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Identischer Aufbau wie Band I, also zuerst zwei Kapitel „klassische“, d.i. personenbezogene Philosophiegeschichte, gefolgt von sieben Kapiteln Ideengeschichte. Die Kapitel lauten diesmal:
- Philosophie und Glaube: Von Augustinus bis Maimonides
- Die Scholastiker: Vom zwölften Jahrhundert bis zur Renaissance
- Logik und Sprache
- Erkenntnistheorie
- Physik
- Metapyhsik
- Geist und Seele
- Ethik
- Gott
(Man sieht, dass Kenny im zweiten Band auf die erklärenen Vor-Sätzchen – z.B. „Was es gibt“ bei „Metaphysik“ verzichten zu können glaubt. Der didaktische Hintergrund des ganzen Werks – auch Band II richtet sich an Studenten im zweiten oder dritten Studienjahr – wird offensichtlich.)
Die Lektüre des ersten Kapitels hat mir dann eine positive Überraschung gebracht. Neben den Christen Augustinus, Boethius (dessen berühmteste Schrift – Der Trost der Philosophie – allerdings so gar nicht christlich ist), Abaelard und Anselm finden wir hier gleichberechtigt auch die grossen Juden und Muslime der Zeit: Avicenna, Averroës, Maimonides etc. So etwas lese ich gern; die Wechselwirkung v.a. zwischen christlicher und arabischer (islamischer) Philosophie im Mittelalter wird bis heute ansonsten nämlich meist marginalisiert oder ganz vergessen. Dabei sind die Muslime nicht nur als Übersetzer und Kommentatoren von Aristoteles von Wichtigkeit gewesen für die Ausbildung der Scholastik.
Kapitel 2 allerdings hat mich weniger gefreut. Sicher, die grossen Namen sind (fast alle) da: Albertus Magnus, Bonaventura, Thomas von Aquin, Roger Bacon, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham – sie alle werden kurz vorgestellt, und noch ein paar andere. Doch man merkt, dass Kenny nie über das Mittelalter gearbeitet hat. Zum Teil scheint er ganz einfach Zeilen zu schinden, so wenn er seitenlang über das Schicksal einer historisch-kritischen Ausgabe referiert, statt die Gedanken des betreffenden Kirchenmannes zu erklären. Auch ist Kenny in diesem Kapitel allzu sehr auf England konzentriert. Er postuliert eine gleichberechtigte Rivalität zwischen Oxford und Paris und schildert in einem eigenen Unterkapitel die sog. „Oxforder Calculatoren“, die philosophiegeschichtlich ebenso irrelevant sind wie John Wyclif, der das nächste Unterkapitel spendiert erhält. Dafür wird Nikolaus von Kues erst ganz am Schluss des ideengeschichtlichen Teils erwähnt – und Raimundus Lullus gar nicht.
Ideengeschichte scheint Kenny besser zu liegen. Die folgenden sieben Kapitel jedenfalls bieten im Grossen und Ganzen eine gute und fassbare Zusammenfassung der jeweiligen Entwicklungen auf den jeweiligen Gebieten dar. Was in der Antike Platon und Aristoteles waren – nämlich die Punkte, zu denen er immer wieder zurückkehren musste – sind im Mittelalter die beiden Männer, die den Beginn und den Höhepunkt patristisch-christlichen Philosophierens darstellen: Augustin und Thomas von Aquin.
Kenny streut auch weniger bekannte Punkte in seine Philosophiegeschichte ein. (Und damit meine ich jetzt nicht die prominente Rolle, die er einem Wyclif zuteilt.) So z.B. fand ich es sehr interessant (und ich wusste das vorher auch nicht), dass ab 1465 an der Universität Löwen Ansätze zu einer dreiwertigen Logik entwickelt wurden. Ausgangspunkt war die Frage: Stand es, nachdem Christus dem Petrus vohergesagt hatte, er werde ihn dreimal verleugnen, noch in dessen Macht, dies nicht zu tun? Wenn wir davon ausgehen, dass Christus zum Zeitpunkt seiner Äusserung die Wahrheit gesagt hat: Nein. Was allerdings nun mit der im orthodoxen Katholizismus vertretenen Willensfreiheit des Menschen kollidiert. Wenn wir die Frage aber bejahen, müssen wir zugeben, dass Christus u.U. nicht die Wahrheit gesagt haben könnte – ein ebenso unhaltbarer Zustand. Der Löwener Peter de Rivo behalf sich, indem er einen dritten Wahrheitswert einführte: Neutral. Christi Aussage wäre demnach neutral zu werten – weder wahr noch falsch. Wir nähern uns der Renaissance und damit der despotischsten Epoche der katholischen Kirche: Wie so viele interessante Neuerungen im wissenschaftlichen Denken wurde auch diese (1474 von Papst Sixtus IV. – selber ein guter Logiker und Erbauer der prachtvollen Sixtinischen Kapelle!) verurteilt. Dabei, so Kenny fast in einem Nebensatz, könnte eine dreiwertige Logik u.U. Anselms berühmten Gottesbeweis, den Hume bekanntlich definitiv abgeschmettert zu haben glaubte, retten. Interessant wäre es auf jeden Fall, diesem Versuch beizuwohnen.
Im Kapitel „Physik“ finden wir eine interessante Bemerkung zu Thomas von Aquins Verhältnis zur Astrologie. Thomas lehnte bekanntlich die Astrologie ab.
Denjenigen, die behaupten, Astrologen könnten den Ausgang von Kriegen wahrheitsgemäß vorhersagen, antwortet Thomas, dies liege daran, dass die Mehrheit der Menschen von ihrem freien Willen keinen Gebrauch mache und sich stattdessen den Leidenschaften des Körpers hingebe. Daher können Astrologen statistisch zuverlässige Vorhersagen machen, das Schicksal einer einzelnen Person vorhersagen können sie jedoch nicht.
Ich glaube, ehrlich gesagt, weder, dass Thomas sich wirklich mit Statistik im heutigen Sinn auseinander gesetzt, noch, dass Asimov die Summa Theologiae des Aquinaten gelesen hat, sondern denke, dass Kenny hier einmal mehr pädagogisch handelt und die Studenten dort abholen will, wo er sie vermutet: beim Tausendjahresplan der Foundation.
Noch kurz ein Vergleich dieser Philosophiegeschichte mit der von Kurt Flasch, die ich vor rund einem Jahr gelesen habe. Flasch geht m.M.n. bedeutend mehr in die Tiefe, interessiert auch dadurch, dass er Originaltexte in grosser Länge anführt. Kennys Werk hat mehr den Charakter einer Einführung, und sollte im Grunde genommen vor Flasch gelesen werden. (Ich jedenfalls wäre froh gewesen, hätte es zu meiner Zeit so etwas wie den Kenny schon gegeben. Aber im Mittelalter bewegt sich der Brite auf bedeutend dünnerem Eis als der deutsche Mittelalter-Spezialist Flasch.)
PS. Höchst ärgerlich die schon in Band I vorhandenen, in Band II noch zunehmenden und z.T. sinnentstellenden Druckfehler…