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Wenn ich mich daran erinnere, fällt mir als Erstes eine Familie ein, ein Bruder und eine Schwester und ihr Mann, also der Schwager des Bruders, und die Mutter des Schwagers oder so etwas. Und der Schwager wusste eine Banknote so zu falten, irgendeinmal vor der Vorstellung, dass irgendein Bild entstand, und sie kicherten - wohl etwas Unanständiges. An das Bild erinnere ich mich nicht. Vielleicht habe ich es auch gar nicht gesehen. Mich wundert nur, weshalb ich mich daran erinnere.
Stadttheater Olten, Stehplatz oben auf dem Rang, und hier gehörte man im Unterschied zu den Sitzenden zusammen. Man grüsste sich wie alte Bekannte, man schaute sich das Stück sozusagen gemeinsam an, lachte gemeinsam, klatschte gemeinsam und fand es gemeinsam grossartig. Ich war noch sehr jung, dreizehn, fand diese Familie recht eigenartig und begriff nicht ganz, was sie hier in der hohen Kultur zu suchen hatten. Und das, was ich für diese hohe Kultur hielt, das waren Operetten - Stehplatz für einen Franken fünfundsechzig. Ich setzte mich jedenfalls sehr schnell ab in die Oper - Stehplatz zwei Franken zwanzig. Da war sie aber wieder, die Familie, und der Schwager faltete seine Banknote, und sie kicherten. Das Schauspiel übrigens kostete auf dem Stehplatz nur einen Franken zehn. Nicht aus Spargründen, vielmehr aus zunehmendem Kultursnobismus entschied ich mich fürs Schauspiel: Goethe, «Iphigenie». Ich hatte keine Ahnung, was das sein könnte, aber immerhin Goethe, und ich erinnere mich an meinen Schrecken, als im Programmheft nur fünf Personen aufgeführt waren, und bereitete mich vor auf Langeweile.
Und der Vorhang ging auf, und Iphigenie kam aus dem Tempel, breitete ihre Arme aus: «Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heil’gen, dicht belaubten Haines...» Ich war hingerissen, überwältigt - fand es grossartig. Und jeder Lehrer hätte mir bewiesen, dass ich nichts, gar nichts davon verstanden habe. Und so war es auch, ich brauchte nicht zu verstehen, ich staunte nur, überwältigt vom Pathos.
Ich hatte, ganz allein und ohne Hilfe, Goethe entdeckt. Mir war, als wäre ich der Erste überhaupt, der ihn entdeckt hat. Und mir fällt dabei ein Satz Goethes ein, der mich ein halbes Leben lang begleitet hat: «Erfahrung ist immer eine Parodie auf die Idee.»
Ich wusste von nichts, hatte keine Ahnung, war auch zu jung. Und weil mir die Erfahrung fehlte, wurde für mich die Aufführung der «Iphigenie» zu etwas absolut Einmaligem, zu etwas absolut Erstmaligem.
Ernest Hemingway hat mal auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er sich etwas wünschen dürfte, das den Naturgesetzen widerspricht, gesagt: «Noch einmal zum ersten Mal ‹Krieg und Frieden› von Tolstoi lesen.»
Die Idee heisst totale Liebe, totale Begeisterung, die Erfahrung ist die Relativierung davon
Den Anfang von der «Iphigenie» musste ich übrigens nirgends nachschlagen, der ist eingebrannt in mein Gedächtnis. Aber Tolstoi habe ich schnell im Internet gesucht, um die Rechtschreibung zu überprüfen.
Ich geniesse es, so leicht an Informationen zu kommen. Und ich bin fast entsetzt darüber, wie uninformiert wir waren, damals als Jünglinge. Trotzdem bin ich eigentlich recht dankbar dafür.
Dankbar für all die Entdeckungen: zwei Bücher gekauft, damals bei einen Trödler auf dem Markt, begeistert gelesen - Robert Walser. Niemand konnte mir damals Auskunft darüber geben, wer das war oder ist, auch mein Deutschlehrer nicht - Walser hätte damals sogar noch gelebt.
Wir entdeckten den Jazz auf AFN, dem Sender für die amerikanischen Soldaten, ohne auch nur ein Wort Englisch zu verstehen. Wir entdeckten gegen unsere Lehrer Klee und Picasso und Strawinsky und Mies van der Rohe. (Schreibt man das so? Ich möchte jetzt nicht ins Internet.)
Die Idee heisst totale Liebe, die Idee heisst totale Begeisterung - die Erfahrung ist nichts anderes als die Relativierung davon. Die Erfahrung der Erwachsenen heisst: «Du wirst schon noch auf die Welt kommen, du wirst dir deine Hörner schon noch abstossen, dir werden die Augen schon noch aufgehen.»
Warum sind wir so stolz auf unsere Erfahrungen, die meist nichts anderes sind als Resignation, nichts anderes als schäbige Vorurteile. Vorurteile auch gegen jene Jungen, die heute ihre Entdeckungen auf ihre Art machen.