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Jerry Fielding Intrada Special Collection Volume 245 78:58 Min. 30 Tracks
Da half auch die geballte Star-Power wenig: dieser ziemlich trashige Ableger des Katastrophenfilm-Klassikers The Poseidon Adventure sank in der Gunst des Publikums noch schneller als der havarierte Luxusliner in den Fluten des Mittelmeeres. Im Wettlauf mit der Zeit sind Michael Caine, Sally Field und Karl Malden im langsam sich verabschiedenden Rumpf des Schiffes auf der Suche nach Wertsachen und reichen überlebenden, im Wrack umherirrenden Passagieren helfende Hand, während das Augenmerk von Telly Savalas und seine Mannen dem Plutonium im Frachtraum gilt.
Ich weiss nicht, ob Poseidon-Adventure-Komponist John Williams ‒ seit 1972 in eine ganz andere Liga aufgestiegen ‒ zu teuer geworden war für diese Produktion oder aus anderen Gründen nicht in Frage kam, jedenfalls können sich die Fans von Jerry Fielding nicht beklagen. Denn Fielding, der im Jahr zuvor mit Gray Lady Down bereits für ein maritimes Notfallszenario verpflichtet worden war, fühlte sich sichtlich in seinem Element und schuf mit grossem Orchester (inklusive einer stattlichen Percussion-Abteilung) und ein wenig Elektronik für Beyond the Poseidon Adventure einen Score, der mit einer Laufzeit von beinahe 67 Minuten zu seinen längsten überhaupt gehört und ‒ insbesondere verglichen mit dem ebenfalls 1979 entstandenen Escape from Alcatraz ‒ recht traditionell gehalten ist.
Und Fielding versteht die generöse Spielzeit ‒ wie von ihm gewohnt technisch erstklassig gestaltet ‒ kurzweilig auszufüllen, indem er eine Vielzahl an Stimmungen kreiert, etwa einen Sturm auf hoher See, der sich durch steigende und fallende Bewegungen von Blech und Streichern äussert (letztere simulieren im Verlaufe des Scores zuweilen auch sanfteren Wellengang), ein glitzerndes Motiv für Gold und Juwelen, eine ominöse Melodie, die im Klang von Holzbläser-Soli besonders zur Geltung kommt, wiederkehrende Gefühle von Klaustrophobie oder einen bestechenden Unterwasserklang, hervorgerufen durch den Wasser-Gong, aber auch durch die spezifische Spielweise von Streichern und tiefem Blech.
Der Score ist in diesem atmosphärischen Bereich ebenso ausgewogen wie aus thematischer Sicht. Fielding weiss mit tollen Motiven zu überzeugen, und er sorgt für die richtige Balance, indem er keines von ihnen überstrapaziert. Da wäre zum Beispiel das sehr spärlich eingesetzte Hauptthema, bei dem es sich um so etwas wie den grossen Bruder desjenigen aus The Killer Elite handelt. Ein langsam voranschreitender Marsch, bei dem sich die Bassinstrumente beweisen dürfen und der eine hohe Dosis an Dramatik ankündigt.
Ein romantisches Thema, das an The Nightcomers gemahnt, macht in They’re With Me seine erste Aufwartung. Ebenfalls romantisch angehaucht, aber hauptsächlich beherrscht von Melancholie, ist das ruhige, grüblerische Thema für den Karl-Malden-Charakter, zu hören etwa in Wilbur’s Secret Ailment und in Wilbur Gets A Pang. In naher Verwandtschaft dazu steht das zärtliche Motiv für ein älteres Ehepaar in Harold And Hannah. Für Actionsequenzen verwendet Fielding ein federleichtes Scherzo (mit Alex-North-artigen Holzbläsern), welches Gun Fight und Teilen des über zehnminütigen Great Escape viel Energie verleiht.
Von den End Credits gibt es zwei deutlich unterschiedliche Fassungen, die sich jedoch in nichts nachstehen. Zum einen die das Hauptprogramm abschliessende Originalfassung, die mit dem Hauptthema den Score dramatisch einklammert und einen rigorosen Schlusspunkt setzt, zum anderen die die Extras eröffnende, tragischere Filmversion mit dem Wilbur-Thema, die sich aber dennoch zu einem optimistischen Finale steigert. Suchte man nach Ähnlichkeiten zur Musik von Williams, würde man sie hier wohl am ehesten finden.
Die Extras bestehen ansonsten aus zwei Original-Cues, deren überarbeitete Fassungen man im Hauptprogramm findet, sowie ein paar Tracks aus der sogenannten «Promo Reel»; hier fällt vor allem auf, dass beim Hauptthema (es gibt nochmals Main Title und End Credits) die Tuba mehr hervorsticht.
Nachdem man bei Beyond The Poseidon Adventure jahrelang mit einem klanglich defizitären und längst nicht vollständigen Bootleg vorlieb nehmen musste, schliesst nun Intrada mit dieser äusserst hörens-, sehens- und lesenswerten Edition dankenswerterweise eine weitere wichtige Lücke in der Fielding-Sammlung, und damit wird 2013 für Fans des Komponisten immer besser.
Andi, 27.7.2013