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Was würde dir persönlich im Leben fehlen, wenn es keine Computer und –
Hilfe! – kein Internet gäbe? Okay, du würdest irgendwie überleben und
deine Freunde halt live und in Farbe treffen, mal in einem Papierbuch
blättern, um etwas nachzuschlagen, und Photos zuhause auf dem
Diaprojektor zeigen. Easy.
Aber es gäbe auch Dinge, die schlicht unmöglich wären: du hättest keine Chance, systematisch gleichgesinnte Fans von XY in derselben Stadt zu finden – wenn sie keinen Verein gründen würden, den du finden kannst; bei Fragen könnten deine Freunde dir nur bei Dingen helfen, von denen sie selbst etwas verstehen – was in der Regel nicht alles ist –, und Fremde „auf der Straße“ würdest Du nicht fragen, weil … wer macht denn sowas? Du müsstest dem Verkäufer im Laden halt vertrauen, dass sein Produkt das beste ist – ohne 17 andere Läden und 39 andere Produkte angeschaut und verglichen zu haben. Durch das Internet und den Computer sind dir persönlich Dinge ermöglicht worden, für die es ohne Digitaltechnologie keine Alternative gibt.
Was würden wir als Gesellschaft verlieren? Wir würden darauf verzichten, dass es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit möglich ist, dass sich eine beliebig grosse Menschenmenge spontan zusammenfindet, um sich auszutauschen oder etwas gemeinsam zu machen. Das klingt etwas abstrakt, aber genau hier ist das Problem: Nur wenige Leute denken über den Computer und das Internet aus der Perspektive nach: „Was können wir damit tun, was wir ohne niemals tun könnten?“
Was ist so schlimm daran, Computer und Web einfach als praktische
Helfer für Einkaufen, Unterhaltung und Kontaktpflege anzusehen – und
nicht als eine Entwicklung, die vergleichbare gesellschaftliche
Auswirkungen haben wird, wie die Industrielle Revolution? Schlimm ist,
dass viele sich damit zufrieden geben und es geradezu als normal
betrachten, dass Google entscheidet, was sie im Internet finden; dass
Microsoft entscheidet, was auf ihrem Computer geht und (häufiger) was
nicht; dass Apple entscheidet, was sie sich zur Unterhaltung reinziehen
können und was nicht (und was es kostet); dass Facebook entscheidet, was
das Web über sie weiss. Das ist einerseits schade, weil wir dadurch
einige unserer digitalen Freiheiten, die wir in der analogen Welt immer
hatten, an Akteure im Internet verlieren. Diese arbeiten meist
profitorientiert und deshalb nicht primär in unserem, sondern in ihrem
eigenen Interesse. Andererseits ist es aber schlimm, denn wir verbauen
uns als Gesellschaft das Potential, das die neuen Technologien
ermöglichen.
Dr. Marcus M. Dapp hat zu Software-Patenten und Open Source Software doktoriert. Aktuell ist er IT-Stratege bei der Landeshauptstadt München, sowie Dozent an der ETH Zürich, wo seine interdisziplinäre Vorlesung „Digitale Nachhaltigkeit in der Wissensgesellschaft“ diesen Herbst erneut stattfindet.
Dieses immense Potential lässt sich ganz unscheinbar beschreiben: Jede und jeder kann eine Datei direkt und ohne Verlust der Qualität weltweit an einen unbegrenzten Kreis anderer Nutzer schicken. Gratis.
Das finden nicht alle toll. Die Wissens- oder Kulturgüterindustrien, die mit der Produktion und Verteilung von Büchern, Filmen, Musikalben und Software Geld verdienen, sehen ihre Geschäftsmodelle in den Grundfesten erschüttert und wehren sich heftigst (Stichwort „Raubkopierer sind Verbrecher“). Regierungen, die durch das Sammeln und Verwalten von Informationen der Bevölkerung eine Machtposition innehaben, sind selten an Transparenz interessiert, stehen aber zunehmend unter Druck, wenn aus kleinen Datenlecks plötzlich „Herrschaftswissen“ für alle zugänglich ist (vgl. Google-Disput in China).
Warum ist das Kopieren von Musik oder Software eigentlich rechtlich verboten? Dazu ein kurzer Ausflug ins Recht: Das Urheberrecht schützt künstlerische Werke mit einer gewissen Originalität; das Patentrecht schützt nützliche Erfindungen ab einem gewissen Neuheitswert. Die Annahme ist beide Male, dass ein einzelnes „Genie“ ein Meisterwerk verfasst oder eine bahnbrechende Erfindung macht. Die Anreiztheorie sagt nun, dass das Genie dafür Zeit und Kosten aufbringen musste und dazu keinen Anreiz hätte, wenn es nicht Geld dafür erhalten würde. Urheber- und Patentrecht stellen ein zeitlich limitiertes exklusives Recht auf monetäre Verwertung dar. Danach ist das Werk oder die Erfindung für alle frei zugänglich.
Insgesamt geht es also um die Balance zwischen individuellem Anreiz und gemeinschaftlichem Nutzen. Doch das Ziel der Weiterentwicklung der Gesellschaft durch eine möglichst grosse Verbreitung von Wissen droht vergessen zu gehen aus Rücksicht auf die Interessen der Wissens- und Kulturindustrien: Schutzdauern werden verlängert und Schutzgebiete werden ausgeweitet, sodass immer mehr Artefakte immer länger unter dem Exklusivschutz stehen. Wenn der Erfinder/Urheber in dieser Zeit keine Erlaubnis („Lizenz“) erteilt oder diese sehr teuer ist, kann niemand außerhalb etwas daraus machen. Analog zur Gefahr der Übernutzung von knappen natürlichen Ressourcen droht hier die Gefahr der Unternutzung, weil der Zugang zu an sich unerschöpflichen digitalen Ressourcen eingeschränkt ist. Je stärker der Schutzaspekt betont wird, desto grösser ist die Gefahr der Unternutzung.
Ist eine andere Welt möglich? In der Tat gibt es Entwicklungen, die in der Software-Welt begannen und inzwischen andere Bereiche erobern, welche die immer wieder vorgebrachte Annahme – wir brauchen die einzelnen Genies, die Neues für uns alle erfinden – in Frage stellen.
Alle kennen und nutzen heutzutage zum Beispiel Wikipedia – die nach eigenen Angaben größte Enzyklopädie der Welt. Das ist kein Werk, welches nur von wenigen oder gar einem Experten geschrieben wurde, sondern das pure Gegenteil: Tausende Freiwillige schreiben die Artikel gemeinsam. Obwohl nicht alle ausgewiesene Fachexperten sind, ist das Ergebnis auf dem Rang einer Enzyklopädie, wie sie eine einzelner Verlag niemals hervorbringen könnte, weil er sich so viele Angestellte nicht leisten kann. [Verweis Artikel 6/7]
Das Vorbild des kollaborativen Ansatzes für Wikipedia und andere Initiativen liegt jedoch in der Software-Welt. Kurz nachdem Apple und Microsoft gegründet wurden, hat sich Richard Stallman an der zunehmenden Profitorientierung – bis dato gab es Software noch gar nicht als eigenes Produkt und war erst im Begriff, unter das Copyright zu fallen – gestört, sodass er sich vornahm ein komplett freies Betriebssystem („GNU“) und damit eine ganze Bewegung („Freie Software“) zu initiieren. Das GNU-System wurde zu Beginn der Neunziger durch den Linux-Kernel vervollständigt und ist heute weltweit unter „Linux“ und die Software als „Open Source“ bekannt. Tausende von Programmierern arbeiten zusammen an der Entwicklung von Linux und keine Einzelfirma oder -person kontrolliert das gesamte System.
Wissen kann dann am meisten Nutzen entfalten, wenn die größte Anzahl Menschen die größtmögliche Freiheit hat, es einzusetzen, zu verändern und Neues daraus zu ersinnen. Der nachhaltige Umgang mit digitalen Ressourcen bedeutet also ein Minimum an Einschränkungen im Zugang und in der Nutzung. Davon sind wir heute noch sehr weit entfernt.
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