, neu beleben. Die in Longo maï praktizierte Form der Landwirtschaft durch eine Gruppe soll eine Alternative zu übertriebener Mechanisierung und Industrialisierung, zur Ausbeutung billiger Knechte oder Tagelöhnerinnen sowie zur patriarchalischen ländlichen Grossfamilie aufzeigen.
Im Laufe der Jahre entstanden durch die Mitarbeit oder durch den Kontakt mit den Kooperativen zahlreiche neue Gemeinschaftsprojekte, die in einem ähnlichen Geist wie Longo maï aufgebaut und betrieben werden. Longo maï möchte den Anstoss für die Entstehung weiterer Initiativen geben und ihnen helfen, sich selbständig und autonom zu machen. Longo maï ist mit diesen Initiativen durch Starthilfe, gegenseitige Unterstützung, personellen Austausch, Solidarität in schwierigen Zeiten und Freundschaften verbunden.
Die Longo-Maï-Bewegung funktioniert nach den Grundsätzen einer horizontale Basisdemokratie. Jedes Problem wird auf einvernehmliche Weise geregelt. Zu diesem Zweck gibt es in jeder Kooperative regelmäßige Koordinationstreffen.
Angelegenheiten und Projekte, welche mehrere Kooperativen betreffen, werden von diesen gemeinsam koordiniert und entschieden.
Initiativen, Projekte, Aktionen und Maßnahmen, welche die Gesamtheit der Kooperativen betreffen, werden in den zweimal jährlich stattfindenden interkooperativen Treffen besprochen.
Der Förderverein Pro Longo maï mit Sitz in Basel ist ein gemeinnütziger Verein. Oberste Instanz ist die einmal jährlich stattfindende Vereinsversammlung. Die Geschäfte werden vom Vorstand geführt. Dem Vorstand steht eine Finanzkommission zur Seite, welche sich drei Mal im Jahr trifft und aus Vertretern aller Kooperativen besteht.
Sie plant das Budget, die notwendigen Arbeitseinsätze der freiwilligen Mitarbeiter_innen und die notwendigen Kampagnen.
Diese Organisationsform erlaubt, relativ schnell und trotzdem demokratisch breit abgestützt zu arbeiten und auch auf neue Aufgaben oder Probleme einzugehen.
Überall in der Longo maï-Bewegung engagieren sich die Kooperateur_innen aufgrund persönlicher Motivationen, Freundschaften und Freiwilligenarbeit; herkömmliche Lohnstrukturen sind in Longo maï nicht zu finden. Dies sind die Grundvoraussetzungen für die Realisierung der Projekte und garantiert auch einen direkten Einsatz der Spendengelder.