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SRF News: Wie ist die Recherche genau abgelaufen?
Oliver Zihlmann: Wir haben vor über einem Jahr zum ersten Mal von diesen Daten gehört und die ersten Muster gesehen. Es ist unmöglich, auch nicht mit über 380 Journalisten, dieses Material [über 13 Millionen Dokumente] zu bewältigen. Einerseits gingen wir in den verschiedenen Ländern arbeitsteilig vor. Auf der anderen Seite muss man die richtigen Fragen an das Material, die Quellen, stellen, um vernünftige Antworten zu bekommen.
Wie eng war die Zusammenarbeit mit den internationalen Kollegen?
Sie war extrem eng. Während der Recherchen zu Glencore habe ich zum Beispiel regelmässig Konferenztelefonate mit den Kollegen aus Australien, Kanada, Deutschland, Frankreich geführt, in denen wir in unterschiedlichen Zeitzonen gemeinsam diskutiert haben. Es ging um Einzelheiten der Geschichte und darum, wie wir weiterarbeiten. Es ist also tatsächlich eine gemeinsame Recherche und nicht einfach ein Verteilen von unterschiedlich erstellten Artikeln.
Im Fall Glencore werden Geschäfte in einem Umfeld gemacht, das sehr, sehr heikel und risikoreich ist. Nicht nur für Glencore, sondern auch für die Schweiz.
Im Artikel über Glencore steht, dass das Rohstoffunternehmen möglicherweise gegen geltendes Recht verstossen hat: Konkret, falls Geld von Glencore im Zusammenhang mit Rohstoffabbau im Kongo für Bestechung verwendet worden wäre. Was erhoffen Sie sich von dem Artikel, der heute veröffentlicht wurde?
Wir hatten in den 1990er und 2000er Jahren grosse Schwierigkeiten mit den Schweizer Banken, die im Ausland Risiken eingegangen sind. Als wir uns die Verträge der Rohstofffirmen angeschaut haben, stellte sich uns die Frage: Gehen unsere sehr bedeutenden, grossen Rohstoffkonzerne im Ausland ähnliche Risiken ein wie damals die Banken? Und läuft der Wirtschaftsstandort Schweiz damit Gefahr, erneut einen Reputationsschaden zu erleiden?
Das sind Fragen, die uns alle angehen. Im Fall Glencore werden in einem Umfeld Geschäfte gemacht, das sehr, sehr heikel und risikoreich ist. Nicht nur für Glencore, sondern eben auch für die Schweiz.
Sie erheben sehr konkrete Anschuldigungen. Bewegen Sie sich damit nicht auf sehr dünnem Eis? Sie kennen ja zum Beispiel auch die Quelle dieses Datensatzes nicht.
Die Anschuldigungen im eigentlichen Sinn sehe ich nicht. Wir haben aufgezeigt, wer mit wem wo Geschäfte gemacht hat, und welche Personen involviert waren. Die Experten, die wir mit den Fakten konfrontiert haben, sahen dann hohe Risiken, weil die Prüfung dieser Leute womöglich nicht richtig durchgeführt wurde. Letztlich ist das aber eine Experteneinschätzung, die wir so wiedergeben.
Glencore hat nicht spezifisch geantwortet. Aber es stellt sich nun die Frage an Glencore, ob das Unternehmen die Leute, mit denen es zusammengearbeitet hat, genügend geprüft hat. Das wird die Zukunft weisen.
Sie haben eine Vielzahl an Geschäftsbeziehungen und Steuerpraktiken aufgedeckt. Ein Grossteil davon ist zumindest nicht illegal. Ist es nicht auch problematisch, dass Sie teils Einzelpersonen namentlich an den Pranger stellen, die nichts Verbotenes getan haben?
Die Frage stellt sich immer dann, wenn öffentliche Gelder involviert sind; also wenn es die Öffentlichkeit oder diejenigen, deren Geld verwaltet wird, etwas angeht. In diesem Sinne betrifft es beispielsweise die Bevölkerung von Angola, deren Gelder von der Firma eines Schweizers verwaltet werden oder die Bevölkerung des Kongo, deren Lizenzen hier verhandelt werden.
Diese Leute haben immanentes, überwiegendes öffentliches Interesse, zu wissen, was für Geschäfte in ihrem Land laufen. Unter dieser Bedingung kann man diese Geschäfte auflisten: Es geht schliesslich um öffentliche Gelder.
Sie sehen diese Recherche also als Dienst an der Zivilgesellschaft?
Natürlich. Unsere Aufgabe ist es, auf Dinge aufmerksam zu machen, die wichtig sind und die wir alle wissen müssen. Angelegenheiten, die Behörden wie die Bevölkerung etwas angehen. In der Schweiz werden etwa immer noch sehr viele Meldungen an die Geldwäschereistelle aufgrund von Artikeln von Journalisten gemacht. Sie erfüllen diesbezüglich eine sehr wichtige Warnfunktion, quasi eine Vorabwarnung für die Behörden, die diese dann auch eifrig nutzen und umsetzen. Das gilt für die Schweiz, aber auch für Afrika.
Das Gespräch führte Melanie Pfändler.