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Vom 1. Juni bis 2. Juli 2023 sind in der Photobastei Zürich «erschreckend schöne Bilder» zu sehen. Sie inszenieren Fakten und Prognosen zur Klimakrise in eindrucksvoller und plakativer Form. Die Ausstellung wird von der Fachklasse Grafik Luzern und dem Geographischen Institut der Universität Zürich organisiert.
Mit steigenden Temperaturen in der Erdatmosphäre erwärmt sich auch das Wasser und dehnt sich aus. Weiter schmelzen die Gletscher und polaren Eiskappen zunehmend. Dieser Anstieg des Wasserstandes führt zu Überschwemmungen und Küstenerosionen. Prognose I: Unter konsequenten Klimaschutzmassnahmen wird bis ins Jahr 2100 ein relativ gradueller Anstieg des globalen Meeresspiegels von 44 cm (Bandbreite 29 bis 59 cm) erwartet. Davon stammt etwa die Hälfte von der Wärmeausdehnung der Ozeane [1] und die andere Hälfte vom Schmelzen der polaren Eisschilde [2] und der Gletscher [3]. Prognose II: Unter fehlenden Klimaschutzmassnahmen liegt der Meeresspiegelanstieg gegenüber heute im im Jahr 2100 bei 85 cm (Bandbreite 61 bis 110 cm). Weitere Aussichten: Der Anstieg des Meeresspiegels ist 2100 noch lange nicht abgeschlossen. Vor allem für die grossen Eisschilde steht noch sehr viel Eismasse zur weiteren Schmelze zur Verfügung.
Mit der globalen Erwärmung der Erdoberfläche gilt eine Zunahme von Hitzeextremen als sehr wahrscheinlich. In der vorindustriellen Periode [1], zwischen 1850 bis 1900, sind Hitzewellen alle 50 Jahre aufgetreten. Heute ereignen sie sich alle 10 Jahre, also 5 mal häufiger [2]. Prognose I: Unter konsequenten Klimaschutzmassnahmen werden Hitzewellen bis im Jahr 2050 gegenüber der vorindustriellen Periode 11 mal häufiger auftreten [3]. Prognose II: Unter fehlenden Klimaschutzmassnahmen wird die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen bis im Jahr 2050, gegenüber der vorindustriellen Periode ganze 39 mal grösser [4]. Weitere Aussichten: Neben der Häufigkeit wird auch die Intensität der Hitzewellen zunehmen. Dies führt zum Beispiel zu Herzrhythmusstörungen beim Menschen.
Ein grosser Teil des Bodens in der Arktis [1] ist das ganze Jahr gefroren. Nur eine dünne Schicht taut im Sommer an der Oberfläche auf. Die Permafrost-Fläche [2] beträgt heute 25 % der Landfläche der Arktis. Mit den erwarteten, steigenden Temperaturen beginnt der oberflächennahe Permafrost aufzutauen. Prognose I: Unter konsequenten Klimaschutzmassnahmen wird in der Arktis die Ausdehnung des oberflächennahen Permafrosts bis im Jahr 2100, zwischen 8 bis 40 %, im Mittel 24 % zurückgehen [3]. Während die Abnahme als sehr wahrscheinlich gilt, widerspiegelt die Bandbreite der Werte die relativ grossen Unsicherheiten. Prognose II: Unter fehlenden Klimaschutzmassnahmen wird die Reduktion der Permafrostfläche in der Arktis bis im Jahr 2100 zwischen 49 bis 89% betragen, im Mittel 69 % [4]. Weitere Aussichten: Neben Auswirkungen auf die Landökosysteme, wird das Auftauen des Permafrosts mehrere Milliarden Tonnen Treibhausgase freisetzen welche in die Atmosphäre gelangen [5].
Mit der globalen Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane steigt die Energie im Klimasystem. Damit wird eine Zunahme der Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen wie zum Beispiel Starkniederschläge oder Dürren erwartet. Prognose I: Unter konsequenten Klimaschutzmassnahmen werden Starkniederschläge, welche bisher alle 10 Jahre aufgetreten sind, bis im Jahr 2100 1.5 mal häufiger erwartet. Zu Dürren wird es gar 2 mal häufiger kommen. Prognose II: Unter fehlenden Klimaschutzmassnahmen werden Starkniederschläge, welche bisher alle 10 Jahre aufgetreten sind, bis im Jahr 2100 2 mal häufiger erwartet. Zu Dürren kommt es gar 4 mal häufiger. Weitere Aussichten: Zuhnehmende Starkniederschläge erhöhen das Auftreten von Überschwemmungen und Erdrutschen. Zunehmende Dürren reduzieren die landwirtschaftlichen Erträge und gefährden somit die Nahrungsmittelsicherheit.
Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler:innen vor dem Einfluss der Menschen auf das Klimasystem der Erde. Doch um eine ganze Gesellschaft zum Umdenken und Handeln zu bewegen, braucht es viel Überzeugungsarbeit. Welche innovativen Kommunikationsformen sind geeignet, wissenschaftliche Fakten anschaulich zu machen und Menschen ausserhalb der Scientific Community zu erreichen und zu berühren?
In einem Kooperationsprojekt mit dem Geographischen Institut der Universität Zürich haben Lernende der Fachklasse Grafik Luzern Fakten und Prognosen zum Klimawandel plakativ inszeniert. Ziel war es, einen Denkanstoss zur aktuellen Debatte zu leisten, welche die dramatischen Dimensionen des Klimawandels auf überraschende Art und Weise veranschaulicht.
Welche Botschaften lassen sich prägnant und verständlich aufbereiten?
Wie können sie als Blickfang funktionieren?
Wie werden wissenschaftliche Klimafakten populär verständlich?
Antworten auf diese Fragen geben 36 erschreckend schöne Bilder. Kreiert wurden sie zwischen 2019 und 2022, in zwei Workshops, mit 25 Lernenden; präsentiert wurde ein Teil davon erstmals an der Universität Zürich im Herbst 2022 im Lichthof auf dem Campus Irchel; und reflektiert in zwei Publikationen.
Die Bilder basieren auf Berichten des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, des Bundesamtes für Umwelt BAFU, sowie des National Centre for Climate Services NCCS, sowie auf Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, «Weltklimarat»), an denen Forschende der Universität Zürich massgeblich mitgewirkt haben.
Die starken Farben der Bilder fallen wohl als Erstes ins Auge. Sie nehmen Bezug auf die Themen: von Flugverkehr und Starkniederschlag bis zu Hitzestress oder Gletscherschmelze. Die klaren geometrischen Formen verleihen den Bildern gestalterische Kraft. In ihnen sind die zugrundeliegenden Fakten und Prognosen abstrahiert. In der Bildlegende werden die Zahlenwerte im Detail erläutert. Die Bilder sind sogenannte «micro’coms» und verbinden mehrere, unterschiedliche grafische Grundformen zu einer schematischen Darstellung.
Die Titel sind vertraute Begriffe aus unserem Alltag, die Bilder in unseren Köpfen erzeugen und in ihrer Mehrdeutigkeit überraschen. Alle diese Elemente stehen im Dialog miteinander und führen zu Spannung und Dramatik.
Die Kraft der Bilder kommt aus den gegensätzlichen Emotionen, die sie auslösen. Doch gerade in der Wissenschaft haben Emotionen üblicherweise keinen Platz. «Unser Anspruch ist immer, so sachlich wie möglich zu bleiben», sagt Andreas Vieli vom Geographischen Institut. «Doch wir müssen unser Wissen aktiv in die Öffentlichkeit tragen.»
Im Juni 2023 werden die Bilder erstmals ausserhalb des wissenschaftlichen Umfelds einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt. Die Photobastei, das Haus für Fotografie in Zürich, bildet dafür die Bühne. Parallel zur Ausstellung kommt das Klimaschutz-Gesetz (indirekter Gegenvorschlag zur Gletscher-Initiative) am 18. Juni zur Abstimmung.
Die Fakten und Prognosen zum Klimawandel stammen aus den folgenden Berichten.
Perroud M. und Bader S. 2013: Klimawandel in der Schweiz. Indikatoren zu Ursachen, Auswirkungen, Massnahmen Umwelt-Zustand Nr. 1308. Bundesamt für Umwelt, Bern, und Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, Zürich, 86 S.
NCCS (Hrsg.) 2018: CH2018 - Klimaszenarien für die Schweiz National Centre for Climate Services, Zürich. 24 S. ISBN-Nummer 978-3-9525031-0-2
IPCC, 2019: Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger: IPCC-Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima[H.-O. Pörtner et al. (Hrsg.)]. Deutsche Übersetzung auf Basis der Onlineversion inklusive Errata vom 2. März 2020. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, Bonn, Januar 2021.
IPCC, 2021: Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung: Naturwissenschaftliche Grundlagen Beitrag von Arbeitsgruppe I zum Sechsten Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen [Masson-Delmotte, V., et al. (eds.)]. Deutsche Übersetzung auf Basis der Druckvorlage, Oktober 2021. Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, Bonn; Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie, Wien; Akademie der Naturwissenschaften Schweiz SCNAT, ProClim, Bern, Februar 2022.