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Beim Laborgerätehersteller Thermo Fisher werden 106 Arbeitende entlassen. Die Beschäftigten waren während knapp einer Woche in den Streik getreten, weil die Konzernleitung unter anderem keine Gewerkschaftsvertretung während der Konsultation zuliess.
Auf der Abzweigung einer langen, leeren Strasse in Ecublens in der Nähe von Lausanne hat sich eine Menschenmenge zusammengefunden. Trotz der Kälte und den zeitweiligen Regenschauern sind die 125 Streikenden draussen geblieben. Sie diskutieren oder trinken Tee. Auf der Wand hinter ihnen hängen Transparente mit ihren Forderungen. Die Wand und das zugehörige Gebäude gehören dem Unternehmen «Thermo Fisher Scientific», das Laborgeräte wie Spektrometer produziert, die insbesondere bei der Herstellung von Metallegierungen als Messinstrument eingesetzt werden. Das ehemalige Schweizer Unternehmen ist nach mehreren Übernahmen Teil eines US-Multis. Nahe der Strasse sieht man eine Fahne der Gewerkschaft Unia und ein Plakat mit der Aufschrift «Thermo Fiasco!».
Am Tag unseres Besuches sind es fünf Tage, seit die Beschäftigten des Werks die Arbeit niedergelegt haben. Es war bekannt gemacht worden, dass der Betrieb nach Tschechien ausgelagert und dabei 106 von 165 Stellen gestrichen werden würde. Was den Streik ausgelöst hat, war aber vor allem die Weigerung der Geschäftsleitung, die Unia während dem gesetzlich vorgeschriebenen Konsultationsverfahren als Vertretung der Arbeitenden anzuerkennen. Während dieser Phase können die Beschäftigten ihre Vorschläge für die Erhaltung der Arbeitsplätze einbringen.
«Im amerikanischen Stil»
«Wir hätten es lieber, wenn wir arbeiten könnten und wenn die Dinge anständig zugehen würden. Wir fordern nur, dass die Unia uns vertreten kann. Es ist beinahe im amerikanischen Stil, sie sind gegen die Gewerkschaften», meint der 33-jährige Esteban Lopez. Wenn man dem Streikenden zuhört, erscheint das Ganze geradezu absurd: «Die Direktion ist einverstanden damit, dass wir per Telefon permanent in Kontakt mit der Unia stehen können, während wir verhandeln, sodass wir ständig die Diskussionen unterbrechen müssen, aber sie dürfen nicht im gleichen Raum sein!» Er und einige seiner KollegInnen sind Mitglieder der Personalkommission, die einzige Instanz, mit der das Unternehmen zu reden gewillt ist. «Aber viele von uns sind darin, weil es einfach niemand sonst machen wollte. Deshalb möchten wir gerne von Fachpersonen unterstützt werden; wir sind keine JuristInnen», erklärt Lopez. Die Belegschaft verlangt ausserdem noch eine Verlängerung der Konsultationsfrist bis Ende Mai und die Offenlegung aller Unternehmenszahlen, die notwendig sind, um Alternativvorschläge zur Arbeitsplatzverlagerung zu erarbeiten.
Kurz nach Beginn des Streiks wurde eine Einigung mit der lokalen Geschäftsleitung erzielt, die diesen Forderungen entgegenkam, aber sie wurde von der US-Konzernleitung abgelehnt. Das sei «unbegreiflich», schreibt die Unia. Während unseres Besuchs am fünften Streiktag war eine weitere Unterredung geplant zwischen der Unia, dem FDP-Regierungsrat und einer Vertretung der US-Konzernleitung. In einem Kommuniqué hiess es, Thermo Fisher sei bereit für eine Schlichtung. Später, am 27. April, gab die Unia schliesslich bekannt, dass man sich mit dem Konzern auf eine Vereinbarung geeinigt habe. Der Streik wurde deshalb ausgesetzt. Die drei Forderungen der Streikenden seien mit der Vereinbarung «weitgehend erfüllt».
Keine Illusionen
Yves, der seit 17 Jahren bei Thermo Fisher arbeitet, erscheint etwas verdrossen. «Wir haben stets unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit gezeigt, sei es mit Kurzarbeit oder Überstunden. Die Situation ist wirklich ungerecht. Wenn es schon so schwer ist, durchzusetzen, dass wir von der Unia vertreten werden, wie wird es sein, wenn wir unsere Abgangsentschädigung verhandeln müssen?», fragt er sich. Yves und die anderen KollegInnen, die um ihn herum stehen, scheinen sich keine Illusionen über die Erhaltung ihrer Arbeitsplätze zu machen. Es geht ihnen vielmehr darum, gute Bedingungen für ihre Entlassung zu bekommen. Aber schon da gibt es Befürchtungen. «Vor einigen Jahren hat ‹Thermo Fisher Romandie› zugemacht und die Abgangsbedingungen waren sehr schlecht», berichtet Esteban. «Man beansprucht unsere Zeit, unsere Person, und dann lässt man uns einfach fallen …» Er fügt hinzu: «Wir wissen, dass es für diejenigen, die 50 Jahre oder älter sind, schwierig sein wird, wieder eine Stelle zu finden. Vor allem für sie kämpfe ich. Ich mit meinen 33 Jahren muss mir weniger Sorgen machen.»
34 Jahre Arbeitserfahrung
Mehrere betonen, dass die Erfahrungen der Beschäftigten nicht einfach so ersetzt werden können. «Es ist eine sehr spezialisierte Präzisionsarbeit, es braucht Jahre, um sie zu erlernen. Es ist keine Fliessbandarbeit, wo man die Arbeitenden leicht mit anderen ersetzen kann», merkt Esteban an. Er zeigt auf seinen Kollegen Jean-Philippe mit 34 Jahren Arbeitserfahrung: «Was er kann, hat er sich über eine lange Praxis angeeignet. Das sind keine mechanischen Arbeitsschritte. Wir haben ausgerechnet, dass wir zusammen insgesamt 2825 Jahre Erfahrung im Unternehmen haben.»