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Oft hört man von Bauanleitungen für chemische und biologische Waffen, die anscheinend über das Internet verbreitet werden und von Terroristen zur Vorbereitung eines grösseren Anschlags benutzt werden könnten. Anne Stensen, eine Wissenschaftlerin am “Norwegian Defence Research Establishment” hat Jihadist-Internetforen und deren Webseiten auf Anleitungen zum Bau von chemischen und biologischen Waffen näher auf diese Anleitungen untersucht. Dieses Thema scheint in diesen Foren jedoch nicht sehr “heiss” zu sein, denn nur ca. 4% der Posting-Inhalte befassten sich mit der Ausrüstung bzw. Vorbereitung zur Herstellung von biologischen oder chemischen Reagenzien und nur bei 0,2% der Postings wurde die Herstellung dieser Reagenzien thematisiert. Insgesamt wurden von Stensen 8 Handbücher zur Herstellung von biologischen und chemischen Reagenzien sichergestellt (und zusätzliche zwei über radiologische und nukleare Waffen), sowie ein englisches Video über die Extraktion von Rizin, vermutlich jedoch aus der amerikanischen rechtsextremen Szene stammend. Zum Vergleich: es gibt ca. 20 arabische Ausbildungsvideos über die Herstellung von Sprengstoffen.
Die elektronischen Handbücher aus dem Jahre 2002/2003 sind Kopien aus den Papierversionen, die während der sowjetischen Invasion in Afghanistan (1979-1989) verfasst wurden. Das grösste dieser Handbücher umfasst 1500 Seiten was ca. 400MB Daten ausmacht (darunter sind auch Auszüge aus US Army Field Manuals enthalten). Die Qualität der Handbücher ist schlecht und entspricht ungefähr dem “The Poisoner’s Handbook” von Maxwell Hutchkinson, das im übrigen auch als Paperback auf Amazon erhältlich ist. Es erscheint sehr zweifelhaft, dass man mit den Angaben in diesem Buch wirklich etwas vernünftiges anfangen kann, jedenfalls Massenvernichtungswaffen lassen sich damit nicht zusammenbasteln. Auch was die Herstellung der Waffenfähigkeit anbelangt, geben die Handbücher keine detaillierte Informationen. Stensen ist der Meinung, dass die vorgeschlagenen Methoden mit gefüllten Artilleriegranaten höchstwahrscheinlich nicht funktionieren, weil bei der Explosion die Reagenzien zerstört werden.
Most of these CBW [chemical and biological weapon] manuals have existed for several years, and are circulated online as part of a large jihadist curriculum. However, it is hard to estimate their significance. Buried within a vast quantity of jihadist material, the manuals might be read by only a few individuals. […] Of particular note is that forum members who engage in CBW discussions do not appear to be highly trained or professional scientists. Rather, they seem to draw their knowledge from media and the internet. […] The apparent unfamiliarity with biological agents, and the perception of them being deadly and uncontrollable, may explain why the online interest in biological agents appears to be much smaller than for chemical ones. […] For the most part, discussions on CBW delivery methods remain theoretical, based on common knowledge, past cases, or information found on the internet. — Anne Stensen
Zusammenfassend kann man festhalten, dass ähnlich wie beim Bereich des nuklearen Terrorismus der Einsatz von chemischen bzw. biologischen “do-it-yourself” Massenvernichtungswaffen nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich ist. Was hier als Unsicherheitsfaktor dazu kommt, sind Entwicklungen die ausschliesslich “offline” durchgeführt werden. Dies zeigt auf der anderen Seite jedoch auch, dass das Internet bei der öffentlichen Verbreitung brauchbarer Anleitungen eine untergeordnete Rolle spielt und eigentlich nur dasjenige Wissen wiedergibt, welches sowieso schon in Papierform vorhanden ist.
Quelle
Stenersen, Anne. “Focus – Chem-Bio Cyber-Class.” Jane’s intelligence review. 19, no. 9 (2007): 8-13.
Weiterführende Informationen
The Sunshine Project
Bildverzeichnis
Oben links: Sarin – Lecksuche im Rocky Mountain Arsenal (1970).
Oben rechts: 23.11.2004 – A cache of chemicals, discovered by Marines with 1st Battalion, 8th Marine Regiment, 1st Marine Division, in a building in Fallujah, Iraq. It appears that Iraqi insurgents were using the chemical lab, possibly planning to use the chemicals against Iraqi and coalition forces. A Marine Corps Chemical Biological Incident Response Force team is removing the chemicals to test them at Camp Fallujah to determine their composition. DoD photo by Lance Cpl. Daniel J. Klein, U.S. Marine Corps.