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Mani Matter: Dä, wo so Liedli macht

Zitate: aus einem Interview der Zeitschrift «Femina», September 1972, aus «Fragen an andere» von Franz Hohler, Zytglogge Verlag 1973 (Interview: 31. August 1971), Radio-Interview 1970
JUGEND
Mani Matter wurde am 4. August 1936 im Spital von Herzogenbuchsee geboren. Sein Vater, Erwin Matter, ist Rechtsanwalt, seine Mutter, Wilhelmina Matter-de Haan, von Beruf Sekretärin, ist Holländerin, sein Grossvater väterlichseits ist Oberbetriebschef bei den SBB. Mani hat eine zwei Jahre ältere Schwester, Helen. Die Familie spricht französisch, obwohl das auch für die Eltern eine Fremdsprache ist. Sie wohnen zuerst an der Diesbachstrasse 25 (1928 - 1947), dann an der Diesbachstrasse 5 (1947 - 1951) und von dort zügelt die Familie an die Egelbergstrasse 28, wo Mani bis zu seiner Eheschliessung 1963 wohnt.
Mani wurde auf den Namen Hans Peter getauft, seine Mutter nannte ihn Jan, seine Schwester machte daraus Nani, und die Pfadfinder gaben ihm dann den Namen «Mani». In seinen beruflichen und universitären Tätigkeiten nannte sich Mani stets Hans Peter.
Mani trat der Pfadfinderabteilung «Patria» 1944 als Wölfli bei. Er schrieb später drei Theaterstücke für die Patria-Unterhaltungsabende im Casino in Bern, schickte ihrem Mitteilungsblatt «Hallo» mit Unterbrüchen bis 1965 Gedichte und bestritt mit Freunden an mehreren Unterhaltungsabenden das legendäre «Kabarett».
Die ersten vier Schuljahre durchlief Mani in der Primarschule Enge (1943 - 1947), von dort wechselte er ans Progymnasium am Waisenhausplatz (1947 - 1951) und anschliessend ans Gymnasium Kirchenfeld, wo er 1955 die Maturitätsprüfung machte.
Frage: Was ist Deine früheste Kindheitserinnerung?
Mani: Meine früheste Kindheitserinnerung - das ist schwer zu sagen. Man reimt sich hinterher manches zurecht, von dem man selbst nicht mehr genau weiss, ob es wirklich stimmt, aber ich glaube meine früheste Kindheitserinnerung ist, wie ich im Garten meines Grossvaters in einem grossen Wäschezuber gebadet habe. Ich glaube, das ist das früheste, woran ich mich erinnere.
STUDIUM
Da er nach dem Tod seiner Mutter (1953), der ihn sehr erschütterte, zwei krampfartige Störungen erlitten hatte, wurde er dienstuntauglich erklärt und so konnte er ohne militärischen Umweg an die Universität. Er studierte in Bern zuerst ein Semester Germanistik und wechselte dann zur Jurisprudenz. 1963 erwarb er - u.a. nach einem Praktikum am Amtsgericht Interlaken - das Bernische Fürsprecherpatent und 1965 den Doktortitel mit der Dissertation «Die Legitimation der Gemeinde zur staatsrechtlichen Beschwerde». 1967/68 arbeitete er in Cambridge/England an seiner Habilitation zum Thema «Die pluralistische Staatstheorie». Die Habilitation ist bis auf die Fussnoten fertiggestellt.
«DÄ, WO SO LIEDLI MACHT»
Der dreizehnjährige Mani fand in einem geerbten Koffer eine Maurice Chevalier-Platte und begann sich für das französische Chanson zu begeistern. Vor allem die nur von der Gitarre begleiteten Chansons von Georges Brassens, dessen Platten ab 1952 auf den Markt kamen, beeindruckten ihn stark und regten ihn zu eigenen Versuchen an. 1953 schrieb Mani sein erstes Chanson «Dr Rägewurm». Die Melodie übernahm er von Georges Brassens.
Der Pfarrer und spätere Gemeinderat (1958 - 1973) Klaus Schädelin war zu jener Zeit der einzige in Manis Umkreis, der ein Tonband besass. Er nahm Manis Chansons auf und spielte sie Guido Schmezer vor, damals Ressortchef der Abteilung Unterhaltung bei Radio Bern. Am 28. Februar 1960 war Mani zum ersten Mal am Radio zu hören mit vier Liedern in der Sendung Kaleidophon.
Als Weihnachtsgeschenke für seine Familie machte Mani vier Platten: die erste trägt keine Jahrzahl, die zweite 1958, die dritte 1959 und die vierte 1965. Diese Platten sind privat. Sie hören ein Beispiel davon auf der Intro-Seite dieser Website (www.manimatter.ch).
Den ersten öffentlichen Auftritt hatte Mani im Winter 1965/66 im Programm «Neues von den Berner Troubadours» im Theater an Zytglogge, wo er abwechslungsweise mit Fritz Widmer auftrat. An den früheren Chansonsabenden (1963 - 1965) sangen andere Interpreten seine Lieder. Im Programm «Die Berner Troubadours» 1966/67, das in der Rampe stattfand, war Mani erstmals ganz dabei. Die Berner Troubadours - Ruedi Krebs, Mani Matter, Jacob Stickelberger, Bernhard Stirnemann, Markus Traber, Fritz Widmer - erreichten in der deutschen Schweiz rasch einen hohen Bekanntheitsgrad und traten an unzähligen Gastspielen auf. Nach seinem Englandjahr (1967/68) zog es Mani ab 1970 zunehmend vor, in einer kleineren Formation - mit Jacob Stickelberger und Fritz Widmer - aufzutreten. Emil Steinberger überredete Mani 1971 dazu, «solo» aufzutreten, was Mani - nach einer «Hauptprobe» in Bülach (12. Juni 1971) - vor allabendlich ausverkauftem Haus in Emils Theater in Luzern auch tat (9. - 16. Oktober 1971).
1966 veröffentlichte der von Hugo Ramseyer und Rolf Attenhofer eben erst gegründete Zytglogge Verlag Manis erste kleine Schallplatte «I han en Uhr erfunde», 1967 «Alls wo mir id Finger chunnt». 1970 erschien die dritte Platte «Hemmige», 1972 «Betrachtige über nes Sändwitsch» und 1973 die von Mani noch selber zusammengestellte Platte «Ir Ysebahn» (Live Mitschnitt zweier Vorstellungen im Fauteuil Theater in Basel am 2. und 3. Juni 1972).
1965 erschienen im Benteli Verlag «Ballade-Lumpeliedli-Chansons à la Bernoise mit u.a. drei Chansons von Mani. 1969 publizierte Egon Ammann im Kandelaber Verlag den ersten Chansonband von Mani Matter «Us emene lääre Gygechaschte», für das Mani im gleichen Jahr den Buchpreis der Stadt Bern erhielt. Mit dem Preisgeld kaufte sich Mani eine elektronische Orgel Farfisa Keyboard, auf der er mit Begeisterung herumexperimentierte.
1964: Sutil und Laar: zehn Scherzlieder für gemischten Chor und Klavier (vierhändig) von Jürg Wyttenbach, Text Mani Matter. Kompositionsauftrag des Berner Gemeinderates zur Einweihung des Gymnasiums Neufeld (17. Juni 1966).
Frage zum Anfang von Manis Chansontäigkeit: - Mani: Dr unmittelbar Alass isch gsy, dass i hätt sölle für so ne Pfaderabe e Produktion mache, und i ha denn churz vorhär grad dr Brassens entdeckt gha mynersits, und nächhär isch ds einzige, wo mir isch i Sinn cho, gsy, e Melodie z näh vom Brassens und dert druf e neue Tägscht z mache, und das hani du o gmacht, u das het du zu mir eigete Überraschig zimlech Erfolg gha. Und wos isch fertig gsy, hei alli Lüt gseit, i söll doch no meh settigi singe, aber i ha keni andere meh chönne. Aber i ha du gfunde, offebar mües i jitz no meh mache, und das hani du gmacht u bi zerschte Mal ufträte amene Gymerfest (1953).
Frage: Wie hat man sich das Entstehen Ihrer Chansons vorzustellen? - Mani: Ganz verschieden. Selten sind es konkrete Erlebnisse, sondern viel eher abstrakte Ideen, die ich darzustellen versuche, oft auch rein formale Einfälle oder zum Beispiel der Entschluss, einen Dialog zu machen.
Frage: Warum machst Du keine hochdeutschen Lieder? - Mani: Die Frage hat sich eigentlich gar nie praktisch gestellt. Es war von Anfang an so, dass ich nicht damit rechnen konnte, dass irgendjemand anderer meine Lieder singen könnte, sondern es ergab sich, dass ich sie selber singen sollte, und da ich nicht hochdeutsch kann, musste ich sie wohl oder übel auf berndeutsch schreiben. Dazu kommt noch, dass das Berndeutsche natürlich gewisse Vorteile hat gegenüber dem Hochdeutschen: Es ist literarisch viel weniger abgenutzt, man kann neue Reime erfinden, man kann neue Wortspiele erfinden, die in einer lierarisch schon viel verwendeten Sprache viel seltener wären. Aber der Hauptgrund ist der, dass meine gesprochene Sprache Berndeutsch ist, und wenn es sich darum handelt, dass ich selbst etwas sagen oder sprechen soll - ich spreche eigentlich mehr als ich singe - dann liegt es mir am nächsten, berndeutsch zu sprechen.
Frage: Welches sind für Sie die Kriterien eines guten Chansons? - Mani: Dass alles stimmt und aufeinanderpasst, Thema zur Form, das Ganze zur Musik, der Anfang zum Schluss usw.
Frage: Wenn ein Chanson «sitzt» - was pflegen Sie in den ersten Minuten der Entspannung zu tun? - Mani: Daran zu zweifeln.
DAS «JUNGE BERN»
Mani trat Ende der 50er Jahre dem 1956 gegründeten »Jungen Bern» bei. Die Gruppe, die keine Partei sein wollte, warf den grossen Parteien sture Ideologie, betonte Interessenvertretung und zu wenig Sachlichkeit vor. Mani kandidierte zweimal: 1959 auf der Stadtratsliste und 1962 auf der Grossratsliste. Er wurde bei den Grossratswahlen zweiter Ersatzmann und kandidierte ab jetzt nicht mehr, da er eigentlich nicht gewählt werden wollte. Von 1964 - 1967 war Mani Präsident des «Jungen Bern».
Frage: Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, sich politisch nicht zu engagieren? - Mani: Sowohl meine private als auch meine berufliche Tätigkeit hat immer mit Politik zu tun. Auch sind einige meiner Chansons als Modelle für politische Sachverhalte zu verstehen.
FAMILIE UND BERUF
Im Januar 1960 lernten sich Joy Doebeli und Mani Matter beim Skifahren in Grindelwald kennen. Joy, deren Mutter Engländerin war, was ihren Vornamen erklärt, ist Sekundarlehrerin. Die beiden heirateten am 30. März 1963. Ihr erstes Domizil war in Münchenbuchsee, auf dem halben Arbeitsweg von Joy nach Biel. Mani war seit 1963 Assistent des Staatsrecht-Professors Richard Bäumlin an der Universität Bern, ab 1966 Oberassistent. 1964 erfolgte der Umzug nach Bern an die Brückfeldstrasse 10 und die Geburt ihrer Tochter Sibyl, 1965 der Umzug an die Weidenaustrasse 15 in Wabern und die Geburt ihrer Tochter Meret und 1967 kam ihr Sohn Ueli zur Welt. 1967/68 verbrachte die ganze Familie ein Jahr in England, wo Mani an der Universität Cambridge an seiner Habilitation arbeitete, und kehrte anschliessend an die Weidenaustrasse 15 in Wabern zurück. Mani wurde ab 1969 städtischer Beamter: zuerst als juristischer Mitarbeiter (Beauftragter für die Vorschriftensammlung), ab 1970 auf der neu geschaffenen Stelle als Rechtskonsulent der Stadt Bern. Ab 1970 hatte er zudem einen Lehrauftrag an der Universität Bern in den Gebieten Staats- und Verwaltungsrecht.
Aus Empörung über die Mitarbeit des Präsidenten des Schweizerischen Schriftsteller-Verbandes am damals umstrittenen «Zivilverteidigungsbüchlein» traten 1970 zweiundzwanzig Autorinnen und Autoren aus der einzigen nationalen Berufsorsganisation der SchriftstellerInnen aus. Es war eine spontane Aktion im Stile der 68er Bewegung. Für diese protestierenden AutorInnen, die sich - ihrem ersten Tagungsort entsprechend - den Namen «Gruppe Olten» gaben, verfasste Mani die Vereinsstatuten und leitete die Gründungsversammlung (25. April 1971 in Biel). Siehe dazu: Hans Mühlethaler: «Die Gruppe Olten», 1989, Verlag Sauerländer
Die Gruppe Olten und der Schweizerische Schriftsteller-Verband lösten sich 2002 auf. Der neue gesamtschweizerische Verband «Autorinnen und Autoren der Schweiz AdS» nahm seine Arbeit am 1. Januar 2003 auf.
Frage: Gefällt Dir Deine Rolle als Familienvater oder kannst Du Dir Dich auch als Junggeselle vorstellen? - Mani: Ich fühle mich eigentlich kaum je als Familienvater (lacht). Ich finde mich immer mit einer gewissen Verwunderung als Familienvater. In vieles, was später plötzlich wichtig wird im Leben, rutscht man mehr hinein, als dass man es bewusst plant und sich zum vornherein in dieser Rolle sieht.
Frage: Was arbeitest Du jetzt? - Mani: Jetzt bin ich Rechtskonsulent der Stadt Bern, so eine Art Einmannjustizabteilung der Stadt.
Frage: Gefällt Dir diese Arbeit? - Mani: Ja, es ist eine sehr vielseitige Arbeit. (...) Man kann sich eine gewisse Objektivität leisten, weil die Stadt schliesslich in ihrem juristischen Gehaben gewisse Ansprüche an sich stellen darf.
Frage: Wie vertragen sich Troubadour und Jurist in Ihrer Brust? - Mani: Der Gegensatz ist nicht so gross, wie man meint - beides hat mit Formulieren zu tun.
TOD
Am 24. November 1972 verunfallte Mani Matter tödlich auf dem Weg an einen Auftritt in Rapperswil am Zürichsee. Am 29. November fand in der reformierten Kirche in Wabern die Trauerfeier statt, an der der Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti die Predigt hielt. Manis Grab ist im Familiengrab der Familie Matter auf dem Bremgarten- Friedhof in Bern.
Text: Joy Matter
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