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En attendant Godot war vor Jahrzehnten meine Maturlektüre im Fach Französisch. (Matur, für Nicht-Schweizer, entspricht dem deutschen Abitur. Und zumindest zu meiner Zeit war es noch so, dass – egal welche Ausrichtung man gewählt hatte, naturwissenschaftlich, wirtschaftlich oder sprachlich – Französisch als zweite Landessprache auch erste und obligatorische Fremdsprache war.) Ich erinnere mich noch gut, wie ich meinem Vater sagte: „Ich brauche drei Bücher auf Französisch für die Prüfung!“ Und siehe da: Er tat, was er noch nie getan hatte: Er packte mich ins Auto und wir fuhren vom kleinen Provinzkaff, in dem wir lebten, in die Großstadt Zürich. Dort suchten wir eine französische Buchhandlung auf, die, wenn ich mich recht erinnere, an der renommierten Bahnhofstrasse residierte. (Es gibt sie schon lange nicht mehr … 🙁 ) Da stand ich in der riesigen Auswahl und durfte suchen. Meine Selektionskriterien waren klar: Die drei Texte mussten kurz sein, leicht verständlich, also 20. Jahrhundert, und dennoch zur französischen Hochliteratur gehören, so dass mein Prof sie akzeptieren würde. Wenn ich mich recht erinnere, fiel meine Wahl auf ein Drama von Camus, eines von Sartre – und eben auf En attendant Godot. Als knapp 20-Jähriger glaubte ich, etwas vom Existenzialismus Camus’ oder Sartres verstehen zu können. Auch wusste ich, dass mein Lehrer sich als Spezialisten für den Existenzialismus empfand, und so dachte ich, dass meine mündliche Prüfung über eines der beiden existenzialistischen Werke sein würde. Dem war nicht so, und ich kam über Godot gehörig ins Schwitzen. Ich hatte, um offen zu sein, nicht verstanden, worum es in diesem Stück gehen könnte.
Jetzt, Jahrzehnte später, habe ich es wieder gelesen – immer noch in derselben Ausgabe, die mir damals mein Vater in Zürich gekauft hatte (das Büchlein ist, anders als so manches andere, über all die Jahre treu bei mir geblieben und hat Dutzende von Umzügen mitgemacht). Und ich muss offen gestehen, ich verstehe es immer noch nicht. Ich habe in der Zwischenzeit eine Aufführung gesehen, in der das Stück als zirkusartiger Slapstick zwischen mehreren Clowns inszeniert wurde. Das leuchtete mir damals ein, leuchtet mir jetzt auch bei einer erneuten Lektüre ein. En attendant Godot ist nicht Kafka, denn Kafkas Protagonisten haben alle ein Ziel. Becketts Personen haben keines. Es ist Banalität, banal dargestellt – und deswegen absurd. Denn es steht kein irgendwie geartetes „höheres Ziel“ hinter den Interaktionen der Figuren auf der Bühne. Auch nicht im Hinterkopf des Autors, wage ich zu behaupten. Es ist banaler Alltag, der hier vorgestellt wird. Zum absurden Slapstick wird das Stück, weil keiner der Protagonisten den andern wirklich versteht, ihm wirklich zuhört. So mancher Wortwechsel, vor allem zwischen Estragon und Vladimir, könnte aus einem Tonmitschnitt einer Diskussion zwischen langjährigen Eheleuten entnommen sein. Die Absurdität der Szenen entsteht vor allem dadurch, dass sie sich – mit Ausnahme Estragons – nicht daran erinnern können, was sie vor einer Minute gesagt haben. Aber, fragt man sich als Leser / Zuschauer, vielleicht liegt gerade Estragon falsch und glaubt, sich an Dinge zu erinnern, die nie stattgefunden haben? Und so, weil sich keiner an ein Gestern erinnert, gibt es für die Figuren von En attendant Godot auch kein Morgen. Dieselbe Tretmühle – nur anders.

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