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Man spricht nicht gerne darüber, aber Einkäufer können für ihre Lieferanten auch zum Todesboten werden. Ein guter Einkäufer wird genannt, wer bei einem professionellen Lieferanten 6-10% billiger einkaufen kann. Das kann für manche Firma das Todesurteil werden, weil ihr dann der Cash fehlt, um Innovationen oder andere wichtige Elemente der Geschäftstätigkeit zu finanzieren. Eine Firma, die lange Jahre glücklich als Zulieferer von Siemens oder Ford gearbeitet hat, kann innert kürzester Zeit vor dem Nichts stehen, wenn dort ein ambitioniertes Einkäuferteam die Preisschraube weiter dreht. Einkäufer, dies sollte man nie vergessen, sind nicht für die wirtschaftliche Gesundheit eines Lieferanten verantwortlich. Die erfolgreichste Schweizer Einkäuferin ist übrigens Barbara Kux, welche dies lange für den Philips-Konzern in Eindhoven tat, jetzt für Siemens in München.
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Tagesarchiv für 21. Januar 2009
Mit Wedgwood – unvorstellbar – liegt auch Rosenthal in Scherben. Die Engländer haben von Luxusgüter-Marketing nie etwas verstanden, Rolls Royce ist die grosse Ausname, wie lange noch? Bedroht sind hinter dem Kanal auch Woolworths, Hardie Amies, der Schneider der Königin, und der Tee- und Kaffeehersteller Whittard of Chelsea. England hat nach dem Zusammenbruch seiner Finanzindustrie nichts mehr zu bieten. Das Land lebte die letzten zehn Jahre in der Hauptsache von der Ölindustrie in der Nordsee. Jetzt ist dort ausgebohrt; die Engländer haben weniger vorgesorgt als die Araber, die wenigstens den Versuch machen, der Ölfalle zu entkommen. Hinter dem Pfund steht immer weniger Substanz, weshalb die nächsten zwei Krisen die Einführung des Euro an der Themse beschleunigen werden.
Wie man einen Schriftsteller aus Anlass seines zwanzigsten Todestages durch die Gesellschaft hinrichtet, demonstrierte soeben die Zürcher Literaturkritikerin Dr. Klara Obermüller, die von der Stadt Zürich das Mandat erhielt, dazu eine Laudatio zu verfassen. Obermüller, als lächelnde Scharfrichterin mit politischem Linksdrall bekannt, nannte den überaus sensiblen Schriftsteller sofort einen „erratischen Block“, obwohl er nichts weniger als dies war, vielmehr eine aufnehmende Substanz, ein ewig „Kindlich-Naiver“ (Guido Kalberer), der Lichtbögen des Denkens von sich gab. Obermüller, vermutete politische Gegner analysierend, zeigt sich irritiert von Burgers Anspruch „Man modelliert sich von einer Tonart in die andere, um herauszufinden, als wer ich eigentlich zu ihnen spreche.“ Solches ist für die Kritikerin Blendwerk, zumal, wie sie gesteht, er sie beim ersten Besuch „im wörtlichen Sinne erst einmal verzauberte.“ Was immer damals geschehen ist, Obermüller folgert daraus „Da war einer, der auffallen, einer, der beachtet und bewundert, einer, der geliebt werden wollte.“ Die als emanzipiert links auftretende Kritikerin hat „im nachhinein“ erkannt, „wie sehr wir uns hatten täuschen lassen vom artistischen Blendwerk der bürgerlichen Prosa.“ Diesem Todesurteil einer sich als parteiisch outenden Elite-Kritikerin folgt der Schluss: „Wenn es eine Konstante gab im Leben und Werk von Hermann Burger, dann war es die Depression.“ Mit dieser Bemerkung endet in der Laudatio jegliche literarische Beurteilung des „Jubilars“. Was folgt, ist die Bestätigung eines Krankheitsbildes (Anm KJS.: Bürgerliche Autoren, denen es einmal gelingt, eine Linkskritikerin zu verzaubern, müssen krank sein.) Die Obermüller delektiert sich an Burgers „Metaphorik der Kälte, deren inneren Leere und tödlichen Erstarrung.“ Geltungssucht und Euphorie hätten gegen Ende seines Lebens, so Obermüller als moralische Instanz, bisweilen beängstigende Ausmasse angenommen. Schön an diesem ungeheuerlichen Satz der meisterlichen Scharfrichterin ist das Wort „bisweilen“, das ihrem Urteil Autorität gibt, wo in der Sache wenig zu finden ist.
Hermann Burger, den ich auf seiner „cigarristischen Ebene“ durch Vermittlung seines Freundes Kaspar Villiger kennen lernte, war ein Sprach- und Denkmeister, wie ihn die Schweiz kaum sonst aufzuweisen hatte. Als sein PR-Berater während seiner letzten anderthalb Jahre, wo ich ihn begleitete zu Vorträgen und Auftritten in der ganzen Schweiz, die er als Literat genoss, weil er sich dann frei fühlte, erlebte ich sein grosses Können und die Menschen, die ihm gerne folgten. Wie ein Albatros schwebte er dann lange und leicht über seinen Zuhörern, um dann die Landung desto härter zu empfinden, wenn es um Verlage, Kritiker und Einbindung ging. Ja, Hermann Burger wollte die Anerkennung, war naiv und unersättlich wie ein Kind, forderte mich auf, ihn zu entführen, „damit ich berühmt werde“, wie er sagte, was ich in einem langen nächtlichen Gespräch verweigerte. Seine „ins Groteske gesteigerte Selbstdarstellung“, wie die unterkühlt-linke Klara Obermüller bemerkte, war nichts anderes als sein Spiegel der ihn umgebenden Gesellschaft, die sein Talent kaum bemerkte. Burger liebte ganz einfach das dramatische Leben, saugte es ein, liebte seinen roten Ferrari, dessen heulenden Ton, ebenso wie seine rothaarige Ärztin aus Konstanz, deren volle Lebenslust einem Zürcher Blaustrumpf wohl immer unverständlich bleiben wird. Oft habe ich mir die Frage gestellt, weshalb die Schweizer Gesellschaft ihre Talente lieber vertreibt oder sogar zerstört, als dass sie diese anerkennt und liebt. Hermann Burger fand zuletzt keinen Halt mehr, weder bei den Bürgerlichen, die ihn als Sonderling abtaten, unfähig, seine Denk- und Sprachkunst nachzuvollziehen, auch nicht bei den bürgerlichen Linken, die ihn als bürgerlichen Zauberer deklassierten. So verfielen seine gedanklich klaren Ausdrucksformen in seinem Spätwerk zu jenem „churligen“ Stil, der Können verrät, aber keine Linie mehr erkennen lässt, ganz wie die Äste eines Baumes, denen kein freier Raum gegeben wird und die sich deshalb verdrehen. Christoph Marthaler lässt grüssen. Bei Burger war es zuletzt nicht Mutlosigkeit, sondern die Sinnlosigkeit, die ihn tötete. Klara Obermüller lieferte in ihrer späten Henkersrede, in welcher sie den Autor zum Psychopathen macht, im nachhinein einen Beweis für die Richtigkeit seines Entschlusses. Dem Leiter des Museums Strauhof, Roman Hess, ein städtischer Angestellter, fiel zur Vernissage „Hermann Burger – Nachlass zu Todeszeiten“ (auch wieder ein völlig verdrehter Titel, der wohl künstlerisch gemeint ist) nichts Besseres ein, als zur „cimeterischen Laudatio“ einen drittklassigen Zauberer auftreten zu lassen, der sich Wolf Baron von Keyerlingk nannte, und sich ebenfalls auf seine frühere Bekanntschaft mit Hermann Burger berief. Burgers frühen Tod zu beklagen, macht wenig Sinn, wohl aber die Haltung wichtiger Teile der Schweizer Literaturkritik, die bereits wieder einen Pierre Imhasly in die Flucht getrieben hat, weil er so wenig ihren ästhetischen Ansprüchen entspricht. Nicht immer ist ein Selbstmord ein Akt der Verzweiflung; im Falle Hermann Burgers dürfte es ein Akt der Befreiung gewesen sein. Vielleicht war es auch nur ein Hilferuf, den niemand Zeit hatte zu vernehmen, und der deshalb tödlich endete.