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EINLEITUNG.
Den Gang seines Lebens schildert Ovidius im zehnten Gedichte des vierten Buches der Tristia: diese Erzählung und andere Angaben und Andeutungen seiner Werke sind fast allein die Quellen unserer Kenntniss seiner persönlichen Verhältnisse.
P. Ovidius Naso stammte aus einem Geschlechte, das seit langer Zeit dem Ritterstande angehörte. Er ward im Jahre Roms 711 (43 vor Chr.) am 20n Merz in Sulmo (dem heutigen Solmona) im Lande der Peligner geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Mann (der neunzig Jahre alt starb, als Publius schon in reiferem Alter stand), brachte ihn und einen um ein Jahr älteren Bruder früh nach Rom, damit beide durch den Unterricht ausgezeichneter Lehrer gebildet und für Staatsämter vorbereitet würden. Der ältere Sohn widmete sich mit grossem Eifer den Uebungen in der Beredtsamkeit: er starb ehe er im öffentlichen Leben die Früchte dieser vorbereitenden Bestrebungen ernten konnte, erst zwanzig Jahre alt. Publius, durch früh erwachende Neigung zur Dichtkunst getrieben, bequemte sich zu denselben rhetorischen Studien mehr um dem Willen seines Vaters zu genügen als mit innerer Liebe. Er hörte die Declamationen der beiden berühmtesten Rhetoren jener Zeit, des Porcius Latro und des Arellius Fuscus, und übte sich bei dem Arellius in eigenen Reden, meist in solchen, in denen eine Handlung nach den Gründen, die sie empfahlen oder widerriethen, erwogen ward (suasoriae), seltener in den schwierigeren und für gereiftere Schüler bestimmten Streitreden (controversiae), die einen erfundenen Fall von verschiedenen Seiten und in Beziehung auf die streitige Anwendung sittlicher oder rechtlicher Sätze behandelten; und wenn er eine Streitrede verfasste, so war es eine von ethischem Inhalte, der nicht die
Mühe künstlicher Beweisführung erforderte. Der Rhetor M. Annaeus Seneca, der den Ovidius declamieren gehört hatte, rühmt seine Reden als geistvoll, tadelt aber dass sie in ihren Ausführungen und Schilderungen sich ohne strenge Ordnung bewegten und nennt sie Gedichte ohne Versmass. In seinen Jünglingsjahren unternahm Ovidius eine Reise nach Athen, wo er, gleich andern jungen Römern, sich in griechischer Wissenschaft mag ausgebildet haben, und nach Kleinasien; auf der Rückreise verweilte er in Sicilien. Seinem Vater zu Liebe betrat er die Laufbahn, auf der man durch untergeordnete Aemter zu höheren Ehrenstellen vorzustreben pflegte. Er ward einer der Triumviri capitales, Beamter, welche die Gefängnisse beaufsichtigten und die verhängten Strafen an gemeinen Verbrechern vollstrecken liessen. Darauf verwaltete er das richterliche Amt eines Decemvir litibus iudicandis. Weiter fortzuschreiten auf dieser Bahn des Staatslebens glaubte er weder körperlich stark genug zu sein, noch besass er den dazu nöthigen Arbeitseifer, und die Ehre, die das öffentliche Leben bringen konnte, hatte keinen Reiz für ihn. So zog er sich bald von den öffentlichen Geschäften zurück und ergab sich der Behaglichkeit eines sorgenfreien Wohlstandes, dem Genusse der gesicherten Ruhe, in der die Römer unter der Herschaft des Augustus nach den blutigen Wirren der Bürgerkriege sich erholten, und ungestört durch Erinnerungen an die Zeit des Freistaates, dessen Untergang entschieden war als er geboren ward, befriedigt durch die Gegenwart, lebte er in heiterem und anregendem Verkehre mit den Gebildetsten Roms, besonders mit den Dichtern, in ungehemmter Entwickelung seiner dichterischen Begabung, gehoben durch das Bewustsein des Dichterruhmes, den er sich allmählich erwarb. Weniger glücklich war er in zweimaliger Verheiratung. Beide Ehen dauerten nicht lange und scheinen durch Scheidung gelöst worden zu sein: von seiner zweiten Frau, wie es scheint, hatte er eine Tochter. Später heiratete er eine dritte Frau, eine noch junge Wittwe aus angesehenem, mit dem Hause des Augustus befreundetem Geschlechte: mit dieser lebte er in zufriedener Ehe.
Die Gedichte, durch welche Ovidius, nach früheren Jugendversuchen, zuerst in weiterem Kreise bekannt wurde, waren Tragödien (oder eine Tragödie), Briefe und Elegien, mit denen er sich ungefähr gleichzeitig beschäftigte, etwa gegen das dreissigste Jahr seines Lebens. Seine tragische
Poesie, die grossen Beifall fand und noch während seiner Verbannung auf der römischen Bühne blieb, ist verloren; vielleicht hat er nur die eine Tragödie vollendet, deren Namen wir kennen, die Medea, von der Quintilianus sagt, in ihr zeige er was er habe leisten können, wenn er die Fülle seines Talentes hätte beherschen wollen statt sich ihr hinzugeben. Die Briefe (Epistolae, oder Heroides, wie man sie nach den mythischen Frauen genannt hat, von denen sie nach der Erfindung des Dichters an ihre entfernten Geliebten gerichtet werden) waren als Gedichtgattung neu; aber die Rhetorenschulen kannten verwandte Uebungen der an bestimmte Lagen und Zustände geknüpften Charakteristik, und vornehmlich rhetorische Erfindsamkeit zeichnet diese Ge
dichte aus. In unserer jetzigen Sammlung sind nur acht Briefe mit Sicherheit dem Ovidius zuzuschreiben (1. 2. 4. 5. 6. 7. 10. 11); die meisten übrigen sind seiner unwürdig oder weichen in Einzelheiten von den Gesetzen ab die seine Kunst streng befolgte. In den Elegien (Amores nach ihrem Hauptinhalte genannt) hatte Ovidius bedeutende Vorgänger, den Cornelius Gallus (dessen untergegangene Elegien diese Gattung griechischer Poesie zuerst in die römische Kunst einführten), den Albius Tibullus, den Sextus Propertius. Er hat weder die lautere Wahrheit der Empfindung, die den Tibullus auszeichnet, noch den kühnen Schwung und die tiefe Leidenschaftlichkeit des Propertius; seine Elegien sind ein witziges, oft mutwilliges Spiel, reich an Wendungen und Einfällen, zierlich und ebenmässig in der Sprache und im Versbaue. Unsere Sammlung dieser Elegien ist die zweite, von dem Dichter aus fünf Büchern in drei zusammengezogene Ausgabe. Auf die Amores folgte ein kleines, unvollständig erhaltenes Lehrgedicht (Medicamina faciei), eine Anweisung zum Gebrauche von allerhand Schönheitsmitteln.
Mit gereifter Kunst und mit dem ganzen Reichthume seines ausgebildeten Talentes dichtete Ovidius die drei Bücher seiner Liebeskunst (Ars amandi oder amatoria). Sie erschienen zu Ende des Jahres 752 oder zu Anfang des folgenden Jahres (2 oder 1 vor Chr.). Bald darauf, zu Ende des Jahres 754 oder zu Anfang des folgenden, verfasste der Dichter das diesen Büchern entgegengesetzte Buch von den Heilmitteln gegen die Liebe (Remedia amoris). Sittliche Beurtheilung muss die Zustände und den Sinn, aus denen diese Gedichte hervorgegangen sind, verwerfen: sie sind das treue