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Kürzlich bin ich dem Begriff ‘Palimpsest’ begegnet, von dem ich nicht wusste, was er bedeutet: Er wird verwendet für das Überschreiben eines Textes mit einem andern und im übertragenen Sinn für die Aufeinanderschichtung verschiedener Bedeutungsinhalte. In den Zeiten, wo man auf Pergament, einer gegerbten Tierhaut, geschrieben hat, war es üblich, Texte, die man glaubte, nicht mehr zu brauchen, von der Oberfläche wegzukratzen, um sie erneut beschreiben zu können. Allerdings sah man bei genauem Hinschauen darunter auch noch den alten Text. So gab es mit der Zeit eine Übereinanderschichtung von verschiedenen Texten, wobei der oberste ganz deutlich war und je älter der Text, umso undeutlicher er zu erkennen war.
In neuerer Zeit, als man schon lange nicht mehr auf Pergament schrieb, hatten Kinder ein Spielzeug, das man Zaubermaltafel oder ähnlich nannte: Man zeichnete auf eine Cellophanschicht, die mit einer Wachsschicht unterlegt war. Wollte man etwas Neues zeichnen, konnte man mit einem Schieber zwischen Cellophan und Wachs das Bild löschen und ein Neues zeichnen. Aber auch hier schimmerte durch das Neue das Alte durch.
Sigmund Freud war davon fasziniert, weil es ihn an das Funktionieren des menschlichen Geistes erinnerte, der sowohl wahrnehmen als auch erinnern kann, wobei eben die Erinnerung durch eine neue Wahrnehmung nicht unbedingt gelöscht wird. Er widmete diesem Gerät sogar einen kleinen Aufsatz mit dem Titel ‘Notiz über den Wunderblock’ (StA, Bd. III).
Später stiess ich darauf, dass sich der britische Essayist Thomas de Quincey (1785-1859) in seinem Buch ‚Confessions of an English Opium-Eater‘ schon viel früher ganz ähnliche Gedanken gemacht hat: “What else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.”
Thomas De Quincey, Suspiria de profundis – Confessions of an English Opium-Eater, 1845