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Ansprache von
Rektor der HSG
Insgesamt hat das Berichtsjahr der Hochschule St. Gallen keine neuen Probleme gebracht, was sich etwa aus der geringeren Zahl von Senatssitzungen und Sitzungstraktanden ablesen lässt. Ich berichte heute über mein drittes Rektoratsjahr.
Im ersten Jahr wurden in 12 Senatssitzungen 142 Traktanden behandelt, im zweiten Jahr in 11 Sitzungen 122 Traktanden und nun im dritten Jahr in 9 Sitzungen 94 Traktanden.
Es ist somit ein unübersehbarer Schwund von 20 bis 30 Traktanden pro Jahr zu verzeichnen. Wenn das so weitergeht, werden wir in drei bis vier Jahren überhaupt keine Traktanden mehr haben. Es liesse sich dann die Hochschule buchstäblich nach dem Motto des chinesischen Weisen leiten, der da sagte: <Tue nichts und alles ist getan>.
Unsere kleine Rechnung zeigt einmal, dass die Trendextrapolation eine äusserst problematische Prognosemethode ist. Ausserdem lässt sie die ungeheuerliche Gefahr eines totalen Traktandenschwundes sichtbar werden, weshalb ich am Schlusse des laufenden akademischen Jahres konsequenterweise zurücktreten werde.
Die Abteilungen und gelegentlich auch der Senatsausschuss waren erheblich beschäftigt mit der Realisierung der neuen Studienordnung, die 1978 mit dem ersten Semester begonnen hatte und im Wintersemester 1980/81 das 5. Semester und damit die Lizentiatsstufe erfasste. Sowohl die inhaltliche Gestaltung der nun etwas stärker spezialisierten Lizentiatsstufe als auch organisatorische Probleme erforderten erheblichen Aufwand und verursachten einige unvermeidliche Friktionen. Für eine abschliessende Beurteilung der neuen Studienordnung ist es jedoch noch zu früh. Einerseits wird sich manches, was bei der erstmaligen Durchführung Schwierigkeiten bereitete, ohne weiteres einspielen und anderseits werden ja erst im Sommer 1982 alle Semester wenigstens einmal nach neuer Ordnung durchgeführt worden sein.
Als wichtiges Ereignis darf die Beschaffung einer neuen EDV-Anlage gewertet werden. Die Tatsache, dass die erste EDV-Anlage der HSG zu Beginn der Siebzigerjahre durch eine Sammlung bei der Privatwirtschaft finanziert werden musste, während nun die neue Anlage über das normale Hochschulbudget finanziert
werden konnte, zeigt, dass inzwischen der Einsatz von Computern zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Gerade auch unsere Hochschule muss sich intensiv mit dieser Materie auseinandersetzen. Dass wir dabei auch blosse Modetrends mitmachen könnten, verhindern nur schon unsere stets bescheidenen finanziellen Möglichkeiten. Dennoch bleibt es schwierig, zwischen der Begeisterung der Fachleute und der Skepsis derjenigen, die mit dem ganzen Gebiet nicht vertraut sind oder es nicht verstehen, den wohl auch hier empfehlenswerten mittleren Weg zu finden.
Im vergangen Jahr haben wir erstmals öffentliche Vorlesungen im Stadtzentrum durchgeführt und sie im Gegensatz zu den herkömmlichen öffentlichen Vorlesungen auf Vormittage oder Nachmittage gelegt. Mit manchen dieser Veranstaltungen haben wir Bevölkerungskreise angesprochen, die bisher nicht an öffentlichen Vorlesungen teilnahmen. Es zeigt sich auch hier, dass insbesondere psychologische und theologische Themen und einzelne Tagesprobleme die meisten Teilnehmer anziehen.
Wir haben in den letzten Jahren unsere Dienstleistungen (öffentliche Vorlesungen, Aulavorträge, Referentendienst, Vortragszyklen <Hochschule in der Region>) dauernd verstärkt und auch die Information über die Hochschulaktivitäten in Form von Pressediensten, Pressekonferenzen und -gesprächen, Forschungsdokumentation stetig ausgebaut. Wir glauben nach wie vor, dass das richtig war.
Dennoch müssen wir einschränkend feststellen, dass jede neue Aktivität auch sogleich als selbstverständlich betrachtet wird und dass jede Differenzierung in den Dienstleistungen und in der Öffentlichkeitsarbeit den potentiellen Kritiker auch implizite auf das aufmerksam macht, was wir nicht oder noch nicht tun. Man muss sich deshalb gelegentlich fragen, ob nicht jede Ausweitung des Angebotes auch eine Eskalation der Nachfrage begünstige.
Vor zwei Jahren habe ich am Hochschultag einen eigentlichen Generationenwechsel angekündigt, der in erster Linie auf altersbedingte Rücktritte, in zweiter Linie auf die Schaffung einzelner Professuren im Rahmen der neuen Studienordnung zurückzuführen sei. Dieser Wechsel ist nun fast völlig abgeschlossen. Allein im vergangenen Jahr haben acht neue Professoren ihre Tätigkeit
aufgenommen. Zusammen mit einigen weiteren Ablösungen, die schon etwas früher stattgefunden haben oder demnächst stattfinden werden, ist das eine beträchtliche Erneuerung — bei einer Gesamtzahl von etwa 55 Professoren.
Wie wird sich diese Erneuerung auswirken? Natürlich glauben auch wir an der Hochschule St. Gallen, etwas Besonderes zu sein: stärker praxisorientiert etwa, als es die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung an anderen Hochschulen ist, oder mehr um eine gute Qualität der Lehre bemüht und schliesslich friedlicher und unkomplizierter hinsichtlich der Beziehungen unter den Dozenten oder zwischen den Dozenten und Studenten. Ob das Wirklichkeit ist oder nur Wahn, kann uns das Urteil der Kollegen, die von andern Hochschulen kommen, zeigen. Soweit es nur Wahn ist, werden uns ihre Impulse helfen, so gut zu werden, wie wir schon zu sein glaubten. Und falls wir tatsächlich schon gut sind, werden wir durch ihre Mitwirkung besser.
Auch im vergangenen Jahr haben viele Persönlichkeiten und Gremien massgebend zur Lösung der Probleme unserer Hochschule beigetragen. Herzlich danke ich:
• den Hochschulträgern und dem Hochschulrat für das stete Wohlwollen
• dem Senatsausschuss und dem Senat für die Bereitschaft, die nicht immer spannenden Routinegeschäfte speditiv zu behandeln
• allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hochschulverwaltung für das glücklicherweise vielfach spürbare Bestreben, über die unmittelbare Aufgabe hinaus das Ganze im Auge zu behaften.
1970 wurde in der Volksabstimmung eine Bauvorlage zur Ergänzung der bestehenden Hochschulanlage verworfen, 1972 scheiterte ein zweiter Versuch schon im Parlament. Im letzten Herbst nun hat der Grosse Rat des Kantons St. Gallen einen Projektierungskredit für einen Ergänzungsbau bewilligt. Wir nehmen das ebenso dankbar zur Kenntnis wie die Tatsache, dass die Notwendigkeit, mindestens im beantragten Ausmass zusätzlichen Raum zu schaffen, von keiner Seite bestritten wird.
Allerdings ist eine gewisse grundsätzliche Opposition vorhanden, die nur teilweise fassbar ist. In dieser Situation nun bin ich auf eine Schrift mit dem Titel <Predigt über das Schulhaus von Utzenstorf> gestossen, welche der Vikar Albert Bitzius, besser bekannt unter seinem Schriftstellernamen Jeremias Gotthelf, geschrieben hat.
Als die Bauern von Utzenstorf beschlossen, ihm und dem Schulmeister zum Trotz kein neues Schulhaus zu bauen, nahm er sie von der Kanzel herab in einer Art mittelalterlicher Scherzpredigt aufs Korn.
Groteske Züge fehlen auch im Falle der Hochschule St. Gallen durchaus nicht. So werden — wie noch zu zeigen sein wird — laufend Bauten in der von uns angestrebten Grössenordnung bewilligt, ohne dass auch nur ein müdes Augenlid sich hebt. Von uns aber wird erwartet, dass wir uns als besondere Musterknaben gebärden oder zuerst noch besondere Kunststücke vorzeigen — dreifacher Salto mit Schraube etwa — bevor man uns bewilligen kann, was andere ganz selbstverständlich erhalten.
Ich habe deshalb nachgeschaut, was Gotthelf seinerzeit sagte, einerseits in der erwähnten Predigt und anderseits in <Leiden und Freuden eines Schulmeisters>, wo er den Utzenstorfer Vorfall als dichterisches Motiv wieder verwendet. Wenn im folgenden Parallelen gezogen werden zwischen den Utzenstorfern und den St. Gallern, dann sind nicht die Bürger der Stadt gemeint, sondern die Bürger des Kantons insgesamt, weil ja die Vorlage über den Ergänzungsbau der HSG ein kantonales Projekt ist.
Bei Gotthelf wird zunächst versucht, eine Konkurrenzsituation zu schaffen, um mit dem Hinweis auf andere die eigenen Bürger ebenfalls zum Handeln zu veranlassen: <Die Lättikofer bauen jetzt ein Schulhaus wie die Narren>, sagt einer. <Die Zürcher bauen jetzt wie die Narren: hunderte von Millionen kosten ihre neuen Universitätsanlagen auf dem Irchel>, könnten wir sagen. Diese Argumentation verfängt nicht. Bei Gotthelf: <Die Lättikofer können lange bauen, sie bleiben immer die Lättikofer; würden sie eine Feuerspritze anschaffen oder einen bräveren Dorfmuni, das wäre ihnen nützer>. Gleicherweise ist anzunehmen, dass die St. Galler die Zürcher weder bewundern noch ihnen nacheifern wollen.
Gotthelf gibt dann vor, er hafte die Utzenstorfer für zu arm, ein neues Schulhaus zu bauen. Er stellt zwar fest, dass viele Private stattliche Häuser bauen und dass es auch in den Wirtshäusern und auf den Märkten nicht den Anschein mache, den Utzenstorfern fehle das Geld. Aber nachdem er alle andern Einwände entkräftet hat, hofft er, die Utzenstorfer mit dem unzutreffenden Hinweis auf ihre Armut zu provozieren: <Potz Donner>, sagte der Ammann und schlug mit seiner feisten Faust auf den Tisch, dass selbst die Türe zitterte, <woher weiss er denn, dass wir arm seien, es ist ihm doch noch keiner von uns öppis ga heuschen>.
Nun lässt sich weder im Ernst noch zum Scherz behaupten, die St. Galler seien zu arm, den Ergänzungsbau der Hochschule zu bauen. In der Botschaft an den Grossen Rat über den Projektierungskredit wurde mit einer Bausumme von 16,5 Millionen Franken gerechnet, woran der Bund gut die Hälfte, der Kanton etwas weniger als 6 Millionen und die Stadt etwa 2,5 Millionen zu zahlen hätten. Wegen der Teuerung und möglicherweise auch wegen Änderungen im definitiven Raumprogramm wird diese Summe sicher überschritten, ohne dass sich aber die Grössenordnung ändert.
Wie nimmt sich nun diese Bauvorlage aus im Vergleich zu andern kantonalen Vorhaben? Greifen wir einige Beispiele heraus:
• Am 2. März 1980 hat das St. Galler Volk mit überwältigendem Mehr (etwa im Verhältnis 5:1) zugestimmt: einerseits der baulichen Erneuerung der Klinik für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe des Kantonsspitals St. Gallen. Kosten: 21 Millionen, davon Kanton 19 Millionen, Stadt 2 Millionen; anderseits Neu- und Umbauten der psychiatrischen Klinik Wil. Kosten für den Kanton 14 Millionen.
• Am 17. Februar 1981 hat der Grosse Rat an den Neubau der gewerblichen und kaufmännischen Berufsschule Rorschach ohne Gegenstimme bewilligt: einen kantonalen Beitrag von höchstens 5,3 Millionen, bei Gesamtkosten von 16,6 Millionen.
• Ebenfalls 1981 hat der Grosse Rat an den Neubau der Handelsschule des Kaufmännischen Vereins St. Gallen (Totalkosten
35,5 Millionen) einen Staatsbeitrag von 9,65 Millionen bewilligt; der Stadtrat beantragt dem Gemeinderat einen Beitrag von 3 Millionen.
Uber die zweite Lesung heisst es in einer St. Galler Zeitung lakonisch: <Durchberaten wurde in Kürze ebenso der Staatsbeitrag an...>. Keine Schlagzeile, ja nicht einmal einen fetten oder halbfetten Untertitel war dieser Entscheid dem Berichterstatter wert.
Diese zufällig herausgegriffenen Beispiele aus den letzten Monaten zeigen, dass Regierung, Parlament und Volk des Kantons St. Gallen ohne weiteres in der Lage und bereit sind, namhafte Investitionen im Bildungs- und Gesundheitswesen zu tätigen. Dabei werden Bauvorhaben der erwähnten Grössenordnung, in der auch unser Vorhaben liegt, oft fast routinemässig bewilligt oder lösen jeden falls nur bescheidene Kontroversen aus.
Ganz offensichtlich ereifert sich ein beträchtlicher Teil der St. Galler Bevölkerung auch wegen unseres Ergänzungsbaues nur wenig und wird deshalb eine Bauvorlage entweder kaum zur Kenntnis nehmen oder ihr mit milder Zustimmung oder auch mit ebenso milder Unlust begegnen. Dieses recht beschränkte Interesse zeigt sich etwa darin, dass heute viele Bürger meinen, der Grosse Rat habe im letzten Herbst nicht bloss einen Projektierungskredit bewilligt, sondern schon das eigentliche Bauprojekt.
Im Zusammenhang mit Hochschulvorlagen taucht immer auch das Gespenst auf, es könnten zuviele Akademiker ausgebildet werden. Interessanterweise gibt es bei Gotthelf eine Parallele dazu auf dem Volksschulniveau. Als der Schulmeister meinte, der Platz sei viel zu klein, wenn er mit allen Schülern schreiben sollte, antwortete ihm der Weibel: <Wer sagt Dir, Schulmeister, dass Du mit allen schreiben solltest? Das wäre mir ein lustig Dabeisein, wenn jeder Taglöhnerbub und jedes Verdingmeitschi schreiben sollte.>
Damals hatte man also Bedenken, es würde schon beim Schreibunterricht übertrieben. Heute — wie gesagt — taucht das Gespenst des Akademikerüberflusses immer wieder auf. Im Zusammenhang mit unserm Ergänzungsbau allerdings sollte man dieses Gespenst ein für alle Mal zur Ruhe legen. Ich kann nur immer wieder betonen, was wir stets ausgeführt haben: der
Ergänzungsbau hat in keiner Weise den Zweck, zusätzliche Studentenzahlen zu bewältigen. Es ist — in Gottes Namen — unsere bestehende Anlage eben für die bereits vorhandenen Studenten längst zu klein. Sie wurde für 900 Studenten konzipiert, und wir haben jetzt 2000. Die Engpässe sind seit Jahren da: die Bibliothek platzt aus allen Nähten, auch die grössten Hörsäle sind längst zu klein. wir führen darum viele Lehrveranstaltungen in der Aula durch, die dafür schlecht geeignet ist, usw. — viele von Ihnen kennen die Details.
Die Raumverhältnisse sind schlecht. Ein paar hundert zusätzliche Studenten würden sie nur graduell verschlechtern und ein paar hundert Studenten weniger nur unwesentlich besser machen. Abhilfe schafft nur ein Ergänzungsbau.
Gegen alle Arten von Ausbildung wird gelegentlich eingewendet, sie nütze ja doch nichts. So auch bei Gotthelf: <Ja, was man hier in der Schule lernt, das trägt nichts ab, ausser etwa die Religion: dass man nicht in die Hölle muss; sonst, mit dem andern, könnte man in zehn Jahren nicht soviel verdienen, um einer Maus ein halbes Jahr zu fressen zu geben>.
Auch bei der Ausbildung an unserer Hochschule wird natürlich immer wieder die Frage nach dem Nutzen bestimmter Stoffe gestellt oder der Theorie/Praxis-Gegensatz beschworen. Nun können wir aber wirklich mit Überzeugung behaupten, unsere Ausbildung nütze etwas. Die neuste Untersuchung über die Beschäftigungssituation der Neuabsolventen der Schweizer Hochschulen im Jahre 1979 ergab, dass unsere Absolventen von den Wirtschaftswissenschaftern sämtlicher schweizerischer Hochschulen am leichtesten eine Stelle fanden und auch die höchsten Anfangsgehälter bekamen. Die Unternehmungen, öffentlichen Verwaltungen und zahlreichen sonstigen Organisationen, welche unsere Absolventen einstellen, sind also offenbar der Meinung, sie würden etwas taugen. Und diese selbst können nicht bloss einer Maus zu fressen geben, sondern durchaus auch sich selber.
Vielleicht noch mehr zu schaffen machen uns Vorwürfe, es würde bei uns manchmal das Falsche gelehrt oder geforscht. In regelmässigen Abständen äussert irgendeiner unserer Dozenten in einem Vortrag, Podiumsgespräch oder sonst in Wort oder
Schrift etwas, was dem einen oder andern Bürger zumindest missfällt oder ihn sogar zutiefst verärgert.
Meines Erachtens ist das unvermeidlich. Was wir realistischerweise anstreben können, ist, ein <Basar der Ideen> zu sein, wo unterschiedliche Auffassungen in Lehre und Forschung vertreten werden können und wo sich in ruhiger oder auch erregter Diskussion ergeben muss, wer die besseren sachlichen Argumente hat. Ein solcher Pluralismus dient der Wahrheitssuche am besten. Es kann deshalb einem Dozenten oder Forscher nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er eine bestimmte, sachlich gut begründbare Auffassung vertritt. Vorgeworfen werden müsste ihm hingegen beispielsweise, wenn er wider besseres Wissen auf Meinungen beharrt oder Fakten, die seiner Auffassung widersprechen, unterdrückt.
Es ist deshalb unvermeidlich, dass Dozenten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften andere hin und wieder ärgern. Die Alternativen zum erwähnten Basar der Ideen sind aber untauglich. So kann eine Hochschule kein Töchterinstitut sein, wo nur die frommen Lieder gesungen werden, die schon immer im Gesangbuch standen. Zwar ist es durchaus angebracht, bewährte alte Lieder weiterhin zu singen, aber wir wollen und müssen auch neue Lieder komponieren.
Anderseits können wir uns auch nicht auf eine parteipolitische Linie festlegen, so sehr das diejenigen wünschen mögen, die in der rauhen Wirklichkeit eine bestimmte Richtung verfechten und gerne wissenschaftlichen Sukkurs dafür hätten. Wohin das führen würde, zeigen im Extrem die totalitären Staaten: Wenn sich dort die Hochschulen auf das Absingen der Parteihymne beschränken, werden sie völlig steril.
Ich möchte deshalb behaupten, dass nicht nur dem Fortschritt der Wissenschaft, sondern auch der Wirtschaft und Gesellschaft auf die Dauer am besten gedient ist, wenn wir — intellektuell redlich — diesen Pluralismus praktizieren.
Das hat Auswirkungen für die Personalpolitik und die Aktivitäten der Hochschule. So werden wir zwar ernsthafte Hinweise auf mögliche Dozenten und Anregungen hinsichtlich unserer Tätigkeit stets prüfen, woher sie auch kommen mögen. Wir haben
keinen Anlass, Träger seriöser Initiativen vor den Kopf zu stossen. Anderseits können wir aber personelle und sachliche Entscheide nicht fällen, mit dem primären Ziel, uns Freunde zu machen, sondern müssen uns bemühen, nach fachlichen Kriterien zu entscheiden.
Als zu Beginn der Siebzigerjahre die Bauvorlage zweimal scheiterte, wurde das auf den immer wieder verzögerten Neubau der Gewerbeschule und auf die notwendige Entlastung der Stadt St. Gallen zurückgeführt.
Inzwischen ist der Neubau der Gewerbeschule längst in Betrieb und die Stadt wurde durch die Änderung der Hochschulträgerschaft spürbar entlastet. Ausserdem hat der Regierungsrat erklärt, er werde eine weitere Entlastung der Stadt im Rahmen der Neuordnung des kantonalen Finanzausgleichs prüfen. In meiner politischen Naivität komme ich deshalb zum eindeutigen Schluss, dass die damaligen Vorbehalte beseitigt wurden. Inzwischen wurden neue Vorbehalte gemacht. Das erinnert lebhaft an militärische Durchhalteübungen: Wenn man morgens um zwei Uhr am Ziel des Patrouillenlaufes ankam und glaubte, die geforderte Leistung erbracht zu haben, erhielt man den Befehl, sich noch rasch mit dem Spaten einzugraben, was je nach Bodenbeschaffenheit eine bis mehrere Stunden dauerte. Ich habe aber den Eindruck, dass man heute schärfer unterscheidet zwischen sinnvollen Durchhalteübungen und blossen Schikanen als noch vor zwanzig Jahren.
Meine Damen und Herren, ich stelle selbstverständlich kein Ultimatum, weder als forscher Einzelkämpfer noch als Vertreter der Hochschule. Wir machen auch keine Demonstration. Hingegen weise ich nochmals auf folgende Punkte hin:
1. Der zusätzliche Raumbedarf der Hochschule ist ausgewiesen und unbestritten. Er dient ausschliesslich der Beseitigung von bestehenden Engpässen und nicht der Ausbildung zusätzlicher Akademiker.
2. Die finanzielle Grössenordnung ist bescheiden. Vorhaben gleicher Grösse werden vom Kanton laufend realisiert.
3. Die Lehr- und Forschungstätigkeit der Hochschule ist anerkannt. Unsere Absolventen finden sogar besonders leicht
Stellen und sind in den verschiedensten privaten und öffentlichen Organisationen erfolgreich tätig.
4. Als Hochschule sind wir notwendigerweise ein Basar der Ideen. Wir können weder Musterknaben noch blosse Parteigänger sein. Unsere Personal- und Sachentscheide müssen wir nach bestem fachlichem Wissen und Gewissen fällen. Wenn wir hier opportunistisch werden, geben wir uns selbst auf. wir werden deshalb oft zum Ärgernis.
5. Die übliche Zeitspanne für Durchhalteübungen ist vorbei. Vor mehr als zwölf Jahren legte der Regierungsrat zum ersten Mal seine Botschaft über den Ergänzungsbau der Hochschule vor.
Alle, die etwas dazu beitragen können, bitte ich, sich der dringenden Notwendigkeit des Ergänzungsbaus nicht zu verschliessen.
Bei Gotthelf ging die Sache dann gut aus: Das neue Schulhaus in Utzenstorf wurde gebaut.
Was unsern Ergänzungsbau anbetrifft sage ich: <Gott helf(e)!>