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Die Seele als Fratze
“Das Bildnis des Dorian Gray” von Oliver Parker
Wenn die Pressestimmen auf einem DVD-Cover von hierzulande unbekannten Medien stammen, verheisst dies meist nichts Gutes. Wenn es sich dabei jedoch um eine Verfilmung von Oscar Wildes Romanklassiker “The Picture of Dorian Gray” handelt, die obendrein noch vielversprechend besetzt ist, ist es jedoch kaum verwerflich, dem Film eine Chance zu geben. Leider hat er diese trotzdem nicht verdient.
Von Lukas Hunziker.
Oliver Parkers “Dorian Gray” ist nicht die erste Verfilmung von Oscar Wildes einzigem Roman. Seit 1913 sind nicht weniger als 14 Filme erschienen, welche auf Wildes Vorlage basieren. Ihrer Vorlage treu jedoch blieben die wenigsten, und fast alle machten den Fehler, den Roman auf die äussere Handlung zu reduzieren und diese in das Korsett des Horrorfilms zu zwängen. Auch Oliver Parkers Verfilmung konnte der Versuchung nicht widerstehen, sein Publikum mit billigen Effekten gruseln zu wollen. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum sein “Dorian Gray” die Liste missglückter Verfilmungen des Romans nur erweitert, anstatt Wilde endlich einmal fürs Kino zu retten.
Der Horror auf dem Dachboden
“Das Bildnis des Dorian Gray” erzählt die Geschichte des elternlosen Jünglings Dorian Gray, dessen schöne Gestalt nicht nur weibliche Blicke sehnsüchtig auf ihn fallen lässt: Dorians grösster Bewunderer ist der Maler Basil Howard, welcher dessen jugendliche Schönheit auf einem Gemälde verewigt. Als Dorian bewusst wird, dass er nur auf diesem Portrait jung und schön bleiben wird, beginnt er sich zu wünschen, es sei umgekehrt und er bliebe jung, während der Dorian im Gemälde altert.
Zuerst merkt Dorian nicht, dass sein Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht. Zusammen mit seinem hedonistischen Freund Lord Henry Wotton zieht er durch die Freudenhäuser und Opiumhöhlen Londons und geniesst das Leben in vollen Zügen. Erst als er eine junge Frau mit falschen Liebesbezeugungen in den Selbstmord treibt, bemerkt er, dass sein zunehmend lasterhaftes Leben keine Spuren in seinem Gesicht hinterlässt, wohl aber auf jenem seines Portraits. Je unmoralischer Dorian in seiner Genusssucht handelt, desto dämonischer werden die Züge des einst schönen jungen Mannes auf dem Gemälde. Schliesslich sieht er sich gezwungen, sein Geheimnis auf dem Dachboden zu verstecken. Allerdings dauert es nicht lange, bis Basil das Fehlen seines Meisterwerks auffällt und er um dessen Rückgabe bittet – und das kann Dorian um keinen Preis zulassen.
Wenn Bilder bluten, bluten auch Zuschauer
In Wildes Roman wird das Gemälde auf dem Dachboden zum Spiegel von Dorians Seele. Der Preis, den er für seine ewige Schönheit bezahlt, ist hoch; das Gemälde erinnert ihn stets daran, dass sein Leben eine Lüge ist und seine Schönheit eine Maske, unter der sich ein Monster verbirgt. Der Horror im Roman besteht darin, dass das Gemälde ihm seine Seele als Gesicht zeigt. Wie schon die TV-Verfilmung von 1973 hat Oliver Parker in seiner Verfilmung den Fehler gemacht, aus dem Gesicht eine geisterbahntaugliche Fratze werden zu lassen. Es mag sein, dass dies die einzige Lösung ist, da es tatsächlich schwierig sein dürfte, die Korruption der Seele in den Gesichtszügen auf einem Portrait darzustellen, egal auf welches Special Effects Team man zurückgreifen kann.
Trotzdem hätte Parker Dorians Sündenfall kaum unglücklicher darstellen können. Anstatt nur die Gesichtszüge des gemalten Dorians schrittweise und subtil zu verändern, lässt Parker das Bild bluten und zerfallen. Dies ist nicht nur als Effekt erbärmlich, sondern auch nicht im geringsten mit der Romanvorlage vereinbar; wenn das Gemälde nämlich die Veränderung der Seele zeigt, warum sollte es dann Blut absondern? Doch die Effekthascherei in der Umsetzung des Horrorelements ist nicht der einzige Fehler, welchen Parker gegangen hat. So lässt er Dorian in der zweiten Hälfte des Films um seine Seele kämpfen, mit Hilfe von Henry Wottons Tochter Emily, die als einzige noch an das Gute in Dorian glaubt. Vor dem stümperhaft inszenierten Finale gibt es also zu allem Übel auch noch eine gute Portion unangebrachtes Melodrama.
Dass Colin Firth und Rebecca Hall sich auf das eigentlich schon vom Drehbuch her zum Scheitern verurteilte Projekt einliessen, ist so unverständlich wie unverzeihlich. Obwohl der Film mit einer besseren Besetzung der Hauptrolle, einem talentierteren Regisseur und subtileren Special Effects vielleicht noch knapp erträglich gewesen wäre. In Parkers Fassung aber vermag der Film nicht in einer einzigen Szene zu überzeugen. Die Sexszenen gehören zum Unerotischsten, was die Leinwände dieser Welt je gesehen haben, die Dramaturgie ist uninspiriert, Ben Barnes in der Hauptrolle ein regelrechtes Desaster und die Special Effects spotten jeder Beschreibung. Okay, sagen wir’s noch deutlicher: Oliver Parkers “Dorian Gray” ist der vielleicht mieseste Mainstreamfilm, der 2009 nicht in die Schweizer Kinos kam, und wohl eine der schlechtesten Literaturverfilmungen der letzten Jahre.
Ausstattung
Wenn Sie jetzt tatsächlich lesen wollen, was die DVD an Bonusmaterial bietet, dann war der letzte Satz des obigen Abschnitts wohl noch immer nicht deutlich genug. Seufz, dann werden wir halt noch deutlicher: diese DVD ist den Kauf auch dann nicht wert, wenn sie das fantastischste Bonusmaterial der Welt zu bieten hätte. Hat sie aber nicht. Mit entfallenen Szenen, Interviews, Outtakes, Trailer und Featurettes hat sie zwar ordentlich was Extras zu bieten. Aber eben … nein, nochmals sagen wir es nicht.
Seit dem 10. September 2010 im Handel.
Originaltitel: Dorian Gray (Grossbritannien 2009)
Regie: Oliver Parker
Darsteller: Ben Barnes, Colin Firth, Rebecca Hall, Ben Chaplin, Rachel Hurd-Wood
Genre: Gruseldrama
Dauer: 112 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Entfallene Szenen, Featurettes, Outtakes, Interviews mit Cast und Crew, Trailer
Vertrieb: Warner
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