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(Weltwoche)
Seine Pädagogik gilt heute als Vorbild für die meisten Lehrpläne der Volksschule. Übersehen wird, dass Johann Heinrich Pestalozzi ein früher Kritiker des Staatsglaubens war.
Robert Nef
Er wird in der Ideengeschichte als Begründer einer neuen kindzentrierten und praxisorientierten Pädagogik wahrgenommen. Johann Heinrich Pestalozzis Postulat der Verknüpfung von Kopf, Herz und Hand wurde in der Forderung nach der gleichzeitigen Förderung von kognitiven, affektiv-emotionalen und sensomotorischen Fähigkeiten in die meisten gegenwärtigen Lehrpläne integriert. In der Pädagogik gehört er noch zum innerdisziplinären Kanon, in der Sozialphilosophie und in der Soziologie wird er höchstens noch als kurioser «Gutmensch» wahrgenommen und wohlwollend belächelt.
Dass er auch ein höchst origineller Sozialphilosoph war und ein früher Kritiker des Etatismus und des Sozialismus, wird übersehen, weil sein diesbezügliches Grundwerk in einer heute schwerverständlichen Sprache abgefasst ist. Schon der Titel der 1797 publizierten Schrift ist umständlich und wenig einladend: «Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts».
Aussöhnung mit sich selbst
Der Kerngehalt wird erst verständlich, wenn man ihn in grössere Zusammenhänge stellt und gleichzeitig in eine heute übliche Terminologie überträgt. Pestalozzi hat mit seinen – in Anlehnung an Rousseau – als Selbstanalyse angelegten Überlegungen nichts weniger als eine friedliche Überwindung des vorrevolutionären ständischen Denkens vorbereitet. Anstelle von blutigen und stets regressionsgefährdeten Revolutionen sollen innere und gemeinsame Lernprozesse für die «not-wendenden» Veränderungen sorgen.
Weder die bürgerliche noch die proletarische Revolution wären aus dieser Sicht «historisch notwendig» gewesen. Entscheidend für eine friedliche Zukunft ist die Bereitschaft des Menschen als lernfähiges Individuum, seine historisch und ökonomisch bedingten Vorurteile zu überwinden und abzulegen und den äusseren destruktiven Konflikt durch einen inneren konstruktiven Dialog zu ersetzen.
Dies wäre der von Pestalozzi skizzierte und immer noch offenstehende Weg einer Überwindung der ständisch gegliederten und durch den Klassenkampf zerrissenen Gesellschaft: Persönlichkeitsbildung als Aussöhnung mit sich selbst statt Klassen- und Parteienkampf. Im Altertum wurde eine ständische Gliederung der Gesellschaft propagiert und praktiziert, und das Mittelalter unterschied klar zwischen dem Nährstand, dem Wehrstand und dem Lehrstand und betrachtete diese Gliederung als «gottgegeben». Ein- und Unterordnung hatten vor der Freiheit Vorrang, und die Privilegierten profitierten davon. Erst die bürgerliche und später die kommunistische Revolution wollten diese hierarchische menschliche Arbeits- und Funktionsteilung überwinden und die ständisch gegliederte Welt durch den Klassenkampf erlösen, um ein Reich der Gleichheit und Freiheit herbeizuführen.
Freiheit der Kinder
Pestalozzi entschied sich für eine grundlegend andere, «innere Revolution». Sein modernes Konzept ist die individuelle Überwindung des Stände- und Klassendenkens und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher, aber gleichwertiger Menschen, die sich selbst ihre Ziele setzen und sich nicht gegenseitig bevormunden. Er begründete es eine Generation bevor die kommunistische Linke den blutigen Klassenkampf als unumgängliche kollektive menschheitsgeschichtliche Entwicklungsphase forderte und ein Jahrhundert bevor der konservative Rechte Carl Schmitt die Politik als unerbittlichen Kampf zwischen Feind und Freund um die Macht im Staat definierte.
Die geniale Entdeckung, die Pestalozzi als Alternative zum politischen Machtkampf postulierte, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Er fand alle drei Stände in sich selbst verkörpert, nämlich als drei Zustände: den Naturzustand (als ein für sich selbst bestehendes Tier), den gesellschaftlichen Zustand (als stimm- und wehrfähiger Bürger) und den individuell sittlichen Zustand (als «Kind Gottes»).
Im heutigen Zusammenhang interessiert vor allem die Tatsache, dass der bürgerliche Zustand in jenem Zwischenfeld angesiedelt wird, der zwischen dem Menschen als einem egoistischen Tier (das Pestalozzi durchaus auch positiv beurteilt) und dem vom Geist der Hoffnung, der Offenheit und der Lernbereitschaft gegenüber dem Unbekannten, Neuen beseelten und getragenen «Kind Gottes» liegt. Der bürgerliche Zustand ist nach Pestalozzi geprägt vom Spannungsfeld zwischen Selbstsucht und Wohlwollen. Die Menschen werden «durch den Besitz bürgerlicher Rechte und Freiheiten zum Gemeingeist, zur Rechtlichkeit und zur Teilnehmung» herangeführt.
Das ist die begrenzte «Mission» des Homo politicus, die eingemittet ist zwischen dem Menschen als biologischem Wesen einerseits und als geistigem Wesen anderseits. Es hat aber nur aufgrund seiner kollektiven Basis und durch seinen individuellen Überbau seine Berechtigung. Als Homo oeconomicus produziert und konsumiert der Mensch, als geselliges Wesen schafft er sich die Spielregeln einer funktionierenden Ordnung, und als freies Individuum verwirklicht er sich selbst. Aber, und das ist entscheidend, diese Grundfunktionen sollen weder arbeitsteilig wahrnehmbar noch delegierbar sein.
Die Freiheit ist für das «Kind Gottes» in uns essenziell. Der Begriff ist schon aus damaliger Sicht nicht in erster Linie «religiös besetzt». Die Betonung liegt auf dem Kind als noch offenem, lernfähigem Wesen, das nicht einfach als Familienspross und genetischer und materieller Erbe, und auch nicht als künftige Arbeitskraft oder als Staatsklient und -träger, sondern als einmalige und eigenständige Kreatur zu betrachten ist und niemandem gehört ausser sich selbst. Das Kind will «fortschreiten» und leistet oft auch Widerstand gegen das Vorgefundene, und es verkörpert so das «Prinzip Hoffnung». Auch die Bezeichnung «sittliches Wesen» hat mit «Sittlichkeit» nach einem heutigen moralischen und sozialpsychologischen Verständnis nichts zu tun.
Um den Begriff zu verstehen, muss man sich vom christlich-religiös gefärbten Terminus lösen und existenzialistische Deutungsmöglichkeiten mit einbeziehen. «Ich besitze eine Kraft in mir selbst, alle Dinge dieser Welt mir selbst, unabhängig von meiner tierischen Begierlichkeit und von meinen gesellschaftlichen Verhältnissen, gänzlich nur im Gesichtspunkt, was sie zu meiner inneren Veredelung beitragen, vorzustellen und dieselben nur in diesem Gesichtspunkte zu verlangen oder zu verwerfen. Diese Kraft ist im Innersten meiner Natur selbständig; ihr Wesen ist auf keine Weise eine Folge irgend einer andern Kraft meiner Natur. Sie ist, weil ich bin, und ich bin, weil sie ist.» Das ist ein eindrückliches Bekenntnis zu einer rücksichtsvollen Selbstverwirklichung –schon 175 Jahre vor 1968.
Mit dem Begriff «Kind» hat Pestalozzi einen weiten Horizont eröffnet und gleichzeitig an eine alte Tradition angeknüpft. Die liberi, das sind im alten Rom die freien Menschen, es sind aber auch die erbberechtigten (und später wiederum erbverpflichteten) Kinder. Freiheit als Ausdruck aktueller und oft auch nur potenzieller Mündigkeit. Derselbe Begriff bezeichnet Freie und Kinder, die die Chance der Freiheit vor sich haben, die neugierig, fantasievoll, gelegentlich widerspenstig, lernbereit und lernfähig sind und deren Zukunft offensteht. Kinder sind stets etwas mehr als nur Produkte der Natur und mehr als nur angehende Mitglieder der Zivilgesellschaft. Darin liegt wohl ihr unbekanntes Wesen, chancenreich und risikoträchtig, Evolution und Revolution, libertas, die Freiheit.
Lernen über den Kampf ums Dasein
Pestalozzis Konzept der zivilgesellschaftlichen Bürgerlichkeit als «mittlerer Ebene», als Vorstufe der Freiheit, ist zukunftsträchtig, und es vermittelt zwischen dem Homo oeconomicus, dem Homo politicus und dem Homo liber, weil er die drei «Zustände» nicht als Alternative, sondern als Stufenbau darstellt. Bürgerlichkeit verlangt als «Zwischenschicht» oder als «Scharnier» allerdings überschaubare Rechte und Pflichten, transparente Verhältnisse bezüglich gemeinsamer Einnahmen und Ausgaben und eine Vergleichbarkeit von persönlichen Nutzen und Opfern. Sie kann sich nur in non-zentralen, menschlich überschaubaren Strukturen entfalten.
Politik ist weder die Basis noch der Endzweck des menschlichen Lebens. Sie muss, nach Pestalozzi, als «vermittelnde» Zwischenstufe wahrgenommen werden, die das Leben und Wirtschaften der Menschen keinesfalls beherrschen und auch die kreativen «Gotteskinder» keinesfalls steuern und bevormunden soll. Aus seiner Sicht ist der Staat lediglich ein Zwischenglied zwischen ökonomischer Notwendigkeit und geistiger Freiheit. Politik wird und soll gemäss Pestalozzi nie ganz absterben. Mit diesem Akzeptieren vermeidet er die wenig einleuchtende sozialistische Prognose und Verheissung, der Staat und dessen Zwangsmonopol würden zwar früher oder später verschwinden, aber zunächst müsse dieser weltweit alles andere durchdringen und beherrschen.
Es ist zu bedauern, dass es Pestalozzi nicht gelungen ist, seine Ideen in einem «pädagogischen Manifest» zur Grundlage einer Bewegung zu machen, die über die klassische Politik hinausreicht und das freie Lernen über den Kampf ums Dasein und die Einordnung in eine Zwangsgemeinschaft setzt. Gesucht wäre zunächst eine zeitgemässe passende Bezeichnung für den Zustand des freien, kreativen, intrinsisch motivierten, lern-, leistungs- und hilfsbereiten Menschen, den Pestalozzi in sich selbst entdeckte und in der Sprache seiner Zeit «Kind Gottes» nannte.
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Robert Nef ist Publizist und ehemaliger Leiter des Liberalen Instituts.