Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03625.jsonl.gz/879

Freie Sicht auf Vrenelisgärtli
Nach der WM werden wir zurück sein im Letzigrund, durch das ein kalter Wind pfeift, und wenn man in der Kurve steht, sieht man kaum über den Kopf des Vordermanns. Vor 15 Jahren haben die Zürcher über ein neues Stadion abgestimmt, es war ein kühner Entwurf, die Mehrheit der Bevölkerung war dafür. Man kennt die Fortsetzung.
Schaut man sich die Stadionprojekte der Jahrtausendwende wieder an, staunt man über die Fantasie, die Unschuld, die Freiheit. Städte wetteiferten mit Vorzeigebauten, man sprach von Leuchtturmarchitektur. Auch Zürich wurde vom Rausch erfasst, die Europameisterschaft 2008 stand vor der Tür.
Damals war Zürich in Sachen Fussball wie eine englische Stadt. Die beiden Vereine hatten ein eigenes Stadion, zusammengebastelt, historisch gewachsen. Das Problem war, dass sie nicht mehr in die Zeit passten, Länderspiele wurden nicht mehr organisiert, die Stadien waren zu klein, der Rasen dürftig. Deshalb wurde ein luxuriöses Heim für beide Vereine herbeifantasiert, das war die naive Vorstellung. Auch ich habe so gedacht, obwohl einige Freunde sagten: Vergiss es, das ist zu gross, zu ambitiös. Verhindert wurde es dann durch den Widerstand des Quartiers.
Dabei hätte das Stadion die Stadt wenig gekostet, treibende Kraft war die Credit Suisse. Das Projekt passte politisch in die ersten Nullerjahre, die grosse Zeit der neuen Sozialdemokratie, inspiriert vom englischen Premier Tony Blair, es war die Vorstellung vom «dritten Weg», dass sich moderner Kapitalismus und soziale Gerechtigkeit mit einer geschickten linken Verwaltung auf einen Nenner bringen lassen.
Zehn Jahre später kam ein neues Projekt an die Urne, abgespeckt, unabhängig von einer Grossbank. Es wurde knapp abgelehnt. Waren es die gut 200 Millionen Franken, die das Stadion die Stadt gekostet hätte? Oder der Widerstand der Fans von GC und FCZ, die kein gemeinsames Stadion wollen?
Jetzt steht ein neues Projekt bereit, ein Stadion und zwei Wolkenkratzer, höher als der Prime Tower. In Höngg wetzen sie die Messer, angeführt vom Heimatschützer Marcel Knörr und dem ehemaligen NZZ-Journalisten Felix E. Müller, weil die Aussicht auf das Vrenelisgärtli bedroht sei. «Gegen die beiden hast du keine Chance», sagt ein Kantonsrat der Linken, «die werden dich erdrücken mit einer Prozesslawine.» Dem Stadion fehle ein Götti, sagt er, ein glaubwürdiger Politiker, der das Projekt durchbringe. Der Stadtrat, sagt er, interessiere sich wenig für Fussball. «Fussball schafft kein Gemeinschaftsgefühl wie in Bern oder Basel. Zürich hat den Fussball nicht nötig, in Zürich gibt es tausend Identitäten.»
Und so warten wir auf unser Stadion, während auf den Fussballfeldern draussen in den Quartieren unzählige Secondos als Juniorentrainer die Integrationsarbeit verrichten, Ex-Italiener, Ex-Spanier, Ex-Jugoslawen, damit wir in vier Jahren wieder träumen können in den Fussballbars.