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In die Stadt des Tees – mit der Darjeeling Himalayan Railway
Die Schweiz muss sich, was das Thema Eisenbahn und Berge betrifft, sicher nicht hinter anderen Ländern verstecken. Die Hauensteinstrecke, Gotthardbahn und Arlbergbahn bilden technische Meisterleistungen und garantieren wunderbare Fahrerlebnisse.
Aber auch andere Nationen haben eindrucksvolle Gebirgsbahnen zu bieten – zum Beispiel Indien mit der Darjeeling Himalayan Railway.
Die Bahn ist so etwas wie ein historisches Unikum und dennoch alles andere als ein Erinnerungsstück. Denn nach wie vor befindet sich die Darjeeling Himalayan Railway im vollen regulären Fahrbetrieb. Sie gehört zu den gerne benutzten Verkehrsmitteln, um in die Stadt im vorderen Himalaya zu gelangen, deren Name fast ein Synonym für Tee ist.
Ein Überbleibsel britischer Kolonialzeit
Wer mit der Bahn fahren will, muss in den Nordosten Indiens reisen. Darjeeling liegt genau in dem schmalen Landstreifen zwischen Bangladesh, Nepal und Bhutan, der das östliche Assam mit dem Rest des riesigen Landes verbindet. Der Himalaya streckt seine Ausläufer hier weit nach Süden vor und Darjeeling selbst ist eine Stadt in den Bergen.
Die Darjeeling Himalayan Railway bildet ein Relikt der britischen Kolonialzeit. Während der Herrschaft der Engländer war die hochgelegene Stadt wegen ihres milden Klimas ein beliebter Erholungsort für britische Beamte und Offiziere, um der Hitze in der Metropole Kalkutta zu entfliehen. Die Engländer begannen hier ausserdem mit dem Teeanbau, für den die klimatischen Verhältnisse in der Region ideal waren. Damit stellte sich zwangsläufig die Frage der verkehrstechnischen Erreichbarkeit. Deshalb legte die britische Kolonialverwaltung zwischen 1879 und 1881 eine Schmalspur-Bahnstrecke an, die heute noch in Betrieb ist und von der Indischen Staatsbahn weitergeführt wird. Ihr Bau war eine grosse Herausforderung.
Eine steile und kurvenreiche Strecke
Die Darjeeling Himalayan Railway nimmt ihren Ausgangspunkt in der Stadt Shiliguri, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt in Westbengalen, Darjeeling ist Endstation. Es gibt sicher längere Bahnstrecken als die 86 Kilometer, die die Schmalspurbahn zurücklegt, aber auf jeden Fall nur wenige, die über eine so kurze Distanz solche Höhenunterschiede zu bewältigen haben. Während Shiliguri mit 124 Metern nur geringfügig über dem Meeresspiegel liegt, befindet sich Darjeeling auf einem Höhenniveau von fast 2.200 Metern. Die mittlere Steigung auf der Strecke beträgt 44 %, an der steilsten Stelle sogar 56 %. Zum Vergleich: die Gotthardbahn hat eine maximale Neigung von 28 %.
Die Strecke folgt im Wesentlichen der Hill Cart Road, der Strassenverbindung zwischen Shiliguri und Darjeeling. Nur wo die Steigung es nicht zulässt, weicht die Streckenführung ab. Dann müssen zusätzliche Spitzkehren und Kreiskehrschleifen helfen, den Höhenunterschied zu überwinden. Es gibt insgesamt fast neunhundert Kurven auf der kurzen Strecke – zum Teil mit äusserst engem Radius. Der Weg führt ausserdem über zahllose grössere und kleinere Brücken, dafür sind Tunnel die absolute Ausnahme. Nur einmal haben die Eisenbahnbauer davon Gebrauch gemacht.
Wie mit der Spielzeugeisenbahn
Für Schweizer Verhältnisse mutet die Streckenführung manchmal nicht nur waghalsig, sondern auch skurril an. In den Ortschaften entlang der Verbindung liegen die Gleise direkt auf der Strasse, so dass die Darjeeling Himalayan Railway de facto zur Strassenbahn wird. Dann fahren die Züge oft nur mit wenigen Zentimetern Abstand an Häuserwänden und Marktständen vorbei. Es versteht sich von selbst, dass der Zug keine Hochgeschwindigkeitsverbindung ist. Sechseinhalb Stunden beträgt die Regelfahrzeit. Oft dauert es länger, zum Beispiel wenn nach einem Unwetter Erdrutsche die Gleise unpassierbar gemacht haben und auf andere Verkehrsträger gewechselt werden muss.
Dafür erlebt man als Reisender den Übergang vom Tiefland ins Hochgebirge hautnah mit, kann die schöne Landschaft geniessen und erhält einen unmittelbaren und authentischen Eindruck vom Leben der Menschen in der Region. Zum Eisenbahnerlebnis gehören auch die historischen Dampflokomotiven, die zum Teil immer noch – und keineswegs nur aus nostalgischen Gründen – in Betrieb sind. Bei ihrem Anblick fühlt man sich unweigerlich hundert Jahre zurück versetzt. Kein Zufall, denn sie wurden zwischen 1889 und 1925 hergestellt, und versehen nach Umrüstungen und Modernisierungen auch heute nach wie vor zuverlässig ihren Dienst. Es ist dieses pittoreske Bild, das den Zügen die scherzhafte Bezeichnung „Toy Train“ – Spielzeugeisenbahn – eingetragen hat. Auch einige Bahnstationen an der Strecke konnten sich ihr koloniales Flair bewahren, andere präsentieren sich in modernerem Gewand.
Darjeeling – Teestadt mit Weltruf
Die Endstation Darjeeling ist einen Aufenthalt wert. Die mit gut 130.000 Einwohnern für indische Verhältnisse eher kleine Stadt schmiegt sich mit ihren Häusern an steile Berghänge an, die dank des feuchten Klimas üppig begrünt sind. Im Hintergrund bildet der Himalaya mit seinen majestätischen schneebedeckten Gipfeln eine gewaltige Kulisse. Neben vielen moderneren Bauten, die sich wegen des engen Platzes zum Teil dicht drängen, haben sich auch noch etliche schöne Beispiele der Kolonialarchitektur – bevorzugt in neogotischem Erscheinungsbild – wie die St. Andrews Church oder das Windamere Hotel erhalten. An manchen Stellen wähnt man sich in Darjeeling dank des Kolonialstils eher in England als auf dem indischen Subkontinent. Ein buntes Stilgemisch stellt die Hauptmeile der Stadt, The Mall, mit ihrem vielfältigen Geschäftsangebot dar.
Darjeeling bietet vielen Religionen Platz. Die Nähe zu Tibet und dem Buddhismus macht sich durch die Ansiedlung mehrerer Klöster in der Stadt bemerkbar. Das grösste ist das Thupten Sangha Chöling, das erst in den 1990er Jahren entstanden ist. Auch eine Moschee findet sich auf dem Stadtgebiet. Eine weitere Sehenswürdigkeit der Stadt ist der Lloyds Botanical Garden, ein botanischer Garten, der ganz der Himalaya-Flora gewidmet ist. Zu seinem Bestand gehören unter anderem wilde Rhododendren, Geranien und Orchideen aus der Region. Mitten durch die Teepflanzungen, die bis an den Stadtrand reichen, führt eine Fahrt zu dem nahen Rock Garden und dem Ganga Maya Park in den Bergen. Beide Anlagen bieten eine idyllische Verbindung von Felsen, Wasser und üppigem Grün.
So ist eine Fahrt mit der Darjeeling Himalaya Railway eine Reise in die koloniale Vergangenheit Indiens wie zum Ursprungsort des Tees gleichermassen. Der „Darjeeling“ gilt auch heute noch als sehr hochwertiger und unverfälschter Tee, der sich weltweiter Wertschätzung erfreut. Er hat den Namen der Stadt rund um den Globus bekannt gemacht.
Oberstes Bild: © SIHASAKPRACHUM – shutterstock.com