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Und wenn der Delphin einfach nur wahnsinnig ist? Wenn er nur darum seit fast 30 Jahren allein in der Bucht von Dingle schwimmt, weil er ein Sonderling und Sozialidiot ist? Nicht «etwas ganz Besonderes» im Positiven. Kein «freundlicher Delphin». Sondern das Gegenteil. Einer, der mit keinem auskommt. Das Phänomen kennt man auch von Menschen. «Wenn einer seit Jahren seine Wohnung nicht mehr verlassen hat, keiner Arbeit nachgeht, keine Freunde hat und nie mit anderen spricht, dann sagen wir nicht: ‹Ach, der Herr Schmitt, der ist etwas ganz Besonderes, der ist so süss.› Nein! Dann wäre allen klar: Mit dem stimmt etwas nicht!»
Mein Sohn sagt das, als ich ihm von Fungie, dem einsamen Delphin in der Bucht von Dingle erzähle. Und wie Menschen aus aller Welt in Irlands regenreichen Südwesten reisen, nur um ihn einmal zu sehen. Um mit ihm zu schwimmen, um seine Haut und seine Finnen zu berühren. Ich lache und denke: Wie wahr! Wer käme auf die Idee, um die halbe Welt zu reisen, um über die Haut des unheimlichen Herrn Schmitt zu streichen?
Ein alter Fischer hatte den Grossen Tümmler als Erster bemerkt, Anfang der achtziger Jahre, wie er den Booten über das offene Meer zum Hafen folgte. Und dann in der Bucht vor dem Hafenbecken seine Sprünge vollführte. Tag für Tag. Woche um Woche. Die Fischer sahen sich genötigt, dem Tier einen Namen zu geben. Sie nannten es nach seinem Entdecker, über dessen struppigen, grauen Bart sie scherzten, er sehe aus wie von einem Pilz befallen: Fungie (vom englischen Wort «fungus» für Pilz). Sie sagten: «Der geht bald zurück ins Meer.»
Der Delphin blieb, sein Name auch. Fungie springt weiter in der Bucht von Dingle, verlässt sie nur selten. Er folgt den Booten und lässt sich von ihnen verfolgen, einkreisen. Er schwimmt Seite an Seite mit Menschen, die mutig oder sorglos genug sind, zu ihm ins Wasser zu steigen. Das sind viele. Er taucht unter ihnen hindurch. Er springt in knapp bemessenen Bögen über sie hinweg, 300 Kilo Delphin hängen dann während Sekundenbruchteilen über ihren Köpfen. Es sieht lebensgefährlich aus. Zurück an Land, stammeln die Schwimmer atemlos: «Ah, nein, wirklich, wunderbar, puh, ich meine, das! Das war … Puh!» Der Delphin weckt ein Gefühl, so gross, so einzigartig, mit Worten nicht zu beschreiben. Was ist das? Woher kommt sie, diese seltsame Sehnsucht? Und wonach eigentlich?
Karsten Brensing von der internationalen Gesellschaft zum Schutz von Walen und Delphinen hat Meeresbiologie studiert und über die Interaktionen zwischen Delphinen und Menschen promoviert. Er hat bei Forschungsprojekten in Florida und im israelischen Eilat mitgearbeitet, wo Menschen mit Delphinen schwimmen. Er hat die Delphintherapie für Kinder erforscht – mit kritischem Befund für Mensch und Tier. Der Experte sagt: «Ich weiss wahrscheinlich mehr über Delphine als über meinen Hund.»
Brensing kennt Fungie nicht persönlich. Doch aus dem, was er über ihn und sein Verhalten gehört und gelesen hat, schliesst er: «Der ist nicht normal.» Ich frage: «In welchem Sinne?» Ich erzähle ihm von meinem Sohn und seinem Vergleich mit Herrn Schmitt. Brensing lacht nicht. Er sagt: «Das könnte von mir sein.»
In Fungie verliebt
Paul und Georgie, er Geschäftsmann, sie Künstlerin, haben sich vor sechs Jahren im Urlaub «in Fungie verliebt». Das sagen sie tatsächlich so. Die britischen Eheleute sind Mitte 40 und kinderlos. Beides ist keine Voraussetzung, um dem Delphin zu verfallen. Moe, ein Fungie-Verliebter aus Belfast, ist zehn Jahre jünger und hat einen Sohn. Zuerst fuhren Paul und Georgie mit dem Touristenboot, wie gewöhnliche Besucher. Schliesslich kauften sie ein eigenes Boot, eine kleine rote Nussschale. Ein Fischer konnte die gerade entbehren. Paul und Georgie, mit dem unerbittlichen Geldsinn der Iren noch nicht vertraut, hielten das für einen glücklichen Zufall.
Seit Paul und Georgie Nussschalenkapitäne sind, kommen sie mehrmals im Jahr von der grossen Nachbarinsel herüber und kreisen um den Delphin. Sie verbringen Stunden draussen in der Bucht. Wenn es erforderlich ist und es der Wellengang zulässt, folgen sie Fungie aufs offene Meer. Paul steuert das Boot auf und ab und in Kreisen. Georgie lehnt sich weit über den Bootsrand hinaus, schwenkt die Arme über dem Wasser und ruft mit heller Stimme: «Ich kann dich seeeehen. Komm, spiel mit uns, ich weiss, dass du spielen willst, komm, komm, mein Grosser!»
Auch Moe hat ein Boot, ein rasantes, gelbes Dingi, das er mehrmals im Jahr von Belfast runter nach Dingle karrt. Es sind zehn Stunden Fahrt mit dem Auto und dem Anhänger. Moe fährt die Strecke seit über zehn Jahren. Er kennt Fungie am längsten, am besten von allen. Und Fungie kennt Moe. «Die beiden sind ein eingespieltes Team», sagt Paul. «Wenn Moe auftaucht, kommt garantiert auch Fungie, er kann Moe nicht widerstehen.»
Neben Pauls tiefroter Jolle rast das gelbe Dingi. Moe steht am Bug, allein auf dem Boot, er reisst das Steuer nach links, nach rechts, er rast auf und ab, hin und her und in Kreisen. Auf Moes Gesicht liegt ein Lächeln, fern, glücklos. Und ich denke: Moe ist der einsamste Mann auf dem Meer, und vielleicht ist es das, was ihn mit dem Delphin verbindet. «Wo ist dieser Teufelskerl jetzt?», ruft Paul. «Na, warte, Kumpel, wir locken dich aus der Reserve.» Er tauscht Handzeichen aus mit Moe, sie wenden die Boote zum Hafen. Wir sind vielleicht 100 Meter gefahren, da springt der Delphin. Weit hinter uns, in der Mündung. «Bingo!» Die Männer reissen die Boote herum. «Er ruft uns! Wir fahren zurück.» Als wir am vermeintlichen Treffpunkt ankommen, wartet dort kein Delphin. Wir kreisen sinnlos, kehren halb zum Hafen zurück. An der Mündung springt der Delphin. Paul rast zu der Stelle – kein Delphin. Die Vorstellung wiederholt sich, hin und her, immer wieder.
Wir fahren seit vier Stunden. Unter der schmalen Holzbank stehen zwei Reservekanister. «Wir sind oft 10, 14 Stunden hier draussen», sagt Paul. «Ich will nicht in den Hafen zurück, nur weil ich kein Benzin mehr habe.» Wir kreisen jetzt gemeinsam mit Moe auf einer Spur, enger und enger. Plötzlich erhebt sich zwischen den Booten ein grauer Berg. «Wooohooo?!», schreit Georgie. Und: «Hejhejhej! Grosser!» Fungie in unserer Mitte. Zwischen rasenden Booten, schäumenden Wassern, johlenden Menschen. Die um jeden Preis seine Freunde sein wollen. Seine Freunde sein müssen. Ich denke: Der Motorenlärm unter Wasser muss entsetzlich sein. Für einen Delphin. Ich wünschte, ich wäre nicht hier.
Und dann strecke ich die Hand nach ihm aus, nach dem Delphinrücken, der sich so greifbar nah aus dem Wasser wölbt. Etwas streckt meine Hand nach ihm aus. Was ist es? Es fehlen nur Millimeter, dann ist der Rücken weg. Abgetaucht. Fungie kommt nicht zurück. Und ich schäme mich. Ich bin ein Idiot. Ich habe mich anstecken lassen, für Sekunden – wovon? Von Sehnsucht? Von Wahnsinn?
Kommerzialisierte Sehnsucht
«Man weiss nicht, was die Menschen zu den Delphinen zieht», sagt Karsten Brensing. Was die diffuse Sehnsucht wecke. Ich erwidere: «Wie nach etwas, was vor langer Zeit verloren gegangen ist.» Zu lange, als dass wir uns daran erinnern könnten, was es ist. Es scheint bedeutend zu sein, lebensnotwendig. In seinem Fehlen immer, durch alles hindurch spürbar. Als hätte es mit seinem Verloren-gegangen-Sein ein Loch gerissen. In was? In die Seele? Ich glaube nicht, dass es eine Seele gibt. Ich überrasche mich selbst mit dem Gefühl von Verlust. Noch überraschender und fragwürdiger scheint mir, dass ausgerechnet Delphine dieses Gefühl beheben können sollen. Brensing sagt: «Alles, was man weiss, ist, dass keine Art auf dem Globus Energien verbraucht für etwas, was ihr nicht nütze ist. Das ihr nicht hilft beim Überleben. Man nennt das Biophilie.» Möglich, dass auch Delphine aus diesem Grund Kontakt zu den Menschen suchen. «Sicher ist: Wenn man die Kontaktaufnahme kommerzialisiert, zerbricht der Bund», sagt der Meeresbiologe.
Bridget Flannery, geschätzte 40, mit Brille und Kurzhaarfrisur, ist Mutter, Grossmutter, Hausfrau, Kapitänsgattin und Kapitänsmutter. Sie hat vor 20 Jahren nach Dingle geheiratet, gebürtig ist sie aus Donegal im Norden. Dort oben sprechen sie unverkennbar, mit schwerem, nahezu schottisch anmutendem Akzent. Flannery hört man diese Herkunft nicht mehr an. Sie dirigiert die Touristenbootflotte von Dingle, wirbt und betreut die Kunden und verkauft im Büro an der Mole die Tickets für «Dolphin Trips». 20 Euro kostet es, sich zu Fungie fahren zu lassen, Sichtung garantiert. Andernfalls wird den Passagieren der Fahrpreis erstattet. Flannery sagt mit Stolz: «Das mussten wir allerdings noch nie.» Was als Beweis dafür gelten mag, dass auch der Delphin die Gesellschaft der Menschen sucht. Und für die Unerbittlichkeit, mit der die Kapitäne ihn aufstöbern. Rund 1000 Euro bringt ein ausgebuchtes Boot; die zahlt man nicht ohne ein Wimpernzucken zurück.
Dingles Delphinflotte ist in den 30 Jahren angewachsen auf acht Boote. Sie fahren nach dem Taxistandprinzip: Ein Boot nach dem anderen, wer zurückkommt, reiht sich wieder hinten an. An guten Tagen fahren sie zweimal. Das Fährgeld wird unter den Kapitänen geteilt. Das war die Idee einer Zugezogenen, Bridget Flannery. Unter den Fischersleuten von Dingle bahnte sich gleich zu Beginn Mord und Totschlag an um den Delphin und das schöne Geld.
Geblieben ist der Neid, der Bootlosen vor allem. «Wie viel Geld machen Sie am Tag?» – «10'000 Euro», sagt Frau Flannery schnell. «Aber das muss man durch acht teilen. Dann ist das nicht viel.» Ein normaler Mensch, sagt sie, mache sich keine Vorstellung davon, wie kostspielig dieses Geschäft sei. Und welches Risiko sie mit jeder Investition eingingen. «Der Delphin könnte doch jederzeit verschwinden.» Und dann? «Stünden wir mit Schulden, ohne Einkommen da.» Die Kapitänsgattin fängt sich. «Ach, aber die Gesichter der Menschen, wenn sie unseren Fungie erst sehen, und die Augen der Kinder vor allem.»
Bridget Flannerys Augen hinter den Brillengläsern schimmern und strahlen. Und ich denke: Das ist der Wahnsinn von Dingle.