Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03499.jsonl.gz/912

1. Eine intensive Begegnung
2004 in Berlin gab Imre Kertész in einem langen, intensiven Gespräch den SRF-Literaturredaktoren Felix Schneider und Hans Ulrich Probst über sein Denken und Schreiben Auskunft. Er sprach auch über seine tragische Kindheit: Kertész wurde als 15-Jähriger nach Auschwitz deportiert und später befreit. Diese Erfahrung – ebenso wie jene von 40 Jahre Eingesperrtsein im sozialistischen Ungarn – hat er immer wieder literarisch gestaltet.
2. Das Leben nach dem Überleben
Seit Kertész zu schreiben begann, kreisten seine Bücher um ein einziges Thema: um Auschwitz als persönliche Erfahrung und als Trauma der gesamten Menschheit. Die Frage, ob und wie ein Leben nach dem Überleben möglich sei, steht bis heute im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens. Klara Obermüller im Gespräch mit dem Literaturnobelpreisträger.
3. Auf dem Olymp: der Nobelpreis
2002 erhielt Imre Kertész den Literatur-Nobelpreis. Für ihn war die Auszeichnung eine, wie er es nannte, «Glückskatastrophe»: Einerseits freute er sich darüber, gleichzeitig aber befürchtete er, dass der Preis ihn "ersticken liess an der falschen Ehrfurcht, der Liebe, dem Hass und der ihm nun zugedachten öffentlichen Rolle», wie es seinen Tagebüchern «Letzte Einkehr» zu entnehmen ist.
4. Der eigene Verfall
Die Kritikerin Bernadette Conrad und der Basler Autor Alain Claude Sulzer diskutieren mit SRF-Redaktor Heini Vogler über die Tagebücher 2001-2009. Diese waren ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Sie umfassen die Jahre der Loslösung von Ungarn und die Niederlassung in der Wahlheimat Berlin. Leitmotiv ist das Schreiben, das Ringen um die in dieser Zeit entstehenden Prosawerke «Liquidation» sowie «Dossier K.». Mit dem Aufkommen von Krankheiten macht sich Kertész kühn zum Chronisten des eigenen Verfalls im Vorzimmer des Todes.
5. Die Autobiographie
Die SRF-Redaktoren Sandra Leis und Hans Ulrich Probst stellen 2006 das Buch «Dossier K. Eine Ermittlung» vor: Imre Kertész selbst bezeichnete dieses Werk als Autobiographie und als Roman. Es ist eine Selbstbefragung, ein platonischer Dialog, den der Autor mit sich selbst führt.
6. Auf dem Silbertablett des Kulturbetriebs
Im Buch «Ich – ein anderer» setzt Kertész seinen Rapport über die Nachkriegszeit fort: Beim Übersetzen von Ludwig Wittgenstein gerät der Mann ins Sinnieren – über sein Judentum, sein Überleben nach Auschwitz hinter dem eisernen Vorhang, seine schriftstellerische Tätigkeit, den späten Erfolg, den ihm das Fallen besagten Vorhangs bescherte, sein plötzliches Herumgereichtwerden auf den Silbertabletts des westlichen Kulturbetriebs, seine Depressionen trotz allem. SRF-Redaktorin Franziska Hirsbrunner hat mit Imre Kertész darüber gesprochen.