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Philosophisch korrekt fluchen
Wie kann man anständig unanständig sein? Ein guter Fluch kann eine verkrampft-vernebelte Situation aufheitern, ohne neue Düsterkeit zu verursachen, sagt der Philosoph und Theologe Philippe Schultheiss.
Zum guten Glück ist Philosophie eine theoretische Disziplin. Ich fühle mich somit nicht verpflichtet, in diesem Text praktische Beispiele von unanständigen Flüchen zu geben. Meine Pflicht ist hingegen, die Wahl dieses Themas zu begründen. Und das ist einfach:
Flüche sind aggressive emotionale Äusserungen; Emotionen und Aggressionen sind urmenschlich. Die Philosophie fragt (unter vielem anderen) nach dem Urmenschlichen. Eine liberale Philosophie, die sich mit konkreten Aspekten des modernen Alltags auseinandersetzt, muss auch Emotionen und Aggressionen thematisieren.
Flüche sind gemäss meiner Definition in formeller Hinsicht eine besondere Ausdrucksform von Emotionen und Aggressionen, und in inhaltlicher Hinsicht ein spezifischer Verderbenswunsch.
Ich behaupte nun, dass es anständige, also ethisch gute, positiv zu bewertende Arten des Fluchens gibt.
Diese zeichnen sich durch folgende Aspekte aus: Emotionale Entlastung, Minderung des Aggressionsniveaus und Erheiterung der Umgebung. Ich gehe im Folgenden auf jeden Aspekt kurz ein.
Ein Fluch fällt nicht aus heiteren Himmel, sondern eruptiert aus der brodelnden Tiefe der Seele. Emotionen wie Hass, Wut, Enttäuschung, oder auch nur eine milde Unzufriedenheit führen zu einer Erhöhung des «Fluchdrucks».
Wird dieser zu lange ignoriert oder unterdrückt, geschieht irgendwann eine Explosion oder eine depressive Implosion. Daher ist es besser, den Fluchdruck mittels kontrollierter Entlastungen unterhalb des explosiven Niveaus zu halten.
Ein Fluch ist keine physische Gewalttat. Es ist hinlänglich bekannt, zu welchen Taten aggressive Individuen bereit sind. Ich bin überzeugt, dass wohlpraktiziertes Fluchen das Aggressionsniveau senken kann, was vielleicht den einen oder anderen tätlichen Übergriff verhindert. Wer wie ein Rohrspatz flucht, trällert schon fast vogelgleich ein Lied. Dabei soll es auch nicht darauf ankommen, dass immer nur harmlose Fluchwörter verwendet werden.
Die Fluchmelodie darf auch harte, dissonante und von mir aus blasphemische Ausdrücke enthalten, solange nur der Schnabel, nicht aber die Krallen und Fäuste ins Spiel kommen. Ich bin bei der Verwendung von allzu wüsten Wörtern allerdings zurückhaltend mit einer insgesamt positiven ethischen Bewertung.
Die ersten beiden skizzierten Aspekte – Entlastung und Aggressionsreduktion – sind nach meinem Verständnis notwendige Kriterien für gerechtfertigte, ethisch zumindest als neutral zu bewertende Flüche. Soll aber auch eine positive Bewertung vorgenommen werden können, muss zusätzlich das dritte Kriterium erfüllt sein: Die Erheiterung.
Wer nicht selber im Zielbereich des Fluchs steht, verfolgt häufig mit Amusement, mit welcher Kreativität und Inbrunst aus allen «Fluchrohren» geschossen wird. Und wer doch be- und getroffen ist, mag die Bewerfung mit Schlötterlingen und anderen Verwünschungen vielleicht umso gelassener hinnehmen, je abstruser die zugrundeliegenden Vorwürfe sind.
Ein guter Fluch ist jedenfalls in der Lage, eine verstrickt-verkrampft-vernebelte Situation aufzuheitern, ohne neue Düsterkeit zu verursachen (zum Beispiel in der Seele eines verfluchten Mitmenschen).
Nach so viel Theorie fühle ich nun tatsächlich auch einen gewissen emotionalen Fluchdruck in mir… Ich kann es dank der soeben formulierten Gedanken sogar ethisch verantworten, zum Schluss noch anständig versuchen zu fluchen: Du zuckersüsser Schönwetterphilosoph, soll es kübelweise Moralsäure auf Dich regnen, damit Dein weltfremdes Gesülz wie Gebein im Vulkanschlot verdampfe! Oder: Du himmeltraurige Lachnummer, soll Dir das Lachen wie ein Eiswürfel im Hals stecken bleiben und nur ganz langsam wegschmelzen! Oder: Du einzelliges Solarpanel, eine Amöbe hat mehr Grips, wegen Dir hat die Sonne am Morgen keine Lust, aufzugehen, und bald wird ewige Nacht sein.
Kannst auch Du anständig fluchen? Ich stehe gern als Zielobjekt zur Verfügung.
Dieser Text erschien unter dem Titel «Wie soll ich fluchen?» auf dem Blog des Philosophen, Ökonomen und Theologen (in Ausbildung) Philippe Schultheiss. Dort finden sich noch weitere lebenspraktische Antworten auf Fragen wie «Wie soll ich hassen?, «Wie soll ich lachen?» oder «Wie soll ich lieben?»
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