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Die populäre Paleo-Diät oder Steinzeiternährung schreibt vor, sich wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit zu ernähren – also nur das zu essen, was schon in der Altsteinzeit verfügbar war. Doch wir sind weder biologisch identisch mit unseren Vorfahren aus der Steinzeit, noch haben wir Zugang zu den Lebensmitteln, die sie aßen. Ist die Paleo-Diät also überhaupt sinnvoll?
Die heutzutage populäre Paleo-Diät oder Steinzeiternährung ist gar nicht so neu – es gibt sie schon seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Bezeichnung Paleo leitet sich vom Paläolithikum ab, dem Fachbegriff für Altsteinzeit, der ersten und längsten Periode der Urgeschichte. (vor 2,5 Mio. – 10.000 Jahren)
Vor dem Ackerbau und der Industrie lebten die Menschen vermutlich als Jäger und Sammler: Sie sammelten Beeren, gruben Knollen aus, fischten Fische und jagten Tiere bis zur Erschöpfung.
Die meisten Paleo-Diät-Fans heute tun nichts hiervon, mit Ausnahme von gelegentlichen Angel- oder Jagd-Trips. Stattdessen wird ihre Ernährung weitgehend dadurch bestimmt, was sie nicht essen dürfen: Milchprodukte oder verarbeitetes Getreide jeder Art, weil diese Lebensmittel erst nach dem Paläolithikum erfunden wurden. Erdnüsse, Linsen, Bohnen, Erbsen und andere Hülsenfrüchte sind verboten, aber Nüsse sind in Ordnung. Fleisch wird in großen Mengen verzehrt, Gemüse und einige Obstsorten sind erlaubt. Verarbeiteter Zucker ist verboten, aber ein wenig Honig ist okay.
Es gibt fast gleich viele Befürworter und Gegner der Paleo-Diät. Die Urteile der Kritiker reichen von milden wie „nicht die schlechteste Weise, sich zu ernähren“ bis zu harschen wie „unsinnig und gefährlich restriktiv“.
Die meisten Ernährungswissenschaftler sind sich einig, dass die Paleo-Diät mindestens in einem Aspekt richtig liegt: Der Konsumeinschränkung von verarbeiteten Lebensmitteln, die von ihrem rohen Zustand durch verschiedene Methoden der Konservierung stark geändert wurden. Gute Beispiele hierfür sind Weißbrot und andere Produkte aus raffiniertem Mehl, synthetischer Käse, einige Aufschnitte und abgepacktes Fleisch, Kartoffel-Chips und zuckerhaltige Corn Flakes. Solch verarbeitete Lebensmittel bieten oft weniger Eiweiß, Ballaststoffe und Eisen als unverarbeitete und enthalten außerdem oftmals Natrium-und Konservierungsstoffe, die das Risiko von Herzerkrankungen und bestimmten Krebsarten erhöhen können.
Doch die Paleo-Diät verbietet mehr als nur stark verarbeitete Lebensmittel – in ihrer traditionellsten Form verbietet diese jede Art von Lebensmitteln, die Jägern und Sammlern nicht zur Verfügung standen, darunter calciumreiche Milchprodukte, ballaststoff- und vitaminreiche Körner sowie proteinreiche Hülsenfrüchte.
Die Gründe für eine solche Einschränkung, wie auch die gesamte Prämisse der Paleo-Diät, sind im besten Fall nur zur Hälfte richtig. Weil der menschliche Körper sich zum Leben in der Steinzeit anpasste und unsere Gene und Anatomie sich seitdem nur wenig geändert haben, argumentieren die Paleo-Diät-Anhänger, sollten wir die Ernährung unserer Vorgänger als Vorbild nehmen, um möglichst gesund zu leben. Fettleibigkeit, Herzerkrankungen, Diabetes, Krebs und viele andere “moderne” Krankheiten, so die Anhänger, würden in erster Linie aus der Unvereinbarkeit unserer Steinzeit-Anatomie mit unserer heutigen Ernährung stammen.
Doch hier scheitert die Logik der Paleo-Diät-Anhänger: Zum einen wird ein bestimmter Zeitraum unserer evolutionären Geschichte als Ideal ausgewählt. Doch solch eine Zeit, in der die Menschen völlig „in Einklang mit der Natur“ lebten, gab es nie – der Mensch taumelte immer entlang einer evolutionären Zeitskala mit ihren unvermeidlichen Konsequenzen.
Zum anderen wird fälschlicherweise angenommen, dass wir biologisch identisch mit den Steinzeit-Menschen sind. Dies ist ein Irrtum. De facto verkennt diese Argumentation die Funktionsweise der Evolution. Wenn Menschen und andere Organismen nur unter Bedingungen leben könnten, in den auch ihre Vorgänger lebten, hätten sie nicht lange überlebt.
Einige Beispiele der jüngsten und relativ schnellen Evolution des Menschen unterstreichen, dass unsere Anatomie und Genetik sich durchaus seit der Steinzeit verändert haben. Innerhalb einer Zeitspanne von 7.000 Jahren zum Beispiel, haben sich Menschen durch die Entwicklung der Laktose-Toleranz an das Essen von Milchprodukte angepasst. Die genetische Mutation, die für blaue Augen verantwortlich ist, entstand vermutlich vor 6.000 bis 10.000 Jahren. Und in Regionen, in denen Malaria weit verbreitet ist, hat die natürliche Selektion dazu geführt, dass sich das Immunsystem und die roten Blutkörperchen an die durch die Moskitos übertragene Krankheit immer besser angepasst hat; einige dieser genetischen Mutationen sind innerhalb der letzten 10.000 oder sogar nur 5.000 Jahre entstanden.
Doch es ist auch grundsätzlich unmöglich, sich wie unsere Steinzeit-Vorfahren zu ernähren, weil nahezu alle heutigen Lebensmittel – egal ob Obst-, Gemüse oder Fleisch – sich drastisch von denen der Altsteinzeit unterscheiden. In den meisten Fällen haben wir die Art, die wir essen, durch künstliche Selektion verändert: Wir haben Kühe, Hühner und Ziegen gezüchtet, die möglichst viel Fleisch, Milch und Eier produzieren und nur solche Pflanzensamen selektiert, die die größten Früchte, Keime, das süßeste Fleisch und wenigsten natürlichen Toxine enthalten. Mais war einmal nichts anderes als wirres Gras, Tomaten waren mal so klein wie Beeren und die wilden “Vorfahren” von Bananen enthielten noch zahlreiche Samen.
Die Paleo-Diät-Verfechter ignorieren auch den Großteil der Erkenntnisse über die Gesundheit unserer Vorfahren – während ihres kurzen Lebens (nur die wenigsten wurden älter als 40, viele Kinder starben vermutlich schon vor dem 15. Lebensjahr). Im Gegensatz zum modernen Menschen, waren Paleo-Jäger und Sammler alles andere als immun gegen eine Vielzahl von Krankheiten. Eine aktuelle Studie fand Arteriosklerose (mit Cholesterin und Fett verstopfte Arterien), die laut einer populären Meinung aus einem Lebensstil mit wenig Bewegung resultiert, in den meisten Mumien aus der Epoche der Jäger und Sammler – auf der ganzen Welt (darunter Ägypten, Peru und dem Südwesten der USA). Selbst moderne Jäger- und Sammler-Gesellschaften (wie zum Beispiel die Hiwi) haben alles andere als eine einwandfreie Gesundheit. De facto werden nur 50% der Hiwi heute älter als 15 Jahre.
Was die eigentliche Ernährung unserer Steinzeit-Vorfahren in der Altsteinzeit angeht, so steht heute fest, dass diese sich drastisch von Region, Jahreszeit und Gelegenheiten unterschied. Selbst heute unterscheidet sich die Ernährung der Jäger-und Sammler-Gesellschaften in den unterschiedlichsten Gebieten der Erde drastisch.
Die Menschen haben sich nicht für eine bestimmte Ernährungsweise entwickelt, sie sind vielmehr flexible Esser und konnten gerade deswegen in den unterschiedlichsten Ökosystemen überleben. Die Vielfalt dessen, was Menschen essen können, ist geradezu erstaunlich.
Leben auf dem Land und die Beschränkung der Lebensmittel auf solche, die vor dem Ackerbau und der Industrie existierten, garantiert noch keine gute Gesundheit. Der menschliche Körper ist nicht einfach eine Sammlung von Anpassungen an das Leben in der Altsteinzeit – sein Erbe ist weitaus größer. Jeder von uns ist eine dynamische Zusammenstellung von Veranlagungen, die seit Beginn des Lebens umgewandelt, verloren und wiedererlangt wurden. Und solche Veränderungen gab es (natürlich) auch in den letzten 10.000 Jahren.
Letztendlich gründet sich die Paleo-Diät mehr auf Vorrecht als auf Logik. Die Jäger und Sammler in der Altsteinzeit haben gejagt und gesammelt, weil sie es mussten. Paleo-Diät-Anhänger versuchen, wie Jäger und Sammler zu essen, weil sie es wollen.
Doch man kann diesen Sachverhalt auch von einer anderen Seite sehen – von der praktischen. Und dort zeigt sich, dass diese Ernährungsweise recht effektiv ist, wenn es darum geht, das Gewicht zu reduzieren. Und dass bei dieser Diät auch Aspekte wie Blutdruck und Hormonhaushalt verbessert werden. Kurzum: Damit sind gute Ergebnisse sehr realistisch – was man nicht von jeder Diät behaupten kann.
Zahllose Menschen haben mit der Paleo-Diät Gewicht verloren – teilweise sehr viel Gewicht. Was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass man dabei Junk-Food und Kohlenhydratbomben meiden soll. Es mag sogar sein, dass der Erfolg der Paleo-Diät auf dem Kaloriendefizit basiert, der entsteht, wenn man kohlenhydratreiches Essen vom Speiseplan streicht. Doch wen interessiert es, solange auf diese Weise gute Ergebnisse möglich sind? Wen interessiert es letztlich, dass die Paleo-Diät die Ernährungsweise unserer Vorfahren aus der Altsteinzeit nicht zu 100% richtig repliziert?
Letztlich muss es nicht einmal die Paleo-Diät sein – solange man Lebensmittel isst, die auf der Erde wachsen und auf ihr rumlaufen, ist man auf der sicheren Seite und wird damit auf lange Sicht mit Sicherheit auch überschüssige Kilos verlieren. Es gibt also keinen triftigen Grund, die Paleo-Diät aufzugeben, wenn Sie Gewicht verlieren wollen, es sei denn ideologische Gründe sind für Sie in diesem Zusammenhang besonders wichtig.