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Als Charlotte M. erfuhr, dass sie Brustkrebs hat, war ihre zweite Tochter gerade mal ein Jahr alt. Die junge Grundschullehrerin entschied sich nach einer Tumoranalyse für die bestmögliche Behandlung – ohne Chemotherapie.
Charlotte, wann erhielten Sie die Diagnose Brustkrebs?
Das war im Mai 2020. Ich war 38, hatte im Januar meine zweite Tochter abgestillt und war Ende April zur Routineuntersuchung bei meiner Frauenärztin. An meiner rechten Brust ertastete sie eine Verhärtung, die mir noch nicht aufgefallen war. Meine Ärztin äusserte ihren Verdacht auf Brustkrebs offen, und die anschliessenden Untersuchungen im Spital bestätigten sie. Und so sass ich ihr wenige Tage später wieder gegenüber, meine Jüngste auf dem Schoss, und hörte die drei Wörter, die keiner hören möchte: «Sie haben Brustkrebs.»
Wie ging es Ihnen damit?
Ich fühlte mich wie gestrandet auf einem Bahnhof: Um mich herum rannten Menschen von links nach rechts und von rechts nach links, um ihre Anschlusszüge nicht zu verpassen. Jeder schien ein Ziel zu haben. Nur ich nicht. Ich sass da auf meinem Koffer und wusste nicht, wie meine Lebensreise weitergehen würde. Hatte ich die Endstation erreicht? Vor meinem inneren Auge sah ich mich mit vernarbter Brust und ausgefallenem Haar … Ich sah mich dahinsiechen und sterben. Ich sah meinen Mann an meinem Grab, an jeder Hand eins unserer Mädchen.
Angst stieg in mir hoch und schnürte mir den Hals zu. Zum Glück fing meine Tochter in diesem Moment an zu weinen – sie holte mich aus dem Drama in meinem Kopf zurück ins Sprechzimmer. Ich sah erst meine Tochter an, dann meine Ärztin. «Und jetzt?», fragte ich sie.
Zum Glück hatte meine Ärztin einen Plan: Sie riet mir als Erstes zu einer Analyse des Tumors, die zeigen würde, ob ich überhaupt eine Chemotherapie bräuchte. Ich merkte, wie wenig ich wusste. In meiner Vorstellung gab es nur eine Krebsbehandlung: Brust ab, dann Bestrahlung und Chemo. Doch meine Ärztin berichtete, dass eine Chemotherapie bei vielen Frauen, deren Krebs wie meiner hormonsensibel war und keine Lymphknoten befallen hatte, keinen zusätzlichen Nutzen gebracht habe – weder beim Bekämpfen des aktuellen Krebses noch als Schutz vor einem Rückfall.
Das eröffnete mir völlig neue Aussichten. Ich entschied mich auf der Stelle für die Analyse. Auf das Ergebnis wartete ich einige Tage. Die waren die längsten meines Lebens. Tags wahrte ich für die Mädchen die Fassung, nachts brach ich dann zusammen. Mein Mann hielt mich, trocknete meine Tränen und sprach mir Mut zu: «Wir schaffen das. Zusammen. Ich bin bei dir. Du bist nicht allein.»
Was kam bei dem der Analyse des Tumors heraus?
Dass ich keine Chemo brauchte. Das nahm mir viele Ängste und Sorgen: Typische Nebenwirkungen der Chemo wie Übelkeit, Haarausfall, körperliche Schwäche, Brainfog, Fatigue und mögliche Langzeitfolgen blieben mir damit hoffentlich erspart.
Wie liessen Sie sich stattdessen behandeln?
Ich absolvierte nach der OP, bei der der Tumor komplett entfernt werden konnte, eine Strahlentherapie. Die war auch nicht ohne, liess sich aber gut in den Alltag mit zwei kleinen Kindern einbauen, weil sie mich kaum einschränkte.
Und wie geht es Ihnen heute?
Gut. Ich lebe. Die regelmässigen Check-ups bei meiner Ärztin waren bislang unauffällig. Das verleiht mir Lebenskraft. Ich habe mich weitergebildet und arbeite seit dem Herbst 2022 wieder an meiner alten Schule. In Teilzeit, um nachmittags mit unseren Mädchen zusammen zu sein. Sie heranwachsen zu sehen, das ist mein Reiseziel.