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Bern braucht mehr Wettbewerbskultur
Verschiedene Aussagen von pensionierten Chefbeamten der Stadt Bern im Artikel «Wozu Wettbewerbe, wenn anders gebaut wird als prämiert?» im «Bund» vom 1. März 2023 sind für mich als Architektin befremdend.
Gemäss dem früheren Denkmalpfleger Bernhard Furrer ist der Architekt verantwortlich für das Konzept und seine Realisierung. Die Frage ist: bis zu welchem Grad? Kann der Architekt überhaupt gegen den Willen seiner Bauherrschaft entscheiden? Wird er von den zuständigen Ämtern für die «bessere Lösung» unterstützt? Welchen Preis muss der Architekt zahlen, wenn er sich weigert, etwas zu unterschreiben und zu realisieren, was konzeptwidrig oder gestalterisch unbefriedigend ist? Architekten, die sich einmal geweigert haben, die Renditenwünsche einer potenten Bauherrschaft zu erfüllen, gelten für immer als schwierig, werden nicht mehr in Konkurrenzverfahren berücksichtigt und erhalten keine Aufträge von der Stadt.
Bernhard Furrer geht über die Klauseln des KBOB-Vertrages (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren) hinweg und auch darüber, wie er sich während seiner Amtszeit selber verhalten hat. Denkmalpflegerische Auflagen, welche das Siegerprojekt eines Wettbewerbes respektieren musste, galten damals für die Generalunternehmung und den Ersatzarchitekten nicht mehr (siehe Kursaal seit 1993). Wenn ihm die Erfahrung als praktizierender Architekt fehlt, müsste er mindestens aus seiner Jurytätigkeit wissen, dass dieselbe Juryzusammensetzung sowohl die erste wie die zweite Stufe eines Wettbewerbes jurieren muss, sonst ist die Beurteilung nicht konsequent oder sogar widersprüchlich. Analog dazu kann die Weiterentwicklung eines Siegerprojektes nur von derselben Wettbewerbsjury bzw. einem Ausschuss der unabhängigen Fachjury begleitet werden und nicht von der Stadtbildkommission.
Bei der Überbauung Burgernziel war ein Fachausschuss der Jury für die Begleitung bestimmt. Dieser wurde aber in den kritischen Momenten der Ausführungsplanung nicht beigezogen. Die massgebende Frage in diesem Zusammenhang ist allerdings, welche Überzeugungskraft ein solcher Ausschuss gegenüber den Prämissen der Rendite haben kann. Eine Schein-Qualitätskontrolle nützt niemandem, gut gemeinte Massnahmen können bekanntlich problemlos neutralisiert und umgegangen werden.
In Bern wird das Instrument Wettbewerb leider nicht immer für die Förderung der Qualität der gebauten Umwelt angewendet, sondern immer öfter, um Bauvorhaben zu legitimieren, welche man eigentlich vor dem Wettbewerb hinterfragen sollte (siehe Wettbewerb Muesmatt-Areal/Bühlplatz). Entsprechend werden Jurys überwiegend mit Bauherren, Investoren und Amtsstellen-Vertretungen zusammengesetzt und bequeme Fachjuroren eingeladen. Die Forderung von Ex-Stadtbaumeister Ueli Läderach, der heute als Investorenberater tätig ist, das Gewicht der Investoren in den Jurys zu verstärken, ist deshalb nicht akzeptabel. Dies würde noch mehr Missbrauch des Instruments Wettbewerb bedeuten.
Beim Wettbewerb ist die fachliche Meinung gefragt. Die Konsensfindung über die Anliegen der Investoren und die Rahmenbedingungen gehören zur Vorbereitungsphase. Bei der Vorbereitung von Wettbewerben von öffentlichem Interesse sollte auch die direkt betroffene Öffentlichkeit beigezogen werden. Die Fachjuroren sollten kritisch zum Raumprogramm Stellung nehmen können und bei Sachzwängen nicht zur Komplizenschaft gedrängt werden. Die Mehrheit der Juroren müssen unabhängige Fachleute sein, damit die Fachwelt ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft wahrnehmen kann. Dies ist eine wesentliche Bestimmung und internationaler Standard.
Nach der Erklärung von Davos sprechen alle von Baukultur. Eine überzeugende Implementierung von Baukulturförderung ist in Bern allerdings nicht ersichtlich. Dafür müssten sich alle Beteiligten bemühen, sonst wird die Liste der verpassten Chancen noch grösser.
Artikel im «Bund» vom 9. März 2023 hier
vorgestellt von Regina Gonthier