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«Sind Sie bereit?» – «Ja, Ma’am.», antwortet ein Bediensteter der Königin Elizabeth II. Der Dokumentarfilm beginnt mit den Vorbereitungen eines Events im Buckingham Palace.
Für den Anlass der Queen gilt höchste Perfektion. Die Bediensteten prüfen mit einem Massstab den Sitzabstand zwischen Stuhl und Tafel. Eine vergoldete Spiegeltüre öffnet sich, und die britische Monarchin betritt den Raum.
Dann schneidet der Film zu einer spektakulären Bühnenshow von Robbie Williams um. «Let Me Entertain You», brüllt der Popsänger ins Mikrofon. Die Botschaft des Filmes wird von Anfang an klar: Die Queen ist eine Entertainerin.
«Schwer ruht das Haupt, das eine Krone trägt»
Pünktlich zum 70-jährigen Thronjubiläum kommt der letzte Film des verstorbenen Regisseurs Roger Michell in die Kinos, der vor allem für die Komödie «Notting Hill» bekannt ist.
Der Brite hat für «Elizabeth» ausschliesslich Archivaufnahmen verwendet, von der Queen als Kind bis heute. Das Besondere am Film ist nicht nur, dass er auf Kommentarstimmen verzichtet, sondern die unkonventionelle Montage.
Roger Michell vermischt gekonnt royale Archivaufnahmen mit Bildern aus dem Showgeschäft und unterlegt diese mit Songs, deren Texte die Bildsprache ergänzen.
So sieht man in einem Kapitel wie Elizabeth II. um den Tod ihres Vaters trauert und im Anschluss mit gerade mal 27 Jahren gekrönt wird. Dabei gewinnt die Szene an emotionaler Bedeutung, indem sie mit der Liedzeile «heavy is the head that wears the crown» aus dem Rap-Song «Crown» (Stormzy) untermalt wird.
Die Queen als Pop-Ikone
Elizabeth II. wurde von vielen bekannten Künstlern porträtiert: von Andy Warhols Siebdruck bis zu Paul McCartneys Popsong «Her Majesty». Der Film greift ein Interview mit dem Beatles-Sänger auf, in dem er schwärmt, dass die junge Königin für ihn als Teenager ein «Babe» war.
Dass ihr unverkennbarer Kleidungsstil auch Filmdiven der 1950er- und 1960er-Jahre prägte, zeigt «Elizabeth» mit Ausschnitten von Kostümproben der Schauspielerin Audrey Hepburn als Prinzessin im Film «Ein Herz und eine Krone».
Die Queen, ein Mysterium
«Sie ist wohl die berühmteste Frau der Welt», sagt der Produzent Kevin Loader. Trotzdem weiss man kaum etwas Persönliches über sie.
Als parlamentarische Monarchin nimmt sie ihre repräsentative Funktion ernst: Weder politische Ansichten noch Gefühle oder persönliche Meinungen, gibt sie in der Öffentlichkeit preis.
Das Mysterium um ihre Person machte sie auch zur beliebten Figur in unzähligen Filmen und Serien wie «The Crown» oder «The Queen», in denen versucht wird, den Menschen hinter ihrer Symbolik zu enträtseln.
Die Queen ist auch Kirchenoberhaupt
Den Titel «Verteidigerin des Glaubens» hat Queen Elisabeth II geerbt. Er gehört seit 400 Jahren zum englischen Thron: 1521 verlieh Papst Leo X dem englischen König den Titel «Protector and Defender of the christian faith», «Hüter und Verteidiger des christlichen Glaubens und der sieben Sakramente».
Zehn Jahre später sagte sich Heinrich VIII von Rom los, um weitere Ehen eingehen zu können und seine Macht zu steigern. Der «Hüter des Glaubens» Heinrich wurde von Rom exkommuniziert.
Heinrich VIII machte sich daraufhin selbst zum weltlichen Oberhaupt der Kirche von England. Den erblichen Titel «Fidei Defensor» behielt er und so auch alle seine Nachfolger. Als Kürzel F.D. steht es auch auf vielen britischen Münzen.
Die Nachfolgerinnen erhielten den gendergerechten Titel: «Fidei Defensatrix». Queen Elisabeth II versteht sich als Königin von Gottes Gnaden. Gekrönt hat sie das geistliche Oberhaupt ihrer Kirche, der Archbishop of Canterbury, welcher sie vor 70 Jahren auch zur Königin salbte.
Als Defender of the Faith steht die Queen zur Verteidigung des Christentums bereit und treu zu ihrer Church of England, der Mutterkirche der anglikanischen Weltkirche. Auch wenn diese ebenso wie das Commonwealth stetig an Boden verliert.
Tatsächlich haben einige Staaten des Common Wealth diesen Teil der britischen Königswürde für ihre Länder bereits sistiert. Das mehrheitlich muslimische Pakistan etwa konnte sich nicht mit «the christian faith» identifizieren.
Auch Thronfolger Prince Charles gestand bereits 1994, dass er weniger gern ein «Defender of the faith» sei wolle, als ein «Defender of faith». Charles möchte der Multireligiosität im Empire Rechnung tragen und dereinst einmal ein pluralistischer «protector of faiths» werden. (Judith Wipfler)
Die Welt, eine Bühne
Dass Elizabeth II. ihre Rolle als Symbol der britischen Monarchie jahrzehntelang mit eiserner Disziplin perfektioniert hat, inspirierte auch den Regisseur zu seinem vierten Dokumentarfilm.
Interessanterweise handeln die drei zuvor von Schauspielerinnen und Musikern, so Produzent Kevin Loader. Wie man im Film sehen könne, hatte Roger Michell die Vorstellung, dass die Königin eine Art Performance hinlege, wenn sie auf der grossen Bühne der Öffentlichkeit stehe.
Die Show muss weitergehen
Für viele Briten ist Elizabeth II. der Inbegriff von nationaler Identität. Auch der Film verneigt sich vor der Queen und spart dabei an kritischen Tönen. So wird die Frage, ob eine traditionelle Institution wie die Monarchie in einem demokratischen Land überhaupt noch zeitgemäss ist, lediglich am Rand angeschnitten.
Es war nicht im Sinne der Filmemacher, mit der Dokumentation politische Diskussionen auszulösen. «Elizabeth» ist vielmehr eine unterhaltsame Zeitreise durch das Leben der längsten amtierenden Monarchin der Welt.