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Polybius (eig. Polybios) lebte von ca. 200-118 v.u.Z. und gilt zusammen mit Herodot und Thukydides als einer der drei Grossen der antiken, griechischen Geschichtsschreibung. Von diesen ist er der jüngste und wohl auch der ‘modernste’. Mit ihm hebt die Geschichtsschreibung als wissenschaftlicher Prozess an: Polybius ist der erste, der ganze Kapitel der Auseinandersetzung mit Kollegen und Vorgängern widmet – der kritischen Auseinandersetzung, wohlgemerkt. (Dabei wirft er ihnen oft Ungenauigkeiten, falsche Zähl- oder Rechenweisen vor, mangelnde Kenntnis der topografischen Verhältnisse auf einem Schlachtfeld – ironischerweise leidet er aber oft an Ähnlichem: es ist nicht immer möglich, dass die Masse von Menschen, die er auftreten lassen will, tatsächlich an dem Ort, der Stelle, wo sie gewesen sein sollte, Platz gefunden hätte – vor allem, wenn da noch ein Fluss war, der die Bewegungen seiner Heeresteile empfindlich gestört haben müsste.)
Geschichte, sagt man, wird vom Sieger geschrieben; Polybius ist der Beweis dafür, dass dies nicht zu 100% stimmt. Denn eigentlich gehörte er zu den Verlierern der Auseinandersetzung zwischen Rom und Makedonien. Polybius stammte nämlich aus einer vornehmen Familie in Arkadien. Er war im Achaiischen Bund politisch und militärisch tätig. 170/169 v.u.Z. war er Hipparch (d.i. General der Kavallerie) des Achaiischen Bundes und wurde 167 v. u.Z., nach Beendigung des Dritten Makedonischen Krieges, als eine von 1’000 Geiseln, nach Rom gebracht. Er genoss dort grosse Freiheiten, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass er sich mit Mitgliedern einer der führenden römischen Familien, den Scipionen, befreunden konnte. So kam es, dass er – unter anderem – auch am Dritten Punischen Krieg aktiv auf Seiten der Römer teilnehmen durfte.
Das grosse Thema seines einzigen auf uns überkommenen Werks (und selbst dieses Werk nur fragmentarisch) ist der Aufstieg des Römischen Reichs zur Weltmacht. (‘Weltmacht’ nach damaligen Begriffen: Als Polybius schrieb, beherrschten die Römer den ganzen Saum des Mittelmeers und Teile des angrenzenden asiatischen Raums.) Eine zentrale Stellung in diesen seinen Geschichten nehmen die drei Punischen Kriege und die gleichzeitigen Auseinandersetzungen in Griechenland und in Asien ein – und insofern ist Polybius’ Geschichtsschreibung halt doch wieder eine der Sieger, punische Quellen zu diesen Kriegen kennen wir heute keine mehr (Karthago wurde bekanntlich im dritten Anlauf in Grund und Boden zerstört), und auch die andern Gegenden waren zu Polybius’ Zeit ja bereits römisch.
Polybius nennt sein Werk Geschichten. In Anlehnung an die grossen Vorbilder Herodot und Thukydides will auch Polybius nur wahre Geschichten schreiben. Dazu gehört es seiner Meinung nach, dass der Geschichtsschreiber nicht nur Augenzeugen befragt hat, nicht nur vor Ort gewesen ist, um die geografischen Umstände genau zu kennen – er muss auch sonst fachliche Kenntnisse aufweisen, sprich: Militär und Politiker (gewesen) sein. Er spricht natürlich hier pro domo, weil er selbstverständlich alle Kriterien, die er aufstellt, auch erfüllt. (Während er seinen Kollegen und Konkurrenten vorwirft, ihre Werke als Stubenhocker verfasst zu haben – also reine Kompilatoren gewesen zu sein und nicht echte, Feldforschung betreibende Wissenschafter.) So fügt er in die Geschichten auch immer wieder Digressionen ein, in denen er z.B. die Geografie bestimmter Landstriche genauer beschreibt, oder – was ich persönlich sehr geschätzt habe – eine Beschreibung der Organisation der römischen Armeen / Feldzüge.
Von den 40 Büchern seiner Historien, sind heute nur noch eine Minderheit vollständig überliefert, nämlich die ersten 5. Obwohl Polybius’ Griechisch alles andere als elegant gewesen sein muss, haben viele weitere Teile Aufnahme in byzantische Florilegien gefunden (die byzantinischen Bibliothekare waren Weltmeister im Anthalogisieren!), was einerseits zwar die Texte aufbewahrt hat, andererseits aber wohl dazu führte, dass der Drang, das ganze Original aufzubewahren, zu klein wurde und wir gerade deshalb nur noch Fragmente kennen.
Neben der reinen Geschichtsschreibung, die nur schon deswegen interessant ist, weil zumindest die römische Sicht der Ereignisse um die Punischen Kriege noch bei Augenzeugen eingeholt werden konnte, neben der Tatsache, dass Polybius sich in grossem Stil auch kritisch mit Nebenbuhlern auseinander setzte, machen vor allem zwei weitere Elemente die Geschichten interessant:
Da ist zum einen die Tatsache, dass Polybius als erster mit einer gezielten Fragestellung ‘forscht’ (“Wie konnte Rom heute zur Weltmacht werden, nachdem es vor 2 oder 3 Generationen noch beinahe von den Spartanern erobert worden war?”), und als erster eine Theorie der Geschichte aufgestellt hat, und zwar eine zyklische. Seiner Meinung nach entwickelte sich ein Staatswesen zwangsläufig von einer Monarchie zu einer Tyrannis; diese würde mittels Volksaufstand zu einer Aristokratie umgestaltet, die ihrerseit ausarte in eine Oligarchie; ein weiterer Volksaufstand würde auch diese beseitigen, und nun würde das Volk die Herrschaft nicht mehr aus der Hand geben wollen, weshalb eine Demokratie folge. Doch auch diese Herrschaftsform würde entarten zu einer Diktatur des Plebs. Das alles fand bei ihm nicht wie in späteren zyklischen Theorien (das bekannteste Beispiel dafür wohl bis heute: Oswald Spengler) im Zeitraum von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden statt, sondern jede Herrschaftsform hatte gerade mal zwei oder drei Generationen für sich, bevor sie von der nächsten abgelöst werden sollte. (Auf die Diktatur des Plebs sollte übrigens wieder, nach einer Übergangsphase der Anarchie, die Herrschaft eines Königs folgen, womit der Zyklus abermals in Gang gesetzt würde.) Polybius übernimmt zwar die Begriffe und Definitionen, wie sie die damalige Staatsphilosophie kannte, und wie sie letzten Endes auf Platon und Aristoteles zurückgehen; er hat aber wohl – bei seiner bekannten Abneigung gegen Stubengelehrsamkeit – weder die Ahnherren der Staatsphilosophie gelesen, noch deren aktuelle Jünger.
Dass so ein Zyklus, der dazu noch äusserst rasch verlief, nicht sehr attraktiv sein konnte, war offenbar auch Polybius bewusst. Er entwirft deshalb – und das ist der andere Grund, warum er bis heute interessiert – eine Theorie der Gewaltenteilung, die diesen Zyklus zwar nicht aufheben, aber doch verlangsamen sollte. Die originale Theorie schreibt er den Spartanern zu, genauer deren legendärem Gesetzgeber Lykurg. Lykurg soll der erste gewesen sein, der dafür sorgte, dass die einzelnen Blöcke (König, Aristokratie, Volk) ihre Herrschaft untereinander aufteilten und sich gegenseitig kontrollierten und korrigierten. (Selbstverständlich haben die Römer alles Gute von den Spartanern übernommen!)
Mit seiner Theorie der Gewaltenteilung sollte Polybius noch die US-amerikanischen Gründerväter beeinflussen; vor allem John Adams, den zweiten Präsidenten der USA, Freund und zeitweise politischer Rivale von Thomas Jefferson.