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Münze
Jede Münze jeder Währung, jedes Wertes und jeder Prägung zeigt über "Zahl" und "Kopf" hinaus ein verborgenes Prägebild der Juno, der Gattin des Jupiter - nicht augenfällig im glänzenden Metall, sondern ohrenfällig im klingenden Namen: Die römische Göttin Juno hat allen griechischen so genannten nomísmata, buchstäblich den "Anerkannten", und allen lateinischen auch sprachlich abgegriffenen nummi im Nachhinein ihren römischen Beinamen Moneta aufgeprägt.
Die Wortgeschichte unserer "Münze" führt geradewegs aufs Kapitol, auf dessen östliche Kuppe, die sogenannte "Burg" - dorthin, wo heute die Kirche S. Maria in Aracoeli aufragt. Unter dem Beinamen Moneta, die "Mahnerin", einer altertümlichen Ableitung von dem Verb monere, "mahnen", genoss die Gattin des Kapitolinischen Jupiter dort seit alters kultische Verehrung. Aber "Mahnerin" wozu und Verehrung wofür? Das war schon in klassischer Zeit in Vergessenheit geraten. In seinem Geschichtswerk "Seit Gründung der Stadt" berichtet Livius, der Dictator Lucius Furius Camillus habe mitten im Kampf gegen die oskischen Aurunker "der Juno Moneta" einen Tempel gelobt, und Titus Manlius Torquatus habe diesen Tempel in seinem zweiten Konsulat - im Jahre 344 v. Chr. - auf der "Burg" geweiht. Doch wozu diese "Mahnerin" da gemahnt hatte, davon sagt Livius nichts.
Eine "von vielen Autoren" überlieferte Version hat Cicero beiläufig weiter überliefert: Nach einem Erdbeben habe eine Stimme "vom Tempel der Juno von der Burg herab" die Römer aufgerufen, zur Entsühnung der Bürgerschaft eine trächtige Sau zu opfern: "Darum habe man diese Juno die Mahnerin genannt". Wenn das so zuträfe, hätte der Tempel auf der "Burg" bereits vor dieser "Mahnung" dort gestanden und wäre nicht um einer solchen "Mahnung" willen erbaut worden. Und an der Schwelle zwischen Antike und Mittelalter, ein rundes Jahrtausend nach jenem Dictator Camillus, erklärt der Erzbischof Isidor von Sevilla in seinen enzyklopädischen "Etymologien", Moneta sei diese Juno genannt worden, weil sie "mahne, dass man sich keinen Betrug mit dem Metall oder dem Gewicht zuschulden kommen lasse". Da spricht dieser Isidor offenbar von den rechten Goldgehalten und Münzgewichten und von Falschmünzerei, und da ist nun eindeutig das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt.
Denn anders als das erste Wegstück dieser Wortgeschichte von der Juno zur "Moneta" liegt das zweite von der "Moneta" zur "Münze" offen zu Tage: Im Tempel der Juno Moneta auf der "Burg" des Kapitols hatten die Römer unter dem Schutz der Göttin ihre Gold- und Silbervorräte samt der Münzwerkstätte untergebracht, und schon in klassischer Zeit konnte der ursprünglich auf die Göttin gemünzte Beiname Moneta, "Mahnerin", sozusagen klein geschrieben werden: In einer ersten Uebertragung bezeichnete ebendiese moneta zunächst die Prägestätte selbst, in einer zweiten Uebertragung dann auch das darin geprägte Geld, die Gold-, Silber- und Bronze-"Münzen".
Inzwischen ist aus der Münzprägestätte im Tempel der Juno eine rechte Wortprägestätte geworden. Im Deutschen ist daraus über eine spätlateinische munita und eine althochdeutsche munizza die "Münze" hervorgegangen, und dies in doppeltem Sinn: Neben der vorherrschenden Bedeutung der geprägten "Münze" klingt die ursprüngliche Bedeutung der prägenden "Münze", der "Prägestätte", im Deutschen noch vernehmlich nach. Das englische mint hat sich bis heute auf diese Ursprungsbedeutung der alten moneta beschränkt, während die französische monnaie und in Anschluss daran das englische money ihren Bedeutungsbereich über das gemünzte Metallgeld auf alles Geld, auch das gedruckte Papiergeld, ausgeweitet haben. Aus dem Studentenlatein des 18. Jahrhunderts sind die "Moneten", die einer hat oder nicht hat, längst in den allgemeinen Slang übergegangen, und mit dem "EMS", dem European Monetary System, hat diese altrömische Juno Moneta zuletzt noch ihren speziellen Beitrag in die Euro-Wörterkiste der jungen Europäischen Union geworfen. Wozu will sie da wohl mahnen?
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster