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Von Roland Wyss-Aerni
Die Milchkontingentierung ist Geschichte.
Mit einem Minimalkonsens in der Branche soll der Übergang gemeistert werden. SMP-Direktor Albert Rösti ist vorsichtig optimistisch.
Am 1. Mai 2009 endete nach 32 Jahren die Ära der staatlichen Mengensteuerung im Schweizer Milchmarkt. Der Start in einen Markt ohne staatliches Mengengerüst, der von vielen Milchbauern ängstlich erwartet wurde, wird glimpflich ablaufen. "Es gibt sicher kein Chaos", sagt Albert Rösti, Direktor der Schweizer Milchproduzenten.
Allerdings dauerten die Vorbereitungen in der Branche auf den Stichtag 1. Mai 2009 schon länger, und bei diesen Vorbereitungen lief längst nicht alles rund. In der Übergangszeit der letzten drei Jahre, während der die Milchbauern vorzeitig aus der Kontingentierung aussteigen konnten, kam es zu einem Gerangel unter den Milchbauern und ihren Handelsunternehmen um die beste Ausgangsposition, zu unüsichtlichen Kämpfen um verschiedene Mengenregelungsmodelle und zu neuen Mengenrekorden in der Milchproduktion.
Vertrag über Menge und Preis
Neu ist für die Milchbauern ab 1. Mai 2009, dass sie kein Milchlieferrecht mehr haben, sondern dass sie für ihre Milch einen Abnahmevertrag für mindestens ein Jahr brauchen, der eine Vereinbarung über den Preis und die Menge enthält.
Denn Milchüberschüsse führen unweigerlich zu sinkenden Preisen und sinkenden Einkommen für die Bauern.
Ein ursprünglicher Plan der Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP), die Milchmenge mit einem so genannten Milchpool zu regeln, der 80 Prozent der Molkereimilch aus einer Hand verkaufen sollte, scheiterte am massiven Widerstand der Verarbeiter und derjenigen Milchbauern, die sich mit Direktlieferverträgen enger an die Verarbeiter gebunden hatten.
Die Fortschritte in der Milchproduktion führten in den Siebzigerjahren zu immer grösseren Überschussmengen. Weil der Bund einen Milchpreis festlegte, der den Bauern ein gewisses Einkommen garantieren sollte, bedeutete dies immer höhere staatliche Kosten für den Milchmarkt. Deshalb führte der Bund 1977 die Milchkontingentierung ein.
Die per 1. Mai 1977 verteilten Kontingente richteten sich nach der Milchmenge, die die Bauern in den drei Jahren davor ablieferten.
Viele Milchbauern setzten auch aufgrund dieser Erfahrung beim jetzigen Ausstieg aus der Kontingentierung nicht mehr auf "Masshalten", sondern auf "Mitrangeln", um nicht erneut zu den Verlierern zu gehören.
Derzeit befindet sich die Branche aber auf einem labilen Weg zur Einigung, eine Segmentierung der Milchmenge wird von den meisten grossen Produzentenorganisationen per 1. Mai umgesetzt. Das bedeutet, dass unterschieden wird nach so genannter Linienmilch, die zu Normalpreisen verkauft werden kann, und Überschussmilch, die künftig möglicherweise über eine Börse zu den am Markt erzielbaren verkauft wird. Einige grosse Produzentenorganisationen haben sogar beschlossen, gar keine Mehrmengen zu verteilen, sondern per 1. Mai nur eine Milchmenge unter Vertrag nehmen, die den Kontingenten und Lieferrechten des Milchjahres 2008/09 plus den Zusatzkontingenten entspricht.
Auch wenn die Milchproduzenten von einer wirkungsvollen Bündelung der Molkereimilch noch weit entfernt sind, haben sich die meisten der grossen Milchhandelsorganisationen in den letzten Wochen für eine Segmentierung entschieden. Rund 80 Prozent der Molkereimilch sollten deshalb segmentiert werden, wie es bei der SMP heisst.
In den letzten Monaten üstieg die eingelieferte Milch die Nachfrage um rund fünf Prozent. Die Schweizer Milchproduzenten und die grossen Verarbeiter haben sich deshalb darauf geeinigt, dass von April bis Juni fünf Prozent der eingelieferten Milchmenge zu Vollmilchpulver verarbeitet und exportiert werden soll. Damit sie ohne Stützungen exportiert werden kann, bezahlen die Verarbeiter den Bauern für diese Milch nur den Weltmarktpreis von 23 Rappen pro Kilogramm - ein Preis, der die Produktionskosten nicht deckt und der als Signal zum Produktionsstopp aufgefasst werden kann.
Siehe auch: "Neue Zuversicht im Milchmarkt" im Mediendienst Nr. 2915 vom 17. April 2009, "Eine Branche sucht den Weg aus der Krise" im Mediendienst Nr. 2913 vom 3. April 2009, "Mit der Finanzspritze ins Fettnäpfchen" im Mediendienst Nr. 2908 vom 27. Februar 2009, "Milchbauern hoffen auf das Parlament" im Mediendienst Nr. 2899 vom 12. Dezember 2008 und "Dämme bauen im anschwellenden Milchfluss" im Mediendienst Nr. 2896 vom 21. November 2008.
Info-Poster zum Milchmarkt
Der LID publiziert am 15. Mai 2009 das Info-Poster "So fliesst die Schweizer Milch" als erste Ausgabe der Posterserie "Landwirtschaftsmärkte auf einen Blick". Damit können sich Interessierte rasch einen Überblick über den Schweizer Milchmarkt und seine Akteure verschaffen.
Von Manuel Fischer
Die Schweizer Milchbranche ist gefordert. Sie sollte künftig auf Marktsignale aus dem Ausland schneller reagieren können. Neue Instrumente des Mengenmanagements müssen rasch gefunden werden.
"Chaostage in der Schweiz", titelte unlängst die deutsche Lebensmittelzeitung zu den Zuständen in der Schweizer Milchwirtschaft. Mit Chaos meinte der Beobachter vor allem das Durcheinander an Konzepten, die in der hiesigen Milchbranche diskutiert werden. Eigentlich wollte der Bund der Milchbranche die Verantwortung für die Gestaltung ihres eigenen Schicksals ülassen. Doch wenige Wochen vor dem Ende der Milchkontingentierungs-Ära ist der Teufel los.
Die Ende Februar gezählten 5'777 Tonnen Butter am Lager übersteigen die Bestände vor einem Jahr um 144 Prozent. Gleichzeitig ist der Käseexport im Januar um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen. Der Bund springt mit einem Nachtragskredit von 14 Millionen Franken ein, um den Industriebutterabsatz zu fördern. Überschüssiges Milchpulver muss die Branche aus dem eigenen Säckel auf Weltmarktpreisniveau verbilligen.
Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) drängt auf marktnahes privatrechtliches Mengenmanagement: ein Splitting zwischen Vertragsmilch und einer Börse für Zusatzmengen - die Idee des milchindustrienahen "Vereins Schweizer Milch", wobei die Spielregeln der weissen Rohwarenbörse noch nicht offiziell sind.
Mit der Angst im Rücken melken
Die Schweizer Milchviehhalter haben im letzten Jahr 3,432 Millionen Tonnen produziert, ganze fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Angst vor der unsicheren Zukunft der Lieferrechte und vor abstürzenden Preisen mag manchen dazu bewogen haben, aus dem bestehenden Kontingent noch das Letzte herauszumelken. Für das aktuelle Überangebot gibt es nach Stefan Hagenbuch von der Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP) noch einen weiteren Grund: "Im Unterschied zum benachbarten Ausland verfügen wir in der Schweiz über eine bedeutende Kälbermast. Mit anziehendem Milchpreis ab November 2006 war der Anreiz gross, zusätzliche Mengen in die Verkehrsmilchkanäle umzulenken."
Auch in der Europäischen Union führten kurzfristige Optimierungsülegungen zu schwer voraussehbaren Schwankungen auf dem Milchmarkt. "Wie die langjährige Erfahrung mit den Milchquoten lehrt, hält sich nicht jeder daran, und viele betrachten es auch als ein Stück ihrer Freiheit, individuell und kreativ damit umzugehen", sagt Erhard Richarts, erfahrener Milchmarktbeobachter in Deutschland. Zeigen die Marktsignale auf Grün, sind die Quoten schnell ausgeblendet. Die phänomenale Preishausse um die 40 Euro pro 100 Kilogramm zwischen Herbst 2007 und Frühjahr 2008 war Anlass genug, die Produktion anzukurbeln. Umgekehrt lassen die europäischen Milchbauern in Zeiten des Preissturzes die vom EU-Ministerrat im April 2008 beschlossene Quotenerhöhung von 2 Prozent links liegen. Im ersten Quartal dieses Jahr steht der französischen Milchindustrie 8Prozent weniger Rohmilch als in der Vorjahresperiode zur Verfügung. Das Milchpreis-Niveau werde sich erholen, aber nur langsam, meint Richarts.
Dass der Preis für den weissen Rohstoff so exaltiert herumspringt, mag neu sein. Aber damit ist auch in Zukunft zu rechnen und zu planen. Seit März 2008 veröffentlicht die Vereinigung der Schweizerischen Milchindustrie (VMI) einen Milchpreisindex: Eine Art Quartals-Barometer, der den realisierbaren Milchpreis aufgrund der Absatzsituation im Inland und auf den Exportmärkten abbildet. "Damit wird auch der Anteil 'Europa' im Warenkorb der hiesigen Milchbranche korrekt angezeigt", sagt der stellvertretende VMI-Geschäftsführer Lorenz Hirt. Das sei ein Fortschritt in Richtung Transparenz, weil früher vielfach ad hoc argumentiert worden sei, je nachdem ob die EU-Milchpreise in die "richtige" oder "falsche" Richtung gingen.
Schwierigkeiten beim Käse
Noch stärker als die weisse Linie - Konsummilch, Molkereiprodukte und Milchpulver - ist die Käsebranche europäischen Konsumstimmungen unterworfen. Die Rezession in verschiedenen Exportmärkten führte zu einem deutlichen Absatzrückgang für hochpreisigen Schweizer Käse.
"Der Milchpreis der Käsereien muss sich, so lange der Markt für die weisse Linie nicht geöffnet ist, primär am Industriemilchpreis orientieren. Wir müssen etwas darüber liegen, sonst wandern uns die Bauern ab", sagt Anton Schmutz, Direktor des Dachverbands der gewerblichen Käsereien, Fromarte. Aufgrund des Grenzschutzes und der SMP-Stützung notiere dieser Industriemilchpreis in der Regel zu hoch gegenüber dem offenen EU-Markt. Auch deswegen seien die Exporterfolge seit der Käsemarktöffnung sehr verhalten gewesen. "Für eine Orientierung nach vorne, sprich Preisentwicklung auf den Märkten, fehlen uns Informationen über die Preise auf Grosshandelsstufe", so Schmutz weiter.
Verhandlungen unter Druck
Die Dachorganisation der Milchproduzenten äussert sich zu den von der Industrie vorgeschlagenen Mechanismen noch verhalten. "An guten Ideen der Feinsteuerung des Milchmarktes mangelt es nicht, aber am Willen aller Beteiligten, zu kooperieren", sagt dazu SMP-Pressesprecher Christoph Grosjean-Sommer. Die jüngst vom Schweizerischen Bauernverband einberufene Arbeitsgruppe zur Bildung einer Branchenorganisation - mit Vertretern der Industrie und der Bauern - sei beauftragt, Lösungen zu erarbeiten. Für die SMP sei die Segmentierung des Marktes zur Erhaltung von Wertschöpfung ein zentrales Anliegen. Wie dann die über den Normalmarkt hinaus gemolkene Milchmenge vermarktet werde, müssten die Marktteilnehmer innerhalb dieser Organisation im Konsens beschliessen, ob mittels Solidarabgabe, Börse oder Preisabstufung.Den aktuellen Querelen zum Trotz bescheinigen Experten der Schweizer Milch langfristig gute Chancen, um auf den europäischen Märkten bestehen zu können. "Natürlich liefert der jetzige Konjunktureinbruch ein trübes Bild", sagt Bernard Lehmann, Professor für Agrarwirtschaft an der ETH Zürich. "Doch der Langfristtrend für den Absatz hochwertiger Milchprodukte zeigt nach oben; es ist davon auszugehen, dass sich vor allem der Käsemarkt weltweit sehr positiv entwickelt"