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Reshoring - die Verlagerung von Fertigungsprozessen
25.08.2023 | von Portfolio Management
Reshoring, die Verlagerung von Fertigungsprozessen aus dem Ausland zurück in das Heimatland, hat sich zu einem bedeutenden Trend in der globalen Wirtschaft entwickelt. Der Hauptgrund dafür ist der schon oft thematisierte Handelskonflikt und die damit verbundene Strategie von „de-risk“ oder Abkoppelung von Chinas Volkswirtschaft vom Westen. Es geht weniger um das Abkoppeln, sondern es geht vielmehr darum die Lieferketten für wichtige Güter zu diversifizieren und andere Werte zu wahren. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass bei gesamtheitlicher Betrachtung nicht alleinig der Stückpreis je Einheit zählt. Die strategische Neuorientierung von Produktionsstandorten wird einerseits von den Regierungen gefördert, aber auch viele Unternehmen sind selbst auf die Idee gekommen, ihre Lieferkettenabhängigkeiten nach den Erfahrungen der Pandemie zu verbessern. Die durch Gesetze wie dem „Chips and Science Act“, dem „Inflation Reduction Act“ (IRA) und dem „Infrastructure Investment and Jobs Act“ gewährten Subventionen und Anreize haben bereits zu erheblichen Investitionen in verschiedenen Branchen geführt. Automobilfirmen und Chiphersteller haben umfangreiche Investitionen in neue Projekte und Fabriken in mehreren US-Bundesstaaten angekündigt. Im ersten Quartal des laufenden Jahres wurden in den USA rekordhohe USD 3'000 Milliarden an Investitionsausgaben getätigt.
US-Bauausgaben für das verarbeitende Gewerbe in Mrd. USD
Dieser Reshoring-Trend hat mehrere wirtschaftliche Auswirkungen auf die
entsprechenden Heimatländer. Es führt zu einer direkten Steigerung des BIP durch die
vermehrte Produktion innerhalb des Landes. Dies senkt folglich auch das Handelsdefizit
und somit die Leistungsbilanz, da der Bedarf an importierten Gütern durch inländische
Produktion ersetzt wird. Weiter kann es dazu beitragen, regionale wirtschaftliche
Ungleichgewichte abzubauen, indem weniger entwickelte Regionen gezielt als Standorte für Rückverlagerungen gefördert werden können. Bestimmte Sektoren dürften besonders vom Reshoring profitieren. Dazu gehören in der Regel Branchen, in denen die Arbeitskosten einen kleineren Anteil an den Gesamtkosten ausmachen, wie beispielsweise die High-Tech-Fertigung und die Pharmaindustrie, die dabei eine stabile Versorgung mit essenziellen Medikamenten sicherstellen kann. Die steigende Komplexität und der hohe Automatisierungsgrad moderner Fertigungsprozesse führen dazu, dass auch der Technologiesektor und insbesondere die Zulieferer der Fabrikanten und Bauunternehmen von dieser Entwicklung profitieren. Auch die Kontrolle über geistiges Eigentum kann so besser gewährleistet werden, denn die vergangenen Auslagerungen kamen oft auf Kosten des Verlustes von geistigem Eigentum durch unzureichenden Schutz oder Diebstahl. Durch Reshoring gewinnen Unternehmen wieder die volle Kontrolle über ihr Know-how zurück und stärken somit ihre Innovationsfähigkeit und insbesondere die Wettbewerbsposition. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt scheinen bisher positiv zu verlaufen. Durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie bleiben die Arbeitslosenquoten tief und die Gehälter steigen. Zudem führt Reshoring häufig zu einem Anstieg der Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften, da moderne Fertigungsprozesse ein höheres Bildungsniveau erfordern. Allerdings kann die damit verbundene Modernisierung auch zu Arbeitsplatzverschiebungen führen, da traditionelle Fertigungsarbeiten vermehrt durch Automation ersetzt werden.
Trotz der genannten Vorteile bringt Reshoring auch einige Herausforderungen mit sich. Es kann zu inflationärem Druck führen, wenn die höheren Kosten auf die Endverbraucher umgelegt werden, da inländische Produktionskosten, insbesondere Löhne und Gehälter, tendenziell höher sind als in den bisherigen Outsourcing-Destinationen. Darüber hinaus kann eine erhöhte inländische Nachfrage nach Ressourcen aufgrund der verstärkten Fertigungstätigkeit ebenfalls zu Preissteigerungen führen. Zudem können die Kosten für den Aufbau neuer Produktionsstätten oder die Modernisierung bestehender Anlagen erheblich sein und können sich so negativ auf die Rentabilität der Unternehmen auswirken. Auch ökologische und regulatorische Herausforderungen müssen beachtet werden, denn die Toleranz gegenüber umweltbelastenden Prozessen ist in den industrialisierten Ländern wesentlich tiefer. Es besteht auch das vermehrte Risiko von Handelskonflikten und einem Anstieg des Protektionismus. Ein abrupter Rückzug aus gewissen Regionen wie China kann zu Spannungen mit den Handelspartnern führen und möglicherweise weitere Handelsstreitigkeiten auslösen. Südkorea als auch europäische Länder sind besorgt, durch amerikanische Subventionen benachteiligt zu werden und haben Massnahmen zum Schutz ihrer Industrien ergriffen. Auch landesinterne Konflikte, die von politischen Interessen und Kompromissen geprägt sind müssen gelöst werden, da der zusätzliche inländische Produktionsschub verschiedene Interessensgruppen beeinträchtigt und kostspielige politische Massnahmen wie den Ausbau von Infrastruktur betrifft.
Reshoring hat das Potenzial, die Wirtschaft eines Landes zu stärken und den Arbeitsmarkt zu beleben und Innovation zu fördern, birgt aber auch Herausforderungen und Risiken. Asset Manager stehen vor der Frage, welche Industrien von dieser Entwicklung profitieren, und welche benachteiligt werden. Zu unseren Favoriten gehören Bereiche, dessen Produkte für den Bau und den Betrieb von Fabrikationsanlagen benötigt werden. Dazu gehört die Halbleiterbranche wie auch Elektroanlagen und Managementsysteme aber auch die Baubranche boomt in vielen Bereichen. Die Fabriken benötigen moderne Antriebs- und Steuerungssysteme aber in einer zweiten Welle auch Versorgung, Logistik und Transport. In der Pharmaindustrie gibt es grosse Chancen, denn ein Grossteil der pharmazeutischen Zwischenprodukte und Wirkstoffe werden in China hergestellt. Die Nachfrage nach in den westlichen Industrieländern produzierten Medikamenten dürfte in naher Zukunft zunehmen. Die USA haben über alle Faktoren hinweg die beste Ausgangslage von diesem Regimewechsel langfristig zu profitieren.
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