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Ein F. ist ein Ort, an dem sich zahlreiche und umfassende Finanzgeschäfte konzentrieren und der sich deshalb durch ein dichtes Netz von Banken, Finanzgesellschaften (Finanzierungsgesellschaften), Börsen, Versicherungen und internat. Handelshäusern (Handel) auszeichnet. Im Lauf des 20. Jh. ist die Schweiz zu einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt geworden. Dabei übertrifft die Bedeutung des F.es bei weitem die demografische, industrielle oder handelsspezifische Grösse der Schweiz. Der Ursprung dieser besonderen Stellung reicht teilweise weit in die Vergangenheit zurück. So spielte Genf ab dem 15. Jh. eine bedeutende Rolle im europ. Bankwesen. Im 16. Jh. war Basel der wichtigste Finanzort der Schweiz. Vom Beginn des 18. Jh. bis weit ins 19. Jh. standen zahlreiche Schweizer Privatbankiers im Mittelpunkt der internat. Finanzszene. Zudem war die Schweiz eines der ersten Länder, das England auf dem Weg der industriellen Revolution folgte. Kurz vor dem 1. Weltkrieg war die Schweiz im Pro-Kopf-Vergleich der weltweit grösste Investor.
Trotz dieser günstigen Bedingungen kann man bis Mitte der 1890er Jahre nicht von einem eigentlichen Schweizer F. sprechen. Die grossen Aktienhandelsbanken, die zumeist zwischen 1850 und 1875 gegründet wurden, expandierten zu Beginn eher langsam. Hinderlich waren v.a. das veraltete Geldwesen der Schweiz (Geld) und die starke Verankerung der Kantonalbanken. Zudem war die Verschuldung des Bundes bis dahin nur gering. Um die Jahrhundertwende änderte sich die Situation beträchtlich. Die meisten Grossbanken schufen ein Filialnetz über das ganze Landesgebiet. Sie bildeten ein einflussreiches Kartell, das sich bei der Platzierung der grossen Anleihen der eidg. Behörden nach und nach gegen die franz. Finanzwelt durchsetzte. Ab 1907 ersetzte schliesslich die Schweizerische Nationalbank (SNB) die zahlreichen und fragilen Notenbanken. Dies löste eine starke Konzentrationsbewegung zu Gunsten der grossen Bankengruppen aus. Vor dem 1. Weltkrieg waren die verschiedenen lokalen Finanzplätze - allen voran Zürich, Basel und Genf - so strukturiert und geeint, dass man von einem Schweizer F. sprechen kann, selbst wenn dessen Gewicht, verglichen mit London, Paris oder Berlin, marginal war.
Der 1. Weltkrieg und die in Europa folgende lange monetäre und polit. Destabilisierungsphase machten die Schweiz dann zu einem internat. F. Der Sprung war gewaltig. 1913 hatten die kumulierten Bilanzen der Schweizer Grossbanken 26% der Bilanzen der franz. Grossbanken entsprochen, und an Eigenmitteln hatten sie über 26% derjenigen der dt. Konkurrenz verfügt; bis 1929 hatten sich die entsprechenden Werte auf 73% bzw. 102% erhöht. Während 1913 die ausländ. Versicherungsgesellschaften 34% des Schweizer Versicherungsmarktes kontrolliert hatten, war ihr Anteil bis 1929 auf 3% geschrumpft. Im gleichen Zeitraum hatte sich der Betrag der von den schweiz. Gesellschaften ausserhalb der Landesgrenzen eingezogenen Prämien teuerungsbereinigt verdreifacht. Die Tatsache, dass sich die Schweiz am 1. Weltkrieg militärisch nicht beteiligt hatte, war entscheidend für diesen raschen Anstieg. So konnte sie aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren mit einer der stärksten Währungen der Welt hervorgehen, mit einem milden Steuerwesen und einem polit. System, das für seine Stabilität bekannt war. Zusammen mit dem 1934 gesetzlich verankerten Bankgeheimnis, dessen Verletzung strafrechtlich verfolgt wird, haben diese Faktoren dem F. Schweiz ermöglicht, eine der wichtigsten Zufluchtsstätten des internat. Kapitals zu werden. Mit ausländ. Geldmitteln, die unter helvet. Federführung im Ausland angelegt werden, hat die Schweiz sich in der Arbeitsteilung zwischen den Finanzplätzen in einer hoch rentablen Nische spezialisiert: derjenigen als Verwalterin oder Drehscheibe des internat. Vermögens.
Nachdem die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre auch die schweiz. Finanzwelt leicht erschüttert hatte - eine der acht grossen damaligen Banken ging Konkurs, fünf andere überlebten nur dank tief greifenden Restrukturierungen und manchmal mit massiver Staatshilfe - erwies sich die Zeit des 2. Weltkriegs für den F. Schweiz insgesamt als sehr positiv. Einige der Konkurrenten, insbesondere Amsterdam und Brüssel, wurden für mehrere Jahre ins Abseits gedrängt. Andererseits konnten die Schweizer Banken ihre Position durch den Krieg stärken. Der Schweizer Franken war während des Krieges die einzige international frei konvertierbare Währung. Dadurch konnte der Schweizer F. bedeutende finanzielle Transaktionen - u.a. Goldkäufe - vornehmen, namentlich im Dienste des nationalsozialist. Deutschland. Die Besteuerung blieb milde. Trotz des Druckes, der durch die Alliierten ausgeübt wurde, gelang es den Schweizer Finanzkreisen am Ende des Krieges, sich nach dem Washingtoner Abkommen vom Mai 1946 in die neue Weltordnung einzugliedern, ohne dass das Bankgeheimnis ernsthaft angetastet worden wäre. Dies untermauerte den Ruf der Schweiz als Zufluchtsort für das internat. Kapital (Kapitalverkehr).
Dank dieser günstigen Ausgangslage konnte der Schweizer F. nach Kriegsende ein ausgesprochen beständiges Wachstum verzeichnen, das seine herausragende Stellung auf den internat. Kapitalmärkten untermauerte. 1955 bis 1975 war der Zufluss von ausländ. Geldern in die Schweiz sogar derart unverhältnismässig gross, dass verschiedene Bestimmungen aufgestellt wurden, um ihn zu bremsen. Zu Beginn der 1980er Jahre betrug der Anteil des Schweizer F.es an den weltweiten Finanzströmen um 10%, während z.B. der Anteil der Schweiz am Welthandel ungefähr 2% betrug. Die wichtigsten Träger und Nutzniesser dieser Expansion waren die Grossbanken, deren Anteil an der Gesamtbilanz der in der Schweiz ansässigen Finanzinstitute von 28% (1946) auf 51% (1985) anstieg, sowie die in der Schweiz ansässigen ausländ. Banken, von denen sich viele in den Jahren 1960-80 niederliessen und deren Anteil von 1% (1946) auf 14% (1985) zunahm.
Seit Beginn der 1980er Jahre hat die weltweit stattfindende finanzielle Deregulierung und Privatisierung (v.a. der sozialen Sicherheit) die Aktivitäten im Bereich der Vermögensverwaltung durch den F. Schweiz erheblich begünstigt und u.a. die Akkumulation riesiger Kapitalmengen bei Pensionskassen und Anlagefonds mit sich gebracht. Aufgrund mangelnder Daten kann die Entwicklung der von den Banken in der Schweiz verwalteten Fonds nicht genau beziffert werden. Doch angesichts der bekannten Grössenordnungen bestehen keine Zweifel daran, dass das Volumen dieser Verwaltungstätigkeit bereits seit Ende des 1. Weltkriegs ausserordentlich gross ist. 1930 war das von der Schweizer Finanzdrehscheibe verwaltete Vermögen dreimal so hoch wie das Bruttoinlandprodukt (BIP). Unter dem Einfluss der Krise in den 1930er Jahren und dann des 2. Weltkriegs nahm der Umfang des verwalteten Vermögens ab, war aber kaum je kleiner als das BIP. Im Lauf der 1950er Jahre wuchs es wieder rasant an, von 130% 1955 auf ungefähr 260% 1970, 500% 1985 und über 1000% Mitte der 2000er Jahre. Anfang des 21. Jh. wurde ungefähr ein Drittel der weltweit vorhandenen transnationalen Privatguthaben von Schweizer Institutionen verwaltet, v.a. von den Grossbanken, was deren relatives Desinteresse für den traditionellen regionalen Geschäfts- und Industriekredit erklärt. Der Konzentrationsprozess bei den Banken hat sich beschleunigt: Nach versch. Käufen und Fusionen blieben 1998 von den fünf Grossbanken der Nachkriegszeit nur zwei übrig, die UBS und die Crédit Suisse Group (Schweizerische Kreditanstalt), die zusammen 67% der Bilanzsumme aller Schweizer Banken erwirtschafteten.
Parallel dazu haben diese beiden Banken ihre Präsenz im Ausland, v.a. in den Vereinigten Staaten, mit dem Kauf wichtiger Bankinstitute, die sich auf das seit den 1980er Jahren schnell, aber nicht harmonisch wachsende Investmentbanking spezialisiert haben, entscheidend verstärkt. Auch die UBS und die Crédit Suisse Group konnten der 2007 ausgelösten weltweiten Finanzkrise, der heftigsten seit den 1930er Jahren, nicht ausweichen. Die UBS, welche grössere Risiken eingegangen war als die Crédit Suisse Group, wurde noch stärker in Mitleidenschaft gezogen, zumal sie gleichzeitig in den USA der aktiven Mithilfe zur Steuerhinterziehung einiger ihrer reichen Kunden überführt wurde. Dank der wiederholten staatl. Intervention in Form massiver finanzieller Unterstützung und der Rückendeckung des Bundes angesichts der bedrohl. Vorgehensweise der amerikan. Justiz und Steuerbehörden konnte sich die UBS wieder stabilisieren. Neben Washington begann auch die Europ. Union zunehmend Druck auf die Schweiz auszuüben. Im Zentrum der Kritik stand nun das schweiz. Bankgeheimnis. Daraufhin gab die Eidg. Finanzmarktaufsicht (Finma) dem amerikan. Fiskus tausende Namen von mutmasslichen amerikan. Steuerhinterziehern, alles Kunden der UBS, bekannt. Des Weiteren sah sich der Bund gezwungen, Doppelbesteuerungsabkommen dahin zu modifizieren, dass künftig die ausländ. Steuerbehörden nicht mehr nur im Falle von Verdacht auf Steuerbetrug, sondern auch schon bei Verdacht auf Steuerflucht unterstützt werden.
Literatur
– Banken und Kredit in der Schweiz (1850-1930), hg. von Y. Cassis, J. Tanner, 1993
– Europ. Bankengesch., hg. von H. Pohl, 1993, 279-285, 415-418, 551-560
– S. Guex La politique monétaire et financière de la Confédération suisse, 1900-1920, 1993
– Veröff. UEK, 13
– M. Mazbouri, L'émergence de la place financière suisse, 1890-1913, 2003
Autorin/Autor: Sébastien Guex / CN