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Demokratietheorie
Siehe auch: www.unilu.ch/christine-abbt
Demokratie und Rechtstaat sind in meinen Augen vor allen anderen politischen Ordnungen erhaltenswert. Meine Forschungen in diesem Bereich sind deshalb stets fundiert durch die Frage, wie Demokratien verfasst und institutionalisiert, verstanden und umgesetzt sein müssen, um dem Anspruch auf Gerechtigkeit, dem Bedürfnis nach Freiheit und Sicherheit und dem Grundanliegen von Menschenrechten in verschiedenen Kontexten am besten nachzukommen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Fragen der praktischen Philosophie zu Form und Legitimität von Widerstand, zu Differenzen oder Spannungen zwischen Legalität und Legitimität.
Im Zentrum meiner Forschungen stehen dabei Texte und Überlegungen seit der frühen Aufklärung. Ein Schwerpunkt bilden Ansätze ab Mitte des 20. Jahrhunderts.
Folgende Aspekte interessieren mich besonders:
- Vertragstheorien; Widerstandsformen in den Vertragstheorien; Ziviler Ungehorsam
- Revolution oder Reform: Argumente für und wider den Aufstand; Legitimation des Tyrannenmords
- Utopien, Dystopien; Geschichte und Theorie der Anarchie
- Fragen zu Multikulturalismus und Pluralität; das Verhältnis zwischen Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft
- Zusammenspiel von Sprache, Ausdruck und Freiheit
- Zusammenspiel von Mehrheitsprinzip und Rechtstaatlichkeit
- Politischer Status und Rechte von Sans Papiers
- Funktion und Einbezug von “Zeit”, “Vergänglichkeit”, “Verjährung” und “Vergessen” in Rechtsprechung und Strafvollzug; Verständnis und Bedeutung von Rehabilitation
- „in dubio pro reo“: Das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit im Allgemeinen und die Bedeutung des Rechtgrundsatzes Im Zweifel für den Angeklagten im Besonderen
Der von Oliver Diggelmann und mir herausgegebene Band „Zweifelsfälle“ geht diesem letzten Punkt nach. Publikation: Zweifelsfälle, Baden Baden und Bern (Nomos und Stämpfli) 2007.
Mein aktuelles Forschungsprojekt in Politischer Philosophie an der Universität Luzern greift den vierten Punkt auf und vertieft diesen:
„Fremd- und Vieltuerei“. Über die Verwirklichung demokratischer Freiheit in Formen des Nicht-Identischen
Die Bedeutung des Fremden für eine funktionierende Demokratie wird heute von verschiedener Seite negativ beurteilt. Statt das Fremde als Bedingung für eine freiheitliche Gesellschaft zu begreifen, wird die Begegnung mit diesem als Zumutung oder sogar Bedrohung wahrgenommen. Das Forschungsprojekt fokussiert ausgehend von den Überlegungen des Aufklärers Denis Diderot eine andere Perspektive. Diderot entwirft das Bild einer pluralen Gesellschaft, welche genuin darauf angewiesen ist, dass es das Fremde gibt. Dieses ist entsprechend in allen Facetten nicht nur zu tolerieren, sondern von der Gesellschaft als unverzichtbar für die Verwirklichung individueller Freiheit und sozialen Fortschritts zu begrüssen.
Das anspruchsvolle Verständnis von Demokratie, welches Diderot in Bezug auf das Fremde entwickelt, hat auch Auswirkungen auf seine Einschätzung der öffentlichen Rolle von Kunst. Wenn Kunstschaffende sich darum bemühen, Fremdes und Unvertrautes möglichst loyal darzustellen, betreiben sie, so das Verständnis, aktiv eine Form von „ästhetischer Fremd- und Vieltuerei“ zugunsten der Verwirklichung demokratischer Freiheit. Dabei suchen solche Kunstschaffende nach geeigneten Formen, mit denen das Fremde möglichst exakt Ausdruck finden kann. Sie nehmen so Partei für eine bestimmte, in der politischen Theorie weitgehend vernachlässigte Vorstellung von Demokratie. Das Forschungsprojekt fasst das ästhetische Bemühen um geeignete Ausdrucksmittel für das Fremde als einen eigenständigen Beitrag auf und zwar sowohl einerseits zugunsten der Verwirklichung von Freiheit innerhalb der Gesellschaft als auch andererseits zur demokratie-theoretischen Frage, wie Freiheit als Selbstgesetzgebung zu bestimmen ist. Ziel ist es, zu begründen, inwiefern bestimmte Kunstformen als Beitrag zu Fragen der politischen Theorie begriffen werden können und zu diskutieren, welche Konsequenzen sich daraus für die Beantwortung aktueller politischer Fragen ergeben.
Fremd- und Vieltun als demokratische Verhaltensweise
„Fremd- und Vieltuerei“, griech. allotrio- und polypragmosynê, bilden ein Begriffspaar, welches auf das 5. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. In Texten von Herodot und Thukydides wird damit eine Form von gesteigerter Aktivität umrissen, welche unmittelbar die gesellschaftliche Ordnung tangiert. Die psychologische Disposition des Fremd- und Vieltuers gilt dabei als Ursache für politische Unruhe. Wer in dieser Art umtriebig ist, sich in fremde Angelegenheiten einmischt und dazu neigt, sich für die Anliegen Anderer zu engagieren, begünstigt mit seinem Verhalten den politischen Umsturz und das heisst in diesem historischen Kontext, er begünstigt die Etablierung demokratischer Verhältnisse. Bei Platon etwa gilt der Demokrat als typischer Fremd- und Vieltuer. Da Platon die Demokratie verwirft, überrascht es nicht, dass in Platons Texten auch die Disposition des Fremd- und Vieltuers verurteilt wird. In den frühen Verwendungen ist das Begriffspaar vorwiegend negativ konnotiert und auch in einer langen philosophischen Tradition stehen Fremd- und Vieltuerei in Verruf. Letzteres überrascht angesichts der engen Verbindung, die in der Antike zwischen dem Agieren des Fremd- und Vieltuers und der Herausbildung der Demokratie gemacht worden ist. Ausgehend von den Texten der Antike läge es nahe, dass dem Fremd- und Vieltun in demokratiefreundlichen Schriften wohlwollende Aufmerksamkeit zuteil würde. Dem ist aber nicht so. Allen voran lehnt Jean-Jacques Rousseau, der bekannte Verteidiger der Demokratie, den Fremd- und Vieltuer ab und stellt ihn (in dezidierter Absetzung zu Platon) als das Gegenteil eines demokratiefähigen Subjekts vor.
Rousseaus Ablehnung hat der Reputation des Begriffspaars bis heute nachhaltig geschadet. Das geplante Projekt fasst Fremd- und Vieltuerei demgegenüber im Anschluss an die Perspektive antiker Denker als eine spezifisch demokratische und als solche wünschenswerte Verhaltensweise auf und fragt entsprechend nach dem konstruktiven Beitrag eines solchen Verhaltens zugunsten von Freiheit und Demokratie. Sich von den Perspektiven und Belangen Anderer und sogar jedes Anderen involvieren zu lassen und nicht auszuschliessen, dass auch noch das Geringste, was einem Anderen passiert, etwas mit einem selbst zu tun haben könnte, werden demnach als grundlegend für die Verwirklichung von Freiheit erachtet, die innerhalb demokratischer Verhältnisse immer auch die Verwirklichung der Freiheit des Anderen miteinbezieht. Dabei interessieren im Projekt unterschiedliche Formen des Nicht-Identischen, die hier insbesondere als Produkt ästhetischer Fremd- und Vieltuerei verstanden werden.
Ästhetisches Fremd- und Vieltun und die Demokratie
In modernen Gesellschaften sind es insbesondere Künstlerinnen und Schriftsteller, welche die Fremd- und Vieltuerei ausüben und stetig perfektionieren. Wo der Schreibende nicht (nur) die eigene Sicht auf die Welt gestaltet, mutiert er, so das hier vorgeschlagene Verständnis, zu einer Art ästhetischem Fremd- und Vieltuer. Wenn Schreibende sich darum bemühen, eine oder mehrere fremde Perspektive(n) möglichst loyal darzustellen, um zu zeigen, was es heisst, in der Welt als Anderer vorzukommen, betreiben sie, so schlage ich vor, ästhetische Fremd- und Vieltuerei. Dabei suchen solch Schreibende intensiv und in gewisser Weise ‚hyperaktiv’ nach Formen, in denen das jeweils Andere möglichst adäquat Ausdruck finden kann. Inwiefern mit und durch diese Gestaltungsmittel und ästhetischen Strategien ein eigenständiger Beitrag geleistet wird und zwar sowohl zur Verwirklichung individueller Freiheit als auch zur demokratietheoretischen Frage, wie Freiheit als Selbstgesetzgebung zu bestimmen ist, steht im Projekt zur Untersuchung.
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts bilden die Texte von Denis Diderot. Zur selben Zeit wie Jean-Jacques Rousseau, aber in Absetzung zu dessen Überlegungen, entwickelt Diderot eine Vorstellung von Demokratie, in der dem Fremden eine unverzichtbare Bedeutung für die Verwirklichung freiheitlicher Gesellschaften zukommt. An der Grenze zwischen Philosophie und Literatur entwickelt Diderot eine Formsprache für Alterität und Pluralität und konkretisiert dabei gleichzeitig seine Idee von Freiheit, die er allgemein einfordert. Ausgehend von der ästhetischen Fremd- und Vieltuerei wie sie bei Diderot einerseits nachzuweisen ist und welche von Diderot selbst andererseits auch kommentiert wird, wird die Untersuchung der Formen des Nicht-Identischen und deren Beitrag zur Demokratietheorie auch auf weitere Texte ausgedehnt, welche an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Literatur angesiedelt sind und die in unterschiedlicher Weise im 20. Jahrhundert an das Werk von Diderot anschliessen. Es handelt sich dabei um Texte von Schreibenden, die im Anschluss an Diderot u.a. auch dem Drama, dem Theater und der Schauspielerei eine besondere politische Funktion innerhalb demokratischer Verhältnisse zuordnen. An ausgewählten Texten u.a. von Bertolt Brecht, Albert Camus und Elfriede Jelinek gilt es, Formen des Nicht-Identischen zu analysieren, deren demokratietheoretisches Anliegen ernst zu nehmen, in die Diskussion einzubeziehen und kritisch zu befragen.