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Weltkulturerbe im Doppelpack – La Chaux-de-Fonds und Le Locle
Die „Zwillingsstädte“ La Chaux-de-Fonds und Le Locle im Kanton Neuenburg haben einige Gemeinsamkeiten: Beide gelten als Kulturgüter der Schweiz und stehen im Inventar der Denkmalpflege, beide wurden im Juni 2009 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen und beide gehören (neben Biel/Bienne) zu den bekanntesten Uhrenstädten der Schweiz.
La Chaux-de-Fonds ist die grösste Stadt im Hochjura und die viertgrösste in der gesamten Romandie. Mit ihrer Lage in rund 1`000 Metern über dem Meerespiegel gehört sie darüber hinaus zu den höchstgelegenen Gemeinden in Europa. Es gibt zwar einige Zeugnisse aus dem Paläolithikum, ansonsten fehlen aber Hinweise auf eine frühe Besiedlung der Region. Diese setzte gesichert erst im Mittelalter ein. Das weitläufige Umland ist bis heute nur dünn besiedelt, so dass La Chaux-de-Fonds auch immer wieder als „Stadt auf dem Land“ bezeichnet wurde.
Die früheste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1350, aber es dauerte bis zum Dreissigjährigen Krieg, dass La Chaux-de-Fonds wegen der verkehrsgünstigen Lage einen ersten grossen Wachstumsschub erfuhr. Mit der Etablierung der Spitzenklöppelei und der Uhrmacherei im 18. Jahrhundert folgte dann ein bedeutender und langfristiger Aufschwung. Beide Handwerke entwickelten sich zuerst in Heimarbeit, die durch neue technische Gegebenheiten gegen Ende des Jahrhunderts schnell zu einer regen Industrie mit zahlreichen Fabriken heranwuchs. Seit den rezessiven 1970er Jahren ist die Uhrenindustrie allerdings wieder stark geschrumpft und wurde von Branchen wie Elektronik, Präzisions- und Mikromechanik abgelöst.
Entscheidend für das heutige Erscheinungsbild der Stadt war ein verheerendes Feuer im Jahr 1794, bei dem rund drei Viertel aller Gebäude abbrannten. Danach wurde der Neuaufbau unter der Federführung von Moïse Perret-Gentil nach einem rechtwinklig angelegten Grundriss durchgeführt, der die Stadt prägt und mit dazu beigetragen hat, dass La Chaux-de-Fonds in den Focus der Denkmalpflege rückte und schliesslich in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.
1835 und 1841 erfolgten zwei grosse Erweiterungen nach Plänen des Architekten Charles-Henri Junod, die La Chaux-de-Fonds endgültig zu einer Reissbrettstadt machten. Erst ab etwa 1920 wurde bei der Ausbreitung der Siedlungsfläche auf die benachbarten Hänge aus topografischen Gründen vom rechtwinkligen Grundriss abgelassen.
Das Strassenbild der Stadt bestimmen Jugendstil- und typisch kubische Mietshäuser des 19. Jahrhunderts sowie moderne Wohn- und Zweckbauten, darunter auch Entwürfe von Le Corbusier. Unter den verschiedenen Museen ragt vor allem das Internationale Uhrenmuseum (Musée International d’Horlogerie) hervor, das die Geschichte der Zeitmessung und der Uhrmacherei präsentiert.
Le Locle, die Nachbarstadt von La Chaux-de-Fonds, nahm eine ähnliche Entwicklung. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich der Ort von einem Bauerndorf zu einem Industriestandort. Motor der Entwicklung war die Uhrmacherei seit 1705, für die Le Locle als Wiege gilt. Aber auch die Spitzenmacherei trug wesentlich zum wirtschaftlichen Aufstieg bei. Der weitere Verlauf der Geschichte deckt sich nahezu mit den Ereignissen in La Chaux-de-Fonds: Rezession in den 1970er Jahren und eine Diversifizierung der Industriezweige weg von der Uhrmacherei zu Elektronik, anderen Mechanikbetrieben oder beispielsweise Informationstechnologie.
Auch Le Locle weist bis auf wenige Spuren aus dem 5. und 6. Jahrtausend vor Christus vor dem Mittelalter keine Zeugnisse einer Besiedlung auf. Als „Losculo“ erscheint der Ort 1150 zum ersten Mal in den erhaltenen Urkunden. Dreimal – 1683, 1765 und 1833 – wurden weite Teile der Stadt durch Feuersbrünste zerstört. Nach dem letzten Grossbrand nahmen sich die Verantwortlichen La Chaux-de-Fonds als Vorbild und liessen Le Locle im Schachbrettgrundriss wieder aufbauen.
Die Planung übernahm ebenfalls Charles-Henri Junod. Das Strassenbild von Le Locle ähnelt der benachbarten Schwester, und auch hier ist ein Bau von Le Corbusier zu finden. Insgesamt kann man sagen, dass La Chaux-de-Fonds und Le Locle sich sowohl in der historischen und wirtschaftlichen Entwicklung wie auch der architektonischen Ausgestaltung – bei beiden ausgelöst durch Grossfeuer – sehr ähnlich sind, so dass der Ausdruck „Zwillingsstädte“ durchaus angebracht ist.
Für die Denkmalpflege sind beide Städte herausragende Beispiele einer bewussten Planung und Anlage in Schachbrettform und stehen in einem deutlichen Gegensatz zu mittelalterlichen Stadtanlagen mit ihren kreisförmigen Grundrissen. Diesem Gedanken folgte auch die UNESCO, als sie die Gemeinden in ihre Liste des Weltkulturerbes aufnahm. Unter den Welterbestätten in der Schweiz nehmen La Chaux-de-Fonds und Le Locle als Gesamtheit eine besondere Position ein, zeigen sie doch durch ihre einzigartige und enge Verbindung von Wohn- und Arbeitsstätten ein einprägsames Bild der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in der Schweiz vom Mittelalter bis in die Neuzeit – für die Denkmalpflege sowohl ein Aushängeschild als auch eine besondere Herausforderung beim Erhalt und dem zukünftigen Ausbau.
Oberstes Bild: Der Rathausplatz in La Chaux-de-Fonds. (Bild: Roland Zumbuehl / Wikimedia / CC)