Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/1683

Die 1.-Mai-Feier von 1890 des Grütlivereins Solothurn im Kreuz
Ab 1890 wurde der 1. Mai weltweit als Aktionstag der Arbeiterschaft begangen. In der Stadt Solothurn lud der Grütliverein am 1. Mai 1890 zu einer "Besprechung des 8-stündigen Arbeitszeit" in den Gasthof zum Kreuz. Das "Solothurner-Tagblatt" berichtete am 4. und 6. Mai 1890 ausführlich über "die Arbeiterversammlung vom 1. Mai". Nachfolgend die beiden Beiträge im Wortlaut, in der damaligen Rechtschreibung.
Solothurner-Tagblatt vom 4. Mai 1890
Die Arbeiterschaft von Solothurn und Umgebung hat in anerkennenswerther Weise vorgezogen, den Maitag, statt in lärmenden Demonstrationen, in einfacher und geräuschloser Weise zu feiern. Nicht im Niederlegen der Arbeit glaubt sie ihrer Sache förderlich zu sein; nach gethaner Arbeit erst wollte sie ihren Gefühlen und Wünschen Ausdruck verschaffen. Die Uhrenarbeiter Langendorfs waren zahlreich, mit Musik an der Spitze, an der Versammlung erschienen, welche vom hiesigen Grütliverein in den Gasthof zum Kreuz dahier einberufen wurde. Unter dem Vorsitze des Präsidenten des Grütlivereins, Herrn Schriftsetzer Brugger, nahmen die Verhandlungen einen schönen und würdigen Verlauf.
Als erster Redner trat Herr Staatsanwalt Fürholz auf, dessen mit vielem Beifall aufgenommene(r) Vortrag im Wesentlichen folgenden Inhalt hatte:
Auf dem ganzen Erdenrund demonstriren heute Millionen von Arbeitern eines einheitlichen Gedankens halber. Ein Ziel haben sie im Auge: es ist die Einführung des achtstündigen Arbeitstages.
Es war ursprünglich beabsichtigt, am heutigen Tage überall die Arbeit niederzulegen und den 1. Mai als Feiertag zu begehen. Aber schon der internationale Sozialistenkongress in Paris hat beschlossen, dass am 1. Mai manifestiert werden solle, die Art und Weise aber, wie diese Manifestationen angeordnet werden sollen, sei den einzelnen Arbeiterorganisationen überlassen. So ist es denn gekommen, dass der heutige Tag vielerorts zu einem Feiertag gemacht, dass dagegen an den meisten Orten die Arbeit nicht unterbrochen worden ist. An diesen letztern Orten sind dann auf den Abend Versammlungen einberufen worden, um in zweckentsprechender Weise an der Achtstunden-Bewegung theilzunehmen.
Den letztern Weg hat auch der Grütliverein Solothurn eingeschlagen. Ich bin nun vom Grütliverein eingeladen worden, einige Worte an die hier Anwesenden zu richten. Wenn ich dieser Einladung Folge leiste, versteht es sich von selbst, dass ich über die soziale Bewegung und speziell über die Achtstunden-Bewegung spreche.
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass wir uns gegenwärtig im Beginn einer Umwälzung befinden, die eine welthistorische Bedeutung erlangen wird. Es ist unzweifelhaft eine Bewegung von revolutionärem Charakter, die wir vor uns haben.
Es sind schon drei solche geschichtliche Bewegungen vorausgegangen: die Völkerwanderung, die Reformation und die Revolution. Die jetzige Bewegung ist sozusagen die Fortsetzung der letzern, nur muss es sich heute um die Befreiung des vierten Standes handeln, wir es sich in der französischen Revolution um die Befreiung des dritten Standes gehandelt hat. Dieser vierte Stand ist erst seit der französischen Revolution erzeugt worden, und zwar ist der Dampf und die daran sich knüpfende Maschinenindustrie der Erzeuger dieses vierten Standes. Schon ist aber eine neue Kraft aufgetreten, welche die revolutionären Wirkungen des Dampfes vollenden wird: es ist die Elektrizität.
Um die Befreiung dieses vierten Standes handelt es sich also, d.h. um die Herbeiführung des Mitgenusses des eigentlichen Volkes an den materiellen und ideellen Gütern der Welt.
Es gibt nun zwei Richtungen, welche diese Befreiung herbeiführen wollen: die grundsätzlichen Sozialdemokraten, welche die ganze gegenwärtige Gesellschaftsordnung von Grund aus umkehren wollen; Verstaatlichung aller Produktionsmittel ist ihr Ziel. Die andere Richtung will auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung weiter bauen und die nothwendigen Veränderungen an dieser Ordnung vornehmen.
Die ungeheure Mehrheit des Volkes hat ein Interesse daran, dass die gegenwärtigen Zustände und Verhältnisse geändert werden. Aber gewaltige Volksmassen sind noch unaufgeklärt. Sie dulden noch apathisch das Schicksal, das ihnen auf ungerechte Weise auferlegt ist.
Gleich wie die französischen Philosophen die Vorläufer und Vorbereiter der französischen Revolution gewesen sind, welche dem Volke die Aufklärung brachten, ebenso hat die gegenwärtige Bewegung ihre Vorläufer und Vorbereiter in den Lassalle, Marx u. A.
Wenn sich einmal die nöthige Aufklärung in den breiten Volksmassen in genügender Weise Platz verschafft haben wird, dann wird der sozialen Bewegung kein Hindernis mehr in den Weg gelegt werden können und wenn in Verkennung und Missachtung der historischen Entwicklung der Menschheit solche Hindernisse aufgethürmt werden sollten, dann bleibt nichts mehr übrig, als die gewaltsame Beseitigung dieser Hindernisse.
Der Kampf gegen das Kapital ist der Kernpunkt der sozialen Bewegung. Nicht die Vernichtung des Kapitals, nicht die Aufhebung des Privateigenthums will die soziale Bewegung, sondern die gerechte Vertheilung der durch die Arbeit erzeugten Güter will sie.
Durch das Manchesterthum ist der Kapitalismus erzeugt worden, der gemäss dem Newton'schen Gravitationsgesetz die mittlern und kleinern Wirthschaften aufsaugt und vernichtet und die Welt proletarisirt hat. Das nächste Ziel der sozialen Bewegung im Kampf gegen den Kapitalismus besteht in der Herabminderung der Arbeitszeit, der Vermehrung des Lohnes, der unentgeltlichen Theilnahme an allen Bildungsmitteln, der Herbeiführung der politischen Gleichberechtigung.
Dieses letztere Begehren ist auch bei uns nicht überflüssig, denn wenn auch verfassungsmässig der Grundsatz der Gleichheit ausgesprochen ist, hat doch faktisch blos der Kapitalismus die Macht in den Händen.
Zunächst soll die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch den Kapitalismus verhindert werden. Das kann, wie bereits gesagt, durch die Lohnbewegung und die Herabminderung der Arbeitszeit geschehen. Der Ausgangspunkt der Lohnbewegung ist das Existenzminimum. Der arbeitende Mensch gibt in seiner Arbeitsleistung Kraft ab, die wieder ersetzt werden muss; die Summe der unentbehrlichen Unterhaltsmittel zum Ersatze dieser Kraftabgabe wäre das Existenzminimum. Daraus ergibt sich selbst die Forderung eines Minimallohnes. Durch die Kraftabgabe des arbeitenden Menschen wird nun aber ein grösserer Werth erzeugt, als zum Ersatz dieser Kraftabgabe nothwendig ist. Bis jetzt hat das Kapital diesen Mehrwerth in ungerechter Weise zum grössen Theil für sich allein in Anspruch genommen. Die gerechtere Vertheilung dieses Mehrwerthes auch auf die Arbeit ist eben das Ziel der sozialen Bewegung.
Neben diesem Begehren oder eigentlich noch vor demselben steht das Begehren um Verkürzung der Arbeitszeit. Der eigentliche Grund dieses Begehren besteht darin, dass der Arbeiter, wie es sein Recht ist, auch Zeit gewinnt, an den materiellen und ideellen Genüssen der Welt theilzunehmen.
Die Herabsetzung der Arbeitszeit hat aber durchaus nichts Schreckhaftes an sich. Der Kapitalismus hat gejammert, als es sich um die gesetzliche Einführung des Arbeitstages gehandelt hat. Das prophezeite Elend ist aber weder in der Schweiz, noch in andern Ländern hereingebrochen, als ein Maximalarbeitstag eingeführt wurde. Man macht sich sogar schon vertraut mit dem zehnstündigen Arbeitstag und hat ihn freiwillig und mit gutem Erfolg an einigen Orten schon eingeführt. Set dem Jahre 1868 hat die Regierung der Vereinigten Staaten den achtstündigen Arbeitstag für alle von der Bundesverwaltung ausgehenden Arbeiten angenommen. Der Pariser Gemeinderath hat am 31. Juli 1886 für alle Arbeiten der Stadt Paris einen Arbeitstag von neun Stunden eingeführt. Bei diesem Anlass wies der Berichterstatter nach, dass die Vereinigten Staaten und Grossbritannien, wo die Löhne am höchsten stehen und der Arbeitstag am kürzesten sei, diejenigen Länder seien, welche am meisten aufblühen und dass sie zugleich die stärksten Konkurrenten Frankreichs seien. Es ist nachgewiesen worden, dass ein französischer Arbeiter jährlich einen Durchschnittswerth von Fr. 3342 erzeuge, ein amerikanischer Arbeiter aber einen solchen von Fr. 11'194, d.h. jeder Arbeiter in den Vereinigten Staaten erzeugt drei Mal so viel, als ein französischer, obschon der erstere drei Stunden täglich weniger arbeitet als der letztere.
Daraus geht hervor, dass die Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur berechtigt, sondern auch möglich ist.
Was soll nun das Begehren der achtstündigen Arbeitszeit bedeuten? Will man diese von heute auf morgen einführen? Nein! Ich halte es mit der "Frkf. Ztg.", welche sagt: "Man versteht das Schlagwort des Achtstundentages wohl recht, wenn man annimmt, dass damit nur die äusserste Abkürzung der Arbeitszeit in absehbarer Zeit und im besten Falle gegangen werden kann." Thatsächlich hat ja auch der schweizerische Arbeiterbund vorläufig nur die Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit verlangt.
Wie soll nun die successive Herabsetzung der Arbeitszeit durch die Arbeiter herbeigeführt werden? Durch die Belehrung und die Organisation. Denn die Arbeiterfrage ist nichts als die Frage der Organisation des arbeitenden Volkes.
Bei diesem Anlasse komme ich darauf zu sprechen ob die Organisation der Arbeiterpartei in der Schweiz eine richtige sei, und da muss ich mit "Nein!" antworten. Diese Organisation leidet an einem innern Widerspruch infolge der Verquickung mit kirchlichen Elementen. (Der Redner weist sodann an der Hand der "Frkf. Ztg." nach, dass die Kirche keine richtige Sozialpolitik treiben könne.) Haben diese Elemente noch jemals in der Schweiz mitgewirkt, wenn es sich um positive Errungenschaften handelte? Nein! Wir haben sie an der Arbeit gesehen beim eidgen. Betreibungs- und Konkursgesetz und wir haben sie ganz jüngst bei der Arbeit gesehen beim Krankenversicherungsgesetz in Basel.
Die schweiz. Arbeiterpartei wird daher gut daran thun, Die Frage zu untersuchen, ob sie auf dem betretenen Wege weiter marschiren darf oder nicht, und sie soll das thun, bevor es zu spät ist.
Damit bin ich am Schlusse meines Vortrages angelangt. Ich habe in gedrängter Kürze einen kleinen Ueberblick über die soziale Bewegung und die Entwicklung derselben geben wollen und schliesse mit den Worten Dr. Friedrich Elbogen's:
"Es ist thöricht, diese Entwicklung hemmen zu wollen, es ist weise, sie zu verstehen und ihr Rechnung zu tragen. Soll der Staat nicht zu Domäne des Kapitals herabsinken, so muss er Sorge tragen, dass die Bedingungen des Lohnkampfes für beide Lager die gleichen seien: Mit dem Gesetze des exakten Existenzminimums wird er die körperliche Entwicklung der Arbeitergeneration, mit der wohlwollenden Förderung ihrer Organisation ihre geistige und wirthschaftliche Erhebung ermöglichen. Der Staat der es duldet, dass die unersättliche Habsucht einer Minderheit die Millionen seiner Söhne zur Knechtschaft verurtheilt, darf sich nicht beklagen, dass das arbeitende Volk seinen Interessen fremd und oft feindlich gegenübersteht. Will er seinen hohen Kulturaufgaben gerecht werden, will er die Festigkeit gewinnen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen, dann möge er sich der Umarmung des Kapitalismus entwinden, dem Volke ein Vaterland sein, das seine Kraft und sein Schicksal in der Würde der Arbeit erkennt."
Solothurner-Tagblatt vom 6. Mai 1890
Nach dem Votum des Herrn Staatsanwalt Fürholz ergreift Herr Fürsprech Kessler das Wort. Die heutige Feier wurde veranlasst durch einen Beschluss der Vertreter von 20 Nationen Europas und Amerikas während der letzten Pariser Weltausstellung zur Feier der grossen französischen Revolution. Es ist überall das Bestreben der Arbeiterschaft, die Manifestation als den Ausdruck der Solidarität von Millionen von Arbeitern aller Länder, welche Besserung ihrer materiellen Verhältnisse verlangen, möglichst imposant zu gestalten. Die dokumentiren dadurch auf dem ganzen Erdenrund, dass sie in der Verkürzung der Arbeitszeit den Kernpunkt einer ernstlichen sozialen Reform erblicken.
Die Bewegung um Regelung der Arbeitszeit hat auch ihre Geschichte. Wir finden zwei entgegengesetzte, von der Staatsgewalt geleitete Strömungen. Zunächst wird Ausdehnung der Arbeitszeit befohlen und dann nach endloser Arbeitszeit Reduktion, namentlich in England. Auch einige schweizerische Kantone hatten schon in den 50er und 60er Jahren Beschränkungen der Arbeitszeit für Kinder eingeführt. Diese Bestimmungen fielen in dem eidgen. Fabrikgesetz von 1877, welches den 11stündigen Arbeitstag aufstellt, dahin.
Was nun aber die Lohnarbeiter verlangen müssen und mit Recht verlangen können, das ist internationale, den gesellschaftlichen Bedürfnissen angepasste Verkürzung Arbeitszeit. Das haben die Sozialdemokraten seit Jahrzehnten in ihr Programm aufgenommen als das einzige, unfehlbare Mittel, um auf friedlichem Wege an Stelle des heutigen, unhaltbar gewordenen kapitalistischen Ausbeutungsstaates die sozialistische Staatsform zu setzen. Wenn es vorwärts geht wie bis anhin, so haben wir in absehbarer Zeit nur noch ganz Reiche und eine ungeheure Masse ganz Armer. Durch fortwährende Einführung von arbeitersparenden Maschinen werden auch die Kleinmeister successive verdrängt, nehmen die Stellen der Arbeiter ein und auf diese Weise gibt es immer mehr Arbeitslose, die ins Elend und zum Verbrechen gestossen werden. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, ist es dringend nothwendig, dass die Arbeitszeit von Staats wegen so lange abgekürzt wird, bis alle Arbeitsfähigen, die arbeiten wollen, Beschäftigung erlangen. Wenn dann Alle Arbeit haben, der Einzelne nicht mehr befürchten muss, dass er von Dutzenden, die auf der Gasse sind, ersetzt werde, so kann er auch dem Unternehmer gegenüber seine Rechte besser wahren. Dies kann erreicht werden durch die stetige Reduktion der Arbeitszeit. Der Preis der Arbeitskraft (Lohn) regelt sich nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, wird also grösser; dagegen vermindert sich der Unternehmergewinn. Auf diese Weise wird endlich der Unternehmer geneigter, seine Produktionsmittel, welche Allen gehören, als Gemeineigenthum dem Staat gegen mässige Entschädigung zu überlassen. Dann haben wir den sozialistischen Staat, den Staat der Zukunft.
Herr Nationalrath Brosi begrüsst den Ernst und die Würde der gegenwärtigen Versammlung. Es geht heute ein mächtiger Zug durch alle civilisirten Länder der Welt, welcher sich in den Worte zusammenfassen lässt: Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit. Dieser Zug ist in den Missständen begründet, welche die Anhäufung von Kapital in den Händen Weniger herbeigeführt hat und die Arbeiterschaft hat ein Recht darauf, das Werk selbst an die Hand zu nehmen. Was heute in gewissen Grossstädten im Ausland geschieht, wissen wir nicht. Bei uns wird sich die Demonstration des 1. Mai nach ächter Schweizerart friedlich und würdig abwickeln. Ich betrachte die Arbeiterbewegung in der Schweiz nur als eine Fortsetzung des demokratischen Gedankens und als eine Ueberleitung desselben vom politischen auf das soziale Gebiet. Wir dürfen uns aber nicht mit der Aufstellung von Theorien begnügen, sondern wir müssen die Sache praktisch angreifen und auszuführen betrachten, was unter den gegebenen Verhältnissen auf dem Wege der Gesetzgebung möglich ist.
In dieser Richtung ist in der Schweiz schon Vieles geschehen. Neben der Arbeitszeit gehört zu den wichtigsten Fragen der Gegen wart die obligatorische Kranken- und Unfallversicherung, welche an die Stelle der Haftpflicht treten soll und wir können konstatiren, dass diese Frage auf guten Wegen ist. Sie erfordert eine Revision der Bundesverfassung, um dem Bund das Recht zu geben, ein Obligatorium einzuführen, und der bezügliche Revisionsantrag wir die eidgen. Räthe schon in ihrer nächsten Sitzung beschäftigen. In Bezug auf die Sache selbst liegt eine verdienstvolle Arbeit des Herrn Nationalrath Forrer vor, welche der bevorstehenden Diskussion als Grundlage dienen kann. Herr Forrer schlägt die Errichtung einer schweiz. staatlichen Anstalt in der Hand des Bundes vor, welcher Anstalt jeder Arbeiter eines wirthschaftlichen Betriebes und jeder Dienstbote angehört, und zwar soll die Krankenversicherung sofort mit der Unfallversicherung verbunden werden.
Sie wissen, dass in mehreren Kantonen schon seit vielen Jahren zur Lösung dieser Frage grosse Anstrengungen gemacht worden sind, allein die jüngst Volksabstimmung in Basel hat bewiesen, dass die Kantone zu schwach sind. Zur erfolgreichen Lösung bedarf es der starken Hand des Bundes.
Die Institution wird nur im Sturm und Drang einer grossen schweizerischen Volksbewegung zu Stande kommen und Sache der schweizerischen Arbeiterschaft ist es, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen.
Und hier erhebe ich mich gegen eine Aeusserung, welche in den letzten Tagen im bernischen Grossen Rath gefallen ist. Ein Redner *) protestirte dort gegen den Ausdruck "Mutter Helvetia", um die kantonalen Grenzpfähle in den Vordergrund zu stellen. Diesem System muss entgegengetreten werden. Es hat allerdings Zeiten gegeben, wo die Idee der Zusammengehörigkeit des Schweizervolkes zu schwinden schien. Das sind die traurigen Zeiten der Schmach und der Erniedrigung, die Zeiten der Fremdherrschaft und des Bürgerkrieges. Aber der Bund von 1848 hat dem Schweizervolk ein gemeinsames Vaterland gegeben. wir geniessen seit 40 Jahren die Segnungen dieses Bundes, unter welchem unser Land stark, frei und unabhängig geworden ist. Die Kantone sind nur schwache Glieder dieses Bundes, ohne dessen Schutz und Hülfe die grossen sozialen Fragen der Gegenwart niemals gelöst werden können. Das ist die "Mutter Helvetia", welche wir ehren und hochhalten wollen.
Nachdem noch die Herren Weber und Hotz in Langendorf über die Bedeutung des Tages gesprochen, einigte sich die Versammlung auf den Antrag des Herrn Staatsanwalt Fürholz zu folgender Resolution:
"Die am 1. Mai im Gasthof zum Kreuz versammelten Arbeiter von Solothurn und Umgebung erklären sich grundsätzlich mit der Verkürzung der Arbeitszeit einverstanden und hoffen, dass in absehbarer Zeit die Dauer der täglichen Arbeitszeit auf 8 Stunden reduzirt werde und erwarten vor Allem, dass den Beschlüssen des Arbeitertages in Olten um vorläufige Einführung des 10stündigen Arbeitstages auf dem Wege der Abänderung der Fabrikgesetzgebung durch die eidgenössischen Räthe unverzüglich Folge gegeben werde."
Damit hatten die Verhandlungen ihr Ende erreicht. Wir können unserer Berichterstattung noch beifügen, dass die Zwischenpausen durch die Vorträge der anwesenden Bellacher-Musik und des Grütlimännerchors in passender Weise ausgefüllt wurden, so dass die Feier zu einer wirklich erhebenden sich gestaltete.