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Eine Geschichte der Zu- und Auswanderung
- Donnerstag, 24. Juli 2014, 9:09 Uhr
Von Schweizer Käsern in Russland über italienische Gastarbeiter bis James Schwarzenbach: ein Überblick zur Migrationsgeschichte der Eidgenossenschaft.
Vor 1900: Die Schweiz als Auswanderungsland
Berne, Lucerne, New Glarus: so heissen Dörfer in den USA, die von Schweizern gegründet wurden. Vor vielen Jahren, als die Eidgenossenschaft noch ein typisches Auswanderungsland war. Die meisten gingen, um der Armut zu entfliehen. Andere, etwa die Amischen, flüchteten, weil sie aufgrund ihres Glaubens verfolgt wurden.
Rund 400'000 Schweizer Bürger kehrten zwischen 1850 und 1914 ihrer Heimat den Rücken. Meistens waren es Landwirte, die mit Existenzproblemen zu kämpfen hatten, jedoch aus Angst vor einer gesellschaftlichen Herabsetzung nicht in einer Fabrik arbeiten wollten. Sie gründeten Kolonien in Südamerika, dienten als Söldner in fremden Armeen oder erfanden weit weg von Zuhause einen neuen Käse. So verdankt etwa der Tilsiter seinen Namen der ostpreussischen Stadt Tilsit, wohin es einen Schweizer Bauern im 19. Jahrhundert verschlug.
1914: ein erster Höchststand
In der Schweiz fand die Industrialisierung im Vergleich mit anderen europäischen Ländern früh statt. Aus der Textilindustrie entwickelte sich die Maschinenindustrie, später kam die chemische Industrie hinzu. Es entstanden Tausende neuer Stellen, die es zu besetzen galt. 1890 wurden in der Schweiz gemäss Bundesamt für Migration erstmals mehr Einwanderer als Auswanderer gezählt. Gesetze, welche die Zuwanderung begrenzten, gab es damals nicht.
Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, lebten rund 600'000 Ausländer in der Schweiz, was einem Anteil von 15 Prozent entsprach. Die meisten Migranten kamen aus Deutschland, Italien und aus dem damaligen Österreich-Ungarn. Mühe mit dieser Entwicklung bekundeten konservative Kreise. Arbeiter fürchteten den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, die Mittelschicht fühlte sich durch die deutsche Elite bedroht (1910 hatte jeder fünfte Zürcher einen deutschen Pass). Obwohl die liberalen Grundsätze der Handels-, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit der Schweiz Wohlstand brachten, wuchs in Teilen der Bevölkerung die Angst vor der «Überfremdung» und dem Verfall traditioneller Werte.
Als Reaktion darauf wurde 1917 die Fremdenpolizei gegründet. Vier Jahre später brauchten Ausländer eine Arbeitsbewilligung, wenn sie in der Schweiz wohnen wollten. 1931 wurden die Rechte der Ausländer im Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (Anag) neu formuliert, ab 1934 bis 2002 galt schliesslich das Saisonnierstatut, welches die Vergabe von Kurzaufenthaltsbewilligungen für ausländische Arbeiter regelte.
1939: Historischer Tiefstand
Die neuen Gesetze und mehrheitlich geschlossene Grenzen sorgen in der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) für einen historischen Tiefstand beim Ausländeranteil (5 Prozent). Nach dem Krieg beginnt in der Schweiz die Wirtschaft zu boomen, es herrscht ein Mangel an Arbeitskräften.
Mit der italienischen Regierung wird 1948 ein Abkommen über die Rekrutierung von Gastarbeitern geschlossen. Ab sofort strömen viele Südländer in die Schweiz. Innerhalb von 10 Jahren verdoppelt sich der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung.
1961 schliesst die Eidgenossenschaft ein Migrations-Abkommen mit Spanien ab. Um weniger abhängig von italienischen Gastarbeitern zu sein, werben Schweizer Firmen vermehrt auch Spanier an. In Teilen der Bevölkerung wächst derweil der Unmut über die «Überfremdung», die Diskussion über Ausländerpolitik trägt nun bisweilen fremdenfeindliche Züge.
1965: Überfremdungsinitiativen
Die Demokratische Partei des Kantons Zürich reicht ihre Überfremdungsinitiative ein, die den Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung in der Schweiz auf 10 Prozent begrenzen will. Rund 260'000 Ausländer müssten ausreisen. Der Bundesrat, in Sorge um die Wirtschaft, beschliesst Massnahmen, um den Ausländeranteil zu senken. 1968 wird die Initiative zurückgezogen – die vom Bund beschlossene Kontingentierung zeigt indes kaum Wirkung.
Die bereits 1961 gegründete «Nationale Aktion gegen Überfremdung von Volk und Heimat» – eine Partei, die 1990 in Schweizer Demokraten umgetauft wurde – reicht in der Folge eine zweite Initiative ein, die unter dem Namen Schwarzenbach-Initiative in die Geschichte eingeht. James Schwarzenbach fordert ebenfalls einen Ausländeranteil von maximal 10 Prozent, verlangt aber zusätzlich die Umsetzung innerhalb von vier Jahren und strengere Vorschriften bei der Einbürgerung. Drei Wochen vor dem Urnengang ruft der Bundesrat ein Kontingent-System ins Leben, das über 30 Jahre Bestand haben wird. Bei der Abstimmung 1970 sagen 46 Prozent der Stimmbürger Ja.
Eine dritte Überfremdungsinitiative scheitert 1974 ebenfalls an der Urne. Zwei Drittel der Stimmberechtigten wollen keine Begrenzung der Zahl von Ausländern auf eine halbe Million. Der Erdölschock und die Wirtschaftskrise beenden die Phase der Hochkonjunktur. Viele Ausländer müssen mangels Arbeit die Schweiz verlassen.
2000: Personenfreizügigkeit
Die Wirtschaft erholt sich wieder, zwischen 1985 und 1995 dürfen pro Jahr im Schnitt 50'000 neue Arbeitsbewilligungen erteilt werden. Erstmals seit 1975 leben wieder über eine Million Ausländer in der Schweiz. Die neuen Einwanderer kommen hauptsächlich aus Portugal und Jugoslawien.
Im Jahr 2000 nimmt die Schweizer Stimmbevölkerung die Einführung der Personenfreizügigkeit an. Entgegen den Prognosen vom Bundesrat, es werde kein markanter Anstieg bei der Zuwanderung geben, verdoppelt sich die Quote schon bald.
Nach der Erweiterung der Personenfreizügigkeit wandern im Jahr 2008 netto über 100'000 Menschen ein. 2012 lag der Ausländeranteil in der Schweiz bei 23 Prozent. 2014 sagt eine knappe Mehrheit Ja zu einer Neuausrichtung der Zuwanderungspolitik: die Masseneinwanderungsinitiative der SVP wird am 9. Februar angenommen. Gestritten wird seither über die Umsetzung.
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