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Hilal, ein türkisches Mädchen, kam zu mir in die erste Klasse. Im Kindergarten hatte sie kaum gesprochen. Ihre Eltern, schon längere Zeit in der Schweiz wohnhaft, erzählten, dass sich Hilal in ihrer Muttersprache sehr gut ausdrücken könne und normal mit ihnen und den beiden Brüdern kommuniziere.
Hilal ist ein kleines, zierliches Mädchen, welches sehr exakt und zuverlässig arbeitet. Nur sprechen wollte sie nicht. An ihren Augen und ihrem gesamten Ausdruck merkte man, dass sie interessiert und ganz bei der Sache war.
Innerhalb eines halben Jahres lernte sie alle Buchstaben und lesen. Nach einigen Monaten in der Schule freundete sie sich mit Emire, einem Mädchen aus Bosnien, an. Die zwei verabredeten sich auch ausserhalb der Schule. Emire sprach kein Türkisch, und so mussten sie sich zwangsläufig auf Deutsch unterhalten. Einige Wörter genügten ihnen, um sich verständigen zu können. Vieles wurde mit Handzeichen und nonverbal geklärt.
In einigen Elterngesprächen versuchte ich die Ursache herauszufinden, weshalb Hilal so zurückhaltend war. Ihr älterer Bruder übersetzte jeweils die Gespräche. Hilal war schon überall bekannt als das Mädchen, das nicht spricht. Auf die Aufforderung der Lehrerin, im Klassenunterricht mitzumachen, blieb sie stumm. Nur in der Zweiersituation sagte sie manchmal zögerlich einige Wörter. Von den lauten, schnellen, drängelnden Mitschülern wurde sie oft überrumpelt. Oft fragte ich mich, wie sie die Pausen verbrachte. Abseits stand sie jedoch nie.
Nach einem Jahr musste ich überlegen, wie es mit Hilal weitergehen sollte. Wenn sie nicht begänne mitzusprechen, würde sie nicht mithalten und ihre sprachlichen Fähigkeiten nicht entwickeln können.
Ich lud die Eltern erneut zu einem Gespräch ein. Diesmal kam die Mutter mit einer türkischen Übersetzerin. Sie war sehr erstaunt, was ich ihr über den schulischen Stand ihrer Tochter berichtete. Sie war sich der Schwierigkeiten und deren Konsequenzen für die schulische Zukunft nicht bewusst. Es stellte sich heraus, dass der ältere Bruder aus Rücksicht auf die kleine Schwester nicht richtig übersetzt hatte. Die Mutter erzählte, dass Hilal zu Hause sehr störrisch sein konnte und Wutanfälle produzierte, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt wurden. Ich bestärkte die Mutter darin, von ihrer Tochter zu verlangen, dass sie mit ihren Affekten aufhört und ihre Bedürfnisse und Wünsche ausdrückt wie alle anderen auch. Sie musste auch akzeptieren, was ihre Mutter von ihr verlangt.
Im Gespräch mit der Mutter wurde klar, dass Hilals Zurückhaltung in der Schule damit zu tun hatte, dass sie sehr ehrgeizig war, keinen Fehler machen und die Beste sein wollte. Mit dieser Hypothese gelang es, von Hilal mehr in der Schule zu fordern.
Schon nach einigen Wochen war die Wand des Schweigens gebrochen und Hilal sprach selbstverständlich mit. Nicht etwa leise und zögerlich. Nein, wie es ihrem Temperament entsprach, sprudelnd und laut. Auch wenn Hilals Wortschatz noch gering war und sie in den Satzstrukturen Fehler machte, verstand man immer, was sie meinte.
So konnte sie ihre Sprachfertigkeiten entwickeln. Wäre ich beim Bild der zierlichen, kleinen, scheuen Hilal geblieben, würde sie vielleicht heute noch nicht sprechen. Vielleicht hätte sie den Status einer Sonderschülerin erhalten. Wie sich das auf ihre schulische Laufbahn und ihren Werdegang überhaupt ausgewirkt hätte, können wir nur erahnen.
Dieses Beispiel zeigt, wie sehr jedes Kind in der Gemeinschaft mitmachen und seinen Platz von gleich zu gleich ausfüllen möchte. Durch den Erwerb der deutschen Sprache wird ein Baustein zur Integration in unsere Gesellschaft gelegt. •
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