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(Reflexion – Nr. 23, November 1990 – Seite 61-66)
Gesppräch mit Daniel Brühlmeier, Dr. oec., lic. phil. I, Lehrbeauftragter für Philosophie an der Hochschule St. Gallen und Präsident des «Liberalen Forums» St. Gallen1)
Fragen von Robert Nef
R.N.: Adam Smith wird immer wieder als Begründer des Liberalismus bezeichnet, weil er die entscheidende Grundlage zu einer Theorie der Marktwirtschaft geliefert hat. Lässt sich die ideengeschichtliche Wurzel des Liberalismus tatsächlich so eindeutig personalisieren?
D.B.: Jeder Denker steht in einer geistesgeschichtlichen Tradition, und auch originelle Denker sind nur ein «Kettenglied» zwischen ihren Vorgängern und Nachfolgern. Der Impuls, der von Adam Smith ideengeschichtlich ausgeht, ist aber für die Ausrichtung und Orientierung des Liberalismus tatsächlich entscheidend gewesen.
R.N.: Gibt es im Werk von Adam Smith einen Text, den man als ersten Impuls für die liberal-marktwirtschaftliche Theorie bezeichnen könnte, gewissermassen als «Urtext» oder als erstes «Liberales Manifest»?
D.B.: Adam Smith hat bereits 1755 in einem Vortrag die Grundzüge seiner Theorie veröffentlicht. Wenn man also nach einem für den Liberalismus wichtigen ideengeschichtlichen Datum fragt, so könnte man mit guten Gründen auf das Jahr 1755 verweisen. In diesem Vortrag kritisiert Adam Smith die allgemeine Neigung von Staatsmännern, den Menschen zum blossen Material für eine politische Mechanik der Macht herabzuwürdigen. Er deutet den Menschen vielmehr als Subjekt, das nicht als Mittel des Staates und der Wirtschaft missbraucht werden darf. Der Staat soll nur eine beschränkte Funktion haben. «Es braucht nichts anderes, um einen Staat von der Barbarei zur höchsten wirtschaftlichen Blüte zu führen als Frieden, massvolle Abgaben und eine erträgliche (tolerable) Handhabung der Gerechtigkeit. Alles übrige bewirkt der natürliche Lauf der Dinge.» … Diesen natürlichen Lauf darf der Politiker nicht stören. In der damaligen Zeit waren solche Thesen ähnlich innovativ, wie die von Newton entdeckten physikalischen Gesetze. Die vorherrschende ökonomische Theorie war die des Merkantilismus, die den Staat zu protektionistischen Eingriffen berechtigte und verpflichtete; der Reichtum einer Nation wurde aufgrund ihrer Goldreserven bestimmt und die Gesetze hatten z.T. gerade zu verhindern, dass die Wirtschaft nach dem natürlichen Lauf der Dinge funktionierte.
R.N.: Die Feststellung, dass Smith zunächst Ethiker war und sich erst später der Ökonomie zuwandte, ist also nicht ganz zutreffend?
D.B.: Smith ist 1723 in Schottland geboren. Nach Studien in Glasgow und Oxford übernahm er mit 37 Jahren in seiner Heimat zunächst eine Professur für Logik, Rhetorik und später den Lehrstuhl für Moralphilosophie.2) Sein Fach beinhaltete vier Teilbereiche: natürliche Theologie, Ethik, politische und ökonomische Theorie und Recht. Diese traditionelle Verknüpfung hat übrigens als «Schottisches Curriculum» in den Vereinigten Staaten die Lehrgänge an verschiedenen traditionellen Universitäten geprägt und sie hat ihre geistesgeschichtlichen Folgen bis in die heutige Zeit. 1759, also 4 Jahre nach dem erwähnten Vortrag, hat Adam Smith zunächst den 2. Teil seines Vorlesungszyklus, unter dem Titel «Theory of Moral Sentiments» (Theorie der ethischen Gefühle)3) publiziert. Das Werk erlangte schnell europäische Bekanntheit und wurde in verschiedene Sprachen übersetzt.
R.N.: Lassen sich seine wichtigsten, auch heute noch aktuellen Gedanken stichwortartig zusammenfassen?
D.B.: Das ganze Buch ist auch heute noch lesbar und lesenswert und in verschiedenster Hinsicht aktuell. Für Smith beruht die menschliche Moral auf zwei Säulen. Auf der Fähigkeit des Menschen, sich mit Sympathie in andere Menschen einfühlen zu können, und auf der Bereitschaft, gegenüber anderen und gegenüber sich selber eine Position des unparteiischen Beobachters einzunehmen. Die beiden Säulen bilden auch den Ausgangspunkt seiner politischen und ökonomischen Theorie, die er nach verschiedenen Auseinandersetzungen mit den führenden Köpfen seiner Zeit (u.a. die französischen Physiokraten, Hume und Voltaire) 1776 (im Jahr der amerika~che~ Unabhängigkeitserklärung) veröffenthchte: «The Wealth of Nations».4)
R.N.: Adam Smith, der Ethiker und Adam Smith, der Begründer der liberalen marktwirtschaftlichen Theorie, nehmen also immer wieder aufeinander Bezug und sind durch wesentliche Erkenntnisse, Grundannahmen und Bekenntnisse miteinander so verknüpft, dass von einem ganzheitlichen Lebenswerk gesprochen werden kann.
D.B.: Adam Smith wollte keine neue ökonomisch-politische Doktrin begründen. Alles Doktrinäre war ihm fremd. In Schottland gab es seit Jahrhunderten Katholiken, verschiedene Formen des Protestantismus, Deisten, Skeptiker und – mit der diesbezüglich damals gebotenen Zurückhaltung – auch Agnostiker, die sich gegenseitig in bemerkenswerter Toleranz begegneten.
Dem gewaltsamen Fanatismus der Französischen Revolution stand Smith als kontinuitätsbewusster Anhänger der geistig-kulturellen Evolution kritisch gegenüber. Er verurteilte die totalitären Methoden der revolutionären «men of system» und stellte sie den moderierenden Auffassungen der «men of public spirit» gegenüber.
R.N.: Kann man somit Adam Smith geistesgeschichtlich mit dem liberalen Konservatismus eines Burke und mit der evolutionären Stückwerksphilosophie von Hayek und Popper in Verbindung bringen?
D.B.: « The Wealth of Nations» hat nicht nur diese Denker beeinflusst. Man kann es mit guten Gründen als das wichtigste und meist zitierte Werk zu diesem Themenkreis bezeichnen – Marx inbegriffen. Es gibt keinen bedeutenden Okonomen, der nicht explizit oder implizit zu diesem Werk Stellung bezogen hätte.
R.N.: Ob es allerdings so eifrig gelesen wie zitiert wird, bleibe dahingestellt. Aber das gehört ja zum tragischen Schicksal der Klassiker, dass sie nur in wenigen «Schlüsselzitaten» überliefert werden. Welche Schlüsselzitate sollen den Lesern der «Reflexion» anlässlich des 200ten Todestages in Erinnerung gerufen werden?
D.B.: Wie bereits gesagt sind beide Hauptwerke als Ganzes lesenswert und lesbar und auch in erschwinglichen Ausgaben erhältlich. Für eine Sammlung von Schlüsselzitaten, welches das «Liberale Forum» St. Gallen5) unter dem Stichwort «Liberale Ausgangspunkte» zusammengestellt hat, habe ich unter dem Stichwort «Subsidiarität» folgende Stellen ausgewählt:
«Räumt man also alle Begünstigungen oder Beschränkungen völlig aus dem Wege, so stellt sich das klare und einfache System der natürlichen Freiheit von selbst her. In ihm ist jeder Mensch, solange er nicht die rechtlichen Schranken überschreitet, völlig frei, seine eigenen Interessen so, wie er es will, zu verfolgen und seine Arbeit und sein Kapital mit der Arbeit und den Kapitalien anderer Menschen oder anderer sozialer Schichten in Wettbewerb zu bringen.»
«Nach dem System der natürlichen Freiheit hat der Staat lediglich drei Aufgaben zu erfüllen, drei Aufgaben freilich, die höchst wichtig, aber auch ganz einfach und für den Verstand des Durchschnittsmenschen begreiflich sind: Erstens die Aufgabe, die Nation gegen jedes Mitglied so weit als möglich zu schützen; zweitens die Aufgabe, jedes Mitglied der Nation gegen die Ungerechtigkeit oder Unterdrückung anderer Mitglieder so weit als möglich zu schützen, d.h. die Verpflichtung, eine zuverlässige Rechtspflege aufrechtzuerhalten; und drittens die Aufgabe, gewisse öffentliche Einrichtungen und Anstalten zu erstellen und zu betreiben, deren Errichtung und Unterhalt nicht im Interesse eines Privaten oder einer kleinen Zahl von Privaten liegen kann, weil der Ertrag daraus sich niemals für einen Privaten oder eine kleine Zahl von Privaten lohnen würde, obwohl er meist der ganzen Gesellschaft Gewinn bringt.»
R.N.: Ich möchte hier noch mein Lieblingszitat einfügen, das für Adam Smith persönlich nicht nur Theorie geblieben ist. Smith hat während seines ganzen Lebens immer wieder Bedürftige unterstützt.
«Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.»
Diesen Gedanken findet man übrigens auch – zum Teil fast wörtlich – bei Hayek, in seiner «Verfassung der Freiheit» …
Wie jeder Klassiker muss sich auch Adam Smith die Frage gefallen lassen, was denn an seinem Werk auch heute noch aktuell ist. Unsere heutige Ökonomie ist nicht mehr mit den Problemen der beginnenden industriellen Revolution konfrontiert, und die maschinelle Stecknadelproduktion anstelle der manuellen ist nicht mehr das erklärungskräftige Schulbeispiel für den Fortschritt der Arbeitsteilung. Findet man bei Adam Sm1th auch Antworten auf die aktuellen Probleme der ökonomischen Globalisierung, der «elektronischen Revolution» des Ressourcen-Raubbaus und der Schädigung ökologischer Gleichgewichte?
D.B.: Wer für diese Probleme «Patentlösungen» sucht, wird sie weder bei Smith noch bei moderneren Autoren finden. Es gehörte zu den wichtigsten methodischen Grundsätzen von Adam Smith, dass man nicht mit allgemeinen Prinzipien arbeiten könne, ohne die allgemeinen Umstände zu berücksichtigen. Wenn sich nun diese allgemeinen politischen und sozioökonomischen Umstände geändert haben, so stehen wir als Liberale vor der Herausforderung, die allgemeinen Prinzipien angesichts von geänderten Umständen neu zu beurteilen. Die «natürlichen Anlagen des Menschen», welche den Lauf der Dinge bestimmen, sind – auch nach der Auffassung von Adam Smith – nicht ewig. Er vertraut auch auf die schon von Montesquieu beschriebene «zivilisierende Funktion» des Handels. Der Markt ist eine «Schule ohne Lehrer» und verändert die Menschen. Sie werden darin mündiger und haben ein vitales Interesse, dass alle mündiger werden.
R.N.: Kann man also sagen, dass Adam Smith mit seinem offenen Konzept der Mündigkeit seine Theorie vor dem Erstarren und dem Veralten bewahrt hat? Der Markt als offener Lernprozess?
D.B.: Ja. Smith hat darauf verzichtet, das jeweils Beste und das «allgemeine Beste» inhaltlich zu umschreiben Die Menschen sollen nicht gemeinsam das Gute verwirklichen, sondern das eliminieren, was sie als Übel empfinden Er kämpfte stets gegen die Arroganz jener Intellektuellen, die sich für das Zentrum der Welt halten und zu wissen vorgeben, was generell richtig ist. Fehlentwicklungen werden nicht von Menschen eingeleitet, die sich rational um ihren Vorteil kümmern, ohne anderen zu schaden, sondern von Enthusiasten, welche das Gift des Aberglaubens vermehren und irrationale Bewegungen initiieren
R.N.: Mit dieser Skepsis gegenüber allen Heilslehren hat Adam Smith auch aus 200jähriger zeitlicher Distanz – und gerade aus dieser Distanz – Recht behalten. Man hat ihm aber den Vorwurf gemacht, auch seine These, dass sich das Gemeinwohl aus einer Summe von intelligent verfolgten Eigennutzen ergebe – sei historisch gesehen nicht erfolgreich gewesen.
D.B.: Der freie Markt hat nie und nirgends vollkommen funktioniert. Er hat aber – wie Smith dies beschrieben hat – auch in unvollkommener Ausprägung positive Wirkungen hervorgebracht. Es gibt bei philosophischen Theorien keine historischen Beweise für ihre Richtigkeit. Sie können sich aber – aus einer gewissen zeitlichen Distanz beurteilt – mehr oder weniger bewähren.
R.N.: Ich bin überzeugt, dass die Wirkungsgeschichte von Adam Smith weitere Jahrhunderte überdauern wird. Seine ethischen Reflexionen bleiben vielleicht noch aktueller als seine ökonomischen Beobachtungen, weil sich der Mensch in ethischer Hinsicht weniger schnell ändert als in seiner Rolle als Produzent, Konsument und Händler.
D.B.: Die beiden Aspekte bleiben aufeinander bezogen. In seinen letzten Lebensjahren hat sich Adam Smith noch einmal mit seiner «Theorie der ethischen Gefühle» auseinandergesetzt. Er hat dort in die 6. Auflage von 1790 ein längeres Kapitel über den «Charakter der Tugend» eingesetzt, das ihn mit der Betonung des individuell und sozial «richtigen Masses» zum «Cicero der Aufklärung» macht.
Adam Smith unterstreicht auch zwei «natürliche Anlagen» des Menschen, die sowohl in ethischer als auch in ökonomischer Hinsicht relevant sind, und die in der modernen Soziologie einen hohen Stellenwert haben: Der Mensch will gefallen – er will etwas gelten und er will – natürlicherweise und im eigenen Interesse – anderen Menschen nicht schaden.
R.N.: Beide Strebungen sind heute Gegenstand soziobiologischer Forschung. Das Darwin’sche «survival of the fittest» deutet man heute immer mehr als «survival of the most adapted». Nicht die aggressivste Gruppe, sondern die sozial am besten angepasste, die friedlichste, hat die grössten anthropologischen Oberlebenschancen…
Gibt es auch Bereiche, in denen Adam Smith missverstanden wird?
D.B.: Wer Adam Smith nicht im Original kennt, überschätzt vielleicht heute seine allgemeine Staatsskepsis. Sicher hätte er in verschiedenster Hinsicht das Postulat «Weniger Staat» unterschrieben. Die Bekämpfung von Machtballung beispielsweise in Monopolen ist seiner Meinung nach durchaus eine Staatsaufgabe. Er erkannte auch eine weitere Gefahr der arbeitsteiligen technischen Zivilisation, welche nach politischen Korrekturen ruft: Die industrielle Produktion könnte durch ihre Einseitigkeit zur «Verdummung» der Arbeitnehmer führen. Abgestumpfte Menschen sind aber besonders anfällig für religiösen und sozialen Aberglauben. Aus beiden Gefahren erwächst dem Gemeinwesen ein allgemeiner Aufklärungs- und Bildungsauftrag. Smith postuliert gewissermassen eine «Humanisierung der Arbeitswelt» und eine «bürgerliche Mündigkeit». Gute Elementarbildung ist für ihn das «Gegengift» zur allgemeinen Abstumpfung und der beste Weg zur Mündigkeit und zur Festigung jenes Selbstbewusstseins, das den Egoismus als intelligente Form des Altruismus praktiziert.
1) Daniel Brühlmeier hat sich in seiner Dissertation eingehend mit Adam Smith befasst. Vgl. Die Rechts- und Staatslehre von Adam Smith und die Interessentheorie der Verfassung, Berlin 1988, Duncker & Humblot. Demnächst erscheint von ihm in einer Aufsatzsammlung als Bd. 5 der St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik: Adam Smith als politischer Denker im Kontext von Liberalismus, Institutionalismus und Republikanismus, Bern 1990, Haupt.
2) Über Leben und Werk informiert Gerhard Streminger, Adam Smith, Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1989, rororo.
3) Smith Adam, Theorie der ethischen Gefühle, dt. Übersetzung von W. Eckstein, 2. Aufl., Hamburg 1977, Felix Meiner.
4) Smith Adam, Wohlstand der Nationen, dt. Übersetzung von H. C. Recktenwald, München 1974, dtv Dünndruck.
5) Das «Liberale Forum» St. Gallen ist eine dem «Liberalen Institut» Zürich zielverwandte Institution. Es wurde vor 2 Jahren gegründet.