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Cinema sperimentale italiano '60
Donnerstag, 29. Mai 2014, 20.15h, Festivalkino Cinema Z3
Kuratiert von Giulio Bursi (Atelier Impopulaire)
Im berühmtesten Found-Footage-Film des italienischen Underground-Kinos, dem dreissigminütigen «La verifica incerta», sammelten und montierten Gianfranco Baruchello und Alberto Grifi Schnipsel von Hollywood-Filmen. Er markiert das sogenannte Cinema d'Artista der 1960er-Jahre. Mit der Entstehung der italienischen Filmgruppe Cooperativa Cinema Indipendente verlagert sich die Auseinandersetzung vieler Experimentalfilmemachenden und mit Film arbeitenden bildenden Künstler_innen in Richtung politischer Protest. (G. Bursi)
- 095. Voy-Age, Giorgio Turi & Roberto Capanna, IT 1964
- 096. La verifica incerta, Gianfranco Baruchello & Alberto Grifi, IT 1964-65
- 097. Vietnam, Mario Schifano, IT 1967
- 098. J&J&Co, Alfredo Leonardi, IT 1967
- 099. Trasferimento di modulazione, Pierfrancesco Bargellini, IT 1969
- 100. Black TV, Aldo Tambellini, US 1969
095. Voy-Age
Der Film kann als Teil eines Experiments angesehen werden, in dem Kino als Medium für Ideen und Situationen entworfen wird, das nicht an die Konventionen von Narration und Figur gebunden ist. Er geht aus von einer simplen Idee –- der Beziehung zwischen einem alten Mann und dem technologischen Fortschritt repräsentiert durch Eisen – und improvisiert mit diesem Thema, verschiedenen Materialien und Überbleibseln aus älteren Filmen.
Giorgio Turi started his career in 1962 thanks to a collaboration with Storm de Hirsh, filmmaker of the New American Cinema. Then, he took part to the Cooperativa Cinema Indipendente in Rome and worked together with Roberto Capanna in various occasions, including for the films Voy-age and Non permetterò.
096. La verifica incerta
Das erste Meisterwerk der italienischen Nachkriegsavantgarde: ein Found-Footage-Film, der primär aus Cinemascope-Szenen diverser Hollywood-Klassiker besteht – wobei der Film selbst im Standardformat zu zeigen ist, also alle Bilder famos absurd gestaucht ausschauen. Rhythmus ist der Schlüssel – man erfreue sich zum Beispiel an einer Szene, in der Grifi und Baruchello allein mittels Montage aus dem Auf- und Zuknallen diverser Türen ein knack-zackiges Stück Musique concrète komponieren. Als guter Geist des Projektes tritt auf: Marcel Duchamp (unverzerrt). (Viennale 2012)
Gianfranco Baruchello lives and works in Rome. His circle of friends has included Marcel Duchamp, Umberto Eco and Jean-Francois Lyotard. As an artist he has been working with all kind of media, operating on the borders of Conceptual art, Dadaism as well as Pop Art. After the great international success of his first film Baruchello has made many experimental films.
Alberto Grifi got involved in the film business in 1963, when he worked together with Carmelo Bene and Pepe Lenti on a film about the theater project Christo 63. Twelve years later he shot the film Anna, which should become the first film recorded on video in Italy. Interested in tabooed topics like drug addiction, imprisonment or mental illnesses, Grifi approached his subjects in a very experimental and unique way.
097. Vietnam
Vietnam entstand 1967 vor dem Hintergrund des ersten sozusagen Tag für Tag im Fernsehen übertragenen Krieges. Schifano realisierte den Found-Footage-Film mit Marco Ferreri und Ettore Rosboch. Kriegsszenen werden gefolgt vom alles beobachtenden grossen Auge der Massenkommunikation. Die 16mm-Kurzfilme von Mario Schifano entstanden alle zwischen 1964 und 1967. Ohne Ton und beinahe ohne Budget gemacht, wurden sie als Amateurfilme wahrgenommen.
Mario Schifano is considered to be one of the most significant and pre-eminent artists of Italian Postmodernism. He was part of the core group of painters comprising the Scuola Romana alongside Franco Angeli and Tano Festa. In the Sixties he approached experimental cinema by shooting short films and then producing his well-known film trilogy.
098. J&J&Co
Das ist der dritte 1967 entstandene Kurzfilm und er ist eine Vorwegnahme, eine Art Ausschnitt des nächsten Films Se l’inconscio si rivela/ribella. Der Film ist aber auch ein brillanter Essay über die ungewöhnlichen Eigenschaften von Leonardis Kamera: Sie ist die Erweiterung seines Körpers, wie eine organische Realität. Wenn wir alle italienischen Filmemachenden auf einer Linie zwischen Ethik und Ästhektik aufstellen würden, befände sich Leonardi am äussersten letzteren Ende. Und ich meine damit nicht Ästhetizismus, sondern die Sinnlichkeit, die taktile Verwandlung des technischen Mediums. (Massimo Bacigalupo)
Alfredo Leonardi – born in 1938 in Voghera – is an Italian director. Mainly doing short and experimental films, he has also worked for the television and created clips which should function as teaching aids or industrial films.
099. Trasferimento di modulazione
In meinem Film habe ich die Eigenschaften des Latentbildes für mich genutzt. Das Latentbild ist ein Bild, das zwar existiert, aber unsichtbar ist. Es beinhaltet die Halo, die Farbschichten der Iris. Es gibt einen Moment in der Entwicklungsphase von Schwarzweissmaterial, in dem sich das Latentbild zeigt, um dann wieder zu verschwinden. Wenn der Prozess genau in diesem Moment angehalten wird, lässt sich das Latentbild fassen, bevor es entschwindet. (Pierfrancesco Bargellini)
Pierfrancesco Bargellini was an Italian underground filmmaker active in the 60s and 70s. His production, although short but intense, has left visual works ranging from experimental film, video art and the pure chemical science of the film.
100. Black TV
“Dieser Film wird ein Klassiker”, sagte Nam June Paik 1969 über Black TV. Es ist eine subversive Collage aus Nachrichtenmaterial der Sechziger über Rassenunruhen, Polizeigewalt und Vietnam. Tambellini sagte selber, es sei ein Film über die Zukunft, die Medien, Ungerechtigkeit, Zeugenschaft und die Erweiterung der Sinne. Tambellini äusserte ätzende Kritik am Mainstream-Fernsehen und nannte es den Tod der Realität. Gleichzeitig sah er darin unglaubliche Möglichkeiten als eine abstrakte Form der ästhetischen Kommunikation. Es handle sich um eine Technologie, die alle menschlichen Interaktionen beeinflussen werde, sah Tambellini voraus, und darum sei es unbedingt erforderlich, Möglichkeiten der kreativen Aneignung zu entwickeln.
The Italian-American intermedia artist and filmmaker Aldo Tambellini has been a pioneer of expanded media in the 1960s in New York and source of inspiration for Andy Wahrol’s Exploding Plastic Inevitable. He has worked creatively mixing different media producing synaesthetic environments.