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Garry Disher ist einer der interessantesten zeitgenössischen Schriftsteller Australiens. Den Stoff für seine gut recherchierten und detailgetreuen Romane sammelt er unter anderem auf Reisen durch Europa, Israel und Afrika. Bereits 1978 beginnt Disher zu schreiben. Er soll für eine Anthologie eine Kurzgeschichte über ein berühmtes australisches Gemälde verfassen. Aus der Kurzgeschichte wird unter der Hand eine Kriminalgeschichte. Danach entsteht der erste Gangster-Roman mit Wyatt als Hauptfigur. In den Achtzigerjahren lehrt Disher an der Stanford University in Kalifornien kreatives Schreiben. Mittlerweile ruht Dishers Dozententätigkeit und er ist vollberuflich als Schriftsteller tätig. Mehr als vierzig Werke wurden bislang veröffentlicht, für die er verschiedene Preise erhalten hat, darunter auch den Deutschen Krimi Preis 2002 für den in der metro-Reihe im Unionsverlag erschienenen Roman Drachenmann.
Disher schreibt in einem Arbeitszimmer, das abseits liegt von den restlichen Räumen seines Hauses an der Küste der Halbinsel von Mornington, Victoria, das er mit seiner Frau und seiner Tochter bewohnt. Über seine Schreibmethode sagt er: »Die ersten Ideen notiere ich handschriftlich, erst den zweiten Entwurf tippe ich in den Computer ein. Den Stoff für meine Romane hole ich mir aus der aktuellen Tagespresse. Dabei suche ich speziell nach Artikeln über Verbrechen oder merkwürdige Geschehnisse und überlege die Hintergründe, die zur Tat geführt haben könnten. Es geht mir vor allem darum, die Motive zu ergründen und Erklärungen zu finden. Auch Gedankenspiele nach dem Motto ›was wäre wenn‹ können Ideen für meine Romane liefern und beflügeln meine Fantasie.«
»Meine Geschichten müssen ein Ziel verfolgen. Ein noch so schön-schauriger Roman ist wertlos, wenn der Plot nicht in sich schlüssig und logisch ist. Ein Roman kann sprachlich noch so gut geschrieben sein oder die Protagonisten noch so viel Identifikationspotenzial für den Leser liefern, wenn aber die Handlung – ganz gravierend vor allem bei einem Kriminalroman – zu konfus, abstrus und unrealistisch ist, dann krankt der gesamte Roman.« Aus Elementen der Realität und seiner Fantasie schafft er dann eine Einheit aus Plot und Figuren. »Das Schreiben ist gelungen, wenn die Wörter auf den Seiten singen. Dann ist meine schriftstellerische Arbeit von Erfolg gekrönt. Wenn aber die Wörter schwer wie Steine auf den Seiten lasten, dann habe ich mein Ziel verfehlt.«
Disher will Geschichten erzählen: »Ich erzähle jedem, der sie hören möchte, meine Geschichten. Dabei müssen sie nicht immer gut ausgehen und über ein Happy End verfügen. Geschichten zu schreiben bedeutet für mich auch, meine eigene Welt um mich herum zu schaffen, die aus eigenen Erfahrungen zusammengesetzt ist. Die Grenzen der Welt sind die Grenzen der eigenen Fantasie.«
»Beim Schreiben ist es unerlässlich, auf sich selbst zu hören – und gleichzeitig ein guter Leser zu sein. Enthusiastisches Schreiben und Lesen müssen sich gegenseitig befruchten.« Dishers Überlegungen zum Schreiben beinhalten somit gleichzeitig eine Anleitung zum Lesen: »Wer nie einen Kriminalroman gelesen hat, wird niemals einen schreiben können, auch mit noch so großem Talent. Während meiner Zeit als Dozent an der Universität habe ich meinen Studenten immer wieder versucht klarzumachen, dass der Weg der eigenen Schriftstellerei nur über die genaue Kenntnis der Literaturszene geht. Nur wer ein reflektierter Leser ist, kann seine eigene Arbeit strukturieren und mit einer eigenen Handschrift versehen.«
»Bei allem was ich schreibe, schreibe ich für mich und für den Leser in mir. Darüber hinaus schreibe ich auch für den Künstler in mir, der bewegt und motiviert wird durch eine innere, nicht näher zu bestimmende Kraft. Ich beziehe mich da auf Georges Simenon, der sagte: ›Ich würde meine Romane in die Rinde eines Baumes einritzen.‹«
Disher arbeitet nie parallel an zwei verschiedenen Projekten, auch wenn er immer mit mehreren Ideen gleichzeitig jongliert: »Wenn ich beispielsweise an einem Kriminalroman schreibe, habe ich bereits Ideen für ein Kinderbuch. Dieses Projekt muss dann erst einmal auf Eis gelegt werden. Ich versuche vielmehr, im Wechsel zu arbeiten. Das heißt, ich schreibe in einem Jahr einen Roman, im anderen Jahr ein Kinderbuch und danach beginne ich vielleicht mit einem neuen Kriminalroman. Manchmal jedoch muss ich von diesem Konzept abweichen, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis, wie zum Beispiel die gefürchtete Schreibblockade, eintritt. Dann lasse ich das Projekt, an dem ich gerade arbeite, ruhen und widme mich einem anderen Genre.« Grundsätzlich gilt: »Ich schreibe nur über das, was mich auch selbst interessiert – und was ich selbst lesen würde!«
Ist die Entscheidung schließlich für ein literarisches Projekt gefallen, »dann kämpfe ich so lange mit meinen Figuren, Strukturen, Stimmungen und der Komplexität der Geschichte, bis der Roman steht, den ich mir vorgestellt habe. Dieser Prozess ist langwierig, weil Schreiben gleichzeitig das Zusammenspiel von permanenter Selbstkontrolle, klarem Denken und feinsinnigen Formulierungskünsten bedeutet. Gute Schriftsteller sind ständig unzufrieden mit ihrer eigenen Arbeit. Nur nach unzähligen missglückten Versuchen und Bemühungen kommt letztendlich der Satz heraus, nach dem man lange gesucht hat.«
»Schreiben ist Spaß, ist Befreiung – aber alles andere als einfach.« Disher steht seiner eigenen schreibenden Zunft und ihren Vermarktungsstrategien kritisch gegenüber: »Die literarische Szene ist vergiftet, durchtrieben von Neid, Begünstigung und Hinterhältigkeit. Jeden Schriftsteller quält die Angst, ob sich das Werk verkaufen lässt, ob der Rubel rollen wird, ob man auch ein Stück vom Kuchen abbekommt. Der Buchmarkt ist ein hart umkämpfter Markt, von dem nicht zuletzt die eigene Existenz als Schriftsteller abhängt. Aber ich muss in dieser Welt meinen Weg finden. Ich verdiene schließlich mein Geld mit Schreiben. Ich kann es mir nicht leisten, die Rolle des Schriftstellers zu verklären und zu romantisieren.« Doch Dishers Durchhalteparole für die Zeiten, in denen es mal nicht so gut laufen sollte, zieht er aus Colettes Zitatenschatz: »Schau lange und genau auf die Dinge, die dich erfreuen – zumindest länger als auf die Dinge, die dich ärgern.«
Aus all dem ergeben sich Garry Dishers Zehn Gebote für die Schriftstellerei:
Du sollst nicht predigen und nicht belehren.
Du sollst nicht herablassend sein.
Du sollst nicht schlecht schreiben.
Du sollst beim Schreiben die Welt nicht durch eine rosarote Brille sehen und trotzdem genug Raum lassen für Liebe und Humor.
Du sollst nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen und nicht die Kavallerie zur Rettung rufen.
Du sollst nicht auf reißerische Themen wie Inzest, Selbstmord, Cyberspace und Obdachlosigkeit setzen, nur um einen schnellen Dollar zu machen. Solche Themen sind nur dann erlaubt, wenn die Geschichte sie erfordert.
Du sollst die inneren und äußeren Herausforderungen des Lebens mit Ehrlichkeit, Integrität und ernsthafter Überlegung behandeln und einfache oder keine Antworten sowie Gefühlsduselei vermeiden.
Du sollst die Wahrhaftigkeit deiner Arbeit wertschätzen: Einer Geschichte einen pompösen Schluss aufzupfropfen, wo eigentlich ein anderer verlangt ist, ist ein Betrug an deinem Werk, deinen Lesern und dir selbst.
Du sollst unterhalten.
Du sollst die Grenzen, die du dir selber setzt, immer wieder verschieben.
Alle Zitate und Statements stammen aus Interviews, die unter anderem auf Garry Dishers Homepage zu finden sind.