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Wie einfach und unkompliziert muss die Weltordnung Anfang des 19. Jahrhunderts gewesen sein, als der englische Ökonom David Ricardo, aufbauend auf den Erkenntnissen von Adam Smith, die Theorie des Komparativen Kostenvorteils aufstellte. Diese Theorie besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass jedes Land die Wirtschaftsgüter produziert, deren Produktionsprozess es am besten beherrscht. In der Theorie führt dies zu Globalisierung, die Wohlstand und Frieden für alle Völker der Erde ermöglicht. Gut 200 Jahre später wissen wir, dass die Schattenseite der Globalisierung die Abhängigkeit von anderen Nationen ist. Oder wie es der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Anan ausgedrückt hat: «Die Globalisierung der Wirtschaft ist eine Tatsache. Aber ich fürchte, dass wir ihre Anfälligkeit unterschätzt haben.»
Die Aktienmärkte sind in den letzten 70 Jahren auch dank der Globalisierung angestiegen. Im Jahr 2022 sehen wir uns jedoch mit einer neuen Weltordnung konfrontiert. Um die Zukunft der Aktienmärkte zu verstehen, muss die Zukunft der Globalisierung betrachtet werden. Der Krieg in der Ukraine wird Folgen für das Weltgleichgewicht haben, die weit über das Ende der Kämpfe hinausgehen werden und deren Konturen sich bereits jetzt abzuzeichnen beginnen. Die russische Invasion in der Ukraine hat den Traum von einer Welt in Frieden und Freiheit, die auf Handel und Homogenisierung des Konsums basiert und nach zwei Jahren Covid-19 bereits auf die Probe gestellt wurde, zerstört. Die Erschütterungen der Lieferketten haben die Lebensmittel-, Energie- und andere Rohstoffmärkte erschüttert und einen Anstieg der Preise zur Folge gehabt. Einige der einflussreichsten Investoren glauben, dass diese Störungen die Weltordnung und die Globalisierung für immer verändert haben könnten. Unternehmen und Regierungen auf der ganzen Welt müssen daher ihre Abhängigkeiten überdenken und ihre Liefer-, Fertigungs- und Montageketten überprüfen. Das Jahr 2022 bringt darüber hinaus auch eine Verschiebung der geopolitischen Gleichgewichte mit sich. Nach den Sanktionen und der Isolation durch die internationale Gemeinschaft hat Russland damit begonnen, die wichtigsten Verhandlungstische zu verlassen. Auf der anderen Seite wird das von Russland angeblich befürchtete Szenario einer Ausdehnung der NATO an der russischen Grenze nun erst recht Realität und so dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis das militärisch schwer bewaffnete Finnland und Schweden ebenfalls dem Nordatlantikpakt beitreten. Somit werden weitere europäische Staaten ihre Unabhängigkeit aufgeben und sich in Richtung der USA orientieren. Es bleibt die Frage: Quo vadis, Europa? Kurz gesagt, eine neue Welt, die sich auf eine neue historische Phase vorbereitet, in der sogar China, das aufgrund des Fehlens eines wirksamen Impfstoffs noch immer mit Covid-19 zu kämpfen hat, seine Ambitionen zurückschrauben muss.
Ist das Ende der Globalisierung gekommen?
Der Kriegsausbruch ereignete sich nach einer zweijährigen Pandemie, die bereits die Beziehungen zwischen Nationen, Unternehmen und sogar zwischen Menschen gestört hatte. Für Larry Fink wird die russische Invasion in der Ukraine die Weltwirtschaft umgestalten und der Globalisierung, die wir in den letzten 30 Jahren erlebt haben, ein Ende bereiten. Unternehmen und Regierungen werden ihre Abhängigkeiten von anderen Nationen von nun an umfassender betrachten. Dies könnte dazu führen, dass einzelne Unternehmen mehr Onshore-Operationen betreiben, was zu einem schnelleren Rückzug aus einigen Ländern führt. Die Reaktion westlicher Unternehmen auf den Einmarsch Russlands beweist die Macht der Kapitalmärkte, indem sie Kapital für diejenigen bereitstellen, die konstruktiv innerhalb des Systems arbeiten, und auf der anderen Seite denen verweigern, die ausserhalb des Systems operieren. Russland wurde von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten. Diese Reaktion zeigt, was erreicht werden kann, wenn sich Unternehmen, unterstützt von ihren Interessenvertretern, gegen Gewalt und Aggression zusammenschliessen.
Das Post-Globalisierungs-Szenario
Ist die Globalisierung also für immer vorbei? Um zu verstehen, wie die Welt von morgen aussehen wird, gilt es zwei mögliche Szenarien zur Globalisierung zu betrachten, wobei zwischen einem optimistischen und einem pessimistischen unterschieden wird.
Das optimistische Szenario beruht auf der Argumentation, dass die kommerziellen Folgen der aktuellen Situation insgesamt begrenzt sein könnten, da Russlands wirtschaftliches Gewicht in der Welt nahezu unbedeutend ist: Es trägt nur 1,7% zum globalen BIP und etwa 1,5% zum Welthandel bei. Betrachtet man Europa, macht Russland nur 5% der Handelsströme für die Europäische Union aus, während Moskaus Handel mit den 27 EU-Staaten 37% seines Import-Exports ausmacht. Auf China hingegen entfallen 14% der russischen Exporte und die Handelsströme mit Peking nehmen ständig zu. Daher wird Russland nach diesem Szenario kurzfristig eine schwere Rezession erleiden – die Weltbank prognostiziert, dass das BIP von Russland im Jahr 2022 um mindestens 10% schrumpfen wird –, aber die Folgen für die Weltwirtschaft eingedämmt werden könnten. Die Lieferketten werden jedoch vor allem auf regionaler Ebene unter Druck bleiben: Die Mittelmeer-Schwarzmeer-Route ist praktisch blockiert, die Frachtraten für den Transport von Getreide aus Russland und der Ukraine haben sich in den letzten Wochen verdoppelt. Im Rahmen des sogenannten strategischen Autonomie-Ansatzes sind Initiativen zur Steigerung der «europäischen» Produktion von Hightech-Vorprodukten zu erwarten, die die fortschreitende Abkoppelung von Asien und eine Annäherung an die USA zur Folge haben. Dieser Ansatz muss sich jedoch mit der Verfügbarkeit von Rohstoffen befassen, da diese oftmals nicht in «befreundeten» Staaten verfügbar sind und somit ein Austausch von Lieferanten erschwert wird.
Das pessimistische Szenario geht hingegen von der Bildung gegensätzlicher Wirtschafts- und Handelsblöcke aus, falls beispielsweise China Partei für Russland ergreifen sollte. Dieser Schritt, der derzeit als unwahrscheinlich angesehen wird, würde sekundäre Sanktionen gegen Peking auslösen, die sich sehr stark auf die westlichen Volkswirtschaften, aber auch auf die chinesische auswirken würden. Auf China entfallen über 10% der europäischen Exporte und 22% der Importe: Dies belegt, dass China aus Handelssicht einen viel grösseren Einfluss auf unsere Wirtschaft hat als Russland. Die Kosten der Marktfragmentierung wären in diesem Szenario sehr hoch. Kurzfristig würden Sanktionen gegen China zu einem starken Rückgang des internationalen Handels und zu einer erneuten Lähmung der wichtigsten Lieferketten führen, was schwerwiegende Auswirkungen auf die westliche Wirtschaft hätte. Sollte dieses Szenario eintreten, könnten mittelfristig zwei grosse Gegenblöcke entstehen: auf der einen Seite die westlichen Länder, auf der anderen Seite China, das Russland und andere Länder Südostasiens in seinen Orbit aufnehmen würde. Der potenzielle wirtschaftliche Schaden dieser Trennung wäre für beide Wirtschaftsblöcke erheblich.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass man, um die Zukunft der Märkte verstehen zu können, auch die Zukunft der Globalisierung verstehen muss. Dies insbesondere durch die hohe Korrelation zwischen dem Wachstum der Aktienmärkte auf der einen und der Globalisierung auf der anderen Seite. Eine Abkehr von der Globalisierung, in der der Westen weniger Handel und Geschäfte mit dem Wirtschaftsblock Russland-China (und eventuell anderen Ländern) betreiben würde, bedeutet in der Konsequenz auch weniger Aufwärtspotenzial für die Aktien. Denn all dies würde zu weniger Gewinnchancen für die Unternehmen führen.