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«Wir werden uns scheiden lassen», sagt Mutter Helle (Neel Rønholt) zu ihren beiden Töchtern. «Weil euer Vater sich entschieden hat, eine Frau zu sein.» Thomas (Mikkel Boe Følsgaard) ist transgender und wird zu Agnete.
«A Perfectly Normal Family» beginnt mit dieser Verkündung am Küchentisch. Und begleitet die Familie über mehrere Monate hinweg.
Anfang der 2000er, als die Geschichte spielt, war das Thema Transgender noch viel weniger bekannt als heute.
Der Vater der Regisseurin heisst Helene
Vor allem die 11-jährige Emma (Kaya Toft Loholt) kann mit der Veränderung nicht umgehen. Sie identifizierte sich mehr mit ihrem fussballverrückten Vater als mit ihrer Mutter oder der 14-jährigen Schwester (Rigmor Ranthe).
Erzählt wird der Film aus Emmas Perspektive. Diesen Blick hat die dänische Regisseurin Malou Reymann nicht zufällig eingenommen. Ihr eigener Vater ist transgender. Heisst heute Helene. Als Malou Reymann elf Jahre alt war, begann ihr Vater die Geschlechtsanpassung.
Die 31-jährige Regisseurin nennt Helene noch immer «Dad», benutzt heute aber das Pronomen «sie».
«Ich mache diesen Film nicht als Therapie», sagt Malou Reymann in einem Interview. «Die habe ich schon hinter mir. Ich wusste, dass es bei dieser Arbeit nicht um mich ging.»
Sehr wichtig war ihr das Casting. Besonders begeistert ist sie von Kaya Toft Loholt, die Emma spielt. Bei den Dreharbeiten war sie erst zehn Jahre alt. Doch sie konnte sich sofort in die Rolle hineinfühlen. «Ihr Vater ist taub. Sie weiss, wie es ist, jemanden zu lieben, der anders ist», sagt die Regisseurin.
Vorwurf: Cis-Mann statt Trans-Frau
Mit einer Besetzung sind aber einige Filmkritiker und LGBTQ-Bloggerinnen unzufrieden: Reymann besetzte die Rolle der Trans-Frau Agnete mit einem Cis-Mann. Also einem Mann, dessen Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde.
Die Kritischen finden, dass eine Trans-Frau auch von einer Trans-Schauspielerin verkörpert werden soll. Sie habe jedoch gar nie nach einer Trans-Schauspielerin gesucht, sagt Regisseurin Reymann.
Das Zurechtfinden in einem neuen Körper sei bei der Rolle sehr wichtig. «Jemanden zu finden, der die Anpassung gerade durchmacht, wäre unglaublich schwierig gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass es kaum möglich wäre, gleichzeitig vor der Kamera zu stehen.»
Und eine Frau, die die Anpassung hinter sich hat, wäre bereits im neuen Körper angekommen. «Schauspieler Mikkel Boe Følsgaard hat das alles zum ersten Mal durchlebt. Wie seine Figur Agnete.»
Die Besetzung habe sie mit ihrem Vater besprochen. «Sie unterstützte die Entscheidung. Also beschloss ich, dass es okay ist.»
Kein Selbstporträt, aber trotzdem die eigene Geschichte
Malou Reymann liess sich zwar von ihrer eigenen Geschichte inspirieren. Sie wollte im Film jedoch nicht sich selbst und ihren Vater porträtieren.
So erzählte sie den Schauspielerinnen kaum von ihren eigenen Gefühlen während ihrer Jugend. Mikkel Boe Følsgaard, der Thomas/Agnete spielt, traf Vater Helene nie.
Trotzdem spürt man die Liebe, die Malou Reymann zu all ihren Figuren hat. Obwohl Emma im Zentrum steht, zeigt die Regisseurin auch den Schmerz, die inneren Kämpfe und die Verwirrung aller anderen Familienmitglieder. Alle machen Fehler. Und alle geben ihr Bestes, um mit der neuen Situation umzugehen.
Kinostart: 19.11.2020