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Handeln unter Stress
Seit kurzem bereite ich einen meiner Schüler auf ein Langschwert Turnier vor. Ich selbst werde an dem Turnier nur als Richter mithelfen. Dennoch möchte ich meinen Schüler so gut wie ich nur kann vorbereiten. Dazu habe ich vergangene Wettkämpfe ausgewertet, die Wettkampfregeln studiert, herausgearbeitet, welcher Schatz an Techniken die erfolgreichsten sind (statistisch wie auch Punktwertetechnisch) und Bücher zum Thema gelesen. Unter diesen Büchern befand sich eines, das mir besonders gefallen hat: Zbigniew Csajkowskis “Fechten Verstehen”.
In diesem Buch beschreibt Csajkovski die zwei Gesetze nach Yerkes und Dodson, denen ich in diesem Eintrag etwas Zeit widmen möchte. Diese Gesetze wurden in Folge von Experimenten Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA aufgestellt. In diesen Experimenten ging es darum herauszufinden, wie sich die Leistungsfähigkeit bei Menschen, in Verhältnis zu derer Motivation und Aktivation, verhält. Insbesondere wurde beachtet, wie sich einfache, sowie komplexe Handlungen sich bei verschiedenen Massen an Aktivation verändern. Unter Aktivation versteht man hier ein gemisch von psychologischer (Motivation) und physischer (nervlicher) Erregtheit, bzw. Investitiertheit.
Das erste Gesetz nach Yerkes-Dodson
“Anhand des ersten Gesetzes nach Yerkes-Dodson steigen mit dem Grad der Aktivation und Motivation auch die Wirkungskraft und das Mass der diesbezüglichen Aktivität, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Bewegt sich das Motivationsniveau über ein gewisses Optimum hinaus, so sinkt die Effektivität der Leistung [...] ab.”
Dass Aktivation und Motivation dazu hilft, eine Aufgabe besser zu bewältigen, sollte eigentlich auf der Hand liegen. Und für die Meisten wird es wohl auch bekannt vorkommen, dass zuviel Aufregung sich negativ, selbst auf vertraute Handlungen, auswirken kann. Csajkowski bringt dazu auch typische Beispiele aus dem Sport: “[...] der Tennisspieler, der mit seinem Schläger einen einfachen Ball verpasst, der Fussballspieler, der im Endspiel mit seinem Schuss das leere Tor verfehlt, oder der an sich exzellente Fechter, der im Final technisch und taktisch weit hinter seinen normalen Möglichkeiten und Stärken zurückbleibt.”
Das zweite Gesetz nach Yerkes-Dodson
“Die Flüssigkeit und Wirksamkeit einer Handlung hängt nicht allein vom Zustand der Erregung, vom Grad des Ehrgeizes, von der Intensität des Wunsches zu gewinnen und dergleichen ab. [...] Nach dem zweiten Gesetz von Yerkes und Dodson wird bei der Lösung und Durchführung vergleichsweise einfacher Aufgaben die grösste Flüssigkeit und Effizienz [...] dann erreicht, wenn das Mass unserer Motivation und Erregung relativ hoch angelegt ist. Die wirksame Bewältigung schwieriger Aufgaben erfordert hingegen ein eher niedriges Aktivations- und Motivationsniveau.”
Auch dieses Gesetz sollte einigermassen bekannte Situationen beschreiben können. Unter hohem Stress ist es beispielsweise einfacher zu rennen, als zu stricken oder Jenga zu spielen. Je höher die Aktivation, desto effizienter sind simple Aktionen aber desto schwieriger werden komplexe Aktionen.
Anwendung der Gesetze: Stress-Training
Was ich von diesen Gesetzen mitnehme, ist eine Bandbreite an Anwendungen. An erster Stelle kommen die Konsequenzen der Anerkennung dessen, dass der Stress und die Motivation eines Turniers eine einzigartige Situation darstellt. Die erste Konsequenz ist, dass man für die gesamte Bandbreite an möglichen Aktivationszuständen etwas parat zu haben braucht. Konkret heisst das, dass man Probleme unter verschiedenen Bedingungen zu lösen bereit sein muss. Nehmen wir an wir haben einen Gegener, der mit einem rechten Oberhau angreifft und in einen Stich hochwindet. Unter geringer Aktivation liesse sich dieser versetzen und durch ein Mutieren kontern oder auch direkt durch einen angebrachten Meisterhau kontern. Beides der Meisterhau, sowie ein Mutieren benötigen ein hohes Mass an physischer und zeitlicher präzision und im Falle des Mutierens auch über rechtes Fühlen. Daher würde ich schliessen, dass ein direkter Konter bei hoher Aktivation vorzuziehen ist, da er aus weniger Aktionen besteht und nicht auf dem Fühlen beruht. Letztendlich muss man sich aber an die bereits vorhandenen Fähigkeiten orientieren. Mehr dazu weiter unten.
Die zweite Konsequenz ist, dass man vermehrt Stress-Training durchführt. Dies kann man z.B. durch vermehrte Förderung von Ermüdungszuständen erzeugen (dabei ist immer geboten in einem sicheren Rahmen zu bleiben!). Solches Stress-Training dient in erster Reihe dazu, bereits gut eintrainierte Techniken anzuwenden, nicht um neue Techniken dabei zu lernen. Man lernt unter Stress bekannterweise schlechter, aber man kann bei Stress-Training lernen seine eigene Aktivationsniveaus zu erkennen und entsprechen besser ausführbare Techniken auszuwählen. Es geht dabei also darum, seinen Körper unter Stress kennen zu lernen. Als Ziel lässt sich formulieren, selbst unter Stress in der “Beobachterrolle” zu bleiben um dadurch die Aktivation in einem nützlichen Rahmen zu behalten.
Diesbezüglich erweist es sich auch als klug, entspannt an das Turnier zu gehen und nicht um jeden Preis gewinnen zu wollen. Ironischerweise verbessern sich dadurch die Gewinnchancen, solange man ein gesundes Mass an Interesse bewahrt.
Und zuletzt möchte ich darauf hinweisen, dass die Akzeptanz des Turniers als einer Ausnahmesituation dazu führen kann, Turniere in einem bescheideneren Licht zu betrachten. Turniere beweisen zu einem bedeutenden Teil nicht, wer die Kunst allgemein besser beherrscht, sondern, wer Turniere und ähnliche stressige Situationen erfolgreich bewältigen kann. Dies soll aber nicht als eine Abwertung von Turnieren verstanden werden. Im Gegenteil denke ich, dass der Stress, der dadurch entsteht etwas nicht verlieren zu wollen, ein wichtiges Werkzeug ist. Als Werkzeug dienen Turniere demzufolge dazu, die Kunst einem limitierten Härtetest auszusetzen und als KampfkünstlerIn dabei zu wachsen.