Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03451.jsonl.gz/86

Janine erzählte ihm auch von ihrer neusten Theorie, wonach alle zusammen, wie bei «Mord im Orient-Express», einen gemeinsamen Mordplan hatten. Mäder schien davon aber nicht wirklich überzeugt. Er war immerhin damit einverstanden, am nächsten Tag alle Verdächtigen zu einem Verhör in ihr Büro in Freiburg einzubestellen. Grosse Vertuschungsgefahr bestand nicht mehr, war er sich sicher. Hätten die drei Familien sich absprechen wollen, hätten sie das sowieso schon längstens gemacht.
Kurz bevor die Verdächtigen zu den Verhören eintrafen, schauten Janine und Mäder zusammen die Pinnwand an, auf die sie Zettel mit den bisherigen Erkenntnissen geheftet hatten. Es gab vier Motive: Marius Keller konnte Knüsel nicht leiden, weil dieser sein Bauprojekt torpediert hatte und sogar vor Bundesgericht ziehen wollte. Sein Sohn Luca war sauer auf Knüsel, weil er wegen ihm vor den Sommerferien vom Collège geflogen war. Georg Tinguely hatte beim Pokern im «Löwen» in Gurmels mehrere Zehntausend Franken Schulden bei Knüsel angehäuft. Lea Hirschi war wütend, weil Knüsel ihre Lieblingskatze überfahren hatte. Alle Motive waren zeitnah, alle schienen plausibel.
Den Anfang bei den Verhören machte die Familie Tinguely aus Plaffeien. Als Janine und Mäder den Verhörraum betraten, spürten sie förmlich die frostige Stimmung zwischen den beiden Eheleuten. Janine und Mäder warfen sich einen Blick zu. Offenbar wusste Cindy Tinguely jetzt, dass ihr Mann Georg im «Löwen» mehrere Zehntausend Franken verspielt hatte.
Während Tinguelys aussagten, sassen Marius und Corina Keller und ihr Sohn Timo zusammen mit Thomas und Lea Hirschi in einem schmucklosen Warteraum. Timo erinnerte sich an das Gespräch mit seinem Bruder – daran, dass der Mörder möglicherweise mit einem Motorrad nach Baumetswil gekommen war. Er fragte deshalb Lea, ob sie bei ihrem ermordeten Nachbarn Bernhard Knüsel mal ein Motorrad gesehen habe. Lea dachte kurz nach: «Knüsel selber hatte keinen Töff. Aber ich habe mindestens zwei Mal einen gesehen.» «Wie sah er aus?», fragte Timo. «Es war eine grosse Maschine. Mehr kann ich nicht sagen. Ich interessiere mich für Katzen, nicht für Töffs.»
Die Tür zum Verhörraum öffnete sich, und Tinguelys kamen heraus. Janine deutete nun der Familie Hirschi an, ihr zu folgen. Timo Keller blieb mit seinen Eltern bis zum Schluss im Warteraum. Als sie endlich an die Reihe kamen, war es schon beinahe Mittag.
«Ich muss Ihnen ja nicht sagen, dass Lucas Verschwinden kein gutes Licht auf ihn wirft», eröffnete Janine das Gespräch und fuhr sogleich fort: «Wir wissen von den Vorfällen am Collège.» Von Marius und Corina kam keine Reaktion. Timo schaute seine Eltern verärgert an: «Es ist irrsinnig zu denken, dass Luca etwas mit dem Mord zu tun hat! Ja, er ist wegen schlechter Noten vom Collège geflogen, aber er würde niemals jemanden umbringen, nie! Dazu kenne ich meinen Bruder zu gut.»
Janine musterte Timo einen kurzen Augenblick, dann holte sie kurz Luft und wandte sich Marius Keller zu: «Und wir wissen auch von der Baubewilligung.» «Der Entscheid des Oberamtmanns und das Urteil des Kantonsgerichts haben bewiesen, dass Knüsel nicht recht hatte», antwortete dieser kühl. Mäder blickte von seinem Notizblock auf: «Sie scheinen sehr gute Kontakte zum Oberamtmann und ins Kantonsgericht zu haben, Herr Keller. So haben Sie auch die Ausnahmebewilligung fürs Bauen ausserhalb der Bauzone erhalten, trotz der Bedenken von Vogelfreund Bernhard Knüsel. Und dann erst recht der Mehrverkehr: Dagegen hatte Knüsel völlig zu Recht opponiert. Sie hatten ein Motiv. Knüsel wurde Ihnen gefährlich.»
Im August erscheint in den FN in Form einer Sommerserie die Krimikurzgeschichte «Vogelfreunde», verfasst von Philipp Spicher, Jungschriftsteller aus Wünnewil. Personen und Handlung sind frei erfunden. Alle bisher veröffentlichten Kapitel: www.freiburger- nachrichten.ch, Dossier «Sommerkrimi».