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«20 Minuten» hat den Standpunkt des ehemaligen Google-Programmierers James Damore falsch zusammengefasst und damit gegen den Journalistenkodex verstossen. Der IT-Konzern hatte Damore 2017 wegen frauenfeindlicher Äusserungen entlassen, was einen Shitstorm in den Sozialen Medien auslöste.
«Google-Entwickler klagt wegen Männer-Diskriminierung» überschrieb das «Tilllate Team» einen Artikel in der Online-Jugend-Rubrik von «20 Minuten». Hinter dem Passus «geringer Anteil an Frauen» wurde Damores Standpunkt skizziert: «Frauen seien biologisch einfach nicht so weit entwickelt wie Männer».
Weiter unten im Artikel hiess es: «James Damore fühlt sich jedenfalls in seiner weissen, konservativen, Heteromann-Ehre verletzt und kämpft gegen dieses Unrecht mit einer Armada von Anwälten an».
Ein empörter Leser beschwerte sich beim Presserat: In dem Artikel sei James Damores Standpunkt als unwahr charakterisiert worden. Dass Frauen «biologisch nicht so weit entwickelt» seien, sage er in seinem Online-Manifest so nicht.
Dies räumte auch Tamedia gegenüber dem Presserat ein. Damore spreche jedoch von biologischen Unterschieden, die sich unter anderem in geringerer Stresstoleranz äusserten. Er benenne damit eine angeblich biologisch begründete Schwäche von Frauen. «Daraus zu schlussfolgern, Damore behaupte, Frauen seien biologisch weniger weit entwickelt, erscheint deshalb legitim.»
Eine Argumentation, welcher der Presserat nicht folgte. Für das Gremium unterscheidet sich der im «Tilllate»-Artikel dem Ex-Google-Programmierer zugeschriebene Standpunkt in einem «inhaltlich erheblichen Punkt» vom Wortlaut in dessen Online-Manifest: Dort ist davon die Rede, dass wegen biologischer Unterschiede Frauen mehr Angst und eine tiefere Stresstoleranz hätten und dass dies zu einer kleineren Zahl von Frauen auf Stellen mit hoher Stressbelastung führe.
«Hier wird zwar in der Tat auf einen behaupteten biologischen Unterschied hingewiesen, aber nicht mit der zusätzlichen Bewertung, dass Frauen deswegen nicht so weit entwickelt seien wie Männer», so der Presserat.
Dieser wertende Zusatz seitens der Redaktion sei durch keine Quelle gestützt. Damit habe «20 Minuten» die Wahrheitspflicht verletzt, heisst es in der ausführlichen Stellungnahme.
Der erboste Leser hatte «Tilllate» die Behauptung angekreidet, James Damore fühle sich «in seiner Ehre verletzt». Das sei nicht wahr. Damore habe schliesslich nicht wegen Ehrverletzung gegen Google geklagt, sondern wegen Diskriminierung.
Der Presserat schreibt dazu: «Dass Damore auf Diskriminierung klagt, schliesst eine verletzte Ehre nicht aus. Die verletzte Ehre ist die journalistische Einschätzung eines Motivs für eine Klage.» Daran sei nichts zu beanstanden.
Auch in den übrigen Punkten wies der Presserat die Beschwerde ab.