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Im Jahr 1793 wurde im Schloss Reichenau ein Schulinternat eröffnet, das sich der Moderne verschrieben hatte. Die jungen Schüler wurden nicht nur unterrichtet, sondern sie konnten den Alltag in der Institution auch mitbestimmen. Fünf Jahre hatte das «Experiment» Bestand. Historiker Werner Ort hat die Geschichte aufgearbeitet.
SRF News: Ihr Buch trägt den Titel «Die Schülerrepublik im Schloss Reichenau», was muss man sich unter einer Schülerrepublik vorstellen?
Werner Ort: Es bedeutet eine spezielle Art des Zusammenlebens in dieser Schule. Die Schüler können bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen. Der Geist der Schule ist, dass man als Schüler ernst genommen wurde. Der Unterricht ist so gestaltet, dass man auch etwas über das Zusammenleben, den Menschen und die Demokratie erfährt.
Die Schüler wurden alle gleich behandelt, obschon sie aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kamen.
Wie hat sich das auf den Alltag ausgewirkt?
Die Schüler wurden alle gleich behandelt, obschon sie aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kamen. Wurde über politische Fragen oder andere Anliegen diskutiert, wurden sie als Bürger bezeichnet.
Wie war der Unterricht organisiert, wie hat er sich von jenem anderer Schulen unterschieden?
In Reichenau wurden moderne Sprachen und weniger Latein unterrichtet. Es gab das Fach Naturwissenschaften, mit praktischem und theoretischem Unterricht.
Die Lehrer in Reichenau waren überzeugte Republikaner, im Sinne der Französischen Revolution
Auch Philosophie wurde unterrichtet in den oberen Klassen. Unter anderem wurde Kants Aufklärung besprochen und vermittelt wurden auch die Menschenrechte. Man darf nicht vergessen, die Schule wurde 1793 eröffnet, kurz nach der Französischen Revolution, bei welcher die Menschenrechte eine wichtige Rolle spielten. Die Lehrer in Reichenau waren überzeugte Republikaner, im Sinne der Französischen Revolution.
Sie schreiben im Buch von einem pädagogischen Experiment. War es gelungen?
Die Schule war tatsächlich eine Vorbereitung auf die moderne Zeit nach der Französischen Revolution. So kann es als gelungen angesehen werden. Graubünden war damals noch fest im alten Denken verhaftet. Im Grunde war die Schule eine Vision für die künftige Welt, in welcher modern und reformiert Politik betrieben werden muss.