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Eine Kurzgeschichte
Tödlich. Er las hektisch noch einmal alle Symptome durch. Hohes Fieber hatte er zwar nicht, jedoch war er sich sicher, dass er Temperatur hatte. Vielleicht so 38 Grad, vielleicht auch 39. Doch um sichergehen zu können, bräuchte er den Fiebermesser, welcher die doofe Mutter des doofen Kindes des Nachbarhauses ausgeliehen hatte. Wieso konnte er nie NEIN sagen. Es war doch so ein beschissenes kurzes Wort.
N E I N. Vier Buchstaben und er hätte den Fiebermesser noch in seinem Medikamentenschrank und könnte sich vergewissern, dass er zu guter Letzt wirklich krank war. Er knetete ungelenk an seinem feuchten Nacken herum. Auch die Nackensteifheit traf zu. Eben wie die Kopfschmerzen. Auch das Licht kam ihm plötzlich viel zu hell vor, sodass er die schmalen Augen zusammenkneifen musste und mit unsicheren Schritten zum Fenster humpelte. Sein Knie tat seit ein paar Monaten weh. Er musste es bald operieren, auch wenn der Arzt das noch nicht gesagt hatte, sah er es in seinen Augen. Er sah es in der Tiefe der Augen des alten Arztes, welcher es leid war, die ganze Zeit Krankheiten zu diagnostizieren und von kranken Leuten umgeben zu sein. Aber wer geht schon zum Arzt, wenn man gesund ist. Niemand.
Er zog die schweren grünen Vorhänge zu und der Raum verdunkelte sich. Dann humpelte er zurück zum Schreibtisch, auf dem der Laptop grell leuchtete. Er las noch einmal die ganze Seite gründlich durch, wobei er es eigentlich schon wusste. Fieber. Kopfschmerzen. Tod. Bewusstlosigkeit. Tödlich. Bakterielle Meningitis. Tödlich. Innerhalb von Stunden. Geräusche-Empfindlichkeit. Tödlich. Tödlich. Bleibende Schäden. Tödlich. Er klappte den Laptop hektisch zu, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und begann zu schluchzen. Der Raum war komplett dunkel und die Stille wurde alle vier Sekunden von einem wimmerndem Schluchzen unterbrochen. Er rieb sich über das nasse Gesicht, leckte die salzige Wange ab und hielt sich fest die Ohren zu, da ihm sein eigenes Schluchzen in den Ohren pochte. Er musste einen klaren Kopf bewahren. Sein Körper konnte krank sein, aber nicht sein Verstand. Er humpelte über den purpurroten orientalischen Teppichboden von Ikea, welcher in der Dunkelheit des Zimmers wie ein dunkler, vier Meter tiefer Schacht wirkte. Er humpelte betont langsam über den Teppich, welcher seine schweren Schritte schluckte und ihn wie einen Geist wirken ließ, welcher auf nächtlicher Spuk Tour war. Er erreichte das hässliche blaue Lämpchen des Telefons, drückte auf "Telefonbuch", eine Taste nach unten, dann auf OK. Den Hörer ans heisse Ohr gedrückt, stand er im Dunkeln und lauschte dem penetranten Tuten. “Guten Tag Herr Cander, welche Krankheit haben sie heute?’’, äffte er mit übertrieben hoher Stimme die etwas dicke Praxisangestellte nach. Die, die ihn nur grüßte, wenn er in der Praxis war. Traf er sie ihm Migros, wandte sie sich geschickt den "Weissen Bohnen"-Dosen zu, und traf er sie im Quartier, fesselte ein Baum ihre Aufmerksamkeit. Sie gehörte zu den Möchtegern-Menschen. Sie tat alles, um ein Mensch zu sein, war es aber trotzdem nie so richtig. "Für Elise" klimperte in seinen Ohren und er knetete mit der freien Hand seinen Nacken, dann rieb er sein heisses Knie. Gerade als er auf die private Handynummer des Arztes anrufen wollte, die er von Freunden von Bekannten bekommen hatte, nahm die Praxisangestellte den Hörer ab und trällerte mit übertrieben hohen Stimme: ,,Guten Tag Herr Cander, welche Krank…’’ ,, Ja halten sie doch den Schnabel und geben Sie mir den Doktor."
Von Elena