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Theodul Rentsch hatte, wie so viele andere Leute auch, Angst vor dem Tod. Aber seine Angst unterschied sich wesentlich von der Angst anderer. Nicht die Furcht vor dem Ungewissen, Unbekannten, vor dem, was «jenseits» sein oder nicht sein würde, war es, die ihn beschäftigte, sondern die übergrosse Sorge, vom Tod in einer unwürdigen Situation ereilt zu werden.
‹Der Moment, in dem der Tod an deine Tür klopft, ist der erhabenste Augenblick deines Lebens›, lautete sein Credo. ‹Wenn nämlich ein Ereignis im Leben wirklich tiefgreifend und unausweichlich ist, dann der Tod. Er ist absolut, wahrhaftig und grandios in seiner Strenge; sehe also ein jeder zu, dass er den Sensenmann würdig empfange.› So dachte Theodul Rentsch.
Da er nun aber natürlich nicht wusste, wann es so weit sein würde, hatte er seine Lebensführung so eingerichtet, dass er den Moment der Momente jederzeit gelassen erwarten durfte. Er trug tagsüber ausschliesslich Anzüge in feierlichem Schwarz, und für die Nacht hüllte er sich in ein Totenhemd. Beispielsweise in kurzen Hosen und einem erdbeerfarbenen T-Shirt vom Tod ereilt zu werden, war ihm ein unerträglicher Gedanke.
Er betrank sich nie. Er mied die Frauen; es hätte ja immerhin sein können, dass es ihn ausgerechnet während des Geschlechtsaktes traf wie weiland den Hunnenfürsten Attila in der Hochzeitsnacht – nach Rentschs Auffassung nicht eben ein angemessener Rahmen für den Auftritt des Todes. Er fuhr kein vulgäres Alltagsauto, sondern einen eleganten Leichenwagen, schwarz lackiert und mit Zierleisten aus Chromstahl.
Sein Broterwerb kam ihm in seiner funebren Lebensgestaltung erheblich entgegen. Er war Inhaber eines von seinem Vater aufgebauten, prosperierenden Juweliergeschäfts, um das er sich nicht persönlich zu kümmern brauchte, da er fähige und vertrauenswürdige Angestellte hatte. Von den prosaischen Verwicklungen des Berufsalltags blieb er also verschont.
Er befleissigte sich stets gepflegter Sprache. Seine Manieren waren mustergültig. Er hielt sich von allen ausgelassenen Geselligkeiten fern. Er tafelte bei Kerzenlicht. Er hörte nur klassische Musik, vorab Werke der geistlichen Sparte. Vor dem Fehltritt, dem Tod mit einem unangemessenen Lächeln oder gar einem ordinären Lachen entgegenzutreten, war er gefeit: Er lachte nie. Sein Leben verlief gleichförmig, ja eintönig, was ihm aber recht war. Nicht dem Leben, sondern dem Tod gehörte sein Leben.
Die Zeit, die er täglich auf der Toilette damit zubrachte, seinen Darm zu entleeren, war für ihn die Hölle. Während er sich versäuberte, war er der Lächerlichkeit preisgegeben wie sonst nie, nackten Hinterteils auf dem Klosett sitzend, drückend, den Unrat abwerfend – und das besonders Unbekömmliche an dieser Verrichtung war, dass sie sich nun einmal nicht vermeiden liess. Jeden Tag von Neuem musste sich Rentsch der üblen Notwendigkeit beugen, und jedes Mal, wenn er die unwürdigen Minuten hinter sich gebracht hatte, war ihm nach Dankespsalmen zumute.
Die schreckliche Vorstellung, vom Tod ausgerechnet beim Stuhlgang vorgefunden zu werden, beschäftigte ihn zuweilen auch des Nachts vor dem Einschlafen. Er dachte in solchen grüblerischen Momenten oft an den König in der nordischen Toko-Sage, dem es gar nicht gut ergangen war: Justament in dem Augenblick, als er sich irgendwo in einem stillen Waldeswinkel seines Leibesunrats entledigte, wurde der Herrscher vom tödlichen Pfeil des Schützen Toko niedergestreckt.
Rentsch malte sich die unwürdige Szene immer und immer wieder aus. Er sah ihn deutlich vor sich, den graubärtigen Monarchen, wie er, inmitten seines farbenprächtigen Trosses, durch den Wald ritt, sich plötzlich, dem Drang der Natur gehorchend, von seinen Begleitern mit dem burschikosen Hinweis «Ich geh dann mal einen pflanzen» absonderte, sich sorgfältig einen Strauch aussuchte, der ihn vor den Blicken der anderen ausreichend schützte, den kostbar gewirkten Reitrock hob, in die Hocke ging und das Geschäft in Angriff nahm. Da schwirrte der Pfeil heran und blies dem kauernden König das Lebenslicht aus.
Rentsch stellte sich vor, wie er lag, der töte König, den Pfeil im Herzen, den Hinterteil nackt, das königliche Haupt mit den verzerrten Zügen mitten im königlichen Kothaufen. Diese Schreckensvision eines ganz und gar unwürdigen Ablebens brachte ihn jeweils dermassen aus der Fassung, dass er zur Beruhigung ein Medikament zu schlucken sich genötigt sah.
Nun, Theodul Rentsch wurde alt und älter, und der Moment, in dem Gevatter Tod auf Besuch kommen würde, rückte nah und näher. Jede Stunde konnte der Sensenmann anklopfen, entsprechend gross war Rentschs freudig-bange Erwartung.
In jüngeren Jahren hatte er den Tod, auch wenn er ihm grosses Gewicht beimass, im Grunde nie als etwas wirklich Eintretendes erachtet. Jetzt aber, im Alter, war der Knöcherne greifbar geworden; man brauchte nur die Hand auszustrecken, und schon berührte man sein kühles Gerippe. Jetzt galt es ernst; jetzt hiess es mehr denn je, gewappnet zu sein und den Tod in grösstmöglicher Würde zu empfangen.
Rentsch gab seiner ohnedies feierlichen Kleidung zusätzlich einen Stich ins Geistliche, wählte seine Worte noch sorgfältiger als in früheren Jahren und mied konsequent alle weltlichen Freuden. Allein – diese Vorkehrungen vermochten ihn nicht zu beruhigen. Überall lauerten Gefahren, die ein dezentes Ableben, wie er es sich vorstellte, hätten in Frage stellen können.
So bestand zum Beispiel erhöhte Gefahr, dass er, infolge eines gewissen altersbedingten Abbaus seiner geistigen und körperlichen Verfassung, ganz und gar unfeierlich unter ein Auto geriet; auf der Treppe stolperte und sich das Genick brach; nächtlicherweise erbrechen musste und daran erstickte – und dergleichen mehr.
Was den täglichen Stuhlgang betraf, so war dieser nun definitiv zur seelischen Tortur geworden; Rentsch bildete sich dermassen intensiv ein, gerade bei dieser Verrichtung vom Tod ereilt zu werden, dass er jeweils vor lauter Angst tatsächlich beinahe starb.
Aber er ging immer wieder unversehrt aus der Latrinenpein hervor, und da er alles in allem noch immer ordentlich gesund war, liess sich der Moment seines Ablebens in keiner Weise voraussehen.
Rentsch bedauerte dies sehr. Wenn ihm der genaue Zeitpunkt seines Abgangs im Voraus bekannt gewesen wäre, hätte er dafür sorgen können, dass ihn der Tod auch wirklich in der allerwürdigsten Verfassung vorfand. So aber hiess es ständig angstvoll auf Sprung sein, zittern und beben, hoffen und harren.
Eines Nachts kam ihm vor dem Einschlafen der rettende Gedanke. Er war höchlichst erstaunt, dass er nicht schon längst auf diesen Gedanken gekommen war. Du willst nicht, dass dich der Tod überrascht? Dann sorge dafür, dass er kommt, wenn es dir genehm ist. Nichts ist leichter als das. Du kannst ihn herbeizwingen, indem du Hand an dich legst, dich erstickst, erhängst, erschiesst, verbrennst, vergiftest, ertränkst oder von einem Hochhaus fallen lässt.
Als sich Rentsch diese Perspektive eröffnete, hätte er vor Freude laut jubeln mögen. Endlich hatte er einen Weg gefunden, das grosse Problem seines Lebens zu lösen. Er entschied sich fürs Erschiessen mit der Pistole. Diese Todesart dünkte ihn von allen die würdigste, offiziersmässig und ehrenhaft.
Es war kurz nach Mitternacht, als ihm der grandiose Einfall kam, und er sah keinen Grund, mit der Ausführung noch zuzuwarten. Er stieg aus dem Bett, polierte die Schuhe, schlüpfte in den sorgfältig gebürsteten Frack, schmückte sein Haupt mit einem Zylinder, zog sich weisse Handschuhe über und hängte das Lederfutteral mit dem ererbten Ordonnanzrevolver um.
Derart gewandet und ausgerüstet, trat er hinaus in die Nacht. Er beabsichtigte, zu Fuss den nahen Friedhof aufzusuchen und sich die Kugel beim bombastischen Grab der Einsamen zu geben; dieses Monument schien ihm für seine feierliche Selbstentleibung der richtige Rahmen zu sein. Das Grabmal war eine Mischung aus Obelisk, Marmorsarg, antikem Tempelchen und versteinerten Lorbeerranken. Über dieser steinernen Pracht schwebte, in anmutig-tänzerischer Pose auf einem Fuss balancierend, wehenden Gewandes ein Mischwesen, halb Engel, halb Nike, und wies sieghaft ins Ungewisse.
Die Nacht war dunkel, die Strassenbeleuchtung schlecht, und Theodul Rentsch achtete in seinem Bestreben, möglichst rasch zum Friedhof zu gelangen, zu wenig auf den Weg. Bei einer Häuserzeile, die gerade renoviert wurde, stiess er heftig gegen ein Baugerüst; dabei fiel ein Hammer, den ein Arbeiter liegen gelassen hatte, aus der Höhe des dritten Stockwerks geradewegs auf Rentschs Schädel.
Der Zylinder vermochte den Schlag nicht zu dämpfen. Der fallende Hammer hätte Rentsch beinahe getötet – aber eben nur beinahe. Zehn Minuten später wurde er bewusstlos und halb tot am Fuss des Baugerüsts aufgefunden und notfallmässig ins Spital überführt, wo man ihm den eingeschlagenen Schädel reparierte.
Die Fraktur verheilte gut, aber Rentsch trug einen bleibenden Defekt davon, jene Art von Unpässlichkeit, die der Volksmund anschaulich-derb als Dachschaden bezeichnet. Der Hammerschlag hatte den Verstand des Unfallopfers dermassen aus dem Lot gebracht, dass er in eine psychiatrische Klinik verbracht werden musste. Hier hält er sich noch heute auf und gibt den Seelengelehrten das eine und andere Rätsel auf.
Er hat sich einen struppigen grauen Bart wachsen lassen, kleidet sich in einen bunten Vorhang, von dem er unerschütterlich behauptet, er sei ein Königsgewand, trägt eine selbst gefertigte Kartonkrone und imitiert mit Zunge und Gaumen stundenlang das Hufgeklapper eines Pferdes. Bisweilen verstummen die Hufe; in solchen Pausen hebt Rentsch das königliche Gewand, geht in die Hocke, wo immer es gerade sei, im Korridor etwa oder im Speisesaal, und – doch lassen wir das.
Eine Reinigungskraft muss es dann jeweils wegputzen.
(Diese Geschichte stammt aus meinem Ebook «Unter der Seufzerbrücke», erhältlich in jedem Onlineshop.)