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Das Architekturmodell zeigt die Erweiterung des Universitätsbaus, die Karl Moser 1917 projektiert hatte. Dieses Erweiterungsprojekt sah die an der Südseite des Kollegiengebäudes axial gespiegelte Verdoppelung des Gebäudekomplexes von 1914 vor – samt einer Verdoppelung der Eingangshalbrotunde an der Rämistrasse und insbesondere des Turms. Zwischen den beiden Universitätstürmen hätte eine flache Kuppel die Verbindungsstelle des ebenfalls verdoppelten Lichthofs abgedeckt.
Frühe Ideen
Mosers Verdoppelungsprojekt geht auf Überlegungen des Kantons von Mitte 1917 zurück, neue Verwaltungsräume südlich der Universität beim Rechbergareal zu errichten. Moser schlug bei der Gelegenheit vor, die geplanten kantonalen Verwaltungsräume mit einer Universitätserweiterung zu kombinieren. Er erhielt darauf den Projektierungsauftrag, der noch 1917 im vorliegenden Erweiterungsmodell resultierte. Trotz aufwendigem Modell und Detailplänen verfolgte der Kanton das Projekt jedoch nicht weiter: Schon 1918 liess er die Idee, kantonale Verwaltung und Universität in einem Gebäude zu vereinigen, wieder fallen.
Die Idee an und für sich, die Universität zu erweitern, war damals nicht neu, sondern schon mit dem Wettbewerb zum Neubau der Universität von 1907 angelegt. Das Bauprogramm hatte vorgeschrieben, dass im Projekt die zu erwartende Erweiterung einzuzeichnen sei. In ihrem Wettbewerbsbeitrag sahen Curjel & Moser südöstlich des Geländes einen Erweiterungsbau vor, der aus der Achse des Kollegiengebäudes gegen die Bergseite geknickt, mit ihm aber durch einen Verbindungstrakt verbunden gewesen wäre. Im Fall dieser Erweiterung wäre eine wesentliche Eigenheit der 1914 dann gebauten Universität nicht nur erhalten, sondern verstärkt worden: die in sich asymmetrisch im Gelände verteilte Gebäudemasse.
Mosers Verdoppelungsprojekt von 1917
Hinsichtlich einer späteren Erweiterung hielt Karl Moser 1914 zum Universitätsturm fest, es sei «dafür Sorge getragen worden, dass er auch durch eine eventuelle Verlängerung des Kollegiengebäudes nach Süden hin seine Bedeutung nicht verlieren» werde. Mit der vorgeschlagenen Verdoppelung des gesamten Universitätsgebäudes wäre allerdings gerade dies bis zu einem gewissen Grad eingetreten. Durch seine Verdoppelung hätte der Turm seine Singularität und insbesondere seine Funktion als zentrales Scharnier zwischen Biologischem Institut und Kollegiengebäude verloren. Der zweite Turm hätte nun die Intention des Verdoppelungsprojekts von 1917 verdeutlicht, nämlich die Symmetrisierung der ursprünglich asymmetrisch dem Gelände angeschmiegten Gebäudeteile zu erreichen. Diese Intention wäre noch unterstrichen worden durch zwei monumentale, statuenbekrönte Kolossalsäulen vor der stadtseitigen Fassade, die die Spiegelungsachse der Universitätsverdoppelung gerahmt hätten.
Obwohl Moser 1914 den Universitätsneubau als in sich abgeschlossen und durch eine mögliche Erweiterung nicht in seiner Asymmetrie gestört sah, hatte er doch schon wenige Monate nach der Einweihung mit dem Gedanken gespielt, durch eine südliche «Umlegung» des gesamten Baus eine «prächtige Akropolis» für Zürich, das Limmat-Athen, zu schaffen. Als er dann sein axialsymmetrisches Verdoppelungsprojekt entwarf, unterzog er die Betrachtung seiner Universität einer gründlichen Revision. Nun meinte er, die Verdoppelung «würde eine Erfüllung des ersten Baugedankens, und die Vollendung eines begonnenen Baues bedeuten». Moser stellte seine Universität im Zustand von 1914 nun als unvollendet, als Fragment dar, das eine Ergänzung benötige. Er wollte sich offenbar von der «Romantik» seines unregelmässigen Universitätsbaukörpers verabschieden und sich einem neuen «Klassizismus» zuwenden. Er untermauerte diese Haltung noch dadurch, dass er 1917 meinte, die Universität würde erst durch ihre symmetrische Regulierung «ein Pendant zum Polytechnikum werden». Ein Pendant wäre die Universität aus dieser Sicht aber einzig durch die Übernahme des Symmetriegedankens von Gottfried Sempers Bau.
Hermann Herters Gross-Zürich
Mosers Rechtfertigungen für sein Verdoppelungsprojekt erscheinen aus Sicht seiner früheren demonstrativen Distanzierung von Sempers Architektur mehr als verwunderlich. Sie sind denn auch nicht als Konversion Mosers zum Semper-Adepten zu deuten. Vielmehr stehen sie indirekt im Zusammenhang mit dem zwischen 1915 und 1918 laufenden Zürcher Bebauungsplanwettbewerb, bei dem das Projekt «Die Organisation von Gross-Zürich» von Hermann Herter (1877–1945) den ersten Preis erhielt. Herter sah darin u. a. auch eine Erweiterung der Hochschulbauten vor, bei der Mosers Universität gegen Süden erweitert und dieser gesamte Gebäudekomplex nach Norden gespiegelt worden wäre – mit Sempers Polytechnikum als Spiegelachse.
Hätte man Herters Entwurf umgesetzt, wäre Mosers Universität zwar ebenfalls verdoppelt worden, aber sie wäre gewissermassen in Abhängigkeit zu Sempers Polytechnikum geraten, das als Spiegelachse ihrer Verdoppelung die Legitimation geliefert hätte. Mit Mosers eigenem Verdoppelungsvorschlag seiner Universität wäre die Spiegelachse in diese selbst verlegt gewesen, sie wäre aus sich selbst legitimiert gewesen: nicht in Abhängigkeit zum Polytechnikum, sondern eben als dessen Pendant.
Erweiterungsprojekte in den 1930er Jahren
Auch Mosers nächste Erweiterungsprojekte sind als Reaktionen auf eine Umgestaltung des Hochschulhügels zur zusammenhängenden «Stadtkrone» zu sehen. So nahm Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940), Mosers Nachfolger als ETH-Professor, Herters Entwurf zur südlichen Erweiterung der Universität auf und spiegelte sie ebenfalls an Sempers Polytechnikum, setzte dort aber anstatt einer Verdoppelung von Mosers Universität einen eigenen Bau hin, seinen dann umgesetzten Betonturm des Fernheizwerk-Kamins der ETH (1930–33), einen der Repräsentationsbauten der Moderne.
Moser selbst plante 1931 zwei Varianten zur Erweiterung seiner Universität: einerseits die Aufstockung des gesamten Baukomplexes um jeweils ein Geschoss, andererseits eine an das Kollegiengebäude anschliessende, auch von Herter und Salvisberg vorgeschlagene südliche Erweiterung. 1933 fasste Moser seine beiden Varianten zu einem letzten Erweiterungsprojekt zusammen: Neben der Geschossaufstockung sah er nun südlich des Kollegiengebäudes bis zu drei gegen die Bergseite hin gestaffelte Baukörper vor. In einem Plan sind zwei dieser Baukörper detailliert ausgearbeitet: Sie sind stadtseitig fünfgeschossig, die Geschossunterteilungen aus Sichtbeton, zwischen ihnen sind über die ganze Fassade horizontale Fensterbänder gezogen.
Damit wäre zum Vertikalismus des Universitätsneubaus von 1914, den der Turm unterstreicht, eine Horizontalität hinzugekommen, materialisiert durch die Fensterbänder im Sinn der fenêtres en longueur, der «Längsfenster», die Le Corbusier damals als einen der fünf Punkte moderner Architektur definierte. Während Karl Moser sich 1914 noch auf den Pfeilerbau berufen hatte, der als einziger die Lichtbedürfnisse einer Universität befriedigen könne, erlaubte ihm nun der Stützenbau des von Le Corbusier favorisierten Eisenbetonsystems, dass die Fassade von keinen vertikalen Gliedern unterbrochen wird.
Die Universität hätte mit diesem letzten Erweiterungsprojekt eine Modernität erreicht, die Karl Moser zuvor in Basel mit seiner Antoniuskirche (1925–27), der ersten Betonkirche der Schweiz, markiert hatte. Dieser Betonmoderne hat sich die Zürcher Universität dann erst wieder mit der Sichtbeton-Mensa von Werner Frey (1912–89) angenähert, die 1968–71 in den stadtseitigen Hang südlich des Kollegiengebäudes eingebaut worden ist.
Michael Gnehm
Weiterführende Literatur
Schlussbericht über den internationalen Wettbewerb für einen Bebauungsplan der Stadt Zürich und ihrer Vororte, Zürich 1919.
Daniel Kurz: Die Disziplinierung der Stadt. Moderner Städtebau in Zürich, 1900 bis 1940, Zürich 2008.