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von Sebastian Horn
Finanzielles Einkommen und ökonomischer Wohlstand sind ungleich verteilt. So schätzen Experten beispielsweise, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika nur ein Prozent der Bürger beinahe die Hälfte des gesamten Vermögens besitzen (Stand: 2011). Darauf aufbauend gingen die Psychologen Michael Norton von der Harvard Universität und Dan Ariely von der Duke Universität in einer grossen repräsentativen Umfrage der Frage nach, wie die Wahrnehmung und Vorstellungen von US-Amerikanern zu diesem Thema aussehen. Insgesamt wurden in der Studie 5522 Personen aus einer Datenbank von über einer Million Bürgern zufällig ausgewählt und befragt. Bezüglich Einkommen, Altersverteilung, und politischen Einstellungen war diese Stichprobe repräsentativ für die gesamten USA. Um bei der Befragung keine Missverständnisse aufkommen zu lassen wurde das Vermögen einer Person von den Autoren definiert als der finanzielle „Wert des gesamten Eigentums einer Person abzüglich potentieller Schulden.“ Die Wissenschaftler interessierten sich vor allem für folgende Fragen: Wie gut wissen Bürger über die tatsächliche Vermögensverteilung in ihrem Land Bescheid? Gibt es trotz unterschiedlicher Vorstellungen und Anschauungen eine gewisse Übereinstimmung darin, wie eine ideale Verteilung von ökonomischem Wohlstand aussehe sollte?
In einer ersten Aufgabe wurden den Befragten drei einfache Kreisdiagramme gezeigt: Jedes Kreisdiagramm enthielt fünf Segmente (oder „Tortenstücke“), die jeweils fünf gleichgrosse Anteile an Personen der Gesamtbevölkerung darstellten (sogenannte „Quintile“). Ein Kreisdiagramm zeigte eine gleiche Verteilung des Vermögens über diese fünf Bevölkerungsanteile (also 20%; 20%; 20%; 20%; 20%). Ein weiteres Kreisdiagramm zeigte die tatsächliche Vermögensverteilung von Schweden (36%; 21%; 18%; 15%; 11%). Ein drittes Kreisdiagramm zeigte die Vermögensverteilung in den USA (84%; 11%; 4%; 0.2%; 0.1%). Zur Interpretation dieser Zahlen: Das dritte Kreisdiagramm bedeutet beispielsweise, dass in den USA dem reichsten Fünftel der Bevölkerung ganze 84% des Vermögens gehören, einem weiteren Fünftel der Bevölkerung weitere 11% des Vermögens gehören, usw. Die Befragten wurden nun gebeten jeweils anzugeben, in welchem Land mit entsprechender Verteilung sie bevorzugt leben würden. Den Befragten wurde dabei allerdings nicht verraten, ob diese Verteilungen nur ausgedacht waren oder tatsächlich zu einem bestimmten Land gehörten. Sie wussten also nicht, dass es sich um die Verteilungen von Schweden und der USA handelte. Es zeigte sich, dass ein sehr grosser Teil der US Bürger (92%) eher die gleichmässigere Vermögensverteilung Schwedens gegenüber der Verteilung der USA bevorzugten. Bei den Urteilen gab es interessanterweise nur geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern (Frauen: 92.7%; Männer: 90.6%), zwischen politischen Haltungen (z.B. Wähler des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Bush: 90.2%; Wähler des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Kerry: 93.5%), oder des eigenen Einkommens.
In einer zweiten Aufgabe liessen die Wissenschaftler die Versuchspersonen dann zwei Verteilungen selbst konstruieren. Erstens sollten die Befragten abschätzen, wie das Vermögen in ihrem Land tatsächlich verteilt ist (über fünf gleich grosse Bevölkerungsanteile). Zweitens sollten die Versuchspersonen angeben, wie Vermögen aus ihrer Sicht idealerweise in der Bevölkerung verteilt sein sollte. Zwischen der tatsächlichen und der geschätzten Vermögensverteilung ergaben sich grosse Diskrepanzen: die tatsächliche Verteilung war deutlich ungleicher als von den Personen vermutet. Die gewünschte „Idealverteilung“ der Befragten wich dann noch mehr von der tatsächlichen Vermögensverteilung ab. Auch bei dieser Aufgabe spielten politische Einstellungen oder das eigene Einkommen der Befragten nur eine untergeordnete Rolle.
Insgesamt kommt die Studie somit zu frappierenden Ergebnissen: Die meisten Personen haben nur eine sehr vage Vorstellung davon, wie Vermögen tatsächlich in ihrem Land verteilt ist. Die grosse Mehrheit der Befragten wünscht sich idealerweise eine gleichmässigere Verteilung von Vermögen. Und dabei besteht anscheinend breiter Konsens zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Überzeugungen und aus verschiedenen Einkommensschichten.
Literaturangaben:
Norton, M. I., & Ariely, D. (2011). Building a better America—One wealth quintile at a time. Perspectives on Psychological Science, 6, 9-12.
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