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WOZ: Sie hatten angekündigt, Ende April [2006] in Spitzbergen zu sein. Nun sind Sie doch nicht gefahren. Ist das wieder eine Ihrer Spiegelfechtereien?
Heinrich Gartentor: Nein, nein, das war so geplant. Ich muss Spitzbergen verschieben und erst nach Paris fahren, um mir die Ausstellung von Fischli/ Weiss im Centre Culturel Suisse anzuschauen. Unsere rechten Politiker spinnen mal wieder. Das Plakat geniert sie, es kündigt sich eine nächste Attacke auf die Kunst und deren Freiheit an. Ich muss also noch ein bisschen hier ausharren und eventuell reagieren. Kulturministerpflicht. Danach kommt aber ausgiebig Spitzbergen.
Sie waren im Januar schon einmal auf Spitzbergen. Was machen Sie dort?
Ich stehe auf, braue eine Kanne Früchtetee, rühre mir ein Müsli an und schreibe im Minimum 5000 Zeichen, danach gehe ich wandern oder arbeite an meiner Spitzbergenausstellung, die im Juni im Kunstpanorama Luzern eröffnet wird. Schön ist, dass man mich nicht stören kann. In der Schweiz trinke ich im Fall nie Tee, sondern Kafi, und Müsli schmeckt mir nur auf Spitzbergen.
Gibt es dort so etwas wie ein Kulturleben?
Longyearbyen, der grösste Ort auf Spitzbergen, hat 1900 Einwohner, etwa fünf Bars, ein Kino, eine Bibliothek, einen Supermarkt, ein Hallenbad, eine Kirche, drei Sportgeschäfte und ein Jazzfestival. Und dann gibt es die Kunsthalle, die das Artists-in-Residence-Programm betreibt, an dem ich teilnehme.
Im Januar herrschte ja Polarnacht. Wie war das, wenn es nie hell wird?
Sehr speziell. Du hast kein Rhythmusgefühl. Nichts. Die Uhr zeigt zwar die Zeit an, aber das bedeutet nichts. Ich ging jeweils schlafen, wenn ich müde war. Da gab es eine Phase, in der ich jeweils nachmittags gegen halb drei Uhr aufstand und morgens um halb vier ins Bett ging.
Wird man mit der Zeit nicht depressiv?
Man wird auf Spitzbergen nicht depressiv, wenn man eine Aufgabe hat. Doch auf die Dauer ist es wohl nicht ganz einfach, dort zu leben. Auf jeden Fall gibt es auf Spitzbergen kaum alte Leute, die hauen alle vorher ab. Im Schnitt wechselt die Bevölkerung alle vier Jahre.
Könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben? Zumindest für längere Zeit?
Das kann ich mir in der Tat. Diese ewige Nacht. Sensationell. Ich habe selten konzentrierter arbeiten und klarer denken können. Und jetzt dann der ewige Tag und die unendliche Wildnis und kein Zeitdruck. Ich freue mich. Spitzbergen macht süchtig. Es ist der ideale Klausurort.
Sie leben in Thun. Hat es Sie nie in eine grössere Stadt gezogen?
Ich habe hier extrem gute Arbeitsbedingungen. Mein System wäre in Zürich nicht überlebensfähig, weil dort alles zu teuer ist. Und dann die Berge, der See – Thun bietet höchste Lebensqualität.
Sie beraten auch Manager, die Sie als Querdenker einladen.
Ich werde in diesen Kreisen geschätzt, weil ich eine ganz andere Sicht auf die Dinge habe, weil ich andere Prioritäten setze – im Leben und auch in der Arbeit. Fast alle Berufsleute sind auf einem Auge betriebsblind, weil sie eigentlich zu viel wissen. Wenn ich dann dumme Fragen stelle, ist das für die manchmal eine kleine Erleuchtung.
Können Sie umgekehrt auch etwas von den Managern lernen?
Ja, extrem viel, vor allem was die Vermittlung meiner Werke angeht. Ich habe gelernt, in drei Sätzen zu sagen, worum es mir geht. So kann man die Leute neugierig machen. In der Kunst wird oft unheimlich kompliziert geschwafelt.
Wie kriegen Sie eigentlich alle Ihre verschiedenen Rollen – bildender Künstler, Schriftsteller, Kulturminister, Managementberater – unter einen Hut? Haben Sie einen Hang zur Schizophrenie? Oder geht es einzig um die Kunstfigur Heinrich Gartentor?
Ich habe Gartentor erfunden, und die Leute haben begonnen, mich Gartentor zu nennen. Die Fiktion hat mich einfach eingeholt beziehungsweise überholt, das ist alles. Rollen gibt es keine. Ich bin bloss eines: Künstler. Aber mit Haut und Haar und extremer Disziplin.
Heinrich Gartentor, geboren 1965 auf der aargauischen Schafmatt, arbeitet als Autor, Internetaktivist und Aktionskünstler in Thun.