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Spaltenschildkröte
Malacochersus tornieri
© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Familie der Landschildkröten (Testudinidae), eine von zwölf Familien innerhalb der Ordnung der Schildkröten (Chelonia), umfasst knapp 40 verschiedene Arten. Sie sind allesamt unschwer als Mitglieder ihrer Familie erkennbar - was keineswegs heisst, dass es sich um eine besonders einheitliche Tiergruppe handelt. Hinsichtlich der Körpergrösse etwa reicht das Spektrum von der winzigen Gesägten Flachschildkröte (Homopus signatus), welche im südlichen Afrika beheimatet ist und eine Panzerlänge von lediglich 10 Zentimetern aufweist, bis hin zu den mächtigen Seychellen- und Galapagos-Riesenschildkröten (Geochelone gigantea und elephantopus), welche im Alter eine Panzerlänge von bis zu 120 Zentimetern und ein Gewicht von deutlich über 200 Kilogramm erreichen.
Auch hinsichtlich der Panzerform weist die Familie der Landschildkröten ein paar bemerkenswerte «Abarten» auf. Besonders seltsam gestaltet ist zweifellos die Spaltenschildkröte (Malacochersus tornieri)
, die wegen ihres flachen Panzers im Englischen treffend pancake tortoise
(«Pfannkuchen-Schildkröte») heisst und von der hier die Rede sein soll.
In Ostafrika zu Hause
Die Verbreitung der Spaltenschildkröte ist auf die beiden ostafrikanischen Länder Kenia und Tansania beschränkt. In Kenia findet man sie im südlichen und zentralen Binnenland, nordwärts bis in die Region von Isiolo im Distrikt Samburu. In Tansania kommt sie hauptsächlich in den nördlichen und zentralen Landesteilen vor, südwärts bis zum Ruaha-Nationalpark.
Die Spaltenschildkröte ist eine verhältnismässig kleine Landschildkröte. Der Panzer wird bei den erwachsenen Tieren höchstens 18 Zentimeter lang und 12 Zentimeter breit, wobei die Weibchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Männchen. Die Gliedmassen der Spaltenschildkröte sind - im Vergleich etwa zu denjenigen der allbekannten Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni)
- recht lang und schlank, und besonders an den Fussgelenken sind sie ungewöhnlich beweglich. Noch ungewöhnlicher ist jedoch der Panzer der Spaltenschildkröte. Während «normale» Landschildkröten einen hochgewölbten, kuppelförmigen Panzer aufweisen, ist derjenige der Spaltenschildkröte überaus flach und weist bei erwachsenen Tieren eine Höhe von nur etwa 4 Zentimetern auf. Oft ist er oberseits sogar etwas nach innen gewölbt, also konkav statt konvex.
Nimmt man eine Spaltenschildkröte in die Hand, so stellt man im übrigen sogleich fest, dass der Panzer nicht starr ist wie bei den anderen Landschildkröten, sondern ziemlich elastisch, so dass er zwischen Daumen und Zeigefinger leicht zusammengedrückt werden kann. Als die ersten Spaltenschildkröten bekannt wurden, hielt man sie für rachitische Missbildungen. Später stellte man jedoch fest, dass die Elastizität des Panzers für die Art kennzeichnend ist: Die starren, miteinander fest verschmolzenen Knochenplatten, die dem Panzer «normaler» Landschildkröten seine Festigkeit geben, sind bei der Spaltenschildkröte einerseits in der Zahl vermindert, andererseits schmaler gebaut, weshalb zwischen den vorhandenen Knochenteilen grosse Lücken bestehen. Diese wabenförmige Struktur ist für die Biegsamkeit (und auch für das verhältnismässig geringe Gewicht) des Spaltenschildkrötenpanzers verantwortlich.
Spurtschnell und kletterfreudig
Selbstverständlich stellen Langbeinigkeit, Pfannkuchenform und Elastizität der Spaltenschildkröte keine Launen der Natur dar, sondern sind sehr zweckmässige Anpassungen an die spezielle Lebensweise der Art in ihrer ostafrikanischen Heimat: Die Spaltenschildkröte ist eine Bewohnerin der sogenannten kopjes
(«Köpfchen»), welche für Ostafrikas Landschaft typisch sind. Es handelt sich um Hügel, die sich aus der trockenen Dornbuschsavanne erheben und vielgestaltige Felsabbrüche aufweisen. Hier hält sich die Spaltenschildkröte in Höhenlagen zwischen 300 und 1800 Metern ü.M. auf und verbringt - der deutsche Name verrät es - viel Zeit versteckt in Felsspalten, -nischen und -höhlen. Gewöhnlich kommt sie nur in den frühen Morgenstunden aus ihrem jeweiligen Unterschlupf hervor, um sich an der Sonne zu wärmen und sich der Futtersuche zu widmen.
Fühlt sich die Spaltenschildkröte bei ihrer Fresswanderung beunruhigt, so ist ihr einziges Bestreben, so schnell wie möglich in den Schutz ihres Unterschlupfs zurückzukehren. Zwar zieht sie beim Auftauchen einer Gefahr anfänglich wie alle Landschildkröten sofort den Kopf und die Beine in ihren Panzer zurück. Doch während die «normalen» Landschildkröten dann in ihrem sicheren Panzer abwarten, bis sich die vermeintliche oder tatsächliche Gefahr verzogen hat und dabei grösste Geduld beweisen, streckt die Spaltenschildkröte gewöhnlich schon nach wenigen Augenblicken Kopf und Gliedmassen wieder hervor und eilt auf ihren langen Beinen überraschend schnell davon, um sich im Fels zu bergen.
Dort erlaubt ihr der flache Panzer, sich in derart enge Spalten zurückzuziehen, dass ihr in der Regel keiner ihrer Fressfeinde mehr gefährlich werden kann. Zusätzlich verankert sie sich in ihrem Unterschlupf, indem sie ihre Beine fest gegen die Spaltenwände stemmt und tief einatmet, so dass sich der biegsame Panzer den Gesteinswänden anpresst. Sie verklemmt sich auf diese Weise dermassen stark, dass sie auch vom Menschen nicht mehr hervorgeholt werden kann.
Ins Bild passt, dass die Spaltenschildkröte eine starke Ortstreue zeigt. In freier Wildbahn wurde festgestellt, dass einzelne Individuen über längere Zeiträume hinweg stets denselben Unterschlupf benutzten. Und in Gefangenschaft wurde beobachtet, dass sich die Tiere selten weiter als zehn Meter von ihrem Unterschlupf entfernten, obschon dies durchaus möglich gewesen
wäre. Die Bindung an ein sicheres Versteck und die genaue Ortskenntnis (als Voraussetzung für den raschen Rückzug dorthin) scheinen für die «weichgepanzerte» Spaltenschildkröte von grosser Bedeutung zu sein.
Durch ihr Leben im Fels hat die Spaltenschildkröte im übrigen eine bemerkenswerte Kletterfähigkeit entwickelt, die zur Hauptsache auf ihren langen, beweglichen Beinen beruht. In Menschenobhut haben Spaltenschildkröten wiederholt bis zu 60 Zentimeter hohe Maschendrahtzäune überstiegen und sich davongemacht. Und in freier Wildbahn wurde schon beobachtet, wie Spaltenschildkröten enge vertikale Spalten hochkletterten, indem sie den Panzer an die eine Wand und die Beine an die andere pressten und in dieser Stellung durch geschickte Kräfteverteilung allmählich immer höher «rutschten». Im Gegensatz zu den meisten anderen Landschildkröten vermögen sich Spaltenschildkröten dank ihrer langen Gliedmassen auch mühelos umzudrehen, wenn sie auf den Rücken gefallen sind, was bei ihrer Lebensweise im Fels nicht selten geschieht.
Unromantische Paarbildung
Die Paarungszeit der Spaltenschildkröte scheint in ihrer ostafrikanischen Heimat in die Monate Januar und Februar zu fallen. Das Paarungsvorspiel ist eine ziemlich unromantische Angelegenheit - zumindest aus menschlicher Sicht. Es besteht daraus, dass das Männchen dem Weibchen nachläuft und heftig nach dessen Beinen schnappt, um es zum Stillstand zu bringen. Dann «rammt» das Männchen das Weibchen mit aller Kraft oder verbeisst sich in dessen Panzer und zerrt es umher oder versucht es auf den Rücken zu drehen - bis das Weibchen endlich zur Paarung bereit ist.
Ähnliches Verhalten ist auch bei anderen Landschildkröten - beispielsweise bei der Griechischen Landschildkröte - zu sehen und hat schon manchen Beobachter zu einem verständnislosen Kopfschütteln veranlasst. Das scheinbar «ungalante» Werben des Männchens hat aber durchaus seinen Sinn: Das Weibchen erhält auf diese Weise die Gelegenheit, Kraft und Ausdauer seines «Freiers» zu messen, und wird letztlich nur einem gesunden, starken Männchen erlauben, seinen Nachwuchs zu zeugen.
Im Juli oder August legt das Weibchen dann ein einzelnes, im Mittel 29x47 Millimeter messendes Ei und vergräbt es an einer gut besonnten Stelle im lockeren Erdreich. Die Entwicklungszeit der Spaltenschildkrötenkeimlinge im Ei schwankt in Gefangenschaft zwischen 113 und 221 Tagen; dies dürfte auch für in freier Wildbahn abgelegte Eier gelten. Die Panzerlänge der frischgeschlüpften Spaltenschildkröten misst ungefähr 4 Zentimeter, wobei der Panzer in den ersten Lebensjahren deutlich härter und stärker hochgewölbt ist als bei den erwachsenen Tieren.
Skrupellose Heimtierhalter
Ihr verhältnismässig schwacher Panzer macht die Spaltenschildkröte anfälliger auf die Bejagung durch Fressfeinde als ihre Vettern, die sich bei Gefahr einfach auf die Festigkeit ihres knöchernen Panzers verlassen können. Als hauptsächliche Fressfeinde sind nebst verschiedenen Adlern und Geiern der Leopard (Panthera pardus)
, der Karakal (Lynx caracal)
, die Fleckenhyäne (Crocuta crocuta)
und der Honigdachs (Mellisuga capensis)
zu nennen. Dieser erheblichen Gefährdung zum Trotz dürften die Ausfälle durch Fressfeinde dank der grossen Umsicht der Spaltenschildkröte, insbesondere ihres sofortigen Rückzugs ins nahe Versteck beim Auftauchen einer Gefahr, eher bescheiden sein und über die natürliche Nachzucht leicht wettgemacht werden.
Weit verheerender wirken sich die massiven Bestandsausfälle aus, die der Mensch verursacht. Zum einen werden Spaltenschildkröten für den Heimtierhandel gefangen. Verständlicherweise hat die skurril geformte Schildkröte schon früh die Aufmerksamkeit der Reptilienhalter geweckt - in Europa ebenso wie in den USA und in Japan. Zur Deckung ihres Bedarfs wurden in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts ungezählte Spaltenschildkröten in ihren Heimatländern gesammelt und ausgeführt. 1981 wurde dann aber die kenianische Grenze für diesen «Exportartikel» geschlossen. Man befürchtete zu recht, dass bei anhaltendem Raubbau die Spaltenschildkrötenbestände des Landes bald zusammen brechen würden. Das Ausfuhrverbot scheint seither weitgehend eingehalten zu werden.
In Tansania wurde die Spaltenschildkröte auf dem Papier schon 1974 vollständig geschützt. Der Fang und Export ging aber infolge mangelhaften Gesetzesvollzugs munter weiter. Besonders nach 1981, also nachdem Kenia seine Exporte gestoppt hatte, wurden vermehrt Spaltenschildkröten ausser Landes geschmuggelt, um den Bedarf auf dem internationalen Heimtiermarkt zu befriedigen. So konnte etwa 1991 eine getarnte, aus Tansania kommende Sendung mit über 500 Spaltenschildkröten im Schiphol-Airport in den Niederlanden festgehalten werden. Viele der bedauernswerten Tiere waren auf dem nicht artgerechten Transport gestorben oder lagen im Sterben; die Überlebenden wurden nach Tansania zurückgeführt und dort wieder ausgewildert.
Es ist schwierig, den langfristigen Einfluss des illegalen Handels auf die Art als Ganzes abzuschätzen. Die Gesamtzahl der zu diesem Zweck gefangenen Spaltenschildkröten dürfte zwar vergleichsweise gering sein, doch scheinen die Bestände von Natur aus nirgendwo sehr dicht zu sein, und zudem bedeutet die geringe Fortpflanzungsrate der Tiere, dass sie sich nur langsam von solch «unvorhergesehenen» Bestandseinbussen zu erholen vermögen. Kommt hinzu, dass die Verbreitung der Spaltenschildkröte unzusammenhängend ist: Die in den weit verstreut liegenden kopjes
wohnhaften Teilpopulationen sind jeweils von ihren Nachbarn kilometerweit durch Gebiete mit ungeeignetem Lebensraum getrennt. Wird eine Teilpopulation durch übermässigen Fang vernichtet, so ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass das betreffende Lebensgebiet so bald wieder von Spaltenschildkröten kolonisiert wird.
Dem wäre anzufügen, dass sich die Spaltenschildkröte in Menschenobhut überraschend gut, häufig sogar zweimal im Jahr, fortpflanzt. Es wäre also durchaus möglich, den Bedarf an Spaltenschildkröten auf dem Heimtiermarkt durch in Gefangenschaft geborene Individuen zu decken. Leider sind aber viele sogenannte «Schildkrötenliebhaber» nicht gewillt, einen verhältnismässig hohen Preis für eine Spaltenschildkröte aus Gefangenschaftszucht zu bezahlen, wenn sie sich ohne nennenswerte Probleme eine preislich günstige Spaltenschildkröte aus illegalem Export beschaffen können. Die Überwachung des internationalen Heimtierhandels muss deshalb weiterhin verbessert werden, in den Ursprungsländern ebenso wie in den «Verbrauchsländern».
Die andere, langfristig eher noch schwerer wiegende Gefahr für die Spaltenschildkröte, die vom Menschen ausgeht, ist die Zerstörung ihres Lebensraums. Im ganzen Verbreitungsgebiet der Art sind Dichte und Wachstumsgeschwindigkeit der menschlichen Bevölkerung mittel bis hoch. Der Druck auf die verbleibenden Naturlandschaften nimmt stetig zu und bewirkt, dass fortwährend weitere Flächen besiedelt und in Kulturland umgewandelt werden. So verliert die Spaltenschildkroete mehr und mehr Raum zum Überleben.
Erfreulicherweise beherbergen mindestens zwei grossflächige und gut gesicherte Naturschutzgebiete in Tansania gesunde Spaltenschildkrötenbestände: der 14 763 Quadratkilometer grosse Serengeti-Nationalpark im zentralen Bereich des Verbreitungsgebiets der Art und der 12 950 Quadratkilometer messende Ruaha-Nationalpark am südlichen Rand desselben. So lange diese beiden für die gesamte ostafrikanische Fauna und Flora sehr bedeutsamen Schutzgebiete in ihrem heutigen Zustand erhalten bleiben, sind zumindest die dort ansässigen Teilpopulationen der Spaltenschildkröte in ihrem Fortbestand gesichert.
Bildlegenden
Die Spaltenschildkröte (Malacochersus tornieri)
gehört mit einer Panzerlänge von bis zu 18 Zentimetern zu den kleineren Mitgliedern derFamilie der Landschildkröten. Sie bewohnt felsige Hügel in Ostafrikas Dornbuschsavanne und erweist sich dort dank ihrer langen, sehr beweglichen Beine als ausgezeichnete Kletterin.
Die Musterung der Hornschilder auf dem Panzer der Spaltenschildkröte ist sehr variabel. Einerseits verändert sie sich im Laufe des Lebens eines jeden Individuums (oben: junges, wenig gemustertes Tier; Mitte: erwachsenes Tier mit ausgeprägtem Strahlenmuster; unten: altes, einheitlich hornfarbiges Tier). Andererseits bestehen auch zwischen gleichaltrigen Individuen oft erhebliche Unterschiede (vgl. Bild Seite 5).
Die Spaltenschildkröte geht gewöhnlich in den frühen Morgenstunden auf Nahrungssuche. Sie nimmt ausschliesslich pflanzliche Stoffe zu sich, und zwar zur Hauptsache die Blätter verschiedener Gräser und Kräuter. Eher selten verzehrt sie Blüten oder Früchte.
Spaltenschildkröten leben das Jahr über einzelgängerisch. Nur während der Paarungszeit, welche gewöhnlich in die Monate Januar und Februar fällt, kommen Männchen und Weibchen kurzfristig zu sammen, um für Nachwuchs zu sorgen.
Der Panzer der Spaltenschildkröte ist überaus flach. Er erlaubt ihr, sich in derart enge Spalten zurückzuziehen, dass ihr in der Regel kein Fressfeind - in Frage kommen vor allem Adler, Katzen und Hyänen - mehr gefährlich werden kann. In der Tat ist die Spaltenschildkröte stets darauf bedacht, sich nicht allzuweit von einem sicheren Unterschlupf zu entfernen, und sie zieht sich schon bei der geringsten Beunruhigung sofort dorthin zurück.
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