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Der Elbrus
VON EDOUARD BRIQUE, GENF
Mit 2 Bildern ( 127 und 128 ) König Elbrus, dem seine zukünftige Schwiegertochter sehr gefiel, schickte seinen Sohn in den Krieg, um das hübsche Mädchen selber zu heiraten. Als der junge Krieger zurückkehrte, nahm er das seinem Vater sehr übel, und mit einem Schwertstreich spaltete er ihm den Schädel mittendurch. So erklärt uns unsere reizende Führerin Zoya, warum der Elbrus zwei fast gleich hohe und gleich verschneite Gipfel hat. Etwas prosaischer belehrt sie uns auch, dass wir den höchsten Gipfel Europas sehen werden.
Die Nacht bricht herein, und wir dreiundzwanzig lauschen den Erklärungen unseres weiblichen Cicerone. Ein gewöhnlicher Car führt uns vom Badeort Minerale-Vodi zur Bergstation Itkol auf 2000 Meter Höhe, mitten im Kaukasus.
Wir fahren zuerst durch eine weite Ebene, übersät von bescheidenen, in riesigen Feldern blühender Sonnenblumen versteckten Dörfern, für welche das Öl eines der wichtigsten Produkte des sowjetischen Exportes nach der Schweiz darstellt.
Allmählich wird das Gelände hügeliger, und wir fahren in ein endloses Tal hinein, das uns an die Maurienne erinnert. Unser gemütlicher Chauffeur fährt langsamer und hält sogar an, um Kühen und Scharen von Gänsen auszuweichen, die sich auf der bis zu unserem Endpunkt asphaltierten Strasse niedergelassen haben. Eine Sperre, bei der wir aussteigen und einige Meter durch desinfi-ziertes Sägemehl gehen müssen, zeigt uns, dass die Maul- und Klauenseuche kein Land verschont... Die Nacht überrascht uns unterwegs, und an den Lichtern erraten wir die Bergarbeiterstädte mit ihren Seilbahnen und offenen, am Berghang liegenden Stollen. Den Anblick der Bergspitzen werden wir erst am nächsten Tag geniessen.
Itkol ist in unseren Augen ein aufstrebender Ort. Ein grosses Hotel, flankiert von einem Speisesaal aus Beton, nimmt uns auf. Es ist komfortabel, und wir haben Zweierzimmer mit Dusche. Der Empfang ist liebenswürdig, entspannt, um ein modernes Wort zu brauchen. Touristen und Feriengäste in leichtem Tenü beleben die Halle, auch einige Bergsteiger, erkennbar an ihren « Trikunis » und einer Art Uniform, die von den Alpinisten dieser Gegend getragen wird.
Es ist in einem fremden Land immer angenehm, in der Morgendämmerung eine während der Nacht erreichte Gegend zu entdecken. Hier sind wir überwältigt: ein ungeheurer Kiefernwald umgibt uns, in 100 Meter Entfernung rauscht ein Wildbach, und der Himmel ist blau. Wir verschlingen das Frühstück und gehen spazieren. Fast überall gibt es Zeltdörfer, die von Jugendlichen aus den grossen Städten bevölkert sind. Wir gucken ein wenig hinein: jedes Zelt enthält vier Betten, während sich der Gemeinschaftsdienst in einer Art Marabut-Zelt abwickelt. Die Bewohner sind nicht da, aber wir begegnen Gruppen von ihnen, die in Einerkolonne auf Wegen und Stegen wandern.
In zwei Teilen führt uns eine Sesselbahn auf einen felsigen Grat, gerade unserem heissbegehrten Elbrus gegenüber. Mit blossem Auge suchen wir die Hütten, welche die Gipfelroute zeichnen. Dabei entdecken wir eine im Bau befindliche Seilbahn, welche die Skifahrer auf eine Höhe von über 4000 Meter, zur letzten Hütte vor dem Gipfel, führen wird. Der Berg selbst macht uns ruhig und unruhig zugleich. Er beruhigt uns, denn, wie uns gesagt wurde, er bietet anscheinend keine technischen Schwierigkeiten; die Steigung ist schwach, und sogar mit dem Feldstecher entdecken wir keine Spalten. Er beunruhigt uns, weil uns auch gesagt wurde, es sei doch eine ernste Sache, es werde kalt sein, die Distanzen seien grosser als bei uns und vor allem die Höhe sei schwer zu ertragen; den Mangel an Hochtouren werden wir zwei Tage später grausam zu spüren bekommen.
Wir machen unsere Tour in den Kaukasus im Rahmen einer wichtigeren Reise, die unser Freund Constant Pernet von der Sektion Diablerets auf Einladung des sowjetischen Alpenclubs und unter Mitwirkung der anerkannten Reisebüros durch die UdSSR organisiert hat. So müssen wir uns von unserer Gipfelbetrachtung losreissen, um an einer kleinen « offiziellen » Feier teilzunehmen. Zum Aperitif empfängt uns der Vizepräsident des Clubs, begleitet vom Leiter der Station. Es ist ein Treffen von Bergsteigern. Einfach und offen spricht unser Gastgeber von « seinem Kaukasus » Anhand von Photographien zeigt er uns die Tourenroute, gibt uns einige kurze Ratschläge, im besonderen denjenigen, um 1 Uhr morgens aufzubrechen, und er macht uns vor allem Mut. Der Stationsleiter seinerseits fragt uns, ob wir einen Arzt bei uns hätten. Angesichts unserer verneinenden Antwort bedeutet er uns, dass noch am gleichen Abend all denen ein Arzt zur Verfügung stehe, die sich vor der Tour untersuchen lassen wollten. Mit einem freundlichen Lächeln reagiert er auf unsere einstimmig ablehnende Haltung.
Bei derselben Gelegenheit erfahren wir, dass wir unsere Bergtour ohne Führer machen werden; diese Aufmerksamkeit ist taktvoll und wird von jedermann geschätzt.
Nach Einbruch der Nacht verteilen wir den von der Hotelleitung vorbereiteten Proviant: keine persönliche Zuteilung, sondern die gesamte Verpflegung für die ganze Mannschaft: harte Eier, Butter, Fleischkonserven, Brot und Kaviar für zwei Tage.
Früh am Morgen des 31. Juli 1967 machen wir uns auf den Weg; nach 5 Kilometern im Car gelangen wir auf den Pfad, der uns zur Hütte führt. Das Wetter ist wunderbar, und da unser Tagespensum nur darin besteht, zur Hütte Nr. 11 auf 4140 Meter Höhe aufzusteigen, marschieren wir ruhig und machen häufig halt, um uns besser zu akklimatisieren. Die « Lokomotiven » brauchen sechs, die Damen und ihre dienstbaren Ritter acht Stunden. Bis zu etwa 3800 Metern folgen wir einem mit Jeep befahrbaren Weg. Prachtvolle Basalt-Orgeln erinnern uns an den vulkanischen Ursprung des Elbrus. Mehrere Hütten bezeichnen die Route. Sie sind einfach gebaut, den Passanten geöffnet und scheinen Pensionäre aufzunehmen. Von einer kleineren Hütte winkt uns freundschaftlich ein Pärchen; es handelt sich um zwei junge Studenten, die Untersuchungen über das Leben der Mäuse auf grosser Höhe machen. Sie bieten uns an, was sie haben: Tee, Kaffee, Brot und Konfitüre. Ein von einem Pullover abgetrenntes Abzeichen des SAC ist unser Freundschafts- und Dankesbeweis.
Die Hütten auf niedriger Höhe erfüllen eine Funktion, die wir wegen unserer allgemeinen und absoluten Unkenntnis der russischen Sprache fast vernachlässigt hätten. In der Tat ist man übereingekommen, seinen Durchgang zu notieren; ist man dagegen nicht besonders angemeldet, gibt der Hüttenwart Auskunft über den Besetzungsstand der Hütte 11, und wenn kein Platz vorhanden ist, lädt er den Touristen ein, sich einen oder zwei Tage zu gedulden, bevor er weitergeht. Diese übrigens rein theoretische Massnahme garantiert im Prinzip eine normale Besetzung der Hütte 11 und für ihre Gäste eine möglichst bequeme Rast.
Die Vegetation ist üppig und steigt sehr hoch hinauf, sicher 500 bis 1000 Meter höher als bei uns; diese Feststellung erfüllt uns mit grosser Befriedigung, und wir schliessen daraus ein wenig verfrüht, dass auch wir weniger unter dem Höhenunterschied zu leiden hätten, wenn hier die Pflanzen in der Höhe leichter gediehen; wir haben ganz einfach vergessen, dass diese Pflanzen den Vorteil jahrtausendealter Akklimatisation geniessen.
Hinter uns entdecken wir nach und nach die phantastische Kaukasuskette. Der schwindelerregende Ushba-Gipfel ruft mir die Nordwand der Grandes Jorasses in Erinnerung. Mehrere Gipfel, die wir über 4000 Meter schätzen, bilden einen ihm angemessenen Rahmen. Die Gletscherflächen sind unendlich. Wie viele Stunden würde man brauchen, um diese unermesslichen Schneefelder auf Ski zu überqueren? Welcher unbekannte Alpinist hat jene Spuren, die wir in der Ferne unterscheiden, mit seinen Schritten eingekerbt? Seine Nationalität existiert zur Stunde nicht; nur seine Persönlichkeit, die unsichtbaren Bande, welche die ähnliche Erlebnisse suchenden Menschen verbindet, bewirken, dass wir auch gern in jener Spur marschiert wären.
Die Hütte Nr. 11 Auf 3800 Meter verlassen wir die Steinwüste, um in das der Hütte vorgelagerte Schneefeld einzusteigen; noch 300 bis 400 Meter Steigung, und wir werden angekommen sein. Die Höhe beginnt sich bemerkbar zu machen, und das Marschieren auf dem von der Mittagssonne aufgeweichten Schnee wird mühsam. Die Route ist alle 50 Meter bezeichnet, eine unerlässliche Vorsichtsmassnahme für Nebel- oder Schlechtwettertage. Hinter einer Erhebung steht die Hütte; länglich, mit gerundetem Dach und ihren lukenförmigen Fenstern gleicht sie einer ungeheuren, auf den Schnee gestellten Seilbahnkabine. Die ganze äussere Verkleidung besteht aus Zinkblech. In der näheren Umgebung herrscht Unordnung: liegengelassene Gegenstände, Holz, das man nicht fertig gespaltet hat.
Im Erdgeschoss enthält ein schwer zu definierendes Lokal den Generator. Da es aber keine Träger gibt und der Schnee in dieser vorgerückten Jahreszeit die Maultiere nicht trägt, fehlt das Benzin und folglich auch das Licht. Auf einem riesigen Gestell stehen nebeneinander Hunderte von Schuh-paaren: mit « Trikunis » beschlagene Ledersohlen. Die bis hieher gekommenen, mit leichtem Schuhwerk bekleideten Touristen und Feriengäste können sich diese zusätzliche, zur Fortsetzung der Bergfahrt unerlässliche Ausrüstung ausleihen. Nebenbei bemerkt: die meisten Alpinisten sind auf diese Weise mit geliehenem oder von den Clubs zur Verfügung gestelltem Material ausgerüstet.
Wir treffen den Hüttenwart im ersten Stock: klein, vierschrötig, in seinem Element, und er empfängt uns freundlich. Seine Frau führt uns zu unseren Zimmern. Im zweiten Stock beziehen wir Quartier: für vier Personen ein Zimmerchen mit vier Eisenbetten, einem Militärschlafsack in der Form einer Mönchskutte und einem « Fleischsack », dessen Sauberkeit von der Existenz einer gutorganisierten Waschküche zeugt. Der Türe gegenüber strömt der Schein der untergehenden Sonne durch die Luke. Wie diejenigen der Flugzeuge ist diese fest verschlossen, und die Lüftung ist durch ein System innerer Röhren, die in Gittern über der Türe ausmünden, vorgesehen. Ohne Zweifel war man beim Hüttenbau dafür besorgt, diesen kleinen Schlafsälen eine temperierte, ja sogar konditionierte Lüftung zu verschaffen. Heute scheint diese ganze, offensichtlich mit dem Generator zusammenhängende Einrichtung zu streiken.
Die Küche mit ihrem Holzherd sieht aus, wie wenn sie aus einem anderen Jahrhundert stammte. Beim Anblick der Kochkessel, in denen der Schnee schmilzt, findet unser Dolmetscher, der mit seiner Handtasche bis hier heraufkommen wollte, eine solche Einrichtung sei heutzutage unzumutbar, und er macht sich daran, einen diesbezüglichen Rapport an Moskau aufzusetzen. Doch einige erklärende Worte versetzen ihn in bessere Stimmung und bringen ihn dazu, von dieser Massregel abzusehen. Dass Esszimmer ist hell, von aussen gut beleuchtet. An der Wand bezeugen eine Reihe von Wimpeln den Durchgang von Clubmitgliedern aus verschiedenen Ländern: aus Frankreich, Brasilien, Italien und vielen anderen. Unser Hüttenwart, der wieder aufgetaucht ist, bittet uns, dieser friedlichen Waffensammlung auch das Fähnchen des SAC hinzuzufügen. Aber ach! der Artikel figuriert nicht in unseren Säcken, und ausnahmsweise tut es uns leid.
Unsere Tischgenossen ( vorwiegend Studenten ) sind alle sehr jung; wir wechseln auf französisch einige Worte mit ihnen. Ihre ersten Fragen beziehen sich vor allem auf unsere Berufe. Man erkennt ihre Reiselust an ihren Fragen nach den Schwierigkeiten, die wir beim Erhalten unserer Visa gehabt hätten. Hoffen wir, dass sie eines Tages dieselbe Leichtigkeit haben wie wir und wir dann vielleicht in einer unserer Hütten eine Gruppe dieser jungen Leute antreffen, die gekommen sind, um eine ihnen so fremde Welt kennenzulernen.
Beim Klang einer Gitarre und melancholischer Lieder versuchen wir umsonst zu schlafen bald wird es Zeit zum Aufstehen sein.
Die Bergfahrt Um Mitternacht sind wir alle schon auf. Das Frühstück schmeckt nicht, und wir machen uns in fieberhafter Eile bereit. Es gibt eine Hetze, wie wenn es uns an Zeit fehlte. Die Kälte ist durchdringend, und wir rüsten uns vollständig im Innern der Hütte aus, sogar mit den Steigeisen, die wir erst zwölf Stunden später wieder ablegen werden. Vorsichtshalber und obwohl man uns gesagt hatte, es sei unnötig, seilen wir uns an. Wer die gute Idee gehabt hat, seinen Pickel mitzunehmen, ist sehr froh, die andern müssen sich zum Stützen mit Holzstöcken begnügen. Unser Tourenchef, der mit einem sowjetischen Pickel beschenkt worden ist, übernimmt die Führung. Die Route ist vollständig bezeichnet, was uns erlaubt, unsern Weg bis zur Morgendämmerung ziemlich leicht zu finden. Die rein technischen Schwierigkeiten sind gleich Null: die Steigung ist gleichmässig, die vorderen Lampen machen die Zeichen gut sichtbar, und doch geht nicht alles glatt. Die durch einen heftigen Wind verschärfte Kälte durchdringt und erstarrt die Glieder; die Höhe verursacht Unwohlsein, und mehrere Kameraden machen vor Tagesanbruch kehrt. Bei den häufigen Halten versucht jeder, sich so gut als möglich zu erwärmen. Es dauert lange, bis es tagt. In die allgemeine Gleichgültigkeit hinein verkünde ich, dass wir die Höhe des Mont Blanc überschritten haben. Wir schweben also gleichsam schon in der Luft.
Endlich enthüllt uns die Sonne aus 5000 Metern Höhe die Kaukasuskette. Für dieses Schauspiel sind wir hergekommen, und nun scheinen wir es kaum zu beachten. Das heller werdende Tageslicht zeigt uns, dass wir uns losseilen können. Sofort fällt die Kolonne auseinander, und Zwischenräume schalten sich ein. Ich selbst lerne wieder auf zwanzig zählen. Jetzt geben wir uns über die Bedeutung der Dimensionen besser Rechenschaft; nur der Gedanke, vom Nebel überrascht zu werden, erschreckt uns. Gegen 9 Uhr sind wir alle auf dem Joch, das die beiden Gipfel trennt. Trotz der strahlenden Sonne ist alles gefroren, sogar das Coramin! Beunruhigt, weil ich meine Füsse nicht mehr fühle, ziehe ich meine Schuhe aus und muss feststellen, dass meine Socken mit einer dünnen Eisschicht bedeckt sind. Das ist allerdings schlimm, und mein Freund Léon, der die erste Winterbesteigung des Clocher de Portalet gemacht hat, massiert mich kräftig, bis er ausser Atem ist. Dank dieser wirksamen Heilmethode muss ich meinen dummen Streich nicht mit einigen Fussnägeln bezahlen. Ein junger Kamerad, dem nach seiner Rückkehr in die Schweiz eine grosse Zehe amputiert wird, hat weniger Glück als ich.
Die Zeit vergeht während der Rast schnell, und ganz absorbiert von den kleinen Übeln, die mich plagen, lasse ich meine Freunde dem westlichen Gipfel, dem höchsten, dem wirklichen, entgegengehen. Ich sehe, wie sie sich in aufgelöster Ordnung, wie von der Gipfelraserei gepackt, entfernen. Es ist zu spät, sie einholen zu wollen. Ich irre einen Moment auf dem ungeheuren Joch umher, bevor ich ohne grosse Hoffnung in den Hang des Ostgipfels einsteige. Ein Kamerad begleitet mich einen Augenblick, dann gehe ich allein weiter. Welch eigenartiges Gefühl, als Einzelgänger weit über 5000 Meter hinaufzusteigen! Ich verdränge aus meinen Gedanken jede früher an diese verrückten Einzelgänger gerichtete Kritik und konzentriere mich wieder auf meine elementare Arithmetik, wobei ich gestehen muss, dass ich beim Zählen sehr oft nicht weiter als bis zehn komme Der Schnee ist verweht und wechselt ab mit Bänken schwarzen, vulkanischen Gesteins; nun ist der Weg gut sichtbar.
Auf den gegenüberliegenden Hängen zähle ich meine Tourenkameraden: es sind ihrer neun, jetzt in einer einzigen Kolonne vereinigt. Weiter unten hat sich das Wetter getrübt; einzig unsere zwei Gipfel ragen 800 bis 1000 Meter aus dem Nebelmeer heraus. Wenn nun die Wolken plötzlich 500, 1000 Meter stiegen, wie könnte man die Rückkehr in der Nebelnacht sichern? Die ganze Kette ist verschwunden. Doch nach und nach lässt sich der Gipfel bezwingen. Ich gelange bald zu einem schneefreien, mit vulkanischem Schutt bedeckten Platz. Ein hier unerwartetes rotes Tuch erinnert mich daran, dass vor fünfzig Jahren die Oktoberrevolution ausgebrochen ist. Noch etwas weiter -Wimpel, ein Signal und - das Motorrad des Elbrus! Mit seinem Motor, seinen 5-Zentimeter-Spikes, seinen tausend Einzelheiten steht es da oben, bereit, sich auf die Hauptstadt zu stürzen. Welch merkwürdige Leidenschaft jenes Motorradfahrers, der gewettet hatte, mit dem Motorvelo den Gipfel zu bezwingen! Als der Mechanismus versagte, liess er sich nicht entmutigen, sondern trug seine Maschine in einzelnen Stücken bis zum Gipfel, um sie dort wieder zusammenzusetzen.
Der Elbrus ist für die Sowjets fast eine Art Wallfahrtsort auf dem höchsten Gipfel Europas, und man muss in unzweideutiger Weise festhalten, dass man dort gewesen ist. Aus einer Schachtel nehme ich eine Papierrolle mit den 2000 Namen meiner Vorgänger vor drei Tagen und tausche sie gegen meine Mitgliedskarte des SAC der Sektion Genf.
Es ist der 1. August. Beim Abstieg überkommt mich eine tiefe Rührung. Ich lache und weine zugleich. Ich verlangsame mein Tempo und möchte doch laufen. Die Müdigkeit ist verschwunden, endlich atme ich wieder. Gegenüber sehe ich eine Gruppe auf dem Gipfel: meine Freunde posieren für die Photo. In wenigen Augenblicken werden wir alle wieder auf dem Joch versammelt sein, um den Abstieg anzupacken. 1500 Meter bis zur Hütte, die wir gegen 1 Uhr nachmittags erreichen werden, und dann noch 2000 Meter bis zu unserem Hotel in Itkol. Zahlreiche Touristen begegnen uns, und wir beobachten ihre Ausrüstung: immer Schuhe mit « Trikunis », Hosen und Anoraks aus braunem Tuch, Pickel, alle nach dem gleichen Modell. Im grossen und ganzen scheint diese Ausrüstung dem Berg, den wir eben bestiegen haben, sehr gemäss; die Steigeisen waren wirklich nicht unentbehrlich, und die Schuhe mit breiten, von « Trikunis » umsäumten Rändern sind einem langen Marsch auf meist hartem Schnee, wo aber das Gletschereis fehlt, sehr gut angepasst. Was die Bekleidung anbetrifft, ziehen wir doch unsere gefütterten Jacken vor... Sonnencreme scheint kaum gebraucht zu werden; wir treffen ganze Scharen an, die das Gesicht mit einer Art weissem Tuch bedecken, in das sie ein Loch für die Atmung und zwei weitere für die Sicht geschnitten haben. Wichtig ist nur, sich vor der Sonne zu schützen.
Die Rückkehr In Itkol befinden wir uns wieder in der Bergferien-Atmosphäre. Wir sind Gäste des sowjetischen Alpenclubs, der uns zu einem üppigen Bankett eingeladen hat, das auf einer mit wunderbaren Buket-ten von Kaukasus-Lilien geschmückten Tafel serviert wird. Unser Tourenchef und die Gastgeber wechseln freundliche Worte. Die Bilanz ist gezogen: von unserer ursprünglich 23 Personen zählenden Gruppe haben 18, darunter 4 Frauen, die Hütte erreicht; die Gipfel sind von 10 Männern bezwungen worden, während 2 Frauen und einige Männer wegen der Kälte auf etwa 5000 Metern aufgeben mussten. Händeschütteln und Abzeichen belohnen uns für unsere diesbezüglichen Verdienste.
Diese Ergebnisse bestätigen, was wir schon wussten: der Elbrus ist eine herrliche, lange, nicht sehr schwierige Bergfahrt, für die man sich aber vorher auf die Höhe trainieren muss.
Denjenigen, die im Sinn haben, eines Tages diese Tour zu machen, kann ich nicht genug empfehlen, ihre ganze Bergausrüstung mitzunehmen und vor allem nicht mit warmen Kleidungsstücken wie Daunenjacken und besonders der grossen Kälte wegen nicht mit entsprechendem Schuhwerk zu knausern.
Im Untergeschoss des Hotels in Ikol gibt es ein Lokal, das wir bei uns mit « Kellerbar » bezeichnen würden. Dort haben wir junge Leute aller Nationen wie auch Bergsteiger aus der Gegend getroffen, die bedächtig ihre übervollen Wodkagläser leerten. Eine Abschiedsparty gehört auch zu einer Reise. Nur wer an dieser teilgenommen hat, wird die ans Herz greifenden Augenblicke in Erinnerung behalten können.
Alpinismus? Ja, aber auch die Begegnung mit einem ganzen Teil der menschlichen Natur, mit ihren Problemen, ihrem Lachen, ihren Erfolgen, Plänen und Hoffnungen...
Lieber Clubfreund, wenn Dich Deine Schritte einmal zur Hütte Nr. l l führen, vergiss das mit Seil, Pickel und Gemskopf bestickte Fähnchen nichtÜbersetzung E. Busenhart )