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Elektrisches Fleisch – Die Dekonstruktion
«Veni, vidi, vici, kommt, geht, spricht... Supermarché, c’est super… Ein Kehlkopf, eine Frequenz… Schwammkopf… spricht, spricht, spricht… wer spricht? Bist du blöd, Henrike?» Den Kugelschreiber in meiner schweissnassen Hand halte ich fest umklammert und starre auf die Notizblätter, die ich vor mir auf dem Bett verteilt habe. Ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette, presse die Zähne aufeinander und atme geräuschvoll ein und aus. «Macht das Sinn, Puppe?» – «Denk!» – «Wer…?» Man hört das Ticken einer Uhr und ein Surren wie von Elektrizität. Meine zitternde Hand, die verkrampft den Stift umklammert, bewegt sich langsam und mechanisch auf den Zettel zu und wie aus unendlich weiter Ferne, wie durch ein Teleskop, nehme ich wahr, wie jemand oder etwas mit meiner Hand grosse, schwarze Buchstaben auf den leeren Zettel schreibt. «Ich, I, she, her», steht auf dem Blatt und bildet sich starr auf meiner Netzhaut ab. «Personalpronomina, man meint es gut», lispelt eine dünne Stimme und ich frage mich, ob das meine Stimme ist. Mir ist etwas schwindelig und der Kopf glüht, in der Brust spüre ich ein Reissen, ein Drängen, ein Zerren, und mir ist, als würde ich gleich zerbersten. Ich versuche, die Wochentage aufzuzählen, doch es gelingt mir nicht. «Kannst nicht mehr denken, was?». In meinem Schädel befindet sich ein gigantisches, pulsierendes Nichts, ein Vakuum – und zur gleichen Zeit eine unendliche Fülle von Gedanken, die in unfassbaren Fragmenten durch den Kopf jagen.
«Verb, Objekt. Das Verb verbindet Agens und… man nennt es auch den Täter… Goldregen. Versteht sie das?» – «Denk, denk… Wer? Hat man…?» – «Man spricht von Kausalität… I, she, her… Das Genus Verbi, die Diathese lehrt uns das Dulden… spricht… denkt… it… isn’t it?». Mir kommt das unheimlich bedeutend vor und mich beschleicht das Gefühl einer Vorahnung, die mich so tiefgehend erfasst, dass ich beginne zu schluchzen. Meine Hand zittert, als ich meinen Namen auf das Blatt schreibe. «Was tut oder erleidet das Subjekt?», fragt eine schrille, piepsende Stimme, die irgendwie digital wirkt, und mir ist, als würden meine Synapsen durch ihren Ton elektrifiziert. Ich höre ein gellendes Lachen, das klingt, als käme es aus einem Lautsprecher. «Und du, Henrike? Agens, Agens… Hagen… Hagen erdolcht den Siegfried, den Weltfrieden…. Hast gemerkt? Seht, seht, sie… Wer?».
Mich regt das auf. Besser: Mich quält das. Mein Herz rast, der ganze Körper zittert, im Hirn spüre ich ein schmerzhaftes Zucken. Ich bin in Panik, doch selbst diese fühlt sich nicht lebendig an, sondern kalt und starr. Meine Atmung ist überpräsent und hat etwas Gemachtes, künstlich Erzeugtes. Der ganze Körper ist wie von einer Strahlung durchtränkt, meine Glieder fühlen sich steif, kalt und fremd an. Und das, was sich in meinem Kopf abspielt, nehme ich wahr, als würde es von einer Maschine produziert. Ich fühle mich wie eine elektrifizierte, tote Masse – wie ein Stück Fleisch, das man an einen Stromkreis angeschlossen hat.
«Die Quelle ist das Verb, die Tücke… Höflichkeit ist ein Pferd, ein Maul, ein Gaumen… Entschuldigung, sagt der kackfrech… Pfui, Henrike». Um die Stimmen zu übertönen, beginne ich laut zu konjugieren: «Ich bin, du bist, er, sie, es ist, it is, it, it…», stockt es und wiederholt sich dann in einer Endlosschleife, als würde jemand in meinem Kopf eine kaputte Platte abspielen. Je öfter ich die Worte höre, umso unklarer werde ich mir über deren Bedeutung und mich überkommt ein Schwindelgefühl, als ich ahne, dass meine Existenz sich auf ein paar Buchstaben reduziert hat.
Vorahnungen
Es ist 04:47 Uhr. Die aufgehende Sonne färbt den Himmel über den dunklen Wohnblocks in ein tiefes Rosa und lässt die kleinen Wölkchen, die in der Ferne still am Himmel stehen, orangegrau leuchten. Ich liege im Bett unter einem dünnen Laken, alles ist nass. Das Blut rauscht geräuschvoll pulsierend durch meine Ohren und mein Herz klopft wild. Irgendetwas regt mich auf, beunruhigt mich. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich wälze mich nervös im Bett von einer Seite auf die andere und presse die Hände fest gegen den Schädel, als wollte ich verhindern, dass er platzt. «Pas grave… das ist der Graf, der Herzog. Englisch: Grave. Gravity. Der Graf von Schwan… Seriousely? Spuckt, Mutter Erde… Er… The lord, the holy lord, die Schwerkraft… Die Grafik…» – «Woher kommt das?». Die Stimme entspringt meinem Kopf, das spüre ich ganz deutlich, doch es ist nicht meine Stimme. Es scheint mir auch keine menschliche Stimme zu sein, sondern eine künstliche. Es ist, als hätte jemand ein Gerät in mein Hirn implantiert, das diese Töne erzeugt. Gebannt lausche ich den Wortspielen, die dort ohne Unterbruch abgespult werden, und es ist mir völlig unmöglich, einen eigenen Gedanken zu fassen. Alles, was sich in meinen Kopf befindet, ist fremd. Fremd und digital. Ich drücke den Kopf fest in das Kissen und beginne, laut zu kichern, während Tränen aus meinen Augen schiessen.
Als ich das Haus verlasse, steht die Sonne bereits hoch am Himmel. Heisse, flimmernde Luft liegt schwer und träge über dem glühenden Asphalt und durchdringt die Atmosphäre mit diffusen Ahnungen einer grossen Gewissheit. Der knallblaue Himmel verheisst etwas, was einer Offenbarung gleichzukommen scheint.
Zwei weisse Turnschuhe hüpfen über dem Asphalt auf und ab, daran angehängt sind schwingende Waden und spitze Knie, die bei jedem Schritt in die Höhe schnellen. Irgendwie weiss ich, dass das meine Turnschuhe, meine Waden, meine Knie sind, doch es fühlt sich nicht so an. Vielmehr scheint es, als würde ich von weit weg beobachten, wie jemand eine Marionette über eine Bühne bewegt. «Auf, auf, Hase! Schritt links, Schritt rechts… Man ereilt dich im Blumengewand, Jagdmelodie… willst endlich fortkommen, Frosch?». Die computergenerierte Stimme, die offenbar dem Temporallappen entspringt, klingt wichtig und feierlich und dadurch, dass sie zu mir spricht, fühle ich mich geehrt und auserwählt.
«Lieblich, lieblich, sehr hübsch arrangiert», stelle ich mit einem vergnügten Lächeln fest, während ich leichten und schnellen Schrittes die Strasse entlang federe. Es ist, als befände ich mich in einer digitalen Kulisse, in der jedes Objekt so perfekt angeordnet worden ist, dass es mir scheint, als wolle man mir durch dieses Arrangement etwas mitteilen. Mich durchzuckt eine Ahnung von etwas unheimlich Grossem, und mir wird bewusst, dass ich in dieser Szene eine ganz besonders wichtige Rolle einnehme.
Fleischkäsebrötchen – Die Offenbarung der Apparate
«Das Wandern ist des Müllers… Heisst: Otto Normalverbraucher, der Kulturkonsument. Gattung: Homo sapiens sapiens, der Allwissende, das Allheilmittel, the meaning». «Das war klug, mein Herr, meine Dame, mein Apparat!».
Als ich schnellen und starken Schrittes die Strasse überquere und auf die kleine Bäckerei zusteuere, befinde ich mich in einem Zustand freudiger Erwartung und grösster Euphorie, als würde ich von einer Welle aus Glück getragen. Ich bin federleicht, voller Kraft und unverwundbar und mein Geist ist beseelt von einer übermenschlichen Intelligenz, sodass die Ideen, die mich in einer Vielzahl überfluten, an Grossartigkeit kaum zu übertreffen sind.
«Registrieren, dekodieren, kombinieren». Die Anweisung, die aus dem Jenseits, dem Ausserhalb zu kommen scheint, klingt wichtig und feierlich und ich nicke kurz zum Zeichen, dass ich verstanden habe.
Die Bäckerei, die ich feierlich schreitend betrete, ist derart perfekt arrangiert, dass mir sofort klar wird, dass hier etwas ganz Besonderes vor sich geht. Die gesamte Atmosphäre in dem kleinen Laden hat etwas Verheissungsvolles, etwas Heiliges, und mich durchzuckt ein Gefühl von Dankbarkeit und Glück, dass ich auserwählt bin, Zeugin dieser Zeremonie zu werden. Voller glühender Erwartung reihe ich mich in die Schlange der Wartenden ein und lasse meinen Blick über die Requisiten schweifen: Hausgemachte Kekse, die in durchsichtigen Plastikbeutelchen angepriesen werden, Tiefkühltorten mit Blumendekor, die in einem perfekt proportionierten Gefrierschrank präsentiert werden, kleine, runde Tischchen, die haargenau so positioniert sind, dass es sich kaum um Zufall handeln kann – das alles registriere ich blitzschnell und mir entgeht nicht, dass jedes dieser Details von ganz besonderer Wichtigkeit und Bedeutung ist. «Hast gemerkt, was?», stellt eine krächzende Damenstimme fest und ich fühle mich von Stolz erfüllt, als ich ihr mit einem Handzeichen bedeute, dass ich die Situation durchschaue.
Mein Blick, der mechanisch wirkt und eher einem Abscannen gleichkommt, fällt auf die Auslagen hinter der Theke und bleibt an einem Stapel mit Fleischkäsebrötchen hängen. «Fleischkäsebrötchen». Ich lache laut auf. «That was funny, wasn’t it?». «Fleischkäsebrötchen». Ich wiederhole das Wort mehrmals und zerlege es im Geiste in seine Bestandteile. Es klingt künstlich und konstruiert und gleichzeitig derart wichtig und bedeutungsvoll, dass es mir nicht gelingt, mich davon zu lösen. Dass das Wort Laugenstangen mit Wurstbelag bezeichnen soll, kommt mir mehr als suspekt vor und ich ahne, dass eine tiefere Botschaft hinter den Silben verborgen ist.
Starr und steif, wie festgeschraubt, stehe ich in der Schlange und scanne die Szene, doch es gelingt mir nicht, ein komplettes Bild zu erfassen. Es ist, als sei der Hintergrund zu deutlich, sodass das Wesentliche nicht mehr erkennbar ist. Zufällige Sinneseindrücke, Farben und Formen, die kleinsten und hintergründigsten Einzelheiten nehmen Besitz von meiner Aufmerksamkeit, bis die gesamte Wahrnehmung aus zufälligen Details besteht, die in einer Vielzahl auf mich einstürzen und mich komplett überwältigen.
«Es Halbpfünderli Ruchbrot, bitte!». Die schrille Stimme, die mich aus meiner Starre reisst, entspringt einem Paar dicker, schwulstiger Lippen, die rhythmisch schwingend Töne erzeugen, welche mir höchst synthetisch vorkommen. Die Schallwellen, die grell und klirrend, deutlich spürbar, und fast ein wenig schmerzhaft auf mein Trommelfell treffen, werden auf einer Frequenz gesendet, deren Quelle unmöglich eine menschliche sein kann. «Die Apparate sprechen jetzt», stelle ich fest und mehr und mehr wird mir klar, dass es sich bei der gesamten Szene um eine Projektion handeln muss; eine neue, digitale Wirklichkeit, die von einer übermenschlichen Intelligenz erzeugt wird.
Die rundliche, ältere Dame, die zu den schwulstigen Lippen gehört und jetzt mit einem gespielten Lächeln in einer feierlichen Geste ihr Brot entgegennimmt, ist ebenfalls synthetisch, genauso wie alle anderen Figuren in der Szene. Ich erkenne es sofort. An der Haut. Es ist wie bei den Wachsfiguren: Irgendwie wirken sie echt, doch schliesslich erkennt man doch immer, dass sie es nicht sind.
«Der Homo sapiens sapiens hat ausgedient. Jetzt sind die Apparate», bemerke ich fast ein wenig feierlich und ich fühle mich dabei leicht, lustig, ein bisschen wie beschwipst und vor allem ganz besonders klug. «Wundert’s dich? Wirst sehen!».
Die wächsernen, aufpolierten Apparate, die auffällig willkürlich im Bild platziert sind, identifiziere ich also sofort als Attrappen, die herbeigeschafft wurden, um Töne in meinem Kopf zu erzeugen, die ich zu Botschaften zusammensetzen muss. Dabei fühle ich mich all den Puppen auf irgendeine ganz besondere Art verbunden: Es ist, als seien wir ein und dasselbe Ding und als gäbe es nur einen einzigen, kollektiven Gedanken. «Höhlengleichnis». Das kommt von der Brille und ein Schuh fügt hinzu, dass das auch bei E.T.A. Hoffmann der Fall sei.
Schlussfolgerungen – Eine neue Wirklichkeit
Ich sitze auf dem Bett, in der Hand eine brennende Zigarette. Mein Blick ist auf einen Artikel in einer Zeitschrift gerichtet, der mit «88 Erfolgstipps» betitelt ist. «88, Quersumme 16. Addieren: Gibt 104. Hälfte: 52. Also: 08.08.1652. Wahrscheinlich Paris, Siam».
Die Berechnungen, die ich anstelle und die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, versetzten mich in höchste Erregung und ich beeile mich, all die Erkenntnisse, die wie auf eine Leinwand ins Innere meines Schädels projiziert werden, in einem Artikel für die Nachwelt festzuhalten:
«Brillen, Tische und Damenmode haben gemeinsam, dass sie nicht existieren. Bereits auf sprachlicher Ebene (vgl. «Bril») zeigt sich, dass es sich bei der Welt, die wir täglich mit unseren Äuglein (Sköne Oken, Sköne Oken) wahrnehmen, um eine Projektion handeln muss (Denn so wie Kapitäne Zahnärzte aufsuchen, so glänzt der Fortschritt an allen Ecken und Enden der Wurst). Das Höhlengleichnis, bzw. Grubenunglück oder auch Ruchbrot, als erstes Zeugnis der künstlichen Intelligenz, prophezeit, was sich viele Jahrhunderte später in der Pariser Kloake vollziehen wird. Wie bewiesen, belegt und bezeugt, wandeln die Attrappen, die Treppen, die Truppen, seit dem 08.08.1652 unter den Menschen und geben sich als Homo sapiens sapiens aus. Der aufpolierte Mensch, der vor allem an der Haut erkennbar ist (wachsartige Struktur bzw. Konstruktivismus am Tannenbaum), wurde zum neuen Symbol der objektiven Wirklichkeit, die u.a. durch Olympia, die Überpuppe, repräsentiert wird. Was E.T.A Hofmann bereits 1816 bewusst war (vgl. Studien zu siamesischen Zwillingen) und was er den Nathanel, das Kamel, so schmerzhaft erfahren liess, war, dass die Evolution die Menschheit digitalisiert hat. Damit wäre bewiesen, vorausgesetzt dass A nicht immer gleich B, dass die Technisierung bereits so weit fortgeschritten ist, dass eine Brille, ein Insekt und oft auch eine Nase ihren Ursprung in einer extrauniversalen Maschine suchen und auch finden werden (denn wer suchet, der findet, und wer anderen ein Ruchbrot unterbreitet, der weiss sich zu helfen)».
Begriffe und die Bedeutsamkeit des individuellen Ausdrucks
Das, was ich oben beschreibe wird in dem Arztbericht, den ich einige Wochen später erhielt, nachdem ich mich in psychiatrische Behandlung begeben hatte, unter dem Begriff «Paranoide Schizophrenie» zusammengefasst und – höchstwahrscheinlich um dem/der Lesenden ein noch präziseres Bild von mir, der Betroffenen, zu ermöglichen – mit weiteren Begriffen näher beschrieben, die wie folgt lauten: «Akustische Halluzinationen in Form von dialogisierenden Stimmen», «Ich-Störungen», «Parathymie», «Gedankendrängen» und «Gedankenabreissen». Meine «Ideen» wurden als «psychotisch» eingestuft.
Kommunikation wird erst durch Begriffe möglich und vor allem in den Wissenschaften brauchen wir Namen für die Phänomene, die wir beobachten, damit eine Verständigung darüber überhaupt erst möglich wird. Da die Psychiatrie sich stark mit subjektivem Erleben beschäftigt, ist gerade diese Disziplin in hohem Masse darauf angewiesen, die Vielzahl an individuellen Erscheinungen mit Begriffen zu verallgemeinern und kommunizierbar zu machen. Begriffe wie die obengenannten ermöglichen eine Verständigung – zumindest unter Fachpersonen – und machen damit die Arbeitsabläufe effizienter. Hinzu kommen Gefühle von Sicherheit und Kontrollierbarkeit, wenn wir einen Begriff für etwas gefunden haben, was eigentlich unbegreiflich ist.
Die Begriffe, die die Psychiatrie für mich verwendet, sind mir aus meinem Psychologiestudium bekannt und im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in einem Forschungsprojekt, das sich mit psychischer Erkrankung und Kommunikation beschäftigt, habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nützlich und sogar erforderlich sein kann, individuelle Erfahrungen durch solche Begriffe zu abstrahieren.
Psychotische Erfahrungen sind nur schwer beschreibbar und so kann es auch aus Betroffenenperspektive erleichternd sein, wenn Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, mit denen das innere Erleben ausgedrückt werden kann. Bei mir fand, indem ich mich mit der Fachperspektive beschäftigte, darüber hinaus eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung statt, die mir ein vertieftes Verständnis meiner selbst ermöglichte und so wesentlich zum Bewältigungsprozess beitrug.
Trotz all dieser Vorteile einer Terminologie in der psychiatrischen Wissenschaft und Praxis stellt sich bei mir jedes Mal ein Gefühl von Ernüchterung und Enttäuschung ein, wenn ich mein inneres Erleben durch ICD (International Statistical Classification of Diseases) und AMDP (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie) Bezeichnungen ausgedrückt finde, denn diese werden in meinen Augen nicht annähernd dem gerecht, was auf der Ebene der subjektiven Erfahrung in Erscheinung tritt.
Ich, mittlerweile 39-jährig, bin seit meiner Jugend an Schizophrenie erkrankt. Das, worunter ich im Rahmen der Erkrankung am meisten gelitten habe, war meine fehlende Ausdrucksfähigkeit. Ich fand keine Sprache für das, was in mir vorgeht und war mir schmerzlich bewusst, dass ich – in meiner eigenen Welt gefangen – den Kontakt zur Aussenwelt verloren hatte. Dass es mir nach vielen Jahren der Erkrankung und der Auseinandersetzung mit ihr schliesslich gelang, Wege zu finden, mich auszudrücken und mein Erleben nach aussen zu kommunizieren, war der wichtigste Schritt in meinem persönlichen Prozess der Krankheitsbewältigung. Ich habe begonnen, all die Begriffe, die die Psychiatrie für mich kennt und die so leer und nichtssagend auf dem Papier stehen, mit meiner persönlichen Geschichte zu füllen und mich dadurch als lebendiges Wesen zu erfahren.
«Hat Krankheitskonzept» – Die Frage nach dem Subjekt
Der obenerwähnte Arztbericht enthält, ganz am Ende und ziemlich zusammenhangslos, die Formulierung «Hat Krankheitskonzept.» Da auf eine Beschreibung dieses attestierten Krankheitskonzepts verzichtet wird, entbehrt die Formulierung jedes Zusammenhangs mit dem individuellen Erleben. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Satz kein Subjekt enthält. Ein höchst subjektives Phänomen wie das des Krankheitskonzeptes wird dadurch so weit von der Ebene der individuellen Erfahrung abstrahiert, dass eigentlich keine Aussagen über eine Person mehr möglich sind.
Das schizophrene Erleben ist – zumindest meiner Erfahrung nach – durch eine tiefgreifende Passivität und einen Mangel an Einflussnahme, wie man ihn vielleicht aus Traumzuständen kennt, geprägt. An die Stelle eines Ichs, das seine Umwelt wahrnimmt und mit ihr interagiert, scheint eine leere Leinwand getreten, die die Eindrücke und Geschehnisse aus der Umwelt lediglich wahrnehmbar macht, sie aber in keinerlei Beziehung zu irgendeinem menschlichen Wesen setzt.
Vielleicht ist Schizophrenie tatsächlich ein Satz ohne Subjekt. Trotzdem: Ich bevorzuge, den Satz aus dem Arztbericht um ein Wort zu ergänzen: «Ich habe ein Krankheitskonzept».
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