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«Woran denkst du, wenn du ‹Zwischenstunde› hörst?» Das war die Leitfrage des Kreativ-Wettbewerbs «Zwischenstunde» der Zürcher Mittelschulen. Luisa Süry hat geantwortet – mit einem Text. Ihr Beitrag wurde von der Jury prämiert.
31. Juli 2023
Ich sitze in meinem leeren Zimmer und starre aus dem Fenster bis mir die Tränen kommen. Meine Füsse führen mich in die Küche, in derer Helligkeit mein Körper sich ausdehnt.
Ich öffne die rechte Tür des weissen Schranks. Unten befinden sich drei Schubladen und ich glaube du bist in der Mittleren. Ich ziehe sie auf und du schlägst mir entgegen, als hättest du darauf gewartet mich zu benebeln
- Opium, Lulu, Verveine, Rising Sun, Parfüm.
Aus den Wolkenstoffen, die in der Schublade liegen, schlängeln Hände heraus, deine Hände, lang, dünn, adrig und grazil. Sie tanzen und kreisen um meinen Kopf, Duftschwaden, sie ziehen mich in die Schals, Tücher und Handschuhe hinein.
Mein Kopf trifft auf echtes Kaninchenfell, unheimlich zart. Du rinnst in meine Nase und erfüllst meinen Brustkorb mit deiner Wärme. Wenn ich an dich denke, erscheint vor mir eine Momentaufnahme, für immer in Stein gemeisselt, das bist du.
Mit dem Rücken lehnst du an die Lehne des hellrosaroten Holzstuhls, auf dem du sitzt. Deine Beine liegen in der Luft wie eine Brücke und die Füsse sind auf dem rechteckigen Tisch aus hellem Holz platziert. Den linken Unterschenkel hast du über den Rechten geschlagen. Ich sehe die Krampfadern deiner Beine blau hervortreten, weich und wabbelig wie die auf deiner Hand. Die Beine stecken in schwabbeligen weiss-grauen Hosen, die so geleiert sind, dass ich zwischen deinen Beinen den Ansatz deines buschigen, dunkelbraunen Fudibarts sehen kann. Oben trägst du das kastanienbraune Jäcklein, das meine Grossmutter selbst gestrickt hat. Die Erinnerungs- Du hält eine Zeitung in der Hand, damals wahrscheinlich «der Spiegel», heute wäre es «die Zeit». Draussen ist es noch stockdunkel und ich meinte es schneit. Zuerst isst du das selbstgemachte Birchermüsli, geraffelter Apfel, Milch und Haferflocken. Vor dir auf dem hellbraunen Holztisch liegt das durchsichtige Plastikbrettchen, auf dem sich die Brötchen befinden mit der harten, schwarz verbrannten Bürlikruste. Unbeschmierte Brote, auf ihnen befindet sich ein Flecklein Butter und so wenig Marmelade, dass ich beim Reinbeissen nur das Brot und eine säuerliche Note schmecke.
Plätschern in der Küche
Du bist dein Schmatzen und Schlürfen, das ich dir später versuche abzugewöhnen.
Ich spaziere mit Grosi die Bertastrasse entlang. Meine Hand liegt in seiner warmen Pranke und sein kleiner versteifter Finger, für immer in seine Handfläche gebeugt, sticht mich. Die Hecken am linken Strassenrand triefen saftig grün. Rechts blühen die Kirschbäume, ein süsses, herzhaft lachendes Rosa, das mir mein kleines Herz aufreisst. Ich sehe Mama vor unserem dunkelrosaroten Hause stehen und reisse an Grosis weicher Pranke. Ich strahleprahle: «Mami, lueg wasi becho han», und sie reisst ihre Augen auf in farbiger Begeisterung, um meinen funkelnden Kinderaugen gerecht zu werden.
«Oh lalaa»
Ich springe in ihre ausgestreckten Arme.
Im Schneidersitz setze ich mich vor das Küchenfenster und lege meine Hände vor mir auf die warme Heizung, draussen schneit es. Mein Blick zerfällt in den unschuldigen Flocken.
Ich sitze lange und starre aus dem Fenster bis mir die Tränen kommen.
Meine Beine tragen mich in die Stube.
Dort reisse ich alle Bilderbücher vom untersten Regalbrett,
weil es tut mir weh.
Mein Blick ist verschwommen.
meine Tränen tropfen auf die lächelnden, liebenden Bücher meiner Kindheit
Wogen der Wärme
Mama, wir gingen oft spazieren
und manchmal wünsche ich mich zurück in diesen Kinderwagen
indem ich sitzen durfte, obwohl ich schon laufen konnte.
Zusammen erkundeten wir Zürich. Immer wenn wir den Fussgängerstreifen überquerten, den das zweier und dreier Tram zum Stauffacher kreuzen, sah ich den Lift.
Für mich ist der Stauffacher dieser Lift.
Eigentlich sind es zwei Lifte. Sie teilen sich die Hälfte eines querschnitt-halbierten Smarties. Sie sind durchsichtig und kriechen immerzu jene Wand des Gebäudes hinauf – längshalbierte Panzerkäfer.
Mit diesem Lift wollte ich schweben, er war meine kindliche Krone der Freiheit.
Einmal gingen wir hin,
aber
kein Schweben ohne Schlüssel, also blieben wir am Boden,
noch immer will ich mit ihm nach oben.
Wir spazierten weiter
st. jakobsbeck,
die lange düstere strasse; das schienenrevier der grünen 8,
buchhandlung im volkshaus, der hamman, das volkshaus,
damals noch kein john baker,
die portugiesische bäckerei, getötet
der subway
wir waren da
der brunnen, der rote drehtisch, die schwarzen schaukeln, das dunkelgrüne gebäude mit den grossen fenstern, der sandkasten, die rutschbahn, die zwei holzrösser,
die heiss/eis-metalligen, steifen pferde am fusse des grünen hügels,
das kleine kinderbassin, dem fritschiwiesen bassin nicht annähernd das wasser reichend, die junkies vor den gebüschen,
die rote kletterpyramide aus seilen
Das Holzross peitscht hin und her mit einem mörderischen Schwung.
Das Pferd hat keine Beine, nur einen hölzernen Oberkörper, bei den Leisten hört es auf. Dort spriessen rechtwinklig rechts und links zwei schmale rechteckige Platten heraus, auf welchen meine kleinen Füsse stehen. Ich halte mich an den hölzernen Griffel, die aus den Ohren wachsen und reite das Ross, während ich Feuer speie und Funken sprühe.
Ich bin der Ritter aus dem Märchen, der mit wehendem Haar über tosende Bäche und gefallene Baumstrümpfe fliegt.
Das Pferd ächzt und ich peitsche immer höher in den Himmel.
Du sassest mit überschlagenen Beinen drinnen auf dem königsblauen Schüsselstuhl der Bäckeranlage.
Den frischen gemischten Salat, den Mohnkuchen mit Apfelstücklein, der so lustig unter den Zähnen kitzelknirschte oder das Tagesmenu vertilgtest du unbeschwert und gelassen, während ich draussen tobte.
Entweder last du
oder du liessest dir mit deinem Blickherumgeschweife die Leute, die spielenden Kinder oder deine Gedanken auf der Zunge zergehen.
Du warst keine gehetzte Mutter mit aufgelöstem Rossschwanz und besorgter Stirnfalte, sondern eine lässige, elegante Dame,
die mit den schönen Absatzschuhen und der coolen Sonnenbrille mit grossen Gläsern.
Alle Ausflüge bogst du clever zurecht, sodass sie uns beiden gefielen.
Im Hallenbad Oerlikon zogst du deine Längen, während ich vom Sprungbrett flog und Ringe tauchte.
Wir gingen meistens auf Spielplätze mit Café, wo du dir die Zeit genüsslich verschmaustest oder in Zeitung oder Gedanken zerflossest.
Wir spazierten, weil du spazieren liebst.
Du verlorst dich selbst nicht in der Elternrolle, obwohl du mich allein erzogst.
Du bliebst mehr als Mutter.
Dafür bewundere ich dich.
Manchmal quengelte ich, bittebätti, und fauchendes Trotzen
und trotzdem kamst du nicht mit mir spielen.
Also spielte ich mit anderen Kindern oder allein,
der perfekte Nährboden.
Aus dem Alleine-Spielen sprossen meine Kreativität und Fantasie.
Auf der Bäckeranlage, der Fritschiwiese, der Kollerwiese,
im Tierpark Waldegg, beim Wandern und Spazieren,
im Hallenbad Oerlikon, dem Hallenbad Altstetten,
dem Heuried, der Badi Tiefenbrunnen, im Utoquoi und der Frauenbadi zündete mein Feuer. Dort entspringt
die drücken und drängende Abenteuerlust, feurige Augen mein tiefstes Lachen
der geschliffene Ehrgeiz
die grüne Fantasie.
An jenen Orten meiner Kindheit leckte ich die ersten Tropfen süsswürzige Freiheit,
dort war ich pur
Explodieren aus meinem Körper, damit ich alle Farben sehen kann, lichterloh - Sport
Verschwinden, wenn alles zerbricht, alle Leben leben - lesen
Mich befreien in Worten, brüllen bis meine Stimme rau ist - schreiben
Warmes Glück, das mich umarmt, bei dir kann ich meine Ruhe finden - Wasser
Mama damit hast du mich beschenkt
*Den ganzen Text von Luisa Süry kannst du hier lesen.
Der Kreativ-Wettbewerb mit dem Motto «Zwischenstunde» wurde Anfang 2023 zum zweiten Mal durchgeführt. 89 Beiträge trafen in den Kategorien «Text», «Bild» und «Video» ein, fünfzehn davon wurden prämiert. In dieser Serie werden die Erstplatzierten vorgestellt.
Text: Jennifer Zimmermann (Einleitung und Box)
Fliesstext: Luisa Süry, Kantonsschule Wiedikon, 1. Platz Kategorie Text der Alterskategorie 1.–4. Klasse Kurzzeitgymi, IMS, HMS, FMS bzw. 3.–6. Klasse Langzeitgymi
Titelbild: Jennifer Zimmermann