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Der uruguayische Autor treibt den Bücherwahn seines Vorbilds Jorge Luis Borges auf die Spitze.
Dass Bücher verrückt machen können, wusste schon der Vater der lateinamerikanischen Bibliomanie, Jorge Luis Borges. So dicht wie in seiner Erzählung «Die Bibliothek von Babel» stehen Faszination und Wahnsinn, von Büchern verursacht, selten zusammen: Borges spielt hier den Gedanken durch, in einer riesigen Bibliothek alle kombinatorisch möglichen Buchstaben- und Wortfolgen in Buchform zu sammeln, egal wie absurd oder sinnvoll. «Auf eine einzige verständliche Zeile oder eine treffende Anmerkung entfallen Meilen sinnloser Kakophonien, sprachlichen Kauderwelschs oder zusammenhanglosen Zeugs.» Der verblüffende Nebeneffekt: Alles, was jemals formuliert werden kann, egal in welcher Sprache, wäre in dieser irrwitzigen Sammlung bereits enthalten. Und Schreiben hiesse (ein Albtraum für alle auf Originalität bedachten AutorInnen) immer nur, etwas Vorhandenes noch einmal zu formulieren. Diese «unmenschliche Bibliothek» würde «die Intelligenz eliminieren», so Borges – falls man sich von dieser grandiosen Fantasie beeindrucken lässt. Aus dem Paradox, dass er zugleich einer der originellsten Schriftsteller ist, der ganzen Generationen von Autoren zur Orientierung dient, hätte er einen unterhaltsamen Text machen können.
Borges, der vermutlich nicht alles, aber doch unglaublich viel gelesen hat, machte das Problem zur Methode und perfektionierte das Weiterdenken und -schreiben bereits vorhandener Texte, wie in der jüngst erschienenen Essaysammlung «Eine neue Widerlegung der Zeit und 66 andere Essays» nachzuvollziehen ist. Eine schmale Erzählung aus Uruguay aber treibt nun den Bücherwahn – in gut erkennbarer Anlehnung an den grossen Meister – auf eine neue Spitze. Carlos María Domínguez, 1955 in Buenos Aires geboren, führt in «Das Papierhaus» vor, wie der unsachgemässe Umgang mit gebundenen Druckerzeugnissen nicht nur den Verstand, sondern auch die physische Existenz ruinieren kann. Ein Beispiel: Carlos Brauer, ein «aussichtsloser Fall», ein «Abhängiger», «hat jede Lektüre verschlungen, die ihm in die Finger kam». Tagsüber Angestellter im uruguayischen Aussenministerium, verbringt er seine einsamen Abende mit nichts anderem als dem Lesen und Sammeln von Büchern. Die geschätzten zwanzigtausend Bände sprengen die Wohnung, sie stapeln sich bis ins Bad und «sind ihm nur deshalb erhalten geblieben, weil er kein warmes Wasser mehr laufen liess, um den Dampf zu vermeiden. Er duschte kalt, im Sommer wie im Winter.»
Brauer ist getrieben von dem Zwang, die Kontinente des gedruckten Wortes zu erobern, ja mit «kannibalistischem Stolz» zu verschlingen. Er presst den Büchern ihren Sinn ab, folgt allen Querverweisen, klärt jede Andeutung, schreibt die Ränder voll. So entsteht in seinem Kopf eine Landkarte der Literatur, die durchaus an Borges’ «Bibliothek von Babel» erinnert. Aber Brauer scheitert – das hätte er als Borges-Leser wissen können – an den Dimensionen. Er findet sich schlicht nicht mehr zurecht. Sein Katalog ist veraltet, und bei dem Versuch, die Sammlung zu ordnen, läuft seine Passion aus dem Ruder, denn er gruppiert nicht nach dem Alphabet, sondern danach, wie sich die Autoren gedanklich anziehen oder abstossen. So kann Shakespeare nicht neben Marlowe stehen: «wegen der Plagiats-Vorwürfe beider Autoren». Auch nicht Martin Amis neben Julian Barnes: «nachdem die Freunde sich zerstritten hatten». Und: «Dostojewski hat letzten Endes viel mehr mit Roberto Arlt gemeinsam als mit Tolstoi». Schliesslich kommt es zum GAU – sein Katalogkasten brennt ab, der Schaden ist nicht wieder gutzumachen.
Eine Parabel auf das Dilemma der Unüberschaubarkeit also, auf das offene Buch der Bücher, das nicht zu Ende gelesen werden kann. Aber Domínguez bietet einen interessanten Ausweg. Brauer, der nach dem Brand den Verstand verloren hat, schafft seine Bibliothek karrenweise ans Meer und lässt sich daraus eine Hütte bauen, die Bücher dienen als Ziegelsteine: «Das Einzige, was zählte, waren die Grösse und Dicke der Bücher und ob ihre Deckel stabil genug waren, dem Gemisch aus Kalk, Zement und Sand standzuhalten.» So wird sein Bücherreich doch bewohnbar – wenngleich nicht auf Dauer. Diese Geschichte von Carlos Brauer hat Domínguez in eine kriminalistisch angehauchte Story eingebettet: Sein Held hatte auf einem Kongress Bluma Lennon, eine Literatur-Dozentin aus Cambridge, kennen und lieben gelernt, mit ihr eine Nacht verbracht. Doch Bluma Lennon kommt – so beginnt die Erzählung – bei einem Verkehrsunfall ums Leben, wenige Tage später erhält ihr Nachfolger eine anonyme, an Bluma gerichtete Buchsendung: einen Band Joseph Conrad, mit Spuren von Zement und einer mysteriösen Widmung. Dieser Nachfolger macht sich nun auf die Suche nach dem Absender und stösst auf die Geschichte von Carlos, um schliesslich Bluma das zementierte Buch auf das Grab zu legen.
Vor allem die Rahmengeschichte sorgt dafür, dass das Buch insgesamt zerfahren und unfertig wirkt. Trotz dem geringen Umfang bleiben einige Erzählfäden in der Luft hängen, den knapp und präzise erzählten Passagen stehen andere gegenüber, in denen noch ein paar entbehrliche bibliophile Details untergebracht werden mussten. Unverständlich auch, dass ein Buch über die Liebe zum Buch derart viele Fehler enthält; nicht nur die Kommas sind eher beliebig verstreut, auch Autorennamen sind falsch geschrieben («Hidobro», «Quiroba», «Marlow»). In Borges’ babylonischer Bibliothek jedenfalls wäre das Buch mit seinen Abweichungen schwer zu finden. Dennoch: Wie Domínguez den Hausbau am Meer schildert, wird man so schnell nicht vergessen. Auch nicht, wie Carlos eines Tages den Brief von Bluma erhält. Auf der Suche nach dem eingemauerten Band beginnt er, an seinem Haus herumzuhacken, das Gebäude bricht in sich zusammen, und Carlos zieht davon, ohne eine Spur zu hinterlassen.