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Das narrative Interview ist eine Methode der qualitativen Forschung, die den meisten Menschen durch Fernsehdokumentationen geläufig ist. Sie gehört zu den unstrukturierten Interviews und ermöglicht das Einholen detaillierter biographischer Informationen. Hier erfährst du, wie du ein narratives Interview professionell durchführst und in deiner wissenschaftlichen Arbeit verwenden kannst.
Definition: Narratives Interview
Narrative Interviews sind Bestandteil der empirischen Sozialforschung. Sie gelten als unstrukturierte Interviews und sind dadurch eine Methode der qualitativen Forschung. Ein narratives Interview dient der ergebnisoffenen Datenerhebung. Das Forschungsfeld ist die Biografie der befragten Person.
Die befragte Person hat die Möglichkeit, frei und ausführlich auf Fragen zu antworten. Das Ziel ist die detaillierte Nacherzählung biografischer Stationen, aus der Forscher neue Forschungsschwerpunkte und Einzelfallanalysen ziehen, die auf ein größeres Phänomen hindeuten. Ein narratives Interview ist explorativ, da es ein fremdes Forschungsfeld (die Biografie eines Menschen) erschließt. Sollten sich bereits während des Gespräches interessante Phänomene andeuten, darf der fragenstellende Forscher das Interview durch Rückfragen lenken, nimmt ansonsten aber eine eher zurückhaltende Position ein. Je nach Themenschwerpunkt und Gesprächsverlauf, kann ein narratives Interview zusätzlich als problemzentriertes Interview klassifiziert werden.
Andere Interviewformen
Neben dem (unstrukturierten) narrativen Interview, das freie Assoziationsketten und ausgedehnte Antworten erlaubt, gibt es das semistrukturierte und das strukturierte Interview. Das semistrukturierte Interview legt einen größeren Fokus auf die vorhergehende Gesprächsplanung und einen dezidierten Fragenkatalog, von dem der fragenstellende Forscher jedoch abweichen darf.
Das strukturierte Interview verwendet hingegen einen verbindlichen Fragenkatalog mit festgelegten Antwortmöglichkeiten.
Es gibt eine Vielzahl von Themen, die durch ein narratives Interview erfasst und analysiert werden können. Dazu gehören unter anderem Zeitzeugenberichte historischer Ereignisse/Phasen oder Erfahrungsberichte gegenwärtiger Lebensumstände aus einem bestimmten Milieu.
Was sind die Ziele des narrativen Interviews?
Ein narratives Interview verfolgt vorrangig das Ziel, eine interessante beziehungsweise aussagekräftige Biografie festzuhalten und sie zu nutzen, um auffällige Phänomene zu entdecken, zu analysieren und als Grundlage für neue Forschungsfragen zu gebrauchen. Darüber hinaus kann ein narratives Interview Forschungsergebnisse durch detaillierte Einzelfallberichte illustrieren.
- eine biografische Station der befragten Person erschließen
- subjektive Erfahrung festhalten
- Grundlage für neue Forschungsfragen/Hypothesen entwickeln
- soziale Phänomene anhand von Einzelfällen erkunden und beschreiben
- gegebenenfalls als eindrücklicher Einzelfall, um Forschungsergebnisse zu unterstreichen
Die Phasen eines narrativen Interviews
Ein narratives Interview beschränkt sich auf wenige Fragen, die möglichst umfangreiche Antworten zulassen. Es sieht keinen regelmäßigen Sprecherwechsel vor, sondern stellt die befragte Person und ihre Erzählung in den Vordergrund. Um einen detaillierten Bericht zu gewährleisten, unterteilt sich das Interview in fünf Phasen.
- Aufklärung der befragten Person
- Einstieg
- Erzählphase
- Rückfragen
- Rekapitulation
1. Die Aufklärung des Befragten
Bevor ein narratives Interview beginnt, wird die zu befragende Person über die spezifische Struktur des Gesprächs aufgeklärt. Dabei steht im Vordergrund, zu vermitteln, dass sie den betreffenden Lebensabschnitt frei assoziierend nacherzählen darf und dabei nicht durch weitere Fragen unterbrochen wird.
Ferner benötigt das Forschungsteam die Einverständniserklärung der befragten Person, um die erhobenen Daten (auf Wunsch auch anonymisiert) für ihr Projekt verwenden zu dürfen.
2. Einstieg in das narrative Interview
Zu Beginn des Gesprächs informiert der fragenstellende Forscher die befragte Person über das Forschungsprojekt, aus welchem Grund er das Interview führt und inwieweit die Antworten offene Fragen klären oder interessante Aspekte aufwerfen können. Dieser Schritt steckt den Rahmen der Erzählung ab. Nicht zuletzt geht es darum, Interesse an bestimmten Aspekten zu signalisieren, um möglichst verwertbare Daten zu erhalten. Der Einstieg endet mit der ersten Frage und übergibt das Wort an die befragte Person.
3. Die Erzählphase des narrativen Interviews
In der Erzählphase berichtet die befragte Person aus ihrem Leben. Sie nimmt den größten Teil des Gesprächs ein. Für ein narratives Interview ist es von elementarer Bedeutung, dass die befragte Person darüber entscheidet, in welche Richtung sich die Erzählung entwickelt und wann sie diese beenden möchte. Der fragenstellende Forscher sollte seinen Einfluss auf den Gesprächsverlauf auf ein Minimum reduzieren. Er spricht nur, wenn sich die befragte Person mit einer Zwischenfrage an ihn richtet.
4. Rückfragen beim narrativen Interview
Am Ende der Erzählung darf der fragenstellende Forscher ein narratives Interview um Rück- und Anschlussfragen erweitern, die sich aus den gewonnenen Informationen ergeben. Ferner dient dieser Abschnitt dazu, forschungsrelevante Informationen zu spezifizieren und um Details anzureichern, die für das Projekt benötigt werden. Bei der Beantwortung der Fragen sollte der befragten Person ein ähnlicher Freiraum geboten sein, wie zuvor in der Erzählphase.
5. Rekapitulation des narrativen Interviews
Nachdem alle Rückfragen abgehandelt wurden, endet ein narratives Interview mit der Rekapitulation des geführten Gesprächs. Der fragenstellende Forscher und die befragte Person haben die Möglichkeit, sich über ihre Eindrücke auszutauschen. Gegebenenfalls finden während der Rekapitulation Klarstellungen von Seiten der befragten Person statt, um ihre Erzählung (bezogen auf die Interviewsituation) zu kontextualisieren. Das meint zum Beispiel Gründe für das Auslassen bestimmter Informationen oder etwaige Unsicherheiten, die während des Interviewverlaufs nicht geklärt werden konnten. Die Rekapitulation bietet ebenso Raum für positive Rückmeldungen. Bestenfalls gelingt es den Gesprächspartnern, den Mehrwert des Interviews gemeinsam festzuhalten.
Die Phasen des narrativen Interviews auf einen Blick
- narratives Interview als Konzept erklären, freie Assoziationen ermutigen
- Einverständniserklärung
- über das Forschungsprojekt informieren
- signalisieren, welche Aspekte interessant sein könnten
- erste Frage stellen
- freier Bericht der befragten Person
- möglichst keine Rückfragen oder andere Einflussnahme auf den Verlauf der Erzählung
- die befragte Person entscheidet über das Ende der Erzählung.
- spezifische Fragen, die durch den Bericht aufkamen
- gegebenenfalls Fragen, die für das Forschungsprojekt relevant sind und unbeantwortet blieben
- Möglichkeit auf freie und ungekürzte Antworten gewährleisten
- Austausch über die Eindrücke des Interviews
- gegebenenfalls Klarstellung und Einordnung der Antworten
- Mehrwert festhalten
Transkribieren des narrativen Interviews
Ein narratives Interview muss ob seiner unstrukturierten Form aufgezeichnet und transkribiert werden. Das bedeutet, dass die Forscher die Tonaufnahmen in eine schriftliche Form übersetzen. Dieser Schritt ist notwendig, um die Inhalte des Gesprächs im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit abrufen zu können. Je nach Forschungsfrage können unterschiedliche Methoden der Transkription verwendet werden. Nach der Transkription wird ein narratives Interview kodiert und ausgewertet.
Die Kodierung ist auf die Forschungsfrage ausgerichtet und besteht darin, die getroffenen Aussagen des Interviews zu identifizieren und zu kategorisieren. Das transkribierte und kodierte Interview wird im Anhang einer wissenschaftlichen Arbeit platziert, sodass du aus dem Fließtext heraus bequem auf deine Ergebnisse verweisen kannst.
So wird das narrative Interview ausgewertet
Ein narratives Interview ist stets subjektiv. Es schildert die Perspektive einer einzelnen Person auf ihre Erlebnisse. Daher muss die Auswertung zwischen den rekonstruierten Ereignissen innerhalb der Erzählung und den tatsächlich stattgefundenen Ereignissen unterscheiden. Dies ist auch dann der Fall, wenn die befragte Person einen wahrheitsgemäßen Bericht der tatsächlich stattgefundenen Ereignisse abgibt. Ein narratives Interview erlaubt Einblicke in die Art und Weise, mit der Ereignisse wahrgenommen werden. Es ist nur bedingt geeignet, um historische Fakten zu prüfen. Das Spannungsfeld zwischen realen und erinnerten/wahrgenommenen Ereignissen ist ein Teilbereich der empirischen Sozialforschung.
Weiteres Vorgehen mit den Ergebnissen
Da ein narratives Interview zur qualitativen Forschung zählt, geht es induktiv vor. Das bedeutet, dass es, ausgehend vom vorliegenden Einzelfall, Aussagen über die Allgemeinheit tätigt. Ein narratives Interview ist nicht repräsentativ, belegt jedoch die Existenz wenigstens einer Perspektive auf ein bestimmtes Thema, die damit einhergehenden Phänomene und deren Eigenschaften. Methoden der quantitativen Forschung können anschließend beziffern, inwieweit Phänomene, die durch qualitative Forschung (wie ein narratives Interview) entdeckt wurden, statistisch relevant sind.
Was sind die Vor- und Nachteile des narrativen Interviews?
Vorteile
- die freie Erzählung ermöglicht unerwartete Einblicke
- besonders detaillierter Bericht eines Einzelfalls
- Grundlage für weitere Forschungsfragen
Nachteile
- nicht repräsentativ
- subjektiv verzerrt, nur bedingt zuverlässige Aussagen über die tatsächliche Beschaffenheit von Ereignissen/Zuständen
- die Qualität der Daten ist von der Kommunikationsfähigkeit der befragten Person abhängig
Häufig gestellte Fragen
Ein narratives Interview ist eine Methode der qualitativen Sozialforschung. Im Zuge des Interviews werden offene Fragen zu bestimmten Erlebnissen an die zu befragende Person gerichtet. Diese darf frei auf diese Fragen antworten, indem sie ihr Erlebnis (eigenen Assoziationen folgend) nacherzählt.
Ein narratives Interview gehört zu den unstrukturierten Interviews. Das bedeutet, dass es über keine vorgegebenen Fragen und Antworten verfügt. Dennoch solltest du dir im Vorfeld mögliche Gesprächsverläufe überlegen, um nicht darauf angewiesen zu sein, spontane Rückfragen zu improvisieren.
Um ein narratives Interview in deine Arbeit einzupflegen, musst du es transkribieren (verschriftlichen). Meistens befindet sich ein Interview im Anhang der Arbeit, sodass du im Fließtext bequem darauf Bezug nehmen kannst.
Ein narratives Interview erlaubt Aussagen über den vorliegenden Einzelfall (der als Beispiel für ein Phänomen dienen kann) und erschließt neue Forschungsfragen, die aus der Biografie der befragten Person hervorgehen.
Du darfst Rückfragen stellen, um unklare Aussagen zu spezifizieren und das Gespräch auf deine Forschungsfrage auszurichten. Dennoch sollte ein narratives Interview die freie Erzählung der befragten Person priorisieren.