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Im Spätmittelalter war Schindelbedeckung in der Herrschaft Wädenswil die verbreitetste Bedachungsart. Meist dürfte es sich um grosse Schindeln oder Bretter gehandelt haben, wie man sie heute bisweilen noch im alpinen Raum antreffen kann. Die Lehenbriefe für Höfe der Johanniter und deren Rechtsnachfolger, der Obrigkeit von Zürich, enthalten Bestimmungen über die Unterhaltspflicht der Gebäude und ihrer Bedachungen, so 1432 für den Hof Opfisau im späteren Mittelort in der Au.2 Am 13. Dezember 1448 stellte Johannes Lösel, Komtur der Johanniterkommende Wädenswil, für Ueli Hiestand auf dem Gut «im Himelrich» einen Lehenbrief aus und vermerkte darin unter anderem, der Bauer dürfe nach Bedarf Zimmer- und Schindelholz beziehen, aber nur von jenen Orten, die ihm der Lehenherr anweise.3 Analoge Vereinbarungen hatte die Komturei schon 1413 für den Oberen Meierhof (nachmals «Boller») und 1431 im Lehenbrief für den Unteren Meierhof formuliert.4 Komtur Johannes Heggenzi erneuerte die Übereinkunft betreffend Schindelholz für den Oberen Meierhof im Mai 1510.5
Im Vertrag für den Inhaber des Hofes Beichlen in Wädenswil heisst es für das Jahr 1448: «Wann sich füeget, dass die zimmberi uf dem gut dekens nothdürftig wird, dass man dann mir und minen erben darzu schindelholz nach nothdurft geben und bescheiden soll.»6 Hans Blattmann, welcher den Widumhof (heute Hinter Widen) bewirtschaftete, konnte sich laut Lehenbrief von 1450 durch die Amtleute des Johanniterhauses ebenfalls Holz zum Schlagen anweisen lassen, wenn «der obgenant hof und die schür doruff teckens notdurftig ist».7 Wie in der Herrschaft Wädenswil und allgemein üblich, hatte der Lehenbauer bei Neu- und Umbauten Anrecht auf Holzlieferungen aus den Waldungen des Landesherrn. Für Dachmaterial wurde meistens eine Schindeltanne zur Verfügung gestellt. Den in der heutigen Gemeinde Hütten gelegenen, bis 1798 ebenfalls zur Herrschaft Wädenswil gehörenden Lehenhöfen Ottensegel (Segel), Unter Laubegg und Hinter Langmoos wies Bruder Ulrich Güller, Statthalter des Johanniterhauses Wädenswil, im Jahre 1477 für das Fällen von Zimmer- und Schindelholz «das Holz zum Teuffenbach» an.8 Im Erblehenbrief von 1487 verpflichtete sich Graf Rudolf von Werdenberg als Komtur der Johanniterkommende Wädenswil gegenüber Heini Bumann, dem Inhaber des Erblehenhofes auf Lein (Unterer Leihof), in jedem dritten Jahr – sofern erforderlich – ein Fuder Schindelholz auf den Hof zu liefern.9 Für den Hof Unter Eichen – den heutigen Weiler Zollingerhüser – wurde 1496 bestimmt, der Bauer müsse das Holz jeweils beim Schaffner des Johanniterhauses anfordern. Dieser zeichne es an; der Lehenbauer habe es aber selber zu hauen.10
Um 1690 liess der Wädenswiler Landvogt Johann Heinrich Escher die Rechtsverhältnisse des Erblehenhofes Luggenbüel klären. Gemäss Lehenbrief von 1420 durfte der jeweilige Inhaber auch dieses Hofes Bau-, Brenn-, Zaun- und Schindelholz aus den obrigkeitlichen Waldungen beziehen.11
Noch 1718 beanspruchten die Stocker auf dem Hof Himmeri, einem einstigen Erblehenhof der Landvogtei Wädenswil, 25 Stumpen Holz zu Schindeln für die Dächer des Wohnhauses und der Scheune.12 Im selben Jahr erneuerten Peter und Jakob Isler ihren Erblehenbrief für den Beichlenhof und erhielten die Lieferung von Schindelholz aus den Schloss-Waldungen weiterhin zugesichert.13
Zeuge einer Baute mit früherer Schindeleindeckung ist das einstige Bauernhaus Büelenstrasse 9, dessen Kernbau mit originaler Firstpfette dendrochronologisch auf 1518 datiert werden konnte.14 Die schwache Neigung – der Winkel an der Pfette beträgt 140 Grad – erinnert daran, dass das Dach ursprünglich mit Brettschindeln gedeckt war, die lose auf den Dachlatten lagen und mit Steinen und waagrecht verlaufenden Stangen beschwert wurden.
Querschnitt durch den Dachstuhl des Hauses Büelenstrasse 9. Die flache Neigung weist auf ursprüngliche Schindeleindeckung hin.
Auch öffentliche Gebäude trugen um die Mitte des 16. Jahrhunderts noch Schindeldächer, besonders wenn es sich um ältere Bauten handelte. Im Jahre 1562 beispielsweise war Jakob Wild sieben Tage lang damit beschäftigt, das Chordach der Kirche Wädenswil mit neuen Nagelschindeln zu decken.15 Lange Zeit hielt sich die Schindeleindeckung bei Kirchtürmen. Nicht nur der Helm der alten, sondern auch jener der 1764 bis 1767 neu erstellten Grubenmann-Kirche Wädenswil war geschindelt. Im Hinblick auf die Hundertjahrfeier wurde der Turmhelm 1866 frisch gestrichen, der Überlieferung nach mit roter Farbe. Gerold Meyer von Knonau erwähnt im Jahre 1844 unter anderem geschindelte Kirchtürme in Kappel, Horgen und Zollikon.16 Die Holzschindeln des Turmhelms der reformierten Kirche Wädenswil wurden erst anlässlich der Aussenrenovation von 1895 durch Kupferschindeln ersetzt. Damit verschwand wohl das letzte grössere Schindeldach in Wädenswil.17
Reformierte Kirche Wädenswil. Zeichnung von Adolf Honegger, 1867. Der Kirchturm war bis 1895 mit Schindeln gedeckt.
Durch vier Giebel rhythmisch gegliederte Ökonomiebauten der ehemaligen Ziegelei – Zeugen eines verschwundenen Gewerbes.
Die Ziegelei Diener beim Meilibach im Unterort war im 19. Jahrhundert nicht die einzige Produktionsstätte für Ziegel in der Gemeinde Wädenswil. Östlich des Hofes Steinacher, im Bereich der heutigen Siedlung Maiacher bergseits der alten Steinacherstrasse, stand eine zweite Ziegelhütte. Sie ist noch in der Gemeindekarte von 1903 als solche bezeichnet. Ein Inserat im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» meldet, am 28. Juli 1853 werde «im Steinacker Kalk ausgezogen».67 Nebst der Herstellung von Ziegeln wurde hier – gemäss Zeitungs-Annoncen – bis 1868 mehrmals im Jahr auch Kalk gebrannt.68
1855 bestand das Unternehmen unter der Bezeichnung «Staub & Kunz, Ziegler im Steinacker». Es setzte am 3. März jenes Jahres eine Belohnung von 20 Franken aus zur Entdeckung eines Diebes, der wiederholt Tannenholz gestohlen hatte.69
1855 muss Johannes Gattiker-Pfister im Steinacher die Ziegelhütte übernommen haben. Das Lagerbuch der Brandassekuranz vermeldet, dass die alte Ziegelhütte, in welcher der Ziegelofen stehe, nicht mehr assekuriert sei.
Dagegen nahm man die angebaute neue Ziegelhütte in die Versicherung auf.70 Nach dem Tod des Zieglers Johannes Gattiker und dem Tod von Karoline Gattiker-Pfister wurde durch Auskaufsvertrag vom 20. November 1877 der Sohn Wilhelm Gattiker Eigentümer des Wohnhauses Nr. 542 und der Ziegelhütte Nr. 905 im Steinacher.71 Er führte den väterlichen Betrieb weiter und konnte 1893 für drei Jahre das Recht erwerben, im Langacher Lehm für die Ziegelherstellung zu graben. 1895 gehörten zu Gattikers Betrieb eine Ziegelhütte mit südlichem Anbau und ein Ziegelbrennofen.72 1901 erwarb der Unternehmer auch die frühere Ziegelei Diener im Unterort. Damit benötigte er den kleineren oberen Betrieb offensichtlich nicht mehr. Am 17. Mai 1905 verkaufte Wilhelm Gattiker die Ziegelhütte Steinacher samt dem Wohnhaus Nr. 1592, der Scheune und 3 ha 60 a Umgelände an Felix Stockar-Ziegler in Zürich.73 Dieser liess die Ziegelhütte Nr. 1591 im folgenden Jahr abbrechen und an seiner Stelle ein Pferdestallgebäude errichten, in das 1920 eine Wohnung eingebaut wurde.74
Peter Ziegler