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| Tertullian († um 220) - Über die Auferstehung des Fleisches. (De resurrectione carnis)

7. Cap. Er ist, nachdem er von Gott die Form des Menschenleibes erhalten hat, nicht mehr blosser Staub, sondern zu einer bessern Substanz erhöht. Er dient der Seele als Werkzeug, Gehilfe und Genosse in allen Bethätigungen derselben und ist ihr höchst notwendig dabei.
Aber sollte vielleicht das Ansehen des Fleisches darum geringer erscheinen, weil es nicht auch wie der Lehm von der Hand Gottes im eigentlichen Sinne berührt worden ist? — Nein, da er den Lehm zu dem Zwecke in Behandlung nahm, damit nachher aus dem Lehm Fleisch werde, so hat er damit gewiss das Interesse des Fleisches gewahrt.
Doch ich wünschte, dass man noch lerne, wann und wie das Fleisch aus dem Lehm hervorgesprosst sei. Die Stücke von Fellen, welche Adam und Eva bei der Vertreibung aus dem Paradiese angezogen erhielten, werden es nicht, wie einige1 meinen, gewesen sein, wodurch die Umbildung des Lehmes in Fleisch geschah. Denn schon geraume Zeit vorher hatte Adam in dem Ableger von seiner Substanz, in dem Weibe, Fleisch erkannt, — „das ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch,“2 — und was vom Manne zur Bildung des Weibes weggenommen war, wurde mit Fleisch ausgefüllt, da es, wie man denken sollte, doch, wenn Adam noch Lehm war, mit Lehm hätte ausgefüllt werden müssen. Also der Lehm ist ganz im Fleisch aufgegangen und verzehrt. Wann? — Als der Mensch zur lebenden Seele wurde, durch den Hauch Gottes, eine Glut, welche gewissermassen imstande ist, Lehm so auszudörren, dass er zu einer andern Substanz wird, zu Fleisch, so gut wie zu Steingut. So ist es ja auch dem Töpfer möglich, den Thon durch richtige Anwendung von Feuer zu dauerhafterem Stoffe zu verdichten und aus der einen [S. 430] Erscheinungsform eine andere hervorgehen zu lassen, besser als die frühere, von besonderer Art und mit eigenem Namen. Denn obgleich geschrieben steht: „Spricht etwa der Thon zum Töpfer?“,3 d. h. der Mensch zu Gott, obgleich der Apostel „von irdenen Gefässen“ redet, so ist dennoch der Mensch Thon, weil er vorher Lehm war, und der menschliche Leib ein irdenes Geschirr, weil er durch die Glut des göttlichen Hauches aus Lehm entstanden ist. Später wurde er mit Stücken von Fellen bekleidet, das ist mit Haut überzogen. Denn überall, wo man die Haut abstreift, wird das Fleisch blossgelegt. So war das, was jetzt, wenn es abgestreift wird, einen Balg bildet, damals, als es angelegt wurde, ein Gewand. Daher erklärt auch der Apostel, indem er die Beschneidung eine Wegnahme des Fleisches nennt, die Haut für ein Gewand.
Da sich dieses alles nun so verhält, so hat man einen durch die Hand Gottes geadelten Lehm und ein durch den Anhauch Gottes, wodurch das Fleisch zugleich die Spuren des Lehmes ablegte und die Auszeichnung einer Seele erhielt, noch mehr geadeltes Fleisch. Wir sind nicht kunstfertiger als Gott und fassen doch scythische und indische Edelsteine sowie die weissen Körnlein des Roten Meeres4 nicht in Blei, nicht in Erz, nicht in Eisen, auch nicht einmal in Silber, sondern lassen sie in die ausgesuchteste und künstlichste Goldfassung ein; ebenso besorgt man für recht köstliche Weine und Salben zuvor auch angemessene Gefässe und sucht sich ebenso für ein Schwert, das in vollendeter Weise damasziert ist, eine würdige Scheide aus. Gott dagegen sollte den Schatten seiner Seele, den Hauch seines Geistes, das Werk seines Mundes in ein seiner ganz unwürdiges Behältnis eingesargt und fürwahr zu einem unwürdigen Aufenthalt verurteilt haben?! Er hat ihm aber zum Aufenthaltsort gegeben den Leib, besser gesagt, ihn darin eingesäet und ihn mit ihm vermischt und zwar in so inniger Verbindung, dass man es für zweifelhaft halten kann, ob der Leib der Seele oder die Seele dem Leibe als Träger diene, ob das Fleisch der Seele oder die Seele dem Fleische gehorche.
Jedoch man muss annehmen, die Seele, als das Gott mehr Verwandte, werde getragen und herrsche. Selbst die Thatsache schlägt wieder zur Verherrlichung des Leibes aus, dass er die Gott verwandte Seele enthält und ihr Gelegenheit zum Herrschen verschafft. Gibt es irgend eine Benutzung der Natur, einen Genuss von der Welt, eine Ergötzung durch die Elemente, welche die Seele nicht durch den Leib genösse? Durch ihn wird sie mit dem sämtlichen Hülfsapparat der Sinne versehen, mit dem Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch, Gefühl. Durch ihn wird sie mit der göttlichen Macht überflutet, sie, die alles nur durch die Sprache vollbringt, wenigstens durch die stillschweigend voraufgegangene. Denn auch die [S. 431] Sprache kommt von den leiblichen Organen. Die Künste vollziehen sich vermittelst des Leibes, die Studien und Bestrebungen vermittelst des Leibes, die Thätigkeiten, Geschäfte, Obliegenheiten vermittelst des Leibes, und so fusst die ganze Lebensthätigkeit der Seele auf dem Leibe, so dass nicht leben für die Seele nichts anderes heisst, als den Leib verlassen. So ist sogar das Sterben selbst eine Thätigkeit des Leibes, so gut wie das Leben. Also, wenn der Seele alles nur durch den Leib unterworfen ist, so ist es auch dem Leibe unterworfen. Durch wessen Hilfe du geniessest, in dessen Gemeinschaft musst du auch geniessen. So zeigt sich der Leib, obwohl er für den Diener und Knecht der Seele gehalten wird, als ihr Genosse und Mitbesitzer. — Wenn aber in zeitlichen Dingen, warum nicht auch hinsichtlich der ewigen?
1: Die Valentinianer.
2: I. Mos. 2, 23.
3: Röm. 9, 20.
4: Die Perlen.