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Vor 1900 war man in der noch kleinräumigen Stadt meist zu Fuss unterwegs, auch Fuhrwerke und Reiter verkehrten durch die Gassen. Das erste moderne Fahrzeug auf den Strassen war das «Velocipede»33, das in Thun ab etwa 1870 erhältlich war. Das Velo diente vorerst als Freizeit- und Sportgerät, um 1900 verbreitete es sich bei den Angestellten und Arbeitern. Gemäss einer damaligen städtischen Verordnung mussten die Velofahrerinnen und -fahrer beim Polizeiinspektorat für zwei Franken eine Kontrollnummer erwerben. Innerhalb der Stadt durften sie nur langsam fahren, damit sie jederzeit anhalten konnten, und wenn sie einen Unfall verursachten, mussten sie sofort absteigen. Es scheint, dass die Velos bei anderen Strassenbenützerinnen und -benützern nicht sehr beliebt waren, denn die Verordnung verbot es ausdrücklich, Hunde auf Fahrradfahrende zu hetzen und Gegenstände in die Speichen der Räder zu werfen.34
In den 1950er-Jahren fuhren viele Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die undatierte Fotografie der Stadtpolizei Thun zeigt wohl Angestellte der eidgenössischen Betriebe, die für die Mittagspause nach Hause fahren. Sie biegen von der Allmendstrasse in die Militärstrasse ab.
Autos, Lastwagen und Motorräder gab es erst nach 1920 in grösserer Zahl, ab den 1950er-Jahren waren sie ein Massenphänomen. 1931 meldete das «Oberländer Tagblatt», dass es in Thun 299 Personenautos, 55 Lastwagen und 176 Motorräder gebe; 1958 zählte man 2232 Personenwagen, 260 Last- und Lieferwagen, 763 Motorräder und dazu noch rund 18000 Fahrräder. Die zu Beginn der 1950er-Jahre eingesetzte Ortsplanungskommission Thun versuchte als Grundlage für die Verkehrs- und Siedlungsplanung das zukünftige Verkehrsaufkommen abzuschätzen. 1956 erwartete sie, dass es in der Gemeinde um 1980 etwa 7000 Autos geben werde. Damit unterschätzte sie die Entwicklung gewaltig: Die Prognose wurde um mehr als das Doppelte übertroffen. Die Zahl der Velos stieg im selben Zeitraum ebenfalls an, wenn auch weniger stark. 2010 besass in der Agglomeration Thun jeder Haushalt im Schnitt ein Auto und zwei Velos.35
Rosette Engel (1848–1925) aus Thun auf ihrem Velo. Auch Frauen waren im ausgehenden 19. Jahrhundert vom Fahrrad begeistert, denn es erweiterte ihren Aktionsradius.
Engel war 49-jährig, als sie sich im Oktober 1897 im Fotoatelier von Jean Moeglé ablichten liess.