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In einem Wettbewerb, der bisher noch nicht so richtig abheben wollte, ist Mike Cahills Another Earth der erste filmische Jungvogel, der zumindest schon mal den Weg vom Nest auf den nächsten Baum geschafft hat. Das ist einer jener Filme, denen man nicht nur das Potential anmerkt, sondern auch die Vision, die dahinter steht. Zwei philosophische Prinzipien, die dem Kino immer wieder Nährboden bieten, werden hier kombiniert: Die erdrückende Schuld die einen Menschen an einen anderen bindet, dem er oder sie Unrecht zugefügt hat, und die Idee einer parallelen Welt, in der sich die Dinge vielleicht genau gleich, aber vielleicht auch ganz anders abspielen.
Die Schülerin Rhoda Williams hat eben erfahren, dass sie ihren Traum verwirklichen kann und zugelassen wurde zum Astrophysik-Programm am MIT. Leicht angetrunken vom Feiern rammt sie auf der Strasse ein anderes Auto und tötet dabei die Frau und das Kind des Komponisten John Burroughs.
Als sie nach vier Jahren aus dem Strafvollzug kommt, nimmt sie eine Arbeit als Putzfrau in der lokalen Highschool an und nähert sich gleichzeitig dem verzweifelten Komponisten, indem sie vorgibt, für ein Putzinstitut ein Gratis-Probeputzen anzubieten. Der Mann weiss nicht, wer sie ist, und es gelingt ihr, ihn langsam aus seiner Verzweiflung und Lethargie herauszuholen.
Parallel dazu taucht am Himmel eine zweite Erde auf, die Wissenschaft erklärt, diese sei ein exaktes Spiegelbild unserer Welt und man müsse damit rechnen, dass da oben jeder Mensch seine Entsprechung habe. Ein Multimillionär schreibt einen Platz im ersten Shuttle aus, das diese Welt besuchen wird, und Rhoda bewirbt sich darum.
Die Poesie der Konstruktion, die Hoffnung auf eine parallele Welt, in der Dinge vielleicht nicht geschehen sind, oder umkehrbar sein könnten, trägt die Geschichte über viele Unebenheiten hinweg. Und die beiden Darsteller tun das ihre, um auf der emotionalen Ebene die kleinen Peinlichkeiten des Plots zu überspielen. Zu diesen Peinlichkeiten gehört in erster Linie der Versuch, die ganze Geschichte um „Earth 2“ wie in einem Science-Fiction-Film der 50er Jahre über Fernsehberichte und Radiosendungen erklären zu lassen, auf einem Niveau, das schon in den 50er Jahren kindlich gewirkt hätte.
Die zweite Peinlichkeit besteht in der aufgesetzten Gebrauchsanweisung für die Spiegelkonstruktion. Wenn im Film Platons berühmtes Höhlengleichnis wörtlich bemüht wird, verfliegt natürlich die poetisch-melancholische Stimmung sehr schnell. Glücklicherweise nur vorübergehend.
Die langsam aufgebaute Beziehung zwischen dem Mann und der Frau, immer bedroht vom Schuldgeheimnis, die funktioniert erstaunlich gut, geht über die Behauptungen des restlichen Plots hinaus. Und das ist auch der Grund dafür, dass dieser Film seinen Zauber behält. Es gibt Erstlinge, bei denen wünscht man sich, die Macher hätten eine Chance, sie nach allen Irrungen und Wirrungen mit den neuen Erfahrungen noch einmal zu machen, als Autoremake. Aber bei Mike Cahills Another Earth wäre das wohl fatal. Denn die Magie des Films besteht aus dem Gefälle zwischen der schauspielerischen Intensität und der erzählerischen Naivität. Hier entsteht eine schwebende Unsicherheit, lange trägt einen das Gefühl, die ganze Earth 2-Ebene sei ein verzweifeltes Hirngespinnst der jungen Frau.