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Drogenangebot und -konsum erholen sich nach den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie
Die rasche Erholung von Drogenangebot und -konsum nach den Beeinträchtigungen durch COVID-19 gehört zu den Themen, die von der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) mit ihrem Europäischen Drogenbericht 2022: Trends und Entwicklungen(1) näher beleuchtet werden. Der Bericht bietet einen aktuellen Überblick über die Drogensituation in Europa und untersucht langfristige Trends und neu auftretende Bedrohungen. In einer Zeit, in der die internationale Lage neue Herausforderungen mit sich bringt, wird in dem Bericht auch untersucht, wie aktuelle globale Ereignisse die Dynamik der Drogenproblematik in Europa in Zukunft beeinflussen können.
Im Hinblick auf den Drogenkonsum gibt es Anzeichen für eine Rückkehr auf das Niveau vor der Pandemie. Die Abwasseranalyse beispielsweise zeigt, dass der Konsum von Kokain, Crack, Amphetamin und Methamphetamin in einigen Städten zwischen 2020 und 2021 zugenommen hat (2). Da die COVID-19- Beschränkungen in ganz Europa gelockert wurden, scheinen die Drogenbehandlung und andere drogenbezogene Dienste wieder zur Tagesordnung übergegangen zu sein, wobei einige der innovativen Praktiken, die während des Lockdowns eingesetzt wurden (elektronische Gesundheitsdienste, Telemedizin), beibehalten wurden.
lva Johansson, EU-Kommissarin für Migration und Inneres, erklärt: "Der anhaltende Anstieg der Herstellung synthetischer Drogen innerhalb der EU weist darauf hin, dass organisierte kriminelle Gruppen ohne Unterlass versuchen, Profite aus dem illegalen Drogenhandel zu schlagen und damit die öffentliche Gesundheit und Sicherheit gefährden. Besonders besorgniserregend ist, dass die Partnerschaften zwischen europäischen und internationalen kriminellen Netzwerken zu einer Rekordverfügbarkeit von Kokain und zur Herstellung von Methamphetamin im industriellen Massstab in Europa geführt haben. Dies birgt die Gefahr eines erhöhten Konsums und damit einhergehender Schäden. Die EU und ihre Mitgliedstaaten werden diesen sich entwickelnden Bedrohungen durch gemeinsame Anstrengungen auf der Grundlage der Prioritäten der EU im Bereich der Kriminalität sowie der Drogen- und Sicherheitsstrategien weiterhin entgegenwirken."
Alexis Goosdeel, Direktor der EMCDDA, fügt hinzu: "Die Botschaft dieses Berichts lässt sich in drei Worten zusammenfassen: Everywhere, Everything, Everyone. Etablierte Drogen waren noch nie so leicht zugänglich wie jetzt und es tauchen weiterhin potente neue Substanzen auf. Heutzutage kann fast alles mit psychoaktiven Eigenschaften eine Droge sein, da die Grenzen zwischen legalen und illegalen Substanzen verschwimmen. Und jede und jeder kann davon betroffen sein, ob direkt oder indirekt, da Drogenprobleme die meisten anderen wichtigen gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, verschärfen. Dieser Bericht kommt zu einer Zeit, in der wichtige globale Ereignisse alle Bereiche unseres Lebens berühren. Im Rahmen der Analyse aktueller Trends und neu auftretender Bedrohungen untersucht er, wie sich diese Entwicklungen auf die Drogenprobleme in Europa in Zukunft auswirken können. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die komplexen politischen Probleme im Drogenbereich nur angehen können, wenn wir unsere Massnahmen auf ein ausgewogenes und evidenzbasiertes Verständnis des Problems stützen."
Gefährliche neue psychoaktive Substanzen tauchen nach wie vor auf - Cathinone im Fokus
In Europa taucht weiterhin jede Woche eine neue psychoaktive Substanz (NPS) auf, was eine Heraus- forderung für die ö̈ffentliche Gesundheit darstellt. 2021 wurden über das EU-Frühwarnsystem (EWS)52 neue Drogen erstmals gemeldet, womit sich die Gesamtzahl der von der EMCDDA beobachteten neuen psychoaktiven Substanzen auf 880 erhö̈hte.
Im Jahr 2021 wurden sechs neue synthetische Opioide,6 synthetische Cathinone und 15 neue synthetische Cannabinoide erstmals gemeldet.
Es wird ein neuer Bericht über die Erfolge des Frühwarnsystems veröffentlicht, da das Netzwerk sein 25-jähriges Bestehen feiert (3).
Im Jahr 2020 wurden in Europa (27 EU-Mitgliedstaaten, Türkei und Norwegen) Rekordmengen an neuen psychoaktiven Substanzen mit einer Gesamtmenge von 6,9 Tonnen (41 100 Sicherstellungen) sichergestellt. Von den sichergestellten Substanzen waren 3,3 Tonnen synthetische Cathinone, die häufig als Ersatz für herkömmliche Stimulanzien (z. B. Kokain, MDMA) verkauft werden.
Seitdem in China synthetischen Cathinone verstärkt kontrolliert werden, stammen die meisten Grossmengen dieser Substanzen, die 2020 nach Europa geschmuggelt wurden, aus Indien, was wahrscheinlich auf die Anpassung des Marktes an gesetzliche Kontrollen und Versorgungsunterbrechungen zurückzuführen ist. Ende 2021 überwachte die EMCDDA 162 synthetische Cathinone, welche damit nach synthetischen Cannabinoiden die zweitgrösste Kategorie der beobachteten neuen psychoaktiven Substanzen (224 überwachte Substanzen). Der Handel mit synthetischen Cathinonen nach Europa in Rekordhöhe und Berichte über Schäden (z. B. Vergiftungen) haben zu neuen Massnahmen geführt. Zwei synthetische Cathinone, 3-MMC und 3-CMC, wurden 2021 einer Risikobewertung unterzogen und die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, sie in der gesamten EU zu kontrollieren.
Cannabis - neue Entwicklungen für die beliebteste illegale Droge in Europa
Neben der Kontrolle von illegalem Cannabis umfassen die politischen Massnahmen nun auch die Regulierung von Cannabis fü̈r medizinische und andere Zwecke (z. B. Zutaten in Lebensmitteln und Kosmetika).
Im Jahr 2020 lag der durchschnittliche THC-Gehalt von Cannabisharz bei 21 % und damit fast doppelt so hoch wie der von Cannabiskraut (11 %); damit hat sich der Trend der letzten Jahre, in denen Cannabiskraut in der Regel einen höheren Wirkstoffgehalt aufwies, umgekehrt. Dies spiegelt Marktinnovationen wider, da die Harzhersteller, in der Regel aus Ländern ausserhalb der EU, offenbar auf die Konkurrenz durch in Europa hergestelltes Cannabiskraut reagiert haben. In dem Bericht wird auch die Sorge geäussert, dass illegale Cannabisprodukte mit synthetischen Cannabinoiden gepanscht werden, die hochpotent und giftig sein können. Konsumierende, die glauben, natürliche Cannabisprodukte gekauft zu haben, wissen möglicherweise nicht, dass ein Produkt synthetische Cannabinoide enthält und dass sie grösseren Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind.
Anzeichen für eine Zunahme der Drogenproduktion, des Drogenhandels und der Verfügbarkeit von Drogen in Europa
Im Jahr 2020 wurden mehr als 350 illegale Drogenproduktionslabore ausgehoben, darunter einige gross angelegte Produktionsstätten für Kokain, Methamphetamin und Cathinone. Die jüngste Analyse deutet darauf hin, dass die Verfügbarkeit von Kokain in Europa nach wie vor hoch ist und eine Reihe von Gesundheitsgefahren mit sich bringt.
Im Jahr 2020 wurde in der EU eine Rekordmenge von 213 Tonnen Kokain sichergestellt (202 Tonnen im Jahr 2019), während 23 Labore ausgehoben wurden (15 Labore im Jahr 2019) (4).
Auch die Verfügbarkeit von Amphetamin ist hoch und könnte zunehmen. Im Jahr 2020 stellten die EU-Mitgliedstaaten eine Rekordmenge von 21,2 Tonnen sicher (15,4 Tonnen im Jahr 2019), und 78 Amphetamin-Labore wurden ausgehoben (38 im Jahr 2019). Der Bericht zeigt, dass in Europa immer mehr Methamphetamin-Produktionsanlagen mittlerer und grosser Grösse ausgehoben werden. Die Produktion und das Angebot von Methamphetamin haben sich in jüngster Zeit in Europa verändert. Diese Entwicklung birgt das Risiko einer breiteren Verfügbarkeit und des Potenzials für einen Anstieg des Konsums.
Die Zahl der ausgehobenen MDMA-Labore (29) blieb 2020 relativ stabil. Darüber hinaus wurden
Eine zentrale Frage, die in dem Bericht aufgeworfen wird, ist, ob die Drogenmärkte im Darknet zurückgehen. Die Aktivitäten auf diesen Märkten scheinen von einer Reihe von Faktoren beeinflusst worden zu sein (z. B. Strafverfolgungsmassnahmen, Lieferprobleme, Betrug). Ende 2021 gingen die geschätzten Einnahmen drastisch auf knapp unter 30 000 EUR pro Tag zurück (gegenüber 1 Mio. EUR pro Tag im Jahr 2020). Soziale Medien und Sofortnachrichten-Apps scheinen als sicherere und bequemere Bezugsquelle bevorzugt zu werden, was die Notwendigkeit von Massnahmen in diesem Bereich unterstreicht.
Notwendigkeit der Ausweitung von Massnahmen zur Behandlung und Schadensminimierung
In dem heute veröffentlichten Bericht wird betont, dass die Behandlungs- und Massnahmen zur Schadensminimierung für injizierende Drogenkonsumierende in Europa ausgebaut werden müssen.
Im Jahr 2020 berichteten nur Tschechien, Spanien, Luxemburg und Norwegen, dass sie die Ziele der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für das Jahr 2020 erreicht haben, nämlich die Bereitstellung von 200 Spritzen pro Jahr pro injizierender Person sowie die Versorgung von mindestens 40 % der Hochrisiko- Opioidkonsumierenden im Rahmen einer Opioid-Agonisten-Behandlung (OAT), die einen Schutzfaktor gegen Überdosierungen darstellt. Im Jahr 2020 gab es in der EU schätzungsweise eine Million Hochrisiko- Opioidkonsumierende, von denen 514 000 Klienten und Klientinnen in OAT sind, was eine Gesamtbehandlungsabdeckung von 50 % bedeutet. Allerdings bestehen zwischen den einzelnen Ländern grosse Unterschiede und das Behandlungsangebot ist in vielen EU-Mitgliedstaaten nach wie vor unzureichend.
Der injizierende Drogenkonsum steht im Zusammenhang mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, wie Infektionskrankheiten, Überdosierungen und Todesfällen. Während der injizierende Heroinkonsum rückläufig ist, wächst die Besorgnis über den injizierenden Konsum einer breiteren Palette von Substanzen, darunter Amphetamine, Kokain, synthetische Cathinone, verschriebene Opioide und andere Arzneimittel.
Im Jahr 2020 wurden in der EU schä̈tzungsweise 5 800 Todesfälle durch Überdosierung illegaler Drogen verzeichnet. Die meisten dieser Todesfälle wurden mit einer polyvalenten Intoxikation in Verbindung gebracht, bei der es sich in der Regel um Kombinationen aus illegalen Opioiden, anderen illegalen Drogen, Arzneimitteln und Alkohol handelt (5). Neben der hohen Verfü̈gbarkeit von Kokain in Europa deuten Berichte darauf hin, dass der Crack-Konsum zunehmen könnte und nun in mehr Städten und Ländern unter vulnerablen Drogenkonsumierenden zu beobachten ist. Crack wird in der Regel geraucht, kann aber auch injiziert werden und steht im Zusammenhang mit einer Reihe von gesundheitlichen und sozialen Schäden (z. B. Infektionskrankheiten und Gewalt).
Die langfristigen Trends deuten darauf hin, dass im Jahr 2020 in Europa schätzungsweise 7 000 Klienten und Klientinnen wegen Crack-Problemen eine Drogenbehandlung aufnahmen. Damit hat sich die Zahl der Klienten und Klientinnen im Vergleich zum Jahr 2016 verdreifacht.
Die Drogenprobleme in Europa können durch die Entwicklungen auf internationaler Ebene beeinflusst werden. Der heutige Bericht befasst sich mit den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan und der Ukraine und den potenziellen Auswirkungen auf den Drogenbereich. Es ist zwar noch zu früh, um die Auswirkungen dieser Ereignisse in vollem Umfang bewerten zu können, doch wird eine gezielte Beobachtung der Situation erforderlich sein, um eine Informationsgrundlage für die Politik und für Massnahmen zu schaffen.
Trotz des im Jahr 2022 von den Taliban verhängten Verbots der Herstellung, des Verkaufs und des Handels mit illegalen Drogen in Afghanistan scheint der Mohnanbau fortgesetzt zu werden. Aufgrund der aktuellen finanziellen Probleme des Landes könnten die Einnahmen aus Drogengeschäften zu einer wichtigen Einnahmequelle werden, was zu einer Zunahme des Heroinhandels nach Europa führen könnte. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Frage, ob Europa zu einem Konsummarkt für in Afghanistan hergestelltem Methamphetamin werden wird. Diese Droge wird derzeit von europäischen Herstellern auf dem EU-Markt angeboten. In jüngster Zeit wurden jedoch auch in Afghanistan eine grossangelegte Methamphetamin- Produktion auf Ephedra-Basis sowie eine Zunahme der Sicherstellungen dieser Droge entlang einiger etablierter Heroinschmuggelrouten festgestellt.
Der Krieg in der Ukraine hat zur Unsicherheit hinsichtlich der Drogensituation in Europa beigetragen. Auf Personen, die in der Ukraine eine Drogenbehandlung in Anspruch nehmen, entfällt nur ein kleiner Teil der Personen, die in der EU Zuflucht suchen. Diese Personen benötigen eine kontinuierliche Behandlung sowie auf ihre spezifischen Bedürfnisse und ihre Sprache zugeschnittene Drogenhilfe. Allgemein ist davon auszugehen, dass Menschen, die vor Konflikten fliehen, unter starkem psychischem Stress leiden und dadurch in Zukunft potenziell anfälliger für Probleme im Zusammenhang mit dem Substanzmissbrauch sind. Der Krieg könnte auch zu Verschiebungen der Schmuggelrouten führen, da Kriminelle Schwachstellen ausnutzen oder betroffene Gebiete meiden.
Der Vorsitzende des Verwaltungsrats der EMCDDA, Franz Pietsch, stellt abschliessend fest: "Der heute vorgelegte Bericht bietet einen strategischen und ganzheitlichen überblick über die Drogensituation in Europa und ihre Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und Sicherheit. Er ist eine wichtige Ressource, um politischen Entscheidungsträgern und Entscheidungsträger:innen und Fachkräften im Drogenbereich bei der Verbesserung ihrer Abwehrbereitschaft und Reaktionsfähigkeit zu helfen. In dieser Woche feiern wir das 25-jährige Bestehen des EU-Frühwarnsystems für neue psychoaktive Substanzen. Da nach wie vor neue Drogen auftauchen, ist mehr Unterstützung für nationale Frühwarnsysteme und forensische und toxikologische Tests erforderlich, um neu auftretende Bedrohungen besser erkennen und darauf reagieren und die öffentliche Gesundheit schützen zu können."