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Die wundersame Apothekerverdopplung
Nach wie vor ringen die Sachverständigen um eine Erklärung für die seltsame Naturerscheinung, die in der unansehnlichen schottischen Kleinstadt Plockton an der Küste der Grafschaft Broomshire ihren Anfang genommen hat. Seitdem verbreitet sich das seltsame Phänomen der plötzlichen Apothekerverdopplung wie ein Lauffeuer von Nord nach Süd über die britischen Inseln. Zurzeit wird im Wochenrhythmus über neue aufgetretene Verdopplungsfälle berichtet, wonach aus jeweils einem Apotheker urplötzlich zwei Individuen entstanden sind, die völlig identisch aussehen und sich ebenso verhalten.
Die entstandenen Duplikate ähneln gewissermassen eineiigen Zwillingen, nur mit dem Unterschied, dass sie spiegelbildlich verkehrt sind; einer ist ein Rechtshänder, der andere ein Linkshänder. Wo vorhanden, ist auch der jeweilige Scheitel der Pharmazeuten spiegelbildlich umgekehrt gezogen. Ein weiteres, besonderes Charakteristikum dieser Erscheinung ist, dass sie ausschliesslich bei pakistanisch-stämmigen Apothekern auftritt, und darunter auch nur solche betrifft, die mindestens seit zehn Jahren ihren Beruf ausüben.
Ob das Ganze etwas mit irgendwelchen pharmazeutischen Substanzen zu tun hat, mit denen die Betroffenen hantierten, oder gar übernatürliche Mechanismen im Spiel sind, ist reine Spekulation. Selbst der allwissende Pfarrer der Gemeinde, der für absonderliche Epiphanien im Zusammenhang mit dem benachbarten Loch wohlbekannt ist, weiss diesbezüglich keine passende Erklärung, zumal die wundersame Leibesvermehrung bisher ausschliesslich bei moslemischen Apothekern beobachtet wurde.
Am besten kennt man noch den ersten Fall, der sich – wie aus heiterem Himmel – im eingangs erwähnten Plockton ereignet hatte. Er betraf Ghulam Mussafar, den 58-jährigen Apotheker des kleinen, beschaulichen Ortes. Dieser ging eines Tages auf Geheiss seiner Frau in den Keller hinunter, um eingemachten Orangengelee zu holen. Kurze Zeit später kam er in zweifacher Ausführung wieder an die Oberfläche – in beiden Varianten jeweils mit einem Marmeladeglas in der Hand.
Der unerwartete Anblick der doppelten Gatten-Erscheinung liess Fatima Mussafar, die Herrin des Hauses, zuerst an ihrem Verstand zweifeln. Aber nachdem sie beiden Männern flüchtig in die Augen sah, sank sie kurzerhand bewusstlos in sich zusammen. Daraufhin rannten beide Apotheker in den angrenzenden Lagerraum der Apotheke, um Riechsalz zu holen, und der zu Tode erschrockenen Ehefrau wieder auf die Beine zu helfen. Dies war die einzige einträchtige Zusammenarbeit der beiden Apothekervarianten, bevor sie sich in die Haare gerieten.
Fatima wachte aus ihrer kurzfristigen Ohnmacht auf und überzeugte sich handgreiflich über die Realität der phantastischen Erscheinung. Dabei kam sie zur Schlussfolgerung, dass sie sich offensichtlich in einer bigamistischen Beziehung befand, was in ihrem Kulturkreis erst recht nicht toleriert würde. Von der Aussicht auf Ächtung durch ihre strengen Eltern und obendrein vom soeben Erlebten geradezu überwältigt, lief die nur mit ihrem Morgenrock bekleidete Frau in die highländische Kälte hinaus, schnurstracks zu ihrer Freundin, der Ärztin des Ortes, um sich Rat und Zuspruch zu holen.
Es war besagte praktische Ärztin, Dr. Lilian McAuliffe, die, als erste wissenschaftlich geschulte Person mit der neuartigen Apothekerverdopplung konfrontiert wurde und darüber die Öffentlichkeit informierte. Ihr knapper und wissenschaftlich eher unsystematischer Bericht, den sie zuhanden des Lokalreporters Henry Bigelow vom Kyle of Lochalsh Traritrara verfertigte, beschrieb, in der bekannt sparsamen schottischen Art, den Ablauf der Ereignisse mit ausgesprochen kurzen Sätzen. Demzufolge entstand die Verdopplung des Apothekers Ghulam Mussafar innerhalb weniger Augenblicke, als dieser sich kurz im Keller des Hauses aufhielt um die erwähnte Marmelade zu holen. Beim Griff nach dem Einmachglas habe es einen kurzen Knall gegeben, gefolgt von einem grellen bläulichen Lichtblitz. Danach sei Stille eingetreten, jedoch sei ein stechender Geruch die Kellertreppe emporgestiegen, der entfernt an verbrannte Wollsocken erinnerte. Anschliessend waren zwei völlig identische Kopien des zwar verwirrt aussehenden, aber ansonsten unversehrten Apothekers in Erscheinung getreten, beide Kopien gleich gekleidet und sich auch sonst gleichartig verhaltend.
Nach einer kurzen, zielgerichteten Zusammenarbeit der beiden Mussarafkopien zur Wiederbelebung der in Ohnmacht gefallenen, gemeinsamen Gattin, begann eine Auseinandersetzung um die Rechte an der Identität der ursprünglichen Person, gefolgt von Streitigkeiten um den Besitz von Haus, Hof, Garten, dem geleasten Aston Martin und der Apotheke. Beide Mussarafs bestanden darauf, der rechtmässige Apotheker des Ortes zu sein und über die fachlichen Kenntnisse zu verfügen, die zur Ausübung des pharmazeutischen Berufs erforderlich waren. Eiligst kramten sie in den Schubladen des Bürotischs nach der Identitätskarte sowie offiziellen Nachweisen und Diplomen, die sie sich gegenseitig unter die Nase hielten.
Aufgrund der völligen Übereinstimmung in allen Belangen liess sich auch aufgrund der vorgelegten Dokumente keinerlei Einigung erzielen, wer nun von ihnen der „richtige“ Ghulam Mussaraf wäre. Beide bestanden vehement darauf, der rechtmässige Eigentümer der Persönlichkeitsrechte zu sein und beschuldigten den jeweils anderen, nur eine Kopie zu verkörpern, die augenblicklich zu verschwinden habe. Insbesondere konnten sich die zwei Streithähne nicht um das Vorrecht einigen, wer von ihnen nun bei der Dame des Hauses im Doppelbett nächtigen dürfte. Fatima wiederum lehnte es entschieden ab, in der Mitte zwischen den beiden Gatten zu liegen. Allein schon ihres Rückens wegen könnte sie es nicht auf der Besucherritze aushalten, vom zu erwartenden doppelten Schnarchkonzert ganz zu schweigen.
Unnötig zu sagen, dass die zwei Kopien des Apothekers keine definitive Einigung darüber finden konnten, wer von ihnen nun der rechtmässige Besitzer und Bewohner des Hauses und des darin befindlichen Inventars war. Als sie einsehen mussten, dass keiner von ihnen nachgeben würde, fanden sie zumindest einen zeitweiligen Ausweg. Als provisorisches modus vivendi vereinbarten sie, sich bei der Arbeit und im privaten Bereich im Wochenturnus abzuwechseln. Während der eine, sagen wir Mussaraf A, sich in der Apotheke aufhielt und die Geschäfte führte, verblieb der andere im Haus und widmete sich dem Privatleben und der Pflege der ehelichen Beziehung. In der darauffolgenden Woche übernahm Mussaraf B den Laden und sein alter ego besorgte die häuslichen Pflichten und Angelegenheiten. Letzteres geschah insbesondere aus wohlverstandener Rücksicht gegenüber der sensiblen Fatima, die auf diese Weise einigermassen beruhigt zu ihrem geordneten Lebensumständen zurückfinden konnte.
Mit der Zeit ergab es sich – nicht ganz zur Unzufriedenheit der nervlich und auch sonst etwas überstrapazierten Gattin – dass Haushalt und Geschäftsführung ungefähr doppelt so schnell und effektiv erledigt wurden wie vor der Einführung des unerwarteten ménage a trois. Auch das Liebesleben der Apothekerinnenfrau verbesserte sich um den Faktor 2, so dass die Dame des Hauses sich recht zügig mit der neuen Situation anfreundete. Zurzeit ist es allerdings noch unklar, ob es bei den drei Mussarafs weiterhin so harmonisch zugeht.
Die sich einstellende Routine beruhigte einstweilen die Gemüter, und bis jetzt (toi-toi-toi!) hört man kein Gezeter aus dem kleinen Haus am Ortsrand von Plockton. Glücklicherweise befinden sich die Kinder der Familie seit dem Auftreten dieser Ereignisse bei ihren Grosseltern in Karatschi, so dass ihnen der Schock der väterlichen Verdopplung vorerst erspart bleibt. Wie es mit den doppelten Ghulams inzwischen weiterging, entzieht sich der allgemeinen Kenntnis, aber ähnlich gelagerte Fälle wiederholten sich rund ein Dutzend Mal in Schottland und im nördlichen England, allesamt ausschliesslich pakistanisch-stämmige Apotheker betreffend. Die einzige Gemeinsamkeit, welche von findigen Sachverständigen als irgendwie ursächlich für die mysteriösen Apothekerverdopplungen verdächtigt wird, war der Umstand, dass alle diese Pharmazeuten nach alten Rezepturen mit selbstgemachten Kräuterpasten für orientalische Hautausschläge hantiert hatten. Das scheint eine ehrwürdige Tradition dieses Berufsstandes vom asiatischen Subkontinent zu sein, allerdings sind keinerlei ähnlich gelagerten Fälle aus Indien oder Pakistan bekannt geworden. Manche Bevölkerungsstatistiker haben allerdings auf auffällig häufigere Mehrlingsgeburten bei Familienmitgliedern dieses Berufsstandes hingewiesen.
Nun befassen sich namhafte Chemiker, Biologen und Zwillingsforscher mit dem seltsamen Phänomen und suchen nach einer plausiblen Erklärung. Hinter vorgehaltener Hand werden Vermutungen über ungeahnte Interaktionen zwischen altindischen Tinkturen mit Kräuteressenzen von der Atlantikküste angestellt. Allerdings gibt es bisher noch keine überzeugenden Hinweise. Natürlich hat sich die Boulevardpresse der Sache angenommen und schlachtet die sensationellen Ereignisse mit marktschreierischen Schlagzeilen aus. Wochenlang belagerten mehrere in- und ausländische Fernsehteams das kleine Haus am Ortsrand von Plockton, um wenigstens ein Bild zu erhaschen, auf dem beide Apotheker gleichzeitig zu sehen sind. Allerdings haben sie damit keinen Erfolg gehabt und konnten immer nur den einen der beiden Apotheker hinter dem Schaufenster oder auf dem Weg erspähen, wenn dieser unterwegs war, um Besorgungen zu erledigen. Auf keinem der Bilder oder Filmsequenzen konnte man erkennen, ob es sich um Ghulam Mussaraf A oder B handelte. Manche enttäuschten Berichterstatter reisten nach und nach wieder ab und einige zogen die doppelte Ausführung des Plocktoner Apothekers sogar in Zweifel. Dann hiess es, dass es sich lediglich um einen PR-Stunt gehandelt habe, um dem verschlafenen Ort zu einer gewissen Bekanntheit, und dem Tourismusbetrieb zu einem Aufschwung zu verhelfen. Allerdings spricht das sporadische Auftreten von Apothekerverdopplungen andernorts gegen diese Hypothese. Immerhin verzeichnete die einzige Gaststätte des Ortes einen sprunghaften Anstieg des Umsatzes, das einzige zu vermietende Fremdenzimmer war von da an kontinuierlich belegt, und der umtriebige Bürgermeister gab umgehend eine nah gelegene Schafsweide als Autobusparkplatz frei.
Nun ist abzuwarten, wie sich die Sachlage entwickelt, und ob, wann und wo es zu weiteren Apothekerverdopplungen kommen wird, beziehungsweise was die schlussendliche Erklärung für dieses ungewöhnliche Phänomen ist. Man darf gespannt bleiben. ♦
Diese Geschichte widme ich meinem seligen Vater Ladislaus Biro (1915-2010), der zeitlebens ein einzelner Apotheker war, und dem es nie gelang sich zu verdoppeln. Im Gegenteil.
Lesen Sie im GLAREAN MAGAZIN von Peter Biro auch die Satire Schreibblockade