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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

99. Vortrag
9.
Da läßt sich nun auch begreifen, soweit es von solchen, wie wir sind, begriffen werden kann, warum es vom Heiligen Geiste nicht heißt, er werde geboren, sondern vielmehr er gehe hervor. Denn wenn auch er Sohn genannt würde, dann würde er ja der Sohn beider genannt, was ganz unstatthaft ist. Keiner nämlich ist Sohn von zweien, außer vom Vater und Mutter. Es sei aber ferne, daß wir zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohne so etwas annehmen. Weil auch ein Sohn der Menschen nicht zugleich vom Vater und der Mutter ausgeht, sondern wenn er vom Vater in die Mutter ausgeht, dann geht er nicht von der Mutter aus, und wenn er von der Mutter ans Tageslicht hervorgeht, dann geht [S. 1010] er nicht aus dem Vater hervor1. Der Heilige Geist aber geht nicht vom Vater in den Sohn aus und vom Sohne wieder hervor zur Heiligung der Kreatur, sondern er geht von beiden zugleich aus, obwohl der Vater dem Sohne dies gab, daß er, wie von ihm, so auch vom Sohne ausgeht. Denn wir können nicht sagen, daß der Heilige Geist nicht das Leben sei, da doch der Vater Leben ist und der Sohn Leben ist. Und wie darum der Vater, da er das Leben in sich selbst hat, auch dem Sohne gegeben hat, das Leben in sich selbst zu haben, so hat er ihm auch gegeben, daß das Leben von ihm ausgehe, wie es von ihm selbst (dem Vater) ausgeht. ― Es folgen nun aber die Worte des Herrn, wo er sagt: „Und was kommen wird, wird er euch verkünden. Jener wird mich verherrlichen, weil er von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden wird. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er wird von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden“. Allein weil diese Rede schon solange dauert, sollen diese Worte auf eine andere verschoben werden.
1: Das erste geschieht bei der Empfängnis, das zweite bei der Geburt.