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Im September 1991 präsentierte Mercedes-Benz auf der IAA in Frankfurt die fünfte Karosserievariante der 124er-Baureihe – das Cabriolet A124. Erstmals nach 20 Jahren hatte Mercedes nun wieder ein viersitziges Cabriolet im Angebot. Was auf den ersten Blick nur als ein „aufgeschnittenes Coupé“ empfunden werden könnte, verschlang eine Menge Entwicklungsarbeit und konnte nur mit hohem konstruktivem Aufwand realisiert werden. Viele Karosserieteile mussten angepasst, verstärkt oder modifiziert werden, um das Cabriolet in Sachen Fahrkomfort und Steifigkeit in etwa auf das Niveau der Limousine zu bringen. Ursprünglich sollte aber nicht die E-Klasse ein Cabriolet bekommen, sondern der kleine Bruder, der „Baby-Benz“.
Auf Basis des „Baby-Benz“, der Baureihe W201, entstanden zwei Prototypen eines viersitzigen Cabriolets. Bei diesen Prototypen, die bei Porsche im Auftrag von Mercedes-Benz realisiert wurden, ging es primär um die Entwicklung eines Verdeckmechanismus und dessen Integration in die Karosserie des W201. Die Designabteilung von Mercedes-Benz hatte keinen Einfluss auf die Entwicklung dieser Prototypen. Dennoch war das Ergebnis nahezu serienreif und liess erst bei genauerem Hinsehen vermuten, dass es sich nur um Prototypen handelte. Da der Lebenszyklus der Baureihe W201 sich langsam dem Ende näherte, wurde die Entwicklung auf die 124er Baureihe übertragen und fortgeführt.
In den letzten Jahren präsentierte Mercedes-Benz ein Exponat im Glaskasten im Parkhaus des Mercedes-Museums; es wurde auch auf Messen ausgestellt, was einigen der Designern von damals aufgrund des teils unstimmigen Designs nicht recht gefiel.
Steife Sache
Auf der IAA 1991 in Frankfurt konnte Mercedes schliesslich das fertig entwickelte und von den Designern abgesegnete Cabriolet auf Basis der 124er-Baureihe präsentieren. Der Hauptteil der Entwicklungsarbeit bestand darin, die Karosseriesteifigkeit, die sich aufgrund des fehlenden Dachs konstruktionsbedingt dramatisch verschlechtert, zu kompensieren und auf ein ähnliches Niveau wie beim Coupé zu bringen. Rund 1.000 Teile mussten neu konstruiert werden. Sämtliche tragenden Teile wurden aus dickerem bzw. hochfestem Stahlblech hergestellt. Die Stellen,die besonders hohen Kräften ausgesetzt sind, wurden zusätzlich mit Dopplern, Knotenblechen oder Streben verstärkt. In der Entwicklung stellte sich heraus, dass die bereits beim SL (R129)eingesetzten Diagonalstreben, die vier Ecken des Karosseriebodens mit dem Motorquerträger und der Reserveradmulde verspannen, besonders effektiv sind. Die 28 kg, die beim Entfernendes Dachs eingespart wurden, mussten mit etwa 130 kg kompensiert werden.
Ein weiteres Problem, das konstruktionsbedingt durch das fehlende Dach auftritt: Karosserieschwingungen, die den Komfort deutlich senken. Zur Komprensation wurden im linken Dämpferbein, im Dachrahmen und in den seitlichen Kofferraummulden Schwingungstilger angebracht, die weitere 26 kg zum Fahrzeuggewicht beitragen.
Der Sicherheitsstandard war nach allen Modifikationen auf einer Höhe mit den anderen Karosserievarianten dieser Baureihe. Es fehlte aber noch ein, besonders bei Cabriolets wichtiger Aspekt– der Insassenschutz. Das Fehlen eines seitlichen Dachrahmens erfordert zusätzliche Massnahmen für den Fall eines Überschlags. Innenliegende Profilbleche wurden mit den knickgefährdeten Bereichen der A-Säule verschweisst, wodurch beim Dachdrucktest ein ähnliches Niveau wie bei der Limousine erreicht wurde. Ein Extremversuch, bei dem das Fahrzeug an einer A-Säuleaufgehängt wurde, bewies eindrucksvoll die Festigkeit der Konstruktion. Besonders für die Fondpassagiere musste aber zusätzlich ein Überrollbügel integriert werden. Der aus dem SL (R129)bekannte Drehbügel hätte im Ernstfall beim blossen Auslösen durch Kopfkontakt Verletzungen hervorgerufen und war dadurch unbrauchbar. Stattdessen wurden hinter den Fondsitzen Linearbügel integriert, die sich bei einem Überschlag innerhalb von 0,3 Sekunden nahezu senkrecht aufstellen. Diese Bügel dienen gleichzeitig als Kopfstütze für die Fondpassagiere und lassen sich daher auch manuell aus- und wieder einfahren.
Das Verdeck
Viele technische Raffinessen machen das 43 kg schwere Stoff-Verdeck zu einem technischen Highlight des Cabriolets der 124er-Baureihe. Mit 27 Gestängeteilen und 34 Gelenken nimmt das Verdeck im eingefahrenen Zustand ein Volumen von nur 80 Litern ein, was dem Kofferraumvolumen zu Gute kommt. Die beheizbare Heckscheibe aus Sicherheitsglas bietet eine verzerrungsfreie Sicht nach hinten und ist mit einem Doppelrahmen bündig mit der Aussenhaut verschraubt. Auf Wunsch war eine elektrohydraulische Verdeckbetätigung erhältlich, die komfortables Öffnen und Schliessen des Verdecks ermöglicht. Die in der rechten Kofferraummulde angebrachte Hydraulikeinheit arbeitet mit sechs kompakten Hydraulikzylindern und 180 BarDruck, mit der Überwachung von zehn Ventilen und zwölf elektrischen Endschaltern, um den Ablauf der drei Schwenkbewegungen und das korrekte Einrasten der Verschlüsse zu gewährleisten. Zusätzlich wird während der Fahrt die Verriegelung überwacht.
Frühe Modellpflege
Erst sechs Monate nach seiner Vorstellung, im März 1992, lief die Serienfertigung im Werk Sindelfingen an. Der A124 war zunächst nur als 300 CE-24 Cabriolet mit dem 3-Liter M104 E30Reihensechszylindermotor mit Vierventil-Technik erhältlich, der allerdings schon kurz vor einer Überarbeitung stand. Ab Oktober 1992 wurde der überarbeitete Motor M104 als E32 mit 3,2Litern Hubraum angeboten. Aufgrund seines späten Erscheinens übersprang das Cabriolet die erste Modellpflege der 124er Baureihe und erfuhr 1993 direkt die zweite Modellpflege der Baureihe, die unter anderem, passend zu C- und S-Klasse, den neuen Plakettenkühlergrill einführte, und serienmässig weisse Blinker bekam. Neben dem überarbeiteten Reihensechszylinderwurden ab 1994 mit dem E 200 und dem E 220 auch Vierzylindermotoren angeboten.
Vom Oktober 1996 bis Juli 1997 konnte das Cabriolet zum Abschluss der Baureihe als Sondermodell Final Edition (SA-Code 907) geordert werden. Diese sind an den schwarz-braunen Wurzelholzeinlagen zu erkennen, die auf Wunsch auch durch die vom E500 bekannten schiefergrauen Holzeinlagen ersetzt wurden. Im Gegensatz zu den konventionellen Varianten war bei derFinal Edition nur eine schwarze Lederinnenausstattung erhältlich. Eine manuelle Klimaanlage, Tieferlegung und AMG-Leichtmetallfelgen gehörten zur Serienausstattung der Sonderedition.
Die mit Abstand begehrenswerteste Variante ist allerdings der E 36 AMG, der ab September 1993 erhältlich war. AMG-typisch wurden dezente Verbreiterungen an Heckschürze,Seitenschwellern und Frontschürze angebracht. Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind die zusätzlichen Nebelscheinwerfer in der Frontschürze. Zusätzlich wurde der AMG leicht tiefer gelegtund serienmässig mit 17-Zoll Leichtmetallrädern ausgestattet. Durch Motortuning konnte AMG aus dem 3,2 Liter Reihensechszylinder durch Aufbohren auf 3,6 Liter und weitere Massnahmensatte 265 PS holen. Lediglich 68 Stück wurden mit AMG über das Daimler-Benz Vertriebsnetz angeboten, was ihn zu einem besonders seltenen und begehrenswerten Klassiker macht.
Begehrter Klassiker
Das 124er Cabriolet gehört zu den begehrtesten Youngtimern und profitiert vom hervorragenden Ruf der 124er Baureihe – und das zu Recht! Und – das ist auch kein Geheimnis – es bringt ein hohes Wertsteigerungspotential mit sich. Die Preise für gute Exemplare steigen immer weiter. Gute Sechszylinder mit wenig Laufleistung sind kaum mehr zu finden. Wer einen hat, behält ihn in den meisten Fällen. Nicht wenige leiden unter den amateurhaften Tuningversuchen ihrer Besitzer, andere wiederum suchen mit manipuliertem Tacho einen naiven Käufer. Wer sich mit einem Vierzylinder zufrieden gibt, hat bessere Karten, ein gutes Cabriolet zu finden. Fahrzeuge ab der zweiten Modellpflege sind im Grossen und Ganzen, aufgrund der Umstellung auf Lackeauf Wasserbasis, etwas anfälliger für Rost, wobei die Pflege und eine gewissenhafte Wartung eher ausschlaggebend sind. Die Schwachpunkte sind im Grossen und Ganzen mit den anderen Karosserievarianten identisch. Für diejenigen, die eine Final Edition zu einem annehmbaren Preis und in vernünftigem Zustand finden, möchten wir eine absolute Kaufempfehlungaussprechen. Für ein E 36 AMG Cabriolet muss man sich in Geduld üben und vermutlich seine Lebensversicherung kündigen – vielleicht auch noch den Bausparvertrag. Denn unter 20.000Franken, und da reden wir über ein Fahrzeug in fragwürdigem Zustand, ist nicht viel zu machen.
Man kann dem 124er-Cabriolet bis auf seinen hohen Anschaffungspreis höchstens etwas Nüchternheit, oder ein Hauch zu viel Sachlichkeit, vielleicht gar Schüchternheit vorwerfen. Der AMG lockert das Bild hingegen etwas auf. Im Grossen und Ganzen ist das 124er Cabriolet ein Auto, das klassische Mercedes-Tugenden gekonnt in Szene setzen kann und hervorragend entwickeltund konstruiert wurde. Somit hat es sich den Platz als begehrtenswerter Klassiker ganz sicher verdient.
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