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Zentralbanken können ihre Aufgabe nur wahrnehmen, wenn die Banken aufhören, Geld zu erschaffen.
Der Finanzsektor hat dank riesiger staatlicher Rettungspakete die aktuelle Krise überlebt. Dass es zur Krise gekommen ist, mag an zu riskanten Geschäften der Banken gelegen haben. Dass es nicht möglich ist, eine Bank Konkurs gehen zu lassen, ohne die Gesamtwirtschaft zu gefährden, ist ein Fehler des Geldsystems.
Seit dem Jahr 1850 ist es möglich, Banken als Aktiengesellschaften zu führen. Für die BesitzerInnen steht seither nur noch soviel Geld auf dem Spiel, wie sie der Bank durch den Kauf von Aktien zur Verfügung gestellt haben. Damit ist der Anreiz für die Bank, riskante Geschäfte zu machen, gestiegen. Eine riskante, aber gewinnversprechende Geschäftsstrategie bestand darin, dass Banken mehr Banknoten druckten, als sie Gold besassen, um diese gegen Zins zu verleihen.
Das ging gut, so lange die Banknoten nur selten zurückgetauscht wurden. Sowohl die mit dem zusätzlichen Geld erzeugten Spekulationsblasen als auch der Konkurs von Banken, bei dem nicht nur das Geld der Aktionäre, sondern auch das Geld der Anleger verschwindet, hatten Folgen, die weit über den Finanzsektor hinausgingen. Die Politik reagierte, indem sie die Definition des Geldes änderte. Um 1900 wurde es den Banken verboten, ihre eigenen Banknoten zu drucken. Diese Aufgabe wurde an Zentralbanken übertragen.
Nach der Einführung der Zentralbanken konnten Banken zwar keine Noten mehr drucken, aber es stand ihnen frei, Buchgeld zu schaffen. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, schreibt sie auf der Passivseite ihrer Bilanz die verliehene Geldmenge dem Kundenkonto gut. Auf der Aktivseite der Bilanz steht die Forderung auf Rückzahlung des Kredits. Mit diesem Buchhaltungstrick kann eine Bank Geld verleihen, das sie nicht hat. Sie muss das Geld erst dann besorgen, wenn ein Kredit als Bargeld ausgezahlt wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschah das noch oft.
Von der Möglichkeit, sich sein Kontoguthaben als Bargeld auszahlen zu lassen, wird aber seit dem Aufstieg des bargeldlosen Zahlungsverkehrs kaum mehr Gebrauch gemacht. Alle grösseren Zahlungen, von Löhnen über Mieten und Steuern bis zum Autokauf, werden heute per Sichtguthabenüberweisung abgewickelt. Sind Sender und Empfänger dieser Überweisung Kunden der selben Bank, so findet lediglich eine bankinterne Umbuchung statt, ohne dass die Bank dafür Bargeld benötigt. Ist der Empfänger der Überweisung Kunde einer anderen Bank, muss eine Bargeldüberweisung zwischen den Zentralbankkonten der beiden Banken stattfinden. Auch der dadurch entstehende Bedarf an Bargeld verringert sich durch ausgeklügelte Verrechnungssysteme. Nur der Saldo aller Transaktionen zwischen zwei Banken wird überwiesen. Dieser Betrag kann durch gegenseitige Kreditgewährung der Banken noch weiter gesenkt werden.
Bargeld verursacht den Banken Kosten, da sie es von der Zentralbank leihen müssen. Folglich halten Banken nur so viel Bargeld, wie zur Aufrechterhaltung ihrer Geschäftstätigkeit notwendig ist.
In der Schweiz sind deshalb lediglich 5 Prozent der gesamten Geldmenge Noten und Münzen. Die Guthaben der Banken bei der Nationalbank machen 10 Prozent aus. Mit den Zinsen auf diese Guthaben kaufen sich die Banken das Recht, die restlichen 85 Prozent der Geldmenge zu erschaffen. Dieses Geld existiert nur in den Computern der Banken.
Im Gegensatz zur Nationalbank, die der Preisstabilität und dem Gesamtinteresse des Landes verpflichtet ist, handeln private Banken im Interesse ihrer BesitzerInnen. Das führt zu Problemen, wenn die Banken selber Geld erschaffen können. Während eines Aufschwungs vergeben sie bereitwillig Kredite. Dadurch wächst die Geldmenge schneller als die Realwirtschaft: es kommt entweder zu einer Preisinflation oder zu einer Inflation an den Finanzmärkten, also zur Entstehung einer Blase.
Während einer Krise tritt das Gegenteil ein: Banken vergeben nur zögerlich Kredite. Die Geldmenge schrumpft schneller als die Realwirtschaft und es kommt zur Kreditklemme. Mit ihren riskanten Geschäften schaden die Banken der Wirtschaft und bringen sich selber in Gefahr. Die Folgen eines Bankenkonkurses sind für den Rest der Wirtschaft heute bedrohlicher als je zuvor, da zu den AnlegerInnen, die dabei ihr Geld verlieren, auch andere Banken gehören. Es besteht die Gefahr, dass ein Bankenkonkurs eine Kettenreaktion auslöst und weitere Banken gefährdet. Die Banken werden aber nicht auf riskante Geschäfte verzichten, solange der Staat und die Zentralbank die Rolle eines durch Steuergelder finanzierten Sicherheitsankers spielen.
Ein zeitgemässer Vorschlag, wie der Staat die Kontrolle über die Geldmenge zurückgewinnen kann, macht der deutsche Soziologe Joseph Huber. Seine Vollgeld-Reform sieht vor, die Sichtguthaben aus den Bilanzen der Banken herauszulösen. Damit würde den Banken verunmöglicht, durch Buchhaltungstricks neues Geld zu schaffen. Mit den Kontoguthaben ausserhalb der Bankbilanz wäre es zum ersten Mal möglich, die Vorteile des bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu nutzen, ohne dass das eingezahlte Geld zum Eigentum der Bank wird. Dieses Geld könnte bei einem Bankenkonkurs nicht verschwinden.
Zur Geldmenge gehört alles, was als Geld gebraucht wird. Wenn neue Arten von Geld breite Akzeptanz gewinnen, müssen die Kompetenzen der Zentralbank angepasst werden, damit sie die Geldmenge zum Nutzen der Allgemeinheit steuern kann. Als vor 100 Jahren Zentralbanken geschaffen wurden, ging es darum, die Banknoten staatlicher Kontrolle zu unterstellen. Heute liegt die Herausforderung darin, das Selbe für den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu leisten.