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Paris den 2. November 1846.
Mein theurer Freund!
Wenn ich gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft in Paris einige Zeilen an dich richte, so geschieht es natürlich nicht, um dir den ersten, großartigen Eindruck zu schildern, den ein ganz flüchtiger Anblick der hauptsächlichsten Quartire der «capitale du monde» auf mich gemacht hat; ich halte mich vielmehr für verpflichtet mich dafür zu entschuldigen, daß ich von Basel aus nichts von mir hören ließ. Ich habe der dortigen Großrathssitzung mit größtem Intresse beigewohnt u. mir auch über die hauptsächlichsten Vorträge Notizen gemacht, allein als der Beschluß der Verfassungsrevision gefaßt wurde, um 5 ½ Uhr, war es bereits zu spät, dieselben bis zum Abgange der Zürcher Post noch in's Reine zu bringen, u. eine ganz flüchtige Anzeige des Resultates zu machen fand ich mich nicht veranlaßt, zumal ich noch auf die Comissionswahlen sehr gespannt war u. daher die ersten derselben noch auf der Tribune abwarten wollte. Es wird dich indessen immerhin intressiren, wenn ich dir privatim den Eindruck schildere, den die Sitzung auf mich gemacht hat; er geht im Allgemeinen dahin, daß mir Basel Stadt für die Sache des Liberalismus mit Sicherheit gewonnen scheint. Die Frage der Verfassungsrevision war eigentlich schon zum voraus durch die 700 Petenten entschieden, welche auf die Mehrzahl des Großen Rathes einen sehr sichtbaren Eindruck machten. Gegen die Revision stimmten zuletzt bloß 8 Mitglieder, welche mir die konsequentern Conservativen zu seyn schienen. Sie räsonnirten ganz richtig folgendermaßen: das System, welches Basel bisher befolgt hat, ist nach | unsrer Ansicht das richtige, u. wir müßten uns jedem andern auf's lebhafteste widersetzen; wir können daher nicht für eine Verfassungsrevision stimmen, welche eine Aenderung in der Politik vorbereiten soll, u. zwar um so weniger als die demokratischen Aenderungen, die man einführen will, uns nicht behagen. Es handelt sich um einen Kampf für Grundsätze, u. diesen soll man offen mit einander auskämpfen, statt ihn auf ein fremdes Gebiet hinüberzuspielen. Wußte man bei dieser kleinen Zahl Conservativen klar u. genau, was sie wollten, so war dieses ebenso der Fall bei der schon bedeutend größern Schaar entschiedner Liberaler, welche sich mit gleicher Offenheit aussprachen. Dr. Brenner sagte es deutlich, was seine Parthei, welche zuerst die Revision verlangt, mit derselben bezwecke: eine wahre Vertretung der Bürgerschaft im Gr. R., welche nur dadurch möglich werde, daß das junge Geschlecht von 20-25 Jahren stimmfähig erklärt u. die Wahlkollegien anders eingerichet werden. Er charakterisirte dann vorzüglich die jetzige Politik Basel's als eine uneidgenössische, deren Grund einzig in der Mißstimmung, welche die Ereignisse der Dreißigerjahre zurückgelassen, zu suchen sey, als eine unnatürliche, insoferne sie der Richtung Basel's in den Neunziger- u. Zwanzigerjahren, seiner Kulturstufe u. seinen geistigen Intressen widerspreche, u. als eine unheilvolle, weil gerade durch die Unterstützung des protestantischen Basel's die Ultramontanen zu ihren verwegnen Schritten ermuthigt worden seyen. Brenner sprach warm u. klar, doch in sehr gemäßigtem Tone; sehr gut hatte schon vor ihm Oberst Steheli die liberalen Tendenzen als die für Basel allein natürlichen verfochten, etwas unentschiedner, doch immer noch gut sprach Präs. Fürstenberger. Sogar ein Conservativer rügte die Garantie der Walliser Verfassung, unter Berufung auf Berichte des protestant. Hülfsvereins; überhaupt wagten es nur sehr Wenige, die bisherige eidgenössische Politik, um welche sich nun hauptsächlich die Diskussion drehte, in Schutz zu nehmen. Am besten geschah dieses noch von Notar Dr. Schmid, welcher dieselbe als das System der konfessionellen Freiheit u. der Kantonalsouveränität vertheidigte, die andern drohten mit Kommunismus, mit freier Niederlassung u. Gewerbsfreiheit, mit einer | Einheitsrepublik, resp. Unterdrückung der klein Kantone; aufallend war es, daß Heusler kein Wort verlor. Frägst du mich nun noch, was eigentlich die Conservativen, welche für die Verfassungsrevision stimmten u. die am Ende doch die entscheidende Mehrheit des Gr. R. ausmachten, mit derselben bezweckten, so scheint es mir, daß sehr verschiedenartige Motive obgewaltet haben. Man kann unter den Rednern dieser Ansicht dreierlei Nuancen unterscheiden: 1) solche, welche lebhaft das bisherige System vertheidigten u. dann zuletzt, ohne weitre Gründe dafür anzuführen, sich doch für die Revision erklärten, weil es nun einmal nicht anders seyn könne, d. h. weil die Bürgerschaft u. der kleine Rath es so haben wollen, – natürlich alles Leute von geringem Belange, welche, indem sie die Nothwendigkeit das Feld zu räumen einsahen, noch einen Schwanengesang halten wollten 2) Solche, welche zwar auch das bisherige System vertheidigten, jedoch zugaben, daß dasselbe unterhöhlt oder «wurmstichig» sey, d. h. jeglichen Fundamentes unter der Bürgerschaft entbehre, weßhalb auch die Regierung keine Kraft mehr im Intresse der öffentlichen Ordnung entwickeln könnte. Diese betrachteten die Revision als eine, in solchen Augenblicken in Demokratien nothwendige Appellation an das Volk, durch welche demselben Gelegenheit geboten werde, die Behörden neu zu bestellen u. über die zu befolgende Politik seinen obersten Willen auszusprechen. Sie verlangten weiter nichts, als daß nach gefallnem Entscheide die Minorität sich der Majorität füge, u. ich halte diese für ehrlich. 3) Am wenigsten gefielen mir diejenigen, welche, wie Bgrmstr Burckhard u. Rathsherr Rud. Merian, viel von einer Versöhnung sprachen, welche bei Anlaß einer Verfassungsberathung unter den Partheien stattfinden könnte, u. von einer Verschmelzung der verschiednen Ansichten in ein Juste-Milieu; bei diesen waltete unverkennbar die Absicht ob, von dem bisherigen System durch gewandtes Einlenken so viel als möglich zu retten. Mit Recht wurde ihnen von den konsequent Conservativen entgegnet, daß man Schwarz u. Weiß nicht mit einander vermitteln könne, sondern seine Ueberzeugung offen verfechten solle, gleichviel was der Erfolg des Kampfes sey. Dieses die Hauptzüge der Diskussion; das Ergebniß der 4 ersten Comissionswahlen, denen ich noch beiwohnte, war ein sehr erfreuliches, in dem Stehli u. Brenner als 2tes u. 3tes Mitglied mit großer Mehrheit gewählt wurden, dagegen Heusler gar keine Stimmen hatte u. Burckhard es nie über 20 brachte. – Ich hoffe nun, daß dieser Bericht für dich vielleicht einiges Interesse haben möge u. grüße dich, nebst höfl. Empfehlungen an deine Eltern, auf's freundschaftlichste.
Dein treuer
J J Blumer-Heer.|
NB. Ich logire gegenwärtig noch bei meinem Schwager, Boulevard Risonnière 28, – wohin du allfällige Briefe adreßirn könntest.