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Wer mit Tieren forscht, wird dem Tier in vielen Fällen Schaden zufügen. Es wird verletzt, krank gemacht und psychischem Stress ausgesetzt. Darum muss jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler nach den sogenannten 3-R-Prinzipien überprüfen, ob der Einsatz von Tieren im Forschungsprojekt unbedingt nötig ist – oder ob es nicht Alternativen dazu gibt.
Das steckt hinter den 3-R-Prinzipien
- Reduce – Reduktion: Braucht es die Anzahl Tiere für das Forschungsprojekt oder ginge es auch mit weniger?
- Replace – Alternative: Könnte das Tierexperiment durch eine andere Forschungsmethodik ersetzt werden mit gleicher oder gar besserer Aussage?
- Refine – Verbesserung: Kann die Belastung des Tieres im Forschungsprojekt selbst reduziert werden, indem ihm weniger Schmerzen hinzufügt werden oder die Tierhaltung verbessert wird?
Diese 3-R-Prinzipien sind in der Schweiz seit 30 Jahren in der Forschung und in der Industrie verankert. Auch in Gesuchen an die Behörden müssen diese Fragen beantwortet werden. Jeder Einsatz von Tieren in der Erforschung von Krankheiten und der Entwicklung und Qualitätskontrolle von Therapien muss durch die Kantone bewilligt werden. Eine kantonale Tierversuchskommission prüft vorgängig das Gesuch und macht eine Empfehlung. Die Zahlen werden vom Bund jährlich veröffentlicht. Sie zeigen Trends bei den Tierversuchen:
- Weniger Tierversuche mit stagnierendem Trend: Seit 1983 ist die Zahl der verwendeten Tiere zu Forschungszwecken über die Jahre gesehen rückläufig. Wurden 1983 knapp 2 Millionen Tiere eingesetzt, waren es im Jahr 2019 noch 572'000. Der Tiefpunkt war im Jahr 2000 mit 566'000 Tieren. Seit dem Jahr 2000 kommen jährlich zwischen 566'000 und 761'000 Tieren zum Einsatz. Die Behörden betonen, dass der Trend in den letzten Jahren rückläufig ist. In den letzten 20 Jahren ist aber ein Auf und Ab zu beobachten. Bei den Tieren pro Experiment stagniert der Trend.
- Mehr belastende Tierversuche: Tierversuche werden in vier Schweregrade eingeteilt von 0 (keine Belastung) bis 3 (schwere Belastung). Sowohl beim Schweregrad 2 (mittelschwere Belastung) wie auch 3 gibt es in den letzten Jahren eine Zunahme. Die Behörden können die Zunahme nicht abschliessend erklären. Sie weisen auf den vermehrten Einsatz von gentechnisch veränderten Mäusen hin, die in diese Kategorien fallen. Die Schweregrade 2 und 3 machen knapp ein Drittel aller Versuchstiere aus. Schwere Belastungen kommen bei der Erforschung von Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Ersatz von Hüftgelenken oder Infarkten zum Einsatz.
- Nagetiere am beliebtesten: Wer bei Tierversuchen an Labormäuse denkt, liegt richtig. 80 Prozent der verwendeten Tiere sind Mäuse und Ratten. Sie kommen vor allem in der Grundlagen- und biomedizinischen Forschung zum Einsatz, mit dem Ziel, Krankheiten besser zu verstehen. Auf dem zweiten Platz mit 10 Prozent liegen Vögel inklusive Geflügel. Auf dem dritten Platz Fische und Amphibien mit einem Anteil von knapp 6 Prozent. Umstritten sind Versuche mit Primaten. Sie machten 2019 in 0.05 Prozent aller Tiere aus, konkret kamen 234 Affen in der Forschung zum Einsatz. Auch 2000 Hunde und 260 Katzen wurden 2019 zum Versuchstier.
Beeinflussen die 3-R-Prinzipien die Anzahl der Tierversuche?
Die Einführung der 3-R-Prinzipien wird von den Behörden als Erklärung genannt, wieso über die letzten 40 Jahre die Zahl der Tierversuche reduziert werden konnte. Der Bund unterstützt in diesem Bereich auch Forschungsprojekte. So unterstützt er das 3-R-Kompetenzzentrum Schweiz an der Universität Bern. Wieso die Zahlen der Versuchstiere aber seit ein paar Jahren stagnieren und die Belastung der Tiere gar zugenommen hat, bleibt offen.
- Krankheiten beim Menschen erforschen: 75 Prozent aller eingesetzten Tiere dienen der Erforschung von Krankheiten beim Menschen, schreibt der Bund in der Tierversuchs-Statistik 2019. 60 Prozent aller Tiere werden in der Grundlagenforschung, die vor allem an den Universitäten betrieben wird, eingesetzt. 22 Prozent beim Entwickeln und bei der Kontrolle von neuen Therapiemöglichkeiten wie etwa Medikamente oder Impfstoffe.
Impfstoffe: Tierversuchsverbot würde Entwicklung blockieren
Detlef Günther, Vizepräsident für Forschung an der ETH Zürich, sagt: Die Initiative für ein Verbot von Tierversuchen würde die Weiterentwicklung der Medizin blockieren. Besonders deutlich sei dies bei Covid-19.«Auf den Punkt gebracht: Ohne Tierversuche würde es keine Impfung geben.» Davon, Impfstoffe oder Medikamente an laborgezüchteten Zellen oder Gewebekulturen zu testen, wie es die Initianten vorschlagen, sei man weit entfernt. «Gerade bei Impfstoffen muss der Organismus in seiner Ganzheit untersucht werden, um die gewünschten und unerwünschten Wirkungen zu finden, bevor er an die Bevölkerung abgegeben werden kann.» Das könne man nicht einfach mit Organoiden oder Zellanhäufungen austesten.
Klinische Forschung: Prüfung an freiwilligen Probanden nötig
Mirjam Christ-Crain ist Co-Leiterin der klinischen Forschung an der Universität Basel. Sie hält die Forderungen der Initiative, auch Versuche am Menschen zu verbieten, für problematisch: «Das würde bedeuten, dass keine neuen Behandlungsmethoden entstehen würden und die Forschung stagnieren würde.» Denn: Erkenntnisse aus Zellexperimenten und Tierversuchen liessen sich nicht 1:1 auf den Menschen übertragen. Man müsse am Probenden prüfen, ob und wie ein Medikament, eine Therapie wirke. Für klinische Studien gelten schliesslich strenge Richtlinien und sie seien freiwillig, so Christ-Crain.