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Joe Flom war reich. Stinkreich. Und er war Jude.
Die einen werden beim obigen Satz leer schlucken und sich denken, was ich mir erlaube und die anderen heimlich murmeln, wusste ich es doch. Dass Joe Flom Jude war, hatte tatsächlich einen Einfluss auf seinen Reichtum. Aber nicht so, wie man dies heute immer noch unterschwellig sagt. Joe Flom war der Sohn armer Einwanderer und legte eine sagenhafte Tellerwäscherkarriere in New York hin. Als Anwalt verdiente er sich eine goldene Nase mit feindlichen Firmenübernahmen. Er war einer der ersten Wissensarbeiter, an die sich das Kapital verkaufte.
Aufgewachsen in Brooklyn sah es nicht so aus, als ob Joe Flom einen guten Job ergattern wird. Selbst mit seinem Abschluss an der Harvard Law School fand er keine Stelle. Die noblen Anwaltskanzleien stellten 1948 keine “Leute wie ihn” ein. Egal was in Deutschland passierte. Juden hatten in der Gesellschaft des feinen New Yorker Kapitals nichts zu suchen. Und so machte er sich mit seinen Partnern selbstständig. Joe Flom spezialisierte sich auf Gerichtsfälle. Dies war damals ungewöhnlich, war es unter Anwälten doch verpönt, vor Gericht zu gehen. Man erledigte die Sache vorher unter Gentlemens. Aber Joe Flom blieb nichts anderes übrig und so lernte er zu verstehen, wie man Firmen vor den Richter zerrt, sie mit Klagen eindeckt und weich kocht. Diese Fähigkeit stellte sich in den 70er und 80er als wahre Goldgrube heraus.
Bis in die 70er war das Kapital vor feindlichen Übernahmen sicher - man kannte sich, man mochte sich und man nahm Rücksicht aufeinander. Wegen des Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg kontrollierten auf einmal nicht mehr nur wenige Familien das Wirtschaftsgeschehen, es gab viele neue Fabrikbesitzer. Und diese hielten sich nicht mehr an die feinen Regeln des Kapitals. Plötzlich wurde es lukrativ, schlecht geführte Firmen anzugreifen. Und da war das Wissen von Joe Flom gefragt. Kein anderer wusste besser, wie man eine Firma ins Visier nimmt und erfolgreich filetiert. Das Kapital hatte Angst vor Joe Flom und holte ihn doch, wenn es eine andere Firma übernehmen wollte.
Auch in der Schweiz wurde einer stinkreich - durch Wissen.
Er war ein armer Pfarrerssohn, wurde Anwalt und schnappte sich mithilfe der Banken und einem Wissensvorsprung die EMS Chemie. Richtig reich wurde er nicht als Industrieller. Reich machte ihn sein Freund mit der Fliege. Gemeinsam schauten Christoph Blocher und Martin Ebner sich das Erfolgsrezept von Joe Flom ab und wiederholten es in der Schweiz auf eigene Rechnung. Sie kauften sich in Firmen ein und pressten eine Menge Geld heraus. Alles, was die beiden besitzen mussten, war Wissen.
Wissensarbeiter sind die, die heute von richtig hohen Stundensätzen profitieren. Wer ein seltenes und gesuchtes spezialisiertes Wissen besitzt, kann Millionen verdienen. Während das Kapital sich brachial nimmt, was es sich nehmen kann, gleicht der Wissensarbeiter mehr einem Judo-Kämpfer. Es ist der “sanfte Weg”, wie das Wissen das Kapital auf den Rücken legt.
Geht es nur um Geld?
Wissensarbeiter finden Sie heute so viele wie nie zuvor. Sie müssen ein Produkt vertreiben? Dann brauchen Sie Marketingleute. Sie wollen Software entwickeln, dann brauchen Sie Programmierer. Sie wollen wissen, wer Ihre Partei noch wählt, dann brauchen Sie Meinungsforscher. Alles Menschen, die ihr Wissen zur Verfügung stellen. Und dies muss nicht immer zu hohen Tarifen sein. Wissensarbeiter erhalten die Freiheit, eine gesunde Work life Balance zu halten. Heute müssen sogar Personaler lernen, dass Mitarbeiter nicht nur auf den Lohn schauen. Und wenn es den Wissensarbeitern in Lohn und Brot des Kapitals nicht gefällt, dann machen sie sich selbstständig.
Wissensarbeiter sind aber nicht einfach auf der sicheren Seite. Je spezialisierter das Wissen ist, desto grösser die Gefahr, dass es obsolet wird. Es gibt Computersprachen, die vor 10 Jahren das Nonplusultra waren, heute schreit niemand mehr danach. Vor Kurzem warb man noch intensiv um Sie und jetzt erhalten Sie keinen Job mehr. Wissensarbeiter müssen auf der Hut sein. Wissen teilt sich schnell und hat eine kurze Halbwertzeit. Wissensarbeiter haben sich ständig weiterzubilden. Thers no free lunch.
Wer ein Wissensarbeiter sein möchte, dem stehen heute die Türen weit offen und das Beste, heute ist es leichter als je zuvor, an Wissen zu gelangen.
Die Schweiz ist eine Wissensgesellschaft und sie profitiert von dieser Entwicklung. Wir als Nation müssen diese Zusammenhänge verstehen und dafür sorgen, dass wir auch morgen an der Spitze dieser Entwicklung stehen. Und wenn es sich jetzt auch abgedroschen anhört - aus liebe zur Schweiz.