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Einem breiten Publikum ist Dieter Meier vor allem als Sänger der Elektropop-Band «Yello» bekannt. Die Zürcher Galerie Baviera zeigt noch bis am 12. August die fotokünstlerischen Doppelporträts von Dieter Meier «As Time Goes By» und «Possible Beings». Ihre Entstehungsgeschichte reicht in die 1970er Jahre zurück.
Die fiktionale Inszenierung mithilfe fotografischer Abbildungen ist so alt wie das technische Verfahren. Zu verdanken haben wir dies dem begnadeten Selbstdarsteller Hippolyte Bayard. Mit der von ihm entwickelten Fototechnik ist er nicht als Erfinder der Fotografie zu Ruhm und Ehre gekommen, deshalb habe er aus Enttäuschung Selbstmord begangen, liess er verbreiten.
Fiktionale Selbstinszenierung von Hippolyte Bayard, 1840. Er habe sich wegen der ungerechten Bevorzugung Daguerres durch den französischen Staat ertränkt. Hände und Füsse würden sich, wie es ihre dunkle Farbe zeige, bereits zu zersetzen beginnen.
Mit nacktem Oberkörper und geschlossenen Augen war er auf einer Fotografie mit malerischer Qualität als schöne, junge Leiche zu sehen. Bis zum heutigen Tag erfreut sich die Nachwelt am berühmten Bild von 1840 als Antwort auf die narzisstische Kränkung des verkannten Fotopioniers. Mit seiner gekonnten Inszenierung als Selbstmörder, die er durch einen erläuternden Text durchaus mit Augenzwinkern belegte, ist Bayard dann doch noch, zumindest als Pionier der fiktionalen Fotografie, in die Analen der Geschichte eingegangen.
Dieter Meier «Flavio ‚Pipo‘ Razzetti», 1973. Der kokainsüchtige Student begann Drogen von Bolivien nach Europa zu schmuggeln und wurde letztmals in Kolumbien gesehen.
Mit öffentlichen Selbstinszenierungen machte Dieter Meier 1969 ganz am Anfang seiner Karriere erstmals auf sich aufmerksam. Die neue moderne Kunstrichtung hiess Konzeptkunst. Von Aktionen, Performances und Happenings war in den 60er Jahren die Rede. So zählte Meier denn auf dem Heimplatz unmittelbar vor dem Kunsthaus Zürich vom 17. bis zum 21. November 1969 während fünf Arbeitstagen je acht Stunden lang jeweils tausend Metallstücke ab und packte diese in Plastiksäcke.
Happening im November 1969 auf dem Zürcher Heimplatz: Dieter Meier packte jeweils 1000 Metallstücke in Plastiksäcke ab
1971 stand er während zwei Stunden beim Eingang des New York Cultural Center mit gerichtetem Revolver. Ihm zu Füssen lag ein Schild mit der beruhigenden Information «THIS MAN WILL NOT SHOOT». Ebenfalls 1971 bestätigte er als Strassenkünstler in New York das «Yes» oder «No» von Passanten, indem er ihnen das Wort für einen Dollar abkaufte. Von einem breiten Publikum wurde der Sohn eines Privatbankiers hauptsächlich als Bürgerschreck und Tunichtgut wahrgenommen, die «Spinnereien» stiessen auf Unverständnis, ja gar auf Ablehnung. Eigentliche Originale, also Kunstwerke, die in Galerien hätten veräussert werden können, entstanden natürlich keine. Einzig dokumentarische Fotografien belegen die Selbstdarstellungskünste des Dieter Meier von anno dazumal.
Dieter Meier «Erwin ‚Radu‘ Stangel», 1973 und 2005. Der Möbelverkäufer begann die Stimme Jesu zu hören und gründete eine Sekte.
Eine erste fotografische Serie präsentierte Meier schliesslich 1975 in einer Gruppenausstellung in der städtischen Kunstkammer Zürich, wie das Museum Strauhof damals hiess. Zu sehen war das Ergebnis einer lustvoll verspielten Zusammenarbeit zwischen Bice Curiger und Dieter Meier aus den Jahren 1973 und 74. Die Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin erinnert sich, dass sie diese Fotos mit grossem Einsatz und Inbrunst gemacht habe und sich noch heute darüber freue. Fotografiert wurde vornehmlich in Curigers Wohnung und im Elternhaus von Meier. Das harte Kunstlicht nutzte die studierte Kunsthistorikerin fast ausschliesslich als direktes oder seitliches Unterlicht: Gespenstische Schlagschatten oberhalb des Porträtierten an der unmittelbar dahinter liegenden Wand lassen die Lichtführung erkennen.
Dieter Meier «Ken J. Lamare», 1974 und 2005. Wuchs als polnischer Immigrant in Chicago auf. Nach einem schweren Unfall, der ihn ein Jahr ans Bett fesselte, begann er Science Fiction Romane zu schreiben.
Meier erinnert sich, dass Curiger mit seiner Nikon fotografiert habe; offenbar wurde ein 50 mm Normalobjektiv benutzt. Im Pelz gefütterten Wintermantel, im offenen Hemd, im Anzug mit oder ohne Kravatte, mit Halstüchlein oder im Unterhemd posierte Meier mit verschiedener Mimik und Gestik; zumeist blickte er ernst in die Kamera oder an dieser vorbei, selbstverliebt, eitel, etwas unsicher oder auch ganz selbstbewusst. Curiger machte von jedem Setting Varianten von Aufnahmen. Benutzt wurde ein Kodak Tri X Schwarzweissfilm, der damals besonders beliebt war. Reizvoll sind vor allem die Fotografien des jungen, hübschen Mannes mit nacktem Oberkörper. Die Aufnahmen rufen Bilder von Teenageridolen wie James Dean oder Rock Hudson wach und verströmen Sexappeal.
Dieter Meier «Lawrence Tovey», 1973-2016. Er studierte Kunstgeschichte in Oxford und begann zu zeichnen.
Meier hatte keine Ausbildung als Künstler, beispielsweise an der Kunstgewerbeschule in Zürich, vorzuweisen, Curiger war keine professionelle Fotografin. Nichtsdestotrotz haben die 1973 und 74 entstandenen Inszenierungen auch heute noch Bestand. So erinnert sich die Fotografin Barbara Davatz an die Serie mit Dieter Meiers Konterfei mit gewelltem Pagenschnitt. Man habe viel gelacht damals, ja Bice Curiger und Dieter Meier seien gut befreudet gewesen, weiss sie. Meiers Assistent, Peter Vitzthum, der Meier 1974 ebenfalls vor einer Wolldecke als Hintergrund porträtierte, habe sich im Fotolabor, das Davatz zusammen mit dem Fotografenkollegen Iwan Schumacher besass, eingemietet und nächtelang Vergrösserungen angefertigt.
Dieter Meier «Peter Hampel», 1974-2005. Aus dem einstigen Studenten der Quantenphysik an der Universität Wien wurde ein Schriftsteller und angesehener Gelehrter der deutschen Literatur.
In der Galerie Baviera begegnen uns die Fotografien, die in der Schweizer Foto- und Kunstszene bereits Geschichte geschrieben haben, unter dem Titel «Possible Beings» wieder. Silvio Baviera hat mit Dieter Meier seit den 70er Jahren 19 Ausstellungen realisiert. Im Jahr 2005 waren einige der fiktionalen Figuren, die nun einen Namen bekommen haben, in ebendieser Galerie unter dem Titel «As Time Goes By, 1974–2005» ausgestellt, ergänzt mit von Martin Wanner hergestellten Farbfotografien, die die Typen jetzt als ältere Herren zeigen. Sie sind neu in Schwarzweiss wiedergegeben und mit zusätzlichen Bildern anderer Figuren als in die Jahre gekommene Männer aus dem Jahr 2016 erweitert. Oftmals wiederholt sich die Mimik der jungen Typen in den späteren Aufnahmen.
Dieter Meier «Russel Stanwick», 1973-2016. Zog nach England, um das legendäre Free Frog Studio zu gründen und fortwährend Elektropop zu produzieren.
Während in der Galerie Judin vor einem Jahr ausschliesslich Fotografien gezeigt wurden, sind diese in der Galerie Baviera nun mit Texttafeln der fiktionalen Biografien versehen. Nach mehr als 30 oder gar 40 Jahren kann eine erste Lebensbilanz gezogen werden. Dies gilt natürlich auch für Dieter Meier selber, der mittlerweile 72-jährig ist. Fotointern traf ihn in der Galerie Baviera für ein Gespräch.
Wer ist Dieter Meier?
Einem breiten Publikum ist Dieter Meier vor allem als Musiker bekannt. Carlos Perón und Boris Blank gründeten Ende der 1970er Jahre zusammen mit ihm die Gruppe «Yello». Viele bekannte Musikvideos der Gruppe finden sich auf Youtube. Zu den berühmten Singles der Elektropop-Band gehören die Musikstücke «Vicious Games», «Oh Yeah» und «The Race». Im November sind Dieter Meier und Boris Blank im Züricher Hallenstadion zu sehen und zu hören. Hier geht es zu den Tickets für das Yello-Konzert vom 30. November 2017 im Hallenstadion Zürich
Wie war das in den 1970er Jahren als Sie Ihre ersten Ausstellungen realisieren konnten?
Das war vor allem eine Erleichterung für meine Eltern; als ich vom damaligen Direktor des Kunsthaus Zürich eine Einladung bekam, im Foyer auszustellen. Da hatte ich ein Aufgabe, das war das Ende des Zweifelns. Wenn die Leute aus gutbürgerlicher Gesellschaft meine Eltern fragten, was macht denn eigentlich der Dieter, von wegen ist der schon in der Klappsmühle oder so, dann konnten sie 1977 sagen, er stellt jetzt gerade im Kunsthaus Zürich aus. Das hatte etwas Beruhigendes für sie, dass ihr Sohn nun Künstler war und dass das auch anerkannt, ja gar geschätzt wurde. Jus hatte ich ja nur wegen meines Vaters studiert. Student war ich lediglich zur sozialen Tarnung. Anwalt wollte ich nie werden.
Was denken Sie selber über Ihre Figuren und deren fiktionales Leben?
Jeder hat sein Leben gehabt, sein Leben gelebt, sich in eine gewisse Richtung entwickelt. Es ging ja vor allem um die Visagen der Typen. Einer überspielt seine Unsicherheit. Schauen Sie sich Max Nussbaumer an, der hat ein fröhliches Leben gehabt, oder Todd Spencer, das ist ein «pretty good fellow» – Verstehen Sie Englisch? Paul von Strelow war ein Dichter, schauen Sie sich Ken Lamares Pose an. Die meisten Menschen sind in ihrer Persönlichkeit so verschüttet, dass sie bloss etwas epigonales machen, nicht aber diese Figuren.
Finden Sie selber die Typen eher sympathisch oder unsympathisch?
Meine Typen sind Originale. Ich mag sie alle sehr. Radu finde ich extrem sympathisch.
Einige der älteren Herren sind ein bisschen überzeichnet, wirken mehr wie Kabarettfiguren aus dem Hechtplatztheater, etwas angeberisch, Aufschneider, Blender, Prahler, vor allem diejenigen, die mit einem recht starken Weitwinkel abgelichtet wurden.
Nein, das finde ich überhaupt nicht. Das stimmt nicht.
Könnten Sie sich vorstellen, die Figuren auf der Bühne zu spielen?
Auf der Bühne nicht, aber im Film. Leider bekomme ich kaum Angebote als Schauspieler in Filmen. Ich habe aber auch keinen Agenten, der sich darum kümmern würde.
Was denken Ihre Frau und Ihre Kinder über die fiktionalen Figuren?
Sie finden sie lustig.
Wie ist das für Sie selber, ein alter Mann zu werden?
Ja, man beginnt zu rechnen. Man beschäftigt sich damit, wie kurz das Gastspiel hier ist. Ich hoffe, dass ich einen fröhlich gestalteten Abschied nehmen werde, mit einem Lächeln. Ich hoffe, dass ich dann eines Tages leicht gehen kann. In 18 Jahren bin ich bereits ein alter Mann. Meine Eltern sind beide sehr alt geworden, mein Vater starb 97-jährig, meine Mutter 93-jährig. Ich halte mich mit Rudern fit. Täglich rudere ich 40 bis 50 Minuten. Ich spüre das Alter noch nicht wirklich.
Wie ist das, beim Bilanz Ranking auf Platz 273 der reichsten Schweizer zu stehen?
Das ist ärgerlich. Da kann man nichts machen juristisch. Sie würden es sowieso publizieren, haben sie gesagt.
Was denken Sie persönlich über die Fotografie?
Fotografie ist ein unglaublich vielseitiges Medium. Es gibt Werke von höchster Kunst, Robert Frank, Henri Cartier-Bresson, Edward Steichen haben grossartige Werke geschaffen.
Vielen Dank für dieses Gespräch.
Text und Interview: Monica Boirar
Die Ausstellung «Dieter Meier – Possible Beings» ist noch bis am 12. August 2017 in der Galerie Baviera, Zwinglistrasse 10 in Zürich zu sehen. Öffnungszeiten Mi–Fr 13–18 Uhr, Sa 13–16 Uhr oder nach Vereinbarung. Tel. 044 241 29 96
Termin-Hinweis: Am Samstag, 12. August 2017, um 18:00 Uhr liest und singt Dieter Meier in der Galerie Baviera, Zwinglistrasse 10, CH-8004 Zürich
Die neusten Bildbände «Dieter Meier: Personalities» und «Dieter Meier: As Time Goes By and Possible Beings» sind in der Galerie Baviera erhältlich.
Die Inkjet-Prints der Possible Beings 2017 (Auflage 11) kosten CHF 500.–, die Triptichon Inkjet-Prints auf Baryt-Papier (Auflage 3, 1 Exemplare E. A.) nummeriert und signiert kosten CHF 4500.– exkl. MWST.
Hier geht es zur Webseite von Yello
Hier geht es zur Webseite von Dieter Meier
Publikationen von, mit und über Dieter Meier im Metakatalog der Schweizer Hochschulbibliotheken und der Schweizerischen Nationalbibliothek Swissbib
|Bildbände zur Ausstellung|
|Jürg Judin and Pay Matthis Karstens (Hg.)

Dieter Meier: Personalities
Text von Pamela Kort Deutsch, Englisch
84 Seiten, Hardcover 57 Abb. in Schwarz-Weiss
Erschienen bei der Galerie Judin, 2016
ISBN 978-3-943689-01-3 EUR 60.00
|Jürg Judin and Pay Matthis Karstens (Hg.)

Dieter Meier: As Time Goes By and Possible Beings
Text von Jürg Judin and Pay Matthis Karstens
84 Seiten, Hardcover 60 Abb. in Schwarz-Weiss
Text: Englisch
Erschienen bei der Galerie Judin, 2016
ISBN 978-3-943689-02-0 EUR 40.00
|Frühere Publikationen (Auswahl)|
|Tinguely Museum Basel (Hg.)

Dieter Meier, La Conquête de l’inutile
Werke 1969–2007
Vorwort: Guido Magnaguagno
Erschienen im Benteli Verlag 2007
ISBN 978-3-7165-1497-9 EUR 12.00
|Dieter Meier – Out Of Chaos

Ein autobiografisches Bilderbuch. Inkl. Das Kapitel Yello
256 Seiten. mit zahl. meist farbigen Abbildungen
Erschienen beim Edel Verlag, 2011, Deutsch
ISBN 978-3-8419-0103-3 CHF 48.90
|Harald Falckenberg (Hg.)

Dieter Meier: Works 1968–2012 and the YELLO years
Hardcover
Erschienen beim Verlag der Buchhandlung
Walther König, 2012,
ISBN: 978-3-8633-5196-0 EUR 75,52