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In seinem Roman «Die Mittellosen» erzählt Szilárd Borbély über das Ungarn der sechziger und frühen siebziger Jahre. Kurz nach dessen Erscheinen schied er aus dem Leben.
Es ist ein tragisches Debüt: «Die Mittellosen», der erste Roman des ungarischen Autors Szilárd Borbély wird auch sein letzter bleiben. Denn kurz nachdem das Buch in Ungarn erschienen war, setzte er im Februar 2014 seinem Leben ein Ende. Der Professor für alte ungarische Literatur an der Universität Debrecen hatte schon Gedichte, Theaterstücke und Essays veröffentlicht. Erst mit beinahe fünfzig Jahren wagte er sich an die Wiederbegegnung mit seiner traumatischen Kindheit und verwandelte sie in dichte, schmerzhafte Prosa. An seine Übersetzerin Heike Flemming schrieb er danach: «Ich hatte gedacht, über all das kann ich schon schreiben, es liegt weit zurück, verheilte Wunden …, aber nein, wie sich herausgestellt hat.»
Ein Junge erzählt vom Leben in den sechziger und frühen siebziger Jahren in einem kleinen Dorf im Nordosten Ungarns. Seine Eltern sind Aussenseiter. Die Mutter schimpft über die Bauern, denen Dreck nichts ausmache und die gegenüber Andersartigen so brutal und hartherzig sein können. Sie zelebriert zuweilen jüdische Rituale, obwohl sie wie alle anderen im Dorf der unierten Kirche angehört. Dem Vater sagt man nach, das Resultat eines Seitensprungs seiner Mutter mit einem Juden zu sein. Auch der Junge wird oft als «Drecksjude» beschimpft. In Wirklichkeit gibt es nur noch einen Juden im Dorf; Mózsi kam 1945 verstört aus dem Lager zurück und wartete still auf den Messias, bis er starb. Aber im Klatsch sind die Juden noch präsent. Die Männer erzählen manchmal im Suff auch hämisch davon, wie sie den Laden des Juden geplündert hatten, damals.
Angst ist das beherrschende Gefühl
Einen Messias gibt es auch im Ort. Es ist der Spitzname für einen «Zigeuner», der die niedrigste aller Arbeiten verrichtet: Er entleert die Plumpsklos. Der doppeldeutige Untertitel von Borbélys Roman, «Ist der Messias schon weg?», bezieht sich auf diesen Mann, weist aber auch darauf hin, dass der Autor dieses ländliche Ungarn der sechziger und frühen siebziger Jahre als eine unerlöste Gesellschaft sieht. Angst ist das beherrschende Gefühl, das Dorf fürchtet sich vor Überschwemmungen, die Bauern vor den Spitzeln, die Mutter vor der Heimkehr des besoffenen Vaters, dieser vor dem Spott der Dorfgemeinschaft. Jeder vertreibt die Angst mit Gewalt und gibt sie so weiter. Der Junge wird nicht nur geprügelt, wenn er etwas angestellt hat, sondern auch, wenn die Grossen schlechter Laune sind. So lebt er in beständiger Angst, die ihm phasenweise sogar die Stimme raubt. Beim Einschlafen fürchtet er sich vor den Gespenstern aus den Erzählungen der Alten, am Tag vor den Kindern im Dorf, die ihn quälen, oder vor den ekligen Arbeiten, die ihm aufgetragen werden.
Nur in Zahlen findet der Junge einen Halt, genauer: in Primzahlen. Er sammelt sie, wo immer er sie in seinem Leben findet. Etwa im Altersunterschied zu seiner Mutter: «Wir gehen und schweigen. Dreiundzwanzig Jahre trennen uns. Die Dreiundzwanzig kann man nicht teilen … sie ist die Einsamkeit zwischen uns.» So beginnt der Roman – und bringt damit sofort den düsteren Grundton zum Klingen. Möglicherweise wurde Borbély von Paolo Giordanos Roman «Die Einsamkeit der Primzahlen» zum Schreiben angeregt, denn auch in diesem italienischen Bestseller aus dem Jahr 2008 geht es um Menschen, die in ihrer Jugend zu viel erlitten, um einen unbeschwerten Weg ins Leben zu finden. Und auch darin verhindert das familiäre und gesellschaftliche Schweigen die Verarbeitung des Traumas, also eine mögliche Erlösung.
Nahezu biblische Wucht
Szilárd Borbély lässt den Jungen in kurzen Episoden aus seinem Leben berichten. Der Blick weitet sich durch die Erzählungen der Erwachsenen, grandiose, farbige Erzählungen aus alter Zeit. Auch deren Themen sind düster, seien es die märchenhaften Schilderungen der Mutter von den brutalen Ritualen der Bauern oder die Berichte des Grossvaters aus dem Krieg. Atemberaubend, von nahezu biblischer Wucht ist seine Geschichte der rumänischen Vorfahren, die einst aus Siebenbürgen nach Ungarn geholt wurden. Sie brachten eine kleine Holzkirche mit, in der sie ihren orthodoxen Gottesdienst feierten. Bis eines Tages Abgesandte der ungarischen Regierung erschienen und sie zwangen, der unierten Kirche beizutreten.
Es ist die ewige Fortsetzung eines Lebens in Knechtschaft, von den Leibeigenen über die Untertanen der Faschisten bis zum sozialistischen Regime, die Borbély durch die Erzählungen der Alten in seinem Roman verdeutlicht. Dass die aktuelle Entwicklung in Ungarn alle Hoffnungen der Wendezeit auf ein freieres Leben wieder zunichtemacht, hat ihn besonders deprimiert. Das kann man in zwei seiner Essays im Anhang sowie in der Würdigung seiner Übersetzerin lesen. Ein erschütterndes Buch.