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Mitte der 70er-Jahre übernahm Rose-Marie Obrist ein heruntergekommenes Luxushotel im Niederdorf. Heute ist es eine stadtbekannte Piano Bar, in der auch schon grosse Namen aufgetreten sind – darunter auch der mittlerweile verstorbene Russell Henderson.
Wer Splendid sagt, meint auch Rose-Marie Obrist. Sie führt das Lokal seit 1976. Es hat eine lange Geschichte: Das Gebäude selbst existiert schon seit dem 13. Jahrhundert. «Damals wurde es noch als Stall genutzt, wo müde Pferde ausgetauscht wurden und in dem die Leute manchmal auch übernachteten», erzählt Rose-Marie. Später wurden die Räumlichkeiten zum Luxushotel «zur Rose» umfunktioniert.
«Geld hatte ich keines, aber Freunde und Familie.»
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren noch Amerikaner in Deutschland stationiert. «Sie kamen an ihren freien Tagen an die Bar des Hotels», erzählt Rose-Marie. Bald hiess die Bar nur noch «Ami-Bar». 1952 erhielt sie den Namen «Splendid». Doch auch der damals starke Dollar konnte nicht verhindern, dass das Hotel über die Jahre seinen Glanz verlor. Als es Rose-Marie Mitte der 70er-Jahre übernahm, war es stark heruntergewirtschaftet.
«Geld hatte ich keines, aber Freunde und Familie», so Rose-Marie. Fünf Tage blieben, um das Hotel und die Bar in Ordnung zu bringen. Rose-Marie nähte Vorhänge, reinigte, strich und arrangierte. Arbeiten, die sie mochte. Denn eigentlich wäre Rose-Marie gerne Schreinerin geworden. Ein Beruf, den bereits ihr Vater ausübte. Nach dem Lehrabschluss hätte sie sich zur Innenarchitektin weiterbilden können.
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«Doch mein Vater konnte sich mich als Mädchen nicht in diesem Beruf vorstellen», sagt Rose-Marie und fügt an: «Es war eine andere Zeit.» So absolvierte Rose-Marie eine kaufmännische Ausbildung. Danach arbeitete sie erst in der Immobilienbranche und später im Hotelwesen. Mit ihrem damaligen Lebenspartner war sie im Zürcher Novopark beschäftigt, bis sie sich mit dem Splendid einen Traum erfüllte.
1952
erhielt die Bar den Namen Splendid.
Auch wenn das Splendid inzwischen ein paar Umbauten und Neuerungen durchlief, behielt es den alten Charme und vor allem eines: die Musik. Jeden Monat sitzt jemand anderes am inzwischen berühmten Splendid-Piano und unterhält die Gäste. «Früher war hier bei uns im Dorf eine Art Musiker-Viertel.»
Es hat auch viele Strassenkünstler im Niederdorf gegeben, denen Rose-Marie mit einem Auftritt im Splendid eine erste Chance gab. Auch heute noch fördert sie junge Talente, indem sie diese samstags oder sonntags aufreten lässt. Früher flog Rose-Marie auch in die Vereinigten Staaten, um dort neue Musiktalente für ihre Bar zu finden. Irgendwann sei das nicht mehr nötig gewesen – die Musiker hätten sich selbst bei ihr gemeldet. «Das Splendid ist ein Lokal, in dem sich ein Musiker ausleben kann», sagt sie, «die Musik hier hat etwas Reinigendes für mich und auch für die Gäste.»
Einmal stellte sich eine Dame splitternackt neben das Piano.
2011 verkaufte Rose-Marie das Splendid an Georg Haas – Gastgeberin ist sie jedoch geblieben. «Ich liebe Leute», sagt Rose-Marie. «Man kann ihnen in diesem Beruf schon so viel geben, indem man einfach zuhört.» Die verschiedensten Menschen haben das Splendid in den vielen Jahren besucht. Alle seien willkommen, solange sie die Regeln beherzigen, so die Gastgeberin.
Natürlich habe es auch seltsame Begegnungen gegeben, zum Beispiel einmal mit einer verwirrten Dame, die sich splitternackt neben das Piano stellte. Oder mit einem Hotelgast, der in der Dusche ein Vollbad nehmen wollte – und für eine Überschwemmung sorgte. «Das Splendid hat eine sehr lange, schöne und bewegte Geschichte», sagt Rose-Marie. Die Gastgeberin wird im Splendid auch weiterhin ein offenes Ohr für jeden haben: «Das Splendid soll eine Stube sein, in der man seine Sorgen einfach vergisst», sagt sie.