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Aber möglicherweise wird es voreilig gewesen sein, auf die eingangs gestellte Frage überhaupt eine Antwort zu geben. Die Frage „Was ist x?“, so würde man im Rahmen der klassischen Metaphysik vermuten, fragt nach dem Wesen von x. In neuerer Diktion würde man etwas abgeschwächter formulieren: Die Frage „Was ist x?“ fragt nach den Eigenschaften von x, nach jenen Prädikaten, die x zu dem machen, was es ist. Vorausgesetzt ist dabei in beiden Varianten – gleichgültig, ob ich nach dem Wesen oder nach den konstituierenden Eigenschaften von x frage –, dass es x gibt. Ich kann nur das Wesen oder die Eigenschaften von etwas angeben, das es auch gibt. Insofern muss ich mich, bevor ich die Frage „Was ist Zukunft?“ überhaupt nur stellen, geschweige denn beantworten kann, zuerst einmal vergewissern, ob es dasjenige, dessen Wesen oder dessen Eigenschaften ich herausfinden will, überhaupt existiert (,Existieren‘ ist hier nicht im Heideggerschen, auf das menschliche Dasein bezogenen Sinne gemeint, sondern einfach in der Bedeutung: ,Sein‘). Die Vor-Frage zur Frage „Was ist Zukunft?“ muss also heißen: „Gibt es Zukunft?“ oder: „Existiert Zukunft?“
Es scheint auf diese Frage nur zwei mögliche Antworten geben zu können: Ja oder Nein. Diese beiden Antwortmöglichkeiten sind aber keineswegs neutral. Beantworte ich die Frage „Gibt es Zukunft?“ mit „Nein“, so scheint diese Antwort Ausfluss eines untröstlichen, verzweifelten Pessimismus zu sein bzw. einen solchen Pessimsmus zur Konsequenz zu haben, der nicht damit rechnet, dass es noch irgendeine Hoffnung oder Erwartung, einen Ausweg, ein Bevorstehendes geben könne. Das „Nein“ scheint zu suggerieren: Alles wird aus sein, oder besser gesagt: Alles ist bereits aus. Das „Ja!“ auf die Frage „Gibt es Zukunft?“ hingegen – beinahe meint man den Unterschied im Tonfall zu hören, mit dem diese Antwort dem resignativen „Nein“ entgegen gehalten wird – betont die Offenheit, Unabgeschlossenheit, das Abenteuer des immer noch Bevorstehenden und Ausstehenden, die Möglichkeit der Utopie, vielleicht sogar die Aussicht, dass das Beste erst noch kommt.
Bevor wir also auch nur ansatzweise versucht haben, die Frage „Gibt es Zukunft?“ zu beantworten, antizipieren wir bereits die emotionalen Reaktionen auf ihre mögliche Beantwortung. Beweist nicht schon die Tatsache, dass wir unsere Reaktionen auf ein enthusiastisches „JA“ und ein deprimierendes „NEIN“ antizipieren können, dass es Zukunft gibt, ja geben muss? – Schon der heilige Augustinus ist ja im XI. Buch seiner Confessiones zu der Einsicht gelangt, dass es Zukünftiges deswegen gibt, weil wir expectationes, Erwartungen, in unserer Seele haben und antizipieren, was kommen könnte.
Doch vielleicht ist auch die Vor-Frage („Gibt es Zukunft?“) zu unserer Haupt-Frage („Was ist Zukunft?“) noch nicht richtig gestellt. Es stimmt zwar, dass man zunächst einmal die Existenz von x feststellen muss, um Auskunft darüber geben zu können, welches die Wesenseigenschaften dieses x sind – aber muss man nicht ebenso sehr umgekehrt bereits wissen, was x ist, bevor man feststellen kann, ob x existiert? – Auch hierbei hilft uns Augustinus weiter. Er hat nämlich eine persönliche Erfahrung mit der Zeit in Worte gefasst, die auch heute, nach 1600 Jahren, trotz aller modernen Beschleunigungsdynamik noch unmittelbar nachvollziehbar sind: „Wenn mich niemand fragt, was die Zeit sei, dann weiß ich es; aber soll ich sagen, was die Zeit sei, so weiß ich es nicht mehr.“ (Für „Zeit“ ließe sich hier sicherlich auch „Zukunft“ als eine ihrer drei Dimensionen einsetzen.) Das bedeutet: Dass es Zukunft gibt und was sie ist, scheint uns intuitiv wohl vertraut zu sein; aber sobald sich unsere mentale Aufmerksamkeit auf sie zu richten versucht, um diese Intuition in explizites Wissen zu verwandeln, entzieht sie sich in rätselhafter, nicht-trivialer Weise. Wir brauchen die Zukunft nicht erst zu suchen; denn wir tragen sie immer schon in uns.
Also dürfen wir, solange wir sind, zu Recht behaupten: „Zukunft existiert“, „Es gibt Zukunft“. Aber ist diese Aussage eine wahre Aussage? Müsste es nicht eigentlich heißen: „Zukunft wird existieren“ und „Es wird Zukunft geben“. Aber wird die Zukunft, die es geben wird, dann, wenn es sie geben wird, nicht wiederum Gegenwart sein? Oder ist mit der Zukunft, die es geben wird, die Zukunft einer zukünftigen Gegenwart gemeint?
Der Philosoph Willard Van Ornam Quine hat die Aufgabe der Ontologie so beschrieben, dass sie eine vollständige Liste aller seienden Dinge erstellen müsste. Würde unsere Zukunft auch auf diese Liste gehören? Erfüllt sie die notwendigen und hinreichenden Voraussetzungen, um von ihr sagen zu können: „Sie ist“? Vielleicht lässt sich ja – im Sinne des Eternalismus – von zahlreichen Dingen und Ereignissen tatsächlich sagen, dass sie zukünftig sein werden und in diesem Sinne „sind“ (nämlich als zukünftige Dinge und Ereignisse), aber nicht von der Zukunft als solcher und im Allgemeinen.
Nehmen wir einmal an, für den 14. Oktober 2020 wäre eine Konferenz zum Thema „Zukunft“ angesetzt; die Planungen beginnen bereits. Also ist es wahr zu sagen, dass es am 14.10.20 eine Konferenz zum Thema „Zukunft“ geben wird. Die Konferenz gehört zu den zukünftig seienden Dingen bzw. Ereignissen. Wenn nichts Unvorhergesehens geschieht, wird sie stattfinden können. Aber setzt eben dies, dass die Konferenz aller Voraussicht nach am 14.10.20 wie geplant stattfinden kann, nicht voraus, dass es auch so etwas wie „Zukunft“ gibt? Wäre die Gesamtheit aller zukünftig stattfindenden Ereignisse überhaupt denkbar, wenn es keine Zukunft gäbe, die selber nicht identisch ist mit der Summe aller zukünftig stattfindenden Ereignisse?
Zukunft ist jener von allen vergangenen Ereignissen nicht vollständig determinierte Zeit-Raum offener Möglichkeiten, auf den wir zukommen und der auf uns zukommt, solange es Gegenwart geben wird. Niemand weiß, wie die Welt im Jahre 2020 aussehen wird. (Für jemanden, der wie ich noch im letzten Millenium aufgewachsen ist, sieht die Zahl „2020“ immer noch unfassbar futuristisch aus. Aber es sind nur noch wenige Jahre bis dahin..) Wird die Welt dann von autoritären Regimen in den USA (Trump?), in Russland, in China, in der Türkei, in Frankreich (Le Pen?) und anderswo beherrscht werden? Werden Terroranschläge zu einem festen Bestandteil der Lebenswirklichkeit europäischer Gesellschaften geworden sein? Wird die EU endgültig zerfallen sein? Werden die transhumanistischen Visionen der Silicon Valley-Kapitalhippies unsere Beziehung zur Wirklichkeit und zum eigenen Körper endgültg digitalisiert haben? Werden die Physiker die Weltformel gefunden haben – vielleicht in Form einer Theorie der Quantengravitation, die mathematisch beweist, dass es gar keine Zukunft gibt? Noch nie gegeben hat? Wer weiß...