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von Dr. Eva-Maria Föllmer-Müller
Der Welternährungstag, den es seit dem 1. Oktober 1945 gibt und der in 150 Ländern begangen wird, ist auch 2013 ein Welthungertag, denn noch immer hungern weltweit 842 Millionen Menschen. Das entspricht rund einem Achtel der Weltbevölkerung. Dies geht aus einem Anfang Oktober veröffentlichten Bericht der Welternährungsorganisation FAO hervor. Man stelle sich vor: Obwohl wir heute genug Nahrungsmittel herstellen, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, muss jeder 8. Mensch auf unserem Planeten hungern! Papst Franziskus nennt es zu Recht einen «Skandal», dass es immer noch Hunger und Unterernährung in der Welt gibt (siehe unten). Die meisten chronisch Hungernden leben in «Entwicklungsländern», 295 Millionen davon in Südostasien. In Subsahara-Afrika ist ihr Anteil an der Bevölkerung am höchsten, dort ist jeder Vierte betroffen.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Welthunger-Index 2013. Er zählt weltweit 19 Länder, in denen die Ernährungssituation prekär ist, der Grossteil auch hier in Südostasien und Subsahara-Afrika. Besonders ernst sei die Versorgungslage derzeit in Burundi, auf den Komoren und in Eritrea. Verbessert hat sich die Lage vor allem in Ost- und Südostasien und in Lateinamerika.
Weitere 2 Milliarden Menschen leiden laut FAO an Vitamin- oder Mineralstoffmangel. Ein Drittel aller Lebensmittel werden verschwendet oder gehen verloren, bevor sie auf den Teller kommen. Eines der vorrangigen Ziele ist es daher, so FAO-Generaldirektor José Graziano da Silva, diese Verschwendung zu beenden. Denn damit könnten fast zwei Milliarden mehr Menschen ernährt werden, ohne dass ein einziges weiteres Kilogramm produziert werden müsste.
Laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef sterben jedes Jahr rund 3,1 Millionen Kinder an Unterernährung; 2,6 Millionen davon sind Kinder unter 5 Jahren. Jedes vierte Kind unter 5 Jahren ist nach Angaben der FAO auf Grund von Unter- oder Fehlernährung unterentwickelt und wird nie sein volles physisches und kognitives Potential entfalten können.
In seinem Buch «Wir lassen sie verhungern» beschreibt Jean Ziegler eindrücklich die Folgen, die eine lang andauernde Unterernährung, zu der auch der Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen gehört, für einen jungen Menschen hat: «Vitamin- und Mineralstoffmangel kann nämlich zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen führen: erheblich gesteigerte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Blindheit, Blutarmut, Antriebslosigkeit, Einschränkung der Lernfähigkeit, mentale Retardierung, angeborene Missbildungen, Tod.» (vgl. Thomas Kaiser «Hunger ist kein Naturgesetz, sondern politisch gewollt», Zeit-Fragen Nr. 25 vom 5.8.2013).
Um diesen weltweiten skandalösen Zustand zu verändern, legt die FAO den Schwerpunkt auf die Verbesserung des Ernährungssystems* und ein breiteres Verständnis des Hungerproblems.
Der FAO-Bericht stellt fest, dass Wirtschaftswachstum zwar potentiell dazu beiträgt, den Hunger zu verringern. Häufig kommt dieses Wachstum aber nicht bei den Menschen an. Der überwiegende Teil der weltweit Hungernden sind Bauern und Familien im ländlichen Raum. Auch das ist ein Skandal, da gerade sie einen grossen Anteil an der Lösung des Hungerproblems haben.
Kanayo Nwanze, Präsident des International Fund for Agricultural Development, wies bei den Eröffnungsfeierlichkeiten des Welternährungstages auf die Bedeutung der Kleinbauern hin: «Wir wissen, dass bäuerliche Kleinbetriebe zu nachhaltigen Ernährungssystemen beitragen können, wenn sie auf eine gut funktionierende Infrastruktur sowie Unterstützung von Politik und Institutionen zurückgreifen können. Das sehen wir in Brasilien, China, Malaysia und in Vietnam.»
Es ist daher sehr zu begrüssen, dass die Uno-Generalversammlung das kommende Jahr zum «Internationalen Jahr der landwirtschaftlichen Familienbetriebe» erklärt hat (siehe Kasten). Die Ausgestaltung (Implementierung) des Internationale Jahres liegt bei der FAO.
Auch wurde am Welternährungstag die Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der FAO und dem Internationalen Genossenschaftsverband «International Cooperative Alliance» (ICA) mit einer Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) beschlossen. Sie dient der Vertiefung der im Internationalen Jahr der Genossenschaften 2012 begonnenen breiteren Zusammenarbeit.
Eine weitere Vertiefung der Zusammenarbeit wurde in einer Absichtserklärung zwischen der FAO und der Internationalen Föderation des Roten Kreuzes und der Roten Halbmondgesellschaften festgehalten. In einem Aktionsplan wurde die vermehrte Zusammenarbeit beschlossen. Dieser konzentriert sich unter anderem auf die Stärkung der Widerstandskraft der Bevölkerung, gemeinsam abgestimmte Antworten bei der Arbeit vor Ort, Interessenvertretung und Kommunikation, Entwicklung von Kapazitäten und Wissen und Teilhabe an Informationen.
All diese Entwicklungen sind auch eine volle Bestätigung der Ergebnisse des Weltagrarberichts, der nicht zuletzt mit dem Erscheinen des UNCTAD-Berichts 2013 (Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen, UNCTAD) «Wake up, before it's too late» («Erwacht, bevor es zu spät ist») in die Agenda der Ernährungssicherheit aufgenommen wurde. Der Bericht deklariert den vom Weltagrarbericht vor fünf Jahren geforderten Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft, in den reichen und armen Ländern, von den Monokulturen hin zu einer grösseren Vielfalt der Kulturen zu kommen. •
* Ein Ernährungssystem umfasst Umfeld, Menschen, Institutionen und Prozesse, durch welche landwirtschaftliche Produkte hergestellt, verarbeitet und zum Verbraucher gebracht werden.
«Die Generalversammlung, …
bekräftigend, dass landwirtschaftliche Familienbetriebe und kleinbäuerliche Landwirtschaft eine wichtige Grundlage für nachhaltige Nahrungsmittelerzeugung mit dem Ziel der Ernährungssicherung sind,
anerkennend, dass landwirtschaftliche Familienbetriebe und kleinbäuerliche Landwirtschaft einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung und zur Armutsbekämpfung und damit Erreichung der international vereinbarten Entwicklungsziele, einschliesslich der Milleniums-Entwicklungsziele leisten können,
beschliesst, das Jahr 2014 zum Internationalen Jahr der landwirtschaftliche Familienbetriebe zu erklären.»
(A/ Res/66/222)
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