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Michelangelo und Palladio. Zwei Hauptmeister waren es, welche die Eigenart der «Hochrenaissance» bestimmt haben: Michelangelo und Palladio, und diese wurden denn auch maßgebend für die weitere Entwicklung der Baukunst. Für das Verständnis derselben erscheint es mir notwendig, nochmals auf einige Verschiedenheiten zwischen diesen Beiden aufmerksam zu machen. Michelangelo hatte die Antike gewissermaßen nur als eine Vorschule betrachtet, in welcher man lernen sollte, für die eigenen neuen Gedanken auch eine entsprechende neue Form zu finden. «Aus sich heraus etwas Gutes schaffen, nicht anderen nachlaufen», mit diesen Worten hatte er seine Stellung zur Antike gekennzeichnet. Er ist daher durchaus «persönlich» und verlangt auch von jedem Künstler, daß er nach eigenem Willen und Können schaffe, sich selbst seine Gesetze finde. Dieser Forderung zu entsprechen, war nicht leicht, sie hatte zur Voraussetzung eine ebensolche künstlerische Kraft, wie sie Michelangelo zu eigen war. Wir sehen daher auch, daß schon die Zeitgenossen und nächsten Nachfolger des Meisters eigentlich im Gegensatz zu ihm stehen, indem sie davon ausgehen, daß man durch das Studium der Antike deren Gesetze, überhaupt das ganze Wesen derselben vollständig in sich aufnehmen müsse, um dann im Geiste derselben selbständig schaffen zu können. Sie trachteten also gewissermaßen selbst «antike Künstler» zu werden, während Michelangelo ein «moderner» sein wollte. Nur zwei Meister waren bestrebt, ganz seiner Lehre zu folgen: Ammanati und Vasari, aber diesen fehlte die große künstlerische Kraft, um Bedeutsames zu leisten, und dadurch schienen sie nur die Anschauung der anderen Partei zu bekräftigen, daß nicht die persönliche Freiheit, sondern die Beachtung der Gesetze für die Kunst ersprießlich sei. Dafür war schon Vignola eingetreten und der Hauptvertreter dieser Richtung wurde Palladio, der in allem und jedem die Antike «neu beleben» wollte. Er wandte nur Formen an, für welche es antike Vorbilder gab, und seine Kirchen sollten ins Christliche übertragene Tempel sein, während Michelangelo, wie seine Entwürfe für die Peterskirche zeigen, eine ursprünglich-neue Form für das christliche Gotteshaus zu erfinden sich bemühte. Doch auch Palladios Lehre in ihrer vollen Strenge drang nicht durch, sondern hatte im Gegenteil zur Folge, daß man wieder mehr dem Standpunkt Michel-
^[Abb.: Fig. 595. Guarini: Palazzo Carignano.
Turin.]
angelos sich näherte und von dem Joche der «antiken Gesetze» sich zu befreien suchte. Der Grundsatz, daß der Künstler seinen eigenen persönlichen Anschauungen folgen dürfe, kam wieder zu Ehren.
In diesem Sinne ist nun Michelangelo der «Vater des Barockstiles» geworden, der zunächst die Richtung Palladios ganz in den Hintergrund drängte. Als jedoch jener «entartete», richtiger gesagt, sich ausgelebt hatte, weil er eine Weiterbildung nicht mehr zuließ, und schließlich nur Uebertreibung seiner Formen, aber keine Erfindung neuer stattfand, griff man wieder auf Palladio zurück, und dieser wurde daher zu Ende des 18. Jahrhunderts der «Vater» jener neuen Richtung, die man mit dem Namen «Klassicismus» bezeichnet.
Carlo Maderna. Der Kampf zwischen den vorhin geschilderten Richtungen spielte sich hauptsächlich an vier Stätten ab, in Florenz, Genua, Venedig und Rom. Gerade
^[Abb.: Fig. 596. Guarini: Kapelle del Sudario.
Turin.]