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Zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren widmet sich das Zitat der Woche einer der eigenwilligsten Auseinandersetzungen mit dessen Ursachen und Folgen: Elias Canettis «Masse und Macht».
Elias Canetti gilt als einer der Chronisten des 20. Jahrhunderts, welches er fast zur Gänze erlebte. 1905 geboren, siedelte er bereits 1916 von Österreich in die Schweiz über, 1938 schliesslich nach London. Zeit seines Lebens war er fasziniert von Massenbewegungen, die besonders in Russland und Deutschland mit verheerenden Folgen ausschlaggebend waren. Im Exil in Grossbritannien beschäftigte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg fast ausschliesslich mit diesem Phänomen, bis 1960 das Resultat seiner Recherchen als «Masse und Macht» erschien.
Canettis Hauptwerk stiess ursprünglich auf geringes Interesse und offenbart dem heutigen Lesepublikum Schwächen bzw. Punkte, die nur unzureichend besprochen werden (beispielsweise die Frage der Judenverfolgung im Blickwinkel blosser Massendynamik). Was «Masse und Macht» dennoch lesenswert macht, ist die Erfassung eines Grundgefühls des 20. Jahrhunderts: Mit dem Aufkommen der Massenmedien und den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs änderte sich die Einstellung der Menschen untereinander. Man wurde zu einem Rädchen im Getriebe, zu einem anonymen Nachbarn oder schlimmstenfalls zu einer blossen Nummer. Canetti vereinfacht vieles, lässt Vernunft und Individualität oft ausser Betracht, doch gerade dadurch weist er auf die dramatischen Umwälzungen hin, die das Zeitalter der Aufklärung in systematischer Vernichtung und totalem Krieg enden liessen.
Manche der Bilder, die Canetti zur Veranschaulichung heranzieht, sind beinahe unheimlich. So erklärt er den Willen zur Masse der Deutschen folgendermassen:
Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: es war der marschierende Wald. In keinem modernen Lande der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrechtstehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude. Er sucht den Wald, in dem seine Vorfahren gelebt haben, noch heute gern auf und fühlt sich eins mit den Bäumen.
Canettis Metapher hat historische Vergleiche; etwa die Schlacht im Teutoburger Wald oder auch die Waldeinsamkeit Goethes. Darüber hinaus jedoch erinnert dieses Bild in schauriger Weise an die zerbombten Wälder des Ersten Weltkriegs, wo nur noch vereinzelte Baumstümpfe und -stämme ins Niemandsland ragten. Zwanzig Jahre später stand das deutsche Volk selbst geschlossen wie Bäume da – Fotos und Propagandafilme der Nazizeit zeigten Wälder von Soldaten, wo für individuelle Bewegung oder Stimme kein Platz mehr blieb. Der 1. September 1939 sandte diese dichten Soldatenverbände als Kriegsmaschine über Europa, welche erst sechs Jahre und bis zu 80 Millionen Tote später zerfallen würde. Und auch heute noch ruft das Echo Canettis angesichts von Nordkorea und Syrien Schauder hervor.
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