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Campus - 28.11.2017 - 00:00
28. November 2017. Gendergerechte Sprache – Die einen halten sie für eine linguistische Erschwerung, während andere darin ein wichtiges Instrument sehen, um beide Geschlechter zu visualisieren und angemessen zu repräsentieren. Die Sprachwissenschaft geht heute davon aus, dass Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit eng miteinander verknüpft sind. Für uns existiert nur, was wir auch ausdrücklich benennen.
Dr. Christa Binswanger ist ständige Dozentin und Leiterin des Fachbereichs Gender und Diversity an der Universität St.Gallen.
Frau Binswanger, was verbirgt sich hinter dem Begriff «gendergerechte Sprache»?
Gendergerechte oder auch geschlechtergerechte Sprache meint eine Sprache, die immer beide – respektive alle – Geschlechter explizit berücksichtigt. Es ist also ein Inklusions-Verfahren auf Ebene der Sprache. Im Deutschen wird oft das sogenannte generische Maskulinum benutzt. Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass in der männlichen Form die weibliche mitgemeint sei. Wenn ich also sage oder schreibe: «Die Studenten der HSG ...» geht diese Sprachverwendung davon aus, dass sich Studentinnen und auch Studierende, die sich keinem Geschlecht zuordnen, durch diese Anrede angesprochen fühlen. Viele Forschungen zeigen, dass dies aber nicht der Fall ist. Die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache berücksichtigt, dass Menschen, wenn sie sich angesprochen fühlen sollen, auch explizit genannt werden müssen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dies zu tun. Der Sprachleitfaden der HSG empfiehlt in diesem Fall: «Studierende der HSG...» zu verwenden.
Welche Rolle nimmt die «gendergerechte Sprache» im universitärem Umfeld ein und welche Bedeutung kommt ihr vor allem bei Bachelor- und Masterabreiten zu? Ist die «gendergerechte Sprache» bereits ein Beurteilungskriterium?
Im universitären Umfeld kommt der gendergerechten Sprache eine grosse Bedeutung zu, da auch jüngste Forschung zeigt, dass Frauen unabhängig von ihren Fähigkeiten sowohl im akademischen Umfeld wie auch später im Beruf mit grösseren Hürden zu kämpfen haben als Männer. Auch andere Gruppen werden diskriminiert. Fokussieren wir Geschlechterfragen, so sind Transmenschen in der Arbeitswelt heute wohl den stärksten Diskriminierungen ausgesetzt. Homosexualität ist in der aktuellen Arbeitswelt besser akzeptiert als noch im 20. Jahrhundert, aber auch die sexuelle Orientierung kann nach wie vor zu Ausschlüssen führen. Da die deutsche Sprache das Geschlecht grammatikalisch sehr explizit markiert, ist die Kategorie Geschlecht in sehr vielen Aussagen in irgendeiner Form präsent. Dabei funktioniert die Sprache binär – das heisst, es gibt nur männlich oder weiblich. So besteht eine inkludierende Sprache in einem ersten Schritt darin, diese beiden Positionen zu berücksichtigen und gleichwertig zu behandeln. Wenn wir also eine inkludierende Universität anstreben, so sollten wir Frauen explizit und aktiv in unsere Formulierungen einschliessen. Viele sind der Ansicht, dass das Problem der Exklusion den Frauen selbst zuzuschreiben sei. Meines Erachtens ist diese Ansicht zu einseitig. Gerade die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache ermöglicht in unserer Ausbildungsstätte, für Frauen das Signal zu setzen, dass sie angesprochen sind. Der Sprachleitfaden unserer Universität fordert klar dazu auf, eine gendergerechte Sprache zu verwenden. Mir ist bewusst, dass die Sprache, die jemand benützt, gar nicht so leicht zu verändern ist. Wenn wir unsere Universität aber chancengleicher gestalten möchten, dann müssen wir auch unsere Sprache anpassen. Hier braucht es also den Willen aller, dies zu tun. Natürlich betrifft dies auch die Studierenden. Auch sie sollten bei uns lernen, diese Sprache zu verwenden. Dies gilt auch für BA- und MA-Arbeiten. Ich kann hier nur für meinen Fachbereich sprechen: aber bei mir ist die geschlechtergerechte Sprache ein Beurteilungskriterium. Und meine Erfahrungen zeigen: es ist kein Problem für die Studierenden der HSG, sie in ihren BA- und MA-Arbeiten zu verwenden.
Wo können sich Studierende bei Fragen zu «gendergerechten Sprache» beraten oder informieren lassen? Bietet die Universität Workshops oder Veranstaltungen zum Thema «gendergerechte Sprache» oder «Gender» an?
Meines Wissens existiert kein Workshop unter dem Titel «Gendergerechte Sprache» für Studierende – aber das ist auf jeden Fall eine gute Idee, die ich zusammen mit der Chancengleichheits-Stelle angehen könnte. Veranstaltungen zum Thema Gender und Diversity bietet mein Fachbereich innerhalb des Kontextstudiums an. Neben mir gibt es eine ganze Reihe von Dozierenden und Lehrbeauftragten, die solche Kurse anbieten. In allen meinen Kursen thematisiere ich die gendergerechte Sprache explizit und baue auch einen kurzen Schreibworkshop ins Kursprogramm ein.
Die Frauenkommision der Universität St. Gallen entwarf vor einigen Jahren einen Leitfaden für sprachliche Gleichbehandlung. Welche Erfolge haben diese Empfehlungen und Anregungen bereits erzielt?
Heute heisst die Frauenkommission Gleichstellungskommission und der aktuelle Leitfaden wurde vom Servicezentrum Chancengleichheit ausgearbeitet. Der erste Sprachleitfaden hat schon mehrere Revisionen erfahren. Seit 2013, also seit ich an der HSG arbeite, gibt es auch schon bereits zwei Versionen. Dies zeigt, dass die Sprache ein Aushandlungsfeld ist und dass es einer permanenten Diskussion bedarf, um hier Veränderungen herbei zu führen. Wichtig erscheint mir, immer wieder ein Problembewusstsein für eine geschlechtergerechte Sprache herzustellen. Positiv zu vermerken ist seit der Einführung des Leitfadens: Die offiziellen und öffentlichen Dokumente der HSG berücksichtigen diese Sprache. Unser Leitbild betont die Wichtigkeit von Chancengleichheit und gegenseitigem Respekt. Und das Thema als solches wird immer bekannter. Auch habe ich mich über diese Interview-Anfrage gefreut: sie zeigt, dass sich die Studierenden mit der Frage einer gendergerechten Sprache auseinandersetzen. Und dies ist bereits ein Erfolg. Meine Anregung wäre hier: Alle Studierenden sollten den Leitfaden kennen und in ihren Arbeiten umsetzen!
Erst im November 2017 hat das deutsche Bundesverfassungsgericht einen historischen Entscheid gefällt. Im Geburtenregister wird künftig neben männlich und weiblich ein drittes Geschlecht eingeführt. Durch welche sprachlichen Darstellungsformen wird dieser Veränderung (heute) Rechnung getragen?
Mit der Berücksichtigung von Mann und Frau auf Ebene der Sprache kommen wir einer gendergerechten Sprache zwar schon näher. Der Geschlechterdualismus bildet aber noch nicht alle Existenzweisen von Geschlecht ab. Das deutsche Verfassungsgericht hat ein drittes Geschlecht anerkannt, das alle Menschen umfasst, die in diesem Geschlechterdualismus nicht enthalten sind. Also Menschen, die sich, wenn auch in unterschiedlicher Weise, «zwischen» den Geschlechtern finden wie Transmenschen, Intersex-Menschen, oder Menschen, die sich in der Selbstwahrnehmung keinem Geschlecht zuordnen. Ich vertrete die Ansicht, dass unsere Universität inkludierend mit allen Existenzweisen von Geschlecht umgehen und diese dritte Geschlechterposition anerkennen sollte. Historisch gesehen ist diese Haltung aber noch viel umstrittener als die Anerkennung einer Chancengleichheit von Mann und Frau. Und erfahrungsgemäss braucht die Schweiz im Vergleich zu umliegenden Ländern hier einen längeren Aushandlungsprozess. So bedeutet an unserer Universität heute die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache, dass die Kategorien männlich und weiblich gleichermassen explizit gemacht, oder durch Formen wie «Studierende» ausgedrückt werden, die geschlechterneutral sind. Dies ist schon ein grosser und wichtiger Schritt! Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir eines Tages auch weitere Existenzweisen offiziell anerkennen. Dass wir also auch sprachliche Lösungen finden für Menschen «zwischen den Geschlechtern». Neben Formulierungen, die eine geschlechtliche Zuordnung vermeiden (Studierende, Dozierende, Lehrkörper), kann hier der Gender Gap oder Unterstrich (Student_innen, Dozent_innen) oder das «Sternchen» oder Asterisk (Student*innen, Dozent*innen) verwendet werden.
Durch die Verwendung des «Gender Gaps» (z.B ein_e Student_in) wird der Lesefluss tangiert. Wie sehen Sie dieses Spannungsverhältnis zwischen «gendergerechter Sprache» und dem Lesefluss?
Es ist richtig, dass wir in der Sprachverwendung in der Regel sparsam sind und uns kurz und prägnant auszudrücken versuchen. So sind uns der Lesefluss und eine flüssige Ausdrucksweise wichtig. Vielleicht haben wir mit dem Sternchen und dem Unterstrich auch noch nicht die besten Lösungen gefunden. Mündlich ist es jedoch ziemlich einfach, diese Zeichen durch eine kurze Pause im Redefluss auszudrücken (wie dies bereits mit dem Binnen-I praktiziert wird). Wie bereits angesprochen, scheinen mir die Hürden mehr in Sprach- und Denkgewohnheiten zu liegen, als in der Sprachökonomie. Klar müssen wir uns erst an diese Formen gewöhnen und erscheinen sie bei erster Verwendung «holperig». Es braucht auch eine ganze Weile, dies wirklich in die eigene Sprache umzusetzen und es braucht von allen Seiten eine Fehlertoleranz in dieser Phase. Sprachverwendung ist aber immer auch Sprachenpolitik. Wenn sich eine Gesellschaft dafür entscheidet, mit einem dritten Geschlecht inkludierend umzugehen, wie dies Deutschland gerade getan hat, so wird sie auch sprachliche Formen finden, um dieser Inklusion Ausdruck zu verleihen.
Sascha Duric ist Konversationskursleiter für Schweizerdeutsch und Kroatisch am Sprachenzentrum der Universität St.Gallen und studiert Rechtswissenschaften im fünften Semester.
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