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Spiegelgedicht
von Cedric Weidmann
Sie. Ein Handy vibrierte unhörbar.
Es lag auf einem wild ausgezogenen
und hingeworfenen Pullover. Er
verschluckte das Rütteln des Telefons.
Auf dem Bett daneben lagen
sie aufeinander und schichteten
und küssten sich innig.
Sie hörten keine Vibration,
noch spürten sie Angst
zu abgelenkt waren sie vom Lächeln
ihres Gegenübers und der Erinnerung
an den Abend gestern, den sie aus der
Vergessenheit angelten wie einen Fisch.
Ihre Füsse glitten an den Beinen hoch.
Sie hatten selten so herzlich gelacht.
Dann stand sie auf, entknitterte sich
und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Sie sagte, er solle, wenn möglich,
bald aufstehen. Sie müsste zu ihrem
Freund zurück. Was sie ihm wohl
wieder erzählen würde? Dass sie
bei einer Freundin übernachtet hätte?
Er lächelte nicht und gab nicht
Antwort, er war es nicht hier,
der zu antworten hatte.
Er fuhr mit der Hand über die Brust
und murmelte in die Luft, das von
den Federn des Kissens getrübt war,
einen Satz ohne Punkt und ohne Wort.
Sie zog durch die Strassen und streichelte
im Windzug des Sommers das Ohr.
Sie hatte darauf geschlafen und es war
wie Origami gefaltet und geknickt.
Sie wusste, sie müsste bald einen Punkt machen
aber wo und bei welchem Satz, das wusste sie
noch nicht.
Er. Er fuhr mit der Hand über die Füsse
Sie schichteten sich auf den Federn des Kissens
Dann stand er auf und entknitterte die Stirn
und die Brust und murmelte, er solle,
wenn möglich, einen Punkt machen,
er wüsste schon wo.
Gestern, der Abend und die Erinnerung
glitten die Luft hoch und lagen aufeinander
und innig küssten sie sich, noch nicht abgelenkt
von Vergessenheit und Angst
wie ein Satz einen Windzug verschluckte oder
ein Kuss das Ohr des Gegenübers.
Sie müsste ihrem Freund erzählen, dass
sie bei einer Freundin übernachtet hätte
aber sie wusste, er gab wild Antwort,
unhörbar bei welchem Wort er bald
den Satz wie Origami gefaltet und geknickt hatte.
Er lächelte nicht, denn er war es hier,
der zu antworten hatte.
Was wohl ein Fisch antworten würde?
Er gab sie auf.
Das Rütteln des Sommers vibrierte
noch nicht in den Strassen. Und
ohne Vibration zog er noch zu bald
den Pullover zu. Auf einem ausgezogenen
Bett lag ein Handy. Er spürte es nicht an den
Beinen, abgelenkt streichelte er den Punkt
an dem sie geschlafen hatte.
Darauf angelte er einen Satz aus seinem Mund
und, ohne vom Lächeln des hingeworfenen Telefons getrübt
aufzustehen, hörte er nicht darauf.
Kam sie zu ihm zurück, ohne Angst?
Ohne Punkt und ohne Satz gab es kein Wort.
Und ohne sie gab es keinen Punkt.
Sie hatten herzlich so selten gelacht.