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Die Popkritikpäpste sterben aus, der Algorithmus übernimmt: Eine schlechte Nachricht für die ausgeprägten Egos der Radio-DJs und den Death Dubstep aus Usbekistan.
Vor einigen Wochen hörte ich bei Spotify, einem Musik-Streaming-Dienst aus Schweden, einige Songs von Shuggie Otis, dem verlorenen Wunderkind des US-amerikanischen R ’n’ B der siebziger Jahre. Seitdem empfiehlt mir Spotify Musik. Wenn mir Otis gefalle, möge ich doch mal Dr. John testen. Oder ESG. Oder Karen Dalton. Was, bitte, haben der Voodoopriester aus New Orleans, die nuyorikanische Postpunk-Funk-Schwestern-Band und die längst verblichene Veteranin der Greenwich-Village-Folkszene der sechziger Jahre gemein? Eigentlich herzlich wenig, bis auf eine gewisse Reputation bei der Popkritik. Kein Formatradio dieser Welt würde Otis, Dr. John, ESG und Dalton gemeinsam auf eine Playlist setzen. Dennoch scheinen mir die Spotify-Vorschläge irgendwie plausibel, ich fühle mich geschmeichelt, dass der Algorithmus meinen halbwegs erlesenen Geschmack zu würdigen weiss. Und ein bisschen beängstigt. Wie macht er das? Schaut er heimlich in meine Plattensammlung? Hört er mit?
«Fuck Spotify»
Eine Vocoder-Geisterstimme droht: «You don’t know me but I know you.» Inzwischen variieren Spotify und der Geheimdienst NSA laufend diese Zeilen aus dem Laurie-Anderson-Song «O Superman» von 1981, der sie bekannt gemacht hat. Weiss der Algorithmus mehr als der Plattenhändler oder die Kritikerin meines Vertrauens? Für viele PopkonsumentInnen hat sie der Algorithmus längst verdrängt. Viele jüngere Menschen finden den Gedanken, sich von selbst ermächtigten ExpertInnen sagen zu lassen, welche Musik man hören sollte, abwegig. Fast so abwegig wie den Gedanken, dass man sich diese Musik dann auch noch kaufen sollte, in einem richtigen Geschäft, mit richtigem Geld. Wo man sie doch überall umsonst hören kann. Legal, illegal, scheissegal.
«Fuck Spotify» twitterte kürzlich der englische Musiker Jon Hopkins: Läppische acht Pfund für 90 000 Abspielungen habe er von dem Streaming-Unternehmen bekommen. Man kann die Empörung verstehen, aber sie wird die galoppierende Entwertung der Musik nicht aufhalten. Und schon gar nicht die Entwertung der Musikkritik. Die Zeit der Popleitmedien und der Gatekeeper, die kraft ihrer Autorität den HörerInnen den Weg durch das Dickicht der Stile und Genres weisen, ist unwiderruflich vorbei, gewissermassen digital wegdemokratisiert.
Zu den Besonderheiten der digitalen Marktwirtschaft gehört der Umstand, dass immer mehr qualifizierte Popkulturarbeit im Internet stattfindet – für immer weniger Geld. Das gilt für schreibende Kritiker wie für Radiomacherinnen. Das in Hamburg ansässige Internetradio Byte FM – um in eigener Sache zu reden, ich arbeite da für ganz wenig Geld – hat 2009 den Grimme Online Award bekommen. In der Begründung erinnert die Jury an alte Zeiten: «… bevor der kommerzielle Umbruch der Radiosender den geschmacksbildenden Radio-DJ durch den chartgesteuerten Computer ersetzte. Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein. Doch ist Byte FM kein verklärter Blick in die Vergangenheit, sondern eine von Musikliebhabern für Musikliebhaber gestaltete Plattform.»
Die niedlichen «Musikliebhaber» sind zum grossen Teil MusikjournalistInnen mit viel Erfahrung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ihre qualifizierte popkulturelle Arbeit ist im Zuge des nun schon zwei Jahrzehnte andauernden «kommerziellen Umbruchs» immer weniger gefragt. Mit dem Siegeszug des kommerziellen Privatradios, der übrigens mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenfällt, hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk von der Popkritik weitestgehend verabschiedet. Entsprechende Sendungen wurden abgeschafft oder auf nächtliche Sendeplätze verschoben. Also reamateurisieren sich Popkritikprofis zwangsfreiwillig und senden unter Praktikumsbedingungen bei Internetradios wie Byte FM.
Digitale Mangelökonomie
Selbstverwirklichung gegen Selbstausbeutung – die Tauschformel der Prekaritätsökonomie. Was die Grimme-Jury in ihrer Eloge verschweigt: dass die «Musikliebhaber» sich nicht bloss selbst ausbeuten, sondern dass sie unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen sämtliche Qualitätsstandards unterschreiten müssen, die bei orthodox ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Programmen üblich sind. Von dem Geld, das bei Byte FM in ein aktuelles Zweistundenmagazin fliesst, könnte ein Radiofeuilleton wie Deutschlandradio Kultur ungefähr zwei Minuten senden. Dass die Produkte dieser digitalen Mangelökonomie für Popinteressierte trotzdem manchmal attraktiver sind als die wohlausgestatteten Feuilletons der Öffentlich-Rechtlichen, liegt auch an den ausgeprägten Egos der Radio-DJs.
Für AutorInnen-Radio-DJs der Schule von BBC-Legende John Peel gehört eine egozentrische Selbstüberschätzung zur Grundausstattung. Das kann nerven, kann bezaubern, es polarisiert. Wie im Printjournalismus der «Spex»-Blütezeit in den achtziger und frühen neunziger Jahren funktioniert die Kommunikation beim AutorInnen-DJ-Radio, um im Beraterslang zu reden, «top-down». Einer spricht, alle anderen hören zu. John Peel sagt: «Death Dubstep aus Usbekistan ist der heisse Scheiss», und alle kaufen Death Dubstep aus Usbekistan. Das ist vorbei. Top-down-Kommunikation ist Old Economy.
Heute wird «peer-to-peer» kommuniziert oder «bottom-up», unter Gleichen oder von unten nach oben. Hierarchien werden flacher, Poppäpste sterben aus. Manche halten das für Demokratisierung. Andere sehnen sich nach der ordnenden Hand des Gatekeepers. Ein langjähriger Hörer mailt exemplarisch: «Byte FM ist ein Segen und ein Fluch. So viel tolle Musik und Info, aber man kann nicht mehr alles verarbeiten. Vielleicht sollte man doch eine Sendung schaffen, die alle zwei Wochen das Ganze, was passiert, zusammenfasst.»
Verflüchtigt im Internet
Das Ganze ist das Unwahre, und das Ganze kann keiner zusammenfassen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, das ganze Popkulturzeug über Bord zu werfen, wie die Öffentlich-Rechtlichen das tun, und zu sehen, wie es sich im weiten Meer des Internets verflüchtigt, das ist ein medienpolitischer Skandal. Von Diedrich Diederichsen, einem der vom Aussterben bedrohten Popkritikpäpste, stammt das Plädoyer «für einen Kompromiss mit der Kulturindustrie: gut bezahlte, lange Texte, die mit fundierten Reflexionen intervenieren». Und gut bezahlte Sendungen zu speziellen Themen ohne Formatzwänge. Dieser Appell dürfte der Kulturindustrie völlig egal sein, wie den Öffentlich-Rechtlichen die Forderung nach einem Finanzausgleich und einer Reprofessionalisierung der zwangsamateurisierten InternetmangelwerkerInnen. Appelliert werden muss dennoch.
Von 1984 bis 2008 gestaltete Klaus Walter beim Hessischen Rundfunk die Popautorensendung «Der Ball ist rund». Seit 2008 arbeitet er beim Internetradio Byte FM und ist dort mit der Sendung «Was ist Musik?» zu hören.