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Der Name Fuge stammt vom lateinischen fuga (»Flucht«),
weil das die verschiedenen Stimmen durchlaufende Thema bald hier, bald dort
die Aufmerksamkeit auf sich zieht und so gleichsam immer wieder entwischt. Die und das englische Catch
(s. d.),
dessen Name (»haschen«) an den der Fuge erinnert, sind ohne ZweifelGeschwister; beide treten etwa gleichzeitig (kurz
nach 1600) individuell entwickelt auf. Im 16. Jahrh. ist Fuga neben Consequenza der allgemeine
Name imitierender Sätze, besonders der streng imitierenden, heutigestags Kanon genannten; so ist z. B.
Fuga sub minimam ein Kanon, bei dem die zweite Stimme eine Minima (ganze Taktnote) später einsetzt als die erste. Die freiern,
manchmal der wirklichen Fuge schon sehr nahe kommenden Bildungen, welche gegen Ende des 16. Jahrh. im Klavier- und Orgelsatz
auftreten (G. Gabrieli, O. Vecchi), hießen dagegen Ricercar, Toccata, Fantasia, Sonata.
Der NameRicercar (»immer wieder aufsuchen«) verrät schon den Grundgedanken
der eigentlichen Fuge; beim streng durchgeführten Kanon konnte von einem Immerwiederaufsuchen nicht die Rede sein, weil dieses
erst das Fallenlassen voraussetzt. In neuerer Zeit, seit dem vorigen Jahrhundert, versteht man unter Ricercar
oder Ricercata eine besonders kunstvoll gearbeitete Fuge. Die Fuge ist nur eine teilweise und periodische Nachahmung (Imitatio partialis
oder periodica), der Kanon dagegen eine durchgängige, unausgesetzte (Imitatio totalis).
ihre höchste künstlerische Ausbildung erhielt sie durch J.
S. Bach (instrumental) und Händel (vokal).
Die wesentlichsten Teile und termini technici der Fuge sind: das Thema (Führer, Dux,
Subjekt, Guida, auch Hauptsatz, Vordersatz), von der beginnenden Stimme (die jede der beteiligten sein kann) zuerst allein vorgetragen,
worauf eine zweite mit der Antwort (Gefährte, Comes, Risposta. Consequente, Nachsatz) einsetzt, während
die erste dagegen einen rhythmisch und melodisch prägnanten Kontrapunkt ausführt (Gegensatz, Kontrasubjekt). Ist die Fuge mehr
als zweistimmig (eine zweistimmige Fuge ist kaum als eine rechte Fuge anzusehen), so bringt die dritte Stimme wieder den Führer,
die vierte den Gefährten etc. Das einmalige Durchlaufen des Themas, resp. seiner Beantwortung durch alle
Stimmen heißt eine Durchführung (Widerschlag, Repercussio). Je größer die Zahl der Stimmen der Fuge ist, desto größer pflegt
auch die der Durchführungen zu sein, weil die Folge der Stimmeneinsätze eine desto mehrfachere Permutation gestattet; z. B.
gestattet die vierstimmige Fuge 24 verschiedene Stimmfolgen, die mit dem Dux einsetzen und regelmäßig
mit Dux-Comes¶
mehr
wechseln. Die fünfstimmige Fuge gestattet aber 120 verschiedene Stimmenfolgen dieser Art. Dazu kommen ebenso viele
Möglichkeiten für die im Verlauf der Fuge auftretenden fernern Durchführungen, welche mit dem Comes anfangen dürfen (die
zweite Durchführung beginnt sogar regelmäßig mit dem Comes), sowie die Lizenzen, daß zwei Stimmen nacheinander den Dux oder
Comes bringen. Die Vielgestaltigkeit der Fuge trotz des scheinbaren Schematismus ist hieraus klar ersichtlich.
Der Gefährte ist eine Transposition des Führers auf die Quinte (Unterquarte, Oberduodezime, Unterundezime) und zwar entweder
eine ganz getreue Transposition (Realfuge) oder eine durch Rücksichten auf die Festhaltung der Tonart modifizierte (tonale
Fuge, Fuga de tono). Das Hauptgesetz für die tonale Beantwortung des Fugenthemas ist, daß Tonika und Dominante
(Prime und Quinte der Tonart) einander gegenseitig antworten, z. B. ^[img]
Die Fuge ist recht eigentlich der Tummelplatz aller kontrapunktischen Künste, sofern die gleichzeitige Fortführung des Themas
und seines Kontrapunktes die Anwendung des doppelten Kontrapunktes in der Oktave und in der Duodezime bedingt und zu kanonischen
Führungen aller Art bis zum Krebskanon Gelegenheit geboten ist. Da das Thema der Fuge entweder kurz oder,
wenn länger, rhythmisch sehr übersichtlich gestaltet und aus wenigen Motiven zusammengesetzt ist, so bleibt es in allen
Verkleidungen leicht kenntlich.
Wird das Kontrasubjekt mit seiner Beantwortung durch die ganze Fuge als Gesellschafter des Themas und der Antwort festgehalten,
so ist die Fuge eine strenge (obligate). Die sogenannte Doppelfuge ist eine Fuge mit zwei Themata, von denen
erst das eine und dann das andre regulär durch geführt wird, das zweite aber sich in einer dritten Durchführung als Kontrapunkt
des ersten erweist.