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Pamela Druckerman, Sie sind vor zehn Jahren aus den USA nach Paris gezogen. Haben Sie einen Kulturschock erlebt?
Am meisten überraschte mich, dass französische Babys durchschlafen. In meinem amerikanischen Umkreis war es normal, dass ein einjähriges Kind mindestens zwei Mal pro Nacht aufwacht. Was ich dann in Frankreich zu hören bekam, war: «Nach drei Monaten schlief mein Kind durch.»
Sie schreiben, dass die Französinnen ihre Kinder nicht sofort aus dem Bett nehmen. Ist es nicht brutal, sein Kind weinen zu lassen?
Die Franzosen finden, es ist die Aufgabe der Eltern, dem Kind beizubringen, wie es durchschläft. Wenn man das Kind sofort aufnimmt, sobald es ein Geräusch macht, verhindert man, dass das Kind seinen natürlichen Schlafrhythmus findet. Ich habe das früher auch nicht verstanden, aber Kinder schlafen in Zyklen. Zwischen diesen Zyklen wachen sie oft auf und weinen, weil sie noch nicht gelernt haben, ihre Schlafzyklen zu verbinden. Am besten wartet man einfach ein bisschen und schaut, ob das Kind von alleine wieder einschläft, wenn nicht, dann kann man es immer noch aufnehmen.
Viele Eltern können es aber nicht ertragen, ihrem Kind beim Weinen zuzuhören.
Dann dauert es einfach länger, bis es zu schlafen lernt. Das Prinzip der Franzosen ist einfach: Wenn das Kind durchschläft, ist die ganze Familie glücklicher.
Was stellte Ihre persönliche Erziehungsmethode auf den Kopf?
Dass es okay ist, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, dass ich neben der Familie auch mal an mich selbst denken darf. Das macht mich nicht zu einer grausamen, selbstsüchtigen Mutter.
Sind Ihre Kinder mittlerweile französisch erzogen?
Ich würde nicht wollen, dass sie nur französisch ticken. Die Idee meiner Bücher ist nicht, dass man seine Kinder in französische Kinder verwandelt. Die Franzosen haben aber gute Ideen, die man mit der eigenen Erziehungsmethode kombinieren kann, egal, ob man chinesisch, amerikanisch oder schweizerisch tickt.
Ihr Mann ist Brite. Haben Sie zu Hause einen ständigen Kulturkonflikt?
Ja, die ganze Zeit. Er ist ununterbrochen ironisch, ich bin mehr geradeaus. Ich versuche, ihn zu mehr Direktheit zu bringen, während er findet, ich müsse endlich mal einen Sinn für Humor entwickeln.
Haben Ihre Kinder auch einen britischen Sinn für Humor?
Ja, das haben Sie. Mein Buch heisst ja im Original «French children don’t throw food». Um mich zu ärgern, werfen meine Kinder ab und zu gern Rüebli über den Tisch. Das ist ihre Version von schwarzem Humor.
Was missfällt Ihnen inzwischen am amerikanischen Familienleben?
Mich schockiert, wie die Amerikaner ihre Kinder ständig mit Snacks füttern. Während den Hauptmahlzeiten sind sie dann frustriert, weil ihre Kinder nicht essen. Die Amerikaner haben richtig Panik, dass ihre Kinder mal hungrig sein könnten und meinen deshalb, man müsse ihnen ein Mal stündlich Snacks verabreichen. Dabei ist es wichtig, auch mal ein bisschen Hunger auszuhalten.
Was raten Sie?
Hier in Frankreich essen Kinder dreimal am Tag eine grosse Mahlzeit: Frühstück, Mittag- und Abendessen. Dazu einen Nachmittagssnack. So entwickeln sie zwischen den Hauptmahlzeiten einen gesunden Hunger.
Welche anderen Essgewohnheiten haben die Franzosen?
Mittags und abends gibt es immer als ersten Gang Gemüse. Wenn die Kinder hungrig sind, dann essen sie auch Gemüse. Ein weiteres Gebot am Tisch ist: Die Kinder müssen nicht alles aufessen, aber sie müssen alles probieren. Je häufiger man etwas probiert, desto eher mag man es auch. Das ist keine Kunst und funktioniert nach meiner Erfahrung sehr gut. Sogar mit meinen Kindern.
Wie wurden Sie selber erzogen?
Ich bin eher so aufgewachsen wie heute die französischen Kinder. In den 90er-Jahren kam dann vielerorts in den Mittelklassefamilien die überbemühte, intensive Kindererziehung auf. Unsere Elterngeneration ist überrascht darüber, wie wir unsere Kinder erziehen. Wenn ich meiner Mutter von der französischen Kindererziehung erzähle, sagt sie: «Das ist genau das, was ich gemacht habe.» Sie hat zum Beispiel nie ein spezielles Kindermenü gekocht. Und damals hatten die Eltern noch mehr Autorität. Heutzutage haben Eltern mehr Mühe damit, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Als ich Kind war, war es für Eltern klar, dass sie die Autorität in der Familie haben.
Sind die Franzosen überhaupt offen für neue oder andere Erziehungsformen?
Nicht wirklich. Sie haben eine sehr pragmatische, traditionelle Kultur, die sie gern so beibehalten möchten. Sie sind ziemlich veränderungsresistent.
Französische Eltern leben mit ihren Kinder ja auch nicht auf gleicher Höhe, sie funktionieren eher autoritär.
Klar. Als Elternteil ist man der Boss. Man kann ja nicht über alles mit den Kindern diskutieren. Wenn sie das Gefühl haben, dass alles verhandelbar ist, werden sie unerträglich. «Autorität haben» heisst ja nicht, wie ein Herrscher Entscheidungen zu treffen, ohne Erklärungen abzugeben. Die Franzosen glauben, dass es wichtig ist, der Anführer der Familie zu sein und den Kindern trotzdem gut zuzuhören, für ihre Bedürfnisse und Emotionen Verständnis zu haben. Aber da ziehen sie wenn nötig die Grenzen und sagen «Non!». Diesen Rahmen nennen sie «le cadre».
Man könnte zusammen mit den Kindern auch einen Kompromiss anstreben.
Es geht den Franzosen nicht darum, ständig Nein zu sagen. Aber: Was sie sagen, gilt. Die Kinder sollen sich nicht ständig herausmanövrieren können.
Sie schreiben von Eltern, die vielerorts die Sklaven ihrer Kinder sind. Was bedeutet das für Sie?
Keine Zeit für sich selbst zu haben. Die Kinder ständig zu allen Freizeitaktivitäten zu chauffieren. Kinder zu haben, die nicht mal zum Spielen allein rausgehen oder sich selbst beschäftigen können. Man nennt sie auch Helikoptereltern, die ständig um ihre Kinder kreisen.
Gibt es überhaupt einen Mittelweg zwischen dem Sklavendasein und der Freiheit als Elternteil?
Natürlich. Das ist genau das, was die Franzosen versuchen: das «equilibre», die Balance, zu finden. Ihr Ziel ist es, stark am Leben ihrer Kinder und deren Bedürfnissen interessiert zu sein und ihnen so viel Liebe wie möglich zu geben. Das bedeutet für sie aber nicht, jede Minute mit ihren Kindern zu verbringen. Das amerikanische und britische Ideal ist eher: Je mehr du für dein Kind opferst, desto besser bist du als Mutter. Das französische Ideal ist: Du sollst eine hingebungsvolle Mutter sein und dir trotzdem Zeit für dich selbst nehmen.
Sind französische Eltern schlicht zu faul, um sich mit ihren Kindern abzugeben?
Das ist gar nicht mein Eindruck. Wenn ich denken würde, die Franzosen würden ihre Kinder kalt lassen, hätte ich kein Buch über ihre Erziehungsmethoden geschrieben.
Wie schaffen Sie es, die Erwachsenenzeit von der Kinderzeit so klar zu trennen?
In Amerika zum Beispiel ist es normal, dass alle Eltern beim Kindergeburtstag dabei sind. Hier liefert man sein Kind ab und gönnt ihm eine gute Zeit. Die Franzosen sind weggekommen von der Vorstellung, dass das Kind nur glücklich ist, wenn es mit den Eltern Zeit verbringt. Französische Mütter sagen mir oft: «Wenn ich mit meinen Kindern bin, gebe ich 100 Prozent.» Der Unterschied ist nur, dass sie sich nicht schuldig fühlen, wenn sie ohne ihre Kinder unterwegs sind.
Wie verstehen Kinder, dass ihre Eltern auch mal Zeit für sich brauchen und ihre eigenen Bedürfnisse haben?
Man erklärt es ihnen einfach. Kinder verstehen mehr, als man denkt, sie sind sehr rational. Ich sage manchmal klar zu meinen Kindern: Ich muss jetzt mal Zeit mit meinen Freunden verbringen. Sie verstehen das.
Französinnen wollen ihre Weiblichkeit nicht im Gebärsaal abgeben. Wie geht das?
Für sie bedeutet das Muttersein keine Aufgabe der Weiblichkeit. Nur weil man Kinder hat, soll man nicht mehr sexy sein? Sie achten zum Beispiel darauf, in der Schwangerschaft nicht zu viel zuzunehmen. Sie lassen sich nicht gehen. Und die Französinnen haben die Drei-Monats-Grenze: Sie widmen sich drei Monate ganz dem Baby, danach versuchen sie wieder Intimität mit ihrem Partner zu haben und sich wieder wie eine Frau zu fühlen. Neben dem Familienleben ist eben auch die Partnerschaft wichtig.
Schwanger sein und Diät halten? Das klingt ja ziemlich grausam.
Nein, natürlich machen sie keine Diät. Sie halten sich nur an die Empfehlung des Arztes.
Erhöht dieser Stereotyp der fürsorglichen, gut aussehenden Mutter nicht den Druck, Superwoman zu sein?
Definitiv. Französische Mütter stehen unter grossem Druck. Sie wollen erfolgreich sein, arbeiten und ihren Kindern abends ein tolles Menü servieren.
Wie machen sie das?
In Paris gibt es garantiert viele gestresste Mütter. Aber es ist wichtig, sich das Recht herauszunehmen, auch mal eine Nacht ausserhalb zu verbringen oder wieder arbeiten zu gehen. Die Frauen, die ich kenne, die nur zu Hause sind, scheinen mir viel gestresster zu sein als diejenigen, die eine Balance haben.
Ein interessantes Erziehungsparadigma der Franzosen ist, dass sie kleinen Kindern eher Soft Skills wie Empathie oder das Teilen vermitteln als Fremdsprachen oder Lesen und Schreiben.
Die Kinder in Frankreich lernen frühestens mit sechs Jahren zu lesen. Klar können sie schon einzelne Buchstaben oder ihren Namen schreiben. Vorher lernen die Kinder Dinge wie Gruppendynamik, Zuhören, Höflichkeit, Geduld. In Amerika meint man, je früher man Kindern Mathematik und Grammatik beibringt, desto intelligenter und erfolgreicher werden sie später sein. Gerade hat wieder eine Studie belegt, dass es nichts bringt, wenn Kinder schon mit vier Jahren Lesen lernen.
Was denken Sie eigentlich über Ihr asiatisches Pendant, die «Tiger Mom» Amy Chua?
Es gibt Überschneidungen mit meinem Buch. Auch sie denkt zum Beispiel, dass es schadet, wenn wir unsere Kinder ständig loben, und kritisiert wie ich die «Helikoptereltern». Im Gegensatz zu den Franzosen ist Amy Chua aber dafür, dass Eltern jeden Tag mehrere Stunden aufwenden sollten, um mit ihrem Kind Geige zu üben.
Pamela Druckerman: «Was französische Eltern besser machen», Mosaik Verlag, ab Fr. 18.30 bei Ex Libris .
Autor: Silja Kornacher
Fotograf: Julien Benhamou