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Literatur
Voller Skepsis, aber nicht hoffnungslos
Markant eigensinnig notierte der englische Schriftsteller John Berger bis zuletzt Reflexionen, subtil unterscheidend, der Kunst zugewandt, über Farbenspiele nachdenkend. Er selbst war tätig als Fotograf, Essayist, Erzähler und Maler, als Kunstkritiker, unterwegs aber, denkend und schreibend, vor allem als Beobachter. Über Politisches äußerte er sich grimmig und missmutig, lakonisch oder unbeteiligt aber nie, sondern oft tiefgründig, besonders über Kunst, und sorgfältig, nie beiläufig, nie schneidig. John Berger schrieb weder glatt noch souverän, er arbeitete - so wie jeder andere -, als Schriftsteller, beteiligt, teilhabend an der Welt, ohne ästhetizistische Attitüde, so kunstvoll und elegant manche Formulierungen auch anmuten. Ein Jahr vor seinem Tod erschien sein letztes Buch, im englischsprachigen Original so schlicht wie treffend "Confabulations" genannt. Auf Deutsch wurde der Band unter dem Titel "Ein Geschenk für Rosa" publiziert, orientiert an Bergers Essay über Rosa Luxemburg, der in diesem Buch enthalten, aber nur bedingt charakteristisch hierfür ist. Von Politik ist zwar die Rede, jedoch eher wie von etwas lästig Anwesendem. Gewiss, auch darüber kann, muss ein Schriftsteller nachdenken. Ausgespart bleiben soll dies also nicht, noch weniger aber soll das pompös-pathetisch sich darbietende Politische die Gedanken und die Sprache absolut beherrschen. Das Zeitgeschehen erweist sich gleichwohl als zudringlich. Gegen solche Behelligungen wehrt sich John Berger, auch indem er an die häufig übersehene Schönheit der Welt erinnert.
Als Artist stellt er sich nicht vor, auch nicht als ein "professioneller Schriftsteller". Doch er schreibt, schreibt unentwegt, denkt nach, zunächst über Sprache: "Für mich gehört Schreiben zum Leben; es hilft mir, einen Sinn zu entdecken und weiterzumachen." Das Schreiben erzähle auch von Beziehungen, von der Beziehung zur Sprache. Ein Übersetzer etwa müsse sich zu etwas Drittem verhalten, in Anbetracht der Verschiedenheit der Sprachen. Ohne eine Besinnung auf das, was der Sprache vorausgeht, ohne Wendung oder "Rückkehr ins Vorsprachliche" bleibe jedes Schreiben unzureichend. Sprache sei weder ein Wörterbuch noch ein Speicher: "Eine gesprochene Sprache hat einen Körper, sie ist ein lebendiges Geschöpf, dessen Physiognomie aus Worten besteht und dessen Organe linguistisch miteinander verbunden sind. Und das Zuhause dieses Geschöpfes ist zugleich das Ausgesprochene wie das Unausgesprochene." John Berger verehrt die Sprache, bewundernd, sorgfältig, behutsam und zärtlich. Darum ist er verstimmt über das "tote Wort-Geklaube" des öffentlichen Sprachgebrauchs. In der Politik herrsche dies vor, eine Politik, die Erinnerungen auslösche, von der nur eine "erbarmungslose Nachlässigkeit" bleibe. Berger indessen beschreibt den Vorgang des Erzählens: "Nachdem ich ein paar Zeilen niedergeschrieben habe, lasse ich die Worte zu diesem Geschöpf zurückschlüpfen." Im künstlerischen Text treten Worte, zueinander gehörig - und nicht Wörter, beliebig zueinander gefügt -, wie von selbst in ein Gespräch ein, ähnlich wie Noten in einer Komposition, die nicht zu einer Ganzheit robust, willentlich und konventionell gefügt werden, sondern sich einander öffnen, in Beziehung treten, spielerisch, leicht, schwebend und leise. Über ins Gewebe des Textes sich begebenden Wörter schreibt Berger: "Dort werden sie augenblicklich von einer Schar anderer Worte begrüßt und erkannt, zu denen sie in Hinsicht auf Bedeutung, Metaphorik, Alliteration und Rhythmus eine Affinität besitzen. Ich lausche auf ihr Konferieren. Sie stellen den Gebrauch, den ich von ihnen mache, auf die Probe und stellen die Rollen, die ich ihnen zuschreibe, infrage." Aus "leisem Murmeln" erwachse eine "leise Zustimmung", zumindest deute sich diese an. Eine lebendige Fantasie entsteht, in der auch Verborgenes gegenwärtig bleibt, so wie auch die Annäherung an Rosa zeigt, der John Berger auf behutsame Weise zugetan ist. Sie konnte nirgends endgültig eingesperrt werden, denn "keine einzige der Gefängniszellen", aber "auch kein einziges Blatt" vermochte sie auf Dauer zu halten. Bergers Sympathie gehört ihr und den "Waisenkindern", die sich wider jede Hierarchie wenden, trotzig und auch widerborstig, ja "unverschämt" bleiben, überleben, vielleicht nur davon kommen, geradezu "frech" nach Verbündeten und heimlichen Weggefährten suchen.
John Berger äußert sich auch hochpolitisch, theoretisch abstrakt, erregt, illusionslos, etwa wütend über die "globale Tyrannei des spekulativen Finanzkapitalismus", fern jeder ziselierten Analyse und jeder Altersmilde, wenn er den "Diskurs der nationalen Politiker" als belanglos abtut. Manche Betrachtung bleibt aber mysteriös orakelnd: "Die grundlegenden Entscheidungen heute werden überall von Finanzspekulanten und ihren Agenten getroffen sind, die namenlos sind und sich politisch nie erklären." Ein Clown wie Charlie Chaplin möchte der Essayist dann sein. Doch er begnügt sich mit der Beschreibung des Undurchschaubaren. Ob das nicht auch nur eine endzeitlich wirkende düstere Fantasie sein könnte, möglicherweise? John Bergers Weltbetrachtung bleibt summarisch, seine Kritik auch, dazu zornig, abweisend, kalt. Die Medien böten nur "triviale und sofort verfügbare Ablenkungen". Die Politik an sich erzeuge Verdruss, ebenso die beflissenen "Medienkommentatoren". Sie redeten, so Berger, "in einem Kauderwelsch und nicht in dem Kauder der Welschen, sondern in dem der Hochfinanz", nur ein hoffnungslos "politisches Vokabular" bleibe, anschauungslos und entleert, endlos reproduziert. Einem Spektakel folge das nächste, krisenhaft und dramatisch überzeichnet. John Berger beschreibt postmoderne Zirkusspiele. Übrig bleibe eine "historische Amnesie": "Die Erfahrung wird ausradiert. Die Zeithorizonte von Vergangenheit und Zukunft werden verwischt. Wir werden daran gewöhnt, in einer endlosen und unsicheren Gegenwart zu leben, und sind alle darauf reduziert, zu Bewohnern eines Zustands der Vergesslichkeit zu werden." Traurig und bekümmert machen diese Beobachtungen, die wie eine Melange aus politischer Resignation, Fatalismus und Hoffnungslosigkeit anmuten. Berger zitiert aus den schwerblütigen Traktaten der stolzen, widerständigen, kaltblütig ermordeten Rosa Luxemburg, die ihm gegenwärtig bleibt: die ferne Kämpferin und ihre kraftvoll, unbezwingbare Hoffnung, die sogar in ihren sperrig formulierten Texten sichtbar wird, zumindest für John Berger. Dennoch möchte er seiner Rosa nicht von Politik erzählen, sondern von Vögeln - und dass ihre Hoffnung, wider alle Hoffnung, ihn stärkt, hebt und hält. Der Glaube an die Hoffnung, nicht an die Utopie, bleibt vermutlich doch das "Überlebensnotwendigste", dieser Glaube und die Lichtspuren der Kunst.
Von Hoffnung also berichtet John Berger - und von Liebe, wenn er sich an Yasmine Hamdan erinnert, betört, die ihm singend vor Augen steht wie eine "ewige Wanderin", und so schreibt er: "Du sangst auf Arabisch, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und doch nahm ich jedes Lied nicht als eine bruchstückhafte, sondern als eine in sich geschlossene Erfahrung wahr." Diese Lieder, ihre Worte, seien der "Samen, aus dem das Lied wächst". So wie beim Schreiben weitet sich auch Musik ins raumzeitlos Körperhafte: "Ein Lied erzählt von einer vergangenen Erfahrung. Gesungen aber füllt es die Gegenwart. Genauso machen es Geschichten. Aber Lieder besitzen eine weitere Dimension, die einzig ihnen gehört. Während ein Lied die Gegenwart erfüllt, hofft es, das Ohr eines Hörers irgendwo in der Zukunft zu erreichen. Es lehnt sich unentwegt nach vorn. Ohne diese beharrliche Hoffnung würden die Lieder, so glaube ich, nicht existieren. Lieder lehnen sich nach vorn." Die Lieder gleiten fort, so denkt Berger, und borgen sich Körper, verweilen, ziehen weiter, "verbinden, versammeln, bringen zueinander", auf eine einzige "Muttersprache" verweisend, der sie alle zufließen: "Lieder sind wie Flüsse, jedes folgt seinem eigenen Lauf - doch alle strömen dem Meer entgegen, aus dem alles stammt."
John Berger verstarb 2017 im einundneunzigsten Lebensjahr - hoch betagt, mitunter zornig und doch nicht lebenssatt, im Gegenteil, jung geblieben, so viel jünger als viele andere, die Musik hören und doch nicht von innen her vernehmen, die unausgesetzt sprechen und doch so viel weniger sagen, als sie zu denken meinen. Berger erzählt in seinem letzten Buch noch einmal von der Schönheit der Welt und ihren leuchtenden Farben. Zuweilen erinnert seine Art zu schreiben, in manchen, in den schönen Momenten, an Claude Debussy und dessen Prélude "La cathédrale engloutie", also an "Die versunkene Kathedrale", wenn die Hörenden zu staunen beginnen, dass sie an das Licht, das diese Welt und ihre Schönheit zu erhellen weiß, wider ihre eigene Erwartungen noch glauben dürfen. Auch John Berger erzählt auf seine ganz eigene Weise über Hoffnung, sensibel und ahnungsvoll, in diesem trotz mancher Düsternisse so lichtreichen Buch.