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Ich habe eine übertriebene Vorstellung davon, was ein Schriftsteller sei und für sein Land bedeute. Ich glaube, er sei eine Kanalisation, nein, eine Kristallisation. In dieser Kristallisation brechen sich prismatisch die Regenbogenfarben seiner Zeit und werden so erst sichtbar. Dabei wird die Zukunft geboren. Lukas Bärfuss hat auch eine derartige Vorstellung von einem Schriftsteller. Er wünscht sich, als Schriftsteller und vor der ganzen Republik die Politik mit der Poesie zu versöhnen und auf dem Gipfel dieser Versöhnung von der schönsten, unerreichbarsten Frau des Landes geküsst zu werden, als wäre er ein schimmernder Pokal.
Kürzlich habe ich einen Essay von Bärfuss wieder gelesen, der vor vier Jahren in der FAZ erschienen ist und eine heftige Kontroverse ausgelöst hat. Sein Titel: «Die Schweiz ist des Wahnsinns». Darin hält er uns grimmig den Spiegel vor. Zwerge seien wir. Verzwergte, fremdenfeindliche StubenhockerInnen mit Hang zur psychotischen Katatonie. Die nicht mithalten könnten mit den progressiven EuropäerInnen um uns herum. Nicht nur seien wir Schweizer Zwerge, wir wollten es auch bleiben. Die Schweiz sei psychisch krank und brauche eine Pille der Vernunft. Wir alle zusammen müssten in psychiatrische Behandlung. Auf jeden Fall müsste die Schweiz insgesamt beim Schriftsteller Bärfuss in die Schule.
Affekte auslösen
Ich war bei Bärfuss in der Schule, im Herbst 2006, als Student des Pionierstudiengangs am Schweizerischen Literaturinstitut Biel. Zu Beginn waren wir hellauf begeistert von ihm. Er war eloquent, gab dem Affen Zucker und zeichnete sich durch eine erfrischende Skrupellosigkeit im Umgang mit Rezepten aus. Etwa wie man auf der Bühne Spannung herstellt, à la Keith Johnstones Hochstatus-Tiefstatus-Regeln: Wenn ein König und ein Bettler in deinem Stück auftreten, musst du dem Bettler einen Brief in die Hand geben mit einer Info, die den König stürzen könnte. Damit hast du ein dialektisches Spannungsgefälle aufgebaut, an dessen Linie entlang … und so weiter.
Als wir die Woche darauf mit eigenen Stückentwürfen in den Unterricht kamen, wendete Bärfuss seine Regeln auf unsere Texte an und beurteilte sie danach. Dabei wurde deutlich, dass er sich nur schwer für uns und unsere Entdeckungslust an der Sprache und ihrer Bewegung im Raum erwärmen konnte. Er blieb auf seine Strategien fixiert: Er wollte uns beibringen, die Sprache als Tool zu benutzen, um damit Affekte im Publikum auszulösen. Ich war überrascht, wie wenig Interesse er für die tieferen Beziehungen zwischen Text und Innenleben von Schreibenden beim Schreiben hatte. Dafür, dass beispielsweise der Blick von uns AutorInnen, umso weiter wir uns schreibend in die Bereiche des Begehrens vorwagen, immer anfälliger wird für Täuschungen, Projektionen. Dass unsere inneren Bergtäler umstellt sind von Phantasmen, hoch und massiv wie die Alpen. Er schien kein Bewusstsein dafür zu haben, dass wir Menschen uns im Kern niemals selbst verstehen können und dass wir zu grossen Teilen aus Dunkelheit bestehen, die in den Wahnsinn führen kann.
Dass aber gerade diese Nähe zum Wahnsinn, wie die Texte von Robert Walser – ganz besonders sein Räuberroman – zeigen, eine tiefe, schöne, vielleicht sogar schweizerische Dunkelheit ist, die essenziell ist für die Entfaltung einer Sprache, die uns dort berührt, wo wir beinah unberührbar sind. Dass aber diese Kraft gerade aus dem Selbstgespräch Walsers entsteht, aus einem absichtslosen Gespräch mit der Sprache, die durch dieses Gespräch zu einem Wesen wird. Und umso näher Walser sich in diesem Gespräch an den Wahnsinn herantraut, desto stärker wird die Sprache zu einem ihm antwortenden Wesen. Zu einem Wesen, durch das er mit sich selbst als einem Fremden in Kommunikation treten kann. Kommunikation mit einem Gespenst, das plötzlich im Raum steht, und es rieselt einem – als Zeuge einer realen Begegnung mit dem Monströsen – kalt den Rücken runter. Dass diese Kommunikation mit den Gespenstern und dem Wahnsinn Walser in die Irrenanstalt getrieben hat, also eine Krankheit war, die ihn zu einem in sich verkapselten Menschen gemacht hat, bezweifle ich. Denn ein solcher Akt des Schreibens ist in seinem Kern ein Liebesakt von atemberaubender Leuchtkraft.
Genau dieser das Schreiben im Innersten berührende Akt ist es, vor dem Bärfuss uns methodisch zu wappnen versucht hat. Er sagte sinngemäss zu uns: Indem ihr cool bleibt beim Schreiben und die Sprache im Zaum haltet, könnt ihr eure Stoffe am besten bändigen. Er schien keine Angst vor dem Schreiben zu haben, sondern Strategien entwickelt zu haben, um sich die Angst vor dem Schreiben vom Leib zu halten.
Verrat an der Sprache
Als ich damals aus der letzten Seminarstunde kam, dachte ich: Jetzt weiss ich, wie man die Terra incognita Publikum erobert. Aber opfere ich dabei nicht auch die eigene Lust an der Sprache? Eine Lust, die, bezogen auf die dichterische Fantasie, nicht unterschieden werden kann vom libidinösen Begehren? Und kommt dieses Opfer nicht einem Verrat an der Sprache gleich? Ähnlich dem Gefühl des Verrats an der Sprache, das viele PrimarschülerInnen empfinden beim Wechsel von Dialekt/Muttersprache zur Schriftsprache, das manche auch als Verrat an der Mutter empfinden?
Als ich dann kürzlich erfuhr, dass Bärfuss den Büchner-Preis 2019 bekommt, dachte ich: Auf dich möchte ich die Preisrede halten! Und darin würde ich schreiben: Doch, Lukas, du hast Grund, Angst zu haben. Schreiben ist und bleibt gefährlich. Und für uns SchweizerInnen besonders. Schliesslich haben wir ein zwiespältiges Verhältnis zur Schriftsprache, die in einem gespannten Verhältnis zu unserer Muttersprache steht. Dieser Muttersprache, die uns sozusagen auf den Leib geschrieben ist und sich zur Wehr setzt gegen die Zurichtungen der Zivilisation und Gesellschaft. Wir sind den verwirrenden Beziehungen zwischen Sprache und Sexualität, Projektion, Libido besonders stark ausgesetzt. Sehr plastisch hat diesen Komplex Hermann Burger in seiner «Künstlichen Mutter» herausgearbeitet. In der literarischen Öffentlichkeit gilt der Schreibprozess zu diesem Buch noch immer als kritischer Wendepunkt von Burgers Depression, die mit seinem Suizid endete. Der letzte Schweizer Büchner-Preisträger, Adolf Muschg, lobte gerade die Kühnheit Burgers, sich mit der «Künstlichen Mutter» schreibend seinen schlimmsten Dämonen ausgesetzt zu haben.
Wer schreibt, befindet sich auf einem schmalen Grat, von dem er leicht auf die Seite der Krankheit kippt. Die andere Seite ist diejenige eines Deliriums, einer delirierenden Sprache, in der die Verhältnisse anfangen, sich zu drehen und miteinander zu tanzen. Es ist eine kleine Gesundheit, eine schöpferische Gesundheit, die ein unterdrücktes, verdrängtes Volk erfindet, wie Gilles Deleuze uns zuruft: Schreiben um eines kleinen Volks Willen, das fehlt.
Schöpferischer Wahnsinn
Weisst du, was ich glaube, Lukas? Dieses kleine, fehlende Volk steckt in Schwierigkeiten. Denn dieses Delirium, dieser schöpferische Wahnsinn ist vom Aussterben bedroht. Aber du hast ein Herz dafür, sonst müsstest du nicht so viel schreiben, sprechen, um die Welt fliegen. Weisst du, warum du die SchweizerInnen zur Vernunft bringen willst? Weil du einen starken Impuls hin zum Wahnsinn spürst. Und das hat die Jury des Büchner-Preises gemerkt, und sie will dein Potenzial wecken. Du weisst doch: Die Eule der Minerva erhebt sich erst in der Dämmerung zum Flug. Die andere Seite der Vernunft sind das Monströse und der Wahnsinn. Genau wie auf dem Bild von Goya gebiert der Schlaf der Vernunft Ungeheuer. Was, wenn diese Ungeheuer für die Poesie lebensnotwendig wären?
Die dichotomische Annahme, Vernunft schliesse Wahnsinn aus, ist falsch: Wahnsinn ist eine hell leuchtende Form der dichterischen Vernunft. Aber das Versponnene von Robert Walser, von Ludwig Hohl, Adelheid Duvanel, die Eskapaden des alkoholsüchtigen Jürg Federspiel, der helle Wahn von Hermann Burger, das dunkle, anarchische Herz in den Texten Jürg Laederachs: Die Gefährdeten sind beinah erfolgreich therapiert worden. Die Verdrängung des schöpferischen Wahnsinns ist längst zum Common Sense geworden.
Nur in der Dämmerung, wenn sich die Ungeheuer zum Flug erheben, werden wir fähig, die Schönheit der poetischen Erscheinung der Welt in ihrer ungezähmten, wilden Tiefe zu sehen. Und nur in diesem Blick entwickelt sich ästhetische Liebesfähigkeit, die unabhängig von öffentlicher Wirksamkeit blüht und die Walser so gut kannte. Wer diese Verbindung kennt, liebt es, klein zu sein, ein Zwerg zu sein. Er liebt es, zwischen den Ungetümen der Bergwelt unsichtbar zu werden und in den Bergspalten oder zwischen den Zeilen zu verschwinden.
Lukas, deine Behauptungen von Wildheit und Männlichkeit auf deinen Autorenfotos vor uriger Felswand quittiert ein solcher Zwerg mit dem Lächeln eines als Mädchen verkleideten Räubers. Komm, du weisst es doch selber: Ich bin auch nicht besser. Eher schlimmer. Aber wir müssen es halt versuchen, und so wie Samuel Beckett es geschrieben hat: wieder scheitern. Besser scheitern. Bis wir anfangen, uns als Räuber selbst zu rauben, und endlich erkennen: Dieses kleine fehlende Volk, um das sich in der Poesie und vielleicht auch in der Politik alles dreht – wer könnte es sein, wenn nicht wir selbst?
Luke Wilkins (40) lebt als Autor in Biel und St. Ilgen (D). Er hat am Schweizerischen Literaturinstitut studiert, 2018 ist sein Debütroman «Jeff» beim Derk Janssen Verlag erschienen.