Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03257.jsonl.gz/1295

Kaum hat das Gespräch begonnen, wird es durch ein dröhnendes Geräusch unterbrochen. Bombenalarm? «Das ist nur meine Wanduhr. Sie zeigt die Stunden mit dem Sound verschiedener historischer Harley-Davidson-Motoren an», klärt Gerhard Evers auf. Damit wäre die Frage nach seiner liebsten Freizeitbeschäftigung bereits vom Tisch.
Wird aneinandergereiht, was der junge Evers alles trieb, fällt es schwer zu glauben, dass sein Vater Pastor war. Das muss ein langmütiger Mensch gewesen sein. Das Ungemach begann schon mit Bandenkriegen in Hannover, wo die Familie lebte. «Die Verteidigungslinie verlief entlang den Innenhöfen, die es vor feindlichen Überfällen auf unsere Spielsachen zu schützen galt», erzählt er.
200 D-Mark für jede Versetzung
Als sich die Auseinandersetzungen einmal zuspitzten und die ungeordneten Haufen aufeinander eindroschen, holte er einen Leiterwagen aus dem Keller, füllte ihn mit Sand, stellte sich auf dieses Podest und verkündete: «Ich bin jetzt euer Hauptmann.» Und was passierte dann? Evers schüttelt sich vor Lachen: «Keiner widersprach. Sie fragten nur, was sie jetzt tun sollten. Damals habe ich meine ersten Führungserfahrungen gemacht.» Und wenn er nicht gerade Rotzlöffel befehligte, organisierte Evers Fahrradrennen, gründete einen Kinder-Tierschutz-Verein, eine Detektei namens «Schwarze Hand» oder frisierte Töffli.
Lauter Aktivitäten, die nicht unbedingt für den Eintritt ins Gymnasium sprachen. Aber darauf bestanden seine an allerhand Unfug gewohnten Eltern. «Die Zielsetzungen meiner Lehrer deckten sich selten mit meinen Ideen», sagt er über jene Zeit. Das irritierte seinen eher intellektuellen Vater. Einzig bei den Nachhilfen im Latein, die er ihm gab, waren sich die beiden richtig nahe. Vor allem auch deshalb, weil Evers junior pragmatisch genug war einzusehen, dass er die Versetzung in die nächste Klasse nur so erreichen konnte.
Da diese oft gefährdet war, kam in den späteren Klassen ein Anreizsystem hinzu, das Evers als «erste Erfahrungen mit einem Flair von kaufmännischem Denken» bezeichnet: Seine Eltern setzten jedes Jahr eine Prämie von 200 D-Mark aus, falls er diese Hürde schaffen würde. Dass Evers an der Abiturienten-Ehrung sogar ausgezeichnet wurde, verdankte er vor allem seinen hervorragenden Leistungen im Sport.
Lauter «Zufälle»
Was sich in seinen nächsten Lebensabschnitten ereignete, nennt er «pure Zufälle». Das begann schon in der Bundeswehr. Evers war eingeteilt als Fernsprechfunker und wurde unverhofft arbeitslos, weil die benötigten Geräte fehlten. «Ich langweilte mich fast zu Tode.» Das war ein weiterer Lehrblätz. «Ich habe seither grosses Verständnis für Menschen, die gerne arbeiten möchten, aber keinen Job haben.»
Aber Evers wäre nicht Evers, wenn er sich nicht doch wieder aufgerappelt hätte. Er wurde zum Sprecher einer Batterie gewählt und geriet in eine Sandwichposition. Oben ein Hauptmann - dieses Mal ein richtiger -, unten die Kameraden. Als Evers erfuhr, dass der Hauptmann einen Teil des Etats für die Soldaten dazu verwendete, sein Fahrzeug komfortabler einzurichten, wehrte er sich und kassierte prompt zusätzliche Wochenend-Wachdienste. Die Lehre aus diesem Kräftemessen lautete: Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei.
Sein entscheidender Schritt ins Berufsleben war wiederum zufällig. Bei der Berufsberatung wurde ihm, der zunächst keine sichtbare Begeisterung für ein Studium, aber viel praktischen Verstand bewies, geraten, sich bei einer kleinen Speditionsfirma zu bewerben. Diese lag just gegenüber dem Bürogebäude des damals bekannten Branchenführers im Bereich Spedition, der Rhenus AG. «Das Gebäude war imposant, und weil ich für das anberaumte Gespräch mit dem kleinen Konkurrenten zu früh war, schaute ich dort rasch vorbei und fragte, ob ein Ausbildungsplatz frei sei.»
Klar, dass er bei Rhenus sofort eingestellt wurde. Klar, dass auch seine nächsten Karrierestationen immer von Ereignissen bestimmt waren, die sich wie Perlen an eine Kette von nicht beeinflussbaren Faktoren zu reihen schienen. Mittlerweile hatte er nämlich ein BWL-Studium absolviert und war hoch motiviert, sein Wissen praktisch anzuwenden. Was früher in der Schule schwierig erschien, machte ihm mit einem Mal Spass. «Vor allem das Kaufmännische fand ich hoch spannend und entsprechend gross war mein Engagement.»
Eine weitere glückliche Fügung ermöglichte Evers den Einstieg bei Mars als Logistikspezialist. Hier bekam er bald die Chance, sich in anderen verantwortungsvollen Positionen zu bewähren - etwa als Key-Account Manager - oder später auch als Marketing Manager; und er entwickelte sich allmählich vom Spezialisten zum Generalisten. Später wechselte er in die Geschäftsführung von Bongrain Deutschland und gab diesem Unternehmen fast 16 Jahre lang ein Gesicht und eine Stimme.
Ein weiterer Zufall führte ihn zur Hilcona. Wieso dieser Wechsel, obwohl sein Engagement bei Bongrain so erfolgreich war? Jetzt muss Evers erneut ausholen. «In einem Seminar für Führungskräfte Mitte der 80er-Jahre gab uns der Trainer eine etwas ungewöhnliche Aufgabe. Wir sollten auf den Dorffriedhof gehen und uns einen Verstorbenen aussuchen, der unseren Jahrgang hatte, vor dessen Grab verweilen und uns Gedanken merken, die uns dabei durch den Kopf gingen. Bei mir war es die Erkenntnis, dass unser Leben schon morgen zu Ende sein könnte.» Ihm schien es daher wichtig, sich immer wieder zu fragen: «Was will ich mit und aus meinem Leben machen?» Daran erinnerte er sich wieder, als er auf die 50 zuging.
Mosaikstein, der genau passte
Genau in dieser Phase erhielt er eine Anfrage von Hilcona. Jürgen und Ekkehard Hilti, damals CEO bzw. Verwaltungsratspräsident, wollten sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen, aber trotzdem die Option offenhalten, das Unternehmen in der dritten Generation zu erhalten, falls die Kinder fähig und willens wären, in diese Aufgabe hineinzuwachsen. Dafür wurde ein Zeithorizont von etwa zehn Jahren ins Auge gefasst. Das war genau der Mosaikstein, der ins Lebenspuzzle von Evers passte. Man traf sich mehrere Male und spürte, dass die Chemie stimmte.
Wie sieht er seine Aufgabe? «Wir sind Generalisten und stark in der Schweiz, dies gilt es weiter auszubauen und als Spezialist für frische Pasta und Teigwaren in Europa weiter zu wachsen.» Auf dem Weg dahin dürften ihm alle Lehren zugute kommen, die er in seiner bisherigen Karriere internalisiert hat. Hilconas Leitbild umschreibt er mit «Living Passion for Convenience». Das gilt übrigens seit 75 Jahren, als Hilcona-Produkte als Konserven einen ersten Schritt zur gesunden Ernährung rund ums Jahr bildeten.
Hilconas bester Kunde
«Ich bin Hilconas bester Kunde, ich koche nicht umwerfend, aber ich esse gerne gut. Also ein typischer Besseresser - so ein Hilcona-Slogan. Mit unseren Produkten, die ich alle selber teste und raffiniert anreichern kann, zaubere ich im Nu etwas Tolles auf den Tisch.» Er sieht keinen Sinn darin, für Gäste stundenlang in der Küche zu stehen und am Ende, verschwitzt und erschöpft, kaum mehr Zeit für sie zu haben. Die karge Freizeit wollen er und seine Frau dazu verwenden, entspannt mit Freunden und der Familie zusammen zu sein. Den Geladenen scheint die Experimentierfreudigkeit der Gastgeber am Herd zu gefallen. Und dafür, dass es ihnen nicht langweilig wird, sorgt Evers schier unerschöpfliche Erzählkunst.