Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03190.jsonl.gz/1019

Ein Altbau im Zürcher Seefeldquartier: Die Schreinerwerkstatt im Parterre ist 1988 zur Gemeinschaftspraxis umgebaut worden. Seither arbeitet David Winizki hier als Hausarzt. Führt er durch die Praxisräume, zeigt er auch den gefangenen Raum mit dem Gynäkologenstuhl. «Hier haben wir in den 1990er Jahren Hunderte von Abtreibungen durchgeführt.»
Winizki ist ein linker Hausarzt mit dem Ruf, der Doktor der Latinas von Zürich zu sein. Mit mehr als der Hälfte seiner Patientinnen und Patienten spricht er spanisch, bloss mit einem Viertel deutsch. Sans-papiers ohne Krankenkasse behandelt er für pauschal 50 Franken. In den 1990er Jahren war er einer der führenden Aktivisten der Drogenlegalisierungsinitiative Droleg. Früh hat er vor der medizinischen Rationierung gewarnt. Seit Jahren engagiert er sich für die medizinische Versorgung der Sans-papiers.
Auf dem kleinen Pult, an dem Winizki in seinem Sprechzimmer sitzt, liegt sein Rezeptblock, auf dem sein Name, aber kein Titel steht. Ob er nicht «Doktor» sei? Doch, aber er hasse «unnötige Machtdemonstrationen». Gegenüber seiner Klientel habe er als weisser Mann, Europäer und Chef genügend Privilegien.
Ein verhängnisvoller Treppensturz
Kürzlich schrieb er in einem Leserbrief im «Tages-Anzeiger», was er von der revidierten Invalidenversicherung (IV) hält, die «Frühintegration» statt Renten will: Die Zahl der Neurenten sei in den letzten zehn Jahren von 28’000 auf 15’000 gedrückt worden, indem die IV-Gutachter systematisch «Scheinerwerbsfähige» produziert hätten.
Winizki erzählt den Fall einer Frau, heute Schweizerin, die in einer dominikanischen Bergbauernfamilie aufgewachsen ist. Drei Jahre Schule, keine Berufsausbildung. Sie lernt einen Schweizer Touristen kennen, heiratet ihn und kommt nach Zürich. Die Beziehung zerbricht, auch weil die beiden kaum miteinander reden können. Später wird sie von einem Spanier schwanger, der sie sitzenlässt. Sie wird alleinerziehende Mutter und Wäscherin in einem Altersheim.
In Winizkis Praxis kommt sie mit einer Schulterverletzung nach einem Treppensturz. Behandlungen – von Cortison-Injektionen bis Physiotherapie – bringen die Schmerzen nicht weg. Die Diagnose lautet schliesslich auf «Schmerzverarbeitungsstörung», eines jener organisch nicht klar nachweisbaren Leiden, für die das IV-Gesetz keinen Rentenanspruch mehr vorsieht. Am Arbeitsplatz gerät die Frau unter Druck: Provisorium, Entlassung, dann Arbeitslosigkeit, schliesslich Aussteuerung. Ihr IV-Antrag wird dann mit Sätzen wie diesen abgelehnt: «Eine klassische Reinigungsarbeit dürfte wahrscheinlich im Rahmen der vorgegebenen Einschränkung nicht mehr möglich sein. Leichte körperliche Tätigkeiten gehend und sitzend sind aber vollständig zumutbar.»
«Ablehnende IV-Gutachten», sagt Winizki, «erklären heute regelmässig Menschen für erwerbsfähig, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben, weil es kaum mehr behindertengerechte Arbeitsplätze gibt. Ärztliche Gutachter, die solche Sätze schreiben, müssen wissen, dass sie die Leute mit grosser Wahrscheinlichkeit definitiv in die Sozialhilfe abschieben. Ich frage mich, wie sie diese entwürdigende Desozialisierung mit ihrem ärztlichen Gewissen vereinbaren.»
Schmerzen sind nicht für alle gleich
Wer einen ablehnenden IV-Entscheid erhält, gilt grundsätzlich als arbeitsfähig. Winizki hat Patienten und Patientinnen, die vom Sozialamt für 2000 Franken im Monat in eine 100-Prozent-Stelle geschickt worden sind: «Der Lohn ist abzuliefern. Dafür erhalten sie zum Grundbedarf von 977 Franken einen Freibetrag von zwei-, dreihundert Franken dazu. Verweigern sie diese Arbeitsbedingungen ohne Arztzeugnis, kann der Grundbedarf bis auf 830 Franken gekürzt werden.» Diese staatliche Nötigung, für die Sozialhilfe arbeiten gehen zu müssen, sei «ein massiver Druck», sagt Winizki, auch wenn Tagesstruktur und Wertschätzung bei der Arbeit gewisse positive Effekte haben könnten.
Was die IV-Gutachter aus Winizkis Sicht ignorieren, ist folgendes: Es gibt Leiden, die schichtspezifisch auftreten. In einer Situation, in der seine dominikanische Patientin die Schulterschmerzen als unerträglich empfinde und er aufgrund von Untersuchungen eine «Schmerzverarbeitungsstörung» diagnostiziere, würde ein «bildungsprivilegierter» Patient vielleicht differenziert über seine psychischen Probleme sprechen und schliesslich die Diagnose «Burnout» erhalten: «Schmerzsignale sind zwar immer Nervenreize. Aber das Leben tut nichtprivilegierten Menschen anders weh als privilegierten.»
[Kasten]
Der Quereinsteiger
David Winizkis Eltern haben in Zürichs antifaschistischem Widerstand mitgearbeitet und gehörten 1944 zu jenen, die die Partei der Arbeit gegründet haben. Er kam 1948 zur Welt, wurde diplomierter Kaufmann und danach kaufmännischer Angestellter bei der Genfer Bank IOS – «einer grossen Spekulantenbude». In dieser Zeit erlebt er, wie sein Vater als Schürzenfabrikant Konkurs macht. Der soziale Abstieg seiner Eltern trifft ihn.
Er macht die Abendmatur und lernt auf einer längeren Südamerikareise Spanisch. 1973 beginnt er als Werkstudent in Zürich Medizin zu studieren und lebt in Stäfa in einer «trotzkistisch dominierten Mediziner-WG» (ohne selbst RML-Mitglied zu werden). Ab 1980 arbeitet er als Assistenzarzt in den Bereichen Chirurgie, Innere Medizin, Rheumatologie, Gynäkologie, Dermatologie und Urologie – dazwischen im freiwilligen Notfalldienst in der Stadt Zürich. 1989 wird er Hausarzt in der Gemeinschaftspraxis im Zürcher Seefeldquartier.
David Winizki ist VPOD-Mitglied und verdient bei 46 bis 48 Wochenarbeitsstunden rund 10’000 Franken pro Monat. Er ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Sein Hobby: «Sozialfotografie! Ich bin ein frecher Schnappschüssler.»