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„Oh, wie schön!“ ist eine normale Reaktion angesichts dieses ruhigen, eleganten Wassertiers. „Autsch, ich habe mich verbrannt!“ eine andere, ebenso zu erwartende, wenn man sich nicht weit genug von dem schönen, aber gefährlichen Nesseltier ferngehalten hat.
In den meisten Fällen sind die Verbrennungen durch Quallenstiche nicht gravierend. Doch sie könnten in Zukunft häufiger vorkommen, da die Bedingungen in den Ozeanen für die Entwicklung der Quallen immer günstiger werden. Als die Quallen auf der Erde erschienen, waren die Meere noch wärmer und weniger sauerstoffreich als heute – und im Zuge der Klimaerwärmung entwickeln sich die Bedingungen wieder in diese Richtung. Ausserdem schreckt die Versauerung der Ozeane oder die Verbreitung von Plastikmüll die Quallen nicht; sie schätzen auch künstliche Unterwasserbauten entlang der Küsten, da sich dort ihre Polypen niederlassen und den ersten Teil ihres Entwicklungszyklus vollziehen können. Nicht zuletzt wirkt sich auch intensive Fischerei für sie günstig aus, da so die Population der Fische reduziert wird, welche sowohl Fressfeinde der Quallen als auch ihre Konkurrenten sind.
So erklärt sich, warum die Nesseltiere vermehrt an Badestränden zu finden sind, die Fischernetze von Trawlern füllen und sogar die Wasserfassungen zur Kühlung von Kernkraftwerken verstopfen ...
Ein aussergewöhnlicher Lebenszyklus
Auch wenn sie dem Menschen Probleme bereiten mögen, sind Quallen doch in jeder Hinsicht faszinierende Tiere. Die gallertartigen Organismen, die aus bis zu 98 % Wasser bestehen (im Vergleich zu 85 % beim Menschen!), bewegen sich mit Hilfe von Kontraktionen ihres Schirms durchs Wasser. Dies weist auf eine rudimentäre Lebensform hin, die mehr als 500 Millionen Jahre zurückreicht, also bis zum Auftreten der ersten sogenannten „höheren“ Tiere.
Quallen gehören zum Stamm der Nesseltiere, genau wie Korallen. Auf den ersten Blick gibt es allerdings nicht viel Gemeinsamkeiten zwischen einem gallertartigen Sack mit Tentakeln, der sich mit bis zu 10 km/h fortbewegen kann, und einem unbeweglichen Organismus, der ein Kalkskelett absondert und leicht mit einer Pflanze verwechselt werden könnte.
Viele Quallenarten verbringen jedoch die meiste Zeit ihres Lebens in einer sesshaften, korallenähnlichen Form, die als „Polyp“ bezeichnet wird. Es gibt Tiere, die bis zu einem halben Jahrhundert lang in diesem Stadium verbleiben und sich allmählich verzweigen, bevor sie schliesslich durch ungeschlechtliche Fortpflanzung eine oder mehrere frei schwimmende, ausgewachsene Quallen erzeugen. Anlass dazu kann eine Änderung der Wassertemperatur sein, eine andere Störung in der Umgebung, ja sogar ein heftiger Donnerschlag. Es sind diese frei schwimmenden Lebensformen, die gemeinhin als „Quallen“ bezeichnet werden.
Diese haben eine Lebensdauer von ein paar Tagen bis zu zwei Jahren. Sie führen nun ein radikal anderes Leben als der Polyp. Adulte Quallen ernähren sich von Plankton und kleinen Fischen, die sie mit ihren nesselnden Tentakeln erbeuten. Es ist diese Eigenschaft, die sie bei Badetouristen so gefürchtet macht. Die Nesselzellen der meisten Quallenarten sind jedoch nicht stark genug, um mit ihrem Stich die menschliche Haut zu durchdringen und so Verbrennungen zu verursachen.
Auf der Speisekarte: Quallen mit Marinade
Es wurden schon verschiedene Methoden getestet, um die Ausbreitung der Quallen zu begrenzen. Die drastischste (und auch kontraproduktivste) bestand wohl darin, einen Roboter ins Meer zu schicken, um sie zu zerhacken. Dies führte zur Freisetzung von Geschlechtszellen (Gameten), die wiederum eine Vielzahl neuer Quallenlarven hervorbrachten.
Möglicherweise müssen wir damit rechnen, dass der Mensch mit seinen Aktivitäten das Meeres-Ökosystem hin zu einem neuen Gleichgewicht verschiebt, in dem Fische seltener sind. Dieser Umstand könnte auch ausgenutzt werden. Es werden Studien durchgeführt, wie man Quallen auf verschiedenste Art nutzen könnte. Aussagekräftige Tests haben gezeigt, dass Quallen Kunststoff-Nanopartikel anreichern können und so helfen, das Wasser zu reinigen. Quallen werden auch als Dünger in Betracht gezogen, wie es in asiatischen Reisfeldern üblich ist. Traditionell vergruben bereits die Römer eine Qualle nahe der Wurzel ihrer Rebstöcke, um die Feuchtigkeit im Boden zu erhalten und eine gewisse Düngung zu gewährleisten.
„Aus Mangel an Fischen essen wir Quallen!“ lautet sogar die Devise einiger französischer Köche, die davon schwärmen, dass sie das gallertartige Nesseltier in süssen Beignets oder in herzhaften Gerichten mit Pommes Frites und Salat zubereiten. Auch die asiatische Küche widmet sich schon lange den Quallen. Vielleicht sollten wir Sonnenschirm und Badetuch wieder einpacken und uns stattdessen zu Tisch setzen?
Weitere Quellen: Xenius – Les méduses, Arte, 2017; Le Monde – Nos ennemies les méduses (série de six articles publiés du 15 au 20 juillet 2019), Martine Valo