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Gesellschaft
Einstieg in das Denken Kritischer TheoretikerInnen
Warum sollte man sich heute überhaupt noch mit Kritischer Theorie befassen? Der Autor Michael Schwandt meint, es könnte in der inneren Struktur der Kritischen Theorie begründet sein, die keine Ansammlung von Fakten oder Regeln sei, sondern einen Bestand an Denkmodellen und Kritiken hinterlassen habe, die auch heute noch hilfreich seien (S. 11-12). Zudem beziehen sich Teile der politischen Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland stark auf die Kritische Theorie. Der Schwerpunkt der Einführung ist dazu passend das Verhältnis dieses Theoriegebäudes zur politischen Praxis.
Der Autor orientiert sich dabei vor allem an den beiden Theoretikern Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno und ihrem Verhältnis zur Praxis. Zentral ist bei dieser Darstellung vor allem die Haltung der beiden zur 68er-Bewegung. Während Marcuse Protestbewegungen intellektuell begleitete und eine Aufgabe der Theorie im Entwurf einer möglichen Praxis sah, grenzte sich Adorno von der Studierendenbewegung ab und verweigerte ihr seine Unterstützung. Er schrieb ihr sogar ein zum Faschismus tendierendes Syndrom zu (vgl. S. 188). Theorie und Praxis ließen sich generell nicht vereinbaren, so Adorno. Gesellschaftliche Veränderung sei nur in Massenaktionen mit dem Ziel der Revolution möglich. Und da diese in der spätkapitalistischen Gesellschaft sowieso nicht möglich sei, brauche es auch keine politische Praxis. So scheute er sich auch nicht, die Polizei zu rufen, als er Studierende verdächtigte, sein Institut für Sozialforschung besetzen zu wollen (S. 183).
Das Buch ist immer nah an den persönlichen Werdegängen der Kritischen TheoretikerInnen und schaut auch nach denen, die heute mit der Kritischen Theorie sympathisieren. Zu ihnen gehören beispielsweise der Fernsehproduzent Alexander Kluge mit seinem Medienkonzern dctp und Jan Philipp Reemtsma, einer der reichsten Männer der Bundesrepublik. Auch der Publizist Wolfgang Pohrt findet Erwähnung, für den die Ökologie-Bewegung "der Widerbelebung (sic) des völkischen Blut-und-Boden-Gedankens" (S. 235) dient und der die Friedensbewegung als "nationale Erweckungsbewegung" (ebd.) bezeichnet. Der Autor Schwandt scheint das genauso zu sehen, er findet ihn "treffend". Pohrts kriegstreiberische Äußerungen - er plädierte u.a. für einen Atombombeneinsatz gegen den Irak seitens Israel - finden ihren Weg jedoch nicht in das Buch.
So bietet das Taschenbuch eine gut lesbare Einführung in die Theorien, die hinter der Argumentation steht, die Adorno und die vermeintliche Unmöglichkeit politischer Praxis anführt. Leider fehlt dem Buch jedoch ein Literaturverzeichnis, das nur online verfügbar ist. Ebenfalls nicht gedruckt sind hin und wieder mehrere Buchstaben. Wohl aufgrund des schlechten Drucks sind sie weißen Flecken zum Opfer gefallen.