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The 33 (2015) erzählt von den dramatischen Ereignissen rund um die chilenische Mine in der Atacamawüste, in welcher im Jahr 2010 33 Minenarbeiter 700 Meter unter der Erdoberfläche verschüttet wurden. Hoffnung, Kameradschaft und aufkeimende Verzweiflung bis hin zur Todesangst lassen die 33 Minenarbeiter in beengender, bedrohlicher Finsternis und Hitze während ihrer zweieinhalbmonatigen „Gefangenschaft“ durch ein Wechselbad der Gefühle gehen. Für dieses Drama komponierte James Horner eine seiner letzten Filmmusiken. Dabei erinnert sich die Regisseurin Patricia Riggen, dass Horner über weite Strecken mit Improvisationen auf exotischen Blasinstrumenten, Gitarren und Rhythmusinstrumenten (unter anderem gespielt von seinem langjährigen Arbeitskollegen Tony Hinnigan) gearbeitet hat. Sie habe den Eindruck gewonnen, als ob Horner den Score zum Film im Moment der Betrachtung der Bilder sogleich improvisieren würde. Die Befürchtung, dass daraus ein eher chaotisches Impro-Album à la Vibes (1988) entstanden ist, kann jedoch glücklicherweise entkräftet werden. Das Ergebnis kann zwar irgendwo zwischen Vibes, Zorro (1998/2005), Beyond Borders (2003) und The Missing(2003) eingeordnet werden, doch weist The 33 neben einem schönen, markanten Haupt- und Kumpel-Thema eine leicht zugängliche narrative Struktur, eine Eigenständigkeit und, überraschenderweise, zahlreiche optimistisch-verspielte Musikmomente auf. Das Ergebnis bietet kurzweiliges Hörvergnügen mit melancholischer Note.
Verglichen mit anderen Arbeiten von James Horner, darunter auch seine fantastische Musik zu Wolf Totem (2015), hinterlässt die Musik zu The 33 das Gefühl, dass sie mehr auf den Moment bezogen, auf die eigentlichen Szenen und Sequenzen ausgerichtet ist, als dass sie einen alles überspannenden Bogen macht. Das Gefühl rührt daher, da die Stimmungen von Stück zu Stück umschwenken, ohne dass solche „Richtungsänderungen“ in den vorausgehenden Stücken bereits angekündigt würden – eine narrative Stärke, die Horner in vielen seiner anderen Musiken einfliessen liess. Dies könnte allenfalls Ergebnis des Improvisations-Ansatzes sein, den die Regisseurin geschildert hat. Von den musikalischen Klangfarben her bildet das Album jedoch eine stimmige Einheit. Neben den Soli auf Flöten und Gitarren verwendete Horner nur die Streicher-Register des Hollywood Studio Symphony Orchestra – keine Blechinstrumente.
Die Musik eröffnet mit dem pulsierenden Stück The Atacama Desert. Die anfänglich bedrohliche, „ausserirdische“ Stimmung (mit Synthi-Effekten und Shakuhachi-Spiel erzeugt) macht bald Platz für das folkloristisch angehauchte Hauptthema auf Gitarre und Flöte. Dieses Hauptthema wird am Ende des Stücks wieder von der bedrohlichen Anfangsstimmung verdrängt. Ganz klar, hier in der Wüste wird bald Dramatisches geschehen. Empanadas for Darío ist eine kleine, intime Variation des Hauptthemas, bevor Horner mit To The Heart of the Mountain und The Collaps zu den actionreichsten Stücken kommt. Hier erklingen ordentlich aggressive Synthi-Action à la Beyond Borders und Missing-ähnliche Shakuhachi-Einwürfe und pulsierende Rhythmen, womit die unwirtliche Stimmung aus dem ersten Stück zurück ist. Das Ergebnis ist packend und führt zum dunklen, dramatischen Buried Alive. Nach diesen harscheren, bedrückenden Stücken schwenkt die Musik mit Drilling, The Sweetest Sound! und Prayer – Camp Hope komplett um und lässt zwei hoffnungsvolle, regelrecht schwungvolle Thema-Statements vom Stapel. Hierbei handelt es sich wohl um ein Thema für die Kumpel, also die 33 verschütteten Minenarbeiter. Das hört sich wunderbar an, kommt jedoch ordentlich überraschend. Mit The Drill Misses (and Dreams fade…)sowie Aiming to Miss verfliegt die Fröhlichkeit wieder, wobei sich nicht bleierne Schwere auf die Musik legt, sondern eine klangschöne Mystik und Verträumtheit in den leisen, ruhigen Gitarren und Synthi-Klängen zu liegen kommt. Die Zweite Hälfte des Albums wird dramatischer und etwas extrovertierter. Nachdem We Are All Well in the Refuge, The 33 nochmals das Kumpel-Thema leichtfüssig auf Flöte und Gitarren vorgetragen wurde, schnürt Horner in der Folge den dramatischen Knoten, wobei das Trio First Ascent, Celebrations und Family Is All We Have quasi das Best-of des Albums präsentiert. Mit The 33 erklingt eine ruhigere, melancholische Kumpel-Thema-Variation und Hope is Love lässt nochmals das Hauptthema erklingen, womit das Album auch bereits eröffnet hat und wodurch der narrative Kreis schön geschlossen wird.
Der Score wird an zwei Stellen von den Songs Gracias a la vida (von Cote de Pablo) und Al final de este viaje en la vida (von Los Bunkers) unterbrochen. Während sich der erste Song recht geschmeidig in die Score-Stimmung einfügt, ist die Platzierung des zweiten Songs zwischen Family Is All We Have und The 33 wirklich unglücklich ausgefallen. Damit werden das Tempo und die Stimmung komplett zerrissen. Entsprechend sollte man besonders den zweiten Song wegprogrammieren oder sogleich nach dem ersten Song (dieser ertönt nach The Drill Misses (and Dreams fade…)) anhängen.
Fazit: The 33 ist eine kurzweilige, vielseitige Filmmusik von James Horner geworden, die trotz vielen Horner-ismen und Anleihen an frühere Werke recht frisch daherkommt. Zudem verleiht die Musik dem 2015 veröffentlichen Werk von Horner eine weitere Facette, womit dieses mit Wolf Totem, Pas de Deux, Southpaw und nun The 33 eine beindruckende stilistische und klangfarbliche Bandbreite aufweisen kann und wodurch der viel zu frühe Tod dieses Komponisten nur noch stärker bedauert werden muss.
Die Musik ist leider nur als CD-R physisch erhältlich, doch sollte man sich dadurch nicht vom Hörerlebnis abbringen lassen. Die Soundqualität ist ordentlich und das Booklet erhält neben den Credits und zwei Kommentaren zur Filmmusik zahlreiche Bilder. Kein Highclass-CD-Produkt, aber annehmlich.