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Kaiserstaate selbst verleugnete Drohung gegen ein irredentistisches I. enthielten. Trotz der Höhe der Staatsschuld, welche sich bereits auf 8445 Mill. Frs. belief, wurde Florenz, [* 2] das für seine vorübergehende Stellung als Hauptstadt große Ausgaben gemacht hatte und tief in Schulden geraten war, eine staatliche Beihilfe bewilligt. Als es sich aber um eine Steuererhöhung behufs Aufhebung der Mahlsteuer handelte, kam das Kabinett Depretis zu Fall; die Leitung übernahm wieder Cairoli (Juli 1879), mußte jedoch schon Ende November Depretis sich wieder beigesellen.
Das Ministerium Cairoli-Depretis erlangte die Zustimmung der Kammer für seine auswärtige Politik, stieß aber dann bei der Budgetberatung auf solche Feindseligkeit, daß die Kammer aufgelöst werden mußte. Die Neuwahlen ergaben eine kleine Verstärkung [* 3] der Rechten. Ganz zu Gunsten dieser und der Klerikalen fielen auch die Provinzial- und Kommunalwahlen in Rom [* 4] aus. Die Abänderung des Wahlgesetzes, durch welche das Wahlrecht von 650000 auf mehr als 2½ Mill. Köpfe ausgedehnt wurde, indem der Census auf 19,80 Frs. direkte Steuern und das nötige Alter auf 21 Jahre zurückgesetzt wurde, erhielt ebenso wie das Listenscrutinium erst 1881 bez. 1882 die Zustimmung des Senats; die Verlängerung [* 5] der Handelsverträge mit Belgien, [* 6] Frankreich, Deutschland, [* 7] England und der Schweiz [* 8] wurde noch 1880 von der Kammer genehmigt.
Dem Einmarsch franz. Truppen in Tunis [* 9] März 1881) folgte der Vertrag von Bardo, durch welchen das von vielen Italienern bewohnte Tunis dem Protektorat Frankreichs unterstellt wurde. Das Kabinett Cairoli, welches sich in seiner Vertrauensseligkeit hatte täuschen lassen, mußte nun zurücktreten. Dennoch verblieb die Staatsleitung der Linken; Depretis, der wieder an Cairolis Stelle trat, nahm aber in sein Ministerium Mancini auf, der, von der öffentlichen Erbitterung über Frankreichs Vordringen in Nordafrika getragen, nun I. dem Bunde Deutschlands [* 10] und Österreichs zuzuführen unternahm.
Ein erster Schritt hierzu war König Humberts Reise nach Wien [* 11] Ende Okt. 1881, welcher scharfe Maßregeln gegen die Irredenta und eine Verstärkung des Heers von 330000 Mann Linie und Reserve und 150000 Mann Landwehr auf 430000 bez. 200000 Mann folgten. Trotz der Mehrausgaben von 128 Mill. Frs. für Armee und Befestigungen, namentlich der Umgebung von Rom, gestalteten sich aber die Finanzen immer günstiger; 1875 war zuerst ein Überschuß von 14 Mill. Frs. erzielt worden, 1881 ergab sich ein solcher von 50 Mill. Frs. Das Gesetz vom April 1881 verordnete die Aufhebung des Zwangskurses; zugleich konnte I. mit der Erwerbung von Assab in Afrika [* 12] Fuß fassen. Der Tod Garibaldis, war namentlich ein Schlag für die Radikalen, die jedoch nach Auflösung der Kammer bei den Neuwahlen vom sich von 30 auf 50 Köpfe vermehrten. Dies hatte eine stärkere Anlehnung Depretis' an die Rechte zur Folge.
Schwierigkeiten brachte aber die ital. Politik in Afrika, wo man sich 1885 den König Johannes von Abessinien (s. d., Bd. 1, S. 38 b) durch Besetzung von Massaua [* 13] zum Feinde machte. Die ital. Truppen erlitten die Niederlage bei Saati in der Nähe von Dogali Aus der infolge dieser Niederlage entstandenen Ministerkrise ging Depretis nochmals als Präsident hervor; doch hatte er von der Linken Crispi als Minister des Innern und Zanardelli als Justizminister aufnehmen müssen.
Als aber Depretis schon starb, übernahm Crispi das Auswärtige und das Präsidium im Kabinett. Am erklärte er der erstaunten Kammer, daß er keine Parlamentsregierung dulden, sondern fest für eine konstitutionelle Regierung eintreten werde. Nachdem I. einen Teil der Verstärkungen wieder aus Afrika zurückgenommen hatte, traf die zurückgebliebenen zwei Freiwilligenregimenter bei Saganeiti eine zweite schwere Niederlage durch den Neffen des Negus, Debeb.
Mit diesen Mißerfolgen am Roten Meer hing es zusammen, daß der neue Sultan von Sansibar, [* 14] Said Chalifa, die von seinem Vorgänger, Said Bargasch, zugesagte Abtretung des Kismaju-Gebietes an der Mündung des Jubaflusses ablehnte; daraufhin schloß sich I. der deutsch-engl. Blockade der Insel an. Ihrer afrik. Verlegenheiten wurde die ital. Regierung dadurch enthoben, daß König Johannes in einer Schlacht gegen die Derwische fiel und nun ein Thronfolgestreit zwischen seinem Neffen Debeb und Mongascha und seinem Schwiegersohn Menilek von Schoa ausbrach.
Nachdem Menilek in Adua, der Hauptstadt des Tigre, Febr. 1890 eingezogen, in Antoto als Menilek II. zum Negus Nagast von Äthiopien gekrönt worden war, kam ein Vertrag mit Menilek zu stande, demzufolge sich I. und Abessinien gegenseitige Handelsfreiheit zusprachen, letzteres sich zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zur Benutzung ital. Vermittelung bei allen Verhandlungen mit auswärtigen Mächten verpflichtete; ferner erhielt I. gegen Verbürgung einer Anleihe von 4 Mill. Frs. die Zolleinnahmen von Harrar zugesichert und seine Souveränität in seinen Besitzungen am Roten Meer bestätigt, wofür es Menilek als Kaiser von Äthiopien anerkannte.
Die afrik. Erwerbungen hatten allmählich eine ziemliche Ausdehnung [* 15] gewonnen, da I. Febr. 1889 die Schutzherrschaft über das Sultanat von Opia und Nov. 1889 die Schutzherrschaft über diejenigen Teile von Ostafrika übernommen hatte, welche zwischen den 1886 dem Sultan von Sansibar zuerkannten Ortschaften liegen. (S. Erythräa.) Crispis Ausdauer in diesem von ihm ursprünglich nicht gebilligten Unternehmen belohnte ein von Menotti Garibaldi beantragtes Vertrauensvotum der Kammer und seine Nachfolger Rudim und Giolitti schreckten zwar vor weiterm Aufwand für die neue Kolonie und deren Vergrößerung zurück, bestanden aber auf Erhaltung des Erworbenen.
Die Stellung zum Ausland und zum Vatikan [* 16] änderte sich nicht, seit die Ausbreitungsbestrebungen Frankreichs in Nordafrika und die Rußlands in der Balkanhalbinsel [* 17] sowie die immer klarer hervortretenden Bemühungen auch Leos XIII. für die Wiederherstellung der weltlichen Macht der Kurie I. bewogen hatten, dem Deutsch-Österreichischen Bunde beizutreten. Crispis Erklärung vom er halte ein friedliches Zusammenleben von Frankreich und I. für notwendig, hinderte nicht, daß nach vielen Verhandlungen dennoch ein unnachsichtiger Zollkrieg zwischen Frankreich und I. ausbrach, durch welchen dieses schon im ersten Jahr die Hälfte seiner Ausfuhr nach Frankreich, im Betrag von 173 Mill. Frs., einbüßte, während die franz. Einfuhr nach I. nur um ein Drittel (62 Mill. Frs.) zurückging. Weitere Schwierigkeiten suchte ¶
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Frankreich I. zu machen in Zula, südlich von Massaua, und namentlich in Tunis; beidemal wurde Frankreich zum Rückzug genötigt, während I. für seine Erzeugnisse allmählich in Deutschland einigen Ersatz für den franz. Markt fand. Das Verhältnis zum Vatikan verschlimmerte sich; nachdem I. das Ansinnen des Papstes, ganz Rom, dann wenigstens die Leoninische Stadt je mit einem entsprechenden Gebietsstreifen dem Tiber entlang bis zum Meer abzutreten, abgewiesen und den Bürgermeister von Rom, welcher im Namen der Stadt ohne Wissen der Regierung und des Gemeinderats Leo XIII. Glückwünsche hatte aussprechen lassen, abgesetzt hatte, ward dem neuen Strafgesetzbuch von 1888 der auch in andern Staaten geltende, in I. bisher für erläßlich gehaltene Satz einverleibt, welcher Priestern Umtriebe und Aufreizungen gegen den Bestand, die Einrichtungen und Gesetze des Staates und die Handlungen einer Behörde untersagte.
Zugleich wurde in dem Gesetz über Gemeinde- und Provinzialreform der Regierung die Ernennung der Bürgermeister in Orten unter 10000 E. vorbehalten, um diese dem in ihnen übermächtigen Einfluß der Geistlichkeit zu entziehen. Sehr gereizt aber wurde Leo XIII. durch die Feier bei der Enthüllung von Giordano Brunos Denkmal, welche in Rom stattfand. Auf das von der Umgebung des Papstes ausgesprengte Gerücht, er werde nach Valencia [* 19] übersiedeln, antwortete Crispi mit der Androhung eines Schismas.
Darauf blieb der Papst, obwohl noch im Dezember desselben Jahres ein neuer empfindlicher Schlag gegen die Macht der Geistlichkeit geführt wurde, indem ihr die Verwaltung der Wohlthätigkeitsanstalten entzogen wurde, welche unter einer neu geregelten Oberaufsicht des Staates im wesentlichen den Gemeinden verblieb. Das Gesetz ging aber im Senat erst nach ernsten Verhandlungen durch. Angesichts der Bestrebungen Rußlands, mit seiner Flotte ins Mittelmeer einzudringen, betonte Crispi schon I. als Mitglied des Dreibundes (s. d.) richte im Unterschied von Deutschland seine Spitze gegen Rußland, nicht gegen Frankreich, dem gegenüber es I. genüge, die frühere Abhängigkeit in Handel, Kredit, Eisenbahnwesen und Politik abgeschüttelt zu haben.
Etwas abweichend erklärte er jedoch 17. März und und während I. im Dreibund die Stellung eines Gleichberechtigten errungen und an Österreich [* 20] die Schutzwehr gegen den Einbruch des Slawentums habe, sei es mit England durch das gemeinsame Bestreben, das Mittelmeer nicht zu einem franz. See werden zu lassen, verbunden. Die Versuche Englands, bei den Verhandlungen 1890) über Kassala und die Abgrenzung der beiderseitigen Einflußsphären I.s Kraft [* 21] im Süden von Ägypten [* 22] auszunutzen, scheiterten.
Der immer schwieriger werdende Posten des Finanzministers ward unter Crispi mehrfach neu besetzt; Dez. 1888 wurde an Stelle Maglianis Grimaldi zum Finanzminister, der Senator Perazzi zum Schatzminister gemacht und Miceli mit dem bisher von Grimaldi versehenen Posten eines Ackerbauministers betraut, während Boselli an Stelle Coppinos den Unterricht übernahm. Wieder wegen Meinungsverschiedenheit zwischen Kammer und Regierung in Finanzsachen trat eine Neubildung des Kabinetts März 1889 ein;
an Stelle Grimaldis und Perazzis traten Seismit-Doda und Giolitti, an Stelle Saraccos der Senator Finali als Minister der öffentlichen Arbeiten;
der Linken gehörten nun im Kabinett an Crispi, Zanardelli, Seismit-Doda, Miceli, Giolitti und der Marineminister Brin, während dem rechten Centrum Bertolè-Viale, Finali und Boselli entnommen waren. Am wurde aber auch Seismit-Doda wegen Irredentismus verabschiedet;
Giolitti, der aushilfsweise dessen Amt mit übernahm, überwarf sich jedoch alsbald mit Finali, worauf Finanzen und Schatz wieder Grimaldi übernahm.
Der Kammer ward der Entwurf des neuen Strafgesetzes vorgelegt, welches endlich in I., wo im Norden [* 23] bisher noch nach piemontesischem, in Toscana nach toscanischem, im Süden nach bourbonischem Recht gerichtet worden war, die im bürgerlichen Recht schon 1860 erreichte Einheit auch im Strafrecht herstellte; die Todesstrafe ward durch dasselbe abgeschafft. Von der Kammer wurde seine Annahme 9. Juni, vom Senat beschlossen. Außerdem ward eine Provinzial- und Gemeindereform von der Kammer 19. Juli, vom Senat gutgeheißen und eine Reform des Polizeigesetzes von der Kammer angenommen.
Einen Hauptgegenstand der Kammerverhandlungen bildete die immer trauriger sich gestaltende Finanzlage. Nachdem nach der Niederlage von Dogali der Regierung 5 Mill. Frs. außerordentlicher Kredit bewilligt worden war teilte Magliani der Kammer, welche eben eine Erhöhung des Einfuhrzolls namentlich auf Zucker [* 24] beschlossen hatte, Dez. 1887 mit, daß zwar die Einnahmen von 1887/88 den Voranschlag um 50 Mill. Frs. überstiegen hätten und für die erhöhten Militärausgaben die Überschüsse früherer Jahre ausreichten, er aber gleichwohl die Ausgabe von 70 Mill. Frs.
Obligationen beantrage; das Deficit für 1888/89 sei auf 15 Mill. Frs. herabgemindert und die Erhöhung von Steuern werde eine Vermehrung der Einnahmen um 25 Mill. Frs. ergeben. Als aber 1888 das von Magliani vorgelegte Budget mit 70 Mill. Frs. Fehlbetrag schloß, hatte er heftige Angriffe zu erfahren; die Getreidezölle mußten nun von 3 auf 5 Frs. erhöht werden. Dennoch warnte Crispi vor Sparsamkeit bei Rüstungen [* 25] um den Frieden zu erhalten, nötigenfalls zu erzwingen, bedürfe I., das schon größere finanzielle Schwierigkeiten überwunden habe, einer starken Armee und Marine.
Der außerordentliche Kredit von 127 Mill. Frs., welcher nun vom Kriegsminister gefordert wurde, steigerte das Deficit von 1888 auf 230 Mill. Frs. Magliani, der mit 60 Mill. Frs. neuer Steuern dasselbe binnen 4½ Jahren zu decken versprach, fand keinen Glauben mehr. Im Hinblick auf die großen Verluste, die I. der Zollkrieg mit Frankreich brachte, forderte nun König Humbert in der Thronrede vom bei strenger Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen in betreff der öffentlichen Arbeiten und der militär. Maßnahmen die Herabminderung der Ausgaben auf die äußerste Grenze und den Aufschub von Unternehmungen, welche neue Lasten auflegen würden. Perazzi berechnete das Deficit von 1888/89 auf fast 192 Mill. Frs.; um es zu decken, beantragte er die 1881 gegründete und damals mit 27 Mill. Frs. Rente ausgestattete Pensionskasse aufzulösen bez. das Kapital auszugeben und die Pensionen wieder auf das Budget zu übernehmen, wie es 1893 unter Giolitti thatsächlich geschah. Der darüber zwischen Kammer und Kabinett entstehende Meinungsstreit veranlaßte Crispi, letzteres 28. Febr. ¶