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Buddhas Schüler begegnen Vimalakirti
Vimalakirti Sutra 3.1 – Dieses Kapitel handelt von Begegnungen zwischen Buddhas Schülern und Vimalakirti. Erstere, allesamt Mönche, werden von Buddha gebeten, den kranken Vimalakirti zu besuchen, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen. Doch die Schüler weigern sich einer nach dem anderen, dieser Bitte nachzukommen. Sie begründeten dies damit, dass sie einst vom Vimalakirti belehrt wurden und sich ihm deshalb unterlegen fühlten.
Im Grunde genommen handelt es sich in diesem Kapitel um Auseinandersetzung mit Meinungen, Dogmen und Gebote des Buddhismus. Vimalakirti vertritt dabei die Rolle eines Menschen, der sich von allen Konzepten und Lehrmeinungen befreit und und damit Buddhas Weisheit vollkommen ins tägliche Leben integriert hat.
Vorbemerkungen
Im Folgenden möchte ich einige Bemerkungen anführen, die mir für das Verständnis dieses Kapitels wichtig scheinen. Diese sollte man sich beim Lesen vor Augen halten.
Die Ausgangslage: Die Welt und die Menschen zur Zeit des Buddha waren nicht wesentlich anders als heute. Der Buddha war einer von vielen Heiligen oder Wanderpredigern Indiens, vergleichbar mit heutigen spirituellen Lehrern oder Ratgeber. Wann immer ein sehr bekannter und berühmter Weiser, Yogi oder Guru in die Gegend kam, verbreitete sich die Nachricht mündlich. Dann versammelten sich die Menschen spontan am besagten Ort, um den Meister zu sehen und zu hören. Man begegnete dem Betreffenden mit viel Respekt und Ehrfurcht, aber auch mit grossen Erwartungen. Und meistens gab es zahlreiche Gerüchte über seine übernatürlichen Wunderkräfte.
Der Buddha war immer umgeben von einer Schar erfahrener Schüler. Seine Gefolgschaft war so gross, dass er unmöglich jedem Anfänger zeigen konnte, wie man meditiert oder jeden persönlich begleiten und beraten konnte. Deshalb betraute er seine erfahrensten Schüler mit gewissen Lehrfunktionen. Und so haben sich die Menschen oft an die Schüler gewandt, wenn sie Rat und Anleitung wünschten oder auch bloss neugierig waren, was dieser Buddha sagte.
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Buddhas Schülerschaft: Mit der Zeit übertrug sich der Respekt und die Erwartungen, die dem Buddha zukamen, auch auf seine Schüler. Sie waren es, die die Lehre des Buddha nach aussen verbreiteten und repräsentierten. Das ist etwa so, wie wenn man das Können und die Kunst eines Dirigenten an der Leistung seines Orchesters abliest oder die Qualität einer Universität an der Leistung ihrer Absolventen.
Damals wie heute ist es oft allerdings so, dass man nicht auf das Verhalten der Anhänger schaut, sondern allein auf deren Menge. Das heisst: Wenn jemand eine grosse Gefolgschaft hat, schliesst man daraus automatisch, dass er oder sie gut sein muss. Doch da kann man sich gründlich täuschen, die Anzahl der Gläubiger sagt nichts aus über die Qualität einer Lehre.
Buddhas Schüler waren ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Biographien und Neigungen. Einige befanden sich bereits im fortgeschrittenen Alter, andere waren sehr jung. Es gab gescheite und gelehrte, andere besassen ein einfaches Gemüt. Die einen waren von schneller Auffassungsgabe, andere wuchsen langsam heran. Der Buddha erkannte sie alle und passte seine Unterweisungen ihrem Wesen entsprechend an.
Diese persönlichen Neigungen und Charakterzüge der Jünger Buddhas werden im Sutra völlig wertfrei porträtiert. Gewöhnlich haben wir doch alle die Tendenz, vermeintliche Schwächen oder Fehler im eigenen oder fremden Verhalten negativ zu werten, zu verurteilen und wenn möglich zu verschleiern. Im Gegensatz dazu werden sie hier offen angesprochen, anerkannt und als Möglichkeit benutzt, sich davon zu befreien. Der unrealistische Anspruch und die Erwartung, dass jemand durch eine«spirituelle Praxis» ein heiliger oder unfehlbarer Mensch werden sollte, werden in diesem Kapitel konsequent demontiert. Und mit der Demontage von Arroganz und Hochmütigkeit gibt es Platz für echte Erkenntnis und Wandlung. Dies ist der eigentliche Wert dieses Kapitels
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Auffassungen innerhalb Buddhas Anhängerschaft: Man sollte auch wissen, dass es innerhalb von Buddhas Anhängerschaft zwei grundlegende Auffassungen gab in Bezug auf Buddhas Befreiungslehre. Die eine, später bekannt unter dem Namen «Hinayana, das kleine Fahrzeug», betonte die völlige Abkehr von der Welt. Ihr Ziel war es, den losgelösten, absoluten Zustand von Nirvana zu erreichen. Ihre Anhänger glaubten, nur das Leben eines Mönchs könne zur Befreiung führen. Sie hielten sich strikt an die monastischen Regeln und Gebote und vermieden es prinzipiell, sich in weltliche Angelegenheit zu verstricken.
Die andere Strömung, später bekannt unter dem Namen «Mahayana, das grosse Fahrzeug», betonte die Überwindung sämtlicher Gegensätze und Konzepte auch in Bezug auf Buddhas Lehre. Ihre Vertreter betonten die Verwirklichung der Selbsterlösung im täglichen Leben mitten in der Welt nach dem Motto: In der Welt, aber nicht von der Welt sein.
Buddhas Lehre umfasst von allem Anfang an beide Aspekte und kann nicht in zwei Teile aufgeteilt werden. Die wahre Weisheit Buddhas jedoch geht über jegliche Lehre hinaus. Denn die Wirklichkeit kann in keinem Konzept und keiner Formulierung ausgedrückt werden. Diese Transzendenz, diese Überschreiten aller Gesetze und Regeln ist Gegenstand dieses Kapitels. Dabei verkörpert Vimalakirti als vollkommen erwachter Laienanhänger Buddhas das ideale Vorbild der Mahayana-Sicht.
In unserer heutigen Beschäftigung mit diesem Sutra geht es jedoch nicht darum, den buddhistisch- philosophischen Diskurs weiterzuführen. Indes können wir Menschen in der heutigen Zeit durchaus einen Nutzen daraus ziehen, weil die Probleme und Stolpersteine der erfahrenen Schüler Buddhas dieselben waren, denen auch wir auf dem Weg begegnen. Indem wir ihnen und Vimalakirti zuhören, können wir viele Hinweise bekommen, wie wir den Sackgassen und Irrtümern einer falsch verstandenen Praxis ausweichen oder wieder entkommen können.
Shariputra und Meditation
Zu jener Zeit dachte Vimalakirti folgendes: «Nun, da ich krank bin, wird sich der barmherzige Buddha wohl meiner annehmen.»
Der Buddha wusste von seinem Gedanken und sagte zu Shariputra: «Geh zu Vimalakirti und erkundige dich nach seinem Befinden.» Shariputra antwortete: «Von aller Welt-Verehrter, es widerstrebt mir sehr, zu Vimalakirti zu gehen, um nach seinem Befinden zu fragen. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich am Fusse eines Baumes in tiefe Meditation versunken war, als Vimalakirti zu mir kam und mich über meine Idee von Meditation zurechtwies.
Shariputra war einer der ältesten und angesehensten Jünger Buddhas. Man findet ihn auch unter den Namen Sāriputta oder Śāriputra. Wir kennen ihn aus dem Herz-Sutra, wo er direkt angesprochen wird. Auch in anderen Sutras spielt er eine wichtige Rolle. Er stammte aus der Kaste der Brahmanen, der Kaste der Gelehrten und Priester. Er galt als der intelligenteste in Buddhas Gemeinschaft. Vor seinem Eintritt in Buddhas Gemeinschaft war Shariputra ein skeptischer, scharfzüngiger Gelehrter. Als er aber mit der tiefgründigen Lehre des Buddha-Dharma in Berührung kam und ihre Wahrheit in sich selbst erfuhr, war er völlig überzeugt und widmete sein ganzes Leben nur noch der Meditation. Meditation wurde sein Ein-und-Alles. Er vermied jegliche Bindungen an das weltlichen Leben und versuchte mit allen Mitteln, seinen Geist von weltlichen Einflüssen rein und frei zu behalten.
Er haftete an der Idee von Rein und Unrein und betrachtete die Sitzmeditation als Mittel, seinen Geist vor allen Befleckungen zu schützen.
Meditation ≠ Sitzen
Als Vimalakirti Shariputra eines Tages unter einem Baum sitzen sah, trat er zu ihm und sagte:
«Ehrwürdiger Shariputra: Meditation besteht nicht darin, sich von der Welt abzuwenden und still zu sitzen. Körper und Geist verschwinden ganz natürlich aus der Welt der Wünsche und es gibt keine Konzepte von Form und Nicht-Form, Rein und Unrein in der Meditation. Der Geist ist vollkommen losgelöst und haftet weder an der Innenwelt noch an der Aussenwelt, während man trotzdem mit Würde in der Welt tätig ist. Meditation bedeutet, von falschen Ansichten und Täuschungen nicht bewegt zu werden, ohne die weltlichen Gefühle abzutöten. Wer so in Meditation verweilen kann, wird das Siegel der Buddhaschaft erlangen.»
Als Shariputra dies hörte, war er völlig sprachlos. Da war er sein Leben lang überzeugt gewesen, dass man sich vor Unreinheit schützen müsse und meditierte, um einen reinen Geiste zu haben. Und nun kommt dieser Vimalakirti und zieht ihm kurzerhand den Teppich unter den Füssen weg, indem er sagt: «Pass auf, es ist nicht so, wie du denkst. Hafte nicht an irgendeiner Vorstellung von Meditation. Wenn du einen Unterschiedmachst zwischen Meditation und weltlicher Aktivität und das eine als rein und das andere als unrein wertest, dann vertrittst du eine dualistische Sichtweise, die niemals Frieden bringt. Ausserdem führst du diejenigen, die dich um Rat fragen, in eine falsche Richtung. Die Wirklichkeit hat nichts mit Rein und Unrein zu tun; wenn du in Übereinstimmung mit der Wahrheit leben willst, musst du dich vom Konzept von Rein und Unrein und allen anderen Vorstellungen trennen.»
«Die Wahrheit ist ein wegloses Land» – J.K. Krishnamurti
Wir alle haben Vorstellungen von Richtig und Falsch, auch in Bezug auf Meditation. Man denkt, der Körper, die Hände, die Augen und der Geist müssten in einer bestimmten Form gehalten werden. Diese Form gilt dann als richtig, während andere Formen als falsch angesehen werden. Die Form ist entscheidend. Man will sich selbst und andere zum Richtigen bekehren oder erziehen. Mit dieser Gläubigkeit handelt man sich, wie mit allen Zwängen, womöglich unendliche Frustration ein. Wir alle kennen dies, nicht wahr? Nicht nur in Bezug auf Meditation.
Das Vimalakirti-Sutra will uns auch klarmachen, dass es nicht die Körperhaltung ist, die von Irrtümern und Verflechtungen befreit, sondern die innere Haltung des Geistes. Es sagt: Wenn du dich selbst völlig vergisst und weder emotional noch gedanklich an etwas hängen bleibst, dann sind weder dein Körper noch die Welt Hindernisse für die Meditation. Dann kannst du gesammelt und getrost den täglichen Pflichten und Anforderungen nachkommen. Es sagt auch: Wenn du nicht ständig um Richtig und Falsch, Rein und Unrein besorgt bist, dann kannst du ungestört deines Weges gehen. Denn Unsicherheit, Zögern, Frustration usw. kommen nur dann auf, wenn man innerlich von den gedanklichen Widersprüchen bewegt und aus der Bahn geworfen wird und emotional darauf reagiert. Der stille, klare Geist sieht Hell und Dunkel als zwei Aspekte der einen Welt, ohne sie zu bewerten
Können wir uns von diesen Einschränkungen befreien? Ist es uns möglich, uns völlig unvoreingenommen zur Meditation hinzusetzen und uns ohne Erwartungen und Vorurteile der unendlichen Weite des offenen Geistes überlassen? Sind wir willens, davon abzulassen, aufsteigende Gedanken, Gefühle, Bilder zu beurteilen, zu werten, zu bejahen oder zu verscheuchen? Können wir durch Meditation unserem Geist entleeren und das Land ohne Wege betreten, von dem Krishnamurti spricht?
Meditation ≠ Lernziel
In unserer materialistisch geprägten Welt ist Meditation kein Kulturgut. Diese Gesellschaft basiert weitgehend auf selbstzentrierten Individuen, die dauernd miteinander in Konflikt geraten. Meditation hat keinen gültigen Wert wie z.B. eine schulische Grundbildung. Niemand lernt in der Schule, den eigenen Geist zu betrachten und zu verstehen. Was wir lernen, ist logisches Denken und viel Wissen anzuhäufen, das von aussen an uns herangetragen wird. Wo immer unsere Rationalität das Weltgeschehen bestimmt, herrschen Krieg, Zerstörung, individuelles und kollektives Leid. Wir wissen das, aber wir wissen nicht, wie es anders sein könnte, nicht wahr?
Wenn wir dann etwas von Meditation hören oder lesen, besuchen wir Kurse und Vorträge und lassen uns von Experten unterweisen. Das heisst: Wir gehen wieder zur Schule! Wir werden zu Schülern wie damals in der Kinder- und Jugendzeit. Und wir bringen die Schulerfahrungen aus jener Zeit mit. Die Erinnerungen an «richtige» und «falsche» Antworten, an die Bewertungen für «gute» und «schlechte» Leistungen, an Anstrengungen und Enttäuschungen in Bezug auf eigene und fremde Erwartungen. All dies wird aktiviert und verstellt den Weg gleich von Anfang an.
Meditation kann man jedoch nicht lernen und nicht lehren. Warum nicht? Weil man Meditation nicht in Worte oder in irgendeine Form fassen kann. Meditation ist ein aus sich selbst heraus existierender, natürlicher Geisteszustand. Und zwar ein Zustand der Ruhe und Achtsamkeit, in der die Stimme des Ich-Bewusstseins schweigt. Gedanken und Emotionen mögen auftauchen, haben aber keine Macht. Sie sind wie Wellen im Meer oder Wolken am Himmel. Sie kommen und vergehen, während das Meer und der Himmel davon unberührt bleiben. Jeder Mensch ist mit diesem Geist geboren. Und was schon existiert, kann man nicht lernen, höchstens entdecken.
Was man jedoch lernen kann, sind Methoden, um die Hindernisse aus dem Weg zu schaffen, die den ursprünglichen Geisteszustand verdecken und seine natürliche Wirkungsweise verunmöglichen.
Kein Dogma
Die diversen religiösen Schulrichtungen besitzen eine Vielzahl von Meditationstechniken. Der Buddha selbst hatte mit vielen davon experimentiert; und er konnte jedem Menschen einen für ihn passenden Weg aufzeigen. Aber er lehrte kein Dogma. Im Gegenteil: Er betrachtete die formelle Meditation als ein Boot, das vom Ufer der leidvollen Erscheinungswelt ans Ufer des friedvollen Gewahrseins trägt. Wenn man angekommen ist – wenn der Geist ohne Absicht und Ziel in seinem natürlichen Zustand ruht – braucht man das Boot nicht mehr.
Wenn wir uns also einer Meditationsschule verschrieben haben, sollten wir dies nicht vergessen. Stundenlange Sitzmeditation z.B. ist nicht prinzipiell heilsam und führt nicht à priori zur Buddhaschaft oder zur Befreiung vom Leiden. Im Gegenteil: Wenn sie nicht richtig verstanden wird, kann sie viel Leiden erzeugen.
Eine Meditationsmethode ist zuerst einmal einfach wie das Lernen der Buchstaben. Wenn man die Buchstaben kennt und beherrscht, kann man allmählich immer komplexere Texte lesen. Das heisst, die Einsicht in das Wirken des eigenen Geistes wird tiefer, die Weisheit nimmt zu. Doch dann kommt der Moment, wo man sich von der Methode befreien muss und kann. Nämlich dann, wenn man plötzlich sieht, dass nichts so ist, wie «ich» meine und denke. Wenn man erkennt, dass«ich» die Wirklichkeit nicht herbei meditieren muss, weil sich sich direkt vor meinen Augen offenbart.
Es ist wie in der Musik oder im Sport. Fingerübungen, Muskeldehnungen, Atemübungen usw. dienen dazu, Körper und Geist beweglich zu machen. Aber Musik und Sport kommen dann zur Vollendung, wenn sie sich von selber «spielen», wenn das Handeln ein Nicht-Handeln ist.
Jeder Mensch erlebt Momente, in denen sich alles von selbst fügt. Doch in der Regel werden diese Momente nicht erkannt oder sinken sofort in die Vergessenheit. Eine echte regelmässige Meditationspraxis ermöglicht es, Momente der Klarheit nicht nur zu erkennen, sondern sie auch zu fördern und auszudehnen.
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Ein indischer Weiser sagte: Wir Menschen sind mit der eisernen Kette der Unwissenheit gebunden. Um uns davon zu befreien, binden wir uns mit einer goldenen Kette – einer geistigen Disziplin. Doch dann müssen wir auch die goldene Kette ablegen, um wirklich frei zu sein.
Damit ist gesagt: Es geht nicht darum, keine Meditationsform zu praktizieren, sondern darum, die Form, die man gewählt hat, mit Verstand und Weisheit anzuwenden. Und wenn das Ruhen in der Stille zu einem ganz selbstverständlichen Bedürfnis geworden ist, wie der Gang zur Toilette oder das Trinken bei Durst, dann erfüllt die Meditationspraxis ihre Funktion: Der Geist wird von Abfall und unnützem Füllmaterial befreit, erneuert sich selbst und kann klar sehen, was ist. Er braucht keine Zeit, um über Richtig oder Falsch nachzudenken, sondern handelt unmittelbar in Übereinstimmung mit den Umständen, ohne Umweg über das verwirrte Ich-Bewusstsein.
Sitzen in der Stille
Setze dich auf einen Sitz – Kissen, Stuhl oder Meditationsbank – an einem stillen Ort in deiner Wohnung. Halte diesen Ort sauber und schlicht und die Zeit, in der du dich darin befindest, frei von äusseren Einflüssen.
Werde dir gewahr: «Jetzt bin ich hier. Ich bin wach und entschlossen zu meditieren.»
Atme ein oder zwei Mal tief ein und aus. Entleere den Körper von der verbrauchten Luft.
Nun kannst du die Atembewegung spüren. Verweile in der stillen Beobachtung dieser Bewegung. Ohne Kritik, ohne Bewertung, ohne irgend eine Meinung dazu.
Erlaube, dass die Atemzüge tiefer und länger werden und mehr und mehr im Bauch beginnen und enden. Aber übe keinen Druck aus, erzwinge nichts, streng dich nicht an.
Wisse, die Bauchatmung ist deine natürliche Atmung, du hast schon im Mutterleib zu atmen begonnen und der Atem ist dein ständiger Begleiter seit du geboren bist. Er weiss, was zu tun ist und braucht keine Einmischung oder Befehle von deinem unwissenden Ich.
Werde dir gewahr: Mein Körper atmet von allein, und weil er atmet, bin ich da, lebendig in dieser Welt, an diesem Ort.
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Verweile in der stillen Betrachtung deines Daseins, hier und jetzt
Mache dir keine Sorgen über das, was kommen wird oder war. Gib solchen Gedanken jetzt keinen Raum.
Es ist müssig, darüber nachzudenken, was noch nicht ist oder nicht mehr ist. Das einzige, was du hast, ist das JETZT.
Entspanne den Körper und ruhe dich aus! Öffne deine Ohren, deine Hände, dein Herz, mach sie in Gedanken gross und weit. Lass etwas Licht in die Augen, d.h. schliesse sie nicht ganz, schaue aber auch nicht auf irgendein Objekt. Überlass dein ganzes Wesen dem gegenwärtigen Sein.
Werde dir des unendlichen Universum gewahr, in dem du sitzt. Es ist derselbe grenzenlose Raum, in dem alle deine Freunde und Feinde, Tiere, Pflanzen, Berge und Sterne auch leben. Es ist der Raum, der schon immer war, und in dem auch der Buddha und alle anderen Lebewesen geboren und gestorben sind. Im Moment bist du es, der diesen Raum erleben kann.
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Wenn sich ein wohliges Gefühl der Klarheit und des Vertrauens einstellt, geniesse es, aber verwende keinen Gedanken daran. Das ist ein Zeichen, dass der Geist zu Ruhe gekommen ist und seinen natürlichen Frieden ausstrahlt. Man kann dies auch Liebe nennen.
Es werden jedoch mit Sicherheit und ohne dein Dazutun immer wieder Gedanken aufsteigen. Der friedliche Zustand ist vergänglich, wie alles andere auch in dieser Welt.
Sei nicht enttäuscht und lass dich davon nicht beunruhigen. Das ist ein natürliches Phänomen. Solange unsere Gehirn funktioniert, produziert es Gedanken.
Betrachte die Gedanken und alles, was sich in deinem Gemüt regt, wie Wellen im Ozean oder Wolken im Wind. Lässt du sie in Ruhe, verziehen sie sich von selbst.
Denn dein innerstes Wesen, dein leerer Geist, ist wie der Ozean und der Himmel: Die Wellen und Wolken kommen und gehen, der Ozean und der Himmel haben nichts damit zu tun. Sie weisen Wellen und Wolken nicht ab und halten nichts fest. Es sind ihre eigenen Bewegungen.
Wenn du dies direkt erfahrend weisst, erkennst und mit ganzem Herzen anerkennst, dann können dir Gedanken, Erinnerungen und was sonst auftaucht, nichts anhaben.
Weile in dieser Ruhe und vertraue auf die Kraft dieses Tuns.
Sollten sich starke Emotionen – angenehme oder unangenehme – trotzdem durchsetzen wollen, lass es gut sein. Wehre dich nicht dagegen, mache aber auch kein Drama daraus. Manchmal sind die Wellen halt wuchtig, manchmal sehr sanft. Manchmal ist der Himmel voller Blitz und Donner, manchmal völlig wolkenlos.
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Ob Glückseligkeit oder Klarheit, halte weder das eine noch das andere fest. Erlaube diesen Empfindungen einfach, sich auf natürliche Weise zu zeigen und wieder aufzulösen. Atme sie aus. Gib sie mit jedem Atemzug wieder frei.
Der Geist, der mit diesem passiven Gewahrsein ganz natürlich und entspannt in seinem eigenen ursprünglichen Zustand ruht, kann alles klar erkennen, ohne darauf reagieren zu müssen.
Bewegung oder Nicht-Bewegung, Gedanken oder keine Gedanken – beides ist ohne Bedeutung und eins.
Das ist der Zustand der wahren Meditation.
Und wenn du wieder aufstehst und dich den täglichen Aktivitäten zuwendest sei dir gewiss: Der wahre Meditationssitz befindet sich nicht in dem Raum, den zu verlassen du im Begriff bist. Der klare Geist, die Weisheit und die Liebe wohnen nirgends in der Aussenwelt. Du trägst den wahren Meditationsraum mit dir, wo immer du gehst, stehst, sitzt und liegst. Gewahrsein kommt von innen.
Doch beim nächsten Mal, wenn du dich zur Meditation hinsetzt, erwarte nicht, dass sich das Erlebte wiederholt. Sei offen und bereit, wieder ganz neu anzufangen. Jeden Tag, bis an dein Lebensende und darüber hinaus.