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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

121. Vortrag
3.
„Jesus sprach zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Es ist in diesen Worten etwas, was wir zwar kurz, aber doch mit Aufmerksamkeit behandeln müssen. Jesus lehrte nämlich das Weib, das ihn als Lehrer erkannte und bezeichnete, bei seiner Antwort den Glauben, und jener Gärtner säte in ihrem Herzen als in seinem Garten das Senfkörnlein. Was heißt nun: „Rühre mich nicht an“? Und als ob man um die Ursache dieses Verbotes fragen würde, fügte er hinzu: „Denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater“. Was heißt das? Wenn er auf Erden weilend nicht berührt wird, wie sollte er im Himmel sitzend von den Menschen berührt werden? Er, der ja vor seiner [S. 1143] Auffahrt den Jüngern sich zum Berühren darbot, sprechend, wie der Evangelist Lukas bezeugt: „Tastet und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Gebein, wie ihr seht, daß ich habe“1, oder da er zu dem Jünger Thomas sprach: „Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“. Wer ist aber so albern, daß er sagt, er habe sich zwar von den Jüngern vor seiner Auffahrt zum Vater berühren lassen wollen, von den Weibern aber erst nach seiner Auffahrt zum Vater? Aber auch so würde, wer es wollte, in seiner albernen Meinung nicht belassen werden. Denn man liest auch von Frauen, daß sie nach der Auferstehung, noch bevor er zum Vater auffuhr, Jesus berührt haben. Darunter war gerade auch Maria Magdalena, indem Matthäus erzählt, daß ihnen Jesus begegnet sei, sprechend: „Seid gegrüßt!“ „Jene aber“, sagt er, „traten hinzu, umfaßten seine Füße und beteten ihn an“2. Dies wird von Johannes übergangen, aber von Matthäus als wahr bezeugt. Es bleibt also nur übrig, daß in diesen Worten irgendein Geheimnis verborgen ist, von dem wir, mögen wir es finden oder nicht imstande sein es zu finden, dennoch in keiner Weise bezweifeln dürfen, daß es darin enthalten sei. Entweder also ist so gesagt worden: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater“, daß in jener Frau die Kirche aus den Heiden vorhergebildet wurde, die an Christus erst glaubte, als er schon zum Vater aufgefahren war, oder Jesus wollte, daß man so an ihn glaube, d. h. so ihn geistig berühre, daß er und der Vater eins sind. In den innersten Sinnen desjenigen nämlich ist er gewissermaßen zum Vater aufgestiegen, der in ihm so vorangeschritten ist, daß er ihn als dem Vater gleich anerkennt; anders berührt man ihn nicht recht, d. h. anders glaubt man nicht recht an ihn. Es konnte aber Maria an ihn so glauben, daß sie ihn dem Vater ungleich hielt, was ihr allerdings verboten wird, indem zu ihr gesagt wird: „Rühre mich nicht an“, d. h. glaube an mich nicht so, wie du jetzt noch urteilst: du [S. 1144] sollst dein Denken nicht zu dem ausdehnen, was ich für dich geworden bin, ohne zugleich zu dem fortzuschreiten, wodurch du geworden bist. Denn wie glaubte sie nicht noch fleischlich an ihn, den sie wie einen Menschen beweinte? „Denn ich bin noch nicht“, sagt er, „zu meinem Vater aufgefahren“; dort wirst du mich berühren, wenn du an mich glaubst als den dem Vater nicht ungleichen Gott. „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater.“ Er sagt nicht: unserm Vater; anders also „meinem“, anders „eurem“; „meinem“ von Natur, „eurem“ durch die Gnade. „Und zu meinem Gott und eurem Gott.“ Auch hier hat er nicht gesagt: unserm Gott; also auch hier anders „meinem“, anders „eurem“; „meinem Gott“, unter welchem auch ich als Mensch bin, „eurem Gott“, zwischen welchen und ihm ich der Mittler bin.
1: Luk. 24, 39.
2: Matth. 28, 9.