Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03468.jsonl.gz/2968

| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Zwanzigste Unterredung, welche die des Abtes Pinusius ist über das Ziel der Buße und die Genugthuung.
[S. 263] 1. Von der Demuth des Abtes Pinusius und 'seinem Bestreben, verborgen zu bleiben.
Im Begriffe, die Lehren des herrlichen und einzigen Mannes, des Abtes Pinusius über das Endziel der Buße mitzutheilen, scheint es mir, daß ich einen großen Theil des Stoffes hinweglassen würde, wenn ich das Lob seiner Demuth, das ich im vierten Buche der Institutionen, 1 welches den Titel führt: Regeln für die Novizen, aus Sorge vor der Übersättigung der Leser nur mit wenigen Worten berührte, hier mit Stillschweigen übergehen würde. Könnten ja doch Viele, welche keine Kenntniß von jenem Werkchen haben, auf diese Lektüre stoßen, und es wankt alles Ansehen der Worte, wenn das Verdienst des Redenden vorenthalten wird. Da also Dieser, wie dort gesagt wurde, [S. 264] nicht weit von Panepphysis, einer Stadt Ägyptens als Abt und Priester einer ungeheuren Klostergemeinde vorstand, und ihn in jener ganzen Provinz der Ruhm seiner Tugenden und Wunder so erhoben hatte, daß es ihm schien, als habe er schon durch das vergeltende Menschenlob den Lohn für seine Mühen empfangen: da fürchtete er, es möchte die ihm besonders verhaßte Eitelkeit auf die Volksgunst ihm die Frucht seines ewigen Lohnes zu Nichte machen, floh heimlich aus seinem Kloster und ging in die verborgensten Einöden der tabennensischen Mönche, 2 wo er nicht die Einsamkeit der Wüste, nicht die Sicherheit des Einsiedlerlebens suchte, die gerade auch Unvollkommene oft in hochmüthiger Anmaßung anstreben, weil sie die Mühe des Gehorsames im Kloster nicht aushalten, sondern die Unterwürfigkeit in einem sehr berühmten Kloster wählte. Damit ihn nun nicht irgend ein Zeichen seines Gewandes verrathe, lag er in weltlichem Kleide viele Tage, wie es dort Sitte ist, weinend vor den Thoren und warf sich Allen zu Füßen. Hier war man nun lange abstoßend gegen ihn und sagte, um seine Sehnsucht zu erproben, er habe im äussersten Alter nur aus Brodmangel, nicht aus reiner Absicht diesen hl. Beruf gesucht. Endlich erhielt er die Aufnahme, wobei er einem jungen Bruder, der die Pflege des Gartens übernommen hatte, zur Beihilfe zugetheilt wurde, und nun nicht nur Alles, was dieser sein Vorgesetzter ihm befahl, oder was die Besorgung des ihm auferlegten Dienstes erforderte, zur Verwunderung über eine so heilige Demuth verrichtete, sondern auch jene notwendigen Geschäfte, welche wegen ihrer Abscheulichkeit von den Übrigen gemieden wurden, Nachts mit so heimlicher Arbeit fertig machte, daß am Morgen die ganze Gemeinde voll Staunen nicht wußte, wer diese so nützlichen Arbeiten verrichtet habe. Als er so dort fast drei Jahre voll Freude über die ersehnten Lei- [S. 265] den der erniedrigenden Unterwürfigkeit zugebracht hatte, da geschah es, daß ein ihm bekannter Bruder aus jenen Gegenden Ägyptens, die er verlassen hatte, ankam. Nachdem dieser wegen der geringen Kleidung und Dienstleistung die Leichtigkeit der sofortigen Erkennung in langem Zweifel zurückgehalten, warf er sich nach genauer Betrachtung zu dessen Füßen nieder und erregte zuerst bei allen Brüdern Staunen, dann aber, nachdem er seinen Namen genannt hatte, der auch bei ihnen durch den Ruf besonderer Heiligkeit bekannt war, auch Reueschmerz, weil sie nemlich einen Mann von so viel Verdienst und Priesterwürde zu solch niedrigen Verrichtungen angewiesen hatten. Nachdem er nun unter reichlichen Thränen und, seinen Verrath als ein schweres Unglück dem Neide des Teufels zuschreibend, mit einer ehrenvollen Wache der Brüder in sein Kloster zurückgeführt war, blieb er dort eine kurze Zeit, fand sich wieder abgestoßen von den Pflichten seiner Würde und Vorstandschaft, bestieg heimlich ein Schiff und ging nach Palästina, einer Provinz Syriens, wo er wie ein Anfänger und Novize in jener Klosterwohnung, in welcher wir lebten, aufgenommen wurde und auf Befehl des Abtes in unserer Zelle blieb. Aber auch dort konnte der Werth seiner Tugend nicht lange verborgen bleiben. Denn durch ein ähnliches Erkennen entdeckt und in sein Kloster mit ungeheurer Verehrung und Lobeserhebung zurückgerufen, ließ er sich endlich bestimmen, zu sein, was er war.
1: Einrichtungen d. Klöst. 4, 30.
2: Mönche von der Regel des hl. Pachomius auf der Nilinsel Tabennä.