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Die Finnin Laura flieht aus einer Liebesgeschichte mit einer Frau in Moskau mit dem Zug nach Murmansk, um sich dort Petroglyphen, Felszeichnungen, anzuschauen. Denkt sie.
Die Reise hätte sie ursprünglich mit Irina unternehmen wollen, nun findet sie sich zusammengepfercht mit dem kahlgeschorenen, Wodka saufenden und ungeschliffenen jungen Minenarbeiter Ljoha im Schlafwagenabteil und stellt fest, dass sie den Mann über mehrere Zugreisetage bis Murmansk zur Gesellschaft haben wird.
Mit der Boxer-Geschichte The Happiest Day in the Life of Olli Mäki gewann der Finne Juho Kuosmanen 2016 den Prix Un Certain Regard in Cannes und viele weitere Preise, darunter ein Goldenes Auge am Zürich Film Festival.
Das war eine Liebesgeschichte. Der neue Film ist eher eine Findungs- oder Selbstfindungsgeschichte, ein Roadmovie auf Schienen, also das Gegenteil der grossen Freiheit.
Hytti Nro 6 sei zwar von einem Buch inspiriert, aber sie hätten so ziemlich alles geändert, mit dem Segen der Autorin Rosa Liksom, sagt Kuosmanen. Die Geschichte wurde reduziert, aus der Sowjetzeit in eine russische Gegenwart verlegt, das Personal ausgewechselt und umbenannt.
Aber im Kern dreht sich alles um Laura und Ljoha. Sie war fasziniert vom literarischen Salon-Leben mit Irina in Moskau, den intellektuellen Gesprächen, der Wohnung, von Irinas Blick auf sie.
Und nun ist da dieser direkte, verstockte, ungebildete, grobe junge Mann, der sie ebenfalls intensiv, wenn auch zu Beginn ziemlich betrunken, anschaut. Ljoha stellt Fragen, versteht wenig, begreift nicht, warum man wegen Felszeichnungen in dieses Dreckloch Murmansk fahren kann, wo er gezwungenerweise eben arbeitet.
Und doch scheint er fasziniert von der Welt, welche Laura für sich entwirft, von ihrer aufgeschnappten Behauptung, man müsse seine Vergangenheit kennen, um zu wissen, wer man sei.
Es stossen andere Figuren dazu und verschwinden wieder. Und die lange, unterbrochene Zugsreise wird eingerahmt von den Moskauer-Sequenzen und einem stürmischen winterlichen Ausflug am Ziel, um diese Petroglyphen allen widrigen Umständen zum Trotz zu sehen – organisiert von Ljoha, dem sie völlig egal sind, den aber seinerseits Lauras für ihn so unverständliche Sehnsucht gepackt hat.
Es ist wohl schon eine Art Liebesgeschichte, auch wenn es keine konventionelle erotische Spannung zwischen den beiden gibt, keinen Sex, dafür ein paar Momente, in denen sie sich anziehen wie kurzfristig umgedrehte, sich abstossende Magnete.
Das macht Hytti NRO 6 zu einem ziemlich eindrücklichen, nachwirkenden Film. Nur schon, weil Dreharbeiten im Zug und dann gar noch in einem Abteil, zu den komplexeren Aufgaben für Dramaturgie, Logistik und Kamera gehört.
Aber auch und vor allem, weil Kuosmanen die allen Reisefilmen inhärente Sehnsucht ein ums andere mal wieder neu aufgleist, stocken lässt, weiterzieht.