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DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦
Ihr erinnert Euch: von der Hand im Mund gelebt und ganz allein auf sich gestellt, versuchte der junge Caravaggio in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts in Rom Fuss zu fassen. All die Künstler, die sich in den verruchten Gassen der Heiligen Stadt herumtrieben, sehnten sich verzweifelt nach einem reichen Mäzen, der sie unter seine Fittiche nehmen und beschützen würde. Kardinal Francesco Maria del Monte sollte sein Sugar Daddy werden. Der Geistliche besass eine exquisite Sammlung an Gemälden, Kompositionen, Kunstmalern und Kastraten. So begann Caravaggio Bilder für ihn zu malen, die nur so bevölkert waren von Instrumenten und Musiknoten. Werke, die den reichen Fundus des Kardinals widerspiegelten. Es muss Monte gewesen sein, der ihm 1598 den Auftrag vermittelte, für die Kirche San Luigi dei Francesi drei monumentale Bilder zu entwerfen.
Herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner Kolumne über das verrückte Leben des Michelangelo Merisi da Caravaggio.
San Luigi dei Francesi, auf Französisch «Saint-Louis des Français», wurde zwischen 1518 und 1589 errichtet und befindet sich nahe der Piazza Navona. Sie ist die französische Nationalkirche und ist dem heiligen König Ludwig IX von Frankreich geweiht. Als Titelkirche untersteht sie jeweils dem Kardinal, der auch Erzbischof von Paris ist. https://bit.ly/3IYrRdh
Die Bestellung umfasste zwei Szenen aus dem Leben des heiligen Matthäus und die Niederschrift des Evangeliums mit dem Engel. Die Auftraggeber hatten genaue Vorstellungen: die Gemälde sollten eine grosse architektonische Kulisse zeigen, im oberen Drittel Engel auf Wolken aufweisen und die Augen Matthäus zum Himmel gerichtet sein.
Caravaggio hingegen gab ihnen weder den gewünschten Pomp noch die begehrte Feierlichkeit, und auch von Erhabenheit war keine Spur auszumachen, sondern Chaos und die Brutalität der Strasse.
Als Ort der Handlung hatte er im Bild «Die Berufung des Evangelisten» eine gewöhnliche Taverne gewählt und da, wo sich der Himmel erheben, wo sich Engel auf Wolken tummeln sollten, prangte eine verschmutze Fensterscheibe an der Wand.
So, als ob er sagen wollte: «Hier gibt es nichts zu sehen! Der Ausblick auf den Himmel ist leider gerade versperrt!». Die Figuren sitzen um einen Tisch, tragen zeitgenössische Kleidung, und Jesus wird durch die extreme Düsterheit, durch das Dunkle, das die Szenerie kennzeichnet, halb verdeckt. https://bit.ly/3qUtiDs
Auch die anderen Bilder waren in dieser krassen, Helldunkel-Malerei gefertigt, ohne jeglichen Glanz und schienen eher Alltagsbegebenheiten wiederzugeben als dass sie Heiligenbilder darstellten. Auf die Spitze trieb er es aber mit dem «Martyrium des Evangelisten Matthäus». Dieses Bild sieht aus, als ob es eine Massenschlägerei beschreiben würde. https://bit.ly/3tYE5yi
Caravaggio verband das Sakrale mit dem Profanen, wie man es noch nie zuvor gesehen hatte. Es sollte ein überwältigender Triumph werden. Künstler aus ganz Europa kamen fortan nach Rom gereist, um seine Werke zu sehen. Ab dem Zeitpunkt galt er als einer der führenden Maler Roms.
Er hatte auf sich aufmerksam gemacht. Und im Alter von 32 Jahren war er ein gefeierter Star. Doch da gab es diese andere Seite des Michelangelo Merisi da Caravaggio. Der Mann, der einem Kellner einen Teller Artischocken ins Gesicht warf, als er seine Ehre verletzt fühlte. Der Mann, der sich wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht zu verantworten hatte und Zeit seines Lebens immer wieder im Gefängnis landete. Und der Mann, der nachts durch die Strassen Roms zog mit seinen Gefährten, immer auf der Suche nach Ärger. Ihr Motto: keine Hoffnung, keine Furcht.
1606 fand dann eine langgepflegte Feindschaft ihren tragischen Höhepunkt. Michelangelo brachte einen Zuhälter um und war gezwungen, umgehend aus Rom zu fliehen. Der Bando Capitale wurde gegen ihn ausgesprochen. Jeder innerhalb des Kirchenstaates konnte ihn von nun an straffrei töten.
Er floh in die angrenzenden Berge Roms, in den Schutz einflussreicher Freunde. Da malte er eine Version des «Abendmahls in Emmaus», die sich ausnahm wie in Motorenöl getaucht. Aus tiefstem Schwarz löst sich die Szenerie und gibt den Blick auf eine düstere Figurengruppe frei, deren jede Lebensfreude abhanden gekommen scheint. Ein Firnis überzieht das Bild, das die hellen Gelb- und Rottöne betont, so, als ob die verlorenen Gestalten mitsamt ihren Kleidern, der Tischdecke, dem Geschirr und dem Brot ein Bad in Saharastaub genommen hätten... https://bit.ly/3NIlQF8
Er, einer der grössten Maler des Abendlandes, war ein Sündiger, ein Mörder und in Ungnade gefallen. Die Welt, in der er gerade noch gepriesen und gefeiert wurde, war in sich zusammengefallen.
Caravaggio fühlte sich zusehends unsicherer im Umland Roms und floh in den spanisch beherrschten Süden Italiens nach Neapel. Der Ruhm seiner römischen Werke war ihm vorausgeeilt. Und man empfing ihn mit offenen Armen. Er erhielt dort den Auftrag zu einer seiner grössten Schöpfungen, «Die sieben Werken der Barmherzigkeit». https://bit.ly/3uOUowR. Er etablierte sich in wenigen Monaten auch zum führenden Maler Neapels und wurde zum einflussreichsten Künstler für die kommenden Generationen. Von Neapel reiste Caravaggio weiter nach Malta. Er hoffte dort in den mächtigen Orden der Malteser aufgenommen zu werden. Die Aufnahme als Ritter in den Orden würde automatische Straffreiheit bedeuten für seinen Mord an dem Zuhälter Tomasini. Um die Gunst der führenden Köpfe des Ordens zu gewinnen, malte Caravaggio eine Reihe von Gemälden, die mit Begeisterung aufgenommen wurden.
Weiter mit meiner Geschichte geht es im dritten Teil dieser Kolumnen Serie. Ich freue mich sehr, Euch nächste Woche in Malta begrüssen zu dürfen.
Ganz liebe Grüsse
Euer Alon
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