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Literatur
Sowjetunion: "Die Große Gefängniszone"?
"Tausche Raum gegen Zeit" hieß die Devise der russischen Politik als erst Napoleon und später Hitler versuchten, das riesige Land zu erobern, was beiden misslang. Der britische Schriftsteller Geoff Dyer hat sich in vorliegendem Buch über einen Film tatsächlich sehr weit aus dem Fenster gelehnt: und es ist gelungen! Der beherzte Stalker-Fan, der den Film schon mehrmals gesehen hat, beschreibt die Szenen des Films und ergänzt sie mit Anekdoten aus seinem Leben oder allgemeinen Überlegungen zum Film und Science-Fiction-Genre oder der Welt an sich. Er erzählt seine Geschichte sehr locker und lässig und beim Lesen wird einem keinen Moment langweilig, so spannend ist der Erlebnisbericht Dyers, der auch freimütig bekennt, bei den Worten "Welcome Home" beim Burning Man Festival in der Black Rock Wüste in Nevada geweint zu haben, weil er 100%ig an die Temporary Autonomous Zone of Black Rock City geglaubt habe. "Schon das Schwarzweiß von Stalker als schwarzweiß zu bezeichnen heißt, das Gesehene mit unangebrachten Verweis auf den Regenbogen zu färben." In Stalker heißt es: "Wir sind da. Endlich daheim."
Boschaja sona: "Große Gefängniszone"
"Was der Mensch normalerweise will, wenn er ins Kino geht, ist Zeit", soll Andrej Arsen’evič Tarkovskij, der Regisseur von Stalker, selbst einmal gesagt haben. Tatsächlich ist die Farbe des Films eine "Art Submonochromie mit so komprimiertem Spektrum, dass eine Energiequelle daraus entstehen könnte, wie Öl und fast so dunkel, aber dazu mit einem goldenen Schimmer". Nichts in Stalker sei Zufall und doch sei der Film voller Zufälle, etwa wenn bei der Preisverleihung in Cannes 1983 Robert Bresson und Andrei Tarkovskij die Ehrung von Orson Welles entgegennehmen, was Dyer ironisch mit "ein starkes Trio" in einer seiner vielen, oft seitenlangen Fußnoten kommentiert. Die Reise in die Zone, die ein Schriftsteller, Professor und der Stalker - eine Art Reiseführer - mit einer Draisine machen, soll zu einem Zimmer führen, in dem alle Wünsche erfüllt werden können. Damals - 1978 - sei die ganze Sowjetunion eine Art Zone gewesen, ein Gefängnis, ein große Gefängnis, "boschaja sona", die "Große Gefängniszone", wie sie Insassen von tatsächlichen Gefängnissen gerne nannten. Dennoch war nach 1968 der Kommunismus zu einer "ertragenden Lebensform" (Tony Judt) geworden, auch wenn der Fleischwolf von Stalker eine eindeutige Anspielung auf die sowjetischen Unterdrückungssystem darstellt.
Die kontaminierte Zone
"Stil ist für sich allein eine absolute Art und Weise, Dinge zu sehen." Geoff Dyer weist nach, dass der in Interviews doch oft moralinsauer agierende Tarkovskij in seinen Filmen durchaus eine Art subtilen Humors transportierte, wenn er etwa einen Mann aus dem Teich ziehen lässt und dieser auf die Frage, was er da mache, antworte: "Ich lebe hier!" Stalker sei eine reale Reise und zugleich eine Reise in den cineastischen Raum - und also in die Zeit, schreibt Geoff Dyer in der unterhaltsamen Bildungslektüre "Die Zone" zu Tarkovkskijs Film "Stalker", der viele Beteiligte später das Leben kosten sollte: Die Zone war kontaminiert. Ein in jeder Hinsicht berauschendes Werk, das durch die wunderbare Lektüre von Dyers Text noch klarer und akzentuierter aus sich heraustritt und neue Perspektiven eröffnet: des Sehens und des Schreibens. Und dass Fiktion allzu oft von der Realität eingeholt wird.