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Daniil Medvedev ist auf dem Tennis-Thron angekommen. Heute Montag wird er Novak Djokovic als Weltnummer 1 ablösen. Ein Rückblick auf einen erstaunlichen Weg nach oben.
Mit 26 Jahren ist Daniil Medvedev am Ziel. Als dritter Russe nach Jewgeni Kafelnikow und Marat Safin erklimmt er den Tennisthron und löst Novak Djokovic nach über zwei Jahren ab. Auf dem Weg an die Spitze läuft aber nicht immer alles wie geplant.
Zweite Garde bei den Junioren
Als Junior gehört Daniil Medvedev in seinem Alter nicht zu den Allerbesten, auch wenn er einst als Nummer 13 des Rankings geführt wird und insgesamt acht Titel gewinnt. Bei den Grand Slams schafft er es nie über die dritte Runde hinaus. Noch ahnen wohl viele nicht, wohin der Weg des schlaksigen Russen noch führt.
Bemerkenswert ist, was Medvedev erst später über sich als Teenager verrät: «Ich hasste Roger Federer. Ich konnte einfach nicht zusehen, wie er wieder und wieder gewann. Ich habe von der ersten Runde an für die anderen Spieler gejubelt, weil ich diese Einstellung hatte.»
Ein erster Eklat kurz vor dem ATP-Debüt
Als 20-Jähriger und Weltnummer 260 sorgt Medvedev im April 2016 beim Challenger-Turnier in Savannah für einen Skandal. Nachdem die Stuhlschiedsrichterin einen Entscheid des Linienrichters zuungunsten von Medvedev überstimmte, ist der Russe über die Mikrofone zu hören. «Ich weiss, dass ihr Freunde seid. Ich bin mir sicher darüber», so Medvedev über Gegner Young und die Unparteiische, die beide dunkelhäutig sind. Die Folge: Medvedev wird disqualifiziert – mit der Begründung eines «schwerwiegenden unsportlichen Verhaltens, als er die Unparteilichkeit der Stuhlschiedsrichterin wegen ihrer Hautfarbe infrage stellte».
Im Mai kurz darauf gibt Medvedev im Einzel sein Debüt auf der ATP-Tour, das er in Nizza gegen Guido Pella in drei Sätzen verliert.
Erster Sieg bei einem Grand Slam – und der nächste Eklat
Etwas mehr als ein Jahr später fährt Medvedev in Wimbledon seinen ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier ein – ausgerechnet gegen Stan Wawrinka, den er in der ersten Runde überraschend in vier Sätzen bezwingt. Ruben Bemelmans in Runde zwei dagegen bedeutet für Medvedev Endstation, wobei er nicht nur das Match, sondern auch die Nerven verliert.
Unmittelbar nach dem verlorenen Matchball wirft Medvedev dem Schiedsrichter Münzen vor den Stuhl, um so Bestechung zu suggerieren. Der Russe muss darauf eine Busse von 14'500 Dollar bezahlen.
Der Hochzeitsantrag als Initialzündung
Gleich zum Saisonauftakt 2018 in Sydney schnappt sich Medvedev seinen ersten ATP-Titel dank einem Finalsieg über Lokalmatador De Minaur. Im März sorgt ein hitziges Duell in Miami mit Tsitsipas für Aufsehen, das Medvedev in drei Sätzen für sich entscheidet. Trotz Sieg will er nach dem Spiel aber auf seinen Kontrahenten losgehen, weil der Grieche ihn mit den Worten «Scheiss Russe» beleidigt haben soll. Der Schiedsrichter muss dazwischen gehen, um Handgreiflichkeiten zu verhindern.
Im Spätsommer gelingt Medvedev endgültig der Durchbruch. Auf den Triumph im August in Winston-Salem lässt Medvedev im Oktober in Tokio den nächsten Turniersieg folgen. Viel später verrät er sein damaliges Erfolgsrezept, das mit seiner Heirat im September 2018 zusammenhängt.
«Bevor ich einen Antrag machte, war ich auf Platz 65 der Rangliste. Und dann habe ich in zehn Monaten zwei grosse Turniere gewonnen und bin in die Top 10 gekommen», gilt Medvedevs Dank auch Ehefrau Daria. Tatsächlich macht der Russe in der Weltrangliste von August bis November einen Sprung von Platz 68 auf Rang 16.
Die US Open 2019
Den stetigen Aufstieg setzt Medvedev auch in der folgenden Saison fort. Erneut läuft er auf der Nordamerika-Tour im späten Sommer zur Höchstform auf, erreicht in Washington, Montreal, Cincinnati und den US Open vier Endspiele in Serie. In New York verpasst er seinen ersten Grand-Slam-Titel gegen Rafael Nadal denkbar knapp, sorgt aber nicht nur deshalb für Schlagzeilen.
Bei seinem Sieg in der dritten Runde gegen Feliciano Lopez macht er seinem Namen als «Bad Boy» alle Ehre. Zuerst reisst er einem Balljungen das Tuch aus der Hand, dann zeigt er den Zuschauern den Mittelfinger. Das Publikum revanchiert sich und buht den Russen in regelmässigen Abständen aus. «Wenn ihr heute Nacht schlafen geht, sollt ihr wissen, dass ich nur euretwegen gewonnen habe», lautet der ironische Konter Medvedevs im Siegerinterview.
Kurz darauf sorgt Medvedev beim ATP Cup für Aufsehen, als er sein Racket nach einem Disput mit dem Schiedsrichter gleich zweimal an dessen Stuhl hämmert.
Der Triumph bei den ATP Finals 2020
Nach einem kurzen Zwischentief beweist Medvedev zum Ende des Jahres 2020 erneut, dass er einer der grossen Kandidaten auf die Nachfolge der «Big Three» im Welttennis ist. Mit Siegen über Zverev, Djokovic, Schwartzman, Nadal und Thiem triumphiert er erstmals bei den ATP Finals. Zum Auftakt in die neue Saison schnuppert er in Australian erneut am ersten Major-Titel, muss sich im Final aber Djokovic beugen. Einige Wochen später steigt Medvedev zur Weltnummer 2 auf.
Der erste Grand-Slam-Titel
Beim letzten Major-Turnier des Jahres klappt es dann für den Russen. In beeindruckender Manier und mit nur einem einzigen Satzverlust marschiert er bei den US Open 2020 zum Sieg. Auch Seriensieger Djokovic kann nichts gegen den entfesselten Medvedev ausrichten. Zum Jahresabschluss bleibt Medvedev beim Finalturnier des Davis Cup gar gänzlich ohne Satzverlust und führt sein Land zum Titel.
Der Machtwechsel
Um ein Haar knüpft Medvedev in diesem Jahr in Melbourne an und verpasst den zweiten Grand-Slam-Titel en suite nur, weil er gegen Rafael Nadal eine 2:0-Satzführung nicht über die Runden bringt. Weil Djokovic seinen Titel nach der verwehrten Einreise in Australien aber nicht verteidigen kann, macht Medvedev im Rennen um den Tennisthron entscheidenden Boden gut. Mit dem Halbfinal-Einzug in Mexiko in dieser Woche macht Medvedev die Machtablsöung schliesslich perfekt.
Das hitzige Temperament wird Medvedev wohl aber auch als Nummer 1 der Welt nicht los. Das beweist er jüngst im Halbfinal der Australian Open mit einer weiteren Attacke gegen den Schiedsrichter. Auch wenn ihn das Sympathien kostet, hat womöglich genau jene Eigenschaft den Heisssporn dahin geführt, wo er heute ist: auf den Tennis-Thron.