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Was sind denn das für Typen?
Plattenbauten aus der Nähe: Ein zweibändiger Bildband dokumentiert technisch detailliert die Geschichte des Industriellen Bauens in der DDR – und dessen internationale Vorgeschichte bis in die Schweiz.
Nach dem Mauerfall 1989/90 galten die Plattenbau-Siedlungen der DDR als steingewordener Ausdruck eines autoritären und konformistischen Gesellschaftssystems – «Arbeiterschliessfächer» nannte schon der DDR-Volksmund die Bauten mit den ewig rechtwinkligen, blassgrauen Waschbetonfronten, oft monoton aufgereiht in gesichtslosen Wohngebieten. Mit der Zeit aber setze eine Neubewertung der Industriellen Bauens ein, wie der Terminus Technicus der Bauweise lautet. Einzelne Plattenbauten stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Was bei allem Interesse an der Ostmoderne bislang fehlte, war eine grundlegende, auch technisch-konstruktive Aufbereitung des Themas. Diese Lücke hat der Verleger Philipp Meuser nun mit einem zweibändigen, 720 Seiten umfassenden Werk zum typisierten Wohnungsbau der DDR geschlossen.
Während der erste Band dem historischen Kontext, der Entwicklungsgeschichte und den verschiedenen Typenserien gewidmet ist, steht im zweiten Band die städtebauliche Dimension des industriellen Bauens im Zentrum: Es geht um neue Städte, Grosssiedlungen und Ersatzneubauten.
Wissenstransfer West–Ost
Im einführenden Essay räumt Meuser mit der Vorstellung auf, der Plattenbau sei allem voran ein Ostblock-Phänomen. Denn es war der Amerikaner Grosvenor Atterbury, der das erste praxistaugliche Plattenbausystem entwickelt und unweit New York 1918 auch praktisch anwandte. Basierend auf Atterburys System wurde schon 1926 unter der Regie des progressiven Stadtbaurats Martin Wagner in Berlin-Friedrichsfelde die erste Plattenbausiedlung Europas errichtet. Die drei Häuserzeilen haben bis heute überdauert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es dem französischen Ingenieur Raymond Camus, erstmals ein Wohnbausystem aus vorgefertigten Betonplatten zur technischen Serienreife zu bringen. Der Ingenieur exportierte sein «Procédé Camus» 1958 als Lizenzverfahren in die Sowjetunion, aber zum Beispiel auch in die Bundesrepublik Deutschland. Camus‘ Vorarbeit war essenziell für die später Entwicklung.
Als 1955 in Ost-Berlin – reagierend auf ein Signal aus Moskau – die Entscheidung fiel, den staatlichen Wohnungsbau konsequent auf das industrielle Bauern umzustellen, war es der aus Basel stammende Hans Schmidt, der dafür die entscheidenden Weichen stellte. Als überzeugte Kommunist war Schmidt von 1930 bis 1937 als Bauexperte in der Sowjetunion tätig. Aus dieser Zeit kannte er Kurt Liebknecht, Präsident der DDR-Bauakademie, der dem einstigen Weggefährten 1955 die Leitung des Ost-Berliner Instituts für Typung anbot. Der Basler gilt als Schlüsselfigur der Umstellung des DDR-Wohnungsbaus von der konventionellen Mauerwerksbauweise auf industrielle Vorfertigung.
Von der Einheit zur Vielfalt
Erfreulicherweise beschränkt sich das Buch nicht auf solche architekturhistorischen Hintergründe; viel Raum widmeten die daran Mitwirkenden technisch-konstruktiven Aspekten wie der Plattenfertigung und dem Bauprozess.
Herausgeber Philipp Meuser hat fast zwei Drittel der Texte selbst verfasst. Ein Indiz, dass er mit dem Buch ein lange gehegtes Herzensanliegen verwirklicht hat. Diesem kommt Meusers profunde Kenntnis der Architekturgeschichte des ehemaligen Ostblocks zugute. Wer allerdings neu in das Thema einsteigt, dem könnte leicht der Kopf summen angesichts der minutiösen Chronik sämtlicher DDR-Wohnungsbau-Typen – also etwa L1, L4, usw. (Längswandbauweise) über Q7, QP, P2 bis hin zu WBS 70/11(Wohnungsbauserie 70).
Doch der Herausgeber präsentiert im Kapitel «Vier Generationen des industriellen Wohnungsbaus» ein einleuchtendes Schema der entscheidenden Entwicklungsstufen: Zu Beginn, 1953/54, bildete das Haus die kleinste Projektierungseinheit, in der Folgeentwicklung ab 1962 das Haussegment, ab 1973 schliesslich die Wohnung. Zuletzt, zu Beginn der 1980er-Jahre, bildeten einzelne Konstruktionselemente – Fassadenmodule, Erker, Zwischenwände, Giebel oder Dachaufsätze die kleinste variable Einheit.
Das bedeutet: Aus einer Technologie, die sich anfangs darin erschöpfte, völlig identische Gebäude auf der grünen Wiese aufzureihen, war basierend auf dem Typ WBS 70 um 1985 ein System geworden, aus einem stetig wachsenden Katalog von Elementen individuell variationsreich gestaltete Strassenzüge und Bauten mit Einzelhauscharakter zu errichten – jedenfalls im Prinzip. Doch der Zeit- und Kostendruck der ökonomischen Planvorgaben war oft nur einzuhalten, wenn möglichst viele identischer Häuser fertiggestellt wurde – mit dem Ergebnis der eingangs erwähnten Monotonie.
Fatale Folgen für das Handwerk
1.92 Millionen Wohnungen waren in der DDR allein zwischen 1973 und 1990 in Plattenbauweise errichtet worden. Die Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte kommt im Buch nur am Rande zur Sprache: In Umsetzung der Entscheidung, konsequent auf das industrielle Bauen zu setzen, wurden in der DDR nahezu sämtliche private Handwerksbetriebe verstaatlicht, zugleich die gesamte Bauwirtschaft in ein System aus Plattenwerken, Wohnbaukombinaten und Typen-Montage umgestellt. Doch ohne gelernte Maurer, Zimmerleute, Dachdecker und Schlosser kann man keine Altbauten reparieren. Wäre 1989 nicht die Mauer gefallen, hätte die verführerische Effektivität des industriellen Bauens ohne Zweifel den endgültigen Untergang der bröckelnden ostdeutschen Altstädte bedeutet.
Meuser und seinen elf sachkundigen Co-Autorinnen und -Autoren ist eine schlüssig strukturierte und lesenswerte Chronik des Industriellen Wohnungsbaus in der DDR geglückt. Wirklich imponierend ist die Fülle – 950 Abbildungen – des dafür zusammengetragenen Plan- und Bildmaterials. Viele Fotos verströmen noch den Fortschrittsesprit, der lange mit dieser Technik verbunden war. Wahrscheinlich hat das industrielle Bauen wieder Zukunft – allerdings ohne Planwirtschaft und dieses Mal mit Holz statt Beton als wichtigstem Baustoff.
Philipp Meuser (Hg.): Vom seriellen Plattenbau zur komplexen Grosssiedlung – industrieller Wohnungsbau in der DDR 1953 bis 1990. Zwei Bände á 368 Seiten, 950 Abbildungen, Berlin: DOM Publishers, 2022, Hardcover, ISBN 978-3-86922-859-4, Euro 78.–
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