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Durch Wettermanipulation soll Hagel verhindert werden: Gewittersturm in Luzern. Bild: Keystone
Niederschlag mitten in der Wüste: Aus Dubai kamen im letzten Sommer Bilder von strömendem Regen und überfluteten Strassen. Die Wolkenbrüche sollen künstlich ausgelöst worden sein.
Schon seit rund 20 Jahren arbeiten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), zu denen Dubai gehört, an Programmen zur Wetterbeeinflussung. Ziel ist es, mehr Regen zu bekommen, weil es im Wüstenstaat chronisch an Trinkwasser fehlt und oft sündhaft heiss ist. Wenn Wolken erscheinen, steigen jeweils Flugzeuge auf. Diese versprühen Substanzen wie Silberiodid – ein Salz, das die Tropfenbildung angeregt –, was zu verstärktem Abregnen führen soll.
Kondensationskeime in die Wolken bringen
Es ist der Versuch eines menschengemachten Klimawandels. Meist steht dabei die sogenannte Wolkenimpfung im Vordergrund: Es wird gezielt Regen ausgelöst, damit dürre Regionen mehr Wasser abbekommen, oder damit der Regen niedergeht, bevor er an einem anderen Ort Schaden verursachen kann.
Das geht so: Mit Flugzeugen oder Raketen wird Trockeneis, flüssiger Stickstoff, Kochsalz oder eben Silberiodid in die Wolken gebracht. Diese Substanzen bestehen aus feinen Teilchen, die als Kondensationskeime wirken. Das Wasser sammelt sich um diese Teilchen. Es entstehen grosse Tropfen, die nach unten fallen.
Mehr als 50 Ländern wollen das Wetter kontrollieren
Zu den Zielen der Wettermanipulation gehört auch die Verhinderung von Hagel. Indem in Gewitterwolken frühzeitig Kondensationskeime ausgebracht werden, entstehen dort zwar viel mehr Hagelkörner. Diese sind aber klein und können keinen Schaden anrichten. Im besten Fall regnet es nur.
In über 50 Ländern laufen Programme zur Wettermodifikation. Weltmeister in dieser Disziplin ist China. Schon seit rund 60 Jahren experimentiert das Reich der Mitte mit künstlich ausgelöstem Regen. Es geht darum, Niederschläge gezielt über trockenen Gegenden auszulösen, Smog durch künstlich erzeugten Regen vom Himmel zu holen, Waldbrände zu bekämpfen oder den Betrieb von Wasserkraftwerken zu sichern.
«Zähmung des Himmels»
Heute arbeiten rund 35’000 Chinesinnen und Chinesen für Programme zur Wetterbeeinflussung. Angeblich sollen diese Programme erfolgreich sein. An der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking jedenfalls herrschte klarer Himmel. Zuvor hatte China rund tausend Silberiodid-Granaten in den Himmel geschossen – um zu verhindern, dass Regen die Show trübt.
Wolkenloser Himmel bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking. Bild: Keystone
Im Dezember vor einem Jahr gab China den Start eines gigantischen Programms namens «Zähmung des Himmels» bekannt. Es ist eine Art Fünfjahresplan für das Wetter. Bis 2025 soll der Regen auf 5,5 Millionen Quadratkilometer – eine Fläche, die um zwei Drittel grösser ist als Indien – kontrolliert werden. Auf einem Zehntel der Fläche will China zudem Hagel verhindern.
Taiwan beklagt «Regenklau»
Im Januar 2021 absolvierte die grosse chinesische Drohne Ganlin-1 ihren Jungfernflug. Sie soll Regen über der nordwestlichen Provinz Gansu erzeugen. Die Drohne kann 14 Stunden in der Luft bleiben und auf einer Strecke von 5000 Kilometer Wolken impfen.
Wenn es an einem Ort mehr regnet, regnet es meist an einem andere Ort weniger. Einige Nachbarländer, wie Indien, verfolgen die Wettermanipulation Chinas darum argwöhnisch. Sie befürchten vermehrte Trockenheit auf ihrem Territorium. Vor zwei Jahren warnte auch Taiwan von einem «Regenklau» durch China.
Die USA versuchten, Wetterkontrolle militärisch zu nutzen
Neben China und den VAE haben auch die USA viel Erfahrung mit dem Wettermachen. Schon 1946 meldete die US-Firma General Electric die weltweit ersten erfolgreichen Experimente mit der Impfung von Wolken.
Amerika versuchte lange, die Wettermanipulation militärisch zu nutzen. Bereits 1940 hatte der US-Luftwaffenkommandant George Kenney verkündet: «Die Nation, die als erste die Wege von Luftmassen kontrollieren kann und lernt, Ort und Zeitpunkt von Niederschlägen zu bestimmen, wird den Globus beherrschen.» Während des Kalten Krieges gab es Pläne der USA, künstliche Regenfälle über der Sowjetunion auszulösen, um damit militärische Operationen des Gegners zu erschweren. Umgesetzt wurden diese Pläne aber nie.
«Operation Popeye» gegen die kommunistischen Gegner
Im Vietnamkrieg gab es aber konkrete Versuche, das Wetter durch Manipulation als Waffe einzusetzen: Die amerikanische «Operation Popeye» zielte darauf ab, die kommunistische Nachschubroute entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades zu überfluten. «Make mud, not war» (Macht Schlamm, nicht Krieg), lautete die Devise.
1977 aber war Schluss mit dem militärischen Wettermachen. Damals unterzeichneten verschiedene Staaten, darunter die USA, eine Resolution der Uno, die solche Aktivitäten verbietet. Auch Deutschland, Österreich und die Schweiz haben sich der Resolution angeschlossen. Später gestand die US-Luftwaffe ein, dass Wetterkontrolle als Kriegswaffe nicht tauge.
Künstlicher Schneefall in Idaho
Ob wenigstens die zivile Wettermanipulation funktioniert, ist umstritten. Zahlreiche wissenschaftliche Studien konnten nur einen geringen oder gar keinen Effekt nachweisen. 2010 publizierten israelische Forscher im Fachblatt «Atmospheric Research» eine umfassende Erhebung zur Wolkenimpfung, die Daten der 50 vorangegangenen Jahre berücksichtigte. Das Ergebnis war, dass kein Effekt nachgewiesen werden konnte und das Wolkenimpfen darum nicht wirksam ist (siehe hier).
Es gibt aber immer wieder wissenschaftliche Erfolgsmeldungen: Letztes Jahr berichtete ein Forscherteam um Katja Friedrich von der amerikanischen Universität Boulder im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» von einem Experiment in den Bergen des US-Bundesstaats Idaho. Ein Flugzeug hatte dort Silberiodid in den Wolken versprüht, während ein anderes Flugzeug den dadurch ausgelösten Schneefall mittels Radar gemessen hatte. Das Experiment war offenbar erfolgreich. «Wir haben gezeigt, dass es funktioniert», liess Friedrich verlauten (siehe hier).
2500 Schweizer Hagelraketen im Jahr 2006
In der Schweiz hat die Hagelabwehr zum Schutz von landwirtschaftlichen Kulturen eine gewisse Tradition. Bei drohenden Gewittern schiessen spezialisierte Hagelschützen Raketen mit Silberiodid in die Wolken. Die Wirkung ist ebenfalls umstritten. In letzte Zeit sank die Zahl der aktiven Hagelschützen jedenfalls.
Die «Neue Zürcher Zeitung» rapportierte 2006, dass innerhalb eines Jahres 1400 Schützen insgesamt 2500 Hagelraketen abgeschossen hätten. Die Hagelschützen waren noch bis 2019 in der Schweizerischen Vereinigung für Hagelbekämpfung organisiert, bevor sich die Organisation auflöste.
Bâloise lanciert ein Hagelflugzeug
2018 startete das Schweizer Versicherungsunternehmen Bâloise einen Versuch mit Hagelbekämpfung und lancierte einen Hagelflieger, der auf dem aargauischen Flugplatz Birrfeld stationiert ist. Von dort aus jagt der Flieger Gewitterwolken in der ganzen Deutschschweiz und versprüht jeweils Silberiodid.
Hagelflugzeug der Bâloise auf dem Flugplatz Birrfeld.
Das Projekt war ursprünglich auf drei Jahre angelegt. Eine Nachfrage bei Bâloise ergibt, dass die Pilotphase mit dem Hagelflieger erstreckt wurde, um beim Entscheid über eine Weiterführung Auswertungen der ETH Zürich einbeziehen zu können. In der internen Datenanalyse gebe es «eine positive Tendenz in der Reduzierung der Schwere der Hagelniederschläge», schreibt Bâloise. Ein definitives Urteil über die Wirksamkeit des Hagelfliegers sei aber noch verfrüht.
Klimaschau von Sebastian Lüning zum Thema Wetterkontrolle: siehe hier