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Morgenstund hat Gold im Mund
Die belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb steht jeden Morgen um vier Uhr auf, um an ihren Bestsellern zu arbeiten. Wer nach dem Trend aus den USA lebt, steht früh auf, um noch in Ruhe arbeiten zu können, bevor der hektische Arbeitstag anbricht.
Diese "Morgenfreunde" beziehen sich auf Hal Elrods Buch The Morning Miracle. Darin empfiehlt der Coach in Persönlichkeitsentwicklung eine Methode, mit der das Leben erweitert werden könne. Die Abende, die früher der Erholung dienten, sind heute von den Kindern, dem Fernsehen und den neuen Medien geprägt. Ausserdem sind sie kürzer geworden, weil die Menschen immer länger arbeiten. Die Morgenfreunde haben beschlossen, sich an diesen immer schnelleren Rhythmus anzupassen und sich die Zeit dort zu nehmen, wo sie vorhanden ist - am Morgen.
Die Anhänger dieses Trends nehmen mittlerweile an "Wake-up-Partys" und "Before Work" Anlässen teil. Diese werden von Unternehmen organisiert, die das in Frühaufstehern steckende Potenzial gewittert haben. Doch der französische Soziologe Nicolas Marquis steht dem neuen Hype kritisch gegenüber, weil "das Schlafkapital angetastet wird, damit das berufliche Kapital ertragreicher wird".
Auch viele Ärzte sind kritisch und äussern sich besorgt darüber, dass Schlaf heute als verlorene Zeit betrachtet wird. José Haba Rubio vom Schlafforschungszentrum Lausanne ist der Meinung, dass der Trend dem natürlichen Verhalten entgegenläuft: "Wenig zu schlafen wird als gut angesehen, dabei ist unser Schlafbedarf stark genetisch bedingt."
Müssen wir also wirklich gegen unsere biologische Uhr ankämpfen und im Morgengrauen aufstehen, weil Morgenstund Gold im Mund hat? Forschende der belgischen Universität Lüttich konnten dies widerlegen, indem sie per Kernspintomografie die Gehirnaktivität von Früh- und Spätaufstehern untersuchten. Einheinhalb Stunden nach dem Aufstehen war zwischen diesen beiden Gruppen kein Unterschied zu erkennen. Zehneinhalb Stunden nach dem Aufstehen waren hingegen die Spätaufsteher aktiver und aufmerksamer als die Frühaufsteher. Der Unterschied ist auf den Schlafdruck zurückzuführen, also auf die seit dem Aufstehen verbrachte Zeit. Auf diese reagieren Frühaufsteher sensibler als Spätaufsteher.
Langschläfer können also von ihren Schuldgefühlen Abstand nehmen und Albert Einstein als Vorbild nehmen: Er bekannte offen, zwölf Stunden Schlaf zu benötigen.
Von Pascale Stehlin, publiziert im Psychoscope 6/2017