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Paul Accola (links) und Franz Heinzer bei der Präsentation der neuen Dresses im Käse-Look, 1992.
Keystone
Das Käse-Kollektiv
Die Schweizerische Käseunion (SKU) sorgte ab 1914 dafür, den Schweizer Käse unter die Leute im In- und Ausland zu bringen. Zu diesem Zweck kontrollierte die Käseunion sowohl Produktion wie auch Preise.
Die Genossenschaft Schweizerischer Käseexportfirmen, besser bekannt als Käseunion (SKU), wurde im Spätsommer 1914 auf Drängen der Bundesbehörden gegründet. Mitglieder der SKU waren die organisierten Käseexporteure, Milchproduzenten, Käser und die im Verband Schweizerischer Konsumvereine (VSK, heute Coop) zusammengeschlossenen Konsumenten. Der Zweck der Monopolgesellschaft bestand in der Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Käse und der Organisation des Exports. Den Gewinn aus dem Export von Hartkäse benutzte man zur Deckung der Mehrkosten, die in der Produktion von Milch wegen der kriegsbedingten Teuerung anfielen. So gelang es, den Preis, den die Konsumenten für Trinkmilch bezahlen mussten, weit unter dem Weltmarktpreis zu halten.
Dass sich Milchproduzenten, Milchkäufer und Käseexporteure so rasch nach Ausbruch des Krieges auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten, war alles andere als selbstverständlich. Denn noch kurz zuvor hatten sie sich in sogenannten «Milchkriegen» bekämpft. Ausgebrochen waren die Konflikte, weil die Milchproduzenten zu Beginn des 20. Jahrhunderts darauf bestanden, den Milchpreis zu einem Verhandlungsgegenstand zu machen. Im 19. Jahrhundert war der Preis, den die Bauern für die von ihren Kühen produzierte Milch erhielten, im Ausland bestimmt worden. In der Regel betrug er den zwölften Teil des Preises, den die Exporteure für den Hartkäse im Ausland erzielten. Dass dieser Preis automatisch auch für diejenige Milch gelten sollte, die als Trinkmilch im Inland konsumiert wurde, fanden viele Bauern weder richtig noch gerecht. So wie die Arbeiter via ihre Gewerkschaften den Wert der Arbeit zu thematisieren begannen, so wollten die Bauern nun den Wert ihrer Milch verhandeln. Zur Verstärkung ihrer Position gegenüber den Milchkäufern und Käseexporteuren schlossen sie sich in regionalen und nationalen Verbänden zusammen. Diese waren in der Lage, sich Zahlen und Wissen über die Preisbildungsmechanismen zu verschaffen, so dass sie mit den Exporteuren und Milchkäufern auf Augenhöhe verhandeln konnten. Zwar gipfelten die Diskussionen um den «richtigen» Milchpreis in jenen Auseinandersetzungen, die schon von den Zeitgenossen als «Milchkriege» wahrgenommenen wurden. Doch dabei lernten die Beteiligten nicht nur sich zu bekriegen, sondern auch zu kooperieren, Preise auszuhandeln und Kompromisse einzugehen. Das waren wichtige Grundlagen für die Herausbildung einer Milchmarktordnung, mit der nach 1914 sichergestellt wurde, dass Käse mit Gewinn exportiert werden konnte und zugleich überall in der Schweiz zu gleichen Bedingen erhältlich war. Von 1914 bis zu ihrer Auflösung 1999 verkörperte die SKU dieses Regelwerk mehr als nur auf der symbolischen Ebene.
Stand im Ersten Weltkrieg die inländische Versorgung im Zentrum der Tätigkeiten der SKU, so engagierte sie sich in der Zwischenkriegszeit zunehmend in der Förderung des Exports. Diese Tätigkeit baute sie nach dem Zweiten Weltkrieg weiter aus und präsentierte Emmentaler, Gruyère und Sbrinz praktisch überall auf der Welt an Messen, Kochkursen und anderen Events. In zahlreichen Ländern unterhielt sie eigene Werbebüros.
Auch im Inland war die SKU bemüht, den Absatz zu fördern. So schuf sie beispielsweise neue «Markenprodukte» wie das Fondue und den Schmelzkäse. Letzterer war ursprünglich für den Export in die Tropen entwickelt worden und machte zeitweise einen Fünftel des gesamten Exports aus. In der Nachkriegszeit erfreute er sich aber auch im Inland einer relativen Beliebtheit. Zudem verpflichtete die Käseunion gemeinsam mit den Milchverbänden zeitweise die Milchproduzenten, einen Teil ihrer in die Käsereien abgelieferten Milch als Milchprodukte zurückzukaufen. Besonders den zuweilen schwierig abzusetzenden, im Volksmund «Blockkäse» genannten Schmelzkäse mussten Milchlieferanten «zurückkaufen». Allerdings bewirkte diese Form des «Zwangskonsums» längerfristig vermutlich eher einen Minderkonsum an Käse. Denn ganze Generationen von Bauernkindern wuchsen in den 1950/60er Jahren im (Irr-)Glauben auf, dass aus der guten Milch, an deren Produktion sie in der Regel direkt beteiligt waren, vor allem Blockkäse gemacht würde. Der fand zwar vereinzelt auch seine Anhänger, aber insgesamt vermittelte er doch ein eher abschreckendes kulinarisches Beispiel dafür, was aus dem «Naturkunstprodukt» Milch in industriellen Verarbeitungsprozessen gemacht werden konnte.
Die Trägerschaft der SKU war zwar breit abgestützt, aber ihre Tätigkeit war trotzdem immer auch umstritten. Im Sog der in den 1980/90er Jahren wirkmächtig werdenden neoliberalen Ordnungsvorstellungen setzte sich das Deutungsmuster durch, das die Käseunion primär ein «abschreckendes Beispiel von Machtmissbrauch und Fondue» sei. Die aktuelle, transnational orientierte Geschichtsforschung hingegen zeichnet ein differenzierteres Bild, das auch die ernährungs- und sozialpolitischen Leistungen sowie die zuweilen innovativen Vermarktungsstrategien der SKU beinhaltet.
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