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Das Konzept der Agrarökologie verspricht, einen immensen Beitrag zur Erreichung der «17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung» zu leisten, indem sie die Kraft der ökologischen Prozesse nutzt, um die Probleme der schwindenden Biodiversität, der Emissionen, des Klimawandel und der Gesundheit anzugehen und den Übergang zu einem fairen, gerechten und souveränen Ernährungssystem fördert. Im Gegensatz dazu führen die derzeitigen Praktiken der industriellen Landwirtschaft dazu, dass wir uns immer weiter von diesen Zielen entfernen.
Darauf wurde bereits im Jahr 2009 hingewiesen, als der Weltagrarrat seinen bahnbrechenden Weltagrarbericht veröffentlichte. Dieser forderte einen Paradigmenwechsel der Landwirtschaft hin zur Agrarökologie und warnt zugleich vor den negativen ökologischen und sozioökonomischen Folgen der industriellen Landwirtschaft, wie z.B. Übernutzung der Böden, Treibhausgasemissionen, Wasserverschmutzung, Anfälligkeit für Preisschocks oder geringer Nährstoffgehalt der Nutzpflanzen.
Finanzflüsse
Wir haben diese Finanzierungsengpässe in unserem «Money Flows» Bericht untersucht, in der Überzeugung, dass wir nur dann zu einem Ernährungssystem gelangen, das allen dient, wenn wir verstehen, welche Akteure aufgrund welcher Entscheidungen die Finanzflüsse beeinflussen und die Macht an die öffentlichen Entscheidungsträger zurückgeben. Dieser Bericht inspirierte daraufhin eine Reihe von standortspezifischen Studien, die sich auf agrarökologische Investitionen in Belgien, Dänemark, Frankreich und der Europäischen Union konzentrierten.
Die Studien offenbarten, dass bei den meisten europäischen Geldgebern weniger als 15 % des Agrarbudgets in integrierte agrarökologische Ansätze fliessen.
Nur eine Handvoll bilateraler Geldgeber und internationaler Organisationen – insbesondere Frankreich, die Schweiz, Deutschland, die Welternährungsorganisation (FAO) und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) – erkennen die Agrarökologie ausdrücklich als einen nachhaltigen Ansatz zur Erreichung der Ernährungssicherheit an. Die Mehrheit der Geldgeber unterstützt allerdings nur einzelne Aspekte der Agrarökologie und versucht, diese Praktiken in ansonsten konventionelle Anbausysteme einzufügen, die den Kleinbauern nicht zugute kommen.
Mythen zerstören
Die Geldgeber geben verschiedene Gründe an, weshalb sie die Agrarökologie nicht in den Mittelpunkt ihrer Strategie stellen. Dazu gehören Finanzierungsengpässe, Bedenken hinsichtlich der Rentabilität und Skalierbarkeit, sowie die Auffassung, dass Agrarökologie zu komplex und arbeitsintensiv sei, um innerhalb der relativ kurzen Zeiträume von Entwicklungsprojekten umgesetzt zu werden.
Es gibt jedoch keine Beweise dafür, dass die Agrarökologie nicht profitabel skaliert werden kann, wobei nur die Größe der Felder und nicht die der Betriebe kontrolliert werden muss. Jüngste Forschungen zeigen, dass die Diversifizierung der Landwirtschaft keine negativen Auswirkungen auf die Erträge hat und diese oft sogar steigert; insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, wo der Ausgangspunkt die Subsistenzlandwirtschaft ist. Und auch wenn die Agrarökologie ein vielschichtiges Themenfeld ist, können verstärkte Investitionen in Forschung und Umsetzung den Nachweis erbringen, dass die Agrarökologie auch im grossen Massstab profitabel ist.
Die Milliarden von Dollar, die zur Bekämpfung von COVID-19 mobilisiert wurden, entkräften nicht nur die Argumente bezüglich begrenzter finanzieller Ressourcen, sondern offenbaren im Weiteren, dass die Bedrohungen durch den Klimawandel und seine katastrophalen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit entweder falsch verstanden oder nicht ernst genommen werden.
Wir glauben, dass dies auf den Einfluss großer Agrarkonzerne zurückzuführen ist, welche von einem agrarökologischen System weniger profitieren, das die Bauern von der Abhängigkeit von ihrem Saatgut, Dünger und ihren Daten befreit und sie stattdessen mit höheren Produktpreisen und einem besseren Lebensstandard belohnt.
Forschungsgelder fliessen grösstenteils in die industrielle Landwirtschaft: Trotz aktueller Erkenntnisse über die Schäden an Menschen und Umwelt, welche die industrielle Landwirtschaft verursacht, zementieren staatliche wie private Geldgeber den Status Quo in der Agrarforschung. Eine neue Studie von Biovision zeigt Auswege.
Machtspiele
Mächtige Allianzen mit starken Eigeninteressen sind ebenfalls für die Fragmentierung der landwirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit verantwortlich. Die Forschung zur Agrar- und Ernährungssystemtransformation wird oftmals von Lobbyisten der Agrarindustrie oder von großen Stiftungen und multilateralen Organisationen finanziert, die sich deren sogenannte «produktivistische» Ideologie zu eigen gemacht haben und welche versuchen, den Wandel zur Agrarökologie zu untergraben.
Die Bill & Melinda Gates Foundation beispielsweise hat durch ihre Dominanz der Finanzierungsströme und ihre Einwirkungen auf andere Akteure einen erheblichen Einfluss auf die globale Agraragenda. Sie unterstützt vor allem die «Alliance for a Green Revolution in Africa» (AGRA), die wiederum externe Beratungsunternehmen finanziert hat um Kenias jüngste Landwirtschaftsstrategie zu entwickeln.
Gleichzeitig wird die Präsidentin der AGRA eine führende Rolle beim kommenden «Welternährungsgipfel» im Jahr 2021 spielen. Kredite und Zuschüsse der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank (AFDB) sind die wichtigsten Finanzierungsquelle für nationale Forschungssysteme der meisten Länder in Subsahara-Afrika.
Da die Ernährungssicherheit als Menschenrecht anerkannt ist, sind wir der Meinung, dass die Macht zur Gestaltung und Umsetzung einer nachhaltigen Ernährungssystempolitik an demokratisch gewählte Regierungen zurückgegeben werden sollte, welche die Interessen ihrer Bürger vertreten. Investitionen in die Agrarökologie würden sich dann zweifelsohne beschleunigen.
Nächste Schritte
Um die Effizienz der Finanzflüsse zu erhöhen, ist es nach Ansicht von Biovision unerlässlich, die Transparenz und Rechenschaftspflicht in Bezug auf die Entscheidungsfindung, die Finanzierung, das Monitoring und die Wirkungsmessung von Agrar- und Ernährungsprojekten zu verbessern. Wir empfehlen ein erweitertes, gemeinsames Berichtswesen mit Wirkungsstudien, die z.B. die sozialen oder ökologischen Folgen der gewährten Fördermittel untersuchen.
Parallel dazu müssen wir die Entwicklung von ganzheitlichen Leistungsmessungen und Methoden zur Erfassung der Ausrichtung von Projekten an den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung unterstützen. Die Kriterien für öffentliche Förderungen sollten erweitert werden, um die Bereitstellung öffentlicher Güter sowie die Integration verschiedener Sektoren, Perspektiven und Wissensformen miteinzubeziehen.
Schlussendlich ist die Transformation landwirtschaftlicher Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit ein Prozess, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt und stabile, langfristige Finanzierungszusagen erfordert. Die Regierungen könnten dies tun, wenn sie es wirklich wollten. Wir empfehlen, institutionelle Regeln für Geldgeber einzuführen, die mehr Flexibilität bei der Planung und Finanzierung der Programme bieten und welche Hindernisse für die Finanzierung nachfolgender Phasen zu beseitigen. Um langfristige Forschungsprogramme zu unterstützen, sollten auch Geberallianzen mit sich überschneidenden Finanzierungszeiträumen gefördert werden.
Zeichen des Fortschritts
Trotz des oben skizzierten Gegenwinds ist die Agrarökologie auf dem Vormarsch, vor allem dank den Bemühungen der Zivilgesellschaft und der NGOs.
Wie in «Transformation of Our Food Systems» – einem Buch, das ich im Jahre 2020 mitverfasst habe, um den Fortschritt zehn Jahre nach dem Weltagrarbericht zu bewerten – vermerkt wird, haben zahlreiche transdisziplinäre Studien sowie die Vereinten Nationen und zwischenstaatliche Prozesse das transformative Potenzial der Agrarökologie für die Widerstandsfähigkeit der Ernährungssysteme, die Klimaresilienz und die soziale Gerechtigkeit erkannt.
Die Wiederherstellung der Biodiversität ist mittlerweile ein Hauptziel des Aktionsplans «European Green Deal» und alle großen UN-Organisationen fördern die Agrarökologie bis zu einem gewissen Grad. Und auch wenn ein gemeinsamer Fokus auf „andere Innovationen“ im letztjährigen FAO-Bericht über agrarökologische Ansätze enttäuschend war – nicht zuletzt, weil Agrarökologie per Definition das gesamte Nahrungsmittelsystem in allen drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung umfassen sollte –, wäre ein solcher Bericht vor fünf Jahren noch unvorstellbar gewesen.
Auch die Schweiz zeigt ein starkes politisches Engagement für die Agrarökologie, welches anderen einkommensstarken Nationen als Vorbild dienen könnte. Obwohl viele ihrer Investitionen nur auf einzelne Komponenten der Agrarökologie abzielen, anstatt eine ganzheitliche Transformation zu fördern, ist es ermutigend, dass ihre gesamte Auslandshilfe mittlerweile auch immer agrarökologische Elemente enthält.
Diese Entwicklungen – zusammen mit der wachsenden Unterstützung für agrarökologische Prinzipien in der Zivilgesellschaft – geben Anlass zur Hoffnung, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Es ist noch nicht zu spät, unsere Enrährungssysteme zu verändern – aber die Zeit für Selbstzufriedenheit ist vorbei.
Originaler Artikel auf devex.
Das Buch «Transformation of our food systems» wurde von Biovision-Präsident Hans R. Herren initiiert und gibt einen Überblick zum aktuellen Stand des Wandels der Ernährungssysteme seit dem Erscheinen des Weltagrarberichts.