Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03498.jsonl.gz/1718

(Artikel aus der "Zuger Zeitung" vom 7. Januar 2023 von Andreas Faessler)
Zu den abseits der Hauptachsen gelegenen historischen Kirchengebäuden Luzerns – oberhalb der Altstadt nahe der Museggmauer – gehört die Mariahilf-Kirche, ehemalige Klosterkirche der Ursulinen. Das Innere des 1684 geweihten Gotteshauses besticht vielmehr mit seiner barocken Architektur als mit einer reichhaltigen Ausstattung, im Rahmen derer der klassizistische Stuckmarmor-Hochaltar von 1814 das zentrale Element darstellt. Das grosse Gemälde im Retabel gilt als Hauptwerk des Zuger Barockmalers Kaspar Wolfgang Muos (1654–1728). Muos ist biografisch weit weniger genau erfasst, als sein viel bekannterer Zuger Zeit- und Berufsgenosse Johannes Brandenberg. Bekannt ist, dass Muos einer grossen gutbürgerlichen Zuger Familie entstammte. Sein Vater wie auch sein Grossvater waren Uhrmacher. Muos hatte mindestens acht Geschwister, von denen vier eine klösterlische Laufbahn einschlugen. Andere hatten politische und militärische Ämter inne.
Über den künstlerischen Werdegang Kaspar Wolfgang Muos’ ist wenig bekannt. Er war möglicherweise weitgehend Autodidakt, zumindest ohne akademische Ausbildung. Das Schweizerische Künstlerlexikon notiert, dass er in Venedig, Rom und Deutschland tätig gewesen sein soll. Dass er sich jedoch respektables Ansehen erarbeitet hat, davon zeugen mehrere namhafte Aufträge für Kirchen im Kanton Zug und in der Zentralschweiz.
Eine der repräsentativsten Bestellungen war mit Sicherheit das Hochaltarblatt für die Luzerner Ursulinenkirche. Es gilt hinsichtlich seiner Komposition als das spannendste Gemälde des Zuger Barockmalers, wie der ehemalige Luzerner Denkmalpfleger Georg Carlen in einem Beitrag zu Muos und seinem Hochaltarblatt notiert. Für die Malerei des 17. Jahrhunderts eher untypisch in diesem Zusammenhang sei die Tatsache, dass Muos für sein Hochaltarblatt einen Gemäldeentwurf angefertigt hat. Dieser befindet sich im Fundus des Klosters Maria Opferung in Zug. Muos war 1712 während des zweiten Villmergerkrieges Wachtkommandant des Klosters. Seine Schwester Maria Rosa war hier wiederholt Klostervorsteherin.
Muos’ Gemälde mit dem Thema Maria, Hilfe der Christen – eine katholische Anrufung zur Ehre der Gottesmutter – war eine Stiftung von Abt Karl Dulliker vom Kloster St.Urban. Georg Carlen zitiert dazu die entsprechende Passage aus der Ursulinen-Klosterchronik: «Ess ist zu Zug gemahlen worden, von dem berühmbten Mahler Caspar Muoss. Hier ist dass Plat ankummen den 5. Juny (1680, Anm.), mit grosser Freüdt der Schwestern und dess Volckss.»
Ein kleines, aber interessantes Detail: Der Bestellung ist eine Abstimmung der Ordensfrauen vorausgegangen, ob Muos sich am berühmten Mariahilf-Gnadenbild von Lucas Cranach im Innsbrucker Dom orientieren soll. Oder aber an der ebenso verehrten Kopie dessen in der Wallfahrtskirche Mariahilf zu Passau. Der Unterschied der beiden: In Innsbruck bedeckt der Schleier Mariens auch das Kind, bei der Passauer Version nur die Muttergottes. Die Luzerner Schwestern wünschten sich ein unverschleiertes Jesuskind und entschieden sich demnach für die Passauer Darstellungsweise.
Das fünf mal zweieinhalb Meter grosse Ölgemälde setzt sich aus zwei vernähten Leinwandbahnen zusammen. Maler Muos hat auf dem Stein in der unteren Ecke links seine Signatur «Caspar Wollfg. Muess tugien» hinterlassen. Das Werk lebt primär von seinem bemerkenswerten Figurenreichtum, der im Grossen und Ganzen gelungen wirkt, punktuell aber auch deutlich erkennen lässt, dass Muos keine höhere Ausbildung absolviert hatte.
Alles bekrönend, aber aus der Szene in den dunkleren Randteil gerückt, wacht Gottvater über das Geschehen. Darunter erscheint in goldener Aura die Heilig-Geist-Taube. Das Hauptelement – Maria mit Jesuskind – ist am oberen Rand der Gemäldemitte dargestellt und dominiert alles durch seine Farbintensität. Haltung sowie Bewegung von Mutter und Kind sind mit Cranachs Mariahilf-«Urdarstellung» identisch. Die Muttergottes mit Jesus wird von einer Schar Putti und Engeln umgeben. Wirkt die obere Hälfte der Darstellung in sich harmonisch und geordnet, geht es im unteren Teil wesentlich «wilder» zu und her. Es sind Menschen und Szenarien abgebildet, die auf die Gnade und Hilfe der Gottesmutter abzielen. Im Hintergrund sind Kriegshandlungen, eine brennende Stadt und Schiffe in Seenot erkennbar. Vorne drängen sich hilfesuchende Menschen – Arme, Besessene, Kranke...
Besonderes Augenmerk soll dem jungen Mann ganz am rechten Bildrand hinter der verzweifelten Frau auf Knien zuteilwerden: Er schaut aus der Szene heraus und fixiert mit seinem Blick direkt den Betrachter. Es ist davon auszugehen, dass es sich um ein Selbstbildnis Kaspar Wolfgang Muos’ handelt. Denn auf diese Weise pflegten es viele Maler, sich in ihren Gemälden zu verewigen.
Georg Carlen vermutet, dass die bemerkenswerte Komposition seiner Mariahilf-Szene in Luzern von Muos eigenhändig erfunden worden ist, zumal in der Mariahilf-Ikonografie nichts Vergleichbares bekannt sei. Dennoch zieht Carlen Fazit, dass der nicht akademisch gebildete Zuger Maler Muos dennoch weniger Wert auf Invention und Komposition gelegt hat, wie andere Maler seiner Zeit. Doch verdiene er in seiner «Naivität und Monumentalität» Anerkennung und Beachtung.