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von Philipp Spillmann – Die Netflix-Serie «Making A Murderer» geht der Frage nach, wie man jemanden zum Mörder macht, und was das Machen von Mördern mit dem Machen von Reportagen zu tun hat.
Laura Ricciardi und Moira Demos lernten sich an der Columbia University kennen, wo sie zusammen Film studierten. Als sie 2005 das erste Mal in der New York Times von Steven Avery lasen, dachten sie, seine Geschichte wäre doch etwas für einen Dokumentarfilm. Es war anfangs November und der 53-jährige Avery, der bereits fast die Hälfte seines Lebens unschuldig im Gefängnis verbracht hatte, wurde gerade als Hauptverdächtiger in einem Mordfall verhaftet. Im Dezember fuhren die beiden Filmemacherinnen ins entlegene Manitowoc County im US-Bundestaat Winscon, wo dem Angeklagten Avery der Prozess gemacht wurde. Im kommenden Januar zogen sie in die Kleinstadt Manitowoc am Lake Michigan. Aus der vagen Idee wurde ein zehnjähriges Projekt mit über 800 Stunden Filmmaterial. Den Filmemacherinnen gelang es nicht nur, an zahlreiche Dokumente der Untersuchungen heranzukommen, sondern auch, der hohen Komplexität des Falles gerecht zu werden. Dabei folgten sie den Spuren dieser verworrenen Geschichte bis tief in Averys Vergangenheit.
Merkwürdige Zufälle
Am dritten Oktober 1986 war Avery, damals 24-jährig und Vater von vier Kindern, einer Vergewaltigung schuldig gesprochen worden, bei der sich 2003 herausstellte, dass er sie nie begangen hatte. 18 Jahre verbrachte er zu Unrecht hinter Gittern. Nach seiner Entlassung ging der ergraute Avery, dem nicht viel von seinem früheren Leben geblieben war, zum Gegenangriff über. Es kam zu einem Verfahren, in dem geprüft werden sollte, inwiefern es sich bei seinem Fall um ein Komplott von Polizisten gehandelt hatte. Zunächst sah es ganz so aus, als könnte es für die betreffenden Personen ziemlich eng werden. Aber dann änderte sich alles. Am 31. Oktober 2005 verschwand die junge Fotografin Teresa Halbach spurlos. Sie war unterwegs, um einige Autos zu fotografieren, darunter Averys Mini-Van. Avery bestätigte der Polizei, dass sie bei ihm gewesen sei und sein Anwesen schliesslich wieder verlassen hatte. Danach wurde sie nie wieder lebend gesehen. Einige Tage später wurde ihr Auto auf dem Schrottplatz der Averys gefunden, ebenso wie der Grossteil ihrer verbrannten Überreste. Steven Avery wurde vom Zeugen zum Angeklagten. Im März 2007 wurde er des Mordes an Halbach schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt. Knapp einen Monat später wurde sein 17-jähriger Neffe Brendan Dassey als Zweittäter zu 41 Jahren Haft verurteilt.
Ricciardi und Demos begeben sich in ihrem Werk auf die Seite der Averys und ihrer Anwälte und gehen deren Theorie nach, dass es sich bei dem Fall um eine Verschwörung handle – mutmasslich derselben Personen, die bereits 1985 in Averys Ermittlungen involviert waren. Sie fokussieren auf eine Reihe auffälliger Ungereimtheiten: So wiesen etwa elementare Beweismittel wie Halbachs Autoschlüssel und eine Patrone in der Garage Averys einige Unstimmigkeiten auf. Zudem war das unter fragwürdigen Methoden erhobene und später widerrufene Tat-Geständnis von Brendan Dassey dermassen inkonsistent, dass es von der Staatsanwaltschaft bei Averys Verfahren als Beweismittel zurückgezogen wurde – während es bei Dasseys Prozess zu seiner Verurteilung führte. Ricciardi und Demos zeigen, wie die Parteien monatelang ihre Geschichte entwickeln, jene der Gegenseite diskreditieren, und wie sie Geschworene wie Medien von ihrer Version zu überzeugen versuchen, kurz: die Beiden zeigen, wie man einen Mörder macht.
Helden, Bösewichte und Cliffhanger
Die Filmemacherinnen entschieden sich, aus dem komplexen Fall keinen Film, sondern eine ganze Serie zu machen. Die Erstausstrahlung der von Netflix produzierten Dokumentar-Serie mit dem Namen «Making A Murderer» erfolgte im Dezember 2015. Sie wurde umgehend zum durchschlagenden Erfolg: Bereits nach 35 Tagen verzeichnete sie über 19 Millionen Zuschauer in den USA. 2016 wurde eine zweite Staffel in Aussicht gestellt. Profitieren konnte die Serie auch von der aktuellen Popularität anderer True-Crime-Serien wie «Serial» (2014) oder «Jinx» (2015), wobei letztere sogar zur Verurteilung des mutmasslichen Mörders Robert Durst führte.
Im Gegensatz zu diesen anderen True-Crime-Dokumentarserien stellt «Making A Murderer» allerdings eine Frage ins Zentrum, welche das Machen solcher Reportagen selbst thematisiert: Wie macht man jemanden zum Mörder – während den Ermittlungen, vor Gericht, im TV? Auch wenn die Serie sich selbst nicht explizit thematisiert, wird klar, dass auch sie, indem sie auf ihre Weise Meinungsbildung und Urteilsfindung betreibt, hierbei eine nicht ungewichtige Rolle spielt.
Genretechnisch ist die Serie ein Drama. Mit 24 Jahren wird Avery aus seiner friedvollen Normalität gezerrt, in die er nie mehr zurückkehren wird. Auch wenn es bisweilen Aussicht auf eine vermeintlich glückliche Fügung zu geben scheint, läuft alles auf ein bitteres Ende für den Protagonisten Avery hinaus. Zudem setzt die Serie auf Typen aus dem Dramen-Repertoire wie den Helden (Averys Anwälte) oder den Bösewicht (einige der Polizisten). Strukturell ist die Story eine Folge dramatischer Wendungen. In jeder Episode ändert sich die Richtung, die Auslegung und der mutmassliche Ausgang der Geschichte. Am Ende jeder Episode kündigt ein Cliffhanger die drohende nächste Wendung an und erhöht die Spannung bis zur nächsten Folge. Insofern spiegelt die Struktur die Erfahrung der Filmemacherinnen selbst während ihrer Dreharbeiten zu Zeiten des Prozesses.
Sind Reportagen-Serien die besseren Reportagen?
Während sich die True-Crime-Serie bezüglich ihrer Darstellungsmittel nicht unbedingt von einem 90-Minütigen Dokumentarfilm unterscheidet, hat sie gegenüber diesem doch einige Vorteile: Erstens kann mit der deutlich längeren Erzählzeit (ca. 600 Minuten) die Komplexität des Gegenstandes deutlich besser wiedergegeben werden. Insofern ist man als Zuschauer näher bei den Dingen, von denen die Reporterin berichtet. Das heisst natürlich nicht, dass die Geschichte damit objektiver sein müsste, aber sie zeigt klarer, worin das problematisierte Objekt besteht. Insofern informiert sie eindeutig besser. Zweitens ermöglicht das serielle Narrativ dem Zuschauer eine differenziertere Vorstellung von Zeit und Raum der Ereignisse. Die Länge des Prozesses wird in der Länge der Serie nacherfahrbar. Drittens ermöglicht die serielle Struktur einen länger anhaltenden und damit wahrscheinlich auch tiefergehenden Diskurs zwischen Zuschauern, Kommentatoren und Kritikern um den Gegenstand und das Anliegen, um das es der Dokumentation geht.
Sind also Reportagen-Serien die besseren Reportagen? Das hängt natürlich davon ab, wonach man die Qualität einer Reportage bemisst. Das Beispiel «Making A Murderer» gibt eine deutlich einseitige Darstellung der Ereignisse wieder, insofern ist sie zum Beispiel als Serie nicht unbedingt näher an der Wahrheit, wie sie es als 90-minütiger Film wäre. Allerdings hat die Dokumentation als Serie einige Möglichkeiten, die sie als Film nicht hätte: etwa die Möglichkeit, einen Diskurs um das Thema über einen längeren Zeitraum zu führen oder auf Entwicklungen, die sich nach den Dreharbeiten ergeben, in Form einer zweiten Staffel Rücksicht zu nehmen. Letzteres wäre auch denkbar, wenn zwar Reportagen als in sich geschlossene Geschichten erzählt werden, aber Fortsetzungen produziert werden. Dafür braucht es nicht einmal einen Cliffhanger. Denn wenn eine Reportage das Anliegen hat, die Realität eines Stücks Weltgeschichte, egal wie klein es ist, wiederzugeben, wird man dieser Realität immer besser gerecht, wenn man ihre Geschichte weiterschreibt. Denn eines ist sicher: Die Welt wandelt sich. Und wenn es einer Reportage dank dem Serie-Format gelingen kann, die Menschen an diesem Wandel und seiner Komplexität teilhaben zu lassen, dann sollte man ihre Produktion derjenigen einer einmaligen Erzählung vorziehen.
Philipp Spillmann studiert im Master Kulturpublizistik.
Quellen:
Dieser Beitrag ist ein Produkt von metareporter, einem Projekt des Magazins REPORTAGEN und der Plattform Kulturpublizistik. Die Autor/innen von metareporter sind Studierende des Master Kulturpublizistik der ZHdK.