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„Sent ist der trockenste Ort im Unterengadin“, sagte uns ein Kellner in Avrona. Er muss es wissen, denn er ist in Sent aufgewachsen. Gut möglich, dass deshalb in Sent die öffentlichen Brunnen so wichtig wichtig waren, dass sich das ganze Dorf rund um die Brunnen organisierte.
Noch heute gibt es in Sent keine Strassennamen. Um ein Haus zu lokalisieren, gibt man statt Strasse und Hausnummer einfach den nächsten Brunnen an. Die Häuser sind auf ihren Brunnen ausgerichtet, die AnwohnerInnen sind in so genannten bavraduoiras, romanisch für Brunnengemeinschaften, zusammengeschlossen und tragen die Verantwortung für ihren Brunnen. Die Engadiner Post schrieb 2015 in einem Artikel über die Brunnengemeinschaften, es handle sich um eine fast vergessene Tradition. Denn als es in den Häusern noch kein fliessend Wasser gab, musste das für den Alltag benötigte Wasser — zum Kochen und Trinken, für die Körperhygiene, das Wäsche Waschen und die Viehtränke — vom Brunnen geholt werden. Dementsprechend seien die Dorfbrunnen „Zentren des Zusammenlebens“ gewesen.
Brunnengemeinschaften
Mit der Mitgliedschaft in einer bavraduoira erhielt ein Haushalt das Nutzungsrecht am Brunnen, aber auch die Pflicht, sich am Unterhalt und der Reinigung zu beteiligen und für beständigen Wassernachschub zu sorgen. In der Brunnenordnung war klar geregelt, was man darf und was nicht. Das Waschen von dreckiger Wäsche im Brunnenbecken zum Beispiel war meist nur am Morgen bis etwa 14 Uhr erlaubt, denn das Wasser in den Brunnenbecken musste für das spätere Tränken der Tiere wieder sauber sein. Andere Nutzungen waren gar gänzlich untersagt. Für die Einhaltung der Brunnenordnung sorgte der gewählte Brunnenvorsteher, allfällige Vorkommnisse wurden im Brunnenbuch verzeichnet.
2017 berichtete Radio SRF Musikwelle in der Sendung Dorfplatz eine Woche lang aus Sent. Selbstverständlich waren die 18 Dorfbrunnen auch ein Thema:
Lästige Tradition?
In ihrem Artikel beschrieb die Engadiner Post den Bedeutungsverlust der Unterengadiner Brunnengemeinschaften: „Ab etwa 1920 wurden die ersten Wasserleitungen in die Häuser gelegt, in den 50er-Jahren kamen dann technische Innovationen wie die Waschmaschine, später der Geschirrspüler ins Tal, wodurch sich viele der bis dato am Brunnen erledigten Haushaltsaufgaben in das Innere der Engadinerhäuser verlagerten. Mit der schwindenden Abhängigkeit der Haushalte von den Dorfbrunnen zerfielen auch viele der bis dahin bestehenden Brunnengemeinschaften.“
Auch in Sent musste die Wasserversorgung ausgebaut und reorganisiert werden. 2006 präsentierte Claudio Vital in einem Referat mit dem Titel Die Dorfbrunnen und die Wasserversorgung von Sent (PDF) die Geschichte der Senter Wasserversorgung und der Brunnengemeinschaften, die seit 1874 das Dorf strukturierten. Mit steigender Nachfrage nach Wasser übernahm die Gemeinde Sent von den Brunnengemeinschaften die Aufgabe, für genügend Wassernachschub zu sorgen. In den 50er-Jahren herrschte vor allem im Spätwinter Wasserknappheit. Die Gemeinde beschloss, Wasser aus dem Val d’Uina (südlich vom Inn) nach Sent zu leiten — ein teures Unterfangen, das die Gemeindefinanzen stark belastete. Der Bedeutungsverlust der bavraduoiras führte dazu, dass die Gemeinde die Rolle der Brunnengemeinschaften überdenken musste. Die rechtliche Situation der Brunnenkorporationen sei zur Zeit etwas konfus, stellte Vital in seinem Vortrag fest, es habe im Dorf viele neue Ferienwohnungen und Häuser, die nicht als Mitglied einer Brunnenkorporation eingeschrieben seien. Auch gebe es Genossenschafter, die, sobald es ans Zahlen von Reparaturen gehe, aus ihrer Brunnenkorporation austreten. Aber, stellte Vital abschliessend fest, es gebe auch Bewohner, die aus Tradition auf ihre bavraduoira nicht verzichten wollen.
Ich weiss nicht, ob die rechtliche Situation der Brunnengemeinschaften immer noch konfus ist. Sicher ist, dass wegen der Gemeindefusion von Scuol mit den fünf Gemeinden Ardez, Ftan, Guarda, Sent und Tarasp sowieso alles umgekrempelt wird. Mit der Fusion — gemäss Wikipedia stimmten über 80 Prozent des Stimmvolks zu — wurde Scuol per 1. Januar 2015 mit nunmehr 439 Quadratkilometern zur flächengrössten Gemeinde der Schweiz. Ich vermute mal, dass als Folge dieser Gemeindefusion auch der Unterhalt der Senter Brunnen neu organisiert wird.