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Die chinesische Zentralregierung hat wegen der neuartigen Lungenkrankheit COVID-19 den Handel sowie den Verzehr von Wildtieren verboten. Ob das nun auch nachhaltig für das bedrohte Schuppentier gilt, ist zu bezweifeln. Denn der Verzehr von Tieren für medizinische Zwecke ist vom Verbot ausgenommen. Aber das Schuppentier könnte den Zwischenwirt für Coronaviren sein – das wäre seine Rettung.
von Carl Meissen
Das Schuppentier vereinigt einige Sonderheiten. Es ist das einzige Säugetier mit Schuppen und wohl deswegen auch das am meisten illegal gehandelte Tier der Welt. Denn das Schuppentier gilt in der traditionellen chinesischen Medizin als bedeutsames Heilmittel. Einer Studie zufolge könnte es aber Überträger des Coronavirus sein. Die Untersuchung der südchinesischen Landwirtschaftlichen Universität von mehr als 1000 Proben von Wildtieren hat ergeben, dass die Gensequenz von Viren beim Schuppentier zu 99 Prozent mit der des Coronavirus übereinstimmt. Als sicher gilt, dass chinesische Fledermäuse die Träger des Virus sind, davon aber nicht krank werden. Das Virus der Fledermäuse kann nicht an menschlichen Zellen andocken, es benötigt einen Zwischenwirt, um zum Menschen gelangen zu können. Dieser Zwischenwirt könnte das Schuppentier sein, was für das Tier ein Segen wäre. Denn der Handel mit Pangolinen, wie Schuppentiere heissen, hat mit dem chinesischen Handelsverbot für Wildtiere nicht aufgehört. Am 31. März entdeckte die malaysische Polizei in einem Container sechs Tonnen Schuppen von Schuppentieren aus Westafrika mit einem Wert von fast 18 Millionen Franken, der auf dem Weg nach China war. Dort werden den Schuppen besondere Wirkungen zugeschrieben: Schmerzlinderung, Förderung der Laktation, Steigerung der sexuellen Kräfte, Therapie gegen Krebs usw. Schuppen gelten als Allerweltsheilmittel. Seit Peking Ende Februar den Handel und Konsum von Wildtieren vorübergehend verboten hat, sind die Preise für Schuppentiere gestiegen, weil die Nachfrage weiter besteht. Denn die ältere chinesische Bevölkerung in den Städten und die Landbevölkerung generell vertrauen nach wie vor der traditionellen Medizin, wo die Schuppen einen hohen Stellenwert haben.
Der illegale Handel mit Wildtieren generiert laut Schätzungen 14 Milliarden Franken pro Jahr und ist damit nach Drogen-, Menschen- und Waffenhandel das viertlukrativste Geschäft der Welt. Laut der Organisation Pro Wildlife entfällt beim illegalen Wildtierhandel der grösste Anteil auf Schuppentiere. Von ihnen gibt es acht verschiedene Arten, je vier davon leben in Asien und Afrika. Ihre Vorderbeine nutzen sie hauptsächlich als Grab- oder Kletterwerkzeug, deshalb leben einige von ihnen auf Bäumen und in Baumhöhlen, andere Arten in Erdbauten. Die Schuppentiere sind Insekten und Ameisenfresser, die sie mit einer bis zu 70 Zentimeter langen, klebrigen Zunge nachts fangen. Sie leben als Einzelgänger und die Weibchen bekommen nur ein Junges pro Jahr, was die Bedrohungslage zuspitzt. Allerdings sind sie gegen natürliche Fressfeinde durch den geschuppten Körper gut geschützt. Bei Gefahr rollen sie sich wie das Gürteltier zu einer Kugel zusammen und klappen die scharfkantigen Schuppen nach aussen, was sie schwer angreifbar macht. Der einzige Feind der Tiere ist somit der Mensch, der die Schuppentiere aufgrund des guten Ertrags systematisch verfolgt. In Asien ist der Pangolin nicht nur wegen der Schuppen als Arzneimittel begehrt, sondern auch wegen seines Fleisches, das als Delikatesse geschätzt wird. Alle Arten der Schuppentiere gelten heute laut International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) als stark gefährdet. Seit dem Jahr 2000 ist deshalb jeglicher Handel mit den Pangolinen oder deren Körperteilen gemäss dem Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen verboten.
Trotz unterschiedlicher Fang- und Handelsverbote sind die Schuppentiere gemäss Pro Wildlife dennoch die am meisten illegal gehandelten Tierarten weltweit. Allein in den vergangenen zwei Jahren hätten die Behörden trotz eines internationalen Handelsverbots weltweit mehr als 130 Tonnen Schuppen beschlagnahmt, schreibt der WWF. Der illegale Handel mit den Tieren reisst nicht ab. Jährlich werden nach WWF-Schätzungen 20 000 Tiere beschlagnahmt, tot oder lebend, was bedeutet, dass die Zahl der geschmuggelten Schuppentiere weit darüberliegt. So fand die Polizei im Februar 2019 in Malaysia 30 Tonnen Fleisch von Schuppentieren in 1800 gekühlten Kisten und in Tiefkühlschränken gefrorene Tiere sowie 61 lebende Schuppentiere. Ebenfalls im Februar und Januar 2019 wurden in Vietnam, Hongkong und Uganda insgesamt zehn Tonnen Schuppentierfleisch gefunden. Bei einem Körpergewicht eines malaiischen Schuppentiers von drei bis zehn Kilogramm entspricht diese Menge mehreren tausend Tieren. In Laos und Thailand ist inzwischen die Population des malaiischen Schuppentiers nahezu zusammengebrochen. Die IUNC geht von einem Rückgang der Populationen von 80 Prozent innerhalb von 30 Jahren aus. Daher gilt das Tier seit 2014 als vom Aussterben bedroht. Nun könnte das Coronavirus die Rettung für alle Schuppentiere bedeuten, wenn sie offiziell als dessen Wirte zur Gefahr der Menschen werden.