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Wer sind wir, wir Brasilianer? Auf den ersten Blick scheint die Antwort auf diese Frage einfach: wir sind das Produkt einer genetischen Mischung aus portugiesischen Kolonisatoren, aus den Indianern, die hier lebten und den Afrikanern, die man als Arbeitssklaven eingeschleppt hat – inklusive der Emigranten, welche zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert einwanderten – Deutsche, Italiener, Japaner. Soweit so gut. Wir sind also genetisch und kulturell ein Volk von Mestizen das, abgesehen von seiner Diversifikation, auch gewisse Gemeinsamkeiten aufweist.
Die Antwort auf dieselbe Frage wird jedoch ein bisschen komplizierter, wenn es darum geht, die Essenz dessen zu entdecken, was man üblicherweise als “nationalen Charakter” bezeichnet – jene Züge, die eine Reihe von Verhaltensweisen erklären, welche wir uns angewöhnt haben, als durchaus natürlich und normal zu betrachten, die aber fast immer unter ausländischen Besuchern ziemliches Befremden auslösen.
“Die Leute hier gehen mit mehr Affekt miteinander um – und das ist nicht nur ein Klischee. Die Brasilianer reden miteinander auf der Strasse, während in Europa an den Bus- und U-Bahnstationen das Schweigen dominiert”, sagt der spanische Journalist Juan Arias, der seit sieben Jahren als Korrespondent der Zeitung El País in Rio de Janeiro lebt. “Aber ich war schockiert über die kafkasche Bürokratie, um meine Daueraufenthaltsgenehmigung zu bekommen, nachdem ich eine Brasilianerin geheiratet hatte. Ich musste mehr als 600 Tage warten, 6 Kilo an Dokumenten erstellen und begegnete ausserdem der verführerischen Lockung: alles ginge viel schneller, wenn ich 8.000 Reais zahlen würde”!
Kreativ oder schwatzhaft, extrovertiert oder indiskret, herzlich oder gerissen, boshaft oder korrupt? Nach einem erneuten Regen von Korruptionsvorwürfen ist die Diskussion über den Inhalt unseres Charakters erneut entbrannt. Woher kommt dieses unser “Jeitinho” (nicht direkt übersetzbar – “Tricksen” oder “Trickserei” trifft es am besten) oder unsere lockere, nicht formale Art des Umgangs miteinander (bei uns wird sogar der Präsident der Republik mit seinem Spitznamen angeredet), unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Misere, unsere Vorurteile, unsere Kapazität an mehr als eine Religion zu glauben?
Im 20. Jahrhundert versuchten Bücher wie “Casa Grande & Senzala”, von Gilberto Freire, “Raízes do Brasil”, von Sérgio Buarque de Holanda und “Formação do Brasil Contemporâneo”, von Caio Prado Júnior, einigen dieser Fragen auf den Grund zu gehen. Aber haben solche klassischen Interpretationen über “Wer ist der Brasilianer” heute noch Gültigkeit? “Die Basis dieser Interpretationen ist immer noch bedeutend, aber man sollte bedenken, dass der so genannte Charakter eines Volkes kontinuierlichen Veränderungen unterworfen ist”, sagt die Anthropologin Lilia Schwarcz von der USP (Universidade de São Paulo).
Brasilien (und erweiternd der Brasilianer) “ist nichts für Anfänger”, wie Tom Jobim in seinem Lied behauptet. In Zusammenarbeit mit Spezialisten in Sachen unserer Wurzeln und Herkunft haben wir einen kleinen “Führer” ausgearbeitet, nach dem man sich selbst hoffentlich ein bisschen besser verstehen lernt – von der Genetik bis zum “Jeitinho”:
Woher unser Gesicht stammt
Dass der Brasilianer ein Mischling ist, kann man ohne weiteres sofort erkennen. Aber zu wie viel Teilen? In welchen Proportionen? Noch während des Imperiums pflegten die ethnischen Mischungen Europäer, die hier an Land gingen, zu entsetzen. In einer Epoche, welche von rassischen Theorien beeinflusst war, sahen sie in der Rassenmischung eine Bedrohung der Degenerierung aller in unserem Land lebenden Völker. Inzwischen haben die Biologen eine Beurteilung nach Rassen längst aufgegeben. Heute weiss man, dass es in einer Gruppe ebenso viele genetische Variationen gibt wie gemeinsame physische Eigenheiten – der Begriff der Rasse hat seinen Sinn verloren – jetzt zieht man zum Zweck der genetischen Erbforschung die DNA-Analyse heran.
Der Genetiker Sérgio Danilo Pena von der “Universidade Federal de Minas Gerais” führt in Brasilien die Forschung hinsichtlich unserer 500 Jahre alten Völkermischung an. Nachdem er mehr als 300 genetische Muster von Brasilianern aus den verschiedensten Regionen unseres Landes untersucht hat, wobei er und seine Mitarbeiter solche Eigenschaften isolierten, welche von Müttern und Vätern über Jahrhunderte praktisch unverändert auf Söhne und Töchter übertragen worden sind, standen sie vor einigen Überraschungen: Die erste war die genetische Ladung der Vorfahren väterlicher und der Vorfahren mütterlicherseits. Während die grosse Mehrheit der väterlichen Linie weisser Brasilianer aus Europa stammt (zirka 90%), sind die Wurzeln der mütterlichen Linie amerindisch und afrikanisch (zirka 60%). Mit anderen Worten: Die Mehrheit besitzt europäische Gesichtszüge, die von den maskulinen Vorfahren ererbt wurden, sowie indianische und afrikanische, ererbt von der Mutter. Die Wissenschaft beweist, dass der europäische Einwanderer sich nicht zurückgehalten hat, sondern sich an einen Schwarm von Sklavinnen und Eingeborenen für seine sexuellen Ausschreitungen hielt.
Die zweite Überraschung war das Fehlen einer Beziehung zwischen der Hautfarbe eines Brasilianers und seiner genetischen Herkunft. “Die Farbe sagt wenig über die Abstammung einer Person in diesem Land aus”, erklärt Sérgio Pena. “Zirka zwei Drittel der genetischen Muster von weissen Personen stammten nicht aus europäischen Wurzeln”. Diese Daten enthüllen, dass eine Klassifikation von Personen anhand ihrer physischen Erscheinung in Brasilien nutzlos ist – sogar, dass genetisch gesehen viele Weisse als Schwarze eingestuft werden könnten . . . und viele Schwarze als Weisse!
Warum wir so eigenartig sprechen
Niemand würde behaupten, dass die portugiesische Sprache in Brasilien souverän regiert. Aber wie kommt es, dass die Brasilianer in einer so ganz anderen Art und Weise miteinander kommunizieren als die Menschen in anderen Ländern – anders sogar als in Portugal? Und warum eigentlich ziehen wir es vor, uns von allem, was uns in die Finger kommt, ein eigenes Bild zu machen und unsere Zweifel selbst zu beseitigen – anstatt die Gebrauchsanleitung zu lesen?
Nach Meinung der Forscherin Eni Orlandi, vom “Instituto da Linguagem da Unicamp”, ist die Bevorzugung der gesprochenen Sprache in Brasilien nicht allein eine psychologische Marotte oder Ergebnis des weit verbreiteten Analphabetismus im Land. “Diese Präferenz leitet sich von der Tatsache ab, dass wir während Jahrhunderten mit 2 Sprachen gelebt haben: der portugiesischen – die man in der Dokumentation verwendete – und die so genannte “Lingua Geral” (Allgemeinsprache), die aus der Tupi-Indianersprache stammte, welche von den Jesuiten angewandt wurde, um die Indianer zu missionieren – sie war tägliche Umgangssprache zuhause”, sagt Eni.
Und weil die “Lingua Geral” nie als Schriftsprache verwendet worden ist, glaubt Eni aus dieser Tatsache unsere Tendenz ableiten zu können, der mündlichen Form zur Regelung aller Dinge den Vorzug zu geben. “Im Gegensatz zu dem, was man so in den Schulbüchern liest, ist der Einfluss des Tupi auf unsere heutige Sprache nicht nur auf wenige Vokabeln wie “Abacaxi”, “Jibóia”, “Açaí” etc. beschränkt”, sagt sie. “Die Lingua Geral hat einen entscheidenderen Einfluss auf unsere Art zu sprechen gehabt, als wir uns das bisher bewusst gemacht haben.”