Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03662.jsonl.gz/235

In Tabelle 5 werden die beiden Perspektiven auch mit zwei unterschiedlichen Weltbildern assoziiert. Ein Weltbild können wir verstehen als den inhaltlichen Aspekt eines Bewusstseinszustandes, als eine Sinnstruktur, die ausdrückt, wie wir uns die Welt insgesamt, auch mit unserer eigenen Position darin, vorstellen. Im Prinzip hat jeder Mensch seine eigenes persönliches Weltbild. Hier interessieren wir uns aber für Gemeinsamkeiten in solchen individuellen Sinnstrukturen, was uns dann erlaubt, von Weltbildern mit kollektiver Bedeutung zu sprechen, und wir finden, dass eine bestimmte Ausprägung eines solchen Weltbildes jeweils in einer bestimmten Zeitepoche vorherrscht. Dies hat eine durchaus praktische Bedeutung: Ein Weltbild nimmt bewusst oder unterbewusst Einfluss darauf, wie wir mit der aussermenschlichen Natur umgehen, sie allenfalls umzugestalten versuchen, und auch darauf, welche Art von Gesellschaftsordnung wir als gewissermassen "natürlich" betrachten. Eine kurze einführende Diskussion zu diesem Thema können wir auf der Grundlage des idealtypischen Schemas führen, wie es in Abbildung 9 wiedergegeben ist - ausführlicher werden wir uns in einem speziellen Kapitel damit befassen. In der genannten Abildung wird die Unterscheidung zwischen einem holistischen, einem relationalen und einem atomistischen Weltbild gemacht. Im holistischen Weltbild gilt der Vorrang des Ganzen vor den Teilen: Diese erhalten ihre Eigenschaften kraft der Position, die sie im Rahmen des Ganzen einnehmen. Umgekehrt gibt es im atomistischen Weltbild einen Primat der Teile vor dem Ganzen. Dieses lässt sich mit seinen Eigenschaften als Epiphänomen aus den Teilen und ihren Merkmalen ableiten. Die Rede von Holismus und Atomismus verlangt genau genommen, dass die Welt als hierarchisch strukturiert vorgestellt wird.150
Dabei ist die im heutigen wissenschaftlichen Zeitalter anerkannte Hierarchie eine, die man sich als aus der Evolution hervorgegangen vorstellt: Subatomare Teilchen verbinden sich zu Atomen, diese zu Molekülen usw. bis hinauf zu den Organismen, Sozietäten und Ökosystemen. In der vorwissenschaftlichen Zeit waren dagegen hierarchische Vorstellungen einer anderen Art massgebend, solche die abgestufte Positionen mit Schöpfer und Schöpfung in Verbindung brachten, z.B. die Reihenfolge göttliche Figuren, Engel, Menschen und Tiere.
Eine holistische Sichtweise sieht dann also die Dinge "von oben nach unten", eine atomistische umgekehrt "von unten nach oben"; es handelt sich also um einen Gegensatz von Einseitigkeiten.