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Zwei Lager stehen sich unvereinbar gegenüber: Das eine glaubt, die Zukunft liege in der Entwicklung, das andere meint, eine Trendwende sei die einzige Lösung, um eine Katastrophe zu vermeiden. Dringend nötig ist, unsere Funktionsweisen zu verbessern und die wichtigsten Regeln unserer liberalen Gesellschaften infrage zu stellen.
Entwicklung oder radikale Umkehr? Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. So ist es zum Beispiel wünschbar, dass die menschliche Intelligenz sich fortwährend weiterentwickelt, währenddessen die materielle Entwicklung, welche die natürlichen Ressourcen schmälert, aufgegeben oder mindestens überdacht werden sollte.
Dennoch, das menschliche Gehirn hat trotz seiner stetigen Entwicklung seine grundlegende Neigung nicht geändert, die persönlichen Interessen für vordringlich zu halten, wenn es darum geht, sich im ständigen Streben nach Macht und Gewinn zu behaupten. Mit dem Aufschwung des Handels haben sich die negativen Auswirkungen dieses Strebens vervielfacht. Die Machtverhältnisse sind in fast allen Ländern durch die Vorherrschaft der Reichen geprägt. Sie erzeugen eine schwerwiegende Ungleichheit, die schliesslich die menschliche Existenz bedroht.
Es fehlt der politische Wille
Unter dem Zwang der Notwendigkeit, auf dieser Welt zu überleben, wird es dringend nötig, unsere Funktionsweisen zu verbessern und die wichtigsten Regeln unserer liberalen Gesellschaften infrage zu stellen. Aber, können wir das menschliche Verhalten durch einige Überlegungen verändern? Ich bezweifle dies manchmal, denn nur ein fundamentaler Wechsel unseres Gesellschaftssystems könnte uns dazu bringen. Um diese Umgestaltung zu organisieren und durchzusetzen, würde es politische Mehrheiten brauchen, die entschlossen und fähig wären, einen radikalen Wandel herbeizuführen. Leider stellen wir fest, dass die vorherrschenden Regeln in der Politik mehr denn je auf dem Gewinn von Macht und von Geld beruhen, das dabei herausspringt.
Dieser Vorgang erzeugt bei den Ärmsten ein Verlangen, selber reich zu werden, und er beschleunigt sich in beunruhigender Weise. Jedes Individuum möchte die soziale Stufe erreichen, die sich direkt über jener befindet, die es gegenwärtig besetzt, ein Ziel, das von den meisten geteilt wird, von den Ärmsten bis zu den Reichsten.
Selbstmörderische Entwicklung
Diese Feststellung zeigt die Dringlichkeit einer Rücknahme der Entwicklung, die zuallererst eine Herausforderung darstellt, das selbstmörderische Modell der menschlichen Entwicklung zu hinterfragen. Sie setzt freilich voraus, dass der Wille besteht, ein anderes Gesellschaftsmodell zu organisieren. Die Wahl ist schliesslich einfach: Entweder gelingt es den Menschen, ihre Denkweise zu ändern, oder das Ende unserer Zivilisation, die schon jetzt am Rand ihrer Vernichtung steht, wird sich immer schneller vollziehen.
Eine andere Lebensweise würde zuerst darin bestehen, gewisse schädliche Tätigkeiten auszuschliessen und sich für den Erhalt der Umwelt einzusetzen, die für uns lebensnotwendig ist. Abgesehen von einer Reduktion des überbordenden Konsums, der in den reichen Ländern um sich greift und zum Vorbild der Entwicklungsländer geworden ist, könnten auch andere Verhaltensweisen geändert werden. In den reichen Ländern haben sich zum Beispiel die Freizeitaktivitäten zu einem Grundbedürfnis entwickelt und müssten auf ein natürliches Mass zurückgeführt werden. Die Flut der TouristInnen beginnt unüberwindliche Probleme zu stellen – selbst für jene, die davon profitieren. Die Schäden, die der Tourismus verursacht, bringt das Verhältnis der Menschen zur Natur aus dem Gleichgewicht. Wir können uns nicht weiterhin als die uneingeschränkten HerrInnen der Existenz betrachten, ohne auf die notwendige biologische Vielfalt Rücksicht zu nehmen, die das unerlässliche Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur bildet.
Die grundsätzliche Ursache dieser negativen Veränderungen ist der Kapitalismus, der auf dem individuellen Streben nach einem Höchstmass an Reichtum beruht. Wird es möglich sein, ein anderes System des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchzusetzen, um die Wirtschaftsbeziehungen besser in den Griff zu bekommen? Diese müssten der Akzeptanz des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur unterworfen werden. Doch selbst die ersten spürbaren Auswirkungen des Klimawandels können die Regierungen nicht dazu bewegen, das Ergebnis ihrer Verhandlungen in die Tat umzusetzen.
Die Hoffnung bleibt bestehen
Dennoch, die GegnerInnen dieser negativen Entwicklung, so sehr sie auch von den führenden Wirtschaftskreisen belächelt werden, gewinnen etwas an Boden, obschon ihre Erfolge bescheiden sind. Versuche, anders und besser zu leben, beginnen sich langsam durchzusetzen, indem sie einzelne Gruppen von BewohnerInnen unseres Planeten zu kühnen und ungewohnten Schritten veranlassen. Auch wenn diese Handlungen noch lange nicht genügen, beweisen sie doch, dass es möglich ist, glücklich zu leben, ohne gleich zum nächsten Supermarkt zu eilen, um die Aktion des Tages nicht zu verpassen. Die Hoffnung bleibt bestehen, trotz der Tatsache, dass sie klein ist.
Durch seine Folgerichtigkeit hat der Begriff der Trendwende den Vorteil, dass er in den Köpfen der Menschen die Idee festsetzt, dass es notwendig ist, den grossen Wandel zu wagen. Deshalb verdient sie unsere volle Unterstützung.
Alain Bringolf: Un homme dans la cité; plaidoyer pour la participation populaire. Editions Alphil, Neuchâtel 2018. 29 Franken.