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Am Anfang der Schulzeit bedeutet das Lesenlernen für die meisten Kinder vor allem eines: Anstrengung! Aber worauf können wir achten, damit Kinder im Lesen rascher Fortschritte machen? Anregungen finden Sie im folgenden Artikel.
Sehen wir uns zuerst an, wie der Leselernprozess für gewöhnlich abläuft:
Erstklässler prägen sich anfangs mühsam die Formen der einzelnen Buchstaben ein und lernen, jedem Buchstaben einen entsprechenden Laut zuzuordnen. Zunächst wird jeder Text Buchstabe für Buchstabe erlesen: O…m….a…- OMA!
Mit der Zeit lernen die Kinder, Buchstaben zusammenzuschleifen und größere Einheiten (z.B. Silben) auf einen Blick zu erkennen („Ma…ma“).
Die Anzahl der Buchstaben, die parallel verarbeitet werden können, nimmt daraufhin weiter zu. Das Kind kann nun immer größere Bausteine auf einmal erlesen (z.B. „Baum..rin..de“).
Mit der Zeit baut das Kind einen sogenannten „Sichtwortschatz“ auf. Dabei prägt es sich das Schriftbild von häufig vorkommenden Wörtern als Ganzes ein und kann diese nun „auf einen Blick“ erkennen (z.B. „und“, „Haus“, „warum“). Das Lesetempo steigt. Bei diesem Lernprozess dehnt sich auch die sogenannte Blickspanne aus. Während Erstleser noch jeden Buchstaben einzeln mit ihren Augen fixieren müssen, springt der Blick bei geübten Lesern mühelos innerhalb einer Zeile nach vorne – sie können Teilsätze oder sogar ganze Sätze auf einmal erfassen. Erst wenn das Lesen soweit automatisiert ist, dass es unbewusst und ohne Anstrengung abläuft, ist das Kind dazu in der Lage, dem Inhalt zu folgen. Leseanfänger benötigen hingegen noch derart viel Konzentration und geistige Kapazität für das Entschlüsseln der Buchstaben, dass sie den Inhalt des Textes noch nicht erfassen können.
Woran erkenne ich, ob die Lesegeschwindigkeit meines Kindes angemessen ist?
Für die meisten Bundesländer in Deutschland gilt die Faustregel, dass Kinder dazu in der Lage sein sollten, zum Halbjahr der ersten Klasse im Durchschnitt zwischen 25 bis 40 Wörter pro Minute laut zu erlesen (und dabei möglichst wenige Fehler zu machen), zum Halbjahr der zweiten Klasse zwischen 60 und 85 Wörter pro Minute und zum Halbjahr der dritten Klasse ca. 105 bis 120 Wörter pro Minute. Im Verlauf der vierten Klasse sollte die Schwelle von 140, besser 150 Wörtern pro Minute erreicht werden. Erst bei dieser Geschwindigkeit ist das Lesen soweit automatisiert, dass man den Text auch inhaltlich richtig verstehen kann. Wie Sie die Lesegeschwindigkeit Ihres Kindes zu Hause erfassen können, erfahren Sie hier.
Und was tun, wenn mein Kind zu langsam oder sehr angestrengt liest?
Sie ahnen bereits, was jetzt kommt: üben, üben, üben!
Wenn Kinder Schwierigkeiten mit dem Leseerwerb haben, lohnt es sich sich, sich zu Beginn einen Überblick zu verschaffen, wo das Kind steht. Dazu können Sie eine einfache Lückenanalyse durchführen. Und so gehen Sie vor:
Schreiben Sie alle Groß- und Kleinbuchstaben, die in der Schule bereits durchgenommen wurden, einzeln auf Karteikärtchen. Orientieren Sie sich dabei an der Schreibweise aus den Schulheften Ihres Kindes. Zeigen Sie Ihrem Kind jeweils ein Kärtchen und bitten Sie es, den Buchstaben so schnell wie möglich zu benennen:
Alle Buchstaben, die nicht „auf einen Blick“, d.h. innerhalb einer Sekunde richtig lautiert werden oder bei denen Ihr Kind kurz zögert, legen Sie auf einen Stapel. Sie können davon ausgehen, dass diese Buchstaben noch nicht ausreichend automatisiert sind und daher einzeln eingeübt werden sollten. Wie Sie dabei vorgehen können, erfahren Sie etwas weiter unten.
Falls Ihr Kind alle Buchstaben unmittelbar und ohne zu zögern korrekt benennen konnte, prüfen Sie als nächstes, ob Ihr Kind das Zusammenlauten bereits beherrscht: Kann es Einheiten wie Ma, Ge, Ha, Zu, En, La, Ru, De, Ein, Ver, Vor, Men, Mal, Bis, Kri usw. auf einen Blick erkennen oder liest es noch buchstabenweise vor? Falls Letzteres der Fall ist, sollten die gängigsten Lautverbindungen automatisiert werden.
Nehmen Sie sich pro Tag 10 Minuten Zeit, um mit Ihrem Kind die fehlenden Buchstaben bzw. Lautverbindungen zu trainieren. Dazu eignet sich beispielsweise das „IntraAct Plus- Programm“.
Bei diesem Programm können alle Buchstaben separat eingeübt werden. Das Kind erhält jeweils Übungsblätter, auf dem der betreffende Buchstabe mehrmals abgedruckt ist. Mit einer Schablone fährt es über die Zeilen und benennt jeweils blitzschnell den Buchstaben beziehungsweise die Farbe des dazwischenliegenden Kästchens (dies dient dazu, den Kurzzeitspeicher zu entleeren, damit der Buchstabe im Anschluss wieder neu und aufmerksam eingespeichert werden kann). Wenn der erste Buchstabe sitzt, wird der zweite eingeführt. Abwechslungsweise werden auf Übungsblättern nun beide Buchstaben geübt. Anschließend werden die beiden Übungs-Buchstaben zu einem Wort zusammengezogen und so trainiert. Dem Programm liegen wichtige Prinzipien der Gedächtnispsychologie zugrunde, sodass auch schwache Leser/innen vergleichsweise rasch Fortschritte machen können.
Sofern Ihr Kind dazu in der Lage ist, Buchstaben und die gängigsten Lautverbindungen unmittelbar zu benennen, können Sie das Training auf einfache Lesetexte ausweiten. Falls Ihr Kind im Lesen Schwierigkeiten hat, sollten Sie besonders darauf achten, es nicht unnötig zu frustrieren. Achten Sie in diesem Fall darauf, dass:
- die Texte nicht zu schwierig sind
- der Text leicht vergrößert ist und einen angemessenen Zeilenabstand aufweist
- die Wörter gegebenenfalls farblich in Silben segmentiert sind
Darüber hinaus gibt es mittlerweile sehr gute Übungsprogramme, um die Leseflüssigkeit und Lesegenauigkeit zu steigern:
Beschränken Sie die Leseübungen auf 10 bis 15 Minuten pro Tag und achten Sie auf eine entspannte Atmosphäre. Oftmals bietet der Moment vor dem Einschlafen eine gute Möglichkeit, um mit dem Kind in einem ruhigen und angenehmen Umfeld zu lesen. Verschiedene Forscher/innen haben untersucht, welche Aspekte Leseübungen wirksam macht. Chard und Kollegen (2002) trugen die Befunde zusammen. Demnach profitieren Kinder davon, wenn sie:
- ein Modell für flüssiges Lesen erhalten, dass ihnen also jemand einen Abschnitt vorliest, den sie im Anschluss selbst noch einmal vorlesen.
- bekannte Texte mindestens dreimal in Folge lesen, bis sich eine gewisse Flüssigkeit einstellt.
- unmittelbar Feedback erhalten, indem ihr Gegenüber ihnen das richtige Wort sofort laut vorsagt, wenn sie sich verlesen.
- Übungstexte erhalten, bei denen sie den Großteil der Wörter richtig erlesen können. Als Faustregel gilt: Das Niveau ist dann optimal, wenn dem Kind pro Minute weniger als 5 Lesefehler (Buchstaben verwechseln, auslassen etc.) unterlaufen. Wählen Sie gegebenenfalls einen einfacheren Text, falls die Fehlerzahl höher ist.
Um die Motivation Ihres Kindes zu fördern, können Sie etwas Schwung in die Sache bringen. Wechseln Sie sich während der Leseübungen mit dem Vorlesen ab und lassen Sie Ihr Kind mit der Zeit immer größere Abschnitte vorlesen. Falls Ihr Kind noch sehr langsam und holperig liest, ist es sinnvoll, wenn Sie als Elternteil den gelesenen Abschnitt Ihres Kindes jeweils nochmals laut vortragen, damit es den Inhalt mitbekommt und der Geschichte weiter folgen kann.
Lerncoach Romeo Pfammatter, der bei uns die Weiterbildung in Lerncoaching absolviert hat, erstellt wunderbare Videos zu verschiedenen Lernmethoden. Im folgenden Clip sehen Sie mehrere Lese-Lernstrategien, die den oben genannten Punkten Rechnung tragen. Weitere Clips gibt es auf Lernavanti. Ganz besonders gefällt uns daran die zugewandte, kind- und beziehungsorientierte Haltung, die deutlich zum Ausdruck kommt. Diese ist für den Erfolg und die Motivation entscheidender als die Art der Übung.
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Die Autoren
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen und leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich.