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Am Anfang gab es zwei Puppen, eine junge Psychologin, Suchandra, und eine besorgte Schulleiterin, Ananya. Das war 2018.
November 2018. Suchandra, die Psychologin von Calcutta Rescue, ruft mich an und fragt, ob ich für sie in der Schweiz Puppen mit Geschlechtsteilen organisieren könnte; sie fände keine auf dem indischen Markt. Suchandra wusste, dass Lea, Lehrerin und Volontärin aus der Schweiz, nach Kolkata kommen würde und die Puppen mitbringen könnte. So einfach war es aber nicht. Doch schliesslich konnte die in der Schweiz lebende Kinderärztin und Volontärin Saumya Puppen in Österreich besorgen, nach Kolkata mitnehmen und Suchandra übergeben. So fing alles an. Mit zwei Puppen legten Suchandra und Lea das Fundament für die Sexualkunde an den Schulen von Calcutta Rescue.
Fünf Jahre später bin ich in Kolkata und sitze in einem kleinen Klassenzimmer der Schule Nr. 10 von Calcutta Rescue, zusammen mit der Schulleiterin Ananya, der Berufsberaterin Tuli, dem Sozialarbeiter Souvik, der die Schüler unterstützt, und Suchandra.
Wir kommen auf die Sexualerziehung, auf die Gleichstellung der Geschlechter, auf häusliche Gewalt, Mitgift und frühe Verheiratung zu sprechen. Souvik hebt laminierte Banner hoch, die die Jugendlichen zum Thema Gleichstellung der Geschlechter und häusliche Gewalt entworfen haben. Die Poster sind farbig, zum Teil komplex gezeichnet, auf jedem Fall eindrücklich und vielsagend.
Ananya erklärt, dass es in den Schulen von Calcutta Rescue grundsätzlich keine Geschlechtertrennung gibt und die Themen in gemischten Gruppen von Buben und Mädchen unterrichtet werden. Dies trägt dazu bei, dass die Buben keine unangemessenen Bemerkungen über Mädchen machen. Die Lehrpersonen behandeln die Themen so, dass die Diskussionen sich aus den Fragen der Schüler:innen entwickeln.
Nichts ist tabu. Souvik sagt, er erkläre, dass Masturbation eine natürliche Körperfunktion sei, wie das Essen, aber es gebe Orte und Zeiten, in denen sie unangemessen sei.
Wie alle Kinder auf der Welt sind auch die Schulkinder von Calcutta Rescue von klein auf mit Online-Pornos konfrontiert. Souvik spricht in seinen Lektionen darüber und über die Gefahr, süchtig danach zu werden. Die Schüler:innen leben in einem unsicheren Umfeld, in dem sexueller Missbrauch an der Tagesordnung ist. Den Kindergarten-Kindern wird in einer der ersten Lektionen anhand von Puppen erklärt, welche Körperteile von anderen Menschen berührt werden dürfen und welche nicht. Der Begriff dazu ist «safe and unsafe touchs». In mehreren Fällen, hat dieses Wissen dazu geführt, dass Schüler:innen, die missbraucht wurden, dies den Lehrpersonen mitgeteilt haben. Das Team von Calcutta Rescue konnte dann rechtzeitig eingreifen und den Missbrauch stoppen.
Es wird auch über die Menstruation gesprochen. Souvik sagt, es sei wichtig, dass Buben verstehen, was ihre Schwestern durchmachen, damit sie sich mitfühlend und nicht unangebracht benehmen.
Mit den älteren Schüler:innen wird über Beziehungen und Beziehungsabbrüche gesprochen und darüber, wie man damit umgehen kann. Suchandra erklärt den jungen Menschen, dass sie sich auf Sex einlassen werden, Erfahrungen sammeln werden und dass sie ein Recht darauf haben. Sie klärt sie über Verhütungsmittel auf und wie sie damit umgehen können, wenn es soweit ist. Auch Krankheiten wie HIV und andere sexuell übertragbare Erkrankungen werden mit ihnen besprochen.
Die Eltern, die aus einem traditionellen Umfeld kommen, scheinen keine Einwände dagegen zu haben. Die Schüler:innen teilen häufig wertvolles Wissen mit ihren Familien, wenn sie nach Hause kommen. So können Tabus gebrochen werden und wird mit Mythen aufgeräumt.
Ist die sehr fortschrittliche Herangehensweise von Calcutta Rescue an die Themen repräsentativ für indischen Schulen? Ananya sagt, dass es in Kolkata keine einzige staatliche Schule gibt, die Sexualerziehung anbietet, obwohl die Schulen dazu verpflichtet sind. Sie erzählt, dass mehrere Mädchen von Calcutta Rescue in der offiziellen Schule, die sie besuchen, bestraft wurden, weil sie dort darüber sprachen. Aber als später in der Schule eine Inspektion stattfand, setzten die Lehrpersonen die Mädchen in die vorderste Reihe der Klasse, da nur sie in der Lage waren, sachkundig Auskunft zu geben. Ananya, Souvik und Suchandra haben sehr hart daran gearbeitet, die Themen weiterzuentwickeln und Lehrmittel aus anderen Ländern so anzupassen, dass sie für ihre Arbeit mit den Kindern von Calcutta Rescue angemessen sind. Hierzu arbeiten sie eng mit der Stiftung «Oxfam Foundation» zusammen.
Ja, am Anfang gab es nur zwei Puppen. Aber nun können die 680 Kinder und Jugendlichen von Calcutta Rescue, die unter schwierigsten Umständen aufwachsen, ihr Wissen brauchen, um viel Schmerz und viele Fallstricke zu vermeiden, durch die sich andere junge Menschen in dieser Stadt blind hindurchwinden müssen.