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Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich, die in Zusammenarbeit mit dem schweizerischen Filmarchiv Cinémathèque suisse entstand, zeichnet die 100-jährige Geschichte der Praesens-Film nach. Cinémathèque suisse hat die Hälfte der Exponate in der Ausstellung zur Verfügung gestellt. Die Schau zeige, wie die von Praesens produzierten Filme die jeweilige Gesellschaft spiegelten, sagte Denise Tonella, Direktorin des Landesmuseums, am Donnerstag vor den Medien.
Zu sehen sind unter anderem Plakate, Fotografien und Film-Equipment. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut. Praesens-Film wurde 1924 in Zürich von Lazar Wechsler, seiner Frau Amalie Wechsler und Walter Mittelholzer gegründet. Wechlser war Jude aus Russisch-Polen. Obwohl Wechsler 1919 sein Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich als Bauingenieur abgeschlossen hatte, war er nie in diesem Bereich tätig. Mittelholzer war Medienunternehmer, Luftfahrtpionier und späterer Mitbegründer der Swissair.
Anfangs produzierte Praesens Werbefilme. Rund hundert Kinos belieferte die Firma mit Werbespots, erklärten die Ausstellungskuratoren Aaron Estermann und Rahel Grunder bei dem Medienrundgang am Donnerstag.
Kontroverse Themen
Gegen Ende der 1920er Jahre beschäftigte sich Praesens-Film mit einer Reihe von kontroversen Themen der Zeit, etwa Abtreibungen. Der zweite Raum der Ausstellung ist dem halb dokumentarischen, halb fiktionalen Film «Frauennot - Frauenglück» (1930) des sowjetischen Regisseurs Eduard Tisse gewidmet, den Wechsler für dieses Thema in die Schweiz holte.
Der Film war eine Auftragsproduktion, unterstützt vom Zürcher Gesundheitsdepartement und der Frauenklinik der Universität Zürich - und wurde ein grosser internationaler Erfolg. Doch wegen des kontroversen Themas wurden Vorführungen oft verboten. Schätzungen gehen davon aus, dass in den 1930er Jahren zwischen 60'000 und 80'000 illegale Abtreibungen in der Schweiz vorgenommen wurden.
Politische Filme
«Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stellten sich Lazar Wechsler und seine Mitarbeiter in den Dienst der geistigen Landesverteidigung», hiess es in der Mitteilung des Landesmuseums. In diesem Rahmen sollten Medien und der Kunstbetrieb die eigene Identität der Schweiz hervorheben.
Der erste Film aus dieser Zeit war «Füsilier Wipf» (1938), drei Jahre später folgt «Gilberte de Courgenay». Bei beiden Filme führte Richard Schweizer Regie. Der letztgenannte Film, eine fiktionale Darstellung der Grenzbesetzung durch die Armee während des Ersten Weltkriegs, machte seine Protagonistin Anne-Marie Blanc zum ersten Schweizer Filmstar.
«Als sich 1943 der Sieg der Alliierten abzeichnete, konzentrierte sich Praesens-Film auf die Arbeit humanitärer Institutionen», so das Landesmuseum in der Mitteilung. Leopold Lindtbergs Film «Maria Luisa» ist ein Beispiel dafür. Der Film feierte internationale Erfolge und wurde - zum ersten mal überhaupt - mit einem Oscar für das beste Originaldrehbuch für einen nicht englischsprachigen Film ausgezeichnet.
1945 erschien «Die letzte Chance», ein Film über die schweizerische Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs. Der Film wurde gegen Widerstände aus der Politik, wegen des heiklen Themas produziert. Die amerikanische Presse war voll des Lobes und die «New York Times» führte ihn als einen der zehn besten Filme des Jahres 1946 auf. Regisseur Leopold Lindtberg, der produktivste von Praesens-Film, erhielt im selben Jahr den Friedenspreis des Filmfestivals von Cannes.
Nachkriegszeit, Unterhaltungsfilme
In der Nachkriegszeit wollte das Publikum Unterhaltungsfilme sehen, die sich nicht mit politischen Themen befassen. In diesen Jahren kamen zwei «Heidi»-Filme in die Kinos, die ein neues Bild von der Schweiz und deren Bergidylle vermittelten. «Heidi kommt nach Hause» (1955) von Regisseur Franz Schnyder war der erste Schweizer Film, der in Farbe gedreht wurde.
Zu dieser Zeit stiegen die Produktionskosten, die mit Unterhaltungsfilmen nicht mehr gedeckt werden konnten. So begann der Niedergang der Praesens-Film. 1972, entmutigt durch den Tod seiner Frau Amalie, liess Lazar Wechsler einen Teil des Firmenarchivs vernichten. Die Leitung der Filmgesellschaft ging an die Brüder Martin und Peter Hellstern, die sich nur noch um den Verleih von Filmen kümmerten. 1985 starb Wechsler im Alter von 81 Jahren. Seit 2009 beteiligt sich die Praesens-Film wieder an Koproduktionen.
Die Ausstellung endet mit einer Station, an der die Besucherinnen und Besucher zwei Tickets im Stil klassischer Kinokarten mitnehmen können, um zwei Praesens-Filme zu Hause zu schauen: «Die letzte Hoffnung» und «Heidi».
Die Solothurner Filmtage, die am Mittwoch 17. Januar beginnen, widmen der Praesens-Film die Sektion «Histoires du cinéma suisse». Gezeigt werden fünf Filme, darunter «The Village». Die Ausstellung im Landesmuseum Zürich ist vom 12. Januar bis 21. April zu sehen.