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Dominik Riedo nähert sich dem Leben und Werk des Berner Schriftstellers Christoph Geiser.
Von Dominik Riedo
«Ich bin ein eher schwermütiger Mensch und daher ungeeignet für unterhaltsame Selbstbeschreibungen. Ich bin aufgewachsen in Basel, wollte ursprünglich Theologie studieren, verirrte mich in die Soziologie, brach das Studium nach kurzem ab und verdiente meinen Lebensunterhalt als Journalist. Seit 1974 lebe ich als freiberuflicher Autor meistens in Bern und schreibe hauptsächlich Romane. Am wohlsten fühle ich mich in Berlin. Zuhause bin ich in den Bildwelten des Caravaggio und in den Kerkern des Marquis de Sade.»
Das schreibt Christoph Geiser über sich selbst auf «Literapedia Bern».
Aber der Reihe nach – vom Ende her: Obgleich Geiser demnach wohl ganz gut in künstlichen Bilderwelten und dunklen Verlassenheiten leben könnte, bereiste er über die Jahre neben Berlin, wo er seit mehr als einem Jahrzehnt eine Zweitwohnung hat, einen Gutteil der Welt. Auf seiner privaten Website zählt er explizit auf:
«Herbst 1974 Vietnamreise; 1980 als German-Writer-in-Residence am Oberlin College, Ohio/USA; 1982 anlässlich der Writers’ Week in Adelaide Lesereise durch Australien; 1990 als Stipendiat der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr in London; 1991/92 mit einem Stipendium des Kantons Bern Resident an der Cité Internationale des Arts in Paris; 1999 mit einem Stipendium der Stadt Bern sechs Monate in New York; 2000 während sechs Monaten Stadtschreiber in Dresden; 2004 drei Monate Gast im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf.»
Doch als wäre dadurch immer auch eine Illusion mehr ausserhalb der Bücher verschwunden, scheint das sozial-politische Engagement vor den Reisen auf den ersten Blick grösser gewesen zu sein: Geiser studierte Soziologie, brach das Studium als Widerstand gegen den (auch institutionell) vorgezeichneten Lebensweg ab und trat einen Haftaufenthalt infolge Wehrdienstverweigerung an, worauf die «Mitteilung an Mitgefangene» (1971) entstand; er arbeitete beim «Vorwärts» als Redakteur, war Mitbegründer der Schweizer Literaturzeitschrift «Drehpunkt» und trat der «Gruppe Olten» bei (damals die eher politisch aktivere Schriftsteller-Vereinigung von zweien in der Schweiz).
Freilich, dies folgerte man, wie gesagt, höchstens ohne genaueres Hinsehen. Denn ja, ab 1974 widmet er sich zwar stark seinem literarischen Werk und schreibt hauptsächlich Romane (und Erzählungen und Geschichten), zu Beginn vor allem mit dem Spezialgebiet Familientragödien einer Wohlstandsgesellschaft, die sich in Beziehungslosigkeit auflöst (Geiser ist der Sohn eines konservativen Basler Kinderarztes und einer zunehmend religiös engagierten, ehemaligen Schauspielerin aus dem Berner Patrizier- und Grossbürgertum, man lese dazu «Grünsee» von 1978 oder «Brachland» von 1980), später dann setzt er sich vermehrt mit seiner Homosexualität auseinander («Wüstenfahrt» von 1984 oder «Das geheime Fieber» von 1987). Wie hingegen Christoph Geiser in diesen Romanen auf den ersten Leseblick auch vor allem über sich zu schreiben scheint, stimmt das wie die alleinige Konzentration auf das ‹eigentliche› Werk eben nicht.
Zuerst zu den Büchern:
Schon fast von Beginn weg liegt hierin ein Axiom dieses Schaffens: Geiser geht von sich aus, spricht von sich (und tatsächlich ist es bei diesem Schriftsteller durchaus legitim, den Erzähler als ‹Geiser› zu betrachten, so viele Züge übernimmt er aus seinem realen Leben in die Fiktion) … und doch immer mehr auch von allen und allem. Denn der Autor durchbricht innerhalb eines Texts das ‹Ich› oft – wie schon in der Gefängnisschrift «Mitgefangene», wo er zwar von seinem eigenen Gefängnisaufenthalt ausgeht, sich aber deutlich an Mitgefangene wendet, ist es ab irgendeinem Zeitpunkt der Texterkenntnis möglich, als ‹Gefangene› sogar ‹die da draussen› zu verstehen.
Das gilt ebenso für die Romane. Die Situation der eigenen Familie begreift der Erzähler jeweils als symptomatisch für die Krise der bürgerlichen Kernfamilie. Und in «Wüstenfahrt» durchlebt das schwule Paar jene Phasen von Gemeinsamkeit und erotischer Sinnlichkeit, dann eine allmähliche Entfremdung mit Gefühlen von Enttäuschung, Eifersucht und Irritation, die alle Menschen erleben und erleiden können. Nur der Ausgangspunkt liegt bei Geiser im Autobiografischen (bei wem läge er das – strenggenommen – nicht? Schon nur deshalb, weil man ja nicht bloss ein Objekt, sondern immer auch den eigenen Blick darauf darstellt), aber dabei hat er stets eine zumindest mögliche Allgemeingültigkeit seiner Erfahrungen und Aussagen im Kopf. Das stimmt geradeso für spätere Werke, in denen Geiser die konventionelle Begrifflichkeit aufzulösen beginnt, beginnt, mit Assoziationstechniken und ‹Wortkapriolen› zu arbeiten; immer noch wendet er sich theoretisch an alle Mitglieder der Gesellschaft – sofern sie bereit sind, sich mit der Ausdrucksweise der Moderne vertraut zu machen.
Hat man nun den Blick hinsichtlich der ‹Ich-Figuren› geschärft, so ist man, denke ich, gerne bereit, bei den sozial-politischen Aktivitäten einmal nachzuhaken:
Und schaut man jetzt dort genauer hin und informiert sich, so merkt man, dass selbst dieses Engagement weitergegangen ist: Geiser tritt dem PEN-Zentrum bei («Defending freedom of speech – promoting literature»), seine Bücher werden in der DDR preiswert und in grossen Auflagen gedruckt (wozu er einverstanden sein musste), er gründet aus einem Erbe die «Christoph Geiser Stiftung» (www.cgst.ch), macht mit bei Aktionen von «Kunst + Politik», ist bis ins Jahr 2000 Mitglied der Partei der Arbeit (PdA) und unterstützt (wie einst ihn Werner Schmidli) heute seinerseits junge Autoren mit Rat.
Die Reisen führten also nicht zwingend zur Illusionslosigkeit (höchstens die Lebensreise tat das vielleicht zunehmend), vor allem aber führten sie sicher nicht zur Aufgabe des Engagements ausserhalb der Belletristik. Sie führten dafür, für den Leser/die Leserin höchst erfreulich, gelegentlich zu eigentlich noch persönlicheren (persönlich auch für den Leser, die Leserin) Texten als die Romane: nämlich zu den «Schreibszenen».
So untertitelt Christoph Geiser seine Texte des Bandes «Der Angler des Zufalls» von 2009. Es sind Texte, die nach diesem literaturwissenschaftlichen Terminus eine Textentstehung oder sogar den Moment der Entstehung des gerade entstehenden Textes mitreflektieren beziehungsweise sich fast ausschliesslich darauf konzentrieren oder mit dieser Situation spielen. Die stetige, explizite Spracharbeit und Selbstbeobachtung (als schreibender, als lesender, als ‹normaler› Mensch: «ich [halte] mich für einen ganz normalen, durchschnittlichen Menschen – mit dem einzigen Unterschied, dass ich einmal aufgehört habe, eine Rolle zu spielen» – man achte auf die Mehrdeutigkeit, übrigens auch beim Titel des Buches), die sich in den Texten dieses Autors sowieso zunehmend zeigt und damit auch die einzelnen Gattungen in seinem Werk entgrenzt, ist in den «Schreibszenen» folglich der eigentliche Stoff.
Das bezieht sich einerseits auf die Themen der gesammelten Beiträge, in denen Geiser unter anderem Stellung nimmt zu seinem Abschied vom journalistischen Schreiben und zum Wohlgefühl, einen Literaturpreis zu erhalten; oder er spricht von der «Schwierigkeit der Natur, ins Ausland zu gehen» (als Schriftsteller, als Mensch), stellt Überlegungen an betreffend «Hochdeutsch» und «Schriftdeutsch», schreibt über die sinnliche Qualität von Papier sowie über seine Umstellung von der Schreibmaschine hin zum Computer. Ausserdem trifft man als Lesender plötzlich auf solche Gedankengänge:
«Ob man denn verantwortlich sei für die Erfahrungen, die man mache, als Schriftstellerin oder Schr iftsteller zumal, und ob es nicht Erfahrungen gebe, die zu machen man aus konstitutionellen Gründen untauglich oder ungeeignet sei?»
Wovon man im Buch dann auch die Gegenspiegelung findet, nämlich die Erörterung, worüber ein Autor, da er nun mal tatsächlich nicht alle Erfahrungen machen kann, demnach schreiben solle und wie:
«Nur mit der eigenen Sprache fördert man, hinter allen zufälligen Wirklichkeiten, schliesslich das eigene notwendige Thema zutage – das, was ich zu sagen habe, das, was nur ich sagen kann, das, also, was ich sagen will und folglich sagen muss.»
Das referiert jedoch erkennbar bereits nicht mehr nur auf den Gegenstand des Schreibens (bei Geiser etwa die Spezialgebiete Familienprobleme, Homosexualität etc.), sondern zusätzlich und also andererseits auf das Sprachmaterial selbst, auf die einzelnen Wörter, auf Buchstaben, Sätze, auf Phrasen, die Struktur, den Rhythmus, den Klang:
«Als trügen Wörter nur Bedeutung und wären an & für sich nichts. Dürften nichts für sich sein! nur für die Bedeutung.»
Aber die «Schreibszenen» sprechen innerhalb dieses ‹Wortmaterial-Aspekts› keineswegs nur davon, wie man Wörter behandeln darf, reihen darf, wenn man will, oder welche Phrasierungen nun wirklich Pfusch sind, nein, sondern sie beziehen zusätzlich auf eine gewisse Weise einmal mehr sozial-politisch Stellung gegen gesellschaftliche Gefühlskälte (oder: das «Verschweigen, die Unfähigkeit, ausserhalb ritualisierter Umgangsformen miteinander umzugehen») und eine Sprache von Macht und Norm:
«Diskretion – die Normierung der Sprache – das Sich-Zurechtlegen von Geschichten, die die wahre Geschichte verhüllen sollen – das ständige Restaurieren bröckelnder Fassaden, hinter denen längst nichts mehr aufrecht steht: Das ist mein Thema hinter den Themen.»
Denn wer das Sagen hat, bestimmt die Haltung:
«Der Blick aber ist vom Bewusstsein bestimmt, okkupiert von den Wörtern.»
Wie ein Dagegenhalten im einzelnen Fall aussehen kann, zeigt Geiser in den «Schreibszenen» an x Beispielen wie etwa bei diesem:
«Von Arschi-Tektur und anderen textilen Taktiken der Dar- und/oder Zur-Show-Stellung des Begehrens & Begehrten nicht zu reden. Oder ist nun Mode-Schöpfung kein Grenz-Phall mehr? nur noch … ideal? Ein Fall für sich? oder für zwei quasi? Oder … Kommerz nur? oder -Industrie? Ware.»
Man versteht diese Stelle nicht? – Ja, genau: Geiser nimmt eben demonstrativ Partei dafür, eine Sprache zu kreieren, die un-normiert ist – wenn auch stets noch erlernbar, verstehbar (nur so führt die Regelverletzung zu einem Gewinn für den Rezipienten). Manchmal braucht es an solchen Stellen mehrfaches Lesen, manchmal aber auch ein Hingeleitet-Werden vom Text 1 dieser Schreibszenen bis zu Text 19, wo man dann Schritt für Schritt nachvollziehen kann, was Geiser über die Jahre seinerseits vollzogen hat (also im besten Sinne eine Aufklärung des Lesers, der Leserin). Denn eine Kunstsprache, eine Literatursprache, die sich von der Machtsprache abheben soll, muss immer von Neuem wieder neu werden; Stagnation würde ihrerseits zu einer neuen Machtsprache führen, deshalb wird es immer Künstler brauchen, immer Menschen, die sich einsetzen.
Aber zurück ganz an den Anfang: Christoph Geiser also soll ein «schwermütiger Mensch» sein «und daher ungeeignet für unterhaltsame Selbstbeschreibungen?» – Wer sich nicht nur sozial-politisch einsetzt, sondern wer dazu so schreiben kann in der Ich-Form (eben: ‹sich› einsetzt), um dann doch immer fast jedermann und jederfrau zu betrachten, etwas über uns alle auszusagen, gerade in den aus dem Lebenssumpf herausgefischten Momenten, wo das Leben und das Darüber-Schreiben in eins fallen, wie bei und in den «Schreibszenen», der schreibt grosse Literatur. Und grosse Literatur unterhält.
P.S.: Übrigens kann das ‹Ich› bei Geiser auch ein ‹Wir› sein (und doch hundeeinsam).
Christoph Geiser
Der Angler des Zufalls. Schreibszenen.
Herausgegeben von Michael Schläfli.
Hamburg: Männerschwarm Verlag 2009.
28.90 Fr.
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