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Einführung
SICPA Die undurchsichtigen Geschäfte mit dem Vertrauen
Prilly, Kanton Waadt"unlimitrust campus"
Beteiligt sind öffentliche und private Träger aus den Kantonen Waadt und Genf, darunter die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL), die Universität Genf und Microsoft. Es wird angestrebt, Synergien zwischen unterschiedlichen Akteuren zu schaffen, um die Forschung und das Unternehmertum im Bereich der Rückverfolgbarkeit sowie der Sicherheitsstandards digitaler und physischer Produkte zu fördern.
Ein unauffälliger, aber wichtiger Akteur dieses "Ökosystems" ist Sicpa, ein Familienunternehmen, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dieser Region gegründet wurde. Das Akronym ist kaum bekannt, aber ein Grossteil der Weltbevölkerung hat schon einmal einen Gegenstand in der Hand gehabt, der das Hauptprodukt des Unternehmens enthält: Druckfarbe.
Später kamen Briefmarken beziehungsweise Gütesiegel hinzu, die in vielen Ländern zur Kennzeichnung von Alkohol und Zigaretten dienten. Sicpa hat seinen Ruf auf Vertrauen aufgebaut.
Das Unternehmen wird von der Wirtschaftspresse weitgehend ignoriert, und die Informationen, die bisher über das Unternehmen durchgesickert sind, hat deren eigene Pressestelle geliefert.
Die rund 20 Interviewpartner:innen stellten alle die gleiche Bedingung. Wer Sicpa und seinen Wirkungskreis kennt, weiss, dass Geheimhaltung das oberste Gebot ist. Ausserhalb des Insiderkreises dringt nichts oder fast nichts nach aussen.
Die Firma Sicpa hatte auch die Möglichkeit, zu jedem der in diesem Artikel gegen sie erhobenen Vorwürfe Stellung zu nehmen. Unsere Recherchen stützen sich in hohem Masse auf Rechtsdokumente aus den erwähnten Ermittlungen sowie auf einen Rechtsstreit zwischen den Erben der Familie.
"Zuvor konnten die Unternehmen 'Provisionen' als Ausgaben verbuchen und daher von den Steuern abziehen. Einige Schweizer Unternehmen, die schon lange in risikobehafteten Ländern tätig waren, hatten Schwierigkeiten, sich anzupassen. Dieser Kulturwandel war manchmal schmerzhaft", so Budry Carbó.
Zu Beginn der Ermittlungen ging es um Vorfälle in 14 Ländern: Ghana, Togo, Philippinen, Ägypten, Brasilien, Indien, Kasachstan, Kolumbien, Nigeria, Pakistan, Senegal, Ukraine, Venezuela und Vietnam. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, heisst es auf Anfrage bei der Bundesanwaltschaft. Die oberste Ermittlungsbehörde lehnt es aber ab, Einzelheiten zu nennen.
In Brasilien zahlte das Unternehmen 135 Millionen Franken, um seine Rechtsprobleme zu beenden und seine Geschäfte dort weiterführen zu können. Sicpa beteuert gegenüber den Schweizer Behörden bis heute seine Unschuld.
Philippe Amon
Unsere Recherche geht auf die Ursprünge von Sicpa zurück und versucht, Licht in die Turbulenzen zu bringen, die das Unternehmen durchläuft. Mehrere Monate lang haben wir uns mit diesem mysteriösen Waadtländer Unternehmen befasst, indem wir im Bundesarchiv recherchierten, Gerichtsdokumente analysierten und die Aktivitäten des Unternehmens im Ausland mit Hilfe von Korrespondenten, Brancheninsidern und Experten aufschlüsselten. Die meisten unserer Informant:innen waren nur unter einer garantierten Anonymität bereit zu einer Aussage.
Vom Melkfett zur Banknote
Vom Melkfett zur Banknote
In den Ställen schmieren sich die Bauern und Bäuerinnen Melkfett auf die Hände, um ihre Haut vor Rissen zu schützen und die Zitzen der Kühe zu schonen. Einer der Hauptlieferanten für Melkfett im Kanton Waadt ist Maurice Amon.
Maurice Amon
Die Formel für das Melkfett, eine Mischung aus Paraffin und Vaseline, war 1882 von dem Schweizer Chemiker Adolphe Panchaud erfunden worden. Amon baute auf dieser ursprünglichen Rezeptur auf und erfand zusätzlich eine schöne und wirksame Verpackung.
Mit spitzen Augenbrauen und einem glatten Schnurrbart verkaufte er seine rot-weissen Schachteln in der Zwischenkriegszeit gleich lastwagenweise. Sein Unternehmen trug den Namen Société industrielle et commerciale de produits alimentaires (Industrielle und kommerzielle Gesellschaft für Lebensmittel-Produkte). Sie wurde unter ihrem französischen Akronym "Sicpa" bekannt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte das Offsetdruck-Verfahren. Das mit Fett vermischte Pigment wurde auf die Druckplatten aufgetragen, während Wasser die unbedruckten Stellen benetzte. Die Presseerzeugnisse auf der ganzen Welt nutzten diese Innovation. Die Auflagen konnten erhöht werden ; die Gewinne stiegen. Die industrielle Revolution war im Gange, und die Wirtschaft befand sich im Umbruch.
Diverse Regierungen beauftragen die Firma daher, ihre Banknoten so detailliert wie möglich zu gestalten, um Fälschungen zu erschweren – besser noch: unmöglich zu machen. Spanien war das erste Land, das Sicpa 1943 mit der Produktion und Lieferung von Geldscheinen beauftragte. Konkret bestellte das Land 100-Pesetas-Noten mit den entsprechenden Sicherheitsstandards. Die Vereinigten Staaten von Amerika wandten sich ebenfalls an das Lausanner Unternehmen, um Dollarnoten herzustellen zu lassen. Das Glück war Sicpa hold.
Der von Maurice Amon unterzeichnete Brief ist an das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement gerichtet. Warum hat das kleine Unternehmen in Malley, einer Industriezone bei Lausanne, überhaupt die Behörden informiert?
Damals wurden die Zahlungen nicht direkt vom Lieferanten an den Kunden überwiesen, erklärt der Historiker Thibaud Giddey. "Die Schweizer Regierung überwies den Betrag auf das Schweizer Konto von Sicpa und forderte denselben Betrag von Argentinien zurück", sagt er. "Es handelte sich um ein Verrechnungssystem, das im internationalen Handel weit verbreitet war."
So begann der Aufstieg der Firma. Mit modernen Formeln für haltbare Sicherheitsdruckfarben war das Unternehmen konkurrenzlos und hatte die Nase vorn. In den 1950er-Jahren kam Maurice Amon aber in die Jahre und trat zurück: Sein Sohn Albert übernahm nach und nach die Leitung des Unternehmens. Er arbeitete mit der gleichen Hingabe wie sein Vater.
"Er war ein aussergewöhnlicher Mensch mit einem ausgeprägten Geschäftssinn für die Industrie", erinnert sich ein Lausanner Anwalt, dessen Eltern mit den Amons befreundet waren. "Er war ein schlauer Geschäftsmann und wurde durch seine enorme Arbeitsfähigkeit und seinen Ruf als Gentleman erfolgreich. Er war rigoros, ein Mann, der zu seinem Wort stand, stark, rechtschaffen und sehr grosszügig. Ausserdem hatte er einen ausgeprägten Familiensinn."
1952 überzeugte Albert Amon seinen Freund Gualtiero Giori, einen italienischen Drucker, nach Lausanne zu ziehen. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Fabriken war eng. Sicpa nutzte diese Jahre, um seine Marke zu stärken, neue Kundschaft zu finden und die Zahl der Labortests zur Verbesserung der eigenen Produkte zu erhöhen. Maurice Amon – und vor allem Albert – bemühten sich, für jede Erfindung ein Patent anzumelden.
In Zusammenarbeit mit der Universität Lausanne kreierten sie sogar eine Industrienorm für Druckfarben von Geldscheinen. Heute ist das Unternehmen nach eigenen Angaben im Besitz von mehr als 5000 Patenten.
Ende der 1980er-Jahre entwickelten die Ingenieure des Unternehmens eine optisch variable Druckfarbe, bei der sich der Farbeindruck je nach Blickwinkel ändert. Diese Erfindung ermöglichte es, für jeden Kunden eine einzigartige und massgeschneiderte Farbe herzustellen, die wie eine Unterschrift nicht reproduzierbar ist.
Wie konnte das Unternehmen aber seine Produkte diversifizieren? Ganz einfach: Indem es mit seiner Sicherheitsfarbe nicht Banknotenfälschern das Geschäft vermasselte, sondern eine andere Kategorie von Kriminellen ins Visier nahm: Schmuggler und Fälscher, die mit dem Verkauf von nicht deklariertem Alkohol und Zigaretten zu Reichtum kommen.
In der Schweiz wird der Verlust für das Jahr 2018 auf 4,45 Milliarden Franken geschätzt. Die grössten Umsatzeinbussen erlitt die Bekleidungsbranche mit Schuhen, Lederwaren und verwandten Produkten (12,5 Prozent ihrer Exporte ). Es folgt die Uhren- und Schmuckbranche (6,1 Prozent ihrer Exporte).
Mit ihrer magischen Farbe und einer feinen Zeichnung wird jede Marke zu einem Original und garantiert so, dass das gekaufte Produkt offiziell ist und bei den Steuerbehörden angemeldet wurde.
Das Unternehmen verfügte über gute Kontakte und ihre Vertretenden begannen, um die Welt zu reisen, um Verträge auszuhandeln und zu unterzeichnen. Der Wunsch nach Expansion veranlasste das Unternehmen, Risiken einzugehen. Und dies just in einem Moment, in dem erste Risse in der Unternehmensführung auftauchten.
Ein Markt ohne Grenzen
Ein Markt ohne Grenzen
Gemäss Schätzungen der Schweizer Tageszeitung Le Temps betrug der Umsatz im Jahr 2003 rund 750 Millionen Dollar und stieg 2015 auf 1,5 Milliarden Dollar. Das Unternehmen lehnte es ab, swissinfo.ch aktuelle Umsatzzahlen zu nennen, erklärte aber, dass der Grossteil der Einnahmen nach wie vor aus dem Banknotengeschäft stamme.
Das Business mit den Steuermarken läuft unter dem Namen "SICPATRACE". Details zu diesem Markt sind nicht bekannt. Aber es ist klar, dass es sich um einen gigantischen Markt handelt, weil die Steuern gerade für Entwicklungsländer eine wichtige Einnahmequelle darstellen.
In zwei Jahrzehnten hat Sicpa mehr als 33 Verträge in 22 Ländern unterzeichnet. Nach Angaben des Unternehmens wird das System derzeit in 17 Ländern angewendet, darunter sechs in Afrika.
Wenn ein Hotel in Casablanca seinen Gästen Whisky ausschenken will, muss es diesen in einem für den Alkoholverkauf autorisierten Geschäft erwerben. Andernfalls verstösst es gegen das Gesetz. Ein Tabakladen in Los Angeles, Kalifornien, darf nur zertifizierte Marlboro- oder Camel-Zigaretten verkaufen. Bei Zigaretten ohne Steuermarken handelt es sich um Fälschungen.
Sicpa hat uns eingeladen, den Hauptsitz des Unternehmens in Prilly zu besuchen – ein anonymes, schwarzes, rechteckiges Gebäude. Die Fenster sind mit dem Firmenlogo gekrönt, das aus den ineinander verschlungenen Buchstaben "S" und "A" besteht.
Unser Besuch ist äusserst ungewöhnlich, weil das Unternehmen traditionell Presseanfragen zurückgewiesen hat. Aber dieser Schritt entspricht dem Bild von Transparenz, das Sicpa neuerdings vermitteln will.
Mit vielen Zahlen belegte er den Erfolg von "SICPATRACE" aus seiner Sicht: In Kenia habe der Staat im ersten Jahr nach der Einführung des Systems 45 Prozent mehr Steuern auf Alkohol und Tabak eingenommen. In Brasilien stiegen die Steuereinnahmen im Jahr 2009 um 30 Prozent. In Malaysia wurden im ersten Jahr nach Einführung der Steuermarke, im Jahr 2004, 100 Millionen Dollar zusätzlich eingenommen. Und in Albanien wurde 2010 eine um 50 Prozent gestiegene Bierproduktion gemeldet.
"Es ist ein positiver Kreislauf", so Milanese. "Denn die Hersteller vor Ort verstehen schnell, dass sie keine nicht deklarierten Produkte mehr verkaufen können. So schrumpft der Schwarzmarkt und der Gesamtmarkt gesundet, was automatisch die Steuereinnahmen und das Bruttoinlandprodukt erhöht."
Vorzeigeland TogoBesuch unerwünscht
Auch alle Importprodukte erhalten ein Siegel. Nachdem eine Bierflasche etikettiert wurde und bevor sie verpackt und an die Einzelhändler verschickt wird, erhält sie eine Steuermarke auf dem Verschluss.
Das schöne Design begeistert alle leidenschaftlichen Briefmarkenfans. Das innerste Geheimnis dieser Steuermarke ist jedoch für das blosse Auge unsichtbar: Er enthält einen einzigartigen Code, der das Produkt authentifiziert und die Zahlung der Steuern belegt.
Wie funktioniert die Steuermarkierung?
Wie funktioniert die Steuermarkierung?
Fest steht: Die Einnahmen des Staats sind gestiegen. Einem Bericht des Wirtschafts- und Finanzministeriums zufolge stiegen die Steuereinnahmen Togos auf Bier und Tabak im Jahr 2021 um 35 Prozent im Vergleich zu den Jahren vor der Installation des "SICPATRACE"-Systems.
Gemäss Schätzungen des togoischen Finanzamts erreichte der illegale Handel in dem Land zuvor ein Volumen von rund 22 Millionen Euro, bei einem Bruttoinlandprodukt von 6,6 Milliarden Euro im Jahr 2020.
"Der Auftrag für die Produktkennzeichnung wurde ohne Ausschreibung direkt an Sicpa vergeben", sagt Godson Ketomagnan, ein togoischer Journalist, der auf öffentliche Aufträge spezialisiert ist.
"Dabei hat die Regierung eigentlich eine Pflicht zu öffentlichen Ausschreibungen eingeführt, um Korruption zu bekämpfen und Interessenkonflikte zu vermeiden. Wir wissen, dass die direkte Auftragsvergabe Schmiergeldern und anderen Übeln Tür und Tor öffnet."
Sicpa hat sich dabei von den Praktiken der Rohstoffunternehmen inspirieren lassen, die sich in jedem Land auf gut vernetzte Mittelsleute stützen, um in die Zentren der Macht vorzudringen und sich so Zugang zu einem Ölfeld oder einer Baustelle der öffentlichen Hand zu verschaffen.
Sicpa hat inzwischen einen weiten Weg zurückgelegt von der Unschuld seiner Ursprünge, als es mit Melkfett Geld verdiente. Inzwischen spielt das Unternehmen in der obersten Liga. Und dies in einem Markt, in dem es manchmal wichtig ist, Risiken einzugehen.
Verdacht auf Korruption
Verdacht auf Korruption
"Vielen Dank, Herr Amon", sagte die Präsidentin in einer kurzen Ansprache, bevor die Vorspeisen serviert wurden. "Ich danke Ihnen für das wunderbare Abendessen, das Sie ausrichten, und für Ihre freundlichen Worte. Obwohl wir noch nicht mit dem Essen begonnen haben, wurde mir gesagt, dass unser Dinner hinsichtlich der Gästeliste und Teilnehmerzahl das beste Geschäftsessen an diesem Forum ist. Herzlichen Dank!"
In den Vorschlägen an den philippinischen Finanzminister vertrat Sicpa die Auffassung, dass der Einsatz dieser Technologie die Regierung in die Lage versetzen würde, unter anderem der grassierenden Steuerhinterziehung durch Zigarettenhersteller einen Riegel zu schieben.
Der Verlust für die öffentliche Hand belief sich nach Angaben des Unternehmens auf eine Million Dollar pro Tag. Für 50 Millionen Dollar pro Jahr – bei einer Laufzeit von fünf Jahren – könne Sicpa dem Übel ein Ende setzen, versprach Hans Schwab.
Die Verantwortlichen sahen darin die beste Chance, die eigene Zukunft zu sichern, weil der Absatz der Banknoten-Druckfarben, mit denen das Unternehmen reich geworden war, zurückgehen würde. Doch nach vier Jahren hatte Sicpa trotz aller Bemühungen noch keinen einzigen Vertrag unterzeichnet.
Sicpa hatte mehrere Millionen Dollar in die entsprechende Forschung und Entwicklung gesteckt. Es sollten unsichtbare Strichcodes auf jeder Zigarettenschachtel angebracht werden, die durch Lesegeräte decodiert werden könnten, die am Ende der Produktionslinie und an den Zollstellen der Einfuhrhäfen installiert werden sollten – und das alles zum Preis von einem Rappen pro Schachtel.
Das Malaise mit Malaysia
Gemäss einem Bericht der University of Illinois und der University of Cape Town aus dem Jahr 2015 wurde der Vertrag in Malaysia in einem "undurchsichtigen" Verfahren ohne öffentliche Ausschreibung vergeben. Unter Berufung auf Insider der Tabakindustrie heisst es in dem Bericht, dass das lokale Unternehmen, das den Auftrag erhielt, mit malaysischen Politikern verbandelt gewesen sei.
Als es 2004 eingeführt wurde, kam es zu einem vorübergehenden Rückgang des illegalen Zigarettenhandels. Doch im darauffolgenden Jahr, als die Zertifizierung eingestellt wurde, nahm dieser illegale Handel wieder zu.
Ein Dokument, das swissinfo.ch im Rahmen des Bundesgesetzes über das Öffentlichkeitsprinzip erhalten hat, enthüllt die Hintergründe des berühmten Dinners vom Januar 2007 beim Weltwirtschaftsforum in Davos.
Es stammt aus einer Untersuchung der Schweizer Bundesanwaltschaft gegen Sicpa wegen des Verdachts der Bestechung ausländischer Amtsträger. Diese Strafuntersuchung umfasst Aktivitäten des Unternehmens in mehreren Ländern und wurde 2014 eingeleitet. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.
Konkret berichtet die Bundesanwaltschaft über ein Treffen von Hans Schwab und Maurice Amon mit Anthony Arroyo, dem Neffen von Jose Miguel Arroyo, dem Ehemann der Präsidentin.
Anthony Arroyo war in Manila besonders gut vernetzt. Neben seiner besonderen Beziehung zum "First Gentleman" der Philippinen konnte er auch auf die Unterstützung eines anderen Onkels zählen. Es handelte sich um Iggy Arroyo, ein damals einflussreicher Kongressabgeordneter.
Der neue Mitarbeiter sollte Sicpa dabei helfen, "die Beziehungen zu seinem Onkel und dem Präsidenten zu pflegen", heisst es im Bericht der Bundesanwaltschaft. Mehr noch. "Es war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ein Teil des Auftrags an José Miguel Arroyo gehen sollte", heisst es in dem Schweizer Justizdokument.
Mit anderen Worten: Sicpa bereitete die Zahlung eines Bonus an den Ehemann der philippinischen Präsidentin als Gegenleistung für die Vergabe eines öffentlichen Auftrags vor, was laut Bundesanwaltschaft den Straftatbestand der "Bestechung eines ausländischen Amtsträgers" erfüllen könnte. Es handelt sich um eine Straftat, die nach dem Schweizer Strafgesetzbuch mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft wird.
Nach Angaben der Bundesanwaltschaft war der Pakt mit der Familie Arroyo nicht auf die "SICPATRACE"-Lösung beschränkt. Drei Jahre später, im Jahr 2009, wurde ein neuer Vertrag über die Lieferung von Druckfarben an die philippinische Zentralbank abgeschlossen.
Geplant war ein neues "Erfolgshonorar", das diesmal wesentlich höher ausfallen sollte. Laut einem Dokument, das swissinfo.ch vorliegt, belief sich diese neue Prämie auf drei Millionen US-Dollar pro Jahr. Und dies über sechs oder sieben Jahre, was genau der Dauer des Liefervertrags für die Druckfarben entsprach.
Wie schon einige Jahre zuvor in Malaysia gab es auf der Gegenseite eine intensive Lobbyarbeit, um das "SICPATRACE"-Projekt zu verhindern. Hans Schwab verteidigte das Sicpa-System in der philippinischen Presse und vor einem Parlamentsausschuss, jedoch ohne Erfolg.
Nach Sicpa boten zwei Konkurrenten der philippinischen Regierung ihre jeweilige Sicherheitsmarkierungslösung an. Dabei handelte es sich um ein kleines, völlig unbekanntes chinesisches Unternehmen sowie die mächtige Philip Morris and Fortune Tobacco Corporation.
Dieses lokale Joint Venture, das Philip Morris mit dem chinesisch-philippinischen Milliardär Lucio Tan gegründet hat, kontrolliert mehr als 90 Prozent des Tabakmarkts auf den Philippinen.
Kurz darauf legte die philippinische Regierung den Schweizer Vorschlag definitiv ad acta. Die Leiterin des philippinischen Finanzministeriums, Kim Henares, kritisierte später die von Sicpa vorgeschlagene Lösung. "Obwohl die Technologie nützlich war, erwies sie sich als zu anspruchsvoll und zu teuer für unsere Bedürfnisse", sagte sie. "Das ist so, als würde man uns einen Rasenmäher anbieten, obwohl wir nur eine einfache Machete oder einen Bolo brauchen."
Die Philippinen führten 2014 schliesslich ihr eigenes System zur Kennzeichnung von Zigaretten ein, konnten aber den illegalen Handel nicht effektiv eindämmen.
Seine Ehefrau Gloria Macapagal-Arroyo hielt nicht mehr lange durch und schied 2010 aus dem Amt aus. Im Jahr darauf wurde sie unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs und der Unterschlagung verhaftet.
Bis heute ist nicht klar, ob die zwischen Sicpa und den Verwandten von Präsidentin Gloria Macapal Arroyo vereinbarten "Erfolgshonorare" jemals ausgezahlt wurden. Die Bundesanwaltschaft weigerte sich ebenso wie das Unternehmen selbst, sich zu dieser Angelegenheit zu äussern.
Durchzogene Bilanz in Brasilien
Durchzogene Bilanz in Brasilien
Im Jahr 2007 erhielt Sicpa dort den Zuschlag für einen Vertrag über die Rückverfolgbarkeit von Tabakwaren. Die brasilianische Regierung erwog zudem, auch alkoholische und alkoholfreie Getränke für die Steuerabgaben mit fälschungssicheren Sicherheitsmarken zu versehen.
Es bot sich also eine grosse Chance: Der illegale Handel in der Getränkebranche kostete den Staat Milliarden von Dollar. Im Jahr 2003 wurde der Wert der hinterzogenen Steuern bei alkoholfreien Getränken auf 30 Prozent des Gesamtumsatzes und bei Bier auf 15 Prozent geschätzt.
Sicpa betraute Charles Finkel mit der neuen Aufgabe in Brasilien. Er war der ehemalige Executive Vice President des Unternehmens in den USA und in dieser Funktion regelmässiger Gast am Hauptsitz des Unternehmens in Prilly. Er war ein Vertrauter und Freund von Maurice und Philippe Amon.
Sicpa stellte Finkel als privaten Berater an. Er hatte das ideale Profil für die Mission. Er kannte Brasilien gut und hatte dort viele Jahre gearbeitet. Parallel zu seiner Tätigkeit für Sicpa war er als Berater für sein eigenes Unternehmen tätig, die CFC Consulting Group.
Für Sicpa handelte es sich um den Vertrag des Jahrhunderts: Ein Vertrag über 3,3 Milliarden Real (fast 2 Milliarden Franken), um die Rückverfolgbarkeit aller in Brasilien verkauften Bier- und Softgetränkeflaschen zu verbessern.
Das Sicpa-System in Brasilien war allerdings teuer und komplex. Anstatt die Etiketten an den Flaschen von Hand in den Fabriken anzubringen, mussten die Getränkehersteller Maschinen in ihre Produktionslinien einbauen, die jede Flasche automatisch etikettierten.
Nichts wurde dem Zufall überlassen. Laut einer von der Getränkelobby finanzierten Studie stiegen die Steuereinnahmen in Brasilien nach der Einführung des "SICOBE"-Systems um 20 Prozent an.
Operation Vicios
Innerhalb von wenigen Monaten deckte die Operation Vicios die Aktivitäten von Sicpa auf, die zum "SICOBE"-Vertrag geführt hatten. Die Untersuchungsergebnisse waren für das Schweizer Unternehmen verheerend.
Die Bestechungsgelder liefen angeblich über ein Bankkonto seiner Frau, und zwar in Form von monatlichen Überweisungen in Höhe von 250’000 Dollar. Und dies über einen Zeitraum von fünf Jahren, von 2009 bis 2015. Das Geld stammte von Finkels Beratungsunternehmen, der CFC Consulting Group.
Finkel war nicht einfach irgendein Berater. Anstatt die Bestechungsgelder als "Provisionen" an Verwandte von Regierungsmitgliedern zu tarnen, überliess das Unternehmen Finkel laut der brasilianische Bundesstaatsanwaltschaft die gesamten Verhandlungen sowie die Zahlung der Schmiergelder an Fisch. Indem er über seine Beratungsfirma handelte, soll der Geschäftsmann erhebliche Risiken eingegangen sein.
Eine Quelle sagte, der Betrag sei dann von einer hohen Provision abgezogen worden, die Sicpa als Belohnung für seine Bemühungen um den "SICOBE"-Auftrag bezahlt hatte. Der Gesamtbetrag dieser Provision ist aber nicht bekannt.
Im Weiteren heisst es, "dass diese Zahlungen die Gültigkeit der in Brasilien unterzeichneten Verträge nicht in Frage stellen und keine Gründe für eine strafrechtliche Haftung des Unternehmens oder seiner Führungskräfte darstellen".
Im Jahr 2016 wurde der "SICOBE"-Vertrag nicht verlängert. Die von Sicpa in den Fabriken installierten Maschinen wurden abgeschaltet, und die Getränkehersteller mussten schnell wieder zum alten manuellen System zurückkehren. Für das Schweizer Unternehmen war das eine Katastrophe. Im Juni 2017 kündigte Sicpa 150 Entlassungen in der Zentrale in Prilly und 850 in Brasilien an.
In einer am selben Tag veröffentlichten Erklärung räumte Sicpa seine "objektive Verantwortung für Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit bestimmten Zahlungen" ein. Zugleich bestritt das Unternehmen aber, dass "die fraglichen Verträge in betrügerischer Weise zustande gekommen sind".
Laut dem in Prilly ansässigen Unternehmen wurde "keine Beteiligung, Kenntnis oder Absicht seitens Sicpa in Bezug auf diese in Brasilien getätigten Zahlungen festgestellt". Dank der aussergerichtlichen Einigung erhielt Sicpa indes das Recht zurück, sich erneut um Aufträge in Brasilien zu bewerben.
Finkels Anwalt, Marcelo Bessa, meldete sich umgehend nach dem Freispruch in der brasilianischen Presse zu Wort und begrüsste das Urteil, das seiner Meinung nach bestätigte, "dass im konkreten Fall keinerlei kriminelle Straftat vorlag".
In einer abweichenden Stellungnahme, die zusammen mit dem Urteil veröffentlicht wurde, vertrat einer der drei Berufungsrichter die Ansicht, "dass die materielle und die kriminelle Urheberschaft" von Fisch für den Deal hinreichend nachgewiesen seien. Er spielte demnach eine "entscheidende Rolle bei der Auftragsvergabe an die Firma Sicpa durch Casa da Moeda (…) im Gegenzug für eine unzulässige Vergütung in Höhe von mehreren Millionen".
"Wir freuen uns über den Entscheid des Gerichts, Herrn Finkel und Herrn Fisch der Bestechung für nicht schuldig zu erklären", erklärte seinerseits Sicpa. "Dieser Entscheid bedeutet, dass die Anschuldigungen gegen Sicpa im Verfahren gegen unseren ehemaligen brasilianischen Berater unbegründet waren. Eine Position, die wir immer vertreten haben."
Der brasilianische Entscheid könnte das laufende Ermittlungsverfahren der Schweizerischen Bundesanwaltschaft gegen das Unternehmen und seinen Direktor Philippe Amon entkräften. Ursprünglich ging es dabei um die Aktivitäten des Unternehmens in 14 Ländern. Nach Angaben von Sicpa ist diese Zahl nun auf vier gesunken, darunter Kolumbien und Brasilien. Die Bundesanwaltschaft lehnte es ab, sich zum laufenden Verfahren zu äussern.
Strafuntersuchung in der Schweiz
Strafuntersuchung in der Schweiz
Ende 2014 hatte das US-Justizministerium ein kurioses Dokument an die Schweizer Justizbehörden geschickt: einen "Entwurf" für ein Rechtshilfeersuchen. Normalerweise übermitteln ausländische Behörden, welche die Schweiz um Rechtshilfe bitten, direkt ein vollständiges Ersuchen, an das sich möglicherweise weitere Abklärungen anschliessen. In diesem Fall ging das US-Justizdepartement nicht so weit. Es begnügte sich damit, der Schweiz Informationen über die Aktivitäten von Sicpa zukommen zu lassen.
Auf der Grundlage dieser Informationen aus den Vereinigten Staaten leitete die Bundessanwaltschaft Anfang 2015 eine Untersuchung gegen Sicpa wegen des Verdachts auf "Korruption ausländischer Amtsträger" ein. Die Untersuchung richtete sich auch gegen Hans Schwab.
Ungewöhnlich ist jedoch, dass auf den "Entwurf" des Rechtshilfeersuchens aus den Vereinigten Staaten gemäss unseren Recherchen nie ein formelles Ersuchen folgte. Es war auch nicht möglich, den Kontext zu ermitteln, in dem sich die amerikanischen Behörden für Sicpa und seine Aktivitäten auf den Philippinen interessierten. Auf Nachfrage bestätigte die Bundesanwaltschaft lediglich, dass die Ermittlungen gegen Sicpa "auf der Grundlage von Informationen aus einem Rechtshilfeersuchen" eingeleitet worden waren.
2015 – Annus Horribilis
KBA-Notasys wurde 1959 in Lausanne von Gualtiero Giori mit der Unterstützung von Albert Amon gegründet. Im Jahr 2001 wurde das Unternehmen von der deutschen Industriegruppe Koenig & Bauer übernommen, die auf Hightech-Sicherheitsdruck von Banknoten und Wertpapieren spezialisiert ist.
Doch bei der Prüfung der Bankdaten von KBA-Notasys entdeckten die Ermittler des Bundes Verbindungen zum Nachbarn Sicpa. Sie fanden heraus, dass die beiden Unternehmen in mehreren Ländern dieselben Berater eingesetzt hatten, um Bestechungsgelder für lokale Beamte einzufädeln.
In Folge dieser Haudurchsuchung wurde die Schweizer Strafermittlung auf 12 weitere Märkte ausgedehnt: Togo, Ghana, Ägypten, Indien, Kasachstan, Kolumbien, Nigeria, Pakistan, Senegal, Vietnam, Venezuela und Ukraine. Brasilien und die Philippinen befanden sich bereits auf der Liste.
Im September 2020 wurde der Teil der Ermittlung eingestellt, der Hans Schwab betraf. Einige Monate später liess die Bundesanwaltschaft aber eine neue Bombe platzen: Am 14. Juni 2021 bestätigte sie gegenüber Gotham City, einer auf Finanzkriminalität spezialisierten Schweizer Nachrichtenseite, dass die Ermittlungen auch "den Eigentümer und derzeitigen CEO von Sicpa" betreffen. Will heissen: Philippe Amon.
Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft in dieser Sache dauern an. Es gilt die Unschuldsvermutung, sowohl für Sicpa als auch für deren Direktor.
Das Unternehmen verspricht, dass es mit den Ermittlern des Bundes "voll und ganz kooperiert", streitet aber jede Verantwortung ab. "Wir bestreiten, dass unser Unternehmen an einem illegalen Verhalten eines unserer externen Berater beteiligt war oder davon Kenntnis hatte", heisst es bei Sicpa. "Wir sind zuversichtlich, dass die Ermittlungen beweisen werden, dass unser Unternehmen und unser Generaldirektor nicht strafrechtlich haftbar sind."
Auf Anfrage von swissinfo.ch lehnte Hans Schwab eine Stellungnahme zu den Vorgängen ab. Gemäss unseren Informationen sollen die E-Mails und Dokumente, welche die Bundesanwaltschaft bei ihrer Razzia in den Geschäftsräumen von Sicpa beschlagnahmt hat, aufzeigen, dass Schwab sich gegen Zahlungen an einige der erwähnten Berater ausgesprochen hatte.
Die Familie fällt auseinander
Die Familie fällt auseinander
Diese Weitergabe der Führungsverantwortung von Mann zu Mann begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als Albert Amon seinem Vater an die Spitze des Unternehmens folgte. Sein Bruder Salvador übernahm nie die Firmenleitung, obwohl er ein Familienmitglied war – er hatte lediglich einen Sitz im Verwaltungsrat.
Niemand konnte oder wollte die Frage beantworten, warum Salvador an den Rand gedrängt wurde. Schliesslich ist Sicpa nicht börsenkotiert, und die Eigentümer können nach eigenem Gutdünken Entscheide treffen.
Da seine Tochter keine professionellen Ambitionen zu haben schien, stritten sich seine beiden Söhne um die Nachfolge. Sie leiteten das Unternehmen fünf Jahre lang gemeinsam.
Doch die Beziehung zwischen den beiden Brüdern war kompliziert, wie eine der Familie nahestehende Person erklärte. Maurice war ein grossherziger Mann, der gerne reiste und mit Freunden feierte. Er war dreimal verheiratet und reiste im Namen von Sicpa um die Welt, wobei er den Glamour im Fürstentum Monaco dem Leben am Genfersee vorzog.
Amon und Hejailan heirateten in Hongkong. Was folgte, war ein Jetset-Leben in teuren Häusern mitsamt Shoppingtouren für Meisterwerke der bildenden Kunst und extravagantem Schmuck. Das Paar sorgte für Schlagzeilen in den Promi-Magazinen.
Sie posierten auf VIP-Partys und gaben zahlreiche Empfänge in ihrem riesigen Chalet in Gstaad. Laut der Zeitschrift Capital gab das Paar in diesen verrückten Jahren zwischen 500 und 700 Millionen Euro aus – alles Geld aus dem Sicpa-Erbe.
Doch dieses verrückte Leben dauerte nicht ewig. Im September 2015 reichte Maurice in Monaco die Scheidung ein. Tracey Hejailan war auf der Hut. Da sie befürchtete, dass die rechtliche Situation im Fürstentum Monaco für sie nachteilig sein könnte, focht sie die Zuständigkeit der monegassischen Gerichte an. Sie versuchte, das Scheidungsverfahren nach New York zu verlegen, wo sie lebte.
Die internationale Presse berichtete genüsslich über die Geschichte, die sich zu einer Seifenoper entwickelte. Für die Familie Amon, die seit Generationen auf Diskretion bedacht war, waren diese Schlagzeilen zu viel des Guten.
Hinter dieser Geschichte einer angeblich harmonischen Trennung zwischen den beiden Erben könnte sich jedoch eine andere Realität verbergen. Im Jahr 2019 wurde durch ein Urteil des Bundesgerichts bekannt, dass Philippe Amon seinen Bruder Maurice Anfang 2015 entlassen hatte. Philippe beschuldigte Maurice, Geschäftsaktivitäten in Konkurrenz zu Sicpa entfaltet zu haben, ohne den Verwaltungsrat darüber zu informieren. Mehr noch: Maurice hatte in ein Unternehmen für kontaktlose Bezahlungen ("cashless") namens "GoSwiff" investiert. Dieses digitale und bargeldlose Zahlungssystem stellte aber eine Konkurrenz zur Haupteinnahmequelle des Familienunternehmens dar: zum Druck von Banknoten.
"Die Sicpa-Gruppe lebt vom Erhalt und der Entwicklung des Banknotenumlaufs und ist darauf angewiesen", so Philippe Amon weiter. "Alle bargeldlosen Lösungen sind für uns daher nachteilig, besonders wenn sie von den Kunden von Sicpa umgesetzt werden. Es besteht also ein schwerwiegender und unbestreitbarer Interessenkonflikt mit Deiner Position als Angestellter und Direktor bei Sicpa."
Sicpa focht das Urteil vor Bundesgericht an, kam aber nicht zum erhofften Erfolg. Die Berufung wurde abgewiesen. Für Maurice Amon war das letztinstanzliche Urteil in dieser Angelegenheit hingegen ein Erfolg. Es fiel zu seinen Gunsten aus. Nur kam es etwas zu spät: Am 26. Juli 2019 starb er in St. Tropez im Alter von 68 Jahren an einem Herzinfarkt, gut einen Monat vor der Publikation des Urteils.
Der digitale Widerspruch
Der digitale Widerspruch
Um auf diese Entwicklung zu reagieren, sah sich Sicpa gezwungen, zu diversifizieren. Zuerst kamen die Zertifizierungen von Tabak und Getränken mit Verträgen in Brasilien (2007), Kanada (2008) und Kalifornien in den USA (2020). Dann gelang dem Unternehmen der Durchbruch in Afrika mit Verträgen in Marokko (2010), Kenia (2013), Uganda (2018) und schliesslich Togo im Jahr 2020.
Sicpas wichtigste Produkte
Sicpas wichtigste Produkte
Im selben Jahr arbeitete das Unternehmen in der Schweiz mit dem Pharmaunternehmen Clariant zusammen, um die Echtheit und Fälschungssicherheit von dessen chirurgischen Instrumenten zu zertifizieren. 2018 gewann Sicpa eine Ausschreibung in der Türkei für das Ticketing von 54 Museen, darunter der berühmte Topkapi-Palast in Istanbul.
2017 ging das Unternehmen zudem eine Partnerschaft mit der estnischen Firma Guardtime ein, die an Lösungen für ein E-Government in ihrem Heimatland arbeitete. 2022 führte diese Zusammenarbeit zu einem Vertrag mit dem Kanton Jura, um die Sicherheit digitaler amtlicher Dokumente zu gewährleisten. Dieses System namens Certus ermöglicht es beispielsweise, Auszüge aus Gerichtakten, die von Bürgerinnen und Bürgern mittels eines QR-Codes angefordert werden, zu schützen.
Die Lösung basierte auf der Certus-Technologie, war dezentralisiert und durch eine Blockchain gesichert. Die Schweizer Regierung beschloss aber schliesslich, auf eine Hauslösung zu setzen und übertrug die Entwicklung des digitalen Impfpasses dem Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT).
Es kam dabei jedoch zu unerwarteten Entwicklungen. Gut fünf Jahre nach dem Start der Diversifizierung und drei Jahre nach der Entlassung von Maurice Amon durch seinen Bruder Philippe, der ihm vorwarf, die Zukunft des Familienunternehmens durch Investitionen in ein Unternehmen für elektronischen Zahlungsverkehr zu gefährden, läuft das traditionelle Geschäft von Sicpa, die Herstellung von Banknotenfarben, nicht nur wie geschmiert, sondern besser denn je.
Kontaktlose Karten, Zahlungsapps und der elektronische Handel haben dazu geführt, dass in den Portemonnaies immer seltener Geldscheine anzutreffen sind. In diesem Sinn hatte Sicpa durchaus Recht. Aber niemand machte eine Vorhersage, dass parallel zum kontaktlosen Zahlungsverkehr auch die Zahl der in Umlauf befindlichen Banknoten drastisch ansteigen würde.
In einem Bericht aus dem Jahr 2021, der sich mit diesem Paradoxon befasst, erklärte die Europäische Zentralbank, dass sich der Wert aller im Umlauf befindlichen Euro-Banknoten Ende 2020 auf 1,435 Billionen Euro (1,42 Bio. Fr.) belief, was einem Anstieg von 11 Prozent gegenüber 1,293 Billionen Euro im Jahr 2019 entspricht. Die Coronavirus-Krise hat diesen Aufwärtstrend noch verstärkt.
"Der hohe Anteil der grossen Notenabschnitte deutet darauf hin, dass Banknoten nicht nur als Zahlungs-, sondern in erheblichem Umfang auch als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden", stellte die SNB fest. Zudem kam sie zum Schluss, "dass dieses Phänomen seit der Jahrtausendwende und den jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrisen deutlich zugenommen hat".
Viele Haushalte in reichen Ländern nutzen kaum noch Bargeld für den Zahlungsverkehr, ziehen es aber offenbar vor, ihre Ersparnisse in Banknoten unter ihrer Matratze oder an anderen Orten aufzubewahren.
Sicpa können die genauen Gründe für dieses Paradoxon egal sein. Das Unternehmen verdient an jeder neu gedruckten Banknote. Und je mehr davon gedruckt werden, desto mehr profitiert das Unternehmen.
Fazit
Fazit
Und weiter: "Sicpa war schon immer bestrebt, seinen staatlichen und institutionellen Kunden Sicherheitstechnologien und -lösungen anzubieten, die ihre Souveränität ermöglichen und stärken." Die Zukunft wird zeigen, ob das Unternehmen dieses Versprechen einhalten und sich das angestrebte Vertrauen ohne weitere Kontroversen sichern kann.
Impressum
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Multimedia-Produktion: Helen James und Carlo Pisani
Edition: Dominique Soguel und Virginie Mangin
Infografik: Kai Reusser
Projektkoordination: Dominique Soguel
Übertragung aus dem Englischen: Gerhard Lob
Bilder: Yanick Folly (Togo), Pascal Staub (Illustration), Drohnenaufnahmen (Rechte vorbehalten), Reuters, SRG SSR / SWI swissinfo.ch, Keystone, Swisscastles, Chalamy.com, Getty Images, Sicpa, Wikimedia/Commons, Agenturen, Fotogramma, Gotham City