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Werner Pfister, Zürichsee-Zeitung (21.03.2006)
«La Favorite», Gaetano Donizettis Dauerbrenner von einst, wird revitalisiert - diesmal aber in der französischen Originalfassung unter der impulsiven Leitung von Marc Minkowski.
Einig sind sich wohl alle: Die Handlung von Gaetano Donizettis Oper «La Favorite», an der drei Librettisten mitgebastelt haben, ist ein Albtraum. Ein Klosternovize liebt eine Grande Dame, nämlich die Mätresse des Königs (was er aber nicht weiss). Sie liebt ihn auch, weist ihn dann doch zurück, was er mit Standesunterschieden erklärt, und so zieht er in den Krieg, um sich auf dem Feld die nötigen männlichen Ehren zu holen.
Siegreich kehrt er zurück, und als er vom König und dessen Mätresse empfangen wird, darf er einen Wunsch äussern. Richtig - er wünscht sich seine Geliebte zur Gattin. Der König erfüllt ihm den Wunsch, weil er sich mittlerweile von seiner Mätresse verraten fühlt und sich trennen will; gleichzeitig kann er damit seinen jungen Nebenbuhler gleichsam entehren. Denn unmittelbar nach gesprochenem Jawort erfährt der Novize, auf wen er sich da eingelassen hat. Am Boden zerstört wirft er das Handtuch respektive die Flinte ins Korn und zieht sich wieder in die Einsamkeit des Klosters zurück, wo ihn dann seine Geliebte besucht. In einem Duett klärt sich alles auf, man liebt sich noch immer, will jetzt gemeinsam fliehen - doch die Geliebte sinkt entseelt zu Boden.
Walfisch
Das alles strotzt vor Klischees und Unwahrscheinlichkeiten; ein komprimiertes Wechselbad der Gefühle als Vorwand für die Entfaltung möglichst gegensätzlicher musikalischer Szenen, für wirkungsvolle Auf- und Abtritte, für Koloraturen und anderlei virtuoses Primadonnenfutter. Kein Zweifel, Donizetti hatte damals, 1840, seine Chance genutzt. Das Werk, von insgesamt 71 Opern die Nummer 63, zählt - erst recht im französischen Original - zu seinen homogensten Schöpfungen, was umso mehr überrascht, als es zu einem nicht unbedeutenden Teil aus anderen Opern Donizettis zusammengekleistert wurde.
Stellt sich also die Frage, wie man diese Geschichte heute erzählt, wie man sie auf die Bühne bringt, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Regisseur Philippe Sireuil entschied sich, das Ganze als einen Traum von Fernand, dem tenoralen Liebhaber, zu inszenieren. Als Symbol für diese Traumsituation lässt Bühnenbildner Vincent Lemaire immer wieder leitmotivartig ein Schiff in Form eines Walfisches über die Bühne geistern. Damit soll auf die biblische Geschichte von Jonas angespielt werden, der bekanntlich von einem Walfisch verschlungen wurde - Sinnbild für Fernands Eintritt in die Traumwelt, uns Unbekannte.
Sandmännchen
Doch irgendwie steckt da der Wurm drin. Bereits während der Ouvertüre geht der Vorhang hoch. Léonor träufelt über den schlafenden Geliebten ein Sedativum (respektive streut ihm fein Sand in die Augen), auf dass er nun schön träume. Die Szene wiederholt sich für diejenigen, die es noch nicht gemerkt haben, zu Beginn des zweiten Bildes, und spätestens jetzt sieht es arg nach der Sandmännchen-Szene in «Hänsel und Gretel» aus. Spielt Léonor mit ihrem Geliebten ein abgekartetes Spiel, um das nur sie alleine weiss? Wir jedenfalls wissen es nicht und vergessen es auch bald, zumal Philippe Sireuil die Geschichte nun ganz unpathetisch und schön am Schnürchen weitererzählt. Fast könnte sie in der Gegenwart spielen. Jedenfalls haben Jorge Jaras Kostüme nichts Historisierendes an sich, sondern wirken zeitlos farbensymbolisch. Der streng und schlicht konzipierte Bühnenraum - ein Rundbau mit weit hochgezogenen, schwarz-spiegelnden Wänden - verdeutlicht den symbolischen Aspekt; mit Mobiliar und Requisiten wird entsprechend sparsam, nämlich wiederum sinnbildhaft, umgegangen.
Spontan sprechend
Letztlich also ziemlich konventionelles Musiktheater. Dass darin die von Avi Kaiser mit Ausdrucksmitteln des zeit-genössischen Tanztheaters choreografierte Balletteinlage fremd wirken musste und beim Publikum auf Ablehnung stiess, versteht sich. Umgekehrt hat sich Kaiser redlich um eine symbolische Bewegungssprache bemüht und sich nicht mit herkömmlichem Ibero-Folklore-Kitsch begnügt.
In musikalischer Hinsicht ist «La Favorite» eine Entdeckung. In Frankreich blieb die Oper Dauerbrenner bis Anfang des 20. Jahrhunderts; wirklich etabliert aber hat sie sich (auch auf Schallplatte) in ihrer italienischen Version, gleichsam als Belcanto-Oper. Am Zürcher Opernhaus wird nun die französische Originalfassung gespielt, unter Einbezug der Ballettmusiken - und das ist in vielem eine andere musikalische Welt als reiner Belcanto. Viel wuchtiger, auch düsterer, schwerer.
Es ist Marc Minkowskis erste Aus-einandersetzung mit Donizetti - und sie gerät vorbildlich. Mit scharfen Akzenten und pulsierender Attacke unterstreicht er die federnde Brillanz, aber auch die dunklen Abgründe dieser Musik. Artikulation und Dynamik sind minutiös ausgefeilt - ein überschwäng-liches Musizieren voller kontrastierender Gegensätze, expressiv in seiner dramatischen Dichte, spontan sprechend.
Kasarova at her best
Die Sängerbesetzung war nur in einem einzigen Fall ideal: Vesselina Kasarovas Rollendebüt als Léonor. Unglaublich die stimmliche Eloquenz, mit der sie die Gemütsverfassungen dieser Figur in immer wieder neue Farben und Schattierungen tauchte. Jeder Ton wurde mit subtiler Sorgfalt gesetzt, jede Phrase auf ihren Sinnzusammenhang ausgehorcht. Dagegen hatte Fabio Sar-tori als Fernand keinen leichten Stand. Zwar meisterte er die Partie (das hohe Cis schenken wir ihm gerne), aber er sang relativ gleichförmig und wirkte (vielleicht war's so gedacht) sowohl sängerisch als auch schauspielerisch eher wie ein etwas unbeteiligter Träumer.
Roberto Servile hatte als König Alphonse zu Beginn einige intonatorische Probleme; da war viel Kraft im Gesang und auch viel Druck auf der Stimme, was teilweise eine verquollene Tongebung zur Folge hatte. Besser kam Carlo Colombara zu Rande; sein Balthazar hatte jederzeit Autorität, und stimmlich erfüllte er die Partie mit sonorer Flexibilität. Sehr prägnant auch die kurz bemessenen Auftritte von Eric Huchet als Don Gaspar und Jaël Azzaretti als Inès sowie die Auftritte des Opernhaus-Chores, einstudiert von Jürg Hämmerli. Das fügte sich, aufs Ganze gesehen, zu einer respektablen Leistung.