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Tanja Stadler hat an der ETH Zürich 1000 repräsentative Proben der vergangenen Woche untersucht. Dabei zeigte sich, dass sich die virulentere britische Variante des Coronavirus wie erwartet schnell in der Schweiz verbreitet. Die Professorin erklärt, was dies für den weiteren Verlauf der Pandemie bedeuten könnte.
Tanja Stadler
ETH-Professorin am Departement für Biosysteme
Die Mathematikerin Tanja Stadler ist Professorin am Departement für Biosystems Science und Engineering an der ETH. Sie entwickelt Methoden, um die Ausbreitung von Virus-Epidemien zu berechnen.
SRF News: Sie haben diese Woche 1000 positive Proben genetisch untersucht. Was haben Sie herausgefunden?
Tanja Stadler: Von den drei neuen Varianten sehen wir hauptsächlich jene, die ursprünglich in Grossbritannien charakterisiert worden ist. Hier gibt es von Woche zu Woche eine stetige Zunahme. In der letzten Kalenderwoche sind etwa fünf Prozent aller bestätigten Fälle auf diese neue Variante zurückzuführen. Dieser Anteil verdoppelt sich rund jede Woche. Das haben wir auch erwartet aufgrund der Daten aus Dänemark und aus Grossbritannien.
Das heisst, in ein paar Wochen wird die britische Mutation dominieren?
Der Anteil wird zunehmen, die neue Variante wird immer mehr dominieren. Aber wenn wir Kontakte reduzieren, dann können wir sowohl die bekannte wie auch die neue Variante in der Ausbreitung bremsen.
Was wissen Sie über den aktuellen R-Wert dieser Variante?
Wir hatten zur Jahreswende für alle bestätigten Fälle einen R-Wert deutlich unter 1. Das ist erst einmal ein positiver Trend. Aber wenn wir uns die Daten der neuen britischen Variante anschauen, sehen wir einen R-Wert deutlich über 1. Zum Jahreswechsel ergaben Hochrechnungen ungefähr 10 neue Fälle pro Tag aufgrund dieser neuen Variante. Letzte Woche schon über 100 Fälle.
Wenn wir uns die Daten für die neue Variante, die in Grossbritannien entdeckt wurde, anschauen, dann sehen wir einen R-Wert deutlich über 1.
Heisst das, wenn der Anteil dieser Variante zunimmt, wird die Kurve aller bestätigten Fälle zwangsläufig wieder nach oben steigen?
Zwei Dinge sind wichtig: Die neue Variante hat einen Transmissionsvorteil, denn sie wird nach und nach die bekannten Varianten ersetzen. Wenn wir aber Kontakte reduzieren, wird sich auch die neue Variante nur sehr langsam ausbreiten. Im besten Fall geht sie zahlenmässig zurück. Es liegt also in unseren Händen.
Die einen warnen, die anderen sagen, man solle jetzt nicht dramatisieren. Was finden Sie?
Wir sollten kein Drama machen, sondern die Lage analysieren. Auf welchen Schluss kommen wir da? In Grossbritannien sahen wir eher sinkende Fallzahlen. Darunter breitete sich die neue Variante exponentiell aus, was zu diesem enorm kritischen Zustand im Dezember geführt hat. In Dänemark sehen wir eine ähnliche Dynamik, dort ist man vielleicht zwei Wochen voraus. Wir sehen jede Woche eine Zunahme dieser neuen Variante, wie wir sie auch erwarten. Darauf müssen wir vorbereitet sein.
Wir sollten kein Drama machen, sondern die Lage anschauen und analysieren.
Sonst haben wir wieder die Probleme auf den Intensivstationen und extrem viele Todesfälle. Deshalb sollten wir die Kontakte vermeiden, um dieser neuen Variante nicht zu viel Raum zu geben, um sich auszubreiten.
Es gibt also immer noch verschiedene Szenarien, und es ist nicht sicher, dass uns aufgrund der Aggressivität dieser neuen Variante eine dritte Welle quasi sicher bevorsteht?
Genau. Es liegt jetzt wirklich in unserer Hand.
Wird es mit dieser aggressiveren Variante nicht viel schwieriger, den R-Wert unter 1 zu senken, oder sogar auf den Zielwert von 0.8?
In der Tat, das wird deutlich schwieriger, weil die neue Variante ungefähr 50 Prozent Transmissionsvorteil hat. Es braucht also stärkere Massnahmen. Und wenn wir die Fallzahlen weit unten haben, braucht es eine sehr effiziente Kontaktnachverfolgung. So könnten wir statt flächendeckenden, weitreichenden Massnahmen eher wieder spezifisch eingreifen. Parallel dazu ist sicher das Ziel, schnell zu impfen, sodass wir in der Bevölkerung eine Immunität bekommen.
Das Gespräch führte Erwin Schmid.