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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998 von Peter Ziegler
Am 15. Mai 1898 eröffnete ein Frauenkomitee in Wädenswil auf Vereinsbasis eine Kinderkrippe: nach Zürich und Winterthur die dritte im Kanton. In der aufstrebenden Industriegemeinde war man auch auf sozialem Gebiet fortschrittlich.
FRAUEN HANDELN
Der 1891 gegründete Gemeindeschwester-Verein Wädenswil, welcher eine Diakonisse als Gemeindeschwester beschäftigte, erhielt von Frau Hauser-Landis im «Freihof» ein Legat von 2000 Franken zum Andenken an die früh verstorbene Tochter Seline mit der Bestimmung, die Summe zugunsten von Kindern zu verwenden. Am 14. Februar 1898 beschloss der um einige Mitglieder vergrösserte Vorstand die Gründung einer Kinderkrippe. In der Folge konstituierte sich unter dem Präsidium der Apothekers-Gattin Fanny Steinfels-Stäubli (1865-1951) ein Komitee aus folgenden Damen: Meta Regina Gessner-Heusser (Vizepräsidentin), Anna Blattmann (Aktuarin), Berta Bollier (Quästorin), Berta Treichler-Pestalozzi (Materialverwalterin), Adelheid Pfister, Anna Schnyder-Blattmann, Aline Blattmann-Blattmann und Elisabeth Rellstab.
Im Garten der Kinderkrippe an der Stegstrasse um 1900.
IM EIGENEN HAUS
Wegen Platzmangel im Gebäude an der Stegstrasse - bereits 1902 konnten von 40 angemeldeten Kindern nur deren 22 aufgenommen werden - sah sich der Vorstand nach neuen Räumen um. Zum Bau oder Kauf eines eigenen Heims fehlten aber die Mittel. Dass dennoch ein Bauvorhaben verwirklicht werden konnte, war dem Vorstandsmitglied Anna Schnyder-Blattmann (1844-1924) zu verdanken. Sie liess auf ihre Kosten gegenüber der katholischen Kirche an der Etzelstrasse ein geräumiges Krippenhaus erstellen und überliess es dem Verein zum Zins von 3 Prozent. Auf den 1. November 1906 wurde der zweckmässige, weiss geschindelte Neubau bezogen. Die Inneneinrichtung konnte aus jenen 3000 Franken gekauft werden, welche als Kollekte bei Kinderaufführungen im «Engel»-Saal - dargeboten wurden im Dezember 1905 unter anderem Tanzlieder von Jacques Dalcroze - zusammengelegt worden waren. Grosszügige Legate erlaubten es dem Verein, das Krippengebäude im Jahre 1911 zum Preis von 45 000 Franken zu erwerben.
Das 1906 eingeweihte Haus der Kinderkrippe an der Etzelstrasse. Postkarte aus dem Jahre 1912.
ZWISCHEN 1906 UND 1941
Der Betrieb der Kinderkrippe Wädenswil zeichnete sich durch grosse Konstanz aus. Dies war unter anderem Fanny Steinfels-Stäubli zu verdanken, welche den Verein von der Gründung bis 1941, also während 43 Jahren, präsidierte. Die 1918 erneuerten Statuten gaben dem Vorstand grosse Kompetenzen, bestimmte doch § 4: «Der Verein besteht aus 7 Mitgliedern. Er konstituiert sich selbst und hat das Recht, sich selbst zu ergänzen. Er wählt aus seiner Mitte den Vorstand und besorgt die laufenden Geschäfte, wählt den Krippenarzt sowie das Pflege- und Hauspersonal.» Mitgliedschaft in Verein und Vorstand war folglich identisch. Gönnerinnen und Gönner - 1906 bereits 339 - halfen mit Gaben das Betriebsdefizit decken.
Gruppenbild zum Jubiläum «25 Jahre Kinderkrippe», 15. Mai 1923.
Die im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» veröffentlichten Jahresberichte geben vielseitige Einblicke in den Alltag in der Kinderkrippe Wädenswil. Sie erwähnen Säuglingspflege und Betreuung der älteren Kinder, Spaziergänge im Wald oder am See, das Spiel im Haus, auf der Veranda oder im geräumigen Garten. Man liest von der Verpflegung mit Suppe, Brei, Gemüse und Obst, weiter von lebhaftem Treiben oder eindrücklichen Weihnachtsfeiern. Aber auch Epidemien und Krankheiten - Masern, Grippe, Scharlach, Keuchhusten, Diphtherie - suchten die Kinderkrippe heim, bedingten zeitweise gar deren Schliessung und nötigten hernach zu aufwendiger Desinfizierung der Räume.
Wie froh waren Leiterin und Personal, in solch turbulenten Zeiten auf ärztliche Hilfe zählen zu können: bis 1931 auf Dr. med. Florian Felix, dann bis 1968 auf Dr. med. Helene Wyssling und von 1969 bis 1981 auf Dr. med. Ernst Howald.
Im Stil der damaligen Zeit ist in den Berichten die Rede von Heim, Institutsbetrieb oder Frequenz der Anstalt, von kleinen Insassen und Zöglingen, von nachmittäglicher Liegekur, von «rationeller Behandlung der Kinder» oder von Krippenkleidchen, mit denen alle «ordonnanzmässig ausgerüstet» sind. Solche Formulierungen empfindet man heute als stossend. Sie stehen aber kaum für den Geist, der in der Kinderkrippe herrschte. Viele Kinder hatten es besser als zu Hause, wurden beaufsichtigt und gefördert. Die auf Verdienst angewiesenen Mütter konnten beruhigt ihrer Arbeit nachgehen, und verschiedenen Industriebetrieben standen weibliche Arbeitskräfte zur Verfügung.
Die Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkriegs brachten Vorstand und Personal mancherlei Probleme. 1915 nahm die Zahl der Kinder rasch ab, was den Betrieb verteuerte und 1922 erstmals zur Erhöhung des Pflegegeldes zwang. Aus finanziellen Gründen war man bei steigenden Preisen zu noch grösserer Sparsamkeit gezwungen; dazu kamen Einschränkungen durch die Rationierung der Lebensmittel und Brennstoffe.
Der Vorstand war stets darauf bedacht, den Krippenbetrieb auf modernem Stand zu halten und dem Personal die Betreuung der oft 60 bis 70 Kinder zu erleichtern. 1915 wurden ein neuer Gasherd und ein Boiler für das Bad angeschafft, 1922 eine Wasch- und Auswring-Maschine, 1932 ein Staubsauger, 1936 ein Kühlschrank.
Im Säuglingszimmer, Aufnahme von 1958, zum Jubiläum «60 Jahre Kinderkrippe».
VIER PRÄSIDENTINNEN IN 100 JAHREN
Im Kriegsjahr 1941 löste Fanny Hauser-Schwarzenbach (1894-1990) die Gründungspräsidentin Fanny Steinfels-Stäubli ab und führte den Betrieb durch die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs. In Schwester Leni Grässli fand sie von 1947 bis 1966 eine erfahrene, langjährige Krippenleiterin, die sie unterstützte. Während der Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre galt es täglich wieder bis zu 50 Kinder zu betreuen, zu pflegen, zu beschäftigen und zu erziehen. Drei Fünftel der Krippenkinder des Jahres 1960 waren Schweizer, der Rest vorwiegend Italiener. 1960 ging man in der Krippe zur Fünftagewoche über.
1974 trat Fanny Hauser als Präsidentin zurück. Die seit 1965 dem Vorstand angehörende Hanni Störi-Mathys übernahm das Amt und übte es bis im Frühling 1982 aus. Stark schwankende Kinderzahlen und Rezession kennzeichneten ihre Präsidialjahre. Auf Schwester Leni Grässli folgte von 1966 bis 1974 Schwester Sophie Wichser, von 1974 bis 1977 Schwester Marlies Helfenstein und von 1977 bis 1984 Schwester Elsbeth Knabenhans. Im Zusammenhang mit zurückgehender Beschäftigungsmöglichkeit in der Industrie, mit Arbeitsbeschränkungen für Gastarbeiter, aber auch als Folge des Pillenknicks ging die Zahl der Krippenkinder zurück. 1975 waren noch 38 Knaben und Mädchen zu betreuen; 1980 deren 26.
Ein Jahr nach ihrem Eintritt in den Vorstand übernahm Elisabeth Ziegler-Keiser 1982 das Präsidium der Kinderkrippe. Flexiblere Arbeitszeiten der Eltern bedingten Neuregelungen im Krippenbetrieb. Als Krippenleiterinnen wirkten von 1984 bis 1986 Beatrix Dietsche-Imfeld, von 1986 bis 1990 Rita Fröhlich, von 1990 bis 1994 Zita Baron-Rickli. Seit 1994 steht Angelika Möckli dem Personal vor, das sich im Jubiläumsjahr aus vier Gruppenleiterinnen, einer Köchin, einer Praktikantin und vier Lehrfrauen zusammensetzt.
FINANZEN
Beiträge von Institutionen, Industrie, Politischer Gemeinde und beiden Kirchgemeinden, Jahresbeiträge von Gönnern, Kranzablösungen, Legate und viele Geschenke von Privaten ergänzten schon früh die Pflegegelder und halfen die Finanzierung sichern. Tiefstände versuchte man mit Bazaren und besonderen Aktionen zu überbrücken. 1949 wurde das Haus an der Etzelstrasse 6 einer grossen Aussenrenovation unterzogen - über den Holzschindeln wurde eine Eternitverkleidung angebracht -, und schrittweise passte man auch das Innere den neuen Anforderungen an Hygiene, Wohnlichkeit und Sicherheit an. All das kostete Geld.
Das tägliche Pflegegeld wurde laufend angehoben. Es betrug von 1898 bis 1921 40 Rappen, von 1922 bis 1941 60 Rappen und wurde später wie folgt festgesetzt: 1942: Fr. 0.70; 1943: Fr. 0.80; 1946: Fr. 1.10; 1951: Fr. 1.60; 1954: Fr. 1.80; 1957: Fr. 2.00; 1960: Fr. 2.30. Dann stiegen die Kosten pro Kind und Pflegetag massiv. 1970 betrugen sie Fr. 8.31, 1980 Fr. 29.22, 1990 Fr. 44.98 und 1997 Fr. 69.45.
Wegen des Anspruchs auf individuellere Betreuung wurden die Kinderzahlen und damit die Anzahl Pflegetage im gleichen Zeitraum gesenkt. 1970 hatte man 10 863 Pflegetage ermittelt, 1980 noch 6164 Tage, 1990 wieder 7041 und 1997 6433 Tage. Die durchschnittliche Kinderzahl sank von 46 im Jahre 1970 auf heute um die 30 aus 12 verschiedenen Nationen.
ÜBERTRAGUNG DER LIEGENSCHAFT AN DIE STADT WÄDENSWIL
Steigende Betriebskosten nötigten im Jahre 1990 zur Übergabe der Liegenschaft Etzelstrasse 6 an die Stadt Wädenswil. Diese deckt dafür das jährliche Betriebsdefizit und finanzierte 1993 eine Aussenrenovation des Gebäudes. Zwei Legate ermöglichten es dem Vorstand, in den Jahren 1995/96 den Garten neu zu gestalten und mit Sitzplatz, Feuerstelle und Spielgeräten auszustatten. Dabei engagierte sich der Kiwans-Club Wädenswil mit Arbeitseinsätzen und finanzieller Hilfe.
Das Haus der Kinderkrippe Wädenswil nach der Aussenrenovation von 1993.
AUSBLICK
In den hundert Jahren ihres Bestehens hat die Kinderkrippe Wädenswil einen grossen Wandel durchgemacht. Was einige initiative Frauen anregten und verwirklichten, ist zur festen sozialen Einrichtung geworden. Der Betrieb ist vielfältiger, die Betreuung individueller und professioneller, erfordert aber auch mehr Personal als früher. Ein modernes Erziehungskonzept und stete Weiterbildung der Angestellten garantieren einen hohen Qualitätsstandard. Wie in den Gründungsjahren ist der Vorstand ehrenamtlich tätig. Er dankt allen, welche der Krippe über viele Jahre die Treue gehalten haben, und hofft weiterhin auf Unterstützung.
Peter Ziegler
Vorstand der Kinderkrippe Wädenswil im Jubiläumsjahr 1998
Elisabeth Ziegler, Präsidentin
Ruth Klein, Vizepräsidentin
Edith Pfändler, Quästorin
Susi Geiger, Aktuarin Martina Ulmann, Vertreterin der Sozialbehörde