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2013 | 2014 | 2015 |
FAR FROM HEAVEN
Julianne Moore ist bodenständig und bildhübsch es sei denn sie steht vor der Kamera. Dann spielt sie schwache, vom Leben enttäuschte oder gar zerrüttete Frauen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich die Schauspielerin eine beeindruckende Filmografie erarbeitet. Moore hat in Filmen von Altmeistern wie Robert Altman (Short Cuts, Cookies Fortune), Atom Egoyan (Chloe) und Louis Malle (Vanya on 42nd Street) brilliert und immer wieder mit den Kreativsten des jungen amerikanischen Autorenkinos zusammengearbeitet, so hat sie Werke von Joel und Ethan Coen (The Big Lebowski), Todd Haynes (Safe, Far from Heaven) und Paul Thomas Anderson (Magnolia, Boogie Nights) entscheidend mitgeprägt. Das Stadtkino Basel widmet Julianne Moore eine umfangreiche Filmreihe inklusive der Vorpremiere ihres neuen Films The Kids are all Right.
Zweimal hat Julianne Moore dem Publikum ihren nackten Hintern gezeigt. Das erste Mal in Robert Altmanns grossartigem Episodendrama Short Cuts (1993); in einer Szene, die ein ergreifendes Schlaglicht auf eine im Scheitern begriffene Ehe wirft. Das zweite Mal in der surrealen Komödie The Big Lebowski (1998) von Joel und Ethan Coen. Als feministische Künstlerin saust Moore dort an zwei Seilen aufgehängt splitterfasernackt durch den Raum und verspritzt Farbe. Kurz darauf wird sie dem verdutzten Dude ausführlich ihre Rückseite präsentieren.
Es sind unvergessliche und irgendwie auch ziemlich exzentrische Auftritte einer Frau, die nicht eben als Paradiesvogel bekannt ist: Julianne Moore, 1960 als Julie Ann Smith geboren den Namen änderte sie, weil sie nicht mit zwei anderen Schauspielerinnen gleichen Namens verwechselt werden wollte. Der Vater beim Militär, die Mutter Sozialarbeiterin. In einer Frankfurter Schule mit dem «Acting Bug» angesteckt. Seit 1983 lebt Moore in New York; sachlicher Gegenpol zum aufgeregten Hollywood. Seit 1996 führt sie eine stabile Beziehung. Sie geht gern zu Fuss oder nimmt die U-Bahn. Sie soll einen festen Händedruck haben. Wenn man einen Star bodenständig nennen kann, dann Moore.
Als Kind wurde sie viel gehänselt. Wegen ihrer geringen Körpergrösse, wegen der roten Haare, der Sommersprossen. Die Zeiten sind vorbei. Moore, die im Dezember 50 Jahre alt wird, ist eine bildhübsche Frau, die immer noch schöner zu werden scheint. Sie hat einen eher blassen, vornehm wirkenden Teint, einen Blick, der sich zuweilen melancholisch in die Ferne richtet, und lange Haare, dir ihr Antlitz etwas schmaler wirken lassen.
Wie wichtig es für sie sei, vor der Kamera gut auszusehen, fragte sie James Lipton, Gastgeber der erhellenden Talkshow «Inside the Actors Studio» (man kann sich das Gespräch auf Youtube ansehen). Überhaupt nicht, lautete die Antwort. Tatsächlich interessiert Moore sich nicht für das «richtige Image». Sie hat kein Problem damit, unvorteilhaft zu erscheinen, wie es etwa in ihrem «Short Cut» der Fall war. Sie traut sich Blösse. Dass muss nicht unbedingt im physischen Sinn verstanden werden auch wenn sich neben den oben genannten noch weitere Nacktszenen in ihrer Filmografie finden. Moore fühlt sich von seelischer Verletzlichkeit angezogen. Sie spielt oft schwache, vom Leben enttäuschte oder gar zerrüttete Frauen.
Sie hat relativ wenig reine Unterhaltungsware gedreht. Ein paar Soaps, Jurassic Park 2, die missglückte Scifi-Komödie Evolution. Doch waren und sind es bevorzugt die Filmautoren, die ihre Qualitäten schätzen und wer einmal mit Moore gearbeitet hat, kommt erneut auf sie zurück Mit dem 2006 verstorbenen Altmann drehte sie nach Short Cuts auch Cookies Fortune (1999). Todd Haynes (I am Not There) begreift Moore als seine Muse. Er schrieb Safe für sie, ein abgründiges Drama über die Ängste, an denen Amerika zugrunde zu gehen droht. Und Far from Heaven (2002), ein meisterhaftes Melodram über Homophobie und Rassismus, in dem Moore eine gutbürgerliche Frau spielt, deren Vorortfrieden ganz allmählich auseinanderbricht. Die Rolle brachte ihr auf dem Festival von Venedig den Preis als beste Hauptdarstellerin ein.
Für den Oscar war Moore damit auch nominiert, ohne ihn zu erhalten. Das liegt vielleicht daran, dass man sie (anders etwa als Julia Roberts) selten als einen Star wahrnimmt, um den herum man einen Film aufbaut. Eine «Erin Brockovich», eine energische, zupackende Heldin hat Moore nie gespielt. Sie ist lieber Teil eines Ensembles nicht um sich in der Gruppe zu verstecken, sondern um mit dem kleinen, aber eindringlichen Auftritt zu glänzen. So war es in Short Cuts, so war es in dem machtvollen Drama Magnolia (1999) von Paul Thomas Anderson; ein weiterer grosser Name des amerikanischen Autorenkinos, mit dem Moore wiederholt zusammenarbeitete. In Magnolia spielt sie eine tablettensüchtige Frau, die in einer Apotheke so lange gedemütigt wird, bis ihre mühsam bewahrte Zurückhaltung in Hysterie umschlägt; das Gesicht von Leid und Wut verzerrt. Für viele ist es die beste Szene des Films. Solch emotionalen Ausbrüche seien für sie gar nicht so einfach, bekannte Moore gegenüber Lipton. «Zu Beginn meiner Karriere habe ich immer geglaubt, ich müsse bei Dreharbeiten angespannt und konzentriert sein.» Dann fand sie heraus, dass Entspannung die bessere Methode ist. «Dann kommen die Emotionen zu einem, anstatt dass man sie herstellen muss.» Zum ersten Mal wurde ihr das bei Vanya on 42nd Street (1994) klar, den Moore als ein Schlüsselwerk in ihrer Karriere bezeichnet. Auch The Myth of Fingerprints (1997) zählt sie dazu. Der bei uns nie angelaufene Film (der in den USA eher mässige Kritiken erhielt) ist für Moore wichtig, weil ihr Mann ihn gedreht hat, den sie bei diesen Dreharbeiten kennen lernte der 1970 geborene Bart Freundlich. Seit 14 Jahren sind die beiden ein Paar also schon ein paar Jährchen länger als Beziehungen zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann unter dem Schlagwort «cougar» (Puma) zum Modethema wurden. Die gemeinsamen Kinder sind heute 13 und 8 Jahre alt. In Zukunft wolle sie mehr Zeit für die Sprösslinge haben, wurde Moore jüngst zitiert. Und doch ist sie im Kino präsenter denn je. Es sind erneut keine Hauptrollen, sondern Filme, die sie gemeinsam mit ihren Co-Stars schultert. Das Psychodrama Chloe (mit Amanda Seyfried) und The Kids Are All Right (mit Annette Bening), eine Komödie über ein lesbisches Paar, das unverhofft Besuch von dem Samenspender für ihre beiden Kinder erhält. Oder sie stürzt sich, wie in dem Drama The Private Lives of Pippa Lee, in kleine, delikate Sexszenen, die (fast) an den irrsinnigen Auftritt in The Big Lebowski heranreichen ganz nebenbei ein Film darüber, was alles passieren kann, wenn man aufgrund seines Namens verwechselt wird. Julianne Moore wird das nicht mehr passieren, selbst wenn sie sich wieder Julie Ann Smith nennen würde. Sie hat sich mit ihren furchtlosen Auftritten längst unverwechselbar gemacht.
Mathias Heybrock