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1. «Ombra mai fu», aus «Serse» (1738)
Das ist Händels Hit, das berühmt-berüchtigte Largo für Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen, gespielt auf allen möglichen und unmöglichen Instrumenten. Ursprünglich aber ist es das Liebeslied von König Xerxes an einen Baum. Bei der Premiere 1738 singt es der Kastrat Caffarelli im Londoner «Haymarket Theatre», das Händel selbst leitet. Er hat Caffarelli als Gegenspieler des noch berühmteren Farinelli eingeladen, der leider bei der Konkurrenz arbeitet.
Ein verblüffendes Stück ist das, sehr kurz, ohne Mittelteil und Wiederholung. Die eingängige Melodie lädt zum Mitsingen ein, ist aber nicht so einfach, wie sie klingt. Immer weiter fliesst sie, ohne klare Form manifestiert sich da ein inniges Gefühl. Die Stimme des Sängers schleicht sich fast unhörbar in die Orchestereinleitung, schweift ein bisschen umher und hält auf dem Höhepunkt leise inne, bevor das Stück unspektakulär zu Ende geht. Reduced to the max.
2. «Al lampo dell’armi», aus «Giulio Cesare» (1724)
Dreimal wow! In der Poplänge von drei Minuten zündet Händel ein Feuerwerk aus rasenden Läufen. Die Situation ist heikel: Cäsar turtelt im Schlafzimmer mit Cleopatra, als er plötzlich erfährt, dass Verschwörer im Palast sind und ihn töten wollen. Passend zu seinem Ruf – man ist ja schliesslich ein Held - singt er eine Arie im Stil von «lieber im Kampf sterben als feige fliehen». Beim Hören schleicht sich allerdings das Gefühl ein, dass Cäsar sich mit diesen Koloraturen selbst Mut zusingt, obwohl er ziemlich gockelhaft auftritt.
Das ist eine typische Barockarie in der Form A B A1, also Anfangsteil, Mittelteil, wiederholter Anfangsteil, in dem übrigens unbedingt verziert werden muss, um die Sache noch virtuoser zu machen. Der Rhythmus galoppiert daher wie ein Rennpferd und passt bestens zu diesem Kämpfer.
3. «Scherza infida», aus «Ariodante» (1735)
Eine tieftraurige Arie, die das härteste Herz erweicht. «Mach dich nur lustig über mich, du Ungetreue», singt Prinz Ariodante, unmittelbar nachdem sein Bruder ihm das Schwert weggenommen und damit seinen Selbstmord verhindert hat. Ariodante glaubt, dass seine Geliebte Ginevra ihm untreu und damit das Leben sinnlos geworden ist.
So singt er eine zehnminütige Arie über seine Todessehnsucht und seine Rückkehr als Geist. Gespenstisch ist das, das Solofagott begleitet die beinahe depressive Melodie, grundiert das Ganze dunkel und spendet nur ab und zu etwas Trost. Das Orchester unterbricht den stockenden Sänger immer wieder mit einem repetierten kleinen Motiv, das an langsamen Herzschlag erinnert. Ariodante ist nah am Wahnsinn, seine Gedanken kreisen um immer dasselbe, er ist gefangen in seinem Universum und verliert den Kontakt zur Aussenwelt. Eines von Händels ganz grossen Stücken, das tief unter die Oberfläche gräbt.