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Jóhann Jóhannssons letzte beiden, aktuellen Scores seit seinem Tod sind in der Zwischenzeit mit MARY MAGDALENE und MANDY veröffentlicht worden. MANDY ist ein Horror und Actionfilm mit Nicolas Cage und Andrea Riseborough (OBLIVION, BIRDMAN) unter der Regie von Panos Cosmatos, Sohn des Filmemachers George P. Cosmatos (FIRST BLOOD: PART II, TOMBSTONE) und soll den Komponisten scheinbar seelisch an den Rand der Erschöpfung gebracht haben.
Der talentierte, manchmal etwas unnahbare Isländer, der im Februar an einer Überdosis Kokain starb, schrieb einen elektronischen Score, dessen Soundspektrum sich manchmal an harten Klängen orientiert – oder anders gesagt: MANDY ist auf seine Art Heavy Metal der Filmmusik.
Das Hauptmotiv, angespielt gleich zu Beginn von Track 2 «Starling» wird entweder als tiefer spooky Sound, auf beeindruckendste Art und Weise aber («Sand») von einer verzerrten E-Gitarre wiedergegeben, deren Klang alleine fast den ganzen Track ausfüllt. Anders prozessiert, als elektronischen Sound, hören wir dieses Motiv im nachfolgenden Track «Red», während Jóhannsson in «Forging the Beast» Wege beschreitet, die in die 80er Jahren gepasst hätten. Fülliger und lauter zwar als bei einem gewissen John Carpenter, aber durchaus mit Ähnlichkeiten zur Musik des Regisseurs und seines Assistenten Alan Howarth.
In «Mandy Love Theme» ist das zweite wichtige Motiv von MANDY zu hören. Die Sechs-Noten-Folge wird hier in ein Kleid gehüllt, das Ähnlichkeiten mit dem sphärischen THE MERCY hat. Später im Stück paart Jóhannsson es mit einem sanfteren Klang der E-Gitarre und baut es schliesslich mit dem zweiten Teil aus, wie sonst im Score nirgends zu hören. In «Death and Ashes» wird das Liebesthema variiert und knapp gestreift wiedergegeben.
In die Abgründe taucht der Komponist mit dem experimentellen, von pulsierenden Klängen und verfremdeten Frauenstimmen umgebene «Black Skulls», weit tiefer aber mit dem packenden «Dive-Bomb Blues» ehe elektronisch veränderte Snare und Bassdrum «Waste» einleiten und zum Hauptmotiv führen, ein intensiver, starker und trotz seiner Einfachheit mehrdimensionaler Track. Erst im zweitletzten Stück «Memories» kehrt Jóhannsson mit beinahe schüchtern flächigen Klängen wieder zum Liebesthema (und man sollte den Begriff in der Tat weit ausgelegt verstehen) zurück, ehe sich der Höllenschlund abermals öffnet und den Track alptraumhaft beschliesst.
Mit dem Schlussstück «Children of the New Dawn» beschreitet Jóhannsson abermals deutlich Carpenter’sche Wege: Schlagzeug, der E-Bass und die Art wie er das zweite Hauptmotiv erklingen lässt, hier sind deutliche Verwandtschaften herauszuhören. Als er das erste Motiv dazu setzt, quasi als Kontrapunkt, ist die Vollendung perfekt und dieser sackstarke Track 15 beendet ein verstörendes, faszinierendes, richtig unheimliches und auch in seiner Kürze von 41:17 Min. sensationell wirkendes Filmmusikalbum. An diesen vernebelten Herbstabenden hat MANDY gleich doppelte Wirkung: er passt zu den düsteren Tagen im November, an denen sich die Strassenlaternen bereits um 15 Uhr einschalten und der Nebel zwischen den Häusern entlang kriecht.
Leider hatte die vorliegende CD ein grösseres Problem mit Track 15, gleich 2 Minuten wurden übersprungen. Das Label hat keine Reaktion trotz zweimaligem Anschreiben keine Reaktion gezeigt. Dennoch und gerade weil dieses Stück ein wichtiger, abschliessender Bestandteil ist, habe ich mir die CD nochmals bestellt. Die feine Art, liebe Leute von Lakeshore Records, ist das allerdings wirklich nicht. Eine Nachfrage beim Händler bestätigte, dass das Label recht mühsam sei und schleppend reagieren würde, wenn einer ihrer Tonträger einen Fehler aufweisen würde.
Phil, 26.11.2018
MANDY Jóhann Jóhannsson Lakeshore Records 41 Min. 15 Tracks