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Das Biovision Projekt «Bienenhaltung für Jungunternehmen» in Sekota, Äthiopien ist 2018 lanciert worden. Mit einer Ausbildung lernen die Menschen dort unternehmerisches Denken. Und sichern sich dadurch den Lebensunterhalt. Ein Erfahrungsbericht von Nina Zenklusen, die erstmals ein Biovision Projekt vor Ort besuchte.
Der Jeep hält abrupt. Yarid Eshetu, unser Fahrer, steigt ohne Hast aus und mustert das vordere rechte Rad eingehend. Lulseged Belayhun steigt aus dem Wagen und stellt sich neben Yarid, das Rad ebenfalls fest im Blick. Lulseged wird uns während unserer Zeit hier durch Äthiopien führen und arbeitet für unsere Partnerorganisation International Centre of Insect Physiology and Ecology (icipe). Er ist ein Mann mit einem einnehmenden Grinsen und wechselt, je nach Stand der Sonne, zwischen Seh- und Sonnenbrille ab. Zusammen studieren die beiden also nun das vordere Rad. Der Reifen ist beschädigt. Zusammen mit Loredana Sorg, unserer Verantwortlichen für dieses Projekt, sitze ich auf dem Rücksitz des Geländewagens. Zwischen uns, etwas verhalten, sitzt Mohammad Getahun, der Bienenexperte des regionalen Veterinäramts.
Eigentlich sind wir kurz vor unserem Ziel: Den Grossteil der Strecke zwischen Lalibela, einem Wallfahrtsort in der Region Amhara mit monolithischen Kirchen, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören und unserem Ziel, dem Bezirk Dehana, haben wir bereits zurückgelegt. Wir befinden uns im Norden Äthiopiens, auf einer Höhe von 2'000 m bis 3'400 m über Meer. 755 km werden Loredana und ich von der Hauptstadt Addis Abeba aus zurückgelegt haben, sobald wir in Dehana ankommen. Die Menschen dort leben autark, hauptsächlich von Viehzucht und Ackerbau. Die zunehmend schwierigen Bedingungen, wie immer längere Dürreperioden sowie die Übernutzung der natürlichen Ressourcen, vor allem die Abholzung, belasten das Leben auf dem Land. Mit 105 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern hat Äthiopien die zweitgrösste Bevölkerung Afrikas nach Nigeria. Vor allem in den ländlichen Regionen steigt die Bevölkerungszahl weiter an, die Ressourcen aber werden knapper. Die Folgen sind Landflucht und rasant wachsende Ballungszentren. Die Hauptstadt Addis Abeba gehört mit 3.5 Mio. Menschen mittlerweilen zu den Metropolen des afrikanischen Kontinents.
Die Kraft der Besonnenheit
Gerade aber sind wir weit weg von Addis Abeba. Wir sind im Gebirge, auf der letzten Etappe unserer Reise. Die Landschaft ist karg und trocken. Unsere Begleiter schauen noch immer auf den platten Reifen. Die Strasse besteht seit einer Stunde nur aus trockenen spitzen Steinen. Die beiden tauschen einige wenige Worte aus, schliesslich holt Yarid Wagenheber sowie Ersatzreifen aus dem Kofferraum und übergibt ihn Lulseged. Mittlerweile sind wir alle ausgestiegen. Ich versuche, ein Foto von Lulseged zu machen. Obwohl er mir den Rücken zuwendet bemerkt er dies, dreht den Kopf und schaut mich mit breiten Lächeln an, ohne dabei den Reifenwechsel zu unterbrechen. Und so warten wir, ohne Hast, bis wir weiterfahren können. Es gibt wohl kaum eine Situation, in der sich unsere drei Begleiter aus der Ruhe bringen lassen würden. Diese Gelassenheit vor dem Unvorhersehbaren beeindruckt mich. Ich werde noch feststellen, dass diese Eigenschaft auf so viele Menschen zutrifft, denen ich auf meiner Reise begegne. Was für ein Kontrast zu meinem Wesen, das einen geregelten, strukturierten Alltag in der Schweiz gewohnt ist! Ein afrikanisches Sprichwort lautet: «Die Europäer haben die Uhr, wir die Zeit.»
Nach fünf Stunden Fahrt durch das äthiopische Gebirge erreichen wir Sekota. Von hier aus besuchen wir in den kommenden Tagen Dörfer, die Teil des Biovision Projekts «Bienenhaltung für Jungunternehmen» sind. Die Jugendarbeitslosigkeit hier ist hoch. Deswegen liegt der Fokus bei der Gründung von Start-Ups zur Herstellung von Honig und Bienenwachs besonders jungen Menschen. Seit der Lancierung des Projekts 2018 haben sich 300 davon, die Hälfte von ihnen Frauen, dazu entschieden, das Imkern zu lernen. Dazu kommen zwei Schneider, die Schutzanzüge nähen, zehn Schreiner, die moderne Bienenkästen fertigen und 18 lokale Händler von Bienenhonig und –wachs. Die Imkerinnen und Imkern lernen des Weiteren, Baumschulen mit nektarreichen Pflanzen anzubauen. Denn wozu Bienen ohne Nektar und Bestäubung? Durch diesen Ansatz wird versucht, der ländlichen Armut, der stagnierenden Ökonomie und der Degradation der Böden gleichermassen entgegenzuwirken.
Die Fliege an der Wand
«Mar» bedeutet Honig auf Amharisch, der Nationalsprache Äthiopiens. Es ist eines der wenigen Worte, die ich lernen konnte. Es ist ein hilfloses Gefühl, durch ein Land zu reisen und nicht einmal die einfachsten Strassenschilder decodieren, geschweige denn Gesprächen folgen zu können. Die Geduld, mit der Loredana Erfahrungen und Informationen der Projektbeteiligten entgegennimmt, beeindruckt mich. Ohne Lulseged als Dolmetscher wären wir ohne Bericht im Gepäck nach Hause gekommen. Gebannt schaue ich auf Mimik und Gestik während dem Loredana Fragen stellt, Lulseged diese übersetzt, die angesprochene Person ihm antwortet und das Gesagte dann den gleichen Weg zurück nimmt. Es sind täglich einige Anliegen und Eindrücke, die Loredana so von verschiedenen Gesprächspartnerinnen und –partnern entgegennimmt. Und natürlich gibt es viel zu erzählen! Das Projekt ist für alle Beteiligten neu und befindet sich noch in der Findungsphase. Mit grösster Aufmerksamkeit versuche ich zu erraten, was die vielen Worte und Bewegungen der Imkerinnen und Imker bedeuten. Letztlich bin ich allerdings froh, dass sich meine Aufgabe auf das Beobachten und das Fotografieren unsere Projektreise beschränkt.
Rollen durchbrechen
Obschon wir eine solide Wissensgrundlage durch unser Bienenprojekt in Tolay, Äthiopien (2011 – 2017) mitbringen, erfordert trotzdem jede Lancierung an einem anderen Ort stets auch eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten. Die erfolgreichste Gruppe des Projektes im Bezirk Dehana ist ein Unternehmen, das aus vier Imkerinnen und einem Imker besteht. Das ist ungewöhnlich, denn die Geschlechterrollen in den ländlichen Gebieten Äthiopiens sind noch immer klassisch: Der Mann arbeitet auswärts, die Frauen kümmern sich um das Zuhause. Die Imkerin Brahania Asmamo erzählt von den Bienenkolonien und ihrem Umgang damit sowie ihren eigenen Ansprüchen an das Projekt. Stolz zeigt sie uns ihre makellose Buchhaltung sowie ihre Inventarliste, die Lulseged für uns dechiffriert. Währenddem er seine Notizen dazu macht, schauen ihm Brahania und die anderen Imkerinnen aufmerksam zu. Er ist zuständig dafür, die Erfahrungen der Menschen aus den Dörfern an die nächste Verwaltungsstelle weiterzuleiten. «Wir sind wie deine Kinder. Du musst uns über die Schultern schauen, damit wir alles richtig machen», ermahnt ihn Brahania. Lulseged besucht die jungen Unternehmerinnen und Unternehmer aufgrund der langen Anreise nur ungefähr zwei bis drei Mal pro Jahr. Zum Abschied dürfen wir von ihrem Honig probieren: Er ist grobkörnig, schmeckt rauer und rezenter als Schweizer Honig. Er ist sozusagen die dunkle Schokolade unter den Honigsorten. Gemeinsam mit Brahania und den anderen enthusiastischen Imkerinnen inmitten von Bienenkulturen in den Bergen auf über 3000 Metern zu stehen war ein eindrücklicher Moment, den ich mit nach Hause nehmen durfte.
Wissenszugang als Basis
Ich bin überzeugt, dass die Methodik und Perspektive, mit der Biovision Projekte aufgleist, eine nachhaltige und wertvolle Chance für alle Beteiligten ist. Ich habe in Dehana erleben dürfen, wie Biovision nicht bloss Zugang zu Infrastruktur wie Bienenkästen und -völkern schafft, sondern auch sicherstellt, dass Wissen langfristig bei den Menschen verankert bleibt. Die Erfahrungen der Projektbegünstigten fliessen regelmässig in die Methodik ein, um die Wirkung der Biovisionprojekte fortlaufend zu verbessern. Komplexe Themen wie Arbeitslosigkeit, klimatische Veränderungen und Bildung werden im Kleinen in stetem Austausch mit den betroffenen Menschen vor Ort konkret angegangen. Fachpersonen der Lokalregierung arbeiten auf einer Ebene aktiv an der Verbreitung der modernen Bienenhaltung mit und stellen so sicher, dass das erarbeitete Wissen und die Fähigkeiten auch nach Projektende bei den relevanten Verwaltungsstellen erhalten bleiben.
Auf unserem Rückweg nach Addis Abeba halten Loredana und ich noch in Lalibela. Zahlreiche Touristen sind vor Ort. Die Strassen sind voll mit Märkten, Lichter säumen die Wege, der Strassenlärm ist allgegenwärtig. Dabei denke ich zurück an die Imkerinnen und ihren besonnenen aber harten Alltag. Eigentlich ist das gar nicht schlecht so, denke ich. Fernab vom schnellen Wandel Äthiopiens gedeiht im Bezirk Dehana etwas Wertvolles und Beständiges.