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«Zivilisationen, die keine Schiffe besitzen, sind wie Kinder, deren Eltern kein Ehebett haben, auf dem sie spielen können. Dann versiegen ihre Träume. An die Stelle des Abenteuers tritt dort die Bespitzelung und an die Stelle der glanzvollen Freibeuter die hässliche Polizei», sagte Michel Foucault in einem Radiobeitrag im Dezember 1966.
Die Schweiz ist eine solche Zivilisation ohne Schiffe und Häfen. Die Fantasielosigkeit der Diskussion um den Hafenkran ist eines von vielen Anzeichen dafür, dass hier die Träume versiegen und die Menschen lieber von Komplotten raunen, als von Abenteuern zu schwärmen.
Warum nicht ein Kran in Schlieren?
Die Stärke des Projekts sehe ich darin, dass das Bild des Hafenkrans an der Limmat die Aufmerksamkeit unweigerlich auf die Frage lenkt, ob die Stadt weltoffen oder provinziell sein möchte. Es ruft auf, Stellung zu beziehen. Sichtbar just in der Phase, wo die Annahme der «Initiative gegen Masseneinwanderung» international Bestürzung auslöst und die Schweiz die Verbindungen zur Welt kappt, interpretiere ich das Projekt als Erinnerung an das, was wir durch die selbstgewählte Isolation verlieren.
Die Schwächen sehe ich einerseits in der mittelmässigen Qualität des künstlerischen Vorschlags. Was ich von einem Kunstwerk im Freien erwarte, also Komplexität der Bedeutung, formale Kraft und Ortsspezifik, fehlt. Man kann es drehen und wenden wie man will, der Hafenkran erschöpft sich in der plakativen Illustration einer Idee. Was mich interessieren würde, also die Geschichte des Kranes und der Prozess des Transfers, ist ausgeblendet.
Warum nicht neue Räume erschliessen?
Ganz Los Angeles hielt den Atem an, als Michael Heizers Skulptur Levitated Mass 2012 durch die Stadt verschoben wurde – für den Hafenkran gehört ausgerechnet dieser Prozess nicht zum Konzept.
Andererseits halte ich die Platzierung des Hafenkrans für verfehlt. Er steht vor der Kulisse des für die Tourismusindustrie so wichtigen Bilds der «City». Dieser Bereich wird gerne «kuratiert» und wird mittels Interventionen «bespielt», während gleichzeitig die Agglomeration kulturell verödet. Warum wird die Kunst im Freien nicht aktiviert, um neue Bereiche der Stadt besser sehen zu lernen? Warum steht der Kran nicht am Platzspitz oder in Schlieren?
Kunst wird politisch instrumentalisiert
Das grösste Problem ist meiner Ansicht nach allerdings der ephemere Charakter. Der Hafenkran wird auf- und bald wieder abgebaut, um spurlos zu verschwinden. Sollte nicht gerade die Kunst im Freien an die Tradition des Monumentalen anschliessen und Orte permanent prägen? Sollte Kulturpolitik nicht dafür sorgen, dass auch dasjenige, das nicht mehrheitsfähig ist, dauert? Im jetzigen Verfahren wird die Kunst politisch instrumentalisiert, um Differenzen stellvertretend auf ihrem Rücken auszutragen. Politiker aller Parteien verwenden sie ungeniert als Trampolin. Auf Dauer kann dies keine Kunst ertragen, unabhängig von ihrer Qualität. Sie als etwas Vorübergehendes ins Feld zu schicken, heisst, ihre Autonomie zu missachten. Foucault würde sich im Grabe umdrehen.
Philip Ursprung
Der US-amerikanische Kunsthistoriker aus Baltimore hat seit 2011 die Professur für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich inne.
Der Hafenkran – Ist das Kunst?
Geldverschwendung, Grössenwahn, Stadtverschandelung, alles wurde dem Hafenkran entgegengehalten. Trotzdem wird das Kunstprojekt realisiert. Da fragt man sich: Was ist gute Kunst? Was soll oder kann sie im öffentlichen Raum bewirken? Autoren aus Kultur und Politik schreiben hier über ihre Sicht auf den Kran, Kunst und Öffentlichkeit.