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Printed in
▼▶Repository
|Archive||Swiss Federal Archives, Bern|
▼
▶Archival classification
|CH-BAR#E2001A#1000/45#904*|
|Old classification||CH-BAR E 2001(A)1000/45 137|
|Dossier title||Verhandlungen usw. betr. Warenlieferungen aus den USA an die Schweiz sowie Transportfragen seit Kriegseintritt der USA (Embargo) (1917–1918)|
|File reference archive||B.277.3|
Im Vordergrund meiner Tätigkeit stand auch diese Woche die Embargofrage. Sie haben aus meinen Telegrammen ersehen, wie unerfreulich die Lage zurzeit ist. Das ganze Schwergewicht der Entscheidung liegt heute auf dem Export Administrative Board, welcher aus fünf Mitgliedern besteht mit Mr. McCormick als Chairman. Der Letzere hat sich durch die Organisation der letzten Präsidentschaftskampagne dem Präsidenten gegenüber sehr verdient gemacht und ist deshalb mit diesem wichtigen Amt belohnt worden. Er ist grosser Farmer in Pennsylvania; seine Hauptbeschäftigung war bis jetzt die Politik.
Der E.A.B hat aufgrund der neuen Proklamation des Präsidenten die Zügel mit radikaler Schärfe in die Hand genommen und den Export an Neutrale und in einer Reihe von wichtigen Lebensmitteln und Kriegsmaterialien auch gegenüber den Alliierten bis auf weiteres gesperrt. Ich bin nicht der einzige, der sich über diese brüske Massregel beklagt. Überall ist man unzufrieden. Auf der französischen Botschaft erklärt man mir, dass man zurzeit selber mit mehr als genügend Schwierigkeiten zu kämpfen habe, um noch Zeit zu finden, sich für uns ins Zeug zu legen, wozu man grundsätzlich aber gerne bereit ist.
Ich habe Ihnen über den plötzlichen Unterbruch der Verhandlungen mit Holland berichtet. Nachdem der niederländische Gesandte bereits triumphierte, mit dem Präsidenten der Food Administration, Mr. Hoover, ein für Holland günstiges Abkommen abgeschlossen zu haben, welches ihm ermöglichte, 30 von den 100 hier seit Wochen zurückgehaltenen, mit voller Ladung bereit liegenden holländischen Dampfern nach Holland abfahren zu lassen, unter der Bedingung, dass zwei Drittel der Ladung für die belgische Lebensmittelversorgung verwendet werden müssen, während ein Drittel Holland zugute gekommen wäre, hat der E.A.B. durch diese schöne Rechnung einen Strich gemacht und die Ausladung sämtlicher Schiffe verlangt. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Ladung, die aus verschiedenen Getreidearten, insbesondere Mais, ferner auch Ölkuchen bestand, inzwischen für menschliche Nahrung unbrauchbar geworden war. Die heute eintreffende holländische Kommission wird nun die Verhandlungen von neuem aufnehmen.
Eine ähnliche Enttäuschung hat Norwegen erlitten. Der Präsident der norwegischen Kommission, Nansen, war am Abschluss eines ähnlichen Abkommens, dessen Ausführung durch den E.A.B. gleicherweise sistiert wurde.
Die Argumente sind gegenüber allen Parteien die gleichen: Mangel an Stocks, Unübersichtlichkeit über die neue Ernte, deswegen Notwendigkeit der Zurückhaltung weiterer Exporte bis Sicherheit darüber besteht, welche Quantitäten ohne Schädigung der eigenen Landesversorgung an das Ausland abgegeben werden können. Gegenüber diesen Argumenten ist schwer aufzukommen. Ein Gegenbeweis ist ohne gründlichen Einblick in die Verhältnisse unmöglich. Aber alle Anzeichen deuten daraufhin, dass der E.A.B. und di e Food Administration (Mr. Hoover) ungeheuer übertreibe;i. Allerdings soll die Weizenernte nicht über das Mittelmass hinausgehen. Hoover hat ausgerechnet, dass die diesjährige Weizenproduktion, gegenüber dem Durchschnittskonsum vor dem Kriege, von Amerika, den Alliierten und einer Anzahl Neutralen um 400 Millionen Bushels zurückgehe. Andererseits hat aber die Haferernte einen Rekord ergeben, und die Maisernte verspricht ebenfalls einen ganz ungewöhnlich hohen Ertrag. Wenn man daraufhinweist, wird einem aber entgegengehalten, dass Mais noch nicht eingebracht sei und dass ein im Bereiche der Möglichkeit liegender Frost den Ertrag stark vermindern könnte. Der tendenziöse Pessimismus der Food Administration findet aber auch im Inlande sehr heftige Gegner, er sei schuld an den hohen Inlandspreisen, indem er die Produzenten veranlasse, mit dem Verkauf ihrer Ernte zurückzuhalten, teils um später höhere Preise herauszuschlagen, teils um für sich selber sichere Vorräte zurückzubehalten. Für Weizen ist allerdings durch den Präsidenten der Preis festgelegt worden ($ 2.20 pro Bushel), weder im Hafer noch im Mais scheint aber eine Preisfixierung zu erwarten sein.
Ich habe mit allen verfügbaren Argumenten, die ich hier nicht zu wiederholen brauche, Mr. McCormick und die übrigen Mitglieder des E.A.B. wiederholt auf die besonders schwierige Situation der Schweiz mit Bezug auf die Transportverhältnisse aufmerksam gemacht und mit Nachdruck auf die Möglichkeit einer Krisis hingewiesen. Ich bin überall - und auch die Mitglieder der Mission bestätigen in jeder Hinsicht diesen Eindruck - auf sehr freundliche Dispositionen gegenüber der Schweiz gestossen; aber mit den Worten «Wir können es nicht rechtfertigen, Holland und Norwegen alles zurückzuhalten und im gleichen Augenblick die zurückgehaltenen Vorräte der Schweiz zu übergeben» lehnt man die unmittelbare Bewilligung der Getreideausfuhr auch an unser Land ab. Wie lange wird es dem E.A.B. belieben, diesen Interimszustand der geschlossenen Türe andauern zu lassen? Ich bin entschlossen, wenn der E.A.B. nicht zu überzeugen ist, die Angelegenheit dem Präsidenten zu unterbreiten, der sich besonders intensiv mit der Embargofrage und im speziellen mit Bezug auf die Neutralen beschäftigt. Die Verhandlungen sind zurzeit unterbrochen, da McCormick in den Ferien weilt und ohne ihn wichtigere Entscheidungen nicht getroffen werden. Inzwischen liegen fünf Schiffe im Hafen von New York, für welche unser Land sehr erhebliche Standgelder zu bezahlen hat.
Der Standpunkt, den ich einnehme, ist der folgende: Man kann nichts dagegen einwenden, dass die hiesigen Behörden mit grundsätzlichen Entscheidungen zuwarten wollen, bis sie einen Überblick über die Vorräte, die Produktion und den Verbrauch in ihrem eigenen Lande und denjenigen Ländern gewonnen haben, deren Lebensmittelversorgung von Amerika abhängt. Der Export darf aber nicht so lange unterbrochen werden, dass Gefahr für Lebensmittelmangel besteht. Da die schweizerischen Vorräte aufgrund der angegebenen Konsumziffer von täglich 1200 Tonnen nicht über Neujahr hinaus reichen und die inländische Produktion keine erhebliche Verlängerung dieser Frist ermöglichen wird, andererseits Transportschwierigkeiten aller Art einem regelmässigen und ausreichenden Transportdienst entgegenstehen, so ist die Wiederaufnahme der Verschiffungen schon heute dringend und das Brachliegenlassen von bereitliegenden Schiffen unverantwortlich.
Ich hoffe, mit diesem Standpunkt doch noch durchdringen und Ihnen im Laufe der Woche günstigere Nachrichten senden zu können.
Inzwischen ist uns die Ladung dreier Schiffe mit 4000 Tonnen Malz und 2880 Tonnen Hafer gestattet worden. Ich habe, Ihren Instruktionen entsprechend, versucht, statt Malz Getreide zu bekommen. Nachdem sich aber die Verhandlungen fortwährend hinauszogen und eine unmittelbare Änderung der Entscheidung nicht zu erwarten stand, habe ich mich entschlossen, die bereitliegenden 4000 Tonnen Malz zu laden, um eine weitere Häufung der Standgelder zu vermeiden.
Ich erachtete es für besonders wichtig, Sie telegraphisch darauf aufmerksam zu machen, dass das Defizit an Weizen und der grosse Überschuss an Mais daraufhinweisen, dass die Schweiz, insofern sie nicht von anderer Seite Weizen erhalten kann (Australien, Argentinien), mit vermehrten Quantitäten Mais als Surrogat für Weizen rechnen muss. Dabei ist die Frage von besonderer Wichtigkeit, ob die schweizerischen Mühlen mit den bestehenden Einrichtungen Mais vermahlen können oder besondere Vorkehrungen hiefür treffen müssen.
Ich habe bei einem gestrigen Besuch beim argentinischen Botschafter die Frage der Möglichkeit der schweizerischen Weizenversorgung durch Argentinien gestreift und dabei von ihm erfahren, dass die argentinische Getreideernte, soweit sie sich bis heute überblicken lasse, einen sehr guten Ertrag verspreche. Er hat sich mir gegenüber in liebenswürdigster Weise zur Weiterleitung und Unterstützung von Wünschen zur Verfügung gestellt. Mir scheint die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass Argentinien, nach Einbringung seiner Ernte, grössere Quantitäten an die Schweiz abzugeben bereit wäre.
Besonders schwierig dürfte die Verladung der in New York liegenden 6000 Tonnen Ölkuchen sein. Auch hier wird wieder mit dem Schlagwort des eigenen dringenden Bedarfs operiert. Die Zeitungen bringen eine von der Food Administration geschickt lancierte Mitteilung, wonach 3 Millionen Stück Vieh in Texas getötet oder wegen dortigem Futtermangel in andere Gegenden abtransportiert werden müssen, wenn nicht bald Regen eintrifft. Man ist sehr berechtigt, in die Richtigkeit dieser Mitteilung Zweifel zu setzen, aber sie dient als durchschlagendes Argument für ein Ausfuhrverbot jeglicher Nahrungsmittel für Vieh.
Ich erhielt gestern Ihr Telegramm, dass Sie sich in dieser Sache an die französische Regierung um Hilfe gewandt haben, und werde meinerseits bei der hiesigen französischen Botschaft den Faden aufnehmen. Im Hintergrund spielt ja natürlich immer die Angst des Exportes von Vieh und animalischen Produkten nach den Zentralmächten eine grosse Rolle. Ich hoffe, dass auch nach dieser Richtung die neuen Vereinbarungen mit der Entente2 und Deutschland3 mir die Aufgabe wesentlich erleichtern werden.
Ein Lichtstrahl in die gedrückte Stimmung, die sich meiner im Laufe der letzten Woche wegen der unfruchtbaren Verhandlungen bemächtigt hat, war die gestern morgen eingetroffene Nachricht der Ausfuhrbewilligung für die in New York der Abfahrt harrenden 340 Pferde und der restlichen, für Rechnung der Eidgenossenschaft demnächst zur Verschiffung gelangenden 300 Tonnen Kupfer sowie von 1000 Ballen Baumwollabfällen. Die Rolle des Juden, der immer wieder zur hintern Türe hereinkommt, wenn er zur vordem herausgeworfen wird, war mir in meinem bisherigen Geschäftsleben nie besonders sympathisch; nachdem ich hier aus eigener Erfahrung sehe, wie nützlich sie ist, brauche ich Sie nicht zu versichern, dass ich, wo es sich um Angelegenheiten des Vaterlandes handelt, sehr ausgiebig davon Gebrauch machen werde.
Wenn auch die Entscheidung über diese drei Artikel in der Hauptsache vom Kriegssekretariat ausging, dem alle Exportfragen von unmittelbar für Armeebedürfnisse in Betracht kommenden Materialien zur Begutachtung vorgelegt werden müssen, so erblicke ich darin doch ein günstiges Omen dafür, dass der Export Administrative Board anfängt, Wasser in seinen Wein zu giessen und auch in der Getreidefrage eine weniger intransigente Haltung einnehmen werde.
Über die politische Stimmung, soweit sie sich aus der Presse herausschälen lässt, werden Sie die Berichte von Herrn Dr. Schulthess orientieren. Ich selber fühle mich in meinen persönlichen Beziehungen zu den massgebenden Regierungs- und Diplomatenkreisen noch zuwenig gefestigt, als dass ich Ihnen persönliche Eindrücke aus Gesprächen mitteilen könnte. Ich bin überall sehr gut aufgenommen worden; ganz besonders hat der französische Botschafter und seine Frau meine Frau und mich mit grosser Herzlichkeit empfangen. Auch seitens Mr. and Mrs. Lansing erfahren wir viele Aufmerksamkeiten. Sehr freundlich war auch der Empfang seitens des russischen und des italienischen Botschafters; der englische Botschafter wird mich heute oder morgen empfangen, er war bis jetzt abwesend.
Die Antwort des Präsidenten auf die päpstliche Friedensnote hat überall eine sehr günstige Aufnahme gefunden. Gewisse Anzeichen deuten daraufhin, dass die Note mehr als Pressionsmittel zur Herbeiführung einer rascheren Parlamentarisierung Deutschlands aufgefasst werden darf, mit der Hoffnung, bald zu einer Lösung zu kommen, die Amerika gestattet, Friedensverhandlungen einzuleiten.
Im Zusammenhang damit wird Ihnen die Herrn Prof. Rappard von zuverlässiger Seite zugekommene Mitteilung interessant erscheinen, dass die amerikanische Regierung der Freien Zeitung, die kürzlich so viel von sich reden gemacht hat4, besondere finanzielle und moralische Unterstützung angedeihen lässt, in der Hoffnung, damit auf die öffentliche Meinung in Deutschland einen massgebenden Einfluss auszuüben. Die Zeitung soll in Deutschland ca. 3000 Exemplare absetzen.
- 1
- Rapport politique: E 2001, Archiv-Nr. 911.↩
- 2
- Il s’agit de l’accord relatif aux bois avec l’Italie et la France du 30 août 1917, de l’accord relatif aux chocolats avec les Alliés du 1er septembre 1917 et de l’accord relatif aux soies avec les A lliés du 4 septembre 1917. Cf. EVD KW Zentrale 1914-1918, 17 + 18.↩
- 3
- Cf. no 336.↩
- 4
- Ce journal d’opposition au gouvernement allemand publié en Suisse a fait l’objet de mesures du Procureur général de la Confédération que le Conseil fédéral a décidé de rapporter. Cf. la séance du Conseil fédéral du 20 août 1917, E 1004 1/265, no 2049.↩
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