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In den 1920er-Jahren war der frühere Lehrer, Russlandfahrer und Vortragsreisende Albert Bächtold aus Wilchingen im schaffhausischen Klettgau Vertreter für tragbare Kinoprojektoren aus den USA. Damit verdiente er viel Geld. Er genoss seinen Reichtum und zeigte ihn: Er kleidete sich extravagant, fuhr tolle Autos, liebte schöne Frauen und verkehrte in der Gesellschaft der Erfolgreichen.
Grounding auf der ganzen Linie
Mit dem New Yorker Börsenkrach vom 29. Oktober 1929 verlor er einen grossen Teil seines Vermögens. Viel Geld verspielte er daraufhin mit Börsenspekulationen. Zudem ging das Unternehmen De Vry, dessen Projektoren er verkaufte, bankrott. Seine zweite Ehe scheiterte und wurde 1935 geschieden.
Albert Bächtold musste sich mit 39 Jahren neu erfinden. Das fiel dem eitlen, extrovertierten Schaffhauser nicht leicht. Er zog in ein Zürcher Künstlerhaus, arbeitete unregelmässig als Journalist und dachte zuweilen an Selbstmord. Beim Lesen von Knut Hamsun erwachte in ihm der Traum vom Schreiben. Bächtold wollte Schriftsteller werden, ein berühmter Schriftsteller!
Anfängliche Ablehnung
Im Jahr 1935 schrieb er in wenigen Monaten sein erstes Buch «Das Gasthaus zum Engel. Geschichte einer Mutter und ihrer Kinder». Der Verleger Carl Seelig fand, Bächtolds Stil sei zu stark von Knut Hamsun beeinflusst; für den Lyriker Albin Zollinger war sein Stil zu geschraubt.
Doch Bächtold liess sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und arbeitete an einem neuen Buch, das den Titel «Der grosse Tag» tragen sollte. Mit diesem Manuskript ging er am 24. September 1937 ins «Haus zum Raben» am Hechtplatz 1 in Zürich. Dort wohnte der wohlhabende Schriftsteller und Kritiker Rudolf Jakob Humm. Im Rabenhaus las Bächtold einem Kreis von Literaten aus dem Manuskript vor.
Berühmt werden mit Mundart?
Humms Urteil, Bächtolds Begabung liege eindeutig in der Mundart, er sei der geborene Mundartdichter, wirkte auf den Vorlesenden zuerst wie ein Todesurteil. Mit Klettgauer Mundart konnte man nicht weltberühmt werden. Doch nach dem ersten Schrecken liess er sich auf diesen Rat ein, der seinen Lebensweg von da an bestimmte.
Albert Bächtold wurde ein bekannter und geachteter Mundartautor. Seine Lebensgeschichte verarbeitete er in sieben autobiografischen Romanen, von denen der Russlandroman «Pjotr Iwanowitsch» (1950) wohl der bedeutendste ist. Daneben entstanden auch der Rückkehrerroman «De goldig Schmid» (1941) und weitere Schriften. 1941 erhielt er den Grossen Preis der Büchergilde Gutenberg, 1971 den Gesamtwerkspreis der Schweizerischen Schillerstiftung und weitere Auszeichnungen. 1960 wurde Albert Bächtold, der sein Heimatdorf immer mit einem gewissen Argwohn betrachtet hatte, Ehrenbürger von Wilchingen.
Film zu Albert Bächtold
In der Dokufiktion «Z Kiew redt me Mundaart» erzählt Christina Ruloff mit Illustrationen und zahlreichen Spielfilmszenen – besetzt unter anderem mit Andrea Zogg, Maria Amrita Turnheer und Bernhard Schneider – das bewegte und abenteuerliche Leben des Schaffhauser Schriftstellers.