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Ambros Supersaxo
1853—1932.
Von Alexander Perrig.
Ambros Supersaxo wurde am 17. Dezember 1853 in Saas-Fee, diesem Orte ergreifendster landschaftlicher Gegensätze, als das jüngste von 14 Kindern geboren. Hier in gewaltiger Bergwelt wuchs er auf. Sein in der ganzen Talschaft hochangesehener Vater, Kastlan und Grossrat Aloys Supersaxo, war mit dem alpinen Pionier Pfarrer Joh. Jos. Imseng 1 ) befreundet und nahm auch an der Erstbesteigung des Nadelhorns am 16. September 1858 2 ) teil. Seine Mutter Anna Maria entstammte dem mit der Geschichte des Saastales eng verknüpften Geschlechte der Imseng. Der vorgenannte geistliche Bergsteiger und Ferdinand Imseng, eine der glänzendsten und kühnsten Berg-führergestalten 3 ), waren ihre Vettern.
So haben Abstammung und Landschaft ihm seinen künftigen Bergführerberuf eingehaucht.
Als Ambros im Jahre 1871 seine Führerlaufbahn begann, neigte die klassische Periode des Alpinismus, die Ersteroberung der grossen Alpengipfel, ihrem Ende zu. Die bergsteigerische Detailerschliessung und Detailerforschung der Alpen aber stund erst in ihren ersten Anfängen. Weite Gebiete, selbst in nächster Nähe der eigentlichen Bergsteigerzentren, waren noch tatsächlich unbekannt 4 ). Das Gipfelgebiet nördlich des Brunegghorns, jenes der Grands Bouquetins zwischen Zermatt und Aroila — um nur zwei Beispiele aus den zentralen Walliseralpen zu nennen —, waren noch kaum an irgendeiner Stelle betreten. Noch 1881 konnte Conway das ganze Nordgebiet des Saasgrates als « ungefähr gleich unbekannt wie der Kaukasus » bezeichnen 5 ). Hütten, an denen wir heute so überreich gesegnet sind, standen, von der alten Hütte unterhalb der Matterhornschulter abgesehen, in den Walliser Alpen noch keine.
Ambros'erstes Führerbüchlein, das ich zum Unterschiede des spätern, offiziellen, mit Rücksicht auf sein Format das « kleine » nennen will, umfasst die Jahre 1871—1881. Es ist ein ehrwürdigse Dokument ganz eigener Art und gibt uns ausserordentlich wertvollen Aufschluss über das Werden des jungen Führers und die Bergsteiger, die auf dasselbe massgebenden Einfluss ausgeübt haben.
Prof. F. O. Wolf, der Begleiter Melchior Ulrichs auf verschiedenen Forschungsreisen im Wallis 6 ), beginnt die Liste der Eintragungen am 22. Juli 1874 und bezeugt, 1871 mit Ambros das Weissmies und den Alphubel bestiegen, den Jungenpass von St. Nikiaus nach Gruben und von daselbst die Forclettaz nach St. Luc im Eifischtal überschritten zu haben; ebenso habe Ambros ihm auf seinen botanischen Exkursionen ins Ofental, ins Mattmarkgebiet, nach der Gletscheralpe und auf anderen Wanderungen beste Dienste geleistet und ihn 1873 vom Riffel aus auf die Cima di Jazzi und über das Weisstor nach Mattmark begleitet.
Diese Wanderungen mit dem ganz vorzüglichen Kenner der Walliser Hochgebirgstäler, ihrer Geschichte und ihrer Flora, bedeuteten für den jungen Ambros Supersaxo.
Zeichnung von Oswald Saxer, Zofingen.
Ambros zweifelsohne eine allerbeste Einführung in den Führerberuf. Sie haben wohl auch den Grund gelegt zu der Gründlichkeit, die Ambros'topographische Kenntnisse auszeichneten: « Er besitzt eine sehr gute Kenntnis der ganzen Gegend, genauer, als sie in der Regel gefunden wird », urteilt schon 1878 der Kölner Moritz Seligmann.
In rascher Folge hatte Supersaxo in den ersten Jahren Gelegenheit, die wichtigern Saaser- und Zermatterberge kennen zu lernen. Im Jahre 1874 führte er einen Ls. de R. Cte. aufs Breithorn und andern Tages auf den Monte Rosa und bestieg mit Marc Blanc das Fletschhorn. 1875 folgten u.a. Stelli- und Laquinhorn. Im August wurden Alphubel und Allalinhorn an einem Tage mit den bekannten Mitgliedern der Sektion Monte Rosa Ferdinand und Louis de Roten und Joseph de Rivaz besucht und wurde gleichen Tags noch der Adlerpass überschritten. Anschliessend führte Ambros dasselbe Berg-steigertrio « dans des circonstances très défavorables » auf den Monte Rosa und erhielt von ihm das in seiner Anschaulichkeit vorbildliche Zeugnis: « Il a le pied et l' œil d' un vrai guide, un sang-froid à toute épreuve. Sa gaîté et l' amé de son caractère vous font oublier le danger. En un mot nous avons trouvé en lui un jeune homme sûr, infatigable et dévoué. » Am 18. Juli 1876 führte er die Engländer W. B Hornby, D. J. Murray und J. E. Dawson auf den Alphubel, am 5. September des gleichen Jahres S. Garrit auf das Strahlhorn. Im nämlichen Jahre finden wir ihn wieder im Dienste der drei vorgenannten Mitglieder der Sektion Monte Rosa zu einer Besteigung des Weisshorns, dem eine solche des Matterhorns mit Joseph de Rivaz und Ferdinand de Roten folgt.
1877 bedeutet einen eigentlichen Wendepunkt in Ambros'Führerlauf-bahn: Nachdem er am 15. Juli mit E. A. und F. J. Walker die damals noch seltene Überschreitung des Matterhorns von Zermatt nach Breuil durchgeführt hatte und die anschliessenden Wochen ihn in rascher Folge auf Breithorn, Dufourspitze, über das Neue Weisstor nach Macugnaga, auf Pizzo Bianco, in schwierigem Nebel über das Weisstor zurück, auf die Cima di Jazzi, dann wieder auf den Monte Rosa und über den Adlerpass brachten, nahm ihn Ende August das Bergsteigerpaar C. F. Freeman und A. Sloman als leitenden Führer zu einer Besteigung der Dufourspitze in Dienst. Schwere Ungunst der Verhältnisse stellten hier die Fähigkeiten ihres jungen Führers auf eine glänzend bestandene Probe. Auf dem Schneegrat, nahe dem Gipfel, musste die Partie des heftigen Sturmwindes wegen die übliche Route verlassen und sich über die Felsen ( offenbar auf der Grenzgletscherseite ) den Weg zur Spitze erkämpfen. Von da an nahmen Freeman und Sloman ihn Jahr für Jahr bis 1882 in ihre Dienste. Sie haben ihn offenbar in englischen Bergsteigerkreisen bekannt gemacht, denn nun finden wir Supersaxo während Jahrzehnten fast ganz von der Blüte der damaligen englischen Bergsteiger beschlagnahmt. Durch Freeman und Sloman ward ihm auch wiederholt Gelegenheit geboten, mit Jean Antoine Carrel, der auf dem Zenith seiner Erfolge stand, zusammenzuarbeiten und von diesem grossen Meister seines Berufes zu lernen, so 1878 am Zinalrothorn und 1879 bei einer Überschreitung von Carrels eigentlichem Berge, dem Matterhorn, von Breuil nach Zermatt 1 ).
Die Fahrten mit Freeman und Sloman führten Ambros auch über das Gebiet der engern Heimat hinaus und umfassen 1878: Momingpass und Obergabelhorn, 1879: Triftjoch und Strahlhorn, 1880: Wetterhorn, Eiger, Schreckhorn und Mönch, 1882: Finsteraarhorn, Jungfrau, Nadelhorn, Dom, Weisshorn und Mischabeljoch. « In allen diesen Expeditionen zeigte er », laut ihrem Zeugnisse im Jahre 1882, « die Eigenschaften eines wirklich erstklassigen Führers. » 1878 wanderte Ambros 12 Tage mit Eustace Hulton ( Erstbesteiger des Arbengrates am Obergabelhorn und der Dufourspitze vom Grenzgletscher aus 1 ) Vgl. auch Whymper: « Scrambles », Seite 433.
1874, der Nordostflanke des Monte della Disgrazia mit den Führerlosen Charles und Lawrence Pilkington 1882 ), überschritt Col de Bertol, Col d' Hérens und Weisstor und bestieg Monte Rosa und von St. Nikiaus aus das Galenhorn des Saasergrates. Die letztere Tur stellt zweifelsohne die erste bekanntgewordene Besteigung des Galenhornes dar und nicht die von Lorria und Eckenstein im Jahre 1886.
1879 sehen wir Ambros vorerst mit John Waddon Martyn, H. C. Bourne und John Taylor von Saas aus über das Alphubeljoch nach Zermatt wandern, anschliessend mit den beiden erstgenannten das Zinalrothorn — « wonder-fully ready and skilful in all difficulties » — besteigen und dann mit Taylor, als dessen ersten Führer, und Robert v. Lendenfeld und den Führern S. Santo, Peter Taugwalder und Ferdinand Imseng am 29. Juli die erste Matterhornbesteigung des Jahres durchführen 1 ). « Beim Abstieg war », laut Taylors Zeugnis, « eine grosse Menge sorgfältiger Stufen in blaues Eis erforderlich, eine Arbeit, der sich Ambros mit grösster Geschicklichkeit und Behendigkeit entledigte. » In diesen Tagen plante G. A. Passingham mit seinem unerschrockenen Führer Ferdinand Imseng die Lösung eines der gewaltigsten bergsteigerischen Probleme, den Angriff auf die noch gänzlich unerforschte Westwand des Weisshorns. Am 6. August wurde von Passingham, Imseng und Supersaxo das Biesjoch nach Zinal überschritten, am 7. ein Felsbiwak zwischen Weiss-horn- und Mominggletscher bezogen und tags darauf die Wand in schwierigster Kletterei « bis zu drei Stunden unter den Gipfel » bezwungen, als ein aufziehendes Unwetter die Bergsteiger zu rascher Umkehr zwang. « Aber eine halbe Stunde später », schreibt Passingham in seinem Bericht, « befanden wir uns inmitten eines der fürchterlichsten Stürme mit Gewitter, Schnee Und Wind, die ich je in den Alpen erlebt habe... Wie wir imstande sein würden, jene schwierigen Felsen im Abstiege zu bewältigen, die wir kurz zuvor erklommen und die nun frischer Schnee bedeckte, schien mir ein Rätsel. Wir setzten uns daher in verzweifelter Entschlossenheit ans Werk und packten die Felsen in einer Weise an, wie ich sie nie zuvor angepackt. Supersaxo führte bewunderungswürdig. Imseng ragte hinter mir in den Nebel hinein, ein Bild von Kraft und Entschlossenheit 2 ). » An der wenige Tage später, am 13. August, vollständig durchgeführten Ersteigung der Weisshornwestwand konnte Ambros nicht mehr teilnehmen, da ihn nach seiner Rückkehr nach Zinal eine Anstellung vom 8. bis zum 16. August an Freeman und Sloman band.
Es folgte dann als erste Fahrt mit Sir Henry Seymour King die auf das Zinalrothorn. Sie bildete den Ausgangspunkt einer glänzenden Turenfolge durch das ganze weite Alpengebiet. Fünfzehn Jahre lang zog King Sommer für Sommer mit Ambros als leitendem Führer seiner grossen Expeditionen in die Berge, Erfolg an Erfolg reihend und immer wieder neue wertvolle Beiträge zur Erschliessung und Einzelerforschung der durchwanderten Gebirge liefernd. Vom Mont Blanc bis zu den Dolomiten fehlt kaum einer der bekannten Gipfel oder Übergänge in der grandiosen Liste dieser Fahrten.
" In all diesen Expeditionen zeigte Ambros dauernd jene Umsicht, Fertigkeit und Courtoisie, die mich veranlassten, ihn so hoch zu schätzen. Ich kann niemanden ein glücklicheres Los wünschen, als ihn zum Führer zu haben. » Mit diesem Zeugnis beschliesst King seinen letzten Eintrag 1893 in Ambros'Führerbuch. Über die Zeit gemeinsamer Wanderungen hinaus blieben sich beide in einer der edelsten Freundschaften verbunden, die je einen Herrn mit seinem Führer verband. Man muss den alten Ambros über seine Fahrten mit King sprechen gehört haben, um nachzuempfinden, mit welcher Liebe und Verehrung er zeitlebens an ihm hing.
Ins Jahr 1879 fiel auch ein Engagement als zweiter Führer von F. T. Wethered ( Erstbesteiger des Südwestgrates der Jungfrau, des Nordwestgrates des Brunegghorns, der Täschhornostflanke, der Rimpfischhornsüdwand, der Grivola von Westen ), während welchem Triftjoch und Zinalrothorn begangen wurden. Mutmasslich war Alexander Burgener hierbei leitender Führer.
1880 sehen wir Ambros neuerdings — vom 25. Juli bis 10. August — im Dienste von John Taylor, den er als Leitender auf den Mont Blanc, über den Col du Géant, von Prérayen aus auf das Tiefmattenjoch, von hier direkt über den zur Tête de Valpelline führenden Grat zum Col de Valpelline ( « partly on the arête and partly on the side of the rocky ridge to the top of the Col Valpelline » ) und schliesslich von Zermatt übers Strahlhorn nach Saas führte. Mit der Fahrt Tiefmattenjoch-Col de Valpelline gibt uns Ambros'kleines Führerbuch meines Wissens erstmals Kunde von einer Begehung des Südostgrates der Tête de Valpelline, über die der alpinen Literatur eine zuverlässige Auskunft bis heute fehlte 1 ).
Es folgten nun Wanderungen mit James Heelis, dem er bis 1886 als leitender Führer diente. ( 1880: Fletschhornsüdostgrat, Mischabeljoch, Rimpfischhorn, Triftjoch, Überschreitung des Zinalrothorns, Riffelhorn vom Gletscher. 1881: Täschhorn und Weisshorn. 1882: Schreckhorn und Blümlisalphorn. 1884: Fletschhorn von Simpeln nach Saas, Zinalrothorn- und Matterhornüberschreitung. 1885: Täschhorn über Mischabeljoch und Weisshorn. 1886: Eiger, Jungfrau, Mönch, Agassizjoch, Dent Blanche, Lyskamm und Monte Rosa. ) J. H. Wicks, einen der erfolgreichsten und kühnsten Bergsteiger jener Zeit, führte Ambros am 8. August 1881 2 ) vom Stockje aus auf die Tête du Lion und überwand damit erstmals die Eis- und Felswand, die in schauerlichem Sturze von diesem Gipfel auf den Tiefmattengletscher herunterstürzt. Anschliessend wurde am 9. August das Matterhorn von der italienischen Hütte nach Zermatt überschritten. Diese Tête du Lion-Besteigung betrachtete Ambros zeitlebens als seine schwierigste und gefährlichste Fahrt und als eine solche, die der ausserordentlich morschen Felsen und des Steinschlages wegen nicht wiederholt werden sollte. Sie ist denn auch richtigerweise nie mehr versucht worden. Im Jahre 1882 sicherte sich Wicks Ambros gleich- 1 ) Vgl. M. Kurz: « Guide des Alpes Valaisannes », Vol. II, Seite 258.
falls als leitenden Führer auf Feejoch, Rimpfischhorn, Untergabelhorn und Dom und bezeugt, « dass er ihn wie früher in jeder Beziehung vollständig befriedigt habe ».
Mit John R. Eilermann bestieg Ambros 1882 die Dent Blanche. Mit W. W. Graham-, dem nachherigen erfolgreichen Himalayaforscher, führte er am 3. August des gleichen Jahres die erste Besteigung des zerrissenen Ostgrates und auf dem Abstieg die erste Begehung der « mit Eis bedeckten Felsen » der Westwand der Südlenzspitze durch. « Although a first ascent he led the way admirably, never being at fault », urteilt Graham, der diesen Aufstieg über den Ostgrat bei den vorgefundenen Verhältnissen als die schwierigste Gratwanderung im Zermattergebiet einschätzte 1 ).
Die Südlenzspitze ist einer der Lieblingsberge unseres Ambros geblieben. Immer wieder ist er zu ihr zurückgekehrt und hat zu den oben genannten beiden neuen Wegen am 28. Juli 1888 mit Richard F. Ball noch jenen über den türme- und gwächtenreichen Südwestgrat vom Lenzjoch aus und im Abstieg eine neue Variante über die Westflanke ( nördlich der Graham-Route ) hinzugefügt 2 ).
Ins Jahr 1883 fällt die Erstbesteigung des Egginer von der Saaserseite mit H. S. King. Laut den persönlichen Mitteilungen von Ambros'Sohn Oskar hätte es sich hier um die Überkletterung des Nordgrates vom Mittaghorn zum Egginer gehandelt, die Dübi 3 ) gestützt auf das « Alpine Journal » 4 ) als von H. W. Topham im Jahre 1886 erstmals begangen, aufführt 6 ). In der gleichen Campagne mit King wurde unter anderm das Täschhorn vom Mischabeljoch aus überschritten, das Rimpfischhorn über den heiklen Nordgrat vom Allalinpass aus erreicht und der erste Abstieg vom Gipfel direkt auf den Adlerpass hinunter erzwungen. Ob Ambros bei dieser Gelegenheit oder erst später die ihm zukommende erste Überkletterung des Grossen Gendarms am Nordgrat, Punkt 4119 m 6 ), der vordem immer umgangen wurde, durchgeführt hat, entzieht sich meiner Kenntnis.
Hatte King seine früheren Bergfahrten mit Ambros ausschliesslich auf die Walliser und Berner Alpen beschränkt, so galten seine Expeditionen im Jahre 1885 vorab der Gebirgswelt von Chamonix und Courmayeur: der Dent du Géant, den Grandes Jorasses, den Aiguilles de Blaitière, des Charmoz, du Moine, du Dru, der Aiguille Verte und vorab der Aiguille Blanche de Peuterey, die bis dahin alle Angreifer abgeschlagen hatte.
Obwohl alle diese Berge für Ambros und ebenso für den zweiten Führer Alois Anthamatten völlig neu waren und ein Ortskundiger nur bei der Blanche mitwirkte, so unterlief ihm doch bei ihrer Besteigung nach dem wörtlichen Zeugnisse Kings nie ein Fehler. Es ist bezeichnend für den hochentwickelten Spürsinn, mit dem Ambros sich in jedem Gebiete zurechtfand, und für die Intuition, mit der er den richtigen Weg auch in den unübersichtlichsten Felsen und im wirrsten Gletscherbruch herausfühlte und beging, dass gerade diese Seite seines Führertums immer wieder von den hervorragendsten Bergsteigern in ihren Zeugnissen gefeiert wird. Unvergessen bleibt mir die unab-irrbare, spielende Sicherheit, mit der Ambros nach einer herbstlichen Übersteigung des Zinalrothorns direkt von Zermatt aus unserer zwei vom Le Blanc-Rücken aus durch den Mountetgletscher nach dem Triftjoch führte, als wäre es vorgesteckter Weg und nicht ein Labyrinth gewaltigster Spalten. Und damals war er 64jährig und tags zuvor über das Rimpfischhorn nach Zermatt gekommen!
Der vorgenannten Erstbesteigung der Aiguille Blanche ging eine sorgfältige Erkundung voraus. Nachdem die Brenvaseite sich hierbei als dauerndem Steinschlag ausgesetzt erwiesen hatte, rekognoszierten Supersaxo und Anthamatten am 29. Juli die Fresnayseite von der Aiguille de Châtelet aus. Gleichen Abends konnten sie ihrem Herrn die Entdeckung des ihnen möglich erscheinenden Weges melden und ihren Angriffsplan entwerfen. Just zu dieser Zeit kehrte Emil Rey über den Col du Géant nach Courmayeur zurück. Da King wusste, dass Rey seit langem um die Aiguille Blanche kämpfte, bot er ihm ritterlich « as a matter of courtesy » 1 ) die Teilnahme an der geplanten Tur an, die Rey freudig annahm. Es ist nicht unwesentlich, diese Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen. An der leitenden Führerschaft des Ambros, die Kings Zeugnis ausdrücklich feststellt, änderten sie nichts. Supersaxo und Rey waren aber zu edle Kämpfer, als dass sie sich anders denn in brüderlichem Wettstreite und in einiger Sorge und Zuversicht um das Gelingen der grossen Fahrt in die Führung geteilt hätten. Ohne Zweifel ward sie durch Reys Ortskenntnis wesentlich erleichtert.
Am 30. Juli wurde über den Glacier de Châtelet und durch die berüchtigte Brandung des Brouillardgletschers ein Biwakplatz zwischen dem Col du Fresnay und dem Pic Eccles erreicht, der gleiche, an dem Rey 1880, anlässlich der denkwürdigen ersten Überschreitung des Mont Blanc vom Col de Peuterey aus, genächtigt hatte. Nach Erreichung des Col Eccles hackte sich die Partie andern Tags in schwerer zweistündiger Arbeit eine « ausserordentliche jähe, fürchterliche Eiswand » 2 ) hinunter zur obersten Bucht des Fresnaygletschers, querte diese und stieg direkt zum Col de Peuterey hinauf. Von dort schlugen sich die Bergsteiger über den Nordwestgrat durch, erst längs eines kurzen Eishanges zum ersten Turm aus brüchigem Gestein, dem — nach einer stark überwächteten, luftigen Scharte — ein zweiter Felsturm folgte, dann über einen Firnhang und schliesslich über ausserordentlich lose Felsen zum jungfräulichen Gipfel.
1 ) Vgl. H. S. King: « The first ascent of the Aiguille Blanche de Peuteret », « Alpine Journal », Vol. XII, Seiten 431 ff. und Seite 419.
Der Abstieg wurde auf dem gleichen Wege durchgeführt, bei einbrechender Nacht der alte Schlafplatz neuerdings bezogen und tags darauf über den Brouillardgletscher hinunter zu Tal gestiegen. Courmayeur, selbst Heimstätte von soviel edler Tapferkeit und Kühnheit, bereitete den Erstbesteigern seiner Aiguille Blanche einen begeisterten Empfang 1 ).
Im Anschluss an die Chamonixfahrten wandte sich King mit Supersaxo und Anthamatten den Bergen Arollas zu. Am 25. August wurde gemeinsam mit Howard Barett und dessen Führern Kaspar Maurer und Rudolf Kaufmann der Mont Collon erstmals direkt über die Ostwand erstiegen 2 ). Am 29. August erreichten die gleichen, aber diesmal ohne Maurer und Kaufmann, die Petite Dent de Veisivi erstmals vom Col de Tsarmine aus über den von zahlreichen Türmen verteidigten Felsgrat 3 ). Vier Tage später, am 1. September schliesslich gelang dem unermüdlichen King mit seinen beiden Führern die Besteigung des Zentral- und des Nordgipfels der Dents des Bouquetins auf neuen Wegen ( über Nord- und Südgrat)4 ). Zwischenhinein wurden Aiguille de la Za, Mont Brûlé und Pigne d' Arolla und abschliessend das Blümlisalphorn besucht.
Im Jahre 1886 begann King seine Fahrten in Zinal mit der Erstbegehung des Südsüdostgrates des Besso 5 ), beging Trifthorn, Wellenkuppe, Kastor, Pollux, Lyskamm, Zumsteinspitze, Signalkuppe und Weisshorn und erzwang sich vom Momingpass aus den Zugang zum bisher unbetretenen Obermominghorn ( Aufstieg über den Nordostgrat, Abstieg über die Ostwand ). Mächtige Gwächten drängten die Männer bei diesem Aufstieg vom Pass weg in die Steilhänge der Zinalseite hinaus. So widerspenstig hart war hier das Eis, dass es selbst Ambros'kraftvoller Axt eine Stunde klirrender Arbeit abrang, bis sie sich zu den nahen Felsen durchgeschlagen hatte 6 ).
In seinem Aufsatze « Three New Ascents in the Berner Oberland»7 ) ( 1887 ) schilderte King die ersten Besteigungen des später nach ihm benannten Kingspitz und des Grindelwaldner Eigerhörnlis und die erste Überschreitung des Silberhorns über die Strählplatten und den Rotbrettgrat zur Silberlücke und zum Jungfraugipfel, alle unter Ambros'Führerschaft. Letztere Fahrt gehört zu den kühnsten Kampfhandlungen in der Eroberung der Alpen und ist meines Wissens nur einmal im Abstiege wiederholt worden. Die Art und Weise, wie Ambros sie ertrotzte und bewältigte, bedeutet wohl eine der prachtvollsten Leistungen, mit der je ein Führer Herz und Atem seiner Begleiter in Bann schlug. Als die Erstbesteiger King, Ambros Supersaxo und Louis Zurbriggen nach grossen Schwierigkeiten den Rotbrettgrat erreichten, 1 ) Vgl. H. S. King: « The lirst ascent of the Aiguille Blanche de Peuteret », « Alpine Journal », Vol. XII, Seiten 431 ff. und Seite 419.
fanden sie jedes Weiterkommen durch überhängenden Fels versperrt. Alle Versuche, diese Stelle zu überwinden, scheiterten. Da, just als die Niederlage besiegelt schien, entdeckt King in einer Felsritze eine Flasche mit dem Bericht von C. E. Mathews und E. v. Fellenberg, wonach sie unter Führung von Melchior Anderegg, Ulrich Lauener und Joseph Bischoff 1863 die nämliche Stelle erreicht hätten und hier zur Umkehr gezwungen worden seien. Das war zuviel für Ambros'leidenschaftliches Führerblut! So viel Fährnisse glücklich überwunden zu haben, um schliesslich nur eine Stelle zu erreichen, die bereits von andern betreten worden, war ihm ein unmögliches Ansinnen. Allen Einwänden seiner Weggefährten zum Trotz, die, « solange Menschen so gebaut sind, wie dies eben bis dahin der Fall » 1 ), keine Möglichkeit zur Überwindung des kritischen Überhanges sahen, beharrte er darauf, die Tur zum Ziele zu führen. King und Zurbriggen mussten ihn die Nordseite des Grates hinunterlassen. Mit grossem Geschick arbeitete er sich dort fort bis auf volle Seillänge; ein zweites Seil musste ans erste geknüpft werden, aber auch dieses reichte nicht aus. Nun rollt der Kühne, unbeirrt durch alle Vorhalte der Zurückgebliebenen, das Seil ein, nimmt es mit und klettert, nur der eigenen Kraft und Sicherheit vertrauend, in der unwirtlichen Wand weiter. Während einer bangen halben Stunde sehen und hören seine harrenden Begleiter nichts mehr von ihm, bis plötzlich ein sieghafter Zuruf, droben am Grat über dem Überhang, ihnen meldet, dass die Umgehung geglückt. Damit war die Schlüsselstellung ( das Fellenbergflüehli ) zu Fall gebracht. Dem luftigen Grate folgend wurde in weitern 4 1/2 Stunden das Silberhorn und knapp vor Einbruch der frühen Herbstnacht der Jungfraugipfel erreicht. In den Felsen über dem Rottalsattel beschloss die Partie ihren siegreichen Tag mit einem kalten Biwak, das Ambros zweifelsohne durch seinen unverwüstlichen Frohsinn zu einem köstlichen Erlebnis zu gestalten wusste; denn in solchen Lagen bewies er immer wieder die ganze, volle Grösse seiner Führerschaft: eine beispiellose, physische und psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, diese Widerstandskraft auf seine Begleiter zu übertragen. Auch nach strengstem Tagewerk waren seine Aufmerksamkeit und Fürsorge unermüdlich, wirkten sein Mut und sein sonniges Gemüt zur rechten Zeit und in der rechten Weise anspornend und belebend.
Im nämlichen Sommer wurde mit Richard F. Ball eine Schreckhornbesteigung, mit King von der Dossenhütte aus die Überschreitung des Rosen-, Mittel- und Wetterhorns, die Besteigung des Lauteraarhorns, die der Jungfrau und des Mönch an einem Tage von der Berglihütte aus, dann die des Gspalten- und des Lauterbrunner Breithorns durchgeführt.
In die Dolomiten kam Ambros erstmals 1888 und dann wieder 1891, beide Male mit H. S. King, wobei Cristallino, die Grosse und die Kleine Zinne, Monte Cristallo, Cinque Torri, Tofana, Croda Rossa, Croda da Lago, Pelmo, Pomagognon, Pala di San Martino, die beiden Gipfel des Sass Maor, Cimone della Pala, Cima di Vezzana, Cima di Canali und Campanile di Val Roda erklettert wurden.
1 ) « Alpine Journal », Voi. XIV, Seite 25 ff. Vgl. auch « Alpine Journal », Vol. XIII, Seite 416, und in die « Die Alpen », Bd. III: « Altes und Neues von der Jungfrau », von H. Lauper.
Rev. J. D. James, der Ambros'Führerkunst 1888—1890 in den Berner und Walliser Alpen, so bei der Erstbegehung des Sonnighorn-Nordwestgrates 1 ) und bei dem ersten Abstieg über die Westwand der Aiguille de la Za 2 ) kennenlernte, schreibt in einem seiner Zeugnisse über Ambros: « Er ist immer aufmerksam und bereit zu den notwendigen Hilfen. Rasch vermag er die Fähigkeiten des Bergsteigers einzuschätzen, und stets handelt er auch danach. » In dieser feinen Einfühlung in die Kräfte und das Können, und mehr noch als das, in die Seele seiner Begleiter, war Ambros unübertrefflich. Hierin offenbart sich geradezu ein Wesenszug seiner echten Führerpersönlichkeit. Wenn seine Herren mit solcher Treue Jahr für Jahr zu ihm zurückkehrten und immer als wirkliche Freunde von ihm schieden, so war dies neben seiner technischen Meisterschaft nicht zuletzt in dieser Feinfühligkeit begründet, die aus seiner Auffassung über wahres Führertum und aus einem grundgütigen Herzen quoll. Er handelte nach dem Grundsatz, dass wahres Führertum in der Erziehung der Gefährten zur Führung besteht. Wo immer die Verantwortlichkeit es zuliess — und seine Geistesgegenwart und Kraft gewährten ihm hier grossen Spielraum —, liebte es Ambros, sich selbst in den Hintergrund zu stellen, seinen Gefährten Führung und Initiative von sich aus zu überlassen — und mit welch erfinderischem Taktund dadurch in ihnen jene Selbstkritik, jenes Selbstvertrauen, jene Schwung- und Spannkräfte wachzurufen und auszubilden, die eine Seilschaft erst zu einer idealen, sieghaften Einheit zu-sammenschweissen. Ich kannte keinen, der darum auch dem verantwortungsbewussten Führerlosen mehr köstliches Verständnis, mehr spontane Herzlichkeit und uneigennützige Freundschaft entgegengebracht hätte. In mehr als einem Falle ist er in Tat und Wahrheit als dessen Anwalt aufgetreten. Denn « Ambros liebte », wie J. D. James so treffend schreibt, « die Berge um ihrer selbst willen und gehörte nicht zu der käuflichen Gilde jener, die niemals die ausgetretenen Pfade verlassen und deren Hauptinteresse auf das Geld konzentriert ist, das sie am Ende erhalten » 3 ). Ihm war die Begeisterung anderer für die Berge erquickende Freude, Weckruf seelischer Verbundenheit und gemeinsamen Dankes an den Schöpfer dieser Wunderwerke.
Ins Jahr 1890 fiel eine Besteigung des Gross Fiescherhorns und des Doms über die Ostflanke, ins Jahr 1891 eine solche des Gspaltenhorns mit H. S. King, über den Leiterngrat, wobei der letztere von Nordosten auf neuer, sehr schwieriger Route erreicht wurde 4 ). Im Jahre 1892 folgte eine Über- 1 ) Grosses Führerbuch, Seiten 105—107. Vgl. auch « Alpine Journal », Vol. XIV, Seite 503. ( Zweiter Führer war Em. Imseng. ) schreitung des Täschhorns von Saas nach Randa, eine Erkletterung der Aiguille des Grands und Petits Charmoz und der Aiguille du Géant mit Philipp Fletscher.
Soweit Ambros'Führerbücher, in denen über vielerlei Fahrten Eintragungen fehlen, Schlüsse gestatten, lernte er 1893 erstmals die Bündnerberge kennen, und zwar wieder im Dienste Kings. Offenbar zum Zwecke, einen guten Einblick in das Hauptmassiv zu erhalten, wurden zuerst die aussichtsreichen Piz Chalchagn und Piz Morteratsch besucht; dann folgten Piz Roseg, die Drei Schwestern und Piz Muraigl, Monte della Disgrazia, Piz Palü, Piz Languard « mit Abstieg über die Felsen zum Gletscher und dann über den Grat zu La Pischa und ins Heutal », Crast'agüzza, die Überschreitung des wunderbaren Sellakammes ( Chapütschin, La Muongia, Piz Glüschaint, beide Sellaspitzen ) in einem Tage, Piz Rosatsch und Piz Surlej und als Abschluss Piz Bernina. Auch später hat Supersaxo in diesem Gebiete geführt, so 1895 den Belgier Herbert Speyer über die Berninascharte und 1898 durch das Marinellicouloir auf den Piz Roseg, im gleichen Jahre B. Wainewright auf den nämlichen Gipfel. 1903 führte er den Amerikaner F. E. Beckwith auf einer Überschreitung des Scerscengrates und des Bernina von der Tschierva- zur Bovalhütte.
In den neunziger Jahren finden wir unter der grossen Fülle ausgeführter Bergfahrten einen Gang von der Eggfluh aus über die Südlenzspitze auf das Nadelhorn mit dem Brüderpaar Rossier, einen Aufstieg auf das Breithorn über seine blendende Nordseite, eine Überschreitung des Obergabelhorns von Trift nach Mountet und Rückkehr über das Zinalrothorn mit J. Edgar Koecher. Dann am 12. Juli 1898 die erstmalige Ersteigung des Laquinhorns über Westflanke und Südgrat mit H. Speyer 1 ) und eine denkwürdige Begehung der Dent Blanche über den Ferpècle- und Wandfluhgrat mit B. Wainewright, der hierüber im grossen Führerbuch berichtet:
« Wir verliessen Ferpècle Samstags 1245 Uhr nachts und steuerten dem Grate der Dent Blanche zu, über den die Partie der Mrs. Jackson abgestiegen war. Als wir uns dem Bergschrund näherten, entdeckten wir, dass das Schneecouloir, durch welches wir den Grat zu erreichen gehofft, zu blankem Eis geworden war. Wir sahen uns deshalb gezwungen, einen Weg hinauf zu suchen, vorerst über die Felsen rechts des Couloirs, um dann, als diese unmöglich geworden, zu den linksseitigen Felsen hinüber zu queren, über die wir schliesslich den Grat erreichten. Dieser Teil der Arbeit war ausserordentlich schwierig und liess uns manche Stunde verlieren, so dass wir 5 Uhr abends erst ungefähr 1/2 Stunde unterhalb des Gipfels anlangten. Hier fanden wir einen hohen Felsen, der guten Schutz gegen den Nordwind bot und just genügend ebenen Platz, dass unsere Partie sich hinlegen konnte. Hier verbrachten wir 13 Stunden bis Tagesanbruch. Es ist unmöglich, in zu hohen Tönen von der köstlichen Haltung Ambros'zu sprechen; singend und Geschichten erzählend rieb er mir andauernd Füsse und Beine, um ein Einfrieren zu verhüten. Ihm allein danke ich es, dass ich davonkam, denn der Wein in der Flasche war festgefroren, und auch die Fleischvorräte wurden steinhart. Am nächsten Morgen um 615 Uhr verliessen wir unsere Zufluchtstätte und erreichten den Gipfel um 645 Uhr. Den Abstieg nahmen wir über den gewöhnlichen Weg und gelangten um 530 Uhr abends nach Zermatt. Während dieser ganzen Expedition und ebenso auf jener auf den Piz Roseg zeigte Ambros die grösste Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, und seine Fähigkeiten im Aufspüren des Weges und als Bergsteiger erwiesen sich als solche höchsten Grades. » 1 ) Grosses Führerbuch Seite 141. Zweiter Führer war Xaver Imseng. Vgl. auch « Alpine Journal », Vol. XIX, Seite 248.
Wenn man die letzten Jahrzehnte von Supersaxos aktiver Führerlaufbahn, die bis 1922 reichte, anhand seiner Führerbücher durchgeht, findet man fast ausschliesslich grosse Fahrten eingetragen, die von einer erstaunlichen Jugendlichkeit, einer ungebrochenen Tatkraft und Leistungsfähigkeit sprechen. Körper und Herz dieses Mannes erscheinen unverwüstlich; alle Wanderungen sind von dem erquickenden Frohsinn und der goldenen Treue und Lauterkeit übergossen, die nirgends echter durchbrechen als in der allen Schein zerstörenden Atmosphäre der Berge. Sie waren Wesenszüge an Ambros. In seiner Gesellschaft konnte sich niemand nur einen Augenblick weder auf der trostlosesten Moräne noch im ermüdendsten Schneesumpf langweilen. Wenn Damen sich seiner Führung anvertrauten, so lernten sie in ihm immer wieder jene Ritterlichkeit und Rücksichtnahme kennen, mit denen der wahre Edelmann die Frau auszeichnet. Ungebrochen bewahrte er sich auch jene Begeisterung, jenen Drang nach dem gesunden Abenteuer, nach der Fahrt ins Unbekannte, die echter Jugend eigen sind. So sehen wir ihn und seinen Sohn Oskar am 20. August 1908 mit J. Moor den Zugang zum Zmuttgrat direkt von der Hörnlihütte aus über den Matterhorngletscher neu erschliessen. Die Route dürfte im wesentlichen mit der in Vergessenheit geratenen von Edwar Davidson des Jahres 1896 zusammenfallen 1 ).
Am 26. August 1913 überwanden Ambros und sein Sohn Heinrich mit E. C. Francis den bis dahin unbetretenen Nordgrat des Strahlhorns 2 ).
Nicht die « übliche Route », sondern die jeweiligen Verhältnisse des Berges und die Verfassung der Seilschaft waren für seine impulsive Initiative und sein unabhängiges Urteil bis in die letzten Führerjahre wegleitend und massgebend. Ungunst der Witterung war ihm nie eine willkommene Gelegenheit, seinen Herren süsses Nichtstun in Tal und Hütten vorzuschlagen. Er fand immer wieder Berge und Pässe, mit denen auch eine Schlechtwetterperiode, unter voller Wahrung der Verantwortlichkeitspflicht, genussvoll gestaltet werden kann.
Über die Jahre 1899—1919 erstrecken sich 12 Feldzüge ( umfassend 60 namentlich aufgeführte Besteigungen ) mit Oskar Gebhard. Sie muten uns in ihrer Gesamtheit und in der durchgehenden Grösse ihres Stiles wie eine glänzende Rekapitulation von Ambros'Lebenswerk an. Es finden sich darunter — um nur ein paar Namen zu nennen — Überschreitungen des Aletschhorns von der Oberaletschhütte nach Konkordia, des Matterhorns von Zermatt nach Breuil, des Balmhorns über den Wildelsigengrat zur Alteis, des Alphubels über den Rothengrat, der Aiguilles des Charmoz, der Jungfrau vom Rottal aus mit Abstieg über das Guggi und des Mönchs von der Guggihütte über den Nollen; dann die Begehung des wundervollen Nadelgrates von der Südlenzspitze zum Hohberghorn, die seltene Gratwanderung vom Schallihorn über die Momingspitze zum Obermominghorn, die Besteigung des Breithorns über die Nordwand, der Dent d' Hérens über das Tiefmattenjoch, des Tschingellochtighorns, des Gross Doldenhorns und des Bietschhorns. Die letzten 1 ) « Grosses Führerbuch, Seiten 195/196. Vgl. auch « S.A.C.-Jahrbuch, Bd. XLVI, Seite 283, und M. Kurz: « Guide des Alpes Valaisannes », vol. II, Seite 298.
Fahrten mit Gebhard im Jahre 1919 umfassen in 8 Tagen die Sattelspitze in den Engelhörnern, das Mittelhorn von der Dossenhütte nach Grindelwald, die Überschreitung des Gross Fiescher- und Gross Grünhorns und das Gspaltenhorn: eine wahrhaftig jugendlich stürmische Leistung für einen 66jährigen an der Schwelle seines goldenen Führerjubiläums. Mit den Worten: « Er ist noch genau der gleich prächtige Führer und Mensch, wie ich ihn nun seit 21 Jahren kenne », beschliesst Gebhard seinen letzten Eintrag.
Besondere Erwähnung verdienen noch drei Mont-Blanc-Überschreitungen von der Quintino-Sella-Hütte nach Chamonix mit Dr. Beckwith. 1906 finden sich nicht weniger als drei Matterhornbesteigungen über den Zmuttgrat innert fünf Tagen! Ins gleiche Jahr fällt ein Gang auf den Dom direkt von Saas-Fee aus, mit Auf- und Abstieg über die Ostwand, mit William und Sidney Locke King. Unter den vielen Fahrten mit Dr. Bertie Neuhaus figurieren der schwierige Rimpfischhorngrat vom Allalinpass aus, die feine Eistur über die Breit-horn-Nordwand, dann die Überschreitungen Adlerhorn-Strahlhorn-Adlerpass, Kastor und Pollux vom Riffel aus, Obermominghorn und die äusserst selten begangene Nordseite des Kleinen Matterhorns.
Mit den Aiguilles Rouges d' Arolla, den Dents des Bouquetins, der Aiguille de la Za, der Südlenzspitze, dem Nadel-, Fletsch- und Laquinhorn beschloss Ambros Supersaxo 1921 seine Fahrten, soweit sie in seinen Führerbüchern aufgezeichnet sind, nach 51 Jahren glänzender, von keinem Unfall getrübten Führerschaft. Fürwahr ein jauchzendes, sieghaftes Abschiednehmen von seinen gelîebten Bergen, um sich — nach seinen eigenen Worten — zur letzten grossen Fahrt zu ihrem und seinem Schöpfer zu rüsten!
Ein Wort noch über Ambros'Familienverhältnisse. Seiner glücklichen Ehe mit Kreszentia Imseng entsprossen 6 Knaben und 6 Mädchen; drei Söhne und vier Töchter gingen ihren Eltern im Tode voraus. Diese schweren Schicksalsschläge hat Ambros nie ganz überwinden können, wenn auch die Mannhaftigkeit und die tiefe Gläubigkeit, mit der er sie trug, und die natürliche Sonnigkeit seines Wesens dies nach aussen nicht kund werden liessen. Mit ausserordentlicher Liebe hing er an seiner Familie; für sie war ihm kein Opfer zu gross. Nur um den Kindern eine sorgfältige Schulbildung über die Volksschule hinaus zu verschaffen, übersiedelte er 1894 für zehn Jahre mit seiner Familie nach Brig, wo er sich rasch die allgemeine Sympathie und ein bleibendes treues Andenken erwarb.
Seine drei Söhne, Oskar, Otmar und Heinrich, die auch den Führerberuf erwählten, wurden von ihm selbst, dem besten der Lehrmeister, in ihren schönen Beruf eingeführt. Sie haben der väterlichen Führerschule weit über die Grenzen der engern Heimat hinaus Ehre eingelegt, besonders durch die Erschliessung des winterlichen Gebirges mit dem Ski. Für diese letztere gab der von Ambros selbst 1908 gegründete Skiklub Saas-Fee, dessen erster Präsident er war, stärkste Impulse.
1927 konnte Ambros noch glücklich goldene Hochzeit feiern. Zwei Jahre später musste er seine tapfere Weggefährtin zu Grabe tragen. Am 26. Januar 1932 gab er selbst nach langer Krankheit seine starke Seele in die Hände seines Schöpfers zurück. Auf dem Gottesacker in Saas-Fee, inmitten seiner heimatlichen Berge, hat man unter grosser Anteilnahme von nah und fern, was sterblich war an ihm, zur ewigen Ruhe gebettet.
Ambros Supersaxo lebt in unserer Erinnerung als einer der feinsten Repräsentanten der schweizerischen Bergführerschaft.