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Kennst Du das: Du hat am Abend noch einen Termin, den Du eigentlich lieber nicht hättest? Etwa die Zumbastunde, die Chorprobe oder das Treffen mit dem Versicherungsberater. Du denkst den ganzen Tag lang daran, wie schön alles wäre, wenn Du nur diesen Termin nicht hättest. Ganz leise hegst Du die Hoffnung, dass die Japanischlehrerin sich krankmeldet, der Schlüssel für die Turnhalle verloren geht, die Generalversammlung mangels Teilnehmern abgesagt wird.
Bei uns in der Familie wird dieses dumpfe Gefühl das Viktor-Syndrom genannt. Ich war etwa 17 Jahre alt, als ich einem Jungen aus dem Dorf Nachhilfe gab. Viktor hasste es, wenn er stundenlang mit mir Gleichungen lösen musste. Ich hasste es, wenn ich in diesem fremden Haus sitzen und ihn das «Voci» rauf und runter abfragen musste. Doch Viktor brauchte bessere Noten und ich ein besseres Taschengeld. Jeden Mittwoch litt ich schon kurz nach dem Aufstehen unter dem Viktor-Syndrom. Es war schlimm. Zum Glück hatte Viktor statt eines schulischen Talents ein schauspielerisches: Alle paar Wochen verklickerte er seiner Mutter glaubhaft, dass er zu starke Bauchschmerzen/Kopfschmerzen/Ohrläppchenschmerzen habe, um sich auf die Nachhilfe konzentrieren zu können.
Ich bin überzeugt, dass er schlicht und einfach unter einer ausgeprägten Form des Lisa-Syndroms litt. Als Viktor ein bisschen besser in der Schule und ich ein bisschen reicher war, trennten sich unsere Leidenswege. Was blieb, ist das Syndrom.
Mein Tipp: Sich erinnern hilft. Daran, warum Du Dich ursprünglich zum Zumbakurs oder zum Chorprojekt angemeldet hast. Du wirst froh sein, denn der nächste Viktor-Moment kommt bestimmt.