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Dr. Paul Hausherr, Stadtammann 1929 bis 1949
An einer sehr bewegten Wahlversammlung wurde der junge Fürsprech Dr. Paul Hausherr als Kandidat der Katholisch-konservativen Volkspartei am 2. November 1929 nach einem hitzigen Wahlkampf zum Stadtammann gewählt, womit eine längere Periode freisinniger Führung in Bremgarten ihr Ende fand.
Infolge der sehr gedrückten Finanzlage der Gemeinde war es ein schwieriger Start. Der junge Stadtammann, der Neues schaffen wollte, sah sich unablässig gezwungen, durch unentwegtes Suchen und Planen - dies wurde ihm dabei fast zum Steckenpferd - den besten Weg zu ermitteln, um mit möglichst wenig Kosten etwas Brauchbares zu schaffen. So sind schließlich Werke entstanden, die heute noch für die Gemeinde von großem Nutzen sind.
Im Laufe der Zeit formte sich Dr. Paul Hausherr seinen eigenen Führungsstil. Nach "einsamem" Planen folgte eine Periode, da er dessen Ergebnisse immer wieder innerhalb und außerhalb der Behörde mit allen irgendwie zuständigen Leuten besprach und sich bessere Einsichten gerne zu eigen machte. Vor der letzten Entscheidung, zum Beispiel durch die Gemeindeversammlung, lud er, um zu orientieren und zu engagieren, zu einer Sitzung ein, an der möglichst viele Interessengruppen vertreten waren. Seinem eher versöhnlichen und nach Ausgleich der Gegensätze strebenden Charakter entsprach dieses Verfahren; es war keinesfalls nur ein Mittel, um "etwas durchzubringen". Wer ihm allerdings nachträglich, anlässlich der Gemeindeversammlung etwa, polemisch in die Quere kam, hatte mit einem scharfen Gegner zu rechnen, der über Rechts- und Sachkenntnis verfügt und die Gewandtheit des Parlamentariers besitzt.
Zwei volle Jahrzehnte wirkte Dr. Paul Hausherr als Stadtammann von Bremgarten. Über dieses Wirken schreibt sein getreuer Helfer, Stadtschreiber Gottlieb Müller:
"Dr. Hausherrs Amtsantritt fiel in einer Zeit, in der sich bereits Anzeichen einer weltweiten Wirtschaftskrise bemerkbar machten." Für die steuerschwachen und mit nur wenig eigener Industrie dotierte Gemeinde Bremgarten brach eine ungute Zeit an, die für alle größerer dringlicheren Gemeindeaufgaben zu einer schwieriger Hürde wurde. Wenn es ihm gelang trotz der Arglist der Zeit wichtige Vorhaben zu realisieren, lag es daran, dass er die Mitbürger von seinen Ideen zu überzeugen. Verstand. So ist seinem Weitblick in den Jahren 1930 und 1931 der Erwerb des heutigen Areal mit Turnhalle, Spielwiese und Sportplatz zu verdanken, war dieses doch dank seiner guten Lage die für diesen Zweck bestgeeignete Fläche. Ohne diesen Kauf wäre die Gemeinde um ein schwer lösbares Problem reicher geblieben.
Trotz Finanznöten wurde auf seine Initiative hin in den Jahren 1933 und 1934 das alte Kasino mit den für heutige begriffe kaum glaubhaften Kosten von rund Fr. 150 000 zu einem für damalige Verhältnisse ansprechenden Saal mit Bühne umgebaut und ausgestattet.
Es war auch Promotor der Freiämter-Ausstellung 1934, die dem hiesigen Gewerbe in den düsteren Zeitläuften Auftrieb und Zuversicht gab und zu einem Grosserfolg wurde.
Er hat wesentlichen Anteil am Ausbau der Ausfallstrassen, die unsere Gemeinde mit der Region verbinden und den Besuch des Städtchens einladender gestalten. Schon früh erkannte er die Bedeutung der Gemeindeplatzung, die in verschiedenen Belangen, unter anderem durch Gemeindebeschlüsse anfangs der fünfziger Jahren über die Bahnhof- und Trasseverlegung der BDB und über den Postneubau ihre Verwirklichung fand, während weitere Studienprojekte, zum Beispiel der Neubau des Bezirkspolizeipostens, erst in den heutigen Tagen der Realisierung entgegensehen. Besonders am Herzen lag ihm die Erhaltung und Verschönerung des Stadtbildes, wovon die Restaurierung des Spittelturm-Uhrwerks, des Siechenhauses und die Erneuerung und Verbreiterung der Gedeckten Holzbrücke sowie die Renovation des Bollhauses zeugen.
Gegen Ende seiner Amtszeit aktivierte er auch die Industrieföderung, die zur Eröffnung eines Filialbetriebes der Albiswerke AG Zürich im St.-Klara-Kloster und zu den grundlegenden Beschlüssen für die Etablierung der heutigen Unternehmen der Firma Robert Mauch, Elrowerke AG, und der Fa. Georg Utz AG führte. Unter seiner Leitung wurden auch die Voraussetzungen für die Eröffnung eines Hilfswaffenplatzes der Genie-Truppen erarbeitet, welche Bemühungen in der Folge die Schaffung eines definitiven Waffenplatzes ermöglichten.
Als Ortsbürger standen ihm die Belange der Ortsbürgergemeinde besonders nahe. Es war ihm ein persönliches Anliegen, die Bewirtschaftung des Waldes durch Anstellung eines Forstingenieurs nach modernen Gesichtspunkten auszurichten. Der Tradition und Eigenständigkeit der Ortsbürgerschaft folgend, wenn auch aus finanziellen Überlegungen nicht mit heller Begeisterung, setzte er sich für die Erhaltung des städtischen Rebberges und des Bürgerkellers ein, um den Bürgern ihren "Budi" und den Gästen der Stadt den Begrüssungstrunk als Eigengewächs präsentieren zu können.
Sein Denken und Handeln als Lokalpolitiker und Stadtammann war aufgeschlossen, großzügig und weiträumig. Es sprengte mitunter den Horizont der kleinen Stadt.
Der Stadtammann war sich stets über das große Gewicht des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in einer Kleinstadt im klaren und nahm sich seiner, auch als eines politischen Führungsinstrumentes, bewusst an. Bildung und Neigung legten es ihm nahe. Dabei fragte er weder nach Partei, noch Konfession; entscheidend war der Gewinn für die Gesamtheit. So war er bei zahllosen Festanlässen und Theaterspielen tätig. Normalerweise wirkte er als Festpräsident, der sich im Laufe der Jahre einen erfahrenen Mitarbeiterstab herangebildet hatte; oft genug auch als Organisator von großen Festzügen. Notfalls schrieb er Festspiele, übernahm bei fremden und eigenen Schöpfungen die Regie und schob sogar Kulissen, wenn Not am Mann war. Als eifriges Mitlied des Stadtmännerchores, half er die Tradition der Bremgarter Operetten aufbauen. Da Geld damals noch eine rare Sache war, galt, um eine Finanzmisere zu vermeiden, nur eines: Drastische Kürzung der Ausgaben durch Gratisarbeit fasst aller Mitwirkenden. Diese Verfahren dürfte nicht wenig dazu beigetragen haben, dass die Verbundenheit der Gemeindeglieder weit stärker war als heute - zugegeben: eine Verbundenheit im Guten wie im Bösen - und dass die Eingliederung der Zugezogen weniger Schwierigkeiten bereitet.
Summa summarum: Ein Stadtammann besonderen Zuschnittes. Tatendrang, Weite der Interessen und Verantwortungsbewusstsein führten ihn deshalb früh auf das weitere Feld kantonaler Politik. Schließlich wurde der kleinstädtische Rock zu eng und mit dem Frack des Regierungsrates vertauscht. Im Herzen aber ist der Jubilar Bremgarter geblieben.
Quelle: Bremgarter Neujahrsblätter. Verfasst von Dr. Eugen Bürgisser anlässlich des 70. Geburtstages von Dr. Hausherr am 29.11.1971.
Bemerkung des Archivars: KK, die katholisch-konservative Volkspartei Bremgarten ist Vorgängerpartei und Gründungsmitglied der CVP Bremgarten.