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Philosophie: stärkere Sichtbarkeit von Frauen
In weiten Kreisen der von Männern dominierten Disziplin herrschte über Jahrhunderte die Meinung vor, dass Frauen weder über Verstand noch Vernunft verfügten und nicht imstande wären, eigenständig zu urteilen. Solche Vorstellungen finden sich nicht nur in der Antike, etwa bei Aristoteles. «Viele der wichtigen Philosophen, die wir heute noch lesen und schätzen, wie z.B. Rousseau oder Schopenhauer dachten in gewisser Hinsicht sehr schlecht über Frauen», erklärt Fiona Wachberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Philosophischen Seminar, die an der Überarbeitung der Lektüreempfehlungen beteiligt war. Die Vorstellung einer Philosophin sei lange Zeit einfach undenkbar gewesen, sagt sie. Zwar würden heutzutage mehr Philosophinnen wahrgenommen, gelesen und publiziert, so Wachberger, es gebe aber noch sehr viel Luft nach oben.
Die neu überarbeitete Liste der Lektüreempfehlungen trägt diesem Umstand Rechnung, indem darin etwa Werke von Sappho (* zwischen 630 und 612 v. Chr.– † um 570 v. Chr.), die als Begründerin der Liebeslyrik und eine der bedeutendsten Frauen der Antike gilt, von Simone de Beauvoir (1908–1986), eine lange nicht anerkannte, wichtige Philosophin des Existenzialismus, oder von der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, Philosophin, Humanwissenschaftlerin und Schriftstellerin Angela Davis (*1944) aufgeführt werden. Die Überarbeitung sei ein sehr aufwändiger Prozess gewesen, stellt Wachberger fest. Dies könnte mit ein Grund sein, weshalb noch nicht viele Listen mit ähnlicher Stossrichtung an anderen Hochschulen umgesetzt worden seien, vermutet sie.
Über 50 neue Titel aufgenommen
Die Initiative zur Überarbeitung des philosophischen Lektürekanons (siehe Box) und der Neuaufnahme von über 50 Büchern von Philosophinnen sei aus dem Austausch von Studierenden und Dozierenden entstanden, erklärt Fiona Wachberger. Die neue Liste entspräche, wie sie sagt, dem Wunsch, die 2014 letztmals überarbeitete Zusammenstellung einer kritischen Reflexion zu unterziehen und mit gutem Beispiel voranzugehen, was die vermehrte Sichtbarkeit von Frauen betrifft.
«Wir wollen zeigen, dass auch Frauen wichtige philosophische Arbeit geleistet haben und es weiter tun», sagt Wachberger und verweist auf den Effekt, den die Lektüreempfehlungen insbesondere auf angehende Dozierende haben können, die nach Ideen für Lehrveranstaltungen suchen: «Statt die immer gleichen Philosophen wie Descartes und Kant zu unterrichten, könnte man auch ein Seminar zu einer bedeutenden Philosophin machen.» Nicht zuletzt erhoffe sie sich durch die verbesserte Sichtbarkeit von Philosophinnen eine ermutigende oder gar befreiende Wirkung auf die Studierenden, «indem diese sehen, dass gute Philosophie kein Geschlecht hat».
Bedeutender Teil des Studiums
Nebst dem Besuch von Lehrveranstaltungen und dem Schreiben von Essays, Referaten und Hausarbeiten bildet die private Lektüre philosophischer Schriften die dritte wesentliche Säule des Philosophiestudiums in Luzern. Das Seminar stellt den Studierenden und Philosophie-Interessierten in Form einer Liste mit Lektüreempfehlungen einen «Kanon» zur Verfügung, der wichtige Texte aus Vergangenheit und Gegenwart definiert.
Hinweis: Eine Auswahl der neu in die Lektüreempfehlungen des Philosophischen Seminars aufgenommenen Titel ist noch bis am 30. November in der aktuellen Bücherschau der Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) Luzern an den Standorten Uni/PH-Gebäude und Sempacherstrasse ausgestellt sowie als digitale Sammlung im Bibliothekskatalog «swisscovery RZS» abrufbar.
Fiona Wachberger hält am Mittwoch, 23. November um 19 Uhr im Rahmen der Vortragsreihe «Feministische Philosophie» der Philosophischen Gesellschaft Zentralschweiz PGZ ein Referat zum Thema feministische Ethik (Newsbeitrag «Kleine Einführung in die feministische Ethik» | Details zur Veranstaltung)