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Ein sensibler Held, eine tragende weibliche Figur: Die Buchreihe um Harry, Hermine, Hogwarts und Co. scheint Genderklischees hinter sich zu lassen. Aus heutiger Sicht bleibt aber Nachholbedarf.
«Ich habe die Bücher als Jugendliche begeistert gelesen und keine starke Ungleichheit wahrgenommen», sagt Lea Gremm. Sie untersuchte 2020 als Studentin die Geschlechterrollen in der Harry Potter-Reihe von J.K. Rowling.
Die Gesellschaft im Potter-Universum ist heteronormativ.
Es hat sich herausgestellt: Weibliche Figuren finden sich in der Lehrerschaft der Zauberei-Schule Hogwarts und im Zaubereiministerium zwar in allen Bereichen, sind dort jedoch jeweils in der Minderheit. Gremm betont zudem: «Wer die Beschreibungen und Rollen der einzelnen Figuren genauer analysiert, entdeckt grosse Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Charakteren.»
Geschlechterrollen in Harry Potter
«Genderverteilung und -semantisierung in J.K. Rowlings Harry Potter-Romanen» heisst die Arbeit von Lea Gremm. Verfasst hat sie diese im Studiengang «Neuere deutsche Literatur, Kultur und Medien» der Universität Freiburg .
Beispiele aus den Ergebnissen:
- Weibliche Figuren sind in allen Kategorien vertreten: In der Lehrerschaft und in der Schülerschaft der Schule Zauberei-Hogwarts, im Zaubereiministerium, unter den Todessern (Anhänger von Lord Voldemort), etc. Allerdings sind weibliche Figuren überall in der Minderheit.
- In Hogwarts gibt es vier Häuser, wobei deren zwei von weiblichen, zwei von männlichen Figuren gegründet worden sind. Erstere (Hufflepuff und Ravenclaw) spielen im Lauf der Geschichte eine deutlich geringere Rolle und werden weniger erwähnt als letztere (Gryffindor und Slytherin). Das Haupttrio um Harry Potter stammt aus Gryffindor.
- Rollen, die mit Autorität, Macht und Stärke verbunden sind, sind meist von männlichen Figuren belegt: Das Amt des Zaubereiministers wird ausschliesslich von Männern bekleidet. Bei den Todessern gibt es 28 Männer, aber nur 3 Frauen.
- Weibliche Lehrkräfte unterrichten eher «unwichtige», als unspannend wahrgenommene Fächer (wie Muggelkunde). Männliche Lehrkräfte unterrichten bedeutende Fähigkeiten (wie Verteidigung gegen die dunklen Künste).
- Die meisten Schülerinnen von Hogwarts sind Nebencharaktere, treten vor allem als Gruppe auf und haben wenig Wortanteil. Ausnahmen sind Schülerinnen, für die eine männliche Figur ein romantisches Interesse entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Ginny Weasley, die später Harry Potter heiratet.
- Dieses Phänomen findet sich nicht nur in der Zauberei-Schule, sondern auch ausserhalb, z.B. im Orden des Phönix (=Geheimgesellschaft gegen Lord Voldemort) mit der Aurorin (=Amt im Zaubereiministerium) Nymphadora Tonks. Sie wird anfänglich als starke, selbstbewusste Frauenfigur beschrieben. Dann verliebt sie sich jedoch und macht eine Charakterveränderung zur passiven, depressiven Person durch. Erst als ihre Gefühle erwidert werden, findet sie zu ihrer ursprünglichen Persönlichkeit zurück.
Als Beispiel nennt Gremm die Lehrerschaft in Hogwarts. In ihr finden sich 12 weibliche und 13 männliche Figuren – an sich eine recht ausgeglichene Zahl. Die Lehrerinnen unterrichten jedoch Fächer wie Kräuter- oder Muggelkunde (Muggel bezeichnen nicht-magische Menschen). Fächer, die von der Schülerschaft eindeutig als wenig nützlich, wenig spannend und wenig anspruchsvoll bezeichnet werden. Die männlichen Lehrkräfte hingegen vermitteln Fähigkeiten wie die Verteidigung gegen die dunklen Künste. Gerade das ist ein Fach, welches im Lauf der Potter-Bücher immer wichtiger wird.
Ähnliche Befunde ergeben sich bei der Schülerschaft: Die meisten Schülerinnen sind Nebencharaktere, treten oft in Gruppen auf und reagieren auch als solche auf das Geschehen.
Die Reaktion der Schülerinnen wird oft als ‘kichern’ beschrieben. Das Wort wird nie in Bezug auf männliche Figuren verwendet.
Insgesamt haben die Schülerinnen wenig Redeanteil, so Gremms Fazit. Das ändert sich nur bei Mädchen, die zum «love interest» werden – dann also, wenn eine männliche Figur romantisches Interesse an ihnen bekundet.
Hermine: Eine Ausnahme?
Auf den ersten Blick eine Ausnahme ist Hermine. Sie bildet mit Harry Potter und Ron Weasley das Haupttrio der Buchreihe. «Hermine ist ein komplexer Charakter und bringt die Handlung voran», sagt Gremm. Besonders in den ersten Büchern ist Hermine aber eher eine belesene, intelligente Unterstützung im Hintergrund, die sich oft ängstlich zeigt.
Das ändert sich zwar im Verlauf der Geschichte. Doch zeitgleich wie Hermine mutiger auftritt, gewinnt ihr Beziehungsleben an Bedeutung. Gremm sagt: «Sie wird von einer unabhängigen Frau zunehmend auch zum «love interest»von Ron Weasley umfunktioniert.»
Genderklischees in Kinder- und Jugendbüchern
Zu Geschlechterstereotypen in Kinder- und Jugendbüchern sind in den letzten Jahren diverse Untersuchungen gemacht worden. Ein paar Ergebnisse:
- Der Anteil weiblicher Hauptfiguren in Kinderbüchern ist seit 1960 stetig gestiegen. Das hat eine Studie ergeben, die 2021 erschienen ist. Analysiert wurden für die Studie fast 3’300 Werke für Kinder und Jugendliche. Diese wurden zwischen 1960 und 2020 veröffentlicht - auch Harry Potter ist darunter. Die Analyse zeigte aber auch: Die Mehrzahl der Hauptfiguren in Kinderbüchern ist nach wie vor männlich. Nicht-menschliche Figuren (bspw. Tiere) sind ebenso häufiger männlich.
- In Geschlechterdarstellungen in Kinder- und Jugendbüchern finden sich oft Klischees, so eine andere Studie aus dem Jahr 2021. In ihr haben Wissenschaftler:innen knapp 250 populäre und zeitgenössische Werke untersucht. Sie sind dabei auf Wortgruppen gestossen, die mit Geschlechterstereotypen verbunden sind (weiblich: Emotionen; männlich: Werkzeuge). Und auch andere klassische Stereotypen fanden sich: Mädchen lesen besser, Jungen sind besser in Mathematik.
- Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 kam zum Schluss: Geschlechterdarstellungen in Büchern haben durchaus Einfluss auf die Rollenbilder von Kindern. So befürworten sie weniger Genderstereotypen, wenn sie zuvor von atypischen Helden Bücher gelesen haben. Gemeint sind Heldinnen und Helden, die sich nicht dem klassischen Rollenbild entsprechend verhalten.
Damit ist Harry Potter ein Beispiel dafür, wie sich unsere Wahrnehmung von Geschlechterklischees verändert hat. Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Eggenberger vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) sagt: «Es finden sich Figuren, die über klassische Rollenbilder ausgehen. Zum Beispiel Harry, der auch mal Gefühle oder Angst zeigt.» In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Bücher von J.K. Rowling von vielen noch älteren Werken der Kinder- und Jugendliteratur.
Typische Klischees in älterer Kinder- und Jugendliteratur sind zum Beispiel der abenteuerlustige, aber etwas unvernünftige Junge.
Seit Erscheinen der Buchreihe ist Diversität aber noch weiter in den Vordergrund gerückt. Stereotype, wie die belesene Streberin Hermine, werden heute in Kinder- und Jugendbüchern zunehmend abgelöst durch differenzierte Geschlechterbilder.
Es gibt heute auch Bücher mit Buben, die Gefühle zeigen. Und zwar ohne, dass sie sich lächerlich machen.
Eggenberger spricht von einem Umdenken, das in den letzten Jahren eingesetzt hat. So treten vermehrt weibliche Hauptfiguren auf, die für sich selbst einstehen und kämpfen. Somit findet sich eine bunte Bandbreite an möglichen Identifikationsfiguren für beide Geschlechter.