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Julius Nyerere, der Gründerpräsident von Tansania, hatte sich nicht damit begnügt, dem Land die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Während die Freiheitskämpfer in andern afrikanischen Staaten sich kaum Gedanken machten, was nach der Befreiung kommen sollte, entwickelte Nyerere ein Konzept für die Zukunft eines unabhängigen Landes.
Widerstand
Nyerere knüpfte an der traditionellen Vorstellung der Ujamaa an. Jamaa nennt man auf Suahili die Verwandten, die Angehörigen in einem weiteren Sinne. Ujamaa ist die umfassende Gemeinschaft jener, die durch Blutsverwandtschaft zusammengehören. Das Wort wird gewöhnlich mit «Sozialismus» oder sogar mit «Kommunismus» übersetzt. Dies weckte in katholischen Kreisen weitgehend Widerstand. In der Schweiz beispielsweise schrieben Zeitungen wie das «Vaterland» über Nyereres Politik nur Negatives. In Tansania selbst wehrten sich die Bischöfe gegen die Politik der Ujamaa. Es wird berichtet, Nyerere habe die Bischöfe zu sich gerufen und sie an die erste Christengemeinde in Jerusalem erinnert, die gemäss der Bibel «alles gemeinsam» hatte.
Der «Lehrer»
Nyereres Gegner unterstellten ihm, sich vom kommunistischen Ausland gängeln zu lassen. Tatsächlich aber war Ujamaa etwas Bodenständiges, im eigenen Feld Gewachsenes. Die Idee war höchst traditionell und doch höchst zeitgemäss: etwas Altvertrautes und doch Zukunftsweisendes. Sie blieb nicht Theorie, sondern war der Grundimpuls für konkretes politisches Planen und Handeln.
Julius Nyerere war von Beruf Schullehrer. Es war sein Stolz, sich auch als Staatspräsident als «Mwalimu/Lehrer» ansprechen zu lassen. Er war und blieb ein «Lehrer», der sein Projekt mit seiner «Klasse» durchpauken wollte. Denn er wollte die Staatsgemeinschaft, die im damaligen Tanganjika noch nicht existierte, formen und zu einer Einheit heranbilden. Viele Stämme wehrten sich gegen diese Einheit. Einige Stämme wie die Wachagga im Gebiet des Kilimandscharo und die Wahaya in Bukoba waren vehement gegen ein «Einstampfen in einen grossen Haufen».
«füreinander da sein»
Die Idee der Ujamaa war ein lebendiges Urbild von natürlicher Gemeinschaft und vom Zusammenwirken von Menschen, die zusammengehören. Ihr Motiv, das bis heute zeitgemäss ist, hiess „füreinander da sein“ statt «jeder für sich selbst». Durch Nyerere war die damalige Politik eine weit angelegte Schulung von Menschen, die zum ersten Mal über ihre Dorfgrenze und Familieninteressen hinausschauen konnten. Sie war ein Erziehungsprogramm. Denn der «Lehrer» sprach klar aus, dass der Mensch der Ujamaa herangebildet werden müsse. Ujamaa sei das Ergebnis einer Kultur und einer anspruchsvollen Pflege des Gemeinschaftslebens.
Die Verehrung von Nyerere als dem «Vater des Volkes», wie sie bei seinem Tode (1999) offensichtlich wurde und seither noch gewachsen ist, kann man bei seinen Parteileuten und bei seinen politischen Gegnern vorfinden. Beide berufen sich auf ihn und die Ujamaa, entweder um die gegenwärtige Politik zu verteidigen oder auch um sie zu kritisieren.
Fehlentscheidungen
Die positive Bewertung von der Leitidee Ujamaa kann nicht ihren Missbrauch entschuldigen. Und dazu ist Nyerere nochmals beachtenswert. Als man ihn nämlich drängte, nach 22 Jahren weiterhin Präsident des Landes zu bleiben, soll er geantwortet haben, was er in den 22 Jahren nicht erreicht habe, werde er auch in der verbleibenden Zeit nicht erreichen. Er redete offen darüber, dass er Fehlentscheidungen getroffen habe und dass verschiedene «sozialistische» Schritte wie einige Verstaatlichungen der Nation geschadet hätten. Heute wird Ujamaa auch negativ beurteilt. Nicht alle können sich damit anfreunden, dass der Mensch und das Gemeinschaftsleben und nicht der wirtschaftliche Aufstieg an erster Stelle stehen sollen.
Christlich gesehen
Aus christlicher Sicht ist die Ausrichtung auf die Menschen und die Gemeinschaft ein wichtiger Wert. Von daher verdient Tansania mit seinem Weg der Ujamaa Beachtung und Hochachtung.
Edwin Hug, Morogro
Der Nidwaldner Kapuziner wirkt seit 1965 in Tansania.
Liberalisierung
WLu 1986 leitete Tansania unter Nyereres Nachfolger Mwinyi den Übergang von der Ujamaa zur Marktwirtschaft ein. Das Land schloss mit dem IWF, der Weltbank und der internationalen Gebergemeinschaft einen entsprechenden Vertrag. Neben wirtschaftlichen Erfolgen gab es Rückschläge. Wie in andern „Reformstaaten“ kam es zu sozialen Härten. Die Arbeitslosigkeit stieg. Im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens musste mit zum Teil verheerenden Folgen gespart werden.