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Gebot 12
Lerne allein zu sein
Die zwölfte Anweisung lautet: Lerne so weit wie möglich allein zu sein. Allein zu sein ist etwas anderes als einsam zu sein. Allein zu sein bedeutet ‚all-eins‘ zu sein. Dies ist der höchste Zustand des Seins. Nur Einer ist in allen als die Vielen. Es gibt die Eine Existenz, die als viele erscheint, Ein Bewusstsein, das universale Bewusstsein und Ein Leben, das universale Leben. Innerhalb Einer Existenz, Eines Bewusstseins und Eines Lebens kommen durch die Entwicklungen Formen hervor, und somit erscheint Einer als viele. Zum Beispiel haben wir hier einen sehr großen Saal. Ganz leicht könnten wir zehn Zimmer darin bauen. Dann hätten wir viele Zimmer. Doch es bleibt der eine Saal, der als viele Zimmer erscheint. Die Materie unterteilt und macht Eines zu vielen. In jedem Zimmer gibt es Raum, und somit sind es zehn Räume. Aber bevor die Zimmer gebaut wurden, gab es nur einen Raum im Saal. Innerhalb des Saals ist Raum, außerhalb des Saals ist Raum, und der Raum im Saal ist nichts anderes als der Raum außerhalb des Saals. Ehe dieser Saal gebaut wurde, war es nur ein einziger Raum. Nachdem der Saal gebaut wurde, bezeichnen wir den einen Raum als Innenraum und Außenraum. Diese Abgrenzung erfolgt durch die Entstehung des Saals, durch Entstehung von Materie. Die Materie unterteilt, und sie ist nicht nur jene Materie, die wir sehen. Es gibt feinstoffliche, feinstofflichere und die allerfeinstofflichste Materie.
Materie existiert auf sieben Ebenen. Außerhalb der sieben Ebenen ist sie im reinen Bewusstsein, im reinen Licht, in der reinen Existenz verborgen. Die verborgene Materie drückt den Einen als viele aus und bringt den Einen als viele hervor. Wir sind hier 300 Personen, die im Seminarsaal sitzen. Wir haben unsere Existenz, unser Bewusstsein, unser pulsierendes Leben, unser Denken, unsere Sinne und unseren Körper. Aber in Wahrheit ist es nur Einer, der als 300 existiert, es ist ein Bewusstsein, das in 300 Einheiten arbeitet, ein Leben, das in 300 Lebewesen aktiv ist, ein Denken, das als viele Denkvermögen erscheint. Alles ist Einer, der als viele in Erscheinung tritt. Es gibt keinen anderen. Diesen Zustand nennt man Ananya, das heißt ‚kein anderer‘, oder auch Advaita, das heißt ’nicht zwei‘. Alles ist der Eine. In ihm befindet sich alles, was wir sehen. ‚Einer als viele‘ ist das wahre Verstehen. Daher wird das ganze System ‚Uni-versum‘ genannt, das bedeutet ‚Einer als viele‘: Einer als alles, alles als Einer. Alles, was wir sehen, ist in dem Einen. ‚Alles in Einem‘ nennt man ‚allein‘. Dies teilt uns Sanat Kumâra mit, damit wir es lernen. Wenn es so erklärt wird wie oben, sieht es einfach aus, aber es ist für uns nicht so leicht, dies in unserem Gewahrsein zu behalten. Bevor wir den Einen in allem und alles in dem Einen erfahren, müssen wir lernen, den Einen in dem anderen zu finden, das Selbst in dem anderen zu entdecken. Dann gibt es keinen anderen mehr, und wir erkennen den Bruder. Eine tiefere Verbundenheit mit dem Einen in dem anderen vermittelt das Verstehen des ‚Einen in Zweien‘. Dies ist der erste Schritt zur Erkenntnis des Einen in allem. Die Mathematik sagt uns, dass 1+1=2 ist. Aber die spirituelle Mathematik sagt uns 1+1=1, denn es ist nur Einer als viele. Wir müssen lernen, diesen Gedanken in uns zu pflegen. Dann lernen wir, ‚allein‘ zu sein. Die Anweisung lautet ‚lerne allein zu sein‘. Dies ist die Methode, um allein zu sein.
Worte können falsch verstanden werden. „Wörter sind Huren”, sagt ein Meister der Weisheit. Sie haben nur eine begrenzte Fähigkeit, Inhalte auszudrücken. Wenn der Herr sagt: „Lerne allein zu sein”, wird dies fälschlicherweise meist so verstanden, dass man lernen soll, einsam zu sein. Damit würde die ganze Lehre auf den Kopf gestellt, ganz und gar auf den Kopf gestellt. Einsam zu sein bedeutet, stark begrenzt zu sein, sich abzusondern und zu trennen. Man ist wie eine Insel, die sich vom Festland löst. In der Spiritualität geht es um Einung und Einheit. Aber im Namen der Spiritualität sondern sich die Menschen ab. Sie versuchen sich zu trennen und außergewöhnlich zu sein. Dann müssen sie Einsamkeit ertragen. Im Namen von Yoga und Disziplin ziehen sie Mauern um sich. Sie gehen in die Dunkelheit der Unwissenheit und suchen nach Licht. Das ist ein Trick des Kali Yuga.
Davon abgesehen können wir eine gewisse Zeit in Einsamkeit verbringen, um die zuvor erreichte Wahrheit in uns zu festigen und zu stärken. Wir können eine Weile für uns bleiben und anschließend mit größerer Bekräftigung zurückkehren, um uns darin zu üben, den Einen in allem und alles in dem Einen zu sehen. Ernsthafte Schüler können es sich einrichten, einmal pro Woche gewisse Zeit in Abgeschiedenheit zu verbringen, um die erneute Bekräftigung zu erfahren. Daher wird ihnen geraten, nicht zu viele gesellschaftliche Anlässe wie öffentliche Veranstaltungen, Festessen, Versammlungen und gesellschaftliche Unterhaltungsprogramme wahrzunehmen. Das mag vielleicht ungesellig wirken, aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Zweifelsohne sind für einen Jünger gesellschaftliche Feierlichkeiten nur zeitraubende Angelegenheiten. Die Zeit ist die Essenz von allem. Eine Zeitlang müssen sich die Schüler von der weltlichen Aktivität abgrenzen, ehe sie mit großer Tatkraft in die Welt zurückkehren. Jüngerschaft ist ein Entwicklungsvorgang, ein Inkubationsprozess, in dem eine Umwandlung stattfindet. Eine Raupe verpuppt sich, bevor sie sich verwandelt und als Schmetterling hervorkommt. Deshalb müssen sich die Jünger zurückziehen – nicht für immer, aber bis die Umwandlungen erfolgt sind. Umwandlung führt zur Neugestaltung und zum Überschreiten der Erfahrung des Gegenständlichen. Danach können sie in der Welt arbeiten und ihr viel besser helfen als ein weltlicher Mensch. Sie können die Welt beeinflussen statt von ihr beeinflusst zu werden, wie dies bei einer weltlichen Person der Fall ist. Astrologisch wird dieser Vorgang so ausgedrückt, dass der Löwe-Mensch in den Tiefen des Skorpions verschwindet, um als himmlischer Mensch im Wassermann wiedergeboren zu werden.
Wenn wir in der Welt sind, sollten wir versuchen, den Einen in allem zu sehen, und wenn wir uns zurückgezogen haben, versuchen wir, alles in Einem zu sehen. Dann werden wir nach entsprechender Zeit die Erfüllung im Erlernen des ‚Alleinseins‘ erfahren. In der Abgeschiedenheit sollten wir ruhig und unerschütterlich werden und dann die Wahrheit erfahren, während wir in der Welt sind. Wir können abwechselnd üben, ‚Einen in allem‘ und ‚alles in Einem‘ zu sehen, wenn wir allein oder in der Welt sind. Die wahren Lehren des Râja Yoga empfehlen uns nicht, uns in die Wälder, Berge und Täler zurückzuziehen. Was man an diesen Orten gewinnen möchte, können wir erreichen, egal wo wir uns gerade aufhalten. Notwendig ist eine Änderung unserer inneren Einstellung, aber keine äußere Veränderung. Normalerweise müssen Leute, die sich in die Wälder, Berge und Täler begeben, zusätzliche Anstrengungen machen, um dort essen, schlafen und leben zu können. Viel Zeit und Energie geht für die Reise und die Vorbereitungen verloren. Stattdessen bringt eine veränderte innere Einstellung viel mehr. Man kann beobachten, wie moderne Leute ihre Wochenenden verbringen. Die Wochenenden sind eigentlich als Zeit zum Entspannen und Erholen gedacht. Um sich zu erholen, unternehmen viele Menschen besondere körperliche Aktivitäten: Sie fahren zum Strand, veranstalten Spiele auf dem Wasser und am Strand, fahren Rad, reiten, nehmen Sonnenbäder, essen Fastfood usw. Wenn sie nach dem Wochenende nach Hause zurückkehren, machen sie wirklich einen geschwächten Eindruck. Der eigentliche Zweck des Wochenendes wurde ins Gegenteil verkehrt. So ist das moderne Denken. Am Montagmorgen sehen diese Leute gealtert aus. Man kann genau erkennen, ob jemand Entspannungsübungen gemacht hat!
Die Menschen fürchten sich vor der Einsamkeit. Sie haben Angst vor dem Unbekannten. Solche Personen können sich nicht auf den Jüngerschaftsweg begeben. Jüngerschaft fordert genügend Wagemut. Aber auch für die Ängstlichen können sich die Türen der Jüngerschaft öffnen, wenn sie viele Jahre lang über die Farbe Orange und den Klang RAM meditieren.
Wir sollten lernen, so weit wie möglich ‚allein‘ zu sein, diese Fähigkeit jedes Jahr verbessern und die Angst jedes Jahr immer weiter auflösen.