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Herstellungsort unbekannt, um 1900
Nussbaum oder Kastanie, braun lasiert
H. 109 cm, B. 82,5 cm, T. 64 cm
Inv. 2011.685.
Ein bemerkenswertes Hochzeitsgeschenk überreichte die Schweizerische Volksbank Lausanne im Jahr 1915 mit diesem Neorenaissance-Faltstuhl ihrem leitenden Angestellten, Alfred Erhart-Wolff (1890-1974).
Der Stuhl kann nach Entfernung der herausziehbaren Rückenlehne über ein Scharnier zwischen den geschwungenen Beinpaaren zusammengeklappt werden, wobei die Streben der Sitzfläche sich scherenartig öffnen. Diese Falttechnik war schon im alten Ägypten bekannt. Der materialarme Typus mit den x-förmigen Beinen lebt bis heute fort, wie es an den leichten Klappstühlen für Besucher des HMB erkannt werden kann.
Mit dem neu in die Sammlung eingegangenen Faltstuhl erhielt das Museum hingegen eine schwere historistische Spielart des toskanischen Typus der Renaissance. Die Scherenhölzer sind korbartig hochgezogenen. Die aufwendig geschnitzte Rückenlehne präsentiert zwei stehende Löwen, umgeben von Ranken, Muscheln und Voluten. Die als Voluten ausgeführten Armlehnen zeigen an der hinteren Oberseite reliefierte und an ihrer Vorderseite vollplastische Löwenköpfe. Die vordersten beiden Streben des Stuhles weisen zwei weitere Löwenköpfe im Profil und im unteren Bereich Voluten und Blattwerk auf. Oberhalb des frontalen Drehpunktes befindet sich eine geflügelte löwenartige Maske. Die achtzehn Streben stecken in kufenartigen Füssen, die ihrerseits vorne und hinten in Löwenpranken münden.
Die ausgeprägte Löwenikonographie charakterisiert den prächtigen Faltstuhl als Löwenthron. Dieser Stuhltypus wiederum war in der Antike als so genannte sella curulis der zusammenfaltbare Thron der Konsuln und Kaiser. In elfenbeinernen Doppeltäfelchen der Spätantike, den so genannten Konsulardiptychen, sind diese lehnenlosen Sessel mit Löwenköpfen und –klauen überliefert. Damit verbinden sich Typus des Faltstuhls und Löwen-Ikonographie zu einer ausgeprägten Herrschaftssymbolik.
Während des gesamten Mittelalters diente der Faltstuhl weltlichen und königlichen Herrschern als angemessene Sitzgelegenheit. In der italienischen Renaissance entwickelte er sich zum prunkvollen Modestuhl der an der Antike interessierten Humanisten und fand besonders in Süddeutschland und England Verbreitung. Im Zuge des 19. Jahrhunderts wurde der Renaissance-Faltstuhl wiederentdeckt und verkehrte unter der Bezeichnung sedia Savonarola. Dieser Begriff leitet sich von einem erhaltenen Faltstuhl im Kloster San Marco in Florenz ab, der sich im Besitz des Dominikanermönches und als Häretiker verbrannten Girolamo Savonarola (1452-1498) befunden haben soll. Mit diesem Namen ist auch das zentrale Motiv der Rückenlehne des vorliegenden Stuhles zu verbinden. Es zeigt einen Schild mit einem Mönch im Profil, der von den beiden Löwen gehalten wird. Das kleine Profilbild ist dem Porträt Fra Bartolommeos (1472-1517) von 1498 im Florentiner Museo di San Marco nachempfunden.
Im Kunsthandel tauchen noch heute vergleichbare Faltstühle auf. Mit der Schenkung des traditionsreichen Familienstückes erhielt das Museum ein wertvolles Objekt des Historismus, das vielschichtige historische und kunstwissenschaftliche Bezüge zulässt.