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Figurenlexikon
Hier finden Sie Informationen zu den Figuren in «Bergünerstein»: Hat die Person wirklich gelebt, oder hat die Autorin sie erfunden? Wann hat sie gelebt? Was weiss man über sie?
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Castelberg, Abt Sebastian von
Abt Sebastian von Castelberg wurde vermutlich um 1585 geboren. Seine Mutter, Barbara von Planta-Wildenberg, war eine Cousine von Duonna Barbara, Pompejus und Chavalier Raduolf von Planta (vgl. Stammbaum «Die Planta-Wildenberg und Abt Sebastian Castelberg»). Der junge Sebastian erhielt eine standesgemässe Ausbildung bei den Jesuiten in Dillingen, am Brerakolleg in Mailand und an der Sorbonne in Paris. Später wurde er Pfarrer in Tavetsch, und im Jahr 1614 wurde er, wahrscheinlich mit Hilfe von Bestechung, von den weltlichen Behörden der Cadi, der Gerichtsgemeinde Disentis, zum Abt des Klosters Disentis gewählt.
Widerstand gegen die tridentinische Reform
Von Abt Sebastian wurde erwartet, dass er sich mit dem Kloster Disentis der Schweizerischen Benediktinerkongregation anschloss und die Tridentinische Reform auch endlich im Kloster Disentis einführen würde. Der Beitritt erfolgte auf der Äbteversammlung vom 30. August 1617 in Muri (AG). Die Kongregation sandte darauf zwei Mönche aus dem Kloster Muri nach Disentis, die dort die dringend notwendigen Reformen einleiteten: die liturgischen Texte wurden angepasst, die Klausur und die Tischlesung bei gemeinsamer Mahlzeit im Refektorium wieder eingeführt, und die weiblichen Angestellten wurden aus dem Kloster entfernt.
Doch die Disentiser Mönche unter Abt Sebastian waren von den Reformen alles andere als begeistert, und so brachen die beiden Murenser Reformmönche im August 1618, nach wenigen Monaten, ihre Mission frustriert ab. Die alten Sitten kehrten wieder ein im Kloster, und der Einfluss der weltlichen Behörden von Disentis verstärkte sich noch mehr: Abt Sebastian wurde verboten, an den Äbteversammlungen der Benediktinerkongretation teilzunehmen!
Eine Vorliebe für Politik
Mit dem Ausbruch der Bündner Wirren trat Abt Sebastians Vorliebe für Politik und Krieg immer klarer zutage; 1620 wurde er zum Hauptmann der Truppen der Cadi gewählt! Das Kloster selbst wurde von den kriegerischen Ereignissen nicht verschont und Anfang April 1621 von den reformierten Truppen in Brand gesetzt. Der Abt war mit seinen Mönchen ins Tessin geflohen und hatte auch die Reliquien und Wertgegenstände des Klosters dorthin in Sicherheit gebracht.
Der neue Nuntius macht Druck
1621 wurde ein neuer päpstlicher Nuntius bestellt: Alessandro Scappi. Er zögerte nicht lange und kündigte Abt Sebastian einen Besuch in Disentis nach Ostern 1622 an. Abt Sebastian antwortete bedauernd, das halbverbrannte Kloster sei zur Beherbergung eines solch ehrwürdigen Gastes leider nicht im Stande. Doch als der Abt im Herbst 1622 wegen der Friedensverhandlungen in Lindau weilte, wandten sich einige reformwillige Mönche im Kloster selber an Scappi. Dieser verstärkte in der Folge den Druck auf Abt Sebastian und trug ihm unter Anderem auf, an der Äbteversammlung von Einsiedeln im April 1623 teilzunehmen. Abt Sebastian brach zu dieser Reise auf – wählte aber die Route über den Oberalppass, wo er zu seinem grossen Bedauern im Schnee steckenblieb!
Von 1623 ist eine Briefstelle von Abt Sebastian überliefert, gemäss der im Turm im Kloster «viele Frauen» wegen Hexerei festgehalten wurden. Was mit ihnen geschah, ist nicht bekannt.
Später im Jahr gelang es Scappi, in Absprache mit Abt Sebastian und den Behörden der Cadi den Einfluss der letzteren einzudämmen und im Kloster Reformen einzuführen. Abt Sebastian blieb bis zu seinem Tod 1634 im Amt und beteiligte sich weiterhin aktiv an der Politik – auf spanischer Seite.
Literatur
Müller, Iso: Der Kampf um die tridentinische Reform in Disentis von ca. 1600-1623. Zeitschrift für schweizerische Kirchengeschichte, 42 (1948).
Kaufmann, Burkard: Die politische Tätigkeit des Abtes Sebastian von Castelberg 1614-1634. Bündnerisches Monatsblatt, 1942.
Giger, Hubert: Hexenverfolgung in der Surselva. Bündner Monatsblatt, 1991.
Müller, Iso: Zum bündnerischen Hexenwahn des 17. Jahrhunderts. Bündner Monatsblatt, 1955.