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Viel Fisch essen in der Schwangerschaft!
Wegen der hohen Quecksilberbelastung in Meerestieren rät die amerikanische Arzneibehörde FDA Schwangeren vom Verzehr von mehr als zwei Fischmahlzeiten pro Woche ab. Eine Beobachtungsstudie kommt jetzt aber zu dem Ergebnis, dass dieser Ratschlag negative Auswirkungen auf die Entwicklung verbaler und sozialer Kompetenz sowie der Intelligenz der Kinder haben könnte. Wenn werdende Mütter mehr als dreimal wöchentlich Fisch essen, entwickeln sich die Kinder sogar besser.
Für die fetale Entwicklung des Gehirns werden ungesättigte Fettsäuren benötigt. Sie müssen, weil das ungeborene Kind sie nicht selbst synthetisieren kann, über die Nahrung der werdenden Mutter zugeführt werden - und Seefisch ist eine ideale Quelle für ungesättigte Fettsäuren. Seit den Umweltkatastrophen von Minamata und Niigata, wo in den 1950er- und 1960er-Jahren Schwangere nach dem Verzehr von quecksilberverseuchten Fischen schwerstbehinderte Kinder zur Welt brachten, rieten viele Ernährungsexperten Schwangeren von Fisch eher ab. Fische sind heute weltweit mit Quecksilber kontaminiert. Bei den meisten Arten ist die Belastung gering. Das Schwermetall kann aber in Raubfischen hohe Konzentrationen erreichen. Viele Experten halten deshalb den Verzehr von Haifisch, Schwertfisch, Makrele oder Barsch während der Schwangerschaft für bedenklich. Im März 2004 veröffentlichte die amerikanische Aufsichtsbehörde FDA sogar eine Gesundheitswarnung. Schwangere, aber auch „Frauen, die schwanger werden könnten“, sollten keinesfalls mehr als zwei Fischmahlzeiten pro Woche verzehren.
Diese Warnung ist jedoch wegen der genannten positiven Eigenschaften von Fisch umstritten. Als Beispiel für den Nutzen einer fischreichen Ernährung gilt eine britische Studie: In der Region Avon bei Bristol wurden 1991/1992 11.875 Schwangere unter anderem nach ihren Ernährungsgewohnheiten befragt. Ihre später geborenen Kinder werden seit der Geburt regelmässig nachbeobachtet. Im Alter von 8 Jahren wurde eine gründliche Untersuchung der Intelligenzleistung durchgeführt.
Dabei zeigte sich, dass die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft reichlich Fisch gegessen hatten, den anderen Kindern in vielen Bereichen voraus waren. In den Tests zur Feinmotorik, zur Kommunikation und zu den sozialen Fähigkeiten waren sie weiter als die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft keinen Fisch verzehrt hatten. Sehr deutlich waren auch die Unterschiede im Intelligenzquotienten. Wenn die Mütter weniger als 340 Gramm Fisch pro Woche verzehrt hatten, waren die Kinder zu 9 Prozent häufiger im unteren Viertel der IQ-Werte. Das Risiko auffällig schlechter Testergebnisse war sogar um 50 Prozent erhöht, wenn die Mütter gar keinen Fisch verzehrt hatten.
Beobachtungsstudien können sehr trügerisch sein. So ist bekannt, dass Kinder aus Familien mit günstigerem sozialen Hintergrund ebenfalls einen Entwicklungsvorsprung haben, was vielfältige Ursachen haben kann. Die gesündere Ernährung (mit häufigeren Fischmahlzeiten) in der sozial besser gestellten Schichten ist nur eine davon. Die grosse Fallzahl und die sorgfältige Befragung und Untersuchung der Schwangeren ermöglichte es den Forschern jedoch, die Studie zu „bereinigen“, d.h. 28 Störfaktoren in ihre Rechnung einfliessen zu lassen. Unsicherheitsfaktoren bleiben dennoch. Da aber keines der Ergebnisse auf eine erhöhte Gefährdung der Kinder durch Fischmahlzeiten der Schwangeren hinweist, scheint nach Ansicht der Forscher die Warnung der FDA unangemessen zu sein, wenn sie nicht sogar schädliche Auswirkungen habe.
Joseph Hibbeln et al.: Lancet 2007; 369: S. 578-585
Stand: 02/07, BH