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zumal das Land von den Kriegen der französischen Revolution und der Napoleonischen Zeit wenig berührt wurde. Dagegen kamen mit der Revolution von 1848 auch über Böhmen [* 2] schwere Erschütterungen, und mit dem Ruf nach politischer Freiheit verband sich auf tschechischer Seite eine Opposition gegen das Deutschtum. So versammelte sich in Prag, [* 3] während die Deutschen in Böhmen der Frankfurter Nationalversammlung ihre Sympathien zuwandten, im Mai 1848 ein Slawenkongreß, worauf 11. Juni der blutige Straßenkampf, 15. Juni ein Bombardement, die Unterwerfung Prags und die Sprengung des Slawenkongresses folgten. Auf dem ersten konstituierenden Reichstag Österreichs bildeten die tschechischen Deputierten die Rechte, flüchteten beim Ausbruch der Wiener Oktoberrevolution und wirkten für die Verlegung des Reichstags nach Kremsier. Auch in dem Kampf gegen Ungarn [* 4] standen sie aus seiten der Regierung und übten einen bedeutenden Einfluß auf den Gang [* 5] der Dinge, der aber mit der Oktroyierung einer Charte im März 1849 äußerlich gebrochen wurde.
Erst als nach dem Krieg von 1859 das absolutistische System in Österreich [* 6] gestürzt war, regten sich auch in Böhmen wieder offen die tschechischen Sonderbestrebungen, welche bis dahin in der Presse [* 7] und im sozialen Leben genährt worden waren. Auf dem infolge der Februarverfassung von 1861 zusammenberufenen Reichstag erschienen die Tschechen in der Majorität und setzten in Verbindung mit den Polen der zentralisierenden Politik Schmerlings einen erbitterten und zähen Widerstand entgegen, während die Presse, geleitet von fanatischen Stimmführern, die Hetzerei gegen alles Deutsche [* 8] aufs zügelloseste fortsetzte.
Mit dem spezifisch tschechischen Patriotismus verbanden sich jetzt auch die panslawistischen Ideen, daher Parteiführer wie Palacky und Rieger Anschluß an Rußland auf ihr Programm setzten. Noch freiern Spielraum gewannen diese Agitationen, als 1865 nach dem Rücktritt Schmerlings das Ministerium Belcredi den Föderalismus begünstigte; überdies fand das Tschechentum eine starke Unterstützung beim feudalen Adel und beim Klerus. Auch die Not, welche durch den Krieg 1866 über Böhmen kam, brachte nur eine kurze Unterbrechung der innern Streitigkeiten.
Als Belcredi durch Beust ersetzt und das rein föderalistische Programm ausgegeben wurde, machten die Tschechen ihren Grimm durch Nichtbeschickung des Reichstags Luft (1867). Indessen wurden doch trotz der Renitenz der tschechischen Partei die Reichstagswahlen zu stande gebracht, und die Proteste blieben ohne Wirkung. Um so wütender gebärdete sich die Presse, und es kam zu öftern Pöbelangriffen auf angesehene Deutsche. Gleichzeitig demonstrierte man für den Panslawismus bei der ethnographischen Ausstellung zu Moskau [* 9] (Mai 1868) und verlangte einen Ausgleich wie mit Ungarn, um so mehr, als der aus Verfassungstreuen bestehende Landtag eine Reihe von antitschechischen Beschlüssen faßte.
Die Unterhandlungen über einen Ausgleich, wozu die Tschechenführer Rieger und Sladkowsky von dem Bürgerministerium Giskra 1870 eingeladen wurden, kamen nicht zu stande. Das darauf folgende Ministerium Potocki war zu weitgehenden Konzessionen bereit, doch auf Grund der Verfassung; die Tschechen machten aber zu hohe Ansprüche. Indessen wurde (motiviert durch den deutsch-französischen Krieg) der Landtag aufgelöst; die Neuwahlen waren den Tschechen günstig, und sie benutzten ihr Übergewicht zu Demonstrationen gegen die Regierung und verweigerten wieder die Beschickung des Reichstags.
Das Ministerium Hohenwart-Schäffle, in welchem zwei Tschechen, Jirecek und Habietinek, saßen, spannte die Erwartungen der Tschechen aufs höchste; ein Ausgleich, welcher den Tschechen eine ähnliche Stellung wie den Magyaren gegeben hätte, schien auch nahe bevorzustehen, als infolge des allgemeinen entrüsteten Widerstandes der Deutschen in der ganzen Monarchie, welche schließlich auch an den Ungarn Unterstützung fanden, noch in der letzten Stunde der Kaiser dem auf die tschechischen »Fundamentalartikel« basierten Ausgleich seine Genehmigung versagte, womit die Entlassung des Ministeriums Hohenwart verbunden war.
Das verfassungstreue Ministerium Adolf Auersperg trat den tschechischen Wühlereien mit Energie entgegen, und der Sieg der Verfassungspartei bei den böhmischen Landtagswahlen (April 1872) durchkreuzte für den Augenblick wenigstens die Pläne der Tschechen völlig. Bei den nach der Reichsratswahlordnung von 1873 vorgenommenen Wahlen errangen die Liberalen Böhmens einen glänzenden Sieg. Im böhmischen Landtag, welcher eröffnet wurde, erschien infolge eines im tschechischen Klub gefaßten Beschlusses kein einziger Tscheche, daher die Verhandlungen vollständig im Sinn der Deutschen ausfielen.
Die gänzliche Unfruchtbarkeit der Abstinenzpolikik, welche die Führer der tschechischen Partei bisher befolgt hatten, und das Bündnis derselben mit der feudalen Aristokratie riefen in der Partei selbst eine Spaltung hervor. Den klerikal-feudalen Alttschechen gegenüber bildete sich unter Führung Gregrs die Fraktion der Jungtschechen, welche zwar in staatsrechtlichen Fragen an der Deklaration von 1868 festhalten, aber die liberalen Grundsätze gegen die Ultramontanen verteidigen und zu diesem Zweck in den Landtag und in den Reichsrat eintreten wollte.
Die neue Fraktion brachte es auf nicht mehr als 9 Mitglieder; die weit überwiegende Mehrzahl der Tschechen unter Führung Palackys und Riegers (71) blieb dabei, bei jeder Eröffnung des Landtags ein Promemoria einzureichen, welches in heftiger Sprache [* 10] protestierte und die Beschlüsse des Landtags für ungesetzlich erklärte, worauf die Tschechen ihrer Mandate für verlustig erklärt wurden. Dasselbe thaten die tschechischen Abgeordneten nach Einführung der direkten Reichsratswahlen im Reichsrat mit gleichem Erfolg.
Seit 1879 suchten aber Clam-Martinitz und Rieger Konzessionen vom Premierminister Taaffe zu erlangen und ihren Eintritt in den Reichsrat möglichst zu verklausulieren. Im neuen Ministerium vom 12. Aug. gewannen sie einen Platz ohne Portefeuille für den mährischen Deklarantenführer Prazak. Mitte September suchten die alttschechischen Parteiführer endgültige Verständigung mit den deutsch-österreichischen Föderalisten unter Hohenwart zur Fusionierung aller föderalistischen Fraktionen.
Ihren Eintritt in das Herren- und Abgeordnetenhaus (9. Okt.) eröffnete die Abgabe einer Rechtsverwahrung; derselben folgte die Übergabe eines Memorandums an den Kaiser (16. Nov.). Das Jahr 1880 zeigte das Vorwärtsdrängen des wieder mehr als je selbstbewußt und herrschaftslustig gewordenen Alttschechentums aus der Bahn der Konzessionenforderung, anderseits sein Streben, die Polen zur gemeinsamen Aktion heranzuziehen und sich auch mit den Magyaren zu verständigen, wie dies im Herbst 1880 die Reise Riegers nach Pest kundgab. So erreichten sie denn auch in der Sprachenfrage wesentliche Zugeständnisse und in der Streitfrage wegen der Prager Universität 1882 die Teilung derselben. Während ihre ¶
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Abgeordneten im Reichsrat eine einflußreiche Rolle spielten, errangen sie 1883 bei den Landtagswahlen den Sieg über die Deutschen und damit die Majorität im Landtag. Im Siegesübermut begingen die Tschechen vielfache Gewaltthätigkeiten gegend die Deutschen und verdrängten sie aus möglichst vielen Behörden und Körperschaften, so daß die Deutschen sich zum Schutz ihrer Nationalität zur Forderung der Teilung Böhmens in einen deutschen und einen tschechischen Teil gedrängt sahen. Die Tschechen und die ihnen günstig gesinnte Regierung weigerten sich freilich, hierauf einzugehen.
Vgl. Quellensammlungen zur Geschichte Böhmens von Dobner (1764-85, 5 Bde.), Pelzel und Dobrowsky (1782-84, 2 Bde.; Bd. 3 hrsg. von Palacky);
»Fontes rerum bohemicarum« (Prag 1871 ff.);
Schlesinger, Deutsche Chroniken aus Böhmen (Prag u. Leipz. 1879 ff.);
Regesten von Erben und Emler (Prag 1855 ff.);
die Herausgabe der Landtagsakten ist begonnen.
Ferner: Pelzel, Geschichte der Böhmen (4. Aufl., Prag 1817);
Jordan, Geschichte des böhmischen Landes und Volkes (Leipz. 1845-47, 3 Bde.);
Palacky, Geschichte Böhmens (Bd. 1-5, Prag 1836-67; ursprünglich deutsch, dann auch tschechisch herausgegeben, reicht bis 1526; wiederholt abgedruckt, Hauptwerk für die Geschichte Böhmens);
Frind, Kirchengeschichte Böhmens (das. 1862-78, Bd. 1-4);
Tomek, Geschichte Böhmens (tschech., das. 1863; deutsch 1864);
H. Jirecek, Das Recht in und Mähren, geschichtlich dargestellt (das. 1866);
Kalousek, Einige Grundlagen des böhmischen Staatsrechts (2. Aufl., das. 1871);
Toman, Das böhmische Staatsrecht 1527 bis 1848 (das. 1872);
Pernice, Die Verfassungsrechte der im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder (Halle [* 12] 1872);
»Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in und die von diesem herausgegebenen »Beiträge zur Geschichte Böhmens«; Schlesinger, Geschichte Böhmens, herausgegeben von demselben Verein (2. Aufl., Prag u. Leipz. 1870).
Über die jüngsten Phasen des böhmischen Verfassungsstreits vgl. G. Rehner (Pseudonym),
Im Donaureich (Prag 1876); »Von der gegenwärtigen politischen Situation des böhmischen Volkes« (3. Aufl., das. 1878).