Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/556

«Musica/Realtà» war eine Kulturinitiative im italienischen Industriegebiet Reggio Emilia betitelt, in der sich Luigi Nono in den 1970er Jahren gemeinsam mit Maurizio Pollini und Claudio Abbado engagierte, um Künstler und Wissenschaftler mit Fabrikarbeitern, Angestellten und Studenten zusammenzubringen. Kein Zweifel: Musik und Lebenswirklichkeit, künstlerisches und politisches Tun waren für Nono untrennbar verbunden. «Ein Ereignis, ein Erlebnis, ein Text unseres Lebens rührt an meinen Instinkt und an mein Gewissen und will von mir, dass ich als Musiker wie als Mensch Zeugnis ablege», umriss er 1959 sein Credo. Ein Jahrzehnt später erklärte er gar, «dass es keinen Unterschied macht, ob ich eine Partitur schreibe oder einen Streik organisieren helfe. Das sind nur zwei Seiten einer einzigen Sache.»
Aufgewachsen im faschistischen Italien Mussolinis, wurzelte Nonos politisches Bewusstsein wie bei vielen seiner Generationsgenossen in der Erfahrung der italienischen Widerstandsbewegung: «Für uns Junge war die Erinnerung an die Resistenza […] der Motor des Lebens», erinnerte er sich später. In der Nachkriegszeit empörte ihn, wie die faschistischen Täter reihenweise begnadigt, die Kommunisten hingegen, viele von ihnen ehemalige Widerständler, im Zeichen des Kalten Kriegs von der Macht ausgeschlossen und unter Beobachtung gestellt wurden: «Es ist überall Restaurationszeit!!!!!!! heute und immer mehr wird hier die Resistenza als Bandittat [sic] gezeigt!», schrieb er dem Schriftsteller Alfred Andersch. 1952 trat Nono dem Partito Comunista Italiano bei, und es ist kein Zufall, dass sein Frühwerk um das Thema des Widerstands kreist. Seiner Kantate Il canto sospeso etwa, mit der ihm 1956 der internationale Durchbruch gelang, legte er Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer zugrunde.
Schon 1959 hatte Nono seinen Avantgarde-Mitstreitern der «Darmstädter Schule» in einem Vortrag vorgeworfen, mit ihrer abstrakten, geschichtsvergessenen Kunstauffassung vor der gesellschaftspolitischen Verantwortung zu fliehen. In den folgenden Jahren verstand er Kultur immer stärker «als Moment der Bewusstwerdung, des Kampfes, der Provokation, der Diskussion, der Teilnahme» und schuf explizit politische, unmittelbar gegenwartsbezogene Partituren.
Blättert man durch seinen Werkkatalog der sechziger und siebziger Jahre, treten einem die Themen entgegen, die die europäische Linke damals umtrieben: der Algerienkrieg (u. a. in Djamila Boupacha und Intolleranza 1960), der Nono nach eigener Aussage erkennen liess, «dass der Kampf gegen Faschismus und Repression nicht nur eine Erinnerung war, sondern dass er weiterging, weitergehen musste in der Dritten Welt, die nun mit Algerien in den Mittelpunkt gerückt war»; die Ermordung von Malcolm X. (Contrappunto dialettico alla mente); der Vietnamkrieg (Siamo la gioventù del Vietnam); die südamerikanische Guerilla und andere Befreiungsbewegungen (u. a. Como una ola de fuerza e luz); der «heisse Mai» 1968 (Non consumiamo Marx); die Situation der Fabrikarbeiter im Kapitalismus (La fabbrica illuminata). Auch aussermusikalisch war Nono politisch aktiv, bereiste Lateinamerika und die Staaten des «Ostblocks», pflegte enge Kontakte mit deren Künstler- und Intellektuellenszene, hielt Vorträge vor Arbeitern und Studenten, gehörte ab 1975 dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Italiens an.
Mit seinem politischen Engagement und seiner engagierten Musik polarisierte Nono, der vielen Veranstaltern als Persona non grata galt; Werke wie das Musiktheater Intolleranza 1960, dessen Premiere durch Zwischenrufe, Trillerpfeifen und Stinkbomben gestört wurde, produzierten veritable Skandale. Und er musste die Erfahrung machen, dass sich die Kontroversen meist an seinen politischen Aussagen entzündeten, deren musikalische Gestaltung indes vernachlässigten. Dabei gab Nono in einer Zeit, in der viele politisierte Musiker eine möglichst eingängige Tonsprache forderten, nie den Anspruch der ästhetischen Autonomie auf. Er komponierte keine Massenchöre, sondern verband die linkspolitische Agitation mit rigiden Avantgardeansprüchen: die «technischen Qualitäten» engagierter Kunst müssten sich «auf der Höhe der ideologischen halten». Die Doktrin des «Sozialistischen Realismus» lehnte Nono entsprechend ab, weshalb er in vielen sozialistischen Ländern als unerwünschter «Formalist» galt. Über die Musik Dmitri Schostakowitschs etwa urteilte er kategorisch (und Schostakowitschs tragische Position als Künstler in einer Diktatur ausblendend), sie habe «keine Zukunft und damit keine Funktion, weil sie technisch zu armselig ist und am Potential der heutigen Möglichkeiten vorbeigeht.»
Doch gerade Nonos avanciertes Komponieren hatte zur Folge, dass er – auch wenn er seine Werke in Fabriken zur Aufführung brachte – letztendlich diejenigen nicht erreichte, die doch die Adressaten seiner klassenkämpferischen Kunst waren: diejenigen, «die von der kulturellen Entwicklung bisher ferngehalten wurden». Es dürfte nicht zuletzt diese Erfahrung gewesen sein, die ihn dazu führte, sich um 1980, als Mann von fünfzig Jahren, noch einmal völlig neu zu erfinden. Nono veränderte seine Klangsprache radikal, ohne indes seinen ästhetischen Rigorismus aufzugeben; und er verzichtete auf (tages-)politische Themensetzungen, glaubte aber weiterhin an die gesellschaftsveränderte Kraft der Musik. Das Publikum zu einem aktiven, neuen Hören anzuregen, zu einer anderen Wahrnehmung, und so einen viel grundlegenderen Transformationsprozess anzustossen – darum ging es ihm nun. Dass diese Wende durchaus mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit verbunden war, in politischer wie ästhetischer Hinsicht, zeigt die «Wanderer»-Thematik, die Nonos Spätwerk durchzieht.
Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Am 8. September spielt Maurizio Pollini eine Komposition Luigi Nonos, die ihm und seiner Frau gewidmet ist: «… soﬀerte onde serene …» für Klavier und Tonband.