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In den Granit- und Schieferbergen von Andorra (Ostpyrenäen)
VON MOR.M.. BLUMENTHAL ( LOCARNO-MINUSIO )
Mit 1 Kartenskizze und 16 Bildern ( 72-87 ) Geographisch-historische Orientierung Des öftern bleiben, abgeschieden in Bergtälern, durch welche nicht die grossen Verkehrsstrassen leiten oder deren Bodenschätze nicht das wirtschaftliche Interesse der grossen Nachbarn weckten, kleine Staatsinseln erhalten. Neben den uns näherliegenden Staatsgebilden, wie Liechtenstein und San Marino, gehört auch das pyrenäische Bergland von Andorra zu diesen aus einem feudalen Mittelalter oder späterer Umordnung in die Jetztzeit hinüber erhaltenen Kleinstaaten. Die verschiedensten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen und Abhängigkeiten haben heute oder schon früher die Bindung an den grösseren Nachbarn konsolidiert, so dass diese sympathischen Museumsstücke politischen Eigenlebens in der erreichten Form gewiss noch für lange Zeit erhalten bleiben werden.
Andorra, das in den Ostpyrenäen zwischen Frankreich und Spanien gelegen ist ( s. Fig. 1, Eckkärtchen ) und sich als « Principat Andorra » bezeichnet, ist das grösste Gebilde unter diesen Kleinstaaten und nähert sich oder übertrifft mit seiner Oberfläche von 450 km2 doch schon die Grosse eines kleineren Schweizerkantons ( z.B. beide Basel, beide Appenzell ) und umfasst ein Bergland, das beinahe dreimal so gross als jenes unseres liechtensteinischen Nachbars ist und in der Grössenordnung ungefähr dem Säntisgebirge gleichkommt.
Im Grunde genommen ist diese kleine « Republik » nur eine Talschaft, umfassend die Verzweigungen ein und desselben Flußsystems ( s. Kartenskizze Fig. 1 ). Als eine solche umfasst dieser Staat das Einzugsgebiet des Valira-Flusses, der unterhalb des Eingangstores zum andorrischen Hochtal in den Rio Segre bei Seo de Urgel einmündet, der seinerseits weit unten im Tiefland Kataloniens dem Ebro tributar wird.
Heute ist dieses nur längs den Haupttallinien von ca. 6000 Seelen bevölkerte Gebiet - die flottante Bevölkerung des Sommers kann auf das Doppelte anwachsen - ein vielbesuchtes Touristenland geworden und enthält zahlreiche Hotels, die in allen Dörfern und Weilern zu treffen sind. Indessen zieht der Hauptstrom des regen Trafiks über die gut ausgebaute Paßstrasse, die von Seo de Urgel über den Hauptort Andorra la Vella ( Alt-Andorra ) dem Port d' Envalira ( 2409 ) zustrebt und jenseits auf französischem Gebiet an Paßstrassen anschliesst, die nordwärts nach Aix-les-Thermes und Foix im Departement Ariège leiten oder nach Osten sich nach Perpignan wenden. Wer nicht mit Eigen-wagen das Land hastig durchfährt - die Grosszahl -, findet für seine touristischen Unternehmungen in den Dörfern überall gute Stützpunkte, nicht aber Unterkunftshäuser ( Rifugios ) in grösserer Höhe, mit Ausnahme an der genannten Paßstrasse.
Wie kommt es, so mag sich nun der Besucher des Ländchens und seiner Berge fragen, dass zwischen der einheitlichen französischen Republik und den sprachlich und ethnisch nahezu identischen spanischen Landen ( Katalonien ) ein mehr als halbsouveränes Staatswesen sich erhalten hat? Die Entwicklung dazu geht in das frühe Mittelalter mit seinen Feudalherrschaften zurück.
10 Die Alpen - 1961 - Les Alpes145 Die Legende erzählt vom Durchmarsch Karls des Grossen, der die bis hieher festangesiedelten Mauren vertrieb. Geschichtlich unterbaute Nachricht über das Land geht auf das 11. Jahrhundert zurück, in welchem die gleichen sechs Gemeinden, aus denen das Land heute besteht, schon Erwähnung finden. Es waren damals die Grafen von Urgel ( im Süden ), die das Land beherrschten, von welchen es dann späterhin an die Bischöfe von Seo de Urgel überging. Diese gaben die Talschaft in Lehen an das Geschlecht der Caboet, von welchen es durch Heirats- und Erbgeschehen an die französischen Herzöge von Foix gelangte. Hier liegt also schon die Wurzel der doppelten Ausrichtung und Abhängigkeit nach Norden ( Frankreich ) und Süden ( Spanien ).
Bald entstanden Streitigkeiten zwischen den bisherigen Beherrschern, den Herzögen von Foix und dem Bischof von Urgel ( Mitte 13. Jahrhundert ), die dann durch einen Schlichtungsvertrag - die « Pariatge » von 1278 - behoben wurden. Die Rechte der Bischöfe wurden anerkannt, und jene der Franzosen kamen auf Umwegen an die französische Krone. Seit bald 700 Jahren besteht nun diese « Zweiseitigkeit », die dem kleinen Staat eigentlich den Nimbus einer vollkommen freien Republik vorenthält, denn zwei ausländische Souveräne stehen ihm, wenn auch kaum aktiv eingreifend, als « Co-Princes»vor, heute der Präsident der Französischen Republik und der spanische Bischof von Seo de Urgel.
Für die innere Gesetzgebung und Verwaltung sind die sogenannten « Veguers » ( Richter ) und der « Conseil général des Vallées » kompetent, welch letzterer auch die « Batles » ( Ortsvorsteher ) ernennt. Den Gemeinden ist eine weitgehende Autonomie zuerkannt. Als Rest seiner früheren Vasallenstellung entrichtet das Land, wie Henri Kucera in seinem Andorra-Führer anführt, den « Co-Princes » einen Tribut in Geld, die « Quistia », und der Bischof von Urgel bekommt dazu noch auf Weihnachten: 6 Schinken, 12 Käse, 12 Kapaunen und 12 Rebhühner.
Die offizielle Sprache in der kleinen « Republik », die eigentlich doch absolut genommen keine ist, ist das Katalanische; doch wird in den Schulen das Französische und das Spanische unterrichtet. So wie der Schreibende den Eindruck bekommen hat, kommt ein Nationalbewusstsein in diesem kleinen Völklein nicht besonders zur Geltung, was bei der politischen und kulturellen Verflechtung mit den grossen Nachbarn begreiflich ist, und es wird, wenn Ansätze dazu vorhanden sind, durch die moderne Entwicklung ( Fremdenindustrie ) mehr und mehr abgeschliffen.
Die orographischen Hauptlinien Innerhalb des Gebirgsstammes der Pyrenäen und ganz besonders in der zentralen Zone, der Andorra angehört, besteht eine ausgesprochene Streichrichtung seiner orographischen Elemente, wie auch seiner geologischen Leitlinien, in der Richtung von WNW nach OSO. Nun aber kommt gerade dieselbe in den Bergen von Andorra nicht sehr deutlich zur Geltung, und erst ein Blick über die engen Grenzen hinweg erlaubt die Einordnung in die genannte Hauptrichtung zu erkennen. Diese letztere ist innig gebunden an die geologischen Leitlinien, sei es, dass diese durch die Tektonik oder vorherrschende Gesteinsbeschaffenheit bedingt sind. Dass innerhalb des Talsystems des Valira-Flusses das Hauptstreichen der pyrenäischen Zentralzone in der Orographie einigermassen ausgeschaltet erscheint, kommt davon her, dass hier ein einziges und tief eingekerbtes Flußsystem vorliegt, das mit seinen Verzweigungen wesentlich nach N und NW vorgreift. So werden aus der W—O-verlaufenden Grundanlage von NW und NO her absteigende Kämme herausgeschnitten. Deshalb kommt das pyrenäische Streichen erst in den Grenzketten im N und S, die jeweilen nur zur Hälfte zu Andorra gehören, zum Ausdruck. Wir sprechen von einer nördlichen und einer südlichen Grenzkette.
Die südliche Grenzkette setzt am Eingangstor des Ländchens, das sie schluchtförmig durchschneidet, ein und ist in ihrem weiteren Verlauf die Scheidezone zwischen dem teils breiten Tal des katalanischen Segre-Flusses und der kleinen Bergrepublik. Mit breitem Vorland, rundbucklige Berge zwischen 2200-2600 m, fällt die südliche Grenzkette zu diesem der Rhein-Rhone-Linie vergleichbaren markanten Tale ab, und erst in ihrem östlichen Abschnitt erreichen in enger gerafften Kämmen die Berge Höhen von 2800-2900 m ( Puig Pedros 2911 m, Pic d' Envalira 2812 m ) und sind nördlich abdrehend.
Die nördliche Grenzkette, gerechnet vom Pont de Fontargent bis zum Knotenpunkt der höchsten Gipfel im Westen, springt im NW ansehnlich nach N vor und enthält im Gegensatz zu weiten Teilen der Südkette Schiefermaterial und deshalb eher abgerundete Bergformen ( Abb. 87, 85 ), die immerhin bis 2900 m aufragen ( Pic de Serrera 2914 m, P. de Signer 2905 m usw. ).
Zwischen der orographischen N- und S-Abgrenzung des Landes steht im Osten ein kurzes, meridian verlaufendes Zwischenstück, über welches die Hauptverkehrslinie nach Norden hinübersetzt ( Port d' Envalira, 2409 m; Abb. 86 ), während im Westen, in Übereinstimmung mit dem längsten Grenzabschnitt, eine weniger einheitliche, nach S stark an Höhe verlierende Grenzkette liegt. Ihre im Hintergrunde des Arinsal-Tales nur um wenige Meter die übrigen 2900er Höhen überragenden Gipfel repräsentieren die Kulminationspunkte des kleinen Staates ( Roca Enravesada, 2961 m, usw. ). Über die 3000-m-Grenze gelingt es aber seinen Spitzen nicht, sich hinaufzuschwingen. In der Auswahl der ausgeführten Bergwanderungen bietet sich noch Gelegenheit, weitere orographische und morphologische Eigenheiten dieses Berglandes hervorzuheben; es sei deshalb zum besseren Verständnis derselben eine kurze Skizze seiner geologischen Gestaltung vorangestellt.
Geologische Grundzüge Wie in den Schweizer Alpen in einer zentral-axialen Zone die kristallinen Zentralmassive ( Gotthardmassiv, Aarmassiv, Mont Blanc-Massiv ) das alte Grundgerüst der Gebirgszone darstellen, so werden auch die Pyrenäen von OSO nach WNW von der « zone axiale » durchzogen; sie hat im Meridian von Andorra so ziemlich ihre grösste Breite ( 60 km ) und enthält in ihrem Verlaufe eine grössere Anzahl von Granitmassiven. An diesen hat auch das Bergland von Andorra Anteil, indem so ziemlich ein schwaches Drittel seiner Oberfläche in einem massigen Granit eingelassen erscheint. Diese Granitmassive liegen innerhalb alter paläozoischer Schiefer ( vorwiegend ), Kalken und Quarziten, in welche sie als Massenintrusion in der Periode hercynischer Gebirgsbildung eingedrungen sind, und welche sie stark umgewandelt haben ( Bildung von Kontaktzonen, Verkiese-lungen usw. ). Diese Einfügung in das schon gefaltete Sedimentsystem kann als vorpermisch, wahrscheinlich voroberkarbonisch festgestellt werden und wiederholt sich bei pyrenäischen Zentralmassiven an vielen Stellen.
Während der granitische Plutonit sich als eine relativ starre Masse innerhalb der tonig-kalkigen Schiefergesteine verhielt und im Prozess der Abwitterung späterer Perioden massig-runde Formen der abgetragenen Oberfläche bedingte, waren die Schiefer ein mehr plastisches Material, das unter dem Einfluss der gebirgsbildenden Bewegungen in enge Falten gelegt wurde, die im andorrischen Sektor steil aufrecht stehen, nach Süden übergelegt oder auch schuppenförmig in dieser Richtung vorgetrieben wurden. Dieser Vorgang ist älter als die Alpenbildung, ihr an die 200 Millionen Jahre vorangehend und gefolgt von Wiederabtrag des Gebirges. Die meist bunten, vorwiegend aus Trümmern bestehenden permotriasischen Sedimente, gleichzusetzen unserem Verrucano, zeugen davon. Die alpin-tertiäre « Gebirgsbildungsphase » ergriff von neuem das alte Gerüst mit den ihm neu aufgesetzten, in den Randteilen mächtigen Sedimenten späterer Erdperioden und schuf den heutigen Pyrenäenstamm. Sie prägten aber die neuen Faltungsformen mehr nur den französischen und spanischen Aussenzonen auf ( zones subpyrénéennesder alte Granit- und Schieferkern, durch die frühere Faltung versteift, reagierte auf den neuen Faltungsdruck mehr nur durch Zerstückelung in einzelne Blöcke, getrennt durch Bruchzonen, längs welchen heute die warmen Quellen zutage treten. Die relativ jüngeren Bildungen des Mesozoikums und des Tertiärs sind in dem alten Axial-stück Andorras nicht mehr vertreten. So bleibt es eigentlich fraglich, ob sie in ihrer Gänze über demselben ebenfalls abgelagert wurden. Im jüngsten Tertiär zum Hochgebirge geworden, hat das ältere Quartär mit seiner Klimaänderung die Pyrenäen, wie die Alpen, mit einer Eisdecke überzogen, von deren Einwirkung im folgenden Abschnitt über die morphologischen Grundzüge die Rede ist.
Zur Morphologie der Oberfläche Beide Hauptbildner der andorrischen Berge, die Granite und die paläozoischen Schiefer, bestimmen, als Ganzes genommen, eine ausgeglichene, eher sanfte Oberflächengestaltung, in welche dann die diluviale und jüngere Erosion tiefe Kerben, die heutigen Täler, eingeschnitten hat. Im einzelnen stehen aber doch in der paläozoischen, grösstenteils dem Silur angehörenden Schieferformation auch recht harte Gesteine an. Die älteren Schiefer sind durch Umwandlung und Zwischenschaltung quarzitischer Bänder zu einem harten Fels geworden, ein Gestein, das zwar oft enge Fältelung aufweist und so leichter zerfällt. Weite Bezirke sind auch durch die Wirkung der eingedrungenen Granite silifiziert. Auch stellen sich zwischen Schiefern kalkige Sedimente ein, meist in Marmore umgewandelt und im allgemeinen doch dünnbankig; diese der Devonformation zugehörigen Kalksedimente können, wenn mächtiger, recht ansehnlich zackige Grate bilden ( Abb. 81 und 82 ). Untergeordnet sieht man in den Schieferzonen innige Verfaltung und Verwurstelungen in dünneren Lagen, natürlich ein Gebiet, das zu Rutschungen neigt, die aber bei weitem nicht so weitverbreitet und verheerend sind, wie man solche in unseren schweizerischen penninischen Schiefern ( Bündner Schiefer usw. ) trifft.
In den Massengesteinen, den Graniten, die übrigens einem alpinen Granit mit ihren roten Feld-spateinsprenglingen gleichsehen, sind die Kluftbildung ( Diaklase ) und die innere Deformation die wesentlich destruktiv wirkende Gefügeform, die das Auseinanderfallen begünstigt. Guferhalden von kleinem Ausmass, wie in den Alpen, resultieren daraus. Für sich ist der Granitanteil des Landes milde ausgeformt, erlitt aber da, wo diluviale Gletscher sich einnisteten und kleine und grössere Karformen aus den Hangteilen herausschliffen, beträchtliche Umwandlungen. Die glazial entstandenen Wannen ( Kare ) sind von steilen Felskliffen umrandet, also da, wo die ehemalige Oberfläche über die Eisdecke emporragte. Solche Gebiete gehören zu den meist alpin-malerischsten des ganzen Gebirgslandes ( Circ de Pessons, Abb. 74 usw. ).
Da in den östlichen Pyrenäen die diluviale Schneegrenze um 2200-2300 m lag, waren diese Berge auch stark vereist. So haben die Gletscherströme der Oberfläche die charakteristischen Glazialformen aufgeprägt. In den Höhen von 2200-2500 m sehen wir allüberall an den Kämmen die beckenförmigen Wannen eingelassen, stets belebt durch die kleinen Seen als Auskolkungseffekt des Gletschereises. Grössere Talgletscher kamen mit Ausnahme der beiden hervorragenderen Valira-Täler ( « oriental » und « occidental » ) nicht zur Bildung; in letzteren entstand wohl, wenn auch nicht sehr ausgeprägt, das U-Profil im Querschnitt mit den seitlich überhöhten kleinen Seitentälern, doch lange nicht so typisch wie in alpinen Tälern.
Eine andere recht auffällige gestaltliche Landschaftsteilform sehen wir in den Anzeichen alter Oberflächensysteme. Fürs erste lassen sich die Gipfelpunkte virtuell zu einer mehr oder weniger gleich hohen Restfläche verbinden. Man hat solche rekonstruierte alte Oberflächen in den Alpen als die « Gipfelflur » bezeichnet; sie ist in Adorras Bergen zwischen 2500 m ( Süden ) und 2800 m auch recht eindrücklich ( Abb. 87 ).
In tieferem Niveau als die genannte Gipfelflur liegen vielerorts noch jüngere Verebnungen, Reste alter Oberflächen, die sich jeweils als schmale Streifen an den Gehängen oder auch als Kappung von Gratpartien kennbar machen. Bei der kurzen Beschreibung unserer Bergbesuche soll auf solche Beobachtungen zurückgekommen werden.
Ausgewählte Bergziele Der Verfasser kam auf einer Rückreise aus entfernterem Süden gewissermassen in die Berge von Andorra « hereingeschneit », also ohne zweckmässige Vorbereitung, weshalb seine Begehungen etwas zufällig und unausgerichtet erscheinen. Immerhin konnte dank der zur Verfügung stehenden topographischen Karte von Henri Kucera1, die als guter Führer diente, mit offenem Auge und schönster Wettergunst eine befriedigende Auswertung eines zweiwöchentlichen Aufenthaltes erzielt werden. Fast in jeden Landeswinkel konnte ein flüchtiger Blick geworfen und seine touristischen und geographisch-geologischen Probleme etwas angegangen werden. Granit- und Schiefergebiet wurden gleichermassen bedacht, und die Talausgangspunkte ( Hotels ) erwiesen sich als brauchbare Stützpunkte. Auf die alpin-touristische Platte gelegt, sind Andorras Berge kein exquisit-prickelndes Gericht, denn es fehlt ihnen die grosse Reichhaltigkeit alpiner Landschaft mit ihren Talseen, Gletschern, grossdimensionalen Bergformen und ausgedehnten Wäldern. Nichtsdestoweniger gebührt ihnen aber die Referenz, die man jedweder Naturschöpfung schuldig ist und deren Aufrichtigkeit anwächst, je länger und eingehender man sich ihr zuwendet.
A. Die Granitregion des Circ de Pessons Der hinterste und oberste Teil des Valira-Tales ist der Ausgangspunkt für den geeignetsten Aufstieg in die Granitregion. Hier summt tagein, tagaus der bedeutende Autoverkehr über den Envalira-Pass, zu welchem die Strasse bis zu 2409 m ansteigt. In 2100 m und auf der Passhöhe stehen « Rifugios », die fast hotelmässiges Logis bieten; zum mindesten brauchte man nicht die elektrische Heizung zu entbehren, denn zwei niederschlagsreiche Tage hatten über alle Berge eine dünne Schneedecke ( Juni ) gelegt. Überschaut man von der Paßstrasse das südliche Berggelände, so bleibt das Auge durch die wunderbar deutlich gezeichnete Glaziallandschaft gefesselt. Drei mächtig grosse Karwannen, die « Circos », zeigen in aller Schärfe Lage und Wirkung der eiszeitlichen Gletscher. Wir halten drei nordwärts geneigte Becken auseinander, von denen der Circ de Pessons ( Abb. 74 ) die grössten Dimensionen aufweist. Es sind flachgeneigte alte Böden, seichte Erosionsnischen, in denen sich die Gletscher eingefügt hatten und die heute sichtbare Form ausscheuerten. Sie sind alle mit kleinen Seen versehen, deren es im Circ de Pessons ungefähr 15 gibt, angeordnet zwischen 2100 und 2600 m in Längszeilen. Über dem sich recht flach ausnehmenden ehemaligen Gletscherkuchen, dem heutigen Glazialzirkus, erheben sich scharf und felsig die umrandenden Bergzüge, die zu dieser Zeit keine Eisdecke trugen ( Abb. 76 und 72 ).
1 Mapa d' Andorra, 1:40 000. Sie ist beigegeben einem guten, kleinen Reiseführer dieses Autors: « Les vallées d' Andorra », Barcelona 1958 ( Autor-Editor, Correo de Apartado de Correos 1045 ).
Das erste Wegstück nach den Pessons-Bergen durchsetzt noch die alte Schieferregion und ist ein höchst liebliches Alpweidengelände mit Föhrengruppen und -Wäldchen. Die fehlenden Kühe sind durch zahlreiche Pferdegruppen ersetzt, unter welchen je 5-7 Stück zu einem Leitpferd zu gehören scheinen, das eine dumpf klingende, röhrenförmige Glocke trägt - das Kuhgeläute unserer Alpen!
Eine erste Tagestour in das eben erwähnte Glazialgelände galt dem auf der französisch-andorri-schen Grenze liegenden Pic d' Envalira ( 2812 m, Abb. 72 ), woselbst der Saum zwischen dem Granit und ihn umrandenden gneisähnlichen Phylliten von W nach O durch die Gipfelwand zieht ( Abb. 73 ). Es war ein Tag von gestochener Klarheit: ganz Andorra lag in seinem saubersten Gewände, mit einem leichten Schleier von Neuschnee bedeckt, vor dem entzückten Beschauer ( Abb. 87 ). Ungehindert ging der Blick über Grenzen hinweg, sei es nach N in die Ursprungstäler der Ariège, sei es nach SO in jene des spanischen Segre.
Waren wir auf dem Envalira-Pic im Hintergrund des kleineren östlicheren Kars ( Circ de Clot de Minera ), so zielte der Schritt am folgenden Tag auf einen Gipfel in der Umrandung des eigentlichen Circ de Pessons, in welcher auf der SW-Seite der Pic de Pessons mit 2865 m kulminiert. Einsam lag das ganze Kargebiet mit seinen vielen Seen ( Abb. 76 ), über welchen die granitische Steilfront emporragt, die auf ihrer nicht sichtbaren, nicht so sehr vom diluvialen Eise zugeschliffenen Rückseite in einen etwas entwürdigenden « Grasberg » überleitet. Die angetroffene Einsamkeit dürfte aber im späteren Sommer grösserer Frequenz Platz machen, was das reichlich dotierte Gipfelbuch anzeigt, in welchem ein spassiger, vielleicht patriotisch begeisterter Besucher den « Co-Prince » Coty, Frankreichs Präsident, der hier ja « Halb-Souverän » ist, hochleben lässt.
Das fast genau nach W zielende lange Tal des Riu Ensagents brachte uns dann wieder ins Valira-Tal beim Dorfe Encamp zurück. Man ist dort aus den runden Buckeln des Granits im steilen linken Talhang herausgetreten, bleibt aber nicht lange in der Schieferformation, denn beim Eintreten in Andorras « Hauptstadt » steigt man wieder auf einen inseiförmig aus dem Schieferland aufragenden Granitrücken hinauf, der geduldig einen soliden Untergrund für die zahlreich aufschiessenden Hochhäuser der modern gewordenen Kapitale zur Verfügung stellt. Damit wollen wir das Granit-gebiet verlassen, wirklich etwas voreilig, denn in der südlichen Grenzkette wäre in demselben noch manche reizvolle Wanderung auszuführen. Wir treten in den Bereich der alten Schiefer mit den ihnen eingeschalteten Kalkzügen über.
B. Um Canillo: Pic de Casamanya und Pic de Serrera Die wenigen politischen Gemeinden des Landes - es gibt deren sechs - sind in ihrer Hauptsiedlung an die grösseren Taltiefen gebunden, und auch die dazugehörigen Fraktionen klettern nicht weit die Gehänge hinauf. Unter diesen Hauptsiedlungen nimmt sich das so ziemlich im Zentrum des Landes liegende Canillo besonders gefällig aus, wie es sich in einer Meereshöhe von 1600 m zwischen Fels und Wiese, zwischen Talfluss und schäumendem Seitenbach, eng zusammengedrückt, an die Hauptstrasse legt ( Abb. 77 ). Canillo ist auch ein guter Stützpunkt für fast sämtliche Besteigungen im Schiefergebiet. Überragt wird der Ort von den kalkigen Vorbergen des Pic de Casamanya ( 2701 m ), der wegen seiner zentralen Lage im Lande wie eine Leitkanzel in der Arena steht und einen ausgeprägten Aussichts- und Orientierungspunkt darstellt. Er macht, von unten gesehen, nicht den Anspruch, ein kühner Gipfel zu sein ( Abb. 80 ), reckt sich aber oben doch ordentlich aus seiner grünen Umgebung, denn bläuliche, plattige Devonkalke bedingen die Gipfelgestalt ( Abb. 81 und 82 ). Diese lassen sich von hier aus in W—O-Richtung weit verfolgen und lieferten nach einigem Suchen auch umkristallisierte organische Reste. Es waren Crinoiden mit Stiel und Kelch und ausgezogene, durch Druck in Sektionen aufgeteilte Stielglieder von Crinoiden und Orthoceren, alle ähnlich « behandelt » wie die ausgezogenen Belemnitenstücke aus dem Malmkalk von Fernigen.
Leider fiel der Casamanya-Besuch mit einem Tag starken Westdruckes zusammen, und der Ausblick, zwar immerhin befriedigend, musste zwischen Aufhellungen « herausgestohlen » werden; er galt besonders dem gegenüberliegenden Kulminationsbezirk der Andorra-Berge und den bescheideneren Höhen beim südlichen Eingangstor, von denen wir noch - von den « alten Niveaus », erstiegen von Sant Julia aus - zu berichten haben werden. Den Casamanya verliessen wir über seine SW-Gehänge hinab und gelangten nun endlich durch etwas waldreichere Strecken in das lange Tal des Valira occidental bei Ordino. Um der höchsten Berggruppe Andorras uns nähern zu können, wurde einige Tage später dessen westliches Seitental, das von Arinsal, aufgesucht ( Abschnitt C ).
Zuvor fehlte uns aber noch ein Besuch der nördlichen Grenzkette, die von Canillo aus durch das Val de Riu als Tagestour leicht erreichbar war. Ein unten tief in Kalk eingesägtes Tal erweitert sich und endigt in einem glazial bedingten Trogabschluss ( Kar, Abb. 85 ), umgürtet von schwarzen Schieferbergen ( Pic de l' Estanyó, 2912 m ). Erst in einer zweiten Kulisse liegt dahinter die eigentliche Grenzkette, in der uns das Ziel, der P. de Serrera ( 2914 m ), durch sein « Kuhberggehaben » einigermassen enttäuschte. Doch gewährt er einen netten Tief blick in die nördlichen französischen Täler. Durch das bis an die Landesgrenze vorgreifende grössere und seengeschmückte Tal von Ransol gelangten wir, oft längs Narzissenwiesen, wieder in das Tal des Valira und nach Canillo zurück.
C. Der Kulminationspunkt der Andorra-Berge Bis zu den letzten Weilern der Andorra-Täler leitet jeweilen ein wenn auch schmaler Strassenzug, und an ihm stehen, verträumt in die Neuzeit versetzt, die alten, fast kubischen Steinhäuser an-dorrnischen Stils. Doch sie besitzen nicht etwa ein flaches Dach, sondern tragen einen flachen Giebel, auf welchem die schweren und schwarzen Schieferplatten der Talsteinbrüche lasten. Da die typischen alten Häuser keinen weissen Verputz ihrer Mauern tragen, gibt dies mit der Dachfarbe dem Dorfganzen einen eher finsteren Gesamtton. Die Häuser sind oft symmetrisch eingeteilt in Wohn- und Scheunenabteil. Wo das Gelände es erlaubt, wiegt die Haufensiedlung vor ( Abb. 78,77nur die Enge des Tales, wie im Badeort Encaldes und in Andorra la Vella - beide zu einer zusammen-gewachsenen Gebirgsstadt geworden - hat die Entwicklung eine Strassensiedlung entstehen lassen.
Nach diesem Exkurs zum andorrischen Dorf stossen wir in den hintersten Weiler des Arinsal-Tales vor, wo ein nettes Hotel unser wartet. Der Bergkompass ist hier eingestellt auf die steilhängigen Gipfel, die, teils verdeckt vom taläusseren Abschnitt, sich um den Vorrang streiten, die höchste Erhebung des Ländchens zu enthalten. Darüber kann etwelcher Disput geführt werden, denn die topographischen Karten enthalten ungleiche Angaben! Die Konkurrenten liegen alle auf der westlichen Landesgrenze, wo Frankreich ( Gascogne ), Spanien ( Provinz Lerida ) und Andorra zusammentreffen. Keiner der Gipfel reckt aber sein Haupt über die Dreitausender Linie empor. Es geht in der « Konkurrenz um das Höchstsein » kaum um Zehner von Metern in dieser Familie der Zweitausendneunhunderter! Während die neueste Karte von H. Kucera ( s. Fussnote S. 149 ) unter den drei W- O-streichenden, scharfkantigen Schieferrippen in der mittleren derselben eine Höhenquote von 2961 m enthält und sie als Roca Enravesada bezeichnet ( mittlere Bergrippe in Abb. 84 ), verlegt die etwas ältere Karte Andorras von M. Chevalier 1 ( ohne die Roca Enravesada zu kennen ) 1 Marcel Chevalier, Carte d' Andorra 1:50 000, 1933, publiée sous le patronage de l' Académie des Sciences de Barcelona.
Fig. 1 Oro- und hydrographische Kartenskizze von Andorra P P 1Kammlinien und Gipfelpunkte ( Auswahl ) 2Glazialsee ( Karsee ) 3Glazialnische ( Kar ) 4Schiefergebiet ( im weiteren Sinne ) 5Hauptkalk(Marmor)zone ( Devon ) 6Granitgebiet 7Autostrassen und Wegroute des Textes 8Ortschaften bzw. Weiler 9Landesgrenzen Abkürzungen in der Karte:
C. d. Pessons = Circ de Pessons C. Mi.Circ du Clos Minera Q. Circ de Queils P.A.M. = Pic Alt de Medacorva, 2926 m P. C. Pedr. = Pic Alt de la Coma Pedrosa, 2946 m P. d. Peg. = Pic de Peguera = Pic Cubil, 2798 m = Pic del Valle de Riu = Pie del Estanyò, 2912 m = Pic de Ensagents, 2824 m = Port de Medacorva = Pie de Montmalus P.Q.
= Pie de Queils ( nach dem darunterliegenden Circ d.Q ., vom Autor so zubenanntRoca Enravesada, 2961 m R. En.
den Kulminationspunkt des Landes auf einen weiter nördlich folgenden Gipfelstock, dessen höchster Punkt, der Pic Pia de l' Estany, die Höhenzahl 2951 m trägt. Bei Leuten aus dem Tal fand ich die Meinung, dass der südlichere Pic Alt de la Coma Pedrosa ( Kucera-Karte: 2945 m ) der höchste Punkt sei. Wie es bei diesem Streit um des Kaisers Bart bei einer revidierten Triangulation auch herauskommen mag, es handelt sich im Grunde genommen ja fast nur um Dezimeter von Höhenunterschieden, so dass es genügt, festzustellen, dass in der Arinsalgruppe massive Schieferberge von ungefährer Höhe von 2950 m emporragen, somit eine Höhe erreichen, die weiter östlich bis zum Mittelmeer nicht mehr vorkommt, dagegen gegen W bald von Spitzen und Kämmen von über 3000 m überragt wird.
Das hintere Arinsal-Tal erwies sich als ein wildromantisches, fast pfadloses Tal mit Steilhängen, in denen das W-O-Schichtstreichen mit steilem Nordfallen und scharfen Rippen und Runsen sich kennbar macht; näher besehen waren es dünne und durch lichte Sandsteinlagen gebänderte, schwarze Schiefer, die hier und in gleicher Ausbildung auch in der übrigen Axialzone bis in das alte Massiv von Barcelona dem Silur angehören und recht kühne Gratgebilde formen können. Alpenrosensträucher begleiteten uns in kümmerlicher Form bis 2500 m - ihre Tief landgänger traten uns schon bei 1400 m entgegen -, nach welcher Höhe die Schneefleckenlandschaft bis auf den Gipfel anhielt. Dies war, da tallinksseitig angestiegen worden war, der Pia de l' Estany, also der Kul-minationsberg nach altem Stil. Sah man aber durch das von Westen her einsetzende Wolkentreiben nach Süden ( Abb. 84 ), so hatte man doch den Eindruck, von dort würde man auf unseren Standplatz hinabsehen. Leider war auch der weitere Westen, in dem die pyrenäischen Zentralmassive mit der Maladetta und dem Pic d' Anetou ( 3404 m ) liegen und die wir von früherer Besteigung kannten, ein Opfer der westlichen Nebelküche geworden.
D. In der südlichen Grenzkette Von dem an der Talstrasse schon unter 1000 m liegenden, der Eingangspforte benachbarten stattlichen Dorfe Sant Julia schlenderte ich an einem schönen Morgen das nach den Cortals ( Maiensässe ) de la Peguera hinauf leitende Fahrsträsschen den hier schon niedrigeren Bergen zu. Durch Weide und Föhrenwald steil ansteigend war nach einigen Stunden der hier breite Grenzkamm erreicht. Eine gewisse Neugier trieb mich, in der Höhe zu sehen, wie es mit der zuvor erwähnten alten Oberfläche steht, die sich so deutlich im Südblick vom Pic de Casamanya erkennen liess ( Abb. 83 ) und die schon in der Höhenkurvenkarte auffällt. Und wirklich, im Pic de Claror ( 2610 m ) hat man nordwestlich vor sich in der Kammlinie eine ansehnlich breite Hochfläche mittlerer Höhe von 2550 m. Diese schneidet die Schichtköpfe der steilstehenden Schiefer ab und endigt in ihrer Umrandung über zur Tiefe gehenden Erosionshängen. Wie schon in der morphologischen Übersicht angeführt ist, müssen wir solche Landschaftsformen als aus früherer Oberfläche erhalten gebliebene Reste betrachten; sie blieben von der starken jüngeren Erosion verschont. Weniger deutliche tiefere, also jüngere Niveaus erkennt man an weiteren Hängen der südlichen Grenzberge. Auch auf der Südseite des die Andorra-Berge im S begleitende Tal des Rio Segre haben die spanischen Bearbeiter der Geologie des Segregebietes, L. Sole Sabaris und N. Llopis Llado \ solche alte Talniveaus unterscheiden können; eine Zusammenfügung solcher Beobachtungen in weiten Räumen wird ein Bild von der ganz alten Gestaltung der Ostpyrenäen vermitteln können.
1 L. Sole Sabaris y N. Llopis Llado: Estudios geologicos en el alto Valle del Segre. Instituto de Estudios ilerdenses. Lerida 1944.
Durch ein liebliches Voralpengelände steigen wir nördlich der Clarorkette in der Richtung nach Andorra la Vella nach Westen hinab und gelangen alsbald wieder in Granituntergrund, der kurz vor dem Haupttal absetzt.
Damit ist unser engeres Andorraprogramm erledigt, wenn auch allerorts Lücken zu füllen wären. Sie bleiben unausgefüllt. Dafür aber wird zum besseren Zusammenhalt des begangenen inneren Kerns eine äussere Leiste zugefügt: wir meinen die Sierra del Cadi, die im Süden des Segre-Tales auf ungefähr 50 km Ausdehnung die Axialzone der Andorra-Berge von der weiter aussen gelegenen und niedrigeren katalanisch-subpyrenäischen Zone scheidet.
E. Ein Besuch in der Sierra del Cadi Es wurde bei dieser Wanderung nicht in konsequenter Weise vom Kern zur Schale fortgeschritten, nämlich von der axialen Zone zu ihrer Überdeckung. Der grosse Umweg durchs Tiefland von Aragonien und Katalonien schaltete sich erst dazwischen, bis dann nach Kenntnisnahme des Schiffsabganges von Barcelona die Zeit zu einer Rückkehr in diese Berge erübrigt werden konnte. « Leitstrasse » ward dazu der Tallauf des Llobregat, des bei Barcelona mündenden Pyrenäenflusses, des arg misshandelten Gewässers. Wird er streckenweise bei der Millionenstadt vergewaltigt, überdeckt oder sonst verindustrialisiert, so verfärbt sich sein Oberlauf in schwarze Tinte zufolge der ihm zukommenden Abflüsse aus dem recht intensiven Bergbau auf Kohle ( Lignit ) in der Gegend von Berga. Nachdem nach ca. 130 km Aufwärtsfahrt das Rumpelbähnchen uns am Südfuss der Sierra del Cadi abgesetzt hat, wird das letzte malerische Städtchen Bagâ für einige Tage unser Ausgangspunkt ( s. Eckkärtchen SO der Fig. 1 ).
Wenn man von der südlichen Grenzkette Andorras den Blick nach Süden richtet, so erfasst er jenseits des Segre einen eher monotonen, gipfelarmen, hohen Bergrücken, unter welchen die älteren Formationen der Axialzone nach S zur Tiefe gehen; es liegt die jüngere mesozoische Sedimentdecke vor uns, deren Kalk- und Dolomitbänder man von Ferne erfasst. Anders ist der Anblick von der Flanke ( Seo de Urgel ) aus: triasische Sedimente, meist Dolomit, und darüber die Jura- und Kreidekalke brechen in hohen Felsfluchten gegen die Randhügel der Segre-Linie ab. Und wieder anders ist das Bild von Bagâ aus, denn nach der Südseite geht das Einfallen des ganzen Schicht-systems, so dass die hellen Urgonkalkbänder mit dem Gehänge in die östlich und westlich von Bagà liegenden Längstäler sich hinabschwingen. Demzufolge haben wir weniger als z.B. im Säntisgebirge einen schwungvollen Faltenbau, sondern eine gleichsinnig geordnete Ausrichtung der Felsbänder.
Im Westen vom Meridian von Bagâ liegt der von den Einheimischen im engem Sinne als Sierra del Cadi bezeichnete Teil des lang sich hinziehenden Bergzuges. Eine Gipfelvisite im westlichen und östlichen Sektor war ins Programm aufgenommen worden. Weder die eine noch die andere Wanderung bot touristisch einen Grad von Schwierigkeit; es sind Voralpenberge, bei denen vielmehr als die 1700 m Höhendifferenz die Länge des Weges und die Art, wie der hier örtlich nicht ganz freundliche Macchiengürtel durchquert werden kann, für die physische Anstrengung in Betracht fallen. Im Westen wurde der höchste Punkt des Comabona ( 2530 m ) erreicht. Er erlaubte instruktiven Rundblick, der sich durch die teppichmässige Ausbreitung der Längsdepression des Segre-Tales sehr plastisch eindrucksvoll gestaltet. In eine tiefe Versenkung erscheint das alte Gebirge der Schiefer hinabgedrängt. Anders ist das Landschaftsbild gegen Süden: Über den in dieser Richtung abtauchenden Kreidekalken beherrschen die alttertiären Mergel und Nummulitenkalke das Feld. Nur ein Einzelgänger, ganz in der Nachbarschaft, fällt als felsige Einzelklippe auf, die Pedraforca1; sie wird als Teil einer Überschiebungsmasse aufgefasst, die nordwärts vorgeschoben ist. Damit ist angezeigt, dass den ruhig erscheinenden Baulinien doch ein starker Grad tektonischer Umwälzungen zugrunde liegt.
Wenn hervorgehoben wurde, dass die Formationsfolge der eigentlichen Sierra del Cadi sich als gewöhnliche Haube auf der Axialzone ausnimmt, so gilt dies für den östlichen Sektor nur mehr in beschränkter Weise. In der folgenden Tagestour, die dem östlichen Eckpfeiler der langen Kette, der Tosa ( 2521 in ) galt, werden die tieferen paläozoischen Gesteine streckenweise kammbildend - Mangan wird neuerdings in ihrem Kontaktsaum mit den Kalken ausgebeutet - und bauen auch den als Skiberg in Katalonien bekannten rundlichen Bergstock auf. Unter uns liegt die weite Hochfläche der Cerdana, die mit jungen miozänen Schichten angefüllt ist und aus welcher in der Ferne das Grenzstädtchen Puigcerdâ heraufglitzert. Darüber hinaus hat die Sierra del Cadi nach Osten noch einen Zusammenhang mit weiteren Hochgipfeln, unter welchen der Puigmal ( 2930 m ) eine gewisse Winterreputation hat und sich zugleich rühmen kann, der höchste Berg von Katalonien zu sein.
Mit einem Rückweg nach Barcelona durch das Tal des Ter-Flusses, wo die internationale Bahn nach Puigcerda hindurchleitet, liess sich auch noch dieser Grenzberg in das reichlich dotierte Reise-ltinerar aufnehmen. Vom in das hier enge Tal des Ter eingefügten Kurort Ribas aus bringt eine « Elektrische » Wallfahrer und Touristen nordwärts in das zuletzt schluchtförmige Seitental nach dem Hospiz der « Nuestra Senora de Nuria » hinauf. In 2000 m Meereshöhe steht hier ein mächtiger Kasernenbau mit an die 250 Betten und einem Hotelbetrieb, was alles im Zeichen der hl. Jungfrau mit der legendären, hier aufgefundenen Glocke steht. Dieses hochgelegene « Einsiedeln » ist aber schon stark von Touristik und Sport infiziert. Zahnrad und Skilifte führen den Hang hinauf nach Gehängen, die freilich nicht allzu verlockend sind. Und auch der höchste Punkt, der Puigmal, den wir freilich in seinem Sommergewand tags darauf erstiegen, ist im Stadium der Projektierung. Durch Alpweiden, Schutthalden und Schiefergrate, dabei stets im Kampfe mit westlichen Nebelschwaden, wird diese letzte hohe Kuppe erreicht. Ein letzter Gruss geht über das Hochland der Cerdana hinüber nach den schon entfernten Andorrabergen, zur Sierra del Cadi und den abflauenden Kuppen der ostwärtigen Ostpyrenäen. Noch am selben Abend bleibt uns nichts anderes übrig, als mit der dicken Luft der Hafenkade von Barcelona Vorlieb zu nehmen.