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Es war eine wundervolle Alp in der Nähe von Gorduno, unweit von Bellinzona, ungefähr auf einer Höhe von fünfzehnhundert Metern. Diese Alp bestand aus einigen Blockhütten und Ställen. Ringsum breitete sich ein prächtiger, grosser Weideplatz aus, durchzogen von kleinen Wiesentälchen mit weißschäumenden Wasserfällen, die von den Felsen herabstürzten und immerzu die gleiche Melodie sangen.
Die Alp war im Besitz des Patriziats von Gorduno und von drei Männern gepachtet worden, die aus dem gleichen Dorf stammten und während der Monate Juni, Juli und August und teilweise auch im September dort oben wohnten, wo sie ihre Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine hüteten.
Jene drei Alphirten waren von grosser Gestalt und kräftig. Ihre Gesichter waren gebräunt von der Sonne und der frischen Luft, und ihre Barte waren ungepflegt. Sie trugen grobe Kleider aus Barchent Stoff und Hüte mit ganz breitem Rand. Auch waren sie unglaublich rohe Gesellen, und man sagte, sie seien sehr geizig.
Von Zeit zu Zeit verirrten sich etwa auch einige Fremde dort hinauf, die wegen der herrlichen Alpenluft oder aus Freude am Wandern oder aus Verlangen nach kräftiger Alpenmilch in diese einsamen Höhen stiegen, wo sie wohlschmeckenden Rahm, süsse Butter oder feinen Molkenkäse zu erhalten hofften. Keiner jedoch kam zum zweiten Mal herauf, so übel wurden sie von den Hirten empfangen, so frech wurden sie geprellt und in ihren Erwartungen getäuscht.
An einem sehr heissen Tag im Juli näherte sich jener Alp etwas nach der Mittagsstunde ein noch junger Mann, der sehr armselig gekleidet war. Wer ihn aber genauer betrachtet hätte, der würde gesehen haben, wie sein Gesicht von engelgleicher Schönheit strahlte.
Der Wanderer war todmüde, durchnässt vom Schweiss und konnte kaum mehr gehen. Die Sonne aber brannte mit erbarmungsloser Glut herab. Die Ziegen, Kühe und Schafe lagen faul und schläfrig im Schatten der alten Buchen. Sie kauten in Ruhe ihr Gras und hatten die Augen halb geschlossen. Sie machten im Halbschlaf zuweilen eine Bewegung, namentlich die Ziegen, und brachten durch ihr Schütteln die Glocken in heimeliger Weise zum Klingeln. Die Schweine wühlten in dem fetten Boden des Hofes oder wälzten sich im Schmutz umher.
Durstig trat der fremde Wanderer in die Sennhütte, wo die drei Alphirten um den Tisch herumsassen und sich ausruhten. «Gebt mir aus Barmherzigkeit ein Tröpflein Milch», sagte er. «Ich sterbe beinahe vor Durst!»
Einer von den dreien schlug ihm rundweg die Bitte ab und sagte: «Wenn du Durst hast, so schau, hier draussen gibt es ganz frisches Wasser vom Bach. Da kannst du trinken, soviel du Lust hast.»
Darauf erhob sich der zweite Hirt, stieg in den Keller hinab, wo man den Käse, die Milch und die Butter aufbewahrte, und kehrte bald wieder mit einem Schlüsselchen dunkler Brühe zurück. Es sah gerade aus, wie wenn man Kuhmist in die Milch gemengt hätte.
Der Wanderer wies dieses schmutzige Getränk zurück und ging voller Entrüstung zur Hütte hinaus. Da sprang der dritte Hirte schnell in den Keller hinab, füllte eine Schale mit Milch und fügte einige Löffel Rahm hinzu. Darauf eilte er vor die Tür und rief den armen Fremdling mit freundlichen Worten zurück. Der kehrte um und trank die Milch mit gierigen Zügen. Dann dankte er dem guten Hirten vielmal und sprach hierauf:
«Nimm sogleich deine Habseligkeiten, deine Kühe, Ziegen und Schafe zusammen und mache dich bereit, diese Alp sofort zu verlassen. Binnen kurzer Zeit wird nämlich der Zorn Gottes sich schrecklich über dieser Stätte entladen. Folge meinem Rat und gehorche!» Bei diesen Worten glänzte das engelgleiche Angesicht des fremden Pilgers wie von einem überirdisch bezaubernden Licht.
Der wackere Hirt sammelte auf der Stelle sein Vieh und machte sich unverzüglich auf den Weg, die Alp zu verlassen. Als er etwa fünfhundert Meter weit entfernt war, wandte er sich. Da sah er mit Schrecken, wie die beiden Sennhütten, die Ställe, die Kühe, Ziegen und Schafe verschwunden waren. Er allein mit seiner Herde war vom Unheil verschont geblieben.
An ihrer Stelle erblickte er mächtige Felsblöcke, die sich von der Bergeshöhe losgelöst hatten und mit furchtbarer Wucht heruntergestürzt waren, wobei sie alles mit sich rissen und zerschmetterten.
Der arme Wandersmann jedoch, der so müde, durstig und in Schweiss gebadet um eine Erfrischung gebeten hatte, war niemand anders gewesen als der liebe Gott, der wieder einmal, wie so oft schon, auf unsere Erde herabgestiegen war, um das Herz der Menschen zu prüfen. Noch heutigen Tags wird die Alp von den Leuten der Umgegend die «Alpe maledetta» oder die «verwünschte Alp» genannt.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.