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Jukka Laaksonen war Vorsitzender der Western European Nuclear Regulators Association (WENRA) und Generaldirektor der finnischen Atomsicherheitsbehörde Säteilyturvakeskuksen (STUK), als die Ereignisse in Fukushima stattfanden. Im Interview blickt er zehn Jahre zurück.
Jukka Laaksonen, Sie hatten Positionen als Experte für nukleare Sicherheit bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Europäischen Union (EU) inne was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie über die Ereignisse in Japan informiert wurden?
Ich verstand bereits aus den ersten öffentlichen Nachrichten und aus den Berichten und Videos über die durch den Tsunami verursachte Zerstörung, dass eine Kernschmelze in allen Betriebseinheiten unvermeidlich war. Ich wurde etwa zehn Stunden nach den ersten Meldungen in den finnischen Fernsehnachrichten interviewt und sagte, dass ich mit einer baldigen Kernschmelze in allen drei in Betrieb befindlichen Reaktoren rechne, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch alle intakt waren. Wir hatten direkten Kontakt mit unseren Kollegen, die in der japanischen Aufsichtsbehörde und in der technischen Expertenorganisation JNES arbeiten. In Gesprächen mit ihnen bekamen wir ein klares Bild von den Unfallabläufen an verschiedenen Blöcken. In Finnland mussten wir den Politikern schnell erklären, welche Art von äusseren Gefahren bei der Auslegung unserer Kernkraftwerke berücksichtigt worden waren und welche Art von Schutz gegen diese Gefahren vorgesehen war. Das erforderte, dass wir zusammen mit den Betreiberorganisationen die Glaubwürdigkeit der Schutzmassnahmen in den in Betrieb befindlichen finnischen Kernkraftwerken zu untersuchen begannen. Danach wollte ich den WENRA-Kollegen von unseren Untersuchungen berichten und von ihren Bemühungen erfahren.
Wann trafen sich die europäischen Aufsichtsbehörden das erste Mal nach den Vorkommnissen in Fukushima-Daiichi?
Die Chefs der europäischen Aufsichtsbehörden hatten zu der Zeit, als sich der Reaktorunfall in Fukushima ereignete, einen sehr regen und gut funktionierenden Austausch auf persönlicher Ebene. Alle Leiter der Aufsichtsbehörden waren Mitglied der WENRA. Der Termin für das Treffen stand bereits einige Monate vor dem Fukushima-Unfall fest und alle WENRA-Mitglieder hatten ihre Reisen nach Helsinki organisiert. Die WENRA hat das erste ordentliche Treffen nach Fukushima am 22. und 23. März 2011 in Helsinki abgehalten, also zehn Tage nach den Ereignissen in Japan. Das Treffen kam zur rechten Zeit, um auf europäischer Ebene Massnahmen für die Nuklearaufsicht als Antwort auf den Reaktorunfall zu besprechen.
Wie war Ihre Reaktion als WENRA-Vorsitzender auf die Geschehnisse in Japan?
Ich war WENRA-Vorsitzender in den Jahren 2010 und 2011 und hatte somit die Aufgabe, das WENRA-Meeting in Helsinki vorzubereiten. Für das Traktandum Fukushima habe ich dann einige Beispiele des geplanten Stresstests für die finnischen Werke präsentiert. Weiter habe ich am Meeting einen Vortrag zu möglichen Inhalten des Stresstests gehalten.
Wie haben die europäischen Aufsichtsbehörden auf Ihren Vorschlag reagiert?
Die Entscheidung, Stresstests auf europäischer Ebene zu planen, wurde in der Sitzung im vollen Konsens getroffen. In der Sitzung haben wir beschlossen, dass die Reactor Harmonization Working Group (RHWG) der WENRA mit der Vorbereitung für Stresstest in Europa beginnt. Dies geschah unter der Leitung des neuen RHWG-Vorsitzenden Lasse Reiman von STUK, der in der Sitzung in Helsinki in dieses Amt berufen wurde. Die Arbeit ging schnell voran, und zwei Entwürfe für detailliertere Stresstest-Spezifikationen wurden in wenigen Wochen erstellt.
Warum war es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass eine Überprüfung wie der EU-Stresstest sehr schnell nach Fukushima ins Leben gerufen wurde?
Gegenseitige Peer-Reviews der Aufsichtstätigkeit der Sicherheitsbehörden sind die Hauptaufgabe der WENRA. Die Ausweitung der Zusammenarbeit auf Untersuchungen im Zusammenhang mit Fukushima war eine natürliche Fortsetzung auf der gleichen Arbeitslinie. Andererseits gab es einen europaweiten politischen Druck, die Sicherheit aller europäischen Kernanlagen zu überprüfen. Stresstests waren schon früher im Bankgeschäft durchgeführt worden, und der Begriff Stresstests wurde den Nuklearaufsichtsbehörden von der Politik vorgeschlagen. Formal beauftragte die Europäische Kommission die ENSREG mit der Organisation von Stresstests, die wie die WENRA arbeitet, einfach unter dem Dach der Europäischen Kommission. WENRA-Mitglieder sind auch Mitglieder der ENSREG, und zusätzlich hat WENRA Task Forces, die aus hochkarätigen Aufsichtsexperten bestehen. Für das Vertrauen in die europäischen Atomaufsichtsbehörden war es wichtig, dass die Aufsichtsbehörden positiv auf die Aufforderung der Europäischen Kommission reagierten und die Verantwortung für die Durchführung des EU-Stresstests übernahmen.
Was waren die nächsten Schritte?
Die RHWG war dann das ganze Jahr 2011 mit der Planung des EU-Stresstests beschäftigt. Ich arbeitete ebenfalls mit der Arbeitsgruppe zusammen, insbesondere bei der Planung der Organisation und des Ablaufs der Arbeiten. Damals wurde von mir erwartet, dass ich den gesamten Ablauf des EU-Stresstests leite, aber aufgrund meiner bevorstehenden Pensionierung von STUK schlug ich Philippe Jamet aus Frankreich als meinen Nachfolger vor. Er wurde zum Hauptverantwortlichen für die Durchführung ernannt.
Dieses Interview gehört zum dritten Teil der ENSI-Serie anlässlich des zehnten Jahrestages der Katastrophe in Fukushima-Daiichi vom 11. März 2011.