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Geschichte
Die Shedhalle auf dem Gelände der Roten Fabrik
Die Rote Fabrik wurde 1892 nach den Plänen des Architekten Carl Arnold Séquin als mechanische Seidenweberei erbaut. Wie bei Industriebauten der Zeit üblich sorgten entweder Sägezahndächer (sogenannte Sheddächer nach dem englischen Shed-Patent) oder Oblichtdächer, für die Carl Arnold Séquin und Karl Löhle das Schweizer Patent hielten, für die notwendige Tageslichtbeleuchtung der Fertigungshallen. Nach mehrmaligen Wechsel der BesitzerInnen und zeitweiligen Leerstand erwarb die Stadt Zürich 1972 die Rote Fabrik mit dem Plan, nach Abriss der Gebäude die angrenzende Seestrasse zu verbreitern. Doch der Heimatschutz, sowie die Sozialdemokratische Partei schalteten sich erfolgreich mit einer Volksinitiative gegen diese Planungen ein. Die Fabrik sollte als Kultur- und Freizeitzentrum erhalten bleiben. 1977 beauftragte das Stimmvolk den Stadtrat, eine Vorlage zur Nutzung der Roten Fabrik als Kultur- und Freizeitzentrum auszuarbeiten. Drei Jahre später beschleunigten die Jugendunruhen die Entstehung des alternativen Kulturzentrums »Rote Fabrik«.
Der Verein Shedhalle
Die Shedhalle befindet sich auf dem Gelände der Roten Fabrik. Sie entstand auf Betreiben einer Interessengruppe von ortsansässigen KünstlerInnen, die im etablierten Kunstsystem untervertreten waren. Streitigkeiten zwischen den KünsterInnen und der Betriebsgruppe der Roten Fabrik führten später dazu, dass sich die Shedhalle 1986 von der Organisation der Roten Fabrik abspaltete und einen eigenen Verein gründete. Kurz darauf, 1987, wurde zum ersten Mal eine KuratorInnen- und Geschäftsleitungsstelle öffentlich ausgeschrieben. Harm Lux als Kurator und Barbara Mosca als Geschäftsleiterin teilten sich in den folgenden Jahren die Aufgabe, die Shedhalle zu einem wichtigen Ort künstlerischen Schaffens zu machen.
Programmatik
Anfangs des Jahres 1994 gab es eine grundlegende Revision des programmatischen Konzeptes der Shedhalle. Dominierte unter dem Team Lux/Mosca formal und inhaltlich ein eher traditioneller Kunstbegriff die Ausstellungen und die Zusammenarbeit, so wollte der damalige Vorstand, dass ein neues Team andere Wege der Kunstproduktion und -vermittlung beschreiten sollte. Das übergeordnete Ziel dieser Neuerung war die Öffnung des Programms für unkonventionellere Formen der Kunstvermittlung und für interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Organisationen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sollte das Team aus MitarbeiterInnen zusammengesetzt werden, die bereits an der Schnittstelle von Kunst, diskursivem Vorgehen und politischem Engagement arbeiteten. Im Rahmen einer kommunikativen und egalitären Arbeitsphilosophie wurde das Kuratorium in betriebliche und die Geschäftsleitung in kuratorische Belange einbezogen. Das Kuratorium wurde des Weiteren mit zwei bis drei gleichgestellten im Kollektiv arbeitenden KuratorInnen besetzt.
Kuratorische Praxis
Um einer anderen kulturellen Praxis der Kunstvermittlung den Weg ebnen zu können, musste die Shedhalle ein Ort werden, an dem nicht nur die Produkte, sondern zugleich auch deren Arbeits- und Tauschverhältnisse, in denen sie entstehen, gezeigt werden. Das implizierte, dass die Auseinandersetzung mit den politischen Bedingungen und Gegebenheiten der Kunstproduktion und -rezeption zu einem integralen Bestandteil der Arbeit in der Shedhalle wurde. Es galt den herkömmlichen Kunstbegriff zu überprüfen und ihm Alternativen entgegenzusetzen. So wurde die Ausstellung «Nature™» (1995) als Verkaufsmesse inszeniert, auf der sich künstlerische, soziale und politische Projekte – die sich emanzipatorisch mit so genannten Neuen Technologien auseinandersetzen – vorstellen konnten. Oder in einem Projekt zu Pornographie und Prostitution, «Gewerbeschein Künstlerin» (1995), welches sich dem Zusammenhang von kommerziellen Werbestrategien und Pornographie/Prostitution sowie der Auseinandersetzung mit diesem Themen innerhalb des «Betriebssystems Kunst» widmete. Während des Projekts «8 Wochen Klausur» (1994) wurde die Shedhalle zum Arbeitsplatz für eine Gruppe von KünstlerInnen/AktivistInnen, die sich mit zwei Projekten konkret in die Zürcher Drogenpolitik einmischte. Kunst sollte in diesem Zusammenhang effektive Beiträge zu aktuellen Themen liefern und sich nicht von jeglicher sozialer und politischer Realität abkapseln.
Themen und Haltungen
Fragen der Geschlechterverhältnisse und der Feministischen Theorie waren bei den Projekten «Sex and Space» (1996) und «Supermarket» (1998) ein zentraler Themenfokus. Dem Anspruch einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen, entsprachen auch Projekte zur Technologiekritik und den Folgen der Globalisierung. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Forderung nach steigendem Konsum und Profit und den zunehmenden Risiken von High-Tech wurden im Rahmen von «LowTech» (2000) Arbeiten präsentiert, die auf ein subversives Interesse zurückzuführen waren und die problematischen Entwicklungen von Technologie und Wirtschaft in Frage stellten. Eine zentrale Rolle spielten interdisziplinär erarbeitete Projekte wie beispielsweise «Game Girl» (1994). Durch eine Gegenüberstellung der Bildproduktion, wie sie die Wirtschaft und teilweise auch TV-Dokumentationen für die Darstellung von Bio- und Gentechnologie benutzen, mit deren Kritik, wurde es möglich, den «Weltverbesserungscharakter» bio-technischer Bilder in Werbung und Fernsehen zu hinterfragen und sie vielmehr in ihrer Funktion als Wunscherzeuger zur Darstellung zu bringen. In anderer Weise hat das Projekt «moneynations@access» (1998) die Shedhalle als Ort einer konkreten und kontroversen Kunst genutzt. Der Schwerpunkt lag dabei auf der aktiven Auseinandersetzung und Vernetzung von KünstlerInnen und Kulturschaffenden aus Ost- und Westeuropa.
Die Kunst benutzen, um zum kritischen Denken angeregt zu werden, war auch die Strategie einer Ausstellung wie «If I ruled the word» (1997), welche sich mit den politischen Inhalten von Popmusik auseinandersetzte. Im Vordergrund standen die Lektüre und Analyse der Bildpolitik von Popmusik. Das äußerliche Erscheinungsbild und die Inszenierung von Gruppen und KünstlerInnen, Imagestrategien, Artworks von Popzeitschriften und Labels oder die Ausstattung von Clubs rückten an die Stelle der Werke in die kritische Reflexion.
Mit Witz, Charme, Sinnlichkeit und großem sozialpolitischen Engagement entführte «mondo immaginario» (1999) in neue Welten, andere Realitäten und Bewusstseinszustände. Das Projekt bezog sich auf gesellschaftliche Gegenentwürfe und Utopien, welche grundlegend für die Arbeit der Shedhalle in den letzten Jahren waren. «The Colour of Friendship» (2000) suchte nach aktuellen Formen que(e)rer Freundschaften, warf einen kritischen Blick auf die Vereinnahmung von aktionistischen Verbindungen und fragte nach den Möglichkeiten kritischer Koalitionen.
Neue Formen, wie wir unsere sozialen und sexuellen Verbindungen organisieren, wie zum Beispiel die juristische Gleichstellung nicht verheirateter Paare und die Homo-Ehe, standen im Mittelpunkt des Projektes «Pedigree Pal – Neudefinition von Familie» (2001). Ein Hauptfokus lag auf der Frage, ob es sich bei diesen «Neuerungen» um tatsächliche Veränderungen oder um politische Korrekturen handelt. Wenn die westlichen Demokratien wirklich in die «postfamiliale» Ära eingetreten sind, sollten neue Wünsche, Diskurse und Politiken nicht nur formuliert werden können, sondern auch vom Staat und vom Markt gesichert sein. Obwohl hier Fortschritte erzielt werden konnten, kommen zum Beispiel in der Schweiz 90% der Neugeborenen im Rahmen der Ehe zur Welt. Wenn es Alternativen gibt, warum fällt die Wahl dann nach wie vor auf das Herkömmliche, das Dominante? «Musik Didactique. Inhalte und Botschaften in elektronischer Popmusik nach Techno» (2003) untersuchte in den drei Segmenten «PLASTK, PLAUSCH und PRAKTIK» die Möglichkeit zeitgemäße inhaltliche Anliegen mit den Mitteln elektronischer Popmusik auszudrücken. Das Projekt bezog sich dabei hauptsächlich auf die ProduzentInnen, deren Intentionen und ästhetische Entwürfe, sowie auf charakteristische Formate elektronischer Popmusik und deren Vermittlung. «Citizen Queer» (2004) war ein interdisziplinäres Ausstellungsprojekt, das Tendenzen, Freuden und Dilemmas in zeitgenössischer Queer Praxis erörtert hat. Als Queer Praxis wurde der Versuch verstanden, die normativen Konzepte von Geschlecht und Sexualität zu denaturalisieren, die Anerkennung eines sexuellen Pluralismus voranzutreiben und theoretische und künstlerische Strategien zu entwickeln, die geeignet sind, sexuelle Ungerechtigkeiten zu identifizeiren, zu beschreiben, zu erklären und anzuprangern.
Der Shedhalle gelang es mit ihrem Programm große internationale Beachtung zu erzielen und wurde zu einem wichtigen Referenzpunkt einer experimentellen, gesellschaftskritischen, zeitgenössischen Kunstpraxis.
Bisherige KuratorInnen der Shedhalle:
- Harm Lux (1987 - 1993)
- Renate Lorenz (1994 - 1997)
- Sylvia Kafehsy (1994 - 1997)
- Marion von Osten (1996 - 1998)
- Ursula Biemann (1995 - 1998)
- Justin Hoffmann (1997 - 2000)
- Elke aus dem Moore (1999 - 2002)
- Frederikke Hansen (2000 - 2004)
- Sønke Gau (2004 - 2009)
- Katharina Schlieben (2004 - 2009)
- Anke Hoffmann (2009 - 2012)
- Yvonne Volkart (2009 - 2012)
- Can Gülcü (2012 - 2014)
- Katharina Morawek (2012 - 2017)