Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/1865

Präsent bleibt Casanova aber in der 44. Schrift des Kulturvereins Chärnehus und omnipräsent in einem Text, den der Medienverantwortliche Walter Kälin zu eben dieser Schrift beigesteuert hat.
Als die heute 85-jährige Petula Clark 1962 das eher unbedarfte Liedchen «Casanova baciami» trällerte, konnte sie kaum den echten, sondern nur einen Provinz-Casanova gemeint haben. Denn die Sängerin, die im deutschsprachigen Raum mit dem Schlager «Monsieur» und international mit «Downtown» Erfolge feierte, reimte hoffnungsvoll: «Sind auch andre Frauen heut noch dein, eines Tages liebst du mich allein.» Kälin Während es Petula Clark in die Hitparade schaffte, wird Albert Lortzings Oper «Casanova» aus dem Jahr 1841 in heutigen Opernführern nicht einmal mehr erwähnt. Und wer weiss noch, dass der Zürcher Drehbuchautor und Oscarpreisträger Richard Schweizer («Marie-Louise») das Libretto zur Oper «Casanova in der Schweiz» schrieb, die Paul Burkhard («Die kleine Niederdorfoper») komponierte? In diesem «Abenteuer in 5 Bildern» ist Casanova mit einem Bariton besetzt, sein Diener Leduc mit einem Tenor, die Damen Binz und Glutz aus Solothurn sind Soprane, und der Fürstabt von Einsiedeln ist ein Bass. Fast vergessen sind auch zwei Operetten, die wie bei Lortzing nur «Casanova» im Titel führen. Geschrieben wurden sie von den sonst sehr erfolgreichen Komponisten Paul Lincke und Ralph Benatzky. «Casanova» war die erste von drei sogenannten historischen Revue-Operetten, die Benatzky in den Jahren 1928, 1929 und 1930 schuf. Die zweite thematisierte «Die drei Musketiere» und die dritte – sein populärstes Werk – spielt «Im weissen Rössl» am Wolfgangsee. Lincke, dem mit der «Berliner Luft» ein Evergreen gelang, brachte seinen «Casanova» schon 1913 heraus. Und knapp 100 Jahre nach der Uraufführung unternahm das Theater Nordhausen in Thüringen einen Rettungsversuch.
Dafür in «Don Giovanni»?
Möglicherweise hat Casanova aber in einem der beliebtesten Werke der Operngeschichte seine Spuren hinterlassen. Denn er könnte Mozarts Librettisten Lorenzo da Ponte beeinflusst haben und indirekt in dessen «Don Giovanni» noch heute auf allen Opernbühnen der Welt präsent sein. Vor zehn Jahren gab das Mozarthaus Vienna in der Ausstellung «Der ewige Don Juan» Einblick in die Beziehung zwischen da Ponte und Casanova. Beide wurden in Venetien geboren und hielten sich zwischen 1773 und 1779 gleichzeitig in Venedig auf. Sie sollen sich aber später auch in Wien und in Prag, wo «Don Giovanni» uraufgeführt wurde, getroffen haben. In seinen Memoiren schreibt Lorenzo da Ponte über Casanova: «Alle liebten, was Gutes an ihm war, und das Schlechte verziehen sie ihm.» Könnte es sein, dass Giacomo Girolamo Casanova kurz vor der Uraufführung von «Don Giovanni» 1787 in Prag auch Wolfgang Amadeus Mozart getroffen hat? Der deutsche Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil jedenfalls schildert eine solche Begegnung 2000 in seinem Roman «Die Nacht des Don Juan». Casanova habe versucht, aus dem weiberverzehrenden Wüstling Don Giovanni einen feinfühligen Frauenversteher zu machen und sich somit selber in ein günstiges Licht zu setzen.
Schnitzler und Hesse …
Frühere erzählerische Auseinandersetzungen mit Casanova dürften heute wohl nur ein kleines Publikum finden. Zum Beispiel die «in seinem dreiundfünfzigsten Lebensjahre» spielende Novelle «Casanovas Heimkehr» von Arthur Schnitzler, «als Casanova längst nicht mehr von der Abenteuerlust der Jugend, sondern von der Ruhelosigkeit nahenden Alters durch die Welt gejagt wurde». Oder «Casanovas Bekehrung» von Hermann Hesse, vor 111 Jahren erschienen. In dieser Erzählung begleitet Hesse den legendären Liebhaber und Abenteurer «in ein breites Tal zwischen hohen Bergen», nach Einsiedeln nämlich, wo «eine grosse, prächtige Kirche stand, an die sich weitläufige Gebäude anschlossen». Bei der Schilderung seiner Begegnung mit dem Abt, der ihm die Beichte abnimmt, und der Führung durch das Kloster hält sich der Autor – wie in der ganzen Erzählung – sehr eng an Casanovas Memoiren «Histoire de ma vie», die aktuell Thomas Hürlimann zur Komödie «De Casanova im Chloster» inspiriert haben.
… und Fellini
Auch Federico Fellini ging mit der Autobiografie des sprichwörtlichen Liebhabers und Schriftstellers sehr frei um. Und so gab er denn 1976 seinem Film den Titel «Il Casanova di Federico Fellini». Die Hauptrolle spielt der Kanadier Donald Sutherland und nicht etwa der typische Fellini-Schauspieler Marcello Mastroianni. Dieser wiederum war schon zehn Jahre vorher eine Art Casanova in der Filmkomödie «Casanova ’70» von Mario Monticelli. Er heisst hier Colombetti, ist Major bei der Nato und erobert die Frauen nicht, sondern versagt im entscheidenden Moment. 1987 war Richard Chamberlain Casanova und 2005 Heath Ledger, und diese dürften wohl nicht die letzten Leinwand-Casanovas gewesen sein. Denn der Stoff ist unerschöpflich. Immerhin umfasst die deutsche Übersetzung der Memoiren, die von 1822 bis 1828 bei Brockhaus in Leipzig erschienen, zwölf Bände. Und schon der Titel ist entsprechend umständlich geraten: «Aus den Memoiren des Venetianers Jacob Casanova de Seingalt, oder: Sein Leben, wie er es zu Dux in Böhmen niederschrieb.» Kurz und knapp hingegen war 2013 ein Werbespruch des Universitätsspitals Zürich: «Wir reparieren mehr Herzen pro Jahr, als Casanova in seinem ganzen Leben gebrochen hat.»
44. Schrift des Kulturvereins
Die 44. Schrift des Kulturvereins Chärnehus enthält neben dem integralen Text der Komödie von Thomas Hürlimann die Einsiedler Episode aus den Memoiren von Casanova, die Hürlimann zu seinem Stück inspiriert hat, eine kurze Geschichte zum Spielort Kino Etzel und ein Verzeichnis der bisherigen Aufführungen der Theatergruppe Chärnehus. Die Broschüre ist zum reduzierten Preis von 15 Franken in der Paracelsus-Apotheke, im Modegeschäft Kleid sowie auf www.chaernehus.ch erhältlich.
Einsiedler Anzeiger / Walter Kälin
Autor
Einsiedler Anzeiger
Kategorie
- Bühne
- Literatur
Publiziert am
Webcode
schwyzkultur.ch/EuKg6P