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Im 16. Jahrhundert schmückte sich die Stadt mit den noch heute vielbewunderten Brunnen. Diese sind fast die einzigen Spuren, welche die Renaissance an dem Aeussern der Stadt hinterlassen hat. Der schönste dieser Brunnen ist der Gerechtigkeitsbrunnen, unweit der alten Richtstätte; der sogenannte «Kindlifresser» ist eine Anspielung auf die den Juden zugeschriebenen Ritualmorde; der Pfeiferbrunnen ist eine Stiftung der Pfeiferbruderschaft und der Seilerin- oder Mässigkeitsbrunnen wird von den einen nach der Stifterin des Seilerspitals, von den andern als Allegorie gedeutet.
Noch setzte Bern eine Zeitlang seine expansive Politik fort. 1536 eroberte Hans Franz Nägeli die Waadt und trug die bernischen Waffen über Genf hinaus. Die Waadt wurde dem neuen Glauben zugeführt und aus der bischöflichen Kirche von Lausanne, der Bern so lange kirchlich unterstanden hatte, wanderten kostbare Prunkstücke an die Aare, wo sie lange als Teile der Burgunderbeute ausgegeben wurden. Im Frieden von Lausanne, 1564, gab Bern dem Herzog von Savoyen die Genf umgebenden Landschaften wieder heraus. Immer mehr war die Stadt ins Fahrwasser der französischen Politik gelangt. Ihre Räte nahmen Subsidien und ihre Soldaten Handgeld von den Königen Frankreichs. Aber nicht so weit gieng dieses unrühmliche Verhältnis, dass es den Rat der Stadt gehindert hätte, eine hugenottenfreundliche Politik zu treiben und u. a. den Kindern Coligny's nach der Pariser Bluthochzeit ein sicheres Asyl zu bieten.
Seine ausgedehnten Ländereien verwaltete Bern nach folgendem System: 1. Das Stadtgericht und die 4 Kirchspiele (s. oben pag. 226) standen direkt unter dem kleinen Rat. 2. Die 4 Venner zu Pfistern, Schmieden, Metzgern und Gerbern verwalteten die 4 Landgerichte Konolfingen, Zollikofen, Seftigen und Sternenberg. 3. Die Comthurei Köniz und die Städte Burgdorf und Thun hatten eigene Verwaltung, die letztern beiden unter Schultheissen. 4. Die innern und 5. die äussern Vogteien wurden von Landvögten verwaltet, deren Wahl auf den Vorschlag der Venner dem Grossen Rate zustand. Es gab zuletzt 52 Landvogteien, die nach ihrer Einträglichkeit für den Landvogt klassifiziert wurden.
Während der allgemeinen Unruhe des 30jährigen Krieges wurden die Schanzen gebaut. Erst wollte man die ganze Stadt damit umgeben, dann griff man wieder zu der Vereinfachung eines Abschlusses im Westen. Unter Agrippa d'Aubigny's Leitung und der Mithülfe der Bürgerschaft und des Landvolkes wurde das Werk von 1621 an ausgeführt.
Doch die grosse Zeit Berns war vorbei. Nur wie Nachspiele erscheinen den früheren Ereignissen gegenüber der unglückliche Veltlinerzug 1620, die barbarische Niederwerfung des Bauernaufstandes 1653, die verlorene Vilmergerschlacht 1656, der Revanchesieg am selben Orte 1712, die misglückten Umwälzungsversuche der beiden unvorsichtigen Freiheitsmärtyrer Davel, 1713, und Henzi, 1749.
Während bernische Offiziere, wie Hans Ludwig von Erlach und Robert Scipio von Lentulus im Auslande zu hohen kriegerischen Ehren gelangten, griff zu Hause das politische Stillleben Platz, das für die ganze damalige, von den Religionszwisten erschöpfte Schweiz charakteristisch ist. Verfeinerung der Bildung und des geselligen Lebens in der Stadt und relativer Wohlstand draussen in den Landschaften deckten nur schlecht die Schäden eines Staates, welcher jede politische oder soziale Neuerung kategorisch ausschloss.
Die Invasion der französischen Armee, 1798, hatte für die Stadt bleibende Folgen. Von nun an war sie erst eine Stadt wie andere, nicht mehr eine Burgerschaft von Regenten. Das unproduktive Erwerbssystem durch Aemter und Pensionen hörte auf, um so mehr wandte sich die von den Fesseln der Standesscheidung befreite Bürgerschaft der wirtschaftlichen und geistigen Thätigkeit zu. Der Strom geistigen Lebens, der zur Zeit der Haller, Bonstetten und Tscharner so vielversprechend reich geflossen war, versiegte nun auch über die traurigen Jahre des Uebergangs nicht mehr, erstarkte vielmehr durch die Teilnahme der befreiten Stände: die beiden Wyss pflegten die volkstümliche Dichtkunst, E. v. Fellenberg schuf in Hofwil die erste landwirtschaftliche Schule Europas, und das Geschlecht der Studer begründete die erfolgreiche Pflege der Naturwissenschaften, die fortan ein besonderer Ruhmestitel Berns werden sollte.
Durch Bundesbeschluss vom wurde Bern zur Bundesstadt des neuen schweizerischen Bundesstaates gewählt. Schon stand das erste Bundeshaus (1857) und fuhr die erste Eisenbahn (1858), als immer noch die Stadt den beengenden Mauergürtel im Westen nicht ganz beseitigt hatte. Die 3 Stadtthore: Aarbergerthor, Marzielethor und Oberthor fielen 1826-36, beziehungsweise 1854 und 1864. Die Schanzen wurden 1834-45 geschleift. Das höchste Erdwerk der grossen Schanze wurde stehen gelassen und trägt noch heute die Sternwarte. Die Bastion der kleinen Schanze wurde 1875 unter einem Kostenaufwand von 175000 Fr. zu der Promenade gleichen Namens gemacht.
Eine letzte Metamorphose erlebte die Stadt von 1859 an durch den Bau der Hochbrücken. An jede derselben knüpfte die Entstehung eines neuen Aussenviertels an. Das Kirchenfeld ward einer englischen Spekulationsgesellschaft verkauft (Berne Land Compagnie), die dafür den Brücken- u. Strassenbau übernahm. Die Kornhausbrücke war dann aber der Stadt eigenes Werk.
Litteratur.
B. Studer. Ueber die natürliche Lage von Bern. - A. Baltzer. Der diluviale Aaregletscher und seine Ablagerungen in der Umgebung von Bern. -
Bern, Bilder aus Vergangenheit und Gegenwart (historischer Text des illustrierten Prachtwerkes von H. Türler). - E. v. Rodt. Bern im 19. Jahrhundert. - A. Auer. Die Gassen Berns. - A. Wäber. Führer durch Bern und Umgebung. - E. Landolt. Die Wohnungsenquête der Stadt Bern. -
Verwaltungsberichte und Rechnungen der städtischen und burgerlichen Behörde. - Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung von 1900. - Chr. Mühlemann u. A. Lauterburg. Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik des Kantons Bern. - W. F. v. Mülinen. Berns Geschichte 1191-1891 (Festschrift zur 700-jährigen Gründungsfeier).
[Dr H. Walser.]