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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

21. Buch
7. Der letzte Grund des Glaubens gegenüber wunderbaren Dingen ist die Allmacht des Schöpfers.
Warum soll also Gott nicht bewirken können, daß die Leiber der Toten auferstehen und die der Verdammten in ewigem Feuer gepeinigt werden? Hat er doch die Welt erschaffen mit all ihren unzähligen Wundern am Himmel und auf Erden, in der Luft und im Wasser, die Welt, die selbst ohne Zweifel noch ein größeres und herrlicheres Wunder ist als all die Wunder in ihr. Aber freilich, unsere Gegner meinen immer noch einen Ausweg zu wissen. Sie glauben zwar, daß es einen Gott gibt, von dem die Welt erschaffen worden ist, sie glauben auch, daß von ihm die Götter erschaffen seien, durch deren Vermittlung die Welt von ihm regiert wird, sie leugnen nicht oder streichen sogar heraus die Weltmächte, die da Wunder wirken, seien es frei erfolgende Wunder oder durch irgendeine Anrufung oder Beschwörung erlangte oder auch magische Wunder; sowie wir ihnen aber das wunderbare Verhalten anderer Dinge vor Augen halten, solcher, die keine vernünftigen Leibeswesen noch mit Vernunft begabte reine Geisteswesen sind, Dinge wie die, wovon ich oben einige angeführt habe, so erwidern sie gewöhnlich: „Ein solches Verhalten liegt in der Natur; die Natur dieser Dinge ist so beschaffen, es handelt sich um Wirkungen, die lediglich in der Eigentümlichkeit der Natur dieser Dinge begründet sind.“ Daß also zum Beispiel das Salz von Agrigent an der Flamme zerfließt und im Wasser knistert, hat nur darin seinen Grund, daß es so die Natur dieses Salzes ist. Allein ein solches Verhalten scheint eher wider die Natur zu sein, die das Salz zu lösen dem Wasser und nicht dem Feuer, es zu dörren dem Feuer und nicht dem Wasser verliehen hat. Und derselbe Erklärungsgrund wird auch angegeben sein für jenen Quell bei den Garamanten, wo ein und derselbe Wasserstrahl bei Tage kalt, und bei Nacht heiß ist, so oder so unangenehm sich fühlbar machend jedem, der damit in Berührung kommt; ebenso auch für den Quell, der, obwohl er sich kalt anfühlt und eine brennende Fackel auslöscht wie andere Bäche auch, doch abweichend davon und wunderbarerweise die ausgelöschte Fackel wieder entzündet; ebenso für den Asbeststein, der selbst kein Feuer enthält, aber an Feuer von außen in unlöschbaren Brand gerät; ebenso endlich für all die anderen Fälle, die ich nicht wiederholen will; obwohl da überall offenbar eine ungewöhnliche, der Natur entgegengesetzte Beschaffenheit innewohnt, weiß man doch keinen anderen Erklärungsgrund anzugeben als den Hinweis darauf, daß dies eben die Natur dieser Dinge sei. Übrigens ist, ich gebe es zu, diese Erklärung kurz und die Antwort genügend. Allein der Urheber aller Naturen ist doch Gott; wenn also unsere Gegner etwas scheinbar Unmögliches nicht glauben wollen, warum lassen sie uns nicht auf diesen tieferen Grund zurückgehen, warum lehnen sie den Hinweis auf den Willen des allmächtigen Gottes ab, womit wir auf ihre Forderung einer vernunftgemäßen Erklärung erwidern? Gerade deshalb heißt ja doch Gott allmächtig, weil er kann, was er will, er, der so vieles schaffen konnte, was man sicher für unmöglich hielte, wenn es nicht vor Augen stünde oder von glaubwürdigen Zeugen auch heute noch behauptet würde, und nicht bloß Dinge, die gänzlich unbekannt sind bei uns, sondern auch allgemein bekannte, wie ich absichtlich von beiden Arten Fälle angeführt habe. Denn solchen Fällen, für die außer den darüber berichtenden Büchern kein Zeuge eintritt, mag man immerhin, ohne Tadel zu verdienen, den Glauben versagen, wofern sie aufgezeichnet sind von Menschen, die ohne göttliche Belehrung geblieben sind und daher menschlichem Irrtum zugänglich waren.
Denn auch ich verlange keineswegs so ohne weiteres Glauben für die angeführten Fälle, glaube ich doch selber nicht so fest daran, daß in meinen Gedanken kein Zweifel darüber Platz fände, wobei ich jedoch die Fälle ausnehme, die mir aus eigener Erfahrung bekannt sind oder von jedermann leicht in Erfahrung gebracht werden können, wie die Beispiele von Kalk, der im Wasser siedet und im Öle kalt bleibt, vom Magnetstein, der mit unsichtbarer Anziehung das Eisen an sich reißt, während er den Strohhalm unbewegt läßt, vom Pfauenfleisch, das nicht verwest, obwohl doch selbst Platos Fleisch der Verwesung anheimfiel1 , vom Stroh, das so kühl hält, daß der Schnee darunter nicht schmilzt, und so warm, daß es Obst zur Reife bringt, von der glänzenden Eigenschaft des Feuers, das in Übereinstimmung mit seinem Glanze den Stein beim Brennen weiß macht und im Widerspruch mit eben diesem Glanze vieles durch Versengen schwärzt. Hierher gehört auch, daß durch das glänzende Öl schwarze Flecke entstehen und sich mit blinkendem Silber schwarze Linien ziehen lassen, sowie das Beispiel, von den Kohlen hergenommen, daß nämlich bei ihrem Entstehen das Feuer geradezu gegensätzliche Wirkungen hervorbringt und aus dem schönsten Holz schwarze Stücke werden, zerbrechlich, wie vorher hart, unverweslich, wie vorher verweslich. Diese Merkwürdigkeiten und noch viele andere, die ich hier nicht anführen kann, weil es zu weit ginge, sind mir persönlich bekannt und außer mir noch vielen oder allen. Dagegen für die nicht aus der Erfahrung geschöpften, sondern aus Büchern entnommenen Fälle vermochte ich auch sonst keine Zeugen aufzutreiben, die mich über die Wahrheit der Berichte hätten aufklären können, ausgenommen das Beispiel von dem Quell, worin brennende Fackeln erlöschen und erloschene sich entzünden, und das Beispiel von den äußerlich reif erscheinenden und inwendig Rauch enthaltenden Obstfrüchten im Lande der Sodomiter. Und auch für den Quell in Epirus habe ich keine Augenzeugen gefunden, wohl aber haben mir Leute versichert, es sei ihnen ein ähnlicher Quell in Gallien bekannt, unweit der Stadt Gratianopolis2 . Dagegen ist die Beschaffenheit der sodomitischen Baumfrüchte nicht nur durch glaubwürdige Schriften bezeugt, sondern es tritt dafür überdies der Bericht so vieler persönlicher Beobachter ein, daß ich daran nicht zweifeln kann. Zu den übrigen Fällen verhalte ich mich weder ablehnend noch zustimmend; wenn ich sie gleichwohl aufgenommen habe, so geschah es, weil ich sie bei den Geschichtschreibern der Ungläubigen gelesen habe: ich wollte damit recht deutlich zum Bewußtsein bringen, was doch alles in ihrem eigenen Schrifttum viele von diesen Ungläubigen ohne vernunftgemäße Begründung gläubig hinnehmen; sobald aber wir behaupten, der allmächtige Gott werde etwas ausführen, was jenseits ihrer Erfahrung und Sinneswahrnehmung liegt, so halten sie es unter ihrer Würde uns zu glauben, selbst auch auf vernunftgemäße Begründung hin. Denn die beste und sicherste Begründung für solche Dinge ist doch die, zu versichern, der Allmächtige könne sie ausführen, und fest dabei zu bleiben, er werde sie auch ausführen; handelt es sich ja um Dinge, die man durch Gott angekündigt lesen kann in Schriften, worin er außerdem vieles angekündigt hat, was er erwiesenermaßen bereits verwirklicht hat. Er, der angekündigt und zuwege gebracht hat, daß die ungläubigen Völker das Unglaubliche glaubten, wird das für unmöglich Geltende verwirklichen einfach deshalb, weil er solche Verwirklichung angekündigt hat.
1: Daß gerade Plato herangezogen ist, ist auch begründet in einem der Übersetzung nicht erreichbaren Gleichklang: de carne non putescente pavonis, cum putuerit et Platonis.
2: Jetzt Grenoble.