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Das Fest des Schusters
Als wir das Haus des Schusters am Dorfplatz von Veuvey-sur-Ouche im Burgund kauften, war es etwa zwei Jahrzehnte lang unbewohnt gewesen. Bevor wir mit dem Renovieren beginnen konnten, galt es ein paar Tonnen Unrat zu entfernen. Doch die Hinterlassenschaft barg auch einige Schätze. Es fanden sich mehrere wunderschön in Hartholz gearbeitete Leisten – bei denen nach dem Sprichwort der Schuster bleiben soll – für Stiefel und Halbschuhe in verschiedenen Grössen und Formen. Auf dem Dachboden entdeckten wir dann auch Schriftliches: grossformatige Kassenbücher, in denen der Meister die Geschäfte seiner Schuhmacherei in schwungvoller Handschrift mit Tinte und Stahlfeder dokumentiert hatte.
Das älteste dieser Journale geht ins Jahr 1902 zurück. Es zeugt vom dörflichen Leben der France profonde jener Zeit. Fünf Francs wurden da in Rechnung gestellt für ein Paar neue Schuhe, einige Centimes dort für eine Reparatur, beispielsweise an den «brodequins du domestique», den Schnürstiefeln des Knechts. Offensichtlich hatte dieser nicht selbst für sein Schuhwerk zu sorgen; es war Sache seines Herrn, ihn für den Dienst tauglich auszustaffieren. Die Kundschaft kam aus ein paar Dutzend umliegenden Dörfern. Wer den Schuster brauchte, hatte in manchen Fällen happige Wegstrecken bis zum Cordonnier von Veuvey zurückzulegen, und das in der Regel zu Fuss. Das Geschäft florierte, denn die Schuhe wurden hart beansprucht.
Schuhwerk war teuer im Verhältnis zum Einkommen der Landbevölkerung. Es scheint die Ausnahme gewesen zu sein, dass Käufe oder Reparaturen in einem Mal bar bezahlt wurden. Anschreiben und Abstottern war die Regel, gelegentlich auch die Zahlung in Naturalien. Da hat dann ein Mass Gerste oder ein Ster Brennholz für eine Schuhreparatur den Besitzer gewechselt.
Vereinzelt fanden sich Briefe und andere Schriftstücke zwischen den Seiten. Eines dieser Dokumente verweist auf einen nicht näher bezeichneten Anlass, eine Hochzeit oder ein anderes Familienfest. Der schmale hochformatige Zettel aus festem Papier trägt auf der einen Seite die vorgedruckte Überschrift «Menu». Darunter steht handschriftlich
Déjeuner:
- Jambon
- Paté
- Poule sauce blanche
- Petits pois au jus
- Poulets rôtis
- Salade de Saison
- Desserts: Brioche – Crème – Tarte
- Chambertin
- Mousseux
- Café
- Liqueurs
Auf der Rückseite des Zettel geht es weiter mit
Dîner:
- Potage velouté
- Bouchées à la Reine
- Poulets chasseur
- Haricots verts
- Rôtis
- Desserts variés
Das Kärtchen lag zwischen den Seiten der Kreditorenbuchhaltung von 1905. Damals muss ein opulentes Fest stattgefundnen haben, ein grosses Ereignis, das aus dem kargen Alltag der Dorfleute herausleuchtete.