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1911 gab Fritz Medicus, Philosophie-Professor an der ETH Zürich, in 6 Bänden die Hauptwerke des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte heraus. Diese Ausgabe versammelt alle wichtigen Werke Fichtes, primär also einmal die philosophischen. Sie ist neben der umfangreicheren Ausgabe, die Fichtes Sohn Immanuel Hermann veranstaltet hat, zu einer Referenz-Ausgabe geworden, um so mehr, als sie Fichtes Werke in chronologischer Reihenfolge der Veröffentlichung aufführt und sogar historisch-kritisch ist, insofern sie von allen zu Lebzeiten Fichtes und von ihm veranlassten Ausgaben desselben Textes miteinander vergleicht und Varianten anführt. Sogar eigenhändige Notizen Fichtes in seinem Handexemplar, die den Weg in eine gedruckte Ausgabe zu Lebzeiten des Philosophen nicht mehr schafften, werden angeführt. Diverse Male schon – zuletzt 2013 – wurde diese Referenz-Ausgabe bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft nachgedruckt, aktuell bei deren Imprint Lambert Schneider.
In einem kurzen Vorwort zur Ausgabe von 2013 weist Reinhart Hiltscher auf die philosophiegeschichtliche Situation der Fichte-Forschung hin. Schon früh (1921) hatten Hegelianer die Geschichtsschreibung der Philosophie so weit im Griff, dass der sog. Deutsche Idealismus als Weg begriffen wurde, der bei Kant anhob und in Hegel seine Vollendung fand – Fichte war da nicht einmal Teil eines dialektischen Dreischritts. Dabei, meint Hiltscher (und ich gebe ihm Recht), war der Neukantianismus (v.a. in seiner Südwestdeutschen Ausprägung) in vielem, im meisten, eigentlich ein Neufichteanismus. Auch Medicus ist dieser Strömung zuzurechnen; er war eine Zeitlang Assistent Vaihingers.
Die Vereinnahmung Fichtes durch den Nationalsozialimus hat dessen unvoreingenommene Rezeption weiter behindert. Erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte diese ein.
Nun also zum ersten Band der Medicus-Ausgabe. Der enthält gemäss den Prinzipien der Ausgabe Fichtes allererste Werke; namentlich anzuführen wären: Versuch einer Kritik aller Offenbarung und diverse Texte zur Wissenschaftslehre, alle mit Erstpbulikation zwischen 1794 und 1795.
Versuch einer Kritik aller Offenbarung
Mit diesem Text wurde Fichte in der philosophischen Welt schlagartig berühmt. (Und die philosophische Welt beinhaltete damals jeden Intellektuellen; jeden, der mehr las, als nur die Billets doux seiner Geliebten.) War Fichte vorher einer der vielen akademischen Studien-Hopper und -Abbrecher ohne rechte Begabung zum Hofmeister – also ein Versager – war er nun ein Star. Der Text war ohne Angabe des Verfassers erschienen – was Fichte zeitlebens als Versehen markierte. Ob Versehen oder nicht: Man hielt den Versuch einer Kritik aller Offenbarung für das lange erwartete Werk Kants zur Religionsphilosophie. Kant lüftete den Schleier rasch; und Fichte stand im Rampenlicht.
Fichte geht die Aufgabe in zwei Schritten an. Zuerst versucht er – ganz zart – ob sich nicht eventuell Gott doch mit dem ontologischen Gottesbeweis sicher stellen lassen könnte. Er bricht diesen Versuch für mein Gefühl dann aber recht unentschieden ab. Einerseits ist in Fichte der aufklärerische Impetus, der sogar einen vorsichtigen Kant sagen liess, dass Gott zumindest nicht bewiesen werden kann, zu gross, als dass er seinem philosophischen Ziehvater widersprechen möchte, andererseits kann man nicht übersehen, dass der ehemalige Theologie-Student noch Eierschalen seines Studiums an sich hat. (Was u.a. dazu führt, dass sich weite Teile des Versuchs einer Kritik aller Offenbarung lesen, wie wenn ein mittelalterlicher Scholastiker sie geschrieben hätte.) Nachdem Gott zumindest als Arbeitshypothese feststeht (wenn auch nirgends als solche deklariert wird), geht Fichte daran, die Möglichkeit einer Offenbarung zu untersuchen. Hier ist er in der Methode zwar immer noch sehr scholastisch, im Ergebnis aber klar und eindeutig: Der Mensch ist nicht in der Lage, eine Offenbarung von einer Sinnestäuschung oder geistiger Umnachtung zu unterscheiden.
Die „Wissenschaftslehre“
Fichtes „Wissenschaftslehre“ existiert in vielen über das ganze Leben des Philosophen verteilten Versionen, da Fichte immer wieder daran werkelte. Die frühen Versionen, die uns hier interessieren, stellen einen Versuch dar, dem Leser nachzuweisen, wie Kants synthetische Urteile a priori entstehen.
Fichte verfährt dabei more geometrico. Auch wenn er sich von Spinozas Dogmatism abgrenzt – er verwendet dieselbe Methode und krankt am selben Übel. Spinozas Methode verlangt, dass der Philosoph Axiome verwendet, die er als evident annimmt, die dies aber nicht so unbedingt sind, wie es der Philosoph gern haben möchte. So bei Spinoza, so bei Fichte.
Fichte beginnt in der Logik, mit dem Satz A = A. Daraus folgert er, dass auch B = B. Obwohl er im Verlauf seiner Ausführungen genau dieses Vorgehen als Fehler anprangert, kommt er nun in einer Art Hypostasierung auf den Satz Ich = Ich – was er als „Das Ich setzt sich selber“ verdeutscht. Woher dieses Ich kommt, und weshalb es so evident sein soll, wie Fichte postuliert, wird nicht erklärt. Als nächstes wird aus dem Satz A = B die (mögliche) Existenz auch eines Satzes B = -A gefolgert. Recht kompliziert wird das schliesslich so übersetzt, dass das Ich das Nicht-Ich setzt, sich selber eingrenzt, zugleich aber auch das Ich das Nicht-Ich vereinnahmt und als sich selber betrachtet. Ich und Nicht-Ich sind so immer zugleich von einander abhängig und unabhängig.
Ich habe oben den Begriff ‚Hypostasierung‘ gebraucht, und genau in dem Sinn ist ja Fichtes Wissenschaftslehre von Jean Paul in seiner Figur Schoppe-Leibgeber ad absurdum geführt worden. Es ist aber festzuhalten, dass zumindest in diesen frühen Versionen Fichte sich ebenso von jeder Hypostasierung distanziert, wie vom Idealismus eines Berkeley, wie von der prästabilierten Harmonie eines Leibniz. (Auch wenn beide – neben Kant – bei Fichtes System Pate standen.) Für Fichte war dieses Ich in den frühen Versionen der Wissenschaftslehre eine völlig abstrakte Entität – quasi das Erkenntnisvermögen an sich. Nicht der Mensch an sich (bzw. als biologische Gattung), schon gar nicht ein bestimmter Mensch. Auch nicht (ein) Gott. Insofern hat sich der frühe Fichte subjektiv zu Recht vom Idealismus abgegrenzt und der Kritik Kants zugerechnet, der ja selber auch kein Idealist sein wollte. Dass später objektiv die Philosophiegeschichte bereits in Kant ein neues Aufblühen des Idealismus erkennen konnte, zeigt, dass sich Kant und Fichte in vielem auch selber missverstanden haben, bzw. dass sie die Konsequenzen aus ihrem Denken nicht immer fertig gezogen haben. Zumindest der frühe Fichte turnt nicht im leeren All mit dem Weltgeist herum, auch wenn erste Ansätze zu Hegels dialektischem Dreischritt durchaus zu erkennen sind. Doch noch ist Fichte Aufklärer genug.
Die Lektüre Fichtes ist nicht einfach; Fichtes Stil – v.a. wenn’s um die Wissenschaftslehre geht – fast noch gewundener, scholastischer als der Kants. Ich erhebe hier keinen Anspruch auf eine korrekte oder gar tiefschürfende Analyse der Wissenschaftslehre. Dafür bedürfte es Jahre an ausschliesslichem Studium der verschiedenen Versionen. Ich, der ich aus Spass an der Freud‘ lese, kann das nicht leisten.