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Galway, Irland, im Juni 2016
1
Ich hatte den Ring am Tag des Unfalls an einer Kette um den Hals getragen. Es war mein Verlobungsring gewesen – ein Claddagh-Ring aus Galway, den Alex mir mitgebracht hatte. Kurz nach seiner Rückkehr aus Irland war er vor mir auf die Knie gegangen. Es war ein romantischer Abend gewesen. Dabei waren wir beide so gar nicht romantisch veranlagt. Es war ganz simpel – bei uns zuhause, im Wohnzimmer. Er hatte uns von einem Sternekoch ein Menü nach Hause liefern lassen. Alex hasste es, zu kochen. Sogar Spiegeleier wurden bei ihm schwarz. Später erzählte er mir, er habe nicht in ein Restaurant gehen wollen – er habe keine Zuschauer haben wollen. Also habe er das Restaurant eben zu uns ins Wohnzimmer geholt. Er war ganz verlegen, als er vor mir kniete und mir eigentlich schon klar war, worauf er hinauswollte. Doch ich spürte, dass er mir Dinge sagen wollte, die ihm wichtig waren. Er sagte, er habe mich so vermisst in Irland. Er wolle sein Leben mit mir verbringen, jeden Tag und jede Nacht. Und er fragte mich, ob ich seine Frau werden wollte. Mir liefen die Tränen vor Freude über die Wangen und ich konnte mein Ja nur noch hauchen.
Dann steckte er mir diesen speziellen Ring an den Finger. Er zeigte ein Herz, das von zwei Händen gehalten wurde und über dem eine Krone schwebte. Ein Claddagh-Ring, erzählte mir Alex, während wir das köstliche Menü verspeisten. Das Herz musste mit der Spitze auf den Träger zeigen. Es war kein billiger Souvenirring. Alex hatte ihn in Galway bei einem Juwelier gekauft und das Herz war besetzt mit kleinen Diamanten. Innen stand neben einem kleinen Spruch auch mein Name. Das war ungewöhnlich – ich hatte Alex gesagt, dass ich doch seinen Namen im Ring tragen müsste. Doch er meinte, da er selbst keinen Verlobungsring habe, fände er diese Vorstellung sonderbar, weil ich dann nur seinen tragen würde, er aber nicht meinen. Wir liessen uns dann unsere Namen gegenseitig in die Eheringe gravieren. Nach der Hochzeit trug ich den Claddagh-Ring häufig an einer Halskette, während ich nur noch den Ehering am Finger trug.
Nach dem Unfall wusste ich nicht, wie ich mit dem Ehering verfahren sollte. Ich wollte ihn nicht mehr tragen, weil ich mich nicht mehr verheiratet fühlte – und weil er mich zu sehr an Alex erinnerte. Unsere Ringe waren wie ein kleines Puzzle. Mein Stein war wie ein Schlüssel zu Alex Ring, der ein kleines Schloss in sich trug. Man konnte die Ringe ineinander verkeilen. Ich beschloss, die Eheringe so zu verkeilen und sie Alex mitzugeben. Gold war beständig. So hatte er wenigstens etwas bei sich, bis wir uns vielleicht eines Tages wiedersehen würden. Das war mein romantischer Gedanke dahinter. Nachdem ich aus dem Spital entlassen worden war, besuchte ich sein Grab und vergrub die Ringe in der Erde. Später dachte ich, dass sich ein Goldgräber mit einem Metalldetektor, der über den Friedhof ging, wohl wirklich freuen würde. Aber ich hatte meine Entscheidung nie mehr umgestossen.
Doch der Verlust meines Claddagh-Rings schmerzte. Er hatte eine sehr spezielle Bedeutung für mich. Alex war in Irland so glücklich gewesen. Und wir waren zusammen glücklich. Der Ring symbolisierte für mich dieses Glück. Und er war eine schöne Erinnerung. Ich wusste, dass ich mir einen solchen Ring nicht wieder leisten konnte. Doch ich wollte gerne einen ähnlichen haben. Ich wollte nicht, dass meine Erinnerung daran – und an den schönen Moment unserer Verlobung – verblasste. Ich hoffte, dass ich auch den neuen Ring gravieren konnte. Ich war so in meiner Trauer versunken, dass ich sein Verschwinden lange nicht bemerkt hatte. Als ich aus dem Krankenhaus kam, suchte ich jeden Zentimeter der Unfallstelle ab. Aber natürlich fand ich nichts.
Deshalb ging ich jetzt – ausgestattet mit einem ausgedruckten Foto meines Rings – in ein Juweliergeschäft in Galway. Es gab hier dutzende davon und ich versuchte es aufs Geratewohl. Ich hatte keine Ahnung, wo Alex damals den Ring gekauft hatte. Der erste Laden war mir unsympathisch. Da stand ein älterer Mann, der sehr ungepflegt ausschaute und mir ziemlich lüsterne Blicke zuwarf. Ich lief quasi rückwärts wieder raus. Im zweiten Laden dagegen gab es nur billigen Modeschmuck.
Das dritte Geschäft schien mir passend zu sein. «Walsh Jewellery» stand über der weiss getünchten Eingangstüre. Ich trat ein. Der Laden war leer, doch eine Glocke bimmelte. «Ben, kannst du mal schauen», hörte ich eine männliche Stimme rufen. Dunkelbraune Augen lugten vorsichtig hinter dem Vorhang hervor, welcher den Laden vom Hinterzimmer abtrennte. Dann trat ein junger Mann in den Laden, er war ungefähr so alt wie ich, vielleicht etwas jünger. Er war riesig, bestimmt über einsneunzig – und er war der vielleicht schönste Mann, den ich in meinem Leben gesehen hatte. Er trug nur eine abgewetzte Jeans und ein graues Shirt, er hatte lange Haare, welche er sich zu einem Dutt gebunden hatte. Dazu trug er einen Dreitagebart. Er sah insgesamt sehr verwegen aus und überhaupt nicht wie ein Juwelier. Eigentlich noch nicht einmal wie ein Ire. «Kann ich Ihnen helfen?» «Ja», stammelte ich. Ich sprach noch nie besonders gut Englisch und alles, was ich an der Schule gelernt hatte, hatte ich soeben vergessen. Zwei braune Augen schauten mich fragend an. «Und wie?» «Entschuldigung, mein Englisch ist nicht so gut», versuchte ich meine Nervosität zu überspielen. «Ich suche einen Claddagh-Ring.» «Für Ihren Mann?», wollte er wissen. Der fiel ja gleich mit der Türe ins Haus. «Nein, für mich, um ehrlich zu sein.» «Und wie haben Sie sich den Ring vorgestellt? Wie gross? Wie teuer?» «Ich möchte mir einfach gerne einige ansehen, wenn ich darf. Er sollte ungefähr so aussehen.» Ich reichte ihm das Foto. «Alles klar, Ben?», rief die Stimme aus dem Hinterzimmer. «Ich bin hier gleich fertig.» «Alles klar. Wo sind die Claddagh-Ringe?» «Vorne an der Theke in der zweituntersten Schublade. Der Schlüssel liegt hier hinten auf dem Tisch.»
Ben holte den Schlüssel und öffnete die Schublade. Er zog einige kleine Kisten heraus und legte sie auf die Theke. «Sorry», sagte er. «Ich bin hier Anfänger. Vielleicht wollen Sie auf meinen Vater warten?» «Schon ok», sagte ich und nahm einen Ring in die Hand. Er sah meinem sehr ähnlich, er hatte auch kleine Steine auf dem Herz, er war allerdings etwas feiner. Ich streifte ihn über meinen rechten Ringfinger und betrachtete schweigend meine Hand. «Ah, Sie sind also doch vergeben», meinte Ben und wirkte ein bisschen enttäuscht. «Wie kommen Sie jetzt darauf?» «Wissen Sie nicht, wie der Ring getragen wird?» «Doch, so, dass das Herz des Rings zum Herz des Trägers zeigt. Oder etwa nicht?» Er kam näher und nahm meine Hand. «Der Ring zeigt den Zivilstand des Trägers an», sagte er. «So wie Sie ihn angezogen haben, bedeutet es, Sie sind in einer Partnerschaft oder gar verlobt.» Er zog den Ring von meinem Finger, drehte ihn um und steckte ihn wieder an. «Das heisst, Sie sind Single.» Er zog ihn wieder ab und streifte ihn über meinen linken Ringfinger, das Herz auf mein Herz gerichtet. «Verheiratet.» Er zog in wieder ab und drehte ihn um. «Geschieden. Aber das war nicht die ursprüngliche Bestimmung. Das hat später mal irgendwer dazu erfunden», meinte er und lächelte mich an, ohne meine Hand loszulassen. Seine Hände waren gross und weich und warm. Er stand direkt vor mir und schaute mir in die Augen. Er roch nach einem wundervollen Parfüm und nach Männlichkeit und meine Knie wurden ganz weich. «Und wie würden Sie ihn nun tragen?», fragte er ganz leise, sein Gesicht war nur noch ein paar Zentimeter von meinem entfernt. Einige Sekunden standen wir einfach nur da.
Dann räusperte ich mich. «Was soll er denn kosten?» Er wich zurück. «Keine Ahnung. Das müssen Sie nun wirklich meinen Vater fragen.» Besagter Vater trat soeben aus dem Hinterzimmer. Ben schaute mich mit einem durchdringenden Blick an und liess rasch meine Hand los. Mein Blut geriet in Wallungen. «Was kostet der Ring, Dad?» «Ich würde ihn gerne gravieren lassen, würde das gehen?», fügte ich rasch hinzu. Bens Vater war fast ebenso gross wie sein Sohn. Er war sehr schlank und hatte volle, nahezu weisse Haare sowie einen weissen Dreitagebart. An einer Kette um den Hals hing eine Brille, welche er sich aufsetzte. «Du verkaufst der Dame hier doch keinen Unsinn, oder?» «Ihr Sohn erzählte bisher eher Geschichten, als dass er mir etwas verkaufte», meinte ich und grinste. «Ja, das passt zu ihm. Sie möchten einen Claddagh-Ring?» Ben lehnte sich an die Theke und hörte gespannt zu. «Ja, dieser hier würde mir gefallen.» Ich gab ihn Bens Vater. «Sie haben sich ein schönes Stück herausgesucht – diese Ringe werden oft als Verlobungsringe gekauft.» «Ja, das kann ich verstehen.»
Tränen schossen mir in die Augen und ich wandte mich ab, damit Ben und sein Vater es nicht sehen konnten. Ich hatte mich schnell wieder gefasst. «Ich würde diesen trotzdem gerne haben mit der Gravur, wenn das geht. Was kostet das?» «Er kostet 2400 Euro – die Gravur schenke ich Ihnen dazu. Was möchten Sie denn gerne schreiben?» Ich nickte. «Der Preis ist ok. Ich schreibe Ihnen den Text auf einen Zettel.» Mila – du und ich, fur immer, schrieb ich, darauf bedacht, dass Ben es nicht sehen konnte. Wahrscheinlich würde er es nachher eh lesen und sich wundern. Aber das liess sich jetzt nicht ändern. «Wann kann ich den Ring abholen?» «Wie lange sind Sie noch in Irland?» «Noch zwei Monate.» Bens Vater lächelte. «Das sollte reichen. Kommen Sie heute in einer Woche.» Und dann zu Ben: «Also, gehen wir essen? Ich hole noch meine Jacke.» Er verschwand im Hinterzimmer. Ben trat auf mich zu und schaute mir in die Augen. «Sehen wir uns wieder?» «Vielleicht», sagte ich. Ich drehte mich um und ging aus dem Laden.
2
Ben nahm den Zettel. Mila – du und ich, fur immer stand darauf, einer geraden, grossen, regelmässigen und doch fast unleserlichen Handschrift. Der Text musste Deutsch sein, dachte er. Er tippte die Worte in ein Übersetzungsprogramm auf seinem Handy. Mehr als Bestätigung. Eigentlich konnte er sich denken, was es bedeutete. Die Zeilen verwunderten ihn. Sie wollte den Ring doch für sich selbst kaufen. Hatte sie eine Freundin und wollte es nicht zugeben? Warum war sie dann so nervös geworden, als er sie berührt hatte? Das hatte er gespürt. Erkannt hatte sie ihn gewiss nicht – da hätte sie anders reagiert. Ausserdem war nicht Englisch ihre Muttersprache, sondern offensichtlich Deutsch. Hiess sie selbst Mila? Warum wollte sie sich denn einen Ring mit dieser Inschrift kaufen? Es war eine seltsame Geschichte, doch diese Frau hatte sein Innerstes berührt. Sie war wunderschön, sie war gross, hatte lange, braune Haare und ganz feine Gesichtszüge. Sie war schlank und sportlich und sie hatte einen unkomplizierten, aber geschmackvollen Kleiderstil. Das gefiel ihm. Ausserdem hatte sie so gut gerochen. Aber das war nicht alles: Sie hatte auch etwas Geheimnisvolles an sich, was ihn faszinierte. Er war selbst ganz nervös geworden. Er wollte sie unbedingt wiedersehen, auch, um dem Rätsel um ihren Ring auf den Grund zu gehen. Sein Vater kam endlich. «Los, ich habe Hunger.» Er reagierte nicht. «Ben? Hallooo. Erde an Ben.» Sein Vater gab ihm einen Schubs. Dann schüttelte der den Kopf und ging aus dem Laden. Ben schnappte seine Jacke und lief ihm hinterher.
Zürich, Schweiz
Sie hatte den Ring an der Kette ganz vergessen. Erst jetzt, als sie in ihre neue Wohnung zog und die ganzen Schachteln packte, fand sie ihn in der Schublade ihres Nachttisches, den sie seit Monaten nicht mehr geöffnet hatte. Ja, sie hatte sich doch darum kümmern wollen. Wie hatte sie das so verbummeln können? Sie wusch den Ring unter dem Wasserhahn und hielt ihn dann gegen das Licht. Sie las erneut die Gravur. Da stand ganz eindeutig Mila. Wie sollte sie diese Mila finden? Sie drehte den Ring ein wenig und schaute ihn sich innen und aussen an. Auf der Aussenseite fand sie ein ganz kleines Logo. Sie nahm sich vor, den Ring einem Juwelier zu zeigen.
Galway, Irland
1
«Dass du jeden Tag in meinem Laden herumlungerst, hat bestimmt einen Grund?», fragte die brummige Stimme hinter der Theke. «Ich möchte dir nur zur Hand gehen, Dad.» «Erzähl mir keine Märchen. Es gibt keinen schlechteren Schmuckverkäufer als dich. Du möchtest die junge Frau mit dem Ring wiedersehen.» «Quatsch», sagte Ben – und wurde rot. Sein Vater lachte. «Schön, dass du trotz allem vor deinem alten Herrn noch Schwächen zeigen kannst. Du siehst aus wie eine reife Tomate.» «Ok, du hast gewonnen. Sie hat mich umgehauen.» «Eine mehr für deine Sammlung?», spottete sein Vater. Ben errötete noch mehr. «Nein. Ich möchte gerne wissen, warum sie sich selbst einen Ring mit einer solchen Inschrift kauft.» Sein Vater grinste. «Ich kann dich ja verstehen – sie ist wirklich süss. Trotzdem musst du dir nicht jeden Tag die Beine hier in den Bauch stehen. Ich habe ihr gesagt, in einer Woche. Und das ist erst morgen.»
2
Die beiden Herren Walsh – ich ging davon aus, dass der Ladenbesitzer und sein Sohn diesen Namen trugen – standen erwartungsvoll hinter der Theke und grinsten, als sie mich hereinkommen sahen. Irgendwie hatte ich schon damit gerechnet, dass auch Ben im Laden sein würde. Oder ich hatte es gehofft? «Ihr Ring ist bereit», sagte Ben und ging sogleich ins Hinterzimmer. Er kam mit einer kleinen Schachtel zurück, die er mir in die Hand drückte. «So macht man das nicht, Ben», sagte sein Vater und nahm mir die Schachtel wieder weg.
Ich guckte verwundert. «Man öffnet das Päckchen, nimmt das Schmuckstück heraus und zeigt dem Kunden den Schmuck und nicht die Schachtel.» Er legte mir den Ring in die Hand. Ich hob ihn gegen das Licht und las die Gravur. Ich war sehr zufrieden, sie sah beinahe aus wie bei meinem verlorenen Original. «Haben Sie eine passende Kette dazu?», fragte ich. «Ich würde den Ring gerne an einer Kette um den Hals tragen.» Bens Vater holte einige Schatullen mit silbernen Ketten aus den Schubladen. Ich liess mir Zeit. «Woher kommen Sie eigentlich», wollte er wissen. Ich schaute ihn an. «Aus der Schweiz. Ich mache hier einen Sprachaufenthalt.» Ich nahm eine feine Kette in die Hand. «Diese würde mir gefallen, doch ich hätte sie gerne ein bisschen länger. Ginge das?»
Die Glocke klingelte und eine Kundin trat ein. Es war eine ältere Dame und Bens Vater bedeutete seinem Sohn, sich um sie zu kümmern, was dieser nur widerwillig tat. Ich schaute ihn von der Seite an.
«…zusammensetzen», hörte ich Bens Vater noch sagen. «Wie bitte? Entschuldigen Sie, das habe ich nicht richtig mitbekommen.» Vater Walsh schaute Ben an und dann mich und schüttelte den Kopf. «Ich habe die Kette nicht länger. Aber ich könnte Ihnen zwei davon zusammensetzen. Dadurch würde sie länger werden.» «Gut. Wie lange würde das dauern und was würde es kosten?» «In einer Stunde hätte ich das erledigt. Ich werde Ihnen Ring und Kette für 2500 Euro überlassen. Einverstanden?» Ich lächelte ihn an. «Vielen Dank.» Bens Kundin hatte sich zu seiner Erleichterung verabschiedet. Ich fragte mich, warum er seinen Job so ungern zu machen schien. «Die kommt nie wieder», meinte sein Vater. «Das war wohl die schlechteste Beratung aller Zeiten.» Ben schaute ihn leicht säuerlich von der Seite an und nahm dann seinen ganzen Mut zusammen. «Gehen wir zusammen etwas essen, während Sie warten müssen? Dann vergraule ich zumindest nicht mehr die Kunden meines Vaters.» Es gab ganz offensichtlich nichts, was dagegen sprach. «Ok», sagte ich also.