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Sie sind erst gerade aus Somalia in die Schweiz zurückgekehrt. Was war das für eine UNO-Mission?
Ich bin seit Ende 2015 Berater für die Uno in Somalia zum Thema «intern vertriebene Menschen». Es geht vor allem darum, wie man für diese rapid steigende Anzahl an Menschen, welche flüchten müssen, aber ihr Land nicht verlassen und deshalb keine Flüchtlinge sind, eine dauerhafte Lösung finden kann – sei es nun so, dass sie in ihre früheren Wohnorte zurückkehren können, sei es, dass sie am Ort, wo sie Zuflucht gefunden haben, lokal integriert werden. In Somalia waren es 1,1 Millionen vor einem Jahr, jetzt sind es rund 2 Millionen aufgrund einer Dürre im ersten Halbjahr 2017.
Wie lange waren Sie in Somalia und wie kann man sich eine solche Mission konkret vorstellen?
Internationale Organisationen leisten in Somalia seit langem humanitäre Hilfe, ohne dass sich die Situation der Vertriebenen wirklich verändert hat. Viele harren seit vielen Jahren in überfüllten lagerähnlichen Siedlungen am Rand der Städte aus, wo sie von humanitärer Hilfe abhängig sind. Weder können sie in ihre Dörfer zurückkehren, noch sich im urbanen Umfeld integrieren. Deswegen wurde beschlossen, nun einen anderen Ansatz zu verfolgen, der auf Prinzipien der Entwicklungszusammenarbeit beruht und darauf abzielt, den Menschen wieder zur Selbständigkeit und damit einem Leben in Würde zu verhelfen.
Bei meinen ersten Besuchen Ende 2015 ging es darum, diese Idee mit der Regierung zu besprechen und diese auch von dieser Vorgehensweise zu überzeugen.
Letztes Jahr ist das Thema Vertreibung recht umfassend im ersten Nationalen Entwicklungsplan von Somalia aufgenommen worden. Das ist ein recht abstraktes Dokument, aber bildet die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen der Regierung und der internationalen Gemeinschaft. Die Umsetzung wurde allerdings verzögert, weil die Parlamentswahlen und die Einsetzung der neuen Regierung viel Zeit in Anspruch nahmen. Zudem schuf die Dürre Ende 2016 und im ersten Halbhjahr 2017 eine dramatische Situation mit weitverbreitetem Hunger und mehr als 700’000 Neuvertriebenen. Diesen Sommer hat sich die Lage etwas normalisiert und ich wurde gebeten, zurückzukommen und Lösungsansätze vorzuschlagen, um wenigsten für einen Teil der Vertriebenen dauerhafte Lösungen zu finden.
Zuerst traf ich mich in Nairobi mit den UNO-Organisationen, um mich einarbeiten zu können. Dann flog ich nach Mogadischu, der Hauptstadt von Somalia, die kein sicherer Ort ist. Die internationalen Organisationen haben Büros und Unterkünfte in einer Art Camp direkt neben dem Flughafen. Es ist ein sehr stark gesichertes Gebiet – rundherum Stacheldraht, Mauern und Soldaten, die die Anlagen verteidigen. Ich traf in Mogadischu nicht nur verschiedene Organisationen, sondern auch den Vize-Premierminister von Somalia im Regierungsgebäude. Ich wurde mit einem gepanzerten Wagen hingefahren. Das Gespräch war sehr positiv und wir konnten in einer wichtigen Frage seine Zusage bekommen. Ich konnte auch drei Regionen in Südwest-Somalia besuchen und dort mit Vertriebenen und lokalen Behörden sprechen. Somalia strebt im Moment ein föderalistisches System an, nicht mit Kantonen, sondern mit Staaten wie in den USA. Gegen Ende des Besuches nahm ich an einem wichtigen Forum zum Thema «Vertreibung und dauerhafte Lösungen» teil, das von der Regierung veranstaltet wurde. Anwesend waren Vertriebene, Behörden und Organisationen. Ich konnte bei der Eröffnung ein Referat halten und mit weiteren Ministern sprechen. Nach Ende dieses fast zwei Wochen dauernden Aufenthalts in Somalia habe ich meine Empfehlungen zusammengefasst und präsentiert.
Könnten Sie uns ein Beispiel für eine solche Empfehlung nennen?
Die Situation ist komplex, weshalb es kaum einfache Empfehlungen gibt. Eine Empfehlung ist zum Beispiel, dass die humanitären Organisationen längerfristig denken und ihre Aktionen darauf ausrichten sollen, längerfristige Effekte zu erzielen. Ein Beispiel: In einem Gespräch mit Vertriebenen zeigte sich, dass die Kinder eine Schule besuchen können, welche von einer kleinen nichtstaatlichen Organisation betrieben wird. Die Finanzierung ist allerdings nur für ein Jahr gesichert und niemand weiss, wie es dann weitergehen soll. Die staatliche Schule können die Kinder nicht besuchen, weil die Eltern als Vertriebene die Schulgebühren nicht bezahlen können. Der Erziehungsminister des betreffenden Staates sagte mir, es wäre viel besser, wenn die humanitären Organisationen den vertriebenen Kindern Gutscheine für den Besuch der öffentlichen Schule ausstellen würden. Dies würde ihm erlauben, zusätzliche Lehrkräfte anzustellen und Schulgebäude zu erweitern, was eine langfristige positive Entwicklung wäre.
Man muss stärker mit den Betroffenen zusammenarbeiten, auch das ist eine zentrale Empfehlung. Ein Beispiel dafür sind die Unterkünfte: Gewisse humanitäre Organisationen bauen kleine Unterkünfte aus Wellblech für die Vertriebenen, was natürlich schon rein aus klimatechnischer Sicht nicht optimal ist. Die Betroffenen sagen klar, es wäre besser, man würde ihnen lokale Baumaterialien geben, denn sie wüssten ja, wie man ein einfaches Haus baut. Dieser Ansatz hätte auch längerfristig Perspektive und würde zu positiven Veränderungen führen.
Wie funktioniert die Verständigung mit der örtlichen Bevölkerung?
Man muss mit Dolmetschern arbeiten, wobei es in Somalia auch viele Leute gibt – besonders bei den Behörden – die fliessend Englisch sprechen. Das sind oft Flüchtlinge, die in Ländern wie die Niederlande, Norwegen oder Kanada Asyl erhielten und jetzt bereit sind, sich für den Wiederaufbau des Landes einzusetzen. Sie sind gut ausgebildet und versuchen, das Land nach dieser langen Kriegsperiode wieder aufzubauen. Diese gemeinsame Verständnisgrundlage ist sehr hilfreich.
Wie sehen Sie die Zukunft von Somalia?
Im Moment ist der Trend insgesamt positiv, aber es wird lange dauern, bis das Land wirklich wieder auf eigenen Füssen steht. Das ist keine Frage von drei oder fünf Jahren, aber wir sehen seit 2012/13 eine Entwicklung in eine positive Richtung, welche aber keinesfalls abgesichert ist. Jederzeit kann es einen Rückfall in eine politische Krise und in Gewalt geben. Doch das soll uns nicht davon abhalten, diesen Staat zu unterstützen. Einige grosse Probleme sind nach wie vor ungelöst und grosse ländliche Teile des Landes, welche nicht so dicht besiedelt sind, werden noch immer von der islamistischen al-Shabaab-Miliz kontrolliert.
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