Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/2141

Diese Ehe war eine «Mesalliance»: So sahen es zumindest die besseren Kreise Münchens, als die 25-jährige Josephine Pschorr, Tochter einer reichen Bierbrauerdynastie, am 29. August 1863 mit Franz Strauss vor den Traualter trat. Denn der glückliche Bräutigam war nicht nur Witwer und schon 41 Jahre alt, nein, viel schlimmer: Er war Musiker, auch noch ein unehelich geborener, der aus der ärmlichen Oberpfalz stammte, aus der tiefsten Provinz! Mühselig hatte sich dieser Franz Strauss vom Dorfmusikanten zum Solohornisten in der Münchner Hofkapelle emporgearbeitet. Dort genoss er zwar einen glänzenden Ruf – in Anspielung auf den berühmten Violinvirtuosen nannte man ihn sogar den «Joseph Joachim des Waldhorns» –, aber sein Monatsgehalt von 42 Gulden war kümmerlich und hätte nur zu einem sehr bescheidenen Leben gereicht. Die Heirat mit Josephine stellte für ihn unstrittig einen Aufstieg dar. Und mit der Geburt des Sohnes Richard, der am 11. Juni 1864, neun Monate nach der Eheschliessung, das Licht der Welt erblickte, war das Familienglück perfekt.
Was bedeutete dieses Elternhaus für den jungen Richard Strauss? Prägend war sicher, dass er seit seinen ersten Tagen von Musik umgeben war. Angeblich soll er schon als Kleinkind auf den Klang des Waldhorns mit einem Lächeln reagiert haben, währenddessen er zu heulen begann, sobald jemand die Geige spielte. Als Strauss vier Jahre alt war, erhielt er den ersten Klavierunterricht. Als er sechs war, entstanden seine frühesten Kompositionen, die sogenannte Schneiderpolka und ein Weihnachtslied. Mit acht nahm Strauss das Violinspiel auf, und auch die meisten anderen Orchesterinstrumente wurden ihm bald durch praktische Übungen vertraut. Denn sein Vater, der als Dirigent das Liebhaberorchester «Die wilde Gung’l» leitete, nahm ihn regelmässig mit zu den Proben, und so konnte sich Richard quer durch die Instrumentengruppen ausprobieren.
Doch auch das mütterliche Erbe, das Kapital, wirkte sich segensreich auf seine Ausbildung aus und sorgte für eine umfassende Förderung. Strauss musste zum Beispiel nie an einer öffentlichen Hochschule studieren, sondern erhielt den besten Privatunterricht, von arrivierten Grössen: So verpflichteten die Eltern gleich den Münchner Hofkapellmeister Friedrich Wilhelm Meyer, um ihren erst elfjährigen Sohn in Harmonielehre, Kontrapunkt, Formenlehre und Instrumentation unterweisen zu lassen. Freilich hätte das nichts genutzt, wenn nicht zwei Faktoren hinzugekommen wären: Richard Strauss war hochbegabt, obwohl er nicht als Wunderkind à la Mozart bezeichnet werden kann. Und er hatte eine schnelle Auffassungsgabe, war ehrgeizig und enorm fleissig – darauf legte sein Vater besonderen Wert.
Ohnehin war der Vater die beherrschende Figur in seiner Kindheit – ihm alles recht zu machen, muss für Richard das oberste Gebot gewesen sein. Dies umso mehr, als Franz Strauss ein sturer und jähzorniger Charakter war, dessen Wutausbrüche er fürchtete. Zuhause gab der Vater den Familientyrannen, in seinem Orchester aber, der Münchner Hofkapelle, war er der grosse Opponent gegen die sogenannte Neudeutsche Schule. Sein Unmut richtete sich vor allem gegen Richard Wagner, den er regelrecht verabscheute – als «Mephisto» hat Franz Strauss ihn sogar bezeichnet. Was ihn andererseits aber nicht daran hinderte, bei den Uraufführungen von Tristan und Isolde sowie den Meistersingern von Nürnberg mitzuwirken, und das so vollendet, dass selbst Wagner einräumen musste: «Dieser Strauss ist zwar ein unausstehlicher Kerl, aber wenn er bläst, kann man ihm nicht böse sein.» Natürlich erzog Franz Strauss seinen Sohn ganz in diesem Sinne: Mozart und Beethoven waren die Hausgötter, alles, was danach kam, stand unter Modernitätsverdacht. Zuhause spielte man rege Kammermusik – etwa Beethovens Hornsonate oder Mozarts Hornkonzerte, bei denen Richard den gesamten Orchesterpart auf dem Klavier wiedergeben musste. Kein Wunder, dass sich unter seinen frühen Kompositionen auch etliche Werke für das Instrument des Vaters finden.
Doch eines Tages musste er sich freischwimmen. Das geschah ausgerechnet dadurch, dass sich Richard Strauss unter die Kuratel eines Musikers begab, mit dem sein Vater über Kreuz lag: Der grosse Dirigent Hans von Bülow, der in München den Tristan und die Meistersinger aus der Taufe gehoben hatte, also «Mephistos» Adlatus, wurde zu seinem wichtigsten Förderer. Als Bülow 1884 mit der Meininger Hofkapelle in München gastierte, setzte er nicht nur die Bläsersuite op. 4 aufs Programm, die ihm Richard zur Begutachtung gesandt hatte, sondern lud den 20-Jährigen sogar ein, das Werk selbst zu dirigieren. Eine pikante Auf¬gabe, denn Strauss hatte vorher nur bei der «Wilden Gung’l» am Pult gestanden. Doch dürfte er sich gedacht haben: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Er sagte zu, schlug sich wacker und erhielt wenig später das Angebot, als Bülows Assistent und Stellvertreter nach Meiningen zu gehen. Der Verstoss gegen die Glaubensgebote des Vaters war es also, der am Beginn von Strauss’ Weltkarriere stand: ein Ödipuskonflikt, der indes für alle Beteiligten einen glücklichen Ausgang nehmen sollte.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Sie können sich die «Kinderszenen» auch vorlesen lassen – als Podcast: bit.ly/Serie-Kinderszenen
Richard Strauss bei LUCERNE FESTIVAL:
Pralinés, Lebkuchen und Gugelhupfe: Am Sonntag, dem 19. August, musiziert das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Chefdirigent Jonathan Nott Musik aus Strauss‘ Ballett Schlagobers.