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Charmion von Wiegand (1896-1983), Kunstkritikerin und Malerin, hat buddhistische Bildsymbolik mit geometrischer Abstraktion in ihrer Kunst vereint. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Basel.
In den USA geboren und aufgewachsen, erlebt Charmion dank ihres Vaters, des Journalisten Karl von Wiegand in Berlin von 1911 bis 1915, prägende Jugendjahre. Zurück in New York studiert sie Kunstgeschichte und Journalismus. Sie schreibt Gedichte und Theaterstücke und beginnt 1926 mit einer Psychoanlayse mit der Malerei.
Charmion von Wiegand am 16. August 1961 in ihrem Atelier. Foto: © Arnold Newman Properties / Getty Images
1929 reist sie nach Moskau in die noch junge Sowjetunion, studiert die Schriften von Marx und Engels und skizziert und malt inspiriert von der Architektur der Grossstadt. Sie arbeitet regelmässig als Journalistin für die Hearst Corporation.
The Nuptial Form, 1946–47. Nachlass der Künstlerin, Courtesy of Michael Rosenfeld. Gallery, LLC, New York. Foto: © Estate of Charmion von
Wiegand
Der Stalinismus zwingt zur Rückkehr, Charmion von Wiegand, Intellektuelle und Marxistin, schreibt nun für Kunstmagazine, wobei sie Gewicht auf die soziale und politische Rolle der Kunst legt. Die Doppelrolle als Künstlerin und Kunstkritikerin reflektiert sie 1936 in einem Essay als allgemeingültiges Prinzip: «Die Kritik spielt eigentlich die erste schöpferische Rolle in der Kunst. Die besten Kritiker sind immer auch Schöpfer gewesen. Der Künstler erreicht eine notwendige Klärung, die es ihm ermöglicht, den nächsten Schritt in seinem Schaffen zu tun.
1941 begegnet sie Piet Mondrian, der sich in seinem New Yorker Exil zurechtfinden muss, führt ihn in die Kunstszene ein und pflegt mit ihm bis zu seinem Tod 1944 eine enge Freundschaft, übersetzt seine Essays und schreibt über ihn. Nach seinem Tod wird ihre Beziehung zu dem Grossmeister von der Kunstwelt einfach vergessen, in der damals aktuellen Fachliteratur verschwiegen.
Night Rhythm, 1948. Fondazione Marguerite Arp, Locarno. Foto: Roberto Pellegrini
Mondrian hat ihre Malerei massgeblich beeinflusst, sie wendet sich der geometrischen Abstraktion zu, malt in Primärfarben. Sie weiss von ihm, dass das rein Formale auch mit Inhalten gefüllt werden kann: Ihre Stadtbilder zeugen davon. Sie arbeitet gleichzeitig auch an Collagen, beeinflusst von Kurt Schwitters, und malt Kompositionen mit freien biomorphen Formen, künstlerische Referenzen sind der Dadaist Hans Richter, Wassily Kandinsky oder Hans Arp.
Triptych, Number 700, 1962. Whitney Museum of American Art, New York, Schenkung Alvin M. Greenstein
Ihre Beschäftigung mit der Theosophie von Helena Petrovna Blavatsky weckt ihr Interesse für die buddhistische Kunst und deren Farben und geometrischen Formen, beispielsweise das Mandala. Charmion wendet sich auch spirituell dem tibetischen Buddhismus zu und richtet ihre Bildsprache danach aus. Nicht im Nationalismus sieht die langjährige Präsidentin der American Abstract Artists 1957 die Zukunft, sondern in der ostasiatischen Kunst: «Heute sind es die Künste des Fernen Ostens, die die künstlerische Atmosphäre durchdringen und wir werden ihren Einfluss wachsen sehen können.»
I Ging Studie #8, Die 84 Hexagramme.1953. Courtesy of Michael Rosenfeld. Gallery, LLC, New York. Foto: © Estate of Charmion von Wiegand
Wichtig wurde für sie das Buch der Wandlungen I Ging, in dessen Methodik des Zufalls sie einen weiteren Schaffensansatz fand. Aber mit Theosophie und Buddhismus entfernte sich Charmion von Wiegand weiter weg vom Abstrakten Expressionismus und von der konstruktivistischen Kunst, die den Kunstbetrieb prägten, passte nicht mehr in den Diskurs.
Ausstellungsansicht «Charmion von Wiegand», Kunstmuseum Basel | Neubau, 2023. Foto Julian Salinas
Umso besser, dass das Basler Kunstmuseum mit einer Ausstellung und einer Publikation diese hochinteressante, jedoch weitgehend vergessene Künstlerin und Intellektuelle einem hiesigen Publikum offenbart. Es ist die erste Museumsausstellung von Charmion von Wiegand in Europa überhaupt und die erste grosse Retrospektive seit rund vier Jahrzehnten. Die 49 Gemälde und Skizzen sowie viele Dokumente und Auszüge aus Interviews geben ein umfassendes Bild des Werdegangs einer spannenden Intellektuellen und Künstlerin der klassischen Moderne.
Titelbild: Ausstellungsansicht «Charmion von Wiegand», Kunstmuseum Basel | Neubau, 2023. Foto: Julian Salinas
Bis 13. August
Hier gibt es Informationen für Ihren Besuch.
Begleitpublikation: «Charmion von Wiegand. Expanding Modernism». Herausgegeben vom Kunstmuseum Basel und Maja Wismer. In je einer Museums- und Buchhandelsausgabe in deutsch und englisch.