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«Ennet der Gleise»
Was hat das Schlachten von Tieren mit Wankdorfcity zu tun? Ein Blick zurück hilft, das Projekt der gestapelten Stadt zu verstehen.
Der Raum Wankdorfcity ist eine städtebauliche Herausforderung, was auch immer dort projektiert wird. Wankdorfcity 3 sei eine «der schwierigsten Flächen im Umkreis von 150 Kilometern», sagt der Architektur-Historiker Christoph Schläppi. Das hat naturräumliche Gründe und ist auf die Entwicklung der Mobilität im letzten Jahrhundert zurückzuführen.
Wankdorfcity ist zum einen auf den Verlauf der Aare abgestimmt, die sich vor Urzeiten in die Landschaft gefressen hat. Zum anderen legt die nach Mitte des 19. Jahrhunderts durch das Wankdorffeld gelegte Eisenbahnlinie eine Grenze. Die Eisenbahn als stets trennendes Element in der Architektur. Sie trägt heute noch dazu bei, dass die Flächen nördlich der Geleise von der Stadt abgeschnitten sind. Auf der anderen Seite zieht die in der 1970-er Jahren errichtete Autobahn eine zweite Grenzlinie.
Der Aarehang, dazu die Eisen- und Autobahn. Alle drei sind unverrückbar und definieren die «Logik dieses Ortes», wie Schläppi sagt. Sie geben Bedingungen vor und münden in die Quintessenz, dass hier etwas nicht Alltägliches entstehen soll.
Um das Projekt der gestapelten Stadt von Wankdorfcity 3 in seiner Tiefe zu verstehen, ist der Blick zurück ebenso dienlich wie die Einordnung der bereits erstellten Wankdorfcity 1 und 2.
Im Perimeter ennet der Geleise im Norden Berns wurden in früheren Zeiten Notwendigkeiten angesiedelt – wie der Schiessplatz, der dort war, wo sich heute das Wylerbad ausbreitet. Oder das Schlachten der Tiere und dessen Immissionen, die man aus der Altstadt an die Peripherie verlegte. Der städtische Schlachthof im Wylerfeld wurde 1914 in Betrieb genommen, nachdem die Standorte an der heutigen Rathausgasse (Schlachthaus) und an der Engehalde ausgedient hatten.
Das Tierschlachten wurde zunehmend tabuisiert und im Zuge der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Stadtzentrum entfernt – auch aus hygienischen Gründen. 1999 ging der Schlachthof nach stürmischen Wirtschaftszeiten in private Hände über. Neue Eignerin war die Lüthi-Gruppe, die grösste Abnehmerin der Schlachtprodukte. 2005 wurde der Betrieb eingestellt und anschliessend abgebrochen. Einzig die denkmalgeschützten Verwaltungsgebäude des Schlachthofs stehen weiter stadtwärts noch.
Die Fleischproduktion wanderte zuerst an die Peripherie der Stadt – und später noch weiter weg nach Deisswil bei Münchenbuchsee. Der Schiessplatz wurde nach Ostermundigen verlegt, auch die Sportklubs YB und der SC Bern bezogen ihre neuen Arenen im Norden der Stadt, im Gebiet Wankdorf, also ausserhalb des Zentrums.
Mit dem Ende des Schlachthofs war auf dem Wylerfeld Fläche frei geworden. Die SBB und die Post hielten nach dem Jahrtausendwechsel Ausschau nach neuen Hauptsitzen und die Stadt Bern wollte die bundesnahen Unternehmen unter keinen Umständen verlieren. Da bot sich das ehemalige Schlachthofareal als idealer Standort an und die Planung nahm Fahrt auf.
Nach zwei erfolgreichen Abstimmungen folgte 2011 der Spatenstich für Wankdorfcity 1. Der damalige Stadtpräsident Alexander Tschäppät sagte: «Wankdorfcity wird schweizweit Symbol sein für eine dynamische und pulsierende Hauptstadt Bern.» Und in Anlehnung an die Bauherren ergänzte er: «Es geht die Post ab, der Zug ist in voller Fahrt.»
Über 10 Jahre später wird niemand richtig warm mit Wankdorfcity 1 und 2, zumindest in Bezug auf die vermisste Durchmischung. Quartiervertreter sprechen von «Riesenkisten», von einer zwar funktionalen «Betonwüste», die aber nicht zum Verweilen einlade. Vor und nach den Bürozeiten wirkt die City verwaist. Hier setzt der Architektur-Historiker Schläppi an. Wankdorfcity 3 sei ein «kritisches Projekt», weil es die Antwort auf die grossen Blockgebäude von der SBB und der Post sei. «Die gestapelte Stadt ist aus der Perspektive des Projektteams einer von wenigen möglichen Ansätzen, einen lebbaren Ort mit der geforderten Dichte zu realisieren», sagt Schläppi.
Wankdorfcity 3 soll eine Replik finden auf Wankdorfcity 1 und 2. Das erhöht die Anforderung und zieht eine selten komplexe Planung nach sich. Früher wäre kaum jemand darauf eingestiegen, an dieser Stelle mitunter eine Wohnanlage zu konzipieren. Doch die Verdichtung im Städtebau verändert Parameter. Zumal der Standort Vorteile bietet: Er gehört zum Entwicklungsschwerpunkt Wankdorf, der den nahegelegenen S-Bahnhof einschliesst. Und: Das Erholungsgebiet der Aare ist nahe.
Luftaufnahme des alten Schlachthofs (zwischen 1918 – 1935, Fotograf: Walter Mittelholzer).
Luftaufnahme des Werkhofs von Losinger Bauunternehmung und dem Schlachthof aus dem Jahre 1965 (Comet Photo AG).
Luftaufnahme des Werkhofs von Losinger Bauunternehmung und dem Schlachthof aus dem Jahre 1965 (Comet Photo AG).