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November 2018: Die Besitzer beobachten seit einigen Wochen, dass der Hund mehrmals pro Woche kurze Episoden mit allgemeiner Schwäche und Gleichgewichtsstörung zeigt. Die Schwäche ist unterschiedlich schwer und geht von leichter Unsicherheit in den Hinterbeinen über Einsinken in der Hinterhand bis zum komplettem Unfallen; der Hund scheint dabei bei Bewusstsein.
Beim Untersuch kann festgestellt werden, dass der Hund einen sehr langsamen Puls von etwa 40 Schlägen pro Minute aufweist. Die Pulswellen in der ertasteten Arterie erscheinen extrem stark (sogenannte "Wasserhammer"-Qualität). Der restliche Untersuch verläuft unauffällig, der Hund ist orthopädisch und neurologisch symptomfrei. Aufgrund des abnormalen Pulses muss davon ausgegangen werden, dass die beobachteten Schwächephasen ihren Ursprung im Herzen haben.
Nun wird ein EKG (Elektrokardiogramm) erstellt. Bei dieser Untersuchung werden die elektrischen Ströme im Herzen dargestellt, welche die Pumpaktion des Organs koordinieren. Das EKG zeigt, dass der Hund an einem sogenannten "Atrio-Ventrikulären Block 3. Grades" leidet: Normalerweise entsteht im sogenannten Sinusknoten im rechten Herzvorhof der elektrische Impuls, welcher zur Kontraktion des Herzen führt. Dieser Impuls wird koordiniert bis in die Ventrikel (Hauptkammern) des Herzen fortgeleitet, so dass kurz nach der Kontraktion der Vorhöfe und somit Füllung der Ventrikel eine Kontraktion der Ventrikel erfolgt, damit das Blut ausgestossen werden kann.
Bei Jari sieht man im EKG nun in regelmässigen Abständen zwar eine P-Welle ("V" im untenstehenden EKG), welche den elektrischen Impuls im Vorhof darstellt. Dieser wird aber nicht von einem entsprechenden Impuls des Ventrikels gefolgt; stattdessen erfolgt in längeren Abständen und nicht koordiniert mit den P-Wellen ein sogenanner "ventrikulärer Escape"-Impuls (rechteckiger Rahmen im untenstehenden EKG), welcher im Ventrikel selbst gebildet wird. Ursache dafür ist, dass der elektrische Reiz vom Vorhof nicht mehr in den Ventrikel geleitet wird, worauf dieser zu dieser Notmassnahme greift, damit überhaupt noch Blut gefördert werden kann. Ganz offensichtlich führt das bei Jari dazu, dass phasenweise der Blutdruck nicht mehr gehalten werden kann und der Hund kollabiert.
Im Ultraschall ist das Herz strukturell normal, somit kann keine unterliegende Ursache für das Problem eruiert werden.
Therapie der Wahl für einen AV-Block 3. Grades wäre die Implantation eines Herzschrittmachers (z.B. an der Herzabteilung des Tierspitals Zürich). Hierbei wird ein künstlicher Taktgeber unter die Haut implantiert, welcher über einen oder zwei feine Drähte mit dem Herzen verbunden wird und so eine normale Schlagfrequenz erstellt. Die Besitzer entscheiden sich jedoch aus verschiedenen Gründen gegen diesen Eingriff. In der Folge geht es Jari erstaunlich gut, obwohl er v.A. zu Beginn immer wieder Schwächeepisoden zeigt; in gewissen Fällen kann das Herz nämlich das Problem mittels einem erhöhtem "Lade-Blutdruck" im Herzen und damit einer effizienteren Pumpaktion eine ganze Weile kompensieren.
7 Monate später wird das EKG repetiert: Dem Hund geht es immer noch gut, und er hat in der letzten Zeit keine Kollapse mehr gezeigt. Jari weist aber immer noch einen AV-Block auf; zusätzlich hat sich infolge der Mehrbelastung des Herzens ein Vorhofflimmern entwickelt. Trotz allem ist beeindruckend, wie gut es dem Hund geht - allerdings ist schwierig abzuschätzen, wie lange die Situation noch so bleiben wird.
Röntgenbild eines Hundes mit Schrittmacher (Copyright Dr. N. Hildebrandt, Universität Giessen) - es handelt sich hier natürlich nicht um Jari
Die Pumpaktion des Herzmuskels wird durch einen elektrischen Taktgeber und entsprechende "Stromleitungen" ausgeklügelt gesteuert. Der im rechten Vorhof sitzende sogenannte Sinusknoten löst je nach Bedarf und u.A. gesteuert vom vegetativen Nervensystem den Impuls zur Herzkontraktion aus. Dieser Impuls ist im EKG als "P-Welle" erkennbar (im untenstehenden, normalen EKG mit "V" gekennzeichnet). Der Reiz wird dann via AV-Knoten über Reizleitungsbahnen in die Hauptkammern geleitet und löst die Kontraktion der Ventrikel aus; dieser Impuls ist als "QRS-Komplex" im EKG erkennbar (im untenstehenden EKG umrahmt). Der QRS-Komplex erfolgt also im Normalfall unmittelbar und regelmässig nach einer P-Welle. Bei Jari ist diese Überleitung gestört, die Reize des Sinusknotens erreichen die Kammer nicht. Das Herz greift in der Folge zu einer Notmassnahme, um überhaupt noch Blut fördern zu können: es aktiviert alternative, im Herzen weiter unten liegende Rhythmusgeber, welche normalerweise vom Sinusknoten übersteuert werden. Dieser sogenannte "Ventrikuläre Escape-Rhythmus" ist aber deutlich langsamer als der normale Rhythmus vom Sinusknoten und ist nicht mit der Vorhofaktivität koordiniert, weshalb weniger Blut gefördert wird und der Blutdruck unter Umständen nicht mehr aufrecht erhalten werden kann. In den meisten Fällen eines AV-Blockes 3. Grades kann keine konkrete Ursache für das Problem eruiert werden.
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EKG: Copyright Tierklinik Oberhaching / Deutschland