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Vor drei Wochen haben wir darüber gesprochen, ob Sexualität ein Thema des Deutschunterrichts sein soll oder nicht. Veranlasst wurde dieses Gespräch durch Christa Wernisch’ Artikel über die Integration von Literaturgeschichte in einen kompetenzorientierten Unterricht, in welchem Wernisch dafür plädiert, dass Juli Zehs «Spieltrieb» ein didaktisch wertvolles Buch für den Deutschunterricht sei. (Bezüglich des Artikels habe ich mich im Seminar schon ausgiebig geäussert und lasse es deshalb an dieser Stelle sein). Der Grund, warum mich diese Diskussion bis heute beschäftig, ist die Tatsache, dass es für mich Texte gibt, die ich literarisch und auch didaktisch wertvoll finde, aber dennoch nicht mit einer Klasse lesen würde. Warum dies so ist, ist schwierig auf den Punkt zu bringen. Nachdem ich nun lange darüber nachgedacht habe, möchte ich versuchen, mein Unbehagen, Texte wie beispielsweise Musils «Törless» im Deutschunterricht zu lesen, auszuformulieren. (Da ich Juli Zehs «Spieltrieb» nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, ob ich diesen Text mit einer Klasse lesen würde).
Ich stimme damit überein, dass man Themen wie Sexualität, Gewalt oder Selbstmord nicht aus dem Deutschunterricht ausklammern sollte. Ich persönlich habe grundsätzlich kein Problem damit, über solche Themen zu sprechen, und die Ideen und Vorschläge, auf welchen Ebenen und auf welche Weise man dies im Deutschunterricht machen kann, fand ich sehr anregend.
- Ein literaturhistorisch vergleichender Zugang: Wie wird das Thema Sexualität in anderen literarischen Texten dargestellt? Wie wurde es bisher in der Literatur dargestellt?
- Der gesellschaftliche Bezug: Wie stand und steht die Gesellschaft zu diesem Thema?
- Eine mögliche Abgrenzung zur Pornographie: Handelt es sich bei diesem Text um Pornographie? Wo ist die Grenze?
Obwohl ich nun konkrete Herangehensweisen hätte, wie mit den ‘heiklen’ Passagen im «Törless» im Unterricht gearbeitet werden könnte, bleibt mein Unbehagen. Das rührt daher, dass ich finde, dass der Text auf einige SuS verstörend wirken könnte. Natürlich bin ich nicht der Ansicht, dass man alle Themen, die verstörend wirken – man denke an den 2. Weltkrieg –, aus dem Unterricht ausschliessen soll; auf keinen Fall! Mein Punkt betrifft nicht das Thema als solches, sondern vielmehr die (psychologische) Tiefe, in der das Thema im literarischen Text verhandelt wird und die Wirkung, die vom Text ausgehen kann. So gelingt es Musil im «Törless» meiner Meinung nach sowohl die kalte und berechnende Herrschsucht, mit der Beinberg seine Experimente und Quälereien an Basini durchführt, als auch die Erniedrigung und das Brechen der Person bis hin zur Bereitschaft, sich in die Opferrolle einzufügen, auf Seiten des Opfers in einer Tiefe offenzulegen, die das Menschen-, Selbst- und Weltbild gerade eines jüngeren Lesers tief erschüttern kann. Literarische Texte werden nun mal persönlich, auch wenn man dieses Persönliche aus dem Deutschunterricht ausklammert.
Mein Problem ist, dass die SuS gewissermassen keine Wahl haben, ob sie diesen Text lesen wollen oder nicht. Sie entscheiden nicht selbst, ob sie sich mit solchen (potenziell) verstörenden Inhalten auseinandersetzen wollen oder eben nicht. Aber dennoch ist es ihnen dann selbst überlassen, wie sie mit der Tiefe, in der sie mit menschlichen Abgründen konfrontiert werden, und den Bildern, die dabei entstehen, umgehen. Denn der Klassenraum ist kein geeigneter Raum, um solche Erfahrungen aufzufangen. Und deshalb habe ich mich entschieden, dass ich die SuS nicht mit Texten konfrontieren möchte, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie sie im Innersten (negativ) erschüttern oder verstören könnten.
(Rahel)