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Grundsätzlich dürfen Sie alles, was nicht gesetzlich verboten ist. Nur stellt sich die Frage, ob Ihre Taten auch im Einklang mit Ihren oder mit allgemeinen Idealen und Normen stehen. Ich kann gut verstehen, dass Ihr Exmann eine grosse Belastung für Sie ist. Es ist aber nicht Ihre Pflicht, die Verantwortung für ihn zu übernehmen, und es ist richtig, dass Sie die Kinder vor ihm schützen. Besser als eine totale Abwendung erachte ich jedoch eine klare Abgrenzung.
Ich sehe etwa die Möglichkeit, dass Sie Ihren Expartner einmal pro Monat treffen, mit ihm essen gehen und dann für ihn da sind. Nicht um ihn zu tragen oder heilen zu wollen, sondern im Sinn von Interesse und Mitgefühl. Wichtig ist dabei, dass Sie nur so viel leisten, wie Ihnen ohne Überlastung möglich ist. Letztlich wissen aber nur Sie, ob Ihre Liebe so weit reicht oder ob auch ein so abgegrenzter Kontakt Sie noch immer überfordert.
Als Stütze gibt es auch Selbsthilfegruppen für Angehörige von psychisch Kranken. Wenn Sie diesen Weg gehen wollen, könnte dies eine grosse Hilfe sein.
Die vier Stufen moralischen Handelns
Grundsätzlich ist Ihre Frage nach der Legitimität eines totalen Beziehungsabbruchs eine ethisch-moralische. Die Ethik ist ein Teilgebiet der Philosophie. Seit den alten Griechen haben unzählige Gelehrte darüber nachgedacht, was gutes moralisches Handeln ist und was schlechtes. Die einen finden die Antwort in göttlichen Gesetzen, andere halten das für ideal, was der Natur des Menschen entspricht. Wieder andere sagen, dass das gut sei, was der Gemeinschaft nützt. Weitere, dass die Menschen immer wieder neu aushandeln müssen, was gut ist.
Der Psychologe Lawrence Kohlberg hat die Moralentwicklung von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter beobachtet und verschiedene Stufen erkannt: Auf der prämoralischen Stufe gilt alles als gut und richtig, was sich bewährt: Was keine Strafe nach sich zieht und was die eigenen Bedürfnisse befriedigt, ist in Ordnung. Auf der konventionellen Stufe ist alles richtig oder moralisch, was die Autoritäten oder die Gesetze vorschreiben, gemäss dem Leitsatz: «Ich verhalte mich korrekt, weil das andere verboten ist - weil man so etwas nicht tut.»
Die dritte, autonome Stufe orientiert sich am Prinzip «Wie du mir, so ich dir». Menschen handeln gut, weil sie von anderen auch so behandelt werden möchten.
Die höchste Stufe ist ein Handeln auf der Grundlage des eigenen Gewissens, der eigenen moralischen Überzeugung. Vielleicht werden solche Entscheidungen von anderen teils verurteilt oder für falsch gehalten. Man handelt aber dennoch nach den eigenen Maximen, um sich nicht zu schämen, wenn man in den Spiegel schaut.
Wenn wir ehrlich sind, erkennen wir wahrscheinlich, dass wir in unserem Leben - je nach Situation - mal nach dem einen oder anderen Muster handeln. Und dabei gibt nicht in jedem Fall die höchste Stufe der Ethik den Ton an.