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Ein offensichtlich stark alkoholisierter Mann steigt ins Tram ein. Er ist Mitte fünfzig, gross und schlank, schütteres Haar, sieht nicht ungepflegt aus, nur die „contenance“ fehlt.
„Ich will nach Paris!“ verkündet er laut und hangelt sich den Sitzen entlang.
Er spricht mit Balkan-Akzent. Die Leute machen sich unsichtbar, rücken ans Fenster und schauen raus. Es sind nur eine Handvoll, das Tram ist halbleer. Hinter mir sitzt eine ältere Frau, ganz hinten noch eine junge Frau, die einen Kinderwagen neben sich hat.
Wer sich unbeobachtet wähnt, späht herüber zu dem Mann. Er redet ohne genauen Adressaten weiter.
Dann setzt er sich zwei Reihen vor mir auf einen Platz, seitlich, die Füsse zum Mittelgang. Als er merkt, dass ich ihn anschaue, geht seine Rede etwas mehr in meine Richtung. „Paris!“ wiederholt er. Ich sage zu ihm, er fahre in die falsche Richtung, der Hauptbahnhof liege entgegengesetzt. Ich zeige mit der Hand nach hinten, wo wir herkommen. Er überlegt kurz und erklärt dann:
„Ja, immer falsche Tram, immer falsche Zug!“ Und mir kommt es vor, als ob er damit sein Leben insgesamt meine.
Dann fängt er an, in seiner Muttersprache etwas zu singen, pathetisch hebt er die Arme dazu. Den Leuten ist es peinlich. Zwei oder drei stehen auf, setzten sich weiter vorne in sicherer Distanz wieder.
Paris sei doch auch nicht besser, sage ich beschwichtigend zu ihm, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass dort eine helle Zukunft auf ihn wartet. Er fahre jetzt nach Oerlikon, weiss er plötzlich ganz klar, ob dieses Tram nach Oerlikon fahre? Ich bestätige es. „Wann Oerlikon?“ will er wissen, und ich sage, noch zwei, drei Stationen.
Der Mann sieht mich an, bewegt irgendwelche Gedanken in seinem schweren Kopf, hebt dann den Daumen. Er wirkt sehr allein, weit weg von allem, was ihm Halt oder Geborgenheit geben könnte.
Ich spüre, wie die anderen Leute gespannt beobachten, was passiert. Sie sind dankbar, dass ich mit dem Mann spreche. Kann er die Bestie zähmen? So ungefähr steht es in den äusserlich unbeteiligten Gesichtern.
An der nächsten Haltestelle steigen drei Viertel aller Leute aus. Ob sie das mussten, oder ob sie auf das nächste Tram warten? überlege ich. Raus aus der Gefahrenzone?
Der Mann wird still. Zwei Stationen später bedeute ich ihm, das sei jetzt der Bahnhof Oerlikon. Erneut hebt er den Daumen. Er spricht ganz leise zu sich selbst. Dann steht er auf, winkt mir zum Abschied und steigt aus. Ich habe den Impuls, ihn zu begleiten, aber das geht nicht. Ich kann nur hoffen, dass er irgendwo ankommt.
Abwenden ist irgendwie schon gängiger als zuwenden.