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Angetreten sind Cameron und sein Finanzminister George Osborne mit dem Versprechen, dem Land zuerst eine Fitnesskur zu verpassen, um danach die Früchte in Form eines neuen Aufschwungs zu ernten. Daraus ist nichts geworden. Das Sparprogramm musste abgebrochen werden, weil es politisch nicht mehr tragbar war. Heute beträgt die jährliche Neuverschuldung des Staates rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, deutlich über dem Richtwert von drei Prozent.
Hinzu kommt, dass Grossbritannien seit Jahren ein so genanntes «Zwillingsdefizit» aufweist. Auch die Leistungsbilanz ist im roten Bereich. Das bedeutet, dass die Briten mehr importieren als exportieren. Ökonomisch gesehen befinden sich die Briten in einer ähnlichen Lage wie etwa die Türken oder die Brasilianer.
Einzig die Arbeitslosen-Statistik sieht mit einer Quote von 5,4 Prozent auf den ersten Blick im europäischen Vergleich ordentlich aus. Doch selbst dieser Eindruck täuscht. In der britischen Wirtschaft ist die Produktivität im Vergleich zur Zeit vor 2008 gar leicht gesunken. Der britische Arbeitnehmer produziert immer weniger – und verdient auch immer lausiger. Anders ausgedrückt: Die britische Wirtschaft fällt gegenüber der Konkurrenz zurück.
Wirtschaftlich gesehen ist der Begriff Vereintes Königreich ein Hohn. Es gibt heute auf der Insel streng genommen zwei Volkswirtschaften: Greater London und der gesamte Rest des Landes. London ist eine boomende Stadt und zusammen mit New York der wichtigste Finanzplatz der Welt. Für den Durchschnittsbürger hält sich der Segen jedoch in Grenzen. Das bedeutet: Astronomische Immobilienpreise und Lebenskosten, die ihn zwingen, in abgelegene Schlafstädte zu zügeln, um halbwegs über die Runden zu kommen.
Politisch ist die Zerrissenheit des Vereinten Königreichs noch gravierender. Der totale Sieg der schottischen Nationalisten wird zwangsläufig dazu führen, dass die Trennung von den ungeliebten Engländern erneut aufs Tapet kommen wird. In der englischen Provinz feiert derweil der unsägliche Nigel Farage mit seiner Ukip einen Triumph nach dem anderen und wird weiterhin für plumpen Chauvinismus und Anti-EU-Polemik sorgen.
Premierminister Cameron hat versprochen, im Fall eines Wahlsieges ein EU-Referendum durchzuführen. Er wird dieses Versprechen einhalten müssen und damit Grossbritannien noch mehr in die Rolle des Sonderlings in Europa drängen. Bereits jetzt wählt man eine Telefonnummer in Berlin und nicht in London, wenn man mit Europa telefonieren will. Die USA haben derweil den Briten mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass sie an einer «speziellen Beziehung» nicht mehr wirklich interessiert sind.
Rational ist der Sieg von Cameron schwer zu erklären. Ein überkommenes Wahlsystem und ein wenig überzeugender Leader der Opposition haben sicher einer Rolle gespielt. Doch letztlich ist es der Triumph der Einbildung über die Realität: Die Briten wiegen sich offenbar immer noch in der Illusion, eine Weltmacht zu sein.