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Autobiografische Skizze aus dem Jahre 1982
von Hellmut Finsterlin
[Ergänzungen bzw. Kürzungen von Maria Finsterlin]
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Geboren am 13.10.1916 in München.
Aufgewachsen in Schönau bei Berchtesgaden.
Vater Kunstmaler des «phantastischen Realismus», Mutter Zahnärztin.
1925/26 Erlernung von Lesen und Schreiben in Positano, Golf von Salerno (im Alter von 9 Jahren einjähriger Aufenthalt mit Eltern und Schwester Gabriele in der dortigen Künstlerkolonie).
7.9.1926 bis Ostern 1935 Besuch der Freien Waldorfschule in Stuttgart.
Vorgesehenes Studium: Musik. Instrumente: Klavier, Geige, Bratsche.
1935–1936 als landwirtschaftlicher Volontär bei Ernst Jacoby in Auggen (südliches Oberrheingebiet).
Daraufhin Entschluss, biologisch-dynamischer Landwirt zu werden.
In der Schule hatte sich bereits das Interesse, außer auf Musik, besonders auf Chemie, Botanik, Zoologie und Anthropologie gerichtet, freilich in der in der Waldorfschule vorgetragenen lebendigen Form.
Als nun bei Jacoby in Auggen zu erkennen war, dass man mit unendlich kleinen Mengen Materie eine die bäuerlichen Nachbarn überflügelnde Bodenfruchtbarkeit erzeugen konnte, erkannte Finsterlin, dass auf diesem Wege die «Chemie des Lebendigen» zu erlernen war. Die praktische Landwirtschaft alleine, so schien es ihm, könnte da der Lehrmeister sein, aber keine Schule oder Hochschule, die im Dienste der materialistischen Naturwissenschaften steht.
1936–1937 2. Lehrjahr auf dem Weinstetter Hof bei Heitersheim (ebenfalls südlicher Oberrhein).
1937–1939 Ackerbauschule Hohenheim bei Stuttgart. Die 50 Schüler wurden durch alle Zweige eines fast 500 Hektar großen Mustergutes geführt. Insbesondere war dort auch die Düngerlehre im Sinne der Bodennährstoff-Theorie von Grund auf zu erlernen. Dies schien wichtig, wenn man einmal diese Lehre widerlegen wollte.
1939, nach zweieinhalbjähriger Zurückstellung vom Wehrdienst um der Ausbildung willen, Reichsarbeitsdienst. Finsterlin wurde dort die Leitung eines Krankenreviers und der Ambulanz übertragen (er hatte bei Dr. Eugen Kolisko [dem Schularzt der ersten Waldorfschule] Unterricht in erster Hilfe und Verbandslehre genossen. Das kam ihm da zustatten).
1940 Soldat bis zur Heimkehr aus russischer Gefangenschaft Ende September 1946.
1947 – nach Besuch eines Einführungskurses in Stuttgart, veranstaltet vom «Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise», am 1. April Übernahme des «Steighofes» in Mahlspüren/Stockach, Südbaden. Der Hof lag 600 m hoch, hängiges Gelände, sehr schwerer Boden, seit Jahren schlecht bewirtschaftet, praktisch Ödland, 13 Hektar groß.
Der Versuch, den Hof mit Kalisalz und Thomasmehl zunächst einmal in die Höhe zu wirtschaften, der vom Forschungsring vorgeschlagen worden war, wurde alsbald abgebrochen. Überlegung: Entweder taugt die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise etwas, dann ist Kunstdünger unnötig, oder sie taugt nichts, dann
hat der Landwirt Finsterlin seinen Beruf verfehlt.
Dieser wurde daraufhin erst wirklich biologisch-dynamischer Landwirt, sodass er den Hof in blühender Fruchtbarkeit im Frühjahr 1952 verlassen konnte ([eigentlich] musste, denn die Arbeit auf dem vom Vater Hermann Finsterlin nach landschafts-ästhetischen und nicht nach praktischen Gesichtspunkten erworbenen Hof – der Sohn war noch in Gefangenschaft – war nicht mehr zu bewältigen. Versuche, andere Höfe zu erwerben, scheiterten in der schwierigen Nachkriegszeit).
1952–1962 Ausbau und Bewirtschaftung des Gästehauses «Sonnenhof» mit fünf Hektar Höhenlandwirtschaft in Holzinshaus bei Schönau, 800 m hoch im Südschwarzwald.
1958, merkwürdigerweise auf den Tag genau 32 Jahre nach seinem Waldorfschuleintritt, welcher am «siebten» Geburtstag der Schule stattfand, schwere Erkrankung an Poliomyelitis. Seither gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.
1947 Verheiratung mit Elisabeth von Itzenplitz, Tochter des Gutsherren über Grieben bei Magdeburg (1560 ha). Sie war zunächst als Wirtschafterin mit auf den Steighof gezogen, nachdem ihr beim ehemaligen polnischen Korridor gelegenes Erbe, ein Gut von 800 ha, verloren war.
Aus dieser Ehe entspross Tochter Sabine, geboren 1952, die mit schwerem Gehirnschaden zur Welt kam. Sie verstarb im November 1971.
Der dreifachen Belastung, Gästehaus, pflegebedürftiges Kind, gelähmter Ehemann, konnte Frau Elisabeth auf Dauer nicht standhalten. Haus Sonnenhof wurde verkauft und dem Ruf Dr. Karl Königs Folge geleistet, auf ein Jahr in Camphill/Schottland zu arbeiten. Frau Elisabeth als Wirtschafterin, Finsterlin im Heilmittel-Laboratorium, wo er Versuche anstellen konnte, mittels Musik chemische Prozesse einzuleiten. Außer dieser Hauptsache wurden auch verbesserte Zubereitungsmethoden für Urtinkturen (Essenzen) und Pflanzensalben entwickelt.
Leider vertrug Tochter Sabine das harte schottische Klima nicht, nach einjährigem Aufenthalt war eine Rückkehr nach Deutschland unumgänglich. Die Absicht, zuhause ein Laboratorium aufzumachen und das in Schottland Begonnene weiterzuführen, misslang.
Es folgten schwere Jahre der Existenzgründung: Unter behördlichen Zwang Bau von vier, statt von einem Haus in Holzinshaus, Versuch, drei Häuser mitten in der stärksten Rezession zu verkaufen, jahrelange Prozesse (alle gewonnen) gegen betrügerische Unternehmer. Diese Vorgänge waren eine allerdings ungewollte «Ausbildung» in Bauwirtschaft, Geld- und Bankenwesen und Rechtsleben.
1973 verstarb Vater Hermann Finsterlin 86-jährig. Vater und Sohn liebten sich sehr, aber sie waren in fast jeder Hinsicht Gegensätze. Vater liebte das Phantastische, ja konnte darin aufgehen. Er sagte: «lch hasse die Ratio!» Der Sohn liebte die Ratio und konnte das Unklare, Phantastische nicht ausstehen. Dennoch blieben beide innige Freunde ihr Leben lang.
Auf dem Weg zur Ordnung des Nachlasses am 7. Oktober 1973 verunglückte Finsterlin, der das Auto lenkte, nahe dem Gelände des Karlshofes in Hohenheim, wo er einst das Pflügen mit Pferden auf das Genaueste gelernt hatte. Elisabeth saß neben ihm, beide wurden aus dem Auto geschleudert, der Wagen brannte.
Elisabeth starb am 8. Oktober. Er überlebte, lag bis zum Hals eingegipst, länger als ein Vierteljahr im Krankenhaus. Dorthin brachte ihm ein Besuch das völlig unversehrte Exemplar [der] «Anthroposophische Leitsätze» [Rudolf Steiners], welches er im Gepäck mit geführt hatte. Das Buch, so der Besuch, habe auf dem Fahrersitz des völlig ausgebrannten Autos gelegen.
Frühjahr 1974 kehrte Finsterlin von seiner längsten «Autofahrt» heim in sein Haus, wiederum mit einer Wirtschafterin, die wiederum – [im] Herbst 1975 – seine Frau wurde.
Es kann eigentlich nicht unerwähnt bleiben, weil es doch ungewöhnlich ist, was ein physischer Leib so alles aushalten kann:
Finsteriln überlebte im Krieg drei Verwundungen, darunter einen Lungenschuss, ferner eine Magenresektion, mehrere Thrombosen am linken Bein, eine davon in russischer Gefangenschaft, 1967 teilweise Amputation, 1972 beinahe Tod an einer Leberentzündung. Am schlimmsten war die Polio, deren Folgen durch sieben Monate Rehabilitation überwunden wurden.
Wer viel Patient ist, lernt viel Medizin und er gewinnt den Blick für den Unterschied zwischen einem Mediziner und einem Arzt, der heilen kann.
Die Herausgabe der Zeitschrift «Erde und Kosmos» ermöglichte dreierlei: die Lebensgefährtin Maria, die Fülle praktischer Erfahrung und – wahrlich nicht zuletzt – die «Leitsätze».
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«Erde und Kosmos» erschien von 1975 bis 1990. Zentrale Themen waren die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, Naturerkenntnis im Lichte der Anthroposophie, Ökologie, aber auch zentral-anthroposophische, religiöse und kulturelle Fragen. Begleitet wurde die Arbeit an der Zeitschrift durch umfangreiche Korrespondenzen, die Hellmut Finsterlin mit zahlreichen Persönlichkeiten führte.
«Erde und Kosmos» kann für sich in Anspruch nehmen, die erste Zeitung im anthroposophischen Milieu gewesen zu sein, die sich einer umfangreichen, auch kontroversen Leserdiskussion öffnete. Das war bisher absolut unüblich, ja sogar verpönt.
Hellmut Finsterlin erlitt an seinem 74. Geburtstag einen Herzinfarkt, der sieben Tage später am 20. Oktober 1990 zum Tode führte.
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Grußwort von Maria Finsterlin
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An dieser Stelle möchte ich im Namen von Hellmut Finsterlin einen herzlichen Dank an Ivo Bertaina, Nicola Zunino und die anderen Mitarbeiter richten für das Engagement, die Arbeiten Finsterlins und die von Hugo Erbe dem italienischen Publikum zugänglich zu machen.
Finsterlin wollte eigentlich noch eine «Moderne Bauernphilosophie» schreiben. Dazu hat der irdische Lebensfaden nicht mehr ausgereicht, und so habe ich die zentralen Aufsätze zu seinem innersten Anliegen gesammelt herausgegeben.
Hellmut wollte eigentlich die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im großen Stile praktisch umsetzen und «beweisen». Das zeitbedingte und persönliche Schicksal ließen das nicht oder nur in geringem Maße zu. So nahm er die Herausforderung an, wie er selbst sagte, vollzog die Kehrtwende zu rein gedanklicher Arbeit, sowie zur praktischen Substanzforschung im Labor.
So haben wir Jüngeren und Nachgeborenen eines Fundus an Gedanken und Erkenntnissen über den geistigen Kosmos des «Landwirtschaftlichen Kursus» [Rudolf Steiners] erhalten, der zum selbständigen, inspirierten Denken und Handeln anregen soll.