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Der grösste US-Medikamentenhändler «Express Scripts», der für Versicherer (in den USA häufig Arbeitgeber) das Medikamentenangebot zusammenstellt, hat unter anderem «Xeljanz», ein neues, teures Mittel von Pfizer gegen rheumatische Arthritis, aus dem Sortiment genommen. Insgesamt hat «Express Scripts» dieses Jahr 48 Medikamente ausgeschlossen. «CVS Caremark», der zweitgrösste Medikamentenhändler für Unternehmen, die ihre Angestellten versichert haben, strich 30 teure Medikamente aus dem Angebot.
Immer häufiger nehmen auch andere «Gesundheitspläne» von US-Versicherern teure, ersetzbare Medikamente aus dem Angebot, wenn die betreffende Pharmafirma nicht bereit ist, den Preis zu senken. Als «Express Scripts» «Victoza» aus dem Sortiment nahm, verlor dieser Cholesterinsenker zur Freude der Konkurrenz Marktanteile, wie die New York Times (NYT) am 20. Juni online berichtete.
Die Drohungen, ersetzbare Medikamente aus dem Sortiment zu streichen, zeigen Wirkung. Die NYT zitiert einen Analysten der Credit Suisse, laut dem die Rabatte der Pharmakonzerne auf ihren Listenpreisen von durchschnittlich 20 Prozent im Jahr 2007 auf 32 Prozent im Jahr 2013 gestiegen sind.
Als Resultat würden über 25 Millionen Versicherte dieses Jahr 700 Millionen Dollar sparen, erklärte Jonathan C. Roberts von «Express Scripts».
Pharmafirmen wehren sich mit dem Argument «Zweiklassenmedizin» und mobilisieren von ihnen mitfinanzierte Patienten-Selbsthilfegruppen und Ärzte.
Den Pharmakonzernen passt auch nicht, dass US-Versicherte mit einem kleineren Selbstgehalt belohnt werden, wenn sie unter austauschbaren Medikamenten das günstigere kaufen. Dieser Anreiz fördert den Verkauf der günstigeren Arzneimittel. Um diesen Trend umzukehren, schenken Pharmakonzerne den Patienten unterdessen Gutscheine für die teureren Medikamente, schreibt die NYT.
In der Schweiz ist alles staatlich geregelt
In der Schweiz müssen die Krankenkassen sämtliche Medikamente zahlen, die das Bundesamt für Gesundheit BAG auf eine Liste setzt. Und das zu Preisen, die ebenfalls der Bund fixiert. Obwohl der Bundesrat seit 1996 die alleinige Kompetenz hat, die zweckmässigen Medikamente und deren Preise zu bestimmen und zu regulieren, müssen die Krankenkassen in keinem andern Land Europas für Medikamente so hohe Preise zahlen wie in der Schweiz. Fast ein Viertel der Grundversicherungsprämien verschlingen die Medikamente.
Überdies sind sich Pharmakologen weitgehend einig: Mindestens jedes fünfte Medikament auf der staatlich verordneten Liste der kassenpflichtigen Medikamente ist nicht zweckmässig, wie es das Gesetz vorschreibt. Ein Beschwerderecht gegen gesetzwidrige Medikamenten-Verfügungen des BAG haben jedoch ausschliesslich die Pharmafirmen. Krankenkassen, Patienten- und Konsumentenorganisationen müssen tatenlos zuschauen.
Offensichtlich sind der Bundesrat und das Parlament nicht in der Lage, sich gegen die mächtige Lobby der Pharmakonzerne durchzusetzen. Daran würde eine staatliche Einheits-Krankenkasse nichts ändern. Sie würde die Weichen vielmehr noch stärker in Richtung Staatsmedizin stellen und einen Wettbewerb unter Kassen ausschliessen.
Viele neue Medikamente als Kostentreiber
Wettbewerb unter den Kassen macht allerdings nur Sinn, wenn Kassen und Medikamenten-Grosshändler die Preise mit den Pharmakonzernen aushandeln und ihren Mitgliedern eine Palette von Grundversicherungs-Varianten anbieten können.
In den letzten Jahren haben Pharmakonzerne auffällig viele, extrem teure Medikamente, vor allem für Krebs- oder MS-Erkrankte, auf dem Markt lanciert. Für viel Geld bringen sie einen meist minimalen Zusatznutzen. Oft besteht dieser lediglich im Komfort der Einnahme (wöchentlich statt täglich oder Tabletten statt Spritzen etc) oder er stoppt das Wachsen eines Krebsgeschwürs, ohne aber das Leben der Patienten zu verlängern. In einigen Fällen gelingt es, das Leben – oder häufig das Leiden – von todkranken Krebspatienten nach erfolgter Chemotherapie mit einer zusätzlichen medikamentösen Chemotherapie um einige Wochen oder Monate zu verlängern. Das wird als «grosser Fortschritt» verkauft.
«Lebensverlängernde» Medikamente kosten in der Schweiz wie in den USA horrend viel: Drei Monate zusätzliche medikamentöse Chemotherapie eines Patienten kosten im Durchschnitt über 20’000 Dollar. Dies treffe für 90 Prozent aller Krebsmedikamente zu, welche die Aufsichtsbehörde FDA in den letzen Jahren neu zugelassen hat, erklärte Gerd Antjes, Leiter des Cochrane-Zentrums in Freiburg (D) in der Süddeutschen Zeitung.
Auch gegen Volkskrankheiten wie Rheuma, Diabetes oder für psychische Probleme versuchen Pharmafirmen zuweilen, bewährte, günstige Arzneien durch neue, teure zu ersetzen, indem sie das Blaue vom Himmel versprechen.
Für neue Medikamente, die gegenüber bisherigen einen wirklichen Zusatznutzen bringen, d.h. bedeutend weniger unerwünschte Wirkungen oder einen deutlich besseren patientenorientierten Nutzen (Lebensverlängerung statt Leidensverlängerung, schnellere Genesung, bessere Lebensqualität), sind auch sehr hohe Preise in Kauf zu nehmen. Denn beim heutigen Stand der Medizin wird es für Pharmafirmen immer schwieriger, Durchbrüche zu erzielen. Deshalb sind solche Innovationen mit erheblichem Zusatznutzen selten geworden.
Schon vor elf Jahren hatte der Leiter Onkologie am Basler Kantonsspital, Richard Hermann, festgestellt: «Es gibt nur wenige wirklich tolle neue Medikamente. In vielen Fällen erkauft man sich mit viel Geld kleine Verbesserungen.»
Die neuste Bilanz vom Mai 2014 des «Gemeinsamen Bundesausschuss», dem höchsten Gremium im deutschen Gesundheitswesen, ist nicht viel besser: Von 73 neuen Medikamenten bringen nur 14 einen «beträchtlichen» Zusatznutzen, 23 wenigstens einen «geringen».
Staat zwang Kassen, schädliche Medikamente zu zahlen
Doch der Staat verpflichtet die Kassen in der Schweiz dazu, fast alle diese «Innovationen» zu Höchstpreisen zu vergüten. Darunter waren auch schon solche mit grossen Umsätzen, die wegen zu vielen unerwünschten Wirkungen wieder zurückgezogen werden mussten: Die Rheuma- und Schmerzmittel «Vioxx», der Cholesterin-Senker «Lipobay», «Prepulsid» gegen Sodbrennen, das Breitband-Antibiotikum «Trovafloxacin», «Raptiva» gegen Psoriasis (Schuppenflechten) oder die Appetitzügler «Reductil» und «Acomplia».
Tausende Patientinnen und Patienten kamen zu Schaden.
Einmal kassenpflichtig – immer kassenpflichtig
Die Konsequenzen, um Patientinnen und Patienten in Zukunft besser vor fragwürdigen Medikamenten zu schützen, haben die Bundesbehörden bis heute nicht gezogen. Im Gegenteil: Auf Wunsch der Pharmakonzerne macht das BAG «Innovationen» zuweilen im «Eilverfahren» kassenpflichtig, damit Patienten sofort «profitieren» können. Erfüllen sich die Versprechen nicht, bleiben solche Medikamente so lange kassenpflichtig, bis die Swissmedic oder der Hersteller selber das Medikament vom Markt nehmen.
Auch dieses Zuschauen des BAG ist gesetzwidrig. Denn die bundesrätliche Verordnung schreibt vor, dass ein Medikament aus der Kassenpflicht sofort «gestrichen» werden muss, «wenn es nicht mehr alle Aufnahmebedingungen erfüllt». Darunter fallen die Zweckmässigkeit im Vergleich mit andern Medikamenten und die Wirtschaftlichkeit.
- Das BAG hielt es seit 1996 bis heute noch nie für nötig – oder hatte noch nie den Mut dazu, ein Medikament aus der Kassenpflicht zu streichen.
- Entscheide und Verfügungen des BAG bleiben trotz Öffentlichkeitsgesetz geheim.
- Hohe Beamte des BAG wechseln ohne Karenzfrist zur Pharmaindustrie oder zu Anwaltskanzleien, die der Pharmaindustrie bei ihrem Lobbying im Bundeshaus helfen.
Das ist Staatsmedizin à la Schweiz.
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Der Autor vertritt Patientinnen und Patienten sowie Prämienzahlende in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK.