Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03278.jsonl.gz/902

Pazifischer Fuchshai
Alopias pelagicus
© 2003 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Haie gehören innerhalb der Sippe der Wirbeltiere mit den Rochen und den Seedrachen zusammen zur Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes). Der Name «Knorpelfische» ist auf den Umstand zurückzuführen, dass das Skelett der Haie, Rochen und Seedrachen aus Knorpelsubstanz besteht und zwar teilweise verkalkt, aber nie echt verknöchert ist wie bei den Knochenfischen (Klasse Osteichthyes, auch Osteognathostoma). Die Klasse der Knorpelfische ist weit artenärmer als die Klasse der Knochenfische: Während letztere weit über 20 000 Arten zählt, setzt sich erstere aus nur rund 1000 Arten zusammen.
Im Allgemeinen werden die Knorpelfische aufgrund verschiedener körperbaulicher Merkmale und ihres hohen erdgeschichtlichen Alters als «primitiver» eingestuft als die Knochenfische. Ökologisch gesehen ist das aber keineswegs richtig: Sie haben es nämlich verstanden, sich im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte immer wieder den veränderten Umweltbedingungen anzupassen und insbesondere die Haie stellen heute sehr fortschrittliche Fischformen dar. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass viele von ihnen - heute wie früher - in zahlreichen marinen Ökosystemen unangefochten die dominanten Raubtiere bilden, also gewissermassen «mächtiger» sind als die allermeisten Knochenfische.
Ein paar der gross gewachsenen Haiarten können selbst dem Menschen gefährlich werden, weshalb dieser nur wenige andere Tiere dermassen fürchtet wie die Haie. Die Gefahr, jemals von einem Hai angefallen zu werden, ist allerdings äusserst gering. Weltweit sterben im Jahr keine zehn Menschen infolge eines Haiangriffs, obschon Abermillionen von Urlaubern ihre Ferien am und im Meer verbringen. Das Risiko, von einem Blitz getroffen zu werden, ist einhundertfünfzig Mal grösser...
Ein Hai, welcher noch nie Menschen angefallen hat und deshalb als «harmlos» gilt, ist der Pazifische Fuchshai (Alopias pelagicus)
. Seine Heimat sind die tropischen und subtropischen Zonen des Pazifischen und des Indischen Ozeans. Unter anderem kommt er in den Gewässern von Tokelau vor, jenem im Südpazifik gelegenen, aus drei Atollen bestehenden Aussenterritorium Neuseelands, welches die vorliegenden Briefmarken verausgabt hat.
Er drischt mit dem Schwanz
Weltweit gibt es dreissig Haifamilien mit insgesamt über 400 Arten. Der Pazifische Fuchshai ist eines von drei Mitgliedern der Familie der Fuchshaie oder Drescherhaie (Alopiidae). Bei den beiden anderen handelt es sich um den Gemeinen Fuchshai (Alopias vulpinus)
und den Grossaugenfuchshai (Alopias superciliosus)
. Zusammen mit sechs weiteren Haifamilien wird die Fuchshaifamilie der Ordnung der Makrelenhaie (Lamniformes) zugerechnet. Letztere ist mit insgesamt nur 16 Arten zwar eine der kleinsten Haiordnungen, doch gehören ihr die grössten und «prominentesten» aller Haiarten an, darunter der Walhai (Rhincodon typus)
, der Riesenhai (Cetorhinus maximus)
, der Riesenmundhai (Megachasma pelagios)
und der Weisse Hai (Carcharodon carcharias)
.
Unter den drei Fuchshaien ist der Pazifische Fuchshai der kleinste: Während er eine Maximallänge von 3,3 Metern erreicht, kann der Grossaugenfuchshai bis 4,6 Meter und der Gemeine Fuchshai sogar bis 6,1 Meter lang werden.
Durch ihren stark verlängerten Schwanz unterscheiden sich die drei Fuchshaie deutlich von allen anderen Haien: Der obere Schwanzflügel ist bei ihnen fast ebenso lang wie der übrige Körper. Auf dieses augenfällige Körpermerkmal geht denn auch der Name «Fuchshai» zurück. Als der italienische Chronist J. Salviani den Gemeinen Fuchshai im Jahr 1544 als Erster beschrieb, nannte er ihn wegen des langen Schwanzes «Vulpecula»
(«Fuchsschwanz»).
Der Pazifische Fuchshai ist erstens ein ausgesprochener Hochseebewohner, zweitens ist er ein sehr aktiver und schneller Schwimmer und drittens erweist er sich in den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets als überaus menschenscheu. Aus diesen drei Gründen eignet er sich schlecht als Studienobjekt; entsprechend wenig ist über seine Lebensweise bekannt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass er leicht mit dem zwar grösseren, jedoch fast gleich aussehenden Gemeinen Fuchshai verwechselt werden kann. Es ist darum vielfach unklar, auf welche der beiden Arten sich bestimmte Beobachtungen beziehen.
Immerhin wissen wir, dass der Lebensraum des Pazifischen Fuchshais die oberflächennahen Bereiche der Hochsee sind, von der Wasseroberfläche bis in Tiefen von gewöhnlich etwa 150 Metern, und zwar zwischen dem 35. nördlichen und dem 30. südlichen Breitengrad. Der Pazifische Fuchshai bewohnt also ein riesenhaftes Areal, doch darf man daraus nicht schliessen, dass auch sein Artbestand riesig ist. Denn zum einen weist die «epipelagische Zone», wie die oberflächennahen Wasserschichten der offenen See bezeichnet werden, so gut wie keine festen Strukturen auf. Die Zahl verschiedenartiger Lebensnischen ist darum verhältnismässig klein und demzufolge die Vielfalt mariner Lebensformen ziemlich gering. Unter anderem kommen weniger als zwei Prozent aller uns bekannten Fischarten darin vor. Zum anderen ist wie bei den an Land lebenden Tieren die Bestandsdichte umso geringer, je höher eine Tierart in der Nahrungspyramide steht. Die Bestände der Grossraubtiere haben deshalb von Natur aus eine besonders geringe Dichte. Dies gilt gewiss auch für den Pazifischen Fuchshai.
Wie die meisten seiner Vettern ist der Pazifische Fuchshai ein tüchtiger Beutegreifer. Obschon erst wenige zweifelsfrei ihm zuzuordnende Beobachtungen über das Jagdverhalten vorliegen, dürfen wir annehmen, dass es sich ähnlich abspielt wie beim besser bekannten Gemeinen Fuchshai. Beide Arten stellen in erster Linie kleineren Schwarmfischen nach, manchmal auch in Schwärmen auftretenden Tintenfischen. Hat ein Fuchshai einen Fischschwarm eingeholt, so umkreist er ihn in immer enger und schneller werdenden Runden. Gleichzeitig führt er mit seinem langen Schwanz heftige, peitschende Schläge gegen die Schwarmfische aus. (Hierauf ist der Name «Drescherhaie» zurückzuführen, mit dem die Fuchshaie gelegentlich bezeichnet werden.) Auf diese Weise bewirkt der Jäger, dass sich die «umzingelten» Fische verängstigt zu einem immer dichteren Schwarm zusammenschliessen. Möglicherweise werden manche von ihnen auch durch die Schläge selbst oder durch die erzeugten Druckwellen betäubt. Auf jeden Fall stürzt sich der Fuchshai nach dieser «Vorbehandlung» unvermittelt auf die Beutefische und vermag in der Regel mehrere von ihnen zu packen.
Vorgeburtlicher Kannibalismus
Wie bei allen Haien - aber im Gegensatz zu den allermeisten Knochenfischen - findet die Befruchtung der Eier beim Pazifischen Fuchshai nicht im freien Wasser statt, sondern sie erfolgt wie bei den Säugern und Vögeln innerhalb des Körpers des Weibchens. Zu diesem Zweck ist bei den männlichen Tieren der hintere Teil der Bauchflossen zu einen speziellen Begattungsorgan umgebaut. Mit dessen Hilfe wird bei der Paarung der Samen in die Geschlechtsöffnung des Weibchens überführt, worauf die Befruchtung der Eier in den beiden Eileitern stattfinden kann.
Bei den Fuchshaien (wie auch bei ein paar anderen Haiarten) werden die Eier hernach nicht abgelegt, sondern sie verbleiben im mütterlichen Körper, bis sich die Keimlinge vollständig entwickelt haben. Die Jungen schlüpfen in den mütterlichen Eileitern aus den Eiern und entwickeln sich sogar noch eine Weile im Schutz des Mutterleibs weiter, bis sie endgültig, sozusagen zum zweiten Mal, geboren werden. Man nennt diese Form des Gebärens «ovovivipar» («eierlebendgebärend»; von lat. ovum
= Ei, vivus
= lebend und parere
= gebären). Es handelt sich gewissermassen um ein Mittelding zwischen eierlegend (ovipar) und lebendgebärend (vivipar).
Bei den Fuchshaien ernähren sich die im Mutterleib geschlüpften Jungtiere zunächst vom Inhalt ihres Dottersacks. Danach ändert sich ihre Ernährung erheblich: Die grösseren Jungen vergreifen sich nun an ihren kleineren Geschwistern und verzehren diese. Immer weiter schwindet die Zahl der Ungeborenen - bis schliesslich, wenn die Zeit für die eigentliche Geburt näher rückt, nur noch zwei Junge übrig bleiben - eines je Eileiter. Hier liegt also der ungewöhnliche Fall von vorgeburtlichem Kannibalismus vor.
Die beiden Jungen sind bei der Geburt mit einem Meter Länge nicht nur sehr gross, sondern auch sehr lebenstüchtig: Sie sind sogleich in der Lage, ein selbstständiges Leben als marine Beutegreifer zu führen.
Wie lange die gesamte «Tragzeit» - also die Zeitspanne von der Befruchtung der Eier bis zur Geburt - beim Pazifischen Fuchshai dauert, ist unbekannt. Der hohe Entwicklungsstand der Jungen bei der Geburt lässt aber vermuten, dass sie viele Monate währt. Beim verhältnismässig gut untersuchten, ebenfalls ovoviviparen Dornhai (Squalus acanthias)
beträgt sie beispielsweise rund 24 Monate. Dies ist die längste bekannte Entwicklungszeit unter sämtlichen Wirbeltieren, länger noch als bei den Elefanten mit ihrer rund 22-monatigen Tragzeit.
Die Fortpflanzungsstrategie, jeweils nur wenige Junge zu erzeugen und in diese viel Zeit und Energie zu investieren, ist für viele grössere Wirbeltiere, insbesondere die warmblütigen Säugetiere und Vögel, typisch. Bei letzteren findet jedoch fast ausnahmslos noch eine gewisse Form der elterlichen Fürsorge nach der Geburt bzw. nach dem Schlüpfen statt. Bei den Haien ist dies nicht der Fall, aber dennoch ist ihre Fortpflanzungsweise derjenigen der Säuger und Vögel weit ähnlicher als derjenigen der Knochenfische. Bei letzteren erfolgt die Befruchtung der Eier ausserhalb des mütterlichen Körpers, und es werden oft mehrere tausend Eier aufs Mal freigesetzt. Die Jungtiere, die alsbald aus diesen Eiern schlüpfen, sind winzig und entsprechend verletzlich, weshalb bloss ein geringer Prozentsatz von ihnen überlebt. Ohne Zweifel fallen etliche von ihnen auch dem Pazifischen Fuchshai zum Opfer.
Sein Fleisch gilt als Delikatesse
Haie können zweifellos als ein «grosser Wurf» der Evolution bezeichnet werden. Über viele Jahrmillionen hinweg haben sich ihre Überlebensstrategien als höchst erfolgreich erwiesen. Doch nun scheinen selbst sie gegenüber einem unvermittelt aufgetauchten, ihren Fortbestand gefährdenden «Schadfaktor» machtlos zu sein: der unersättlichen Menschheit.
Der Mensch stellt den grossen Knorpelfischen weltweit - meistens mit beköderten Langleinen - gezielt nach, um ihr Fleisch für den Verzehr zu gewinnen, aus ihren Flossen Suppe herzustellen, ihre Haut zu Uhrenarmbändern und anderen Lederwaren zu verarbeiten, aus ihrer Leber vitaminreichen «Lebertran» zu erzeugen und ihr Knorpelskelett für traditionelle chinesische Heilmittel gegen alle möglichen Gebresten zu nutzen. Haiflossen und das Fleisch bestimmter Haiarten, so auch der Fuchshaie, gehören zu den wertvollsten Fischereierzeugnissen überhaupt und können - vor allem auf den ostasiatischen Märkten - unter Umständen mehrere hundert US-Dollar je Kilogramm einbringen. In grosser Zahl erbeutet der Mensch zudem Haie als «Beifang» in seinen Stell-, Schwebe- und Schleppnetzen, die er für den Fang von Knochenfischen einsetzt.
Die Ausfälle, welche die Haibestände heute durch den Menschen erleiden, sind aufgrund der riesigen Armada von Berufsfischern auf allen Ozeanen und Meeren enorm. Nach Schätzungen von Marinbiologen dürften derzeit alljährlich rund 1,5 Millionen Tonnen Hai bzw. rund fünfzig Millionen Einzeltiere aus den Fluten gefischt werden. Die Fangmenge hat sich seit 1950 rund verfünffacht - und gefährdet inzwischen zwangsläufig den Bestand zahlreicher Haiarten. Untersuchungen im Golf von Mexiko haben beispielsweise gezeigt, dass die Populationen der dort vorkommenden Haiarten allein in den vergangenen zwanzig Jahren um über achtzig Prozent zurückgegangen sind.
Die «Anfälligkeit» der Haie auf die Nachstellungen seitens des Menschen hat damit zu tun, dass sie - wie ja auch die grossen Landraubtiere - erstens eine geringe natürliche Bestandsdichte und zweitens eine sehr geringe Fortpflanzungsrate aufweisen. Mathematische Modelle zeigen, dass sie nicht in der Lage sind, langfristig eine mehr als drei- bis fünfprozentige Abfischung im Jahr auszugleichen. Diese Quote wird heute zweifellos im Fall vieler Haiarten massiv überschritten - und der Fischereidruck lässt derzeit keineswegs nach, sondern steigt im Gegenteil ständig an.
Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang nicht zuletzt der Umstand, dass die Haie als die «Tiger und Löwen der Meere» die obersten Glieder vieler mariner Nahrungsketten darstellen. Werden sie vom Menschen aus dieser ökologisch bedeutsamen Position entfernt, so kann dies unabsehbare Folgen für die betreffenden marinen Ökosysteme haben. Das Überfischen der Haie wird deshalb von manchen Experten als «ökologische Zeitbombe» eingestuft.
Der Welt Natur Fonds (WWF) und andere internationale Organisationen weisen seit geraumer Zeit auf die Missstände bei der Haifischerei hin und fordern die Fischereinationen dazu auf, endlich seriöse Statistiken über Fang und Handel von Haien zu führen sowie nachhaltige Bewirtschaftungspläne auszuarbeiten und durchzusetzen. Wirksame internationale Regelungen für den Haifang lassen noch immer auf sich warten. Offenbar ist der Mensch - einmal mehr - nicht gewillt, aus Fehlern zu lernen, die er früher schon gemacht hat: Die Geschichte der Fischerei ist nämlich reich an Beispielen der Übernutzung von Fischpopulationen, was nicht nur zum Kollaps der Fischbestände selbst, sondern letztlich auch zum Niedergang der betreffenden Fischfangindustrie geführt hat.
Legenden
Der Pazifische Fuchshai (Alopias pelagicus)
bildet zusammen mit dem Gemeinen Fuchshai (Alopias vulpinus)
und dem Grossaugenfuchshai (Alopias superciliosus)
die Familie der Fuchshaie (Alopiidae) innerhalb der Ordnung der Makrelenhaie (Lamniformes). Mit einer Gesamtlänge von maximal 3,3 Metern ist er der kleinste der drei Brüder. Das augenfälligste Kennzeichen der drei Fuchshaiarten ist ihr enorm verlängerter oberer Schwanzflügel, der fast ebenso lang ist wie der übrige Körper.
Der Pazifische Fuchshai ist ein ausgesprochener Hochseebewohner. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Ostküste Afrikas bis zur Westküste Amerikas über die meisten Bereiche des Indischen und des Pazifischen Ozeans, und zwar zwischen dem 35. nördlichen und dem 30. südlichen Breitengrad. Das Bild wurde in den Gewässern der Philippinen aufgenommen.
Kleine Schwarmfische bilden die hauptsächlichen Beutetiere des Pazifischen Fuchshais. Hat er einen Fischschwarm eingeholt, so umkreist er ihn in immer enger werdenden Runden. Gleichzeitig führt er mit seinem langen Schwanz heftige, peitschende Schläge gegen die Fische aus. So bewirkt er, dass diese sich verängstigt zu einem dichten, an Ort verharrenden Schwarm zusammendrängen - und schliesslich zu einer leichten Beute für ihn werden.
Der Pazifische Fuchshai ist ein aktiver und schneller Schwimmer, der sich gewöhnlich in einer Tiefe von 0 bis 150 Metern unter der Meeresoberfläche umherbewegt. Dieses Individuum besucht gerade eine so genannte «Putzerstation» in einem Korallenriff und lässt sich von einer Meerschwalbe (Labroides dimidiatus
; einer Lippfischart) die Haut säubern.
Die Fuchshaie unterscheiden sich nicht nur durch ihren überlangen Schwanz markant vom Rest der Haisippe, sondern auch dadurch, dass sie oftmals hoch über die Meeresoberfläche hinaus springen. In einem Fall führte ein Pazifischer Fuchshai sogar fünf Mal nacheinander einen solchen «Luftsprung» durch. Welche Bedeutung dieses für Haie untypische Verhalten hat, wissen wir nicht.
ZurHauptseite