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Kopie der Zeitung "Der Bote" vom 11. Januar 1956, Seite 7 . Von Elena Klassen.
Merke, Turkestan – Liebe Mama, Magret, Eddie und Herman! Haben deinen Brief, Mama, vom 26. Oktober erhalten. Wir freuen uns sehr, daß du endlich unsere Briefe bekommst. Du schreibst, daß du deine monatliche Pension bekommst; es tut uns leid, daß du fast bis zu deinem 65 Jahr hast schwer arbeiten müssen. Hier gibt es früher Pension für die Angestellten und Arbeiter, und dann können sie wie sie wollen – weiter arbeiten oder ausruhen.
Du schreibst, Eddie und Herman arbeiten auch. Hier dürfen die schulpflichtigen Kinder nicht arbeiten, sie bekommen die volle Möglichkeit zum Lernen.
Wir wohnen in einem russischen Dorf, Merke, und können in der Buchhandlung verschiedene Bücher haben, auch englische und auch Lieder.
Von 1947 wohne ich mit meiner Familie in Merke. Bis 1947 lebte ich mit meiner Frau auf verschiedenen Plätzen. Wir haben ein Haus mit elektrischer Bedienung, und eine kleine Wirtschaft. (Kuh, Hühner usw.) Wir arbeiten beide als Lehrer. Ich trage Englisch in einer russischen Hochschule vor. Ich habe fünf Jahre englisch studiert. Meine Frau, Barbara, in einer Kosaken-Hochschule deutsch. Tochter Nelly lebt auch mit uns, sie hat als Arzt studiert und arbeitet im Krankenhaus. Wir drei zusammen verdienen 2500 Rubel im Monat, nach Eurem Geld 625 Dollar. Somit haben wir, wie Ihr seht, ganz gut zu leben, und Ihr braucht uns keine Pakete zu schicken. Reis und Zucker haben wir auch genug.
Von Heinrich Bärgen, Margarets Mann Eddie und Hermans Papa, bekamen wir den letzten Brief 1948, aus der Stadt Karaganda. Nach 1948 sind all meine Briefe nicht mehr beantwortet worden. Tante Dietrich Janz ist 1943 gestorben und Anuschka, Vitjas Frau Janz starb 1944. Die Kinder von Dietrich Janz, Heinrich, Mitja, Herman und Liese, und die Kinder von Aeltesten Heinrich Janz, Heinz und Kätie, waren 1946 noch gesund und am Leben. Hier ist es im Sommer sehr heiß, aber im Winter nicht kalt. Die Janzens sind alle im Norden von Kasachstan oder Sibirien.
Ich erinnere mich noch, wie dein Heinrich mich hier in Sibirien fand. Es sah so gut aus, so jung und schön, wie ich ihn vorher in der alten Heimat nie gesehen hatte. Das Klima war doch wohl so gesund in Sibirien. Als er dann die Photographien von Eddie und Herman sah, erbat er sie für sich. Er sagte: „Für dich haben sie doch keinen solchen großen Wert, wie für mich. Ich bin doch der Vater.“ Er nahm sie. Er rief: „Wo ist aber meine Frau? O, mein Eddie! O, mein Herman! Und wo ist die Mutter? Wo ist doch der kranke Heinz?“ Liebe Kinder, Eddie und Herman! Euer Vater fühlte doch wohl, daß ein Wiedersehen kaum möglich war. Er weinte dann sehr, weinte und weinte. Ich konnte ihn nur beruhigen, und sagte: „Harren und Hoffen hat schon manchen getroffen.“ Ich war ja auch in der Lage, wie er, wußte nicht, wo Tobias war und alle Angehörigen.
Von mir fuhr er zu seiner Schwester Aganeta Martens zur Stadt Karaganda. Dies war 1946. Dann bekamen wir 1948 noch einen Brief, und von dann an hat er keine Briefe mehr beantwortet, und wir wissen nicht mehr, was da geworden ist.
Das Klima wirkt hier schlechter auf mich als in Sibirien. Dort sah ich gesund und stark aus, und hier haben ich schon ein paar Jahre starke Kopfschmerzen. Hier ist die Gegend gebirgig, der Luftdruck stärker. Tobias sieht aber gut aus, er erholt sich gut von Milch. Mich freut es sehr, daß die Kinder Eddie und Herman arbeiten, weil man nur durch Arbeiten ein Mensch werden kann. Sie müssen eben ihrer Mutter helfen. Ich schätze es auch sehr hoch, daß ihr zwei Frauen, du Mama und du Margret, Euch durch eigene Arbeit habt ein Obdach geschafft.
Es grüßen und küssen Euch alle Barbara, Tobias, Nelly und Lydia Bergmann.
Eingesandt von Maria Bergmann, 9475 Nottingham, Detroit 24, Mich.