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Plinius geht in seiner Naturkunde sehr systematisch vor. Er arbeitet sich sozusagen „von oben nach unten“ durch die Welt, von groß nach klein. Begonnen hat er mit dem Weltall und dessen Aufbau, den Planeten und ihren Bahnen etc. Danach widmete er sich dem Planeten, auf dem wir leben. (Nur, dass die Erde für ihn kein Planet wie die anderen war, sondern der Mittelpunkt des Kosmos, um den sich alles dreht.) Mangels geeignetem Instrumentarium für eine allgemeine Beschreibung der Erde musste er sich auf eine referierende Geografie beschränken. Dadurch wurde dieser Teil der Naturkunde wohl ihr schwächster. Nun aber geht er weiter ins Detail, zu den Lebewesen, die die Erde so bevölkern. „Lebewesen“ dabei in einem Alltagssinn aufgefasst: Alles, was sich aus eigenem Antrieb von der Stelle bewegen kann, unter Umständen auch frisst oder Geräusche von sich gibt – also (noch) keine Pflanzen. Diese werden noch folgen.
Bei den Lebewesen kommt nun als erstes der Mensch. Zum Teil wiederholt er, was er bereits in seiner Geographie erzählt hat, wenn es um fremde, seltsame Völker geht wie die Einfüßer, die nur einen, dafür sehr großen Fuß haben und so durch die Gegend hüpfen. Wenn sie sich ausruhen wollen, brauchen sie sich nicht im Schatten eines Gebäudes oder eines Baums hinzulegen: Es genügt, wenn sie sich an der prallen Sonne auf den Rücken legen, ihr Bein in die Luft strecken und so platzieren, dass sie im Schatten ihres großen Fußes zu liegen kommen. Plinius hat offenbar an die Existenz solcher Völker geglaubt, auch wenn seine Quellen recht zweifelhaft sind. Das sind aber eher Ausnahmen. Im Großen und Ganzen liefert Plinius vor allem Informationen über das mögliche Alter des Menschen, oder berichtet von mehr bzw. weniger seltsamen Todesfällen – inklusive von Fällen von Scheintod. Auch über das Schicksal der Seele nach dem Tod eines Menschen denkt er nach.
Noch interessanter wird Plinius in den folgenden Kapiteln, die den Tieren gewidmet sind. Auch da bildet er eine Hierarchie, indem er mit den Landtieren beginnt, dann folgen die Wassertiere, die Vögel und zum Schluss die Insekten. Aus heutiger Sicht mischt er dabei inkompatible Kategorien. Unter den Landtieren führt er zunächst die Wildtiere auf. Wichtig ist ihm dabei einfach der Umstand, dass so ein Tier an Land lebt, weshalb er zum Schluss dieser Unterabteilung auch über die Schlangen spricht. Er beginnt aber mit dem größten Landtier, dem Elefanten, wobei er dessen Zähmung im Einzelnen beschreibt. (Wie er überhaupt die Tiere immer im Verhältnis zum Menschen betrachtet: Wie können sie ihm schaden? Oder eben nützlich sein?) Es ist für mich immer wieder verblüffend festzustellen, wie viele sogenannt exotische Tiere man im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts schon kannte. Vor allem afrikanische Tiere wie Löwen, Giraffen oder Antilopen waren – zum Teil wohl durch die Zirkusspiele – bereits bekannt, aber Tiger, Kamele und ähnliches aus anderen Gegenden ebenfalls. Selbst Tiere aus dem hohen Norden Europas kennt er; aber da werden seine Beschreibungen manchmal recht unpräzise. Im Gegensatz zur anthropologischen Sektion aber kann sich Plinius in der Tierkunde auf eine recht präzise Quelle stützen, nämlich Aristoteles. Das tut seinen Ausführungen gut. Auf die Wildtiere folgen die Haustiere – wobei er da seltsamerweise auch den Affen aufführt. Wir finden bei den Haustieren noch viel mehr als bei ihren wilden Kollegen Exkurse in die Nützlichkeit der Tiere. Es geht so weit, dass immer wieder längere Abscheifungen eingelegt werden, so zum Beispiel, wenn er bei der Schilderung der Schafe zwanglos überleitet zur Herstellung von Filz oder Wolle. Dem heutigen Leser fällt natürlich auf, dass zur Zeit des Plinius ein Haustier noch fehlte: die Katze. Ihren Platz als Mäusejäger nahm im alten Rom noch das Ichneumon ein, der Mungo. Hunde hingegen kannten die Römer bereits.
Auch bei den folgenden Wassertieren kümmert sich Plinius nicht um biologische Unterschiede, obwohl er die Lungenatmung der Wale und Delfine sehr wohl kennt und von der Kiemenatmung der eigentlichen Fische unterscheidet. Dass er die Aufzählung der Wassertiere dennoch mit dem Wal beginnt, hat seinen Grund einfach darin, dass er von allen Tieren das größte ist. Es folgen Delfine, Schildkröten (!), verschiedene Speisefische (ja, auch bei den Wassertieren – die sowieso zumeist Meeresbewohner sind – ist die Nützlichkeit für den Menschen ein dem Plinius wichtiges Merkmal), Platt- und Tintenfische, Langusten und Krebse, Seeigel und Muscheln (die Perlmuschel wird separat abgehandelt!), die Purpurschnecke (inklusive einer Exkursion in die Herstellung der Purpur-Farbe und anderer Farben!), Quallen, Schwämme, Seesterne. (Auch beim Schwamm inklusive dessen „Ernte“.)
Die Lufttiere, also die Vögel, werden zunächst unterschieden nach Raub- und Singvögeln. Plinius beginnt auch hier mit den „wilden“ Vögeln, den Raubvögeln also, und auch hier figurieren die größten zuerst. Auch wenn es vielfach schwierig ist, den römischen Benennungen eine heutige Spezies zuzuordnen, scheint doch des Plinius Anlehnung an Aristoteles Früchte zu tragen: Wir finden kaum mythische Beschreibungen oder Erklärungen. Dafür kennt Plinius auch exotische Vögel wie die Papageien.
Zum Schluss seiner Nachrichten über die Lebewesen widmet sich Plinius den Insekten. Hier hat er tatsächlich – warum auch immer, vielleicht einfach, weil diese Tiere sehr, sehr klein sind – eine gewisse zoologische Einteilung eingehalten. Er zählt zwar auch Spinnen und Skorpione zu den Insekten, aber auch die moderne Zoologie fasst diese Species irgendwo zusammen, wenn ich mich nicht irre. Bei den Insekten ist nun nicht das größte das erste, sondern das für den Menschen wichtigste: die Biene. Die Bienen als ethisches Vorbild mit ihrem reibungslos funktionierenden Staat, ihrem König, dem alle bedingungslos gehorchen, ihrer strikten Aufgabenteilung. Aber auch als Lieferantinnen von Honig und Wachs sind sie Plinius wichtig. (Und einmal mehr natürlich der Exkurs in deren Gewinnung – hier zeigen sich nicht nur eigene Beobachtungen, sondern auch eine Lektüre der Georgica Vergils.)
Summa summarum: Die Bücher 7 bis 20 der Naturalis historia sind für uns Heutige wieder bedeutend interessanter als die vorher gehenden geografischen. Und sei es nur, weil er auch auf unterdessen verloren gegangene Bücher von Aristoteles oder Theophrast zurückgreift.
C. Plinius Secundus d. Ä.: Naturkunde. Band III: Anthropologie • Zoologie. Herausgegeben und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler und Joachim Hopp. Textauswahl Gerhard Winkler. (= Ausgewählte Werke, Band III). Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2008.

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