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Lengn-ooh, wie Langnau Ky von den Einheimischen genannt wird, hat sich nicht gross entwickelt. Die Gründer der Siedlung zogen bald weiter. / Bild: Karl Horat (khn)
Langnau:
Langnau gibts als Ort nicht nur in den Kantonen Bern, Luzern und Zürich, sondern auch in den USA. Gegründet wurde die kleine Siedlung von Johann Leuenberger, Auswanderer aus Eggiwil.
Langnau im Bundesstaat Kentucky, USA, ist eine Streusiedlung vor allem mit Farmen, vereinzelten Einfamilienhäusern und einer Kapelle, die aber nicht mehr als Gotteshaus genutzt wird. Der kleine Ort im grossen Land hat sich nicht, wie Langnau im Emmental, zu einem stattlichen Dorf entwickelt. Es ist ein kleines Kaff geblieben.
Gegründet wurde Langnau Ky von Johann Leuenberger, Auswanderer aus Eggiwil. Zusammen mit seinen Brüdern Friedrich und Jakob baute er 1881 in der Wildnis seinen Hof mit Haus, Stall und Käserei. Auf dem vergilbten Foto (unten), das der örtliche Fotografe William M. McLean vier Jahre später aufnahm, ist nicht viel mehr als ein langgezogenes Gebäude und ein paar Heutristen zu erkennen – und zwei Beeren sammelnde Mädchen im Vordergrund. Die Leuenbergers – John, Fred und Jacob, wie sie jetzt hiessen – waren aus West Virginia hierher gekommen, weil in der Nähe eine Siedlergruppe, bestehend aus 42 Familien aus dem Bernbiet, den Ort Bernstadt gründete und eine ganze Schweizer Kolonie entstand.
Diese Pioniere wurden angeführt vom 25-jährigen Landwirt Paul Schenk, dem Sohn von Bundesrat Karl Schenk. Das Land in den Hügeln des Laurel County von Kentucky war günstig: Jarvis Jackson verkaufte es ihnen, den «Acre» (0,4 Hektaren) für einen Dollar. Es musste zuerst gerodet werden.
Eine lange Au
Heute ist das Langnau der Gebrüder Leuenberger – das im US-Poststellenverzeichnis des Jahres 1911 noch mit einem eigenen Post Office aufgeführt war – nicht ganz leicht zu finden. Ausgangspunkt für die Anreise ist London, nicht die englische Kapitale, sondern der gleichnamige Bezirkshauptort des Laurel County. Ab da sind es neun Meilen, also etwa 15 Kilometer auf der Kentucky Route 472 nordostwärts zur einstigen Swiss Colony.
Die Namenswahl der Gebrüder Leuenberger von einst ist noch nachvollziehbar: Das sanfte Tal bildet auch hier eine lange Au – ein Langnau eben.
Auf unserer Reise begegnen wir in einem Waldstück an der Langnau Road einem bärtigen Mann. Er lädt Kaminholz auf einen Pick-up-Truck. Sein ganzes Leben lang wohnt er schon in der Gegend. Auf die Frage, ob es noch Schweizer Nachfahren an der Langnau Road gäbe, meint er, diese seien «long gone» – schon lange weg – aus «Lengn-ooh», wie er es nennt. Nur in East-Bernstadt im Norden von London wisse er noch von einigen Nachfahren.
Kentucky – neue Heimat der Berner
Kentucky hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Kampagne gestartet, um westeuropäische Einwanderer in den Staat zu locken. Das Kentucky Bureau of Immigration hatte zuhanden von Interessierten in europäischen Ländern eine Broschüre erstellt, welche die glänzenden Zukunftsaussichten in Kentucky überzeugend schilderte: Klimatisch und landschaftlich sei es da fast wie zu Hause – und Land wäre zu einem Spottpreis zu haben. Die ersten, die darauf ansprachen, waren die Schweizer. Ein Vorausdetachement mit Auswanderungsagent Karl Imobersteg und den Landwirten Paul Schenk und Otto Brunner konnte vor Ort feststellen, dass im Wesentlichen alles mit dem Versprochenen übereinstimmte. Sie organisierten daraufhin die Überfahrt für die ersten 42 Familien.
Viele weitere Familien folgten in den Jahren darauf. Mitte der 1870er-Jahre hatte sich die Konjunktur im Bernbiet verschlechtert – und in den achtziger Jahren folgte eine eigentliche wirtschaftliche Krise. Die Landwirtschaft war von dieser Depression ebenfalls betroffen. Aufgrund des Bevölkerungswachstums gab es auch im Emmental viele fleissige, aber «überzählige» junge Landwirte und Käser, die wegen der hohen Preise für Land und Gebäulichkeiten keine Chance auf eine Zukunft mit etwas Eigenem hatten. Die Gemeinden im Kanton Bern – wie auch anderswo – offerierten sogar finanzielle Unterstützung für Auswanderungswillige. Nicht selten war der Hintergedanken, so Armengenössige und Randständige loszuwerden. Aber es gingen eben auch die Tüchtigsten – von der ökonomischen Situation im Heimatdorf bedrängt und von den vielversprechenden wirtschaftlichen Aussichten im Zielland angezogen.
Die Auswanderer waren schon bei ihrer Ankunft sehr gut aufgestellt und bildeten eine unabhängige Gemeinschaft. Die Landwirte und Winzer hatten auch Maurer, Zimmerleute, Wagner und Wegmacher in den eigenen Reihen; sie hatten einen eigenen Doktor dabei, einen Lehrer, einen Pfarrer und mit Friedrich Huber sogar einen Hotelier und Wirt.
Erfolgreich mit Käse
Der Käse aus der Produktion der Berner war ein Erfolg. Die Leuenberger Brothers hielt es aber nicht lange in ihrem neugegründeten Dorf.
John Leuenberger aus Eggiwil, der wohl 1872 in die USA gekommen war, hatte acht Kinder und er wurde als gesuchter Berufsmann von der grossen Käsefabrik Townline Factory in Macedonia Ohio als Produk-
tionsleiter angeworben. Die Spuren seiner Brüder verlieren sich. In East-Bernstadt gibt es noch einen Swiss Descendents Club, also einen Verein all jener, die Schweizer Vorfahren haben.
Karl Horat ist freier Journalist. Letztes Jahr war er für mehrere Reportagen in den Appalachen der USA. Im Vorbeikommen hat er auch Langnau Kentucky besucht und über die – von Emmentalern gegründete – Siedlung recherchiert.