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03.09.2018 - Linus Baur
03.09.2018
Linus Baur
Der Sturz eines «Goldprinzen»
«Schwindelfrei» von Daniel Suter ist im Herbst 2017 erschienen, fast ein Jahr nach seinem frühen Tod. Dieser Roman wäre unbeachtet an mir vorbeigerauscht ohne die Bitte eines Kollegen, ich solle doch das Buch lesen und besprechen. Gelesen hatte ich Suters grossen, 2015 erschienenen Roman «Die Unvergleichlichen», der detailliert zwei unverwechselbare und ungewöhnliche Frauen, Paula und Jenny, aus der eigenen Familiengeschichte beschreibt. Dreissig Jahre lang hat Suter deren Leben erforscht. Daniel Suter, 1949 in Berlin geboren, im Kanton Zürich aufgewachsen, war zuerst Jurist, dann viele Jahre Tagi-Journalist und schliesslich freischaffender Schriftsteller. Er schrieb drei Zürcher Romane, «Schwindelfrei» war der letzte. Die beiden vorausgehenden Romane («Der Insider» und «Die ägyptische Tochter») spielen, präzis geschildert, in der Zürcher Finanzwelt beziehungsweise in der Zürcher Stadtplanung. Beide Romane beschreiben Männer, die unter gesellschaftlichem Druck in Krisen geraten, bis zum Zusammenbruch oder zur verbrecherischen Verstrickung.
Ein auf Eigennutz getrimmtes Leben
Um eine Art Doppelleben handelt das Buch «Schwindelfrei», das Daniel Suter vor seinem Tod noch fertiggestellt hat, genauer um den unerwarteten Aufstieg von Thomas Constantin Vonwiller, Sohn einer ledigen, verstossenen Mutter aus gutem Haus, der dank dem Nachlass einer reichen Freundin eine Villa am Zürichberg erbt, mit sicherem Gespür und viel Glück vorab in Immobilen investiert und so zum jüngsten Multimillionär der Stadt Zürich avanciert. Auch macht er sich einen Namen als Mäzen von Start-Ups.
Vonwiller, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, eignet sich spielerisch vollendete Umgangsformen an und damit ein Auftreten, das ihm alle Wege ebnet. Als gelernter Banker und als gewinnende Person versteht er es meisterlich, andere für sich einzunehmen und die Vorteile für sich zu nutzen, hat ein Gespür für Finanzen, das schnelle Geld der Neunzigerjahre fliesst ihm mühelos zu, bis er unerwartet zum Vater einer Tochter aus einer vergangenen Liebe wurde und sein auf Eigennutz getrimmtes Leben radikal umstellen muss. Für seine Tochter verlässt er die Villa am Zürichberg, zieht in eine städtische Siedlung im Kreis 4, damit Lilith, seine Tochter, «dort leben und aufwachsen konnte, wo es am besten für sie war». Und das für viele Jahre.
Genaue Decollage eines Erfolgsmenschen
Daniel Suter entwickelt einen psychologisch stimmigen, auf überraschende Weise spannenden Roman. Gekonnt und souverän steuert er seinen Protagonisten Vonwiller mit viel Drive und fachkundigem Blick von Erfolg zu Erfolg im Immobiliengeschäft, bis dieser seine exzellente Position durch ein Ereignis, das sein Lebensgebäude wie ein Erdbeben erschüttert, aufs Spiel setzt. Die einzelnen Stationen folgen sich mit glaubhafter Konsequenz, erst der Plot mit der plötzlich auftauchenden Tochter und der damit verbundene radikale Rückzug ins reale Leben im Kreis 4 irritiert etwas und wirkt nicht unbedingt glaubwürdig. Trotz dieses Vorbehalts verblüfft Suters Roman durch genaue literarische Decollage eines Erfolgsmenschen, der mit Geschäften besser umzugehen weiss als mit Gefühlen. Ein Genuss sind die minutiös und detailliert beschriebenen Zürcher Orte, an denen Vonwiller verkehrt, streng aus der Perspektive des Autors als profunder Kenner der Stadt.
Daniel Suter schafft es scheinbar mühelos, eingebettet in eine mitreissende Familiengeschichte, eine gutbürgerliche Zürcher Gesellschaft der 90er Jahre vielschichtig und atmosphärisch zu skizzieren, die wie selbstverständlich den wirtschaftlichen Aufschwung für sich zu nutzen weiss, ohne belehrend oder moralisierend zu wirken. Suter nennt sein letztes Werk einen «Schelmenroman». Und als solcher muss der Roman auch gelesen werden. Da wird ein «Goldprinz» unfreiwillig in die reale Welt der Verantwortung katapultiert. ν
Daniel Suter,
Schwindelfrei, 2017,
edition 8,
ISBN: 9783-85990-323-4
Marco Castellaneta vor dem Schloss Hallwyl