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Astrid Tomczak-Plewka
Manche können ihrem Erbe nicht entrinnen. Und im Fall von Anna-Katharina Pfitzner ist das auch ganz gut so. Die 29-jährige bekam schon am Familientisch mit, wie ihre Eltern sich über Proteine unterhielten – ein naheliegendes Gesprächsthema für zwei BiologInnen. Das Interesse für Moleküle, DNA und Zellreplikationen wurde Anna-Katharina also quasi in die Wiege gelegt – und obwohl sie als Teenager «Rebellionsphasen» hatte, wie sie sagt, trat sie dann doch in die elterlichen Fussstapfen, und studierte in Tübingen Biochemie.
In ihrer Dissertation an der Universität Genf untersuchte sie die so genannte ESCRT-III Maschine, die für viele zellbiologische Prozesse wichtig ist – etwa für die Reparatur von Zellmembranen oder die Bildung von Vesikeln, Zellkompartimenten innerhalb der Zelle, die für den Transport von Stoffen zuständig sind. Für ihre Arbeit nahm sie sechs Proteine unter die Lupe, um herauszufinden, wie ESCRT-III Proteine diese Prozesse bewerkstelligen. Ein sehr aufwändiges Verfahren, denn: «Bei einer derartigen Anzahl von Proteinen ist die Zahl der einzustellenden Parameter extrem gross und erfordert eine angemessene Abstimmung der Konzentrationen der einzelnen Untereinheiten und Salze», wie ihr Betreuer Aurélien Roux betont. Die ESCRT-III Proteine bilden Fäden, so genannte Filamente. Die junge Forscherin hat entdeckt, dass eine Abfolge von leicht variablen ESCRT-III-Proteinen Filamente bildet, die sich fortwährend verändern. Dies wiederum treibt die Membranverformung und -spaltung voran. «Dieser Mechanismus ist leicht nachzuvollziehen und modulierbar», sagt Anna-Katharina Pfitzner «und er erklärt, wie sich ESCRT-III an die zahlreichen zellulären Funktionen anpasst, die es erfüllt.»
«Ich brenne für die Grundlagenforschung»
Dass sie für ihre Arbeit mit den Prix Schläfli ausgezeichnet wird, empfindet sie als «grosse Ehre. Ich habe doch eher ein Nischenthema bearbeitet.» Dieser Preis ist nicht zuletzt auch ein Bekenntnis für die Grundlagenforschung. «Dafür brenne ich», sagt Anna-Katharina Pfitzner. «Wir müssen verstehen, wie die natürlichen Prozesse funktionieren, um Probleme zu lösen.» Um das zu illustrieren, nennt sie ein Beispiel aus dem Alltag: «Wenn mein Auto plötzlich stehen bleibt, kann ein Mechaniker natürlich den ganzen Motor auseinander nehmen auf der Suche nach einem defekten Teil», sagt sie. «Aber es ist sicher hilfreich, einen Bauplan zu haben.»
Letztlich geht es ihr um nichts weniger, als das grosse Ganze zu verstehen. «Im Endeffekt besteht doch alles nur aus chemischen Reaktionen, aus Atomen, die aufeinander reagieren, auf grundlegenden Prinzipien.» Voilà: Das ist die Formel, auf die Anna-Katharina Pfitzner das Leben bringt. Irgendwann im Gespräch drückt sie es mit Johann Wolfgang von Goethe aus: «zu erkunden, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält.» Solche Sätze mögen salopp hingeworfen wirken, doch die 29-jährige Zellbiologin überlegt genau, was sie sagt, und wie sie es sagt. Während des Gesprächs sitzt sie in einem schmucklosen Zimmer in Boston, Massachusetts, wo sie im Februar eine Post-Doc-Stelle an der Harvard Medical School angetreten hat. Die Nüchternheit der Umgebung wirkt wie ein Spiegel ihres Geistes, der darauf getrimmt ist, zu analysieren, zu überprüfen, kritisch zu beobachten.
Sie vermisst zwar ihre Familie, ihren Freund in der Schweiz, auch das Skifahren, Schokolade und Fondue. Aber Heimweh? Nein, das (noch) nicht. Vielmehr geniesst sie das Privileg als Wissenschaftlerin, überall arbeiten zu können und Einblick in verschiedene Kulturen zu bekommen. Die Wissenschaftskultur in den USA beispielsweise sei weniger hierarchisch. Allerdings habe sie auch in Genf viel Freiheit gehabt, «ich hoffe, das wird hier auch so sein.» Zudem habe ihr in Genf das Mischmasch aus den verschiedensten Kulturen sehr gut gefallen. «Lediglich die Kommunikation auf französisch war etwas schwierig», räumt sie ein. Doch daran arbeitet sie jetzt: Sie liest gerne und viel – vor allem Fantasy. Und jetzt gerade «Harry Potter», auf französisch. Denn langfristig möchte sie zurück nach Europa. Und wer weiss: Vielleicht wird’s ja wieder Genf.