Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03632.jsonl.gz/2488

| Hieronymus († 420) - Briefe

III.c. Polemisch-apologetische Briefe: Apologetisch-dogmatischer Inhalt
133. An Ktesiphon
Einleitung
Der sonst unbekannte Ktesiphon, wohl ein Römer, wandte sich um Auskunft an Hieronymus wegen der eigenartigen Lehren, die Pelagius und sein Anhang verbreiteten. Da die Irrlehre allenthalben und nicht zuletzt im Orient Verwirrung angerichtet hatte, ist Hieronymus gern zur Widerlegung bereit. Ehe er in seinen Dialogen sich gründlich mit seinen Gegnern auseinandersetzt, 1 geht er im Briefe an Ktesiphon zum ersten Waffengang vor. Es kommt ihm darauf an, den Nachweis zu erbringen, daß der Pelagianismus nichts anderes ist als ein Wiederaufleben einer Reihe von Irrlehren, die von der Kirche bereits verurteilt worden sind. Immerhin handelt es sich in den meisten Fällen, in denen Parallelen vorliegen, nicht um innere Zusammenhänge, sondern um rein äußere Zufälligkeiten. Auch der Origenismus, den er als einen der Väter der neuen Irrlehre kennzeichnet, 2 kommt nicht weiter in Frage, als daß die Pelagianer die von Rufin übersetzten Schriften des Sextus und des Evagrius Ponticus wiederholt zu ihren Gunsten ausbeuteten. Aber das Verdienst kommt Hieronymus zu, daß er wohl als erster die inneren Beziehungen erfaßte, welche von der Stoa zum Pelagianismus hinüberführen. Drei Sätze sind es, gegen die Hieronymus Front macht. Er wendet sich gegen die Behauptung, daß der Mensch die ἀπάθεια, d.h. die Unempfindlichkeit gegen alle Gemütserregung für sich in Anspruch nehmen könne. Er betont die Notwendigkeit der göttlichen Gnade zu [S. 198] den einzelnen guten Werken und bekämpft die Möglichkeit, sündlos zu bleiben einzig mit Hilfe des freien menschlichen Willens. Besonders scharf wendet er sich gegen das Doppelspiel der Pelagianer mit ihrer Geheimtuerei und dem verfänglichen Gebrauch des Wortes Gnade. Wiederholt legt er seiner Widerlegung Thesen aus den verlorengegangenen Definitionen des Caelestius, eines Schülers und Vorkämpfers des Pelagius, zugrunde.
Für die zeitliche Festlegung kommt in Betracht, daß Orosius auf der im Juli 415 zu Jerusalem abgehaltenen Diözesansynode darauf hinweisen konnte, daß Hieronymus vor kurzem in einem Briefe an Ktesiphon die Irrlehre des Pelagius verurteilt hat. 3
1: Vgl. BKV XV 335 ff.
2: Über Origenes als Vater des Pelagianismus nach Hieronymus s. Cav. II 125 ff.
3: Orosius, Liber apologeticus c. Pelagium 4 (CSEL V 608 [Zangemeister]).