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Blonde haare, kecke Frisur. Derselbe Blick, dasselbe schüchterne Lächeln. Wüsste man nicht, dass Ariella Kaeslin vier Jahre älter ist als ihr Bruder Fabio, könnte man die Geschwister auf Kinderfotos kaum auseinanderhalten. Die zwei haben viele gemeinsame Hobbys, fahren Wasserski, machen Kunstturnen. Die grosse Schwester beginnt zuerst, der kleine Bruder folgt ihr in die Turnhalle. Dann führen ihre Lebenswege in komplett unterschiedliche Richtungen.
Heute ist aus dem blonden Buben ein 28-jähriger, dunkelhaariger Mann geworden. Die Verwandtschaft mit seiner berühmten Schwester sieht man ihm nicht mehr auf den ersten Blick an. Ihm ist das recht. Der Nachname ist Anlass genug für viele Leute, ihn ständig auf sie anzusprechen. Vor allem früher, als die Turnerin noch aktiv war. «Immer ‹der Bruder von …› zu sein, hat mich manchmal genervt.» Ressentiments gegenüber Ari, wie Fabio seine Schwester nennt, oder gegenüber den Eltern hegt er jedoch keine. «Sie haben uns immer gleich behandelt, und ich habe mich nie weniger Wert gefühlt.»
«Ich habe sie sehr vermisst. Sie konnte selten am Familienleben teilnehmen, hatte wenige Freunde. Das wollte ich nicht. Ich hatte nicht den Drang wie Ari, bin allgemein eher der ruhigere Typ.»Fabio Kaeslin
Vielleicht, weil er weiss: Er hätte den gleichen Weg weiterverfolgen können. Mit 13 Jahren steht er vor derselben Entscheidung wie Ariella vier Jahre zuvor. Voll aufs Turnen setzen, von zu Hause ausziehen und im nationalen Leistungszentrum in Magglingen trainieren — oder den Sport nur noch hobbymässig betreiben, daheim in Meggen LU wohnen bleiben und eine Ausbildung absolvieren? Er entscheidet sich für letzteres. Auch weil er sieht, was seine Schwester für ihre Karriere als Turnprofi opfern muss. «Ich habe sie sehr vermisst. Sie konnte selten am Familienleben teilnehmen, hatte wenige Freunde. Das wollte ich nicht. Ich hatte nicht den Drang wie Ari, bin allgemein eher der ruhigere Typ.»
Seine Art zu sprechen unterstreicht seine Worte. Die Sätze kommen nicht wie aus der Pistole geschossen. Er nimmt sich Zeit, sich genau zu erinnern, und antwortet ruhig und mit Bedacht und trotzdem so bestimmt, dass man ihm glaubt, dass er nicht mit seiner Schwester hätte tauschen wollen. Im Gegenteil: «Ich finde, den Preis, den sie für ihren Erfolg bezahlte, war zu hoch.» Ariella Kaeslin holen die Jahre des knallharten Trainings und des seelischen Missbrauchs eines Trainers ein. Sie erleidet ein Burnout, tritt mit 23 Jahren zurück und hat lange mit einer Erschöpfungsdepression zu kämpfen. In jener Zeit leben die Geschwister zusammen in einer WG. Doch trotz der schwierigen Phase erleben sie auch Positives. «Wir hatten endlich Zeit, uns nach all den Jahren richtig kennenzulernen.»
In dieser Zeit gibt es wieder eine Parallele in ihren Leben. Auch Fabio orientiert sich beruflich neu. Der Informatiker absolviert nach der Berufsmatura die Passerelle und beginnt ein Studium in Erziehungswissenschaften. Heute steht er kurz vor dem Bachelor-Abschluss. Während den Semesterferien betreut er Schülerinnen und Schüler mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten an einer Tagesschule. Und er ist dabei, sich ein zweites Standbein aufzubauen – zusammen mit seiner Schwester. Mit «Brainput» bieten Kaeslins Workshops in psychischer und physischer Gesundheit für Firmen an. Auf dem Papier ist die Hierarchie klar geregelt. Ariella ist die Chefin. Doch Fabio mehr als ‹der Mitarbeiter von...›. «Sie hört mir zu und gibt viel auf meine Meinung.» Die beiden sind — beruflich und privat — Geschwister auf Augenhöhe.