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Und so kann man durchaus behaupten, dass es der Nationalismus war, der die Nation schuf (und nicht etwa umgekehrt). Der Wunsch nach politischer Legitimität hat zahlreiche Historiker im 19. Jahrhundert auf den Plan gerufen, diese Ansprüche durch eine geschichtlich fixierte „erste“ Landnahme anzumelden, wobei die dafür entscheidende Epoche jene des Frühmittelalters war. Geary zeigt nun, dass das Verständnis von Nationen schon im Römischen Reich keineswegs auf ethnischer Herkunft basierte, sondern vielmehr eine konstitutionelle Auffassung vorherrschte. Die Trennung zwischen römischem Bürger und Barbaren wurde schließlich im Jahr 212, als praktisch alle Bewohner des Imperiums aus steuerlichen bzw. militärischen Gründen zu römischen Bürgern werden, endgültig obsolet: Plötzlich verstanden sich die im Grenzgebiet siedelnden Stämme als Teile des römischen Imperiums und keineswegs mehr als Germanen, Kelten, Illyrer oder Skythen. Und auch die sich unter verschiedenen Barbarenführern für längere oder kürzere Zeit bildenden militärischen Zusammenschlüsse waren alles andere als homogen: Oft waren es nur die führenden politischen Familien (die selbst häufig eine mythische Herkunft konstruierten), die die Macht über andere Völkerschaften übernahmen und diese für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten machtpolitischen Zweck instrumentalisierten. Keinesfalls aber waren es ethnisch homogene Gruppen, die sich da zusammenschlossen: Beispielhaft ist etwa die fränkische (und also germanische) Führungselite, die diesen ihren Anspruch (in keltischen Gebieten) durchsetzen konnte (und sogar namensgebend für die spätere Nation wurde).
Egal ob es sich um Spanien handelt oder die Vermischung des awarischen Reiches mit nachdringenden Slawen: Nirgendwo kann auch nur in Ansätzen von „Nationen“ in dem Sinn gesprochen werden, wie dies – von nicht nur nationalistischen – Politikern unserer Zeit wie selbstverständlich vorausgesetzt wird. Zufälligkeiten spalten solche Völker (wie etwa die Kroaten und die Serben, die unterschiedlich missioniert wurden, deren sprachliche Unterscheidung aber – trotz größten Bemühens heutiger Eliten – nicht wirklich gelingen will); die im Rahmen der Völkerwanderung entstehenden Reiche (beispielsweise der Langobarden oder Westgoten) vermischen sich schon nach kurzer Zeit mit den einheimischen Eliten (jenen „Römern“, die erst wenige Jahrhunderte zuvor von Barbaren zu Bürgern mutiert waren) – und das trotz mancher gesetzlicher Bemühungen (z. B. der Westgoten in Spanien), eine solche Verschmelzung zu vermeiden.
So bleibt von allen Nationen nur die aus dem 19. Jahrhundert herrührende Legende eines einheitlichen Volkes, die für keine einzige Nation auch nur in Ansätzen historisch aufrecht erhalten werden kann. Die sprachliche Homogenität wurde fast immer erst post festum verordnet (so waren sogar in Frankreich, das bereits sehr lange auf ein einheitliches Siedlungsgebiet zurückblicken konnte) um 1900 nur etwa 50 % der Bevölkerung französisch sprechend. Dergleichen Sprachfestsetzungen gab es auch im holländisch-friesisch-deutschen Bereich (oder derzeit im ehemaligen Jugoslawien). Nirgendwo aber besteht jene Einheit und Homogenität, die von nationalistischen Politikern jedweder Couleur so gerne in Anspruch genommen wird: Dies sind Schimären, die erst nach Gründung der Nationalstaaten als Legitimitätsnachweis dienten.
Trotz dieser sehr aktuellen Thematik und einer wunderbar klaren Sprache des Autors hat dieses Buch nicht das Zeug zum Bestseller: Ohne eine passable Kenntnis der historischen Verhältnisse des Frühmittelalters (bzw. der Spätantike) wird man über die zahlreichen Völkernamen, ihre Landnahmen und Verschmelzungen in einige Verwirrung geraten. Der völlige Mangel an Karten und ein nur wenige Daten auflistender Anhang erleichtern die Lektüre nicht unbedingt: Eine Neuauflage sollte diese Mängel unbedingt beheben. Davon abgesehen aber ein glänzendes und höchst aktuelles Buch.
Patrick J. Geary: Europäische Nationen im frühen Mittelalter. Zur Legende vom Werden der Nationen. Frankfurt a. M.: Fischer 2002.