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Ein Bündel handgeschriebener Briefe, nachlässig zusammengeschnürt. Die Journalistin Hanna denkt sich zuerst nicht viel, als sie von ihrer Mutter die Hinterlassenschaft von deren Cousine erhält. Erst nach dem Tod der Mutter schaut sie sich die Papiere an. Hanna ist sofort fasziniert von diesem aufregenden Leben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das sich zwischen Deutschland, England und der Schweiz bewegt.
Die frühere WOZ-Korrespondentin und Autorin Helen Brügger stützt sich in ihrem Roman «Tauben fliegen immer heimwärts» auf das autobiografische Manuskript der 1908 geborenen Senta Hirtz. Sie verwebt Passagen aus dem historischen Dokument mit fiktiven Lebensereignissen ihrer Romanfiguren. So erlebt Hanna den Aufbruch der siebziger Jahre, etwa mit dem Widerstand gegen das AKW in Gösgen. Auch die Geschichte von Hannas Mutter findet Eingang in den Roman: In Schaffhausen erlebte diese Anfang April 1944, wie Bombenabwürfe der Alliierten ganze Quartiere zerstörten und vierzig Tote forderten.
Die Folgen des Zweiten Weltkriegs sind auch ein wichtiges Thema in den Erinnerungen von Senta Hirtz, der Tochter eines jüdischen Vaters. Nach mehreren Hausdurchsuchungen, die dank des geschickten Verhaltens ihrer Mutter glimpflich verliefen, kann sie 1936 nach London emigrieren: «Ich atmete auf, die Angst der letzten Jahre klebte jedoch noch lange an mir», schreibt Hirtz über diese Zeit, in der sie dank Unterstützung ihres Onkels – Hannas Grossvater – ihr Leben bestreiten kann.
Der eindrucksvollste Teil von Hirtz’ Aufzeichnungen umfasst ihre Rückkehr nach Deutschland im Sommer 1945. Als Teil der Jewish Relief Unit betreut sie Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Sie schildert deren erbärmlichen Zustand und reflektiert gleichzeitig ihre privilegierte Rolle als Helfende mit guter materieller Versorgung und der Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Das Wissen um diese Privilegien stürzt sie in ein Dilemma, wie es auch Hanna im Umgang mit den Geflüchteten der Gegenwart erlebt.