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Frage: 765
Lieber Hans Peter,
danke, dass Du nun doch versuchst, mir zu zeigen, worin mein "Irrtum" besteht. Doch überzeugt hat's mich noch nicht.
Die von Dir zitierte Auslegung Crawfords (Was die Bibel lehrt) ist mir gut bekannt. Ich hatte sie schon bevor ich zu Euch nach Frauenfeld kam, studiert. Das Meiste, was er und auch MacDonald (Kommentar zum NT) schreiben, kann ich gut nachvollziehen. Ich stimme fast immer auch problemlos mit ihnen überein. Doch es fällt auf, dass weder Crawford noch MacDonald das Problem der Tage des Sohnes des Menschen vor der Flut (V.26+27), bzw. vor der Drangsal erklären.
Aus dem Zusammenhang des Verses Lk.17,22 schließe ich, dass es sich bei den Tagen des Sohnes des Menschen um Tage handeln muß, an denen er auf Erden zu sehen ist (V.23). Das sieht auch MacDonald so, denn er schreibt: "sie würden sich nach einem der Tage sehnen, an denen er auf Erden bei ihnen war" (Kommentar zum NT). Aus den Versen 26 und 27 geht aber hervor, dass es sich bei den Tagen des Sohnes des Menschen um zukünftige Tage handeln muß, die noch vor dem sichtbaren Erscheinen des Herrn liegen. Damit können aber nicht die Tage der Drangsal gemeint sein, denn gerade an diesen Tagen werden sie sich danach sehnen, den erwarteten Messias zu sehen und sie werden ihn nicht sehen. Es müssen also die Tage vor der Drangsal gemeint sein. Diese Sicht wird auch durch den Vergleich der Tage Noahs mit den Tagen des Sohnes des Menschen bestätigt: Noah war vor und nach der Flut auf der Erde. Während der Flut jedoch nicht. Die kompletten Tage Noahs "auf Erden" setzen sich zusammen aus Tagen vor und nach der Flut. Beachte den Unterschied zwischen Mt. 24,38 (in den Tagen vor der Flut) und Lk. 17, 26 (in den Tagen Noahs, das sind mehr Tage als in Mt.24,38). Die Tage des Sohnes des Menschen umschließen also nicht nur die Zeit der Gemeinde Jesu auf Erden, sondern auch die Zeit seiner persönlichen Anwesenheit auf Erden. Die Drangsalszeit wird dagegen die Zeit sein, in der man keinen der Tage des Sohnes des Menschen sehen bzw. erleben wird (V.22). So gesehen steckt in dem schlichten Vers 26 eine ähnlich kostbare Wahrheit wie in Joh. 14,6: In den Tagen Noahs gab es Rettung vor dem Gericht nur durch Noah, in den Tagen des Sohnes des Menschen gibt es Rettung vor dem Gericht nur durch den Herrn Jesus, was wirklich eine herrliche Botschaft ist.
Hier deshalb nun eine dem Text folgende, zeitliche Einordnung von Lk.
17,26-35:
Lk. 17,26-28: unsere Zeit heute (die Tage des Sohnes des Menschen bis zu "dem Tag") Lk. 17,29-33: der Tag des Herrn (der erste Teil dieses Tages wird übrigens in Zeph. 1,14-18 sehr treffend beschrieben) Lk. 17,34-35: unsere Zeit heute (jene bzw. diese Nacht, siehe auch
Rö.13,12)
Begründung:
Der Herr Jesus spricht in den Versen 26-28 von unserer heutigen Zeit, von den Tagen "bis zu dem Tag" (= der Tag des Herrn). In den Versen 29-33 spricht er dann nur von diesem Tag. Das wird deutlich durch "an dem Tag" (V.29), "an dem Tag" (V.30) und "an jenem Tag" (V.31), was stets der gleiche Tag ist, nämlich der Tag des Herrn. Doch in den Versen 34 und 35 spricht der Herr nicht mehr von dem Tag des Herrn, sondern er spricht von "jener Nacht" (Interlinearübersetzung: von "dieser Nacht", was zeigt, dass hier im Grundtext ein anderes Wort als in V.31 steht). "Diese Nacht" steht also im Gegensatz zu "jenem Tag", wovon der Herr zuvor sprach. Das Wort "diese" scheint auch ohne Kenntnis über die prophetische Nacht, in der wir heute leben, darauf hinzuweisen, dass es hier um die Nacht vor dem Tag des Herrn geht, denn "dieses" ist rein sprachlich immer näher zum Sachbezug als "jenes", was weiter in der Ferne liegt.
Fazit:
Sollte diese Exegese der zeitlichen Merkmale des Textes zutreffen, dann müssen der wörtlichen Auslegungsmethode folgend die im Text selbst beschriebenen Ereignisse auch dementsprechend eingeordnet und interpretiert werden. Das Ergebnis sieht dann allerdings doch ein wenig anders aus, als u.a bei Crawford.
Noch eine Bemerkung zu der Sicht Crawfords: Mt. 24,42 ist kein Beleg dafür, dass es sich in Lk. 17,34-35 um Juden handelt. In Mt. 24,42 sind die Jünger Jesu angesprochen. Es sind die selben Personen angesprochen, die aus Joh. 14,3 bereits wußten, dass der Herr Jesus sie bei seiner Ankunft entrücken (= zu sich nehmen, im Grundtext übrigens das selbe Wort wie in Lk. 17,34) wird. Ehrlich gesagt: da fühle ich mich auch angesprochen, obwohl ich kein Jude bin. Siehe auch das "euch" in V. 34.
Mir scheint die Darstellung, dass es sich sowohl bei den Weggenommenen als auch bei den Zurückgelassenen in Lk. 17, 34-35 ausschließlich um Angehörige des Volkes Israel handelt, keine Exegese zu sein, sondern eine Schlußfolgerung, basierend allein auf der Annahme, die Endzeitreden des Herrn seien für die Gemeinde nicht relevant.
in IHM
Dein Bernd