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Das Geschlecht unserer Kinder wollten wir bis zur Geburt nicht wissen. Es schien uns einfach nicht sonderlich relevant zu sein. Und so freuten wir uns in erster Linie darüber, gesunden Nachwuchs zu bekommen – mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass wir vor jener hellblau oder rosaroten Lawine grösstenteils verschont blieben, die Grosseltern, Bekannte sowie Verwandte aus Gegenden, wo bemalte Namenstafeln mit Tieren noch zum Ortsbild gehören, gern lostreten.
In der Folge erzählte ich meinen Kindern dieselben Bücher, warf beide an schönen Tagen gleich hoch in die Luft und besorgte ihnen graue, gelbe und grüne Kleider. Nur einmal trug ich das jüngere Kind im Alter von eins direkt vom Tram in eine Kinderboutique und steckte es in einen rosaroten Einhorn-Pulli – aus Ärger, weil Fremde es ständig als Bub identifizierten. Diese Übersprunghandlung kompensierte ich später mit dem Kauf eines grünen Kleidchens für das ältere Kind, als dieses vier Jahre alt und von der Garderobe seines Geschwister fasziniert war.
Kurz gesagt: Ich fühle mich einigermassen unschuldig an der Tatsache, dass heute eines meiner Kinder pinkfarbenen Nagellack, rote Lackschuhe und Glitzerstifte besitzt, während das andere gern Ninja-Bücher liest und Rage Against the Machine cool findet. Oder anders herum: Ich bin dafür wohl im selben Masse verantwortlich wie dafür, dass das Nagellack-Kind den Song «Godzilla» von Eminem in hoher Lautstärke mag. Und wenn ich das Plakat eines Genussfestivals im Tram kommentiere mit: «Hier kochen fünf verschiedene Köche…», korrigiert sie mich und sagt: «Und Köchinnen!»
Und es gefällt mir, wenn das Ninja-Rage-Kind auf einem Wonderwoman-Skateboard durch die Gegend fährt, stundenlang mit Babys spielt oder sich ein Einhorn-Buch schnappt.
Rollenklischees gehören nicht verboten. Aber auch nicht zementiert. Wie lange der Weg dorthin ist, zeigt das Bestrafungsritual, das in unserem Kindergarten herrschte. «Wenn man Seich macht, muss man etwas ausmalen. Die Buben ein Pony und die Mädchen einen Spider-Man.» Als mir mein älteres Kind davon erzählte, wusste ich nicht, ob ich weinen, schäumen oder lachen sollte.
Allein die Gesellschaft umkrempeln kann ich nicht. Aber als Teilzeit-Superdad zeige ich meinen Kindern tagtäglich, was ein Vater alles auch sein kann. Nämlich jemand, der Wäsche und Ponyposter aufhängt, der die Znünibox füllt, Zöpfe backen und in die Haare flechten kann, der mitgeht zum Tanzunterricht und der bei den Hausaufgaben assistiert. Ich frage mich gerade, ob meine Kinder in Sachen Aufgabenteilung überhaupt zwischen Vater und Mutter unterscheiden können.
Manchmal denke ich an jenen Sonntagnachmittag im letzten Winter. Während ich und ein anderer Superdad mit unseren vier Kindern zu Hause Guetzli ausstanzten, liess ich mich zu der ironischen Frage hinreissen: «Ach, erinnerst du dich noch daran, wie du als Kind jeweils mit deinem Vater und seinem besten Freund am Wochenende Guetzli gebacken hast?» Wirklich darüber lachen konnten wir nicht.
Doch die Zeiten ändern sich. Heute gewinnen Menschen, die zwischen den Geschlechtern hinund hertänzeln, Buchpreise, so wie Kim de l’Horizon. Genderfluid und non-binär, steht Kim de l’Horizon als Mensch dafür, dass wir alle «so viel mehr» sind als nur Buben und nur Mädchen. Wie wahr! Bewerten wir Interessen, Aussehen und Verhalten nicht mehr nach Geschlechterstereotypen, gibt es einen Grund weniger, weswegen Menschen ausgegrenzt, diskriminiert oder angegriffen werden.
Wer die Idee einen Seich findet, soll Kim de l’Horizon ausmalen.