Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03380.jsonl.gz/624

Viele Esoteriker sehen sich durch "die" Quantentheorie bestätigt, da diese viele "uralte" Postulate der Esoterik bestätigt habe. Dies ist natürlich keineswegs so. Erklären lässt sich der Missbrauch der Quantenphysik durch die Esoterik allerdings leicht dadurch, dass die Quantenphysik zwar funktioniert, aber noch keineswegs verstanden ist: über die Deutung oder Interpretation der quantenmechanischen Befunde herrscht weiterhin Unklarheit. Es gibt ganz verschiedene Interpretationen (vgl. Wikipedia) mit denen sich Experimente und Berechnungen im Bereich der Quantenphänomene erklären lassen. Doch keine der heute bekannten Interpretationen kann wirklich überzeugen. Problematisch ist allerdings, dass Quantenphysik allzuoft gleichgesetzt wird mit der bekanntesten Interpretation, der so genannten "Kopenhagener Deutung". Denn diese zeichnet sich durch ein besonderes Mass an "Esoterik" aus: sie leugnet beispielsweise die Existenz einer vom Bewusstsein losgelösten Welt und geht von der realen Existenz von Widersprüchen sowie von "Wundern" aus. Gemäss der Kopenhagener Deutung gelten im Bereich der Quantenphänomene Gesetze, die grundsätzlich nicht vereinbar sind mit den Gesetzen der "klassischen Physik" (Messproblem) und diese Gesetze entsprechen erstaunlich exakt den Gesetzen der Esoterik. Bedeutet dies nun, dass die Esoterik eben "doch recht hat" - oder dass die Kopenhagener Deutung falsch ist?
Existiert der Mond auch wenn niemand hinschaut?
Albert Einstein war zeitlebens ein Gegner der Kopenhagener Deutung. Dabei kritisierte er unter anderem, dass die Kopenhagener Deutung die reale Existenz der Welt bestreitet. Einstein soll in dem Zusammenhang zu Niels Bohr (einem der Väter der Kopenhagener Deutung) gesagt haben: "Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass der Mond nicht da oben ist, wenn niemand hinsieht?" Doch genau dies tat Bohr, der Einstein mit den folgenden Worten geantwortet haben soll: "Können Sie mir das Gegenteil beweisen?"
Die Vorstellung, dass die Welt abhängig sein soll von einem (menschlichen), bewussten Beobachter erscheint äusserst seltsam. Wie kann jemand ernsthaft daran glauben, dass die Welt nicht unabhängig von Menschen, respektive von Bewusstsein existiert? Dass der Mond - um beim Bild von Einstein zu bleiben - verschwindet, wenn er von niemandem bewusst wahrgenommen wird? Und wie konnte es soweit kommen, dass diese Vorstellung Einzug hielt in die Naturwissenschaften?
Zur Zeit, als die Kopenhagener Deutung entstanden ist, war die Vorstellung in der Tat weit verbreitet, dass die "Aussenwelt" eigentlich gar nicht existiert. Das einzige, was existiere, sei das (menschliche) Bewusstsein. Solche Positionen waren von der äusserst einflussreichen Philosophie des Deutschen Idealismus vertreten worden. Dass man zumindest nichts über diese "Aussenwelt" wissen könne, wird sogar bis heute auch im universitären Rahmen mit Bezug auf Immanuel Kant behauptet. Kaum hinterfragt wird allerdings, dass diese Vorstellung mit den meisten, wenn nicht sogar mit allen naturwissenschaftlichen Theorien komplett unvereinbar ist. Geht man beispielsweise davon aus, dass sich die Welt über Jahrmilliarden evolutionär entwickelt hat ohne dass es "Psyche", "Geist" oder Bewusstsein gegeben hat, dann kann diese Welt nicht abhängig sein von ebendieser "Psyche", diesem "Geist" oder diesem Bewusstsein. Würde die Kopenhagener Deutung der Realität entsprechen, wäre damit bewiesen (!), dass die Evolutionstheorie falsch wäre.
Beobachterabhängigkeit widerspricht aber nicht nur der Evolutionstheorie, sondern es handelt sich dabei entweder um eine idealistische oder dualistische Theorie, beides Positionen, die unvereinbar sind mit den Naturwissenschaften (»Realismus oder Idealismus; »Dualismus), was heute auch kaum noch von jemandem ernsthaft bestritten wird. Während Idealismus und Evolutionstheorie nicht vereinbar sind, führen dualistische Theorien stets zum Problem der Interaktion: gibt es eine "Welt", in welcher die klassisch-physikalischen und eine Welt, in welcher quantenmechanische Gesetze gelten, dann können die beiden "Welten" nicht interagieren. Dieses sogenannte "Messproblem" wird gerne ausgeblendet (Vaas: Der Widerspruch des Messproblems), beispielsweise, indem von "Dekohärenz" gesprochen wird: die verschiedenen "Teilchen" beispielsweise des Mondes würden ständig in Wechselwirkung zueinander stehen und sich quasi gegenseitig "beobachten", womit auch das Problem der Beobachterabhängigkeit gelöst werde. Dies ist allerdings nicht der Fall, da das grundsätzliche Problem einfach übergangen, respektive überdeckt wird: denn zum einen benötigt die Kopenhagener Deutung explizit einen bewussten Beobachter, zum anderen kann auch Dekohärenz nicht erklären, wo die Grenze liegt und wie diese beschaffen ist zwischen quantenmechanischen und klassisch mechanischen Gesetzen, die offen unvereinbar sind.
Ermöglicht Quantenmechanik Willensfreiheit?
Das Problem der Beobachterabhängigkeit hat vielen Physikern "Kopfschmerzen" bereitet und wurde deshalb entweder ignoriert oder mit der "Dekohärenz" weg argumentiert. Dies fiel umso leichter, als die Kopenhagener Deutung zugleich eine Superdroge zu sein schien: endlich schien es gelungen zu sein, den ungeliebten Determinismus der klassischen Physik zu überwinden und damit Willensfreiheit zu "retten". Denn die Kopenhagener Deutung postuliert nicht nur die Abhängigkeit der Welt vom (menschlichen) bewussten Beobachter, sondern auch, dass im Bereich der Quantenphänomene ein (teilweiser) Indeterminismus existiere, der Willensfreiheit ermögliche.
Hier scheint allerdings der Wunsch Vater des Gedankens gewesen zu sein. Denn Willensfreiheit, die auf einem Indeterminismus basiert existiert schlicht und einfach nicht, wie inzwischen hinlänglich gezeigt worden ist (»Willensfreiheit und Indeterminismus). Was in der aktuellen wissenschaftlichen Philosophie (grösstenteils) common sense ist, wird in der Physik aber leider weiter ignoriert. So wird der quantenmechanische Indeterminismus unter anderem damit begründet, dass ein quantenmechanischer Determinismus mit einem Experiment von Aspect 1982 widerlegt worden sei. Diese Widerlegung gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass indeterministische Willensfreiheit tatsächlich existiert (Bell: Determinismus möglich, aber absurd). Damit basiert der Beweis des quantenmechanischen Indeterminismus zum einen auf einer überwundenen Weltanschauung wie auch auf einem irregulären Zirkelschluss. Dies ist insbesondere deshalb von Bedeutung, da die Quantenmechanik die einzige naturwissenschaftliche Theorie wäre, welche - allerdings nur teilweise! - indeterministisch wäre.
Würfelt Gott?
Willensfreiheit und Indeterminismus sind unter anderem deshalb nicht vereinbar, da fehlende Determination nicht zu einem Mehr an Freiheit führt, sondern zur Herrschaft des "absoluten Zufalls" und damit zu absoluter Willkür. Erstaunlicherweise ist aber auch ein solcher "absoluter Zufall" Teil der Kopenhagener Deutung! Wiederum war es Albert Einstein, der bereits 1926 in einem Brief an Max Born das Folgende über die Quantenmechanik schrieb: "Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der nicht würfelt." (Einstein 2005, S. 154).
Der Ausspruch, dass der "Alte" nicht würfle, bezieht sich auf die behaupteten indeterministischen Aspekte der Kopenhagener Deutung. Denn gemäss dieser existieren im Bereich der Quantenphänomene blosse Wahrscheinlichkeiten, welche auf dem "absoluten Zufall" basierten. Auch diese Vorstellung ist allerdings nicht haltbar, wie in den folgenden drei etwas komplizierteren Abschnitten gezeigt wird.
Im Bereich der Quantenphänomene lässt sich in der Tat grundsätzlich nicht exakt bestimmen, wann sich ein bestimmtes "Quantenobjekt" wo befindet. Es lässt sich aber exakt berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein "Quantenobjekt" zu einem bestimmten Zeitpunkt wo erscheinen wird. Misst man also eine grosse Menge von "Quantenobjekten", dann werden im Bereich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit besonders viele "Quantenobjekte" gemessen werden, in einem Bereich mit einer niedrigen Wahrscheinlichkeit nur wenige oder sogar gar keine. Da sich aber nicht exakt berechnen lässt, wann ein einzelnes "Quantenobjekt" sich wo befinden wird, scheint es sich bei der Quantenmechanik um eine indeterministische Theorie zu handeln.
Wahrscheinlichkeit kann allerdings nicht auf dem "absoluten Zufall" basieren. Denn was absolut zufällig passiert, geschieht per definitionem (!) unregelmässig und unberechenbar. Gäbe es wirklich keinen Grund und damit keine Ursache dafür, dass sich im Bereich der Quantenphänomene exakte Wahrscheinlichkeiten berechnen lassen, dann würde die Quantenmechanik auf permanenten "Wundern" basieren und grundsätzlich unerklärbar sein.
Denn jede Erklärung setzt die Existenz von Gründen und damit von Ursachen voraus (Gründe sind immer auch Ursachen). Angenommen also, es geschähe tatsächlich etwas vollkommen ohne Ursache, dann gäbe es auch keinen Grund und keine Ursache dafür, dass die eine Möglichkeit wahrscheinlicher wäre als eine andere. Das auf dem absoluten Zufall basierende "Geschehnis" wäre absolut willkürlich und könnte sich an keine Regeln halten, da der absolute Zufall Regelhaftigkeit per definitionem ausschliesst. Auf dem absoluten Zufall basierende Quantenphänomene wären damit also völlig unberechenbar, was sie aber nicht sind. Würde die Quantenmechanik also tatsächlich auf dem absoluten Zufall basieren, dann liessen sich keine Wahrscheinlichkeiten berechnen.
Existieren Widersprüche real?
Würde Gott in der Tat würfeln, dann wäre Gott die Ursache für die quantenmechanischen Wahrscheinlichkeiten. Wahrscheinlichkeiten ohne Ursachen können aber wie oben gezeigt unmöglich existieren - ausser man akzeptiert die reale Existenz von Widersprüchen. Und genau dies tut die Kopenhagener Deutung (Knapp: Widersprüche als Teil der Realität), wobei deren Vertreter lieber das Adjektiv "komplementär" statt "widersprüchlich" verwenden. Auf diese Absurdität der Kopenhagener Deutung wollte Erwin Schrödinger mit seinem berühmten Katzenbeispiel hinweisen. Doch anstatt an der Deutung zu zweifeln, wurde vielmehr darauf hingewiesen, dass "die Quanten eben so seien". Da Widerspruchsfreiheit aber die wohl wichtigste Grundlage der Naturwissenschaften überhaupt ist, stellt sich nach den bisherigen Ausführungen die Frage nicht mehr, ob die Kopenhagener Deutung der Realität entspricht.
Fazit
Die Kopenhagener Deutung ist zwar die bekannteste Deutung der Quantenphysik, sie ist aber derart offensichtlich falsch, dass es schon sehr erstaunt, warum sie so weit verbreitet ist. Dies lässt sich historisch erklären (Quantenphysik und Esoterik - Abschnitt "Gehirnwäsche"), vor allem aber auch damit, dass die Kopenhagener Deutung insbesondere mit religiösen Weltanschauungen vereinbarer zu sein schien als die klassische Physik. Selbstverständlich gibt es zwar bis heute keine Deutung der Quantenmechanik, die restlos überzeugen kann. Doch zumindest die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik hat in der Tat mehr mit Esoterik zu tun als mit Wissenschaft. Dieser Befund hat jedoch - um es nochmals zu betonen - keinerlei Einfluss auf das Funktionieren der Quantenphysik. Denn diese funktioniert auch dann, wenn ihre Deutungen schlicht und einfach falsch sind.