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Vage, so denke ich, habe ich eine Vorstellung von der Definition: Die, die alles reflektieren, die gebildet und intelligent sind. So würde ich die Intellektuellen beschreiben. Natürlich gibt es eine Unmenge intelligenter Menschen, welche nun in ihrem Leben die Möglichkeit nicht hatten, sich zu bilden, gedanklich herausgefordert zu werden, um so auf die Stufe der Intellektuellen aufzusteigen. Ist es nicht so, dass diese Bezeichnung tatsächlich nur Privilegierten zukommt? Man denke an einen mittellosen Jungen, irgendwo in ärmsten Verhältnissen geboren, mit dem Drang nach Wissen. Er wird, sofern er Lesen gelernt hat, auf irgendeine, geschickte Weise Bücher auftreiben, sie studieren und mit seinen Gedanken vereinbaren, sich selbst Fragen stellen und diese seinen Mitmenschen höchstwahrscheinlich mitteilen und nachfragen. Oftmals werden Diese, erschrocken durch ihr eigenes Unwissen, obwohl Sie vielleicht einmal selbst in seinen Schuhen steckten, seine Erzählungen als Humbug, sogar Idiotie abtun und erniedrigen. Dies wird den Jungen nicht unbedingt ermutigen, seine weiteren Entdeckungen zu teilen, weshalb seine ganze Bildung auf eigener Interpretation beruht. Nun gibt es zwei Enden dieses Schicksals: 1. Er merkt, dass es auf der Welt mehr geben muss, als das, was ihm vorgesagt wird und bricht vollen Mutes auf, um es selbst zu erfahren. 2. Entmutigt von seinem Umfeld, gibt er sich mit den gegebenen Umständen zufrieden und steckt ein Leben lang am gleichen intellektuellen Fleck mit Radius von zirka zehn Wissens-Kilometern fest.
Natürlich gilt dieses Geschichtchen nicht nur Kindern in Drittweltländern, sehen Sie sich doch in Ihrem Umfeld um, wie viele Fragen von Kindern werden nicht oder gar herablassend beantwortet, aus Angst sich vor dem Kinde entblösst zu fühlen. Nun, glücklicherweise soll die Schule so eine Institution sein, die den Intellekt fördert, doch diese Meinungs-Massenabfertigung und Zerstörung des Individuums scheint dieser Erwartung nicht immer gerecht zu werden.
Gemäss Synonymwörterbuch ist ein Intellektueller: geistig, abstrakt, mit dem Verstand denkend und aufgeklärt. Menschen, die sich von (Bauch-)Gefühlen leiten lassen sind also primitiv?
„Ein Intellektueller ist einer, der sogar bei gutem Wetter Bücher liest“ (unbekannt)
Wikipedia (eine evtl. un-intellektuelle doch populäre Quelle) meint: „Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich (ok), künstlerisch (Definition?), religiös (im Ernst?), literarisch (Messlatte?) oder journalistisch (Blick?) tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat, und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht. Dabei ist er nicht notwendig an einen bestimmten politischen, ideologischen oder moralischen Standort gebunden. Der Bedeutungsinhalt des Begriffs Intellektueller wechselte im Laufe der historischen Entwicklung, eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs gab es nie.“
Will mir diese Definition weiss machen, dass nur Wissenschaftler, Künstler, Päpste und Schreiberlinge, höher in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen, demnach intellektuell sind? Kann nicht auch ein sehr belesener Handwerker intellektuell sein? Einer, der schlicht in jungen Jahren andere Interessen, als die akademischer Natur hatte, heute aber informierter ist als mancher fleissige, tunnelblickende Student? Einer, der weiss wie lange er hungern kann, bis er stirbt? Einer der weiss, wie man im Dschungel überlebt? Einer, der weiss wie man Schicksalsschläge verkraftet? Ist solch einer nicht mutiger, erfahrener, weiser, in der Hierarchie höhergestellt als der Intellektuelle, der den ganzen Tag nur liest und mal hier und mal dort philosophiert und labert? Was ist mit dem Handwerker, der plötzlich DIE IDEE hat, dann erfolgreicher Unternehmer wird, als er auf sein Bauchgefühl, seine Intuition, manchmal gar nicht auf seinen Kopf gehört hat? Er wird dem ewig Grübelnden, nicht sehr erfolgreichen, um einige Schritte voraus sein. Insgeheim, insgeheim wird der Intellektuelle auch vom Wunsch nach Erfolg, nach Wahrnehmung, nach Einfluss und finanzieller Sicherheit getrieben. Er will gehört und gesehen werden, sich exponieren. Hat er vielleicht Komplexe?
Irgendwie fallen mir gerade prompt die Herren Schawinski und Köppel in ihren Podiumsdiskussionen ein. Ja, sie informieren das Volk, sie debattieren, und trotzdem hat sich der Schawi noch nie auf eine andere Meinung eingelassen. Gemäss Wikipedia also kein Intellektueller?
Haben sich die Züge des Intellektuellen vielleicht gewandelt? Musste er früher aufklären, so ist heute fast jeder Interessierte, dem Internet sei Dank, selbst genug informiert und besitzt eine Meinung. Muss er diese nun öffentlich kundgeben, um intellektuell zu sein? Gemäss Wikipedia schon, demnach wäre jeder Facebook-er nun intellektuell? Oder religiöse Fanatiker, die lauthals gegen Verhütungsmittel propagieren? Wenn ich nun eine vorzeige-Intellektuelle sein möchte, wo sollte ich meine Meinung nun am besten posaunen?
In den Büchern von Simone de Beauvoir hat man das Gefühl ganz Paris habe aus Intellektuellen bestanden, die nichts anderes zu tun hatten, als über Gott und die Welt zu diskutieren. Tatsache: Heute gibt es keine Kaffeehäuser mehr, wie im damaligen Wien, keine geheimen Treffen im Untergrund, wie in den 30er Jahren. Es ist schlicht nicht verboten seine Meinung zu äussern, was diesen Akt möglicherweise gerade deshalb weniger interessant macht.
„Intellektuelle Erkenntnisse sind Papiere. Vertrauen hat immer nur der, der von Erfahrungen redet.“ (Herrmann Hesse)
So bleibt nur noch der eigene Freundeskreis fürs intellektuell spielen. Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umsehe, so habe nicht alle studiert und sind keineswegs stets am Weltgeschehen interessiert und auch nicht immer an dem, was ich gerade wichtig finde. Doch sind sie erfolgreiche in ihren Berufen, Hobbies und sozialen Kreisen, haben Familien, erleben Glück. Dazu geführt haben viele Kompetenzen, Auseinandersetzungen und natürliche Intelligenz geführt, um die ich sie allesamt beneide. Sie haben alle eigene Interessen, wundervolle Eigenschaften und sind vor allem tolle, unersetzbare Freunde. So picke ich mir jede Freundschaft mit Ihren Vorzügen aus und nutze diese vorteilhaft: Mit dem Einen lache ich mich über primitive Witze schlapp und lästere mal, mit der Anderen diskutiere ich mit Liebe zum Detail und gehe in Museen, mit anderen wiederum teile ich unvergessliche Momente aus der Kindheit., einer spielt mir manchmal so wundervoll Gitarre vor. Dazu brauche ich nicht zwingend einen Intellektuellen. Nicht jeder von ihnen mag Wissenschaftler oder Schriftsteller sein, doch wissen Sie in ihren jeweiligen Fachgebieten mehr, als ich jemals zu wissen vermag und – sie wissen mich zu berühren. Für diese Bereicherung meines Lebens danke ich und sage: egal welchen Titel wir uns gerne selber zuschreiben würden, nichts ist so erfüllend wie das Wissen und die Wertschätzung eines jeden Freundes. – Ja, eines jeden Menschen.