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Der Spezialchemiekonzern Clariant muss seine Strukturen angesichts des laufenden Desinvestitionsprogramms anpassen. In zwei Jahren sollen 500 bis 600 Stellen wegfallen. Noch ist kein neuer Konzernchef gefunden worden.
Der Baselbieter Spezialitätenchemie-Konzern Clariant befindet sich zurzeit in einer umgekehrten Strategieumsetzung. Mit dem Zusammenschluss mit der amerikanischen Huntsman hätte zuerst der «logische Schritt» gemacht werden sollen, grösser zu werden, erklärte der Clariant-Chef Hariolf Kottmann anlässlich der Publikation des Jahresergebnisses 2019. Anschliessend hätte dann die grössere Clariant fitter gemacht werden sollen. Weil die Fusion bekanntlich nicht gelungen ist, kommt nun der zweite Schritt vor dem ersten, also die Gesundschrumpfung. «Bis 2021 wird Clariant eine kleinere, aber rentablere Firma sein», sagte Kottmann. Sie werde «überdurchschnittlich wachsen» sowie eine «höhere Profitabilität und stärkere Cashflow-Generierung» haben, verspricht der nach dem kurzfristigen Gastspiel von Ernesto Occhiello zusätzlich wieder als Konzernchef tätige Verwaltungsratspräsident.
Stärkung der Bilanz
Im vergangenen Jahr sind das Geschäft mit Pharmaverpackungen sowie der Bereich Masterbatches (Farbgranulat und Zusätze) veräussert worden; das Pigmentgeschäft soll bis Ende Jahr einen neuen Eigentümer finden. Ein Teil des realisierten und des bevorstehenden Verkaufserlöses erhalten die Aktionäre in Form einer einmaligen Sonderdividende von 3 Fr. pro Aktie. Hinzu kommt eine ordentliche Dividende von unverändert 0.55 Fr. pro Titel. Nach Abschluss der Firmenverkäufe dürfte Clariant wieder über eine Nettoliquidität verfügen, die für künftige Akquisitionen eingesetzt werden könnten.
Die fortgeführten Geschäfte von Clariant umfassen seit vergangenen Sommer nur noch die Segmente Care Chemicals (Substanzen für die Kosmetikindustrie), Katalysatoren und Natural Resources (Produkte für den Erdölsektor und den Bergbau). Der Geschäftsbereich Care Chemicals verzeichnete einen Umsatzrückgang in Lokalwährung von 1% sowie einen Rückgang der Ebitda-Marge von 19,0% auf 17,8% (vor Einmaleffekten). Die Umsatz mässig grösste Sparte Natural Resources wuchs um 4% und verbesserte die Marge von 15,6% auf 16,4%. Am besten schnitt der kleinste Unternehmensbereich (Catalysis) ab, der auf einen Umsatzzuwachs von 9% sowie eine von 23,1% auf 23,6% verbesserte operative Marge kam. Im Nettoergebnis sind auch die veräusserten Aktivitäten berücksichtigt. Weil sie weniger rentierten (9,5%) und zudem die Rückstellungen berücksichtigt werden müssen, kann Clariant unter dem Strich nur ein Gewinn von 38 Mio. Fr. ausweisen.
Angesichts der laufenden Fokussierung sind die bestehenden Strukturen der Gruppe offenbar zu gross dimensioniert. Innerhalb von zwei Jahren sollen deshalb 500 bis 600 Stellen gestrichen werden, das meiste davon durch freiwillige Kündigungen und Frühpensionierungen. Davon verspricht sich das Unternehmen eine jährliche Einsparung von 50 Mio. Fr. Standorte sollen nicht geschlossen werden, hiess es. Die weitere strategische Massnahme, die Anpassung der Strukturen nach dem Verkauf der drei Bereiche, habe erst begonnen. Details zu diesem «evolutionären Prozess» würden im Laufe des Jahres publiziert. Offenbar ist in der komplexen Firmenstruktur weiteres Sparpotenzial identifiziert worden. Beim Start der Fokussierung unterhielt Clariant weltweit noch 125 verschiedene Produktionsanlagen.
Konjunktureller Gegenwind
In der rein operativen Betrachtung hat Clariant im vergangenen Jahr Fortschritte gemacht. Das organische Wachstum, das u. a. durch 2% höhere Verkaufspreise ermöglicht wurde, sind jedoch durch Wechselkursverluste getilgt worden, weshalb der Umsatz stagnierte (vgl. Tabelle). Die operative Gewinnmarge der fortgeführten Aktivitäten konnte stabil bei 16,8% gehalten werden. In dieser Betrachtung ist jedoch die Rückstellung von 231 Mio. Fr. im Zusammenhang mit einer Untersuchung der EU-Kommission wegen Preisabsprachen im Kerngeschäft Ethylen nicht berücksichtigt. Im starken Schlussquartal belief sich die operative Marge sogar auf 19,2%.
Trotzdem dämpft das Clariant-Management die Erwartungen für das laufende Jahr, weil es in einem zyklischen Geschäft tätig ist, das ein nachlassendes Wirtschaftswachstum unmittelbar zu spüren bekommt. Wie üblich wagt das Management keine konkreten Prognosen, gesprochen wird lediglich von «limitierteren Wachstumschancen». Auswirkungen wegen des Corona-Virus seien zwar bisher noch nicht gespürt worden, trotzdem werde der Umsatz in China im ersten Quartal 2020 geringer ausfallen, meinte der langjährige Finanzchef Patrick Jany, der zum grössten Reeder A.P. Möller-Maersk wechseln wird. Auch die Clariant-Fabriken sind in China derzeit noch geschlossen, sie sollten aber nächste Woche langsam den Betrieb wieder aufnehmen, hiess es. Der vorsichtige Ausblick hänge damit zusammen, dass die Kunden aus dem Automobil- und Elektronikbereich den konjunkturellen Tiefpunkt noch nicht erreicht hätten.
Während für Jany mit Stephan Lynen (49) ein interner Nachfolger gefunden wurde, ist das Rennen um das Amt des CEO bei Clariant nach wie vor offen. Er werde so lange wie nötig Interim-Konzernchef bleiben, habe aber nicht vor, noch zwei Jahre zu bleiben, beschrieb Kottmann die Situation. Es gäbe ein Shortlist von Kandidaten, mit denen das Gespräch bereits aufgenommen worden sei. «Wir sind nicht in Eile».