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Experiment
Ein zweiter wichtiger Umstand gab der Idee, Bodenplatten nach mittelalterlichem Vorbild herzustellen, zusätzlichen Schwung: Im Herbst 1995 begann sich ein Projekt der Stiftung Ziegeleimuseum Cham und des Nationalfonds zu konkretisieren, nämlich der Nachbau von besonders grossformatigen St. Urban-Backsteinen. Die Stuttgarter Kunstwissenschaftlerin Christine Maurer fragte sich nämlich, wie es die Mönche im Mittelalter schafften, derart grosse Stücke zu brennen, ohne dass sie auseinanderbrachen. Zusammen mit dem Ziegeleimuseum und der Geologin Sophie Wolf plante sie in St. Urban einen Feldbrandofen, um die Frage in einem Experiment zu beantworten.1
Ein Nationalfonds-Projekt
Die Vorarbeiten zogen sich über mehr als ein Jahr hin, bis es im Herbst 1997 dann soweit war: Rund 75 Backsteine mit einem Gewicht bis zu 70 Kilogramm warteten darauf, im Feldofen (Abbildung) gebrannt zu werden. In der ersten Septemberwoche 1997 wurde der Ofen mit dem Brandgut bestückt und am 8. September 1997 angezündet. Brennspezialist und Ingenieur Holger Bönisch begann, den Ofen um rund 150° Celsius pro Tag aufzuheizen, bis eine Hitze von rund 1'000° Celsius erreicht war. Die Brenndauer betrug neun Tage. Um diese hohe Temperatur halten zu können, waren pausenlos Helfer damit beschäftigt, Holz nachzulegen. Für das ganze Nachbrandexperiment standen 70 m2 Holz zur Verfügung. Mit von der Partie waren auch Bodenplatten-Duplikate von Grünenberg. Daher fragten sich nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Leute des Vereins Burgruine Grünenberg: Würden die Backsteine den mehrtägigen Brand heil überstehen?
Abbildung 7: Feldbrandofen des Backstein-Experiments von St. Urban während des Brennens (Foto: Andreas Morgenthaler).
Brand und Experiment gelungen: Das war die erfolgreiche Meldung nach dem Abkühlen des Ofens. Allerdings waren einige Werkstücke gebrochen. Nach Einschätzung der Wissenschaftler und Richard Buchers dürfte dies darauf zurückzuführen sein, dass der Ofen zu schnell abgekühlt wurde. Der Temperaturabfall erzeugte Spannungen, welche die grossen Backsteine und leider auch einige Bodenplatten in Stücke sprengten. Unterschiedliche Temperaturen während des Brandes führten auch dazu, dass einige Bodenplatten nun mehrfarbig aus dem Brand hervorgingen.
Aus den Erkenntnissen des Backsteinexperiments von St. Urban verfasst nun die Kunstwissenschaftlerin Christine Maurer, unter der Leitung ihres Doktorvaters Jürg Goll von der ETH Zürich, eine Forschungsarbeit, oder in der Sprache der Wissenschaft: Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde. Die Dissertation wird sich damit beschäftigen, dass die Mönche von St. Urban im 13. Jahrhundert etwas völlig Neues schufen: Derart grossformatige Backsteine sind einzigartig. Es stellt sich nicht nur die Frage, woher diese Entwicklung kam, sondern auch, wie die Mönche die technische Herausforderung meisterten. Woher kam das Know-How? Gab es neue technische Mittel: andere Brennöfen, neue Brennverfahren? Gerade diese Fragen lassen sich nur mit einem solchen Experiment klären.
1 Wenger, Lukas: Neue St. Urban-Backsteine nach altem Vorbild, in: Jahrbuch des Oberaargaus, Band 41, Merkur Druck, Langenthal, 1998. 236-238.