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annabelle: Das Thema Menstruation wird gesellschaftlich langsam enttabuisiert und von einigen cis Frauen mittlerweile sogar zelebriert. Sehr selten sind aber trans oder non-binäre Personen Teil dieses Diskurses. Wie erleben Sie als Gynäkologe den Umgang von trans oder non-binären Personen mit dem Thema Menstruation?
Niklaus Flütsch: Der Grossteil will die Menstruation eigentlich loswerden. Der Grundtenor ist klar: Die Periode ist etwas Störendes und für trans Männer oder non-binäre Personen nichts, das sie behalten oder gar zelebrieren möchten.
Die Menstruation wird fast ausschliesslich mit Frauwerden, mit Weiblichkeit assoziiert. Was löst das Ihrer Erfahrung nach bei trans Menschen aus?
Trans Menschen erleben bezüglich Weiblichkeit und Identifikation verschiedene Punkte als störend. Einerseits das Brustwachstum oder Brüste an sich, weil sie eben typisch weiblich sind, und andererseits die Menstruation. Das sind zwei zentrale Punkte, die in unserer Gesellschaft Weiblichkeit definieren. Doch das sind ja immer Definitionen, die wir selbst machen.
Die Autorin J. K. Rowling beispielsweise geriet jüngst mehrfach ins Zentrum dieser Diskussion mit ihrer Aussage, dass Frauen, die nicht menstruieren, keine Frauen seien.
Oder umgekehrt: dass alle Menschen mit Menstruationshintergrund Frauen seien. Da müsste man dringend mal mit ihr diskutieren, was Frausein ausmacht.
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«Ich habe Patient:innen, die sogar suizidal werden während der Menstruation»
Kann die Periode bei trans oder non-binären Personen zu einer verstärkten Körperdysphorie, also dem Leidensdruck führen, der ausgelöst wird, wenn die körperlichen Merkmale nicht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmen? Quasi wie ein monatlich wiederkehrender Trigger?
Ja, ich denke ein Grossteil erfährt das so, wenn sie in die Pubertät kommen und anfangen, zu menstruieren. Es gibt auch Ausnahmen bzw. Personen, die weniger Probleme damit haben. Doch ich habe auch Patient:innen, die sogar suizidal werden während der Menstruation und von einer menstruationsunterdrückenden Behandlung profitieren.
Welche Möglichkeiten gibt es, die Menstruation zu unterdrücken oder gar loszuwerden?
Die einen möchten dies radikal lösen mit einer Gebärmutterentfernung, im Wissen, dass so auch die Schwangerschaftsfähigkeit verloren geht. Die anderen möchten ihre körperliche Integrität nicht verändern und greifen eher auf Hormone in Form einer Spirale oder eines Präparats zurück, aber auch die Schleimhautverödung ist eine klassische Variante. Das kann auch cis Frauen helfen, denen die Periode lästig ist oder die aufgrund von Beschwerden einen Leidensdruck verspüren. Dieser Leidensdruck ist natürlich noch viel grösser, wenn man sich selbst als non-binär oder trans einordnet.
Welche Auswirkungen hat die Einnahme von männlich dosiertem Testosteron auf den Zyklus?
Diese unterbricht in der Regel den Menstruationszyklus – aber eben nicht immer. Es kann also sein, dass Patient:innen Testosteron in hoher, männlicher Dosierung einnehmen, aber immer noch ihre Periode bekommen. Da schaue ich dann mit meinen Patient:innen, welche Möglichkeiten man einsetzen könnte. Eine Progesteronpille (das Hormon ist Bestandteil von Verhütungsmitteln und auch in der Pille danach enthalten, Anm. d. Redaktion) oder Pubertätsblocker können helfen.
«Dass ich trans bin, ist schon ein Thema. Man sucht sich eine Person, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat »
Sie unterstützen trans Patient:innen nicht nur gynäkologisch, sondern auch während der Transition. Inwiefern macht es für Ihre non-binären oder trans Patient:innen einen Unterschied, dass Sie selbst trans sind?
Viele Patient:innen kommen für Besprechungen zu mir, um herauszufinden, welche Möglichkeiten sie haben. Ich kann ihnen die verschiedenen hormonellen und chirurgischen Möglichkeiten, aber auch deren Gefahren und Grenzen im Gespräch aufzeigen. Das Ziel ist hierbei, die jeweils beste individuelle Lösung zu finden. Dass ich trans bin, ist schon ein Thema, was ich auch verstehe. Man sucht sich eine Person, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat und dementsprechend auch einen anderen Blick hat.
Wie gehen trans Patient:innen mit gynäkologischen Untersuchungen um?
Problemlos sind sie sicher nicht, das liegt auf der Hand. Als männlich gelesene Person zum Frauenarzt zur gynäkologischen Routinekontrolle zu gehen, braucht schon Mut, denn das ist an sich ein typisch weibliches Ritual. Das ist für trans Männer oder non-binäre Personen, die bei der Geburt weiblich gelesen wurden, ein schwieriger Moment und kann oft alte Traumata wieder aufleben lassen. Auch als cis Frau steigt man wohl nicht ohne Weiteres auf diesen Stuhl und präsentiert das Intimste von sich selber – wenn man eine Geschlechtsdysphorie hat, ist das umso schwieriger. Da reicht die Palette von Personen, die das abstrahieren können, bis zu anderen, für die eine Untersuchung nur unter Narkose möglich ist.
Welche Probleme können für trans oder non-binäre Patient:innen im Umgang mit Gynäkolog:innen auftreten?
Ich denke, da gibt es verschiedene Gruppen von Fachpersonen. Die einen haben einfach kein Verständnis oder lehnen dies aus religiösen oder moralischen Gründen ab. Andere haben schlicht zu wenig Erfahrung und sind dadurch unsicher oder gar ablehnend. Die dritte Gruppe ist sehr offen, weniger gehemmt und weiss, wie sie sich verhalten muss. Das trifft gerade auf jüngere Gynäkolog:innen zu, da findet definitiv ein Wandel statt.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf bei Gynäkolog:innen im Umgang mit trans Patient:innen?
In der Weiterbildung. Ich werde immer wieder angefragt für Vorträge oder Workshops. Doch das Angebot an allgemeinen Weiterbildungen ist gross, da werden halt Prioritäten gesetzt. Wenn es gut läuft, kriege ich einen Slot von 40 Minuten an einem mehrtägigen Kongress, wo parallel noch fünf andere interessante Themen laufen. Aber meine Kolleg:innen von der Fachgruppe Trans* sind hier sehr aktiv und versuchen, unseren Einfluss geltend zu machen.
Sie sind gerade dabei, ein Fachbuch zum Thema trans Gynäkologie herauszugeben. Worum geht es darin?
Um Empfehlungen und Richtlinien zur gynäkologischen Behandlung von trans Patient:innen, denn solche gibt es eigentlich noch nicht, gerade auch, was Vorsorgeuntersuchungen angeht. Wie häufig trans Männer noch zur gynäkologischen Untersuchung müssen beispielsweise. Viele Fragen sind diesbezüglich unklar und nicht einheitlich geregelt, da gibt es noch Nachholbedarf.