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Weibliche Akte, Pflanzen ausHaus und Garten und immer wieder die eigene Mutter: Diese Themen sind im Werk desamerikanischen Art-Brut-Künstlers Charles Steffen allgegenwärtig. Sie tauchen in verschiedenen Variationen auf, nicht selten auch in Kombination. Steffen, der täglich bis zu drei Zeichnungen schuf, kreierte so ein fantastisches Universum, bevölkert mit fremdartigen Wesen, oft Hybriden zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Vieles ist für den Betrachter nicht auf den ersten Blick verständlich. Erhellend sind die Begleittexte Steffens, die, wie bei vielen Art-Brut-Künstlern, als gleichwertiges Element mit den Bildern in Dialog treten. Die Notizen geben Einblick in das Leben und die Gedanken des Künstlers. So heisst es etwa: «Eine hübsche kleine Aktzeichnung erweist sich als verdammt gute Zeichnung, ich goss zwei Portionen billigen Whisky in mein Bierglas und trinke sie, sobald die Zeichnung fertig ist.»
Viele Arbeiten vernichtet
Alkoholsucht und übermässiges Pfeifenrauchen, Depression, Einsamkeit und chronischer Geldmangel: All das prägte das Leben und das Schaffen von Charles Steffen. Einblicke in seine Welt, die dem Betrachter seiner Zeichnungen zugleich fremd und vertraut erscheint, bietet die Collection de L’Art Brut in Lausanne nun in einer Sonderausstellung. Zu sehen sind 40 Zeichnungen sowie ein Dokumentarfilm über den Künstler.
Insgesamt hat Charles Steffen, der 1995 im Alter von 68 Jahren verstorben ist, mehrere Tausend Werke geschaffen, die meisten mit Farbstiften und Bleistift auf Packpapier. Die fertigen Zeichnungen lagerte er zusammengerollt im Keller seines Elternhauses in Chicago, in dem er mit Mutter, Bruder und Schwester lebte. Aus Angst vor einem Brand zwang die Schwester ihn, regelmässig Arbeiten zu vernichten. Auch aus eigenem Antrieb zerriss Charles Steffen immer wieder Zeichnungen.
Fast die ganze Produktion aus den Jahren 1963, als Steffen in sein Elternhaus zurückkehrte, bis 1989 ging so verloren. Dann starb Steffens Mutter, und er selber zog in ein Altersheim. Anstatt seine Zeichnungen weiterhin zu vernichten, gab er sie seinem Neffen Christopher Preissing, der sich für die Arbeit seines Onkels interessierte. Ihm ist es zu verdanken, dass rund 2000 Werke aus den Jahren 1989 bis 1995 erhalten geblieben sind.
Collection de l’Art Brut,Avenue des Bergières 11, Lausanne. Bis zum 29. September. Di. bis So. 11 bis 18 Uhr.
Der lange Weg zur Anerkennung
Die Zeichnungen von James Edward Deeds lagen schon im Abfall und wurden nur mit viel Glück gerettet. Daniel Johnston illustrierte früher selbst aufgenommene Musikkassetten und stellt heute in anerkannten Galerien aus. Die Collection de l’Art Brut stellt beide Künstler vor.
Parallel zur Ausstellung über Charles Steffen (siehe Text oben) sind in der Collection de l’Art Brut noch bis Ende Juni die Werke zweier weiterer amerikanischer Künstler zuentdecken: James EdwardDeeds (1908–1987) und Daniel Johnston (geboren 1961).
Aus dem Abfall gerettet
Die Ausstellung über James Edward Deeds ist die erste überhaupt in Europa. Sein Werk, das zwischen 1936 und 1966 entstand, wäre beinahe für immer verloren gegangen: Die 283 Zeichnungen fertigte Deeds im State Lunatic Asylum in Nevada an, einer psychiatrischen Anstalt, in die er nach einer gewalttätigen Attacke auf seinen jüngeren Bruder und einem Selbstmordversuch eingewiesen worden war. Mit Bleistift, Tinte und Farbstift zeichnete Deeds vor allem Motive aus der Anstalt, in der er lebte, darunter viele Porträts. Die nummerierten Zeichnungen nähte er zu einem Album zusammen, das er 1966 seinem Bruder überreichte.
Als dieser drei Jahre später umzog, schenkte er das Album den Zügelleuten. Diese erachteten es als wertlos und warfen es weg. Ein Junge entdeckte es im Abfall, nahm es an sich und bewahrte es jahrelang auf. Erst 2006 beschloss er, es Blatt für Blatt auf E-Bay zu verkaufen. Dort entdeckte es der Grafiker und Art-Brut-Liebhaber John Foster, der seinen Wert erkannte und das gesamte Album kaufte. Foster nahm Kontakt zum New Yorker Künstler und Sammler Harris Diamant auf. Dieser liess die Zeichnungen restaurieren und fotografieren, veröffentlichte sie als Buch und übergab die Originale der New Yorker Galerie Hirsch & Adler, die auf «Outsider Art» spezialisiert ist.
«The Electric Pencil»
Bemerkenswert ist, dass bis zu diesem Zeitpunkt niemand die Identität des Künstlers kannte. Man nannte ihn «The Electric Pencil», weil die Elektroschock-Behandlungen, die er in der Klinik erfuhr, öfters Thema seiner Zeichnungen waren. Erst 2011 platzierte Harris Diamant einen illustrierten Artikel über den namenlosen Künstler in einer Zeitung aus Springfield, jener Stadt, in der das Album gefunden worden war. Und tatsächlich erkannte Deeds Nichte die Zeichnungen ihres Onkels und identifizierte ihn nach all den Jahren als Urheber des Albums.
Die Collection de l’Art Brut zeigt fast 130 Zeichnungen aus dem Album sowie einen Dokumentarfilm über Deeds.
Zeichner und Musiker
Die Ausstellung «Welcome To My World!» über das Werk von Daniel Johnston wurde vor einem Jahr erstmals in Nantes gezeigt. Sie umfasst gegen 100 Arbeiten. Anhand von Zeichnungen, Skizzenbüchern und Archivdokumenten entdeckt das Publikum eine künstlerische Produktion, die von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart reicht. Zudem sind 22 Songs zu hören, die die andere Seite des Künstlers Johnston illustrieren: jene als Musiker, dem der ganz grosse Erfolg bisher verwehrt blieb, den seine Bewunderer aber als Genie und gar als Vater des Anti-Folk betrachten.
Seine Talente als Musiker und als Zeichner lebte Daniel Johnston schon früh aus: Als junger Mann zeichnete er vor allem, um seine grosse Liebe Laurie zu beeindrucken. Obwohl diese seine Gefühle nicht erwiderte, blieb sie eine wichtige Inspiration. Zu Beginn der 1980er-Jahre nahm Johnston seine ersten Songs auf Kassetten auf, zeichnete deren Cover und verkaufte sie auf der Strasse. Ende der 1980er-Jahre wurden Musiker wie Kurt Cobain oder die Band Sonic Youth auf ihn aufmerksam und verhalfen ihm zu grösserer Bekanntheit. Seine manisch-depressive Erkrankung, die sich besonders bemerkbar machte, wenn er sich unter Druck fühlte, verhinderte aber den Durchbruch.
Kampf gegen das Böse
Als Zeichner ist Daniel Johnston anerkannt, wird von mehreren Galerien vertreten und nimmt regelmässig an Ausstellungen teil. Mit Filzstift oder Kugelschreiber stellt er seltsame, kleine Geschichten dar, in denen oft Comic-Helden seiner Kindheit gegen das Böse kämpfen. Dabei erhalten sie Unterstützung von selbst erfunden Geschöpfen wie dem Frosch Jeremias oder dem Boxer Joe. Die Zeichnungen haben viel mit dem Alltag des Künstlers zu tun und sind Ausdruck von seinem ständigen Kampf gegen die eigenen Dämonen.
Collection de l’Art Brut, Avenue desBergières 11, Lausanne. Bis zum 30. Juni. Di. bis So. 11 bis 18 Uhr.
James Edward Deeds: «Miss Laben» (zwischen 1936 und 1966). Bild Electric Pencil Press, zvgDaniel Johnston: «How Can It Be True?» (2009).Bild Daniel Johnston, Arts Factory, zvg
Zur Person
Das Zeichnen war sein Lebensinhalt
Charles Steffen wurde 1927 in Chicago geboren und wuchs in einer Familie mit acht Kindern auf. Als junger Mann ging er auf das Institute of Design in Chicago. Nach einem Selbstmordversuch und mit schweren Depressionen musste er das Institut nach einem Jahr verlassen. 1952 wurde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Während zehn Jahren lebte er abwechselnd in der Klinik und in seinem Elternhaus, ehe er 1963 ganz nach Hause zurückkehrte. Dort verbrachte er die meiste Zeit mit seinen Zeichnungen. Er trank und rauchte viel und verliess das Haus kaum. Nach dem Tod der Mutter wurde das Haus 1994 verkauft, und Steffen verbrachte die letzten Monate seines Lebens in einem Altersheim.cs